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Die Wölfe 3 ~Der Pianist des Paten~

Teil III
von

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~Die Einladung~

Es ist so dunkel hier. Warum nur macht das Dienstpersonal nachts immer alle Lampen aus? Sie wissen doch, dass Judy zu klein ist um sie zu erreichen und das Gas aufzudrehen. Unsicher sieht sich das kleine Mädchen um. Judy kennt die Zimmer, weiß wohin die unzähligen Türen führen, doch im Dunkeln sieht alles so gespenstig aus. Nur am anderen Ende des Flurs, dort wo die Tür zum Salon offen steht, dringt flackerndes Licht heraus. Das kleine Mädchen presst ihren Teddy ganz fest an die Brust. Ihre nackten Füße frieren auf dem Parkettfußboden. Tränen lassen ihren Blick verschwimmen. „Mama? Papa?“, fragt sie vorsichtig in die Dunkelheit hinein und geht langsam weiter.

Der Boden macht knackende Geräusche. Ein lauter Knall zerreißt die Luft.

Sie bleibt stehen, ihr kleiner Körper beginnt zu zittern. Judy kennt dieses Geräusch, es ist dasselbe wie das, welches sie aus dem Schlaf gerissen hat. So klingt nur der Revolver ihres Vaters.

„Narumi, ich bin hier! Es wird alles wieder gut! Bleib bei mir!“ Das ist die Stimme ihres Vaters und der Name ihrer Mutter.

Judy krallt ihre kleinen Finger in das Fell des Teddybären. Sie zwingt sich weiter zu gehen. Endlich hat sie die letzte Tür im Flur erreicht, vor ihr öffnet sich der Salon.

Im Kamin lodert ein wärmendes Feuer. Um einen gläsernen Tisch sind zwei Sessel und ein Sofa platziert.

„Papa?“, fragt sie vorsichtig. Die Augen des kleinen Mädchens bleiben an einem Mann hängen. Er liegt gleich neben der geöffneten Tür am Boden. Seine Augen sind ins Weiße verdreht, in seiner Stirn klafft ein tiefes Loch. Aus ihm fließt Blut, es besudelt den weißen Teppich. Judy kennt sein Gesicht nicht. Der schauerliche Anblick lässt sie einen Schritt zurückweichen. Enger presst sie das Stofftier an sich und beißt dem Teddy ins Plüschohr.

In der Mitte des Raumes kniet ihr Vater, er hält seine Gattin im Arm. Narumis Brustkorb hebt und senkt sich schnell, die Hand der Mutter, die in der des Vaters ruht, zittert. Aus ihrem Mundwinkel sickert Blut. Ein großer roter Fleck breitet sich über ihrer Brust im weißen Nachtgewand aus.

Der Vater nimmt das Gesicht seiner Frau in die Hand, seine Finger sind blutverschmiert. In seinen Augen sammeln sich Tränen. „Narumi, verlass mich nicht!“

„Oh mein Gott, junge Lady!“, spricht eine vertraute Stimme erschrocken aus. Judy spürt einen Blick auf sich, doch sie kann sich nicht bewegen, kann nicht wegsehen.

Die Augen des Vaters richten sich auf sie. Tief fallen seine Brauen in die Gesichtsmitte. „Jester, schaff sie hier raus!“, brüllt er.

Der Schatten des Butlers legt sich über das kleine Mädchen.
 

…~*~...
 

Judy schreckt aus tiefem Schlaf. Als sie sich umsieht, sitzt sie bereits aufrecht im Bett. Tränen rollen ihr über die Wangen. Sie greift nach ihnen und betrachtet sie auf ihren Fingerkuppen. Es ist lange her, dass sie dieser Kindheitstraum gequält hat. Beinah hat sie den Tod der Mutter erfolgreich verdrängt.

Seufzend schlägt sie die Bettdecke zurück. Sie muss aufstehen und sich beschäftigen um diesen Alptraum abschütteln zu können. Langsamen Schrittes schlurft sie zum Spiegel. Dunkle Ringe rahmen ihre Augen, die Haare stehen zerzaust vom Kopf ab. Na das wird dauern des Vogelnests Herr zu werden, besonders bei der Länge. Judy sieht an sich hinab. Das Haargewirr reicht ihr fast bis zu den Hüften. Sie seufzt ergeben und fährt sich durchs Gesicht, dann greift sie nach der Bürste.

„Judy? Bist du schon wach?“, ist die Stimme ihrer Schwester zu hören. Sie kommt vom Flur und drängt sich durch die geschlossene Tür auf.

Judy legt den Kopf schief und betrachtet die Uhr an der Wand. Es ist gerade mal neun Uhr morgens. Für gewöhnlich wagt sich Susen am Wochenende nicht vor 12 Uhr in den ersten Stock, den Judy bewohnt. So gibt sie ein unheilvoll klingendes „Ja!“, von sich.

„Oh, wirklich?“ In Susens Stimme schwingt Überraschung. „Das ist gut, wir bekommen nämlich gleich Besuch. Komm doch bitte runter, wenn du soweit bist!“

„Ja, ist gut!“, entgegnet Judy und betrachtet den Haarknoten, der sich in der Bürste verfangen hat. Es wird dauern, bis sie mit ihren Haaren fertig ist. Wer sollte sie überhaupt besuchen kommen? Wenn es wieder der zerlumpte Straßentyp ist, mit dem ihre Schwester angebandelt hat, ist das doch kein Grund sie zu wecken. Andererseits hat Susen sie wegen dem noch nie gerufen. Nachdenklich geht Judy im Kopf eine Liste in Frage kommender Personen durch, doch keiner von denen weiß, dass sie hier wohnt. Sehr seltsam!

Sie kämmt die Haare gerade so weit, dass sie ihr nicht mehr vom Kopf abstehen, dann bindet sie sie in einen Zopf. Das schneeweiße Samtnachthemd lässt sie von ihrem Körper gleiten und zieht sich rasch das Kleid vom Vortag an. Auf die Hausschuhe verzichtet sie, auch das Nachthemd lässt sie liegen. Mit schnellen Schritten verlässt sie ihr Zimmer, dann folgt sie dem schmalen Flur bis zu einer Wendeltreppe. Die Stufen hüpft sie leichtfüßig hinab. Schon auf der Hälfte kann sie das großzügige Wohnzimmer einsehen. Um einen Glastisch herum verteilen sich zwei schneeweiße Sessel und ein Sofa. Der weiche Teppich davor ist mit braunen Flecken gesprenkelt. Susen hat das Blut ihres letzten Patienten nicht aus den Fasern bekommen, den sollten sie endlich austauschen lassen.

„Verdammt Judy, bist du gerade erst aufgestanden? Du siehst ja aus wie durch den Fleischwolf gedreht“, wird sie von einer hellen Frauenstimme angesprochen.

Judy bleibt auf der untersten Stufe stehen und sieht zur Haustür.

Auf der Schwelle steht eine junge Frau und lacht. Ihr Gesicht ist geschminkt und ihre langen schwarzen Haare sind seidig, glatt gekämmt. Sie liegen ihr über der linken Schulter und fallen weit über ihren großen Busen. Das rote Kleid reicht ihr kaum über die Schenkel. Es zeigt so viel Ausschnitt, dass deutlich zu sehen ist, dass sie keinen Büstenhalter trägt.

Judy stemmt die Arme in die Seiten. Ärgerlich schaut sie die Frau an, als sie ihr entgegnet: „Kann ja nicht jeder schon um neun Uhr wie eine Nutte aussehen, Schwesterherz. Und wegen dir habe ich mich jetzt so beeilt?“ Ihre Aufmerksamkeit richtet Judy auf Susen. In einem ärgerlichen Tonfall will sie wissen: „Und wegen der hast du mich geweckt?“

Die hochgewachsene Frau, die ihre blonden Haare in einem Pferdeschwanz trägt, zuckt mit den Schultern. Sie schließt die Haustür.

„Jetzt schau doch nicht so böse, Kleine! Immerhin ist heute doch dein Geburtstag. Da werde ich ja wohl mal vorbeikommen dürfen, um dir auf die Nerven zu gehen“, meint Robin und kommt näher.

Mit einem tiefen Seufzen verschränkt Judy die Arme vor der Brust. Was muss Robin sie auch immer damit aufziehen, dass sie die jüngste der drei Longhardschwestern ist?

„Wenn du deswegen kommst, wo ist dann mein Geschenk?“, will Judy spitzfindig wissen.

Robin hat nichts bei sich als eine kleine Handtasche, in der höchstens eine Puderdose Platz findet. Die Schwester bleibt vor ihr stehen. „Seit wann machen wir uns denn Geschenke?“, fragt sie.

Mit einem misstrauischen Blick betrachtet Judy sie. „Warum bist du wirklich hier?“, verlangt sie zu wissen.

Robin breitet die Arme aus und legt sie um Judy.

Starr lässt diese die Berührung über sich ergehen und wartet noch immer auf eine Antwort.

„Na, um dir zu gratulieren natürlich! Alles Gute, meine Kleine“, sagt Robin.

„Lass das scheinheilige Getue!“, entgegnet Judy ohne ihre angespannte Haltung aufzulösen.

Die Arme der Schwester lösen sich von ihr, Robin tritt einen Schritt zurück um sie wieder ansehen zu können, dann setzt sie ein schelmisches Grinsen auf. Den Zeigefinger legt sie sich an die Unterlippe. Mit einem Augenzwinkern sagt sie: „Na gut, du hast mich erwischt. Ich soll dir etwas bringen.“ Robin öffnet den Druckknopf ihrer Handtasche und kramt darin herum.

Mit langsamen Schritten kommt Susen zu ihnen. So gespannt wie Judy betrachtet auch sie den Umschlag, den Robin hervorholt.

Doch ein Geschenk? Judy bleibt misstrauisch. Sie nimmt den Brief entgegen und betrachtet ihn von allen Seiten. Er ist schmucklos weiß, kein Absender, nichts was auf den Inhalt schließen lässt. So öffnet sie ihn:
 

Einladung

Ball zum 18. Geburtstag meiner geliebten Tochter. Sie erwartet ein exklusives Klavierkonzert und ausgesuchte Speisen im Anwesen…
 

Erstaunt betrachtet sie die gelesenen Zeilen. ‚Geliebte Tochter‘? Ist sie damit gemeint? Moment, ihr Vater lädt zu einem Ball ein, zu einem Ball ihr zu Ehren? Er will es wohl einfach nicht verstehen? Sie ist doch nicht von zu Hause abgehauen um jetzt fröhlich mit ihm zu feiern. Warum kann er nicht endlich hinnehmen, dass sie nichts mehr mit ihm und Seinesgleichen zu tun haben will? Ständig schickt er irgendwas oder hetzt ihr seine Leute auf den Hals. Dieser verdammte Mistkerl! Judy zerknüllt die Karte in ihrer Hand. „Nein! Ganz bestimmt nicht! Ich will mit euch nichts zu tun haben! Richte ihm das aus! Auch seine Bodyguards kann er abziehen. Ich weiß ganz genau, dass sie mir folgen. Ich habe seinen Schutz nicht nötig, und auch diese Party will ich nicht. Genau so wenig wie sein Geld und diese feinen Schnösel aus gutem Hause, die er mir als zukünftige Ehemänner vorstellt. Ich habe das alles hinter mir gelassen. Versteht das doch endlich!“ Den Briefumschlag und die Karte lässt sie zu Boden fallen, direkt vor die Füße der Schwester, dann dreht sie sich um und stampft die ersten Stufen der Wendeltreppe hinauf.

„Bist du dir sicher?“, fragt Robin, ihre Stimme klingt siegessicher. Geheimnisvoll fügt sie an: „Er wird nämlich auch dort sein!“

Augenblicklich bleibt Judy stehen. Sie weiß sofort, wen ihre Schwester meint, immerhin hat Judy die letzten Wochen nichts unversucht gelassen um mehr über den Kerl in Erfahrung zu bringen. „Enrico wird also dort sein?“, flüstert sie. Ihr Blick wandert unter den Glastisch zu den dunklen Flecken im Teppich. Es ist sein Blut gewesen, das sie zurückgelassen hat. Susen hat seine schweren Verletzungen behandelt und ihm damit das Leben gerettet. Als Ärztin hat sie schon viele zwielichtige Typen behandelt, aber keiner war je so gutaussehend gewesen. Die eisblauen Augen und sein warmherziges Lächeln haben Judy bezaubert. Immer wieder hat sie die beiden Schwestern gefragt, wer der Kerl ist, wo er herkommt und was er so macht. Tagelang hat sie ihnen in den Ohren gelegen, aber sie haben kein Wort über ihn verloren. Lediglich seinen Namen konnte sie aufschnappen und dass er irgendwas mit ihrem Vater zu schaffen haben muss. Warum Susen und Robin so ein Geheimnis um diesen Kerl gemacht haben, versteht sie nicht, aber das hat ihr Interesse nur weiter angefacht. Langsam dreht sich Judy nach Robin um.

Die Schwester grinst über beide Ohren. „Du wolltest ihn doch unbedingt wieder sehen, oder? Nun, Vater hat seine Beziehungen spielen lassen. Er wird ein Klavierkonzert auf deinem Ball geben.“

Der Kerl spielt Klavier? Also ist er keiner von Aarons Ganovenfreunden, die in seinem Auftrag Verbrechen begehen? Ein flüchtiges Lächeln huscht Judy über die Lippen.

„Wir putzen dich ordentlich heraus, ziehen dir einen feinen Fummel an und machen was aus deinen schönen Haaren. Wäre doch gelacht, wenn wir den Jungen nicht für dich begeistern könnten. Wenn du wirklich willst, hast du doch zehn an einer Hand“, schlägt Robin vor und betrachtet sie von oben bis unten. Ein schelmischer Blick schleicht sich in ihr Gesicht. „Naja, zumindest bis zum nächsten Morgen. Mal ehrlich, wie schaffst du es, nach dem Schlafen älter auszusehen, als Susen und ich zusammen?“

Aufgebracht ballt Judy ihre Hände zu Fäusten. Sie will gerade etwas erwidern, als sich Susen zwischen sie und Robin schiebt.

„Ich dachte, wir hätten darüber gesprochen, Robin! Der Kerl ist keine gute Partie“, meint sie ärgerlich.

Robin verschränkt die Arme vor der Brust, sie trippelt mit dem rechten Fuß auf dem Boden. „Sagt die, die mit seinem Bruder zusammen ist!“

Aufmerksam beobachtet Judy ihre Schwestern. Der schmuddelige Kerl, der ständig hier herumhängt, soll der Bruder von Enrico sein? Die sehen sich gar nicht ähnlich, mal von den blonden Haaren abgesehen.

„Das ist doch wohl was ganz anderes. Er arbeitet nicht für Vater!“, beschwert Susen sich.

„Ja, aber auch nur, weil er quasi schon bei dir wohnt. Vater ist übrigens gänzlich gegen diese Verbindung!“, lässt Robin die große Schwester wissen.

„Ja? Gut so!“, entgegnet Susen und verschränkt die Arme vor der Brust.

Während Judy die Treppe herunter kommt, mischt sie sich mit lauter Stimme in das Gespräch ihrer Schwestern ein: „Wie kommst du eigentlich darauf, dass ich nur für einen Kerl Vater besuchen werde?“

Robin lächelt sie an. „Ach komm schon, du hast längst angebissen. Ich sehe es doch in deinen Augen.“ Mit dem ausgestreckten Zeigefinger fuchtelt Robin ihr vor der Nase herum.

Judy bläht ihre Backen auf, die angestaute Luft lässt sie in wütenden Worten heraus: „Nein, ich will nicht mit Vater sprechen oder ihn überhaupt sehen müssen.“

„Wer sagt denn, dass du das musst? Es ist ein Maskenball. Wenn wir es geschickt angehen, weiß er nicht mal, dass du da bist. Ich stelle dich einfach als eine Freundin vor.“

Ein Maskenball also? Bis zu dieser Information hat Judy die Einladung gar nicht gelesen. Kann sie in der passenden Verkleidung den Vater wirklich überlisten? Wie es ihrem alten Herrn wohl geht? Judy hat ihn nicht mehr gesehen, seit sie mit 16 von daheim weggelaufen ist. Ob Jester wohl noch lebt, der alte Oberbutler, der immer Kekse für sie hatte und oft wegsah, wenn sie sich nachts aus dem Haus schlich? Vielleicht ist es ja ganz lustig, alle wieder zu sehen ohne selbst erkannt zu werden. Und dann wäre da ja noch das Konzert Enricos. Nachdenklich neigt Judy den Kopf von einer zur anderen Seite.

Mit grimmiger Miene wendet sich Susen ihr zu. „Dein Ernst? Denkst du etwa wirklich darüber nach dorthin zu gehen? Du wolltest nie mehr nach Hause zurück, schon vergessen?“

„Nein, das habe ich nicht vergessen. Ich will auch nichts mehr von dem wissen, was in Vaters Haus passiert. Ich habe genug gesehen.“ Gedankenvoll legt Judy die Stirn in Falten. Ihr Blick bekommt etwas Düsteres, als sie an ihren Traum denken muss. Doch in diese Erinnerungen mischt sich immer wieder das lächelnde Gesicht ihres Vaters, wenn sie als Kind auf seinem Schoß saß und die Arme nach ihm ausstreckte. Ihr kommen Spaziergänge an seiner Hand in den Sinn und Schachspiele im Salon am warmen Kamin, bei denen er sie gewinnen ließ. Judy seufzt. „Nun, manchmal fehlt mir der alte Mann schon“, gibt sie nur ungern zu.

„Echt jetzt?“, fragt Susen überrascht.

„Also kommst du?“, will Robin erwartungsvoll wissen.

Einen Moment denkt Judy über diese Möglichkeit nach. Den Vater wieder zu sehen, zumindest aus der Ferne, und zu wissen, dass es ihm gut geht, das ist schon verlockend. „Ja, ich komme vorbei, aber wenn er mich erkennt, bin ich sofort weg“, stimmt Judy zu.

„Einverstanden!“, entgegnet Robin und schlägt die Hände freudig ineinander.

~Wir~

Es pfeift durch die Spalten im Dach und dem Mauerwerk, wie ein Unheil bringender Geist. Die alten Dielen knacken, während sie sich unter der Kälte zusammenziehen. Es ist stockfinster hier, der neue Tag hat noch nicht begonnen. Durch die winzige Luke, die als Dachfenster dient, kann ich ein paar wenige Sterne erkennen.

Starke Arme hüllen mich ein, geben mir das Gefühl von Geborgenheit. Obwohl ich nackt bin und die Decke dünn, reicht seine Körperwärme für uns beide. Ich schließe die Augen und atme seinen vertrauten Duft. Wenn es doch nur immer Nacht bleiben könnte. Ein Hauch von Müdigkeit überkommt mich und entführt mich in einen traumlosen Schlaf.

Sein warmer Atem streift meinen Nacken. „Du musst gehen…“, flüstert er.

Ich weigere mich die Augen zu öffnen, schüttle lediglich sacht den Kopf.

„Aber die Sonne geht schon auf!“, sagt er mit Nachdruck. Seine Hand wandert über meinen Oberkörper und meinen Bauch hinab.

Ein wohliger Schauer durchströmt mich. „Kann nicht sein“, antworte ich und rücke näher an ihn heran, „Da oben sind doch noch die Sterne zu sehen.“ Seine Hand nehme ich am Gelenk und führe sie in meine Mitte. Es ist sicher noch Zeit genug für eine weitere Runde.

Er gibt meinem Drängen nach und packt mir fest in den Schritt. Zu fest! Ich zucke zusammen und öffne die Augen.

Durch das Dachfenster ist der Himmel in Rot und Lila gefärbt. Die schäbige Dachkammer ist in schummriges Licht getaucht, der Schrank und das Bettgestell als Schatten bereits zu erkennen.

Sein Griff wird noch fester. „Jetzt steh endlich auf!“, verlangt er.

„Aber…!“, presse ich mit zusammengebissenen Zähnen heraus und versuche seine Finger von mir zu lösen.

„Nichts aber! Du hast hier nichts zu suchen. Wenn dich jemand sieht, können wir unser Testament machen. Also geh!“ Er gibt mich frei und stößt mich Richtung Bettrand.

Als ich über die Schulter zurückschaue, ist er bereits wieder in sein Kissen gesunken. Sein Gesicht wird von schulterlangen, schwarzen Haaren verdeckt, die sich an ihren Spitzen zu kleinen Locken zusammendrehen. Ein Teil der Decke ist zurückgeschlagen und entblößt seinen muskulösen Oberkörper. Von den Brustmuskeln abwärts schlängelt sich ein feuerrotes Drachentattoo über seinen Bauch und die Flanke hinab. Der Schwanz der Bestie endet genau über der Wurzel seines Gliedes.

Gierig betrachte ich ihn.

Tonis grüne Augen funkeln mich zwischen den schwarzen Haaren heraus an. „Verschwinde!“, verlangt er und schlägt die Bettdecke über sich.

„Ach komm schon! Nur noch einmal!“, bitte ich.

„Nein! Ich habe dich die ganze Nacht gevögelt. Jetzt will ich wenigstens noch eine Stunde pennen, bevor ich Jester ablöse.“ Toni dreht sich auf die Seite, weg von mir.

Ich bleibe unentschlossen sitzen. Meinen Blick richte ich nach oben, hinaus aus dem Dachfenster. Die Wolkenstreifen am Himmel sind bereits orange, immer mehr Tageslicht flutet den Raum.

Ich seufze tief. Bevor die anderen Bediensteten aufwachen, muss ich verschwunden sein. Immerhin gibt es keine vernünftige Erklärung für meine Anwesenheit hier. „Na schön, du hast gewonnen. Dafür nerve ich dich nachher, wenn du Wache schieben musst.“ Zum Schlafen komme ich nach diesem Anblick sowieso nicht mehr.

Aus seiner Richtung kommt nur ein leises Schnarchen.

Habe ich ihm heute Nacht wirklich zu viel abverlangt? Der Gedanke lässt mich schmunzeln, zumindest bis ich es geschafft habe aufzustehen. Der Schließmuskel meines Hinterns schmerzt bei jedem Schritt. „Verdammt…“, murmle ich, während ich darüber nachdenke, ob der Schmerz die Sache wirklich wert war. Vorsichtig bücke ich mich nach meinen Klamotten, sie sind auf dem ganzen Boden verteilt.

Sein Blick folgt mir, ich kann es förmlich spüren. Als ich zum Bett zurückschaue, stützt er den Kopf mit der Hand. Ein breites Grinsen hebt seine Mundwinkel, während er mir auf den Hintern starrt. „Na, willst du wirklich noch mal?“, fragt er spöttisch.

Ich schaue grimmig und werfe ihm mein Hemd ins Gesicht. „Klappe!“, schnauze ich ihn an.

Er nimmt das Kleidungsstück mit unter die Decke und schließt es wie ein Stofftier in seine Arme ein. „Das kannst du da lassen“, sagt er und vergräbt die Nase darin. Leise fügt er hinzu: „Es riecht nach dir…“

Ich stemme die Arme in die Seiten und ziehe einen Schmollmund. „Du spinnst wohl! Wenn ich hier halb nackt rauskomme, sind wir geliefert.“

Er zuckt mit den Schultern und dreht mir den Rücken zu. „Nicht mein Problem!“, entgegnet er herausfordernd.

Dieser Idiot!

Der Himmel wird langsam blau, die ersten Sonnenstrahlen werfen ein Lichtviereck an die Wand. In den Kammern nebenan sind Schritte zu hören.

Verdammt, ich muss mich beeilen! Hastig ziehe ich mir meine Unterhose und Hose an, dann laufe ich zum Bett. Mit den Knien voran stemme ich mich in die Matratze und beuge mich über ihn. „Jetzt gib es schon her!“, verlange ich aufgebracht und zerre an einem der Ärmel.

Toni sieht über die Schulter und grinst verschlagen. Das Hemd wirft er mir um den Nacken und zieht mich damit zu sich. Seine Lippen legt er auf meine.

Ich schließe die Augen und erwidere seinen Kuss. Einen Moment lang, einen kurzen, ist meine Welt in Ordnung.

Doch viel zu schnell löst er sich von mir. Eindringlich betrachtet er mich, als er mich erinnert: „Du musst jetzt wirklich gehen!“

Ich öffne die Augen. „Ich weiß“, seufze ich und klettere vom Bett. Auf dem Weg zur Tür ziehe ich mir das Hemd an. Als ich die Klinke erreiche, bin ich soweit wieder hergerichtet, dass ich den Rest mit Verschlafenheit tarnen kann.

„Enrico!“, ruft er mir vom Bett aus zu.

Ich schaue zurück.

„Versuch auch mal ein paar Stunden zu schlafen! Möglichst morgen Nacht, damit ich auch mal pennen kann.“

Bitter lächle ich. „Ja, klar, wenn es unbedingt sein muss.“ Meinen Blick wende ich von ihm ab. Leise, fast tonlos füge ich an: „War ja sowieso die letzte Nacht.“

Vorsichtig öffne ich die Tür und spähe in den langen Flur.

Die Wände sind kahl und nur dürftig verputzt, an einigen Stellen ist der blanke Ziegel zu sehen. Spinnweben hängen wie Gardinen von der Decke und spannen sich in den Ecken. Der Boden ist staubig und die Holzdielen alt und morsch.

Niemand ist hier, die Türen der anderen Dachkammern sind verschlossen. Nur hin und wieder sind Schritte dahinter zu hören, jemand räuspert sich, ein anderer hustet.

Ich trete hinaus und schließe die Tür leise. Immer wieder lausche ich, doch es bleibt still. Auf Zehenspitzen laufe ich weiter. Bei jedem Schritt verlagere ich gerade so viel wie nötig Gewicht auf die knarrenden Dielen.

Endlich habe ich das Ende des Flurs erreicht. Eine Steintreppe führt nach unten zu einer schmucklosen Holztür. Von hier an werde ich rennen können. Eilig steige ich hinab. Wenn ich es erst durch die Tür geschafft habe und davor noch kein Personal unterwegs ist, dann ist alles gut gegangen.

Über mir ist Gepolter zu hören, Schritte und Fluchen. Eine Tür wird geöffnet.

Ich überspringe die letzten zwei Stufen und bereue beim Aufkommen, genau das getan zu haben. Mein verwundetes Bein nimmt mir diese Belastung übel, doch darauf kann ich gerade keine Rücksicht nehmen. Lediglich ein leises Stöhnen gebe ich von mir, dann drehe ich den Knauf der schmucklosen Tür.

Helles Tageslicht kommt mir entgegen. Ich muss blinzeln und kann doch nichts erkennen. Trotzdem trete ich rasch hinaus und schließe die Tür nach mir. Eine Hand lege ich über die Augen, so ist es besser.

Nur langsam gewöhne ich mich an die neuen Lichtverhältnisse. Auf den Stufen hinter der Tür sind bereits Schritte zu hören.

Ich sehe mich um.

Ganz allein stehe ich in dem langen Flur, der von zwei großen Fenstern erhellt wird. Der Boden ist mit weichem Teppich ausgeschlagen, edle Tapeten zieren die Wände, Bilder und Gewehre hängen überall dazwischen. Ein Dutzend Türen gehen von hier aus ab. In der Ferne ist die erste Stufe der Treppe ins Erdgeschoss zu sehen.

Wohin jetzt am besten?

Die Bibliothek ist am nächsten, also eile ich dorthin.

Die Tür zum Dachboden öffnet sich.

Ich gehe langsamer, tue so, als wenn ich eben aus meinem Zimmer gekommen und ganz zufällig hier unterwegs wäre. Wie beiläufig schaue ich zurück.

Eine der Küchenmägde tritt in den Flur. Sie gähnt ausgiebig und streckt sich. Als sich unsere Blicke treffen, nimmt sie Haltung an. Ihr Körper wird stocksteif, sie faltet die Hände und beugt den Oberkörper. „Guten Morgen, junger Herr!“, stammelt sie.

Ich nicke und flüchte in die Bibliothek. Die Tür werfe ich nach mir zu und lehne mich mit dem Rücken an das schwere Nussbaumholz. Meine rechte Hand lege ich mir an das hämmernde Herz. „Verdammt, das war echt knapp“, murmle ich.

Mein Blick wandert durch die endlosen Regalreihen, die bis unter die Decke mit Büchern gefüllt sind. Ob Aaron die alle gelesen hat? Der Hausherr hat eine übertriebene Sammelleidenschaft. Die Wände voller Waffen und Kunstwerke und hier überall diese alten Schinken. Ich passe so gar nicht in diese Welt, in diesen feinen Zwirn auf meiner Haut, in dieses zu viel von allem. Warum nur hat der Pate einen solchen Narren an mir gefressen, dass er selbst seine Tochter mit mir verheiraten will?

Mein Blick wird von einem schwarzen Flügel eingefangen. Da ist sie wieder, diese verdammte Realität, vor der ich heute Nacht zu flüchten versucht habe.

Langsamen Schrittes gehe ich auf den Hocker zu, der zum Sitzen einlädt. Im Vorbeigehen streiche ich über den blank polierten Flügel, bis ich bei den Tasten des Musikinstrumentes ankomme. Schwer wie ein nasser Sack lasse ich mich auf den Hocker fallen.

Ich lerne das Klavierspielen gerade mal seit ein paar Wochen, wie soll ich da ein ganzes Konzert spielen und dann auch noch vor ein paar Dutzend reicher Schnösel? Die Notenblätter schauen mich mahnend an. Ich habe viel zu wenig geübt, doch diese klassische Musik macht einfach keinen Spaß. Da breche ich mir die Finger. Ganz besonders dieser verdammte Mittelteil, den werde ich nie hinbekommen, dabei erwartet Aaron eine fehlerfreie Darbietung.

Ich lege meine Finger auf die Tasten und spiele die Stelle, es klingt so schief wie immer. „Verdammte alte Künstler“, murre ich und schlage das Notenbuch zu.

Toni hat mir geraten meine eigene Musik zu spielen, doch das wird Aaron mit Sicherheit auf die Palme bringen. Ich sehe den alten Mann schon vor mir, wie er tobt und schreit und mir den Tod androht, wie er es schon so oft getan hat. Und? Ich lebe immer noch!

Meine Finger beginnen über die Tasten zu tanzen, den Körper wiege ich im Takt der Melodie. So sollte Musik klingen: Lebendig, laut und immer wieder anders, angefüllt mit den Emotionen dieses Momentes. Voller Hass, voller Wut und Freude und so unfassbar traurig.

Ich will diese Judy nicht heiraten! Ich will nicht in den Schoß dieser Familie! Wenn die Stadt da draußen nicht voller Mörder wäre, die nur auf einen Fehler von mir warten, ich hätte mit Toni längst das Weite gesucht. Scheiß auf Geld und Ansehen und wenn wir uns wieder aus Mülltonen ernähren müssten. Alles ist besser als das hier!

~Frauengespräche~

„Nicht dein Ernst, oder? Da kann ich ja gleich nackt gehen!“ Judy betrachtet das trägerlose schwarze Kleid, während sie es an ihren Körper hält. Es ist so kurz, dass es kaum ihren Intimbereich bedeckt. „Hast du nicht was Längeres?“, will sie von Robin wissen.

„Ich dachte, du willst ihm gefallen?“, fragt ihre Schwester und sieht weiter den großen Kleiderschrank durch.

„Ja schon, aber er soll nicht glauben, dass ich leicht zu haben bin.“ Das Kleid lässt Judy sinken und betrachtet sich im Spiegel. Nur in Bürstenhalter und Unterhose dreht sie ihren Körper, um ihn von allen Seiten ansehen zu können. „Das hier muss er sich schon verdienen.“ Judy ist ganz zufrieden mit ihrer Figur, schlank, flacher Bauch, runde Brüste. Sie braucht eigentlich keinen Büstenhalter, die Mädels stehen auch ohne, aber sie hat ja Anstand, ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester.

Robin nimmt den Kopf aus dem Schrank, von oben herab betrachtet sie Judy. „Ja klar, du hast ihn das letzte Mal, als wir bei Susen waren, doch schon mit den Augen ausgezogen.“

Judy stampft auf und füllt ihre Wangen mit Luft. „Gar nicht wahr!“, schimpft sie.

Robin schenkt ihr ein flüchtiges Lächeln, dann verschwindet sie wieder hinter der Schranktür. „Was ist eigentlich mit diesem Sam? Läuft da noch was zwischen euch?“, fragt sie.

Judy wendet sich vom Spiegel ab, sie wirft das kurze Kleid über die Schranktür. „Wenn es nach ihm geht, schon“, antwortet sie.

„Und, geht es nach ihm?“, fragt Robin.

Judy seufzt und versucht die Probleme, die sie mit Sam hat, bei Seite zu schieben. „Er ist gut zu mir…“, murmelt sie.

Ihre Schwester wird fündig, sie zieht ein langes, weißes Kleid aus dem Schrank. Der Stoff fließt wie Seide an dem Bügel herab, Blumenspitze ist darin verarbeitet. „Aha? Ist das schon alles? Er ist nur gut zu dir?“, fragt Robin und hält ihr das Kleid hin.

„Er hat vor einer Woche um meine Hand angehalten“, erwidert Judy kühl.

Robins Gesicht verliert an Farbe, ihr Atem setzt aus, den Mund öffnet sie für eine stumme Frage.

Judy schmunzelt amüsiert. „Ich habe noch nicht ja gesagt“, berichtet sie.

„Willst du den wirklich heiraten?“, fragt Robin nach Luft schnappend.

Judy nimmt ihr das Kleid ab und betrachtet es besonders lange, sie legt es sich über den Arm. Erstaunlich, dass ihre Schwester auch was Hübsches zwischen dem ganzen nuttigen Schund hängen hat. „Ich kenne ihn schon seit wir Kinder waren. Als ich von zu Hause weg bin, hat er zu mir gehalten und bis jetzt auf mich aufgepasst.“ Sanft streichelt Judy den weichen Stoff des Kleides und versucht sich dabei nur an die schönen Momente mit Sam zu erinnern.

„Was du da beschreibst, klingt nach einem Hund, nicht nach einem Mann“, kommentiert ihre Schwester.

Das trifft es ganz gut, Judy lächelt bitter. Was immer sie verlangt, Sam tut es für sie ohne Fragen zu stellen. Wenn sie beim Vorbeigehen im Schaufenster eines Geschäftes etwas entdeckt, bringt er es spätestens am nächsten Tag in einer Geschenkpackung mit. Jetzt, wo Sam seine Ausbildung beendet hat und in einem großen Kontor arbeitet, reicht sein Geld auch aus ihnen ein Haus zu bauen und sie beide zu ernähren.

Die Schwester berührt ihr Kinn, sie hebt ihr Gesicht, bis Judy sie ansehen muss. „Liebst du ihn?“, will sie wissen.

Judy schweigt. Liebe ist so ein großes Wort. Sie schätzt, was er tut, und findet es im selben Moment auch zum Sterben langweilig. Wieder schweigt sie.

Noch einen Moment lang sieht sie ihr tief in die Augen, dann stellt sie fest: „Also nicht!“ Sie wendet sich wieder dem Schrank zu. „Sag mal, war das nicht auch der, der schon vom bloßen Draufsetzen gekommen ist?“, will sie belustigt wissen.

Judy läuft feuerrot an. Sofort schimpft sie: „Man, das habe ich dir im Vertrauen gesagt!“

„Ja, und? Hier sind doch nur wir beide.“

Trotzdem ist es Judy peinlich darüber zu sprechen. Solche Dinge flüstert man höchstens, es laut auszusprechen ist unanständig. Susen würde sofort die Nase rümpfen und sie dafür tadeln. Mit der großen Schwester kann sie solche Themen nicht mal andeuten ohne gemaßregelt zu werden. Doch Robin hat Recht. In ihrer Villa sind sie unter sich und schon lange brennt Judy dieses Thema auf dem Herzen. „Ist das eigentlich normal bei Männern?“, fragt sie vorsichtig und setzt sich auf das große Doppelbett in der Mitte des Raumes, das Kleid faltet sie in ihrem Schoß.

Robin schließt die Schranktüren, in ihrem Blick liegt etwas Verschlagenes.

Judy scheut sich ihr in die Augen zu sehen. Mit dem großen Zeh zieht sie kleine Kreise auf dem Boden.

Die Schwester nimmt sich eine Bürste vom Schminktisch und setzt sich hinter sie. Langsam beginnt sie Judys lange Haare zu kämmen. „Mit Susen kann man nicht gut über solche Dinge reden, oder?“, fragt sie.

„Nicht wirklich…“, antwortet Judy seufzend und beobachtet ihren Zeh beim Kreise drehen.

„Nicht alle Männer sind so leicht zufrieden zu stellen. Normalerweise halten sie länger durch“, erklärt Robin.

Das erleichtert Judy. Bisher war Sam der einzige Mann, mit dem sie intim war. Beinah hat sie angenommen, dass es eben so sein muss.

„Wenn mit seinem Penis schon nichts anzufangen ist, kümmert er sich dann sonst wenigstens um dich?“, fragt Robin geheimnisvoll.

Judy spürt, wie Hitze in ihren Wangen zu pulsieren beginnt. Das ist wahrlich kein schickliches Thema für Mädchen aus gutem Hause, wie sie beide. Doch Robins Andeutung, dass es da noch mehr geben muss, macht sie neugierig. „Wie meinst du das?“, fragt sie.

„Naja, läuft da noch was, nachdem er fertig ist?“

Es gibt also wirklich noch mehr? „Nein, er will sich immer gleich waschen gehen oder er pennt ein.“

„Legst du dann wenigstens selbst Hand an?“

„An mir?“, fragt Judy entrüstet.

„Ja!“

„Natürlich nicht!“ So weit kommt es noch! Brave Mädchen tun so etwas nicht, behauptet Susen zumindest.

„Ach Kleines, du verpasst ja so viel“, sagt Robin und muss lachen.

Judy zieht einen Schmollmund, sie wippt mit den Beinen. „Na du musst es ja wissen!“, entgegnet sie.

Ihr Schwester hatte so viele Männer, Judy hat längst aufgehört mitzuzählen. Kein Wunder, dass sie keiner heiraten will. Obwohl sie bereits 27 Jahre alt ist, hat Judy noch vor ihr einen Antrag bekommen. Selbst Susen hatte mehr ernsthafte Beziehungen.

„Ja eben drum! Ich weiß, wovon ich rede“, versichert Robin ihr.

„Ach was, so was Besonderes ist Sex nun auch wieder nicht“, erwidert Judy und spürt dabei den fragenden Blick der Schwester im Nacken.

„Hattest du überhaupt schon mal einen Orgasmus?“, will Robin wissen.

„Einen was?“

„Ich meine dieses Glücksgefühl, wenn ein Mann richtig zärtlich zu dir ist...“ Robin schweigt kurz und zuckt mit den Schultern. „… naja, oder wenn du es eben zu dir selbst bist.“

Angestrengt lässt Judy die wenigen intimen Momente mit Sam an sich vorüberziehen. Meistens war es ja schon vorbei, bevor sie ihn wirklich gespürt hat. Da war eigentlich nur dieses eklige heiße Zeug in ihr, dass ihr wenig später die Beine runter gelaufen ist. Wie ein Glücksgefühl kam ihr das nicht vor. „Keine Ahnung, wovon du sprichst“, entgegnet sie und lässt ihre Beine knapp über dem Boden baumeln.

„Du bist ja noch viel ärmer dran, als ich dachte“, kommentiert Robin.

„Hör auf dich über mich lustig zu machen!“ Judy nimmt sich eines der Kissen und schlägt damit nach ihrer Schwester.

Robin lacht vergnügt und wehrt das Kissen mit den Händen ab. Dass sie dabei noch Freude zu empfinden scheint, macht Judy noch wütender. Aufgebracht sagt sie: „Als wenn deine Typen so viel besser wären!“

Robins Gesichtszüge werden ernst.

Das lässt Judy inne halten.

„Der Letzte, den ich hatte, der war zwar noch sehr jung, aber echt gut. Vielleicht sogar etwas zu gut. Ich war danach richtig fertig. Besonders mein Hintern tat voll weh.“

Hintern? Hat sie sich etwa auch da…? Judy schüttelt es bei dem Gedanken. „Bäh, du bist so ekelhaft!“, sagt sie angewidert und dreht sich von ihrer Schwester weg. Warum muss Robin immer gleich so pervers werden? Können sie nicht mal normal über diese Dinge sprechen? Was muss ihre Schwester auch einen so unerhört schmutzigen Charakter haben?

Doch Robin denkt gar nicht daran aufzuhören. „Und lecken konnte er, wie ein Gott“, schwärmt sie.

Judy will sich gar nicht ausmalen, woran der Kerl geleckt hat. Mit dem Kissen schlägt sie nach ihrer Schwester, das Kleid fällt ihr dabei von den Oberschenkeln. „Du bist so versaut! Ehrlich! Kein Wunder, dass es kein Mann lange mit dir aushält.“

Robins Lachen erstirbt, sie wehrt sich nicht mal gegen das Kissen. Stumm fällt sie rückwärts aufs Bett und starrt an die Decke. Ihre Augen bekommen einen gläsernen Glanz.

Judy hält inne. Augenblicklich tut ihr leid, was sie gesagt hat. „Robin? Sorry, ich wollte nicht… ich…“, stammelt sie.

Schwerfällig setzt sich ihre Schwester auf, sie fährt sich mit dem Handrücken übers Gesicht und wischt sich die Tränen weg. Ihre Stimme ist wehmütig, als sie sagt: „Du kannst echt froh sein, wenn das mit Enrico klappt. Er ist etwas Besonderes.“

Judy schaut misstrauisch. Warum sagt sie das denn so seltsam. „Hattest du etwa was mit ihm?“ Die beiden trennen mindestens zehn Jahre, doch zuzutrauen wäre es ihrer Schwester.

Robin wird ganz ernst. „Nein!“, entgegnet sie bestimmt, „Ich kenne ihn einfach nur sehr gut. Im letzten Jahr habe ich ziemlich viel Mist mit ihm erlebt.“ Robin unterbricht sich einen Moment lang. „Mhm wobei…“ Auf ihren Lippen wächst ein spöttisches Lächeln. „… er kann genauso nervig sein wie du. Vielleicht verdient ihr ja einander.“

Das klingt alles ziemlich merkwürdig für Judys Ohren. Seit Wochen versucht sie etwas über den Kerl herauszufinden, da sagt Robin keinen Ton, und nun will sie sie auf einmal verkuppeln. Irgendwas stimmt doch da nicht. „Robin, mal Hand aufs Herz. Was hat es mit deinem Sinneswandel auf sich? Erst willst du nicht über ihn sprechen, und jetzt klingst du schon so, als wenn ich den Typen mal heiraten werde. Da ist doch was faul“, vermutet Judy.

Peinlich berührt sieht Robin weg, sie steht auf und geht zum Schminktisch. Mit der Bürste kämmt sie ihr Haar.

Das hat sie schon immer gemacht, wenn sie etwas verbergen wollte.

Judy steht ebenfalls auf und tritt hinter sie. Ihre Arme stemmt sie rechts und links in die Seiten und fragt geradeheraus: „Hat Vater was damit zu tun?“

Das hörbare Ausatmen ist Judy Antwort genug.

„Was hat er denn bitte davon, wenn ich mit dem Kerl zusammenkomme?“, will sie wissen.

Robin seufzt. Sie legt die Bürste weg und dreht sich um. Ihr Blick ist aufrichtig, als sie antwortet: „Er hält ihn eben für eine gute Partie.“

„Es ist unfassbar! Ich bin nicht von daheim abgehauen um zu tun, was Vater will. Und ganz bestimmt werde ich niemanden heiraten, den er ausgesucht hat!“

„Aber du hast doch die ganze Zeit gebettelt Enrico zu treffen. Wo ist dann jetzt das Problem?“

„Ja, ich finde ihn interessant, das heißt aber noch lange nicht, dass ich was mit ihm anfangen will. Ich bin mit Sam verlobt!“ Demonstrativ hebt Judy ihre linke Hand, an der ein Ring mit einem Diamanten in der Mitte sitzt.

Robin legt den Kopf schief. „Du hast doch noch nicht mal zugestimmt ihn zu heiraten“, erinnert sie Judy.

„Na und? Deswegen fange ich doch nicht gleich was mit einem Anderen an. Wie kommst du überhaupt dazu die Kupplerin für uns zu spielen?“

Robin erhebt sich, sie drängt sich an Judy vorbei. „Hey, ich habe mir das auch nicht ausgesucht. Vater hat mich darum gebeten ihn dir vorzustellen“, erklärt ihre Schwester.

„Oh Mann, Robin! Hör doch endlich mal auf Vater aufs Wort zu gehorchen! Nach allem, was passiert ist, hat er deine Treue nicht verdient. Er ist ein elender Mörder!“

Ihre Schwester zieht die Augenbrauen tief ins Gesicht, Wut flammt in ihren Augen. „Ich gehorche ihm nicht aufs Wort! Ich tue, was ich für das Richtige halte. Auch wenn ich inzwischen ausgezogen bin, besuche ich ihn wenigstens regelmäßig und habe ein warmes Wort für ihn übrig. Er war immer gut zu uns, hat uns geliebt, hat uns beschützt. Auch Susens Praxis unterstützt er jeden Monat mit einer großzügigen Spende, weil so wenige sich von einer Frau behandeln lassen wollen. Er hat euren Hass nicht verdient. Dass Mutter umgebracht wurde, ist nicht seine Schuld. Glaubst du denn, er macht sich deswegen nicht selbst genug Vorwürfe? Es tut mir im Herzen weh zu sehen, wie er jeden Tag einsam in diesem riesigen Anwesen sitzt und seine Töchter vermisst. Der Mann zerbricht daran, auch noch euch beide verloren zu haben, aber was kümmert es euch? Ich habe zugestimmt, weil ich es auch für eine gute Idee hielt. Ich will, dass du nach Hause kommst, dass wir endlich wieder eine richtige Familie sind. Seit Mutters Tod ist alles auseinandergebrochen. Und egal wie sehr ihr ihn verachtet, ich liebe ihn, okay? Ich werde auch weiter alles versuchen, dass wir wieder an einem Tisch sitzen können, so wie früher!“ Ein Meer aus Tränen flutet Robins erzürntes Gesicht.

So aufgelöst hat Judy sie noch nie erlebt. Sie ist doch immer so taff und unnahbar. Dass ihr der Vater so viel bedeutet, das hat Judy nicht gewusst. Sie macht einen Schritt auf die Schwester zu und schließt sie in eine Umarmung ein. „Ich werde heute Abend mitkommen“, verspricht sie, „Um ehrlich zu sein, ein bisschen fehlt Vater mir auch.“

~Männergespräche~

Die Tür der Bibliothek öffnet sich. Ein alter Herr mit am Ansatz ergrautem Haar tritt ein. Er trägt einen teuren Anzug und in der Hand ein Glas mit Whisky.

Ich ignoriere Aaron und spiele unbeirrt weiter.

Er geht zu einer mit weißem Stoff bezogenen Bank und setzt sich. Das Glas schwenkt er in der Hand, er trinkt einen Schluck. „Das ist nicht das Stück, das du üben sollst“, stellt er nach Strenge ringend fest.

Dieser Beethoven und Mozart-Mist kommt mir schon zu den Ohren raus. Ich kann es nicht mehr hören, doch mit Aaron darüber zu diskutieren habe ich aufgegeben. Seit kurzen fahre ich auf dem Gebiet eine neue Taktik: Ich schweige beharrlich.

Aaron lehnt sich zurück, er schließt die Augen. Seine Gesichtszüge entspannen sich. So schlimm kann meine Musik also gar nicht sein.

„Es ist schon verrückt, wie schnell du dich mit dem Instrument vertraut gemacht hast. Ich habe deutlich länger dafür gebraucht“, berichtet er.

Wieder schweige ich.

„Ich hoffe heute Abend bist du gesprächiger. Es wird viele Menschen geben, die dich kennenlernen wollen.“

Eigentlich meint er doch nur einen Menschen, dem ich näher kommen soll. Ich atme schwer und nehme die Hände von den Tasten.

Aaron öffnet die Augen.

„Was ist, wenn sie mich nicht leiden kann?“, frage ich gerade heraus. Noch immer habe ich die Hoffnung, Judy könnte mich nicht wollen und ich würde um die geplante Hochzeit herum kommen.

Aaron legt den Kopf schief, eine tiefe Falte furcht seine Stirn. „Du wirst selbstverständlich sehr charmant sein, zuvorkommend und einfühlsam. Du wirst ihr keinen Grund geben dich nicht zu mögen!“ Seine Worte gleichen einem Befehl.

Ich rolle mit den Augen. Meine Aufmerksamkeit wandert durch den Raum, sie bleibt an einem Bild auf dem Sekretär hängen, der neben der Bank steht. Es zeigt zwei junge Frauen, in deren Mitte ein Mädchen steht, das einen weißen Sommerhut trägt. Sie lächelt schüchtern in die Kamera.

„Wie ist sie überhaupt so?“, will ich wissen. Bisher habe ich noch kein Wort mit ihr gewechselt. Die kurzen Momente, in denen ich sie bei Susen gesehen habe, waren keine Hilfe mir ein Bild von ihrem Charakter zu machen. Hätte ich geahnt, dass ich sie mal heiraten soll, hätte ich mich mit ihr unterhalten.

Aarons Stirn bekommt eine zusätzliche Falte. Er nimmt einen Schluck Whisky. „Sie ist ein gutes Kind“, sagt er wenig überzeugend, „Sehr lebhaft, aber auch stur. Was sie sich in den Kopf setzt, das zieht sie durch.“ Aaron schwenkt sein Glas und betrachtet die braune Flüssigkeit darin mit großer Aufmerksamkeit. „Schon ganze drei Jahre lang…“, fügt er flüsternd an.

Das klingt doch nicht verkehrt. Eine Frau, die weiß, was sie will. Aarons angespannter Haltung nach zu urteilen, sieht er das anders.

„Machst du dir Sorgen um sie?“, frage ich.

Aaron atmet hörbar aus, sein Blick verliert sich zwischen den Regalreihen. Er braucht einen Moment, bis er antwortet: „Sie wohnt ja zum Glück bei Susen und nicht auf der Straße. Aber ich sähe es lieber, sie würde in den Schutz des Anwesens zurückkehren. Außerdem habe ich etwas gegen den Mann, mit dem sie durchgebrannt ist.“ Seine buschigen Brauen wandern tief in seine Gesichtsmitte, die dunkelbraunen Augen richten sich auf mich. „Und genau da kommst du ins Spiel!“

Mir schnürt sich die Kehle zu. Warum ausgerechnet ich? „Und wenn sie den Kerl liebt?“, halte ich dagegen.

Aaron wendet sich ab, er schmatzt abfällig. „Er war nur Mittel zum Zweck, da bin ich mir sicher. So schlecht kann der Geschmack meiner Tochter nicht sein“, entgegnet er abfällig.

„Wer ist der Kerl überhaupt?“, frage ich. Wenn ich es hinbekomme, dass er Aaron von sich überzeugen kann, bin ich vielleicht aus dem Schneider.

„Ein armer Schlucker aus der Vorstadt, der meint sich in der Geschäftswelt einen Namen machen zu können.“

„Aaron, ich bin auch nur ein Straßenkind!“ Was sich in meiner Geldbörse befindet, stammt aus Diebstählen und Einbrüchen.

Der alte Herr richtet seine Augen wieder auf mich. Ein unheimliches Lächeln ziert seine Lippen, als er sagt: „Aber nicht doch, Enrico! Du bist auf dem besten Wege ein Capo zu werden. Du hast vor Diego, Vincent und Giovanni bestanden. Mein lieber Junge, stelle dein Licht nicht immer so unter den Scheffel.“ Er erhebt sein Glas auf mich.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll oder ob er mich nur aufzieht. Die anderen drei Capos haben doch überhaupt keine hohe Meinung von mir. Diego muss die Fabrik mit mir teilen und kotzt deswegen ab, Giovanni hält mich für einen unbedeutenden Grünschnabel, er ignoriert mich, und Vincent, der sieht mich lieber tot als lebendig, weil ich mich dagegen gewehrt habe, sein Lustknabe zu werden.

„Ich hoffe, du weißt, was es für eine große Ehre ist, dass ich dir meine Jüngste anvertraue“, lässt Aaron mich wissen.

Ich spüre seinen durchdringenden Blick auf mir. Wie eine Ehre, fühlt es sich gar nicht an. „Wie man es nimmt …“, murmle ich und wende mich ab.

„Wie war das?“, fragt er harsch.

„Ja, klar! Eine Fremde heiraten war schon immer ein Herzenswunsch von mir“, erwidere ich leise. Den Sarkasmus kann ich nicht aus meinen Worten verbannen. In der Hoffnung die Unterhaltung damit zu beenden spiele ich eine unheilvoll klingende Melodie.

Aaron nimmt das Bild vom Sekretär, das Whiskyglas stellt er an seine Stelle. Mit der freien Hand fährt er über Judys Gesicht. „Ich weiß gar nicht, was dich stört. Das Mädchen ist schön, wie ihre Mutter.“ Seine Augen bekommen einen gläsernen Glanz, doch nur für einen kurzen Moment. Als er zu mir schaut, wandern seine Brauen tief in die Gesichtsmitte: „Du solltest dich glücklich schätzen!“

Glücklich? Wirklich? Ich unterbreche das Klavierspiel und sehe ihn stur an: „Warum ausgerechnet sie, Aaron? Du hast drei Töchter. Hätte ich nicht wenigstens aus den Dreien wählen können?“ Robin wäre mir lieber. Sie weiß um mich und Toni und hilft uns dieses Geheimnis zu bewahren. Mit ihr wäre alles viel einfacher. Selbst mit ihr zu schlafen ist irgendwie geil gewesen.

Aaron legt den Kopf schief, sein Blick durchbohrt mich. „Was willst du damit sagen?“, fragt er ernst.

Verdammt, ich habe zu viel verraten. Wenn er erfährt, dass ich was mit Robin hatte, wird ihn das mit Sicherheit auf die Palme bringen. Ich schweige und drehe mich zum Klavier.

„Enrico!“, schnauzt er drohend.

„Ich mein ja nur. Robin ist auch eine tolle Frau“, entgegne ich kleinlaut.

„Das mag sein. Aber sie ist zehn Jahre älter als du!“

Spielt keine Rolle, sie sieht trotzdem umwerfend gut aus. Ihr nackter Körper taucht vor meinem inneren Auge auf. Meine Wangen werden warm.

Auf Aarons Lippen bildet sich ein spöttisches Lächeln. „Außerdem wage ich doch stark zu bezweifeln, dass sie Interesse an einem Jungspund wie dir hat.“

Spannend, jetzt bin ich wieder nur ein Jungspund? „Ja, genau“, erwidere ich und schmunzle bei dem Gedanken an die Nacht mit ihr.

„Glaube mir, Robins Talent verschwende ich bestimmt nicht an irgendeinen Mann. Dafür ist sie zu wertvoll!“

„Also darf sie nie heiraten?“, frage ich überrascht.

„Der Mann, der für sie gut genug wäre, der muss erst noch geboren werden.“

Mir schleicht sich ein Schmunzeln ins Gesicht. Ja der Mann oder die Frau, Robin ist da nicht so wählerisch. Die Partys in ihrer Villa kommen mir in den Sinn. Der einzige Ort, an dem Toni und ich mal sein können, wie wir sind. Wenn ich Robin das nächste Mal sehe, muss ich sie unbedingt danach fragen, wann die nächste stattfindet.

„Enrico, mal unter uns…“, beginnt Aaron. Er tauscht das Bild gegen das Whiskyglas.

Mir graut bei seiner tiefen Stimmlage. „Ja?“, frage ich vorsichtig.

„Die Gerüchte, die Erik streut, sind die wahr?“

„Das ich in seinem Bordell war?“, frage ich und versuche unschuldig zu klingen.

„Ja!“

„Ich bin keine Jungfrau mehr, falls du das wissen wolltest.“

„Ich finde es ja gut, dass du Erfahrungen sammelst, aber wenn das mit meiner Tochter was wird und man dich noch mal in so einem Etablissement erwischt, drehe ich dir den Hals eigenhändig um. Ich habe meine Augen und Ohren überall, wie du weißt.“

„Bei allem Respekt, Aaron. Noch bin ich nicht mit ihr ausgegangen, oder gar verheiratet. Mit wem ich in die Kiste steige, geht dich nun wirklich nichts an.“

Aaron holt schon Luft, um etwas zu erwidern, als es an der Tür klopft. Die Klinke bewegt sich. Jester, der Butler, tritt ein. „Das Frühstück ist jetzt angerichtet“, erklärt er.

Aaron erhebt sich.

Ich schlage eilig das Notenbuch auf und beginne zu spielen. „Ich muss noch üben!“, erkläre ich.

„Netter Versuch. Los, Abmarsch!“

Ich stöhne und erhebe mich. Essen, noch so ein Thema auf das ich verzichten kann. Ob noch Platz in der hinteren linken Palme ist? Sicher nicht, mein letztes Frühstück wird sie noch nicht verdaut haben. Ich muss dringend durchsetzen, dass die Wachhunde ins Haus dürfen, dann kann ich meine Mahlzeiten heimlich an sie verfüttern.

Langsamen Schrittes folge ich Aaron nach nebenan. Auf einem langen Tafeltisch sind etliche Speisen aufgetischt. Obst, Brot und Brötchen, Marmeladen, Honig, Wurst und Käse. An den beiden Stirnseiten ist Besteck und Geschirr hergerichtet. Aus den Tassen dampft es, der Duft von Kaffee und Tee liegt in der Luft.

Mir wird schlecht. Ich brauche all meine Beherrschung mir nichts anmerken zu lassen und zu meinem Platz zu gehen. Am Fenster neben meinem Stuhl steht Toni. Er schaut hinaus in den Garten. Die Arme hat er hinter dem Rücken verschränkt. Der schwarze Anzug schmeichelt seiner Figur.

Ich sehe weg und setze mich. Aaron geht auf den Stuhl am anderen Ende des Tisches zu, als der Butler herein kommt.

„Master, ein Telefonat!“, lässt er seinen Chef wissen.

Aaron hält inne, er runzelt die Stirn. „Um diese Uhrzeit?“

„Es scheint dringend zu sein.“

Der alte Herr verlässt den Raum.

Ich atme auf. Wenn er nicht da ist, fühle ich die Last seiner Erwartungen nicht mehr so deutlich auf meinen Schultern. Doch Hunger habe ich trotzdem nicht. Lustlos betrachte ich das Spiegelei und den gebratenen Speck auf meinem Teller. Ich zersteche das Eigelb und sehe dabei zu, wie es auf dem Teller zerfließt. Wenn Toni nicht hier wäre, könnte ich das Frühstück aus dem Fenster werfen. Scotch und Brandy würden sich sicher freuen. Ich stütze den Kopf mit der Hand und seufze.

„Du siehst heute noch genervter aus als sonst. Ist was passiert?“, will Toni wissen.

Eigentlich ist es uns gar nicht erlaubt miteinander zu reden, doch wir sind ja allein, also antworte ich: „Ja! Wenn ich je eine von Aarons Töchtern heiraten muss, dann hänge ich mich auf. Mit ihm als Schwiegervater brauche ich keine Drachen mehr als Feinde.“

„So schlimm?“

„Du machst dir kein Bild! Der alte Mann kann einem den ganzen Morgen versauen.“

Toni schmunzelt. „Dann vergiss den Morgen und denk an vergangene Nacht“, schlägt er vor.

Seine Worte entlocken mir ein Lächeln.

~Das Konzert~

Majestätisch erhebt sich das Anwesen vor Judy: Zwei Stockwerke hoch, einem großen Balkon in der Mitte, rechts und links zwei Türme mit spitzem Dach.

Judy atmet tief durch, sie greift nach der Maske. Obwohl sie nicht verrutscht ist, fühlt sie sich nicht sicher hinter ihr. Die Hunde im Zwinger haben sie längst erkannt. Aufgeregt laufen sie hinter den Gitterstäben auf und ab und wimmern kläglich.

Die erste Stufe der Steintreppe hat Judy betreten, zu mehr fühlt sie sich nicht in der Lage. Der Vater wird sie ganz sicher erkennen. Als wenn er glauben wird, dass sie nur eine Freundin von Robin ist. Es ist ein Fehler gewesen hier her zu kommen.

Die Schwester steht hinter ihr, ihre Hand liegt auf Judys Schulter. „Nur keine Sorge. Ich habe ihm gesagt, dass du nicht kommen wirst“, flüstert sie.

Judy runzelt die Stirn. „Wer‘s glaubt…“, murmelt sie. Wenn das Geburtstagskind nicht erscheint, was hätten die Gäste dann für einen Grund so zahlreich zu erscheinen?

Wieder halten Kutschen und Fahrzeuge hinter ihnen. Ein Strom an Gästen kommt den weißen Kiesweg hinauf. Sie sind festlich gekleidet und wirken ausgelassen. Jeder von ihnen trägt eine Maske im Gesicht, so kann Judy nur die wenigsten identifizieren. Sicher alles Geschäftsfreunde ihres Vaters, mit denen hat sie schon als Kind nichts anfangen können.

Die Tür des Anwesens steht weit offen. Der Butler empfängt jeden Gast mit einem Kopfnicken und nimmt ihnen die Mäntel und Jacken ab. Immer wieder schaut er Judy an. Seine braunen Augen scheinen ihre Maskerade zu durchschauen, ein wissendes Lächeln liegt auf seinen Lippen. Dem Mann hat sie noch nie etwas vormachen können. Er weiß es, ganz sicher.

Robins Hand wandert in Judys Rücken, mit sachtem Druck schiebt sie sie die Treppe hinauf. „Wehe, du kneifst jetzt“, flüstert sie, „Wir haben Stunden für dein Make-up und die Haare gebraucht, das soll nicht umsonst gewesen sein.“

Judy gibt dem Drängen ihrer Schwester widerwillig nach. Als die Treppe hinter ihnen liegt, bleibt sie stocksteif stehen.

Jester hält die Hand auf. „Junge Lady…?“, begrüßt er sie betont langgezogen. So hat er sie früher immer genannt. Keinen der anderen Gäste hat er so begrüßt. Judy macht auf dem Absatz kehrt, sie will gehen doch die Schwester steht ihr im Weg.

Robin schaut sie eindringlich an.

„Ich kann das nicht!“, lässt Judy sie wissen.

Robin legt ihr beide Hände auf die Schultern. „Doch, du kannst! Außerdem, schau mal da hinten!“ Sie hebt den rechten Arm, mit ausgestrecktem Zeigefinger deutet sie ins Innere des Anwesens hinein.

Judy schaut über die Schulter zurück, vorbei an all den Gästen, durch den Flur hindurch bis zur Treppe, die in den ersten Stock führt. Unter all den Menschen ist nur einer nicht maskiert. Ein junger Mann in einem schwarzen Smoking. Das Jackett trägt er offen, über dem weißen Hemd fehlt die schwarze Fliege. Seine kurzen blonden Haare sind heute frisiert und nicht so wüst wie sonst. Ein Lächeln liegt in seinem schönen Gesicht, beinah glaubt Judy trotz der Entfernung die eisblauen Augen leuchten zu sehen.

Ihr Herzschlag erhöht sich, was sie tun und sagen wollte, ist ihr entfallen. Als Robin sie weiter schiebt, betritt sie das Anwesen. Während sie ihren Blick nicht von dem jungen Mann abwenden kann, nimmt Robin ihr das Seidentuch von den Schultern und reicht es Jester.

Der Butler und sie tauschen vielsagende Blicke.

Judy achtet nicht auf sie. Im Geiste sucht sie die richtigen Worte, mit denen sie Enrico ansprechen und was sie ihn fragen könnte. Ihre Füße laufen von allein den bekannten Weg durch den Flur, vorbei an den Gästen und der Anrichte mit den goldenen Aufschlägen, vorbei auch an dem Schemel mit der großen Vase, in der ein prächtiger Strauß Blumen blüht. Sie hat ihren Schwarm fast erreicht, als ein breitschultriger Mann die Treppe herab kommt. Seine Schritte sind fest und seine Haltung angespannt.

„Vater…“, haucht Judy und bleibt abrupt stehen. Ein Stich fährt ihr durchs Herz, sie fasst sich an die Brust und tritt hinter die Vase. Eine der Blumen biegt sie herab um an dem Blätterwerk vorbeisehen zu können.

Die Haare des Vaters sind am Ansatz ergraut, seine Stirn ist in Falten gelegt, die buschigen Augenbrauen hat er tief ins Gesicht gezogen. In der Hand hält er eine Krawatte, mit der er vor Enrico stehen bleibt. Ärgerliche Worte richtet er an ihn und deutet auf das weiße Hemd des jungen Mannes. Unablässig schimpft er, während er die Krawatte schwenkt. Der junge Mann wirkt neben ihm wie ein Kind.

Enrico rollt mit den Augen, die Wut Aarons ändert nichts an seiner aufrechten Haltung. Widerwillig knöpft er die obersten beiden Knöpfe des Hemdes zu und reißt dem Paten die Krawatte aus der Hand.

Das ruft Erinnerungen in Judy wach. Auch ihr hat der Vater immer wieder vorschreiben wollen, wie sie sich angemessen zu kleiden hat. Ein flüchtiges Schmunzeln huscht ihr über das Gesicht.

Es tut gut den Vater wohlauf zu sehen. Judy prüft seine Haltung und jede Bewegung. Alles ist flüssig, nichts deutet auf eine Verletzung hin. Auch im Gesicht des Vaters findet sie keine Anzeichen für Schlafmangel oder Sorgen. Obwohl er noch immer mit Enrico schimpft und dem Jungen dann hilft die Krawatte zu binden, erscheint er ihr viel zufriedener als bei ihrer letzten Begegnung. Irgendetwas muss ihn verändert haben.

Robin schiebt sich in ihr Sichtfeld, sie greift Judys Hand. „Na komm, wir gehen in den Salon. Wenn er dich hier wie ein scheues Reh hinter den Blumen sieht, erkennt er dich doch sofort.“
 

…~*~…
 

Wie ich das Tragen von Krawatten hasse! Auch das Hemd bis zum Kragen zu schließen ist eine unerträgliche Qual. Als Aaron endlich zufrieden ist, fahre ich mit dem Zeigefinger unter den Krawattenknoten und versuche ihn zu lockern.

Der Pate schlägt mir auf die Hand. „Lass das gefälligst! Heute lasse ich dir deine Unsittlichkeiten nicht durchgehen.“

Ich rolle mit den Augen. Als wenn der feine Anzug darüber hinwegtäuschen könnte, dass ich nur ein Straßenkind bin.

Unablässig betreten neue Gäste das Anwesen. Es sind so viele, dass ich längst den Überblick verloren habe. Keines der Augenpaare, die durch die Masken schauen, ist mir bekannt. Auch die übertrieben festliche Kleidung der Anwesenden lässt mehr an einen Ball am Königshofe als auf eine einfache Geburtstagsfeier schließen. Wieder kommt mir der Gedanke, dass diese Menschen nur das Beste vom Besten gewohnt sind. Hier werden die teuersten Spirituosen und die edelsten Zigarren angeboten. Kaviar und auserlesene Früchte werden vom Dienstpersonal verteilt. Viele der angerichteten Speisen habe ich noch nie gesehen.

Mir ist, als wenn nicht nur die Krawatte und das Hemd mir die Kehle zuschnüren, sondern auch dieser verdammte Abend.

„Hast du den Mittelteil noch mal geübt?“, fragt Aaron mich mit mahnendem Blick.

Den ganzen Tag habe ich nichts anderes gemacht, aber wirklich besser bin ich nicht geworden. Meine Hände sind kalt und feucht. Ich öffne und schließe sie, sie fühlen sich taub an und krampfen. Wie soll ich so die richtigen Noten treffen?

„Enrico! Ich habe dich etwas gefragt“, sagt Aaron ungeduldig.

Ich zwinge mich zu antworten: „Ja ich habe geübt, mir tun immer noch die Pfoten von dem verdammten Stück weh. Kann ich nicht was anderes spielen?“

Aarons Hand packt mich fest, seine Finger krallen sich in meine Schulter, tief sieht er mir in die Augen. Während er sich zu mir herabbeugt und mir ganz nah kommt, verlangt er: „Du wirst heute einen umwerfenden Auftritt hinlegen, und von deinem selbstkomponierten Geklimper will ich nichts hören! Haben wir uns verstanden?“ Sein Griff wird zunehmend fester.

Schmerz flutet meine Schulter. Ich beiße die Zähne fest aufeinander und entgegne: „Ja, schon gut. Reg dich wieder ab!“ Seine Hand versuche ich von mir zu lösen, doch er gibt mich nicht frei.

Der Pate dreht mich Richtung Salon. „Gut, dann Abmarsch!“ Mit der flachen Hand schlägt er mir hart in den Rücken. Ich stolpere einen Schritt nach vorn.
 

…~*~…
 

Robin hat sich im Salon auf das Sofa gesetzt, sie klopft auf den leeren Platz neben sich.

Judy schaut noch immer zur Treppe und ist sich nicht sicher, ob sie bleiben oder flüchten soll. Sie hat den Vater gesehen, es geht ihm gut, muss sie noch mehr wissen? Ihre Aufmerksamkeit wird von einem großen schwarzen Flügel eingefangen. Für gewöhnlich stand der immer in der Bibliothek. Die Bediensteten müssen ihn wohl hier runter geschleppt haben.

Judy geht dicht an ihm vorbei. Sie streicht über das lackierte Holz.

Als sie noch ganz klein war, hat sie auf dem Schoß des Vaters gesessen und ihm beim Spielen zugesehen. Seine Finger tanzten über die Tasten und erzeugten wunderbare Melodien. Für einen Moment sieht sie sich bei ihm sitzen, von seinen starken Armen gehalten. Es ist lange her, dass sie sich so sicher und geborgen gefühlt hat. Auch wenn sie es nicht gern zugibt, das Leben außerhalb der schützenden Villa hat auch seine Schattenseiten. Als Tochter des Paten hat sie schon mehr als einen Entführungsversuch hinter sich. Ohne die Bodyguards, die ihr der Vater hinterher schickt, wäre sie längst einem der unzähligen Feinde der Locos in die Hände gefallen.

„Judy, komm, setzt dich zu mir!“, fordert Robin sie auf.

Judy ist wie aus einem Traum gerissen. In jedem Winkel dieses Anwesens wartet eine verdrängte Erinnerung auf sie. Es hatte schon seine Gründe, warum sie nicht hier her kommen wollte. Seufzend lässt sie vom Flügel ab und geht zu ihrer Schwester. Neben sie setzt sie sich und schlägt die Beine übereinander. Die Arme verschränkt sie vor der Brust und wippt mit dem Fuß. „Ich bleibe nur um mir das Konzert anzuhören, dann verschwinde ich wieder.“

Robin beugt sich zu ihr, ein verschlagenes Lächeln liegt in ihrem Blick. „Sicher? Und wenn er dich zum Tanzen auffordert?“, will die Schwester wissen.

„Sehr witzig. Wie soll er das denn als Pianist machen?“

„Warte es ab!“ Robin rückt in eine gerade Haltung zurück, sie nimmt einem der Bediensteten ein Glas Sekt vom Tablett und nippt daran.

Judy wird das Gefühl nicht los, dass ihre Schwester und der Vater noch deutlich mehr geplant haben. Besser sie verschwindet, sobald sich eine Gelegenheit bietet.
 

…~*~…
 

Direkt am Klavier zu sitzen macht mein Unwohlsein auch nicht besser. Mir ist so kalt, nicht mal das Feuer im Kamin zu meiner rechten kann daran etwas ändern. Ein imaginärer Kloss im Hals lässt mich schwer schlucken. Mit Blick auf die schwarz-weißen Tasten wird mir ganz flau im Magen. Ich hätte doch etwas essen sollen. Das leere Gefühl sticht unerträglich, mir ist schon ganz schlecht davon. Die aufmerksamen Blicke der Gäste machen es nicht besser.

Überall diese Masken, wie in einem Horrortheaterstück. Was Aaron ihnen wohl über mich erzählt hat? Die denken doch sicher, ich bin irgendein Wunderkind, das ihnen jetzt die große Show abliefert.

So wie meine Hände zittern, werde ich ihnen nicht mal eine kleine liefern können. Ich lächle bitter.

Unter all den Menschen hier erkenne ich nur Robin. Sie sitzt direkt vor dem Flügel auf dem Sofa. Als sich unsere Blicke treffen, deutet sie mit einem Schwenk ihres Kopfes auf die junge Frau neben sich. Wir haben ein stummes Zeichen vereinbart, mit dem sie mir meine zukünftige Frau zeigen soll. Das junge Ding mit der verschlossenen Haltung ist also Judy? Mit der Maske und der neuen Frisur hätte ich sie nicht erkannt. Ich präge mir ihr Kleid mit der Blumenspitze und die weiße Maske mit den Sternen auf der linken Wange ein, um sie später unter den Gästen wiederfinden zu können.
 

Aaron tritt in die Mitte des Raumes. Er hat ein Glas und einen Löffel in der Hand, die er klangvoll gegeneinander schlägt.

Die Gespräche verstummen, alle Augen richten sich auf ihn.

„Wenn ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte!“, sagt er laut, „Es freut mich, dass Sie alle so zahlreich erschienen sind. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass unser Ehrengast sich heute hat entschuldigen lassen. Meine Jüngste liegt mit einer schweren Grippe im Bett.“ Aarons Blick schweift umher, er bleibt an Judy hängen. Ein wissendes Lächeln legt sich in seine Mundwinkel.

Als sie sich seines Blickes bewusst wird, greift sie den Arm Robins und versteckt sich hinter ihrer Schulter.

„Nichtsdestotrotz…“, fährt Aaron fort, „… lassen wir uns diesen Abend nicht verderben.“ Seinen rechten Arm breitet Aaron weit aus und lässt ihn in meine Richtung schwingen. „Wie versprochen beginnen wir diese Tanzveranstaltung mit einem Konzert meines neuen Schützlings.“ Er dreht sich ganz zu mir um.

Ich halte die Luft an.

„Enrico River, ein Naturtalent am Klavier, mit einem absoluten Gehör!“

Mein Körper fordert sein Recht, ich atme hektisch, stoßweise. Das wird niemals gutgehen!

„Es ist sein erster Auftritt vor Publikum, also seien Sie etwas nachsichtig mit ihm, wenn er nicht jede Note trifft!“

Fröhliches Gelächter bricht aus den Reihen der Gäste hervor.

Ich werfe Aaron einen feindseligen Blick zu. Die Anspielungen auf meine Probleme mit dem Mittelteil hätte er sich sparen können. Jetzt fühle ich mich noch unsicherer. Hilfesuchend sehe ich mich nach Toni um. Er steht mit einigen anderen Bediensteten weit abseits der Gäste, vor der großen Verandatür. Die Arme hat er hinter dem Rücken verschränkt, er nickt mir vertrauensvoll zu.

„Nun dann, ohne weitere Umschweife, genießen wir eine der schönsten Sonate von Beethoven.“ Der Pate tritt beiseite und gewährt den Gästen einen ungehinderten Blick auf das Klavier, während er sich in seinen Lieblingssessel setzt.

Ich lege die Hände auf die Tasten und schließe die Augen. Tief atme ich durch. Seit Wochen habe ich diesen Mist geübt, das bekomme ich schon hin, rede ich mir ein. Die Noten kenne ich längst auswendig, ich kann sie blind spielen, doch um auf Nummer sicher zu gehen, öffne ich die Augen und schaue ins Buch. Langsam beginne ich zu spielen. Es klingt abgehackt und unsauber. Ich brauche eine ganze Notenzeile um in das Stück hineinzufinden.

Aarons Stirn legt sich bereits in Falten.

Ich bemühe mich flüssiger zu spielen. Die Musik erfüllt den Raum, doch nicht mein Herz. Alles in mir sträubt sich gegen diese Melodie. Das hier passt genau so wenig zu mir, wie der Anzug und alles andere auch.

Ich treffe jeden Ton, das Stück klingt genau so, wie Aaron es mir vorgespielt hat.

Die Gesichtszüge des Paten entspannen sich, er schließt die Augen und lauscht zufrieden.

Die Gäste hören zu, doch nicht für lange. Die ersten leisen Unterhaltungen beginnen. Getränke und Speisen werden konsumiert, die Blicke wenden sich von mir ab. Nur wenige scheinen sich noch für die Musik zu interessieren.

Ob das an mir liegt? Aaron scheint doch zufrieden zu sein. Bisher habe ich jede Note getroffen, und trotzdem entgleitet mir die Stimmung im Raum. Ob die Anwesenden das Stück wohl ebenfalls langweilig finden? Sicher haben sie es selbst schon einmal zu oft gehört. Was mache ich denn jetzt? Ratsuchend blicke ich zu Toni.

Er schaut mich durchdringend an und schüttelt sacht den Kopf. Er hat mir immer wieder geraten meine eigene Musik zu spielen, aber Aaron hat mir genau das verboten.

Ich lasse meinen Blick über die Gäste schweifen. Die Unterhaltungen sind lauter geworden, die Menschen, die noch zuhören, weniger. Das ist sicher nicht der Auftritt, den Aaron erwartet hat, und wenn ich hier keinen Eindruck schinde, wer weiß, was er dann mit mir und meinen Leuten anstellt. Wir leben doch alle nur, weil ich in seiner Gunst stehe.

Meine Hände lasse ich auf den Tasten ruhen, die Musik verklingt.

Es wird augenblicklich still, alle Blicke richten sich fragend auf das Klavier. Auch Aaron schaut mich an, er durchbohrt mich mahnend mit seinem Blick.

Ich meide es, ihn oder die Gäste zu betrachten. Ein letztes Mal hole ich Tonis Rat ein.

Er nickt mir zu, wohlwissend was ich vorhabe.

Ich atme aus und schließe die Augen. Toni hat gesagt, ich soll alles vergessen und mir vorstellen nur für ihn zu spielen. Bei dem Gedanken an die vergangene Nacht muss ich lächeln. Ganz von alleine beginnen meine Finger ein neues Lied.

Jede neue Note untermalt seine Gestalt in meinem Kopf: Seine schönen Augen und den starken Körper, seinen Mut und seine Leidenschaft. Mir ist, als wenn ich die vergangenen zwei Jahre mit ihm noch einmal erlebe.

Während meine Finger über die Tasten tanzen, glaube ich ihn vor meiner Schule stehen zu sehen, verschwitzt, mit den klammen Haaren im Gesicht. Wie wir uns am Tag darauf auf dem Basketballplatz trafen und ich haushoch gegen ihn verlor, weil er beim Zielen einfach alles trifft, auch einen Korb von der Dreipunktelinie aus. Unser Tag am See, als wir uns eine Zwille bauten und auf Schilfrohre schossen. Unser erster Kuss, als er bei mir übernachtete.

Eine fröhliche Melodie erklingt im Raum, sie lässt mein Herz höher schlagen und erfüllt mich ganz.

Die Zeit war so wunderbar friedlich. Ich gäbe was dafür, noch einmal so unbeschwert zu sein. Doch unser Leben ist nicht mehr so wie damals.

Mir kommt der Tag in den Sinn, als ich Toni dabei beobachtet habe, wie er einen Menschen umbrachte.

Nach Unheil klingende, dunkle Töne mischen sich in meine Musik.

Ich konnte es nicht glauben, ich wollte es nicht wahrhaben, aber ich hatte es mit eigenen Augen gesehen. Doch viel schlimmer als das war der Abend, der darauf folgte, als er kam um mich zu töten, weil ich als Zeuge nicht leben durfte. Er hat die Waffe auf meinen Schreibtisch geknallt und bitterlich geheult, weil er es nicht über sich bringen konnte. Aber dafür sollten wir nun beide sterben. Ein finsterer Mann kam mit ihm und schlug ihn fast tot. Der Moment, als ich Tonis Waffe nahm und den Angreifer damit erschoss, alles flammt in mir gleichzeitig auf und lässt den Raum in eine düstere Melodie versinken. Unsere Flucht vor den Kerlen, die ihren getöteten Chef rächen wollten, treibt meine Musik an. Seit diesem Moment sind wir vogelfrei und leben auf der Straße, immer verfolgt von den Männern, zu denen Toni einst gehört hat.

Unweigerlich drängen sich mir die Bilder in den Sinn, als ich mich in ihrer Gewalt befand und sie mir mit einer Säge fast mein Bein abgetrennt haben, nur um zu erfahren wo Toni sich aufhält. Ich verziehe das Gesicht, spüre ich den Schmerz doch wie in diesem grausamen Moment.

Was für ein beschissenes Jahr liegt da eigentlich hinter uns? Auch Toni befand sich schon in ihrer Gewalt und hat schrecklich leiden müssen. Sein Blut an meinen Händen, das kann ich einfach nicht vergessen. Hätte ich ihn an diesem Tag verloren, ich wäre sicher nicht mehr hier. Ohne ihn wüsste ich gar nicht, wieso ich noch jeden Tag aufstehen sollte. Aber mit ihm…

Meine düstere Stimmung hellt sich auf, beschwingte und heitere Töne fließen in die Melodie.

All die Nächte mit ihm spuken mir durch den Kopf. In seinen Armen liegend, mit seinem holzig wilden Duft in der Nase und seinem harten Glied in meinem Hintern. Ich beiße mir auf die Unterlippe, Hitze steigt mir in den Kopf. Ob sich meine Musik wohl so anzüglich anhört, wie es in meinem Kopf aussieht?

Ich sehe mich um. Die Augen meiner Zuhörer sind gläsern. Einige der Frauen wischen sich mit Taschentüchern die Tränen von den Wangen. Während alle Blicke auf mir ruhen, spricht niemand mehr. Einige der Gäste haben die Augen geschlossen und lauschen mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht, andere ringen mit ihren feuchten Taschentüchern.

Zögerlich wandert meine Aufmerksamkeit zum Sessel Aarons. Der Mund des Paten steht weit offen, er betrachtet mich mit einer Mischung aus Erstaunen und Wut.

Mir kommen seine Worte in den Sinn, ich sollte meine Musik nicht spielen. Augenblicklich nehme ich die Hände von den Tasten und setze ein verlegenes Lächeln auf. Ich kratze mich am Hinterkopf und schaue entschuldigend. ‚Sorry‘, presse ich tonlos hervor.

Aarons Finger krallen sich in den Sessel, er drückt sich hinauf.

Die Gäste scheinen sich zu fangen, ein zaghaftes Klatschen ertönt, dann ein zweites. Die Frauen legen die Taschentücher beiseite und stimmen mit ein. Schließlich beginnt der ganze Salon unter lautem Beifall zu erbeben.
 

…~*~…
 

Beethoven? Wirklich? Dass ihr Vater immer auf diese alten Schinken bestehen muss. Dabei gibt es so viel schönere Musik. Jazz und Swing zum Beispiel. Judy seufzt ergeben. Jeder hier erwartet bei einem Klavierkonzert diese alten Meister zu hören, und egal wie gut der Pianist auch ist, für Judy hört es sich immer gleich an. Als die bekannten Töne erklingen, gähnt sie herzhaft und wendet sich ihrer Schwester zu. „Und für diesen langweiligen Mist hast du mich her gebracht?“

Robin legt den Kopf schief, sie betrachtet Enrico. „Ach Vater, wirklich? Du weißt doch, dass das nicht seine Stärke ist“, murmelt sie in einem Selbstgespräch.

„Bitte was?“, fragt Judy, die nicht versteht, was Robin damit zu sagen versucht, doch ihre Schwester ist ganz auf den Pianisten konzentriert.

„Jetzt mach schon, widersetze dich, wie sonst auch immer“, flüstert sie und wippt aufgebracht mit dem Fuß.

Judy schaut zurück zum Klavier. Verbissen versucht Enrico die Töne zu spielen, die ihm das Notenbuch vorgibt. Er scheint fast ein bisschen überfordert damit. Das könnte ja selbst sie leidenschaftlicher spielen.

Die ersten Gäste wenden sich bereits ab, leise Gespräche beginnen, die Bar im Globus und das kalte Buffet auf der Anrichte werden geplündert.

Judy betrachtet die Bemühungen Enricos noch einen Moment lang, dann ist auch ihr nach Alkohol und etwas zu Essen. „Wollen wir uns was vom Buffet holen?“, fragt sie ihre Schwester, „Ich hatte schon lange nichts mehr, was aus Jesters Küche stammt.“

Robin reagiert nicht, angespannt schaut sie zwischen Aaron und dem Pianisten hin und her.

Judy stemmt sich aus dem Sofa. Wenn Robin nichts will, dann holt sie sich eben allein was. Alles ist besser als zuhören. Als sie den ersten Schritt machen will, hält Robin sie am Arm fest. „Warte!“, verlangt sie.

Das Musikstück verklingt, die Hände Enricos ruhen auf den Tasten.

Schon vorbei? Die Sonate hat Judy deutlich länger in Erinnerung. Ob Enrico schon nicht mehr kann?

Die Gespräche der Gäste verstummen, alle betrachten den jungen Mann am Flügel.

Enrico schließt die Augen, er atmet tief durch, dann beginnt eine neue Melodie.

Judy versucht sie einzuordnen. Das ist auf keinen Fall von Beethoven, sicher auch nicht von Bach oder Schubert. Sie setzt sich.

Das hört sich gar nicht schlecht an, viel fröhlicher als das andere Stück. Es stimmt sie heiter, ihre Beine beginnen zu wippen. Dazu kann man bestimmt gut tanzen.

Bewegung kommt in die Gäste, die ersten beginnen bereits im Takt der Musik die Hüften zu schwingen, als die Stimmung der Melodie von einem auf den anderen Moment kippt. Düstere Töne erheben sich in den Raum. Wie vom Donner gerührt erstarren alle Anwesenden.

Das Gesicht Enricos wird leidend, seine Haltung verspannt sich.

Von einem Moment auf den anderen fühlt sich Judy in ihren Alptraum zurückversetzt. Sie sieht den toten Mann im Salon und die sterbende Mutter in den Armen Aarons. Tränen steigen ihr in die Augen. Die Musik klingt nach Leid, Verlust und Qual und untermalt alle Gefühle, die sie so gut verdrängt glaubte. Judy greift sich an ihr schmerzendes Herz. Die Mutter, die so grausam aus ihrem Leben gerissen wurde, scheint ihr auf einmal ganz nah zu sein. Je länger die Musik spielt, umso deutlicher kann sie sie in jedem Winkel des Salons entdecken. Am Globus, aus dem sie eine Whiskyflasche zieht und dem Vater einen Drink einschenkt, am Kamin, als sie sich die Hände wärmte, auf dem weichen Teppich sitzend mit einem Buch in der Hand, aus dem sie Judy vorgelesen hat. Traurigkeit und das Glück vergangener Tage wechseln sich in Judy ab. Wie auf ein geheimes Stichwort ändert sich auch die Musik Enricos. Eine sanfte Melodie erfüllt den Salon, für Judy fühlt sie sich fast wie eine Umarmung der Mutter an. Noch mehr Tränen lassen ihren Blick verschwimmen.

Die Musik endet abrupt, die Umarmung der Mutter verschwindet, als wenn es sie nie gegeben hätte.

Ein zaghaftes Klatschen erklingt, ein zweites folgt, schließlich erheben sich die Gäste und fallen mit lautem Beifall ein.

„Wenn er mal richtig loslegt, ist er echt gut, oder?“, wird Judy von ihrer Schwester angesprochen, die ein weißes Taschentuch vor ihr schwenkt.

Judy nimmt es dankbar entgegen und hebt ihre Maske ein Stück um die Tränen darunter zu trockenen. Zu einer Antwort fühlt sie sich nicht im Stande. Was ist das nur für eine Musik gewesen? Bisher hat sie noch kein Klavierstück so tief in ihre Vergangenheit gezogen. Irgendwie unheimlich!
 

Ende der Leseprobe!
 



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