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Der Untergang der Isekai

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo an alle! Ich habe mich mal an eine neue Geschichte herangewagt, mal sehen wie sie bei euch ankommt :) Das Setting ist für mich recht ungewohnt und noch habe ich keinen Betaleser zu der Geschichte. Sollten euch Fehler auffallen, gebt gern Bescheid :) Ich versuche einmal die Woche ein neues Kapitel hochzuladen^^

Viel Spaß! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Entschuldigt, dass ich letzte Woche hab ausfallen lassen, meine Storyline ist etwas durcheinander geraten ^^" Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Heute nur ein Mini Kapitel! Thematisch hat es nicht ins nächste Kapitel gepasst, und ich wollte auch keine ständigen Sichtwechseln drin haben, deswegen ist dieses Kappi mal sehr kurz ausgefallen ^^" Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Überraschung! Ich hatte grad recht viel freie Zeit und habe das nächste Kapitel schon fertig :D Viel Spaß <3 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Melde mich zurück aus der Sommerpause! Zum Anfang ein recht kurzes Kapitel. Viel Spaß :) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo :)
Quarantäne sein dank habe ich gerade sehr viel Zeit, deswegen erscheinen im Moment ungewöhnlich viele Kapitel. Wollen wir uns heute mal Haous Seite der Geschichte ansehen :) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Oh man! Ich habe gerade zwei Kapitel gelöscht, weil sie mir nicht gefallen haben. Unter anderem musste ich dieses komplett neu schreiben. Ursprünglich wollte ich das ganze aus der Sicht von Yugi schreiben, um mal den Einblick von jemandem aus dem Volk zu haben, aber das ist dermaßen in die Hose gegangen, dass ich einfach alles wütend auf mich gelöscht habe :D

Deswegen viel Spaß mit Versuch Nummer zwei! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo hallo^^

Eigentlich wollte ich es in dieser Geschichte ja sein lassen, aber im folgenden Kapitel kommt es (hoffentlich einmalig) zu einem Sichtwechsel von Haou zu Yusei. Liegt einfach daran, dass ich sonst ein 300 Wörter Kapitel hochgeladen hätte, was mir doch sehr lächerlich vorkam. xD

In "Dein rettendes Lachen" war dieser Wechsel gang und gebe, aber ich fand es ein paar Jahre später als Leser selbst recht nervig sich plötzlich mitten im Kapitel in die Sicht einer anderen Person zu begeben. Ich verspreche also, dass ich in Zukunft darauf achten werde, damit sich das nicht wiederholt :D

Viel Spaß! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo meine Lieben^^

Ja, ich lebe noch :) meine anderen Projekte haben so viel Zeit verschlungen, dass ich dieses hier sehr stiefmütterlich behandelt habe. Sorry :D

Viel Spaß und lasst gern eine Rückmeldung da! Komplett anzeigen

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Ende eines Krieges

Der dicke Nebel lag schwer auf dem weiten Feld und ließ kaum einen Blick auf den Boden zu. Ein Geruch von Metall und Tod lag in der Luft. Mit einem Ruck zog ich mein Schwert aus dem Leichnam. Das Blut floss in dünnen Rinnsalen von der pechschwarzen Klinge und färbte die silberne Rüstung meines am Boden liegenden Gegners rot. Ich rümpfte angewidert die Nase. In den letzten zwei Jahren gab es wegen dieses Krieges schon genug Opfer. All der Schmerz, der Tod und die Trauer waren absolut sinnlos. Bis heute hatten wir noch immer keine Ahnung was unsere Gegner damit bezwecken wollten. Lediglich ihre Heimat kannten wir. Die Menschenwelt. Die meisten Portale aus ihrer Welt in unsere hatten wir zerstört, nur eines war noch übrig. Mein Vater war in diesem Moment dabei es an der letzten Frontlinie dieses Krieges zu vernichten. Bald hatte es also ein Ende. Die versprengten Reste unserer Gegner, um die sich meine Truppe kümmern sollte, waren kein ernstzunehmendes Problem.
 

„Prinz Haou“ erklang eine Vertraute Stimme aus der Ferne. Ich drehte mich zu ihr. Schnellen Schrittes kam mein engster Freund aus Kindertagen in meine Richtung, das Schwert steckte in der Scheide an seiner Rüstung. Scheinbar hatte er die letzten Gegner niedergestreckt. Es war keiner mehr übrig. Ich atmete erleichtert aus. Ihm ist nichts passiert. Plötzlich kamen mir die Worte meines Vaters wieder in den Sinn. Ich straffte meine Haltung und hob den Kopf. Haltung bewahren. Keine Schwäche zeigen. Seine Worte hallten in einer Endlosschleife in meinem Kopf. Bitte lass diesen Wahnsinn bald vorbei sein. „Jesse“ sagte ich, als er vor mir zum Stehen kam. „Wie ist die Lage?“ Er nahm seinen Helm ab. Seine blauen Haare waren ob der Anstrengung der letzten Stunden schweißnass, ein fröhliches Lächeln lag auf seinen Lippen. „Das Gebiet ist gesichert. Die versprengten Truppen sind restlos vernichtet. Ein Bote hat berichtet, dass das letzte Portal zerstört wurde.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Es ist vorbei, Prinz Haou. Wir haben endlich gewonnen.“
 

Erleichtert atmete ich aus. Trotz der Anstrengung der letzten Stunden, fühlte ich mich mit einem Schlag viel leichter. Eine tonnenschwere Last fiel von meinen Schultern. „Wie geht es meinem Vater?“ wollte ich wissen.

Er zuckte mit den Schultern. „Darüber hat der Bote nichts gesagt, aber Ihr kennt doch unseren König. Er ist stark und zäh. Außerdem ist Yubel bei ihm. Sie ist einer der stärksten Dämonen die ich kenne und würde sich für ihn in eine Klinge werfen.“

Ich nickte. Die Beschützerin des Königs war bisher aus allen Kämpfen siegreich hervorgegangen.
 

Ein gequältes Stöhnen ließ uns aufblicken. In einer fließenden Bewegung zückte Jesse wieder sein Schwert und stellte sich kampfbereit neben mich. Ich spannte all meine Muskeln an und suchte das Kampffeld nach der Quelle des Geräuschs ab. Allmählich lichtete sich der Nebel und gab den Blick auf all die Leichen auf dem Schlachtfeld frei. Ein paar Schritt weit weg versuchte ein auf dem Bauch liegender Krieger in silberner Rüstung wieder auf die Beine zu kommen. Jesse machte sich bereit unserem Gegner ein Ende zu bereiten, doch ich stoppte ihn mit einem Arm. Verwirrt sah er zu mir, doch ich schüttelte den Kopf und richtete meinen Blick wieder auf den Krieger. Bisher kämpften diese Menschen bis zum Tod, eine Gefangennahme war immer erfolglos. Das war unsere Chance sie nach dem Grund ihres Angriffs zu fragen, auch wenn ich kaum Hoffnung hatte, dass es uns gelingen würde. Langsam trat ich an ihn heran und stieß ihn mit dem Fuß auf den Rücken. Ein gequälter Schrei durchschnitt die Stille und er lag mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rücken. Langsam öffnete er seine Augen und sah voller Hass zu mir auf. Sein Atem war kaum mehr als ein Röcheln. „Na los, du Monster“ sagte er mit erstickter Stimme und versuchte seinen flachen Atem unter Kontrolle zu bekommen. „Beende es!“
 

Jesse schritt an meine Seite und stellte seinen Fuß auf die Brust des Mannes. Ein erstickter Schrei war zu hören. „Wen nennst du hier Monster?“ sagte er hasserfüllt, während er immer mehr Druck auf ihn ausübte. „Jesse, das reicht!“ sagte ich scharf. Verwundert drehte er sich zu mir, ließ aber von unserem Gegner ab. Ich ging neben ihm in die Hocke und sah den Krieger ernst an. „Was sollte das alles?“ fragte ich mit tiefer Stimme, die meinen Brustkorb vibrieren ließ. „Warum seid ihr in diese Welt gekommen und habt uns angegriffen? Was ist euer Ziel?“
 

Das Gesicht des Mannes verzog sich zu einer fiesen Fratze. „Wir werden… diese Welt“ Er brach ab und hustete Blut. Einige Atemzüge brauchte er, um seine Antwort fortzusetzen. „Vor euch widerlichen… Monstern… befreien!“

Jesse platze endgültig der Kragen. „Das ist unsere Welt“ schrie er. „Mit welchem Recht wollt ihr uns auslöschen?! Das ergibt keinen Sinn. Wenn es hier Monster gibt, dann seid ihr das!“

„Jesse“ unterbrach ich ihn erneut und sah ihn finster an. Ich verstand seinen Frust, ich hatte selbst einen wahnsinnigen Hass auf diese Menschen, aber das brachte uns hier nicht weiter. Wieder widmete ich dem Mann, der in seinen letzten Atemzügen lag. „Wie habt ihr diese Welt überhaupt gefunden?“

Wieder setzte er ein überhebliches Grinsen auf. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn zu verstehen. „Der Drache wird… dieses Land reinigen… und dann… wird das hier eine… friedliche Welt.“

Ich biss die Zähne zusammen. Mein Gesicht glich vermutlich selbst einer wutverzerrten Fratze. „In dieser Welt herrschte Frieden!“ sagte ich und zog ihn an seinem Brustpanzer zu mir, bis er nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht war. Angst spiegelte sich in seinen Augen. „Bis ihr hier eingefallen seid, kannte ich keinen Krieg! All die Dämonen in der Isekai lebten friedlich zusammen. Nur wegen euch liegt diese Welt in Tod und Trauer! Was also gibt euch das Recht alles dem Erdboden gleichzumachen?!“ Meine Stimme zitterte. Mit Mühe gelang es mir die aufkommenden Tränen zu schlucken. „Und von welchem Drachen sprichst du?! Der letzte Drache starb bereits vor hundert Jahren!“

Die wenige Farbe, die in dem Gesicht des Mannes war, wich einer kalten Blässe. So wie es sich anhörte, schien sich in seinen Lungen immer mehr Blut anzusammeln. „Feu… er…“ Mehr brachte er nicht mehr heraus, bevor das Leben in seinen Augen erloschen war. Ich stieß den leblosen Körper von mir ab. Wütend ballte ich meine Hände zu Fäusten und stand auf. Das brachte mich auch nicht weiter! Wieso hassten uns die Menschen so sehr, dass sie uns auslöschen wollen? Und was hat das alles mit einem Drachen zu tun? Ob sie wirklich so ein feuerspeiendes Geschöpf kontrollieren?
 

„Prinz Haou, seht!“ holte mich Jesses Stimme wieder aus meinen Gedanken. Ich sah auf. Am Himmel erschien die Silhouette eines Dämons. Er hatte eine schlanke Figur, wildes, silbernes Haar und mächtige Schwingen, die ihn zu uns trugen. „Yubel“ murmelte ich, als ich die Beschützerin meines Vaters erkannte. Sie landete in kniender Haltung vor uns und hatte den Blick gesenkt. Ihre Schultern hingen schlaff nach unten, ihr Körper war angespannt. So hatte ich den sonst so stolzen Dämon noch nie gesehen. Und normalerweis war sie immer an der Seite meines Vaters. „Mein Prinz“ sagte sie mit brüchiger Stimme, das Haupt noch immer gesenkt. „Euer Vater…“ Mein Herz hämmerte mit unnachgiebiger Härte gegen meine Brust. Irgendetwas war passiert. Ich kämpfte gegen den Kloß in meinem Hals und hatte Mühe, meine Stimme wiederzufinden. “Was ist passiert“ wisperte ich.
 

Ihr Kopf hob sich. Ihre Augen waren tränenverschleiert. Ich ahnte was los war, aber wolle es nicht hören. „Er…“ flüsterte sie. Immer mehr Tränen rannen über ihre Wangen. Ich schüttelte den Kopf. Nein. Nein, das kann nicht sein! Mein Vater ist ein starker Krieger! Diese widerlichen Menschen könnten ihn nie besiegen! Yubel sank in sich zusammen, krallte ihre Finger in die blutgetränkte Erde. „Es tut mir so leid! Ich konnte ihn nicht beschützen!“ In meinem Herzen breitete sich eine unendliche Kälte aus, die langsam durch meinen gesamten Körper wanderte. Jesses Stimme drang dumpf zu mir, als würde ein Schleier aus Watte sie blockieren. Dunkle Flecken bildeten sich in meinem Sichtfeld. Dieser Krieg hatte uns so viel genommen. Jetzt auch unseren König.

Ein kleiner Feind

Ein frischer Luftzug wehte um meinen Körper, ließ meinen Umhang in seidigen Bewegungen tanzen. Ich sah vom Balkon meiner Gemächer hinaus auf unser Land. Hier sah alles normal aus, und doch so fremd. Die Kämpfe erreichten uns nicht hier, im Herzen des Landes. Ein trügerischer Frieden hatte sich in der Bevölkerung eingefunden. Doch in den Straßen hörte man kein Lachen. Die einst so freudige Stimmung meines Volkes wich einer Tristesse aus Trübsal und Trauer. Eine Woche war seit dem Tod meines Vaters, unseres Königs, vergangen. Der Griff meiner Hände am Geländer meines Balkons verstärkte sich. Ich versuchte die Tränen aufzuhalten, erfolglos. Der Schmerz saß tief, doch ich musste stark sein. Ich zog als Prinz in den Krieg und kehrte als König zurück. Ich hatte das alles nicht gewollt. Keiner von uns. Ob uns diese Menschen nur aus Hass angegriffen hatten? Aus Angst? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand aus diesen Gründen in den Krieg zog, doch eine andere Erklärung hatte ich nicht. Wir hatten ihnen nie etwas getan. Wir kannten ihre Welt nur aus Geschichten, die wenigsten von uns glaubten tatsächlich daran, dass andere Welten, parallel zu unserer, existierten. Und plötzlich traf uns das Wissen um ihre Existenz mit grausamer Härte. Ich schüttelte den Kopf und wandte meinen Blick ab. Was soll ich nur tun?
 

„Haou?“ Schnell drehte ich mich zu der Stimme, die meinen Namen rief. Als ich Jesse erkannte, entspannte ich mich wieder etwas und kehrte ihm den Rücken zu. Er sollte mich so nicht sehen. Niemand sollte das. „Solltest du dich nicht langsam fertig machen?“ sprach er weiter. Seine Schritte kamen näher, ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Zu einer Antwort war ich nicht fähig. Aus Angst, meine Stimme würde mir den Dienst versagen. „Haou, du solltest zu deiner eigenen Krönung nicht zu spät kommen.“ Seine Stimme klang einfühlsam. Ich hörte keinen Vorwurf in seinen Worten, doch antworten konnte ich trotzdem nicht. Ich nickte lediglich. Er hatte Recht. Mein Volk verlässt sich auf mich. Ich straffte die Schultern und hob meinen Kopf. Haltung bewahren. Keine Schwäche zeigen. Die Dämonen dieser Welt brauchten jetzt einen starken Anführer.
 

Ein seufzen war zu hören. Eine warme Hand legte sich auf meine Wange. Jesse drehte mein Gesicht zu sich und sah mich mitfühlend an. „Ich verstehe es, wenn du vor deinem Volk stark sein willst, aber ich bin es“ sagte er und strich die letzte Träne von meiner Wange. Zog mich in eine vertraute Umarmung. Neue Tränen verschleierten mir die Sicht und rannen still über mein Gesicht. „Du hast ihn geliebt“ sprach er weiter. „Wir alle haben das. Aber er war dein Vater. Weine ruhig um ihn, lass es zu, und wenn du jemanden brauchst bin ich für dich da. Ich werde immer für dich da sein, hörst du?“ Ich hob meine Arme und suchte Halt in seinem Gewand. Mein Schluchzen hallte durch den großen Raum, ohne dass ich es hätte aufhalten können. Ich vermisste meinen Vater schrecklich. Er hätte gewusst, was jetzt zu tun wäre. Beruhigend strich Jesse durch mein Haar, während ich meinen Tränen zum ersten Mal seit dem Tod meines Vaters freien Lauf ließ.
 

Allmählich beruhigte ich mich wieder und löste mich von meinem Freund. Ein kleines Lächeln schlich sich auf seine Lippen. „Kann ich noch irgendwas für dich tun?“ fragte er.

„Da gibt es tatsächlich etwas“ sagte ich und sah in sein neugieriges Gesicht. „Würdest du mein Pferd für mich satteln lassen?“

„Und die Krönung?“ fragte er überrascht.

„Die kann ohne mich sowieso nicht anfangen“ sagte ich und lächelte freudlos. „Ich will nur meinen Kopf frei bekommen.“

Er stutzte. „Na schön, ich kann sicher etwas Zeit rausschlagen, aber nur unter einer Bedingung. Du reitest nicht allein los.“

Ich seufzte ergeben. „Was an ‚Ich will den Kopf frei bekommen‘ hast du nicht verstanden? Ich kann wirklich keinen Babysitter gebrauchen. Du hörst dich schon an wie Yubel.“

„Darum geht es nicht!“ sagte er ernst. „Du bist der einzige Kronprinz und mein bester Freund. Was sollen wir denn machen, wenn dir etwas passiert? Es könnten immer noch Feinde übrig sein, die dich vermutlich liebend gern schnappen oder töten würden.“

Ich verdrehte die Augen. „Sollte es zu einem Überfall kommen, habe ich immer noch meinen Schutzgeist.“ Wie auf Abruf tauchte der geflügelte Kuriboh neben mir auf und nickte zustimmend.

„Nimm wenigstens Yubel mit!“ beharrte er.

„Und was hat das meinem Vater genutzt?“ murmelte ich und wandte den Blick ab. Ich machte ihr keinen Vorwurf, aber ich brauchte einen Moment allein, außerhalb dieser Mauern. Das Reiten beruhigte mich schon, sein ich ein kleines Kind war.
 

Ich spürte Jesses durchdringenden Blick auf mir und sah auf. Mir war es ernst damit, und ich hoffte inständig, er würde es verstehen und mich decken. Schließlich seufzte er. „Du hast in den hundert Jahren deines Lebens noch nie über die Konsequenzen deines Handelns nachgedacht“ sagte er und wich meinem Blick aus. „Nach deinem Ausritt solltest du wirklich mal damit anfangen.“

Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges musste ich lächeln. „Versprochen“ sagte ich.
 

Kurze Zeit später saß ich im Sattel und ritt aus der Stadt. Weg von meinen Pflichten. Ein letztes Mal wollte ich noch frei sein, bevor ich mich voll und ganz meinem Volk verpflichten musste. Um nicht erkannt zu werden, trug ich einen grauen Umhang, dessen Kapuze mein Gesicht verbarg. Auch wenn unsere Gegner besiegt waren, ließen mir Jesses Worte keine Ruhe. Mein Ross galoppierte über die Wege und Felder und es fühlte sich an, als würde ich fliegen. Die kleineren Städte wichen Dörfern, bis ich schließlich die ersten Trümmerfelder erreichte und die Geschwindigkeit etwas drosselte. Ich hatte kaum wahrgenommen, dass ich mein Pferd in die Richtung der Frontlinien lenkte. Die Bergungsarbeiten waren im vollen Gange, doch noch immer konnte man unzählige Leichen sehen. Mein Herz machte einen Satz und ich blieb stehen. Zwischen den Trümmern sah ich den leblosen Körper eines weiblichen Dämons. Ihre Schwingen lagen schlapp an ihrem Körper. Ich schluckte. In ihren Armen hielt sie ein totes Kind. Mir wurde übel. Ich wandte den Blick ab, und gab meinem Pferd die Sporen. Weg. Weg von all dem Tod. Ich konnte es nicht mehr sehen. Nicht mehr ertragen.
 

Warum passierte das alles? Diese widerlichen Menschen! Wie gern würde ich nur noch einem von ihnen den Todesstoß versetzen! Mich für all das rächen, was sie uns angetan hatten. Ein letztes Mal ein Herz durchbohren, wenn sie überhaupt eines besaßen. In meiner Wut trieb ich mein Pferd schneller an. Sah die Landschaft nur noch als Schemen an mir vorbeiziehen. Und sie nennen uns Monster! Nicht mal vor Frauen und Kindern zeigten sie erbarmen! Meine Wut wandelte sich in blanken Hass. Ich zog mein Schwert und schlug es im Galopp gegen die verkohlten Überreste eines Baumes. Mein Körper war voll von Adrenalin. Meine Umgebung nahm ich kaum noch wahr. Ich wurde langsamer, mein Pferd hatte kaum noch Energie. Vielleicht sollte ich ihm eine Pause gönnen. Am Ufer eines Flusses machten wir halt und ich stieg ab. Noch immer zitterte mein Körper vor Wut, der Griff um mein Schwert verstärkte sich. Ich sank in die Knie und schrie all meinen Schmerz heraus. Verzweifelt krallte ich meine Finger in die Erde. Immer mehr Tränen rollten über meine Wangen und benetzten den Boden unter mir. Wie gern würde ich ihnen alles heimzahlen.
 

„Geht’s dir gut?“ hörte ich eine unsichere Stimme und sah auf. Ich hatte nicht bemerkt, wie sich mir jemand näherte. Strahlend blaue Augen musterten mich voller Mitleid. Ich sah ihn ungläubig an. Vor mir stand ein Menschenkind. Der Griff um mein Schwert verstärkte sich. „Warum bist du so traurig?“ fragte der kleine Junge mit dem schwarzen Haar. Wenn die Menschen kein Mitleid mit unseren Kindern hatten, warum sollte ich dann Gnade walten lassen? Ich biss die Zähne zusammen und erhob mich, ging näher auf den Jungen zu. Ein letztes Mal die Klinge in meinen Feind rammen. Das hatte ich mir gewünscht. Mich ein letztes Mal rächen. Doch je näher ich kam, wich die Wut mehr aus mir. Statt zu fliehen oder mich voller Angst und Hass zu betrachten, blieb der Junge stehen und sah mich voller Mitleid an. Einen Schritt vor ihm blieb ich stehen, der Junge reichte mir kaum bis zur Hüfte und sah neugierig zu mir auf. Das Kind hatte in seinem Leben sicher noch nie ein Leben ausgelöscht, geschweige denn daran gedacht. Mein Schwert fiel klirrend zu Boden. Ich konnte es einfach nicht. Das Kind war unschuldig. Durch unsere Lebensspanne von mehreren hundert Jahren waren Kinder für Dämonen etwas Besonderes, war es doch selten, dass eines auf die Welt kam. Wie sollte ich ein so kurzes Leben nehmen?
 

Ich biss die Zähne zusammen und ging vor ihm auf die Knie. „Wie alt bist du?“ fragte ich.

Der Kleine lächelte glücklich. „Heute bin ich fünf geworden!“

Ich musterte ihn überrascht. Wie konnte er die letzten Tage allein und unbemerkt überleben? Noch dazu in diesem Alter. „Bist du allein?“

Sein Blick wurde traurig und er sah sich unschlüssig um. „Ich habe gerade noch mit meinen Brüdern gespielt. Und dann hat mein großer Bruder mich durch ein Loch geschubst. Jetzt finde ich sie nicht mehr.“

Ein Loch? Ob er durch ein Portal gefallen ist? Aber das ist doch unmöglich! Mein Vater hatte das letzte Portal in diese Welt zerstört! „Kannst du mir zeigen wo das Loch war?“ fragte ich ernst. Wenn doch noch ein Portal existieren sollte, dann musste ich es so schnell wie möglich zerstören. Der Junge nickte und zeigte mit dem Finger in Richtung der Bäume. „Da hinten!“ sagte er und nahm meine Hand, um mich wieder auf die Beine zu ziehen. Ich ließ mich von ihm in den Wald leiten und betrachtete ihn verwundert. Warum hatte er keine Angst vor mir? Vor einer Felswand blieben wir stehen und er berührte sie mit seiner kleinen Hand. "Hier war das Loch“ sagte er und sah traurig zu mir auf. „Aber jetzt ist es weg.“
 

Gedankenverloren berührte ich die Felswand und strich mit den Fingern sanft darüber. Unsere Späher hatten diesen Teil des Waldes untersucht, aber kein Portal gefunden. Wie kann es sein, dass es sich nach dem Angriff geöffnet hatte und sich dann wieder schloss? „Bist du dir sicher, dass es hier war?“ fragte ich und sah zu ihm herunter. Er nickte und deutete auf einen kleinen Busch, dessen Zweige in alle Richtungen abgeknickt waren. „Ja, da bin ich reingefallen, als ich durch das Loch gefallen bin.“

„Warst du allein?“

Wieder nickte er traurig. „Wir durften eigentlich nicht in dem Raum spielen, aber die Tür war offen und wir wollten sehen was da drin ist.“

„Ein Raum?“ fragte ich irritiert.

Sein Blick war gesenkt als er weitersprach. „Ich hab die große Maschine an gemacht“ sagte er mit brüchiger Stimme. „Das wollte ich nicht. Dann hab ich mich mit meinen Brüdern gestritten und einer hat mich geschubst.“ Ein Schluchzen war zu hören und er nahm meine Hand. „Ich will wieder nach Hause.“
 

Ich seufzte und hockte mich neben ihn. Strich sanft durch sein Haar. Die Bosheit, die ich bisher in den Menschen gesehen hatte, war bei ihm nicht zu finden. Langsam sah er auf und sah mich aus tränenverschleierten Augen an. „Weißt du wo du hier bist?“ fragte ich. Er schüttelte nur mit dem Kopf und wischte sich die Tränen aus seinem Gesicht. Doch immer wieder kamen neue nach. „Du bist hier in der Isekai, weit weg von zuhause. Es gibt auch keine Möglichkeit dich wieder zu deiner Familie zurückzubringen. Hier gibt es keine Menschen wie dich. Hier leben nur Dämonen.“ Die Tränen versiegten und er sah mich überrascht an. „Dämonen?“ vergewisserte er sich. Ich nickte, doch wieder konnte ich keine Spur von Angst entdecken. „Und du bist auch ein Dämon?“ Wieder nickte ich. „Aber meine Tante hat immer gesagt Dämonen sind böse. Du bist lieb.“ Ich sah ihn überrascht an. Wenn seine Familie ihm erzählt hatte, dass wir böse wären, warum hatte er immer noch keine Angst vor mir? Jetzt wo er weiß was ich bin und wo er hier ist.
 

„Dämonen sind nicht böse“ sagte ich und erhob mich. Ließ meinen Blick über die zerstörte Landschaft schweifen, die man zwischen den wenigen, verkohlen Bäumen erkennen konnte. „Die Menschen haben uns schlimme Dinge angetan. Dieses Land war wunderschön, aber sie haben hier alles zerstört.“ Ich sah ihn an. Sein Blick war wieder traurig, doch die Tränen versiegten.

„Mein Papa hat das auch gesagt.“

Wieder musterte ich ihn überrascht. „Was meinst du?“

Mit seiner kleinen Hand wischte er sich die letzten Tränen aus dem Gesicht und sah traurig zu Boden. „Mein Papa hat gesagt, dass die andere Welt sehr schön ist. Und, dass da ganz viele Dämonen leben, die aber nicht böse sind. Aber dann kamen er und Mama nicht mehr aus dem Loch in der Maschine zurück und meine Tante und mein Onkel haben gesagt, dass die Dämonen sie getötet haben.“

Ich sah ihn mitfühlend an. Er hatte also auch keine Eltern mehr. Mein Blick wanderte wieder zur Felswand, ich berührte sie. Die Menschen hatten also eine Vorrichtung, mit der sie die Portale erschaffen konnten. Sie könnten also jederzeit wieder in dieses Land einfallen und wir könnten nichts dagegen tun. Es war also noch nicht vorbei und wir hatte noch immer keine Ahnung wann, wo oder warum sie zuschlagen. Und wir hatten keine Möglichkeit mehr darüber zu erfahren. Bisher kam kein Späher, der durch das Portal gegangen war, wieder zurück. So wussten wir nur wenig von der Menschenwelt.
 

Da kam mir eine Idee. Ich sah zu dem kleinen Jungen, der noch immer traurig ins Leere starrte. Wenn wir ihn auf unsere Seite ziehen könnten, und ihn durch eines der Portale schicken würden, dann könnte er uns mehr Informationen beschaffen. Vielleicht sogar herausfinden, wie man sie öffnen kann, und dann... Ich grinste. So könnten wir uns an diesen widerlichen Kreaturen Rächen. Ihnen ihre eigene Hölle bereiten. Ihnen dasselbe Leid und dieselbe Zerstörung bringen, damit sie endlich begreifen, was sie uns angetan hatten. Und er wäre der perfekte Spion. Vermutlich würden sie ihn mit offenen Armen empfangen. Ich hockte mich wieder vor den Jungen und lächelte freundlich. „Wie ist dein Name?“

Er sah auf. „Yusei.“

„Mein Name ist Haou“ sagte ich und legte meine Hand tröstend auf seinen Kopf. „Willst du mit zu mir kommen, Yusei? Ich kann dich zwar nicht nach Hause bringen, aber auf meinem Schloss wärst du nicht mehr allein. Du könntest da mit den anderen Kindern spielen und wärst in Sicherheit.“

Seine Augen wurden mit jedem meiner Worte größer. „Du wohnst in einem Schloss?“ fragte er. „Darf ich da wirklich mitkommen?“

Ich nickte. „Heute Abend werde ich König dieses Landes. Wenn ich sage, dass du mitkommen darfst, dann darf mir keiner wiedersprechen.“

Er lächelte begeistert. „Cool! Ich war noch nie in einem Schloss!“
 

„Und daran wird sich auch nichts ändern!“ donnerte eine mir bekannte Stimme über uns. Ich verdrehte die Augen und drehte mich um. Yubel landete elegant zwischen den Bäumen und sah mich zornig an. Yusei rückte näher an meine Seite und sah ängstlich zu meiner Beschützerin. Ehe ich mich erklären konnte, wies sie mich zurecht. „Wie kommt Ihr auf die Idee einen Menschen in unser Schloss zu bringen? Ihr solltet ihn auf der Stelle töten, statt ihn zu beherbergen! Habt Ihr vergessen, was diese Kreaturen unserem Land, unserem Volk und Eurem Vater angetan haben?!“

„Woher hast du gewusst wo ich bin?“ überging ich ihre Frage unbeeindruckt.

„Ich bin Euch gefolgt“ sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Schließlich ist es meine Pflicht, ein Auge auf Euch zu haben.“

„Und meinen Befehlen zu gehorchen“ sagte ich ernst. „Ich werde das Menschenkind mitnehmen, dabei ist es mir egal, was du davon hältst. Yusei ist noch ein Kind. Er hat nichts mit dem Krieg zu tun.“

„Es ist ein Mensch!“ schrie sie. „Und damit unser Feind! Völlig egal wie alt diese Kreatur ist!“

„Du wirst dich damit abfinden müssen“ sagte ich und hob das Kind auf meine Arme. Yusei sah noch immer ängstlich zu Yubel und klammerte sich an mir fest. Doch er wandte den Blick nicht von ihr ab. Ich sah meine Beschützerin ernst an. „Vertrau mir“ sagte ich schlicht und setzte mich in Bewegung, um zu meinem Pferd zu gelangen. Während sie mir folgte, wetterte sie weiter, was für eine furchtbare Idee das ist, doch sie wagte es nicht, mir den Kleinen zu entreißen. An meinem Pferd angekommen, hob ich Yusei in den Sattel und nahm hinter ihm Platz. „Gut festhalten“ sagte ich und trieb mein Pferd an. Yusei schrie erschrocken auf, hielt sich aber tapfer am Sattel des Pferdes fest, während wir wieder in Richtung des Schlosses galoppierten. Ich spürte Yubels Blick im Nacken, aber mir war egal was sie von der Sache hielt. Sollten diese Menschen wirklich irgendwann wiederkommen, brauchten wir einen Plan um unser Land zu beschützen. Und Yusei war der einzige Plan den ich hatte.

Schwere Last

Schwerter prasselten klirrend aufeinander und erzeugten Funken, die durch die Luft segelten. Ich spürte das gelbe Augenpaar, das jede meiner Bewegungen beobachtete. Tag für Tag strengte ich mich im Training an um seinen Erwartungen gerecht zu werden. Ich schlug meinem Gegner mit einer fließenden Bewegung das Schwert aus der Hand, es bohrte sich in den Boden des Trainingsplatzes. Meine Klinge hob ich an seine Kehle und beendete so den Kampf. „Das reicht!“ schallte die Stimme meines Lehrmeisters über den Platz und ich senkte mein Schwert. Mein Gegner atmete erleichtert aus. Ich neigte meinen Kopf zu König Haou. Seine Arme waren verschränkt und er beobachtete mich aufmerksam. Ein leichtes Nicken seinerseits ließ mich schmunzeln. Es war selten, dass er dem Training beiwohnte, und zum ersten Mal war auch Jesse bei ihm. Mein Meister richtete sich an meinen Gegner. Man konnte zusehen, wie letzterer unter dem strengen Blick unseres Meisters schrumpfte. „Was sollte das werden, Atticus?!“ brüllte Meister Zero. In seinen roten Augen stand Zorn, jeder Muskel seines trainierten Körpers war angespannt. Er neigte seinen Kopf, sodass die beiden geschwungenen Hörner an seinen Schläfen auf meinen Gegner zeigten. Eine seiner mächtigen Hufe stampfte er auf den Boden, was Atticus zusammenzucken ließ. „Hast du gar nichts aus unserer letzten Stunde gelernt, dass dich selbst ein Mensch besiegen kann?“ donnerte er weiter. Er deutete auf mich, als er weitersprach. „Wenn selbst so ein Wurm dich besiegen kann, solltest du dir nochmal überlegen, ob du der Armee beitreten willst!“ Ich schnaufte. Auch wenn ich es gewohnt war abfällig behandelt zu werden, hatte ich angenommen, er würde meine Leistungen zumindest Heute anerkennen. Ich trainierte härter als alle anderen und war mittlerweile der beste Schwertkampfschüler unseres Jahrgangs und doch verweigerte mir Meister Zero die Prüfung. „Und du!“ sprach er weiter und sah mich an. Ich wandte den Blick nicht ab, betrachtete ernst sein wütendes Gesicht. „Wenn du irgendwann die Schwertkampfprüfung ablegen willst, solltest du dich mehr anstrengen. Noch sehe ich nichts, was der Armee dienlich sein könnte!“
 

„Zero!“ erklang die dunkle Stimme des Königs. Ich drehte mich zu ihm. Er kam langsam auf uns zu. Meister Zero ging in die Knie und verbeugte sich, ebenso wie Atticus. Ich neigte lediglich meinen Kopf und ignorierte die finsteren Blicke der anderen Beiden.

„Mein König“ sagte Meister Zero und erhob sich. Einen abschätzigen Blick in meine Richtung werfend, widmete er sich König Haou. „Welche Ehre, dass Ihr unserem Training beiwohnt. Wie kann ich Euch dienen?“

„Habt Ihr vergessen, dass ich heute die Schüler begutachten wollte, die an der Prüfung teilnehmen werden?“ fragte er.

Die Augen Meister Zeros weiteten sich für einen kleinen Augenblick überrascht. „Selbstverständlich nicht, mein König“ antwortete er entgegen seiner Reaktion und winkte die übrigen Schüler zu uns. Neben Atticus stellte er drei weitere Meisterschüler für die Prüfung auf, wir anderen sollten am Rand Platz nehmen. Natürlich wurde ich wieder nicht aufgestellt.

„Warte, Yusei“ erklang die Stimme von Haou und ich drehte mich überrascht um. Meister Zero sah ihn ebenso verwirrt an. Der König richtete sein Wort wieder an meinen Meister. „Warum wurde er nicht aufgestellt?“ fragte er neugierig. Mein Herz begann in einem wilden Tempo gegen meine Brust zu schlagen.

Noch einmal betrachtete mich Meister Zero abschätzend. „Er ist noch nicht so weit“ war seine knappe Antwort.

„Wirklich?“ fragte Haou und legte den Kopf schief. „Dafür, dass er noch nicht so weit ist, hat er Ihrem Prüfling wirklich zugesetzt.“

Ich verkniff mir ein Grinsen.

„Das war nur Glück“ verteidigte er Atticus. „Er ist lange nicht so weit wie die meisten anderen.“

König Haou hob ein Schwert vom Boden auf und reichte es Atticus. Zögerlich nahm er es an sich und betrachtete den König verwirrt. „Einmal zu gewinnen kann Glück sein“ sprach der König und winkte mich zu sich. „Zwei Siege bedeuten allerdings Können. Tretet noch einmal gegeneinander an, der Sieger wird an der Prüfung teilnehmen.“

„Aber König Haou!“ sagte Meister Zero entsetzt, wurde aber von dem strengen Blick des Königs unterbrochen. „Das war ein Befehl“ sagte er mit dunkler Stimme, die keinen Wiederspruch duldete.
 

Ich atmete tief durch um mein wild schlagendes Herz zu beruhigen. Endlich. Das war meine Chance mein Können zu beweisen. Atticus und ich stellten uns gegenüber, alle anderen begaben sich zum Rand des Trainingsplatzes. „Keine Ahnung was der König in einem Bastard wie dir sieht“ sagte Atticus gerade so laut, dass nur ich ihn hören konnte. „Aber wenn du glaubst, dass du mehr als ein Haustier für ihn bist, hast du dich geschnitten.“ Ich verstärkte den Griff um mein Schwert. Es war immer dasselbe. Waren meine Leistungen nicht gut, hielten mir die anderen vor, dass ich zu nichts nutze sei. Trainierte ich hart und verbesserte mich deutlich hieß es, dass ich mich mehr anstrengen sollte und nicht gut genug sei um dem König zu dienen. Ich wurde schon als Bastard beschimpft, als Monster, als Haustier, als niedere Kreatur und weit Schlimmeres. Nur wenn König Haou in meiner Nähe war, hielten sie sich mit ihren Anschuldigungen zurück. Ich war es gewohnt, die meiste Zeit prallten diese Beleidigungen an mir ab. Aber manchmal schmerzten sie mehr als eine Klinge. Untereinander waren die Dämonen wirklich freundlich, doch mich behandelten die meisten wie ein niederes Insekt. Wann wird sich das je ändern?
 

„Fertig?“ rief Meister Zero. „Und los!“ Atticus schnellte voran, um mir den ersten Schlag zu setzen, doch ich parierte und holte zum Gegenschlag aus. Mit jedem Schlagabtausch drängte ich ihn weiter zurück. Plötzlich fühlte sich mein Körper tonnenschwer an. Jede Bewegung war kräftezehrend. Ich warf einen Seitenblick zu Meister Zero, der mich nicht aus den Augen ließ. Das war seine Gravitationsmagie. Ich hatte sie schon oft zu spüren bekommen. Er sabotierte mich. Dem nächsten Schwerthieb von Atticus konnte ich nur um Haaresbreite ausweichen. Den zweiten versuchte ich zu parieren, doch er traf mich am linken Arm. Ich schrie auf. Durch die verdammte Gravitationsmagie konnte ich mich nicht schnell genug bewegen. Ich biss die Zähne zusammen und sah Atticus ernst an. Nein. Das war meine Chance diese verdammte Prüfung abzulegen. Dieses Mal ließ ich mich nicht in die Knie zwingen. Atticus hatte den Vorteil, dass er sich besser bewegen konnte, aber seine Bewegungen waren berechenbar. Ich beobachtete ihn und wich nur aus. Das war weit weniger anstrengend als meinen Schwertarm zu heben. „Bleib stehen, du Bastard!“ schimpfte er und setzte zu einem seitlichen Schlag an. Dieser war nicht präzise. Das war meine Chance. Ich ließ die Klinge an meiner abprallen, drehte mich mit dem Rücken zu ihm und rammte ihm meinen Ellbogen in den Magen. Er keuchte erschrocken und beugte sich nach vorn, was mir die Gelegenheit gab ihm sein Schwert aus der Hand zu schlagen und ihn über meine Schulter zu Boden zu werfen. Ich presste mein Knie auf seine Brust und legte ihm zum zweiten Mal an diesem Tag die Klinge an den Hals. Weil ich auf ihm kniete spürte auch er die Magie von Meister Zero und rang nach Luft und weil ich die Kraft in meinem Schwertarm kaum drosseln konnte, glitt die Klinge ein kleines Stück durch seine Haut. Einige Blutstropfen flossen von seinem Hals und benetzten den Boden. „Stopp!“ schrie mein Meister und kam auf uns zu. Mit einem Schlag fühlte ich mich viel leichter. Er hatte seine Magie aufgelöst. Schwer atmend stand ich auf und Atticus rang nach Luft. Meister Zero packte mich am Kragen und zog mich zu sich. „Was fällt dir ein, du Wurm?“ zischte er, sodass nur ich ihn verstehen konnte. Seine nächsten Worte schrie er mir ins Gesicht. „Wolltest du ihn umbringen? Du bist hier, weil ich dich in der Kunst des Schwertkampfs unterrichten sollte. Und nicht damit du dich mit Händen und Füßen prügelst! Du hättest Atticus fast enthauptet!“
 

„Liegt wahrscheinlich einfach in seiner Natur“ meldete sich Atticus zu Wort und rang noch immer nach Luft. Er griff an seinen Hals und besah sich das wenige Blut, das an seinen Händen klebte. „Was sollte ein Mensch von einem fairen Duell verstehen?“ Ich biss mir auf die Unterlippe. Was an diesem Duell war bitteschön fair? Ich konnte Meister Zeros Techniken nicht anwenden, weil er mich behindert hatte! Aber beweisen konnte ich es nicht, also hielt ich meinen Mund und ließ die nächste Hasstirade über mich ergehen.
 

Im Augenwinkel sah ich König Haou auf uns zukommen. In seinem Blick lag etwas Zufriedenes. „Damit wäre wohl geklärt, wer an der Prüfung teilnehmen wird“ sagte er und blieb vor uns stehen. Meister Zero ließ von mir ab und stieß mich unsanft von sich. „Allerdings“ bestätigte er und sah zu Atticus, der stolz neben ihm stand. Ich seufzte lautlos. Weil ich mich nicht an die Regeln gehalten hatte, würde er jetzt an der Prüfung teilnehmen und ich konnte mich darauf gefasst machen zur Strafe wieder alle Schwerter zu polieren. Eine warme Hand legte sich auf meine Schulter und ich sah auf. Auf Haous Lippen lag ein kleines Schmunzeln. „Herzlichen Glückwunsch, Yusei.“ Ich sah ihn überrascht an. Was?

„Aber mein König!“ sagte Meister Zero entsetzt. „Er hat sich nicht an unsere Regeln gehalten! Er hat“

„Gewonnen“ unterbrach ihn König Haou. „Und das war die einzige Regel, die ich gesetzt hatte. Wer das Duell gewinnt, darf an der Prüfung teilnehmen. Oder denkt Ihr, an dem Duell wurde etwas sabotiert?“ Er hob eine Augenbraue und sah den Meister abwartend an. Ob er die Magie bemerkt hatte? Meister Zero brummte unwillig. „Na schön“ sagte er und sah mich streng an. Sein Blick hatte etwas Verschlagenes. „Aber in der Prüfung wirst du dich an die Kampfregeln halten müssen, oder du wirst disqualifiziert.“ Verdammt. So wie er aussah, wird er das Gleiche in der Prüfung abziehen, und dann kann ich sie sicher nicht bestehen. „Geht jetzt“ sagte er an Atticus und mich gerichtet. „Das Training ist für heute beendet.“
 

Ich verbeugte mich knapp und wandte mich um zum Gehen. „Yusei“ hielt mich die Stimme Haous auf und ich neigte meinen Kopf zu ihm. „Wenn du hier fertig bist, findest du dich bei Madame Tredwell ein. Sie weiß schon bescheid.“

„Ja“ antwortete ich unsicher und ging vom Platz. Warum sollte ich mich bei ihr vorstellen? Vor ein paar Jahren sollte ich meine Magie bei ihr erlernen, doch bedauerlicherweise hatte ich keine Veranlagung dafür. Ich war eben nur ein Mensch.
 

Nachdem ich meine Trainingsrüstung abgelegt und verstaut hatte, machte ich mich auf den Weg in den Palast. Wobei mir Madame Tredwell wohl Helfen sollte? Gedankenverloren lief ich eine Abkürzung durch eine kleine Seitenstraße. Plötzlich stellten sich mir vier Gestalten in den Weg. Ich sah auf und musterte das wutverzerrte Gesicht von Atticus, der mich mit verschränkten Armen abwartend ansah. Die drei anderen waren ebenfalls Meisterschüler. „Was willst du?“ fragte ich und blieb stehen. Die vier hatten die Straße blockiert und ließen mir keinen Platz mich an ihnen vorbei zu winden.

„Wie hast du das schonwieder angestellt, Schoßhund?“ fragte er.

„Keine Ahnung was du meinst.“

„Die Prüfungszulassung, du Idiot“ bellte sein bester Freund Zane.

„Ich habe gewonnen“ sagte ich schlicht und zuckte mit den Schultern.

„Du hast geschummelt“ keifte ein anderer.

Atticus nickte. „Die Regeln besagen eindeutig, dass wir nur mit dem Schwert kämpfen sollten. Du hast mir einen verdammten Ellbogen in den Magen gerammt!“

Ich schmunzelte. „Hatte Meister Zero am Anfang nicht gesagt, dass wir das Schwert als Verlängerung des Arms betrachten sollten? Ich habe dich mit meinem Schwertarm getroffen. So gesehen, war es nicht regelwidrig.“

„Dass du ihm mit dem Knie die Luft abgeschnürt hast schon“ erwiderte Zane.

„Richtig“ mischte sich die Dämonin zu seiner Linken ein. Ich glaube ihr Name war Mai. „Aber da unser König nicht hier ist um dich zu beschützen, solltest du uns die Wahrheit sagen. Wie hat ein halbes Hemd wie du es geschafft Atticus so am Boden festzunageln?“

„Hey!“ beschwerte sich der braunhaarige und sah sie genervt an. „Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, dann wäre ich da allein rausgekommen!“

„Ach bitte, du hast am Boden gelegen und nur noch geröchelt“ sagte sie unbeeindruckt.

Ich seufzte lautlos. Die Wahrheit werden sie mir ohnehin nicht glauben.

„Also?“ sagte Mai und sah mich abwartend an.

Was soll’s? Sie hassten mich jetzt schon abgrundtief. Wie viel schlimmer kann es werden, wenn ich ihren ach so perfekten Meister Sabotage vorwerfe? „Meister Zeros Gravitationsmagie“ sagte ich schlicht. Mai stutzte.

„Ist das dein Ernst?!“ bellte Zane und sah mich wütend an. „Glaubst du wirklich unser Meister würde zu solch billigen Mitteln greifen? Das hat er bei einem Kind wie dir gar nicht nötig! Wahrscheinlich hattest du einfach einen Schwächeanfall und brauchst einen Sündenbock!“

Ich ballte die Hände zu Fäusten und sah zu Boden. Warum sollten sie mir auch glauben? Plötzlich spürte ich einen dumpfen Schmerz an meiner Wange. Ich konnte mich gerade noch an der Wand eines Hauses abstützen um nicht umzufallen. Atticus sah mich wütend an. „Das war dafür, dass ich deinetwegen nicht an der Prüfung teilnehmen kann! Und das hier“ Er holte aus und traf mit seiner Faust meinen Magen. Ich keuchte und beugte mich nach vorn. „War dafür, dass du unsere Regeln verletzt hast.“ Wütend sah ich ihn an und hielt mir den Bauch. Er setzte zu einem erneuten Schlag an. Ich packte sein Handgelenk, drehte seinen Arm in einer schnellen Bewegung auf seinen Rücken, bis ihm ein schmerzhaftes Stöhnen entwich, dann trat ich ihm kräftig in die Kniekehlen und er sackte in die Knie. Mit meiner freien Hand drückte ich seinen Nacken zu Boden und drückte mein Knie in seinen Rücken. So fixiert versuchte er sich aus meinem Griff zu winden, aber er hatte keinen Bewegungsspielraum mehr. Seine Freunde waren so überrascht von der Situation, dass sie uns nur beobachteten. „Ich habe dich besiegt!“ sagte ich harsch und übte mehr Druck auf seinen Rücken aus, was ihn knurren ließ. „Finde dich einfach damit ab! Ich will nicht gegen dich kämpfen!“

„Verrecke doch einfach, du Bastard!“ schrie er und trat mit seiner verbliebenen Kraft ins Leere. Die anderen lösten sich allmählich aus ihrer Starre. Zane und sein Freund rannten auf uns zu, Mai beobachtete weiterhin die Situation. Vier Hände zogen mich von Atticus weg, einer übte Druck auf die Wunde an meinem Arm aus. Ich schrie auf. Sie hielten mich fest, ich konnte mich nicht bewegen, nicht fliehen. Wieder spürte ich einen kräftigen Schlag an meiner Wange und schmeckte Blut. Atticus stand wütend vor mir. „Und das… war dafür, dass du Meister Zero durch den Dreck gezogen hast“ sagte er schwer atmend. Ich spuckte ihm mein Blut vor die Füße.
 

Plötzlich gab es einen lauten Knall. Ich Augenwinkel erkannte ich einen Tontopf, der neben uns zerschellte und dessen Scherben in alle Richtungen flogen. „Was soll der Scheiß?“ rief Zane und suchte den Himmel ab. Da waren keine Fenster an den Häuserwänden, aus denen er hätte fallen können. Irgendetwas traf Atticus am Hinterkopf, im nächsten Augenblick regneten mehrere faule Obststücke auf meine drei Angreifer hinab. Ich wurde losgelassen und landete unsanft auf dem Boden, während die drei schützend ihre Arme hochhielten und schimpfend aus der Gasse verschwanden. Ich hielt meinen Arm und schmunzelte. Als ich die Stimmen von Atticus und den anderen nicht mehr hörte, rief ich: „Nicht schlecht! Du zielst immer besser.“ Ein amüsiertes Lachen war zu hören und ich neigte meinen Kopf über die Schulter. Aus einem Seiteneingang kam eine kleine Gestalt, von einem Umhang verborgen. Ich rappelte mich auf und drehte mich zu ihr. „Danke“ sagte ich. „Dein Training zahlt sich wirklich aus.“
 

Mein kleiner Freund reichte mir gerade bis zur Brust und blieb vor mir stehen. Ein fröhliches Lächeln kam zum Vorschein, als er seine Kapuze abnahm und seine bunten haare freigab. Ein leichter Rotschimmer lag auf seinen Wangen. Man sah Yugi an, dass er stolz auf das eben Geschehene war. „Du musst Mana danken“ sagte er fröhlich. „Sie hat wirklich oft mit mir trainiert. Madame Tredwell war auch stolz auf meine Fortschritte in der Magie.“ Mein Lächeln wurde breiter. Yugi und Mana waren zwei der wenigen Freunde die ich hatte. Der Kurze wurde wegen seiner Größe immer gehänselt und ich hatte ihn oft beschützt. Er war mit seinen knapp 40 Jahren zehn Jahre jünger als Mana, was bei Dämonen keinen wirklichen Altersunterschied bedeutete. Mit meinen 17 Jahren gelte ich unter Dämonen noch als Kind. Aber Haou sagte mir mal, dass Menschen eine weitaus kürzere Lebensspanne hatten. Wie kurz sie wirklich war, wusste ich nicht.
 

„Nicht schlecht, Kleiner“ erklang Mais Stimme und wir drehten uns zu ihr. Ich hatte ganz vergessen, dass sie noch da stand und uns beobachtete. Mit einem amüsierten Lächeln kam sie auf uns zu. „D-Danke“ sagte Yugi verlegen und lächelte schief. Sie stemmte eine Hand in die Hüfte und sah mich ernst an. „Hast du das vorhin wirklich ernst gemeint?“ fragte sie.

Ich musterte sie überrascht. Glaubte sie mir etwa? „Ja“ erwiderte ich ernst.

Nachdenklich sah sie mich einen Augenblick an. „Zumindest würde das erklären, warum Atticus kaum noch Luft bekommen hat, als du ihn zu Boden gedrückt hast. So schwer bist du nicht und gerade eben hat es ihm ja auch nichts ausgemacht.“

„Du glaubst mir?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube an das was ich sehe. Und was ich sehe ist, dass du scheinbar doch kein Monster bist, wie alle sagen.“

„Yusei ist auch kein Monster!“ sagte Yugi ernst. Als Mais Blick auf seinen traf, wurde er wieder unsicher. „Naja, die Menschen die uns damals angegriffen hatten waren vielleicht welche, aber Yusei ist anders.“ Er warf mir einen flüchtigen Blick zu und ich schmunzelte. Ich war wirklich Dankbar für seine Freundschaft.

„Wie dem auch sei“ winkte Mai das Thema ab. „Du warst heute ganz passabel. Mal sehen wie du dich in der Prüfung schlägst.“ Mit diesen Worten ging sie an uns vorbei und verschwand. Yugi sah mich aufgeregt an. „Ist das ihr Ernst? Du darfst endlich die Prüfung machen?“
 

Ich nickte. „Das habe ich König Haou zu verdanken. Er hat Meister Zero ausgetrickst.“

„Wie das?“ fragte er und legte den Kopf schief.

Ich überlegte mir eine Kurzversion, bis mir etwas einfiel. Ich sollte mich doch bei Madame Tredwell einfinden! Nur deswegen war ich überhaupt die Abkürzung durch die Seitenstraße gegangen! „Ich erzähle dir später alles“ sagte ich ausweichend und machte mich schnellen Schrittes auf den Weg in den Palast. „Jetzt muss ich los, ich bin sowieso schon zu spät dran!“

„Treffen wir uns morgen Mittag am Tempel?“ rief er mir nach. Ich hob zur Bestätigung meine Hand und beschleunigte meinen Schritt.
 

Kurze Zeit später war ich am Palast und rannte durch die vielen Gänge, bis ich bei Madame Tredwells Lehrraum angelangt war. Außer Atem trat ich ein und sah mich um. Die Halle war weitläufig und durch warmes Licht unzähliger Kerzen beleuchtet. Ein leichter Duft von Kräutern lag in der Luft. An einer Wand waren viele Regale mit unzähligen Büchern, ein großer Schreibtisch mit allerhand Kräutern und Papier. Bis auf Madame Tredwell war in der ansonsten leeren Halle niemand zu sehen. Sie drehte sich überrascht zu mir und seufzte. „Entschuldigung, ich wurde aufgehalten“ sagte ich geknickt. Langsam kam sie auf mich zu und hob mein Kinn an. Musterte einen Augenblick schweigend mein Gesicht. „Das sehe ich“ sagte sie schließlich und ließ von mir ab. Ich fuhr mit meinem Daumen über meine Unterlippe und zuckte zusammen. Blut klebte an meinen Fingern. Stimmt, Atticus hatte mich vorhin voll erwischt. Meine Wange war vermutlich ebenfalls geschwollen. Sie trat einige Schritte zurück und zeichnete mit einem Stück Kreide einen Bannkreis in die Mitte, den sie mit einigen Insignien beschriftete. Dann winkte sie mich zu sich.
 

Ich wusste was auf mich zukam und stellte mich in die Mitte des Kreises. Sie schloss ihre Augen und sprach eine Formel. Im nächsten Moment leuchtete der Kreis unter mir auf und die Schmerzen in meinem Gesicht und in meinem Arm verebbten. Ich seufzte erleichtert. Das Licht erlosch und ich fühlte mich viel besser. „Wer war es diesmal?“ fragte sie beiläufig und nahm sich zwei Kissen aus einer schweren Holztruhe an der Wand. „Ist nicht so wichtig“ winkte ich das Thema ab und nahm eines der Kissen an mich, bevor wir uns auf den Boden setzten. Ich wollte die Sache nicht vertiefen. „König Haou meinte, ich soll zu Euch kommen“ sagte ich stattdessen.
 

Sie nickte. „Er sagte mir, ich solle dich in die Kunst der Magie einweisen.“

„Aber das hatten wir doch schon versucht“ bemerkte ich verständnislos. „Ich habe keine Veranlagung für Magie.“ So wie auch die meisten Dämonen.

Ein kleines Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Noch nicht“ sagte sie. „Aber es besteht eine sehr kleine Chance das zu ändern.“

Ich schüttelte verständnislos den Kopf. „Wie?“ Ich hatte noch nie von einer Möglichkeit gehört oder gelesen Magie ohne Veranlagung zu erlernen.

„Du weißt doch was Schutzgeister sind“ sagte sie. Ich nickte, auch wenn sie es nicht als Frage formuliert hatte. „Wenn sich ein Dämon ohne Veranlagung zur Magie mit einem Schutzgeist der Kategorie Magie und Klasse A oder S verbindet, kann es in seltenen Fällen vorkommen, dass er Magie anwenden kann.“

Fragend hob ich eine Augenbraue. Aber ich bin kein Dämon. Warum sollte sich ein Schutzgeist für mich entscheiden? Noch dazu einer der Klasse A oder S. Ich kannte keinen Dämon mit einem Schutzgeist der Klasse S. Selbst Haous geflügelter Kuriboh hatte Klasse A, Kategorie Schild. Und selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass sich ein Klasse A Schutzgeist für mich entscheiden sollte, müsste er auch der Kategorie Magie angehören. „Wie oft ist das schon vorgekommen?“ fragte ich neugierig.

„Ich habe von drei Fällen gelesen“ sagte sie. Drei? In der gesamten Geschichte der Isekai? Die Chance ist weniger als nur verschwindend gering. „Ich weiß, das klingt nicht nach viel, aber König Haou hat nach einer Möglichkeit gefragt, dich darin zu unterweisen. So verschwindend gering sie auch ist, du sollst es versuchen.“

„Aber ich bin ein Mensch“ gab ich traurig zu bedenken.

„Willst du dich gegen den Befehl des Königs stellen?“ fragte sie. Da war keine Wertung in ihrer Stimme. Kein Vorwurf.

„Natürlich nicht“ sagte ich und senkte den Blick. Er hatte so viel für mich getan. Ich will ihm helfen wo ich nur kann. Und wenn es sein Wunsch ist, dass ich es versuche, dann sollte ich nicht lange darüber nachdenken. „Wie verbindet man sich mit einem Schutzgeist?“

Wieder legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Der Schutzgeist wählt dich auf dem Nebelberg aus. Weit im Norden des Landes. Du musst ihn aus eigener Kraft besteigen, etwa auf der Hälfte des Weges tauchen die ersten Geister auf. Du gehst nicht auf sie zu, beschreitest weiter deinen Weg, bis dich einer als würdig erachtet und sich mit dir verbindet. Je höher du den Nebelberg erklimmst, umso gefährlicher wird der Weg, und umso stärker sind die Geister denen du begegnest. Auf der Spitze leben nur Geister der Klasse S. Manche von ihnen gehören mehr als nur einer Kategorie an. Hat dich bis dahin keiner auserwählt, musst du deinen Rückweg antreten.“
 

Ich seufzte lautlos. Aber wenn es Haous Wunsch ist, will ich ihn nicht enttäuschen. „Wann soll ich aufbrechen?“

Zu vertraut

„Er macht Fortschritte“ bemerkte Jesse, während wir Yuseis Duell gegen Atticus verfolgten. Ich nickte und beobachtete seine fließenden Bewegungen, mit denen er seinen Gegner immer weiter zurückdrängte. Er hatte meine Hoffnungen bei weitem übertroffen, was seine Fähigkeiten anging. Er war fleißig, konzentriert, lernte schnell und stellte seine Mitschüler dabei in den Schatten. Und das, obwohl sie weit älter waren als er. Das galt nicht nur für den Schwertkampf. Die anderen Meister, bei denen ich Yusei in die Lehre geschickt hatte, waren selbst überrascht über seine rasche Entwicklung. Selbst bei Madame Tredwell strengte er sich an die Formeln und Zauber zu verinnerlichen, obwohl er keine Magiebegabung hatte. Ob es daran lag, dass Menschen eine so viel kürzere Lebensspanne hatten? Es war sicher von Vorteil in kurzer Zeit so viel wie möglich zu lernen und anzuwenden. Ob ich ihm zu viel aufbürde? Im Moment war er bei fünf verschiedenen Meistern in der Lehre und hatte so gut wie keine Freizeit. Andererseits schwebte noch immer das drohende Damoklesschwert über uns. Die Menschen könnten jederzeit wieder ein Portal in diese Welt erschaffen und ich wusste nicht wie groß die Stärke ihrer Truppen war. Wir brauchten ihn als Spion und er musste sich im schlimmsten Fall zu verteidigen wissen.
 

„Was ist denn jetzt?“ riss mich Jesses verwunderte Stimme aus meinen Gedanken und ich sah wieder auf das Trainingsfeld. Yuseis Bewegungen kamen ins Stocken, wirkten irgendwie schwerfällig. Warum? Mein Blick schweifte zu Meister Zero und ich verengte meine Augen zu schlitzen. Er war nicht nur ein Meister der Schwertkunst, sondern auch ein ganz passabler Magier. Allerdings hatte er sich nur auf die Gravitationsmagie begrenzt, um sich im schlimmsten Fall einen Vorteil auf dem Schlachtfeld zu verschaffen. Wagt er es wirklich, Yusei zu sabotieren? Sein Hass auf die Menschen war weit größer als meiner, hatte er doch seine gesamte Familie im letzten Krieg verloren. Würde er sich wirklich gegen meinen Befehl stellen, damit Yusei seine Ausbildung nicht bestehen konnte? „Komm schon“ murmelte ich an Yusei gerichtet, der den Angriffen seines Gegners nur noch ausweichen konnte. Unwillkürlich lächelte ich, als er seinen Gegner zu Boden gerungen hatte. Es war nicht im Sinne seiner Ausbildung, den Gegner mit etwas anderem als seinem Schwert zu besiegen, aber auf dem Schlachtfeld war es nur wichtig seine Vorteile auszunutzen. Und das hatte er getan.
 

Zufrieden über den Ausgang des Duells ging ich auf die Kontrahenten zu, Meister Zero packte Yusei am Kragen und schrie ihn an. Damit hatte ich die Antwort auf meine Frage. Er hatte sich tatsächlich meinem Befehl widersetzt. „Damit wäre wohl geklärt, wer an der Prüfung teilnehmen wird“ sagte ich und blieb stehen. Endlich ließ er von Yusei ab und sah mich an. Seine Attacke würde noch ein Nachspiel haben. „Allerdings“ bestätigte er und sah zu dem anderen Schüler, der sich stolz neben ihn stellte. Glauben die Beiden allen Ernstes nach dieser Leistung könnte er an der Prüfung teilnehmen? Yusei sah enttäuscht zu Boden. Anscheinend glaubte auch er, er hätte versagt. Ich schmunzelte und legte meine Hand auf seine Schulter. Sein Blick traf meinen. Dieser Magie zu wiederstehen und weiterzukämpfen verlangte einiges an Körperbeherrschung. Glaubt er wirklich, ich hätte das nicht mitbekommen? „Herzlichen Glückwunsch, Yusei“ sagte ich und erntete seinen überraschten Gesichtsausdruck.
 

„Aber mein König!“ sagte Meister Zero entsetzt. „Er hat sich nicht an unsere Regeln gehalten! Er hat“

„Gewonnen“ unterbrach ich ihn. „Und das war die einzige Regel, die ich gesetzt hatte. Wer das Duell gewinnt, darf an der Prüfung teilnehmen. Oder denkt Ihr, an dem Duell wurde etwas sabotiert?“ fragte ich mit erhobener Augenbraue. Vielleicht begreift er endlich, dass ich seine Aktion durchschaut hatte. „Na schön“ brummte er unwillig und wandte sich an Yusei. „Aber in der Prüfung wirst du dich an die Kampfregeln halten müssen, oder du wirst disqualifiziert.“ Mein Blick wurde finster. Er hatte es wirklich noch nicht verstanden? Er will sich meinen Befehlen noch immer widersetzen? Er schickte die beiden weg. Da fiel mir ein… „Yusei“ hielt ich ihn auf und er neigte seinen Kopf zu mir. „Wenn du hier fertig bist, findest du dich bei Madame Tredwell ein. Sie weiß schon bescheid.“

„Ja“ antwortete er unsicher und ging vom Platz. Dann wandte ich mich mit finsterem Blick an Meister Zero. Meiner Stimme verlieh ich einen drohenden Unterton. „Wenn ich nochmal mitbekomme, dass während eines Kampfes Magie eingesetzt wird, kann der Verantwortliche froh sein, wenn ich ihn nur in den Kerker sperren lasse. Haben wir uns verstanden?“ Angst blitzte in seinen Augen auf. Einen Augenblick sah er mich eindringlich an. Schließlich verbeugte er sich. „Ja, mein König.“
 

Ich wandte mich ab und verließ den Trainingsplatz, ballte meine Hände zu Fäusten. Als ich ein Kind war, war mir Meister Zero immer ein guter Lehrer. Jetzt aber war ich einfach nur enttäuscht. Hatte er kein Ehrgefühl? Er sollte zu spüren bekommen, was es bedeutet sich mir zu widersetzen, sollte er es überhaupt nochmal wagen. „Zieh nicht so ein Gesicht“ sagte Jesse vergnügt.

„Jesse, das Thema hatten wir schon.“

Er sah mich verwundert an, bis ihm schließlich einfiel was ich meinte. „Stimmt, entschuldigt. Vertrautheit nur in Zweisamkeit. Aber“ sprach er leiser weiter. „Seid Ihr euch wirklich sicher, wegen der Angelegenheit mit dem Schutzgeist? Wenn Ihr Glück habt, überlebt er den Aufstieg. Im besten Fall wird er sich vielleicht mit einem Schutzgeist der Klasse D verbinden, was ihn auch keine Magie ausführen lässt. Und was bringt Euch das?“

Ich seufzte. Nicht schon wieder diese Diskussion. „Sollte er sich wirklich mit einem Schutzgeist mit niederer Klasse verbinden, bedeutet das für ihn in der Welt der Menschen noch immer mehr Sicherheit. Ich will ihn dort nicht verlieren, weil ich irgendetwas übersehen habe. Ich brauche ihn.“

„Als Spion oder Freund?“ fragte er ernst. „Oder vielleicht als etwas gänzlich anderes?“

Die Richtung, in die dieses Gespräch ging, gefiel mir nicht. „Auf was willst du hinaus?“
 

„Du bist zu vertraut mit ihm geworden“ sagte er leise. „Als du ihn ins Schloss geholt hast, hast du behauptet er wäre nur ein Mittel zum Zweck. Dein Werkzeug für die Vernichtung der Menschen. Aber du redest über ihn, als wäre er dir auf emotionaler Ebene wichtig. Du kannst dich mittlerweile nicht mehr rausreden, dass du ihn so nett behandelst, damit er dir vertraut. Du hast deine Distanz zu ihm verloren. Deshalb will ich dir einen Vorschlag machen.“ Ich sah ihn abwartend an. Es brachte nichts zu leugnen, dass er mir mehr bedeutete als ein Mittel zum Zweck. Wie viel mehr wusste ich nicht. Vielleicht hatte Jesse Recht, und ich sollte eine größere Distanz zu ihm wahren. „Ich werde mich um seine Ausbildung kümmern“ sprach er weiter. „Und dich immer auf dem Laufenden halten. Ich reise mit ihm zum Nebelberg und warte dort, dass er lebend zurückkommt. So kannst du wieder einen klaren Kopf bekommen und dich um deine anderen Pflichten kümmern.“
 

Ich seufzte. So sehr mir sein Vorschlag missfiel, so logisch war er auch. Vielleicht ließ ich ihn tatsächlich zu nah an mich heran. Letzten Endes war er für mich nur ein Mittel zum Zweck. Ein Mensch. Eigentlich ein Feind. Auch wenn ich keinen Zweifel hatte, dass er auf unserer Seite war. Immer wieder hatten wir ihm Geschichten erzählt als er klein war. Welche Monster die Menschen waren. Und dass er anders war. Mit der Zeit verblassten seine Erinnerungen an die ersten Jahre bei seiner Familie und selbst er glaubte jetzt, die Menschheit sei eine bösartige Rasse. Leider hatte das auch starke Auswirkungen auf sein Selbstbild. Er sah es irgendwann als selbstverständlich, dass er weniger Wert war als die Dämonen. Dabei hatte er ein größeres Herz als die meisten Dämonen die ich kannte. Ich versuchte den Gedanken abzuschütteln. „Vielleicht hast du Recht“ sagte ich und sah Jesse ernst an. „Ich habe die ganze Sache zu nah an mich herangelassen. Ich denke über dein Angebot nach.“ Seine Gesichtszüge erhellten sich.
 

~*~
 

Spät am Abend lief ich den Korridor zu meinen Gemächern entlang. Meine Schritte hallten an den Wänden wieder und wirkten unnatürlich laut. Was für ein langer Tag. Die Gespräche mit einigen Dorfbewohnern aus dem Westen des Landes zogen sich unglaublich in die Länge. Knapp 13 Jahre ist der Krieg jetzt her und noch immer war nicht wieder alles aufgebaut. Vor meiner Tür hielt ich inne und neigte meinen Kopf weiter den Gang entlang. Die nächste Tür führte in Yuseis Zimmer. Ob er noch wach ist? Vielleicht sollte ich ihn über Jesses Vorschlag unterrichten. Nur auf die Gründe sollte ich nicht genauer eingehen. An seiner Tür angekommen, klopfte ich und wartete einen Augenblick auf eine Antwort. Unter der Tür war ein Lichtspalt zu sehen, also war er wohl noch wach. Noch einmal klopfte ich und trat ein. „Yusei?“ sagte ich und sah mich suchend um. Auf dem ersten Blick war er nicht zu sehen. Die einzige Lichtquelle im Raum waren einige Kerzen an seinem Schreibtisch, auf dem sich ein bemerkenswerter Stapel Bücher befand. Sein Bett war unangetastet. Die beiden massiven, großen Bücherregale wiesen viele Lücken auf. Einige der Bücher lagen auf der Kommode, ein großer Stapel vor dem Balkon. Die schweren Vorhänge am Balkon waren zurückgezogen und zeigten denselben Ausblick auf die Stadt wie ich ihn in meinen Gemächern hatte. Ich ging weiter in den Raum hinein und entdeckte ihn versteckt hinter dem Bücherstapel vor dem Balkon. Er hatte sich an die Wand gelehnt, seine Augen waren geschlossen und sein Atem gleichmäßig. Ein Arm lag schlapp neben seinem Körper, der andere lag auf dem Buch in seinem Schoß. Er hatte wohl wieder bis zur Erschöpfung gelernt. Unwillkürlich musste ich schmunzeln.
 

Ich ging vor ihm in die Hocke und betrachtete ihn einen Moment schweigend. Einige schwarze Strähnen waren ihm ins Gesicht gefallen und ich strich sie behutsam beiseite, ohne, dass er es mitbekam. Er sah so friedlich aus. Es war erstaunlich wie sehr er sich in den letzten Jahren entwickelt hatte. Nicht nur in Bezug auf seine Fähigkeiten, auch körperlich entwickelte er sich schnell. Noch drei, vielleicht vier Jahre, dann hatte er in Relation zur Lebensspanne in etwa mein Alter erreicht. Schon seltsam. Wieder schüttelte ich den Gedanken ab und legte meine Hand auf seine Schulter. „Yusei?“ sagte ich und strich mit dem Daumen sanft darüber. Er schreckte hoch und sah sich einen Augenblick irritiert um, bis sein Blick auf meinen traf. Ein kleines Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Du solltest ins Bett gehen“ sagte ich und verwarf den Gedanken an das Gespräch. So wie die Ringe unter seinen Augen aussahen, brauchte er jetzt Ruhe. „Vielleicht habt ihr Recht“ sagte er und versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Sein Blick wanderte aus dem Balkon. „Wie spät ist es?“

„Die Sonne ist vor etwa zwei Stunden untergegangen“ sagte ich und erntete seinen überraschten Gesichtsausdruck. „Und du musst bei Tagesanbruch bei Meister Damian sein.“

„Ja“ sagte er und ließ sich von mir auf die Beine helfen. Dabei landete das Buch von seinem Schoß auf dem Boden. Ich hob es auf und sah mir den Einband an. Es war ein dicker, alter Wälzer von einer Untersuchung über die Auswirkungen von Schutzgeistern auf Dämonen. „Ich war nur neugierig“ sagte er schnell und sah mich ertappt an.

Wieder musste ich unwillkürlich schmunzeln. „Bist du aufgeregt?“ fragte ich interessiert und legte das Buch auf den Stapel auf seinem Schreibtisch.

„Ein bisschen“ sagte er bedrückt.

Ich stutzte. Irgendetwas stimmte nicht. „Was ist los?“ fragte ich deshalb, doch er wich meinem Blick aus. Es dauerte einen Moment, ehe er mir antwortete. „Was ist… wenn mich kein Schutzgeist auswählt?“ sagte er schließlich leise. „Ich will Euch nicht enttäuschen.“

Ich seufzte lautlos und überwand die kurze Distanz zwischen uns. Legte meine Hand unter sein Kinn und hob es an, damit sein Blick auf meinen gerichtet war. „Du hast mich bis heute noch nie enttäuscht“ versicherte ich ihm ernst. Ein leichter Rotschimmer legte sich auf seine Wangen. „Egal ob dich ein Schutzgeist auswählt oder nicht, du hast immer dein Bestes getan.“ Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen. „Du hast ein gutes Herz, Yusei. Wenn die Geister das nicht anerkennen, dann sind sie selbst schuld.“
 

Mit jedem meiner Worte verschwand die Anspannung aus seinem Gesicht, bis er mir ein zufriedenes Lächeln schenkte. „Danke, König Haou.“ Noch einmal strich ich mit dem Daumen sanft über die weiche Haut, dann löste ich meine Hand von ihm. „Schlaf gut“ sagte ich und wandte mich von ihm ab, um sein Gemach zu verlassen. „Haou…“ fügte er hinzu und ich blieb stehen. „Danke, dass Ihr mich begleiten wollt. Das bedeutet mir wirklich viel.“ Mein Herz schlug schneller in meiner Brust, ich fühlte mich wie erstarrt. Ich wollte ihm sagen, dass Jesse ihn begleiten würde, aber ich konnte es nicht. Der Grund dafür war mir schleierhaft. „Sicher“ sagte ich, bevor ich die Tür hinter mir schloss und mich mit dem Rücken dagegen lehnte. Jesse hatte wirklich Recht. Aber so sehr ich mir auch einredete, dass ich Abstand zu Yusei halten musste, ich wollte es nicht. Er lenkte mich von meinen eintönigen Pflichten ab, und wenn es nur ein Gespräch bei einer gemeinsamen Mahlzeit war. Er war eine Ablenkung, aber eine angenehme. Doch je näher ich ihn an mich heranließ, desto schmerzhafter wird es werden, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Er hatte eine gefährliche Pflicht zu erfüllen, von der er bis heute nichts wusste. Bis zum Nebelberg sollte ich ihn noch begleiten. Dann wird er die Wahrheit erfahren. Und dann… Ich seufzte lautlos und stieß mich von der Tür ab, um meine eigenen Gemächer zu betreten. Nach unserem Ausflug sollte ich ihn in Jesses Verantwortung legen.

Freundschaft

„Na schön, Yusei. Du kannst dir eine Pause gönnen“ sagte Meister Damian zufrieden. Ich klappte mein Buch zu und nickte. Mein Blick wanderte aus dem Fenster. Die Sonne stand schon in ihrem Zenit und ich musste mich beeilen, damit ich Yugi nicht zu lang warten lasse. Schnell sammelte ich meine Unterlagen zusammen und legte sie zu einem säuberlichen Stapel auf meinen Tisch. „Bis später“ verabschiedete ich mich von meinem Meister und rannte aus dem Raum, auf die Gänge und wich auf meinem Weg einigen Passanten aus. Bis zur Gartenanlage des Tempels war es nicht weit, höchstwahrscheinlich wartete er schon auf mich. Ich bog in die Straße zum Markt ab und lief schnellen Schrittes weiter, bis mich eine bekannte Stimme aufhielt. „Yusei, warte!“ Ich drehte mich zu ihr. Eine ältere Frau winkte mich hinter ihrem Obststand zu sich. Als ich bei ihr ankam, lächelte Dorethie mir freundlich entgegen. „Wohin willst du denn so eilig?“ fragte sie.

„Zum Tempel“ sagte ich und warf einen kurzen Seitenblick den Weg hinunter. Er war schon in Sichtweite.

„Dann will ich dich nicht lange aufhalten, mein Junge. Ich wollte mich nur für deine Hilfe letzte Woche bedanken.“

Ich winkte ab. „Das war selbstverständlich. Sie müssen sich dafür nicht bedanken.“

„Oh doch!“ sagte sie tadelnd und holte einen kleinen Korb hinter ihrem Stand hervor, den sie mit etwas Obst füllte. „Schließlich warst du der einzige, der mir geholfen hat meine Waren wieder einzusammeln.“ Sie hielt mir das Körbchen entgegen. „Ein kleiner Dank ist das mindeste. Und jetzt lass es dir ruhig schmecken. Keine falsche Bescheidenheit.“

Ich schmunzelte und nahm den Korb dankend entgegen. Es brachte nichts mit ihr zu diskutieren. Ich verbeugte mich knapp und setzte meinen Weg fort.
 

Am Tempel angekommen umrundete ich das imposante Gebäude um in die Gärten zu gelangen. Hier war es ruhig und man begegnete keiner Seele. Das war einer der Gründe, warum Yugi und ich uns immer hier trafen. Von weitem erkannte ich ihn und Mana, wie sie sich am Rand des Brunnens unterhielten. Yugi saß auf dem Boden, Mana balancierte auf der kleinen Mauer des Brunnens. Sie war die erste, die mich sah. „Du hast uns ganz schön warten lassen“ rief sie gespielt beleidigt.

„Dafür hab ich etwas zur Versöhnung mitgebracht“ sagte ich und hielt ihr das Körbchen mit Obst entgegen. Sie sprang von der kleinen Mauer und schnappte sich einen Apfel.

„Wenn das so ist, komm nächstes Mal wieder zu spät“ bemerkte sie zwinkernd.

Ich lachte kurz und setzte mich auf die niedrige Mauer, Yugi sah zu mir auf. „Ich hab schon gedacht du schaffst es nicht mehr. Bei wem bist du heute eigentlich?“

„Bei Meister Damian“ antwortete ich, während ich eine Feige aus dem Korb neben mir fischte und sie Yugi reichte. Mit einem glücklichen Lächeln bedankte er sich und genoss die kleine Frucht. Er liebte sie.

„Dem Alchemisten?“ fragte Mana. Ich nickte. „Meine Mutter wollte mich auch zu ihm schicken, wenn ich meine Ausbildung bei Madame Tredwell beendet habe. Wie ist er denn so?“

Einen Augenblick überlegte ich. „Er ist sehr streng, aber gerecht“ antwortete ich schließlich.

„Das ist mir zu diplomatisch“ lachte Mana und beugte sich auf der kleinen Mauer stehend zu mir. „Was lernst du denn bei ihm genau? Madame Tredwell sagte die Kunst der Alchemie beschränkt sich ihrer Meinung nach zu sehr auf Gifte und Heiltränke.“

Ich stutzte. „Nicht wirklich. Je nachdem welche Zutaten man zusammenmischt, kann man sehr viele Tränke herstellen. Vor allem wenn man keine Magie einsetzen kann sind viele davon sehr praktisch.“

„Also mischst du nur Kräuter zusammen?“ fragte sie skeptisch.

„Nein. Fast ein Jahr lang hatte ich kaum Praxis, weil wir alle Zutaten und ihre Wirkungen durchgegangen sind. Du glaubst nicht wie viele Wirkungen eine einzelne Pflanze hat, je nachdem, wie man sie dosiert. Aber ich kann mir vorstellen, dass deine Ausbildung anders verlaufen wird, weil du Magie einsetzen kannst.“

„Was hat das damit zu tun?“ fragte Yugi neugierig.

„Dein Lux Zauber zum Beispiel“ sagte ich und sah mich um. Für diesen Trank wuchs alles im Garten. Ich stand auf, pflückte einen bestimmten Pilz und einige Kräuter, während ich weiterredete. „Das ist einer der einfachsten Zauber, aber man kann ihn auch ohne Magie ausführen, wenn man bestimmte Zutaten zusammenmischt.“ Mit diesen Worten zerkleinerte ich die Kräuter mit einem Stein und fügte zwei Tropfen Säure aus einer Orange aus dem Obstkorb hinzu. Die beiden beobachteten gespannt eine kleine Lichtkugel, die langsam aus den Zutaten aufstieg und gen Himmel flog. „Aber warum solltet ihr das lernen, wenn ihr den Zauber einfach ausführen könnt?“

„Ich glaube es ist ganz gut, wenn man sich nicht zu sehr auf seine Magie verlässt“ überlegte Mana laut, während sie mit den Augen der immer kleiner werdenden Lichtkugel folgte. Auf unsere fragenden Gesichter hin, lachte sie nur. „Naja, stell dir doch mal vor du bist mitten im Kampf und plötzlich hast du keine astralen Kräfte mehr. Wenn du dich dann mit Tränken verteidigen kannst, ist das doch besser als wenn du dann schutzlos bist.“

„Aber dafür hat doch fast jeder Magier einen Schutzgeist“ warf Yugi ein. „Die Geister haben unglaublich viele astrale Reserven.“

„Und was machen dann Magier ohne Schutzgeist?“ fragte sie streng. „Was, wenn dich keiner auswählt, Yugi? Dann hast du keine Reserven und musst aus eigener Kraft gewinnen.“ Er wurde immer kleiner und sah zu Boden. Mana seufzte. „Versteh mich bitte nicht falsch. Es wäre ein Wunder, wenn du keinen Schutzgeist bekommen würdest. Aber du solltest dich mehr auf deine eigene Stärke verlassen.“

„Du hast gut reden“ sagte er. „Du warst schon immer stärker als ich, und darum hast du auch einen Schutzgeist der Klasse-“

„Yugi!“ stoppte sie ihn mitten im Satz. Ich sah sie verwundert an.

„Entschuldige!“ lenkte er schnell ein.

Immer noch fragend sah ich zwischen ihn und Mana. „Was ist denn los?“

Sie seufzte und sprang von der Mauer. Setzte sich neben mich. „Es ist mir nur unangenehm, wenn die anderen von meinem Schutzgeist erfahren“ sagte sie und sah mich traurig an. „Ich will deswegen nicht anders behandelt werden.“

„Wer ist denn dein Schutzgeist?“ fragte ich. In den Jahren in denen ich sie kannte, kam dieses Thema nie auf.

Sie sah in den Himmel und atmete noch einmal tief durch, dann rief sie ihren Schutzgeist. Vor ihr materialisierte sich ein blondes Mädchen in einer blauen Rüstung und lächelte fröhlich, während sie sich auf ihr schwebendes Zepter setzte. Sie hatte starke Ähnlichkeit mit Mana. „Hey, schwarzes Magier-Mädchen“ sagte sie und lächelte zaghaft. Dann deutete sie auf mich. „Das ist Yusei. Yusei, das ist mein Schutzgeist.“

Mit großen Augen betrachtete ich das schwarze Magier-Mädchen. Sie strahlte eine unglaublich starke Aura aus. „Freut mich“ sagte ich leise und sah wieder zu Mana. „Aber warum ist dir das unangenehm?“

Sie ließ die Schultern hängen und betrachtete den Boden. „Wenn die anderen erfahren, dass ich einen Klasse A Schutzgeist habe, dann behandeln sie mich vielleicht anders. Ich will nicht, dass sie Angst vor mir haben. Oder vielleicht nur wegen dem schwarzen Magier-Mädchen mit mir befreundet sein wollen. Deswegen habe ich nur ganz wenigen von ihr erzählt.“

Eine Hand auf ihrer Schulter ließ Mana Aufsehen. Ihr Schutzgeist schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und verschwand. Mana blickte traurig auf die Stelle, an der ihr Schutzgeist eben noch stand.
 

Ich konnte sie ein wenig verstehen. Viele Dämonen hatten Angst vor Menschen und projizierten ihre negativen Gefühle ihnen gegenüber auf mich. Wenn keiner von ihnen wüsste, dass ich ein Mensch bin, dann würden sie mich vielleicht anders behandeln. Dann würde ich meine Herkunft vielleicht auch verheimlichen, so wie sie ihren Schutzgeist verheimlichte. Ich schüttelte den Gedanken ab. Wenn ich das machen würde, dann würde ich mich selbst verleumden. Ich schmunzelte und ergriff ihre Hand. Sie sah auf. „Wenn du es niemandem erzählen willst, dann halte ich meinen Mund. Aber wenn du meine Meinung hören willst: versteck dich nie hinter deiner Angst. Du kannst stolz auf deine Fähigkeiten sein, und auch auf deinen Schutzgeist. Wenn du dein Leben lang eine Lüge lebst, dann wirst du irgendwann daran kaputt gehen.“

Yugi nickte bestätigend und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.

Sie schüttelte belustigt den Kopf und drückte meine Hand fester. „Vielleicht hast du Recht, aber ich habe Angst, dass sich dann alles ändert. Mir gefällt mein Leben so wie es jetzt ist.“

„Aber manche Dinge werden sich nicht ändern“ sagte Yugi und stand auf. Stellte sich direkt vor Mana und lächelte breit. „Egal wie du dich entscheidest, du wirst immer meine beste Freundin bleiben.“

Sie sprang auf und umarmte Yugi schwungvoll, sodass er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. „Das weiß ich doch, du Dummkopf“ sagte sie lachend. Das Gesicht meines Freundes nahm mit jeder Sekunde einen dunkleren Rotton an und ich lächelte amüsiert. Wann er wohl je zu seinen Gefühlen stehen wird? „Deine Zeremonie beginnt doch auch in ein paar Wochen“ sagte Mana und löste sich wieder von unserem bunthaarigen Freund. „Wenn du dich auch mit einem starken Schutzgeist vereinst, und das wirst du, dann erzähle ich den anderen von meinem!“

„Was?!“ brach es schockiert aus ihm heraus, was mich und Mana lachen ließ.

„Bist du auch schon aufgeregt?“ fragte ich Yugi interessiert. Schließlich war er der einzige den ich kannte, der in der gleichen Situation war wie ich. Auch wenn er nichts davon wusste.

Er atmete tief durch und sah in den Himmel. „Na klar. Das ist schließlich eine große Sache. Vor dem Aufstieg graut es mir jetzt schon, ich bin wirklich nicht der beste Kletterer.“

„Da musst du dir keine großen Gedanken machen“ warf Mana ein. „Wenn du auf dem Pfad bleibst, ist der Aufstieg gar nicht so schlimm.“

„Du schaffst das schon“ sagte ich zuversichtlich. „Immerhin bereitest du dich seit Jahren darauf vor.“

Er nickte verlegen. „Aber warum bist du eigentlich aufgeregt?“

Mein Herz machte einen Satz. Wie kommt er darauf? „Was?“

„Du hast doch gefragt ob ich auch aufgeregt bin. Du etwa auch?“

„Nein“ sagte ich und hob abwehrend die Hände. Ich brauche dringend eine Ausrede. Nur welche? „Aber Mana schien gerade ganz aufgeregt über die Sache mit deinem Schutzgeist“ log ich. Kurz hatte ich Hoffnung die beiden würden die Aussage einfach schlucken, doch Mana sah mich skeptisch an, während Yugi mich eher verwirrt betrachtete. „Ja, klar“ sagte sie und beugte sich zu mir. Ich schluckte. „Das war eine furchtbare Lüge. Versuchs noch mal, aber dieses Mal mit der Wahrheit.“
 

Ich mied ihren Blick. König Haou wollte nicht, dass irgendjemand davon erfährt. Auch, wenn ich meinen Freunden vertrauen konnte. Jetzt darauf zu beharren, dass es mein Ernst war, konnte ich wegen meiner unwillkürlichen Reaktion auch nicht mehr. Ich vergrub meine Finger in den Stoff meiner Hose, mein Herzschlag nahm stetig zu. „Ich kann nicht“ murmelte ich wahrheitsgemäß. Haou hatte mir schon oft von Ereignissen berichtet oder mir Aufgaben erteilt, über die ich mit niemandem reden durfte. Bis heute hatte ich dieses Schweigen nie gebrochen. Aber diese ständigen Geheimnisse waren eine schwere Last. König Haou war der einzige, mit dem ich hätte darüber reden können. Aber wegen seiner Pflichten bekam ich ihn manchmal über Tage nicht zu Gesicht und Jesse, der über so ziemlich alles informiert war worüber Haou und ich sprachen, mied mich so gut es ging. In solchen Momenten fühlte ich mich einsam, aber ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Manchmal zerriss mich diese Fassade förmlich.

„Wegen König Haou?“ riss mich Yugi aus meinen Gedanken.

Ich nickte.

„Warte, sollst du etwa auch an der Zeremonie teilnehmen?“ fragte Mana überrascht. Meine Haltung fiel immer mehr in sich zusammen. Jetzt hatte ich mich verplappert. Wenn Haou das herausfindet, wird er sicher enttäuscht oder wütend sein. Vermutlich erwartet mich auch eine Strafe. Ob Yugi und Mana ebenfalls etwas derartiges erwartet?

„Mach dir keinen Kopf“ hörte ich Yugis Stimme und sah wieder auf. Er lächelte freundlich. „Bei uns ist dein Geheimnis sicher, das weißt du doch.“

„Yugi hat Recht. Warum sollten wir jemandem davon erzählen?“

Ich schmunzelte ob ihrer Verschwiegenheit. Einmal mehr war ich dankbar für ihre Freundschaft. Zumindest dieses Geheimnis konnte ich ihnen anvertrauen, wenn auch unfreiwillig.

„Wann ist es denn soweit?“ fuhr Mana fort und strahlte förmlich vor Begeisterung.

Jetzt wo sie es ohnehin wissen, kann ich sicher mit ihnen reden. „Wir brechen in drei Tagen auf.“

„So kurz vor deiner Prüfung?“ fragte Yugi erstaunt. „Die ist doch auch schon in ein paar Tagen.“

Stimmt, die Prüfung hatte ich ganz vergessen. Irgendwie muss ich die Zeit finden um dafür zu trainieren. Nur wann? Durch meine vielen Pflichten hatte ich ohnehin zu wenig Zeit. Ich war so in meinen Gedanken versunken, dass ich Manas Frage nur am Rande mitbekam. „Yusei?“ sagte sie und wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht, was mich wieder in die Realität holte. „Seit wann weißt du eigentlich davon?“ wollte sie vermutlich zum zweiten Mal wissen.

„Seit gestern.“

„Was?!“ kam es wie aus einem Mund von den beiden. Ich sah sie nur überrascht an. Ehe ich reagieren konnte, redete Mana weiter. „Aber du hast doch kaum Zeit dich vorzubereiten! Weißt du überhaupt wie man sich gegen einen Schutzgeist verteidigt?“

„Warum sollte ich mich gegen einen verteidigen?“ fragte ich verständnislos.

„Viele Schutzgeister sind sehr friedlich“ meinte Yugi. „Wenn sie sich nicht mit dir verbinden, verschwinden sie einfach wieder. Aber einige von ihnen verteidigen ihr Revier. Wenn du ihren Weg kreuzt, kann es passieren, dass sie dich angreifen.“

„Davon hat mir niemand etwas erzählt“ sagte ich leise. Weder Madame Tredwell noch König Haou. Allerdings waren unsere Gespräche darüber nur sehr kurz, vieles über die Zeremonie hatte ich aus Büchern erfahren, aber in keinem stand etwas über Angriffe durch Schutzgeister auf Dämonen.

„Das passiert auch nicht immer“ sagte Mana. „Mich hat damals nur ein Schutzgeist angegriffen, aber den konnte ich mit einem einfachen Signum Zauber abwehren.“

„Aber Yusei kann keine Magie anwenden“ warf Yugi ein.

„Wenn ich mein Schwert mitnehmen darf, dann kann ich mich gegen schwächere Schutzgeister sicher verteidigen.“

„Das sollte kein Problem sein, aber was machst du bei Geistern ab Klasse C oder B? Die sind schon echt stark. Und wenn sie aus der Distanz angreifen, kannst du dich mit deinem Schwert auch nicht verteidigen.“

Ich lachte bitter auf. „Als ob ich so weit kommen würde. Jesse glaubt ohnehin nicht, dass ich mich mit einem Schutzgeist verbinden könnte, weil ich nur ein Mensch bin.“ Wenn überhaupt wird mich vielleicht einer der Klasse D auswählen und selbst dann kann ich keine Magie anwenden, was scheinbar Ziel der ganzen Zeremonie für mich ist.

„Das sagt er auch nur, weil er nicht an dich glaubt“ sagte Mana ernst. „Und er glaubt nicht an dich, weil er dich nicht kennt. Wir schon. Und du hast das Zeug dazu, dass dich ein Schutzgeist auswählt!“

Yugi nickte und sah mich ebenso ernst an. „Was sagt denn der König dazu?“

Ich mied seinen Blick, betrachtete den Boden vor mir. „Er sagt ich habe ihn noch nie enttäuscht“ brachte ich leise heraus. Mein Gesicht wurde ganz warm, wenn ich an seine Worte in dieser Nacht zurückdachte. Er sagte ich hätte ein gutes Herz. Ich sah an dem Ausdruck in seinen Augen, dass er es ernst meinte.
 

„Also glaubt er auch an dich“ bemerkte Yugi fröhlich. Ein kleines Lächeln legte sich auf meine Lippen und ich nickte. Yugi legte seine Hand auf meine und zwang so meinen Blick wieder zu ihm, sah mich mit einem warmen Ausdruck in seinen Augen an. „Dann solltest du anfangen das in dir zu sehen, was wir drei schon die ganze Zeit erkannt haben.“

Gebrochener Dämon

Die kalte Luft wandelte unseren Atem in kleine Wölkchen. Das Stampfen der Hufe unserer Pferde hallte als einziges Geräusch über die weitläufige Landschaft. Vor uns erstreckte sich eine Gebirgskette, der größte Berg in der Mitte ragte bis in die Wolken, man konnte seine Spitze nicht erkennen. Ich blickte in den Himmel. Über uns konnte ich die Silhouette von Yubel ausmachen, ihren Blick stets auf uns gerichtet. Seit zwei Tagen waren wir immer weiter gen Norden unterwegs, bald hatten wir unser Ziel erreicht. „Wie war es damals bei Euch?“ fragte ich um meine aufkommende Nervosität zu ersticken.
 

Einen Augenblick überlegte Haou, schließlich schmunzelte er. „Ich fand es war die Hölle“ sagte er und lachte in sich hinein. Sein Schutzgeist tauchte an seiner Seite auf. „Der Aufstieg war furchtbar anstrengend und die Schutzgeister in den höher liegenden Gebieten waren so stark, dass ich flüchten musste, wenn sie mich angegriffen hatten. Mit meiner Ausbildung im Kampf und der Magie war ich damals noch nicht sehr weit, also wusste ich mich nicht gegen so starke Kreaturen zur Wehr zu setzen aber gefolgt sind sie mir glücklicherweise nie sehr weit. Aber als geflügelter Kuriboh mich ausgewählt hatte, war all die Anstrengung ganz vergessen. Als er sich mit mir verbunden hat, war das ein unglaubliches Gefühl.“ Es neigte seinen Kopf zu mir und sah mich amüsiert an. „Nervös?“ Ich schluckte trocken und nickte. Sein Lächeln wurde breiter. „Das ist völlig normal. Jeder, der dieses Ritual hinter sich hat, lügt, wenn er behauptet er wäre entspannt an die Sache rangegangen. Es ist einer der wichtigsten Augenblicke im Leben eines Dämons. Da darf man nervös werden. Aber du bist stärker als ich damals. Du wirst das schaffen.“
 

Ich seufzte lautlos und betrachtete die Zügel in meiner Hand. Haou hatte anscheinend keinen Zweifel an meinem Erfolg, anders als ich. Als wir abgereist waren, hatten Jesse und sein Onkel Meister Ares noch einmal betont, was für ein sinnloses Unterfangen diese Reise wäre. Als ob sich ein Schutzgeist für einen Menschen entscheiden würde. Meine Fähigkeiten waren auch nicht viel besser als die der meisten Schüler, und die hatten die Zeremonie zum größten Teil noch nicht hinter sich. Außerdem haben auch die Geister den Krieg miterlebt. Keiner von ihnen wird sich mit einem Feind verbinden wollen, denn etwas anderes waren die Menschen nicht. Ob ich auch so grausam wäre, wäre ich bei ihnen aufgewachsen? „Hier sollten werden wir unser Lager aufschlagen“ holte mich die Stimme Haous aus meinen Gedanken und ich sah mich um. Der Nebelberg war bereits in greifbarer Nähe und die Sonne schenkte dem Abendhimmel seine warmen Farben. Während der König die Pferde absattelte und an einem der wenigen Bäume festband, bauten Yubel und ich schweigend das Lager auf. „Hast du eigentlich auch einen Schutzgeist?“ fragte ich zögerlich in die Stille. Für einen Moment stoppte sie ihre Arbeit am Zelt und rührte sich nicht mehr. Es lag eine Trauer in ihrem Blick, die ich vorher noch nie bei ihr gesehen hatte. Schließlich schloss sie ihre Augen einen Moment und atmete hörbar aus. „Nein“ antwortete sie leise. In einer schnellen Bewegung machte sie das Zelt im Boden fest und stand auf. „Ich werde Feuerholz besorgen“ waren ihre letzten Worte, bevor sie mit einem Flügelschlag im Abendhimmel verschwand. Besorgt sah ich ihr hinterher. So kannte ich sie gar nicht.
 

„Die Sache mit ihrem Schutzgeist hat sie bis heute nicht überwunden“ hörte ich Haous traurige Stimmte und drehte mich zu ihm.

„Sie hatte also einen?“ fragte ich verständnislos. Soweit ich wusste banden sich Schutzgeister ein Leben lang an ihre Dämonen.

Er nickte und ließ einen kleinen Stapel Holz in die Feuerstelle fallen. Während er es mit einem Zauber entflammte, sprach er weiter. „Sie war die einzige Dämonin die ich kannte, die sich mit einem Geist der Klasse S verbunden hatte.“ Erstaunt betrachtete ich den König und setzte mich zu ihm an das knisternde Feuer. Das Licht warf tanzende Schatten in die Umgebung, doch ich betrachtete nur Haous trauriges Gesicht. Anscheinend war er mit seinen Gedanken in diesem Moment an einem anderen Ort. „Ich war noch sehr klein als all das passierte“ sprach er schließlich leise weiter. „Mein Vater hatte mir die Geschichte einmal erzählt. Yubel war damals eine gewöhnliche Dämonin. Ohne Schwingen oder besondere Fähigkeiten. Wenn ich recht überlege, sah sie deiner Freundin Mana ganz ähnlich. Als sie 50 Jahre alt wurde, schickten ihre Eltern sie auf den Nebelberg. Dort hatte sie sich gegen jeder Erwartung mit einem mächtigen Drachen verbunden.“ Ein leidender Ausdruck schlich sich in Haous Augen. „Drachen sind für uns heilige Geschöpfe, doch aus irgendeinem Grund verschwanden sie nach und nach. Yubel hatte sich mit dem letzten Drachen verbunden, der in unserer Welt existierte. Dem Regenbogendrachen.“ Ein kleines Schmunzeln legte sich einen Augenblick lang auf seine Lippen. „Sie war stolz und glücklich ein so wunderbares Geschöpf an ihrer Seite zu wissen. Die beiden waren ein Herz und eine Seele. Sie wurde als Stolz des Landes im Palast aufgenommen und einem intensiven Training unterwiesen. Als rechte Hand des Königs, meines Vaters. Sie wurde zu seiner engsten Vertrauten und für meine Mutter war sie wie eine Schwester. Kurz nach meiner Geburt änderte sich jedoch alles. Mein Onkel war eifersüchtig auf mich, weil er in der Thronfolge nicht mehr der nächste war. Also ließ er eines Nachts ein Attentat auf mich verüben, als mein Vater eine Weile nicht im Palast war.“ Seine Haltung wurde immer verkrampfter. Er legte die Arme schützend um seine angewinkelten Beine. Seine Stimme wurde leiser. „Meine Mutter starb bei dem Versuch mich zu beschützen. Durch den Tumult wurde Yubel als erste alarmiert und konnte den Attentäter aufhalten, bevor er auch mich umgebracht hätte. Als die Wachen den Raum betraten, war der Angreifer gelähmt und Yubel lag mehr tot als lebendig neben meiner Mutter und hielt mich schützend in ihren Armen. Die Heiler versuchten tagelang sie zu retten, doch sie konnten nichts für Yubel tun. Mein Vater war verzweifelt und suchte Rat bei den Weisen. Er hatte schon meine Mutter verloren und wollte seine engste Vertraute nicht auch noch missen. Die Weisen sagten ihm es gäbe einen Weg sie zu retten, doch es hätte einen hohen Preis. Mein Vater stimmte ohne zu zögern zu, also vollzogen die Weisen ein uraltes Ritual.“ Haou schloss die Augen und atmete tief durch. Sein Blick wanderte in den sternklaren Himmel. „Um Yubels Leben zu retten, opferten sie ihren Schutzgeist und setzten dessen Herz in ihren Körper.“
 

Meine Augen weiteten sich überrascht. Wenn sie ihren Schutzgeist so geliebt hatte, wollte ich mir nicht vorstellen, wie es sein muss, einen jahrelangen Freund plötzlich zu verlieren, damit man selbst weiterleben konnte. „Sie hatte schwer damit zu kämpfen“ bestätigte Haou meine Vermutung, während er noch immer gen Himmel sah. „Das Ritual war zwar ein voller Erfolg, doch Yubel änderte sich dadurch. Ihre Gestalt passte sich der eines Drachen an, ihre Fähigkeiten stellten die der anderen in den Schatten, doch ihr Herz war gebrochen. Jahrzehntelang teilte sie sich mit ihrem besten Freund einen Körper und plötzlich war sie allein. Die Einsamkeit fraß sie allmählich auf.“ Haous Blick richtete sich wieder auf mich. „Der einzige Sinn in ihrem Leben ist es seitdem, meinen Vater und mich zu schützen. Als mein Vater im Krieg gefallen war, richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf mich. Deswegen ist sie manchmal so gebieterisch. Ich glaube, würde sie mich auch noch verlieren, würde sie das an den Rand des Wahnsinns treiben. Der Verlust ihres Drachen nagt auch heute, hundert Jahre später, noch an ihr. Sobald ich das Thema anschneide, flüchtet sie. Deswegen sprechen wir nicht darüber.“
 

„Entschuldigt bitte“ sagte ich betrübt. „Das wusste ich nicht.“

Ein trauriges Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Woher auch? Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, nur sprich das Thema lieber nicht mehr an. Es fügt ihr nur unnötig weiteren Schmerz zu.“

Ich nickte, auch wenn ich mir nicht sicher war, dass das wirklich der beste Weg war mit der Sache umzugehen.

Der Nebelberg

Langsam wurde ich wach und versuchte mich in der Dunkelheit zu orientieren. Die tanzenden Strahlen des Feuers außerhalb unseres Zeltes waren die einzige schwache Lichtquelle. Heute war es soweit. Heute sollte ich den Pfad über den Nebelberg beschreiten. Wieder wurde ich nervös. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich schlug die Decke zur Seite und die Kälte die mich mit einem Schlag umfing vertrieb auch die letzte Müdigkeit aus meinem Körper. Leise, um Haou nicht zu wecken, der friedlich neben mir schlief, schnappte ich meine Sachen und verließ das Zelt. Yubel saß am Feuer und warf mir einen kurzen Seitenblick zu, ehe die ihren Blick wieder in die Flammen richtete. „Willst du dich nicht etwas ausruhen?“ fragte ich. „Ich übernehme die Wache für dich.“

„Ich brauche keine Pause“ antwortete sie schlicht. „Aber du brauchst deine Kräfte. Bei Sonnenaufgang musst du aufbrechen.“

„Ich kann nicht mehr schlafen“ sagte ich und setzte mich zu ihr. Am Feuer war es bedeutend wärmer und ich hob meine Hände etwas näher an die Flammen.
 

Stille. Eine ganze Weile waren das Knistern des Feuers und Rascheln des Windes in den Bäumen die einzigen Geräusche. Mein Blick wanderte in den sternklaren Himmel. Direkt über uns war die Sichel eines zunehmenden Mondes. Der laute Sturm meiner Gedanken um das Ritual verzog sich und ich fühlte einen seltsamen inneren Frieden. Ein kleines Schmunzeln legte sich auf meine Lippen. Wenn man von der eisigen Kälte mal absah, war das hier eine wundervolle Gegend. Mein Blick wanderte wieder zu Yubel und mein Lächeln intensivierte sich. Ihre Augen waren geschlossen und der sonst so grimmige Blick war verschwunden. Sie schien friedlich zu schlafen. Anscheinend brauchte sie doch eine kleine Auszeit. Kein Wunder. Sie hatte darauf bestanden die Nacht am Feuer zu verbringen und mein gestriges Angebot die erste Wache zu übernehmen abgelehnt. Nach einer Weile färbte sich der Himmel heller und ich hörte Geräusche aus dem Zelt hinter mir. Schlagartig war Yubel wieder wach und wir sahen in Richtung des Zeltes, aus dem kurze Zeit später Haou stieg. „Guten Morgen“ sagte ich verwundert und betrachtete ihn. In seiner Hand hielt er etwas, das in dünnes Leder eingeschlagen war. „Was ist das?“ fragte ich neugierig.
 

Ein warmes Lächeln legte sich auf seine Lippen und er setzte sich zu uns. Das Lederbündel legte er in meinen Schoß und ich sah ihn verwirrt an. „Guten Morgen“ sagte er und sein Lächeln intensivierte sich. „Und alles Gute.“ Noch immer war ich irritiert, was mir ein leises Lachen von Haou bescherte. Mein Gesicht wurde ganz warm. Ich liebte die seltenen Augenblicke, in denen er lachte. „Hast du deinen Geburtstag wieder vergessen?“

„Oh“ brachte ich nur heraus und mein Gesicht wurde noch wärmer. Stimmt, heute ist mein 18. Geburtstag. Das hatte ich völlig vergessen. Haou schüttelte nur belustigt den Kopf und deutete auf das Lederbündel. „Willst du es nicht öffnen?“
 

Zögerlich nickte ich und sah zu dem Geschenk. Ich schlug die Seiten des Leders zur Seite und legte etwas Schwarzes frei. Yubel zog neben mir überrascht die Luft ein. „Ich wollte es dir eigentlich erst am Tag deiner Prüfung geben“ sprach Haou, während ich den Inhalt des Geschenks gänzlich freilegte. „Aber heute wirst du es sicher brauchen können.“ Meine Finger wanderten über das weiche Material. Es fühlte sich fest wie Metall an, war aber dünn und biegsam wie Stoff. Irgendwie seltsam. Es entfaltete sich, als ich es anhob und ich sah überrascht zu Haou. „Eine Rüstung?“ fragte ich verwundert.

Er nickte. „Es ist eine Mythrilrüstung, die mein Vater vor vielen Jahren entwickelt hatte. Sie war für die Elite unserer Späher gedacht, aber das Material war zu aufwändig in seiner Herstellung. Die Rüstung wurde erst kurz vor Ende des Krieges fertig. Durch ihre Beschaffenheit kann man sich nahezu lautlos bewegen. Gleichzeitig ist das Material so fest, dass keine Klinge es durchtrennen kann.“
 

Wieder sah ich zu der Rüstung in meiner Hand. Der Brustpanzer, sowie die Arm- und Beinschienen und die Stiefel, die noch in meinem Schoß lagen, waren aus dickerem Material als der Rest. Sie war nicht viel schwerer als mein Alltagsgewand, aber leichter als meine Trainingsrüstung. „Danke“ murmelte ich mit einem Lächeln, konnte meinen Blick aber nicht von der schwarzen Rüstung lösen. Mein Bauch kribbelte angenehm. Ich war so unglaublich dankbar, ich konnte es nicht beschreiben. „Probier sie doch mal an“ antwortete er.
 

Wenig später hatte ich mich umgezogen und bekam das Lächeln einfach nicht aus meinem Gesicht. Diese Rüstung war das erste Geschenk, das ich je bekommen hatte. Natürlich hatte ich immer genügend Kleidung und alle nötigen Materialien und Ausrüstungen für meinen Unterricht, aber das hier war etwas ganz anderes. Etwas Besonderes. Nicht, weil sie einzigartig war, sondern weil ich sie von ihm erhalten hatte. Die Rüstung saß perfekt und ich konnte mich absolut frei darin bewegen. Und dieses Material soll wirklich einer Klinge wiederstehen können? Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Ich trat aus dem Zelt heraus und König Haou nickte zufrieden. „Wir sollten aufbrechen“ bemerkte er.
 

Wir machten uns nicht die Mühe das Lager abzubauen, da Haou ohnehin annahm, dass ich vor Sonnenuntergang nicht zurück sei. Also sattelten wir lediglich die Pferde und ritten auf den Nebelberg zu. Vor einem gigantischen Steintor kamen wir zum Stehen und stiegen ab. „Ab hier musst du allein weitergehen“ sagte der König. Noch einmal holte ich tief Luft und stellte mich direkt unter das Tor. Der Pfad war gut zu erkennen, verlaufen konnte ich mich also nicht, wenn er weiter oben auch so sichtbar war. Ein letztes Mal sah ich zurück. König Haou nickte mir aufmunternd zu, Yubel hatte einen unergründlichen Ausdruck in ihren Augen. Als wolle sie mich zurück halten. Ich richtete meinen Blick wieder nach vorn. Mein Herz schlug in einem so wilden Tempo gegen meine Brust, dass es schmerzte. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, versuchte die Nervosität abzuschütteln und setzte meinen Weg allein fort. Mit jedem Schritt flaute die Übelkeit ab, mit jeder Biegung beruhigte sich mein Herz. Yubel und Haou waren schon lang nicht mehr zu sehen. Hier und da stieg ich über einen umgestürzten Baum oder kletterte über einen im Weg liegenden Felsen. Davon abgesehen war der Aufstieg fast schon entspannt. Die abnehmenden Temperaturen spürte ich nur in meinem Gesicht. Mein Körper wurde von der Rüstung angenehm warm gehalten. Als die Sonne bereits im Zenit stand, hörte ich ein Geräusch. Meine Hand legte ich an mein Schwert und sah mich suchend um. Das Rascheln kam aus einem kleinen Strauch, nicht weit von mir entfernt. Der Griff um mein Schwert verstärkte sich, doch ich ließ es noch in seiner Halterung. Plötzlich hüpfte etwas Rosafarbenes aus seinem Versteck. Ein Küken? Große, grüne Augen musterten mich neugierig. Meine Anspannung verschwand. Ein Schutzgeist. Und wie es aussah, war er friedlich. Das Küken legte den Kopf schief, musterte mich einen Augenblick und verschwand so schnell, wie es aufgetaucht war. Unwillkürlich musste ich über meine Nervosität lächeln und setzte meinen Weg fort. Wenn mich ein so kleiner Schutzgeist schon aus der Fassung brachte, konnte das ja noch was werden.
 

Ab und an sah ich weitere Geister. Ihre Reaktionen waren aber immer dieselben. Sie musterten mich kurz und verschwanden wieder. Nach etwa drei Stunden wurde der Aufstieg anstrengender, die Wege steiler und die Geister weniger. Dafür wurde ihre Aura immer stärker. Doch noch immer verschwanden sie, wenn sie mich sahen. Langsam schlichen sich die Zweifel wieder in meine Gedanken, ob mich überhaupt ein Schutzgeist auswählen würde, doch ich schüttelte sie ab. Wenn ich jetzt anfange zu zweifeln, kann ich gleich wieder umdrehen. Wieder tauchte ein Schutzgeist neben mir auf. Eine schwarz gefiederte Kreatur, etwas größer als ich, mit langen, scharfen Krallen. Auch er sah mich abwartend an, doch ich lief langsam weiter. Madame Tredwell sagte doch, ich solle meinen Weg fortsetzen und nicht auf sie zugehen. Doch dieser Geist verhielt sich anders. Er folgte mir. Ob er mich auswählen wollte? Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm. Sah ihn abwartend an. Ein eisiger Wind zog auf und wirbelte Staub vom Boden durch die Luft. Plötzlich schnellte er auf mich zu. Reflexartig zog ich mein Schwert und konnte im letzten Moment seine Klauen aufhalten, die geradewegs auf mein Herz zielten. Ein Schlag seiner mächtigen Flügel und er war gen Himmel verschwunden. Was war das? Ich suchte den Himmel ab, sah mich hektisch um. Achtete auf jede noch so kleine Bewegung, auf jedes noch so kleine Geräusch, doch da war nichts. Alles war still. Mein Herz beruhigte sich langsam wieder. Ist er verschwunden? Hat er mich angegriffen, weil ich stehen geblieben bin? Nein, in dem Fall hätte auch das Küken von vorhin versucht mich zu attackieren. Seufzend steckte ich mein Schwert wieder in die Halterung und ging weiter.
 

„Yusei?“ hörte ich eine mir bekannte Stimme. Verwundert sah ich in die Richtung aus der der Ruf kam. Hinter der nächsten Biegung stand Mai und sah mich ebenso irritiert an wie ich sie.

„Was machst du denn hier?“ fragte ich.

Ihre Augenbraue erhob sich. „Die Schutzgeistzeremonie. Was soll ich sonst so weit oben auf dem Nebelberg wollen? Aber was will ein Mensch wie du hier? Noch dazu in dem Aufzug.“ Was sollte ich schon sagen? Sie hatte Recht. Es gab keine andere logische Begründung hier zu sein. Aber ich durfte es niemandem erzählen. Schlimm genug, dass Yugi und Mana es herausgefunden hatten. „Warte“ holte mich Mai aus meinen Gedanken und betrachtete mich skeptisch. „Willst du etwa auch versuchen dich mit einem Schutzgeist zu verbinden? Glaubst du wirklich, dass du das schaffen wirst?“

Es bringt nichts es abzustreiten. Ich seufzte und ging an ihr vorbei. „Keine Ahnung“ antwortete ich dabei. „Deswegen bin ich ja hier.“

Stillschweigend folgte sie mir und ich sah unschlüssig über meine Schulter. „Schau nicht so. Es gibt nur einen Pfad, wir haben buchstäblich denselben Weg.“

„Du hattest auch noch keinen Erfolg?“ schlussfolgerte ich.

Ein kleines Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Nein, aber ich bin auch nicht böse drum. Je näher man der Spitze kommt, umso stärker werden die Geister. Wenn ich die stärkste Schwertkämpferin der Isekai werden will, habe ich keine Verwendung für einen schwachen Geist.“

Ich sah mich um. In einiger Entfernung beobachtete uns ein gepanzerter Panther mit einem Krummsäbel aufmerksam. Doch seine Körperhaltung ließ nicht vermuten, dass er uns angreifen wollte. „Welche Klasse die Geister hier wohl haben?“ fragte ich gedankenverloren.

Mai hatte zu mir aufgeschlossen, ihr Blick war ebenfalls auf den Panther gerichtet. „Keine Ahnung. Vermutlich Klasse C, vielleicht B. Man kann die Spitze dieses verdammten Berges ja noch immer nicht sehen.“

„Bist du eigentlich auf eine bestimmte Kategorie aus?“

„Angriff“ antwortete sie ohne zu zögern. „Ich will stärker werden, und mich nicht besser schützen, also fällt Schild raus. Und mit Magie habe ich nichts am Hut. Was ist mit dir?“
 

Ich zuckte mit den Schultern. Haou wünschte sich zwar einen Geist der Kategorie Magie für mich, aber ich hatte ohnehin keine Hoffnung, dass das auch klappen würde. Ich wäre schon froh, wenn sich überhaupt ein Schutzgeist mit mir verbinden würde. Egal welcher Kategorie er angehört. Mai verschränkte ihre Arme und blieb stehen. Verwundert drehte ich mich zu ihr. Sie sah mich genervt an. „Also ehrlich, wenn du diesen Weg schon auf dich nimmst, solltest du dir sicher sein was du willst. Deine Unsicherheit geht mir echt auf die Nerven. Was ist der Grund warum du überhaupt einen Schutzgeist haben willst?“ Ich wich ihrem durchdringenden Blick aus. Die Antwort auf ihre Frage war mir selbst ein Rätsel. Vor ein paar Tagen noch hätte ich gesagt, dass es König Haous Wunsch war. Dass ich es nur für ihn versuchen wollte. Aber irgendwie schien mir diese Antwort nicht mehr passend. Ich wollte es nicht mehr nur für ihn, sondern auch aus einem anderen Grund. Aber meine Gedanken waren zu durcheinander, als dass ich hätte sagen können warum. „Warum willst du dich mit einem Schutzgeist verbinden?“ drängte Mai noch einmal.

„Warum ist das so wichtig für dich?“ entgegnete ich.

Ihr Blick wurde ernst. „Ganz einfach. Wenn du dir nicht im Klaren darüber bist was du willst, wie soll sich dann ein Schutzgeist für dich entscheiden? Die Geister haben die Fähigkeit das wahre Selbst einer Person zu sehen. Ihre Hoffnungen und Ängste. Wenn du selbst nicht weißt wer du bist, wird sich kein Geist mit dir verbinden.“ Wieder wich ich ihrem Blick aus und sah an ihr vorbei. Wer ich bin… Eine schemenhafte Bewegung riss mich aus meinen Gedanken. Mai sah meinen suchenden Blick und drehte sich ebenfalls um. „Was ist denn?“ fragte sie.

„Ich weiß es nicht“ murmelte ich und sah mich suchend um. „Ich habe irgendwas gesehen, aber jetzt ist es wieder weg.“ Nicht ein einziges Geräusch deutete darauf, dass sich hinter den Felsen etwas versteckte. Habe ich mir das eben eingebildet?

Sie drehte sich skeptisch zu mir. „Wenn du jetzt vom Thema ablenken wolltest, war das ein wirklich trauriger Versuch.“
 

Plötzlich sprang eine Kreatur mit rasiermesserscharfen Krallen aus den Schatten der Felsen und stürzte direkt auf Mai zu. „Vorsicht!“ schrie ich, überbrückte die kurze Distanz zwischen uns. Hob mein Schwert schützend vor mich. Ich wurde umgerissen und zog Mai mit mir. Ein dumpfer Schmerz an meinem Hinterkopf ließ mich keuchen. Am Boden liegend versuchte ich das Vieh mit meinem Schwert zurückzudrängen. Es war zu stark. Die unzähligen roten Augen, die sich über seinen grünen Körper verteilten waren auf mich gerichtet. Sein faulig stinkendes Maul kam mir bedrohlich nahe. Immer näher drückte es mein Schwert zu mir und ich knurrte leise. Währenddessen wand sich Mai unter uns hervor und brachte atemlos etwas Platz zwischen uns. Mit einem Knacken bildete sich ein gewaltiger Riss in meinem Schwert. Lange würde es nicht mehr halten. Mein Herz raste. Verdammt. Was soll ich tun? Plötzlich gab das Vieh einen markerschütternden Schrei von sich. Es war abgelenkt. Ich winkelte meine Beine an und trat das Monster mit voller Kraft von mir herunter. Rappelte mich auf. Mai stand mit einem entschlossenen Blick an meiner Seite. Ihre Klinge gezückt, an welcher schwarzes Blut in dünnen Rinnsalen auf den Boden tropfte. Sie hatte das Vieh an der Seite verwundet. Kreischend richtete die Kreatur seine volle Aufmerksamkeit wieder auf uns. Erneut griff es uns an, ich wich nach links aus, Mai nach rechts. Ich rammte meine Klinge in die Flanke des Monsters. Mit aller Kraft zog ich an meinem Schwert. Ein erneutes Knacken, dann ein Knall. Ich stolperte rückwärts, konnte mich noch abfangen. Das Vieh sprang weiter nach vorn, wand sich unter seinen Verletzungen, gab noch einmal ein ohrenbetäubendes Kreischen von sich und verschwand in den Schatten der umliegenden Felsen. Außer Atem sah ich mich um. Achtete auf jede Bewegung. Ob es jetzt wirklich verschwunden ist?
 

„Warum hast du mir geholfen?!“ keifte Mai.

Ich sah sie irritiert an. Warum war sie plötzlich so sauer auf mich? „Das Vieh hätte dich sonst erwischt. Ich wollte nicht, dass dir etwas passiert.“

„Normalerweise sollten wir unseren Pfad ohnehin selbst beschreiten. Wir dürfen uns nicht gegenseitig helfen!“

„Du hast mir doch auch geholfen“ fragte ich verständnislos. Hätte sie ihre Klinge nicht in dieses Monster gerammt, wäre ich nicht unverletzt aus der Sache rausgekommen.

Sie wich meinem Blick aus und steckte ihre Klinge wieder in seine Halterung. „Weil ich… nicht in deiner Schuld stehen wollte. Das ist alles.“ Ich musterte sie skeptisch. Das war nicht ihr eigentlicher Grund, da war ich mir sicher. „Sieh mich nicht so an!“ sagte sie, während sie erhobenen Hauptes an mir vorbei ging. „Wir müssen weiter, ich will nicht warten bis das Vieh wieder zurückkommt!“ Nach ein paar Schritten blieb sie stehen, hatte mir aber noch immer den Rücken zugewandt. „Und… Danke.“ Ich musste unweigerlich schmunzeln. Hinter dieser harten Fassade steckte eigentlich ein wirklich guter Kern. Bevor ich ihr folgen konnte, hörte ich wieder ein Kreischen. Heller. Über uns. Mein Blick wanderte gen Himmel, der Griff um mein Schwert verstärkte sich. Aus den Wolken schnellte eine neue Kreatur auf uns zu. Eine rothaarige Frau mit grünen Flügeln und scharfen Klauen. Meine Muskeln spannten sich an, mein Blick fiel auf Mai. Ich stutzte. Statt sich in Verteidigungsstellung zu begeben, sah sie völlig fasziniert in den Himmel. „Was machst du denn?!“ rief ich um sie aus ihrer Starre zu befreien. Der Geist flog direkt auf sie zu! „Mai!“ versuchte ich sie wieder in die Realität zu holen, doch sie beobachtete weiterhin den Schutzgeist, der direkt vor ihren Füßen landete. Er grinste. Einen nahezu endlosen Moment standen die beiden einfach nur da und sahen sich in die Augen. Schließlich legte sich ein sanftes Lächeln auf Mais Lippen. Noch nie hatte ich sie so lächeln sehen. Auch das Gesicht des Schutzgeistes wurde sanfter. Mai streckte ihren Arm nach dem Gesicht der Frau aus. Plötzlich blendete mich ein unglaublich helles Licht und ich hob die Arme schützend vor meine Augen. „Mai!“ rief ich wieder, doch bekam keine Antwort. Was ist hier los?!
 

Langsam verebbte das Licht und ich nahm die Arme vorsichtig wieder runter. Wo vorher der Geist stand, wurde eine kleine Staubwolke von der sanften Brise weggetragen. „Mai, geht’s dir gut?“ fragte ich und lief auf sie zu. Sie stand regungslos da, die Augen geschlossen. „Was ist passiert?“ fragte ich besorgt, als ich mich direkt vor sie gestellt hatte. Langsam öffnete sie die Augen und sah mich glücklich an. „Das ist unglaublich“ sagte sie mit brüchiger Stimme.

Ich sah sie verständnislos an. „Was?“

„Dieses Gefühl… Ich kann es nicht beschreiben. Ich…“ Eine einzelne Träne kullerte über ihre Wange. „Das war immer mein größter Wunsch. Es ist… als wäre die Einsamkeit einfach verschwunden.“

„Einsamkeit?“

Sie nickte und strich sich die Träne aus dem Gesicht. „Nicht so wichtig.“ Neben ihr materialisierte sich wieder der rothaarige Geist und ich sah überrascht zu Mai. „Das ist mein Schutzgeist“ sagte sie glücklich. „Sag Hallo zu meiner schönen Harpyie.“

Mein Blick wanderte zu Mais Schutzgeist und ich lächelte. „Hallo.“ Die Harpyie gab ein unverständliches Kreischen von sich und Mai lachte leise. „Was ist?“ fragte ich verwundert.

Sie schüttelte nur den Kopf. „Ich weiß nicht. Es ist, als könnte ich genau verstehen was sie sagt. Als würde ich ihre Stimme in meinem Kopf hören.“
 

Mein Lächeln intensivierte sich. Ich freute mich wirklich für Mai. Sie sah so unendlich glücklich aus. Warum auch immer sie sich einsam fühlte, ihr Schutzgeist hatte ihr irgendwie geholfen das zu überwinden. Sagte sie nicht, das wäre ihr größter Wusch gewesen? Ich glaube, ich lag die ganze Zeit falsch. In den letzten Tagen wollte ich mich nur mit einem Schutzgeist verbinden um Haous Erwartungen gerecht zu werden. Aber es war anders. Bezogen auf meinen größten Wunsch gab es einen so viel wichtigeren Grund. Ihr Geist verschwand und sie zog ihr Schwert in einer fließenden Bewegung aus seiner Halterung. Reichte es mir und sah mich abwartend an. Ich erwiderte ihren Blick irritiert. „Nimm schon“ sagte sie. „Ich habe mein Ziel erreicht. Aber für dich wäre es besser, wenn du dich weiterhin verteidigen kannst. Mit dem Haufen Schrott in deiner Hand bist du schutzlos.“

Mein Blick wanderte zu dem Schwert in meiner Hand. Die Hälfte der Klinge war abgebrochen, durch den Rest zog sich ein langer Riss bis zum Knauf. Das muss passiert sein, als ich die Klinge nicht aus dieser Bestie herausbekommen habe. Ich könnte es nicht einmal mehr als Kurzschwert gebrauchen. Wahrscheinlich würde sie beim nächsten Schlag in tausende Stücke zerbersten. „Bist du sicher?“ fragte ich und sah sie ernst an. „Was, wenn dieses Monster wieder auftaucht? Dann kannst du dich auch nicht verteidigen.“

Sie schmunzelte. „Ich habe jetzt meine Harpyie. Bis nach Hause wird mir mit ihr nichts passieren. Aber wenn du dich dann besser fühlst, lass uns einfach tauschen. Dann kann ich zumindest einen Schlag parieren, bevor mir das Schwert zerbricht. Und es ist auch nur geliehen. Spätestens zu unserer Prüfung gibst du mir meine Klinge wieder.“

Zögerlich nickte ich und reichte ihr mein Schwert. Als ich ihres annahm, wiegte ich es in meinen Händen. Es war bedeutend leichter als mein eigenes. Die dünne, scharfe Klinge war gut verarbeitet. Ihr Schwert war mehr auf Schnelligkeit und Präzision ausgerichtet, statt auf Kraft. Sollte es wieder zu einem Kampf kommen, musste ich darauf achten.

„Gewöhn dich nicht zu sehr daran“ sagte sie mit einem kleinen Lächeln. „Spätestens zu unserer Prüfung bekomme ich es wieder zurück.“

Ich nickte. „Danke.“

Sie winkte ab und wandte sich um zum Gehen. Doch stoppte sie in ihrer Bewegung. „Du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet.“ Ich sah ihr verwirrt nach. Was meint sie? „Was ist der Grund dafür, dass du dich mit einem Schutzgeist verbinden willst?“

Ich gab ein belustigtes Schnaufen von mir. Ach das. „Ich… will meine Heimat beschützen.“ Sie warf mir einen fragenden Blick über ihre Schulter zu. „Ich weiß, die meisten Dämonen hegen einen Groll gegen mich. Aber ich glaube sie haben nur Angst. Nicht vor mir, sondern vor den Erinnerungen an den Krieg. Viele von ihnen haben ihr Zuhause verloren, oder Personen, die sie liebten.“ In Mais Augen blitzte ein tiefer Schmerz auf, sie wandte sich mir zu. „Ich will nicht, dass die Dämonen diesen Schmerz noch einmal spüren müssen. Es gibt so viele, denen ich viel zu verdanken habe. Ich will stärker werden um die zu beschützen, die mir wichtig sind. Und die, die bereits so viel verloren haben. Sie und ihre Heimat. Meine Heimat.“
 

Mit jedem meiner Worte wurden ihre Augen größer. Tränen sammelten sich darin. Wortlos wandte sie sich von mir ab und ging. „Viel Glück“ hörte ich noch ihre leise Stimme. Dann war sie hinter der nächsten Biegung verschwunden.

Sorgen

„Er braucht ziemlich lange“ bemerkte Yubel, während die untergehende Sonne immer längere Schatten in die weitläufige Ödnis warf. Ich hatte die Arme verschränkt und sah wie gebannt den geschwungenen Pfad entlang. Wo steckt er nur? Ob er durch die Schutzgeister aufgehalten wurde? Dabei war es recht selten, dass sie angriffen. Ob ihm etwas zugestoßen ist? Er weiß sich zwar zu verteidigen, aber wenn er auf einen Gegner getroffen ist, der im Fernkampf spezialisiert ist, wäre er im Nachteil. Vielleicht ist er auch vom Weg abgekommen. Ich schüttelte die trüben Gedanken ab. Er schafft das. Doch je länger die Schatten wurden, umso größer wurde meine Sorge um Yusei. Bitte lasst ihm nichts passiert sein… „Da kommt jemand" riss mich Yubels Stimme aus meinen Gedanken. Ich atmete erleichtert auf und ignorierte den schiefen Blick meiner Beschützerin. Jetzt hörte auch ich Schritte aus einiger Entfernung und mein Herz schlug schneller. Ob es geklappt hat? Doch meine Hoffnung wich, denn als ich die Person erkannte, war es nicht Yusei, der auf uns zukam. Wenn ich mich recht erinnere, war es eine von Zeros Meisterschülern. Ich beobachtete ihre steife Körperhaltung, als auch sie mich erkannte. Da fiel mir etwas auf und mein Blick verfinsterte sich, was sie schlucken ließ.
 

„Mein König“ sagte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme und verbeugte sich knapp, als sie bei uns angekommen war.

„Wo hast du das her?“ fragte ich dunkel und deutete auf das zerbrochene Schwert in ihrer Hand. Es war eindeutig das von Yusei, da war ich mir sicher.

Sie sah hektisch zu dem Schwert, dann zu mir. Ihre Augen waren angstgeweitet, doch sie versuchte schnell sich zusammenzureißen. „Ich… Ich bin Yusei begegnet. Wir mussten uns gegen einen Schattenkriecher verteidigen und dabei ist sein Schwert zerbrochen.“

„Und warum ist es dann in deinem Besitz?“

Ihre Haltung wurde aufrechter, selbstbewusster. „Ich habe ihm meines geliehen“ sagte sie mit überraschend fester Stimme. Einen Moment lang musterte ich sie ernst, doch sie hielt meinem Blick stand. Schließlich nickte ich. Sie sah unschlüssig zu Yubel, dann zu mir. Vermutlich wusste sie nicht, was sie jetzt machen sollte. Mit einer Handbewegung signalisierte ich ihr, dass sie gehen konnte. Als sie zögerlich an mir vorbeiging, fiel mir etwas ein. „Hattest du Erfolg?“

„Was?“ fragte sie irritiert.

Ich drehte mich zu ihr. „Hast du jetzt einen Schutzgeist?“ fragte ich gezielt nach. Zögerlich nickte sie. „Zeig ihn mir.“ Sie blinzelte überrascht, kam aber meinem Befehl nach. Neben ihr materialisierte sich ihr Schutzgeist. Eine Cyberharpyie. Seiner Aura nach zu urteilen sollte es ein Geist der Klasse B sein, also waren sie schon recht weit gekommen. „Und Yusei ist weitergegangen?“ fragte ich.

Sie nickte. „Er hatte bisher noch keinen Erfolg, deswegen habe ich ihm mein Schwert gegeben. So wie er aussah, wurde er heute schon öfter angegriffen.“
 

Dann hatte Madame Tredwell mit ihrer Prognose wohl Recht. Auch die Geister waren erzürnt wegen des Krieges. Es bedeutete nicht zwangsläufig, dass sich kein Schutzgeist mit ihm verbinden würde, aber es steigerte ihr Angriffspotential gegenüber Yusei. Hoffentlich passiert ihm nichts. „Danke“ sagte ich und drehte ihr den Rücken zu. Meinen Blick auf den Pfad jenseits des Steintors gerichtet. Wie seltsam, dass sie ihm geholfen hatte. Unwillkürlich legte sich ein kleines Schmunzeln auf meine Lippen. Die Schritte hinter mir wurden immer leiser, bis sie schließlich verstummten. „Sie gefällt mir“ merkte Yubel amüsiert an. „Aber freut Euch nicht zu früh. Vielleicht ist Euer Schützling auch nur so weit gekommen, weil sich kein Geist mit ihm verbinden will.“

„Schwarzmalerin“ grummelte ich.

„Realistin. Glaubt Ihr allen Ernstes, dass er sich mit einem stärkeren Schutzgeist als Klasse B verbinden könnte? Vorausgesetzt es klappt überhaupt bei Menschen.“

„Wieso nicht?“ fragte ich und seufzte lautlos. Diese Diskussion konnte ich langsam nicht mehr hören. Jesse lag mir damit auch ständig in den Ohren. „Nur weil du sein Potenzial nicht erkennst, heißt das nicht, dass die Geister auch so blind sind. Er ist stark, loyal und hat ein gutes Herz. Nenn mir einen Grund, außer, dass er ein Mensch ist, warum er sich nicht mit einem starken Schutzgeist verbinden sollte.“

Stille. Sie schien ernsthaft über meine Worte nachzudenken. Schließlich spürte ich ihren ernsten Blick auf mir und sah sie an. „Ihr habt Recht. Wäre er ein Dämon, hätte ich keinen Zweifel, dass er Erfolg haben wird. Aber seht bitte endlich ein, dass er nur ein Mensch ist. Warum auch immer er Euch so viel bedeutet, Ihr könnt nicht ändern was er ist.“

„Wer weiß schon sicher, dass es bei einem Menschen nicht funktioniert?“ fragte ich. Konnte die Wut nicht gänzlich aus meiner Stimme verbannen. „Die Diskussion ist beendet, Yubel. Du wirst sehen, dass er es schafft. Ich vertraue ihm.“

„Vertrauen“ schnaufte sie und wandte den Blick ab. Eine eisige Windböe wehte über die Landschaft und ließ mich frösteln. Überrascht sah ich auf meine metallene Armschiene. Sanft legten sich kleine Schneekristalle darauf. Ich sah mich um. Während meines Streits mit Yubel hatte ich nicht auf den Wetterumschwung geachtet. Die wenigen Strahlen der untergehenden Sonne wurden langsam von dicken Wolken bedeckt, sodass es bald pechschwarz werden dürfte. „Wir sollten zurück ins Lager“ bemerkte Yubel mit einem besorgten Blick.

Ich wusste sie hatte Recht, aber… „Was ist mit Yusei?“

„Er ist nicht dumm. Weiter oben werden sich die Wolken schneller zusammengezogen haben, er hat sicher einen Unterschlupf gesucht. Selbst wenn wir hier bleiben, bald wird es stockfinster und eiskalt sein. Selbst mit Euer Magie könnt Ihr nicht hier ausharren bis er wieder zurück ist.“

Geflügelter Kuriboh tauchte an meiner Seite auf und nickte zustimmend. Verdammt! Ich konnte nichts tun. Widerwillig stimmte ich zu und ging zu den Pferden. Das von Yusei band ich an meinem fest und stieg in den Sattel meines Tieres. Ein letztes Mal noch sah ich zum Pfad, von dem man kaum mehr als das Steintor sehen konnte. Yubel hatte Recht. Er ist klug genug sich einen Unterschlupf zu suchen und die Nacht abzuwarten. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht angegriffen wird. Und, dass er einen geeigneten Unterschlupf findet. Ich schüttelte den Gedanken ab und gab meinem Pferd die Sporen. Er ist einfallsreich. Er wird das Schaffen… Ich vertraue ihm.

Wolkenwandern

„Na toll“ murmelte ich und besah mir die Felswand vor mir. Ich war mir sicher noch auf dem Pfad zu sein, aber egal wo ich hinsah, überall ragten Felswände in die Höhe. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, sollte ich mich beeilen, um noch vor Einbruch der Nacht einen halbwegs sicheren Unterschlupf zu finden. Noch einmal atmete ich tief durch und setzte meinen Weg fort. Durch die Unebenheiten in der Mauer war es eigentlich kein großes Problem zu klettern, doch da ich den ganzen Tag unterwegs war, brannte jeder Muskel meines Körpers während meines Aufstiegs. Nach einigen Minuten begannen meine Beine zu zittern. In den Händen hatte ich kaum noch Kraft und musste mehrmals Pausen einlegen.
 

Plötzlich streifte etwas meinen Rücken und ich stöhnte vor Schmerz auf, klammerte mich fester an die Felswand, um nicht zu fallen. Es war, als hätte mir jemand mit voller Kraft einen Ast gegen den Rücken gedonnert. Irritiert sah ich mich um und entdeckte in einiger Entfernung ein schwarz gefiedertes Ungeheuer mit einem Breitschwert in seinen Klauen. Hatte es mich etwa mit dem Schwert erwischt? Noch einmal dankte ich Haou still für die Rüstung, doch das Monster flog eine Kehrtwende und kam noch einmal auf mich zu. Verdammt! Ich sah nach unten. Den größten Teil hatte ich geschafft. Um abzuspringen und mich zu verteidigen war ich bereits zu hoch. Ich sammelte meine verbliebene Kraft und kletterte weiter. Als das Monster fast bei mir war, presste ich mich so gut es ging an die Mauer und hielt meinen Arm schützend über meinen Kopf. Ein stechender Schmerz an der gleichen Stelle ließ mich aufschreien. Auch wenn die Rüstung mich vor dem gröbsten schützte, der Schmerz war heftig. Das Zittern in meinen Beinen wurde schlimmer. Reiß dich zusammen! Nur noch ein Stück! Ein neuer Schmerz ließ mich zusammenzucken. Ich verlor den Halt meines rechten Beines und rutschte ab. Reflexartig griff ich nach einer Kante. Konnte mich grade noch abfangen. Von oben regnete es kleinere Gesteinsbrocken. Das Vieh hatte mit seinem letzten Schlag die Felswand erwischt. Es half nichts, ich war zu langsam. Mit aller Kraft klammerte ich mich an den kühlen Stein und schützte meinen Kopf vor erneuten Treffern. Irgendwann wird das Monster hoffentlich genug haben, bis dahin musste ich ausharren und hoffen, dass meine Kraft reichen würde. Zwei Mal traf es noch meinen Arm, mit dem ich mich schützte, dann war es still. Der eisige Wind wurde stärker. Vorsichtig löste ich meine starre Körperhaltung und sah mich um. Der wolkenverhangene Himmel wurde dunkler, der Wind stärker, doch von dem Monster war keine Spur mehr zu sehen. Doch um aufzuatmen war es noch zu früh. Ich musste schnell nach oben und mir einen Unterschlupf suchen, ehe der Sturm anfangen würde.
 

Ich bewegte den Arm, mit dem ich eben noch meinen Kopf schützte, und stöhnte schmerzerfüllt auf. Um ihn weniger zu belasten hielt ich mich mit ihm nur auf Brusthöhe ab, damit ich nicht fiel. Mit dem anderen kletterte ich weiter. Endlich hatte ich die obere Kante erreicht und hievte mich schwerfällig nach oben. Schwer atmend drehte ich mich auf den Rücken. Ich hatte es geschafft. Meine Arme und Beine zitterten, mein gesamter Körper schmerzte. Mein Herz hämmerte mit unnachgiebiger Härte gegen meinen Brustkorb, es rauschte schon in meinen Ohren. Der eisige Wind wurde stärker, aber ich konnte mich partout nicht bewegen, um mich in Sicherheit zu bringen. Wie gern würde ich jetzt einfach einschlafen. Nur kurz. Ich spürte die kleinen Eiskristalle, die sich auf meine kalte Haut legten. Meine Lider wurden schwerer. Die dunkle Wolkendecke über mir verschwamm zunehmend zu einer grauen Masse. Plötzlich sah ich einen weißen Schweif. Es sah aus wie… eine Sternschnuppe. Aber das war unmöglich. Der Himmel war wolkenverhangen. Bildete ich mir das nur ein? Ich schloss meine Augen. Mein Herz beruhigte sich. Den kalten Wind spürte ich nicht mehr, sehnte mich nur nach Ruhe.
 

„Du wirst das schaffen. Du hast mich bis heute nie enttäuscht.“
 

Haou? Ich öffnete die Augen. Das wenige Licht, dass sich seinen Weg durch die schwere Wolkendecke bahnte, blendete mich. Die Kälte fraß sich zunehmend durch meinen gesamten Körper. Ich muss aufstehen. Ich muss mich in Sicherheit bringen. Oder ich werde hier sterben. Mit meiner letzten Kraft drehte ich mich zur Seite um aufzustehen. Mein Körper war mit einer dünnen Schneeschicht überzogen, die durch meine Bewegungen auf den Boden landete. Ich stand auf, ein stechender Schmerz in meinem Arm. Ich hielt ihn fest, setzte einen Fuß vor den anderen und sah mich suchend um. Konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Irgendwo muss ich mich doch vor dem Sturm schützen können. Ich stolperte zur nächsten Felswand und stützte mich daran ab. Der Wind zehrte an meinen Kräften, ich hatte Mühe aufrecht zu stehen. Ich war so weit gekommen, ich konnte doch nicht kurz vor meinem Ziel scheitern und hier sterben. Ich tastete mich an der Felswand entlang und ging weiter. Mehr als einen Schritt weit konnte ich nicht sehen, meine Umgebung wurde durch den Sturm zunehmend schwarz. So konnte ich nur darauf vertrauen eine geschützte Stelle in den Wänden zu finden und nicht in einen Abgrund zu fallen. Ich bog an der Felswand entlang ab, der Wind wurde weniger stark. Anscheinend wurde er durch den Stein abgehalten. Plötzlich verlor ich den Halt und fiel zur Seite. Zog erschrocken die Luft ein, doch schnell hatte ich wieder kalten Boden unter meinen Händen. Der Wind hatte aufgehört, aber ich konnte ihn noch hören. Wieder rappelte ich mich auf und spürte im nächsten Moment einen dumpfen Schmerz an meinem Hinterkopf. Gekrümmt stand ich da und rieb mir die schmerzende Stelle. Tastete nach oben. Über mir war festes Gestein. Einen Schritt ging ich nach hinten und wurde von einer weiteren Steinwand gestoppt. Ich musste in einer kleinen Höhle gelandet sein. Erleichtert atmete ich auf, lehnte mich an die Wand und glitt nach unten. Zumindest war ich vorerst in Sicherheit, auch wenn ich nichts sehen konnte. Aber wenn ich in dieser Kälte einschlafen sollte, war es das für mich. Die Rüstung konnte mich nicht ewig warm halten und in meinem Gesicht spürte ich vor Kälte kaum noch etwas.
 

Am Boden sitzend wanderte meine Hand zu meiner Gürteltasche. Ich löste sie von der Rüstung und legte sie in meinen Schoß, dann zog ich meine Handschuhe aus. Für alle Fälle hatte ich mir einige Zutaten für Tränke in kleinen Phiolen eingepackt, unter anderem auch für den Ignis Parva Zauber, der eine kleine Flamme für einige Zeit ohne Brennstoffe aufrechterhält. Für den brauchte ich nur drei Zutaten. Eine Messerspitze Feuersalz, zwei Schneebeeren und je nachdem wie lange das Feuer aufrechterhalten werden soll, gemahlene Drachenbaumrinde. Dummerweise musste ich ihn wegen der Dunkelheit jetzt blind mischen. Die Schneebeeren waren durch Tasten nicht schwer auszumachen, die Drachenbaumrinde hatte einen leichten Schwefelgeruch und war somit auch leicht zu finden, aber das Feuersalz war geruchlos, genauso wie das pulverisierte Moos. Letzteres war in Reinform jedoch hoch toxisch, ich hatte es immer nur an der grün-schwarzen Farbe erkannt. In Verbindung mit Drachenbaumrinde setzte es einen Giftnebel frei, der jeden in einem Umkreis von vier Metern lähmte. Darauf ankommen lassen konnte ich es also nicht, ich musste herausfinden in welcher Phiole welche Zutat steckte. Nur wie? Komm schon, streng dich an! Es ist beides geruchlos, an der Farbe kann ich es im Moment nicht erkennen, erschmecken kann ich es auch nicht und beides fühlt sich absolut gleich an. Der letzte Sinn wäre hören, aber das ist lächerlich. Moment… Was hatte Meister Damian damals erzählt? Wenn man Feuersalz extremer Kälte aussetzt, dann… Ich kroch zum Eingang der Höhle und griff mir etwas von dem Schnee. Schnell zog ich die Luft ein. Weil ich keine Handschuhe anhatte, brannte es wie 1000 kleine Nadelstiche auf meiner Haut. Ich legte es auf den Boden und griff mir die beiden Phiolen. Die erste öffnete ich und gab etwas von dem Pulver auf den Schnee, dann hielt ich mein Ohr so nah wie möglich darüber. Bis auf das Heulen des Windes im Hintergrund war nichts zu hören. Ich griff mir die zweite und wiederholte das Ganze. Bitte. Bitte lass es klappen. Ein leises Zischen war zu hören. Ich atmete hörbar aus. Das musste das Feuersalz sein, das mit dem Eis reagiert hatte. Bis auf die drei Zutaten verstaute ich alles wieder in meiner Tasche und fand eine kleine Schale darin. Ich zerdrückte die Beeren in der Schale und gab die gemahlene Rinde dazu. Ich hatte etwa zwölf Gramm dabei, ein Gramm reicht für etwa eine halbe Stunde. Sechs Stunden sollten reichen um mich hier drin warm zu halten. Ich vermengte alles und gab zum Schluss das Feuersalz dazu. Jetzt hieß es einige Sekunden warten, bis sich die Drachenbaumrinde durch das Feuersalz erhitzte.
 

Einen Moment später kniff ich die Augen ob der plötzlichen Helligkeit zusammen und musste mehrmals blinzeln. Die Hände hielt ich ans Feuer und seufzte erleichtert. Ich hatte es geschafft. Jetzt musste ich nur den Sturm abwarten. Hoffentlich dauert er nicht bis morgen an. Ich sah mich um. Die Höhle war recht klein, zu zweit wäre der Platz sicher ausgefüllt. Langsam wurde es wärmer und ich entspannte mich etwas. Der stechende Schmerz in meinem Rücken und meinem Arm meldete sich wieder, aber ich versuchte ihn zu ignorieren. Etwas dagegen unternehmen konnte ich ohnehin nicht. Meine Lider wurden schwer. Plötzlich hörte ich ein Kreischen und schreckte hoch. Mein Herzschlag erhöhte sich schlagartig. Nicht jetzt. Nicht schonwieder! Ich habe keine Kraft mehr… Eine kleine Kreatur stolperte in die Höhle. Sein kompletter Körper war von schwarzen Federn überzogen, am Kopf waren sie grün und wurden zu beiden Seiten länger. Irritiert rappelte sich der kleine Geis auf. Mit großen, roten Augen sah er mich an. Er wirkte nicht angriffslustig, eher… ängstlich. „Schon gut“ sagte ich leise und versuchte mich wieder zu entspannen. „Ich tu dir nichts. Du kannst heute Nacht gern hier bleiben.“
 

Das kleine Wesen beäugte mich skeptisch und verkroch sich in die gegenüberliegende Ecke der Höhle, recht nah am Eingang. Ich schmunzelte. Anscheinend hatte er Angst vor mir. Sorgen brauchte ich mir seinetwegen also keine zu machen. Mein Magen zog sich zusammen und knurrte laut. Wieder sah ich in meine kleine Gürteltasche. Der wenige Proviant, den ich dabei hatte, reichte nur für einen Tag. Ein Stück Trockenfleisch hatte ich noch. Aber um dieses Problem sollte ich mich morgen kümmern. Ich nahm das harte, zähe Fleisch an mich und brach ein Stück davon ab. Vielleicht sollte ich es mir besser einteilen. Im Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Zaghaft kam die kleine Kreatur näher und sah das Stück Fleisch in meiner Hand an. „Du hast wohl auch Hunger, was?“ fragte ich, ohne mir eine Antwort zu erhoffen. Zu meiner Überraschung nickte der kleine Geist. Ich hielt ihm die Hälfte entgegen und beobachtete amüsiert, wie er langsam zu mir kam. Als er bei mir war, schnappte er sich das Stück mit seiner Klaue und brachte wieder etwas Platz zwischen uns. Ich schnaufte belustigt.
 

Nachdem ich gegessen hatte, versuchte ich mich auf den harten Boden zu legen, ohne, dass mir meine Verletzungen groß Schmerzen bereiteten. Nachdem ich eine halbwegs bequeme Position gefunden hatte, schloss ich meine Augen. Wenigstens ein paar Stunden sollte ich schlafen, auch wenn es in diesem Gebiet riskant war. Aber der Eingang der Höhle war zumindest nicht groß, so war ich vor den meisten Kreaturen hier oben geschützt. Ich döste langsam ein, bis mich etwas in meinem Gesicht berührte. Verwundert öffnete ich die Augen. Der kleine Geist hatte es sich an meinem Kopfende bequem gemacht und breitete einen seiner Flügel über meinen Kopf aus, während er seinen in meine Halsbeuge legte und zufrieden brummte. Wieder musste ich schmunzeln und schloss die Augen. Driftete allmählich in einen traumlosen Schlaf.
 

~*~
 

Die Strahlen der aufgehenden Sonne blendeten mich und ich schob meinen Arm schützend in mein Blickfeld. Ich hatte das Gefühl, als könnte ich jeden einzelnen Muskel in meinem Körper spüren. Mein Mund fühlte sich unglaublich trocken an und mein Magen verkrampfte sich. Wenn ich überlege, dass ich diese verdammte Felswand wieder runterklettern musste, wollte ich lieber noch einen Moment liegen bleiben. Aber der harte Boden auf dem ich lag, war kalt und unbequem. Es hilft nichts, ich muss weiter. Ich seufzte ergeben und setzte mich auf. Sah mich einen Augenblick irritiert um. Der Schutzgeist von gestern war verschwunden. Wahrscheinlich hatte er schnell das Weite gesucht, als der Sturm endlich vorbei war. Ich sollte es ihm gleichtun und schnappte meine Sachen um die Höhle zu verlassen. Die warmen Sonnenstrahlen ließen den liegen gebliebenen Schnee funkeln wie tausende Diamanten. Die Wolken waren inzwischen so nah, dass man das Gefühl hatte sie greifen zu können. Ich streckte mich um die Verspannungen in meinem Körper loszuwerden und zog scharf die Luft ein. Meine Verletzungen hatte ich komplett vergessen, doch jetzt meldeten sie sich mit einem stechenden Schmerz zurück. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass es etwas besser wurde.
 

Ich füllte etwas Schnee in meine Feldflasche und hoffte, er würde bald schmelzen. Wo war eigentlich der Pfad? Gestern konnte ich durch den ganzen Schnee kaum etwas erkennen, aber zumindest wusste ich noch, aus welcher Richtung ich kam. Als ich mich auf den Weg machen wollte, hörte ich wieder das helle Kreischen von gestern Abend. Ich sah den Abhang hinunter, aus der ich das Geräusch vermutete, und stolperte einen Schritt zurück, als der kleine Schutzgeist um Haaresbreite gen Himmel an mir vorbeischnellte. Er zog einen Bogen und flog in meine Richtung. Als er vor mir landete, sah ich, dass er etwas in seinen Klauen hielt und zu mir schob. Meine Schale. Stimmt, ich hatte gestern das Feuer darin entflammt und war eingeschlafen. Aber viel mehr überraschte mich, dass sie mit Hochlandbeeren gefüllt war. Gestern war ich zwar an einigen Sträuchern vorbeigelaufen, aber die waren im unteren Teil des Nebelberges. Der Schutzgeist schob die Schale weiter in meine Richtung und flatterte aufgeregt mit den Flügeln. „Sind die für mich?“ versuchte ich sein Verhalten zu deuten. Der kleine nickte eifrig. „Danke“ sagte ich und musste lächeln. War er wirklich den ganzen Weg zurückgeflogen um mir die Beeren zu bringen? Als ich die Schale an mich genommen hatte, hob der Geist ab, zog mit seinen Klauen spielerisch an meinen Haaren, und flog der Felswand entlang wieder nach unten. Ich sah ihm nach, bis seine Gestalt immer kleiner wurde und in den umstehenden Felsen verschwand. Es kam mir gleich komisch vor, dass seine Aura so viel schwächer war als die der anderen Geister auf die ich hier oben getroffen war. Wahrscheinlich hatte er in dem Sturm die Orientierung verloren und suchte deshalb Schutz in der kleinen Höhle.
 

Etwas gestärkt setzte ich meinen Weg fort und fand schon bald den Pfad wieder. Je weiter ich ihm folgte, umso feuchter wurde die Luft. Bald schon bildeten sich kleine Wasserperlen auf meinem Körper, sammelten sich dort und flossen in dünnen Rinnsalen auf den Boden. Einige Meter weit konnte ich sehen, bevor die Umgebung von weißen Schleiern verschluckt wurde. Um mich herum herrschte eine geisterhafte Stille. Ich lief mitten durch die Wolken. Es war wirklich ein faszinierender Anblick. Fast schon hatte ich vergessen wo ich war. Ich musste wachsamer sein. Um im Ernstfall besser reagieren zu können, zog ich das Schwert, das ich von Mai bekommen hatte und hielt es fest in meiner Hand. Zum Glück hatte das Vieh von gestern meinen Schwertarm verschont, sonst hätte ich jetzt wirklich ein Problem. Doch entgegen meiner Befürchtung wurde ich nicht angegriffen.
 

Da ich den Stand der Sonne nicht mehr ausmachen konnte, hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Wie weit es wohl noch bis zur Spitze ist? Wie angewurzelt blieb ich stehen. Mein Körper wurde von einer unsagbaren Kälte durchzogen. Ich zitterte. Irgendwo in den Wolken um mich herum hörte ich ein leises Heulen. Eine vertraute Stimme flüsterte meinen Namen. Was geht hier vor? Ich… Ich muss weiter. Wie ferngesteuert setzte ich einen Fuß vor den anderen. Der Pfad. Ich musste auf dem Pfad bleiben. „Yusei“ hörte ich wieder die vertraute Stimme. „Kehr um“ sagte sie immer wieder. Woher kenne ich diese Stimme? Alles in mir wollte stehen bleiben und wieder umkehren, doch ich zwang mich weiterzulaufen. Ich musste weiter. Ich musste mein Ziel erreichen. „Yusei.“ Die Stimme war ganz nah. Plötzlich trat eine Person aus dem Schleier der Wolken. Ich blieb stehen, konnte mich nicht mehr rühren. Die Kleidung des Mannes war sonderbar. Er war ganz in weiß gehüllt, trug dazu einen langen Mantel. Er… sah mir ähnlich. Seine hellen, blauen Augen schienen mich zu durchbohren. Ich… Ich kenne ihn. „Papa?“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, sie wirkte unnatürlich. Als würde sie nicht mir gehören. Ein sanftes Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Hallo, mein Junge.“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf, setzte einen Schritt zurück. Das kann nicht sein. Das ist unmöglich! „Du bist tot“ sagte ich mit bebende Stimme. Der dicke Kloß in meinem Hals ließ mich schlucken, doch das erstickende Gefühl verschwand nicht. Sein sanftes Lächeln wurde traurig. Er nickte. „Wie kann das sein?“ hauchte ich.
 

„Geister können sich hier oben, am Mittelpunkt der Welten, ihren liebsten offenbaren“ beantwortete er meine Frage. „Ich war immer an deiner Seite, mein Junge. Und das werde ich auch immer sein.“ Er breitete seine Arme aus und sah mich abwartend an, doch ich rührte mich nicht. Irgendetwas war seltsam. Die Wolken zogen sich zusammen, verschluckten die Gestalt meines Vaters. „Komm schon her, mein Junge“ säuselte er aus dem dicken Schleier der Wolken heraus, doch noch immer konnte ich mich nicht bewegen. Als wolle mich irgendetwas davon abhalten. „Kehr um“ flüsterte die Stimme meines Vaters, als wäre sie weit weg. Was geht hier vor? Langsam setzte ich einen Fuß zurück, dann noch einen. Der Schleier lichtete sich und gab die Gestalt meines Vaters wieder Preis. Seine Haltung war die gleiche, doch sein wahnsinniges Grinsen ließ sein Gesicht einer verzerrten Fratze gleichen. Mein Puls erhöhte sich schlagartig, ich stand da wie erstarrt. „Komm her, mein Junge.“
 

Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte. Mein Körper reagierte wie von selbst. Was auch immer das war, ganz bestimmt nicht mein Vater. Ich hatte auch keine Lust herauszufinden was sich hinter seiner Maske verbarg. „Yusei!“ rief die Stimme hinter mir wütend. Meine Beine trugen mich automatisch, ich hatte keine Ahnung wohin ich rannte. Hauptsache weg. Durch die dicken Wolken hatte ich meine Orientierung verloren. Plötzlich verzogen sie sich an einer Stelle und ich sah einen Spalt zwischen zwei Felsen. Ohne darüber nachzudenken lief ich darauf zu und quetschte mich durch den engen Eingang. Seitwärts lief ich weiter, folgte dem schmalen Weg zwischen den kühlen Steinen. Ein ohrenbetäubender Knall ließ mich zusammenzucken. Hinter mir klang es, als würden mehrere große Klingen über den Stein kratzen. Das Geräusch ging mir durch Mark und Bein. Der Gang wurde breiter, ich rannte weiter so schnell mich meine Beine tragen konnten. Vor einer Gabelung blieb ich stehen. Ein weiterer Knall hinter mir, die Stimme meines Vaters schrie meinen Namen. Hektisch sah ich die Gänge entlang. Welchen Weg soll ich gehen? Ein warmer Windhauch umspielte meinen Körper, wirbelte den Staub im rechten Gang auf. Instinktiv rannte ich nach rechts. Bis auf meine Schritte, die in dem schmalen Gang von den Felswänden hallten, war nichts mehr zu hören. Ich hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache.
 

Die Steinwand zu meiner Rechten endete und ich rannte auf eine weitläufige Lichtung. Ich blieb stehen und sah mich um. Die Wand zu meiner Linken führte weiter, doch ihr Ende verlief sich im dichten Nebel der Wolken. Auf der Lichtung sah ich nichts als kargen Boden und einige Felsbrocken. Langsam kroch der dicke Wolkenteppich rechts von mir in meine Richtung. Ich drehte meinen Körper zu ihr. „Warum läufst du davon?“ hörte ich die Stimme meines Vaters. Mein Körper zitterte. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete ich, wie der Kopf meines Vaters aus dem Nebel tauchte. Er schien zu schweben. Was geht hier vor sich?! Ich taumelte einige Schritte nach hinten, bis mir der kühle Stein in meinem Rücken den Weg versperrte. Der Kopf schob sich aus dem Nebel, ihm folgte ein riesiger, blau-grüner Körper. Es war grotesk. Auf seiner Brust war eine runde, knöcherne Platte, sein Körper war nach unten spitz zulaufend. An seinen breiten Schultern waren ebenfalls knöcherne Platten. Seine riesigen Arme waren mit langen, scharfen Krallen besetzt und auf dem Rücken hatte das Monster zwei gigantische Flügelplatten. Sein gesamter Körper war überzogen mit mal dickeren, mal dünneren, silber-grauen Adern. Lautlos schwebte die Kreatur auf mich zu. Mein Herz raste, mein Atem beschleunigte sich. Seine gewaltige Aura jagte einen kalten Schauer durch meinen Körper. Keine Chance. Gegen dieses Monster konnte ich nicht bestehen. Es war viel zu stark. „Komm zu mir, mein Junge“ säuselte die Stimme. Mein Körper war wie gelähmt, das Zittern wurde stärker, während die Kreatur immer weiter auf mich zu schwebte.
 

Ein helles Brüllen riss mich aus meiner Starre, der Kopf meines Vaters sah gen Himmel. „Was ist das?“ murmelte er. Das war meine Chance! Ich nutzte die Ablenkung und rannte an der Felswand entlang in den dichten Nebel. „Bleib stehen!“ schrie das Monster mit der Stimme meines Vaters, aber ich dachte nicht daran stehenzubleiben. Immer weiter rannte ich über den unebenen Boden, versuchte die Schreie hinter meinem Rücken auszublenden. Plötzlich schoben sich die gigantischen Krallen des Monsters zu beiden Seiten in mein Blickfeld, ich spürte einen warmen Atem im Nacken. Mein Körper wurde von einer Gänsehaut überzogen, kalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn, doch ich rannte weiter. „Hiergeblieben“ brummte das Monster. Seine Klauen öffneten sich, bereit zuzupacken. Nein. Ich bin so weit gekommen, ich kann hier nicht sterben! In einer fließenden Bewegung sprang ich auf, drehte mich im Sprung zu ihm, rammte die dünne Klinge zwischen seine Augen, zog das Schwert wieder heraus und landete auf dem Boden. Ohne zurückzublicken rannte ich weiter. Ein wütendes Brüllen. Nach wenigen Metern schoben sich wieder Klauen in mein Blickfeld. Hat ihm das Schwert so wenig ausgemacht? Ich kniff die Augen zusammen und rannte. Mein Weg wurde steiler. Meine Beine brannten. Ein donnernder Knall. Ein qualvoller Schrei. Ich riss die Augen auf, die Klauen waren verschwunden. Was auch immer das war, das Monster wurde wohl aufgehalten. Schnell versuchte ich den Abstand zwischen mir und der Bestie zu vergrößern.
 

Die Wolkendecke wurde heller. Ob ich bald an der Spitze bin? Meine Lunge brannte wie Feuer, meine Beine konnten mich kaum noch tragen, doch ich musste die Spitze erreichen! Ich wollte hier nicht sterben. Ich kniff die Augen zusammen. Die plötzlichen Strahlen der Sonne blendeten mich. Ich stolperte und landete auf dem harten Boden, stöhnte gequält auf. Mit aller Kraft versuchte ich mich aufzurappeln, doch meine Beine versagten mir den Dienst. Stattdessen drehte ich mich auf den Rücken und setzte mich auf.
 

Schwer atmend starrte ich in den dichten Nebel. Das weite Meer aus Wolken um mich herum bewegte sich langsam, wurde mal dichter, mal lichtete es sich wieder. Doch da war keine Spur mehr von diesem Monster. Ob es jetzt endlich vorbei ist? Ein warmer Windhauch umspielte meinen Körper und ich schloss für einen Moment meine Augen. „Gut gemacht“ flüsterte die Stimme meines Vaters im Wind. Was? Ich sah mich um. Eine schemenhafte Bewegung im Nebel. Ich verengte meine Augen zu Schlitzen, um ihren Ursprung auszumachen. In einiger Entfernung erkannte ich die menschliche Gestalt meines Vaters. Ein warmes Leuchten umgab ihn. Auf seinen Lippen lag ein sanftes Lächeln. Langsam dämmerte es mir. Das Flüstern im Wind, der warme Windhauch, der mir den Weg wies. Das war er. Das war mein Vater. Er hatte mich gerettet. Auch ich lächelte ihm entgegen. „Danke“ sagte ich leise. Er nickte und löste sich langsam auf. Verschmolz mit dem dichten Wolkennebel. Traurig sah ich noch eine Weile auf die Stelle an der er verschwunden war. Damals starben meine Eltern hier in der Isekai. Ob sein Geist all die Jahre ruhelos durch diese Welt wanderte? Und was ist mit meiner Mutter? Ob er die ganze Zeit über einsam war? Eine Träne lief mir beim Gedanken daran über meine Wange.
 

Wieder hörte ich das helle Brüllen, das mich auf der Lichtung aus meiner Starre geholt hatte, und sah gen Himmel. Doch da war nichts weiter als eine strahlende, blaue Weite. Zögerlich stand ich auf und drehte mich um. Bis zur Spitze des Berges war es nicht mehr weit. Das gab mir neue Kraft und ich zwang meinen Körper noch etwas durchzuhalten. Der Aufstieg war steil, doch ich begegnete auf meinem Weg glücklicherweise keinem neuen Monster, das mich angreifen wollte. Je näher ich der Spitze kam, umso deutlicher konnte ich meinen Herzschlag spüren.
 

Oben angekommen stand ich auf einer verlassenen Ebene und ging zögerlich in die Mitte. Wo ich auch hinsah, ich war umgeben von einem weißen Meer aus Wolken. An einigen Stellen rissen sie auf und legten den Anblick auf die Landschaft darunter frei. Es war wunderschön und so friedlich. Plötzlich hörte ich Schritte und drehte mich hektisch um. Am Rand der Ebene stand ein Magier in einer violetten Rüstung und beobachtete mich aufmerksam. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Seine Aura war unglaublich stark. Langsam kam er auf mich zu. Sollte er mich jetzt angreifen, hätte ich keine Chance mehr. Er war zu stark und blockierte meinen einzigen Fluchtweg. Plötzlich hob er sein Zepter, wirbelte es durch die Luft und setzte zu einem Schlag an. Ich kniff die Augen zusammen und erwartete den Schmerz, doch da war nichts. Zögerlich hob ich meine Lider. Der Magier sah mich abwartend an. Neben ihm hatte sich ein mannshoher, schwarzer Riss mitten in der Luft aufgetan. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf ebenjenen Spalt. Will er… wirklich, dass ich da durchgehe? Ich schluckte trocken und sah in die tiefe Schwärze, dann wanderte mein Blick wieder zu dem Magier. In seinen violetten Augen lag eine unendliche Ruhe, die mich langsam beruhigte. Er wollte mir nichts Böses. Da war ich mir sicher. Ich nickte ihm zu. Ein letztes Mal atmete ich tief durch und sprang mit einem Satz in die Dunkelheit.

Das Reich der Schatten

Zögerlich öffnete ich meine Augen. Ich war noch immer auf der Spitze des Nebelbergs, aber alles sah so anders aus. Der Himmel war tiefschwarz, und dennoch war meine Umgebung in ein sanftes, violettes Licht gehüllt. Den Magier, der eben noch so klar an meiner Seite war, erkannte ich nur noch als schemenhaften Schatten. Da war kein Riss mehr, durch den ich hätte nach Hause gelangen können. Wo bin ich? „Willkommen im Reich der Schatten“ sagte eine Stimme. Schnell drehte ich mich zu ihr. Vor mir stand ein Mann in einem weißen Gewand, das ihm gerade bis zu den Knien reichte. Sein königsblauer Umhang umspielte seinen schmalen Körper in der leichten Brise. Der Mann war von oben bis unten mit goldenem Schmuck behangen und lächelte mir freundlich entgegen. Wäre nicht diese dunkle Hautfarbe, ich hätte schwören können, Yugi würde vor mir stehen. „Sprachlos?“ fragte er amüsiert.

Schnell riss ich mich zusammen, da ich ihn tatsächlich die ganze Zeit nur angestarrt hatte. „Wer bist du?“ fragte ich.

„Mein Name ist Atemu. Ich habe schon auf dich gewartet.“

„Auf mich?“ vergewisserte ich mich irritiert.

Er nickte, sein Lächeln intensivierte sich. „Und da ist noch jemand, der dich sehnlichst erwartet hat.“
 

Plötzlich schnellte eine riesige Kreatur hinter ihm gen Himmel, zog dort seine Kreise. Der strahlend weiße Drache leuchtete förmlich vor dem schwarzen Himmelszelt. Seine Flügel schimmerten wie hunderte Sterne. Er erinnerte im Flug selbst an eine Sternschnuppe. Fast wie die Erscheinung im Schneesturm. Mit dem hellen Brüllen, dass ich von der Wolkenlichtung kannte, kam er auf uns zu und landete elegant direkt vor mir. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Seine gelben Augen fixierten mich. In meinem Körper breitete sich ein wohliges Gefühl aus, das ich einfach nicht zuordnen konnte. Seine mächtige Aura kam mir vertraut vor, ließ mich nicht zurückschrecken. Ich ging auf ihn zu, hob meinen Arm zu seinem Kopf. Ein wohliges Brummen entkam seiner Kehle, er überwand die letzte Distanz zwischen uns und berührte meine Hand. Das gleißende Licht um uns herum blendete mich nicht, ich sah weiter in diese gelben Augen, bis sie schließlich von dem Licht verschluckt wurden. Ich senkte meine Lider und gab mich ganz diesem wohligen Gefühl hin.
 

Als ich meine Augen wieder öffnete, stand Atemu zufrieden lächelnd vor mir. Der Drache war verschwunden, doch ich konnte spüren, dass er noch an meiner Seite war. „Herzlichen Glückwunsch zu deinem Schutzgeist, Yusei“ sagte mein Gegenüber. Moment… Schutzgeist? Ich… Ich habe es geschafft? Ehe ich es realisiert hatte, spürte ich einen brennenden Schmerz in meinem rechten Unterarm und stöhnte gequält auf. Was ist das? Ich sah zu der brennenden Stelle. Irgendetwas leuchtete durch meine Rüstung hindurch. Ich nahm die Armschiene ab und zog den Handschuh aus. Starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das feuerrote Mal, das seine Muster unter meine Haut fraß. „Was ist das?“ keuchte ich. Bei Mai passierte das doch auch nicht. Als das Zeichen nicht mehr größer wurde, hatte es die vage Form eines Drachenkopfes angenommen. Allmählich verebbte der Schmerz. Das Glühen verging, doch das Mal blieb. „Das ist das Mal des feuerroten Drachen“ beantwortete Atemu meine Frage. Ich sah ihn irritiert an. Von diesem Drachen hatte ich noch nie etwas gehört. Und hatte Haou nicht gesagt, dass alle Drachen verschwunden wären? „Du hast sicher viele Fragen“ bemerkte er und strich mit den Fingern sanft über seinen Armschmuck. Ein kleiner Bannkreis erschien darauf, die Insignien waren mir unbekannt. „Aber lass uns dafür an einen etwas gemütlicheren Ort gehen.“
 

Er berührte meine Schulter, murmelte eine mir unbekannte Formel. Die Umgebung verschwamm, nur die Gestalt Atemus blieb klar. Mein Magen zog sich zusammen, mir wurde übel. Doch bevor das Gefühl schlimmer wurde, klarte die Umgebung zunehmend auf. Ich sah mich um. Wir waren nicht mehr auf dem Nebelberg. Auch hier war alles in violettes Licht gehüllt, doch der Ort kam mir vertraut vor. „Der Palast?“ fragte ich und sah zu Atemu. Er nickte und nahm seine Hand von meiner Schulter. „Für deine erste Teleportation hast du dich gut gehalten“ bemerkte er mit einem amüsierten Schmunzeln und setzte sich auf Haous Thron. Mit einer Handbewegung bedeutete er mir zu ihm zu kommen und ich kam seiner Aufforderung zögerlich nach. Wir sahen in den weitläufigen Thronsaal, als Atemu zu sprechen begann. „Das“ sagte er und schnippte mit dem Finger. Eine schwarze Wolkendecke tauchte an der Decke des Thronsaals auf, aus ihr wand sich die Gestalt eines langen, roten Drachen. „Ist der feuerrote Drache. Er hat die Macht Welten zu zerstören oder zu erschaffen. Wenn seine Macht in die falschen Hände gerät, könnte das verheerende Folgen für diese Welt haben.“ Ein geisterhaftes Heulen entkam der Kreatur, darauf tauchten fünf weitere Drachen auf. Allesamt um ein vielfaches kleiner als er. Einen davon kannte ich, aber er war in der Illusion viel kleiner. „Sternenstaubdrache ist einer von fünf Drachen, auf die der feuerrote Drache seine Kräfte verteilt hat.“ Seine Stimme wurde leiser. „Leider ist er auch der einzige, den ich retten konnte.“
 

„Vor wem?“ fragte ich irritiert. „Und warum existieren die Drachen überhaupt noch? König Haou sagte, dass der letzte vor hundert Jahren starb.“ Ein trauriges Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Ich sollte wohl ganz von vorn beginnen.“ Mit einer Handbewegung änderte sich die Illusion. Die Drachen verschwanden, stattdessen tauchten Bilder eines kleinen Dorfes auf. Die Menschen, die dort lebten, gingen ihren alltäglichen Arbeiten nach. „Vor 5000 Jahren lebten die Menschen in ihrer Welt in Frieden und Wohlstand. Es fehlte ihnen an nichts. Doch sie wurden habgierig.“ Eine weitere Handbewegung und alles versank in Flammen. Die qualvollen Schreie hallten durch den großen Saal und wurden wie ein Echo verstärkt. „Ihre Welt versank im Krieg.“ Die fünf Drachen aus der vorhergehenden Illusion tauchten aus dem Feuer auf und drängten die Flammen beiseite. Vor jedem erschien der Schatten einer menschlichen Gestalt. „Die Auserwählten der fünf Drachen versuchten den Krieg zu beenden, doch vergebens. Sie konnten das Leid, die Zerstörung und das Elend dieser Welt nicht aufhalten, dafür war es lange zu spät. Es gab unzählige unschuldige Opfer. Um weiteres Blutvergießen zu verhindern, nutzten sie die Macht des feuerroten Drachen.“ Die Schatten hoben ihre Arme, ihre Drachen verschmolzen zu einem Wesen. In einem gigantischen Lichtblitz verschwand er und ich hob die Arme schützend vor mein Gesicht. Als das Licht verschwunden war, nahm ich die Arme wieder runter. Die Umgebung hatte sich verändert, wirkte irgendwie vertraut. Der feuerrote Drache löste sich auf und die fünf Drachen erschienen wieder. An ihrer Seite die Schatten der Menschen. „Der feuerrote Drache erschuf eine neue Welt. Die, die reinen Herzens waren, rettete der Drache vor dem Krieg, damit sie sich in der neuen Welt ein Leben in Frieden aufbauen konnten. Einige nahmen das Angebot an, andere wollten ihre Heimat nicht verlassen und kehrten in die Menschenwelt zurück. Bevor das Portal in die Menschenwelt sich schloss, wurde denen die zurückgingen versprochen, dass sie in der neuen Welt immer willkommen wären.“ Ein paar der Schatten veränderten sich. Ihnen wuchsen Hörner, Flügel oder weitere Gliedmaßen. „Einige der Menschen veränderten sich im Laufe der Zeit. Entwickelten magische Kräfte oder passten ihre Körper der neuen Umgebung an. Ihre Lebensdauer verlängerte sich mit der Zeit sogar von mehreren Jahrzehnten bis zu einigen Jahrhunderten. Eine neue Zeit des Friedens brach herein.“ Wieder veränderte sich die Umgebung. In der Landschaft bildeten sich kleinere Dörfer, dann Städte. Mit großen Augen beobachtete ich die Entstehung des Palasts. „Das war die Geburt der Isekai.“
 

„Moment“ sagte ich und versuchte die Situation zu begreifen. „Die Isekai ist also von Menschen besiedelt worden? Ich habe so viele Geschichtsbücher gelesen, aber davon wurde nie etwas erwähnt. Und wie konnten sich die Menschen in Dämonen verwandeln?“

„Eine Frage nach der anderen“ sagte Atemu mit einem Schmunzeln. „Ihre Verwandlung geschah schleichend. Sie waren die gesamte Zeit über den letzten Kräften des feuerroten Drachen ausgesetzt und nahmen sie in sich auf. Was deine andere Frage betrifft: Die Geschichte ist im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten. Aufzeichnungen darüber gab es nicht.“

„Aber… was ist mit dir? Warum weißt du so viel darüber?“

Wieder legte sich ein trauriges Lächeln auf seine Lippen. „Das liegt daran, dass ich einer der Auserwählten von damals war.“ Ich sah ihn überrascht an. Er sah nicht viel älter aus als ich, schon gar keine 5000 Jahre. Wie kann das sein? „Im Reich der Schatten altert man nicht“ beantwortete er meine unausgesprochene Frage. „Ich habe nur eine Beobachterrolle. Meine Aufgabe ist es, über die Dämonen der Isekai zu wachen, und im Notfall einzugreifen um den Frieden zu erhalten. Damit diese Welt nicht so endet wie die der Menschen.“

„Aber wie bist du hier hergekommen?“

„Der feuerrote Drache gab mir diese Aufgabe. Das Reich der Schatten ist eine Zwischenwelt. Sie trennt die Isekai von der Welt der Menschen. Auch die Schutzgeister stammen aus diesem Reich. Während der Unruhen vor etwa 3000 Jahren habe ich sie über den Nebelberg in die Isekai geschickt. Sie sollten als eine Art Vermittler dienen, indem sie sich mit jenen verbinden, die Hilfe brauchen. Im Laufe der Zeit ist ein festes Ritual daraus entstanden. Dämonen mit einem starken und guten Herzen verbanden sich sogar mit Drachen und beschützten die, die in Not waren.“

„Und… wo sind die Drachen heute hin?“ fragte ich zögerlich.

„Vor 150 Jahren verschwanden einige von ihnen aus der Isekai. Der schwarze Rosendrache, Rotdrachen Erzunterweltler, der schwarz geflügelte Drache und der antike Feendrache. Das sind vier der fünf auserwählten Drachen. Bis ich herausgefunden hatte wer dafür verantwortlich war, war es bereits zu spät. Die übrigen Drachen habe ich hier im Reich der Schatten versteckt. Nur Regenbogendrache wollte auf dem Nebelberg bleiben. Er spürte, dass er noch gebraucht werden würde, und so war es auch.“

„Und wo sind die vier Drachen jetzt?“ hakte ich nach. Er hatte doch erwähnt, dass er es herausgefunden hatte.
 

„In der Menschenwelt.“ Mein Herz setzte einen Schlag aus, ehe es in einem wilden Tempo gegen meine Rippen hämmerte. Wenn die Menschen vier der fünf Drachen hatten, steht ihnen doch ein Großteil der Macht des feuerroten Drachen zur Verfügung! „Keine Angst“ erklang Atemus mitfühlende Stimme. „Solange sie Sternenstaubdrache nicht auch in ihre Gewalt bringen, ist die Isekai sicher.“

Ich sah betreten zu Boden, versuchte mein Herz zu beruhigen. Der Kloß in meinem Hals wollte einfach nicht verschwinden. Noch einmal atmete ich tief durch um die Frage zu stellen, die mir so auf der Seele brannte. „Warum hat mich Sternenstaubdrache ausgewählt, wenn ich nur ein Mensch bin?“ Atemu zog fragend eine Augenbraue hoch, doch ich redete weiter. „Die Menschen haben seine Freunde entführt, einen Krieg angezettelt und tausende Dämonen getötet. Und ich bin einer von ihnen. Warum sollte sich Sternenstaubdrache also für mich entscheiden, wo die Menschen so viel Leid über die Isekai gebracht haben?“

Ein warmes Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Vergiss nicht, dass wir alle Menschen waren. Auch die Dämonen sind nicht frei von Schuld. Sternenstaubdrache hat dich ausgewählt, weil du ein gutes und tapferes Herz hast. Wir alle kommen ursprünglich aus der Menschenwelt. Ich habe länger in ihr gelebt als du, und trotzdem hat der schwarze Magier mich als würdig erachtet, nachdem ich die Verbindung zu meinem Drachen lösen musste. Wir sind also gar nicht so verschieden.“
 

In einem schimmernden Wirbel aus tausenden kleinen Sternen tauchte mein Schutzgeist vor mir auf. Neigte seinen mächtigen Kopf zu mir. Ein warmes Gefühl flutete meinen Körper. Er vertraute mir. Und auch ich sollte mir vertrauen. „Dann sind die Menschen also nicht von Grund auf böse“ murmelte ich mehr zu mir selbst.

„Bist du es denn?“ Ich sah ihn fragend an, doch er sprach weiter. „Haou hätte dich damals nicht aufgenommen, wenn es so wäre. Wenn du tief in deinen Erinnerungen gräbst, was siehst du? Was fühlst du, wenn du an deine Familie zurückdenkst?“

Ich stutzte. Gute Frage. Ich dachte nur selten an meine Zeit in der Menschenwelt, meine Erinnerungen waren verblasst. Schließlich war ich noch sehr klein, als ich in diese Welt gekommen war. Aber es gab wenige Momente, an die ich mich erinnern konnte. Wenn meine Eltern mir Geschichten von der Isekai erzählt hatten, waren sie so begeistert. Und wenn ich mit meinen Brüdern zusammen war, selbst wenn ich mich mit ihnen gestritten hatte, war ich glücklich. Ich liebte meine Familie. Ich fühlte mich bei ihnen geborgen. Auch die anderen Menschen, mit denen wir zusammengelebt haben, waren stets freundlich. Für einen kleinen Augenblick musste ich schmunzeln. In meiner Erinnerung waren sie keine Monster. Doch mein Lächeln erstarb. „Warum haben sie dann angegriffen?“ fragte ich und sah Atemu an.

Er hielt meinem Blick stand. „Die Antwort auf diese Frage musst du selbst finden, denn den Grund kenne auch ich nicht. Ich kann dir nur berichten, was ich vor dem Krieg gesehen habe.“ Ich nickte. Diese Frage quälte mich all die Jahre. Ich wollte endlich herausfinden, wie es zu dem Krieg kam. „Die ersten Menschen, die in die Isekai kamen, waren fasziniert von dieser Welt. Ihr Portal tauchte weit außerhalb der Stäte auf, und so waren sie nur wenigen Dämonen begegnet. Anfangs waren beide Seiten skeptisch, doch es dauerte nicht lang, da entstand eine tiefe Freundschaft. Die Nachricht vom Erscheinen der kleinen Gruppe Fremder drang erst Wochen später in den Palast. Der damalige König war neugierig, jedoch wachsam. Ich folgte ihm auf seinem Weg bis zum Portal, doch was ich dort sah, überraschte mich, wie es mich auch schockierte. Menschen und Dämonen, die vorher noch friedlich beisammen gesessen hatten, lagen tot auf der blutgetränkten Erde. Wer dafür verantwortlich war, ist auch heute noch ein Geheimnis. Doch beide Seiten nahmen natürlich an, dass die jeweils andere ihre Kameraden getötet hatte. Die Situation eskalierte und führte schließlich zum Krieg. Aber ich habe das Gefühl, dass es dabei um mehr als ihre toten Landsleute ging. Seit Jahren suche ich nach dem fehlenden Puzzleteil, aber ich finde es nicht.“
 

Ich sah betreten zu Boden, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. Dann war der Grund für den Krieg also ein Angriff. Aber von wem? Und warum? Was hätte jemand davon, willkürlich irgendwelche Leute umzubringen? Was war der Grund? Und warum hatte man nicht versucht darüber zu reden? Wenn es nur einen Schuldigen gab, warum dann tausende Opfer in Kauf nehmen? Seine Geschichte warf mehr Fragen auf, als sie beantwortete. Aber wenn es unmittelbar nach diesem Angriff zum Krieg kam, dann… „Das waren meine Eltern, oder?“ fragte ich ohne aufzusehen. „Die, die anfangs am Portal getötet wurden.“

Im Augenwinkel konnte ich Atemu nicken sehen. „Es war eine Gruppe von sechs Menschen. Und ja, unter anderem auch deine Eltern.“

„Und die Dämonen, die gestorben sind? Waren das alle, denen meine Eltern begegnet waren?“ Ich hatte Hoffnung, es gäbe vielleicht noch einen Zeugen, der mir mehr darüber hätte erzählen können.

„Ja, leider.“ Ich seufzte lautlos. „Tut mir leid, dass ich dir nicht mehr darüber erzählen kann.“

Ich schüttelte den Kopf. „Jetzt weiß ich zumindest, wie sie gestorben sind.“ Nur leider nicht, wer sie auf dem Gewissen hatte. Und ob derjenige im Krieg gefallen war oder noch lebte. Plötzlich spürte ich eine sanfte Berührung und sah auf. Sternenstaubdrache schmiegte seinen Kopf tröstend an mich. Unwillkürlich musste ich lächeln. Seine Anwesenheit war mir so vertraut, als wäre er schon Jahre an meiner Seite gewesen. Du warst es auch, der mich auf der Lichtung gerettet hatte, nicht wahr? Ein bestätigendes Brummen erklang. Hat er mich etwa verstanden? Er hob seinen mächtigen Kopf und nickte. Mir fehlten die Worte. Es war, als wäre er mit meinem Geist verbunden. Geist… Da fiel mir etwas ein und ich sah zu Atemu. „Ich habe meinen Vater heute gesehen“ sagte ich.

Er nickte. „Ich weiß. Ich habe deinen Aufstieg beobachtet. Als du direkt auf das Monster im Nebel zugesteuert bist, hatte ich schon Sorge, dein Schicksal könnte sich nicht erfüllen.“

Mein Schicksal? Doch mir lag eine viel dringendere Frage auf der Zunge. „Wie war das möglich? Und woher wusste dieses Monster wie mein Vater aussah? Bis heute hatte ich selbst geglaubt es vergessen zu haben.“

„Das Monster hat die Fähigkeit die Gestalt einer geliebten Person anzunehmen. Tief in deinen Erinnerungen war noch immer dieses Bild deines Vaters. Genau das hat sich das Monster zunutze gemacht und dich zu sich gelockt. Wären deine Zweifel nicht gewesen, hätte es deine Seele in sich aufgenommen und du wärst verloren gewesen. Aber der Geist deines Vaters hat dir das Leben gerettet. Er und Sternenstaubdrache.“

„Dann hat Sternenstaubdrache das Monster aufgehalten als es mich verfolgt hat?“ sprach ich meine Vermutung aus und sah zu dem Drachen. Ich war so auf meine Flucht konzentriert, dass ich nicht mitbekam, was sich hinter meinem Rücken abgespielt hatte.

„Ja“ antwortete Atemu und zog meine Aufmerksamkeit wieder zu sich. „Die Grenzen der Welten verschwimmen auf dem Nebelberg. Dein Drache hat aus dem Reich der Schatten Einfluss auf die Isekai genommen und das Monster aufgehalten, ehe es dich getötet hätte.“

„Aber… warum ist der Geist meines Vaters in dieser Welt?“

„Vielleicht hat er hier noch eine Aufgabe“ mutmaßte Atemu und legte seinen Kopf dabei schief.

„Hm.“ Ob seine Aufgabe damit erfüllt war? Wusste er, dass ich ihn eines Tages brauchen würde und wandelte deshalb durch die Isekai? Ich wünschte ich hätte länger mit ihm sprechen können.
 

„Wir sollten dich langsam zurückbringen“ bemerkte Atemu und erhob sich aus dem Thron. Sah mich ernst an. „Nur eines noch. Unser Gespräch und dein Wissen um das Reich der Schatten müssen ein Geheimnis bleiben.“ Ich sah ihn verwundert an, doch er sprach weiter. „Sollte die Information um die Existenz dieser Welt und der Drachen in falsche Hände geraten, wären wir in Gefahr. Du darfst niemandem davon erzählen, auch nicht Haou oder deinen Freunden, verstanden?“

„Was ist mit Sternenstaubdrache?“ fragte ich perplex. Ich konnte nicht verheimlichen, dass ich von nun an einen Schutzgeist hatte. Dafür wussten zu viele von meiner Reise.

„Mir ist klar, dass du seine Existenz nicht verheimlichen kannst. Du wirst behaupten, er wäre aus den Wolken aufgetaucht, als du die Spitze erreicht hast. Seit 150 Jahren hat das keiner mehr geschafft, also kann dir auch niemand das Gegenteil beweisen.“ Zögerlich nickte ich. Das war eine weit bessere Lüge als alle, die ich mir hätte ausdenken können. Atemus Gesichtszüge entspannten sich. „Wo das jetzt geklärt ist, werde ich dich wieder nach Hause bringen“ sagte er und berührte seinen Armschmuck. Erneut tauchte der Bannkreis auf. „Es war mir eine Freude dich kennenzulernen. Vielleicht begegnen wir uns eines Tages wieder.“

Der letzte Drache

Nervös kaute ich auf meiner Unterlippe und hatte die Arme verschränkt, während ich seit einer gefühlten Ewigkeit den Pfad entlang blickte. Die Sonne schritt bereits über ihren Zenit und noch immer war keine Spur von Yusei zu sehen. Das ungute Gefühl, dass er in Schwierigkeiten war, wurde immer stärker. Ob er verletzt ist? Normalerweise sollte er längst zurück sein. Diese Warterei bringt mich noch um! Wo steckst du nur? „Das reicht“ bestimmte ich und ging zu meinem Pferd. „Hier zu stehen und zu warten bringt nichts.“

„Wollt Ihr umkehren?“ fragte Yubel irritiert und zog eine Augenbraue nach oben.

Ich stieg in den Sattel meines Pferdes. „Ich werde zurück ins Lager reiten und einige Vorbereitungen treffen. In der Zwischenzeit fliegst du den Pfad ab und suchst nach ihm.“

„Aber-“

„Nichts aber!“ zischte ich. „Das ist ein Befehl!“ So schnell wie sie fliegen konnte, sollte es ihr ein Leichtes sein den Pfad bis zur Spitze und zurück auszukundschaften. Selbst zu Pferd war ich viel langsamer als sie. In ihr wütendes Gesicht mischte sich Sorge. Innerlich seufzte ich. Natürlich wollte sie mich nicht allein lassen. Meine Gesichtszüge entspannten sich. „Mir passiert nichts“ versuchte ich sie zu beschwichtigen. Mein Schutzgeist tauchte neben mir auf. „Geflügelter Kuriboh ist der mächtigste Schild den es gibt. Selbst ein Drache könnte mir keinen Schaden zufügen, das weißt du.“

Sie schnaufte. „Wie Ihr wollt.“ Ihr Blick war ernst, doch ihre Stimme verlor den wütenden Unterton. „Aber gebt trotzdem auf Euch acht! In ein paar Stunden bin ich zurück, dann treffen wir uns wieder hier!“ Mit diesen Worten breitete sie ihre mächtigen Schwingen aus und war mit einem Satz in der Luft. Einen Wimpernschlag später war sie hinter der ersten Biegung des Nebelpfades verschwunden. Einen Augenblick sah ich ihr noch nach, dann trieb ich mein Pferd Richtung Lager an. So lange wie Yusei brauchte, wurde er sicher in einige Kämpfe verwickelt. Das Mädchen von gestern hatte mir diese Befürchtung bereits bestätigt. Auch wenn seine Rüstung den Hieben eines Schwerts standhalten konnte, es war immer noch eine leichte Rüstung. Den Aufprall würde Yusei abbekommen. Er war sicher verletzt, das hatte ich im Gefühl. Dazu kam noch, dass sein Proviant sicher aufgebraucht war, und weiter oben wuchs kaum etwas Essbares. Das in Verbindung mit dem schwerlichen Aufstieg und etwaigen Auseinandersetzungen mit den Geistern… Er war sicher erschöpft. Im Bestfall. Hoffentlich ist er nicht… Ich schüttelte den Gedanken ab, bevor er sich in mein Bewusstsein schleichen konnte. Er ist am Leben. Ganz sicher.
 

Ich trieb mein Pferd schneller an, bald schon hatte ich mein Ziel erreicht. Am Lager angekommen, schlüpfte ich in das Zelt und machte etwas Platz. Breitete eine der Decken in der Mitte aus. In meiner Tasche kramte ich nach einem Stück Kreide und zeichnete einen Bannkreis um die Decke herum, beschriftete ihn mit einigen Insignien. Sollte Yusei schwer verletzt sein, wollte ich keine Zeit verlieren. Hier drin wären wir vor den Witterungen geschützt, das nahm mir einige Probleme ab, die auftreten könnten. Zum Beispiel einen Schneesturm wie letzte Nacht. Mit den Insignien nahm ich mir Zeit, ich wollte nichts übersehen. Ich konnte mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal einen Heilzauber wirken musste. Schließlich ging ich einen Schritt zurück und betrachtete mein Werk. Das sollte klappen. Außerhalb des Zeltes betrachtete ich den Stand der Sonne. Die Vorbereitung des Bannkreises hatte mich einiges an Zeit gekostet, aber ich hatte dennoch genug, bis Yubel zurückkehren würde. Um mich etwas abzulenken und nicht wieder in meine trüben Gedanken zu fallen, sammelte ich das Feuerholz für die Nacht. Eigentlich hatte ich geplant heute wieder aufzubrechen, damit ich so schnell wie möglich meine liegen gebliebenen Aufgaben im Palast erledigen konnte, doch ich bezweifelte, dass wir das schaffen würden. Wieder kam mir meine Abmachung mit Jesse in den Sinn. Es stimmt, wenn ich mich nicht um Yuseis Trainingsplan kümmern müsste, würde mir das einiges an Arbeit ersparen. Und lieber vertraute ich ihn Jesse an, als ihn in Ares‘ Hände zu legen. Seine Loyalität gegenüber unseres Reiches war zweifellos, doch ich konnte ihn nicht ausstehen. Ich seufzte und stapelte das Holz neben die Feuerstelle. Ich hatte Yusei noch immer nicht davon in Kenntnis gesetzt. Wann bin ich eigentlich so feige geworden? Aber mein Entschluss stand fest. Es war schon alles vorbereitet. Ein Teil von mir sträubte sich heute noch gegen den Plan, auch wenn er absolut logisch war. Warum? Ich schüttelte den Gedanken ab, sattelte mein Pferd. Wie er es wohl aufnehmen wird? Beim Gedanken an seinen traurigen Blick aus diesen warmen, blauen Augen verkrampfte sich mein Magen unangenehm. Jetzt reiß dich schon zusammen! Ich ritt los. Der kalte Wind in meinem Gesicht beruhigte meine angespannten Nerven. Hoffentlich brauche ich den Heilungszauber nicht. Allerdings schien mir diese Hoffnung vergebens.
 

Am Steintor angekommen, suchte ich den Himmel ab, doch von Yubel war keine Spur. Ich hatte es also vor ihr zurückgeschafft. Ich stieg von meinem Pferd ab und band es neben dem von Yusei wieder an. Einen Augenblick betrachtete ich die Zügel des zweiten Rosses. Schließlich band ich sie vom Baum ab und befestigte sie am Sattel meines eigenen Pferdes. Wenn Yusei verletzt sein sollte, würde mir diese Aktion ein wenig Zeit ersparen. Ich wollte den Gedanken verbannen, aber es gab keine andere Erklärung dafür, dass er noch nicht zurück ist. Wieder wanderte mein Blick gen Himmel. Die wenigen Wolken hingen wie ein weißer Schleier auf dem Nebelberg. Solange ich denken konnte, hatte ich nie seine Spitze gesehen. Davon abgesehen war der Himmel strahlend blau. Die tiefstehende Sonne würde ihn bald in seine warmen Farben tauchen. Eine Bewegung im Augenwinkel zwang meinen Blick zurück zum Pfad. Mein Herzschlag nahm deutlich zu. Hat Yubel ihn gefunden? Meine Beschützerin landete vor mir und sah mich ernst an. Hektisch suchte ich den Pfad hinter ihr ab, doch sie war allein. Ich brauchte einen Augenblick um mich zu sammeln. Versuchte den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken, aber es brachte nichts. „Wo ist er?“ fragte ich und versuchte meine Stimme fest klingen zu lassen.

In ihrem Blick lag Schuld. „Ich weiß es nicht“ gestand sie.

Ich schüttelte irritiert den Kopf. „Wie du weißt es nicht? Bist du dem Pfad bis zur Spitze gefolgt? Was ist passiert?“

„Ich habe den kompletten Pfad bis zur Spitze abgesucht, aber er war nirgends zu sehen! Hier und da gab es Spuren von Kämpfen, aber auch da war er nicht. Auf meinem Rückweg habe ich sogar abseits des Pfades gesucht. Er ist wie vom Erdboden verschluckt.“ Mit jedem ihrer Worte weiteten sich meine Augen. Wie ist das möglich? Wo steckt er? Yubel sah mich unschlüssig an. Als wolle sie mir noch etwas sagen, doch sie schwieg. Mein Blick wurde ernst. „Was hast du noch gesehen?“ Sie wich meinem Blick aus, schien zu überlegen. „Yubel!“ sagte ich streng um sie zum Antworten zu bewegen.

Schließlich seufzte sie. „Es hat nichts mit ihm zu tun.“

„Was hast du gesehen?“ drängte ich.

„Ich weiß es nicht!“ entgegnete sie aufgebracht. Sah mich mit einer Mischung aus Zorn und Leid an. Was ist nur passiert? So hatte ich sie lange nicht mehr erlebt. Das letzte Mal als… Ich schüttelte den Gedanken ab und seufzte lautlos. „Na schön. Aber wo könnte Yusei dann stecken? Er kann nicht einfach verschwinden, das ergibt keinen Sinn.“

Yubel schien sich langsam zu beruhigen. „Auch wenn es keinen Sinn ergibt, er ist nicht auf dem Nebelberg. Die einzige Erklärung ist…“ Sie brach ab, sah mich prüfend an.

„Was?“ hakte ich ungeduldig nach.

„Im Wolkennebel wandelte eine riesige Kreatur. Sie war verwundet. Die Kampfspuren dort waren die deutlichsten, vielleicht wurde er-“

„Er ist am Leben!“ beharrte ich. Er ist nicht tot. Er kann nicht tot sein. Ich weiß es einfach.

„Haou…“

Ich wandte mich von ihr ab, ballte meine Hände zu Fäusten. Er ist noch irgendwo da oben, warum hat sie ihn nicht gefunden? „Ich werde selbst nach ihm suchen“ beschloss ich.

„Das kann nicht Euer Ernst sein!“ entgegnete sie aufgebracht. „Er ist nicht dort! Ich habe alles abgesucht. Es hat keinen Zweck, vertraut mir!“

„Ich vertraue dir“ murmelte ich, drehte mich langsam zu ihr. Konnte das Leid in meinem Blick nicht verstecken. „Aber ich will es mit eigenen Augen sehen.“

Sie musterte mich einen Augenblick, schließlich nickte sie zerknirscht. „Na schön, ich kann Euch sowieso nicht aufhalten. Aber es wird bald dunkel. Bei Sonnenaufgang können wir immer noch überlegen was wir als nächstes tun.“

Ich wusste bereits was mein nächster Schritt sein würde, aber ich wollte mich nicht mehr mit Yubel streiten. Dafür hatte ich einfach nicht die Kraft, zu groß war die Sorge um ihn.
 

Die tief stehende Sonne warf lange Schatten in die weite Ödnis. Langsam trottete mein Pferd in Richtung des Lagers, Yubel saß auf dem von Yusei und warf mir immer wieder einen unschlüssigen Blick zu. Mein Kopf war wie leer gefegt. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, sah nur auf die Mähne meines Pferdes, ohne sie eigentlich wahrzunehmen. „Was zum…“ murmelte Yubel und ich sah zu ihr. Sie sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen. Fragend folgte ich ihrem Blick und konnte meinen Augen nicht trauen. In der Feuerstelle unseres Lagers brannte eine Flamme, daneben saß ein Mann in einer schwarzen Rüstung und wärmte sich am knisternden Feuer. Sein Blick wanderte in unsere Richtung, ich trieb mein Pferd schneller an, er stand auf, kam in unsere Richtung. Yusei. Wie ist das möglich? Eine tonnenschwere Last fiel von meinem Herzen. Wo kam er auf einmal her? Hastig stieg ich vom Pferd und überwand die letzte Distanz zu ihm. Erst als ich mir sicher war, dass er nicht ernsthaft verletzt war, machte ich meiner Wut Luft. „Bist du verrückt?“ wetterte ich. Schlagartig wich er zurück und ließ die Schultern hängen. „Ich habe mir schreckliche Sorgen gemacht! Was machst du hier?! Wieso bist du nicht über den Pfad zurückgekommen? Von woher kommst du eigentlich?“ Es war mir völlig unbegreiflich, wie er es geschafft hatte ins Lager zurückzukehren, ohne, dass Yubel oder ich etwas bemerkt hatten. Er hätte unweigerlich an einem von uns vorbeigehen müssen.

„I-Ich. Es tut mir Leid…“ stotterte er und sah betroffen zu mir auf.

„Sag schon, wie hast du das geschafft?“ hakte Yubel nach, die jetzt neben mir stand, die Arme verschränkt.

„Ich…“ Yusei sah unschlüssig zwischen mir und meiner Beschützerin hin und her, schließlich atmete er tief durch und schloss seine Augen. Im nächsten Moment tauchte aus einem Wirbel von tausend kleinen Sternen ein weißer Drache hinter ihm auf. Sein helles Brüllen ließ mich zurückweichen, während er seine schimmernden Schwingen schützend über Yusei legte. Seine gelben Augen beobachteten jede meiner Bewegungen. Mit seinen scharfen Klauen wäre er zweifellos in der Lage mich in der Luft zu zerfetzen, wäre mein Schutzgeist nicht. Yubel ging neben mir ehrfürchtig in die Knie, konnte ihren Blick nicht von dem schlanken Drachen lösen. „Ich bin zurückgeflogen“ ertönte Yuseis unsichere Stimme. Sein Blick war gesenkt. Ich atmete hörbar aus. Das würde einiges erklären, aber dennoch hätten wir es bemerken sollen, der Himmel war schließlich klar. Die ganze Sache ergab keinen Sinn. „Wie ist das möglich?“ fragte ich leise und sah wieder zu dem Drachen. Sie waren doch alle verschwunden. Schon seit mehr als hundert Jahren.

„Er…“ Wieder sah ich zu Yusei. Er mied meinen Blick noch immer. „Er ist einfach aus den Wolken aufgetaucht, als ich die Spitze erreicht hatte.“

Er hat die Spitze erreicht? Dann bedeutet das… Meine Augen wurden immer größer. Wie gebannt sah ich zu Yusei. „Ist das etwa dein Schutzgeist?“

Endlich sah er zu mir und nickte zaghaft. Ein kleines Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Das… ist Sternenstaubdrache.“

Sein Schutzgeist ist ein… Drache? Ein wahrhaftiger Drache? Ich schüttelte verständnislos den Kopf. „Aber sie sind doch verschwunden“ murmelte ich.

Wieder mied er meinen Blick, zuckte mit den Schultern. „Anscheinend gab es doch noch einen, der übrig war.“
 

Ich konnte es nicht fassen. All die Jahre dachten wir die Drachen wären verschwunden, und jetzt stand einer direkt vor mir. Noch dazu als Yuseis Schutzgeist. „Gab es noch mehr?“ fragte ich neugierig. Als Antwort schüttelte Yusei nur den Kopf. Dann war Sternenstaubrache also der letzte seiner Art? Kurz hatte ich Hoffnung es gäbe noch mehr. „Deine Reise war sicher abenteuerlich, nicht wahr?“ sagte ich um die gespannte Stimmung zu lösen.

Er schnaufte belustigt und sah mich wieder an. „Kann man so sagen, ja.“

„Du kannst wirklich stolz auf dich sein. Vor allem auf deinen Schutzgeist.“

Sein Lächeln intensivierte sich, er nickte. „Das bin ich.“

Der Drache löste sich auf, verschwand allmählich im Nichts. „Ein Klasse S Schutzgeist“ sagte ich und stemmte einen Arm in die Hüfte. „Das ich das nochmal erleben darf. Und dann auch noch ein Drache. Soweit ich weiß, gehören Drachen allen Kategorien an. Angriff, Schild und sogar Magie.“ Mit diesem Schutzgeist, sollte ich mir nie wieder Sorgen machen müssen, dass ihm etwas zustoßen könnte. Laut Madame Tredwell könnte er jetzt sogar Magie anwenden. Yuseis Lächeln verschwand, stattdessen sah er bedrückt zu Boden. „Was ist los?“ fragte ich und ging auf ihn zu. Blieb direkt vor ihm stehen.

„Ich…“ Seine Hände ballten sich zu Fäusten, ich konnte die Anspannung in seinem Körper förmlich sehen. „Ich muss Euch wegen der Sache mit der Magie wohl enttäuschen.“ Fragend zog ich eine Augenbraue hoch, doch er sprach weiter. „Ich habe versucht den Heilzauber im Zelt zu wirken, aber es hat nicht geklappt. Dann habe ich einen einfacheren Zauber probiert, aber das hat auch nicht funktioniert. Es tut mir Leid. Ich kann keine Magie anwenden.“

Ich legte meine Hand unter sein Kinn und zwang seinen traurigen Blick zu mir. „Glaubst du wirklich, du hättest mich enttäuscht?“ Sein verständnisloser Blick war mir Antwort genug. Ich seufzte lautlos. „Yusei, selbst wenn du mit einem Klasse D Schutzgeist zurückgekehrt wärst, wäre ich nicht enttäuscht gewesen. Und selbst ohne Schutzgeist hätte ich dich keinen Kopf kürzer gemacht. Aber sieh nur was du geschafft hast.“ Ein sanftes Lächeln schlich sich auf meine Lippen. „Selbst wenn das mit der Magie nicht klappt, ich hätte nicht stolzer auf dich sein können als ich es im Moment bin. Ich bin einfach nur froh, dass dir nichts passiert ist.“ Ich konnte Yuseis Gesichtsausdruck einfach nicht deuten. Ob er mir nicht glaubt? Ich nahm meine Hand von seinem Kinn und legte meine Arme um seinen Körper. Drückte ihn sanft an mich. Plötzlich zuckte er zusammen und zog scharf die Luft ein. Sofort löste ich mich von ihm und sah ihn ernst an. „Du bist verletzt“ stellte ich fest.

„Es ist nicht mehr so schlimm“ sagte er kleinlaut.

Er war unbelehrbar. „Komm.“ Ich nahm sein Handgelenk und zog ihn Richtung Zelt. Erst als ich mir sicher war, er würde mir auch so folgen, ließ ich seine Hand wieder los. Nachdem er hinter mir hineingeschlüpft war, schloss ich den Eingang, dann sah ich ihn ernst an. „Zieh deine Rüstung aus“ bestimmte ich, während ich meine Handschuhe auszog. Schließlich musste ich mir erst einen Überblick über seine Verletzungen verschaffen. Zögerlich kam er meiner Anweisung nach und legte seine Rüstung ab. Immer weitere Verletzungen legte er dabei frei. Zahllose Blessuren zeichneten seinen Körper, sein linker Arm war mehr blau als alles andere. Als ich mit meinem Blick jedoch zu seinem rechten Unterarm wanderte, stutzte ich. „Was ist das?“ fragte ich und führte seinen Unterarm näher zu mir.

Wieder wich er meinem Blick aus und zuckte mit den Schultern. „Das tauchte auf, als ich mich mit Sternenstaubdrache verbunden habe.“

Sanft glitten meine Finger über das rote Mal. Zumindest schien es ihm keine Schmerzen zu bereiten. Es war absolut eben, als wäre es schon immer da gewesen. Seltsam. So ein Phänomen war mir bis Dato unbekannt, aber vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass er sich mit einem Drachen verbunden hatte. Ich sollte Yubel später dazu fragen. Ich ließ seinen Arm wieder los und ging um ihn herum. Über seinen Rücken zog sich ein breiter, dunkler Streifen. Irgendwas hatte ihn dort hart erwischt. Erneut ließ ich meine Finger darüber gleiten, augenblicklich zuckte Yusei zusammen. So wie es aussah, waren auch einige Knochen betroffen. „Wie ist das passiert?“ fragte ich und deutete ihm dabei, dass er sich auf die Decke legen sollte. Ich hatte genug gesehen um den Heilzauber zu wirken.

Während er sich auf den Bauch legte, gab er mir seine knappe Antwort. „Ein Breitschwert.“

Fragend legte ich die Stirn in Falten. „Wie oft hat es dich getroffen?“

„Drei Mal am Rücken und zwei Mal am Arm.“

„Hast du dich nicht gewehrt?“ fragte ich irritiert, während ich mich neben ihn kniete.

„Ich musste klettern“ murmelte er. Er sah aus, als würde er jeden Moment einschlafen, aber das war verständlich. Die letzten beiden Tage waren zweifellos anstrengend gewesen. Ich sprach die Formel für den Heilzauber und bezog die passenden Insignien darin ein, während sie zusammen mit dem Bannkreis begannen zu leuchten. Dabei konzentrierte ich mich vor allem auf die Verletzungen an seinem Rücken. Während ich den Zauber wirkte, beobachtete ich, wie die Verletzungen, die seinen Körper überzogen, langsam verblassten, bis sie schließlich gänzlich verschwanden. Ein erleichterter Seufzer entkam Yusei und ließ mich schmunzeln. So wie er aussah, war er längst ins Reich der Träume versunken. Als ich fertig war, löste sich der Bannkreis auf und hinterließ tiefe Dunkelheit. Einzig das spärliche Licht der Flammen warf tanzende Schimmer in das Zelt. Als sich meine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten, betrachtete ich Yuseis friedliches Gesicht. Seine Geschichte warf so viele Fragen auf. Und so oft wie er meinen Blick gemieden hatte, war ich nicht sicher, ob er mir wirklich die Wahrheit gesagt hatte oder etwas verheimlichte. Ein guter Lügner war er nie. Allerdings brachte es nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich musste auf den Morgen warten und noch einmal mit ihm sprechen. Behutsam, um ihn nicht zu wecken, legte ich eine weitere Decke über ihn und verließ das Zelt.
 

Draußen saß Yubel am Feuer und sah in die tanzenden Flammen. Ihr Blick lag in der Ferne. Sie zeigte nicht mal eine Reaktion als ich mich zu ihr setzte. „Verrückt, meinst du nicht auch?“ sagte ich irgendwann leise in die Stille. Einzig ein leichtes Nicken verriet mir, dass sie mich verstanden hatte. „Ist alles in Ordnung?“ Wieder ein Nicken. „Was hältst du von seiner Geschichte?“

Einen Augenblick überlegte sie, schließlich gab sie mir ihre Antwort. „Irgendwas stimmt nicht. Mein Drache hat mir damals erzählt, dass er der letzte seiner Art wäre. Und jetzt taucht ein neuer Drache auf und behauptet genau das gleiche?“

Ich nickte. „Und selbst wenn das stimmt, wie ist er ins Lager zurückgekommen? Wir hätten es wohl beide gemerkt, wenn über unseren Köpfen ein Drache geflogen wäre.“

„Hm.“ Wieder hing sie ihren Gedanken nach. Ich musterte schweigend ihr Gesicht. Irgendetwas hatte sie mir am Steintor verheimlicht, und ich hatte das Gefühl, dass es mit dieser Sache zusammenhängen könnte. „Was hast du auf der Spitze gesehen?“ fragte ich deshalb behutsam.

Für einen Moment presste sie ihre Lippen aufeinander. „Ich weiß es wirklich nicht. Dort stand ein Schutzgeist in violetter Rüstung, ein schwarzer Riss hatte sich neben ihm aufgetan. Ähnlich wie die Portale damals im Krieg, aber die Energie war eine andere. Irgendwie vertraut. Außerdem… habe ich eine Bewegung gesehen. Irgendwas ist durch den Riss gesprungen, aber ich weiß nicht was. Ich bin erst in diesem Moment oben angekommen.“

Ein schwarzes Portal? Davon hatte ich noch nie gehört. „Was ist dann passiert?“

Sie sah mich an. „Der Riss ist verschwunden und der Schutzgeist hat sich im Nichts aufgelöst.“

Seltsam. Ein Schutzgeist der sich im Nichts auflöst steht eigentlich immer in Verbindung mit einem Dämon. „Und da war niemand außer diesem Schutzgeist auf der Spitze?“ Sie schüttelte den Kopf. „Warum hast du mir das nicht gleich erzählt?“ fragte ich und versuchte dabei meine Stimme nicht vorwurfsvoll klingen zu lassen.

„Ich wusste nicht was es damit auf sich hat. Ich dachte, dass es einfach eine Erscheinung wäre. Auf dem Nebelberg ereignen sich manchmal seltsame Phänomene. Und diese Energie… Ich kenne sie. Aber ich weiß nicht woher.“

„Meinst du, das hat etwas mit Yusei zu tun?“

Einen Augenblick überlegte sie. „Ich weiß es nicht. Vielleicht sprecht Ihr morgen mit ihm, wenn wir zum Palast aufbrechen.“

Seufzend bettete ich mein Gesicht in meine Hände. Was geht hier vor sich? Statt Antworten zu erhalten, häufen sich nur noch mehr Fragen. Die ganze Geschichte passt einfach nicht zusammen. Das Portal, Yuseis Geschichte, dass er auf seinem Drachen unbemerkt ins Lager geflogen wäre und dann dieses Mal auf seinem Arm. Ich fuhr mir durchs Haar und sah wieder auf. Wie frage ich sie das am besten, ohne sie zu verschrecken? „Sag mal… als du dich damals mit deinem Drachen verbunden hast…“ Ihre Haltung verkrampfte sich. Dieses Thema anzusprechen war heikel, aber Yubel war die einzige Möglichkeit es herauszufinden. „Hattest du danach ein Mal auf deinem Arm?“

„Ein Mal?“ fragte sie irritiert.

Ich nickte. „Yusei hat ein rotes Mal auf seinem Unterarm, es sieht aus wie ein Drachenkopf. Als ich ihn dazu gefragt habe, sagte er, dass es aufgetaucht ist, als er sich mit Sternenstaubdrache verbunden hat. Hätte ja sein können, dass du was dazu weißt.“

„Nein, leider nicht.“

Wieder seufzte ich. Wäre ja auch zu schön gewesen wenigstens ein Rätsel zu lösen. Wenn wir wieder im Palast sind, sollte ich dazu Nachforschungen anstellen. „Na schön“ sagte ich und stand auf. „Ich lege mich hin, wir sollten morgen früh aufbrechen.“

Yubel nickte. „Schlaft gut.“

„Ruh dich auch etwas aus“ erwiderte ich und schlüpfte in das Zelt. Unschlüssig sah ich mich um. Wegen meiner Aktion mit dem Heilzauber lag Yusei jetzt in der Mitte des kleinen Zelts, sodass ich kaum noch Platz hatte. Ich breitete meinen Schlafplatz zwischen der Zeltwand und dem von Yusei aus und quetschte mich dazwischen. Für eine Nacht wird es gehen. Mein Blick lag auf meinem Gegenüber. Er lag noch immer so da, wie ich ihn verlassen hatte und schlief friedlich. Einige schwarze Strähnen hingen in seinem Gesicht und ich strich sie behutsam beiseite. „Was verheimlichst du uns nur?“ murmelte ich. Glitt langsam in einen traumlosen Schlaf.

In die Enge getrieben

Mein Blick wanderte über die gigantische Maschine. Das runde Tor in der Mitte war sicher fünf Mal größer als ich, mit kaltweißen Lichtern und unzähligen Schläuchen, die in alle Richtungen verliefen. Ich hielt die Hand eines Mannes, der so groß war, dass ich zu ihm aufsehen musste. „Komm, ich zeig dir alles“ sagte er und sah mich mit einem sanften Lächeln an. „Aber sag nichts deiner Mutter, das bleibt unser Geheimnis.“ Ich nickte begeistert und ließ mich von dem Mann zu einem Stuhl vor einem großen Bildschirm führen. Er hob mich auf seinen Schoß und deutete auf die Zahlen, die vor mir flimmerten. Mit flinken Fingern gab er unzählige Zeichen und Ziffern in die Maschine ein. „Das ist der Code für meinen Lieblingsort“ sagte er dabei. Erst waren die Zeichen ganz durcheinander, aber je mehr er davon eingab, umso klarer erkannte ich ein Muster. Es sah aus wie… „Ein Wald“ murmelte ich mit heller Stimme, die einfach nicht zu mir gehören wollte. Der Mann sah mich freudestrahlend an. „Ganz genau, mein Junge. Die anderen halten mich für verrückt, aber ich sehe es auch. Wenn man den Code eingibt, sieht das Muster irgendwann aus wie die Umgebung in die man gelangen möchte. Siehst du dort?“ sagte er und deutete auf eine Reihe Zahlen im rechten Bereich. „Da hinten ist ein kleiner Bach und daneben eine Waldlichtung. Die Blumen, die dort blühen, sahen so wunderschön aus, dass ich deiner Mutter welche gepflückt habe. Du weißt ja, wie sehr sie Blumen liebt.“

„Ich will ihr auch welche pflücken!“ sagte ich begeistert.

Das Lächeln im Gesicht des Mannes intensivierte sich. „Irgendwann werden wir deiner Mutter zusammen einen Strauß pflücken, mein Junge. Aber erst, wenn du etwas älter bist.“ Ich verschränke die Arme, was den Mann lachen ließ.

„Was macht ihr da?“ hörte ich eine sanfte, vertraute Stimme.

Ich drehte mich freudig zu ihr. „Papa zeigt mir den Wald in der anderen Welt!“

„Nur auf dem Bildschirm!“ lenkte er schnell ein.

Die Frau kam auf mich zu und gab mir einen Kuss auf den Kopf. Ihre Haare kitzelten mein Gesicht und ich lachte vergnügt. „Das ist kein Ort für ein Kind“ sagte sie tadelnd zu dem Mann.

Während die beiden sich unterhielten, sah ich wieder gebannt auf den Bildschirm. Versuchte mir jede Blume, jeden Ast und jeden Halm einzuprägen. Irgendwann wollte ich auch an diesen Ort. Ich verstand nicht, warum den Mann alle für verrückt hielten. Ich sah den Wald doch auch. Und er war so schön…
 

Langsam öffnete ich meine Augen. Ich lag auf der Seite. Die aufgehende Sonne warf ein gedämpftes Licht in das Innere des Zeltes. Eine wohlige Wärme umgab meinen Körper. Was für ein seltsamer Traum. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal von meinen Eltern geträumt hatte. Langsam senkten sich meine Lider. Ich wollte die Wärme, die meinen Körper umfing, noch etwas länger genießen. Woher kam sie? Jetzt erst spürte ich die Arme die mich fest umschlungen hielten. Den warmen Körper an meinem Rücken. Einen gleichmäßigen Atem in meinem Nacken. Ich riss die Augen auf, mein Herz überschlug sich fast. Schlagartig war ich hellwach. Hinter mir konnte nur Haou liegen, Yubel verbrachte die Nacht schließlich immer draußen. Aber warum lag er so nah bei mir, und warum hatte er mich so fest umschlungen? Mein Gesicht wurde ganz warm. „Haou?“ fragte ich unsicher und versuchte seinem sanften Griff zu entkommen. Ein unverständliches Brummen, seine Arme schlangen sich fester um meinen Körper und zogen mich näher zu ihm, hinderten mich daran aus seiner Umarmung zu entkommen. Ich spürte seinen warmen Atem ganz nah an meinem Ohr. Die Hitze in meinem Gesicht nahm stetig zu. Anscheinend war er noch nicht ganz wach. „H-Haou, wir sollten aufbrechen… Bitte.“ Mein Herz klopfte so schnell, es rauschte schon in meinen Ohren. Woher kam diese Nähe plötzlich?! Sein Griff lockerte sich, aber nicht so weit, dass ich mich hätte bewegen können. Was soll ich jetzt machen? Plötzlich hörte ich ein Geräusch außerhalb des Zeltes. Irgendjemand öffnete den Eingang. „Wir müssen aufbrechen, die Sonne ist schon-“ Yubel brach mitten im Satz ab. Zögerlich hob ich meinen Kopf und sah zu ihr, mein Gesicht fühlte sich noch immer heiß an. Sie blinzelte überrascht, dann sah sie skeptisch Richtung Haou. „Er ist kein Kuscheltier. Lasst ihn los und steht endlich auf!“

„Was?“ brummte es hinter mir unwillig. Unwillkürlich musste ich schmunzeln und vergrub mein Gesicht in der Decke. Ich wusste gar nicht, dass unser König so ein Morgenmuffel ist.

„Lasst Yusei endlich los und steht auf. Wir müssen langsam aufbrechen.“

Seine Arme lösten sich von mir. Zögerlich kroch ich ein Stück von ihm weg und hörte Schritte die sich vom Zelt entfernten. Ich setzte mich auf und sah zu ihm. Er fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht und durch sein Haar. Wach sah er immer noch nicht aus. Als sein Blick auf meinen fiel, spürte ich meinen Herzschlag wieder ganz deutlich. „Guten Morgen“ sagte ich so leise, dass ich glaubte er könnte mich nicht hören. Doch er erwiderte.
 

Wenig später hatten wir das Lager abgebaut und waren auf dem Heimweg. Das Stapfen der Hufe unserer Pferde hallte als einziges Geräusch durch die karge Landschaft. Yubel flog hoch über uns. Seit dem Vorfall im Zelt hatte ich mit Haou kein Wort mehr gewechselt und eine angespannte Stille hatte sich aufgebaut. Ob ihm die ganze Sache unangenehm war? Jetzt wo sich die Überraschung gelegt hatte, empfand ich seine Nähe im Nachhinein als… angenehm. Seltsam. Yubel schien nicht so überrascht wie ich es war. Sie verhielt sich danach vollkommen normal. „Seit wann verheimlichst du mir Dinge?“ Haous Stimme ließ mich hochschrecken und überrascht zu ihm sehen. Sein Blick war ernst.

„Was meint Ihr?“ fragte ich irritiert.

„Was genau ist auf der Spitze des Nebelbergs passiert?“

Mein Herzschlag erhöhte sich vor Nervosität. Atemus Worte hallen in meinem Kopf wie ein Echo. „Ich… habe es Euch doch gestern erzählt.“

„Nicht alles“ beharrte er.

Verdammt. Bis gestern hatte ich ihn nie belogen, ob er es bemerkt hatte? Ich seufzte und versuchte noch einmal die Geschichte im Kopf durchzugehen, ehe ich ihm meine Antwort gab. Aber ich konnte ihm dabei nicht in die Augen sehen. „Sternenstaubdrache ist aus den Wolken aufgetaucht und hat sich mit mir verbunden. Dann ist dieses Mal plötzlich auf meinem Arm erschienen. Und um nicht wieder zurückklettern zu müssen, bin ich mit ihm zusammen ins Lager geflogen.“ Ich sah wieder auf. Sein Blick hatte sich nicht verändert, auch wenn ich mir einbildete Enttäuschung herauszulesen. Was an meiner Geschichte konnte er mir nicht glauben? Sie war kurz und schlüssig.

„Welchen Weg bist du geflogen?“ hakte er weiter nach.

Welchen Weg? „Von der Spitze direkt zum Lager“ erwiderte ich unsicher.

„Warum haben wir dich dann nicht gesehen?“

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Das hatte ich gar nicht bedacht. „Vielleicht… wart ihr in einem Gespräch vertieft.“ Da war sie wieder. Diese Enttäuschung in seinem Blick. Dieses Mal konnte ich sie ganz deutlich sehen. Wieder wandte ich den Blick ab, sah stur auf die Zügel in meiner Hand. Mein Magen verkrampfte sich unangenehm. Verdammt, warum hatte mich Atemu nicht zur Spitze des Nebelbergs teleportiert? Dann wäre ich zwar erst bei Einbruch der Nacht am Lager angekommen, aber so hätte ich dieses Gespräch umgehen können. Stattdessen hatte er diesen Riss am Lager entstehen lassen und mich so wieder in die Isekai gebracht.

„Bist du durch das Portal ins Lager gekommen?“

Ich riss die Augen auf, vergaß fast zu atmen. Woher weiß er davon?! „Welches Portal?“ fragte ich, versuchte meine Stimme fest klingen zu lassen. Ich hasste es ihn anlügen zu müssen, aber ich hatte keine Wahl.

„Ich habe Yubel losgeschickt, um nach dir zu suchen. Sie erzählte mir von einem Portal und einem Schutzgeist, beides verschwand bei ihrer Ankunft auf der Spitze. Und du warst unauffindbar. Klingelt da was bei dir?“

Ich biss mir auf die Unterlippe, starrte weiterhin auf die Zügel in meiner Hand. Es bringt nichts. Keine Ausrede dieser Welt könnte mich aus dieser Situation bringen. Er wusste, dass ich durch das Portal gegangen war. Aber die Wahrheit dahinter konnte ich ihm nicht sagen. Was mache ich jetzt?! Natürlich konnte ich Haou vertrauen, aber ich hatte Atemu mein Wort gegeben niemandem etwas vom Reich der Schatten, den Drachen oder den Auserwählten zu erzählen. Da fiel mir etwas ein. Atemu hatte dieselben Worte verwendet wie einst auch Haou. Es war riskant, aber der einzige Weg mich aus dieser Situation zu befreien. „Manche Wahrheiten sollten nicht in die falschen Hände geraten“ sagte ich traurig und sah wieder zu ihm. „Das waren Eure Worte.“

„Damit meinte ich so etwas wie taktische Manöver, Yusei. Und das weißt du. Seit wann vertraust du mir nicht mehr?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich vertraue niemandem mehr als Euch. Aber ich habe Sternenstaubdrache mein Wort gegeben. Ich will Euch nicht anlügen, ich hasse es. Also bitte… bohrt nicht weiter nach. Ich kann es Euch nicht erzählen.“
 

Schweigend musterte er mich. Ich konnte seinen Blick einfach nicht deuten, während mein Herz an meinen Rippen zu zerschellen drohte. „Warum?“ hakte er weiter nach. „Diese Informationen könnten bedeutend für die Sicherheit der Isekai sein. Stellst du ein Versprechen an deinen Schutzgeist höher als unser Land?“

Ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Egal wie ich antworten würde, es gäbe keinen Ausgang dieses Gesprächs mit dem alle zufrieden wären. „Bitte“ hauchte ich. Konnte das Zittern in meiner Stimme nicht aufhalten. „Ich kann es Euch nicht erzählen. Ich würde gern, aber… Es ist nur zum Schutz unseres Landes, glaubt mir.“

Wieder betrachtete er mich schweigend. Ich hielt es kaum aus ihm nichts erzählen zu können, aber ich wusste es war die richtige Entscheidung. Auch Sternenstaubdrache war auf meiner Seite. „Na schön“ ertönte seine unterkühlte Stimme und versetzte mir einen Stich. Er ritt an mir vorbei, brachte etwas Platz zwischen uns. Ich wagte es nicht zu ihm aufzuschließen, zu große Angst hatte ich vor seiner Reaktion. Ich schluckte schwer, doch der Kloß in meinem Hals blieb. Wenn ich es ihm nur erzählen könnte…
 

~*~
 

Als wir am Palast ankamen, hielt ich die unterkühlte Stimmung zwischen meinem König und mir kaum noch aus. Seit unserer letzten Unterhaltung vor ein paar Tagen hatte er kaum mehr ein Wort mit mir gewechselt. Selbst Yubel war noch tiefer in sich gekehrt als sonst. Haou wies mich an die Pferde abzusatteln und mich dann bei Madame Tredwell einzufinden. Ich nickte lediglich und machte mich an die Arbeit. Ob mir Haou mein Schweigen je verzeihen kann? Ich kann ihn verstehen. Schließlich macht er sich nur Gedanken um die Sicherheit unseres Landes. Aber ich kann und werde mein Versprechen nicht brechen. So sehr es ihm auch missfällt. So sehr es mich auch verletzt, wenn ich die Enttäuschung in seinen Augen sehe. Gedankenverloren strich ich über die Armschiene meiner neuen Rüstung. Wie sehr sehnte ich mich nach seinem Lächeln, als er mir das Geschenk überreicht hatte. Ich war so glücklich. Aber jetzt… Ich schüttelte den Gedanken ab und machte mich auf den Weg.
 

Bei Madame Tredwell angekommen, atmete ich noch einmal tief durch und öffnete die Tür. Als ich eintrat, hörte ich Stimmen, die wild diskutierten, jedoch schnell verstummten. Madame Tredwell musterte mich interessiert, Haou stand mit dem Rücken zu mir. Zu meiner Überraschung war Jesse an seiner Seite, dessen Blick ich nicht ganz einordnen konnte. Worüber sie sich wohl gestritten hatten? Zumindest klang es nach einem Streit. „Komm rein und schließ die Tür“ riss mich Madame Tredwells Stimme aus meinen Gedanken. Ich folgte ihrer Aufforderung und ging unschlüssig auf sie zu. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Ein kleines Lächeln lag auf ihren Lippen. „Wie ich gehört habe, war dein Aufstieg erfolgreicher, als wir gehofft hatten. Meinen Glückwunsch.“

Ehe ich etwas darauf erwidern konnte, meldete sich Haou zu Wort. „Er hat versucht Magie anzuwenden, scheiterte aber schon bei einem einfachen Lux Zauber.“ Seine Worte versetzten mir einen Stich, doch ich blieb still. Er hatte Recht. Eigentlich sollte ich mit einem so starken Schutzgeist dazu in der Lage sein Magie anzuwenden, aber ich schaffe es einfach nicht.

„Es gab nie eine Garantie, dass es funktioniert“ bemerkte Jesse.

Madame Tredwell schüttelte den Kopf. „Wir werden sehen. Wie schon gesagt, vielleicht ist der Energiefluss einfach blockiert. Ich werde einige Tests machen.“

„Tests?“ fragte ich unsicher und spürte die Blicke der anderen auf mir.

Madame Tredwell nickte. „Ich habe schon alles vorbereitet. Folge mir.“
 

Zögerlich folgte ich ihr zu der Tür an der anderen Seite des Raumes. Ich hatte mich immer schon gefragt, was wohl dahinter sein könnte. Sie forderte mich auf die Tür zu schließen. Zögerlich sah ich zurück und beobachtete, wie sich Haou und Jesse leise stritten. Ob es wegen mir war? „Leg die Rüstung ab“ sagte sie und deutete auf einen Stuhl, über dem einige Klamotten lagen. „Dort liegt Kleidung, die du dir überziehen kannst.“ Ich nickte und legte meine Rüstung ab, um mir dann eine dünne Stoffhose anzuziehen. Währenddessen verschwand Madame Tredwell hinter einem Sichtschutz, der den restlichen Raum abtrennte, und bereitete irgendetwas vor. Nachdem ich fertig war, folgte ich ihr. In der Mitte des abgetrennten Bereichs stand eine Liege, daneben ein Tisch mit einigen mir unbekannten Utensilien. Überall im Raum verteilt standen unzählige brennende Kerzen unterschiedlicher Größe. Auf dem Boden, mittig unter der Liege, war ein Bannkreis mit verschiedensten Symbolen gezeichnet. Bevor ich sie genauer betrachten konnte, wies sie mich an mich hinzulegen. Mein Herz schlug schneller ob der Nervosität. Ich hatte keine Ahnung was jetzt folgen würde.
 

„Schließ die Augen und versuch dich zu entspannen“ sagte sie, während sie irgendetwas an dem Tisch machte. Ihre Handlung konnte ich jedoch nicht sehen, da sie mit dem Rücken zu mir stand und den Tisch verdeckte. Ich atmete tief durch und schloss die Augen. Versuchte meinen Herzschlag zu beruhigen. „Was sind das für Tests?“ fragte ich, um meine Nervosität loszuwerden. Es wäre wirklich schön zu wissen, was gleich auf mich zukommen würde. Schritte. Sie schien um die Liege herumzugehen. „Als erstes prüfe ich den Energiefluss in deinem Körper. Sollte der blockiert sein, hätten wir schon die Ursache warum du keine Magie anwenden kannst. Die Blockade zu lösen ist kein Problem.“

„Und wenn es nicht daran liegt?“ Etwas Kaltes tropfte auf meine Brust und ich zuckte kurz zusammen. Anschließend verteilte sie die zähflüssige Masse auf meinem Oberkörper. Es fühlte sich seltsam an. Währenddessen gab sie mir ihre Antwort.

„Lass das meine Sorge sein. Es kann mehrere Ursachen haben. Während der Dauer der Untersuchung bitte ich dich allerdings nicht zu sprechen und deine Augen geschlossen zu halten. Versuch dich auf deinen Körper und deinen Energiefluss zu konzentrieren.“

Ich nickte stumm. Zu Beginn meiner Ausbildung bei ihr musste ich diese Übung oft machen.
 

Ich weiß nicht wie lange ich in dem Raum lag, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Madame Tredwell hatte einige Formeln gesprochen, wanderte immer wieder durch den Raum, doch die meiste Zeit blendete ich sie aus und versuchte mich auf das zu konzentrieren, was sie gesagt hatte. Ab und zu stellte sie eine Frage, abgesehen davon war es still. „Wir sind fertig für heute“ sagte sie schließlich und ich hörte wieder ihre Schritte, die sich von mir wegbewegten. „Du kannst dich anziehen und gehen. Komm nach, sobald du fertig bist.“ Eine Tür fiel leise ins Schloss.
 

Langsam öffnete ich meine Augen und versuchte sie wieder an die Helligkeit zu gewöhnen. Ob es geklappt hat? Hat sie die Blockaden gelöst? Vorsichtig stand ich auf, mir war etwas schwindlig, dann ging ich an der Trennwand vorbei in den vorderen Teil des Raumes. Auf dem Stuhl lag meine Rüstung, über der Lehne hingen ein Handtuch und mein schwarzes Shirt. Das Tuch griff ich mir um meinen Oberkörper von dem seltsam öligen Film zu befreien. Währenddessen hörte ich leise die Stimmen der anderen vor der Tür. Einen Moment zögerte ich, doch meine Neugier siegte und ich hielt mein Ohr an das kühle Holz. „Das ist alles was mir einfallen würde“ hörte ich die sanfte Stimme von Madame Tredwell. „In seinem jetzigen Zustand wird er andernfalls nicht in der Lage sein Magie anzuwenden.“ Mir stockte der Atem. Dann hat es also nicht geklappt. Nicht einmal eine der mächtigsten Magierinnen der Isekai konnte mir helfen. Meine Hoffnung zerbrach in hunderte Scherben. Jesses Stimme drang dumpf zu mir hindurch, doch ich konnte seine Worte nicht verstehen. „Auf keinen Fall!“ donnerte Haou aufgebracht und ließ mich zusammenzucken. Mein Herz schlug schneller. Was hat Jesse eben gesagt, dass er so reagiert? Wieder hörte ich die Stimme von Haous Vertrautem, doch ich verstand ihn nicht. Haous Antwort war sehr leise, aber hörbar. „Es ist jetzt deine Verantwortung“ sagte er ernst. Der Rest war nicht zu verstehen. Schritte hallten durch den Raum, wurden immer leiser. Schließlich hörte ich Jesses Stimme. „Was treibt er da so lange?“
 

Schnell entfernte ich mich von der Tür, legte das Handtuch über die Lehne und zog mir mein Shirt über. In diesem Moment betrat Madame Tredwell den Raum. „Alles in Ordnung?“ fragte sie.

„Ja, mir… ist nur etwas schwindlig“ antwortete ich wahrheitsgemäß und versuchte meinen Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen.

Plötzlich erschien Jesse hinter ihr. „Für den Rest des Tages hast du frei. Nach dem Abendessen findest du dich am Eingang des Nebenkomplexes ein.“

Ich nickte irritiert. Was sollte ich dort? Im Nebenkomplex gab es neben den Schlaf- und Aufenthaltsräumen der Wachen nur noch die Kerker. Und warum gab mir Jesse die Anweisung und nicht Haou? Normalerweise meidet er mich wenn möglich. Ob Haou noch immer sauer ist? Ich sollte dringend mit ihm sprechen. Dieses Gespräch hatte ich viel zu lang aufgeschoben. Die Unsicherheit und diese unterkühlte Stimmung konnte ich nicht länger aushalten.

Scherbenmeer

Am späten Nachmittag lief ich durch die Straßen der Stadt zum Trainingsgelände. Jesse sagte Haou hätte heute noch viel zu tun und ich könne jetzt nicht mit ihm sprechen, also musste ich mich damit abfinden. Außerdem wollte ich Mai vor der Prüfung morgen unbedingt ihr Schwert wiedergeben, aber ich hatte keine Ahnung wo sie wohnte. Hoffentlich ist sie dort, sonst kann ich mein Versprechen ihr gegenüber nicht halten. Dort angekommen überblickte ich das weitläufige Gelände und entdeckte sie bei den lebensgroßen Holzpuppen, die wir zur Verbesserung unserer Techniken nutzten. Mit einem Übungsschwert schlug sie immer wieder auf den leblosen Gegner ein. Doch etwas wunderte mich. „Sehr präzise sind deine Schläge heute nicht“ stellte ich fest, als ich bei ihr angekommen war. Überrascht drehte sie sich zu mir. „Normalerweise ist dein Kampfstil eleganter. Ist alles Okay?“ fragte ich.

„Elegant, ja?“ sagte sie schmunzelnd. „Danke für das Kompliment.“

Auch ich musste für einen Augenblick lächeln. „Du weichst meiner Frage aus.“

Sie winkte ab. „Nicht so wichtig. War ein langer Tag und ich wollte noch etwas trainieren. Diese Holzköpfe sind allerdings miserable Trainingspartner. Was willst du hier?“

Ich reichte ihr die dünne Klinge. „Ich will mein Versprechen halten. Danke nochmal.“

Sie steckte das Übungsschwert weg und kam auf mich zu. Nahm ihre Klinge aus meinen Händen. „Keine Ursache. Hattest du wenigstens Erfolg?“

Zögerlich nickte ich, stockte aber. Wie sollte ich ihr am besten sagen, dass ausgerechnet mich ein Drache ausgewählt hat? Ich konnte es selbst noch nicht ganz fassen. Ein aufrichtiges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Alles andere hätte mich auch schwer enttäuscht. Also, welchen Schutzgeist hast du jetzt?“
 

Plötzlich bohrte sich ein Pfeil direkt zwischen uns in den Boden und ich sprang aus Reflex einen Schritt zurück. Sah mich hektisch um. In einiger Entfernung stand eine Person. Seine braunen Augen funkelten mich böse an. In seiner Hand hielt er einen Bogen, seine andere hatte er neben sich gehoben. Ehe ich reagieren konnte, hörte ich Mais aufgebrachte Stimme. „Hast du den Verstand verloren?! Was soll der Mist, Joey?“

Sie kennen sich? „Reg dich nicht so auf“ antwortete unser Gegenüber. „Hätte ich ihn treffen wollen, läge er jetzt am Boden.“ Er zog einen neuen Pfeil aus seinem Köcher und spannte seinen Bogen. Zielte direkt auf mich. „Mal ehrlich, du hattest schon immer einen schlechten Geschmack bei Typen, aber ein Mensch? Ernsthaft?“

„Was ist dein Problem? Wir unterhalten uns nur. Deinen verdammten Beschützerdrang kannst du dir sonst wo hinstecken!“

„Und das soll ich dir glauben? Warum hatte er dann das Schwert deiner Familie? Du gibst das Ding doch nicht mal raus, wenn der Zeugwart die Waffen polieren will. Und dann kommst du vom Nebelberg zurück und sagst, du hättest es jemandem geliehen?! Nur ein Mitschüler, dass ich nicht lache!“

„Jetzt lass den Blödsinn!“

Wo bin ich hier reingeraten? „Sie hat es mir geliehen, weil meines zerbrochen war“ schaltete ich mich ein. „Ohne ihr Schwert hätte ich mich nicht mehr verteidigen können.“

„Und wenn du krepiert wärst, mir egal. Das Schwert ist Mais größter Schatz. Ich hätte dir den Arsch aufgerissen, wenn du es nicht zurückgebracht hättest.“

„Jetzt hat sie es doch wieder“ sagte ich verständnislos. „Warum zielst du dann immer noch auf mich?“

„Ich trau dir nicht. Mach dich vom Acker, ich will dich nie wieder in ihrer Nähe sehen.“

„Bist du jetzt völlig bescheuert?!“ tobte Mai neben mir. „Das geht dich ja wohl nichts an!“

„Und ob es mich was angeht! Als deine Eltern im Krieg gefallen sind, hab ich dir gesagt, dass ich dich immer beschützen werde!“ Mai schnappte nach Luft, Joey ließ sich davon nicht beirren und redete weiter. „Und diesem Typen traue ich nicht über den Weg. Irgendwas ist seltsam an ihm. Der riecht nach Gefahr, sieh es doch endlich ein!“

Unschlüssig sah ich zu Mai. Sie stand da wie vom Donner gerührt. „Ich bin keine Gefahr für sie“ versuchte ich ihn zu beschwichtigen. Machte allerdings keine Anstalten mich von ihr wegzubewegen. Sein Kiefer verspannte sich, sein Blick wurde zunehmend dunkler.
 

„Ich hab dich gewarnt.“
 

Mit diesen Worten ließ er seinen Pfeil von der Sehne schnellen. Plötzlich hörte ich ein vertrautes Brüllen, zwei Klauen schoben sich schützend vor mich, silberne Schwingen umschlossen mein Blickfeld. Immer enger legte er sie an, seine Klauen drängten mich einen Schritt zurück. Ich spürte Sternenstaubdrache in meinem Rücken, sein Knurren ließ seinen Körper vibrieren. Mein Blick wanderte nach oben. Sein Kopf war nicht zu sehen, er ragte über seine Flügel und knurrte weiter unheilvoll. Er hatte mich beschützt. Ohne ihn hätte mich der Pfeil getroffen. Ich hörte keinen der beiden, lediglich das dunkle Knurren meines Drachen drang an mein Ohr. „Es ist okay“ murmelte ich, legte meine Hand auf eine seiner Klauen. „Du hast den Angriff abgehalten. Danke. Aber ich bin jetzt nicht mehr in Gefahr.“ Sternenstaubdrache machte keine Anstalten sich wieder zurückzuziehen. Irgendwie spürte ich, dass er diesen Joey angreifen würde, wenn er seinen Bogen nicht wegsteckt. Er war schon kurz davor. Bitte nicht! „Steck deinen Bogen weg!“ rief ich ohne ihn zu sehen. „Er ist nur angespannt! Zeig ihm einfach, dass du keine Gefahr bist!“
 

Ich wusste nicht was da vor sich ging, aber Sternenstaubdrache entspannte sich nicht. Hat Joey mich überhaupt gehört? Plötzlich hörte ich das Brüllen meines Drachen, einen Knall, Mais Schrei. Was geht hier vor sich?! „Hör auf!“ rief ich meinem Drachen zu und versuchte mich aus seinem schützenden Griff zu befreien, aber ich fand keine Lücke, durch die ich hätte hindurchschlüpfen können. Er darf sie nicht verletzen! Langsam entspannte er sich. Löste sich in einem Meer aus Sternen auf und gab meinen Blick auf das Feld wieder frei. Joey lag halb auf dem Rücken, hatte seine Hände hinter sich abgestützt und sah entgeistert zu der Stelle, an der eben noch der Kopf meines Drachen war. Sein Gesicht war aschfahl. Er zitterte. Neben ihm war ein riesiger, schwarzer Fleck, der aussah, als wäre dort etwas explodiert. Verkohlte Holzsplitter lagen überall verteilt. Mein Blick wanderte zu Mai. Auch sie war leichenblass, kniete am Boden und starrte über mich drüber. Atmete stoßweise. Natürlich war sie verschreckt. Ich wäre es sicher auch, wenn urplötzlich ein Drache auftauchen und angreifen würde. Langsam ging ich auf sie zu und reichte ihr meine Hand, um ihr aufzuhelfen. Ängstlich sah sie mich an, wich zurück. Ich stoppte in meiner Bewegung und ließ meine Hand wieder sinken. Hat sie jetzt Angst vor mir? Die Panik in ihren Augen versetzte mir einen tiefen Stich. „Es tut mir leid“ sagte ich leise. Einen letzten Blick warf ich auf ihren Freund, der noch immer regungslos am Boden saß, dann machte ich mich auf den Rückweg.
 

Rastlos schlenderte ich durch die Straßen und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Bis zum Abendessen war noch Zeit und auf meinem Zimmer vor mich hin grübeln wollte ich nicht, also wanderte ich ziellos umher. Meine Beine trugen mich bis zum Tempel. Ich sah auf. Dort hätte ich zumindest etwas Ruhe, ohne mich in meinem Zimmer wie eingesperrt zu fühlen. Ich seufzte und umrundete das Gebäude um in die Gartenanlage zu gelangen. Auf der niedrigen Mauer um den Brunnen ließ ich mich nieder und bettete mein Gesicht in meine Hände. Stützte meine Ellbogen auf den Knien ab. Was ist gerade passiert? Warum hat er angegriffen? Tief in mir spürte ich das Bedauern meines Drachen, aber er wollte mich nur beschützen. Er hatte Joey als Gefahr für mich angesehen und wollte mich beschützen, ihn entwaffnen, damit er mir keinen Schaden zufügen konnte. Ich war dankbar, dass er den Pfeil abgehalten hatte, aber deswegen hätte er nicht angreifen dürfen. „Drachen sind eigensinnige Geschöpfe“ hörte ich plötzlich eine Stimme und schreckte hoch. Yubel stand vor mir, die Arme verschränkt, sah mich mit einem undefinierbaren Blick an. Hat sie das von eben etwa mitbekommen? Sie senkte den Blick, nahm neben mir Platz und überkreuzte ihre Beine. Auch ich senkte den Blick und starrte auf meine Hände in meinem Schoß.
 

„Wie viel hast du gesehen?“ fragte ich.

„Alles ab dem Zeitpunkt, als der Kerl seinen Pfeil abgeschossen hat.“

Ich seufzte. „Ich wollte nicht, dass Sternenstaubdrache angreift.“

„Ich weiß“ sagte sie schlicht. „Du hast ihn noch gewarnt. Aber keine Angst, den beiden geht es gut.“ Sie schnaufte belustigt. „Sie hätten sich vor Angst nur fast in ihre Rüstungen gemacht.“ Ich ließ die Schultern hängen und knetete meine Hand. Ich wollte nicht, dass irgendjemand Angst vor mir hat. Schon gar nicht Mai. Wir hatten gerade erst angefangen uns zu verstehen. Normalerweise hören Schutzgeister doch auf die Anweisungen ihrer Dämonen. Warum klappt das bei uns nicht? „Drachen verhalten sich anders als andere Schutzgeister“ fuhr sie ernster fort, als hätte sie gewusst was ich dachte. „Am Anfang ist es schwierig, aber je enger euer Band wird, desto besser spielt ihr euch aufeinander ein.“

Zögerlich sah ich zu ihr. Yubel war vermutlich die einzige, die mein Problem verstehen konnte. „Ging es euch anfangs genauso?“

Sie nickte, schmunzelte sogar ein wenig. „Regenbogendrache hat dem damaligen König ganz schön eingeheizt. Eigentlich dachte ich, er würde mich dafür einsperren, aber er hatte Verständnis für die Situation. Mein Drache wollte ihm nie etwas Böses, aber sobald er sich oder mich bedroht sah, schritt er ein und versuchte mich zu beschützen. Im Laufe der Zeit hat er aber gelernt in solchen Situationen, wie du heute warst, auf mich zu hören.“

„Wie lange hat das gedauert?“

„Ein paar graue Haare musste der König schon lassen“ sagte sie und zuckte mit den Schultern. Dann sah sie mich ernst an. „Aber egal wie viel Zeit vergeht, dein Drache wird in solchen Situationen immer auftauchen um dich zu schützen. Du musst ihm nur beweisen, dass du die Sache auch allein regeln kannst. Er muss dir blind vertrauen können, aber das braucht Zeit.“

„Hm.“ Wieder senkte ich meinen Blick. Irgendwie tat es gut zu wissen, dass ich mit dieser Situation nicht allein war. Da fiel mir etwas ein und ich sah neugierig zu ihr. „Was wolltest du eigentlich am Trainingsplatz?“

„Ich habe dich gesucht.“

„Mich?“ vergewisserte ich mich irritiert. Wenn ich nicht in Haous Nähe war, bekam ich sie eigentlich nie zu Gesicht. Und noch seltener wechselten wir ein Wort miteinander. Warum sollte sie ausgerechnet mich suchen? Sie nickte und griff neben sich, doch ich konnte nicht erkennen was sie da machte. Schließlich drückte sie mir, ohne mich anzusehen, etwas in die Hand. Überrascht betrachtete ich es genauer. Ein Schwert. Der mit Leder umwickelte Griff war das einzige, was man davon sah. Die Klinge steckte in seiner Halterung. Irgendwie kam es mir bekannt vor. Mein Blick wanderte zu Yubel. „Was ist das?“ fragte ich irritiert.

Sie sah stur geradeaus, die Arme verschränkt. „Was schon? Ein Schwert. Dein anderes ist nur noch Altmetall und morgen ist deine Prüfung. Ich brauche es ohnehin nicht mehr.“

Meine Augen wurden bei jedem ihrer Worte größer. „Ist das wirklich für mich?“ fragte ich ungläubig.

Sie hob skeptisch eine Augenbraue. „Hast du mich jemals damit kämpfen sehen? Seit meiner Transmutation brauche ich es nicht mehr. Es verstaubt nur in einer Ecke meiner Gemächer. Also nimm es oder lass es.“
 

Ich konnte nicht anders als sie ungläubig anzustarren. Langsam wanderte mein Blick zu dem Schwert in meinem Schoß und ich zog es aus der Halterung. Zum Vorschein kam eine pechschwarze Klinge, in die einige Insignien eingearbeitet wurden. Ich neigte die Schneide im Sonnenlicht und beobachtete wie die Strahlen in unterschiedlichsten Farben reflektiert wurden. So ein Material hatte ich noch nie gesehen. Es war faszinierend. Langsam strichen meine Finger über das kalte Metall. Es war ohne die kleinste Unebenheit. Als wäre es im Kampf nie zum Einsatz gekommen. „Was ist das für ein Material?“ fragte ich, ohne meinen Blick von dem Schwert zu lösen.

„Der König nannte es Sternenstahl. Es war ein Produkt seiner Experimente mit verschiedenen Materialien. Es ist eine Zwillingsklinge.“

„Zwillingsklinge?“ fragte ich und sah auf.

Sie nickte. „Zwei Schwerter gleicher Schmiedekunst. Das Gegenstück gehörte dem König. Mir hat er es damals als Zeichen seines Vertrauens überreicht, als ich seine rechte Hand wurde. Seit seinem Tod wird die Klinge von Haou geführt.“

Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Ich hatte damit gerechnet morgen einfach mit einem der Übungsschwerter antreten zu müssen. Ich wog es in den Händen, stand auf und schlug einige Male durch die Luft. Es war weitaus leichter als mein altes Schwert, aber nicht so leicht wie das von Mai. Besser ausbalanciert war es auch. Ich setzte ein breites Lächeln auf und sah zu Yubel. „Danke!“

Sie wich meinem Blick aus. „Bilde dir nichts darauf ein. Ich will nur nicht, dass das Ding einfach irgendwo verstaubt, weil es nicht mehr zum Einsatz kommt. Und du brauchst eines, das ist alles.“

Mein Lächeln intensivierte sich. So wie das Schwert aussah, wurde es über die Jahre gut gepflegt. Ganz so egal wie sie tat, konnte es ihr also nicht sein. „Schon klar. Trotzdem Danke. Für alles.“

Sie nickte lediglich und stand auf. Ohne ein weiteres Wort breitete sie ihre Schwingen aus und war gen Himmel verschwunden. Einen Augenblick sah ich ihr nach, dann machte ich mich ebenfalls auf den Weg in den Palast.
 

Dort angekommen lief ich zielsicher zum Speisesaal, in der Annahme, dort auf Haou zu treffen. Mein Blick schweifte über die gedeckte Tafel, doch von meinem König fehlte jede Spur. Ob er heute auf seinen Gemächern isst? Oder kommt er nur etwas später? Vielleicht will er mich immer noch nicht sehen. Dabei wollte ich unbedingt mit ihm sprechen. „Was machst du hier?“ Die bekannte Stimme ließ mich zusammenzucken. Ich drehte mich zu ihr. Jesse hatte die Arme verschränkt und sah mich ernst an.

„Abendessen“ brachte ich irritiert heraus. Was sollte ich um diese Zeit sonst hier wollen?

Er schüttelte den Kopf kaum merklich. „Ab heute nimmst du deine Mahlzeiten woanders ein“ sagte er und drehte mir den Rücken zu. Was meint er? Jesse ging einige Schritte voraus und blickte ungeduldig zurück. „Jetzt komm schon!“

Schnell löste ich mich aus meiner Starre und folgte ihm. Schweigend wandelten wir durch die Gänge, nur unsere Schritte hallten an den Wänden wieder. Warum will Haou, dass ich ab sofort woanders esse? Hat ihn diese Geheimniskrämerei wirklich so sehr verletzt? Klar war er enttäuscht, aber dafür schien mir seine Reaktion doch etwas übertrieben. Jesse führte mich aus dem Hauptgebäude, über den Platz zum Nebenkomplex. Ich warf ihm einen irritierten Blick zu. Hier sollte ich mich doch erst nach dem Essen mit ihm treffen. „Wohin gehen wir?“ fragte ich, doch die Antwort blieb er mir schuldig. Ich folgte ihm weiter durch den Aufenthaltsraum der Wachen, die uns ebenso unschlüssige Blicke zuwarfen. Lediglich der Hauptmann nickte Jesse zu, als wir an ihm vorbeigingen, und reichte ihm einen Schlüssel. Wofür der wohl ist? Wir folgten den Treppen hinunter in die Kerker. Das Echo unserer Schritte wurde von den meterhohen Decken um ein vielfaches zurückgeworfen. Je weiter wir gingen, umso kälter lief es mir den Rücken hinunter. Was wollen wir hier? Schließlich blieben wir vor einer massiven Eisentür stehen.
 

Ein Schlüssel kratzte im Schloss und Jesse öffnete die Tür. Das Quietschen des sich bewegenden Metalls ließ mein Herz schneller schlagen. Dieses ungute Gefühl in mir wurde immer stärker. Zögerlich folgte ich ihm in die weitläufige Zelle und sah mich um. An einer Wand, knapp unter der gut fünf Meter hohen Decke waren kleine, mit Metallstäben gesicherte Fenster die spärliches Licht in den Raum warfen. Darunter entdeckte ich überraschenderweise einige Regale, die bis oben voll mit Büchern waren, daneben einen Schreibtisch. Auf diesem stand ein Teller mit etwas Brot, Fleisch und Gemüse. Bei genauerer Betrachtung sah der Tisch so aus, wie der in meinen Gemächern. Auch die Regale kamen mir plötzlich vertraut vor, nur das Bett in der Ecke des Raumes war mir unbekannt. Ich sah Jesse verständnislos an. Doch ehe ich ihm eine Frage stellen konnte, wurde sein Blick wieder ernst. „Das hier ist ab heute dein Zimmer. Wenn du nicht mit deiner Ausbildung beschäftigt bist, wirst du deine Zeit hier verbringen, und lernen, deinen Schutzgeist unter Kontrolle zu bekommen!“

Meine Augen weiteten sich bei jedem seiner Worte. „Aber-“

„Ich weiß, was heute auf dem Trainingsplatz passiert ist!“ fiel er mir ins Wort und ließ mich erstarren. „Hier hast du Platz, um mit deinem Drachen zu trainieren. Sollte er noch einmal jemanden angreifen, wird deine Strafe weitaus schlimmer werden!“

Ich schüttelte den Kopf. „Aber Sternenstaubdrache wollte mich nur-“

„Sei still!“ Sein wütendes Gesicht ließ mich einen Schritt zurückweichen. Ich versuchte Sternenstaubdrache zu beruhigen, damit er nicht unvermittelt auftaucht. Es lag sicher auch in seinem Interesse, dass Jesse nicht noch wütender wird. So hatte ich Haous Freund noch nie erlebt. „Ich habe dem König noch nichts von dem Angriff erzählt. Er ist so schon enttäuscht genug von dir, wegen der Sache mit deiner Magie.“ Mein Blick senkte sich, ich ballte meine Hände zu Fäusten. Darum geht es also? Deswegen redet er nicht mehr mit mir? „Von jetzt an bin ich für deine Ausbildung zuständig.“ Mein Blick hob sich wieder, doch bei Jesses Blick verkniff ich mir jede Gegenwehr. „Ab jetzt wird sich einiges ändern. Ich habe deine Lehre bei Meister Damian und Meister Eris abgebrochen. Und egal wie die Prüfung morgen ausfallen wird, auch bei Meister Zero bist du dann nicht mehr in der Lehre. Dafür wirst du dein Training bei Madame Tredwell intensivieren und bei Meister Ares in die Lehre gehen.“

Jesses Onkel? „Aber warum eine Ausbildung in der Spionage?“ fragte ich verständnislos.

Er hob eine Augenbraue. „Hat dir der König nie etwas davon erzählt?“

Langsam schüttelte ich den Kopf.

Ein leises Seufzen war zu hören. „Weißt du wirklich nicht, warum dich König Haou damals aufgenommen hat?“

„Ich… war allein.“

„Glaubst du allen Ernstes er hätte dich aus Nächstenliebe in den Palast geholt? Einen Menschen? Eine der Kreaturen, die seinen Vater und viele andere Dämonen getötet haben?“ Mein Puls erhöhte sich schlagartig. Haou sagte mal, dass er mich aufgenommen hatte, weil ich nur ein kleines Kind war. „Du hast eine Aufgabe zu erfüllen“ sprach er weiter. „Der König glaubt, dass die Menschen die Portale wieder aufbauen könnten und beenden wollen, womit sie vor 15 Jahren begonnen haben. Da aber keiner unserer Spione je aus der Menschenwelt zurückgekehrt ist, will er dich dort hinschicken, um Informationen zu beschaffen und sie zu infiltrieren. Deswegen solltest du so schnell wie möglich mit Schwert und Magie umgehen können. Nur aus diesem Grund bist du hier. König Haou sah in dir nie mehr als ein Mittel zum Zweck.“ Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Das kann nicht sein! Haou sieht in mir nicht nur ein Werkzeug! Jesses Blick verfinsterte sich. „Ob du es willst oder nicht: Die Isekai ist seit dem Tag an dem du in den Palast gekommen bist deine Heimat. Und ein Soldat beschützt seine Heimat mit allen Kräften. Das hast du ihm damals geschworen. Oder hast du es dir anders überlegt?“

„N-Nein“ erwiderte ich konfus. Ich will nichts mehr, als meine Freunde und die Isekai zu beschützen.

Er nickte. „Und um uns vor den Menschen zu schützen, müssen wir mehr über sie in Erfahrung bringen. Doch dafür musst du dich fokussieren! Bis zum Abschluss deiner Ausbildung will Haou dich nicht mehr sehen. Das lenkt euch beide nur von euren Pflichten ab. Ab heute wird es für dich nur noch um dein Training gehen, verstanden?“

Ich nickte zerknirscht und senkte den Blick. „Was ist mit meinen Freunden?“ murmelte ich.

„Was habe ich gerade gesagt?“ antwortete er ruhig, aber in einem dunklen Tonfall.

Meine Haltung fiel weiter in sich zusammen. Also kann ich ihnen nicht einmal erklären warum wir uns nicht mehr sehen können? Sie werden sich sicher Sorgen machen! Und Haou? Ich hätte das alles lieber von ihm gehört…
 

Schritte entfernten sich, doch ich traute mich nicht aufzusehen. Schließlich hörte ich, wie die massive Tür zu fiel. Ein Schlüssel kratzte im Schloss, dann umgab mich nichts als Stille. Meine Nägel gruben sich förmlich in die Haut meiner Handflächen, ich zitterte am ganzen Körper. Wenn es Haou wirklich nur um seinen Plan ging, hat er mich mein ganzes Leben lang belogen. Aber war wirklich alles gelogen? Seine Führsorge, seine aufmunternden Worte, sein seltenes Lächeln. Mein Blick verschwamm. Warme Tränen liefen stumm über meine Wangen und benetzten den kalten Steinboden. Ich war ihm immer dankbar, dass er mich in sein Schloss aufgenommen und sich um mich gekümmert hatte. Ich hatte das nie als selbstverständlich gesehen, doch der einzige Grund seiner Fürsorge war Rache. Rache an der Menschheit. Ob er mich all die Zeit ebenfalls gehasst hat? Für das was ich bin? Ein Geräusch hallte von den Wänden meiner Zelle wieder. Es dauerte einen Moment, ehe ich begriffen hatte, dass es mein Schluchzen war. Ich sackte in die Knie, schlang meine Arme um meinen Körper. Wie sollte ich ihm jemals wieder vertrauen, wenn er mich mein Leben lang belogen hatte? Wie viele seiner Worte entsprachen wirklich der Wahrheit? Kälte fraß sich durch meinen gesamten Körper, jagte mir immer wieder Schauer über den Rücken. Ich schrie meine Wut, meinen Frust, meine Trauer hinaus. In der Hoffnung diese Gefühle loszuwerden, die mich zu erdrücken drohten. Sternenstaubdrache schmiegte seinen Kopf an mich. Ich hatte nicht mitbekommen, dass er sich materialisiert hatte, doch ich war dankbar dafür. Ich hatte das Gefühl in ein riesiges Loch zu fallen, aber er gab mir Halt.
 

Doch das beruhigte kaum den tobenden Sturm in mir.

Mein ganzes Leben war eine verdammte Lüge.

Gefangen

Um mich herum war alles schwarz. Ich stand allein inmitten der Dunkelheit. In meinen Gedanken kreiste nur ein einziges Wort: Warum? Warum hatte Haou mich belogen? Warum war er es nicht, der mir die Wahrheit gesagt hatte? Warum hatte er mich plötzlich allein gelassen und mich in Jesses Verantwortung gegeben? Und was bedeutet das alles für meine Zukunft? Was ist, wenn ich irgendwann diese Aufgabe erfüllt habe? Bin ich dann überflüssig? Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Ziellos wandelte ich durch die Dunkelheit. Ein Schmerz an meiner Stirn. Etwas versperrte mir den Weg. Mit den Händen tastete ich in die Schwärze. Eine Wand. Bin ich eingesperrt? Mein Puls erhöhte sich schlagartig. Nichts hasste ich mehr, als eingesperrt zu sein. Bitte! Hier muss es irgendwo einen Ausgang geben! Mit den Händen tastete ich mich vorsichtig an der Wand entlang, als ich plötzlich eine Unebenheit spürte. Was ist das? Ein Schalter? Er ist klein. Mit einem leisen Klicken betätigte ich ihn.
 

Für einen Moment kniff ich die Augen zusammen, versuchte zu blinzeln um mich an das Licht zu gewöhnen. Das kalte Licht der Neonröhren blendete mich. Ich sah mich um. In dem weitläufigen Raum standen mehrere Krankenbetten. Jedes von ihnen sah frisch gemacht aus, in keinem lag ein Verletzter. Wo bin ich? Das war kein Raum im Schloss, das kaltweiße Licht war nur in meiner Erinnerung. Träume ich wieder? Ich sah an mir hinab. Diese weiße Kleidung trug ich immer in meinen Träumen, doch da war ich immer der kleine Junge von damals. Jetzt aber war ich in meinem momentanen Körper in dieser Welt. Das ist neu. Ich ging zu der Tür am Ende des Zimmers und legte meine Hand auf die Klinke. Zögerlich drückte ich sie nach unten und öffnete die Tür. Vor mir erstreckte sich ein langer Korridor, von dem mehrere Türen abgingen. Aus einem Impuls heraus ging ich weiter. Was ist das für ein Ort? Er kam mir seltsam vertraut vor. Plötzlich hörte ich Schritte. Jemand kam aus einem Nebengang auf mich zu. Ein ziemlich großer Mann mit schwarzem Haar und einer Narbe unter seinem linken Auge. Wer bist du? Ich wollte diese Frage laut stellen, doch kein Wort verließ meine Lippen. Ich war stumm, blieb irritiert stehen. Warum kann ich nicht sprechen? Er bewegte sich weiter auf mich zu, und schien mich nicht zu beachten. Ist er blind? Als er bei mir war, wollte ich meine Hand auf seine Schulter legen, damit er mich beachtete, doch ich griff einfach durch ihn hindurch. Riss meine Augen weit auf. Wie kann das sein? Was ist hier los?! Der Mann öffnete eine Tür und war dahinter verschwunden. Ich sah auf meine Hände. Ich konnte ihn nicht berühren, aber warum? Was ist das für ein Ort? Ich muss hier weg! Ohne nachzudenken, rannte ich. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich meine eigenen Schritte nicht hören konnte. Ich bewegte mich vollkommen lautlos durch den Gang. Das wird immer seltsamer. Wach auf!
 

Ich rannte durch die Gänge, nahm eine Abzweigung nach der anderen. Meine Beine trugen mich wie von selbst, ich wusste nicht wohin ich rannte. Als ich an einer der Türen vorbei ging, blieb ich abrupt stehen. Langsam drehte ich mich zu der metallenen Tür. Ein Warnschild war daran angebracht. Was ist das für ein seltsames Gefühl? Ehe ich realisiert hatte, was ich da tat, stand ich in dem Raum hinter der Eisentür. Vor mir stand eine große Maschine, von dem Tor in der Mitte gingen etliche Schläuche ab. Der Bildschirm an dem Schreibtisch daneben war schwarz. Alles schien abgeschaltet zu sein. Das war der Raum aus meinem Traum. Hier hatte mein Vater mir von der anderen Welt erzählt. Ich schmunzelte. Dieser Ort beruhigte mich auf seltsame Art und Weise. Nur der Wald auf dem Bildschirm fehlte. Ob ich…? Zögerlich ging ich auf den Bildschirm zu. Ich drückte einen Kopf, einige Eingabefelder flimmerten vor meinen Augen. Ich setzte mich auf den Stuhl, wo vorher mein Vater gesessen hatte, und klickte mich durch die Befehlsfelder durch. Ich dachte nicht darüber nach was ich tat, schließlich kam ich zu dem Eingabefeld, indem mein Vater den Wald mit Zeichen dargestellt hatte. Ob das funktionieren kann? In meinen Erinnerungen suchte ich den Wald, bis ich ihn klar vor mir sehen konnte, und ließ meine Finger über die Tastatur wandern. Das Klicken der Tasten hallte leise durch den Raum. Die Bäume, Gräser und Blumen nahmen immer mehr Gestalt an. Als ich fertig war, betrachtete ich zufrieden mein Werk. Ja, jetzt sah der Raum wieder fast so aus wie in meiner Erinnerung. Ich wollte die Eingabe bestätigen, doch schlagartig fiel mir etwas ein und ich stoppte in meiner Bewegung. Sah auf meine Hände, dann auf die Tastatur. Warum konnte ich den Mann vorhin nicht berühren, aber hier funktionierte alles? Auch den Lichtschalter im Krankenflügel konnte ich betätigen. Was für ein seltsamer Traum.
 

„Yusei?“ flüsterte jemand ungläubig. Ich stand auf und drehte mich in derselben Bewegung um. Im Türrahmen stand ein großgewachsener Mann mit blonden, kurzen Haaren und sah in meine Richtung. Ich versuchte zu antworten, doch kein Laut drang aus meiner Kehle. Der Mann kam mir bekannt vor, aber ich konnte ihn nicht einordnen. Sein Blick wanderte unstet umher, versuchte etwas zu fixieren, bis seine violetten Augen direkt in meine sahen und immer größer zu werden schienen. In seinem Gesicht konnte ich Freude, Verwirrung und Unglaube gleichermaßen lesen. „Das kann nicht sein“ murmelte er und kam auf mich zu. Irritiert beobachtete ich ihn und war unfähig mich zu bewegen. Was hat er vor? Kann er mich sehen? Er hob seine Hand zu meinem Gesicht, in dem Moment wurde alles in feuerrotes Licht getaucht.
 

Ich schrie erschrocken auf, kniff die Augen zusammen. Mein rechter Arm fühlte sich an, als würde er verbrennen. Als ich die Augen wieder aufriss, hatte sich meine Umgebung verändert. Völlig außer Atem sah ich mich um. Ein weitläufiger Raum mit hohen Decken. Nur die kleinen Fenster hoch oben warfen spärliches Licht in das Zimmer. Gegenüber von mir war eine Stahltür. Mein Körper war schweißnass, doch mein Atem beruhigte sich allmählich. Ich saß auf dem Steinboden meiner Zelle. Stimmt, ich bin gestern zusammengebrochen. Danach musste ich vor Erschöpfung einfach auf dem Boden eingeschlafen sein. Jetzt erst spürte ich wieder meinen pochenden Arm und sah an mir hinab. Meine andere Hand klammerte sich schmerzhaft an dem Drachenmal fest. Es leuchtete. Warum? Das hatte es seit dem Nebelberg nicht mehr getan. Ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, ebbte der Schmerz ab und auch das Glühen verging. Zurück blieb nur die dunkelrote Zeichnung. Es sah wieder aus wie zuvor. Was geht hier vor sich? Erst dieser seltsame Traum und jetzt das.
 

„Rubiii“ hörte ich eine helle Stimme und riss mich erschrocken aus meinen Gedanken. Neben mir saß ein keiner, blauer Schutzgeist, der aussah, wie eine Katze mit riesigen Ohren. Seine großen, rubinroten Augen betrachteten mich eindringlich. Sein Schwanz, mit einer ebenso roten Kugel an der Spitze, zuckte aufgeregt. Ist das nicht Jesses Schutzgeist? Ich sah mich um, doch bis auf Rubin und mir war niemand in der Zelle. „Rubi!“ sagte der Geist nun lauter und sprang zu dem Stuhl an meinem Schreibtisch. Darüber hing meine Rüstung, daneben angelehnt mein Schwert. Ich brauchte einen Moment, ehe ich begriffen hatte was er meinte. Die Schwertprüfung! Wie spät ist es? Durch die kleinen Fenster konnte ich den Stand der Sonne nicht ausmachen. Ich muss mich beeilen! Schnell schnappte ich meine Sachen und zog mich an, dann rannte ich zur Tür. Ich griff nach dem Knauf, aber er ließ sich nicht bewegen. Bin ich eingesperrt? Stimmt, als Jesse gestern den Raum verließ, hatte ich einen Schlüssel gehört. Aber wie komme ich jetzt hier raus? Panisch sah ich mich um, aber hier war nichts, mit dem ich mich hätte befreien können. Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Jemand war an der Tür. Ein Schlüssel kratzte im Schloss, einen Moment später öffnete sich die Tür. Rubin verschwand. Überrascht betrachtete ich eine Dämonin mit langem, rotem Haar, das sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte. In ihrer Hand hielt sie ein Tablett mit einem Apfel, etwas Brot und Käse. Mit einem freundlichen Lächeln sah sie mich an. „Guten Morgen. Du bist aber früh wach geworden.“

„Guten Morgen“ antwortete ich irritiert und beobachtete, wie sie Richtung Schreibtisch ging.

Sie stellte das Essen ab und drehte sich tadelnd zu mir, eine Hand in die Hüfte gestemmt. „Also wirklich, vor so einem wichtigen Tag hättest du dein Abendessen nicht unangetastet stehen lassen sollen. Wie willst du bei deiner Prüfung heute dein Bestes geben, wenn dein Magen leer ist?“ Wie auf Abruf knurrte mein Magen und ließ ihre Gesichtszüge wärmer wirken. „Siehst du, was ich meine? So, und jetzt iss ordentlich, ich werde später nach dir sehen und dich bis zum Ausgang begleiten.“

Als sie sich in Bewegung setzen wollte, fand ich meine Stimme wieder. „Wartet!“

Neugierig blieb sie stehen.

„Wer seid Ihr?“

Sie lächelte herzlich. „Lassen wir das mit der höflichen Etikette, wenn du nichts dagegen hast. Nenn mich Fonda, ich bin Heilerin im Gefängnistrakt. Aber jetzt komm endlich und greif zu!“

Ein erneutes Ziehen in meinem Magen ließ mich nicken. Da fiel mir etwas ein. „Wenn Ihr… Ich meine, wenn du die Zelle wieder verlässt, kannst du die Tür bitte nicht abschließen?“

„Tut mir leid“ antwortete sie mitfühlend. „Anweisung von oben. Ich muss die Zelle immer geschlossen halten.“

„Verstehe“ sagte ich zerknirscht.

„Aber ich kann dir beim Essen gern Gesellschaft leisten, wenn du das möchtest.“

„Ich will Euch… dich nicht von der Arbeit ablenken.“

Sie winkte mit einem Lächeln ab. „Ach was, im Moment habe ich nicht viel zu tun. Es gibt gerade nur wenige Gefangene, um die ich mich kümmern müsste.“ Gefangene… Ob ich jetzt auch einer davon war? Ich ging zu ihr und setzte mich auf den Stuhl, während sie sich an den Schreibtisch lehnte. „Sag mal… Wenn du mir die Frage erlaubst, warum sitzt der Schützling den Königs in einer Hochsicherheitszelle?“

„Hochsicherheitszelle?“ vergewisserte ich mich. Bis auf die Stahltür und die hohen Fenster gab es nicht unbedingt hohe Sicherheitsvorkehrungen hier drin.

Sie nickte. „Es sieht vielleicht nicht danach aus, aber das ist eine der sichersten Zellen die wir haben. Die Tür ist mehrfach verstärkt, so ziemlich alles hier drin magisch versiegelt, das Schloss kann nicht geknackt werden und in den dicken Wänden sind Insignien eingearbeitet worden, die jegliche magische Fähigkeiten entweder verstärken oder blockieren können. Je nachdem welche man von außen aktiviert.“

„Warum sollte man magische Fähigkeiten in einem Gefängnis verstärken?“

„Iss“ sagte sie schmunzelnd. Während ich mir ein Stück Brot nahm, redete sie weiter. „Das stammt noch aus Kriegszeiten. Nicht magische Kreaturen wurden hier drin eingesperrt und gefoltert. Bestimmte Manipulationszauber konnten durch die Insignien verstärkt werden.“ Ich schluckte schwer. Blüht mir das etwa auch? „Keine Angst, das wird schon seit Jahren nicht mehr praktiziert. Vor allem nicht bei dir. Die Wachen wurden dazu angehalten dich in Ruhe zu lassen, solange du dich fügst. Was mich wieder zu meiner Frage bringt: Warum bist du hier?“

Ich wich ihrem Blick aus, starrte auf das Brot in meiner Hand. „Gute Frage“ murmelte ich leise.

„Hat dir Meister Jesse gestern nichts erzählt?“

Ein leises Seufzen kam über mich. Wie könnte ich dieses Gespräch vergessen? „Mein Schutzgeist hat gestern jemanden angegriffen“ flüsterte ich.

„Du hast deinem Schutzgeist den Befehl zum Angriff gegeben?“ fragte sie ungläubig.

Schnell schüttelte ich den Kopf. „Er wollte mich beschützen. Jemand hatte einen Pfeil auf mich abgeschossen.“

„Ist er schwer verletzt?“ fragte sie betrübt.

Wieder schüttelte ich den Kopf. „Soweit ich weiß, ist er unverletzt. Nur sein Bogen ist hin.“

„Warte mal“ sagte sie und drückte sich vom Schreibtisch ab. Ich spürte ihren durchdringenden Blick auf mir ruhen. „Willst du mir ernsthaft weiß machen, dass du nur hier bist, weil dein Schutzgeist, als Reaktion auf einen Angriff, einen Bogen kaputt gemacht hat? Deswegen landet doch niemand in einem Hochsicherheitsgefängnis!“

„Ich soll lernen mit ihm zusammenzuarbeiten“ sagte ich zerknirscht. „Mehr weiß ich auch nicht.“

„Hm.“ Sie lehnte sich wieder an den Tisch, bettete ihr Kinn in ihre Hand. „Wie merkwürdig. Welchen Schutzgeist hast du denn, dass Meister Jesse derart hohe Sicherheitsvorkehrungen trifft, obwohl nicht einmal etwas Gravierendes passiert ist?“

„Einen Drachen“ sagte ich schlicht und sah auf.

Sie musterte mich überrascht. „Einen Drachen?“ fragte sie skeptisch. „Groß, Flügel, Feueratem, so ein heiliges Geschöpf aus Erzählungen, die seit hundert Jahren ausgestorben sind, Drachen?“

Unwillkürlich musste ich schmunzeln. „Nein, kein Feueratem.“

Wieder musterte sie mich eindringlich. „Du meinst das ernst“ bemerkte sie, ehe ein Glanz ihre Augen erfüllte. „Kannst du ihn rufen?“

Ich blinzelte irritiert. „Was?“

„Ich glaube dir, aber ich würde zu gern einen Drachen aus nächster Nähe sehen! Meine Großmutter hat mir damals viele Geschichten über sie erzählt, aus der Zeit, in der es noch Drachen in der Isekai gab. Du würdest mir damit wirklich eine Freude machen. Aber wenn du das nicht willst, ist das auch in Ordnung!“

„Ähm.“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wollte Sternenstaubdrache allerdings nicht rufen wie einen Party Gag. Doch er nahm mir die Entscheidung ab, indem er sich einfach ohne mein Zutun materialisierte und mit einem hellen Brüllen in einem Meer aus Sternen aufstieg. Fonda schreckte nicht zurück, sondern besah sich das Schauspiel ehrfürchtig. „Das ist Sternenstaubdrache.“
 

Langsam ging sie auf ihn zu und streckte einen Arm nach ihm aus, zog ihn aber wieder zurück und sah zu mir. „Darf ich?“ fragte sie unsicher. Ich nickte. Sternenstaubdrache senkte seinen Kopf auf ihre Höhe und betrachtete sie eindringlich. Er schien neugierig zu sein. Ich musste lächeln. „Hallo, Sternenstaubdrache“ begrüßte sie ihn mit einer Verbeugung. Langsam ging sie um ihn herum und er hob seine Schwingen, die das Licht seicht in allen Farben reflektierten. „Du bist wunderschön“ säuselte sie. Mein Drache reagierte darauf mit einem zufriedenen Brummen. Auf Schmeicheleien spricht er also an. Er hob seinen Kopf und sah zu mir. Irgendwie wirkte er beleidigt, was mich leise lachen ließ. „Entschuldige.“

Fonda sah lächelnd zu mir. „Was hat er gesagt?“

„Er freut sich über das Kompliment“ sagte ich wahrheitsgemäß.

Wieder wanderte ihr Blick zu meinem Drachen. „Ein richtiger Drache… Gab es außer ihm noch mehr?“

„Nein“ log ich schnell.

„Wie schade.“ Sie sah wieder zu mir. „Dann hast du es bis auf die Spitze geschafft, nicht wahr?“

„Mhm.“

„Du kannst wirklich stolz auf dich sein. Und auch auf deinen Drachen.“

Mir stockte der Atem, ich konnte mein eigenes Herz hören. Das waren genau die Worte, die Haou am Lagerplatz verwendet hatte. Kurz bevor… Ich schüttelte den Gedanken ab.

„Alles in Ordnung?“ fragte sie besorgt.

„Ja, alles gut. Danke, dass du mir Gesellschaft geleistet hast, aber ich muss jetzt zum Trainingsplatz.“

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, aber meine Anweisungen sind deutlich. Ich darf dich erst heute Mittag hier rauslassen. Außerdem hast du gerade mal eine halbe Scheibe Brot gegessen. Du wirst schön hier bleiben und etwas zu dir nehmen.“

„Von wem kommen diese Anweisungen?“

„Von Meister Jesse.“
 

Ich schnaufte. War ja klar. Wenn er damals auf mich aufpassen musste, weil Haou wegen seiner Pflichten nicht im Palast war, wurde ich schon für das kleinste Vergehen eingesperrt. Zwar nie in eine Zelle wie diese hier, aber ich hatte teilweise über Tage kein Sonnenlicht gesehen. Als ich zehn war, hatte er mich einmal in meinem Zimmer eingesperrt und dort vergessen. Zwei Tage musste ich ohne Wasser oder Nahrung auskommen, ehe er mir die Tür wieder öffnete. Das war meine Strafe für unerlaubtes Sprechen. Seitdem bekam ich jedes Mal Panik, wenn ich eingesperrt war. Vor allem von ihm. Diese Zelle verdanke ich wohl dem Vorfall beim Trainingsplatz. Eine sanfte Berührung an meinen Schultern riss mich aus meinen Gedanken. Fonda lächelte mich sanft an. „Ich weiß, diese Situation ist schwierig für dich, aber es ist ja nicht für immer. Und die letzte Anweisung ist übrigens von mir. Setz dich und iss etwas. Du musst bei Kräften bleiben, wenn du trainierst.“

Ich wich ihrem Blick aus und nickte.

Prüfungsstress

Das schwere Holztor öffnete sich und ich trat einen Schritt hinaus, auf die grüne Wiese. Holte tief Luft. Eine sanfte Brise ließ die Gräser tanzen, umspielte mein Gesicht. Ich genoss das Gefühl. Endlich raus aus dieser stickigen Zelle. „Jetzt komm schon!“ brummte der großgewachsene Dämon, der mich hier her geführt hatte. Der Hauptmann hatte heute keine sonderlich gute Laune.

„Ich dachte Fonda begleitet mich“ sagte ich verwundert, als ich ihn eingeholt hatte.

„Du sprichst nur, wenn es dir erlaubt ist!“ zischte er. „Nicht mal an Etiketten kannst du dich halten!“

Genervt mied ich seinen Blick, schwieg aber. Fonda sagte doch nach unserem Gespräch heute Morgen, dass sie bald wiederkommen würde. Aber seitdem hatte ich sie nicht mehr gesehen.
 

Stillschweigend begleitete mich mein unfreiwilliger Babysitter bis zur Unterkunft der Teilnehmer und verschwand ohne ein weiteres Wort. Als ich eintrat, sahen meine drei Mitschüler auf. Zane und sein Freund standen mitten im Raum und beäugten mich skeptisch, Mai lehnte etwas abseits an einer Wand und mied schnell meinen Blick. „Neue Rüstung?“ kam es von dem Blauhaarigen. Er grinste süffisant. „Die wird dir auch nicht weiterhelfen. Spar dir die Blamage und geh nach Hause!“

„Angst, dass ich gewinnen könnte?“ gab ich unbeeindruckt zurück.

Er schnalzte mit der Zunge. „Dass ich nicht lache. Ich hab gehört, dass selbst der König endlich erkannt hat, wie nutzlos du bist. Du sollst aus dem Palast geflogen sein.“

Ich ballte meine Hände zu Fäusten, sah ihn nur noch aus Schlitzen an. Woher weiß er davon?

„Ernsthaft?“ lachte sein Freund und sah hochnäsig zu mir.

Zane nickte, sein dämliches Grinsen wurde noch breiter. „Klar, hat mir mein Vater erzählt. Endlich sitzt er da wo ein Mensch hingehört: in einer Zelle.“

„Klappe!“ knurrte ich wenig schlagfertig und versuchte mich zu beruhigen. Mich jetzt mit ihm anzulegen könnte mich meine Qualifikation kosten, während er ohne eine Verwarnung davonkommen würde.
 

Plötzlich öffnete sich eine weitere Tür und Meister Zero betrat den Raum. „Na schön, es geht gleich los. Ich hoffe sehr, ihr habt euch gut vorbereitet, denn das wird der schwerste Kampf werden, den ihr bisher bestritten habt. Jedem von euch wurde individuell zu euren Kampfstilen ein Schwertmeister zugeteilt, gegen den ihr antreten werdet.“ Er bedachte jeden von uns mit einem ernsten Blick. Als er mich ansah, bildete sich ein kleines Grinsen in seinem Gesicht. Ich schluckte trocken, versuchte mir meine Nervosität allerdings nicht ansehen zu lassen. Ich wollte gar nicht wissen, wen er sich für mich ausgesucht hatte. „Eure Gegner sind ausnahmslos gute Kämpfer. Niemand erwartet von euch, dass ihr gegen sie gewinnt. Ihr müsst lediglich einen gewissen Zeitraum gegen sie bestehen, ohne von ihnen besiegt zu werden.“

„Das reicht, um in den Meisterrang zu kommen?“ fragte Zane.

„Bilde dir nicht ein, dass es einfach wird“ erwiderte Meister Zero. „Ihr tretet schließlich gegen Schwertmeister an. Keiner von ihnen wird es euch leicht machen. Sie haben sehr viel mehr Erfahrung als ihr.“

„Wie lange müssen wir durchhalten?“

„Zehn Minuten. Das klingt vielleicht wenig, aber glaubt mir, sie werden euch vorkommen wie eine Stunde. Da ihr unterschiedliche Gegner haben werdet, steht es euch frei bei den Kämpfen zuzusehen. Zane, du bist der erste, danach kommen Bastion und Mai.“ Sein Blick wanderte zu mir. „Dann kannst du dein Glück versuchen. Aber denkt dran: beim kleinsten Regelverstoß werde ich euch disqualifizieren.“

Ich erwiderte seinen Blick ernst. Wenn er sich irgendetwas ausdenken sollte, hatte ich keine großen Hoffnungen, dass sich irgendjemand auf meine Seite stellen würde. Selbst bei Haou war ich mir inzwischen unsicher.
 

Meister Zero verließ den Raum, ihm folgten Zane und Bastion. Nur Mai blieb mit mir zurück. Ob ich das von gestern aus der Welt schaffen sollte? Einen unendlich langen Moment herrschte eine unangenehme Stille im Raum. „Willst du nicht mit zusehen?“ fragte ich zögerlich.

Sie mied meinen Blick. „Wozu? Es bringt ja doch keinen Vorteil, dann kann ich auch hier warten. Was ist mit dir?“

„Ich… wollte eigentlich mit dir reden.“

Sie winkte ab. „Wenn es um gestern geht, spar dir die Mühe. Joey hat die Lektion mal gebraucht.“

„Du bist nicht sauer?“ fragte ich überrascht.

Endlich sah sie mich an. „Nein, warum sollte ich? Joey hat dich schließlich angegriffen, ist doch klar, dass dein Schutzgeist dich verteidigt hat. Dein Drache hat mir nur einen riesen Schreck eingejagt.“

Ich konnte nicht anders als zu lächeln. „Tut mir Leid.“

„Hast du ihn unter Kontrolle?“ Ich sah sie fragend an. „Deinen Drachen“ hakte sie nach. „Gestern sah es so aus, als würde er nicht auf dich hören. Immerhin hat er sich auf deinen Befehl hin nicht zurückgezogen.“

Ich seufzte lautlos. „Wir arbeiten dran.“

„Während der Prüfung darf das nicht wieder passieren“ sagte sie ernst. „Das Rufen der Schutzgeister ist strengstens verboten, vergiss das nicht. Und so wie ich das sehe, gibt es wahrscheinlich eine Panik, wenn plötzlich ein Drache hinter dir auftaucht. Sie haben so schon Angst vor dir.“

„Ich weiß. Und wenn sie merken, dass er nicht so auf mich hört, wie es die anderen Schutzgeister tun, wird sie das nicht unbedingt beruhigen. Aber Sternenstaubdrache würde nie jemanden verletzen. Zumindest nicht ohne Befehl.“

„Schon klar, aber das wissen sie nicht. Also leg es lieber nicht drauf an.“

Ich nickte, mied ihren Blick für einen Moment. „Wie geht es Joey?“

Das entlockte ihr ein Schmunzeln. „Sein Ego hat endlich mal Risse bekommen. Habe ich mich dafür schon bedankt?“

Ich musterte sie irritiert. „Wieso bedankt?“

„Das wird ihm vielleiht eine Lehre sein, seine Klappe nicht immer so weit aufzureißen. Du hast ihn doch selbst erlebt. Der kleine Dämpfer tat ihm sicher ganz gut.“ Sie lachte leise und stieß sich von der Wand ab. Kam langsam auf mich zu.

„Hm.“ Ich freute mich darüber, dass sie nicht sauer auf mich war, aber dass sie der Vorfall zu amüsieren schien, fand ich eher befremdlich.
 

Als sie bei mir war, beäugte sie das Schwert an meiner Hüfte und sah mich interessiert an. „Darf ich?“ Ich nickte und zog das Schwert aus seiner Halterung, dann reichte ich es ihr. „Schick“ kommentierte sie und nahm es an sich. Drehte die schwarze Klinge und beobachtete die farbenfrohe Reflektion des Lichts. Dann wog sie es in ihren Händen, fuhr behutsam über die Schneide. „Etwas zu klobig für meinen Geschmack, aber ich bevorzuge sowieso den, wie hast du gesagt, eleganten Stil“ sagte sie und schmunzelte amüsiert. Ein kleines Lachen konnte ich mir nicht verkneifen.
 

Plötzlich öffnete sich wieder die Tür und abermals stand Meister Zero vor uns. „Mai, du bist dran.“

„Schon?“ entkam es ihr überrascht. Auch ich sah Meister Zero verblüfft an. Es waren vielleicht 15 Minuten vergangen, höchstens.

„Wie oft denn noch? Eure Gegner sind Meister! Die Erfolgsquote bei der Prüfung liegt bei etwa 40 Prozent“ antwortete er sichtlich genervt. „Und jetzt komm!“ Mai nickte und folgte ihm. Auch ich setzte mich in Bewegung. Zumindest ihren Kampf wollte ich nicht verpassen.
 

Als wir durch die Tür traten, kamen wir in einem langen Korridor an. Das Geräusch unserer Schritte hallte an den Wänden wieder. Obwohl ich noch nicht dran war, klopfte mein Herz schneller. Ich hörte die Menge an Dämonen am Ende des Ganges. Das Stadion war allem Anschein nach gut gefüllt. Mais Blick war stur geradeaus gerichtet, doch ich konnte sehen, wie sie zitterte. Beruhigend legte ich meine Hand auf ihre Schulter. Das riss sie anscheinend aus ihren Gedanken und sie sah zu mir. „Du schaffst das“ flüsterte ich. Einen Moment musterte sie mich, schließlich schenkte sie mir ein kleines Lächeln. „Ich weiß.“

„Mai, du gehst weiter den Gang entlang, und du kommst mit mir“ befahl Meister Zero und zog mich unsanft am Arm in einen Nebengang. Dort ließ er mich wieder los und öffnete eine Tür. Ich schritt hindurch und sah Zane und Bastion ziemlich lädiert auf einer Bank sitzen. Von hier konnte man das gesamte Kampffeld hinter einer niedrigen Brüstung gut überblicken. „Warte hier bis zu dran bist“ knurrte unser Meister und verschwand wieder.

Zane sah mich finster an. „Ein falscher Spruch und ich sorge dafür, dass du da nicht raus kannst.“

Ich grinste nur in mich hinein und beobachtete Mai, wie sie aus dem seitlichen Eingang schritt. Zanes Reaktion nach zu urteilen, hatten also beide verloren. Sollen die beiden doch erst ihre Wunden lecken. Das müsste ihrem Ego erstmal einen Dämpfer verpassen.
 

„Kommen wir nun zur dritten Schülerin, die ihre Meisterprüfung ablegen wird. Einen Applaus für Mai Valentine!“ schallte es erstaunlich laut durch das Stadion, was die Menge jubeln ließ. Ich ließ meinen Blick über die Zuschauer schweifen, bis ich an einem Balkon, räumlich abgetrennt vom Rest der Menge, auf ein gelbes Augenpaar stieß. Haou sah mich direkt an, sein Gesicht war unergründlich. Sein Anblick versetzte mir einen Stich, ich mied seinen Blick. „Ihre Gegnerin ist die verehrte Meisterin Tania!“ Ein erneuter Applaus donnerte über das Feld. Ich zwang meine Aufmerksamkeit wieder auf das Spielfeld, schluckte hart. Mais Gegnerin trat auf das Feld. Überraschenderweise trug sie nur einen festen Lederharnisch und kurze Beinkleider, die die Naben über ihrem muskelbepackten Körper noch mehr hervorhoben. Sie hatte den Ruf im letzten Krieg beinahe so viele Gegner erledigt zu haben wie Jubel. Selbst verletzt soll sie eine gefährliche Kriegerin sein. Mai konnte nur auf ihre Schnelligkeit setzen, denn in Sachen Stärke war Meisterin Tania ihr überlegen.
 

Als die beiden sich in etwa fünf Metern Entfernung gegenüberstanden, schallte erneut die laute Stimme über das Feld. „Verbeugt euch!“ Die beiden folgten dem Befehl. „Zieht die Schwerter!“ Das Geräusch schleifenden Metalls hallte leise über das Feld. Am anderen Ende des Kampffeldes wurde eine große Sanduhr umgedreht. Noch während das erste Sandkorn durch die kleine Öffnung fiel, schallte es erneut über den Platz. „Kämpft!“ Einen Moment lang sahen sich Mai und Tania einfach nur in die Augen, schließlich preschte Mai voran. Scheinbar mühelos wurde ihr Angriff abgehalten. Immer wieder schlug sie auf ihre erfahrenere Gegnerin ein, doch die Meisterin parierte jeden Schlag, wurde nicht einmal nennenswert zurückgedrängt. Aber sie holte nie zum Gegenschlag aus. Moment… Das ist gar nicht gut. Mai sollte ihre Strategie wechseln. Tania studiert ihr Schlagmuster! Mai schien zu fokussiert auf ihre Schläge, sie bemerkte Tanias Strategie scheinbar nicht. Ein weiterer Hieb ging ins Leere, plötzlich holte die Meisterin zum Gegenschlag aus. Um Haaresbreite konnte Mai ausweichen und brachte etwas Platz zwischen sich und Tania. Ich atmete erleichtert aus. Endlich, sie scheint es bemerkt zu haben.
 

Aber Tania ließ sie kaum Luft holen. Die Hiebe der Meisterin waren kräftig, Mai parierte die Schläge nicht, sondern wich aus. Leider schien ihre Kondition darunter zu leiden. Man sah Mai ihre Erschöpfung an. „Komm schon“ murmelte ich und beobachtete wie Mai immer weiter zurückgedrängt wurde. Ein seitlicher Schlag, Mai duckte sich, konnte dem nächsten aber nicht ausweichen und parierte mit ihrer dünnen Klinge, wurde dadurch immer weiter nach unten gedrängt. Mist! Die Meisterin hat die Oberhand. Du musst schnell verschwinden! Mit einer geschickten Drehung ließ Mai die Klinge ihrer Gegnerin in den Boden gleiten, dann stieß sie am Boden kniend ihr Schwert in Richtung Lederharnisch. Tania drehte sich schnell weg und zog ihre Klinge dabei aus dem Boden, trotzdem traf Mais Schwert sie an der Schulter. Die Meisterin schien davon wenig beeindruckt und stieß erneut zu, rammte ihre Klinge aber in den Boden, denn Mai war schneller und drehte sich weg. Rappelte sich auf und brachte sich außer Atem wieder in Kampfstellung. Mein Blick fiel auf die Sanduhr. Verdammt! Es war gerade einmal die Hälfte der Zeit um!
 

Erneut schnellte Mai auf ihre Gegnerin zu, ließ ihre Klinge in schneller Folge auf sie los, doch die Meisterin kannte jetzt Mais Kampfmuster. Sie parierte einen Schlag und stieß ihr Schwert Richtung Mais Bauch. Diese bemerkte es glücklicherweise und wich in letzter Sekunde aus, brachte wieder etwas Platz zwischen sich und ihrer Gegnerin. Mai schien völlig außer Atem, aber auch an der Meisterin ging der Kampf nicht spurlos vorbei. In einer fließenden Bewegung schnellte Mai voran, duckte sich unter dem auf sie zukommenden Schwert, und rammte ihre dünne Klinge in das Bein ihrer Gegnerin. Ein Schrei, die Meisterin setzte zum Gegenschlag an, doch Mai brachte in derselben Bewegung wieder etwas Platz zwischen sie. Die Zuschauer jubelten. Ich schmunzelte. Jetzt war Mai im Vorteil. „Hinterhältig, aber nicht schlecht“ kommentierte Zane hinter mir. Meine Hände krallten sich förmlich in die niedrige Brüstung, ich hatte kaum wahrgenommen, dass ich weiter vorgegangen war.
 

Trotz der unaufhörlich blutenden Wunde kämpfte Meisterin Tania weiter, als wäre der tiefe Schnitt nur ein Kratzer und drängte Mai damit wieder zurück. Plötzlich stolperte Mai, ihre Gegnerin nutzte ihre Chance und ließ die Klinge auf sie zu schnellen, doch Mai schaffte es wegzuspringen. Die Meisterin gab ihr jedoch keine Zeit sich wieder zu fangen und stieß erneut zu. Vor Schmerz stöhnend landete Mai auf dem Rücken und versuchte das Schwert ihrer Gegnerin mit ihrer eigenen Klinge zurückzudrängen. „Mai!“ rief ich verzweifelt, auch durch die Zuschauer ging ein Raunen, alle riefen durcheinander. Zentimeter für Zentimeter drückte die Meisterin ihr Schwert tiefer, Mai hatte große Mühe das Schwert auf Abstand zu halten, schaffte es einfach nicht sich aus der Lage zu befreien. Verdammt! Da kommt sie nicht mehr heraus!
 

„Die Zeit ist um!“ schallte es über den Platz. Irritiert sah ich zu der großen Sanduhr. Tatsächlich. Der gesamte Sand ist durchgeflossen. Die zehn Minuten sind um! Mai hat es geschafft! Ein donnernder Applaus ging durch die Menge, Meisterin Tania erhob sich und half Mai auf, die selbst nicht zu realisieren schien, dass sie es geschafft hatte. Über irgendetwas unterhielten sich die beiden, doch es ging im Tosen um uns herum unter. „Herzlichen Glückwunsch, Mai!“ rief wieder die laute Stimme, deren Ursprung ich einfach nicht ausmachen konnte. „Du hast die Prüfung bestanden und erhältst offiziell den Titel der Schwertkampfmeisterin!“ Ungläubig wanderte ihr Blick über die Menge, bis sie zu mir sah. Langsam schien sie die Worte zu begreifen und lief begeistert auf mich zu. Ich konnte meine Freude über den Ausgang des Duells ebenso wenig verstecken. „Geschafft!“ quietschte sie vergnügt. Ich hielt ihr meine Faust hin, sie erwiderte.

„Glückwunsch, Meisterin Valentine, du hast es verdient!“ sagte ich.

Sie lachte. „Der Titel hat was. Meisterin Mai Valentine. Daran kann ich mich gewöhnen!“

Plötzlich stand Zane an meiner Seite. „War ganz schön knapp. Ein paar Sekunden länger und du hättest verloren.“

Mai schmunzelte. „Wie lange hast du es gleich ausgehalten?“

„Acht Minuten“ knurrte er und setzte sich wieder.

Mai lachte vergnügt. „Jetzt bist du dran, Yusei! Zeig es ihnen!“

Ich nickte entschlossen.
 

Hinter mir öffnete sich die Tür erneut und Meister Zero sah mich grinsend an. „Komm schon!“ Ich folgte ihm aus dem Raum hinaus, den Durchgang entlang auf den langen Korridor. Meinen Herzschlag spürte ich mit jedem Schritt intensiver. Nur noch wenige Augenblicke, dann beginnt endlich meine Prüfung. Doch das amüsierte Gesicht von Meister Zero wollte mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Irgendetwas hatte er vor, und ich würde auch gleich sehen was. Ich schritt auf das Feld, der Applaus verebbte. „Kommen wir zu unserem letzten Herausforderer, und dem ersten Menschen, der an dieser Prüfung teilnehmen wird: Yusei!“ Verhaltenes Klatschen, einzelne Buh-Rufe, doch damit hatte ich gerechnet. Mein Blick wanderte unwillkürlich zum Balkon und dem gelben Augenpaar, das sich mir abgewandt hatte. Haous Gesicht war ernst, er redete mit Yubel, die mich mit einem undefinierbaren Blick fixierte. Doch dann starrte Haou entgeistert auf das Kampffeld. „Sein Gegner ist der ehrwürdige…“ Auch ich riss mich von der Szenerie auf dem Balkon los und sah nach vorn. Riss die Augen auf. Mir stockte der Atem. Warum er? Dieser verfluchte Zero! Die smaragdgrünen Augen meines Gegners waren auf mich gerichtet, in der dunkeln Lederrüstung wirkte sein blaues Haar wie ein eiskaltes Leuchtfeuer. „Meister Jesse!“

Jesse vs. Yusei

„Meister Jesse!“ Der donnernde Applaus ging wie ein Rauschen an mir vorbei, während ich mechanisch auf ihn zuging. Ich konnte mich nicht auf das fokussieren, was mir bevorstand. Warum ausgerechnet Jesse? Sein Kampfstil war meinem nicht unähnlich, außerdem war er mir hinsichtlich Schnelligkeit, Kraft und Wendigkeit weit überlegen. Mir fiel kein Weg ein, wie ich gegen ihn bestehen konnte. Denk nach, verdammt! Wenige Schritte von ihm entfernt blieb ich stehen. „Verbeugt euch!“ schallte die Stimme durch das Stadium. Ohne nachzudenken, folgte ich dem Befehl. Plötzlich wurde ich ruhiger. Sternenstaubdrache. Ich wusste nicht wie, aber er beruhigte mich. „Zieht die Schwerter!“ Das leise Geräusch schleifenden Metalls erklang, ich sah Jesse ernst an. Das war meine einzige Chance diese Prüfung zu bestehen. Die Genugtuung meines Versagens wollte ich den anderen nicht gönnen. Egal wie, aber diesen Kampf musste ich gewinnen. „Kämpft!“
 

Jesse preschte nach vorn. Unnachgiebig und mit beeindruckender Präzision sausten seine Hiebe auf mich herab. Ich dachte nicht darüber nach, wehrte jeden Schlag ab, während er mich immer weiter zurückdrängte. Er gönnte mir keinen Augenblick zurückzuschlagen. Ein Schlag nach vorn, ich drehte mich zur Seite, setzte einen Hieb nach seinem Brustkorb, er parierte, schlug mir mein Schwert mit einer Drehung aus der Hand. Es flog durch die Luft und bohrte sich in den Boden, seine Klinge sauste auf mich zu. In letzter Sekunde duckte ich mich, rollte mich ab, um zu meinem Schwert zu gelangen, doch Jesse war schneller. Er stellte sich mir in den Weg, seine Klinge sauste wieder auf mich zu. Ich konnte nicht mehr als ausweichen, er drängte mich zurück. Weiter von meinem Schwert weg. Ein weiterer hieb traf meine linke Schulter, ich stöhnte vor Schmerz. Haous Rüstung hatte die Klinge gestoppt, nicht jedoch den Aufprall. Zwei weitere Hiebe, einer traf meine linke Seite. Verdammt! Er ist schnell. Irgendwie muss ich ihn ablenken. Aber der einzige Weg wäre… Ach, scheiß drauf. Ich sprang zur Seite, rollte mich ab, schnappte mir dabei lose Erde vom Boden und warf sie in sein Gesicht. Den Moment der Überraschung nutzte ich, um zu meinem Schwert zu gelangen. Proteste aus dem Stadium, doch der Kampf wurde nicht unterbrochen. Also war meine Aktion doch nicht regelwidrig.
 

Endlich war ich nicht mehr schutzlos, doch sobald ich mich in Angriffsposition gebracht hatte, schlug mein Gegner wieder auf mich ein. Langsam zehrte der Kampf an meinen Kräften, doch Jesse schien nicht einmal ins Schwitzen zu kommen. Seine Schläge waren weiterhin schnell und präzise. Plötzlich durchflutete mich eine ungeheure Energie. Mein Arm brannte. Ich parierte Jesses nächsten Schlag und setzte in der gleichen Bewegung zum Angriff an. Sobald er ihn pariert hatte, sprang er zurück, ebenso ich. Sein Blick war überrascht, wurde dann ernster. Er preschte nach vorn, stach mit seinem Schwert zu. Ich lenkte seine Waffe mit meiner Armschiene um, spürte einen Schmerz in meinem Gesicht, als sie daran vorbeiglitt. Er riss die Augen auf. Keuchend betrachtete er mich, die Zeit schien still zu stehen. Der sanfte Wind wirbelte die trockene Erde auf, wehte sie über das Kampffeld. Es war, als wären alle Geräusche um uns herum zum Erliegen gekommen. Wieder hörte ich die Stimme durch das Stadium schallen. Sie schien verwirrt. „Und der Gewinner ist… Yusei.“ Was? Warum? Langsam wanderte mein Blick nach unten. Ich erschrak. Mein Schwert hatte sich in Jesses Bauch gebohrt. Sein Blut färbte die Erde langsam rot. Auf meinem Unterarm glühte das Drachenmal, das langsam abebbte. Auch die Energie, die ich gespürt hatte, war aus meinem Körper verschwunden.
 

Eine Hand auf meiner Schulter ließ mich aufblicken. Fonda stand neben mir, sah mich ernst an. „Lass das Schwert bitte los, um alles weitere werden wir uns kümmern.“ Wir? Ich sah mich um. Um uns herum hatten sich einige Heiler versammelt. Immer noch konfus sah ich zu Fonda und nickte. Sie nahm mir das Schwert aus der Hand, sprach eine Formel und zog es langsam heraus. Jesse sagte keinen Mucks, verzog nur schmerzverzerrt das Gesicht, während er von den anderen gestützt wurde. Fonda drückte mir meine Klinge wieder in die Hand und schmunzelte. „Herzlichen Glückwunsch“ flüsterte sie und zog sich anschließend zusammen mit den anderen Heilern zurück, um Jesse zu versorgen. Ich sah ihnen nach. Habe ich es wirklich geschafft? Ist die Prüfung vorüber? Habe ich tatsächlich bestanden?
 

„Sehr verehrte Zuschauer, was den Meisterrang betrifft, müssen wir uns zur Beratung zurückziehen. Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld.“ Ich sah auf. Im Stadium war es so still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Mein Blick wanderte zum Balkon, doch er war verlassen. Weder Haou noch Yubel waren da. Aus irgendeinem Grund versetzte es mir einen Stich. „Monster“ rief eine Stimme hörbar aus dem Publikum. Verwirrt sah ich auf. Erst jetzt sah ich die angsterfüllten Gesichter der Zuschauer. Immer mehr stimmten in den Ausruf ein. Monster, Betrüger, Scheusal. Ich konnte mir auf all das keinen Reim machen. Warum hassen sie mich jetzt noch mehr? Ich hatte Jesse nicht lebensbedrohlich verletzt. Spätestens in ein paar Stunden sollte er wieder fit sein. Irgendetwas traf mich an der Schulter. Verwirrt sah ich zu Boden. Ein Stein. Wieder sah ich mich um. Auch andere warfen mir plötzlich Gegenstände entgegen. Ich stand in der Mitte des Feldes, das meiste verfehlte mich, doch wenn ein Stein weiter geworfen wurde und mich treffen konnte, war ich nicht in der Lage auszuweichen. Zu groß war meine Verwirrung. Erst als Stimmen laut wurden, dass man mich töten sollte, bewegten mich meine Beine wie von selbst rückwärts. Ich schüttelte verwirrt den Kopf, konnte es einfach nicht verstehen. Warum hassten sie mich? Was hatte ich getan? Das konnte nicht nur mit meinem Sieg zusammenhängen. Als ich immer weiter zurückging, wurde ich öfter getroffen. Die Zuschauer hinter mir mussten nicht mehr ganz so weit werfen. Was soll ich nur tun?
 

Plötzlich bohrte sich in Messer neben mir in den Boden. Ich schluckte. Sie meinen es ernst. Ich stand da wie auf dem Präsentierteller. Ein helles Brüllen schallte durch die Arena, Schreie aus dem Publikum, krallenbesetzte Klauen legten sich schützend um mich. Ich verlor den Halt unter meinen Füßen, fiel in die Klauen von Sternenstaubdrache, konnte nicht mehr erkennen was um mich herum passierte. Nein! Bitte, tu ihnen nichts! Sie haben nur Angst. Ich weiß nicht warum, aber sie haben Angst vor mir. Bitte, du darfst niemanden verletzen! Noch einmal hörte ich das Brüllen meines Drachen, dann erstarben die Geräusche um mich herum. Nur seichte Flügelschläge waren noch zu hören. Langsam schoben sich die Krallen beiseite und ich sah hinauf in den Himmel. Spürte den Wind in meinem Gesicht. Sternenstaubdrache hielt mich fest. Ich sah an seinen Klauen vorbei zu Boden. Die riesigen Gebäude der Stadt wurden immer kleiner, verschmolzen mit der Landschaft. Wir waren nicht mehr in der Arena. Er hatte mich da rausgeholt. Ich war dankbar, dass er mich in Sicherheit gebracht hatte. Weg von diesen hasserfüllten Blicken… Aber was jetzt? Wohin? Wir konnten nicht ewig fliehen.

Vertrautes Gespräch

Ich flog mit Sternenstaubdrache abseits der Städte und genoss noch einen Moment meine kurze Freiheit. Ich wusste, dass wir nicht ewig weiterfliegen konnten. Irgendwann mussten wir zurück und ich wollte nicht wissen, welche Strafe ich für meine Flucht bekommen würde. Unter uns erkannte ich eine alte Siedlung. Haou hatte mich früher immer hier hin mitgenommen, wenn er den Wiederaufbau überwachen wollte. Nicht weit von hier gab es ein unterirdisches Netzwerk aus Tunneln und Räumen, in denen sich die Dorfbewohner während des Krieges versteckt hatten. „Kannst du hier landen?“ fragte ich an Sternenstaubdrache gerichtet. Dieser brummte und setzte zum Sinkflug an. Vorsichtig landete er und ich spürte wieder Boden unter meinen Füßen. Danke. Wieder nickte er und löste sich auf. Ich sah mich um. Der Eingang sollte hier irgendwo sein.
 

Nach kurzer Suche hatte ich ihn gefunden und befreite die kleine Holztür vom Gestrüpp. Knarzend ging sie auf und vor mir erstreckte sich eine ewig weite Schwärze. Dieses Mal hatte ich keine Möglichkeit einen Trank zu mischen, der mir den Weg erleuchten würde. Einige der benötigten Zutaten wuchsen hier nicht. Ich setzte einen Fuß in die Dunkelheit und tastete meinen Weg an den Wänden ab. Den Grundriss hatte ich noch in etwa im Kopf, schließlich war das hier mein Lieblingsort, wenn wir hier waren. Bald schon hatte ich den Eingang gänzlich hinter mir gelassen und war inmitten der Finsternis. Ich griff ins Leere, hier musste der erste Raum sein. Ohne darüber nachzudenken bog ich um die Ecke und lehnte mich an die Wand. Ließ mich langsam daran hinabgleiten. Legte meine Arme auf den Knien ab und lehnte meinen Kopf an den kühlen Stein. Dieser Ort hatte mir immer Sicherheit gegeben.
 

Wieder schwirrten in meinem Kopf die ängstlichen Blicke der Dämonen aus dem Stadium herum. Warum hatten sie in diesem Moment so große Angst vor mir? Warum hassten sie mich jetzt mehr als vorher? Ich schlang meine Arme um meine Beine und legte meinen Kopf darauf ab. Kniff die Augen zusammen. Erst die Sache mit Haou und jetzt das. Warum will niemand verstehen, dass ich nur zum Schutz unseres Landes handeln will? Ich bin kein Monster. Ich bin keine Gefahr für die Dämonen. Wie oft soll ich es noch beweisen? „Willst du dich jetzt für immer hier verkriechen?“ Ich sah auf, musste ob der plötzlichen Helligkeit mehrmals blinzeln.

„Wie hast du mich gefunden?“

Einen Arm stemmte Yubel in die Hüfte, in der anderen Hand hielt sie einen kleinen Feuerzauber aufrecht. Ich Blick war streng auf mich gerichtet. „Ich habe Sternenstaubdrache wegfliegen sehen, also bin ich euch gefolgt. Du hast ein ganz schönes Chaos zurückgelassen.“

Ich wich ihrem Blick aus. „Ich weiß. Tut mir Leid.“

„Warum bist du abgehauen?“

Ich seufzte. Zögerte einen Moment. „Sie haben aus irgendeinem Grund angefangen Dinge nach mir zu werfen. Zuerst Steine, aber als mich dann ein Messer verfehlt hat, hat Sternenstaubdrache beschlossen, dass eine Flucht das Beste wäre.“ Ich ballte meine Hände zu Fäusten, sah stur auf den Steinboden. „Ich weiß nicht warum, aber sie scheinen mich noch mehr zu hassen als vorher. Lag das nur an meinem Sieg?“

Stille. Yubel schien ihre Worte abzuwägen. Als ich aufsah, sah sie mich mit einem unergründlichen Blick an. „Du hast wirklich keine Ahnung was passiert ist, oder?“ Ich sah sie verständnislos an, was sie seufzen ließ. „Mitten im Kampf warst du wie ausgewechselt. Deine Angriffe waren so schnell, man konnte ihnen kaum noch folgen.“

„Was?“ Ich dachte Jesse wäre nur langsamer geworden, weil ihm die Kraft ausging.

Sie nickte. „Das ist nicht alles. Dieses Drachenmal auf deinem Arm hat angefangen zu leuchten. Irgendwie ist diese Energie auf dein Schwert übergesprungen und sah den Waffen der Menschen damals im Krieg sehr ähnlich. Auch sie hatten damals eine Art Zauber auf ihre Waffen gelegt.“

Ich konnte es nicht fassen, starrte sie nur an. Wenn ich aussah wie ihre damaligen Gegner, muss sie das scheinbar erschreckt haben. Kein Wunder, dass sie plötzlich Angst vor mir hatten. „Aber wie kann das sein?“ fragte ich verwirrt. „Habe ich wirklich Magie angewendet, ohne es zu wissen?“

„Nicht ganz. Die Insignien auf deinem Schwert hatten damit nichts zu tun. Und ich sagte es sah ähnlich aus wie damals, die Energie war eine andere.“
 

„Hm.“ Ich sah auf meine Hände. Konnte das leichte Zittern nicht unterdrücken. Das war zu viel auf einmal. Woher kam diese Energie? Etwa von Sternenstaubdrache? Aber es fühlte sich ganz anders an, als ich mich mit ihm verbunden hatte. Was hat das alles zu bedeuten?

„Irgendwann wird sich die Lage wieder beruhigen“ durchtrennte sie die Stille und ließ mich zu ihr sehen. „Bis dahin wäre es das Beste, wenn wir wieder zurückfliegen und du in deinem Zimmer bleibst.“

Ich schnaufte. „Du meinst in meiner Zelle.“ Allein der Gedanke daran wieder in dieses dunkle Loch zu müssen, ohne Tageslicht und allein, war mir zuwider.

„Hör auf rumzuheulen. Es hat einen Grund warum du dort bist.“

„Und welchen?“ Ich stand auf um sie richtig anzusehen. „Weil ich meinen Schutzgeist nicht kontrollieren kann? Weil ich immer noch keine Magie anwenden kann, obwohl ich mit meinem Drachen dazu in der Lage sein sollte? Weil Haou nichts mehr mit mir zu tun haben will? Warum, Yubel?!“

Sie sagte nichts, sah mich während meines kleinen Ausbruchs nur seelenruhig an. „Bist du fertig?“

„Was?“ fragte ich verwirrt.

„Ja, du musst lernen mit deinem Drachen umzugehen. Ja, deine Magie kannst du in der Zelle besser erlernen und ja, der König hat auch andere Verpflichtungen als deinen Trainingsplan. Deswegen hat er dich in Jesses Verantwortung gelegt.“ Unsanft griff sie nach meinem Handgelenk und zog mich näher zu sich. Sah mir fest in die Augen. „Und du wirst verdammt noch mal die Zähne zusammenbeißen, aufhören dich in Selbstmitleid zu baden und deine Ausbildung beenden. Ich habe gerade angefangen zu glauben, dass du es vielleicht wert bist an Haous Seite zu kämpfen. Dein Drache ist der beste Beweis dafür. Lass mich meine Entscheidung bloß nicht bereuen!“ Ich blinzelte nur überrascht, konnte nicht antworten. Der Druck auf meinem Handgelenk verschwand, sie trat zurück und verschränkte ihre Arme. „Das mit der Magie scheint ja doch zu funktionieren.“

Diese Worte schien sie eher an sich selbst zu richten, trotzdem wusste ich nicht wie sie jetzt darauf kam. „Was meinst du damit?“

„Anwenden kannst du sie vielleicht noch nicht, aber zumindest aufrechterhalten.“

Ich schüttelte nur irritiert den Kopf, doch sie deutete auf meine Hand. Zögerlich wanderte mein Blick nach unten. Ich erschrak. Die kleine Flamme, die bis eben noch in Yubels Hand brannte, verlor mit einem Schlag an Intensität, erlosch aber nicht. Wie? Wann hat sie? Etwa als sie mein Handgelenk festhielt? Hat sie die Flamme in diesem Moment in meine Hand gelegt? Woher wusste sie, dass es funktionieren würde?

„Hör auf zu denken.“ Ich sah auf. Nur vage konnte ich Yubels Silhouette im schwachen Licht erkennen. „Mach die Augen zu.“ Zögerlich folgte ich ihrer Aufforderung. Die kleine Flamme in meiner Hand war warm und stetig in Bewegung. „Spürst du die Wärme?“ Ich nickte. „Woran erinnert dich das Gefühl?“

Ich ließ die Energie noch einen Augenblick auf mich wirken, schließlich legte sich ein kleines Schmunzeln auf meine Lippen. „An einen Herzschlag.“

„Jetzt… versuch an eine Person zu denken, bei der du diesen Herzschlag deutlich spürst.“
 

Mein erster Gedanke galt Haou. Sein zufriedener Blick, wenn wir allein waren. Sein seltenes Lachen, wenn wir auf Reisen waren. Sein Lächeln, als er mir die Rüstung überreicht hatte. Mein Gesicht fühlte sich so warm an. Der Raum wurde wieder heller, die Flamme größer. Ich konnte es durch meine geschlossenen Lider erkennen. Ich war immer so glücklich, wenn ich bei ihm war. Ob es jemals wieder so sein kann? Ob er mich jemals wieder mit diesem warmen Blick ansieht? Oder ist jetzt alles anders? Um mich herum wurde es dunkler. Waren diese Gefühle jemals echt? Oder hat er mir mein Leben lang etwas vor gemacht, damit ich auf seiner Seite bin? Meine freie Hand ballte sich zur Faust, mein Kiefer spannte sich an. Schließlich hatte er mich damals nur aufgenommen, um seine Rache an der Menschheit zu stillen. Wer sagt, dass sich seine Motivation bis heute geändert hat? Wie viel von alldem war gelogen?! Schlagartig wurde es heiß, ich riss die Augen auf. Ich hatte die Kontrolle über die Flamme verloren, sie wurde immer größer. Eine Hand schob sich unter das Feuer und zog es mit sich. Langsam schrumpfte es in Yubels Obhut wieder auf seine ursprüngliche Größe. Mein Blut rauschte in meinen Ohren. Mein Herz beruhigte sich nur langsam. So ist das also.

„Verstehst du es jetzt?“

Ich stutzte. „Meine Gefühle haben sie beeinflusst.“

„Richtig. Wut, Angst, Glück, Trauer, Liebe. All diese Gefühle können einen Zauber stärken oder schwächen. Sind deine Emotionen stärker als du, hast du keine Kontrolle mehr über den Zauber. Sind sie allerdings im Einklang, kannst du deine Magie nach deinem Willen kontrollieren. Aber dafür musst du erst einmal im Reinen mit dir selbst sein.“

„Madame Tredwell sagte immer, der Schlüssel zur Magie sei Ruhe“ sagte ich mehr zu mir selbst.

„Glaubst du wirklich, du könntest auf dem Schlachtfeld ruhig bleiben? Wenn deine Kameraden um dich herum umfallen, wie die Fliegen? Wenn du nicht weißt, ob du die, die du liebst, beschützen kannst? Niemand kann in so einer Situation vollkommen ruhig bleiben und trotzdem sind Magier in der Lage, ihre Kraft im Kampf zu kontrollieren. Der einzige Schlüssel dazu ist, seine Gefühle zu akzeptieren und zu kanalisieren. Sie dürfen nie die Oberhand gewinnen.“

Ich nickte. So hatte ich das noch nie gesehen.
 

„Allerdings beweist diese kleine Übung von eben nicht, dass du bereit bist Magie auszuführen. Lediglich, dass du das Potential dazu hast es vielleicht irgendwann zu schaffen.“

Unweigerlich musste ich lächeln. „Das reicht mir völlig.“

Auch sie legte ein kleines Lächeln auf. „Schön. Jetzt, wo das geklärt ist, lass uns wieder zurückfliegen. Ich würde gern sehen, ob dein Drache mit mir mithalten kann.“
 

*~*
 

Am späten Abend landete Yubel auf dem leeren Platz vor dem Nebenkomplex des Palastes, der bereits lange Schatten auf die ebene Fläche warf. Sternenstaubdrache folgte ihr. Er war noch gar nicht richtig gelandet, da öffneten sich die Tore und Palastwachen stürmten den Platz, umkreisten uns. Das Klirren der Rüstungen war allgegenwärtig. Der Hauptmann blitzte mich wütend an, kaum, dass ich aus den Klauen meines Drachen getreten war. „Zieh deinen Schutzgeist zurück!“ Die Reaktion von Sternenstaubdrache war ein tiefes Brummen, doch ich versuchte ihn zu beruhigen. Auch wenn sie wütend aussehen, sie werden uns nichts antun. Die Konsequenzen wären zu schwerwiegend, vor allem in Yubels Anwesenheit. So schien mein Drache nachzugeben und zog sich zurück. Yubel drehte sich überrascht zu mir, legte ein kleines Schmunzeln auf ihre Lippen.
 

Plötzlich trat eine Gestalt aus dem Schatten des Eingangs. Seine grünen Augen schienen zu leuchten, beobachteten jede meiner Bewegungen. Langsamen Schrittes kam Jesse auf uns zu, die Wachen traten zurück, bildeten eine Schneise, die direkt zu uns führte. Ich schluckte, hatte ich doch keine Ahnung, was mir als Strafe für mein Verschwinden blühen würde. „Ab in deine Zelle“ waren seine einzigen Worte, während er mich nur aus Schlitzen betrachtete. Ich wägte ab, ob ich ihm die Sache erklären oder ihm gehorchen sollte und warf einen kurzen Seitenblick zu Yubel, die mir dezent zunickte. Schließlich setzte ich mich in Bewegung. Hinter mir ertönten Schritte. Der schweren Rüstung nach zu urteilen der Hauptmann, doch ich drehte mich nicht zu ihm, lief einfach weiter. Jesse würde zu einem späteren Zeitpunkt ohnehin zu mir kommen, da wollte ich mir nicht noch einen Vortrag anhören, wie unverantwortlich mein Verhalten war. Kaum, dass ich in meine offene Zelle getreten war, fiel die massive Tür mit einem lauten Knall hinter mir ins Schloss. Ein Schlüssel kratzte im Metall, der Rigel sperrte mich ein. Die Stille darauf war bedrückend. Langsam ging ich zu meinem Bett. Die dünne Matratze gab unter mir nach, der Stoff des Lakens raschelte. Das wenige Licht der beinahe untergegangenen Sonne warf einen gespenstischen Schein an die meterhohen Wände. Bald dürfte es hier drin komplett finster sein.
 

Ich rutschte bis zur Wand und zog die Beine an, bettete meine Arme darauf. Was für ein langer Tag. Trotz der hiesigen Flut an Informationen war mein Kopf wie leergefegt. Erst als das Zimmer bereits in schwaches Mondlicht gehüllt war, nahm ich meine Umgebung wieder bewusst war. Wie lange sitze ich hier schon und warte? Ob Jesse heute überhaupt noch einmal kommt? Oder irgendjemand? In diesem Raum gab es leider keine Kerzen oder irgendeine Form von Licht, sodass ich mich nicht einmal mit meinen Büchern ablenken konnte. Dabei musste ich bei Sonnenaufgang doch bei… Ich seufzte. Stimmt, meine Lehre bei Meister Damian wurde abgebrochen. Schwertkampfunterricht hatte ich auch keinen mehr. Ob sie mir den Meisterrang trotz alldem zugesprochen haben? Immerhin hatte ich Jesse besiegt, auch wenn ich mich an einiges nicht erinnern konnte. Zum Beispiel an dieses Glühen, das von meiner Waffe ausgegangen sein soll. Ich schüttelte den Gedanken ab, brachte er mich doch nicht weiter. Bald würde ich meine Lehre bei Madame Tredwell wieder aufnehmen und die bei Meister Ares anfangen. Jesses Onkel. Ich hatte bis heute nie viel mit ihm zu tun, hatte Haou aber das ein oder andere Mal abfällig über ihn reden hören. Aber ich wusste, dass er mich aufgrund meiner Herkunft nicht ausstehen konnte. Mal von Zero abgesehen, traf das bisher auf keinen meiner Meister zu.
 

Ich schloss meine Augen, lehnte meinen Kopf an die Wand. Vermutlich wäre es das Beste, wenn ich mich ein wenig ausruhen würde. Heute konnte ich nichts mehr machen und allem Anschein nach würde auch niemand zu mir kommen um mich zu maßregeln. Es gab nur eine Sache, die mich wunderte. Jesse hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mir nicht vertraut. Er hatte mich stets so gut es ging gemieden, und hatten wir doch zwangsläufig etwas miteinander zu tun, war er stets wachsam und distanziert. Die einzigen Male, in denen ich Angst vor ihm hatte waren, wenn er mich in meinem Zimmer einschloss. Doch selbst da war nicht diese Kälte in seinen Augen wie heute. Dieser Hass. Die sah ich erst seit meiner Rückkehr in den Palast. Ob das an Sternenstaubdrache lag? Oder der Bürde, die ihm auferlegt wurde, als ich in seine Verantwortung gegeben wurde? Ich drängte den Gedanken zurück und legte mich ins Laken. Selbst wenn ich den Grund kennen würde, könnte ich nichts dagegen tun.

Haous Entschluss

Die Hufe unserer Pferde klackerten über die mir so vertrauten Wege unserer Stadt. Als wir am Palast ankamen, wies ich Yusei an sie abzusatteln und sich dann bei Madame Tredwell einzufinden. Seit Tagen sprachen wir kein Wort mehr miteinander. Anfangs hatte ich gehofft, er würde von selbst zu mir kommen und mir die Wahrheit erzählen, doch er blieb eisern. Es hatte keinen Zweck. Natürlich war ich enttäuscht von ihm, aber ein kleiner Teil von mir vertraute darauf, dass er das Richtige tat. Zweifelsohne hatte sein Drache ihm mehr erzählt, aber wenn es dem Schutz des Landes diente… Ob ich selbst auf ihn zugehen sollte? Ich schüttelte den Gedanken ab. Wenn wir im Streit auseinander gehen, wird es ihm sicher leichter fallen unter Jesses Verantwortung zu stehen. Zumindest hoffte ich darauf.
 

Bei meiner Hofzauberin angekommen, schlug mir der Geruch von verschiedenen Kräutern entgegen. Überrascht sah sie auf und verneigte sich. „Mein König, Ihr seid zurück. War eure Reise erfolgreich?“

Sie sah suchend an mir vorbei, doch ich beantwortete ihre unausgesprochene Frage. „Yusei wird gleich hier sein.“ Die Tür öffnete sich erneut und ich blickte überrascht zurück. Er konnte unmöglich bereits fertig mit den Pferden sein. Doch statt seiner schob sich ein blauer Haarschopf ins Zimmer.

Jesse grinste. „Ich habe gehört, dass ihr wieder da seid. Wie lief es denn?“ Ich seufzte lautlos, sein Blick wurde ernst. „Was ist passiert?“

Wie macht er das jedes Mal? Ich war mir sicher, meine Gefühle versteckt zu haben, aber er sah mir meine Stimmung immer an. „Schön, dass du auch da bist“ umging ich seine Frage. „Dann muss ich es nicht mehrmals erzählen. Die Reise war erfolgreicher als gedacht. Yuseis Schutzgeist gehört der Klasse S an.“

„Was?“ kam es wie aus einem Mund von beiden und ich konnte mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Jesse hatte nie daran geglaubt, dass Yusei sich überhaupt mit einem Schutzgeist verbinden konnte. Sein Gesicht schenkte mir ein wenig Genugtuung.

„Ja, ihr habt richtig gehört. Ich konnte es selbst nicht glauben als ich es gesehen habe, aber sein Schutzgeist ist ein Drache.“
 

Jesse bemühte sich nicht einmal ein gefasstes Gesicht zu machen. Madame Tredwell sah eher versteinert aus. Letztere war die erste, die sich wieder im Griff hatte. „Aber… Regenbogendrache war doch der letzte seiner Art“ erwiderte sie konfus.

Ich nickte. „Das dachten wir alle, aber ich habe das Gegenteil gesehen. Allerdings behauptet Sternenstaubdrache ebenfalls der letzte seiner Art zu sein. Yusei sagte, er sei aus den Wolken aufgetaucht, als er die Spitze erreicht hatte.“

„Wow“ murmelte Jesse. „Na schön, Ihr habt gewonnen. Er hat es wirklich geschafft. Aber warum verbindet sich ein Drache ausgerechnet mit einem Menschen?“

„Nicht diese Diskussion schon wieder“ sagte ich genervt. „Er ist würdig, einen mächtigen Schutzgeist an seiner Seite zu haben. Das hat er wohl eindeutig bewiesen. Erkenne sein Potential einfach an! Sonst überlege ich mir unsere Vereinbarung wieder!“

„Schon gut“ lenkte er ein.
 

Ein Klopfen. Die Tür knarzte, doch ich wollte mich nicht umdrehen. Ich wusste, dass es Yusei war. Und ich wollte seinen traurigen Blick nicht mehr sehen. Ich wollte nicht einknicken. Meine Vereinbarung mit Jesse war der Richtige Weg und es war besser, wenn er sauer auf mich war. So würde ihm die Umstellung leichter fallen. Nur war es jetzt Jesse, der es ihm beibringen musste. „Komm rein und schließ die Tür“ erklang Madame Tredwells Stimme. „Wie ich gehört habe, war dein Aufstieg erfolgreicher, als wir gehofft hatten. Meinen Glückwunsch.“

Verdammt, ich hatte es nicht geschafft ihr die Kehrseite zu erzählen. „Er hat versucht Magie anzuwenden, scheiterte aber schon bei einem einfachen Lux Zauber.“

„Es gab nie eine Garantie, dass es funktioniert“ bemerkte Jesse.

Madame Tredwell schüttelte den Kopf. „Wir werden sehen. Wie schon gesagt, vielleicht ist der Energiefluss einfach blockiert. Wir werden einige Tests machen.“

„Tests?“ vergewisserte sich Yusei unsicher. Ich konnte nicht verhindern, ihm einen kurzen Blick zuzuwerfen. Auch sein Blick wanderte zu mir. Er sah verletzt aus. Jetzt bloß nicht einknicken.

Madame Tredwell nickte. „Ich habe schon alles vorbereitet. Folge mir.“
 

Vorbereitet? Woher um alles in der Welt wusste sie, dass diese Untersuchungen notwendig sein würden? Hatte sie etwa geahnt, dass Yusei es schaffen würde sich mit einem Schutzgeist zu verbinden? Sie war es auch, die damals den Artikel über die Auswirkungen von Schutzgeistern auf magieunbegabte Dämonen gefunden hatte. Für einen kleinen Moment musste ich schmunzeln. Die Tür fiel ins Schloss und ich war wieder allein mit Jesse. Unwillkürlich landete mein Blick bei ihm. Er starrte nur nachdenklich ins Leere, schien irgendwie konzentriert. Schließlich bemerkte er meinen Blick und sah zu mir. „Ist irgendwas?“ fragte er.

Ich zögerte. „Was meinst du? Ob es wirklich nur an einer Energieblockade liegt?“

„Keine Ahnung“ sagte er und stemmte dabei eine Hand in die Hüfte. „Aber reicht es dir nicht, wenn er jetzt einen Klasse S Schutzgeist hat? Noch dazu einen Drachen? Wenn es hart auf hart kommt, macht er mit den Menschen kurzen Prozess. Das war es doch, was du wolltest. Seinen bestmöglichen Schutz.“ Ich mied seinen Blick, wägte meine Worte ab. Zum Zeitpunkt unseres letzten Gesprächs war das vielleicht sogar wahr, aber es steckte mehr hinter meinem Wunsch, dass er Magie erlernen sollte. „Oder hat sich daran etwas geändert?“

Ich seufzte, sah ihn ernst an. „Ich habe nachgedacht. Nehmen wir mal an, er schließt seine Mission erfolgreich ab und wir müssen uns nie wieder Sorgen um einen Angriff durch die Menschen machen. Was wird dann aus ihm?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich nehme mal an für seine Verdienste kann er ein normales Leben wie jeder andere Dämon führen, ohne Angst von den anderen Dämonen abgelehnt zu werden. Er will doch Soldat werden. Wir könnten ihn auch als Palastwache anstellen.“

Ich schmunzelte. Hat er sich wirklich Gedanken darüber gemacht oder ist ihm das alles spontan eingefallen? „Ich will nicht, dass er sein restliches Leben als einfacher Soldat oder als Wache verbringt.“

Jesse zog fragend seine Stirn in Falten. „Was hast du jetzt wieder vor?“

„Ich will ihn als meine rechte Hand an meiner Seite wissen.“

„Was?“ Jesses Stimme überschlug sich fast. „Bist du wahnsinnig? Du glaubst doch nicht, dass der Rat dem zustimmen würde!“

Ich stöhnte ergeben. „Wie oft habe ich mich über den Rat dieser Tattagreise hinweggesetzt? Dass wir Yusei im Palast aufnehmen, konnte ich damals auch aushandeln.“

„Mit der Aktion setzt du dich vielleicht einmal zu oft über ihre Köpfe hinweg. Unterschätze nicht die Macht dieser alten Säcke. Sie könnten dich einstimmig absetzen!“

„Solange ich nur eine Person im Rat habe, die hinter mir steht, wird dieser Fall nicht eintreten.“

„Lyman ist auch nicht mehr der Jüngste. Wenn er mal nicht mehr ist, gibt es niemanden im Rat, der uneingeschränkt hinter dir steht! Du weißt, was sie von Yusei halten. Davon mal abgesehen: was wird aus Yubel, wenn Yusei ihren Platz einnehmen soll?“

„Ich sehe keinen Grund sie zu ersetzen.“

„Was?“ fragte er konfus. „Aber du hast doch-“

„Du weißt, wie sehr ich sie schätze und ihr vertraue. Das gleiche gilt für Yusei und dich. Was spricht dagegen diesen Posten doppelt zu besetzen?“

„Sei doch nicht albern.“

„Jesse.“ Ich atmete tief ein, geräuschvoll aus. „Ich habe seit geraumer Zeit das Gefühl, dass hier im Palast irgendetwas im Verborgenen vor sich geht. Ich habe Yubel schon darauf angesetzt sich ein wenig umzuhören.“

Sein Blick wurde ernst, er senkte seine Stimme. „Wie kommst du darauf?“

„Ich weiß nichts genaues, aber ich spüre etwas auf uns zukommen. Deswegen will ich die wenigen Personen, denen ich vollends vertraue auf sicherem Posten an meiner Seite wissen. Bei der nächsten Ratsversammlung schlage ich dich als meinen persönlichen Berater vor.“

Sein Blick schien überrascht. Ich grinste. „Ach komm, das kann doch nicht wie aus heiterem Himmel für dich kommen. Wir haben doch als Kinder einen Pakt geschlossen.“

„J-Ja aber… so schnell? Was ist mit Stone?“

Ich winkte ab. „Der schwärmt seit ich auf dem Thron sitze von der Rente. Außerdem…“ Ich grinste verschmitzt. „Gehst du mir mit deinen Ratschlägen viel häufiger auf den Geist als er. Warum es nicht zum Beruf machen?“

Einen Moment sah er mich perplex an, schließlich schnaufte er belustigt. „Als ob du je auf meinen Rat gehört hättest“ sagte er provokant und kam mir näher. Legte seine Hand in meinen Nacken und seine Lippen auf meine. Ich schmunzelte in den sanften Kuss hinein, genoss ihn einen Augenblick, dann löste ich mich von ihm. Er lächelte noch immer zufrieden. „Aber danke für die Beförderung.“

Ich erwiderte sein Lächeln. „Die Krönung des Ganzen ist natürlich, dass auch du damit automatisch einen Platz im Rat innehättest.“

„Und du somit noch jemanden hättest, der uneingeschränkt hinter dir steht“ beendete er meinen Gedanken. Ich nickte. „Und deinen Plan, Yusei einen so hohen Posten zu geben, hast du dir gut überlegt?“ Mein Blick war fest entschlossen. Das schien ihm als Antwort zu reichen. „Na schön. Das hat es in der Geschichte des Königreichs zwar noch nie gegeben, aber dich Dickkopf umzustimmen hat bisher auch noch keiner geschafft. Also könnte es vielleicht sogar klappen.“
 

Ein kleines Lachen konnte ich mir nicht verkneifen. In diesem Moment hörten wir eine sich öffnende Tür und Jesse brachte schnell etwas Platz zwischen uns. Die Hofzauberin schloss die Tür leise und kam auf uns zu. „Und?“ fragte ich. „Woran liegt es?“

Sie zögerte einen Augenblick. „Um ehrlich zu sein, weiß ich es selbst nicht.“

„Was?“ Jesse schien ebenso überrascht wie ich es war.

„Ich habe seinen Energiefluss untersucht, seine neuronale Plastizität, selbst seinen körperlichen Allgemeinzustand. Alles ist völlig in Ordnung und es sollte ihm ein Leichtes sein, Magie anzuwenden.“

„Aber was kann es dann sein?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es eine psychische Barriere.“

„Und was jetzt?“ fragte ich, verschränkte dabei meine Arme. „Wenn er körperlich dazu in der Lage ist, muss es doch eine Möglichkeit geben, wie er Magie anwenden kann.“

Ihr Blick schweifte ab, sie schien zu überlegen. Schließlich sah sie mich ernst an. „Mir fallen zwei Möglichkeiten ein. Die theoretischen Grundlagen der Magie beherrscht er bereits. Ich könnte mit ihm ein intensives Aufbautraining beginnen, in dem ich mich vordergründig seinem geistigen Zustand widme. Der Prozess ist allerdings sehr langwierig und verzögert seine Ausbildung vielleicht um einige Jahre. Genau kann ich es nicht sagen.“

Einige Jahre? Ich hatte keine Ahnung, ob uns so viel Zeit überhaupt bleiben würde. Außerdem würde es meiner Argumentation im Rat bezüglich seines neuen Postens ungemein helfen, wenn er in der Lage dazu wäre, Magie anzuwenden. „Und die zweite Möglichkeit?“

„Die ist etwas radikaler. Eine Art Schlüsselmoment. Es wäre das genaue Gegenteil der ersten Methode. Yusei muss so stark an seine Grenzen gebracht werden, körperlich wie emotional, dass er die Magie als eine Art letzten Ausweg anwenden kann. Ich habe von einigen erfolgreichen Versuchen gelesen, es gab aber ebenso viele Fälle, in denen der Schüler zusammengebrochen ist und die Magie nie erlernt hat.“
 

Ich starrte Madame Tredwell an, bekam keinen Ton heraus. Entweder lernt Yusei erst in einigen Jahren mit seiner Magie umzugehen, oder wir bringen ihn an den Rand des Wahnsinns? Und dann gibt es nicht einmal die Gewissheit, dass es klappen würde? „Tut mir leid, mein König“ beteuerte die Zauberin sanft und sah mich mitfühlend an. „Das ist alles, was mir einfallen würde. In seinem jetzigen Zustand wird er andernfalls nicht in der Lage dazu sein, Magie anzuwenden.“

„Dann ist es doch klar wie wir vorgehen, oder?“ sagte Jesse leise. Ich sah zu ihm, schüttelte irritiert den Kopf. Sein Blick wurde weicher. „Der Rat wird nicht zustimmen, nur weil Yusei einen mächtigen Schutzgeist hat. Er muss Euch in allen Situationen beschützen können. Deswegen muss er die Magie so schnell wie möglich beherrschen.“

Meine Augen wurden immer größer. Schlägt er etwa die zweite Möglichkeit vor? „Auf keinen Fall!“ donnerte ich aufgebracht.

„Ich stimme dem König zu“ sagte Madame Tredwell, flüsterte schon fast. Sie sah ebenso besorgt aus wie ich mich fühlte. „Wir können seinen geistigen Zustand nicht anhand von Vermutungen gefährden.“

„Also geht ihr lieber das Risiko ein, eine Absage des gesamten Rats zu erhalten?“

Ich sah Jesse durchdringend an. Das letzte was ich wollte war Yusei unnötig zu verletzen. Mit dem Rat konnte ich auch allein fertig werden. „Es ist jetzt deine Verantwortung“ sagte ich ernst. Er nickte. Hoffentlich war er sich dem wirklich bewusst.

Druckabbau

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Panik

Nur langsam öffnete ich meine schweren Lider und versuchte sie an die Helligkeit zu gewöhnen. Meine Muskeln schmerzten und ich fühlte mich wie gerädert. Ich griff neben mich und sah überrascht zur Seite. Das zerknitterte Laken war kalt, überall im Bett lagen getrocknete Wachsstücke und die Spuren unserer gemeinsamen Nacht waren nicht zu verbergen. Er musste vor mir wach geworden sein und war in seine eigenen Gemächer verschwunden. Ich seufzte und drehte der Szenerie den Rücken zu. Ich mochte es wirklich nie, wenn ich das Bett mit jemandem teilen musste und ich war Jesse dankbar, dass er mich allein aufwachen ließ. Nur einmal empfand ich es als angenehm, neben jemandem aufzuwachen. Wir lagen gemeinsam in einem viel zu kleinen Zelt und ich hatte ihn fest umschlungen. Genoss die Wärme und den Duft. Zumindest bis mich die Stimme Yubels aus dem Halbschlaf riss und ich wieder in der kalten Realität landete. Bis heute war ich mir nicht ganz sicher, ob ich das nur geträumt hatte. Da waren sie wieder. Diese tiefblauen Augen aus dem geröteten Gesicht.
 

~*~
 

Zur Mittagszeit begleitete mich Yubel in die Arena, in der die Schwertprüfung stattfinden würde. Ich war schon gespannt darauf, wie Yusei sich schlagen würde. Und vor allem, ob Zero seine Lektion gelernt hatte und Yusei nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit behindern würde. Wir liefen an den wartenden Mengen vorbei in einen verborgenen Seiteneingang und von da aus die wenigen Treppen bis zum Balkon. Von hier oben hatte man eine ausgezeichnete Sicht auf das Feld. Die Tribünen waren fast vollständig gefüllt, in der Menge herrschte eine fröhliche Stimmung. Nicht verwunderlich, denn die Prüfung war immer schon ein Highlight in dieser Stadt. „Hast du schon etwas herausgefunden?“ fragte ich und sah zu Yubel.

„Nicht das kleinste Gerücht. Aber ich muss Euch Recht geben, ich habe auch ein seltsames Gefühl bei der Sache. Der Rat scheint irgendetwas vor zu haben.“

„Wie kommst du darauf?“

Sie verschränkte die Arme, sah stur auf das Feld. „Ihr Benehmen ist merkwürdig. Das trifft nicht auf alle Ratsmitglieder zu, aber einige scheinen mir vorsichtiger zu sein.“

Ich stutzte, sah zu, wie sich auch die letzten Zuschauer auf ihre Plätze begaben. „Wer genau?“

„Reiji, Ares, Gozaburo, Nate und Crowler. Wobei letzterer auf mich immer einen nervösen Eindruck macht.“

„Er ist ein feiger Arschkriecher“ seufzte ich. „Ich bezweifle, dass wir uns um ihn sorgen müssen, aber behalte ihn lieber trotzdem im Auge. Die anderen machen mir mehr Sorgen.“

„Vor allem einer“ stellte sie fest.

Ich nickte.
 

Die Plätze waren komplett gefüllt. Die Stimme des Ansagers begrüßte das Publikum und stellte die Teilnehmer vor. Den Gegner des ersten Teilnehmers kannte ich nicht, dabei hatte auch er einen Meisterrang. Aber vermutlich lag es nur daran, weil er sich im Krieg keinen Namen gemacht hatte. Trotzdem war der erste Kampf zur Unzufriedenheit aller in der Arena recht schnell vorbei. Nach nicht einmal drei Minuten lag der sogenannte Meisterschüler entwaffnet am Boden. Enttäuschend. Der zweite Kampf war durchaus vielversprechender, doch auch hier hatte es keine zehn Minuten gedauert, bis Zero den Kampf unterbrach. Jim war allerdings ein beeindruckender Gegner, hatte mit seiner Truppe im Krieg einige Portale zerstört und etliche Gegner besiegt. Als Tina im dritten Kampf auf das Feld trat, musste ich schmunzeln. Sie war Yubel im Schwertkampf ebenbürtig, auch wenn meine Beschützerin das Schwert seit ihrer Transmutation nicht mehr genutzt hatte. Ein wenig Mitleid hatte ich mit dieser Mai. „Ist das nicht das Mädchen, das Yusei auf dem Nebelberg geholfen hatte?“ überlegte Yubel laut. Ich musste zwei Mal hinsehen, aber sie hatte Recht.

„Stimmt, in ihrer Rüstung hätte ich sie beinahe nicht erkannt.“
 

Nach Mais bestandener Prüfung betrat endlich Yusei das Kampffeld. Einige Zuschauer klatschten verhalten, andere buhten ihn aus. Ich schnaubte, verschränkte meine Arme. Irgendwann wird auch das Volk ihn anerkennen. Darauf hoffte ich. Doch dann fiel mir etwas auf, ich sah zu Yubel. „Ist das nicht dein Schwert?“

Sie zuckte mit den Schultern, betrachtete aber weiter das Kampffeld. „Seines war nur noch Altmetall und ich hatte keine Verwendung mehr dafür.“

Unwillkürlich wanderte meine Hand zum Knauf meins Schwertes. Dem Zwilling der Klinge, die Yusei führte. „Und darum gibst du ihm die Zwillingsklinge, die nur der Königsfamilie und dir zugedacht war?“

Sie schnaufte belustigt. „Nicht nur mir, sondern allen persönlichen Beschützern der königlichen Familie. Das ist es doch, was Ihr aus ihm machen wollt.“

„Woher?“ platzte es erschrocken aus mir heraus. Ich hatte mit Yubel noch nicht über mein Vorhaben gesprochen.

„Sagen wir einfach, ich habe es geahnt“ sagte sie mit einem kleinen Lächeln.

Ich wollte das Thema vertiefen, doch eine bekannte Gestalt erschien im Augenwinkel. Erschrocken sah ich zu meinem engsten Vertrauten, der eben das Kampffeld betreten hatte. Warum hatte Zero ausgerechnet Jesse als Gegner ausgewählt? Er kannte das Kampfmuster von Yusei viel zu gut und hatte selbst einen ähnlichen Stil, war Yusei aber weit überlegen. Die anderen Gegner waren zumindest an die Kampfstile der Schüler angepasst, sodass diese eine Chance gegen ihre erfahreneren Gegner hatten. „Das gibt’s nicht“ murmelte ich.

„Das dürfte spannend werden“ kommentierte Yubel, doch ich konnte meinen Blick nicht vom Kampffeld lösen. Ich wünschte Yusei den Sieg, hatte aber wenig Hoffnung, dass er die vollen zehn Minuten gegen Jesse bestehen konnte. Als sie ihre Schwerter zogen, war Yuseis Blick fest entschlossen.
 

„Kämpft!“
 

Jesse schnellte voran. Seine schnellen Hiebe saßen zielgenau und drängten Yusei, der sich wegen der schieren Flut an Attacken nur verteidigen konnte, immer weiter zurück. Als Yusei endlich zum Gegenschlag ansetzen konnte, entwaffnete Jesse ihn und schleuderte die pechschwarze Klinge über den Platz. Verdammt! Ich stand auf, klammerte mich an die Brüstung des Balkons. Yusei versuchte Jesses schnellen Angriffen zu entkommen, wurde aber mehrmals getroffen. Zum Glück trug er die Mythrilrüstung, so wurde er zumindest von der Klinge verschont. Plötzlich sprang er zur Seite, rollte sich ab und warf Jesse dabei trockene Erde ins Gesicht. Unkonventionell, doch Jesse war zumindest einen Moment lang abgelenkt. Erleichtert atmete ich auf, als Yusei endlich sein Schwert wieder hatte. Ich sah zur Sanduhr. Nicht einmal die Hälfte des Sandes war durchgeflossen und Yusei wurde schon mehrmals getroffen und einmal entwaffnet, während Jesse, der wieder eine Flut von Angriffen ausführte, keinen Kratzer abbekommen hatte und nicht einmal ermüdet schien. „Komm schon“ murmelte ich an Yusei gewandt.
 

„Was ist das denn?“ entkam es Yubel überrascht und auch ich starrte entgeistert auf das Kampffeld. Das gesamte Stadion schien den Atem anzuhalten. Mitten in Jesses Angriff, leuchtete das Drachenmal auf, umgab Yusei mit einer seltsamen Aura. Seine Klinge schien die Kraft des Mals anzuziehen und reflektierte das Licht sanft in allen Farben. Es war, als würde es selbst leuchten. Dieser Anblick kam mir bekannt vor. Yuseis Angriffe wurden schneller, verloren jedoch nicht an Präzision. Ich hatte Mühe, seinen Hieben zu folgen, bis seine Waffe schließlich verharrte und in Jesses Bauch stecken blieb. Über dem Stadion lag eine geisterhafte Stille, selbst die Kämpfer bewegten sich nicht mehr. Yuseis seltsame Aura verschwand, auch das Glühen seines Drachenmals ebbte ab. „Und der Gewinner ist… Yusei“ sagte die Stimme des Ansagers verwirrt, während die Heiler auf Jesse zu rannten.
 

„Wie damals“ murmelte Yubel.

Ich riss mich vom Anblick des Kampffeldes los und sah zu ihr. „Was meinst du?“

„Diese Aura… Die Waffen der Menschen hatten doch auch so seltsam geleuchtet.“

Ich erschrak, doch nur für einen Moment. „Aber die Menschen damals hatten nicht so eine strake Energie.“

„Das nicht, aber-“

Ein hölzerner Knall ertönte. „König Haou!“

Ich drehte mich um, sah den Boten ernst an, der die Tür aufgerissen hatte. „Was?“ knurrte ich.

„Meister Zero und die anderen sind sich wegen des Meisterranges nicht einig. Sie brauchen Eure Entscheidung!“

Ich seufzte lautlos, folgte dem Boten, der uns den Weg wies. Im Hintergrund hörte ich die Stimme des Ansagers. „Sehr verehrte Zuschauer. Was den Meisterrang betrifft, müssen wir uns zur Beratung zurückziehen. Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld.“ Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Die Regeln waren doch eindeutig. Yusei hatte den Kampf gewonnen, also gebührte ihm der Meisterrang. Wahrscheinlich stellte sich einfach nur Zero wieder quer. Ich knurrte in mich hinein. Dieser Idiot.
 

In dem kleinen Raum am Rande des Kampffeldes angekommen, verstummten die Stimmen. Drei Dämonen sahen zu mir. Der Ansager, Mester Zero, und Zeros rechte Hand Adam. „Na schön, was ist das Problem?“ fragte ich genervt, sah dabei vor allem Zero finster an.

Adam war es, der die Stimme zaghaft erhob. „Rein technisch gesehen, wurde keine Regel verletzt, aber Meister Zero hat Bedenken, was-“

„Sei still!“ zischte Zero, bedachte mich mit einem ernsten Blick. „Während des Kampfes ging offensichtlich einiges nicht mit rechten Dingen zu. Erst seine Ausrüstung und dann diese seltsame Magie. Ich kann ihm den Rang nicht guten Gewissens zugestehen.“

Ich atmete tief durch. Ihn jetzt anzuschreien bringt mich keinen Schritt weiter. Schließlich ist er es, der über die Prüfungen entscheidet. Da ich kein Altmeister bin, steht es mir nicht zu, Yusei den Meisterrang zu geben. „Es war keine Magie. Das Ganze scheint etwas mit seinem Schutzgeist zu tun zu haben, aber das muss noch untersucht werden. Und was habt Ihr an seiner Ausrüstung auszusetzen? Es steht den Prüflingen frei, mit welcher Ausrüstung sie antreten.“

Zero verschränkte die Arme vor der Brust, sein Blick verfinsterte sich. „Sein Gegner hat ihn oft genug getroffen, dass er eigentlich schwer verletzt sein sollte. Wenn alle Prüflinge mit solch einer Rüstung antreten würden, wäre das etwas anderes.“

Ich schnaufte. „Hättet Ihr bei einem anderen Prüfling ebensolche Bedenken? Und inwiefern verletzt das irgendeine Regel? Die Wucht des Schlages bekommt er trotzdem ab!“

„Bei allem Respekt, mein König, aber ich werde ihn nicht bevorteilen, nur weil er in Eurer Verantwortung steht.“

Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn nicht auf der Stelle anzubrüllen. „Ihr habt meine Frage nicht beantwortet“ sagte ich mit dunkler Stimme. „Welche Regel wurde genau verletzt? Zeigt sie mir, und flüchtet Euch nicht in billige Ausreden!“
 

Ein vertrautes Brüllen ließ mich hochschrecken. Die panischen Schreie der Zuschauer gingen mir durch Mark und Bein. Ohne zu zögern rannte ich aus dem Raum, in den kurzen Gang, um zum Kampffeld zu gelangen. Ich riss die Augen auf, sah noch, wie Sternenstaubdrache seine mächtigen Schwingen ausbreitete und gen Himmel flog. „Yubel!“ rief ich und sah zu meiner Beschützerin. Ohne zu zögern nahm sie die Verfolgung auf. Schnell versuchte ich mir einen Überblick zu verschaffen. Die Zuschauer auf den oberen Rängen sahen schockiert aus, in der Mitte wirkten sie unruhig. Die Dämonen in den unteren Rängen waren allerdings panisch, rannten zu den Ausgängen und trampelten dabei einige Dämonen nieder. So ein Mist! Ich drehte mich um. Zero und Adam waren leichenblass, konnten sich nicht rühren. „Jetzt steht nicht da wie angewurzelt!“ schrie ich. „Wir müssen die Zuschauer beruhigen, sonst entsteht noch eine Massenpanik! Adam, lauf zum Ansager und sag ihm, er soll die Menge beruhigen. Das war Yuseis Schutzgeist, er wird ihnen nichts tun! Meister Zero, evakuiert die unteren Reihen, die Sternenstaubdrache am nächsten waren! Wir müssen die Panik, die sich dort ausgebreitet hat, irgendwie in den Griff bekommen!“ Augenblicklich lösten sie sich aus ihrer Starre und nickten. Im nächsten Moment befolgten sie meine Befehle.
 

~*~
 

Seufzend ließ ich mich in meinem Thron nieder. Massierte mir die Nasenwurzel, um die aufkommenden Kopfschmerzen zu unterdrücken. Was für ein Tag. Die Panik im Stadion hatten wir wieder unter Kontrolle bekommen, es gab einige Verletzte in den unteren Rängen, aber keine Todesopfer. Die ganze Sache stellte uns allerdings vor ein neues Problem. Niemand wusste, wie das Volk von jetzt an auf Sternenstaubdrache reagieren würde. Vor allem nicht, da er sich mit einem Menschen verbunden hatte. Ihre Angst könnte überhandnehmen, sodass sie sich offen gegen Yusei wenden würden. Ich musste mir etwas einfallen lassen, damit so etwas vermieden werden konnte. Zähneknirschend musste ich mir eingestehen, dass der sicherste Platz für Yusei im Moment wohl wirklich die Hochsicherheitszelle war. Dort konnte niemand ohne weiteres eindringen und ihm schaden. Was das angeht, hatte Jesse gut vorausgedacht. Ein Knall ließ mich hochschrecken, ich stand auf. Die schwere Holztür zum Thronsaal wurde schwungvoll geöffnet und gegen die Wand geworfen. Jesse rannte auf mich zu. Der Ausdruck in seinem Gesicht alarmierte mich. „Was ist passiert?“ fragte ich, ehe er bei mir angekommen war.

„Lyman!“ sagte er außer Atem, kam vor mir zum Stehen. „Er ist tot!“

„Was?!“

„Er wurde eben in seiner Kammer gefunden. Stichwunde im Rücken.“

Ohne zu zögern rannte ich los, Jesse folgte mir. „Wurde der Täter schon gefasst?“

„Nein“ antwortete er abgehetzt. „Aber weit kann er nicht sein. Lymans Körper ist noch nicht kalt.“

„Die Wachen wurden informiert?“

„Ja, der Palast und das Außengelände werden durchsucht.“

Ich rannte in den Nebengang, der zu den Unterkünften führte. So ein verdammter Mist! Warum jetzt? Und warum Lyman? Einen kurzen Blick warf ich über die Schulter zu Jesse. Er sah erschöpft aus, und das sicher nicht vom rennen. „Ist deine Behandlung bei den Heilern überhaupt schon abgeschlossen?“ fragte ich besorgt.

„Mir geht’s gut, wir haben jetzt Wichtigeres zu tun! Ist Yusei schon wieder aufgetaucht?“

Ich wandte den Blick ab, rannte in den nächsten Gang. Weit war es nicht mehr. „Yubel ist bei ihm“ antwortete ich schlicht. Mehr Informationen hatte ich leider noch nicht. Endlich angekommen, ging ich in die Kammer und verschaffte mir einen Überblick. Eine Wache durchsuchte das Zimmer, eine andere kniete neben Lyman. Das lange, schwarze Haar, das sonst stets zu einem Zopf gebunden war, bedeckte fast gänzlich seinen leblosen Körper. Sein weißes Gewand war durchtränkt mit seinem Blut. Es sah noch frisch aus. Auch die Blutlache unter ihm begann noch nicht zu gerinnen. Seine Augen waren weit geöffnet. „Wie furchtbar“ flüsterte eine bekannte Stimme und ließ mich zu ihr sehen. Madame Tredwell stand direkt neben mir, ihr Blick lag in der Ferne, als würde sie alles um sich herum nicht wahrnehmen.

„Wisst Ihr, was passiert ist?“ versuchte ich sie aus ihren Gedanken zu holen, legte dabei meine Hand auf ihre Schulter.

Sie blinzelte mehrmals, sah mich irritiert an. „Ich… Ich weiß es nicht. Wir treffen uns eigentlich immer um dieselbe Zeit zum Tee. Als er nicht auftauchte, wollte ich nach ihm sehen, aber…“ Sie unterdrückte ein Schluchzen. Tränen kullerten unaufhaltsam über ihre Wangen. „Als ich… herkam, da… da lag er schon so da…“ Wimmernd schlug sie sich die Hände vors Gesicht und sank auf die Knie. Ich seufzte lautlos und verstärkte den Druck auf ihrer Schulter. Das brachte uns auch nicht weiter.
 

„Mein König.“ Ich sah auf. Die Wache, die eben noch das Zimmer durchsucht hatte, war zu mir gekommen. „Auf Bitten von Meister Ares habe ich die komplette Kammer nach dem Dolch von Meister Lyman abgesucht, aber keine Spur gefunden.“

„Ares?“ fragte ich verwirrt.

Jesse trat an meine Seite. „Ja, mein Onkel war in der Nähe, als Madame Tredwell Lyman gefunden hat. Er war es auch, der die Wachen alarmiert hat.“

„Und was wollte er hier?“

„Das müsst Ihr ihn selbst fragen. Aber die Idee mit dem Dolch ist gut. Lyman ist doch nirgendwo ohne das Ding hingegangen. Und wenn es nicht im Zimmer ist…“

„Muss sein Mörder ihn mitgenommen haben“ schlussfolgerte ich, richtete mich dabei an die Wache. „Informiere sämtliche Einheiten darüber.“ Er nickte, verschwand. „Aber eins verstehe ich nicht“ murmelte ich und sah Jesse an.

Er erwiderte meinen Blick ernst. „Der Dolch ist ziemlich einzigartig. Warum sollte er ihn mitnehmen, wenn es nur beweist, dass er Lyman getötet hat? So wertvoll ist der Dolch nicht, dass es wert wäre dafür zu morden. Noch dazu ein Ratsmitglied.“

Ich nickte zustimmend. „Irgendwas ist hier faul.“
 

„König Haou!“ hörte ich eine weitere Stimme aus den Gängen. Hoffentlich gute Nachrichten.

Ich trat aus dem Zimmer und sah eine Palastwache auf mich zustürmen. „Habt ihr ihn gefunden?“ Die Wache kam vor mir zum Stehen, sah mich unschlüssig an. „Was ist jetzt?“ fragte ich genervt.

Er schreckte zurück. „Eine Nachricht von den Spähern. Ein weißer Drache fliegt auf die Stadt zu. Yubel ist an seiner Seite.“

Ich atmete erleichtert auf. Zumindest dieses Problem wäre gelöst, wenn auch das Timing hätte besser sein können. „Danke, du kannst gehen.“

Er verbeugte sich knapp und verschwand, im nächsten Moment spürte ich eine sanfte Berührung auf meiner Schulter. Jesse sah mich ernst an. „Ich kümmere mich schnell darum. Koordiniere du lieber die Suche nach dem Mörder. Ich schicke auch Yubel zu dir.“

„Sie soll lieber aus der Luft suchen“ halte ich dagegen.

„Hier rennt ein Mörder frei herum, ich lasse dich ganz bestimmt nicht ohne Schutz im Palast herumwandern! Und ich gehe davon aus, Yubel stimmt mir in der Sache zu.“
 

Ich knurrte in mich hinein, doch ohne meine Antwort abzuwarten lief Jesse eilig zum Platz. Mein Blick wanderte zurück zur offenen Kammer. Aus ihr hörte ich immer noch Madame Tredwells Wimmern. Tausend Fragen schwirrten mir durch den Kopf, doch die Antworten waren nicht greifbar. Warum wurde Lyman mit seiner eigenen Waffe getötet? Warum hat der Mörder einen so auffälligen Dolch mitgenommen? Warum ist Lyman überhaupt Ziel eines Angriffs geworden? Und warum jetzt? Der Zeitpunkt ist mehr als ungünstig für ein solches Unterfangen. Die Grundausbildung der neuen Soldaten hatte vor wenigen Wochen begonnen und es schwirrte mehr Wachpersonal als üblich im Palast herum. Die Gefahr erwischt zu werden ist viel zu hoch. Das ergibt alles keinen Sinn.

Verhör

Das Knallen der Peitsche hallte an den kalten Steinmauern wider, die qualvollen Schreie zeugten von der Treffsicherheit des Kerkermeisters. Dutzende Male hatte er ihn zielgenau an ein und derselben Stelle am Rücken getroffen. Die Haut um die nunmehr offene Wunde war geschwollen, der eiserne Geruch seines Blutes stach mir in die Nase, gemischt mit dem salzigen Gestank seines Schweißes. Ein weiterer Schlag, ein lauter Schrei. Er versuchte Halt an den Ketten zu finden, die seine Arme seitlich vom Körper abstreckten. Ich hob die Hand, der Kerkermeister stoppte seine Folter, ließ den Gepeinigten zu Atem kommen. „Wer hat den Anschlag beauftragt?“ fragte ich ruhig. Ich hatte vergessen, wie oft ich diese Frage bereits gestellt hatte. Die Fesseln klirrten, als er sich soweit aufrichtete um mich ansehen zu können. Da war es wieder. Dieses süffisante Grinsen. „Wir können ewig so weitermachen, Bakura“ versprach ich, verschränkte dabei meine Arme.

Seine braunen Augen formten sich zu Schlitzen, für einen Moment verschwand der selbstsichere Ausdruck darin. Doch schnell grinste er wieder hochmütig. „So, so. Unser ach so schlauer König hat meinen Namen herausgefunden.“

„Nicht nur das“ sagte ich, ging dabei auf ihn zu, sodass er seinen Kopf weiter nach oben neigen musste, um mich zu sehen. Diese demütigende Haltung, in der er sich befand, konnte er nicht ausstehen, soweit hatte ich ihn in den letzten Tagen bereits kennengelernt. „Du kommst aus einem der ärmeren Dörfer, die während des Krieges zerstört wurden. Schon vor dem Krieg warst du ein feiger Dieb, ohne Familie, ohne Freunde. Nicht einmal die Schutzgeister haben sich deiner erbarmt. Bis heute hat sich nicht viel geändert, meinst du nicht? Außer die Tatsache, dass du jetzt Mord dazu auflisten kannst.“

Knurrend spannte er seinen Kiefer an, sah mich von unten herauf an, als hätte er mich zu seinem nächsten Ziel auserkoren. „Das von einem Bengel, der nichts wert ist, ohne den scheiß goldenen Löffel in der Fresse!“
 

Ein Schatten schnellte an mir vorbei. Bakura gab einen erstickten Schrei von sich, während sich Yubels Hand immer enger um seine Kehle legte, seinen Körper hoch hob und ihm die Luft abschnürte. „Rede noch einmal so mit unserem König, und ich werde dir zeigen, was wahre Schmerzen sind!“ zischte sie wütend.

Einen Moment lang beobachtete ich die Szenerie, ehe ich einschritt. „Yubel, noch brauche ich ihn lebend.“ Es dauerte einen Augenblich, doch dann löste sie sich von ihm, sodass er wie ein nasser Sack zu Boden fiel. Einzig seine Ketten hielten ihn in halbwegs aufrechter Position. Er hustete, spuckte mir sein Blut vor die Füße und sah keuchend zu mir auf. „Wer hat den Anschlag beauftragt?“ fragte ich wieder. Doch er schwieg eisern, sah mich nur hasserfüllt an.

„Ich an deiner Stelle würde reden.“ Jesse trat an meine Seite, in seinem Gesicht ein siegessicheres Lächeln. „Schon morgen um diese Zeit ist Meister Damian mit einer netten Erfrischung fertig, die er einzig für dich gebraut hat. Mal sehen, wie viel von deinem Willen dann noch übrig ist.“

„Euer Gesöff könnt ihr behalten“ keuchte er.

Jesses Lächeln wurde breiter. „Lebend kommst du hier so oder so nicht raus. Aber du hast die Wahl. Sag uns, was wir wissen wollen und es ist schnell und ohne weitere Schmerzen vorbei. Sträub dich weiter und du wirst dir wünschen, dass wir so nett mit dir umgehen wie in den letzten Tagen.“

Er schnaubte. „Als ob ein Grünschnabel wie du wüsste, was echte Qualen sind. Das hier ist ein schlechter Witz!“

„Also der Erfrischungsdrink“ sagte Jesse fast schon euphorisch.
 

Ich seufzte lautlos. Meister Damians Trank war unsere letzte Möglichkeit mehr herauszufinden, aber alles in mir sträubte sich, ihn einzusetzen. Das Gebräu machte sein Opfer willenlos, trieb es mit Halluzinationen in den Wahnsinn, bis auch der letzte Lebenswille ausgesaugt wurde und man sich nur noch den Tod herbeisehnte. Währenddessen bekam man aber rein akustisch alles von der Außenwelt mit, sodass ein Verhör noch immer möglich war. Mein Vater hatte dieses Mittel selbst im Krieg abgelehnt, und auch ich wollte es eigentlich vermeiden. Aber wir hatten keine Wahl. Bakura zu fangen war nicht schwer. Noch am selben Abend des Mordanschlags auf Lyman, hatten wir ihn in der Innenstadt festnehmen können, aber seitdem weigerte er sich vehement auch nur eine unserer Fragen klar zu beantworten. Dass er allerdings nicht selbst der Drahtzieher hinter dem Anschlag war, hatte er uns unfreiwillig Preis gegeben. „Macht doch was ihr wollt“ murmelte Bakura, ließ erschöpft den Kopf hängen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob er diese Tortur überhaupt überleben würde, bevor wir alle Antworten hätten.
 

„Machst du hier weiter?“ fragte ich an Jesse gewandt. „Die Ratsversammlung beginnt bald.“ Er nickte und gab dem Kerkermeister das Zeichen, weiterzumachen. Noch während Bakuras Schreie durch die Zelle hallten, ging ich zur Tür. „Warte“ keuchte es zwischen zwei Schlägen hinter mir. Verwundert drehte ich mich zu dem Gefangenen. Die Peitsche verstummte. „Es hat einen Grund, dass… dass ich den Dolch mitgenommen habe…“

„Und welchen?“ fragte ich.

„In… In ihm… Bitte lasst mich gehen… Ich hatte nichts damit zu tun!“

Ich verdrehte die Augen und schritt aus der Zelle. Seine gespaltene Persönlichkeit machte das Verhör auch nicht einfacher.
 

~*~
 

Wenig später saß ich am Schreibtisch meiner Gemächer und hatte das Kinn auf meine Hand gebettet. Mit der anderen wog ich den Dolch hin und her. Irgendeinen Grund hatte er zwangsläufig, dieses alte Ding mitzunehmen. Und ganz sicher war es nicht sein materieller Wert. Der goldene Knauf war zerkratzt und bestückt mit kleinen Edelsteinen unterschiedlicher Farbe. Eine größere, halbrunde Kerbe zeugte davon, dass bereits ein Stein fehlte. Die Klinge war stumpf und gebogen, setzte an kleinen Stellen bereits Rost an. Es brauchte sicher einiges an Kraft, Lyman damit von hinten zu erstechen. Ich ließ die Waffe auf die Tischplatte fallen und fuhr mir genervt durchs Haar. ‚In ihm‘, was hat das zu bedeuten? Ich habe dieses verdammte Ding untersuchen lassen, aber der Knauf ist nur gewöhnliches Eisen mit einem Goldüberzug. Am Ende war es nur das Gefasel eines Verrückten.
 

Seufzend stand ich auf, um mich für die Versammlung fertig zu machen, da klirrte es hinter mir. Verwundert drehte ich mich um. Der Dolch lag auf dem Boden. Ich musste ihn fallen lassen haben. Als ich einen Schritt nach vorn setzte, trat ich versehentlich etwas mit dem Fuß beiseite. Verwundert betrachtete ich die ovale Goldkugel, die langsam über den Boden rollte. Das ist doch das Endstück des Knaufes. Seltsam. Sollte es nicht in einem Guss gefertigt worden sein? Ich hob die Kugel auf, betrachtete sie von allen Seiten. Sie war absolut ebenmäßig. Wie kann Eisen so glatt abfallen? Das ist nicht möglich. Noch einmal betrachtete ich den Dolch, während ich ihn aufhob. Fuhr mit dem Daumen über die ovale Kerbe. Ich stutzte. Ob das passt? Zögerlich setzte ich die Kugel in die Kerbe, drehte sie einige Male, bis es schließlich passte. Tatsächlich. Als wäre sie für die Kerbe geschaffen. Ohne darüber nachzudenken, übte ich Druck auf die Kugel aus, bis es klickte und die Klinge sich ein Stück herausschob.
 

Mein Puls erhöhte sich schlagartig. Was ist das für ein Mechanismus? Ich zog an dem verbogenen Metall, löste die Klinge vom Knauf. Überrascht drehte ich das vergoldete Metall in meiner Hand, betrachtete den Hohlraum, in dem vorher die Klinge steckte, doch ich entdeckte nichts. Irgendetwas muss es doch damit auf sich haben. Mein Blick wanderte zu der Klinge. Am Griffstück, das vorher im Knauf steckte, war ein kleiner Schlitz. Eine vergilbte Ecke lugte hervor. Ich ließ den Knauf auf den Tisch fallen und zog vorsichtig an der kleinen Ecke. Stück für Stück holte ich eine Art Pergament hervor. Klirrend fiel auch die Klinge auf den Tisch und ich entfaltete den Zettel. Doch was ich sah, verwunderte mich. Es dauerte einen Moment, in dem ich die Zahlen vor mir anstarrte und versuchte mir darauf einen Reim zu machen, doch dann traf es mich wie ein Blitz. Schnell rannte ich zur Tür und riss sie auf. An der gegenüberliegenden Wand stand Yubel, die mir seit dem Anschlag nicht mehr von der Seite gewichen war. Alarmiert betrachtete sie mich. „Was ist passiert?“ Kurz sah ich mich um und winkte sie in meine Gemächer. Als sie bei mir war, schloss ich die Tür hinter mir. „Haou, was ist los?“ drängte sie erneut.

„Wonach sieht das für dich aus?“ fragte ich aufgeregt und hielt ihr das Pergament entgegen.

Sie sah mich verwirrt an und nahm das Schriftstück an sich. „Koordinaten?“ Ich nickte. „Aber wo habt Ihr die her?“

Ich senkte die Stimme. „Das Pergament steckte in der Klinge des Dolches.“

Überrascht betrachtete sie mich und sah wieder auf das Schriftstück. „Also war es das, was dieser Dieb wollte?“

„Keine Ahnung. Vielleicht. Wir müssen noch einmal mit ihm reden.“

„Und die Ratsversammlung?“ gab sie zu bedenken.

„Das hier ist wichtiger!“

„Ihr seid der König! Ihr müsst zu dieser Versammlung.“

„Dann wird sie eben verschoben“ entgegnete ich genervt.

Sie atmete angespannt aus. „Wollt ihr die Sache unter Verschluss halten?“

„Ja“ antwortete ich konfus. War das nicht offensichtlich?

„Dann geht zu der Ratsversammlung. Es würde nur Aufsehen erregen, wenn Ihr dem nicht beiwohnt.“

Ich wollte etwas erwidern, doch sie hatte Recht. Der Hälfte des Rates vertraute ich nicht mehr, und der einzige, der uneingeschränkt hinter mir stand, war Lyman. Ich seufzte. „Na schön. Dann werde ich nach der Versammlung mit ihm reden. Kannst du in der Zwischenzeit rausfinden, wo diese Koordinaten hinführen?“

„Natürlich.“

„Gut, aber beeil dich. Ich will diese Versammlung schnell hinter mich bringen und dann mit Bakura reden. Vielleicht können wir uns den Trank dann sparen.“

Ratsversammlung

Holzstühle kratzten über den Boden, während auch die letzten Mitglieder des Rats an dem runden Tisch Platz nahmen. Nur zwei der 13 Stühle blieben unangetastet. Ich seufzte lautlos. „Schön. Wie ich sehe, sind wir vollzählig, dann können wir ja anfangen.“

„Was ist mit Madame Tredwell?“ fragte Meister Nate.

„Aufgrund der jüngsten Ereignisse hat sie sich eine Auszeit genommen.“

Ares faltete seine Hände ineinander, sah mich durchdringend an. „Wo wir schon dabei sind, wissen wir etwas Neues über den Anschlag auf Meister Lyman?“

„Nein, die Befragung des Mörders ergab keine neuen Ergebnisse“ sagte ich ausweichend. „Jesse ist in diesem Moment bei ihm und versucht es weiter. Fest steht aber, dass er Hilfe aus dem Palast erhalten hat.“

Ein Raunen ging durch die Runde, unsicheres Gemurmel folgte. Jetzt in den Angriff zu gehen war riskant, aber ich wollte ihre Reaktion im Auge behalten. Die Personen, die ich am ehesten verdächtigte, ließen keine Emotionen nach außen strahlen, oder zeigten sich überrascht. Dabei hatte ich gehofft, sie würden sich irgendwie verraten. Zumindest einer von ihnen.

„Wie kommt Ihr darauf?“ fragte Meister Reiji sachlich.

„Bakura ist nur ein kleiner Fisch, der in seinem Leben noch nie im Palast war. Trotzdem hat er es irgendwie geschafft an den Wachen vorbeizukommen und Meister Lyman zu töten. Die Gründe dafür verschweigt er weiterhin.“

Meister Gozaburos kalter Blick wanderte zu Meister Damian. „Ich dachte, so etwas wäre durch Euren Trank kein Problem.“

Dieser nickte, sah flüchtig zu mir, bevor er seine Antwort gab. „Die Nutzung ist sehr riskant. Außerdem dauert die Herstellung drei Tage.“

„Aber wir haben ihn doch schon vor etwa einer Woche gefasst“ bemerkte Crowler irritiert.

„Meister Damian hat auf meinen Befehl gehandelt“ stellte ich klar. „Die Wirkung des Tranks wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind. Selbst mein Vater hat sich im Krieg dagegen ausgesprochen, wie ihr wisst.“

Ein leises Schnauben erklang, doch seinen Ursprung konnte ich nicht ausmachen.

„Wird er bald fertig sein?“ fragte Meister Reiji.

Ich nickte zerknirscht. „Sollte der Gefangene bis morgen Mittag nichts Neues zu dem Anschlag erzählen können, werden wir ihn einsetzen.“

„Das halte ich für angemessen“ schaltete sich Meister Stone ein. „Sollte es wirklich eine Lücke in unserer Verteidigung geben, müssen wir den Maulwurf unverzüglich aus dem Verkehr ziehen. Sonst war der Anschlag auf Meister Lyman vielleicht nicht der letzte.“

Zustimmendes Gemurmel folgte. Auch ich nickte meinem Berater zu. „Wir müssen behutsam vorgehen. Wenn diese Information in Umlauf gerät, könnte es Panik im Palast oder sogar im Volk auslösen. Aus diesem Grund lege ich es in Eure Verantwortung, dass diese Sache unter Verschluss bleibt und der Maulwurf gefasst wird.“

„In meiner?“ fragte er irritiert. „Aber was verschafft mir die Ehre, mein König?“

„Ihr seid fähig für diese Aufgabe. Wenn die ganze Sache vorbei ist, will ich Euch zur Belohnung aus meinem Dienst entlassen und in den Ruhestand schicken.“

„Aber König Haou!“ Meister Crowler war aufgestanden, stützte sich auf dem Tisch ab. „Wieso, um alles in der Welt, schickt Ihr Euren Berater ausgerechnet jetzt in den Ruhestand?“

Stone sah mich nur versteinert an. Jedoch erkannte ich ein freudiges Funkeln in seinen Augen.

„Habt Ihr einen Nachfolger im Sinn?“ fragte Meister Nate.

Ich nickte. „Jesse.“

„Ist mein Neffe nicht noch etwas jung für einen so wichtigen Rang?“

„Meister Ares hat recht, außerdem ist Jesse nicht einmal ein Mitglied des Rates.“

Einen kurzen Blick warf ich auf Meister Gozaburo. „Nirgendwo steht geschrieben welches Alter ein Berater haben muss. Ich halte Jesse durchaus für fähig genug für diesen Posten. Wer erhebliche Bedenken gegen diesen Vorschlag hat, kann sie jetzt vorbringen, ansonsten werde ich Jesse nach Abschluss der Untersuchungen über den Anschlag zu meinem Berater ernennen und er erhält damit automatisch die Mitgliedschaft im Rat.“

Meister Gozaburo massierte sich die Nasenwurzel, sah mich einen Moment forschend an. „Ich habe erhebliche Bedenken bezüglich seiner Erfahrung. Ich kann nicht guten Gewissens zustimmen einem solchen Jungspund einen so wichtigen Posten zu geben.“

„Mein Posten ist etwas wichtiger, meint Ihr nicht?“ Fragend betrachtete er mich, also sprach ich weiter. „Ich war nicht älter als er, und dennoch wurde ich in jungen Jahren König.“

„Das ist doch etwas völlig anderes!“

„Warum? Nur, weil Ihr bei meiner Ernennung keine Wahl hattet?“

„Auf dem Thron kann nur ein Mitglied der königlichen Blutlinie Platz nehmen. Ein Berater wird jedoch nach seinen Fähigkeiten und Erfahrungen ernannt. Bei allem Respekt, mein König, aber das ist nicht zu vergleichen.“

Ein belustigtes Schmunzeln legte sich auf meine Lippen. Jetzt hatte ich ihn da, wo ich ihn haben wollte. „Soweit ich weiß, hat Meister Stone diesen Posten seinerzeit aufgrund seines strategischen Geschicks erhalten, liege ich da richtig?“ fragte ich in Stones Richtung. Dieser nickte nur irritiert. „Im letzten Krieg gab es nur eine einzige Einheit, deren Mitglieder nach der Schlacht alle noch am Leben waren. Dieses Wunder hatten sie dem strategischen Geschick ihres Truppenführers zu verdanken.“

Meister Nate zog eine Augenbraue in die Höhe. „War das nicht Eure Einheit, mein König?“

Ein kleines Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. „Wie ich meinem Vater damals schon sagte: Jesse hatte erheblich dazu beigetragen, dass wir keine Opfer zu beklagen hatten. Nur weil er für jede Eventualität einen Plan hatte, sind viele unserer Krieger noch am Leben. Er konnte sich gegen die weit älteren Soldaten behaupten und ich würde ihm ohne weiteres mein Leben anvertrauen. Es gibt keinen besseren für diesen Posten.“

Betretenes Schweigen schlich sich in die Runde. Ares lächelte stolz über die Lobeshymne auf seinen Neffen. Ihn hatte ich wohl überzeugt. Blieb zu hoffen, dass die anderen es auch eingesehen hatten. Ein herzhaftes Lachen durchschnitt die Stille, alle Anwesenden sahen irritiert zu Stone, der sich gemächlich erhob und mich zufrieden betrachtete. „Ihr kommt ganz nach Eurem Vater, mein König. Ich bin der festen Überzeugung, dass Meister Jesse ein würdiger Nachfolger für meinen Posten sein wird. Ungeachtet seines Alters, meinen Segen habt ihr. Wenn es irgendjemanden in diesem Raum gibt, der weitere Bedenken hat, soll er sie jetzt äußern, ansonsten würde ich meinen, dass bei der nächsten Ratsversammlung statt meiner, wohl Meister Jesse anwesend sein wird.“

Ich warf Stone einen dankbaren Blick zu, beobachtete die anderen Meister. Ganz überzeugt sahen einige noch nicht aus, doch niemand wagte es, einen weiteren Einspruch zu erheben.
 

„Dann ist es beschlossen“ meldete sich Ares zu Wort, blickte ebenfalls in die Runde. „Jetzt, wo das geklärt ist, würde ich gern einen weiteren Punkt ansprechen.“ Ernst betrachtete er mich. "Es geht um Euren Schützling, mein König.“

Durchdringend sah ich Ares an. Nach dem Auftritt von Sternenstaubdrache vor einigen Tagen wunderte ich mich nicht, dass die ersten Stimmen gegen Yusei laut wurden. „Gab es Beschwerden aus dem Volk?“ fragte ich gezielt nach, war das doch meine erste Vermutung.

„Nein, die Lage in der Stadt hat sich schnell wieder beruhigt.“

Seine Worte erleichterten mich, wie sie mich auch verwunderten. „Was ist dann das Problem?“

Aus seiner Tasche holte er ein dickes, altes Buch hervor. Ich musste den Einband nicht lesen, um zu wissen, worum es sich handelte. Darin waren unsere Gesetze niedergeschrieben. Ernst beobachtete ich ihn, als er es aufschlug und eine bestimmte Seite suchte. „Der einzige Grund, aus dem wir damals zugestimmt hatten, ihn im Palast aufzunehmen war der, dass er eines Tages als Späher in die andere Welt geschickt werden sollte. Bisher hat er jedoch lediglich die Grundausbildung abgeschlossen.“

Ich stutzte. Sollte er seine Ausbildung bei Meister Ares nicht längst begonnen haben? Schließlich hatte Jesse mir kleinlaut gestanden, dass er das vorhatte. „Worauf wollt Ihr hinaus?“

„Mit Verlaub, aber Ihr habt ihn in Dinge unterweisen lassen, die für seine Mission nicht von Belang sind. Zuletzt hat er sich auch noch mit einem Schutzgeist verbunden. Von der Tatsache abgesehen, dass es ein Drache ist, war dieses uralte Ritual nicht von Bedeutung für ihn. Einzig seine Späher Ausbildung hätte es sein sollen.“ Ernst betrachtete er mich. „Wenn das so weitergeht, könnte er in einigen Jahren selbst für uns eine Bedrohung werden.“

Ein Knall ließ alle Anwesenden zusammenzucken, von Meister Ares abgesehen. Ich hatte meine flache Hand auf den Tisch geknallt und war aufgestanden, sah Ares zornig an. „Wie oft noch? Er ist uns gegenüber loyal! Außerdem liegt es in meiner Hand, wie ich seine Ausbildung gestalte!“

„Was das angeht, solltet Ihr einen Blick in unsere Gesetze werfen.“

Fragend legte ich die Stirn in Falten, doch ehe ich etwas sagen konnte, schob er das Buch in meine Richtung. Auf drei Seiten waren Absätze markiert.
 

Die Ausbildung von Dämonen, welche direkt unter der Krone dienen, obliegt der Verantwortung des Königshauses.
 

Irritiert sah ich zu Ares, doch dieser bedeutete mir mit einem Nicken weiterzulesen. Das Rascheln von Pergament war das einzige Geräusch im Raum.
 

Über Besitz ab einem Wert von 100 Goldstücke darf lediglich der rechtmäßige Inhaber verfügen. […] In Ausnahmesituationen, wie etwa im Krieg oder einer ähnlichen Not, darf ein höher Rangiges Mitglied der Gesellschaft Antrag auf Aneignung stellen.
 

Was will er denn mit diesem Gesetzestext aussagen? Das hatte rein gar nichts mit Yusei zu tun! Genervt schlug ich die letzte Seite auf, mir stockte der Atem, als ich die Zeilen überflog.
 

Kriegsgefangene zählen als materieller Besitz und haben keinerlei Rechte, bis ihre Strafe abgesessen ist. […] Der Preis eines Kriegsgefangenen beträgt je nach Alter zwischen 200 und 1.000 Goldstücke, wobei Kriterien wie Alter, Fähigkeiten und Strafmaß eine Rolle spielen.
 

Ich schlug das Buch geräuschvoll zu, warf Ares einen vernichtenden Blick entgegen. „Das kann nicht Euer Ernst sein! Yusei war nie ein Kriegsgefangener! Wollt Ihr ihm allen Ernstes all seine Rechte absprechen?!“

„Von Absprechen kann keine Rede sein, wenn er sie nie besessen hat. Es war lediglich Eure Gnade, die ihn nicht im Kerker hat leben lassen.“

Dieser verdammte Mistkerl! Ich brauchte all meine Beherrschung nicht über den Tisch zu springen. Meister Nate räusperte sich. „Ich kann mich durchaus an die Versammlung vor 13 Jahren erinnern. Quintessenz der Abmachung war tatsächlich, dass er ein Kriegsgefangener ist. Auch wenn er nie als solcher behandelt wurde. Soweit ich mich erinnere, hat er, gleich nachdem er im Palast aufgenommen wurde, seine Grundausbildung begonnen. Wie auch einige andere Dämonen. Aber worauf wollt Ihr genau hinaus, Meister Ares?“

„Selbst wenn er nie als Gefangener bezeichnet worden wäre, obliegt seine Ausbildung nicht mehr Euch, mein König. Im Text wird klar von Dämonen gesprochen. Das ist er nicht. Damit zählt er meines Erachtens nach als Besitz.“

„Haarspalterei!“ zischte ich.

„Selbst wenn, wäre er nicht im Besitz des Königs?“ fragte Crowler verwundert.

„Der König hat die Verantwortung für den Menschen an Jesse abgegeben und er an mich, als er mich gebeten hatte, ihn für die Dauer seiner Ausbildung in meine Obhut zu nehmen. Damit wäre der Mensch rechtmäßig in meinem Besitz.“

Mir stockte der Atem. Ich war wie betäubt, konnte Ares nur anstarren. Ist das sein Ernst? Jesse hat was? Das darf nicht wahr sein! Dieser… Ich schnaufte abfällig, sah Ares durchdringend an. Meiner Stimme verlieh ich einen drohenden Unterton. „Was genau wollt Ihr damit bezwecken?“

Er straffte die Schultern. „Das, was auch Ihr am Anfang bezwecken wolltet, bevor Ihr, mit Verlaub, anscheinend Euren Fokus verloren habt. Ich werde ihn so bald wie möglich mit in den Südosten nehmen, ins Brachland, und dort seine Ausbildung zum Späher beginnen. Damit er das werden kann, was auch Ihr euch vorgestellt habt. Ein Werkzeug gegen die Menschen.“

Ich knallte meine flachen Hände auf die Tischplatte, versuchte das Zittern zu unterdrücken. „Was nehmt Ihr Euch eigentlich heraus?! Habt Ihr den Verstand verloren?!“

„Ich versichere Euch, ich bin klar bei Verstand. Doch ich muss gestehen, es ist ein Präzedenzfall. In so einem Fall muss abgestimmt werden. Eure Stimme hat selbstverständlich das meiste Gewicht, doch Ihr könnt Euch nicht über den gesamten Rat hinwegsetzen.“

Meister Damian sah scheu zu mir, dann wieder zu Meister Ares. „Bei einem solchen Präzedenzfall können wir aber nicht am selben Tag abstimmen. Wir brauchen etwas Bedenkzeit, schließlich-“

„Die Sache ist lächerlich!“ schnitt ich ihm das Wort ab. „Wofür braucht Ihr da noch Bedenkzeit?“

„Wir müssen uns an das Protokoll halten, mein König“ erwiderte er kleinlaut.

Ein unwilliges Brummen entkam mir. Natürlich hatte Damian Recht, und doch hatte ich ein mieses Gefühl bei der ganzen Situation. Denkt er allen Ernstes, mit diesem Antrag würde er durchkommen?

„Was passiert in der Zwischenzeit mit Yusei?“

„Es bleibt alles wie bisher“ antwortete ich auf Meister Damians Frage. „Und das wird es auch in Zukunft. Diese ganze Angelegenheit ist an den Haaren herbeigezogen!“
 

~*~
 

Wütend riss ich die Türen auf, ließ den Rat endlich hinter mir. Yubel, die an der gegenüberliegenden Wand auf mich wartete, schloss sich meinem Tempo an. Meine schnellen Schritte hallten an den Wänden des Gangs wider. Nach diesem Abend brauchte ich dringend gute Neuigkeiten. „Hat Bakura irgendwas gesagt?“ fragte ich scharf.

Doch Yubel ließ sich von meinem Ton nicht beirren. „Die üblichen Beleidigungen, ansonsten nichts Neues. Was ist passiert?“

„Wo ist Jesse?“ überging ich ihre Frage.

„Er wartet im Thronsaal auf Euch.“

Perfekt, nur einen Gang weiter. Ich beschleunigte meinen Schritt, gab Yubel währenddessen meine Befehle. „Du wartest draußen, ich muss mit Jesse allein sprechen. Und lass niemanden rein!“ Geräuschvoll öffnete ich die schweren Holztüren, verschaffte mir einen kurzen Überblick. Jesse stand am Fuß der niedrigen Treppe zum Thron, vereinzelt waren Wachen postiert. „Alle raus hier!“ wies ich sie an. Sofort verbeugten sie sich knapp und verließen den Raum. Jesse betrachtete mich alarmiert.

Erst als die Türen sich schlossen, richtete er das Wort an mich. „Was ist passiert?“
 

Ein heller Knall hallte an den Wänden wie ein Echo. Vollkommen verstört sah Jesse zu mir, hielt sich die gerötete Wange. Mein Atem ging schwer, meine Hände zitterten. Bevor er noch etwas sagen konnte, schrie ich ihn an. „Kannst du mir verraten, warum Yusei in Ares‘ Obhut ist?!“

Irritiert schüttelte er den Kopf. „Was?“

„Er hat heute allen Ernstes behauptet, Yusei wäre ein reiner Besitz, weil er kein Dämon ist! Und weil du ihn in die Obhut deines Onkels gegeben hast, macht ihn das zu Yuseis Besitzer!“ Das letzte Wort sprach ich voller Abscheu. Es war alles so lächerlich.

„Moment, was?“

„Spuck es schon aus! Was genau hast du zu Ares gesagt, als er Yuseis Ausbildung übernehmen sollte?!“

„Nur, ob er ihn als Späher ausbilden kann, und ab wann“ sagte Jesse deutlich fester als zuvor. „Er will Yusei allen Ernstes als Besitz deklarieren?“

„Ja! Und ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen was den Rest des Rats betrifft. Über die ganze Angelegenheit wird in einer Woche abgestimmt. Deswegen ist es wichtig, dass du mir versichern kannst, dass du Ares ausschließlich um die Ausbildung gebeten, und nicht in seine Obhut gegeben hast!“ Einen Augenblick überlegte er, schließlich schien ihm jede Farbe aus dem Gesicht zu weichen. Das erübrigte mir seine Antwort. „Scheiße“ zischte ich, lief einige Schritte durch den Raum, um meine überschüssige Energie nicht wieder an ihm auszulassen. „Was hast du dir dabei gedacht?!“

„Jedenfalls nicht, dass er sowas vorhaben könnte!“

Ich fuhr genervt durch mein Haar. Dieser elende Mistkerl hat die Oberhand, sollte ich nicht die Mehrheit im Rat bekommen. Dann kann ich mich gleich von Yusei verabschieden. Eine plötzliche Kälte zog mein Herz zusammen. „Hey!“ Überrascht sah ich auf. Jesse hielt mich an den Schultern, sah mir fest in die Augen. „Wer könnte nächste Woche dafür stimmen?“

„Ich weiß es nicht!“ sagte ich. Wunderte mich selbst über die leichte Panik in meiner Stimme.

„Und wie geht es mit Yusei bis dahin weiter?“

Den Kloß in meinem Hals versuchte ich runterzuschlucken. „Er soll im Kerker bleiben“ wisperte ich.

Jesse nickte, strich mit den Daumen vorsichtig über meine Schultern. „Ich werde mich umhören, vielleicht bekomme ich heraus, wie die anderen Ratsmitglieder abstimmen wollen. Soll ich Yusei davon erzählen?“

„Nein“ sagte ich matt, befreite mich aus Jesses Griff. „Hör dich bei den Ratsmitgliedern um, und sollte es eng werden, lasse ich mir etwas einfallen.“

„Wie genau meinst du das?“ fragte er skeptisch.

Ich schüttelte abwehrend den Kopf, ging auf meinen Thron zu. „Sollte ich die Abstimmung verlieren, werde ich es trotzdem nicht zulassen, dass sie Yusei wie einen Gegenstand ohne Rechte behandeln. Das kann ich nicht.“

„Glaub mir, ich verstehe dich, aber wie willst du das verhindern, wenn es zu spät ist?“

Noch einmal atmete ich tief durch, fuhr verzweifelt durch mein Haar, während ich mich setzte und mein Gesicht in meine Hände bettete. „Keine Ahnung. Ich muss es einfach.“ Die ganze Situation raubte mir mehr Kraft als ich gedacht hätte. Ich fühlte mich ausgelaugt. Was soll ich nur tun?
 

Ein Knall ließ mich aufsehen. Eine Tür wurde aufgerissen, in den Saal kam eine Dämonin gerannt. Ich brauchte einen Augenblick, bevor ich Yuseis kleine Freundin erkannt hatte. „König Haou!“ rief sie verzweifelt, doch ehe sie bei mir angekommen war, wurde sie von Yubel am Kragen genommen und hochgehoben. In der anderen Hand hielt meine Beschützerin einen weiteren Dämon auf die gleiche Weise gefangen. „Was fällt dir ein?“ zischte sie, doch das Mädchen ließ sich nicht beirren.

„Haou, hört mich an, ich bitte Euch!“

Der andere Dämon mit dem bunten Haar zappelte ebenfalls aufgeregt. „Es geht um Yusei!“ rief er. „Ich glaube er ist…“ Ein Schluchzen brach seinen Satz ab.
 

Alarmiert stand ich auf, überbrückte die Distanz zwischen uns. „Was ist passiert?“

Freundschaftsdienst

„Was ist passiert?“ fragte ich.

„Ich weiß es nicht. Wir wollten ihn besuchen, aber er liegt nur am Boden!“

„Wie ‚besuchen‘?“ schaltete sich Jesse ein. „Ihr solltet nicht einmal in der Lage sein, zu ihm zu gelangen.“

„Wir haben ihm vom Fenster aus gesehen“ wimmerte das Mädchen. „Ist doch egal wie, aber er braucht Hilfe!“

Einen Seitenblick warf ich zu Jesse. Er schien gleich zu verstehen und schloss seine Augen. Seine Augenbrauen wanderten tief in sein Gesicht. „Was hat Rubin gesehen?“ fragte ich ernst.

„Sie haben recht“ sagte er nur, setzte sich sogleich in Bewegung.

Ich brauchte einen Moment, ehe ich ihm folgen konnte. Zu verwirrt war ich von der ganzen Situation. Am Eingang zum Thronsaal drehte ich mich noch einmal zu den Jungdämonen. „Ihr bleibt hier! Und später werdet ihr mir erklären, wie ihr auf das Palastgelände eindringen konntet!“ Ohne ihre Reaktion abzuwarten, folgte ich Jesse in den Nebenkomplex, durch die kalten Gänge. Auf dem Weg wies ich eine Heilerin an mir zu folgen. Mit zittrigen Fingern schloss Jesse die Tür auf und ließ mir den Vortritt.
 

Das einzige was ich wahrnahm war Yusei, der regungslos am Boden lag. Ohne nachzudenken rannte ich auf ihn zu. Das Geräusch meiner Schritte kam mir seltsam vor. Als ich ihn erreicht hatte, ging ich neben ihm in die Knie, drehte ihn auf den Rücken. Immer wieder rief ich seinen Namen, versuchte ihn wachzurütteln, aber er reagierte nicht. Ich spürte auch keinen Puls. Schlagartig fühlte sich mein Körper taub an, mein Blut rauschte in meinen Ohren. Wach doch endlich auf! Behutsam nahm ich ihn in meine Arme, legte meine Hand an seine Wange. Sanft strich ich mit dem Daumen über die eiskalte Haut. Mit aller Macht versuchte ich die Tränen runterzuschlucken. Verkniff mir jeden Laut. Das durfte nicht wahr sein! Bitte nicht! „Mein König“ hörte ich eine zaghafte Stimme, doch ich reagierte nicht. „Er lebt noch, mein König. Bitte lasst mich helfen.“

Nun sah ich doch auf. Die rothaarige Dämonin strahlte eine unglaubliche Ruhe aus, schenkte mir sogar ein aufmunterndes Lächeln. Einen Moment zögerte ich, doch sie nahm Yuseis scheinbar leblosen Körper aus meinen Armen und legte ihn neben mir ab. Wie betäubt beobachtete ich die Heilerin. Als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte, hielt ich sie fest. Diese Berührung schien mir wie ein Anker im tosenden Sturm meiner Gefühle. Ich klammerte mich daran fest, wie ein Ertrinkender. Bitte… Bitte lass es nicht zu spät sein…
 

Ganz sachte hob sich seine Brust. Zuerst dachte ich, es wäre nur eine Einbildung, doch seine Atemzüge wurden mit jedem Mal etwas stärker, bis mich sein Husten endgültig überzeugte, dass er wirklich lebte. Schnell stützte ich seinen Oberkörper ab, damit er besser abhusten konnte, im nächsten Augenblick lag er wieder schlapp in meinen Armen. Doch dieses Mal konnte ich seine Atmung deutlich sehen und mir fiel ein Stein vom Herzen. Er war wirklich am Leben. Ich drückte ihn enger an mich. Um nichts in der Welt wollte ich ihn in diesem Moment loslassen. Aus Sorge, ihn dann tatsächlich zu verlieren. „Jag mir nie wieder so einen Schrecken ein“ flüsterte ich. Betrachtete sein friedliches Gesicht. Strähnen weise lagen seine Haare eng auf seiner Haut. Sie waren triefend nass. Ich fragte mich nach dem Grund, doch eine Berührung ließ mich Aufsehen. Zwei weitere Heiler waren plötzlich neben mir und sahen mich abwartend an. In ihren Armen hielten sie eine Trage. Die rothaarige Heilerin hatte ihre Hand noch immer auf meiner. „Ich würde ihn gern an einen etwas trockeneren Ort bringen und ihn genauer untersuchen, mein König. Darf ich?“

Trocken? Was meint sie damit? Irritiert sah ich mich um. In der gesamten Zelle stand das kalte Wasser bis zu den Knöcheln. Eines der massiven Regale war zerstört, überall waren Bücher und Pergament verteilt und trieben auf der spiegelglatten Oberfläche. Was ist hier passiert? Der Druck auf meiner Schulter riss mich aus meinen Gedanken. Ernst sah ich die Heilerin an und nickte. „Passt gut auf ihn auf. Und lasst den Hauptmann unverzüglich zu mir kommen.“

„Wie Ihr wünscht“ sagte sie zufrieden und nahm mir Yusei behutsam ab, um ihn auf die Trage zu legen. Ich sah den dreien nach, bis sie aus der Zelle verschwanden.
 

„Wann hast du das letzte Mal nach ihm gesehen?“ fragte ich, mied es aber, ihn anzusehen.

„Heute, am frühen Nachmittag.“

„Du oder Rubin?“ Seine Hand entfernte sich von meiner Schulter. Ich seufzte und stand auf. Sein Schweigen war mir Antwort genug. „Was hat er gesehen?“ fragte ich dunkel.

„Yusei schlief in seinem Bett. Es sah alles aus wie immer.“

Skeptisch betrachtete ich ihn. Dass Yusei länger als kurz nach Sonnenaufgang schlief, war alles andere als normal. „Wann warst du das letzte Mal persönlich hier?“

Er mied meinen Blick, sah sich in der zerstörten Zelle um.

„Jetzt antworte mir!“

Scheu sah er wieder zu mir. Er wusste genau, dass er einen Fehler gemacht hatte. Ich wusste nur nicht, ob mich diese Tatsache noch wütender machte. „Am Tag eurer Ankunft“ sagte er schließlich.

Irritiert schüttelte ich den Kopf. „Das ist über eine Woche her.“

Schwer atmete er aus. „Es war dein Wunsch, dass er Magie erlernt.“

Was meint er? Hat er etwa… Immer größer wurden meine Augen. „Was hast du getan?“ hauchte ich.

„Ihr habt nach mir verlangt, mein König“ hörte ich plötzlich die Stimme des Hauptmanns, der mir mit aufrechter Haltung entgegenkam. Auch er sah sich flüchtig in der Zelle um, sagte aber nichts dazu.

„Was ist hier passiert?“ zischte ich.

„Ich… weiß es nicht.“

„Wenn ich diesen Satz noch einmal höre, landet derjenige anstatt Yusei in dieser Zelle!“

„Ich habe nur Befehle ausgeführt, mein König.“

„Welche Befehle?!“

Einen Seitenblick warf er auf Jesse, auch ich richtete meine Aufmerksamkeit auf ihn, doch der Hauptmann sprach weiter. „Mein Befehl war es zu beginn, dem Menschen nur die halbe Nahrungsration zu geben. Nach dem Vorfall mit seinem Drachen hieß es, eine Hälfte weniger. Das bedeutet nach meiner Auffassung keine Nahrung, kein Wasser. Solange, bis ich Befehl habe, dies zu ändern.“

Scharf sah ich Jesse an, doch bevor ich ihn anschreien konnte, richtete er sich an den Hauptmann. „Ich sagte noch einmal die Hälfte! Nicht, dass ihr ihn verhungern lassen solltet! Und von Wasser war nie die Rede!“

„Dann habe ich Euch falsch verstanden. Entschuldigt.“

„Ihr meint, mit einer Entschuldigung wäre es getan?!“ donnerte ich aufgebracht. „Yusei wäre heute fast gestorben! Was habt ihr beiden euch dabei gedacht?!“

„Ich habe nur-“

Scharf sah ich den Hauptmann an, schnitt ihm damit das Wort ab. „Keine Ausflüchte“ sagte ich dunkel. „Hätte man mich nicht gewarnt, wäre Yusei jetzt tot. Das ist eure Schuld. Ihr hättet von selbst darauf kommen können, dass er ohne Wasser nicht lange überlebt. Und jetzt verschwindet, bevor ich mich verliere!“ Sein Blick senkte sich, meine Aufmerksamkeit richtete ich auf Jesse, während sich die Schritte des Hauptmanns ihren Weg durch das Wasser bahnten. „Und was dich angeht: Was hast du dir dabei gedacht?! Wolltest du wirklich Madame Tredwells Vorschlag annehmen? Ich habe dir gesagt, was ich davon halte!“

„Ja!“ sagte er entschlossen, sah mir fest in die Augen. „Ich wollte ihn an seine psychische und physische Belastungsgrenze bringen. Aber dass er fast stirbt, habe ich nie gewollt. Das weißt du!“

„Weiß ich das wirklich?! Was hast du noch getan, um ihn zu quälen?!“ meine Stimme überschlug sich fast. Ich wollte nie, dass Yusei leiden musste, um Magie zu erlernen. Als Madame Tredwell diesen Vorschlag gemacht hatte, hatte ich mich gesträubt. Und ich war mir sicher, Jesse würde es ebenso sehen.

„Er sollte sich allein fühlen“ sagte er leise, sah mich schuldbewusst an. „Ich habe ihm erzählt, dass er dich enttäuscht hat. Wegen seiner Magie, wegen dem Ausbruch seines Drachen. Ich wusste, dass er für all das nichts kann, und du es ihm nicht übelnimmst, aber es war eine Gelegenheit, Madame Tredwells Hypothese zu überprüfen. Deswegen habe ich auch nur Rubin nach ihm sehen lassen. Ich wollte, dass er keinerlei Kontakt zu jemand anderem als seinen Drachen hat. Ein bisschen hatte ich gehofft, dass es ihre Bindung stärken würde. Um ihn körperlich an seine Grenzen zu bringen, sollte er hart trainieren und dabei wenig Nahrung erhalten. Aber dass er gar keine erhalten hat, war nicht vorgesehen.“

Meine Hände ballten sich zu Fäusten, mein Herz schien sich kaum mehr beruhigen zu wollen. Am liebsten hätte ich ihm die Faust in den Magen gerammt, aber das brachte mich nicht weiter. Schuld und Enttäuschung übermannten mich. „Ich hätte die Verantwortung für ihn nie abgeben dürfen. Aber ich dachte, zumindest dir könnte ich vertrauen“ sagte ich leise. Den Schmerz in seinem Gesicht versuchte ich zu ignorieren und schritt aus der Zelle.
 

Auf dem Weg in den Behandlungsraum sprach mich zum Glück niemand an. Als ich eintrat, war die rothaarige Dämonin dabei, Yusei eine Decke überzulegen. Überrascht drehte sie sich zu mir. „Wie geht es ihm?“ wollte ich wissen.

„Er wird sich vollständig erholen, aber er benötigt ein paar Tage Ruhe. Ich habe ihm nur etwas Energie übertragen. Hunger und Durst lassen sich leider nicht mit Magie heilen. Wenn dem so wäre, hätten wir im Volk ein Problem weniger.“

Ich nickte, setzte mich zu ihm ans Bett. Behutsam nahm ich seine Hand in meine, strich mit dem Daumen über die weiche Haut. Glücklicherweise fühlte sie sich nicht mehr so kalt an. Wie konnte es nur so weit kommen?

„Ich bin wirklich froh, dass Ihr diesem Wahnsinn ein Ende bereitet habt“ sagte sie zögerlich. „Der Hauptmann wollte mich nicht anhören.“

„Du hast davon gewusst?“ fragte ich kraftlos.

Im Augenwinkel konnte ich sie nicken sehen, doch ich betrachtete nur Yuseis friedliches Gesicht. Seine Lippen waren spröde, seine Haut war blass. Durch die dünne Decke konnte man sehen, dass sein Bauch eingefallen war.

„Vor wenigen Stunden habe ich einen markerschütternden Schrei gehört, aber ich hatte keinen Schlüssel für die Zelle. Ich glaube das war Sternenstaubdrache, der versucht hat auf sich aufmerksam zu machen. Der Hauptmann sagte nur, dass Yusei lernen sollte, seinen Drachen zu kontrollieren. Damit war das Thema für ihn beendet.“

Ich seufzte lautlos, drückte seine Hand fester. Dass sein Schutzgeist ihn retten wollte, war nur verständlich. Und es erklärte die zerstörten Möbel. „Was ist mit dem Wasser?“ fragte ich. Dort unten gab es keine Leitungen, die Sternenstaubdrache hätte zerstören können.

„Was das betrifft, war ich ebenso überrascht, wie Ihr es seid. Das einzige, das mir einfallen würde ist, dass es durch die Fenster ins Innere der Zelle gelangt ist.“

„Hm.“ Die Vermutung lag nahe, aber warum? Wer hätte einen Vorteil davon? Da fiel mir etwas ein und ich sah ernst zu der Heilerin. „Bleib bitte bei ihm, bis ich wieder zurück bin. Ich muss etwas überprüfen.“

„Sehr wohl, mein König“ sagte sie mit einer Verbeugung.
 

~*~
 

Im Thronsaal angekommen, sah ich Yubel, die noch immer mit verschränkten Armen vor den beiden Jungdämonen stand. Als sie mich kommen sahen, erkannte ich die Angst in ihren Augen. „Jetzt zu euch“ sagte ich, verschränkte ebenfalls meine Arme. „Wie habt ihr es geschafft, in den Palast einzudringen?“ Sie warfen sich einen unschlüssigen Blick zu, schwiegen betreten. „Wenn ihr nicht redet, muss ich euch in den Kerker werfen lassen, also los!“

„Wir… haben die Wachen beobachtet“ sagte das Mädchen zögerlich. „Vom Turm des Tempels hat man einen guten Einblick auf das Gelände um den Gefangenenkomplex.“

„Und was habt ihr dabei beobachtet?“

„Die östliche Mauer wird nur spärlich bewacht, weil es dort keine Eingänge gibt. Mein Schutzgeist hat uns dort rübergebracht.“

„Woher wusstet ihr, wo Yusei genau steckt?“ Wieder betretenes Schweigen. „Ihr hattet Hilfe“ schlussfolgerte ich. „Und jetzt wollt ihr den, der euch geholfen hat, nicht in Schwierigkeiten bringen.“

Ihre Blicke senkten sich. Damit hatte ich meine Antwort. „Wie geht es ihm?“ fragte der Junge leise.

„Im Moment erholt er sich wieder. Aber wir schweifen ab. Wer hat euch geholfen, und wie seid ihr in den Palast eingedrungen?“ Man konnte ihnen die Erleichterung förmlich ansehen, doch sie schwiegen. Sie schienen ihre Tat nicht zu bereuen, also wechselte ich meine Taktik. „Wenn ihr mir alles bis ins kleinste Detail erzählt, verspreche ich euch, dass ich euren Freunden nichts zur Last lege. Vorausgesetzt, dass niemand verletzt wurde.“

Überrascht sahen sie auf, tauschten noch einmal Blicke. Das Mädchen war es, die ihre Stimme als erste wiederfand. „Es wurde niemand verletzt“ versicherte sie, zögerte. „Sie… werden also keinen Ärger bekommen?“

„Von einigen Straftaten kann ich vielleicht absehen.“

Noch einmal sah sie zu ihrem Freund, der ihr bekräftigend zunickte, dann sprach sie weiter. „Unsere Freundin hat aufgeschnappt, dass Yusei seit einigen Tagen im Kerker sitzt. Nach dem, was im Stadion passiert ist, wollten wir mit ihm reden.“

„Die Zuschauer haben ihm so viel Hass entgegengebracht, dass wir dachten, er könnte uns vielleicht brauchen“ sagte der Junge.

Seine Freundin nickte. „Er versteckt es zwar, aber nach solchen Auseinandersetzungen geht es ihm nie sonderlich gut. Wir haben ihn dann immer versucht aufzubauen, aber dieses Mal konnten wir nicht zu ihm. Ganz egal, was wir den Wachen erzählt haben, keiner wollte uns zu Yusei lassen.“

„Also haben wir eine Freundin gefragt, die die Grundausbildung zur Soldatin vor ein paar Tagen angefangen hat.“

„Die, die an dem Tag im Stadion ebenfalls den Meisterrang erlangt hat?“ hakte ich nach. Sehr viele Freunde hatte Yusei nicht, also war das meine erste Vermutung.

Betretenes Nicken folgte, der Junge redete weiter. „Mai hat den Aufenthaltsort von ihrem Mitschüler erfahren. Sein Vater ist Hauptmann und hat es ihm erzählt.“
 

Dieser verdammte Idiot hatte seinem Sohn allen Ernstes erzählt, wo Yusei steckte? Ist er verrückt geworden? Doch ich wollte die beiden nicht unterbrechen, war ich doch froh, dass sie endlich redeten. „Als Mai eine der Wachen ablösen konnte, hat sie uns geholfen auf das Gelände zu kommen“ sagte das Mädchen. „Dann hat sie uns zu Yuseis Zelle geführt. Mit ihm durch das Gitterfenster zu sprechen war besser als nichts, also wollten wir uns damit zufriedengeben.“

„Aber dann haben wir ihn gesehen, wie er am Boden lag.“ Die Stimme des Bunthaarigen wurde immer leiser. „Wir haben ihn immer wieder gerufen, aber er hat nicht reagiert. Plötzlich erschien Sternenstaubdrache und hat gebrüllt. Es klang fast wie ein Hilfeschrei. Da haben wir Angst bekommen, und wollten ihm helfen.“

„Als wir überlegt hatten, wie wir zu ihm gelangen könnten, ist Mai eine Idee gekommen. Eine kleine Weile war sie weg und kam dann mit einem Freund wieder, den wir auf die gleiche Weise über die Mauer geschleust haben. Er ist Bogenschütze und hat uns geholfen im Gelände für etwas Chaos zu sorgen.“

Ich hob eine Augenbraue, da lenkte der Junge schnell ein: „Aber dabei wurde niemand verletzt. Wir wollten die Wachen nur ablenken, um über ein Fenster im ersten Stock in den Palast zu gelangen. Dann mussten wir nur den Thronsaal finden, weil wir Euch dort vermutet haben, aber sie wollte uns nicht vorbeilassen.“

Ich sah zu Yubel, die mit den Schultern zuckte. „Auf einen Blendzauber in einem Stück Papier und einem Schutzgeist, der sich an mir festklammert, war ich nicht vorbereitet.“
 

Meinen ernsten Blick richtete ich auf die Jungdämonen. „Also seid ihr auf das Gelände geschlichen, habt Chaos in meinen Reihen gestiftet, seid dann in den Palast eingebrochen und habt meine Beschützerin angegriffen, nur um eurem Freund zu helfen?“

Der kleine nickte entschlossen. „Und wir würden es wieder tun, wenn das bedeutet, dass wir ihm damit helfen können.“ Seine Angst wich einem ernsten Ausdruck und auch seine Freundin sah ihn überrascht an. „Wir nehmen jede Strafe an, Hauptsache Yusei geht es wieder besser.“

Ich verkniff mir ein anerkennendes Lächeln. Dass er Freunde hatte, die so etwas für ihn in Kauf nahmen, erleichterte mich. Die beiden erinnerten mich an Jesse und mich, als wir noch in ihrem Alter waren. „Ihr nehmt also jede Strafe an?“ vergewisserte ich mich.

Die beiden nickten, das Mädchen warf etwas ein. „Aber bitte, haltet Mai und Joey da raus. Wir haben Euch alles gesagt und es war unsere Idee.“

Meine nächsten Worte richtete ich an Yubel. „Bring die beiden zu mir. Ich muss mich mit ihnen unterhalten.“

Ein kleines Grinsen huschte über ihr Gesicht und sie entfernte sich.

„Aber Ihr habt doch-“

Ich hob meine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. „Mitkommen“ befahl ich.

Ohne Gegenwehr trotteten sie mit hängenden Köpfen hinter mir her. Jetzt überwog wohl doch die Angst vor ihrer Strafe. Ich lachte in mich hinein.
 

An meinem Ziel angekommen, hielt ich vor einer Tür im Nebenkomplex. Ernst betrachtete ich die Beiden. „Nun zu eurer Strafe“ sagte ich streng, öffnete die Tür zum Behandlungsraum, in dem Yusei noch immer friedlich schlief.

„Yusei!“ reifen sie erleichtert, liefen auf meinen Schützling zu.

„Er braucht viel Ruhe“ sagte die Heilerin, schmunzelte aber. „Bitte seid leise.“

Die beiden nickten, betrachteten ihren Freund sorgenvoll, bis ihnen anscheinend wieder einfiel, dass ich noch nicht ausreden konnte und sie sich schnell zu mir drehten. „Danke“ wisperte das Mädchen mit einer tiefen Verbeugung. „Wie immer Ihr uns bestrafen wollt, danke, dass Ihr ihn gerettet habt!“
 

Jetzt konnte ich mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. „Als Strafe für das Chaos, dass ihr angerichtet habt, werdet ihr hierbleiben, bis er aufwacht. Ihr werdet ihm Gesellschaft leisten, wann immer er es in den nächsten Tagen braucht. Ich sage den Wachen, dass ihr immer Zugang zu diesem Raum erhalten werdet, damit ihr nicht wieder so ein Durcheinander anrichtet. Dasselbe gilt für eure beiden Freunde.“
 

Ungläubig starrten sie mich an. Schließlich nickten sie.

Taubheit

Du warst nie etwas anderes als ein Werkzeug für ihn. Diese Worte hallten seit Tagen in meinem Kopf wie tausend Schreie. Er hatte recht. Wenn irgendjemandem mehr an mir liegen würde, hätten sie mir geholfen. Mich hier rausgeholt. Oder mir zumindest etwas Wasser gegeben. Beim Gedanken daran fühlte ich, wie trocken meine Kehle brannte. Schwer lag mein Körper auf der Matratze. Die Kraft aufzustehen hatte ich längst nicht mehr. Langsam schloss ich meine Augen. Was für ein trauriger Weg zu gehen. Ein letztes Mal noch, hätte ich gern seine Stimme gehört. Ein letztes Mal sein Lächeln gesehen. Aber dieser Wunsch blieb unerfüllt. Es war ihm egal, dass ich hier unten am Ende meiner Kräfte war. Es war jedem egal. Selbst Tränen vergießen konnte ich nicht mehr. Ich fühlte mich leer. Taub. Ich wollte nicht mehr kämpfen.
 

Sternenstaubdrache rief nach mir. Er wollte nicht aufgeben. Er wollte, dass ich lebe. Ein trauriges Lächeln kämpfte sich in mein Gesicht. Da war er der einzige. Selbst mit ihm, habe ich mich in meinem Leben nie einsamer gefühlt. Niemand würde mir helfen. Dann hilf dir selbst, hallte es in meinem Kopf. Nur wie? Plötzlich kamen mir die Insignien wieder in den Sinn. Wenn ich nur Magie beherrschen könnte. Den Zauber, der mir helfen würde, kannte ich. Wie oft hatte ich ihn in den letzten Tagen probiert? Meine letzte Kraft dafür aufgebracht, ihn zu wirken. Wäre die astrale Energie von Sternenstaubdrache nicht gewesen, wäre ich bei dem Versuch längst gestorben. Aber er bestand darauf, es noch einmal zu probieren. Nur noch ein letztes Mal. Ich war so müde…
 

„Warum willst du sterben?“ fragte eine vertraute Stimme. Verwundert sah ich mich um. Wohin man auch sah, da war nur ein Meer aus Wolken, die in violettes Licht gehüllt waren. Dunkel erinnerte ich mich an den Anblick. Ich war auf dem Nebelberg. Im Reich der Schatten.

„Bin ich tot?“ fragte ich die schmale Gestalt. Der königsblaue Umhang umspielte Atemus Körper. Besorgt musterte er mich.

„Noch nicht, aber bald. Willst du denn gar nichts dagegen tun?“

„Und was?“ fragte ich verzweifelt. „Ich komme nicht aus dieser Zelle und habe den Patet Aqua Zauber unzählige Stunden versucht. Es hilft nichts, ich kann es nicht!“ Mein Blick senkte sich. Zumindest in dieser Welt flossen die Tränen, die ich längst nicht mehr vergießen konnte. „Ich kann nicht mehr“ wisperte ich.

„Bleib am Leben“ hörte ich eine leise Stimme und sah überrascht auf. Vor mir stand nicht mehr Atemu. Immer größer wurden meine Augen, als ich die Gestalt meines Vaters erblickte. Ein trauriges Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Dass du mich hier und jetzt klar vor dir sehen kannst, ist ein schlechtes Zeichen.“ Ungläubig schüttelte ich den Kopf, doch er sprach weiter. „Hast du denn nichts wofür es sich zu leben lohnt?“

Habe ich das? Ich weiß es nicht mehr. „Haou“ murmelte ich. Spürte schon wieder eine Träne, die über meine Wange rollte. Warum dachte ich als erstes ausgerechnet an ihn? Er hatte mich mein Leben lang belogen. Doch er war nicht das einzige, wofür es sich lohnte zu leben. Yugi, Mana, Mai, Yubel. Sternenstaubdrache. Die Isekai. Ich wollte doch mein Land beschützen. Ich wollte meine Heimat beschützen. Jetzt kämpfte sich auch in mein Gesicht ein Lächeln und ich sah wieder auf. Zufrieden betrachtete mich mein Vater.

„Versuch es noch einmal.“
 

Langsam öffnete ich meine Augen. Versuchte meine trägen Muskeln zum Aufstehen zu bewegen. Ein letztes Mal. Ein letztes Mal wollte ich es versuchen. Ich wollte leben. Ich kämpfte mich aus dem Bett und wankte zu meinem Übungsplatz. Auf dem Boden war bereits der Bannkreis gezeichnet, die Insignien waren an ihrem Platz. In der Mitte stand eine kleine Schale, die ich mit Wasser füllen wollte. Ich hatte Mühe aufrecht sitzen zu bleiben, nahm all meine verbliebene Kraft zusammen. Ein letztes Mal atmete ich tief durch, spürte die Energie meines Drachen durch mich hindurch fließen und legte meine Hände auf den Bannkreis. Ich musste es einfach schaffen. Ein seltsames Kribbeln durchflutete meinen Körper. So weit war ich bereits einige Male gekommen. Ich musste mich nur darauf fokussieren, die Energie in den Bannkreis umzuleiten, doch so schnell, wie ich das kribbelnde Gefühl spürte, flaute es wieder ab. Resigniert seufzte ich. Komm schon. Du musst es schaffen. „Hör auf zu denken.“ Diese Worte hatte Yubel im unterirdischen Dorf an mich gerichtet. Wieder atmete ich tief durch, ließ mich von den Gefühlen leiten. Meine Arme zitterten, meine Hände fühlten sich kalt an. Ich dachte nicht nach, konzentrierte mich nur auf die Energie meines Drachen. Eine wohlige Wärme durchflutete mich. Ich muss leben. Ich muss kämpfen. Ich muss sie beschützen. Ich will sie beschützen. Meine Beine waren kalt, meine Hände spürte ich kaum noch. Langsam ging mir auch das letzte bisschen Kraft aus. Ich kämpfte verbissen gegen das Gefühl der Ohnmacht an. Es war zwecklos. Ich würde es nie schaffen. Zumindest hatte ich es probiert. Es tut mir leid, Vater. Ich habe es wirklich versucht. Der Energiefluss stoppte, und ich öffnete meine Augen. Mir stockte der Atem. Immer weiter riss ich sie auf, konnte nur die kleine Schale im Bannkreis anstarren. Wasser. Nicht nur die Schale war voll damit, auch die Zelle hatte ich einige Zentimeter unter Wasser gesetzt. Hastig griff ich nach der Schale, setzte sie an meine Lippen. Das kühle Wasser war wohltuend. Ich vergaß fast Luft zu holen, hörte ein Plätschern, als die Schale ins Wasser viel. Das Gefühl der Ohnmacht wurde stärker. Aber ich hatte es geschafft. Ein kleines Schmunzeln bildete sich in meinem Gesicht, doch dann verschwamm meine Welt gänzlich.
 

Die Dunkelheit wog mich in eine angenehme Ruhe. Die Kälte spürte ich nicht mehr. Ich hatte es geschafft. Nur leider war es zu spät. Die Stille um mich herum war so friedlich. Entfernt hörte ich das Brüllen meines Drachen, aber es kam nicht zu mir hindurch. Als wäre ich in eine dicke Schicht Watte gepackt. In der Ferne sah ich ein Licht. Ich sträubte mich darauf zuzugehen. Zu sehr fühlte es sich nach Schmerz an. Nach Kälte. Die sanfte Dunkelheit und Ruhe waren mir lieber. Vor mir tauchten seltsame Visionen auf. Von einem Dolch und einem Stück Pergament. „Sie dürfen es nicht an sich nehmen“ hauchte eine Stimme. Lebe oder sterbe ich? Ist das ein Traum oder eine seltsame Zwischenwelt? Ich wusste es wirklich nicht. Das Licht wurde heller, zog mich magisch an. Es bedeutete Schmerz, es bedeutete Leid. Es bedeutete Liebe und Wärme. Es bedeutete Leben. Ich riss die Augen auf, versuchte einen tiefen Atemzug zu nehmen, doch meine Lunge füllte sich nicht. Mir war, als würde ich ertrinken. Die wohlige Dunkelheit wurde kälter, zäher. Ich war im Wasser. Mühsam kämpfte ich mich durch das Blau, immer weiter bis zum Licht. Weit war es nicht mehr, ich konnte die Sonne hinter der Oberfläche schon sehen. Als ich sie durchbrochen hatte, füllte sich meine Lunge endlich wieder mit Luft. Auf einen Schlag war ich von einer wohligen Wärme umgeben.
 

Das Nächste, was ich sah, waren grelle Neonröhren, die auf mich herabschienen. Kaltweiße Wände, wohin man auch sah. In dem großen Raum verteilt standen Betten. Einige waren belegt. Ein stechender Geruch lag in der Luft, den ich nicht zuordnen konnte. Ich stutzte, brauchte einen Moment, um mich zu erinnern. Diesen Raum kannte ich. Neben mir hing ein großer Spiegel. Ich erschrak. Meine Haut war blass, meine Lippen spröde. Dunkle Ringe umrahmten meine Augen. Selbst unter der weißen Kleidung, die ich in meinem Traum immer trug, konnte man erahnen, dass ich zu dünn war. Sehe ich wirklich so aus?

Ich verließ den Raum, ging durch den langen Gang. Eine Gruppe Menschen kam mir entgegen. Wieder glitten sie einfach durch mich hindurch. Dieses Mal jagte es mir keine Angst ein, nur seltsam war es immer noch. Als ich wieder an der schweren Eisentür halt machte, war sie geöffnet. Einige Menschen saßen vor Bildschirmen, klickten sich durch unbekannte Codes und schienen gestresst. „Ich fasse es nicht, dass keiner eine Sicherheitskopie gemacht hat!“ sagte ein Mann mit schwarzem Haar und einer Narbe unter seinem Auge vorwurfsvoll.

Eine blonde Frau rückte ihre Brille zurecht, sah den schwarzhaarigen genervt an. „Vorwürfe bringen uns hier nicht weiter. Sie können noch nichts ausrichten, Trudge. Also verschwinden Sie!“

Ein Zischen und der Mann rauschte wütend auf mich zu. Ich machte ihm Platz, auch wenn er ohnehin durch mich hätte durchgehen können.

Neugierig sah ich mich um. Die Leute an den Maschinen sahen gestresst aus, hatten ebenfalls dunkle Schatten unter den Augen. Doch keiner dachte daran aufzuhören. An irgendetwas arbeiteten sie wie im Wahn. „Na schön, die Tests sehen soweit ganz gut aus, wir versuchen es nochmal!“ rief die Frau mit der Brille. Jemand bediente einen Hebel, fuhr irgendeine Maschine hoch. Durch die Kabel, die zum großen Tor in der Mitte führten, floss eine seltsame Energie. Ein Summen hallte von den Wänden wider. Alle betrachteten gespannt das Schauspiel, bis ein ohrenbetäubender Lärm mich zusammenzucken ließ. Plötzlich leuchteten die grellen Neonröhren rot, alle wuselten aufgeregt durcheinander. Hebel wurden umgelegt, Knöpfe gedrückt. Es war ein einziges Chaos. Schließlich hörte das Geräusch auf, die Neonröhren leuchteten wieder weiß. Die blonde Frau seufzte. „So ein Mist“ murmelte sie, wandte sich an ihre Kollegen. „Für heute ist Schluss, wir machen morgen weiter.“

„Aber wir müssen sie zum Laufen bekommen, Dr. Hawkins!“ wandte ein anderer ein.

Doch sie schüttelte nur milde den Kopf. „Wenn wir jetzt weiterarbeiten, werden wieder Fehler passieren. Wann haben Sie das letzte Mal geschlafen? Und zwar länger als zwei, drei Stunden?“ Er mied ihren Blick, was ihr als Antwort zu reichen schien. Dann wandte sie sich wieder allen zu. „Morgen früh acht Uhr. Bitte ruht euch bis dahin aus.“

Damit verließ sie den Raum. Die anderen erledigten noch einige letzte Handgriffe und schlossen sich ihr an. An was sie wohl arbeiten? Sicher an dieser großen Maschine in der Mitte, aber was ist ihr Zweck? Noch einmal sah ich mich um. Jetzt, wo alle verschwunden waren, war dieser Raum so friedlich wie in meiner Erinnerung. Alle Bildschirme waren schwarz, bis auf einen blinkenden, grünen Strich am oberen Bildrand. Ein kleines Schmunzeln legte sich auf meine Lippen. Eine leere Leinwand. Das hätte mein Vater jetzt gesagt. Verstohlen sah ich wieder zurück, doch ich war allein. Also setzte ich mich an den Stuhl vor dem größten Bildschirm. Ich dachte nicht darüber nach, tippte einfach den Wald ein, wie ich ihn in meiner Erinnerung sah. Ohne ihn fehlte in diesem Raum einfach etwas. Lautlos flogen meine Finger über die Tastatur. Doch als ich nur noch wenige Zeichen setzen musste, spürte ich etwas. Als würde ich beobachtet werden. Ich stand auf, drehte mich zu der großen Maschine, doch stockte. In der Tür stand wieder dieser blonde Mann, sah sich suchend um. Ein kleinerer Mann, etwa in meinem Alter, mit orangefarbenem Haar und grauen Augen stand neben ihm, sah ihn mahnend an. „Schon vergessen, dass wir Zutrittsverbot haben?“ flüsterte er.

„Hast du das nicht auch gespürt?“ antwortete er leise.

„Schon, aber beim letzten Mal hat dir Trudge die Hölle heiß gemacht, als er dich hier erwischt hat.“

Irgendwas murmelte der Blonde, doch ich verstand es nicht. Plötzlich traf sein Blick meinen, er verengte seine Augen zu Schlitzen, als ob er etwas besser erkennen wollte. Schließlich weiteten sie sich. Der Blonde stupste seinen Freund mit dem Ellbogen an, ließ mich nicht aus den Augen. Der kleinere folgte seinem Blick, sah mich ebenso überrascht an. „Du hattest recht“ hauchte er. Verwundert drehte ich mich um. Ich stand direkt vor dem Bildschirm. Vermutlich sehen sie sich nur den Wald an. Schritte kamen näher. Plötzlich berührte etwas meinen Arm und ich wich automatisch vor der Bewegung zurück, wich zur Seite aus. Überrascht stellte ich fest, dass der Blonde mich berührt hatte. Er war zurückgetreten, schien mich sorgenvoll zu mustern. In dem Gesicht des kleineren lag ein gewisser Schmerz. Moment… Normalerweise konnten mich die Menschen in meinen Träumen nicht berühren. Sie glitten einfach durch mich hindurch. Aber er… hatte mich anfassen können. „Yusei?“ fragte der kleinere mit brüchiger Stimme.

Ihr könnt mich sehen? Ich versuchte die Frage zu stellen, doch nur meine Lippen bewegte sich. Kein Laut drang aus meiner Kehle. Mein Herz schlug schneller. Ob vor Aufregung oder Furcht, konnte ich nicht sagen. Wieder streckte der größere seinen Arm nach mir aus, doch ich wich zurück. Stolperte über eine Kante und fiel nach hinten. Ich sah noch ihre schockgeweiteten Augen. Plötzlich wurde alles in feuerrotes Licht getaucht.
 

Ich riss die Augen auf, saß aufrecht im Bett, atmete nur stoßweise. Mein Arm brannte. Mein Herz schlug so laut, dass es in meinen Ohren rauschte. Nur vage hörte ich vertraute Stimmen, spürte sanfte Berührungen. Es dauerte einen Moment, bis ich wirklich in der Realität landete. Doch so real schien sie mir nicht zu sein. Mana saß neben mir in Bett, tätschelte meine Schulter, Yugi hielt meinen Arm auf der anderen Seite. Beide sahen mich verwirrt, vielleicht etwas verstört an. Aber ich war doch in meiner Zelle. Wie kann das sein? Träume ich immer noch? „Geht’s wieder?“ fragte Yugi unsicher.

„J-Ja“ antwortete ich. Doch es klang mehr nach einem Krächzen. Ein Husten schüttelte mich, mein Hals fühlte sich staubtrocken an. Mana reichte mir ein Glas Wasser. Dankend nahm ich es an, trank es in einem Zug leer.

„Ich hole Fonda“ verkündete Yugi, huschte aus dem Raum heraus.

Als ich mich endlich wieder im Griff hatte, sah ich Mana durchdringend an. „Was macht ihr hier? Ihr werdet schrecklichen Ärger bekommen.“ Schließlich durfte kein Außenstehender das Palastgelände ohne Einladung betreten.

Sie lächelte sanft, nahm mir das Glas ab und drückte mich behutsam in die Matratze. „Mach dir darüber keine Sorgen. Wie geht’s dir?“

Flüchtig sah ich mich um. Der lichtdurchflutete Raum war mir unbekannt. Gemütlicher als in meiner Zelle war es hier allemal. Plötzlich ging dir Tür auf. Eine rothaarige Dämonin betrachtete mich fröhlich. „Schön, dass du wieder zu dir gekommen bist, Yusei. Mana, würdest du uns für einen Moment entschuldigen?“ Meine Freundin nickte, sah noch einmal lächelnd zu mir und drückte meine Hand. Dann verschwand sie aus dem Raum. „Ich bin froh, dass du wieder wach bist“ sagte sie, legte ihre Hand auf meine Stirn. Dann fühlte sie meinen Puls und lächelte zufrieden. „Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“

„Was ist passiert? Warum sind meine Freunde hier? Wo bin ich?“

Sie seufzte ermattet, legte ihre Hand auf meine Schulter. „Ganz ruhig, es ist alles in Ordnung. Du bist in einem Behandlungsraum. Es tut mir alles so leid. Wirklich. Ich habe versucht mit dem Hauptmann zu reden, aber du kennst ihn ja. Er ist stur, wie eine Herde Grimore… Er wollte dir keine Nahrung und kein Wasser bringen lassen. Ehrlich gesagt war ich überrascht, dass du so lange überlebt hast. Du hast es deinen beiden Freunden da draußen zu verdanken, dass du noch lebst. Sie haben sich auf das Palastgelände geschlichen, dich in deiner Zelle am Boden gesehen, und dann dem König bescheid gegeben. Er ist sofort zu dir geeilt und bat mich zu helfen. Als ich in die Zelle kam, hast du mir einen Riesenschreck eingejagt. Du lagst bereits im Sterben. Wärst du nur etwas später gefunden worden, wäre es zu spät gewesen.“

Überrascht musterte ich sie. Yugi und Mana haben sich meinetwegen in Gefahr begeben? Und Haou ist zu mir geeilt, als er davon erfahren hat? Dann wusste er nichts davon? Ich dachte, das wäre alles auf seinen und Jesses Befehl hin passiert. Erschöpft ließ ich mich in das weiche Kissen sinken, atmete langanhaltend aus. „Dann wusste König Haou nichts davon.“

„Nein“ bekräftigte sie. „Unser König war besorgt um dich, glaub mir.“ Ein wenig beugte sie sich zu mir, hielt ihre Hand vor den Mund, als ob ihre nächsten Worte ein Staatsgeheimnis wären. „Als er dich gefunden hat, musste ich ihm gut zureden, damit ich dich in den Behandlungsraum bringen konnte. Er wollte dich nicht aus seinen Armen lassen.“

Dann war er wirklich besorgt um mich? Auf einen Schlag fühlten sich meine Wangen ganz warm an. Doch ich wollte das Kribbeln in meinem Bauch beiseiteschieben. Er war sicher nur besorgt um mich, weil sein Plan ohne mich nicht aufgehen konnte. Ich war eben nur ein Werkzeug…
 

Das Geräusch der sich öffnenden Tür riss mich aus meinen Gedanken. Herein trat ein Heiler. In seiner Hand hielt er eine Schüssel mit dampfendem Inhalt. Es roch verführerisch und ich spürte das Stechen in meinem Magen wieder deutlich. „Ich danke dir“ sagte Fonda, nahm ihm die Schüssel ab. Du kannst den Beiden sagen, dass sie gleich wieder reinkommen können.“ Der Heiler nickte und verließ den Raum. Der köstliche Duft ließ mich trocken schlucken. An meine letzte warme Mahlzeit konnte ich mich kaum erinnern. Das war definitiv vor meiner Reise zum Nebelberg. „Du musst erst wieder zu Kräften kommen“ bemerkte Fonda freundlich und stellte die Schale auf den kleinen Beistelltisch ab. Dann griff sie sich ein Kissen aus einem anderen Bett und kam wieder zu mir. „Kannst du dich aufsetzen?“ Ich stemmte meine Hände in die Matratze und versuchte mich hochzudrücken. Fonda stützte mich im Rücken. Allein diese kurze Bewegung brachte mich bereits an den Rand der Erschöpfung. Meine ganze Energie hatte ich in den letzten Tagen verbraucht. Da fiel mir etwas ein und ich sah zu Fonda, während sie mich wieder in das Kissen drückte. Dieses Mal saß ich dank der Stütze im Rücken jedoch beinahe aufrecht. „Wie lange war ich weggetreten?“

Einen Moment schien sie zu überlegen. „Nicht lange, wenn man deinen Zustand bedenkt. Vielleicht 15 Stunden.“ Überrascht betrachtete ich sie. 15 Stunden sollen nicht lang sein? Das entlockte ihr ein belustigtes Grinsen. „Den Schlaf hattest du nötig, um deine Energiereserven zu füllen. Aber jetzt iss erstmal etwas, damit du wirklich wieder zu Kräften kommst.“ Mein Magen bestätigte ihre Aussage.

In diesem Moment ging erneut die Tür auf und meine Freunde betraten lächelnd das Zimmer. Fonda überließ den beiden das Feld, flüsterte Mana noch etwas zu, ehe die beiden sich wieder an meine Seite setzten.
 

Yugi strahlte mich an. „Ich bin so froh, dass du wieder wach bist. Wir hatten wirklich Angst um dich!“

„Entschuldige“ sagte ich, lächelte milde. „Und danke, dass ihr euch so für mich eingesetzt habt. Das werde ich euch nie vergessen.“

„Das war selbstverständlich. Du bist unser Freund“ erwiderte er glücklich.

„Yugi hat recht.“ Sie griff sich die Schüssel und schöpfte etwas von dem Inhalt auf einen Löffel. Hielt ihn mir auffordernd entgegen. Will sie mich jetzt etwa füttern? Skeptisch betrachtete ich sie, was sie lachen ließ. „Anordnung deiner Heilerin. Du sollst dich schonen, also Mund auf!“

Da sie keine Anstalten machte mir die Schale einfach zu überlassen, beugte ich mich widerwillig und öffnete meinen Mund. Es war nur eine klare Brühe mit einigen Gewürzen und etwas Reis, aber es tat unheimlich gut. Das schmerzhafte Stechen in meinem Magen wurde mit jedem Löffel erträglicher. „Wie habt ihr es überhaupt geschafft mich zu finden?“ fragte ich. Schließlich war ich im Hochsicherheitstrakt eingesperrt. Das Fenster zu meiner Zelle lag im Innenhof des Gebäudekomplexes.

„Wir hatten Hilfe“ antwortete Mana, während sie mir den nächsten Löffel entgegenhielt. „Mai hat herausgefunden wo du steckst, also hat sie uns zu dir geführt. Zumindest bis zum Fenster deiner Zelle. Als wir dich nur auf dem Boden liegen sahen, hat Joey uns geholfen ein wenig Chaos zu stiften, damit wir in den Palast eindringen konnten.“

„An Yubel vorbeizukommen war schwieriger“ schaltete sich Yugi ein. „Sie wollte uns nicht in den Thronsaal lassen, obwohl wir gesagt haben, dass es dringend ist. Also hat Mana sie mit dem schwarzen Magiermädchen überrascht, während ich einen Blendzauber auf sie geworfen habe. Mich hat sie sofort erwischt, aber Mana konnte zumindest so weit durchkommen, dass sie dem König von dir berichten konnte.“

„Ja, und er hat sich sofort auf den Weg gemacht!“

„Habt ihr keinen Ärger bekommen?“ fragte ich irritiert. Schließlich hatten sie sicher ein duzend Gesetze gebrochen.

„Wir hatten wirklich Angst vor der Strafe“ sagte Mana, lächelte aber. „Die ist aber nicht schlimm ausgefallen, im Gegenteil. Der König hat uns aufgetragen bei dir zu bleiben. Wir können auf das Gelände, wann immer wir wollen, um dich zu besuchen.“

„Das war eure Strafe?“ murmelte ich irritiert.

Yugi nickte. „Er war uns dankbar, dass wir dich rechtzeitig gefunden haben. Ich glaube, er hat sich wirklich große Sorgen um dich gemacht.“

Ich senkte den Blick, hörte ein leises Klirren, als Mana die Schale neben mir abgestellt hatte. Ihre warme Hand legte sich auf meinen Unterarm, doch ich traute mich nicht aufzusehen. Haou hatte sich nur Sorgen um seinen Plan gemacht, nicht um mich. Da war ich mir sicher. „Was ist los?“ fragte sie behutsam, doch ich schüttelte nur den Kopf. Ich konnte es ihnen nicht sagen. Noch so ein Geheimnis, das ich für mich behalten musste.

„Du hast dich bestimmt einsam gefühlt in den letzten Tagen“ bemerkte Yugi. „Wie geht’s dir denn?“

„Schon okay“ sagte ich, versuchte zu lächeln. „Ich hatte Sternenstaubdrache, also war ich nicht allein.“ Da fiel mir etwas ein und ich sah wieder auf. „Wart ihr bei meiner Prüfung dabei?“

Mana nickte zerknirscht. „Tut uns leid, wie dich das Publikum behandelt hat. Deswegen wollten wir uns überhaupt erst zu dir schleichen. Das war bestimmt hart für dich.“

Doch ich winkte ab. „Schon in Ordnung, das meine ich nicht. Ich wollte eigentlich wissen, wie sie auf Sternenstaubdrache reagiert haben. Nachdem er aufgetaucht ist, konnte ich um mich herum nichts mehr sehen.“

Überrascht wechselten die beiden einen Blick. Es war Yugi, der mir seine Antwort gab. „Naja zuerst gab es eine kurze Panik. Aber nachdem uns gesagt wurde, dass das dein Schutzgeist war, ist sie ziemlich schnell wieder verflogen. In der Stadt gibt es gerade kein anderes Gesprächsthema mehr.“

„Also haben sie Angst vor mir“ schlussfolgerte ich leise.

Mana schüttelte den Kopf. „Nicht alle, glaub mir. Die meisten nehmen dich nicht als Bedrohung wahr, sondern als Wunder.“ Irritiert betrachtete ich Mana. Sie schien ihre Worte abzuwägen. „Das letzte Mal, als uns ein Drache erschienen ist, ist etwa 150 Jahre her. Die Meisten haben in ihrem Leben noch nie einen gesehen. Als vor 100 Jahren der letzte Drache starb, dachten alle, das Land wäre schutzlos ohne sie. Schließlich sind es die mächtigsten Schutzgeister die es gibt. Und ein Dämon, der sich mit einem Drachen verbunden hat, hatte in der gesamten Geschichte noch nie böse Absichten. Die meisten Dämonen sehen jetzt zu dir auf. Angst haben nur ganz wenige, aber das liegt bestimmt daran, dass sie verunsichert sind.“

Sie haben keine Angst vor mir? Diese Tatsache erleichterte mich, wie sie mich auch überraschte.
 

„Eine Frage hab ich noch“ sagte Yugi, sah mich unschlüssig an.

„Welche?“

„Naja… Was ist das?“ Er deutete dabei auf meinen rechten Arm.

Ich sah an mir hinab, seufzte lautlos. Das Drachenmal. „Keine Ahnung, ich weiß nichts darüber. Ich habe es, seit ich mich mit meinem Drachen verbunden habe.“

„Weißt du… Vorhin, kurz bevor du aufgewacht bist, hat es angefangen zu leuchten. Aber als du hochgeschreckt bist, ist es kurz darauf wieder erloschen. Ich habe mich nur gefragt, was das zu bedeuten hat.“

„Hm.“
 

Ob das mit meinem Traum zu tun hatte? Schließlich brannte es immer dann, wenn ich aus diesen seltsamen Träumen aufgewacht war. Atemus Antwort auf diese Frage war eher vage. Und sie verriet mir nicht, warum es ab und an leuchtete.

Vorwürfe

Immer wieder döste ich in einen leichten Schlaf. Mana und Yugi unterhielten sich leise, bis sie den Raum schließlich verließen. Die beiden kümmerten sich wirklich rührend um mich. Hätte ich sie nicht gebeten sich zuhause ein wenig auszuruhen, wären sie sicher noch immer bei mir. Auch Fonda sah öfter nach mir als sie vermutlich müsste. Am späten Abend wachte ich auf, weil ich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Doch als ich mich umsah, war niemand im Raum. Plötzlich klopfte es leise, die Tür öffnete sich. Überrascht musterte ich meinen Besucher. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Jesse schnappte sich einen Stuhl und stellte ihn neben mein Bett, mied meinen Blick. „Hallo“ sagte ich, um der unangenehmen Stille ein Ende zu bereiten.

Ein tiefes Seufzen war zu hören, endlich sah er mich an. Schuldbewusst. „Es tut mir leid.“ Ich konnte nichts darauf erwidern, sah ihn nur fragend an. „Die letzten Tage waren eine Tortour für dich. Nicht alles davon lief tatsächlich wie geplant. Das soll keine Ausrede werden, ich will nur, dass du verstehst, warum ich so gehandelt habe.“

Ich stützte mich in der Matratze ab, um mich aufzusetzen. Mittlerweile hatte ich zumindest dafür wieder die Kraft. Jesse beobachtete mich einen Moment dabei, bis er sich das bereitliegende Kissen schnappte, um mir behilflich zu sein. Irritiert bedankte ich mich, doch er nahm wieder Platz, schien seine Gedanken zu sammeln. „Zuerst folgendes: Was ich dir gesagt habe, als ich dich in die Zelle gebracht habe, stimmt nur zum Teil.“ Ich krallte meine Finger in den Stoff meiner Decke. Dieses Gespräch spukte in den letzten Tagen immer wieder in meinem Kopf herum. „Vor 13 Jahren, als Haou dich gefunden hat, entwickelte er tatsächlich den Plan, dich als Späher in die Menschenwelt zu schicken.“

Mein Blick senkte sich, stur sah ich auf meine Hände. „Ich habe doch gesagt, ich mache es“ sagte ich leise. Ich wollte nicht, dass er weiterspricht. Ich wollte nicht wieder das Gefühl haben, als würden seine Worte ein Messer in mein Herz rammen.

„Bitte, sieh mich an.“ Zögerlich sah ich wieder auf. Sein Blick war ernst und durchdringend. „Das ist das Einzige, was tatsächlich der Wahrheit entsprach. Zwar ist dieser Plan auch heute noch der beste, den wir schmieden konnten, aber Haous Fokus liegt nicht mehr auf dem eigentlichen Plan, sondern auf deiner Sicherheit.“ Irritiert schüttelte ich den Kopf. Was will er mir damit sagen? „In den letzten Jahren bist du ihm wichtiger geworden, als er es vermutlich selbst zugeben würde. Abgesehen von Yubel und mir, bist du die Person, der er am meisten vertraut.“ Einen Augenblick senkte sich sein Blick. Seine Stimme hatte einen traurigen Unterton. „Im Moment vertraut er dir wahrscheinlich mehr als mir.“ Er schien in seinen Gedanken versunken zu sein. Ein tiefer Schmerz lag in seinen Augen, doch er atmete tief durch und musterte mich wieder. „Alles, was dir in den letzten Jahren beigebracht wurde, hatte nichts mit deiner Mission zu tun. Auch nicht die Magie. Du solltest das alles erlernen, damit du dich in der Menschenwelt schützen kannst. Das war Haous Wunsch.“

Ich sagte nichts, versuchte in seinem Gesicht eine Lüge abzulesen. Aber er schien mir die Wahrheit zu erzählen. Trotzdem passte nichts davon zu dem, was in letzter Zeit passiert war. „Warum wurde ich dann eingesperrt? Ihr habt gesagt, das war wegen dem Vorfall auf dem Trainingsplatz. Ihr sagtet, dass der König enttäuscht von mir wäre, dass er-“

„Yusei, stopp.“

„Nein! Ich weiß nicht mehr, was Lüge ist, und was davon die Wahrheit! Es ändert nichts daran, dass König Haou mich mein Leben lang belogen hat!“

„Er wollte dich vor der Wahrheit beschützen!“ sagte er laut. Leidend sah ich ihn an. Diese Lügen hat er mir erzählt, damit ich mich besser fühle? Das ist absurd! „Yusei, hör zu. Ich weiß, was ich dir an diesem Tag erzählt habe. Aber das habe ich alles gesagt, weil ich wusste, dass es dich verletzen würde. Ich wusste, dass du dich dann einsam fühlen würdest. Dass Haou die Verantwortung für dich an mich abgegeben hat, geschah nur deshalb, weil ich über Monate auf ihn eingeredet habe. Ich habe gesehen, dass er durch dich oft abgelenkt war. Ich dachte es würde ihm helfen seinen Pflichten nachzukommen, wenn er sich nicht auch noch um deinen Trainingsplan kümmern müsste. Aber das war falsch. Er hat das nie als Belastung angesehen, sondern empfand deine Anwesenheit als angenehm. Dass er dich in meine Obhut gegeben hat, war ein Fehler den er sehr bereut, glaub mir.“

Wieder schüttelte ich irritiert den Kopf. Das kann er nicht ernst meinen. „Warum wolltet Ihr, dass ich mich so furchtbar fühle?“ Nicht nur, dass er mir das alles erzählt hatte. Er hatte mich auch noch von meinen Freunden ferngehalten und mich fast umgebracht, weil ich keinen Zugang zu Wasser hatte.

Wieder dieser schmerzliche Ausdruck in seinem Gesicht. „Dass du stirbst, habe ich nie gewollt. Das war alles ein riesiges Missverständnis, und glaub mir, ich mache mir selbst schon genug Vorwürfe deswegen. Ich wollte dich nur an deine Belastungsgrenze bringen, damit du Magie erlernst.“

„Was?“ flüsterte ich.

„Als Madame Tredwell dich vor einiger Zeit untersucht hat, hat sie keine physische Ursache gefunden, warum du keine Magie ausführen kannst. Sie hat vermutet, dass es eine psychische Ursache geben muss. Also hat sie uns zwei Möglichkeiten aufgezeigt, diese Blockade zu durchbrechen. Jahrelanges Training oder Schocktherapie. Haou war für die erste Möglichkeit, auch wenn wir nicht wussten, ob wir die Zeit dafür hätten. Aber ich habe mich für die radikale Variante entschieden. Ich dachte wirklich, dass es funktioniert.“ Eindringlich sah er mich an. Man konnte ihm die Schuldgefühle an den Augen ablesen. „Das war falsch. Es tut mir leid, dass du das durchmachen musstest, glaub mir. Haou macht mir deshalb schon Vorwürfe, und sich selbst noch mehr.“

„Ihr habt, was Ihr wolltet“ sagte ich leise, mied seinen Blick. Das war alles zu viel auf einmal. „Ich würde jetzt gern allein sein.“

„Was meinst du?“ fragte er irritiert.

„Dass Ihr jetzt geht. Bitte.“

„Nein, das nicht.“ Er legte seine Hand auf meinen Arm, zwang meinen Blick wieder zu ihm. „Was meinst du mit ‚Ich habe, was ich wollte‘?“

„Ich… habe Magie anwenden können“ erwiderte ich konfus. „Dabei habe ich die Zelle unter Wasser gesetzt, das muss König Haou doch gesehen haben.“

„Hm.“ Seine Hand entfernte sich von mir, er lehnte sich in den Stuhl zurück und musterte mich überrascht. „Schon, aber… Wir wussten nicht, woher das Wasser kam. Wir haben angenommen, es wäre von außerhalb eingedrungen.“

„Das muss Euch doch freuen“ sagte ich provokant. „Immerhin ging Euer Plan auf.“

Er seufzte schwer, erhob sich aus dem Stuhl. Langsam ging er zur Tür. „Hass mich, wenn du willst. Ich könnte es dir nicht verübeln, immerhin habe ich dich manipuliert und bewusst leiden lassen. Aber tu mir den Gefallen und verzeih Haou. Er hatte mit der Sache nichts zu tun. Bis gestern wusste er nichts von deinem Zustand.“ Die Tür öffnete sich, doch bevor Jesse nach draußen trat, sah er noch einmal zu mir zurück. „Gute Besserung.“
 

Die Tür fiel leise ins Schloss und ließ Stille zurück. Dann hatte Haou also wirklich von nichts gewusst, was in den letzten Tagen geschehen war? Oder war Jesse einfach nur ein begabter Lügner? Das, was er mir damals erzählt hatte, klang ebenso glaubwürdig. Hatte er das wirklich nur gesagt, um mich zu verletzen? Nur damit ich Magie erlerne? Es klang so verdammt abwegig, aber ich wollte daran glauben, wenn es bedeutete, dass Haou wirklich etwas an mir lag. Meine Gedanken schweiften zu der Zeit vor dem Nebelberg. Er hatte mir immer das Gefühl gegeben, dass ihm etwas an mir liegen würde. Und ich hatte ihn immer sehr geschätzt. Mein Blick fiel auf die Kommode, auf der meine Rüstung säuberlich zusammengefaltet war. Das erste Geschenk, das ich je bekommen hatte. Meine Wangen wurden ganz warm. Warum dachte ich plötzlich an den Moment im Zelt? Als er mich fest umschlungen hatte. In diesem Moment fühlte ich mich geborgen, auch wenn ich nervös aufgrund seiner Nähe war. Ich seufzte, sah aus dem Fenster in die sternklare Nacht. Welcher Haou war der wirkliche? Der, der mir mit einem sanften Lächeln die Rüstung geschenkt hatte? Oder der, der mich vor lauter Enttäuschung gemieden und mich selbst überlassen hatte? Mein Herz hatte sich bereits entschieden. Die Frage war nur, ob es Recht hatte.

Keine Geheimnisse

Am nächsten Tag dachte ich viel über Jesses Worte nach. In der Hoffnung, sie könnten mir einen Rat geben, erzählte ich sogar Mana und Yugi davon. Nur den Teil mit meiner Mission ließ ich aus. Mana bekräftigte Jesses Aussage, dass sich Haou scheinbar große Sorgen um mich gemacht hatte. Yugi war nicht ganz so überzeugt wie sie, aber auch er sagte, dass Haou etwas an mir liegen musste. Zumindest seinem Verhalten nach zu urteilen. Und Fonda hatte mir bereits bestätigt, dass der König Angst um mich hatte. Aber war es wirklich die Angst um mich, oder um seinen Plan, den er jahrelang verfolgt hatte? Die ganze Sache war zum Haare raufen. Ich wollte nichts mehr als mit ihm zu sprechen. Ich wollte die Wahrheit von ihm selbst wissen. An diesem Abend wagte ich es zum ersten Mal, seit ich aus der Zelle befreit wurde, ohne Hilfe aufzustehen. Es war nur ein kleiner Erfolg, aber es gab mir trotzdem einen kleinen Teil meiner Freiheit wieder. Trotzdem bestand Fonda darauf, dass ich weiterhin im Behandlungszimmer bleiben sollte. Sie hatte ihre Befehle. Allein bei diesem Wort zog es mir den Magen zusammen. Wessen Befehle? Die von Jesse oder Haou? Oder bestimmte noch jemand über mein Leben? Ich hätte viel dafür gegeben, nur für kurze Zeit mit Sternenstaubdrache davonzufliegen. Er fühlte sich so eingesperrt wie ich, war er es doch eigentlich gewohnt zu fliegen, wohin er wollte. So blieb mir nur der Blick aus dem Fenster in den weiten Himmel und die Vorstellung des Winds in meinem Gesicht. Eine frische Brise wehte zu mir und ich schloss meine Augen.
 

Ich stellte mir vor, wie ich auf den Rücken meines Drachen über die Stadt flog. Von oben sahen die Häuser nur aus wie Spielzeug, die mächtigen Wälder außerhalb der Stadt wie ein grünes Meer. Plötzlich materialisierte sich Sternenstaubdrache vor dem Fenster, flog hoch in die Luft und zog dort seine Kreise. Sein Brüllen klang beinahe fröhlich, während er über die Stadt flog. Immer weiter entfernte er sich von mir, doch ich spürte, dass ich noch immer mit ihm verbunden war. Ich schmunzelte. Zumindest er konnte frei sein, wann immer er es wollte. Wieder schloss ich meine Augen. Ein seltsames Gefühl breitete sich in meinem Körper aus. Warm und sanft. Es war, als könnte ich tatsächlich die Welt durch seine Augen sehen. Fasziniert von dem Gefühl, und dem Schauspiel, das sich vage in meinem Kopf abspielte, blendete ich alles um mich herum aus. Ich genoss zusammen mit meinem Drachen den Flug über die Landschaft. Verschwommen erkannte ich eine Silhouette. Sternenstaubdrache schien in der Luft stehen zu bleiben, direkt vor der verschwommenen Gestalt. Je länger ich sie betrachtete, umso klarer erkannte ich sie. Yubel hatte die Arme verschränkt, sah meinen Drachen amüsiert an. Schließlich flog sie voraus, Sternenstaubdrache folgte ihr.

Ich öffnete meine Augen. Erst jetzt realisierte ich, dass auf dem Platz vor meinem Fenster Wachen ausrückten. Ein Knall ließ mich zusammenfahren, schnell drehte ich mich um. Eine Wache sah mich erschrocken an. „Er ist noch hier!“ brüllte sie in den Gang hinein, dann wandte sie sich an mich. „Bleib hier, und ruf deinen Drachen zurück! Wir wollen so eine Panik wie vor ein paar Tagen vermeiden!“ Damit war die Wache wieder verschwunden. Ein Schlüssel kratzte im Schloss und ließ mich seufzen. Wieder eingesperrt. Ich spürte, dass mein Drache näherkam. Als er fast am Gebäude war, löste er sich in einem Meer aus Sternenstaub auf. Ein warmer Wind wehte in den Raum. Plötzlich landete etwas auf dem Fensterbrett und ich wich automatisch zurück. Yubel kniete vor mir im Fensterrahmen und hatte noch immer diesen amüsierten Ausdruck in ihren Augen. „Unruhe stiften könnt ihr beide außerordentlich gut“ bemerkte sie. „Wenn du das nächste Mal die Reichweite deines Drachen testen willst, mach das lieber, wenn ihr keinen Hausarrest habt.“

Reichweite? Hausarrest? Wovon redet sie?

Mein fragender Ausdruck ließ sie stutzen. „Wenn du nicht die Reichweite austesten wolltest, was hattet ihr dann vor?“

„Sternenstaubdrache wollte einfach wieder fliegen“ meinte ich konfus.

„Hm… verständlich. Aber versucht es in nächster Zeit zu vermeiden Aufmerksamkeit auf euch zu ziehen. Unser König hat jetzt schon zu viel zu tun. Diese Sache kann ich vermutlich selbst regeln, aber lasst es, wenn möglich, nicht noch einmal dazu kommen. Zumindest nicht in den nächsten Tagen. Meinst du, ihr schafft das?“

Ich nickte, doch eine andere Frage beschäftigte mich mehr. „Wie geht es ihm?“

Sie seufzte lautlos, schien abzuwägen, was sie sagen sollte. „In letzter Zeit ist viel auf einmal passiert. Aber frag ihn das am besten selbst.“

„Aber ich bekomme ihn nicht zu Gesicht. Und hier raus kann ich auch nicht.“ Es ist wirklich fast wie ein Hausarrest.

„Geduld“ sagte sie schlicht. Breitete ihre mächtigen Schwingen aus, und ließ sich nach hinten fallen. Ich ging zum Fenster und sah nach unten. Yubel landete auf dem Platz. Zielsicher ging sie auf einige Wachen zu, aber ich verstand nicht, worüber sie sich unterhielten. Dann flog sie davon. Ob sie die Sache damit tatsächlich geregelt hatte? Oder ob noch etwas auf mich zukommen würde?
 

Einige Stunden später lag ich im Bett und blätterte durch ein Buch über Fähigkeiten von Schutzgeistern. Einige Kerzen warfen tanzende Lichter in den Raum und beleuchteten ihn gerade so weit, dass ich die Artikel erkennen konnte. Yubels Frage ging mir nicht aus dem Kopf, und so recherchierte ich selbst, was sie gemeint hatte. Einige Schutzgeister hatten eine längere Reichweite als andere. Dunkel erinnerte ich mich, wie Haou mir erklärt hatte, dass Rubin eine Reichweite von vier oder fünf Kilometern hatte. Das bedeutete, dass er sich in diesem Umkreis von Jesse wegbewegen konnte. Hier stand aber auch, dass er nicht nur in Jesses unmittelbarer Umgebung auftauchen konnte, sondern da, wo Jesse es wollte. Solange er sich stark genug auf diesen Ort konzentrierte. Das erforderte allerdings jahrzehntelanges Training. Der geflügelte Kuriboh hingegen hatte nur eine Reichweite von wenigen Metern. Ich brütete gerade über den Zusammenhang zwischen der Klasse, Art und Rasse der Schutzgeister und ihre Auswirkungen auf die Reichweite, als ich ein Geräusch hörte und aufsah. Der Türknauf drehte sich leise und öffnete langsam die Tür.
 

Mein Herz setzte einen Schlag aus, ehe es mit einem unglaublichen Tempo gegen meine Rippen hämmerte. Haou sah mich überrascht an. „Du bist wach“ bemerkte er.

„Schon seit gestern“ erwiderte ich so leise, dass ich dachte er könne mich nicht verstehen, doch er schüttelte nur milde den Kopf und schloss die Tür hinter sich.

„Ich weiß. Ich dachte nur, du würdest schon schlafen.“ Fragend betrachtete ich ihn. Wenn er angenommen hatte, ich würde schlafen, warum war er dann hier? „Störe ich dich?“

„Ähm… Nein“ erwiderte ich konfus. Irgendwie wirkte er unsicher. Das hatte ich bei ihm noch nie erlebt.

Langsam kam er auf mich zu, setzte sich neben mich auf die Bettkante. Wieder schien mein Herz Luftsprünge zu machen, und ich hasste es dafür. „Ist Sternenstaubdrache deshalb über die Stadt geflogen?“

„Was?“

„Dein Buch.“

Langsam wanderte mein Blick auf das Buch in meinem Schoß, dann wieder zu ihm. Er klang ehrlich interessiert, ohne jedweden Groll, doch das verunsicherte mich nur noch mehr. „Nein, er… wollte nur wieder fliegen. Er fühlt sich hier eingesperrt.“ Wir beide… Doch ich wagte es nicht, es laut auszusprechen.

Ein knappes Nicken, sein Blick wanderte aus dem Fenster. „Bald wird er wieder fliegen können, aber für den Moment müsst ihr euch gedulden.“

„Das hat Yubel schon angedeutet. Aber warum bis Ende der Woche? Ich bin sicher schon eher wieder fit. Oder habe ich wirklich Hausarrest?“

Verwundert sah er mich an, dann wurde sein Gesicht wieder ernst. „So in der Art. Es ist kompliziert.“

Mein Blick senkte sich, starr sah ich auf das Buch. Was hatte ich jetzt wieder falsch gemacht? „Warum redet Ihr nicht mit mir?“ So wie ich die Worte ausgesprochen hatte, bereute ich sie. Ich hatte das Gefühl, mich auf sehr dünnem Eis zu bewegen und wollte nicht, dass er mich verließ. Doch ich hörte nur ein leises Seufzen und sah auf. Überraschenderweise sah er nicht sauer aus, sondern irgendwie traurig.

„Du hast nichts falsch gemacht. Glaub mir, Yusei. Es war allein meine Schuld und ich muss erst einiges regeln, bis du dich wieder frei im Palast bewegen kannst.“

„Aber Ihr seid der König.“

Er lachte freudlos, senkte seinen Blick. „Auch ein König muss sich an Gesetze halten. Und zurzeit stehen sie mir auf mehr als eine Weise im Weg.“

„Was ist passiert?“
 

Eine Weile sah er mich schweigend an. Mit jeder Sekunde nahm mein Herzschlag zu. So wie er aussah, waren es weitere schlechte Neuigkeiten, aber ich wollte wissen was los war. Doch er schwieg beharrlich. Ein absurder Gedanke schlich sich in mein Bewusstsein, ich drängte ihn beiseite. Das wäre lächerlich. „Ihr müsst mit mir reden… Bitte…“ flüsterte ich. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, schrien mich an, dass ich für ihn nichts wert sei, doch ich wollte sie nicht hören. Haou war nur noch eine schemenhafte Gestalt. Ich blinzelte den Schleier der Tränen beiseite, um ihn wieder deutlich zu sehen.

Sein Blick war traurig, sanft legte er seine Hand auf meinen Unterarm. „Was hat Jesse dir erzählt?“ fragte er ruhig.

Ich schluckte, spürte die Wärme seiner Hand. Die Berührung gab mir ein schönes Gefühl, das im Kontrast zu dem stand, was Jesse mir erzählt hatte. „Er…“ Meine Stimme war rau. Erneut schluckte ich trocken, betrachtete seine Hand. Seinen Daumen, der sanft über meine Haut strich. Es wollte so gar nicht zu dem passen, was in den letzten Tagen geschehen war. Mein Herz raste, ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Ich zog meinen Arm unter der Berührung weg und schlüpfte aus dem Bett. Frische Luft. Die würde mir jetzt guttun, versuchte ich mir einzureden und ging die wenigen Schritte zum Fenster. Tatsächlich half es, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. „Ihr habt mich damals nur aufgenommen, weil ich als Mensch Informationen über die andere Welt beschaffen kann“ sagte ich leise. Meine Hände presste ich gegen den kühlen Stein des Fensterbretts. „Jahrelang wurde ich nur dafür trainiert. Bei meiner Prüfung habe ich Euch enttäuscht, weil ich meinen Schutzgeist noch nicht im Griff habe. Und auch, als ich keine Magie anwenden konnte…“ Arme umschlossen mich, drückten mich an einen warmen Körper. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken. Automatisch versteifte ich mich, zitterte. Ich wollte mich an die tröstende Berührung lehnen, doch ich konnte es nicht. „Ich war für Euch nie mehr als ein Werkzeug…“ flüsterte ich. Aus Angst, meine Stimme könnte versagen. „Als Ihr in der Zelle Angst hattet, dass ich tot sein könnte… war das wirklich die Angst um mich, oder… um Euren Plan?“ Noch enger drückte er mich an sich, vergrub sein Gesicht in meinen Haaren. Angestrengt versuchte ich die Tränen zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Warm rollten sie über meine Wangen, benetzten Haous Arme. „Sagt mir bitte die Wahrheit… Ich kann damit leben, wenn Ihr mich nur wegen meiner Mission bei Euch behaltet… Und es ändert nichts an der Treue für meine Heimat. Ich habe geschworen die Isekai zu beschützen, und daran werde ich mich halten, aber womit ich nicht leben kann, ist die Ungewissheit, wo mein Platz ist.“ Ich versuchte das Schluchzen zu unterdrücken, doch es hatte keinen Sinn. All der Schmerz der letzten Zeit schien auf einmal aus mir herausbrechen zu wollen, aber ich wollte nicht schon wieder Schwäche zeigen.
 

Ich hörte Haous leise Stimme, doch sie drang nicht zu mir hindurch. Erst, als er seine Worte wiederholte, erstarrte ich. Was hat er gesagt? „Dein Platz ist an meiner Seite“ sagte er wieder. „Vorausgesetzt, das ist dein Wunsch.“ Ich hatte mich nicht verhört. Meint er das ernst? Geräuschvoll ließ ich die Luft aus meinen Lungen weichen. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich sie angehalten hatte. Mit jedem Atemzug wurde ich ruhiger und entspannter, bis ich mich schließlich seiner tröstenden Umarmung hingab. „Weißt du wie lange ich dich tatsächlich nur wegen deiner Mission im Palast behalten habe?“ sprach er schließlich leise weiter. Seinen Atem spürte ich dicht an mein Ohr. Ein kleines Lächeln meinte ich aus seinen Worten herauszuhören. „Einen Monat. Danach hattest du mich voll und ganz um den Finger gewickelt. Aber als König kann ich es mir nicht leisten Schwäche zu zeigen, also habe ich dich dein Leben lang auf Abstand gehalten. Oder es zumindest versucht. Je älter du wurdest, umso schwerer fiel es mir. Als ich dich in der Zelle gefunden habe, hat es mir das Herz zerbrochen. Der Plan von damals war mir vollkommen egal. Ich dachte wirklich, ich hätte dich verloren.“ Seine letzten Worte waren nur ein Flüstern. Enger schlossen sich seine Arme um mich.

Dann hatte Jesse mir gestern die Wahrheit gesagt? Erleichterung durchströmte meinen Körper. Haltsuchend lehnte ich mich an ihn. Auch wenn Jesse mir etwas ähnliches erzählt hatte, musste ich es von Haou persönlich hören. „Dann seht Ihr mich nicht nur als Werkzeug?“ vergewisserte ich mich zaghaft.

„Nein.“

„Warum habt Ihr mir die Wahrheit nicht eher gesagt?“

Ein leises Seufzen war zu hören. „Anfangs war es nur, um dein Vertrauen zu gewinnen. Aber mit der Zeit hatte ich Sorge, dich zu verletzen. Ich wusste, dass ich es dir irgendwann erzählen musste, aber ich hatte keine Ahnung wie. Deswegen… habe ich mich vielleicht auch auf die Vereinbarung mit Jesse eingelassen. Dass es aber so viele Probleme mit sich bringen würde, konnte ich nicht ahnen. Es tut mir leid. Ich war einfach ein Feigling.“

Ich legte meine Hand auf seinen Arm und neigte meinen Kopf zu ihm. Ehrliches Bedauern meinte ich in seinen Augen zu lesen. Ein kleines Lächeln legte sich auf meine Lippen. „Keine Geheimnisse mehr.“

Er nickte, schenkte mir sogar ein Lächeln, das mein Herz flattern ließ.

„Könnt Ihr… mir dann sagen, was passiert ist, als ich eingesperrt war? Yubel hat etwas angedeutet, und ich würde gern verstehen, warum ich dieses Zimmer nicht verlassen darf.“

Wieder dieser traurige Blick. Doch er nickte und löste sich von mir. Ich drehte mich zu ihm und sah ihn abwartend an. Es dauerte einen Moment, ehe er mir seine Antwort gab. „Am Tag deiner Prüfung gab es einen Mordanschlag auf Meister Lyman.“ Ich schnappte nach Luft. Lyman war ein guter Freund von ihm, wenn ich mich recht erinnere. „Der Mörder war ein Dieb aus einem recht weit entfernten Dorf. Bakura. Vieles spricht dafür, dass er von einem Mitglied des Palasts beauftragt wurde. Im Moment vertraue ich so gut wie niemandem und ehrlich gesagt war ich bis vor zwei Tagen noch froh darüber, dass du in der Zelle warst, und niemand zu dir gelangen konnte. Bis gestern hat er nicht viel berichten können, also hat Meister Damian einen Trank gebraut, der diesen Dieb endlich zum Reden bringen sollte.“ Sein Kiefer spannte sich an, stur fixierte er einen Punkt, ohne ihn wirklich zu sehen. „Aber dieser Bastard ist gestorben, kurz nachdem wir ihm den Trank verabreicht hatten.“

„Was? Aber wie?“

Er seufzte, sah mich wieder an. „Es war nicht der Trank, den wir ihm eigentlich geben wollten. Es war ein sehr starkes Gift.“

„Meister Damian hat ihn vergiftet?“ fragte ich konfus. Das passte so gar nicht zu ihm.

„Es hat den Anschein, ja. Aber er beteuert, dass die Phiolen vertauscht wurden, und ich glaube ihm. Er ist niemand, der jemanden umbringen könnte. Nicht einmal im Krieg.“

„Aber wer war es dann?“

„Ich vermute dieselbe Person, die den Dieb in den Palast eingeschleust hat und Lyman tot sehen wollte. Hätte Bakura wegen des Tranks angefangen zu reden, hätten wir vermutlich den Namen erfahren. Oder zumindest eine Beschreibung. So stehen wir wieder am Anfang.“

„Hm… Aber wer hätte die Gelegenheit dazu gehabt? Meister Damians Labor ist gut gesichert.“

„Der halbe Rat, würde ich meinen. Es hat einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht, Meister Damian im Rat zu behalten. Schließlich war er der Hauptverdächtige in dem Mordfall zu Bakura. Würde ich ihm nicht glauben, säße er jetzt im Kerker.“

„Ihr glaubt, es war jemand aus dem Rat?“

Er nickte, rieb sich mit den Fingern die Nasenwurzel. „Es gibt einige Verdächtige, aber keinen Beweis. Und der Einzige, der mehr wusste, ist tot.“

Was für eine verfahrene Situation. Kein Wunder, dass ich Haou nicht zu Gesicht bekommen hatte. „Ist… das der Grund, warum ich hier bleiben soll?“ fragte ich zögerlich.

Doch er schüttelte den Kopf. „Nein, auch wenn es mich beruhigt, dass du fürs erste bewacht wirst. Aber der Grund dafür ist das zweite große Problem, was ich im Moment habe.“ Er schloss die Augen, atmete tief durch. Als er sie wieder öffnete, war sein Blick wieder traurig. „Meister Ares will dich als Gegenstand deklarieren.“

Ich blinzelte überrascht, konnte nicht verstehen, was er mir sagen wollte. „Was?“

Ein leidender Ausdruck schlich sich in sein Gesicht. „Er hat anscheinend einige Gesetzestexte gefunden, die dich als reinen Besitz deklarieren würden. Und da Jesse die Verantwortung für dich an ihn abgegeben hat, würdest du automatisch in seinen Besitz fallen.“

„Meister Jesse hat was?“ fragte ich konfus. Die Zusammenhänge erschlossen sich mir nicht.

„Du solltest deine Späherausbildung bei Meister Ares beginnen. Dafür hat Jesse die Verantwortung für dich abgegeben.“

„Also bin ich… nur ein Gegenstand?“ fragte ich leise, senkte den Blick. „Aber warum?“

Eine warme Hand legte sich an meine Wange, zwang meinen Blick wieder zu ihm. Er sah fest entschlossen aus. „Das werde ich nicht zulassen, hörst du? In ein paar Tagen ist die Abstimmung. Bis dahin musst du hierbleiben. Meine Stimme wird mehr Gewicht haben, aber es braucht drei weitere Stimmen aus dem Rat, um dich vor diesem Schicksal zu bewahren. So wie ich das sehe, sind Meister Damian und Madame Tredwell auf deiner Seite. Es braucht nur eine Stimme mehr, dann ist dieser Spuk vorbei. Es wird alles gut, verstehst du?“

Mechanisch nickte ich. Versuchte mich auf das Gold seiner Augen zu konzentrieren. Ich verstand, dass er alles in seiner Macht stehende tat, um meine Rechte nicht außer Kraft setzen zu müssen. Aber ein leiser Zweifel schien in seinem Blick zu stecken, und dieser Zweifel machte mir Angst. Denn es bedeutete, dass ich vielleicht wirklich nur wie ein Gegenstand behandelt werden würde. Was das für mich bedeuten würde, wollte ich mir nicht ausmalen. „Was hätte er davon?“ flüsterte ich.

Seine Stirn lehnte er an meine. Seine andere Hand legte sich auf meine Taille. Diese Nähe tröstete mich, verbannte die Angst aber nicht gänzlich aus meinem Körper. „Ich weiß es nicht. Und das werden wir nie erfahren, denn das lasse ich nicht zu.“ Seine Stimme wurde immer leiser, bis es nur noch ein Flüstern war. „Du musstest genug aushalten.“
 

Meine Wangen wurden ganz warm. Nicht nur ich musste einiges aushalten, er schulterte weit größere Probleme als ich. Und trotzdem war er bei mir und spendete mir Trost. All die Last, die auf seinen Schultern lag, war sicher kräftezehrend. Wie gern würde ich ihm helfen. Nur wusste ich einfach nicht wie. Ich schloss meine Augen, konzentrierte mich auf seinen warmen Atem in meinem Gesicht. Seinen Duft, den ich nie intensiver wahrgenommen hatte. Die Nähe und Wärme, die er mir spendete, hatten etwas Tröstliches und langsam konnte ich mich entspannen und seinen Worten glauben schenken. Als ich die Augen wieder öffnete, lag ein intensiver Ausdruck in seinen Irden, der mich voll und ganz einzunehmen schien. Seine Lider senkten sich, und ehe ich realisieren konnte, was geschah, spürte ich warme Lippen auf meinen. Mein Herz flatterte aufgeregt, mein Bauch kribbelte. Ganz sanft breitete sich eine Wärme in meinem gesamten Körper aus und ich schloss ebenfalls meine Augen. Legte meine Hände behutsam auf seine Brust, als er mich näher an ihn zog. Ich erwiderte die sanfte Berührung seiner Lippen. Spürte, wie er sie gegen meine bewegte. Ein leises Seufzen kam über mich, der Sturm meiner Gedanken flaute ab und ich gab mich ganz seiner Nähe hin. Der Geborgenheit, die er mir schenkte. Ich spürte seine Zunge, die vorsichtig über meine bebende Unterlippe strich. Ganz automatisch öffnete ich meinen Mund. Es war ein seltsames Gefühl, seine Zunge an meiner zu spüren, aber ich ließ mich darauf ein. Nach wenigen Sekunden genoss ich es. Das Kribbeln, das meinen gesamten Körper durchzog, war so angenehm. Eine Hand ließ ich über seine Brust auf seine Schulter wandern. Ein zufriedenes Seufzen war zu hören und er intensivierte den Kuss, drückte mich enger an ihn. Seine Finger strichen behutsam über meinen Rücken, überzogen meinen Körper mit einer Gänsehaut. Das aufregende Kribbeln verstärkte sich, als seine warme Hand sich unter den Stoff meines Hemdes schob und dort über die nackte Haut strich.

Ich wollte den Moment nicht beenden, doch ich musste mich von ihm lösen, schnappte verzweifelt nach Luft. Langsam realisierte ich, was wir eben getan hatten, und mein Gesicht schien Feuer zu fangen. Ich konnte ihn nur anstarren, was ihn zu amüsieren schien. Auf seinen Lippen lag ein sanftes Lächeln und sein Daumen strich behutsam über meine glühende Wange. „Das habe ich vermisst“ murmelte er, legte einen hauchzarten Kuss auf meine Stirn. Seufzend schloss ich meine Augen, lehnte mich an die Berührung. Seine Nähe tat unheimlich gut. Auch wenn ich nicht wusste, was er daran vermissen konnte. Schließlich war es das erste Mal, dass so etwas passierte. Er löste sich von mir, strich noch einmal über meine bebenden Lippen. Bedauern lag in seinen Augen. Ich wusste, dass er jetzt gehen würde. Schließlich hatte er weit wichtigeres zu tun, als bei mir zu sein. Und doch wollte ich nicht, dass dieser Moment schon enden musste. Der Gedanke war egoistisch, aber ich konnte ihn nicht beiseiteschieben. So lächelte ich nur traurig.

„Ich werde morgen wiederkommen, versprochen. Aber ich muss noch einiges regeln.“

„Ich verstehe das, wirklich. Macht Euch um mich keine Sorgen“ versicherte ich ihm.

Einen Augenblick musterte er mich eindringlich. Schließlich legte sich ein kleines Lächeln auf seine Lippen. Ein letztes Mal beugte er sich zu mir, gab mir einen sanften Kuss, ehe er sich endgültig von mir löste. „Ruh dich aus“ sagte er.

Ich nickte. Als er die Tür öffnete, kamen mir plötzlich Jesses Worte wieder in den Sinn. „Wartet!“ Verwundert drehte er sich zu mir. „Habt Ihr mit Meister Jesse geredet?“

„Wie kommst du darauf?“

„Er war gestern hier und hat sich für alles entschuldigt… Es hat sich so angehört, als hättet ihr Streit gehabt.“ Er schnaufte abfällig. Damit hatte ich meine Antwort. „Bitte redet mit ihm. Die ganze Sache scheint ihm wirklich leid zu tun.“

„Das sollte es auch“ sagte er leise. Es dauerte einen Moment, in dem er mir fest in die Augen sah. Schließlich atmete er geräuschvoll aus. „Vielleicht“ war alles, was er dazu sagte, dann schloss er die Tür hinter sich. Doch es reichte mir für den Augenblick, dass er nur darüber nachdachte. Haou und Jesse verband eine tiefe Freundschaft. Sicher würde es vieles einfacher machen, wenn sie sich aussprechen würden. Für Haou wäre es zumindest ein Problem weniger und ich war mir sicher, dass er Jesse gerade jetzt brauchen würde.
 

Unwillkürlich wanderten meine Finger zu meinen Lippen. Sachte strichen sie darüber. Meine Wangen wurden warm. Was war das eben? Noch nie hatte es den Anschein gemacht, dass er so etwas tun würde. Ein kleines Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen, doch es verschwand, so schnell es gekommen war. Endlich hatte ich die Antworten, die ich so sehr wollte, doch sie warfen mehr Fragen auf. Nicht nur die Sache mit Meister Ares und der Mord an Meister Lyman. Darüber wollte ich mir später den Kopf zerbrechen. Ich seufzte tief und ließ mich ins Bett fallen. Starrte an die Decke. Was bedeutete der Kuss? Dieses unbeschreiblich schöne Gefühl, dass er in mir ausgelöst hatte? Ob es nur einmalig war? Oder… war da mehr?

Bedauern

Leise ließ ich die Tür ins Schloss fallen, lehnte mich einen Augenblick daran an. Mein Herz hatte ich noch immer nicht unter Kontrolle. Was ist nur in mich gefahren? Sollte Ares gewinnen, würde ich Yusei mit diesem Kuss nur noch mehr verletzen. Zu sagen, dass es nur ein Moment der Schwäche war, hätte das Gleiche zur Folge. Dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher, als die strahlend blauen Augen aus dem geröteten Gesicht wiederzusehen. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, als ich an den Moment zurückdachte. Doch schnell zwang ich mich in die Gegenwart. Frustriert rieb ich mir den Nacken und stieß mich von der Tür ab. Eins nach dem anderen. Ich muss mich endlich fokussieren!
 

Auf dem Hof angekommen, gesellte sich Yubel zu mir. Ich verschaffte mir einen Überblick, doch bis auf die übliche Zahl an Wachen, die außer Hörweite waren, war niemand zu sehen. „Irgendwas neues?“ fragte ich, senkte dennoch meine Stimme.

„Morgen schicke ich einen Suchtrupp zum See. Drei Dämonen müssen reichen, damit wir keinen Verdacht erwecken.“

„Mir wäre wohler, du würdest mitgehen.“

Ich konnte ihr Augenrollen förmlich spüren, doch mein Blick war auf den Palast gerichtet, auf den wir zuliefen. „Kommt nicht in Frage. Bei allem, was gerade los ist, weiche ich Euch nicht so lange Zeit von der Seite.“

„Das mit dem Befehlen Folge leisten, geht immer noch nicht in deinen Kopf, oder?“

„Dann sperrt mich ein“ erwiderte sie belustigt.

Nun warf ich ihr doch einen skeptischen Blick zu. Sie wusste genau, dass ich das niemals machen würde. Damit hatte sie mich seit Jahren in der Hand. „In Anwesenheit irgendeines anderen gibst du mir keine Wiederworte, verstanden? Ich habe jetzt schon das Gefühl, dass meine Autorität untergraben wird.“

„Macht Euch keine Sorgen, das wird nicht passieren. Aber versprecht Euch von der Mission nicht zu viel. So alt wie das Pergament aussieht, würde es mich wundern, wenn wir im See irgendetwas finden.“

„Die Koordinaten weisen direkt auf die Mitte. Was auch immer dort ist, Lymans Mörder war sich anscheinend ziemlich sicher, dass mehr hinter dem Ganzen steckt.“

„Wie Ihr meint. Bei Sonnenaufgang reiten sie los, dann sollten sie am Abend ankommen.“

„Und wenn ihnen jemand folgt?“ gab ich zu bedenken, flüsterte schon fast. In den Gängen des Palasts zu reden, war mir zu riskant.

„Ich habe sie eigens ausgewählt. Niemand wird ihnen folgen. Zumindest nicht lang.“

Ich nickte.
 

Vor meinen Gemächern angekommen, hielt Yubel mich zurück. Abwartend betrachtete ich sie. „Was ist los?“ flüsterte ich.

„Da ist jemand.“

Was? Wer könnte in meine Gemächer gelangen? Dieser Teil des Palastes wird nachts immer sorgfältig bewacht, dafür hatte Yubel gesorgt. Gespannt öffnete ich die Tür, hielt überrascht inne. Jesse saß auf meinem Schreibtisch, den Blick scheu auf mich gerichtet. Dass direkt daneben ein Stuhl stand, ignorierte er geflissentlich. Ich neigte meinen Kopf zu meiner Beschützerin. „Schon okay. Du kannst dich zurückziehen.“ Einen flüchtigen Blick warf sie zu Jesse, schließlich folgte sie meiner Aufforderung. „Ich hoffe es ist wichtig“ sagte ich kühl. „Wenn du um Verzeihung bitten willst, kannst du gleich wieder gehen.“

Er seufzte leise, stand auf. „Schließ bitte die Tür.“

Meine Augen verengte ich zu Schlitzen. In seinen Worten steckte eine tiefe Ernsthaftigkeit, sodass ich seiner Bitte nachkam. Doch seine gesamte Haltung und sein Äußeres standen im Kontrast zu seinem Ton. Er sah abgeschlagen aus, müde. Seine Haut war blass, dunkle Schatten untermalten seine Augen. Irgendetwas war passiert. Das war kein Versuch sich bei mir zu entschuldigen. „Was ist los?“ fragte ich deshalb.

„Ich war bei meinem Onkel… Ich weiß jetzt, was die ganze Sache mit Yuseis Stand zu bedeuten hat.“ Nun hatte er doch meine volle Aufmerksamkeit. Abwartend betrachtete ich ihn, doch er brauchte einen Moment, um weiterzusprechen. „Er wird ihn als Späher ausbilden, so wie abgesprochen. Er vermutet, dass der Zeitpunkt bald gekommen ist. So wie die Weisen es vorhergesagt haben.“

„Wie kommt er darauf?“ fragte ich konfus. „Wenn er so eine Information hat, hätte er sie mir schleunigst weitergeben müssen!“

„Es ist nur eine Vermutung. Die Vorhersage der Weisen war damals recht kryptisch. ‚Wenn der rote Drache erwacht, und drei Monde vorüberziehen, werden die Menschen sich vereinen‘.“ rezitierte er.

„Ich weiß, was sie damals gesagt haben. Aber Sternenstaubdrache ist weiß, er hat nicht einmal einen Hauch von rot an sich. Wie kommt Ares darauf?“

„Wie wahrscheinlich ist es, dass nach so vielen Jahren ein weiterer Drache erscheinen wird?“ stellte er die Gegenfrage. Damit hatte er zwar recht, aber trotzdem ergab es für mich wenig Sinn. Allerdings steckte hinter den Visionen der Weisen schon immer mehr, als es den Anschein hatte.

„Schön, nehmen wir eben an, dass Sternenstaubdrache der rote Drache aus der Vision ist. Das erklärt dennoch nicht, was Ares vorhat.“

„Er will Yusei, wie geplant, in die Menschenwelt schicken. Dort soll er aber nicht Informationen, Schwachpunkte und dergleichen beschaffen und zu uns zurückkehren, so wie du es wolltest, sondern die Menschen mithilfe von Sternenstaubdrache vernichten.“

„Was?! Glaubt er allen Ernstes, dass Yusei da mitmachen würde?“ fragte ich fassungslos. Jesse nickte betrübt. Was denkt sich dieser alte Sack?! „Mal abgesehen davon, dass er sich meinen Befehlen widersetzen würde!“

„Das ist genau der Punkt. Strategisch hätte er damit vermutlich alle Generäle auf seiner Seite. Auch wenn alles auf deinen Befehl hin passiert, kannst du nicht steuern, was Yusei tatsächlich in der anderen Welt treibt. Mein Onkel braucht ihn nur zu erpressen.“

„Inwiefern?“

„Mit seinem Leben. Oder noch effektiver, mit deinem. Ich bezweifle stark, dass er dir irgendwie schaden würde, aber nehmen wir an, dass er Yusei so etwas wie ‚Töte sie, oder du wirst selbst getötet‘ sagt, dann würde Yusei vielleicht darüber nachdenken. Zumal mein Onkel keine Strafe dafür erwarten würde. Es wäre allenfalls Sachbeschädigung, wenn er den Antrag im Rat durchbekommt. Nicht einmal das, wenn sich Yusei im Besitz meines Onkels befindet.“

„Er glaubt doch nicht wirklich, dass er damit Erfolg hat! So leicht lässt sich Yusei nicht manipulieren.“

„Dann gäbe es noch eine andere Möglichkeit, wie er den Plan durchsetzen kann“ sagte er leise.

Ich brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, was er meinte. Schließlich wich mir jegliche Farbe aus dem Gesicht. „Gedankenmanipulation“ wisperte ich.

Jesse nickte, sprach traurig weiter. „Das ist zwar seit einigen Jahrhunderten verboten, und wird nicht mehr gelehrt, aber du weißt, dass er sich sehr für schwarze Magie interessiert. Es würde mich nicht wundern, wenn er es durch alte Schriften erlernt hätte. Und wenn Yusei nur als Gegenstand zählt…“

Er brach ab, musterte mich vorsichtig. Doch er brauchte nicht weiterzureden. Niemand könnte Ares belangen, denn er hätte nur mit seinem Eigentum experimentiert und könnte nicht für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, raubte mir den Atem. Das Schlimmste, was er zu befürchten hätte, wäre ein Ausschluss vom Rat, während ich Yusei nicht helfen konnte. „Hat er dir das wirklich so gesagt?“ presste ich hervor. Versuchte Halt an meinem Schreibtisch zu finden. Meine Hände zitterten. Ob vor Wut oder Verzweiflung konnte ich nicht sagen.

„Indirekt. Ich kenne ihn lange genug, und würde ihm diese Vorgehensweise durchaus zutrauen.“

„Scheiße!“ fluchte ich, fegte meinen Tisch dabei leer. Das Pergament raschelte, während es quälend langsam zu Boden segelte. Mit flachem Atem beobachtete ich das Tintenfläschchen, das klirrend zu Boden ging und die pechschwarze Flüssigkeit über den Steinboden verteilte. Ich konnte nichts tun. Wenn dieser verdammte Antrag durchgehen würde, konnte ich nichts tun! Hilflos sah ich zu Jesse, doch sein Blick war ähnlich verzweifelt. „Das war es noch nicht, oder?“ flüsterte ich. Er sagte nichts, sah mich nur unschlüssig an. „Spuck es schon aus!“

„Naja… Das ist nur eine Vermutung, aber… egal, wie Yusei sich fügen würde, ich glaube nicht, dass er… nach Beendigung der Sache noch leben wird.“ Ich konnte ihn nur anstarren, zwang mich zu atmen. „Es ist wie gesagt nur eine Vermutung… Seine genauen Worte waren: ‚Wir werden erst in Frieden leben können, wenn jeder einzelne dieser widerwärtigen Menschen getötet wurde‘.“

Geräuschvoll ließ ich die Luft aus meinen Lungen weichen, stützte meine zitternden Arme auf den Tisch und starrte das Holz an. Wie sollte man das anders verstehen? Wenn alles vorbei ist, wird Ares Yusei töten. Er hat viel zu viel Angst vor ihm, niemals würde er einen Menschen am Leben lassen, der die Macht eines Drachen besitzt. Und ich könnte nichts tun… Warm tropften meine lautlosen Tränen auf meine zitternden Hände. „Er darf die Abstimmung nicht gewinnen“ wisperte ich.

„Ich weiß“ flüsterte er. Legte mir seine Hand tröstend auf die Schulter.

„Wenn gegen ihn entschieden wird, gibt es keine Möglichkeit mehr, die Sache umzukehren“ sagte ich mit erstickter Stimme. „Und du bist leider erst nach Abschluss der Morduntersuchung an Lyman ein Mitglied des Rats.“

„Madame Tredwell und Meister Damian sind auf eurer Seite“ versuchte er mich zu beruhigen. Strich dabei mit seiner Hand über meinen Rücken. „Du und Yusei, ihr braucht nur noch eine weitere Stimme aus dem Rat. Was ist mit Stone?“

„Auf Ares‘ Seite, befürchte ich.“ Ein Schluchzen entglitt mir. Im Moment sah es schlecht aus.
 

Jesses Arme schlangen sich um mich. Zögerlich lehnte ich mich in die tröstende Umarmung, legte meinen Kopf auf seine Schulter. Auch wenn ich noch immer wütend auf ihn war, seine Näh beruhigte mich, ließ mich wieder halbwegs normal atmen. Längst hatte ich es aufgegeben das Schluchzen zu unterdrücken. Er war die einzige Person, bei der ich mir einen solchen Ausbruch leisten durfte. „Es tut mir so leid“ murmelte er immer wieder. Fuhr dabei behutsam über meinen Rücken. Damit meinte er mehr als diese Situation, das wusste ich. Auch wenn ich gern weiter sauer auf ihn wäre, in diesem Moment war ich froh darüber, dass er bei mir war. Ein bitteres Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Das letzte, was Yusei zu mir sagte war, dass ich mich mit Jesse aussprechen sollte. Unwillkürlich erwiderte ich die Umarmung, suchte Halt in seinem Gewand. Ich hatte schreckliche Angst davor, Yusei in wenigen Tagen zum letzten Mal zu sehen. Das beklemmende Gefühl in meiner Brust schnürte mir die Luft ab. Das musste ich um jeden Preis verhindern.
 

Jesse redete mir gut zu, versuchte mir die Angst zu nehmen und strich mir behutsam durchs Haar. Doch es dauerte eine ganze Weile, ehe ich mich wieder im Griff hatte. Das letzte Mal, als ich einen derartigen Gefühlsausbruch hatte war, als mein Vater gestorben war. Schließlich löste ich mich von meinem besten Freund und wischte mir hastig die letzten Tränen aus dem Gesicht. Atmete tief durch. Ich musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren und mir überlegen, wie ich den Rat auf meine Seite ziehen konnte. Irgendwie musste ich Yusei helfen. Um jeden Preis.
 

Jesse musterte mich nachdenklich. „Du liebst ihn, oder?“

Diese Worte kamen aus dem Nichts, ich wusste nichts darauf zu erwidern. „Was?“ fragte ich deshalb perplex.

„Das hätte ich früher sehen sollen“ murmelte er mehr zu sich selbst. „Ich meine… Solche Sorgen, wie du dir um ihn machst…“

„Das muss nicht heißen, dass ich verliebt bin“ erwiderte ich fast schon trotzig. Er bedeutete mir unheimlich viel, aber Liebe? Yusei war glatt 80 Jahre jünger als ich.

„Ich hatte schon so eine Vermutung, als wir ihn im Kerker gefunden haben“ überging er meine Worte. „So wie du ihn angesehen hast… Ich habe mir immer gewünscht, du würdest mich mit diesem Blick ansehen.“

Wieder erwischten mich seine Worte eiskalt. Ich konnte ihn nur anstarren. War das eben ein Liebesgeständnis? Ausgerechnet von meinem Kindheitsfreund? „Jesse, ich…“ stammelte ich, doch wusste nicht, was ich sagen sollte.

Er schüttelte nur lächelnd den Kopf. „Schon gut, ich weiß, woran ich bei dir bin. Oder… zumindest war“ fügte er betrübt hinzu und mied meinen Blick.

Ich seufzte und musterte ihn genauer. So wie er aussah, schien ihm die ganze Sache wirklich leid zu tun. Und das nicht nur, weil er mich mit seinen Entscheidungen enttäuscht hatte. Er bereute es. „Du hast dich bei ihm entschuldigt“ stellte ich fest.

Er nickte, mied es noch immer mich anzusehen. „Das war das mindeste, nachdem er wegen mir fast gestorben wäre. Allerdings weiß ich nicht, ob er mir je verzeihen kann. Oder du.“

„Ich glaube, Yusei hat dir längst vergeben“ sagte ich. Nun sah er doch überrascht zu mir, was mir ein flüchtiges Schmunzeln entlockte. „Als ich heute bei ihm war, hat er darauf bestanden, dass ich mit dir rede. Er beteuerte, dass es dir leid zu tun scheint, und ich glaube, dass er recht hat.“

Unglaube flackerte in seinen Augen auf. Kaum merklich schüttelte er seinen Kopf. „Heißt das, du verzeihst mir?“

Ich schenkte ihm ein warmes Lächeln, schloss ihn in meine Arme. „Bei dem Chaos, das auf uns zukommen wird, brauche ich meinen besten Freund an meiner Seite. Ohne dich schaffe ich das nicht.“

Zögerlich legte er seine Arme um mich, suchte Halt in meinem Gewand und drückte sein Gesicht in meine Halsbeuge. Erleichtert ließ er die Luft aus seinen Lungen weichen. Auch wenn ich seine Gefühle nicht teilte, so wollte ich ihn dennoch an meiner Seite wissen. So egoistisch das auch sein mochte, aber ich brauchte ihn. Sollte alles schief gehen und Yusei in Ares‘ Hände fallen, würde ich das nicht ohne Jesse überstehen.

Krisensitzung

„So wie ich das sehe, bleiben uns zwei Möglichkeiten, wie wir den Plan meines Onkels zunichtemachen können.“ Jesse hatte auf meinem Schreibtisch Platz genommen, überkreuzte seine Beine. „Entweder ziehen wir ein weiteres Ratsmitglied auf unsere Seite, oder wir schaffen es in drei Tagen, Lymans Mörder zu fassen, sodass ich Stones Platz im Rat einnehmen kann.“

„Ich könnte den übrigen Mitgliedern drohen“ sagte Yubel lapidar.

Einen skeptischen Blick konnte ich mir nicht verkneifen. „Dann wissen sie, dass ich verzweifelt bin. Das macht uns nur angreifbar. Mal davon abgesehen, dass wir nicht wissen, ob auch nur einer gegen Ares stimmen würde.“

„Dass Meister Damian und Madame Tredwell wirklich auf unserer Seite stehen, ist sicher?“ vergewisserte sich Jesse.

Ich nickte, lehnte mich an die Brüstung des Bettes und verschränkte meine Arme. „Sie haben Yusei in den letzten Jahren gut genug kennengelernt. Sie schätzen ihn und seine Fähigkeiten und wissen, dass Ares‘ Plan mehr als übertrieben ist.“

„Gibt es ein Ratsmitglied, dass wir leicht auf unsere Seite ziehen können?“ fragte Yubel.

Ich seufzte, lehnte meinen Kopf an die Brüstung und starrte an die Decke. Diese Frage hatte mich die gesamte letzte Nacht nicht schlafen lassen. „Reiji, Gozaburo, Nate, Stone, Ethan und Kurozaki stehen in dieser Angelegenheit hinter Ares. Crowler wird sich der Masse anschließen, ebenso wie Drake.“

„Was ist mit Valon?“ hakte Jesse nach.

„Kann ich nicht einschätzen. Er ist eher ein stiller Beobachter und hatte mit Yusei noch nie zu tun.“

„Wenn er nachtragend ist, würde ich mich nicht auf Valon verlassen“ warf Yubel ein.

Ich warf ihr einen fragenden Blick zu. „Was meinst du?“

„Wir kämpften damals im selben Trupp… Seine Söhne wurden vor seinen Augen von den Menschen getötet.“

Ich seufzte genervt und starrte wieder an die Decke. Nach der Aussage hatte ich keine Hoffnung ihn für uns zu gewinnen. Zwar konnte Yusei nichts für all das, aber er war ein leichter Sündenbock. Selbst ich hatte ihn bei unserer ersten Begegnung für den Tod meines Vaters verantwortlich machen wollen und ihn beinahe getötet. Dabei war er nur ein kleines Kind.

„Ich werde bei Valon nachhaken.“

Jesses Stimme ließ mich zu ihm sehen. „Glaubst du wirklich, dass das erfolgsversprechend ist?“

Er zuckte mit den Schultern, grinste leicht. „Ich kam mit Yuseis Anwesenheit nie gut klar, das wusste jeder. Wenn selbst ich zu ihm stehe, warum nicht auch Valon?“

„Unterschätze niemals die Rache eines Kriegers“ gab Yubel zu bedenken.

Jesse sah wieder zu mir. „Du hast gesagt, er wäre ein stiller Beobachter. Was, wenn er Yusei in den letzten Jahren ins Auge gefasst hat?“

„Bezweifle ich. Er hat sich mit den Aufbauarbeiten beschäftigt.“

„Aber du hast sie doch vor allem am Anfang besichtigt. Manchmal hast du Yusei dorthin mitgenommen.“

Ein belustigtes Schnaufen konnte ich mir nicht verkneifen. „Der ist ständig ausgerissen und hat sich die Umgebung angesehen.“

„Ich erinnere mich“ bestätigte Yubel wenig begeistert, was mich schmunzeln ließ. Wann immer Yusei geflüchtet war, durfte sie ihn im Auge behalten. Mehr als einmal hatte sie mich angezickt, dass sie kein Babysitter wäre.

Jesse zuckte mit den Schultern. „Ein Versuch schadet nicht.“

„Gemäß dem Fall du schaffst es nicht, was dann?“

„Plan B.“

„Und der wäre?“ schaltete ich mich ein.

„Lymans Mörder fassen.“

Yubel rollte mit den Augen. „Was glaubst du, versuchen wir seit zwei Wochen? Es gibt im Moment keine Spur zu ihm.“

„Und wenn wir ihm eine Falle stellen?“

„Wie?“ fragte ich, sah Jesse interessiert an.

„Du hast doch noch den Dolch, oder?“

Ich nickte zur Bestätigung.

„Wir sagen, dass die Untersuchungen abgeschlossen wären und geben ihn an seine Angehörigen.“

„Damit die nächsten Unschuldigen abgeschlachtet werden?“ fragte Yubel skeptisch.

„Was hast du dann vor?“ hakte ich nach.

„Wir fälschen die Koordinaten und schicken Späher an ebendiese Stelle. Das Erithgebirge würde sich anbieten. Dort zieht es nur selten Wanderer hin, und das nächste Dorf ist einen Tagesmarsch entfernt.“

„Keine üble Idee“ gab ich zu. „Aber er wird sicher wieder jemanden wie Bakura anstellen, um seine Drecksarbeit zu erledigen.“

Jesse schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Den Dolch zu besorgen ist eine Sache, aber was immer sich bei den Koordinaten befindet ist wichtig genug, um dafür zu töten. Das wird er niemand anderem überlassen.“

„Das sind mir zu viele Spekulationen“ gab Yubel zu bedenken. „Außerdem müsste es in den nächsten drei Tagen passieren.“

„Von unserer viel zu kurzen Frist abgesehen, ist es dennoch ein guter Plan. Aber das Pergament und die Koordinaten müssen täuschend echt aussehen. Meinst du, du bekommst das hin?“

„Ich kenne da jemanden“ flötete Jesse.

Yubel warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Du willst das jemand anderem überlassen?“

„Sie ist vertrauenswürdig, glaub mir.“

Fragend zog ich eine Augenbraue in die Höhe, doch das ließ ihn nur grinsen. „Wo ist er?“

„Der Dolch?“ vergewisserte ich mich.
 

Er nickte zur Antwort. Ich stieß mich vom Bett ab und lief zu meinem Schreibtisch. „Ernsthaft?“ kommentierte er, als ich die Schublade öffnete.

Ich lächelte nur schelmisch. „Versuch ihn an dich zu nehmen.“

Skeptisch sah er erst zu mir, dann zur Schublade, in der der Dolch lag. „Was passiert dann?“

Yubel stieß ein amüsiertes Glucksen aus, was Jesse nur noch mehr zu verunsichern schien. Bevor er auf die Idee kam, tatsächlich nach dem Dolch zu greifen, betätigte ich einen kleinen Schalter an der Unterseite der Schublade. „Du würdest die nächsten paar Minuten zuckend am Boden liegen. Außerdem würde ich gewarnt werden, sollte der Mechanismus aktiviert worden sein.“

„Seit wann hast du sowas?“

„Erinnerst du dich noch an den kleinen Freund von Yusei?“

„Der mit den bunten Haaren? Dunkel, ja.“

„Sein Großvater ist ein begnadeter Bastler, wird in der Stadt jedoch dafür belächelt. Allerdings sind nicht all seine Erfindungen zum Scheitern verurteilt. Das hier ist der Beweis.“

„Wie bist du darauf gekommen, wenn er in der Stadt belächelt wird?“

Ich lächelte, griff nach dem Dolch und wog ihn in meinen Händen. „Yusei hat mir vor einigen Monaten ganz begeistert von Salomons Werkstatt erzählt. Sein Freund hatte ihn zum Abendessen eingeladen, da hat er sich alles ansehen können.“ Doch mein Lächeln erstarb, als ich daran dachte, dass ich ihn in wenigen Tagen verlieren könnte. Jesses Plan war gut, keine Frage, aber uns fehlte die Zeit.
 

„Was, wenn es Ares war?“ holte mich Yubels Stimme aus meinen Gedanken. Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie meinte, aber Jesse war schneller.

„Nein“ seufzte er, sah Yubel durchdringend an. „Mein Onkel mag nicht der umgänglichste Zeitgenosse sein, aber er ist kein Mörder.“

„Ich muss Jesse zustimmen. Wir sollten das als zwei separate Fälle behandeln.“

„Ich würde es nicht gänzlich ausschließen.“

„Aber schieß dich nicht auf ihn ein“ gab ich zu bedenken. „Ich will, dass du objektiv bleibst.“

„Schon klar, das werde ich. Ich sage nur, dass wir die Möglichkeit nicht ausschließen sollten.“

Ich nickte, wandte mich an Jesse. „Weißt du in etwa, wie lange du für die Fälschung brauchen wirst?“

„Ein paar Stunden.“

„Beeil dich“ sagte ich, drückte ihm den Dolch in die Hand. „Und pass auf, dass dich niemand damit sieht.“

„Keine Angst. Soll ich trotzdem mit Valon reden?“

Ich sah zu Yubel. „Es wäre besser, du würdest das übernehmen. Immerhin habt ihr auf dem Schlachtfeld gekämpft, das schweißt zusammen.“

„Wo ich dabei bin, kann ich Crowler und Drake einheizen.“

„Nein, lass es. Das wird nichts bringen.“

„Schön, wie Ihr wollt“ sagte sie, zuckte mit den Schultern.
 

~*~
 

Nervös betrachtete ich den Dolch in meiner Hand. Das Pergament, das Jesse hatte fälschen lassen, sah perfekt aus. Die Koordinaten würden den Mörder auf eine kleine Ebene im Erithgebirge führen. Die Eisenkugel war zurück an ihrem Platz, niemandem würde auffallen, dass sie einen Mechanismus ausgelöst hatte. Aber es bereitete mir Bauchschmerzen, an wen ich den Dolch nach Lymans Tod aushändigen sollte. Ich seufzte und steckte den Dolch ein, dann klopfte ich dezent an die schwere Holztür. Einen Augenblick später wurde sie geöffnet und der altbekannte Duft nach Kräutern und Ölen wehte mir entgegen. Überrascht blinzelte Madame Tredwell mich an, ehe sie sich knapp verbeugte. „Was kann ich für Euch tun, mein König?“

„Habt Ihr einen Augenblick?“

„Für Euch immer“ erwiderte sie mit einem Schmunzeln und trat beiseite, damit ich eintreten konnte. Plötzlich kam mir der Plan doch zu riskant vor. Das letzte was ich wollte war, dass auch Madame Tredwell angegriffen werden könnte. Und alles nur wegen dieses verfluchten Dolches. „Welches Anliegen führt Euch zu mir?“ holte mich ihre Stimme aus meinen Überlegungen.

„Es geht um Lyman.“

Augenblicklich meinte ich Schmerz in ihrem Gesicht zu lesen. „Gibt es etwas Neues zu seinem Tod?“ fragte sie vorsichtig.

„Nein, leider nicht. Allerdings habe ich erfahren, dass er Euch den hier hinterlassen wollte.“ Mit diesen Worten holte ich den reichlich verzierten Dolch heraus und reichte ihn ihr.

Überrascht betrachtete sie ihn. Nahm ihn behutsam, als wäre es ein wertvoller Schatz, an sich. „Mir?“ fragte sie verwundert. Lächelte aber. „Aber ich verstehe nicht. Warum jetzt?“

„Wir haben angenommen, dass er in dem Fall eine wichtige Rolle spielen würde. Schließlich hatte Bakura ihn bei sich, als wir ihn schnappen konnten. Aber es ist nur ein gewöhnlicher Dolch, und Lyman wollte, dass Ihr ihn erhaltet.“

Ein warmes Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während sie den Dolch noch immer betrachtete. „Dieser Dolch ist vieles, aber sicher nicht gewöhnlich.“

Überrascht betrachtete ich sie. Weiß sie etwa von dem Mechanismus? „Wie meint Ihr das?“ fragte ich vorsichtig. Ballte unwillkürlich meine Hand zur Faust.

„Er ist seit Jahrtausenden im Besitz seiner Familie. In diesem, für manche unbedeutend wirkenden, Metall steckt so viel Geschichte.“ Schnell entspannte ich mich wieder. So meinte sie das also. „Seht Ihr diese Kerbe hier?“ fragte sie und deutete auf eine winzige Unebenheit nahe des Stoßleders. „Lyman hat mir mal erzählt, dass das am Anfang des ersten Krieges passiert ist. Als die Schutzgeister in unsere Welt kamen. Sein Vorfahr hat sich vom Rücken seines Drachen aus auf einen besessenen Dämon gestürzt und ihn enthauptet. Dabei wurde das Stoßleder beschädigt.“ Ein kleines Schmunzeln schlich sich in mein Gesicht. Enthauptet mit einem Dolch? Das war sicher nur eine Legende seiner Vorfahren. „Ihr glaubt mir nicht“ bemerkte sie belustigt.

„Ich kann es mir nur schwer vorstellen“ gab ich zu.

Ein kleines Lachen entwich ihr. „In Legenden, so unglaublich sie zu sein scheinen, steckt immer auch ein bisschen Wahrheit… Das hat Lyman immer gesagt.“

Ich seufzte lautlos, nickte. Ja, das klang nach ihm. „Es tut mir leid, dass Ihr ihn so sehen musstet.“

„Ihr ebenfalls“ erwiderte sie traurig. „Aber ich versuche ihn so wie er war in Erinnerung zu behalten. Die Geschichte lehrt uns, dass schreckliche Dinge immer wieder passieren. Aber ich werde nach vorn sehen und die Zeit mit ihm wie einen Schatz in meinen Erinnerungen aufbewahren.“ Den Dolch drückte sie an ihre Brust, mit der anderen hielt sie sich den Bauch. Tränen standen in ihren Augen, die sie verbissen zurückhielt. Die Wunden waren noch immer frisch. Vor allem sie litt unter dem Verlust unseres alten Freundes.

„Das würde ihn sicher glücklich machen“ erwiderte ich.

Sie nickte, schluckte die aufkommenden Tränen herunter. „Ich danke Euch.“

Doch ich wehrte ab. „Ich bin nur seinem letzten Wunsch nachgekommen. Gebt gut auf ihn acht, und… sollte irgendwas damit passieren, gebt mir bitte Bescheid.“

„Wie meint Ihr das?“

„Lymans Mörder ist noch immer auf freiem Fuß. Wenn der Dolch widererwartend wichtig für ihn sein sollte, passt bitte auf Euch auf. Euch auch zu verlieren wäre ein großer Verlust für unser Land. Die Waffe mag für Euch von Wert sein, aber bitte beschützt ihn nicht bis zum Tod.“

Sie nickte irritiert, betrachtete noch einmal ihren Schatz. Fuhr bedächtig über die kleinen Edelsteine. „Ich behalte es im Hinterkopf.“
 

~*~
 

Am frühen Abend lief ich über den Platz zum Nebenkomplex, um mein Versprechen Yusei gegenüber einzulösen. Die tief stehende Sonne warf bereits lange Schatten über den Rasen. Ich atmete tief durch. Die Weichen waren gestellt. Als ich den Dolch mit den gefälschten Koordinaten zu Madame Tredwell gebracht hatte, war ich extra einen Umweg gegangen und hatte ihn gut sichtbar in meiner Hand. Es war also kein Geheimnis, dass er nun im Besitz unserer Hofzauberin war. Yubel hatte mit Valon gesprochen und Jesse mit Drake. Beide versicherten, dass sie darüber nachdenken würden, gegen den Antrag von Ares zu stimmen. Sicher war also noch immer nichts. Frustriert schritt ich durch den Eingang, der mir von den Wachen geöffnet wurde. Jetzt konnten wir nur abwarten, und das machte mich nervös. Überhaupt etwas unternommen zu haben, sollte mich beruhigen, machte das bedrückende Gefühl in meiner Brust aber nicht besser. Es war alles noch zu ungewiss.
 

Kurz klopfte ich an der Tür, trat aber sogleich ein. Doch der Anblick, der sich mir bot, irritierte mich. Yusei saß mit freiem Oberkörper auf seinem Bett und lachte ausgelassen. Das allein löste ein wohliges Gefühl in mir aus, ließ mein Herz schneller schlagen und mich die Szenerie einfach nur beobachten. Ihm gegenüber, auf einem Stuhl, saß ein betagter Dämon und lächelte selig. Er hielt ein Tuch in der Hand und tupfte damit über Yuseis Schulter. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie gerötet war. Als Yusei mich bemerkte, erstarb sein schönes Lachen, doch noch immer sah er mich belustigt aus seinen warmen Augen an. Ein leichter Rotschimmer zierte seine Wangen. Irgendwie wirkte er ertappt. Auch der ältere Heiler sah mich an, verbeugte sich so tief, wie es ihm sein krummer Rücken erlaubte. „Guten Abend, mein König. Ich bin gleich fertig, dann gehört er ganz Euch.“

„Was ist passiert?“ fragte ich. Wenn Yusei so lachen konnte, war es sicher nicht schlimm, doch es irritierte mich, wie er sich hier drin verletzen konnte.

Der Heiler lächelte wissend und zwinkerte Yusei unauffällig zu. Zumindest glaubte ich, dass er es vor mir verbergen wollte. Dann sah er mich an. „Euer Schützling wollte seine Magie trainieren, dabei gab es einen kleinen Zwischenfall. Es ist aber nichts Nennenswertes passiert, das Feuer hat ihn lediglich gestreift.“

„Feuer?“ vergewisserte ich mich irritiert.

Yusei nickte. „Madame Tredwell sagte, dass die Begabung für jedes Element von Dämon zu Dämon unterschiedlich ist. Also wollte ich den einfachsten Zauber jedes Elements austesten, um zu sehen, wo meine Begabung liegt.“

„Lass mich raten: Feuerzauber sollten wir noch üben?“ hakte ich mit einem kleinen Schmunzeln nach.

Der Heiler legte das Tuch in eine Schale Wasser auf dem Nachttisch, nahm stattdessen seinen Gehstock in die Hand und stand auf. Dabei hatte er immer noch dieses herzliche Lächeln im Gesicht, das mich an irgendetwas erinnerte. „Meiner bescheidenen Meinung nach, war es für den Anfang sehr gut. Er muss nur den Energiefluss richtig bündeln. Wenn Ihr mich entschuldigt, ich werde etwas Nachtschattenöl für seine Haut holen.“

Ich nickte, und machte dem alten Mann etwas Platz, sah ihm einen Augenblick hinterher. Ich kannte ihn, konnte ihn aber nicht einordnen. Ohne weiter darüber nachzudenken, nahm ich Yusei gegenüber auf dem Stuhl Platz und zog eine Augenbraue in die Höhe. „Worüber hast du so gelacht?“ wollte ich wissen. Dass es etwas mit dem verpatzten Zauber zu tun hatte, konnte ich mir nicht vorstellen.

Wieder sah er mich ertappt an, grinste schief. „Versprecht mir bitte, dass er keinen Ärger dafür bekommt.“ Skeptisch betrachtete ich ihn, nickte aber. Also setzte er zu einer Erklärung an. „Wir haben uns über Euch unterhalten, da hat er mir eine Geschichte von früher erzählt… Als Ihr als Kind in der Schlossküche wart, und eine Pastete zubereiten wolltet.“

Ich schnaufte belustigt und fuhr mir mit der Hand durchs Haar. Daher kam mir der Alte so bekannt vor. Er war damals der Küchenchef. „Ich erinnere mich. Alle waren begeistert vom kleinen Prinzen, der seinem Vater selbst etwas zubereiten wollte, und haben mich in höchsten Tönen gelobt. Nur er hat mir die Wahrheit gesagt, dass meine Pastete furchtbar schmeckte, und dafür war ich ihm im Nachhinein dankbar.“

Yusei versuchte erfolglos ein leises Lachen zu unterdrücken, doch es ließ mich unwillkürlich schmunzeln. In letzter Zeit war dieser Anblick viel zu selten gewesen. „Es tut mir leid, aber ich kann mir Euch in einer Küche nicht vorstellen.“

Ich neigte meinen Kopf zur Tür. In diesem Moment trat der alte Mann ein. Mein Lächeln wurde breiter. „Nachdem er mir gezeigt hatte, wie es ging, schmeckte sie nicht übel. Aber seitdem habe ich die Küche nicht mehr betreten.“

„Auf das Ergebnis konntet Ihr stolz sein, mein König“ erwiderte er belustigt und kam mit einem kleinen Tontopf näher. „Es war bedeutend besser als Euer erster Versuch.“

Das war auch nicht schwer. Nachdem ich sie selbst probiert hatte, musste ich tatsächlich zugeben, dass sie furchtbar schmeckte. Yusei ging auf ihn zu, und nahm ihm das Gefäß aus den Händen, damit er sich besser auf seinem Stock abstützen konnte. „Warum wolltet Ihr sie eigentlich selbst zubereiten?“ fragte er dabei interessiert.

„Zur Feier der hundertjährigen Herrschaft meines Vaters. Es sollte eine Überraschung werden.“

„Oh, und die ist Euch gelungen. Ich sehe Euren Vater heute noch mit diesem fröhlichen Gesicht vor mir.“

Ein kleines Lächeln legte sich auf meine Lippen. Er hatte recht. Es war eine wirklich schöne Erinnerung an ihn. „Ich erledige den Rest.“

„Sehr wohl“ erwiderte er und verbeugte sich knapp.
 

Als wir wieder allein waren, zog ich Yusei an seinem unverletzten Arm sanft zu mir. Perplex ließ er es geschehen und landete auf meinem Schoß. Dabei nahmen seine Wangen wieder diese herrliche rot Nuance an. Meine Hand ruhte auf seiner Hüfte, um ihn zu stützen, meine andere legte ich an sein Kinn und konnte ein kleines Grinsen nicht unterdrücken. „Ist dir das unangenehm?“ fragte ich leise. Sanft strichen meine Finger über seinen Hals, was ihn erschaudern ließ. Ich spürte seinen aufgeregten Herzschlag.

„Nein“ flüsterte er. Kam mir dabei langsam näher und legte seine Lippen auf meine. Zu gern erwiderte ich diesen unschuldigen Kuss, war gleichzeitig überrascht, dass er selbst die Initiative dazu ergriff. Doch bevor ich mich ganz darin verlor, löste ich ihn von mir. Enttäuschung meinte ich in seinem Gesicht zu lesen. Ein wenig amüsierte es mich.

„Zuerst kümmern wir uns um deine Schulter“ sagte ich und nahm den Tontopf aus seinen Händen. Ich benetzte meine Finger mit dem kühlenden Öl und trug es vorsichtig auf. Kurz zuckte er bei der Berührung zusammen, entspannte sich aber schnell wieder. Ein erleichtertes Seufzen war zu hören. Die gerötete Haut war warm und trocken. „Morgen sollte nichts mehr zu sehen sein. Aber warte mit deinem Training bitte, bis Madame Tredwell sich wieder um deine Ausbildung kümmert. Dieses Zimmer ist denkbar ungeeignet für solche Experimente.“

„Es tut mir leid“ murmelte er und senkte den Blick.

Ich stellte das Gefäß auf den kleinen Nachttisch neben die Wasserschale, ließ den Deckel unbeachtet daneben liegen. Dann hob ich sein Gesicht am Kinn zu mir. „Muss es nicht. Ich kann mir vorstellen, dass dir hier drin schnell langweilig wird, aber ich will nicht, dass dir etwas passiert.“

Er nickte scheu, schenkte mir ein kleines Lächeln, das mich meinen Herzschlag etwas mehr spüren ließ. „Verstehe. Ich verspreche es.“

„Das wollte ich hören“ sagte ich zufrieden. „Hattest du bis auf dein kleines Feuerdebakel Erfolg?“

„Hm. Das Einzige, was ich wirklich kontrollieren konnte, war ein Lichtzauber. Bei den übrigen Elementen habe ich Schwierigkeiten die Energie zu bündeln. Entweder nimmt sie überhand, wie bei Feuer und Wasser, oder sie zerstreut sich diffus und ich kann den Zauber gar nicht wirken.“

Ich schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, um seine Enttäuschung zu mildern. „Darauf lässt sich aufbauen. Der alte Mann hatte recht. Für deinen ersten Versuch hast du dich sehr gut geschlagen. Und das allein. Du kannst stolz auf dich sein.“

Wieder ein Nicken. Ein seliger Ausdruck lag in seinem Gesicht. „Danke.“
 

Ich führte sein Gesicht zu mir, um seine Lippen erneut für mich einzunehmen. Schon als ihn habe lachen hören, als ich das Zimmer betreten hatte, war mein Vorsatz ihn auf Abstand zu halten verflogen. Vielleicht wäre es besser gewesen, doch ich konnte nicht. Spätestens als er sich zufrieden seufzend an mich schmiegte, war es um mich geschehen. Er hatte mich voll und ganz um den Finger gewickelt, und ich konnte nicht sagen, wie lange ich schon so für ihn fühlte. Ich wollte nur, dass es nie verging.

Intime Zweisamkeit

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Das kleine Stück Freiheit

Die Zeit verging, in der ich mich die meiste Zeit mit meinen Büchern ablenkte. Seit gestern besaß ich auch eines über das Training von Aldurias. Kleine, echsenartige Lebewesen mit einer hohen Intelligenz, die von Spähern eingesetzt werden, um Feinde unauffällig auszuschalten oder Schlösser zu überwinden. Es gab unzählige verschiedene Zeichen, mit denen man den schwarzen Wesen komplexe Anweisungen geben konnte. Jesse hatte es mir überreicht, da ich meine Ausbildung bald beginnen sollte. Unkonzentriert klappte ich das Buch zu und sah in den weiten Himmel. Nur wenige Wolken unterbrachen das unendliche Blau. Einen Moment schloss ich die Augen und genoss das warme Gefühl der Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Auf dem Fenstersims wurde es zwar schnell unbequem, doch ich hatte hier nicht mehr das Gefühl eingesperrt zu sein. Langsam wurde mir dieses Zimmer zu viel, aber morgen würde ich endlich hier rauskommen. Die Frage war nur, ob ich in Freiheit oder auf dem Weg in mein neues Gefängnis sein werde. Ich schüttelte den Gedanken ab. Haou hatte mir versichert, dass alles gut werden würde. So wie er es ausgedrückt hatte, würde er die Abstimmung gewinnen und dieser Spuk hatte endlich ein Ende. Zwar war der Mörder von Meister Lyman noch immer nicht gefasst, aber es waren genug Meister im Rat auf unserer Seite. Allerdings war ich mir unsicher, ob es wirklich der Wahrheit entsprach, oder ob er mir das erzählte, um mir keine Angst zu machen.

Ein dezentes Klopfen riss mich aus meinen Gedanken und ich sah zur Tür. Fonda kam freudestrahlend auf mich zu. „Hast du dein Frühstück beendet?“ fragte sie gut gelaunt.

Skeptisch betrachtete ich sie. Irgendwas war da im Busch. „Ja, wieso?“

„Der König hat eine Überraschung für dich.“

„Haou?“ Augenblicklich schlug mir mein Herz bis zum Hals und ich stand auf.

Das ließ sie leise lachen. „Er ist unten. Komm mit.“

„Ich darf hier raus?“ vergewisserte ich mich.

Sie nickte, wandte sich um, doch stoppte in ihrer Bewegung. „Ach, bevor ich es vergesse: Du sollst deine Rüstung anlegen.“

„Meine Rüstung? Aber wozu?“

Doch sie deutete nur auf die Kommode und lächelte dabei wissend.
 

Während wir durch die Gänge des Nebenkomplexes liefen, wurde ich immer aufgeregter. An der frischen Luft, weit abseits der engen Räume, war ich seit meiner Schwertkampfprüfung nicht mehr. Fonda nickte einer Wache zu, die die schwere Tür für uns öffnete. Die ersten Strahlen, die mir ins Gesicht schienen, blendeten mich, und bevor ich mich versah, spürte ich nicht mehr den harten Stein unter meinen Stiefeln, sondern weiches Gras. Eine seichte Brise umspielte meinen Körper und ließ mich unwillkürlich lächeln. Und dann sah ich ihn. Haou stand wie immer in seiner Königsrobe vor mir, sein Umhang bewegte sich leicht im Wind. Eine Strähne fiel ihm ins Gesicht. Ein außenstehender würde meinen, er sah ernst aus. Distanziert und ohne die Spur eines Lächelns. Doch ich erkannte den warmen Ausdruck in seinen Augen und wusste, dass er mir galt. Mein Herz hüpfte bei dem Gedanken ihn zu küssen, hatte er mich in den letzten Tagen doch immer so begrüßt. Aber er hatte ausdrücklich gesagt, dass ich mich ihm gegenüber in der Öffentlichkeit verhalten soll wie früher. Also schluckte ich den Drang herunter und schritt auf ihn zu. Erst jetzt fiel mir auf, dass Yubel nicht an seiner Seite war. Stattdessen stand Meister Ares neben ihm.

„Du kannst gehen, Danke“ richtete sich Haou an Fonda. Sie verbeugte sich und kam seinem Befehl nach. Erst als sie weg war, waren die goldenen Augen wieder auf mich gerichtet. Auch Meister Ares musterte mich von oben bis unten. „Ihr wolltet mich sehen?“ fragte ich zögerlich, um meine Nervosität zu unterdrücken. Ich wusste noch immer nicht, was das ganze sollte, schließlich wurde mir aufgetragen in meinem Behandlungszimmer zu bleiben, bis die Abstimmung entschieden wäre.

Nun huschte doch für einen kleinen Augenblick ein Schmunzeln über Haous Lippen. „Wir haben uns dazu entschieden, dass es für deinen Drachen das Beste wäre, wenn er etwas Bewegung bekommt.“

Überrascht blinzelte ich ihn an, warf einen Seitenblick zu Meister Ares. „Ich verstehe nicht ganz“ gab ich zu und betrachtete Haou fragend.

„Vor wenigen Tagen ist dein Schutzgeist ausgebrochen“ schaltete sich Meister Ares ein. „Damit das nicht noch einmal vorkommt, war unser König der Überzeugung, dein Drache bräuchte einen kontrollierten Ausgang, ohne das Volk zu verschrecken.“

Mein Herz machte einen Satz, aufgeregt sah ich wieder zu Haou. Heißt das wirklich das, was ich denke? Der Ausdruck in seinen Augen wurde liebevoll und er nickte. „Ein Tag sollte erst einmal reichen, um seinen Freiheitsdrang zu stillen, meinst du nicht?“

Mir stockte der Atem. Es dauerte einen Augenblick, bis ich es wirklich realisiert hatte. Plötzlich bildete sich ein Wirbel aus schimmernden Funken, aus dem Sternenstaubdrache erschien und ein freudiges Brüllen von sich gab. Ich lachte erleichtert, sah hoch zu meinem Drachen, der sich abwartend neben mich gestellt hatte. „Ich denke schon“ beantwortete ich Haous Frage und versuchte dabei dem Drang zu widerstehen, ihm um den Hals zu fallen. Mein Glück konnte ich kaum in Worte fassen. „Danke“ fügte ich schlicht an.

Meister Ares war einen Schritt zurückgewichen, gesellte sich aber wieder an die Seite unseres Königs. „Unter einigen Bedingungen“ erinnerte er ihn.

Haou rollte mit den Augen und fügte ernster an: „Bis Sonnenuntergang müsst ihr wieder hier sein, und euch vor großen Dämonenansammlungen fernhalten. Das Volk in der Stadt wurde vorgewarnt, aber einigen Dörfern im Umkreis würdet ihr einen riesigen Schrecken einjagen.“

„Verstanden“ sagte ich glücklich, wandte mich schnell zu Sternenstaubdrache, ehe Meister Ares es sich anders überlegen konnte.

„Ach, und Yusei?“ Mit der Hand an meinem Drachen drehte ich mich wieder zu Haou um. Ein warmes Lächeln lag auf seinen Lippen. „Viel Spaß.“

Auch ich lächelte, nickte dabei. „Danke.“
 

Ungeduldig zuckten Sternenstaubdraches Flügel, als ich auf seinen Rücken kletterte. Kaum hatte ich in der kleinen Kuhle an seinem Nacken Platz genommen, breitete er seine mächtigen Schwingen aus und war mit einem Satz in der Luft. Erschrocken zog ich die Luft ein, hielt mich mit aller Kraft an einer Halszacke fest. Dabei sah ich meine Umgebung nur noch als Schemen an mir vorbeiziehen. Mit einem freudigen Brüllen schraubte er sich immer weiter in die Luft, bis er die Schwingen ausgebreitet ließ und in einen Gleitflug wechselte. Erst jetzt erlaubte ich es mir, richtig durchzuatmen. „Beim nächsten Mal bitte langsamer“ japste ich, versuchte meine zitternden Arme zu entspannen, die durch das Festklammern schmerzten. Doch mein Drache schnaufte nur amüsiert. Ich solle mich daran gewöhnen. Fasziniert blickte ich zu Boden, betrachtete, wie die Siedlungen Wäldern wichen, die von hier oben nur wie ein grünes Meer aussahen. Die Hauptstadt hatten wir während des rasanten Fluges schnell hinter uns gelassen. „Ich kann verstehen, warum dir das gefehlt hat“ sagte ich. Beobachtete einen Schwarm Vögel, die unweit von uns in Formation flogen und uns neugierig beäugten. So hoch oben waren wir wie in einer anderen Welt. Wieder ein bestätigendes Brüllen, die Vögel verließen einen Moment ihre Formation, zwitscherten beinahe wütend in unsere Richtung. Ein Lachen konnte ich mir nicht verkneifen.

Sternenstaubdrache wechselte die Richtung, flog weiter gen Norden. Immer dichter wurde die Wolkendecke, so nah, dass man sie beinahe greifen konnte. Mein Drache flog höher, ich hob meinen Arm. Beobachtete fasziniert, wie die Wolken sich um meine Hand kräuselten, wie der Flugwind sie sanft aufwirbelte, und ich damit eine schmale Furche bilden konnte. Ohne Hektik glitt Sternenstaubdrache höher, durch die Wolkendecke, sodass ich seinen Kopf nur noch erahnen konnte, bis wir das weiße Meer schließlich durchbrachen. Das plötzliche Licht der Sonne blendete mich einen Augenblick, ehe ich mich staunend umsah. Ich hatte auf dem Nebelberg bereits auf die Wolkendecke blicken können, aber das hier war etwas vollkommen anderes. Weiter. Friedlicher. Dieser Anblick, der Wind in meinem Gesicht, das zufriedene Brummen meines Drachen… Es fühlte sich nach Freiheit an. Die Sonne hatte ihren Zenit bereits überschritten und ich legte meine Hand sanft an den Hals von Sternenstaubdrache. „Wir sollten bald umkehren, wenn wir vor Sonnenaufgang wieder am Palast sein wollen.“

Er zog einen Bogen, wirbelte dabei den Schleier der Wolken mit einer seiner mächtigen Schwingen auf, und tauchte in selbigen ab, sodass ich nur noch meinen Drachen wahrnehmen konnte. Ich hörte das Geräusch der schlagenden Flügel, spürte die Bewegungen seiner Muskeln, die kleinen Wassertropfen, die sich auf meiner Haut sammelten. Eigentlich wollte ich noch nicht umkehren. Ein kleiner Zwischenstopp wäre sicher in der Zeit. Sternenstaubdrache brüllte freudig auf, ging in einen Sturzflug über und ließ mich nach Luft schnappen. Unter uns erkannte ich ein weites Waldgebiet. Einen großen See, dessen Oberfläche in der Sonne glitzerte. Mein Drache flog langsamer, hielt aber weiter auf den See zu. Warte… „Du willst doch nicht…“ Doch ehe ich die Frage stellen konnte, brüllte er bereits belustigt. Ich kniff die Augen zu, hörte einen Augenblick später das Platschen, spürte das kalte Nass, wie es mich umschloss. Zögerlich hob ich meine Lider, sah mich um. Nur gedämpft drang das Licht durch das Wasser, erhellte die Umgebung in seiner geisterhaften Stille. Der See war so klar, dass man den Boden bereits erahnen konnte. Eine Bewegung ließ mich Aufsehen. Eine Gestalt sah panisch zu uns, fuchtelte wild mit den Armen. Immer mehr Luftblasen stiegen auf, bis sie sich nicht mehr regte. Ertrinkt sie gerade? Sternenstaubdrache steuerte in ihre Richtung, sodass ich sie behutsam festhalten konnte, dann tauchte er wieder auf. Als wir die Wasseroberfläche durchbrachen, schnappte ich nach Luft, nahm ein par tiefe Atemzüge. Die Gestalt in meinen Armen war ein weiblicher Dämon. Sie rührte sich nicht. Besorgt versuchte ich sie wach zu rütteln, doch nichts geschah. Sie atmete nicht. In meinen Armen drehte ich sie auf den Bauch, klopfte vorsichtig auf ihren Rücken, bis sie schließlich einen Schwall Wasser abhustete. Erleichtert atmete ich auf, beobachtete Sternenstaubdrache dabei, wie er langsam Richtung Ufer glitt. Dort angekommen stieg ich ab, setzte die Dämonin vorsichtig ins Gras. Sie hustete noch immer, war aber wieder bei Bewusstsein. „Geht’s wieder?“ erkundigte ich mich.

„Was war das?“ fragte sie erschöpft, hob dabei ihren Blick, doch erstarrte. Mit großen Augen sah sie an mir vorbei, zu meinem Drachen. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Angst und Ehrfurcht. Langsam rutschte sie zurück, brachte so etwas Platz zwischen uns.

„Sternenstaubdrache tut dir nichts“ versuchte ich sie zu beruhigen.

Das ließ sie verwirrt zu mir sehen. Kurz sah sie zu meinem Drachen, dann wieder zu mir. „Ihr seid der Mensch, oder?“

Ich nickte. „Tut mir leid, wenn wir dich erschreckt haben.“

Sternenstaubdrache erhob sich und ging gemächlich etwas abseits, legte sich hin und brummte zufrieden. Seine Schwingen legte er in voller Pracht in das weiche Gras. Ich schmunzelte. Er wollte sich nach der kleinen Abkühlung wohl sonnen. Ein Murmeln ließ mich wieder zu der Dämonin sehen. Auch sie betrachtete meinen Drachen, sah aber nicht mehr so verkrampft aus. „Ist alles in Ordnung?“

„Was?“ fragte sie, sah mich überrascht an. „Achso, ja. Ich hab nur einen riesen Schreck bekommen. Wer konnte ahnen, dass ein Drache plötzlich in den See springt? Macht das bloß nie wieder, ich dachte mein Herz bleibt stehen!“

„Entschuldige.“

Doch sie winkte ab, sah verträumt zu meinem Freund. „Schon gut. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Ehre haben werde ihn zu sehen…“ Mit einem breiten Lächeln blickte sie wieder zu mir. „Dafür sollte ich Euch danken. Ich bin Carly.“

„Yusei“ antwortete ich verwundert. Was soll diese förmliche Anrede? Doch bevor ich fragen konnte, sah ich etwas durch die Büsche huschen.

Carly folgte meinem Blick. „Kannst rauskommen“ rief sie, fuchtelte dabei mit ihren Händen. Irgendwoher kam mir die Bewegung bekannt vor. Im nächsten Moment fiel es mir ein. Jesses Buch.

„Ein Alduria?“ fragte ich, als das Wesen auf Carly zu rannte.

Sie nickte. „Das ist Rifton. Wir arbeiten schon ewig zusammen.“

„Dann bist du Späherin?“

„Ja, eine der besten. Zumindest hat das die ehrenwerte Yubel gesagt. Naja, nicht in diesem Wortlaut, Ihr wisst sicher, was ich meine. Schließlich kennt Ihr sie besser als ich.“

„Hm. Sag mal… Warum sprichst du mich so förmlich an?“

„Das gehört sich so, wenn man mit Hochrangigen spricht.“

„Ich weiß, aber ich bin nur ein Mensch. Ich stehe im Rang weit unter dir.“

Ihre schwarz untermalten Augen starrten mich überrascht an. „Nur ein Mensch? Ihr habt den höchsten Rang des Reiches. Mal abgesehen von König Haou.“

„Was?“

Sie nickte. „Dämonen, die eine Seelenbindung mit einem Drachen eingehen, stehen im Rang direkt unter der königlichen Familie. Wusstet Ihr das nicht?“

Ich soll was?! „Du musst dich irren. Das gilt vielleicht für Dämonen, aber nicht für mich. Und bitte hör mit der förmlichen Ansprache auf, das musst du nicht tun.“

„Wie Ihr meint. Ähm, ich meine ‚Wie du meinst‘…“ Den Blick richtete sie nach unten. Man konnte sehen, dass ihr die Umstellung unangenehm war. „Was habt- Ich meine, was wolltest du eigentlich im See, wenn ich fragen darf?“

Scheu sah sie mich an. Aber ich war ihr dankbar für den Themenwechsel, und so langsam sprach sie endlich normal mit mir. „Du meinst, bis auf das Erschrecken unschuldiger Dämonen?“

Sie gluckste belustigt. Nickte.

„Sternenstaubdrache brauchte eine kleine Abkühlung. Aber was wolltest du hier draußen?“ So weit abseits von Siedlungen und Dörfern hatte ich niemanden erwartet.

„Ä-ähm. Streng geheim!“ haspelte sie, stand hektisch auf und klopfte sich die Kleidung ab. „I-ich muss auch wieder. Es war mir eine Ehre Euch kennenzulernen. Ich meine dich! Ah!“ Bevor ich weiter nachfragen konnte, ging sie wieder in den See. Verwirrt sah ich ihr nach, bis sie verschwunden war. „Was war das denn?“ murmelte ich. Sternenstaubdrache nahm an, dass sie einen Auftrag hatte, aber was genau, konnten wir auch nur erraten.

Abstimmung

Ein seichter Wind wehte über den Platz, ließ das Gras anmutig tanzen. Ein Schwarm von Vögeln zwitscherte in unmittelbarer Nähe. Noch einmal atmete ich tief durch, betrachtete durch das Fenster die Stelle, an der sich Yuseis Zimmer befand. Der Kloß in meinem Hals schien mich zu ersticken. „Es ist soweit“ hörte ich die vertraute Stimme hinter mir. Lediglich ein knappes Nicken hatte ich dafür übrig. Lieber wollte ich über den Platz gehen und bei ihm sein. In diesem Moment nahm ich eine Bewegung wahr. Jemand setzte sich ans Fenster. Ich schmunzelte. Sicher hatte er sich wieder dorthin gesetzt, um zu lesen. Wenn die ganze Sache vorbei ist, sollte ich ihm einen eigenen Raum, nur für seine Bücher einrichten. Ein Druck auf meiner Schulter zwang mich wieder in die Realität. Ich seufzte und drehte mich zu Jesse. Nickte ihm entschlossen zu. Erst einmal mussten wir die Abstimmung hinter uns bringen.

„Drake ist noch immer unschlüssig?“ fragte ich ihn leise.

Er nickte. „Hoffentlich hatte Yubel mehr Glück bei Valon.“

„Ja, hoffen wir es.“
 

Die schweren Holztüren wurden geöffnet und wir traten ein. Ich nahm meinen Platz ein, Jesse stellte sich an meine Seite.

„Wenn Ihr die Frage erlaubt, mein König: Was macht Meister Jesse hier?“ fragte Nate verwundert.

„Bald wird er Mitglied des Rats sein. Es spricht nichts dagegen, wenn er dieser Abstimmung beiwohnt.“

Ares nahm ebenfalls seinen Platz ein, doch er schien nicht im Mindesten irritiert über die Anwesenheit seines Neffen.

„Wird er auch eine Stimme haben?“

„Seid nicht albern, Meister Reiji“ sagte Ares. „Ich begrüße es sehr, dass er dieser Versammlung beiwohnt, doch abstimmen können nur Mitglieder des Rats, und noch ist das nicht der Fall.“

‚Leider‘ fügte ich gedanklich dazu.
 

Wenig später hatten auch die letzten Mitglieder des Rats Platz genommen, nur zwei der Stühle blieben frei. Ein Räuspern erklang, alle Augen waren auf Ares gerichtet. „Jetzt, wo alle anwesend sind-“

„Moment“ unterbrach ich ihn. „Meister Damian ist noch nicht eingetroffen.“

„Mein König, bei allem Respekt, aber die Schwere seiner Anklage erlaubt es ihm nicht, einer Abstimmung beizuwohnen.“

„Was?“ Irritiert betrachtete ich Meister Reiji. Doch er nickte nur knapp. Einen Seitenblick warf ich zu Jesse, der mich nur konfus ansah. „Er wurde nie verurteilt“ stellte ich klar. „Und er ist noch immer ein Mitglied des Rats. Und als solches wird er jeder Versammlung beiwohnen!“

„Gegen ihn steht ein Mordverdacht“ sagte Meister Reiji ernst. „Selbst wenn es nur ein kleiner Dieb war, der getötet wurde, war er ein wichtiger Zeuge. Meister Damian war derjenige, der den Trank gebraut und ihn verabreicht hat. Bis das aufgeklärt ist, darf er keiner Sitzung beiwohnen, bei der es um die Sicherheit unseres Reiches geht. So will es das Gesetz.“

„Hier geht es aber nicht um die Sicherheit unseres Reiches“ erwiderte Jesse, warf mir einen mahnenden Blick zu. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die Armlehnen meines Stuhls so fest umklammerte, dass meine Knöchel weiß wurden. Tief versuchte ich durchzuatmen, um mich zu beruhigen. Hier eine Szene zu machen, war taktisch unklug.

„Wenn man bedenkt welchen Schutzgeist der Mensch hat, schon.“

Zornig funkelte ich Ares an. „Was soll das heißen?“

Er erwiderte meinen Blick ernst. „Gegen die Menschen wäre ein Drache die wohl mächtigste Waffe, die wir besitzen. Und es geht hier schließlich um die Zukunft dieser Waffe.“

Ich schnaubte, versuchte meine Wut zu zügeln. „Yusei ist keine Waffe.“

„Darüber werden wir heute entscheiden.“

„Schön, dann wollen wir die Sache nicht weiter in die Länge ziehen“ knurrte ich.

„Sehr wohl, mein König“ sagte er, holte dabei eine Rolle Pergament hervor. „Da der Mensch ‚Yusei Fudo‘ von Beginn an als Kriegsgefangener zählte, hatte er nie dieselben Rechte wie die Dämonen dieses Landes und stand damit bis vor einiger Zeit noch im Besitz des Königs.“ Meine Finger krallten sich in die Lehne des Stuhls. Besitz. Es war so lächerlich. „Da der Mensch von König Haou in die Obhut von Meister Jesse, und dann schließlich in meine gegeben wurde, ist es nur logisch, dass seine Besitzrechte auf mich übertragen wurden.“

Ein abfälliges Schnalzen konnte ich mir nicht verkneifen. „Sofern er je als Besitz gesehen wurde.“

Reiji räusperte sich. „Wenn ich etwas fragen darf: Was erhofft Ihr Euch durch diese Abstimmung zu erreichen?“

„Ich will die Waffe, wenn man es so will, zielgerichteter machen.“

„Was soll das heißen?“

„Lasst es mich genauer erläutern, mein König. Ihr erinnert euch noch an die Voraussagung der Weisen?“

„Wenn der rote Drache erwacht, und fünf Monde vorüberziehen, werden die Menschen sich vereinen“ rezitierte Stone. „Wir erinnern uns. Aber habt Ihr Euch die Farbe seines Drachen angesehen? Er ist weiß.“

Ich nickte zustimmend.

„Das schon“ gab Ares zu. „Doch ein kleines Detail ist Euch entgangen, Meister Stone.“

„Und welches?“

„Sein Arm.“ Mein Herz setzte einen Schlag aus. Das Mal auf Yuseis Arm! Woher wusste Ares davon?! „Das Mal, das seit kurzem seinen Arm ziert, hat die Form eines roten Drachenkopfes.“

„Zufall“ warf ich ein. Jesse sah mich an, in seinem Blick ein Hauch von Mitleid. Ich wusste selbst, dass ein Zufall unwahrscheinlich war, doch ich wollte es nicht wahrhaben, dass ich dieses Zeichen übersehen hatte.

„Bei allem Respekt, mein König, aber es erscheint mir schon mehr als ein Zufall zu sein.“

„Nehmen wir an, Ihr habt recht“ warf Meister Nate ein. „Meint Ihr damit wirklich, dass uns der Angriff kurz bevorsteht?“

Ares nickte. „Er hat sich vor etwa zwei Wochen mit seinem Drachen verbunden. Stimmt die Vorhersehung der Weisen, haben wir nur noch gut vier Monate bis zum Angriff der Menschen. In dieser Zeit möchte ich aus dem Menschen eine Waffe schmieden, die unsere Gegner vernichten wird.“

„Und wie?“ fragte Drake interessiert.

„Mit dem Schwert weiß er bereits umzugehen. Doch um den Feind dort zu treffen, wo er am angreifbarsten ist, setze ich lieber auf Raffinesse. Ich werde den Menschen als Späher ausbilden, werde ihm beibringen an Informationen zu kommen, ohne selbst welche preiszugeben, und wenn er genug über unsere Feinde weiß, wird er die Möglichkeit haben sie mit seinem Drachen auszulöschen.“

Jegliche Farbe schien aus meinem Gesicht zu schwinden. Das kann Ares nicht ernst meinen.

„Warum der Umweg, wenn er sie nicht gleich auslöschen kann?“ fragte Crowler.

„Da sieht man, dass Ihr nie die Frontlinien gesehen habt“ erwiderte Reiji abschätzend. „Wir wissen weder wie stark ihre Truppen sind noch wie sie aufgestellt werden. Wir haben auch keine Ahnung über ihre Hierarchie oder ähnliches.“

„Stimmt schon“ murmelte er.

„Ihr wollt ihm also die Drecksarbeit überlassen“ knurrte ich.

Ares sah mich mit hochgezogener Braue an. „Aber ich dachte genau das war vor 13 Jahren Euer Anliegen. Hat sich daran etwas geändert?“

Durchdringend sah ich Meister Ares an. Dass er meine Worte von damals gegen mich richtet, hatte ich erwartet. „Wieso müssen Yusei dafür seine Rechte abgesprochen werden?“

„Rechte, die er meiner Ansicht nach nie besessen hat.“

„Genau darüber wollen wir abstimmen, nicht wahr?“ meldete sich Madame Tredwell zu Wort.

Ares nickte. „Ganz richtig.“

„Schön“ sagte ich ernst, blickte dabei in die Runde. „Aber bedenkt, dass er auch ohne Manipulation auf unserer Seite ist. Ihn zu bedrängen und zu unterwerfen, bringt uns nicht weiter.“

„Das ist Eure Sicht, mein König“ wandte Ares ein. „Aber bei solch einem heiklen Thema tendiere ich doch dazu, auf Nummer sicher zu gehen.“

„Dann lasst uns abstimmen“ meldete sich Stone. „Wer dafür ist, dass Yusei als Kriegsgefangener, und damit als Besitz zählt, möge seine Hand heben.“ Fünf Hände streckten sich sofort in die Höhe, immer weitere folgten. Mir wurde übel. Ich traute mich nicht, sie zu zählen, oder zu überblicken, wer sich gemeldet hatte. „Gegenstimmen?“ Meine Hand schnellte hoch, Madame Tredwell meldete sich ebenso. Zögerlich hob sich noch ein Arm. Valon. Doch dabei blieb es. „Dann ist es entschieden. Yusei wird von nun an offiziell als Sache gezählt und befindet sich derzeitig im Besitz von Meister Ares.“
 

Schlagartig war mir eiskalt, ich fühlte mich wie betäubt. Stone schwafelte weiter, die Ratsmitglieder erhoben sich, um den Raum zu verlassen, doch ich konnte mich nicht rühren. Ich hatte verloren. Ich hatte ihn verloren. Nur langsam begriff ich, was das bedeutete. Eine Hand auf meiner Schulter zwang mich wieder in die Realität. Mittlerweile hatte sich der Raum fast gänzlich geleert. Einzig Jesse und ich waren noch übrig. „Es tut mir so leid.“ Doch ich reagierte nicht, mied seinen Blick. Wie sollte ich das Yusei beibringen?

„Wäre Damian dabei gewesen, hätten wir gewonnen“ murmelte ich. Wir waren so kurz davor.

Jesses Griff wurde fester. „Ich wünschte wirklich, wir könnten noch etwas ändern. Du solltest zu ihm gehen, und es ihm selbst sagen.“

Mechanisch nickte ich, doch meine übrigen Muskeln versagten mir den Dienst. So elend hatte ich mich lang nicht gefühlt. Alle Energie war aus meinem Körper gewichen. Ich hatte nicht einmal die Kraft wütend zu sein.
 

Ich wusste nicht, wie lange ich da saß und vor mich hinstarrte. Jesse redete mir gut zu, und irgendwann hatte ich es geschafft aufzustehen. Der Weg zum Nebenkomplex kam mir vor wie der Gang zum Schafott. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich vor seiner Tür stand. Tief atmete ich durch, versuchte den Kloß in meinem Hals runterzuschlucken, doch es brachte nichts. Ein dezentes Klopfen, und ich trat ein, doch hielt inne. Meine Augen weiteten sich, ich vergaß fast zu atmen. Irritiert blickte ich zurück zu Jesse, der in einiger Entfernung auf mich wartete, dann aus dem Fenster, um mich zu versichern, dass ich wirklich im richtigen Zimmer war. Das war definitiv sein Behandlungsraum, doch er war leer. „Was ist los?“ fragte Jesse und kam auf mich zu. Auch er sah sich verwirrt um. „Wo ist er?“ Konfus schüttelte ich den Kopf. Meine Anweisung lautete, ihn in diesem Zimmer zu behalten. Was geht hier vor sich? Da fiel mir noch etwas auf. „Wo ist Yubel?“

Jesse blinzelte irritiert. „Stimmt, sie wollte vor dem Versammlungssaal auf uns warten.“

Ich hörte eine sich öffnende Tür und trat auf den Gang. In einiger Entfernung entdeckte ich die Heilerin, die sich um Yusei gekümmert hatte. „Wartet!“ rief ich, als sie weitergehen wollte.

Sie stoppte, verbeugte sich tief. „Was kann ich für Euch tun, mein König?“

„Wo ist er?!“

Traurig sah sie zu mir auf. „Meister Ares hat ihn mit sich genommen.“

„Warum hast du ihn nicht aufgehalten?!“ fuhr ich sie an.

„Haou“ wies mich Jesse leise zurecht, aber es kümmerte mich nicht. Langsam kam die Wut zurück.

„Der Hauptmann hat mir die Anweisung gegeben mich zurückzuziehen. Es tut mir leid, mein König.“

Ich schnaubte, schritt an ihr vorbei. Dieser Mistkerl!

„Wo willst du hin?“ fragte Jesse, als er mich eingeholt hatte.

Schnellen Schrittes bog ich zu den Stallungen ab. „Ich folge ihm.“

„Du weißt doch nicht, wo sie sich befinden!“

„Das Brachland im Südosten“ knurrte ich.

„Was?“ Jesse stellte sich mir in den Weg, sah mich durchdringend an. „Woher willst du das wissen?“

„Er hat es bei der letzten Versammlung erwähnt. Und jetzt geh mir aus dem Weg!“

„Nein.“

„Jesse!“

„Benutz deinen Kopf! Du weißt weder welchen Weg sie eingeschlagen haben noch wann sie aufgebrochen sind! Wenn sie mit den Stevas unterwegs sind, könnte nur Yubel sie einholen.“ Ich schnaubte, suchte die Umgebung nach jemandem ab, der mir helfen könnte. Wo, verdammt nochmal, steckt Yubel? Sie würde die beiden aus dem Himmel sicher schnell ausmachen können. Plötzlich tauchte aus Richtung der Stallungen eine bekannte Gestalt auf. Wutentbrannt drängelte ich mich an Jesse vorbei und lief auf Yubel zu. „Wo warst du?“ keifte ich, noch bevor sie gelandet war.

Sie wirkte milde irritiert. „Ich bin Ares gefolgt.“

„Was? Wo sind sie?!“

„Er reitet mit Yusei in den Südosten. So wie die Abstimmung ausgefallen ist, konnte ich ihn schlecht aufhalten, aber ich habe jemanden auf die beiden angesetzt.“

„Bring mich zu ihnen!“

„Keine gute Idee. Ares ist der Meinung, dass Yusei euch nur ablenkt und damit schadet. Wenn Ihr ihm jetzt folgt, bestätigt ihn das nur.“

Ich knurrte, sah hilfesuchend zu Jesse, doch auch er war wohl auf Yubels Seite. „Schön“ zischte ich. „Was hast du vor?“

„Mehr als ihn beobachten können wir im Moment nicht tun. Die Späherin, die den beiden folgt, ist sehr diskret, und sollte Ares Yusei irgendwie schaden, wird sie mich sofort benachrichtigen.“

„Und ausrichten könnten wir trotzdem nichts“ bemerkte ich leise, mied ihren Blick.

Das alles hätte ich Yusei lieber selbst gesagt. So wurde er einfach in die ganze Situation hineingezogen, ohne dass ich mich hätte verabschieden können.
 

Ich drehte mich um und machte mich auf den Weg zum Palast. „Was hast du vor?“ rief Jesse mir nach.

„Plan B“ murmelte ich.

Neuer Meister

„Hast du einen Tipp für mich?“ Yugi rutschte nervös auf seinem Stuhl herum, musterte mich angespannt.

„Keine Ahnung“ erwiderte ich. Seufzte. „Ich wurde zwar oft angegriffen, aber König Haou meinte, das läge daran, dass auch die Geister den Menschen noch nicht verziehen hätten. Also musst du dir darum wohl weniger Sorgen machen. Was sagt denn Mana?“

Er stöhnte verzweifelt und ließ den Kopf hängen. Als er wieder aufsah, erschien er mir etwas grün im Gesicht. „Sie meinte nur, dass ich schon gut genug vorbereitet wäre. Aber mal ehrlich, ich bin viel schlechter als sie damals! Und du hattest immerhin dein Schwert, mit dem du dich verteidigen konntest.“

„Ich finde du machst dich kleiner als du bist. Wenn Madame Tredwell und Meister Mahad nicht sicher wären, dass du das schaffst, würden sie deiner Reise zum Nebelberg doch nicht zustimmen, oder? Außerdem bewerten dich die Geister nicht nach deiner körperlichen oder magischen Stärke.“

„Ja, ich weiß“ seufzte er, mied meinen Blick. „Es ist fast wie bei einer Seelenbindung. Aber genau das macht mir ja Angst. Ich bin weder mutig noch stark. Keine Ahnung, ob ich das schaffe. Hey, warum lachst du?“

„Entschuldige“ sagte ich noch immer amüsiert. Ein kleines Lachen hatte ich mir einfach nicht verkneifen können. „Aber du bist einer der mutigsten Dämonen, die ich kenne. Immerhin bist du in den Palast eingebrochen und hast dich sogar Yubel und König Haou entgegengestellt. Und das nur, um mir zu helfen. Die wenigsten würden sich das trauen.“ Da fiel mir etwas ein und ich grinste verschmitzt. „Mana hat mir übrigens gesagt, dass sie an dem Tag wirklich beeindruckt von dir war.“

Ein leichter Rotschimmer bildete sich auf seinen Wangen, perplex sah er mich an. „Was?“

Ich nickte. „Sie sagte so eine Entschlossenheit hätte sie selten gesehen, und sie war tief beeindruckt von dir, weil sie sich das selbst nie getraut hätte. Und du hast auch bei König Haou Eindruck hinterlassen, sonst wäre deine Strafe für den Aufruhr nie so milde ausgefallen.“

Immer röter wurde er bei meiner Ansprache und er sah verlegen zur Seite. „Eindruck schinden würde ich das nicht unbedingt nennen.“

„Warum?“

„Weil…“ Er seufzte, wirkte niedergeschlagen. „Weil ich die ganze Zeit Angst hatte.“

„Na und?“

Überrascht sah er auf. „Wie ‚Na und?‘ Das war doch nicht mutig, wenn ich die ganze Zeit Angst gehabt habe!“

Ich schmunzelte. „Glaubst du ich hätte keine Angst? Oder Mana? Oder irgendjemand? Meister Damian hat mal gesagt es wäre die Angst, die uns mutig werden lässt.“

Im ersten Moment schien er verwirrt, doch dann schien er zu überlegen. „Stimmt… mein Großvater hat sowas auch mal gesagt.“

„Siehst du?“ sagte ich zufrieden.
 

Die Tür wurde geöffnet und wir sahen zum Eingang. Ich hatte mit Fonda gerechnet, oder Haou, doch unser Besucher überraschte mich. „Raus hier!“ Die Strenge in der Stimme von Meister Ares ließ Yugi verwirrt zu mir sehen, doch er gehorchte und verließ den Raum.

Mein Herz schlug schneller. Dass Meister Ares hier war, konnte nur eins bedeuten.

Er griff unter seinen Umhang und kam auf mich zu. Hervor holte er einen festen, schwarzen Lederstreifen mit einer seltsamen Verschlussvorrichtung. „Ein Halsband?“ fragte ich verwirrt. Im Innenteil des Leders waren komplizierte Runen eingraviert. Doch ehe ich sie genauer betrachten konnte, war Meister Ares dabei es mir anzulegen. Ich wollte zurückweichen, hielt jedoch inne. Wenn er die Abstimmung gewonnen hatte, und das war meine einzige Erklärung für sein Handeln, durfte ich mich nicht gegen ihn zur Wehr setzen.

„Leg deine Rüstung an und pack alles, was du für einen dreitägigen Ritt brauchst. In zehn Minuten findest du dich bei den Stallungen ein.“

„Wohin gehen wir?“ Sein strenger Blick ließ mich schlucken. „Hat… König Haou die Abstimmung verloren?“

Er sah mich missbilligend an. „Vielleicht mag es ihm im Moment so vorkommen, aber jeder von uns zieht aus dem Ergebnis der heutigen Abstimmung seinen Gewinn. So auch der König. Und jetzt beeil dich, deine Zeit läuft.“ Mit diesen Worten war er aus dem Raum verschwunden.

Einen Augenblick stand ich da wie erstarrt. Ich hatte es geahnt, aber es jetzt von ihm zu hören, traf mich wie ein Schlag. Haou hatte verloren…
 

„Vertraust du mir?“

„Ja“ antwortete ich konfus. Wie kommt er darauf?

Er sah mich ernst an. „Sollte morgen etwas schieflaufen, sollte Ares gewinnen und dich mir wegnehmen, habe ich vielleicht eine Idee, die uns helfen könnte. Aber es ist sehr riskant und dafür brauche ich Zeit und noch wichtiger: dein volles Vertrauen, sonst funktioniert mein Vorhaben nicht.“

Ich nickte. Dass er mir von seinen Sorgen erzählte, bestärkte mein Vertrauen in ihn. „Wie schlecht steht es?“ fragte ich.

Er seufzte, legte seine Hand an meine Wange. „Ich weiß es nicht. Aber sollte der schlimmste Fall eintreffen, mach ihn dir bitte nicht zum Feind. Und halte durch, versprichst du mir das?“

„Ich verspreche es.“

Ein trauriges Lächeln schlich sich in sein Gesicht. Zärtlich strich sein Daumen über meine Haut, ehe er seine Lippen auf meine legte.
 

Ich seufzte, fuhr mir mit der Hand durchs Gesicht. Atmete tief durch. Durchhalten. Nur was? Und wie lange? Meine Finger glitten über das Leder an meinem Hals. Langsam tastete ich mich vor bis zu meinem Nacken. An die Stelle, an der er es eigentlich verschlossen haben sollte. Doch es war absolut ebenmäßig. Die Runen im Inneren hatten eine Bedeutung, da war ich mir sicher. Nur welche? Ich schüttelte den Gedanken ab und machte mich fertig. Wenn ich zu spät bei den Stallungen eintreffen sollte, konnte ich mir nur schwer vorstellen, was mir blühen würde.
 

Wenig später war ich fertig und auf dem Weg zu den Stallungen. Von weitem erkannte ich Meister Ares und den Hauptmann, sie unterhielten sich neben zwei bereits gesattelten Pferden. Doch ehe ich etwas von der Unterhaltung mitbekommen konnte, sahen sie zu mir und verstummten. Der Hauptmann nickte knapp, lief auf mich zu. Als er an mir vorbeiging, musterte er mich prüfend, doch schwieg. „Du bist spät.“

„Entschuldigt“ antwortete ich, auch wenn ich mir sicher war, noch in der Zeit zu sein.

„Lass dir das eine Warnung sein. Solltest du nicht nach meinen Anweisungen handeln, mir widersprechen, oder einen Fehler mehrmals machen, wird deine Strafe schmerzhaft werden. Dasselbe gilt auch, wenn du deinen Drachen erscheinen lässt. Hast du das verstanden?“

Ich nickte, spürte die Wut meines Drachen, doch ermahnte ihn zur Ruhe. Haou sagte, er würde uns da rausholen, so lange mussten wir durchhalten und folgen. Sternenstaubdrache war nicht begeistert, beugte sich aber. „Ja ‚Meister‘ ist die korrekte Antwort. Hat man dir keine Manieren beigebracht?“

„Ja, Meister“ verbesserte ich mich, versuchte dabei das letzte Wort nicht sarkastisch zu betonen. Sein Verhalten erinnerte mich an Meister Zero, aber ihn hatte ich die letzten zehn Jahre auch ausgehalten.

„Weißt du wie man einen Steva reitet?“

Einen kurzen Blick warf ich in die Stallungen. Im hinteren Teil standen drei der muskulösen Tiere. Die Zweibeiner hatten kurzes, matschbraunes Fell, einen langen Hals und einen Kopf, der zu einem großen Teil aus dem messerscharfen, langen Schnabel bestand. Die krallenbesetzten, kräftigen Beine ermöglichten eine wahnsinnige Geschwindigkeit über so gut wie jedes Terrain, was sie zu den vielfältigsten und schnellsten Reittieren machte. Allerdings war es sehr schwer sie zu reiten. Selbst ausgebildete Tiere warfen ihren Reiter gern ab, wenn er es nicht richtig führte. Nicht selten gab es gab es schwere Verletzungen oder sogar Todesfolgen. Aus diesem Grund hatte ich keinerlei Erfahrung mit ihnen. „Nein, Meister“ antwortete ich deshalb.

„Wie enttäuschend, aber ich bin nicht überrascht. Dann werden wir die Pferde nehmen. Los.“

Ich band mein Gepäck hinter den Sattel und stieg auf. Meister Ares gab seinem Pferd bereits die Sporen.
 

Spät am Abend, wir hatten gerade die weitläufigen Wiesen hinter uns gelassen, drosselte Meister Ares endlich das Tempo. Seit wir die Stadt verlassen hatten, gönnte er den Pferden nur eine kurze Pause, und so langsam schienen sie am Ende ihrer Kräfte. Zielsicher steuerte er sein Tier durch das Dickicht des Waldes, bis wir zu einer kleinen Lichtung kamen. Von hier hatte man einen guten Einblick auf die Felder, über die wir geritten waren, doch durch das Dickicht blieben wir gut verborgen.

„Wir schlagen hier das Lager für die Nacht auf.“

Für die Pause war ich dankbar. Meine Beine schmerzten, mein Körper fühlte sich steif an. Keine Ahnung, ob ich so einen Ritt morgen wieder überstehen würde. Meister Ares hingegen sah aus, als wäre er gerade von einem kurzen Ausflug wiedergekommen. Dass ihm so eine Reise nichts auszumachen schien, erstaunte mich. Ich band die Zügel an einen nahegelegenen Baum und wollte Feuerholz sammeln. Doch ich kam nur wenige Schritte weit, da hielt er mich auf. „Was tust du da?“

Verwirrt drehte ich mich zu ihm. „Feuerholz sammeln.“

Kaum merklich schüttelte er den Kopf. „Hast du jemals ein Lager aufgestellt?“

„Ja“ erwiderte ich konfus. Plötzlich wurde mein Körper von einem unglaublichen Schmerz durchzogen. Ich sackte in die Knie, rang nach Luft. Doch so schnell wie er gekommen war, ebbte er wieder ab. Nur mein rasendes Herz beruhigte sich kaum. Was war das?

„Ja, Meister“ verbesserte er mich. „Das war das zweite Mal. Ich habe dir gesagt, dass dein Handeln ab sofort Konsequenzen nach sich zieht.“

„Was war das?“ keuchte ich, versuchte mich wieder auf die Beine zu kämpfen.

Er hob seinen Arm, dabei glitt der Stoff seines Gewandes zurück und legte eine Manschette an seinem Handgelenk frei. Sie schien aus demselben Material zu sein wie das Halsband, das er mir umgelegt hatte. „Eine nützliche Spielerei, wie ich finde. Wann immer ich es für nötig erachte, aktivieren sich die Insignien im Inneren des Leders und lassen dich diesen Schmerz fühlen, bis ich es beende. Des Weiteren hat er einen Schutzmechanismus gegen deinen Drachen. Solltest du versuchen ihn zu rufen, oder sollte er sich selbst materialisieren wollen, wird dich das gleiche Schicksal ereilen. Nur etwas… intensiver. Das gleiche passiert, wenn du dich zu weit von mir entfernst. Und die einzige Möglichkeit es wieder abzulegen ist, wenn ich es so will. Hast du das verstanden?“

Ich biss die Zähne zusammen, sah ihn scharf an. Er will meinen Drachen einsperren? Hat er so große Angst vor ihm? Er hat noch nie jemandem etwas getan! Diese ganzen Sicherheitsvorkehrungen sind absurd! Plötzlich durchzog eine weitere Welle von Schmerz meinen Körper, schien mich innerlich zu verbrennen. Ich sackte zu Boden und schrie auf. Meine Muskeln verkrampften, ich war wie gelähmt. Rang nach Atem. Der Schmerz ebbte einfach nicht ab.

Sternenstaubdrache war rasend vor Zorn. Ich spürte einen Druck in meinem Körper. Als würde er versuchen auszubrechen, aber etwas hinderte ihn. Bitte beruhige dich! Zu den höllischen Schmerzen gesellte sich ein Brennen in meinem rechten Arm. Das Atmen wurde immer schwerer. Ich konnte die Schmerzensschreie nicht kontrollieren, zwang mich meine Augen zu öffnen und lugte zu meinem Arm. Das Drachenmal glühte. Aber das war nichts im Vergleich zu den Qualen, die meinen Körper lähmten.

Vorsichtig sah ich auf. Ares stand vor mir. Verschwommen meinte ich Unglaube in seinen Augen zu lesen.

Eine weitere Welle von Schmerz durchzuckte meinen Körper, ich schrie auf. Verdammt. Bitte, Sternenstaubdrache, beruhige dich!

Eines der Pferde schnaubte nervös.

„Wenn du so weitermachst, bringst du dich selbst um“ hörte ich Ares‘ Stimme.

Das war eine einzige Qual. Ich konnte mich nicht rühren, lag nur zuckend am Boden und versuchte verzweifelt zu atmen.

Hör auf. Hör auf! HÖR AUF!

Erneut zwang ich mich die Augen zu öffnen. Alles war verschwommen. An der Seite des Meisters meinte ich zwei Gestalten zu sehen. Panisch rannten sie auf mich zu, doch wieder schrie ich auf, konnte den Schmerz kaum ertragen. Zwang mich zu atmen. Vage hörte ich vertraute Stimmen, die meinen Namen riefen. Ich versuchte mich darauf zu konzentrieren, was sie mir sagen wollten, doch ich scheiterte.

„Selbst eine niedere Kreatur wie du sollte sich darauf verstehen aufzugeben, wenn der Kampf aussichtslos ist“ sagte Meister Ares kalt. Ich versuchte ihn auszublenden, versuchte Sternenstaubdrache zu beruhigen, doch seine Worte waren wie Dolche, die sich in mich hineinbohrten. Erneut schrie ich auf. „Ich sehne mich nach dem Tag, an dem deinesgleichen vernichtet wird. Aber bis es so weit ist, solltest du am Leben bleiben, verstanden? Also nimm dich zusammen und kontrolliere deinen Schutzgeist.“

Wieder schrie ich meinen Schmerz hinaus, doch das linderte ihn nicht.

Die Pferde wieherten aufgeregt, Hufe scharrten über den Boden.

Sternenstaubdrache! Haou wird uns hier rausholen, aber wir müssen durchhalten… Bitte! Plötzlich erschlaffte mein Körper, der Schmerz war nicht mehr allgegenwärtig. Nur das Brennen meines Arms und meiner Muskeln blieb. Verzweifelt rang ich nach Luft, kämpfte gegen die Ohnmacht. Sternenstaubdrache hatte sich endlich beruhigt.

Mühsam öffnete ich meine Augen, blinzelte. Meister Ares hatte seine Hände hinter dem Rücken verschränkt und betrachtete mich missbilligend. „Versuche nie wieder dich gegen mich aufzulehnen, sonst endet dein kümmerliches Leben schneller, als du denkst. Ob du es glaubst oder nicht, aber das wollen wir beide nicht. Schließlich bist du uns noch von nutzen.“ Ich konnte nichts erwidern, schloss nur meine Augen. Kein Muskel in meinem Körper gehorchte mir mehr. Mein Herz raste noch immer. Die Geräusche um mich herum kamen zum Erliegen. Nichts wollte ich mehr, als mich der verführerischen Ruhe hinzugeben.

„Wenn ich Holz gesammelt habe, wirst du aufstehen und lernen, wie man als Späher ein Lager in feindlichem Gebiet errichtet. Jeder hat seine Aufgaben und dein kleines Unwohlsein ist keine Ausrede.“

Innerlich seufzte ich. Ich kann mich wohl glücklich schätzen, dass ich nicht sofort wieder aufstehen muss. Auch wenn ich dazu nicht einmal fähig wäre. Noch immer konnte ich kaum einen Muskel bewegen. Schritte entfernten sich, und ich versuchte mein noch immer schnell schlagendes Herz zu beruhigen. Eine warme Hand legte sich auf meine Schulter. „Wir holen dich hier raus“ flüsterte eine sanfte Stimme. Irritiert hob ich meine Lider. Für einen kurzen Augenblick sah ich traurige, graue Augen, doch schnell verblassten sie wieder. Auch das Drachenmal hörte endlich auf zu brennen und ich versuchte mich durch tiefe Atemzüge zu entspannen und schloss meine Augen. Jetzt hatte ich durch diese Tortour auch noch Halluzinationen. Großartig.
 

Als ich irgendwann Schritte aus der Ferne hörte, versuchte ich meinen Arm auf den Boden zu stemmen und aufzustehen. Meine Muskeln brannten höllisch, aber ich konnte sie wieder bewegen, wenn auch sehr steif. Außerdem war ich mir sicher, dass ich, wenn ich jetzt nicht aufstehen würde, wieder Schmerzen auszuhalten hätte, und darauf wollte ich verzichten.

„Du bist doch lernfähig“ sagte Ares abschätzend.

Ich verkniff mir einen Kommentar und stand endgültig auf, stützte mich an einem nahestehenden Baum ab, um meine zitternden Beine etwas zu entlasten. Tief atmete ich durch.

„Die Nacht bricht bald an“ sagte er, während er einen Stapel Holz fein säuberlich in die Mitte des Platzes legte. „Was muss als erstes errichtet werden?“

„Das Lagerfeuer.“

„Und wie gehst du vor?“

„Ich errichte mit Steinen eine Feuerstelle und entzünde dann das Holz.“

„Falsch.“ Kurz zuckte ich in Erwartung des Schmerzes zusammen, doch er sprach weiter. „Du bist in feindlicher Umgebung. Entzündest du das Feuer, machen sie deinen Standpunkt aus und töten dich. Also, zweiter Versuch.“

„Ich… ich weiß es nicht.“

Er schnaufte, schnappte sich junge Äste, die im Unterholz lagen und errichtete um eine kahle Stelle im Gras eine kleine Mauer. „Ein Sichtschutz?“ fragte ich zögerlich.

„Ganz recht. Jetzt bau den Feuerplatz auf, während ich das Zelt aufschlage.“

Ungelenk ging ich zum Feuerplatz, legte einige Steine im Kreis in den Sichtschutz und nahm mir das Holz, das Ares gesammelt hatte. Doch stutzte. Einige Stücke waren feucht, es würde furchtbar qualmen, wenn wir es entzünden würden. Ob das ein Test war? Ich griff mir nur das trockene Holz und stapelte es auf. Aus meiner Tasche holte ich anschließend mein Feuersalz, um die Flammen zu entfachen, aber wieder hielt Ares mich auf. „Was hast du jetzt wieder vor?“ fragte er misstrauisch.

„Ich will das Feuer entzünden.“

„Womit? Mir wurde berichtet, du könntest Magie anwenden. Einen einfachen Feuerzauber wirst du doch wohl beherrschen.“

Ich seufzte lautlos, festigte meinen Griff um die Phiole mit dem Feuersalz. Bei meinem letzten Versuch hatte ich beinahe meinen Behandlungsraum in Brand gesteckt. „Es wurde mir noch nicht gelehrt, seit ich Magie anwenden kann. Und ein Selbststudium wurde mir verboten.“

Er knurrte genervt und winkte mich zu sich. Hockte sich vor die Feuerstelle. Aus seinem Gewand zog er ein Stück Pergament. „Beherrschst du wenigstens die Insignien?“

„Ja“ antwortete ich, korrigierte meine Aussage aber schnell, als mich sein stechender Blick traf. „Ja, Meister.“

„Dann schreib sie auf.“

Ich folgte seinem Befehl und zeichnete mit dem dazu gereichten Stück Kohle die Insignien. Als ich es ihm reichte, nickte er. „Den Zauber auszuführen, lernst du an unserem Zielort. Im Moment reicht es mir, dass du zumindest die Zeichen beherrschst.“ Im nächsten Moment loderte eine kleine Flamme in seiner Hand, die er behutsam in die Feuerstelle setzte. „Zumindest das richtige Holz hast du gewählt“ fügte er widerwillig hinzu und stand auf. „Jetzt zur Lage: Warum habe ich diesen Ort ausgewählt?“

Also war es doch nur ein Test? Ich sah in den Wald. Das Dichte grün der Bäume ließ kaum noch Lichtstrahlen durch, sodass es bald finster sein würde. Auf der anderen Seite lagen die Felder, über die wir hergekommen waren. „Von hier hat man einen guten Ausblick über die Wiesen, ist aber gleichzeitig durch das Dickicht geschützt, sodass wir nicht gesehen werden können.“

Er deutete mit einem Kopfschwenk auf einen anderen Teil des Waldes. „Das hätten wir dort auch gehabt. Warum hier?“

Kurz sah ich zu dem Waldstück, dass er meinte. Das Unterholz schien genauso dicht wie hier, daran konnte es also nicht liegen. „Ich weiß es nicht“ gestand ich erneut.

„Der Wind“ sagte er schlicht.

Was? Ich versuchte zu verstehen, was er meinte, aber der Wind war so schwach, dass ich kaum ausmachen konnte aus welcher Richtung er wehte. Schon gar nicht im Schutz der Bäume.

Wieder schnaubte er. „Der Wind kommt aus südöstlicher Richtung, unsere einsehbare Fläche liegt im Norden. Der Geruch des Feuers, der Pferde und unser eigener wird also über freie Fläche geweht, die wir einsehen können.“

Endlich fiel der Groschen. „Also würde der Angriff aus gut sichtbarem Gebiet kommen.“

„Na endlich. Morgen wirst du ein geeignetes Lager ausfindig machen und aufbauen, und das fehlerfrei. Ich übernehme die erste Wache. Leg dein Schwert aber in greifbare Nähe.“

Er schritt an mir vorbei und setzte sich neben einem Baum, den Blick stur auf die Felder gerichtet. Verständnislos schüttelte ich den Kopf und zog mich zurück. Er benahm sich, als würde er tatsächlich jeden Moment einen Angriff erwarten.

Ich kroch ins Zelt und machte mir nicht einmal die Mühe meine Rüstung abzulegen. Noch immer schmerzte mein gesamter Körper und ich sehnte mich nur nach Schlaf. Es war sicher nur Glück, dass er nicht wieder das Halsband eingesetzt hatte, als ich keine Antwort auf seine Fragen gewusst hatte. Morgen würde ich sicher nicht so viel Glück haben. Schon gar nicht, wenn Sternenstaubdrache wieder rebellieren will. Ich spürte sein Bedauern, doch übelnehmen konnte ich es ihm nicht. Ares war ein Mistkerl, aber Haou sagte ich solle durchhalten. Mein Schwert legte ich wie befohlen neben mir ab und seufzte dabei. Legte mich auf die überraschend weiche Unterlage. Was Haou wohl gerade macht? Doch lange konnte ich nicht darüber nachdenken und driftete schnell in einen traumlosen Schlaf.

Eine lange Liste

Ein Tropfen von heißem Wachs floss langsam über die dicke Kerze auf meinem Schreibtisch. Ich beobachtete ihn, wie er auf das Holz des Tisches tropfte und sich dort verfestigte. Draußen war bereits das Zwitschern der Vögel zu hören, die den neuen Tag ankündigten. Seit der Abstimmung vor wenigen Tagen hatte ich nicht mehr richtig schlafen können, war immer wieder mitten in der Nacht aufgewacht und habe in unseren Gesetzestexten nach irgendeiner Lücke gesucht. Doch gefunden hatte ich nur diese eine, die mir Kopfzerbrechen bereitete. Ich seufzte, sah wieder auf das Pergament des dicken Buches vor mir. Ich hatte ein und denselben Absatz bereits mehrere Male gelesen, und wusste doch nicht, wie ich es anstellen sollte. Wenn alles gut geht, würde mein Plan funktionieren, doch es gab mehr Hürden als ich aufzählen konnte. Allen voran mangelte es mir an Verbündeten. Ich konnte weder mit Jesse noch mit Yubel darüber reden. Sie würden sich mit Sicherheit gegen mich verbünden und es mir ausreden wollen. Dafür hatte ich nicht die Kraft. Aber allein war es unmöglich zu bewältigen. Wieder stöhnte ich genervt und ließ mich in die Rückenlehne meines Stuhls sinken, starrte missmutig an die Decke. Wie soll ich es anstellen? Ich brauchte meine engsten Vertrauen für diesen Plan, aber alles erklären konnte ich ihnen nicht. Zumindest nicht bis zum richtigen Zeitpunkt. Bloß hatte ich nicht nur ein Problem vor mir, sondern gleich ein Duzend.

Ich atmete geräuschvoll aus und stand auf. Hier herumsitzen und Gesetzestexte wälzen brachte nichts mehr. Es gab nur diese eine Lücke, die ich ausnutzen konnte. Ein morgendlicher Ausritt würde mir sicher helfen meine Gedanken zu ordnen, und so verließ ich mein Zimmer und steuerte die Stallungen an. Um diese Zeit begegnete ich in den Gängen des Palasts einzig den Wachen, die auf meinen Befehl hin seit dem Anschlag verdoppelt wurden. So blieb mir eine Unterhaltung erspart und ich konnte in Ruhe über mein weiteres Vorgehen nachdenken. Doch ich musste erst die dringlichsten Punkte priorisieren. Gedankenverloren trat ich aus dem Nebengang auf den weitläufigen Platz. Prompt erschien eine schmale Gestalt am heller werdenden Himmel und landete wenige Meter vor mir. Ich verdrehte die Augen und blieb stehen. Damit hätte ich rechnen können. „Jetzt nicht“ wehrte ich ab, bevor Yubel etwas sagen konnte. „Ich will nur einen Ausritt machen, mehr nicht.“

Sie musterte mich einen Moment schweigend, hielt mich aber nicht auf, also setzte ich meinen Weg fort. Natürlich folgte sie mir. Am Stall angekommen, hielt ich überrascht inne, neigte meinen Kopf zu Yubel, die ein kleines Schmunzeln aufgelegt hatte. „Hast du das angeordnet?“

Sie zuckte mit den Schultern, während sie ihre Arme verschränkte. „Ich kenne Euch schon Euer ganzes Leben lang, also ja. Als Ihr Euer Zimmer verlassen habt, bin ich hier hergeflogen und habe Euer Pferd satteln lassen.“

Ein kleines Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Dankbar stieg ich in den Sattel und trieb mein Pferd an. Flankiert von Yubel ritt ich durch die Stadt, die gerade erst dabei war zu erwachen. Nur wenige Dämonen waren bereits auf den Straßen unterwegs, um ihrem Alltag nachzugehen. Einige brachten ihre Waren mit einem Karren zum Marktplatz, andere fegten die Wege vor ihren Häusern. Dementsprechend schnell war ich am Tor angekommen und ließ meine Stadt hinter mir. Genoss den Wind in meinem Gesicht. Das trappeln der Hufe auf dem Boden. Endlich war mein Kopf frei von trüben Gedanken, und ich erlaubte es mir einen Moment zu genießen, dass ich für kurze Zeit frei war.

Doch schnell schlug mir die kalte Realität entgegen.

Ich war gen Westen unterwegs, am Horizont konnte ich die Bergkette des Erithgebirges ausmachen. Eigentlich wollten wir Lymans Mörder dort eine Falle stellen, doch der Dolch, in dem wir die gefälschten Koordinaten versteckt hatten, die zu diesem Teil des Landes führten, war noch immer im Besitz von Madame Tredwell. In dem Punkt waren wir also noch immer nicht weitergekommen. Ich atmete tief durch, lenkte die Zügel meines Pferdes in südwestliche Richtung. Na schön, tief durchatmen, ein Problem nach dem anderen.

Den Mörder zu fassen konnte ich kaum beeinflussen, so stellte ich diese Misere vorerst hinten an. Auch der See, der sich bei den originalen Koordinaten befindet, wird gerade untersucht, sodass ich im Moment nur abwarten kann. Viel dringlicher war das Problem mit Ares und Yusei. Wie ich von Yubel erfahren hatte, waren sie bereits im Brachland angekommen, doch bereitete mir die Nachricht Sorgen, dass Yusei bereits einige Male ohne Vorwarnung zusammengebrochen war und allem Anschein nach waren diese Vorfälle alle mit starken Schmerzen verbunden. Ich konnte mir aber keinen Reim darauf machen, denn Ares stand angeblich nur neben ihm, bis er sich wieder erholt hatte. Er musste irgendeinen Zauber anwenden, doch die Späherin, die Yubel losgeschickt hatte, um sie zu beobachten, konnte nicht sagen ob und welcher Zauber dazu eingesetzt worden war. Wieder flammte Wut in mir auf. Ares war ein Mistkerl, doch diese ganze Situation hatte ich ihm nie zugetraut. In einem unvorsichtigen Moment hatte er seine Chance erkannt und sie ohne erbarmen ergriffen.

Ich schnaubte, trieb mein Pferd schneller an. Das wird er noch bereuen. Eine Weile galoppierte ich durch den Wald. Wütend, traurig, verzweifelt. Erst als ich das Tempo drosselte, konnte ich mich wieder auf das eigentliche Ziel meines Ausritts konzentrieren. Ich musste überlegen, wie genau ich vorgehen wollte. Ein halbgarer Plan würde mir nichts bringen, es wäre zu riskant, und würde nicht nur mich, sondern auch Yusei in Gefahr bringen.

Tief atmete ich durch. Was zuerst? Ich musste alle Vorbereitungen treffen, doch dazu musste ich einen Magier einweihen. Die einzig infrage kommende Person war Madame Tredwell. Mit ihr würde ich also zuerst reden. Und dann? Ich sah in den Himmel, erkannte Yubels Silhouette vor dem weiten Blau. Bevor ich sie einweihe, brauche ich unbedingt mehr Informationen über Ares‘ Vorgehen. Wichtiger Bestandteil meines Plans war es, Yusei von Ares zu trennen, doch letzterer war nicht ohne Grund Altmeister und hatte den Ruf die besten Späher auszubilden. Es war mehr als schwierig sich an ihn anzuschleichen, und er bewachte Yusei wie ein Schießhund. Es war vermutlich einfacher einem brütenden Drachen das Ei zu stehlen, als Yusei zu entführen.

Na schön, angenommen ich hätte alle Informationen gesammelt, dann wäre der nächste Schritt die Entführung. Dafür brauchte ich die Hilfe der Späherin. Spätestens dann musste ich Yubel einweihen, da die gesamte Kommunikation über sie stattfand. Und Jesse? Ein tiefer Seufzer entfloh mir. Jesse würde ich spätestens in der letzten Phase meines Plans brauchen, doch ich bezweifelte stark, dass er einverstanden wäre. Würde er mir trotzdem helfen? Es gab mehrere Risiken bei der ganzen Sache, und Jesse war definitiv eines davon. Ich hatte den Wald hinter mir gelassen und lenkte mein Pferd südöstlich, um in einem großen Bogen zurück zur Stadt reiten zu können. Eins nach dem anderen. Langsam hatte ich eine grobe Orientierung, angefangen mit Madame Tredwell.
 

Auf dem Palastgelände angekommen, stieg ich schnell von meinem Pferd und machte mich auf zum Studienflügel, in dem ich die Hofzauberin vermutete. Doch landete die schlanke Gestalt Yubels direkt vor mir und versperrte mir den Weg. „Geht es Euch wieder besser?“

„Ja“ antwortete ich zerstreut, sah an ihr vorbei zum Palast. Ich wollte so schnell wie möglich mit Madame Tredwell sprechen.

„Sehr gut. Ich muss Euch etwas zeigen, und dafür brauche ich Eure volle Aufmerksamkeit.“ Nun sah ich doch wieder zu Yubel. Ihr Blick sagte mir, dass es ernst war.
 

In ihrer Kemenate angekommen, schloss sie die Tür hinter uns und lief zielgerichtet zu ihrem Bücherregal. Als sie scheinbar etwas suchte, sah ich mich flüchtig um. In all den Jahren konnte man an einer Hand abzählen, wie oft ich dieses Zimmer betreten hatte. Die dunklen Holzmöbel waren verziert mit kunstvollen Schnitzereien, ließen den aber ohnehin schon kleinen und dunkeln Raum noch beengter wirken. Eine Wand hinter dem Bett wurde gänzlich von einem Teppich eingenommen, der die Geschichte unseres Landes zeigte. Die Holzplatte der Kommode zu meiner linken war zerkratzt, auf ihr stand in einem großen Topf eine Aalkannenpflanze. Skeptisch beäugte ich das Gewächs. Die dicken, schwarzen Blütenköpfe mit den roten Musterungen waren geschlossen und nur durch einen dünnen, verwelkt aussehenden, Stängel aufrechterhalten. Sanft bewegte sich die Pflanze, als würde eine leichte Brise wehen, doch das war nicht der Fall.

Plötzlich öffnete sich ein Blütenkopf und schnellte auf mich zu. Ich wich zurück, doch ein Schlag ließ die Pflanze murren, sodass sie sich zurückzog.

Erst jetzt spürte ich, wie mein Herz raste. Yubel hatte ein gerolltes Pergament in der Hand, sah die Pflanze tadelnd und mit verschränkten Armen an. „Benimm dich“ grollte sie.

„Was wolltest du mir zeigen?“ fragte ich, ließ die Pflanze dabei nicht aus den Augen. In einem Abstand, der mir sicher erschien, stellte ich mich an ihren Schreibtisch, auf dem sie das Pergament ausrollte. Eine Landkarte. Sie zeigte einen Ausschnitt im Wald, doch zogen sich viele verästelte Linien darüber, auf die ich mir keinen Reim machen konnte.

„Kommt Euch das bekannt vor?“

„Nein“ gestand ich, überblickte noch einmal die Landschaft, ohne mich auf die Linien zu konzentrieren. Mitten im Wald war ein See, umgeben von einer Lichtung. Plötzlich begriff ich. „Ist das der See, zu dem die Koordinaten führen?“

Sie nickte, deutete auf einen Bereich im Westen. „Hier ist das Dorf, dessen Wiederaufbau wir vor einigen Jahren beaufsichtigt haben.“ Ihre Finger wanderten weiter östlich. Zu dem Punkt, an dem die Linien zusammenführten. „Und hier…“

„Das Untergrund Labyrinth“ dämmerte es mir. Noch einmal besah ich mir die Linien. Das waren hunderte Meter unterirdischer Tunnel. „Aber was ist damit?“ fragte ich und sah wieder zu Yubel.

Sie erwiderte meinen Blick ernst. „Könnt ihr Euch noch an unsere Unterhaltung von neulich erinnern? Darüber, dass Yusei früher oft in dieser Gegend ausgerissen ist, und alles erkunden wollte?“

Irritiert nickte ich. Worauf will sie hinaus?

„Damals habe ich ihn oft in diesen Tunneln eingefangen. Auch als er nach seiner Schwertprüfung mit Sternenstaubdrache geflüchtet ist, habe ich ihn dort gefunden.“

„Ja, aber was hat das Ganze mit den Koordinaten zu tun?“

Wieder deutete sie auf die Linien. „Als ich mir die Karte genauer angesehen habe, ist es mir aufgefallen. Sie ist unvollständig. Es sind nicht alle Tunnel eingezeichnet.“

„Okay?“ erwiderte ich konfus. Ich verstand ihren Vortrag noch immer nicht.

„Da wir den See an allen Seiten abgesucht und auch am Grund nichts gefunden haben, kam mir die Idee. Was, wenn die Koordinaten uns zu einer Stelle unter dem See führen? Eine Stelle, die in den Tunnelkarten nicht verzeichnet ist?“

Mit geweiteten Augen starrte ich sie an. Endlich begriff ich. „Haben die Späher schon was gefunden?“ fragte ich aufgeregt. War ich mir doch sicher, dass sie den Befehl bereits weitergegeben hatte.

„Nein, sie versuchen gerade eine neue Karte anzulegen, aber das wird dauern. Ich wollte Euch nur auf dem Laufenden halten.“

Ich nickte, hielt meine Hand an mein Kinn. Die Idee war gut. Sehr gut sogar. Mir wäre nie aufgefallen, dass es weitere Tunnel gibt, die nicht auf einer Karte auftauchen. Hätte sie sich früher nicht zwangsläufig in diese Tunnel begeben müssen, wäre es ihr vermutlich auch nie bewusst geworden. „Aber wie kann das sein?“ dachte ich laut. „Wieso eine Karte über das Tunnelsystem anlegen und Gänge weglassen?“

Yubel zuckte mit den Schultern. „Einige der Zugänge wurden freigelegt, weil die Wände eingestürzt waren. Es kann gut sein, dass einer dieser Gänge uns unter den See führen wird.“

Wieder besah ich mir die Karte. Der Gang, der dem See am nächsten war, war noch immer gut vierhundert Meter vom Punkt der Koordinaten entfernt. „Halt mich auf dem Laufenden, ja?“

„Selbstverständlich.“

„Danke“ sagte ich, ging zur Tür, um den Raum zu verlassen, machte dabei allerdings einen Bogen um die Raubpflanze.

„Wohin müsst Ihr so eilig?“

Irritiert warf ich ihr einen Blick über die Schulter zu. „Was?“

„Als Ihr von Eurem Ausflug zurück wart, konntet Ihr es nicht erwarten in den Palast zu gelangen. Was ist los?“

„Ich will zu Madame Tredwell“ hörte ich mich plötzlich sagen, ohne, dass ich es wollte.

„Warum?“

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Noch wollte ich ihr nichts sagen, und ich hatte keine plausible Antwort auf diese Frage, bis mir plötzlich eine gute Ausrede einfiel. „Ich wollte, dass sie mir einen Trank braut.“

„Einen Trank?“ hakte sie nach. „Wäre das nicht eher Meister Damians Fachgebiet?“

„Es ist nur ein Schlaftrank, den könnte ich auch selbst brauen. Außerdem wollte ich mich nach ihr erkundigen.“

Anscheinend hatte sie die Ausrede geschluckt, denn sie nickte lediglich. „Soll ich Euch begleiten?“

„Nein, schon gut. Konzentriere dich lieber auf die Karte und sag den Spähern sie sollen sich beeilen.“

Wieder nickte sie, dann verließ ich den Raum.
 

~*~
 

„Seid Ihr Euch wirklich sicher, mein König?“ Unschlüssig sah mich die Hofzauberin an. Natürlich hielt sie es für einen schlechten Plan. Ich ebenfalls, aber ich hatte mir tagelang den Kopf darüber zerbrochen und kam doch nur zu dem Ergebnis, dass ich keine andere Wahl hatte, wenn ich Yusei retten wollte. Es war meine letzte Möglichkeit.

„Glaubt mir, ich kenne die Risiken und bin bereit, sie einzugehen.“

„Das sind aber gewaltige Risiken“ gab sie zu bedenken. „Außerdem solltet Ihr weiter in die Zukunft blicken als nur die nächsten paar Jahre. Yusei ist ein Mensch, und seine-“

„Ja, ich weiß“ unterbrach ich sie, wischte ihre Bedenken beiseite. „Und niemand weiß, ob es mit ihm überhaupt funktioniert.“

„Und dennoch wollt Ihr es riskieren?“

„Habt Ihr eine bessere Idee?“ hielt ich dagegen.

Sie seufzte, wägte ihre Worte ab. „Wenn es nicht korrekt durchgeführt wird, wäre selbst der Tod ein weit gnädigeres Schicksal. Bitte denkt auch an Euer Volk.“

„Könnt Ihr mir helfen, oder nicht?“ wiederholte ich meine Frage.

Sie kaute auf ihrer Lippe herum. Ein nervöser Tick, wenn sie sich entscheiden musste. „Wäre Meister Nate nicht die bessere Wahl dafür? Es ist sein Fachgebiet und ich habe das Ritual noch nie durchgeführt. Er schon.“

„Ich vertraue Euch bedeutend mehr.“

Ein leises Seufzen, sie ging einige Schritte durch den Raum. Meine innere Unruhe schien mich aufzuzehren. „Wie viel Zeit habe ich?“

„Bis zum nächsten Blutmond.“

„Das ist in knapp drei Wochen“ erwiderte sie überrascht.

„Ich würde Euch nicht darum bitten, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe.“

„Schon, aber…“ Sie sah mich eindringlich an, seufzte. „Ihr seid Euch wirklich ganz sicher?“

Ich nickte. Mein Entschluss stand fest. Ich hätte ihn schon einmal fast verloren, und diesen Fehler wollte ich kein weiteres Mal begehen.

„Na gut“ sagte sie schließlich, doch betrachtete mich dabei besorgt. „Ich werde einiges recherchieren müssen, aber ich werde Euch helfen. Nur bitte versprecht mir Euch genau an meine Anweisungen zu halten, wenn es so weit ist. Zu euer beider Sicherheit.“

Erleichtert atmete ich auf, nickte ihr dankbar zu. Der erste Schritt war getan, jetzt gab es kein Zurück mehr.
 

Am frühen Abend machte ich mich auf den Weg in meine Gemächer. Der Tag war lang und kräftezehrend gewesen, und ich hatte meine Ausrede wahr gemacht und mir von Madame Tredwell einen Trank geben lassen, um zumindest eine erholsame Nacht zu haben. Ich würde ihn gleich einnehmen und sehnte den Schlaf geradezu herbei. Doch als ich die Tür öffnete, wusste ich, dass sich dieser Wunsch nicht sofort erfüllen würde. Jesse wartete bereits auf mich, nichts Ungewöhnliches, doch etwas war seltsam. Statt wie üblich auf meinem Tisch zu sitzen, hatte er in meinem Stuhl Platz genommen, und beachtete mich nicht. Fragend hob ich eine Augenbraue. Erst als ich die Tür geschlossen hatte, sah er auf. Seine grünen Augen glühten förmlich vor Wut. „Ist das dein Ernst?!“

„Was?“ erwiderte ich irritiert. Erst da betrachtete ich das aufgeschlagene Buch auf dem Tisch. Verdammt! So wie er aussah, hatte er den Text gelesen, auf dem mein Plan aufbaute. Ich versuchte nach außen hin ruhig zu wirken, doch mein Herz raste. So hatte ich mir die Sache nicht ausgemalt.

Jesse stand auf, stemmte eine Hand in die Hüfte und rieb sich mit der anderen die Nasenwurzel. „Bitte sag mir nicht, dass du etwas so kolossal Dummes tun würdest, um Yusei zu helfen.“

Angespannt atmete ich aus. Er hatte eins und eins schneller zusammengezählt, als mir lieb war. Jetzt gab es kein zurück mehr. Ich musste ihn überzeugen. „Und wenn es so wäre?“

Aus seinem Gesicht wich jede Farbe. Ungläubig sah er mich an. „Das kann nicht dein Ernst sein. Bitte Haou, sag mir, dass du mich nur auf den Arm nimmst.“ Doch mein entschlossener Blick schien ihm Antwort genug. Verzweifelt fuhr er sich durch das Haar, tigerte dabei durch den Raum. „Denk doch mal nach was alles schief gehen kann! Allein wirst du das Ritual nicht durchführen können, und kein Magier, der noch bei Verstand ist, würde dir helfen! Und wenn doch, wüssten wir nicht einmal, ob Yusei das überleben kann! Hast du schon mal daran gedacht?“

Ich verschränkte die Arme. „Das hast du bei seiner Schutzgeistzeremonie auch behauptet.“

„Das ist etwas völlig anderes, und das weißt du!“

„Warum? Seine Physiognomie ist unserer nicht unähnlich, das weißt du.“

Er schnaufte, kam mir immer näher. „Komm schon! So kurzsichtig bist nicht einmal du.“ Fest griff er meine Schultern, schüttelte sie leicht. „Nehmen wir mal an es würde funktionieren, denk doch mal weiter als nur die nächsten paar Monate oder Jahre! Yusei ist ein Mensch! Er stirbt weit früher als wir!“

„Das weiß ich!“ brüllte ich, schlug seine Hände beiseite.

Doch Jesse ließ sich nicht beirren. „Dann weißt du auch, dass diese ganze Sache ein einziges Risiko für dich ist! Ist er das wirklich wert?!“

„Natürlich! Deswegen bin ich bereit es einzugehen!“

„Warum?“

„Weil du recht hattest, du Idiot!“ Schwer atmete ich, versuchte das Chaos an Gefühlen in meinem Inneren zu bändigen.

Jesse starrte mich nur irritiert an. „Was?“

„Du hattest recht“ würgte ich hervor, mied seinen Blick. „Ich… wollte es mir nicht eingestehen, aber…“ Meine Hände ballten sich zu Fäusten, ich kniff die Augen zusammen. „Ich liebe ihn.“ Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, erst in diesem Moment begriff ich wirklich was er mir bedeutete. Und wie schwer die Schuld auf meinen Schultern lastete. Ich liebte ihn und war dafür verantwortlich, dass er jetzt in so einer Situation steckte. Dass er jetzt nicht bei mir war. Dass er in Gefahr war. Angespannt atmete ich aus, versuchte mich zu beruhigen. „Wenn Ares ihn… Ich könnte mir das selbst nie verzeihen. Ich kann es nicht rückgängig machen, aber ich würde alles tun, um ihn zurückzuholen.“

Doch statt eine Antwort zu erhalten, spürte ich Jesses Arme um meinem Hals. Seinen Körper, den er sanft an mich drückte, um mich in einer tröstenden Umarmung zu halten. Ich holte tief Luft, ließ sie langsam entweichen. Es war der einzige Weg ihn wieder bei mir zu haben. In Sicherheit.

„Hast du dir das wirklich gut überlegt?“

Den Kloß in meinem Hals versuchte ich hinunterzuschlucken, nickte.

Ein Seufzen war zu hören. „Ich wünschte wirklich, du wärst nicht so ein verdammter Dickkopf.“

Ungewollt musste ich schmunzeln. „Also hilfst du mir?“

„Ich glaube, das ist die dümmste Idee, die du je hattest.“ Er löste sich von mir, betrachtete mich entschlossen. „Aber wenn ich dir nicht helfe, versuchst du sowieso es allein durchzuziehen, habe ich recht?“ Mein kleines Grinsen war ihm Antwort genug. „Also, was hast du vor?“

Ccarayhua

Leise raschelten die Blätter im Wind, während ich von meinem Versteck in einer Astgabelung aus eine Lichtung beobachtete. Dabei achtete ich darauf, dass ich im Windschatten verborgen blieb. Hier irgendwo müsste er sein, die Spuren deuteten darauf, dass ich nah dran war. Plötzlich trat eine Gestalt beinahe lautlos aus dem Unterholz. Meine Brauen wanderten tief in mein Gesicht, aus der Halterung an meinem Bein zog ich ein dünnes Wurfmesser heraus. Atmete tief durch. Meister Ares sah sich um. Als er mir den Rücken zudrehte, nahm ich meine Chance wahr und schleuderte ihm das Messer entgegen. Zielte dabei direkt auf seinen Kopf. In einer geschmeidigen Bewegung neigte er sich zur Seite und fing die Waffe auf. Warf mir über die Schulter einen kalten Blick zu.

Scharf zog ich die Luft ein.

Sprang schnell aus meinem Versteck auf einen nahegelegenen Ast. Hinter mir hörte ich das Krachen des Holzes, spürte Splitter, die auf meine Rüstung trafen. Mein Herz raste. Wie hat er mich so schnell gefunden? Ich blieb in Bewegung, wich seinen Angriffen aus, sprang auf die Lichtung und rollte mich ab. Dabei zog ich ein weiteres Messer und schleuderte es ihm entgegen. Eine Verzweiflungstat, das wussten wir beide. Eine Druckwelle, scharf wie ein Schwert raste auf mich zu. Ich konnte nicht ausweichen, hob nur meine Arme vor meinen Kopf, doch wurde nach hinten geschleudert. Der Aufprall presste die Luft aus meinen Lungen und ich rutschte über die Wiese. Knapp neben meinem Gesicht bohrte sich das Messer in den Boden. Ich stöhnte genervt. Wieder verloren.

Schritte bewegten sich über das Gras, kamen langsam auf mich zu. „Du bist viel zu laut. Wie oft muss ich dir das eigentlich noch sagen?“

Geräuschvoll atmete ich aus und rappelte mich wieder auf. „Entschuldigt, Meister.“ Immerhin ein Elektroshock blieb mir erspart. Das bedeutete, dass er zumindest einen kleinen Fortschritt in unserem Training gesehen haben musste.

„Und noch etwas: Wenn du beim nächsten Mal auf meinen Kopf zielst, erreichst du den Boden nur noch jämmerlich zuckend, hast du das verstanden?“

„Ja, Meister“ erwiderte ich ruhig. Versuchte dabei meine Belustigung im Keim zu ersticken. Er hatte schließlich nie explizit gesagt, wohin ich zielen sollte. Nur, dass ich versuchen sollte ihn zu treffen.

„Na los, beweg dich. Wir haben noch einen langen Ritt vor uns.“

Ich verneigte mich leicht und folgte ihm. Vor einigen Tagen noch hätte ich nach dem Ziel unserer Reise gefragt, doch ich hatte gelernt still zu bleiben, solange er mich nicht ansprach. Es war weniger schmerzhaft es einfach hinzunehmen, und ich musste nicht für immer ausharren. Haou würde mir helfen, wenn es so weit ist, bis dahin musste ich mich gedulden. Selbst Sternenstaubdrache hielt sich inzwischen zurück, auch wenn diese Lektion schmerzhaft für uns beide war.
 

Wenige Stunden nachdem wir unser Lager abgebaut hatten, konnte man am Horizont bereits eine Stadt ausmachen. „Wo sind wir?“ fragte Meister Ares lauernd, blickte dabei stur geradeaus. Dunkel erinnerte ich mich an die Landkarte, die ich hatte studieren müssen. Im Südosten gab es mehrere Städte, die wir bis heute alle gemieden hatten. Nur ein Dorf hatten wir betreten, um Vorräte aufzufüllen. Ausgehend von unserem letzten Standpunkt und dem Umweg, den wir geritten waren, weil uns jemand hätte verfolgen können, konnte es nur eine Stadt sein. „Estara.“

„Korrekt“ knurrte er. „Einige Dinge für deine Ausbildung können wir nur hier erwerben.“

Ich verkniff mir die Frage, was genau wir hier brauchen würden, auch wenn es mich wirklich interessierte. Schließlich hatte ich bisher all meine Sachen in der Hauptstadt besorgen können, wenn es nicht bereits im Schloss vorhanden war.

Während wir durch die Stadt ritten, versuchte ich mich unauffällig umzusehen. Die Dämonen, die uns sahen, machten einen großen Bogen um uns, was uns das Vorankommen sehr einfach machte. Doch wir waren die einzigen, denen es so erging. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich den Ausdruck in ihren Augen. Die Blicke der meisten Bewohner schienen mir zu gelten. Einige sahen mich ängstlich an, schoben ihre Kinder dabei unauffällig hinter ihren Rücken. Andere blickten beinahe ehrfürchtig zu mir auf. Wieder andere sahen so aus, als müsse ich mich in Acht nehmen um kein Messer in den Rücken gerammt zu bekommen.

Dementsprechend beunruhigt war ich, dass Meister Ares das Tempo drosselte. Anscheinend steuerte er ein Haus an, aus dessen Dach etliche Kamine ragten, die einen eigentümlichen Geruch aussonderten. Es erinnerte mich ein wenig an die Kammer von Meister Damian, doch ganz passte es nicht. Oder wie der Laden von Yugis Großvater, wenn er Runenverzauberungen anfertigte. Ja, der Geruch passte eher. Plötzlich blieb der Meister stehen und stieg von seinem Pferd, band es fest und sah mich abwartend an. Als ich ebenfalls dazu ansetzte abzusteigen, hob er die Hand. Stillstehen. Das bedeutete das Zeichen, also blieb ich im Sattel. „Gib mir deine Armschienen“ befahl er plötzlich.

Irritiert sah ich ihn an, zögerte, doch gehorchte und legte meine Rüstungsteile ab. Doch eine Erklärung blieb er mir schuldig. Er nahm sie nur an sich und betrat damit die Runenschmiede.

Unschlüssig sah ich mich um. Die Dämonen machten noch immer einen großen Bogen um mich. Ob es an Sternenstaubdrache lag, oder der Tatsache, dass ich ein Mensch war, wusste ich nicht. Vielleicht eine Mischung aus beidem, aber sie wussten definitiv, wer ich war. Mittlerweile hatte sich die Nachricht, dass sich ein Drache mit einem Menschen verbunden hatte, sicher im ganzen Land herumgesprochen. Unter anderem deshalb hatte Haou Sorge, dass ich allein unterwegs war. Weil niemand genau wusste, wie die Dämonen reagieren würden. In der Hauptstadt hatte sich die Lage längst beruhigt, doch hier? Sie hatten Angst.

„Seid Ihr der Mensch?“

Überrascht neigte ich meinen Kopf über die Schulter. Zog dabei an den Zügeln, damit mein Pferd sich drehte. Ein betagter Dämon hatte sich auf seinem Stock gestützt und sah neugierig zu mir auf. Lange graue Haare lagen in Wellen über seinen Schultern. Auch sein voller Bart war ergraut, verdeckte beinahe sein ganzes Gesicht. Doch klar erkannte man seine Augen. Sie waren beinahe weiß und trüb. Er war erblindet. Doch trotzdem war da kein Hass in ihnen. Keine Angst. „Ja“ antwortete ich, neigte meinen Kopf. „Mein Name ist Yusei.“

„Es ist mir eine Ehre“ antwortete er, verbeugte sich dabei dezent. „Ich habe lange auf diesen Tag gewartet.“

„Was meint Ihr?“

„Der Tag, an dem die Drachen zurückkehren werden.“

Drachen? Mehrzahl? „Es… tut mir leid, aber ich habe nur Sternenstaubdrache auf dem Nebelberg angetroffen.“

Er schüttelte den Kopf, trotz des Bartes konnte ich sehen, wie er lächelte. „Ich mag meine Sehkraft vor vielen Jahren verloren haben, doch ich bin nicht blind, mein Junge.“ Seine freie Hand wanderte unter seinen Bart. Zum Vorschein kam im nächsten Moment ein Amulett, das um seinen Hals hing. Mit einem Ruck zerriss er das Leder. Er überbrückte die geringe Distanz zwischen uns und hielt mir das Amulett entgegen. Es war ein goldenes Auge, in dessen Mitte ein roter Stein eingelassen war.

„Ich kann das nicht annehmen“ wehrte ich ab.

Doch der Mann lächelte nur wissend. „Seht es als den letzten Wunsch eines Mannes, der dieses Land in seiner einstigen Schönheit erblühen sehen will.“

Ich seufzte lautlos. Der Dämon wirkte nicht, als wolle er klein bei geben. Zögerlich streckte ich die Hand aus und ergriff das Amulett. „Danke.“

Er nickte nur fröhlich. „Tragt es immer bei Euch, versprecht es mir. Gleichgesinnte werden es erkennen und auf Eurer Seite stehen.“

„Gleichgesinnte?“ murmelte ich, drehte den Anhänger dabei in meiner Hand. Einige dünne Kratzer zogen sich auf der Rückseite über das Metall. „Was meint ihr damit?“ Als ich wieder aufsah, stockte ich irritiert. Sah mich nach allen Seiten um. Doch der alte Dämon war wie vom Erdboden verschluckt.

Ein Geräusch ließ mich aufblicken, aus Reflex schloss ich meine Hand und versuchte das Amulett zu verbergen. Meister Ares trat mit ernstem Blick aus der Schmiede und lief zielgerichtet auf sein Pferd zu. Doch meine Armschienen waren verschwunden. „Wir werden morgen hier her zurückkommen“ erklärte er mürrisch und stieg auf. Dabei versteckte ich den Anhänger unauffällig in der kleinen Tasche an meiner Hüfte.

Unser nächstes Ziel war nur wenige Minuten entfernt. Dieses Mal gab er mir das Zeichen ebenfalls abzusteigen und ich kam seinem Befehl nach. Band mein Pferd an der Halterung neben dem Eingang fest. Dieses Haus war bedeutend unauffälliger. Nichts deutete hier auf das geschäftige Treiben des Marktes, dabei hatte er davon gesprochen einige Dinge zu besorgen.

Ich folgte ihm in das Gebäude, das Klima hier schien sich schlagartig zu ändern. Es war feucht und glatt zehn Grad wärmer als draußen. Der Eingangsbereich war vollgestellt mit Regalen, in denen Kisten aufbewahrt wurden. Gläser mit einigen Insekten standen überall verteilt. Die Wände, die nicht mit Regalen vollgestellt waren, waren vollbehangen mit Kräutern. Meister Ares steuerte auf einen Tresen zu. Wortlos drehte sich der stämmige Dämon dahinter zu uns. Seine Haut war schuppig und fahl, kein Haar war an ihm auszumachen. Gelbe Augen musterten uns von oben bis unten. Er nickte knapp und klappte ein Brett nach oben, sodass ein Durchgang entstand. Meister Ares folgte der wortlosen Aufforderung und auch ich ging in den hinteren Teil des Ladens. Ein Poltern ließ mich zurückblicken. Das Brett war wieder in seine Ausgangsposition zurückgefallen.

Von dem Gang, den wir betraten, gingen nur zwei Türen ab. Wir liefen an der ersten vorbei, der schuppige Dämon öffnete die zweite und trat ein. Hier war es um einiges wärmer. Nur wenige Glasbehälter, in denen kleine Lichtzauber schwebten, warfen schummriges Licht in den Raum, der eher einem Urwald glich. Erstaunt sah ich mich um. Pflanzen, die ich noch nie gesehen hatte, rankten sich an den meterhohen Wänden hinauf. Irgendwo hörte ich das Plätschern eines Baches. Wäre ich nicht eben durch den Gang gelaufen, hätte ich nicht glauben können, dass ich mich in einem Haus befinden würde. „Welche Klasse?“ zischte eine dunkle Stimme.

„Eins“ antwortete Meister Ares, worauf der schuppige Dämon sich zum Urwald drehte und einen tiefen, brummenden Laut von sich gab. Blitzschnell huschten kleine Schatten über den Boden und ich wich erschrocken zurück. Das brachte mir einen tadelnden Blick von meinem Meister ein, doch er schwieg.

Die Schatten stoppten abrupt, stellten sich in einer Reihe auf, und erst jetzt erkannte ich, dass es vier kleine Echsen waren. Aldurias. Dann musste dieser Dämon ein Züchter sein. So wie die kleinen Wesen sich verhielten, waren sie bereits ausgebildet.

„Mehr habt Ihr nicht?“ fragte Meister Ares.

„Nicht von Klasse eins.“

Ein kleines Seufzen entwich ihm. „Na schön, vielleicht erbarmt sich einer von ihnen.“ Streng blickte er mir entgegen. „Jetzt mach schon!“

Ich blinzelte irritiert, wusste nicht was ich tun sollte. Der Echsendämon schien es zu merken und sah zu Meister Ares. „Wie lange ist er im Training?“

„Knapp zwei Wochen.“

Diese Antwort schien ihn sichtlich zu verwirren. „Und da wollt Ihr einen Alduria der Klasse eins mitnehmen? Er weiß nicht mal, was er tun soll. Kennt er überhaupt alle Zeichen?“

„Davon gehe ich aus“ sagte er ruhig, hob dabei seinen Arm, um die Manschette an seinem Handgelenk freizulegen.

„Wartet!“ bat ich, doch es war zu spät. Der bekannte Schmerz brannte sich durch meinen Körper, ließ mich aufschreien und in die Knie gehen. Mit aller Kraft versuchte ich zu atmen, klammerte mich an das Band um meinen Hals. Doch dann stoppte der Schmerz. Ich japste nach Luft, versuchte mit zitternden Beinen aufzustehen. Wenn ich am Boden blieb, hätte ich es wieder zu ertragen, das wusste ich. „Ich kenne die Zeichen“ keuchte ich. Zum Glück hatte ich das Buch von Jesse bei meiner Abreise eingepackt. „Aber ich weiß nicht, wie man einen Alduria auswählt.“

„Gar nicht“ sagte der Echsendämon, verschränkte dabei seine Arme. Einen kurzen Seitenblick warf er zu Meister Ares. „Egal wie gut trainiert meine Schützlinge sind, sie haben das Recht sich ihre Begleiter selbst zu wählen. Du musst dich nur vor sie hocken und dich vorstellen.“

Noch immer außer Atem nickte ich und stellte mich vor die kleinen Echsen. Ging in die Hocke und atmete tief durch. Dabei versuchte ich mir die Handzeichen ins Gedächtnis zu rufen. In schneller Abfolge wählte ich eine höfliche Begrüßung und die Silben meines Namens. Eine der Echsen kauerte sich nah auf den Boden und verschwand im nächsten Moment im Dickicht. Die anderen drei starrten mich mit großen Knopfaugen an. Nur eine von ihnen krabbelte ein paar Zentimeter auf mich zu. Legte ihren Kopf auf den Boden und streckte im nächsten Moment ihren Vorderkörper nach oben, um mich direkt anzusehen.

„Ihr Name ist Ccarayhua. Sie ist meine älteste“ sagte der Echsendämon.

Wieder wählte ich einige Handzeichen. Dieses Mal gestikulierte ich: „Schön, dich kennenzulernen, Ccarayhua.“

„Jetzt streck deine Hand nach ihr aus“ forderte der Dämon. „Entweder akzeptiert sie dich, oder sie legt dich mit ihrem Gift lahm.“

Einen kurzen Seitenblick warf ich zu ihm, doch kam seiner Aufforderung nach und reichte ihr meine Hand, mit der Handfläche nach oben. Sie betrachtete sie kurz, ließ ihre Zunge herausschnellen. Doch dann huschte sie flink in meine Hand und rollte sich dort zusammen. Gab dabei einen gurgelnden Laut von sich, der irgendwie zufrieden klang und mich schmunzeln ließ.

„Sehr schön“ sagte der Echsendämon zufrieden und wandte sich an Meister Ares. „Das Basispaket?“

Wortlos drückte ihm mein Meister einen kleinen Beutel in die Hand. Sein Inhalt klackerte metallen, wohl Münzen für die Bezahlung. Dann verschränkte er die Hände hinter dem Rücken und ging durch die Tür. Das war auch mein Zeichen zu gehen, also richtete ich mich auf. Mein Blick fiel auf den Echsendämon und ich verneigte mich dezent. „Vielen Dank.“

Noch ehe ich mich aufrichten konnte, hörte man aus dem Gang ein: „Na komm schon!“ und ich beeilte mich, um ihn einzuholen.

Als wir aus dem Gebäude traten, kniff ich meine Augen ob der Helligkeit zusammen. Die Sonne stand bereits tief, was bedeutete, dass wir das Lager bei Anbruch der Nacht errichten mussten. Im Kopf ging ich bereits durch, was alles zu beachten war, während wir auf die Pferde stiegen. Doch die Richtung, in die Meister Ares mich führte, überraschte mich. Ich hatte angenommen, wir würden die Stadt wieder verlassen, stattdessen ritten wir tiefer hinein. Ob Meister Ares noch etwas zu erledigen hat? In dem Fall mussten wir das Lager im Dunkeln errichten. Ccarayhua erkundete in der Zwischenzeit vom Sattel aus die Umgebung. Besonders großes Interesse schien sie an der Mähne meines Pferdes zu haben. Immer wieder verschwand sie darunter, nur um im nächsten Moment wieder über den Hals des Tieres zu kriechen, was mein Pferd nervös Schnauben ließ. Meister Ares warf mir bereits einen vernichtenden Blick zu und ich gab dem Alduria das Zeichen, sich zurückzuziehen. Ohne Umschweife folgte sie dem Befehl und verschwand in der Kuhle an meinem Nacken. Ich hatte mich bereits gefragt, wozu diese Aussparung an der Rüstung in meinem Nacken gut sein soll, doch in Jesses Buch hatte ich gelesen, dass diese extra für Aldurias angefertigt, und in jeder Späherrüstung eingebaut wurden, damit sie einen Rückzugsort hatten.
 

Wenig später hielten wir an einem großen Gebäude, über dem groß ein Schild mit ‚Gasthaus‘ prangte. Gleich daneben war ein Stall, in dem bereits drei Pferde standen, und Meister Ares steuerte darauf zu. Wieder gab er mir das Zeichen sitzen zu bleiben und ich beobachtete ihn. Leise unterhielt er sich mit dem Stallmeister, ehe er wieder zu mir kam. „Wir werden heute hier übernachten. Morgen früh reiten wir zur Schmiede und verlassen anschließend die Stadt. Dann geht dein Training weiter.“

Ich nickte und stieg aus dem Sattel. Unterdrückte das Gefühl der Vorfreude endlich eine Nacht in einem richtigen Bett zu verbringen. Die Sache hatte einen Haken, da war ich mir sicher, nur wusste ich noch nicht welchen. Die Zügel meines Pferdes reichte ich dem Stallmeister, da hörte ich auch schon die Stimme des Meisters. „Was machst du da?“

Irritiert sah ich zu ihm. „Ich gebe mein Pferd ab.“

„Du wirst bei den Pferden bleiben. Der Stallmeister weiß bereits Bescheid.“ Ein verschlagenes Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Großartig. Da war der Haken. „Für seine Gastfreundschaft hilfst du ihm den Stall auszumisten, hast du verstanden?“

Ich verkniff mir jede Bemerkung. Ist er wegen des Angriffs immer noch angefressen? Das Messer hätte ihm nicht schaden können, er hatte selbst durch einen Zauber dafür gesorgt, dass die Klinge stumpf war. Mehr als eine kleine Beule hätte es ihm nicht eingebracht. „Ja, Meister“ sagte ich. Versuchte dabei ruhig zu bleiben. Zufrieden drehte er mir den Rücken zu und verschwand.

Als ich meine Arbeit beendet hatte, war die Sonne bereits untergegangen. Meister Ares hatte darauf bestanden die Ausrüstung mit auf sein Zimmer zu nehmen. Natürlich nur, damit sie nicht gestohlen wird. Wer auch immer eine Lagerausrüstung aus einem Pferdestall stehlen würde. Also blieb mir nichts anderes übrig, als auf dem Stroh zu schlafen. Der Stall war zum Glück nicht voll, so hatte ich eine Box für mich allein, ohne Angst haben zu müssen, nachts zertrampelt zu werden. Aus dem hinteren Teil hatte ich mir eine Pferdedecke ausgeborgt, und sie über mein provisorisches Strohbett ausgebreitet. Seufzend ließ ich mich ins Stroh fallen. Es war überraschend bequem, also gönnte ich mir einen Moment Pause.

Eine Berührung an meinem Ohr ließ mich hochschrecken. Ccarayhua drehte sich im Kreis und sah mich auffordernd an. Es dauerte einen Moment, ehe ich begriff. Sie wollte eine Erlaubnis für die Jagd oder Futter. Ich lächelte entschuldigend und holte aus meiner Tasche eine kleine Dose. Dabei fiel etwas ins Stroh. Das Amulett, das mir dieser alte Dämon gegeben hatte. Gedankenverloren öffnete ich die Dose und holte drei Pellets hervor, an denen der Alduria seine Freude hatte. Dann nahm ich mir das Amulett zur Hand. Strich behutsam über die Oberfläche. Es schien mir aus gewöhnlichem Eisen zu sein, mit einem Goldüberzug. Was er wohl mit ‚Gleichgesinnte‘ meinte? Und warum soll ich es bei mir behalten? Irgendwo meinte ich dieses Zeichen schon gesehen zu haben, aber ich erinnerte mich beim besten Willen nicht mehr daran, wo das war. Ich seufzte lautlos und band mir das Amulett um den Hals. Ließ es unter meiner Rüstung verschwinden.

Dabei fiel mein Blick auf die kleine, schwarze Echse, die sich gerade am letzten Pellet genüsslich tat. Irgendwie niedlich war sie schon. Selbst Sternenstaubdrache schien ganz angetan von unserer neuen Gefährtin. „Ccarayhua“ murmelte ich gedankenverloren. Betrachtete die kleine Echse, wie sie sich in meiner Hand einrollte. Dabei beobachtete sie mich aus einem ihrer giftgrünen Augen. „Ist etwas schwer auszusprechen. Was hältst du von Coko?“ Sie hob ihren Kopf, sah mich direkt an und neigte ihn leicht zur Seite. Dabei schnellte ihre Zunge heraus, die über eines ihrer Augen fuhr. Ich schmunzelte und nahm das als ein Ja.

Ein Rascheln ließ mich aufhorchen.

Leise stand ich auf und lugte um die Ecke zum Stallausgang. Doch bis auf die Pferde sah ich nichts. Vielleicht war es nur ein Luftzug, der das Stroh über den Stein geweht hatte. Als ich mich umdrehte, stockte ich, zog erschrocken die Luft ein. Mein Gegenüber legte den Finger an ihre Lippen und es dauerte einen Moment, bis ich die schwarz untermalten Augen zuordnen konnte.

„Carly?“ flüsterte ich irritiert.

Sie nickte, flüsterte ebenfalls. „Wir müssen uns beeilen. Rifton hat den Alduria von Meister Ares betäubt, aber das Gift wirkt bei ihnen nicht lang.“

„Was machst du hier?“

„Yubel hat mich beauftragt euch zu folgen. Es hat eine Weile gedauert einen günstigen Moment abzupassen, um mit dir zu reden. Ich bin gekommen, um dich hier rauszuholen.“

Vor Freude machte mein Herz einen Satz. Dann hatte Haou wirklich einen Weg gefunden? Doch die bittere Realität bildete einen Kloß in meinem Hals. Angespannt atmete ich aus. „Ich kann nicht.“

„Was?“ fragte sie überrascht. „Aber dieser Befehl kam von König Haou selbst. Willst du wirklich hierbleiben?“

Ich schnaufte. Von wollten konnte keine Rede sein. „Nein, aber…“ Ich deutete auf das Lederband um meinem Hals. „Durch das Ding darf ich mich nicht weit von Meister Ares wegbewegen, sonst verpasst es mir einen Stromschlag, bis ich wieder in seinem Radius bin. Und geöffnet werden kann es nur durch die Manschette an seinem Handgelenk.“

„Verstehe“ sagte sie betrübt, kam mir dabei näher, um es in Augenschein zu nehmen. „Wie funktioniert das denn?“

„Ganz genau weiß ich es nicht. Im Inneren sind Runen angebracht, ich weiß aber nicht welche. Und das Gegenstück ist, wie gesagt, bei ihm. Er kann alles steuern.“

„Okay“ murmelte sie. „Ich geb das so weiter. Vielleicht hat Yubel eine Idee. Halte durch, ja?“

Ich nickte, konnte nicht anders als zu lächeln. Wie lange hatte ich auf ein Zeichen von ihm gewartet? „Danke Carly.“

Doch sie schüttelte den Kopf, lächelte ebenfalls. „Ich tu nur meine Pflicht.“ Sie wandte sich schon ab zum Gehen, warf aber einen Seitenblick in meine Hand und strahlte. „Süßer Alduria“ kommentierte sie. Dann war sie verschwunden.

Krieg und Frieden

„Ein Halsband?“ fragte Jesse verwirrt.

Ich nickte, lehnte mich an den Rahmen meines Bettpfostens und verschränkte dabei die Arme. „Im Inneren sind Runen eingraviert, Yusei konnte aber nicht mehr dazu sagen. Ares kann es wohl durch ein Gegenstück an seinem Handgelenk steuern.“

„Verdammt“ murmelte er, hielt sich die Hand ans Kinn. Wie immer saß er halb auf meinem Schreibtisch und benutzte den Stuhl als Ablage für seinen Fuß. „Weißt du wie groß der Radius ist, in dem er sich bewegen kann?“

„Nein. Aber wenn man davon ausgeht, dass auch Aufspürübungen zum Training gehören, wird es wohl wenigstens ein Kilometer sein.“

„Wird schwierig ihn da rauszuholen.“

„Vielleicht wenn die Späherin ihn mit einem Alduria betäubt, aber dazu müssten wir herausfinden welche Runen man aktivieren muss.“

Er schnaufte amüsiert. „Viel Spaß. Seine eigenen Aldurias sind immer auf Abrufbereitschaft und wenn die beiden ausfallen, warnt ihn sein Schutzgeist.“

Ein genervtes Stöhnen entwich mir. Warum sollte es auch einfach sein? „Welchen Schutzgeist hat er denn?“

„Hane-Hane. Das ist ein Magieschutzgeist der Klasse D, allerdings ist die kleine Sense, die dieses Vieh schwingt, auch im Nahkampf ziemlich gefährlich. Zumindest, wenn man nicht damit rechnet.“

Ein Schutzgeist der Kategorie Magie also. Dann ist seine Abwehr nicht undurchdringlich, er weiß sie nur clever auszubauen. Aber dieses Halsband ließ mir einfach keine Ruhe. Er musste sich seiner Sache ziemlich sicher gewesen sein, wenn es schon in seinem Besitz war, bevor ich die Abstimmung verloren hatte. Moment mal… Er war schon vor Yuseis Schutzgeisterzeremonie wochenlang im Palast, und auch danach hatte ich ihn beinahe täglich angetroffen. Er musste es irgendwo in der Stadt anfertigen lassen haben. Oder er hat es selbst hergestellt. „Mich würde ernsthaft interessieren, woher er das hat“ murmelte ich gedankenverloren.

„Das Halsband?“ fragte Jesse nach.

„Ja. Meinst du, er hat es selbst angefertigt?“

Er schüttelte den Kopf. „Runenverzauberungen sind knifflig. Ich denke schon, dass es eine Spezialanfertigung ist, aber die hat definitiv nicht mein Onkel hergestellt.“

„Dann muss er es in der Stadt gekauft haben.“

„Da gibt es nicht viele Anlaufpunkte. Ich kann mich umhören, wenn du willst.“

„Ja, mach das. Vielleicht kannst du bei der Gelegenheit herausfinden, wie man es Yusei abnehmen kann.“

Er hüpfte von meinem Tisch und streckte sich ausgiebig. „Alles klar. Ich halte dich auf dem Laufenden. Wie geht die Späherin jetzt eigentlich vor?“

„Dranbleiben und beobachten. Mehr kann sie nicht machen.“

Wieder schnaufte er belustigt. „Die muss was draufhaben, wenn mein Onkel sie noch nicht bemerkt hat.“

„Ja. Yubel vertraut ihr, das reicht mir schon.“

Er nickte, zögerte weiterzusprechen. „Sag mal… Wann willst du sie eigentlich einweihen?“

Ein Seufzen entwich mir. „Hab ich schon.“

„Ehrlich?“ sagte er überrascht. „Wann denn?“

„Vor zwei Tagen.“

„Und damit rückst du erst jetzt raus?“

Ich wandte den Blick ab, sah stur zu Boden. Meine Finger krallten sich tiefer in mein Gewand.

„Ist wohl nicht so gut gelaufen, was?“ hakte er vorsichtig nach.

„Nein“ murmelte ich. „So einen Streit hatten wir nicht mehr, seit ich Yusei damals im Palast aufgenommen habe.“ Auch damals hatte sie tagelang nur das Nötigste mit mir besprochen, sonst blieb sie auf Distanz und ließ mich ihre wütenden Blicke spüren. Mein einziger Lichtblick war, dass sie mir dennoch geholfen hatte mit Yusei Kontakt aufzunehmen.

Schritte kamen näher, mein Blick hob sich. Jesse legte mir seine Hand in den Nacken und lehnte seine Stirn tröstend an meine. Schloss seine Augen. Eine Angewohnheit, die er schon seit Kindertagen hatte, wenn er nicht wusste, wie er mich aufbauen konnte. Sie verfehlte ihr Ziel nicht. Ich spürte seinen ruhigen Atem auf meiner Haut und langsam entspannten sich meine verkrampften Muskeln. „Danke“ flüsterte ich.

Er löste sich von mir, legte ein kleines Lächeln auf. „Schon gut. Sie beruhigt sich wieder. Gib ihr einfach Zeit das zu verdauen.“

Tief atmete ich durch, nickte. „Du hast recht.“

„Na schön, ich mach mich auf den Weg. Wir sehen uns später.“

„Bis dann“ erwiderte ich. Beobachtete, wie die Tür ins Schloss fiel und seufzte tief. Mein Blick wanderte aus dem Fenster in den wolkenverhangenen Himmel. Dass sie wütend war, überraschte mich nicht. Ich hatte mich darauf eingestellt, noch bevor ich ihr alles gebeichtet hatte. Ich würde dennoch an meinem Plan festhalten, doch es schmerzte, dass sie nicht auf meiner Seite war. Ob sie es irgendwann akzeptieren würde?

Geräuschvoll atmete ich aus und stieß mich von meinem Bett ab. Hier weiter zu grübeln brachte mir nichts, also verließ ich meine Gemächer und steuerte den Thronsaal an. Die Dorfbewohner würden zwar erst in einer knappen Stunde kommen, doch ich wusste mit meiner Zeit nichts anzufangen. Vielleicht wären ja schon einige da, so konnte ich mir mehr Zeit für die dringlichsten ihrer Probleme nehmen.
 

~*~
 

Spät am Abend leerte sich der Thronsaal allmählich. Stone war letzte der ihn verließ, abgesehen von Yubel und einigen Wachen. Letzteren gab ich das Zeichen, dass sie ebenfalls entlassen waren, sodass meine Beschützerin zwangsläufig allein bei mir zurückbleiben musste, auch wenn sie den Blick stur von mir abgewandt hatte. Das angespannte Klima zwischen uns war beinahe greifbar. „Gibt es etwas Neues bei den Tunneln?“ fragte ich, um die unangenehme Stille zu durchbrechen.

„Nein.“

Ich seufzte. Ihre einsilbige Antwort machte die Kommunikation auch nicht einfacher. „Haben die Späher zumindest die Tunnel eingezeichnet, die in dem alten Plan fehlten?“

„Sie übermitteln mir die aktuelle Version erst, wenn sie fertig sind. Alles andere wäre Zeitverschwendung.“

„Na schön“ brummte ich. Wenigstens das zickige Gehabe könnte sie abstellen. „Ich werde morgen selbst hin reiten“ beschloss ich, was sie überrascht zu mir sehen ließ.

„Warum? Ich dachte, Ihr wolltet die Sache geheim halten.“

Das brachte mich doch zum Schmunzeln. Immerhin redete sie wieder mit mir, wenn auch nur, weil sie meine Entscheidungen nicht guthieß. „Das will ich. Aber es kann nicht schaden selbst ein Auge darauf zu werfen, und ich muss ohnehin zu dem Dorf in der Nähe reiten. Hast du während der Verhandlungen nicht zugehört?“

„Ihr könntet es leicht delegieren, das wisst Ihr.“

Mein Schmunzeln wurde zu einem Grinsen. „Was wäre ich für ein König, wenn ich die Sorgen meines Volkes nicht ernst nehmen und selbst nach dem Rechten sehen würde?“

Skeptisch verengte sie ihre Augen zu Schlitzen. „Natürlich. Das ist Euer einziger Gedanke dabei.“

„Selbstverständlich.“

Sie schnaufte. „Traut Ihr jetzt nicht mal mehr den Leuten, die ich dafür ausgesandt habe?“

„Das stimmt nicht, und das weißt du.“

„Kann ich mich zurückziehen?“ fragte sie genervt.

Innerlich seufzte ich und gab ihr das Zeichen zu gehen. Es war einen Versuch wert gewesen. Als sie die Türen aufschlug, stand ein irritierter Jesse davor, der wohl gerade dazu ansetzen wollte zu klopfen, so wie er die Hand erhoben hatte. Doch Yubel ignorierte ihn, und rauschte einfach an ihm vorbei. Ehe die Tür zufallen konnte, huschte Jesse durch und kam auf mich zu. „Du hast nicht übertrieben“ kommentierte er verwundert mit Blick auf die Tür.

Ich brummte unwillig. „Ich bin schon drauf und dran sie einfach so lange zu ignorieren, bis Gras über die Sache gewachsen ist.“

Das brachte mir einen skeptischen Blick ein, während er die wenigen Stufen zu meinem Thron erklomm. „Toller Plan“ sagte er sarkastisch. „Und nach dem Ritual seid ihr wieder die dicksten Freunde.“ Beiläufig setzte er sich auf die Armlehne und sah mich mit erhobener Braue an.

Ich rollte mit den Augen und lehnte mich in meinem Thron zurück. „Ja, schon gut. Was ist denn los?“

„Hm? Achso, ich habe die Runenschmiede gefunden, die das Halsband hergestellt hat.“

„Was? So schnell?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, es gibt nicht viele Anlaufpunkte. Und der Verkäufer war mit genügend Gold sehr redselig. Apropos, du schuldest mir was.“

Ich winkte ab. Wenn all meine Probleme so leicht zu lösen wären, könnte er die gesamte Schatzkammer haben. „Was hast du rausgefunden?“

Aus seiner Tasche holte er ein gefaltetes Pergament hervor und reichte es mir. Darauf waren komplizierte Runen zu sehen, die ich teilweise nicht zuordnen konnte. Einige waren angestrichen. „Das hier sind die Runen, die aktiviert werden müssen, um das Halsband zu entfernen. Das klappt aber nur, wenn sich die Manschette am Handgelenk meines Onkels befindet. Da ist irgendein Mechanismus eingebaut, der die Runen blockiert, wenn er es nicht angelegt hat.“

„Und das funktioniert nur bei ihm?“

„So wie er es mir erklärt hat schon, aber ganz ehrlich: Alles verstanden habe ich nicht. Das ganze System ist super kompliziert aufgebaut.“

„Danke“ murmelte ich, betrachtete dabei die Runen. Das bringt uns endlich weiter. „Jetzt müssen wir nur überlegen, wie wir diese Runen aktivieren können, solange Ares es trägt.“

„In dem Fall hilft es wirklich nur ihn außer Gefecht zu setzen, und das ohne, dass er es merkt.“

Ich nickte. Der Angriff auf ein Ratsmitglied wird streng bestraft. Selbst wenn ich einen Späher dafür beauftrage, muss er später zur Rechenschaft gezogen werden, schließlich konnte Ares bisher kein Verbrechen nachgewiesen werden. Aber ein Bauernopfer wollte ich nicht unbedingt einsetzen. „Nur wie?“

„Da kommen nicht viele in Frage. Immerhin reden wir davon den paranoidesten Dämon der gesamten Isekai unauffällig zu betäuben. Ganz zu schweigen davon, dass weder Hane-Hane, noch Pib und Tagari denjenigen bemerken dürfen.“

„Wer?“

„Seine Aldurias.“

„Einer heißt Pib?“ fragte ich amüsiert.

Auch er musste grinsen. „Sprich ihn bloß nicht darauf an. Die Namen suchen sich die Züchter aus, nicht wir Späher. Und meistens haben es die kleinen gar nicht gern, wenn sie umbenannt werden.“

Die Information sollte ich mir für später speichern. Einfach um Ares zu nerven.
 

~*~
 

Am nächsten Tag hatte ich die Pferde satteln lassen und war mit einigen Soldaten auf dem Weg zum Dorf, das sich in der Nähe des Tunnelsystems befand. Yubel war aus reinem Pflichtgefühl mitgekommen, doch sie redete seit unserem Gespräch im Thronsaal gar nicht mehr mit mir, und ich hatte mir vorgenommen die Wogen endlich zu glätten. Es dauerte nicht lange, ehe die Soldaten sich um die Probleme kümmerten, und ich die Chance ergriff mich davonzustehlen. Allerdings brauchte ich Yubels Hilfe, um den versteckten Eingang zu finden, da ich nie selbst in diese Tunnel gestiegen bin. Irgendwann erbarmte sie sich endlich und half mir. Als sie die Tür vom Gestrüpp befreite und öffnete, strömte mir ein modriger Geruch entgegen, der mich die Nase rümpfen ließ. „Und hier hat Yusei früher gern gespielt?“ fragte ich zweifelnd.

„Ihr könnt auch wieder gehen.“ Auf meinen genervten Blich hin rollte sie nur mit den Augen. „Man gewöhnt sich an den Geruch“ fügte sie hinzu und ließ mir den Vortritt.

Aufgrund der Finsternis in den Gängen aktivierte ich die Feuerinsignie auf meiner Armschiene und wirkte einen kleinen Zauber, der mir den Weg leuchtete. Ein dumpfer Knall und eine weitere Lichtquelle sagten mir, dass Yubel den Eingang geschlossen hatte und an meine Seite getreten war. „Wo sind die Späher?“ fragte ich und leuchtete den breiten Gang entlang. Es waren fünf Abzweigungen, die ich bisher ausmachen konnte.

„Vermutlich in dem Teil, der nicht eingezeichnet ist.“

Tief atmete ich durch. Jetzt keinen Streit anfangen. Ruhig bleiben. „Kannst du mir den Weg zeigen?“

Wortlos ging sie voraus und nahm die zweite Abzweigung auf der rechten Seite. Während ich ihr folgte, sah ich mich neugierig um. Die Tunnel wurden in den Stein gehauen, deswegen waren sie unregelmäßig breit. Auch der Boden war nicht ebenmäßig, sodass man aufpassen musste, wo man hintritt. An einer weiteren Gabelung blieben wir stehen, überall auf dem Boden lagen kleinere Steine und Geröll. Drei Wege führten von hier ab, Yubel leuchtete in den schmalsten Gang. „Das hier ist einer der Tunnel, die nicht eingezeichnet wurden. Von hier führt ein System bis tief ins Innere des Felsens. Bleibt dicht bei mir. Hier unten kann man sich schnell verlaufen.“

Ich nickte, auch wenn sie es nicht sehen konnte. Ihre Flügel musste sie dicht an ihren Körper legen, um durch den schmalen Spalt zu passen. Überraschenderweise verbreiterte er sich schlagartig. Dann muss das wohl einer der Gänge sein, deren Eingang eingestürzt war. Das würde auch das Geröll davor erklären. Hier war der Weg abschüssig. Immer weiter führte sie uns durch das Tunnelsystem, durch verwinkelte Gänge, an Abzweigungen vorbei, bis sie plötzlich stehen blieb. Neugierig sah ich an ihr vorbei. Dieses Mal hatten wir die Auswahl zwischen zwei Gängen. „Was ist los?“ fragte ich verwundert.

„Ich bin mir nicht sicher. Das hier ist neu, glaube ich.“

Oh je, haben wir uns verirrt? „War es vorher nur ein Gang?“ fragte ich.

Unschlüssig betrachtete sie die beiden Wege, schien hin und her zu überlegen. „Ich glaube schon, aber ich weiß nicht welcher. Einer müsste eine Sackgasse sein.“

„Warum wolltest du uns in eine Sackgasse führen?“

„Ich war nur einmal so tief unten, als Yusei sich verirrt hat. Am Ende der Sackgasse waren Symbole der alten Sprache eingraviert, aber damals habe ich mir nichts dabei gedacht. Das wollte ich Euch zeigen.“

„Dann nehmen wir einen nach dem anderen“ schlug ich vor.

Sie nickte, sah noch einmal in beide Gänge, bevor sie sich für den rechten entschloss. Nach einer Weile kamen wir an der Öffnung eines Nebeneingangs auf der linken Seite vorbei, in den Yubel leuchtete. „Ich glaube, das war der falsche.“

„Drehen wir um?“ fragte ich, während ich den Weg vor uns ausleuchtete.

„Das wäre das Beste. Nicht, dass wir uns doch verlaufen.“

Ich nickte, ging trotzdem noch einige Schritte weiter und fuhr mit meiner Hand dabei über die Steinwand. Sie war feucht.

„Haou, Vorsicht!“

„Was?“ Alarmiert drehte ich mich zu ihr, spürte einen Widerstand an meinem Stiefel. Verwirrt sah ich nach unten, zu dem gespannten Drahtseil, gegen das ich getreten war, dann ging alles ganz schnell.

Ein Knall, Stein bröckelte von der Decke, einige große Brocken lösten sich und gingen krachend zu Boden. Versperrten uns den Rückweg.

Plötzlich lösten sich die Felsen über uns. „Kuriboh!“ rief ich, während Yubel zu mir sprang. Schützend legte sie ihre Flügel um mich, als mein Schutzgeist auftauchte und seinen Schild über uns ausbreitete. Seine kleinen, weißen Flügel begannen heller zu strahlen als unser Feuer, wurden größer und legten sich um uns. „Kurii!“ rief mein Schutzgeist, nahm seine ganze Kraft zusammen. In diesem Moment war ich dankbar, dass er mich damals ausgewählt hatte. Er hielt mit einem bloßen Schildzauber Tonnen von Geröll davon ab uns zu zerquetschen. Staub wirbelte durch die Luft und nahm uns die Sicht, während um uns herum alles einstürzte. Ich hustete, versuchte irgendwas zu erkennen, doch selbst Yubel war nur eine vage Gestalt, dabei saß sie direkt vor mir.

Erst als der Staub sich legte, bewegten sich die Drachenschwingen, die mich umschlossen. Zögerlich sah ich mich um. Geflügelter Kuriboh schwebte noch immer schützend über unseren Köpfen, doch seine Flügel waren wieder auf normale Größe geschrumpft. Auch sein Schild war nicht mehr aktiv, was bedeutete, dass die Felsen sich nicht mehr rührten. Nur leider waren wir jetzt eingeschlossen. „Verdammt“ murmelte ich, während ich aufstand. Ich fuhr mit den Händen über den Stein, versuchte einige Brocken zu bewegen, doch es rührte sich nichts. „Wir sind eingeschlossen.“ Auch Yubel erhob sich. „Bist du verletzt?“ fragte ich.

„Nein, dank Eures Schutzgeistes.“

Geflügelter Kuriboh schwirrte fröhlich um sie herum, glücklich über das Kompliment. „Danke dir“ sagte ich schmunzelnd. Er nickte heiter, schwebte suchend durch den Raum. Auch er war dabei einen Ausgang zu finden. „Was machen wir jetzt?“ überlegte ich laut, berührte noch einmal die klammen Felsen.

„Da ist einiges runtergekommen. Das kann selbst ich nicht bewegen.“

Noch einmal sah ich mich um, bis mir am Boden etwas ins Auge fiel. Das Drahtseil, gegen das ich gestoßen war. Neugierig hob ich es auf. An einer Seite klemmte es unter dem Stein, die andere lag frei. Seltsamerweise war das Ende glatt durchgeschnitten worden, dabei bin ich nur leicht drangestoßen. „Sieh mal.“

Yubel nahm mir das Drahtseil aus der Hand, betrachtete es ebenfalls fragend. „Seltsam. Fallen waren früher nichts ungewöhnliches, hier gibt es etliche alte Stolperfallen und ähnliches, aber die Zerstörung ist ungewöhnlich groß.“

Ich nickte, sah mich um. „Aus welcher Richtung sind wir gekommen?“

„Wieso fragt Ihr?“

„Die Explosion ist in der Richtung gestartet, aus der wir kamen und ging den Hauptgang weiter. Wenn wir Glück haben, ist der Nebengang nicht verschüttet.“

„Einen Versuch ist es wert“ sagte sie und deutete auf die Felswand, die am weitesten von uns entfernt war. „Aus dieser Richtung.“

„Okay. Wenn hier das Kabel liegt…“ Ich ging einige Schritte vom Kabel aus in die Richtung, in die Yubel gedeutet hatte. Dann drehte ich mich nach rechts. „Dann müsste der Nebengang ungefähr hier sein.“ Geflügelter Kuriboh drückte mit aller Kraft gegen einen Felsen, doch der bewegte sich kein Stück. Meine Hand legte ich auf den kleinen Fellball, um ihn zu trösten. „Nichts für ungut, aber der ist eine Nummer zu groß für dich.“

„Was habt Ihr vor?“ fragte Yubel vorsichtig.

„Wir sprengen uns den Weg hier raus.“

Sie legte sich die Finger an die Nasenwurzel, atmete tief durch. „Der gesamte Tunnel ist durch die Explosion instabil. Eine weitere könnte uns vielleicht komplett vergraben. Wir sind schätzungsweise dreißig Meter unter der Erde, wenn man die Strecke und den abschüssigen Weg einberechnet. Selbst Euer Schutzgeist könnte nochmal so viel Geröll nicht aufhalten.“

„Deswegen wird es ein gezielter Energiestrahl sein.“

„Das habe ich seit dem Krieg nicht mehr gemacht“ gab sie zu bedenken. „Und ich weiß nicht, ob ich uns damit nicht begrabe.“

„Die Alternative wäre zu warten, bis uns die Späher finden. Aber selbst die können die Felsen nicht bewegen und uns hier rausholen. Bis das passiert ist, haben wir längst keinen Sauerstoff mehr.“

Sie seufzte ergeben, trat an meine Seite und untersuchte die Wand. Dann ließ sie ihr Feuer erlöschen und legte beide Hände auf den Stein. „Macht euren Schutzgeist bereit. Auf drei gebe ich den Energiestoß ab, dann rennt Ihr so schnell Ihr könnt, verstanden?“

Ich nickte, Geflügelter Kuriboh machte sich bereit. „Eins…“ Die Flügel meines Schutzgeistes entfalteten sich. „Zwei…“ Ihr sanftes Licht erhellte die gesamte Umgebung, sie wuchsen um ein Vielfaches. „Drei!“ Ein ohrenbetäubender Lärm ließ den Raum erzittern. Vor Yubel hatte sich ein Loch aufgetan und ich hoffte inständig, dass sie den Gang getroffen hatte, und rannte. Yubel war dicht hinter mir, Kuriboh hatte sich zurückgezogen. Für ihn gab es nicht genug Platz. Hinter mir knallte es, die Erde bebte, doch ich rannte weiter. Plötzlich endete unser Fluchtweg und ich blieb abrupt stehen. Yubel konnte gerade noch abbremsen, ohne in mich reinzurennen. „Sackgasse“ sagte ich. Sah zurück zu meiner Beschützerin.

Sie biss die Zähne zusammen und suchte die Wand ab. Klopfte mehrmals auf den Stein. Ich sah zurück. Hinter uns bröckelte schon wieder die Decke, die Staubwolke bahnte sich ihren Weg auf uns zu. Ein plötzliches Krachen ließ mich zusammenfahren. Mein Handgelenk wurde umschlossen, dabei erlosch das Feuer und hüllte uns in Finsternis. Dumpf prallte mein Körper auf dem Boden auf. Dann wurde alles still. Nur mein schnell schlagendes Herz pochte in meinen Ohren. Ich lag auf dem Rücken, mein hektischer Atem kam mir unnatürlich laut vor. „Yubel?“ keuchte ich. Mir schnürte sich die Kehle zu, aus Angst, dass ihr etwas passiert sein könnte. Doch plötzlich erhellte eine warme Flamme unsere Umgebung. Yubel musterte mich besorgt. „Seid Ihr verletzt?“

Erleichtert ließ ich die Luft aus meinen Lungen weichen und legte meinen Kopf ab. „Nein. Ist bei dir alles gut?“

Sie nickte, doch entgegen ihrer Aussage war ihr Gesicht schmerzverzerrt. Alarmiert richtete ich mich auf. „Was ist passiert?“

„Es ist nur ein Kratzer.“

Ich schnappte mir einen Teil ihrer Flamme, um ihre Verletzung auszumachen. Zog scharf die Luft ein. Ihr Flügel stand in einem unnatürlichen Winkel von ihrem Körper ab, die Membran war an einer Stelle gerissen. „Mist. Das muss schnell behandelt werden.“

„Erstmal müssen wir hier raus“ hielt sie dagegen.

Unschlüssig musterte ich sie, doch sie stand bereits auf und sah sich um. Hinter uns war der Weg durch Gesteinsbrocken versperrt, doch vor uns erstreckte sich ein langer Gang. Man sah ihr die Schmerzen an, doch sie ging verbissen voraus. Ich seufzte lautlos, schüttelte dezent den Kopf. Und Jesse nennt MICH dickköpfig.
 

Es dauerte eine Weile, doch schließlich sahen wir in einiger Entfernung ein flackerndes Licht. Irgendwo dort hinten musste ein größerer Raum sein, in dem mehrere Fackeln aufgestellt waren. Wir wechselten einen verwunderten Blick und gingen vorsichtig voran, dieses Mal darauf bedacht keine weitere Falle auszulösen. Doch zu unserer Erleichterung geschah nichts.

In dem Raum angekommen, sah ich mich flüchtig um. Es waren tatsächlich mehrere Fackeln angezündet und in einem provisorischen Gestell abgelegt worden. Zu meiner Erleichterung führte ein weiterer Gang aus diesem Raum. Auf dem Boden lagen einige Rollen Pergament, auf denen Schriften und Zeichnungen angefertigt wurden. Auch eine Landkarte, die der aus Yubels Kemenate glich, war dabei. Das Tunnelsystem wurde auf dieser hier erweitert, doch keiner führte bis unter den See, wo die Koordinaten lagen. Mehrere Stücken Kohle waren über dem Boden verteilt. Wer auch immer hier war, hatte diesen Ort schnell verlassen müssen. „Hier waren vermutlich die Späher“ sagte Yubel und hob eine der Pergamentrollen an. „Sicher haben sie die Flucht ergriffen, als die Explosion losging.“

„Klingt logisch“ sagte ich und warf ebenfalls einen Blick auf das Pergament. Das Bild hatte Ähnlichkeit mit einem Drachen.

„Daran haben sie gerade gearbeitet.“

Ich sah auf, folgte Yubels Blick. Und stockte. Die Fackeln leuchteten diesen Teil des Raumes besonders gut aus. Eine Malerei erstreckte sich über die gesamte Größe der Wand. In scharlachroten Linien zeigte sie das Abbild eines Drachen. Sein Körper lag in einem beinahe abgeschlossenen Kreis, die großen Flügel waren oben gemalt worden, Kopf und Schwanzspitze jeweils an den Enden. Innen liegend besaß der Drache zwei krallenbesetzte Klauen, jeweils auf der linken und rechten Seite. Doch was mich verwunderte war der Kopf des Drachen. Es war das exakte Abbild des Males, das sich auf Yuseis Arm befand. „Das kann kein Zufall sein“ murmelte ich, trat näher heran. Sanft strichen meine Finger darüber. Diese Wand unterschied sich von den anderen in diesem Raum. Sie war absolut ebenmäßig, während die anderen, so wie der Rest der Tunnel, nur grob aus dem Stein geschlagen wurden. Auch war sie eigenartig warm. Die Linien des Drachen wurden nicht, wie ich zuerst dachte, gemalt, sondern fein in die Wand eingearbeitet. Sie lagen tiefer als der sonst ebene Stein und wurden zusätzlich bemalt. In der Mitte des Drachenbildes war ein kreisrundes Loch, ebenfalls einige Millimeter tief. Doch dort war keine Farbe angebracht. Es war auch nicht eben. Wenn man genau hinsah, konnte man eine Art Auge erkennen. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Ein Keuchen ließ mich wieder zu Yubel sehen. Sie hatte die Augen zusammengekniffen und hielt sich den Arm. War der etwa auch verletzt? Ich schüttelte den Kopf und ging auf sie zu, versuchte sie zu stützen. „Würdest du dir jetzt bitte helfen lassen?“

„Na schön“ brummte sie.

Erleichtert atmete ich auf und führte sie zu einer Kiste, die neben dem Eingang stand. Setzte sie behutsam ab. „Wo bist du überall verletzt?“ fragte ich ernst. „Ist es nur der Flügel und der Arm oder ist da noch mehr?“

„Nein, ich glaube das war’s.“

„Okay.“ Kurz sah ich mich um und schnappte mir ein Stück Kohle. Dann machte ich in der Raummitte etwas Platz für den Bannkreis. Während ich zeichnete, warf ich immer wieder einen Blick zu Yubel, die mich schweigend beobachtete. Für die Insignien brauchte ich etwas länger, weil mir die Zeichen für ‚Flügel‘ und ‚Membran‘ nicht einfielen. Yubel konnte mir auch nicht weiterhelfen. Weil sie die Insignien seit hundert Jahren nicht mehr nutzte, hatte sie die meisten vergessen. So musste ich improvisieren und hoffte inständig es würde funktionieren. Als ich fertig war, überprüfte ich mein Werk noch einmal. Nickte mir dabei selbst zu. „Versuchen wir es.“

Ich half ihr in die Mitte des Bannkreises und führte den Zauber aus. Erleichtert beobachtete ich, wie sich die dünne Membran ihres Flügels schloss. Verbissen versuchte sie keinen Laut von sich zu geben, auch wenn ihr die Schmerzen anzusehen waren. Als ich endlich fertig war, spürte ich, wie mich die Kraft langsam verließ. Auch Yubel sah erschöpft aus. Sie stand auf und testete die Funktion ihres Flügels aus. Dabei schien sie keine Schmerzen mehr zu haben und auch sonst sah alles wieder normal aus. Erleichtert atmete ich auf und setzte mich an die Wand gegenüber der Drachenmalerei. Starrte dabei immer wieder auf den Kopf des Drachen. Yusei musste eine Verbindung zu dieser Malerei haben und mich würde brennend interessieren welche. Ich war so vertieft in meine Gedanken, dass ich kaum mitbekam, wie Yubel sich neben mich setzte. Eine ganze Weile lang saßen wir nur schweigend nebeneinander und hingen unseren eigenen Gedanken nach.

„Danke“ sagte sie plötzlich leise.

Verwundert sah ich zu ihr. „Wofür?“

„Dafür“ antwortete sie und bewegte dabei ihren einst verletzten Flügel.

Ich schüttelte den Kopf und betrachtete wieder die Wandmalerei. „Es ist meine Schuld, dass du verletzt wurdest. Du brauchst dich nicht zu bedanken.“ Wir wusste beide, dass ich Recht hatte. Wäre ich nicht an das Drahtseil gekommen, hätte die Explosion nie ausgelöst und Yubel wäre nicht verletzt worden.

„Yusei sollte das hier unbedingt sehen“ sagte sie plötzlich.

Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen, als ich wieder zu ihr sah.

Doch sie mied meinen Blick. „Das denkt Ihr doch auch. Das Mal auf seinem Arm und diese Zeichnung stehen in Verbindung, daran gibt es keinen Zweifel.“

„Ja“ sagte ich noch immer verblüfft.

Sie nickte für sich selbst, schien mit den Gedanken aber weit weg zu sein.

Tief atmete ich durch. Zögerte sie anzusprechen. Doch ich wollte diesen Streit endlich aus der Welt schaffen. Mir fiel nur nicht ein wie. „An was denkst du gerade?“

Sie schwieg einen Moment lang, doch dann sah ich etwas, das mich den Atem anhalten ließ. Etwas, das ich seit dem Tod meines Vaters nicht mehr erlebt hatte. Eine Träne bahnte sich den Weg über ihre Wange. „Meine Aufgabe ist es, Euch zu beschützen. Ob vor anderen oder Euch selbst… Wenn Ihr das Ritual wirklich vollzieht, dann gibt es eine Sache, vor der ich Euch nicht beschützen kann. Und das ist Yuseis Tod. Oder besser gesagt die Folgen, die dieser für Euch haben wird… Das wünsche ich niemandem.“

Ihre letzten Worte waren beinahe ein Flüstern. Jetzt endlich verstand ich es. Sie hatte das alles schon einmal durchgemacht und den Verlust nie ganz verarbeitet. Ich seufzte lautlos und legte meine Hand auf ihre. Aus traurigen Augen blickte sie zu mir. „Du hattest keine Wahl.“

„Aber Ihr habt sie“ entgegnete sie mir. „Es muss eine andere Lösung geben.“

„Nein, die gibt es nicht. Glaub mir, ich habe alle Gesetzestexte nach Lücken durchsucht. Es gibt nur diese eine.“

„Er wird vor Euch sterben. Und dieser Schmerz wird Euch vernichten.“

Ein trauriges Lächeln legte sich auf meine Lippen. „Wenn ich es nicht versuche, könnte ich mir das nie verzeihen. Den Schmerz nehme ich gern in Kauf, glaub mir.“

„Ihr wisst nicht, wie es sich anfühlt.“

„Nein… Und trotzdem werde ich es riskieren. Aber dafür brauche ich dich an meiner Seite. Sonst schaffe ich das nicht.“

Lange sah sie mich an, versuchte die Tränen aufzuhalten, die in ihren Augen standen. Doch eine schaffte es über ihre Wange zu perlen. Ich strich sie beiseite, noch ehe sie ihren Weg fortsetzen konnte, und zog Yubel in eine Umarmung. Zögerlich legte sie ebenfalls ihre Arme um mich und schluchzte leise. Beinahe kamen mir auch die Tränen. So verletzlich hatte ich sie noch nie erlebt und es brach mir das Herz sie so zu sehen.

Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte und sich von mir löste. Hastig wischte sie sich mit den Händen durch das Gesicht, fuhr sich in derselben Bewegung durch die wilde Mähne. „Wir sollten aufbrechen“ verkündete sie. Klang dabei noch immer nicht ganz wie sie selbst. „Die Soldaten werden wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen durch das Dorf rennen, wenn Ihr nicht bald zurückkommt, und dann ist das mit der Geheimhaltung unmöglich.“

Ich blinzelte sie an, schnaufte dann belustigt. Das Bild würde ich nie wieder aus meinem Kopf bekommen.

Als sie aufstehen wollte, sah sie verwundert zu Boden und ich folgte ihrem Blick. Sie hob ihre Hand an, darunter war ein kleiner, weißer Stein, auf dem sie sich abgestützt haben musste. Das schien mir nicht ungewöhnlich zu sein, doch sie hob ihn auf und betrachtete ihn von allen Seiten. In ihrem Gesicht bildete sich ein Lächeln, dann begann sie leise zu lachen.

„Was ist los?“ fragte ich verwirrt. Die ganze Aktion war absolut untypisch für sie.

Doch sie schüttelte nur den Kopf und stand auf. „Nichts, wirklich. Lasst uns gehen.“

Der Stein wanderte dabei unauffällig in die Tasche ihres Gurtes.

Kurz war ich gewillt nachzufragen, doch ich ließ es bleiben. Was immer das auch war, konnte ihre Stimmung heben, und das war im Moment wichtig. So ließ ich mir nur von ihr aufhelfen, schnappte mir die Karte mit den aktualisierten Tunnelplänen und ließ ihr dieses kleine Geheimnis.

Hinterhalt

Mein Herz raste. Keuchend versuchte ich mich aufzurichten und stemmte eine Hand auf den Boden. Zitterte. Schwindel ergriff von mir Besitz. Noch öfter konnte ich seine Stromstöße nicht aushalten, ohne endgültig zusammenzubrechen.

„Nochmal!“ zischte er kalt.

Ich nahm all meine Kraft zusammen und setzte mich auf. Warf ihm dabei einen vernichtenden Blick zu. Seit wir das Dorf vor einigen Tagen verlassen hatten, war er noch strenger als ohnehin schon. Was vor allem daran lag, dass er mich beschuldigt hatte, seinen Alduria außer Gefecht gesetzt zu haben. Nur konnte ich ihm schlecht die Wahrheit erzählen. Auch Sternenstaubdrache verlor langsam seine Geduld und seine Wut übertrug sich auf mich.

„Sieh mich nicht so an! Wie schwer kann es mit deinem Schutzgeist sein einen Basiszauber auszuführen? Du gibst dir keine Mühe!“

Langsam verlor ich die Geduld. „Vielleicht könnte ich mich besser konzentrieren, wenn ich nicht alle paar Minuten gegrillt werde!“ Das war ein Fehler, ich wusste es in dem Moment, als ich meinen Mund aufgemacht hatte. Aber es tat gut meiner Wut wenigstens ein klein wenig Luft zu machen.

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, während er seinen Ärmel zurückschob. Im nächsten Moment schrie ich auf, als der bekannte Schmerz durch meinen Körper schoss und mich wieder zu Boden zwang. Mein Atem ging mittlerweile nur noch unregelmäßig. Auch mein Herz begann zu stolpern. „Nicht in diesem Ton“ sagte er kalt. Am liebsten hätte ich ihm jede Beleidigung entgegengeworfen, die ich kannte, doch ich schaffte es nicht einmal mich zu bewegen, geschweige denn zu sprechen. Ich war endgültig am Ende meiner Kraft.

Er schien es ebenso zu sehen, denn seine Schritte bewegten sich von mir weg. Ich verbot mir darüber nachzudenken was er als nächstes tun würde und schloss meine Augen. Versuchte mein Herz und meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen. Doch dieses Mal dauerte es erheblich länger.
 

Ein dumpfer Schmerz in meiner Seite ließ mich stöhnen. Ich zwang mich die Augen zu öffnen, versuchte meinen Blick zu fokussieren. Die Sonne stand bereits tief, bald würde es dunkel werden. „Steh auf! Wir müssen weiter.“ Ich dachte nicht daran ihm zu gehorchen. Ganz davon abgesehen, dass ich mich noch immer kaum bewegen konnte. „Wirst du wohl endlich aufstehen?!“

„Ich kann nicht“ hauchte ich, versuchte dabei tatsächlich meine schmerzenden Muskeln zu bewegen. Doch es wollte einfach nicht funktionieren. Mein Körper verweigerte mir den Dienst.

Warme Finger legten sich an meinen Hals und ich hatte schon die Befürchtung er würde mich erwürgen, doch dann verschwand seine Hand. Er schnaufte, zog sich seinen Handschuh wieder über. „Schön, wir bleiben hier“ brummte er. „Aber um deine Nachtwache kommst du nicht herum. Du übernimmst die zweite Hälfte.“

Ich seufzte ergeben und schloss meine Augen. Das verbuchte ich als kleinen Erfolg.
 

Wieder weckte mich ein dumpfer Schmerz in meiner Seite. Dieses Mal fühlte ich mich etwas ausgeruhter, trotzdem schmerzte jeder Muskel bei dem Versuch aufzustehen. Ccarayhua tippelte nervös hin und her, gab dabei einen leisen Gurgellaut von sich, während ich mich träge aufsetzte.

„Zieh sie zurück!“ befahl er leise, doch mit der bekannten Kälte in seiner Stimme.

Ich wusste nicht, ob er ihr auch schaden würde, also kam ich dem Befehl nach und gab ihr das entsprechende Zeichen. Kurz zögerte sie, doch krabbelte über meinen Arm zu der kleinen Kuhle in meiner Rüstung.

Ares nickte, kam mir dabei gefährlich nah. Sein Blick vermochte zu töten. Seine Stimme war nur ein bedrohlicher Hauch. „Sollte sie auch nur ihren Kopf aus deiner Rüstung strecken, wird Tagari kurzen Prozess mit ihr machen, verstanden?“

Wenn es irgendwie ging, verdunkelte sich mein Blick noch mehr. Wir starrten uns nur an, und ich wusste nicht, wer von uns beiden dem anderen größeren Hass entgegenbrachte. Schließlich stand er beinahe lautlos auf und zog sich in das Zelt zurück. Ich atmete tief durch und rutschte zu einem Baum in der Nähe, um mich daran anzulehnen. Dabei stellte ich mir Ares‘ blödes Gesicht vor, weil ich zu laut war und musste bitter lächeln. Wenn das so weitergeht, bringt er mich um, noch bevor Haou mir helfen kann. Dabei hatte ich ihm versprochen durchzuhalten und mich zu fügen. Ich seufzte lautlos, lehnte meinen Kopf gegen den Baum und sah in den Sternenhimmel. Wenn Meister Ares mich nicht so sehr hassen würde, wäre er ein guter Lehrer. Seine Vorgehensweise mochte barbarisch sein, aber ich hatte in den letzten Wochen viel von ihm gelernt. Mehr, als ich hätte aus Büchern lernen können. Aber warum er mir Ccarayhua besorgt hatte, wenn ich bisher kaum mit ihr trainieren durfte, ging immer noch nicht in meinen Kopf. Ob er Angst hatte oder nur besonders vorsichtig war, wusste ich nicht. Eine Bewegung im Augenwinkel ließ mich den Kopf weiter in den Nacken legen. Einen knappen Meter über mir lauerte Tagari und beobachtete mich. Ob Meister Ares jemals zur Ruhe kommt, wenn er mich selbst durch seine Gefährten ständig im Blick haben muss? Wenn so ein Leben als Späher aussieht, werde ich lieber Soldat.

Plötzlich bohrte sich ein Wurfmesser über mir in den Baum und traf den Alduria. Ich riss die Augen auf, wollte mich umsehen, doch eine verschleierte Gestalt hockte vor mir und presste mir die Hand auf den Mund. Mein Herz raste. Ich wollte mich bewegen, ihr die Hand wegschlagen, doch sie zog die Kapuze aus dem Gesicht und ließ mich ihre Augen erkennen. Sie waren schwarz untermalt. Augenblicklich beruhigte ich mich und Carly legte einen Finger an ihre Lippen. Ich nickte, erst dann senkte sie ihre Hand und zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. Durch das Tuch, dass ihr bis über die Nase reichte, konnte man nichts mehr von ihr erkennen. Eine zweite Person landete leichtfüßig auf dem Lagerplatz, ebenso verschleiert wie Carly und gab mir das Zeichen zu bleiben, wo ich war. Zögerlich nickte ich, beobachtete, wie die beiden sich zum Zelt schlichen. Rifton huschte über Carlys Körper und bewegte sich lautlos wie ein Schatten in das Zelt hinein.

Carly selbst stellte sich neben das Zelt und holte ein weiteres Messer aus ihrer Tasche, ihr Partner platzierte sich neben dem Eingang. Ich beobachtete die beiden mit einem mulmigen Gefühl. Ich hatte für Meister Ares im Moment nur Verachtung übrig, aber den Tod verdiente niemand. Doch ich blieb still. Aufhalten konnte ich die beiden nicht, war ich doch kaum in der Lage dazu aufzustehen. Der andere nickte Carly zu, sie erwiderte und hob das Messer. Doch zu meiner Überraschung schlitzte sie nur die Plane auf. Plötzlich schnellte etwas aus dem Zelteingang, schwang dabei eine Sense, doch der Fremde packte das Vieh von hinten und drückte es mit dem Gesicht voran auf den Boden. Pinnte es mit seiner eigenen Sense fest. Erst jetzt erkannte ich, dass es ein Schutzgeist war. Gleichzeitig schnappte sich Carly die Plane des Zeltes und fixierte Meister Ares, der noch immer darin lag. Regungslos. Mein Herz schlug wild, ich konnte mich nicht von der Szene abwenden. Ich konnte nicht erkennen, was sie da tat. Plötzlich hörte ich ein Klicken, etwas streifte meinen Hals und landete in meinem Schoß. Verwirrt sah ich an mir hinab. Auf meinem Oberschenkel lag ein schwarzer Lederstreifen, Runen waren an der einen Seite angebracht. Ich riss die Augen auf. Realisierte nur langsam, was es war. Das Halsband. Es ist ab.

Plötzlich materialisierte sich aus einem Funkenmeer der schlanke Körper meines Drachen. Sein wütendes Brüllen hallte durch den ganzen Wald, ließ die Vögel in der Umgebung in Schwärmen davonfliegen, und die Pferde aufgeregt wiehern. Sein schimmernd weißer Körper bildete einen scharfen Kontrast zur Dunkelheit der Nacht. Wütend bleckte er seine Zähne, fixierte dabei sein Ziel. Carly rutschte erschrocken zurück, gab dabei aber keinen Laut von sich. Ich spürte den starken Wunsch in meinem Drachen Meister Ares den Kopf abzureißen. Verübeln konnte ich es ihm nicht.

Der Fremde gestikulierte mir ‚Rückzug‘, stellte sich dabei zwischen meinen Drachen und das Zelt. Ich hatte Sorge, Sternenstaubdrache würde trotzdem angreifen, so heiß wie seine Wut brannte. Ares war also noch am Leben, sonst hätte er meinen Drachen sicher einfach machen lassen. Es dauerte einige Augenblicke, ehe ich ihn überzeugen konnte. Er gab seine Angriffshaltung auf, starrte aber immer noch Richtung Zelt und knurrte bedrohlich. Sobald sich Meister Ares bewegen würde, würde mein Drache angreifen. Carly stand auf, selbst in der Dunkelheit konnte man erkennen, dass sie zitterte. Plötzlich legten sich die Klauen meines Drachen um meinen Körper. Vorsichtig hob er mich hoch, brüllte noch einmal in Richtung des Zeltes und ließ die Luft damit vibrieren. Dann hörte ich, wie er seine Schwingen entfaltete und sich in die Luft erhob. Sein einziges Ziel war es, mich hier wegzubringen.
 

Immer wieder war ich während des Flugs weggedriftet, schreckte aber gleich darauf wieder hoch. Aus Angst, gleich wieder einen Schlag zu bekommen. Ich hatte noch immer nicht realisiert, dass wir wirklich entkommen waren. Ich hätte Carly und ihrem Partner gern gedankt, doch Sternenstaubdrache hatte so schnell gehandelt, dass ich nicht reagieren konnte. Erst als die Sonne am Horizont auftauchte, verlor Sternenstaubdrache an Höhe und landete kurz darauf auf einer Bergkuppel. Doch seine Klauen hielt er noch immer geschlossen, nur vage konnte ich unsere Umgebung zwischen seinen Krallen ausmachen. In Gedanken fragte ich ihn wo wir sind. Er war nach Norden geflogen und machte hier Rast, um mir ein wenig Ruhe zu gönnen. Ich schmunzelte, strich kraftlos über die glatte Haut. „Danke“ murmelte ich, zwang mich wach zu bleiben. Mit zwei Fingern tippte ich auf meine Schulter, schon saß Ccarayhua in meiner Hand und wartete auf Anweisungen. Aus meiner Tasche holte ich die kleine Dose, damit sie etwas zu sich nehmen konnte. Doch sie zögerte. „Ist schon gut“ flüsterte ich, war schon wieder kurz davor einzuschlafen. Sie wirkte besorgt, aber ich wusste nicht warum. Vielleicht wegen Sternenstaubdrache, vielleicht wegen mir. „Mir geht’s gut, und Sternenstaubdrache wird dir nichts tun. Wir machen eine kleine Pause“ sagte ich, brachte aber nur noch das Handzeichen für ‚Rast‘ zustande, ehe ich gänzlich wegdriftete.
 

Stahlgraue Augen durchbohrten mich voller Hass. „Dein Verrat wird dich teuer zu stehen kommen“ sagte er kalt.

Ich schrie, versuchte mich zu erklären.

Doch er hörte nicht.

Ein goldenes Amulett fiel langsam zu Boden. Mit einem hellen Platschen sank es ins Wasser, hinterließ dabei sanfte Wellen auf der Oberfläche.

Plötzlich verfärbte sich das Wasser rot, strahlte noch heller als die Sonne.

Ich kniff die Augen zusammen, hielt meine Arme schützend vor mein Gesicht.

Langsam hob ich meine Lider, riss die Augen vor Schreck auf.

Versuchte zu atmen.

Das Land versank in Feuer, Flammen verschluckten den Palast.

Schreie hallten über die Landschaft.

„Das ist deine schuld!“

Ich drehte mich zu der hasserfüllten Stimme. Meister Ares hatte einen Dolch in der Hand, bereit sich auf mich zu stürzen.

„Das wollte ich nicht“ hörte ich mich selbst sagen.

Doch es interessierte ihn nicht.

Blut.

Alles, was ich sah, war Blut.
 

Ich riss die Augen auf, japste nach Luft. Versuchte irgendwie zu Atem zu kommen. Mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen meine Rippen. Alles um mich herum war weiß und vertraut. Nur langsam begriff ich, wo ich mich befand, und was passiert war. Tief atmete ich durch und schloss die Augen. Lehnte mich wieder in die Klauen meines Drachen. Langsam beruhigte sich mein Atem und auch mein Herz schlug wieder gleichmäßiger. Ein tiefes Brummen ließ mich verwirrt umsehen. Das, was ich vom Himmel erkennen konnte, war strahlend Blau. Es war also mitten am Tag. Schwerfällig setzte ich mich auf, dabei huschte Ccarayhua von meiner Brust und krabbelte zu einer von Sternenstaubdraches Krallen. Durch die helle Haut meines Drachen wirkten die Schuppen der kleinen Echse noch dunkler. „Morgen Coko“ sagte ich leise, streckte mich dabei. Ich war furchtbar verspannt, hatte Muskelkater am ganzen Körper, aber davon abgesehen waren die Schmerzen verschwunden. Das Brummen meines Drachen wurde zu einem tiefen Knurren, einer Warnung gleich. Ich stutzte und stand neugierig auf, um über seine Klauen zu sehen. Stockte. Ist das der Fremde von letzter Nacht? Tatsächlich kam er immer näher und hob dabei beschwichtigend die Hände. Langsam griff er zu seiner Kapuze und streifte sie ab. Zog das Tuch aus seinem Gesicht.

Das Knurren erstarb. Ungläubig starrte ich ihn an, konnte nicht glauben, was ich sah. Ich stieg aus der Klaue meines Drachen und ging auf ihn zu. Jesse lächelte amüsiert, während er eine Hand in die Hüfte stemmte. „Ehrlich, da kommt man, um dich zu retten und wird einfach im Wald stehen gelassen.“

„Ähm… Entschuldigt“ stammelte ich, blickte suchend hinter ihn. Doch er war allein. „Wo ist Carly?“

„Sie verwischt unsere Spuren und erstattet Yubel dann Bericht. Wir haben eigentlich geplant dich unauffällig wegzuholen, aber ich habe schon gedacht, dass das passiert, deswegen bin ich auf einem Steva unterwegs.“

Ich nickte nur perplex, wusste nicht was ich sagen sollte. Nie hätte ich gedacht, dass ausgerechnet Jesse mich mal retten würde. „Danke“ sagte ich nur.

Doch er winkte ab. „Wir müssen uns beeilen, morgen Abend müssen wir spätestens im Palast sein. Hattest du schon Reittraining auf einem Steva?“

„Nein.“

Ein kleines Seufzen war zu hören, nachdenklich legte er sich die freie Hand ans Kinn. „Mist. Den Rest des Weges würde ich lieber reiten, damit mein Onkel nicht weiß, wo du hinwillst. Andererseits nimmt er vermutlich ohnehin an, dass du in den Palast fliegen würdest. Und wenn wir…“ Gedankenverloren tigerte er herum, während Sternenstaubdrache und ich ihn beobachteten, bis er plötzlich stehen blieb und zu meinem Drachen aufsah. „Wie groß ist seine Reichweite?“ fragte er an mich gerichtet.

„Das konnten wir nie austesten.“

Er nickte für sich selbst, schien wieder in seine Gedankenwelt getaucht. „Dann wird es Zeit... Ich will meinen Onkel die nächsten vier bis sechs Tage definitiv nicht im Palast haben, er würde nur stören. Irgendwie müssen wir die Fährte vom Palast ablenken. Das klappt am besten mit Sternenstaubdrache.“

„Was habt Ihr vor?“

„Wir treffen uns in der nächsten Stadt und besorgen dir einen Steva, um zum Palast zu reiten. Dann fliegt Sternenstaubdrache in eine andere Richtung und lenkt meinen Onkel dort hin. Yubel hat gesagt, dass es klappen sollte, vorausgesetzt Sternenstaubdrache hat eine ähnliche Reichweite wie Regenbogendrache früher. Aber ich würde es einfach darauf ankommen lassen.“

„Meint Ihr wirklich er fällt darauf rein?“

Sein Blick verdunkelte sich. „Nach dem was Carly erzählt hat und was ich gestern gesehen habe, ist er vollkommen auf dich fixiert. Er wird alles tun, um seinen Plan umzusetzen. Egal wie groß die Angst vor deinem Drachen ist.“

„Aber was genau ist sein Plan?“

„Das erklär ich dir später. Erstmal müssen wir es rechtzeitig in den Palast schaffen. Was sagst du, traust du dir einen Ritt auf einem Steva zu? Mit dem Pferd müssten wir die Nacht durchreiten, und selbst dann wird es knapp.“ Ich zögerte. Noch nie hatte ich auf einem dieser Tiere gesessen. Ich bezweifelte, dass ich zwei Tagesritte auf Anhieb schaffen würde. Jesse sah mir die Zweifel anscheinend an, also lächelte er aufmunternd. „Wenn du dich auf dem Rücken eines Drachen halten kannst, dann auch auf einem Steva. Du musst ihm nur die richtigen Befehle geben, das ist nicht so schwer wie Haou immer behauptet.“

Mir war noch immer nicht ganz wohl, trotzdem stimmte ich zu.

„Gut. Wir treffen uns in Naras, das ist nicht weit von hier. Mit dem Pferd vielleicht eine Stunde nordwestlich. Landet am besten abseits der Stadt und wartet dort auf mich.“
 

Seinem Plan folgend flogen wir nordwestlich, bis wir in der Ferne eine recht große Stadt ausmachen konnten. Überall um die Stadtmauern verteilt waren Felder, auf denen das Getreide bald reif für die Ernte war. Wir bogen zu einem kleinen Hügel abseits der Felder ab, der, bis auf eine kleine Lichtung, beinahe vollständig von Obstbäumen überwuchert war. Sternenstaubdrache landete holprig, dabei pflügte er einen Teil des Bodens um und riss einen der Bäume samt Wurzeln aus der Erde. Innerlich entschuldigte ich mich bei dem Bauern, dessen Ertrag nun kleiner ausfallen würde, aber immerhin bemerkte uns hier niemand.

Es dauerte nicht lang, da konnte ich zwischen den Bäumen zwei der muskulösen Tiere ausmachen. Auf dem einen saß Jesse, das Gesicht halb verschleiert, während er das andere an einem Seil mit sich führte. Direkt neben mir kam er zum Stehen. Als er abstieg, und sich die Kapuze aus dem Gesicht zog, sah er sich mit erhobener Augenbraue um. „Spuren verwischen ist hier sinnlos. Selbst ein Blinder sieht, dass hier ein Drache gelandet ist.“ Sternenstaubdrache brummte empört, was Jesse versöhnlich schmunzeln ließ. „Ist nicht so schlimm. Allerdings müssen wir jetzt darauf achten, die Spuren der Stevas zu verwischen, sonst kommt mein Onkel noch auf falsche Gedanken.“

„Und wie?“ fragte ich.

„Rubin kümmert sich darum. Zuerst musst du deinen Drachen wegschicken, sonst kann ich nicht vorhersagen, wie die Tiere reagieren. Er fliegt am besten Richtung Osten. Dort gibt es viele kleine Dörfer, über denen er sich sehen lassen kann. Lass ihn ruhig ab und an brüllen, damit ihn möglichst viele Dämonen bemerken. Die Gerüchteküche wird dafür sorgen, dass mein Onkel davon erfährt, glaub mir. Wenn er weit genug geflogen ist, kannst du ihn zurückziehen.“

Ich nickte, sah hoch zu meinem Drachen. „Bist du bereit?“ fragte ich, worauf er nur ein kraftvolles Brüllen erklingen ließ, das die Stevas aufgeregt mit den Krallen scharren ließ. Er breitete seine Schwingen aus, und war mit zwei Flügelschlägen in der Luft. Einen Augenblick sah ich ihm nach, bis mich eine Berührung an meiner Schulter zurücksehen ließ. Jesse reichte mir eines der Zügel.

„Jetzt kümmern wir uns darum, dass du dich auf einem Steva halten kannst. Hier.“ Ich nahm die Zügel des zweiten Tieres und er stellte sich neben sein eigenes. Dabei achtete er auf das Seil, das an seinem Sattel festgebunden und mit dem Hals meines Stevas verbunden war. „Das wichtigste beim Aufstieg ist, dass du den Schnabel fixierst. Gerade bei Anfängern haben sie meistens die Macke, die Reiter an ihren Füßen zu packen und abzuwerfen. Wenn sie dich am Boden dann mit ihren Krallen erwischen, kann es ziemlich hässlich werden. Steig am besten so auf.“ Er legte eine Hand an den Sattel, mit der anderen hielt er den Schnabel fest. Als er oben saß, klapperte das Tier gereizt, war aber ansonsten ruhig. „Und beweg dich nicht zu viel im Sattel, das macht sie unruhig und während des Ritts weniger kontrollierbar. Jetzt versuch es selbst.“

Ich nickte, atmete tief durch, und befolgte seine Anweisungen. Bei mir sah es nicht ganz so elegant aus wie bei Jesse, trotzdem hatte ich es geschafft im Sattel zu landen, ohne abgeworfen zu werden. „Gut, jetzt schieb die Hüfte nach hinten, und lehn dich nach vorn, dann läuft er los. Ansonsten sind die nonverbalen Kommandos wie bei einem Pferd, nur nicht ganz so ausladend. Pass aber auf, bei zu großen Bewegungen werfen sie dich ab.“

„Okay.“ Meine Hüfte schob ich nach hinten und lehnte mich nach vorn, so wie Jesse gesagt hatte. Einen Aufschrei konnte ich mir nicht verkneifen, als das Tier plötzlich vorangeprescht war. Mit einer Hand hielt ich mich am Sattel fest, während ich mit der anderen versuchte die Zügel gerade zu halten. In einem Wahnsinns Tempo rannte der Steva geradeaus.

„Die Richtung stimmt schon“ rief Jesse, der zu mir aufgeschlossen hatte, mit einem Grinsen. „Lehn dich ein bisschen zurück und zieh die Zügel an, wenn du das Tempo drosseln willst. Und halte dich mit beiden Händen fest, sonst verlierst du das Gleichgewicht.“

Ich nickte knapp, versuchte mit schwitzigen Händen seine Anweisungen zu befolgen. Zu meiner Erleichterung wurde das Tier langsamer, aber gleichzeitig lief es in eigenartigen Schlängellinien.

„Du lehnst dich zu weit nach rechts“ rief er und korrigierte die Laufrichtung durch das Seil. Währenddessen setzte ich mich gerade in den Sattel. „Okay, jetzt zieh die Zügel vorsichtig kürzer und richte dich langsam auf. Nicht zu schnell, sonst fällst du vorn über.“

„Ja“ antwortete ich atemlos, versuchte mich so langsam wie möglich aufzusetzen und die Zügel dabei kürzer zu nehmen. Tatsächlich drosselte er sein Tempo, bis er schließlich stehen blieb. Der Steva warf seinen Kopf zurück und klapperte mit dem Schnabel.

„Das bedeutet, dass er dich vorerst akzeptiert hat“ sagte Jesse, der neben mir ebenfalls zum Stehen gekommen war. „Streich ihm über den Hals. Das ist seine Belohnung dafür, dass er dich nicht abgeworfen hat.“ Zögerlich strich ich über das überraschend weiche Fell. Es fühlte sich wie das eines Pferdes an, nur ein wenig kälter. „Was sagst du?“

Fragend betrachtete ich ihn. „Was genau meint Ihr?“

„Schaffst du die Strecke zum Palast?“

Für diese Antwort nahm ich mir einen Moment Zeit. Die Geschwindigkeit war im ersten Moment erschreckend, aber ich würde mich sicher schnell daran gewöhnen. Schließlich war Sternenstaubdrache noch schneller unterwegs. Und zur Not war Jesse bei mir, der durch das Seil, das unsere Tiere verband, eingreifen konnte. „Ich denke schon“ antwortete ich schließlich.

Salbung

Ungeduldig tigerte ich durch den Raum, prüfte zum wiederholten Mal die Siegel an den Wänden. „Ist wirklich alles vorbereitet?“ fragte ich zum bestimmt dritten Mal an diesem Tag.

Doch die Hofzauberin neigte geduldig ihr Haupt, während sie eine Tasse Tee auf den niedrigen Tisch vor dem Sofa abstellte. „Es ist alles vorbereitet. Und Meister Jesse wird bald mit ihm eintreffen, macht euch keine Sorgen.“ Mittlerweile hatte sie es aufgegeben mich überreden zu wollen ebenfalls auf dem Sofa Platz zu nehmen. Zu nervös war ich.

Ich stieß angespannt die Luft aus den Lungen und ging wieder in den Nebenraum, in dem das Ritual stattfinden würde. Prüfte den Bannkreis, der beinahe den gesamten Boden einnahm. Zahllose Insignien waren darin platziert, die ich langsam herunterbeten konnte, so oft wie ich sie angestarrt hatte. Tief atmete ich durch, sah aus dem Fenster. Der Abend brach bald herein, und noch immer gab es keine Spur von ihnen. Meine letzte Information war, dass sie Yusei erfolgreich das Halsband entfernen konnten, doch Sternenstaubdrache hatte auf eigene Faust gehandelt und war davongeflohen. Und kurz vor einem Dorf in der Nähe von Naras mussten sich Jesse und die Späherin aufteilen, um ihre Spuren zu verwischen. Seitdem war Funkstille. Ich wusste auch nicht, für welchen Plan sie sich entschieden hatten, um herzukommen, wenn Jesse Yusei überhaupt gefunden hatte. Und wenn sie mit den Stevas kommen, könnte unterwegs wer weiß was passiert sein, und Jesse war nicht sonderlich gut beim Wirken von Heilzaubern.

Ich stöhnte genervt, begann wieder damit durch den Vorraum zu tigern. Diese Ungewissheit brachte mich noch um den Verstand. Wir hatten nur diese eine Chance, schließlich war der Blutmond heute Nacht. Der nächste würde erst wieder in ein paar Monaten kommen, und so lange konnte ich Yusei nicht vor Ares verstecken.

„Mein König“ unterbrach Madame Tredwell mein Gedankenkarussell. „Wollen wir mit der Salbung beginnen? Das bringt Euch vielleicht auf andere Gedanken.“

Ich seufzte, versuchte mich nicht verrückt zu machen. „Ja, Ihr habt vermutlich recht.“
 

Während wir im angrenzenden Bad waren, und sie die eigens gebraute Tinktur auf meinem Körper verteilte, besprachen wir einmal mehr den Ablauf des Rituals. Sie ließ mich alles aufzählen was ich zu beachten hatte, jeden Zauberspruch und jede Handlung, die für das Ritual notwendig war, zu den Zeitpunkten, in der ich sie ausführen musste. Es gab mir ein Gefühl von Sicherheit bei dem, was ich zu tun hatte, und milderte die Anspannung in meinem Körper. Als Madame Tredwell das Bad verließ, tauchte Geflügelter Kuriboh an meiner Seite auf und betrachtete mich besorgt. „Mach du nicht auch noch so ein Gesicht“ seufzte ich und warf meinen Blick aus dem Fenster. Von hier aus hatte man das Haupttor gut im Blick und ich konnte nicht verhindern nach dem blauen Schopf meines Freundes Ausschau zu halten.

„Kurii!“ kam es plötzlich von meinem Schutzgeist und ließ mich zu ihm sehen.

Ich stockte, starrte die kleine, violette Katze mit den rubinfarbenen Augen an, die wissend lächelte. Wenn Rubin hier war, konnte Jesse nicht weit sein. Erleichtert atmete ich auf, schenkte dem Schutzgeist ein kleines Lächeln. „Ihr habt euch wirklich Zeit gelassen. Es wird bald dunkel. Beeilt euch.“

Rubin nickte, löste sich im nächsten Moment auf. Ein Stein fiel mir vom Herzen und ich schnappte mir den rituellen Kaftan aus schwarzer Seide, um ihn anzulegen. Versuchte mein schnell schlagendes Herz zu beruhigen. Nun hatte die Aufregung in meinem Körper einen ganz anderen Grund.
 


 

~~~ Yusei ~~~


 

Das monotone Getrappel der Stevas, die uns pfeilschnell über die Landschaft trugen, und der Wind, der um mein Gesicht peitschte, waren die einzigen Geräusche, die ich noch wahrnahm. Bald schon konnten wir am Horizont die Silhouette der Hauptstadt ausmachen und ich versuchte das Gefühl von Nervosität abzuschütteln. Seit Naras waren wir durchgängig unterwegs, hatten nur kurze Zwischenstopps eingelegt, und eine längere Rast, um zu schlafen. Trotzdem lief uns die Zeit davon. Jesse hatte gesagt, dass wir am frühen Abend im Palast sein mussten, doch die Sonne war dem Horizont bereits sehr nah. Plötzlich gab er mir das Zeichen das Tempo zu drosseln. Verwundert lehnte ich mich langsam im Sattel zurück, bis wir schließlich stehen blieben. „Ich dachte, wir müssen uns beeilen“ sagte ich irritiert. Eine Rast erschien mir sinnlos, hatten wir unser Ziel doch fast erreicht.

Er zog sich seinen Umgang vom Körper und reichte ihn mir. „Müssen wir, aber zieh den hier erst über. Ich will nicht, dass dich jemand erkennt.“

Ich nickte, folgte seiner Aufforderung. Ob Ares den Köder wohl geschluckt hatte? Ich schloss meine Augen, konzentrierte mich auf die Energie meines Drachen, die ich mit jeder Stunde weniger spüren konnte, bis ich ein verschwommenes Bild vor mir sah. Eine riesige Bergkette, spitze Klippen, tiefe Schluchten. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich zu Jesse. Auch er hatte sie geschlossen, hob langsam seine Lider. „Ich habe Haou Bescheid gegeben, dass wir bald da sind. Wie sieht es bei Sternenstaubdrache aus?“

„Er ist im Helos-Gebirge angekommen.“

„Gut, das ist weit genug. Lass ihn landen, wo ihn niemand sieht, dann kann er sich zurückziehen.“

„Okay“ antwortete ich, zog mir dabei die Kapuze über. Bald ist dieser Spuk endlich vorbei.
 

~*~
 

Bei den Stallungen angekommen, stieg ich endlich von dem Steva ab und steuerte zusammen mit Jesse auf den Palast zu. Plötzlich tauchte über unseren Köpfen eine bekannte Silhouette auf. Elegant landete Yubel direkt vor uns und deutete uns mit einem Kopfschwenk ihr zu folgen. „Ihr seid wirklich spät“ bemerkte sie leise.

„Wir mussten einen kleinen Umweg machen“ erklärte Jesse ebenso leise, als wir in den Palast traten. „Ich wollte so wenige Spuren zurücklassen wie möglich, Rubin konnte nicht alle beseitigen.“

„Ist er euch gefolgt?“

„Das werden wir sehen. Sternenstaubdrache hat ihn auf eine falsche Fährte gelockt. Hoffentlich frisst er den Köder.“

Sie nickte, schien ganz in Gedanken versunken zu sein. Dementsprechend verwundert folgte ich ihr eine Treppe hinauf zu einem Gang, den ich noch nie betreten hatte. Ich wollte schon fragen, wo wir sind, da wandte sich Jesse an mich. „Hier liegen die Gemächer für Gäste, und auch das des ehemaligen Königs. Aber seit dem Tod von Haous Vater werden sie nur noch selten genutzt. Ich bin eigentlich der Einzige, der hier einen Raum bezogen hat.“

„Verstehe. Aber warum treffen wir uns hier mit dem König?“

„Hier war es einfacher alles vorzubereiten“ beantwortete Yubel meine Frage, stoppte dabei vor einer der Türen. Mein Herz schlug mir plötzlich bis zum Hals. Noch vor zwei Tagen hatte ich die Hoffnung fast aufgegeben Haou wiederzusehen, und nun war ich hier. Yubel öffnete die Tür und trat ein, Jesse folgte ihr. Noch einmal atmete ich tief durch und ging ebenfalls in den Raum. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss, als ich mich suchend umsah. Doch erst als Jesse beiseitetrat, entdeckte ich ihn und mein Herz machte einen Satz.

Haou trug ein Gewand aus schwarzer Seide, verziert mit filigranen, goldenen Mustern. Es war vorn offen und wurde nur durch einen Gürtel zusammengehalten, der locker um seine Taille saß. Seine Schultern waren nur knapp bedeckt, so wurde die Muskulatur seiner Arme zur Geltung gebracht, die durch einen dünnen Film auf seiner Haut leicht glänzte. Seitliche Schlitze zogen sich von seinem Arm bis knapp über den Gürtel und gaben noch mehr Haut preis.

„Schick“ kommentierte Jesse, und holte mich so aus meiner Trance.

Mein Blick wanderte zum Gold seiner Augen, die mich warm anstrahlten. Ich zog die Kapuze vom Kopf und ging wenige Schritte auf ihn zu. Doch stockte. Er hatte mir damals im Krankenzimmer gesagt, ich solle mich normal verhalten, wenn wir nicht allein waren. Dabei wünschte ich mir im Moment nichts sehnlicher als ihm nah zu sein, wenn auch nur für einen Moment. Doch ich begnügte mich damit, dass ich endlich wieder bei ihm war.

Plötzlich zog er mich zu sich und legte seine Arme um meinen Körper. Drückte mich sanft an sich. Er sagte nichts, hielt mich nur sicher in seinen Armen und schenkte mir ein Gefühl von Geborgenheit. Mein Herz machte einen Satz. Dass er mir in Anwesenheit anderer näherkam, war neu, so wusste ich nicht wie ich reagieren sollte. Doch ich seufzte nur erleichtert und erwiderte die Umarmung. Versteckte mein Gesicht in seiner Halsbeuge und nahm seinen Duft bewusst wahr. Die Anspannung der letzten Wochen war mit einem Schlag von meinen Schultern gefallen. Jetzt erst wurde mir bewusst, wie sehr ich ihn vermisst hatte.

„Ich will euer Wiedersehen ja nicht stören, aber ihr solltet euch beeilen“ sagte Jesse plötzlich.

Ich seufzte lautlos, wusste aber, dass er recht hatte. Nur widerwillig löste ich die Umarmung und drehte mich zu ihm. „Was passiert jetzt?“

„Das ist wohl mein Stichwort“ schaltete sich Madame Tredwell ein und winkte mich zu sich. „Komm, wir haben noch viel zu erledigen.“ Einen kurzen Blick warf ich zu Haou, der bestätigend nickte, also folgte ich der Hofzauberin in einen Nebenraum.

Als wir eintraten, und Madame Tredwell die Tür hinter uns schloss, sah ich mich flüchtig um. Es war augenscheinlich ein Badezimmer, nur war das hier weit protziger als alle, die ich bisher gesehen hatte. Regale, die in die vertäfelten Wände eingelassen waren, waren voll mit Glasflaschen von unterschiedlichster Form und Farbe. In der Mitte des Raumes führten zwei Treppenstufen zu einem Podest, auf dem ein großes, goldenes Becken stand, gut erhellt durch einen Kronleuchter, der direkt darüber hing. Auch durch die zahllosen Kerzen am Fuße des Podests wurde der Raum in angenehm warmes Licht getaucht. Direkt dahinter hing ein riesiger Spiegel an der Wand, eingefasst in einem golden verschnörkelten Rahmen. Durch einen Sichtschutz war ein Teil des Zimmers abgetrennt, davor stand eine Kommode, auf der fein säuberlich gestapelte Handtücher lagen, daneben frische Kleidung. Unter den Fenstern stand eine Récamiere, über dessen Lehne Kleidung aus verzierter, weißer Seide lag. Ein Geruch von Sandelholz und Jasmin lag in der Luft.

Doch mein Blick blieb an dem Spiegel haften. Meine Erscheinung wollte nicht in diesen Raum passen. Durch den Staub war meine Haut so verdreckt, dass man ihre ursprüngliche Farbe kaum erkennen konnte, ebenso wie meine Rüstung. Auch die Haare waren zerzaust und dunkle Schatten untermalten meine Augen. Ich sah aus wie ein Eindringling in einer fremden Welt.

„Bevor wir anfangen, solltest du dich dringend waschen“ bestätigte Madame Tredwell meine Gedanken. „Deine Rüstung kannst du hinter dem Paravent ablegen, ich werde dir das Wasser zurechtmachen.“

„Ich dachte, wir müssen uns beeilen“ erwiderte ich, folgte aber ihrer Aufforderung und ging zu dem abgetrennten Teil.

„Keine Sorge, dafür wird unsere Zeit reichen.“

In dem abgetrennten Teil stand eine weitere Kommode, schräg daneben ein Stuhl und etwas weiter ging eine zweite Tür ab. Stück für Stück legte ich meine Rüstung auf der Kommode ab, während ich im Hintergrund das Plätschern des Wassers hörte. Als ich den Harnisch auszog, rutschte etwas von meinem Hals und fiel klirrend zu Boden. Verwundert sah ich hinab. Es war das Amulett, das mir der alte Dämon gegeben hatte. Das Lederband war an einer Stelle abgerieben und gerissen. Kurz überlegte ich es zu meinen Sachen zu legen, doch aus irgendeinem Grund hinderte mich etwas daran. Mein Blick fiel auf Ccarayhua, die auf der Kommode saß, und mich beobachtete. Ohne darüber nachzudenken, wies ich sie mit Handzeichen an, es zu verstecken und darauf achtzugeben. Hielt ihr das Amulett dabei entgegen. Sie huschte in meine Hand und schnappte sich den Anhänger, mit dem sie erstaunlich geschickt davonrannte und sich hinter dem Möbelstück versteckte.

„Bist du fertig?“ erkundigte sich Madam Tredwell.

„Ja, gleich“ rief ich zurück, befreite mich dabei von meiner verbliebenen Kleidung. Doch nach einem Handtuch, das zumindest den unteren Teil meines Körpers bedeckte, suchte ich vergeblich.

„Ist alles in Ordnung?“

„Ähm… Ja.“ Eine unangenehme Wärme stieg mir ins Gesicht. Jetzt musste ich so raus. Zögerlich trat ich hinter dem Sichtschutz hervor.

Madame Tredwell war gerade dabei eine der Glasflaschen aus dem Regal zu nehmen und warf einen kurzen Blick zu mir, ehe sie sich wieder ihrem Tun widmete. „Du kannst einsteigen. Ich bin gleich fertig.“

Ich nickte, auch wenn sie es nicht sehen konnte, und ging zu dem Becken. Ließ mich langsam ins Wasser sinken, und konnte ein Seufzen nicht unterdrücken. Das warme Wasser tat meinen schmerzenden Muskeln unendlich gut, der Geruch nach Sandelholz wurde präsenter. Vermutlich ein Öl, das dem Wasser beigemischt wurde.

„Hat Meister Jesse dir erzählt, was wir vorhaben?“ fragte sie und gab ein paar Tropfen einer grünen Flüssigkeit dabei ins Wasser. Schlagartig zog sich ein angenehmes Prickeln über meine Haut und ich begann sie zu reinigen.

„Nein, nicht alles. Dazu fehlte uns die Zeit. Er sagte etwas von einem Ritual, durch das ich nicht mehr nur als Besitz gelten werde.“

Sie verkorkte die Flasche und stellte sie neben das Becken. „Das ist sehr heruntergebrochen, aber ja. Es zieht allerdings einiges mehr nach sich, als nur deine Rechte wiederzubekommen. Bevor es los geht, werde dir alles erklären, in Ordnung?“

Ich nickte. Endlich würde ich erfahren, was Haou genau vorhatte, um mir zu helfen.

„Sagt dir der Begriff Seelenbindung irgendwas?“

Dunkel erinnerte ich mich, dass Yugi mal davon gesprochen hatte. „Ja, im Zusammenhang mit Schutzgeistern.“

Einen Moment schien sie zu überlegen, ihr Blick verlor sich im Nichts. „Ja, die Verbindung mit einem Schutzgeist ist etwas Ähnliches“ sagte sie gedankenverloren. Plötzlich sah sie mich wieder direkt an. „Untertauchen bitte.“

„Was?“

„Untertauchen.“ Ihre Hand legte sie auf meinen Kopf und drückte ihn sanft nach unten. Ich holte tief Luft und tauchte mit dem Kopf unter die Wasseroberfläche. Auch in meinem Gesicht begann meine Haut zu prickeln und ich fragte mich langsam, was in der Flasche war. Grob wusch ich mein Gesicht, ehe ich wieder auftauchte und einen tiefen Atemzug nahm. Im selben Moment zuckte ich kurz zusammen, als ich etwas Kaltes auf meinem Kopf spürte. Madame Tredwell ergoss den Inhalt einer weiteren Flasche über mir und massierte ihn sanft in meine Haare. Ein wenig unangenehm war es mir, doch ich unterbrach ihr Tun nicht.

„Die Seelenbindung ist ein Jahrtausende altes Ritual“ setzte sie dabei zu einer Erklärung an. „Wie der Name schon sagt, dient es dazu, zwei Seelen aneinander zu binden. Einmal abgeschlossen, kann diese Verbindung nicht wieder getrennt werden. In unseren Gesetzen steht geschrieben, dass, wenn zwei Seelen aneinander gebunden sind, diese nicht durch Gewalt getrennt werden dürfen. Sollte es doch geschehen, gilt dies als Verbrechen und wird streng bestraft. Solltet ihr dieses Ritual also abhalten, bist du unantastbar für Meister Ares oder irgendjemand anderem, der dir schaden will. Er wird gezwungen sein, dich freizugeben, andernfalls würde er ein Verbrechen an unserem König selbst begehen.“

„Aber Meister Ares hat erwirkt, dass ich nur wie ein Gegenstand behandelt werde“ gab ich zu bedenken. „Seines Erachtens nach greifen die Gesetze für mich nicht, weil ich nur ein Mensch bin. Sogar der Großteil des Rats steht hinter ihm. Was soll eine Seelenbindung daran ändern?“

„Du hast recht. Aber all seine Argumente baut er nur auf die Tatsache auf, dass du kein Dämon bist. Zu diesem Punkt allerdings wird im Gesetzestext nur von ‚Seelen‘ gesprochen, nicht von Dämonen. Das ist das Schlupfloch, das König Haou gefunden hat.“

„Sicher, dass das funktioniert?“ fragte ich skeptisch.

„Ja, unser König hat es mehrmals geprüft. Nun könnte Meister Ares anzweifeln, ob du eine Seele hast, aber durch die Verbindung mit deinem Schutzgeist kann er dieses Argument nicht vorbringen. Schließlich ist es ebenfalls eine Art Seelenbindung, wie du schon gesagt hast.“

Nur langsam begriff ich die Tragweite ihrer Worte. „Ich wäre also für immer an König Haou gebunden?“

Sie nickte und nahm ihre Hände aus meinen Haaren. Während sie mir antwortete, hörte ich wieder leise plätscherndes Wasser. „Und er an dich. Eure Schicksale werden untrennbar miteinander verwoben sein.“

„Aber was bedeutet das genau? Und wie soll das funktionieren?“ wollte ich wissen, drehte mich dabei zu ihr. Sie war gerade damit fertig einen Eimer mit Wasser zu befüllen. Ich wusste was kommen würde und schloss meine Augen. Im nächsten Moment ergoss sie das Wasser über mir.

„Eins nach dem anderen“ sagte sie dann. Reichte mir dabei ein Handtuch. „Das Ritual bedarf einiges an Vorbereitung und kann nur zu einem bestimmten Zeitpunkt abgehalten werden. Im Schein eines Blutmondes vereinen sich zwei Dämonen und binden so ihre Seele an den jeweils anderen.“

Während ich das Handtuch entgegennahm, betrachtete ich sie fragend. „Was meint Ihr mit ‚vereinen‘?“ hakte ich irritiert nach.

„Eine körperliche Vereinigung selbstverständlich“ antwortete sie sachlich.

Es dauerte einen Moment, ehe ich es begriffen hatte und die Hitze förmlich in meinen Kopf schoss. Schnell mied ich ihren Blick, stieg dabei aus dem Becken, um mir das Handtuch um die Hüfte zu binden. Ich soll mit König Haou… WAS?

„Natürlich funktioniert das alles nur auf dem Prinzip der Freiwilligkeit“ fuhr sie fort, als würde sie über das Wetter sprechen. Währenddessen ging sie wieder zu den Regalen mit den unzähligen Glasflaschen. „Normalerweise wird dieses Ritual nur mit Dämonen praktiziert, die bereits einige Jahrzehnte zusammen sind, und selbst dann sollte es gut bedacht sein. Diese Situation entspricht also nicht unbedingt der Norm.“

Mit einem zweiten Handtuch trocknete ich meinen Körper, während ich versuchte ihr zu folgen. Diese Informationen zu verarbeiten war schwieriger als gedacht. Doch Madame Tredwell störte sich nicht daran und sprach weiter, während sie mit einer weiteren Glasflasche auf mich zu kam. Sie war klein und in einem zarten violett.

„Leg dich bitte auf den Bauch“ bat sie und deutete auf die Récamiere unter dem Fenster. Noch immer mit vollem Kopf kam ich ihrer Bitte nach und legte mich hin. Währenddessen hörte ich ein leises ‚Plopp‘ als sie das Behältnis öffnete. „Das hier ist eine spezielle Tinktur, die die Energie des Blutmondes besser bündeln soll. Normalerweise wird das Ritual im vollen Schein des Mondes abgehalten, doch König Haou entschied sich für eine etwas privatere Atmosphäre.“

„Also findet es normalerweise unter freiem Himmel statt?“ fragte ich irritiert. Dankte Haou still dafür, dass er sich gegen diese Variante entschieden hatte.

„Genau. Aber so geht es auch, wir müssen nur vorher die Tinktur auf eure Körper verteilen.“

Ich seufzte still und bettete meinen Kopf auf meinen Armen ab. Ich wünschte wirklich, Jesse hätte mir im Ansatz erzählt, was auf mich zukommen würde. So bereitete mir die Flut an Informationen langsam Kopfzerbrechen. Eine warme Flüssigkeit tropfte auf meinen Rücken und löste ein angenehmes Prickeln auf meiner Haut aus.

„Der Grund, warum dieses Ritual gut bedacht sein sollte, ist, dass es einige Gefahren mit sich bringen kann“ fuhr sie weiter aus, während sie die Tinktur auf meiner Haut verteilte. „Wird es beispielsweise falsch durchgeführt, können ungesunde Abhängigkeiten entstehen.“

„Abhängigkeiten?“ murmelte ich undeutlich gegen meinen Arm.

Doch sie schien mich verstanden zu haben. „Es gibt Zuneigung, Liebe und Besessenheit. Je nachdem, was von den Dämonen empfunden wird, wenn sie das Ritual abhalten, vertieft sich das Gefühl. Manchmal aber auch in die falsche Richtung. So kann aus Liebe eine Besessenheit werden, die das Leben beider zerstören kann. Allerdings ist das nur selten passiert, und auch nur dann, wenn das Ritual falsch durchgeführt wurde.“

Ich schnaufte, musste bitter lächeln. Selten. Das macht Mut.

„Darüber solltest du dir aber keine Gedanken machen“ versuchte sie mich zu beruhigen. „König Haou und ich haben alles genauestens vorbereitet. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dieser Fall eintritt, aber ich will, dass du wirklich verstehst, worauf du dich einlässt.“

Ich nickte, versuchte meine Gedanken zu sammeln. So wie es klang, war das Ritual die einzige Möglichkeit, von Meister Ares wegzukommen. Aber würde ich dadurch wirklich frei sein? Gebunden an den Mann, der mir am meisten bedeutete, war kein schlechtes Schicksal. Meine Treue hatte ich ihm ohnehin geschworen, und das aus freien Stücken. Weil es mir richtig erschien.

„Das ist noch nicht alles“ sprach Madame Tredwell zögerlich weiter und holte mich aus meinen Gedanken. „Dreh dich bitte auf den Rücken.“ Ihrer Aufforderung kam ich nach, doch ihr besorgter Blick verunsicherte mich, während sie die Flasche über meine Brust hielt und den Inhalt auf meine Haut tropfen ließ. „Die Gefahr einer Seelenbindung besteht auf lange Sicht darin, dass, wenn eine Seele stirbt, die andere dem Wahnsinn verfallen kann. Und hier besteht das Problem… Deine Lebensspanne ist weit kleiner als die von König Haou.“

Nur langsam begriff ich, was sie damit sagen wollte. Jegliche Farbe schien aus meinem Gesicht zu weichen. Haou brachte sich mit dem Ritual selbst in Gefahr. Mehr noch, es war unausweichlich, dass dieser Fall eines Tages eintreten würde. Und das alles tat er nur, um mir zu helfen. Das konnte ich nicht annehmen. Auch, weil es hierbei um sein Volk ging. Wer würde über dieses Land herrschen, wenn er wegen mir nicht mehr in der Lage dazu wäre? Angespannt atmete ich aus, starrte an die Decke, während Madame Tredwell stumm meinen restlichen Körper mit der Tinktur einsalbte. Lieber würde ich bei Meister Ares bleiben, als Haou so etwas anzutun.
 

„Letzten Endes ist es deine Entscheidung“ sagte Madame Tredwell irgendwann in die Stille. Sie war gerade fertig und verschloss die Flasche sorgfältig. „Es ist, wie schon gesagt, notwendig, dass ihr das Ritual beide aus freien Stücken vollzieht. Wenn du dich dazu gezwungen siehst, sag es bitte. Wir finden sicher eine andere Möglichkeit dir zu helfen.“

Ich setzte mich auf und musterte sie einen Moment. Das war eine Lüge, und das wussten wir beide. Es gab nur diese Möglichkeit. Haou hatte es schon angedeutet, bevor er die Abstimmung verloren hatte.

Ihre Hand legte sich sanft auf meine. „Du hast noch einen Moment Zeit. Denk darüber nach, und wenn du bereit bist, fangen wir an, in Ordnung?“

„Ja“ sagte ich leise, mied ihren Blick. Viel Zeit mich zu entscheiden, hatte ich nicht.

Schritte entfernten sich, eine Tür wurde geöffnet. Doch dann erklang Madame Tredwells Stimme erneut. „Bevor ich es vergesse: Das Gewand neben dir ist für dich. Zieh es bitte an, wenn du bereit bist.“ Dann fiel die Tür ins Schloss.

Ich atmete tief durch, sah zur Lehne der Récamiere. Darüber hing Kleidung aus filigran verzierter, weißer Seide. Ohne darüber nachzudenken, stand ich auf und nahm den Stoff an mich. Strich gedankenverloren über die silbernen Stickereien. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Sollte ich ablehnen, würde ich wieder bei Meister Ares landen und ich war mir sicher, auf lange Sicht würde es meinen Tod bedeuten. Angedeutet hatte er das bereits. Und wenn ich das Ritual abhalte? Haou macht sich selbst angreifbar. Nicht nur, dass ich ohnehin eher das Zeitliche segnen würde als er. Wenn jemand ihm Schaden zufügen wollte, müsste er mich nur töten, und er würde dem Wahnsinn verfallen. Das konnte ich unmöglich zulassen. Warum sollte Haou so etwas riskieren?

Ich seufzte, streifte den dünnen Stoff über. Unendlich leicht und angenehm lag er auf meiner Haut. Langsam trat ich vor den mannshohen Spiegel und betrachtete mich. Erkannte mich beinahe selbst nicht wieder. Der Anblick hatte nichts mehr von der Person, die mich noch vor einigen Minuten aus dem Spiegel angesehen hatte. Meine Haut war gereinigt um einiges heller. Auch der leichte Film darauf hob die feine Muskulatur meines Körpers hervor. Das Gewand sah dem von Haou sehr ähnlich. Es hatte ebenfalls lange Schlitze an der Seite, war vorn offen, nur der Gürtel war weit länger, sodass ich das Gewand vorn mit einer langen Schlaufe zubinden musste. Der größte Unterschied lag lediglich in der Farbe. Während seiner aus schwarzer Seide mit goldenen Stickereien bestand, war meiner weiß und silbern. Gedankenverloren strich ich über meinen Arm. Was auch immer dieser Tinktur beigemischt war, hatte meine Haut überraschend weich gemacht. Doch selbst in Kleidung wie dieser war es für mich schwer vorstellbar, ich könnte an Haous Seite passen.

Ich löste mich von meinem Spiegelbild und schluckte, warf einen Blick über meine Schulter zur Tür. Dahinter stand er und wartete auf meine Entscheidung. Er hatte seine bereits getroffen. Aber… Ich konnte es nicht. Mit schnell schlagendem Herzen ging ich auf die Tür zu. Zögerte sie zu öffnen. Er und Jesse hatten so viel riskiert, um mir zu helfen. Wie sollte ich ihnen sagen, dass ich das Ritual nicht durchführen kann? Noch einmal schloss ich die Augen, atmete tief durch und drehte den Knauf.
 

Doch zu meiner Überraschung war es nur Haou, der mit den Händen hinter dem Rücken am Fenster stand und in die Ferne blickte. Madame Tredwell, Jesse und Yubel waren verschwunden.

„Hast du dich entschieden?“ fragte er mit rauer Stimme, ließ seinen Blick langsam zu mir wandern.

Der Kloß in meinem Hals drohte mich zu ersticken. Da lag so viel Hoffnung in seinem Blick, dass sie beinahe greifbar war. Lediglich ein Nicken brachte ich zustande, während ich die Tür hinter mir langsam ins Schloss fallen ließ.

„Wie lautet deine Entscheidung?“ hakte er geduldig nach.

Ich schluckte, mied seinen Blick. „Ich… kann nicht.“ Es war einfach zu gefährlich für ihn. Hier stand mehr als nur unser Schicksal auf dem Spiel.

Eine Weile herrschte totenstille im Raum. Keiner sagte etwas, bis ich plötzlich Schritte hörte. Eine Berührung an meinem Kinn spürte. Sanft hob Haou es an, in seinem Gesicht lag eine Verwirrung, die er nicht zu verstecken versuchte. „Warum?“

Ich atmete tief durch, schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. „Wenn ich… Es ist einfach zu riskant.“

„Für wen?“ hakte er nach.

Ich sah in das fließende Gold seiner Augen, sah die leichte Verzweiflung in ihnen. Meine Stimme war nur ein Flüstern. „Für Euch.“

Plötzlich zupfte ein kleines Lächeln an seinen Mundwinkeln. Erleichterung meinte ich in seinem Gesicht zu erkennen, die ich mir einfach nicht erklären konnte. „Was genau findest du zu riskant?“

„Ihr… macht Euch angreifbar. Wenn mir etwas zustößt, dann…“

Sanft legte er seine Hände um mein Gesicht. „Ich werde nie wieder zulassen, dass dir etwas zustößt, hast du das verstanden? Dass Ares dich mir wegnimmt, wird nie wieder passieren. Niemand wird dir je wieder Leid zufügen, solange ich da bin.“

Angespannt atmete ich aus, schüttelte den Kopf und legte eine Hand auf seine. „Aber selbst Ihr könnt nichts gegen die Zeit ausrichten.“

Mit einem traurigen Lächeln strich er sanft mit dem Daumen über meine Wange. „Nein, das kann ich nicht. Aber wenn Ares dich tötet, könnte ich mir das nie verzeihen. Es war meine Schuld, dass du in diese Situation geraten bist, und es tut mir unendlich leid. Mach dir um mich keine Sorgen. Yubel hat es doch auch geschafft über den Tod ihres Gefährten hinwegzukommen. Ich werde es ebenfalls, vertrau mir.“

„Und wie lang hat es gedauert?“ hielt ich dagegen. „Dieses Land braucht Euch!“

„Und ich werde für mein Volk da sein. Aber dazu gehörst auch du. Lieber nehme ich die Konsequenzen in Kauf, wenn es bedeutet dich zu retten.“

„Das ist unlogisch“ sagte ich.

Das ließ ihn leise lachen. „Mag sein. Aber wann war Liebe je logisch?“

Mein Herz setzte einen Schlag aus, ehe es in einem wilden Tempo gegen meine Rippen hämmerte. Ich war nicht fähig zu antworten, starrte ihn nur mit großen Augen an, während ich versuchte zu begreifen, was er eben gesagt hatte.

Sein Lächeln intensivierte sich. Aus warmen Augen sah er mich an. „Ich liebe dich. Ist es denn so schwer zu verstehen, dass ich alles dafür tun werde, um dich zu schützen?“

„Ich…“ flüsterte ich. Eine angenehme Wärme breitete sich in meinem Gesicht aus, was er nur amüsiert beobachtete. Langsam kam er mir näher und legte seine Lippen sanft auf meine. In diesem Moment war es um mich geschehen. Ich seufzte zufrieden, erwiderte den Kuss und legte meine Hände auf seine Brust. Genoss seine Nähe und seinen Duft. Er hatte seine Entscheidung längst getroffen. Schon bevor er die Abstimmung verloren hatte. Diese Erkenntnis legte sich wie eine warme Welle um mein Herz. Ob es Liebe war, die ich für ihn empfand, wusste ich nicht. Aber er machte mich glücklich. Ich vertraute niemandem so sehr wie ihm, und ich wollte bei ihm sein, solange ich konnte. Ich schob meine Bedenken zur Seite und schaltete meine Gedanken ab. Spürte nur seine weichen Lippen. Die Wärme seiner Haut, die ich durch den dünnen Stoff fühlen konnte.

Nur widerwillig ließ ich es zu, dass er den Kuss löste. „Bist du bereit?“ fragte er leise.

Ohne darüber nachzudenken, nickte ich. Auch wenn es egoistisch war, ich wollte nie wieder von ihm getrennt werden.

Seelenbindung

Haou führte mich sanft an meiner Hand in einen benachbarten Raum und widmete sich dem Bannkreis, während ich mich flüchtig umsah. Die meisten Möbelstücke wurden an eine Wand gerückt, abgesehen von einem Himmelbett, das mittig im Bannkreis platziert war. Eine Wand wurde fast gänzlich von großen Fenstern eingenommen, die das Licht der beinahe untergegangenen Sonne in den Raum warfen. „Wir haben noch ein paar Minuten Zeit, ehe ich den Bannkreis aktivieren muss“ sagte Haou und ließ mich zu ihm sehen. Er legte seine Hände sacht auf meine Taille und zog mich zu sich. „Hat Madame Tredwell dir gesagt, worauf du achten musst?“

„Ich glaube nicht“ erwiderte ich konfus. Ging noch einmal alle Informationen durch, die sie mir gegeben hatte. Doch an Anweisungen konnte ich mich nicht erinnern.

„Während des Rituals gibt es drei Dinge, auf die du achten solltest. Wenn der Bannkreis aktiv ist, dürfen wir nicht miteinander sprechen. Außerdem dürfen wir ihn erst zum Sonnenaufgang wieder verlassen.“

Ich nickte. „Und das dritte?“

Er zögerte, legte eine Hand an meine Wange. „Der eigentliche Blutmond dauert nur etwa eine halbe Stunde an. In dieser Zeit wird es einen Moment geben, der… sehr schmerzhaft werden wird. Aber es gehört dazu, und dauert nicht lange an, also hab keine Angst, in Ordnung?“

„Okay“ erwiderte ich, schluckte die Nervosität herunter.

„Und noch etwas… Wenn sich irgendetwas falsch anfühlt, musst du mir ein Zeichen geben, verstanden?“

„Inwiefern?“ fragte ich.

Er seufzte lautlos, schien zu überlegen, wie er es sagen sollte. „Solange der Mond sich nicht gänzlich rot verfärbt hat, steht es uns frei, wie wir handeln. Wenn irgendetwas unangenehm ist, musst du mir ein Zeichen geben, dann höre ich auf, verstehst du?“

Zögerlich nickte ich.

Seine Lippen legten sich sanft auf meine Stirn, ehe er sich von mir löste und auf eine Kommode zulief, die bei dem restlichen Mobiliar an der Wand stand. Er nahm einen kleinen, goldenen Kelch an sich und reichte ihn mir. „Trink das. Dann aktiviere ich den Bannkreis.“

Die dunkle Flüssigkeit wirkte durch das wenige Licht beinahe schwarz. „Was ist das?“ fragte ich.

Er lächelte mir entschuldigend entgegen. „Trink es lieber schnell.“

Skeptisch musterte ich das Getränk, doch folgte seiner Aufforderung und trank es in einem Zug. Verzog angewidert das Gesicht. Es schmeckte nach Schwefel und Metall.

Haou sah mich nur amüsiert an und nahm mir den Kelch aus der Hand. „Ich weiß. Aber der Geschmack verfliegt schnell. Bist du bereit?“

Tatsächlich wurde es schnell besser und ich nickte ihm zu. Konnte aber ein Gefühl von Nervosität nicht verdrängen. Er führte mich in den Bannkreis und kniete sich auf den Boden. Legte seine Hände auf die Symbole und murmelte eine Formel in der alten Sprache. Im selben Moment verschwand die Sonne gänzlich hinter dem Horizont. Nach und nach leuchtete der Bannkreis auf, aktivierte die Insignien, und tauchte den Raum in ein schummriges, weißes Licht. Als Haou geendet hatte, leuchtete der Bannkreis nach wie vor. Erstaunt sah ich mich um. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Normalerweise verblasste ein Bannkreis, wenn der Magier keine Energie mehr zuführte. Wie funktioniert das? Ich wollte schon nach dem Grund fragen, verbot mir in letzter Sekunde jedoch das Wort. Wir durften nicht sprechen.

Haou sah mir anscheinend an, was ich gerade vorhatte und schüttelte belustigt den Kopf. Zog mich sanft zu sich und strich mir hauchzart über meine Wange. Fuhr mit dem Daumen über meine Lippen und lächelte, ehe er mir langsam näherkam. Doch kurz bevor unsere Lippen sich berühren konnten, stoppte er. Ich konnte seinen Atem in meinem Gesicht spüren, seinen Duft in mich aufnehmen. Nahm den leichten Geruch von Sandelholz wahr, der vermutlich vom gleichen Öl stammte, den ich schon im Bad gerochen hatte, und der mich langsam umhüllte. Das Gold seiner Augen wirkte durch das schwache Licht des Bannkreises beinahe flüssig. Ich konzentrierte mich darauf, wie die verschiedenen Farbtöne aufeinander wirkten, bemerkte langsam, wie mein Herzschlag sich beruhigte, wie der Wirbel an Gedanken in meinem Kopf sich legte. Langsam schloss ich meine Augen und überbrückte die letzte Distanz zwischen uns. Legte meine Lippen sanft auf seine.

Seine Finger strichen durch mein Haar, legten sich in meinen Nacken, während er seine andere Hand an meine Taille legte und den Kuss erwiderte. Ich ließ mich darauf ein, verbot mir jeden Gedanken und wollte nur fühlen. Fühlen, wie sich eine leichte Gänsehaut über meine Haut legte, als er damit begann seine Finger hauchzart über meinen Nacken gleiten zu lassen. Fühlen, wie sein Atem über meine Haut strich, während ich meine Hände auf seinen Rücken legte, um Halt in seinem Gewand zu finden. Ich spürte die Wärme seines Körpers durch den dünnen, seidigen Stoff. Spürte die Muskulatur unter seiner glatten Haut.

Langsam, ohne den Kuss zu lösen, bugsierte er mich in Richtung des Bettes. Setzte sich und zog mich in der gleichen Bewegung auf seinen Schoß. Davon überrascht löste ich selbst den Kuss und schnappte nach Luft. Doch er sah mich nur mit einem sanften Lächeln an und strich über meine Wange. Fuhr mit den Fingerkuppen über meinen Hals und brachte mein Herz dazu schneller zu schlagen. Es schien ihn zu amüsieren, wurde sein Lächeln doch noch etwas breiter. Seine Augen liebevoller. Eine angenehme Wärme flutete meinen Körper. Ich konnte meine Gefühle für diesen Mann nicht in Worte fassen, doch sie waren stark. Da war kein Zweifel mehr in meinem Kopf. Keine Sorge mehr, dass etwas schief gehen könnte. Dass ich diese Entscheidung bereuen würde. Ich wollte ihn an meiner Seite wissen, und konnte in seinen Augen erkennen, dass auch er so fühlte. Ein kleines Lächeln bildete sich auf meinen Lippen, als ich seine für mich einnahm. Sanft strich ich mit der Zunge über die weiche Haut und er öffnete seinen Mund. Erwiderte den Kuss. Ein leises Seufzen war zu hören, als ich meine Arme um seinen Hals legte und mich gänzlich in dem Kuss verlor.

Sanft strichen seine Finger über meinen Rücken. Immer an meiner Wirbelsäule entlang, bis zum Hals und wieder zurück. Seine andere fuhr von meiner Taille über meine Seite. Schob sich ohne Hektik unter den Stoff meines Gewands und hüllte mich allmählich in ein sanftes Kribbeln. Mein Atem beschleunigte sich, ebenso wie mein Herz. Auch ich blieb nicht mehr untätig, ließ meine Hände über seinen Rücken streifen. Über seine Schultern zu seiner Brust. Ich spürte, dass auch sein Herz etwas schneller schlug, als meine Finger zögerlich unter dem seidenen Stoff verschwanden und dort über die warme Haut strichen. Die Hand, die eben noch über meinen Rücken strich, wanderte über meine Hüfte. Streichelte mit leichtem Druck über meine Beine.

Langsam ließ ich meine Hand über seine Brust gleiten. Auch seine Haut wirkte durch die Salbung viel weicher, stand damit im Kontrast zu seiner festen Muskulatur. Es war ein seltsames Gefühl unter meinen Fingern, doch keinesfalls unangenehm. Immer weiter erkundete ich seine Brust, fuhr über seinen Bauch und seine Flanken. Längst hatte sich der Gürtel um seine Taille so sehr gelockert, dass nur eine Bewegung reichen würde, um seinen schönen Körper freizulegen. Allein das ließ mein Herz schneller schlagen, während ich spürte, dass auch mein Gürtel sich allmählich löste.

Er intensivierte den Kuss, stützte mich im Rücken und lehnte sich weiter zu mir, sodass ich den Kuss unterbrechen und nach Luft schnappen musste. Eine Hand legte ich in seinen Nacken, um mich zu halten, während ich versuchte meinen Atem zu kotrollieren und mich dabei weiter zurücklehnte. Seine Lippen strichen über die empfindliche Haut an meinem Hals. Immer weiter fuhr er mit der Zunge darüber, legte einen Kuss in meine Halsbeuge, was mir eine Gänsehaut bescherte. Der Stoff meines Gewandes rutschte durch die Bewegung von meinen Schultern, wie Wasser floss die Seide von meiner Haut. Blieb in meinen Armbeugen liegen. Es war angenehm, jagte einen Schauer durch meinen Körper, während seine Lippen tiefer wanderten. Er küsste sich über meine Brust, bis zu meinen Brustwarzen und neckte sie. Knabberte vorsichtig daran, was mir ein weiteres Keuchen entlockte.

Seine Hand, die auf meiner Hüfte ruhte, wanderte zu meinem Hintern. Ließ mich keuchen, als er ihn knetete, während seine andere auf meinem Rücken verweilte und mich näher zu ihm zog. Als ich wieder aufrecht saß, legte ich meine Arme um seinen Hals und zog ihn zu mir. Versiegelte seine Lippen erneut mit meinen. Mit schnell schlagendem Herzen strich ich über seine Schultern, seine Brust. Fuhr sanft die Kontur seines Körpers entlang. Zögerlich wanderten meine Finger tiefer, glitten über seine Hüfte, seine Lenden, was ihm ein Keuchen entlockte. Dabei schob ich den seidenen Stoff seines Gewandes beiseite. Er hielt mich nur noch fest, schien abzuwarten, was ich als nächstes tun würde, während er den Kuss intensivierte, mir die Luft zum Atmen nahm und einen Schauer durch meinen Körper jagte. Zaghaft fuhr ich über seinen Unterbauch, immer tiefer, bis ich schließlich sein Glied berührte. Mein Herz drohte an meinen Rippen zu zerschellen, so aufregend war das Gefühl in meinem Bauch. Ich strich über seinen Schaft, bis zur Spitze und wieder zurück. Spürte, wie sich der Druck seiner Hände auf meinem Körper erhöhte. Wie er mich gieriger küsste. Ich legte meine Hand sanft um seine Erregung, fuhr von der Wurzel bis zur Spitze und übte immer größeren Druck aus. Versuchte dabei den Kuss so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Doch musste ich mich schließlich von ihm lösen.

Ich schnappte nach Luft, versuchte zu Atem zu kommen, und öffnete langsam meine Augen. Hielt inne. Mir verschlug es den Atem. Fest sah Haou mich an, seine Augen waren selbst durch das wenige Licht des Bannkreises so intensiv, dass sie mich fesselten. Das flüssige Gold seiner Iriden wurde dunkler, wie ein Raubtier, das seine Beute beobachtete. Doch fürchtete ich sie nicht. Ich verlor mich in ihnen, dabei fuhr meine Hand wie von selbst über sein Glied, steigerte damit das Verlangen, das in seinen Augen blitzte. Sein Atem ging schwer, immer wieder gesellte sich ein Keuchen dazu und ließ mein Herz flattern, bis er sich nicht mehr zurückhalten konnte. Er legte seine Hände auf meinen Hintern, zog mich fest an sich und ließ mich unterdrückt stöhnen. Dabei entfernte ich meine Hand von seinem Glied, suchte Halt in seinem Haar.

Seine Hände strichen über meine Flanken, weiter zu meiner Hüfte und den Lenden. Hauchzart fuhren seine Finger über die empfindliche Haut, jagte mir immer wieder kleine Schauer durch den Körper. Auch mein Herz schlug schneller, kam er doch immer wieder nah an meine Erregung heran, ohne sie zu berühren. Dabei wünschte ich mir im Moment nichts sehnlicher als seine warmen Finger, die sich sanft, aber bestimmt, um sie legten. Ob ich…

Ein wohliges Brummen entkam seiner Kehle als ich damit begann, mein Becken zu bewegen. Ich spürte seine Erregung, rieb sie durch meine Bewegungen doch immer wieder gegen meine Lenden. Ein ersticktes Stöhnen verließ meinen Mund, während ich den Kopf in den Nacken legte. Haou hatte seine Finger um mein Glied gelegt und begann damit, es bestimmt zu streicheln. Langsam beugte ich mich zu ihm und legte meine Lippen auf seine. Genoss dabei jede seiner Bewegungen, versuchte meine an ihn anzupassen.

Plötzlich flutete eine Welle der Erregung meinen Körper und ich löste den Kuss. Hielt mir schnell die Hand vor den Mund, um jeden Laut zu unterdrücken. Schließlich durften wir nicht reden, und ich wusste nicht, ob das auch für derartige Geräusche galt. Doch sanft schlossen sich seine Finger um meine Hand. Irritiert sah ich auf. Haous Lächeln war warm, ein Hauch von Belustigung lag in seinen Augen. Er nahm meine Hand in seine, platzierte einen federleichten Kuss auf die Innenseite und sah mich dabei an. Schüttelte sacht den Kopf. Dann waren diese Geräusche in Ordnung? Wieder unterdrückte ich ein Stöhnen, als Haou mit seiner Massage weitermachte. Der Druck seines Daumens, wie er mit meiner Spitze spielte, brachte mich noch um den Verstand.

Ein kleines Grinsen zupfte an seinen Mundwinkeln. Immer schneller pumpte er meine Erregung, es fiel mir mit jeder Bewegung schwerer mich zurückzuhalten, doch genau darauf schien er es anzulegen. Wieder stöhnte ich, doch dieses Mal hielt ich es nicht zurück, was mir ein zufriedenes Lächeln meines Königs bescherte. Sanft strichen seine Finger über meine Wange und er legte seine Lippen auf meine. Doch nur für einen Moment, hatte ich doch Schwierigkeiten zu Atem zu kommen.

Plötzlich zog er mich an sich. In einer fließenden Bewegung verschwamm der Raum um mich herum und ich schnappte erschrocken nach Luft. Im nächsten Moment spürte ich das weiche Laken in meinem Rücken. Sah Haou, der über mir kniete und mich aus warmen Augen ansah. Seine Lippen berührten meine, doch nur für einen Augenblick. Zärtlich küsste er sich über meinen Hals, ließ mich wohlig seufzen, zog mit seiner Zunge eine feuchte Spur zu meiner Brust und spielte dort mit meinen Brustwarzen. Dabei strichen seine Hände über meine Flanken, meine Lenden, und hüllten mich in ein wohliges Gefühl.

Immer tiefer wanderten seine weichen Lippen, hinterließen eine prickelnde Spur auf meiner Haut, während warme Finger sich um mein Glied schlossen und mich immer wieder keuchen ließen. Überrascht schnappte ich nach Luft und hob meinen Kopf. Stützte mich mit den Unterarmen in der Matratze ab. Haou hatte seine Zunge über meine Spitze gleiten lassen, sah mich mit einem kleinen Grinsen an. Ich spürte seinen heißen Atem auf meiner Erregung, spürte mein schnell schlagendes Herz und war nicht fähig den Blick von ihm abzuwenden. Fest sah er mir in die Augen, als er lasziv über die volle Länge meiner Erregung leckte. Stöhnend legte ich meinen Kopf in den Nacken, versuchte meine Gefühle zu ordnen. Seine Lippen an meinem Glied, seine Zunge, sein heißer Atem. All diese neuen Empfindungen ließen mein Herz rasen.

Eine warme Hand legte sich auf meinen Brustkorb, übte sanften Druck aus und dirigierte mich zurück in die Matratze. Ich fügte mich und ließ mich in das Laken fallen. Versuchte meinen Atem zu kontrollieren, doch ein weiteres Stöhnen verließ meine Kehle. Seine Zunge kreiste um meine Spitze, seine Lippen umschlossen sie, saugten daran, bis er das ganze Spiel wiederholte und mich damit an den Rand des Wahnsinns brachte. Dazu die pumpende Bewegung an meinem Schaft, die immer mehr Lust in meine Lenden trieb. Ich versuchte Halt in dem zerknitterten Laken zu finden, warf meinen Kopf zur Seite, um der Empfindung Herr zu werden.

Plötzlich schloss er seine Lippen um mich, tauchte mein Glied tiefer in seinen Rachen und entlockte mir ein Stöhnen. Die heiße Enge, die mich umfing, war einfach zu berauschend, nahm mir selbst die Luft zum Atmen. Er entließ meine Erregung, nur um sie gleich darauf in voller Länge aufzunehmen. Mein Stöhnen konnte ich kaum zurückhalten, versuchte irgendwie zu Sinnen zu kommen, doch gelang es mir nicht. Zu gut war das Gefühl, das seine Behandlung in mir auslöste. Ich wusste nicht, wie oft er dieses Spiel wiederholte. Das berauschende Gefühl in mir wurde mit jedem Mal einehmender. Ich krallte meine Finger in das Laken, stöhnte in den Raum hinein. Gerade als meine Lust mich übermannen wollte, stoppte er seine Berührungen. Mein Körper zitterte, meine Lungen verlangten verzweifelt nach Luft.

Schwer atmend öffnete ich meine Augen. Haou hatte sich über mich gebeugt, betrachtete mich mit einem kleinen Grinsen im Gesicht. Dezent schüttelte er den Kopf. Ich legte meine Hände an seine Wangen und zog ihn zu mir. Lehnte seine Stirn an meine. Der Ausdruck in seinen Augen jagte mir einen angenehmen Schauer durch den Körper. Da steckte so viel Zuneigung in ihnen, dass mein Herz flatterte. Sanft strich er durch mein Haar, legte einen hauchzarten Kuss auf meine Stirn, was mich leise seufzen ließ. Seine Finger strichen federleicht über meine Lippen, über meinen Hals und die Schulter, und lösten eine Gänsehaut über meinem gesamten Körper aus.

Ganz langsam folgten seine Lippen den Berührungen seiner Finger. Über meine Brust und meinen Bauch. Langsam beruhigte sich mein Atem, auch mein Herz hämmerte nicht mehr so intensiv gegen meine Rippen. Er küsste sich weiter über meine Lenden, ließ meine Erregung aber aus, was mich ungeduldig seufzen ließ. Ein amüsiertes Schnaufen war zu hören. Seine flache Hand strich mit leichtem Druck über die Innenseite meiner Oberschenkel. Bis zu den Kniekehlen und zurück. Unbewusst winkelte ich meine Beine an, dabei strich er weiter über meine Oberschenkel und küsste sich von meinem Knie aus über die Innenseite. Wieder beschleunigte sich mein Atem, je höher er seine Lippen über meine Haut gleiten ließ. Eine Hand breit unter meiner Leiste spürte ich plötzlich seine Zähne, die sich in meine Haut gruben. Es war nicht schmerzhaft, trotzdem zuckte ich kurz zusammen und zog überrascht die Luft ein. Entschuldigend ließ er seine Zunge über den Biss gleiten, wiederholte es kurz darauf an einer anderen Stelle. Dieses Mal entlockte es mir ein Keuchen, ein Schauer fuhr durch meinen Körper.

Seine Zunge wanderte höher, über meine Hoden, und ließ mich leise stöhnen. Bis zu meinem Eingang und zurück. Unbewusst hob ich mein Becken, um ihm mehr Platz zu schaffen. Zwischen den beiden Punkten übte er immer größeren Druck mit seiner Zungenspitze aus, ließ sie in kreisenden Bewegungen tanzen und entlockte mir ein angestrengtes Keuchen. Ich spürte seinen heißen Atem auf meiner empfindlichen Haut, seine Hände, die immer weiter über meinen Körper strichen. Seine Zunge an diesem bestimmten Punkt machte mich wahnsinnig. Meine Erregung pochte beinahe schmerzhaft, doch Haou schien es zu merken und legte seine Finger um meinen Schaft. Die bloße Berührung ließ mich stöhnen, meine Hände krallten sich fest ins Laken. Quälend langsam ließ er seinen Daumen über meine Spitze kreisen. Übte dabei Druck auf die kleine Öffnung aus. Das in Verbindung mit den kleinen, kreisenden Bewegungen seiner Zunge, brachte mich um den Verstand. Meine Hüfte zitterte, mein Atem überschlug sich fast. Er schien genau zu wissen, wie er mich berühren musste, um diese Empfindungen in mir auszulösen.

Ein letztes Mal übte seine Zunge Druck auf den Punkt aus, ließ mich heiser stöhnen, ehe sie höher wanderte. Über meine Wurzel und den Schaft, bis sie an meiner Spitze angekommen war. Seine Hand legte sich um meine Erregung, fuhr behutsam über die volle Länge, ohne Druck darauf auszuüben. Seine andere wanderte bis zu meinem Pfad, streifte dort meinen Eingang, was einen Schauer durch meinen Körper jagte, bis er seine Finger an diesen Punkt setzte, der mich nach Luft schnappen ließ. Gleichzeitig glitt seine Zunge ein kleines Stück in die Öffnung an meiner Spitze. Ich bäumte mich unter der Berührung auf, erhöhte so den Druck auf meine Erregung und stöhnte in den Raum hinein. Versuchte gar nicht erst mein wild schlagendes Herz zu beruhigen.

Ganz langsam legte er seine Lippen um mein Glied, ließ es immer tiefer in seinen Rachen tauchen, und massierte dabei weiter den Punkt über meinem Eingang. Ich legte meine Hand in sein Haar, versuchte daran Halt zu finden, atmete stoßweise. Je länger seine Behandlung andauerte, umso lauter wurden die Laute, die aus meiner Kehle drangen. Immer wieder nahm er meine Erregung bis zu Wurzel in sich auf, massierte dabei diesen Punkt und übte mit seiner Zunge Druck auf mein Glied aus. Ich konnte die Empfindungen in meinem Körper nicht mehr ordnen, sie übermannten mich. Immer weiter steigerte er meine Lust, ließ mich kaum zu Atem kommen, bis der Druck in meinem Inneren anschwoll und ich mich mit einem lauten Stöhnen entlud. Doch statt aufzuhören, machte er weiter, pumpte damit neue Lust in meine Lenden. Das Gefühl war so intensiv, dass mein gesamter Körper zitterte. Ich legte einen Arm über meinen Kopf, wand mich unter seinen Berührungen und kostete die süße Folter in vollen Zügen aus.

Als er schließlich von mir abließ, war mein Glied wieder zur vollen Größe aufgestellt. Mein Körper gierte nach Sauerstoff. Schwer atmend versuchte ich zur Besinnung zu kommen, zuckte zusammen, als ich etwas Feuchtes an meinem Eingang spürte. Langsam hob ich meine Lider. Sah in das intensive Gold seiner Augen, die mich warm anstrahlten. Für einen Moment sah er aus dem Fenster und ich folgte seinem Blick. Der Vollmond stand am Himmel, ein kleiner Teil von ihm war in einem dunklen Rot verfärbt. Bald war es so weit.

Als ich mein Gesicht wieder zu ihm drehte, schenkte er mir ein liebevolles Lächeln. Strich mir sanft eine Strähne aus dem Gesicht. Langsam beruhigte sich mein Atem, auch mein Herz fühlte sich nicht mehr so an, als würde es an meinen Rippen zerspringen. Dafür breitete sich ein warmes Gefühl von meinem Bauch in meinen gesamten Körper aus. Ich legte meine Hände an seine Wangen, zog ihn langsam zu mir. Der warme Ausdruck in seinen Augen schenkte mir ein Gefühl von Geborgenheit. Sicherheit. Hauchzart legte er seine Lippen auf meine. Ohne Forderung küsste er mich, ließ mich leise seufzen. Mit jeder Sekunde stieg in mir die Gewissheit, dass sich all das richtig anfühlte. Dass ich bei ihm war. Dass er mich in seinen Armen hielt. Ob wir nun aneinander gebunden werden oder nicht, ich wollte diesen Mann nie wieder verlassen.

Unwillkürlich intensivierte ich den Kuss. Gleichzeitig spürte ich, wie er mit einem Finger meinen Eingang massierte. Ein Schauer fuhr durch meinen Körper und ich konzentrierte mich auf seinen Duft. Seinen heißen Atem, der meine Lippen streifte. Ich ließ meine Finger durch sein Haar gleiten, kraulte seinen Nacken. Mit der anderen Hand erkundete jeden Zentimeter seines trainierten Rückens und ließ meine Hand über die glatte, weiche Haut wandern. Unbewusst hob ich mein Becken etwas an, und kam seinen Bewegungen entgegen. Er nahm es als Anlass, mit seinem Finger langsam und vorsichtig in mich einzudringen. Es zog ein wenig, entlockte mir ein Keuchen, doch schnell hatte ich mich an die Berührung gewöhnt und entspannte mich.

Zuerst langsam, dann etwas schneller bewegte sich sein Finger in meinem Inneren. Ich seufzte zufrieden, kam seinen Bewegungen entgegen, und spürte sein Schmunzeln an meinen Lippen. Plötzlich flutete eine unglaubliche Hitzewelle meinen Körper. Ich löste den Kuss, konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken und vergrub meine Finger förmlich in seinem Rücken. Entschuldigend strich ich über die lädierte Stelle, hauchte ihm einen Kuss auf seinen Hals. Verletzen wollte ich ihn nicht. Doch es schien ihn nicht zu stören, ganz im Gegenteil. Wieder sah ich seinen intensiven Blick, das Gold seiner Augen wirkte beinahe flüssig, schienen dunkler als gewöhnlich. Ich vergaß fast zu atmen, spürte meinen Herzschlag deutlich. Da waren so viele Emotionen in seinem Blick, dass ich sie nicht greifen konnte, schon jagte eine weitere Hitzewelle durch meinen Körper und ließ mich stöhnend den Kopf in den Nacken legen. Die Massage in meinem Inneren war einfach überwältigend und ich wollte mehr. Mehr von seinen Berührungen, mehr von ihm.

Je länger er mein Innerstes massierte, umso heftiger wurden die Empfindungen, die er damit in mir auslöste. Mein Atem ging nur noch stoßweise, immer wieder japste ich nach Luft, nur um gleich darauf wieder das Gefühl zu haben, Sterne zu sehen. Zitternd und keuchend stöhnte ich immer wieder laut auf und drückte meine Hüfte unbewusst nach oben, wollte mehr, bis er einen zweiten Finger in mich einführte und damit alles verstärkte. Stöhnend wand ich mich unter ihm, konnte nicht klar denken, und gab mich ganz den Empfindungen hin, die er in mir auslöste. Der Druck in mir wuchs zunehmend, doch wollte ich es nicht wieder so schnell beenden.

Seine Finger schoben sich in mich, zogen sich wieder heraus, und streiften wieder diesen Punkt, der mich lauthals stöhnen ließ. Haou schien nun genau zu wissen, wie er mich berühren musste, denn das berauschende Gefühl flaute einfach nicht ab. Mein Körper gierte nach Sauerstoff, doch konnte ich zwischen meinem Stöhnen nur nach Luft schnappen, kratzte ihm dabei über den Rücken. Längst hatte er einen weiteren Finger dazu genommen und brachte mich damit um den Verstand. Lange konnte ich seine Behandlung nicht mehr aushalten. Noch einmal stießen seine Finger tief in mich, sodass ich den Rücken durchstreckte und lauthals stöhnte, doch dann verschwand seine Berührung. Zitternd sackte ich zusammen, versuchte irgendwie zu Atem zu kommen. Spürte der Leere nach, die seine Finger in mir hinterlassen hatten.

Träge öffnete ich meine Lider. Haous Blick war wieder aus dem Fenster gerichtet und auch ich sah zur Seite. Der Mond hatte sich beinahe vollständig rot verfärbt. Nur eine hauchdünne Sichel strahlte in einem hellen Weiß. Ich spürte seine Hand an meiner Wange und sah wieder zu ihm. Er sah mich nur mit einem warmen Ausdruck in seinen Augen an und nickte dezent. Mein Herz machte einen Satz. Es war so weit. Auch ich nickte knapp, spürte im nächsten Moment seine warmen Lippen. Doch zu schnell löste er den sanften Kuss, lehnte seine Stirn an meine. Haous Augen waren geschlossen, seine Lippen formten lautlos Worte der alten Sprache, während sich die Atmosphäre im Raum langsam veränderte. Die Luft schien wie elektrisiert, das Licht des Bannkreises änderte seine Farbe. Wurde von einem schummrigen Weiß zu einem kraftvollen, blutigen Rot.

Als er seine Augen wieder öffnete, zog mich sein intensiver Blick magisch an. Eine wohlige Wärme breitete sich in meinem Körper aus, mein Gesicht glühte. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, während sein Daumen über meine Wange strich. Da steckte so viel Zuneigung, so viel Liebe in seinem Blick, dass ich meinen Herzschlag deutlich spüren konnte. Sanft legte er seine Lippen auf meine, ließ seine Finger über meine Haut gleiten. Strich mit seiner Hand über meine Seite, meine Hüfte, meinen Oberschenkel und hüllte mich damit in ein wohliges Kribbeln. Mein Körper fühlte sich ganz heiß an.

Ich schlang meine Arme um seinen Nacken, und intensivierte den Kuss. Spürte sein Schmunzeln an meinen Lippen. Im selben Moment fühlte ich einen Druck an meinem Eingang. Ich wusste, dass es die Spitze von Haous Erregung war. Ich konnte sie pulsieren spüren, als er sich gefühlvoll in mich schob. Es zog ein wenig, entlockte mir ein leicht gequältes Keuchen, doch bewegte er sich nicht, sodass ich Zeit hatte, mich an das Gefühl zu gewöhnen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass ich mich verkrampfte. Als er sich wieder von mir löste, betrachtete er mich eindringlich. Ein Hauch von Sorge lag in seinem Blick. Denkt er, er hätte mich verletzt? Wie kann ich ihm zu verstehen geben, dass es mir gut geht? Ich holte tief Luft, ließ sie langsam entweichen. Tatsächlich half es, mit dem ungewohnten Druck klarzukommen. Mein Körper entspannte sich wieder und ich ließ mich ins Kissen sinken. Legte eine Hand an seine Wange und sah ihn mit einem seligen Lächeln an. Er erwiderte es, hauchte mir einen sanften Kuss auf die Stirn, was mich wohlig seufzen ließ. Mein Herz machte einen Satz.

Ganz langsam und vorsichtig begann er, sich in mir zu bewegen. Schnell gewöhnte ich mich an das Gefühl und empfand es als angenehm. Kam seinen vorsichtigen Stößen entgegen, um ihm zu zeigen, dass es mir gefiel. Dass ich mehr wollte. Seine Bewegungen wurden flüssiger und schneller. Wieder streifte er mich an diesem Punkt, der eine unglaubliche Hitzewelle durch meinen Körper jagte. Nun stöhnte auch er immer wieder auf, was mein Herz höherschlagen ließ. Ein wohliges Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus. Sanft drückte er seinen Körper gegen mich, ohne mich mit seinem Gewicht zu belasten. Dabei glitten meine Hände über seinen Körper, erkundeten jeden Zentimeter seiner weichen Haut, während er mit jedem Stoß tiefer in mich eindrang und mir damit immer wieder ein Stöhnen entlockte.

Schwer nach Atem ringend kratzte ich ihm über den Rücken, als er mich erneut fest getroffen hatte, und hinterließ damit vermutlich einige Spuren. Doch es schien ihn nicht zu kümmern, ganz im Gegenteil. Fest sah er mir in die Augen, beschleunigte sein Tempo, und steigerte damit das berauschende Gefühl, das meinen Körper wie eine Welle flutete. Stürmisch legte er seine Lippen auf meine, doch nicht für lang, hatten wir doch beide Schwierigkeiten zu atmen. Immer tiefer schien er sich in mir zu bewegen. Längst hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren, bis er mich ein weiteres Mal fest getroffen hatte. Ich legte den Kopf in den Nacken und stöhnte heiser, mein Herz schien an meinen Rippen zu zerspringen.

Doch dann stoppte er seine Bewegungen, verharrte tief in mir und strich sanft über meine Wange. Ich öffnete schwer atmend meine Lider. Sein Atem ging schnell, ein Hauch von Sorge war in seinem Gesicht zu erkennen. Er küsste sich über meinen Hals, bis zu meiner Schulter und zurück. Auf halbem Weg spürte ich plötzlich seine Zähne in meiner Haut. Der Schmerz in meinem Nacken ließ mich leise keuchen. Langsam bewegte er sich in mir, ließ jedoch nicht von mir ab. Plötzlich durchzog ein seltsames Gefühl meinen Körper. Es war, als würden schwache Blitze unter meiner Haut zucken. Seltsam, aber nicht unangenehm, bis die Empfindung in meinem Gesicht stärker wurde. Ich schlang meine Arme um seinen Oberkörper, versuchte an ihm Halt zu finden, und warf meinen Kopf zur Seite. Ein angestrengtes Keuchen verließ meine Kehle. Plötzlich wurde der Schmerz präsenter. Mein linkes Auge brannte. Es war, als würde sich eine Spur aus reinem Feuer ihren Weg von meinem Auge über meine Wange bahnen. Ich versuchte jeden Laut zu unterdrücken, konnte aber einen erstickten Schrei nicht zurückhalten. Mein Atem ging rasch, fest presste ich die Zähne aufeinander. Er hatte mich gewarnt, dass so etwas passieren wird. Der sengende Schmerz zog sich weiter abwärts über meinen Kiefer, ließ mich Sterne sehen, bis er seinen Weg plötzlich stoppte. Schwer atmend versuchte ich wieder zur Besinnung zu kommen, bemerkte erst in diesem Moment, dass ich meine Nägel in Haous Rücken gebohrt hatte. Entschuldigend strich ich über die lädierte Stelle. Auch er ließ von meinem Nacken ab, strich mit der Zunge über die gequetschte Haut, und sah mich an. Verwunderung stand in seinen Augen. Er beugte sich zu mir, ließ seine Zunge über meinen Kiefer gleiten, immer höher, genau dort entlang, wo sich das Feuer seinen Weg über meine Haut gebrannt hatte.

Schlagartig ebbte der Schmerz ab, ließ mich erleichtert seufzen. Erst recht, als ich seine Hand an meiner Erregung spürte. Sanft strich sein Daumen über meine Spitze, während er sich langsam weiter in mir bewegte. Ein leises Keuchen verließ meine Lippen. Ich legte meine Hände an seine Wangen und sah ihm tief in die Augen. Verlor mich in dem strahlenden Gold, das mich mit jeder Sekunde mehr vereinnahmte. Durch das rötliche Licht des Bannkreises schien es, als würden sie in Flammen stehen und mir wurde heiß. Da steckte so viel Liebe, so viel Leidenschaft in ihnen, dass mich ihr Feuer zu verbrennen drohte. Und ich wollte mich ihnen hingeben, mich an den Flammen verbrennen und ganz in ihnen versinken. Von heute bis in alle Ewigkeit.

Langsam zog ich ihn zu mir und legte meine Lippen fordernd auf seine. Ein wärmendes Gefühl breitete sich in meinem gesamten Körper aus. Unbewusst hob ich mein Becken und kam seinen sanften Stößen entgegen, was ihn in den Kuss lächeln ließ. Er nahm es als Anlass, sich schneller in mir zu bewegen. Wo vorher der Schmerz meinen Körper durchzuckte, spürte ich ein aufregendes Kribbeln, das mir immer mehr Lust in meine Lenden trieb. Meine Hände strichen über seinen Körper, während mein Atem immer schneller ging. Ein tiefes Brummen verließ seine Kehle. Deutlich konnte ich meinen Herzschlag spüren. Außer Atem löste er sich von mir, auch ich schnappte verzweifelt nach Luft. Fest sah er mir in die Augen, als er damit begann, sich kräftiger in mir zu bewegen, was eine wahre Hitzewelle durch meinen Körper jagte.

Er entzog mir sein Glied fast vollständig, nur um es gleich darauf gänzlich in mir zu versenken. Ein lautes Stöhnen verließ meine Kehle. Dieses Gefühl war unbeschreiblich. Er stieß noch einige male fest zu, wiederholte seine Bewegungen und brachte mich damit an den Rand des Wahnsinns. Mein Körper gierte nach Sauerstoff, doch konnte ich zwischen meinem Stöhnen nur nach Luft schnappen, weil gleich darauf eine neue Welle der Erregung meinen Körper flutete. Einen Arm legte er an meinen Rücken und zog mich näher zu ihm, seine andere Hand fuhr unter meinen Oberschenkel. Er winkelte mein Bein neben meinem Körper an, entzog mir sein Glied, nur um es gleich darauf in voller Länge in mir zu versenken. Ich stöhnte laut auf, gab mich ganz dem vollen Gefühl in mir hin. Irgendwann hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren.

Mit jedem Stoß schien er sich tiefer in mir zu versenken. Mein Atem ging mittlerweile nur noch stoßweise und mein Becken zuckte unkontrolliert. Noch einmal hatte er mich fest getroffen und ich stöhnte heiser, konnte der Hitze, die meinen Körper flutete, nicht länger standhalten. Ich legte den Kopf in den Nacken, stöhnte noch einmal laut auf, und ergoss meine Lust über meinen Körper. Dabei verkrampfte ich mich, spürte jede seiner Bewegungen um das Vielfache. Schwer nach Atem ringend krallte ich mich in das Laken, warf meinen Kopf zur Seite, um der Empfindung Herr zu werden. Das berauschende Gefühl, das meinen Körper umhüllte, flachte einfach nicht ab. Ich hatte kaum wahrgenommen, dass sich der Raum um uns herum verändert hatte. Schummriges, weißes Licht umgab uns. Ein letztes Mal stieß er seine Erregung in mich, traf erneut diese Stelle, und ich bäumte mich stöhnend unter ihm auf. Hörte auch seine erregten Laute. Im selben Moment spürte ich eine Hitze, die mein Innerstes füllte. Einen Moment verharrte er in mir, bis er kraftlos zusammensackte. Ich spürte seinen heißen Atem auf meiner Haut. Seinen beschleunigten Herzschlag.

Es dauerte eine Weile, ehe wir unseren Atem halbwegs unter Kontrolle hatten. Schwerfällig stützte er sich in der Matratze ab und entzog mir sein Glied, was mich scharf die Luft einziehen ließ. Als er sich neben mich legte, verließ ein erschöpftes Seufzen seine Lippen. Ich drehte mich auf die Seite und legte einen Arm um ihn. Als sein sanfter Blick mich traf, sah ich ihn mit einem seligen Lächeln an. Spürte seine Lippen auf meiner Stirn und seufzte zufrieden. Seine Arme legten sich um mich, zogen mich näher an seine Brust. Augenblicklich wurde ich von einer wohligen Wärme umgeben. Ich hörte sein Herz, das mit jeder Minute ruhiger schlug. Spürte seinen Atem in meinem Haar. Es beruhigte mich, schenkte mir ein Gefühl von Geborgenheit, und hüllte mich schließlich in einen tiefen Schlaf.

Verstecken

Leise schlugen Regentropfen gegen das Fenster. Das stete, monotone Klopfen hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. Ich fühlte mich so entspannt wie seit Wochen nicht mehr. Eine angenehme Wärme umhüllte meinen Körper. Dieser Duft. Er war so angenehm, so vertraut. Ich schlang meine Arme fester um die Wärmequelle. Spürte einen ruhigen Atem an meiner Brust und seufzte zufrieden. Selbst meine Träume waren nichts im Vergleich zur letzten Nacht. Wieder sah ich die blauen Augen vor mir, die mich mit einer Intensität anstrahlten, die mir den Atem nahm. Gedankenverloren strich ich durch das seidige, schwarze Haar und musste schmunzeln. Doch selbst durch meine Berührungen wachte Yusei nicht auf. Friedlich lag er an meiner Brust.

Ich öffnete meine Augen und ließ den Blick wandern. Die Sonne war bereits aufgegangen, doch schafften es ihre Strahlen kaum durch die Wolkendecke. Glücklicherweise zogen sie erst nach dem Blutmond auf, sodass das Ritual dennoch erfolgreich verlaufen war. Ich schob mich ein Stück zurück und betrachtete das schlafende Gesicht. Strich federleicht über das goldene Mal, das nun seine Wange zierte, und das jedem anderen ein für alle Mal bewies, dass er zu mir gehörte. Der Gedanke ließ mich sanft lächeln. Dass es gerade an dieser Stelle aufgetaucht war, hatte mich gewundert, war es doch ein unüblicher Platz dafür. In den meisten Fällen tauchten die Male am Schulterblatt auf. Vermutlich war das auch bei mir der Fall, brannte sich der Schmerz doch letzte Nacht genau dort ein. Ein amüsiertes Schnaufen entkam mir. Es sollte mich nicht wundern, schließlich schaffte er es immer wieder mich zu überraschen.

Eine ganze Weile lag ich noch neben ihm und betrachtete jede Feinheit seiner Gestalt, so als würde ich sie zum ersten Mal wirklich sehen. Doch musste ich mich widerwillig von ihm lösen, und stand auf, da Jesse und Yubel sicher schon vor unserem Gemach warteten. Schließlich hatten sie darauf bestanden kurz nach Sonnenaufgang nach mir zu sehen. Ich grinste fies, während ich den schwarzen Kaftan vom Boden aufsammelte und über meine Schultern warf. Nachdem sie gestern den Raum verlassen hatten, hatte ich ein Siegel angebracht, damit wir am nächsten Morgen länger ungestört waren. Ganz leise öffnete ich die Tür zum Hauptraum und sah noch einmal zurück. Musste unwillkürlich lächeln, als ich seine schlafende Gestalt betrachtete. Doch schnell löste ich mich von ihm, schloss die Tür hinter mir, und versuchte dabei jedes Geräusch zu vermeiden. Ich war mir ganz sicher, gleich in zwei missmutige Gesichter zu sehen, deswegen steuerte ich zuerst das angrenzende Badezimmer an.

Nachdem ich meine Morgenroutine erledigt hatte, trat ich vor den bodenlangen Spiegel. Mein Herzschlag nahm deutlich zu, ich schluckte. Streifte das seidene Gewand von meinen Schultern und ließ es in meine Armbeugen fallen. Langsam drehte ich mich um, sah dabei gebannt in den Spiegel. Hielt den Atem an. Tatsächlich. Auf meinem linken Schulterblatt konnte ich deutlich ein Mal erkennen. Es war faustgroß und hatte die vage Form eines Sterns. Überrascht betrachtete ich seine Farbe, hatte ich doch angenommen, dass es von demselben Gold sein würde, wie das von Yusei. Doch es strahlte im gleichen Blau wie das seiner Augen. Ich schmunzelte, strich behutsam über meine Schulter, während ich das Zeichen betrachtete, dass mich für immer mit ihm verbinden würde. Erleichterung durchströmte mich, denn es bedeutete auch, dass niemand es je wieder wagen würde ihm zu schaden. Weder Ares noch sonst jemand.

Ein leises Poltern holte mich aus meinen Gedanken. Verwundert drehte ich mich zur Tür, verließ das Badezimmer. Dabei legte ich das Gewand wieder richtig an, und schloss es mit dem Gürtel. Das Geräusch kam eindeutig aus dem Gang, und ich konnte mir gut vorstellen, wer dafür verantwortlich war. Als ich vor der Tür stand, legte ich meine Hand auf das Holz und löste das unsichtbare Siegel, dass sie verschloss. Prompt öffnete sich die Tür, und der blaue Schopf meines Freundes stolperte in den Raum. Gab dabei einen erschrockenen Laut von sich. Vermutlich hatte er sich in dem Augenblick dagegen geworfen, als ich das Siegel gebrochen hatte. Ein schelmisches Grinsen schlich sich auf meine Lippen. „Sonst rennst du doch auch nicht mit dem Kopf durch die Wand.“

„Sehr witzig!“ echauffierte er sich, während auch Yubel den Raum betrat, allerdings bedeutend würdevoller.

„Entschuldige“ sagte ich amüsiert und schloss die Tür. Er war sauer, das konnte man schon an seinem Blick sehen.

„Wir hatten eine Abmachung! Hast du eine Ahnung, wie viele Sorgen wir uns gemacht haben?“

Ich legte einen Finger an meine Lippen und bedeutete ihm damit leiser zu sein. Yubel kommentierte es mit einer erhobenen Augenbraue. „Schläft er etwa noch?“

„Ja, ich denke schon“ sagte ich, sah noch einmal zu der Tür zum Schlafzimmer. „Er ist gestern fast augenblicklich eingeschlafen, als das Ritual beendet war. Vermutlich muss er einiges an Schlaf nachholen.“

Jesse atmete tief ein, geräuschvoll aus. Als ich wieder zu ihm sah, hatte er die Arme vor der Brust verschränkt. Er sah immer noch sauer aus, doch schien er sich etwas beruhigt zu haben. „Hat es geklappt?“

Als Antwort drehte ich ihm den Rücken zu. Sah über meine linke Schulter, als ich ebenjene frei legte, damit er das Mal sehen konnte. Plötzlich schlich sich Sorge in seinen Blick. Auch Yubel konnte sie nicht verstecken. „Dann ist es jetzt offiziell“ sagte meine Wächterin.

Ich nickte, zog mein Gewand wieder über die Schulter. „Jetzt zieht nicht solche Gesichter. Der Plan hätte nicht besser funktionieren können.“ Natürlich wusste ich, dass sie beide nicht gänzlich überzeugt von dieser Idee waren. Doch nun war es zu spät und ich bereute meine Entscheidung nicht eine Sekunde lang. Deswegen setzte ich ein sanftes Lächeln auf. „Es war meine Entscheidung. Und ich danke euch für alles.“

Jesse musterte mich überrascht, warf einen Seitenblick zu Yubel, die keine Miene verzogen hatte. Schließlich nickte er. „Wir sind für dich da, das weißt du. Ich hoffe nur, dass es kein Fehler war.“

„War es nicht“ erwiderte ich sofort.

„Trägt er auch ein Mal auf der Schulter?“

Ich unterdrückte ein Schmunzeln. Verneinte, was mir zwei entsetzte Blicke einbrachte. Doch ehe sie sich aufregen konnten, erklärte ich mich. „Keine Angst, er besitzt ebenfalls ein Mal. Aber seines unterscheidet sich in Form, Farbe und Platzierung. So etwas habe ich noch nie gesehen.“

„Wie meint Ihr das?“ fragte Yubel skeptisch.

„Er trägt ein goldenes Zeichen, das sich von seinem linken Auge über seine Wange bis zum Kiefer zieht. Es ist schwer zu beschreiben, aber es sieht vollkommen anders aus als mein eigenes.“

„Es gibt solche Fälle“ schaltete sich Jesse ein, legte seine Finger dabei ans Kinn. „Aber die sind selten. Und es ist nicht das beste Zeichen, wenn so etwas passiert.“

Alarmiert betrachtete ich ihn. „Wie meinst du das?“

„In einem Buch stand etwas über unterschiedliche Male, aber genau kann ich es nicht sagen, ich hab mich nur eingelesen. Was ich aber noch weiß ist, dass es in solchen Fällen sein kann, dass die Verbindung nicht stabil oder aus dem Gleichgewicht geraten ist.“

Yubel schnaufte. Ein kleines Schmunzeln zupfte an ihren Lippen. „Vielleicht ist es auch nichts davon, und es liegt einfach daran, dass er ein Mensch ist. Wäre nicht das erste Mal, dass er von der Norm abweicht.“

„Kann auch sein“ sagte Jesse, zuckte mit den Schultern. „Vielleicht fragst du in der Sache Meister Nate. Jetzt kannst du ihn einweihen, um dich aufzuhalten ist es ohnehin zu spät.“

„Mhm“ antwortete ich gedankenverloren. Wie ich es dem Rat taktisch klug beibringen sollte, war mir noch immer ein Rätsel. Deswegen wollte ich Nate nicht vorschnell einweihen. Aber wenn sie ebensolche Bedenken haben sollten wie Jesse, und davon ging ich aus, musste ich die Sache mit unseren Malen abklären lassen, und Nate war die beste Wahl dafür. Schließlich hatte er dieses Ritual unzählige Male überwacht. „Heute Abend“ sagte ich knapp.
 

Ein Klopfen ließ mich aufsehen. Verwundert beobachtete ich Jesse, der zur Tür eilte, um sie zu öffnen. Erwartet er jemanden? Einzig ein paar Wachen wussten, wo ich aktuell zu finden war. „Vielen Dank“ hörte ich eine vertraute Stimme. Einen Moment später betrat die Hofzauberin den Raum, verbeugte sich knapp. „Ich wollte mich vergewissern, dass alles in Ordnung ist, wenn Ihr gestattet.“

„Es verlief bestens.“

Den skeptischen Blick von Yubel versuchte ich so gut es ging zu ignorieren. Madame Tredwell nickte, Erleichterung meinte ich in ihren Augen zu erkennen. „Das freut mich. Wie geht es Yusei?“

„Er ist erschöpft und schläft noch. Bitte gönnt ihm die Ruhe.“

Jesse räusperte sich.

Genervt verdrehte ich dich Augen. Er hatte ja recht. Ich atmete tief durch, mied den Blick der Zauberin, und sah stattdessen zur geschlossenen Tür des Schlafzimmers. „Es ist nur eine Sache, vermutlich hat es nichts zu bedeuten.“ Wieder atmete ich tief durch, versuchte das seltsame Gefühl in meiner Magengegend loszuwerden, und sah sie an. „Es geht um sein Mal. Es sieht vollkommen anders aus, und tauchte in seinem Gesicht auf.“

Ruhig musterte sie mich, deutete dabei ein kleines Nicken an. „Macht Euch im Augenblick noch keine Sorgen darüber. Anomalien sind selten, doch müssen nicht zwangsläufig bedeuten, dass etwas schiefgelaufen ist. Ich würde gern seine Energiepunkte untersuchen. Und Eure ebenso. Nur zur Sicherheit.“

„Jetzt gleich?“ vergewisserte ich mich unsicher. Für diese Untersuchung bot es sich an in ihre Lehrkammer zu gehen, doch ich wollte hier sein, sollte Yusei aufwachen.

„Es wäre das Beste, ja. Und Yusei möchte ich ebenfalls gern dabei haben.“

Ich seufzte leise, sah flüchtig zu der Tür, hinter der er sich befand. „Na schön. Aber lasst ihn zumindest so lang in Ruhe, bis ich mich umgezogen habe. Danach werde ich ihn wecken.“

Madame Tredwell verbeugte sich knapp. „Natürlich.“
 

Wenig später war ich im Badezimmer und legte mein Gewand an. Als ich gerade den leichten Harnisch zuzog, fiel mein Blick auf die Kommode am anderen Ende des Zimmers. Ohne weiter darüber nachzudenken, steuerte ich darauf zu. Auf der Ablage hatte Yusei seine Rüstung verstaut, doch mein Blick glitt daran vorbei, zur oberen Schublade, um sie zu öffnen. Heraus zog ich eine kleine, goldene Schatulle. Ein wehmütiges Lächeln schlich sich auf meine Lippen, während meine Finger bedächtig darüberfuhren. Beinahe konnte ich die Stimme meines Vaters hören, als er sie mir überreichte. Irgendwann wirst du jemanden finden, der dir so viel bedeuten wird, wie deine Mutter mir bedeutet hat. Das ist mein größter Wunsch für dich. Und wenn es so weit ist, gib dieses Symbol der Verbundenheit der Person, mit der du den Rest deines Lebens verbringen möchtest. Wenn du das tust, wirst du sein Gegenstück erhalten und selbst König werden. Ich schluckte trocken, berührte unbewusst den Ring an meiner rechten Hand. Durch den Tod meines Vaters hatte ich das Gegenstück längst erhalten, noch ehe sich sein Wunsch erfüllen konnte. Ich öffnete die Schatulle, legte den schlichten, goldenen Ring frei, der einst meiner Mutter gehört hatte. Vorsichtig zog ich ihn aus dem Kissen und strich über die Gravur im Inneren, die in der alten Sprache den Leitspruch der königlichen Familie zeigte. Ob er ihn annehmen würde? Allein durch unsere Verbindung erschien es mir selbstverständlich ihn Yusei zu überreichen. Ein kleines Schmunzeln zupfte an meinen Lippen. Wie er wohl reagieren wird?

Ein plötzliches Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Ich zuckte zusammen, dabei glitt der Ring aus meinen Fingern und landete klirrend auf dem Boden, rollte unter die Kommode, noch ehe ich reagieren konnte. „Verdammt“ murmelte ich und kniete vor dem Möbelstück, um den Ring wiederzufinden. Doch griff ich nur ins Leere. Seufzend neigte ich mich tiefer, um zu sehen, wo er gelandet war, da hörte ich, wie die Tür sich öffnete.

“Alles in Ordnung?“ hörte ich die Stimme meines besten Freundes. Im selben Moment nahm ich eine Bewegung unter der Kommode wahr. Irgendetwas schwarzes war dahinter verschwunden und klemmte nun zwischen Wand und Möbelstück. Verwundert griff ich nach dem Ring, erhob mich, und sah hinter die Ablage, wo ich den Schatten vermutete, da sah ich dieselbe Bewegung wieder. „Haou?“ fragte Jesse wieder. Schritte hallten durch das Bad. Erst jetzt neigte ich meinen Kopf zu ihm, verstaute den Ring dabei unauffällig in der Schatulle. „Was ist denn los?“

„Da ist irgendwas“ antwortete ich vage, sah noch einmal hinter die Kommode. Doch was auch immer es war, hatte sich wieder darunter versteckt.

Jesse folgte meinem Blick. „Was meinst du?“

„Keine Ahnung. Ich dachte, ich hätte einen Schatten gesehen, aber er ist schneller als ich.“

„Vielleicht war das Ccarayhua.“

„Wer?“ fragte ich verwirrt.

„Yuseis Alduria. Er hat sie von meinem Onkel in Estara erhalten.“

„Hm.“ Es erschien mir sinnvoll, doch eine Sache wunderte mich. „Warum versteckt sie sich dann?“

„Keine Ahnung. Soll ich sie rufen?“

„Ich dachte diese Art hört nur auf den zugewiesenen Dämon“ sagte ich verständnislos.

„Schon, aber Yusei hat ihr den Befehl gegeben, auch auf mich zu hören. Für den Fall, dass wir uns verlieren.“

Ich nickte, was Jesse wohl als Anlass nahm, das Tier hervorzulocken. Er tippte mit zwei Fingern auf das Holz. Doch nichts geschah. Leise sagte er ihren Namen, wiederholte das Ganze, doch auch dieses Mal machte das Tier keine Anstalten auf Jesse zu hören. Ein belustigtes Schnaufen konnte ich mir nicht verkneifen. „Klappt ja gut.“

„Sei still“ grummelte er, kniete sich hin, um ebenfalls unter die Kommode zu blicken. Im selben Moment sah ich dahinter. Das Tier konnte sich schlecht vor uns beiden gleichzeitig verstecken. Tatsächlich erhaschte ich einen kurzen Blick auf das schwarze Wesen, doch dann schnellte sie hinter dem Möbelstück vor und huschte mit beeindruckender Geschwindigkeit in den Hauptteil des Badezimmers. Schnell folgte ich ihr, hatte sie aber wieder aus dem Blick verloren.

„Die ist wirklich schnell“ sagte ich beeindruckt.

Jesse schien meine Bewunderung jedoch nicht zu teilen, denn sein Blick wurde ernst. „Dass sie flüchtet, ergibt allerdings keinen Sinn.“

Gedankenverloren nickte ich. Stimmt schon, ein normales Verhalten für Aldurias wäre es eigentlich, zu warten, oder auf die Jagd zu gehen. Doch dieser verhielt sich sonderbar. „Was denkst du?“

Langsam schritt er durch den Raum und sah sich weiter um. „Im besten Fall hat Yusei ihr irgendeinen Befehl gegeben, den ich nicht kenne.“

„Und im Schlimmsten?“ hakte ich nach, sah mich dabei ebenfalls um. Doch das Tier durch Zufall zu entdecken, erschien mir unwahrscheinlich.

Jesse seufzte leise. „Siehst du das offene Fenster? Im schlimmsten Fall ist das gar nicht Ccarayhua, sondern ein anderer Alduria. Und was dessen Befehle sind, wissen wir erst recht nicht. Ihr Gift ist zwar nicht tödlich, aber für eine Weile ausschalten können sie dich damit.“

„Und was hast du jetzt vor?“

„Nachsehen, ob sie es wirklich ist. Nur dafür muss ich sie einfangen.“

„Kannst du sie wirklich von anderen unterscheiden?“ fragte ich zweifelnd. Für mich sahen die Tiere alle gleich aus.

„Ihre Augenfarbe ist sehr eigenwillig. Außerdem hat sie eine kleine Verfärbung am Schwanz. Ein grüner Doppelstrich. Dir ist das nicht zufällig aufgefallen?“

Ich versuchte angestrengt in meiner Erinnerung irgendein Detail zu greifen, doch es ging alles viel zu schnell. Plötzlich fiel mir etwas ein. „Am Kopf war etwas goldenes.“

„Bist du sicher?“

Ich nickte, was Jesses Blick finsterer werden ließ.

„Dann ist es nicht Yuseis Alduria.“ Wieder sah er sich um, ging dieses Mal zu den Unmengen an Flaschen in den eingelassenen Regalen und betrachtete jeden Zentimeter genau. „Wenn ich ihn erwische“ sprach er plötzlich, widmete sich aber weiter seiner Suche. „Dann kann es sein, er betäubt mich. In dem Fall musst du ihn dir schnappen. Keine Sorge, ihr Gift reicht nur für einen aus, also wärst du sicher.“

„Ich könnte auch einfach den Wachen bescheid geben und jemanden kommen lassen“ schlug ich stattdessen vor.

„Wenn du willst, mach das. Aber beschwer dich nicht, wenn er dann entwischt.“

Plötzlich stoppte er vor einer der Flaschen, und nahm sie aus dem Regal. Im selben Moment öffnete sich die Tür erneut. „Was dauert denn hier so lange?“

„Yubel!“ rief ich, doch es war schon zu spät. Ein schwarzer Schatten huschte aus dem Bad, der erschrockene Schrei der Hofzauberin ließ mein Herz schneller schlagen. Als ich im Hauptraum angekommen war, hielt Madame Tredwell ihre Hand auf ihrem Dekolleté, atmete hörbar aus.

„Wo ist er hin?“ fragte ich an sie gerichtet.

„Die kleine Echse?“

Ich nickte, da hob sie den Stoff ihres langen Rockes etwas an. Ich erhaschte einen Blick auf die Schwanzspitze des Aldurias, bis er wieder verschwand. Ein grüner Doppelstrich. Dann war das doch das Tier von Yusei?

„Ich glaube das arme Ding hat Angst“ bemerkte sie.

Jesse ging langsam auf sie zu. „Bitte bewegt Euch nicht zu schnell. Ihr Gift ist nicht tödlich, aber unangenehm.“

Sie beachtete Jesse nicht, ließ stattdessen den Stoff fallen und raffte ihn an einer anderen Stelle wieder hoch. Dabei sprach sie beruhigend auf das Tier ein. „Du musst keine Angst haben. Na komm her. Oh, was hast du denn da?“

Als sie den Stoff ihrer Kleidung losließ, saß tatsächlich eine schwarze Echse in ihrer Hand. „Das ist Ccarayhua“ bemerkte Jesse überrascht.

Nun sah ich auch, was das goldene Aufblitzen war, das ich vorhin bemerkt hatte. Irgendwas hielt sie in ihrem Maul. Doch als Jesse danach greifen wollte, drehte sich der Alduria weg, rannte Madame Tredwells Arm hinauf und versteckte sich in ihrer Halsbeuge. Dabei gab er einen gurgelnden Laut von sich.

„Vielleicht hat sie sich deshalb versteckt.“

Verwundert sah ich zu Jesse. „Was meinst du?“

„Vielleicht soll sie darauf aufpassen. Das würde ihr Verhalten erklären.“

„Darf ich?“ richtete sich die Hofzauberin an das kleine Tier.

Jesse fuchtelte mit den Händen herum, vermutlich irgendwelche Befehle, denn das schwarze Wesen kroch zögerlich aus seinem Versteck und legte seinen Schatz in die angebotene Hand der Frau.

„Das ist ein Amulett“ murmelte ich in Gedanken. Es war aus Gold, ein roter Edelstein war in der Mitte eingelassen, das das Zentrum eines Auges darstellen sollte. Irgendwo hatte ich das Zeichen schon gesehen. Nur wo? Und wo hat Yusei es her? Ccarayhua gewährte uns nur einen kurzen Anblick, ehe sie sich das Amulett wieder schnappte, und sich in ihr Versteck zurückzog.

„Ist das nicht das Auge, das in die Wandmalerei eingelassen war?“ flüsterte Yubel mir leise ins Ohr.

Ich riss die Augen auf, starrte sie an. Stimmt! In der Mitte der Drachenzeichnung war eine Einkerbung. Form und Größe dieses Amuletts würden perfekt passen.

Jesse sah mich fragend an, doch ich hatte keine Geduld dafür. „Erzähl ich dir später“ bestimmte ich unwirsch, stellte stattdessen eine viel interessantere Frage: „Wo hat Yusei das her?“

„Fragt ihn, nicht mich. Das hab ich vorher noch nie gesehen.“

„Mir kommt das Auge bekannt vor“ sagte Madame Tredwell nachdenklich, legte dabei einen Finger an ihr Kinn.

„Woher?“

„Ich habe es in Lymans Privatbibliothek gesehen, aber wo genau, weiß ich nicht. Wenn Ihr wünscht, kann ich Euch dorthin bringen.“

Ich wägte einen Moment ab, ob ich ihr Angebot annehmen, oder warten sollte, bis Yusei aufwacht. Doch ich bezweifelte, dass er wusste, welches Geheimnis dahinterstecken könnte. Ein Zufall erschien mir jedoch mehr als unwahrscheinlich. „Gern“ sagte ich deshalb, und schnappte mir ein Stück Pergament und eine Feder, um eine Nachricht zu verfassen.

„Was tut Ihr da?“ fragte Yubel skeptisch.

„Ich schreibe auf wo wir sind, damit Yusei sich keine Sorgen macht. Später kann ich ihn immer noch nach dem Amulett fragen, aber zuerst will ich wissen, was in Lymans Bibliothek darüber steht.“ Als ich fertig war, faltete ich den Zettel, und steuerte das Schlafzimmer an. Leise öffnete ich die Tür und schlüpfte durch den Spalt. Ein kleines Schmunzeln legte sich auf meine Lippen, als ich ihn noch immer schlafend vorfand. Er muss wirklich erschöpft gewesen sein. So leise wie möglich schlich ich neben das Bett und legte die Nachricht auf mein Kopfkissen. Sah noch einmal zu seiner friedlichen Gestalt und seufzte leise. Beobachtete das sanfte auf und ab seiner Brust, den entspannten Ausdruck in seinem Gesicht. Das Bedürfnis im nah zu sein, wurde überwältigend, doch widerstand ich dem Drang ihn zu berühren. Nach alldem, was er in den letzten Wochen erlebt hatte, wollte ich ihm seine Ruhe gönnen. Den Schlaf hatte er sicher dringend nötig. Also löste ich mich von diesem Anblick und verließ den Raum.
 

Madame Tredwell war gerade dabei die Tür von außen zu schließen, von Yubel war keine Spur zu sehen. Nur Jesse wartete auf mich. „Kannst du mir in der Kurzfassung erzählen, was genau wir über dieses Zeichen herausfinden wollen und warum?“

Ich atmete hörbar aus. Natürlich war mir klar, dass er Fragen hatte. Von diesem Zeichen hatte ich ihm nicht erzählt. „Erinnerst du dich noch an diesen Gang im unterirdischen Labyrinth?“ fragte ich deshalb.

„Der mit dem Bild eines roten Drachen? Ja, du hast gesagt, der Kopf würde exakt so aussehen, wie das Mal auf Yuseis Arm, warum?“

„In der Mitte dieser Malerei war eine unscheinbare Vertiefung, die ich nur auf dem zweiten Blick gesehen habe. Das Zeichen auf dieser Vertiefung stellt ein Auge dar. Genau das Auge auf dem Amulett. Sogar die Größe stimmt.“

Jesse sah mich mit großen Augen an, riss sich schnell wieder zusammen. „Warte mal… bist du dir sicher? Davon hast du mir nichts erzählt.“

„Weil ich es vergessen habe. Die Sache mit der Malerei erschien mir wichtiger. Bis heute hatte ich das völlig vergessen.“

„Hm… Mich würde interessieren, wie lange Yusei das schon hat, und wie er darangekommen ist.“

„Frag ihn das später. Erst will ich wissen, was in Lymans Büchern darüber steht. Die Malerei sah einige hundert Jahre alt aus, vielleicht sogar tausende. Vermutlich stammt die Vertiefung aus der gleichen Zeit. Wenn wir etwas darüber finden wollen, dann in der Sammlung eines Historikers.“

Schuld

Missmutig klappte ich den dicken Wälzer in meiner Hand wieder zu und sah auf. Acht Bücherregale, deckenhoch und breiter als mein Bett säumten das kleine Zimmer, füllten es zur Gänze mit alten Büchern und Pergamentrollen auf. Ich seufzte und warf einen Blick zu Madame Tredwell, die ebenfalls eines der Bücher zuklappte und an seinen Platz zurückschob. Wir waren jetzt sicher seit Stunden dabei das Buch zu finden, in dem sie damals das Zeichen gesehen hatte. Doch ohne Erfolg. „Ihr wisst wirklich nicht mehr, wovon das Buch in etwa handelte?“ fragte Jesse.

Doch die Zauberin schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Lyman hatte es damals in der Hand und ich sah es nur über seine Schulter. Den Einband habe ich nicht gesehen.“

„Vielleicht fragen wir Misawa“ schlug Jesse vor. „Immerhin war er bei Meister Lyman in der Lehre, vielleicht hat er das Zeichen auch gesehen.“

„Mach das“ sagte ich, stellte den alten Wälzer zurück an seinen Platz. „Heute werden wir es sicher nicht mehr finden. Ich geh zurück und frage Yusei woher er das Amulett hat. Inzwischen ist er sicher wach.“

„Bis dann“ hörte ich noch die Stimme meines besten Freundes, als ich den Raum verließ. Im Gang angekommen, strahlte mir das Licht der Sonne entgegen. Überrascht blinzelte ich, beschleunigte meinen Schritt. Ich war weit länger in der Bibliothek als gedacht. Es war bereits später Nachmittag. Leise seufzte ich, während der Klang meiner Schritte von den Wänden widerhallte. All diese Bücher zu dritt durchzugehen, war in der kurzen Zeit ein Ding der Unmöglichkeit. Ohne einen Hinweis darauf in welchem Zusammenhang das Zeichen stehen könnte, war es wohl aussichtslos. Hoffentlich hatte Yubel mehr Glück bei der Wandmalerei. Kurz bevor wir in die Bibliothek gegangen waren, war sie zum Tunnelsystem aufgebrochen. Heute Abend sollte sie wieder da sein.

An den Gemächern angekommen, öffnete ich die Tür, sah mich überrascht um. Eigentlich hatte ich angenommen Yusei hier vorzufinden, hatte ich doch auf dem Pergament geschrieben, dass er hier auf mich warten sollte. Verwundert ging ich in das Bad, doch auch hier war er nicht. Ist er etwa immer noch im Schlafzimmer? Er mag erschöpft gewesen sein und den Schlaf gebraucht haben, doch das war nicht normal. Ich öffnete die Tür, zog besorgt meine Stirn in Falten. Er lag tatsächlich noch im Bett. Genau so, wie ich ihn verlassen hatte. Ich wollte zu ihm gehen, doch ertönte plötzlich ein Brüllen. So laut, so markerschütternd, dass ich in meiner Bewegung innehielt und zum Fenster blickte. In der Ferne erkannte ich eine bekannte Gestalt. „Sternenstaubdrache?“ murmelte ich verständnislos. Sollte er sich nicht in den Gebirgskämmen östlich des Landes verstecken? Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit raste er auf mich zu, doch ehe er gegen die Mauer prallen konnte, löste er sich in einem Meer aus Sternen auf, die sich sanft, wie frischer Schnee, auf Yuseis schlafende Gestalt legten und dort verschwanden. Seltsam. Der Radius, in dem sich Yuseis Drache materialisieren konnte, war wohl nicht sehr groß, deswegen war er wieder hier hergeflogen. Unauffällig war es nicht, doch nun stellte Ares keine Gefahr mehr für meinen Plan dar, also Seis drum.

Noch immer irritiert setzte ich mich an den Bettrand, legte meine Hand sanft auf seine Schulter. „Yusei?“ sagte ich leise, schüttelte ihn leicht. Doch eine Reaktion blieb aus. Wieder versuchte ich es, energischer. Doch nichts. Er lag noch immer friedlich schlafend da, rührte sich nicht. Das ungute Gefühl fraß sich tiefer in meinen Magen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ganz und gar nicht. „Yusei!“ rief ich nun lauter, drehte ihn auf den Rücken. Doch selbst jetzt erhielt ich keine Reaktion. Ich legte meine Hand auf seine Stirn, zuckte zurück. Seine Haut glühte förmlich, und doch war er etwas blass. Wie kann das sein? Mein Herz klopfte laut in meiner Brust. Mir wurde übel. Ohne weiter darüber nachzudenken, rannte ich aus dem Raum, in den Gang, blickte mich kurz um. „Wachen!“ rief ich. Keine Sekunde später hörte ich den metallenen Klang ihrer Schritte. Zwei Wachen stürmten alarmiert auf mich zu.

„Mein König, was ist passiert?“

„Bringt Meister Nate und Madame Tredwell sofort zu mir! Und holt die Heiler aus dem Nebenkomplex her. Schnell!“

„Wie Ihr wüscht“ sagten sie schnell, verbeugten sich knapp und verschwanden.
 

Hilflos tigerte ich im Schlafzimmer auf und ab, in der Hoffnung mich so zu beruhigen. Setzte mich hin und wieder zu Yusei und versuchte ihn zu wecken. Hielt dabei seine Hand. Panik schlich sich in meine Gedanken, doch ich versuchte sie zu vertreiben. Erst wollte ich wissen was passiert war, später konnte ich mir immer noch Gedanken darum machen. Ich zwang meinen Atem und mein Herz zur Ruhe, doch sie gehorchten mir nicht. Solche Angst hatte ich noch nie gespürt. Nicht einmal im Krieg. Ob das an der Verbindung lag? Verdammt, was dauert da so lange?!

Endlich hörte ich ein Klopfen, gleich darauf wurde die Tür geöffnet. „Hier!“ rief ich, wich Yusei jedoch nicht von der Seite. Es waren mehrere Personen, ich hörte ihre Schritte. Im nächsten Moment tauchte Madame Tredwell auf, gleich dahinter Jesse und eine der Wachen. „Wo sind die anderen?!“ richtete ich mich an letzteren.

Die Wache verbeugte sich knapp. „Meister Nate wird bald hier eintreffen, die Heiler wurden ebenso benachrichtigt, aber sie wollten noch etwas zusammenpacken.“

„Schön, du kannst gehen“ sagte ich wirsch. „Sorge dafür, dass sie sich beeilen!“

„Ja, mein König“ antwortete er, doch mein Blick glitt wie automatisch zu Yusei.

Eine zierliche Hand tauchte in meinem Blickfeld auf, legte sich auf seine Stirn, danach in seine Halsbeuge. „Sein Puls ist normal, aber die Temperatur ist viel zu hoch“ murmelte sie.

„Was ist passiert?“ fragte Jesse.

Madame Tredwell schnappte sich ein Stück Kreide von der Kommode im hinteren Teil des Zimmers und begann den Bannkreis um das Bett herum zu erweitern. „Keine Ahnung“ sagte ich währenddessen. „Als ich das Zimmer betreten habe, lag er immer noch so da. Er wacht einfach nicht auf. Ich habe die Wachen sofort nach euch, Meister Nate und einigen Heilern rufen lassen.“

Prompt öffnete sich die Tür erneut, drei Heiler betraten das Zimmer, gefolgt von Meister Nate. „Mein König, was ist passiert?“ meldete sich die rothaarige Heilerin zu Wort, die Yusei bereits einmal geholfen hatte.

Doch Madame Tredwell nahm mir die Antwort ab, richtete sich wieder auf, als sie mit dem Bannkreis fertig war. „Hohes Fieber bei leichter Blässe, normaler Puls, nicht ansprechbar. Ich wollte gerade seine Energiepunkte kontrollieren.“

Die Heilerin nickte, stellte sich auf die andere Seite des Bettes. „Wir brauchen Platz und Ruhe, mein König. Würdet Ihr bitte den Raum verlassen?“

Ich zögerte, sah noch einmal zu Yusei und drückte seine Hand. Dann machte ich den Heilern Platz, die sich um das Bett herum verteilten. Jesse bugsierte mich mit sanfter Gewalt aus dem Raum. Erst als die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war, erlaubte ich es mir zu atmen. Stockend und viel zu flach. Jesses Hand drückte sich fester auf meine Haut und beruhigte mich ein wenig.

„Warum habt Ihr mich ebenfalls rufen lassen?“ fragte Meister Nate vorsichtig.

Ich schnaufte, brauchte einige Herzschläge, um mich zu sammeln. Er ahnte es, da war ich mir sicher. Yuseis Mal konnte ihm unmöglich entgangen sein.

„Ich habe den Blutmond genutzt“ sagte ich nur, suchte in seinem Gesicht nach einer Reaktion. Doch er nickte lediglich. Ein Hauch Sorge meinte ich zu erkennen, doch verschwand sie so schnell, wie sie aufgetaucht war.

„Und seitdem ist er nicht aufgewacht?“ schlussfolgerte er.

Ich schloss meine Augen, schüttelte dezent den Kopf und atmete tief durch. Panik brachte mich nicht weiter. Ich musste mich endlich beruhigen. Ich musste mehr wissen.
 

Meister Nate fragte mich über den Ablauf des Rituals aus. Den Bannkreis, die aktivierten Zeichen, ihre Reihenfolge, unsere Handlungen. Letztere beantwortete ich nur sporadisch. Er brauchte nicht alles zu wissen, nur das nötigste. Als ich ihm das Mal auf meiner Schulter zeigte, begutachtete er es genau, stellte mir auch dazu Fragen, und zu dem von Yusei. Je länger ich erzählte, umso ruhiger wurde ich. Denn als ich noch einmal alles durchging, wurde ich immer sicherer, dass ich alles richtig gemacht hatte. Genau so, wie Madame Tredwell es mir erklärt hatte. Ich hatte keinen Fehler gemacht. Und doch musste etwas gewaltig schiefgelaufen sein, wenn Yusei nicht aufwachte.

„Was sagt Ihr?“ fragte Jesse besorgt.

Meister Nate wiegte den Kopf von einer Seite zur anderen, faltete die Hände hinter seinem Rücken. Er schien seine Worte abzuwägen. „Hat er aus freien Stücken zugestimmt?“ fragte er schließlich.

„Yusei?“ vergewisserte ich mich überrascht. „Natürlich. Sonst hätten wir es nicht abhalten können.“

Doch er schüttelte den Kopf. „Ihr hättet es dennoch abhalten können. Doch wenn sich nur eine der Parteien dazu gezwungen fühlt, kann es zu… hässlichen Komplikationen kommen. Deswegen frage ich Euch noch einmal: Hat er aus freien Stücken zugestimmt?“

„Was soll das?“ knurrte ich. „Natürlich hat er!“

„König Haou.“ Jesses Hand entfernte sich von meiner Schulter, ließ mich überrascht zu ihm sehen. „Ich glaube, was Meister Nate meint ist, dass Yusei nicht viele Alternativen hatte.“

Ungläubig schüttelte ich den Kopf. War er etwa auf Nates Seite? „Was?“

Er seufzte leise, doch ergriff Nate wieder das Wort. „So wie ich das sehe, habt ihr das Ritual dazu genutzt, ihn an euch zu binden, um ihn aus Meister Ares‘ Obhut zu befreien, richtig?“ Ich konnte nicht antworten, sah ihn nur überrascht an, wechselte einen Blick mit Jesse, als er weitersprach. „Ich konnte es während der Abstimmung sehen, aber dass Ihr so weit gehen würdet, um ihm zu helfen, hätte ich nicht ahnen können. Dann wäre meine Stimme anders ausgefallen. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Welche Alternativen hätte der Mensch gehabt?“

„Yusei“ knurrte ich. „Nennt ihn bei seinem Namen.“

Er nickte lediglich, ließ sich meinen Unmut ihm gegenüber nicht anmerken. „Entschuldigt. Welche Alternativen hätte Yusei gehabt? Und bitte seid ehrlich, das ist sehr wichtig.“

Ich schnaubte, ging einige Schritte durch den Raum. „Ich war ehrlich. Wir haben Yusei alles erklärt. Er wusste genau, worauf er sich einließ und hat zugestimmt.“

„Er hatte Bedenken“ schaltete Jesse sich ein, wurde durch meinen Blick zum Schweigen gebracht.

„Die ich ihm nehmen konnte. Er hat zugestimmt, und damit ist Schluss!“

„Welche Alternativen hätte Yusei gehabt?“ wiederholte Meister Nate seine Frage ruhig.

Ich stöhnte genervt. „Was tut das zur Sache? Er hat Ja gesagt, reicht das nicht?“

„Es reicht nicht. Bitte beantwortet die Frage, mein König.“

„Der Tod!“ rief ich wütend. „Ares hätte ihn früher oder später getötet! War es das, was Ihr hören wolltet?!“ Mein Atem ging schwer, mein Blick senkte sich. Meine Stimme war nur noch ein Flüstern, aus Angst, dass sie versagen könnte. „Er hat zugestimmt…“ Das beklemmende Gefühl der Schuld nagte an mir. Yusei hatte das Ritual nicht vollziehen wollen, weil er Angst um mich hatte. Weil er sich der Konsequenzen bewusst war. Aber diese Zweifel konnte ich ihm nehmen. Er hatte zugestimmt. Er hatte… Der Kloß in meinem Hals schnürte mir die Luft ab. Was ist, wenn er gelogen hatte? Weil seine einzige Alternative der Tod war? Nein. Nein, das kann nicht sein.

„Mein König“ hörte ich die ruhigen Worte Meister Nates. „Ich glaube Euch, dass Ihr wirklich davon ausgegangen seid, dass er die Seelenbindung wollte. Aber sein Zustand, sein Mal. Das alles spricht dafür, dass Yusei nur zugestimmt hat, um dem Tod zu entgehen. Weder er noch Ihr hättet ahnen können, was es bedeutet. Es tut mir leid.“

„Und was jetzt?“ fragte Jesse. „Nehmen wir an, Eure Theorie stimmt. Was wird jetzt aus Yusei?“

Ich hörte ein leises Seufzen, wohl das von Nate. Doch ich traute mich nicht aufzusehen. Wenn er recht hatte, war ich schuld an Yuseis Zustand. „Warten wir erst auf die Heiler“ sagte er. „Ich hoffe sehr, dass ich mich irre.“
 

~*~
 

Es verging eine kleine Ewigkeit, in der wir still warteten und jeder seinen eigenen Gedanken nachging. Eine kleine Ewigkeit, in der ich mich von Minute zu Minute schlechter fühlte. Am liebsten hätte ich geschrien, getobt, geweint. Doch ich tat nichts davon. Ich saß nur auf dem Sofa und starrte vor mich hin. Wollte nur zu ihm.

Endlich hörte ich das Geräusch der sich öffnenden Tür und sprang beinahe von der Sitzgelegenheit. Madame Tredwells Blick ließ mich den Knoten in meinem Magen noch deutlicher spüren. Auch die Heilerin wirkte nicht glücklich. „Was ist mit ihm?“ wisperte ich.

„Wir wissen es nicht“ sagte die Heilerin. „Seine Symptome sind diffus, wir können nur einige gezielt behandeln und warten.“

„Aber vom Schlaf abgesehen hat er doch nur Fieber“ sagte Jesse verständnislos.

„So einfach ist es nicht“ schaltete sich Madame Tredwell ein. „Sein Energiefluss spielt vollkommen verrückt. Statt einer ruhigen Strömung, wie es sonst der Fall ist, verhält sie sich jetzt wie ein reißender Strudel. Und seine Hirnaktivität passt nicht zu jemandem, der tief schläft. Selbst sein Blut ist nicht normal.“

„Sein Blut?“ fragte Meister Nate interessiert.

Sie nickte. „Seine Zellen haben sich verändert. Das Ritual muss etwas in seinem Körper ausgelöst haben, dass wir uns nicht erklären können.“

„Die größten Sorgen bereitet uns im Moment das Fieber“ sagte ein weiterer Heiler, den ich beinahe nicht bemerkt hatte. „Wir konnten aufhalten, dass es weiter steigt, aber wir bekommen es nicht wieder runter. Auf Dauer kann das Schäden in seinem Körper anrichten.“

„Kann das Fieber von der Zellveränderung kommen?“ fragte Meister Nate.

Die rothaarige Heilerin kaute auf ihrer Lippe, dachte nach. „Möglich. Aber da wir so etwas noch nie gesehen haben, lässt es sich nicht mit Sicherheit sagen. Wir müssen abwarten und ihn beobachten.“

„Hat er Schmerzen?“ fragte ich besorgt.

Doch zu meiner Erleichterung schüttelte Madame Tredwell den Kopf. „Nein, macht Euch keine Sorgen, mein König. Sein Puls ist nach wie vor normal, genau wie seine Atmung. Er scheint auch nichts von seiner Außenwelt mitzubekommen. Ich bin mir sicher, er spürt nichts.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen, trotzdem war die Sorge um ihn groß. „Habt Ihr so etwas schon gesehen?“ richtete ich mich an Meister Nate.

„Nein. Nicht in dem Ausmaß.“

„Aber etwas Ähnliches?“ hakte Jesse nach.

„Es kam schon zu leichtem Fieber, ja. Aber in der Regel haben es die Dämonen nie mitbekommen, weil es innerhalb weniger Stunden vollständig abgeklungen war.“

„Und das Ritual war dennoch erfolgreich?“ fragte ich.

Er schloss einen Moment die Augen, atmete durch. „Ja.“

Erleichtert atmete ich auf. „Denkt Ihr immer noch, es würde an seiner Motivation für das Ritual liegen?“

„Ich will es nicht ausschließen. Die Stelle seines Mals würde dafürsprechen, dass meine Ahnung richtig war. Auch die Tatsache, dass es bei Euch an einer anderen Stelle aufgetaucht ist und vollkommen anders aussieht.“

Jesse seufzte. „Ich schätze, wir können nur abwarten.“

„Wir werden seinen Zustand weiter beobachten“ sagte die Heilerin, sah mich aufmunternd an. „Yusei ist zäh. Er schafft das, da bin ich mir sicher.“

„Bei allem Respekt, aber eine verpatzte Seelenbindung hat nichts mit Zähigkeit zu tun.“

Madame Tredwell wirkte beinahe beleidigt bei Meister Nates Worten. „Inwiefern verpatzt? Wir haben uns strickt an die Regeln gehalten.“

„Das will ich nicht bestreiten“ lenkte er ein. „Doch es gibt Dinge, die können wir nicht kontrollieren.“

„Wie meint ihr das?“

„Könnt Ihr mit Gewissheit sagen, dass beide sich für dieses Ritual entschieden haben, weil sie es wollten, und nicht, weil es ihr letzter Ausweg war?“

Darauf wusste auch die Hofzauberin nichts zu erwidern. Sie schwieg. Genau wie Jesse. Vielleicht hatte er recht. Aber… Ich schüttelte den Kopf. „Na schön, die Idee ist aus einer Not heraus entstanden“ sagte ich, sah Meister Nate herausfordernd an. „Aber das muss nicht heißen, dass es falsch war, wie wir uns entschieden haben. Mir war bewusst, dass es Risiken gibt, genauso wie es Yusei bewusst war. Und dennoch sind wir diesen Weg gegangen. Mir ist egal, was Ihr davon haltet, ich stehe zu meiner Entscheidung.“

Einen flüchtigen Blick warf Meister Nate in Richtung des Schlafzimmers, ehe er mich wieder ansah. „Wenn er wieder aufwachen sollte, lag ich falsch. Wenn nicht… Hoffen wir einfach, dass ich mich irre.“
 

Kurz darauf entließ ich Madame Tredwell und Meister Nate, ebenso wie zwei der Heiler. Einzig die Dämonin mit den roten Haaren blieb an Yuseis Seite und überwachte ihn. Als die Tür zum Schlafzimmer ins Schloss fiel, ließ ich mich erschöpft auf dem weichen Polster nieder. Bettete mein Gesicht in meine Hände. Ich spürte, dass mein Freund sich zu mir setzte. Spürte seine Arme, die sich um meinen Körper legten. Er versuchte nicht, mich aufzubauen. Versuchte nicht, mich mit tröstenden Worten zu beruhigen. Er war einfach da. Und dafür dankte ich ihm still. Doch das erdrückende Gefühl in meiner Brust blieb.

„Es war gut, dass du den Befehl gegeben hast die Sache vorerst unter Verschluss zu halten“ versuchte er mich auf andere Gedanken zu bringen.

Doch ich winkte ab, fuhr mir durchs Gesicht und ließ meine Hände sinken. „Was denkst du?“

Ein leises Seufzen war zu hören. Mir war klar, dass er von Beginn an gegen die Seelenbindung war. So oft lag er mir mit den Risiken in den Ohren. „Für den Moment war es die richtige Entscheidung für dich“ antwortete er diplomatisch.

„Du hast mich von Anfang an gewarnt, dass so etwas passieren könnte“ murmelte ich. Spürte, wie sich seine Arme etwas fester um mich legten. Einen Moment gab ich mich der tröstenden Berührung hin.

„Ruh dich aus“ riet er, löste sich von mir und schenkte mir den Ansatz eines Lächelns. „Morgen wissen wir mehr. Er wird schon durchkommen, das ist er immer.“

Ich nickte zerknirscht, betrachtete die geschlossene Tür, hinter der er sich verbarg. „Ich bleibe bei ihm, bis er aufwacht“ beschloss ich. „Kannst du Yubel die Situation erklären, wenn sie wiederkommt?“

„Klar.“

„Danke“ sagte ich kraftlos. Löste mich endgültig von ihm und ging leise zur Tür.

Als ich eintrat, wehte mir ein angenehmer Duft nach Lavendel und Bergamotte entgegen. Wohl gegen das Fieber. Doch Yuseis Anblick versetzte mir einen Stich. Er lag auf der Fensterseite des Bettes, eine Decke über ihm ausgebreitet, doch konnte man bereits von hier aus sehen, dass er noch blasser geworden war als vor einigen Stunden. Die Heilerin war gerade dabei das Tuch auf seiner Stirn zu erneuern. Als sie fertig war, deutete sie mit einem kleinen Schmunzeln neben sich. Ein Sessel hatte den Weg zwischen Fenster und Bett gefunden. Ich dankte ihr still dafür und nahm darin Platz. Ganz automatisch wanderte meine Hand zu der von Yusei. Meine Sorge wuchs, denn auch sie war viel zu warm.

„Gebt mir einen Moment allein mit ihm“ sagte ich leise, betrachtete sein friedliches Gesicht.

Ich spürte ihren Blick auf mir ruhen, doch sie schwieg einen Augenblick. „Ein paar Minuten“ bestätigte sie. Ein Lächeln meinte ich aus ihren Worten zu hören.

Als die Tür leise ins Schloss fiel, legte ich meine andere Hand an seine Wange. Beruhigend strich ich über die glühende Haut, immer an dem goldenen Mal entlang. „Es tut mir so leid“ flüsterte ich. Schluckte trocken. „Wenn ich… wenn ich dich in die Enge getrieben habe… Das war nicht meine Absicht, glaub mir. Bitte…“ Meine Sicht verschwamm. Tränen perlten von meinen Wangen, mein Schluchzen hallte durch den stillen Raum. Ich kniff die Augen zusammen, drückte seine Hand fester. „Bitte wach auf, Yusei! Ich…“ Wieder schüttelte ein Schluchzen meinen Körper, meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich liebe dich.“

Fiebertraum

Alles um mich herum war so still. So friedlich. Nur träge öffnete ich meine Augen. Fuhr müde durch mein Haar, während ich mich aufsetzte. Ich stützte mich in der Matratze ab, sah verwundert zur Seite. „Haou?“ fragte ich in die Leere des Raumes. Doch das Laken war kalt. Er war längst nicht mehr da. Wie spät es wohl ist? Mein Blick schweifte aus dem Fenster, um den Stand der Sonne auszumachen. Doch erstarrte ich. Wie ferngesteuert stieg ich aus dem Bett, lehnte mich an das Fenstersims, um wirklich sicherzugehen, was ich sah. Der Himmel war tiefschwarz, und doch wurden die wenigen Wolken in sanftes, violettes Licht gehüllt. Der Anblick war mir vertraut, doch brauchte ich einen Moment, um ihn einzuordnen. Ich war im Reich der Schatten. Aber wie?

„Yusei?“

Erschrocken zog ich die Luft ein, wirbelte herum. Mein Herz schlug bis zum Hals. Doch schnell entspannte ich mich, atmete erleichtert aus.

Atemu legte verwundert den Kopf schief, stemmte eine Hand in die Hüfte. „Was machst du hier?“

„Ähm… Keine Ahnung“ gab ich zu, sah mich noch einmal flüchtig um. Das war eindeutig der Raum, in dem Haou und ich letzte Nacht das Ritual abgehalten hatten. Und gleichzeitig war er es nicht. Was geht hier vor sich?

Ich spürte förmlich Atemus prüfenden Blick, der meinen Körper abfuhr. Auch ich sah kurz an mir hinab. Erleichtert stellte ich fest, dass ich zumindest den weißen Kaftan trug, auch wenn der Gürtel etwas verrutscht war. „Du hast dich verändert“ sagte er plötzlich. Ein kleines Lächeln lag auf seinen Lippen. „Was ist passiert?“

Wärme flutete mein Gesicht, als ich an letzte Nacht zurückdachte. „Naja, ich und Haou“ stammelte ich, wusste aber nicht recht, wie ich es erklären sollte.

Doch Atemu lachte nur leise. „Du hast deine Seele an die des Königs gebunden?“ Mein ertappter Blick brachte ihn erneut zum Schmunzeln. „Das Zeichen in deinem Gesicht verrät mir genug“ sagte er.

Unbewusst berührte ich meine Wange. Genau an der Stelle, an der ich letzte Nacht den Schmerz gespürt hatte.

„Das erklärt auch deine veränderte Aura.“

„Du kannst sie spüren?“ fragte ich perplex. Mir war klar, dass man eine Aura spüren kann, wenn sie stark genug ist. Haou zum Beispiel hatte einen sehr feinen Sinn für die Stärke und die Persönlichkeit der Dämonen und Geister um sich herum. Bei mir war diese Fähigkeit kaum ausgeprägt, deswegen konnte ich nur Wesen mit einer sehr starken Aura spüren. Eine Stärke, die ganz sicher nicht in mir wohnte.

„Ich kann sie sehen“ antwortete er, als wäre es selbstverständlich.

Erstaunt betrachtete ich ihn. Das war nicht möglich. „Wie?“

„Das ist eine Fähigkeit, die mir in die Wiege gelegt wurde. So wie meinem Vater vor mir. Aber das ist jetzt nicht wichtig.“ Seine Finger strichen sanft über seinen Armschmuck, ein kleiner Bannkreis erschien darauf. „Komm“ sagte er schlicht, bot mir seine Hand dabei an. Zögerlich ergriff ich sie. Ich wusste was gleich passieren würde, und hatte wenig Lust auf das seltsame Gefühl, das meinen Körper gleich durchströmen würde. Wieder hörte ich Worte der alten Sprache. Meine Umgebung verschwamm, nur die Gestalt Atemus blieb klar. Mein Magen zog sich zusammen, die Übelkeit drohte überhandzunehmen, doch dann war es vorbei. Daran würde ich mich nie gewöhnen. Flüchtig sah ich mich um. Es dauerte einen Moment, bis ich das Schlossgelände erkannte. Ganz schwach konnte ich die Schemen der Soldaten sehen, die über den Platz patrouillierten. In der Ferne sah ich einen schwarzen Schatten am Himmel, der stetig näherkam. Erst dachte ich, es wäre ein weiterer Schemen. Etwas, das in der Isekai existierte und hier nur schwach zu erkennen war. Doch seine Umrisse waren ganz klar. Immer deutlicher erkannte ich das Wesen, das über die Hauptstadt flog. Stimmt, Atemu sagte schon, dass er die restlichen Drachen in dieser Welt in Sicherheit gebracht hat. Es war das erste Mal, dass ich einen weiteren zu Gesicht bekam. Plötzlich materialisierte sich mein Drache an meiner Seite. Brüllte freudig auf. Auch er spürte die Anwesenheit seines Artgenossen.

„Hallo Sternenstaubdrache“ sagte Atemu. Ein zufriedener Ausdruck lag in seinem Gesicht. „Schön dich zu sehen. Es tut mir leid, dass du eine Weile eingesperrt warst.“

Mein Drache schnaufte verärgert, ein kleiner Lichtblitz schlug in den Boden ein und ließ mich einen Schritt zurückweichen. Meint er die Zeit, die ich mit Meister Ares verbracht hatte? Das würde bedeuten… „Hast du uns beobachtet?“ schlussfolgerte ich.

„Manchmal, ja“ sagte er. Zog seine Brauen tief in sein Gesicht. „Am liebsten hätte ich eingegriffen, doch ich konnte nicht.“

Eine Hand legte ich an die Flanke meines Drachen, um ihn zu beruhigen. Ich hörte das tiefe Knurren, spürte die Vibration unter seinen Schuppen. Die ganze Sache nahm er Meister Ares noch immer übel. Da war er nicht allein.

„Aber genug davon“ hörte ich Atemus Worte und sah wieder zu ihm. Die Wut war noch nicht aus seinem Gesicht verschwunden, aber er beruhigte sich schneller als Sternenstaubdrache. „Wie hast du es geschafft abseits des Nebelbergs in diese Welt zu gelangen? Eigentlich ist das nur auf der Spitze des Berges oder im Tempel möglich.“

„Ich weiß es nicht. Als ich aufgewacht bin, war ich plötzlich hier.“

Interessiert musterte er mich, ging langsamen Schrittes um mich herum. Ich konnte ihn nur verwundert beobachten, hatte ich doch keine Ahnung, was genau er damit bezwecken wollte. „Du bist hier und bist es nicht“ murmelte er, als er mich umrundet hatte. „Beim letzten Mal konnte das nur geschehen, weil dein Körper dem Tod nahe war. Ich hoffe nicht, dass das dieses Mal auch der Fall ist?“ fragte er besorgt.

Stimmt, ich bin schon einmal in dieser Welt aufgewacht. Als ich in der Zelle eingeschlossen wurde und mein Körper am Ende seiner Kräfte war. „Nein“ antwortete ich deshalb.

Er nickte erleichtert, ehrliches Interesse spiegelte sich in seinen Augen. „Das ist bemerkenswert. Und du weißt wirklich nicht, wie du das geschafft hast?“

Ich schüttelte nur den Kopf, sah hoch zu meinem Drachen, der die Antwort auf diese Frage allerdings auch nicht wusste. „Aber was hast du mit ‚Ich bin hier und bin es nicht‘ gemeint?“

„Dein Geist ist hier“ sagte er, deutete auf den Schlossteil, in dem wir uns gerade noch befunden hatten. „Aber dein Körper ist noch dort oben und schläft. Allerdings in der Isekai.“

Überrascht musterte ich ihn. Meint er das ernst? Aber warum sollte er mich veralbern. „Ich bin ein Geist?“ hakte ich verständnislos nach.

„Hier schon“ bestätigte er. „Ich habe plötzlich deine Präsenz gespürt und mich auf den Weg hier her gemacht. Du weißt wirklich nicht, wie sich dein Geist von deinem Körper trennen konnte?“

„Nein“ murmelte ich.

„Hm“ Er schloss die Augen, strich abermals über den Schmuck an seinem Arm. Auch jetzt erschien ein kleiner Bannkreis, doch die Insignien hatten sich verändert. Auch benutzte er keine Worte, um einen Zauber zu wirken. Er stand nur da und schwieg. Ich hielt einige Herzschläge lang gespannt den Atem an, doch dann öffnete er seine Augen. Sorge lag in ihnen. „Vielleicht ist es gut, dass dein Bewusstsein sich im Moment nicht in deinem Körper befindet.“

„Warum?“ fragte ich irritiert. Hat er gerade einen Blick in die Isekai geworfen? Steht mein Körper etwa wieder auf der Schwelle zum Jenseits?

„Anscheinend hat sich nicht nur deine Aura verändert. Dein Körper ist ebenfalls dabei.“

„Was? Warte… Wie meinst du das? Was ist mit meinem Körper?“

„Eins nach dem Anderen“ versuchte er mich zu beruhigen. „Im Moment ist eine Heilerin bei dir. Du hast sehr hohes Fieber, zu hoch, deswegen macht sie sich Sorgen. Ich glaube das liegt an der Veränderung, die gerade in dir vonstattengeht.“

„Welche Veränderung?“

„Ich weiß es nicht“ gestand er, legte seine Hand dabei ans Kinn. Sein Blick glitt in die Ferne. „Eine Seelenbindung sollte eigentlich nur Veränderungen auf spiritueller Ebene hervorbringen, nicht auf körperlicher. Abgesehen von dem Mal, das euch verbindet. Es könnte natürlich daran liegen, dass du als Mensch eine etwas andere Genstruktur aufweist, weil die Magie der Isekai euch nie betroffen hat. In dem Fall holt dein Körper 5000 Jahre der Evolution auf.“

Ich starrte ihn nur an, wusste nichts darauf zu erwidern. Heruntergebrochen bedeutete das… „Ich… werde so wie Haou? Ein Dämon?“

„Nein, nicht ganz“ antwortete er, sah mich wieder direkt an. „Zumindest hoffe ich es nicht. Ich glaube, das würde dein Körper nicht durchstehen. Deine Zellen müssten sich komplett neu zusammensetzen. Außerdem hättest du dafür sein Blut zu dir nehmen müssen, aber das wird seit Jahrhunderten nicht mehr praktiziert.“

Ich schluckte, spürte meinen Herzschlag deutlich. Der Kelch. Das Gefäß, dass Haou mir vor dem Ritual gegeben hatte. Die Flüssigkeit, die ich getrunken hatte, schmeckte nach Metall. Kann es… Kann es sein, dass das Blut war? Sein Blut? Aber der Geschmack nach Schwefel würde nicht dazu passen. Außerdem hatte er sicher selbst davon getrunken, schließlich wusste er, wie es schmecken würde. Und wenn es seit so vielen Jahren nicht mehr praktiziert wurde, war es sicher etwas anderes.

„Yusei?“

Ich schreckte hoch, suchte seinen Blick.

Forschend betrachteten mich die violetten Augen. „Was ist los?“

„Nichts, ich… Warum wird es nicht mehr praktiziert?“

„Der Blutaustausch meinst du?“

Ich nickte, konnte seinem intensiven Blick nur schwer standhalten.

„Ich glaube es wurde damals unterbunden, weil die Nebenwirkungen zu stark waren, wenn die Seelen nicht vollständig miteinander harmonierten. Es gab wohl einen Fall, in dem ein Dämon krank vor Eifersucht erst seinen Seelenpartner und dann sich selbst umgebracht hat.“

Ungläubig starrte ich ihn an. „Nur wegen seiner Eifersucht?“

Er nickte, sein Blick brannte sich tief in meine Seele. „Vorhandene Gefühle können durch eine Seelenbindung gestärkt werden. Positiv wie negativ. Ein Blutaustausch hat zwar den Vorteil, dass es die Verbindung stabilisiert, indem es nicht nur die Seelen, sondern auch deren Körper in Einklang bringt, aber das hat seinen Preis. Die Verstärkung dieser Gefühle kann dadurch unter Umständen erhöht werden. Das muss nicht geschehen, doch die Wahrscheinlichkeit dafür ist groß. Kann es sein, dass ihr genau das getan habt?“

Wieder schluckte ich, sah an Atemu vorbei zu den schwachen Schemen, die sich über den Platz bewegten. „Ich weiß es nicht“ gestand ich. „Vielleicht. Ich habe irgendwas getrunken, aber Haou hat mir nicht gesagt, was es war.“

„Hat er es ebenfalls zu sich genommen?“

„Er wusste zumindest, dass es furchtbar schmecken würde. Aber gesehen habe ich es nicht. Außerdem… wüsste ich nicht, wie er an mein Blut gekommen sein sollte.“ Obwohl… Erschrocken sah ich doch wieder zu Atemu. Der Biss. Haou hatte mich doch während des Blutmondes gebissen. Ich konnte zwar nicht sagen, ob die Verletzung tief genug war, zu abgelenkt war ich von dem Schmerz in meinem Gesicht, aber es war möglich und er hätte es genauso gut wieder heilen können.

Atemu seufzte tief. „Es gibt sicher noch antiquierte Bücher, in denen der Blutaustausch beschrieben wurde. Wenn er solche zurate gezogen hat, wusste er vielleicht nicht von den Risiken. Er wollte dir ganz sicher nicht schaden.“

„Wie geht es ihm jetzt?“ fragte ich besorgt. Wenn mein Körper schon so geschwächt war, dass mein Geist sich in diese Welt abgekapselt hatte, wollte ich zumindest nicht, dass er ebenfalls litt.

„Er ist wohlauf. Nur die Sorge um dich ist groß.“

Ein erleichtertes Seufzen entfloh mir. Zum Glück ging es ihm so weit gut, auch wenn ich mich schuldig fühlte, dass er sich wieder um mich sorgte. Plötzlich blitzte etwas in meinem Augenwinkel auf. Ein blassblauer Schleier schwebte zwischen den Schemen der Soldaten. Beinahe meinte ich Mai darin zu erkennen, aber das war unsinnig.

„Was ist los?“

Langsam löste ich mich von dem seltsamen Anblick und sah zu Atemu. Erschrak. Um seinen Körper zog sich ein weiterer Schleier. Größer, deutlicher als der bläuliche Schemen. Weiß und silbern lag er um die schmale Gestalt des Mannes, ließ seine Haut damit noch dunkler wirken. Seine Augen intensiver. Ich blinzelte, schüttelte den Kopf, um die Gespinste zu vertreiben. Als ich wieder zu Atemu sah, war der Schleier verschwunden. Auch der blaue Schemen zu meiner linken war nicht mehr da. Seltsam. Hab ich mir das eben eingebildet?

„Yusei?“ holte mich Atemus Stimme wieder aus meinen Gedanken.

„Entschuldige“ murmelte ich, kam wieder im hier und jetzt an.

„Das ist sicher alles ein bisschen viel auf einmal“ bemerkte er.

„Ja, vielleicht.“ Er hatte recht. Als ich aufwachte, dachte ich noch alles wäre normal, doch dann stellte sich heraus, dass mein Körper so geschwächt war, dass ich im Reich der Schatten landete. Dass das Ritual riskanter war, als ich angenommen hatte. Dass sich meine Zellen allem Anschein nach veränderten. Klar, dass mir meine Sinne einen Streich spielten. Ich konnte es noch immer nicht fassen. Eine sanfte Berührung an meinem Arm ließ mich Aufsehen. Sternenstaubdrache stupste mich an, um mich aufzumuntern. Ein kleines Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen und ich strich langsam über seinen Kiefer. Dabei betrachtete ich das Drachenmal. Stimmt, das hatte ich Atemu schon einmal fragen wollen.

„Was hat es mit den Drachenmalen eigentlich auf sich?“ fragte ich deshalb. Strich noch immer beruhigend über seine Schuppen.

Atemu stemmte eine Hand in die Hüfte, dachte einen Moment nach. „Was willst du genau wissen?“

„Alles. Was es zu bedeuten hat. Und… warum es manchmal glüht.“

„Es glüht?“ fragte er überrascht. „Wann war das?“

Ich seufzte leise, ließ meine Hand auf meinem Drachen ruhen. „Hin und wieder habe ich seltsame Träume. Ich bin in der Menschenwelt, aber ich kann weder sprechen, noch kann ich sie berühren. Sie bemerken mich auch nicht. Als wäre ich nur da, um sie zu beobachten. Wenn ich dann aufwache, spüre ich noch, wie das Mal brennt und sehe es leuchten. Aber das verschwindet schnell wieder. Klingt das seltsam?“

„Nein“ sagte er gedankenverloren. Legte seinen Kopf dabei schief. „Tragen in deinen Träumen auch andere Menschen ein vergleichbares Mal auf dem Arm?“

„Wenn, dann habe ich es nicht bemerkt. Warum?“

„Hm… seltsam.“ Wieder beschwor er den kleinen Bannkreis auf seinem Arm und reichte mir seine Hand. „Komm, ich will dir etwas zeigen.“

Ich atmete tief durch, wappnete mich gegen die Übelkeit und ergriff seine Hand. Das Ziehen in meinem Magen war unangenehm, aber erträglicher als bei der letzten Teleportation. Anscheinend konnte man sich tatsächlich daran gewöhnen. Erstaunt sah ich mich um. Wir waren in einem Raum ohne Fenster, nur beleuchtet von mehreren Fackeln an den Wänden. Die Wände selbst sahen aus, als wären sie nur grob aus dem Stein geschlagen worden. Zwei Gänge gingen von hier ab. Es erinnerte mich an das unterirdische Labyrinth abseits der Hauptstadt, doch wenn das der Fall war, mussten wir uns tief im Tunnelsystem befinden. Neugierig blieb ich vor der am besten beleuchteten Wand stehen. Sie war so ebenmäßig, dass sie nicht zum Rest des Raums passen wollte. Eine Malerei erstreckte sich über die gesamte Größe. In scharlachroten Linien zeigte sie das Abbild eines Drachen. Sein Körper lag in einem beinahe abgeschlossenen Kreis. Zögerlich legte ich meine Finger auf den Kopf der Kreatur. Es war das exakte Abbild des Mals auf meinem Arm. „Was ist das?“ fragte ich neugierig.

Auch Atemus Blick war fest auf die Malerei gerichtet. „Was du hier siehst, ist das vollständige Mal des feuerroten Drachen. Um seine Macht zu verteilen, spaltete er seine Kraft zu fünf gleichen Teilen auf. Kopf, Flügel, Schweif, so wie vordere und hintere Krallen. Dein Mal symbolisiert also den Kopf des Drachen. Aber es gibt vier weitere Auserwählte.“

Ich nickte, betrachtete die anderen Symbole. Wenn die übrigen vier Drachen vor 150 Jahren aus der Isekai entführt wurden, konnten sich die restlichen Auserwählten nur an einem Ort befinden. „Die anderen sind in der Menschenwelt, oder?“ fragte ich, sah ihn wieder an.

Er nickte, seufzte tief. „Wenn sich die Drachen mit ihnen verbunden haben, ja. Deswegen meine Frage, ob du sie in deinen Träumen gesehen hast. Das würde erklären, warum dein Mal reagiert hat. Weil die restlichen Auserwählten in der Menschenwelt erwacht sind. Auch wenn es mich erstaunt, dass diese Verbindung die Grenzen der Welten überschreitet.“

„Sie reagieren aufeinander?“

„Ja, genau. Ist ein Auserwählter in Gefahr, spüren es auch die anderen. Das kommt daher, dass sie die Kraft eines einzigen Wesens sind.“

„Verstehe“ murmelte ich, sah wieder zu den roten Linien. Ob das auch der Grund ist, warum sich diese Träume so von meinen anderen unterscheiden? Weil es keine sind? Da fiel mir etwas ein und ich musterte Atemu ernst. „Zwei von ihnen konnten mich sehen, glaube ich. Aber sie haben lange Kleidung getragen, deswegen konnte ich kein Drachenmal erkennen. Und damals im Wald, als Ares mich gequält hat… Da habe ich Stimmen gehört. Irgendjemand war bei mir.“

„Du glaubst, dass es die beiden Menschen waren?“

„Ich denke schon“ sagte ich. Jetzt ergab alles einen Sinn. „Von meiner Schwertkampfprüfung abgesehen, war das der einzige Moment, in dem mein Mal außerhalb dieser Träume geglüht hat.“

„Dann liegt die Vermutung nahe, dass die beiden ebenfalls Auserwählte sind.“ Besorgt betrachtete er die Malerei. „Wenn das stimmt, dürfen sie dich auf keinen Fall erwischen.“

„Was?“

„Die Menschen wissen um die Macht des feuerroten Drachen. Es war sicher kein Zufall, dass sie genau diese vier Drachen damals in ihre Gewalt gebracht haben. Sollte es wieder zum Krieg kommen, werden sie sie gegen die Isekai einsetzen, da bin ich sicher. Und Sternenstaubdrache allein kann nicht gegen sie alle bestehen.“

Ich spürte den Unmut meines Drachen, aber er stimmte zu. „Was ist mit den anderen Drachen?“ fragte ich.

„Was meinst du?“

„Die, die du damals in Sicherheit gebracht hast. Würden sie uns helfen, das Land zu beschützen?“

Sein Blick glitt an mir vorbei, verlor sich im Nichts. Er brauchte eine Weile, um über meinen Vorschlag nachzudenken. „Die Frage ist nicht, ob sie die Isekai beschützen würden, denn das wäre der Fall. Es ist vielmehr die Frage, ob ich es zulassen kann.“

Fragend hob ich eine Augenbraue, doch er erklärte weiter.

„Ich weiß nicht was passieren wird, sollten diese Drachen im Kampf fallen. Schließlich tragen sie die Macht des feuerroten Drachen in sich. Das Risiko ist zu groß.“

„Und wenn die einzige Alternative der Untergang der Isekai wäre?“

Er seufzte tief, schloss seine Augen. Als er sie wieder öffnete, lag ein tiefer Schmerz in ihnen. „Es würde mir das Herz brechen, die anderen Drachen gegen sie in den Kampf zu schicken. Aber wenn es keinen Ausweg mehr gibt, werde ich das Tor in die Isekai für sie öffnen.“

Ich nickte betrübt. Hoffentlich wird es nie zu dieser Situation kommen. „Ich muss es Haou erzählen“ sagte ich. Traf auf Atemus durchdringenden Blick, doch setzte zu einer Erklärung an. „Es geht um die Sicherheit meiner Heimat. Er muss es wissen. Das Reich der Schatten kann ich verschweigen, aber nicht das hier.“ Damit deutete ich auf die Drachenmale. „Meine Mission ist es wohl schon seit Jahren eines Tages in die Menschenwelt zu gelangen, um Informationen über sie zu sammeln. Ich kann mich nicht einfach weigern ohne mich zu erklären.“

Sein Blick wurde weicher. Zögerlich nickte er. „Und was sagst du, woher du diese Informationen hast? Schon allein der feuerrote Drache ist vergessenes Wissen.“

„Er wird mir vertrauen“ erwiderte ich ernst. Da war ich mir sicher. „Aber wenn die Menschen wirklich vier Drachen gegen unser Land einsetzen, kann ich nicht nur dabei zusehen, wie die Isekai brennt. Ich muss etwas unternehmen, aber das schaffe ich nur mit Haou zusammen.“

„Also gut“ seufzte er. „Aber sei dir bewusst, dass es kein einfacher Weg werden wird. Du musst nicht nur Haou überzeugen, sondern den gesamten Rat. Und das, ohne mich oder das Reich der Schatten zu erwähnen.“

„Wir schaffen das. Vertrau mir.“

Einen unendlich langen Moment musterte er mich. Seine violetten Augen schienen bis tief in meine Seele zu blicken. Schließlich nickte er.

„Vielleicht… Finden wir auch eine andere Lösung. Eine, in der es gar nicht erst zum Krieg kommt.“

Er lachte freudlos. „Der Mensch ist ein habgieriges Wesen. Versteh mich nicht falsch, ich finde deine Einstellung bewundernswert, aber mach dir bitte keine großen Hoffnungen. Wenn die übrigen vier Auserwählten in der anderen Welt erwacht sind, wird der Krieg kommen. Ob mit oder ohne dich.“

„Woher willst du das wissen?“ fragte ich trotzig. „Ich weiß, du hast den Krieg vor 5000 Jahren miterlebt, aber vielleicht haben sich die Menschen seit damals geändert.“

„Hätten sie das, wären deine Eltern noch immer am Leben“ erwiderte er traurig. „Im letzten Krieg gab es auf beiden Seiten so große Verluste, dass der Hass sich tief in ihre Seelen gefressen hat. Ein einziger Mensch, und mögen seine Absichten noch so rein sein, wird daran nichts ändern können.“

„Aber ich werde es versuchen“ beharrte ich.

Ein kleines Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. „Ich weiß.“

Erwachen

Immer wieder driftete ich in einen leichten Schlaf, schreckte aber schnell wieder hoch und suchte im schwachen Licht die schlafende Gestalt an meiner Seite. In der Hoffnung, er würde seine Augen endlich öffnen. Doch jedes Mal wurde ich aufs Neue enttäuscht. Drei Tage war es her, seit wir unsere Seelen miteinander verbunden hatten. Drei Tage, in denen er sich nicht gerührt hatte. Ich nahm seine Hand in meine, strich sanft mit dem Daumen über die warme Haut. Zumindest sein Fieber hatten die Heiler vor kurzem endlich in den Griff bekommen. Ich schloss die Augen, lehnte mich erschöpft zurück in den Sessel. Hielt dabei noch immer seine Hand. Wäre ich ihm doch nur nicht von der Seite gewichen. Dann hätten die Heiler viel schneller reagieren können und Yusei wäre vielleicht schon wach.

Ich sah ihn förmlich vor mir, seinen zweifelnden Blick kurz vor dem Ritual. Mir ging die Frage einfach nicht aus dem Kopf, ob ich ihn vielleicht doch dazu gedrängt hatte. Ob er dem wirklich nur zugestimmt hatte, um dem Tod durch Ares‘ Hand zu entgehen. Nur um dann durch das Ritual… Ich schüttelte den Gedanken ab. Yusei war inzwischen weit davon entfernt in Lebensgefahr zu schweben, das hatten mir die Heiler in den letzten Stunden mehrfach versichert. Und doch hatte es dieser leise Zweifel geschafft, sich in meinem Kopf einzunisten.

Ein schwacher Lichtschein ließ mich die Augen öffnen. Ich blinzelte. Langsam lichteten sich die Wolken, und gaben den Anblick auf den abnehmenden Mond frei. Ich drehte mein Gesicht vom Licht weg, dabei fiel mein Blick wieder auf Yuseis schlafende Gestalt, die im Schein des Mondes noch zerbrechlicher wirkte. „Bitte wach auf“ hauchte ich in den stillen Raum, drückte dabei sanft seine Hand. Doch er reagierte nicht. Wie hypnotisiert beobachte ich ihn. Seine Brust, die sich sanft hob und senkte. Irgendwann musste ich dabei eingedöst sein.

Eine schwache Bewegung riss mich aus meinem Dämmerzustand. Mir war egal, ob es Jesse oder Yubel war. Ich würde dieses Zimmer nicht wieder verlassen. Nicht, ehe Yusei aufgewacht war. Das hatte ich ihnen mehrfach zu verstehen gegeben. So murrte ich nur, drehte mein Gesicht vom Licht der aufgehenden Sonne weg. Wieder eine Bewegung, irgendjemand drückte meine Hand. Es dauerte einen Moment, ehe ich begriffen hatte, wer es war. Schlagartig riss ich die Augen auf. Hielt meinen Atem an. Meine Müdigkeit war wie weggefegt. Ich konnte ihn nur beobachten, unfähig mich zu bewegen.

Yuseis Augen waren noch immer geschlossen, doch er bewegte sich unruhig im Schlaf. Vor Aufregung schlug mir mein Herz bis zum Hals. Das war neu. Hoffnung keimte in mir auf. „Yusei?“ flüsterte ich, drückte dabei sanft seine Hand. Seine Lider zuckten. Und ganz langsam hoben sie sich. Er blinzelte, sah sich suchend im Raum um, bis sein Blick auf meinen traf. Das warme Lächeln, das sich auf seine Lippen legte, ließ mich den Atem erneut anhalten.

„Guten Morgen“ sagte er leise, setzte sich dabei langsam auf. Seine Stimme war rau, und doch floss sie wie warmer Honig durch meinen Körper. Ohne bewusst wahrzunehmen wie, saß ich bei ihm und schloss ihn in meine Arme. Drückte ihn an mich, aus Angst ihn wieder zu verlieren. Ich schluckte, vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Unfähig zu sprechen. Dieses Chaos an Gefühlen in mir war neu und ich wusste nicht damit umzugehen. „Ist alles in Ordnung?“ fragte er besorgt, strich mir dabei sanft durchs Haar.

Doch ich nickte nur schwach, schluchzte und lachte dabei leise. Ich war einfach glücklich, dass er wieder wach war. Dass es ihm gut ging. Eine tonnenschwere Last fiel von meinen Schultern.

„Was ist denn los?“

Wieder schluckte ich, versuchte den Kloß in meinem Hals loszuwerden. Meine Stimme war nur ein Flüstern. „Es ist alles gut.“ Ich schnaufte amüsiert und löste mich ein Stück von ihm. Meine Hand legte ich auf seine Wange, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Wie fühlst du dich?“

„Gut. Sehr gut sogar, macht Euch keine Sorgen.“ Sein intensiver Blick musterte mich einige Herzschläge lang. „Wie lange war ich bewusstlos?“

„Was?“ fragte ich irritiert. Woher weiß er das?

Ein melancholisches Lächeln schlich sich auf seine Lippen. „Solche Augenringe entstehen nicht über Nacht. Also, wie lange war ich weg?“

Ich seufzte leise, strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht. „Drei Tage.“

Schuld meinte ich in seinen Augen zu erkennen, auch wenn er absolut keinen Grund dafür hatte. Behutsam legte er seine Hand auf meine Wange. Fuhr mit seinem Daumen unter meinem Auge entlang. Erst jetzt bemerkte ich die Tränen, die ich eben vergossen haben musste. „Tut mir leid, dass Ihr euch solche Sorgen gemacht habt. Ihr seht erschöpft aus.“

Doch ich schüttelte den Kopf, lächelte ihn warm an. Meine Hand legte ich auf seine, die noch immer auf meiner Wange ruhte. „Schon gut. Ich bin nur froh, dass du wieder wach bist. Wir hatten Angst, dass das Ritual vielleicht schiefgelaufen ist.“

Wieder schloss ich ihn in meine Arme. Strich sanft über seinen Rücken, als er sich an mich schmiegte. Ich hätte jemanden benachrichtigen müssen, dass er wach war. Madame Tredwell, Meister Nate oder zumindest Jesse. Aber diese Ruhe, diese Erleichterung und Zufriedenheit wollte ich noch einen Moment auskosten. Einen Moment, in dem ich ihn nur für mich hatte. Ich war mich sicher, es wäre uns den gesamten Tag über nicht vergönnt, wenn ich jetzt durch diese Tür ginge. Erst, als ich eine rasche Bewegung wahrnahm, platzte die kleine Blase, die wir uns errichtet hatten. Stimmt, ich hätte sie fast vergessen. Zögerlich, in kleinen aber schnellen Etappen, krabbelte der Alduria auf uns zu. Ein Schmunzeln zupfte an Yuseis Lippen. „Hallo Coko“ sagte er leise und hielt ihr seine offene Hand entgegen, in die sie sogleich hüpfte. Das Amulett noch immer in ihrem Maul. „Danke.“ Sie ließ das Schmuckstück in seine Hand fallen und gab einen leisen, gurgelnden Laut von sich.

„Dein Alduria hat es die gesamte Zeit über bewacht“ sagte ich, strich dabei federleicht über seine Schulter. Amüsiert schnaufte er und gab dem Tier einige Handzeichen. Kurz darauf verschwand es. „Was hast du ihm gesagt?“

„Ich habe mich bedankt und ihr gesagt, sie soll sich eine Pause gönnen. Die hat sie sich verdient.“ Er drehte den Anhänger des Amuletts in seiner Hand, strich mit dem Daumen darüber, während er sich enger an mich schmiegte.

„Was ist das?“ fragte ich. Versuchte dabei, meine Frage möglichst beiläufig klingen zu lassen.

Doch seine Antwort ernüchterte mich. „Keine Ahnung. Ein alter Dämon hat es mir in Estara gegeben. Viel hat er nicht dazu gesagt. Nur, dass ich es immer bei mir tragen soll.“

„Mehr nicht?“

Die Enttäuschung in meiner Stimme entging ihm nicht. Er zuckte mit den Schultern und suchte meinen Blick. „Warum fragt Ihr?“

Tief seufzte ich, legte einen Kuss in sein Haar. „Ich habe das Zeichen auf dem Amulett schon einmal gesehen. Wir hatten die Hoffnung du wüsstest mehr darüber, denn in Erfahrung bringen konnten wir nichts dazu.“

„Nein, tut mir leid. Er hat gesagt, er hat lange auf den Tag gewartet, an dem die Drachen zurückkehren werden. Und, dass Gleichgesinnte das Amulett erkennen und mir helfen würden.“

„Gleichgesinnte?“ hakte ich verwundert nach.

Doch er schüttelte dezent den Kopf. „Ich weiß nicht, was er damit meinte. Als ich nachfragen wollte, war er verschwunden.“

„Seltsam“ murmelte ich. Der Tag, an dem die Drachen zurückkehren werden? Es gab doch nur Sternenstaubdrache. Und was hat er mit Gleichgesinnten gemeint? Gab es noch mehr Anhänger wie diesen? Und wenn ja, warum habe ich dieses Zeichen nie gesehen? Jesse hatte Lymans gesamte Bibliothek auf den Kopf gestellt, und auch Lymans Lehrling darüber befragt, doch nichts. Wieder seufzte ich leise. Das macht mich noch verrückt.

„Haou?“ riss mich seine Stimme aus meinen Gedanken und ließ mich zu ihm sehen. Neugierig musterte er mich. „Wo habt Ihr dieses Auge gesehen?“

„In dem unterirdischen Labyrinth, das du früher oft erkundet hast. Yubel und ich haben einen Raum gefunden, in dem das Zeichen eingraviert war. Es war in der Mitte einer Wandmalerei, sie zeigte einen Drachen. Das wollte ich dir später zeigen, der Kopf des Drachen sah genauso aus wie das Mal auf deinem Arm.“

Den Ausdruck in seinen Augen konnte ich nicht deuten. Sein Blick senkte sich, glitt in die Ferne.

„Was ist los?“ hakte ich besorgt nach.

„Nichts, ich… Ich glaube, ich weiß, von welcher Malerei Ihr redet.“

„Wirklich?“ fragte ich überrascht. Hatte er sich damals so tief in das Labyrinth vorgewagt?

„Mhm.“ Er schmiegte sich wieder enger an mich, strich federleicht über meinen Arm. Doch schwieg. Kurz überlegte ich nachzuhaken, doch im Moment wollte ich nur seine Nähe genießen. Zu einem späteren Zeitpunkt konnte ich ihn immer noch fragen. So legte ich nur meinen Kopf auf seinem ab und genoss die sanften Berührungen seiner Finger über meiner Haut. Genoss seine Wärme, seinen Duft und verlor dabei mein Zeitgefühl. Mittlerweile schienen die Strahlen der Sonne warm in den Raum. Das Morgenrot wich längst dem weiten Blau des Himmels. Ich wollte diesen Moment noch etwas länger festhalten, doch ein tiefes Grummeln durchschnitt die Stille. Ich schmunzelte, konnte mir ein kleines Lachen nicht verkneifen und zog ihn noch einen Augenblick fester an mich, ehe ich mich ein Stück von ihm löste, um ihn anzusehen. „Hast du Hunger?“

Eine Antwort war nicht nötig, denn das Geräusch erklang erneut und Yusei presste sich eine Hand auf den Bauch. Doch grinste schief. „So offensichtlich?“

Mein Lächeln wurde breiter. Am Kinn hob ich sein Gesicht zu mir, nahm seine Lippen ein letztes Mal sanft für mich ein, ehe ich mich endgültig von ihm löste und aus dem Bett stieg. Er ergriff meine helfende Hand und stand ebenfalls auf, doch schwankte leicht. Zur Sicherheit hielt ich ihn an den Schultern, suchte besorgt seinen Blick. „Ist wirklich alles in Ordnung? Soll ich lieber einen Heiler rufen lassen?“

„Schon okay“ erwiderte er amüsiert. „Mir ist nur etwas schwindlig. Ein bisschen Bewegung wird helfen, schließlich lag ich ein paar Tage nur im Bett.“

Ein paar Herzschläge vergingen, in denen ich ihn musterte, doch seine Erklärung klang plausibel, also gab ich nach. „Na schön. Ich werde dir Frühstück kommen lassen, erst dann gehen wir zu Madame Tredwell, damit wir sicher gehen können, dass wirklich alles in Ordnung ist. Einverstanden?“

„Okay.“

Als ich die Tür zum Hauptraum öffnete, schreckte Yubel anscheinend gerade aus einem leichten Dämmerschlaf hoch. Abgesehen von meiner Wächterin war der Raum jedoch leer. Sie stand mit verschränkten Armen an der Wand gegenüber und betrachtete mich Irritiert. Als Yusei sich an mir vorbei schob, wurden ihre Augen noch größer. Das kleine Lächeln auf meinen Lippen konnte ich dabei einfach nicht verbannen. „Wann bist du aufgewacht?“ fragte sie perplex.

Doch die Wahrheit dehnte Yusei etwas aus. „Gerade eben.“

„Ist alles in Ordnung?“ fragte sie, stieß sich dabei von der Wand ab.

„Ja.“

„Gut.“

„Au!“

So schnell, wie sie ihm eine Kopfnuss gegeben hatte, konnte ich nicht reagieren. Zu fassungslos war ich von ihrem Verhalten.

„Hey, was soll das?“ beschwerte sich Yusei, rieb dabei die schmerzende Stelle.

Doch Yubel schnaufte. „Bereite uns noch einmal solche Sorgen, und ich verpass dir wieder eine!“

„Yubel!“ ging ich zugegebenermaßen etwas halbherzig dazwischen. Sie hätte nicht handgreiflich werden dürfen, doch es amüsierte mich ungemein sie zu beobachten. Das war ihre Art zu sagen, dass sie sich große Sorgen machte. Nicht nur um mich, weil meine Seele mit der von Yusei verbunden war. Sondern um ihn.

Yusei beäugte sie skeptisch, doch lag auch Belustigung in seinem Blick. „Tut mir leid.“

„Das will ich hoffen“ grummelte sie, doch sah man ihr die Erleichterung an. „Soll ich die Wachen gleich losschicken?“

„Nein, warte noch“ bat ich sie. „Erst soll er etwas essen.“

„Nach wem wollt ihr die Wachen rufen lassen?“

„Es gibt einige, die erleichtert sein werden, dass du wach bist“ antwortete Yubel. „Und einige, die dich gern untersuchen wollen.“

Ich schnaufte, stand automatisch aufrechter. „Das muss nicht sofort geklärt werden. Für heute werden wir nur zu Madame Tredwell gehen, das reicht.“

Yubel zuckte nur mit den Schultern und ging dabei zur Tür. „Wie Ihr wollt. Dann gebe ich nur ihr und Jesse Bescheid.“

Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, wandte sich Yusei mit erhobener Augenbraue an mich. „Untersuchungen? Wer außer Madame Tredwell hätte daran Interesse?“

Ein leises Seufzen entkam mir. Ich wusste nicht, wie ich ihm das beibringen sollte. „Meister Nate und Meister Damian. Während du geschlafen hast, ist einiges passiert.“ Meine Hand legte sich an seine Wange und ich drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ich werde dir alles erklären“ murmelte ich leise gegen seine Haut. „Aber lass uns dazu auf die anderen warten, in Ordnung?“

Er löste sich von mir, um mir in die Augen zu sehen. Es dauerte einen kleinen Moment, in dem er mich musterte. Schließlich nickte er. Stahl sich noch einen Kuss, bevor er ins Bad verschwand, um sich fertig zu machen.
 

Nach einer Weile öffnete sich die Tür erneut und Jesse betrat den Raum. Ein kleines Lächeln auf den Lippen. „Tut gut dich wieder außerhalb dieses Zimmers zu sehen. Ist er wirklich wach?“

Ich schnaufte amüsiert. „Wenn nicht, würde ich nicht hier stehen. Er ist gerade im Bad.“

„Alles okay?“

Ich nickte, warf einen flüchtigen Blick zur Tür des Badezimmers. „Es geht ihm gut. Er scheint ganz so zu sein wie vorher auch.“

„Das ist doch gut“ bemerkte er und setzte sich dabei auf den Schreibtisch. „Warum dann dieser Gesichtsausdruck?“

„Was meinst du?“

Er zuckte mit den Schultern. „Du siehst aus, als hättest du was auf dem Herzen. Also, was ist los?“

Ein leises Seufzten entwich mir. Wie macht er das immer wieder? „Es ist nur… Ich habe mir in den letzten Wochen so viele Gedanken darüber gemacht, wie ich mich nach der Seelenbindung fühlen werde. Wie meine Gefühle zu Yusei sich verändern. Oder wie er sich verändern könnte. Aber… Es fühlt sich nicht anders an. Verstehst du was ich meine?“

Er schlug ein Bein auf das andere, grinste schief. „Er ist gerade erst aufgewacht. Gib dir Zeit, um die neue Situation auf dich wirken zu lassen. Außerdem finde ich, dass zumindest du dich etwas verändert hast.“

„Inwiefern?“ fragte ich irritiert.

„Du bist ihm in den letzten Tagen nicht von der Seite gewichen. Obwohl ich dich immer wieder dazu gedrängt habe. Obwohl so viele Pflichten auf dich warten. Das hättest du früher nie gemacht.“ Das Grinsen verschwand, ein Hauch von Schuld legte sich in seinen Blick. „Auch nicht, als er damals fast gestorben wäre, und ewig in dem Krankenzimmer lag. Klar, du hast ihn besucht, wenn deine Zeit es zuließ, aber du hast nicht alles stehen und liegen gelassen, um bei ihm zu bleiben.“

„Das ist etwas anderes“ gab ich zu bedenken. „Damals wusste ich auch nicht, was ich fühle.“

Er schüttelte dezent den Kopf. In diesem Moment ging die Tür erneut auf und die schlanke Gestalt Yubels erschien. „Madame Tredwell bereitet alles vor“ berichtete sie und schloss die Tür. „In etwa einer Stunde ist sie so weit.“

„Gut, danke.“

„Wie lange dauert das in etwa?“ fragte Jesse.

Yubel zuckte mit den Schultern. „Ich vermute länger als gewöhnlich. Warum?“

Sein Blick wanderte wieder zu mir. „Dann wirst du nicht die gesamte Zeit über dabei sein können. Heute finden die Audienzen der Bauern statt, vergiss das nicht.“ Ich setze schon zum Protest an, doch Jesse erstickte ihn im Keim. „Das kannst du nicht wieder verschieben, sonst verstärkt sich nur die Sorge deines Volkes. Die Ausrede du seist krank, können wir nicht ewig vorschieben. Irgendwann schlägt die keimende Angst Wurzeln, zumal es niemanden in der Thronfolge gibt.“

„Was?“ erwiderte ich irritiert. Wo kommt denn der Gedanke jetzt her? Selbst Yubel hob verwundert eine Augenbraue. Mag sein, dass ich der letzte meiner Blutlinie bin, aber bevor dieser Umstand zum Problem werden kann, gehen noch einige Jahrzehnte ins Land.

„Tut mir leid, aber dieses Thema habe ich in den letzten beiden Tagen immer wieder im Palast aufgeschnappt.“

„Ich sehe mal nach wo er bleibt“ versuchte ich mich vor dem Thema zu drücken und steuerte das Badezimmer an. Ohne Umschweife ließ ich meinen besten Freund hinter mir, blieb noch einen Moment hinter der geschlossenen Tür stehen und lehnte mich dagegen. Was war das denn?

Eine Bewegung holte mich wieder in die Realität. Yuseis verwunderter Blick traf meinen, als er an dem Paravent vorbei zu mir sah. „Entschuldigung, ich bin gleich fertig. Ich kann nur meine Sachen nicht finden.“

„Was?“ fragte ich irritiert. Jesses Worte spukten noch immer in meinem Kopf.

„Meine Kleidung. Ich habe sie zusammen mit meiner Rüstung hier hingelegt, aber beides ist weg.“

Ach, das meinte er. Jetzt erst betrachtete ich ihn genauer. Einzig mit einem Handtuch, das er sich um die Hüften gewickelt hatte, stand er halb versteckt hinter dem Sichtschutz. Seine Haare waren noch feucht vom Wasser. Ich stieß mich von der Tür ab und überbrückte die Distanz zwischen uns. Währenddessen gab ich ihm meine Antwort. „Deine Rüstung habe ich reinigen lassen. Aber deine Kleidung war zerschlissen, deswegen wurde sie entsorgt.“

„Okay?“ erwiderte er irritiert.

Bevor er weiter nachhaken konnte, öffnete ich eine Schublade der Kommode und holte einen kleinen Stapel Kleidung hervor. „Hier.“ Skeptisch nahm er ihn an sich, entfaltete die feingearbeitete, schwarze Hose, dann wanderte sein Blick wieder zu mir. Sein Gesichtsausdruck ließ mich schmunzeln, hatte er diese Sachen doch in seinem Leben nie gesehen. „Jesse hat eine neue Garderobe für dich anfertigen lassen.“

„Was war so falsch an meinen Sachen?“

„Nichts“ antwortete ich amüsiert. „Nur gehört zu deinem neuen Stand auch neue Kleidung.“

„Hm.“ Noch einmal besah er sich das Kleidungsstück, legte es schließlich an. Früher waren seine Sachen zwar gut gearbeitet und bequem, aber sehr schlicht. Zweckdienlich. Seine neue Garderobe hingegen war hochwertig verarbeitet und angenehm auf der Haut. Gleichzeitig war sie so gearbeitet, dass er sich ohne Probleme im Kampf bewegen konnte.

Während Yusei sich anzog, konnte ich meine Augen nicht von ihm abwenden. Der feine Stoff legte sich wie eine zweite Haut über ihn und ich musste zugeben, dass Jesse einen guten Geschmack besaß. Es stand ihm ausgezeichnet. Die schwarze Hose war zwar schlicht, doch perfekt auf seinen Körper geschnitten. Über einem ebenso einfachen Hemd aus königsblauer Zertenseide trug er einen dünnen Mantel, schwarz, mit blauen Ziernähten an den Säumen. An der Rückseite zog sich ein Schlitz vom unteren Saum bis zu seiner Hüfte, sodass er den Mantel dadurch sogar unter seiner Rüstung tragen konnte. Der weiche Kragen war so gearbeitet, dass er locker um seinen Hals lag, doch konnte er ihn ebenso bis in sein Gesicht ziehen. Ähnlich dem Umhang von Jesse. Von seiner Brust zog sich auf beiden Seiten eine blaue Verzierung über seine Schultern, die sich in seinem Nacken zusammenfügte und über seinen Rücken auslief. Zusammengehalten wurde der Mantel von einer versteckten Knopfleiste, die Yusei eher halbherzig zugeknöpft hatte.

„Was sagst du?“

„Es passt“ antwortete er lediglich, strich dabei über den Stoff seiner neuen Kleidung. Doch überzeugt war er nicht, das sah ich ihm an.

„Wie fühlst du dich darin?“ fragte ich deshalb. Konnte es mir aber nicht nehmen lassen die letzten drei Knöpfe auf seiner Brust zu schließen, um einen Gesamteindruck zu erhalten.

„Ich weiß es nicht“ gab er schließlich zu. „Als… würde das alles nicht zu mir gehören.“

Ich nickte dezent. Seine Reaktion war verständlich, denn für ihn musste das hier mehr als neue Kleidung sein. Sein Leben hatte sich innerhalb kürzester Zeit radikal geändert. Und das gleich zwei Mal kurz hintereinander. Es war nur verständlich, dass er sich nach Gewohntem sehnte. Doch ich wollte, dass er sein neues Leben akzeptierte. Sein Leben an meiner Seite. Ob ich ihm mehr Zeit lassen sollte? Wie kann ich ihm nur dabei helfen? „Komm. Ich will dir etwas zeigen“ sagte ich, bot ihm dabei meine Hand an.

Zögerlich ergriff er sie und ließ sich von mir zum Spiegel führen. Ich stellte mich hinter ihn, legte meine Hände an seine Taille. „So sieht jeder, dass du zu mir gehörst“ murmelte ich gegen seinen Hals. Beobachtete die leichte Gänsehaut, die sich über seine Haut zog. „Meinst du, du kannst dich daran gewöhnen?“ fragte ich. Hauchte ihm dabei einen Kuss unter sein Ohr. Ein leises Keuchen entkam seiner Kehle und ich schmunzelte in mich hinein.

„Ja.“ Seine Antwort war nur ein Flüstern, ehe er seinen Kopf zu mir neigte und seine Lippen auf meine legte. Eine Hand wanderte in meinen Nacken, als er sich zu mir drehte und den Kuss intensivierte. Zu gern hätte ich mich darin verloren, doch im Moment mussten wir uns damit in Geduld üben. So löste ich den Kuss, und sah in die tiefblauen Augen, die mich mit einer Intensität anstrahlten, die mir den Atem raubte. Ich legte ihm eine Hand auf die Wange. Lächelte.

„Wenn du noch etwas essen willst, sollten wir uns beeilen.“

„Keinen Hunger“ erwiderte er mit einem kleinen Grinsen.

Ein Lachen konnte ich mir nicht verkneifen. So wie sein Magen vorhin noch geknurrt hatte, glaubte ich ihm kein Stück.

„Aber ich“ log ich, gab ihm einen letzten, flüchtigen Kuss. „Außerdem warten Yubel und Jesse auf uns.“

Leise seufzte er, nickte aber. „Na schön.“
 

Als wir den Hauptraum betraten, wehte mir bereits der süße Duft nach Obst und Gebäck entgegen. Tatsächlich war der kleine Tisch voll mit allerlei Köstlichkeiten. Ganz dezent konnte ich Yuseis Magen hören und grinste in mich hinein.

„Wieder unter den Lebenden?“ grüßte Jesse. Ein Hauch von Selbstzufriedenheit schlich sich in sein Gesicht. „Das Gewand steht dir gut.“

Einen Seitenblick warf ich zu Yusei, doch stutzte. Ein seltsamer Glanz lag in seinen Augen, während er Jesse ansah. Er wirkte wie hypnotisiert. „Yusei?“ fragte ich irritiert.

Er blinzelte mehrmals, schüttelte den Kopf und sah mich an. „Was?“

„Was war denn los?“ fragte Yubel. Ihr Blick wurde lauernd.

„Nichts, alles gut. Mir war nur schwindlig, liegt vielleicht am Hunger.“

Jesse hob eine Augenbraue, gab sich mit der Erklärung jedoch zufrieden. „Dann greif zu, wir haben noch Zeit, bevor wir zu Madame Tredwell müssen.“

Er nickte und setzte sich, während ich mich an Jesse wandte. „Hast du schon was Neues von Meister Ares gehört?“

„Nein, er ist noch nicht in der Stadt angekommen. Eigentlich seltsam, wenn man bedenkt, welchen Auftritt Sternenstaubdrache hingelegt hat.“

„Hm. Wenn man davon ausgeht, dass er ihn bis ins Gebirge verfolgt hat, dauert es vielleicht noch ein paar Tage.“

Er zuckte mit den Schultern. „Kann auch sein. Ich wundere mich sowieso, dass er den Trick nicht durchschaut hat. Immerhin war das nur ein Notfallplan.“

„Vielleicht war das Glück einfach auf unserer Seite. Jetzt, da alles gut gegangen ist, müssen wir überlegen, wann wir die Ratsversammlung ansetzen.“

Ein Husten ließ mich zur Seite sehen. Yusei hielt sich die Hand vor den Mund und griff sich einen Kelch Wasser. „Alles okay?“

Er nickte, seufzte erleichtert. „Ja, alles gut. Aber warum beruft Ihr eine neue Versammlung ein? Die letzte ist doch gar nicht lange her.“

„Wegen dir“ antwortete Yubel knapp.

„Die letzte war auch wegen mir. Ging nicht sonderlich gut für mich aus.“

Ich schnaufte amüsiert. Yusei sah beinahe so aus, als hätte er diese Aussage nicht laut aussprechen wollen. „Dieses Mal hat der Rat allerdings keine andere Wahl, als unsere Verbindung hinzunehmen. Es ist mehr eine Bekanntmachung. Außerdem beraten wir, wie wir es dem Volk bekanntgeben. Schließlich ist es ein heikles Thema, gerade weil sie in Bezug auf dich noch immer zwiegespalten sind.“

Jesse nickte. „Bis zur Ratsversammlung ist es besser, du hältst dich bedeckt. Das Zeichen eurer Verbindung ist bei dir ja recht auffällig, und ich will vermeiden, dass es vor der Bekanntmachung schon Gerüchte gibt.“

„Heißt das, ich soll das Zimmer wieder nicht verlassen?“

„Nein“ antwortete ich für Jesse. Schon allein wegen seines Drachen wäre das keine gute Idee. „Es ist kein Geheimnis, dass du wieder im Palast bist. Du musst nur vorerst das Mal verstecken.“

„Und wie?“

Ein kleines Grinsen zupfte an Jesses Mundwinkeln. „Dafür kommt der Mantel zum Einsatz. Den Kragen kannst du als Maske benutzen, so verdeckst du zumindest den Großteil der Zeichnung. Wenn du den Kopf senkst, sollte man es kaum erkennen können.“

Skeptisch zupfte Yusei an dem lockeren Kragen und folgte Jesses Vorschlag. Tatsächlich schmiegte sich der dünne Stoff an sein Gesicht und verdeckte so den Großteil des goldenen Mals. Wenn niemand genau hinsehen würde, sollte es funktionieren.
 

Wenig später waren wir bei Madame Tredwell angekommen. Da ich bei der Untersuchung jedoch ohnehin nicht dabei sein konnte, machte ich mich bald darauf mit Yubel zusammen auf den Weg in den Thronsaal. Jesse hatte mir mehrfach versichert, dass er bei Yusei bleiben würde, wofür ich ihm still dankte. Ohne Begleitung hätte ich Yusei am liebsten nirgends hingehen lassen, doch ich musste mich zusammenreißen. Diese ständige Sorge um ihn war neu, was vielleicht auch an den letzten Tagen lag, und ich hoffte innständig, dass es nach der Bekanntmachung besser werden würde.

Im Thronsaal angekommen, waren bereits etliche Wachen an den Seiten postiert. Stone stand an seinem Platz neben dem Thron und Yubel gesellte sich auf die andere Seite, während ich Platz nahm. Wenig später wurde der Erste in den Thronsaal gerufen. Ein Bauer aus Naget, der über seine niedrige Ernte wegen des zu trockenen Wetters klagte. Keine Seltenheit in dieser Gegend, doch sah ich mich langsam gezwungen, etwas zu unternehmen. Die versprochene Hilfe rührte ihn beinahe zu Tränen, sein Haupt berührte den Boden, als er sich verbeugte.

So lief es Fall für Fall, Stunde um Stunde. Ich hatte aufgehört zu zählen, doch erschien mir die Menge der Dämonen ungewöhnlich hoch. Also neigte ich mich zu Stone, als ein weiterer Bauer den Thronsaal verließ. „Wie viele sind es denn noch?“

Auch er senkte die Stimme. „Eine Handvoll. Höchstens. Ihr habt es bald geschafft.“

Lautlos seufzte ich, setzte mich wieder aufrecht hin, als ein betagter Dämon den Thronsaal betrat. Seine Beine wirkten viel zu kurz für den großen Torso, der Stock, auf dem er sich abstützte, war gut doppelt so lang. Ein seltsamer Anblick. Ehe er bei mir angekommen war, wurde er von einer Wache überholt, die zu mir eilte. Ernst nickte ich, bedeutete ihr so zu sprechen. „Mein König. Meister Ares ist in der Hauptstadt angekommen.“

„Danke“ sagte ich schlicht, schloss für einen Moment die Augen. „Lasst ihn nach der Audienz zu mir kommen.“

Er nickte, zog sich zurück.

„Mein König“ sprach der betagte Dämon und verneigte sich. „Vielen Dank, dass Ihr mich empfangt. Mein Name ist Katsuro, mir gehört ein kleines Stück Land vor Naras. Meine Obstplantage beliefert auch den Palast mit frischen Feigen und Orangen.“

Innerlich seufzte ich, ahnte ich doch, was jetzt kommen würde. „Ist der Ertrag zurückgegangen?“ riet ich.

„Im Gegenteil, mein König. Ich durfte mich bisher über ein ertragreiches Jahr freuen.“

Nun betrachtete ich ihn doch genauer. Angst meinte ich in seinem Gesicht zu lesen. Nicht vor mir, diese Angst brachte ihn hier her. „Was ist dann passiert?“

„Nun…“ Der Griff um seinen Stock verstärkte sich, als er sein Gewicht verlagerte. Er war nervös. „Was uns zu schaffen macht, ist vielmehr die Angst vor dem Monster.“

„Ein Monster?“ hakte ich irritiert nach, warf dabei einen Seitenblick zu Stone. Doch er schien ebenso ratlos.

Der Bauer nickte. „Vor ein paar Tagen tauchte es plötzlich auf und pflügte einen Teil meiner Plantage um. Seine Krallen waren so gewaltig, dass es tiefe Furchen im Boden hinterlassen hat. Es hat sogar einen meiner Bäume samt Wurzeln aus dem Boden gerissen und ist dann spurlos verschwunden. Wir machen uns große Sorgen, dass es zurückkehren könnte.“

„Wann genau war das?“ fragte Stone beunruhigt.

„Vor etwa fünf Tagen.“

Mit aller Kraft schluckte ich das Lachen hinunter, konnte aber ein kleines Grinsen nicht unterdrücken. „Sag den Leuten in Naras, dass kein Grund zur Sorge besteht.“

„Aber König Haou“ wandte sich Stone besorgt an mich, dämpfte jedoch seine Stimme.

Ich hob die Hand, brachte ihn damit zum Schweigen. Yubel konnte sich ein kleines Grinsen ebenfalls nicht verkneifen.

„Es war kein Monster, das deine Plantage verwüstet hat, sondern Sternenstaubdrache. Er war auf der Durchreise, und suchte einen Platz zum Landen, dabei waren ihm einige der Bäume im Weg. Sie werden selbstverständlich ersetzt.“

„Ein Drache?“ hauchte er ehrfürchtig. Im nächsten Moment ging er auf die Knie, verbeugte sich tief. „Entschuldigt, mein König. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nie zu Euch gekommen. Ein Ersatz ist nicht notwendig.“

„Ich bestehe darauf. Es wird nicht noch einmal vorkommen. Nur beruhige auch die übrigen Dämonen.“

„Selbstverständlich!“ sagte er, verbeugte sich wieder so tief, dass seine Stirn den Steinboden berührte. „Vielen Dank, mein König! Danke!“

Ich nickte, bedeutete ihm mit einem Handzeichen, dass er sich zurückziehen konnte. Ein letztes Mal noch verneigte er sich, ehe er den Thronsaal verließ. Ich schnaufte amüsiert. Übel nahm er es Sternenstaubdrache wohl nicht.

Wieder öffnete sich die Tür, doch statt eines Bauern, betrat eine Wache den Saal. Zügig kam er auf mich zu, verneigte sich. Es war dieselbe Wache von vorhin. „Ist er hier?“ fragte ich deshalb. Eigentlich sollten sie sich bis Ende der Audienzen noch gedulden.

„Nicht ganz. Meister Nate schickt mich. Es kam zu einem Vorfall. Meister Jesse wurde betäubt und der Mensch angegriffen.“

„Was?!“ Schlagartig erhob ich mich, ballte meine Hände zu Fäusten. „Wer ist dafür verantwortlich?!“

Seine folgenden Worte schürten nur die Wut in mir. Wie Feuer fraßen sie sich durch meine Gedanken, meinen Körper. Dieses Mal werden Köpfe rollen.

„Meister Ares.“

Facetten der Magie

Ich konzentrierte mich auf meinen ruhigen Atem. Auf das stete Klopfen meines Herzens. Den weichen Untergrund, auf dem ich lag. Hier und da hörte ich die leisen Schritte der Hofzauberin, wie sie durch den Raum wanderte, doch abgesehen davon war es still. Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag. Eine Stunde, vielleicht zwei. Madame Tredwell konnte mir auch nicht genau sagen, wie lange ihre Untersuchungen dauern würden. Aber die unverhohlene Neugier in ihrem Blick, als sie begann, war ein seltener Anblick. Ich ahnte schon, dass es um die Veränderungen meines Körpers ging, von denen Atemu gesprochen hatte. Doch bisher hatte niemand ein Wort darüber verloren, abgesehen von Haous Andeutungen am Morgen. Ob sich meine Zellen tatsächlich verändert hatten? Und was bedeutete das für mich? Noch vor ein paar Wochen hegte ich den leisen Wunsch so zu sein wie die anderen Dämonen. Doch nun war ich mir nicht mehr sicher.

„Yusei?“

Die leise Stimme der Zauberin holte mich aus meinem Dämmerzustand. Langsam öffnete ich meine Augen. Die zahllosen Kerzen, die überall verteilt brannten, warfen ein angenehmes Licht in den Raum.

Madame Tredwell lächelte sanft, als sie mir ein Handtuch reichte. „Ich bin fast fertig. Du kannst deine Haut schon von dem Öl befreien, für den letzten Test nehme ich dir nur etwas Blut ab.“

Ich gab einen zustimmenden Laut von mir, und nahm den weichen Stoff entgegen. Begann damit meine Haut von dem öligen Film zu befreien, während ich mich aufsetzte. „Ist alles in Ordnung?“ fragte ich dabei so beiläufig wie möglich.

„Mehr als das“ antwortete sie zufrieden, während sie die nötigen Utensilien zusammensuchte. „Du musst wissen, während du geschlafen hast, geriet dein Körper völlig durcheinander. Ich hatte Sorge, dass die letzten drei Tage bleibende Schäden hinterlassen hätten, aber dem ist nicht so. Du bist bei bester Gesundheit, auch dein Energiefluss ist wieder vollkommen in Ordnung.“

„Also ist alles wie vorher?“ fragte ich. Versuchte meine Überraschung darüber zu verbergen.

„Nicht ganz“ antwortete sie vage, während sie mit einer Schale und den nötigen Utensilien an die Liege trat. Ich war gerade fertig und legte das Handtuch neben mir ab, reichte ihr dann meinen Arm. „Die Energie in deinem Körper ist etwas anders als zuvor. Wenn wir hier fertig sind, würde ich gern einige Übungen zum Umgang mit deiner Magie mit dir machen. Ich habe das Gefühl, dass sie sich verändert haben könnte.“

„Ja, klar“ erwiderte ich gedankenverloren. Dann war das die einzige Veränderung? Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber ihre Worte überraschten mich.

„Fertig.“ Verwundert sah ich zu meinem Arm. Sie zog gerade die Nadel heraus, dabei hatte ich nichts mitbekommen. Wie hat sie das denn gemacht? „Ich bereite den Bannkreis vor. Komm nach, sobald du bereit bist.“

Während sie das sagte, ging sie ein letztes Mal zu dem Tisch mit den vielen Glasbehältern. Dabei steckte sie drei Phiolen in einen Behälter. Mein Blick blieb an dem roten Inhalt haften. Hatten Atemu und ich uns getäuscht? Gab es vielleicht gar keinen Blutaustausch? Zumindest hatte Madame Tredwell nichts Ungewöhnliches feststellen können. Nichts, außer meiner veränderten Energie. Seltsam.

Nachdem ich mich angezogen hatte, verließ ich den Untersuchungsraum und kehrte zurück in die Lehrkammer der Zauberin. Sie erhob sich gerade, nach dem sie anscheinend fertig damit war, den Bannkreis zu zeichnen. Jesse stand daneben und beobachtete sie neugierig. „Das ging schnell“ bemerkte er, als ich die Tür hinter mir schloss.

Madame Tredwell richtete sich an ihn. „Es wäre besser, wenn Ihr während der Übungen etwas Abstand haltet. Ich weiß nicht, was passieren wird.“

Was sollte schon groß passieren? Bisher hatte ich es gerade mal geschafft ein paar Basiszauber auszuführen. Und die nicht einmal sehr erfolgreich. Ohne Diskussion nickte Jesse und ließ uns mehr Raum. Er lehnte sich an die Wand, direkt neben die Eingangstür und verschränkte seine Arme. Dabei beobachtete er uns aufmerksam.

„Gut, fangen wir an“ beschloss Madame Tredwell und kniete sich vor den Bannkreis. Ich tat es ihr gleich und nahm ihr gegenüber Platz. Warf einen flüchtigen Blick auf die Insignien. Sie hatte die Zeichen für die Basiszauber der Grundelemente gezeichnet, dazu auch Zeichen für kompliziertere Zauber aus der Gravitations- und Verschleierungsmagie. „Beginnen wir mit dem Element, das dir am meisten liegt“ sagte die Zauberin und riss meine Aufmerksamkeit von den Insignien los. „Welches wäre das?“

Kurz überlegte ich. Während meiner Übungen gab es nur einen Zauber, der auf Anhieb geklappt hatte. „Licht.“

Sie nickte, deutete mit einer Handgeste auf den Bannkreis. „Dann schließ die Augen und beschwöre einen Lichtzauber.“

Ihrer Aufforderung kam ich nach und legte meine Hände auf den Bannkreis. Aktivierte die wenigen Insignien, die ich dafür brauchte. Ich dachte nicht darüber nach, führte den Zauber aus, wie damals auch, doch verlief es dieses Mal anders. Erschrocken zog ich die Luft ein, kniff die Augen zusammen, als mich das Licht selbst durch meine geschlossenen Lider blendete. Aus Reflex nahm ich die Hände vom Bannkreis, stoppte so die Energie, die ich in den Zauber legte, um ihn zu wirken. Plötzlich verschwand das Licht. Zögerlich öffnete ich meine Augen. Ich hatte sie zusammengekniffen, trotzdem tanzten noch helle Punkte vor meinen Augen. Verwirrt betrachtete ich meine Hände. Beim letzten Mal hatte es doch funktioniert. Ich hatte nichts anders gemacht als damals. Einen Seitenblick warf ich zu Jesse, der noch immer dabei war seine Augen zu reiben. Anscheinend hatte ich ihn versehentlich geblendet.

Madame Tredwells Stimme ließ mich wieder zu ihr sehen. Sie wirkte beinahe, als hätte sie genau das erwartet. „Es ist alles in Ordnung. Versuch es noch einmal, nur legst du dieses Mal nicht so viel Energie in den Zauber, verstanden?“

„Okay“ murmelte ich, legte meine Hände erneut auf den Bannkreis. Wieder blendete mich das Licht durch die geschlossenen Lider und ich drosselte die Energie, bis ich schließlich kaum noch etwas in den Zauber legte. Vorsichtig öffnete ich meine Augen. Eine kleine Lichtkugel schwebte über dem Bannkreis, segelte langsam auf mich zu, und legte sich in meine geöffnete Hand. Ohne, dass ich Energie zuführte, blieb der Zauber aufrecht. Seltsam. Vor ein paar Wochen noch musste ich dem Zauber konstant Energie zuführen, damit er nicht zusammenbrach. Überrascht sah ich zu Madame Tredwell, die ein kleines Lächeln aufgelegt hatte.

„Den Lichtzauber beherrschst du also.“

„War das nicht ein bisschen hell, um von ‚Beherrschen‘ zu reden?“ schimpfte Jesse. Er sah uns nicht direkt an, nur grob in unsere Richtung. Sehen konnte er uns wohl noch immer nicht.

Madame Tredwell schüttelte den Kopf. Seufzte leise. „Er hat den Zauber gemeistert. Keine Sorge, Eure Sehkraft ist gleich wieder die Alte.“ Dann wandte sie sich wieder an mich. „Ich habe mir gedacht, dass etwas Ähnliches passiert. Jetzt, da dein Energiefluss stärker ist, musst du weniger davon in einen Zauber einfließen lassen.“

„Also ist meine Magie stärker geworden?“

„Ja und nein.“ Sie legte den Kopf schief, überlegte. Schließlich stand sie auf und holte ein Glasgefäß mit blauem Inhalt aus einem ihrer Schränke. Dazu noch ein leeres Gefäß. Dann setzte sie sich wieder mir gegenüber und schüttete einen kleinen Teil der Flüssigkeit in das leere Glas. „Sieh mal: Vorher war deine Magie zwar vorhanden, doch hattest du weit weniger zur Verfügung als König Haou oder ich. Nehmen wir mal an, du hast ein Zehntel der Energie besessen, die mir zur Verfügung steht. Ein Zauber, der mich nur eine geringe Menge meiner Energie kostet, hatte dich bereits die Hälfte deiner gesamten Energie gekostet. Um einen Lichtzauber auszuführen, musstest du also einen viel größeren Teil dieser Magie einsetzten, und konntest einige Zauber gar nicht wirken, weil du nicht die benötigte Menge an Energie dafür hattest. Sagen wir mal, du legst deine gesamte Energie in einen Zauber. Im Vergleich zu einem ausgebildeten Magier ist es dennoch sehr wenig.“ Ich nickte, beobachtete, wie sie den Inhalt des Gefäßes in das vorher fast leere Glas füllte. „Jetzt aber hast du viel mehr Energie zur Verfügung. Legst du jetzt also, wie gewohnt, die Hälfte dieser Energie in einen Zauber, ist es, als würde ein Drache mit seinem Feueratem versuchen eine Kerze anzuzünden. Es ist einfach zu viel. Ich glaube, vorher hattest du nur Zugriff auf einen kleinen Teil der Magie deines Drachen. Jetzt aber kannst du mehr Magie aus eurer Verbindung schöpfen.“

Plötzlich hallte die Stimme meines Drachen in meinem Kopf. Ganz leicht schüttelte ich den Kopf. Sah wieder auf die Lichtkugel in meinen Händen, die stetig in einem sanften weiß leuchtete. „Das war nicht Sternenstaubdrache. Das war ich.“

Verdutzt betrachtete mich die Zauberin. „Aber du hast keine eigenen Reservoirs. Es muss die Magie deines Drachen gewesen sein.“

Wieder schüttelte ich den Kopf. „Er hat es mir gerade gesagt. Ich hatte wohl vorher schon Zugriff auf seine Magie, aber ich konnte sie nicht richtig bündeln, weil es nicht meine eigene war. Aber jetzt habe ich meine eigene Magie, die mit der von Sternenstaubdrache verbunden ist.“

„Wenn du vorher keine magische Veranlagung hattest, ist es nur logisch, dass du die Energie eines anderen Wesens nicht richtig bündeln kannst“ sagte sie mehr zu sich selbst. Dann sah sie mich direkt an. „Aber woher sollst du plötzlich deine eigene Magie haben, ohne die nötige Veranlagung? Das ergibt keinen Sinn.“

„Durch die Seelenbindung“ antwortete ich knapp.

„In dem Fall wäre es aber auch nicht deine eigene Magie“ meldete sich Jesse plötzlich zu Wort. Dieses Mal sah er mich direkt an. „Es wäre die von König Haou.“

„Vielleicht hat sich ja eine Veranlagung entwickelt“ schaltete sich Madame Tredwell ein, sah dabei ebenfalls zu Jesse. „Wir haben doch schon festgestellt, dass seine Zellen sich verändert haben. Eine neue Veranlagung liegt also im Bereich des Möglichen.“

„Meine Zellen?“ fragte ich überrascht. Dann hat sich mein Körper also doch verändert. Nur… fühlt er sich nicht so an. Aber wenn das stimmt… gab es doch einen Blutaustausch?

Jesses Stimme holte mich aus meinen Gedanken. „Ja, in den letzten drei Tagen hattest du hohes Fieber. Die Heiler glauben, es würde an der Zellveränderung liegen, aber bis jetzt hatten wir keinen Anhaltspunkt was genau sich an dir verändert hat.“

„Was war in dem Kelch?“ fragte ich.

„Was?“ Jesse und Madame Tredwell sahen mich gleichermaßen irritiert an.

„Die Flüssigkeit in dem Kelch. Die ich vor dem Ritual trinken sollte. Was war da drin?“

„Die genaue Zusammensetzung müsste ich nachschlagen“ antwortete die Zauberin irritiert. „Ich habe mich an ein Rezept aus einem Buch über Seelenbindung gehalten. Warum fragst du?“

„Stand darin irgendetwas von Blut?“

Erneut warfen sich die Zauberin und Jesse einen verwunderten Blick zu. „Woher weißt du das?“ fragte er schließlich.

„Also ja?“ hakte ich nach.

Madame Tredwell nickte irritiert. „Einige Quellen sagten mit, andere ohne. Also haben wir uns dazu entschieden nur eine kleine Menge zu verwenden. König Haou nahm den Trank ohne dein Blut zu sich und hat es während des Rituals nachgeholt. Dir haben wir es im Trank untergemischt.“

Dann hatte Atemu also doch recht.

„Aber woher wusstest du das?“ fragte Jesse.

„Meister Damian hat mir mal erklärt, dass Blutmagie sehr mächtige Zauber wirken kann“ versuchte ich mich herauszureden. Dass ich diese Information von einem 5000 Jahre alten Menschen habe, der in einer Zwischenwelt mit den übrigen Drachen aus der Isekai zusammenlebt, konnte ich ihnen wohl schlecht sagen. Selbst ohne das Versprechen an Atemu klang das lächerlich.

„Da hat er recht“ sagte Madame Tredwell, sah mich dabei ernst an. „Aber ich an deiner Stelle würde mich nicht an derartigen Zaubern versuchen. Ohne die nötige Erfahrung kann das sehr gefährlich sein.“

Denkt sie wirklich, ich hätte daran Interesse? „Keine Sorge. Ich habe es nur aufgeschnappt. Und selbst wenn, beherrsche ich nicht einmal alle Basiszauber.“

„Wie oft hast du geübt?“ fragte sie.

„Im Selbststudium ein paar mal. Für den patet aqua Zauber habe ich eine Woche gebraucht, bis er halbwegs funktionierte.“

„Du hast bisher nur im Selbststudium geübt?“ hakte sie überrascht nach.

Meine Hände ballten sich zu Fäusten, ich mied ihren Blick. Nein. Doch der Meister, der mich unterrichten sollte, war nicht gerade der beste Lehrer, den ich bisher hatte.

„Mein Onkel hat es versucht“ schaltete sich Jesse plötzlich ein. Überrascht sah ich zu ihm. Auch sein Blick war gesenkt, Schuld lag in seinen Augen. „Aber das letzte Mal, dass er mit Insignien gearbeitet hat, war noch in seiner Ausbildung. Stattdessen hat er Yusei gleich in Runenmagie unterweisen wollen.“

Ein abschätziges Schnauben erklang. Madame Tredwell schüttelte ungläubig den Kopf. „Natürlich. Das ist, als würde man einem Jungdämonen, der gerade angefangen hat zu lesen, eine Schriftrolle in der alten Sprache geben.“

„Unterscheidet sich das wirklich so sehr?“ fragte ich überrascht. Mit Runenmagie hatte ich mich bisher nie beschäftigt.

„Ja. Es ist tatsächlich vergleichbar mit zwei unterschiedlichen Sprachen. Magie, die durch Insignien beschworen wird, ist weitaus umfassender. Es gibt etwa 450 verschiedene Zeichen, die sich je nach Zauber alle kombinieren lassen. Dadurch ist sie flexibel einsetzbar und gerade für Heilzauber unabdingbar. Außerdem kann man einen Zauber mit Insignien nach Belieben anpassen, deswegen steht dem Magier ein breiteres Spektrum zur Verfügung. Der einzige Nachteil ist, dass sie nur in einem Bannkreis gewirkt werden kann. Anders als Runenmagie, die überall angewendet werden kann, wenn man nur einen Gegenstand dabeihat, der in einer Runenschmiede angefertigt wurde.“

„Klingt für mich praktischer“ erwiderte ich irritiert.

„Nur musst du eine Rune erst verstehen, bevor du sie einsetzen kannst. Runenmagie ist starr. Eine Rune steht für einen Zauber. Und nur für diesen. Auch kann man den Zauber nicht drosseln oder verstärken. Er wird immer die gleiche Menge an Energie kosten. Das macht Runen zwar praktisch für den Kampf, doch auch sehr unflexibel.“

„Hm.“ Einen Kampf unter Magiern hatte ich bis heute nie gesehen. Magie war für mich nie etwas offensives. Zumindest bis Ares mir genau das beibringen wollte. Auch war er der einzige, den ich bisher mit Runen hatte arbeiten sehen. Bis auf Yugis Großvater, doch er nutzte sie nicht für den Kampf.

„Aber wäre es nicht besser, Yusei zumindest einfache Runenzauber beizubringen?“ schaltete sich Jesse ein. „Immerhin soll er sie vorrangig im Kampf nutzen.“

Ganz leicht verzog die Zauberin ihre Lippen, doch nickte sie schließlich. „Na schön. Aber Schritt für Schritt. Das Einfachste wäre es, mit einer Feuerrune zu starten, doch zuerst musst du den Basiszauber beherrschen. Einverstanden?“

Ein mulmiges Gefühl fraß sich durch meinen Magen, auch wenn ich nicht verstand, warum. Schließlich war Jesses Vorschlag nur logisch. Trotzdem stimmte ich zu. Also legte ich meine Hände auf den Bannkreis und aktivierte die Insignien für den parvum ignem Zauber. Um eine Situation wie mit dem Lichtzauber zu vermeiden, legte ich jedoch kaum Energie hinein. Schließlich konnte ein verpatzter Feuerzauber weitaus mehr Schaden anrichten als nur eine vorübergehende Erblindung.

„Du hast Angst.“

Irritiert sah ich auf. Madame Tredwells Blick war ruhig auf mich gerichtet. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Es kann nichts passieren. Wenn nötig, werde ich eingreifen, also atme tief durch und versuch es.“

Knapp nickte ich und schloss meine Augen. Atmete tief durch, ehe ich die Insignien aktivierte. Ich spürte die Energie durch meinen Körper fließen, und leitete einen kleinen Teil davon in den Bannkreis. Schlagartig wurde es heiß, und ich riss die Augen auf. Zog erschrocken die Luft ein. Eine Feuersäule wirbelte in der Mitte des Kreises, Flammen züngelten in den Raum. Doch es breitete sich nicht aus. Langsam zog sie sich zusammen, erstarb in einem Funkenregen. Auch jetzt war die Zauberin ganz die Ruhe selbst.

Plötzlich zuckte ein Schmerz durch meinen Körper und ich legte meine Hand unbewusst an meinen Hals. Japste nach Luft. Nochmal! Zornig schrie die Stimme in meinem Kopf. Wie schwer kann es sein, einen Basiszauber auszuführen?! Atmen. Ich muss atmen. Doch konnte es nicht. Was ist das?!

„Es ist alles in Ordnung“ drang Madame Tredwells ferne Stimme in meinen Geist. „Niemand wurde verletzt. Es ist alles gut. Atme.“

Ich wollte auf sie hören, zwang mich dazu. Doch schaffte es nicht. Ich kniff die Augen zusammen, versuchte verzweifelt Luft zu holen.

„Das ist es nicht“ sagte Jesse. Auch seine Stimme war weit entfernt, der Rest seiner Worte ging im Rauschen meines Blutes unter. Mein Herz raste. Verdammt, beruhige dich endlich! Die Welt verschwamm um mich herum, kaum Reize drangen zu mir hindurch. Doch dann spürte ich einen kühlen Windhauch. Ein tiefer Atemzug brachte mich schlagartig in die Realität zurück. Gierig zog ich die Luft in meine Lungen, riss die Augen auf. Verwirrt sah ich mich um. Madame Tredwell hatte ihre Hände auf den Bannkreis gelegt, betrachtete mich besorgt. Die Insignien waren aktiviert. Es dauerte einen Moment, ehe ich einen Luftzauber ausmachen konnte. Das erklärte die leichte Brise, die noch immer durch den Raum wehte. Was ist eben passiert? Hatte ich den Zauber verpatzt?

„Geht’s wieder?“

Überrascht sah ich zur Seite. Jesse kniete neben mir, betrachtete mich ebenso besorgt. Jetzt erst spürte ich seine Hand auf meinem Rücken. Auch die obersten beiden Knöpfe meines Mantels waren geöffnet. Ich atmete ruhiger.

„Ja, ich… entschuldigt“ stammelte ich. Versuchte noch immer die Situation zu begreifen.

„Schon in Ordnung. Versuch es einfach nochmal. Dich erwartet keine Strafe, nur weil du einen Fehler machst.“

Ich konnte Jesse nur überrascht anstarren, nickte dezent. Weiß er etwa von der Sache mit Meister Ares?

Er entfernte sich von mir, und stellte sich wieder neben den Eingang, um uns zu beobachten. Währenddessen versuchte auch Madame Tredwell mich zu beruhigen. „Du hast alle Zeit dieser Welt. Niemand beherrscht einen Zauber auf Anhieb. Also versuch es erneut.“

Ich nickte, atmete tief durch, um mich zu sammeln. Dann legte ich meine Hände erneut auf den Bannkreis. Es brauchte einige Anläufe, doch schaffte ich es endlich einen Flammenzauber aufrecht zu erhalten, der nicht wie ein kleines Inferno durch die Lehrkammer fegte. Stattdessen lag die Flamme ruhig in meiner Hand, flackerte vor sich hin. Ein kleines Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen. Ich hatte es geschafft.

„Gut gemacht.“ Ehrliche Anerkennung lag in ihrem Blick und auch sie hatte ein Lächeln aufgelegt. „Ich werde dir zwei weitere Zauber beibringen, ehe wir uns einer einfachen Feuerrune widmen, einverstanden?“

Ich nickte, gab einen zustimmenden Laut von mir. Das aufgeregte Kribbeln in mir konnte ich nicht ganz greifen. Endlich würde ich Magie erlernen.

Alte Meister

Schritte hallten von den Wänden wider, als wir Madame Tredwells Lehrkammer verließen, und uns auf den Rückweg machten. Unbewusst tastete ich nach dem kleinen Stein in meiner Tasche. Die Hofzauberin hatte mir eine einfache Rune mitgegeben, damit ich den Feuerzauber bei Bedarf üben konnte. In geeigneter Umgebung versteht sich. Wieder zupfte ein kleines Grinsen an meinen Lippen. Stundenlang hatte ich damals im Wald probiert diese Rune zu aktivieren, nur um jetzt festzustellen, dass ich es gar nicht hätte schaffen können. Wie sich herausstellte, musste für Runen eine weit größere Menge an Magie aufgebracht werden. Eine Menge, die ich zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg nicht besaß. Ich schnaufte leise. Meister Ares hätte das wissen müssen.

„Du hast dich ganz gut geschlagen“ holte mich Jesses Stimme aus meinen Gedanken.

Durch meine Kapuze musste ich den Kopf etwas neigen, um ihn zu sehen. Auch meine Stimme war durch das Tuch in meinem Gesicht nur gedämpft. „Danke“ erwiderte ich schlicht. Dabei meinte ich mehr als nur den Zuspruch von eben. Doch er schien es zu verstehen. Nickte, während sein Blick stur geradeaus gerichtet war.

Ein mulmiges Gefühl zog sich durch meinen Körper. Im Augenwinkel erkannte ich wieder eine Illusion. Einen Schemen. Doch nicht so kryptisch wie damals im Reich der Schatten, sondern so klar, wie bei Jesse heute Morgen. Leuchtend rot, durchzogen von giftgrünen Schleiern. Die feinen Härchen in meinem Nacken stellten sich auf und ich wurde unbewusst langsamer.

„Ist alles in Ordnung?“

Ich riss mich von dem Anblick los und sah zu Jesse, der einige Schritte weit vor mir stehen geblieben war. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich mich ebenfalls nicht von der Stelle rührte. Einen kurzen Blick warf ich zurück zu dem Schemen, doch er war verschwunden. „Ja, alles gut. Ich dachte nur, ich hätte was gesehen.“

Auch er sah zu der Stelle, doch schien er nichts von der Illusion bemerkt zu haben. Vielleicht wurde ich langsam verrückt. Zwei Wachen patrouillierten an uns vorbei, als wir weitergingen. Gedanklich war ich wieder bei den Runenzaubern. Wenn ich meine Rüstung wieder habe, sollte ich nachsehen welche Runen mir Meister Ares hat eingravieren lassen. Bisher konnte ich nur mit einer etwas anfangen. Gedankenverloren holte ich den kleinen Stein aus meiner Tasche und betrachtete die Rune genauer. Ob sie auch in meine Armschiene eingearbeitet ist? Da fiel mir etwas ein und ich wandte mich wieder an Jesse. „Wirkt Yubel auch Runenmagie?“

„Wie kommst du darauf?“ fragte er überrascht.

„Ich habe sie noch nie einen Bannkreis zeichnen sehen. Andererseits trägt sie keine Rüstung, in die Runen gearbeitet werden könnten.“

„Hm… Nein, Yubel ist in dieser Hinsicht einzigartig. Seit ihrer Transmutation wirkt sie Zauber intuitiv. Sie braucht weder Runen noch Insignien. Ich habe aber gehört, dass sie vor der Verbindung mit ihrem Schutzgeist ebenfalls keine Veranlagung für Magie hatte.“

Nun war ich es, der überrascht war. „Dann hat sie Magie auch erst wirken können, als sie sich mit Regenbogendrache verbunden hat?“

Doch er schüttelte den Kopf. „Erst nach dem Vorfall mit der Königin. Seitdem wirkt sie Zauber aus dem Nichts, dabei hatte sie nie Unterricht gehabt. Zumindest wird es so erzählt. Aber frag sie dazu lieber selbst.“

„Und niemand weiß, wie sie das macht?“

„Nein, wie gesa-!“

„Jesse?“ Alarmiert betrachtete ich ihn. Er starrte erschrocken geradeaus. Langsam, wie in Zeitlupe, kippte er nach vorn. Im Augenwinkel erkannte ich einen kleinen, dunklen Schatten. Doch ehe ich Jesse halten konnte, zerrte etwas an mir. Mein Schwertarm war auf meinen Rücken gedreht, im nächsten Moment wurde ich an die Wand gepresst. Ich stöhnte gequält, versuchte aus dem eisernen Griff zu entkommen. Doch hatte keinen Bewegungsspielraum. „Lass mich los!“ zischte ich. Versuchte irgendwie einen Blick auf meinen Angreifer zu erhaschen. Doch schaffte ich es nicht.

„Langsam solltest du gelernt haben, wie man mit höherrangigen spricht.“

Seine ruhige, dunkle Stimme jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Ares. Aber wie? Sternenstaubdrache hat ihn doch in die Berge gelockt. Innerlich spürte ich, wie er vor Zorn tobte. Doch er hatte in den Gängen keinen Platz, um sich zu materialisieren. Sein Frust übertrug sich auf mich. Wieder versuchte ich zu entkommen. Doch Ares wusste, wie er mich fixieren musste. Sein Griff wurde fester. Ich knurrte, konnte seinen Atem auf meiner Haut spüren, als er sich zu mir neigte. „Dachtest du wirklich, ich würde auf eine so offensichtliche Finte reinfallen? Als mir bewusst wurde, dass ausgerechnet mein Neffe mich verraten hatte… Ich wusste, dass du Schutz bei König Haou suchen würdest. Allerdings hatte ich angenommen, du würdest dich in der Nähe der Stadt bedeckt halten. Aber dass du so dumm sein würdest, direkt in den Palast zu fliehen, damit hatte ich nicht gerechnet.“

Mit seiner freien Hand zerrte er mir die Kapuze vom Kopf, im nächsten Moment hörte ich ein leises, metallenes Klimpern, und ein Lederband mit eingefassten Metallösen schob sich in mein Blickfeld. Auf einer Seite waren Runen angebracht. Ich riss die Augen auf, zerrte an seinem Griff, doch er gab nicht nach. Mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen meine Rippen.

„Hör auf zu zappeln. Du gehörst mir, und daran kann selbst der König nichts ändern.“

„Ich gehöre niemandem!“ knurrte ich.

Beinahe konnte ich seinen finsteren Blick spüren. „Du wirst dein Schicksal noch akzeptieren. Vor Jahren hat der König selbst den Vorschlag eingebracht und der Rat hat es beschlossen, also füge dich endlich!“

Ich spürte seine Finger, die sich unter das Tuch schoben, um es mir aus dem Gesicht zu ziehen. Spürte beinahe schon das Leder an meinem Hals. Spürte die Runen, die mir wieder Stromstöße durch den Körper jagen, sollte er das verdammte Halsband schließen. Mein Herz legte deutlich an Tempo zu. „Nein!“

Hitze durchströmte mich. Sein gequältes Stöhnen nahm ich kaum wahr, zu laut rauschte das Blut durch meinen Körper. Sein Griff lockerte sich und ich nutzte meine Chance, warf meinen Kopf nach hinten und traf dabei sein Gesicht. Endlich ließ er los und ich drehte mich zu ihm, rammte ihm in derselben Bewegung den Ellbogen in die Halsbeuge und trat ihn anschließend von mir weg. Er taumelte, doch hielt sich auf den Beinen. Drückte sich die Hand auf seine blutige Nase.

Das Halsband rutschte von meiner Schulter, und ich fing es auf, stockte. Irritiert musterte ich die Flammen, die sich bis zu meinem Unterarm über meine Haut wanden, mich jedoch nicht verbrannten. Unter dem Halsband lugte der kleine Stein hervor. Die Rune darauf glühte. Deswegen hatte sich Ares‘ Griff also gelockert. Ich musste die Rune in meiner Hand aktiviert und ihn verbrannt haben.

„Dann hast du dich bei deinen Übungen also absichtlich so unfähig angestellt.“

Ich schloss die Hand zur Faust, dabei fraß sich das Feuer durch die Lederschichten. Es tat gut dieses verfluchte Ding endlich brennen zu sehen.

„Habt Ihr Euch als Lehrer auch nur unfähig gestellt?“ gab ich zurück.

Das kleine Äderchen auf seiner Stirn schwoll an, doch es scherte mich nicht. Bestrafen konnte er mich ohnehin nicht mehr. „Respekt liegt einer Abscheulichkeit wie deinesgleichen wohl einfach nicht im Blut.“

Ich schnaufte. „Respekt? Vielleicht vor deinen Fähigkeiten, aber ganz sicher nicht vor dir!“

Für einen Moment öffnete er seinen Mund, schloss ihn aber wieder. Zu schockiert war er von meiner Anrede.

„Mich interessiert auch nicht, was ihr euch ausgemalt habt!“ knurrte ich wütend. „Ich nehme mein Schicksal selbst in die Hand. Dafür brauche ich weder dich noch den Rat!“

„Du mieser, kleiner Wurm!“

Plötzlich schnellte sein Schutzgeist auf mich zu, schwang seine Sense. Ich wich aus, rollte mich ab, suchte verzweifelt nach einer Waffe, doch fand nichts. Ein weiterer Angriff, doch dieses Mal wurde er zur Seite geschleudert. Erst im nächsten Moment erkannte ich Rubin, der sich in den Schutzgeist von Ares festgebissen hatte. Ares warf einen verstörten Blick zu Jesse, der reglos am Boden lag. Diesen Moment nutzte ich, und schnellte auf den alten Meister zu. Mit der brennenden Faust zielte ich direkt in sein Gesicht, doch lenkte er den Angriff um und traf mich in den Magen. Ich stöhnte gequält, packte seinen Arm und warf ihn über die Schulter. Irgendwie konnte er sich abfangen, setzte zum Gegenschlag an, doch ich wich aus und traf ihn mit der Faust in seine Flanke. Ich versuchte neue Treffer zu landen, doch im Nahkampf ohne Waffen war er mir ebenbürtig. Zwar war ich schneller, doch hatte er mehr Erfahrung. Plötzlich stieß er mich von sich, zog aus seinem Stiefel ein Wurfmesser und schleuderte es mir entgegen. In letzter Sekunde wich ich aus, dabei streifte das Messer meine Wange. Der Stoff in meinem Gesicht riss an der Stelle auf, langsam rutschte er von meiner Haut. Für einen Moment war Ares davon abgelenkt, also holte ich zum Gegenschlag aus. Mit Erfolg. Meine Faust rammte ich direkt gegen seinen Kiefer und er ging zu Boden.

Schwer atmend stand ich neben dem reglosen Körper. Zitterte. Ob vor Wut oder Erleichterung konnte ich nicht sagen. Unbewusst legte ich meine Finger an meine linke Wange. Besah mir das Blut, das an ihnen klebte. Warum hat Ares sich davon ablenken lassen? Besorgt sah ich zurück zu Jesse. Ich muss Hilfe holen. Hoffentlich hat ihn nur der Alduria seines Onkels ausgeschaltet. In dem Fall wäre er schnell wieder auf den Beinen.

„Was ist hier passiert?“

Erschrocken sah ich auf. Zwei Wachen kamen auf mich zu gerannt.

„Das sind Meister Ares und Meister Jesse“ bemerkte eine fassungslos.

Die andere richtete ihr Schwert auf mich. „Was hat das zu bedeuten?“

„Er hat mich angegriffen!“ versuchte ich mich zu verteidigen.

„Zauber auflösen!“

Irritiert sah ich zu meiner Hand. Sie war noch immer von den Flammen umschlossen. „Ich weiß nicht wie.“

„Auflösen habe ich gesagt!“

„Hört ihr mir überhaupt zu?!“ Ich knurrte, ließ den Stein einfach fallen. Tatsächlich erloschen die Flammen auf einen Schlag und der Zauber löste sich auf. Man musste also immer Kontakt zu der Rune haben. Gut zu wissen.

„Festnehmen!“

„Was?“

Irritiert beobachtete ich eine der Wachen, die langsam auf mich zu kam. Das Schwert kampfbereit. „Du wirst wegen dem Angriff auf zwei Ratsmitglieder festgenommen. Bis der Rat über die Sache entschieden hat, bleibst du im Kerker!“

Wollt ihr mich verarschen?! „Ares hat mich angegriffen“ versuchte ich so ruhig wie möglich klarzustellen. „Er hat erst Meister Jesse überwältigt, vermutlich mit seinem Alduria, und mich dann angegriffen.“

„Warum sollte Meister Ares seinen eigenen Neffen angreifen?“

„Schluss jetzt!“ mischte sich die andere Wache ein. „Es ist nicht an uns über ihn zu richten. Das soll der Rat entscheiden. Und jetzt mach uns keine Schwierigkeiten und begleite uns in den Kerker!“

Ich wollte schon protestieren, doch erklang plötzlich eine andere Stimme. „Das wird nicht nötig sein.“ Irritiert sahen die Wachen zurück. Ohne Hektik kam Meister Nate auf uns zu, im Schlepptau zwei weitere Wachen. „Er sagt die Wahrheit. Bringt Meister Jesse zu den Heilern, und Meister Ares in den Kerker.“

„Seid Ihr sicher, Meister Nate?“

Dieser nickte, verschränkte dabei seine Hände hinter dem Rücken. „Ich werde für ihn bürgen und König Haou von dem Vorfall in Kenntnis setzen. Yusei bleibt bis dahin bei mir.“

Unschlüssig tauschten die Wachen einen Blick aus, folgten aber Meister Nates Anweisungen.
 

„Danke“ sagte ich skeptisch, als sowohl Ares als auch Jesse fortgebracht wurden.

„Nicht dafür“ sagte er beiläufig, zog dabei ein weißes Tuch aus seinem Mantel und reichte es mir. Doch ich beäugte es nur irritiert. „Drück es auf deine Wunde, dann sieht man auch das Zeichen eurer Verbindung nicht. Ich nehme an, du sollst es vorerst verbergen? Schließlich wurde noch nichts bekanntgegeben.“

„Oh.“ Unbewusst legte ich meine Finger an das Mal auf meiner Wange. Spürte das Brennen des Schnitts, der sich noch immer nicht geschlossen hatte. Hat Ares deswegen gezögert? Weil er es gesehen hat? „Danke“ murmelte ich wieder und folgte seinem Vorschlag. „Habt Ihr alles mit angesehen?“

„Nein. Um ehrlich zu sein, war ich gerade auf dem Weg zu Meister Damian. Ich bin erst bei deiner Erklärung zu euch gestoßen.“

„Warum hattet Ihr dann die Wachen dabei?“

„Du bist sehr neugierig“ bemerkte er ohne jeden Unterton, deutete dabei auf den Gang, aus dem Jesse und ich gekommen waren. Wortlos folgte ich ihm. „Er hat mich um eine äußerst seltene Pflanze gebeten, auf die ich während meiner letzten Reise gestoßen bin. Bei dem, was zurzeit im Palast vonstattengeht, habe ich zur Sicherheit Geleitschutz angefordert. Ich bin ein Mann des Wissens, nicht des Kampfes.“

Geleitschutz für eine Pflanze? Ernsthaft? Erst jetzt bemerkte ich die Ledertasche, die er in der Hand hielt, doch ich hatte andere Fragen. „Meint Ihr den Mord an Meister Lyman?“

„Unter anderem… Vor zwei Tagen gab es außerdem einen Einbruch in Madame Tredwells Gemächer. Den Göttern sei Dank war sie nicht anwesend.“

„Warum wurde bei ihr eingebrochen?“ fragte ich überrascht.

„Sie erwähnte nur einen verschwundenen Dolch, mehr weiß ich nicht. Ich habe es auch nur von einem Bediensteten erfahren.“ Er seufzte. „Wir leben in merkwürdigen Zeiten.“

Als wir die Treppe nach unten nahmen, kam uns eine weitere Wache entgegen und Meister Nate hielt sie auf. „Wohin bist du gerade unterwegs?“

„Ich… Zum Thronsaal. Ich soll König Haou eine Nachricht überbringen.“

„Ausgezeichnet. Ich habe ebenfalls eine Nachricht für den König. Sag ihm, dass es einen Angriff auf Meister Jesse und Yusei gab.“

„Wem?“

Knapp winkte ich, hob dabei eine Augenbraue. Die Wachen nannten mich schon immer nur ‚der Mensch‘, aber ich dachte nicht, dass es daran liegt, dass sie meinen Namen schlichtweg nicht kannten.

„Oh, sicher. Ist das alles?“

„Sag ihm außerdem, dass Meister Ares hinter dem Angriff steckt. Meister Jesse wurde betäubt und von Wachen zu den Heilern gebracht. Ich warte mit Yusei bei Meister Damian auf Instruktionen. Verstanden?“

„Wie Ihr wünscht“ antwortete die Wache, verbeugte sich knapp, ehe sie ihren Weg fortsetzte. Dieses Mal allerdings merklich schneller.
 

Bei Meister Damian angekommen, klopfte Nate an die schwere Holztür. Nur einen Augenblick später öffnete sie sich und mir strömten sofort die unterschiedlichsten Gerüche entgegen. Von Lavendel, über unterschiedliche Minzsorten und Heilkräuter, bis zu leichten Noten von Zitrone und Orange, die vermutlich gerade zum Trocknen aufgehängt wurden. „Aoko!“ begrüßte mein ehemaliger Lehrer Meister Nate freundlich und bat uns herein. „Du auch, Yusei? Welch Überraschung dich zu sehen. Was hast du dort wieder gemacht?“

Damit deutete er auf das ehemals weiße Tuch, dass ich noch immer gegen meine Wange drückte. „Ist nur ein kleiner Schnitt“ antwortete ich ausweichend und sah mich flüchtig um. Doch selbst bei einem kurzen Blick wurde man beinahe von der Fülle an unterschiedlichen Pflanzen erschlagen, die mal frisch in der Erde gedeihten, mal trocken von der Decke hingen, oder in Glasbehältern verstaut waren. Dabei war das hier nur ein kleiner Teil seiner Sammlung. Meist hatte ich in einem anderen Raum Unterricht gehabt. Das hier war nur eine Art Vorratslager. Allerdings gab es hinter der Tür am Ende des Raums ein gesichertes Lager und sein Labor, das gut dreimal so groß und genauso gut gefüllt war, zusätzlich zu den hunderten Glasbehältern mit unterschiedlichsten Tränken.

„Ich habe schon auf dich gewartet. Hast du sie?“ riss mich Meister Damians Stimme aus meinen Gedanken.

Meister Nate hielt ihm die Ledertasche lässig entgegen. „Du schuldest mir was. War gar nicht einfach daranzukommen.“

Trotz seiner offensichtlichen Aufregung nahm Meister Damian ihm die Tasche behutsam ab und ging zum wohl einzig freien Tisch im ganzen Raum, befreite ihn grob von Erde, und platzierte die Tasche wie einen kostbaren Schatz darauf. Nun war ich doch neugierig. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es eine Nutzpflanze gab, die Meister Damian nicht angebaut hatte. Vorsichtig öffnete er die Tasche und holte einen Tontopf hervor, in dem sich eine kleine, kümmerlich aussehende Pflanze befand. Sie war vielleicht 15 Zentimeter hoch und in einem Aschgrau. Wulstige Knubbel waren am Stängel zu erkennen, einige größer als andere. Die Blätter selbst hingen schlaff herunter und waren an den Rändern mit vielen, kleinen Spitzen versehen. Beinahe wie Zähne. Ganz oben konnte man eine keimende Blüte erahnen.

„Sie ist wundervoll. Etwas klein, aber ich kann es kaum erwarten sie in voller Blühte zu sehen. Danke dir!“ Fröhlich drehte sich der Dämon mit dem feuerroten Haar zu mir. „Nun bin ich gespannt. Weißt du noch, wie diese Pflanze genannt wird?“

„Ähm…“ Noch einmal warf ich einen Blick zu dem Gewächs. Dunkel meinte ich sie einmal in einem seiner Bücher gesehen zu haben, doch den Zusammenhang konnte ich nicht mehr greifen. „Es ist eine Raubpflanze, denke ich. Aber ich habe keine Ahnung welche.“

Sein Lächeln wurde breiter. „Ganz richtig. Es hätte mich gewundert, wenn du dich daran erinnert hättest. Schließlich haben wir diese Pflanze im speziellen nie behandelt. Es ist ein Tintentau. Artverwandt mit der Aalkannenpflanze und genauso bissig, wenn man sie nicht zu händeln weiß. Ihre Blüte ist bei Verzehr tödlich, doch die Pollen sind essenziell für einen Trank, der bestimmte Hirnareale stimuliert, die für unser Gedächtnis zuständig sind.“

„Also hilft er Erinnerungen auf die Sprünge“ fasste ich zusammen.

„Ganz genau!“ erwiderte er zufrieden. Dabei zupfte er einige Kräuter von einem Bündel an der Decke und gab sie in eine kleine Schale, die er aus dem Regal holte, während er weiter ausführte. „Früher war es schon schwer an ein Exemplar zu kommen, denn sie benötigt besondere Bedingungen, um zu gedeihen. Leider wurde die Blühte früher oft für Gifte verwendet, dementsprechend hat man sie weitestgehend ausgerottet. Sie wächst nur noch in wenigen, unberührten Teilen des Landes.“

Meister Nate seufzte. „Ich habe geahnt, dass das in eine Lehrstunde ausarten wird.“

„Willst du lieber die Anwendungsbereiche in deinem Fachgebiet eruieren, mein Lieber? Wie lange dauerte dein Monolog gleich?“

„Diskussion.“

„Ach bitte, ich bin kaum zu Wort gekommen!“

Ein kleines Lachen konnte ich mir nicht verkneifen. Die beiden verhielten sich fast wie Brüder.

„Nun aber zu dir Yusei“ fuhr Meister Damian ernster fort, während er einen Glasbehälter aus dem Regal nahm. Mit einem leisen ‚Plopp‘ öffnete er den Deckel und holte drei Blätter heraus. „Ich dachte du bist mit Meister Ares in den Süden aufgebrochen. Seid ihr wirklich wieder zurück, oder hast du dich davongestohlen?“ Mit einem Mörser in der Hand drehte er sich wieder zu mir. Deutete auf mich. „Bitte sag mir, dass er Kenntnis von deinem Aufenthalt im Palast hat. Andernfalls kann das schwere Konsequenzen nach sich ziehen“ tadelte er.

Ganz der Lehrer. Ich seufzte lautlos, warf einen flüchtigen Blick zu Meister Nate. Es weiter zu verheimlichen, ergab für mich keinen Sinn. Schließlich würde es ohnehin bald das ganze Königreich erfahren.

„Die Umstände haben sich geändert“ sagte Meister Nate und nahm mir damit die Entscheidung ab.

„Inwiefern?“

Ich nahm das Tuch von meiner Wange, auf dem sich mittlerweile ein großer, roter Fleck gebildet hatte.

Meister Damians Augen weiteten sich überrascht. „Oh… Ich sehe schon.“ Verwundert sah er zu seinem Freund. „Hast du das Ritual durchgeführt?“

„Nein“ antwortete er schlicht. Irgendwie wirkte er… beleidigt.

Meister Damians Blick huschte zwischen uns hin und her, bis er sich an mich richtete. „Wer war es dann?“

„Madame Tredwell.“

Meine Antwort überraschte ihn noch mehr. „Dir ist bewusst, dass Rituale nicht unbedingt zu ihrem Fachgebiet gehören? Meister Nate hat bedeutend mehr Erfahrung darin, schließlich hat er dieses Ritual schon oft durchgeführt und überwacht.“

Wieder schritt Meister Nate ein. „Um ehrlich zu sein, hätte ich das Ritual in diesem Fall nicht durchgeführt. Madame Tredwell war wohl die beste Wahl dafür.“

„Und wieso?“

Wieder ein Seufzen, sein Blick blieb an mir hafte. Dieses Mal war ich es, der die Antwort für ihn übernahm. „Weil ich das Ritual mit König Haou vollzogen habe.“

Meister Damian blinzelte verdutzt, immer höher wanderten seine Augenbrauen. „Oh“ brachte er schließlich heraus. Wortlos drehte er sich wieder zu der kleinen Schale und bearbeitete den Inhalt mit seinem Mörser. „Ist alles erfolgreich verlaufen?“ fragte er in die Stille.

„Für eine endgültige Antwort ist es zu früh“ sagte Meister Nate. „Es gab eine kleine… Komplikation. Aber bisher hat es den Anschein, dass alles gut verläuft.“

„Woher wisst Ihr, ob alles geklappt hat?“

„Beobachtung. Es wäre mir eine enorme Hilfe gewesen, wenn ich gewusst hätte, dass du wach bist. Aber du zeigst keine Anzeichen abnormen Verhaltens, soweit ich das beurteilen kann. Ebenso wenig wie der König.“

Kurz kamen mir diese merkwürdigen Illusionen in den Sinn, die ich in letzter Zeit manchmal sah. Doch behielt ich dieses Detail vorerst für mich. Zuerst wollte ich Haou davon erzählen. Also nickte ich nur knapp.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Doch statt auf eine Antwort zu warten, wurde sie gleich darauf geöffnet. „Yubel?“ fragte ich überrascht.

Erleichtert atmete sie aus. „König Haou hat mich eigentlich gebeten nach Meister Jesse zu sehen, aber vorher wollte ich wissen, ob bei dir alles in Ordnung ist. Er wird gleich hier sein.“

„Überwiegt Sorge oder Wut?“ fragte Meister Nate.

Yubel schnaufte amüsiert, sah wieder zu mir. „Sagen wir mal, wenn du das Blut nicht bald abwäschst, übernimmt der König die Hinrichtung von Meister Ares noch heute. Und das eigenhändig.“

„Ares hat ihn angegriffen?“ fragte Meister Damian überrascht.

„Anscheinend. Beeilt euch.“ Mit diesen Worten schloss sie die Tür hinter sich.

„Dort hinten ist eine Schale mit Wasser“ sagte Meister Damian, der wieder in seinem Tun vertieft war. „Ich bin mit der Salbe für deine Wunde fast fertig. Dann sollte man kaum noch etwas sehen.“

Seinem Vorschlag folgend, wusch ich das bereits geronnene Blut von meiner Haut. Währenddessen unterhielten sich die beiden leise weiter.

„Kannst du mir eine Kurzfassung geben?“

„Du hast es doch gehört“ antwortete Meister Nate. „Ares hat ihn angegriffen. Vorher hat er wohl Jesse mit seinem Alduria betäubt.“

„Er hat seinen Neffen angegriffen?“

„Betäubt. Aber ja. Ich bin erst später dazugestoßen. Ares sitzt im Kerker und Jesse ist bei den Heilern.“

„Du meine Güte. Was hatte er für einen Grund?“

Rache. Anders konnte ich mir die Sache nicht erklären. Ares hat selbst gesagt, dass er sich von Jesse verraten fühlt, weil er mir bei der Flucht geholfen hat. Aber, dass er ihn wirklich angreifen würde… Ich griff mir das bereitliegende Handtuch und trocknete mein Gesicht. Als ich mich umdrehte, wartete Meister Damian bereits mit der Schale und einem Tupfer in den Händen. Neugier blitzte in seinen Augen.

Die Salbe, die er auf den Tupfer aufgetragen hatte, brannte, doch ich verkniff mir das Atmen. Sie wirkte zwar schnell, doch den beißenden Geruch hatte ich noch gut in Erinnerung. „Ares war schon immer recht herrschsüchtig“ erklärte er dabei. „Aber nie dermaßen kurzsichtig. Außerdem muss er doch das Mal in deinem Gesicht gesehen haben.“

Nun atmete ich den beißenden Geruch doch ein, als ich zu einer Antwort ansetzte. „Es war verdeckt. Er hat es erst gesehen, kurz bevor ich ihn KO geschlagen habe. Er… hat gezögert.“

Endlich war er fertig und legte die Utensilien beiseite. „Zumindest etwas Verstand scheint ihm geblieben zu sein. Herrje. Was ist zwischen euch vorgefallen, dass er einen so immensen Groll gegen dich hegt?“

„Wir hatten unsere Meinungsverschiedenheiten“ antwortete ich nur vage.

Plötzlich wurde die Tür erneut aufgerissen. Haou warf einen flüchtigen Blick in den Raum. Als er mich sah, atmete auch er erleichtert auf. Doch die Wut in seinen Augen konnte er nicht verbergen. Das Gold seiner Iriden war wie ein Sturm aus Feuer. Einen kurzen Blick konnte ich auf mehrere Wachen erhaschen, bevor er die Tür ins Schloss fallen ließ. „Ist alles in Ordnung?“ fragte er bemüht beherrscht und kam auf mich zu. Vorsichtig legte er seine Hand an meine Wange. Fuhr mit dem Daumen unter dem Schnitt entlang. Der Sturm in seinen Augen tobte.

„Ist nur ein kleiner Kratzer. Mir geht es gut, macht Euch keine Sorgen. Ihr solltet Euch lieber um Meister Jesse kümmern.“

„Yubel ist bei ihm“ antwortete er knapp und wandte sich an Meister Nate. „Habt Ihr den Befehl gegeben, Ares in den Kerker sperren zu lassen?“

„Ja.“

Knapp nickte er, sah wieder zu mir. „Ich will, dass du wieder in die Gemächer zurückkehrst und dort auf mich wartest.“

„Was habt Ihr vor?“

Er schnaufte, seine warme Hand entfernte sich. „Ich kümmere mich um Ares. Ein Angriff auf dich, ist gleichzeitig einer gegen mich. Darauf steht der Tod. Es wird auch nicht lange dauern.“

„Nein.“

Für einen Moment wich die Wut. Stattdessen musterte er mich überrascht. Ähnlich wie die beiden Meister, die ich im Augenwinkel beobachten konnte. Doch ich ließ ihnen nicht die Gelegenheit etwas zu erwidern. „Ich weiß, dass es Eure Entscheidung ist, was jetzt mit Ares passiert. Aber Ihr seid im Moment zu wütend, um sie mit Vernunft zu treffen. Denkt bitte zuerst darüber nach.“

Nun war der Zorn in seinen Augen wieder da. „Ich muss nicht darüber nachdenken. Das Gesetz ist eindeutig, und ich lasse nicht zu, dass er noch einmal in deine Nähe kommt!“

„Er sitzt doch im Kerker. Wenn es nach mir ginge, würde ich ihn auch nicht mehr sehen wollen, aber der Tod ist endgültig. Wenn Ihr in ein paar Tagen noch immer der Meinung seid, er hat es verdient, stehe ich hinter Euch. Aber nicht, wenn Eure Emotionen Euren Blick trüben.“

Einen Augenblick lang fochten wir ein stummes Duell aus, bei dem keiner nachgeben wollte. Doch schließlich beruhigte sich das Gold in seinen Augen. Tief seufzte er. „Na schön. Ich werde mein Urteil erst nach der Ratsversammlung fällen. Soll er bis dahin eben im Kerker schmoren.“

Erleichtert schmunzelte ich. „Danke.“

Auch er konnte sich den Ansatz eines Grinsens nicht verkneifen. „Du hast ein viel zu weiches Herz, weißt du das?“

„Darüber habt Ihr Euch nie beschwert.“

Er schnaufte belustigt, stemmte eine Hand in die Hüfte. „Nein… Lass uns gehen, in Ordnung?“

Ich nickte und sah ein letztes Mal zu Meister Damian und Nate. Die beiden wirkten fast, als hätten sie einen fliegenden Grimor gesehen. „Danke für alles“ sagte ich schlicht. Folgte dann dem Mann, der mir mit einem warmen Blick die Hand reichte. Einen Blick, der nur für mich bestimmt war.

Blau und Gelb

Die Strahlen der aufgehenden Sonne warfen ein angenehmes Licht in den Raum. Ich seufzte zufrieden, drückte die Wärmequelle an meiner Seite sanft an mich. Noch wehrte ich mich dagegen wach zu werden, also strich ich federleicht über die weiche Haut. Immer an seiner Wirbelsäule entlang. Plötzlich regte sich der schlafende Körper und ich öffnete doch die Augen. Schwarze Strähnen lagen unordentlich in seinem Gesicht, während die tiefblauen Augen neugierig zu mir blickten. „Hab ich dich geweckt?“ fragte ich leise, fuhr dabei mit den Fingern durch sein Haar.

Er schob sich höher und legte den Kopf in meine Halsbeuge. „Nein, ich bin schon länger wach.“

„Wieso das?“

Ein amüsiertes Schnaufen war zu hören. „Ich habe drei Tage durchgeschlafen. Ich glaube, das reicht für eine Weile.“

Auch ich konnte ein kleines Grinsen nicht unterdrücken. Drückte ihm einen Kuss in sein Haar. „Gehst du heute wieder zu Madame Tredwell?“

„Nein, heute hat sie keine Zeit.“ Sein Kopf hob sich, gerade so weit, dass er mich ansehen konnte. „Geht Ihr zu Meister Jesse?“

Seinem Blick wich ich aus, starrte stattdessen an die Decke. Gestern hatte ich es nicht über mich gebracht zu ihm zu gehen. Dabei hatte das Gegengift schon so weit angeschlagen, dass er am Abend wieder sprechen konnte. Heute würden die Heiler ihn entlassen.

„Ich glaube, dass er einen Freund gebrauchen kann, meint Ihr nicht?“ hakte er nach, als ich noch immer schwieg.

Tief seufzte ich. „Ich weiß. Aber wie würdest du deinem besten Freund beibringen, dass du seine einzig verbliebene Familie zum Tode verurteilst?“

„Noch habt Ihr es nicht getan“ sagte er, was mich verwundert zu ihm sehen ließ. „Er hat noch die Zeit sich zu verabschieden. Außerdem ist er nicht dumm. Er hat aus erster Hand erfahren, was Ares getan hat. Die Konsequenzen sind ihm sicher bewusst.“

„Trotzdem werde ich es sein, der ihn tötet“ murmelte ich, legte meine Hand an seine Wange, als er sich über mich beugte, um seine Lippen sanft auf meine zu legen. Diese Berührung beruhigte mich und ließ mich leise seufzten. Er hatte recht. Ich konnte Jesse nicht ewig ausweichen und er brauchte mich jetzt. Egal, wie die Umstände auch sein mochten.

Als Yusei den Kuss löste, sah er mich mit einem sanften Ausdruck in den tiefblauen Augen an. „Wollt Ihr, dass ich Euch begleite?“

Ohne zu überlegen, nickte ich dezent. Mein Blick schweifte über sein Gesicht, blieb an dem schmalen Strich hängen, der von seiner Verletzung am Vortag übriggeblieben war. Hauchzart strich ich darüber. Bald würde er verblasst sein, doch das machte seine Entstehung nicht ungeschehen. Erneut flammte Wut in mir auf. Seine Strafe war mehr als überfällig.
 

Wenig später machten wir uns auf den Weg zu Jesse, doch brachte ich es einfach nicht fertig, meine Gefühle richtig zu ordnen. Ich wollte Ares bluten sehen. Mich für all das rächen, was er Yusei angetan hatte. Gleichzeitig musste ich mir Gedanken darüber machen, wie es nun mit dem Rat weitergehen würde. Jetzt, da uns mit Lyman und Ares bereits zwei Mitglieder fehlten. Und dann war da noch die Sorge um Jesse, der seinen Onkel trotz alldem liebte. Leise seufzte ich. Ob er sich nun der Konsequenzen bewusst war oder nicht, es würde ihn trotzdem treffen.

Plötzlich spürte ich eine Berührung an meiner Hand. Ganz sanft wurde sie umschlossen. Ich warf einen Seitenblick zu Yusei, der schweigend neben mir lief. Durch die Kapuze sah ich kaum sein Gesicht, und doch konnte ich seinen Blick spüren. Die Wärme seiner Berührung beruhigte mich etwas und sanft drückte ich seine Hand, ehe er sie wieder losließ. In einiger Entfernung sah ich einen Heiler auf uns zukommen, der uns zu Jesses Zimmer führte.

Als wir angekommen waren, verabschiedete sich der Heiler mit einer Verbeugung. Unschlüssig stand ich vor der Tür, atmete tief durch. Einen Blick warf ich zurück zu Yusei, der wenige Schritte von mir entfernt stehen geblieben war und mir bekräftigend zunickte. Ich wusste, dass er recht hatte. Ich musste mich zuerst allein mit Jesse unterhalten. Doch wusste ich nicht recht wie.

Ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, trat ich ein und schloss die Tür hinter mir. Jesse sah kurz auf, mied dann aber meinen Blick und spielte mit den Fingern an der dünnen Decke seines Bettes. „Hey“ sagte er leise.

„Hey… wie geht’s dir?“ Langsam ging ich auf ihn zu, verschränkte meine Arme. Kurz überlegte ich mich zu setzen, doch verwarf ich den Gedanken.

„Den Umständen entsprechend, schätze ich. Was ist mit Yusei?“

Meine Finger krampften sich in den Stoff meines Gewandes. Noch einmal atmete ich tief durch, um mich zu beruhigen. Doch ich schwieg.

„Hör zu… was mein Onkel getan hat-“

„War Hochverrat“ unterbrach ich ihn.

Seine Haltung fiel weiter in sich zusammen. „Ich weiß… Ist er…“ Nervös kaute er auf seiner Unterlippe, schwieg. Doch ich wusste, worauf er hinauswollte.

„Nein“ setzte ich an. Beobachtete, wie er scheu zu mir blickte. Hoffnung keimte in ihm auf. „Allerdings hast du das nur Yusei zu verdanken. Hätte er nicht auf mich eingeredet, wäre Ares gestern schon hingerichtet worden.“

Er nickte, senkte den Blick wieder. „Verstehe. Nur… tu mir den Gefallen und hör ihn an.“

„Anhören?!“ platzte es aus mir heraus, was ihn erschrocken zusammenzucken ließ. „Wofür soll ich ihn anhören? Dafür, dass er sich den Wachen bei seiner Ankunft verborgen hat und in den Palast eingedrungen ist? Dafür, dass er dich - seinen eigenen Neffen – vergiftet hat? Dafür, dass er Yusei angegriffen und damit Hochverrat begangen hat? Soll ich ihn wirklich dafür anhören, dass er versucht hat, Yusei und Sternenstaubdrache wieder gewaltsam zu unterdrücken? Was wäre passiert, wenn Yusei sich nicht hätte wehren können?! Wenn du nicht mehr in der Lage dazu gewesen wärst, Rubin zu rufen?! Nur dafür, dass er euch angegriffen hat, hat er den Tod verdient! Er hat nicht nur euch angegriffen, er hat mich als König und das Schloss angegriffen! Das ist unverzeihlich! Ist dir eigentlich klar, was alles hätte passieren können?!" Schwer atmend stand ich vor ihm, zitterte. Es tat gut, meiner Wut endlich Luft zu machen. „Ich lasse nicht zu, dass er Yusei je wieder zu nahekommt. Wer sagt, dass er dasselbe nicht wieder versucht?“

Schwach nickte er und krallte seine Hände in die Decke. Schluckte.

Ich seufzte leise und setzte mich zu ihm an die Bettkante. Legte meine Hand auf seine. Zögerlich sah er zu mir und ich erkannte das verräterische Glänzen in seinen Augen. Langsam beruhigte sich der Zorn in mir. „Hör zu… Es tut mir leid, dass ausgerechnet dein Onkel für all das verantwortlich ist. Ich kann nur vermuten, wie du dich im Moment fühlen musst. Aber… Ich kann nicht zulassen, dass er euch beiden je wieder schadet.“ Sanft drückte ich seine Hand, suchte seinen Blick. „Du bedeutest mir mehr als die meisten anderen Dämonen, das weißt du. Was soll aus mir oder dem Königreich werden, wenn dir etwas zustößt?“

Ein schwaches Lächeln zupfte an seinen Lippen. Nun konnte er die Tränen doch nicht mehr aufhalten. Seine Stimme klang gebrochen. „Ich will nur verstehen, warum er das getan hat, Haou. So eine Reaktion passt nicht zu ihm, das weißt du.“

„Weiß ich das wirklich?“ hakte ich nach. „Im Moment traue ich ihm alles zu. Das Risiko ihn zu begnadigen, kann ich nicht eingehen.“

„Ich weiß“ flüsterte er. Mit seiner freien Hand wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht, doch wirkten seine Bewegungen seltsam steif. Wohl immer noch die Nachwirkungen des Gifts. „Ich werde selbst mit ihm reden“ beschloss er.

„Aber nicht allein.“

Ein bitteres Lächeln kämpfte sich in sein Gesicht. „Er sitzt im Kerker, nehme ich an. Er könnte mir also nichts tun, selbst wenn er es wollte.“

Leise seufzte ich, drückte seine Hand fester. Davon abhalten konnte ich ihn nicht, doch machte ich mir Sorgen, wie Ares auf Jesse reagieren würde. Ich wollte nicht, dass er noch mehr enttäuscht und verletzt wird als ohnehin schon. Doch hatte er das Recht dazu, sich zu verabschieden.

„Na schön“ gab ich deshalb nach. „Aber wenn du jemanden an deiner Seite haben willst, sag Bescheid, in Ordnung?“

Schwach nickte er, drückte dabei meine Hand. „Mit Yusei wollte ich später auch noch reden.“

„Das kannst du jetzt, wenn du willst. Er wartet draußen.“

Er schien nicht überrascht von meiner Antwort. Gab nur einen zustimmenden Laut von sich. Also erhob ich mich und öffnete die Tür zum Gang. Yusei hatte sich an die gegenüberliegende Wand gelehnt und beobachtete zwei Heiler in einiger Entfernung. Wieder schien sein Blick dabei weit weg zu sein. Ein seltsamer Glanz in seinen Augen. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass die Tür sich geöffnet hatte. „Yusei?“ sprach ich ihn deshalb an. Das schien ihn aus seiner Trance zu reißen, denn sein Kopf schnellte zu mir und er drückte sich von der Wand ab, um aufrecht zu stehen. Langsam machte mich dieses Verhalten stutzig. So oft war er sonst nicht abgelenkt. „Jesse will mit dir reden“ fügte ich an und hielt dabei die Tür auf, damit er eintreten konnte. Leiste fiel die Tür wieder ins Schloss und ich setzte mich zu Jesse an den Bettrand. Yusei stand unschlüssig wenige Schritt weit entfernt.

„Es tut mir leid“ sagte mein Freund schlicht.

Doch Yusei schüttelte den Kopf. „Ihr könnt nichts für den Angriff. Ares ist selbst verantwortlich für das, was er getan hat. Ich… Es tut mir nur leid für Euch.“

Er schnaufte amüsiert. „Vielleicht hätte ich es kommen sehen, wenn er nicht mein Onkel wäre. Schließlich habe ich im Wald beobachtet, wie er mit dir umgegangen ist. Das ist nicht mehr der Mann, den ich bewundert habe. Er hat sich verändert. Als… wäre irgendetwas in ihm gebrochen.“

„Ich glaube nicht, dass er sich erst in letzter Zeit so verändert hat“ fügte Yusei vorsichtig an.

„Du kennst ihn erst seit ein paar Wochen.“

Ich legte meine Hand wieder beruhigend auf Jesses. „Yusei hat recht“ sagte ich dabei. „Mir fällt niemand ein, der ihm gegenüber so feindselig war wie Ares. Auch wenn er sich in meiner Gegenwart immer zurückgehalten hat, Yubel hat mir davon berichtet. Und du auch. Er benimmt sich seit beginn des Krieges so, nur hat er es zwischenzeitlich verbergen können. Das war auch der Grund dafür, dass ich die Späher auf ihn angesetzt habe.“

Jesse zog seine Hand aus der Berührung, setzte zu einer Antwort an. Doch schwieg.

„Ihr habt ihn beobachten lassen?“

Ich sah zu Yusei, nickte. „Ein paar Stunden vor dem Angriff auf euch wurde mir von den Wachen berichtet, dass er die Stadt betreten hat. Danach haben ihn die Späher aber aus den Augen verloren.“

Jesse schnaufte resigniert, hielt den Blick dabei weiterhin auf die Decke in seinem Schoß gerichtet. „Typisch Onkel Ares. Er hat sicher mitbekommen, dass er beschattet wird, und ist deshalb untergetaucht.“

„Wie?“ fragte Yusei irritiert.

„Er beherrscht einen extrem effektiven Reflexionszauber“ antwortete ich. „Damit wird er für das bloße Auge unsichtbar. Normalerweise muss man bei dem Zauber stillhalten, weil eine Reflexion sich ändert, je nachdem wo man steht. Aber er hat es sogar gemeistert sich dabei zu bewegen.“

Wieder schnaufte Jesse leise. „Es würde mich nicht wundern, wenn wir beim Rückweg durch das Schloss direkt an ihm vorbeigelaufen wären, ohne es zu merken.“

Gedankenverloren nickte Yusei, senkte dabei den Blick. Er schien wieder in seine Gedankenwelt zu driften. „Alles in Ordnung?“ fragte ich deshalb.

Kurz musterte er mich. Zögerte. Doch schließlich schüttelte er dezent den Kopf. „Ich glaube, ich habe ihn gesehen.“

Das ließ Jesse doch irritiert zu ihm sehen. „Wo? Und wann?“

„Als die Wachen an uns vorbeigelaufen sind.“

„Keine der beiden Wachen war mein Onkel. Ein Reflexionszauber lässt einen mit der Umgebung verschmelzen, nicht die Form ändern.“

„Das meine ich nicht. Kurz bevor uns die Wachen entgegengekommen sind, habe ich etwas gesehen, und bin stehengeblieben, erinnert Ihr Euch?“

„Schon, aber… da war nichts.“

Yusei wandte den Blick ab, seufzte leise. Doch schwieg. Ob es etwas damit zu tun hat, dass er in letzter Zeit oft nicht bei der Sache ist? „Was hast du genau gesehen?“ hakte ich ruhig nach.

Langsam sah er auf, zögerte, doch gab mir schließlich eine Antwort. „Ehrlich gesagt, weiß ich es selbst nicht. Es war wie ein… Schatten, denke ich. Aber…“ Tief atmete er ein, geräuschvoll aus. „Schatten ist vielleicht das falsche Wort. Eher wie ein Schleier, der sich um einen Dämon legt. Ach, ich weiß auch nicht. Vielleicht spielen mir meine Augen nur einen Streich.“

Jesse und ich tauschten einen verwunderten Blick aus. Wenn ich richtig lag, war uns dieses Phänomen, von dem Yusei sprach, beiden nicht unbekannt. Wenn auch nur aus Erzählungen meines Vaters. „Hast du diese Schleier häufiger gesehen?“ fragte ich deshalb.

Zögerlich nickte er.

„Wie lange schon?“

„Seit… der Seelenbindung.“

„Und du hast sie immer in Verbindung mit einem Dämon gesehen?“ hakte ich geduldig nach.

„Ja. Naja, bis auf gestern. Deswegen habe ich angenommen, es könnte vielleicht Ares gewesen sein.“

„Wie sahen diese Schleier genau aus?“ schaltete sich Jesse ein.

Verwundert sah er zwischen uns hin und her. Gerade so, als würde es ihn wundern, dass wir ihm glauben schenkten. „Unterschiedlich“ antwortete er zögerlich. „Als wären die Dämonen in farbige Schleier gehüllt. Der, den ich im Gang gesehen habe war rot, und giftgrün durchsetzt.“

Wieder warf ich Jesse einen vielsagenden Blick zu, ehe ich mich an Yusei richtete. „Als du Jesse gestern vor dem Frühstück so lange angesehen hast… Hast du etwas ähnliches gesehen?“

„Woher wisst Ihr das?“ fragte er überrascht.

„Du hattest einen Ausdruck in den Augen, als wärst du sehr weit weg. Gerade eben auch, als du vor der Tür gewartet und die Heiler beobachtet hast.“

„Oh.“ Er senkte den Blick, sah irgendwie… überfordert aus. Kein Wunder, wenn man bedachte, was er uns eben offenbart hatte. Auch Jesse und ich konnten es nicht fassen. Diese Fähigkeit dürfe er überhaupt nicht besitzen.

„Wie sah dieser Schleier bei mir aus?“ fragte Jesse plötzlich.

Das riss Yusei aus seinen Gedanken und ließ ihn wieder Aufsehen. „Blau“ antwortete er. „Und ein wenig Gelb.“

Amüsiert schnaufte ich und sah meinen Freund an. „Du hast dich kein Stück verändert.“

„Das kann dich unmöglich überraschen“ gab er mit einem kleinen Grinsen zurück.
 

„Wovon redet ihr?“

Yusei musterte uns irritiert. Ungeduld meinte ich in seinen Augen zu lesen und es war nur verständlich. Darum lächelte ich ihm sanft entgegen und klärte ihn endlich auf. „Was du da gesehen hast, waren die Auren der Dämonen. Ihr Wesen. Das ist eine Fähigkeit, die innerhalb der königlichen Blutlinie weitergegeben wird.“

Immer größer wurden seine Augen. Konfus schüttelte er den Kopf. „Aber… Das ist… Ich bin nicht… Wie ist das möglich?“

„Die einzige Erklärung ist der Blutaustausch während der Seelenbindung“ überlegte Jesse laut.

„Dann seht Ihr sie auch?“

Doch ich schüttelte dezent den Kopf. „Bei mir ist diese Fähigkeit nur sehr schwach ausgebildet. Zwar habe ich ein feines Gespür für Auren, doch ich kann sie nicht sehen. Anders als mein Vater. Er konnte eine Aura sehen, und so direkt in das Wesen seines Gegenübers blicken.“

„Ich wusste nicht, dass es möglich ist, diese Fähigkeit nachträglich weiterzugeben“ bemerkte Jesse.

Ich zuckte mit den Schultern. Bisher gab es auch wenige meiner Blutlinie, die ihre Seele an die eines anderen gebunden haben. Da fiel mir etwas ein, und ich wandte mich an Yusei. „Du kannst es noch nicht kontrollieren, habe ich recht?“

„Nein, kann ich nicht.“

Ich nickte. Alles andere hätte mich auch überrascht. „Vielleicht können Yubel und ich dir dabei helfen. Mein Vater hat uns damals viel darüber erzählt.“

Immer noch überfordert, nickte er. Langsam stand ich auf und ging zu ihm. Legte ihm beruhigend eine Hand an die Wange und lächelte ihm entgegen. „Ich weiß, das ist alles ein bisschen viel. Aber dass du diese Fähigkeit besitzt, ist bemerkenswert.“ Mein Lächeln wurde zu einem Grinsen. „Ich freue mich schon auf die blöden Gesichter, wenn der Rat davon erfährt.“

Ein kleines Lächeln zupfte an seinen Lippen und er umschloss meine Hand. „Zumindest kenne ich jetzt den Grund für diese Erscheinungen. Ich dachte ich halluziniere.“

Sanft hauchte ich einen Kuss auf seine Stirn. Spürte, wie er sich sachte gegen mich lehnte. „Komm bitte gleich zu mir, wenn dich etwas beunruhigt, hörst du? Egal, was es ist, du musst diese Sorgen nicht allein mit dir herumtragen.“

Ein Nicken, ein lautloses Seufzen. Ich spürte förmlich seine Erleichterung, als er sich an mich lehnte. Bis ein Räuspern mich aus der kleinen Blase riss, die um mich herum entstanden war. Jesse sah uns mit erhobener Augenbraue an und ich warf ihm ein entschuldigendes Grinsen zu. Er würde Zeit brauchen, sich an die neue Situation zu gewöhnen, und die wollte ich ihm gewähren.

Yusei hatte seinen Blick gesenkt. Im ersten Moment nahm ich an, die Sache wäre ihm unangenehm. Doch er dachte nach. Schien hin- und hergerissen. „Ist da noch etwas?“ fragte ich deshalb, suchte seinen Blick. Endlich sah er auf. Warf einen kurzen Seitenblick zu Jesse, ehe er antwortete. Doch der Sinn seiner Worte erschloss sich mir nicht.
 

„Ich glaube… Ich habe den Menschen das Tor in die Isekai geöffnet.“

Mission abgebrochen

„Warte… was? Wovon redest du?“

Haou und Jesse sahen gleichermaßen verwirrt über meine Worte aus. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Nun gab es kein Zurück mehr. Seit Atemu mir offenbart hatte, dass meine Träume allem Anschein nach keine waren, überlegte ich schon, wie ich es Haou erklären sollte. Also schob ich den Ärmel meines rechten Armes zurück und legte so das Drachenmal frei. Tief atmete ich durch, und setzte zu einer Erklärung an.

„Ich habe herausgefunden, was es damit auf sich hat. Und ich weiß, dass es schwer zu glauben ist, aber es hat mit der Entstehung der Isekai zu tun.“

Jesse schüttelte verwirrt den Kopf. „Niemand weiß genau wie-“

Doch Haou stoppte ihn. Hielt ihn mit einem Handzeichen dazu an, still zu sein. Dafür dankte ich ihm stumm. „Hat das mit der Sache auf dem Nebelberg zu tun?“ fragte er lediglich.

Mir war bewusst, worauf er anspielte, war das doch der Auslöser für unseren Streit damals. Also nickte ich schwach und fuhr weiter aus. „Die Isekai ist weit jünger, als wir dachten. 5000 Jahre alt, um genau zu sein. Und erschaffen wurde sie von einem mächtigen, alten Wesen. Dem feuerroten Drachen. Aber damit seine Macht nicht missbraucht wird, hat er sie auf fünf Drachen aufgeteilt. Sternenstaubdrache ist einer davon. Wenn sich einer dieser Drachen also mit jemandem verbindet, erscheint eines der Drachenmale auf dem Arm dieser Person und macht sie somit zum Auserwählten des feuerroten Drachen. Ich weiß nicht, ob nur die Drachen diese Macht besitzen, oder ob ein Teil dieser Macht auch auf die Person übergeht, aber es würde meine Magie erklären.“

„Das ergibt Sinn“ murmelte Haou. „Zumindest der Teil mit dem Drachenmal.“

„Du glaubst die Geschichte?“ fragte Jesse.

„Ich wüsste nicht, warum er lügen sollte. Außerdem passt es zu dem, was Yubel und ich im Labyrinth entdeckt haben. Die Wandmalerei, erinnerst du dich?“

„Schon, aber… Es gibt Aufzeichnungen und Artefakte, die älter sind als nur 5000 Jahre. Das ergibt keinen Sinn.“

Haou wandte sich wieder an mich, betrachtete mich ernst. „Da hat er allerdings recht. Wo hast du diese Informationen überhaupt her?“

„Das kann ich Euch nicht verraten. Ihr müsst mir vertrauen.“

„Du erwartest ernsthaft, dass wir dir so etwas ohne Beweise glauben?“ fragte Jesse. Verwirrung und Ärger spiegelten sich in seinem Gesicht.

„Ja.“ Ich konnte ihn verstehen, doch ich hatte Atemu mein Versprechen gegeben nur das Nötigste preiszugeben. „Außerdem kennen auch die Menschen die Geschichte über den feuerroten Drachen. Über die Drachen, die Male, die Auserwählten. Und die Isekai.“

„Also ist es nur eine Legende aus deiner Kindheit?“ hakte Haou nach.

„Nein. Bis vor kurzem habe ich nie davon gehört, glaubt mir. Es ist keine Legende, sondern die Wahrheit.“

Doch Jesse gab nicht nach. „Was macht dich so sicher?“

„Ich weiß es einfach. Ihr müsst Euch mit dieser Antwort begnügen!“ sagte ich ebenso ernst. Einige Herzschläge lang lieferten Jesse und ich uns nur ein stummes Duell, bei dem niemand nachgeben wollte.

Bis Haou schließlich einschritt und seine Hand vorsichtig auf die von Jesse legte. „Hören wir uns erst den Rest an, einverstanden?“

Doch Jesse zog seine Hand unter der Berührung weg und schnaufte verärgert. „Du glaubst ihm auch nur, weil du durch die Verbindung keine andere Wahl hast!“

„Jesse!“ Die Temperatur im Raum schien schlagartig zu fallen. Ich wusste nicht, wer im Moment wütender auf den anderen war. Der Rest meiner Geschichte würde dabei nicht unbedingt helfen. Tief atmete Hauo durch, um seinen Ärger zu zügeln. „Als Yusei das letzte Mal auf diese Antwort beharrt hat, bin ich auch auf Granit gestoßen. Hör dir erst die ganze Geschichte an, dann kannst du dich noch immer dazu entscheiden ihm nicht zu glauben.“

„Schön“ grummelte er. „Aber es ist nicht mehr als eine Märchenstunde.“

„Erinnerst du dich noch an die letzte Schlacht im Krieg? An den Soldaten, den wir ausgefragt haben, bevor er starb?“

„Wie kommst du jetzt darauf?“ erwiderte Jesse. Den genervten Unterton bekam er dabei nicht aus seiner Stimme.

Doch Haou ging nicht darauf ein. „Was waren seine letzten Worte?“

Ein leises Knurren entwich Jesses Kehle, trotzdem gab er ihm eine Antwort. „Der Drache wird diese Welt reinigen. Und irgendwas mit Feuer, aber da hab ich ihn kaum noch verstanden.“ Plötzlich änderte sich der Ausdruck in seinem Gesicht. „Das ist nur ein Zufall.“

Haou hob nur eine Augenbraue, wandte sich dann wieder an mich. „Das alles erklärt aber noch nicht, wie du darauf kommst, den Menschen das Tor in unsere Welt geöffnet zu haben.“

„Die Geschichte ist etwas länger.“

Mit einer Handgeste bedeutete er mir weiterzureden. Auch Jesse war verstummt und wartete. Doch zum problematischen Teil war ich noch gar nicht gekommen. Wieder klopfte mir mein Herz bis zum Hals.

„Wie gesagt, die Menschen kennen die Geschichte. Aber das ist noch nicht alles. Sie sind auch der Grund dafür, dass ein Teil der Drachen vor gut 150 Jahren aus der Isekai verschwunden ist.“

Haous Augen wurden immer größer. Jesses wanderten nur skeptisch zwischen mir und Haou hin und her.

„Die Menschen… haben vier der fünf auserwählten Drachen. Und ich glaube, diese Drachen haben sich mit mindestens zwei von ihnen verbunden. Ich habe sie in meinen Träumen gesehen.“ Ein ungläubiges Lachen ließ mich wieder zu Jesse sehen. Doch bei meinem ernsten Blick verstummte er, also redete ich weiter. „Zwischen den Trägern des Drachenmals besteht irgendeine Verbindung, deswegen konnte ich sie in meinen Träumen sehen. Und sie mich. Immer dann, wenn das Drachenmal geleuchtet hat. Auch als ich mit Ares im Wald war, und er… Ich hätte schwören können, ich habe die beiden Menschen aus meinem Traum gesehen, als mein Mal begann zu leuchten.“

„Das ist aber nur eine Vermutung“ hakte Haou nach. Eine seltsame Nervosität in seiner Stimme.

„Ich habe keinen Beweis dafür… Aber es ist sehr wahrscheinlich. Dass die restlichen Drachen in der Menschenwelt sind, ist allerdings sicher. Sternenstaubdrache hat es selbst erlebt. Ich weiß nicht, was das Ziel der Menschen ist, aber wenn sie jeden der fünf auserwählten Drachen an ihrer Seite haben, steht ihnen eine unvorstellbare Macht zur Verfügung. Damit könnten sie die Isekai und all ihre Bewohner auf einen Schlag auslöschen.“

Jesse schüttelte wirsch den Kopf. „Wenn das wahr wäre, hätten die Menschen diese Drachen im letzten Krieg schon gegen uns eingesetzt.“

„Nicht, wenn zwischen den Drachen und Menschen noch keine Verbindung bestanden hat. Ich glaube genau das war der Fall. Aber wie schon gesagt, sieht es jetzt anders aus. Ich bin mir sicher, zwei der Drachen stehen auf ihrer Seite.“

Angespannt atmete Haou aus, sein Blick glitt in die Ferne. „Das ist nicht möglich“ flüsterte er.

Nun war es an Jesse, seine Hand auf Haous Schulter zu legen. Sanft übte er Druck darauf aus. Zumindest diesen Teil schien er zu glauben, denn er war ungewöhnlich blass geworden. Sein Blick seltsam leer. „Wann hat dein Drache dir davon erzählt?“

Ich schluckte, mein Blut rauschte in meinen Ohren. Ihnen diese Wahrheit zu verschweigen, war sinnlos. „An dem Tag, als ich mich mit ihm verbunden habe. Dass zwei der Drachen auf ihrer Seite stehen, ist mir aber erst nach der Seelenbindung bewusst geworden.“

Haou zog seine Augenbrauen zusammen. Eher irritiert als wütend. „Das war es, was du mir verschwiegen hast? Das war die Wahrheit, die nicht in falsche Hände geraten sollte?“

Wieder schluckte ich. Mein Magen zog sich zusammen. Ich fühlte mich wie damals, auf der Reise zurück zum Palast. Und ich wusste nicht, wie ich ihm antworten sollte. Noch immer verschwieg ich ihm einen Großteil der Informationen, die ich an diesem Tag erhalten hatte. „Zum Teil, ja“ hörte ich mich plötzlich sagen.

Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Was weißt du noch? Du hast behauptet, es wäre zum Schutz unseres Landes, wenn du die Informationen verschweigst. Denkst du wirklich, es wäre nicht wichtig für unsere Zukunft, wenn wir davon erfahren?!“

„Nein, ich-“

„Und was ist mit dem Portal?“ unterbrach er mich. „War es eines in die Menschenwelt? War es das, was du geöffnet hast?“

„Nein.“

Plötzlich stand er auf, kniff die Augen zusammen und massierte sich mit einer Hand die Nasenwurzel. Ging dabei wenige Schritte durch den Raum. Er war verletzt und ich war schuld daran. Erneut schluckte ich den Kloß in meinem Hals hinunter. „Sprich weiter“ verlangte er leise, hatte mir dabei den Rücken zugedreht.

Ich nickte für mich selbst, senkte den Blick. „Seit ich vom Nebelberg zurückgekommen bin, habe ich manchmal… seltsame Träume. Zumindest dachte ich, ich würde träumen, bis mir vor einigen Tagen klargeworden ist, dass ich tatsächlich einen Blick in die Menschenwelt geworfen habe. Jedenfalls… bin ich in diesem Raum gewesen. Dort stand eine mannshohe Maschine, mit mehreren Schläuchen und etlichen Bildschirmen. Ich habe mich daran erinnert, dass mein Vater mich früher manchmal dorthin mitgenommen hat. Damals hat er mir einen Code gezeigt, der ihn zu seinem Lieblingsort geführt hat. Irgendwie… hatte ich das Gefühl, ich muss ihn eingeben. Beim ersten Mal habe ich es auch geschafft, nur beim zweiten Mal habe ich ihn nicht vollständig eingegeben, weil ich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden.“

„Du hast ihn zweimal eingegeben?“ fragte Jesse lauernd.

„Ja. Das erste Mal… war kurz vor meiner Schwertkampfprüfung, glaube ich. Als ich dann beim zweiten Mal wieder davon geträumt habe, war der Raum voller Menschen. Es wirkte so, als wäre der Code verloren gegangen, und ich habe ihn wieder eingegeben, als der Raum leer war. Nur eben nicht vollständig.“

„Und wann war das?“

„Hm… Ich bin im Krankenzimmer aufgewacht und Yugi war bei mir.“

„Also ungefähr eine Woche später“ murmelte Jesse gedankenverloren, sah mich dann direkt an. „Meinst du, die Menschen könnten den Rest selbst herausfinden?“

„Mit der Zeit, sicher. Deswegen wollte ich es euch erzählen.“

„Reichlich spät, meinst du nicht?“

„Entschuldigt, aber gestern waren wir wohl beide etwas abgelenkt.“

Er neigte den Kopf, lächelte sogar leicht. „Punkt für dich. Aber…“ Sein Blick wurde wieder ernst. „Ich glaube, als Haou dich damals gefunden hat, hast du etwas Ähnliches erzählt.“

„Was?“

Er nickte. „Du hast deinem Bruder irgendein Bild auf der Maschine zeigen wollen, oder so. Jedenfalls hast du etwas von einem Code erzählt, bevor du durch das Portal gestürzt bist. War es derselbe?“

„Ich denke schon“ erwiderte ich. An die Geschichte konnte ich mich gar nicht erinnern. „Zumindest kenne ich nur den einen.“

Endlich drehte sich Haou wieder zu uns. Dabei konnte ich schlecht erkennen, was im Moment in ihm vorging. Es war, als hätte eine Maske aufgelegt. „Dann wissen wir wenigstens, wo sich das Portal öffnen wird. Hoffentlich ist es nicht zu spät, immerhin ist der Vorfall schon Wochen her. Yubel soll Späher dorthin schicken, außerdem müssen wir so schnell wie möglich eine Versammlung einberufen. Die Drachen sind eine Bedrohung, der wir uns früher oder später stellen müssen.“

Jesse schnaufte. „Und was willst du erzählen? Nicht mal ich glaube alles an dieser Geschichte.“

„Den Teil mit der ‚Entstehung‘ unserer Welt lassen wir aus. Auch dass Yusei es war, der das Portal womöglich wieder geöffnet hat. Der Rest ist allerdings wichtig für die Schlacht, die kommen wird. Geht man nach der Prophezeiung der Weisen, bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Außerdem ist unser ursprünglicher Plan spätestens jetzt hinfällig.“

„Nicht zwingend. Yusei muss sein Drachenmal nur verbergen.“

„Das ist viel zu riskant“ wehrte Haou ab. „Wir können nicht riskieren, dass einer von ihnen in die Gewalt der Menschen gerät.“

„Er hat recht. Und wenn ich herausfinden konnte, dass sie ein Drachenmal besitzen, dann werden sie ebenfalls dahintergekommen sein.“

Jesse ließ sich wieder in die Kissen sinken, schloss frustriert seine Augen. „Verdammt!“

„Das kannst du laut sagen“ murmelte Haou, verschränkte dabei seine Arme. „Gibt es noch etwas, das wir wissen müssen?“ fragte er ernst. „Wo die übrigen Drachen sind, beispielsweise.“

„Übrige Drachen?“

Sein Blick wurde noch ein Stück strenger. „Du sagtest die Menschen hätten vier von ihnen entführt, ich frage gar nicht erst wie, aber damals gab es weit mehr als nur diese Drachen. Wo sind die übrigen?“

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Das konnte ich nicht ehrlich beantworten, ohne etwas vom Reich der Schatten zu erzählen und anlügen konnte ich ihn nicht. Also umschiffte ich die Frage. „Wie sie entführt worden sind, weiß ich nicht, glaubt mir bitte. Aber die Menschen haben nur diese vier Drachen, da bin ich sicher.“

Seine Augen versenkten sich für einen Moment zu schlitzen. Noch immer hatte er eine eiserne Maske aufgesetzt, doch für einen kleinen Moment schien sie zu bröckeln und ich erkannte die Enttäuschung in seinen Augen. „Ich werde alles in die Wege leiten“ sagte er plötzlich leise, drehte sich bereits zur Tür.

„Braucht Ihr Hilfe?“ fragte ich, bevor er gehen konnte.

„Nein. Ich… brauche nur einen Moment allein. Bis ich eine Wache für dich abgestellt habe, bleibst du bitte hier.“
 

Mit diesen Worten verschwand er, ohne dass ich ihm antworten konnte. Mein Herz zog sich zusammen, mein Magen verkrampfte. Mir war klar, dass er enttäuscht war. Schon damals hatte ich ihm die Wahrheit verschwiegen, und es dauerte Tage, ehe er akzeptieren konnte, dass ich dieses Geheimnis hüten musste. Letztendlich überwog sein Vertrauen, wofür ich ihm still dankte. Doch heute hatte er einen Teil dessen erfahren, was dieses Land bedrohte. Ich hatte schon die Gelegenheit diese Informationen zu verarbeiten, aber für ihn musste es viel gravierender gewesen sein. Schließlich war er der König. Er sorgte sich um dieses Land, um seine Bewohner, und fürchtete seit Jahren den Ausbruch eines neuen Krieges. Mit der Kenntnis um die Drachen und der gewaltigen Macht, die den Menschen nun zur Verfügung steht, hatte sich jedoch alles verändert. Ich konnte ihm nicht übelnehmen, sollte er sich von mir verraten fühlen. Doch hatte ich Atemu aus gutem Grund mein Wort gegeben. Er war loyal gegenüber unserem Land. Das wusste ich. Er würde nicht wollen, dass der Isekai etwas geschah. Er wachte seit 5000 Jahren über diese Welt. Und wenn er behauptete, dass diese Informationen geheim bleiben mussten, würde ich mich daran halten. Für die Sicherheit der Isekai. Auch, wenn es Haou verletzen sollte. Trotzdem konnte ich nichts gegen das Echo des Verrats in meinem Inneren ausrichten. Gegen die nagende Schuld, nicht eher etwas gesagt zu haben. Zumindest einen Bruchteil dessen, was ich wusste. Doch trotz all dieser Schuld in mir, fühlte ich mich leichter.

„Wir können von Glück reden, dass du damals in unserer Welt gelandet bist.“

Irritiert sah ich zurück zu Jesse. Sein Blick klebte an der Decke über uns, ohne sie überhaupt wahrzunehmen. „Wie meint Ihr das?“

„Wenn du wirklich die Wahrheit sprichst…“ Er schnaufte resigniert, ein Schmunzeln zupfte an seinen Lippen, doch es erreichte seine Augen nicht, als er zu mir sah. „Wärst du bei ihnen aufgewachsen, hätten sie die Portale viel früher öffnen können. Dann hätten wir erneut ihre Armee vor unseren Toren gehabt, noch dazu mit mindestens zwei Drachen, von denen wir nichts gewusst hätten. Allein das hätte die Moral unserer Truppen geschmälert. Aber jetzt wissen wir genauer, womit wir es zu tun bekommen. Und nicht nur das. Mit Sternenstaubdrache haben wir eine viel bessere Chance auf einen Sieg.“

„Hm.“ So hatte ich es nie gesehen.

„Haou beruhigt sich wieder“ sprach er weiter, starrte aber wieder Richtung Decke. „Auf diese Schlussfolgerung wird er auch noch kommen. Ich glaube am meisten nervt ihn die Tatsache, dass du von den Drachen seit Wochen wusstest.“

„Ich habe mein Wort gegeben, dieses Geheimnis zu wahren.“

„Warum sprichst du dann jetzt darüber?“

„Weil es erst jetzt die Sicherheit meiner Heimat gefährdet. Ohne einen triftigen Grund würden sich die Drachen nicht gegen die Isekai richten. Ein Auserwählter wäre so ein Grund. Deswegen habe ich ihm verständlich gemacht, dass ich mein Schweigen brechen musste, was den feuerroten Drachen betrifft.“

„Wem? Sternenstaubdrache?“

„Ja“ log ich schnell.

„Hm… Ob Regenbogendrache auch davon wusste?“

„Vielleicht.“

Langsam richtete er seinen Blick aus dem Fenster. Schwieg einige Herzschläge lang. „Wenn sie davon wusste, und all die Jahre nichts gesagt hat…“ Doch den Rest seiner Gedanken behielt er für sich.

Symbol der Verbundenheit

Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, tauchte den Himmel dabei in warme Farben. Der friedliche Anblick stand im Kontrast zu meinem rasenden Herzen. Meinem flachen Atem. Das Gebrüll meines Drachen ließ die Luft vibrieren und die Vögel in unserer Nähe panisch auseinanderstieben. Die Kräfte, die auf meinen Körper wirkten, drückten mich fast von seinen Schultern, doch neigte er sich in der Kurve, sodass ich sicher sitzen blieb. Bei seinen Manövern blieb mir nach wie vor die Luft weg, trotzdem konnte ich nichts gegen das Lächeln in meinem Gesicht machen. Oder gegen die Freude, die von Sternenstaubdrache ausging und unweigerlich auf mich übersprang. Yubel hatte ein kleines Grinsen aufgelegt, als sie aus den Wolken herausschoss. Sternenstaubdrache hatte es sich zum Ziel gesetzt sie zumindest einmal zu erwischen. Es war fast surreal, dass die beiden Fangen spielten, doch trainierte Yubel damit unsere Zusammenarbeit in der Luft und die Schnelligkeit und Wendigkeit meines Drachen. Außerdem lernte ich, wie ich mich im Flug bewegen musste, um nicht abzustürzen. Trotzdem kam ich langsam an meine Grenzen.

Als sie vor einigen Stunden in Jesses Krankenzimmer kam, wusste sie bereits alles, was ich Haou erzählt hatte. Entweder war sie tatsächlich weder überrascht noch beunruhigt, oder sie hatte es uns einfach nicht gezeigt. Statt nachzufragen, hatte sie stattdessen vorgeschlagen dieses Training mit uns zu starten. Seitdem waren wir in der Luft.

Als sie in diesem hohen Tempo eine scharfe Kurve flog, und über meinem Kopf in einen Gleitflug wechselte, schnaufte mein Drache frustriert. Dass sie weitaus wendiger war als er, konnte er nicht ändern. Noch hatten wir nicht herausfinden können, wie er sie dennoch erwischen würde. Zumindest auf gerader Fluglinie war er schneller als die Dämonin.

„Was haltet ihr von einer kleinen Pause?“ rief sie durch den Wind. Ich legte tröstend eine Hand auf seine Schuppen, nickte Yubel dabei zu. Irgendwann schaffen wir es schon.

Auf einem Berggipfel in der Nähe landeten wir. Als ich vom Rücken meines Drachen rutschte, sah ich mich um. Wir standen auf einer kleinen Ebene, ringsherum ragten einzelne Felsen in die Höhe, die den kalten Wind abschirmten. Davon abgesehen gab es hier nichts. Nicht einmal Pflanzen. Hier lebte sicher keine Seele. Eigenartige Stelle für eine Rast, es sei denn, sie will sicherstellen, dass uns niemand hört.

„Hast du die anderen Drachen gesehen?“

„Was?“ Perplex blinzelte ich, warf einen Seitenblick zu Sternenstaubdrache. „Wie meinst du das?“

„Du weißt, was ich meine“ erwiderte sie, verschränkte dabei ihre Arme. „Haou hat gesagt, dass es noch andere Drachen gibt. Und ich habe dich damals auf dem Nebelberg in ein Portal springen sehen. Ich will nur wissen, ob du sie gesehen hast.“

„Yubel…“

„Niemand wird uns hören. Und ich kann Geheimnisse für mich behalten, glaub mir.“

„Auch vor Haou?“

„Auch vor ihm.“

Die Ernsthaftigkeit, mit der sie sprach, ließ mich stutzen. „Du hast also auch Geheimnisse vor ihm?“

Sie seufzte leise, nickte. „Regenbogendrache konnte seine Gedanken nicht gänzlich vor mir verbergen. Einiges, was er mir damals offenbart hat, habe ich heute von Haou erfahren.“

„Du wusstest also von den Drachen?“

„Ja. Und ich habe mein Versprechen gegeben es niemals zu erwähnen. Nur war mein Drache nicht jenseits eines Portals. Also frage ich dich noch einmal: Hast du andere Drachen gesehen?“

Mist, ich dachte ich hätte sie von ihrer Frage abgebracht. „Was hat er dir noch erzählt?“

Sie hob skeptisch eine Augenbraue. „Ein Geheimnis für ein Geheimnis?“

„Genau. Nur unter der Bedingung, dass ich es nicht schon weiß.“

Einen Augenblick überlegte sie, dann schlich sich ein Schmunzeln auf ihre Lippen. „Na schön, aber es wird diesen Berg nicht verlassen, hast du mich verstanden?“

Ich nickte, also nahm sie es als Anlass weiterzusprechen.

„Es gibt eine Person, die über die Drachen wacht. Ich vermute, dass das Portal von damals zu dieser Person und damit auch zu den Drachen führt.“

Dann weiß sie von Atemus Existenz? Ein kleines Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Noch hatte sie meine Bedingung nicht erfüllt, doch das schien sie zu wissen.

„Du bist ihr begegnet, nicht wahr?“ fragte sie deshalb.

„Vielleicht.“

„Dann weißt du sicher auch, dass es sich bei diesem Mann um Haous Vorfahren handelt?“

Nun sah ich sie doch mit aufgerissenen Augen an. Atemu ist mit Haou verwandt?

„An deinem Pokerface solltest du arbeiten“ bemerkte sie amüsiert. „Nach der Gründung der ersten Stadt ist der König damals spurlos verschwunden und hinterließ seine Frau und seine beiden Töchter in dieser Welt zurück. Die älteste von ihnen wurde, ebenso wie Haous Vater, mit der Fähigkeit gesegnet Auren zu sehen. Sie war die erste Königin und legte den Grundstein für die Hierarchie und Politik in unserem Land.“

Gebannt lauschte ich ihren Worten, fragte mich aber, ob sie sich das gerade ausdachte, um an meine Informationen zu kommen. Doch Sternenstaubdrache zeigte mir Bilder aus seiner Erinnerung. Ich sah Atemu, in seinen Armen ein kleines Mädchen mit schwarz-violetten Haaren. Ihre Augen waren vom gleichen Ton wie seine eigenen. Er hob sie hoch, drehte sich mit ihr im Kreis. Sie lachte. Daneben stand eine bildhübsche Frau mit braunem Haar und strahlend blauen Augen, auch sie hatte ein Kind im Arm. Einen Säugling.

Stimmt. Atemu war zu dieser Zeit noch mit Sternenstaubdrache verbunden. Yubel sagt die Wahrheit.

„Jetzt bist du dran.“

Ich zögerte. Haderte mit mir, weil ich Atemu mein Wort gegeben hatte. Aber Sternenstaubdrache war einverstanden. „Ich habe nur einen Drachen gesehen“ antwortete ich schließlich wahrheitsgemäß. „Aber es gibt mehr von ihnen.“

„Werden sie uns helfen?“

Ihre Frage überraschte mich nicht. Es war die gleiche Frage, die ich Atemu einst gestellt hatte. „Ja. Aber nur, wenn alles andere scheitert. Die auserwählten Drachen sind zu wichtig, und niemand weiß, wie sich ihr Tod auf alles auswirken wird. Deswegen würde ich nichts davon im Rat erwähnen.“

„Hm.“ Ihr Blick senkte sich, wurde unergründlich. „Besser als nichts, schätze ich.“

Auch ich nickte. Irgendwie muss es einen Weg geben, der nicht in einem Krieg enden würde. Einen, in dem wir friedlich zusammenleben können. Auch wenn der Hass der Dämonen und Menschen noch so tief sitzt.

„Es wundert mich, dass es diesen feuerroten Drachen überhaupt wirklich gibt“ sagte sie, neigte dabei ihren Kopf auf die Seite. „Selbst mein Drache hielt es nur für eine alte Legende.“

Das ließ mich überrascht zu Sternenstaubdrache sehen. Dann war er älter als Yubels Drache?

„Wie dem auch sei, wir sollten zurückfliegen. Wenn wir erst nach Einbruch der Dunkelheit im Palast sind, dürfen wir uns beide die nächste Standpauke anhören.“

Ich schnaufte, mied ihren Blick. „Noch wütender auf mich kann er sicher nicht werden.“ Es war zum Haare raufen. Ich verstand den Grund seiner Wut, verstand warum er enttäuscht war, aber ich würde wieder so handeln.

„Jetzt hör auf Trübsal zu blasen.“

Überrascht sah ich wieder zu ihr. Wusste nicht, was ich erwidern sollte.

„Weißt du wie oft ich mich mit ihm in den letzten Jahren gestritten habe? Es braucht meistens nicht mehr als eine kleine Auszeit, und ein kurzes Gespräch. Ihr hattet diesen Streit schon einmal beigelegt, und schon damals ist seine Wut nach nicht mal zwei Tagen verschwunden. Was glaubst du wie es jetzt nach eurer Verbindung ausgehen wird?“

„Er hat tagelang nicht mit mir gesprochen“ berichtigte ich sie.

„Aber nicht weil er sauer war, sondern weil es für ihn wie gerufen kam, schließlich stand damals schon fest, dass Jesse sich von da an um dich kümmern sollte. Weißt du wie oft er mir wegen seines schlechten Gewissens die Ohren vollgeheult hat?“

Nun wusste ich gar nichts mehr zu erwidern. Jesse hatte mir bei seiner Entschuldigung im Krankenzimmer wohl nicht die ganze Wahrheit erzählt, oder er wusste es nicht. Doch Yubel war noch nicht fertig mit ihrer Standpauke.

„Jetzt zieh den Kopf aus dem Sand und rede mit ihm. Wenn du willst, kann ich dabei sein. Vor der Ratsversammlung solltet ihr diese Zankerei aus der Welt schaffen und als geschlossene Front auftreten.“

„Schon gut“ sagte ich, hob beschwichtigend die Hände. „Du hast recht. Ich rede mit ihm.“

„Hm.“ Ein triumphierendes Lächeln zierte ihre Lippen. Dezent schüttelte sie den Kopf, murmelte eher zu sich selbst: „Wenn es mit Haou nur auch so einfach wäre.“
 

~*~
 

Kurz nach Sonnenuntergang landeten wir auf dem Palastgelände. Durch die vielen Wolken, die die Sterne verdeckten, war der Platz pechschwarz. Einzig Sternenstaubdrache war in der Dunkelheit noch zu sehen, abgesehen von den Fackeln an den Gebäuden, die einen schwachen Schein auf die Wachen warfen. Noch vor ein paar Wochen wären sie zurückgewichen, sobald mein Drache auch nur zur Landung angesetzt hätte. Heute war es für sie schon fast Routine. Einige von ihnen nahmen ihn nur kurz zur Kenntnis und gingen weiter ihre Patrouille.

Doch eine der Wachen kam direkt auf uns zu. In einer Hand eine Fackel, die andere lag locker auf dem Knauf eines schmalen Schwertes.

„Zieh die Maske hoch“ murmelte Yubel leise, bevor ich die Wache erkennen konnte.

Ich zog das Tuch zur Hälfte über mein Gesicht, versteckte damit das Zeichen meiner Verbindung, und legte die Kapuze über meinen Kopf. Da hörte ich ein bekanntes, leises Lachen.

„Bei dem Schutzgeist hilft dir auch keine Verkleidung, Yusei.“

„Mai?“ hakte ich überrascht nach.

Als sie näher kam, strahlte mich tatsächlich das Grinsen der blonden Kriegerin an.

„Du hast deinen Posten verlassen“ bemerkte Yubel nüchtern.

Mai deutete eine Verbeugung in ihre Richtung an. „Das stimmt nicht ganz. Ich soll Yusei bei seiner Ankunft zu König Haou führen.“

Während die Gestalt meines Drachen verschwand, warf ich Yubel einen Seitenblick zu. Dann kam mir Haou wohl zuvor.

„Wo ist er?“ fragte Yubel.

„Im Thronsaal.“

Sie nickte knapp, machte sich bereits auf den Weg in den Palast.

„Darf ich ihn allein begleiten?“

Yubel drehte sich zu uns, sah von Mais Frage nicht minder irritiert aus als ich.

„Schon gut“ sagte ich. „Danke dir. Für alles.“

Einen Augenblick musterte sie mich, nickte. Dann breitete sie ihre Schwingen aus und verschwand in die Nacht.

Als wir uns in Bewegung setzten, sah ich Mai neugierig an.

Sie spürte meinen Blick, schmunzelte. „Ist nicht einfach dich in letzter Zeit allein zu erwischen. Wie läuft deine Ausbildung?“

„Bei Madame Tredwell?“ hakte ich nach.

Kurz sah sie mit erhobener Braue zu mir. „Wie viele hast du denn?“

„Aktuell nur die in Magiekunde. Welche hast du gemeint?“

„Ich dachte Meister Ares bildet dich zum Späher aus.“

„Ist abgebrochen“ antwortete ich nur knapp. Ganz leicht schwappte die Wut meines Drachen zu mir. Wenn er könnte, würde er den Altmeister in der Luft zerfetzen.

„Sag mal…“ setzte sie an, senkte aber ihre Stimme, als wir an den anderen Wachen vorbei in den Palast traten. „Es gibt Gerüchte, dass er dich angegriffen hat und jetzt im Kerker sitzt. Stimmt das?“

Ich wusste nicht, wie ich ihr antworten sollte. Sollte ich es verheimlichen? Die Gerüchte bestätigen? Keine Ahnung, ob diese Information unter Verschluss bleiben sollte. Doch mein Schweigen war ihr wohl Antwort genug.

„Yugi macht sich Sorgen um dich.“

„Ihr steht in Kontakt?“ fragte ich überrascht.

„Chaos stiften und duzende Gesetze brechen schweißt zusammen“ bemerkte sie amüsiert. „Manchmal laufen wir uns über den Weg, dann fragt er mich über dich aus. Seitdem Meister Ares euer Gespräch gesprengt hat, macht er sich permanent Sorgen um dich.“

Aus Verlegenheit konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, das unter meiner Maske verborgen blieb. Einmal mehr war ich froh darüber ihn als Freund zu haben. „Sag ihm, dass es mir gut geht. Wirklich gut. Um Meister Ares braucht er sich keine Gedanken mehr machen.“

Nun hatte ich ihre Frage doch beantwortet.

Plötzlich kam mir das letzte Gespräch mit Yugi wieder in den Sinn. Mittlerweile sollte er die Reise zum Nebelberg schon hinter sich haben. „Weißt du wie seine Schutzgeisterzeremonie lief?“

Ihr überraschter Gesichtsausdruck war mir Antwort genug, trotzdem schüttelte sie den Kopf. „Wusste nicht mal, dass sie ihm bevorsteht. Das erklärt auch, warum ich ihn ein paar Tage nicht gesehen habe, obwohl Mana sich dauernd in der Nähe rumgetrieben hat. Aber anmerken lassen hat er sich nach seiner Reise nichts.“

„Hm.“ Dieses Verhalten war für ihn nichts Ungewöhnliches. Allerdings sprach es dafür, dass er Erfolg hatte. Plötzlich wurde der Wunsch die beiden wiederzusehen größer. „Kannst du ihm etwas von mir ausrichten?“

„Klar, wenn ich ihn sehe.“

„Wenn sich der Trubel gelegt hat, werde ich mich wieder bei ihnen melden. Wir könnten uns am Tempel treffen. Bis dahin sollen sie sich bitte keine Sorgen um mich machen.“

„Ist sehr vage, aber okay.“

„Danke.“

Sie winkte ab. „Kein Problem.“

Mittlerweile waren wir in dem Gang, der zum Thronsaal führte. Zwei Wachen standen zu beiden Seiten an der massiven Tür.

„Verrätst du mir, was das mit der Verkleidung soll?“

Ich schnaufte belustigt. „Nein.“

Gespielt beleidigt plusterte sie ihre Wangen auf. „Dann nicht.“
 

Eine der Wachen löste sich von seinem Posten und kam auf uns zu. Mai gab ihm zu verstehen, dass sie den Befehl hatte mich zum König zu bringen und sie tauschten noch einige Sätze miteinander aus, während ich die plötzliche Nervosität in mir zu verbannen versuchte. Im nächsten Moment ging die Wache wieder zur Tür, um sie zu öffnen, Mai verabschiedete sich knapp.

Noch einmal atmete ich tief durch und trat über die Schwelle in den Thronsaal.

Haou war nicht allein. Drei Dämonen standen vor seinem Thron, redeten auf ihn ein. Doch so leise, dass ich kein Wort verstehen konnte. Als ich näherkam, drehte sich einer von ihnen zu mir, gab damit den Anblick auf Haou frei. Er sah genervt aus. Es dauerte einen Augenblick, bis ich den Dämon als eines der Ratsmitglieder erkennen konnte. Meister Reiji. Daneben stand Stone. Der letzte, der sich umdrehte, war Meister Gozaburo.

„Wir haben ausdrücklich angeordnet nicht gestört zu werden“ bemerkte letzterer in scharfem Tonfall.

„Es reicht!“ Die drei Meister sahen wieder zu Haou, der sich angespannt die Schläfe rieb. „Ich werde meine Entscheidung nicht ändern! Wir besprechen den Rest während der Versammlung, bis dahin sind es nur zwei Tage. Wenn ihr uns also entschuldigen würdet.“ Sein Blick ließ keinerlei Widerspruch zu.

Nur unwillig beugten sie sich seinem Befehl. Gozaburo warf mir im Vorbeigehen noch einen abschätzigen Blick zu, die anderen beiden liefen an mir vorbei, ohne mich anzusehen. Mit einer Handgeste bedeutete Haou auch den Wachen, dass sie sich zurückziehen sollten.

Ich wartete vor den wenigen Stufen, die zum Thron führten, bis alle verschwunden und die Tür geschlossen war. Erst dann richtete ich meine volle Aufmerksamkeit auf meinen König, legte dabei Kapuze und Maske ab. Er sah müde und abgespannt aus. „Alles in Ordnung?“ fragte ich besorgt.

Doch er winkte ab. „Die Hälfte des Rats geht mir auf die Neven wegen Ares. Die Gesetzeslage ist für sie eindeutig, deswegen reden sie auf mich ein, damit ich ihn aus dem Kerker entlasse.“

„Ihr habt sie also nicht eingeweiht?“

„Nein. Sie werden es früh genug erfahren. Außerdem wollte ich mich jetzt nicht allein mit ihnen herumschlagen.“

Dezent nickte ich. Versuchte das ungute Gefühl in meinem Magen zu verdrängen. Die Ratsversammlung war notwendig, doch spukte der Ausgang der letzten noch immer in meinem Kopf herum.

„Wie war dein Ausflug mit Yubel?“

„Gut. Ehrlich gesagt hat ihr Training wirklich Spaß gemacht. Vor allem Sternenstaubdrache. Auch wenn es ihn nervt, dass er sie nicht zu fassen bekommt.“

Das zauberte ein kleines Lächeln auf Haous Lippen.

Auch wenn die Unterhaltung mich meine Nervosität kurz hat vergessen lassen, konnten wir sie nicht ewig aufschieben. Also atmete ich tief durch, erklomm die letzten Stufen. „Ihr habt Mai nach mir schicken lassen“ bemerkte ich dabei.

Das Lächeln verblasste. „Ja.“

„Ich habe Euch enttäuscht.“

„Hast du.“ Langsam stand er auf.

„Ihr fühlt Euch von mir verraten.“

„Das stimmt.“ Er überbrückte die Distanz zwischen uns, kam mir ganz nah. Doch ich wich nicht zurück.

„Euch ist klar, dass ich mein Wort halten werde? Mehr kann ich zu dieser Angelegenheit nicht sagen, auch wenn ich Euch mehr vertraue als jedem anderen.“

Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut. „Ich weiß.“

Ein angenehmes Kribbeln legte sich auf meine Haut. Ich hielt die Luft an, sah das Gold seiner Augen, sah den fließenden Strom in ihnen. „Verzeiht Ihr mir?“ hauchte ich.

Statt seine Antwort zu hören, spürte ich seine warmen Lippen auf meinen. Spürte, wie er sie sanft gegen meine bewegte. Dass er diesen Streit so schnell beilegen konnte, überraschte mich, wie es mich auch erleichterte.

Ich seufzte leise, intensivierte den Kuss und spürte seine Finger, die durch mein Haar fuhren. Legte meine Hand auf seine Brust. Eine kleine Ewigkeit genossen wir einfach die Nähe des anderen. Widerwillig löste er unseren Kuss und lehnte seine Stirn an meine. Sah mir bis auf den Grund meiner Seele und löste damit einen angenehmen Schauer in mir aus.

„Ich würde dich gern dabeihaben“ sagte er leise.

Es dauerte einen Augenblick, bis ich seine Bitte verstanden hatte. „Meint Ihr die Ratsversammlung?“ hakte ich nach.

„Mhm.“ Sanft legte er seine Lippen auf meine Stirn, seufzte.

Für einen Moment schloss ich meine Augen und kostete die vertraute Berührung aus.

„Jetzt, wo wir miteinander verbunden sind, hast du ohnehin einen Platz im Rat inne.“

Irritiert blinzelte ich, suchte seinen Blick. Was hat er gesagt?

Mein Gesichtsausdruck ließ ihn schmunzeln. „Natürlich nur, wenn du willst.“

„Die anderen werden diesem Vorschlag nie zustimmen“ wandte ich ein. Ich hatte nur wenige Ratsmitglieder hinter mir. Soviel ich wusste, war für eine Aufnahme in den Rat eine nahezu einstimmige Abstimmung nötig.

Doch das amüsierte Lächeln in seinem Gesicht wuchs. „Es wird keine Abstimmung geben. Der Platz an meiner Seite ist dein Recht, auch wenn diese alten Greise es gern anders hätten. Außerdem…“ Das Lächeln wuchs zu einem Grinsen. „Würde ich zu gern ihre Gesichter sehen, wenn wir es verkünden. Und dabei hätte ich dich gern an meiner Seite. Und wir müssen uns ohnehin beraten, wie wir die Informationen über die Menschen und ihre Drachen weitergeben. Wir unterstützen uns. Einverstanden?“

Ich spürte meinen Herzschlag deutlich, lächelte ungläubig. Vorher hatte ich nie wirklich realisiert, dass diese Verbindung unsere Beziehung in der Öffentlichkeit veränderte. Jeder würde von nun an sehen, dass ich zu ihm gehöre. Und er zu mir. Ich lachte leise, legte meine Hand an seine Wange. „Als ob Ihr fragen müsstet.“ Dann zog ich ihn zu mir, vereinte meine Lippen erneut mit seinen und spürte sein Lächeln. Mein Herz klopfte wild in meiner Brust. Noch zwei Tage, dann müsste ich mich nicht mehr verstecken. Dann könnte ich das Zeichen unserer Verbindung endlich mit Stolz tragen, statt es zu verbergen.

Ich schlang meine Arme um seinen Hals, seufzte zufrieden. Und spürte, wie er seine um meine Taille legte. So glücklich wie in diesem Moment war ich nur während des Blutmondes. Mein Hirn war wie benebelt. Langsam strichen meine Hände über seine Schultern, über seine Brust, seine Flanken, bis zu seinem Rücken. Sein leises Brummen war wie Musik in meinen Ohren.

Hinter seinem Rücken legte ich ungeduldig meine Armschienen ab, ließ sie unbeachtet zu Boden fallen. Dann folgten meine Handschuhe. Vom störenden Stoff befreit fuhr ich wieder über seine weiche Kleidung. Ließ meine Finger bedächtig über seinen Körper wandern, während ich mich endgültig in dem Kuss verlor. Der Druck seiner Arme um meine Taille erhöhte sich, leise seufzte er. Ich nahm es als Anlass weiterzumachen und nestelte am Verschluss seines Umhangs.

Gerade als dieser zu Boden fiel, löste Haou plötzlich den Kuss und ich stieß ein unwilliges Brummen aus, was ihn zu amüsieren schien. Er nahm mein Gesicht in seine Hände, legte einen Kuss auf meine Stirn. Dann sah er mich mit einem seligen Lächeln an. Strich dabei hauchzart über meine Wange, zu meinem Kiefer. Immer an dem goldenen Mal entlang. „Auch wenn ich liebend gern wissen würde, wie weit du gegangen wärst, sollten wir hier eine Pause machen, meinst du nicht?“

„Warum?“

Wieder lachte er. „Wäre es dir wirklich recht, wenn wir weiter machen, und jemand kommt durch diese Tür?“ Mit einem Kopfschwenk deutete er auf den Eingang des großen Saals, vor dessen Türen noch immer mehrere Wachen warteten.

Ich brummte unwillig, doch das Herzklopfen blieb.

Aber es reichte ihm als Antwort. „Außerdem will ich dir noch etwas geben.“

Meine Hände ruhten nach wie vor auf seiner Brust und mir war, als würde sein Herz noch schneller schlagen, als er in seine Gürteltasche griff, um eine kleine, goldene Schatulle zum Vorschein zu bringen. Irritiert beäugte ich sie, als er sich von mir löste und sie öffnete. Den Inhalt jedoch vor mir verbarg.

Er suchte meinen Blick. Schluckte. „Weißt du, was der sehnlichste Wunsch meines Vaters war?“ begann er. Ich blinzelte perplex, verneinte. Also sprach er weiter, fuhr sich dabei durchs Haar. „Dass ich jemanden finde, der mir genauso viel bedeutet, wie meine Mutter ihm bedeutet hat. Eine Person, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte.“ Ein schiefes Lächeln zierte seine Lippen. Er wirkte seltsam nervös. „Mit dir hat sich sein Wunsch erfüllt.“

Ich schluckte trocken, spürte meinen Herzschlag deutlich. Doch ich wusste nicht, was ich erwidern sollte. „Haou…“ setzte ich an.

„Warte. Ich… Lass mich zuerst etwas sagen, okay?“

Also schwieg ich. Nickte.

Tief atmete er durch. „Ich weiß, dass ich mich immer auf dich verlassen kann. Das hast du mir so oft bewiesen. Und ich will, dass du weißt, dass auch ich immer an deiner Seite sein werde. Egal was der Rat sagt, was mein Volk sagt, oder Jesse und Yubel. Von nun an gehöre ich dir, verstehst du?“

Sanft nahm er meine linke Hand in seine. Ich spürte das leichte Zittern seiner Finger, spürte die Wärme in meinem Gesicht. „Ich liebe dich, Yusei. Und ich vertraue dir. Also… nimm ihn bitte an.“

Metall streifte meine Haut. Dann nahm er meine Hand höher und ich sah wie gebannt auf das schlichte, goldene Schmuckstück, dass meinen Ringfinger zierte. Sanft hielt er meine Hand fest, drückte sie leicht, als er weitersprach. „Eigentlich hatte ich viel früher vorgehabt ihn dir zu geben, immer kam mir etwas dazwischen. Er hat einst meiner Mutter gehört, und ist das Gegenstück zu dem Ring, den ich am Finger trage. Deswegen…“ Wieder atmete er tief durch. „Es ist sicher albern, schließlich tragen wir beide das Zeichen der Seelenbindung. Aber es würde mich glücklich machen, wenn du ihn annimmst.“

Mein Kiefer bebte. Ich entzog ihm meine Hand, legte meine Arme stattdessen um seinen Hals und versteckte mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Schluckte. Mit den Gefühlen, die in mir tobten, wusste ich nicht umzugehen. Als er seine Arme um mich legte und mich sanft an sich drückte, beruhigte sich der Sturm in mir. Im Augenwinkel blitzte das Gold des Ringes auf. Plötzlich musste ich lächeln, blinzelte den Schleier der aufkommenden Tränen beiseite. Nun war es offiziell. Das Glück, dass ich empfand, war noch größer als am Abend des Blutmondes.

„Ist das ein Ja?“ fragte er scherzhaft.

Ich lachte gegen seine Haut, nickte, weil ich meiner Stimme nicht trauen konnte. Schließlich löste ich die Umarmung ein Stück, um meine Lippen auf seine zu legen. Als ich den Kuss löste, strich er mir zärtlich über die Wange. Lächelte dabei glücklich.

„Ich liebe Euch“ brachte ich nun doch über meine Lippen, was sein Lächeln noch wachsen ließ.

Von diesem Moment an war es mir egal, wer durch die Tür kommen würde. Dieses Glück konnte mir niemand mehr nehmen.

Gossip

Unsere Schritte hallten von den Kerkerwänden wider. Immer wieder warf ich meinem Freud einen unauffälligen Seitenblick zu, doch die Maske, der er aufgesetzt hatte, verbarg seine wahren Gefühle. Als wir von den patrouillierenden Wachen unbeobachtet waren, nahm ich seine Hand in meine. Übte sanften Druck aus. Für einen Augenblick bröckelte die Maske und ich sah seine Nervosität deutlich. Seine Anspannung in jedem Schritt.

„Sicher, dass du allein mit ihm reden willst?“ hakte ich nach.

Jesse atmete tief durch, nickte. „Er wird bereitwilliger reden, wenn wir allein sind. Du kannst draußen warten. Theoretisch solltest du unser Gespräch mit dem Siegel hören können.“

„Na schön.“

Nun war er es, der meine Hand fester drückte. Ein kleines Lächeln legte sich auf seine Lippen, auch wenn es seine Augen nicht erreichte. „Er wird mir nichts antun.“

„Davon bin ich vor ein paar Tagen auch noch ausgegangen“ murmelte ich.

„Selbst wenn. Pib ist von ihm getrennt und sein Schutzgeist ist kein Problem für mich. Außerdem ist der mächtigste Schild der Welt nur eine Tür weit von mir entfernt.“

Ein verhaltenes Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen. Sein Vertrauen ehrte mich, trotzdem wollte ich ihn nicht allein mit Ares lassen. Ich blieb stehen, wollte seine Hand am liebsten festhalten. Doch wir waren an unserem Ziel angekommen.

Ein letztes Mal nickte er, dann verschwand die Wärme seiner Hand und mit einem Knarzen der Tür blieb ich allein in den steinernen Fluren zurück. Ich brachte das Pergament mit dem vorgefertigten Siegel an der Tür an, ließ etwas von meiner Magie darin einfließen. Solange ich es berührte, sollte ich nun alles hören können, was darin vor sich ging. Doch herrschte Stille. Kurz fragte ich mich, ob es an dem Zauber lag, aber dann erklang Jesses Stimme, als würde er direkt vor mir stehen.

„Was hast du dir dabei gedacht?“

Ein Schnaufen, das Klirren von Metall. Wohl seine Fußfessel, die über den Boden schleifte. „Das gleiche könnte ich dich fragen. Bei dem Angriff im Wald warst du beteiligt, oder nicht?“

„Du hast versprochen ihn zu trainieren, nicht zu foltern“ wich er seiner Frage aus.

„Ich habe mein Wort gehalten. Er hat Fortschritte gemacht, bis auf seine Magie.“

Mein Kiefer spannte sich an. Ich schluckte das Knurren hinunter. Bei dem, was die Späherin berichtet hatte, konnte man sein Vorgehen kaum als Training bezeichnen. Allein das würde ich ihm nie verzeihen.

„Seltsam. Mein Training bei dir verlief anders.“

„Du bist auch kein niederes Insekt.“

Bastard.

Ein Seufzen war zu hören. Ob von Ares oder Jesse, konnte ich nicht deuten.

„Was ist wirklich dein Problem?“ fragte Jesse plötzlich.

„Ich habe Sorge wie viel Einfluss dieses Monster auf unseren König hat.“

„Monster?“ hakte Jesse nach und sprach damit meinen Gedanken aus. „Wann hat er sich je wie ein Monster verhalten? Nervtötend, vielleicht, aber nie bösartig.“

Selbst nervtötend konnte ich nicht nachvollziehen.

„Man kann den Menschen nicht trauen!“ rief er plötzlich. „Dieser Wicht ist der Sprössling vom Mörder deiner Mutter, hast du das vergessen?! Sie war das erste Opfer dieser Monster!“

Moment, was?! Yuseis Vater soll Jesses Mutter getötet haben? Wie kommt er darauf? Und wo nimmt er die Beweise dafür her? Hunderte Fragen spukten in meinem Kopf, während in der Zelle Stille herrschte. Dann hörte ich wieder Jesses Stimme.

„Nein, ich habe es nicht vergessen… Aber Yusei war zu diesem Zeitpunkt vielleicht drei Jahre alt. Er ist ganz sicher nicht dafür verantwortlich.“

„Das Blut eines Mörders fließt durch seine Adern! Er ist ebenso ein Monster wie seine Sippe!“

„Yusei ist hier aufgewachsen. Er betrachtet dieses Land als sein zuhause, das weißt du genau.“

„Und wenn er in diese verdammte Menschenwelt zurückkehrt?“ fragte er. Unterdrückte dabei nicht den Zorn in seiner Stimme.

„Dir ist sicher sein Mal aufgefallen. Glaubst du wirklich, er würde uns jetzt noch verraten?“

„Die Bindung muss bei ihm nicht denselben Effekt haben“ beharrte er. „Er ist nicht wie wir.“

Jesse seufzte. „Nein. Denn er hat es nach 150 Jahren geschafft, sich mit einem Drachen zu verbinden. Und das haben in der gesamten Geschichte nur die geschafft, die diesem Land treu ergeben waren.“

Ares schnaufte, doch schwieg.

„Mutter hätte nicht gewollt, dass dein Hass dich zerfrisst.“

Ares‘ folgende Worte waren kaum zu verstehen. Ich legte mein Ohr an die schwere Holztür, auch wenn es nichts brachte. „Meine Schwester wäre noch am Leben, wären sie nicht gewesen.“

„Ich weiß. Der Krieg hat unzählige Opfer gefordert, aber das ändert nichts daran, dass Yusei zu jung war, um irgendeinen Einfluss auf die Geschehnisse damals gehabt zu haben.“

Ganz so stimmte das nicht. Immerhin wussten wir schon lange, dass Yusei es war, der das letzte Portal geöffnet hatte. Nur nicht, dass er es versehentlich wieder getan hatte.

„Wer ist eigentlich die verdammte Seele, die jetzt das grausame Schicksal ereilt hat an ihn gebunden zu sein?“

„Kannst du dir das nicht denken?“

Ich schluckte. Morgen Mittag würden wir es dem Rat mitteilen. Aber vor der Bekanntmachung war es heikel, diese Information in Umlauf zu bringen. Außerdem hätte ich Ares‘ dummes Gesicht gern gesehen, wenn er es erfährt.

Die Stille der Zelle kam mir unerträglich laut vor. Zu gern hätte ich gewusst, was dort geschah. Aber alles, was ich hören konnte, war mein laut pochendes Herz.

„Ich habe kein vergleichbares Mal gesehen“ antwortete Ares schließlich. Geräuschvoll atmete ich aus. Dann hat er keine Verbindung zu mir gezogen, weil mein Mal auf meinem Schulterblatt aufgetaucht ist.

Jesse erwiderte nichts darauf. Nur Schritte waren zu hören.

„Es tut mir leid, aber ich musste es tun.“

Ich stutzte. Ares war zu einer aufrichtigen Entschuldigung fähig? Meint er damit den Angriff auf Jesse?

„Und ich musste dich aufhalten“ erwiderte dieser leise. Seine Stimme klang dumpf. Wie abgeschirmt, durch eine Schicht Stoff. Seine nächsten Worte waren wieder deutlich. „Ich hab dich lieb. Trotzdem kann ich dein Verhalten nicht gutheißen. Oder verstehen. Dein Temperament hat dich in eine unmögliche Lage gebracht, und ich kann dir nicht mehr helfen.“

„Du sprichst so endgültig. Ich kenne mein Verbrechen, aber im schlimmsten Fall verliere ich meinen Sitz im Rat. Sprich nicht, als würde es meinen Tod bedeuten.“

Wäre ich es nicht, der nun mit Yusei verbunden war, hätte er recht. Anscheinend ahnte er tatsächlich nichts.

„Wann wird diese Farce hier enden? Selbst König Haou kann mich bei dieser Gesetzeslage nicht ewig einsperren.“

„Er könnte dich so lange einsperren, wie es ihm gefällt. Dich schützt nur dein Posten, und ob du den behältst, zeigt sich nach der Versammlung.“

Wieder sagte er ihm nur die halbe Wahrheit. Ares brummte leise, dann hörte ich wieder das schleifende Metall seiner Fußfessel.

„Ich werde den Menschen zu einer Waffe formen, die uns von Nutzen sein wird. Dieser lächerliche Versuch mit der Seelenbindung wird daran nichts ändern. Wenn er dann seine Mission erfüllt hat, können wir endlich wieder in Frieden leben.“

„Bis auf Yusei“ merkte Jesse an.

Ares verneinte die Aussage nicht einmal. Alles was er sagte war: „Er wird bekommen, was er verdient.“

Wieder spannte sich mein Kiefer an. Diese Aussage war so vage formuliert, dass man alles hätte interpretieren können. Doch ich war mir ganz sicher, was Yusei blühen würde. Er hatte es nie klar gesagt, aber er würde Yusei töten, wenn alles vorbei wäre. Mein aufgeregtes Herz war das Einzige, das ich wahrnahm. In der Zelle herrschte eine bedrückende Stille. Bis ich Schritte hörte. Dann Jesses Stimme.

„König Haou wird es nicht zulassen, das weißt du so gut wie ich. Bitte überdenke deine Entscheidungen.“ Seine folgenden Worte waren nur ein Hauch. Ich war mir nicht einmal sicher, ob Ares sie verstehen würde. „Vielleicht gibt es dann noch Hoffnung für dich.“

Im nächsten Moment bewegte sich der Knauf der Tür und ich machte Platz, damit Jesse auf den Gang treten konnte. Doch er zögerte, und drehte sich noch einmal zu seinem Onkel. „Leb wohl.“

Als das Schloss eingerastet war, lehnte sich Jesse seufzend an die Tür. Ich legte eine Hand auf seine Schulter, doch schwieg. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, um ihn aufzumuntern. Denn Fakt war, dass ich Ares dafür bestrafen würde. Ihn bestrafen musste. Und Jesse war sich dessen bewusst. Ich war nur erleichtert, dass Ares Jesse nicht verraten hatte. Hätte er den Wachen gesagt, dass Jesse ihn ebenfalls attackiert hatte, wäre es meine Pflicht gewesen, ihn ebenfalls einzusperren. Dann wäre sein Posten als Berater ebenfalls hinfällig gewesen. Doch mit dem Angriff auf Jesse waren sie wohl seiner Ansicht nach wieder quitt.
 

Langsam setzten wir uns in Bewegung, um den Nebenkomplex zu verlassen. Jesse starrte trübselig zu Boden, sagte nichts. Er hatte sich mit Ares‘ Schicksal abgefunden, so wie sich sein Abschied angehört hatte. So sehr ich den Altmeister im Moment verabscheute, hatte ich doch Mitleid mit Jesse. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie er sich jetzt wohl fühlen musste. „Hast du Lust auf einen Ausritt?“ versuchte ich ihn aufzumuntern.

Es entlockte ihm ein belustigtes Schnaufen. Sogar ein kurzes Lächeln. „Im Gegensatz zu dir reite ich nur, um an mein Ziel zu gelangen.“

„Es ist sehr befreiend“ hielt ich dagegen.

Doch er schüttelte den Kopf, als wir auf das Gelände traten. „Lass mal, es geht mir gut.“

„Lügner.“

Er verdrehte die Augen, konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Hast du nicht noch was anderes zu tun?“

„Nein, heute nicht. Meine Pflichten habe ich bis auf morgen verschoben. Heute bin ich nur dafür da, dich zu nerven.“

„Großartig“ sagte er sarkastisch. Doch das sanfte Lächeln verriet mir, dass es ihn freute. „Wo hast du Yusei heute eigentlich gelassen?“

„Bei Madame Tredwell.“

„Wie macht er sich?“

„Wohl ganz gut. Sie hat angedeutet, dass sie sich deine Bitte zu Herzen nimmt.“

„Welche Bitte?“ fragte er perplex.

„Runenmagie.“

„Ach das. Das war mehr Yuseis Vorschlag. Im Kampf ist es praktischer wenigstens einige Runenzauber zu beherrschen. Kann er sie mittlerweile deaktivieren?“

„Hat er damit Probleme?“ fragte ich verwirrt. Er hatte es nicht erwähnt, allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, dass es schwer ist, keine Magie mehr in die Rune zu führen.

Ein belustigter Laut entkam ihm und er nickte, als wir den Palast betraten. „Er hat den Feuerzauber nach dem Angriff nicht abbrechen können und den Runenstein einfach fallen gelassen. Das Gesicht der einen Wache hättest du sehen sollen. Rubin hat alles verfolgen können.“

Auch ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. „Das hätte ich gern gesehen.“

Ich konnte nicht verhindern, dass meine Gedanken wieder zu ihm schweiften. Ob er es inzwischen gelernt hat? Sein Magiefluss hat sich schließlich gewandelt. Es war sicher schwer für ihn, sich umzustellen. Und sicher faszinierend, ihn dabei zu beobachten.

„Willst du zu ihm?“

„Hm?“ Jesse sah mich offen an, wartete auf meine Antwort. Natürlich wollte ich bei Yusei sein, aber heute musste ich für Jesse da sein. Weil er mich brauchte. Darum schüttelte ich den Kopf. „Schon gut, das kann ich auch an einem anderen Tag sehen. Was willst du machen? Ist schon eine Weile her, seit wir das letzte Mal beide einen freien Tag hatten.“

„Hm. Ein bisschen Entspannung wäre mal ganz gut. Aber vorher würde ich selbst gern bei Yusei Mäuschen spielen.“

„Du willst dich doch nur über ihn lustig machen“ bemerkte ich belustigt.

Ein freches Grinsen war seine Antwort. „Vielleicht ein bisschen.“
 

Kurz darauf waren wir an Madame Tredwells Lehrkammer angekommen. Als ich klopfte, und die Tür sich öffnete, betrachtete ich verdutzt mein Gegenüber. Es war weder die Hofzauberin noch Yusei oder Yubel.

„Seid gegrüßt, mein König“ ertönte die sonore Stimme von Meister Mahad, während er sich verbeugte. Seine Augen waren freundlich, als er beiseitetrat, um uns einzulassen.

Yusei schien uns gar nicht bemerkt zu haben, denn er saß konzentriert der Hofzauberin gegenüber und hatte die Augen geschlossen. Dass seine Hand in Flammen stand, sollte mich nicht wundern, trotzdem setzte mein Herz bei diesem Anblick einen Schlag aus.

„Madame Tredwell hat mich dazu gezogen, um ihn in Runenmagie zu unterweisen“ erklärte Mahad leise. „Aber keine Sorge, ich werde Euer Geheimnis hüten.“

Ich nickte, dann erst bemerkte ich Yubel, die Yuseis Training mit verschränkten Armen und an einer Wand angelehnt beobachtete. Die Zauberin hätte diesen Vorschlag nicht eigenmächtig umgesetzt. Ob sie die Erlaubnis meiner Wächterin eingeholt hat?

Mahad ging gemächlich auf die beiden zu und blieb hinter Madame Tredwell stehen. „Lass ihn los“ sagte er.

Yusei zog seine Augenbrauen tief in sein Gesicht, kam der Aufforderung allerdings nach. Augenblicklich erlosch die Flamme in seiner Hand und ein kleiner Stein rollte über den Boden. Er seufzte frustriert.

„Versuch es noch einmal. Nur stell dir dieses Mal das Gefühl vor, das du hattest, als du die Verbindung zu dem Stein abgebrochen hast, und übertrage es auf deinen Magiefluss. Du musst ihn, wenn du so willst, metaphorisch fallen lassen.“

„Okay.“

Madame Tredwell beugte sich vor und legte den Stein wieder in Yuseis Hand. Er atmete tief ein, dann flackerte wieder das Feuer in seiner Hand, das sich bis über seinen Unterarm ausbreitete. Meister Mahad nickte für sich selbst. „Gut so. Jetzt lass los.“ Nur einen Moment später erlosch das Feuer tatsächlich.

„Ausgezeichnet“ kommentierte Madame Tredwell, was Yusei neugierig seine Augen öffnen ließ. Ein kleines Schmunzeln huschte über seine Lippen, doch dann flammte das Feuer erneut auf und Yusei zog erschrocken die Luft ein, ließ den Stein reflexartig fallen.

Das amüsierte Glucksen neben mir ignorierte ich dabei.

Plötzlich hob Yusei seinen Blick und traf dabei auf meinen. Ich lächelte ihm aufmunternd entgegen, was er erwiderte. In diesem Moment neigte auch die Hofzauberin ihren Kopf in unsere Richtung. „Mein König“ sagte sie überrascht und erhob sich. Dabei verfiel sie für einen Augenblick in eine eigenartige Schonhaltung. „Was kann ich für Euch tun?“

„Nichts, es ist alles gut. Ich war nur neugierig und wollte sehen, wie das Training läuft.“

„Es geht voran. Magie, egal welches ihrer Gebiete, lässt sich nur langsam erlernen.“ Kurz sah sie zu Yusei zurück, schmunzelte sacht. „Auch wenn ich glaube, dass ihm Insignienmagie viel leichter fällt.“

Meister Mahad trat an ihre Seine, konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. „Er hatte erst drei Mal Unterricht in Runenmagie. Gebt ihm Zeit.“

Sie ließ das unkommentiert, verneigte sich knapp. „Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich Meister Mahad zu Rate gezogen habe? In runenbasierter Kampfmagie ist er versierter, als ich es bin.“

„Kein Problem“ winkte ich ab, sah dann weder zu Yusei. „Was hast du für ein Gefühl?“

„Bezüglich was?“ hakte er verwundert nach.

„Dein Training.“

Er zuckte mit den Schultern. „Alles, was ich vor dem Blutmond trainiert habe, kann ich wieder vergessen.“

Ich blinzelte verdutzt, da schaltete sich Madame Tredwell wieder ein. „Seine Magie hat sich völlig verändert. Dadurch fällt es ihm schwer sie zu dosieren. Durch seinen Schutzgeist und seine neue Veranlagung sind seine Reservoirs sogar noch größer als unsere.“

Überrascht legte ich die Stirn in Falten. Größer als die der Hofzauberin?

„Das bringt mir nur nichts, wenn ich sie nicht kontrollieren kann.“

„Es braucht Zeit und Training“ erwiderte Meister Mahad, sah dann wieder zu Madame Tredwell. „Ich würde gern etwas probieren. Dafür brauche ich einen Moment allein mit ihm, wenn Ihr gestattet.“

Unschlüssig biss sie sich auf ihre Unterlippe, nickte schließlich.

Das war auch für mich das Zeichen mich von ihm zu verabschieden, also schenkte ich Yusei ein warmes Lächeln und zog mich zurück. Yubel machte allerdings keine Anstalten die Lehrkammer zu verlassen. Als ich durch die Tür trat, stand sie noch so da, wie vor einigen Minuten, und rührte sich nicht. Einzig Jesse und die Zauberin folgten mir.

Die Tür fiel ins Schloss und Jesse richtete sich an Madame Tredwell. „Dann hat er wirklich seine eigene Veranlagung entwickelt?“

„Ja, und auch wenn er es anders sieht, lernt er erstaunlich schnell damit umzugehen. Gebt ihm ein paar Jahrzehnte Training, dann wird er vielleicht schon auf einem Level mit meiner Magie sein.“

Verwirrt sah ich zwischen den beiden hin und her. Eben dachte ich noch, Yusei hätte Schwierigkeiten bei seinem Training. Diese Aussage wollte nicht dazu passen.

Madame Tredwell sah mir die Verwirrung scheinbar an. „Zuvor dachte ich, Yusei hätte seit dem Blutmond einfach mehr Zugang zur Magie seines Drachen. Aber anscheinend hat er durch den Blutaustausch und die daraus resultierende Zellveränderung eine eigene, mächtige Veranlagung entwickelt. Vergleichbar mit der Eurer Mutter. Das, mit der Magie seines Drachen, wird ihn eines Tages mächtige Zauber wirken lassen, da bin ich sicher.“

Endlich dämmerte mir sein eigentliches Problem. „Deswegen kann er die Runenzauber nicht abbrechen?“

Sie nickte. „Sobald er sich auch nur für eine Sekunde auf die Rune konzentriert, lässt er versehentlich Magie darin einfließen. Glücklicherweise kennt er bisher nur die Feuerrune, sonst wäre das Tragen seiner Ausrüstung sicher problematisch.“

Wieder lachte Jesse neben mir und ich betrachtete ihn mit erhobener Augenbraue. „Ach komm schon“ sagte er amüsiert, bekam dabei das Grinsen nicht aus seinem Gesicht. „Die Vorstellung, wie Yusei versehentlich als menschliche Fackel durch das Schloss läuft, ist Euch eben nicht gekommen?“

Prompt hatte ich das Bild in meinem Kopf, doch ich fand es weniger lustig als vielmehr beängstigend. „Keine Feuerrunen in seiner Rüstung“ fasste ich das Problem zusammen und Madame Tredwell nickte.
 

~*~
 

„Wohin gehen wir eigentlich?“ fragte Jesse, als wir das Außengelände des Schlosses betraten.

Gerade wich ich einem Bediensteten aus, der durch den voll beladenen Korb in seinen Händen kaum etwas sehen konnte. Erschrocken betrachtete er mich, doch ich lief einfach weiter. „Es wäre wohl kaum eine Überraschung, wenn ich es jetzt verraten würde.“

Skeptisch beäugte er mich, bohrte aber nicht weiter nach. Eigentlich hasste er Überraschungen, aber über diese wird er sich sicher freuen. Heute Morgen hatte ich extra einige Bedienstete losgeschickt, um alles vorzubereiten.

„Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn wir uns einfach in den Salon zurückziehen und dort etwas entspannen.“

„Glaub mir, du kannst dich entspannen. Die letzten Wochen waren stressig, deswegen lassen wir uns heute mal verwöhnen.“

Da er schwieg, sah ich kurz zu ihm, entdeckte den leichten Rotschimmer auf seinen Wangen. Doch ich verwarf die Grübelei darüber, was er wohl gerade dachte. Seufzte lautlos. Wenn ich so etwas früher gesagt hatte, endete der Abend fast immer in meinem Bett. Vielleicht sollte ich in nächster Zeit auf meine Wortwahl achten. Unnötig verletzen wollte ich ihn schließlich nicht.
 

~*~
 

„Nicht dein Ernst“ sagte er kurze Zeit später verblüfft. Lächelte ungläubig. „Ich dachte du weigerst dich, den öffentlichen Betrieb zu schließen.“

„Das wird sich so schnell auch nicht wiederholen, aber im laufenden Betrieb ist es unmöglich für mich hierherzukommen. Stell dir die Zahl an Wachen vor, die es bräuchte, um alles zu beobachten.“

Das Grinsen in seinem Gesicht wuchs, während er die warme, feuchte Luft einatmete. Sein glückliches Gesicht ließ mich schmunzeln. Vor dem Krieg war er hier, wann immer es seine Zeit zuließ. Ich konnte den heißen Quellen nicht ganz so viel abgewinnen. Auch, weil der Aufwand für die Königsfamilie immer so groß war. Die Anlage bestand aus dem Haupthaus, mit seinen vier großen Quellen, und mehreren kleineren Quellen im Außengelände. Aus offensichtlichen Gründen konnte ich heute nur die überdachten Quellen nutzen, auch wenn der Wind bei einem so heißen Bad sehr angenehm war.
 

Langgezogen seufzte Jesse, als er sich tiefer ins Wasser sinken ließ, und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Bis auf die Größe der Bäder konnte man diesen Luxus auch im Palast genießen, trotzdem bevorzugte er diesen Ort. Wie oft lag er mir in den Ohren, dass ich ihn hier hin begleiten sollte?

Langsam ließ ich mich ebenfalls ins Wasser gleiten, doch nicht so tief wie Jesse. Wie kann er die Hitze so lange aushalten? Mir reicht das Wasser schon bis zur Brust.

„Mann, siehst du entspannt aus“ kommentierte er sarkastisch. Grinste dabei.

„Haha, sehr witzig. Gibt’s hier ein Becken, dass nicht ganz so heiß ist?“

„Nein. Du gewöhnst dich schon dran. Versuch es einfach.“

„Wenn du meinst“ murmelte ich, lehnte mich dabei zurück. Verdammt, ist das warm.

Ich legte die Arme am Beckenrand ab, seufzte, und schloss meine Augen. Eine Weile lauschte ich nur dem Plätschern des Wassers, genoss die feuchte Luft. Von der Temperatur abgesehen, konnte ich diesem Ort langsam etwas abgewinnen.

„Was glaubst du wann sie die Schwangerschaft bekannt gibt?“

Ich legte die Stirn in Falten und warf ihm einen Seitenblick zu. Er hat es auch bemerkt? „Sehr weit wird sie noch nicht sein.“

„Weit genug, dass man die Anzeichen sehen kann. Ob es von Lyman ist?“

„Ich glaube, er ist der Einzige, der als Vater in Frage kommt. So oft wie die beiden ihre Zeit verbracht haben? Wie kommst du eigentlich darauf?“

„Ich habe mich nur gefragt, wie lange sie Yusei noch trainieren kann. Aber anscheinend übernimmt bald Meister Mahad.“

„Sie hat ihn nur zu Rate gezogen“ berichtigte ich ihn.

Er zuckte mit den Schultern, verschränkte seine Hände hinter dem Kopf. „Fürs erste. Darum die Frage, was du davon hältst.“

„Dritter Monat“ riet ich nun doch ins Blaue.

Doch Jesse schnaufte nur amüsiert. „Wollen wir wetten, dass sie schon weiter ist? Ich sag mindestens vierter.“

„Um was?“

Sein schelmisches Grinsen wuchs. „Das übliche?“

Auch ich grinste und schlug ein.
 

Als er einmal untertauchte und die Quelle weiter genoss, konnte nicht verhindern, dass meine Gedanken zum morgigen Tag abschweiften. Wie der Rat wohl reagieren wird? Sie mussten es ohnehin akzeptieren, also sollten sich die Einwände in Grenzen halten. Viel mehr nervte mich die Sache mit Ares. Das würde eine längere Diskussion werden. Yusei und Meister Nate hatten mich bereits darauf hingewiesen, dass Ares gezögert hatte, als das Mal zum Vorschein kam. Möglicherweise muss ich diese Tatsache als mildernden Umstand mit einbeziehen.

„Du grübelst zu laut.“

Überrascht sah ich zur Seite. Jesse hatte die Augen geschlossen und war fast bis zur Nasenspitze untergetaucht. Bei der Hitze. Der ist doch wahnsinnig.

Kurz hob er seinen Kopf und sah mich an. „Was ist los?“

„Nichts“ log ich, mied seinen Blick und sah stur auf das Wasser. Er war die letzte Person, mit der ich über das Strafmaß reden konnte.

Sanfte Wellen bewegten sich über die Oberfläche, Wasser plätscherte neben mir. Ich spürte eine Berührung an meinem Arm. „Haou…“

Ich seufzte, erwiderte seinen Blick. Mit dem Ellbogen hatte er sich am Becken abgestützt und sich mir vollends zugewandt. Sein Kopf war in seine Hand gebettet. Da fiel mir tatsächlich etwas ein, was ich ihn noch fragen wollte. „Was hat es mit der Geschichte auf sich, dass Yuseis Vater deine Mutter umgebracht hat?“

Verdutzt blinzelte er, schwieg einen Moment. „Das ging dir durch den Kopf?“ fragte er zweifelnd.

„Ja. Schon seit dem Kerker.“

„Okay? Ich dachte das hätte ich dir mal erzählt.“

Ich hob eine Augenbraue, schüttelte den Kopf. Daran würde ich mich definitiv erinnern.

„Als dein Vater damals erfahren hat, dass in den Grenzlanden Fremde aufgetaucht sind, hat er doch einen Erkundungstrupp zusammengestellt, weißt du noch? Meine Mutter war in dem Gebiet auf Forschungsreise, also hat mein Onkel darauf bestanden mitzukommen und selbst nach dem Rechten zu sehen. Als er angekommen ist… Naja, du kennst den Rest. Jedenfalls hat er angenommen, dass meine Mutter von dem Menschen getötet wurde, der von oben bis unten voll mit Dämonenblut war. Und dieser Mensch sah Yusei ziemlich ähnlich. Und als Yusei damals erzählt hat, dass seine Eltern in dieser Welt gestorben sind, hat er eins und eins zusammengezählt.“

„Aber es ist nur eine Vermutung.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wie viel an der Sache dran ist. Man kann schwer eine Leiche befragen.“

„Und wegen dieser Theorie hasst er Yusei so sehr?“

„Naja…“ setzte er an, senkte dabei den Blick. „Nicht nur er, wenn ich ehrlich bin. Bis vor einiger Zeit konnte ich ihn deswegen auch nicht leiden. Das hat sich erst geändert, als ich ihn nicht mehr auf Abstand halten konnte. Aber an die Theorie meines Onkels glaube ich bis heute.“

Ich wusste darauf nichts zu erwidern, sah ihn nur verwirrt an, bis er seinen Blick scheu hob.

„Ich hab wirklich gedacht, dass ich dir das damals erzählt habe.“

„Nein. Und selbst wenn es wahr wäre…“

„Ich weiß. Yusei hatte mit der ganzen Sache nichts zu tun, aber er war ein praktischer Sündenbock. Tut mir echt leid.“

„Huh…“ Ich war sprachlos. Das erklärte seine abweisende Haltung Yusei gegenüber. Diesen Groll musste er über all die Jahre in sich getragen haben. Und Ares hatte dieser Hass zerfressen. Langsam ergab alles Sinn.

„Bist du sauer?“

„Auf dich? Nein. Eher… verwirrt? Keine Ahnung.“

Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Plötzlich verstand ich Jesses abweisende Haltung. Aber ob Yuseis Vater nun ein Mörder war oder nicht, machte keinen Unterschied für mich.

„Du nimmst die Nachricht ziemlich gefasst auf“ bemerkte Jesse.

Ich schnaufte amüsiert. „Welche?“

„Die Theorie meines Onkels.“

„Weil es nichts daran ändert, was aus Yusei geworden ist.“ Langsam öffnete ich die Augen. Lächelte. „Niemand hat Einfluss darauf, in welche Familie er geboren wurde. Wichtig ist, was man aus seinem Leben macht. Yusei ist warmherzig, liebevoll, mutig und klug. Mich interessiert seine Abstammung herzlich wenig, wie du weißt.“

„Stimmt auch wieder“ erwiderte er seufzend und ließ sich wieder ins Wasser gleiten. „Spätestens seit der Sache mit Sternenstaubdrache hab ich es auch begriffen.“

„Besser spät als nie“ gab ich amüsiert zurück.

Er grinste nur, sank bis zur Nasenspitze ins Wasser, nur um gleich wieder bis zum Kinn aufzutauchen. „Übrigens hat er sich wirklich verändert.“

„Was? Wer denn?“

„Mein Onkel.“

„Wie kommst du jetzt darauf?“

„Weißt du noch, wie dein Vater seine Aura beschrieben hat?“

Dunkel flammte eine Erinnerung auf, aber ich konnte sie nicht greifen. Also verneinte ich.

„Yusei meinte seine Aura war grün, mit rot versetzt, richtig? Damals war es aber violett, statt rot.“

In meinen Erinnerungen kramte ich nach der Bedeutung der Farben. Grün stand als Hauptton für Ruhe. Ein violetter Nebenton für Verschlossenheit und Unnahbarkeit, während Rot für Wut und Aggression stand. „Ergibt Sinn“ murmelte ich, sah im Augenwinkel, wie Jesse sich zurücklehnte.

„Wie seine Aura wohl aussieht?“

Ein sanftes Lächeln bildete sich auf meinen Lippen. Dazu hatte ich meine ganz eigene Theorie.

Verkündung

Mit jedem Schritt, den wir in Richtung des Saals gingen, wuchs die Anspannung in mir. In wenigen Minuten würde ich mit den Altmeistern zusammensitzen, die dafür gestimmt hatten, mich Ares zu überlassen. Die von Beginn an gegen meine Existenz in dieser Welt waren. Und Haou würde ihnen verkünden, dass ich von heute an, an seiner Seite bleiben werde. Im Prinzip stellte es einen Schlag in ihre Gesichter dar. Ein kleiner Teil von mir war neugierig auf ihre Reaktionen, ein größerer Teil jedoch sehnte nur das Ende der Ratsversammlung herbei. Den Punkt, an dem unsere Verbindung akzeptiert werden, und so etwas wie Normalität einkehren würde.

Angespannt atmete ich aus, spürte im nächsten Moment eine warme Hand, die meine umschloss. Haltsuchend erwiderte ich die Berührung, sah aber weiter stur geradeaus. Haou wirkte schon den ganzen Morgen nicht halb so angespannt wie ich. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er sich auf die Zusammenkunft freute.

„Bist du bereit?“ fragte er schließlich, als wir vor einer großen Tür zum Stehen kamen. Leise konnte ich Stimmen dahinter ausmachen.

Ich zog die Maske aus meinem Gesicht, atmete tief durch und erwiderte seinen Blick. „Nein.“

„Noch kannst du umkehren. Ich werde auch allein mit ihnen fertig.“

Doch ich schüttelte den Kopf, drückte seine Hand fester. „Ich werde an Eurer Seite bleiben.“

Ein kleines Schmunzeln zupfte an seinen Mundwinkeln. Seine freie Hand legte sich auf meine Wange, strich mit dem Daumen sanft über das Mal in meinem Gesicht. Das Gold seiner Augen strahlte mir warm entgegen. Die hauchzarte Berührung seiner Lippen auf meinen milderte die Anspannung in mir. „Dann lass uns ihre Welt in ihren Grundfesten erschüttern.“

Es entlockte mir ein kleines Grinsen und ich nickte. Zog das Tuch wieder höher, um das Zeichen unserer Verbindung vorerst zu verstecken, so wie Haou es gesagt hatte. Und mit schnell schlagendem Herzen trat ich an seiner Seite durch die Tür.

Die Gespräche ebbten ab, alle Augen waren auf König Haou gerichtet, der an der Stirnseite der langen Tafel Platz nahm. Ich schluckte trocken und steuerte den Stuhl zu seiner linken an, hinter dem Jesse auf mich wartete. Nervös ballte ich meine Hände zu Fäusten, spürte den Ring, den ich von Haou erhalten hatte, und der mich auf seltsame Weise beruhigte. Immer mehr Augenpaare wanderten zu mir, Getuschel war zu hören, doch nichts, das ich verstehen konnte.

Schließlich war es Meister Gozaburo, der sich an den König wandte. „Was hat er hier zu suchen? Die Ratsversammlung ist nur für Mitglieder, nicht für Menschen.“

„Er ist ein wichtiger Zeuge“ schaltete sich Meister Nate ein. „Schließlich hat er den Angriff von Meister Ares aus erster Hand erlebt.“

„Dafür drohen Ares trotzdem keine Konsequenzen. Der einzig wichtige Zeuge ist Meister Jesse und er ist anwesend.“

„Er bleibt“ bestimmte Haou ernst, sah Gozaburo dabei fest in die Augen. „Ihr könnt Euch weiter aufregen und die Sache in die Länge ziehen, oder Ihr haltet Euch an meinen Befehl.“

Leise brummte der Altmeister, lehnte sich dann aber zurück und schwieg.

Haou nahm es als Anlass weiterzusprechen. „Bevor wir über das Strafmaß von Ares reden, solltet ihr eine Sache wissen.“

Mein Herz machte einen Satz, schlug laut und schnell in meiner Brust. Der Moment war gekommen.

„Ares wollte Yusei gewaltsam aus dem Palast zerren“ sprach er mit unterdrücktem Groll weiter. „Ihr glaubt sicher nach der letzten Abstimmung wäre sein Verhalten rechtens gewesen, doch zu diesem Zeitpunkt war Yuseis Seele an die eines andern gebunden.“

„Was?!“ kam es wie aus einem Mund von mehreren Altmeistern gleichzeitig. Haou sah zu mir und nickte. Ich versuchte nicht an dem Kloß in meinem Hals zu ersticken und zog die Maske aus meinem Gesicht. Zeigte ihnen so das Mal und den Beweis, dass Haou die Wahrheit sprach.

„Ist das auf Eurem Mist gewachsen?“ japste Crowler an Nate gewandt.

Doch dieser verneinte. Stattdessen meldete sich Madame Tredwell zu Wort. „Das Ritual verlief unter meiner Vorbereitung und Überwachung.“

„Ihr?“ hauchte Meister Reiji fassungslos. „Was ließ Euch denken, dass das eine gute Idee wäre?“

Sie seufzte leise. „Ich stehe zu meiner Entscheidung und bereue mein Verhalten nicht, falls Ihr darauf hinauswollt.“

Im Augenwinkel beobachtete ich Haou, der ein kleines Lächeln aufgelegt hatte. Stolz meinte ich in seinen Augen zu erkennen. Stolz und Dankbarkeit.

„Ich verstehe den Sachverhalt noch nicht ganz, mein König“ meldete sich eine Stimme zu Wort. Der Dämon mit dem brünetten Haar und den zweifarbigen Augen war mir bis eben nicht aufgefallen. Im Gegensatz zu den anderen Altmeistern schien er weder besorgt noch wütend. Eher irritiert.

„Valon hat recht“ pflichtete ihm Meister Drake bei. „Selbst wenn seine Seele an jemanden gebunden ist, greifen die Gesetze nicht bei ihm. Seine Rechte wurden ihm abgesprochen.“

Das Lächeln auf Haous Lippen wuchs, was die Meisten Dämonen am Tisch zu irritieren schien. Wie auf Stichwort tauchte Jesse in meinem Blickfeld auf und legte ein abgegriffenes Buch auf den Tisch. Schlug es in der Mitte auf. Haou sah zu seiner rechten. „Meister Stone, würdet Ihr mir den Gefallen tun, und den gekennzeichneten Text vorlesen?“

„Ähm… Ja, selbstverständlich.“ Er nahm den Wälzer an sich, räusperte sich, und begann zu lesen. „Werden zwei Seelen aneinander gebunden, so sind ihre Schicksale untrennbar miteinander verwoben. Gebundene Seelen mit Gewalt zu trennen ist strengstens untersagt und wird mit dem Aufenthalt im Kerker von wenigstens 50 Jahren, im Sonderfall mit dem Tod bestraft. Die einzige Ausnahme dieser Regel ist ein Verbrechen, begangen von einer der gebundenen Seelen selbst. Sonderfälle gelten dann, wenn eine der Seelen an ein hochrangiges Mitglied des Palastes gebunden ist.“

Haou hob die Hand, unterbrach Stone mit dieser Geste, und sah in die Runde. „Erkennt ihr nun Ares‘ Verbrechen?“ hakte er nach.

Meister Reiji räusperte sich dezent. „Nicht ganz, mein König. Wie Drake schon gesagt hat, wurden dem Menschen seine Rechte entzogen. Selbst mit der Seelenbindung hat er nicht dieselben Rechte wie ein Dämon. Das Einzige, was er damit erreicht hat, ist, dass ein anderer Dämon leidet.“ Streng war sein Blick auf mich gerichtet, doch ich hielt ihm stand.

„Meine Rechte wurden mir entzogen, weil ich ein Mensch bin, oder?“

„Richtig. Und das Gesetz der Seelenbindung gilt nur für Dämonen.“

Haou schnaufte. „Habt Ihr in diesem Text ein einziges Mal etwas von Dämonen gehört?“

Irritiert sah Reiji von mir zu Haou, dann zu Stone, der noch einmal die Zeilen überflog und dezent den Kopf schüttelte.

„Worauf wollt Ihr hinaus?“ hakte Meister Gozaburo nach.

Doch Meister Nate war es, der an Haous Stelle antwortete. „Erkennt Ihr es wirklich nicht? Bei einer Seelenbindung kommt es nicht darauf an, ob es ein Dämon oder ein Mensch ist, der sie eingeht. Es ist die Verbindung zweier Seelen. Ganz gleich welchem Stand oder welcher Abstammung sie angehören.“

„Das ist doch Haarspalterei“ hielt er dagegen, was Haou freudlos lachen ließ.

„Ironisch, nicht? Dasselbe habe ich zu Euren Argumenten gesagt und seht, wozu es geführt hat.“

„Woher wissen wir, ob er überhaupt eine Seele hat?“

„Sternenstaubdrache ist der beste Beweis dafür, meint Ihr nicht?“

Wieder brummte er unwillig, presste seine Zähne aufeinander. „Schön“ zischte er in meine Richtung. „Nehmen wir an, dieses eine Gesetz gilt in seinem Fall. Ares wusste nichts davon und wollte nur sein Eigentum wieder an sich nehmen. Das ist kein Verbrechen.“

Kurz bedachte ich ihn mit einem vernichtenden Blick. Ich bin kein Schwert, dass Ares versehentlich verloren hat.

„Ich muss Meister Gozaburo zustimmen“ wandte Crowler ein. „Es rechtfertigt nicht seinen Aufenthalt im Kerker.“

Haou sah zu dem Altmeister. „Doch. Und zwar, wenn es ein hochrangiges Mitglied des Palastes ist, der sich mit Yusei verbunden hat.“

In einigen Gesichtern begann es zu arbeiten. Meister Reiji wurde ganz blass. „An wen hast du deine Seele gebunden?“ fragte er mich direkt.

Ein kleines Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen, als ich den Ring an meinem Finger drehte. Meinen Worten würde er vielleicht nicht glauben, deswegen hob ich meine Hand ein Stück an und zeigte ihm das Schmuckstück, dass ich von Haou erhalten hatte. Kurz sah ich zu ihm. Sah das sanfte Lächeln auf seinen Lippen, das kaum ein anderer erkennen konnte. Den liebevollen Ausdruck in seinen Augen. „An mich“ erklang seine Stimme. Die Ernsthaftigkeit und der Stolz, der in seiner Stimme mitschwang, ließen mein Herz höherschlagen. Endlich war es raus. Endlich musste ich mich nicht mehr verstecken. Mussten wir uns nicht verstecken. Mein Lächeln wurde noch etwas breiter, als ich in die Gesichter der übrigen Anwesenden blickte, und auch Haou erging es ähnlich. „Deswegen sitzt Yusei heute hier“ fügte er hinzu, bedachte jeden einzelnen mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldete. „Und deswegen wird er diesem Rat auch in Zukunft beiwohnen. Seine neue Stellung ist der Grund dafür, dass Ares jetzt im Kerker sitzt. Der Angriff auf Yusei ging auch gegen mich, und darauf steht die Todesstrafe.“

Die Stille, die sich im Raum ausgebreitet hatte, war ohrenbetäubend.

Meister Damian versuchte erfolglos ein Grinsen zu verstecken und hielt die flache Hand zu Meister Nate, der dezent mit den Augen rollte und ihm etwas zusteckte. Drei Meister, die Madame Tredwell gegenübersaßen, starrten sie ungläubig an, doch es schien sie nicht zu kümmern. Der Blick von Meister Reiji haftete noch immer auf meinem Ring.

Im nächsten Moment prasselten so viele Stimmen auf mich ein, dass ich keine von ihnen verstand. Ärger, Unverständnis, Verzweiflung, Angst. All diese Gefühle waberten durch den Raum und ließen meinen Kopf förmlich zerspringen. Es waren nicht nur ihre Gefühle, die ich spüren konnte. Zahllose Farben fluteten den Raum, jede gehörte zu einem anderen Dämon, doch ich konnte sie kaum voneinander trennen.

Erst, als ich eine warme Hand auf meiner Schulter spürte, kniff ich die Augen zusammen und schüttelte die Eindrücke ab. Blinzelte irritiert. Die Stimmen waren noch da, doch die Schemen waren fort. „Setz die Fähigkeit lieber nicht bei mehreren Dämonen gleichzeitig ein“ murmelte Jesse dicht an mein Ohr, lehnte sich dann wieder zurück.

„Seid still!“

Auf Haous Machtwort hin, verstummten die Altmeister.

„Ich bin nicht der erste meiner Blutlinie, der das Ritual abgehalten hat“ erinnerte er sie. „Mein Großvater hat seine Seele auch an die eines anderen gebunden.“

„Eines Dämonen“ wandte Gozaburo ein. „Seid Ihr Euch der Konsequenzen wirklich bewusst?“

Scharf sah Haou ihn an. „Ich bin kein kleines Kind, dem Ihr eine Standpauke halten könnt. Natürlich ist mir bewusst, was es für mich bedeutet. Meine Entscheidung war lange überlegt, und ich bereue sie nicht. Mehr werde ich zu dieser Angelegenheit nicht sagen.“

„Aber König Haou.“

„Nein, es reicht! Ihr könnt unsere Entscheidung nicht rückgängig machen. Findet Euch von heute an damit ab, dass Yusei im selben Rang steht wie ich.“

Überrascht warf ich ihm einen Seitenblick zu. Ich hatte angenommen, dass ich nun im selben Rang wie die Ratsmitglieder stehen würde, aber nicht, dass ich Haou in seiner Stellung als König ebenbürtig wäre. Trocken schluckte ich.

Gozaburo lachte freudlos. „Ein Mensch auf dem Thron? Wir können-“

„Wenn ich noch einmal das Wort ‚Mensch‘ höre, fliegt derjenige aus der Versammlung.“

„Zumal ich mir nicht sicher bin, ob er überhaupt noch gänzlich einer ist“ fügte Meister Nate an. Bei den irritierten Blicken der anderen Altmeister fuhr er weiter aus. „Seit der Seelenbindung hat sich sein Körper verändert. Seine Zellen, seine Magie, seine Fähigkeiten. Er ist sogar in der Lage Auren zu sehen und diese Fähigkeit war bisher nur der königlichen Blutlinie vorbehalten.“

„Er ist zum Dämon geworden?“ fragte Meister Drake zweifelnd.

„Nicht gänzlich, nein. Aber er wirkt auch nicht vollkommen menschlich.“

„Wenn er die Fähigkeit erhalten hat, hat ein Blutaustausch stattgefunden, oder?“ hakte Valon nach.

Haou nickte.

Meister Nate wandte sich ihm zu. „Wenn man es so sieht, fließt königliches Blut durch seine Adern.“

Eine seltsame Art es so zu sehen.

Plötzlich stieg die Angst im Raum spürbar an. Ich konnte es in ihren Gesichtern lesen. „Ich bin immer noch ich“ warf ich deshalb ein und zog die Aufmerksamkeit der Dämonen wieder auf mich. „Meine Magie ist vielleicht stärker geworden und ich habe diese Fähigkeit erhalten, aber deswegen habe ich mich nicht verändert. Weder von mir noch von Sternenstaubdrache geht irgendeine Gefahr aus.“

„Das würde ich an seiner Stelle auch behaupten.“

„Hütet Eure Zunge“ erwiderte Haou dunkel. Funkelte Gozaburo finster an. „Das war Eure letzte Warnung.“

Alle Anwesenden schwiegen, selbst der alte Dämon, der sich eben noch ein Blickduell mit Haou geliefert hatte, senkte den Blick.
 

„Wir müssen überlegen, wie wir es dem Volk verkünden werden“ meldete sich Madame Tredwell zu Wort. „Sie sollten es so bald wie möglich erfahren.“

Meister Stone räusperte sich. „Die effizienteste Möglichkeit wäre eine Rede vom Hauptbalkon, der zum Hof führt. Mit einem Stimmverstärkungszauber hallt die Ansprache bis über den gesamten Markt. Das Volk in der Hauptstadt dort zu versammeln wäre kein Problem, und die umliegenden Städte und Dörfer werden durch Boten informiert.“

„Wie lange brauchen die Vorbereitungen?“ hakte Haou nach.

„Morgen wäre alles bereit.“

Überrascht wanderte mein Blick von Stone zu Haou, der nur knapp nickte.

Mein Herz machte einen Satz. Morgen schon? Beim Gedanken daran, vor tausende Dämonen zu treten, drehte sich mir der Magen um. Kann es nicht einfach schon vorbei sein? Ich fühlte mich definitiv nicht bereit dafür.

Als ob er meine Gedanken gehört hätte, sah Haou zu mir. Warm floss das Gold seiner Augen, während er mich musterte. „Ist das in Ordnung für dich?“

Ich schluckte trocken, doch nickte, ohne darüber nachzudenken. Eigentlich wollte ich den Tag der Verkündung so schnell wie möglich hinter mich bringen. Auf der anderen Seite freute ich mich, dass ich von diesem Tag an offiziell zu Haou gehören würde. Selbst die Angst vor der Reaktion des Volkes rückte immer weiter in den Hintergrund.

„Dann beginnt mit den Vorbereitungen“ wies Haou seinen Berater an.

Dieser nickte. „Selbstverständlich, mein König.“ Ihm war anzusehen, dass er nicht gänzlich überzeigt von meiner Verbindung mit Haou war, aber was sollte er schon tun? Um etwas auszurichten war es längst zu spät, das konnte man auch den übrigen Altmeistern vom Gesicht ablesen.
 

„Dann bleibt noch die Verurteilung von Ares“ bemerkte Nate und sah kurz in die Runde. „Wir sollten besprechen, wie wir damit verfahren.“

Haou schnaufte. „Er hat seinen eigenen Neffen betäubt, einen Drachen gewaltsam unterdrückt und Yusei angegriffen, als er bereits an mich gebunden war. Ich verstehe nicht, was es da zu besprechen gibt!“

„Natürlich ändert die Seelenbindung sein Strafmaß“ lenkte Meister Reiji ein, sah den König dabei durchdringend an. „Aber wie Meister Gozaburo schon sagte, Ares wusste nichts davon. Zur Last gelegt werden kann ihm nur der Angriff auf seinen Neffen. Ein Ausschluss aus dem Rat erscheint mir da angebracht.“

„Ist das Euer Ernst?“ hakte Haou mit dunkler Stimme nach. „Es bleibt eine Straftat. Ob er nun davon wusste oder nicht.“

Meisterin Kurozaki faltete betreten ihre Hände auf der Tischplatte, sah Haou dabei unschlüssig an. „Aber er ist die einzig lebende Familie Eures besten Freundes. Wollt Ihr ihn für diesen Fehler wirklich hinrichten lassen?“

„Dass er Jesses Onkel ist, ist der einzige Grund, warum er überhaupt noch am Leben ist.“

„Bedenkt bitte, dass Ares der Krone immer treu ergeben war“ warf Meister Stone ein. „Wenn er von der Seelenbindung gewusst hätte, wäre es nie so weit gekommen.“

„Ach ja?“ Haou strafte seinen Berater mit einem eiskalten Blick „Mit Sicherheit kann das niemand sagen. Was wäre passiert, wenn Yusei sich nicht hätte wehren können? Wenn Jesse Rubin nicht hätte rufen können, um ihn zu schützen? Dann hätte Ares Yusei entführt, Mal hin oder her. Dann wäre Sternenstaubdrache wieder versiegelt gewesen. Glaub Ihr allen Ernstes Ares hätte Yusei geglaubt an wen er sich gebunden hat?“ Er bedachte jeden am Tisch mit einem ernsten Blick. „Er hätte ihn zurück in die Wälder geschleift und gefoltert. Spätestens dann wäre jeder von Euch der Meinung gewesen, dass der Kerker ein zu gnädiges Schicksal ist.“

„Aber er hat gezögert, als er das Mal gesehen hat“ hielt Meister Reiji dagegen und sah zu mir. „So ist es doch, oder nicht?“

„Er war davon abgelenkt“ verbesserte ich ihn. „Ob er nur überrascht war oder die Tragweite verstanden hat, kann ich nicht sagen. Im nächsten Moment war er bewusstlos.“

„Und er will Yusei auch jetzt noch zu einer Waffe formen. Obwohl er von der Seelenbindung weiß.“

„Was macht Euch da so sicher, mein König?“

Ein leises Räuspern ließ mich den Kopf über die Schulter neigen. Jesse sah angespannt auf die Tischplatte, atmete tief ein. „Ich kann bestätigen, dass mein Onkel gestern davon gesprochen hat.“

„Obwohl er weiß, dass es König Haou ist, mit dem sich Yusei verbunden hat?“ fragte Meister Valon fassungslos.

„Dieses Detail habe ich ihm vorerst verschwiegen.“

Ein Knall ließ alle Anwesenden zusammenfahren. Haou war aufgestanden und hatte seine flache Hand auf die Tischplatte geschlagen. „Es tut nichts zur Sache, ob ihm bewusst ist, dass Yusei an mich gebunden ist oder an jemand anderen! Er wird immer eine Gefahr für ihn sein, und das lasse ich nicht zu! Ihm nur den Sitz im Rat zu nehmen ist in Anbetracht seiner Verbrechen lächerlich! Er schreckt nicht mal davor zurück seinen eigenen Neffen anzugreifen, warum sollte er vor Yusei Halt machen?!“

„Haou…“ Beruhigend legte ich ihm meine Hand auf den Unterarm. Spürte das leichte Zittern, dass durch seinen Körper ging. So wütend hatte ich ihn noch nie gesehen.

„Was würdet Ihr tun?“ erklang plötzlich Madame Tredwells Stimme.

Ich hatte bei ihrer Ansprache angenommen sie würde mit Haou reden, doch sie sah mich an und wartete auf meine Antwort. „Ich?“ vergewisserte ich mich irritiert.

Sie nickte. Auch die Blicke der übrigen Anwesenden wanderten zu mir, während Haou sich wieder setzte. „Alle Argumente für eine Verurteilung liegen auf dem Tisch. Und mit der neuen Stellung und dem Titel, der damit einhergeht, seid Ihr befugt selbst ein Urteil zu fällen. Also, was würdet Ihr tun?“

„Ehm…“ Ich war verwirrt. Zum einen wegen ihrer Frage, zum anderen wegen ihrer förmlichen Ansprache und der Andeutung eines neuen Titels. Auch den übrigen Altmeistern schien es so zu gehen, sahen sie doch ebenso irritiert zu der Hofzauberin.

Es entlockte ihr ein kleines Schmunzeln und sie richtete sich an Meister Damian. „Liege ich etwa falsch?“

„Nein“ erwiderte er perplex, sah zu Haou und mir, dann zurück zu Madame Tredwell. „Ihr habt ganz recht, meine liebe. Aber wäre es wirklich klug, dass Yuseis erste Amtshandlung das Todesurteil eines Ratsmitglieds ist? Es wäre seinem Ruf nicht gerade zuträglich.“

„Deswegen meine Frage. Versteht mich nicht falsch, mein König. Ich vertraue Eurem Urteil, aber Ihr seid im Moment aus nachvollziehbaren Gründen zu wütend, um es mit Vernunft zu treffen. Yusei hingegen scheint mir sehr rational in dieser Angelegenheit zu sein. Außerdem waren er und sein Drache aus erster Hand betroffen. Daher erscheint es mir in seiner neuen Stellung logisch, dass er das Urteil fällt.“

Ich spürte die Blicke aller Anwesenden im Raum und schluckte trocken. Ich hatte mit vielem gerechnet, was in dieser Versammlung passieren könnte, nur nicht damit. Kurz sah ich über meine Schulter zu Jesse, der mich aus traurigen Augen musterte. Im selben Moment schwappte der Zorn meines Drachen zu mir, der Vergeltung für Ares‘ Taten wollte. Ein leises Seufzen entkam mir und ich wandte mich an die Zauberin. „Verlangt Ihr meine Antwort hier und jetzt? Ich würde gern darüber nachdenken.“

„Ich verlange gar nichts von Euch“ erwiderte sie mit einem sanften Lächeln. „Das Urteil wird gefällt, wenn es feststeht. Ob nun heute oder in einigen Tagen ist egal.“

Knapp nickte ich, warf einen Seitenblick zu Haou. Sorge war in dem Gold seiner Augen zu erkennen, aber nicht nur das. Es schwangen so viele Emotionen in ihnen mit, dass ich sie nicht greifen konnte. „Willst du das wirklich?“ hakte er leise nach.

„Nein, aber sie hat recht.“

Kurz zögerte er, nickte jedoch. „Ich habe nichts dagegen“ fügte er an alle anderen gewandt hinzu. „Allerdings müssen wir damit warten, bis wir die Seelenbindung bekannt gegeben haben.“

In den Gesichtern einiger Altmeister konnte ich seit Madame Tredwells Frage Unzufriedenheit erkennen. Meisterin Kurozaki hingegen wirkte den Tränen nahe. Ihre langen, blauen Haare fielen ihr ins Gesicht, trotzdem erkannte ich das verräterische Glänzen in ihren Augen. Für sie und die meisten anderen in diesem Raum stand meine Entscheidung wohl schon fest.
 

„Wenn Ihr mir die Frage erlaubt“ schaltete Meister Valon sich plötzlich ein und sah zwischen mir und Haou hin und her. „Die ursprüngliche Mission ist mit dieser Wendung hinfällig, habe ich recht?“

„Welche Mission?“ hakte Crowler nach, was Drake genervt mit den Augen rollen ließ.

„Euer Ernst? Die Auskundschaftung der anderen Welt, klingelt es vielleicht?“

Beschämt senkte der Blondschopf den Blick, gab kleinlaut eine Antwort, die ich nicht verstand. Wie um alles in der Welt hat er es je in den Rat geschafft? Soweit ich wusste, leitete er ein Forschungsteam, aber selbst das konnte ich mir nur schwer vorstellen.

Haou zog die Aufmerksamkeit durch ein Räuspern wieder auf sich. „Seine Mission ist nicht nur aus diesem Grund abgebrochen.“

„Wie meint Ihr das?“

Der König überging Gozaburos Frage, warf stattdessen einen Blick auf mich und nickte dezent. Ich erwiderte. Doch bevor ich sprechen konnte, richtete Haou das Wort erneut an die Altmeister. „Yusei ist auch ohne in die andere Welt zu reisen an einige Informationen gekommen. Vorerst dürfen diese den Raum allerdings nicht verlassen. Und ich will keine Zwischenfragen hören, lasst ihn zuerst enden.“ Damit lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und nickte mir aufmunternd zu.

Ich schluckte und spürte ihre Blicke deutlich. Atmete tief durch, um meine Nervosität abzuschütteln. Diesen Teil sind Haou und Jesse ein paar Mal mit mir durchgegangen, damit die wenigen Lügen, die ich erzählen musste, glaubwürdig erscheinen würden. „Ich kenne jetzt einen Teil ihres Ziels. Es deckt sich mit den Bruchstücken, die wir schon wussten, und der Vorhersage der Weisen. Sie arbeiten seit Jahren daran den feuerroten Drachen wieder auferstehen zu lassen, der das Ende dieser Welt bedeuten kann. Diese uralte Kreatur hat seine Macht vor Jahrtausenden auf fünf Drachen verteilt. Sternenstaubdrache ist einer von ihnen. Die Person, mit der er sich verbindet, wird also zum Auserwählten des feuerroten Drachen und durch ein Drachenmal gezeichnet. Das, was auch ich seit meiner Reise zum Nebelberg trage.“ Meister Gozaburo holte bereits Luft, um etwas zu erwidern, wurde aber von Haou zum Schweigen gebracht, der ihm einen kalten Blick zuwarf. „Sternenstaubdrache hat mir selbst davon erzählt. Dass die Drachen vor 150 Jahren aus der Isekai verschwunden sind, lag zu einem großen Teil an den Menschen. Sie haben damals vier der fünf auserwählten Drachen entführt.“ Das Unverständnis in ihren Gesichtern wuchs. Angst meinte ich in ihnen zu lesen. „Allerdings gab es damals keine auserwählten Menschen in ihren Reihen. Deswegen haben sich die Drachen im Krieg nicht gegen die Isekai gestellt. Heute… sieht es allerdings anders aus. Zwischen den Drachenmalen liegt eine Verbindung, die ich nicht erklären kann, aber Ich habe in einer Vision gesehen, dass wenigstens zwei Auserwählte in der Menschenwelt sind. Und sie haben sich mit ihren Drachen verbunden. Ich konnte es spüren. Und ich glaube auch, dass sie von mir wissen. Dass ich ein Auserwählter bin. Sollte es wieder zu einem Krieg kommen, sind wir also nicht die einzigen, die einen Drachen auf unserer Seite haben werden. Sollten die restlichen Auserwählten in ihren Reihen auftauchen, und sollten sie mich in die Hände bekommen, steht ihnen damit die gesamte Macht des feuerroten Drachen zur Verfügung. Das wäre der Untergang der Isekai. Aus diesem Grund…“

Einen Seitenblick warf ich zu Haou. Schwermut lag in seinen Augen und er seufzte leise. „Aus diesem Grund können wir nicht riskieren, dass Yusei in die Menschenwelt reist. Würden wir Sternenstaubdrache auch noch verlieren, hätten wir den Menschen nicht mehr viel entgegenzusetzen. So wissen wir zumindest, was auf uns zukommen wird.“

„Aber ich habe nie von diesem Drachen gehört“ warf Meister Drake ein.

„Die Existenz des feuerroten Drachen war auch unseren Vorfahren bekannt. In einem alten Höhlensystem wurde eine Jahrtausende alte Wandmalerei gefunden, die sowohl ihn als auch die Drachenmale zeigt.“

Überall wo ich hinsah, waren nur Angst und Unverständnis in ihren Gesichtern zu lesen. Die Stille war bedrückend. Bis Meister Reiji es war, der sich an mich richtete. „Ist das wirklich wahr?“ hauchte er.

Ich nickte. „Die Vision hatte ich kurz nach dem Blutmond. Es war, als würde ich die Menschen beobachten können. In dieser Vision habe ich viele von ihnen an Maschinen arbeiten sehen, die ein Portal in diese Welt erschaffen können. Noch sind sie allerdings nicht so weit. Ich habe etwas Zeit gebraucht, um die Informationen richtig zu ordnen. Erst danach habe ich Haou davon erzählt.“

Wieder war es still. Ich hatte ehrlich gesagt mit Gegenreden gerechnet. Mit Diskussionen. Damit, dass sie es nicht wahrhaben wollen. Aber sie schienen es stillschweigend zu akzeptieren. Ganz anders als Haou oder Jesse.

„Wenn das stimmt“ raunte Meister Drake. „Dann können wir mit der Planung unserer Verteidigung bei null beginnen.“

Meister Gozaburo schnaufte. „Unsere Situation ist weit schlimmer als das. Wir sehen die Gefahr zwar kommen, aber sie ist bedeutend größer als vor 13 Jahren. Um unsere Truppen darauf vorzubereiten, brauchen wir länger als die wenige Zeit, die die Weisen uns vorhergesagt haben. Das ist ein strategischer Alptraum.“

„Wir werden nicht heute beraten, wie wir mit dieser Situation verfahren“ sagte Haou ruhig. „Heute gab es genügend Informationen, die wir alle erst in Ruhe verarbeiten müssen. Der Kriegsrat wird sich an einem anderen Tag damit auseinandersetzen.“

„Allerdings können wir von Glück reden, dass Yusei damals in unserer Welt gelandet ist.“ Überrascht neigte ich meinen Kopf über die Schulter. Jesse stützte sich an der Lehne des Stuhls ab, auf dem ich saß. Sah dabei ernst in die Runde. „Wäre das nicht geschehen, wäre er bei ihnen aufgewachsen. Dann hätten sie einen weiteren Auserwählten des feuerroten Drachen gehabt und wir hätten keine Ahnung womit wir es zu tun bekommen hätten. Erst, wenn sie mit mindestens drei Drachen vor unseren Toren gestanden hätten. Oder noch schlimmer: mit einer uralten Kreatur, die unsere Welt vernichtet hätte. Ich für meinen Teil bin dankbar, dass es anders gekommen ist.“

Noch einmal ließ ich meinen Blick über die Altmeister schweifen. Einige nickten gedankenverloren, andere starrten ins Leere oder betrachteten bedrückt die Maserung des Holztisches. Doch jeder von ihnen schwieg.

„Ich habe die Hoffnung, dass es gar nicht erst dazu kommen wird.“

Verwundert musterte mich Madame Tredwell. „Wie kommt Ihr darauf?“

Wieder diese seltsame Anrede. Doch ich beließ es fürs erste dabei und erklärte mich. „Beim letzten Mal gab es keine Chance mit ihnen zu reden, oder nicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie den Krieg wirklich wollten. Ihr größeres Ziel kenne ich nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihnen nur um die Vernichtung der Dämonen geht. Vielleicht hören sie dieses Mal zu, nur können wir das nicht erreichen, wenn wir mit gezückten Schwertern vor ihnen stehen.“

Meister Damian seufzte, sah mich traurig an. „Hoffnung ist schön und gut, aber wir müssen für das schlimmstmögliche Szenario planen. Und was könnte uns schon hoffen lassen, dass sie dieses Mal friedlicher sind?“

„Vielleicht hören sie auf mich. Schließlich bin ich einer von ihnen, das haben die meisten von euch mich mein Leben lang nicht vergessen lassen.“

„Vielleicht ist die Idee gar nicht so verkehrt“ sinnierte Meister Nate, legte dabei eine Hand an sein Kinn.

„Nein.“

Überrascht sah ich zu meiner rechten. Haous Blick war ernst. Ein Funken Angst lag in seinen Augen. „Für ein ‚Vielleicht‘ lasse ich es nicht zu, dass du dich in derart große Gefahr begibst.“

„So oder so liegt der erste Schritt bei den Menschen, mein König“ schritt Meister Nate ein. „Wir können nur reagieren. Sollten sich einige von ihnen dazu entschließen in friedlicher Absicht zu kommen, wäre es gut, wenn Yusei mit ihnen redet. Nicht allein versteht sich.“ Den letzten Satz fügte er bei Haous Giftblick hastig hinzu.

„Auch das kann im Kriegsrat geklärt werden“ meldete sich die Hofzauberin zu Wort. „Der König hat recht. Heute werden wir keine Einigung dazu finden. Lasst uns ein paar Tage darüber nachdenken und uns dann zusammensetzen. Bei dieser Gelegenheit sollten wir die Generäle hinzuziehen.“

Haou nickte zerknirscht. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es schwer werden könnte, ihn von meiner Idee zu überzeugen.
 

Langsam verließen die Altmeister den Raum, bis nur noch wenige Stühle der großen Tafel besetzt waren. Jesse nahm schwer seufzend auf dem Stuhl neben mir Platz. Neben Haou und mir waren nur noch Jesse, Madame Tredwell, Meister Damian und Meister Nate anwesend. Letzterer war gerade dabei sich zu erheben, doch richtete ich das Wort an ihn. „Wartet.“

Neugierig hielt er in seiner Bewegung inne, setzte sich wieder. „Was kann ich noch für Euch tun?“

Fängt er jetzt auch damit an? „Woher kommt plötzlich die formelle Anrede? Gestern habt Ihr noch normal mit mir gesprochen.“ Bei meinen letzten Worten sah ich auch die übrigen Altmeister an.

Madame Tredwell entlockte es ein Schmunzeln. „Wir sollten uns langsam daran gewöhnen so mit Euch zu sprechen. Schließlich wird die Seelenbindung morgen schon bekannt gegeben und Ihr erhaltet Euren königlichen Titel.“

Königlicher Titel? Verwirrt sah ich zu Haou, der mich mit gehobener Braue ansah. „Hab ich dir davon nichts erzählt?“

„Nein“ erwiderte ich irritiert. „Daran würde ich mich erinnern.“

Ein belustigtes Glucksen war zu hören, und ich neigte meinen Kopf zur anderen Seite. Jesse schüttelte grinsend den blauen Haarschopf. „Du hast deine Seele an die des Königs gebunden. Natürlich gehen damit die königliche Ansprache und ein Titel einher. Was dachtest du denn?“

Prüfend betrachtete ich Haou, der mir bestätigend zunickte. WAS?! „Ihr habt von einem neuen Stand gesprochen, aber nicht, dass er so hoch sein würde. Ich dachte ich stehe im Rang in etwa bei den Ratsmitgliedern.“

Verdutzt blinzelte er. „Es erschien mir so logisch, dass ich vielleicht vergessen habe es zu erwähnen, entschuldige. Aber ja, morgen wirst du den Prinzentitel erhalten.“

„Was?!“ entkam es mir.

„Du solltest dich bis morgen lieber daran gewöhnen“ sagte Jesse amüsiert. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. „Vom Zeitpunkt der Verkündung gehört es dann zum guten Ton, Euch so anzusprechen, Eure Hoheit.“

„Lasst den Mist!“ platzte es aus mir heraus. Ich verzog das Gesicht, weil mir die Vorstellung so unangenehm war. Doch erntete nur das Lachen der übrigen Anwesenden. So viel zu meiner ersehnten Normalität. Daran würde ich mich nie gewöhnen.


Nachwort zu diesem Kapitel:
Bei Yuseis neuer Rüstung hatte ich im Übrigen etwa die Nachtigallrüstung aus Skyrim im Kopf. Nur ohne Umhang, weil… Mal ehrlich. Ein Umhang? Das Ding behindert doch nur xD Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Nervenaufreibendes Kapitel :D

Zur Erklärung: Das Monster in der Höhle war Gale, der Wirbelwind und das Monster im Nebel war Aufgeben aus der Zeit im Königreich der Duellanten. Statt des Kopfes mit dem Millenniumsauge habe ich ihm aber den von Yuseis Vater gegeben, was den Hintergrund hat, dass er seine Opfer mit dem Gesicht einer geliebten Person lockt ;) Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Teilt mir gern eure Gedanken und Meinungen über den bisherigen Verlauf mit. Das schreiben fällt mir mit Input oder offenen Fragen, die ich vielleicht nicht bemerkt habe leichter^^ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Kommentare und Meinungen gern erwünscht <3 Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallöchen :) Lasst mich gern an euren Gedanken zu den unaufgelösten Plots teilhaben. Mich würde wirklich interessieren, was ihr dazu denkt! Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
ENDLICH hab ich den Kuss eingebaut xD
Mit diesem Kapitel muss ich mich leider eine kleine Weile verabschieden. Bis zum nächsten wird es vermutlich ein paar Wochen dauern. Das tut mir sehr leid, aber ich habe in nächster Zeit so viel zu tun, dass ich es nicht schaffen werde weiterzuschreiben.

Bis dahin habt eine angenehme Zeit. Man ließt sich!
Eure Stardustrose Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ja, das Kapitel geht weiter, nein ich habe den Rest nicht hochgeladen, da es den Rahmen gesprengt hätte. Das Schmackerl kommt beim nächsten Mal ;)

Übrigens: Falls euch ein Titel zu diesem Kapitel einfällt, immer her damit. Ich habe nämlich keinen Dunst, wie ich es nennen soll xD Aktuell ist es nur ein Arbeitstitel, aber irgendwie passt er nicht Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Wer ist gespannt auf das nächste Kapitel? *hebt aufgeregt die Hand!*
Es ist fast fertig und die beiden darauffolgenden in Arbeit <3 freut euch also auf regelmäßige Updates!
Ich bin schon sehr gespannt auf eure Meinung^^

Bis dahin!
Eure Stardustrose Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Yusei fühlt sich von hier an ganz schön gemobbt :D Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (4)

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Von: ShioChan
2022-05-26T11:16:14+00:00 26.05.2022 13:16
Huhu,

Das nächste Kapitel kam ja richtig flott. ^___^ Damit hatte ich gar nicht gerechnet, aber ich freue mich. Und hier ist dann auch gleich mein Kommentar.

Haou macht sich wirklich ernsthaft Gedanken, was natürlich auf den Unmut von Yubel stößt. Ich hoffe wirklich, dass sie Yusei bald akzeptieren kann. Mai hat ihn ja nun mittlerweile schon akzeptiert. Er macht seinem Namen einfach alle Ehre und stellt eine Verbindung zu anderen dar, sogar zu Dämonen, die ihn eigentlich hassen sollten. Aber das macht Yusei ja so toll. Und Mai macht es einfach Sympathisch. XD

Und jetzt zieht ein Schneesturm auf. Bleibt zu hoffen, dass Yusei sich irgendwo schützen kann und endlich auf seinen Schutzgeist trifft.

Ich freue mich schon auf das nächste Kapitel.
Bis dahin
LG
Shio~
Antwort von:  stardustrose
26.05.2022 20:13
War ja auch nur ein sehr kurzes Kapitel :D

Yubel erkennt seine Stärke prinzipiell an. Sie sagte ja auch selbst, dass yusei nicht auf den Kopf gefallen ist. Aber sie kann einfach nicht akzeptieren, dass Haou so vertraut mit einem Menschen ist. Wird sich zeigen ob sie das irgendwann schafft ;)
Von: ShioChan
2022-05-24T07:17:09+00:00 24.05.2022 09:17
Huhu ^___^,

Die Prüfung auf dem Nebelberg geht los! Und dann auch noch an Yuseis Geburtstag. Wobei... ist damit wirklich sein Geburtstag gemeint oder der Tag an dem Haou ihn gefunden hat? Aber egal was, die Geste von Haou, ihm die Rüstung zu schenken, war wirklich nett. Und man merkt dabei gleich, dass Yusei für ihn mehr ist, als er immer vorgibt - und Jesse hat das ja schon bemerkt. Yubel schien auch überrascht darüber, schweigt sich aber dazu aus. XD Naja was sollte sie auch sagen? Ihr König kann ja machen, was er für richtig hält. XD

Und welche Zufall, dass Mai auch an diesem Tag ihre Prüfung hat. Aber so ist Yusei wenigstens nicht alleine. An sich ist Mai ja doch ne nette Person. Sie schien ja selber schon ihre Zweifel an bestimmten Dingen - wie ihrem Meister - zu haben.
Und gut, dass sie dabei war. Immerhin konnten sie sich so gegenseitig helfen - auch wenn Mai das erst nicht so recht gepasst hat.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie Yusei sich weiter schlägt und freue mich schon auf das nächste Kapitel.

LG
Shio~
Antwort von:  stardustrose
24.05.2022 09:39
Mit dem Geburtstag ist beides gemeint :) haou hat yusei an seinem 5. Geburtstag gefunden :) und da es für yusei ohnehin Recht schwierig ist Freundschaften zu schließen (eben weil ihn keiner näher kennenlernen will), musste ich Mai Mal ins kalte Wasser werfen :) außerdem fand ich sie als Charakter immer schon großartig und wollte ihr Mal mehr als eine Erwähnung am Rande in einer Geschichte geben^^

Außerdem musste irgendjemand dafür sorgen, dass yusei sich Mal fokussiert und seine Zweifel los wird ;)
Von: ShioChan
2022-05-18T12:22:45+00:00 18.05.2022 14:22
Hallo nochmal,

Ich hab jetzt alle Kapitel bis hierhin gelesen und bin immer noch begeistert. <3 Jetzt ärgere ich mich, dass es nicht weiter geht. XD Aaah
Ich hatte erst überlegt jedes Kapitel zu kommentieren, aber dann dachte ich, dass das wohl an einem Tag etwas übertrieben wirkt. XD Dafür werde ich die FF weiter verfolgen und dann regelmäßig kommentieren. Versprochen. ^____^

Ich bin schon so gespannt, wie Yusei sich auf dem Nebelberg schlägt und welchen Schutzgeist er bekommt - wobei ich schon eine Vernutubg habe. XD Auch auf seine Kriegerprüfung bin ich gespannt. o3o Er wird das packen. Ganz sicher.
Er tut mir aber auch Leid, wie er behandelt wird. >_< Ja, er ist ein Mensch und ja, die Menschen sind die Feinde der Dämonen - wieso auch immer sie angegriffen haben, aber müssen sie Yusei so behandeln? T___T Das ist einfach fies, aber Yusei beißt sich durch.

Was mir auch sehr gefällt ist, wie du die einzelnen Charaktere aus den verschiedenen YGO Universen einbaust. Sie passen einfach in ihre Rollen und ich bin gespannt, wer noch alles auftaucht - auch wenn ich ernsthafte Probleme mit den englischen Namen der Charaktere habe; ich kenne YGO allgemein zu 95% halt nur auf Japanisch. X'D Aber ich wusel mich da durch.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf das nächste Kapitel.
LG
Shio~
Antwort von:  stardustrose
18.05.2022 17:16
Wenn du dir die Wartezeit mit einer abgeschlossenen Geschichte versüßen willst, hätte ich noch "dein rettenden lachen" im Angebot ;D

Warum die Menschen angegriffen haben wird natürlich noch thematisiert, aber an die Stelle passt es noch nicht ;) das mit den Namen tut mir leid, aber manche sind auch ausgedacht weil ich keinen passenden Charakter parat hatte :D

Cool, dass du dran bleibst ^^
Von: ShioChan
2022-05-18T04:21:14+00:00 18.05.2022 06:21
Hallo,

Ich muss jetzt gleich mal kommentieren. :) Die FF war irgendwie bisher voll an mir vorbei gegangen. Ich bin ehrlich gesagt vor allem wegen dem Cover drauf gekommen. XD Und das, was ich bisher gelesen habe, gefällt mir schon echt gut. Du hast einen tollen Schreibstil, bei dem es Spaß macht weiterzulesen und bei dem man sich beim Lesen nicht verhaspelt. Das gefällt mir.

Auch die Stor klingt bis hier hin sehr interessant, weshalb ich auf jeden Fall weiterlesen werde. :) Ich bin gespannt wie es weitergeht.

LG
Shio~
Antwort von:  stardustrose
18.05.2022 08:17
Danke dir :) nur die Regelmäßigkeit beim hochladen schaffe ich zur Zeit leider nicht. Aber toll, dass du am Ball bleibst <3


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