W I S H - O N E ◊ Your Name
Lumine war verzweifelt. Sie zerrte an den Ketten die sie an das Gitter fesselten, während das Wasser immer höher an stieg. Sie konnte nichts tun, außer mit aller Kraft um ihre Freiheit und ihr Leben zu zerren. Paimon flog ängstlich und Hilflos um sie herum. Sie hatte schon den ganzen Raum, in dem ihre Freundin eingesperrt war, nach etwas abgesucht, mit dem sie sich befreien könnte, doch ohne Ergebnis. Es war aussichtslos und das alles nur wegen eines Fehlers, den Lumine begangen hatte.
Sie hatte einen Auftrag angenommen, der sich ganz einfach anhörte: Spüre das Versteck dreister Diebe, die mehrere Millionen Mora erbeutet hatten auf und bringe sie zur Strecke. Eigentlich hatte es gelautet das versteck lediglich zu finden und sämtliche Informationen an die Millelithen in Liyue weiter zugeben, doch als der Soldat – Lumine konnte sich bei bestem Wille nicht mehr an seinen Rang erinnern – erkannt hatte, wer da vor ihm stand, hatte er den letzten Teil einfach durchgestrichen und das „bringe sie zur Strecke“ drüber gekritzelt. Merkwürdiger weise, konnte sie sich sehr gut daran erinnern, dass der Kerl eine unheimliche, ja regelrechte, Sauklaue hatte, die nur schwer zu lesen war.
Herauszufinden wo sich ihr Versteck befand war nicht schwer gewesen. Lumine und Paimon hatten bereits zu oft solche Aufspüraufträge ausgeführt, dass sie sich bald schon als „Teyvats menschliche Spürhündin“ bewerben konnte. Es war also ein Leichtes gewesen in das Versteck der Diebe, in einem der hintersten Winkel der vom Geo Archon unzähligen erschaffenen Berge, zu finden. Nur weil die Räuber es so gewollt hatten, hatte sie später erfahren.
Sie hatte gedacht sie wäre vorsichtig, so wie immer, doch ungeahnt tappte sie in die Falle. Paimon endete als Geisel in einem Käfig und nach einem unfairen Kampf holte Lumine das Schicksal ein und kettete sie an diesem Gitter. Eingesperrt in einem vollkommen abgeriegelten Raum, ohne Fenster, mit nur einer kläglichen Lampe die Licht spendete und mit einem Loch in der Decke, durch die man den Nachthimmel sehen konnte und das Wasser in den Raum gefüllt wurde. Der Wasserspiegel war mittlerweile weit über ihre Knie und das Wasser eisig kalt. Wenn sie nicht erfror, dann würde sie irgendwann ertrinken.
Lumine zerrte an den Ketten, doch das Eisen gab nicht nach und auch ihre Elementaren Kräfte funktionierten nicht. Dafür aber wurde ihre Panik immer größer und ihre Kraft rapide weniger.
»Du musst doch etwas tun können«, rief Paimon panisch, die erneut durch die Zelle flog, auf der Suche nach etwas brauchbarem, doch im Wasser trieben immer noch nur Stroh, Möhren, Rüben und Salatblätter. Nicht einmal mehr das Holz von dem Käfig, aus dem sich Paimon nur mit all ihrer Kraft hatte befreien können, eignete sich als Ausbruchswerkzeug, schließlich handelte es sich darum um einen einfachen Vogelkäfig.
Wenn Lumine sich wenigstens befreien könnte, dann könnte sie sicherlich irgendwie aus ihrem Gefängnis entkommen, doch dieses merkwürdige Eisen gab nicht bei.
»Lumine...«, Paimon klang so, als würde sie in jedem Augenblick anfangen zu weinen, doch darum konnte sich die Reisende nicht kümmern. Sie musste einen Weg herausfinden und ihre nervös umherfliegende Begleiterin konnte sie da nicht wirklich gebrauchen.
»Fliegende- Paimon!«
Das kleine, fliegende Wesen hielt inne und in dem Augenblick wurde es ihr selbst klar: Sie konnte fliegen! Sie war in der Lage herauszufliegen und Hilfe zu holen. Zhongli, oder Ningguang, oder Baidou- es wäre egal, selbst die Millelithen wären ihr recht, wenn nur irgend jemand kommen und sie retten würde.
»Halte durch, Lumine, ich hole Hilfe!«, sagte sie und verschwand hoch in den Himmel.
»Beeil dich bloß«, murmelte die Reisende und sah ihrer Freundin verzweifelt nach. Ihre Lippen bebten vor Kälte und das Wasser war mittlerweile bis zu ihrem Hintern angestiegen. Wie schnell sich der Raum mit Wasser füllte, oder kam es ihr nur so vor, weil sie Angst um ihr Leben hatte.
Das kalte Nass umschloss ihren Bauch und sie fror erbärmlich, bis in die letzte Haarspitze. Was sollte sie nur tun? Sie hatte weder die Kraft noch lange auf ihren eigenen Beinen zu halten, oder gar es zu versuchen sich zu befreien.
»Xiao«, murmelte Lumine ohne darüber nachzudenken und ihr Blick verschwamm. Der Wasserspiegel hatte ihre Brüste erreicht, als sie einen starken Windzug spürte und sich eine Lanze zwischen sie und dem Gitter durch die Eisenkette bohrte. Ihre Fessel gab nach und sie sackte Kraftlos zusammen. Dann wurde alles vor ihren Augen schwarz.
»Xiao…«
・ ・ ・ ❈ ・ ・ ・
Als Lumine wieder zu Bewusst sein kam, spürte sie einen angenehmen Luftzug und hörte das Rauschen von Blättern. Sie konnte Stimmen hören, aber die Worte waren nicht mehr als dumpfes gemurmel. Entweder waren die Personen in einer anderen Räumlichkeit, oder aber ihre Sinne waren noch nicht vollständig wieder da.
Sie wurde vom Licht geblendet, als sie die Augen öffnete, so dass sie ihre Lider so schnell wieder schloss, dass sie nicht erkennen konnte wo sie sich befand. Sie hätte wegen des grellen Lichts wahrscheinlich eh nichts erkennen können. Es dauerte eine Weile bis Lumine es erneut wagte ihre Augen zu öffnen. Langsam wich das Licht und ihre Augen gewöhnten sich daran wieder zu sehen. Sie musste unglaublich lange geschlafen haben.
Lumine erkannte ein fast gänzlich blickdichtes, goldgelbes Blätterdach über ihr. Wände hatte der Raum nicht, nur Äste, die rings herum den Blick in dieses geschmackvolle Baumhaus verbarg. Das Bett in dem sie lag befand sich in einem „Raum“ hoch oben in dem Wipfel eines großen und alten Baumes, das konnte sie mir ihren kurzen Blicken erkennen.
Zusammen mit ihrer Sicht, war auch langsam ihr Hörsinn zurück gekommen und sie konnte nicht nur die gesprochene Worte verstehen, sondern auch die Stimmen erkennen.
»Sie wird viel ihrer elementaren Energie verloren haben.« Sie erkannte Zhonglis tiefe Stimme gleich und auch das Rasseln der Kette wecke Erinnerungen in Lumine.
Sie war da unten in dem Verlies angekettet und dem Tod durch Ertrinken überlassen gewesen. Wie sie daraus gekommen war, war ihr noch ein Rätsel, doch das jemand sie gerettet hatte, war keine Frage. Ob Zhongli selbst dafür verantwortlich war? Und was bedeutete dieses „Sie wird viel ihrer elementaren Energie verloren haben“ überhaupt? Woran? Könnte das mit der Kette liegen, die verwendet wurde um sie am fliehen zu hindern?
»Sie brauch einfach nur Ruhe, gib ihr etwas Zeit und gedulde dich.«
Zhongli beruhigte eine ihr noch unbekannte Person, denn seit dem sie wieder im Besitz ihres vollen Hörsinns war, hatte diese Person nicht mehr geredet. War diese fremde Person so wütend und aufgebracht wegen ihrer Situation, dass sie keine Worte fand? Wer könnte so emotional aufgebracht darüber sein?
Lumine versuchte in ihrem Kopf einen Namen zu finden, doch es wollte ihr Keiner einfallen, so matschig fühlte sie sich immer noch in ihrem Kopf.
»Wenn ich diejenige finde, die ihr das angetan haben...«
Die Stimme durchdrang ihren ganzen Körper und weckte die Lebensgeister in ihren erschöpften Knochen. Unter größter Anstrengung stand Lumine aus dem Bett auf. Es war wirklich anstrengender als sie erwartet hätte, weil ihre Beine sich anfühlten, als würden sie aus elementaren Schleimen bestehen. Sie gab sich keine Zeit um sich umzusehen, wie es um sie herum aussah. Sie wollte nur zu den beiden Stimmen, die sich hinter dem Vorhand aufhielten, der in mitten dies Raumes aufgespannt war.
Lumine ging zwei, drei Schritte und dann verspürte sie einen Schmerz, der wie ein Blitz ihren Körper durchzog. »Xiao«, flüsterte sie den Namen des unbekannten, als sie zu Boden ging. Doch ehe sie auf dem Boden aufkam, wurde sie von zwei starken Armen aufgefangen.
»Morax«, rief der Adept besorgt, während er Lumine an sich drückte. Er wirkte so Ahnungslos und hilflos, als wüsste er nicht, was er mit ihr tun musste. Kein Wunder, schließlich hatten die tausende von Jahren die er lebte, sich nur mit der Jagd und Vernichtung von Dämonen beschäftigt.
Zhongli, wie Morax genannt werden wollte, schob den Vorhang beiseite und trat an die beiden heran. »Sie brauch einfach nur Ruhe, Xiao«, sagte er ruhig, ohne auf den falschen Namen aufmerksam zu machen. Er hob Lumine hoch und trug sie zurück zum Bett, während Xiao am Boden sitzen blieb.
»Auch für dich«, fing der Geo Archon streng an. »du solltest dich unbedingt ausruhen. Diese Ketten haben dir einiges an elementarer Energie entzogen. Du wirst dich sicherlich gewundert haben, warum du deine Fähigkeiten nicht hast nutzen können. Nun … Ich weiß nicht wie, oder woraus diese Ketten hergestellt wurden, aber sie sind schuld daran.«
»Hmmm«, gab Lumine von sich. Ihr war nicht wirklich danach liegen zu bleiben, auch wenn ihr klar war, das ihr Körper diese Ruhe noch brauchte, sie wollte zu Xiao. Der sonst so abweisende und Einzelgänger wirkte so ungewohnt Rat- und Hilfslos. Dabei war er eigentlich so stark und unabhängig.
»Xiao hat dich gerettet«, berichtete Zhongli das offensichtliche, schließlich hatte Lumine ihn zu sich gerufen, genauso wie gerade eben. »Es ist mir ein Rätsel wie er dich rechtzeitig finden können, aber es war Rettung in letzter Sekunde.«
Xiao wich dem Blick von Zhongli aus, als würde es ihn stören, dass der Geo Archon solch positive Worte wählte. Lumine vermutete, dass der Adept nicht mit einer Erklärung herausrücken wollte, also berichtete auch sie nicht von dem Versprechen, dass sie nur seinen Namen sagen musste, damit er zu ihr kam. Wie er es anstellte, dass sie ihn von egal wo in Teyvat herbeirufen konnte und er sie hörte, war ihr jedoch ebenfalls ein Rätsel.
»Xiao hat mich herbei gerufen, weil er sich Sorgen um deine Gesundheit gemacht hat, aber machen kann ich nichts für dich. Ausruhen musst du dich alleine. Xiao wird dir sicherlich erlauben hier zu bleiben.«
Der Adept nickte lediglich.
»Zhongli-san«, sagte Lumine hastig, als der Archon sich zum gehen wendete. Zhongli drehte sich noch mal zu ihr um. »Es gibt da etwas um das ich Euch bitten möchte.«
»Natürlich. Warum geht es?«, wollte Zhongli wissen und auch Xiao schien neugierig auf ihren Wunsch.
»Paimon hatte sich auf den Weg gemacht um Hilfe zu suchen, ich befürchte sie ist vollkommen außer sich vor Sorge, weil sie mich nicht mehr finden konnte.«
»Ich habe verstanden. Natürlich werde ich mich nach deiner Begleiterin umsehen.«
»Vielen Dank.«
Zhongli ging durch den Vorhang und Lumine war mit Xiao alleine. An schlafen und ausruhen war gar nicht zu denken. Dafür gingen ihr viel zu viele Gedanken durch den Kopf. Aber zu erst, wollte sie das wichtigste ansprechen: »Danke.«
»Schon gut, ich habe gesagt, ich beschütze dich und zu meinem Wort stehe ich. Immer.«
Lumine wusste, das der Adept es nicht so mit menschlichen Gefühlen hatte, weil er kein Mensch war, doch in diesem Moment wirkte er wie ein vollkommen normaler Mensch. In solchen seltenen Situationen wirkte er so verletzlich.
»Du solltest dich hinlegen und schlafen, wie Zhongli es gesagt hat«, sagte Xiao so nüchtern wie sie es von ihm gewohnt war. Der Adept stand endlich wieder vom Boden auf und wand sich zu der Balustrade, die als Wandersatz dienten.
»Wo sind wir hier?«, fragte Lumine, doch Xiao reagierte nicht, also stellte sie eine weitere Frage: »Lebst du hier?«
»Nein, nicht wirklich.«
Das Baumhaus war sporadisch eingerichtet. Eigentlich gab es nicht viel außer dem Bett und dem Vorhang. Da war ein Stuhl und ein kleiner Tisch und sonst nichts. Ausreichend für einen Adepten, der immer durch die Region wanderte und Dämonen jagte. Dazu kam, dass sie immer gedacht hatte, das er sich eher im Gasthaus Wangshu niedergelassen hatte.
Zu gerne hätte sie sich Lumine angesehen, was sich hinter dem Vorhang befand, doch dafür war ihr Körper noch nicht stark genug. Ihre Beine würden wie vorhin genauso schnell nachgeben und ob Xiao sie stützen würde, war fraglich. Zhongli hatte ihr Bettruhe verordnet und auch wenn er nicht mehr als der Geo Archon – dem Gott der Verträge – Morax angesehen werden wollte, hielt Xiao viel von ihm und sein Wort war irgendwie immer noch Gesetz.
Deswegen passierte es auch immer noch, dass der Adept ihn mit „Morax“ ansprach und nicht mit „Zhongli“. Immerhin war er immer noch der Geo Archon, auch wenn er die Herrschaft über Liyue an das Volk abgegeben hatte.
»Xiao?«
Er schien sie zu ignorieren. Denn das er sie hörte, war klar. Er würde es immer hören wenn sie seinen Namen sagte. Das Licht wurde durch die gelben Blätter des Baumes golden gefärbt und tauchte alles in ein warmes Licht. Es schmeichelte dem viel zu finster dreinblickenden Adepten und Lumine stellte fest, wie schön er aussah.
Als sie sich ihrer Gedanken bewusst wurde, lief sie rot an. Sie durfte sich doch nicht in ihn verlieben. Xiao war nicht in der Lage diese Gefühle zu erwidern, oder gar zu verstehen, oder? Es waren menschliche Gefühle. Störende, hörte sie ihn in ihrer Vorstellung hinzufügen.
»Ich will dir was zeigen, Reisende.«
»Lumine«, erwiderte sie. »Du kennst meinen Namen doch.«
Xiao schien verdutzt. Seine Gedanken schienen auf Hochtouren zu arbeiten. »Nennen dich nicht alle nur „Reisende“?«
»Das bedeutet nicht, dass ich möchte das du mich auch so nennst.« Oder überhaupt jemand.
»Na gut«, murmelte der Adept und wand sein Gesicht ab. Irrte Lumine sich, oder waren seine Wangen rot angelaufen? »Lumine, ich möchte dir etwas zeigen.«
»Aber«, fing sie an, während sie ihren Blick abwendete. Egal was es sein würde, dass er ihr zeigen wollte, sie würde sich niemals auf ihren Beinen halten können. Nicht alleine. »Ich befürchte du wirst mir helfen müssen.« Lumine setzte sich auf und schon das war wie zu vor schon anstrengend genug. Allen Anschein nach war es selbst nach außen offensichtlich, so dass Xiao an ihrer Seite war, noch ehe sie sich vollständig aufgerichtet hatte.
»Ganz langsam«, kommentierte der Adept seine Unterstützung und half ihr dabei sich aufzurichten. Er legte sich ihren linken Arm über die Schultern und stützte sie mit seinem rechten Arm, während er sie auf ihre Füße zog. Lumine spürte am ganzen Körper wie schwach sie noch war und das sie ohne seine Hilfe niemals hätte einfach so aufstehen können.
»Langsam«, wiederholte Xiao. Er wirkte fast schon übervorsichtig. »Langsa-«
»Nur so schnell wie ich kann«, fiel sie ihm ins Wort. Sie war ihm nicht böse, weil er sich um sie sorgte, sie war auch nicht mal halb so genervt, wie sie wirkte. Lumine hoffte, dass Xiao es ihr nicht übel nahm, zumindest schwieg er, während er sie langsam auf den Vorhang zuführte.
Ein Windzug schob den blickdichten Raumtrenner beiseite und so langsam war sich die Reisende nicht mehr sicher, ob nicht auch noch Venti seine Finger im Spiel hatte. Wer wusste schon was in dem Kopf des Anemo Archon vor sich ging? Niemand.
Neugierig warf Lumine einen Blick auf das was hinter dem Vorhang verborgen war: Nichts. Keine Einrichtung, nur eine Balustrade und ein wunderschöner Ausblick. Sie wusste nicht wo sich dieses Baumaus genau in Liyue befand, aber es war ihr auch egal, denn die Aussicht war wunderschön.
Xiao brachte sie zu dem Geländer und ließ sie sich an diesem abstützen. Er beobachtete sie schweigend, wie ihre Augen funkelnd alles bestaunten. Es war unmöglich zu sagen, was in diesem Augenblick mehr leuchtete: Das sich im Wassser spiegelnde Sonnenlicht, oder Lumines Augen.
Es vergingen mehrere Augenblicke, in denen sie nur da standen und nichts sagten, bis Lumines Stimme die Stille durchbrach: »Wunderschön«, das Wort war so leise über ihre Lippen gekommen, als hätte sie es unbewusst und ohne Absicht ausgesprochen.
»Ich dachte schon, dass es dir gefallen würde. Die Lichtreflektionen haben mich an-«
Lumine sah Xiao mit ihren funkelnden Augen an und rissen ihn aus seinen Gedanken. Das was er sagen wollte war mit einem Male weg, wie weggefegt und dennoch lag es vor ihm, in ihren Augen. Das Leuchten das er in ihnen sah, erinnerte ihn an den Nachthimmel voller Laternen, während des Festes in Liyue.
»Es ist wunderschön, Xiao.«
Ihre Blicke trafen sich und Lumines Wangen färbten sich in einen leichten rosa Farbton. Sie wand ihr Gesicht ab und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie war sich vollkommen bewusst, dass es bereits viel zu spät war, denn sie hatte sich schon damals während des Laternenfests in Xiao verliebt, nur deswegen hatte sie in der Not nach ihm gerufen. »Danke«, sagte sie. »Für alles.«
Xiao legte seine Hand an ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu ihr. Seine Mimik war nicht zu deuten, während Lumine ein offenes Buch sein musste. Die Färbung ihrer Wangen ging nun in ein leuchtendes Rot über.
»Du musst mir nicht danken.«
»Doch«, flüsterte sie. Sie biss sich auf die Lippen. Sie zitterte am ganzen Körper, aber nicht weil alles zu anstrengend für sie war, sondern weil sie sich zurück halten musste.
Er ließ ihr Kinn wieder frei und sah nun selber hinaus, während die Reisende ihren Blick nicht von ihm lassen konnte. Sollte sie? Sollte sie nicht?
Lumine wurde schwach und gab nach. Sie lehnte sich ihm entgegen, stellte sich mit aller Kraft auf ihre Zehenspitzen, während sie sich an dem Geländer abstützte und hauchte ihm einen Kuss auf die ihr zugewandte Wange. »Danke für alles«, wiederholte sie erneut und wand sich wieder der wunderschönen Aussicht zu, während sie sich an ihn lehnte.
W I S H - T W O ◊ Der Duft von Morgentau
Es war bereits mitten in der Nacht und bis auf die Nachtschicht der Waldhüter von Gandharva, war niemand mehr wach. Nicht ein einziges Licht leuchtete noch durch ein Fenster dabei wäre es nicht mal unüblich, dass mindestens in einer der Hütten noch Licht brannte.
Wie oft hatte man ihn noch spät in der Nacht über seine Arbeit gebeugt vorgefunden, doch diese Nacht war es nicht so.
Er schlich sich unbemerkt in diese Hütte und lauschte auf das ruhige Atmen des jungen Mannes im Bett. Auf seinen Schreibtisch lagen Dokumente deren Schrift man in der Dunkelheit nicht erkennen konnten. Bilder hinten an den Wänden, aber es waren keine persönlichen Bilder, keine Erinnerungen an Freunde, sondern Bilder über Pflanzen, eine Erklärung wie man eine Heilpflanze am besten verarbeitete und ein Schmetterling hinter Glas. Der Junge Mann war ein Forscher, ein Gelehrter, ein Waldhüter, der Beste den er kannte.
Der Besucher schleppte sich mühsam zu dem Bett hin und sah eine Zeit lang zu, wie der Brustkorb sich hebte und senkte. Wenn er nicht so müde wäre, hätte er ihn noch so viele Stunden beobachten können, weil es nichts gab, das er lieber sah. Vorsichtig stieg er mit in das Bett hinein und legte sich zu der schlafenden Person unter die Decke, ohne ihn zu wecken. Er sog den wohltuenden Duft des anderen ein und war im nächsten Augenblick eingeschlafen.
・ ・ ・ ❈ ・ ・ ・
Tighnari wachte mit dem zwitschern der Vögel auf. Die aufgehende Sonne warf ihre ersten, scheuen Lichtstrahlen in sein Haus und der Duft von Morgentau lag in der Luft. Er streckte sich und rieb sich die Augen, dabei bemerkte er das Rot an seinen Fingern und binnen Sekunden war er hell wach. Blut, da war Blut an seiner Hand. Er setzte sich auf und überprüfte ob er sich – wie auch immer das passiert sein sollte – im Schlaf verletzt hatte, doch es gab keine Wunde an seinen Händen, oder sonst wo an seinem Körper. Dann regte ein gequältes Stöhnen seine Aufmerksamkeit und gleich darauf entdeckte er die Wölbung unter der Decke neben sich. Wie hatte er den Körper neben sich nicht bemerken können?
Ein Büschel wildem, weißen Haares war unter der Decke zu erkennen und auch ohne diesen Hinweis hätte sich Tighnari nur eine Person vorstellen können, die sich mitten in der Nacht in sein Bett zu schleichen wagte. (Und es außerdem auch noch schaffen würde.)
Das Blut war vollkommen vergessen, nur noch die Empörung über diesen nächtlichen Besuch brodelte in Tighnaris Brust und mit einem wütenden »Das geht langsam eindeutig zu weit-«, entriss er seinem Bettnachbarn die Decke. »Cy …. no …«
Plötzlich offenbarte sich die Herkunft des Blutes an seiner Hand: An Cynos Hüfte klaffte eine besorgniserregend große Wunde. Erneut waren Tighnaris Gefühle wie von einem Sturm weggefegt und er machte sich nur noch Sorgen um seinen Freund. »Cyno! Cyno!«, versuchte er ihn zu wecken, doch Cyno befand sich nicht mehr in einem Schlaf, sondern er fieberte. Vielleicht wegen der Tiefe der Wunde, oder der Verunreinigung, oder wegen der Anstrengung die er hatte auf sich nehmen müssen um her zu kommen. Wie oft hatte er Cyno schon versucht klar zu machen, dass es in Sumeru viele fähige Heiler gab, zu denen er gehen könnte und die sicherlich viel näher bei ihm waren, doch Cyno war stur gewesen und immer wieder bei Tighnari in Gandhvara aufgetaucht. Wie oft hatte man ihn aus dem Wald holen müssen, weil Cyno aufgetaucht war, aber dieses Mal schien es schlimmer zu sein.
»Wach auf Cyno«, rief er und klopfte gegen seine Wange. Er glühte regelrecht.
»Tigh … nari …«, murmelte der Verletzte leise, es klang fast wie ein Hauchen.
»Collei!«
・ ・ ・ ❈ ・ ・ ・
Tighnari streckte sich. Cyno schlief.Seine Wunde war versorgt, sein Fieber sank und nun sollte er sich im Schlaf erholen. Bisher war er noch nicht zu sich gekommen, zumindest nicht bei klarem Verstand. Ein paar Mal hatte er die Augen geöffnet und Tighnaris Namen gesagt, jedoch hatte es nicht so gewirkt, als wäre ihm klar, dass er bei eben diesem Tighnari war.
Collei hatte ihm dabei geholfen, hatte ihm die nötigen Salben und Tränke gebracht und ihm frisches, kaltes Wasser gebracht.
»Wollen wir den großen Mahamatra nicht in ein Krankenzimmer bringen?«
Tighnari saß auf der Treppe zu seinem Haus und trank einen Tee. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel und würde sich in den nächsten Stunden dazu entscheiden wieder unterzugehen und den Wald wieder der Nacht übergeben. Sie hatten Cyno wegen der Behandlung nicht bewegt und somit lag er immer noch in Tighnaris Bett, nur in sauberen Laken. »Lassen wir ihn schlafen.«
»Ich denke schon, dass wir ihn bewegen können, ohne das er aufwacht.«
Tighnari schüttelte den Kopf. »Lass ihn ruhig da liegen, das macht mir nichts aus.«
»Und wo schlaft Ihr?«
»Danke für deine Sorge, Collei, ich werde schon einen Platz zum schlafen finden.« Er würde es niemals zugeben, aber er machte sich einfach zu viele Sorgen um seinen Freund, als das er ihn alleine lassen könnte, auch wenn er in seinem Bett lag. Es war merkwürdig. Cyno war als Mahamatra für die Akademie so oft in gefährlichen Missionen verwickelt. Eigentlich befand sich sein Freund fast andauernd in Gefahr und dennoch machte er sich keine Sorgen um ihn und erst wenn Cyno mit einer Verletzung zu ihm kam, wurde er regelrecht krank vor Sorge.
Collei machte Anstalten noch etwas zu sagen. Tighnari konnte ihr ansehen, dass sie auf der Suche nach Argumenten war, doch er nahm ihr den Wind aus den Segeln, ehe sie aufkommen konnten: »Hast du nicht noch etwas zu tun?«
Sie zuckte zusammen. »J-ja …«
»Keine Sorge«, sagte Tighnari. »Sollte sich etwas ändern, werde ich dich sofort rufen.«
Sie nickte und verschwand dann wieder. Sie war mit der Patrouille durch den Wald dran und das ganz besonders, weil Tighnari an der Seite von Cyno bleiben wollte, bis er wieder genesen war.
・ ・ ・ ❈ ・ ・ ・
Cyno schlief, den ganzen Tag durch und Tighnari saß am Abend an seinem Schreibtisch, bei schwachen Kerzenlicht und dokumentierte die Behandlung seines Freundes. Immer wieder glitt sein Blick zu Cyno herüber, bei jedem Laut den er von sich gab. In der Hoffnung, dass er aufwachen würde, doch nichts.
Collei hatte ihm etwas zu essen gebracht, ebenso auch ihrem verwundetem Freund, doch das stand unbeachtet neben dem Bett auf dem Schränkchen. Tighnari war nicht davon ausgegangen, dass Cyno das Essen zu sich nehmen würde, solange es noch warm war, aber er hatte Collei zu liebe zugestimmt, ihm eine Portion vorzubereiten.
Tighnari streckte sich leise. Die Müdigkeit überkam ihn. Es war spät und der Tag war voller Anstrengung und Aufregungen gewesen, so dass er sich so fühlte als wäre er schon seit einer Ewigkeit wach. Er stand leise von seinem Stuhl auf, löschte das Licht, entledigte sich seiner Kleidung und kleidete sich in sein Nachtgewand, ehe er leise auf sein Bett zuging, in dem immer noch Cyno schlief. Vorsichtig, wie es auch sein Freund gemacht haben musste, stieg Tighnari in das Bett und legte sich zu seinem Freund. Zunächst beobachtete er nur sein ruhiges Gesicht. Es war selten Cyno so ruhig und entspannt zu sehen, weil er irgendwie immer im Dienst war. Er war immer auf der Hut und ließ niemals seine Vorsicht schweifen.
Er hob seine Hand an und strich eine weiße Haarsträhne aus Cynos Gesicht. Dieser Idiot hatte es übertrieben, hatte nicht aufgepasst, oder nicht auf Verstärkung gewartet. Egal was es war, es hatte ihn in Gefahr gebracht und ihn schwer verletzt. Wenn er doch nur vorsichtiger wäre, aber Tighnari wusste, dass er Cynos impulsives Wesen niemals ändern würde. Er war schlau und ein guter Stratege, jedoch konnte er sich vollkommen verlieren, wenn er sich in eine Mission verbiss.
Dabei waren sie sich in dieser Hinsicht ähnlich, denn Tighnari konnte sich genauso in etwas verbeißen, nur war es bei ihm nicht so gefährlich wie bei Cyno.
» … Nari?«
Tighnari war wieder hell wach. »Cyno?«
»Nari.« Cyno setzte sich auf, schwerfällig und schwach, er konnte sich kaum aufrecht halten. »Tighnari?«
»Ich bin hier«, sagte er und konnte es kaum glauben, dass sein Freund endlich wach zu sein schien. Zwar benommen, aber er zeigte eindeutige Regungen. Tighnari nahm seine Hand und drückte sie sanft. Sofort wandte dieser sich zu ihm.
»Tighnari.« Er klang erleichtert. »Ich muss dir leider sagen … Ich habe mich verletzt.«
»Das weiß ich doch schon, jetzt leg dich wieder hin.«
»Es … tut mir Leid, -nari, ich habe nicht aufgepasst.« Cyno legte sich tatsächlich hin, er bettete seinen Kopf auf Tighnaris Brust und schloss die Augen. Er atmete deutlich Hörbar ein. »Ich hatte versprochen aufzupassen.«
»Du hast versprochen zu dem Arzt zu gehen, der dir am nächsten ist. Stattdessen bist du wer weiß wie weit gelaufen, mit einer solchen Verletzung! Das war verantwortungslos und gefährlich! Wo warst du überhaupt?«
»Wüste«, sagte Cyno nur knapp. Er schloss die Augen. »Grabräuber … Ruine … Eingestürzt.«
Tighnari musste sich die Erklärung selbst zusammenreimen, aber die Informationen die der benommene Cyno ihm gab, waren ausreichend. Es musste ein Unfall während eines Kampfes gewesen sein, deswegen hatte er sich nicht in Sicherheit bringen können. »Warum bist du nichts zurück ins Aaru Dorf gegangen? Candace hätte sich um dich gekümmert und du hättest dich nicht so über anstrengt.«
»Ich wollte nur zu dir, -nari.«
Tighnari seufzte. »Schon gut. Wahrscheinlich ist es besser so, sonst hätte ich mir zu viele Sorgen gemacht.«
Cynos Atmung wurde ruhiger.
»Schläfst du wieder?«
»Nein.«
Tighnari wäre beinahe zusammengezuckt, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass sein Freund noch wach war. »Warum nicht? Es wäre besser für deine Heilung.«
»ich bin endlich bei dir, das reicht zum heilen.«
Er spürte wie Cynos Finger über seine Haut strich und er wusste ganz genau was er da nach fuhr: Die Narbe, die der Blitz der falschen Gottheit auf seiner Haut hinterlassen hatte. Plötzlich spürte er Bewegung im Bett und dann ein gesicht auf seinen Oberschenkeln: Cyno hatte sich aufgesetzt und sah auf ihn hinunter. Im Schummrigen Licht der Nacht konnte er gerade mal die roten Augen seines Freundes deutlich erkennen. Sie fixierten einen Punkt.
Ein Knurren erklang und im nächsten Moment wurde seine Kleidung zerrissen und er spürte Cynos Finger auf seiner nackten Haut. Er fühlte ein kribbeln, wie von einem sanften Blitz, der versuchte seine Narbe zu heilen. »Cyno?« Tighnari wusste, dass es seinen Freund mitnahm, dass er ihn nicht hatte beschützen können, dabei trug keiner Schuld daran. Niemand.
»Es ist in Ordnung, leg dich hin, sonst fängt deine Wunde wieder zu bluten an.«
Doch Cyno wollte nicht auf ihn hören. »Tighnari«, er sprach seinen Namen aus, als wäre Tighnari derjenige, der schwer verletzt worden war und nicht er selbst. Und dann beugte er sich zu ihm hinunter und küsste ihn. Verlangend und grob. Tighnari konnte all seine Erleichterung daraus fühlen, während er seine Hände in Cynos Haare vergrub, statt ihn davon abzuhalten sich unnötig zu bewegen. Er war einfach nur froh, dass sein Freund bei ihm war, verletzt, aber am Leben und auf dem Weg der Besserung.
Sie lösten sich nur ein Stück von einander, ein Speichelfaden verband ihre Lippenmiteinander, wie dieses brennende Verlangen, dass sie miteinander teilten. »Cyno …«
»Nari …«
»Du solltest dich noch ausruhen, deine Wunde-«
»Ruhig«, erneut küsste Cyno ihn. »Ich will dich einfach nur spüren.«
Tighnari lächelte und erwiderte den Kuss und strich mit seinen Händen über Cynos Rücken. Es war so lang her, dass sie zusammen waren, dass sie sich nahe waren.
»Du bist das wichtigste … Deswegen … Komme ich nur zu dir … Ich …«
»… Ich liebe dich«, unterstützte Tighnari seinen Freund, indem er den Satz zu ende brachte, den er nicht weiter aussprechen konnte und meinte es genauso. »Ich dich auch.«
・ ・ ・ ❈ ・ ・ ・
»Die Wunde ist kaum verheilt, der Verband vollkommen durch geblutet, als hätten wir gestern nichts für die Wunde getan. Die Blutung war doch gestoppt.« Collei wechselte Cynos verband und konnte sich nicht erklären warum all ihre Arbeit am Tag davor dahin zu sein schien. »Was habt ihr gemacht, Gereal Mahamatra Cyno?«
Cyno brummte. Er mochte es nicht von seinen Freunden mit seinem Titel angesprochen zu werden, besonders wenn sie unter sich waren.
»Meister Tighnari, Ihr wart die Nacht bei Cyno, was ist passiert? Hat er sich in der Nacht hinausgeschlichen?«
Tighnari könnte ihr davon erzählen, was passiert war, jedoch war er viel zu sehr damit beschäftigt seinen Schmerz im Unterlaib zu ignorieren, denn sein Freund war trotz eigener Schmerzen viel zu ungeduldig und grob gewesen. »keine Ahnung was er sich dabei gedacht hat.«
Collei war regelrecht verwirrt. Sie sah von Cyno zu Tighnari und wieder zurück, wieder zu ihrem Meister und wieder zu dem Mahamatra. Jedoch schien sie keinerlei Erklärungen zu bekommen. Sie seufzte. »Wenn mir keiner etwas sagen will …« Sie erhob sich und richtete sich ihre Kleidung. »Seit etwas vorsichtiger, Mahamatra Cyno.«
Wieder erntete sie ein Murren von Cyno.
»Ich werde das Frühstück vorbereiten und Euch bringen, solange seid bitte vorsichtig, sonst wird die Wunde niemals verheilen.«
Cyno nickte. »Okay.«
»Also bis gleich.« Collei verließ eilends Tighnaris Haus und ließ die Beiden alleine.
»Willst du dich nicht zu mir aufs Bett setzen??«
»Nein«, antwortete Tighnari knapp. Er lehnte schon die ganze Zeit mit dem Rücken gegen die Wand.
»So schlimm?«
»Anscheinend schlimmer als deine Verletzung, vielleicht sollte ich darin etwas herumstochern.«
»Bitte nicht, dann wird Collei nur noch mehr schimpfen und nicht mehr aufhören mich mit meinem Titel anzusprechen.«
»Tja … General Mahamatra Cyno«, sagte Tighnari in einem offiziellen Tonfall, was die Situation nur schlimmer für Cyno machte. Er stand vom Bett auf und ging zu seinem Freund. Cyno war etwas kleiner als Tighnari, wirkte aber in seinem Auftreten weit aus bedrohlicher.
»Sei vernünftig Cyno und schon dich.«
»Später.«
»Jetzt komm schon.«
»Collei weiß immer noch nichts von uns, oder?«
Tighnari schüttelte den Kopf. »Muss sie auch nicht und nun leg dich wieder hin.«
»Gleich.« Cyno lehnte sich an Tighnari an. »Du duftest wie Morgentau, so beruhigend.«
