The Stranger
„Das kannst du nicht ernst meinen.“
„Es ist mein absoluter Ernst. Ich sehe keinen anderen Weg, als diesen.“
„Aber er ist dein-!“
„Ich weiß. Mein Gott, glaubst du, das weiß ich nicht? Es bricht mir das Herz, diesen Schritt auch nur in Betracht zu ziehen!“
„Wieso tust du es dann?“
„Weil ich will, dass wenigstens einer von ihnen die Chance hat, all dem hier zu entgehen...“
~*~
Sam sah vom Tresen auf, als sich die Tür öffnete.
Es war ein ruhiger Donnerstagabend und das Diner hatte seit einer halben Stunde keine neuen Gäste mehr gesehen. Sam hatte bereits damit angefangen, die Bar zu säubern, den Boden zu fegen und die gereinigten Teller, Gläser und Tassen wieder ordentlich in ihren Schränken unterzubringen, damit er nach seiner Schicht möglichst schnell nach Hause zurückkehren konnte, um weiter für die SATs zu lernen.
Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war der Anblick des mit Abstand attraktivsten Mannes, der jemals die Schwelle des Diners überschritten hatte, seitdem Sam angefangen hatte, hier zu arbeiten.
Er war jung – er konnte nur wenige Jahre älter sein als Sam – und durchtrainiert, hatte kurze, dunkelblonde Haare und grüne Augen, die sich aufmerksam im Raum umsahen. Als sein Blick auf Sam landete, hoben sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln, das die kleinen Grübchen in seinen Wangen vertiefte.
Sam schluckte. Sein Mund fühlte sich plötzlich trocken an.
Bleib cool, dachte er. Er ist ein Gast, nicht dein Date.
„Hi“, sagte der Fremde und winkte kurz, als er auf die Bar zutrat. „Gibt es noch Kuchen? Ich brauche Zucker.“
Erst jetzt bemerkte Sam die dunklen Schatten unter den Augen des Mannes. Er musste schon seit einer Weile unterwegs sein. Vermutlich war er auf der Durchreise.
„Er ist leider nicht mehr ganz so frisch, wie heute Morgen, aber wir haben noch ein paar Stücke Apfelkuchen da“, erwiderte Sam, nachdem er seine Stimme wiedergefunden hatte.
Der Fremde strahlte. „Perfekt!“
Sam stieß sich vom Tresen ab und nahm einen Teller aus dem Schrank.
„Sonst noch was?“, fragte er, während er ein großzügiges Stück Apfelkuchen auf den Teller schob.
„Kaffee“, entgegnete der Fremde, der sich an einen der Tische direkt vor dem Tresen gesetzt hatte. „Schwarz. Und einen Burger. Keine Beilagen.“
„Kommt sofort“, sagte Sam und öffnete die Tür zur Küche.
„Einen Burger ohne Beilagen, bitte“, teilte er seiner Kollegin mit, die gerade die Fritteuse reinigte.
Sie schenkte ihm einen ungläubigen Blick. „Wir machen bald zu, Sam. Kannst du ihm nicht sagen, er soll es woanders versuchen?“
„Sorry“, erwiderte er. Dann setzte er seinen besten Hundeblick auf. „Tu’s für mich?“
Sie warf einen Blick über seine Schulter hinüber zu dem Fremden und zog die Augenbrauen hoch.
„... okay, na schön, für die Sahneschnitte mache ich eine Ausnahme“, sagte sie.
„Danke, Dotty, du bist die Beste!“ Sam grinste.
„Lass mir was von ihm übrig.“ Ihre Augen funkelten amüsiert.
Sam lachte auf. „Ich kann nichts versprechen.“
Dann schloss er die Küchentür wieder und griff nach einer Tasse, um Kaffee einzuschenken.
„Der Burger braucht noch einen Moment“, sagte er, als er dem Fremden wenig später Kaffee und Apfelkuchen vor die Nase stellte.
„Das ist okay“, meinte dieser nur und schenkte Sam ein Lächeln, das den Teenager innerlich ein wenig schmelzen ließ. „Ich habe heute nichts mehr vor. Gibt es in der Nähe ein brauchbares Motel?“
„Einige.“ Sam überlegte. „Ich kann Judy‘s empfehlen. Ist schon ein bisschen älter, aber es ist günstig und das Frühstück ist sehr gut. Einfach immer die Straße runter bis zum Ortsausgangsschild fahren, es ist gleich dahinter auf der rechten Seite.“
„Fantastisch“, erwiderte der Fremde. „Danke für die Hilfe.“
Sam nickte ihm zu, bevor er wieder an seinen Stammplatz hinter dem Tresen zurückkehrte.
Während der Fremde mit Enthusiasmus über den Apfelkuchen herfiel, verabschiedeten sich die restlichen Gäste von Sam – zuerst ein junges Paar, dann eine Gruppe von Teenagern und schließlich auch der alte Mann, der jeden Abend bis zum Schluss da war, um in Ruhe sein Bier zu trinken – und er räumte ihr Geschirr ab und wischte anschließend die Tische sauber.
Damit war der Fremde der letzte Gast im Diner.
Wenig später ging die Küchentür auf und Dotty drückte Sam einen Teller in die Hand.
„Du schuldest mir was, Wesson“, murmelte sie und zwinkerte ihm zu, bevor sie wieder in der Küche verschwand.
Sam servierte dem Fremden seinen Burger, dann sah er auf die Uhr und machte sich daran, die Stühle hochzustellen.
Ein paar Minuten später ging die Küchentür ein letztes Mal auf und Dotty kam heraus, ihre Tasche unter dem Arm.
„Mach‘s gut!“, rief sie ihm im Vorbeigehen zu. „Bis Sonntag!“
„Bis Sonntag“, erwiderte Sam.
Dann trat Dotty in die Nacht hinaus und war kurz darauf verschwunden.
Jetzt war Sam allein mit dem gutaussehenden Fremden.
Er zog für einen Moment seine Optionen in Betracht, bevor er all seinen Mut zusammennahm, sich den letzten Rest Kaffee in eine Tasse goss und sich zu dem Fremden an den Tisch setzte.
Dieser warf ihm über seinen Burger hinweg einen belustigten Blick zu.
„Lange Schicht?“, fragte er.
„Könnte man so sagen“, erwiderte Sam und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.
„Tut mir leid, dass ich dich aufhalte“, sagte der Fremde und lächelte schief. „Ich habe eine lange Fahrt hinter mir und als ich sah, dass noch andere Gäste im Diner saßen–“
„Es ist okay.“ Sam schüttelte den Kopf. „Es macht mir nichts aus.“
„Ist das so?“ Der Fremde musterte ihn aufmerksam. „Musst du nicht zur Schule?“
„Momentan sind Ferien, also... eher nicht, nein.“ Sam zuckte mit den Schultern.
Dann lehnte er sich zurück und sah den Fremden neugierig an.
„Wo geht die Reise hin, wenn ich fragen darf?“
Der andere Mann sah für eine Weile aus dem Fenster.
„Das werde ich erst wissen, wenn ich gefunden habe, was ich suche“, entgegnete er leise.
Seine Antwort gab Sam Rätsel auf.
„Und was suchst du?“, hakte er vorsichtig nach.
Der Fremde grinste plötzlich. „Das ist die Frage, nicht wahr.“
„Pfff“, machte Sam und trank erneut von seinem Kaffee. „Ich hatte mich schon auf eine spannende Geschichte gefreut. Hier ist nie was los.“
„So klein und verschlafen ist Sioux Falls nun auch wieder nicht“, sagte der Fremde kauend. „Hier müssen doch ständig Leute auf der Durchfahrt sein.“
„Aber keine, die ich so interessant finde“, erwiderte Sam.
Erst als der andere Mann vielsagend eine Augenbraue hob, wurde Sam bewusst, was er da gerade gesagt hatte, und er spürte, wie seine Wangen rot anliefen.
„Ich, uh... ich wollte damit nur sagen–!“, stieß er hastig hervor, doch der Fremde lachte nur.
„Schon gut“, meinte er. „Ich hatte nur nicht mit dem Kompliment gerechnet, das ist alles.“
Er zwinkerte Sam zu.
„Und wenn du ein paar Jahre älter wärst, dann wäre ich sicherlich nicht abgeneigt.“
„Ist das so“, murmelte Sam mit heißen Wangen und versteckte sich hinter seiner Kaffeetasse.
Dies war zweifellos die vielversprechendste Abfuhr, die er jemals kassiert hatte.
„Aber um auf deine Frage zurückzukommen“, fuhr der Fremde dann fort, „ich bin auf der Suche nach einem neuen Fall. Ich weiß nur noch nicht, wo ich einen finde.“
„Einen Fall?“, fragte Sam neugierig. „Bist du Privatdetektiv oder so?“
Der andere Mann grinste. „So etwas in der Art, ja.“
Doch bevor ihn Sam weiter mit Fragen löchern konnte, sah der Fremde auf seine Armbanduhr.
„Oh Mist, schon so spät“, meinte er und schob sich den letzten Rest seines Burgers in den Mund, bevor er seinen Kaffee in einem Zug leerte. „Ich sollte jetzt wirklich besser gehen.“
Sam stieß ein enttäuschtes Seufzen aus, doch er akzeptierte sein Schicksal und stand auf, um abzuräumen.
Der Fremde holte währenddessen sein Geld hervor und legte fünfzehn Dollar auf den Tresen, fünf mehr, als er hätte zahlen müssen.
„Danke für das Essen zu dieser späten Stunde“, sagte er, als er Sams überraschten Blick bemerkte. „Und das Gespräch. – Mach’s gut, Sam.“
Dann ging er.
Sam stand für einen Moment wie angewurzelt da und starrte ihm nach.
Erst dann fiel ihm ein, dass sein Name auf dem Schildchen stand, das an seine Brusttasche geheftet war, und er schlug sich mit der Handfläche gegen die Stirn.
„Denken ist heute eindeutig nicht deine Stärke, Wesson“, murmelte er, bevor er seine übliche Feierabendroutine durchlief, seine Arbeitskleidung gegen ein ausgewaschenes T-Shirt und eine Jeans tauschte und schließlich das Licht im Diner ausschaltete.
Als er in die kühle Nachtluft hinaustrat, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass der Fremde noch immer da war. Er stand auf dem Parkplatz des Diners und kramte im Kofferraum eines schwarzen Chevrolets, einer wahren Schönheit von Auto. Sam stieß einen leisen Pfiff aus und ließ seinen Blick bewundernd über die polierte Karosserie gleiten.
„Nettes Auto“, sagte er.
Der andere Mann hob überrascht den Blick und grinste, als er Sam erkannte. „Danke.“
„Deiner?“, fragte Sam.
Der Fremde seufzte.
„Ich wünschte, ich könnte ja sagen“, entgegnete er. „Der Wagen gehört meinem Vater.“
Er warf mit Schwung die Kofferraumklappe zu und ging um das Auto herum, um die Fahrertür zu öffnen.
Dies war der letzte Moment, um noch etwas zu sagen, wurde Sam plötzlich klar. Nach dieser Nacht würde er den Fremden nie wieder sehen.
„Hey“, sagte er schnell und sah dem anderen Mann offen in die Augen. „Nimmst du mich mit?“
Der Fremde starrte ihn an.
Dann gab er ein kurzes, überraschtes Lachen von sich.
„Du willst, dass ich dich nach Hause fahre?“
„Was?“ Sam zuckte mit den Schultern, als würde sein Herz nicht gerade rasen und als wäre es völlig normal, eine komplett fremde Person darum zu bitten, ihn nach Hause zu bringen. „Ich finde, es wäre nur fair, immerhin bin ich heute später dran als sonst.“
Das schien dem anderen Mann einzuleuchten und sein Gesichtsausdruck entspannte sich wieder etwas.
„Du setzt eine Menge Vertrauen in mich, Sam“, erwiderte er. „Ich könnte auch ein Serienkiller sein.“
„Und? Dasselbe könnte auch auf mich zutreffen“, sagte Sam kühn.
Seine Worte ließen den anderen Mann schmunzeln.
„Okay, da ist was dran“, meinte er.
Er überlegte für einen Moment, dann nickte er. „Na schön. Steig ein.“
Sam schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und wollte gerade die Beifahrertür öffnen, als der Fremde ihn noch mal zurückhielt.
„Dean“, sagte er.
„Hm?“, machte Sam.
„Mein Name“, entgegnete der junge Mann, „ist Dean. Dean Winchester.“
Sam zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Wie das Gewehr?“, fragte er.
„Jepp.“
Dean öffnete die Fahrertür und stieg ein, und Sam ließ sich kurz darauf auf dem Beifahrersitz nieder.
„Was für ein Zufall“, erwiderte er und sah Dean an. „Mein Name ist Wesson. Sam Wesson.“
„Im Ernst?!“ Dean lachte auf. „Wie der Revolver?“
„Wie der Revolver“, bestätigte Sam, während sie sich anschnallten.
„Ich fasse es nicht.“ Kopfschüttelnd startete Dean den Motor, noch immer einen amüsierten Ausdruck auf dem Gesicht. „Okay, Wesson, dann beschreib mir mal, wo ich langfahren soll...“
Keine zehn Minuten später hielt Dean vor dem schlichten, zweistöckigen Haus, in dem Sam mit seinen Eltern und seinen zwei kleinen Schwestern lebte.
„Da wären wir“, meinte er und zog die Handbremse an.
„Danke fürs Fahren“, sagte Sam und lächelte. „Und dafür, dass du mich nicht ermordet hast.“
„Einen so gutaussehenden Typen wie dich?“ Dean zwinkerte ihm zu. „Das wäre eine schreckliche Verschwendung.“
Sam lief bei diesen Worten rot an und falls er noch Zweifel daran gehabt hatte, dass Dean ebenfalls interessiert war, dann waren sie spätestens nach dieser Bemerkung ausgeräumt.
„Wie dem auch sei...“ Er räusperte sich. „War nett, deine Bekanntschaft gemacht zu haben, Dean Winchester. Ich hoffe, du findest, wonach du suchst.“
Bei diesen Worten trat ein warmer Ausdruck in Deans Augen.
„Danke, Sam“, sagte er leise. „Das hoffe ich auch.“
Dann wedelte er mit der Hand. „Und jetzt ab mit dir. Ich bin müde und du musst noch für deine Prüfungen lernen, hast du vorhin gesagt.“
„Schon gut, schon gut.“ Sam öffnete mit einem Lächeln die Beifahrertür und stieg aus.
Er wünschte, sie hätten noch etwas mehr Zeit. Dean weckte sein Interesse und auf unerklärliche Weise fühlte er sich zu ihm hingezogen – und das nicht nur, weil der andere Mann verdammt attraktiv war und Sam jung und hormongeladen. Nein, es war mehr an ihm, als man auf dem ersten Blick sehen konnte, und genau das war der Punkt.
Sam wollte mehr sehen.
Doch Dean war sichtlich müde und Sam hatte noch fünf Seiten an SAT-Aufgaben vor sich und es gab nichts, was er daran ändern konnte.
„Man sieht sich“, sagte er durch die offene Fensterscheibe und klopfte kurz auf das Autodach.
Dean schenkte ihm ein Lächeln.
„Wer weiß...?“, erwiderte er. Und dann: „Gute Nacht, Sam.“
„Nacht, Dean.“
Und dann war Dean auch schon aufs Gaspedal getreten und der dunkle Chevrolet Impala war wieder mit der Nacht verschmolzen, als hätte er nie existiert.
Mit einem warmen Gefühl im Bauch wandte Sam sich ab und ging auf die Hauseingangstür zu.
Etwas sagte ihm, dass dies nicht das letzte Mal sein würde, dass er Dean Winchester sah.
The Victim
Es sollte zwei Monate dauern, bis Dean erneut in sein Leben trat.
Sam hatte Frühschicht an einem Sonntagmorgen, was bedeutete, dass der Großteil der Gäste um diese Uhrzeit aus wortkargen, übermüdeten Truckern bestand. Als die Tür aufging und Sam mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“ begrüßt wurde, war dies eine willkommene Abwechslung – und als er sich zu dem Neuankömmling herumdrehte und ihn wiedererkannte, machte sein Herz einen kurzen Sprung.
„Dean!“, rief er erfreut aus, bevor er eine Tasse aus dem Regal nahm und Kaffee hineingoss. „Schon zurück? Sag nicht, du hast mich vermisst.“
Dean lachte auf und setzte sich an den Tresen. „Träum weiter, Sam.“
„Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt“, erwiderte Sam gutgelaunt und schob die Kaffeetasse über den Tresen zu dem anderen Mann hinüber.
„Schwarz, richtig?“, fragte er.
Dean sah ihn überrascht an, nahm die Tasse aber mit einem dankbaren Nicken an sich.
„Das hast du dir gemerkt?“
„Nein“, sagte Sam zwinkernd. „Ich kann Gedanken lesen.“
Dean musterte ihn für einen Moment aufmerksam von Kopf bis Fuß, doch was er auch suchte, er schien es nicht zu finden, und seine Körperhaltung entspannte sich schnell wieder.
„Ich hoffe doch nicht“, entgegnete er und ein kleines Lächeln spielte um seine Lippen, als er einen Schluck von dem heißen Kaffee trank, „ich müsste dich sonst töten.“
„... was?“ Sam blinzelte überrumpelt. Er musste sich eben verhört haben.
Seine verwirrte Miene entlockte Dean jedoch nur ein amüsiertes Schnauben.
„Vergiss es“, meinte er.
Dann wanderte sein Blick hoch zur Schiefertafel über dem Tresen, auf dem das tägliche Angebot stand, und Sam fiel dabei auf, wie lang und dicht seine Wimpern waren.
„Ich nehme einmal das Trucker-Frühstück“, teilte Dean ihm schließlich mit und Sam riss seinen Blick wieder von ihm los.
„Kommt sofort!“
Er gab die Bestellung an die Küche weiter und ging dann mit der Kaffeekanne durch das Diner, um den restlichen Gästen Kaffee nachzuschenken.
„Was führt dich zurück nach Sioux Falls?“, fragte er Dean, nachdem er hinter den Tresen zurückgekehrt war und neuen Kaffee aufgesetzt hatte.
„Die Arbeit“, entgegnete Dean nur auf seine übliche, frustrierend mysteriöse Art und schenkte Sam ein Lächeln.
Dann zog er eine zusammengerollte, leicht zerknitterte Tageszeitung aus seiner Jacke hervor und breitete sie vor sich auf dem Tresen aus. Während er las, begrüßte Sam zwei neue Gäste und nahm ihre Bestellungen auf und kassierte einen weiteren ab, bevor er dessen Tisch abräumte und das Geschirr in die Küche brachte.
Als er damit fertig war, schielte er zu dem Artikel hinüber, in den Dean gerade vertieft war. Er schauderte kurz, als er das Bild von der grausig zugerichteten Leiche sah, die man wenige Tage zuvor in Sioux Falls gefunden hatte.
„Die Polizei geht von einem Ritualmord aus“, meinte er nach einer Weile. „Aber ich denke, es war etwas anderes.“
Dean hob den Blick von der Zeitung und sah ihn interessiert an.
„Ist das so“, sagte er. „Was glaubst du dann?“
Sam zuckte mit den Schultern.
„Ich habe Wunden wie diese schon an Tierkadavern in den Wäldern der Umgebung gesehen“, erwiderte er. „Sie sehen mehr nach den Bissen eines Raubtiers aus, als nach etwas, was ein Mensch getan haben könnte. Vielleicht ein Puma oder ein Wolf oder so.“
„Interessante These.“ Dean nickte. „Aber Pumas sind in dieser Gegend so gut wie ausgerottet, und Wölfe... Wie soll der Wolf in die Wohnung gekommen sein? Türen und Fenster waren geschlossen.“
Sam dachte einen Moment darüber nach. Der Fall gab den zuständigen Behörden in der Tat einige Rätsel auf, und Sam, der die Berichterstattung dazu von Anfang an gespannt mitverfolgt hatte, hörte mit jedem Tag bizarrere Theorien.
Schließlich schnippte er mit den Fingern und sah Dean mit gespieltem Ernst an.
„Ganz einfach“, sagte er. „Es muss ein Werwolf gewesen sein!“
Sam wusste nicht, womit er gerechnet hatte, aber es war mit Sicherheit nicht der Ausdruck von tiefer Sorge in Deans Augen gewesen.
Doch der andere Mann fing sich schnell wieder und ein breites Lächeln legte sich auf sein Gesicht.
„Nah“, meinte er, „in dieser Gegend gibt es schon lange keine mehr, glaub mir, dafür sorgen die lokalen Autoritäten auf diesem Gebiet. Ein Werwolf ist also unwahrscheinlich.“
Sam schmunzelte. „Komm schon, Mann, ernsthaft...?“
Doch Dean fuhr im Plauderton fort: „Ich meine, Werwölfe sind immer eine Möglichkeit, die Mistkerle sind überall, keine Frage. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es sich hier um einen Werwolf handelt, sie sind normalerweise keine Einzelgänger, und das hier war ohne Zweifel die Tat eines einzelnen–“
„Oh mein Gott, bitte hör auf zu reden“, unterbrach ihn Sam und lachte auf. Er hatte Deans Fantasie eindeutig unterschätzt. „Du bist ein seltsamer, seltsamer Mann, Winchester.“
Dean stützte nur das Kinn in die Hand und grinste. „Das bekomme ich öfter zu hören.“
„Tatsächlich?“
„Oh ja.“ Dean wedelte mit der freien Hand. „Bei etwa jedem zweiten Date. Frauen stehen nicht so sehr auf Typen, die sich für lokale Schauergeschichten interessieren, wie du vielleicht denkst.“
„Tja“, sagte Sam. „Ein Verlust für die Frauen, würde ich sagen.“
Es musste an der frühen Uhrzeit und an seinem konstanten Schlafmangel in den letzten Wochen liegen, dass er solche Dinge sagte, entschied Sam, der sich danach am liebsten auf die Zunge gebissen hätte.
Und auch Dean zog bei seinem Kommentar überrascht die Brauen hoch. Doch zugleich trat auch ein Funkeln in seine Augen, das Sam einen angenehmen Schauer über den Rücken jagte.
„Du gibst wirklich nicht auf, was?“, fragte er mit leiser Stimme.
Sam sah ihn nicht an.
„Hey, ich muss es wenigstens versuchen“, erwiderte er und gab sich betont gelassen, auch wenn sein Herz dabei raste. „Wer weiß, wie oft du dich in Zukunft noch hierher verirrst.“
„Mmh“, machte Dean. „Mach weiter so, und du findest es heraus.“
Zum Glück bewahrte ein Ruf des Kochs Sam davor, ihm eine Antwort geben zu müssen, und dankbar für die Ablenkung flüchtete er in die Küche.
Er brachte Dean das Frühstück und ließ ihn in Ruhe essen, während er einen Schwung neuer Gäste begrüßte und für eine Weile zwischen der Küche und den Tischen hin- und hereilte, um die fertigen Gerichte zu verteilen und das benutzte Geschirr einzusammeln.
Langsam wurde das Diner immer voller und als Sam endlich alle Bestellungen aufgenommen und die Gäste zu ihrer Zufriedenheit versorgt hatte, war Dean schon längst mit seinem Frühstück fertig.
„Sag mal, Wesson“, begann er, als Sam wieder hinter dem Tresen stand und für ein paar Minuten Ruhe hatte, „gibt es leerstehende Gebäude hier in der Stadt, die von Obdachlosen und Hausbesetzern als Wohnungen genutzt werden?“
Sam sah ihn an, überrascht über den Themenwechsel. „Warum fragst du?“
„Ich suche nach jemandem“, erklärte Dean, „und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich ihn an einem solchen Ort finde – oder dass jemand dort mehr über ihn weiß.“
„... ich verstehe.“ Sam dachte nach. „Es gibt ein altes Fabrikgelände im Süden der Stadt, auf dem sich am Wochenende oft Jugendliche treffen. Sie berichten hin und wieder von Leuten, die dort zeitweise wohnen. Aber das Gelände ist ziemlich groß und verwinkelt, wer weiß, wie viele Menschen dort illegal Unterschlupf suchen.“
Er räusperte sich. „Nicht, dass ich jemals dort war.“
„Mh-hm“, machte Dean und grinste. „Sicher.“
Er rollte seine Zeitung zusammen und steckte sie wieder ein, dann rutschte er von seinem Barhocker hinunter und schob Sam über den Tresen hinweg einen 20-Dollar-Schein zu.
„Danke für die Auskunft, Sam“, sagte er. „Behalt das Wechselgeld.“
Sam starrte den Schein an. Er hatte das Gefühl, dass Dean ihm damit mehr als nur Trinkgeld geben wollte.
„Ich glaube, ich hab’s jetzt“, meinte er, während er den Schein einsteckte. „Du arbeitest im Sozialdienst und suchst nach Minderjährigen, die von zu Hause abgehauen sind. Richtig?“
Dean lachte auf.
„Ich bewundere deine Hartnäckigkeit“, entgegnete er. „Aber leider wieder falsch.“
„Mist!“ Sam seufzte auf. „Aber eines Tages finde ich es schon noch heraus.“
„Besser nicht“, murmelte Dean so leise, dass Sam es fast überhört hätte.
Dann schenkte Dean ihm ein Lächeln, das so offen und charmant war, dass es Sams Herz schneller klopfen ließ.
„Tja, dann sehen wir uns wohl erst heute Abend wieder, wenn alles gut geht“, sagte er. „Sagen wir... um acht?“
Sam war für einen Augenblick verwirrt. „Dean, heute Abend bin ich nicht mehr hier. Meine Schicht endet um zwei.“
Dean zwinkerte ihm zu. „Ich weiß.“
Es dauerte einen Moment, doch dann begriff Sam endlich, was Dean ihm damit sagen wollte, und seine Augen weiteten sich. „...oh!“
Dean lachte.
„Exakt“, erwiderte er. „ ‚Oh‘. Du hast eine Chance, Wesson. Und wehe, du kommst im Anzug.“
Er wandte sich ab und winkte Sam über die Schulter zu. „Bis später, Sam!“
Sam fand gerade noch die Geistesgegenwart, ihm zu antworten: „Bis später, Dean.“
Er starrte die Tür noch immer an, als der andere Mann schon längst verschwunden war.
Sein Kopf sagte ihm, dass er ihn falsch verstanden haben musste, auch wenn sein Herz ihm das genaue Gegenteil sagte. Und bei all seinem Pragmatismus war es das Herz, auf das Sam am Ende hörte, und das ihm mitteilte, dass er an diesem Abend offenbar ein Date mit einem geheimnisvollen Fremden hatte.
Sam hatte keine Ahnung, worauf er sich da eingelassen hatte. Er hatte kaum romantische Erfahrungen mit Frauen und noch viel weniger mit Männern. Aber er war mittlerweile volljährig und das College war nicht mehr fern, und er fühlte sich mutig und selbstbewusst genug, um neue Dinge auszuprobieren.
Und wenn ein gutaussehender Typ wie Dean in sein Leben stolperte, nun... Sam war stets offen für Neues.
Er lächelte.
Oh ja. Der Abend konnte nicht früh genug kommen.
Es war schon zwanzig nach acht und Sam fing langsam an, sich Sorgen zu machen.
Er stand neben dem Diner auf dem Parkplatz und hielt Ausschau nach dem schwarzen Chevrolet, den Dean beim letzten Mal gefahren hatte. Doch sowohl von ihm als auch von seinem Fahrer fehlten weit und breit jegliche Spur, und Sam hatte leider auch keine Möglichkeit, Dean zu erreichen.
Er runzelte die Stirn, während er abermals auf die Uhr sah.
Er hatte Dean nicht als die Art von Person eingeschätzt, die unpünktlich war, insbesondere nach dessen Kommentar an ihn, rechtzeitig da zu sein.
Aber was hatte der andere Mann noch mal zu ihm gesagt? Dass sie sich wiedersehen würden, wenn alles gutging...?
Wie es aussah, war nicht alles gutgegangen.
Was auch immer das in Deans Fall bedeutete.
Sam fragte sich eh, wieso er so ein Geheimnis um seinen Job machte. Was war so schlimm – oder möglicherweise auch illegal – daran, dass Dean es ihm nicht sagen konnte? War er vielleicht ein Auftragskiller? Ein paar seiner Bemerkungen ließen diese Vermutung durchaus zu, auch wenn er Sam dafür etwas zu sorglos und gesellig vorgekommen war.
Aber was er auch tat, es schien mit Gefahren verbunden zu sein, und Sam hatte allmählich die Sorge, dass dies der Grund für Deans Abwesenheit war.
Er wartete weitere zwanzig Minuten, dann ging er zu dem alten Ford hinüber, den er sich an diesem Abend von seinen Eltern geliehen hatte, und stieg auf der Fahrerseite ein.
Er ließ einen letzten, suchenden Blick über den Parkplatz schweifen – ebenso vergeblich, wie zuvor – dann startete er den Motor und fuhr davon.
Das Gelände der alten Textilfabrik lag still da.
Es war ein Sonntagabend, darum überraschte es Sam nicht, um diese Uhrzeit keine Halbwüchsigen mehr anzutreffen. Dennoch wusste er, dass er am richtigen Ort war, als er den Chevrolet am Straßenrand entdeckte, nicht weit vom Haupteingang der Fabrik entfernt.
Die Dämmerung brach allmählich an und Sam war froh über die Taschenlampe, die er im Handschuhfach gefunden hatte, als er ausstieg und auf die Ansammlung von Fabrikgebäuden zuging.
Er betrat zuerst die Haupthalle, in der sich große, rostige Maschinen von einem Ende des Raumes bis zum anderen aneinanderreihten. Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe gab bis auf große Mengen an Staub und Plastikmüll, den die lokale Jugend hier zurückgelassen hatte, jedoch keine Auffälligkeiten preis.
Den ersten Hinweis darauf, dass jemand auf dem Gelände lebte, fand er, als er anschließend das benachbarte Verwaltungsgebäude betrat. Hier gab es über zwei Etagen viele kleine Zimmer, und in manchen davon schlug ihm der Geruch ungewaschener Körper entgegen, als er die Türen öffnete.
„Sorry, sorry“, murmelte Sam, nachdem er versehentlich einen alten Mann aus dem Schlaf gerissen hatte, der in Decken gehüllt auf einer schmutzigen Matratze auf dem Boden lag.
Er wollte ihn nach Dean befragen, doch der Alte knallte ihm die Tür seines Zimmers vor der Nase zu, und Sam hielt es für klüger, ihn nicht noch mal zu stören.
In der angrenzenden Lagerhalle wurde er jedoch endlich fündig.
„... wacht nicht auf, Cathy“, hörte er eine junge, weibliche Stimme. „Was sollen wir jetzt machen?“
„Wir haben uns nur selbst verteidigt!“, erwiderte eine zweite Stimme. „Glaubst du, er hätte uns in Ruhe gelassen? Er gehört genau zu der Sorte von Leuten, vor denen Jason mich gewarnt hat!“
„Aber wir können ihn nicht hier lassen!“, rief die erste Sprecherin verzweifelt.
Sam lugte vorsichtig um die Ecke eines halb verrotteten Holzregals und erblickte im Dämmerlicht zwei Mädchen, vom Aussehen her Schwestern. Die Ältere von beiden musste um die 16 Jahre alt sein, die Jüngere um die 13.
Dann sah er die Gestalt, die reglos zwischen den beiden Mädchen auf dem staubbedeckten Boden lag, und eiskalte Nadelspitzen schienen sich plötzlich in sein Herz zu bohren, als er sie wiedererkannte.
Dean.
Sam musste einen besorgten Laut von sich gegeben haben, denn die Blicke der beiden Mädchen fuhren mit einem Mal alarmiert hoch und richteten sich auf ihn. Vermutlich war es nur eine optische Täuschung, doch Sam hätte schwören können, dass ihre Augen kurzzeitig das Licht seiner Taschenlampe reflektierten.
Er hatte seine Überraschung kaum überwunden, als die ältere der beiden – Cathy, erinnerte sich Sam – die Eisenstange hob, die sie in den Händen hielt.
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um zu erkennen, was vorgefallen war.
„Ich bin unbewaffnet“, sagte Sam darum schnell und hob seine Hände, um seine Worte zu bekräftigen.
„Wer bist du?“, fragte Cathy feindselig und richtete die Spitze der Eisenstange auf ihn, wie einen Degen. „Gehörst du zu ihm?“
Sam überlegte fieberhaft, wie er möglichst diplomatisch darauf antworten sollte.
„Ich habe keinen Konflikt mit euch“, erwiderte er schließlich. „Und ich weiß auch nicht, was euer Problem mit ihm ist.“ Er nickte in Deans Richtung. „Alles, was ich will, ist ihn mitzunehmen und ihn wenn nötig ärztlich behandeln zu lassen. Mehr nicht.“
Die jüngere Schwester sah aus weiten Augen zu der älteren auf.
„Du hast ihn gehört“, sagte sie. „Lass uns einfach gehen, okay? Lass uns von hier verschwinden.“
„Und dann?“, entgegnete Cathy. „Du weiß, was er ist, Emily, du weißt, dass er uns jagen wird!“
Sam hatte keine Ahnung, wovon sie sprachen, aber er vermutete, dass es um Dean ging.
„Niemand wird hier irgendwen jagen“, versprach er. „Bitte lasst mich einfach nur meinen Freund dort mitnehmen und ihr werdet uns beide nie wiedersehen.“
Cathy sah ihn für einen Moment prüfend an und ihre Nasenflügel weiteten sich, als würde sie die Luft schnuppern – warum, darauf konnte sich Sam absolut keinen Reim machen. Doch dann nickte sie schließlich knapp.
„Na schön“, sagte sie zähneknirschend und griff nach dem Arm ihrer Schwester, um sie an ihre Seite zu ziehen, bevor sie in großem Bogen um Sam herumging, die Eisenstange weiterhin auf ihn gerichtet. „Aber wehe, du brichst dein Versprechen!“
Sam fragte sich, was sie dann tun wollte, da sowohl er als auch Dean weitaus größer und kräftiger als die beiden Mädchen waren, doch er war klug genug, den Mund zu halten und still stehen zu bleiben, bis die Schwestern in der Dunkelheit der Nacht verschwunden waren.
Erst dann rührte er sich wieder und schob seine Taschenlampe zwischen die Zähne, bevor er eilig neben Dean auf die Knie sank und behutsam seinen Kopf abtastete. Er fühlte die Rundung einer großen Beule an seinem Hinterkopf und die Reste von Blut, das jedoch größtenteils schon getrocknet war. Und obwohl Deans Gesicht blass war, atmete er noch immer und sein Puls war langsam und gleichmäßig.
Sam stieß ein erleichtertes Seufzen aus und lehnte sich dann neben ihm an die Wand. Er wagte es nicht, Dean zu bewegen, sondern hielt es für das Beste zu warten, dass er von selbst wieder aufwachte.
Das weiße Hemd und die dunkelblaue Jeans, die er für sein Date angezogen hatte, waren bei all dem Staub und Dreck der Fabrik schon längst nicht mehr sauber, aber Sam störte sich nicht daran.
Alles, was zählte, war, dass Dean sicher war und hoffentlich bald zu Bewusstsein kam, um ihm zu erklären, was zum Teufel hier vorgefallen war.
Denn nach dieser Aktion hatte Sam verdammt noch mal ein paar Antworten verdient.
The Hunter
Die Sonne war schon lange untergegangen und der Mond stand hoch am Himmel, als Dean endlich wieder erwachte.
Leise stöhnend rollte er sich von Sam weg auf die Seite und hielt sich den Bauch, während er ein paar Male trocken vor sich hin würgte.
„Dean...!“ Sam streckte besorgt die Hand nach ihm aus und berührte ihn an der Schulter. „Ist alles okay?“
Sofort drehte sich der andere Mann zu ihm herum und Sam wich erschrocken zurück, als er in den Lauf einer Pistole schaute, die Dean auf ihn gerichtet hatte und die er mit einer solchen Sicherheit und Selbstverständlichkeit hielt, dass sie noch nicht einmal zitterte.
„Verdammt, Mann, ich bin es!“, rief Sam und hob die Hände. „Nicht schießen!“
Dean schüttelte kurz den Kopf und blinzelte mehrmals, als hätte er noch immer mit den Folgen der Bewusstlosigkeit zu kämpfen.
„... Sam?“, fragte er dann mit rauer Stimme und ließ die Waffe wieder sinken. „Was tust du hier?“
Er setzte sich schwerfällig auf und Sam bemerkte, dass seine Augen immer wieder unfokussiert waren. Cathy musste ihn ordentlich mit ihrer Eisenstange erwischt haben.
„Ich habe auf dich gewartet und du bist nicht gekommen“, erwiderte er. „Also habe ich nach dir gesucht.“
Dean nickte schwach und rieb sich mit einer Hand das Gesicht.
„... ich verstehe“, sagte er. Dann legte sich ein selbstironisches Lächeln auf seine Lippen. „Schlechtestes Date aller Zeiten, was?“
Sam schnaubte leise. Dass Dean in dieser Situation noch Witze machen konnte, überraschte ihn nicht besonders.
„Noch nicht ganz“, erwiderte er. „Es konkurriert allerdings gerade stark mit dem ersten Platz.“
„Was für eine Erleichterung“, meinte Dean und seufzte. Dann schloss er die Augen und lehnte sich zurück gegen die Wand. Er war noch immer schrecklich blass, aber sein Gesicht gewann mehr und mehr an Farbe zurück. „Danke, dass du nicht den Notarzt gerufen hast. Das hätte mir jetzt noch gefehlt.“
„Keine Ursache“, sagte Sam leise. „Ich hatte den Eindruck, dass das nicht in deinem Interesse gewesen wäre.“
„Wäre es auch nicht“, bestätigte Dean. „Es ist nur eine Beule.“
„Du hast eine Gehirnerschütterung, Winchester“, korrigierte ihn Sam mit derselben geduldigen Stimme, die er auch immer bei seinen kleinen Schwestern verwendete. „Du solltest bei Gelegenheit einen Arzt aufsuchen.“
„Also nie.“
„Dean.“
Der andere Mann grinste nur schwach. „Keine Sorge, Verletzungen wie diese gehören zum Berufsrisiko.“
„Das macht es nicht besser“, erwiderte Sam kopfschüttelnd.
Er schwieg für einen Moment, doch da Dean gerade in Plauderstimmung zu sein schien, sprach er schließlich die Frage aus, die ihn schon seit langem beschäftigte:
„Was genau ist dein Beruf, Dean?“
Der andere Mann gab keine Antwort, was Sam erwartet hatte, doch dieses Mal ließ er nicht locker.
„Was tust du an einem Ort wie diesem? Nach wem hast du gesucht? Und warum unterhältst du dich mit zwei minderjährigen Mädchen, noch dazu bewaffnet? Dir muss klar sein, dass das ziemlich zwielichtig wirkt...“
„Moment, Moment, nicht so schnell!“, unterbrach ihn Dean auf einmal und öffnete wieder die Augen, um ihn scharf anzusehen. „Du hast die beiden gesehen? Das heißt, sie waren noch hier, als du mich gefunden hast?“
Sam zögerte kurz. „Sie haben gerade debattiert, was sie mit dir machen sollen, als ich kam...“
„Und dann?“
„Was ‚und dann‘?“, entgegnete Sam stirnrunzelnd. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich nur deinetwegen da bin, und dann sind sie verschwunden.“
„Du hast sie einfach so gehen lassen?“, fragte Dean ungläubig.
Sam starrte ihn an. Was bitte hatte der andere Mann denn sonst erwartet?
„Dean, sie hatten Angst und wollten weg von diesem Ort!“, sagte er. „Sie dachten, dass wir sie verfolgen werden, also habe ich ihnen versprochen, dass sie von uns nichts zu befürchten haben!“
„... oh mein Gott“, murmelte Dean fassungslos und rieb sich die Stirn.
„Sag nicht, dass sie diejenigen waren, hinter denen du her warst!“ Sam sah ihn durchdringend an. „Dean, sie waren noch halbe Kinder! Was wolltest du von ihnen?“
„Stopp“, sagte Dean und hob müde eine Hand. „Hör auf, Sam. So einfach ist die Situation nicht und so kommen wir auch nicht weiter.“
Er musterte Sam aufmerksam. „Lass mich dir eine andere Frage stellen: ist dir irgendetwas Seltsames an ihnen aufgefallen, als du ihnen begegnet bist?“
Sam dachte für eine Weile nach. Abgesehen von dem merkwürdigen Moment mit den Augen hatten die beiden Mädchen völlig normal gewirkt.
„... nein“, erwiderte er zögernd. „Nein, nicht wirklich.“
„Denk nach, Sam“, forderte Dean ihn auf. „Jedes Detail ist wichtig! Selbst wenn du der Meinung bist, du hättest es dir nur einbildet!“
Sam senkte den Blick. Waren die leuchtenden Augen etwa die Art von Detail, auf die Dean anspielte? Aber es war so schnell vorüber gewesen, es konnte nur eine optische Täuschung gewesen sein...!
Er atmete tief durch. Warum machte er sich eigentlich solche Gedanken? Noch schlimmer konnte dieses Date eh nicht mehr werden und Dean war zweifellos der Wahnsinnigere von ihnen beiden.
„Es klingt vielleicht verrückt“, gestand er schließlich, „aber als ich meine Taschenlampe auf sie gerichtet habe, haben ihre Augen für einen Moment das Licht reflektiert... ähnlich wie bei Katzen.“
„Bingo!“ Dean schnippte mit den Fingern und warf Sam einen triumphierenden Blick zu. „Genau solche Sachen habe ich gemeint.“
„Ich befürchte, ich habe keine Ahnung, wovon du redest“, sagte Sam.
„Exakt!“, erwiderte Dean. „Und genau das ist der Punkt. Welcher normale Mensch hat Katzenaugen? Keiner! – Jetzt bleibt uns also nur herauszufinden, womit wir es stattdessen zu tun haben. Denn wenn wir das wissen, finden wir vielleicht auch die Mädchen wieder. Alles Weitere wird sich dann entscheiden.“
Und als würde er spüren, welche Frage Sam als nächstes auf der Zunge lag, fügte er hinzu: „Und bevor ich mir noch eine weitere Lektion anhören muss: nein, es ist nicht mein Ziel, ihnen in irgendeiner Form Schaden zuzufügen. Ich will einfach nur wissen, wer sie sind und was sie vorhaben.“
Er stemmte sich vom Boden hoch und kam schließlich schwankend auf beiden Beinen zu stehen.
Und auch Sam erhob sich und legte besorgt einen Arm um Deans Taille, damit der andere Mann nicht mit dem Gesicht voran wieder umkippen konnte.
„Nur, damit ich dich richtig verstehe“, sprach er, als sie die Lagerhalle verließen und ins Mondlicht hinaustraten, „du willst damit also sagen, dass diese Mädchen keine Menschen waren?“
„Ich sehe, du lernst schnell dazu“, meinte Dean und lächelte.
„Okay, aber was waren sie dann?“, fragte Sam kopfschüttelnd. „Cyborgs? Aliens...?“
Seine Augen weiteten sich bei diesem Gedanken. „Oh mein Gott, sind wir etwa Mulder und Scully?!“
„Wenn du in diesen Kategorien denken willst, meinetwegen“, sagte Dean schulterzuckend. „Aber damit eines klar ist: ich bin Mulder und du bist Scully.“
Sam lachte auf. „Träum weiter!“
„Du hast die längeren Haare, Sam, du bist eindeutig Scully“, beharrte Dean grinsend und fuhr ihm mit der Hand spielerisch durch die Haare.
Sam drehte ihm das Gesicht zu, um lautstark zu protestieren – und stellte fest, dass Dean ihm mit einem Mal so nahe war, dass er die feinen Sonnensprossen auf seinem Nasenrücken zählen konnte.
Und er wusste nicht, ob es das Adrenalin ihres nächtlichen Abenteuers war oder die ganze, absurde Unterhaltung, die sie gerade geführt hatten und die ihn in so übermütige Stimmung versetzte, doch bevor er zu lange über die Konsequenzen nachdenken konnte, lehnte er sich vor und presste die Lippen auf Deans Mund.
Der Kuss dauerte nur wenige Sekunden – nur ein kurzer Kontakt von warmer, trockener Haut, bevor sie sich wieder voneinander lösten – doch das Funkeln in Deans Augen und seine dunklen, geweiteten Pupillen, als er Sam danach ansah, sprachen eine ganz eigene Sprache.
„Okay“, sagte Sam heiser und räusperte sich. „Vielleicht doch nicht das schlechteste Date meines Lebens.“
„... ich schwöre, Wesson, wenn all das hier vorüber ist, kommst du mit mehr als nur einem Kuss davon“, erwiderte Dean mit einer Stimme, die so tief und rau war, dass sie Sam eine wohlige Gänsehaut über den Rücken jagte.
„Ich werde dich daran erinnern, wenn es so weit ist, Winchester“, versprach Sam, und er hatte selten etwas so ernst gemeint, wie diese Worte.
„Noch eine Frage, Sam“, sagte Dean, als sie es erfolgreich quer über das Fabrikgelände bis zum Impala geschafft hatte.
„Hm?“, machte Sam.
„Was genau haben die Mädchen gesagt, als du mit ihnen gesprochen hast?“, fragte Dean. „Haben sie dir vielleicht irgendwelche Hinweise darauf gegeben, wer sie sind und was sie vorhaben?“
Sam dachte zurück an die kurze Unterhaltung mit den beiden Schwestern. Er war mindestens ebenso nervös gewesen wie sie und hatte kaum zehn Sätze mit ihnen gewechselt, aber ein paar Details waren doch hängengeblieben.
„Die ältere Schwester hieß Cathy“, sagte er schließlich. „Und die jüngere Emily. Und sie haben noch jemanden erwähnt... jemanden, der sie vor Leuten wie dir gewarnt hat.“
Er rieb sich für einen Moment die Schläfen bevor es ihm endlich wieder einfiel.
„Jason!“, rief er aus. „Sein Name war Jason.“
Dean starrte ihn an. „Bist du dir ganz sicher?“
„Hundertprozentig.“
Der andere Mann schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich glaube das nicht...“
Dann holte er die mittlerweile stark in Mitleidenschaft gezogene Zeitung aus der Innentasche seiner Jacke hervor und breitete sie auf der Motorhaube des Impala aus.
„Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann ist es, dass es keine Zufälle in diesem Job gibt“, erklärte er Sam und deutete dann unter dem Licht der Taschenlampe auf ein Wort in dem Artikel über den mysteriösen Mordfall, über den sie im Diner ins Gespräch gekommen war. „Was siehst du da?“
Sam kniff die Augen zusammen und beugte sich über das zerknitterte Papier. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er begriff, worauf Dean hinauswollte.
„Jason“, las er den Namen des Mordopfers vor. „Jason Dunham.“
Er sah ungläubig zu Dean auf. „Denkst du etwa, die Schwestern hatten mit seinem Mord zu tun?“
„Jepp“, meinte Dean. „Ich war mir nur erst nicht sicher, ob sie selbst die Täter sind oder auf andere Weise am Mord beteiligt waren. Aber wenn stimmt, was du sagst, und Jason jemand war, der sie vor anderen beschützt hat, dann sind sie vermutlich ebenso in Gefahr, wie er.“
„Und könnten die nächsten Opfer sein“, fügte Sam besorgt hinzu.
Verdammt...! Hätte er sich doch nur mehr darum bemüht, Cathy ins Gespräch zu verwickeln und die Motivation für ihr misstrauisches Verhalten zu erfragen, anstatt sie einfach laufen zu lassen. Doch zugleich wusste Sam auch, dass er in diesem Moment nicht an sie herangekommen wäre. Sie hatte klar Angst um ihre jüngere Schwester gehabt und hätte alles getan, um sie zu beschützen – eine Haltung, die Sam nur zu gut nachvollziehen konnte, wenn er an seine eigenen Schwestern dachte.
„Hey, Sam“, sagte Dean leise und legte eine Hand auf seinen Arm. „Wir werden sie finden und diesen Fall aufklären, okay? Mach dir keine Sorgen.“
Er faltete die Zeitung wieder zusammen.
„Aber wir haben momentan keine weiteren Anhaltspunkte und um diese Uhrzeit gibt es auch nicht viel, was wir sonst tun können“, fuhr er fort. „Ich werde morgen ein paar Datenbanken wälzen und sehen, ob ich herausfinden kann, wer die beiden Mädchen sind. Vielleicht können wir aus ihrer Identität dann rückschließen, wo sie als nächstes hingehen werden.“
Er klopfte Sam sanft auf die Schulter.
„Fahr nach Hause und geh schlafen, Sam. Wir können morgen weitermachen.“
Sam hüstelte. „Ich habe morgen Schule, Dean.“
„... oh.“
Die Erkenntnis schien Dean für einen Moment in Verlegenheit zu bringen, was in einem Gesichtsausdruck resultierte, von dem Sam nie gedacht hätte, dass seine Mimik dazu fähig wäre.
„Mein Gott, bist du jung“, murmelte Dean schließlich und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Ich werde sowas von in die Hölle kommen...“
Sam verdrehte die Augen. „Ich bin 18, Dean. Sei nicht so eine Dramaqueen.“
„Du bist praktisch ein Baby.“
„Ich bin volljährig, Winchester, und ich schwöre, wenn du noch einen weiteren Kommentar dieser Art von dir gibst, dann war das unser erster und letzter Kuss“, drohte Sam.
Doch Dean lachte nur und legte dann eine Hand an Sams Wange, um ihn zu küssen, dieses Mal länger und intensiver und mit deutlich mehr Zunge.
„Mmh“, machte Sam, als sie sich schließlich voneinander lösten und er seine Augen wieder öffnete. Seine Wangen waren warm und er konnte das verträumte Lächeln auf seinen Lippen förmlich spüren.
„Gott, Sam...“, murmelte Dean gegen seine Lippen. „Du machst mich auf die beste aller Arten wahnsinnig, weißt du das...?“
Dann stieß er ein Seufzen aus und trat ein paar Schritte zurück.
„Aber bevor das hier weiter ausartet, sollten wir wirklich Schluss machen. Ich brauche eine Aspirin und meinen Schönheitsschlaf.“
Sam nickte bedauernd. „Ich verstehe.“
Dann dachte er kurz nach. „Ich kann morgen Nachmittag um drei am Diner sein. Schaffst du es bis dahin, alle notwendigen Recherchen durchzuführen und dich nicht noch mal in Schwierigkeiten zu bringen?“
Dean schenkte ihm ein Lächeln. „Ich kann es zumindest versuchen.“
„Das wäre schon mal ein Anfang“, meinte Sam und erwiderte das Lächeln.
Dann trennten sich ihre Wege, und während Dean in den Impala stieg, kehrte Sam zum Ford seiner Eltern zurück.
„Hey, Wesson“, rief Dean ihm durchs heruntergekurbelte Fenster zu, als Sam gerade einsteigen wollte.
Sams Herz begann schneller zu klopfen, als er sich noch einmal zu dem anderen Mann herumwandte.
„Ja?“
„Sorry für das misslungene Date“, sagte Dean. „Ich schwöre, dass ich mich beim nächsten Mal mehr bemühen werde.“
Sam lachte auf. „Mach keine Versprechen, die du nicht einhalten kannst!“
Doch um Dean nicht gänzlich zu entmutigen, fügte er hinzu:
„Aber wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich noch nie so viel Spaß bei einem Date, also... es war auch nicht alles schlecht daran.“
„Dann bin ich ja beruhigt“, erwiderte Dean lächelnd.
Dann wendete er den Impala sicher auf der schmalen Straße und wenig später war er hinter der nächsten Straßenbiegung verschwunden.
Sam sah ihm noch einen Moment lang nach, bevor er sich hinter das Lenkrad seines Wagens setzte und den Motor startete.
Er hatte seiner Mutter versprochen, spätestens um Mitternacht zu Hause zu sein. Mittlerweile war es fast eins, und wie er seine Mutter kannte, würde sie kein Auge zumachen, bis er wieder sicher zu Hause angekommen war.
Doch obwohl sein schlechtes Gewissen mit jeder Meile in Richtung seines Elternhauses mehr zunahm und er sich innerlich bereits auf die verdiente Strafpredigt einstellte, war das einzige, woran er denken konnte, das verdammte Lächeln auf Deans Gesicht, kurz bevor er Sam geküsst hatte – und er konnte es kaum erwarten, ihn am nächsten Tag wiederzusehen.
The Hunt
Der nächste Tag zog sich dahin wie Kaugummi.
Sam ertappte sich mehrfach dabei, wie er im Unterricht immer wieder auf die Uhr sah, und konnte selbst für seine Lieblingsfächer kaum die nötige Konzentration aufbringen.
Im Laufe der Stunden wurde es mit seinem hibbeligen Verhalten schließlich so schlimm, dass sogar seiner besten Freundin Jessica seine Unruhe nicht länger entging.
„Was ist heute nur los mit dir, Sam?“, fragte sie ihn in der Mittagspause, als sie zusammen in der Kantine saßen. „So nervös habe ich dich schon lange nicht mehr erlebt.“
Sam schob mit der Gabel für eine Weile das Essen auf seinem Teller hin und her, bis er sich schließlich eingestehen musste, dass er schlichtweg keinen Appetit hatte, und sie seufzend beiseitelegte.
„Tut mir leid“, erwiderte er. „Es ist nichts.“
„Sicher doch“, sagte sie und hob eine Augenbraue. „Wer ist die Glückliche, Samuel?“
Sie lehnte sich mit verschwörerischem Grinsen über den Tisch. „Mir kann du es erzählen.“
Sam starrte sie an. Manchmal vergaß er, wie gefährlich clever sie war – bis sie Dinge wie diese von sich gab. Und dann war es meistens schon zu spät.
„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst“, versuchte er sich rauszureden, aber er erkannte gleich, dass dies ein Fehler gewesen war, als plötzlich ein interessierter Ausdruck auf ihr Gesicht trat.
„Sam, mein Lieber, ich erinnere mich noch genau daran, wie nervös du damals immer bei unseren Dates warst, glaub also nicht, dass ich die Anzeichen nicht wiedererkennen würde“, entgegnete sie unbeeindruckt. „Komm schon, raus mit der Sprache: wer ist die Glückliche?“
Sam hob kapitulierend die Hände.
„Okay, okay, schon gut!“, sagte er. Dann senkte er die Stimme. „Es wäre nur nett, wenn diese Sache unter uns bleibt.“
„Du hast mein Wort“, versprach sie und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über den Mund, als würde sie einen Reißverschluss zuziehen.
„Na gut...“
Sam atmete einmal tief durch.
„Zuerst einmal ist es ein Er und keine Sie.“
„Wow!“, entfuhr es ihr und ihre Augen weiteten sich. „Wow, Sam, das ist großartig!“
Nachdem er und Jessica sich vor einem Jahr in Freundschaft wieder voneinander getrennt hatten, hatte Sam ihr erzählt, dass er sich sowohl zu Frauen als auch zu Männern hingezogen fühlte. Er war seitdem erst auf einem einzigen Date mit einem Jungen seines Alters gewesen, das für sie beide nicht funktioniert hatte, und seitdem ermutigte Jessica ihn immer mal wieder, es noch ein weiteres Mal zu versuchen.
„Komm schon, erzähl mir mehr!“, sagte Jessica in diesem Moment. „Wie sieht er aus?“
Sam spürte, wie er rot wurde. Es tat einerseits gut, mit ihr über Dean reden zu können, gleichzeitig war es aber auch die pure Hölle. Wenn er ihr erzählte, unter welchen Umständen er und Dean sich kennengelernt hatten und was der andere Mann beruflich machte, würde selbst Jessica, die für vieles offen war, an seinem Urteilsvermögen – und zweifellos auch an seinem gesunden Menschenverstand – zweifeln.
„Er ist...“, begann Sam, und hielt dann inne.
Die Wahrheit war, dass Dean einer der attraktivsten Menschen war, die er je getroffen hatte. Er wäre zweifellos der Schwarm vieler Mädchen an der Highschool und allein die Tatsache, dass er Sams Interesse erwiderte, fühlte sich nach wie vor unwirklich an.
„Er ist eher durchschnittlich“, murmelte Sam dann.
Jessica würde ihn nie in Ruhe lassen, wenn er anfing, von Deans gutem Aussehen zu schwärmen, und das letzte, was er wollte, war, dass seine Ex seinen neuen Freund traf. Nicht, weil es ihm Sorgen machte, dass sie miteinander flirten würden – was sie ohne jeden Zweifel tun würden – sondern weil die beiden einzeln schon so scharfzüngig waren, dass allein die Vorstellung, sie zusammen zu erleben, das pure Grauen in ihm weckte.
„Nett, aber etwas verschroben“, fügte er nach einer Weile hinzu.
Seine Worte brachten Jessica zum Lachen.
„Klingt, als hätten sich die richtigen gefunden“, meinte sie und grinste.
„Du bist nur neidisch“, meinte Sam und rümpfte die Nase.
„Ganz bestimmt, Sam. Ganz bestimmt.“
Jessica sah auf ihre Uhr. „Die Pause ist gleich vorbei, wir sollten gehen.“
Sie stand auf und nahm ihr Geschirr. „Komm schon, Cowboy, die restlichen Stunden schaffst du jetzt auch noch. Denk einfach an all den atemberaubenden Sex, den du bald wieder haben wirst.“
„Oh mein Gott, Jess!“ Sam musste lachen. „Du bist eine Gefahr für diese Welt, hat dir das schon mal jemand gesagt?“
„Du“, erwiderte sie. „Oft genug.“
Sie stichelten sich gegenseitig weiter, bis sie wieder im Klassenraum angekommen waren, doch ihre Unterhaltung hatte Sam dabei geholfen, den Kopf wieder halbwegs freizubekommen, und seine Nervosität bewegte sich für den Rest seines Schultages auf einem deutlich erträglicheren Niveau.
Der schwarze Chevrolet Impala fuhr pünktlich um drei auf den Parkplatz neben dem Diner.
Dean sah müde und etwas mitgenommen aus, als er die Scheibe herunterkurbelte, doch das Lächeln, mit dem er Sam begrüßte, verdrängte die Erschöpfung in seinem Blick und ließ seine Augen strahlen.
Sam konnte nicht anders, als es zu erwidern.
„Hey, Wesson.“
„Hey, Winchester.“
„Ich will nicht ekelhaft romantisch klingen“, sagte Dean, „aber der Gedanke an unser Treffen war das einzige, was mich heute motiviert hat, um diverse Ämter abzuklappern und einen Haufen Datenbanken zu durchforsten.“
„Falls es hilft“, erwiderte Sam, als er auf der Beifahrerseite einstieg, „mir ging es im Unterricht nicht anders.“
Dean stöhnte theatralisch auf. „Bitte hör auf, mich bei jeder Gelegenheit daran zu erinnern, dass ich einen Schüler date.“
Sam grinste.
„Oh, halt den Mund, Dean“, sagte er, bevor er sich zu dem anderen Mann hinüberlehnte und ihm einen Kuss gab.
Während Dean noch überrascht blinzelte, richtete Sam den Blick wieder nach vorn.
„Lass uns ins Stadtzentrum fahren, ich kenne da ein gutes Thai-Restaurant“, meinte er. „Du kannst mir ja beim Essen erzählen, was du herausgefunden hast.“
Dean schnaubte leise. „Bossy.“
Sam grinste, während Dean den Motor startete und vom Parkplatz herunterfuhr. „Oh, du hast ja keine Ahnung...“
Eine halbe Stunde später saßen sie an einem Tisch in der hintersten Ecke des Restaurants.
„Was hast du herausgefunden?“, fragte Sam, nachdem sie ihre Bestellungen aufgegeben hatten. Er versuchte, sich seine Ungeduld nicht zu sehr anmerken zu lassen, aber es gelang ihm nur mäßig. „Weißt du mittlerweile, was es mit den Schwestern auf sich hat?“
„Ja und nein“, erwiderte Dean und holte mehrere zusammengefaltete Blätter Papier aus seiner Jackentasche. „Ich weiß immer noch nicht, was sie sind – nur dass sie keine Werwölfe sind, da bin ich mir mittlerweile sicher – aber dafür habe ich herausgefunden, wer sie sind.“
Er schob die Kopien der Vermisstenanzeigen für die beiden Mädchen zu Sam hinüber, der sie aufmerksam betrachtete.
„Catherine und Emily Connelly“, las er vor. „Vermisst seit März 2001. Zuletzt gesehen in Chicago, wo sie auch aufgewachsen sind. Vater verstorben, Mutter jahrelang alleinerziehend, seit kurzem wieder verheiratet. Familie ist der Polizei bereits aufgrund der Gewalttätigkeit des Stiefvaters bekannt...“
Er ließ mit überraschter Miene den Bericht sinken.
„Woher hast du das alles?“, fragte er. „Du arbeitest nicht bei der Polizei, soviel ist klar. Wie bist du an diese Daten gekommen?“
„Mit meinem unwiderstehlichen Lächeln und einem 50-Dollar-Schein“, entgegnete Dean ohne jegliches Schamgefühl.
„Du hast einen Polizisten bestochen?“, fragte Sam ungläubig.
Dean kratzte sich am Hinterkopf. „Nun ja, technisch betrachtet war sie Sekretärin, keine ausgebildete Polizistin, also... nicht ganz?“
Sam starrte ihn fassungslos an. „Gibt es in deiner Berufsgruppe keinen, wie soll ich sagen, Ehrenkodex oder sowas in der Art?“
Doch Dean lachte nur.
„Die Leute, die diesen Job machen, können sich noch nicht mal auf ein einheitliches Berufsbild einigen“, erwiderte er dann. „Wir sind... eher eine Ansammlung von Individuen mit demselben Hobby, das gerade für Neulinge oft tödlich endet und grundsätzlich kein Geld einbringt.“
„Okay, nur damit ich das richtig verstehe...“, sagte Sam und versuchte all das, was Dean ihm bisher über seinen Job erzählt hatte, zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. „Du beschäftigst dich mit der Suche nach übernatürlichen Vorfällen und nichtmenschlichen Wesen, korrekt?“
„Das könnte man so sagen, ja“, meinte Dean und nickte.
„Und du arbeitest völlig unabhängig?“, fuhr Sam fort. „Wirklich? Ich dachte anfangs, du wärst der Regierung unterstellt oder so.“
„Bloß nicht.“ Dean verzog das Gesicht. „Wenn die Regierung wüsste, was für Kreaturen in der Dunkelheit auf uns Menschen lauern, dann hätte sie schon längst versucht, sie einzufangen und für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen.“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, die Regierung hat keine Ahnung, dass es Monster gibt – oder Leute wie uns. Und das ist auch gut so.“
„Wovon lebt ihr dann, wenn euch niemand bezahlt?“, fragte Sam.
Je mehr er über dieses Thema erfuhr, desto mehr faszinierte ihn diese zweite, geheime Gesellschaft inmitten der ersten – eine Gesellschaft, deren Mitglieder im Untergrund lebten und das Übernatürliche jagten. Er fragte sich, wie es wohl sein musste, in so einer Umgebung aufzuwachsen, in dem Wissen aufzuwachsen, dass solche Wesen überhaupt existierten. Würde er sich damit sicherer fühlen? Sam wagte es fast zu bezweifeln...
„Ich bin mir sicher, du bist mit dem Konzept des Kreditkartenbetrugs vertraut...“
„Oh mein Gott, ist das dein Ernst?“ Sam lachte auf.
„Mein absoluter Ernst“, erwiderte Dean und seufzte. „Du glaubst gar nicht, wie viel Gewehrmunition jedes Mal draufgeht, wenn ich es mit einem Geist zu tun habe...“
„Du hast gegen Geister gekämpft?!“
Dean zuckte mit den Schultern. „Ich habe gegen eine Menge übernatürlicher Geschöpfe gekämpft.“
Dann schenkte er Sam ein kleines, aber umso anzüglicheres Lächeln.
„Ich kann dir bei Gelegenheit gerne die Narben zeigen.“
Sams Gesicht wurde warm.
„Vielleicht nachdem wir diese ganze Sache überstanden haben“, sagte er. „Aber danke.“
Im nächsten Moment hätte er am liebsten seinen Kopf auf die Tischplatte gehauen. Mehrfach.
„Aber danke“? Wow, Sam. Wortgewandt wie immer.
Deans Lächeln wurde breiter, als wüsste er genau, was Sam in diesem Moment durch den Kopf ging.
„Wie du willst“, entgegnete er nur.
Dann kehrte die Kellnerin zurück und brachte ihre Gerichte, und für die nächsten zehn Minuten waren sie zum Glück erst einmal mit Essen beschäftigt.
„Okay“, sagte Sam nach einer Weile, als sein gröbster Hunger gestillt war. „Die Schwestern sind also vermutlich aufgrund von häuslicher Gewalt weggelaufen und haben es bis nach Sioux Falls geschafft. Hier konnten sie mit Jasons Hilfe untertauchen – bis man ihnen irgendwann auf die Spur gekommen ist und Jason dafür mit seinem Leben bezahlen musste.“
Dean nickte. „Es bleibt nur noch die Frage, wer sie verfolgt und warum. Wenn wir das wissen, kennen wir auch den Mörder.“
„Mich interessiert auch immer noch, was sie sind“, meinte Sam. „Hast du schon mehr herausgefunden?“
Dean machte ein nachdenkliches Gesicht. „Nicht direkt. Die leuchtenden Augen sind als Merkmal leider weiter verbreitet, als ich gehofft hatte.“
Er holte einen weiteren Zettel aus seiner Jacke und reichte ihn Sam. „Aber dafür habe ich etwas anderes Interessantes entdeckt...“
Es war der Bericht des Gerichtsmediziners, der Dunhams Leiche untersucht hatte, und Sam fragte dieses Mal erst gar nicht, wie Dean an diese Informationen gelangt war.
„Du hattest Recht, was die Raubtierbisse angeht“, sagte Dean, während Sam den Bericht las. „Wie sich allerdings herausgestellt hat, sind es nicht die Bisse eines Wolfes, sondern die einer großen Raubkatze.“
Sam schnaubte leise. „Sag nicht, es gibt auch sowas wie Werkatzen.“
Dean gab keine Antwort und Sam warf ihm über den Bericht hinweg einen ungläubigen Blick zu.
„Komm schon, ernsthaft?“
Dean zuckte mit den Schultern. „Ich bin noch nie einer begegnet, aber es gibt genug Legenden über sie in Afrika und Südamerika, dass ich ihre Existenz nicht kategorisch ausschließen würde.“
Sam rieb sich das Gesicht. Wenn er nicht genug gesehen hätte, um zu wissen, dass Dean Recht hatte, dann hätte er schon längst einen Psychologen aufgesucht.
„Na schön“, sagte er. „Dann halt Werkatzen. Das würde zumindest die reflektierenden Augen erklären.“
Dann fasste er ihre bisherigen Erkenntnisse zusammen: „Wir suchen also nach einem Werkatzen-Geschwisterpaar, das von einer anderen Werkatze verfolgt wird, die offenbar bereit ist, über Leichen zu gehen, um sie zu finden. Soweit alles richtig?“
„Jepp, du fängst langsam an, wie ein Jäger zu denken“, erwiderte Dean und grinste. „Also falls du nach dieser ganzen Sache noch einen Job suchen solltest...“
„Einen Job, der nicht bezahlt wird“, warf Sam ein.
„... es sind immer Stellen offen“, fuhr Dean unbeirrt fort.
„Nein, danke“, lehnte Sam höflich, aber bestimmt ab. „Das langweilige Studentenleben ist mir wesentlich lieber.“
„Ist es das.“ Dean verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn interessiert an. „Was genau hast du denn vor, nachdem du die Schule beendet hast?“
„Ich will weg aus Sioux Falls“, erwiderte Sam. „Ich will mich an der Stanford Law School bewerben. Den SAT habe ich vor zwei Wochen geschrieben, im Moment warte ich noch auf das Ergebnis.“
„Stanford, hm?“, fragte Dean amüsiert. „Du willst ganz schön hoch hinaus. Scheint, als hättest du eine Menge Vertrauen in deine Fähigkeiten, Sam.“
„Das habe ich“, gab Sam offen zu. Er sah keinen Grund, sich in falsche Bescheidenheit zu kleiden. Er war immer einer der besten seines Jahrgangs gewesen und seine Eltern hatten ihn stets dazu ermutigt, nach den Sternen zu greifen. Mehr als abgelehnt werden konnte er nicht, also gab es keinen Grund, es nicht wenigstens zu versuchen.
Dean nickte. Sam sah Bedauern in seinem Blick, bevor der andere Mann seine Gefühle wieder sorgsam hinter einem Lächeln verbarg.
„Dann habe ich wohl einen Grund, in Zukunft öfters nach Kalifornien zu fahren, wenn sie dich nehmen“, sagte er. „Sommer, Sonne, Strand... das klingt alles sehr fantastisch, wenn du mich fragst.“
Sam lachte auf. „Noch ist es nicht so weit, Dean, erst muss ich mich bewerben. Und selbst mit einem überdurchschnittlichen SAT-Ergebnis liegt die Chance, dass ich genommen werde, bei weniger als 15%, ich werde also noch mindestens ein halbes Jahr bangen müssen.“
„Pfff“, machte Dean und winkte ab. „Wen interessieren die Details. Ich zweifle nicht daran, dass sie dich auf der Stelle nehmen werden, Sammy.“
„Okay, hör schon auf, ich versinke sonst noch im Boden!“, meinte Sam und lachte abermals.
Doch er spürte zugleich auch ein Kribbeln im Bauch, als ihm bewusst wurde, dass Dean und er gerade Pläne für die Zukunft machten. Weil sie beide schon jetzt davon ausgingen, dass diese Sache länger Bestand haben würde.
Und der Gedanke machte ihn zugleich wahnsinnig glücklich und wahnsinnig nervös.
„Wie sieht es mit dir aus?“, fragte er dann. „Hast du Pläne über das Jägerleben hinaus? Und was hält deine Familie davon?“
Sam merkte sofort, dass er ein empfindliches Thema berührt hatte, als Dean mit einem Mal sehr still wurde und lange Zeit keine Antwort gab.
„Mein Vater ist ebenfalls Jäger“, erwiderte er schließlich leise. „Von ihm habe ich alles gelernt, was ich über dieses Leben weiß.“
Er legte seine Hände flach auf den Tisch. „Meine Mutter... sie starb, als ich noch ein Kind war, zusammen mit meinem kleinen Bruder. Ihr Tod war der Grund, weshalb mein Vater mit der Jagd begonnen hat – und warum er mich zum Jäger erzogen hat.“
„Dean...“ Sam legte ohne nachzudenken seine Hand auf die des anderen Mannes. „Dean, es tut mir leid. Ich hätte nicht fragen sollen.“
„Es ist schon okay, Sam“, erwiderte Dean und lächelte schwach. „Du konntest es nicht wissen.“
Sam schluckte. Diese unerwartete Offenbarung sagte ihm mehr über Dean und seine Vergangenheit, als er hatte wissen wollen. Wie verletzt und verzweifelt musste ein Mensch sein, um sein eigenes Kind zu diesem Leben zu erziehen...? Sam hatte keine Ahnung, wie er sich Deans Vater gegenüber verhalten würde, sollte er ihn jemals treffen. Ein Teil von ihm hoffte, dass er es nie tat.
„Aber um wieder zum Thema zu kommen“, sagte Dean plötzlich und zog seine Hand wieder zurück, „was schlägst du vor, wie wir weiter vorgehen, Mister Zukünftiger Staranwalt?“
Sam überlegte eine Weile.
„Es wäre sicher sinnvoll, mit den Bekannten von Jason, sowie der Mutter der beiden Mädchen zu sprechen“, erwiderte er dann. „Nach Chicago und wieder zurück zu fahren wird allerdings deutlich länger als einen Tag in Anspruch nehmen.“
„Dann werde ich das übernehmen.“ Dean nickte. „Ich werde mich gleich nachher auf den Weg machen. Du könntest dich in der Zwischenzeit ein bisschen in der Gemeinde umhören, in der sich Jason engagiert hat.“
Sam blinzelte. „Was genau soll ich tun?“
„Ich dachte, du wärst smart, Wesson“, entgegnete Dean und grinste. „Du wirst dir schon was einfallen lassen, da bin ich mir sicher.“
Dann wurde seine Miene plötzlich ernst. „Aber sei vorsichtig, hörst du? Im schlimmsten Fall stichst du in ein Wespennest und wenn ich wiederkomme, bist du plötzlich ebenfalls verschwunden. Es wäre gut, wenn wir das vermeiden könnten.“
Sam nickte.
„Ich werde auf mich achtgeben“, versprach er. Und fügte dann hinzu: „Und ich hoffe, dass du dasselbe tust.“
„Bist du meine Mutter oder mein Freund?“, grummelte Dean. „Ich mache diesen Job schon seit Jahren, Sam, ich weiß mittlerweile, was ich tue.“
„Mmh-hm“, machte Sam nur und konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich neben Dean auf die Bank zu setzen, um ihn auf die Wange zu küssen. „Mein Held.“
Dean lachte.
„Mein Gott, du kannst so ein Arsch sein“, erwiderte er, doch dann drehte er Sam das Gesicht zu und küsste ihn auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Nicht, dass Sam Einwände gehabt hätte.
Sie lösten sich erst wieder voneinander, als sie neben dem Tisch ein leises Räuspern hörten und die Kellnerin fragte, ob sie noch etwas für sie tun konnte.
Mit hochrotem Kopf – im Fall von Sam – und einem frivolen Lächeln – im Fall von Dean – bezahlten sie ihr Essen und verließen schließlich das Restaurant
„Morgen gleiche Zeit, gleicher Ort?“, fragte Dean, als sie den Impala erreicht hatten, und öffnete die Tür, um einzusteigen.
„Ich habe morgen wieder die Spätschicht im Diner, du kannst mich also den ganzen Abend dort antreffen und musste dich nicht beeilen“, erwiderte Sam.
„Okay.“ Dean nickte. „Dann bekomme ich zwischendurch vielleicht sogar noch ein paar Stunden Schlaf.“
Er schloss die Tür und kurbelte das Fenster hinunter.
„Dann also bis morgen, Sam“, sagte er und schenkte ihm ein Lächeln.
Sam beugte sich zu ihm herab und gab ihm durchs Fenster einen letzten Kuss.
„Bis morgen, Dean“, entgegnete er dann, bevor er sich wieder aufrichtete und mit der flachen Hand auf das Autodach klopfte. „Fahr vorsichtig.“
„Immer.“ Dann startete Dean den Motor und war schon bald im dichten Nachmittagsverkehr verschwunden.
Sam sah ihm eine Weile nach, dann atmete er tief durch und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
„Na dann los“, murmelte er und machte sich auf den Weg zu Jason Dunhams Apartment.
Er hatte eine Aufgabe zu erledigen.
The Supernatural
Während er durch die belebten Straßen der Innenstadt lief, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben, versuchte Sam sich zu erinnern, was er über Jason Dunham gelesen hatte.
Den Zeitungsartikeln nach war der Mann von Beruf Buchhalter gewesen, was an sich kein besonders aufregender oder gar gefährlicher Job war, weshalb Sam es ausschloss, dass er seinem Mörder auf diesem Weg begegnet war.
Er erinnerte sich allerdings auch daran, etwas von einer Suppenküche und einer Anlaufstelle für obdachlose Jugendliche gelesen zu haben, in der Dunham sich engagiert hatte. Wenn er irgendwo Informationen über zwei minderjährige Mädchen auf der Flucht bekommen würde, dann mit Sicherheit dort.
Sam erkannte das Mehrfamilienhaus, in dem Dunham gelebt hatte, schon von weitem an der großen Anzahl von Blumen und Kerzen, die die Leute auf die Stufen vor dem Eingang gestellt hatten.
Viele hatten Zettel oder Karten mit Dankesbekundungen und Abschiedsgrüßen hinterlassen, und Sam konnte an den Handschriften erkennen, dass auch etliche Schreibanfänger unter ihnen gewesen waren.
Ein Begriff tauchte dabei in ihren Nachrichten immer wieder auf – die Abkürzung NWYC.
Sam wusste damit nichts anzufangen, aber er spürte, dass er auf dem richtigen Weg war.
Ein Stück die Straße hinunter lieh er sich in einem Café das Telefonbuch aus, um unter N nach der Abkürzung zu suchen.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis er eine Antwort hatte – und eine Adresse.
Das North West Youth Center lag etwa eine halbe Stunde von Dunhams Wohnung entfernt und war gerade dabei, seine Kantine zu öffnen, als Sam dort ankam.
Um nicht aufzufallen, reihte er sich in die Schlange der wartenden Kinder und Jugendlichen ein, die gekommen waren, um sich eine kostenlose, warme Mahlzeit abzuholen. Während er wartete, dass er an der Reihe war, musste Sam mit aller Mühe den Impuls unterdrücken, sich immer wieder neugierig umzusehen. Er hatte sich noch nie in einer solchen Umgebung bewegt und fragte sich, welche Schicksale sich hinter den hungrigen und erschöpften Mienen der Jugendlichen um ihn herum verbargen. Die meisten schienen etwa in seinem Alter oder nur wenig jünger zu sein, doch er sah auch Kinder, die kaum älter sein konnten, als seine Schwestern, und Sam musste die Zähne zusammenbeißen, weil ihn die Tatsache, dass die Gesellschaft so etwas zuließ, so wütend machte.
Und er fragte sich plötzlich, ob es ihm ähnlich ergangen wäre, wäre er als Baby nicht von dem liebevollen, jungen Paar adoptiert worden, das er auch heute noch seine Eltern nennen durfte...
„Du bist neu hier“, hörte er auf einmal eine Stimme und Sam hob überrascht den Blick.
Er hatte mittlerweile den Anfang der Schlange erreicht und stand einer jungen Frau mit dunklem Haar gegenüber, die ihm über den Tresen hinweg ein Tablett mit Besteck in die Hände drückte.
„Ja“, antwortete er einsilbig und senkte den Kopf. „Zweiter Tag.“
„Ich verstehe“, sagte sie voller Mitgefühl. Dann fügte sie hinzu: „Ich bin Laura. Und wie heißt du?“
Er zögerte einen Moment. Seinen echten Namen zu verwenden, war vermutlich nicht die beste Idee, also griff er auf seinen Zweitnamen zurück. „... Billy.“
Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln.
„Okay, Billy“, erwiderte sie. „Willkommen im NWYC. Heute gibt es leider nicht viel, aber ich hoffe, es reicht trotzdem, um deinen Hunger zu stillen.“
„Danke, Laura“, sagte Sam und lächelte schwach. „Es wird schon genug sein.“
Während er weiter durch die Essensausgabe geleitet wurde und sich das Tablett in seinen Händen mehr und mehr füllte, bekam er ein immer schlechteres Gewissen. Er sollte nicht hier sein. Er hatte eine Familie und ein Dach über dem Kopf, er war nicht auf die Mahlzeit angewiesen, im Gegensatz zu all den anderen, die hier versammelt waren.
Andererseits brauchte er auch Antworten, und die würde er nur hier finden.
Als er alles beisammen hatte, setzte Sam sich mit seinem Essen schließlich an einen der Tische, die am weitesten vom Eingang entfernt waren. Mit dem Rücken zur Wand hatte er von hier aus einen guten Überblick über den gesamten Raum, und während er aß, sah er sich immer wieder unauffällig nach den beiden Schwestern um.
Wenn sie noch immer in Sioux Falls waren, würden sie früher oder später auftauchen, da war er sich sicher – und wenn nicht an diesem Abend, dann am nächsten.
Doch während Sam noch überlegte, wer am Dienstagabend seine Schicht im Diner abdecken sollte und wie er Dean erreichen konnte, um ihn über seine Pläne zu informieren, öffnete sich die Tür zur Kantine und er sah den blonden Haarschopf von Emily.
Sie stellte sich nach kurzem Zögern zu den Wartenden, wobei sie sich immer wieder nervös im Raum umsah. Von ihrer Schwester fehlte jegliche Spur, aber Sam bezweifelte nicht, dass Cathy in der Nähe war und ihr im Notfall zur Hilfe kommen würde.
Er ließ sich Zeit mit seinem Essen und war froh, dass sich niemand in seine unmittelbare Nähe setzte und versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Das hatte allerdings auch den Nachteil, dass er sich hinter niemandem verbergen konnte, und nur wenige Minuten später begegnete Emilys suchender Blick dem seinen. Ihre Augen weiteten sich, als sie ihn wiedererkannte, und sie verließ augenblicklich ihren Platz in der Schlange und ging zügig auf den Ausgang zu.
„Mist!“, fluchte Sam leise.
Er stand auf und griff nach seinem Rucksack, bevor er Emily so unauffällig wie möglich hinaus auf die Straße folgte.
Vor dem Gebäude blieb er stehen und sah sich aufmerksam um, doch das Mädchen war wie vom Erdboden verschluckt. Sam vermutete jedoch, dass sie noch in der Nähe war.
Er schlenderte an dem Jugendzentrum vorbei und bog in die nächste Seitenstraße ein. Die Dämmerung war bereits angebrochen und dunkle Schatten lagen über der schmalen Gasse, die Sam kaum mit den Augen durchdringen konnte. Es war vollkommen still – zu still.
Sam hatte kaum ein paar Schritte gemacht, als plötzlich ein Fauchen ertönte, und im nächsten Momente wurde er zur Seite und gegen die nächste Hauswand geschleudert, als plötzlich eine riesige, sandfarbene Katze auf ihn zusprang und ihre Krallen in seine Schulter bohrte.
Sam war so überrascht von dem Angriff, dass er den brennenden Schmerz, der in seiner rechten Schulter explodierte, kaum registrierte. Blut lief aus den langen, tiefen Kratzern, die sich über seinen Oberarm zogen, und färbte den zerrissenen Stoff seines Shirts und seiner Jacke schnell rot.
Die Raubkatze sprang zurück und öffnete ihr Maul, um eine Reihe scharfer, weißer Zähne zu entblößen, bevor sie erneut zum Sprung ansetzte.
Doch es sollte nicht dazu kommen.
„Cathy!“, hörte er auf einmal eine hohe, entsetzte Stimme und im nächsten Moment trat Emily zwischen Sam und... ihre Schwester?
„Cathy, hör auf damit!“, rief sie. „Er ist den Ärger nicht wert!“
Die Raubkatze fauchte auf, während eine nur allzu menschliche Wut in ihren bernsteinfarbenen Augen aufblitzte, doch sie griff nicht noch mal an.
Emily legte eine Hand auf das kurze Fell zwischen ihren Ohren, dann wandte sie sich Sam zu.
„Was willst du von uns?“, fragte sie anklagend. „Du hast uns versprochen, dass ihr uns in Ruhe lasst!“
Sam machte ein gequältes Gesicht, als der Schmerz langsam zu ihm durchdrang, und er zog vorsichtig seine Jacke aus.
„Ich weiß“, erwiderte er, während er den Stoff auf die tiefen Kratzwunden an seinem Oberarm presste. „Und es tut mir leid, dass ich mein Wort nicht gehalten habe. Aber irgendjemand ist euch auf der Spur und ich muss wissen, wer es ist, bevor erneut jemand sterben muss!“
Die Raubkatze gab ein warnendes Knurren von sich und auch Emily sah ihn scharf an.
„Warum sollten wir dir vertrauen?“, fragte sie. „Du hast uns bisher noch keinen Grund dafür gegeben!“
„Emily, bitte!“, flehte Sam. „Wer auch immer Jason getötet hat, er wird früher oder später auch euch finden! Ihr seid zwar zu zweit, aber das allein wird vielleicht nicht reichen, wenn es so weit ist!“
„Und du glaubst wirklich, wir sind dumm genug, um auf den Schutz eines Jägers zu vertrauen?“, entgegnete Emily. „Wir wissen, was Leute wie du mit Leuten wie uns machen!“
Sie tauschte einen Blick mit ihrer Schwester und ein entschlossener Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht.
„Allein sind wir sicherer“, sagte sie dann. „Und wenn wir einen von euch noch mal sehen, dann werde ich meine Schwester beim nächsten Mal nicht zurückhalten! Ist das klar?“
Sam nickte verzweifelt. „Absolut. Aber Emily, ihr könnt nicht...!“
Doch sie hörte ihm nicht länger zu, sondern wandte sich ab und lief davon, gefolgt von ihrer Schwester, die ihr in großen Sprüngen nacheilte. Wenig später waren die beiden im Dämmerlicht verschwunden.
Sam lehnte sich stöhnend gegen die Hauswand und schloss die Augen, als ihn die Schmerzen seiner Verletzung mit einem Mal trafen wie ein Vorschlaghammer.
Verdammt, das war schlecht gelaufen – sehr schlecht sogar. Nicht nur gab es jetzt einen weiteren Ort, an dem sie die beiden Mädchen nicht länger antreffen würden, sondern er hatte auch den letzten Rest von Vertrauen verspielt, das sie ihm entgegengebracht hatten.
Beim ihrer nächsten Begegnung würde Cathy keine Gnade mehr walten lassen, das hatte er nun begriffen.
Was sollte er jetzt bloß machen...?
Sam wünschte, er hätte eine Möglichkeit, Dean zu erreichen und ihm von seinem Fehltritt zu erzählen, doch leider würde er sich damit noch einen Tag gedulden müssen.
Stattdessen wickelte er die Überreste seiner Jacke fest um seinen Oberarm und verknotete die Ärmel miteinander, um Druck auf die Wunde auszuüben. Dann schulterte er vorsichtig seinen Rucksack und machte sich auf den Weg nach Hause.
„Sam, mein Schatz, was ist mit deiner Jacke passiert?“, fragte seine Mutter, als Sam mit bleichem Gesicht über die Türschwelle trat.
Dann sah sie die Blutflecken auf dem Stoff, und schlug entsetzt die Hände vor den Mund.
„Aaron!“, rief sie panisch.
Aaron Wesson war ein ruhiger, ausgeglichener Mann, den nur wenig erschüttern konnte, doch als er nun aus dem Wohnzimmer in den Flur hinaustrat und sah, in welchem Zustand sich sein Sohn befand, legte sich ein besorgter Zug auf sein Gesicht.
„Sam“, sagte er leise. „Wer hat dir das angetan?“
Sam wand sich innerlich. Sein Vater war ein kluger Mann und würde ihm nie abkaufen, dass er einen Unfall gehabt hatte und unglücklich gestürzt war, und so entschied er sich für eine Notlüge.
„Ich wollte einen Streit aufbrechen“, murmelte er. „Einer der Typen hatte ein Nietenarmband mit Stacheln um und, nun ja...“
Sein Vater nickte verstehend. „Ich hoffe, du bist weggelaufen.“
Doch Sam schüttelte den Kopf. Wenigstens was diesen Teil anging, musste er nicht lügen.
„Sie sind von allein abgehauen“, sagte er. „Sie waren nur Teenager.“
„... ich verstehe.“ Sein Vater stieß ein Seufzen aus. „Sam, ich kann und möchte dir nicht verbieten, dich für andere einzusetzen, aber ich wünsche mir von dir, dass du in Zukunft vorsichtiger bist. Erst dein langes Fortbleiben letzte Nacht, jetzt diese Verletzung...“
Sam senkte beschämt den Blick. „Es wird nicht wieder vorkommen, Dad.“
„Mach keine Versprechen, die du nicht halten kannst“, ermahnte ihn sein Vater, doch es war keine Strenge in seiner Stimme. „Ich will nur, dass du beim nächsten Vorfall dieser Art wenigstens für einen Moment innehältst, um dich zu fragen, ob es das wirklich wert ist.“
„Ja, Dad“, wisperte Sam.
Sein Vater stieß ein Seufzen aus, dann legte er sanft die Hand auf Sams Schulter.
„Komm schon, ab in die Küche“, sagte er. „Ich habe als junger Mann genug Streitigkeiten vom Zaun gebrochen, um mich noch zu erinnern, wie man Wunden wie diese verarztet.“
Sam wischte sich kurz mit dem Handrücken über die Augen, dann hob er den Kopf und schenkte seinem Vater ein schwaches Lächeln. „Danke, Dad.“
Während er ihm in die Küche folgte, konnte Sam aufgeregtes Flüstern von der Treppe her hören und die scharfe Aufforderung seiner Mutter an die Flüsterer, wieder im Bett zu verschwinden, und er musste plötzlich lächeln. Die Zwillinge waren unerträglich neugierig und wann immer im Hause Wesson etwas Unvorhergesehenes passierte, waren sie die ersten, die vor Ort waren.
„Setz dich“, sagte sein Vater und ging los, um den Erste-Hilfe-Kasten zu holen, während Sam sich derweil auf einem der Stühle niederließ. Während er wartete, dass sein Vater wiederkam, entfernte Sam den behelfsmäßigen Verband von seinem Oberarm und warf ihn in den Müll, bevor er ein sauberes Tuch nahm und es nass machte, um damit vorsichtig die Wunde zu reinigen.
Als sein Vater schließlich zurückkehrte, warf er nur einen prüfenden Blick auf die Wunde und nickte kurz, bevor er sie desinfizierte und anschließend verband.
„Du solltest morgen einen Tag freinehmen von deiner Arbeit“, sagte er, nachdem er Sam sorgfältig verarztet hatte. „Ich bin mir sicher, das Diner kann einen Abend auf dich verzichten.“
„Lass das bloß nicht meine Chefin hören“, erwiderte Sam und lächelte. Dann stand er auf, um ein Glas Wasser zu trinken.
„Es geht schon, Dad“, fuhr er fort. „Ich werde meinen Kollegen morgen einfach erzählen, was passiert ist, und sie bitten, mir bei Bedarf zu helfen. Wir kriegen das schon irgendwie hin.“
„Wie du willst.“ Sein Vater nickte, dann erhob er sich ebenfalls. „Dann wünsche ich dir schon mal eine gute Nacht. Ich werde mich jetzt wieder zu deiner Mutter gesellen, nach den letzten zwei Tagen braucht sie etwas seelischen Beistand.“
Sam nickte bekümmert.
„Es tut mir wirklich leid, was passiert ist“, entschuldigte er sich. „Ich werde mich bemühen, euch in Zukunft nicht erneut solche Sorgen zu machen.“
„Ich weiß, Sam. Und das rechne ich dir hoch an.“
Sein Vater klopfte ihm auf die Schulter und nickte ihm kurz zu, dann wandte er sich ab und verließ die Küche.
Sam nahm sich eine Flasche Wasser mit und schwang seinen Rucksack über die unverletzte Schultern, dann ging er hinaus in den Flur und stieg die Treppe hinauf, um sich in sein Zimmer zurückzuziehen.
Als er an der geschlossenen Zimmertür seiner Schwestern vorbeikam, hörte er leises Kichern, und schüttelte voller Zuneigung den Kopf.
Dann straffte er sich und ging weiter.
Morgen würde er es wieder versuchen. Ja, er hatte sich heute einen schweren Fehler erlaubt, aber er würde alles geben, um die Situation noch irgendwie zu retten.
Die beiden Schwestern mochten nicht an Hilfe interessiert sein, aber das hieß nicht, dass sie sie nicht brauchen konnten. Wenn Dean wieder zurückgekehrt war, würde er sich mit ihm beraten – und Sam war zuversichtlich, dass sie den Mörder bald finden und diese Sache alle heil überstehen würden.
The Night
„Bevor du fährst, kann ich dich noch um etwas bitten?“
„Natürlich! Alles, was du brauchst.“
„Finde ein gutes Zuhause für ihn, ja? Die besten Menschen, die man sich wünschen kann.“
„Ich werde tun, was ich kann. Versprochen.“
„Danke. Und bitte... bitte sorg dafür, dass jemand ein Auge auf ihn hat. Jemand, der mit diesem Leben vertraut ist und der ihn vor den Kreaturen schützen kann, die in der Dunkelheit lauern.“
„Ich denke, ich kenne genau den richtigen Mann für diese Aufgabe. Vertrau mir. ... Was ist mit Dean?“
„Er macht mir Sorgen. Er isst seit Tagen kaum etwas und er spricht immer noch nicht.“
„Er ist schwer traumatisiert und braucht Zeit – braucht dich – um die Ereignisse zu verarbeiten. Und wenn er jetzt auch noch seinen Bruder verliert–“
„Ich weiß. Aber er ist jung; er wird es überleben. Und er wird vieles vergessen, je älter er wird.“
„Vieles, ja, aber nicht Sam. Niemals Sam.“
„Wie kannst du dir da so sicher sein?“
„Weil ich es gesehen habe. Was auch immer du tust, John Winchester, du wirst deine Jungs nicht auf Dauer voneinander fernhalten können. Sie werden sich wiederfinden, wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten...“
~*~
Der nächste Schultag war ähnlich nervenaufreibend, wie der letzte.
Das lag zum einen an den wissenden Blicken, die Jessica ihm bei jeder Gelegenheit im Unterricht zuwarf, und zum anderen an Sams Aufregung und Vorfreude bei dem Gedanken, in wenigen Stunden Dean wiederzusehen. Nicht nur war er nervös, weil er es kaum erwarten konnte, ihm zu erzählen, was er in der Zwischenzeit erlebt hatte – er war von einer gottverdammten Werkatze angegriffen worden und allein daran zu denken fühlte sich unwirklich an – sondern auch, weil Dean ihm schlichtweg gefehlt hatte.
Es war eigenartig. Sie kannten sich kaum lange genug, dass Sam ihn guten Gewissens als Freund bezeichnen konnte, und doch hatte er zugleich das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Wenn sie zusammen waren, ging ihnen nie der Gesprächsstoff aus, und Dean brachte ihn zum Lachen, wie kaum ein anderer.
Es war, als hätte das Schicksal sie zusammengeführt.
Und Sam hatte vor, die gemeinsame Zeit, die ihnen gegeben war, bis zum nächsten unweigerlichen Abschied zu nutzen.
Zu seiner großen Erleichterung löcherte ihn Jessica dieses Mal während der Pause nicht mit Fragen, sondern erkundigte sich nach den Details des SAT, den er geschrieben hatte, und für dessen nächsten Termin sie selbst gerade eifrig lernte.
„Wer weiß“, sagte sie, „am Ende werden wir beide in Stanford genommen. Dann könnten wir eine WG gründen und uns jeden Tag gegenseitig mit Gesetzestexten nerven!“
„Na jaaa...“, sagte Sam und grinste. „Vielleicht auch lieber nicht. Das klingt nach Blut.“
Jessica lachte auf. „Okay, ja, vermutlich hast du Recht. Nach spätestens zwei Wochen würde einer von uns kapitulieren und wieder ausziehen.“
Tatsächlich war eine WG mit Jessica etwas, was Sam sich gut vorstellen konnte, denn auf freundschaftlicher Ebene kamen sie problemlos miteinander aus. Doch Stanford lag noch in ferner Zukunft, und nach den letzten zwei Tagen war sich Sam nicht mehr ganz sicher, ob sein Leben überhaupt weiterhin in normalen Bahnen verlaufen würde.
Das erste, was Dotty ihm mitteilte, als er nach der Schule seine Schicht im Diner antrat, war, dass ihm jemand per Telefon eine Nachricht hinterlassen hatte.
„Ein gewisser Winchester hat versucht, dich zu erreichen“, erzählte sie, als Sam seinen Rucksack in sein Schließfach schob und in seine Arbeitskleidung schlüpfte. „Er meinte, es könnte später werden.“
Sam sah sie aufmerksam an. „Hat er noch mehr gesagt?“
Doch Dotty schüttelte den Kopf. „Das war alles, tut mir leid. Er klang sehr angespannt und hat kurz danach wieder aufgelegt.“
„Hmm“, machte Sam. Das klang besorgniserregend. War Dean auf Probleme gestoßen? Hatte er sich verletzt? Und was genau hieß „später“? Würde er noch vor Mitternacht zurückkehren...?
Diese und weitere Fragen sollten ihn für die nächsten Stunden beschäftigen, was sich auch auf seine Arbeitsleistung auswirkte. Er erledigte seine täglichen Aufgaben wie ein Traumwandler: so mechanisch und in Gedanken versunken, dass ihm sogar kleinere Fehler unterliefen, die den Unmut der Gäste hervorriefen.
Als Dotty, der seine Zerstreutheit nicht entging, schließlich genug hatte und ihn stirnrunzelnd fragte, wo um alles in der Welt er an diesem Tag seinen Kopf gelassen hatte, entschuldigte sich Sam beschämt und konzentrierte sich danach wieder voll auf seine Arbeit.
Was auch immer Dean zugestoßen war, Sam war in keiner Position, in der er ihm helfen konnte, und er musste schlichtweg darauf vertrauen, dass Dean sicher nach Sioux Falls zurückkehren würde.
Die Stunden vergingen.
Zur Dinnerzeit herrschte reger Betrieb und Sam und sein Kollege, ein junger Student namens Simon, der später dazustieß, hatten alle Hände voll zu tun, um die Gäste zufriedenzustellen. Sam hatte so viel zu tun, dass er zwischendurch sogar für eine Weile mal nicht an Dean dachte, und erst als sich das Diner wieder spürbar gelehrt hatte, fiel ihm wieder ein, dass er ja immer noch eine Verabredung hatte.
Neue Gäste kamen, andere bezahlten und gingen wieder. Mit der Zeit gingen mehr, als dass neue dazukamen, und schließlich schickte Simon ihn nach Hause.
„Geh schon, Sam“, sagte er. „Den Rest schaffe ich auch allein.“
Sam warf einen zweifelnden Blick hinüber zur Tür, in der Hoffnung, sie würde sich im nächsten Moment öffnen und Dean würde mit einem Lächeln eintreten, so wie er es bei ihrem ersten Treffen getan hatte.
Doch niemand kam.
Sam seufzte.
„Na schön“, sagte er. „Dann mache ich mich auf den Weg. Und hey, Simon?“
„Ja?“ Simon rückte mit dem Finger seine Brillengläser auf der Nase zurecht und sah ihn aufmerksam an.
Sam zögerte kurz „... sollte jemand nach mir fragen, sag ihm, ich bin zu Hause. Er wird Bescheid wissen.“
„Alles klar.“ Simon nickte. „Gute Nacht, Sam!“
„Gute Nacht.“
Sam verließ das Diner keine fünf Minuten später und überlegte kurz, ob er auf dem Parkplatz weiter auf Dean warten sollte. Doch die Nacht war kalt und er hatte keine Ahnung, wie lange es noch dauern würde, also trat er schließlich schweren Herzens den Heimweg an.
Es war kurz vor Mitternacht und Sam hatte sich gerade ins Bett gelegt und die Augen geschlossen, als er vom Fenster her ein leises Klicken hörte.
Sofort war er wieder hellwach und setzte sich kerzengerade im Bett auf.
Das Klicken wiederholte sich, dieses Mal lauter, und jetzt erkannte Sam auch, was es war.
Jemand warf von draußen kleine Steinchen gegen die Scheibe.
„Dean!“, sagte er atemlos.
Sofort war er auf den Beinen und hatte die Vorhänge zurückgeschoben.
Und tatsächlich – im Baum vor seinem Fenster saß Dean, verborgen zwischen den gelb-roten Herbstblättern, und winkte ihm zu.
„Bist du wahnsinnig?!“, flüsterte Sam, nachdem er das Fenster geöffnet und ihn in sein Zimmer gelassen hatte. „Wenn meine Eltern dich erwischen...!“
„Dann sollten wir wohl leiser sein, hm?“, raunte Dean und trat an ihn heran, um sein Gesicht in die Hände zu nehmen.
Er wollte ihn gerade küssen, als sein Blick auf den Verband an Sams Oberarm fiel.
„Sam, was ist passiert?“, fragte er besorgt und strich vorsichtig mit den Fingerkuppen über seine rechte Schulter.
„Cathy“, erwiderte Sam leise mit Blick auf seinen Arm. „Ich war unvorsichtig und habe nicht aufgepasst, als ich Emily gefolgt bin. Cathy wollte ihre Schwester lediglich beschützen.“
Er hob den Kopf. „Wir hatten Recht mit unserer Werkatzentheorie, Dean. Sie war riesig, mindestens so groß wie ein Puma. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie mich problemlos töten können.“
„Sam...“
Ein unerwartet schmerzvoller Ausdruck trat auf Deans Gesicht und Sam blinzelte überrascht, als der andere Mann ihn in die Arme zog.
„Es tut mir leid“, murmelte Dean an seinem Ohr. „Ich hätte dich nie allein losschicken sollen, das war leichtsinnig von mir. Du hast keine Erfahrung mit diesen Dingen, und wenn du gestorben wärst–“
„Hey, nein, hör auf damit“, erwiderte Sam und fuhr mit den Fingern sanft durch Deans Haare. „Ich bin kein Jäger, das ist wahr. Aber ich kann meinen Teil leisten. Und ich kenne meine Grenzen.“
Dean löste sich wieder von ihm und sah ihn an. „Das mag sein, aber dennoch. Von jetzt an arbeiten wir zusammen weiter an diesem Fall, okay? Ich würde es mir nie verzeihen, wenn dir etwas zustoßen sollte.“
„... na gut“, sagte Sam. Zuzusagen fiel ihm nicht schwer, weil er die Zusammenarbeit mit Dean immer am meisten genossen hatte.
Er lächelte schwach. „Wenn man dich so reden hört, könnte man fast meinen, dass du mich magst.“
Dean hob amüsiert eine Augenbraue.
„Ich halte das für eine gewagte These“, entgegnete er.
Sam lachte leise. „Lügner.“
Dann lehnte er sich vor und küsste ihn, und als Dean die Hände in seinen Haaren vergrub und begann, seine Zunge in ein sinnliches Spiel zu verwickeln, wusste Sam, dass er seine Antwort hatte.
„Ich wurde leider aufgehalten“, sagte Dean, als sie eine Viertelstunde später nebeneinander auf Sams Bett saßen. „Ms. Connelly brauchte ärztliche Versorgung, als ich sie heute Morgen fand. Ihr Mann hatte sie letzte Woche im Bad eingesperrt, um sie daran zu hindern, ihm zu folgen und ihre Töchter vor ihm zu warnen. Sie war sehr schwach und abgemagert.“
Er drehte das Gesicht zur Seite und sah Sam an. „Sie sind alle Werkatzen, Sam, die ganze Familie. Das hat sie mir im Krankenhaus gestanden. Sie hätte allerdings nie gedacht, dass ihr neuer Mann versuchen würde, ihre Töchter umzubringen...“
„Es ist unter Löwen nicht unüblich, die Nachkommen des Vorgängers zu töten“, überlegte Sam. „Das würde erklären, wieso er ihnen auf der Spur ist.“
Dean starrte ihn einen Moment lang an. „Guckst du oft Tierdokus?“
Sam spürte, wie er rot wurde. „Ich lese viel.“
„Nerd.“
„Halt die Klappe“, erwiderte Sam voller Zuneigung.
Dean machte nur eine rüde Geste, dann gähnte er.
Nicht zum ersten Mal fielen Sam die tiefen Ringe unter seinen Augen auf, und ihm wurde plötzlich bewusst, dass Dean seit ihrem letzten Treffen vermutlich keine Minute geschlafen hatte.
„Wie viele Tassen Kaffee hast du seit gestern getrunken?“, fragte er leise.
Dean kratzte sich am Hinterkopf. „Um ehrlich zu sein habe ich nach elf Tassen aufgehört zu zählen.“
„Elf Tassen!“, stieß Sam hervor. „Bist du wahnsinnig?!“
„Kaffee ist der Treibstoff aller Jäger, Sam. Kaffee und Bier.“
„Klingt nach einem gesunden Leben“, meinte Sam trocken.
„Jäger müssen nicht gesund leben, sie müssen nur funktionieren“, entgegnete Dean und gähnte erneut, und wow, Sam lernte jeden Tag neue, deprimierende Dinge über ihn.
„Bleib hier“, sagte er plötzlich und klopfte mit der flachen Hand auf die Matratze. „Meine Eltern betreten mein Zimmer nie vor dem Frühstück, also falls du eine Schlafgelegenheit brauchst...“
Dean war genauso überrascht über sein Angebot, wie Sam selbst, und warf ihm einen zweifelnden Blick zu.
„Sam, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“
Sam verdrehte die Augen. „Ich will dir nicht an die Wäsche, keine Sorge. Aber du siehst aus, als würdest du gleich im Sitzen einschlafen, und ich dachte, ich tue dir einen Gefallen.“
Dean kämpfte für einen Moment sichtlich mit sich selbst, doch schließlich seufzte er auf.
„Ich gebe zu, meine Motivation, mir diese Nacht noch ein Motelzimmer zu suchen, ist nicht besonders groß...“
Sams Herz klopfte schneller. „Ist das ein ja?“
„Kann man zu deinem Hundeblick denn überhaupt nein sagen, Sam?“, erwiderte Dean und tippte Sam genau zwischen die Augen auf die Nasenwurzel. „Der ist echt kriminell.“
Dann streifte er seine Schuhe ab und zog sich bis auf sein Shirt und seine Boxershorts aus.
„Aber ich bin das große Löffelchen, nur damit das klar ist“, verkündete er, während er es sich auf Sams Bett gemütlich machte.
Sam schnaubte leise. „Du bist nicht so viel größer als ich.“
„Es ist ein Prinzipien-Ding“, sagte Dean. Dann breitete er einladend die Arme aus. „Jetzt komm schon her.“
Sam ließ sich nicht lange bitten. Er kletterte zu Dean unter die Decke und ließ sich von ihm an seinen Körper ziehen.
„Das ist... nett“, stellte er fest, als Dean seinen Arm um ihn legte, und seine Stirn an seinen Hinterkopf schmiegte. Es war anders als mit Jessica damals; Deans Körper war muskulöser und härter und hatte mehr Ecken und Kanten. Aber es war nicht unbequem. Nur eben anders.
„Bitte sag mir, was für ein fantastisches Löffelchen ich bin, wenn ich wieder wacher bin, okay?“, murmelte Dean und gähnte. „Jetzt schlaf, Sam.“
Sam lächelte. „Gute Nacht, Dean.“
„Mmh“, machte Dean nur und Sam spürte, wie er die Lippen auf seinen Nacken presste. Dann wurde er still und wenige Minuten später war sein Atem tiefer und gleichmäßiger geworden.
Doch selbst im Schlaf lag seine Hand noch immer beschützend über Sams Herz.
Sam lächelte und legte seine Finger auf die von Dean.
Dann schloss auch er die Augen.
The Plan
Als sein Wecker am nächsten Morgen klingelte, war Sam allein.
Während er sich im Zimmer umsah, fragte er sich für einen Moment, ob er die Ereignisse der letzten Nacht nur geträumt hatte. Doch dann entdeckte er den Zettel auf seinem Schreibtisch, und er stand auf, um ihn zu lesen.
Hey Sammy,
danke für die Nacht. Ich dachte, ich gehe besser, bevor ich dich in Erklärungsnot bringe. Mir ist eine Idee gekommen, wie wir sowohl die Schwestern als auch den Stiefvater aus ihren Verstecken locken können. Ich hole dich nach der Schule ab, dann erkläre ich dir alles Weitere.
D.
PS: Falls ihr Silberbesteck im Haus habt, bring ein paar Messer mit, nur zur Sicherheit. Heißer Tipp von Ms. Connelly.
Ein grimmiges Lächeln trat auf Sams Gesicht.
Heute würde alles enden – auf die eine oder andere Weise. Sie würden den Mörder stellen und dafür sorgen, dass die Schwestern endlich ihren Frieden hatten und nach Hause zurückkehren konnten. Dean schien mit einem Kampf zu rechnen, aber Sam hoffte, dass sie noch eine andere Lösung fanden. Auch wenn sich das schwierig gestalten würde, da sie der Polizei schlecht sagen konnten, dass ihr Tatverdächtiger eine Werkatze war...
Er faltete Deans Nachricht zusammen und legte sie in eine der Schubladen seines Schreibtisches, dann zog er sich an und verließ sein Zimmer.
„Hier sind deine Messer, wie gewünscht“, sagte Jessica, als sie ihm nach dem Unterricht ein in einem Tuch eingewickeltes Bündel reichte.
„Vielen Dank, Jess, du bist die Beste!“, erwiderte Sam erfreut und nahm es entgegen.
Jessica zuckte mit den Schultern. „Meine Großmutter wird sie nicht vermissen. Mich würde allerdings interessieren, was du damit vorhast.“
„Und ich wünschte, ich könnte es dir sagen.“ Sam lächelte schief. „Ich verspreche, dass du sie morgen zurückbekommst.“
„Wie gesagt: keine Eile“, entgegnete Jessica und vergrub die Hände in den Taschen ihres Mantels.
Dann sah sie sich um. „Wo bleibt dein mysteriöser Freund? Ich dachte, er wollte dich abholen.“
Sam zögerte. Die Nachricht hatte nicht explizit gesagt, wo Dean ihn abholen würde. Von der Schule oder von Zuhause? Oder vielleicht auch wieder vom Diner...?
Doch bevor er sich den Kopf zerbrechen konnte, bog ein vertrauter, schwarzer Wagen um die Straßenecke und hielt auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Bordstein.
Jessica zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Oh mein Gott, ist er das etwa? Ziemlich beeindruckend, die Karre.“
Sam grinste und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. „Ich weiß.“
Er umarmte Jessica zum Abschied. „Bis morgen, Jess! Und danke noch mal für die Messer.“
„Bis morgen, Sam! Viel Spaß euch zwei, was auch immer ihr vorhabt!“, rief sie ihm nach, als er die Straße überquerte, und winkte kurz in Richtung des schwarzen Chevrolets. Dann wandte sie sich ab und ging.
„Hey Sam“, begrüßte ihn Dean mit einem warmen Lächeln, nachdem er auf der Beifahrerseite eingestiegen war.
„Hi Dean“, erwiderte Sam und erwiderte das Lächeln.
„Ich habe zwei Fragen“, sagte Dean dann. „Wer war der heiße Feger gerade? Und wieso stellst du uns nicht vor?“
Sam verdrehte die Augen.
„Das war Jess, eine gute Freundin von mir“, antwortete er. „Und die Miene, die du gerade machst, ist exakt der Grund, wieso ich euch nicht einander vorstelle.“
Dean machte ein unschuldiges Gesicht. „Was für eine Miene, wovon redest du bitte?“
„Diese Miene, als würdest du darüber nachdenken, ihr nachzulaufen und nach ihrer Telefonnummer zu fragen.“
„Sollte ich etwa nicht? Sie ist wirklich scharf, Sam, falls dir das noch nicht aufgefallen ist.“
Sam stöhnte leise auf. „Es ist mir aufgefallen, Dean, glaub mir. Sie ist meine Ex.“
„Deine Ex?! – Oha!“ Dean stieß ein Lachen aus. „Bist du etwa eifersüchtig? Ist es das, worum es hier geht?“
Sam wäre vor Verlegenheit am liebsten im Boden versunken und betete, dass Dean endlich aufhörte, ihn mit Fragen zu piesacken.
„Ja, ich bin möglicherweise eifersüchtig“, entgegnete er zerknirscht. „Zufrieden? – Außerdem will ich mein Privatleben und diese ganze Jägersache klar voneinander trennen.“
Dean war für einen Moment sehr still.
„‚Diese ganze Jägersache‘“, wiederholte er nachdenklich. „Meinst du damit auch uns...?“
Sam senkte beschämt den Blick, als ihm klar wurde, was er da gesagt hatte.
„Tut mir leid, so habe ich das nicht gemeint...“
„Hey, ist schon okay“, erwiderte Dean und streckte die Hand aus, um Sam sacht eine Strähne hinter das Ohr zu streichen. „Du hast ja Recht. Wieviel Spaß wir im Moment auch haben mögen, ich bin in erster Linie hier, um einen Job zu erledigen. Vielleicht werde ich danach noch für ein paar Tage bleiben, aber früher oder später werde ich wieder weiterziehen.“
Seine Stimme wurde leiser. „Dein Leben wird nie das meine sein.“
Sam warf ihm einen bekümmerten Blick zu. Er hatte bereits damit gerechnet – bei dem Leben, das Dean führte, wäre alles andere auch naiv gewesen – und dennoch schmerzte der Gedanke, dass der andere Mann ihn bald wieder verlassen würde.
Selbst wenn er es tat, um Menschen an anderen Orten zu helfen.
„Wirst du zurückkehren?“, frage Sam.
Dean wandte ihm das Gesicht zu und musterte ihn für eine Weile, und in seinen grünen Augen lag ein Ausdruck, den Sam nicht identifizieren konnte.
Schließlich antwortete er:
„Ich kann nicht versprechen, dass es bald sein wird – oder gar regelmäßig.“
Sam nickte, mehr als das konnte er auch nicht erwarten.
„Aber ich werde zu dir zurückkehren, Sam“, versprach Dean. „Ich werde immer zu dir zurückkehren.“
Er lächelte schwach. „Und ich weiß, das hat nicht viel zu heißen, nicht von jemandem, der praktisch in seinem Auto lebt–“
„Dean“, unterbrach ihn Sam ruhig und Wärme erfüllte sein Herz, als er Dean ansah. „Schon gut. Ich glaube dir.“
„Tatsächlich?“ Dean sah ihn überrascht an und Sam sah eine Unsicherheit und Verletzlichkeit in seinem Blick, die er von ihm nicht gewohnt war. „Warum?“
„Weil ich denke, dass du ein Mensch bist, der im Grunde seines Herzens gute Absichten hegt“, erwiderte Sam.
Dieses Mal war Dean derjenige, der vor Verlegenheit den Blick abwenden musste. „Du hältst viel von mir, dabei kennst du mich kaum.“
„Ich weiß genug über dich“, sagte Sam sanft. „Und mein Gefühl sagt mir, dass ich richtig liege.“
Dann lehnte er sich zu Dean hinüber und küsste ihn auf die Wange. „Und jetzt lass uns fahren.“
Dean räusperte sich, bevor er der Aufforderung nachkam.
Sie hielten auf dem nächsten größeren Parkplatz, den sie fanden.
„Okay“, sagte Dean. „Kommen wir zum Plan.“
Sam nickte und sah ihn aufmerksam an.
„Während du in der Schule warst“, erzählte Dean, „habe ich fleißig Plakate gemalt und sie um Dunhams Wohnung und diverse Jugendclubs herum aufgehängt.“
Sam runzelte die Stirn. „Was für Plakate?“
Anstatt ihm eine Antwort zu geben, zog Dean nur ein gefaltetes Blatt Papier aus seiner Jacke und reichte es Sam.
Zu sehen waren darauf die Bilder von Cathy und Emily aus der Vermisstenanzeige, und darunter stand in ungelenken Buchstaben geschrieben:
WENN DU DIESE BEIDEN SUCHST, TRIFF MICH HEUTE UM 20 UHR AN DEM ORT, AN DEM ALLES BEGONNEN HAT. GEZEICHNET: DEAN W.
„Der Ort, an dem alles begonnen hat...“, murmelte Sam.
Dann sah er auf. „Dunhams Wohnung? Es ist der einzige Ort, auf den die Beschreibung zutrifft, den sowohl die Schwestern als auch ihr Stiefvater kennen.“
„Exakt.“ Dean nickte. Er wird kommen, weil er wissen will, wo sie sind. Und sie werden kommen – hoffe ich jedenfalls – weil sie uns ausdrücklich davor gewarnt haben, ihnen weiter nachzuspionieren, und Cathy die ganze Sache ziemlich wütend machen dürfte.“
Sam strich sich über das Kinn. „Es ist gewagt, aber es könnte funktionieren.“
Dean grinste selbstzufrieden. „Das haben meine Pläne so an sich.“
Er faltete das Plakat wieder zusammen und steckte es ein. „Hast du Silberbesteck gefunden? Ich hatte leider keines mehr in meinem Vorrat...“
„Du hattest einen Vorrat an Silberbesteck?“, fragte Sam amüsiert.
„Ist dir klar, wie viele Werwölfe es in diesem Land gibt?“, erwiderte Dean. „Man kann immer Silberbesteck gebrauchen!“
„Schon gut, schon gut!“ Sam hob lachend die Hände. „Ich glaube dir ja.“
Dann holte er das Bündel aus seinem Rucksack, das Jessica ihm gegeben hatte.
„Meine Eltern haben leider kein Silberbesteck, aber Jess hat mir welches von ihrer Großmutter geliehen.“
Dean stieß einen leisen Pfiff aus, als er das halbe Dutzend Silbermesser auspackte.
„Warum genau seid ihr nicht länger zusammen...?“
Sam seufzte. Jessica würde immer ein wunder Punkt für ihn sein.
„Wir waren 16 und schon immer Freunde. Wir dachten, Romantik wäre der nächste Schritt in unserer Beziehung, aber das war es nicht. Nach einem knappen Jahr haben wir uns wieder getrennt, weil es auf Dauer nicht gefunkt hat, und sind weiter Freunde geblieben.“
„Hm“, machte Dean, während er die Schärfe der Messer prüfte. „Schade.“
In seiner Stimme lag aufrichtiges Mitgefühl.
Doch Sam zuckte nur mit den Schultern.
„Es ist, was es ist“, entgegnete er.
Dean sah zu ihm auf. Er überlegte einen Moment, dann legte sich ein freches Lächeln auf seine Lippen.
„Heißt das, du bist noch Jungfrau?“, fragte er.
Sam brach in Gelächter aus.
„Wir waren 16, Dean“, wiederholte er. „Was denkst du?“
„Ist das ein Ja?“
„Es ist ein ‚das findest du heraus, wenn es so weit ist‘“, sagte Sam nur und zwinkerte ihm zu.
Er hatte keine Ahnung, wo er das Selbstbewusstsein dafür hernahm, aber Deans überraschtes Blinzeln gefolgt von der Art, wie er mit hochrotem Kopf den Blick senkte, war es absolut wert.
„Ich schwöre, Sammy, du wirst noch mein Untergang sein“, murmelte er vor sich hin, bevor er die Messer wieder einpackte und die Tür öffnete, um auszusteigen.
Sam folgte ihm mit breitem Grinsen.
„Hast du schon mal eine Schusswaffe verwendet?“, fragte Dean, als er seinen Kofferraum öffnete.
„Nein“, erwiderte Sam. „Meine Eltern sind Pazifisten und haben immer viel Wert auf gewaltfreie Kommunikation gelegt.“
„Okay“, sagte Dean. „Dann also keine Schrotflinte für dich.“
„Welche Schrot–“, begann Sam, doch er verstummte, als Dean ein Geheimfach öffnete, das den gesamten Boden des Kofferraums einnahm und ein großes Arsenal an Waffen und kuriosen Gegenständen beinhaltete.
„... wow“, stieß er mit geweiteten Augen hervor, als Dean eine Pistole und eine Packung mit Kugeln herausnahm.
„Die Silbermesser waren nur für den Notfall gedacht“, erklärte er, während er die Pistole mit Patronen füllte. „Ich habe noch einen Vorrat an Silberkugeln, die sollten eigentlich reichen. Aber da du keine Erfahrung mit Schusswaffen hast, wäre es gut, wenn du dich mit ein paar Messern bewaffnest, damit du dich im Notfall verteidigen kannst.“
Er legte die Pistole zurück in den Kofferraum.
„Kannst du mir außerdem einen Gefallen tun, sollte es brenzlig werden?“
Sam, dessen Blick gerade an einer Sammlung verschiedenster Kruzifixe festhing, sah auf. „Ja?“
„Tu, was ich dir sage, und komm mir nicht in die Quere, sollte ich gezwungen sein, Schüsse abzugeben“, sagte Dean mit ernster Stimme. „Auch Querschläger können tödlich sein und ich will nicht, dass dir etwas zustößt. Und versuch auf keinen Fall, den Helden zu spielen. Haben wir uns verstanden?“
Sam spürte, dass Dean diese Sache sehr wichtig war, und er verzichtete auf jeglichen Widerspruch. „Verstanden.“
„Gut.“ Dean atmete sichtlich auf. „Dann lass uns etwas essen gehen.“
Dieses Mal war die Atmosphäre beim Essen wesentlich angespannter, als noch zwei Tage zuvor.
Ihre erste – und hoffentlich auch letzte – Konfrontation mit dem Mörder von Jason Dunham stand ihnen bevor, und die Tatsache, dass er sich in eine übergroße Raubkatze verwandeln konnte, machte Sam, der bereits einen Angriff dieser Art hinter sich hatte, ausgesprochen nervös.
Er fragte sich, wie Dean Herr der Lage werden wollte, sollte der Stiefvater von Cathy und Emily sie auf der Stelle angreifen, oder schlimmer noch: ihnen hinterrücks auflauern. Als Werkatze musste er noch um einiges größer und schwerer sein, als Cathy, und selbst zwei bewaffnete Männer würden es schwer mit ihm haben.
Und auch Dean schien tief in Gedanken versunken zu sein, seinem mangelnden Appetit nach zu schließen. Schließlich verließen sie das Restaurant bereits eine halbe Stunde später wieder und Dean warf Sam einen fragenden Blick zu, kaum dass sie im Auto saßen.
„Soll ich dich nach Hause bringen und dich heute Abend wieder abholen?“, fragte er. „Oder willst du mitkommen, wenn ich bei Judy’s einchecke? Du kannst dir nicht vorstellen, wie dringend ich gerade eine lange, heiße Dusche brauche.“
Sam blinzelte, als plötzlich seine jugendliche Fantasie mit ihm durchging und er sich Dean nackt unter der Dusche vorstellte. Er schluckte kurz, dann nickte er.
„Meine Eltern wissen bereits, dass ich heute später nach Hause komme“, erwiderte er. „Ich komme gerne mit dir mit.“
„Tu dir keinen Zwang an“, meinte Dean schulterzuckend, dann startete er den Motor und fuhr los.
Während Dean den Schlüssel für das Motelzimmer organisierte, wartete Sam im Auto, damit Dean keine seltsamen Blicke riskierte, weil er ein Zimmer mit nur einem Bett buchte.
„Ah... fühlt sich fast an wie Zuhause“, sagte Dean mit wohligem Seufzen, als er seine Tasche auf sein Bett fallen ließ, kaum dass sie das Zimmer betreten hatten.
„Wie kommst du darauf?“, fragte Sam und ließ sich in einem Sessel nieder, dessen Polsterbezug im Laufe der Zeit etwas verblichen war.
„Ich bin praktisch in Motelzimmern großgeworden“, entgegnete Dean, während er in seiner Tasche herumkramte und saubere Wechselsachen hervorholte. „Irgendwann habe ich festgestellt, dass sie alle ähnlich riechen. Seitdem ist es für mich der Geruch von Zuhause.“
Sam gab keine Antwort. Dean erzählte ihm diese Dinge, als wären sie völlig normal – und aus seiner Perspektive und mit seinen Erfahrungen waren sie das vermutlich auch. Doch Sam stimmten diese Details aus seinem Leben jedes Mal traurig und er wünschte, er hätte unter anderen Bedingungen aufwachsen können.
Dann ging Dean duschen und für eine Weile war Sam mit sich und seinen Gedanken allein, während im Hintergrund das Wasser rauschte.
Und plötzlich fragte er sich, was um alles in der Welt er hier eigentlich tat.
Noch vor einer Woche war Dean für ihn nichts weiter als eine Erinnerung an eine kurze, aber charmante nächtliche Begegnung gewesen. Seitdem hatte Sam ihn mehrfach wiedergetroffen, hatte ihn vor übernatürlichen Geschöpfen beschützt, war selbst von besagten übernatürlichen Geschöpfen attackiert und verletzt worden, hatte mit Dean in einem Bett geschlafen und ihn öfter geküsst, als er an einer Hand abzählen konnte.
Und mindestens die Hälfte dieser Dinge hatte er in dem Wissen getan, dass Dean nicht auf Dauer bleiben würde, weil sein Job es nicht zuließ und es auch nicht seinem Lebensstil entsprach.
Und doch kam Sam nicht von ihm weg.
Irgendetwas hatte Dean Winchester an sich, irgendetwas seltsam Vertrautes, das es Sam unmöglich machte, ihn gehen zu lassen. Er wusste nicht, was es war, aber vielleicht würde er es eines Tages herausfinden.
Schließlich erstarb das Rauschen des Wassers und die Badtür ging auf. Eine Wolke aus Wasserdampf kam heraus, gefolgt von Dean, der bis auf das Handtuch, das er um seine Hüften gewickelt hatte, völlig nackt war.
Sam starrte.
Und starrte.
Und starrte noch ein bisschen mehr, als Dean zum Bett ging und ihm den Rücken zuwandte, bevor er sein Handtuch fallen ließ und sich vor Sams Augen neue Sachen anzog.
Schließlich räusperte sich Sam.
„Das machst du doch mit Absicht“, sagte er mit rauer Stimme.
Dean warf ihm über die Schulter ein unerträglich selbstzufriedenes Grinsen zu. „Ich habe keine Ahnung, wie du darauf kommst.“
Sam hielt sich die Hände vor die Augen, während sich sein Blut in gewissen Körperregionen zu sammeln begann.
„Dean...“
Es war die wundervollste Folter – aber es war immer noch Folter.
Er japste auf, als der andere Mann plötzlich auf ihn kletterte und sich auf seine Oberschenkel setzte.
„Ja, Baby, ich bin hier“, raunte Dean und zog die Hände von Sams Gesicht fort.
Bis auf seine Socken und Schuhe war er mittlerweile wieder angezogen, aber in Anbetracht des puren Hungers in seinem Blick hätte er auch immer noch nackt sein können.
Sam starrte ihn mit geöffneten Lippen an, und Dean schien das als Einladung zu werten, denn er beugte sich zu ihm herab und küsste ihn, als gäbe es kein Morgen mehr.
Und Sam... Sam erwiderte den Kuss mit derselben Hingabe und Verzweiflung, und seine Hände legten sich auf Deans Hüften und zogen ihn dichter an sich heran.
Dieser Kuss war anders als die anderen zuvor, das spürte er sofort. Aus diesem Kuss würde schnell mehr werden, wenn er dem Ganzen nicht bald einen Riegel vorschob. Und das sollte er dringend, wenn Dean und er heute noch das Bett verlassen wollten.
„Dean...!“, keuchte er, als er sich schließlich widerwillig von dem anderen Mann löste. „Dean, das ist leider nicht der beste Zeitpunkt...!“
Dean leckte sich mit frustrierter Miene die Lippen, doch dann nickte er und stieg wieder von ihm herunter.
„Ja, ich befürchte auch, dass niemand zum Treffen kommen wird, wenn wir beide nach Sex stinken“, erwiderte er und grinste schwach.
Er warf einen Blick auf die Uhr, während Sam noch immer versuchte, sein wild klopfendes Herz unter Kontrolle zu bekommen.
„Wir haben noch immer knapp drei Stunden“, sagte Dean. „Hast du was dagegen, wenn ich mich für eine Weile hinlege?“
Sam schüttelte den Kopf.
„Mach nur“, sagte er. „Ich habe mir was zum Lesen eingepackt, ich werde mich schon nicht langweilen.“
Dean lachte leise. „Mein Gott, du bist so ein Nerd.“
Dann ging er zum Bett hinüber und ließ sich darauf fallen. „Weck mich in zwei Stunden, okay?“
„Okay“, erwiderte Sam.
Er atmete tief durch, kaum dass Dean eingeschlafen war, und konzentrierte sich weiter auf seine Atmung, bis er nicht länger hart war.
Erst dann griff er nach dem Rucksack und holte seine Lektüre heraus.
Dean Winchester würde eines Tages noch sein gottverdammter Tod sein...
The Family
Sam weckte Dean kurz nach sieben Uhr.
Der andere Mann brauchte ein paar Minuten, um die Schlaftrunkenheit wieder abzuschütteln und seine Haare zu glätten, die in alle Richtungen abstanden. Doch als er schließlich aufstand, war sein Blick wach und fokussiert, und er sah Sam mit ruhiger Entschlossenheit an.
„Bist du bereit?“
Sam nickte. Er hatte keine Ahnung, was die nächsten Stunden bringen würden, und sein Herz klopfte ihm vor Nervosität bis zum Halse, doch er würde nicht von Deans Seite weichen, bis diese Sache vorüber war.
Das schien auch Dean zu erkennen und der Ausdruck in seinen Augen wurde etwas sanfter.
Er griff nach Sams Hand und zog ihn in seine Arme, um ihn kurz, aber fest zu drücken.
„Keine Sorge, Sammy“, sagte er leise. „Wir schaffen das schon.“
Er drehte das Gesicht zur Seite und küsste Sam auf die Schläfe, dann löste er sich wieder von ihm.
„Lass uns fahren.“
Es war still in Jason Dunhams Apartment, als Dean das Türschloss knackte und sie über die Absperrbänder der Polizei hinweg in den dunklen Flur traten.
Nachdem Sam die Tür hinter ihnen wieder zugezogen hatte, wagten sie es jedoch nicht, das Licht anzumachen, sondern verwendeten stattdessen Taschenlampen, um sich in Ruhe in der Wohnung umzusehen. Das Apartment war klein; neben dem winzigen Schlafzimmer gab es nur noch ein Bad und ein Wohnzimmer, das gleichzeitig die Küche beinhaltete. Auf dem Holzboden des Wohnzimmers konnte man noch schwach die Überreste der Blutlache erkennen, in der man Jason vorgefunden hatte. Davon abgesehen war die Wohnung in gutem Zustand und es gab auch keine Spuren eines Kampfes. Jason musste den anderen Mann also in seine Wohnung eingeladen haben, um mit ihm zu reden, nur um dann hinterrücks von ihm ermordet zu werden, ohne die Gelegenheit zu bekommen, sich auch nur zu wehren.
Dean schien zu einem ähnlichen Schluss zu kommen, denn ein besorgter Ausdruck trat auf sein Gesicht, nachdem er den Boden inspiziert hatte.
„Wir müssen verdammt vorsichtig sein, Sammy“, sagte er leise. „Jasons Mörder ist nicht zu trauen.“
Sam warf nervös einen Blick auf seine Uhr. Es war zehn vor acht.
„Und was tun wir, wenn keiner von ihnen kommt?“, fragte er.
Dean zuckte mit den Schultern.
„Dann müssen wir uns einen neuen Plan überlegen“, erwiderte er. „Aber ich bin mir sicher, dass sie kommen werden.“
Die Minuten verstrichen, doch niemand versuchte, die Wohnungstür von außen zu öffnen. In der Ferne schlug eine Kirchglocke zur vollen Stunde, doch es blieb weiterhin ruhig. Es vergingen weitere fünf Minuten, dann zehn Minuten...
Bis Sam, der die ganze Zeit über nervös im Wohnzimmer auf- und abgelaufen war, plötzlich zusammenzuckte, als der Boden im Schlafzimmer auf einmal knarrte, so als würde jemand Schweres darüber laufen.
Er fragte sich für einen Moment, wie jemand heimlich an ihnen hatte vorbeischleichen können, bevor ihm wieder einfiel, mit was sie es hier zu tun hatten, und er sich am liebsten die Hand gegen die Stirn geklatscht hätte.
Natürlich.
Sie hatten die Möglichkeit nicht in Betracht gezogen, dass jemand auf die Feuerleiter vor dem Haus springen und von außen die Fenster aufschieben würde.
Sofort trat ein wachsamer Ausdruck auf Deans Gesicht und er zog Sam hinter sich, bevor er seine Pistole entsicherte und sie auf die dunkle Türöffnung des Schlafzimmers richtete.
„Wer ist da?“, fragte er.
Im nächsten Moment trat ein hochgewachsener, breitschultriger Mann durch den Türrahmen, der eine Reihe frischer Narben im Gesicht trug, die Ähnlichkeit mit denen an Sams Schulter hatten. Er machte einen wilden, ungepflegten Eindruck und der finstere Ausdruck auf seinem Gesicht verhieß nichts Gutes, als er auf die beiden jungen Männer zuging.
Sowohl Sam als auch Dean machten instinktiv ein paar Schritte zurück.
„Mister Harris, nehme ich an...?“ Deans Stimme war angespannt. „Mike Harris?“
„Dean Winchester“, erwiderte der andere Mann mit tiefer Stimme. „Wo sind sie? Wo sind die beiden Miststücke?“
„Nicht hier“, sagte Dean.
Sam hatte keine Ahnung, wie Dean angesichts der körperlichen Überlegenheit und spürbaren Aggressivität des Mannes so ruhig bleiben konnte. Er selbst musste alle paar Sekunden seine Hände an seiner Jacke abwischen, weil er vor Angst so schwitzte.
„Hast du sie getötet?“, fragte Harris. „Bitte sag mir, du hast sie getötet.“
„Ich töte keine Kinder“, sagte Dean leise.
„Tatsächlich?“ Ein unangenehmes Lächeln legte sich auf die Lippen des Mannes. „Da habe ich aber schon anderes über dich gehört...“
Dean war für einen Moment vollkommen still und Sam wünschte, er könnte sein Gesicht sehen.
„Ist das so“, entgegnete er schließlich.
„Oh ja“, sagte Harris. „Du hast es geschafft, dir einen Ruf aufzubauen, Winchester, und er ist kaum besser als der deines alten Herren. Du bist ein Mörder durch und durch – wie der Vater, so der Sohn!“
„Sagt derjenige, der die Töchter der Frau töten will, die er geheiratet hat.“
Deans Stimme war kalt.
„Es ist Tradition!“, grollte Harris. „Misch dich nicht in Dinge ein, von denen du nichts verstehst!“
„Warum hast du sie dann eingesperrt?“, konterte Dean wütend. „Gehört das auch zur ‚Tradition‘? Die Mutter deiner zukünftigen Kinder in ihrer eigenen Wohnung verhungern zu lassen?“
„Sie ist wie ich, sie hätte es überlebt!“, rief Harris. „Ich konnte nur nicht zulassen, dass sie mir in die Quere kommt!“
„Sie hätte dich den Rest ihres Lebens für den Mord an ihren Kindern gehasst und das weißt du ganz genau!“
„Sei still!“
Harris hatte offensichtlich genug von der Unterhaltung und machte einen Schritt auf Dean zu – nur um sich mitten in der Bewegung in eine gigantische Raubkatze zu verwandeln.
Und es war faszinierend mitanzusehen, wie sein Körper sich streckte und zugleich schmaler wurde, wie seine Kleidung sich in dunkles Fell verwandelte und seine Hände zur riesigen Tatzen wurden, wie sein Gesicht kleiner wurde, während Nase und Mund wuchsen.
Die Transformation dauerte keine drei Sekunden und Sam und Dean konnten sich nur im letzten Moment zur Seite werfen, bevor die scharfen Klauen des Pumas an der Stelle durch die Luft fuhren, an der sie eben noch gestanden hatten.
Während Sam hinter einem Sessel Schutz suchte, rollte Dean sich auf den Rücken und hob die Pistole, um zwei Schüsse auf Harris abzufeuern.
Der erste ging daneben und traf das Fenster, während der zweite seine Flanke streifte und sich in die Wand neben der Wohnungstür bohrte.
Der Puma stieß ein wütendes Fauchen aus, während Rauch von seiner Wunde aufstieg, und setzte erneut zum Sprung an.
Dieses Mal konnte Dean nicht rechtzeitig ausweichen und wurde von der Wucht des Zusammenstoßes gegen die Küchenzeile geschleudert. Er schlug mit dem Kopf hart gegen die Kante eines Küchenschranks, bevor er zu Boden sank und aus Sams Sichtfeld verschwand.
„Dean!“, rief Sam und wollte zu ihm hinüberstürzen, doch Harris kam zwischen sie und schlug mit einer Tatze nach ihm und Sam ließ sich nach hinten auf den Boden fallen, bevor die scharfen Krallen ihm den Bauch aufschlitzen konnten.
Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen, doch Sam war noch immer geistesgegenwärtig genug, seine Arme hochzureißen, um sein Gesicht vor dem nächsten Hieb zu schützen. Dass er dabei immer noch die Silbermesser in der Hand hielt, wurde ihm erst bewusst, als Harris plötzlich mit lautem Fauchen die blutige Tatze von ihm wegzog, in der nun eine der Silberklingen steckte.
Während der Puma versuchte, das Messer mit seinem Maul wieder aus seiner Pfote zu ziehen, hörte Sam eine schwache Stimme.
„Bleib unten, Sammy!“, stieß Dean hervor, der sich in diesem Moment mit benommener Miene am Küchentisch hochzog, und mit zitternder Hand die Pistole auf Harris richtete.
Die Silberkugel durchbohrte den rechten Hinterlauf des Pumas und das Tier stürzte für einen Moment zu Boden. Nach ein paar Anläufen konnte es sich jedoch wieder hochstemmen und hinkte ins Schlafzimmer, um sich aus der Schussbahn zu begeben.
„Mist...!“, fluchte Dean, der mit blasser Miene auf die Knie sank. Blut lief aus einer Platzwunde über sein Gesicht und er schaffte es nicht, wieder auf die Beine zu kommen. „Er versucht zu fliehen...!“
Sam nickte und stand mit schmerzenden Gliedern auf, um Harris zu folgen.
„Sam, nicht...!“, rief Dean ihm nach, doch Sam ignorierte ihn.
Er würde diese Sache hier und jetzt beenden, koste es, was es wollte. Harris würde nie wieder jemandem wehtun.
Als er das Schlafzimmer erreichte, hörte er ein lautes Fauchen, gefolgt von einem Poltern, als der Stuhl neben dem Bett umgestoßen wurde.
Sam trat durch den Türrahmen und richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf die Stelle vor dem offenen Fenster.
Er erblickte Harris, der sich mittlerweile wieder zurückverwandelt hatte und offenbar gerade über die Feuerleiter vor dem Fenster hatte fliehen wollen. Er war unter zwei kleineren, sandfarbenen Raubkatzen begraben, die ihn unbarmherzig kratzten und bissen und ihre Krallen in seine empfindlichen Seiten und seine Kehle bohrten.
Harris bekam noch nicht einmal die Gelegenheit zu schreien. Stattdessen ging sein Atem in ein feuchtes Blubbern über, als er an seinem eigenen Blut erstickte, bevor er schließlich still wurde und sich nicht länger regte.
Erst dann ließen die beiden Raubkatzen wieder von ihm ab und verwandelten sich vor Sams Augen zurück in Menschen.
Hände und Gesichter der Schwestern waren blutverschmiert, doch Cathy und Emily schienen es nicht zu bemerken, als sie sich schluchzend in die Arme fielen.
Sam senkte den Blick und verließ das Schlafzimmer, um nach Dean zu sehen.
Dieser Moment gehörte den Schwestern allein.
Dean war immer noch halb weggetreten, als Sam sich seinen Arm um die Schultern legte und ihm half, wieder aufzustehen und sich auf den Sessel zu setzen.
„Hey, Dean“, sagte er leise und klopfte ihm sanft auf die Wange. „Bist du wach? Kannst du laufen? Wir müssen hier weg, bevor die Cops kommen.“
„Hmmm“, machte Dean, während seine Augen unfokussiert herumrollten. Es dauerte eine Weile, bis er wieder halbwegs präsent war, aber schließlich richtete sich sein Blick auf Sam. Er schien für einen Moment nachzudenken, dann griff er in seine Jackentasche und holte etwas hervor.
Sams Augen wurden groß, als Dean ihm den Autoschlüssel in die Hand drückte.
„Bist du dir sicher?“, fragte er.
„... kann nicht fahren“, murmelte Dean. „... musst uns heimbringen...“
Sam sah ein, dass er Recht hatte, doch es ehrte ihn trotzdem, dass der andere ihm seinen wertvollsten Besitz anvertraute. Er atmete tief durch.
„Okay“, erwiderte er dann und nickte.
Er wollte sich gerade wieder aufrichten, als Dean einen Zeigefinger hob und damit vor Sams Gesicht herumwackelte. „... keinen Kratzer...!“
Sam lachte auf. „Ich gebe mir Mühe, versprochen.“
Dann legte er sich erneut Deans Arm um die Schultern und verließ mit ihm die Wohnung.
Er hatte Dean kaum sicher in den Beifahrersitz geholfen und die Autotür geschlossen, als er hinter sich Schritte hörte.
Sam hielt inne.
„Hey“, sagte Cathy leise. „Billy, richtig?”
Sam machte sich nicht die Mühe, sie zu korrigieren, sondern drehte sich nur wortlos zu ihr und Emily um.
Die Schwestern hatten mittlerweile das Blut fortgewaschen und wirkten wieder etwas gefasster, auch wenn ihre Augen immer noch vom Weinen gerötet waren.
Sam fragte sich, wie man sich wohl fühlen musste, wenn man gerade einen Mann getötet hatte. Doch er wusste auch nicht, wie viel Missbrauch die beiden durch Harris hatten erleiden müssen und er wagte es nicht sich anzumaßen, sie dafür zu verurteilen.
„Danke“, fuhr Cathy fort. „Für die Hilfe. Es tut mir leid, dass ich an eurer Aufrichtigkeit gezweifelt habe. Ich bin von Jägern keine Ehrlichkeit gewohnt...“
Ihr Blick wanderte zu Dean hinüber, der auf dem Beifahrersitz döste.
„Erst recht nicht von einem Winchester“, fügte sie hinzu.
Sam zuckte mit den Schultern.
„Wir irren uns alle mal“, erwiderte er. „Und ich verstehe, wieso ihr niemandem vertrauen konntet. In eurer Situation hätte ich vermutlich nicht anders gehandelt.“
Cathy nickte ihm dankbar zu.
„Wie geht es jetzt weiter für euch?“, fragte Sam dann.
Die Schwestern tauschten einen Blick.
„Ich habe gestern mit einer Freundin unserer Mum telefoniert“, erzählte Cathy. „Sie sagte, ein junger Mann hätte sie gefunden und ins Krankenhaus gebracht.“
Sam nickte. „Das war Dean.“
Die Schwestern machten betroffene Mienen, doch Sam hob eine Hand, bevor Cathy sich erneut entschuldigen konnte.
„Es würde sie sicher glücklich machen, euch wiederzusehen“, meinte er. „Dean sagte, sie hätte alles versucht, um euren Stiefvater daran zu hindern, euch zu folgen, weshalb er sie eingesperrt hat. Ich verstehe zwar, dass die letzten Jahre nicht leicht für euch gewesen sein können, aber vielleicht wäre dies der Moment, um miteinander zu reden und noch mal von vorn anzufangen...“
Cathy wirkte bei diesen Worten in sich gekehrt, aber in Emilys Augen sammelten sich Tränen und sie griff nach dem Arm ihrer Schwester.
„Ich weiß, dass du immer noch wütend auf sie bist, aber können wir sie wenigstens sehen...?“
Cathy atmete tief durch, dann legte sie einen Arm um ihre jüngere Schwester.
„Ich werde darüber nachdenken“, versprach sie.
Sie warf einen letzten Blick in Richtung von Dunhams Wohnung, vor der mittlerweile mehrere Polizeiwagen und eine Ambulanz standen.
„Vielleicht brauchen wir wirklich einen Neuanfang“, sagte sie leise.
Dann wandte sie sich wieder Sam zu.
„Danke für alles, Winchester“, sprach sie mit ernster Stimme. „Euch zwei alles Gute.“
„Uhm...“ Sam rieb sich den Nacken. „Danke, aber ich bin kein Winchester.“
„Wirklich?“ Ihre Augen weiteten sich überrascht. „Dabei riecht ihr beide fast identisch.“
Sam spürte, wie er rot wurde. „Das hat andere Gründe...“
„... oh“, machte Cathy, als sie begriff, was er damit sagen wollte, und lächelte schwach. „Ich verstehe.“
Dann winkten die Schwestern ihm ein letztes Mal zu und wandten sich ab.
„Macht’s gut“, sagte Sam leise, als er zusah, wie sie die Straße entlanggingen und schließlich in der Dunkelheit verschwanden.
Dann wandte auch er sich ab, setzte sich hinter das Steuer des Impala und fuhr mit Dean zurück zum Motel.
The Lovers
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
The Farewell
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
The Years
Die Tür des Diners öffnete sich.
Sam zwang sich, ein Lächeln aufzusetzen, bevor er den Blick hob, in der Hoffnung, dass es nicht so müde wirkte, wie er sich gerade fühlte. Gott, er war immer so müde in letzter Zeit. Er wusste schon längst nicht mehr, wie es war, nicht ständig diese überwältigende Erschöpfung zu spüren.
„Guten Abend", begrüßte er den Neuankömmling. „Was darf es–?"
Doch die Worte blieben ihm im Hals stecken, als der andere Mann die schneebedeckte Kapuze zurückschob und ein vertrautes Gesicht mit grünen Augen und einem dunkelblonden Haarschopf darunter zum Vorschein kam.
„Hey, Sammy", sagte Dean mit warmer Stimme und setzte sich an den Tresen.
Sam starrte ihn nur stumm an, für einen Moment überwältigt von seinem unerwarteten Anblick und seinen Gefühlen für ihn. Sie hatten sich das letzte Mal kurz vor seinem Schulabschluss gesehen, noch bevor er nach Stanford gezogen war. Seitdem war ein halbes Jahr vergangen – doch es hätte auch ein Jahrhundert sein können, so viel, wie seitdem passiert war.
„Dean...!", stieß er schließlich mit rauer Stimme hervor.
Dann trat er um den Tresen herum und flog in seine Arme.
Das Diner war zu dieser späten Stunde bis auf ein junges Paar, das ihnen keine Beachtung schenkte, komplett leer. Nicht, dass Sam in diesem Moment die Reaktion der Gäste interessiert hätte. Wenn er gekonnt hätte, wäre er in Dean hineingekrochen, so sehr hatten ihm in den letzten Monaten seine Nähe und Wärme gefehlt.
„Sam, hey, es ist okay", murmelte Dean an seinem Ohr und schlang seinerseits die Arme um seine Schultern, während Sam das Gesicht an seinen Hals presste.
Dean fragte nicht, was passiert war, und dafür war Sam ihm in diesem Moment dankbar.
Stattdessen hielt er ihn nur fest und rieb sanft über seinen Rücken, bis Sam sich wieder halbwegs beruhigt hatte.
„Sorry", schniefte er schließlich, als er sich wieder von Dean löste, und setzte ein schwaches Lächeln auf. „Es ist nur– ... Verdammt, hast du mir gefehlt."
„Du mir auch, Sam", erwiderte Dean und wischte mit dem Daumen die Feuchtigkeit aus Sams Augenwinkel. „Es tut mir leid, dass ich nicht früher hier sein konnte. Ich habe einen Abstecher nach Kalifornien gemacht, aber, nun ja..."
„Lass mich raten: du hast mit Jessica gesprochen", vermutete Sam, weil es die logische Annahme war, und Dean nickte.
„Sie meinte, du wärst wieder zurück nach Sioux Falls gezogen", sagte er nur.
„Ja", bestätigte Sam erschöpft. „Es war keine leichte Entscheidung, aber es war besser so."
„... ich verstehe."
Dean sah sich im Diner um.
„Tut mir leid, dass ich reingeplatzt bin, während du noch arbeitest. Ich kann auch im Impala warten, bis deine Schicht zu Ende ist..."
Sam verdrehte die Augen.
„Dean, draußen tobt ein Schneesturm, ich werde dich nicht wieder in die Nacht hinausjagen", erwiderte er. „Du bleibst hier."
Und er griff nach einer Tasse und goss Dean aus der Kanne heißen Kaffee ein, bevor der andere Mann protestieren konnte.
„Du bist manchmal so eine Glucke, Sammy", sagte Dean lächelnd und schloss die Hände um die warme Tasse. „Aber danke."
Sie wechselten nur wenige Worte miteinander, während Sam hinter dem Tresen weiter Ordnung schaffte und die Vorbereitungen für den nächsten Tag erledigte. Dotty war bereits vor einer Viertelstunde gegangen und die restliche Arbeit lag nun bei Sam.
Schließlich bezahlte das junge Paar und verabschiedete sich, und Sam stellte die restlichen Stühle hoch und wischte noch einmal den Fußboden, um ihn vom Schneematsch und Schmutz des Abends zu säubern.
Schließlich verließen Dean und er das Diner.
„Ohne aufdringlich klingen zu wollen", sagte Dean, als sie den Impala halbwegs vom Schnee befreit hatten und eingestiegen waren, „aber wollen wir zu dir oder zu mir?"
Sam schloss für einen Moment die Augen und sog den vertrauten Geruch des Autos nach Metall und altem Leder ein, den er stets mit Dean assoziierte. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als den Rest des Abends allein mit ihm zu verbringen, fernab von alle Verpflichtungen, doch das war ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte.
„Zu mir", antwortete er schließlich und öffnete mit einem Seufzen wieder die Augen. „Ich muss nach Hause, ich habe noch was zu erledigen. Und morgen muss ich früh raus für die erste Schicht im Diner..."
Dean zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Ich dachte, du arbeitest dort nur zwei Tage in der Woche?"
„Ja", sagte Sam leise. „Das habe ich mal."
Mehr sagte er nicht, aber Dean war klug genug, nicht weiter nachzufragen. Stattdessen startete er den Motor und fuhr los.
„Wenn das ein schlechter Moment ist, dann kann ich auch zu einem späteren Zeitpunkt noch mal wiederkommen", sagte Dean unsicher, als sie vor dem Haus von Sams Eltern stehengeblieben waren.
Doch Sam schüttelte den Kopf.
„Es ist schon okay", erwiderte er. „Du kannst ruhig reinkommen. Außerdem möchte ich, dass du meinen Dad kennenlernst, solange er noch..."
Er schluckte.
„Nun. Du wirst es sehen."
Er griff nach seinem Rucksack und stieg aus, bevor Dean die Chance bekam, etwas zu sagen, und vertraute darauf, dass der andere Mann ihm folgte.
Sie klopften den Schnee von ihrer Kleidung, bevor sie eintraten, und zogen ihre Jacken und Schuhe im Hausflur aus.
„Meine Schwestern sind bis Weihnachten bei meiner Tante zu Besuch", erklärte Sam leise, als Dean sich neugierig umschaute und die Familienfotos an der Wand inspizierte. „Und meine Mum übernimmt die Nachtschicht im Krankenhaus."
Dean nickte verstehend. „Also ein ruhiger Abend mit deinem Dad."
„So in etwa", entgegnete Sam, der sich wünschte, es wäre tatsächlich nur das.
Dann nahm er Deans Hand und zog ihn hinter sich her ins Wohnzimmer, wo sein Vater ihn schon erwartete.
Aaron Wesson hatte in den letzten Monaten deutlich abgenommen und trotz regelmäßiger Mahlzeiten wirkte sein Gesicht hager und eingefallen. In seinen Augen leuchtete jedoch dasselbe Feuer wie immer, als er den Blick vom Fernseher abwandte und ihn auf stumm stellte, bevor er sich seinem Sohn zuwandte.
„Hallo Sam", sagte er mit warmer Stimme. „Ich sehe, du hast Besuch mitgebracht?"
„Hi Dad", erwiderte Sam und lächelte. „Und ja, habe ich. – Dad, das ist Dean, mein..."
„... Freund", kam Dean ihm zuvor. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Mister Wesson."
Er hielt ihm die Hand hin und Sams Vater schüttelte sie.
„Nicht so förmlich, Aaron reicht völlig", sagte er und warf Sam einen amüsierten Blick zu, der Sam nur die Augen verdrehen ließ. „Und die Freude ist ganz meinerseits, ich habe schon viel von dir gehört, Dean. Was führt dich zurück nach Sioux Falls?"
Dean zuckte mit den Schultern.
„Im Moment nehme ich ehrlich gesagt eine Auszeit von meinem Job", erwiderte er. „Ich dachte, ich nutze die Gelegenheit, um Sam einen Besuch abzustatten."
„Er hat erzählt, dass du Privatdetektiv bist", sagte Sams Vater und es sagte viel über Dean, dass er bei Sams kleiner Notlüge noch nicht einmal mit der Wimper zuckte. „Ich habe noch nie einen Privatdetektiv kennengelernt, aber es muss ein aufregender Job sein."
„Das ist er", meinte Dean. „Sehr, ähm, aufregend. Darum war die Pause auch nötig."
„Das glaube ich gerne. Du musst mir bei Gelegenheit mehr erzählen, ich liebe Detektivgeschichten."
Sam seufzte. „Oh Gott, ja, er iebt Detektivgeschichten."
Aaron Wesson sah von Dean zu Sam. „Aber ich will euch junge Leute nicht weiter aufhalten. Ich weiß, dass ihr zwei euch nur selten seht und ich bin mir sicher, ihr habt euch viel zu... erzählen."
Er wackelte mit den Augenbrauen und Sam brach in Gelächter aus, als Deans Ohren rot wurden.
„Dad, du bist unmöglich!", rief er aus. Und sagte dann an Dean gewandt: „Es ist schon okay, Dean. Er weiß über uns Bescheid."
Dean gab ein verlegenes Hüsteln von sich.
„Ich schwöre, ich habe keine unlauteren Absichten, was Sam angeht", versprach er.
„Davon ging ich auch nicht aus", erwiderte Sams Vater gelassen. „Was Sam mit wem macht, geht mich nichts an, er ist erwachsen und kann seine eigenen Entscheidungen treffen. Und solange alles in gegenseitigem Einverständnis geschieht, halte ich mich aus seinem Privatleben heraus."
„Das ist eine bewundernswerte Einstellung", sagte Dean leise, einen sehnsüchtigen Ausdruck auf dem Gesicht. „Ich wünschte, mein Dad..."
Aber er führte den Satz nicht zu Ende, sondern verbarg seine Zweifel und Unsicherheiten stattdessen hinter einem Lächeln.
„Wie auch immer", fuhr er fort. „Es freut mich, Ihre– ... äh, deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich weiß, dass Sam eine hohe Meinung von dir hat, und ich sehe jetzt auch, wieso."
„Tatsächlich." Sams Vater lächelte. „Nun, dann muss ich wohl ein paar Dinge richtig gemacht haben."
„Lass es dir nur nicht so zu Kopf steigen, Dad."
„Das würde mir im Traum nicht einfallen."
Kopfschüttelnd öffnete Sam seinen Rucksack und holte eine weiße Papiertüte hervor, die am oberen Ende zugeklebt war, und reichte sie seinem Vater.
Dieser stieß ein Seufzen aus. „Ist es schon wieder soweit?"
„Du solltest öfter auf den Kalender gucken, Dad."
„Ich versuche, es zu vermeiden."
Sam lächelte. „Dann kannst du dich auch nicht beschweren."
Sie wünschten einander eine gute Nacht, dann wandte sich sein Vater wieder seinem Krimi zu und Sam und Dean zogen sich in Sams Zimmer zurück.
„Wie lange hat er noch?", fragte Dean leise, als Sam die Tür hinter ihm geschlossen und seinen Rucksack achtlos in die Ecke geworfen hatte.
„Wir wissen es nicht", erwiderte Sam müde. „Seine Überlebenschance ist nicht sehr hoch, aber Mum und ich wollen trotzdem nichts unversucht lassen."
„Deshalb bist du zurückgekommen", stellte Dean fest. „Um sie zu unterstützen."
„Ja." Sam setzte sich aufs Bett und schlang die Arme um seine Schienbeine. „Der Tag, an dem ich nach Hause kam, nachdem ich mein Studium in Stanford abgebrochen hatte, war das erste und einzige Mal, dass ich meinen Dad wirklich wütend erlebt habe. Er wollte nicht, dass ich seinetwegen mein Leben aufschiebe, das wäre ich weder ihm noch Mum schuldig. Aber wie könnte ich meine Mum mit dieser Sache allein lassen? Studieren kann ich später immer noch, aber Zeit mit meinem Dad verbringen...? Das eher weniger."
„Und jetzt arbeitest du dich für ihn kaputt", sagte Dean leise und setzte sich neben Sam aufs Bett.
Sam zuckte mit den Schultern. „Die Medikamente und Krankenhausaufenthalte sind nun mal teuer. Und mein Dad wollte dafür keinen Kredit aufnehmen. Er will uns nicht mit Schulden zurücklassen, wenn er eines Tages nicht mehr..."
Er schluckte hart und schloss die Augen.
„Oh Sammy", wisperte Dean und legte einen Arm um seine Schulter, und dankbar lehnte sich Sam gegen ihn. „Es tut mir leid. Er scheint ein wirklich guter Mann zu sein."
„Das ist er", schniefte Sam und presste das Gesicht an Deans Hals.
Für eine Weile schwiegen sie beide. Sam schmiegte sich an Dean und atmete seinen Geruch ein und ließ sich von der Wärme seines Körpers einlullen, bis seine Seele nicht mehr ganz so sehr schmerzte.
Schließlich war es Dean, der die Stille durchbrach.
„Du hast gesagt, du wärst es deinen Eltern nicht schuldig, ihretwegen dein Leben aufzuschieben", sagte er leise. „Wie hast du das gemeint? Dein Dad kam mir nicht wie die Art von Vater vor, der dir ewig vorhält, was er alles für dich geopfert hat, um dich großzuziehen..."
Sam atmete einmal tief ein und wieder aus.
Er hatte Dean diesen Teil seines Lebens bisher verschwiegen, aber wenn jemand die Wahrheit verdient hatte, dann er.
„Als ich sechs war, haben mir Eltern eröffnet, dass ich adoptiert bin", erzählte er leise. „Ich nehme an, sie haben es schon so früh getan, weil sie mir diese Tatsache nicht vorenthalten wollten und weil ich in einem Alter war, in dem sie meine Reaktion noch gut auffangen konnten."
Dean schwieg, aber Sam spürte, wie er ihn etwas fester an sich zog.
„Und es war schwer, jedenfalls am Anfang", fuhr er fort. „Aber Mum und Dad wurden nicht müde, mir zu sagen, dass sie mich lieben und immer für mich da sein würden. Und das waren sie auch. Selbst als meine Mutter ein Jahr später die Zwillinge zur Welt brachte, haben sie mir nie das Gefühl gegeben, ihnen weniger wichtig zu sein, als meine Schwestern."
„... ich verstehe", sagte Dean leise. „Sie dachten, du verspielst aus einem Gefühl von Schuldigkeit deine Zukunft."
„Ja", murmelte Sam gegen Deans Brust. „Ich meine, vielleicht tue ich das trotzdem, ich habe keine Ahnung, ich bin kein verdammter Psychologe. Aber ich bleibe auch, weil ich mich ewig dafür hassen würde, wenn ich es nicht tue."
„Du liebst deine Familie." Deans Stimme war sanft. „Das ist am Ende alles, was zählt."
Das Verständnis in seiner Stimme ließ Sam fast in Tränen ausbrechen.
Er arbeitete sechs Tage in der Woche im Diner und verbrachte die wenige freie Zeit, die er hatte, größtenteils mit seinem Zweitjob, der Buchhaltung für den Betrieb eines alten Bekannten seiner Eltern.
Es gab kaum noch einen Tag, an dem er nicht genauso müde aufstand, wie er abends ins Bett gefallen war, und Zeit für sich hatte er so gut wie kaum noch.
Dass Dean jetzt hier war, bei ihm, und ihm ein offenes Ohr und seine Schulter lieh... das war so unendlich viel wert, dass Sam es ihm nie vergessen würde.
„Danke", sagte er leise. „Danke dass du hier bist."
„Es ist nicht der Rede wert, Sammy", erwiderte Dean und presste die Lippen auf Sams Scheitel.
Aber das stimmte nicht. Sam bedeutete es in diesem Moment alles.
Von diesem Tag an sahen sie sich öfter, als zuvor.
Dean stattete ihm mindestens alle sechs Wochen einen Besuch ab. Hin und wieder half er ihm dabei, sich um seinen Dad zu kümmern und fuhr ihn ein paar Male zu Terminen ins Krankenhaus. Aber die meiste Zeit war er einfach nur für Sam da und lenkte ihm von seinem anstrengenden und tristen Alltag ab.
Sex war für sie nicht länger nur ein Vergnügen, er wurde für Sam auch ein Anker, körperlich wie emotional. In diesen seltenen, kostbaren Stunden Dean zu gehören und sich ihm ganz und gar hinzugeben half Sam, bei der konstanten Belastung nicht völlig den Verstand zu verlieren.
Und er liebte Dean dafür – für seine Zeit, sein Verständnis, seine unendliche Geduld – und wurde nicht müde, es ihm zu sagen.
Und es war eines der wenigen Dinge, die ihm in den nächsten zwei Jahren Kraft gaben.
Als Aaron Wesson schließlich starb, war Dean nicht da, und Sam musste mehrfach die Nummer ins Telefon tippen, weil seine Hände so sehr zitterten.
„Sammy?", fragte Dean, der bereits nach dem ersten Klingeln abgenommen hatte. „Was ist los?"
„Dad", wisperte Sam. „Er... er ist..."
Seine Stimme brach, aber Dean verstand sofort.
„Ich mach mich gleich auf den Weg", versprach er und blieb solange am Telefon und sprach beruhigend auf Sam ein, bis seine Mum nach Hause gekommen war und sich um alles Weitere kümmerte.
Dean kam in der Nacht an und blieb eine ganze Woche. Er half Sams Familie, so gut er konnte, und wenn er nur ein Auge auf die Zwillinge warf, damit Sam und seine Mutter sich um andere Dinge kümmern konnten.
Es war eine eigenartige und unwirkliche Zeit, und Sam kam sich an den meisten Tagen vor, wie ein Schlafwandler. Deans konstante und bodenständige Präsenz half ihm jedoch, einen ruhigen Kopf zu bewahren, und als der Tag der Beerdigung kam, fand Sam eine innere Gelassenheit wieder, die er schon vor Jahren verloren geglaubt hatte.
Er hatte in der letzten Woche schon so viele Tränen vergossen, dass seine Augen trocken blieben, als sein Vater beigesetzt wurde und die Trauergäste ihm die letzte Ehre erwiesen.
Womit er jedoch nicht gerechnet hatte, war der Moment, in dem Dean neben ihm scharf die Luft einsog, als er seinen Blick über die versammelten Menschen schweifen ließ.
„Wer war der Mann mit dem Redneck-Look und dem Backenbart?", fragte er am Abend nach der Zeremonie.
„Meinst du Bobby?", erwiderte Sam und runzelte die Stirn. „Er ist ein alter Freund meiner Mutter; ich kenne ihn schon, seit ich klein bin. Er betreibt einen Schrottplatz außerhalb der Stadt. Ich habe angefangen, die Buchhaltung für ihn zu machen, nachdem ich aus Stanford zurückgekommen bin, um mir noch etwas dazuzuverdienen."
Deans Augen weiteten sich.
„Bobby, sagst du?", fragte er. „Bobby Singer?"
Sam sah ihn irritiert an. Es war ein langer Tag gewesen und er war erschöpft, er hatte keine Geduld für Rätselspiele.
„Ja", entgegnete er. „Stimmt etwas nicht?"
Dean sah ihn für einen Moment einfach nur an, so als würde er ihn zum ersten Mal sehen.
„Weiß du, als ich dir damals sagte, dass es keine Zufälle in diesem Job gibt...?"
„Ich... erinnere mich schwach, ja."
„Verzeih mir, Sam", sagte Dean kryptisch. Er presste einen Kuss auf Sams Augenbraue und wandte sich dann ab. „Es gibt da etwas, was klären muss. Wir sehen uns morgen wieder."
Sam war immer noch irritiert, aber er hatte nicht die Energie, Dean um eine nähere Erklärung zu bitten.
Stattdessen zuckte er nur müde mit den Schultern.
„Dann bis morgen, nehme ich an."
Bevor Dean ging, warf er ihm einen letzten Blick zu und es waren ein Bedauern und eine Traurigkeit in seinen Augen, dass Sam sich Sorgen um ihn gemacht hätte, hätte er an diesem Abend noch die Kraft dazu gehabt.
Doch Dean würde wiederkommen und dann würden sie reden.
Und dann würde Sam hoffentlich auch erfahren, wieso er so seltsam reagiert hatte...
The Truth
Trotz seiner Erschöpfung schlief Sam in dieser Nacht nur schlecht.
Seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe und drehten sich pausenlos um die Beerdigung, um die Zukunft seiner Familie und um Deans seltsames Verhalten, bevor sie sich am Abend getrennt hatten, und erst in den frühen Morgenstunden fielen ihm endlich die Augen zu.
Zum Glück war es Samstag und zum Glück brauchte er an diesem Wochenende nicht zu arbeiten, darauf hatten alle seine Kollegen bestanden.
Darum war es auch fast Mittag, als Sam wieder erwachte, geweckt von seinen Schwestern, die sich im Nebenzimmer lautstark unterhielten.
Sam blinzelte für einen Moment die Zimmerdecke an, bevor er sich hochstemmte und aufstand. Auch wenn er sich innerlich immer noch müde und leer fühlte, hatte er sich wenigstens körperlich etwas erholen können, und nachdem er sich ein Sweatshirt und ein Hose angezogen hatte, ging er die Treppe hinunter in die Küche.
Seine Mutter saß am Küchentisch und las die zahlreichen Beileidsbekundungen, die in den letzten Tagen im Briefkasten gelandet waren. Jeden Tag trafen neue ein und sie machten Sam einmal mehr bewusst, was für ein Loch sein Vater hinterlassen hatte, nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gemeinschaft.
Als sie ihn eintreten hörte, hob sie den Kopf und schenkte ihm ein kleines Lächeln. Unter ihren Augen waren tiefe Ringe – ähnlich wie Sam hatte sie in den letzten Tagen kaum geschlafen – doch ihr Lächeln war warm und offen und voller Liebe.
„Du siehst besser aus“, stellte sie fest. „Ich war mir nicht sicher, ob ich dich wecken soll, aber ich bin froh, dass ich es nicht getan habe.“
„Der Schlaf war tatsächlich nötig“, stimmte Sam ihr zu und beugte sich herab, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. „Danke, Mum.“
Sie nickte nur.
Dann suchte sie eine Karte aus dem Stapel von Briefumschlägen heraus und reichte sie Sam.
„Die hier ist für dich. Nur für dich.“
„Für mich?“, fragte Sam verwundert und nahm sie entgegen.
Dann sah er Jessicas Namen und kalifornische Adresse auf dem Umschlag, und er verstand, was sie gemeint hatte.
Aufgrund der großen Distanz und der hohen Kosten für Flüge innerhalb des Landes hatte Jessica nicht zur Beerdigung kommen können, eine Tatsache, für die sie sich in ihrem Brief an Sam tausendmal entschuldigte.
Nicht, dass Sam es ihr jemals nachtragen würde.
Jessica hatte ihm in den letzten drei Jahren oft emotional aus der Ferne beigestanden, und bei den wenigen Malen, die sie in der Heimat verbracht hatte, hatte sie stets darauf bestanden, Sam mindestens einmal persönlich zu treffen und etwas mit ihm zu unternehmen, um ihn aus seinem ewig gleichen Alltagstrott zu reißen.
Sie war auf ihre Weise ebenso unverzichtbar für ihn gewesen, wie Dean, und als er nun dastand und ihre lange, mitfühlende Nachricht an ihn las, musste Sam sich sehr beherrschen, nicht vor seiner Mutter die Fassung zu verlieren, so sehr fehlte ihm seine beste Freundin in diesem Moment.
Schließlich wischte er sich mit dem Handrücken über die Augen und ließ die Karte wieder sinken.
„Sie hat mir auch eine Karte geschickt“, sagte seine Mutter leise. „So eine warmherzige, junge Frau. Schade, dass sie nicht kommen konnte, ich hätte sie gerne wiedergesehen...“
Sam gab keine Antwort.
Seine Mutter und Dean verstanden sich zwar gut, aber er wusste, dass Jessica immer ihr Favorit gewesen war. Es hatte sie damals sehr getroffen, als sie sich wieder getrennt hatten. Sie hatte immer auf Enkel gehofft, etwas, was sich bei Dean und Sam eher schwierig gestalten würde. Mal ganz davon abgesehen, dass Kinder nicht in Deans Lebenskonzept passten.
„Kein Kind soll dieselben Erfahrungen machen müssen, mit denen ich aufgewachsen bin“, hatte er Sam einmal gestanden. „Das könnte ich ihm niemals antun...“
„Wo ist eigentlich Dean?“, fragte seine Mutter in diesem Moment und Sam blinzelte. „Sein Auto steht nicht mehr auf der Straße.“
„Er musste etwas Dringendes klären“, erwiderte Sam. „Er kommt später wieder.“
Jedenfalls hoffte er das.
Seine Mutter schenkte ihm ein schwaches Lächeln. „Dann koche ich heute also lieber wieder etwas mehr.“
„Das wäre super. – Vielen Dank, Mum.“
Gemeinsam sammelten sie die Briefe zusammen und packten sie in einen alten Schuhkarton.
„Wie lange wird er dieses Mal bleiben?“, fragte sie, als sie aufstand und den Karton wegräumte.
Sam zögerte.
„Das weiß ich noch nicht“, gestand er.
Das hängt vermutlich davon ab, was er mir nachher zu sagen hat.
„Er ist ruhelos wie ein Seemann, dein Liebster“, sagte sie und seufzte. „Aber ich vermute, man kann dem Ruf der Arbeit als junger Mensch nur schwer entkommen.“
Sam lächelte. Der Vergleich mit dem Leben auf einem Schiff war gar nicht so unpassend. „Vielleicht, aber noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er irgendwann auf festem Boden bleibt.“
„Unterschätz nie die Liebe des Matrosen zur See, Sam Wesson“, meinte seine Mutter. Doch dann legte sich ein warmer Ausdruck auf ihr Gesicht. „Aber ich habe oft genug gesehen, wie er dich ansieht, wenn ihr zusammen seid, und ich zweifle nicht daran, dass er sich am Ende immer für dich entscheiden wird. Das hat die letzte Woche zu Genüge bewiesen.“
Sam schluckte.
„... danke Mum“, sagte er mit rauer Stimme.
Und vielleicht war ihm nach ihren Worten ein klein wenig leichter ums Herz.
Dean sollte erst am Abend wieder zurückkehren.
Sam öffnete ihm die Tür – und war sofort alarmiert, als er seine steinerne Miene sah.
„Was ist passiert?“, fragte er besorgt und streckte die Hand nach Deans Fingern aus.
Doch der andere Mann wich nur einen halben Schritt zurück, damit Sam ihn nicht berühren konnte, und mied seinen Blick.
„Wir müssen reden“, erwiderte er mit einer Stimme, die vor Anspannung leicht zitterte. „Nur du und ich.“
„... okay“, sagte Sam und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn Deans Ablehnung verletze. „Setzen wir uns am besten in den Impala.“
Dean nickte knapp und wandte sich ab, um zu seinem Auto zu gehen, und Sam griff hastig nach seiner Jacke und seinem Haustürschlüssel und folgte ihm.
„Also...“, begann Sam, nachdem sie eingestiegen waren und die Türen geschlossen hatten. „Was ist so schlimm, dass wir es nicht in meinem Zimmer besprechen können?“
Dean, der die Augen geschlossen hatte, hob einen Zeigefinger.
„Bitte gib mir 30 Sekunden, um mich zu sammeln, weil ich gerade kurz davor bin loszuschreien.“
„Oh-okay...“, murmelte Sam, dessen Sorge um den anderen Mann langsam einen neuen Höhepunkt erreichte. Welche Nachricht hatte Dean so verstört, dass er befürchtete, seine sonst so eiserne Selbstkontrolle zu verlieren?
Eine halbe Minute verging, dann eine ganze, und schließlich atmete Dean mehrmals ein und aus und öffnete wieder die Augen.
„Danke“, sagte er und seine Stimme klang wieder etwas gefestigter.
Sam zuckte mit den Schultern. „Keine Ursache.“
Dann legte Dean die Hände auf das Lenkrad und starrte in die Dämmerung hinaus.
„Ich habe mit Bobby gesprochen“, teilte er Sam mit. Im Gegensatz zu vorher war seine Stimme mit einem Mal beängstigend tonlos.
„Bobby Singer, dem Besitzer des Schrottplatzes außerhalb der Stadt?“, fragte Sam, der nicht verstand, was Bobby mit all dem zu tun hatte.
„Bobby Singer, der Schrottplatzbesitzer, ja“, erwiderte Dean. „Der gleichzeitig auch Jäger ist und ein alter Bekannter meines Vaters.“
Sam sog scharf die Luft ein. „Bitte was?“
„Ich kenne Bobby seit meinem sechsten Lebensjahr“, fuhr Dean fort. „Mein Dad hat ihn regelmäßig besucht und ich war fast jeden Sommer dort. Bei ihm konnte ich Schießen üben und auf seinem Hof habe ich auch gelernt, wie man Auto fährt.“
Sam blinzelte. Er selbst hatte weniger Zeit bei Bobby verbracht, aber auch er erinnerte sich noch an lange Sommer und den Geruch von Metall, Motoröl und alten Reifen, und an halb verrostete Karosserien, die in der Sonne so warm geworden waren, dass man Spiegeleier darauf hätte braten können.
Er konnte sich nicht daran erinnern, dort jemals einem anderen Jungen begegnet zu sein, aber das musste nichts bedeuten. Bobbys Hof hatte im Laufe der Jahre viele Besucher gesehen.
„Warum erzählst du mir das?“, fragte er leise.
„Weil Sioux Falls kein Dorf ist, in dem jeder jeden kennt“, erwiderte Dean, der immer noch seinen Blick mied. „Andernfalls hätte ich vielleicht über diesen Zufall hinwegsehen können. Aber so...“
Er lachte kurz und freudlos. „Und dabei bin ich bereits zum ersten Mal stutzig geworden, als ich deinen zweiten Vornamen gehört habe. Allerdings stimmte das Geburtsdatum nicht. Doch gerade mir hätte eigentlich klar sein müssen, wie leicht sich so etwas fälschen lässt...“
Sam wurde immer verwirrter; nichts von dem, was Dean ihm erzählte, ergab irgendeinen Sinn für ihn.
„Bitte sag mir, worauf du hinauswillst!“, flehte er.
Dean atmete tief durch. „... na schön.“
Dann wandte er ihm endlich das Gesicht zu und sah Sam zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs in die Augen.
„Stell dir vor, deine Familie hat gerade eine schreckliche Tragödie durchgemacht“, sagte er. „Stell dir vor, du hast in nur einer Nacht dein Zuhause und deinen Lebenspartner verloren. Und stell dir vor, alles, was dir geblieben ist, sind zwei kleine Kinder, eines davon noch ein Baby. Du bist mittellos und verzweifelt, aber du willst diese Tragödie aufklären, koste es, was es wolle. Doch du willst deine Kinder dabei nicht in Gefahr bringen. Was tust du?“
Sam verstand immer noch nicht, worauf Dean hinauswollte, aber er erkannte die Geschichte wieder.
„Ich... ich würde sie jemandem anvertrauen, bei dem sie sicher sind“, erwiderte er. „Jemandem, der sie von diesen Gefahren fernhält.“
„Exakt“, sprach Dean. „Aber so einfach ist es nicht. Denn eines deiner Kinder steckt schon mittendrin. Es hat den Tod seiner Mutter miterlebt und ist zutiefst traumatisiert. Du kannst es an diesem Punkt nicht im Stich lassen, es braucht dich schlichtweg. Doch dein anderes Kind...?“
„Dean...“, wisperte Sam.
Er hatte auf einmal eine schreckliche, schreckliche Ahnung.
„Es ist noch zu klein, um zu verstehen, was passiert ist“, fuhr Dean erbarmungslos fort. „Es hat sein ganzes Leben noch vor sich. Es würde dir das Herz brechen, dich von ihm zu trennen, aber du weißt, dass es dich vergessen wird. Dass es seine Familie vergessen wird. Und dass es von all diesen Ereignissen nie etwas erfahren muss, sondern eine ganz normale Kindheit haben und ein ganz normales Leben führen kann. – Und du triffst schließlich eine Entscheidung.“
Sam sprach kein Wort. Er konnte nichts sagen; er konnte kaum atmen.
Was Dean da andeutete, war einfach zu ungeheuerlich.
„Sam“, sagte Dean leise und so behutsam, als wäre Sam aus Glas und könnte jeden Moment in unzählige Scherben zerspringen. „Dein Geburtstag ist nicht der 13. September, sondern der 2. Mai 1983. Du wurdest in Lawrence, Kansas geboren. Deine Eltern heißen John und Mary, und sie haben dich auf den Namen Samuel William Winchester getauft. Und du hast einen Bruder.“
Sag es nicht, schrie alles in Sam. Bitte sag es nicht...!
Doch das Schicksal hatte nicht vor, ihn zu verschonen.
„Mich.“
„Das... das kann nicht sein“, stieß Sam hervor, als er endlich seine Stimme wiedergefunden hatte. „Dean, ein solcher Zufall ist einfach nicht möglich...!“
„Bobby hat mir all das bestätigt, was ich dir gerade gesagt habe“, erwiderte Dean. „Wenn du mir nicht glaubst, dann rede mit ihm. Er kann dir die Einzelheiten erzählen.“
Sam schüttelte den Kopf. Er zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub, obwohl es im Auto warm war. „Ich glaube das alles nicht...!“
„Es tut mir leid, Sam“, sagte Dean niedergeschlagen und der tiefe Schmerz in seiner Stimme hätte Sam fast instinktiv die Hand nach ihm ausstrecken lassen – bis ihm wieder einfiel, dass Dean nicht von ihm berührt werden wollte. „Es tut mir leid, dass ich dir diese Dinge an einem Punkt deines Lebens aufbürde, der für dich eh schon schwer genug zu ertragen ist. Ich wünschte, ich hätte dir all dies ersparen können.“
Plötzlich stieg Zorn in Sam auf. Die Wahrheit war unglaublich und würde ihn noch lange beschäftigen, daran bestand für ihn kein Zweifel. Aber er hatte sich seine Herkunft nicht ausgesucht, ebenso wie die Gefühle, die er für Dean – für seinen Bruder – entwickelt hatte. Und er konnte und wollte sie nicht kampflos aufgeben, nicht nach allem, was sie zusammen durchgemacht hatten.
„Was für einen Unterschied macht es für uns?“, fragte er darum. „Verdammt, Dean, bis vor wenigen Jahren wusste ich noch nicht einmal, dass du existierst! Hättest du das Diner damals nie betreten, wärst du für mich immer ein Fremder geblieben. Denkst du also wirklich, dass die Wahrheit etwas daran ändert, wie ich für dich empfinde?“
Dean starrte ihn ungläubig an.
„Wir sind Brüder, Sam, das ändert für uns alles!“, erwiderte er. „Und nur weil du keine Erinnerungen an mich besitzt, heißt das nicht, dass ich mich nicht mehr an dich erinnern kann!“
Seine Stimme wurde leiser.
„Denn ich erinnere mich noch immer daran, wie es war, dich auf den Armen zu halten“, fuhr er fort. „An mein Ritual, dich jeden Abend auf den Kopf zu küssen, bevor du eingeschlafen bist. – Doch jetzt...“
Er sah Sam durchdringend an.
„Jetzt weiß ich, wie es ist, dich auf eine Weise zu küssen, die nichts Geschwisterliches mehr an sich hat... oder was für ein Gesicht du machst, wenn wir miteinander schlafen. Und Sam, das sind Dinge, die kein Mann über seinen eigenen Bruder wissen sollte.“
Hätte Dean in diesem Moment auf ihn geschossen, die Kugel hätte ihn kaum schwerer treffen können, als diese Worte.
Sam starrte ihn an, Tränen der Wut und der Verzweiflung in den Augen.
„Also ist es das nun?“, fragte er. „Das Ende? Hast du vor, genauso plötzlich wieder aus meinem Leben zu verschwinden, wie du damals gekommen bist?“
Deans Augen weiteten sich bestürzt.
„Sam, nein! Wie könnte ich aus deinem Leben verschwinden, jetzt, da ich weiß, dass wir eine Familie sind?“, entgegnete er. „Du bist mein Bruder und ich werde immer für dich da sein, wenn du mich brauchst!“
Er zögerte. „... nur halt ein bisschen anders, als vorher.“
„Wenn du deine Gefühle einfach so abschalten kannst, dann herzlichen Glückwunsch!“, sagte Sam verbittert. „Ich kann es nicht, und ich will es auch gar nicht, weil ich dich liebe, du Blödmann! Ob wir Brüder sind, ist mir herzlich egal. Ich will dich einfach nicht als das verlieren, was du vorher für mich warst.“
Dean warf ihm einen gepeinigten Blick zu.
„Sam, wir können nie wieder das sein, was wir vorher waren. Das muss dir klar sein.“
Sam war wie betäubt. Eine deutlichere Ansage hätte Dean ihm nicht machen können.
Mit einem Mal fühlte er sich sehr erschöpft und sehnte sich nach Ruhe – und Abstand. Von diesem Gespräch, aber auch von Dean.
„Dann habe ich nichts weiter zu sagen“, erwiderte er leise.
„Sam...!“
Doch Sam öffnete bereits die Beifahrertür und stieg aus.
„Sam, bitte!“, flehte Dean. „Lass uns nicht auf diese Weise auseinandergehen...!“
Und ob Brüder oder nicht, Sam brachte es einfach nicht übers Herz, ihm endgültig Lebwohl zu sagen.
„Gib mir Zeit“, sagte er stattdessen. Es war ein vorsichtiges Friedensangebot, mehr nicht. „Und kontaktier mich für die nächsten Wochen nicht. Ich... muss über all das hier in Ruhe nachdenken.“
Dean nickte, eine Erleichterung auf dem Gesicht, die nur allzu offensichtlich war.
„Okay, Sammy, ich verstehe“, erwiderte er. „Alles, was du brauchst.“
Ich brauche nur dich, dachte Sam müde. Und zwar nicht als Bruder.
Doch er sagte kein Wort, sondern nickte nur. Dann warf er die Tür zu und ging zum Haus seiner Eltern zurück, ohne sich noch einmal umzusehen.
Bobby stieß ein Seufzen aus, als er am nächsten Morgen die Tür öffnete und Sam erblickte.
„Ah, verdammt“, sagte er. „Er hat mit dir geredet, oder? Was für ein Desaster...“
Er bedeutete Sam, in den Hausflur zu treten.
„Komm schon rein, Junge. Mach’s dir gemütlich. Ich hol schon mal den Whiskey – ich habe das Gefühl, dass wir ihn brauchen werden...“
„Ich darf noch nicht trinken“, wollte Sam aus Gewohnheit ablehnen, aber dann hielt er inne, als ihm wieder einfiel, was Dean gesagt hatte. Nicht einmal sein Geburtstag stimmte noch, er war in Wirklichkeit schon vier Monate älter.
„... oder vielleicht doch“, murmelte er und ließ sich in der Wohnstube auf die Couch sinken.
Bobby verschwand in der Küche und kam einen Moment später mit einer Flasche und zwei Gläsern wieder.
Er goss jeweils einen Schluck der bernsteinfarbenen Flüssigkeit in die Gläser und reichte eines davon dann Sam. Dieser schüttelte jedoch nur den Kopf. Für dieses Gespräch wollte er nüchtern sein.
Bobby zuckte mit den Schultern und nahm dann selbst einen kleinen Schluck von dem Whiskey.
Für eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und Sam ließ den Blick über die Vielzahl von Büchern und kuriosen Gegenständen in Bobbys Wohnzimmer schweifen. Früher hatte er sich bei all dem nichts weiter gedacht, doch jetzt, da er wusste, dass der andere Mann ein Jäger war, ergab seine Sammlung von religiösen Artefakten und okkulter Literatur wesentlich mehr Sinn.
Schließlich war es Bobby, der die Stille beendete.
„Ich nehme an, du bist hier, weil du die ganze Geschichte hören willst“, vermutete er.
Sam nickte.
„Dean hat mir bereits den Anfang erzählt“, sagte er. „Er hat versucht, mir begreiflich zu machen, was John damals dazu bewogen hat, mich wegzugeben. Was ich jedoch nicht weiß, ist, wie es danach weiterging.“
„Ich verstehe“, meinte Bobby.
Er nahm noch einen Schluck von seinem Whiskey, dann lehnte er sich zurück und sein Blick ging in die Ferne.
„Es war Dezember ‘83“, erzählte er. „Ich kannte John Winchester damals noch nicht. Es war stattdessen eine Bekannte von uns beiden, Missouri, die eines Nachts auf meiner Türschwelle stand, mit einem Baby auf dem Arm, und mich bat, eine Familie für das Kind zu finden. Ich war völlig überrumpelt, wie du dir vielleicht vorstellen kannst.“
Er stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus, doch seine Miene wurde schnell wieder ernst.
„Aber dann fiel mir plötzlich deine Mutter ein. Ein paar Monate zuvor hatte sie mir im Vertrauen erzählt, dass sie und ihr Mann schon seit mehreren Jahren erfolglos versuchten, ein Kind zu bekommen, und angefangen hatten, Adoption in Betracht zu ziehen...“
„Wussten meine Eltern von John und seiner Situation?“, fragte Sam, doch noch während er die Worte aussprach, fiel ihm sein Denkfehler auf, und er schüttelte den Kopf. „Obwohl, nein, vergiss es... Als Dean damals aufgetaucht ist, war ihnen der Name Winchester völlig unbekannt.“
„Alles, was sie von dir wussten, waren deine Vornamen und das falsche Geburtsdatum, das ich ihnen gegeben hatte“, bestätigte Bobby. „Ich erzählte ihnen etwas von einer entfernten Cousine, die mit ihrem Mann bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, und sie akzeptierten meine Geschichte. Dann ließ ich meine Beziehungen spielen, um dein Geburtsurkunde und die Adoptionsunterlagen zu fälschen. Und der Schwindel fiel nie auf.“
Er stieß ein von Herzen kommendes Seufzen aus.
„Jedenfalls bis zu dem Moment, in dem ihr Jungs euch begegnet seid und euch miteinander angefreundet habt. Wie groß ist die Chance...?“ Er schüttelte den Kopf und trank erneut von seinem Whiskey. „Ihr Winchesters und eure Angewohnheit, einem alten Mann das Leben schwer zu machen.“
Sam schnaubte. „Du bist nicht alt, Bobby.“
Seine Stimme wurde leiser. „Und ich bin kein Winchester.“
Was auch immer Bobby sagte und was auch immer Dean sich erhoffen mochte: Sam würde sich nie als Winchester fühlen. Niemals. Und auch wenn er Johns Gründe, ihn wegzugeben, von einem logischen Standpunkt aus nachvollziehen konnte, so würde er ihn nie als Vater betrachten. Dieses Recht hatte John Winchester für immer verwirkt.
Nein, Sams Eltern würden immer Aaron und Jill Wesson sein, und niemand sonst.
„Was... ist mit John?“, fragte Sam vorsichtig. „Wieviel weiß er über mich?“
„So gut wie nichts“, erwiderte Bobby. „Das war damals die Abmachung, die wir getroffen haben. Er weiß weder, wie du mit Nachnamen heißt, noch, wo du wohnst oder wie du aussiehst. Dazu hat er sich bewusst entschieden, um nicht in Versuchung zu kommen, dich aus deinem Leben zu reißen. Das einzige Foto, was ich ihm je von dir gezeigt habe, ist das von deiner Einschulung, als du sechs Jahre alt warst. Heute würde er dich jedoch nicht mehr wiedererkennen.“
Sam atmete tief durch. Das war immerhin etwas, vermutete er. Auch wenn er noch nicht genau wusste, was sich nun ändern würde, jetzt, da Dean und er die Wahrheit kannten.
Aber als würde Bobby seinen Gedankengang erraten, fuhr er fort:
„Keine Sorge, Dean hat mir das Versprechen abgenommen, John nicht zu erzählen, dass ihr die Wahrheit herausgefunden habt. Und ich gehe davon aus, dass auch du nicht vorhast, sie irgendwem zu erzählen.“
„Nein“, bestätigte Sam. Auch wenn seine Gründe andere waren, als Bobby wahrscheinlich vermutete: er konnte schlichtweg niemandem, der ihn zusammen mit Dean erlebt hatte, erzählen, dass er in Wirklichkeit mit seinem eigenen Bruder geschlafen hatte.
„Allerdings mache ich mir Sorgen um Dean“, sagte Bobby und griff nach dem zweiten Whiskeyglas. „Ich habe natürlich mit Überraschung und Schock gerechnet, als ich ihm erzählt habe, was ich dir gerade erzählt habe, aber nicht mit einer Reaktion, also ob...“
Er seufzte. „Ich weiß es nicht. Als hätte ich vor seinen Augen sein Haustier erschossen oder etwas in der Art.“
Sam konnte es sich deutlich vorstellen. Er musste ein ähnliches Gesicht gemacht haben, als Dean ihm die Wahrheit erzählt hatte.
„Dabei hat er als Kind noch jahrelang von dir geredet, so als ob du noch immer Teil der Familie wärst“, fuhr Bobby fort. „Es hat mir damals mein verdammtes Herz gebrochen, wie sehr er dich vermisst hat. Ich glaube, er war acht Jahre alt, als er schließlich damit aufgehört hat und ihm klar wurde, dass du nicht wiederkommen würdest.“
Sam schloss die Augen und schluckte schwer.
Langsam konnte er Deans Reaktion immer besser nachvollziehen – und warum es ihm wesentlich schwerer fiel als Sam, mit der Wahrheit umzugehen.
Sam, wir können nie wieder das sein, was wir vorher waren. Das muss dir klar sein.
Was nicht bedeutete, dass es nicht trotzdem verdammt wehtat, ihn in dieser Hinsicht zu verlieren.
„Erzähl mir mehr von Dean“, bat er leise. „Wie war er als Kind?“
Bobby kratzte sich an der Wange.
„Still“, erwiderte er nach einer Weile. „Aufmerksam. Loyal.“
Er nahm einen Schluck von seinem Whiskey.
„Ich weiß nicht, wie John es geschafft hat, ihn so zu drillen, aber er sprang bei jeder Bitte und tat alles, um die Ansprüche seines Vaters an ihn zu erfüllen. Es war manchmal nahezu unheimlich.“
Bobbys Miene verdüsterte sich.
„Ich war verdammt froh über jeden Tag, den der Bengel damals nicht allein in irgendeinem Motel im Nirgendwo absitzen musste, sondern bei mir auf dem Hof verbracht hat, während John auf der Jagd war. Es ist kein Leben für ein Kind, und dass Dean sich zu dem Mann entwickelt hat, der er heute ist, grenzt ehrlich gesagt an ein Wunder.“
Sam wurde plötzlich schlecht.
Dean hatte bereits einiges davon angedeutet, aber Sam hatte sich kaum eine Vorstellung davon machen können, wie schwer er es tatsächlich gehabt hatte. Nicht wirklich.
„Ich verstehe“, sagte er mit rauer Stimme und stand dann auf. „Danke, Bobby.“
Der andere Mann nickte.
„Nichts zu danken“, erwiderte er. „Es ist deine Geschichte, Sam. Du hattest ein Recht darauf, sie zu hören.“
Ein Recht, auf das Sam liebend gerne verzichtet hätte, um seine Beziehung mit Dean zu bewahren.
Aber nun waren die Dinge anders gekommen und er musste versuchen, das Beste daraus zu machen.
„Bis bald, Bobby“, verabschiedete er sich, als Bobby ihm die Tür öffnete. „Und... bitte grüß Dean von mir, wenn er das nächste Mal hier ist.“
Bobby hob überrascht eine Augenbraue, doch dann nickte er. „Wie du willst. Mach’s gut, Sam. Und grüß deine Ma von mir.“
„Das werde ich.“
Und damit trennten sich ihre Wege.
Bobby hatte die Haustür schon wieder hinter sich geschlossen, als Sam in das Auto seiner Eltern stieg und zurück in die Stadt fuhr.
Sein Gespräch mit Bobby beschäftigte ihn die ganze Fahrt hindurch bis nach Hause, und er fragte sich, wie um alles in der Welt es in Zukunft für ihn weitergehen sollte.
Für ihn – und für Dean.
Doch so sehr er sich auch den Kopf zerbrach, er fand keine Antwort.
The Open Road
„Daddy? Wo ist Sam?“
„Sam ist nicht mehr hier, Dean. Er... er ist jetzt an einem anderen Ort.“
„Was für ein Ort?“
„Das kann ich dir nicht genau sagen, Dean. Aber es ist ein Ort, an dem es ihm nie schlechtgehen wird.“
„Können wir dort hinfahren, Dad?“
„Nein, Dean. Das können wir leider nicht. Dieser Ort ist nicht für uns gedacht.“
„Aber wer spielt dann mit ihm, wenn ich nicht da bin? Wer passt auf ihn auf...? Wer... wer...“
„Oh Dean... Sammy ist nicht allein dort, versprochen. Es wird immer jemand da sein, der auf ihn achtgibt und ihn beschützt.“
„Aber ich will ihn wiedersehen, Dad! Ich will meinen Bruder zurück...!“
„Vielleicht wirst du das eines Tages, Dean. Vielleicht. Wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten...“
~*~
Es dauerte fast einen Monat, bis Sam seine Gedanken und Gefühle soweit sortiert hatte, dass er den Mut fand, nach dem Hörer zu greifen und Dean anzurufen.
Bereits nach dem zweiten Klingeln stellte Dean die Verbindung her und Sam hatte für einen Moment ein schlechtes Gewissen. Offenbar hatte der andere Mann seinen Anruf schon seit einer Weile sehnsüchtig erwartet.
„Sammy!“ Die Erleichterung war deutlich aus Deans Stimme herauszuhören. „Es tut gut, von dir zu hören, Mann!“
Er zögerte kurz. „Ich hatte schon Bedenken, dass du... nun...“
„Du hattest Sorge, dass ich mich nie wieder melden würde“, erwiderte Sam leise, und er hörte Dean seufzen.
„Ja, möglicherweise hatte ich die“, gab er zu. „Tut mir leid, Sam, ich hätte nicht an dir zweifeln sollen. Wie geht es dir?“
Sam sah aus dem Fenster hinaus in den Garten. Seine Schwestern saßen gerade auf der Veranda und unterhielten sich angeregt mit ein paar Freunden, die sie an diesem Nachmittag eingeladen hatten.
„Den Umständen entsprechend“, entgegnete er ehrlich.
„Und... was genau bedeutet das für uns?“, fragte Dean, Unsicherheit in der Stimme.
Sam atmete tief durch und fuhr sich nervös mit den Fingern durch die Haare. Er hatte sich seine Worte schon vor Tagen zurechtgelegt, doch es war weitaus schwerer, sie tatsächlich auch auszusprechen.
„Ich habe lange nachgedacht“, sagte er schließlich. „Und es gibt zwei Dinge, die ich dir mitteilen möchte. Zwei... nennen wir es mal Erkenntnisse, zu denen ich gekommen bin.“
Für einen Moment war es am anderen Ende der Leitung still.
Und dann: „Okay. Ich bin bereit.“
Doch die leise Unsicherheit in Deans Stimme verriet Sam, dass er offenbar vom Schlimmsten ausging, darum fuhr er fort:
„Zuerst einmal möchte ich, dass du weiterhin Teil meines Lebens bleibst. Ob als Bruder oder Freund spielt für mich keine Rolle – du bist mir wichtig und ich will dich nicht verlieren.“
Er hörte Dean langsam ausatmen, als ein Teil seiner Spannung von ihm abfiel. Die Zukunft ihrer Beziehung musste ihn am meisten verunsichert haben.
„... das ist gut zu hören“, stieß Dean hervor. „Danke, Sammy! Wirklich. Du ahnst nicht, wie viel mir das bedeutet.“
Das war noch der einfache Teil, dachte Sam ernüchtert.
Über das, was er als nächstes sagen würde, hatte er in den letzten Tagen und Wochen sehr intensiv nachgedacht, doch er war am Ende zu der Erkenntnis gekommen, dass er es Dean sagen musste. Sie kannten sich schon zu lange und zu intim, als dass er ihm diese Sache verschweigen konnte.
„Und der zweite Punkt“, sagte er leise, „ist der, dass ich dich immer noch liebe.“
Es wurde plötzlich sehr still am anderen Ende der Leitung, aber Sam hatte auch keine Antwort erwartet.
„Was ich bei unserer letzten Begegnung zu dir gesagt habe, ist weiterhin die Wahrheit“, fuhr er fort. „Ich kann meine Gefühle nicht einfach abstellen. Ich liebe dich, Dean, und daran wird sich so schnell nichts ändern. Mir ist jedoch klar, dass du anders empfindest, und ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich dir in Zukunft nicht näher kommen werde, als du es wünschst. Aber meine Gefühle für dich werden bleiben.“
Er hielt für einen Moment inne, um sich zu sammeln, dann sprach er: „Wenn das jedoch zu viel für dich ist und du den Kontakt lieber abbrechen möchtest, dann kann ich das verstehen. Ich würde es sehr bedauern, aber... welche Entscheidung du auch triffst, ich werde sie respektieren.“
Und das würde er. Dean erhoffte sich nun mal etwas völlig anderes von ihrer Beziehung; er wollte einen Bruder, keinen Liebhaber. Sam wusste nicht, wie er ihm jemals einer sein sollte – doch was er für Dean sein konnte, war ein Freund.
Für eine Weile war es auf Deans Seite still, doch dann räusperte er sich schließlich leise.
„Ich verstehe“, sagte er. „Ich... gebe zu, ich weiß noch nicht so recht, wie ich damit umgehen soll, Sam. Es ist einfach eine Menge auf einmal. Aber ich bin froh, dass du es mir gesagt hast.“
„Wenn du Zeit zum Nachdenken brauchst–“, begann Sam, doch Dean unterbrach ihn sofort.
„Nein, es... es ist schon okay.“ Er hielt kurz inne. „Hör zu, Sam, ich bin gerade in Tennessee und werde vermutlich für eine Weile bleiben, aber wenn mein Job hier erledigt ist, dann komme ich zurück und dann können wir reden.“
Sam atmete innerlich auf. Deans Worte machten ihm Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch einen Konsens in diesem Gefühlschaos finden würden.
„Gerne“, erwiderte er. „Viel Glück, Dean. Und pass auf dich auf, okay?“
„Immer“, sagte Dean, wie es für ihn zur Gewohnheit geworden war. „Du auch, Sam. Und danke für deinen Anruf. – Bis bald!“
„Bye, Dean!“
Dann legte Dean auf.
Sam starrte den Hörer in seiner Hand noch für eine ganze Weile an, dann legte er ihn schließlich weg.
Nach ihrem Gespräch war ihm wesentlich leichter ums Herz.
So unsicher die Zukunft auch sein mochte, er und Dean hatten zumindest noch eine. Und das war das Wichtigste.
Die Tage vergingen und bald war eine Woche um.
Sam, der seit dem Tod seines Vaters seine Arbeitsstunden reduziert und seitdem wieder mehr Zeit für sich hatte, schrieb sich für das kommende Frühlingssemester an der Augustana-Universität von Sioux Falls ein.
Den Traum von Stanford hatte er mittlerweile aufgegeben, aber auf diesem Weg konnte er immer noch einen Hochschulabschluss machen und gleichzeitig seiner Familie nahebleiben.
„Das klingt fantastisch, Sam!“, meinte Jessica, als sie Anfang Dezember miteinander telefonierten. „Nach dem, was du in den letzten Jahren durchgemacht hast, freue ich mich, dass du dich dazu entschieden hast. Es wird dir guttun, unter Studenten zu sein.“
„Das ist im Moment auch meine Hoffnung“, stimmte Sam ihr zu. „Es wird Zeit, dass ich etwas Neues anfange und neue Leute kennenlerne. Ich will nicht für den Rest meines Lebens im Diner arbeiten.“
„Sehr gut, Cowboy!“ Jessica lachte. „Bewahre dir diese Einstellung und den Eifer! Psychologie wird kein Zuckerschlecken.“
„Es ist aber auch kein Vergleich zu dem, was mich in Stanford erwartet hätte“, sagte Sam und seufzte. Er verspürte jedes Mal einen leichten Stich, wenn er an seine verpasste Chance zurückdachte.
„Ich verstehe deinen Frust“, erwiderte Jessica mitfühlend. „Und ich hätte dich gerne hier in Kalifornien gehabt. Aber Sam, ich kenne dich, und ich weiß auch, dass du es dir ewig vorwerfen wirst, wenn du deine Familie jetzt zurücklässt. Ich denke, du hast eine gute Entscheidung getroffen. Und was für einen Job du am Ende auch machst, ich bin mir sicher, du wirst fantastische Arbeit leisten.“
„Danke, Jess.“ Sam schluckte, gerührt von ihren Worten. „Ich werde mein Bestes geben.“
„Ich weiß, dass du das wirst, Sam“, entgegnete sie. „Es liegt einfach in deiner Natur.“
Sam lachte auf. „Okay, genug, jetzt machst du mich verlegen, Jess. So viele Komplimente bin ich nicht gewohnt.“
„Warum, hat dein Loverboy etwa keine netten Worte für dich übrig?“, stichelte Jessica.
Bei dieser Bemerkung verging Sam schlagartig wieder das Lachen.
„Ich weiß es nicht“, sagte er leise, „Dean und ich machen gerade eine... eine Pause, könnte man sagen.“
Sofort verschwand der freundschaftlich-spöttische Ton aus Jessicas Stimme und machte ehrlicher Betroffenheit Platz.
„Oh Sam, das tut mir leid...!“, erwiderte sie. „Ist etwas passiert?“
„Ja und nein“, meinte Sam und rieb sich das Gesicht. „Die Situation ist schwierig und ich kann gerade nicht darüber reden. Aber Dean und ich sprechen zumindest noch miteinander. Wir wissen nur noch nicht genau, wie unsere Beziehung in Zukunft aussehen soll.“
„Willst du denn weiterhin mit ihm zusammen sein?“, fragte Jessica behutsam.
„Mehr, als du dir vorstellen kannst“, gestand Sam und es tat gut, sich ihr anzuvertrauen und die Worte auszusprechen. „Ich liebe ihn, Jess, und ich weiß nicht, ob sich so schnell etwas daran ändern wird.“
„Er wäre ein Idiot, würde er dich gehen lassen“, sagte sie. „Wenn du es ihm wert bist, wird er sich für dich entscheiden. Wenn nicht... nun, dann hat er den größten Fehler seines Lebens gemacht.“
Und Sam wünschte, es wäre so einfach – wünschte, er könnte die Bande zur Familie Winchester endgültig kappen und Dean noch einmal ohne ihre gemeinsame Vorgeschichte begegnen.
Doch er verstand, was sie ihm damit sagen wollte, und er war dankbar für ihre Worte.
Weihnachten kam und ging, und das neue Jahr brach schließlich an.
Immer noch hatte Sam kein Wort von Dean gehört und er hätte angefangen, sich Sorgen zu machen, wenn Anfang Januar nicht ein Brief von ihm im Postkasten gelandet wäre.
Hey Sammy,
es tut mir leid, dass ich es noch nicht geschafft habe, nach Sioux Falls zu kommen.
Ich glaube, ich habe mich ein bisschen selbst belogen, als ich meinte, dass alles okay wäre.
Deine Worte haben mir nach unserem Gespräch doch mehr zu denken gegeben, als ich gedacht hätte, und sie beschäftigen mich auch jetzt noch. Mir geht es gut, also mach dir bitte keine Sorgen um mich. Doch bis ich für mich keine Antwort gefunden habe, wie es mit uns weitergeht, wirst du von mir für eine Weile nichts hören.
Ich möchte aber, dass du weißt, dass ich weiterhin dankbar bin, dich wiedergefunden zu haben, und dass du mir gerade verdammt fehlst. Ich wünschte, wir hätten Thanksgiving und Weihnachten zusammen verbringen können, so wie die letzten Jahre auch.
Aber vielleicht können wir das nächstes Mal wieder.
Dean
Sam blinzelte mehrmals, nachdem er den Brief ein zweites und drittes Mal gelesen hatte, und wischte sich dann mit der Hand über die Augen.
Er hatte bereits den leisen Verdacht gehabt, dass Dean ihm wegen seiner unerwarteten Liebeserklärung nicht unter die Augen treten wollte, und nun hielt er den Beweis dafür in den Händen.
Aber Dean hatte ihm damals Zeit gegeben, um die ganze Situation zu verarbeiten, und darum würde Sam ihm seinerseits auch alle Zeit geben, die er brauchte. Das war er ihm schuldig.
Und es war nicht so, als hätte Sam in der Zwischenzeit nicht genug andere Dinge zu tun.
Er würde warten.
Er konnte warten.
Die Zeit verging und das Frühjahrssemester begann.
Sam trat sein Studium an der Augustana-Universität an und nachdem er sich nach seiner mehrjährigen Pause wieder an den Trott des akademischen Alltags gewöhnt hatte, fing er auch an, das Studentenleben zu genießen. Er knüpfte viele neue Kontakte und Freundschaften, und obwohl er an den Wochenenden weiterhin im Diner arbeitete, nahm er auch die ein oder andere Studentenparty mit.
Und die Abwechslung tat gut. Denn die letzten drei Jahre hatten Sam altern lassen, nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Er war nicht länger der optimistische, idealistische Teenager von damals, dafür hatte er seitdem viel zu viel gesehen und erlebt. Seine Rückkehr an die Universität war für ihn darum auch ein bisschen wie eine Rückeroberung dieses verlorenen Lebens.
Nur die unmissverständlichen Anfragen, die er in dieser Zeit von einigen Studentinnen seines Jahrgangs bekam, lehnte er allesamt höflich, aber bestimmt ab. Er mochte seit Monaten nichts mehr von Dean gehört haben, aber seine Gefühle für ihn hatten sich nicht geändert und er hatte nicht vor, etwas Neues anzufangen.
Sam schloss das Semester einige Monate später mit Bestleistungen ab und schaffte es, ein Stipendium zu ergattern, das die erheblichen Studiengebühren der Universität etwas reduzierte.
Er feierte das Ereignis mit seiner Mutter und seinen Schwestern, und wäre Dean in diesem Moment bei ihm gewesen, hätte es das perfekte Ende eines sonst sehr erfolgreichen, ersten Semesters sein können.
Als Dean schließlich wieder in sein Leben trat, waren seit ihrem letzten Treffen fast zehn Monate vergangen.
Abgesehen von dem Brief, den er zu Beginn des Jahres bekommen hatte, hatte Sam in diesem Zeitraum nichts von ihm gehört, auch wenn er oft versucht gewesen war, seine Nummer zu wählen. Doch er hatte sich jedes Mal beherrschen können, selbst wenn es ihm von Mal zu Mal schwerer gefallen war.
Als er den schwarzen Impala an einem Freitagabend nach der Arbeit am Straßenrand parken sah und die einsame Gestalt erblickte, die an der Motorhaube lehnte, blieb ihm darum für einen Moment fast das Herz stehen.
„Dean...!“, stieß Sam schließlich hervor und ging auf den Wagen zu.
Dean hob den Kopf, als er ihn nähertreten sah, und schenkte ihm ein kleines, aber aufrichtiges Lächeln.
„Hey Sammy“, grüßte er ihn mit rauer Stimme. „Es tut gut, dich zu sehen.“
Sam sah ihn an, überwältigt von seinen Gefühlen für ihn, und seine Hände ballten sich hilflos zu Fäusten, bevor sie sich wieder entspannten. Er wollte Dean in die Arme schließen, er wollte ihn küssen – aber er hatte ihm auch geschworen, dass er nichts davon ohne sein Einverständnis tun würde.
Und Dean schien sein Dilemma zu spüren, denn er machte einen Schritt auf Sam zu und breitete die Arme aus.
„Jetzt komm schon her“, sagte er und grinste, und Sam ließ sich nicht zweimal bitten. Er flog in Deans Arme und presste das Gesicht an seine Schulter, während er sich an ihn klammerte, wie ein Ertrinkender an den letzten Rettungsreifen auf einem Schiff.
„Hey“, murmelte Dean und strich ihm sanft über den Rücken. „Hey, ist schon gut, Sam... Gott, du zitterst ja am ganzen Körper...“
„Du machst dir keine Vorstellung, wie sehr ich dich vermisst habe...!“, wisperte Sam, während er Deans vertrauten Geruch einatmete.
Doch schließlich löste er sich langsam wieder aus der Umarmung, um einen Schritt zurückzutreten.
„Ich nehme an, du bist hier, weil du eine Antwort hast...?“, vermutete er.
Der Ausdruck von Unsicherheit, der über Deans Gesicht huschte, sagte jedoch etwas anderes.
„Leider nein“, entgegnete Dean und senkte den Blick. „Ich bin hier, weil ich deine Hilfe brauche, Sam.“
Sam blinzelte überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Gerne“, hörte er sich sagen, „worum geht es?“
Dean schloss für einen Moment die Augen.
Als er sie wieder öffnete und Sam ansah, war ein Ausdruck in seinem Blick, den Sam nicht identifizieren konnte.
„Mein Dad ist vor ein paar Wochen während einer Jagd verschwunden und reagiert nicht auf meine Anrufe“, erzählte er leise. „Ich mache mir mittlerweile große Sorgen um ihn... und ich würde mich freuen, wenn du mir helfen könntest, ihn wiederzufinden.“
Sam wusste nicht, wie lange er dastand und Dean anstarrte.
Ihr– ... nein, Deans Vater war verschwunden und ausgerechnet Sam sollte ihm bei der Suche helfen?
„Dean“, sagte er schließlich vorsichtig. „Warum ich? Ich bin kein Jäger, ich weiß nicht, ob ich dir eine große Hilfe sein kann. Warum fragst du nicht Bobby?“
„Weil Bobby nicht mehr so jung und belastbar ist, wie er es noch vor 20 Jahren war“, erwiderte Dean. „Und weil ich dir vertraue, Sam. Du magst kein Jäger sein, aber du bist mir eine größere Hilfe, als du dir vorstellen kannst. Du bist scharfsinnig, diplomatisch und gut im Improvisieren. Das ist im Job mindestens genauso viel wert wie das Waffentraining, glaub mir.“
„Dean...“
Sam warf einen kurzen Blick über die Schulter. Bis zum Haus seiner Eltern waren es nur noch wenige Minuten Fußweg.
„Dean, so sehr es mich ehrt, dass du mich als Partner in dieser Sache in Betracht ziehst, aber... ich kann nicht einfach mit dir kommen. Nach dem Wochenende fängt das neue Semester an und ich kann nicht fehlen.“
„Bitte, Sam“, erwiderte Dean und der hilflose Ausdruck auf seinem Gesicht brachte Sam innerlich zum Wanken. „Es ist nur für ein paar Tage – nur, bis wir ihn gefunden haben. Ich werde dich am Sonntagabend rechtzeitig wieder zurückbringen, das schwöre ich dir.“
„Dean...“, versuchte es Sam erneut, doch sein Widerstand schmolz unter Deans verzweifeltem Blick dahin wie Eis in der Sonne.
Und vielleicht hatten die lange Zeit, die sie getrennt gewesen waren, und die Tatsache, dass sein Herz noch immer etwas heftiger klopfte, wenn die grünen Augen auf ihm ruhten, etwas damit zu tun, dass er schließlich laut aufseufzte und dann nickte.
„Okay“, sagte er. „Na schön. – Lass mich aber vorher nach Hause gehen, um ein paar Sachen zu packen und meiner Mutter Bescheid zu geben, bevor wir uns auf den Weg machen.“
Deans Blick erhellte sich und seine Schultern sackten vor Erleichterung herab. „Danke, Sam. Ehrlich, das bedeutet mir viel.“
„Ich hoffe, ich werde das nicht bereuen“, murmelte Sam, bevor er neben Dean ins Auto stieg und mit ihm zum Haus seiner Eltern fuhr.
Seine Mutter war bereits im Bett, als er eintrat, aber seine Schwestern waren noch wach.
Die Zwillinge waren mittlerweile 15 Jahre alt und ihre Mutter hatte es schon vor Monaten aufgegeben, ihnen vorzuschreiben, wann sie ins Bett zu gehen hatten. Die einzige und wichtigste Regel war, dass sie nachts keinen Lärm machten. Und zur Überraschung von Sam und ihrer Mutter hatten sie diese Regel bisher erst wenige Male gebrochen.
„Hey Sam“, begrüßte ihn Annie, die jüngere der beiden Schwestern, ohne ihn anzusehen, und aß Popcorn aus einer Schüssel, während sie eine Horrorserie im Fernsehen verfolgte. Von ihrer Schwester Ashley fehlte jede Spur, aber Sam konnte aus dem Obergeschoss das leise Rauschen der Dusche hören. „Falls du Mum suchst: sie ist schon im Bett.“
„Dann sollte ich sie nicht wecken“, erwiderte Sam leise. „Hey, Annie, kannst du ihr etwas von mir ausrichten?“
„Klar, worum geht es?“, fragte sie und wandte ihm das Gesicht zu.
„Ich werde dieses Wochenende wegfahren“, erklärte Sam. „Dean ist zurückgekommen und braucht meine Hilfe bei einer Sache, und ich kann ihn nicht im Stich lassen. Kannst du Mum sagen, dass ich am Sonntag wieder da bin?“
Annies Augen leuchteten auf. „Dean ist da?“
„Ja“, bestätigte Sam. „Er wartet draußen im Wagen auf mich.“
Seine Schwester warf einen Blick aus dem Fenster und ihre Augen wurden größer, als sie den Impala erblickte.
„Verdammt, er ist es wirklich...!“, stieß sie leise hervor. „Ash und ich dachten schon, wir sehen ihn nie wieder...“
Dann schien ihr wieder einzufallen, worüber sie gesprochen hatten, und sie nickte Sam zu.
„Okay, Deal“, sagte sie. „Ich sag Mum Bescheid. Aber erinnere Dean daran, dass er uns beiden noch eine Rundfahrt mit seinem Auto schuldet.“
Sam lachte leise. „Ich werde es ihm mitteilen. Danke, Ann.“
„Viel Spaß euch zwei mit eurer Sache“, rief sie ihm nach und Sam konnte das zweideutige Grinsen förmlich aus ihrer Stimme heraushören.
Er schüttelte den Kopf, während er die Treppe hinaufging, um seine Sachen zu packen. Seine Schwestern waren manchmal nicht besser als Jess, was Bemerkungen wie diese anging.
Fünf Minuten später zog Sam mit einem Rucksack über der Schulter die Hauseingangstür leise wieder hinter sich zu.
„Okay“, sagte er, nachdem er zu Dean ins Auto gestiegen war. „Ich bin so weit. Wo geht es hin?“
Dean hielt ihm einen Vermisstenreport unter die Nase, den Sam mit zusammengekniffenen Augen überflog.
„Jericho“, erwiderte er. „Kalifornien. Dort hat Dad sich zuletzt aufgehalten.“
„... du willst mich wohl verarschen“, sagte Sam.
Dean grinste. „Schnall dich an, Sammy.“
Sam seufzte auf und kam seiner Bitte nach. Das würde eine verdammt lange Fahrt werden.
Er hatte schon vorher gewusst, dass Dean ein Fan klassischer Rockmusik war.
Was Sam jedoch nicht gewusst hatte, war, dass er über einen schier endlosen Vorrat an Alben verfügte, die er fein säuberlich auf Kassetten übertragen hatte, damit er sie während der Fahrt hören konnte.
Nicht, dass Sam den Sinn darin nicht sah. Bei den vielen langen Autofahrten, die Dean regelmäßig kreuz und quer durch das Land machte, war es wichtig, dass er wach blieb, und oft brauchte es dafür mehr als nur Kaffee. Doch das konstante Hintergrundgeräusch war definitiv etwas, woran Sam sich noch gewöhnen musste.
Sie hätten sich auch unterhalten können – um ehrlich zu sein gab es eine Menge Dinge, die er mit Dean besprechen wollte – doch Sam war müde und auch Dean war offensichtlich nicht in der Stimmung für längere Unterhaltungen. Und so lehnte Sam nur den Beifahrersitz zurück, kaum, dass sie die Stadtgrenze hinter sich gelassen hatten, und schloss die Augen.
Als er wieder erwachte, schien bereits die Sonne und die Landschaft, die sich vor ihnen ausbreitete, war trocken und karg.
„Wo sind wir?“, fragte er gähnend und zog eine Wasserflasche aus seinem Rucksack, um etwas zu trinken.
„Nevada“, erwiderte Dean entspannt und summte leise zu einem Song von Bon Jovi mit.
„Da ist aber jemand gut drauf“, stellte Sam fest und zog eine Augenbraue hoch.
Dean warf ihm einen kurzen Blick zu, ein Lächeln auf den Lippen.
„Hey, ich freue mich einfach“, meinte er. „Du. Ich. Gemeinsam ins Abenteuer. Ich weiß nicht, Mann, aber es fühlt sich einfach richtig an.“
„Es ist eine Einmal-Aktion“, erinnerte Sam ihn. Doch Deans gute Laune war ansteckend, und so fügte er hinzu: „Aber ich gebe zu, ich freue mich, dass wir beide hier sind.“
„Hmm“, machte Dean nur, aber Sam entging nicht, wie das Lächeln auf seinem Gesicht breiter wurde.
Eine halbe Stunde später hielten sie an einer Raststätte, um Frühstück zu essen.
Dean stieß ein definitiv nicht jugendfreies Stöhnen aus, nachdem er einen Schluck von seinem Kaffee getrunken hatte.
„Es geht doch nichts über den ersten Kaffee am Tag“, sagte er und seufzte – bevor er die Augenbrauen hochzog, als er Sams rotes Gesicht sah. „Sammy, ist alles okay?“
„Tut mir leid, aber bei dem Geräusch eben wurden Erinnerungen wach“, murmelte Sam in seinen eigenen Kaffee, während seine Wangen vor Verlegenheit brannten.
Deans nackter Körper auf seinem, Deans vor Lust verzogenes Gesicht, Deans Lippen um seinem–
Nein, verdammt! Hör auf damit!, ermahnte Sam sich selbst und versuchte verbissen die Bilder zu verdrängen, bevor sich zu viel Blut in gewissen Regionen seines Körpers sammeln konnte. Es gelang ihm, wenn auch nur mit viel Konzentration.
Als er endlich wieder den Kopf hob, bemerkte er Deans nachdenklichen Blick auf sich ruhen und für einen Moment schien es, als wollte der andere Mann etwas sagen.
Doch dann biss er sich auf die Unterlippe und drehte das Gesicht zur Seite, um sich wieder seinem Frühstück zu widmen, und ließ Sam mit einem seltsamen Ziehen im Bauch zurück.
„Was ist, wenn wir auf Widerstand treffen und kämpfen müssen?“, fragte Sam, als sie die Grenze nach Kalifornien überquerten.
„Dann werde ich dich beschützen“, erwiderte Dean gelassen. „Entspann dich, Sam. Lass uns erst mal die Lage checken, bevor wir uns kopfüber ins Getümmel stürzen.“
Sam stieß ein Seufzen aus.
Sie hatten noch vier Stunden Fahrt vor sich und er wurde immer nervöser, je näher sie ihrem Ziel kamen. Vielleicht war es nur die Aufregung, wieder auf Jagd zu sein, doch mit jeder Stunde, die verging, wurde Sam mehr und mehr bewusst, dass er auch Angst hatte – und zwar davor, John zu begegnen.
Er hatte keine Ahnung, was er tun oder sagen sollte, wenn Dean und er ihn fanden.
„Hey Dad“? Mit Sicherheit nicht; Sam kannte den Mann schließlich nicht. Und derjenige, den er als Vater betrachtete, war ein Jahr zuvor gestorben.
„Mister Winchester“? Das war die offensichtliche Wahl, aber irgendwie klang es in seinem Kopf viel zu förmlich. Oder doch lieber nur „John“...?
„Sam?“, riss ihn Deans Stimme aus seinen Überlegungen.
„Hm?“
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Dean. „Du siehst so besorgt aus.“
Sam sah aus dem Fenster. „Alles bestens.“
„Sicher?“
Sam seufzte. Dean kannte ihn einfach zu gut und wenn es eine Sache gab, die er besonders gut konnte, dann war es Dingen auf den Grund zu gehen.
„... ich habe nur gerade darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn ich ihm gegenüberstehe“, gestand er.
Dean begriff sofort, wovon er sprach.
„Ja“, erwiderte er leise. „Das frage ich mich ehrlich gesagt auch. Seitdem ich herausgefunden habe, wer du wirklich bist, gibt es kaum etwas anderes, woran ich denken kann.“
„Hm“, machte Sam geistesabwesend.
Dann registrierte er, was Dean gesagt hatte, und stutzte.
„‚Kaum etwas anderes‘?“, fragte er und runzelte die Stirn. „Ich dachte, du wolltest auch über uns nachdenken...“
Dean verdrehte die Augen. „Sam, komm schon, sei nicht so...“
Doch Sam starrte ihn nur an. War nicht das der Grund für ihre lange Auszeit voneinander gewesen? Der Grund, der Sam monatelang schlaflose Nächte bereitet hatte? Und den Dean jetzt einfach sang- und klanglos unter den Tisch fallen ließ, als wäre nie etwas gewesen...?
Und mit einem Mal platzte Sam der Kragen.
„Dean, ich habe fast ein Jahr darauf gewartet, dass du wieder auftauchst!“, stieß er hervor. „Ich war unzählige Male kurz davor, nach dem Hörer zu greifen, um dich anzurufen. Aber du wolltest Bedenkzeit und das habe ich respektiert! Und jetzt erzählst du mir, dass in all dieser Zeit deine größte Priorität das Treffen zwischen mir und John war? Ist das dein Ernst?“
Dean Gesicht verdüsterte sich; offenbar hatte Sam einen empfindlichen Nerv getroffen.
„Was willst du von mir hören, Sam?!“, erwiderte er nicht minder aufgebracht, während sich seine Finger so fest um das Lenkrad schlossen, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Dass ich am liebsten die Zeit zurückdrehen und noch mal von vorn anfangen möchte, damit wir lernen können, einfach nur Brüder zu sein? Dass ich mir wünschte, wir hätten diese eine Grenze nie überschritten, damit ich nicht länger diese Bilder von dir im Kopf habe, wann immer ich dich ansehe? Dass ich weiß, dass es falsch ist, was wir getan haben, aber es mir trotzdem schwerfällt, irgendetwas davon zu bereuen? Dass ich nicht damit aufhören kann, mehr als nur einen Bruder in dir zu sehen? Oder dass ich dich immer noch–?“
Doch er beendete den Satz nicht, sondern biss die Zähne zusammen, bevor ihm weitere Worte herausrutschen konnten.
Sam hätte ihn vor Frust am liebsten am Kragen gepackt und geschüttelt.
„Dean“, sagte er mit einer Ruhe, von der er selbst nicht wusste, woher sie in diesem Moment kam. „Bitte halt an.“
Dean beachtete ihn jedoch nicht, sondern starrte hartnäckig auf die Straße vor ihnen.
„Dean!“, wiederholte Sam mit etwas mehr Nachdruck. „Halt den verdammten Wagen an!“
Dean warf ihm einen kurzen Blick zu und was immer er in Sams Augen sah, es ließ ihn einen leisen Fluch ausstoßen und die nächste Ausfahrt ansteuern, die zu einem kleinen, leeren Parkplatz am Highway führte.
Kaum war das Auto stehengeblieben und der Motor aus, wandte Sam sich dem anderen Mann zu.
Er wagte es kaum zu hoffen, aber wenn er sich eben nicht verhört hatte und Dean tatsächlich das gemeint hatte, was er gesagt hatte...
„Dean“, sagte er erneut, dieses Mal wesentlich sanfter und geduldiger. „Bitte sieh mich an.“
Er hob die Hand und zögerte einen Moment, bevor er sie ausstreckte und sie an Deans Wange legte, um sein Gesicht zu sich zu drehen.
Die Unsicherheit und innere Zerrissenheit, die er in Deans Blick entdeckte, brachen ihm fast das Herz.
„Sam“, entgegnete Dean mit rauer Stimme. „Sam, wir können nicht...“
Sam nickte verstehend.
„Okay, Dean“, beruhigte er ihn. „Okay. – Ich möchte dir nur eine einzige Frage stellen...“
Er sah ihm offen ins Gesicht und sprach die einzige Frage aus, die ihn beschäftigte, seitdem Dean ihn damals zurückgelassen hatte:
„Liebst du mich?“
Dean schloss kurz die Augen und stieß einen Laut aus, als hätte Sam ihm ein Messer in die Brust gestoßen.
„So sehr, Sam“, erwiderte er gepeinigt. „Ich schwöre, du machst dir keine Vorstellung, wie sehr...!“
„Dann zeig es mir“, sagte Sam leise. Worte waren das eine, aber um zu wissen, wie es weiterging, brauchte er mehr als nur das. „Zeig es mir, Dean.“
Und als würden seine Worte ein Feuer entfachen, das die letzte Barriere zwischen ihnen niederbrannte, trat mit einem Mal ein entschlossenes Funkeln in Deans Augen, und er nahm Sams Gesicht in die Hände und presste die Lippen auf seinen Mund, rau und leidenschaftlich und besitzergreifend, und es war alles, was Sam im letzten Jahr vermisst hatte.
Und endlich hatte er seine Antwort.
Als sie schließlich Jericho erreichten – Stunden später als geplant, weil sie auf der Fahrt nicht die Hände voneinander lassen konnten – war es nicht John, den sie vorfanden, sondern den Geist einer Frau, die ihre Kinder ermordet hatte.
Gemeinsam lösten sie das Rätsel um Constance Welch und es war Sam, der ihre Seele schließlich befreite.
Und er begriff, was Dean versucht hatte, ihm klarzumachen: dass er auch auf anderen Wegen nützlich sein konnte und Kämpfen allein nicht alles war, und dass Sam all die Dinge, die er noch nicht wusste oder beherrschte, auch später immer noch lernen konnte. Und ihm wurde klar, dass er, wenn er es nur zuließ, süchtig werden konnte nach diesem Gefühl, nach dem Nervenkitzel der Jagd und dem Wissen, anderen geholfen zu haben.
Es war eine gefährliche Erkenntnis, denn Sam war der einzige von ihnen, der so etwas wie ein „normales Leben“ hatte, und er konnte und wollte es nicht zugunsten der Jagd aufgeben.
Nicht einmal für Dean.
Doch das Schicksal sollte ihm diese Entscheidung abnehmen.
Als Dean ihn aus dem brennenden Haus seiner Eltern zog, nachdem Sam erfolglos versucht hatte, seine Mutter und seine Schwestern vor den Flammen zu retten, wusste er, dass es kein Zurück mehr gab.
Der Zufall, der Dean in sein Leben gebracht hatte, hatte auch all das Leid und die Tragödien mit sich gebracht, die eng mit der Familie Winchester verknüpft waren. Vielleicht fühlte er sich nicht als einer von ihnen, doch er konnte ihrem Fluch auch nicht entkommen, und Sam hatte nicht länger die Kraft, dagegen anzukämpfen.
Als Dean ihn fragte, was er den Einsatzkräften vor Ort sagen sollte, schüttelte er darum nur den Kopf.
„Lass es“, sagte er mit rauer Stimme und tränennassen Wangen, während er aus der Ferne zu dem brennenden Haus hinübersah. „Sollen sie denken, ich wäre ebenfalls im Feuer umgekommen. Vielleicht ist es das Beste so. Es gibt nichts mehr, was mich hier hält.“
Er hatte bereits nach dem Tod seines Vaters versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Doch jetzt, wo nichts mehr von seiner Familie geblieben war, fehlte ihm der Antrieb, es ein weiteres Mal zu versuchen.
Dean war die einzige Konstante, die ihm in seinem Leben geblieben war, und wenn Sam ihm dabei helfen konnte, wenigstens seine Familie zu retten, dann würde er es tun. Vielleicht würde er auf dem Weg dorthin herausfinden, was er mit dem Rest seines Lebens anstellen wollte, vielleicht aber auch nicht.
Das würde nur die Zeit zeigen.
Sie verbrachten die nächsten Tage auf Bobbys Hof, und Deans Nähe und Bobbys bodenständige Art halfen Sam dabei, vor Trauer und Schmerz nicht völlig den Verstand zu verlieren. Wann immer sie mit ihm sprachen, taten sie es, ohne ihn dabei wie ein rohes Ei zu behandeln, und dafür war Sam ihnen dankbar. Und wenn er nachts einschlief, dann tat er es stets mit der Wärme von Deans Körper im Rücken und Deans Armen, die ihn beschützend hielten.
Er sollte sich im Nachhinein kaum an diese Tage erinnern, was er als Gnade betrachtete.
Er hätte nicht gewusst, wie er sie sonst überlebt hätte.
„Wohin als nächstes?“, fragte Dean und sah hinaus auf die Straße, die Hände auf dem Lenkrad.
Seit dem Feuer waren drei Wochen vergangen und Sam hatte in den letzten Tagen langsam wieder die Kontrolle über sich und seine Emotionen zurückgewonnen und fühlte sich nicht länger wie ein unbeteiligter Mitfahrer im eigenen Körper.
Er blinzelte, dann sah er auf den Rucksack zwischen seinen Füßen herab, in dem sich alles befand, was von seinem bisherigen Leben übriggeblieben war.
„Colorado“, erwiderte er, als er sich an die Koordinaten in Johns Tagebuch zurückerinnerte. „Und danach? Keine Ahnung.“
Dean drehte ihm das Gesicht zu und lächelte.
„Wohin auch immer die Straße uns führt, hm?“
Sam schenkte ihm seinerseits ein schwaches Lächeln.
Es erreichte nicht seine Augen, nicht ganz. Aber vielleicht würde es das eines Tages wieder.
„Ja“, sagte er leise. „Wohin auch immer die Straße uns führt.“
Epilog
„Ein Zimmer, bitte.“
Dean setzte sein charmantestes Lächeln auf, als er den 20-Dollar-Schein zusammen mit der gefälschten Fahrerlaubnis über den Tresen schob.
Die junge Frau an der Rezeption erwiderte sein Lächeln instinktiv, bevor ihr Blick zuerst auf den Ausweis und dann auf das Geld fiel und sie verwirrt die Stirn runzelte.
„Verzeihung, Sir, aber ein Zweibettzimmer kostet 30 Dollar die Nacht“, teilte sie ihm mit bedauernder Miene mit und machte Anstalten, den Schein wieder zurückschieben.
Doch Dean ließ sich nicht beirren.
„Ich weiß“, erwiderte er, ohne dass sein Lächeln verschwand. „Aber uns reicht auch ein Einbettzimmer.“
Es dauerte einen Moment, in dem ihr Blick mehrfach zwischen ihm und Sam, der im Hintergrund gerade ein paar Münzen in einen Kaffeeautomaten warf, hin- und herflog, bis sie endlich begriff.
„Oh!“, sagte sie und ihre Wangen liefen rot an. „Ich verstehe. Bitte entschuldigen Sie, Sir.“
Sie nahm den Schein wieder an sich und notierte etwas in ihrem Buch, dann drehte sie sich herum zur Wand, an der zahlreiche Schlüssel an einer Reihe von Haken aufgehängt waren, und nahm einen davon, um ihn Dean zu reichen.
„Hier ist Ihr Zimmerschlüssel“, sagte sie, ohne ihm dabei in die Augen zu sehen. „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserem Motel, Mister Bonham.“
„Danke...“ Dean schielte auf das Namensschild an ihrer Brust. „... Tracy. Den werden wir mit Sicherheit haben.“
Er konnte Sam im Hintergrund leise schnauben hören, als er ihre Reisetaschen aufhob und von der Rezeption zurücktrat.
„‚Den werden wir haben‘? Ernsthaft, Dean?“, fragte Sam leise, nachdem er sich ihm angeschlossen hatte und sie gemeinsam den langen Flur entlanggingen.
„Ich wollte nur höflich sein“, erwiderte Dean und zuckte mit den Schultern.
„Mag sein“, sagte Sam. „Aber das klang gerade, als hätten wir uns nur ein Zimmer genommen, um die halbe Nacht lang zu vögeln.“
Dean warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Wieso, werden wir das etwa nicht?“
Sam verdrehte die Augen. „Du weißt genau, was ich meine, Dean, lenk nicht vom Thema ab. Wir sind auch zum Trainieren hier, schon vergessen? Meine Nahkampffähigkeiten sind leider immer noch ziemlich lausig und ich will nicht bald wieder im Krankenhaus landen, weil ich nicht in der Lage bin, mir die Monster vom Hals zu halten!“
Bei der Bemerkung wanderte Deans Blick schuldbewusst zu Sams Hals hinüber.
Der Biss dort war mittlerweile wieder gut verheilt, aber er hatte eine deutliche Narbe zurückgelassen, die ihn noch öfter daran erinnern würde, wie knapp Sam an jenem Tag dem Tod entgangen war. Ohne Deans Erste-Hilfe-Maßnahmen und die Zügigkeit des Rettungsdienstes wäre er beinahe verblutet.
Doch das Schlimmste daran war gewesen, dass das Unglück keine drei Wochen nach Johns Tod passiert war, und Dean für ein paar lange, ungewisse Stunden der Möglichkeit ins Gesicht hatte sehen müssen, auch noch das letzte, ihm verbliebene Mitglied seiner Familie zu verlieren.
Sam hatte sich eine stundenlange Moralpredigt von ihm anhören müssen, sobald er wieder bei Bewusstsein gewesen war, und sie hatte erst geendet, als er Deans Gesicht in die Hände genommen und ihn geküsst hatte, bis ihm keine Worte mehr geblieben waren. Danach hatte Dean sich ein klein wenig besser gefühlt.
Mittlerweile hatten sie ihr Zimmer erreicht und Dean schloss die Tür auf.
Das Bett war nicht das größte, aber sie schliefen schon seit Jahren zusammen und waren es gewohnt, sich eine Matratze zu teilen. Außerdem blieb dadurch mehr Geld für andere Dinge übrig.
„Wir könnten ja beides vereinen“, schlug Dean mit einem anzüglichen Lächeln vor, als er ihre Taschen auf den Tisch stellte.
Sam warf ihm einen irritierten Blick zu. „Wovon redest du?“
„Sex und Nahkampf“, erwiderte Dean. „Nacktringen auf dem Bett? Hmm? Wie klingt das, Sammy?“
Sam stieß ein Lachen aus.
„Du bist so ein Idiot“, meinte er kopfschüttelnd, doch das Blitzen in seinen Augen sagte Dean, dass er die Möglichkeit zumindest in Betracht zog.
„Mag sein.“ Dean setzte sich auf die Bettkante und hakte seine Finger in die Gürtelschlaufen von Sams Jeans, um ihn zu sich heranzuziehen. „Aber ich bin dein Idiot.“
Mit diesen Worten presste er einen Kuss auf Sams Bauch und sah dann zu ihm auf.
Sam blickte auf ihn herab, einen Ausdruck von Zuneigung und Verletzlichkeit in den Augen. Er schwieg für einige Zeit, dann hob er schließlich die Hand und kämmte mit den Fingern sanft durch Deans Haare.
„Ja“, sagte er leise. „Das bist du. Und das letzte, was ich will, ist, dich allein in dieser Welt zurückzulassen.“
„Sam...“
Dean schmiegte die Wange an Sams Bauch und schlang die Arme um seine Taille.
„Ich werde mein Bestes geben, dass es nicht dazu kommt“, murmelte er. „Mehr kann ich nicht versprechen.“
„... ich weiß.“ Sams Fingernägel kratzten sanft über seine Kopfhaut und Dean gab ein wohliges Geräusch von sich. „Ich werde ebenfalls mein Bestes geben und hoffen, dass es genug sein wird.“
Das Problem war nicht das Kämpfen, wie Dean schnell erkannt hatte, nachdem sie Sioux Falls verlassen hatten. Oh, Sam konnte sich durchaus zur Wehr setzen, wenn es sein musste.
Das Problem waren jedoch die fehlenden Instinkte und Reflexe, die man sich nur durch jahrelanges Training aneignete. Zwar war Sam mittlerweile ein ziemlich passabler Schütze, aber ihm fehlte immer noch der natürliche Umgang mit der Waffe. Während die Pistole für Dean eine Verlängerung seines Armes war, schien sie für Sam immer noch ein Fremdobjekt zu sein – und sein Umgang damit wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass er ungerne Gewalt anwandte und sie nur als letzte Lösung betrachtete.
Zwar respektierte Dean seine pazifistische Grundeinstellung, wann immer sie einem Fall nachgingen, und gab ihm meistens zuerst die Chance, eine friedliche Lösung zu finden, doch sobald sie ihre freie Zeit zwischen den Jagden für eine neue Lektion im Kämpfen nutzten, wurde er zum unbarmherzigen Lehrer.
„Du wirst nie das Training haben, dem ich als Kind unterzogen wurde“, sagte Dean nach einer dieser Lektionen, als Sam ächzend am Boden lag. „Und das ist okay. Aber ich werde nicht immer in der Lage sein, dich zu beschützen, Sam, und dann musst du dich selbst verteidigen können.“
Und Sam schien zu begreifen, was er ihm damit sagen wollte, insbesondere nach seiner ersten Nahtoderfahrung.
Doch Dean konnte den Instinkt nicht einfach abschütteln, hinter jeder Ecke eine neue Gefahr zu wittern, denn die Erfahrung hatte ihm gezeigt, dass er damit öfter richtig lag, als ihm lieb war.
„Wir sollten bei Gelegenheit mal Urlaub machen“, teilte er Sams Bauchmuskeln mit. „Fernab von allen Monstern. Wir können die Welt weiter retten, wenn wir wieder zurück sind.“
„Hmm“, machte Sam über ihm. „Verlockend. Aber warum glaubst du, dass die Monster uns nicht folgen werden?“
Ein Schauer lief über Deans Rücken, als plötzlich eine Reihe von Bildern vor seinem inneren Auge vorbeiflog. Ein brennendes Haus, Blut auf dem Wohnzimmerteppich, Sams panikerfülltes Gesicht, als er dabei zusehen musste, wie seine Mutter und seine Schwestern an der Zimmerdecke in Flammen aufgingen...
John Winchester hatte seine Beziehung zu Sam geopfert, um ihn zu schützen, doch am Ende hatten ihn die Monster trotzdem gefunden und sein bisheriges Leben zerstört. Vielleicht lag wirklich ein Fluch auf ihrer Familie. Vielleicht würden die Monster sie immer verfolgen, egal, wie weit sie rannten.
„... guter Punkt“, murmelte Dean. „Aber eine Auszeit sollte trotzdem drin sein, finde ich. Wir könnten bei Bobby Urlaub machen.“
„Und ihn ein zweites Mal traumatisieren, wenn er uns wieder zusammen im Bett erwischt?“, erwiderte Sam. „Ich bin mir nicht sicher, ob er das erste Mal schon überwunden hat. Er kann mir seitdem immer noch nicht wieder in die Augen sehen.“
Dean zuckte mit den Schultern. „Er wird darüber hinwegkommen.“
„Vermutlich.“ Sam seufzte. „Fragt sich nur, in wieviel Jahren.“
„Sam, andere Menschen sehen das Thema Inzest nun mal etwas anders, als wir.“
„Dean, wir jagen Monster.“ Es war nicht das erste Mal, dass sie diese Unterhaltung führten, und es würde auch nicht das letzte Mal sein. Doch wie jedes Mal war Sam offenbar nicht bereit, von seiner Position abzuweichen. „Mit meinem eigenen Bruder zu schlafen, von dem ich den Großteil meines Lebens noch nicht mal wusste, dass er überhaupt existiert, sehe ich ehrlich gesagt als das geringste unserer Probleme an. Jedenfalls solange alles in gegenseitigem Einverständnis passiert. Oder hast du es dir mittlerweile anders überlegt?“
Der herausfordernde Ton in seiner Stimme verfehlte nicht seine Wirkung.
„Nein“, erwiderte Dean ohne Zögern und sah mit bewegter Miene zu ihm auf. „Ich liebe dich, Sam, und ich würde dich wieder wählen, das weißt du. Und wenn die Welt ein Problem mit dieser Beziehung hat, dann kann sie sich getrost ins Knie f–“
Er verstummte, als Sam sich plötzlich zu ihm herabbeugte, um die Lippen auf seinen Mund zu pressen. Deans Lippen teilten sich nur allzu bereitwillig und für eine Weile küssten sie sich innig und mit Zunge, bis Sam sich schließlich langsam wieder von ihm löste.
„Ich weiß“, sagte er mit rauer Stimme und seine Augen waren erfüllt von einer verzweifelten Liebe. „Ich dich auch.“
Dean war versucht, ihn erneut zu küssen, doch dann überlegte er es sich anders und schlug stattdessen mit der flachen Hand auf Sams linke Pobacke, während er grinsend zu ihm aufsah.
„Also, was soll es nun sein: Training oder Sex? Oder doch erotisches Nacktringen? Ich habe noch Öl in meiner Tasche, wir könnten mit einer Massage beginnen...“
Sam machte eine halb amüsierte, halb resignierte Miene.
„Dean...“, begann er und stöhnte leise.
„Sam?“, fragte Dean herausfordernd.
„Na schön, na schön!“ Sam legte die Hände auf seine Schultern und gab ihm einen kräftigen Schubs, der Dean rückwärts auf das Bett fallen ließ. „Du hast gewonnen. Ich denke, den einen Tag Pause können wir uns gönnen...“
„Ist das ein Ja zum Nacktringen?“
„Zieh dich aus, Winchester!“
Dean lachte nur, als er dem Befehl nachkam.
