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Geschichten aus Pelikan Stadt

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Für den FF-Adventskalender 2025 Komplett anzeigen

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Ästhetisches Friedensgeschenk

1. Kapitel: Ästhetisches Friedensgeschenk

 

(Charaktere im OS: Sebastian, Maru, Demetrius, Robin, Penny)

 

 

 

„Du machst einfach viel zu wenig für dein eigenständiges Leben. Du sitzt nur vor dem Computer und spielst.“

„Oder du triffst dich mit Sam und Abigail.“

„Das ist überhaupt nicht wahr! Ich arbeite! Ich bin Programmierer, verdammt noch mal!“, schrie Sebastian wütend.

„Programmierer ist kein Beruf mit Zukunft, Junge. Lerne doch etwas Praktisches, wie deine Mutter oder, wenn du theoretische und praktische Sachen magst, komm zu mir in den wissenschaftlichen Bereich. Ich denke, du könntest darin genauso erfolgreich sein wie deine Schwester.“

„Ach hört mir auf dem Scheiß! Ich hab keinen Bock auf deine beschissene Wissenschaft und wie Maru will ich erst recht nicht werden!“

„Sebastian“, ertönte die mahnende Stimme seiner Mutter.

„Ach ihr könnt mich alle mal!“

Sebastian drehte sich auf den Absatz um und wenige Sekunden später fiel die Haustür geräuschvoll ins Schloss, wobei der Bilderrahmen direkt neben dieser erzitterte. Das Schluchzen einer Frau war zu hören, welche Anstalten machte dem jungen Mann nach zugehen, aber dann von ihrem Mann zurück gehalten wurde.

„Lass ihn, Robin.“

Demetrius zog seine Frau in den Arm und küsste sie liebevoll auf die Stirn. Draußen heulte der Motor eines Motorrads auf, welches sich vom Grundstück entfernte.

„Was machen wir denn nur falsch?“

 

Der kühle Herbstwind zog an seiner Kleidung, die für diese Aktivität viel zu dünn war. Doch es interessierte ihn nicht. Mit Beherrschung hielt er sich an die Geschwindigkeit innerhalb des Dorfes, sobald er das Ortsschild jedoch passierte, drehte er am Lenker und der Motor brüllte erneut los. Der Auspuff knatterte den letzten Staub aus dem Rohr und das Motorrad nahm weiter Geschwindigkeit auf.

Wie im Rausch zog die Landschaft an ihm vorbei. Mit dem Kopf in den streitenden Gedanken versunken, arbeitete sein Körper im Autopilotmodus. Es war Sebastians Glück, dass hier einfach wenig los war. Es gab eigentlich keine Polizei im Stardew Valley. In Pelikan Stadt sowieso nicht. So brauchte er keine Kontrollen fürchten und da die Ferngill-Republik, in welcher Stardew lag, sich sowieso im Krieg mit dem Gotoro-Reich befand, war auch wenig Lieferverkehr hier. Das Einzige worauf er achten musste, waren einige Schlaglöcher in der alten Straße. Mit automatischen Links-Rechts-Bewegungen wich er diesen elegant, wie bei einem Slalom aus.

 

 

Wie immer hatte es ihn zum Schluss zu seinem Lieblingsort in die Berge gezogen, nachdem er zu erst kopflos umher gefahren war. Auf „seinem“ Berg konnte er Pelikan unter sich sehen und die größere Stadt, einige Kilometer weiter weg, zeichnete sich am Horizont ab. Steif stieg er vom Motorrad ab. Seine Glieder fühlten sich fremd an, seine Gelenke taten weh und er fror. Der Schwarzhaarige ärgerte sich ohne Motorradkluft gefahren zu sein, allerdings wusste er auch, dass es viel zu lange gedauert hätte diese anzuziehen. In dieser Zeit hätte seine Mutter oder Demetrius ihn aufgehalten und dann… dann wäre es sicherlich noch mehr eskaliert. Denn dann hätten sie wieder von Maru gesprochen.

Maru. Immer nur Maru. Er konnte es nicht mehr hören.

Er nahm seinen Helm ab und hängte diesen an den Lenker, dann setzte er sich an die Kante des Bergabhangs, um sich hastig eine Zigarette anzuzünden. Nach einem tiefen Zug merkte er, wie die Anspannung zurück ging und seine Gedanken sich langsam ordneten. Er blies den Rauch in die Mittagsluft hinaus, beobachtete dabei, wie am Himmel die Sonne immer wieder versuchte durch die dichte Wolkendecke zu dringen. Sie schaffte es ab und an kurz einen Lichtstrahl durch ein Loch zur Erde zusenden. Ein weiterer tiefer Zug von seinem Glimmstengel folgte. Die Sonne war an solchen Tagen, wie ein flackerndes Taschenlampenlicht in der Nacht. Manchmal fühlte er sich genauso. Kaum bemerkt, immer etwas anderes vor sich habend, welches ihn überdeckte.

Er drückte die auf gerauchte Zigarette auf den blanken Felsboden aus, zückte bereits die nächste und entzündete sie. Dies mal nahm er einen kleinen, wesentlich ruhigeren Zug von dieser. In ihm begann sich Wärme auszubreiten. Er bekam wieder Gefühl in den Gliedern, nur die Gelenke schmerzten immer noch leicht.

Seine kleine Schwester Maru hatte er ja eigentlich sehr gern gehabt, als sie noch kleiner waren. Das Verhältnis zu seinem Stiefvater Demetrius war schon immer etwas speziell und auch schnell schwierig geworden. Es war nicht so, dass sich dieser nicht Mühe gab, aber… irgendwie schienen sie von zwei verschiedenen Planeten zu kommen. Er fühlte sich ungerecht behandelt von ihm. Als Maru und er noch klein waren, da hatte der Schwarzhaarige es noch nicht so wahrgenommen. Je älter sie wurden und je ähnlicher die Interessen von Maru und Demetrius wurden, desto mehr zog er sie ihm vor. Seine Mutter Robin war einfach nur verzaubert von ihrer talentierten Tochter und der gemeinschaftlichen Arbeit mit ihrem Vater. Neben des Schreinerns interessierte sich seine Mutter nämlich auch sehr für die wissenschaftlichen Arbeiten ihres zweiten Mannes.

Sebastian selbst konnte weder mit Schreinern, noch mit Astrologie und Ökologie etwas anfangen. Er interessierte sich für technische Sachen, wie Programmierungen oder Musik. Etwas womit der Rest seiner Familie wiederum nichts anfangen konnte. Oder wollte.

Manchmal fragte er sich, ob sein leiblicher Vater ihn mehr verstehen würde. Treffen wollte er ihn jedoch auch nicht, schließlich hatte er seine Mutter schwanger sitzen gelassen. Sebastian traute ihr nicht zu in diesem Punkt gelogen zuhaben. Weder sprach sie von seinem Vater, noch hatte er gesteigertes Interesse nach diesem zu Fragen. Bisher zumindest nicht.

Er nahm den letzten Zug seiner Zigarette und drückte sie wieder auf den Boden aus. Mit dem Ausstoßen des Rauchs seufzte er tief. Wie sollte er nach dieser Situation wieder nach Hause kommen? Die Streitereien wegen dem selben Thema nahmen immer mehr zu. Langsam fragte er sich, wie lange er nach solchen Streits einfach nach Hause kommen konnte. Wie lange Demetrius und seine Mutter am nächsten Tag so tun würden, als sei nichts gewesen.

Vielleicht war dies auch der Grund dafür, dass es immer öfter knallte.

Um sich abzulenken, blickte er auf seine Armbanduhr und dankte im Geiste den Zeigern, dass sie seine Entscheidung bezüglich seines Problems hinaus zögerten. Er wollte sich mit Abigail treffen. Zusammen mit Sam wollte er sie noch einmal davon überzeugen, dass sie sie unbedingt als Schlagzeugerin benötigten in ihrer Band. Er stand auf, griff seinen Helm, um ihn wieder aufzusetzen. Nach einem kurzen Ausschütteln der Glieder, erweckte er seine Maschine wieder zum Leben und machte sich auf den Rückweg nach Pelikan Stadt, diesmal jedoch etwas langsamer und wesentlich fokussierter auf den Straßenverkehr.

 

Sebastian kam wesentlich entspannter beim alten Bauernhof an, welcher still vor sich hin verwilderte. Albert hatte dieser gehört, der alte Mann war jedoch vor einiger Zeit verstorben. Ein Nachfahre von ihm hatte den Hof wohl geerbt, aber wie es aussah schien dieser kein Interesse an dem Grundstück zuhaben. Eigentlich war es den anderen und ihm auch recht so. Hier konnte man sich herrlich zurückziehen. Nach den Bergen sein zweiter Lieblingsort. Bedauerlicherweise war dieser leicht zugänglich und die Gefahr, dass Demetrius oder seine Mutter ihn nach einem Streit hier aufsuchten, wesentlich größer.

Geschmeidig stieg er über das halb verrottete Holztor und schritt durch das hochstehende Gebüsch, sowie die kahler werdenden Bäume.

„Abby? Sam?“, rief er.

Der Schwarzhaarige sah sich um und lauschte, konnte aber seine Freunde weder sehen noch hören. Hier und da raschelte es zwar etwas im Busch, aber das mussten Wildkaninchen oder Vögel sein. Er entschied sich nicht allzu weit vom Eingangstor auf die anderen zuwarten. Kurz spielte er mit dem Gedanken erneut eine Zigarette anzuzünden, unterließ es jedoch, als er sich erinnerte, dass der Sommer sehr trocken war und verantwortlich für einen Waldbrand wollte er nun wirklich nicht sein.

„Basti?“

Beim Klang dieses Spitznamens stellten sich ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Nackenhaare auf. Er hasste diese Verkürzung seines Namens. Es gab in der gesamten Stadt nur eine Person, die ihn so nannte. Maru. Verärgert richtete er den Blick stur geradeaus, zog nicht mal in Erwägung sich zu seiner Halbschwester umzudrehen.

„Ähm, hallo? Basti? Hörst du gerade Musik oder so?“, fragte Maru mit zaghafter Stimme.

Aus den Augenwinkeln sah er ihr braunes Haar und bebrilltes Gesicht auftauchen. Sie versuchte sich an einem Lächeln, scheiterte jedoch daran, als sie seine Miene erblickte.

„Was willst du, Maru?“, fragte er sichtlich genervt.

Dabei hatte er sich doch so sehr darauf gefreut mit seinen Freunden Zeit zu verbringen und den Streit mit seiner Mutter und Demetrius weiter vergessen zu können. Nun stand Maru hier. Nicht wirklich der Grund für den Streit, aber ein Bestandteil von diesem. Hatte einer der beiden sie hierher geschickt? Oder war sie zufällig hier?

„Ich… ich wollte nur gucken, wie es dir geht, nach… na, ja. Ich hab den Streit zwischen dir, Mum und Dad mitbekommen.“

„Aha. Und?“

Sebastian beäugte sie misstrauisch und dies schien sie verstummen zulassen. Sie wandte den Blick ab, anscheinend um nach den richtigen Worten zu suchen.

„Dad und Mum meinen es nicht so. Sie wollen nur das Beste für dich und, dass du etwas mehr in die Familie integriert wirst.“

„In dem ich Schreiner werde oder mit euch beiden irgendwelche Viecher untersuche?“

„Wir untersuchen auch Pflanzen, Gesteine und Sterne“, erwiderte sie mit einem strahlenden Lächeln, „Du kannst dir gar nicht vorstellen, was man alles erstaunliches dabei herausfindet. Hab ich dir schon erzählt, dass Dad und ich eine Pflanze unter einem Felsgeröll gefunden haben, welche in der Nacht fluoresziert? Oder, dass er bald eine neue Spezies an Fledermäusen -“

„Hör auf! Du brauchst mir nicht erzählen, was ihr alles tolles gefunden habt! Ich sehe es an den Wänden des Labors, ich höre es jeden Abend und jeden Morgen am Essenstisch! Ich bekomme es alles mit, im Gegensatz zu euch!“

Maru schreckte zurück. Die Begeisterung, welche sich eben noch in ihrem Gesicht abgezeichnet hatte, verschwand.

„Ich frage dich noch einmal, was willst du?“

„Nun ich wollte dir nur sagen, dass wir eine so tolle Familie waren und sein sollten. Wenn wir uns alle etwas Mühe geben, könnten wir das wieder werden. Ich weiß, Mum und Dad finden es toll, dass ich z.B. nebenbei noch etwas jobben gehe bei unserem Doktor. Du könntest dir doch auch einen Job suchen und etwas zur Familienkasse beisteuern. Ich kann Harvey fragen, ob er die anderen Tage, wo ich nicht arbeiten komme, dir geben könnte. Dann -“

„GENUG!“, schrie Sebastian und trat dabei so energisch auf sie zu, dass Maru erneut ängstlich zurück wich.

Sie kam leicht ins Straucheln und saß schließlich auf einem abgesägten Baumstumpf.

„Ich habe kein Interesse an einem Job in der Klinik. Ich verdiene bereits Geld! Und wenn ihr alle nicht so ignorant wärt, wüsstet ihr auch wie!“

Maru biss sich auf die Unterlippe und warf den Blick zu Boden. Unruhig rutschte sie auf dem Baumstumpf hin und her.

„Sonst noch was?“

Immer noch seinen Blick ausweichend, schüttelte sie den Kopf und stand zaghaft auf.

„Wir… sehen uns heute Abend, Basti.“

Rasch lief sie fort in Richtung Tor. Wütend schrie Sebastian ihr nach.

„HÖR AUF MICH BASTI ZU NENNEN. DU WEIßT ICH HASSE ES SO GENANNT ZU WERDEN!“

Seine Hand ballte sich zur einer Faust, wie gerne würde er jetzt eine Zigarette rauchen oder einfach mit seinem Motorrad davon fahren. Doch beides war nicht möglich. So war es ein Baum, welcher seinen Zorn abfangen musste und nun einen Schlag nach dem anderen kassierte. Wie im Rausch schlug er auf diesen ein. Die Schmerzen seiner Hand ignorierend und den Blick starr auf die Holzmaserung gerichtet.

„Alter, Sebi, was tust du da? Lass den Baum und deine Hand leben!“

Der Schwarzhaarige spürte, wie ihn zwei Arme von hinten packten und fort zogen.

„Lass mich. Verdammt noch mal, lass mich!“, keifte er und strampelte gegen die Zugkraft der anderen Person an.

Sam war wesentlich stärker als Sebastian, schon immer. Nach einigen hin und her, gab der Schwarzhaarige schließlich den Kampf gegen seinen besten Freund auf. Kaum erlosch der Gegenwille, ließ Sam ihn langsam los und er rutschte in das kniehohe Gras hinab. Erst jetzt merkte er, wie weh seine Hände taten. Ein Blick darauf zeigte, dass sie zerkratzt und blutig waren. Hier und da begannen sich rote Stellen abzuzeichnen, welche sich zu blauen Flecken entwickeln würden.

„Soll ich dich zu Harvey bringen?“

„NEIN!“

„Schon gut, schon gut. Ich dachte ja nur, falls du dir beim Boxkampf was gebrochen hast, wird es schwierig mit Keyboard spielen.“

Schweigen legte sich über sie. Der Schwarzhaarige bewegte vorsichtig seine Finger. Es tat weh, aber sie ließen sich ohne Probleme beugen. Gebrochen war scheinbar nichts.

„Vielleicht solltest du das Instrument wechseln. Schlagzeug kannst du nach der Vorstellung sicher auch gut spielen. Was hat dir der Baum eigentlich getan? Hat er dir das Anlehnen an seinem Stamm nicht erlaubt?“, durchbrach Sam mit einem versuchten Scherz die Stille.

„Meine Familie...“

„Schon wieder Stress mit ihnen? Das häuft sich.“

Der andere nickte nur stumm und richtete sich dann mit Sams Unterstützung wieder auf.

„Ich will darüber aber jetzt nicht reden, ich will einfach nur mit Abby und dir über die Band reden.“

„Wie du meinst, aber du weißt, ich hab ein Ohr für dich und Abby sicherlich auch.“

„Ja, ich weiß. Aber… trotzdem nein… danke.“

Ein schweigsames Nicken kam von dem blonden Jungen und dieser zückte kurze Zeit später zwei Jojo Colas aus seinem Rucksack, welchen Sebastian erst jetzt bemerkte. Er öffnete erst die eine, dann die andere mit einem zischenden Knacken und reichte eine zu dem Schwarzhaarigen herüber. Bevor sie jedoch einen erfrischenden Schluck nehmen konnten, vernahmen sie ein Rascheln hinter sich. Kurz darauf erschien Abigail hinter einem der Sträucher.

„Da hat einer die Cola gerochen, was?“, scherzte Sam und hielt Abigail seine Dose hin.

 

 

Es war später geworden, als er gedacht hatte. Schon vor zwei Stunden war die Sonne untergegangen. Sam und er hatten Abigail nach Hause gebracht. Zwar war Pelikan so unbedeutend, dass hier jeder jeden kannte und eigentlich niemand in Gefahr schwebte, aber sicher war bekanntlich sicher. Vor dem Lebensmittelladen von Abbys Vater hatten die drei sich getrennt und waren ihrer Wege gegangen. Sebastian hatte sich noch eine Zigarette angezündet, welche er gelassen rauchte während er sein Motorrad schob. Als er ankam brannte im Verkaufsraum und im Labor bereits kein Licht mehr. Ein Blick auf das Handy verriet ihm, dass es mittlerweile nach 22 Uhr war. Maru schlief sicherlich schon, sowie seine Eltern wahrscheinlich auch. Alle drei waren nicht wirklich Nachtmenschen. Ihn selbst störte es nicht, denn dadurch hatte er nachts die Ruhe, die er brauchte um Module und Programme zu programmieren.

Mit einer Hand das Motorrad lenkend und der anderen in seinen Taschen nach dem Haustürschlüssel suchend, bemerkte er nicht, wie ein Schatten an ihn herantrat.

„Du bist spät, junger Mann.“

Vor Schreck ließ Sebastian nicht nur seine Zigarette aus dem Mund fallen, sondern auch seinen Schlüssel, welchen er endlich gefunden hatte. Klimpernd fiel dieser in den sandigen Boden. Im Schein der Hauswandbeleuchtung erkannte er Demetrius.

„Du hast mich erschreckt“, meinte der Schwarzhaarige verärgert.

Er trat seine Zigarette aus, griff seinen Schlüssel und ging an seinem Stiefvater vorbei.

„Ist das alles was du zu sagen hast? Ist das alles was dich beschäftigt?“

Wortlos schloss Sebastian einen der Schuppen auf und stellte sein Motorrad in diesen. Anscheinend war Demetrius heute der Meinung den Vater durchhängen zu lassen. War es immer noch wegen dem Streit von heute Mittag? Endlich wandte er sich seinem Stiefvater zu, dessen Gesicht nur zur Hälfte vom schwachen Außenlicht beleuchtet wurde.

„Ja.“

„Hast du schon mal auf die Uhr geschaut? Deine Mutter ist krank vor Sorge! Denkst du nicht einmal nach?“

„Nun krieg dich mal ein. Es ist kurz nach 22 Uhr, als ob es das erste Mal ist, dass ich solange noch unterwegs bin. Außerdem bin ich volljährig. Was willst du wirklich?“

Sebastian bemerkte, wie sich der Ausdruck in Demetrius Gesicht veränderte. Er wirkte ertappt. Also ging es doch nicht um die Uhrzeit. Nicht nur zumindest. Abwehrend verschränkte Sebastian die Arme vor der Brust. Dann zog er fragend und auffordernd eine Augenbraue hoch.

„Dein Verhalten in letzter Zeit ist furchtbar. Es macht die Familie kaputt. Deine respektlose Art deiner Mutter und mir gegenüber ist kaum noch zu ertragen. Aber wir können damit umgehen, dass du deine arme Schwester nun jedoch auch noch so angehst, das geht zu weit! Sie hat dir doch nur versucht zu helfen!“

Maru. Mal wieder.

„Ich brauche ihre Hilfe nicht. Ich komme auch ohne diese zurecht.“

„Das sehen wir anders. Dir fehlt ein Job, der würde dir mal gut tun, als bis mittags teilweise zu schlafen.“

„Verdammt noch mal ich habe einen Job für den ich bis in die Nacht was tue. Ich brauch dafür Ruhe und die hab ich oft nur nachts. Entschuldige, dass sich dadurch mein Tagesrhythmus von eurem unterscheidet“, fauchte der Jüngere zurück.

„Ach, fang nicht schon wieder mit diesem Programmieren an, dass ist eine brotlose Kunst.“

„Pah, ohne diese brotlose Kunst würden deine Computer, die du zum Auswerten deiner dämlichen Forschungen nutzt gar nicht funktionieren!“, sprach Sebastian wütend aus.

Sein Körper begann vor Zorn zu zittern und es kostete ihn viel Beherrschung Demetrius nicht anzuschreien.

„Nicht in diesem Ton, junger Mann“, zischte Demetrius drohend und mit erhobenen Zeigefinger, „Diese Programme wurden von studierten Leuten entwickelt. Hast du studiert? Ich denke nicht. Hör auf Apfel mit Birnen zu vergleichen.“

„Das sagt der Richtige. Du hast doch keine Ahnung davon. Für so etwas bist du zu dumm und dennoch denkst du, du kannst mich darüber aufklären?“, begann der Schwarzhaarige nun doch lauter zu werden.

Im nächsten Moment hörte man ein dumpfes Klatschen und ein kribbelnder Schmerz entwickelte sich in Sebastians Wange. Überrascht starrte er Demetrius an und hielt sich die getroffene Stelle. Noch nie hatte er ihn geschlagen und dabei war es nicht die erste Auseinandersetzung der beiden gewesen.

„So redest du nicht mit deinem Vater. Das lass ich mir nicht bieten!“

Genauso schnell wie die Überraschung gekommen war, verebbte sie auch wieder. Sebastians Wut brodelte erneut auf und entlud sich dann in einen einzigen, erstaunlich ruhigen, dafür aber mit verbitterten Unterton unterlegten, Satz.

„Du bist aber nicht mein Vater.“

Ohne ihn weiter anzusehen oder auf irgendetwas zu warten, drehte Sebastian ihm den Rücken. Wie sehr Demetrius dieser Satz getroffen hatte, wenn überhaupt, interessierte den Schwarzhaarigen genauso, wie der Job bei Harvey in der Klinik. Er hatte nur Mühe, die Tür nicht zu zuknallen. Schließlich wollte er weder Maru, noch seine Mutter wecken und diese Sache noch heute Nacht ausdiskutieren. Es reichte ihm, wenn es morgen früh zur Sprache kommen würde. Dass Demetrius es seiner Mutter sagen würde, war so sicher, wie das Amen in der Kirche.

„Basti...“, flüsterte eine Stimme hinter der Ladentheke seiner Mutter.

Kurz darauf tauchte der braune Haarschopf seiner Schwester über der Platte auf. Verwirrt blickte er sie an.

„Alles okay bei euch?“, fragte sie leise.

Es war dunkel und somit konnte sie seine mittlerweile gerötete Wange nicht sehen. Seine Wut war verraucht oder er war einfach nur Müde vom Streiten. Jedenfalls holte er kurz Luft, ehe er mit ruhigerer Stimme, und mit dem Versuch keinen Unterton mitschwingen zu lassen, antwortete.

„Ja. Alles gut.“

„Ich wollte das nicht. Ich wollte nicht, dass Dad wütend ist. Er war einfach da, als ich zurückkam. Du weißt, ich bin nicht gut im Lügen. Tut mir leid“, sagte Maru immer kleinlauter werdend.

„Es ist besser, wenn du wieder in deinem Bett liegst und schläfst, bevor Demetrius dich hier sieht.“

Er wandte sich ab, hörte ein zartes „Oh“ von Marus Seite her, und ging zur Kellertreppe, welche zu seinem Zimmer führte. Hinter sich vernahm er die leisen Schritte seiner Halbschwester, welche dann ebenfalls wortlos in ihr Zimmer zurückkehrte. In seinem Zimmer angekommen, ließ er sich erschöpft auf sein Bett fallen. Er wollte nur kurz ausruhen, warten bis seine Wange sich nicht mehr so unnatürlich warm anfühlte, und sich dann ans Programmieren setzen. Doch sowohl dieses Vorhaben, als auch das Verlangen nach einer letzten Zigarette für diesen Tag, wurde von der plötzlichen Müdigkeit zur Nichte gemacht.

 

 

Es fühlte sich nicht an, als hätte er lange geschlafen, als ihn ein Klopfen aus dem traumlosen Schlaf holte. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm jedoch, dass ein neuer Tag begonnen hatte. Es war schon 8 Uhr und dennoch fühlte er sich wie gerädert. Außerdem stellte er fest, dass er immer noch die Sachen vom Vortag trug. Wieder klopfte es an der Tür, dieses mal ein kleines bisschen lauter.

„Herein“, sagte er laut genug, dass die Person vor der Tür es hören konnte.

Sebastian rieb sich immer noch schlaftrunken die Augen und rechnete damit, dass Demetrius hinein kommen würde. Innerlich wappnete er sich schon für Runde zwei der gestrigen Sache.

„Guten Morgen, Sebi“, sagte seine Mutter und schloss leise die Tür hinter sich.

Verwundert sah er sie an und sie ihn ebenfalls. Sie musterte seine Sachen und schien zum Schluss gekommen zu sein, dass es die vom Vortrag waren. Bei seiner schwarzen Kleidung, die er überwiegend trug, war dies nicht immer gleich zu erkennen. Diesmal war es nicht ganz so schwer, schließlich waren durch die Motorradfahrt und das Treffen auf der alten Farm einige Schmutzspuren geblieben.

„Darf ich mich zu dir setzen?“

Er nickte nur und rückte ein wenig, obwohl es eigentlich genug Platz auf dem Bett gab. Währenddessen überlegte er fieberhaft, was seine Mutter wohl wollte. Schickte Demetrius sie vor oder kam sie, um einen weiteren Streit zwischen den beiden zu vermeiden? Wollte sie vermitteln und was hatte ihr Demetrius alles von dem gestrigen Abend erzählt? Eine Weile blieb es still, bis seine Mutter sich schließlich räusperte.

„Sebi, ich weiß, dass es manchmal nicht ganz einfach bei uns in der Familie ist. Ich weiß auch, dass du mit Demetrius, deinem Vater, nicht immer einer Meinung bist. Dennoch sollst du wissen, dass er dich sehr lieb hat, auch wenn er es manchmal nicht so zeigen kann. Er gibt sich wirklich viel Mühe dir ein guter Vater zu sein.“

Der Schwarzhaarige schwieg und biss sich auf die Unterlippe aus angst etwas Falsches zu sagen. Sprach sie doch von dem was gestern Abend passiert war zwischen den beiden? Oder war es noch wegen des Streites am Mittag? Er wollte keine Baustelle aufreißen, die sich vermieden ließ.

„Ich weiß“, entgegnete er deshalb nur.

Zu spät merkte er, dass sein Ton eine kühle Mischung aus Abwehr und Distanz in sich trug. Nicht eine Sekunde glaubte er daran, dass es seiner Mutter entgangen war, dafür kannte sie ihn einfach zu gut.

„Deine Worte gestern Abend haben ihn sehr verletzt, weißt du? Ja, er hat mir von eurem Streit erzählt und was auch immer zwischen Maru und dir vorgefallen ist, belastet sie ebenfalls sehr. Sie ist seit gestern Nachmittag sehr schweigsam.“

„Hat er dir alles vom Streit erzählt?“, fragte Sebastian forschend nach.

„Nun, dass du ihm gesagt hast, dass du ihn nicht als deinen Vater siehst, ja. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass auch er einige nicht schöne Worte zu dir gesagt hat. Ich kenne doch meinen Sohn, du sagst so etwas nicht ohne Grund.“

Demetrius hatte ihr also nicht alles gesagt. Kurz überlegte Sebastian ihr von der Ohrfeige zu erzählen, doch er wollte die, sonst so glückliche, Ehe seiner Mutter nicht beschädigen. Denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, war er an der Ohrfeige nicht ganz unschuldig. Wenngleich es sie nicht rechtfertigte in seinen Augen.

„Ich würde mich freuen, wenn du bei beiden den ersten Schritt machen würdest und dich entschuldigst. Im Gegenzug dazu werde ich noch mal mit deinem Vater reden, was einen Job für dich angeht. Ich möchte nicht, dass du zu irgendwas gedrängt wirst, was dir widerstrebt. Ich bin mir sicher, dass du bald einen richtig schönen Beruf findest, der dir auch gefällt. Solange unterstützen wir dich natürlich weiterhin.“

Alles in ihm schrie nach Protest, doch er war nicht so dumm dieses Friedensangebot seiner Mutter und ihrem Wunsch nach einer intakten Familie mit einem Wutanfall auszuschlagen. Es gab ihm die Zeit sich weiter einen Namen in der Programmierer-Szene zu machen. Er hatte jetzt schon viel regelmäßiger Aufträge und wenn er den nächsten Kurs bezahlen konnte, würden weitere folgen. Was wiederum bedeuten würde, dass er bald auf eigenen Beinen stehen konnte. Dann würde er in die Stadt ziehen, seine Familie würde sehen, dass er vom Programmieren leben konnte und die ganze Situation würde sich entspannen. Dann könnte die Familie doch so werden, wie seine Mutter es sich wünschte.

„Mach‘ ich, Mum. Versprochen“, sagte er und sah sie mit einem gezwungenen Lächeln an.

Ihre Hand legte sich auf die nicht mehr schmerzende Wange und strich liebevoll über diese.

„Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann.“

Sie gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Wange und sagte ihm, dass sie ihn lieb habe. Bevor sie aufstand, drückte sie ihm noch einen 50 Goldschein in die Hand. Fragend sah er erst den Schein und dann seine Mutter an.

„Eine Kleinigkeit macht entschuldigen schöner und leichter“, sagte sie mit einem Augenzwinkern und ging.

 

 

Kurz nachdem Gespräch mit seiner Mutter hatte er das Haus verlassen, ohne Frühstück, um Demetrius und seiner Schwester nicht in der Küche zu begegnen. Lediglich eine Dusche und neue Kleidung hatte er sich noch gegönnt. Er brauchte frische Luft um einen klaren Kopf zu bekommen, um Worte zu finden, die er später seinem Stiefvater und seiner Halbschwester sagen konnte. Eine Entschuldigung, die authentisch klang und ihn nicht in eine komplette Demütigung rutschen lies, um damit die komplette Schuld für alles auf sich zu laden. Seine Beine steuerten ihn schließlich in die Bibliothek, welche gleichzeitig als Museum diente, zwar ohne Exponate, aber man gewöhnte sich auch an diesen Zustand. Wie so oft war kaum jemand da, außer Gunther, dem Chef des Biboseums, wie Sam und er es mal getauft hatten. Außerdem war Penny mit Jas und Sams kleinen Bruder Vincent da. Sie erklärte den beiden gerade einige Matheaufgaben, welche heute wohl auf den Lehrplan standen. Er ließ sich in einiger Entfernung nieder, sah kurz zu den drein herüber und driftete schließlich wieder in seine Gedanken ab. Immer noch wusste er weder was er sagen, noch was er schenken sollte.

 

„Hallo Sebastian“, grüßte ihn auf einmal Pennys Stimme.

Er zuckte zusammen und blinzelte seine nicht fassbaren Gedanken beiseite. Wie lange er so dagesessen hatte, wusste er nicht einmal. Er erwiderte den Gruß, dann sah er zu dem Tisch an dem Vincent und Jas mit gesenkten Köpfen saßen und anscheinend über irgendwelchen Aufgaben brüteten.

„Sie haben gerade etwas zu tun, da dachte ich mir, dass ich kurz zu dir komme. Ich hoffe, ich habe dich nicht bei irgendetwas gestört“, fragte sie besorgt.

„Das ist nett von dir und nein du störst mich nicht. Setz dich, wenn du magst.“

Penny winkte mit den Worten ab, dass sie sowieso viel zu viel sitzen würde und gerne etwas stehen wollte. Dann entstand eine kleinere Pause, ehe Penny wieder das Wort ergriff.

„Du bis nicht oft hier, was zieht dich heute hierher? Also, wenn die Frage nicht zu anmaßend ist.“

Sebastian winkte ihre Sorge diesbezüglich ab und erwiderte: „Schon gut. Du hast recht ich bin nicht oft hier. Ich komme manchmal gerne her, wenn ich nachdenken möchte.“

Und Hilfe brauche, die ich auf den Bergen nicht kriegen kann, dachte er bei sich.

„Oh. Verstehe. Ich komme auch immer gerne hierher, wenn mich etwas beschäftigt.“

Von Sam hatte er mal erfahren, dass Penny ein unglaublich gutes Gefühl für Zwischenmenschliche Dinge hatte. Dennoch erstaunte es ihn sehr dies nun in Natura zu erleben.

„Möchtest du reden? Oder brauchst du nur Hilfe bei dem was dich beschäftigt?“

„Tatsächlich bräuchte ich Hilfe. Es ist eine längere Geschichte und eigentlich möchte ich nicht gerne drüber reden. Ich weiß auch nicht, wie ich es sagen soll“, begann er, erleichtert über das Hilfsangebot.

„Ich muss nicht wissen, was passiert ist, wenn du es nicht möchtest. Sag mir einfach, wie ich dir helfen kann.“

Der Schwarzhaarige überlegte kurz, kratzte sich am Kopf und ließ dann seufzend die Hand auf den Tisch gleiten.

„Ich brauche etwas kleines für eine Entschuldigung. Ich weiß aber nicht, was man da schenken kann.“

„Ist es für jemanden den du liebst?“

Sebastian schüttelte den Kopf.

„Dann sind Pralinen schon mal raus.“

Penny tippte sich überlegend ans Kinn und starrte, sowie Sebastian zuvor, einen Punkt an der Decke an. Doch weiter nachfragen tat sie nicht.

„Blumenstrauß, so etwas geht immer“, meinte sie dann und nickte noch einmal bestätigend mit den Kopf.

„Blumen? Soll ich etwa einen Strauß rote Rosen schenken?“, fragte Sebastian mit leichten Vorwurf, sah dann aber entschuldigend zu der jungen Frau.

Sie wusste doch nicht für wenn die Entschuldigung war, dennoch konnte er sich nicht vorstellen Demetrius oder Maru rote Rosen zu schenken.

„Ich dachte, es geht nicht um eine Person, die du liebst?“, fragte sie verwundert.

Sebastian erwiderte die Verwunderung mit einem ähnlichen Blick, wie dem ihrigen. Dann lachte Penny leise und ging zu einem Bücherregal. Sie tippte mit dem Zeigefinger die obere Reihe ab und blieb dann nach einigen Bücherrücken bei einem Buch mit dunkelgrünen Einband hängen. Sie zog es heraus und reichte es dem Schwarzhaarigen.

„Weißt du Sebastian, Blumen haben eine eigene Sprache. So ist nicht nur jeder Blume eine eigene Bedeutung zu geordnet, sondern bei einigen Blumen ist die Farbe auch entscheidend.“

Sie schlug das Buch auf, blätterte etwas herum und reichte es ihm dann.

„Zum Beispiel hier. Die rote Rose steht für die Liebe, die Bedeutung kennen die meisten, aber die gelbe Rose steht unter anderem für Neid und Eifersucht. Sie hat nichts mit Liebe zu tun, höchstens als Zeichen, dass man für die schenkende Person eine platonische Liebe empfindet. Es kommt also darauf an, was du suchst für die Person, bei der du dich entschuldigen möchtest. Je nachdem kann man sich einen entsprechenden Strauß zusammen stellen.“

Interessiert nahm Sebastian das Buch und blätterte weiter.

„Das wusste ich gar nicht.“

Penny lächelte leicht: „Die wenigsten wissen um die Bedeutung von Blumen und deren Farben. Viele sehen oder verstehen nicht die Botschaft, die der Schenker ihnen damit überbringen möchte oder aber der Schenkende weiß nicht, welche Worte er dem Beschenkten an den Kopf wirft. Nur wenn beide nicht um die Bedeutung wissen, ist es für keinen unangenehm.“

„Entschuldigen Sie, Miss Penny? Ich möchte nicht stören, aber ich verstehe die eine Aufgabe nicht“, unterbrach Jas sie.

„Ich komme. Entschuldige bitte Sebastian. Aber die Arbeit ruft. Ich hoffe, ich konnte dir etwas helfen.“

„Kein Problem Penny, geh nur. Du weißt gar nicht, wie sehr du mir gerade geholfen hast“, sagte er und schenkte ihr ein ehrliches Lächeln.

Anschließend vertiefte er sich in das Buch.

 

 

Mit einem Blick auf die Uhr und zwei Sträußen in der einen Hand stieg er von seinem Motorrad ab. So langsam wie eben war er noch nie gefahren. Doch um die Blumen nicht zu beschädigen war ihm nichts anderes übrig geblieben, dass er es logistisch überhaupt geschafft hatte, war ein anderes kleines Wunder. Er kam gerade rechtzeitig zum Abendessen. Zwischenzeitlich hatte er die Befürchtung zu spät zu kommen, denn er hatte sich sehr lange mit dem Buch auseinander gesetzt und es sich sogar ausgeliehen, neben einen interessant klingenden Thriller. Danach hatte er festgestellt, dass er wohl öfter bei Gunther und seinen Bücherregalen vorbei schauen sollte.

Er warf seine schwarze Stoffumhängetasche auf die erste Stufe der Kellertreppe und ging dann weiter den Flur entlang zur Küche. Dort herrschte schon reges Treiben, aber erstaunlicherweise keine Gespräche. Demetrius stand am Herd und briet etwas in der Pfanne, was zugegeben sehr lecker roch. Seine Mutter schrieb eine Einkaufsliste und öffnete ständig den Kühlschrank oder andere Schränke. Maru saß am bereits gedeckten Tisch und hatte ihre Nase hinter einem Buch vergraben, wenn er den Titel richtig erkannte, ging es um irgendwelche astronomischen Dinge.

„Hey“, meldete er sich.

Demetrius sah erst zu ihm und dann zur Uhr. Es schien als wolle er etwas sagen, doch seine Mutter kam ihrem Mann zuvor.

„Ah, da bist du ja. Dann können wir ja gleich alle zusammen essen. Setz dich doch“, meinte sie, erst dann fiel ihr Blick auf die im Papier eingeschlagenen Sträuße.

„Ja, ähm, gleich Mum“, erwiderte er und räusperte sich dann, sodass auch Maru hinter ihrem Buch hervorlugte.

Er zog das Papier von den Blumen vorsichtig ab und enthüllte zwei sich ähnelnde, aber trotzdem unterschiedlich gestaltete Sträuße. Der eine hatte eine kleine bläulich schimmernde Distel in der Mitte, welche von gelben Rosen umgeben war. Der andere war mit vielen kleinen blau-lilanen Disteln durchsetzt, welche in einem Meer aus gelben Nelken schwammen. Er legte den Distel-Nelkenstrauß auf den Tisch und ging mit dem anderem ein paar Schritte auf seine Schwester zu. Diese legte überrascht das Buch zur Seite. Im Hintergrund hörte er nur, wie seine Mutter zu Demetrius sagte, dass sie sich um die Pfanne weiter kümmern würde. Wieso dieser es anscheinend nicht mehr konnte, interessiert den Schwarzhaarigen jedoch gerade herzlich wenig.

„Maru, wegen gestern und die Tage zu vor auch… wollte ich mich bei dir entschuldigen. Ich habe überreagiert und dich nicht fair behandelt. Ich hoffe du kannst mir verzeihen.“

In den Augen seiner Schwester sammelten sich ein paar Tränen und sie nickte annehmend, ehe sie den Strauß mit leuchtenden Augen ansah.

„Ist okay. Ich bin ja nicht ganz unschuldig daran gewesen. Ich verspreche dir auch, dass ich versuchen werden, dich nicht mehr Basti zu nennen. Ich werde es wirklich versuchen.“

„Okay.“

Dann ging er zurück und nahm den anderen Strauß. Nun würde es etwas schwierig werden. Die richtigen Worte hatte er immer noch nicht gefunden. Für Demetrius waren sie einfach schwieriger, besonders, weil sein Innerstes sich sträubte sie auszusprechen. Die Entschuldigung für Maru hatte ihm auch missfallen, doch sie war ehrlicher gemeint, als die die nun kommen musste. Er holte tief Luft, schwieg jedoch noch eine Weile.

„Mir… ähm, tut es außerdem auch … leid, was ich gestern Abend gesagt habe. Ich habe nicht nachgedacht. Tut mir leid“, sagte er unsicher und hielt Demetrius den Blumenstrauß hin.

Ob das reichen würde als Entschuldigung? Oder ob er noch mehr hören wollte? Normalerweise war Demetrius nicht sehr nachtragend. Doch diesmal? Kaufte er ihm diese überhaupt ab?

Der Dunkelhäutige mit dem gekräuselten Haaren schien einen Punkt auf den Boden zu fokussieren. Fragend drehte seine Mutter den Kopf zu ihrem Mann um, während sie die Pfanne vom Herd nahm.

„Angenommen.“

Es schien, als wollte sein Stiefvater noch etwas sagen, mit einem Blick auf seine Frau Robin schien er sich allerdings dagegen entschieden zu haben. Er nahm Sebastian den Strauß ab und betrachtete ihn. Einen Moment lang schien es, als würde sich gleich eine unangenehme Stille aufbauen. Es war seine Mutter, die diese mit einem fröhlichen Lächeln und leichtem Themenwechsel abwehrte.

„So setzt euch alle. Es gibt Essen. Sebi, zieh bitte deine Jacke aus, ja? Die Sträuße sind wirklich sehr hübsch.“

„Ja, der ist wirklich total hübsch. Ich habe noch nie so viele Rosen bekommen und die Distel ist so ungewöhnlich. Ich wusste gar nicht, dass man sie in Sträuße einbindet.“

Ob Maru einfach nur helfen wollte oder wirklich von den Blumen angetan war, wusste er nicht, doch er war ihr dankbar dafür.

 

Die Blumen waren eine Zeitlang Thema gewesen beim Essen, selbst Demetrius hatte sich daran beteiligt. Dann schweiften die Themen schnell wieder zur Forschung und der Flora und Fauna ab. Alles wie immer. Sebastian hatte Demetrius noch beim Abwaschen geholfen und sich dann mit den Worten, dass er noch ein Buch lesen wollte von der Familie verabschiedet. Niemand hielt ihn auf. Die anderen setzten ihre Unterhaltung im angrenzenden Wohnzimmer fort. Was Sebastian die Möglichkeit gab ins Schlafzimmer seiner Eltern zu schleichen. Die Spardose im Bücherregal, an der ein Zettel mit den Worten „Flitterwochengeld“ hing, war sein Ziel. Nach den Geburten, welche schnell einher gingen mit der Trennung und Neuheirat seiner Mutter, hatten diese und Demetrius nie die Chance gehabt auch Flitterwochen zu machen. Seit dem sparte seine Mutter alles was möglich war, um diese nachholen zu können. Vor 9 Jahren hatte sie das letzte Mal den Inhalt gezählt. Erst nächstes Jahr würde sie es wieder tun und hoffentlich überrascht sein. Denn Maru und er hatten sich vor 9 Jahren geschworen, dass sie überschüssiges Gold von sich dort hinein legten, damit ihre Eltern sich diesen Traum erfüllen konnten.

Sebastian zog den 50 Goldschein, welchen seine Mutter ihm am Morgen gegeben hatte, aus seiner Hosentasche und steckte ihn hinein. Dann zückte er einen 20 Goldschein, welchen er noch von Sträuße kaufen übrig behalten hatte, und steckte ihn ebenfalls in die Dose.

In seinem Zimmer angekommen, war er erleichtert, dass seine Familie die Sträuße und die Entschuldigungen akzeptiert hatten. Ob diese die Bedeutung der Blumen nachschlagen würden? Hoffen tat er es nicht. Glauben auch nicht. Es war seine versteckte Botschaft, die ihm Genugtuung genug war, sodass seine Wut über das Geschehene mit einem Schlag verrauchte. Er würde Penny nur noch irgendwie danken müssen in den nächsten Tagen. Sie hatte ihm sehr geholfen, ohne es zu wissen.

Nun würde er sich wieder seiner Arbeit widmen. Denn je schneller er Gold verdiente, desto eher würde er hier verschwinden können. Er fuhr seinen Computer hoch und kurz darauf ploppten zwei neue Mails auf. Sie bedeuteten viel Arbeit und Gold, dass wusste er nach kurzem überfliegen. Er lockerte seine Finger, der Thriller war vergessen. Das Blumenbuch mit den drei markierten Stellen legte er neben sich. Die Lüftung seines Rechners pustete fröhlich und schlug nacheinander die markierten Seiten auf.

 

Distel; Abwehr und Unabhängigkeit

Gelbe Nelke; Verachtung

Gelbe Rose; Neid und Eifersucht

Das Kristall-Geheimnis

2. Kapitel: Das Kristall-Geheimnis
 

(Jas & Vincent, Marlon)
 

„Mir ist so langweilig“, stöhnte Vincent auf, dabei schloss er die Augen und atmete hörbar aus.

Jas sah ihn mitfühlend an. Es war ein Samstagvormittag. Ein langweiliger, Wolken verhangener Samstagvormittag im Winter. Bis zum Mittagessen war es noch einige Stunden hin. Vor einer Woche hatte es zu schneien begonnen. Jas und er hatten sich so sehr darüber gefreut, und aus den Fenstern des Museums den Flocken beim Fallen zugesehen, dass Penny den Unterricht an dem Tag aufgeben musste. Am Tag darauf konnten die beiden das Unterrichtsende kaum erwarten, denn endlich war genug Schnee gefallen, um ihn ausgiebig zu nutzen. Schneeballschlachten, Schneemänner – und Schneetiere – bauen, sowie Schneeengel machen und Schlitten fahren, das alles hatten sie die vergangenen Tage immer gemacht, aus Angst der Schnee könnte schnell wieder verschwinden. Nun waren sie der Schneeaktivitäten überdrüssig geworden und überlegten, wie sie sich die Zeit vertreiben konnten. Am liebsten, da waren sie sich schnell einig gewesen, würden sie im alten Gemeinschaftszentrum spielen. Aber Bürgermeister Lewis hatte gesagt, es sei mittlerweile zu gefährlich darin zu spielen und hatte ein dickes Vorhängeschloss angebracht. Beide waren trotzdem fest entschlossen gewesen sich irgendwie anders hineinzuschleichen. Vincents großer Bruder Sam und seine Freunde Abigail und Sebastian kamen dort auch hinein. Auch wenn alle drei beteuerten dort nicht hinein gegangen zu sein, seit der Bürgermeister abgeschlossen hatte, glaubten Vincent und Jas ihnen kein Wort. Denn noch vor wenigen Wochen, als Jas und Vincent auf dem Spielplatz waren und sich gerade auf den Heimweg machen wollten – schließlich gingen bereits die Straßenlaternen an -, hatten sie in einem der Fenster vom Gemeinschaftszentrum ein schwaches, bläuliches Leuchten gesehen. Es lag auf der Hand, dass es einer von den Größeren gewesen sein musste, denn an Geister wollte Vincent einfach nicht glauben. Doch so sehr sie auch um das in die Jahre gekommene Gebäude herumschlichen, sie fanden bisher einfach keinen Eingang.

Heute nun hatten sich Jas und Vincent vorgenommen – dick eingepackt in Thermoschneehosen und gefütterten Schneejacken - den nördlichen Teil von Stardew Valley zu erkunden. Also wieder einmal zu erkunden, war vielleicht korrekter gesagt.

„Wollen wir ins Badehaus gehen?“, fragte Jas, die ihre neue lila Mütze trug - eigentlich würde diese glitzern, wenn die Sonne auf sie scheinen würde, nur leider war keine Sonne da.

„Ich habe nichts zum Schwimmen mit“, erwiderte Vincent, der seine behandschuhten Hände aneinander rieb.

„Ich auch nicht. Ich dachte, einfach so. Vielleicht hoch in den ehemaligen Saunabereich.“

„Geht nicht. Abigails Mama hat meiner Mama erzählt, dass man die Tür nicht mehr auf bekommt. Meine Mama sagt, dass wahrscheinlich eine Pflanze zu groß geworden und mit dem Topf umgekippt ist. Dadurch wird wohl die Tür blockiert.“

„Wirklich?“, fragte Jas ungläubig.

Sie versuchte sich in Erinnerung zu rufen, welche der Pflanzen dort so groß geworden sein konnte, ohne besondere Pflege, dass sie einfach umkippen konnte und man sie nicht zur Seite geschoben bekam. Es fiel ihr auf die Schnelle keine ein und sie nahm sich vor ihre Tante Marnie zu fragen. Neben Abigails Mutter kannte sie sich am besten mit Pflanzen aus. Nun standen die Kinder wieder vor dem selben Problem. Wohin sollten sie?

„Wollen wir zum Bahnhof gehen?“, schlug Vincent vor.

Jas schüttelte den Kopf und wies ihn daraufhin, dass heute kein Zug vorbei fahren würde und somit nichts Spannendes passieren würde.

„Wollen wir zu dem See in der Nähe der Miene gehen?“

„Ja, warum nicht.“

„Wir können ja gucken, ob der See zu gefroren ist und wenn er es ist, dann können wir etwas darauf schlittern.“

„Tante Marnie sagt, dass das Eis noch nicht dick genug ist.“

„Sagt meine Mama auch, aber am Rand passiert doch nichts.“

Jas wirkte nicht überzeugt von seinen Worten und Vincent versicherte ihr, dass sie nicht die Eisfläche betreten würden – nicht mal den Rand. Gemeinsam schlenderten sie zu dem auserkorenen Ziel. Zwar wussten sie nicht, was oder ob sie etwas erwarten würde, aber Jas‘ Tante Marnie sagte immer, wenn man nichts erwartet, passiert oft etwas Unerwartetes. Oder so ähnlich. Wirklich gut daran erinnern konnte sich Vincent nicht. Auf den Weg dorthin sahen sie die fest getretenen Wege, welche die Dorfbewohner im Schnee hinterlassen hatten. Je dichter sie dem See kamen, desto weniger Wege gab es. Bald sahen sie nur noch eine Fußspur, die zum südlichen Teil des Sees führte. Die musste von Sebastian stammen. Er kam öfters hier hin um in Ruhe zu Rauchen. Etwas sehr ungesundes, wie Vincents Eltern sagten und auch Sam fand die Eigenschaft nicht toll von seinem Freund. Jas und er entschieden sich nach Norden zu gehen, da wo das Wasser aus dem Berg kam. Einige Steine der Felswand im Inneren der Öffnung glitzerten in der Sonne immer besonders schön. Blöd nur, dass sie nicht an diese heran kamen. Heute schien der Wasserfluss stärker zu sein, als sonst. Kurz bevor sie die kleine Brücke, welche über den Bergzufluss zum Mienen Eingang führte, erreichten, brach endlich die Sonne durch den bewölkten Himmel und ließ den Schnee, wie tausend kleine Diamanten funkeln. Entzückt blieb Jas stehen. Vincent hingegen sah zu den glitzernden Steinen in der Felsöffnung. Zu doof, dass das Wasser nicht gefroren war. Sam hatte mal gemeint, dass Wasser, welches sich bewegt, nicht gefrieren konnte. Aber warum, das hatte Vincent nicht verstanden bisher. Zwar hatte sein Bruder versucht es ihm zu erklären, aber davon hatte er Kopfschmerzen bekommen und irgendwann nicht mehr zugehört. So konnte er aber wieder nicht zu den funkelnden Steinen.

„Vin, schau mal!“

Er drehte sich zu seiner Freundin um, die hastig Richtung Bergwand eilte und neben dem Fluss in die Hocke ging.

„Was hast du gefunden?“

„Einen Sack. Er ist sehr schwer. Wem der wohl gehört?“

Vincent kam zu ihr und gemeinsam zogen sie den vollgesogenen Stoffsack aus dem Wasser heraus bis er im Schnee lag, der durch das Wasser, etwas zu tauen begann.

„Was da wohl drin ist?“, fragte er sich laut und versuchte ihn zu öffnen.

„Nicht Vin, der gehört uns nicht. Den hat bestimmt jemand verloren“, tadelte ihn seine Freundin.

„Ich will doch nur kurz hinein gucken. Wenn ich sehe, was darin ist, kann ich doch erst wissen, zu wem ich ihn bringen muss“, erklärte er, was für Jas plausibel klang.

Dennoch würden sie den Sack nicht allzu weit bewegen können. Das Herausziehen aus dem Fluss war für beide schon anstrengend gewesen. Also würden sie die Person, der der Sack gehörte, wohl hier her holen müssen. Neugierig öffneten sie den Stoffsack und waren überrascht funkelnde Steine zu sehen. Sie waren zackig, von unterschiedlicher Größe und schimmerten in verschiedenen Farben.

„Die sehen aus wie Kristalle“, meinte Jas, die sich an ein Buch erinnerte, welches sie mal in der Bibliothek durchgeblättert hatte.

„Echt? Welche?“

„Ich weiß nicht, solche habe ich nicht in dem Buch gesehen. Aber sie sind wunderschön.“

Vincent stimmte ihr nickend zu, auf Jas‘ Frage, wem der Sack nun gehören würde, zuckte er kurz mit den Schultern.

„Vielleicht Demetrius. Vielleicht erforscht er etwas zusammen mit Maru in den Mienen.“

„Meinst du?“

Vincent zuckte unwissend mit den Schultern. Normalerweise interessierte sich der Vater von Maru eher für Tiere und Wildpflanzen. Aber es war ja nicht auszuschließen, dass er nun auch Kristalle untersuchte. Oder der Sack gehörte Maru, mutmaßte Vincent weiter. Schließlich interessierte sie sich für die Sterne und alles Rund um das Universum. Aber wie Mondsteine sahen sie nicht aus, es waren definitiv Kristalle.

„Hm, dann sollten wir sie suchen und fragen. Maru ist sicher bei Doktor Harvey und Demetrius, ich glaube das wird schwerer.“

„Ja gleich, Jas. Lass uns die Kristalle doch mal ansehen. Die sehen schon ziemlich cool aus.“

„Nein, lass das Vin.“

Zu spät, denn schon hatte Vincent sich einige Kristalle heraus genommen und betrachtete sie. Ab und zu hielt er sie ins Licht, wo sie ein besonderes Schimmern offenbarten.

„Die sind wunderschön. Wenn sie Maru gehören, dann müssen wir sie unbedingt fragen, woher sie diese hat. Stell dir mal vor, daraus ein Schwert zu haben. Dann wäre ich ein Königsritter oder ein König.“

Plötzlich leuchteten die Mineralien gleißend auf und Vincent warf sie verängstigt in den Schnee.

„Hast du dir weh getan?“, fragte Jas besorgt.

„Nein, alles gut. Es tat nicht weh. Es hat nur geleuchtet. Wow, Jas guck mal!“

Vincent deutete auf die Stelle, wo er den grellen Haufen hingeworfen hatte. Dort lag nun ein kleines Schwert, welches in den Farben der Kristalle funkelte. Jas versuchte ihren Freund noch daran zu hindern es zu berühren, doch dieser hatte das Schwert bereits in der Hand. Er drehte es im Licht der Sonne hin und her.

„Sei vorsichtig. Es ist doch bestimmt scharf, oder?“

„Es ist ganz leicht“, erwiderte Vincent erstaunt, „Es fühlt sich wie ein Spielzeug an. Ich glaube nicht, dass es scharf ist. Aber Jas, weißt du, was viel cooler ist? Wir haben Zauberkristalle.“

Jas brauchte einen Moment bis sie begriff, was Vincent genau meinte. Er hatte recht, eben waren das noch ganz normale Mineralien gewesen und nun hielt ihr Freund ein Schwert in der Hand. Dennoch war sie weniger euphorisch, als er. Doofe Schwerter mochten doch nur Jungs. Natürlich war da nichts für sie dabei.

„Die verwandeln sich nur für dich in etwas cooles.“

„Ach bestimmt können sie sich auch noch in etwas anderes verwandeln. Versuch es.“

Jas nahm vorsichtig einige aus dem Sack und starrte diese an.

„Wie hast du das denn gemacht?“

„Keine Ahnung. Ich hab nur an ein Schwert gedacht und es gesagt und zack. Da war es.“

„Hm“, meinte Jas und sah die Kristalle mit einem konzentrierten Blick an, „Eine Krone wäre schön, dann könnte ich die Prinzessin sein, die du als Ritter beschützen sollst.“

Genauso wie bei Vincent leuchteten die Kristalle auf und mit dem gleichen Reflex wie ihr Freund, warf sie diese in den Schnee. Dort lag sogleich eine Tiara, die, obwohl sie weder aus Gold noch Diamanten bestand, funkelte wie ein Edelstein. Jas Augen glänzten vor Freude, als sie die Tiara aufhob und sich vorsichtig auf die Mütze setzte, die ihren Kopf vor der Kälte schützte.

„Du siehst klasse aus“, kommentierte Vincent, „Ob wir aus den Steinen auch ein Schloss bauen könnten?“

„Ich weiß nicht. Haben wir genug dafür?“

„Ich glaube nicht.“

„Vielleicht einen Schlitten, der aussieht wie eine Kutsche?“

„Oh ja und dann tun wir so, als würde die Kutsche gerade überfallen werden von Banditen und ich beschütze dich.“

„Das klingt toll.“

Gemeinsam holten sie alle Kristalle behutsam aus dem Sack und stapelten sie zu einem unförmigen Haufen zusammen. Dann legten beide ihre in Handschuhe verpackten Hände darauf und grinsten sich wissend an. Sie sprachen gemeinsam aus, was sie sich wünschten. Nach dem Aufglühen der Kristalle kamen Laute der Verzückung aus den Mündern der Beiden. Vor ihnen Stand eine Kutsche, nicht viel größer, als ein Schlitten zum Roddeln, mit glitzernden Verschnörkelungen – mit Schlittenkufen anstatt Rädern - und einem halben Verdeck, welches sich definitiv nicht zurück klappen ließ. Fragend warf Vincent Jas einen Blick zu.

„Falls es regnet oder doll schneit. Eine Prinzessin sollte auch vor der Witterung geschützt sein.“

Vincent lachte amüsiert, nahm es aber wie es war.

„Dann wollen wir mal“, begann er, „Eure Hoheit, es ist viel zu gefährlich für euch hier draußen im Wald herum zu laufen. Steigt in die Kutsche, dort ist es sicherer. Ich werde mir den vorderen Teil dieser ansehen, wieso die… also… warum die Pferde sich einfach los reißen konnten.“

„Oh Ritter Vincent, seien Sie vorsichtig. Ich bin sicher hier gibt es Wölfe. Wo ist nur unser Kutscher?“, fragte Jas, während sie in der Kutsche Platz nahm.

„Den haben die Pferde mit sich gerissen. Ich denke nicht, dass eine Suche nach ihm sinnvoll ist.“

„Vincent!“, tadelte Jas verärgert.

„Äh… ich meine, der Kutscher ist auf der Suche nach den Pferden, damit wir den Ort hier schnell wieder verlassen können.“

„Ich hoffe, es passiert ihm nichts.“

„Gewiss nicht, er hat ebenso ein Schwert bei sich und weiß zu kämpfen.“

Dann sah sich Vincent ernst um und hielt sein Schwert schützend vor sich.

„Was ist Ritter Vincent?“

Der Angesprochene legte seinen Zeigefinger vor dem Mund und flüsterte: „Haben Sie es nicht gehört Prinzessin? Dort hat etwas geraschelt.“

Er deutete auf den Brombeerbusch in der Ecke der Felswand, auf welchen er nun langsam mit gezückten Schwert zu ging. Jas blickte gespielt ängstlich dort hin. Vincent holte aus und zerschnitt, zu seiner eigenen Überraschung, die Dornenranken.

„Was fällt euch ein! Das ist kein Spielzeug“, donnerte eine tiefe Männerstimme los.

Jas und Vincent zuckten heftig zusammen, als sie sich umsahen, entdeckten sie Marlon. Viel wussten sie nicht über ihn. Nur, dass er mit jemanden Namens Gil in dem Haus direkt neben der Miene lebte und sich selbst oft in diesen aufhielt. In der Stadt sah man ihn selten. Vincent war überzeugt, dass er ein verfluchter Pirat war, wegen seiner Augenklappe. Es schien ohne Frage, dass es Marlons Kristalle waren, die sie gefunden hatten.

„Gib das her, bevor du dich noch verletzt und du, komm aus dem… Schlitten heraus“, sagte er immer noch ernst, aber mit einem weichen Unterton.

Widerwillig taten die beiden Kinder, was der Ältere wollte. Anschließend schickte er sie mit den Worten, dass sie nach Hause gehen sollten fort. Als Marlon sich sicher war, dass Jas und Vincent nicht mehr vor Ort waren, öffnete er einen neuen und trockenen Sack, welchen er an seinem Gürtel um die Hüfte getragen hatte. Dann nahm er das Schwert in die Hand und hielt es über diesen. Mit festen Blick und Griff zerfiel es in die Kristalle, aus denen es entstanden war, hinein in Beutel.

„Das wäre fast schief gegangen“, kam es von einer Person, die mit einer tief im Gesicht sitzenden Kapuze aus dem Nichts erschien.

„Ja, wäre es.“

„Die Kinder hatten keine Ahnung, welche wertvollen Dinge sie in der Hand hatten. Für sie war es nur ein Spielzeug. Niedlich. Aber es ist nicht gut, dass sie von den Kristallen wissen. Wenn sie es jemanden erzählen...“

„Dann wird ihnen niemand glauben. Magische Kristalle, die nur im tiefsten Inneren der Miene zu finden sind, wird niemand von den Dorfbewohnern jemals zu Gesicht bekommen.“

„Außer du verlierst sie wieder, Marlon.“

„Ganz sicher nicht. Ich werde beim Graben demnächst vorsichtiger sein. Nochmal lasse ich mich nicht von einem unterirdischen Fluss fortspülen. Statt zu quatschen hilf mir lieber beim Einsammeln, bevor sich doch noch ein anderer Bewohner hier her verirrt.“

Die Person mit der Kapuze trat näher zu dem Kristallhaufen, der mal die Schlittenkutsche war, und begann Marlon zu helfen.
 

„Voll blöd, dass es Marlons Zauberkristalle waren. Ich hätte es wissen müssen. Maru hätte nie so etwas Cooles vor uns verborgen. Nun können wir damit gar nicht mehr spielen.“

Niedergeschlagen saß Vincent auf der Schaukel des Spielplatzes beim Gemeinschaftszentrum und schwang langsam vor und zurück.

„Ja, wirklich schade. Es hatte so viel Spaß gemacht. Du warst so mutig als Ritter. Wir finden sicher etwas Anderes cooles zum Spielen. Wir müssen uns nur umsehen.“

„Danke, und du warst eine wunderschöne Prinzessin.“

Er lächelte leicht und blickte zu ihr. Etwas anderes zum Spielen zu finden, was genauso cool war, würde sicherlich schwierig werden. Plötzlich blieb sein Blick an Jas kleben.

„Was hast du?“, fragte sie, als ihr dies auffiel.

„Oh, Jas. Du bist die aller Beste. Weißt du das eigentlich?“

„Ähm? Bin ich? Wieso?“

„Wir haben noch ein paar magische Kristalle“, sagte er begeistert und deutete auf Jas‘ Kopf. Als sie nicht gleich verstand, fügte er hinzu

„Die Krone auf deinem Kopf. Deine Glitzermütze hat in der Sonne so sehr gefunkelt, dass Marlon deine Krone nicht bemerkt hat.“

Verstehend hob Jas hastig die Tiara von ihrem Kopf.

„Du hast recht. Aber ist es nicht Diebstahl? Die Kristalle gehören uns ja eigentlich nicht.“

„Ach Marlon hat doch einen ganzen Sack voll. Die paar wird er sicherlich nicht vermissen und willst du ihm wirklich auch noch deine Krone geben?“

Jas schüttelte den Kopf, merkte aber an, dass sie die Kristallkrone in etwas weniger auffälligeres verwandeln sollten, wenn sie nicht gerade allein waren. Sonst würde Marlon doch noch kommen und sie sich holen.

„Da hast du recht. Wie wäre es, wenn wir sie in zwei Talismane verwandeln.“

„Klingt gut. Für dich in ein Auto und für mich in ein Schäfchen.“

Vincent nickte einverstanden. Kurz darauf hielt er seinen stolz in der Hand.

„Aber wir dürfen wirklich niemanden davon erzählen“, meinte Jas.

„Kristalle, die sich in Alles Mögliche verwandeln können? Das glaubt uns eh niemand. Aber klar, es bleibt unser Geheimnis.“

„Schwörst du?“, fragte Jas, zog ihren Handschuh aus und hielt ihn den gekrümmten kleinen Finger hin.

„Klar“, erwiderte ihr Freund und harkte seinen kleinen Finger in ihren ein.



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