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Katzenjammer

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Es tut mit so furchtbar leid, dass ich erst jetzt weiter hochlade. :(
Irgendwann ging es bei mir privat drunter und drüber und ich habe Animexx ganz aus den Augen verloren.
Damit das jetzt kein weiteres Mal passiert, lade ich alle restlichen Kapitel hoch.
Sagt gerne, wie ihr die Geschichte und das Ende findet. ;)
LG
Molnja Komplett anzeigen

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Die Metamorphose

„DIESER VOLLIDIOT!“, rief Bunny aufgebracht und stampfte davon.

Eigentlich war sie ein fröhliches Mädchen, dass schnell Anschluss fand und beinahe von jedem gemocht wurde, aber diese eine Kerl schaffte es sie zur Weißglut zu bringen. Wann immer er auftauchte, gab es Ärger. So, wie auch dieses Mal.

Als sie ihm vor 6 Wochen aus Unachtsamkeit ihre zerknüllte Mathearbeit auf den Kopf geworfen hatte und kurz darauf ihr Schuh auf seinem Schädel gelandet war, hatte sie sich ihren ganz persönlichen Erzfeind geschaffen. Seit dieser Begegnung taucht er ein bis zwei Mal in der Woche auf und begrüßt sie herzlich mit "Hallo, meine kleine Weichbirne.". Auch, wenn diese Zusammentreffen reiner Zufall waren, konnte sich dieser Kerl nicht verkneifen Bunny von der Seite anzuquatschen und zu ärgern. Und auch, wenn diese Begegnungen schon zur Routine geworden waren, wusste sie nicht, wie der Typ hieß und wollte es auch nicht wissen. Manchmal beschlich sie das Gefühl, dass er den Streit mit ihr suchte, aber da hatte er sich mit der falschen angelegt. Bunny war ebenso in der Lage auszuteilen, und ließ sich von ihm nicht zur Schnecke machen.

Das genaue Gegenteil von diesem Rüpel war Motoki, der Junge aus der Spielhalle. Nicht nur, dass Bunny außerordentlich gerne Videospiele spielet, allen voran Sailor V, konnte sie es nach einem harten Schultag nicht erwarten in Motokis fröhliches Gesicht zu sehen. Sie schwärmte für ihn und träumte davon, dass er einmal ihr Freund werden würde.

Auch an diesem Tag war sie diesem unbekannten Kerl begegnet, der ihr wiedermal nicht aus dem Weg gehen konnte. Dabei wollte sie doch einfach nur ein Eis essen. Sie hatte früher Schluss, doch leider hatten Naru, Kuri und Yumiko keine Zeit mit ihr durch Azabu-Juban zu bummeln, sodass sie beschloss ihr Taschengeld erst einmal für ein leckeres Vanilleeis auszugeben und den Rest im Crown Game Center zu verspielen.

„Ich hätte gerne ein Vanille Softeis, bitte!“, sagte sie freundlich zum Verkäufer am Eisstand, als wieder diese dunkle Stimme im gehässigen Tonfall von der Seite ertönte.

„Wenn du noch mehr Eis isst, wirst du pummelig.“

Sie erkannte die Stimme sofort und drehte sich mit einem wütenden Gesichtsausdruck zu ihm um. „Was geht dich das an? Wenn du knochige Mädchen magst, brauchst du mich ja nicht anquatschen!“

„Keine Sorge, du bist sowieso nicht mehr Typ.“, sagte er mit einem herablassenden Grinsen. „Mir tut nur der Junge leid, der mal dein Freund sein wird.“

„Nicht nötig. Ich kenne einen Jungen, der mich so mag, wie ich bin.“ Sie drehte sich von ihm weg, nahm mit einem Lächeln, dem Verkäufer gegenüber, das Eis und richtete ihren Blick wieder an den fiesen Kerl. „Ich mache mir eher um dich sorgen. Du bist so fies, dass du sicher keine Freundin findest.“ Bunny lachte und ging, bevor er noch was sagen konnte.

Dieses Lachen sollte ihm gegenüber, den Anschein erwecken, dass sie als Siegerin aus diesem Wortgefecht hervorgegangen war, doch innerlich kochte sie. Sobald er außer Sichtweite war, konnte sie nicht anders als zu fluchen. Nicht einmal das Eis konnte sie noch genießen. Sie schlang es in ihrem Unmut hastig runter und beschloss schnell zu Motoki zu gehen, um sich an ihrem liebsten Videosiel abzureagieren und das Gesicht des tollsten Jungen auf der Welt zu sehen.

Ihr Gemütszustand hielt noch an, als sie das Crown betrat, und das blieb auch einem aufmerksamen Motoki nicht verborgen. „Hallo, Bunny! Du siehst ja gar nicht glücklich aus.“

‚Es fällt ihm auf, wie ich aussehen.‘, dachte sich Bunny glücklich und begann zu berichten. „Ich bin wieder diesem Blödmann begegnet, der mich immer ärgert.“

„Ach nein.“, reagierte Motoki mitfühlend. „Der scheint einen Narren an dir gefressen zu haben.“, fügte er mit einem Lachen hinzu.

„Hör bloß auf! Jeder Tag, an dem ich ihn nicht treffe, ist ein guter Tag.“

„Er kennt dich halt nicht. Wenn er dich kennen würde, dann würde er dich mögen, da bin ich ganz sicher.“ Motoki strahlte sie an.

„Glaubst du? Du bist immer so nett zu mir.“, sagte Bunny verlegen. Für sie waren Motokis Worte schon eine halbe Liebeserklärung.

Nun lächelte sie. Sie hatte gewusst, dass es sich lohnen würde in die Spielhalle zu gehen, denn Motoki konnte ihr immer ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, egal, wie schlecht sie vorher drauf war.

„Oh! Der Sailor V Automat ist frei!“, bemerkte sie zufällig und begab sich ohne Umschweife dorthin.

Sie setzte sich hin und spielte sich den restlichen Frust von der Seele, steigerte sich rein, weil sie an einer knackigen Stelle nicht weiterkam und gab nach einer Stunde und vielen verlorenen Yen frustriert auf. Doch egal, wie unzufrieden sie war, sie hatte den Ärger um den dunkelhaarigen Idioten vollkommen vergessen. Sie atmete tief durch, verabschiedete sich herzlich von Motoki und machte sich auf den Weg nach Hause.

Nach 5 Minuten kamen ihr, ohne, dass sie es forciert hatte, die Ereignisse des Tages in den Kopf. Da es keine Klassenarbeit gab, über die sie sich ärgern sollte und Naru und Umino nichts Interessantes zu berichten hatten, rutschte wieder der Blödmann in ihre Gedanken. Ihr Gesicht verzog sich wieder und sie begann unbemerkt zu stampfen, statt zu gehen. Warum musste er ihr ständig über den Weg laufen? Hatte das Schicksal sie so auf dem Kieker, dass sie keine Ruhe mehr vor ihm finden sollte? Und warum musste er sie andauernd anquatschen, konnte er sie nicht einfach ignorieren? Motoki war so viel netter. Bunny schätzte ihn auf das gleiche Alter, wie den Blödmann, aber sie waren so verschieden wie Tag und Nacht. Was war nur bei dem Idioten schiefgelaufen, dass er sie zur Zielscheibe seiner Attacken auserkoren hatte? Bunny verstand es einfach nicht.

Nun kam ein weiterer unangenehmer Gedanke dazu. Ihre Hausaufgaben. Der Frust machte sie so müde, dass sie sich am liebsten einfach schlafen legen würde, sobald sie ihr Zimmer betrat, doch leider hatte sie ihrer Mutter versprochen fleißiger zu werden. Sie musste sich zusammenreisen.

Plötzlich zuckte sie zusammen. "Oh nein! Ich habe meine Schultasche verloren."

Das Herz rutschte ihr in die Hose und sie begann intensiv zu grübeln, wo sie die Tasche verloren haben konnte. Gedanklich ging sie den gesamten Weg rückwärts, bis sie sich vor ihrem geistigen Auge auf den Hocker vor dem Sailor V Spiel setzte und ihre Tasche vor den Automaten stellte. Und genau dort hatte sie die Tasche das letzte Mal gesehen. Sie seufzte laut, denn jetzt musste sie den gesamten Weg wieder zurücklaufen, doch sie rang sich ein Lächeln ab, denn schließlich konnte sie noch einmal Motokis Gesicht sehen. Sie drehte sich um und musste sich wundern. Vor ihr schwebte ein merkwürdig gekleidetes Mädchen mit einem diabolischen Grinsen. Sie bekam einen mächtigen Schrecken, denn schwebende Menschen hatte sie bisher nur im Fernsehen gesehen, und das war alles Tricktechnik.

"We...Wer bist du?", fragte sie zitternd.

"Ich bin ein Dämon!", antwortete das schwebende Mädchen frech. "Und ich bin hier, um dir deine Energie zu entziehen!"

Bunny verstand Garnichts. Es gab doch gar keine Dämonen und fliegende Menschen. Was war nur los? Sie stand wie paralysiert da und starrte die kleine Dämonin an. "Aber wieso ich?"

"Weil du gerade viel Energie aufbringst, um jemanden zu hassen.", sagte die Dämonin achselzuckend. "Mach dir keine Sorgen, es tut auch nicht weh."

Bunny begriff nun endlich, dass es kein Scherz war und beschloss das Weite zu suchen. Ihre Tasche hatte sie im ganzen Trubel total vergessen. Sie wollte nur noch davonrennen, in der Hoffnung, dass ein fliegender Dämon sie nicht erwischen würde. Selbstverständlich hatte sie sich getäuscht. Sie konnte sich plötzlich nicht mehr bewegen und spürte, wie ihre Kraft schwand und sie den Halt verlor. Auch ihr Bewusstsein schwand und sie war sich sicher, dass es nun ihr Ende war. Sie verspürte eine furchterregende Angst und das Bedürfnis noch einmal das Gesicht ihrer Mutter zu sehen, bis vor ihren Augen alles schwarz wurde.

Es verging eine Weile, bis Bunny langsam die Augen öffnete. Der Himmel war bereits Abendrot.

'Wo bin ich?', fragte sie sich.

Plötzlich erinnerte sie sich an das letzte vor ihrer Ohnmacht. Es war eine kleine, böse grinsende Dämonin in komischen Kleidern, die ihr ihre Energie absaugen wollte. Erleichtert stellte sie fest, dass sie noch am Leben war. Hatte die Dämonin ihr Werk nicht zu Ende verrichtet?

Nun war es auch egal. Bunny schätze sich glücklich es überstanden zu haben und beschloss, trotz der späten Stunde, zurück zum Game Center zu gehen und ihre Tasche zu holen. Sie würde die Hausaufgaben zwar nicht mehr schaffen, aber zumindest würde es keinen Ärger geben, dass sie ihre Tasche verloren hatte.

Gerade, als sie sich abstürzen wollte, um sich zu erheben, merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Ihr Körper fühlte sich merkwürdig an und ihr Sichtfeld war sehr niedrig gelegen, obwohl sie schon voll aufgerichtet stand. Als sie an sich runterschaute, fiel sie aus allen Wolken. Sie sah rosafarbenes Fell und flauschige Pfoten. Sie geriet in Panik und flitze blitzartig los. Zu ihrem Erstaunen konnte sie diesen neuen Körper gut beherrschen, und war schnell und wendig. Ohne es bewusst zu tun, sprang sie hoch und weit, sodass sie in Windeseile wieder in der Einkaufsstraße war, wo sich auch das Crown befand. Sie blieb an einem Schaufenster stehen, um endlich ihr Antlitz zu betrachten, doch was sie sah, war nur eine rosafarbene Katze, die ihr aus dem Spiegelbild des Schaufensters entgehen blickte. Bunny Tsukino, das Mädchen mit den blonden Zöpfen war nicht zu sehen.

Bunny wurde ganz schwindlig. Wie konnte das nur passieren? War es die kleine Dämonin, die sie verwandelt hatte? Wollte sie denn nicht nur die Energie haben oder war das das Resultat ihres Angriffs? Aber das war unwichtig, denn Bunny konnte unmöglich in diesem Zustand bleiben. Doch wie konnte sie sich zurück verwandeln? Sie war beinahe instinktiv wieder zum Gamecenter gelaufen und beschloss sich bei Motoki Hilfe zu holen. Ihr war zwar nicht ganz klar, wie sie ihm das alles erklären sollte, aber er war immer so nett zu ihr, dass er ihr bestimmt helfen würde.

Dummerweise befand sich das Game Center auf der gegenüberliegenden Straßenseite einer viel befahrenen Straße. Bunny fasste sich ein Herz, denn sie hatte bereits bemerkt, dass dieser Körper schnell war. Nur der niedrige Blickwinkel machte ihr etwas Schwierigkeiten. Sie wartete geduldig, bis kein Auto mehr zu sehen war und flitze los. Leider war ihrer Aufmerksamkeit ein kleiner grauer PKW entgangen, der geradewegs auf sie zuraste. Der Fahrer hatte nichts gegen Katzen, doch er hatte das kleine rosafarbene Geschöpf einfach übersehen. Als Bunny den Wagen bemerkte, blieb sie vor Schreck wie angewurzelt mitten auf der Straße stehen. Sie starrte dem Wagen erschrocken entgegen und dachte sich zum zweiten Mal an diesem Tag, dass das nun ihr Ende war. Im nächsten Augenblick wurde sie von jemandem von der Straße gerissen. Das alles kam so plötzlich, dass sie vor Schreck erneuert das Bewusstsein verlor.

Es dauerte eine Stunde, bis sie langsam die Augen öffnete. Als sie sich, noch etwas benommen, umschaute, stellte sie fest, dass sie sich in einer fremden Wohnung befand. Sie lag auf einem Handtuch auf einer beigen Couch. Alles war sehr aufgeräumt und ordentlich, aber es fehlte der weibliche Touch. Bunny erinnerte sich, dass sie fast von einem Auto erfasst worden wäre und plötzlich alles vor ihren Augen schwarz wurde. Hatte sie tatsächlich jemand gerettet? Wer konnte das gewesen sein? Sie versuchte sich zu erheben und merkte einen leichten Schmerz am rechten Bein. Als sie es sich ansehen wollte, bemerkte sie einen Verband. Hatte sie sich etwa verletzt? Hatte sie das Glück gehabt von jemandem gerettet worden zu sein, der sie auch noch in Sicherheit gebracht und verarztet hatte?

Sie wartete gespannt, bis diese Person sich zeigen würde und da war sie auch schon. Bunny stockte das Atmen. Vor ihr stand plötzlich der streitlustige Idiot, der ihr mehrmals die Woche das Leben schwer machte.

Sie begriff zwar nicht, wie sie dahingekommen war, aber das wollte sie sich nicht bieten lassen. Die Wut stieg in ihr hoch.

'Du blöder Kerl. Was soll das?', schrie sie ihn an. Zu ihrem Bedauern verstand er kein Wort. Er sah nur eine wütende Katze, die zischte und aggressiv maunzte.
 

Wie sollte es auch anders sein? Er war stets aufmerksam, wenn er durch die Gegend lief und beobachtete seine Umgebung genaustens, auch, wenn er sich das nicht anmerken ließ. So sah er auch diese niedliche Katze, die so tollkühn war eine so große Straße zu überqueren. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass eine Katze dabei das Zeitliche gesegnet hätte, doch meist waren diese wendigen kleinen Tiger geschickt. Diese Katze war es jedoch nicht und blieb mitten auf der Straße stehen, als gerade ein Auto direkt auf sie zuraste. Er überlegte nicht lange, sprang über die Leitplanke und schnappte sich beherzt das kleine rosa Fellknäuel. Leider landete er etwas ungeschickt, weshalb das kleine Kätzchen eine Schramme an der rechten Vorderpfote davontrug und zu allem Überfluss ohnmächtig wurde. Er schaute sich um, als würden er erwarten, dass ein Besitzer aus dem Nichts auftauchen würde, doch wie es bei Freigängern so üblich war, ließ sich natürlich niemand blicken.

Er begann zu grübeln. Er konnte das Kätzchen doch nicht so einfach liegen lassen. Nachher würde sich ein Hund an ihr vergreifen oder sie würde von frechen Kindern gequält werden. Es ging nicht anders, er musste sie mit nach Hause nehmen.

Dort angekommen, holte er, noch mit dem rosa Fellknäuel auf dem Arm, ein Handtuch aus dem Schrank und legte es auf die Couch. Schließlich legte er die Katze vorsichtig darauf und ging auf die Suche nach dem Verbandszeug. Sein Medizinstudium brachte ihm an dieser Stelle recht wenig, da er erst im ersten Semester war und es sich hier auch nicht um einen Menschen handelte, trotzdem versuchte er sein Bestes. Er hatte sich schließlich schon vor Studienbeginn mit den Grundlagen der Medizin beschäftigt und wollte keinesfalls riskieren, dass die Wunde sich infiziert.

Behutsam reinigte er die kleine Wunde, desinfizierte sie und verband sie mit aller Vorsicht. Die gesamte Zeit über war das Tier bewusstlos, doch er konnte es atmen sehen. Als er fertig war, beobachtete er seinen Fund. Er saß einfach da und schaute es sich an. Ihm fiel auf, dass diese Katze sehr gepflegt aussah und bestimmt jemandem gehörte, der sie nun vermisste. Ein Halsband hatte sie nicht.

Was hatte er sich da nur ins Haus geschleppt, fragte er sich. Es musste eine Strategie her, wie er den Besitzer wiederfinden würde. Es in einem Tierheim abzugeben, kam für ihn nicht in Frage. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie dieses freiheitsliebende Geschöpf womöglich für Wochen in einen kleinen Käfig gesperrt werden könnte, bis sich ein Besitzer auftat. Die einzige Lösung war es, selbst nach dem Besitzer zu suchen und Flugblätter zu verteilen. Aber solange das Tier bei ihm bleiben sollte, wollte er es ihm so angenehm wie möglich gestalten.

„Ich mache mir erst mal einen Tee.“, sagte er vor sich hin und ging in die Küche.

Als er mit einer frischen Tasse Oolong Tee wieder zur Couch ging, sah er, dass das Kätzchen wieder wach war. Erleichterung machte sich breit, doch dabei blieb es nicht. Als die Katze ihn bemerkt hatte, begann sie zu zischen und aggressiv zu maunzen. Sie plusterte sich auf und bekam einen Buckel. Ganz offensichtlich war sie mit der Situation nicht sehr glücklich.

Er blieb in sicherer Entfernung stehen, um das Tier nicht weiter zu erschrecken. ‚Was mache ich denn jetzt?‘, fragte er sich ratlos. ‚Wahrscheinlich ist das noch der Schock.‘

Um es nicht weiter zu verunsichern, entschied er sich noch einmal rauszugehen. Er wollte dem Tier die Möglichkeit geben sich an die Situation zu gewöhnen, und schließlich brauchte sie ein paar Dinge, um es bei ihm ein paar Tage auszuhalten. Er stellte den Tee in der Küche ab, zog sein Jackett über und verließ sie Wohnung.

In der Höhle des Idioten

‚Was soll das?‘, maunzte Bunny aufgeregt.

Nun war sie tatsächlich in der Wohnung ihres Erzfeindes gefangen? Hat er etwa gewusst, was ihr passiert war und wollte sie jetzt ärgern? Und wieso reagierte er nicht auf ihre Frage? Bunny war drauf und dran von der Couch zu springen, um nach einem Ausweg zu suchen, doch ihre Pfote tat ihr zu sehr weh, dass sie es gerade schaffte langsam vom Sofa zu klettern und sich unter das Bett in vermeintliche Sicherheit zu bringen.

Ihr Kopf drehte sich und die Situation schien ausweglos. Bunny verstand nicht, warum sie von allen Menschen in Tokyo ausgerechnet beim schlechtesten landen musste. Er würde sie bestimmt ärgern und quälen. Da sie nicht gut laufen konnte, war Verstecken die einzige Lösung. Unter dem Bett würde er sie bestimmt nicht finden, dachte sie sich naiv. Der Boden war zwar kalt, aber ihr Fell schützte sie ein wenig, und es war allemal besser, als auf dem Präsentierteller zu liegen und auf einen Streich des Blödmanns zu warten.

Draußen begann es langsam zu dämmern und ein Hunger machte sich breit. Sie wollte plötzlich so gerne was essen, aber mit der schmerzenden Pfote war die Suche nicht so einfach. Sie wollte es dennoch wagen und kroch langsam unter dem Bett hervor, als sie plötzlich die Schlüssel in der Tür hörte. Augenblicklich verschwand sie in der hintersten Ecke unter dem Bett und wurde ganz ruhig. Sie beobachtete aufmerksam seine Beine, die nun geschäftig durch die Wohnung spazierten und, wie er zwei Kisten abstellte.

‚Bestimmt ist das was drin, um mich einzusperren.‘, dachte sich Bunny ängstlich.

Plötzlich merkte sie, wie der Gang des Mannes unruhiger wurde und ihn scheinbar wahllos durch die Wohnung führte, bis er schließlich auf die Knie ging und unter das Bett schaute. Sein angespannter Blick zeigte augenblicklich Erleichterung. Doch Bunny gefiel es gar nicht. Das Versteck war nicht gut genug und so fürchtete sie sich weiterhin.
 

Als er die Wohnung betrat und sein Findelkind nicht mehr da war, wo er es zurückgelassen hatte, wurde er nervös, schließlich war das Kätzchen verletzt. Im ersten Augenblick machte er sich Vorwürfe das Geschöpf in einer fremden Umgebung alleine gelassen zu haben, doch, als er sie schließlich unter dem Bett fand, begriff er, dass sie einfach immer noch Angst hatte. Es blieb ihm nichts über, als geduldig zu sein. Er ließ es unter dem Bett sitzen und holte erst mal einen kleinen Kratzbaum aus einem Pappkarton. Er öffnete den nächsten Karton und zog ein flauschiges, rundes Katzenbett hervor. Da er nicht glaubte, dass die Katze so bald unter diesem Bett hervorkommen würde, schob er das Katzenbett einfach zu ihr unter sein Bett. Ein Katzenklo durfte auch nicht fehlen. Als letztes und wichtigstes öffnete er eine Dose Katzenfutter. Es war eine teure Premiumsorte. Er hatte sich beim Kauf gedacht, dass es ihr bestimmt am besten schmecken würde. Er platzierte es auf einem großen Teller und schob es an den Rand seines Bettes. Als er sich nach unter beugte, um zu sehen, ob sie schon das Bett und das Futter angenommen hatte, hatte sich an der Position und an dem verängstigten Blick der Katze nichts verändert. Es ging wohl nicht anders, er musste abwarten, zumindest, bis die Pfote wieder verheilt war.

Bunny beeindruckte es nicht. Sie hatte nicht vor sich von ihm einlullen zu lassen. Das war bestimmt alles nur ein Trick, um sie wieder daraus zu locken. Sicher war in einer der Kisten eine Transportbox und er würde sie bei der nächsten Gelegenheit zum Tierfänger bringen. Auch, wenn er sie gefunden hatte, hatte er sie nicht unter dem Bett hervorgeholt, also fühlte sie sich für den Augenblick zumindest noch sicher. Sie war empört, dass er ihr eine Dose Katzenfutter hingestellt hatte. Sollte er ihre missliche Lage beobachtet haben und wissen, wer sie war, dann war das eine pure Gemeinheit, aber es roch so lecker. Trotzdem entschied sich Bunny ihren Posten nicht zu verlassen, da sie überall eine Falle witterte.

Es wurde langsam Nacht. Bunny sah die Beine des Idioten immer wieder durch die Wohnung laufen, doch er vermittelte nicht mehr den Eindruck, dass er unruhig war. Schließlich tauchte er in einer Pyjama Hose vor dem Bett auf und beugte sich noch einmal drunter, um nach dem Rechten zu sehen. Bunny erstarrte wieder. Jetzt musste es doch soweit sein, irgendetwas musste kommen, doch es kam nichts. Er sah die Katze in ihrer unveränderten Position in der gleichen Ecke sitzen, stand wieder auf und legte sich ins Bett.

Bevor er einschlief, machte er sich Gedanken, wie er nun ein Foto schießen sollte, wenn sie nur unter dem Bett blieb und, wie er ihre Wunde kontrollieren sollte. So würde er es sicher nicht wieder an seine Besitzer übergeben.

Am nächsten Morgen stand er einfach auf und ging seinem gewohnten Tagesablauf nach. Bis er den Kratzbaum sah, hatte er vollkommen vergessen, dass er neuerdings einen kleinen Mitbewohner hatte. Als er das realisierte, schaute er sofort unter das Bett. Er erwartete, dass das Tier immer noch in der gleichen Position unter dem Bett saß und das Futter nicht angerührt hatte, aber er täuschte sich. Die Dose war fein säuberlich leer geleckt und die Katze lag friedlich auf dem Katzenbett und schlief. Dieser Anblick zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.

Er wollte das Kätzchen nicht stören, also ging er seinen morgendlichen Gewohnheiten nach, zog sich an und machte sich einen schwarzen Kaffee. Bevor er die Wohnung Richtung Uni verließ, öffnete er noch eine Dose Katzenfutter, dann fiel die Tür ins Schloss.

Dieses Geräusch weckte Bunny. Nachdem sie in der vergangenen Nacht gemerkt hatte, dass er nun endlich eingeschlafen war, musste sie ihren Hunger stillen. Katzenfutter roch normalerweise sehr ekelig für sie, doch das, was er ihr dahingestellt hatte, duftete nicht nur lecker, sondern schmeckte auch ausgezeichnet. Und, wenn schon so ein flauschiges Bett da war, konnte sie es auch nutzen. Sobald er aufstehen würde, nahm sich Bunny vor wieder in die hinterste Ecke seines Bettes zu verschwinden. Das war ihr aber nicht gelungen. Sie war so erschöpft von dem ganzen Stress des Vortages, dass sie, wie ein Stein eingeschlafen war, bis sie das Schloss in die Tür fallen hörte.

Bunny saß ganze 30 Minuten in der Ecke, bis sie merkte, dass er nicht zurückkam. Ihr kam die Überlegung, dass er sicher auch eine Beschäftigung hatte, der er tagsüber nachgehen musste, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Und, wenn es so war, hatte sie jetzt mehrere Stunden Ruhe. Auch, wenn ihre Pfote noch schmerzte, war es schon viel besser und sie konnte vorsichtig und langsam die Wohnung erkunden. Springen konnte sie leider nicht, doch sie durchstreifte die gesamte Fläche auf der Suche nach einem Ausweg. Irgendwann gab sie enttäuscht auf. Es war nichts zu machen. Ohne einen erhöhten Standpunkt würde sie ihre Situation doch sowieso nicht überblicken können und draußen würde sie es mit ihrer Verletzung womöglich nicht mal bis zum nächsten Block schaffen, dachte sie sich. Als die Pfote dann langsam wieder mehr zu schmerzen begann, entschloss sich Bunny wieder unter das Bett zu gehen und sich in ihr flauschiges Katzenbett zu legen.

Sie wurde erst geweckt, als sie wieder den Schlüssel in der Tür hörte. Sie verkroch sich wieder in der Ecke, bis sie neben der Stimme des Idioten eine vertraute Stimme hörte. Es war Motoki. Konnte es möglich sein, dass der Idiot und Motoki sich kannten? Bunny kroch vorsichtig an den Rand des Bettes und schaute hervor. Vor ihr stand wahrhaftig Motoki, der Junge aus der Spielhalle, in den sie so verknallt war und der sie in diesem Augenblick sanft anlächelte.

„Ach, schau mal an.“, sagte der Idiot verwundert. „Seit ich es hergebracht habe, hat es sich unter dem Bett versteckt und ist nicht rausgekommen.“

„Das darfst du einer Katze nicht übelnehmen.“, lachte Motoki. „Katzen sind scheue Tiere.“

Bunny ging das Herz auf. Endlich kam ihre Rettung. Unverhofft stand jemand da, dem sie vertraute. Sie kroch langsam unter dem Bett hervor.

‚Nimm mich bitte mit Motoki! Ich kann hier nicht bleiben!‘, jammerte Bunny, aber schon wieder kam nur ein Maunzen aus ihrem Schnäuzchen.

Motoki sah, wie ihn das Kätzchen anhimmelte und hob es einfach hoch. „Sie mal Mamoru, so scheu ist es ja gar nicht.“ Motoki schaute es sich genauer an. „Und es ist eine Sie. Das ist wohl auch der Grund, warum sie sich vor dir versteckt.“ Er lachte.

„Das ist nicht witzig.“, reagierte Mamoru mürrisch.

Bunny versuchte es erneut. ‚Motoki, verstehst du mich denn nicht? Nimm mich bitte mit!‘

„Und sie ist ziemlich gesprächig.“, merkte Motoki fröhlich an. „Leider können wir dich nicht verstehen, kleines Kätzchen.“

Als Bunny diese Worte hörte, wurde ihr ganz flau. Sie war nun vollkommen eine Katze. Nur ihre Gedanken waren menschlich, doch nach außen hin war sie ganz eindeutig ein Tier. Sie bekam tierische Angst. Sie wollte so nicht bleiben und sie wollte nicht bei diesem Idioten bleiben. Auch, wenn sie Motoki nicht verstand, konnte sie ihm auf andere Weise zeigen, dass sie ihn lieber mochte. Sie lag in seinem Arm und versuchte sich regelrecht in ihn reinzukuscheln, zwischendurch rief sie immer wieder ihren Kopf an seinem Gesicht.

„Die scheint dich ja gern zu haben.“, seufzte Mamoru.

„Wenn ich könnte, würde ich sie sofort mitnehmen, aber das geht leider nicht.“, sagte Motoki.

Und schon wieder brach Bunny kleines Katzenherz in tausend Teile. Die Rettung war so nahe und jetzt konnte er sie nicht mitnehmen? Während Mamoru Motoki seine Lage erklärte, gab sie nicht auf und klammerte sich regelrecht an ihn. Jeder Versuch sie abzusetzen oder wegzudrücken war unmöglich, sie klebte an ihm, wie Metall an einem Magneten.

„So ist die Lage also.“, sagte Motoki verständnisvoll. „Mach doch schon mal ein Foto, damit wir bald die Flugblätter machen können.“

Mamoru nutzte die Gunst der Stunde und holte die Kamera.

Als Motoki die Katze schweren Herzens abgeschüttelt hatte und wieder gegangen war, verkroch diese sich wieder demoralisiert unter dem Bett. Nun war es amtlich, sie war in der Wohnung ihres Erzfeindes gefangen. Dass sie nun seinen Namen wusste, brachte nicht viel. Zum einen konnte er sie sowieso nicht verstehen, zum anderen nannte sie ihn viel lieber Idiot.

Er ließ ihr ihren Freiraum. Er war nicht scharf darauf, dass sie wie eine Klette an ihm hing, doch es kränkte ihn schon ein wenig, dass sie bei einem fremden so einen Aufriss machte und ihn, ihren Retter so missachtete.

Es vergingen drei Tage, an denen er sie kaum zu Gesicht bekam. Er stellte ihr regelmäßig etwas zu Essen hin, reinigte das Katzenklo und las in jeder freien Minute Bücher über die korrekte Haltung von Katzen. Zumindest freute er sich, dass sie die Futtersorte so gut annahm, denn seinen Büchern zufolge, konnten Katzen sehr wählerisch sein. Auch, dass sie ihre Tage nun in dem Katzenbett verbrachte, freute ihn. Einzig die Wunde hätte er sich gerne angesehen.

Als Mamoru am vierten Tag von der Uni direkt nach Hause kam, saß die Katze vor dem Bett auf dem Boden und versuchte vergeblich ihren Verband abzunehmen. Er konnte sich das nicht mitansehen, doch er traute sich kaum auf sie zuzugehen, in der Befürchtung, sie würde wieder unter dem Bett verschwinden. Aber der Verband musste ab, also hockte er sich vorsichtig hin und streckte ihr die Hand entgegen.

„Komm her, kleines Kätzchen. Ich mache dir den Verband ab.“

Bunny schaute ihn an. Ihr war beinahe nicht aufgefallen, dass er das war, so emsig war sie mit diesem Stück Mull um ihre Pfote beschäftigt. Mittlerweile war ihr klar, dass er sie nicht quälen wollte, doch sie wollte auch nicht seine Freundin werden. Aber es half nichts, sie war nun mal dort gefangen und der Verband musste ab. Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu und setzte sich hin.

Seine Bewegungen waren überaus langsam und vorsichtig. Ihm war klar, dass jede falsche Bewegung sie verschrecken konnte. Er wusste ja nicht, dass in ihr eine menschliche Seele steckte, die nicht ganz so instinktiv handelte, wie die einer Katze. Er rollte den Verband ab, und als er fertig war, verkroch sie sich wieder unter sein Bett und legte sich auf ihr flauschiges Katzenbett.

Es beruhigte ihn ungemein, dass sie sich relativ entspannt verhielt und nicht mehr in die aller letzte, versteckte Ecke seiner Wohnung kroch. Was hatte er ihr nur getan, dass sie so eine Angst vor ihm hatte? Dachte sie etwa, er hätte ihr die Verletzung zugefügt? Womöglich sogar mit Absicht? Bei Motoki verhielt sie sich vollkommen anders. Lag es vielleicht an seiner positiven und beruhigenden Ausstrahlung oder war es Mamorus gelegentlich aufbrausende Art? Es hatte keinen Sinn sich darüber den Kopf zu zerbrechen, schließlich würde sich der Besitzer einer so schönen Katze sicher bei ihm melden. Er setzte sich auf die Couch und las noch ein paar Kapitel aus dem, seiner Meinung nach, besten Buch über Katzen und wollte früh ins Bett, um am nächsten Tag vor der Uni noch ein paar Flugblätter aufzuhängen.

Bunny lag unter dem Bett. Sie war ziemlich beeindruckt, dass dieser Idiot es geschafft hatte ihr den Verband so sanft und vorsichtig abzunehmen. Überhaupt hatte er sich bisher sehr gut um die gekümmert. Doch es war immer noch der Idiot, der zwar nett zu Tieren war, aber nicht zu Bunny Tsukino in ihrer wahrhaftigen menschlichen Form.

Aber nun, da der Verband nicht mehr da war, hatte sie das dringende Bedürfnis sich das Fell zu lecken. Sie konnte es kaum verstehen, aber dieser Drang sich sauber zu machen war einfach da, ohne, dass sie es kontrollieren konnte. Es war ein gutes Gefühl besonders das verklebte Fell von der Wunde ausgiebig zu reinigen.

Es war schon merkwürdig. Jetzt, wo sie eine Katze war, hatte sie plötzlich ganz andere Prioritäten. Lernen konnte sie in diesem Zustand nicht, und ihre Freunde konnte sie auch nicht treffen, doch die Fellpflege und das Kratzen an diesem kleinen Kratzbaum waren zu einem wichtigen Teil ihres bisher kurzen Katzenlebens geworden. Das Einzige, was ihr noch fehlte, war das Spielen. Sie wollte so gerne spielen, doch bisher hatte sie Schmerzen in der Pfote. Sie beobachtete Mamorus Beine und nahm sich ganz fest vor mit der frischverheilten Pfote die Wohnung zu erkunden und nach einem geeigneten Spielzeug zu suchen. Aber natürlich erst, wenn der Blödmann am nächsten Tag wieder weg sein würde.

Donnerwetter

Als Bunny nach ihrem nächtlichen Schläfchen wieder einmal die Tür ins Schloss fallen hörte, machte sie sich auf die Suche. Sie verputzte die Dose Katzenfutter, die er ihr vor dem Gehen geöffnet hatte, streifte die gesamte Wohnung ab und sprang auf jede erhöhte Fläche, die sie erreichen konnte. Auch bei genauerer Begutachtung war die Wohnung nicht nur aufgeräumt, sondern auch sauber. Es lag nirgends Staub und es gab keine Kaffeeränder auf dem Tisch. Auch in der Spüle stand nichts. Er war einfach ein reinlicher Mensch. Einzig der Tisch an der Couch lag voll mit Büchern, aber anders als Bunny erwartete, waren es keine Studienbücher, sondern Katzenratgeber. Das rührte sie. Wenn sie darüber nachdachte, realisierte sie, dass er alles besorgt hatte, was sie nicht gedacht hatte es zu brauchen, ohne das sie aber nicht leben konnte. Es lag ihm scheinbar viel daran ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, und dass, obwohl er Flugblätter fertig gemacht hatte, die sie neben den Büchern liegen sah. Vielleicht tat sie ihm ja Unrecht, aber wie würde er reagieren, wenn er wüsste, wer sie wirklich war?

Diesen Gedanken konnte sie sich aber nicht lange hingeben, denn aus dem Augenwinkel entdeckte sie einen Radiergummi, dem Mamoru liegen gelassen hatte. Sie ging dahin, setzte sich davor und fixierte es. Im nächsten Augenblick begann sie das Teil vorsichtig zu berühren und zu schieben, bis es von der Tischkante fiel. Sie setzte sich an den Tischrand und schaute auf den Radiergummi runter, der nun auf dem Boden lag. Es war klein, hatte Grip und war in Bunnys Katzenaugen das perfekte Spielzeug. Sie sprang vom Tisch und begann das Teil zu belauern, in einem Mordszahn durch die Wohnung zu flitzen und den Radiergummi anzugreifen.

Dreißig Minuten lang tobte sie sich aus und holte alles auf, was sie in den vergangenen vier Tagen verpasst hatte, bis sie schließlich ziemlich erschöpft war. Sie war zwar als Mensch immer recht schnell müde, aber sie merkte, dass das Beanspruchen ihrer Sinne als Katze sie auf eine andere Art verausgabten. Sie ließ den Radiergummi vor dem Bett liegen und legte sich wieder unter das Bett.

Mamoru war überrascht, als er nach Hause kam. Er zog die Schuhe aus, öffnete eine Dose Katzenfutter, machte sich einen Kaffee und setzte sich mit ein paar Anatomie Büchern an den Tisch. Es dauerte 30 Minuten, bis er bei seinen Notizen einen Fehler entdeckte und zum Radiergummi greifen wollte, welchen er gestern auf dem Tisch hatte liegen lassen. Er war sich zu 100% sicher, dass er ihn dahin gelegt hatte, aber er war weg. Er schaute zwischen den Büchern auf dem Tisch und unter dem Tisch. Es kamen Zweifel auf, ob er sich nicht täuschte, bis er das Ding auf dem Boden in der Nähe seines Bettes sah. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Er war nicht allein. Wahrscheinlich hatte die Katze es als Spielzeug benutzt.

Zwar kroch sie nur unter dem Bett hervor, wenn sie was zu fressen oder auf die Toilette wollte, doch sie vermied es, es in seiner Anwesenheit zu tun. Dennoch wollte Mamoru sein Glück versuchen und legte ihr einige Spielzeuge neben das Bett und beobachtete das Szenario. Da sich nichts tat, gab er es auf, widmete sich seinen Studien und legte sich wieder ins Bett.

Da Bunny ihn nicht wecken und dadurch seine Aufmerksamkeit erregen wollte, ließ sie das Spielzeug die ganze Nacht unberührt, auch, wenn sie riesige Lust hatte die Sachen durch die Bude zu schleudern.

Als Mamoru einen Tag später nach Hause kam, lag das Spielzeug in der gesamten Wohnung verteilt. Das zauberte ihm ein Lächeln auf das Gesicht. Auch Bunny war zufrieden. Er hatte ihr tatsächlich so viele tolle Sachen dahingelegt, mit denen sie ihren Tag vertreiben konnte. Aber die Nähe zu einem anderen Lebewesen vermisste sie schon. Mit jemanden zu reden oder von ihrer Mama in den Arm genommen zu werden fehlte ihr. Doch darauf musste sie nun verzichten. Der Blödmann durfte sie auf keinen Fall anfassen und ihr Maunzen verstand er ja ohnehin nicht.

Es gingen wieder zwei Tage ins Land, an denen Bunny in Mamorus Abwesenheit das Spielzeug malträtierte. Auf die Flugblätter reagierte niemand. Niemand schien diese wunderschöne kleine gepflegte Katze zu vermissen. Auch, wenn sie nicht mit ihm interagierte, gewöhnte er sich an ihre Anwesenheit. Aus unerfindlichen Gründen freute er sich über jede positive Veränderung, auch, wenn sie noch so klein war.

Seit nun schon sieben Tagen hatte Mamoru diese kleine Mitbewohnerin, die er nur in ganz besonderen Ausnahmen zu Gesicht bekam. Doch an diesem Sonntag war es anders. Bunny bemerkte, wie er morgens das Futter hinstellte. Er platzierte es schon lange nicht mehr unter dem Bett, denn sie fraß ohnehin erst, wenn er weg war. Auch dieses Mal tat er es nicht, doch er ging nicht weg. Bunny hatte mit dem veränderten Schlafrhythmus das Gefühl für Zeit verloren und wartete nun, bis er gehen würde, aber er blieb da, denn es war ja Samstag. Sie wartete geduldig, doch es tat sich nichts. Als der Hunger so groß war, dass sie es nicht mehr aushielt, schlich sie unter dem Bett hervor und aß genüsslich ihre Portion auf. Sie ließ sich Zeit, denn sie wusste mittlerweile, dass er sie in Ruhe lassen würde.

Mamoru bemerkte sie. Genau, wie sie vermutete, benahm er sich sehr vorsichtig und vermied alles, was sie erschrecken oder verschrecken könnte. Mit einem Blick über die Schulter schaute er ihr beim Essen zu und war wieder ein bisschen zufriedener. Er erwartete, dass sie sich danach wieder unter das Bett verkriechen würde, doch das tat sie nicht. Sie setzte sich auf einen Fleck in eine ruhige Ecke neben dem großen Fenster. Dieser Fleck war vom Sonnenlicht beleuchtet und schön warm. Dort saß sie zusammengemuckelt da und schien Sonne zu tanken. Nach einigen Minuten begann sie sich zu lecken. Ganz gemächlich und ohne Angst putzte sie sich ihr gesamtes Fell. Mamoru schaute nur staunend zu. Es wunderte ihn, dass die anfängliche Scheu so schnell bröckelte, denn laut seinen Büchern konnten solche Prozesse Monate dauern. Er verspürte die Gewissheit etwas richtig gemacht zu haben.

Zwar verschwand sie nach der Fellpflege wieder unter dem Bett und weckte bei ihm Erwartungen, dass er sie den Rest des Tages nicht mehr zu Gesicht bekommen würde, doch erneut täuschte er sich. Ihr Drang zu spielen war so groß, dass Bunny sich ein Herz fasste, unter dem Bett hervorkroch und anfing einen Plüschball durch die Gegend zu jagen. Eigentlich wollte Mamoru sich nicht aufdrängen, doch er hatte sich hinreißen lassen eine kleine Stoffmaus zu nehmen und sie durch den Raum in den Flur zu schleudern. Es war nur ein Versuch mit dem Kätzchen zu interagieren, und sie sprang darauf an und rannte verspielt und aufgeregt hinterher. Die größte Überraschung erlebte er aber, als sie mit dieser Maus im Maul zu ihm kam, sie ihm vor die Füße warf und ihn erwartungsvoll anstarrte. Die Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben und sein Herz ging auf. Er schnappte sich die Maus und schleuderte sie in verschiedene Richtungen durch die Wohnung, um darauf zu warten, dass das Kätzchen es ihm wiederbrachte. Es machte sich eine Zufriedenheit breit, die er schon lange nicht mehr gefühlte hatte, als hätte er etwas unmögliches und doch unendlich Wichtiges geschafft. Als die Katze ausgepowert war, kroch sie wieder unter das Bett, um sich auszuruhen. In ihrem kleinen Köpfchen war es ein aufregendes und lustiges Spiel gewesen. Es hat so gut getan diesem Stoffmäuschen hinterherzurennen, dass sie den Groll auf den Idioten fast vergessen hatte. Sie hatte nicht erwartet, dass er sich ihr und ihrer Spiellust so lange widmen würde, wie sie es wollte. Das hob sein Ansehen in ihren Augen.

In der folgenden Woche verkroch sie sich nur noch zum Schlafen. Sie kam auch raus, wenn er da war und scheute sich nicht mehr davor vor seinen Augen zu essen, zu spielen oder sonstigen natürlichen Katzenaktivitäten nachzugehen. Sie hatte es weiterhin vermieden sich von ihm streicheln zu lassen und wich ihm aus, wenn er es doch versuchte, aber sie versteckte sich nicht mehr panisch unter dem Bett.

Mamoru gewann die Katze indes so lieb, dass er sich wünschte, dass sich niemand melden würde. Er würde sich sicher schon bald so gut mit ihr anfreunden, dass sie noch zutraulicher werden würde. Ein Gedanke ließ ihn aber nicht los. Sie gehörte ihm nicht, dennoch wollte er ihr einen Namen geben. Ein kleines Geschöpf, welches auf seine Hilfe angewiesen war, wollte er nicht wie einen Gegenstand behandeln und so grübelte er bis mitten in die Nacht nach einem geeigneten Namen für eine rosa Katzendame.

Er hatte sich so in diesen Gedanken hineingesteigert, dass er zu wenig geschlafen hatte und am nächsten Morgen den Wecker überhörte. Ein Blick auf die Uhr versetzte ihn in Panik. Er war noch nie zu spät gekommen. Nun musste es schnell gehen. Auf den morgendlichen Kaffee musste er verzichten. Er zog sich rasch an, machte sich fertig und rannte aus der Tür. Dieses Mal fiel diese aber nicht ins Schloss, denn durch seine Kopflosigkeit hatte Mamoru etwas getan, was ihm zuvor noch nie passiert war, er vergaß die Tür hinter sich zu schließen.

Bunny bemerkte das Tohuwabohu, welches er veranstaltete. Sie sah seinem hastigen Verhalten gespannt zu. Sie verspürte nur innere Ruhe, denn sie musste nun seit zwei guten Wochen nirgendwohin eilen und konnte ein ziemlich entspanntes Leben genießen. Etwas Sorgen machte sie sich aber, als er, ohne die Tür hinter sich zu schließen, einfach davongerannt war. Das war natürlich die beste Gelegenheit aus diesem Gefängnis zu entkommen, aber so schlimm war es nicht. Es war eher wie ein Kurort ohne Ausgang. Sie konnte das leckerste Essen genießen, es wurde immer mit ihr gespielt oder zumindest Spielzeug dagelassen, dass sie sich selbst vergnügen konnte und sie hatte ein eigenes super flauschiges Katzenbett. Neuerdings hatte er auch Leckerbissen mitgebracht, die für sie den Stellenwert ihrer Lieblingssnacks eingenommen hatten. Das Einzige, was fehlte, war die Kommunikation zu anderen Menschen. Aber wenn sie die Wohnung durch die offene Tür verließe, wüsste sie nicht wohin. Zu wem sollte sie gehen? Motoki wollte sie nicht haben, Shingo hatte Angst vor Katzen und in einem Pappkarton an der Straßenecke, auf der ständigen Jagd nach Mäusen konnte sie sich ihr Leben nicht vorstellen. Es war schon in Ordnung. Es würde ja eh keiner kommen, um sie zu holen, denn vor zwei Wochen gab es sie noch gar nicht.

Sie saß da und starrte die offene Tür an. Auch, wenn sie nichts dran ändern konnte, da sie die Tür nicht zuziehen konnte, wollte sie wenigstens Wache halten, dass niemand reinkam. Dass sie in diesem Fall nichts ausrichten konnte, blendete sie einfach aus.

Sie bekam einen regelrechten Schrecken und plusterte sich auf, als plötzlich jemand vor der Tür erschien. Da es Mamoru war, der seinen Fauxpas rechtzeitig bemerkt hatte, beruhigte sie sich schnell wieder und setzte sich wieder entspannt hin. Das wiederum überraschte Mamoru. Er blieb in der Tür stehen und wunderte sich. Die Katze war immer noch da.

„Ich hatte gedacht, du wärst mir schon weggelaufen.“, sagte er, als er ein paar Schritte auf die Katze zugegangen war und sich in die Hocke setzte.

Bunny schaute ihn einfach an und antwortete nicht. Aber die Erleichterung in seinen Augen war deutlich. Sie realisierte, dass er wegen ihr und nicht wegen seiner Besitztümer so besorgt war. Dieser Mamoru war vielleicht doch kein so schlechter Mensch, dachte sie sich. Doch, als Mamoru versuchte sie zu streicheln, war der Spaß vorbei. Sie wich aus und kroch unter das Bett. Mamoru seufzte und schüttelte den Kopf, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen.

„Auf wiedersehen!“, rief er der Katze zu und verließ erneut die Wohnung.

Bunny registrierte, dass er nicht wortlos gegangen war, dennoch versprach sie sich, nicht weiter auf seine Annäherungsversuche einzugehen. Es würde sicher auch so gehen.

Gegen Mittag wollte sie unbedingt wieder ein Sonnenbad am Panoramafenster nehmen, was zu einem täglichen Ritual geworden war, doch die Wolken verdeckten die Sonne und ließen die Wohnung regelrecht erkalten. Nachdem sie sich trotzdem überwunden hatte eine Spieleinheit einzulegen, legte sie sich, bis Mamoru kam unter das Bett und döste. Sie wachte erst wieder auf, als sie das gewohnte Geräusch des Schlüssels hörte und daraufhin aufstand. Mamoru betrat die Wohnung und sah die Katze erwartungsvoll vor sich sitzen. Es war wieder ein neuer Schritt in ihrer Beziehung, der ihm Freude bereitete, die er allgemein ungern zeigte.

„Willst du was zu fressen?“, sprach er sie mit einem Lächeln an. „Ich habe eine neue Sorte mitgebracht. Die hat besonders viel Sauce, das magst du doch.“

Er öffnete die Dose und Bunny ging rüber und begann zu fressen. Es war tatsächlich so lecker, dass sie unbemerkt begann beim fressen zu schnurren, was so witzige Geräusche machte, dass Mamoru breit grinsen musste.

Als die ersten Tropfen an die Scheibe klopften, drehte sich Bunny erschrocken um.

„Mach dir keine Sorgen, es ist nur Regen.“, sagte Mamoru beruhigend. „Es war schon den ganzen Tag so trüb.“

Bunny schaute ihn kurz an und fraß weiter.

Der Abend verlief beinahe wie gewohnt. Sie begann mit der Fellpflege und Mamoru ging ins Bad. Er kam in seinen Schlafsachen raus und spielte noch ein wenig mit ihr, bis er sich erschöpft aufs Bett setzte. „Sei mir nicht böse, kleines Kätzchen, aber ich bin sehr müde. Lass uns morgen spielen.“

Bunny schaute ihn an, verstand es aber. Er war so durch den Wind, als er morgens die Wohnung verlassen hatte, dass er sicher total übermüdet den Tag überstehen musste. Sie ließ sich zu einem leisen wohlwollenden Praunzen herab und kroch unter das Bett. Es war schon komisch, aber er hatte das Gefühl, dass sie ihn verstanden hatte und ihm entgegenkam. Was hatte er sich da nur für ein Tierchen angelacht?

Mittlerweile war es sehr dunkel und der Regen hämmerte regelrecht gegen die großen Fenster. Mamoru schlief tief und fest, ihn schien dieser Umstand weder zu beunruhigen, noch zu beeindrucken. Bunny dagegen war es etwas unbehaglich. Nicht, dass sie ein Problem mit Regen hatte, aber bei einem so stürmischen Regen waren Donner und Blitz meist nicht weit. Sie war schon alleine unter dem Bett, aber sich in die hinterste Ecke zu verkriechen, würde keinen Unterschied zu ihrem Katzenbett machen. Sie brauchte menschliche Nähe und das Gefühl in Sicherheit zu sein, also sprang sie vorsichtig auf das Bett, in dem Mamoru schlief und setzte sich ans Fußende. Sie war sich sicher, er würde es nicht merken, und am nächsten Tag würde sie wieder, wie gewohnt in ihrem Bett schlafen.

Bunny saß angespannt da. Die menschliche Nähe war zwar beruhigend, dennoch konnte sie sich nicht ausruhen.

Langsam aber sicher gewöhnte sie sich an das Geräusch des Regens und ihr Kopf sank langsam nach unten in den Schlummer. Noch bevor der Kopf auf Mamorus Decke fiel, erleuchtete ein Blitz die Wohnung. Ihn schien es nicht zu wecken, so erschöpft wie er war, doch Bunny bekam einen Schrecken. Als dann kurz darauf ein lauer Knall folgte, schrie sie laut auf.

Mamoru schreckte auf. Es war nicht der Donner, der ihn aus seinem Schlaf gerissen hatte, sondern das laute kehlige Maunzen seiner rosafarbenen Mitbewohnerin. Er blickte überrascht an das Ende seines Bettes und bemerkte das ängstliche Tier. Die Verwunderung darüber, dass sie sich nicht unter dem Bett befand, sondern direkt bei ihm auf dem Bett saß, wich seinem Beschützerinstinkt.

"Willst du unter meine Decke?", fragte er sanft.

Bunny ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie kroch verschreckt und langsam unter seine Decke und setzte sich eng an ihn gepresst an seine Seite.

"Du hast Angst vor Gewittern, nicht wahr?", sagte er mit einem Blick unter seine Decke.

Zwei riesengroße Augen starrten ihm ängstlich entgegen. Er konnte es kaum fassen, dass dieses widerspenstige Tier ihm plötzlich so nah kam, und er hatte das untrügliche Gefühl, sie würde wirklich verstehen, was er sagte.

"Ich weiß, wir werden nicht mehr viel Zeit miteinander verbringen, bis dein Besitzer sich endlich meldet, aber ich würde dir trotzdem gerne einen Namen geben.", sagte er wohlwollend. "Wie wäre es mit Sakura?!"

Bunny reagierte nicht. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt nicht vor Angst zu sterben. Sie zitterte so stark, dass sogar Mamoru es spüren konnte.

Es dauerte lange, bis sie vor Erschöpfung eingeschlafen war. Mamoru blieb solange neben ihr wach, bis er gemerkt hatte, dass sie schlief, erst dann hatte er kein schlechtes Gewissen mehr selbst die Augen zu schließen.

Sakura

Als Bunny am nächsten Morgen die Augen öffnete, bemerkte sie, dass sie sich unter einer Decke befand. Alles schien ruhig und es war wieder hell. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sie realisiert hatte, was gestern Nacht geschehen war. Sie hatte zusammen mit einem Jungen unter einer Decke die Nacht verbracht. Ihr rosa Gesicht wurde knallrot. Ihre Angst vor Gewittern war schon in ihrer menschlichen Gestalt eine Sache für sich, aber in Katzenform war sie regelrecht weggetreten vor Panik. Ihr war zwar wohl bewusst, was sie tat, dennoch hatte sie so einen Wunsch nach Sicherheit gehabt, dass sie außer Acht gelassen hatte, dass es ein Mann war, unter dessen Decke sie sich versteckte. Dabei war es egal, wie doof sie ihn fand, er konnte sie in diesem Augenblick einfach beschützen. Es war nur ein geringer Trost, dass er nicht wusste, wer oder was sie wirklich war. Ihr reichte es, dass SIE es wusste. Sie kroch vorsichtig und leise unter der Decke hervor und verzog sich unauffällig unter dem Bett.

Mamoru war zu diesem Zeitpunkt längst aufgestanden. Er war so behutsam, dass sie es nicht einmal bemerkt hatte. Er konnte es nicht über das Herz bringen sie zu wecken, schließlich hatte sie genug Stress mit dem Gewitter gehabt. Doch, als er wieder zum Bett ging, um nach der katzengroßen Beule in der Decke zu schauen, war das Kätzchen wieder verschwunden. Er beugte sich runter und schaute in das Katzenbett, wo sie friedlich zu schlafen schien.

„Du hast mich ja nur benutzt.“, sagte er mit einem Lächeln und ging dann weiter seinem Morgenritualen nach, bis er schließlich die Wohnung verließ.

Bunny kroch bei dem Geräusch der Tür wieder unter dem Bett hervor. Auch, wenn sie so getan hatte, schlafen konnte sie nicht. Dazu war ihr einfach zu peinlich die Nacht auf diese Weise mit einem Jungen verbracht zu haben. Sie fühlte sich, als würde sie ihren Schwarm Motoki hintergehen und schämte sich immer noch, sich so an Mamoru angelehnt zu haben. Diese Gedankenschleife verfolgte sie den gesamten Vormittag bei allen Aktivitäten, denen sie nachgehen musste und schließlich wurde ihr eines klar. Sie war kein Mensch mehr und wusste auch nicht, wie lange sie eine Katze bleiben würde. Für ihn war sie eine Katze und er nahm sie in keinem Moment als Mädchen wahr. Egal, wie sehr sie sich schämte, für ihn gab es keinen Grund dazu. Also war es eigentlich egal.

Ganz abgesehen davon war sie bei ihm tatsächlich rundum sicher. Er hätte sie genauso in ein Tierheim bringen können, wo sie in einem kleinen Käfig versauert wäre, weil sie niemandem gehörte. Stattdessen hatte er alles besorgt, was eine Katze benötigte, las unentwegt Ratgeber und schenkte ihr Aufmerksamkeit. Wenn sie sich verkroch, ließ er sie in Ruhe, und als sie spielen wollte, hatte er einfach mitgemacht. Ihr wurde schlagartig bewusst, das Mamoru einfach kein schlechter Mensch war. Sie verstand zwar immer noch nicht, was er gegen Bunny Tsukino hatte, aber sie wusste, dass SIE nichts mehr gegen ihn hatte.

Als Mamoru nach Hause kam, saß Bunny schon unweit von der Tür und wartete. Er war sich sicher gewesen, dass sie sich verstecken würde, doch er hatte sich erneut geirrt.

"Hallo Sakura! Hast du auf mich gewartet?", fragte er verwundert.

Bunny erinnerte sich wieder, dass er ihr diesen Namen gegeben hatte. Es war natürlich nicht ihr richtiger Name, doch sie mochte ihn.

Sie stand lautlos auf, ging rüber zu ihrem Fressnapf und schaute Mamoru an. Es war ein unmissverständliches Signal, dem er mit einem Lächeln augenblicklich folgte. Diese kleine Katze überraschte ihn jeden Tag auf neue und mit jedem Tag näherten sie sich einander schrittweise an.

Nachdem Bunny und Mamoru einen, für diese Umstände, üblichen Nachmittag verbrachten, der Fressen, Saubermachen und Spielen beinhaltete, wurde es langsam Abend. Als Mamoru in seinen Schlafsachen aus dem Bad kam und sich hinlegte, bemerkte er, dass seine kleine Sakura zu ihm aufs Bett gesprungen war. Der Himmel war klar, also konnte es nicht die Angst vor einem Gewitter sein. Sollte sie tatsächlich freiwillig zu ihm gekommen sein, dachte er sich.

Bunny schaute ihn gar nicht an. Sie rollte sich in der Nähe seiner Füße zu einem Kringel und schlief einfach ein. Sie war nun mal eine Katze und musste sich keine Sorgen um schweinische Gedanken eines Mannes in der Blüte seines Lebens machen. Zudem hatte sie durch ihre Verwandlung schon sehr lange auf körperliche Nähe verzichten müssen, sei es das Umarmen ihrer Mutter oder ihrer besten Freundin. Das alles war hart. Aber die Wärme, die Mamorus Körper ausstrahlte, war so angenehm, dass sie es unbedingt ausnutzen wollte, zumindest ein wenig menschliche Nähe zu spüren.

Mamoru konnte nur lächeln, als er das Kätzchen eingerollt zu seinen Füßen liegen sah. Wann war es passiert, dass sie keine Angst und Abscheu mehr vor ihm hatte? Als er ihr den Verband abgenommen hatte oder, als er sie letzte Nacht vor dem Gewitter beschützte?

Mit einem Gefühl der Zufriedenheit schlief er schließlich ein.

Seit Bunnys Einzug war nun so viel Zeit vergangen, dass man ihren Aufenthalt nicht mehr als temporär bezeichnen konnte, es fühlte sich nach etwas Dauerhaftem an. Sie wünschte sich nach wie vor wieder ein Mensch zu sein, auch, wenn es das leidige Lernen und gelegentliche Streitereien mit ihrer Mutter mit sich brachte, dennoch wusste sie nicht, wann und ob es soweit sein würde, und so lange wollte sie bei ihrem neuen Beschützer bleiben.

Mamoru wusste nichts von diesen verqueren Umständen und sah in Bunny nur das beliebteste Haustier der Welt. Doch, obwohl er sie nur aufgenommen hatte, weil sie ihm leidtat, und obwohl sie so widerspenstig war, war sie ihm ans Herz gewachsen und er wollte sie am liebsten nie wieder hergeben. Er hatte so lange alleine gelebt, dass es eine Wohltat war zu wissen, dass jemand zuhause auf ihn wartete und er seine Abende nicht alleine verbringen musste. Er hatte zwar immer viel zu tun, aber dieses kleine rosa Geschöpf schien sein Leben zu entschleunigen und ihm eine innere Ruhe zu verleihen, die er zuvor nicht gekannt hatte.

Es bürgerte sich ein, dass sie jeden Abend zu ihm ins Bett stieg und am Fußende ihre nächtliche Ruhe fand. Das Katzenbett, was er an eine sonnige Stelle in seine Wohnung gestellt hatte, nutzte sie nur noch, wenn er nicht da war. Auch begann sie mit ihm zu reden. Natürlich war es nur in ihren Augen so, denn er vernahm nur Miauen und Praunzen. Mamoru hatte das Gefühl, dass sie mit jedem Abend zutraulicher wurde und ihren nächtlichen Schlafplatz Tag für Tag auf eine höhere Ebene verlagerte, bis sie schließlich auf Höhe seiner Hüfte schlief.

Bunny schämte sich mittlerweile gar nicht in Mamorus Nähe zu sein. Er war ihr ein treuer Gefährte geworden, der sie immer im Auge hatte. Sie wollte so gerne mit ihm reden, ihn fragen, wie sein Tag war und, wie es ihrem Motoki ging, doch er verstand sie einfach nicht. Auch, wenn das frustrierend war, hatte sie so viel Nähe und Geborgenheit, wie nie zuvor in ihrem Leben.

Dass sie gelegentlich geschnurrt hatte, war nichts Neues, doch dieses Mal, wo sie so nahe an Mamorus Hand lag, wollte er es wagen und versuchen sie zu streicheln. Langsam senkte er seine Hand auf ihren Kopf und begann erst vorsichtig die Finger über ihr kleines Köpfchen gleiten zu lassen und dann sanft ihr Fell zu kraulen. Es gefiel ihr. Nicht nur, dass sie nicht weg ging, sie drückte ihren Kopf regelrecht in seine Hand, sodass er bloß nicht aufhörte.

„Was soll ich nur tun, wenn sich doch jemand meldet, der dich sucht?“, fragte Mamoru etwas traurig.

‚Mach dir keine Sorgen, ich bleibe hier, bei dir.‘, antwortete Bunny zufrieden.

Er vernahm das süßeste Maunzen, dass sie ihm je geschenkt hatte.

Schon einen weiteren Abend später wurde Bunny noch frecher. Mamoru war zwar ein Mann, doch irgendwie konnte sie ihn nicht als solchen sehen. Er war zu ihrem Freund geworden, und als Katze begann sie sich einiges rauszunehmen. Sie hatte gar keine Berührungsängste mehr und setzte sich vor dem Schlafengehen auf seinen Brustkorb und starrte ihn an.

Sein Blick war überrascht. „Kann es sein, dass du mich langsam magst?“

„Miau!“, antwortete Bunny. Sie trat noch ein wenig näher an sein Gesicht und gab ihm ein Köpfchen.

Ihr seidiges Fell streifte seine Wange. Er hatte zu viele Ratgeber gelesen, um zu wissen, dass sie ihm gerade einen riesigen Vertrauensbeweis erbracht hatte.

„Du riechst so gut, meine kleine Sakura.“, sagte er sanft.

Bunny wurde ganz verlegen. Unerwartet begann ihr Herz zu klopfen. Ihr rosa Fell kaschierte ihr gerötetes Gesicht. Sie sah nur noch dieses sanfte Lächeln. Wäre sie immer noch ein Mädchen, würde sie sich wahrscheinlich nicht mehr rühren können, aber sie war nun mal eine Katze und musste sich nicht genieren, wenn sie die Nähe eines Menschen suchte. Sie nahm ihren Mut zusammen, beugte sich vor und gab ihm ein weiteres Köpfchen. Seine Nähe fühlte sich plötzlich ganz anders an. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen.

Ihre Katzeninstinkte überwogen und sie legte sich ganz lang und ausgestreckt auf seine Brust. Ihre Pfoten streckte sie in Richtung seines Gesichts und begann zu treteln. Das unüberhörbare Schnurren wurde so laut, dass Mamoru die Vibration spürte und begann sie an ihrem ganzen Körper durchzukraulen. Bunny ließ sich richtig gehen und rollte sich hin und her. Sie wollte gar nicht mehr von ihm runtergehen. Ihr war vollkommen bewusst, dass er gerade ihren ganzen Körper berührte, doch sie spürte nur warmherzige Liebe und Geborgenheit. Mamorus sanfter Blick, die zärtlichen Berührungen und die liebevolle Zusprache versetzten sie in den siebten Himmel.

Sie sah ihn von einem Augenblick auf den Anderen in einem anderen Licht. Sie hatte sich tatsächlich und wahrhaftig in den Idioten verliebt, der sie jeden Tag zur Weißglut trieb. Ihr kleines Katzenherz klopfte wie wild. Sie war so glücklich, dass sie eine Katze war, die ohne sich zu Schämen an einen Jungen ranschmeißen konnte, in den sie sich verliebt hatte. Für Motoki hatte sie nie so empfunden.

Mamoru fuhr durch das flauschige rosa Fell. Diese Katze überraschte ihn in beinahe jedem Augenblick, den er mit ihr verbrachte. Die Zuneigung zu ihr wurde immer stärker und auch ihre Zuneigung war deutlich gestiegen. Sie war seine Familie geworden.

„Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt, kleine Sakura.“, sagte er mit einem liebevollen Lächeln.

Bunnys Herz pochte. Hatte er ihr gerade seine Liebe gestanden? Doch es war Sakura, die er liebte, nicht Bunny. Nichtsdestotrotz war sie glücklich über diese Worte.

Sie stand auf und kroch unter seine Decke, wo sie sich neben ihm einrollte. Alles fühlte sich einfach so perfekt an.

Am darauffolgenden Sonntag verbrachte Mamoru den Vormittag mit einer Lerngruppe für ein Studienprojekt. Er war nicht froh Sakura schon wieder alleine zu lassen, doch es ließ sich nicht vermeiden. Bunny wusste unterdessen, dass der Vormittag komplett ihr gehörte, denn anders, als ein Katzenbesitzer es erwarten würde, verstand sie alles, was Mamoru sagte. Nachdem sie ihr Frühstück genüsslich verputzt und einen keinen Stoffball durch die Wohnung gejagt hatte, wollte sie sich ausruhen und ein kleines Nickerchen halten. Leider wurde dieses Unterfangen gestört. Beinahe pünktlich zu jeder Stunde klingelte das Telefon. Das wäre alles nicht so tragisch, wenn Mamoru nicht vergessen hätte den Anrufbeantworter anzumachen.

Als er um 15 Uhr die Tür zu seiner Wohnung öffnete, stand Bunny bereits vor ihm und Maunzte ihn voll. ‚Da hat ständig jemand für dich angerufen. Du hast den Anrufbeantworter vergessen.‘

Doch er interpretierte es als Aufforderung Essen zu servieren. Das lenkte Bunny wieder ab, denn Essen und Schlafen gingen bei ihr in jeder Gestalt über alles.

„Ich werde ein Bad nehmen und dann spielen wir was Schönes.“, kündigte Mamoru liebevoll an.

Kaum hatte er sich gewaschen und war in die Badewanne gestiegen, klingelte erneut das Telefon.

„Mist, ich habe heute Morgen den Anrufbeantworter gar nicht eingeschaltet.“, bemerkte er und sprang schnell aus der Wanne, um den Anruf noch zu erwischen.

Er band sich ein Badetuch um seine Hüften und ging zum Telefon. Bunny, an der er vorbeilief, fiel aus allen Wolken. Noch nie hatte sie einen Mann in so einer Aufmachung leibhaftig vor sich stehen gesehen. Sein Körper war so perfekt geformt, seine nasse Haut glänzte und sein feuchtes Haar hing ihm ins Gesicht. Bunny wusste nicht, ob sie verschämt wegschauen oder ihn anstarren sollte. Sie war einzig froh, dass er nicht ohne Handtuch rausgekommen war. Das wäre zu viel des Guten gewesen, dachte sie sich. Die Bewunderung für seinen schönen Körper verflog aber schnell, als sie sich mehr auf sein Gespräch konzentrierte.

„Chiba, hallo?“

„Hallo, Tachibana mein Name. Ich rufe wegen der Katze an.“

Mamoru wurde kreidebleich. „Sind sie die Besitzerin der Katze?“

„Ja, ich habe meine Konoko so vermisst.“, sagte die Stimme auf der anderen Seite erleichtert.

„Und sie sind sich auch ganz sicher, dass es ihre Katze ist?“ Mamoru konnte es einfach nicht glauben.

„Selbstverständlich! Oder haben sie viele Katzen mit dieser außergewöhnlichen Färbung gesehen?“, fragte Frau Tachibana mit einem natürlichen Selbstverständnis. „Ich habe viel Geld für diese Rassekatze bezahlt.“

Mamoru zögerte kurz. „Wann möchten sie sie abholen?“

„Am besten heute. Haben sie heute Zeit?“

Mamoru fühlte sich, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggerissen werden. Nach fast 4 Wochen meldete sich unverhofft jemand, der ihm seine kleine Sakura wegnehmen wollte und das so schnell, dass er kaum die Fassung behalten konnte.

„Dann schlage ich vor, wir treffen und im Crown Game Center um 18 Uhr.“, schlug Mamoru niedergeschlagen vor.

„Wenn sie meinen, dass es eine Spielhalle sein muss!“

Mamoru wählte diesen Ort bewusst. Er wusste, dass Motoki zu diesem Zeitpunkt arbeitete und wollte sich dieser Trennung nicht alleine stellen.

Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, hockte er sich zu Bunny runter. Sein Blick war traurig. Er hatte sie so liebgewonnen, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass sie in wenigen Stunden nicht mehr bei ihm sein würde. Es zerriss ihm das Herz, dass eine Frau sie wiederhaben wollte, der er hauptsächlich um den Preis ging, den sie für ein Lebewesen bezahlt hatte. Doch die Reaktion seiner kleinen Sakura überraschte ihn viel mehr. Statt ruhig da zu sitzen und sich ein letztes Mal streicheln zu lassen, miaute sie lautstark rum. Dieses kehlige tiefe und laute Maunzen war markerschütternd, als wäre sie auf einen Schlag unglücklich.

‚Diese Frau lügt, ich gehöre ihr nicht. Ich bin Bunny Tsukino! Du darfst mich nicht wegbringen!‘, versuchte sie ihm verzweifelt mitzuteilen.

Es war so frustrierend und beängstigend. Wieso konnte man sie nur nicht verstehen, sie war doch eigentlich ein Mensch und konnte wie ein Mensch denken, wieso konnte sie nicht wie ein Mensch sprechen, fragte sie sich. Was würde diese komische fremde Frau mit ihr machen, wenn sie sie erst mal hatte? Würde sie kastriert oder zum Züchten missbraucht werden? Bunny verfiel bei diesem Gedanken in pure Panik. Wieso verstand Mamoru sie nicht? Wieso konnte er ihr Maunzen nicht deuten, fragte sie sich.

Nach dem erfolglosen Versuch sich Mamoru mitzuteilen, entschloss sie sich erneut in Deckung zu gehen und sich so weit wie möglich zu verstecken. Sie kroch wieder in die hinterste Ecke unter dem Bett und hoffte, dass er sie dort nicht zu fassen kriegen würde.

Als sie nach ihrem Maunzkonzert unter dem Bett verschwand, war er sich sicher, dass sie die Lage verstand. Er wusste nicht, wie er das Problem lösen konnte. Es war nun mal nicht sein Tier und er hatte auch kein Recht es zu behalten. Er hatte stets gehofft, dass sich nach so langer Zeit niemand melden würde, doch er hatte sich schmerzlich geirrt.

Er ging zurück ins Bad, trocknete sich ab und zog sich an, anschließend setzte er sich auf sein Bett und dachte nach. Es tat so weh, dieses kleine Geschöpf, was für ihn zu einer Familie geworden war, wieder ziehen zu lassen. Nicht einmal die letzten Stunden konnte er mit ihr verbringen, da sie sich versteckte. Er war kein Mann, der zum Weinen neigte, doch dieses Mal musste er mit den Tränen ringen.

Freiheit

Mamoru hatte sich die gesamte Zeit nicht von der Stelle gerührt, bis es endlich so weit war. Er musste all seine Überredungskünste einsetzen und Bunny austricksen, um sie unter dem Bett hervorzulocken. Und selbst dann gab es viel Gegenwehr, als er sie in die Transporttasche stecken wollte. Sie krallte sich überall fest, nur um nicht mitgenommen zu werden. Endlich hatte er es geschafft die Transportbox zu schließen, schon begann sie wieder mit dem traurigsten und sehnsüchtigsten Maunzen, was er je gehört hatte. Es brach ihm das Herz.

Mamoru schaute traurig durch das Netz der Transportbox zu Bunny. „Es tut mir so furchtbar leid. Ich will dich nicht weggeben, aber ich habe keine Wahl.“ Er senkte den Kopf und musste wieder gegen das Gefühl ankämpfen, weinen zu wollen. Ihre großen Augen, die ihn flehend anstarrten, machten es so schwer die Wohnung zu verlassen.

Er schüttelte den Kopf, nahm die Tasche und ging aus der Tür. Der Weg zur Spielhalle dauerte mit dem Auto nur 10 Minuten, und in dieser kurzen Zeit hörte Bunny einfach nicht auf zu miauen und zu flehen. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er sie plötzlich verstehen würde. Er gab sich alle Mühe sie zu beruhigen und redete ihr gut zu, dass diese Frau bestimmt nur Gutes für sie wollte und alles gut gehen würde, doch er glaube seinen Worten selbst nicht.

Als Mamoru die Spielhalle betrat, stand Motoki hinter dem Tresen und sah ihn überrascht an. „Mamoru? Was machst du denn hier?“

„Ich habe hier gleich eine Verabredung!“, sagte er angeschlagen.

„Ich frage nur, weil du schon so lange nicht mehr hier warst.“ Motoki bemerkte die Transportbox, aus der etwas rosafarbenes rausschaute. „Und das Kätzchen hast du auch mitgebracht?“

„Das ist leider der Grund für die Verabredung.“ Mamoru stellte die Tasche auf dem Tresen ab. „Es hat sich eine Besitzerin gemeldet.“

„Das ist doch gut!“, sagte Motoki erfreut, doch sein Lächeln schwand schnell, als er in Mamorus niedergeschlagenes Gesicht blickte. „Oder etwa nicht?“

„Nein.“, gab Mamoru zu. Ich habe mich mit der kleinen angefreundet, und jetzt will sie mir jemand wegnehmen.“ Er machte eine Pause. „Aber ich habe kein Recht mich zu beschweren, schließlich gehört sie mir nicht.“

Nun wurde auch Motokis Blick traurig. Er konnte es nicht sehen, wie sein Freund litt und konnte ihm in diesem Augenblick auch nur mental zur Seite stehen, denn was nun kam, ließ sich nicht verhindern.

Bunny begann wieder zu miauen. Wenn schon Mamoru sie nicht verstand, so könnte doch Motoki ihr Rufen erhören, aber auch er wunderte sich nur über die kehligen, lauten Sehnsuchtsmaunzer, die von Mal zu Mal verzweifelter klangen.

Die Tür des Crown ging auf und eine Dame mittleren Alters betrat die Einrichtung. Ihr Äußeres war sehr gepflegt und sie machte den Anschein, dass sie genau wusste, was sie wollte und, wie sie es bekam. Sie ging direkt auf den Tresen zu, stellte sich selbstbewusst hin und schaute Mamoru an. Dieser zuckte kurz zusammen. Er war so in das Gespräch mit Motoki vertieft, dass er nicht bemerkt hatte, wie diese Frau sich anschlich.

„Sie müssen Frau Tachibana sein.“, stellte er ernst fest.

„So ist es.“ Sie streckte ihre Hand aus, als wollte sie die Katze samt Transporttasche auf der Stelle haben. „Danke, dass sie sich um meine Konoko gekümmert haben.“, fügte sie mit einem aufgesetzten Lächeln hinzu.

Mamoru war verwundert über dieses Verhalten. Weder eine eigene Transportbox noch höfliches Verhalten hatte diese Frau mitgebracht. Sein Blick zu Sakura verriet aber abermals, dass sie sich bei ihrer wirklichen Besitzerin nicht wohlgefühlt haben kann, denn nun war sie still und verkroch sich bis zur hinteren Wand der Transporttasche. Mamoru fasste sich an die Stirn und atmete einmal tief ein und aus.

„Haben sie die Katze bei einem Züchter gekauft?“, fragte Mamoru skeptisch.

„Selbstverständlich.“, reagierte Frau Tachibana arrogant.

„Dann haben sie doch sicher irgendwelche Nachweise über den Kauf!“

Ihre Augen weiteten sich. Sie stutze kurz. „Natürlich habe ich Nachweise, aber die habe ich natürlich nicht dabei.“ Ihr Blick wurde wieder herablassend.

„Nun gut, dann können sie mir aber sicher sagen, welches Halsband Konoko trug, als sie ihnen entlaufen ist.“ Mamorus Blick war intensiv und prüfend.

„Soll das ein Scherz sein?“, reagierte Frau Tachibana verächtlich.

„Keineswegs.“ Er starrte sie an und wartete auf eine Antwort.

„Es war ein braunes Lederhalsband. Aber das kann sie natürlich zwischendurch verloren haben, schließlich ist sie mir vor gut einem Monat abhandengekommen.“ In ihrer Stimme machte sich leichte Nervosität breit.

„Sie täuschen sich leider. Es war ein billiges Plastikhalsband.“ Mamoru log, ohne rot zu werden. „Ich vermute, dass sie eine Betrügerin sind und kann ihnen diese Katze leider nicht aushändigen.“

„Eine Frechheit ist das!“, blaffte sie.

„Sollten sie mir die Papiere des Züchters vorlegen, dann können wir uns erneut unterhalten, aber ich schätze, das wird nicht passieren.“

„Eine Unverschämtheit!“ Sichtlich wütend verließ die Frau das Gamecenter.

Mamoru war plötzlich erleichtert. Gerade noch im letzten Augenblick konnte er sich fassen und diese Betrügerin entlarven, die anscheinend nur darauf aus war ein seltenes Tier in die Hände zu bekommen. Dieses Gefühl der Ohnmacht verschwand ganz plötzlich. War es tatsächlich so weit, dass er sie behalten konnte, seine kleine Sakura? Ein Blick zu ihr war so ermunternd. Sie saß nun direkt vor dem Netz und schaute ihn wieder mit diesen riesigen Augen an. Ihr Wohlgefühl wurde nur noch durch ein lautes Schnurren unterstrichen. Er hatte sie mit keinem Wort verstanden, doch er konnte sie lesen und hatte gewusst, dass da etwas nicht stimmten konnte.

„Was war das denn?“, fragte Motoki perplex.

„Ich schätze, ich muss die Flugblätter wieder einsammeln, bevor der nächste auf die Idee kommt sich meine Sakura unter den Nagel zu reißen.“, sagte Mamoru entschlossen.

„Du hast ihr schon einen Namen gegeben?“ Motoki lachte.

Mamoru nickte und öffnete die Tasche. Er hatte mittlerweile so ein Vertrauen in dieses kleine Tier, dass er sich sicher war, sie würde ihm nicht davonlaufen. Die Tasche war offen und Bunny kletterte langsam raus, trat auf die Tresen und streckte Mamoru ihren Kopf entgegen, in der Hoffnung, er würde sie streicheln. Sie war so dankbar, dass er sie nicht im Stich gelassen hatte. Sie konnte sich nicht mehr vorstellen zu einem anderen Menschen zu gehören, als zu ihm.

Motoki war beeindruckt vom Verhalten des kleinen Fellknäuels. Er erinnerte sich, wie sie unbedingt zu ihm wollte und sich nur unter Mamorus Bett versteckte, und nun sah er zu, wie sie gemächlich auf seinen Arm kletterte, um sich von ihm herumtragen zu lassen, als gebe es keinen gemütlicheren und sichereren Ort als Mamorus Arme. Auch Mamorus Gesichtsausdruck war so zufrieden und glücklich, wie Motoki ihn noch nie gesehen hatte. Natürlich hatte er ihn auch lachen gesehen, aber so viel innere Ruhe hatte er noch nie ausgestrahlt.

Es war purer Zufall, dass Naru Osaka, ihres Zeichens beste Freundin von Bunny, mit zwei Klassenkameradinnen das Gamecenter betrat. Mamoru beachtete sie nicht, denn sie war ihm gänzlich unbekannt, Motoki aber schien ihre Anwesenheit zu interessieren. Mamoru sah zu, wie sein Freund kurz zu ihr rüber ging und sie etwas fragte. Beide hatten einen traurigen Gesichtsausdruck.

„Was war denn?“, fragte Mamoru neugierig, als Motoki wieder zum Tresen zurückkam.

„Ihre beste Freundin, mit der sie immer hier war, wird vermisst.“ Motokis Blick war besorgt.

Bunny wurde indes hellhörig. Sie sah Naru und begann wieder zu miauen. Plötzlich sprang sie von Mamorus Arm runter, lief zu Naru und begann sich an ihren Beinen zu reiben. Mamoru bekam einen Schrecken, denn er dachte, dass sie ihm nun weglaufen würde, aber sie wollte nur zu diesem Mädchen.

Naru setzte sich in die Hocke und streichelte die Katze, die sie anmaunzte. Zu Bunnys Bedauern verstand auch Nauru nur die niedlichen Katzenlaute. Mamoru einschloss sich zu ihr rüberzugehen. Er beugte sich nach unten, nahm Bunny hoch und hielt sie in der Hand, dass sie Naru auf Augenhöhe anschauen konnte.

„Ist das ihre Katze?“, fragte Naru etwas verschämt.

„Ja, sie scheint dich zu mögen.“ Er lächelte. „Wenn du magst, kannst du sie streicheln.“

Naru strahlte ihn an und kraulte Bunny durch ihr flauschiges Fell. Sie hätte noch ewig weiter machen können, doch sie wollte dem gutaussehenden Typen nicht auf die Nerven gehen. Mit einer knappen Verbeugung ging sie mit ihren Freundinnen zum Automaten und begann zu spielen.

Bunny bekam wieder Sehnsucht nach ihren Freunden und auch nach der Schule. Sie wollte so gerne wieder ein Mensch sein und Mamoru als Mensch neu kennenlernen, doch wie sollte sie wieder ein Mensch werden, wenn nicht einmal jemand wusste, dass sie keine echte Katze war?

„Sie kommt jeden Tag her.“, sagte Motoki von der Seite, als Mamoru wieder am Tresen war. „Ihre Freundin war hier, bevor sie verschwunden war. Sie hatte sogar ihre Schultasche hier vergessen und ist auf dem Weg nach Hause verschwunden.“

„Das ist ja tragisch.“, sagte Mamoru bestürzt.

„Die Polizei war auch hier, aber bisher fehlt von ihr jede Spur.“ Motoki senkte den Blick. „Ich habe sie sehr gemocht.“

Bunny hörte sich das alles aufmerksam an. Dass sie ihrem Umfeld solche Sorgen bereitete, hatte sie sich nicht gedacht. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt mit ihrer neuen Gestalt und Mamoru klarzukommen, doch nun war sie traurig. Sie fragte sich, wie sich ihre Eltern und ihre Freunde wohl fühlen mussten. Sogar Motoki vermisste sie und sie konnte niemandem nur eine kleine Nachricht hinterlassen, dass es ihr gut ging oder, dass sie sich keine Sorgen machen mussten.

Mamoru nahm wahr, dass der Blick seiner Sakura nicht mehr so aufgeweckt und neugierig war, wie noch vor ein paar Minuten. Ganz im Gegenteil schien sie angeschlagen zu sein. Es war ein anstrengender Tag gewesen und er wollte weder sich, noch Sakura weiter stressen, also verabschiedete er sich kurzerhand von Motoki und machte sich auf den Weg nach Hause.

Als er die Wohnung betrat, war es anders als sonst. Für ihn stand fest, er würde Sakura nie wieder weggeben. Sie gehörte einfach zu ihm und war seine Familie. Auch sie war an diesem restlichen Abend sehr anhänglich. Sie ließ nur kurz von ihm ab, um zu fressen. Alle paar Minuten ließ sie sich kuscheln, sprang auf ihn und schnurrte und miaute. Die Worte, die sie ihm entgegenbrachte verstand er nicht.

‚Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll, wenn du nicht gewesen wärst, dann hätte diese fiese Frau bestimmt irgendetwas Böses mit mir angestellt.‘ Sie gab ihm ein Köpfchen. ‚Ich liebe dich so sehr. Ich bin so glücklich, dass ich dir so nah sein darf.‘ Sie kuschelte sich an ihn. ‚Ich möchte dich so gerne küssen.‘ Bunny stand von seinem Brustkorb auf, beugte sich zu seinem Gesicht und küsste ihn auf den Mund.

Ihre kurzen, weichen Haare auf seinen Lippen kitzelten, sodass er schmunzeln musste. Es war ein komisches Gefühl, dass ihm diese Katze einen Kuss gab. „Ich liebe dich auch meine kleine Sakura.“

Bunny war zufrieden und schlief direkt auf seinem Brustkorb ein.

„Du riechst so schön.“, flüsterte er sanft und schlief kurz darauf ebenfalls ein.

Am nächsten Morgen hatte er es eilig. Er machte sich schnell fertig, stelle Bunny ihr Essen hin, kraulte sie am Kopf und verschwand zufrieden aus der Tür, mit dem Gedanken, dass er bald wieder zuhause sein würde, und seine kleine Sakura würde auf ihn warten.
 

Es war schon Mittagsstunde und einige Kilometer von Mamorus Wohnung entfernt saß Minako Aino auf dem Schulgelände der Shiba Koen Mittelschule an einen Baum gelehnt und wollte gerade ihr Bento anbrechen.

„Minako! Du musst sofort mitkommen!“, hörte sie plötzlich eine männliche Stimme sagen.

Sie bekam einen so heftigen Schreck, dass ihr das Essen beinahe aus der der Hand gefallen wäre. Sie fuhr mit einem wütenden Blick herum und sah Artemis, ihren weißen sprechenden Kater vor sich sitzen.

„Musst du mich so erschrecken?!“, keifte sie ihn an.

„Wir haben jetzt keine Zeit für Diskussionen!“, sagte er ernst. „Ich habe einen Dämon gefunden, und, wenn du nicht sofort mitkommst, ist er weg.“

„Und wie soll ich das dem Lehrer erklären, wenn ich zu spät aus der Pause komme?“, fragte Minako verständnislos.

„Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen. Und jetzt pack dein Bento zusammen und komm mit!“, befahl Artemis.

Minako sprang auf und salutierte. „Jawohl!“

Sie packte ihr Bento wieder in den Beutel und rannte Artemis hinterher, der sich schon auf den Weg gemacht hatte.

Kurz, bevor sie den Ort erreichten, zu dem Artemis sie führen wollte, verwandelte sie sich in Sailor V, eine Kriegerin für Liebe und Gerechtigkeit. Normalerweise trat sie nachmittags und manchmal sogar nachts in Aktion, doch dieses Mal hatte Artemis den Dämon zum ungünstigsten Zeitpunkt entdeckt. Während der Schulzeit.

Erleichtert darüber, dass sich der Dämon noch nicht aus dem Staub gemacht hatte, baute sich Sailor V auf einem erhöhten Standpunkt auf und rief laut. „Hey! Ich werde es nicht zulassen, dass du die Leute in Angst und Schrecken versetzt!“

Ein merkwürdig gekleidetes Mädchen mit einem diabolischen Grinsen drehte sich zu ihr um. „Und was willst du dagegen tun?“

„Crescent Boomerang!“, rief Sailor V laut und schleuderte ein Wurfgeschoss in Form eines Halbmondes in Richtung der kleinen Dämonin.

Diese wich geschickt aus, sprang hoch und blieb schwebend in der Luft. „Willst du mich etwas so erwischen?“ Sie lachte.

Plötzlich kam Artemis, wie aus dem Nichts von einem Baum runtergesprungen, griff sie an und rief Sailor V zu. „Das ist deine Chance!“

Diese setzte noch einmal an und schickte ihren Halbmond erneut los. Die Dämonin war so abgelenkt, dass sie den Halbmond dieses Mal nicht kommen sah und getroffen wurde. Ein markerschütternder Schrei hallte durch die Umgebung, das bösartige Mädchen zerfiel zu Staub und verflog im Wind. Alles was von ihr übrig blieb, war Energie, die sich löste und scheinbar in alle Richtungen, auf der Suche nach ihrem Ursprung verschwand.

„Gut gemacht!“ lobte Artemis sie.

„Danke Artemis, aber jetzt muss ich sofort zurück, vielleicht schaffe ich es noch rechtzeitig, bevor es jemandem auffällt.“, sagte sie gestresst und verschwand wieder in Richtung Schule.
 

In Mamorus Wohnung hatte Bunny es sich auf seinem Bett bequem gemacht. Sie hatte die sonnigen Stunden des Vormittags ausgenutzt, um Sonne zu tanken und legte sich anschließend auf das gemütliche Bett, um etwas zu dösen, bis ihr neuer Lebensmittelpunkt wieder da sein würde. Die gestrige Begegnung mit Motoki und Naru machten ihr zwar zu schaffen, aber Mamoru war für sie da und das war es, was für sie im Moment am meisten zählte. Dieser Gedanke beruhigte sie so sehr, dass sie es geschafft hatte einzuschlafen.

Es dauerte nicht lange, bis sie ein belebendes Gefühl verspürte, welches sie aus ihrem Schlummer weckte. Als sie die Augen öffnete, bemerkte sie, dass sich etwas verändert hatte. Im ersten Augenblick war es ihr noch nicht ganz klar, aber als sie versuchen wollte sich zu erheben, merkte sie, dass ihre Arme viel länger geworden waren. Sie tastete instinktiv ihren Oberkörper ab und spürte einen menschlichen Körper. Ungläubig fasste sie sich mit beiden Händen in ihr Gesicht. Es fühlte sich so an, als wäre sie wieder ein Mensch. Sie sprang vom Bett auf und lief zu einem Spiegel, in welchem sie ihr überraschtes Spiegelbild erblickte. Sie war wieder ein Mensch, sie war wieder Bunny Tsukino.

Das anfangs erstaunte Gesicht wandelte sich. Tränen der Freude stiegen in ihre Augen. Sie war fassungslos, dass sie so überraschend wieder zu einem Menschen wurde. Minutenlang konnte sie nicht anders, als sich im Spiegel zu betrachten, bis ihr einfiel, dass sie endlich wieder nach Hause und in die Schule konnte. Wie an dem Tag, als sie in eine Katze verwandelt wurde, hatte sie immer noch ihre Schuluniform und ihre Schuhe an. Sie wollte beinahe aus der Wohnung stürzen und zu ihren Eltern nach Hause laufen, die bestimmt krank vor Sorge waren, doch plötzlich hielt sie inne.

Sie ging zurück zum Bett, setzte sich drauf und dachte an Mamoru. Er hatte sich um sie gekümmert und sie gepflegt. Er hatte verhindert, dass sie ihm von einer Betrügerin weggenommen wurde und hatte ihr Nähe und Liebe gegeben. Es würde ihm das Herz brechen, wenn seine Sakura nicht mehr da wäre. Aber noch komischer wäre es für ihn, wenn statt seiner Katze plötzlich das Mädchen in seiner Wohnung wäre, welches er nicht leiden konnte. Egal, wie sie es drehte und wendete, sie konnte nicht bleiben. Kummer machte sich breit. Und sie verspürte das Bedürfnis zu weinen. Sie wusste genau, wenn sie jetzt gehen würde, dass sie Mamoru unglücklich machen würde, und das war das Letzte, was sie jetzt wollte. Sie ging rüber zum Schreibtisch, nahm Zettel und Stift und wollte gerade etwas schreiben, irgendetwas, das ihn nicht so ratlos zurücklassen würde, aber wie würde er einen Zettel und eine fehlende Katze auffassen? Sicher würde er denken, dass es ein frecher Entführer gewesen wäre. Bunny legte den Stift wieder ab. Wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und verließ langsam die Wohnung.

Notlüge

Zuhause angekommen, sah Bunny ihre Mutter am Tisch im Esszimmer sitzen. Sie sah ganz verändert aus, angeschlagen und traurig. Ihr Blick fiel auf den Tisch, der voller Fotos und Zeitungsartikeln war, die sich in den letzten Wochen angehäuft hatten.

Bunny blieb in der Tür zum Esszimmer stehen und sprach ruhig. „Mama, ich bin wieder da.“

Bunnys Mutter schaute fassungslos auf und brach augenblicklich in Tränen aus. Bunny eilte zu ihr und nahm sie in den Arm. Der unvorstellbare Kummer, den sie ihrer Mutter und sicher auch ihm Vater bereitet hatte, schmerzte, doch nun war sie wieder da und konnte die Nähe ihrer geliebten Familie spüren.

„Wo bist du nur gewesen, Bunny?“, fragte ihre Mutter unter Tränen.

Bunny hatte sich um eine Erklärung noch keine Gedanken gemacht und musste sich etwas aus den Fingern saugen. Dass sie die letzten Wochen als Katze bei einem Studenten gelebt hatte, war unglaubwürdig.

„Ich war in einem Krankenhaus. Ich bin auf dem Weg nach Hause gestürzt und habe das Gedächtnis verloren. Ich war in einem Krankenhaus und wurde vorhin entlassen, weil ich mich wieder erinnern konnte.“

Die Lüge war nicht sehr einfallsreich und erinnerte eher an eine Soap, doch Ikuko Tsukino war so überglücklich ihre Tochter wiederzuhaben, dass sie diese Geschichte nicht in Frage stellte. „Wir müssen Papa und in Shingos Schule anrufen. Sie waren krank vor Sorge.“ Sie eilte schnell zum Telefon. „Setz dich schon mal hin, du musst bestimmt verhungert sein. Ich mache dir gleich etwas, was immer du magst, meine Bunny!“

Bunny setzte sich hin und beobachtete ihre Mutter mit einem sanften Lächeln dabei, wie sie erst ihren Vater und anschließend Shingos Schule anrief. Bei beiden Telefonaten brach sie erneut in Freudentränen aus, als sie berichtete, dass Bunny wieder da war.

„Papa und Shingo kommen gleich nach Hause.“, sagte Ikuko erfreut, als sie zurück ins Esszimmer kam. „Der Direktor von Shingos Schule ist wirklich ein netter Mensch.“, sagte sie sanft.

Ikuko stellte sich in die Küche und begann Pfannkuchen zu machen. Sie berichtete Bunny jede Einzelheit seit ihrem Verschwinden, wie sie nach ihr gesuchte hatten, alle Krankenhäuser und Polizeistationen angerufen hatten und es keine Spur von ihr gab. Bunny hielt sich mit Aussagen und Erklärungen zurück, denn ihre Version der Geschichte war nicht sehr geschickt gewählt, doch ihr fiel einfach nichts besseres ein. Da ihr Vater, Kenji Tsukino, Journalist war und die Polizei sicher darauf gekommen wäre ein vermisstes Mädchen und ein Mädchen gleichen Alters ohne Gedächtnis zu vergleichen, musste sie sich ein Krankenhaus von außerhalb ausdenken, um nicht als Mysterium zu enden.

Als auch Kenji und Shingo zuhause angekommen waren, verbrachten die Tsukinos einen harmonischen und glücklichen Abend. Auch den beiden Männern des Hauses gingen ein paar Tränen verloren, denn auch, wenn Shingo seine Schwester stets zu ärgern wusste, liebte er sie doch und wollte sie nicht missen. Bunny schaffte es, sich rauszureden und einfach nur eine schöne Zeit mit ihrer Familie zu verbringen.

Später rief sie auch Naru an, der sie, als ihrer besten Freundin, ebenfalls die Sorgen nehmen wollte, und sie nahm sich ganz fest vor am kommenden Tag in die Spielhalle zu gehen und sich bei Motoki zu melden. Doch trotz der Erleichterung und dem Wohlgefühl wieder zuhause zu sein und im eigenen Bett schlafen zu können, musste sie ständig an Mamoru denken. Wie ging es ihm gerade? Würde er auf der Suche nach ihr sein? Würde er sie vermissen? Würde er jetzt wieder Zettel aufhängen, nur dieses Mal, um sie zu finden? Bunny kauerte sich auf ihrem Bett zusammen und wünschte sich so sehr, dass er sie jetzt berühren und in den Schlaf streicheln würde.
 

Es vergingen ein paar Tage und es kehrte wieder Routine in Bunnys Leben ein. Keiner sprach sie mehr darauf an, wo sie so lange gewesen war oder behandelte sie anders als vor ihrem Verschwinden. Das Leben war wieder normal. Augenscheinlich.

Innerlich war Bunny mit ihren Gedanken nur bei Mamoru. Seit sie wieder ein normales Mädchen war, war sie ihm nicht mehr begegnet. Auf dem Weg nach Hause, in die Spielhalle oder zur Eisdiele hoffte sie ihm über den Weg zu laufen, doch es kam nicht dazu. Wo sie sich vor ihrer Verwandlung zwei bis drei Mal in der Woche begegnet waren, um sich zu streiten, sah sie ihn nun eine ganze Woche nicht. Es war nicht nur das Gefühl, dass sie ihn vermisste und am liebsten wieder zu seiner Wohnung gehen würde, nur um ihn kurz zu sehen, es war auch die Sorge, wie er sich nach ihrem plötzlichen Verschwinden fühlen würde. In der Zeit, die sie bei ihm verbracht hatte, hatte sie gemerkt, wie sehr sie ihm ans Herz gewachsen war, er sagte sogar, dass er sie liebte. Diese Gesamtsituation bereitete ihr großen Kummer und sie musste sich anstrengen dieses Gefühl zu überspielen. Sie musste diese Empfindungen Tag für Tag mit sich herumschleppen, bis sie zwei Wochen nach ihrem Auftauchen schon die Hoffnung verloren hatte ihm zu begegnen.

Es war ein sonniger Freitag, an dem Bunny und Naru beschlossen sich nach der Schule eine Limonade zu genehmigen. Um nicht zu viel Zeit zu vertrödeln, nahmen sie die Limo in einem Becher mit Strohhalm mit, um sich auf direktem Wege zur Spielhalle zu begeben. Motoki versprach ihnen, dass es einen neuen Spielautomaten geben würde und sie wollten ihn unbedingt noch am selben Tag ausprobieren.

Bunny verließ das Lokal mit dem verschlossenen Becher in der Hand. In die Unterhaltung über den Automaten vertieft, drehte sie sich noch einmal zu Naru und bemerkte nur knapp vor einem Zusammenstoß eine große Gestalt aus dem Augenwinkel. Ein Zusammenprall war unvermeidbar, aber sie schaffte es durch eine Pirouette und etwas Geschick sowohl sich, als auch ihr Getränk zu retten. Sie wollte sich gerade über die Unachtsamkeit ihrer Mitmenschen aufregen und drehe sich mit einem wütenden Gesichtsausdruck zum vermeintlichen Übeltäter, und da stand er vor ihr, groß, dunkelhaarig und mit einem genervten Blick. Es war Mamoru Chiba. Bunnys Blick wurde augenblicklich mild und sie errötete leicht.

„Wenn du nach vorne schauen würdest, müsstest du keine Kunststückchen aufführen, um deine Getränke zu retten.“, sagte er gehässig.

„Mamoru!?“ Das war alles, was sie in diesem Augenblick rausbekam.

Er stand vor ihr und machte denselben Gesichtsausdruck wie immer, wenn sie sich früher begegnet waren. „Woher kennst du meinen Namen?“

„Den hat mir Motoki verraten.“, sagte sie weiterhin gerötet. „Dir ist nichts passiert?“

Mamoru wurde stutzig. Wieso war sie plötzlich so zahm zu ihm? „Du kennst Motoki?“, fragte er.

„Ja.“

Ihr Blick brachte ihn regelrecht in Verlegenheit. Von dem zickigen Mädchen, dass sich ständig mit ihm anlegte, war nichts zu sehen, stattdessen schaute sie ihn mit einem sanften Lächeln an, als hätte sie ihn vermisst. Mamoru schüttelte den Kopf, als könnte er damit seine Verlegenheit abschütteln. Noch bevor er ein weiteres Wort sagen konnte, schaue plötzlich Naru hinter Bunny hervor.

"Oh! Hallo, du bist doch der Junge mit der süßen Katze. Wie geht es ihr?"

Er erkannte Naru sofort wieder und erinnerte sich daran, dass ihre Freundin spurlos verschwunden war.

"Ich habe keine Katze mehr.", reagierte er leicht niedergeschlagen auf ihre Frage.

"Oh, wie schade. Was ist denn passiert.", fragte Naru neugierig.

Mamoru schmerzte es sehr, dass er dieses kleine liebgewonnene Lebewesen verloren hatte. Er wollte diese Frage nicht beantworten und lenkte ab. "Ist deine Freundin wieder aufgetaucht?"

"Die steht hier vor dir." Naru deutete fröhlich auf Bunny.

Mamoru schaute Bunny verwundet an und konnte eine gewisse Neugier nicht unterdrücken. "Was ist denn passiert, Weichbirne?"

Bunny bliebt unbeirrt fröhlich. "Nichts Schlimmes. Ich habe mein Gedächtnis verloren und wusste nicht mehr, wer ich bin und, wo ich wohne."

Ihm kam diese Erklärung sehr merkwürdig vor, doch er ging nicht weiter darauf ein und reagierte entsprechend auf ihre fröhliche Reaktion.

"Ach, und jetzt weißt du wieder, wer du bist?", sagte er abschätzig.

"Ja, ich weiß es jetzt besser, als je zuvor."

Bunny ließ Mamorus schroffe Art vollkommen an sich abperlen und fing seinen Blick. Sie schaute ihm dabei so sanft in die Augen, dass er erneut in Verlegenheit geriet.

"Ja dann, ich muss dann los. Mach‘s gut, Weichbirne!", sagte er, drehte sich um und ging, um der Situation schnell zu entfliehen.

"Bist du gleich in der Spielhalle?", rief Bunny ihm noch hinterher, doch er drehte sich weder um, noch sagte er etwas.

Es stimmte, er war diesem frechen Mädchen schon länger nicht mehr begegnet und wusste nicht mal ihren Namen. Er wusste nur, dass es immer Ärger gab, wenn sie aufeinandertrafen. Aber, dass er ihr nicht begegnet war, war seiner Meinung nach der Tatsache geschuldet, dass er sich in jeder freien Minute um seine Katze kümmern musste und wollte. Doch jetzt, wo dieses kleine Lebewesen, wie vom Erdboden verschwunden war, musste er wieder unter Menschen, um den Schmerz des Verlustes zu überwinden.

Es war ein fürchterliches Gefühl, als er seine Wohnung betrat, seine kleine Sakura begrüßen wollte und sie nicht mehr da war. Er hatte mehrfach jede Ecke der Wohnung abgesucht und jedes Fenster kontrolliert, doch sie war nirgends zu finden. Er konnte sich nicht erklären, wie sie die Wohnung hätte verlassen sollen. Anzeichen für einen Einbruch gab es auch nicht. Jeden Tag, an dem er nach Hause kam, wünschte er sich, dass Sakura so plötzlich wieder auftauchen würde, wie sie verschwunden war, doch die Hoffnung schwand schnell. Was blieb war nur Trostlosigkeit und Verzweiflung über ihr unerklärliches Verschwinden.

Er hatte einige Tage daran zu knabbern und überlegte hin und her, wie das möglich sein konnte. Er konnte sie vor dieser Betrügerin beschützen und hatte sie doch an die Ungewissheit verloren. Schließlich musste er sein Leben aber weiterleben. Es war ein schwacher Trost, dass sie ihm eigentlich nicht gehörte und er war sich bis dahin nicht im Klaren, wie sehr man ein Tier wirklich lieben konnte.

Überhaupt war das Zusammentreffen mit dieser Katze mit allerlei Merkwürdigkeiten verbunden. Alleine ihr Verhalten war alles andere als durchschnittlich. In keinem seiner Ratgeber fand sich eine so rasche Wesensveränderung. Es sollte zum Teil Jahre dauern, bis eine verängstigte Katze so zutraulich wurde. Ihr Aussehen war auch alles andere als gewöhnlich. Weder in der Fachliteratur noch bei Züchtern war eine rosa Katzenrasse bekannt.

Vertieft in seine Gedanken war Mamoru fast automatisch zur Spielhalle gegangen. Er betrat das Crown und stellte sich zu Motoki an den Tresen. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände.

"Hast du Sakura immer noch nicht gefunden?", fragte sein Freund mitfühlend.

Mamoru schaute demoralisiert. "Ich habe die Suche längst aufgegeben. Ich wüsste auch nicht, wo ich anfangen soll."

Kaum, dass er sich versah, stand schon Bunny neben ihm und begrüßte fröhlich Motoki.

"Bist du mir hinterhergelaufen?", fragte Mamoru leicht genervt, als er sie neben sich bemerkte.

"Du bist wohl taub.", reagierte Bunny verdutzt. "Ich habe dir gerade hinterhergerufen, ob du auch zum Crown gehst."

"Und warum? Willst du mir etwa auf den Geist gehen?"

"Natürlich nicht, dafür ist mir meine Zeit zu schade. Aber wir treffen uns so oft, und da dachte ich, dass wir uns mal richtig kennenlernen sollten." Bunny lächelte sanft. "Wer weiß, vielleicht werden wir ja Freude."

Erneut brachte sie Mamoru in Verlegenheit. Er hatte sich nie vorgenommen sie zu mögen oder sich mit ihr anzufreunden, aber ihr Lächeln weckte etwas in ihm.

Bunny lehnte sich mit ihrem Oberkörper auf den Tresen und schaute Mamoru direkt in die Augen. "Naru hat mir von deiner Katze erzählt. Es tut mir leid, dass sie weg ist."

"Das ist egal, ich kann es nicht ändern.", sagte er kalt. Er wollte Bunny auf keinen Fall zu nah an sich ranlassen, doch er konnte sie nicht täuschen. Auch, wenn er es nicht wusste, sie war mittlerweile die Person, die ihn am besten kannte.

"Du musst wissen, dass Katzen die ehrlichsten Tiere der Welt sind.", setzte Bunny fort. "Wenn sie weggelaufen ist, hat es bestimmt einen Grund gehabt."

Ihr Lächeln war einfach entwaffnend. Mamoru wollte gerade loslegen und ihr seine Meinung geigen, dass es sie nichts anginge und sie keine Ahnung hatte, doch er konnte nicht. Er mochte sie doch nicht und sie mochte ihn nicht, warum war sie auf einmal so nett zu ihm. Er entschied sich, es nicht zu kommentieren und sich nicht von ihrer Nettigkeit einwickeln zu lassen. Er beschloss, sie aus der Reserve zu locken und wechselte das Thema.

"Viel interessanter finde ich, wie du es geschafft hast, dein Gedächtnis zu verlieren.", sagte er mit hochgezogener Augenbraue.

"Das ist eine lange Geschichte. Das willst du bestimmt nicht hören.", versuchte Bunny vom Thema abzulenken. Sie war sehr erstaunt, dass man ihr die fabelhafte Geschichte ihres Verschwindens bisher geglaubt hatte und wollte ihr Glück nicht überstrapazieren. Doch Mamoru ließ nicht locker.

„Doch, möchte ich.“ Er sah sie neugierig an.

Bunny geriet etwas ins Schwitzen. Die Furcht, er könnte ihre Lüge demontieren, ließ sie zögern.

„N..Nun ja, … Ich war unterwegs in Yokohama, weil ich da eine alte Freundin treffen wollte. Und da bin ich ohnmächtig geworden.“

Er unterbrach sie. „Was hast du denn nach der Schule in Yokohama zu suchen? Hast du keine Hausaufgaben?“

„Äääh…“ Bunnys Blick verriet regelrecht, dass sie angestrengt nach einer Lüge suchte, bis sie ihn plötzlich fokussiert ansah. „Das schon, aber es war etwas, was ich dringend mit ihr klären musste.“

„Ach ja? Und was konnte so dringend sein?“, fragte er skeptisch.

„Das verrate ich nicht, Mädchen haben auch ihre Geheimnisse.“, reagierte sie trotzig.

„Und das Krankenhaus im benachbarten Yokohama kam nicht darauf die Polizei zu informieren oder mal die Zeitung aufzuschlagen?“, fragte er weiterhin misstrauisch.

„Offensichtlich nicht.“ Bunny fühlte sich ertappt und wurde immer leiser.

„In welchem Krankenhaus bist du gewesen?“

Sie geriet langsam in ernste Bedrängnis. „Das weiß ich nicht, ich habe nicht gefragt.“

„Und wie bist du nach Hause gekommen?“

„Mit dem Zug?“ Ihre Antwort glich schon beinahe einer Frage.

Sie fühlte sich ertappt. Mamoru schien genau die richtigen Fragen zu stellen, die ihr Lügenkonstrukt zum Einsturz brachten. Wie kam es, dass niemand anderes auf die Idee kam ihre Geschichte in Frage zu stellen und er sie so einfach demontierte?

Es war kein Zufall, dass er sich eine ähnliche Frage stellte. Ihr hanebüchener Bericht was so unglaublich, dass er sogar für eine Soap zu absurd erschien. Wie zum Teufel konnte ihr das irgendjemand abkaufen? Entweder waren die anderen nicht näher darauf eingegangen, weil sie einfach nur froh waren dieses Mädchen wieder zu haben oder sie wollten sie schonen und haben daher auf lästige Nachfragen verzichtet. Doch warum musste sie lügen und, wo war sie wirklich gewesen? Wie man es auch drehte und wendete, ihr Verschwinden war mindestens genauso mysteriös, wie das seiner Sakura.

„Ich mache mich dann wieder auf den Weg.“, sagte Mamoru an Motoki gerichtet, als hätte er das Gespräch mit Bunny gar nicht geführt.

„Ja, mach’s gut.“, antwortete Motoki freundlich.

Mamoru drehte sich um und verließ die Spielhalle. Bunny schaute ihm traurig hinterher. Einerseits war es beängstigend, wie clever er sie ausgefragt hatte, andererseits, war sie einfach nur traurig, dass sie nicht noch etwas länger mit ihm reden konnte. Sie ließ sich aber nichts anmerken, ging rüber zu Naru und spielte eine Runde. Sobald sie fertig waren, sich bis zum nächsten Tag verabschiedeten und Bunny alleine war, begannen ihre Gedanken zu kreisen. Sie hatte ihn endlich wiedergesehen. Sie hatte ihn so furchtbar vermisst. Sie hätte so gerne gewusst, wie er sich wirklich fühlte, doch er war wie eh und je, eiskalt und arrogant. Doch sie wusste es besser. Der coole Kerl, den er immer spielte, war er nicht. Er war ein liebenswürdiger, mitfühlender Mensch.

Als sie an seinen Blick dachte, wurde sie rot. Sie erinnerte sich an die Nähe, die sie zugelassen und schließlich gefordert hatte, als sie noch eine Katze war und wurde noch verlegener. Es war so, als ob die heutige Begegnung die gemeinsamen Stunden wieder präsent werden ließ und ihr ins Bewusstsein rief, wie nah sie diesem Jungen wirklich war und sein wollte. Sie merkte plötzlich, wie furchtbar verliebt sie doch in diesen Mamoru Chiba war.

Auch Mamoru ließ diese Begegnung nicht los. Er musste ständig über den Unsinn nachdenken, den sich Bunny zusammengesponnen hatte und er spekulierte über den wahren Grund ihres Verschwindens. Er war natürlich zu stolz, um sie direkt danach zu fragen, denn das würde vermutlich nur wahres Interesse suggerierte, was er zurzeit nicht wollte. Hatte ihre Nettigkeit vielleicht etwas mit ihrem Verschwinden zu tun?

Eine unglaubliche Geschichte

Mamoru kam nach Hause, setzte sich auf die Couch und zögerte einen Augenblick seine fixe Idee in die Tat umzusetzen, doch er konnte seinem Drang Bunny zu entlarven nicht widerstehen. Da er kein Telefonbuch aus Yokohama im Haus hatte, rief er die Auskunft an und ließ sich die Nummern aller Krankenhäuser der Stadt geben. Egal wie klein und unbedeutend eine Klinik war, er wollte die Nummer haben. Anschließend rief er jede einzelne Klinik an und fragte, ob es bei Ihnen eine Patientin mit zwei blonden Zöpfen im Teenageralter gab, die an Amnesie litt und vor kurzem entlassen wurde. Alle Krankenhäuser beteuerten, dass es sowas in den vergangenen Monaten nicht gegeben hatte und, dass sowas bestimmt die Runde gemacht hätte, da es doch sehr außergewöhnlich klang.

Als er schließlich damit fertig war ihr nachzuspionieren, fasste er sich mit beiden Händen an den Kopf. „Was tue ich da eigentlich?“, sagte er laut vor sich hin.

Ihm war nicht bewusst, dass er die Leere, die Sakura hinterlassen hatte, begann mit Bunnys unglaublicher Geschichte zu füllen. Missmutig ging er ins Bett und versuchte schwerlich einzuschlafen, denn seine Gedanken hielten ihn erfolgreich davon ab. Erneut grübelte er über Bunnys Lüge und versuchte sich auszumalen, was tatsächlich geschehen sein könnte. Sie verschwand und sagte niemandem, wohin sie gegangen war. Unweigerlich verglich er ihre Geschichte mit der von Sakura, die sich ebenfalls in Luft aufgelöst hatte. Zwei geschlagene Stunden hielt ihn die Gedankenspirale wach, bis er endlich eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen wachte Mamoru schweißgebadet und errötet vor Erregung auf. „Was war das nur für ein Traum?!“, dachte er sich verwirrt.

Er hatte geträumt, wie er in seinem Bett lag und nach dem kleinen flauschigen Wesen rief, welches er beherbergte. Sakura, seine kleine Katze, sprang an seine Seite, rieb ihren Kopf an seiner Hand und kletterte langsam auf seine Brust. Sie stand auf ihm und schaute ihm in die Augen, um dann ein paar Schritte auf sein Gesicht zuzugehen und ihm ein Köpfchen zu geben. Dann streckte sie ihm langsam ihr Schnäuzchen entgegen, um seine Lippen zu berühren. Er schloss die Augen und spürte, wie ihr kurzes Fell und ihre Schnurrhaare in seinem Gesicht kitzelten. Plötzlich spürte er warme Lippen und ehe er sich versah, versank er, wie selbstverständlich in einem heißen, weichen Kuss. Als er seine Augen wieder öffnete, lag Bunny halbnackt auf ihm und liebkoste mit ihren zarten Fingerspitzen seine Wange. Ihre weiche Brust drückte sich an seinen Brustkorb und er spürte, wie ihr Bein zwischen seinen lag. Wie es bei Träumen üblich war, stellte er nicht in Frage, dass Sakura dem nervigen Mädchen aus der Nachbarschaft gewichen war. Er schaute in ihr Gesicht, streichelte ihre Haut und drückte sie ganz fest an sich, um sie erneut leidenschaftlich zu küssen. Dann war es auch schon vorbei.

Es fühlte sich so real an und war so präsent, dass er sie noch auf seiner Haut spürte, als er erwachte. Er verfluchte sich regelrecht, dass er den gestrigen Tag mit Bunnys Geschichte verplempert hatte, dass er nun sogar von ihr träumte. Und was das für ein Traum war. Beim Zähneputzen, beim ersten Kaffee und auf dem Weg zur Uni ließ ihn dieser Traum nicht los. Kurzerhand entschloss er sich nicht lange zu fackeln und Bunny zur Rede zu stellen. Es hatte ihn zwar noch nicht sehr lange, dafür aber zu intensiv beschäftigt, dass er es einfach aus dem Kopf haben wollte.

Glücklicherweise wusste er beinahe immer, wo er sie finden würde und er irrte sich auch dieses Mal nicht. Er positionierte sich vor dem Eingang der Spielhalle und wartete nicht lange, bis sie wieder rauskam. Zu seiner Erleichterung war sie alleine.

„Hallo, Weichbirne!“, begrüßte er sie gelassen.

„Mamoru!“ Bunny begann wieder zu strahlen. Es machte ihr offenbar nichts mehr aus, dass er sie bei diesem Spitznamen nannte.

Er sah ihr Lächeln und erinnerte sich an seinen Traum, in dem sie beinahe nackt auf seinem Körper lag und ihn liebkoste und küsste. Er wollte auf keinen Fall, dass sie nur den kleinsten Funken von Verlegenheit bemerkte. Ihr in die Augen zu schauen, war plötzlich nicht mehr möglich. Er versuchte Augenkontakt zu vermeiden und sich zusammenzureißen.

„Ich habe alle Krankenhäuser in Yokohama angerufen. Keiner weiß etwas von einem Blondschopf, der sein Gedächtnis verloren hat.“ Nun traute er sich wieder sie anzusehen.

Er war mehr als neugierig auf ihre Reaktion, wenn sie merkt, dass sie ertappt wurde. Und er wurde nicht enttäuscht. Bunny begann sich nervös umzusehen, als würde sie auf der Straße oder in den Bäumen nach einer Ausrede suchen. Plötzlich atmete sie tief durch und entspannte sich.

„Ich erzähle es dir, aber nicht hier. Ich will nicht, dass das sonst jemand hört.“, sagte sie ernst.

Nun war Mamorus Neugier endgültig gepackt. Er begleitete sie in einen nahegelegenen Park, wo sich beide auf einer Bank niederließen. Den Vorschlag es in einem Café zu besprechen, lehnte sie ab. Nicht, dass sie etwas gegen ein Stück Kuchen gehabt hätte, aber die Wahrscheinlichkeit, dass jemand bekanntes ihre Geschichte hören könnte, war Grund genug einen weitläufigeren Ort aufzusuchen.

„Dann leg mal los.“, sagte Mamoru gelassen. Es brauchte alle Konzentration nicht an seinen Traum zu denken.

„Du hast recht, ich war nicht in Yokohama. Ich war nicht einmal weg aus Tokyo.“, begann sie mit gesenktem Blick. „Ich war auf dem Weg nach Hause und habe bemerkt, dass ich meine Schultasche bei Motoki vergessen habe. Als ich wieder zurück wollte...“ Sie hielt inne und überlegte kurz, wie viel sie preisgeben wollte. „Naja, ich habe mich verletzt und zum Glück hat mich jemand gefunden und mich mitgenommen. Er hat mich gut versorgt und…“

Mamoru bremste sie ungläubig. „Was soll das heißen, ER hat dich mitgenommen und versorgt?“

Bunny schaute etwas verwirrt herum. „Genau das, was ich sage.“

„Ja, aber hatte ER kein Telefon?“, reagierte Mamoru etwas aufgebracht.

„Doch.“

„Und warum hast du nicht zuhause angerufen?“ Er konnte sich kaum beruhigen.

Bunny schaute ihn grimmig an. „Glaubst du, wenn das alles so einfach gewesen wäre, dass ich die Geschichte von Yokohama erfunden hätte?“

„Aber wieso hat er dich mit zu sich genommen und nicht in ein Krankenhaus gebracht?“ Mamoru stutzte etwas und seine Augen weiteten sich. „Er hat dich doch nicht etwa entführt?“

„Nein, nein!“, reagierte Bunny beschwichtigend. „Wenn ich dir die ganze Wahrheit erzählen würde, würdest du mich für verrückt erklären, aber er hat mir nichts getan. Er hat mich gesund gepflegt und versorgt, und irgendwann konnte ich wieder gehen.“

Er wurde laut. „Du willst mir sagen, dass du mehrere Wochen in der Wohnung eines Typen eingesperrt warst, und das nennst du nicht entführt?“

„Genau.“, sagte Bunny ruhig. „Ich hätte jederzeit gehen können.“

„Und warum hast du es nicht getan? Deine Familie und Freunde waren sicher krank vor Sorge. Stattdessen bleibst du freiwillig so lange weg und meldest dich nicht einmal?“

„Ich sagte doch, so einfach war das nicht.“, erklärte Bunny fieberhaft.

„Was war das für ein Kerl? Hat er dich etwa erpresst oder bedroht oder etwas Schlimmeres mit dir gemacht?“ Mamorus Beschützerinstinkt ging vollkommen mit ihm durch.

„Nein, nein, nein!“, rief Bunny laut. „Er war ein Gentleman. Er hat mir nichts getan und war immer sehr nett zu mir. Aber, wenn ich das alles meinen Eltern oder meinen Freunden erzählt hätte…“ Sie hielt wieder inne, beruhigte sich und sprach mit gesenktem Blick weiter. „Die Wahrheit ist noch unglaublicher, als die Lüge von Yokohama. Niemand würde mir glauben, was wirklich passiert ist, auch du nicht. Aber der Junge, der mich gerettet hat, war so nett und hilfsbereit, dass ich ihm keine Schwierigkeiten machen darf, also lüge ich lieber alle an.“

Mamoru beobachtete Bunny, wie sie über diesen Unbekannten sprach. Ihr Gesicht sah dabei so sanft aus, dass ihm deutlich wurde, wie viel ihr dieser Mann bedeuten musste. Obwohl er sie so lange festgehalten hatte, lag ihr nichts ferner, als ihn zu verraten. Irgendwie bewunderte er das.

„Wenn du es sonst niemandem anvertraut hast, warum dann mir?“, fragte er ruhig.

Sie sah ihn an. Ihre Augen leuchteten und durchdrangen ihn. „Weil ich dir vertraue.“

„Was?“ Mamorus Überraschung war ihm deutlich anzusehen.

„Du tust zwar immer so kalt und abweisend, aber in Wirklichkeit bist du sehr nett.“ Sie lächelte ihn sanft an. „Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass du mich nicht verrätst, sonst hätte ich es dir nicht erzählt.“

Bunny stand auf und strahlte ihn mit ihrem schönsten und warmherzigsten Lächeln an. „Ich würde es echt toll finden, wenn du mich Bunny nennen würdest.“

Ohne ihm Zeit für den Abschied zu lassen, lief sie davon und ließ ihn verdutzt zurück.

Mamoru war sprachlos vor Erstaunen. Es war noch keine zwei Monate her, dass sie sich bei jedem Treffen in die Haare gekriegt hatten, doch seit sie verschwunden und wieder aufgetaucht war, schien sie keinen Groll mehr gegen ihn zu hegen. Ganz im Gegenteil ließ sie sich nicht mehr provozieren und suchte sogar seine Nähe. Ihr sanftes Lächeln nahm so viel Platz in seinen Gedanken ein.

Doch mit der Wahrheit hatte sie mehr Fragen aufgeworfen, als sie beantwortet hatte. Wer konnte nur dieser Kerl gewesen sein und was hatte er wirklich mit ihr gemacht. Kurz blitze wieder der Traum vor seinem geistigen Auge auf. Er spürte die Röte in sein Gesicht aufsteigen, schüttelte den Gedanken aber ab. Wenn dieser Fiesling ihr etwas angetan hätte, wäre sie nicht so fröhlich. Oder war sie so fröhlich und nett zu ihm, WEIL dieser Mistkerl ihr etwas angetan hatte? Mamoru machte sich plötzlich Sorgen um sie. Der Gedanke, jemand könnte ihr was getan haben, machte ihn krank.

Es dauerte den gesamten Abend und noch viele Gedankengänge, bis er etwas für sich festgestellt hatte, was er kaum wahrhaben wollte. Er war eifersüchtig. Er hatte sich in der letzten Zeit außerordentlich viel mit Bunny beschäftigt. Er war ihr nur zwei Mal begegnet, doch er musste ständig daran denken, wie sie ihn anlächelte, ihre sanften Blicke und ihr schönes Gesicht. Ihm war zuvor nie aufgefallen, wie schön und süß sie eigentlich war. Und der Gedanke, dass sie mit aller Zärtlichkeit über einen Typen sprach, der sie mehrere Wochen festgehalten hatte, verunsicherte ihn zunehmend. Sie schaute, als wäre sie in ihren Entführer verliebt gewesen.

Als er sich schließlich ins Bett legte und die Augen schloss, sah er ihr wunderschönes Lächeln. Er war verloren.

Erlösung

Es vergingen einige Tage, bis zum nächsten Wiedersehen. Mamoru hatte sich gewünscht Bunny wieder über den Weg zu laufen, mit ihr zu plauschen, auch, wenn es nur belangloses Zeug gewesen wäre. Vielleicht auch sie ein wenig zu ärgern, doch egal, wo er unterwegs war, sie begegnete ihm nicht. Dieses Gefühl jemanden zu vermissen war nicht neu für ihn, seit seine Sakura verschwunden war. Nun ersetzte Bunny dieses Gefühl durch eine andere Sehnsucht, die schon fast weh tat.

Als er eines Tages, ohne Hoffnung, in die Spielhalle kam, stand Bunny plötzlich an einem Automaten und unterhielt sich mit Naru. Er hätte sie am liebsten sofort angesprochen, doch er wollte sich nicht die Blöße geben und aufdringlich erscheinen. Stattdessen ging er einfach zum Tresen, um Motoki zu begrüßen. Bunny war so vertieft in das Gespräch, dass sie ihn nicht bemerkt hatte.

„Du hast dich echt in ihn verliebt?“, hörte er Naru aufgeregt sagen.

„Nicht so laut! Motoki soll nicht wissen, dass ich in ihn verliebt bin!“, reagierte Bunny sauer mit gebrülltem Flüstern.

Naru schlug sich die Hände vor den Mund. „Tut mir leid.“

Motoki hatte diese Worte nicht gehört und bemühte sich Mamoru konzentriert das Gespräch zu belauschen. Es fühlte sich plötzlich an, wie ein Schlag in die Magengrube. Sollte es doch nicht der Fremde sein, der ihr Herz gewonnen hatte, sondern sein bester Freund Motoki? Wie sollte es auch anders sein. Er musste sich ausgerechnet jetzt in ein Mädchen verlieben, dass in einen anderen verliebt war. Er fühlte sich, als wäre er der letzte Verlierer. Weder eine Katze konnte er halten, noch empfand Bunny etwas für ihn. Er atmete tief durch.

„Motoki,“, begann er ernst. „Was denkst du eigentlich über Bunny?“

„Über Bunny?“, reagierte dieser überrascht. „Sie ist sehr nett. Irgendwie, wie eine kleine Schwester.“ Motoki lächelte.

„Wie eine kleine Schwester, also?!“

„Ja. Wieso fragst du?“

„Nur so.“

Mamoru dachte nach. Hatte er sich so verkalkuliert? Bunnys Verhalten zu deuten, war nicht sehr einfach. Ihre plötzliche Freundlichkeit hätte Zuneigung bedeuten können. War sie etwa tatsächlich in ihn verliebt gewesen und er hatte es durch seine Nachforschungen und seine eindringliche Art kaputt gemacht und sie direkt in Motokis Arme getrieben? Aber offensichtlich sollte Motoki nicht mitbekommen, was sie empfand. Und was war mit diesem zufriedenen Gesichtsausdruck, als sie von ihrem Entführer sprach? War es etwa Motoki? Wollte sie etwa nicht, dass Motoki in Schwierigkeiten kommt, weil er sie bei sich aufgenommen hatte? Haben sie möglicherweise etwas getan, was Bunny peinlich war?

Mamoru sprang auf. „Ich muss los, ich muss noch etwas erledigen!“, sagte er und ging.

Er musste da raus. Er spann sich so abstruse Gedanken, dass er plötzlich sauer und eifersüchtig auf seinen Freund wurde, obwohl er nicht wusste, was wirklich geschehen war. Innerhalb kürzester Zeit waren Gefühle für dieses Mädchen erwacht, die ihn auffraßen. Er musste sich entscheiden, ob er sich aus ihrem Leben zurückzog, um sich nicht selbst zu verletzte oder, ob er sie mit seinen Gefühlen konfrontierte, sodass es für immer aus der Welt war.

„War Mamoru gerade hier?“, fragte Bunny, als sie nach ihrem Gespräch mit Naru zu Motoki an den Tresen ging.

„Ja. Aber er ist schon wieder weg.“

„Wirklich?“, reagierte Bunny enttäuscht.

Sie hatte so darauf gewartet ihn zu treffen, doch das Nachsitzen und der Ordnungsdienst ließen sich nicht vermeiden. Der Ordnungsdienst alleine nahm schon viel Zeit in Anspruch, doch ihr ständiges Zuspätkommen, hatte Frau Haruna ungern gesehen und so folgte die Strafe auf den Fuß.

Bunny war sich bewusst, dass sie als Langschläferin immer etwas mehr Probleme hatte aus dem Bett zu kommen. Doch seit Mamoru sie mit der Wahrheit konfrontierte, konnte sie nicht mehr schlafen. Sie hatte keine Angst, dass er sie verraten würde, doch sie hatte bemerkt, dass er sich Sorgen machte, was der Unbekannte, bei dem sie die Zeit verbrachte, mit ihr angestellt haben könnte. Er regte sich regelrecht auf, als würde er sie noch im Nachhinein beschützen wollen. Ihr Herz schlug wie wild bei diesem Gedanken. Sie wollte ihm ihre Gefühle nicht auf dem Präsentierteller servieren und vermied es, ihn offen anzuhimmeln, doch sie konnte nicht anders, als ihn ständig anzulächeln. Immer wieder dachte sie daran ihm wieder nahe zu sein, so nah, wie sie es als Sakura war. Diese Gedanken hielten sie wach. Sie war sich sicher, er würde sich nicht in sie verlieben, zu groß waren ihre Differenzen, aber sie könnten Freunde werden, sodass sie wenigstens in seiner Nähe sein konnte.

Sie lag wach und fragte sich, wie er wohl reagiert hätte, wenn sie ihm die Wahrheit gesagt hätte. Wäre er sauer oder überrascht, oder würde er sie für verrückt erklären und nie wieder mit ihr sprechen? Es war klar, dass sie es für sich behalten musste, denn sie wollte ihn in ihrem Leben nicht mehr missen. Umso enttäuschter war sie, dass er die Spielhalle schneller verlassen hatte, als sie ihn bemerkt hatte.

Plötzlich kam Bunny ein fürchterlicher Gedanke. Was, wenn er ihr Gespräch mit Naru gehört hatte? Was, wenn er mitbekommen hatte, dass sie in ihn verliebt war? Naru war nun mal laut genug gewesen, um das ganz Crown zu unterhalten. Was, wenn er ihr nun aus dem Weg ginge, weil er nichts von ihr wissen wollte?

Von einem Augenblick auf den Nächsten war sie sehr verunsichert und zweifelte an sich selbst. Sie konnte nur auf den Zufall hoffen ihm wieder zu begegnen und seine Reaktion abzuwarten. Doch bis dahin würde sie wahrscheinlich Schlafmittel brauchen, um überhaupt ein Auge zuzutun.

Sie schlurfte regelrecht aus dem Crown und zuckte vor Schreck zusammen. Vor ihr stand Mamoru, der ganz offensichtlich auf sie wartete. Eigentlich war er schon weg, doch er entschied sich zurückzukommen. Er würde es wohl keine 24 Stunden aushalten, ohne an sie zu denken und es ihr sagen zu wollen, also musste es jetzt endgültig raus.

„Mamoru?“ Sie starrte ihn überrascht an. Ihre Wangen färbten sich rot.

„Gehst du mit mir in den Park? Ich wollte noch einmal mit dir sprechen!“ Sein Blick war intensiv.

Den gesamten Weg, der nur wenige Minuten dauerte, schwiegen sich die beiden an. Während er sich intensiv Gedanken darüber machte, wie er anfangen sollte, zerbrach sie sich den Kopf darüber, ob er sie nun gehört hatte oder, ob er sie erneut mit ihrem Verschwinden konfrontieren wollte. Für beide war die Situation sehr angespannt.

Im Park angekommen, setze sich Bunny, während er vor ihr stehen blieb. Das machte sie nervös. Auch, dass er nicht mit dem Reden begann, verunsicherte sie, bis er sie endlich ansah.

„Bist du in Motoki verliebt?“, fragte Mamoru ernst.

Bunny war platt. „Wie kommst du denn auf sowas?“

„Weil ich es vorhin gehört habe.“

„Dass ich in Motoki verliebt bin?“, fragte Bunny überrascht. „Aber sowas habe ich doch gar nicht gesagt.“

„Motoki soll nicht wissen, dass ich in ihn verliebt bin, war der genaue Wortlaut.“

Bunny war beeindruckt. Sie selbst hätte den Satz nicht mehr Wort für Wort wiedergeben können.

„Das habe ich gesagt.“, gab sie zu. „Aber mit IHN habe ich nicht Motoki gemeint.“

„Was?“, fragte Mamoru verwirrt.

„Na, Motoki sollte nicht mitbekommen, dass ich in einen bestimmten Jungen verliebt bin.“, sagte Bunny verlegen.

Einerseits machte sich bei Mamoru Erleichterung breit, andererseits war da wieder dieser Unbekannte, bei dem Bunny eine lange Zeit verbracht hatte.

„Bist du in deinen Entführer verliebt?“

„Was soll das bitte werden?“, fragte Bunny missmutig. „Egal, welche Antwort ich dir gebe, du wirst es doch sowieso falsch verstehen.“

„Also bist du in ihn verliebt?“, hackte er nach.

„Was spielt das denn für eine Rolle, ob ich in ihn verliebt bin?“, fragte Bunny vorsichtig. Sie war so Begriffsstutzig, dass sie nicht verstand, warum Mamoru das wissen wollte.

„Für mich spielt es eine Rolle.“ Er blickte ihr tief in die Augen. „Begreifst du es denn nicht?“

Sie fing seinen Blick und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie traute sich kaum etwas zu sagen. Hatte er sich etwa auch in sie verliebt?

Sie zögerte und erwiderte nun seinen Blick. Er wusste nicht, ob er nun einen Fehler machte, doch er beugte sich zu ihr runter, so nah, dass sie nicht mehr ausweichen konnte und wiederholte sanft seine Worte.

„Für mich spielt es eine Rolle.“

Bunny versank in seinen blauen Augen und konnte sich nicht länger halten. Sie umschloss mit ihren Händen sein Gesicht und küsste ihn zart auf die Lippen. Sie überraschte ihn immer wieder, doch er schloss die Augen und genoss diesen Augenblick. Als sie ihre Lippen von ihm löste und ihm in die Augen schaute, vernahm er plötzlich einen Duft, der ihm vertraut vorkam.

„Sakura?“, sagte er mit aufgerissenen Augen.

Bunny lächelte und antwortete ihm schließlich. „Ja, ich bin in meinen ‚Entführer‘ verliebt. Er hat mich vor einem Auto gerettet, hat meine Pfote gesund gepflegt und mir immer nur das leckerste Futter gegeben. Er hat auch mit mir gespielt und mich vor einer Betrügerin gerettet, die mich wahrscheinlich in eine rosa Katzenzucht gesteckt hätte. Er hat mich vor Blitz und Donner beschützte, als ich vor Angst fast gestorben wäre, mich auf seiner Brust schlafen lassen und mich so lange gestreichelt, bis ich eingeschlafen bin.“

Mamoru folgte erstaunt ihren Worten. „Aber das begreife ich nicht!“

„Es tut mir leid, dass ich einfach so aus deiner Wohnung verschwunden bin, aber als ich plötzlich wieder ich selbst war, konnte ich nicht mehr bleiben. Sonst hättest du nur behauptet, dass die Weichbirne bei dir eingebrochen ist.“, sie lächelte.

„Das heißt, dass du es die ganze Zeit warst?“

„Ja.“ Bunny sah ihn wieder so sanft an. „Bitte verzeih mir, dass ich dir so viel Kummer bereitet habe.“

Er nahm sie so fest in den Arm, als hätte er sie eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. „Du erstaunst mich immer wieder!“

Bunny versank in seinen starken Armen, die sie so sehr vermisst hatte. „Ich konnte es nicht erwarten wieder in deinen Armen zu liegen.“

Mamoru packte sie an den Schultern und schaute sie prüfend an. „Du weißt aber, dass du mir jetzt eine ganze Menge erklären musst?!“

Bunny begann zu lachen und fiel wieder in seine Arme.



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