𝐀 𝐋𝐢𝐟𝐞𝐭𝐢𝐦𝐞 𝐏𝐫𝐨𝐦𝐢𝐬𝐞
Vorbei.
Der letzte Kampf dieses erbarmungslosen Krieges war nun endlich vorbei. Trotz der anhaltenden Schmerzen, lächelte Naruto dem aufgehenden Horizont entgegen, welcher die bösen Schatten der vergangenen Nächte vertrieb.
Er ballte seine Hand zu einer Faust und streckte sie in die Höhe. Wusste nun, dass sich die jahrelangen Strapazen...das eiserne Training und vor allen Dingen sein schier unendlicher Kampfgeist gelohnt hatten – auch wenn dieser Weg einen sehr hohen Preis einforderte.
In diesem Moment schielte er zu Sasuke und auf seinen Gesichtszügen bildete sich ein breites Grinsen. Mit ihm am Wasserfall den Beginn des nächsten Morgens noch miterleben zu können, war mehr, als er erwartet hatte. Denn allmählich verließen ihn seine Kräfte – nicht zuletzt durch den hohen Blutverlust seines rechten Arms.
Und das ausgerechnet am Shūmatsu no Tani – welch Ironie des Schicksals.
Bei dem Versuch sich aufzurichten, sog Naruto scharf die Luft ein und fiel zurück auf den harten Steinboden. „Argh! Ich schätze...es ist noch zu früh, um sich wieder zu bewegen. Schade...ich hätte dir zu gerne noch eine verpasst!“
Zunächst blieb es zwischen ihnen still. Nur das Rauschen des strömenden Wasserfalls drang durch ihre Ohren und blendete jede andere Akustik um sie herum aus. Doch dann erklang ein dunkles Lachen neben ihm und der Konoha-Nin blinzelte überrascht.
ER lachte?
„Du willst nach allem immer noch kämpfen?“ Ungläubig schüttelte er seinen Kopf und konnte es nicht fassen.
Natürlich ließ Naruto die Frage nicht einfach auf sich sitzen. „Natürlich! Zu jeder Zeit und so oft...-!“
„Okay...dann nehme ich deine Herausforderung an“, unterbrach ihn Sasuke und nahm noch einmal tief Luft. „Ich habe schließlich verloren...und ich denke...dass ist das Mindeste, was ich in dieser Situation tun kann.“
„Baka!“ Seine Lunge brannte und der Geschmack von Blut breitete sich auf seiner Zunge aus. Für einen kurzen Augenblick hielt Naruto inne, ehe er seinen Satz erbost fortfuhr. „Hier geht es nicht ums Gewinnen oder Verlieren! Sondern darum, dir die Augen zu öffnen und dich aus dem dunklen Sumpf deines Leids zu befreien!“
Das Echo seiner Worte hallte über das gesamte Gebiet und hinterließen eine Ebbe der Stille. Ihre Blicke waren noch immer auf den jeweils anderen gerichtet. Versuchten die Gedanken des Anderen zu analysieren und gleichzeitig ihre eigenen zu ordnen.
„Naruto.“ Der Angesprochene horchte auf und die Verwunderung in seinen Augen war genauso einfach abzulesen, wie ein offenes Buch. „Vielleicht...wäre der Tod die bessere Option. Ich würde ihn...annehmen. Der lastende Fluch durch den Pfad der sechs Weisen würde mit dem heutigen Tag enden...und ich wäre in der Lage wirklich frei zu sein.“
Die aufkeimende Wut breitete sich rasant in seinem Inneren aus. Am liebsten hätte er Sasuke für diese Aussage eine Faust in seine Visage verpasst. Wie konnte er nach alldem, was sie erlebt hatten, noch immer sterben wollen? Waren all seine Mühen etwa umsonst gewesen?
„Was redest du für einen Blödsinn? Wenn du für deine Taten, Buße zeigen willst, dann hilf mir das Dorf wiederaufzubauen und einen Weg zu finden, damit so etwas nicht noch einmal geschieht. Außerdem...könnte selbst der Tod dich nicht vor mir retten, das verspreche ich dir!“
Das Ziehen in seiner Lunge nahm immer weiter zu und es war nur eine Frage der Zeit, bis er nicht mehr in der Lage sein würde, diese Konversation zwischen ihnen aufrecht zu erhalten. Es war ein Rennen gegen die Zeit.
Dessen war sich Naruto bewusst.
„Warum...?“, flüsterte Sasuke. „Warum riskierst du so viel für mich?“
Nach all der Zeit...nach allem, was sie gemeinsam erlebt haben, hatte der Idiot immer noch nicht verstanden, wofür?! War die Antwort nicht offensichtlich? Wie oft hatte er ihm seinen Beweggrund genannt?“
„Lass es mich nicht immer wiederholen. Ich habe es dir bereits oft genug gesagt!“
Statt eines erwarteten verbalen Konters, blieb es diesmal still. Es schien, als ob Sasuke tatsächlich über den Grund nachdachte und in seine eigene Gedankenwelt versank.
Minuten vergingen und Naruto merkte, wie ihn allmählich die Kräfte verließen. Seine Kehle eine Blockade aufwies und dadurch nicht mehr in der Lage war, lauthals zu sprechen.
Sein Körper allmählich aufhörte, ihm zu gehorchen.
Für den Bruchteil einer Sekunde funkelte etwas in Sasukes dunklen Seelenspiegel. Oder irrte er sich?
Er konnte es nicht genau sagen, denn plötzlich wandte dieser sein Gesicht von ihm ab. Zuerst sah ihn Naruto verständnislos an und wirkte beinahe schon verletzt von der Reaktion. Doch dann erkannte er im Sonnenlicht das Schimmern einer herunterlaufenden Träne.
Sasuke weinte? Etwa wegen ihm?
In diesem Moment zog sich sein Herz zusammen. Wusste, dass es besser war zu schweigen und ihm seine Zeit zu geben. Auch wenn seine eigene kurz vor einem abrupten Ende stand.
Sakura...Kakashi...
Die Wiedervereinigung seines alten Teams würde er nicht mehr miterleben. Dabei hätte er gerne noch viele Abenteuer mit ihnen und all den anderen Kameraden aus der Allianz erlebt. Wie gerne hätte er den Titel des Hokage erklommen und für den Frieden in der Ninja-Welt gesorgt.
All diese Dinge würden stets ein Traum bleiben.
Dennoch stimmte es ihn nicht wirklich traurig. Die Tatsache, dass Sasuke überlebt hatte und sein Leben von nun an richtig beginnen konnte, überwog. Zwar müsste er sich für einiges verantworten, aber er war sich sicher, dass Kakashi dafür bestimmt etwas einfallen würde.
Leider würde er seinen neuen Lebensabschnitt nicht mehr erleben.
„Sa...su...ke...“
Mit allerletzter Kraft streckte Naruto seinen linken Arm nach ihm aus. Seine Wahrnehmung verschwamm und seine heisere Stimme wurde vom monströsen Wasserfall verschlungen.
Wie sehr er sich in diesem Moment wünschte, sein Gesicht ein letztes Mal zu sehen.
Kraftlos sank sein Arm zu Boden und konnte nur noch einen winzigen Spalt durch seine Augen erkennen. Ihn.
In Gedanken entsandte er ein letztes Gebet.
„Kami-sama...wenn du mir vor meinem Ableben noch einen Wunsch gewähren würdest...bitte ich dich, dass ich alle – insbesondere ihn – in meinem nächsten Leben wiedersehen kann. Egal, welchen Preis du dafür einforderst.“
Und so schloss der Ninja-Held mit einem zufriedenen Lächeln seine Lider.
Für immer.
𝐔𝐧𝐞𝐱𝐩𝐞𝐜𝐭𝐞𝐝 𝐃𝐞𝐜𝐢𝐬𝐢𝐨𝐧
Gegenwart im Jahr 2022: USA, Bundesstaat Illinois, Chicago.
Die Leere in seinen Augen drückte mehr aus, als Worte sie jemals erfassen könnten. Starr richteten sie sich an die Zimmerdecke und fokussierten irgendeinen Punkt darauf. Die Trauer in ihnen war unbändig.
Alleine der Gedanke an die Geschehnisse der letzten Tage verursachte ein starkes Ziehen in seiner Brust. Auch wenn dies ein Zeichen dafür war, noch Emotionen, sowie Gefühle empfinden zu können, änderte es nichts an der Tatsache, dass ein Teil davon für immer aus seinem Leben fortgerissen wurde.
„Danke für alles...-“
Schnell schüttelte Naruto den Kopf. Versuchte die Erinnerungen von jenem Tag aus seinem Gedächtnis zu verbannen, was ihm deutlich misslang. In der Realität...in seinen Träumen...überall erschienen ihm die Bilder vor seinem inneren Auge, als er ihn das letzte Mal in den Armen hielt.
Obwohl sie viel mehr gewesen waren, als nur einfache Kollegen. Viele hatten sie sogar als Brüder bezeichnet. Und ihn nicht mehr unter den Lebenden zu wissen, war einfach nur surreal.
Seufzend schlug er die Decke zur Seite und seine nackten Füße berührten den kalten Fußboden. Beinahe schon mechanisch stand er auf und wanderte zum Badezimmer. Beim Anblick seines Spiegelbildes, fielen ihm die tiefen Schatten unter seinen Lidern auf, schenkte diesem aber keine Beachtung. Stattdessen zog er seine Shorts aus und ließ sie achtlos fallen.
Das anschließende warme Wasser des Duschkopfs prasselte direkt auf sein Gesicht nieder, veränderte jedoch nicht das Geringste in seinem abwesenden Gesichtsausdruck. Bevor sich seine Gedanken zu einem Maximum an Selbstmitleid und Vorwürfen ansammeln konnten, drehte er den Wasserhahn zu und trocknete sich anschließend ab.
Zurück in seinem Schlafzimmer nahm Naruto seinen schwarzen Anzug heraus und legte den Rest seiner Kleidung auf das Bett. Realisierte nur schwer, was ihm heute noch bevorstehen würde. So sehr er sich immer wieder einredete, stark bleiben zu müssen, kämpfte er mit seinen Gefühlen.
Wollte ihnen am liebsten freien Lauf lassen, konnte es allerdings nicht. Alles in ihm fühlte sich nur noch taub an.
Beim Zuknöpfen seines Hemdes fiel sein Blick auf das eingerahmte Bild, welches sich auf seinem Nachtisch befand. Vorsichtig nahm er es in die Hand und fuhr beinahe schon vorsichtig mit den Fingerkuppen darüber – als würde das Foto oder gar die Erinnerung daran jeden Augenblick zerbrechen können.
Der Tag, an welchem sein selbsternannter Kōhai die Polizeiakademie absolviert und mit Bravour bestanden hatte.
Ihre beiden fröhlichen Gesichter auf diesem Bild für die Ewigkeit festgehalten wurde. Je länger er es anstarrte, desto unerträglicher wurde es für ihn.
Der Wunsch, die Zeit bis zu diesem Punkt zurückdrehen zu können, würde nichts weiter als ein Traum bleiben.
[⏳]
Sarutobi, Konohamaru
...Verlobter...
...geliebtes Familienmitglied...
...bester Freund...
….geachteter Kollege...
Ruhe in Frieden.
Die einzelnen Buchstaben waren in geschwungener Schrift auf dem Grabstein eingraviert worden. So fein und leicht sie auch wirken mochten, so hinterließen sie mit ihren Worten eine tonnenschwere Last in den Herzen der Trauergäste.
Naruto selbst hielt sich mit seinen Gefühlen zurück, auch wenn der Anblick auf das Grab nur schwer zu ertragen war. Direkt vor ihm stand Konohamarus Verlobte und platzierte einen Bund weißer Lilien auf sein Grab. Hanabi hatte während der gesamten Trauerzeremonie versucht ihre Fassung zu bewahren, aber auch für sie war irgendwann der Punkt erreicht gewesen, an dem ihre Gefühle sie übermannten und so ihren Tränen freien Lauf ließ. Glücklicherweise fand sie Trost in den Armen ihrer älteren Schwester, die womöglich die größte Stütze während dieser schweren Zeit sein durfte.
Er selbst wollte sich in aller Ruhe von ihm verabschieden, auch wenn ihm durchaus bewusst war, dass er heute höchstwahrscheinlich nicht dazu kommen würde. Dennoch war es für ihn von äußerster Wichtigkeit gewesen, überhaupt zur Abschiedszeremonie zu erscheinen.
Nach der Rede des Bestatters löste sich die trauernde Versammlung auf und nur die Familienmitglieder, sowie engsten Freunde blieben noch auf dem Friedhof. Da nun alle Anwesenden sich etwas weiter weg vom Grab befanden, hätte er jetzt die Möglichkeit sich in Ruhe von Konohamaru zu verabschieden. Wenn...-
„Alles okay?“
Kiba war an ihn herangetreten und klopfte ihm bedeutungsvoll auf die Schulter. Auch wenn Naruto es im Moment nicht zum Ausdruck bringen konnte, tat es ihm gut, ihn an seiner Seite zu wissen.
„Wie man's nimmt“, antwortete er ehrlich und sein Blick wirkte etwas trüb. „Meine Schuldgefühle sind momentan größer, als sein Tod selbst.“
Es wurde einen kleinen Augenblick still zwischen ihnen. Kurz darauf ging sein bester Freund vor dem Grab in die Hocke und stellte darauf Weihrauchstäbchen ab, dessen Geruch sich durch die Luft hin überall verteilte. Ein letztes Mal atmete dieser hörbar aus, ehe er ihre begonnene Konversation fortfuhr. „Wir wissen beide, dass du nichts hättest tun können, also mach dir keine Vorwürfe für das, was passiert ist.“
Insgeheim kannte Naruto die Wahrheit, aber sein Kopf tat alles daran, um jene aus seinen Gedanken zu verbannen. Dazu hingen viel zu viele Erinnerungen mit Konohamaru zusammen. Kein Wunder, schließlich war er seit der Polizeiakademie sein Schützling gewesen und hatte durchaus hohes Potential besessen, in diesem Beruf noch weit nach oben aufzusteigen.
Allerdings würde diese Vorstellung für immer nur ein hauchzarter Wunschgedanke seinerseits bleiben. Und diese Erkenntnis riss ihm förmlich das Herz heraus und hinterließ nichts weiter als eine leere Hülle seiner selbst.
[⏳]
Drei Monate waren seit der Beerdigung vergangen und die Alltagsroutine kehrte bei den meisten wieder ein.
Bei allen außer Naruto.
Die nächtlichen Panikattacken hatten zwar mit der Zeit nachgelassen, jedoch gab es ein weitaus größeres Problem, dessen er sich bewusst wurde, nachdem er bereits einen Monat nach Konohamarus Tod den Dienst wieder angetreten war.
Sein gebrochenes Vertrauen.
Neji Hyuga, sein direkter Vorgesetzter und guter Freund, hatte ihm am selben Tag seiner Ankunft mitgeteilt, dass er in Kürze einen neuen Dienstpartner erhalten würde. Diese Nachricht hatte ihn vollkommen aus der Bahn geworfen und war weder seelisch, noch emotional auf diesen Schritt gefasst gewesen.
Am Schlimmsten allerdings, war die Tatsache, dass es sich so anfühlte, als ob er Konohamaru einfach durch jemand anderen ersetzen und ihn endgültig aus seinen Erinnerungen katapultieren wollte. Etwas, was sich wie pures Gift rasant in seinem Inneren ausbreitete.
Ein neuer Kollege an seiner Seite...welch irrationaler Gedanke. Nicht einmal Kiba – für den unwahrscheinlichen Fall, dass dieser wirklich den Posten übernehmen dürfte – könnte diese Lücke füllen. Natürlich hatten er und seine Frau Hinata für seine aktuelle Situation Verständnis aufgebracht, auch wenn es in den letzten Tagen öfters zu kleinen, verbalen Auseinandersetzungen zwischen seinem besten Freund und ihm gekommen war.
Jedoch sah Neji die Gesamtsituation scheinbar eher aus beruflicher Sicht. Wieso sonst saß er ihm in diesem Augenblick gegenüber und wurde von dessen fliederfarbenen Augen ins Visier genommen?
Sie lieferten sich ein stummes Wettstarren – solange, bis ein tiefer Seufzer die Kehle seines Vorgesetzten verließ. „Ich weiß, dass du eine harte Zeit hinter dir hast. Trotzdem kann es nicht so weitergehen.“
Stumm wanderte Narutos Blick zum Holztisch und fixierte einen beliebigen Punkt darauf. Er schluckte den aufkeimenden dicken Kloß herunter. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
„Das ist mir bewusst. Und auch, dass ihr wegen mir besorgt seid. Aber ich möchte kein Mitleid oder sonstiges. Ich will einfach nur meinen Job erledigen und der Rest legt sich mit der Zeit von selbst.“
An Nejis Stirn bildete sich eine tiefe, nachdenkliche Falte. Ein Anzeichen dafür, dass er sicherlich nicht seine Ansichten mit ihm teilte. Wie sich gleich herausstellen sollte, lag er mit seiner Annahme absolut richtig.
„Wir hatten vor ein paar Tagen eine Besprechung darüber, ob es überhaupt noch Sinn macht, dir einen neuen Partner zur Verfügung zu stellen“, erzählte er und schwieg für ein paar Sekunden, ehe er seine Lider schloss und sie wieder öffnete. „Also habe ich mit einem alten Bekannten telefoniert. Ich denke...wenn du nach Florida versetzt wirst und...-“
Narutos Adrenalinspiegel steigerte sich unweigerlich und alles in ihm begann zu brodeln. In seinem Kopf herrschte absolutes Chaos und er konnte nicht glauben, was er soeben gehört hatte. Sein Blick verwandelte sich von Nachdenklich zu Fassungslosigkeit. „Du verarscht mich doch gerade, oder?! Das glaub ich jetzt nicht!“
Doch Nejis Miene blieb eisern. „Und ob es mein Ernst ist. Mag sein, dass wir dich vor den Kopf gestoßen haben, aber dein momentaner Zustand hat uns keine andere Wahl gelassen. Sonst wirst du nie...-“
Das plötzliche Donnern zweier Handflächen auf die massive Tischplatte ließen den Rest des Satzes im Keim ersticken und ihn stattdessen in azurblaue Seelenspiegel sehen, in deren Innerem ein Taifun wütete.
„Du redest ständig von wir? Aber weißt du was?! Ich glaube mittlerweile, dass du alles aus eigener Hand entschieden hast! Was bist du nur für...-“
„Jetzt mach mal einen Punkt! Ich bin immer noch dein Boss und treffe die Entscheidungen!“ Neji hatte seine Stimme deutlich erhoben – eine Seltenheit, über dessen Phänomen Naruto das erste Mal Zeuge wurde. Anscheinend hatte er die Grenze überschritten und auch wenn es in ihm nahezu brannte, seiner Wut freien Lauf zu lassen, knirschte er die Zähne aneinander und schwieg.
Die Enttäuschung und auch die nicht vorhandene Gelegenheit mit ihm vorher gesprochen zu haben, lösten ein sehr beklemmendes Ziehen in seinem Lungenbereich aus und verursachte gleichzeitig, dass sich seine Kehle staubtrocken anfühlte.
Das Rauschen in seinen Ohren wurde immer präsenter und seine Atmung stockte immer mehr. Er musste hier raus und zwar sofort!
Blitzschnell griff er nach seiner Jacke, welche über der Stuhllehne lag und riss sie förmlich an sich, sodass der Stuhl mit einem lauten Krach zu Boden fiel. Doch Naruto achtete nicht darauf und stürmte – trotz der Protestrufe Nejis – aus dem Büro.
In diesem Moment wurde die dunkle Kluft in seinem Herzen größer als je zuvor.
[⏳]
„Noch eins bitte.“
Naruto saß an der Bar und hielt den kühlen Flaschenhals seines Biers. Er wusste nicht, seit wann er sich in diesem Lokal befand. Was er allerdings wusste, war, dass er seitdem seinen Alkoholpegel ziemlich weit nach oben katapultierte.
Ebenfalls eine Methode, den vorhandenen Frust in den Griff zu bekommen. Oder mit ihm umgehen zu können.
Vermutlich hatten seine Freunde – inklusive Neji – den gesamten restlichen Tag über versucht ihn zu erreichen, doch er hatte vorgesorgt und das Handy ausgeschaltet. So sehr er ihre Fürsorge genoss, wollte Naruto gerade alleine sein.
Er fuhr sich durch seine blonden Haare und griff fest hinein. Sein Gesichtsausdruck wirkte gequält und spiegelte den Schmerz in seiner Seele wieder.
Wie konnte sein eigener Kumpel ihm das antun? Jeder in seinem Umfeld wusste, wie viel ihm an seinem Job lag. Vielleicht mochte Neji in Bezug um seine Trauer über Konohamaru recht haben – was aber noch lange nicht hieß, dass er schwerwiegende Entscheidungen über seinen Kopf hinweg entscheiden konnte.
Frustriert nahm er die letzten Schlücke aus seiner Flasche und bettete seinen Kopf zwischen seine überkreuzten Arme ein. Ließ den Alkohol auf sich einwirken, um seine Sinne zu betäuben.
Eine Möglichkeit aus der bitteren Realität zu entkommen und…-
„Hier steckst du also.“
Etwas überrascht blickte Naruto auf und wurde mit den dunklen Augen seines besten Freundes konfrontiert, welcher sich direkt neben ihm setzte. Einen wahrhaft beschisseneren Zeitpunkt hätte er womöglich nicht wählen können.
„Was willst du hier? Schickt dich Neji? Wenn ja...dann kannst du dich gleich verpissen“, meinte er missmutig.
Statt einer Antwort, bestellte Kiba ebenfalls ein Bier und schob sich aus der kleinen Snackbar vor ihnen ein paar Salzstangen in den Mund. Skeptisch schielte Naruto zu ihm und beobachtete ihn. Normalerweise zögerte er nie eine Antwort hinaus. Hinzu kam, dass er bisher kein einziges Wort wegen Neji verloren hatte. Die Krönung des Ganzen war allerdings seine viel zu ruhige Präsenz.
Irgendetwas war hier oberfaul.
Ihr Schweigen löste Unbehaglichkeit in ihm aus und gerade als Naruto es brechen wollte, ergriff schließlich Kiba das Wort.
„Ich war es.“
Verwirrt starrte er ihn an und verstand den Zusammenhang seiner Worte nicht. Was redete Kiba sich da zusammen?
„Nicht Neji, sondern ich habe den Vorschlag wegen deiner Versetzung gehabt. Er hat nur alles in die Wege geleitet, aber der Verursacher…bin letzten Endes ich gewesen.“
Irgendetwas rammte sich unwillkürlich in sein Herz und Naruto hätte sich beinahe an die linke Brust gegriffen.
Sein bester Freund sollte ihn ernsthaft hintergangen haben und in Wirklichkeit hinter dem Ganzen stecken!? Nein...das konnte und wollte er nicht glauben!
„Alter...ich weiß, dass Neji dein Schwager ist und du ihn deshalb decken willst, aber findest du nicht…-“
„Nein, nichts dergleichen. Ich habe die letzten Wochen und Monate abgewartet, ob deinerseits ein Wendepunkt oder irgendein Anzeichen hierzu kommt. Aber es kam nichts. Absolut gar nichts, also musste ich es selbst in die Hand nehmen.“
Der letzte Hoffnungsschimmer war soeben erloschen und all seine Emotionen der letzten Wochen stauten sich nach oben, sodass Naruto seinem Impuls freien Lauf ließ, seine Faust ausholte und ihm direkt einen heftigen Schlag gegen die Wange verpasste.
Kiba verlor das Gleichgewicht und fiel mit einen schier ohrenbetäubenden Laut vom Barhocker.
Alle Leute in der Bar sahen zu ihnen und auch der Barkeeper wollte nicht untätig sein und die Security rufen. Allerdings erhob sich Kiba schnell wieder vom Boden und machte ein Handzeichen, dass alles in Ordnung wäre und steckte ihm ein Extratrinkgeld zu.
Zum Zeichen, dass die Sache endgültig behoben war.
Argwöhnisch beobachtete er die beiden kurz, ehe er sich wieder den anderen Gästen widmete.
Indes sahen Narutos Lider seinen besten Freund mit purem Zorn an, der auch noch die Frechheit besessen hatte, sich wieder neben ihm hinzusetzen und den Schlag wie einen harmlosen Klaps wegsteckte.
Ungerührt erwiderte dieser seinen Blick und rümpfte sich die Nase. „Beim ersten Mal hab ich es durchgehen lassen, beim zweiten Mal werde ich mit Sicherheit nicht zögern, dir eine neue Visage zu verpassen.“
Sollte das etwa eine Drohung sein?
Von der Provokation noch mehr angestachelt – und möglicherweise auch durch seinen beschwipsten Zustand – konfrontierte er Kiba mit seinem Geständnis.
„Wieso?! Wieso hast du das gemacht...!? Du hättest mit mir reden können! Wie oft haben wir uns in letzter Zeit gesehen, hm? Und da bot sich nicht einmal an, mir das zu sagen!?“
Nichts weiter als Hochverrat.
„Checkst du nicht, dass ich es um deinetwillen getan habe?“, reagierte er nun ebenfalls erbost und fuchtelte mit seinen Händen.
Jetzt verstand Naruto überhaupt nichts mehr. Um seinetwillen?! Für wie dumm hielt er ihn?
„Du kannst versuchen jemand anderen damit zu verarschen, aber mich sicherlich nicht!“
Scheinbar hatte er es geschafft, Kibas anfänglichen Geduldsfaden zum Reißen zu bringen, denn dieser packte ihn nun an seinem Hemd und zog ihn zu sich. Er konnte seine weißen spitzen Eckzähne sehen, die ihn bedrohlich anfunkelten.
„Es reicht! Kriegst du eigentlich noch irgendetwas mit?“, zischte ihm Kiba entgegen. „Jeder von uns verarbeitet auf seine Art und Weise seine Trauer – und das ist auch völlig okay so. Doch irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem man sagt, entweder ich bleibe in der Vergangenheit stehen oder gehe weiter in Richtung Zukunft.“
Zum ersten Mal nach langer Zeit war Naruto wieder bei klarem Verstand und sah ihn mit großen Augen an. Offenbar schien Kiba seine Reaktion bemerkt zu haben und ließ ihn los, ohne den Blickkontakt zu ihm abzubrechen.
„Hör mal. Sogar Hanabi ist vor Kurzem nach New York gezogen und wird im kommenden Semester dort anfangen zu studieren. Was ich dir damit sagen will, ist folgendes: Du bist in deiner Trauer so sehr gefangen, dass du dir selbst damit schadest. Keiner macht dir deshalb irgendwelche Vorwürfe. Aber hier würdest du ständig mit der Vergangenheit konfrontiert werden...ich denke, es wird dir gut tun, eine zeitlang ein neues Umfeld zu haben. Glaub mir...du wirst die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Außerdem sind wir nicht am anderen Ende der Staaten, sondern nur ein paar Flugstunden entfernt. Wir werden dich immer unterstützen, egal was ist.“
Nach dieser recht emotionalen Rede, ließ Naruto die Worte nochmal auf sich einwirken. Als hätten Kibas Worte einen Art Mechanismus in seinem Kopf ausgelöst.
Schließlich erkannte er, dass er gegenüber seinen Freunden alles andere als fair gewesen war.
„Sorry...echt jetzt. Ich habe mich die letzten Wochen wirklich wie ein totaler Idiot aufgeführt“, entschuldigte sich Naruto reuevoll und nahm wieder an der Bar Platz.
„Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen...aber bei Neji. Der klang am Hörer ziemlich angepisst“, winkte Kiba mit einem Grinsen ab. „Das du ein Idiot bist, merkst du erst jetzt? Oh, Mann...wobei...Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung ist.“
Nun lächelte auch Naruto. Zum Glück war sein bester Freund kein nachtragender Mensch. Ein großer Stein fiel ihm von Herzen.
Option Florida war mit Sicherheit nicht verkehrt – auch wenn das hieße seine gewohnte Umgebung und die Menschen, welche ihm am Herzen lagen für einen längeren Zeitraum nicht sehen zu können.
„Ach ja, übrigens“, unterbrach ihn Kiba in seinem Gedankenstrudel. „Eigentlich wäre ich vorhin bei dem Gespräch mit Neji dabei gewesen...doch mir ist etwas dazwischen gekommen – nämlich das hier.“
Damit überreichte er ihm einen weißen Umschlag und Naruto starrte ihn etwas verwundert an.
„Was ist das?“
„Mach ihn auf.“
Neugierig, aber auch etwas misstrauisch, öffnete Naruto den Briefumschlag. Ein schwarz-weiß Foto sprang ihm ins Auge und verstand die Bedeutung dahinter nicht, weshalb er es fragwürdig musterte und Kiba kurz daraufhin prustete.
„Lies die Rückseite.“
Gesagt, getan. Auf der Rückseite entdeckte er einen Satz und blickte ungläubig die Botschaft an.
» Herzlichen Glückwunsch, Du wirst Onkel! «
Abwechselnd sah er zwischen dem Bild und Kiba hin und her.
Sollte das etwa heißen…?
Ein warmes Gefühl breitete sich in seinem Inneren aus und ein aufrichtiges Grinsen umspielte seine Lippen. „Alter du wirst Vater!“
„Schnellchecker“, erwiderte er und wurde prompt in eine feste Umarmung gezogen.
Er freute sich riesig für ihn. Eventuell hatte Kiba mit seiner Lebenstheorie gar nicht mal so unrecht. Auch wenn es lange dauern würde, bis seine seelischen Wunden heilen würden, durfte man den Weg in die Zukunft nicht verschließen.
Kaum lösten sie sich voneinander, griffen sie nach ihrem jeweiligen Bier und sahen sich an.
„Auf dich!“, kam es von beiden gleichzeitig und stießen auf den jeweils anderen an.
Schon bald würde für sie beide ein neuer Lebensabschnitt geben und Naruto ein neues Abenteuer, in einer neuen Stadt beginnen. Zwar wusste er noch nicht, wohin sein zukünftiger Weg ihn hinführen würde, eines wusste er hundertprozentig:
Er würde diesen Weg ohne Reue voransschreiten.
