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Decision

von

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Fast allein

Gebäude, Zerstörung, kein Anzeichen von Leben. Nur die brennende Hitze leistete ihr Gesellschaft, während sie durch die verlassenen Straßen lief, in der Deckung der Gebäude schleichend, um nicht zu schnell gesehen zu werden. Innerlich schnaufte sie. Als ob ihr das etwas nützen würde wenn sie einem Vampir begegnete. Der würde sie augenblicklich wittern, sie hätte keine Chance sich zu verstecken. Sie konnte nur hoffen dass es nur ein normaler Vampir sein würde, gegen den sie auch eine Chance hätte. Wenn es nur nicht so heiß wäre, Aoi spürte wie der Schweiß aus ihren blonden Haaren in ihre Augen lief. Ausgerechnet jetzt, wo die Vorbereitung auf den Sturz von Tenri Hiragi liefen wurde sie von ihrem Trupp getrennt und musste ihren Weg allein finden. Sie war auf so einen Fall vorbereitet worden, aber es nützte ihr nichts wenn sie auf einen adeligen Vampir oder eine ganze Gruppe von Gegnern stieß. Sie hätte keine Chance. Aber Kureto würde sie suchen, davon war sie überzeugt. Er würde sie brauchen, wenn er gegen seinen Vater gewinnen wollte. Aoi wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und ging auf ein großes Gebäude zu. Es war einmal ein Kaufhaus gewesen, in den zerschmetterten Schaufensterscheiben lagen noch Teile von Schaufensterpuppen, an denen nur noch Fetzen der Kleidung hingen, die sie ursprünglich zur Schau stellen sollten. Aoi beschloss, es als eine Abkürzung zu nutzen, damit sie sich nicht auf der offenen Straße präsentierte wie auf dem Silbertablett. Während Aoi durch eines der Schaufenster stieg musste sie daran denken wie es vorher war, bevor die Seuche die Welt vernichtete. Als noch keine apokalyptischen Reiter durch die Straßen zogen und sie noch keinen blassen Schimmer von der Existenz der Vampire hatte, welche im Schatten der Welt lebten. Bereits kurz nach dem Ausbruch des Virus übernahmen sie die Herrschaft über die Menschen. Nur wenige konnten sich ihrem Griff entziehen. Aoi fragte sich immer öfter, wie es auf den restlichen Teilen der Welt nun aussah. Hatten die Vampire dort alles im Griff? Oder gab es auch dort Institutionen wie die japanische kaiserliche Dämonenarmee, welche ihnen Wiederstand leisteten? Wenn ja, dann mussten sie eine Möglichkeit finden mit ihnen Kontakt aufzunehmen, sie mussten sich verbünden, nur so könnten sie diese Blutsauger besiegen. Aoi wusste dass die Vampire, die sie bis jetzt getroffen und bekämpft hatte nichts waren im Vergleich zu dem was noch auf sie lauerte. Es gab noch so viel was sie nicht über sie wussten. Dennoch konnte Aoi ihre Gedankengänge trotz allem Nachvollziehen. Auch sie kämpften in dieser verrottenden Welt um ihr Überleben, ihre Nahrung war bedrohlich knapp geworden und so versuchten sie ihrem Untergang zu entkommen.
 

Aoi kämpfte sich durch einen Berg aus umgefallenen Kleiderständern aus dem Geschäft in die große Eingangshalle. Über ihr erhoben sich mehrere Etagen, welche durch Rolltreppen miteinander verbunden waren, die jedoch schon längst nicht mehr funktionierten. Der Baum, der in der Mitte gedieh hatte sich seinen Weg längst freigekämpft, seine Wurzeln hatten die Fließen schon längst durchbrochen und wuchsen der Freiheit entgegen. Gerade als Aoi einen weiteren Ausgang suchte erstarrte sie plötzlich. Sie war nicht allein, vor dem Baum stand eine weitere Person, welche ihr den Rücken zugewandt hatte. Aoi spürte wie ihr ein kalter Schauer den Rücken hinab lief. Das war sicher kein Mensch, sie konnte seine spitzen Ohren sehen. Ein Vampir! Sie war ihm direkt in die Arme gelaufen! Bisher hatte er sich noch nicht bewegt. Hatte er sie nicht bemerkt? Oder hatte er lediglich kein Interesse an ihr? Unwahrscheinlich. Kein Vampir würde eine potentielle, menschliche Beute einfach so entkommen lassen, dazu waren sie zu Triebgesteuert. Was sollte sie tun? Kämpfen? Sich verstecken und hoffen dass er sie nicht fand? Aois Muskeln verkrampften sich, ihr Herz schien sich zu überschlagen, als der Vampir seinen Kopf langsam in ihre Richtung drehte. Er hatte sie bemerkt, jetzt konnte sie eine Flucht vergessen. Wieso war sie so unaufmerksam, so dumm gewesen? Sie konnte nur noch auf ein Wunder hoffen, dass ihre Kameraden kamen um ihr zu helfen. Er drehte sich nun vollends zu ihr, seine roten Augen fixierten sie. Ihr fiel auf dass er nicht die übliche Uniform der Vampire trug, sondern ein weißes Hemd mit Weste und einen langen, grauen Mantel. Um den Hemdkragen trug er eine Krawatte mit Klammer. Seine Hose und Schuhe waren schwarz und schlicht. Seine blonden Haare waren kurzgeschnitten und seine Haut hatte einen ungewöhnlich dunklen Ton. Besonders der Ohrring an seinem linken Ohr stach ihr ins Auge, sie hatte noch nie einen Vampir mit Ohrring gesehen. Aoi schüttelte innerlich den Kopf. Da stand ein Vampir vor ihr und alles was ihr in den Sinn kam war ein verdammter Ohrring? An seiner Hüfte hing ein Schwert, aber es war keins der normalen Modelle, es war eines erster Klasse. Auch wenn dieser Vampir auf den ersten Blick recht unscheinbar aussah war sich Aoi sicher, dass war kein gewöhnlicher Vampir. Er hatte etwas Besonderes an sich, sie konnte seine Macht förmlich spüren. Aois Hand fuhr langsam zu ihrem Schwert, doch der Vampir machte keine Anstalten es ihr gleich zu tun. Nur sein kühler Blick fixierte sie, er wirkte wie eine Mauer, nichts wollte ihr seine Gefühle verraten, insofern er welche hatte. Aois Mund war staubtrocken, ihre Lippen fühlten sich an als hätte sie jemand zugeklebt. Sie wollte etwas sagen, irgendetwas was ihre Furcht verbarg, doch sie fühlte sich in dem Moment so klein und mickrig, so schwach und wehrlos wie schon lange nicht mehr. Allein war sie schutzlos, ein leichtes Ziel für diesen Vampir. Sie wollte ihr Schwert ziehen, sich nicht kampflos geschlagen geben, aber ihre Hand war wie an dem Heft festgefroren.
 

„Was macht ein Mensch hier und das ganz allein?“, seine harte, dunkle Stimme ließ Aoi erschaudern. Sie wollte kontern, aber ihr fiel nichts ein was sie sagen konnte. Sie kannte seinen Namen nicht, seinen Rang auch nicht und keine Herkunft. Er hatte einen leichten Akzent, wahrscheinlich osteuropäischer Herkunft, aber ganz sicher war sie sich nicht. „Verstehst du mich nicht? Oder willst du mir nur nicht antworten?“, fragte er weiter. Aoi schluckte einmal und antwortete ihm: „Natürlich verstehe ich dich.“ Sie versuchte ihrer Stimme Kraft zu verleihen, aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. Er verschränkte seine Arme vor der Brust: „Nun gut.“ „Wer bist du? Du bist kein gewöhnlicher Vampir“, Aoi bereute diese Worte sofort. Warum stand sie hier und unterhielt sich mit einem Vampir? Er war nur ein Monster. Was interessierte sie seine Identität? Er würde sie ohnehin gleich aussaugen wollen. Er schaute sie weiterhin emotionslos an. „Du bist auch kein gewöhnlicher Mensch. Eine verfluchte Waffe. Eine schwarze Uniform. Gehörst du zu den Tabubrechern, welche wir bestrafen sollen? Der japanischen kaiserlichen Dämonenarmee, von der mir bereits viel erzählt wurde?“ „Tabubrecher?“, fragte Aoi, „Was meinst du damit?“ „Der Seraph of the End. Eine Forschung, die die Welt zerstören kann“, antwortete er, „Ihr müsst sie stoppen.“ Seine Stimme war eindringlich, schon fast bittend. Aoi biss sich auf die Lippe, er wusste über diese Sache Bescheid: „Das geht nicht. Wir…brauchen ihn. Die Menschheit muss leben.“ „Ich weiß. Aber ihr braucht keinen Seraph um zu überleben. Ihr werdet euch nur selbst zerstören. Diese Welt hat schon stark gelitten. Ich glaube nicht dass sie noch einen weiteren Schlag überstehen kann“, entgegnete er. „Ja, natürlich. Wir lassen uns von euch versklaven und ausbeuten. Als wären wir euer Eigentum“, fuhr Aoi ihn an. Er kam langsam auf sie zu: „Ich habe nicht vor eure Art zu versklaven. Auch wir Vampire haben ein Interesse daran dass die Menschheit nicht ausstirbt“, er ging um sie herum, bis er hinter ihr stand, „Mein Name ist Urd. Urd Geales. Du hast sicher auch einen. Wie lautet er?“ Er fragte sie nach ihrem Namen? Ein Vampir, der einen Menschen nach seinem Namen fragte? Aoi kannte es nur dass Vampire Menschen „Vieh“ nannten, noch nie fragte einer wie sie hieß. Sein Name sagte Aoi wiederum nichts, er war keiner der bekannten Adligen, welche sich derzeit in Japan aufhielten. Dass er einer war stand außer Frage. „Sangu. Aoi Sangu“, antwortete sie ihm. Am liebsten hätte sie sich selbst geschlagen. Warum nannte sie einem Feind ihren Namen? Einem Feind, dem sie gerade erlaubt hatte hinter sie zu treten.
 

Aoi wollte gerade einige Schritte Abstand zwischen den Vampir und sich selbst bringen, als sie plötzlich an der Hüfte gepackt und nach oben gerissen wurde. Kurz darauf hörte sie Glas zerbersten. Urd war auf eine höhere Etage gesprungen und hatte Aoi in seinen rechten Arm genommen. Als sie nach unten sah wusste sie auch wieso. Ein apokalyptischer Reiter war durch die Fensterfront gebrochen und wütete nun im Inneren des Gebäudes. „Nervige Biester. Die müssen irgendwo ein Nest haben“, murmelte der Vampir und zog sein Schwert. Ehe Aoi auch nur blinzeln konnte hatte die Klinge der Waffe den Reiter in der Mitte sauber geteilt. Maßarbeit. Hatte dieser Adelige sie gerade gerettet? „Wie…“, bevor Aoi ausreden konnte hatte Urd sie sich über die Schulter geworfen und machte Anstalten das Gebäude zu verlassen. Aoi begann sich gegen seinen Griff zu wehren, aber genauso gut hätte sie auch versuchen können aus einem Schraubstock zu entkommen. „Lass mich los!“, rief sie und versuchte ihre Waffe zu erreichen, was ihr aber nicht gelang. Er nahm Anlauf und sprang weit nach oben, durch ein Loch in dem Glasdach, von dort aus auf das Dach eines Hochhauses in der Nähe. Dort setzte er sie ab. Kurz darauf brach das Einkaufszentrum in sich zusammen, dass klirren des zerberstenden Glases hallte in ihren Ohren. Aoi konnte weitere apokalyptische Reiter erkennen, welche dort umherliefen. „Ich hörte sie bereits kommen. Sie müssen dich bemerkt haben, Sangu“, sagte er, während sein Schwert wieder in der Scheide verschwand. Warum tat er das? Er hatte schon so viele Gelegenheiten gehabt sie auszusaugen. Er tat es nicht. Er hatte nicht diesen gierigen Blick, den die meisten Vampire hatten sobald sie Blut rochen. Er hätte sie einfach da lassen können und warten bis sie verschüttet oder von dem Reiter aufgespießt worden wäre. Sie verstand gar nichts mehr. „Meister Geales!“, eine kindliche Stimme durchschnitt die Stille, welche sich um sie und Urd gelegt hatte. Aoi fuhr herum. Sie wusste nicht womit sie gerechnet hatte, aber vor ihr stand ein Kind. Ein Kind mit roten Augen und Fangzähnen. Ein Vampir, der aussah wie ein Kind. Aber der Ausdruck in seinen Augen verriet ihn. Egal wie er aussah, in diesem Körper steckte ein erwachsener Geist. Er trug altmodische Kleidung, ein weißes Hemd mit einer Schleife um den Hals. Einen langen, schwarzen Mantel und einen Zylinder auf dem Kopf. Sein langes Haar, welches auf einer Seite weiß, auf der anderen rot war hatte er zu zwei Zöpfen geflochten. „Lest Karr. Was tust du hier?“, sprach Urd, sein Blick lag auf dem Zwerg. „Wir haben den Krach gehört. Deshalb sind wir gekommen“, ein weiterer Vampir war wie aus dem Nichts bei ihr aufgetaucht. Er war in etwa so groß wie Urd, aber seine Erscheinung war deutlich anders. Sein kurzes, rot-braunes Haar hatte er zurückgekämmt, seine Uniform bestand aus einem grauen Mantel und einem weißen Hemd. Am Auffälligsten war jedoch das er ständig ein Lächeln auf den Lippen hatte. Er hatte etwas Verschlagenes an sich, Aoi war sich sicher, dass sie noch nie einen so dauergrinsenden Vampir gesehen hatte.
 

Nachdem sich der erste Schreck gelegt hatte wurde Aoi sich ihrer Situation wieder bewusst. Sie war umzingelt, von drei Vampiren. Auf dem Dach eines Hochhauses. Sie saß in einer Falle, es gab kein Entkommen. Sie sah schon jetzt, dass eine Flucht nicht von Erfolg gekrönt werden würde. „Was ist los? Überlegt das Menschlein wie es vor uns flüchten kann?“, der fremde Vampir riss sie aus ihren Gedanken. Er hatte sie sofort durchschaut, aber das war wohl nicht besonders schwierig gewesen. „Meister Geales, wer ist das?“, fragte der kleine Vampir, der offenbar Lest Karr hieß. Er stand also unter Urd, sonst würde er ihn nicht Meister nennen. „Sie heißt Aoi Sangu. Sie ist mein Gast“, antwortete Urd ihm, „Ihr wisst, was das heißt.“ Gast? Gast beruht aber auf Gegenseitigkeit und sie hatte definitiv kein Einverständnis gegeben. „M-Moment mal! Was bildet ihr euch eigentlich ein wer ihr seid?“, empörte Aoi sich, um nichts in dieser Welt wollte sie mit denen gehen. „Ich? Ich bin Ky Luc, ein Urahn 5. Ranges. Das bilde ich mir nicht nur ein, das bin ich auch“, antwortete ihr der Vampir mit einem breiten Lächeln. Nur fand Aoi das nicht wirklich lustig. Innerlich erschauderte sie, er war ein Urahn 5. Ranges. Wenn sie jetzt eine falsche Bewegung machte war sie tot, da war sie sich sicher. „Hör auf herumzualbern, Ky Luc“, mischte Urd sich ein und sein Blick wanderte wieder zu Aoi, „Du hast hoffentlich nicht wirklich geglaubt, dass ich dich einfach so laufen lasse. Du wirst mit uns kommen, entweder du machst es freiwillig oder wir schleifen dich mit. Du kannst uns nicht entkommen, egal wie hoch dein Rang ist.“ Was hatte ihm das verraten? Ihre Uniform? Ihre Waffe? Hatte sie sich irgendwo selbst verraten? Das war gar nicht gut. Urd wusste, dass sie keine normale, einfache Soldatin war. Die Augen der Vampire durchlöcherten sie förmlich. Egal was sie jetzt tat, es würde in einem Desaster enden.

Gefährliche Verstärkung

Die Sonne brannte weiterhin unbarmherzig auf ihr Haupt, auch wenn sie schon recht weit hinter den Horizont gesunken war. Aoi spürte den Schweiß an ihrem gesamten Körper kleben und sie sehnte sich nach einer kalten Dusche. Ihren drei unfreiwilligen Begleitern schien das Ganze nicht wirklich etwas auszumachen. Sie plauderten schon den gesamten Weg in einer fremden Sprache, Aoi schätzte, dass es sich um Russisch handelte. Jemand hatte einmal gesagt, dass Vampire der Sonne noch weniger abgewinnen konnten als Menschen. Auf diese Vampire schien das jedenfalls nicht zuzutreffen. Dass sie jedoch nicht müde wurden schien zu stimmen, sie waren schon seit Stunden unterwegs und sie ließen noch nicht das geringste Zeichen von Erschöpfung sehen. Aoi sehnte sich hingegen nach einer Pause. Ihre Feldflasche war schon fast leer und diese Vampire hatten bestimmt kein Wasser dabei. Nach kurzem Überlegen hatte sie sich doch entschlossen mit den dreien mit zu gehen. Alles andere hätte ihr nur Schwierigkeiten bereitet. Eine Flucht wäre ihr nie im Leben gelungen, ein Angriff hätte tödlich für sie geendet. Urd warf ihr einen Blick über seine Schulter zu: „Bist du erschöpft, Sangu? Keine Sorge, wir sind bald da. Dann gibt es etwas zu trinken für alle.“ „Klingt gut. Meine Kehle brennt“, es war Lest Karr der sprach und Aoi konnte sehen wie sich ein leichtes Funkeln in seinen Augen gebildet hatte. Die Leute bei der Armee sagten, dass Vampire außer ihrem Durst nach Blut keine weiteren Bedürfnisse hatten. Keine Liebe, keine Lust, lediglich ihr unstillbarer Hunger blieb ihnen. Kein Wunder, dass sie ihn über alles stellten, da es die einzige Freude in ihrem Leben zu seien schien. Aoi hörte das Rauschen des Meeres, welches immer lauter wurde. Sie bewegten sich aufs Meer zu, zu einem Hafen, wie Aoi vermutete. Sie konnte bereits die Bucht sehen.
 

Als sie aus dem Schatten der Häuser traten verschlug es ihr vollends die Sprache. Schiffe. Massenweise Schiffe lagen im Hafen und schaukelten leicht auf den Wellen. Im Hafen selbst waren viele Vampire beschäftigt mit dem Ausladen von Kisten und sie alle trugen Kleidung die der von Ky Luc sehr ähnelte. So langsam verstand sie was hier vor sich ging. Die Schiffe, die Uniformen und die fremde Sprache. Sie waren die Verstärkung, die schon lange befürchtet wurde. Sobald die Vampire in Japan in Bedrängnis gerieten würden sie Unterstützung anfordern. Das war allen klar gewesen. Aber niemand hatte damit gerechnet, dass sie schon so früh kommen würde. Ky Luc hatte seine Arme hinter dem Kopf verschränkt: „Na so was, da sind wir gerade mal den ersten Tag hier und schon haben wir ein Souvenir mitgebracht, das ist doch mal was.“ Lest Karr schnaubte: „Das schon, aber dieser nichtsnutzige Ferid Bathory ist immer noch nicht aufgetaucht. Was um alles in der Welt treibt der?“ „Immer mit der Ruhe, er wird schon kommen und dann wird er uns einiges zu erklären haben. Gehen wir an Bord, unser Gast braucht eine Dusche und Nahrung“, sagte Urd und ging auf eines der großen Schiffe zu. Aoi fühlte wie sie von den Blicken durchbohrt wurde. Alle Vampire im Hafen starrten sie an als wäre sie das achte Weltwunder. Aoi hatte sich noch nie zuvor so sehr gewünscht im Boden zu versinken. In dem Moment war sie wirklich ausnahmsweise über ihre Begleitung froh, diese einfachen Vampire würden sich hoffentlich nicht auf sie stürzen während diese hohen Tiere bei ihr waren. Sie spürte wie das Schiff leicht schwankte. „Wir sehen uns im Salon, Meister Geales“, sagte Lest Karr und verschwand im inneren des Schiffes, Ky Luc folgte ihm. Nun war sie wieder mit Urd allein. Unschlüssig was sie nun tun sollte wanderte ihr Blick über das offenbar gut gepflegte Deck. „Folg mir“, Urd ging voran und öffnete eine Tür, Aoi folgte ihm, sie wollte lieber nicht allein mit den ganzen Vampiren bleiben. Die Gänge waren eng und schmal, aber mit edlen Teppichen ausgelegt. Sie folgte ihm immer tiefer ins Schiff, bis er vor einer kleinen, aber hübsch geschmückten Tür stehen blieb. „Hier drinnen kannst du dich waschen. Sobald du fertig bist komm eine Etage höher, ich warte dort auf dich.“ Damit ging Urd von dannen. Aoi stand noch ein paar Minuten unschlüssig vor der Tür bis sie dann doch beschloss das Zimmer zu betreten. Sie betrat das Zimmer, es war ein kleines Schlafzimmer, aber die Einrichtung war hochwertig und edel. Ein Bett, ein Schrank ein Stuhl und ein Tisch, das war mehr als sie sich erhofft hatte. Sie schloss die Tür hinter sich und atmete erst einmal tief durch, danach machte sie sich daran ihre Uniform abzulegen. Die Aussicht auf eine Dusche ließ die Vampire in den Hintergrund rücken.
 

Urd Geales ließ sich auf eines der Sofas fallen. Der Geruch nach menschlichem Blut stieg ihm in die Nase, seine Kehle begann zu kratzen. Seufzend beugte er sich nach vorn und goss sich etwas von dem roten Lebenselixier aus der Glaskaraffe in ein Weinglas. Er setzte es an seine Lippen und spürte wie die Flüssigkeit seinen Hals hinablief. Genießerisch schloss er die Augen und lehnte sich zurück. Dieser Tag hatte einige unerwartete Ereignisse gebracht. Erst die Ankunft in Japan, dann seine kleine Erkundungstour in den Ruinen und seine Begegnung mit Aoi Sangu. Er hatte sie bereits von weitem gewittert, das sie es ihm jedoch so einfach machen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Noch wusste er nicht was er mit ihr machen sollte, aber sie erst einmal aus dem Verkehr gezogen zu haben war eine gute Sache. Je weniger ihnen Wiederstand leisteten, umso weniger würde er töten müssen. Man konnte es sich in diesen Zeiten nicht leisten noch mehr kostbares Blut zu verschwenden. Menschen hatten die Angewohnheit sich leichtsinnig in den Tod zu stürzen. Er hofft die Menschen würden sich kampflos ergeben, aber daran glaubte er mittlerweile nicht mehr. Diese Menschen waren anscheinend so indoktriniert, dass sie sich lieber selbst das Leben nahmen als in die Hand des Feindes zu gelangen. Vertrauten sie ihrem Anführer wirklich so sehr oder sahen sie einfach keinen anderen Ausweg? Es musste irgendjemanden geben der sie alle lenkte, es war in der Geschichte der Menschheit schon immer so gewesen. Auch wenn Aoi im Moment noch keinen kooperativen Eindruck machte, vielleicht konnte er ihr doch den ein oder anderen Namen entlocken oder andere Informationen. Wenn ihr Anführer fiel dann würden sie sich vielleicht ergeben. Sie mussten mit Bedacht vorgehen, wenn sie die Herrschaft über die Menschen behalten wollten. Die letzten Monate hatten ihn gelehrt sie nicht zu unterschätzen, jetzt da sie es geschafft hatten einen Seraph of the End zu zähmen. Ihnen war wohl wirklich jedes Mittel recht. Dann war noch die Frage was Krul Tepes damit zu tun hatte. Hatte sie sich wirklich an den Experimenten beteiligt oder hatte Ferid Bathory den hohen Rat angelogen? Überraschen würde es ihn nicht. Ferid war ein Unruhestifter, welcher schon öfters unangenehm aufgefallen war. Urd war nicht so leichtsinnig ihm sein Vertrauen zu schenken. Aoi hatte ihm bestätigt, dass die Menschen um die Gefahr wussten die von dem Engel ausging. Dennoch machten sie weiter. Es konnten noch so viele Jahrhunderte vergehen, Urd würde die Gedankengänge der Menschen nie verstehen. Auch dass er selbst mal einer war änderte daran nichts.
 

Schon als die ersten Wassertröpfchen Aois Körper berührten fühlte es sich an als würden fast alle Sorgen mit dem Schmutz im Abfluss verschwinden. Aber eben auch nur fast. Sie war immer noch in Feindeshand, Kureto war allein in Shibuya und schon bald sollte der Sturz Tenri Hiragis stadtfinden. Die Vampire hatten den perfekten Moment abgepasst oder besser gesagt hatten sie vermutlich nur Glück, dass sie zu einem Zeitpunkt gekommen waren, an dem die Aufmerksamkeit der Armee auf anderen Punkten lag. Wenn sich diese Truppen mit denen aus Japan verbünden würden, dann wäre es aus. Zwar hatten sie den Seraph of the End, aber was nützte dass wenn sie überrannt wurden? Beim ersten Einsatz hatte die Dämonenarmee das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, doch dieses Mal waren die Vampire darauf vorbereitet und keiner wusste wie sich diese Adeligen gegen den Engel behaupten würden. Wenn sie sich verbündeten, dann würden ihre Chancen wahrscheinlich gar nicht mal so schlecht stehen. Diese drei, Urd Geales, Lest Karr und Ky Luc, schienen ein recht gutes Verhältnis zueinander zu haben. Das war für diese Kreaturen ungewöhnlich, die normalerweise als Einzelgänger bekannt waren. Wenn sie im Kampf genauso zusammenstehen konnten, dann waren sie wohl nicht aufzuhalten. Sie stellte das Wasser ab und überlegte ob sie das Duschbad verwenden sollte. Sie schraubte den Deckel ab und roch einmal an der Flüssigkeit. Honig. Unsicher stellte sie die Flasche wieder zurück, sie wusste nicht was da drin war. Sie stieg aus der Dusche und wickelte ein Handtuch um ihre Körper. Anschließend nahm sie ihr Dämonenschwert Chijiryu von dem Hocker, auf dem sie es abgelegt hatte. Ihre Uniform hatte sie auf einen Kleiderbügel, welchen sie aus dem Schrank genommen hatte, in dem Schlafzimmer aufgehängt, aber ihre Waffe wollte sie dann doch in ihrer Nähe haben. Sie wunderte sich ein wenig darüber, dass sie ihr nicht abgenommen worden war, aber sie wollte sich darüber nicht beschweren. In dem Schrank waren noch einige andere Kleider gewesen, doch Aoi konnte dem Stil dieser nichts abgewinnen. In den Schubladen war sogar Unterwäsche und sie hatte beschlossen die dann doch anzuziehen. Anschließend überlegte sie wie sie nun weitermachen sollte. Urds Befehl Folge leisten und in den Salon gehen? Flüchten? Einfach hier bleiben? Zum Flüchten war sie zu geschwächt, so langsam war sie wirklich hungrig und todmüde. Außerdem waren immer noch massig Vampire da draußen. Selbst wenn sie es von dem Schiff schaffte, sie würde wohl nicht weit kommen. Ihr blieb wieder keine andere Wahl als zu tun was die Vampire von ihr wollten. Sie zog sich ihre Uniform wieder an und öffnete die Tür.
 

Leise schloss sie sie wieder hinter sich und suchte nach dem Aufgang. Sie fand ihn auch recht zügig, die Etage war nicht besonders groß. Oben angekommen erstreckte sich ein weiterer Gang vor ihr. Und nun? Urd hatte ihr kein konkretes Zimmer genannt. „Was treibst du da, Mensch?“ Ruckartig drehte Aoi sich um und ihre Hand fuhr zu ihrem Schwert. Ein Vampir stand hinter ihr, es schien kein besonderer zu sein. „Lass das lieber. Das würdest du bereuen“, sagte er und sein lauernder Blick fixierte ihren Hals. Aoi kämpfte ihre Wut nieder. Wenn sie jetzt einen von denen umlegte würde sie womöglich ihr endgültiges Todesurteil unterschreiben. Stattdessen beschloss sie, Urds hohen Rang für sich zu nutzen: „Urd Geales wollte mich sehen. Wo ist er?“ Das hatte Wirkung. Er ging augenblicklich einen Schritt zurück: „Er ist im Salon, vierte Tür rechts. Kannst sie nicht verfehlen, es ist die größte im Gang.“ Damit wandte er sich um und ging. Aoi entspannte sich wieder. Das hatte ja blendend funktioniert, Urds Name hatte hier eindeutig Gewicht. Sie ging weiter und fand auch schon bald die große Flügeltür, sie war wirklich nicht zu übersehen. Sie atmete noch einmal tief durch und klopfte anschließend. „Herein“, drang eine Stimme aus dem inneren gedämpft zu ihr. Vorsichtig öffnete sie die Tür und trat ein. Der Salon war wirklich groß, zwei Sofas und ein Sessel waren um einen Couchtisch eingerichtet, ein Kamin befand sich in der Wand und ein Kronleuchter an der Decke tauchte den Raum in ein schummeriges Licht. Urd saß auf einem der Sofas, seinen Mantel hatte er inzwischen ausgezogen und in seiner Hand hielt er ein Weinglas, dessen roter Inhalt wahrscheinlich kein edler Tropfen war. Auch die anderen beiden waren anwesend, Lest Karr lag in dem Sessel, seine Beine ließ er über eine der Armlehnen baumeln und Ky Luc saß auf dem zweiten Sofa, er summte leise vor sich hin und schwenkte dabei sein Glas, wobei der Inhalt bedrohlich schwappte. Auf dem Tisch stapelten sich einige Papiere und auch ein Buch lag darauf. Sie ging etwas weiter in den Raum, blieb jedoch stehen. Sie wollte sich nicht unbedingt neben einen der beiden setzen. Als hätte er ihre Gedanken gelesen wies Urd auf den Platz neben sich: „Bitte, setz dich doch.“ Nur wiederwillig nahm sie den Platz neben ihm ein, allerdings mit etwas Abstand. Urd setzte sein Glas an die Lippen und nahm einen großen Schluck: „Ich habe angewiesen etwas zu essen zu besorgen, sollte nicht mehr lange dauern.“ Aois Magen unterstützte das. Bereits wenige Minuten später öffnete sich die Tür und eine blonde Vampirin betrat den Raum, welche ein Tablett auf ihrer Hand balancierte. „Wir haben besorgt was Ihr gewünscht habt, Meister Geales“, sage sie und neigte ergeben ihr Haupt. Urd wandte seinen Kopf zu ihr: „Gut. Stell es einfach auf dem Tisch ab, Ana.“ „Wie Ihr wollt“, sie stellte es vor Aoi ab und schenkte ihr ein unerwartet warmes Lächeln, „Guten Appetit.“ Damit verließ sie den Raum wieder und Aoi widmete ihren Blick dem Teller. Ein großes, gutes Stück Fleisch mit Gemüse, eine dampfende Tasse Tee und sogar ein kleines Dessert. Sie hatten sich zumindest etwas einfallen lassen, das konnte sie nicht bestreiten. Auch wenn sie sich fragte wo das ganze Essen herkam. Hatten sie Menschen an Bord? Das war die einzige Erklärung die ihr einfiel.
 

Während Aoi ihren Magen füllte hatten sich die anderen beiden Vampire verabschiedet. Ky Luc wollte an die frische Luft und Lest Karr hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Erneut war sie allein mit Urd Geales. „Bist du satt oder benötigst du noch etwas?“, fragte er, sein Glas war inzwischen auch leer. Aoi schüttelte den Kopf: „Nein, habe keinen Hunger mehr.“ Ein kurzer Moment der Stille breitete sich zwischen den beiden aus bevor er wieder sprach: „Kannst du Schach spielen?“ Aoi schüttelte erneut den Kopf. Was sollte diese Frage denn nun? „Du…hast mich noch nicht gebissen“, stellte Aoi fest. „Sollte ich das tun?“, entgegnete er, „Passt das besser in das Bild, was du von uns hast?“ Sie erbleichte: „Nein, danke. Ich verzichte. Du…hast gute Beziehungen, hm?“ Alle hatten Respekt vor ihm, alle sprachen ihn mit Meister an. Welchen Rang hatte der bitte? „Ich kenne die beiden schon mehr als tausend Jahre. In dieser langen Zeit…wächst man dann doch irgendwie zusammen.“, Er nahm einige der Papiere vom Tisch und begann diese zu studieren. Tausend Jahre…eine für Aoi völlig ungreifbare Zeitspanne. „Du bist ein adeliger Vampir. Dann musst du einen Rang haben“, sie musste es einfach wissen, sie musste wissen wo genau ihr Stand war. Er rückte näher zu ihr und beugte sich etwas über sie: „Ihr habt noch nicht so viel Ahnung von uns, oder? Wenn ihr uns wirklich kennen würdet, dann hättest du meinen Namen erkannt. Ich bin Urd Geales, ein Urahn 2. Ranges. Der Vorsitzende des hohen Rates der Urahnen.“ Sie schluckte. Sie wusste nicht was sie vom mächtigsten Mann in der Vampirwelt erwartet hatte, aber so hatte sie ihn sich bestimmt nicht vorgestellt. Sie hatte ein seelenloses, böses Monster erwartet, was ohne zu zögern seine menschliche Beute tötete. Aber Urd Geales schien mehr in seinem Kopf zu haben als den Durst nach Blut…

Blut

Aoi Sangu war in einer Situation, welche sie sich nicht einmal in ihren seltsamsten Träumen hätte vorstellen können. Sie saß auf einem Sofa, Angesicht zu Angesicht mit einem der wahrscheinlich stärksten Vampire, der jemals existiert hatte. Hier, in Japan. Aber das war auch ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass die Vampire die japanische, kaiserliche Dämonenarmee als Gefahr ansahen. Sonst wäre er wohl kaum persönlich hier her gekommen. Er war bestimmt nicht so dumm und debil wie so manch anderer Vampir, dem Aoi bereits begegnet war. Entweder konnte er seine Blutgier nur gut verstecken oder er hatte tatsächlich in hohem Maße die Kontrolle über seinen Durst erlangt, denn ihr war noch nicht einmal aufgefallen dass er ihren Hals angestarrt hatte. Auch sein Blut hatte er beherrscht und ruhig zu sich genommen. Wie weit konnten Vampire ihren Blutdurst kontrollieren? Ganz abstellen konnten sie ihn wahrscheinlich nicht, eher nur verdrängen. Auch Menschen konnten sich so sehr in eine Sache vertiefen, dass sie alles andere nicht mehr mitbekamen. Das konnten Vampire wohl auch tun. Urd legte einen Finger unter ihr Kinn und sein Mund näherte sich ihrem Ohr: „Du riechst gut. Darf ich dein Blut trinken?“ Aoi spürte wie sich ihr Körper erhitzte bei der Vorstellung, dass dieser Vampir seine Zähne in ihren Hals schlug. Ihre Wangen erröteten wieder ihres Willens. Als ob dieser Vampir sie tatsächlich fragte, ob er von ihr trinken dürfe. Wahrscheinlich würde er es sich früher oder später ohnehin nehmen, egal was sie jetzt sagte. Das wäre dann das erste Mal, obwohl sie eine Vampirjägerin war, war sie noch nie gebissen worden, in der Regel überlebte man das auch nicht. Vampire neigten dazu ihre Beute leerzutrinken. „Na schön, aber wenn du es übertreibst landet mein Schwert in deiner Brust“, sie ließ Chijiryu kurz aus der Scheide schnappen und steckte ihn wieder zurück. Was für ein Teufel ritt sie eigentlich heute? War sie lebensmüde? Warum ließ sie das alles mit sich machen? Urd hob sie auf seinen Schoß und öffnete die oberen Knöpfe ihrer Uniform. Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals, seine Zunge leckte über ihre Haut. Ihre Finger krallten sich in sein Hemd, sie wartete auf den Schmerz. Seine Zähne drangen mühelos durch ihr Fleisch, ein scharfer Schmerz zuckte durch ihren Körper. Sie stöhnte ungewollt auf. Kurz darauf spürte sie wie ihr Blut aus dem Körper gesaugt wurde. Er ließ sich Zeit, langsam und in kleinen Schlucken nahm er sich ihre Lebensessenz. Der Schmerz klang etwas ab und ein leicht unangenehmes Kribbeln stieg in ihr auf. „Ahh…bitte…n-nicht…“, ihr Körper fühlte sich schwach an. Warum hatte sie das getan? Hatte sie nicht vor wenigen Minuten noch gesagt, sie verzichtet auf einen Vampirbiss? Urd ließ von ihr ab, allein sein Griff verhinderte dass Aoi von seinem Schoß rutschte, sie war zu schwach um sich weiter festzuhalten. Auf Urds Wangen hatte sich eine zarte Röte gebildet, ein Tropfen Blut lief noch sein Kinn hinab, welchen er mit seiner Zunge abfing. „Vorzüglich“, sagte er, „Es geht einfach nichts über Blut von der Quelle.“ Für einen kurzen Moment war Urd tatsächlich wie ein normaler Vampir. Aber auch nur kurz. Diese Röte, der Blick und seine vorstehenden Eckzähne verschwanden sehr schnell wieder.
 

„Aoi…“ Es war kalt um sie herum. „Aoi…“ Die Kälte kroch über ihren Körper, nagte an ihren Knochen, schlitzte sich durch ihre Haut. „Aoi!“ Langsam öffnete sie die Augen. Sie befand sich in Shibuya. Wie war sie hier her gekommen? War sie nicht gerade noch auf dem Schiff der Vampire gewesen? „Aoi, da bist du ja.“ Sie drehte sich um, ihre Augen weiteten sich: „Kureto! Was ist hier los? Habt Ihr mich gerettet?“ „Verräterin!“, seine Stimme war kalt, verachtend, „Du hast einen Vampir von dir trinken lassen. Wie konntest du mich hintergehen, Aoi?“ „Wa…ich würde Euch nie hintergehen, Kureto. Niemals!“, Aoi fühlte sich als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren. „Ach ja? Was ist dann das an deinem Hals?“, entgegnete er und betrachtete sie aus schmalen Augen. Aois Finger tasteten nach ihrem Hals. Sie spürte die beiden Wunden an ihm, ihre Augen weiteten sich. Sie erinnerte sich wieder, Urd Geales hatte von ihr getrunken. Kureto holte mit seinem Schwert aus: „Stirb, Verräterin!“ „Nein warte! Ich kann das erklären!“, stammelte sie während die Klinge auf sie zuraste.
 

„Hey, Aoi! Hörst du mich?“, eine Stimme raunte zu ihr. Aoi öffnete die Augen. War sie nun tot? Kureto hatte sie bestimmt getroffen. „Wieder da, Aoi?“, sie kannte diese Stimme. „Chijiryu?“, murmelte sie. „Ja, ich bin es. Hast du gut geträumt?“, sagte ihr Dämon und kicherte leise. „Du…hast mir vorgegaukelt, Kureto würde mich töten?“, es war nur ein Traum gewesen, zum Glück. Chijiryu kicherte erneut: „Ja, habe ich. War doch gar nicht mal so unrealistisch. Immerhin hast du es ja wirklich getan. Du hast einen Blutsauger an deine Venen gelassen. Du wirst immer interessanter Aoi. Zum einen bist du ganz wild auf deinen Vorgesetzten Kureto Hiragi… “ Aoi spürte wie sie rot wurde. „Zum anderen….spüre ich starke Gefühle, wenn du in der Nähe dieses Vampirs bist, Urd Geales. Wut, Angst, Hass…aber auch Faszination und Hingabe…Welcher soll es wohl sein?“ „Darüber darfst du nicht mal Witze machen, Chijiryu. Dieser Vampir ist mehrere tausend Jahre älter als ich! Außerdem bin ich ein Mensch. Vampire können sich gar nicht verlieben, von daher würde das sowieso nie funktionieren.“, Aoi war erbost. Erst dieser Traum und jetzt dieses Gespräch. Das Chijiryu sie damit belästigte war nichts Neues für sie. Das Urd Geales ins Spiel gebracht wurde ging jedoch endgültig zu weit. „Interessant. Du gehst als erstes auf den Vampir ein…“, die Stimme von Cijiryu wurde nachdenklich. Aoi schäumte vor Wut: „Lass das, hörst du? Als ob ich Sympathie für einen Blutsauger empfinden würde!“ Der Raum um sie begann zu verschwimmen und sie hörte nur noch das verzerrte Lachen ihres Dämons.
 

Erneut schlug Aoi die Augen auf. Diesmal war es aber kein Traum, da war sie sich sicher. Langsam setzte sie sich auf, aber es breitete sich sofort ein Schwindelgefühl in ihrem Kopf aus. Sie fiel zurück in die Kissen und wartete bis es besser wurde. Moment, Kissen? Sie schaute sich kurz um, sie war in dem Zimmer, in welchem sie schon zuvor gewesen war. Jemand musste sie hierhergebracht haben, doch wer? Sie konnte sich nicht mehr erinnern. Auf dem Nachtschrank neben ihr hatte jemand eine Glaskaraffe mit Wasser abgestellt. Daneben stand ein Glas, in dem sich eine zartrosa, dickflüssige Substanz befand. Skeptisch nahm sie das Glas und ein starker Geruch nach bitteren Kräutern stieg ihr in die Nase. Allein davon stieg ihr schon die Galle hoch, sie stellte es wieder zurück. „Trink“, die kühle Stimme des Vampirs spürte sie förmlich in jeder ihrer Synapsen. Sie hatte nicht bemerkt dass er auf dem Stuhl saß, welcher sich in der Ecke neben dem Tisch befand. Er hatte ein Buch auf dem Schoß und seine roten Augen waren wieder unentwegt auf sie gerichtet. „Was? Was ist das?“, fragte Aoi. Unter keinen Umständen würde sie etwas trinken, was sie nicht kannte. „Diese Kräutermischung wurde dafür konzipiert die Blutversorgung anzukurbeln. Damit erholt man sich schneller wieder. Wird häufig an Menschen in unseren Siedlungen verteilt, direkt nach der Blutabnahme. Damit soll Krankheiten vorgebeugt werden. Auch wenn ich mittlerweile mitbekommen habe, dass viele Menschen sie nicht besonders zu mögen scheinen, trink.“ Könnte vielleicht an dem abstoßenden Geruch liegen? Wenn es genauso schmeckte wie es roch dann wunderte es Aoi kein bisschen, dass die Menschen es hassten. Ein bisschen überraschte es sie schon dass die Vampire zumindest etwas taten um die Menschen fit zu halten. Dennoch gab es keinen sicheren Beweis, dass diese Medizin wirklich wirkte. Nur zögerlich setzte sie das Glas an ihre Lippen und versuchte diesen Geruch so gut es ging zu ignorieren. Es war wahrlich eine bittere Medizin. Aoi unterdrückte den Reiz zu würgen. Belebend war sie allemal, das musste sie zugeben. Wer bei dem Geschmack nicht hellwach wurde, um dessen Zunge machte Aoi sich sorgen. Urd schien zufrieden: „Sehr gut. Lass es heute trotzdem etwas langsamer angehen.“ „Wie lange war ich weg?“, fragte Aoi nach. Urd holte eine kleine Taschenuhr aus seiner Hemdtasche: „Du…hast sechs volle Stunden geschlafen. Nachdem du beschlossen hattest auf meinem Schoß einzuschlafen hielt ich es für sinnvoll dich in dein Bett zu bringen.“ „Wa…“. Aois Gesichtszüge entgleisten. Urd erhob sich von seinem Stuhl und klemmte sein Buch unter den Arm. Anschließend ging er in Richtung Tür: „Du hast Blut verloren. Es ist nur natürlich, dann Ruhe zu suchen.“ Sein Blick fiel auf Chijiryu: „Du solltest lieber vorsichtig sein. Dämonen sind gefährlich, ehe man sich versieht haben sie einen in ihrem Bann. Ohne das man etwas davon merkt. Ich kann nur hoffen…dass du stark genug bist. Solltest du dich hier in einen Dämon verwandeln werde ich dich eigenhändig töten.“ Damit verließ er den Raum. Idiot. Als ob sie das nicht selbst wusste.
 

„Kureto Hiragi, Sir. Wir haben keine Spur von ihr. Wir weiten das Gebiet aus“, der Soldat salutierte vor ihm. Kureto sah von seinen Unterlagen auf: „Ich verstehe. Tut das. Findet sie, so schnell wie möglich.“ „Jawohl!“, damit verließ er den Raum. „Aoi…“, Kureto spürte wie sein Herz zusammengeschnürt wurde, „Bitte…dir darf nichts passiert sein.“ Die Tatsache, dass seine Männer ohne sie zurückgelehrt waren machte ihn schier verrückt. Was wenn sie einem apokalyptischen Reiter begegnete? Oder einem Vampir? Oder schlimmerem? Er brauchte sie, ohne sie würde er nie seinen Vater bezwingen können. Er hörte ein Klopfen. „Herein“, sagte er. „Ah, hier bist du“, es war Guren Ichinose, „Was ist? Sucht ihr immer noch nach Aoi? Nein, sag nichts. Ich sehe es dir an.“ „Wir suchen schon lange, seit gestern, seit sie von ihrer Truppe getrennt wurde. Doch wir haben noch nicht mal ein Haar von ihr entdeckt. Irgendetwas stimmt da nicht. Sie wäre von allein gekommen, wenn sie könnte“, es war das erste Mal seit langem dass Kureto sich Sorgen machte, das sein Plan scheitern könnte. Das erste Mal dass er sich um jemanden ernsthaft sorgte. Guren lehnte sich gegen Kuretos Schreibtisch: „Vielleicht haben die Vampire sie erwischt. Oder eine Horde apokalyptischer Reiter. Gegen einen hätte sie allein noch eine Chance, aber gegen eine ganze Gruppe wird es wahrscheinlich schwierig.“ „Guren!“, Kureto unterbrach ihn. Er wusste selbst, was alles passieren könnte. Von apokalyptischen Reitern zerfetzt, von Vampiren ausgesaugt oder, noch schlimmer, von ihnen verschleppt und zu ihrer Nahrungsquelle gemacht. Diese Welt war voller Gefahren. Kureto erhob sich von seinem Stuhl und schaute zum Fenster hinaus. „Aoi…“

Gewissen

„Gibt es schon eine Spur von Ferid Bathory?“ „Leider nein, Meister Geales. Aber wir werden weiterhin die Augen offen lassen.“, der Vampir verneigte sich einmal und ging von dannen. „Was denkt er sich eigentlich? Erst Druck machen und uns dann solange warten zu lassen.“, sagte Lest Karr und verschränkte seine Arme vor dem Körper. Ky Luc erhob einen Zeigefinger: „Immer mit der Ruhe. Er wird schon auftauchen. Vielleicht ist ihm was dazwischengekommen?“ Lest Karr schaute ihn skeptisch an: „Es gibt keinen Grund einem Unruhestifter wie ihm zu vertrauen.“ Urd legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Ky hat recht. Es stimmt, er ist ein Unruhestifter. Aber wir sollten nicht übereilt handeln. Solange wir keinen Lageplan haben, sollten wir keinen Angriff planen. Noch haben uns die Menschen wohl nicht bemerkt. Natürlich sind die Informationen von Ferid Bathory mit Vorsicht zu genießen. Aber es ist besser als nichts. Sollten die Menschen wirklich einen Seraph of the End gezähmt haben, davon müssen wir ausgehen, kann es auch für uns bedrohlich werden.“ Lest seufzte: „Na schön, Meister Geales. Wie Ihr wollt.“ „Was machen wir eigentlich mit der Kleinen?“, wechselte Ky das Thema, „Schmeckt sie denn gut, Meister Geales?“ „Also doch. Ich hatte mir doch eingebildet, gestern Abend noch frisches Menschenblut gerochen zu haben“, ein Lächeln hatte sich auf Lests Gesicht geschlichen. Urd drehte den beiden den Rücken zu: „Geht so. Aber wir können sie noch gebrauchen, also last sie.“ Das war gelogen. In Wahrheit hatte der Geschmack, allein der Geruch, an seiner Selbstbeherrschung gekratzt. Schon sehr lange hatte er keinen Menschen mehr getroffen, der seinen Gaumen derart verwöhnt hatte. Er wollte es für sich, nur für sich. Natürlich könnte er auch einfach sagen, dass ihr Blut ihm gehöre und kein anderer Vampir würde es wagen sich an ihr zu vergreifen. Dennoch…wenn das ganze hier vorbei war…vielleicht könnte er sie mit zurück nach Russland nehmen. Er hatte schon lange keine persönliche Nahrungsquelle mehr gehabt. Allerdings könnte es zu einem schwierigen Unterfangen werden sie davon zu überzeugen, mit ihm zu kommen. Bei ihm in Russland war das etwas anderes. Er ging anders mit Menschen um, als die meisten seiner Artgenossen. Würde er einen von ihnen bitten ihm den Hals frei zu machen, würde sich wohl kaum einer wiedersetzen. Außerdem wollte er sie weiterhin tanzen sehen. Vampire konnten viele Dinge besser als Menschen, aber singen und tanzen gehörte nicht dazu. Vampire konnten vielleicht die Technik besser, doch sie könnten nie die Gefühle zum Ausdruck bringen, die ein solcher Tanz ausdrücken soll. Konnte natürlich auch nur ein subjektives Empfinden sein. Jeder Vampir hat einen anderen Geschmack. Urd hatte nicht unbedingt großes Interesse an Kinderblut. Es schmeckte nicht schlecht, aber es gab besseres. Das hatte er soeben gefunden. Urd schüttelte den Kopf. Er musste diese Gedanken verdrängen, sich auf die vor ihm liegenden Aufgaben konzentrieren. Über Blut konnte er sich auch später noch Gedanken machen. Doch auch wenn er ein hochrangiger Adeliger war. Auch er war ein Vampir. Vampire müssen Blut trinken, sonst werden sie zu Bestien ohne Willen und Verstand. Kein schönes Ende.
 

Missmutig betrachtete Aoi sich im Spiegel. Genauer gesagt betrachtete sie die zwei Wunden, welche ihren Hals verunstalteten. Sie hoffte, dass sie verheilt waren bevor sie jemand sah. Niemand, absolut niemand durfte davon erfahren, was sich zwischen ihr, Aoi Sangu, persönliche Assistentin von Kureto Hiragi, und ihm, Urd Geales, einem Urahn zweiten Ranges, abgespielt hatte. Nachdem sie die Kraft gefunden hatte aufzustehen, war sie sofort ins Bad gegangen und hatte die Wunde gründlich gewaschen. Dass sie nicht mehr ihre Uniform, sondern ein weißes dünnes Nachthemd trug, davon hatte sie nur am Rande Notiz genommen. Urd musste sie ausgezogen haben, aber das dieser Vampir sie nackt gesehen hatte war im Moment ihr geringstes Problem. Vampire hatten, soweit sie wusste, ohnehin keine sexuellen Begierden, von daher brauchte sie sich zumindest darum keine Sorgen zu machen. Sie war kein kleines Mädchen in der Pubertät mehr, die schon bei dem Gedanken an Männer errötete, sondern eine gestandene Frau, eine Soldatin. `Eine Vampirjägerin, die sich vor einigen Stunden zu Vampirfutter hat machen lassen´, flüsterte ihr eine Stimme gehässig zu, `Du bist nicht besser als deine kleine Verräter-Schwester Mitsuba. Aber die hat sich wenigstens nicht freiwillig von Vampiren beißen lassen.´ Ob sie Kureto jemals wieder reinen Gewissens gegenüber treten kann? Wird sie ihn überhaupt jemals wieder sehen? Oder werden diese Vampire sie nach Russland verschleppen oder wo die sonst herkommen? Würde sie als Blutgefäß enden? Aoi kniff die Augen zusammen. Nein! So durfte sie nicht denken. Sie durfte sich nicht so einfach geschlagen geben! Nun war es passiert, das konnte sie nicht mehr ändern. Sie musste vorwärts blicken! Plötzlich klopfte es an ihrer Tür. Dann öffnete sie sich leise. Aoi schaute aus der Badtür. Es war die blonde Vampirin, die gestern die drei Adeligen und sie bedient hatte, Aoi meinte sich an den Namen Ana zu erinnern. Sie hielt ein Paket in ihrer Hand: „Meister Geales wies mich an, Ihre Uniform zu waschen und zu reparieren.“ Damit legte sie es auf dem Tisch ab. „Uh, danke. Schätze ich…“, Aoi war etwas überrumpelt, sie wusste nicht was sie zu dieser seltsamen Vampirin sagen sollte. Sie lächelte zwar, aber es lag auch etwas Wehmut in ihrem Blick. Ihre lackierten Finger spielten die ganze Zeit nervös an ihrem weißen Kleid. Aoi öffnete das Päckchen, ihre Uniform war frisch gewaschen, gebügelt und perfekt genäht. „Bist du…“, begann Aoi. „Ich bin Ana Fountain. Ich bin zwar jung, aber vielleicht bin ich trotzdem von Nutzen“, murmelte Ana. Aoi zog eine Augenbraue hoch: „Jung? Was heißt jung?“ Vampire hatten davon sicher ein anderes Verständnis als Menschen. „Also, ich wurde 1917 zum Vampir gemacht“, sagte sie, „Für mich ist es schon ewig her, aber für einen Vampir ist das natürlich gar nichts.“ Aoi war verwundert: „Du wurdest zu einem Vampir gemacht?“ Ana schaute auf und auch in ihrem Blick stand Verwunderung: „Natürlich, wie jeder andere Vampir war ich mal ein Mensch. Die meisten Vampire reden nur nie darüber.“ „Dann war Urd Geales auch mal ein Mensch?“, sagte Aoi mehr zu sich selbst als zu Ana. Schwer vorstellbar, dass er und seine beiden Anhängsel mal so etwas wie Menschlichkeit besaßen. Aoi ging zurück ins Bad und zog sich das weiße Nachtgewand aus. Sogar ihre Unterwäsche war wieder intakt. Während sie sich umzog redete Ana weiter: „Ich weiß, was Sie denken. Glauben Sie mir, ich habe auch mal so gedacht. Das alle Vampire Monster wären. Aber Meister Geales ist anders. Ihm sind menschliche Leben nicht komplett egal. Auf das was andere Adelige in ihren Gebieten tuen, darauf hat er wenig Einfluss. Dennoch hat er alles dafür getan, das zerstörte Russland wieder aufzubauen.“ Aoi hörte kurz auf die Knöpfe ihrer Uniform zu schließen und seufzte: „Das mag ja alles sein. Dennoch, ihr zapft uns unser Blut ab und sperrt uns in euren Städten ein. Ihr behandelt uns wie Tiere! Glaubt ihr wirklich, dass wir das ewig mit uns machen lassen?“ Aoi schloss die letzten Knöpfe und verließ das Bad. Sie nahm Chijiryu von einem Stuhl und ging Richtung Tür: „Meister Kureto wird kommen. Er wird mich aus euren Fängen befreien. Wie können auch auf uns selbst aufpassen, dafür brauchen wir euch nicht!“ Damit ließ Aoi die perplexe Ana zurück.
 

Aoi rannte förmlich die Treppen nach oben. Was war das denn? Hatte diese Vampirin gerade wirklich versucht, sie davon zu überzeugen, sich diesem Vampir anzuschließen? Als ob sie Kureto verraten würde! Sie war eine Sangu! Ihr Leben gehörte den Hiragis, Kureto Hiragi. Und niemandem sonst. Aoi atmete einmal tief durch und versuchte ihren Kopf klar zu bekommen. Ein Vampir, der Menschen mit Respekt behandelte, das glaubte sie erst, wenn sie es sah. Urd Geales war zweifelsohne keine gewöhnliche Bestie, aber dennoch war er ein Raubtier, ein Vampir. Egal wie viel Disziplin er besaß, er kann seinen Blutdurst nie ganz ablegen. Er würde immer weiter nach Blut verlangen, egal wie viele Jahrhunderte, wie viele Jahrtausende vergingen. Aoi betrat das Deck, Urd Geales stand an der Reling und hatte sich mit seinen Armen am Geländer abgestützt. Sein Blick schien weit in die Ferne gerichtet. Ob er es jetzt bemerken würde, wenn Aoi ihn angreifen würde? Wahrscheinlich. Er würde es spätestens dann merken, wenn er das Surren der Waffe durch die Luft wahrnahm. Er hätte seine Waffe so schnell gezogen, so schnell konnte Aoi noch nicht mal schauen. Worauf warteten die Vampire eigentlich? Warum hatten sie noch nicht angegriffen? „Du bist wieder auf den Beinen“, Urd warf ihr einen Blick über seine Schulter zu. „Ja“, antwortete Aoi ihm, „Worauf wartet ihr eigentlich?“ Urd schaute wieder in die Ferne: „Bitte?“ Aoi stellte sich neben ihn, mit etwas Abstand: „Seid ihr nicht gekommen, um uns zu vernichten?“ „Wir sind hier, um die Forschungen mit dem Seraph of the End zu stoppen. Ich werde tun was dafür notwendig ist. Nachdem Krul Tepes anscheinend mit euch zusammengearbeitet hat, will ich kein Risiko mehr eingehen.“, machte Urd seinen Standpunkt deutlich. „Krul…Tepes?“, fragte Aoi noch einmal nach, „Pfff…Als ob wir mit einem Vampir zusammenarbeiten würden.“ Urds Gesicht verfinsterten sich. Was hatte sie denn nun falsches gesagt? „Verstehe…Also ist Krul doch nicht…Dann hat Ferid Bathory also doch gelogen?“ Aoi war von den ganzen Namen etwas überfordert. Worauf wollte Urd eigentlich hinaus? Eine Weile sagte keiner von beiden etwas. Urd schien tief in Gedanken versunken, man hätte ihn glatt für eine Statue halten können, lediglich seine sich gleichmäßig bewegende Brust wies darauf hin, dass er atmete. Am Anfang war Aoi voller Anspannung gewesen, doch allmählich spürte sie wie sich ihr gesamter Körper lockerte. Für einen Vampir hatte Urd durchaus etwas Charisma, das konnte sie nicht abstreiten. In seiner Art, alles rein strategisch zu analysieren, ähnelte er Kureto. Ihre Finger klammerten sich an das Geländer. Innerlich musste sie lachen. Nein, das geht so nicht. Kureto und er…sie haben nichts miteinander gemein. Warum verglich sie ihn dann mit ihm? Sie fühlte nichts für diesen Kerl. „Wie alt bist du, Sangu? Verzeih, ich kann das Alter von Menschen nicht mehr gut einschätzen“, fragte Urd. Aoi war sich nicht sicher, ob sie ihm zu viel über sich verraten sollte. Aber was wollte er an ihrem Alter schon ablesen? „Dreiundzwanzig“, sagte sie. Kurz meinte sie erstaunen in seinem Gesicht zu sehen, aber ganz sicher war sie sich nicht: „Dreiundzwanzig? Wie hast du das Virus überlebt? Du musst zu dem Zeitpunkt schon über zwölf gewesen sein.“ Aoi presste ihre Lippen aufeinander. Sollte sie ihm von dem Serum erzählen, dass sie gerettet hatte? Urd schloss seine roten Augen: „Verstehe. Du willst das Geheimnis der Menschen nicht mit mir teilen. Das habe ich mir schon fast gedacht.“
 

„Wie alt bist du?“, entfuhr es Aoi. Urd verschränkte seine Arme vor dem Körper: „Nun, mit dieser Frage hätte ich wohl rechnen sollen. Wenn ich ehrlich bin…ich weiß es nicht genau. Irgendwann zählt man nicht mehr mit. Wenn man genau weiß, dass man nie sterben wird, verliert das irgendwann an Bedeutung. Sobald wir wahre Vampire sind, verlieren wir unsere Emotionen oder eher…erleben wir sie weniger intensiv.“ „Verstehe. Was heißt wahrer Vampir?“, fragte Aoi weiter. „Wahrscheinlich hast du noch nichts anderes gesehen. Sobald ein Mensch Vampirblut trinkt, verändert sich sein Körper. Aber so weit bist du wahrscheinlich schon informiert. Diese Menschen erhalten übermenschliche Stärke und Fähigkeiten. Aber es ist nur eine Zwischenstufe. Um ein Vampir zu werden, muss dieser Mensch das Blut eines anderen Menschen trinken. Dadurch werden all unsere Zellen aktiviert, unsere Entwicklung wird gestoppt und unsere Augen erhalten die typische, rote Farbe“, fuhr Urd seine Erklärungen fort, „Dadurch, dass wir unsere Emotionen verlieren, verlieren wir gleichzeitig auch viele unserer Interessen. Viele Vampire leiden unter chronischer Langeweile. Ich kann mich darüber zwar nicht beschweren, ich habe genug zu tun. Aber ich weiß dass es den anderen da etwas anders geht.“ So war das also. Na Ja, wenn man so lange lebt hat man vielleicht schon alles gesehen, was es zu sehen gibt. „Du hast kaum Langeweile?“, ging sie auf diese Aussage von ihm ein. Er nickte: „Ja. Als Oberhaupt des hohen Rates der Urahnen hat man ein paar besondere Pflichten. Noch dazu kam vor acht Jahren noch ein ganzes Land dazu, was es zu verwalten gilt. Eine Menge Papierkrieg. Wenn ich nicht aufpasse macht jeder was er will. Von daher habe ich zur Langeweile ohnehin keine Zeit. Die wenigen Momente, wo ich nichts zu tun habe, weiß ich mich schon zu beschäftigen. Dann lege ich mich entweder ein paar Stunden hin oder ich gehe ins Theater.“ Aoi zog eine Augenbraue hoch: „Ins Theater? Was willst du denn da? Da tritt doch wahrscheinlich eh keiner mehr auf.“ Vor allem nicht in diesen Zeiten. Oder genoss er einfach nur die Atmosphäre?...

Erwarteter Besuch

„Ich schaue mir gerne Menschen beim Ballett an. Das ist ausgesprochen entspannend. Ein richtiges Orchester fehlt uns zwar noch. Aber tanzen können sie inzwischen schon sehr gut.“, Urds Blick hatte sich verändert. Diese emotionslose Mine, die er bis jetzt immer aufgesetzt hatte, war einer Faszination gewichen. Es wirkte fast schon menschlich. „Unsere Vampire nehmen Menschen Blut ab und du lässt sie für dich tanzen?“, Aoi wusste nicht was sie davon halten sollte. Aoi musste kurz schmunzeln. Die Vorstellung, dass ein Vampir sich ein Ballettstück ansah war einfach zu seltsam. „Warum lachst du? Habe ich etwas in deinen Augen komisches gesagt?“, kommentierte Urd. „Nein, das nicht“, murmelte Aoi. Je länger sie neben Urd stand, je länger sie sich so ungezwungen mit ihm unterhielt, umso angenehmer fühlte es sich an. Aoi hatte nie in Betracht gezogen, sich je mit einem Vampir zu unterhalten. Alles, was sie bisher über Vampire wusste hatte ihr die Armee beigebracht. Nein, im Prinzip hatte man ihr nur beigebracht, wie man Vampire am besten tötet. Sie spürte, wie Urd seine Hände auf ihre Schultern legte. Seine Handschuhe fühlten sich weich an, aber selbst durch den edlen, schwarzen Stoff konnte sie die Kälte spüren. „Schau geradeaus. Was kannst du sehen?“, flüsterte er ihr ins Ohr. Aoi schaute auf das Meer: „Was…ich sehe? Das Meer, rot wie Blut. Die Überreste der Schiffe, die einst durch das Wasser fuhren.“ Der Griff von Urds Händen verstärkte sich: „Ganz recht. Das ist der Zustand, in dem sich die gesamte Welt befindet. ihr habt enorme Stärke erlangt. Aber zu welchem Preis? Die Welt. Das ist der Preis. Ihr habt den Engel in Ketten gelegt. Aber ihr werdet diese Macht niemals vollständig kontrollieren können. Diese Macht sollte nicht von Menschen, auch nicht von Vampiren, benutzt werden. Bereits der Urahn ersten Ranges, Shika Mado, warnte uns vor der Macht der Engel. Deswegen frage ich dich, nur dich und nicht deinen Vorgesetzten, ist es das wirklich wert?“ In Aois Hals bildete sich ein dicker Klos. Sie ist eine Sangu, sie dient nur den Hiragis, niemanden sonst. Nie würde sie wagen, die Entscheidungen von Kureto zu hinterfragen. „Und weiter? Mal angenommen, ihr gewinnt. Was dann? Wie wollt ihr die Welt umformen?“, Aoi schaute Urd über ihre Schulter an. „Wir…“, doch dann unterbrach Urd seinen Satz. Er ließ Aois Schulter los und drehte sich Ruckartig um. Aoi konnte sehen, wie Urd seinen Kopf immer wieder von rechts nach links drehte. Seine Sinne waren aufs äußerste geschärft. Aoi ließ ihren Blick über die nähere Umgebung schweifen, sie konnte jedoch nichts entdecken, was Urds Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Nach einer Weile entspannte Urd sich wieder. Was hatte ihn so in Alarmbereitschaft versetzt? „Hey, Vampir. Was ist?“, fragte Aoi. Urd verschränkte seine Arme erneut: „Ich glaubte, für eine Sekunde das Blut meines Bruders gerochen zu haben.“ „Dein…Bruder…“, Aoi musste überlegen, was er damit meinte. Aber die Erkenntnis jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
 

„Meister Geales“, es war Lest Karr. Diese Stimme würde Aoi wohl immer wieder zuordnen können. „Alles in Ordnung, Meister Geales? Ihr seht beunruhigt aus“, fragte er und sein Finger tippte an sein Kinn. Woran er das ablesen konnte, das war Aoi ein Rätsel. Urds Mine war genauso unbewegt wie vorher auch. Entweder hatte Lest Karr seine Reaktion mitbekommen oder er konnte etwas in Urds Verhalten sehen, was für Aoi unsichtbar war. Urd atmete tief aus: „Ich weiß es noch nicht, Lest. Es wird sich zeigen, ob meine Sinne mir einen Streich gespielt haben oder nicht.“ „Das trägt nicht unbedingt dazu bei, dass ich mich besser fühle. Normalerweise ist auf Euer Gespür meistens verlass. Wenn Ihr…“, doch Urd brachte ihn mit ausgestreckter Hand zum Schweigen. „Sei kurz still, Lest Karr“, sprach Urd, „Jetzt habe ich ganz sicher etwas gehört.“ Lest und Aoi schauten sich erstaunt um. „Ich kann noch nichts hören…oh, wartet. Ich glaube, ich höre auch etwas“, sagte Lest Karr und spitzte seine Ohren. Urd stieg auf das Geländer und schaute Richtung Festland: „Es klingt wie die Motorengeräusche eines größeren Fahrzeugs. Wo ist es?“ Aoi drehte sich zu Lest Karr: „Ein Auto?“ „Ein Bus. Ich sehe ihn. Es ist so weit. Lest Karr, rufe alle zusammen. Wo ist Ky Luc?“, Urd war wieder von dem Geländer gesprungen. „Ich bin hier, Meister Geales“, Ky Luc war aus dem inneren des Schiffes gekommen und starrte in die Ferne, „Oha, wo sie den wohl her haben? Ein ungewöhnliches Transportmittel.“ Wie immer hatte Aoi keine Ahnung, worum es überhaupt ging, aber auch sie glaubte inzwischen Motorengeräusche zu hören. Auf was auch immer die Vampire gewartet hatten, schien jetzt da zu sein. Das war nicht gut. Wenn sie jetzt alles vorbereitet hatten, dann würden sie vielleicht bald angreifen. „Du wartest hier, Sangu“, sagte Urd zu ihr und machte sich auf den Weg an Land. Aoi machte einen Schritt nach vorn und packte Urd am Ellenbogen: „Moment mal. Worum geht es?“ Urd befreite seinen Arm und packte Aois Handgelenk: „Das wirst du gleich sehen. Du kannst meinetwegen zuschauen, aber du bleibst hier auf dem Schiff. Misch dich da nicht ein, verstanden?“ Aus seiner Stimme hörte Aoi, dass er keinen Wiederspruch duldete. Aoi nickte nur stumm. „Gut, ich nehme dich beim Wort. Kommt“, sagte er und die anderen beiden folgten ihm.
 

Aoi beobachtete vom Schiff aus die Gruppe an Vampiren, die sich am Ufer versammelt hatte. Kurz ertönte plötzlich das quietschende Geräusch von Bremsen, als wenn jemand eine Gefahrenbremsung durchführt. Sie kniff die Augen zusammen als sie kurz darauf das splittern einer Scheibe hörte. Was zum Teufel treiben die da? Aoi konnte einen gelben Bus sehen, dessen Frontscheibe anscheinend eingeschlagen war. Vor dem Bus lag jemand, er musste bei der Bremsung durch das Fenster geflogen sein. Er trug eine weiße Robe, weswegen Aoi davon ausging, dass es sich um einen Vampir handelte. Ihre Vermutung bestätigte sich, als die Person sich wieder aufrappelte. Ein Mensch wäre nach solch einem Sturz entweder tot oder so schwer verletzt, das er ganz bestimmt nicht so einfach wieder aufstehen konnte. Er war aber nicht allein. Kurz darauf öffneten sich die Türen und mehrere Personen stiegen aus. Zwei davon waren unverkennbar Vampire. Die anderen sechs jedoch trugen die Uniformern der japanischen kaiserlichen Dämonenarmee. Aois Hände ballten sich zu Fäusten. Das waren die Deserteure, die am Flughafen abgehauen waren. Sie konnte das goldblonde Haar erkennen, obwohl sie etwas weiter weg war. Es war Mitsuba, da war sie sich sicher. Was machte ihre kleine Schwester hier? Warum waren sie und ihr Team mit den Vampiren zusammen? Waren sie ebenfalls von denen erwischt worden? Oder waren sie etwa…Nein, das konnte nicht sein. Ihre Schwester, eine Sangu, hatte sie mit den Vampiren gemeinsame Sache gemacht? Hatte sie die Hiragis, nein, die gesamte Menschheit verraten? Das konnte nicht sein. Aber es würde auch ihr Verhalten erklären. Ihr Team war schon vorher negativ aufgefallen. Sie konnte sehen wie der Vampir, der durch das Busfenster gefallen war vortrat. Sie musste sich ziemlich anstrengen um etwas zu verstehen, was da gesprochen wurde. Er hieß Urd und seine Leute willkommen, er musste also zu den japanischen Vampiren gehören. Lest Karr trat vor und was dann passierte, das konnte Aoi nur erahnen. Doch es jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Lest griff in die Brust des Vampirs und als er sie zurückzog hielt er etwas Rotes in der Hand. Aoi wurde übel, als sie erkannte was es wahrscheinlich war. Sie fragte sich wie lange ein Vampir ohne Herz überleben konnte, aber offenbar nicht lange. Urd meldete sich schon nach kurzer Zeit zu Wort: „Gebt ihm das Herz zurück, Lest Karr. Er wird zum Dämon.“ Oh, Vampire werden zu Dämonen, wen man ihr Herz entfernt? Das war eine neue Erkenntnis. Sie musste Kureto davon berichten, sobald sie wieder zurück bei ihm war. Damit konnte man vielleicht noch effektivere Dämonenwaffen herstellen. Letzten Endes gab Lest das Herz jedoch zurück. Wenige Sekunden später stürzte der Vampir sich auf ein Mitglied von Mitsubas Gruppe stürzte. Reflexartig fuhr ihre Hand zu Chijiryu und holte sie kurz aus der Scheide. Dennoch drehte sich Urds Kopf sofort in ihre Richtung, auch wenn er weit weg war konnte sie eine Warnung darin erkennen. Sie nahm ihre Hand vom Heft. Jetzt war ein denkbar schlechter Zeitpunkt in Aktion zu treten. Für einen Verräter würde sie sich bestimmt nicht in den Tod stürzen. Verdammt, Urd musste wirklich scharfe Sinne haben. Hatte er die Waffe gehört oder hatte er die Energie ihres Dämons gespürte? Beides wäre sehr beunruhigend.
 

„Wer sind die überhaupt?“, hörte sie Urd fragen. Interessant, Urd kannte die Deserteure also nicht. Waren sie also doch nicht mit den Vampiren im Bunde? Oder war das eine Sache der japanischen Vampire? Urd hatte ja selbst gesagt, dass er auch nicht alles wusste, was in den anderen Ländern vor sich geht. „Knirpse, die mir in letzter Zeit ans Herz gewachsen sind“, sagte der Vampir, dass ihm vor wenigen Sekunden noch sein Herz rausgerissen worden war schien seine Laune nicht zu trüben. Seine Art zu sprechen erinnerte Aoi sehr an Ky Luc. Urd trat näher an den Vampir heran: „Ist es nicht verboten, Blut direkt von Menschen zu trinken?“, fragte Urd. Tatsächlich? Hatte Urd nicht noch vor wenigen Stunden ihr Blut getrunken? Ihre Finger tasteten erneut nach den Bissspuren. Nicht drüber nachdenken. Selbst wenn sie Urd damit in Schwierigkeiten bringen könnte, sie würde nie vor anderen zugeben, dass sie sich hat beißen lassen und das auch noch freiwillig. Wahrscheinlich nahmen es die Vampire damit auch nicht so genau. Immerhin schien es für sie auch ein größerer Genuss zu sein, Blut direkt von Menschen zu trinken. „Das galt in der Hauptstadt“, antwortete der silberhaarige Vampir auf Urds Frage, „Aber die wurde uns entrissen.“ „Ja, weil du unfähig bist“, kam es trocken von Lest zurück. Also konnten die Vampire außerhalb ihrer Städte quasi trinken, wann und von wem sie wollten. Da sie sich außerhalb von Sanguinem befanden, hatte Urd also einen Freifahrtschein. Urd beobachtete den silberhaarigen ganz genau. Offenbar gefiel ihm etwas nicht. Dann drehte er seinen Kopf schnell in eine ganz bestimmte Richtung. Das kannte Aoi schon, anscheinend hatte er etwas gewittert. „Ich habe Blut gerochen“, sagte Lest, „Dann war es auf einmal weg.“ Urd drehte den anwesenden den Rücken zu: „Gehen wir. Folge mir, Lest Karr!“ Damit sprang Urd mit einer irren Geschwindigkeit eine Böschung nach oben. „Wartet!“, rief Lest und sprang ihm hinterher. Es war klar, dass er mit Urds Tempo nicht mithalten konnte, er hatte Lest ja jetzt schon abgehängt. So viel Macht und Scharfsinn in einer Person. Noch dazu war Urd nicht gerade dumm und hatte seine Triebe anscheinend gut im Griff. Außerdem schienen die anderen Vampire ihm aufs Wort zu gehorchen, auch höherrangige wie Lest Karr und Ky Luc. Er war ein gefährlicher Gegner. Wie sollte man ihn bezwingen? Er musste einfach eine Schwäche haben, irgendeine.
 

Lest war hinter Urd zurückgefallen, aber das war wenig überraschend. Er würde schon aufschließen, sobald es nötig war. Urds Konzentration galt dem Blut, was er gerochen hatte. Es war eindeutig Vampirblut gewesen, das eines hochrangigen. Es konnte nur Krul Tepes Blut gewesen sein. Wenn er dem Geruch folgte, dann würde er sie finden und hoffentlich ein paar Antworten erhalten. Er näherte sich einem großen Haus. Er konnte die Präsenz eines Vampirs spüren. Aber da war noch etwas anderes, eine weitere Person war in Kruls Gegenwart. Er kannte sie, er hatte sie schon lange nicht mehr gespürt. Also hatte er sich vorhin doch nicht getäuscht. Hatte er sie beobachtet? Er musste sich vorsehen, er war ein ihm ebenbürtiger Gegner. Seine Hand näherte sich dem Griff seines Schwertes. Er streckte seine Hand aus und riss mit einem Ruck die Tür aus den Angeln. Er sah nur aus den Augenwinkeln wie sie in die andere Ecke des Raumes flog, seine gesamte Aufmerksamkeit galt dem Mann in der Mitte des Raumes. Jetzt durfte er keinen Fehler machen, sein Gegner war ein Urahn 2. Ranges. Er hatte sich verändert. Seine Haare waren nun schwarz gefärbt, seine Ohren hatten wieder die Form von Menschenohren, seine Pupillen waren schwarz und ausdruckslos. Aber Urd hatte keine Zeit, sich über sein Aussehen zu wundern. Ihre Hände trafen sich und als sie sich berührten wurde eine Schockwelle freigesetzt, welche den Boden um sie herum aufriss. „Rigr Stafford!“, rief Urd, „Steckst du hinter alldem?“ Ein Lächeln bildete sich auf Rigrs Gesicht: „Hallo, Urd Gea…“ Aber Urd ließ ihn gar nicht erst ausreden: „Schwert! Saug mein Blut!“ Sein Schwert ließ mehrere Stacheln ausfahren, welche sich in seine Hand bohrten und sein Blut aufnahmen, woraufhin sich seine Klinge blutrot färbte. Er führte eine schnelle Angriffswelle auf Rigr aus, der dem zwar auswich, doch Urd konnte eine Schwachstelle in seiner Verteidigung erkennen. Er holte mit seinem Schwert aus: „Du hast nachgelassen, Rigr!“ „Findest du?“, Rigr schaute ihn aus schmalen Augen an, „Den Arm kannst du haben!“ Urd trennte Rigrs Arm ab, dennoch glaubte er nicht, dass es so einfach war. Er sollte Recht behalten, denn aus dem abgetrennten Arm schossen mehrere Ketten, die ihn zielsicher angriffen. „Wa…?!“, Urd hatte mit vielem gerechnet, aber das war neu, so etwas hatte auch er noch nie gesehen. Er konnte auch kein Blut riechen. Mit einem schnellen Streich wehrte er die Ketten ab, doch eine von ihnen durchbrach seine Verteidigung und bohrte sich in seinen Hals. Er konnte fühlen, wie sie sein Blut absorbierten, schnell zog er sie heraus und hielt sie fest in seiner Hand. Rigr hing über ihm an der Decke. „Was ist das?“, verlangte Urd zu wissen. Der Arm war zwar noch abgetrennt, doch mehrere dieser ketten verbanden ihn mit Rigrs Körper. „Das hier? Diesen Fluch habe ich vor hunderten Jahren bei den Menschen entwickelt.“ „Ich rieche kein Blut, obwohl der Arm abgetrennt wurde. Du bist ja gar kein Vampir mehr“, sagte Urd. War er ein Dämon? Oder etwas gänzlich anderes? Menschen waren ja dafür bekannt solch abstoßende Experimente durchzuführen.
 

„Was ist mit dir? Willst du ewig ein Vampir bleiben?“, fragte Rigr, „Genau deshalb haben dich die Urahnen aufgegeben.“ Als ob das bei ihm anders war: „Dich haben sie doch auch verstoßen.“ Rigr lachte schallend: „Ha Ha! Dann sind wir wohl beide Waisen, Bruder!“ Er wollte ihn provozieren, aber Urd würde sich darauf nicht einlassen: „Was bezweckst du damit?“ „Und du? Was bezweckst du mit deinem ewigen Leben?“, stellte Rigr die Gegenfrage, “ Wofür klammerst du dich an die Regeln der Urahnen?“ Glaubte Rigr, nur weil er ein Urahn zweiten Ranges war, würde er einfach so tun und lassen was er wollte? In was für einer Welt lebte er eigentlich? „Ich…“, Urd kniff seine Augen zusammen. Doch Rigr unterbrach ihn: „Du brauchst mir nichts zu erklären. Schließlich stammen wir vom selben Urahn ab. Fallen wir uns nicht länger in den Rücken. Okay? Verstanden? Dann verlass jetzt bitte Japan. Das ist hier mein Spielplatz.“ Urd dachte nicht einmal daran, dieses Chaos hier sich selbst zu überlassen: „Bedaure, aber ich kann deiner Bitte nicht nachkommen.“ Er stieß eine Schockwelle aus, aber Rigr ließ eine weitere Kette aus seinem Arm hervorschnellen, welche sich um Kruls Hals schloss. Er zog Krul aus der Wand und schleuderte sie auf Urd. „Verdammt!“, fluchte Urd und fing Krul mit seiner linken Hand auf. Rigr flüchtete zum Ausgang, doch in dem Moment hatte Lest Karr sie erreicht: „Meister Geales!“ „Lest Karr! Wir müssen Rigr aufhalten!“ Doch Lest war von der Situation offenbar etwas überrumpelt. Mit einem Streich seiner Hand durchtrennte Rigr Lests Oberkörper und konnte so an ihm vorbei. Nun gut, ihm hätte klar sein sollen, dass Lest Rigr nicht stoppen konnte. „Denn hole ich nicht mehr ein“, sagte Urd. Er hatte schon zu viel Vorsprung, es wäre Zeitverschwendung, jetzt noch die Verfolgung aufzunehmen. Er drehte sich zu Lest, um zu schauen, ob er eventuell Hilfe brauchte, doch er hatte es allein geschafft, seine Körperhälften wieder zu vereinen. „Tut mir Leid…“, Lest wirkte etwas bedrückt, „Meine Schuld…“ Urd schüttelte seinen Kopf: „Schon gut. Er ist eben ein Urahn zweiten Ranges.“ Lest rappelte sich wieder auf, seine Kleidung war jedoch völlig zerrissen: „Mist! Hey, Krul Tepes! Erzähl mal, was hier los ist!“ Urd verschränkte seine Arme vor der Brust: „Gehen wir zurück zu den anderen, Lest Karr. Überlass Krul mir. Du solltest dir mal Ferid zur Brust nehmen.“ „Na schön“, damit verließ Lest das Haus.
 

„Gut, wir sind allein“, sagte Urd. Krul sah etwas mitgenommen aus, ihr rosafarbenes Haar war zerzaust und ihre Kleidung verschmutzt. Sie ballte ihre Fäuste: „Ferid, dieser Dreckskerl…“ „Lest Karr wird ihn schon finden. Du solltest mir jetzt besser alles sagen, was du weißt. Vor allem würde mich interessieren, wie er dich überwältigen konnte, dich, eine Urahnin dritten Ranges.“, begann Urd seine Befragung. Krul schaute ihn eine Weile unentschlossen an, schließlich sagte sie: „Ich war abgelenkt. Mein Fehler, das gebe ich zu. Meine gesamte Konzentration galt diesem Seraph und Mik…“ Doch dabei stoppte sie. „Wem? Wer ist das? Ein Mensch? Ferid behauptete, du hättest mit den Menschen gemeinsame Sache gemacht.“, fuhr Urd mit seinen Fragen fort. Krul schnaubte: „Pff. Als ob ich mit denen gemeinsame Sache machen würde, ich habe meine eigenen Pläne.“ „Dann…hat Ferid also nur teilweise gelogen. Was hast du dir dabei gedacht? Wer ist dieser Mik…wie auch immer er weiter heißt“, Urds Stimme wurde lauter, während er sprach. „Er ist ein Vampir, aber er hat nichts damit zu tun. Er…“, Krul unterbrach sich erneut. Urd packte Krul am Hals: „Ich verstehe, er ist dein Sohn. Aber genug jetzt, Lest sollte Ferid inzwischen gefunden haben. Gehen wir zurück zu den anderen.“ Krul wand sich in seinem Griff: „Moment, er könnte in Schwierigkeiten geraten! Er ist von meinem Blut abhängig. Urd!“ Urd musste kurz überlegen, was sie damit meinte, doch dann fiel ihm etwas ein: „Ich vermute mal, das er der sein könnte, der mit diesen Menschen gekommen ist. Der mit den blonden Haaren. Ich glaube, um den braucht man sich keine Sorgen zu machen, als ich ihn sah, da hatte er rote Augen. Er muss inzwischen Menschenblut getrunken haben.“ Krul hörte auf zu zappeln und schaute ihn erstaunt an. Dann fing sie an zu kichern: „Sieh mal einer an, mein kleiner Mikaela ist erwachsen geworden…“

Sonnenfolter

Urd war verschwunden, zusammen mit Lest Karr und das schon seit einigen Minuten. Wohin waren sie gegangen? Was hatte Urd gewittert? Aoi hatte sich inzwischen auf den Boden gesetzt und sich mit dem Rücken an das Geländer gelehnt. Ob sie es sich erlauben konnte, ein wenig zu dösen? Aber dann würde sie vielleicht etwas Wichtiges verpassen. „Was machst du da? Schläfst du etwa ein?“, Ky Luc saß neben ihr auf dem Geländer. Wann war er gekommen? Sie hatte ihn nicht bemerkt. „Immer noch etwas neben der Spur, hm? Hat Meister Geales wirklich so viel genommen?“, fragte er gut gelaunt und begann mit seinen Beinen zu baumeln. „Du…weißt also doch davon“, ihre Hand fuhr erneut zu ihrer Kehle. Sie sollte sich das abgewöhnen. Er lächelte breit: „Natürlich weiß ich das, es war nicht zu überriechen. Aber er sah sehr zufrieden aus, also wird’s ihm wohl ganz gut geschmeckt haben. Er sagte zwar zu uns, das es ganz in Ordnung war, aber sein Blick hat was anderes gesagt. Er ist wirklich ein schlechter Lügner.“ Na toll, ihr Blut entsprach also genau Urds Geschmack. Wie viel Pech konnte sie eigentlich haben? „Woran erkennst du das? Ich sehe ihm ins Gesicht und sehe nichts. Ist euer Geschmack wirklich so verschieden? Ist Blut nicht einfach…Blut?“, murmelte Aoi, aber Ky Luc konnte sie natürlich trotzdem verstehen. Ky blies seine Wangen auf: „Hör mal, du Banause. Natürlich leben wir in Zeiten in denen wir es uns nicht leisten können wählerisch zu sein. Aber bevor dieser Virus alles verwüstete hatten viele Adelige, aber auch normale Vampire, freiwillige Spender. Ach ja, damals kam die Beute noch von selbst zu uns. Selbstverständlich hat jeder Vampir einen anderen Geschmack, aber das habt ihr Menschen ja auch, wenn ich mich nicht irre. Wäre ja furchtbar, wenn alle dasselbe mögen würden, oder? Meister Geales hat gelernt, seine Gedanken gut zu verbergen. Aber wenn man ihn gut kennt, dann kann man ihn doch irgendwann durchschauen.“ Jetzt wurde es langsam kompliziert. Vampire waren wirklich eine eigene Spezies, auch wenn Aoi inzwischen eine Menge über sie erfahren hatte, so ganz wusste sie immer noch nicht, wie sie tickten. Vielleicht war es auch für Menschen völlig unmöglich. „Wieso lügt er euch an? Ich dachte, ihr versteht euch so gut“, fragte Aoi. „Tun wir ja auch, zumindest für Vampirverhältnisse. Aber…“, Ky beugte sich etwas nach vorn, „Er wird vermutlich nicht mal im Traum darüber nachdenken, seine Beute zu teilen. Zumindest solange keiner von uns am Hungertuch nagt. Dann schon, er würde wohl keinen von uns verdursten lassen. Jeder Vampir weiß, wie es sich anfühlt länger nichts getrunken zu haben. Ich auch, ich wäre sogar mal fast verdurstet, aber Letzen Endes hat Meister Geales mich gerettet.“ „So ist das also!“, Aoi schlug mit einer Hand gegen das Geländer, „Der will mich zu seinem Blutbeutel machen! Glaubt er wirklich, dass ich mich so einfach von ihm zu einem…Zuchttier machen lasse? Oder wie auch immer ihr Vampire das nennt.“ Ky hob abwehren die Arme: „Nun komm mal wieder runter. Es gibt sicher Vampire, die das sagen, aber doch nicht Meister Geales.“ Aoi verschränkte die Arme vor der Brust: „Soll mich das beruhigen?“ Dann drehte Ky Luc sich um: „Oh, da sind sie ja wieder.“ Aoi zog sich an dem Geländer hoch und Ky sprang zurück zu der Gruppe. Urd und Lest Karr waren zurück von ihrem kurzen Ausflug. Die beiden waren nicht allein, Lest Karr hatte den silberhaarigen Vampir an seinem Zopf gepackt und Urd hielt ein kleines Mädchen mit rosafarbenen Haar in seiner Hand. War das diese Krul Tepes, von der Urd bereits gesprochen hatte? Aoi meinte jedenfalls dieses Kind schon einmal gesehen zu haben, aber ihr fiel gerade nicht mehr ein wo. Lest und der silberhaarige unterhielten sich kurz leise, aber anscheinend hatte Lest dieses Gespräch nicht gefallen, denn er verpasste ihm einen Schlag in die Magengrube, der bestimmt nicht von schlechten Eltern gewesen war. Urd hielt das kleine Mädchen an ihrem Nacken und hob sie in die Höhe: „Wir haben die beiden Verräter geschnappt! Wir werden sie der Sonnenfolter unterziehen! Bereitet alles vor!“ Dieses Mal brauchte sich Aoi nicht anstrengen, um das gesagte zu verstehen, Urds Stimme hallte über den gesamten Platz. „Was?“, die Kleine stieß einen Ruf des Entsetzens aus. Ihre kindliche Stimme war schon fast Mitleiderregend, aber egal wie sie sprach, sie war vermutlich ein tausende Jahre alter Vampir. Was meinte Urd mit Sonnenfolter? Der Reaktion nach zu urteilen musste es eine ziemlich harte Strafe sein. Aber ihr dämmerte bereits, dass sie schon gleich sehen würde, was damit gemeint war. Urd ließ seine Gefangene neben den anderen Vampir fallen. „Ihr werdet zehn Tage in der Sonne braten. Wenn ihr dann etwas zu sagen habt, höre ich euch gerne zu. Ich werde euch kurz und knapp befragen“, Urds Stimme hatte einen bedrohlichen Unterton bekommen, „Wehe, ihr sagt dann etwas Falsches!“ Bisher hatte sie Urd immer als ruhige Persönlichkeit wahrgenommen. Seine Stimme war ohne jede Emotion gewesen, doch jetzt schien er nur so vor Autorität zu strotzen. Er hatte also auch eine andere Seite, die man lieber nicht kennenlernen wollte. Offenbar war er in der Lage, sich durchzusetzen, wenn es die Situation erforderte und drastische Maßnahmen zu ergreifen. Niemand schien seine Entscheidung infrage zu stellen, ein Zeichen dafür, dass er die absolute Kontrolle besaß. Egal was er sagte, es wurde gemacht. Es war schon komisch, wie viele Parallelen es zwischen der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee und der Vampirgesellschaft gab. Wenn ein Mitglied der Hiragis etwas befahl, dann wurde es auch gemacht, ob man das nun wollte oder nicht. „Ky Luc!“, rief Urd, „Du beaufsichtigst die Folter!“ „Was? Ich? Wirklich?“, Kys Stimme klang verwundert, „Ferid ist kein Problem, aber eine Urahnin dritten Ranges?!“ Ihm schien das Ganze nicht so richtig zu behagen. Urd redete wieder etwas leiser, Aoi konnte nur noch hören, wie er sagte: „Ich will hier keinen Ärger.“ „Jawohl“, antwortete Ky ihm gewissenhaft.
 

Mika beobachtete das Schauspiel mit Unmut. Das war gar nicht gut, Urd Geales schien ziemlich sauer zu sein. Ob er von Kruls Experimenten wusste? „Jetzt warte doch mal, Urd!“, hörte er Krul sagen. Doch Urd ließ nicht mit sich reden. Er packte sie am Arm und zog sie nah vor sein Gesicht: „Ruhe jetzt! Dein Auftritt hier ist vorbei. Du hast dich an einem der größten Tabus vergriffen und dabei versagt, die Organisation der Menschen zu zerschlagen. Wir haben dir dieses Gebiet überlassen, aber du hast deine Autorität und unsere Leute schändlichst missbraucht! Ich werde dir das nicht durchgehen lassen, egal was deine Gründe sind, der Zweck rechtfertig nicht immer die Mittel!“ Egal wie sehr Mika Krul vertraute, er konnte leider nicht sagen, dass Urd Geales ganz Unrecht hatte. Diese Forschungen mit dem Seraph of the End waren viel zu gefährlich, um sie weiter zu betreiben. Urd übergab Krul an Lest Karr und schaute sich um, anscheinend suchte er jemanden. Schließlich blieb sein Blick an Mika hängen. Mika musste schlucken, als dieses Monstrum von Vampir auf ihn zukam. Mika hatte sich nie wirklich mit den Herrschern der Vampire beschäftigt, aber von Urds großer Macht hatte er schon gehört. Wollte er ihn etwa auch bestrafen? Hatte Krul geplaudert? Würde er auch Yuu aus dem Weg räumen wollen? Unsicher legte er eine Hand auf den Griff seines Schwertes. Natürlich hatte er im direkten Zweikampf keine Chance, aber besser als sich einfach abschlachten zu lassen. „Immer mit der Ruhe, kein Grund, gleich zur Waffe zu greifen“, sagte er, „Ich werde dir schon nichts tun. Ich nehme an, du bist Mikaela?“ Mika nickte: „Ja.“ „Krul hat dich uns zwar nie vorgestellt, aber du hättest Anspruch auf einen Rang als Urahn. Von daher hoffe ich, dass wir uns verstehen. Auf gute Zusammenarbeit“, Urd reichte ihm die Hand. Unsicher sah Mika ihn an, aber um nicht für Unmut zu sorgen nahm er sie an. Dieser Rang war ihm ehrlich völlig egal. Er wollte eigentlich ablehnen, aber Urd war schon wieder gegangen, er wollte wohl bei den Vorbereitungen für die Sonnenfolter aufpassen. Mika beschloss, erst einmal zu den anderen zurückgehen. „Was ist, Mika? Was wollte dieser Typ von dir?“, fragte Yuu, natürlich in voller Lautstärke. Mika hielt ihm den Mund zu: „Rede doch mal leiser! Wenn dich einer hört! Die haben gute Ohren!“ Yuu befreite sich aus Mikas Griff: „Ist ja gut, ich rede ja schon leiser. Hey, Mitsuba. Was ist? Du schaust so nachdenklich.“ Mitsuba saß auf einem der Sitzpolster und schaute gedankenverloren zum Fenster hinaus. „Ah, nein. Alles in Ordnung. Ich dachte nur…vergiss es.“ „Mitsuba?“
 

Die Vorbereitungen gingen zügig voran. In Windeseile hatten die Vampire zwei hölzerne Kreuze besorgt und ihre beiden Gefangenen daran befestigt. Aoi wusste nicht so recht was sie vorhatten, aber Ky Luc beantwortete ihre Frage recht schnell. Ihm wurde ein Schwert gebracht, was Aoi etwas wunderte. Hatte er kein eigenes? Jetzt, wo sie so darüber nachdachte hatte sie bei ihm noch keine Waffe gesehen. „Dann legen wir mal los. Zerstört die UV-Schutzringe!“, rief Ky und zog sein Schwert aus der Scheide. Den UV-Schutzring zerstören? Aber ohne den können Vampire doch nicht…Aoi schluckte, jetzt war ihr klar, was mit Sonnenfolter gemeint war. Das hätte sie sich vielleicht auch denken können. Ky holte mit dem Schwert aus und man sah einen dunklen Ring wegfliegen. Kurz darauf stand der silberhaarige Vampir in Flammen und ein markerschütternder Schrei breitete sich aus. Auch von ihrer Position aus konnte sie den Geruch nach verbranntem Fleisch wahrnehmen. Aoi war wie in Schockstarre, sie hatte schon einiges gesehen, aber das musste entsetzlich sein. Aoi schüttelte den Kopf. Um die Blutsauger machte sich ein Mitglied der Dämonenarmee keine Gedanken, was interessierte es sie? Ky erhob erneut sein Schwert: „Als nächstes darf ich Euch bitten, Majestät!“ Damit flog auch der zweite UV-Schutzring. Sie konnte sehen, das Urd noch einmal mit Ky sprach, bevor er und Lest Karr zurück an Bord des Schiffes gingen. Allmählich lehrte sich der Platz, nur Ky blieb mit den beiden brennenden Vampiren zurück. Sie konnte die Schritte der beiden hören. Sie klopfte sich ein paar Mal auf die Wangen und rief sich zur Ordnung. Sie wollte nicht, dass die beiden ihr ihre Gefühle bemerkten. Sie schaute noch einmal zurück zu dem Bus, sie konnte sehen wie ihre Schwester und ihr Team ihn verließen und loszogen, wohin auch immer. Was hatten die vor? Hoffentlich nichts Dummes. Dann drehte Mitsuba ihren Kopf noch einmal in ihre Richtung. Aoi erstarrte, als ihre Blicke sich trafen. Ob Mitsuba sie gesehen hatte? Sie hoffte nicht, immerhin war sie ziemlich weit weg. Das hätte ihr gerade noch gefehlt, ihre kleine Verräter-Schwester, die sie zusammen mit Vampiren sah. Aber bei dem Glück, was sie in den letzten Stunden gehabt hatte, war es gar nicht mal so unwahrscheinlich. „Gut, bereitet alles vor. Bei Einbruch der Abenddämmerung geht es los. Bereitet die Helikopter vor“, es war Urds Stimme, damit zog er Aois Aufmerksamkeit wieder auf sich. Warum brauchten sie die jetzt? Wo sollte es hingehen? Wollten sie direkt Shibuya angreifen? Hoffentlich nicht. Schon bald würde Kureto versuchen, Tenri Hiragi zu stürzen. Nicht die gesamte Armee stand auf Kuretos Seite, somit waren Reibereien vorprogrammiert. Wenn dann auch noch Vampire angriffen, dann würden sie noch Chancenloser sein, als ohnehin schon. Dann würden sie einfach alle von Urd und seiner Armee hinweggefegt werden. Nein, das durfte sie nicht zulassen! Wenn das tatsächlich ihr Plan war, dann musste Aoi sich etwas einfallen lassen, sie musste die Vampire dazu bringen, nicht Shibuya anzugreifen, zumindest nicht solange, wie der Machtwechsel noch nicht von statten gegangen war. Gab es nicht einen anderen Ort, denn die Vampire angreifen konnten? Vielleicht war ihre Armee dann auch etwas geschwächt, wenn sie zuerst einen anderen Posten angriffen? Vielleicht sollte sie so tun, als würde sie mit den Vampiren kooperieren und ihnen dann ein besseres Ziel nennen? Sie ging zu Urd, der gerade wieder ins Innere des Schiffes zurückging. „Warte!“, rief sie. Er drehte sich um: „Ich habe jetzt zu tun und keine Zeit, mich um dich zu kümmern, Aoi.“ Nannte er sie jetzt schon beim Vornamen? „Was habt ihr vor, wozu bracht ihr Helikopter?“, fragte sie ihn einfach direkt. Es würde ihr keine Punkte bringen, um den heißen Brei zu reden. Urd seufzte, antwortete ihr jedoch: „Wir brechen jetzt nach Sanguinem auf und werden dort das Chaos beseitigen, was du und deine Leute dort angerichtet haben.“ Innerlich atmete Aoi auf, sie wollten noch nicht nach Shibuya, also hatten sie doch keine Blitzkrieg-Taktik. Vermutlich war es aus ihrer Sicht auch sinnvoll, ihre Hauptstadt als erstes wieder ins Visier zu nehmen. Ihr war jetzt schon klar, dass die dort stationierten Soldaten dem Angriff der Vampire nie und nimmer standhalten konnten. Aber sie konnten vielleicht etwas Zeit schinden, bis Kureto und seine Leute Terni getötet hatten. Sie hatte sich jetzt schon damit abgefunden bei dem Putsch nicht dabei zu sein, aber vielleicht konnte sie zumindest Kureto den Rücken frei halten. Der war bestimmt bald in Shibuya und hatte noch immer keine Ahnung von der Bedrohung aus Europa. Sie musste ihn warnen, vielleicht konnte sie Urd davon überzeugen, sie mitzunehmen und sie konnte das Chaos für einen Funkspruch nutzen. Aoi rannte los und rief ihm zu: „Moment! Nehmt mich mit! Ich kann euch behilflich sein!“…

Gefühle

Erstaunt drehten sich Urd Geales und Lest Karr zu ihr um. „Ach, auf einmal? Willst du etwa deine kleinen Freunde warnen?“, sagte Lest Karr. War ja klar, dass sie ihr noch nicht über den Weg trauten. Aber vielleicht konnte Aoi sie dennoch davon überzeugen, sie nicht hier zu lassen. Von hier aus standen ihre Chancen eher schlecht, irgendetwas zu bewirken. Urd schien kurz nachzudenken, schließlich sagte er: „Na gut, meinetwegen kannst du mitkommen. Aber du bleibst in meiner Nähe, Du wirst dich keinen Meter von mir entfernen. Bereite dich darauf vor, längere Zeit unterwegs zu sein. Deinen Proviant musst du dir selbst zusammenpacken, dafür übernehme ich keine Verantwortung. Ana wird dir alles geben, was du dafür brauchst. Wende dich an sie.“
 

Aoi tat, was Urd ihr gesagt hatte und wandte sich an Ana. Mit ihrer Hilfe hatte sie schnell die Sachen zusammen, die sie für ihren kleinen Ausflug brauchte. Aber Ana war nun bei weitem nicht mehr so aufgeschlossen wie noch bei ihrem ersten Gespräch. Sie erledigte ihre Arbeit eher mechanisch. Ohne Boshaftigkeit, aber auch ohne Sympathien. Hatte Aoi sie jetzt verschreckt? Nach dem Vortrag, den sie ihr gehalten hatte, war es nicht verwunderlich, dass die Vampirin jetzt nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Nachdem sie alles hatte, sorang sie noch mal unter die Dusche und ging sie zurück in den Salon und nahm noch einmal eine warme Mahlzeit zu sich, in den nächsten Stunden brauchte sie all ihre Energie. Da hatten die Vampire mit ihren unerschöpfbaren Körpern einen deutlichen Vorteil, um so was wie Schlaf mussten sie sich nicht kümmern. Sie streckte sich einmal und lehnte sich dann in dem Sofa zurück. Sie überlegte, ob sie sich noch einmal schlafen legen sollte. Den Blutverlust hatte sie zwar gut auskuriert, aber sie wusste nicht, wann die nächste Gelegenheit kommen würde. Aber dann würde sie vielleicht den Aufbruch verpassen und die Vampire würden bestimmt nicht warten bis sie aus dem Bett kam und sich angezogen hatte. Dann öffnete sich hinter ihr die Tür und Urd trat ein. „Ich hole uns etwas Blut, Meister Geales“, es war Lest Karrs Stimme, er drehte wieder um und ging. Offenbar wollten auch sie ihre Kräfte sammeln, schließlich war auch ihnen bewusst dass sie auf starken Wiederstand treffen würden. Die Soldaten der kaiserlichen, japanischen Dämonenarmee würden bis zum letzten Mann kämpfen, da war Aoi sich sicher. Urd ging hinter sie und lehnte sich auf Rückenlehne des Sofas. „Was haben die beiden Vampire eigentlich getan, um eine solche Bestrafung zu verdienen? Ich habe zwar von euren Gesetzmäßigkeiten keine Ahnung, aber ich habe durchaus mitbekommen, dass das eine ziemlich harte Strafe ist“, fragte Aoi, was sie schon einige Zeit beschäftigte. Urd hatte sie Verräter genannt, aber das konnte doch noch nicht alles sein. „Krul Tepes und Ferid Bathory?“, Urd schaute sie direkt an, „Sie haben sich bei den Experimenten an dem Seraph of the End beteiligt. Sie haben die Leute, die der hohe Rat ihrer Obhut überlassen hat, für ihre eigenen Zwecke missbraucht und ihre Aufgabe, für die sie hier waren nicht erfüllt. Mit ihrer Aktion haben sie das Leben unseres Volkes hier in Japan bedroht. Kurz gesagt: sie haben Hochverrat begangen.“ „Verstehe…“, sagte Aoi leise. Aus der Sicht von Urd machte das alles Sinn. Dadurch, dass Sanguinem gefallen war, hatten die Vampire ihre Hauptnahrungsquelle verloren und saßen auf dem Trockenen. Logisch, dass sie diesen Ort als erstes zurückholen wollten, um ihre Grundversorgung wiederherzustellen. „Sitzen die beiden denn nicht in eurem Rat?“, fragte Aoi. „Krul sitzt im hohen Rat. Ferid nicht, zum Glück. Das hätte uns noch gefehlt, wenn ein notorischer Unruhestifter dort was zu sagen hätte. Nein, Nein. Nur Urahnen bis zum 6. Rang sind zu den Sitzungen des hohen Rates zugelassen. Alles ab Rang sieben muss draußen bleiben, es sei denn es ist etwas passiert, worüber ein Vampir mit niedrigerem Rang berichten muss. Dann dürfen auch sie ausnahmsweise kurz teilnehmen.“ Dort sitzen also nur die ältesten der ältesten…und die stärksten. „Dann gehört Ky Luc also auch dazu?“, er hatte gesagt er wäre ein Urahn 5. Ranges. Urd beugte sich weiter nach vorn: „Ja. Lest Karr auch, er ist ein Urahn dritten Ranges. Auch wenn er nicht so aussieht.“ Sie hatte sich schon gedacht, dass der kleine Knirps mehr in sich hatte als sein Aussehen vermuten ließ. Wenn auch er mal ein Mensch war, dann musste er bei seiner Verwandlung noch sehr jung gewesen sein. Er war also quasi schon damit aufgewachsen, ein Vampir zu sein. Wie es wohl dazu gekommen war? Das würde er ihr bestimmt nicht so ohne weiteres sagen. Jetzt war sein erwachsener Geist im Körper eines Kindes gefangen. Ob er sich manchmal wünschte, erwachsen zu sein oder war es ihm einfach egal?
 

„Was willst du eigentlich in Sanguinem, Aoi? Ich glaube kaum, dass du wirklich mitkommst, um uns zu helfen“, sie hätte ja damit rechnen müssen, dass er diese Frage stellte. Momentan wollte sie eigentlich erst mal die Schritte der Vampire überwachen, dann würde sie entscheiden, was sie tun würde: „Ich werde euch keinen Ärger machen. Aber…ich will auch nicht hier rumsitzen. Ky Luc hat sowieso zu tun und…“ „Schon gut. Aber du machst keine falsche Bewegung. Babysitten kann ich dich aber nicht. Ich hoffe, im Ernstfall weißt du, wie du mit deinem Schwert umgehen sollst“, sein Blick fiel auf Chijiryu. Aoi drehte beleidigt den Kopf weg: „Natürlich weiß ich das. Ich bin Soldatin, kein hilfloses Weibchen.“ „Sehr gut, ich habe nichts anderes von dir erwartet. Ich verlasse mich darauf, wenn wir erst mal da sind, kann keiner wissen was uns erwartet, im schlimmsten Fall mischen sich apokalyptische Reiter ein. Ich glaube kaum, dass dich deine Kameraden angreifen werden“, Urd klang zuversichtlich, aber Aoi war sich da nicht so sicher. Die Armee könnte sie für eine Verräterin halten. „Ich mag es sowieso lieber wenn Leute auf sich selber aufpassen können. Ich halte dich nicht für schwach, Aoi“, fügte er noch hinzu. „I-Ist das so?“, Aoi errötete etwas. Egal, aus welcher Zeit er stammte, das Weltbild, dass Frauen nichts auf dem Schlachtfeld verloren hätten schien er abgelegt zu haben. Urd beugte sich noch weiter nach vorn und seine Lippen berührten fast ihr Ohr: „Du hast es geschafft, das ein Dämon dir gehorcht. Zumindest mental scheint alles in Ordnung zu sein. Außerdem bist du auch ganz allein in den Ruinen unterwegs gewesen und hast überlebt.“ Also schienen Vampire ja doch irgendwie eine Ahnung davon zu haben, wie Dämonenwaffen funktionierten. Vielleicht war Urd aber auch besser informiert, was dieses Thema anbelangt. Urds kühler Atem traf sie am Ohr, ein leichtes kribbeln lief ihren Rücken hinab. Wusste er, was er da gerade tat? Wahrscheinlich eher nicht, aber wer wusste schon was sich ein tausende Jahre alter Vampir denkt? Aus den Augenwinkeln konnte Aoi sehen, wie Urd seinen Mund öffnete. Was hatte er vor? Wollte er sie etwa beißen? Doch er machte sich nicht an ihrem Hals zu schaffen, einer seiner Fangzähne kratzte an ihrem linken Ohrläppchen, aber es reichte trotzdem um ihre Haut zu verletzen. Es tat nicht wirklich weh, dennoch spürte Aoi wie ein Bluttropfen ihr Ohr hinablief.“ Was machst-“, rief sie, doch Urd legte ihr einen Finger an die Lippen. Er leckte den Tropfen ab und saugte dann vorsichtig an der kleinen Wunde. Aoi lief knallrot an, das machte er doch nicht zu nahrungszwecken, oder? War es das, was ein Vampir unter der Bezeichnung naschen verstand? Na toll, jetzt war sie doch ein Vampirsnack geworden.
 

Lest Karr stand an der angelehnten Tür und schaute durch den Spalt. Er hätte fast die Glaskaraffe mit dem wertvollen, roten Inhalt fallen lassen, als er Urd Geales dabei beobachtete, wie er dem Menschenmädchen Blut aus dem Ohr abnahm. Lest fragte sich langsam, was sein Meister wirklich mit ihr vorhatte. Er würde sie nicht so behandeln, wenn sie für ihn nur einfaches Nutzvieh wäre, oder? So verführerisch fand er ihren Geruch nun auch wieder nicht, aber Meister Geales schien es sich ja schmecken zu lassen. Er murmelte leise: „Meister Geales, was macht Ihr da eigentlich?“
 

Beschämt saß Aoi neben Urd auf dem Sofa und hielt eine warme Teetasse in der Hand. Lest Karr hatte sie mitgebracht, zusammen mit einer Karaffe Blut für ihn und Urd. Und ein Pflaster für ihr Ohr. „Wie weit sind wir, Lest Karr?“, fragte Urd und schaute in sein Glas. Lest schluckte sein Blut und antwortete ihm: „Wir laden gerade noch die letzten Kisten ein und tanken die Helikopter voll, dann kann es losgehen.“ „Ausgezeichnet. Wir sollten schnell agieren, je später uns die Menschen bemerken, umso besser. Noch hat sich keiner hier blicken lassen“, Urd setzte sein Glas an und trank es in einem Zug aus. Lest Karr ließ sich weiter in die Kissen plumpsen und schlug seine Beine übereinander: „Wie sollen wir vorgehen? Habt Ihr schon einen Plan?“ Urd stellte das Glas auf den Tisch und stützte sein Kinn auf seine Hand: „Ich habe eine Idee, wie wir es angehen können. Die japanischen Vampire kennen die Straßen und versteckten Wege Sanguinems besser als wir, von daher gehen sie voran. Es ist noch nicht lange her, seit die Menschen die Stadt besetzt haben, von daher können sie noch nicht alle Winkel und Wege von Sanguinem entdeckt haben. Nutzen wir das unwegsame Gelände zu unserem Vorteil. Es ist eng und dunkel da unten, im direkten Zweikampf haben Menschen es schwer, deswegen kämpfen sie immer in Gruppen. In den schmalen Gängen jedoch können sie ihre Formation schlechter aufstellen und halten. Sie werden sich nur gegenseitig behindern. Die Häuser sind ein guter Schutz vor Angriffen aus erhöhten Positionen. Wir werden sie in der Stadt einkesseln, ihre Funkverbindung unterbrechen und gleichzeitig aufpassen, das uns keine ihrer Einheiten in den Rücken fällt.“ Aoi biss sich auf die Lippen. Das war keine übliche Vampirstrategie. Sie hatte eher die Erfahrung gemacht, dass Vampire sich in ihrer Überheblichkeit, den Menschen überlegen zu sein, keine großen Gedanken über Taktiken machten. Dieser Plan hätte auch von Kureto stammen können. Entweder war Urd clever oder die Tatsache, dass die Hauptstadt der Vampire erobert worden war, hatte ihn zur Vorsicht angehalten. Aber es war der Beweis dafür, dass Vampire durchaus in der Lage waren komplexe Strategien auszuarbeiten. Sie konnte ihre Gedanken jedoch nicht zu Ende führen, denn es klopft an der Tür und eine Vampirin mit hellbraunem Haar trat ein: „Vse gotovo, master Geales.“ „My idem“, antwortete er ihr. Aoi verstand natürlich kein Wort von dem, was gesprochen wurde. Doch Lest Karr erhob sich und ging zur Tür. War es soweit? Waren die Vorbereitungen für die Rückeroberung Sanguinems abgeschlossen? Urd stand auf und zog sich seinen Mantel über. Anschließend drehte er sich zu ihr: „Wir sind bereit. Komm, die Helikopter warten. Ich hoffe, du hast alles was du brauchst. Wir haben einen straffen Zeitplan.“ Aoi nahm ihre Tasche vom Sofa und schulterte sie: „Ja, alles da.“ Sie hatte sich für etwas über eine Woche eingedeckt. Sicher war sicher. „Gut, dann los“, er wandte sich schon zum Gehen um, als Aoi ihn noch mal festhielt. „Warte. Warum…vertraust du mir? Ich könnte euch genauso gut jederzeit in den Rücken fallen“, fragte sie ihn. Sie war sich sicher, dass ihm klar war, dass Aoi nicht deswegen mitkam, weil sie helfen wollte. Also, warum? Urd nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände: „Das ist mir alles bewusst. Aber irgendetwas sagt mir, dass du mehr bist, als eine willenlose Empfängerin von Befehlen. Ich kenne mich in eurer Gesellschaft genauso wenig aus, wie ihr in unserer. Aber ich vermute mal, dass irgendeiner die aktuelle Situation genutzt hat, um sich an die Macht zu katapultieren. Ich kenne ihn zwar noch nicht, aber ich kann es mir denken. Bei mir war es auch nicht anders.“ „Was…meinst du damit?“, fragte sie, ihre Anspannung stieg. Ganz Unrecht hatte er ja nicht. Die Hiragis waren durch die Apokalypse an die absolute Macht in Japan gelangt. Ihre Familie, die Sangus, die schon immer den Hiragis gedient hatten, kamen dadurch ebenfalls zu großem Ruhm. Und er? Hatte auch er eine Krise genutzt, um an die Macht über die Vampire zu kommen? Urd ließ ihr Gesicht los: „Das erzähle ich dir später, wenn wir im Helikopter sitzen. Jetzt sollten wir jedoch wirklich los.“
 

Aoi konnte bereits die Rotorblätter des Helikopters hören, als sie an Deck gingen. Die Sonne war bereits etwas hinter den Horizont gesunken und tauchte die Umgebung in ein orangenes Licht. „Da seid ihr ja. Was habt ihr solange gemacht?“, fragte Lest Karr mit verschränkten Armen. Urd nahm Aoi am Ellenbogen und zog sie Richtung Helikopter: „Entschuldige, jetzt sind wir bereit.“ Aoi musste einen relativ großen Schritt machen und sich an der Tür festhalten, um ins Innere gelangen zu können. Für Urd war es aufgrund seiner Größe einfacher, Lest Karr jedoch musste springen. Aber das war wahrscheinlich kein Problem für ihn. „Bist du schon mal in einem Hubschrauber geflogen, Aoi?“, fragte Urd. „ Ja, aber nicht sehr oft“, antwortete Aoi ihm. Sie schaute sich um. Es war eine Passagierkabine, wenn auch karg, aber auf Komfort kam es wohl bei einem Militärhubschrauber nicht an. Urd und Lest nahmen auf den Bänken Platz. „Dann setz dich neben mich und fass am besten nichts weiter an“, befahl Urd ihr. Aoi atmete tief ein: „Alles klar.“ Sie nahm neben Urd Platz und faltete ihre Hände auf ihrem Schoß. „Gut. My mozhem snyat'“, rief Urd. Vermutlich war das an den Piloten gerichtet gewesen, denn kurz darauf hob der Helikopter spürbar ab...

Kampf

Am Anfang war es ein ungewohntes Gefühl, auch wenn sie nicht das erste Mal flog. Aber nach wenigen Minuten konnte sie sich damit anfreunden. Hoffentlich wurde der Heli nicht irgendwie abgeschossen. Lest hatte seine Augen geschlossen, ein Arm ruhte auf seinem Bauch und sein Kopf war etwas zur Seite gedreht. Seine Atmung ging gleichmäßig. Schlief er etwa? „Er ruht nur etwas. Jetzt ganz einzuschlafen ist zu riskant, auch wenn wir schnell wach werden, falls wir angegriffen werden zählt jede Sekunde“, beantwortete Urd die nicht ausgesprochene Frage. „Also, Urd Geales. Was meintest du damit?“, fragte sie ohne Umschweife, jetzt war sie durchaus neugierig. „Dann hör besser zu, es ist auch die Geschichte des hohen Rates der Urahnen“, Urd lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor seinem Körper, „Vor tausenden von Jahren verwandelte der Urahn der Vampire zwei Menschen kurz hintereinander. Einer davon war ich, der andere ein Mann namens Rigr Stafford. Er nannte uns seine Auserwählten. Lange Zeit blieben wir allein mit ihm, doch dann wählte er zwei neue Menschen aus, die von da an unsere Begleiter werden sollten: Geschwister namens Krul und Ashera Tepes. Auch wenn er das noch lange so weiter machte, merkte ich irgendwann doch, dass er nur an einem von uns wirklich großes Interesse hatte. Ashera Tepes. Ich weiß bis heute nicht warum, aber nach einiger Zeit verließ er uns, gemeinsam mit Ashera. Seit diesem Tag haben wir unseren Vater und Kruls Bruder nie mehr gesehen. Er war fort und hatte uns in dieser Welt im Chaos zurückgelassen. Wir mussten uns damit abfinden, von jetzt an unsere eigenen Wege zu gehen. Kurz danach entdeckten wir, dass auch unser Blut die Kraft hatte, Menschen in Vampire zu verwandeln. Was wir bekanntermaßen auch taten. Als unsere Population wuchs, beschlossen wir, dass wir Regeln brauchten. Also gründeten wir den hohen Rat der Urahnen, um alles besser überwachen zu können. Ich und Rigr wurden zu Urahnen zweiten Ranges. Ab da war auch das Adelssystem, wie es heute ist, eingeführt. Doch es blieb nicht lange so. Schon kurz nach der Gründung des Rates verließ auch Rigr uns und tauchte in der Menschenwelt unter. Nach seinem Verschwinden wurde ich der alleinige Vorsitzende des Rates.“ Und somit zum alleinigen Herrscher der Vampire. „Aber dann hast du ja wirklich einen Anspruch auf diesen Platz. Nach euren Maßstäben hast du ihn dir nicht erschlichen“, stellte Aoi fest, „Was wurde aus diesem Rigr? Habt ihr ihn je wieder getroffen?“ „Und ob wir ihn wieder getroffen haben“, hörte sie Lest Karr sagen, er musste ihrem Gespräch teilweise zugehört haben, „Ich jedenfalls kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie er mich vor ein paar Stunden in zwei Hälften geteilt hat.“ „In zwei Hälften?“, war es das wonach es sich anhörte? Lest fuhr mit seinem Finger einmal durch seinen Oberkörper: „Oh ja, genau da. Wie du siehst, sind wir nicht allzu gut auf ihn zu sprechen.“ Aoi hatte gewusst, das Vampire abgetrennte Gliedmaßen wieder anwachsen lassen konnten, aber das konnten sie wohl mit allen Teilen ihres Körpers tun. Wollte sie wissen, wie es sich anfühlte, wenn einem der Brustkorb durchtrennt wurde? Nicht wirklich, aber sie würde das wahrscheinlich auch gar nicht überleben.
 

„Ich muss euer Gespräch kurz unterbrechen, aber ich würde gerne noch ein paar Details zur anstehenden Mission loswerden“, wechselte Urd das Thema, „Die Helikopter werden uns in einiger Entfernung in den Ruinen absetzen, dort werden wir uns versammeln und dort ein kleines Lager aufschlagen. Also, die erste Aufgabe an uns lautet, das Gebiet von Gefahren zu säubern. Falls sich dort apokalyptische Reiter herumtreiben, davon gehe ich auch fest aus, müssen wir als erstes sie beseitigen. Macht aber keinen unnötigen Lärm dabei, hört ihr? Wir wollen das Überraschungsmoment für uns nutzen, sodass die Menschen sich gar nicht erst formieren können. Deswegen werden wir auf den Einbruch der Nacht warten. Dann sind die Sinne der Menschen getrübter und ihre Posten werden uns nicht so leicht sehen können. Von mir aus kannst du uns bei den Reitern helfen, Aoi. Aber sobald es nach Sanguinem geht, bleibst du bei mir.“ Aoi nickte: „Gut. Mach ich.“ „Schön. Da das geklärt ist können wir alle noch etwas Ruhen. Ein paar Stunden sind wir noch unterwegs, also sammelt alles was ihr habt.“
 

„Aoi? Aoi“ Hallo, Aoi!“, eine Stimme drang zu ihr. Langsam öffnete sie die Augen. Es war nebelig um sie herum. Wo war sie? Nicht in dem Helikopter, so viel war klar. „Da bist du mal wieder, Aoi“, Chijiryu saß vor ihr auf dem senkrecht im Boden steckenden Schwert. „Ah, du schon wieder“, sagte Aoi. Chijiryu schnaubte beleidigt: „Also wirklich, Aoi. Ist das die Art mit einem alten Freund umzugehen?“ Aoi seufzte leise: „Entschuldige. Aber ich…“ Chijiryu erhob sich und sprang hinter sie. Seine Hände legten sich auf ihre Schultern: „Schon gut. Ich sehe alles was du siehst. Du bist verwirrt. Nun bist du mit den Blutsaugern unterwegs, um Sanguinem zurückzuholen. Jetzt weißt du gar nicht mehr, was du willst. Deine Gefühle für Kureto Hiragi sind unverändert. Aber…du hast schon längst eine Beziehung zu Urd Geales aufgebaut, auch wenn du es verdrängen willst. Beide stehen auf unterschiedlichen Seiten, du kannst sie nicht beide haben, Aoi.“ Aoi schüttelte ihren Dämon ab: „Darüber haben wir schon mal gesprochen, Chijiryu. Lass das.“ Doch Chijiryu kicherte nur. Er begann sich um Aoi zu drehen: „Leugne es nicht länger! Du bist…“ „Sei still! Halt die Klappe! Du kommst damit nicht durch!“, schrie sie ihm entgegen. „Aoi! Wach auf!“, das war nicht Chijiryus Stimme. „Hey, Aoi! Mittagsschlaf ist vorbei!“, das war definitiv eine Kinderstimme. War das Lest Karr? Sie spürte, wie ihr Bewusstsein fortgetragen wurde, als würde sie in ihren Körper zurückfliegen.
 

„Aoi!“, das war Urd. Aoi öffnete ihre Augen. Sie hörte die Rotoren des Helikopters. War das wieder nur ein Traum gewesen? Wahrscheinlich, es war nicht das erste Mal, das Chijiryu in ihren Träumen mit ihr sprach. Aber seit kurzem war er immer provozierender. Er wollte ihre emotional schwierige Situation für sich nutzen, sie musste sich beherrschen, damit er sie nicht übernehmen konnte. Sie lag auf der Sitzfläche, Urd und Lest hatten sich über sie gebeugt. „Na? Ausgeschlafen?“, fragte Lest sie, „Du solltest schnell wach werden, wir haben unseren Zielort erreicht.“ Damit verschwand Lest aus ihrem Blickfeld. Aoi richtete sich auf: „Bin ich eingeschlafen?“ „Ja. Schon nach kurzer Zeit. Aber du hast im Schlaf gemurmelt. Ich weiß zwar nicht was du offenbar geträumt hast, aber irgendjemand sollte die Klappe halten“, beantwortete Urd ihre Frage. „Wa…“, Aoi lief erneut rot an. Hatte sie das wirklich laut im Schlaf gesagt? Dann wurde das Geräusch der sich drehenden Rotorblätter lauter, Lest musste die Seitentür geöffnet haben. „Ich hoffe, du bist bereit, apokalyptische Reiter gesichtet, ganz wie vermutet.“ Aoi stand auf, es war also soweit, das Warten hatte ein Ende. Jetzt musste sie sich konzentrieren, ein Fehltritt und sie war tot, sie konnte sich nicht darauf verlassen, dass Kameraden ihr den Rücken deckten. Ihre rechte Hand legte sich auf Chijiryu, er brodelte schon fast, er musste wissen, dass ein Kampf bevor stand. Ihre linke Hand fuhr fast zufällig in ihre Tasche und sie ertastete etwas Rechteckiges. Das Aufputschmittel! Das hatte sie ganz vergessen, aber damit fühlte sie sich tatsächlich etwas sicherer. Sollte sie gleich eines nehmen? Wenn sie erst mal unten war, dann würde sie dazu bestimmt nicht mehr die Gelegenheit bekommen. Urd ging bereits zu der geöffneten Seitentür, sie zog es raus. Es war noch fast ganz voll, sie konnte es sich also leisten, eines zu nehmen. In 15 Minuten würden sie es hoffentlich schaffen, die alle zu erledigen. Langsam öffnete sie die Schachtel und nahm eine der runden Tabletten heraus, bevor sie den Rest wieder zurück in ihre Tasche steckte. Nach kurzem Überlegen nahm sie die Pille ein. Sicher war sicher. Anschließend stellte sie ihren Wecker. Sie hatte dreizehn Minuten. Besser, wenn die Vampire das nicht sahen, sie mussten nicht alle Geheimnisse der Menschen kennen. Sie ging zu den beiden. Dennoch wurde ihr ein wenig mulmig, da sie den Boden nicht sehen konnte. Es war zwar noch nicht vollkommen dunkel, aber Aois Sichtfeld war eingeschränkt, was den Kampf zusätzlich erschweren würde. „Wir bleiben besser zusammen. Ich decke deinen Rücken, Aoi und du meinen. Lest wird uns aus der Entfernung Feuerschutz geben. Nun gut, zumindest gut zu wissen, dass Urd ihren Rücken im Blick hatte.
 

„Halt dich gut fest, Mädel“, damit hob er Aoi auf seine Arme und sprang von dem Helikopter in die Tiefe. Er konnte das natürlich, aber wenn er sie losließ, dann würde sie da unten zerschellen wie ein Boot an einer Klippe. Ihre Dämonenwaffe erlaubte ihr zwar die Grenzen des menschlichen Körpers zu überschreiten, aber das war dann doch etwas zu hoch. Aber hatte sie sicher im Griff. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht und die Kälte der Nacht umfing sie. Sie war eindeutig zu lange in der Wärme gewesen, es war schon ziemlich kalt heute. Aber ihr würde bestimmt gleich warm werden. Als wäre er eine Feder landete Urd auf dem Boden und setzte sie ab. Er zog sofort seine Waffe: „Schwert, nimm mein Blut!“ Aoi umfasste Chijiryu sicher und holte ihn aus seiner Scheide: „Es ist Zeit, Chijiryu. Erwache!“ Die altbekannte Macht ihres Dämons durchflutete sie, das Mittel tat seinen Job. Zwölf Minuten konnte sie nun ohne Einschränkungen auf die Kraft von Chijiryu zugreifen. Besser, sie brachten es schnell hinter sich. „Sie haben uns bemerkt und kommen!“, rief Urd ihr zu. „Alles klar“, sie atmete noch einmal tief durch, „Dann mal los.“
 

Kureto zog die Handbremse und ließ sich in den Sitz fallen. Er schloss die Augen. Es waren schon mehr als vierundzwanzig Stunden her, seit Aoi als vermisst gemeldet worden war. War sie denn wirklich tot? Das irgendetwas sie aufgehalten hatte, das war sicher. Sonst wäre sie schon wieder da. Stellte sich nur die Frage, was. Wenn die Vampire sie aufgegriffen hatten, dann bestanden noch Chancen, dass sie lebte. Bei den Reitern sah das etwas anders aus. Die Tür zu seinem Auto wurde von Guren geöffnet: „Was ist? Willst du nicht aussteigen, Kureto?“ „Doch“, sagte er. Er schnallte sich ab und stieg aus dem Wagen. „Was willst du nun machen? Deinen Vater ohne Aoi herausfordern? Oder deine Pläne aufschieben?“, fragte Guren. Kureto schlug mit seiner Faust auf das Dach des Autos: „Ich weiß nicht. Es ist eigentlich schon zu spät, um meine Pläne aufzuschieben. Aber…“ „Sie war immer deine Rückendeckung, nicht wahr?“, sagte Guren, „Aber sie ist zäh, sie wird sich nicht so einfach umlegen lassen. Ich habe im Gefühl, das du sie schon bald wiedersehen wirst.“ Kureto schloss die Tür seines Wagens: „Deinen Optimismus will ich haben, Guren. Aber wenn du meinst…dann werde ich auf sie warten.“ Bitte, Aoi. Sei unversehrt.
 

Aoi hob Chijiryu über ihren Kopf und bereitete dem Reiter ein Ende. Ein paar Mal war es schon eng für sie gewesen, aber die Kugeln von Lest retteten ihr immer wieder die Haut. Immerhin, treffen konnte er, er war ein guter Scharfschütze. Warum waren das auch so viele? Urd schien hinter ihr wohl keine Probleme zu haben, aber das war von einem Urahn zweiten Ranges auch zu erwarten. Momentan konnte sie sich noch gut zur Wehr setzen, aber die Wirkung des Aufputschmittels war endlich, sie wusste nicht wie viel Zeit verstrichen war, aber wenn ihr Wecker klingelte, dann musste sich dieser Vampir etwas einfallen lassen. Sie parierte gerade eine der Klauen, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Bevor sie überhaupt wusste was passiert war, hatte sich Urd bereits vor sie geworfen und sie mit einer Hand weggestoßen. Sie stolperte zurück und kam hart auf dem Boden auf. Der Reiter hinter ihr wurde von Lests Kugeln zerfetzt. „Urgh…“, hörte sie Urd vor sich. Sie sah auch warum, der Reiter hatte seine Schwerthand abgetrennt. „U-Urd!“, sie tastete hastig nach Chijiryu, der ihr bei dem Sturz aus der Hand gefallen war. Doch Urd fing die Klaue mit seiner linken Hand ab und stieß den Reiter zurück. Anschließend sprang er hoch in die Luft und mit seiner Hand, mit seiner bloßen Hand, erledigte er das Monster. Sie hatte schon vieles gesehen, aber noch nie hatte jemand in ihrer Gegenwart einen apokalyptischen Reiter mit bloßer Hand besiegt. „Alles in Ordnung, Aoi?“, fragte er, mit einer Hand hielt er seine Wunde. Aoi konnte nur nicken, mit ihrer rechten Hand ertastete sie Chijiryu und hob ihn auf. „Ich glaube, das waren alle. Meister Geales, ich habe Euren Arm“, Lest Karr war von seinem Posten gesprungen, „Hier, flickt Euch wieder zusammen.“ „Danke, Lest Karr“, Urd nahm ihm seinen Arm ab und brachte ihn wieder an seinem Platz an. Er wuchs sofort wieder an. Aoi wusste zwar, dass Vampire das konnten, aber es war das erste Mal, dass sie es sah. Urds Schwert lag direkt vor ihren Füßen. Sie verstaute Chijiryu wieder und hob es vorsichtig auf. Es war schwer, sie könnte es wahrscheinlich nicht führen, erst recht nicht mit einer Hand. Was für ein Material die Vampire wohl verwendeten? Es musste stabil genug sein, um den enormen Karfteinwirkungen standzuhalten, mit der die Vampire zuschlugen. Gleichzeitig hatten ihre Waffen die Fähigkeit, Vampirblut zu absorbieren und somit ihre Stärke um ein vielfaches zu erhöhen. Was für eine Technologie steckte da bloß dahinter? Vielleicht eine, die den menschlichen Verstand überstieg. Urd riss sie aus ihren Gedanken, als er ihr sein Schwert wieder abnahm. „Gegen Ende wurde es etwas eng, aber das war keine schlechte Leistung. Da kann man mit arbeiten“, sagte Urd ihr, „Aber deine Schläge sind viel zu statisch. Du musst mehr aus dem Handgelenk zuschlagen. Ich schätze mal, das du von einem Mann trainiert wurdest.“ Aoi war verblüfft, zum einen wegen dem Lob, zum anderen das Urd das erkannt hatte: „Ja, schon. Aber woher weißt du das?“ „Du bewegst nur deinen Arm, aber nicht deinen Körper. Das soll keine Beleidigung sein, aber dafür fehlt es dir an Kraft. Du kämpfst wie ein großer, schwerer Mann, aber du bist keiner. Du kannst viel effektiver angreifen, wenn du stattdessen den Schwung, den du geholt hast, die Arbeit erledigen lässt“, erklärte er. Ja, an seinen Gedankengängen war etwas dran. Vielleicht sollte sie noch etwas an ihrer Technik feilen, man lernte ja bekanntlich nie aus. „Gut, lasst uns die letzten Vorbereitungen treffen und da-“, doch Lest Karr konnte nicht ausreden, denn das schrille Geräusch eines Weckers durchschnitt die nächtliche Stille. Alarmiert sprangen die Vampire in Kampfposition. Ups. „Was zum Teufel?“, rief Lest Karr. „Tschuldigung…“, murmelte Aoi und kramte hastig ihre Uhr aus der Tasche. Schnell brachte sie das Teil zum Schweigen. Die Zeit war also fast abgelaufen, hatte ja gerade so gereicht. Noch zwei Minuten, und ihre Waffe war deaktiviert. Dann war sie wieder ein gewöhnlicher Mensch. Lests Körper entspannte sich wieder: „Meine Güte, was fällt dir ein! Erschreck uns doch nicht so!“ Urd steckte sein Schwert wieder weg: „Warum hast du dir den Wecker gestellt? In der Zeit hast du dich wohl etwas verschätzt. Oder hatte das eine andere Bewandtnis als dich ans aufstehen zu erinnern?“ Sie steckte ihre Uhr wieder ein: „Also…“ Eigentlich wollte sie das mit den Tabletten nicht ausplaudern. Das war der Trumpf der Dämonenarmee. Wenn die Vampire herausfanden, das die Zeit endlich war, dann brauchten sie einfach nur solange Zeit schinden, bis das Mittel aufgebraucht war. „Darüber können wir auch später noch plaudern, jetzt bereiten wir aber den Rest vor. Wir haben schon viel Zeit durch diese Dinger verloren“, sagte Lest und machte sich auf den Weg zu den Truppen. In dem Moment war sie ihm dankbar, aber so wie sie Urd kennengelernt hatte würde er sie später noch genauer dazu befragen und bis dahin sollte sie sich eine gute Ausrede einfallen lassen…

Tod

Aoi fühlte sich unwohl, sehr unwohl. Sie musste mal und zwar dringend. Aber hier in den Ruinen würde sie wohl keine funktionierende Toilette finden. Inzwischen hatte sich auch die Truppe versammelt, die Sanguinem angreifen sollte. Zwar war ihr Schamgefühl im Laufe der Zeit gering geworden, aber sie wollte nicht unbedingt unter dem Blick so vieler Vampire ihre Blase erleichtern. In dem Moment verfluchte sie ihren menschlichen Körper. „Aoi!“, Lest Karr kam auf sie zu, „Hey, was ist? Du wirkst so angespannt.“ Super, jetzt hatte er es gemerkt. „Also…“, sie war beschämt und zwar sehr. Es wäre nicht so schlimm, wenn sie unter ihren Leuten wäre, die hatten das Problem selbst. Vampire jedoch hatten keine körperlichen Ausscheidungen. „Was ist los?“, Urd war nun auch hinzugestoßen. Lest zuckte mit seinen Schultern: „Keine Ahnung. Sie will es mir nicht sagen.“ Urd analysierte sie einmal gründlich, schließlich sah sie wie sich seine Augen etwas weiteten: „Aoi, musst du etwa…komm mit.“ Er packte sie am Arm und zog sie hinter sich her. Er ging mit ihr um einige Häuserecken bis zu einer Stelle, die sich die Natur schon fast zurückerobert hatte. Die Pflanzen hatten schon alles überwuchert, die Bäume hatten den Asphalt durchbrochen. Ein unveränderliches Bild dafür, dass die Menschheit die Natur wohl nie besiegen konnte, sie fand immer einen Weg. Urd schaute sich noch einmal um, dann sagte er: „Hier sollten wir ungestört sein, hier kannst du gehen…Jetzt schau mich nicht so an. Es ist bei mir zwar schon etwas her, aber ich habe nicht alle Aspekte des Menschseins vergessen. Ich werde auch nicht schauen, versprochen.“ „Okay“, sie öffnete ihren Rucksack und holte eine Packung Papiertaschentücher heraus. Urd hatte ihr den Rücken zugedreht. Anschließend verschwand sie zwischen den dichten Sträuchern.
 

Lest Karr drehte sich zu den beiden um: „Da seid ihr ja wieder. Was habt ihr getrieben?“ „Ich glaube, das ist nichts worüber du dir noch Gedanken machen müsstest, Lest Karr“, antwortete Urd ihm. Wo er recht hatte, da hatte er recht. Lests Problem war das nicht mehr. Damit stieg Urd auf eine erhöhte Position und räusperte sich einmal: „Darf ich um Aufmerksamkeit bitten?“ Sofort drehten sich alle Köpfe in seine Richtung und die anwesenden Vampire versammelten sich um ihn. „Wie ihr wisst steht eine wichtige Mission an. Wir sorgen besser dafür, dass sie ein Erfolg wird. Hier noch ein paar wichtige Anweisungen. Wir werden über die geheimen Wege in die Stadt eindringen. Die erste Truppe hat die Aufgabe unbeobachtet die Kommunikationssysteme der Menschen abzuschalten. Zum einen damit uns keine Verstärkung in den Rücken fällt, zum anderen um unsere Anwesenheit so lange wie möglich zu verschleiern. Danach beginnen wir mit dem Angriff auf die Stadt. Vergesst nicht, die Menschen werden versuchen, sich in Gruppen zusammenzuschließen, unterbindet das sofort. Sie haben Waffen die unsere Regenerationskräfte schwächen und uns auch töten können. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Menschen sich ergeben sollten: nehmt ihnen alle Waffen ab, aber tötet sie nicht. Nehmt sie lebend gefangen, solange es möglich ist und ihr euch dabei nicht selbst gefährdet.“ „Jawohl!“, die Antwort war einstimmig, die Vampire waren eindeutig motiviert. „Moment, noch etwas“, Urd ließ seinen Blick noch einmal über die gesamte Truppe schweifen, „Unterschätzt diese Menschen nicht. Sie sind stärker als die, mit denen wir es bisher immer zu tun hatten. Sie könnten euch ernsthaften Schaden zufügen, sobald wir das Gebiet betreten haben müssen wir jederzeit mit Angriffen rechnen, also seid Vorsichtig.“ Damit war die Ansprache beendet.
 

Sie waren klug, das musste Aoi zugeben. Sie nutzten ihren Heimvorteil geschickt aus. Sobald die Kommunikationssysteme weg waren, würden die Soldaten der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee keine Verstärkung mehr rufen können und ohne die würden sie Sanguinem niemals halten können. Sie hatten sich unbemerkt nähern können, wenn die Armee sie entdeckt hätte, dann hätte sie schon längst Schritte eingeleitet, aber es war alles ruhig. Urd führte sie durch einen kleinen Gang. „Dieser Weg, erführt direkt in den Palast. Er wurde angelegt, um im Notfall eine schnelle Flucht aus der Stadt zu gewähren“, erklärte er. Es war absolut dunkel in diesem Gang, aber Urd hielt sie an der Hand und führte sie. Bisher waren sie noch keine Soldaten begegnet, das sprach dafür, dass sie den Gang noch nicht entdeckt hatten. „Aoi“, sagte Urd. „Ja?“, antwortete sie ihm. „Du bist näher dran als wir. Was glaubst du, besteht eine Chance, dass sich eure Soldaten ergeben?“, fragte er sie. Aois Magen verkrampfte sich, sie kannte die Antwort auf diese Frage: „Ich glaube…eher nicht. Wir kämpfen in der Regel bis zum letzten Mann. Als sie zur Armee kamen war ihnen klar, dass sie im Kampf sterben könnten. Zum Wohle der Menschheit.“ „Ich habe schon fast vermutet, dass du so etwas sagen würdest“, sagte Urd. Aoi wunderte es dann doch etwas: „Tatsächlich? Hast du nicht gesagt, dass du nicht viel über unsere Gesellschaft weißt?“ Urds Griff um ihre Hand wurde fester: „Das habe ich gesagt. Aber vergiss nicht, dass ich über tausend Jahre alt bin. Ihr seid nicht die ersten, die versucht haben, gegen uns zu kämpfen und auch nicht die ersten, die Experimente mit dem Seraph of the End machen. Aber auch schon ein Blick auf die Geschichte reicht, um einen Einblick in das Verhalten von Menschen zu erhalten. Das sich Menschen für ihre Anführer so in den Tod stürzen ist nichts Neues. Dennoch…sich selbst zu opfern, für etwas so vergängliches wie Ruhm. In meinen Gedanken ergibt es keinen Sinn. Aber ich bin ja auch nur ein Vampir.“ Aoi holte zu ihm auf: „Würden das deine Leute nicht für dich tun? Ich meine, auf mich hatte es schon den Eindruck als schauten sie zu dir auf.“ Urd schwieg einen Moment: „Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, die meisten Vampire denken über den Tod an sich nicht so sehr nach. Entweder sie sterben tatsächlich im Kampf…oder eben auch nicht. Aber Vampire werden nicht so stark von Emotionen beeinflusst wie Menschen. Deswegen handeln sie nur selten daraus.“ „Ja, ergibt Sinn“, gab sie zurück. „Aoi“, sagte Urd erneut. „Ja? Was ist noch?“, antwortete sie erneut. „Du würdest das also auch für euren Anführer tun?“, fragte er. Aoi ließ ihn ihre Entschlossenheit fühlen: „Natürlich! Es geht um mehr als eine Person, es geht um unser überleben.“ Urd seufzte: „Du redest immer nur vom Wohle der Menschheit. Aber welchen Sinn hat das, wenn keiner von euch mehr da ist?“ „Urd, nicht alle von uns sind Soldaten. Einige können nicht kämpfen, aus verschiedenen Gründen. Wir müssen die beschützen, die sich nicht selbst beschützen können. Dafür sind wir doch da. Es leben eine Menge Menschen in Tokyo, Zivilisten. Wir können sie nicht einfach im Stich lassen und flüchten wie Feiglinge“, entgegnete sie ihm. „Glaubst du, dass wir unbewaffnete Menschen einfach so umbringen? Glaubst du, das können wir uns leisten?“, er blieb immer noch ruhig. Aoi schaute auf den Boden: „Du siehst das vielleicht anders, aber es gibt Dinge, die sind schlimmer als der Tod. Es ist ja nicht so, dass ihr die einzige Gefahr währt. Die meisten Menschen können sich mit dem Gedanken, irgendwo eingesperrt zu sein, nun mal nicht anfreunden. Erst recht nicht mit ihren Jägern.“ Urd blieb stehen, Aoi lief erst einmal in seinen Rücken. Er drehte sich um und seine Hände ruhten erneut auf ihren Schultern: „Du glaubst also, Vampire und Menschen können nicht miteinander auskommen?“ Aoi drehte ihren Kopf weg: „Also, das System eurer Herrscher hat hier jedenfalls nicht so gut funktioniert. Waren die einfach nur korrupt und bei euch in Europa ist es anders?“ „Wenn die Konflikte hier gelöst werden, dann kannst du dir vielleicht selbst ein Bild machen“, sagte er zu ihr, „Aber genug davon, wir sind da“
 

Zunächst war alles ruhig. Palast war die richtige Bezeichnung gewesen. Weite, weiße Hallen erstreckten sich über ihren Köpfen. Sie waren wirklich direkt in der Stadt rausgekommen. Noch immer waren sie keinem Soldaten begegnet, sie hatten den Eingang also wirklich nicht entdeckt. Je mehr sie jedoch vordrangen, umso mehr Geräusche konnte sie wahrnehmen. Das Aufeinandertreffen von Klingen , die Schreie der getroffenen. Die Schlacht um Sanguinem war bereits in vollem Gange. „Komm mit“, sagte Urd zu ihr und lief schnell eine Treppe hinauf. Aoi folgte ihm, auch wenn sie sich ziemlich beeilen musste, um mit ihm mithalten zu können. Bald erreichten sie eine Terrasse, Urd stemmte die großen Glastüren auf und sie gingen ins Freie. Unter ihnen spielte sich der gesamte Kampf ab. Ihr Hals wurde trocken, sie würden alle sterben. Dennoch kämpften sie weiter. „Aoi…jetzt liegt es an dir. Diese Menschen haben nicht die geringste Chance, das wissen wir beide. Sie werfen nur unnötig ihre Leben weg“, Urd holte einen Fernsprecher aus seiner Tasche, „Damit kann man die Lautsprecher bedienen. In ganz Sanguinem gibt es sie, für den Fall dass ein Vampir gebraucht wird, aber man nicht weiß wo er sich aufhält, kann man ihn damit rufen. Ich weiß, dass du nicht nur eine normale Soldatin bist. Du könntest sie retten, sag ihnen, sie sollen die Waffen niederlegen. Unsere Leute wissen dann schon, was sie zu tun haben.“ Er streckte seine Hand aus und hielt es ihr hin. Aoi musste schlucken. Was sollte sie tun? Was würde Kureto tun? Würde er seine Kameraden einfach sterben lassen? `So wenige Opfer wie möglich` Kuretos Stimme hallte in ihrem Kopf wieder. Es gab immer noch eine Chance, sie konnten sie wieder befreien. Wenn Kureto erst einmal von der Bedrohung wusste, dann würde er sofort entsprechende Schritte einleiten. Sie mussten nur Urd Geales besiegen, dann wäre das System der Vampire am Boden, ohne ihre Adeligen können sie nicht mehr viel ausrichten. Nur. Nur Urd Geales besiegen. Doch darum konnten sie sich auch später noch kümmern. „Nur du kannst diese Entscheidung treffen, Aoi. Nutze deinen eigenen Kopf. Nicht den deiner Vorgesetzten“, Urd war schon wieder so nah an ihrem Ohr. Warum musste er das ständig machen? “Wenn ich das tue, dann werden ihre Leben verschont?“, fragte Aoi noch einmal nach. Urd Geales nickte: „Du hast mein Wort. Ich halte meine Versprechen.“ Aois Hände verkrampften sich um das Gerät bevor sie es an ihren Mund hob. Nein. Keine weiteren Opfer mehr, keine unnötigen Opfer. Sie hatte es in der Hand, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Vampire konnten vielleicht einen Sieg erringen, aber an Kureto würden sie scheitern. Aoi holte tief Luft, sie musste jetzt sehr überzeugend klingen. Anschließend betätigte sie den Knopf: „Kameraden, hier spricht Aoi Sangu, Assistentin von Generalleutnant Kureto Hiragi, Herrscher der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee. Ihr habt den Befehl, die Waffen niederzulegen. Ergebt euch und niemanden wird etwas geschehen, dafür bürge ich.“ Es vergingen einige Sekunden in denen nichts passierte. Die Lautsprecher waren so laut gewesen, die hatte man vermutlich in jedem der Gebäude gehört. Aois Herzschlag beschleunigte sich. War sie nicht überzeugend genug gewesen? War sie nun eine Verräterin? Doch dann hörte sie ein Klirren, eine Waffe, die zu Boden fiel. Es folgten weitere, immer mehr Waffen fielen. Es…es hatte funktioniert. Sie hatten auf ihre Anweisung gehört. Diese Soldaten schienen recht gehorsam zu sein, zu ihrem Glück. Dann gaben ihre Beine nach, sie fiel auf ihre Knie. Urd nahm ihr das Gerät aus der Hand: „Sehr gut gemacht, Aoi. Das war ein guter Auftritt. Jetzt können wir uns alle etwas ausruhen.“
 

Sanguinem war schnell wieder übernommen. Der Plan von Urd Geales hatte reibungslos funktioniert. Er hatte sich auch an die Abmachung gehalten. Alle Soldaten, die sich ergeben hatten, wurden verschont. Urd hatte Aoi ein Zimmer in dem Palast gegeben, wo sie sich ausruhen konnte. Eine Zeit lang blieb sie auch da und grübelte. War das ein Fehler gewesen? Hatte Urd sie wirklich schon so stark unter seine Kontrolle gebracht? Warum tat sie immer wieder, was dieser Blutsauger von ihr wollte? Sicher, sie hatten einige nette Gespräche geführt und sie hatte viel über die Gesellschaft der Vampire gelernt. Aber das war es auch schon, oder? Mehr war da nicht. Aoi erhob sich von ihrem Bett und streifte sich ihre Schuhe über. Sie musste aus diesem Zimmer raus, auch wenn das Zimmer ausgesprochen luxuriös war. Offenbar war sie jetzt eine Art Sondergast. Dennoch, etwas frische Luft konnte nicht schaden. Obwohl, frische Luft war relativ, immerhin war das hier eine unterirdische Stadt. Aber es war ihr nicht verboten worden, den Palast zu verlassen, also würde sie das auch tun. Sie öffnete die Tür und trat auf den Gang. Es kamen ihr ein paar Vampire entgegen, aber die beachteten sie nicht großartig. Vielleicht hatten sie sich schon an ihre Anwesenheit gewöhnt. Auch als sie durch das Eingangsportal schritt wurde sie auch nicht von den Wachen aufgehalten. Sie entfernte sich etwas und lehnte sich an eine der Statuen, etwas abseits von allen Häusern. Wie wollte sie jetzt eigentlich weitermachen? Wie wollte sie Kureto informieren? Hatte sie es komplett verhauen? Vielleicht hätte sie sich das vorher überlegen sollen, aber es war so viel auf einmal passiert, da hatte sie dazu kaum Zeit gehabt. Verdammter Vampir! Was machte er mit ihrem Verstand? Es war doch nur ein Mythos, dass Vampire Menschen mit ihren Kräften beeinflussen konnten, oder? Sie stieß sich wieder von der Statue ab, was passiert war, das war eben passiert. Jetzt musste sie sich überlegen, wie sie aus der Misere wieder herauskam. Sie wollte wieder zurück in den Palast gehen, aber dann nahm sie hinter sich eine Bewegung war. Bevor sie reagieren konnte spürte sie wie sich etwas in ihren Bauch bohrte. Ein gewaltiger Schmerz breitete sich in ihrem Bauch aus. Sie musste husten, eine metallisch schmeckende Flüssigkeit breitete sich in ihrem Mund aus. Blut. Sie sah nach unten. Ein Dolch. Ein Dolch steckte in ihrem Bauch. Ihre Beine sackten ein und sie ging zu Boden. Nein! Wer? Sie sah nach oben. Es war kein Vampir, es war ein Mensch! „War…“, sie musste erneut husten. „Miese Verräterin!“, schrie er, er trug eine Uniform der kaiserlichen Dämonenarmee, „Benutzt Meister Kureto Hiragis Namen. Du, eine Sangu, hintergehst uns auf diese Weise. Willst du so sehr der Schoßhund eines Vampirs sein?“ Er kam näher auf sie zu, den Dolch hatte er erhoben. Er würde sie töten, daran bestand kein Zweifel. „Stirb, du Mistst-“, doch weiter kam er nicht, denn eine Klinge hatte sich durch seine Brust gebohrt. „Argh…“, damit knickte er ein, sein Blut benetzte den Boden. Er war tot. Urd Geales hatte ihn getötet. „Aoi!“, rief er und ließ sein Schwert neben ihm fallen. „Hörst du mich, Aoi!“, er schrie schon fast. Aoi konnte nur nicken, während es um sie herum langsam dunkel wurde. War das ihr Ende? Hatte sie versagt? Den Schmerz spürte sie kaum noch, er war einer leichten Müdigkeit gewichen. Sie wollte schlafen, nur schlafen und dann… „Hör mir zu“, Urd Stimme klang ernst, er holte sie zurück zu ihrem Bewusstsein, „Du bist schwer verwundet, du wirst sterben.“ Er sagte es, ohne Umschweife. „Aber es muss nicht so enden. Ich kann dir das Leben geben, ein ewiges Leben“, sagte er. Aoi konnte sehen, wie er einen seiner schwarzen Handschuhe auszog. Anschließend biss er in sein eigenes Handgelenk, tiefrotes Blut lief seinen Arm hinab. `Wenn du das trinkst, dann wirst du eine von ihnen, ein Vampir, das was du eigentlich hassen solltest´ Aber wenn sie es nicht tat, dann würde sie hier sterben. Sie würde ihre Mission nie beenden können. Wenn sie es richtig verstanden hatte, dann würde sie ihren Verstand nicht verlieren. „Ich werde dich nicht dazu zwingen“, fügte Urd noch einmal hinzu. Dieses Blut würde sie retten. Sie würde hier nicht sterben, jetzt nicht. Mit ihrer letzten, verbliebenen Kraft nahm sie Urds Handgelenk und führte es zu ihrem Mund. Vorsichtig begann sie zu trinken, Urds Blut vermischte sich mit ihrem eigenen. Es war widerlich, aber sie blendete den Geschmack aus und schluckte schnell. Nachdem sie einige Schlucke genommen hatte zog Urd seinen Arm weg: „Das reicht. Keine Sorge, alles wird gut. Wenn du wieder aufwachst wirst du etwas, dass einem Menschen weit überlegen ist.“ Die letzten Worte verstand sie kaum noch, ein brennender Schmerz breitete sich in ihrem Körper aus. Als würde pure Lava durch ihre Adern fließen. Sie griff sich an die Kehle, sie war als würde sie in Flammen stehen, ihre Augen weiteten sich. Sie hörte irgendwo einen Schrei, aber sie konnte nicht sagen woher. Kurz bevor sich die Dunkelheit um sie legte realisierte sie, dass es ihr eigener war…

Durst

Es war kalt. Aber gleichzeitig brannte es. Es brannte in ihrem Hals, ihrer trockenen, heißen Kehle…
 

Sie lag auf etwas weichem, ihr Körper fühlte sich leicht an. Sie hörte verschiedene Geräusche, Stimmen, das rascheln von Stoff. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen, die Decke über ihr war weiß, mit goldenen Ornamenten verziert. Was war passiert? Wo war sie? Sie brauchte einen Moment um ihre Gedanken zu sortieren. Dann fiel es ihr wieder ein, alle Erinnerungen schossen mit einem mal zurück in ihren Kopf. Sie war tödlich verwundet worden, fast gestorben. Dann hatte sie das Blut getrunken, das Blut von Urd Geales. Sie hatte Vampirblut getrunken. Das heißt, sie war…Sie fuhr hoch. Doch ein brennen in ihrem Hals hielt sie zurück. Durst, sie hatte Durst. So unbeschreiblichen Durst hatte sie noch nie gespürt. War das… „Aoi“, es war Urds Stimme, sie hörte sie so klar wie noch nie zuvor. Ihre Augen suchten ihn, er saß auf der Bettkante. „Erinnerst du dich?“, fragte er leise. Sie nickte: „Ja. Ich trank dein Blut. Bin ich…“ Urd schwieg kurz: „Ja, die Umwandlung hat ohne Probleme funktioniert. Du hast sicher Durst, also nimm das.“ Er holte eine Phiole aus seiner Tasche, gefüllt mit einer roten Flüssigkeit. Blut, ganz eindeutig. „Mach dir keine Gedanken, das ist mein Blut. Vorrübergehend kann es deinen Durst etwas stillen, aber seine Wirkung wird mit der Zeit schwächer, irgendwann hat man keine Wahl mehr, man muss Menschenblut trinken. Normalerweise tue ich das ja nicht, aber jetzt will ich mal eine Ausnahme machen. Nimm dir Zeit, um dir darüber klar zu werden, was du eigentlich willst. Wenn du bereit bist, dann komm in den Salon.“, Urd erhob sich von der Bettkante und verließ den Raum. Er ließ sie allein. Die Phiole hatte er auf der Bettdecke abgelegt. Aoi nahm sie in ihre Hand, ihr Hals begann erneut auf sich aufmerksam zu machen. Es war kein Menschenblut, sie musste sich keine Sorgen machen. Urd war ihr auf diese Weise entgegen. Er wusste genau, dass für sie alles in der Schwebe hing. Sie schraubte den Deckel ab, der Geruch von Blut stieg ihr in die Nase. Ein ausgesprochen verführerischer Geruch, was dafür sorgte, das ihr Durst nur noch mehr stieg. Egal wie sehr sie ab diesem Zeitpunkt noch dagegen war, Blut zu trinken, sie konnte sich nicht mehr wiedersetzen. Ihr Körper handelte wie automatisch, als sie die Phiole an ihre Lippen setzte. Als der erste Tropfen ihre Zunge berührte war es endgültig um all ihre Beherrschung geschehen. Ein eigentümlicher Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Etwas bitter, aber auch irgendwie süßlich, ihr fiel nichts aus ihrem Leben ein, was so ähnlich schmeckte. Es schien absolut einzigartig. Viel zu schnell war die Phiole ganz leer. Besser, viel besser. Das Brennen war fast verschwunden. Dennoch blieb ein leises Verlangen in ihr zurück, wahrscheinlich war die Wirkung von Vampirblut begrenzt und nur richtiges Menschenblut konnte ihren Durst komplett stillen. Urd hatte jedenfalls gesagt, dass sein Blut irgendwann überhaupt keine Wirkung mehr hatte. Frage bloß wie lange würde sein Blut genügen? Gut, wahrscheinlich würde er ihr keines mehr geben, er hatte ja gesagt das wäre eine Ausnahme gewesen. Von jetzt an würde ihr wohl nur noch menschliches Blut gegeben werden. Egal wie sehr sie sich darüber ärgerte, sie musste damit klar kommen. Sie würde sich nicht in einer Ecke verstecken und heulen. Schließlich hatte sie die Entscheidung selber getroffen. Es musste vorwärts gehen und ihre neu gewonnene Kraft würde Kureto vielleicht auch von Nutzen sein. Langsam ließ sie ihre Füße auf den Boden sinken. Sie erhob sich, ihr blondes Haar fiel ihr ins Gesicht. Sie hatten ihren Zopf wohl gelöst. Sie trug wieder das weiße Nachthemd, ihre Uniform war bestimmt komplett im Eimer. Es brannte kein Licht in dem Raum, sie war sich sicher, als Mensch hätte sie hier bestimmt so gut wie gar nichts gesehen. Nur von draußen schimmerte das matte Licht der Straßenlaternen durch ihr Fenster. Sie ging ins Bad, auch hier konnte sie alles sehen, ohne Probleme. Na gut, es hatte auch ein paar Vorteile, Vampir zu sein. Das musste sie zugeben. Sie warf einen Blick in den Spiegel, sie hatte sich äußerlich noch nicht erkennbar verändert. Ihre Augen waren nach wie vor violett, ihre Ohren noch rund, aber sobald sie Menschenblut zu sich nahm würde sich das ändern. Dann würde sie für immer eine 23-jährige Frau bleiben. Sie würde nie mehr altern, sie würde auch nie sterben. Zumindest solange man sie nicht tötete. Eine seltsame Vorstellung. Lediglich ein Detail an ihr verriet ihre wahre Natur. Sie öffnete ihren Mund, nun konnte sie sie auch sehen. Die Fangzähne, die natürliche Waffe eines Vampirs. Vorsichtig fuhr sie mit ihrer Zunge über sie. Sie waren scharf, eine kleine Wunde bildete sich auf ihrer Zunge, aber die verheilte sofort wieder, als wäre nichts passiert. Konnte sie Kureto je wieder unter die Augen treten, mit diesem Körper? Was würde er tun, wenn er sie so sah? Sie töten? Es ignorieren? Es akzeptieren? Kureto wollte alle Vampire vernichten, dass wusste sie. Sie schüttelte den Kopf, sie hatte sich entschieden weiterzuleben. Es wäre natürlich einfach gewesen zu sagen, sie würde lieber sterben. Aber wann war das Leben schon leicht? Erst recht in diesen Zeiten. Sie musste einfach weiter vorwärtsgehen, wie Kureto immer sagte. Sie würde sich von ihrem Vampirkörper nicht aufhalten lassen. Sie verließ das Bad, da konnte sie Chijiryu auf dem Tisch liegen sehen. Sie hob ihre Waffe auf und holte ihn aus seiner Hülle: „Ch-Chijiryu?“ Keine Antwort. „Chijiryu! Hörst du mich?“, rief sie, wieder keine Antwort. Natürlich, ihr hätte es klar sein müssen, als Vampir konnte sie ihre Dämonenwaffe nicht mehr benutzen. Sie hatte schon fast damit gerechnet, aber das sie sich nicht noch mal von ihm hatte verabschieden können, das tat dann doch etwas weh. Zwar hatte er sie das ein oder andere Mal ziemlich genervt, aber irgendwie war er doch ein Teil von ihr gewesen. „Verzeih mir, Chijiryu. Aber du findest bestimmt bald jemanden, der besser ist als ich, da unser Vertrag nun gebrochen ist.“
 

Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. War das Urd? Sollte sie nicht in den Salon kommen? Es war Lest Karr, er hielt einen großen, länglichen Koffer in seiner rechten Hand und einen schwarzen Ring in seiner linken. Ein UV-Schutzring, so viel wusste sie schon. Das hatte sie ja komplett vergessen, ab jetzt musste sie ein wenig aufpassen, was die Sonne betraf. Was da passieren konnte, das hatte man ihr bereits eindrucksvoll zur Schau gestellt. Zumindest hatte Lest Karr daran gedacht. „Guten Morgen, Ausgeschlafen?“, fragte er gut gelaunt. Ungewöhnlich, bisher hatte sie Lest Karr immer als etwas mürrisch und ungeduldig wahrgenommen. Er legte den Koffer auf dem Bett ab. Anschließend drehte er sich zu ihr um: „Nun, es ist ziemlich viel auf einmal passiert und es kam alles etwas plötzlich, aber…trotzdem willkommen.“ „Ich finde, so überrascht wirkst du jetzt nicht“, bemerkte sie. „Na ja, nicht wirklich. Weißt du, Meister Geales hat schon ein paar Mal durchschimmern lassen, das er dich interessant findet. Er hätte dir nie so viel seiner Zeit gewidmet, wenn er kein Potential gesehen hätte. Er kann so etwas recht gut einschätzen, darauf kann man sich verlassen“, antwortete er ihr und hielt den Ring hoch, „Vergiss das hier nicht. Weißt du was es damit auf sich hat? Einfach am Körper anbringen, er aktiviert sich von allein.“ Aoi nahm den dunklen, kalten Ring in ihre Hand: „Ja, ich habe schon gesehen wozu das da ist.“ Er passte genau um ihren Oberarm. Sie kämpfte mit ihrer rechten Hand, somit war es besser, ihn am linken Arm anzubringen. „Wir wollen ja nicht, das du sofort gegrillt wirst, oder?“, dann wanderte sein Blick wieder zu dem schwarzen Koffer, „Wo wir gerade bei Ausrüstung sind. Das wirst du brauchen. Sieh es als kleines Willkommensgeschenk von mir.“ Er setzte sich auf das Bett und schaute sie erwartungsvoll an. Sie trat näher, was da wohl drin war? Sie öffnete die beiden Schnallen, die den Koffer verschlossen und hob den Deckel an. Das innere war mit edlem, rotem Samt ausgekleidet und in dem Stoff lag ein Schwert. Eine Waffe, die Chijiryu tatsächlich ähnlich sah, wenn sie auch nicht identisch war. „Tja, das ist eine Sonderanfertigung. Ich musste meinen Einfluss etwas spielen lassen, aber ich habe sie noch rechtzeitig ranbekommen. Da es nicht die übliche Art von Waffe ist, die wir benutzen, standen unsere Leute vor einer Herausforderung, aber ich denke wir haben es ganz gut hinbekommen. Pass also gut auf sie auf, eine Vampirwaffe erster Klasse bekommt man nicht alle Tage“, Lest Karr sprang wieder von dem Bett. Aoi hob die Waffe an, sie war wie eine Feder in ihrer Hand. Anscheinend hatte sie durch ihre Verwandlung wirklich an Körperkraft gewonnen, aber das war schon zu erwarten gewesen. Sie war nicht mehr an die Limitierungen gebunden, die sie als Mensch hatte. Sie sollte besser schnell damit klar kommen, bevor sie noch jemanden verletzte, ohne es zu wollen. „Also, wie fühlst du dich?“, fragte er. Aoi musste kurz überlegen, sie stützte ihr Kinn mit ihrem Handgelenk. „Ich…um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht so genau“, sagte sie schließlich, denn sie wusste es tatsächlich nicht. Lest Karr legte seinen Kopf etwas schräg: „Hmhmm…Keine Sorge, irgendwann gewöhnt man sich an all das. Aller Anfang ist bekanntlich schwer, doch du hast das Blut von Urd Geales bekommen. Er ist ein Urahn zweiten Ranges, also hast du bereits von Anfang an eine größere Macht als viele andere Vampire. Du bist nun ein adeliger Vampir, vergiss das nicht!“ Stimmt, sie hatte einmal gelesen, das die Stärke eines Vampirs von zwei Faktoren maßgeblich beeinflusst wird: Zum einen dem eigenen Alter. Je älter ein Vampir wurde, umso mehr stieg seine Kraft an. Der zweite Faktor jedoch waren die Fähigkeiten des eignen Schöpfers. „Gut, bis später“, Lest wandte sich zum Gehen um. „Lest Karr“, sagte sie schließlich, „Danke.“ „Hm? Oh, klar doch. Übrigens, deine Kleidung war zu stark beschädigt, auch Ana hat sie nicht reparieren können. Im Schrank findest du eine neue Uniform. Deine alte wirst du jetzt vermutlich ohnehin nicht mehr brauchen.“, damit war sie wieder allein.
 

Zunächst nahm sie den Koffer und stellte ihn auf dem Tisch ab, Chijiryu passte perfekt hinein. So konnte sie ihn transportieren, sie sollte ihn Kureto zurückgeben. Anschließend setzte sie sich wieder auf das Bett und nahm ihre neue Waffe genauer in Augenschein. Die Klinge war nicht mehr schwarz, sondern silbern. Sie fuhr mit ihrem Finger über die Klinge, sie war scharf, aber auch diese kleine Schnittwunde war sofort wieder geheilt. Lest hatte gesagt, dass es eine Waffe erster Klasse war, das hieß auch sie musste einen Mechanismus haben, mit dem sie das Blut ihres Trägers in sich aufnehmen und an Stärke gewinnen konnte. Sie hatte es bereits ein paar Mal bei Urd gesehen, aber vielleicht funktionierte es bei ihr ja anders. Sie hoffte es fast, bei Urd hatte es ziemlich schmerzhaft ausgesehen. Daran musste sie sich wohl gewöhnen, Lest hatte sich die Mühe gemacht, ihr eine so wertvolle Waffe zu beschaffen. So wie er es beschrieben hatte musste er dafür seinen Rang voll ausnutzen. Er schien auch fest davon auszugehen, dass Aoi nun ein Teil ihrer Truppen werden würde. Egal, was sie in ihrem inneren dachte und fühlte, die Vampire glaubten jetzt, sie wäre eine von ihnen. Somit würden sie zweifellos verlangen, dass sie sich ihren Regeln unterwarf. Urd hatte nur sehr oberflächlich durchschimmern lassen, wie umfangreich die Gesetze hier waren. Der Seraph of the End schien für sie jedenfalls ein absolutes Tabu zu sein. Wenn sie es ganz genau nahmen, dann hätte Aoi sich bereits schuldig gemacht. Aber was zählte die menschliche Zeit bei Vampiren? Ob die Sonnenfolter bereits die schlimmste Strafe für einen Vampir war? Oder gab es noch etwas anderes? Urd würde es ihr wahrscheinlich bald mitteilen. Er sagte sie solle sich darüber im Klaren werden, was sie eigentlich wollte. Nur wusste sie das selber nicht. Am liebsten würde sie Kureto nach seiner Meinung fragen, aber das war im Moment nur schwer möglich. Aber hier noch länger rumzusitzen würde ihr auch nicht weiterhelfen. Sie würde noch einmal mit Urd sprechen. Allerdings nicht im Nachthemd. Da ihre Uniform nun leider tot war, musste sie sich wohl oder übel bei den Vampiren bedienen. Im Schrank, hatte Lest Karr gesagt. Natürlich war es die Standarduniform der russischen Vampire. Allerdings in Variation, entweder Hose oder Rock. Besser als weiter im Nachthemd rumzulaufen war es allemal.
 

Der Stoff war warm. Vermutlich hatten die Vampire ihre Uniform an ihre Heimat angepasst, in Russland war es vermutlich um einiges kälter als hier in Japan. Zu stören schien sie das eher weniger, da sie ihre Uniform trotzdem weiter trugen, trotz des veränderten Klimas. Sie schwitzen zwar nie, aber warm musste es doch trotzdem werden. Oder hatten sie etwa nichts anderes zum Anziehen? Ihr war noch nie unter die Augen gekommen, das Vampire etwas anderes trugen als ihre Uniform, den Adel mal ausgenommen. Oder war es schlicht und einfach nur die Dienstvorschrift? Das war schließlich auch bei der Dämonenarmee nicht anders, zum Dienst hatte man in Uniform zu erscheinen, egal wie das Wetter draußen war. Das war es wohl. Warum hatten sie nur so viel gemeinsam? In einer separaten Schublade fand sie auch Unterwäsche und einige BHs n unterschiedlichen Größen. Da Aoi an den Rock gewöhnt war fiel ihre Wahl darauf, passte wie angegossen. Lediglich bei der Schleife hatte sie einige Probleme, sie hatte noch nie so eine umgebunden. Nach einigen Versuchen sah es zwar halbwegs passabel aus, aber vermutlich noch nicht so wie es seien sollte. Sie würde sich jetzt wohl richtig blamieren, aber was sollte sie tun? Einfach weglassen? Ob die das tolerierten? Die japanische, kaiserliche Dämonenarmee erlaubte dass einige Knöpfe geöffnet blieben. Die Schleifen allerdings…sollten lieber um bleiben, da sie auch den Rang markierten. Bei Mitsuba war es ebenfalls so. Verdammt, Mitsuba. Jetzt dachte sie doch noch an sie. „Ha Ha, schau nur, Mitsuba. Schau deine große, dumme Schwester an. Erst verrätst du die Armee und jetzt bin ich eine von ihnen. Wir haben wohl beide als Sangus versagt“, sagte sie mehr zu sich selbst. Das hatte sich wohl erledigt. Dennoch…sie musste trotzdem weiter vorwärts gehen. Sie ging wieder zu dem Bett und nahm ihr neues Schwert, daran würde sie sich erst einmal gewöhnen müssen. Sie hatte so lange mit Chijiryu gekämpft und konnte recht gut mit ihrem Dämon umgehen. Jetzt war wieder lernen angesagt, Urd musste ihr die versteckten Funktionen dieser Waffe erläutern, sie musste die schnell verinnerlichen. Sie brachte es an ihrer Hüfte an, das Gewicht spürte sie praktisch gar nicht. Ihr Blick fiel auf den Boden neben ihr Bett. Ihre Schuhe! Das waren ihre Schuhe. Zumindest sie schienen dem Ruin entkommen zu sein. Sie fuhr in sie, es war wie ein Stück Heimat in der Fremde zu haben. Auf dem Nachttisch lag auch ihr Haarband. Jetzt war sie wieder einigermaßen einsatzbereit.
 

Natürlich fand sie den Salon nicht allein, wie hatte es auch anders sein sollen? Sie kannte sich in Sanguinem wirklich null aus. Nach wenigen Minuten musste sie sich selbst eingestehen, dass sie sich hoffnungslos verlaufen hatte. Den Weg zum Eingang hatte sie als Mensch noch finden können, aber alles andere war wohl etwas schwieriger. Sie seufzte laut. „Alles in Ordnung? Kann man Euch helfen?“, ertönte eine ruhige Stimme hinter ihr. Aoi fuhr herum, da war sie schon ein Vampir und trotzdem wurde sie noch von hinten überrascht. Sollten ihre Sinne nun nicht eher ausschlagen? Da war sie wohl zu abgelenkt gewesen. Anscheinend musste sie diese Vampirsinne noch trainieren, wenn sie sich in Zukunft darauf verlassen wollte. Eine blonde Vampirin stand hinter ihr. Sie trug ein weißes, langes Kleid mit einem Schlitz, der für Aois Geschmack etwas zu tiefe Einblicke bot. Ihre Locken fielen ihr leicht über die Schulter und für eine Vampirin hatte sie einen ungewöhnlich sanften Blick. Er hatte fast etwas mütterliches, allein ihre roten Augen zerstörten das Bild etwas. „Ähm, ich glaube, ich finde den richtigen Weg nicht“, sagte Aoi, nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hatte. „Oh!“, sie setzte ein erstauntes Gesicht auf, „Ich verstehe, Ihr seid die Tochter von Meister Urd Geales. Ich bin Horn Skuld, eine Urahnin 17. Ranges. Fühlt Euch wie zu Hause bei uns.“ Man konnte ihr das Lächeln sogar abkaufen, so echt wie es wirkte. Doch bei ihrem Namen klingelte es. Sie war eine der bekannten Urahnen, das hieß, sie gehörte nicht zu Urd Geales Truppen, sondern zu den japanischen Vampiren. Sie war auch eine derjenigen, die von Gurens Truppen in Nagoya hätte vernichtet werden sollen. Sie wusste inzwischen, dass Gurens Trupp seine Mission nur teilweise hat erfüllen können. Sie war also eine der überlebenden. Besser, sie sagte ihr nichts davon. Aber es war schon komisch, die Vampire, die sie vorher ignoriert oder mit gewissem Missfallen begegnet waren, schienen sie nun wahrzunehmen. So etwas war also innerhalb weniger Stunden möglich. „Meister Geales ist im Salon, die Treppe da nach oben und dann immer geradeaus, am Ende des Ganges“, Horn wies in die entsprechende Richtung. „Dank-“, setzte Aoi an, sie konnte ihren Satz jedoch nicht beenden. „Horn!“, eine laute Stimme erreichte ihr Ohr. Wenig später kam eine weitere Vampirin um die Ecke. Sie war um einiges kleiner als Horn, ihre violetten Haare waren kurz geschnitten. Ihre Augen sprühten nur so vor Energie, hibbelig hüpfte sie von einem Bein aufs andere, wobei sich ihr kurzes, weißes Kleid immer wieder bedrohlich hob. Was war denn mit der los? War sie von irgendwas gestochen geworden? Horn legte einen Finger an ihre Lippen, ihr Gesicht hatte einen tadelnden Ausdruck angenommen: „Chess! Schrei hier nicht so herum! Das gehört sich nicht, wir haben Gäste. Benimm dich wie eine adelige Vampirin.“ Schmollend schob Chess ihre Unterlippe vor: „Ja, ja. Jetzt reg dich nicht schon wieder so auf.“ „Du änderst dich nie, was? Du bist noch genauso wie früher, du machst was du willst“, sagte Horn und stützte ihr Kinn. „Du auch, du bist immer noch eine Spießerin“, grummelte Chess und verschränkte beleidigt ihre Arme. „Du befindest dich in der Gegenwart einer Urahnin 7. Ranges, benimm dich etwas“, Horn packte Chess am Arm und zog sie weg, wobei letztere heftig zu zetern anfing. Etwas überrumpelt schaute Aoi dem ungleichen Paar hinterher. Was war das denn gewesen? Diese beiden waren wie Tag und Nacht, aber irgendwie schienen sie doch zusammenzugehören. Im Gespräch hatte Aoi den Eindruck gewonnen, das die beiden sich schon länger kannten. Damit war auch klar, wie die beiden sich gegen die Soldaten der Dämonenarmee behaupten konnten, sie hatten gemeinsam gekämpft. Sie hatten die Adeligen wohl gewaltig unterschätzt, vor allem in ihren sozialen Kompetenzen. Das war Gurens Leuten zum Verhängnis geworden. Sie ging in die Richtung, die Horn ihr gewiesen hatte. Über diese beiden seltsamen Adeligen konnte sie später noch nachdenken. Bald schon fand sie die richtige Tür. Sie holte noch einmal tief Luft, dann klopfte sie…

Kureto Hiragi

„Herein“, hörte Aoi Urds Stimme, durch die Tür gedämpft. Sie drückte die Klinke herunter und betrat den Raum. Urd saß in einem Sessel, er hatte seine Augen geschlossen und seine Arme lagen auf den Lehnen. Aoi blieb direkt vor ihm stehen und faltete ihre Hände vor ihrem Körper. Was nun? Sollte sie ihn nun auch mit Meister Geales ansprechen? Oder blieb sie einfach weiter bei Urd? Er öffnete seine Augen und wies auf den Glastisch vor sich: „Ich wollte ja nicht schnüffeln, aber das hier fiel aus deiner Tasche, als ich dich in dein Zimmer tragen wollte.“ Darauf lag eine weiße, rechteckige Schachtel. Es war das Aufputschmittel. Eigentlich hatte sie ja vermeiden wollen, dass Urd das sah. Aber jetzt war es wohl zu spät. Er nahm die Schachtel in seine Hand und ließ sie immer wieder auf und ab wippen: „Eine interessante Mischung habt ihr da zusammengestellt. Unsere Analysen haben ergeben, dass sie mehrere Stoffe enthält, die Dämonen stimuliert. Mit ihr kann man die vollkommenen Kräfte eines Dämons nutzen, ohne ihm zu verfallen. Aber ihre Wirkung ist begrenzt. Ich habe mich schon gewundert, wieso du so unbedacht Chijiryus Kräfte eingesetzt hast und trotzdem nicht zum Dämon wurdest. Jetzt ergibt auch dieser Wecker einen Sinn, die Wirkung der Droge hat nachgelassen und das war dein Zeichen, dich aus dem Kampf zurückzuziehen. Oder irre ich mich?“ Er konnte auf jeden Fall schon gut kombinieren. Jetzt wusste er es und er würde sein Wissen bestimmt nicht für sich behalten. Schon bald würden alle Vampire über dieses kleine Manko der Dämonenwaffen Bescheid wissen. Das hatte sie ja mal wieder super hingekriegt. Warum war das Ding auch aus ihrer Tasche gefallen? Momentan meinte es die Welt echt nicht gut mit ihr. „Das…“, in letzter Zeit stotterte sie ziemlich häufig. Das sollte sie sich nicht angewöhnen. Urds rote Augen fesselten sie förmlich: „Ist euch bewusst, dass es ein großes Risiko mit sich bringt, diese Pillen zu nehmen?“ In dem Moment wurden Aois alte Gewohnheiten geweckt. Sie straffte den Rücken und sagte: „Die Nebenwirkungen und Gefährdungen für den Menschen hat die kaiserliche Dämonenarmee fein säuberlich aufgelistet und stehen jederzeit für jedermann zur Verfügung.“ Urd hörte auf damit, die Schachtel zu wippen: „Aha.“ Ein kurzer Moment der peinlich berührten Stille trat zwischen den beiden ein. Vielleicht hätte sie nicht so klugscheißen sollen. „Das ist bestimmt…ausgesprochen beruhigend für die Rekruten“, der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er warf die Tabletten zurück auf den Tisch: „Aber genug von Dopingmitteln. Was ist mit dir? Zu was für Schlüssen bist du gekommen?“ „Ich werde, wie immer, weitergehen. Ich werde menschliches Blut trinken“, sagte sie zu ihm, „Aber bevor ich zu einem vollständigen Vampir werde muss ich noch etwas erledigen.“ „Verstehe. Hat das etwas mit diesem Kureto Hiragi zu tun, den du bei deiner Ansage erwähnt hast?“, fragte Urd zielsicher. Treffer, versenkt. Urd Geales konnte sie eindeutig zu gut durchschauen. „Dein Gesichtsausdruck verrät mir alles was ich wissen muss. Also, wer ist dieser Kureto? Ist er der General der Menschenarmee?“, er ließ nicht locker. „Ich kenne ihn schon seit Kindertagen.“, begann Aoi zögerlich, „Unsere Familien pflegen eine lange Freundschaft.“ „Das beantwortet meine Frage nur halb“, sagte Urd, „Aber er ist dir sehr wichtig, oder? Wenn es das ist, was dich zurückhält, dann musst du gehen.“ Damit hätte sie nun wirklich nicht gerechnet: „Du lässt mich wirklich ziehen?“ „Wir alle mussten irgendwann mit unserem menschlichen Leben abschließen“, antwortete er ihr. „Ich könnte euch an ihn verraten“, ging sie einen Schritt weiter. Urd atmete tief aus: „Inzwischen sind die Grenzen so verschwommen. Keiner kann uns sagen, wer hier wirklich unser Freund und wer unser Feind ist.“ Aoi wollte schon gehen, da hielt Urd sie noch einmal auf: „Moment noch.“ Er drehte sie zu sich und löste die Schleife um ihren Hals. Anschließend band er sie neu: „So ist es besser.“
 

Urd Worte hallten ihr noch in den Ohren. Also wusste auch er inzwischen nicht mehr, wer hier wo stand. Das absolute Feindbild, was sie einst gehabt hatte, war inzwischen verschwunden. Sie war nun selbst ein Vampir und bisher war ihr noch keine gravierende Veränderung aufgefallen, von den körperlichen mal abgesehen, so fühlte sie fast immer noch gleich. Urd hatte gesagt, dass die Emotionen eines Vampirs eingeschränkt wären. Vielleicht galt das erst, nachdem sie Menschenblut getrunken hatte. Apropos Blut. Wenn da nur dieser Durst nicht wäre. Urd hatte ihr ein Fahrzeug der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee zur Verfügung gestellt, die von den Vampiren in Beschlag genommen worden waren. Sie war nun schon eine Weile unterwegs und ihr Durst war schon wieder so viel stärker geworden. Noch ging es, es war nur mehr ein unangenehmes Kratzen im Hals. Aber was wenn sie bei Kureto die Kontrolle über sich verlor? Wenn ihr Durst dann so stark war, dass sie ihn nicht mehr kontrollieren konnte? Urd schien damit ja keine Probleme zu haben, aber er hatte auch schon mehrere tausend Jahre Erfahrung mit dem Vampirdasein. Sie musste sich einfach zusammenreißen. Aoi fuhr langsamer, sie war langsam wieder in bekanntem Gebiet. Sie näherte sich den Stadtmauern von Shinjuku. Von hier aus wollte Kureto seinen Angriff starten, wenn sie ihn hier nicht antraf, dann hatte sie ihn verpasst, dann steckte sie tief im Schlamassel. Am besten war es, wenn die anderen Soldaten sie nicht in dieser Uniform sahen. Zwar kannten sie die Kleidung der russischen Vampire noch nicht, aber ein Risiko wollte sie trotzdem nicht eingehen. Sie musste irgendwie zu Kureto kommen, möglichst ungesehen. Plötzlich drangen Stimmen an ihr Ohr. Reflexartig trat Aoi auf die Bremse. Wo? Woher kamen die? Sie konnte niemanden sehen, aber sie hörte eindeutig Stimmen. So leise wie möglich öffnete sie die Fahrertür und stieg aus. Diese Stimmen…sie mussten noch in einiger Entfernung sein, aber sie konnte sie trotzdem hören. Offenbar ein Hinweis auf ihr verbessertes Gehör. Sie holte den Koffer mit Chijiryu hervor und näherte sich langsam den Geräuschen. Vorsichtig sah sie um eine der Häuserecken. Dann musste sie einfach erstarren. Kureto. Es war Kureto, er hatte ihr den Rücken zugewandt, seine Hände steckten in seinen Hosentaschen. Er stand in erhöhter Position, er schien in den Horizont zu sehen. Sie trat aus dem Häuserschatten heraus und ging auf ihn zu. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, nun musste sie sich ihm stellen. Er würde über ihr Schicksal entscheiden. Wenn ihr Herz noch schlagen würde, dann würde es sich wahrscheinlich förmlich überschlagen. Aber ihr Körper war kalt und leblos, wie Stein. Dennoch, alles in ihr hatte diesen Moment herbeigesehnt, wo sie und Kureto sich wieder in die Augen sehen würden.
 

Die Sonne war heute ungewöhnlich kräftig, sie schien auf Kuretos Gesicht und wärmte ihn. Doch der Schein trügte. Es waren nur noch wenige Stunden und er hatte inzwischen die Hoffnung aufgegeben, das Aoi noch kommen würde. Verdammter Guren, erst machte er ihm Hoffnung und nun war er mit seinem Trupp und Shinya aufgebrochen, wohin auch immer. Er hörte den Motor eines Fahrzeugs in der Ferne, es war ein Wagen der Dämonenarmee. Waren nicht schon alle da? Oder hatte er sich verschätzt? Wollten sich ihm doch noch mehr anschließen? Er hoffte es fast. Ohne Aoi jedoch fühlte es sich komplett nutzlos an. Nichts und niemand konnte sie ersetzen. Vielleicht sollte er zu seinen Leuten zurückgehen. Doch als er sich gerade in Bewegung setzen wollte, da spürte er etwas. Jemand war hinter ihm, das war sicher. Er drehte sich um. Im ersten Moment glaubte er, seine Sinne würden ihm einen Streich spielen. Doch egal wie lange er sie anstarrte, sie blieb immer noch da. „A-Aoi?“, seine Stimme war brüchig. Ihre Hand lag auf ihrer Brust und ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen: „Meister Kureto.“ Er stutzte, irgendetwas war anders als sonst. Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihm aus. Sie trug nicht ihre Uniform, sondern einen grauen Mantel mit weißem Hemd und einer seltsamen Schleife um den Hals. Was war das für Kleidung? Er hatte sie noch nie gesehen. Aoi kam langsam auf ihn zu. Sie bewegte sich mit solch einer Leichtigkeit, als würde sie fast schweben. Sie trug ein Schwert an ihre Hüfte, aber es war nicht Chijiryu, es war auch keine Dämonenwaffe. Es sah zwar so aus wie Chijiryu, aber das war er nicht, es war eine Vampirwaffe. Ein Vampirschwert erster Klasse. „Verzeiht mir, Meister Kureto“, sagte sie, zwischen ihren Lippen konnte er die scharfen Eckzähne sehen. Er verstand die Welt nicht mehr. Aoi, seine Aoi, war ein Vampir!
 

Er hatte es bemerkt, aber das war ihr klar gewesen. Sie trat noch näher an ihn heran. Er stand vollkommen still und schaute sie ungläubig an. Seine Hand fuhr zu Raimeiki. „Wieso, Aoi? Wieso bist du eine von denen? Was haben sie mit dir gemacht?“, in seiner Stimme klang Fassungslosigkeit. Ein paar Minuten schauten sie sich einfach nur an, oder waren es nur Sekunden? Aoi konnte es nicht genau sagen. Aoi nickte: „Ich werde es Euch erzählen, was seit meines Alleingangs passiert ist. Hört zu.“ Kureto schien mit sich zu kämpfen, er schaute zur Seite und schloss die Augen. Ihre Anspannung stieg mit jeder Sekunde, in der er schwieg. Schließlich nahm er seine Hand von Raimeiki und öffnete seine Augen wieder. Er schaute ihr direkt in die Augen: „Nun gut. Erzähl.“
 

Kureto ballte seine Hände zu Fäusten: „Wo ist er?“ Aoi hob beschwichtigend die Hände: „Meister Kureto, ich glaube nicht, das es klug wäre, Urd Geales nun anzugreifen.“ „Den meinte ich nicht“, knurrte er und seine Augen verengten sich, „Ich meine diesen miesen Kerl, der Schuld an deinem Zustand ist.“ „Huh?“, Aoi wurde etwas verlegen, „Also…das brauch ich glaube ich nicht mehr sagen. Urd Geales hat ihn bereits…“ Kuretos Körper entspannte sich wieder: „Verstehe. Der Blutsauger ist mir also zuvor gekommen. Nicht zu glauben, das gerade einer von unserer Armee es wagt, dich zu töten. Obwohl du ihm zuvor noch sein Leben gerettet hast.“ Aoi schaute zu Boden: „Dann bist du also nicht sauer auf mich? Wegen der Sache in Sanguinem, meine ich.“ Kureto schüttelte seinen Kopf: „Ich gebe es nur ungern zu, aber dieser Vampir hatte recht. Sie hätten wirklich ihre Leben sinnlos weggeworfen. Du kennst meine Meinung. So wenige Opfer wie möglich.“ Damit fiel eine gigantische Last von Aoi ab. „Aoi, wie stark ist dieser Urd Geales?“, fragte Kureto sie. „Sehr stark“, antwortete Aoi ihm, „Er hat einen apokalyptischen Reiter mit der bloßen Hand erledigt und er hatte nur einen Arm zur Verfügung. Noch dazu sind seine Sinne so scharf, das kann man kaum beschreiben. Auch alle anderen Vampire wissen das, sie gehorchen ihm aufs Wort und zwar alle, ohne Ausnahme.“ Kureto schlug seine Fäuste aneinander: „Verdammt. Ausgerechnet jetzt taucht hier so einer auf. Stellt sich nur eine Frage. Warum hat er dich verwandelt? Das ergibt doch irgendwie keinen Sinn, ich habe einmal gelesen, dass Vampire sich in der Regel weigern, ihren Fluch weiterzugeben. Schon seit langem ist kein neuer Vampir mehr aufgetaucht und jetzt bist du hier.“ Aoi hob ihre Schultern: „Ich weiß es nicht. Lest Karr sagte zu mir, dass Urd Geales niemals jemanden verwandeln würde, der seiner Ansicht nach nicht würdig ist. Aber auch er muss irgendwann einmal ein Mensch gewesen sein. Er hat mir die Geschichte des hohen Rates der Urahnen erzählt. Laut seiner Aussage gibt es nur einen Vampir, bei dem es nicht bekannt ist, ob er mal ein Mensch war. Aber er ist schon so lange auf dieser Welt, wer weiß, was im Kopf eines so alten Wesens vorgeht.“ Wie erwartet sah Kureto erstaunt aus: „Dieses Monster soll mal ein Mensch gewesen sein? Wie soll man sich das vorstellen? Sag mir Aoi, was glaubst du? Nach all der Zeit, steckt noch irgendetwas Menschliches in dem? Was ist mit dir? Bin ich jetzt auch nur noch Zuchtvieh für dich?“ „Nein, natürlich nicht!“, rief sie, wurde kurz darauf aber wieder etwas ruhiger, „Meine Gefühle dir gegenüber haben sich nicht verändert. Bei Urd Geales weiß ich es nicht. Er ist zumindest nicht so wie alle anderen Vampire. Er scheint sich gut unter Kontrolle zu haben oder er kann es zumindest gut verbergen.“ „Wenn das stimmt…Dann, denkst du immer noch so wie damals?“, fragte er. „Jawohl, Meister Kureto“, sagte sie entschlossen. „Wenn das wirklich so ist“, begann er, sein Blick war nur auf Aoi gerichtet, „Dann komm, besiege mit mir meinen Vater. Zeig mir, das ein Vampir auf der Seite der Menschheit stehen kann.“
 

Es war besser gelaufen als erwartet. Kureto hatte sich entschlossen ihr eine Chance zu geben und sie würde sie nutzen. Sie würde ihre neue Kraft dazu einsetzen, um der Menschheit eine Zukunft zu schaffen. Die Kraft einer Urahnin siebten Ranges, hatte diese Horn gesagt. Ob sie wirklich schon so viel Einfluss hatte? Konnte sie gegen einen Vampir gewinnen, der zum Beispiel Rang 15 hatte? Oder fehlte es ihr dafür an Erfahrung und dieser wahrscheinlich um einiges ältere Vampir würde sie trotzdem besiegen können? Aber zumindest gegen einen normalen Vampir sollte sie im Zweikampf nun deutlich bessere Chancen haben als vorher. „Komm, hierher Aoi. Niemand darf dich so sehen. Ich werde dir eine neue Uniform besorgen, so sollte es einfacher werden“, sagte Kureto zu ihr. Er hatte sie zu seinem Wagen geführt und sie waren nun auf der Ladefläche. Um sie herum waren bereits viele Mitglieder der Armee, außerhalb des Autos. Sie konnte ihre Stimmen deutlich hören und noch etwas anderes. Eine Menge Gerüche prasselten förmlich auf sie ein. Ein süßer Geruch, ein verführerischer. Sie konnte förmlich die Herzschläge hören, die um sie herum pochten. Es regte sie an, das Kratzen in ihrer Kehle wurde intensiver. Ihr Hals fühlte sich ausgetrocknet an. Oh nein. Nein, Nein, Nein! Nicht jetzt, bitte nicht. Sie hätte vielleicht damit rechnen müssen, dass die Gegenwart so vieler Menschen ihren Durst anregen würde. Wie sollte sie so vernünftig kämpfen? Kureto kletterte noch einmal aus dem Wagen. Hoffentlich fand er eine. Aber das war nur die halbe Miete. Die Leute um sie herum, waren alle Teil der Elite der kaiserlichen Dämonenarmee, sie würden bemerken dass Aoi ein Vampir ist. Hoffentlich hatte Kureto da auch eine Idee. Sie machte sich schon langsam daran, die Uniform der Vampire auszuziehen. Kureto kam schnell wieder zurück und er hielt eine der schwarzen Uniformen in der Hand: „Hier, ich hatte dir vorsichtshalber eine mitgenommen.“ Er hatte ihr eine mitgenommen? Hieß das er hatte in ihren Kleiderschrank gesehen? „Keine Sorge, die war frisch aus der Wäscherei, ich war nicht in deinen privaten Räumlichkeiten, die gehen mich nichts an“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen, „Zeih dich um, ich gucke auch nicht.“ Kureto drehte sich um. Dieser Satz kam ihr bekannt vor, Urd hatte ihn zu ihr gesagt, als sie in den Ruinen gewesen waren und sie eine der peinlichsten Situationen ihres Lebens hatte. Eine Situation, die sie Kureto vorenthalten hatte. Es hätte nichts wirklich beigetragen und Kureto musste das nun wirklich nicht wissen. Schnell und routiniert hatte sie sich umgezogen, diesmal gab es auch keine komische Schleife, die ihr das Leben erschwert hätte. Das fühlte sich schon viel vertrauter an. „Bin soweit“, sagte sie. Kureto drehte sich um, ein leichtes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen: „Schon besser, das steht dir etwas besser als dieser Mantel. Bist du soweit? Dann können wir loslegen und wären sogar noch im Zeitplan. Ausgerüstet bist du sogar schon, wie es scheint.“ „Ja, der Urahn dritten Ranges hat für mich eine Sonderanfertigung in Auftrag gegeben. Schätze, ich sollte ihm danken“, dann hockte sie sich neben den Koffer, „Meister Kureto, hier drin ist Chijiryu. Ich kann seine Stimme nicht mehr hören, ich denke mal, ein Vampir kann keine Dämonenwaffe nutzen. Ich wollte ihn lieber hier hin zurückbringen.“ Kureto nahm den Koffer und stellte ihn auf eine der Sitzbänke, anschließend öffnete er ihn: „Ich werde gut auf ihn aufpassen. Eine Sonderanfertigung, hm? Da hat sich wohl jemand ins Zeug gelegt. Aber damit solltest du auch gut aufgestellt sein. Dann mal los.“ Er schloss den Deckel wieder.
 

Sie wollten den Wagen verlassen, aber Aois Körper machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie wurde förmlich von ihrem Durst überwältigt. „Urgh“, sie fasste sich an ihre Kehle. „Aoi!“, hörte sie Kureto rufen. Sie nahm ihn wie durch einen Schleier wahr. Ihr Blick galt seinem Hals, der großen, pulsierenden Halsschlagader. Sie konnte den verlauf förmlich sehen. Kureto begann sie an ihren Schultern zu schütteln: „Aoi! Komm zu dir!“ Sie schüttelte mehrmals schnell den Kopf. „Entschuldigt. Es geht wieder“, das stimmte so nicht ganz. Er legte einen Finger unter ihr Kinn und hob ihren Kopf an. Danach sah er sie einige Zeit intensiv an: „Deine Augen sind nicht rot, wie die der anderen Vampire. Was ist anders an dir?“ „Ich befinde mich in einer Art Vorstufe. Urd Geales hat mir erklärt, dass Vampire erst dann auf alle ihre Kräfte zugreifen können, wenn sie menschliches Blut getrunken haben. Dann werden all ihre Zellen aktiviert und sie werden nicht mehr wachsen.“ Seine Augen weiteten sich: „Heißt das, du hast bisher noch kein menschliches Blut getrunken?“ Sie schüttelte erneut den Kopf. „Deswegen warst du also die ganze Zeit so angespannt. Du hast Durst.“, folgerte er richtig. „Urd Geales hatte mir etwas von seinem Blut gegeben. Aber offensichtlich kann Vampirblut nicht denselben Effekt erzielen wie menschliches“, fuhr Aoi ihre Erklärungen fort. „Das ist nicht gut. Du kannst so nicht mitkommen. Es wird gleich nur so von Menschen und Blut wimmeln“, sagte Kureto. Er schaute kurz an die Decke. Anschließend fuhr seine Hand zum Kragen seiner Uniform: „Egal wie sehr es uns missfällt, du musst trinken. Du musst das unter Kontrolle bekommen.“ „M-Meister Kureto, das…ich kann nicht, ich könnte Euch töten!“, sagte sie, aber ihr Körper schien davon etwas anderes zu halten. Kureto jedoch öffnete die Knöpfe weiter. Anschließend nahm er Aoi am Hinterkopf und führte sie zu seinem Hals: „Du wirst mich nicht töten, Aoi. Das weiß ich. Nimm, was du brauchst.“ Er legte seinen anderen Arm um ihren Oberkörper und hob sie kurz an, dann setzte er sich auf eine der Bänke und nahm sie auf seinen Schoß. Er drehte seinen Kopf nach rechts. Sie beugte sich über ihn, ihre Lippen berührten seine Haut. Jetzt gab es kein Zurück mehr, sie hatte ja auch Urd Geales versprochen, von nun an Menschenblut zu trinken. Das erste Blut, was sie zu sich nehmen würde und es war ausgerechnet Kuretos. Sie öffnete ihren Mund und drückte vorsichtig ihre Zähne auf die Haut. Aber es reichte, schon bald nahm sie die rote Flüssigkeit wahr. Verdammt, es war gut. Es war kein Vergleich zu dem Blut von Urd. Davon brauchte sie mehr, sie bohrte sich tiefer in sein Fleisch. „Shit, Aoi“, er stöhnte leise auf. Aber sie nahm es nur am Rande wahr. Alles in ihr wollte diese lebensspendende Flüssigkeit. Als wäre sie in einem Rausch. `Aoi!´, eine Stimme drang an ihr Ohr. Wer war das? `Aoi! Du wirst ihn töten! Hör auf´ Kureto töten? Gewaltsam löste sie sich von Kureto und sprang zurück. Sie wurde von der Seitenwand des Wagens gestoppt, der Aufprall presste ihr die Luft aus der Lunge. War das zu viel Kraft gewesen. Sie atmete mehrmals tief ein und aus. „Meister Kureto! Seid Ihr in Ordnung?“, fragte sie schließlich. Er nickte: „Ja, mir geht es gut. Was ist mit dir?“ „Mir…Mir geht es gut. Ja, alles in Ordnung“, murmelte sie vor sich hin. Das Brennen in ihrem Hals war verschwunden, es fühlte sich gut an. Kureto drückte ein Taschentuch auf seine Wunde und schaute ihr wieder ins Gesicht: „Deine Augen…“ In dem Moment hatte Aoi ein seltsames Gefühl in sich. Das Gefühl, als wenn gerade etwas tief in ihrem inneren zerbrochen und für immer versiegelt würde…

Annäherung

Jetzt war ihr Durst wirklich gestillt, Urd hatte nicht zu viel versprochen. Diese Rastlosigkeit, die sie die ganze Zeit verspürt hatte, war verschwunden. Hoffentlich hielt das lange an, zumindest bis nach dem Kampf. Irgendetwas war jetzt anders als zuvor, da war sie sich sicher, sie wusste nur noch nicht so recht, was es war. „Ich werde Euch gleich ordnungsgemäß versorgen, Meister Kureto. Wartet einen Moment“, durchbrach sie die Stille und machte sich auf den Weg ins Führerhaus, um den Verbandskasten zu holen. „Kannst du bitte auch die Wasserflasche aus der Beifahrertür mitbringen?“, fragte Kureto noch. „Natürlich“, sie angelte nach der Flasche und brachte beides zurück zu Kureto. Er nahm ihr die Flasche ab und Aoi öffnete den Deckel des Verbandskastens. Kureto schraubte den Verschluss der Flasche auf. Während Aoi nach einem Pflaster kramte hörte sie zwei Soldaten an dem Wagen vorbeigehen. „Glaubst du wirklich, dass Meister Kureto Tenri Hiragi besiegen kann? Ohne seine treue Sangu?“, sagte der eine. „Du meinst das Schoßhündchen?“, der andere Soldat lachte, „Ich glaube kaum, dass die irgendetwas ändert. Entweder er besiegt ihn oder auch nicht. So stark ist die Sangu nun auch wieder nicht. Oder hast du sie jemals richtig kämpfen sehen? Bei dem Kampf gegen die Vampirarmee hat sie ja auch keinen Finger gekrümmt. Soll ich dir was sagen? Ich wette mal, dass sie sich aus dem Staub gemacht hat. Die sehen wir bestimmt nie wieder.“ Wenn diese beiden wüssten, dass Aoi sie hören konnte, dann würden sie sich bestimmt nicht hier unterhalten. Aber sie wussten ja nicht, das Aoi wieder hier war. Hatte sie wirklich so einen schwierigen Stand bei der Truppe? Oder waren dass einfach nur irgendwelche Klatschmäuler, die Spaß daran hatten, zu tuscheln, wie viel sie von ihren Vorgesetzten hielten? „Was ist los, Aoi? Du wirkst so konzentriert. Hast irgendetwas gehört?“, fragte Kureto sie und stellte die Flasche neben sich ab. Aoi nahm das Pflaster und begann damit Kuretos Wunde zu desinfizieren: „Nichts. Nur zwei Soldaten, die sich unterhalten haben. Sind wahrscheinlich gerade am Wagen vorbeigegangen. Deswegen habe ich wohl genau verstanden, was sie gesagt haben.“ Kureto stützte sich mit einer Hand auf seinem Oberschenkel ab: „Echt jetzt? Mann, ich habe nichts gehört. Deine Ohren sind jetzt wohl buchstäblich überall. Ich gebe zu, dass hätte ich auch ganz gerne.“ Aoi klebte das Pflaster auf die Bisswunde und ließ sich neben ihm nieder: „Die Nachtsicht ist auch nicht schlecht.“ „Das glaube ich gerne. Nun bin ich gespannt wie du kämpfst“, sagte Kureto leise und seine rechte Hand fuhr über das Heft von Aois Schwert, „Woraus das wohl ist?“ „Keine Ahnung, das hat mir Lest Karr nicht verraten. Er hat es mir nur gebracht“, gab Aoi zu. Kureto lehnte sich gegen die Wand: „So viele neue Adelige. Wenn die es hinter die Mauern schaffen, dann sind alle Leute erledigt.“ „Ich denke nicht alle. Urd Geales weiß genau, dass sie nicht alle töten können, wenn sie wollen, dass ihre Leute nicht verhungern“, gab Aoi zurück. Kureto drehte seinen Kopf zu ihr: „Denkst du? Dann erzähl doch mal was über diesen Lest Karr. Was kann er? Wie ist der so?“
 

„Ein bisschen Wankelmütig, denke ich. Seine Stimmung scheint sich immer mal wieder zu ändern, aber meistens wirkte er auf mich eher mürrisch. Er scheint ein guter Schütze zu sein. Er hat keinen der apokalyptischen Reiter verfehlt und auch immer so getroffen, dass sie sofort Geschichte waren. Anders gesagt, sie wurden regelrecht zerfetzt. Wenn diese Kugeln einen Menschen treffen, dann kann man sich denke ich vorstellen, wie es endet. Es bleibt nichts mehr übrig. Außerdem hat er den Vorteil aufgrund seiner geringen Körpergröße ein kleines Ziel zu sein. Er ist also schwer zu treffen“, fasste Aoi ihren Eindruck zusammen. „Ist er wirklich so klein?“, fragte Kureto sie. Aoi nickte: „Ja, er ist ungefähr 1,30 groß, schätze ich. Genau weiß ich es nicht.“ „1,30 Meter? So groß sind doch sonst nur Kinder. So kleinwüchsig?“, Kureto war offenbar sehr verwirrt, verständlicherweise. Aoi konnte sich ein kichern nicht verkneifen: „Ich glaube, Kleinwüchsig ist der nicht. Ich wollte es auch erst nicht wahrhaben, aber er ist tatsächlich ein etwa 12 Jahre altes Kind. Äußerlich zumindest. Innerlich ist er durchaus erwachsen.“ Kureto seufzte: „Na toll, nicht mal Kindern kann man mehr trauen. Du sagtest vorhin, er wäre ein Urahn dritten Ranges, nicht wahr? Stell dir vor, du hast so einen als Chef. Den kann man doch nicht ernst nehmen.“ „Ich schätze, der sorgt schon dafür, dass man ihn ernst nimmt. Außerdem scheint er sich mit Urd Geales und Ky Luc gut zu verstehen. Als Team können sie durchaus funktionieren“, sagte Aoi. „Ein weiterer Adeliger“, kommentierte Kureto das Ganze. Aoi erhob sich wieder von der Bank: „Ihn kann ich schwer einschätzen. Er wirkt im ersten Moment wie ein Spaßvogel, aber ich denke, er kann durchaus ernst machen, wenn es die Situation erfordert.“ Kureto wollte gerade zum Sprechen ansetzen, als von draußen eine Stimme zu hören war: „Meister Kureto, wir sind soweit. Oder braucht Ihr noch einen Moment?“ Kureto sprang auf: „Ich komme gleich. Wartet draußen.“ Er drehte sich zu Aoi: „Ich werde versuchen, einen Talisman anzufertigen, welcher deine wahre Natur verbirgt. Es ist besser, wenn die anderen nichts davon wissen. Nicht alle werden darauf so gelassen reagieren. Ich kenne dich ja, aber die anderen…“ Aoi musste an das belauschte Gespräch von vorhin denken. Da hatte er recht, leider.
 

Es hatte tatsächlich funktioniert, die Sache mit dem Talisman. Die Soldaten drehten sich zwar zu ihr um, aber das lag eher daran, dass sie so lange verschollen gewesen war. Kureto stieg auf eine Art Bühne, die in der Mitte aufgestellt worden war: „Aoi, neben mich.“ Aoi stellte sich neben ihn und faltete ihre Hände vor dem Körper. Sie hoffte, dass Kuretos Talisman wirklich alles versteckte. Er holte noch einmal tief Luft bevor er sprach: „Kameraden! Heute ist der große Tag, an dem wir die Menschheit einen Schritt voran bringen. Wir dürfen nicht Versagen, das ist keine Option. Kämpft und überlebt! Für unsere Zukunft!“ „Jawohl!“, riefen alle gleichzeitig. Kureto legte ein Hand auf Aois Schulter: „Aoi Sangu ist wieder bei uns. Folgt ihrem Beispiel und gebt nicht auf, egal wie Aussichtslos es scheint!“ jetzt fühlte sie sich doch etwas peinlich berührt. Einige Soldaten unterhielten sich leise. „Die ist noch am Leben?“ „Wie hat sie das geschafft?“ „Hätte nicht gedacht, dass die noch mal auftaucht.“ Okay, sie würde das wahrscheinlich nicht so genau verstehen, wenn sie noch ein Mensch wäre. Jetzt konnte sie auch all die Sachen hören, die sie eigentlich nicht hören wollte und die sie auch wohl nichts angingen. „Bereitet den Seraph of the End vor!“, hörte sie Kureto noch sagen. Oh nein, da war ja noch was. Wenn Urd das herausfand, dann würde das noch Ärger geben. „Meister Kureto, kommt mal kurz, bitte“, sie zog ihn aus der Hörweite der anderen. „Aua! Aoi, so fest musst du nicht zupacken!“, beschwerte er sich und rieb seinen Arm. Hatte sie wirklich so fest zugepackt? Ihr war es nicht so vorgekommen. Anscheinend hatte sich ihr Gespür für Kraft verändert. Sie war wohl wieder auf dem Status eines Kindes, das seinen Körper erst richtig kennenlernen musste, um zu merken, wo die Grenzen lagen. „Entschuldigt. Es gibt noch ein kleines Problem. Es geht um den Engel. Könntet Ihr das Kommando darüber übernehmen?“, erklärte sie leise. „Wieso? Können Vampire das nicht?“, fragte er nach. Aoi erzählte ihm von der Geschichte am Hafen, mit der Sonnenfolter. „Wenn Urd Geales das herausfindet und das wird er auch, darauf kann man sich verlassen, wird es ungemütlich heiß für mich“, erzählte sie. Kureto kratzte sich am Kopf: „Das wird immer komplizierter mit den Vampiren. Ich wusste, dass Vampire durchaus Regeln haben, aber mit so vielen hätte ich dann doch nicht gerechnet. Aber gut, überlass das mir. Konzentriere dich einfach darauf die Leute meines Vaters im Schach zu halten, während ich gegen ihn kämpfe. Da sie nicht wissen, dass du ein Vampir bist, werden sie dich in ihrer Arroganz unterschätzen. Lass es aber nicht zu sehr krachen, sonst merken sie eventuell was. “ „Meister Kureto, wollt Ihr immer noch alle Vampire vernichten?“, erkundigte sich Aoi. Kureto schien kurz zu überlegen, dann sagte er: „Nein.“
 

„Ihr könnt echt noch einen Nachtisch verputzen?“, fragte Kimizuki. Shinoa fing an zu grinsen: „Du weißt doch, Nachtisch geht immer. Außerdem unterstreicht Süßes die Weiblichkeit.“ Die Köpfe der Jungs drehten sich in die Richtung von Makoto Narumi, der ebenfalls einen Dessertbecher vor sich stehen hatte: „Die…Weiblichkeit…“ „Was guckt ihr so doof?“, grummelte er und widmete sich dann wieder dem Becher. Mitsuba hielt ihren Löffel fest umklammert und starrte in den Becher. „Hey, Mitsi. Was hast du? Schmeckts dir etwa nicht?“, fragte Shinoa und steckte ihren beladenen Löffel in den Mund. „Doch, schon…“, das stimmte auch, es war absolut köstlich. Cremig, kein einziges Stück Eis. Die Früchte waren klar erkennbar. Aber Mitsuba hatte schon eine Weile Kopfschmerzen. Das musste sie sich eingebildet haben. Das konnte nicht Aoi gewesen sein, niemals! Was sollte sie an Bord dieses Vampirschiffs machen? Wie sollte sie überhaupt dahin gekommen sein? Sie war doch sicher in Shinjiku beschäftigt, schließlich hatte Kureto Hiragi wohl noch große Pläne. Wahrscheinlich hatten ihre Sinne ihr einen Streich gespielt. Aber wenn sie es doch war? Was hatte sie dann da gemacht? Mitsuba konnte sich einfach nicht vorstellen, dass ihre großartige Schwester, die den Hiragis so treu war wie kaum ein anderer, sie dann verraten würde. Erst recht nicht an die Vampire. Dass passte nicht zum Charakter von Aoi. Außerdem wusste die Armee doch gar nichts über die europäischen Vampire, die Kommunikationssysteme dort hin waren doch unterbrochen. Zumindest offiziell. Bei den Hiragis konnte man nie wissen, was wirklich wahr war. Sie belogen ihre Leute doch immer mal wieder. Was, wenn die Hiragis doch irgendwie mit den Vampiren zusammenarbeiteten? Aber was für einen Sinn machte dann dieser ganze Krieg? Warum brauchten sie dann den Seraph of the End? Das passte einfach nicht zusammen. Selbst wenn die Vampire Aoi irgendwie gefangen genommen haben, wie hatten sie das geschafft? Aoi war nicht gerade schwach. Entweder war sie auf einen Adeligen getroffen oder sie war allein gewesen. Dann war der nächste Punkt warum hatten sie ihre Schwester nicht getötet, sondern gefangen genommen? Es ergibt alles keinen Sinn. Es ergibt alles überhaupt keinen Sinn.
 

„Meister Kureto Hiragi! Meister Hiragi kehrt zurück! Öffnet die Tore! Welch ruhmreiche Heimkehr, nachdem er die Vampire vertrieben hat!“ Wenn sie wüssten, was gleich passieren würde. Vor allem wenn sie wüssten, dass Urd Geales Truppen Sanguinem schon wieder zurückerobert hatten, noch nicht mal eine Woche nach dem die Stadt an die Menschen gefallen war. Auch wenn Kureto davon wusste, so hatte er zunächst darauf verzichtet, seine Leute darüber aufzuklären. Anzugreifen, während sich Urd Geales dort befand, das wäre Selbstmord. Außerdem waren die Vampire nun wieder stabil, bei dem ersten Angriff hatten sie noch ihre Wunden geleckt. Sie waren wieder im Rennen. Kureto saß neben ihr und hielt Raimeiki in seiner Hand. Er schien mit seinem Dämon zu kommunizieren. „Fräulein Aoi!“, der Fahrer sprach über einen Fernsprecher mit ihr, „Wir sind bald in Shibuya.“Aoi wurde nervös, sie würde das erste Mal als Vampir kämpfen und das hoffentlich hinkriegen: „Es wird Zeit, Meister Kureto. Ihr solltet Euer Gespräch mit dem Dämon beenden.“ „Ja, ich verstehe“, er schob seine Waffe zurück in die Scheide, „Setzen wir den Seraph of the End frei! Bringen wir Shibuya unter Kontrolle!“…

Ende einer Ära

Shibuya war im Ausnahmezustand. Überall war Rauch, überall kämpften die Truppen von Tenri Hiragi gegen die von Kureto, doch obwohl letztere ihnen unterlegen waren, durch den Dämon des Abgrunds konnten sie ihre Unterzahl ausgleichen. Aoi und Kureto näherten sich langsam dem Hauptgebäude, der Zentrale der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee. Sie hatten sich bis hierher durchgekämpft, aber der schwierigste Teil stand ihnen noch bevor. Tenri Hiragi selbst, Gerüchten zufolge ein absolutes Monster im Kampf. Niemand hatte ihn bisher im Kampf wirklich gesehen, bis auf seine eigenen Leute. Die ließen jedoch kein Wort darüber verlauten. Deshalb waren die Informationen, die sie hatten, begrenzt. Es würde sich zeigen, was sie mit ihren Kräften gegen ihn ausrichten konnte. Bisher hatte sie jedenfalls keine Probleme gehabt. Die Soldaten, auf die sie getroffen waren, hatten ihr nichts entgegen zu setzen. Sie kamen Aoi plötzlich so träge und schwächlich vor, es war fast schon unrealistisch. Da diese Soldaten um ihr wahres Wesen nicht Bescheid wussten, griffen sie Aoi auch nicht in den üblichen Formationen an, die normalerweise gegen Vampire eingesetzt wurden. Sie forderten sie größtenteils frontal und direkt im Einzelkampf heraus, da hatte ein Mensch natürlich keine Chance, auch wenn Aoi noch nicht mal 24 Stunden ein Vampir war. Ihr Schwert machte einen guten Job, auch wenn sie bisher noch kein einziges Mal auf seine Fähigkeit, ihr Blut zu absorbieren zugegriffen hatte. Sie hatte es einfach nicht hinbekommen, allein zu sagen „Schwert, trink mein Blut!“ reichte wohl nicht. `Dein Schwert beugt sich deinem Willen. Das kann ich dir nicht beibringen, du musst selbst herausfinden wie du es am besten machst.` Das hatte Urd zu ihr gesagt, kurz bevor sie aufgebrochen war. Sie brauchte wohl noch eine Menge Übung, bevor sie wirklich richtig damit kämpfen konnte. Im Moment kam sie auch ohne diesen Effekt noch gut klar. Aber gegen Tenri wäre es dann doch von Vorteil, wenn sie darauf zugreifen könnte.
 

Sie hatten es geschafft, sie waren in das Gebäude vorgedrungen. Nur noch wenige Meter trennten sie von Tenri Hiragi. Jetzt wurde es ernst, das Aufwärmen war vorbei. „Meister Kureto!“, rief einer der Soldaten, „Sieben Bezirke Shibuyas haben bereits kapituliert. Höchstens ein Drittel der Truppen leistet noch Widerstand.“ „Tötet alle, die sich widersetzen“, befahl Kureto ohne stehen zu bleiben, „Wer in dieser Situation noch Widerstand leistet, ist nicht auf der Seite der Menschheit!“ Damit zogen sich die Soldaten zurück und nur noch Kureto und sein Team waren auf dem Weg zum Einsatzort, einschließlich Aoi. Die Tür zum Thronsaal war schon in Sichtweite. „Meister Kureto, wir sind fast im Thronsaal!“, bemerkte Aoi. „Hm“, murmelte Kureto bevor er rief, „Aoi!“ „Ja?“, antwortete sie ihm. „Mein Vater ist stark!“, bemerkte Kureto. Aoi bestätigte: „Jawohl.“ „Und er dürfte nichts menschliches mehr in sich haben“, stellte er fest, „Ich glaube sogar, dass die Familie schon seit Jahrhunderten von Monstern beherrscht wird.“ Gut, dass er das anmerkte, jetzt wo seine Assistentin ein Vampir war. Stellte sich die Frage: was war schlimmer? Ein Vampir oder Tenri Hiragi? Sie würden es wahrscheinlich gleich herausfinden, ob sie wollten oder nicht. „Aoi!“, rief Kureto erneut. Sie antwortete wieder: „Ja?“ „Glaubst du,…“, er brach mitten im Satz ab und schwieg kurz bevor er weiter sprach, „…dass ich eine Chance habe?“ Natürlich! Er durfte heute nicht zögern: „Meister Kureto! Wenn ihr nicht siegt, hat die Menschheit keine Zukunft. Es ist nur gerecht, dass wir siegen!“ Kureto antwortete ihr nicht, doch sie konnte seine Unsicherheit spüren. Er musste mehr auf sich selbst vertrauen, sonst würde er auch nicht siegen. Aoi legte eine Hand auf seinen Rücken: „Selbst wenn Euer Schicksal besiegelt sein sollte,…“ Verdammt, sie wollte ihn doch motivieren: „…werde ich….“ Was gab sie da eigentlich von sich? „Nein“, brachte sie schließlich hervor, „Werden wir bis zum bitteren Ende an Eurer Seite bleiben!“ Waren das die richtigen Worte? Kureto sah sie von der Seite her an: „Okay! Dann mal los.“Kureto zertrümmerte mit Raimeiki die schwere Metalltür zum Thronsaal. Da war er, er erwartete sie bereits. Tenri Hiragi, General der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee und Oberhaupt der Familie Hiragi. Noch. Schon bald würde Kureto seinen Platz einnehmen. „Da bist du ja, Kureto“, seine raue Stimme drang an Aois Ohr. Sie spürte etwas, etwas Seltsames. Sie war schon öfters in Tenri Hiragis Nähe gewesen, doch noch nie hatte sie diese gigantische Aura gespürt, die sie fast zu erdrücken drohte. Was war das? Sie konnte selbst nicht fassen, was danach passierte. Aus dem Körper von Tenri schossen mehrere Ketten hervor, deren Enden die Form von Schlangenköpfen annahmen. „Du bist wirklich kein Mensch mehr“, damit sprach er aus, was vermutlich alle in diesem Raum dachten. Aber Kureto zögerte keine Sekunde: „Erhebe deine Stimme, Raimeiki!“ Die Macht des Dämons breitete sich im Raum aus. Kureto stürmte auf seine Vater zu: „Ich werde dich töten, Vater!“ Tenri ließ seine Ketten auf Kureto los, aber der wich geschickt aus. Kureto holte zum Schlag aus, doch Tenri zog die in seinem Stock verborgene Waffe und parierte den Angriff. „Ganz schön flott, Sohnemann“, stellte Tenri fest. „Dafür bist du langsam!“, entgegnete Kureto, „Gib den Thron frei!“ Tenri lachte einmal hohl: „Werde ich, aber du musst ihn dir verdienen.“Aoi holte mehrere Talismane hervor: „Ich errichte einen Bannkreis!“ Der diente als Ziel für den Engel. Doch mehr konnte sie nicht tun, um Kureto direkt zu unterstützen, denn einer von Tenris Leuten hatte sie bereits ins Visier genommen. Sie musste Kureto den Rücken freihalten. Sie zog ihr Schwert und umklammerte fest seinen Griff. „Aus dem Weg, Kleine!“, sagte er zu ihr. „Oh nein, das werde ich nicht tun!“, nie im Leben würde sie das. Was sich zwischen Kureto und seinem Vater abspielte bekam sie nur noch am Rande mit. Auch wenn ihr Gegner ihr nichts entgegensetzen könnte, sie musste aufpassen, dass sie sich nicht verriet. Es war als könnte sie jede seiner Bewegungen sehen, bevor er sie überhaupt tat. Ein falscher Schritt und ihre Identität könnte auffliegen. Sie sprang zurück und konnte sehen wie Kureto Tenris Kopf abtrennte. „Geschafft!“, hörte sie Kureto sagen. Aber irgendwie bezweifelte sie, dass es das schon war. Sie sollte Recht behalten, denn mehrere dieser Ketten kamen aus seinem Hals und verbanden seinen Kopf wieder mit seinem Körper. Wo kamen die nur her? Was war Tenri? Er schien über die Regenerationskraft eines Vampirs zu verfügen, doch Aoi war sich sicher, dass er keiner war. Auch Kureto schien jetzt besorgt: „Shit. Nicht mal das bringt ihn um?“ Er hatte es erfasst. Doch Kureto gab nicht auf. Es gelang ihm Tenri zurückzustoßen. Während sie sich mit dem Soldat duellierte konnte sie die Worte klar vernehmen, die gesprochen wurden. „Hör zu, mein Sohn. Ein König braucht keine Freunde“, seine Stimme kratzte in Aois Ohren. „Sei still!“, rief Kureto ihm zu. Doch Tenri schien sich davon nicht beirren zu lassen: „Du erbst das Schicksal der Hiragis. Ihr Schicksal ist auch dein Schicksal!“ Das Schicksal der Hiragis? Was hatte er damit gemeint? Kureto verengte seine Augen: „Seit still du Monstrum!“ „Du solltest still sein.“, entgegnete Tenri ihm, „ Keiner, der als Hiragi geboren wurde, hat es nötig, sich auf irgendwen einzulassen.“ „Und wen sollen wir dann führen?!“, antwortete Kureto ihm und griff erneut an, „Über wem stehen wir dann? Welchen Sinn hat ein König, der niemanden hat, den er beschützen könnte?“ Gut gesprochen, Kureto. Tenri lachte erneut: „Ein schwacher König hat auch keinen Sinn. Es ist deine Schwäche, die dich töten wird.“
 

Ein seltsames Geräusch drang an ihr Ohr, sie spürte wie etwas auf sie zukam. „Aoi!“, rief Kureto warnend. Aoi setzte zum Sprung an, die Schlangenartigen Wesen waren ihr schon sehr nahe. Sie würden sie treffen, zumindest wenn sie sich selbst nicht offenbarte. Sie bereitete sich darauf vor, ihre Maske fallen zu lassen, doch Kureto stellte sich vor sie. Sie konnte sein Blut riechen, sie erkannte diesen Geruch. „Kure…“, ihre Stimme stockte, die Ketten hatten Kuretos Bein und seine Schwerthand abgetrennt. Raimeiki landete mit seiner Hand auf dem Boden. „Neeeiiin!“, schrie sie. Der Wächter von Tenri näherte sich ihr: „Game over, Kleine. Zu dumm, dass ihr es gewagt habt, Meister Hiragi herauszufordern!“ Er holte mit seiner Waffe aus und zielte auf sie. Sie hob ihr Schwert: „Oh…Schwert, bitte! Lass mich jetzt nicht im Stich!“ Sie musste Kureto retten! All ihre Gedanken kreisten nur darum. Sie brauchte noch mehr Stärke! Sie nahm wahr, wie Tenri sich Kureto näherte, er war momentan völlig Schutzlos! Plötzlich spürte sie wie ein beißender Schmerz sich in ihrem Arm ausbreitete. Was war das? Dieses Kribbeln. Ihr Blick fiel auf ihre Hand. Aus dem Griff des Schwertes war ein Stachel gefahren, der sich um ihr Handgelenk geschlungen hatte und ihre Haut durchbrochen hatte. Die Klinge hatte sich blutrot gefärbt. Sie wusste nicht wie sie es gemacht hatte, aber sie schien ihre Klinge aktiviert zu haben. „Wa…Ist das etwa…“, stammelte der Wächter und taumelte einen Schritt zurück. Aoi stellte sich wieder auf ihre Füße und richtete ihr Schwert auf ihn: „Steh mir nicht im Weg!“ „Das kann nicht sein! Sie ist ein Va…Argh!“, bevor er seinen Satz beendet hatte, durchschnitt Aois Schwert seine Kehle. Er fiel zu Boden, das wars. Tenri Hiragi hatte seinen Kopf zu ihr gedreht und starrte sie direkt an. Aoi ging in Kampfstellung und hielt ihre rote Waffe vor sich. „Sieh einer an, was haben wir denn da? Das ist ja äußerst interessant. Ein Vampirschwert. Wie bist du…“, diese Worte waren nun eindeutig an Aoi gerichtet. Kureto stöhnte kurz auf: „Du redest zu viel, Vater!“ „Hä?“, Tenri war sichtlich verwirrt. Das war das Zeichen, sie musste jetzt weg. Sie schnappte sich Kuretos abgetrennte Körperteile, nahm Anlauf und sprang aus einem der Fenster. Ihr Schwert war wieder normal geworden, sie steckte es schnell wieder zurück. Das war also die Macht eines Vampirschwertes. Keine Sekunde später schlug der Energiestoß des Engels in das Gebäude. Den Rest musste Kureto erledigen, jetzt sollte er auch keine Probleme mehr haben. Sie konnte sich an einem der Fensterbretter festhalten und sich dann zu Boden lassen. Ihr Blick fiel nach oben. Hatte er ihn? Es sah so aus. Eine Welle der Erleichterung fuhr durch ihren Körper. Sie hatten es geschafft. Sie hatten es wirklich hinter sich gebracht. Zwar waren ein paar von diesen Leuten hinter ihr Geheimnis gekommen, doch die waren nun alle tot und konnten nichts mehr ausplaudern. Sie wollte sich schon entspannen, als sie erneut Kampfgeräusche wahrnahm. Sie schaute erneut nach oben. Kureto hatte Raimeiki erneut gezogen und schien gegen etwas zu kämpfen, aber Aoi konnte nicht erkennen was. „Das Signal!“, rief ein Soldat in einiger Entfernung, der ein Fernglas in der Hand hielt, „Vorbereiten zum Abschuss!“ Bitte? Hatten die den Verstand verloren? Sie rannte schnell zu ihm, auch wenn der Talisman nicht mehr zu wirken schien, er durfte nicht feuern! „Da…Das geht nicht!“, schrie sie förmlich, „Meister Kureto ist viel zu nah dran!“ Er drehte sich zu ihr, war aber offenbar so auf Kureto und den Engel fokussiert, dass er Aois rote Augen und spitze Ohren nicht wirklich zu bemerken schien: „Sei Befehl lautet ausdrücklich trotzdem zu schießen. Befehl ist Befehl.“ „Was?“, brüllte Aoi ihm ins Gesicht. Was dachte sich Kureto dabei? Urd Geales Punkte zur menschlichen Gesellschaft waren nicht unbedingt falsch, die machten wirklich alles was ihre Herrscher von ihnen verlangten. Das sie Kureto damit auch in Lebensgefahr bringen würden war ihnen wohl egal. Der Seraph of the End regte sich: „Feuer!“ „Nein!“, Aoi klemmte Kuretos Körperteile fest unter ihren linken Arm und zog ihr Schwert. Sie musste den Engel aufhalten, er durfte nicht feuern! „Schwert! Komm, wir müssen ihn stoppen!“, ihr Schwert gehorchte tatsächlich. Anscheinend musste sie ein festes Ziel vor Augen haben um es ihr Blut trinken zu lassen. Sie sprang auf die Überdachung der Eingangshalle, dass die Soldaten es sahen kümmerte sie gerade wenig. Doch in dem Moment erstarrte der Engel. Er blieb stehen, er bewegte sich nicht mehr, er hörte auf, Energie zu sammeln. Wieso das? Auch die anderen hatten es bemerkt. Hatte der Engel sich ihrer Kontrolle entzogen, genau wie Urd es vorhergesagt hatte? Würde er sie gleich alle vernichten? Aber nichts geschah, der Engel blieb still. Erneut fiel ihr Blick zu Kureto. Er schien nicht mehr zu kämpfen. Sie konnte seine Stimme hören: „Lass los, du Monster!“ Monster? Was für ein Monster? Sie konnte keines sehen. Was passierte hier eigentlich gerade? Kureto gab einen Schmerzenslaut von sich: „Wer oder was bist du überhaupt?“ Wenige Sekunden später fiel Kureto in die Tiefe. „Ist er ohnmächtig?“, rief einer der Soldaten. Es schien so: „Meister Kureto!“ Doch Kureto schlug sein Schwert in die Hauswand und konnte so seinen Fall bremsen. „Hey, Shikama Doji…Hast du von mir Besitz ergriffen? Was willst du von mir? Warum tust du das?“
 

Aoi sprang nach oben und es gelang ihr, Kureto aufzufangen. Sein Gewicht bremste ihren Sprung etwas. Sie musste allerdings feststellen, dass sie sich bei dem Sprung etwas verkalkuliert hatte. Sie landete recht weit weg von den Truppen. Ihre Beine knickten stark ein, aber zumindest hatte sie sich nicht die Beine gebrochen. Das war schwieriger als es aussah. Bei Urd hatte es so einfach ausgesehen, einfach hüpfen. Aber wahrscheinlich sollte sie in Zukunft vorher genauer berechnen wo sie hinwollte und vor allem wo sie landen wollte. „Schnell, holt Sanitäter für Meister Kureto!“, brüllte sie in Richtung der Soldaten und legte Kureto ab. Der Geruch nach seinem Blut stieg ihr noch immer in die Nase, aber sie versuchte den natürlichen Instinkt zu unterdrücken, was ihr recht gut gelang, obwohl ihr Körper schon wieder nach Nahrung schrie. Seine Körperteile platzierte sie an den richtigen Stellen. Hoffentlich kamen die Sanitäter schnell um die schweren Verletzungen zu versorgen. Ohne seine Dämonenwaffe wäre er nun wohl nicht mehr am Leben. Der Idiot! Warum war er vor sie gesprungen? Sie selbst hätte ihre Körperteile wieder anwachsen lassen können. Kureto machte heute echt was mit. Erst musste er schlucken dass Aoi ein Vampir war, dann hatte sie sein Blut gesaugt und jetzt noch das hier. Aoi legte zwei Finger an seinen Hals: „Bitte kommt wieder zu euch, Meister Kureto!“ Sie fühlte seinen Puls, sein Herz schlug also noch. Doch dann verschwand sein Blutgeruch. „Aoi…“, murmelte er leise. „Meister Kureto!“, über ihre Wangen liefen Tränen der Erleichterung. Moment, Tränen? Vampire können weinen? Wirklich? Kureto atmete tief ein und aus: „Wie sieht`s aus?“ „Der Sieg ist unser, Meister Kureto!“, sie wischte die Tränen weg, „Eure Armee hat Shibuya besetzt!“ „Besetzt…“. sagte er, „Sieg…“ Er war wieder bei Bewusstsein, das war gut. Wo blieben bloß die Sanitäter? Das konnte doch nicht so lange dauern oder hatten die anderen sie nicht gehört? Sie ließ ihren Blick über den Platz schweifen und spitzte ihre Ohren, aber sie konnte nicht hören, dass sich jemand näherte. „Aoi! Sieh“, Kuretos Stimme war überrascht. Aoi drehte sich zu ihm um. Sein Arm! Und auch sein Bein, beides war wieder angewachsen! Irgendwie…Aber Kureto war doch kein Vampir, wie konnte das sein? Doch Kureto gab ihr keine Antwort darauf: „Aoi…“ Vielleicht war es auch egal, sie hatten gesiegt und das war alles was zählte: „Jawohl!“ Dann passierte etwas, womit Aoi nie im Leben gerechnet hätte. Kureto nahm sie erneut am Hinterkopf und zog sie zu sich. „Ähm, Meister Kureto?“, ihr gesamtes Gesicht wurde röter, „Ich habe gerade gar keinen Durst.“ Doch Kureto führte ihren Mund gar nicht zu seinem Hals, sondern zu seinen Lippen. Was hatte er vor, doch nicht etwa… „Oh…Ähm…“, stammelte sie, „Das…“ Doch als sich ihre Lippen berührten wurde ihr Satz unterbrochen. Das war nah, noch näher als beim Blut trinken. Sie schloss langsam die Augen, ein wahres Gefühlschaos schien in ihre zu entbrennen. Hatte Urd Geales nicht gesagt, dass Vampire ihre Gefühle nicht mehr so intensiv wahrnahmen? Oder war das ein schleichender Prozess und es würde über kurz oder lang passieren? Doch sie liebte Kureto immer noch, nicht Kureto Hiragi, den General der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee, sondern Kureto, den Menschen. Schon kurz danach löste er sich wieder von ihr, sein Blick schien in die Ferne gerichtet. „meister Kureto. Was hat das...?“, fragte sie. Doch Kureto schaute sie ernst an, sagte jedoch: „reicht das, Raimeiki?“ „Hä?“, das war an seinen Dämon gerichtet gewesen. Was war los? Er sagte eine Zeit lang nichts, dann jedoch schien er seine Zähne zusammen zu beißen: „Shit…Zehn Stunden?“ Aoi ballte eine Hand vor ihrer Brust: „Ähm…ich…finde Euch schon sehr lange…“ Doch Kureto legte eine Hand auf ihre: „Ich habe versagt. Ich bin es nicht wert König zu sein! Ein Monster ist von meinem Vater auf mich übergegangen und versucht, von mir Besitz zu ergreifen.“ Ein Monster? War es das, wogegen Kureto vorhin noch gekämpft hatte? Das, was sie nicht hatte sehen können: „Hä? D…Das ist ja…“ „Ich kann nichts dagegen tun. Wenn ich meinen Dämon nicht ständig mit starken Begierden füttere gewinnt es die Oberhand!“, Kureto schaute auf seinen Schoß. „Be…Begierden? Dann war der Kuss nur…“, dabei schnürte sich ihr Herz förmlich zusammen. Es wäre wahrscheinlich fast stehengeblieben, wenn es noch schlagen würde. Aber was dachte sie da eigentlich? Das war jetzt nicht die Zeit, ihren Gefühlen das Ruder zu überlassen. Sie gab sich innerlich einen Ordnungsgong und sagte schließlich: „Verzeiht! Ich darf mich nicht gehen lassen…“ Kureto wirkte nach wie vor konzentriert: „Ich brauche viel stärkere Begierden…“ „Begierden…“, wiederholte sie, „Begierden…Was sollen wir jetzt tun?“ „Ich…weiß es nicht“, er schaute wieder nach oben und schien kurz zu überlegen, „Aoi, dieses Wesen…es nannte sich Shikama Doji. Er hat behauptet der erste Vampir gewesen zu sein.“ „Der erste Vampir? Aber wie kommt er hier her? Wieso war er in Eurem Vater? Warum sollte er die Vampire…das ergibt keinen Sinn“, das war es, was ihr als erstes in den Kopf kam.
 

Kureto griff sich an die Stirn: „Das ergibt es wirklich nicht. Er ist der Schöpfer der Vampire, warum sollte er wollen, dass wir seine Nachfahren vernichten? Seine Nachfahren…dieser Urd Geales ist ein Urahn zweiten Ranges. Er muss also direkt von ihm abstammen. Er kennt ihn also. Aoi, wenn wir nichts tun, dann wird er mich übernehmen. Du musst…Aoi?“ Sie spürte auf einmal einen Blick im Nacken, wie ein Stromschlag fuhr er durch sie. Jemand beobachtete sie, es bohrte sich förmlich in sie. „Was ist? Antworte doch!“, Kureto hatte ihre Hand zwischen seine genommen. Sie drehte ihren Kopf und schaute über ihre Schulter. Zuerst konnte sie nichts erkennen, doch dann erblickte sie eine Gestalt auf einem kleineren Gebäude gegenüber. Sie konnte die Person nicht genau erkennen, doch sie wusste irgendwie trotzdem instinktiv wer es war. Urd Geales, er war also doch mitgekommen. Sie hätte es sich vielleicht denken können. Wenn seine Sinne wirklich so scharf waren, wie sie vermutete, dann hatte er vermutlich auch ihr gesamtes Gespräch mitgehört, er wusste also nun bestens über Kuretos Zustand Bescheid. Das ist keine gute Situation. „Meister Kureto…“, sie konnte ihre Nervosität kaum verbergen, „Er ist hier. Er hat bestimmt alles gehört.“ „Wer?“, fragte Kureto, doch dann schien er es auch zu begreifen, „Verdammt, wie ist der hier reingekommen und das ungesehen? Da ist schlecht. Nachdem was du erzählt hast, wird ihm das bestimmt nicht gefallen haben.“ „Ich glaube, wenn er nicht entdeckt werden will, dann wird er auch nicht entdeckt. Ich habe ihn bei unserem ersten Treffen auch erst bemerkt, als ich quasi schon mit der Nase auf ihn gestoßen war. Außerdem ist ganz Shibuya im Chaos, da hat bestimmt niemand so genau aufgepasst“, folgerte Aoi, „Er kommt, er springt, ich höre ihn!“ Urd war von dem Gebäude abgesprungen und kam schnell näher. Kureto und Aoi sprangen auf ihre Beine. Beinahe völlig lautlos landete er vor den beiden. Sie konnte hören, wie sich Kuretos Herzschlag beschleunigte. Bis jetzt schien er nie wirklich Furcht vor Vampiren gehabt zu haben, aber die Gegenwart von Urd Geales schien selbst ihn nervös zu machen. Verdenken konnte sie es ihm nicht. Aber Urd Geales stand einfach nur ruhig vor ihnen, er schien keine Anstalten zu machen Kureto töten zu wollen, doch seine roten Augen waren ganz auf ihn gerichtet. „Das war keine schlechte Vorstellung“, begann Urd, „Ich gebe zu, ich bin durchaus…beeindruckt. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich es gut heiße.“ „Spiel dich nicht so auf, Blutsauger“, Kureto schien sich wieder etwas gefangen zu haben, „Für dich wäre das bestimmt ein Spaziergang gewesen oder etwa nicht?“ Urd schloss seine Augen: „Spaziergang? Nun, tatsächlich habe ich das vor nicht allzu langer Zeit schon mal gesehen. Kam ganz gut damit zurecht, aber mein Gegner war auch schon vorher kein Mensch gewesen.“ Er öffnete seine Augen wieder und schaute Aoi an: „Ich begrüße es zwar dass du zumindest versuchst dich an unsre Regeln zu halten, aber…“ Kureto lief schnell auf ihn zu und blieb nur wenige Zentimeter vor ihm stehen: „Hör auf zu jammern. Sie hat nichts getan. Sie hat sogar…“ „Ich jammere nicht“, sagte Urd kühl, „Ich stelle nur fest, dass sie sich in eine Grauzone bewegt hat, das ist alles.“ Na, das hatte ja gut begonnen, die beiden würden bestimmt beste Freunde werden...

Treffen

Kureto und Urd schauten sich weiterhin feindselig in die Augen. Kureto stemmte die Arme in seine Hüfte: „Ach, ich werde einfach nicht schlau aus euch Vampiren, da kann noch so viel Zeit vergehen.“ „Das beruht auf Gegenseitigkeit“, erwiderte Urd. Dann geschah etwas unerwartetes, den Kureto begann zu lachen: „Dann sind wir schon zu zweit.“ „Ich finde das…nicht lustig“, kommentierte Urd, das schien ihn etwas irritiert zu haben. „Dann kann ich dir auch nicht helfen“, sagte Kureto. Urds Blick verfinsterte sich: „Danke, aber ich brauche deine Hilfe auch nicht. Ich kann auch allein zurechtkommen.“ Urd hatte wirklich null Sinn für Humor. Kureto stöhnte: „Ach, du…egal, vergiss es. Das kapierst du wohl ohnehin nicht. Ich weiß zwar nichts über dich, aber…du hast, aus was für Gründen auch immer, Aois Leben gerettet. Das hätte ich nicht erwartet, doch trotzdem bin ich irgendwie ganz dankbar dafür. Auch wenn sie ohne dich jetzt nicht in dieser Situation wäre.“ Was machten die beiden da eigentlich? Urd verschränkte wieder seine Arme vor der Brust, das schien eine seiner liebsten Posen zu sein: „Nimm es einfach so hin. Ich weiß nicht mal selbst, woher ich diesen Drang genommen habe. Mag sein, du bist nicht allein. Ich wäre auch gerne in einer andern Situation, aber das Leben ist wohl kein Wunschkonzert.“ Kureto grinste: „Ist das so? Das geht dir wohl wirklich unter deine eiskalte Haut, was?“ Jetzt war es an Urd zu seufzen: „Nicht wirklich. Ich hätte nur viel anderes zu tun.“ Dann spitzte Urd seine Ohren und schaute links an Kureto vorbei. „Da kommt jemand, viele um genau zu sein.“ Auch Aoi hörte inzwischen, wie sich Schritte näherten: „Ich glaube, das sind die Sanitäter. Mann, die haben sich aber Zeit gelassen.“ Kureto schaute einmal über seine Schulter: „Sie dürfen euch beide nicht so sehen, erst recht nicht Aoi. Los, verschwindet von hier. Überlasst das hier alles mir.“ „Meister Kureto…“, sie ballte ihre Hände zu Fäusten, sie wollte ihn nicht im Stich lassen. Aber er hatte recht, wenn sie ihn und die beiden Vampire zusammen sehen würden, dann wären die Folgen nicht abzusehen. Urd legte eine Hand auf ihre Schulter: „Ich stimme dem Mensch zu, lass uns von hier verschwinden. Wir können später weiterreden. Ich bin sicher, dass wir uns noch mal sehen werden, Kureto Hiragi.“ Kureto hob seine Hand: „Sicher, dass denke ich leider auch. Aber das du mir gut auf Aoi aufpasst, Urd Geales. Ansonsten werde ich höchstpersönlich kommen und dich umlegen.“ Urd verzog keine Miene: „Das schaffst du sowieso nicht allein.“ Kureto lächelte herausfordernd: „Sol ichs mal versuchen?“ „Wir können uns duellieren, ganz klassisch. Mann gegen Mann“, erwiderte Urd, „Du bist tatsächlich ein Mensch, gegen den ich antreten würde. Aber nicht jetzt, ein andermal, wenn es die Situation zulässt. Was Aoi betrifft, so bin ich mir sicher, dass sie nun besser auf sich selbst aufpassen kann als du auf dich. Von daher mache ich mir keine Sorgen.“ Damit warf Urd sich Aoi über die Schulter und sprang los. „Keine Sorge, Meister Kureto. Ich finde einen Weg, um Euch zu retten, ich verspreche es!“, rief sie ihm noch zu, bevor er außer Hörweite war. Keine Sekunde später waren die Sanitäter und einige andere Soldaten vor Ort. Er landete auf dem Dach des Hauptgebäudes, wo er sie absetzte: „Lass uns nach Sanguinem zurückkehren, Aoi. Wir können die Einzelheiten später ausdiskutieren, wenn Lest Karr auch bei uns ist. Sieh das jetzt als Chance, deinen Körper besser kennenzulernen. Du scheinst noch ein paar Probleme mit der Koordinierung zu haben. Du musst dir schon vor dem Sprung überlegen wo du hinwillst. Dein Körper ist nun nicht mehr derselbe. Du musst aufhören wie ein Mensch zu denken. Wenn du so springst und kämpfst wie ein Mensch, dann bist du auch nur so gut wie ein Mensch. Aber du schaffst es, davon bin ich überzeugt. Es haben schon viele vor dir geschafft, mit weit weniger Potenzial. Gut, los geht’s. Wir müssen hier raus, ohne gesehen zu werden. Ich bin hinter dir.“
 

Urd hielt sich wirklich hinter ihr. Zuvor hatte sie rein instinktiv gehandelt, doch nun schaute sie das erst Mal bewusst nach unten. Die Höhe war beängstigend, aber es würde sie nun nicht mehr umbringen, selbst wenn sie da unkontrolliert hinunterfiel. Austesten wollte sie das aber nicht unbedingt. Am Anfang lief es noch etwas holperig und Urd musste sie ihr etwas Hilfestellung geben, aber so langsam kam sie damit klar, auch wenn sie sich sicher war, dass es noch die ein oder anderen Feinheiten gab. Niemand hielt sie auf, niemand versuchte auf sie zu feuern, niemand schien sie überhaupt zu bemerken. Es war einfach zu chaotisch. Sie erreichten ohne Probleme die Stadtmauern. „Es ist niemand hier, von dem unschönen Bild mal abgesehen“, kommentierte Urd die Szene, „Worum ging es überhaupt? Oder ist das ein Menschenkonflikt, den ein Vampir unmöglich verstehen kann?“ Es lagen noch viele gefallene Soldaten hier, ihr Blut klebte auf dem Boden. Das machte Aoi fast verrückt, seit sie von Kureto weg waren, war ihr Durst wieder rapide gestiegen. Urd stellte sich auf die Kante der Mauer: „Ich weiß. Du bekommst etwas zu trinken, aber nicht hier. Sieh es als Selbstbeherrschungstraining.“ Aoi räusperte sich einmal: „Mach ich.“ Das war eines der ersten Dinge, die sie in den Griff bekommen sollte. Dieser Blutdurst war so unangenehm, im Moment drehten sich ihre Gedanken nur darum. Bis gerade eben konnte sie sich noch gut ablenken, aber jetzt… „Dort hinüber. Von dort können wir einen Wagen nehmen“, holte Urd sie zurück in die Realität. Er nahm Schwung und landete perfekt an der vorgegebenen Stelle. Aoi kletterte auf die Kante, atmete noch einmal tief ein, versuchte die Höhe zu ignorieren und sprang.
 

Es war doch etwas knapp gewesen, aber Aoi hatte es dennoch irgendwie geschafft. Urd hatte das Steuer übernommen und Aoi saß neben ihm auf dem Beifahrersitz. Die erste Hälfte der Fahrt absolvierten sie schweigend. Es kam ihr fast wie Stunden vor, Stunden in denen ihr Durst immer weiter stieg. „Ich dachte du wolltest noch warten, bevor du menschliches Blut trinkst. Wie fühlst du dich?“, sagte Urd schließlich. Aoi schaute auf ihren Schoß: „Es hat sich so ergeben. Mit diesem Durst hätte ich nie kontrolliert kämpfen können. Also hatten wir nicht wirklich eine andere Wahl. Wie ich mich fühle? Erst mal nicht viel anders als zuvor. Aber irgendwie auch schon. Ich kann es nicht genau sagen.“ „Mhm…“, Urd schaltete einen Gang höher und rutschte etwas weiter in den Sitz zurück, „Ich verstehe. Was sich verändert hat, das wirst du im Laufe der Zeit merken. Du bist nicht nur stärker und alterst nicht mehr. Jetzt realisierst du es vielleicht noch nicht wirklich. Doch ab jetzt tickt die Uhr. Sobald wir Menschenblut trinken verlieren wir unsere Menschlichkeit, Stück für Stück. Ja, es wurde ein großes Blutbad angerichtet. Ich würde zu gern sagen dass mich das alles nicht interessiert aber nun hänge ich zum Teil auch mit drin, also erzähl.“ „Es ging um unseren bisherigen General, Tenri Hiragi. Wir wollten ihn besiegen um Kureto den Weg zu ebnen. Doch…“, Aois Körper verkrampfte sich als sie daran dachte, „Als wir gesehen haben, was aus ihm geworden war. Da war mir klar, wir müssen ihn ausschalten.“ Aoi lehnte sich gegen die Scheibe und beobachtete die vorbeiziehende Landschaft, die Ruinen um genau zu sein. Was anderes gab es hier ja nicht zusehen. „Dann war das also schon von langer Hand geplant. War mal wieder die Politik und Flügelkämpfe der Grund. Warum bringen sich Menschen wegen sowas gegenseitig um? Wir Vampire geraten zwar auch manchmal aneinander, aber für gewöhnlich bringen wir uns dann nicht um. Ich sollte wohl wirklich endgültig aufgeben, das zu verstehen“, antwortete Urd. Aoi lehnte sich wieder im Sitz zurück: „Das solltest du vielleicht.“ „Ja, vielleicht“, sagte Urd und bremste. Damit hielt der Wagen. „Wir sind zurück. Lass uns reingehen“, er öffnete die Autotür und machte sich daran Auszusteigen. „Urd?“, fragte Aoi. Er drehte sich noch einmal zu ihr um: „Ja? Was ist noch?“ Aoi legte eine Hand auf ihr Herz: „Wie lange wird es dauern bis ich meine Menschlichkeit vollständig verliere? Wann werde ich wirklich…eine von euch sein?“ Urd verharrte in seiner Position: „Das wird sich zeigen. Ich habe im Laufe der Zeit beobachtet, dass es vom Charakter der Person abhängt, wann sie auch im Geiste ein Vampir wird. Du wirst noch sehr lange leben, Aoi. Zumindest wenn du gut aufpasst. Der menschliche Geist ist für so eine lange Zeit nicht ausgelegt. Von daher ist es nur natürlich, dass er sich irgendwann verändert. Lass es einfach auf dich zukommen, man kann es ohnehin nicht verhindern.“
 

Lest Karr lag in einem der großen Sessel. Er schien entspannt. Aber bei der luxuriösen Ausstattung war das wohl kein Wunder. Obwohl sie nur ein paar Stunden fort gewesen war, so kam es ihr wie eine halbe Ewigkeit vor, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. „Der Frischling kehrt zurück. Wo sie sich herumgetrieben hat, ist nicht schwer zu erkennen“, Lest schlug seine Beine übereinander, „Du scheinst vollständig zu sein, Aoi. Setzt euch doch, du scheinst Durst zu haben, das sehe ich dir an der Nasenspitze an.“ Auf dem Tisch stand wieder die obligatorische Glaskaraffe, sie war bereits zum Teil leer, Lest Karr schien sich schon bedient zu haben. Urd nahm ein Weinglas vom Tisch und füllte es. Anschließend hielt er es Aoi hin: „Hier, trink. Bei uns brauchst du es nicht zu verstecken, wir wissen genau, wie es sich anfühlt.“ Sie nahm ihm das Glas ab, wenn auch etwas zögerlich. Dieser Geruch, es war nicht so gut wie Kuretos, aber dennoch reichte es. Es reichte, um sie völlig um den Verstand zu bringen. Urd navigierte sie zu der Couch und sie setzten sich. Sie hatte vorhin schon Kuretos Blut getrunken, aber bei ihm wusste sie, dass er es freiwillig für sie getan hatte. Hier hatte sie keine Ahnung, wer der Besitzer dieses Blutes war. Doch da musste sie wohl durch, sie hatte sich entschieden weiter zu leben. Bis sie das so gut unter Kontrolle hatte wie Urd, das würde noch dauern. Sie unterdrückte ihre Gefühle und nahm einige Schlucke. Es war kalt. Kein Vergleich zu Kuretos Blut. Dennoch reichte es um ihre Schmerzen zu lindern. „Wollt Ihr auch etwas, Meister Geales?“, fragte Lest und hob ein Glas an. Doch Urd schüttelte seinen Kopf: „Nein, aber danke. Ich habe schon getrunken.“ Sie konnte sich auch schon vorstellen wo er das getan hatte. Hoffentlich hatte er das gut kaschiert und das war auch bitte kein Zivilist gewesen. Sie trank das Glas aus und stellte es wieder zurück. „Da wir hier schon alle sitzen“, begann Urd, „Aoi, ist es in Ordnung, wenn Lest Karr erfährt, was in Shibuya vorgefallen ist?“ Er würde es ihm doch eh erzählen: „Ja, nur zu.“
 

Kureto saß in seinem Schlafzimmer. Er hatte es geschafft, Tenri Hiragi war Geschichte. Dennoch, ein bitterer Nachgeschmack hatte sich in ihm breitgemacht. Erster Punkt: Aoi war ein Vampir. Zweiter Punkt: ein geheimnisvolles Monster war in ihn eingedrungen und versuchte Besitz von ihm zu ergreifen. Dritter Punkt: Die Vampire hatten Verstärkung aus Europa erhalten und formierten sich neu. Sie hatten eine Menge mächtiger Adeliger mitgebracht. Der sogenannte hohe Rat der Urahnen, die höchste Institution der Vampire, setzte seine Priorität auf die Zerschlagung der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee. Der Urahn zweiten Ranges, Urd Geales, der stärkste Vampir der Welt, er war hier. Kureto hatte sich mit diesem Kerl unterhalten. Er hatte schon mit viel in seinem Leben gerechnet, aber bestimmt nicht damit. Er musste es der Armee mitteilen. Sie mussten davon erfahren, von der Invasion aus Europa. Früher oder später würden sie es ohnehin herausfinden. Warum also zögerte er? Er lachte, das war doch klar. Aoi. Sie war in Sanguinem, ebenso wie all diese Adeligen. Selbst wenn sie erneut den Seraph of the End einsetzten, die Vampire waren vorbereitet. Wie konnten sie besiegt werden? Konnten sie überhaupt besiegt werden? War das alles nur Zeitverschwendung? Wo steckte eigentlich Guren? Der hatte doch sonst immer die rettenden Einfälle. Musste er sich ausgerechnet jetzt in der weiten Welt herumtreiben? Gab es den niemanden, der ihm einen Rat geben konnte? Wer war gefährlicher? Dieses Monster in ihm oder die Vampire?
 

Lest Karr hatte ruhig zugehört, er blieb auch relativ ruhig. Nachdem Urd seine Erzählung beendet hatte streckte sich Lest Karr einmal und seufzte dann: „So was war das also wieder. Schon verstanden. Na ja, es ist ja nicht unbedingt was neues, dass die sich gegenseitig umbringen. Aber jetzt wird es vermutlich erst mal dauern, bevor sich die Wogen dort wieder geglättet haben. Wenn wir also angreifen wollen, dann wäre jetzt der richtige Zeitpunkt.“ „Rein strategisch betrachtet hast du recht, Lest Karr“, sagte Urd, „Doch als Kureto Hiragi seinen Vater besiegt hat, da ist etwas auf ihn übergegangen. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann war es die Seele des wahren Urahnen.“ „Wa…“, Lest Karr war sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. „Ja, das hat er gesagt…“, murmelte Aoi, „Er nannte sich Shikama Doji. Er hat wohl behauptet, der erste Vampir gewesen zu sein.“ „Das kann doch unmöglich sein!“, stammelte Lest, „Er ist schon seit Jahrtausenden verschwunden, gemeinsam mit Ashera Tepes. War er nicht zum Dämon geworden?“ Aoi legte einen Finger an ihr Kinn: „Wenn er wirklich ein Dämon ist, kann es dann nicht sein, dass er von Tenri Hiragi Besitz ergriffen hatte?“ „Das kann natürlich sein“, Urd erhob sich von seinem Platz, „Ich kannte Tenri Hiragi nicht. Aber Kureto schien noch nicht besessen zu sein.“ „Ist das auch sicher?“, Lest wirkte skeptisch, „Es könnte auch ein Trick gewesen sein, um uns in Sicherheit zu wiegen.“ „Raimeiki, Meister Kuretos Dämon, hält die Tür zu seiner Seele verschlossen. Aber er wird ihn nicht ewig abhalten können. Diese Kreatur muss raus aus ihm“, sagte Aoi. Lest stützte sein Kinn auf seine Hände: „Wie stellst du dir das vor? Wie sollen wir das anstellen?“ „Wir werden uns etwas einfallen lassen müssen“, sagte Urd, „Ich würde gern sagen, dass es mir egal ist, aber wenn Tenri Hiragi wirklich von Shikama Doji besessen war, dann ist nicht nur Kureto in Gefahr, sondern auch wir. Immerhin hat er es geschafft, dass eine gesamte Nation Jagd auf uns gemacht hat.“ Lest Karr schloss seine Augen: „Auch wenn ich das etwas seltsam finde. Ich meine, wenn es der wahre Urahn ist…warum macht er sich plötzlich Gedanken um uns? Das hat er doch vorher auch nie.“
 

Aoi hatte schon befürchtet, dass sie die Vampire in mühevoll davon überzeugen müsste, ihr dabei zu helfen, Kureto von diesem Wesen zu befreien. Aber wie es schien, waren auch sie davon überzeugt, dass diese Kreatur eine Gefahr darstellte. Sie hatten noch eine Weile zusammengesessen, Urd und Lest hatten sich über verschiedene Dinge unterhalten, Aoi konnte dabei größtenteils nur zuhören. Es war wohl um die Situation in Europa gegangen. So wie es klang, schienen die Vampire dort wirklich alles sicher in ihrem Griff zu haben. „Ich lege mich ein wenig hin“, damit verließ Lest Karr den Raum. Urd neben ihr studierte einige Papiere: „Du kannst dich gerne auch hinlegen, wenn du willst. Ich möchte gerne noch auf Ky Luc warten, bevor wir irgendetwas unternehmen, ich möchte seine Meinung dazu hören. Eventuell werden wir auch noch einmal Rücksprache mit dem Rest des hohen Rates halten. Dann können wir dich auch gleich offiziell vorstellen. Zwei Sachen in einem erledigt. Die anderen haben auch ein Recht darauf zu erfahren, was hier vor sich geht.“ Er wollte sie… „Du willst mich denen vorstellen?“, fragte sie. Sie hatte mit viel gerechnet, aber das sie jemals diesen hohen Rat zu Gesicht bekommen würde, damit nicht. Urd schaute an seinen Papieren vorbei, direkt zu ihr: „Natürlich. Du bist eine Urahnin siebten Ranges und irgendwann wirst du die entsprechende Verantwortung übernehmen. Bis dahin wird es noch etwas dauern, aber irgendwann muss der hohe Rat von dieser Verwandlung erfahren, je eher, desto besser. Ich bin das Oberhaupt des Rates, ich muss mich vor allen anderen an die Regeln halten.“ Zumindest hatte er Verantwortungsbewusstsein. Er war keiner dieser Anführer, die der Meinung waren, das die Regeln nur für die Untergebenen zählten und für ihn selbst nicht. „Uh…wenn es sein muss…“, sagte sie schließlich. Urd nickte zufrieden und ließ seine Unterlagen in einem weißen Umschlag verschwinden: „Scheint alles soweit in Ordnung zu sein.“ Er legte den Umschlag auf dem Tisch ab und ging zu einem der Schränke. Er öffnete eine Schublade und holte eine quadratische Pappschachtel heraus. Er öffnete sie und darin befand sich eine schwarze, runde Platte. Er begutachtete sie von allen Seiten: „Die scheint wirklich noch funktionstüchtig zu sein. Das ist fast schon ein Wunder.“ Aoi runzelte die Stirn: „Was ist das?“ Urd sah davon auf: „Das kennst du wohl nicht mehr? Eine Schallplatte ist das. Bevor Kassetten und CDs erfunden wurden, waren Schallplatten eine gängige Methode, Musik auf zu zeichnen und abzuspielen. Erinnerst du dich an das Einkaufszentrum, wo wir uns begegnet sind? Ich habe sie dort gefunden. Ich ging davon aus, dass sie niemand vermissen wird, also habe ich sie mitgenommen. Es wäre eine Schande für die Kunst gewesen, sie da verrotten zu lassen. Allerdings ist die Schrift schon so verblasst, dass ich nicht weiß was drauf ist. Bisher hatte ich noch nicht wirklich die Zeit, es auszuprobieren.“ „Da ist Musik drauf? Ist das nicht etwas unpraktisch? Worauf spielt man das ab?“, fragte Aoi. Urd Geales schien wirklich auf Musik zu stehen, nicht nur auf Ballett. „Auf einem Grammophon spielt man die ab. Beides gibt es heute nicht mehr so oft zu finden. Aus heutiger Sicht ist es vielleicht auch unpraktisch, aber damals war es eine Revolution“, er ging zu einem Holzkasten, der auf einer der Kommoden stand und legte die Platte hinein. Er führte die Nadel auf die Platte. Wenige Sekunden später gab der Kasten eine ruhige Klaviermusik von sich. Urd schloss entspannt seine Augen: „Ja…das ist ein schöner Walzer. Den habe ich noch nicht auf Schallplatte.“ Beruhigend war diese Musik wirklich. Urd öffnete seine Augen wieder: „Sag, Aoi. Kannst du tanzen?“…

Tanz

Was sollte die Frage den jetzt? Hoffentlich hatte er das jetzt nicht wirklich vor. „Nein. So etwas lernt man heute nicht mehr. Bei mir stand von Anfang an der Umgang mit dem Schwert im Vordergrund“, erwiderte sie. Urd ging auf sie zu und reichte ihr eine Hand: „Dann komm. Ich kann es dir beibringen.“ Musste das sein? Aber Urd ließ nicht locker. Sie seufzte ergeben und nahm seine Hand. „Leg deine linke Hand auf meine Schulter…genau so. Die rechte nehme ich“, erklärte er, während er seine Linke an ihre Hüfte legte. „Sehr schön, die Grundhaltung steht. Jetzt machst du mit deinem linken Fuß einen Schritt nach hinten und ich einen mit dem rechten nach vorn. Keine Sorge, ich führe dich“, fuhr er seine Instruktionen fort. Der Anfang war kompliziert, sie trampelte ihm zwar nicht viel auf den Zehen herum, aber tapsig stellte sie sich trotzdem an. Doch Urd ließ das alles über sich ergehen, die Geduld schien ihm nicht auszugehen. Nachdem sie die Grundschritte einigermaßen beherrschte wurde er schneller und begann sich zu drehen. Das war doch einfacher als sie dachte, nicht so komplex wie kämpfen. Aber etwas sagte ihr, dass es auch hier wieder viele Variationen und Unterschiede gab. „Verkrampf dich nicht so. Das ist kein Kampf, also lass die Anspannung fallen“, sagte er. Leichter gesagt als getan. Das war wirklich nicht ihr Element, aber es schien Urds zu sein. Er schien es zu genießen. „Ich versuche es“, antwortete sie, „Aber ich glaube, das ist einfach nicht meins.“ „Das ist nur ein einfacher Walzer. Kein Gefühl für Musik?“, fragte er. Sie blieb kurz stehen: „Nicht wirklich, ich habe mich nie damit beschäftigt. Weder hiermit, noch mit Ballett.“ „Ballett ist etwas völlig anderes als das hier. Diese Form des Tanzes erlernt man nicht mal eben in ein paar Minuten. Die meisten Tänzer trainieren dafür fast ihr gesamtes Leben lang. Schon als Kleinkinder. In Russland war das eine große Tradition“, erzählte Urd ihr und ließ sie los. Jedes Land hatte halt seine eigenen Dinge. Doch sie selbst könnte sich nie vorstellen, ihr gesamtes Leben lang zu tanzen. Aber jedem das seine. Urd nahm die Nadel wieder von der Schallplatte und verstaute sie wieder in ihrer Hülle. „Wie lange dauert es noch, bis Ky Luc wieder zurück ist?“, fragte Aoi nach. „Wir haben gerade mal zwei Tage hinter uns gebracht. Also noch acht“, Urd lief wieder zurück zum Glastisch in der Mitte, „Nutze die Zeit, um dich mit allem vertraut zu machen. Wir sehen uns später, ich würde dir gerne noch ein paar Dinge erklären, die du noch beachten solltest. Ich möchte mich etwas hinlegen, das solltest du auch tun. Vampire müssen zwar theoretisch nicht schlafen, aber nach den heutigen Ereignissen kann das nicht schaden. Hast du noch Durst? Wenn ja, dann bediene dich. Wenn es uns an Blut mangelt verlieren wir unseren Verstand. Glaub mir, das willst du nicht.“
 

Damit war auch Urd weg. Acht Tage…so lange sollten sie noch warten. Hoffentlich hielt Kureto so lange durch. Er musste einfach. Ihr Blick fiel auf die Glaskaraffe, die noch auf dem Tisch stand. Urd hatte ihr zwar gesagt, sie solle sich bedienen, aber sie würde jetzt nichts mehr nehmen. Irgendwann musste sie damit anfangen, das zu trainieren. Sie konnte sich nicht immer nur von einer Mahlzeit zur nächsten hangeln. Am besten wäre es, wenn sie ihren Durst irgendwie ganz ausblenden könnte. Bis dahin brauchte es wohl noch eine Menge Training. Sie nahm den Deckel und setzte ihn auf das Gefäß. Anschließend hob sie es an und nahm es mit, gemeinsam mit einem der Weingläser. Das hatte ihr niemand verboten, sie würde es schon wieder zurückbringen. Sie verließ den Salon. Der Gang war völlig leer und auch alle Lichter waren gelöscht, aber das war nun kein Hindernis mehr für sie. Ihre Schritte hallten auf den Fließen wieder, als sie sich auf den Weg zurück in ihren Raum machte. Sie ging jetzt einfach davon aus, dass es weiterhin ihr Raum war. Niemand hatte ihr etwas Gegenteiliges gesagt. Diesmal fand sie den Weg auch, ohne sich zu verlaufen. Als sie gerade an der Tür angelangt war, hörte sie ein seltsames Knacken. Sie erstarrte und spitzte ihre Ohren. Was war das? Nach ein paar Sekunden ertönte es wieder. Es klang wie ein Funkgerät, aber woher? Dann fiel es ihr wieder ein. Sie hatte noch eins. Bei dem überstürzten Aufbruch aus Shibuya hatte sie glatt vergessen, es Meister Kureto zurückzugeben. Es war besser, wenn die anderen Vampire das nicht wussten. Da ihre Hände voll waren musste sie die Tür mit dem Ellenbogen öffnen. Sie trat schnell ein und zog die Tür wieder zu. Anschließend stellte sie ihre Last auf dem Nachttisch ab und setzte sich auf ihr Bett. Sie zog das Funkgerät aus ihrer Tasche heraus. Es schien tatsächlich zu funktionieren. Anscheinend hatten die Vampire den Funkverkehr wieder hergestellt. „…oi?“, krächzte es aus dem Gerät. Es war Meister Kuretos Stimme, da war sie sich sicher. Sie betätigte den Sprechknopf: „Meister Kureto? Seid Ihr es?“ „Aoi! Es scheint zu funktionieren. Für einen Moment habe ich mir Sorgen gemacht. Wie geht es dir? Alles in Ordnung?“, seine Stimme klang etwas erleichtert. Das fragte gerade er? Das hätte wohl eher ihr Text sein müssen. „Mir geht es gut, bis auf die…bekannten Probleme, Ihr wisst schon“, antwortete sie ihm, „Was ist mit Euch? Hat sich dieses Ding schon irgendwie bemerkbar gemacht?“ Es dauerte etwas, bis ihr geantwortet wurde: „Noch hat Raimeiki ihn im Griff. Aber wenn ich meinen Dämon nicht ständig mit starken Begierden füttere, dann könnte es sich ändern. Ich hatte schon befürchtet, dass du doch noch Probleme bekommen könntest, so wie der reagiert hat.“ Begierden…das war ein zweischneidiges Schwert. Zum einen kann Raimeiki damit vielleicht ein Eindringen von Shikama Doji verhindern, aber andererseits machte Meister Kureto sich damit verwundbar. Er könnte sich dadurch selbst in einen Dämon verwandeln. Aoi ließ sich in die Kissen fallen: „Nein, es ist bei der einen Ansage geblieben, die ihr auch mitbekommen habt. Außerdem haben wir jetzt noch Zeit bekommen. Urd Geales hat beschlossen zu warten, bis auch der dritte im Bunde wieder zurück ist. Die Sonnenfolter dauert noch acht Tage. Bis dahin, fürchte ich, kann ich erst einmal nicht viel tun.“ „Ich komme schon klar“, versuchte er sie zu beruhigen, „Unser Forscherteam untersucht dieses Phänomen bereits. Guren ist hoffentlich auch bald zurück. Wir finden schon eine Lösung.“ Muss ich es als erste sagen?“, Aoi drehte sich auf die Seite, „Ich traue Guren Ichinose nicht.“ „Mag sein, aber er hat bisher noch jede Situation meistern können, egal wie sehr sie aus dem Ruder gelaufen ist. Deshalb denke ich, er könnte uns noch nützlich sein“, versuchte er sie davon zu überzeugen, „Noch etwas, Aoi. Wenn ich jemals von diesem Wesen übernommen werde, wenn ich mich bis zur Unkenntlichkeit verzerren sollte…dann musst du mich töten. Ich will die Menschen nicht in Gefahr bringen.“ Aois Hände krampften sich um das Funkgerät: „Meister Kureto! Wir werden eine Möglichkeit finden, Euch zu retten. Es wird nicht dazu kommen!“ „Beruhige dich, Aoi. Das war nur ein Hinweis, für den Fall das es zum schlimmsten kommen sollte“, erklärte er ihr, „Genug davon. Du bist bestimmt erschöpft. Ruhe dich etwas aus.“ „Meister Kureto“, sagte sie schließlich, „Ihr wisst es doch selbst. Ich bin ein Vampir, ich muss nicht mehr schlafen. Ich schalte das Gerät dann aus. Die Vampire müssen nicht unbedingt darüber Bescheid wissen. Ich melde mich, sobald ich etwas Neues erfahre.“
 

Aoi lag noch eine Weile auf dem Bett und hing ihren Gedanken nach. Müde war sie tatsächlich nicht, trotz all der Kämpfe und Aufregung an diesem Tag. Wie sollte sie einschlafen, wenn sie überhaupt nicht müde war? Sie stand wieder auf und begann damit, ihre Uniform auszuziehen. Vermutlich würde sie ohnehin wieder sie der Vampire tragen müssen. Sie löste ihre Frisur und ging in das Bad. Es war deutlich größer als das auf dem Schiff, aber das war zu erwarten gewesen. Es gab sogar eine Badewanne. Verschiedene Sorten Shampoo und Duschbad standen bereit. Es gab sogar Badeschaum. Bei ihren vorherigen Besuchen war ihr das alles gar nicht so aufgefallen, vermutlich weil sie genug mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war. Die ließen es sich also gut gehen. Sie drehte den Wasserhahn auf und hielt ihre Hand unter den Strahl. Es war angenehm warm. Ihr letztes, richtiges Bad war wahrscheinlich schon Jahre her. Sie hatte dafür nie wirklich die Zeit gehabt, es war eher auf eine simple Dusche hinausgelaufen. Jetzt hatte sie ja die Zeit. Zwar hatte sie ein wenig schlechtes Gewissen, doch dieses eine Mal wollte sie sich das gönnen. Sie ließ die Wanne volllaufen und zog auch ihre Unterwäsche aus. Anschließend stieg sie ins Wasser und ließ sich auf dem Boden nieder. Sie schloss ihre Augen und genoss das warme Wasser, sie brauchte schon gar keinen Schaum mehr. Sie legte ihren Kopf auf dem Rand ab und schloss die Augen. Sie blieb eine Weile in dem Wasser sitzen. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte zog sie wieder das weiße Nachthemd an und ließ sich wieder auf das Bett fallen. Wie sollte sie schlafen, sie war nicht im Geringsten müde. Dennoch kroch sie unter die schwere Decke und zog sie bis zum Kinn. Eine Zeit lang schaute sie einfach nur in Richtung Fenster, doch irgendwann gelang es ihr irgendwie einzuschlafen.
 

Zunächst wusste sie nicht, was sie geweckt hatte. Doch spätestens als sie sich wieder ihres Körpers bewusst wurde, die Decke über sich spürte und das schummerige Licht der Straßenlaternen wahrnahm wusste sie was. Ihr Hals. Ihre Kehle stand förmlich in Flammen. Durst…Sie hatte schon wieder diesen unbeschreiblichen Durst. Wie lange hatte sie geschlafen? Es mussten ja Stunden gewesen sein, wenn es schon wieder so schlimm war. Das war doch zum verrückt werden. Sie befreite sich aus den vielen Kissen und rutschte an den Bettrand. Die Karaffe stand noch immer auf dem Nachttisch, wäre also kein Problem. Doch wenn sie jetzt Blut zu sich nahm, würde ihr das dabei helfen, ihren Durst besser zu kontrollieren? Oder machte es das nur noch schwieriger für sie? Urd hatte ihr diesbezüglich noch keine Tipps gegeben. Allerdings hatte Lest Karr gesagt, sie solle trinken, wenn sie Durst hatte, von daher hoffte sie, dass es schon in Ordnung ging. Sie nahm den Deckel ab und füllte ihr Glas. Sie stellte das Glas auf dem Tisch ab. Nur Geduld, Aoi. Nur Geduld. Du kannst das unter Kontrolle bringen. Sie legte den Deckel wieder zurück auf das Gefäß. Eine Weile schaute sie das Blut einfach nur an, bevor sie es in ihre Hand nahm und langsam an ihre Lippen setzte. Schon nach dem ersten Schluck war sie wieder am Limit, doch es gelang ihr, sich loszureißen. Sie versuchte es weiter, aber es war wie ein hangeln von einem Schluck zum nächsten. Erst als es leer war, spürte sie wieder Ruhe in sich. Das konnte ja noch was werden. Wenn es ihr bei einem echten Menschen genau so ging wie mit diesem Glas, dann wäre der jetzt tot. Bei Kureto hatte sie es geschafft, weil sie ihn kannte und ihn etwas mit ihr verband. Sie brauchte deutlich mehr Disziplin, Urd musste ihr das jetzt unbedingt mal beibringen. Sie sprang von ihrem Bett und nahm sich Kleidung aus dem Schrank. Die Uniform der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee hatte sie fein säuberlich in den Schrank sortiert, sie würde sie vielleicht noch einmal brauchen, sie hoffte es fast. Zwar hatte sie Urd gut auf die Finger geschaut, als er ihre Schleife neu gebunden hatte, aber es umzusetzen erwies sich als schwieriger. Es sah zwar schon besser aus als das erste Mal, aber auch noch nicht perfekt. Warum mussten die Vampire so komplizierten Schnick Schnack an ihrer Kleidung anbringen? Ohne sah es doch sowieso besser aus. Aber diese Uniform war vermutlich schon wer weiß wie viele Jahrhunderte der Standard. Mode veränderte sich immer wieder, musste wohl damals schick gewesen sein. Aber Vampire schienen sich um Kleidung wohl ohnehin nicht großartig zu scheren. Aoi brachte ihr Schwert an der Halterung an und streckte sich einmal. Anschließend verließ sie ihren Raum und begann Urd zu suchen.
 

Im Salon war er nicht. Er lief ihr auch nicht über den Weg. Am Ende war er irgendwo draußen in Sanguinem unterwegs, dann würde sie ihn nie finden. Könnte aber auch sein, dass er noch schlief. Vielleicht sollte sie mal in seinem Zimmer nachsehen…aber leider hatte sie keine Ahnung, was überhaupt sein Zimmer war. Dieser Ort war einfach ein Labyrinth, jeder Gang sah irgendwie gleich aus. Irgendwann hörte sie das Geräusch von Klingen. Da kämpfte anscheinend jemand. Sie folgte den Geräuschen und erreichte schon bald einen großen, fast leeren Raum. An der Wand hingen einige Waffen und alte Gemälde. Das Geräusch war von zwei Frauen verursacht worden, die sich hier anscheinend im Kampf übten. Es waren Chess und Horn, das ungleiche Paar adeliger Vampire, die sie bereits kurz nach ihrer Verwandlung kennengelernt hatte. Während Chess mit schnellen Bewegungen und kurzen Stichen angriff schien Horn die meiste Zeit mit der Abwehr beschäftigt zu sein. Sie demonstrierten ihr also gleich, was ihre Stärken waren. Schwert und Schild sozusagen. Es wirkte jedoch eher so, als wären ihre Techniken hauptsächlich auf Unterstützung ausgelegt. Gehörte also noch eine dritte Person dazu? Wenn, dann war diese nicht hier. Sie sah ihnen eine Weile zu. Doch als sie Aoi bemerkten stoppten sie ihren Kampf. Zumindest Horn tat das. Chess schien weiter angreifen zu wollen, doch Horn machte im letzten Moment eine elegante Drehung zur Seite. Damit hatte ihre Partnerin wohl nicht gerechnet, denn sie fiel prompt auf die Nase. „Aua! Horn, was soll das? Wolltest du nicht deine Abwehr trainieren?“, beschwerte Chess sich lauthals. Horn stemmte eine Hand in die Hüfte: „Habe ich doch. Du hast angegriffen und ich habe abgewehrt, indem ich formvollendet ausgewichen bin.“ Chess sprang auf ihre Füße: „Sehr witzig, Horn.“ „Damit sollte man auf dem Schlachtfeld rechnen, Chess. Pass besser auf, sonst erwischt es dich noch. Soll ich etwa mein gesamtes Leben lang einsam und allein verbringen?“, Horn schulterte ihre große Lanze. „Ich lass mich schon nicht umbringen“, sicherte Chess ihr zu, „Außerdem ist Fürst Crowley ja noch da. Du wärst doch gerne mit ihm allein, oder?“ Chess grinste verschmitzt und Horn stieg sichtbar die Röte ins Gesicht. Warum das? Sie konnte doch nicht in diesen Crowley verliebt sein, oder? Sie war doch ein Vampir. Aber vielleicht war sie noch nicht so lange ein Vampir, Aoi hatte auch immer noch Gefühle für Kureto. Aber wie lange noch? Wie lange würde es dauern, bis Kureto für sie nicht mehr viel bedeutete? Das machte ihr ehrlich ein wenig Angst. Horn legte ihre Finger präzise aneinander und ihrem verlegenen Gesichtsausdruck ein besorgter gewichen: „Wo wir gerade über Fürst Crowley reden…Wo ist er eigentlich? Warum hat er uns hiergelassen? Ich mache mir langsam Sorgen um ihn.“ „Keine Ahnung“, Chess zuckte mit ihren Schultern, „Er war mit Ferid unterwegs, aber der brutzelt ja jetzt in der Sonne.“ Stimmt, Ferid war der Silberhaarige gewesen. Horn schien nicht begeistert: „Oh je. Ferid Bathory bedeutet immer Ärger. Ich hoffe, dass Fürst Crowley sich nicht in seine Spielchen mit hineinziehen lässt.“ Der schien ja wirklich keinen guten Ruf hier zu haben, auch Urd hatte ihn einen Unruhestifter genannt. Aoi konnte sich vorstellen, dass es in der Vampirgesellschaft nichts Schlimmeres gab, als einen schlechten Ruf zu haben. Vampire waren ja allgemein nicht als die geselligsten Kreaturen bekannt. Wenn man sich hier unbeliebt machte, dann gingen einem die anderen ja noch mehr aus dem Weg. Vermutlich wurde man dann auch noch häufiger vom hohen Rat kontrolliert. Keine gute Position. Dann drehte sich Chess zu ihr um und begann ihr zuzuwinken: „Hey, willst du mitmachen?“ „Cheeess!“, Horn stupste mit einem Finger gegen ihre Schulter. Chess fuhr zu ihr herum: „Was denn?“ Horn schaute wieder zu Aoi: „Du hast dich noch nicht mal vorgestellt. Da willst du sie schon zu einem Übungskampf herausfordern?“ Konnte man eigentlich noch unterschiedlicher sein? „Oh Mann, Horn. Jetzt übertreib mal nicht“, Chess rollte mit den Augen, „Aber meinetwegen. Ich bin Chess Bell, eine Urahnin 17. Ranges. Willst du mit uns trainieren?“ Sie war also auch auf Rang 17. Dann war dieser Crowley vielleicht ihr Meister. „A-Also…eigentlich war ich auf der Suche nach U-… Meister Geales. Doch ein paar Minuten kann ich sicher teilnehmen“, sie hatte sowieso keine Ahnung wo sie suchen sollte. Außerdem war das die perfekte Gelegenheit auszutesten, wie gut sie sich gegen Adelige mit niedrigeren Rängen behaupten konnte. Horn stützte einen Arm mit ihrem Ellenbogen: „Sicher? Sollten Sie dann nicht eher-“ Doch Chess quatschte ihr einfach dazwischen: „Wunderbar! Dann lasst uns loslegen! Ich fang an.“
 

Chess zog schwungvoll ihre Waffe. Also gut, jetzt zählte es. Ein Duell gegen eine Adelige. Noch vor ein paar Wochen hätte sie sich selbst für verrückt erklärt, das auch nur zu versuchen. Aber jetzt war der Unterschied wahrscheinlich nicht mehr so gravierend. Horn lehnte an einer Wand und musterte beide mit einem undefinierbaren Blick. Aois Hand legte sich um ihr Schwert und sie nahm ihre Ausgangshaltung an. Chess war schnell, sehr schnell. Im letzten Moment noch konnte sie ihre Waffe ziehen und den Hieb parieren. Wäre sie noch menschlich gewesen, sie hätte nicht so schnell reagieren können, da war sie sich sicher. Ihr gesamter Kampfstil schien sich um ihre Geschwindigkeit aufgebaut zu haben. Sie hatte eine hohe Angriffsfrequenz, Aoi war fast die gesamte Zeit über mit der Abwehr beschäftigt. Chess hatte deutlich mehr Erfahrung im Umgang mit ihrem Körper als Aoi, das merkte sie gerade. Dadurch konnte sie Möglichkeiten sehen, die Aoi nicht sah. `Wenn du so kämpfst und springst wie ein Mensch, dann bist du auch nur so gut wie ein Mensch.` Die Bedeutung dieser Worte wurde ihr in dem Moment bewusst. Auch wenn sie körperlich nun ebenbürtig war, Kraft war eben nicht alles. Es kam auf die richtige Technik an, sie musste ihren bisherigen Stil an ihren neuen Körper anpassen. Gegen die Menschen kam sie so gut an, aber die meisten anderen Vampire waren älter als sie. Gab es überhaupt einen Vampir, der jünger war als sie? Wahrscheinlich nicht. Horn war Chess vorhin ausgewichen und hatte sie so irritiert. Vielleicht sollte sie das mal versuchen. Dann musste sie aber den richtigen Moment abpassen. Sie sah, wie Chess beide Hände um ihre Klinge legte. Das war ihre Chance, wenn sie jetzt auswich würde Chess sich nicht gut abfangen können. Sie blieb ruhig stehen und ging in Abwehrstellung. Sie wartete, die Klinge war nah, sie wartete immer noch ab. Sie sah die Klinge fast in Zeitlupe auf sich zurasen. Erst kurz vor der Kollision sprang Aoi nach rechts, die Klinge streifte zwar ihren Unterschenkel und fügte ihr eine längliche Schnittwunde zu. Aber Chess hatte dadurch ihr Gleichgewicht verloren. Sie fiel zwar nicht hin, strauchelte jedoch. Das war ihre Chance, die Wunde konnte sie ignorieren da sie ohnehin gleich heilen würde. Chess konnte ihren Angriff zwar abwehren, aber Aoi hatte ihre Angriffswelle unterbrochen. Sie war wirklich eine reine Angreiferin und wahrscheinlich kam Horn die Aufgabe zu, Angriffe abzuwehren. Kein Wunder, dass die Soldaten der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee an ihnen gescheitert waren. „Nicht schlecht“, sagte Chess schließlich, „Respekt, du bist wirklich stark.“ Horn seufzte: „Das war zu erwarten, Chess. Sie ist schließlich von Meister Urd Geales zum Vampir gemacht worden. Dennoch merkt man ihr deutlich an, dass es ihr noch an Erfahrung fehlt. Oder wären Sie allein auf die Idee auszuweichen gekommen, wenn ich es nicht vorgemacht hätte? Sie müssen einfach weiter üben, bald wird sich dieser Körper wie von selbst bewegen.“ Da hatte sie wahrscheinlich Recht. Zwar war sie Chess im Rang überlegen gewesen, aber sie war auch wesentlich älter. Horn kam näher und legte ihren Kopf etwas schräg: „Verlieren Sie nicht den Mut, Meister Geales kann Ihnen bestimmt mehr beibringen als wir.“...

Morgen

Aoi stand vor einer unscheinbar wirkenden Tür. Nachdem sie sich von den beiden adeligen Frauen verabschiedet hatte, hatte sich Horn noch einmal ihrer erbarmt und ihr den Weg zu Urds Zimmer beschrieben. Allein hätte sie diese Tür, die genauso aussah wie alle anderen, nie gefunden. Sie klopfte leise an der Tür, so weckte sie ihn vielleicht nicht, falls er noch schlief. Sie öffnete die Tür und trat ein. Urds Zimmer schien sich im Aufbau nicht sonderlich von ihrem zu unterscheiden. Sie konnte seinen Mantel erkennen, er hing auf einem Kleiderbügel an der Schranktür. Geschlafen hatte er anscheinend, die Bettdecke war zurückgeschlagen und die Kissen zerwühlt. Zu sehen war er allerdings nirgends. Sie wollte schon wieder gehen als eine Stimme aus dem Nebenraum erklang: „Ich bin im Bad, Aoi.“ Die Tür zum Bad wurde einen Spalt breit geöffnet und Aoi konnte ein Geräusch hören, als würde sich jemand die Zähne putzen. Betrieb er tatsächlich Zahnpflege? Es schien so. War das unter Vampiren Standard oder machte nur er das? Aoi setzte sich auf einen Stuhl und wartete. Schon wenige Minuten später erschien er in der Badtür. Er trug nur eine Hose und sein Hemd war noch aufgeknöpft, auch seine Haare waren noch komplett wirr. Lange schien er also noch nicht auf zu sein. Er begann damit sein Hemd zuzuknöpfen: „Ich bin gleich soweit. Ich würde gerne noch etwas besprechen, danach können wir uns gerne deinem Training widmen.“ Er sprach das also ganz von allein an: „Ich gebe zu, etwas Training könnte nicht schaden. Was ist noch?“ „Es geht um etwas, was wir gestern bereits angeschnitten haben. Der hohe Rat, er wünscht einen Lagebericht. Es haben sich bereits einige bei mir gemeldet. Ich fürchte, wir müssen das ganze vorverlegen. Wir werden nicht auf Ky Luc warten bevor der Ahnenrat informiert wird“, er sagte das so einfach. Das war unerwartet und passte ihr so gar nicht in den Kram. Sie hatte gehofft, noch einige Zeit zur Vorbereitung zu haben, bevor Urd sie sozusagen ins Haifischbecken warf. Urd warf sich seine Weste über: „Schau nicht so missmutig. Der Rat kann nicht durch die Bildschirme springen, um dir den Kopf abzureißen. Wobei du das sogar überleben würdest.“ Aoi klemmte ihre Hände zwischen ihre Oberschenkel: „Und was willst du denen erzählen, warum du mich verwandelt hast? Willst du denen sagen, dass du eine Vampirjägerin verwandelt hast?“ „Dazu muss ich gar nichts sagen. Selbst wenn ich es erzählen würde, Vampire interessieren sich eher wenig für das was vorher war. Kann sein, dass sie vielleicht ein paar Fragen stellen. Kann auch sein, dass der ein oder andere erst mal misstrauisch ist. Das ist jedoch nichts neues, da musste jeder vor dir auch schon durch.“ Urd zog sich seine Schuhe an und legte seine Krawattennadel an. Einfach Augen zu und durch, wie es schien. Sie hatte den Kampf gegen Tenri Hiragi überlebt, da würde sie diese Ratssitzung auch überstehen.
 

Urd nahm sie deutlich härter ran, als es Chess und Horn getan hatten. Zum Verschnaufen ließ er ihr keine Zeit. Auch wenn sie sich sicher war, das er sich schon zurückhielt. Würde er sein volles Potenzial ausschöpfe wäre sie wohl schon längst zu Boden gegangen. Der Kampf gegen Urd zeigte ihr wieder einmal, dass ihr bisheriger Kampfstil und dieser Körper nicht so recht zusammenpassten. Sie war immer darauf bedacht, ihren Gegnern auszuweichen, doch hin und wieder wäre es vielleicht sinnvoll eine Verletzung in Kauf zu nehmen. Das waren vermutlich alles Erfahrungswerte. Die sie nicht hatte. Mitten in einem Krieg plötzlich zum Vampir zu werden, war wohl nicht gerade der perfekte Zeitpunkt. Sie wusste nicht, wie lange sie trainiert hatten, als Urd seine Waffe wieder verschwinden ließ: „Gut, einen Moment mal. Wir sind natürlich noch lange nicht da, wo wir seien wollen. Das kann man auch nicht erwarten. Es geht nichts über echte Kämpfe, um Erfahrung zu sammeln. Morgen gehen wir nach draußen.“ Sie schaute ihn erwartungsvoll an: „Und?“ „Wir legen uns mit apokalyptischen Reitern an“, sagte er, „Eine andere Möglichkeit haben wir im Moment leider nicht, wenn wir wirklich kämpfen wollen. Die Versammlung des Rates ist erst übermorgen. Bis dahin haben wir Zeit, die wir gut nutzen sollten. Jetzt machen wir aber eine kleine Pause.“ Da hatte Aoi nichts dagegen. Dieses Training hatte sie durstig gemacht…dieser Gedanke hatte sich so schnell in ihren Kopf geschlichen. Die paar Stunden, die sie gekämpft hatten und schon verlangte alles in ihr wieder nach Blut. Menschenblut…wer so etwas denkt, der kann schon kein Mensch mehr sein. Aber wem erzählte sie das? Es war die logische Konsequenz, das war ihr schon klar gewesen. Sie steckte ihr Schwert zurück und streckte sich einmal. Sie schaute nach oben, Lest Karr saß auf dem Geländer. Wahrscheinlich hatte er bei ihren Übungen zugeschaut, sie fragte sich wie lange. Ob sie es schaffen könnte zu ihm nach oben zu springen? Probieren könnte sie es mal. Falls es fehlschlug würde sie sich zwar vor ihm blamieren, aber im Ernstfall musste sie das auch können. Sie ging ein paar Schritte zurück und konzentrierte sich auf die Stelle neben Lest Karr. Sie nahm etwas Anlauf und sprang ab. Es war knapp, beim nächsten Mal etwas mehr Kraft, aber sie schaffte es über das Geländer und blieb nicht hängen. Allerdings strauchelte sie bei der Landung und sie musste einige Schritte nach vorn machen um nicht zu stürzen. Lest Karr hinter ihr prustete los: „Pfff, was sollte das den werden?“ Natürlich lachte er sie aus, was auch sonst. Sie hatte schon mitbekommen, dass er um Schadenfreude nicht verlegen war. „Nun hör schon auf zu lachen, Knirps. Ich hab ja verstanden“, zischte sie. „Knirps?“, das schien ihn wohl lediglich zu amüsieren, „Ich dachte, du hättest inzwischen verstanden, dass Größe nicht alles ist.“ „Ich weiß“, gab sie zu und lehnte sich gegen das Geländer. „Man könnte ja meinen, dass ich mich nach zwei- dreitausend Jahren an solche Bemerkungen gewöhnt habe. Irgendwie stimmt das auch. Doch hin und wieder ertappe ich mich doch dabei wie ich mir meinen Körper vorstelle, wenn er erwachsen wäre“, Lest Karr schaute gedankenverloren zur Decke, „Aber im nächsten Moment sage ich mir, dass es komplette Zeitverschwendung ist über etwas nachzudenken, was sowieso niemals kommen wird.“ Ein unerwarteter Moment der Offenheit von Lest Karr. Er schien also nicht komplett gefühlskalt zu sein.
 

„Wieso Zeitverschwendung?“, fragte sie ihn, „Träume sind wichtig für die Zukunft. Sie bringen uns voran.“ Erneut begann Lest Karr zu lachen: „Siehst du? Daran merkt man, dass du noch ein Grünschnabel bist, Aoi. Weder als Vampir, noch als Mensch hätte ich das erlebt.“ Aoi drehte ihren Kopf zu ihm: „Aber als Mensch wärst du doch unweigerlich irgendwann erwachsen geworden. Der Typ, der dich verwandelt hat, der hätte doch bestimmt noch ein paar Jahre warten können!“ „Nein, hätte er nicht“, entgegnete Lest Karr ihr und schloss seine Augen, „Ich war da schon so gut wie tot.“ „Dann erinnerst du dich also an dein menschliches Leben. Ich dachte schon, das du vielleicht was…vergessen hast nach all der Zeit“, sagte sie. Lest Karr wirkte etwas beleidigt: „Natürlich erinnere ich mich! Ich meine, sicher vergisst man irgendwann das ein oder andere, wenn man so lange lebt, sonst würde ja irgendwann der Kopf wehtun. Doch nie werde ich das vergessen…diese scheußliche Krankheit, welche meinen Körper zerfraß und bis zur Unkenntlichkeit entstellte.“ „Eine Krankheit war also der Grund“, Aoi schaute nun auch zu der verzierten Decke. Lest Karr schwieg einen Moment bevor er weitersprach: „Ja. Damals hatte sie nur den Namen Durstkrankheit. Aber anhand meiner Symptome…glaube ich inzwischen zu wissen, was genau es war. Die Menschen nennen sie Diabetes Mellitus. Typ 1. Du lachst jetzt vielleicht, schließlich ist heute die Behandlung recht einfach geworden. Aber damals…eher nicht. Das Leben war kurz, unangenehm und schmerzhaft. Der Durst unstillbar. Und der Tod unausweichlich. Ich hielt es keine Stunde ohne Wasser aus, nicht mal nachts. Ständig musste ich Flüssigkeit zu mir nehmen und essen war fast unmöglich. Um mich herum hatten mich schon alle aufgegeben, lediglich meine Schwester kümmerte sich noch um mich, obwohl sie nicht viel älter war als ich. Doch bevor meine Zeit gekommen war erschien Shika Mado. Ich weiß bis heute nicht wieso er mich ausgewählt hatte. Ob es einfach nur aus einer Laune heraus war oder ob er wirklich irgendetwas mit mir vorhatte. Jedenfalls hatte er mir nur wenig Zeit gewidmet, wahrscheinlich weil seine gesamte Aufmerksamkeit auf Ashera Tepes lag. Danach war es an Urd Geales und Rigr Stafford sich um mich zu kümmern. Was sie auch taten, insbesondere ersterer. Meister Geales ist heute nicht mehr exakt derselbe wie damals, aber sein Verantwortungsbewusstsein, das hat er trotz all der Zeit nie verloren. Rigr Stafford war damals schon eher…wie soll ich sagen…er wollte halt seinen Spaß haben. Am Anfang habe ich noch gar nicht so recht realisiert, was da eigentlich mit mir passiert war. Dieser Durst, den kannte ich bereits zuvor, zunächst war nicht viel anders. Als ich dann schließlich erwachte und die Wahrheit mit meinen Händen greifen konnte…da hatte ich mich schon längst an all das gewöhnt. An das Blut saugen. Und an das töten. Daran, dass unser Vater uns Vampire links liegen ließ und sich davon machte.“ Aoi merkte erst jetzt, dass sie die ganze Zeit nicht geatmet hatte. Sie hatte Lest Karrs Erzählung nicht unterbrechen wollen. Einige Dinge davon hatte bereits Urd erwähnt gehabt. Nämlich das der Erste keinerlei Interesse an seiner Schöpfung zu haben schien. „Aber warum denn? Er hat euch doch erschaffen. Warum sollte er euch einfach fallen lassen? Warum sollte er euch durch die Hiragis töten lassen? Was habt ihr anders gemacht als dieser Ashera?“, ließ sie ihren Gedanken freien Lauf. Lest Karr stützte sein Kinn auf seine Hände: „Tja, gute Frage. Es geht ihm wahrscheinlich nicht mal darum, uns zu töten. Wir stehen halt einfach hier rum, ob bei seinen Plänen ein paar Vampirchen oder Menschlein draufgehen, interessiert ihn bestimmt nicht. Vielleicht reicht es dir, wenn ich dir sage, dass er eben ein Vampir war. Mehr als wir anderen es wohl je sein werden.“
 

„Sowas wie Loyalität gibt es also bei Vampiren nicht“, sagte Aoi. Lest Karr schüttelte seine Kopf: „So würde ich das nicht sagen. Alle Vampire gehören einer Fraktion an, es gibt verschiedene Fraktionen. Unsere Soldaten sind vielleicht nicht so, dass sie sich in ihre Klingen stürzen würden, so wie die der Menschen. Vampire schließen gerne immer wieder Zweckbündnisse, wir tun uns häufig aus gemeinsamen Interessen zusammen. Aber das ist bei den Menschen doch auch nicht viel anders. Du kannst mir nicht erzählen, dass die sich alle nur aus Nächstenliebe versammelt haben um uns zu töten und dabei nie Hintergedanken hatten. Menschen streben nach Macht, schon immer.“ „Ich kann nicht sagen dass du recht hast“; antwortete sie ihm, „Aber ich kann auch nicht sagen, dass du komplett unrecht hast. Ich habe Kureto Hiragi seit meinem siebten Lebensjahr gedient. Als die Welt unterging wurde ich schnell Oberst, doch mir war diese Position nie wirklich wichtig.“ „Ich mach dir doch keine Vorwürfe, ich sag nicht dass alle so sind. Aber doch einige. Sonst hätten sie diese Experimente doch nie durchgeführt“, versuchte er sie zu beschwichtigen. Ob ihm bewusst war, das Aoi sich ebenfalls bereits an diesen Experimenten beteiligt hatte? Als eine der Hauptverantwortlichen? Oder es interessierte ihn jetzt nicht mehr, da Aoi kein Mensch mehr war. „Ich kenne mich ein wenig damit aus, weißt du?“, fuhr er fort. Das war überraschend: „Woher denn? Ist es euch Vampiren nicht verboten, damit zu experimentieren?“ „Das schon“, gab er zu, „Aber bei uns in Deutschland gab es auch mal eine Gruppe von Magiern, welche mit dem Seraph of the end experimentiert hatte. Ich und meine Einheit hatten die Aufgabe, sie zu eliminieren. Als wir das Labor auseinandergenommen haben, haben wir auch viele ihrer Aufzeichnungen gefunden. Auch wenn die inzwischen vernichtet sind, ich habe mir dann doch ein paar Dinge gemerkt. Allerdings habe ich dort genug gesehen um zu wissen, dass unser Gesetz einen Sinn hat und nachmachen keine gute Idee ist.“ Was er wohl gesehen hatte? Sie glaubte nicht, dass Lest Karr jemand war, der angesichts von Grausamkeiten schnell die Fassung verlor, aber irgendwie schien es ja dann doch ein einschneidendes Erlebnis für ihn gewesen zu sein…

Training

Das Gespräch mit Lest Karr war sehr aufschlussreich und interessant gewesen. Dass die Menschen in Europa ebenfalls experimentiert hatten. Aber Urd hatte erwähnt, dass die japanische kaiserliche Dämonenarmee nicht die ersten gewesen waren. Doch anscheinend hatte Lest Karr bei der Bekämpfung dessen mehr Erfolg gehabt als die japanische Fraktion. Es hatte jedenfalls so geklungen, als wenn diese Sache mit den europäischen Magiern erledigt wäre. Nebenbei hatte sie auch gleich erfahren, welches Gebiet unter Lest Karrs Verwaltung stand, nämlich Deutschland. Urd Geales war der Verantwortliche für Russland, zumindest ging sie davon aus. Ob wirklich jedes Land seine eigene Regierung hatte? Oder waren kleinere Länder unter einer einzigen Führung zusammengelegt? Das würde sie schon noch herausfinden, sie musste den Gesprächen der Vampire sorgfältig lauschte. Nebenbei hatte sie auch erfahren, wieso Lest Karr das Aussehen eines Kindes hatte. Er musste wirklich schon einiges hinter sich haben. Kinder hatten weit weniger Disziplin und Selbstkontrolle als Erwachsene. Für ihn musste die Sache mit dem Durst noch mal schwieriger gewesen sein, als für Aoi. Noch dazu war er von seinem, sozusagen Vater, schnell fallen gelassen worden, Urd hatte sich danach um ihn gekümmert, mit Erfolg, immerhin war Lest Karr nun ein respektiertes Mitglied dieser Gemeinschaft. Ob sich Urd Geales auch noch so genau an seine Zeit als Mensch erinnerte? Irgendwann würde sie ihn fragen, vielleicht. Morgen würden sie die Stadt verlassen, um ihre Fähigkeiten an ein paar apokalyptischen Reitern zu testen. Das konnte nicht schaden, bei denen konnte sie mal ordentlich Dampf ablassen. Dennoch war es natürlich nicht dasselbe wie gegen einen Vampir oder Menschen zu kämpfen. Die hatten einen eigenen Willen, die apokalyptischen Reiter hingegen gingen nur frontal auf einen los und waren sehr vorhersehbar. Doch immer noch besser als nichts. Es war In etwa vierzehn Uhr, bei dem Training war die Zeit schnell verflogen. Wenn das morgen genauso ablief, dann war die Ratssitzung schneller an ihrer Kehle, als es ihr lieb war. Aber davor drücken konnte sie sich ohnehin nicht. Dann war es besser, wenn es schneller ging, was sie hinter sich hatte, das hatte sie hinter sich. Solange sie nicht viel sagen musste, das war ihre größte Sorge. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Ahnenrat nur aus Hohlköpfen bestand, wen sie sich verplapperte, dann könnte sie Kureto in Gefahr bringen. Also am besten Klappe halten, schön nicken und Urd reden lassen. Klang nach einem guten Plan. Kureto hatte sie auch noch nichts von dieser Versammlung gesagt, aber das würde sie noch nachholen. Für den Rest des Tages nahm sie sich vor, Sanguinem etwas zu erkunden. Das hatte sie bisher noch gar nicht getan, sie war nur einmal kurz draußen gewesen. Das war das Ende ihres menschlichen Lebens gewesen.
 

Obwohl ganz Sanguinem tief unter der Erde lag, fühlte es sich dennoch wie eine Befreiung an, aus dem Schloss herauszukommen. In der Vampirstadt ging es jetzt deutlich geschäftiger zu, als vor ein paar Tagen noch. Überall waren Vampire unterwegs, unterhielten sich in Grüppchen miteinander oder transportierten alle möglichen Materialien. Es schien so, als wäre wieder halbwegs Normalität eingekehrt. Auch wenn sie nicht wusste wie es vor dem Angriff der Dämonenarmee gewesen war, die angespannte Stimmung, die in der Luft gelegen hatte, war anscheinend wieder etwas verzogen. Die Verstärkung durch die Mitglieder des Hochadels schien sie wieder stark motiviert und zuversichtlich gemacht zu haben, nachdem es vorher eher schlecht für sie ausgesehen hatte. Ganz unverständlich war das nicht. Hoffentlich schaffte es Shibuya, sich genauso schnell wieder zu erholen. Sonst könnten die Menschen dort in arge Probleme geraten. Kureto würde das schon wieder gerade biegen, schließlich konnten die Menschen sich doch nicht in einer der wenigen Kategorien besiegen lassen, in denen sie den Vampiren weit überlegen waren: ihrem Zusammenhalt. Zumindest sollten sie das sein. Die Vampire schienen sich trotz unterschiedlicher Fraktionen schon recht gut zusammengerauft zu haben. Sie nahm jedenfalls kein Streitgespräch wahr. Aber sie hatten ja auch nicht vor kurzem versucht, sich gegenseitig umzubringen. Noch dazu war das hier eine ungewöhnliche Situation und ihnen war wohl klar, dass es nicht der richtige Zeitpunkt für interne Streitigkeiten war. Das war es den Menschen der Armee hoffentlich auch. Je weiter sie nach unten vorstieß, umso enger und verwinkelter wurden die Straßen. Nur hin und wieder kamen ihr Vampire entgegen, welche ihren Blick aufmerksam über die Umgebung schweifen ließen. Entweder suchten die irgendetwas…oder sie bewachten was. Nicht was, sondern jemanden. Wahrscheinlich Menschen. Lebten sie in den großen, alten Backsteingebäuden, welche sich zu beiden Seiten erhoben? Sie hatte noch keine gesehen, vielleicht verkrochen sie sich auch gerade in ihren Unterkünften. Könnte sein, wenn sie sich auch unbewaffnet in der Nähe von so vielen Vampiren befinden würde, dann würde sie sich auch verstecken. Fliehen war für sie ja keine Option. Wie lief das überhaupt im Allgemeinen mit dem Blut? Wurden sie dazu gerufen? Hatten sie feste Termine, zu denen sie erscheinen mussten und wenn sie es nicht taten erhielten sie weniger freundlichen Besuch? Wie versorgten die Vampire die Menschen überhaupt? Woher bezogen sie Getränke und Nahrung? Gut, Wasser war noch gut im Bereich des Möglichen. Das Meer war zwar verseucht, aber Süßwasserquellen waren größtenteils verschont geblieben. Am Anfang hätten sie sich auch an den Vorräten der Menschen bedienen können, die noch in Märkten und Lagerhallen waren, aber diese Quellen waren ja auch endlich. Doch vielleicht hatten sie in der Zeit auch andere Möglichkeiten gefunden, betrieben vielleicht auch Handel untereinander um sich auszutauschen. Es gab noch eine Menge, was sie hier lernen konnte, so viel stand fest. Sie erreichte einen kleinen Platz, von dem aus mehrere Straßen abzweigten. In der Mitte befand sich eine größere Straßenlaterne um die kreisförmig angeordnet Bänke standen. Auf dem Boden lagen einige Bälle, Kreidestückchen und anderes Spielzeug. Hier schienen Kinder gespielt zu haben. Einige Kinder waren von der Armee bereits aus der Vampirstadt nach Shibuya, Shinjuku und Ikebukoro gebracht worden, aber einige waren noch hier gewesen, als die Vampire ihren Überraschungsangriff gestartet hatten. Für sie musste das ganze am schlimmsten gewesen sein. Erst durch Vampire gefangen worden, dann kam die kaiserliche Dämonenarmee um sie zu befreien und plötzlich standen die Vampire wieder vor der Tür. Hoffentlich war kein Unschuldiger bei diesem Konflikt zu Schaden gekommen.
 

Sie setzte sich auf eine der Bänke und ließ die Umgebung auf sich wirken. Das Spielzeug in diesen düsteren Wegen. Es wirkte schon fast unrealistisch. Wie gut man hier wirklich unbeschwert spielen konnte, das war fraglich. Auf einmal hörte sie Stimmen. Aoi hob ihren Kopf. Vor ihr wurde eine Tür geöffnet und eine kleine Gruppe kam heraus. Aoi schätzte sie zwischen 12 und 15 Jahre ein. Sie unterhielten sich und lachten sogar eine Weile. Zumindest so lange bis sie Aoi bemerkten. Dann erstarrten sie in ihren Bewegungen und auch ihr Lachen verstummte. Aber auch Aoi bewegte sich keinen Zentimeter. Auch sie starrte die Kinder einfach nur an. Ein etwas größerer Junge trat vor, er stemmte seine Arme in die Hüfte und schaute Aoi genau in die Augen. „Was tust du hier, Monster?“, fragte er sie und baute sich auf. Aoi presste ihre Zähne aufeinander. Monster. Er hatte sie tatsächlich Monster genannt. Auch wenn sie ihn verstehen konnte, irgendwie traf es sie. Hatte sie nicht immer für die Menschheit gekämpft? Doch das wusste er natürlich nicht. Für ihn war sie ein Vampir wie jeder andere. Aoi stand langsam auf. Ein Mädchen sagte zittrig: „Nicht! Sag so was nicht, sie wird dich töten!“ Natürlich würde sie das nicht. Aber das zu sagen würde wohl nicht viel bringen. Der Junge verengte seine Augen: „Ich habe doch keine Angst vor der!“ Er würde wohl einen perfekten Soldaten für die japanische kaiserliche Dämonenarmee abgeben, da war sie sich sicher. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen als sie sich umdrehte und wieder die Straße zurückging, aus der sie gekommen war. Doch kurz bevor sie um die Ecke verschwand stoppte sie. Sie drehte sich noch einmal um: „Keine Sorge, ich war vor kurzem selbst noch ein Mensch.“ Ob das irgendetwas änderte? Vielleicht nicht. Sie ging weiter, ihre Schritte beschleunigten sich immer mehr, zum Schluss rannte sie fast. Sie stieß einige Male fast mit dem ein oder anderen Vampir zusammen, aber das interessierte sie gerade wenig. Erst als sie das Eingangsportal des Palastes wieder erreicht hatte blieb sie stehen. Was hatte sie erwartet? Natürlich hassten die Kinder sie jetzt, dass hätte ihr klar seien sollen. Vielleicht sollte sie sich in Zukunft aus diesem Teil der Stadt fernhalten. Sie hatte ohnehin genug anderes zu tun. Zumindest redete sich das ein.
 

Es war schon wieder heiß. Die Sonne war bereits an ihrem Zenit. Zwar schwitzte Aoi nicht, aber unangenehm war es trotzdem. Sie und Urd saßen auf dem Straßenschild einer Autobahnbrücke und hielten nach apokalyptischen Reitern Ausschau. Eigentlich wollten sie ja trainieren, aber es war noch keiner aufgetaucht. „Verflixt, normalerweise kommen sie doch zu Haufen aus ihren Löchern gekrochen und jetzt, wo wir wollen das sie auftauchen kommen sie nicht“, beschwerte Aoi sich und drehte sich noch einmal in die andere Richtung. Urd blieb jedoch entspannt: „Nur Geduld, Aoi. Die Reiter greifen normalerweise keine Vampire an, zumindest nicht von selbst. Von daher müssen wir sie finden und nicht umgekehrt. Doch sobald wir welche sehen überlasse ich dir das Feld.“ Dann eben warten. Einige Minuten später meldete Urd sich wieder zu Wort: „Hörst du das?“ Aoi drehte mehrmals ihren Kopf: „Nein, was?“ Sie hörte nichts Ungewöhnliches. „Konzentriere dich, Aoi. Deine Augen sind nicht alles was du hast. Wenn du in Zukunft effektiv kämpfen willst, dann musst du lernen auch auf deine anderen Sinne zu hören. Versuche für einen Moment alles andere auszublenden und nur auf Geräusche zu achten“, riet er ihr. Aoi schloss ihre Augen und lauschte. Sie konnte den Wind hören, das Rascheln von Blättern und das Rauschen eines Flusses. Doch da war noch etwas anderes. Eine Art Rumpeln. Als würde sich etwas Schweres über den Asphalt bewegen. Das Geräusch kam näher. Aoi öffnete ihre Augen wieder und ihre Hand legte sich um ihren Schwertgriff. „Hast du es?“, fragte Urd sie. Aoi nickte: „Ja, ich höre es. Er kommt näher.“ „Irgendwann wirst du auch lernen, das im Hintergrund ablaufen zu lassen. Das ist jedoch eine Erfahrungssache, für heute soll es genügen, ihn zu erledigen. Bist du soweit?“, fragte er und lehnte sich gegen das Schild. Aoi nahm den Reiter ins Visier, jetzt konnte sie ihn auch sehen. „Ja, ich bin soweit“, sie zog langsam ihre Waffe. Sie ging in die Hocke und sprang auf den Asphalt: „Schwert, trinke Blut!“ Der bekannte Schmerz fuhr kurz durch sie. Doch das war nicht weiter relevant. Sie sendete einen Energiestoß mit ihrem Schwert aus, welcher den Boden um den apokalyptischen Reiter aufriss. Dadurch wurden seine Bewegungen verlangsamt. Sie wich seinen Klauen aus und konnte eine von ihnen abtrennen. Das gefiel ihm so gar nicht, er begann mit seinen Beinen nach ihr zu treten. Aber das war kein Problem, durch seine Größe war er träge und langsam. Aoi konnte unter ihm hindurchrutschen und auf seinen Rücken springen. Sie stach ihr Schwert in ihn, er begann sich zu schütteln und versuchte sie abzuwerfen. Was ihm nicht gelang. Sie drang noch tiefer vor und zog es mit einem Ruck nach vor. Der Reiter heulte auf und brach zusammen. Sie zog ihr Schwert heraus und rammte es in seinen Kopf. Er gab nur noch ein klägliches Geräusch von sich bevor er endgültig Geschichte war. Das war’s, war doch gar nicht so schlecht gelaufen. Sie säuberte ihr Schwert und ließ es wieder in ihrer Scheide verschwinden. Sie drehte sich zu Urd, der immer noch auf dem Schild stand. Sie wollte ihm etwas zurufen, doch dann begann der Boden unter ihr zu knacken. „Aoi, pass auf!“, hörte sie Urd rufen. Oh nein, der Boden unter ihr musste instabil gewesen sein, und durch ihren Angriff und den Reiter war er wohl zu porös geworden. Sie versuchte noch weg zu springen, aber es war zu spät. Der Boden brach unter ihr weg, sie verlor den Halt und stürzte in die Tiefe…

Sturz

Sie stürzte unkontrolliert in die Tiefe. Der Boden unter ihr kam rasend schnell näher. Musste sie diese Erfahrung jetzt unbedingt machen? Sie versuchte noch, sich abzufangen, aber das war nicht so leicht. Sie prallte mit ihrer Hüfte auf dem Boden auf und rutschte einen Abhang hinunter. Die Dornen einiger Sträucher rissen ihre Haut auf, die Äste peitschten in ihr Gesicht. Unglaubliche Schmerzen zogen durch ihren Körper. Wahrscheinlich waren mehrere Knochen gebrochen. Das konnte ein Mensch unmöglich überleben. Dann prallte sie mit ihrem Kopf gegen einen Baum.
 

Urd sprang schnell von dem Schild und rannte zu dem großen Loch. Der Asphalt war aufgerissen und das Metallgestell der Brücke weggebrochen. So war das nicht geplant gewesen. Jetzt war Aoi da runter gefallen. Das würde einige Blessuren geben. Er bezweifelte, dass Aoi sich schon richtig abfangen konnte. Würde in wenigen Minuten wieder verheilen, aber eine schmerzhafte Angelegenheit war das trotzdem. Sollte er sie holen? Oder würde sie den Weg allein zurückfinden? Sollte er sie machen lassen? Vielleicht. Er zog seine Taschenuhr hervor. Eine Stunde würde er ihr geben, danach würde er sie suchen gehen. Sie würde es ja wohl schaffen, sich nicht umbringen zu lassen. Das konnte ihr nur helfen, in Zukunft musste sie mit solchen Situationen auch selbst umgehen müssen. Was einen nicht tötet, das macht einen stärker.
 

„Was sollen wir jetzt machen?“, eine leise, unsichere Stimme drang an ihr Ohr, wie durch einen Schleier hinweg. Vorsichtig öffnete Aoi ihre Augen. Das Bild war verschwommen, ihr Kopf drehte sich. „Von hier verschwinden! D-Die ist bestimmt gefährlich!“, es war eine Jungenstimme. Sprach er von ihr? „Wir können sie doch nicht einfach hier liegen lassen!“, entgegnete die andere Stimme etwas kraftvoller als zuvor. Was war passiert? Wo war sie? „Sie ist ein Vampir! Sie wird uns alle töten, los. Nichts wie weg hier, Schwester!“, entgegnete der Junge aufgebracht. Jetzt erinnerte sie sich wieder. Sie war eine Brücke nach unten gefallen, nachdem sie den Reiter besiegt hatte. Sie musste eine Zeit lang bewusstlos gewesen sein. So leise wie möglich richtete sie sich auf. Rechts und links von ihr standen zwei Kinder. Beide hatten hellbraune Haare, das Mädchen trug es zu zwei Zöpfen geformt, der Junge hatte einen Kurzhaarschnitt. Sie trugen abgenutzte Kleidung und schienen etwas mager zu sein. Überlebende, wie es schien. Das auch außerhalb von den Städten der Dämonenarmee und Sanguinem noch Menschen lebten, das war kein Geheimnis. Sie schien in der Nähe einer kleinen Siedlung gelandet zu sein. Nicht gut, wenn Urd nach ihr suchen sollte, dann würde er sie entdecken und das war es dann mit der Freiheit dieser Menschen. Die beiden würden als Blutbeutel enden. Sie musste hier weg und zurück zu Urd. Dann musste sie ihn wieder von hier weglocken. Sie sprang schnell auf, jetzt hatten auch die Kinder bemerkt, dass sie wach war. Anscheinend hatten sie in ihrer Diskussion nicht weiter auf sie geachtet. Der Junge zog seine Schwester zu sich und umklammerte sie fest. In seinem Blick lag pure Angst. Der Kleine in Sanguinem war auf jeden Fall taffer gewesen. „Bitte tu uns nichts“, stotterte er, „Oder nimm mein Blut. Aber lass meine Schwester laufen!“ „Bruderherz!“, rief sie. War ja klar, dass sie das nicht einfach so hinnehmen würde. Blut, der Geruch nach süßem, unverbrauchtem Blut. Aoi biss sich auf ihre Lippen, sie schmeckte für eine Sekunde ihr eigenes Blut, aber die Wunde verschwand schnell wieder. Sie würde nicht von ihnen trinken, auf keinen Fall.
 

Sie brauchte ein paar Sekunden, um dem Drang, sich auf die Kinder zu stürzen zu unterdrücken. Ihre letzte Blutmahlzeit war schon einige Stunden her. Vampire konnten drei Tage ohne Blut auskommen, bevor sie zu Dämonen werden. Sollte also kein Problem werden. „Beruhigt euch. Ich werde euch nichts tun“, versuchte sie so ruhig wie möglich zu sagen. Die beiden schienen sich tatsächlich etwas zu entspannen, aber sie klammerten sich noch immer aneinander. Aoi brachte langsam etwas Abstand zwischen sich und die Kinder, als ein lautes Geräusch ertönte. Ruckartig drehte sie sich wieder in Richtung der Kinder. Was war das gewesen? Die Kinder schienen es nicht gehört zu haben, aber es kam näher. Immer näher, die Kinder wurden langsam nervöser, sie schienen es inzwischen auch gehört zu haben. Im letzten Moment, als der apokalyptische Reiter bereits aus dem dichten Gebüsch brach, hechtete sie nach vorn und stieß die Kinder beiseite. Schneller als sie es sich zugetraut hätte. „Schwert, trink!“, sie konnte die Angriffe des Monsters abwehren. Ohne große Umschweife sprang sie nach oben, für aufwendige Manöver hatte sie keine Zeit, mit ein paar gezielten Hieben gelang es ihr den apokalyptischen Reiter zu erledigen. Er war deutlich kleiner und schien auch etwas schwächer zu sein, als der den sie auf der Brücke bekämpft hatte. Sie wandte sich den Kindern wieder zu, die schienen unverletzt. Behutsam richteten sich die beiden wieder auf. Erst starrten sie die Überreste des Reiters an, dann Aoi. „Vielen Dank, Fräulein Vampir“, murmelte die Kleine und kam hinter dem Rücken ihres Bruders hervor. Sie war zwar immer noch achtsam, aber wirkte schon etwas aufgeschlossener. Aoi ging auf sie zu und hockte sich vor sie: „Bist du verletzt?“ Aoi konnte riechen, das sie es nicht war. Blut hätte sie wohl deutlich mehr angeregt. Doch sie wollte das Vertrauen der beiden gewinnen, ihnen zeigen, dass sie anders war. Die Kleine schüttelte heftig ihren Kopf: „Nein.“ Der Junge stand immer noch unschlüssig hinter ihnen, während seine Schwester Aoi immer genauer in Augenschein nahm. „Warum hast du da auf dem Boden gelegen, Fräulein Vampir?“, fragte das Mädchen. Diese Naivität. Manchmal beneidete sie Kinder um ihre Weltansicht. „Ich bin gefallen und mit dem Kopf angestoßen“, erklärte Aoi ihr, „Bitte, nenne mich Aoi. Wie heißt du?“ Wie sie gefallen war, das behielt sie für sich. „Ich bin Mina, das ist mein Bruder Anshar“, gab sie Auskunft. Jetzt kam auch Anshar näher, wenn auch zögerlich.
 

Das Blätterdach über ihr war immer dichter geworden, das Licht schien nur spärlich hindurch. Aoi wich immer wieder den großen Wurzeln und Steinen, die zum Teil komplett von Moos überwachsen waren, aus. Hoffentlich stolperte keines der Kinder über irgendetwas und verletzte sich. Dann wusste sie nicht, ob sie sich noch beherrschen konnte. „Aoi? Was wolltest du eigentlich hier?“, fragte Mina sie, während sie sich zwischen großen Farnen hindurchschlängelte. Aoi tat es ihr gleich: „Wir haben nach apokalyptischen Reitern gesucht.“ „Wieso suchst du nach denen?“, Anshar rümpfte die Nase, „Ihr Vampire seid seltsam.“ „Na ja, ich wollte trainieren. Wisst ihr, ich bin erst seit wenigen Tagen ein Vampir. Mein Meister wollte mit mir in echten Kämpfen üben, deswegen waren wir hier. Allerdings wurden wir getrennt“, erklärte sie und duckte sich unter einem Ast hinweg. Sie wusste nicht, ob die beiden das verstehen würden, aber sie versuchte es mal. „Trainieren? Meinst du Kämpfen? Oder wie man Blut trinkt?“, fragte Mina weiter und hüpfte von einem Stein. Bei der Landung rutschte sie jedoch ab und landete auf ihrem Hintern. Allerdings schien sie nicht zu bluten. Anshar half ihr wieder auf die Beine: „Mina, mach doch so was nicht, du weißt doch, das der Stein rutschig ist. Warum gehst du immer solche Risiken ein?“ Mina schien ein kleiner Wirbelwind zu sein. Das würde sie hoffentlich nicht irgendwann das Leben kosten. „Ich glaube, Blut saugen kann ich auch von alleine. Das ist wie essen, das kann man irgendwie einfach“, fuhr Aoi fort und wich erneut einem Ast aus. Bei Kureto hatte sie das auch einfach gekonnt, auch ohne Anleitung von Urd. Einfach beißen, dann war das erledigt. Anshar formte seine Hände zu Fäusten, seine Knöchel wurden weiß: „Also wolltest du gegen diese Monster kämpfen?“ Aoi nickte. „Stimmt es, dass Vampire früher mal Menschen waren?“, fragte Anshar weiter. Aoi nickte wieder: „Ja, das stimmt.“ „Okay“, sagte Anshar nur und ging weiter. Bedrückte ihn irgendwas? Störte ihn dieses Detail? Oder steckte etwas völlig anderes dahinter? „Wir sind gleich da! Kommt, Papa wartet bestimmt schon auf uns!“, rief Mina ihnen zu, sie war schon etwas vorausgeeilt. Anshar, der vor Aoi lief, blieb plötzlich stehen. Anschließend drehte er sich zu ihr um, sein Gesicht war ernst: „Hör mal…Ich glaube, Papa mag Vampire nicht besonders. Er hat alle, die vor dir kamen, erledigt.“ Das war überraschend. Der Vater schien in der Lage zu sein, gegen Vampire zu kämpfen: „Wie hat er das gemacht?“ „Ich weiß es nicht“, Anshar hob seine Schultern, „Aber ich glaube, er hat eine ganz besondere Waffe.“ Eine besondere Waffe? Etwa eine Dämonenwaffe? Wo hatte er die denn her?
 

Die Gruppe erreichte eine kleine Ebene, die Bäume hatten eine Art Kuppel über die kleine Siedlung gebildet. Ein gutes Versteck, man konnte es aus der Luft nicht so leicht erkennen, da es größtenteils verdeckt wurde. Die Bewohner hatten kleine Häuser, größtenteils aus Holz, aber auch aus Stein gebaut. Sie konnte einige Menschen sehen, größtenteils waren sie mit ihren Arbeiten beschäftigt und beachteten Aoi nicht weiter. Aufgrund der russischen Uniform konnten sie Aoi wohl nicht anhand ihrer Kleidung identifizieren. Einige Kinder rannten kreuz und quer über den Platz. Ein winzig kleines Paradies, wie sie empfand. Ein Grund mehr, schnell von hier zu verschwinden und Urd zu suchen. Er durfte den Ort auf keinen Fall finden. „Hört mal“, sagte sie zu den beiden, „Ich danke euch für eure Hilfe, aber ich sollte nun gehen. Mein Meister sollte diesen Ort nicht finden.“ Anshars Hand griff nach der seiner Schwester: „Glaubst du, der würde uns was tun?“ Ich weiß es nicht“, gab Aoi zu, „Aber…“ Weiter kam sie nicht, denn sie spürte wie sich ihr etwas näherte und sie glaubte nicht, dass es ihr gut tun würde. Sie machte einen weiten Sprung nach rechts, wenig später schlug das Geschoss in den Baum neben ihr ein und hinterließ ein großes Brandloch. Hastig drehte sie sich um. Dort stand ein Mann, er trug eine schwarze Hose und eine blaue Stoffjacke. Seine schwarzen Haare gingen ihm bis zur Schulter und stechend grüne Augen schauten sie wütend an. „Nimm die Finger von den Kindern, Monster!“, rief er, in seiner Hand hielt er einen schwarzen Bogen. Also doch, er hatte eine Dämonenwaffe. Er war gespannt, die grünen Pfeile waren unentwegt auf sie gerichtet. Sie drehte sich vollständig zu ihm um: „Eine Dämonenwaffe. Bist du ein Mitglied der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee? Warum bist du dann hier?“ Das warf Fragen auf. Zunächst antwortete der Mann nicht, er schaute sie nur intensiv an. Je länger er so stand, umso ungläubiger wurde sein Gesicht. Schließlich senkte er seinen Bogen, wenn auch nicht ganz und kam langsam näher: „Das kann doch nicht…Sangu? A-Aoi Sangu?“ Er kannte sie, er musste also zur Dämonenarmee gehören. Oder gehört haben. „J-Ja?“, sie klang bestimmt mindestens so verwundert wie er. Die Welt schien eine Zeit lang still zu stehen, keiner bewegte sich. Weder Aoi, noch die Kinder, noch der Mann. Er ließ die Pfeile verschwinden, hielt den Bogen jedoch im Anschlag: „Wieso? Was ist mit Ihnen passiert? Sie…sind doch ein Mensch, oder? Zumindest waren Sie es, als ich sie das letzte Mal gesehen habe, was jedoch schon drei Jahre her ist.“ Aoi senkte ihre roten Augen: „Das ist eine lange Geschichte.“
 

Der Mann hieß Kenji. Er erzählte ihr, dass er vor Jahren bei einem Unfall in diese Schlucht gefallen und nur knapp überlebt hatte. Die Dorfbewohner hatten ihn gerettet. Allerdings wimmelte es in den Wäldern nur so vor apokalyptischen Reitern. „Ich konnte diese Siedlung nicht einfach im Stich lassen. Außerdem war es zu gefährlich, allein nach draußen zu gehen, wir sind meilenweit entfernt von allen Stützpunkten der Armee“, erzählte er weiter, „Und…ich habe hier jemanden kennengelernt.“ Ein Lächeln trat auf sein Gesicht und Aoi wusste sofort was er damit gemeint hatte. Sie lächelte ebenfalls, auch wenn es ihr schwerfiel. Das versetzte ihr einen kleinen Stich. Sie konnte sich nicht darüber freuen, es war ihr völlig gleichgültig, das er sein Glück gefunden hatte. Das machte ihr Angst, Angst vor sich selbst. War es das, wovon Urd gesprochen hatte? Verlor sie bereits ihre Menschlichkeit? Sie legte ihre Hand auf ihre Brust, sie fühlte sich so leer an, kein Herzschlag, keine Wärme. Nichts, das ihr einen Hinweis darauf gab, das sie noch am Leben war. „Und Sie?“, Kenji holte sie wieder in die Realität zurück, „Was ist mit Ihnen passiert?“ Sie begann nur langsam zu erzählen, doch je weiter sie voranschritt umso schneller wurde sie. Erst als sie geendet hatte, konnte sie wieder tief durcharmen. Kenjis Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an: „Ich verstehe. Scheint so, als würde sich die Situation zuspitzen. Sie scheinen ja einiges erlebt zu haben, Oberst Sangu. Ich dachte schon, ich hätte Pechsträhnen gehabt, aber wenn ich mir Sie so anschaue, dann habe ich wohl eher Glück gehabt. Dass Sie von der Brücke gefallen sind…ich meine, das bin ich auch, aber an einer Stelle, die nicht so hoch war. Als Vampir überlebt man sowas wohl.“ „Schon. Aber ich hätte auch auf diese Erfahrung verzichten können“, bestätigte sie ihm, „Ich könnte Kureto Hiragi informieren. Er könnte Sie hier abholen und in Sicherheit bringen. Natürlich darf Ihre kleine Familie auch mitkommen.“ Erst war Kenjis Gesicht nicht ganz definierbar, doch dann begann er zu strahlen: „Ich danke Ihnen, Oberst Sangu.“
 

Aoi stand hinter einer der Hütten und holte ihr Funkgerät aus der Innentasche des Mantels. Sie schaltete es ein und nahm Kontakt zu Kureto auf: „Meister Kureto, hört Ihr mich? Hier ist Aoi Sangu.“ Sie wartete einige Minuten. Schließlich erklang Kuretos Stimme aus dem Gerät: „Aoi. Ich bin froh von dir zu hören, wie geht es dir?“ „Mir geht es gut. Und Euch?“, fragte sie ihn. „Alles wie immer. Was gibt es neues?“, erkundigte er sich. Aoi lehnte sich an die Holzwand und seufzte einmal: „Urd Geales, er will mich dem hohen Rat der Ahnen vorstellen und zwar schon morgen. Ich bin etwas ratlos, um ehrlich zu sein.“ „Fantastisch“, die Ironie war nicht zu überhören, „Pass bitte auf was du diesen Vampire erzählst.“ Aoi straffte ihren Rücken: „Keine Sorge, Meister Kureto. Ich werde einfach Urd Geales reden lassen und so wenig wie möglich sagen. Aber ich muss Euch noch was anderes erzählen…“ Damit brachte sie Kureto auf den Stand ihrer momentanen Situation. „Oh, shit. Aoi, du bist jetzt zwar so gut wie unsterblich, aber das jagt mir einen gehörigen Schrecken ein. Um diese Leute mach dir mal keine Sorgen, ich werde bald jemanden schicken der sie in Sicherheit bringt, bevor unser Lieblingsblutsauger sie findet.“ „Ich melde mich nach dieser Ratssitzung wieder, Meister Kureto. Insofern nichts anderes passiert“, sagte sie zu ihm. In dem Moment ertönte ein lauter Schrei…

Ana

Aoi schaltete das Gerät schnell aus und ließ es wieder in der Innentasche verschwinden. Dann nahm sie die Beine in die Hand um zu dem Schrei zu rennen. Sie konnte es sich nicht erklären, aber sie hatte das Gefühl, da war gerade etwas sehr übles im Gange. Instinktiv fuhr ihre Hand zu ihrem Schwert. Immer mehr Geräusche drangen an ihr Ohr. Laute Schreie, das knacken von Holz und unmenschliche Laute. Apokalyptische Reiter, sie mussten in die Siedlung eingedrungen sein. Das war Ansporn genug sich noch mehr zu beeilen. Sie sprang auf das Dach eines Hauses, diesmal ohne zu straucheln und blickte auf die große Lichtung. Es war wie sie es vermutete hatte. Sie musste helfen, das würde Kenji niemals alleine schaffen, zumindest nicht ohne Opfer. Aoi zog ihr Schwert, wie schon so oft an diesem Tag: „Schwert, trinke Blut!“ Sie sah, wie einer der Reiter sich einer jungen Frau näherte, ihr Fuß hatte sich in einigen Kabeln verheddert, sie würde nie ausweichen können. Aoi richtete ihre Konzentration auf den Reiter und ließ eine Energiewelle frei. Sie konnte den Reiter nicht vernichten, aber sie stieß ihn weit zurück. Anschließend sprang sie auf ihn und konnte ihn schlussendlich erledigen. Kenji half derweil der verletzten, jungen Frau. „Das sind viele, Oberst Sangu!“, rief Kenji ihr zu, „Können wir das schaffen?“ Aois Hände schlossen sich stärker um ihren Schwertgriff, da hatte er Recht. „Ich weiß es nicht, aber wir müssen es versuchen. Ich gebe Ihnen Schutz, Kenji. Unterstützen Sie mich aus der Ferne!“, gab sie die Anweisungen. Kenji salutierte vor ihr: „Jawohl!“
 

Kenji war ein ausgezeichneter Soldat, er konnte viele der Reiter erledigen, strategisch und er bewahrte einen kühlen Kopf. Er würde ein wahrer Gewinn für die Armee sein und vielleicht war sogar eine Beförderung für ihn drin, immerhin hatte er es in den letzten Jahren geschafft, die Leute hier ganz allein vor apokalyptischen Reitern und sogar Vampiren zu schützen. Das waren wahrscheinlich nur einfache Vampire gewesen, keine Adeligen, aber immerhin. Sie konnten lange standhalten aber langsam wurden sie in die Ecke gedrängt, es wurden einfach nicht weniger. Kenji war schon deutlich ins Schwitzen geraten, Aois gesamter Körper schrie nach menschlichem Blut. Sie konnten leider nicht alle Bewohner retten, ihr vergossenes Blut machte Aoi rasend. So schwer war es ihr nicht mal in Shibuya gefallen die Kontrolle zu bewahren. Sie konnte sich kaum noch auf den Kampf konzentrieren, eine Tatsache, die auch Kenji nicht verborgen blieb. „Oberst Sangu, geht es Ihnen gut?“, fragte er sie, während seine Pfeile einen der Reiter durchbohrten. „Kenji!“, Aoi griff sich an die Kehle, „Pass auf, ich kann…“ Er stellte sich vor sie: „Schon gut, ich krieg das hin! Beruhigen Sie sich!“ Das schafft er nie alleine! Aoi warf einen Blick über ihre Schulter, auf die Bewohner, die sich hinter ihnen versammelt hatten. Aber das war ein Fehler. Nein, ein Vampir kann drei Tage ohne Blut überleben. Sie brauchte kein Blut. Doch kurz bevor sie sich auf einen von ihnen stürzen konnte, bevor ihre Natur ihre überhandnahm, packte sie eine kräftige, behandschuhte Hand im Nacken. „Beruhige dich, Aoi. Tu nichts was du später bereuen könntest“, die kühle Stimme drang leise zu ihr. Sie kannte die Stimme, es war Urds. Er hatte diesen Ort also doch gefunden. Wie lange hatte er bereits zugesehen? Er ließ sie langsam los, doch was danach passierte konnte Aoi kaum noch verfolgen. Sie hatte noch nicht mal sehen können, wie Urd seine Waffe gezogen hatte, so schnell war das gegangen. Er erledigte die Reiter, einen nach dem anderen, innerhalb von noch nicht mal einer Minute. Aoi ließ sich auf ihre Knie sinken. „Oberst Sangu!“, Kenji kniete sich neben sie. Anschließend schaute er zu Urd, beziehungsweise versuchte er es. Seine Augen wanderten schnell umher: „Was? Ist dieser Typ etwa...Ihr „Meister“?“ Aoi konnte nur nicken. „Krass…der ist schnell und stark“, da hatte Kenji recht. Urd landete genau vor ihnen. „Alles in Ordnung hier?“, fragte er und schaute dann Aoi an, „Da hattest du deine apokalyptischen Reiter, Aoi.“ „So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt…“, erwiderte sie und raffte sich wieder auf, „Wenn du die so schnell erledigen kannst, warum hast du dich dann in den Ruinen vor Sanguinem so zurückgehalten?“ Er sagte kurz nichts, sein Blick wanderte über die Menschen: „Ich wollte dich kämpfen sehen, Aoi. Das hätte ich nicht gekonnt, wenn ich die alle im Schnelldurchlauf erledigt hätte.“ Er hatte sie also auskundschaften wollen. Hatte er diesen Plan, sie in einen Vampir zu verwandeln, schon länger gefasst? Oder hatte es nur dazu gedient die Stärke der Dämonenarmee einzuschätzen? Urd schaute in den Himmel, den fast blutroten Sonnenuntergang. Der glühende Ball versank gerade hinter den dunkelgrünen Wipfeln. Kenji neben ihr atmete schnell ein und aus, sie konnte den Schweiß auf seiner Haut sehen und riechen. Er musste wirklich komplett fertig sein. Er war eigentlich ein Fernkämpfer und die hielten sich gewöhnlich nicht so nahe am Gegner auf. „Was nun, Oberst Sangu?“, fragte er. Urd stand still und hatte seine Arme hinter dem Rücken verschränkt. Wartete er auf irgendetwas? Ein Geräusch drang an ihr Ohr. Sie musste eine Sekunde überlegen was es war, doch dann wurde ihr siedend heiß. Helikopter. Es waren Hubschrauber. Die bestimmt nicht von der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee stammten. „U-Urd?“, Aoi eilte schnell zu ihm, „Was hat das zu bedeuten?“ Warum fragte sie das, das konnte sie sich doch denken. Urd drehte seinen Kopf zu ihr. Anschließend legte er seine Hände um ihre Oberarme: „Hör mir zu. Du wirst jetzt keinen Ärger machen und unsere Leute ihre Arbeit erledigen lassen.“ Sie suchte nach Kenji, der seine Arme um die junge Frau gelegt hatte, die ängstlich zum Himmel schaute. Aoi suchte seinen Blick, versuchte ihm durch ihre Mimik zu sagen, wie sehr es ihr Leid tat, bevor Urd sie mit sich zog.
 

Aoi saß auf der Bettkante, ihre Finger hatten sich in ihre Kleidung gekrallt. Sie hatte versagt, sie konnte diese Menschen nicht retten. Für die Vampire war jeder Tropfen Blut kostbar, natürlich würde Urd nicht einfach warten, bis Kureto und die Armee die Menschen geholt hatten. Es waren auch einige Menschen aus Sanguinem geschafft worden, also mussten sie wieder auffüllen. Das war für sie wie gerufen gekommen. Urd hatte sie angewiesen zu schlafen, aber Aois Gedanken kreisten zu sehr, als das sie jetzt einschlafen konnte. Als sie wieder in der Vampirstadt angekommen waren, da war es schon dunkelste Nacht gewesen. Die Vampire hatten mehrere Stunden gebraucht, um das gesamte Dorf zu räumen und es hatten viel mehr Menschen dort gelebt, als Aoi zunächst angenommen hatte. Inzwischen war es fast schon wieder morgen, die alte Standuhr, die vor ihr gleichmäßig tickte, zeigt ihr vier Uhr an. Nur noch eine Stunde, dann würde der hohe Rat der Urahnen tagen. Um fünf Uhr morgens, was für eine unmenschliche Zeit. Zwar hatte sie bei der Dämonenarmee auch immer zeitig aus den Federn gemusst, allerdings hatte sie so gut wie nie schon um fünf Uhr fertig auf der Matte stehen müssen. Das war eher ihre normale Aufstehzeit gewesen. Allerdings hatte Zeit für Vampire nicht wirklich eine Bedeutung, sie glitt nur so an ihnen vorbei, sie blieben gänzlich von ihr unberührt. Sie war schon fertig, sie trug die Uniform, die Urd ihr gebracht hatte. Diesmal war sie weiß, die Jacke war mit zwei Reihen schwarzer Knöpfe verschlossen. Über ihrer linken Schulter hing ein weißer Umhang, welcher von einer schwarzen Schnalle gehalten wurde. Ihr Rock hatte zwei rote Falten, die dazu dienten ihre Bewegungsfreiheit zu erhöhen. Ihre Schuhe hatte sie jedoch behalten. Aoi erhob sich von ihrem Bett und ging zur Tür, vielleicht sollte sie schon mal nach unten gehen und warten. Auch wenn ihre Gedanken gerade mit vielen anderen Sachen beschäftigt waren, dieses Treffen erforderte höchste Konzentration. Nicht mehr Auskunft geben als unbedingt nötig. Sie drückte die Klinke und öffnete die Tür. Dann erlebte sie eine Überraschung. Ana stand vor ihrer Tür, eine Hand hatte sie erhoben, als wenn sie gerade klopfen wollte. In der anderen hielt sie eine Karaffe Blut. Aoi trat beiseite und wies mit ihrer Hand hinein: „Tritt ruhig ein.“ Es war schone eine Weile her, seit sie miteinander gesprochen hatten. Das war die Möglichkeit ihre Beziehung wieder etwas zu verbessern, schließlich war sie nicht gerade freundlich zu Ana gewesen. Ana trat ein, sie stellte ihr Gefäß auf dem Nachttisch ab. Schließlich drehte sie sich wieder zu ihr: „Sind Sie nervös, Fürstin Sangu? Die Ratsmitglieder können manchmal etwas einschüchternd sein. Es ist aber meines Wissens nach noch jeder von einer Ratssitzung zurückgekehrt. Natürlich, es gibt schließlich keine Todesstrafe unter Vampiren. Zu mir waren sie jedenfalls nicht unfreundlich.“ Das ließ Aoi aufhorchen: „Kennst du die denn? Ich dachte, Vampire unter Rang 6 sind nicht zugelassen?“ „Das schon. Aber es war ein Sonderfall. Es hatte etwas mit den Umständen meiner Verwandlung zu tun“, erklärte sie. Urd hatte erwähnt, dass unter besonderen Umständen auch Vampire niederen Ranges zugelassen waren. „Was war denn so besonders an deiner Verwandlung?“, vielleicht war diese Frage unhöflich, aber die Neugierde von Aoi siegte einfach. Ana kratzte sich verlegen an der Wange: „Also…setzen Sie sich doch. Dann mache ich Ihnen eine formellere Frisur.“
 

Ana hielt Wort. Sie löste Aois Zopf und legte die Haare über ihre linke Schulter. Sie nahm eine Strähne und begann an Aois rechter Seite das Haar zu flechten: „Ich wurde 1917 zum Vampir, das erwähnte ich bereits. Zu der Zeit näherte sich der erste Weltkrieg langsam seinem Ende. Ich war jung, eine Frau aus einfachen Verhältnissen. Und ich war Krankenschwester, schon einige Jahre zuvor war ich in ein Krankenhaus für verwundete Soldaten geschickt worden. Jeden Tag kam ein neuer, beinahe unendlicher Strom verletzter Kämpfer von der Front. Unser eigentlich winziges, deutsches Lazarett war völlig überfüllt, uns gingen ständig Medikamente und andere Materialien aus. Eines nach dem anderen. Unser Ideenreichtum war immer wieder aufs Neue gefragt.“ Aoi bewegte sich keinen Millimeter, aber nicht nur weil Ana an ihren Haaren zugange war. Eines hatten die Vampire auf jeden Fall: Geschichten. Erfahrung. Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen. Das musste sie ihnen lassen. „Zum Schluss…“, fuhr Ana fort, „Hatten wir nicht mal mehr sauberes Verbandsmaterial. Unsere Nachschubwege waren von der roten Armee abgeschnitten worden. Unsere Patienten litten unter unbeschreiblichen Qualen, die Schmerzmittel waren schon längst aufgebraucht. Wunden entzündeten sich, Infektionskrankheiten breiten sich aus. Schließlich wurde das Lazarett von einer Bombe erwischt. Also, wir wurden nicht direkt getroffen, aber die Explosion erfasste uns mit. Ich war gerade außerhalb gewesen und hatte eine kleine Pause gemacht, deswegen war ich wohl noch nicht sofort tot. Aber meine Knochen waren zertrümmert, meine Haut aufgerissen und meine Lunge verletzt. Ich lag im Sterben. Doch es sollte nicht so kommen, mein Meister erschien dort, er war wohl auf der Suche nach Beute gewesen und wollte dieses Unglück nutzen, um sein Opfer unbemerkt verschwinden zu lassen. Ich weiß nicht warum oder wie es passiert ist, er im Übrigen auch nicht, aber ich erwachte wieder als Vampir. Man hatte mich in ein Massengrab gebracht, die Leute hielten mich für tot. Was ich ihnen nicht verübele, schließlich schlug mein Herz nicht mehr. Nachdem ich mich aus der Grube befreit hatte, quälte mich dieser unbeschreibliche Durst, wie ich es noch nie erlebt hatte. In dieser Nacht habe ich zum ersten Mal getötet. Getrieben von meinen niedersten Instinkten stillte ich meinen Durst. Irgendwann wurden die Vampire auf mich aufmerksam und begannen mich zu verfolgen. Eine Zeit konnte ich mich ihrem Griff entziehen, aber sie hatten mich schon bald eingekreist und brachten mich in ihre Zentrale. Erst glaubten sie, ich hätte sie mit Absicht in Bedrängnis gebracht. Doch nachdem ich vom hohen Rat befragt worden war wurde allen klar, dass hier etwas gewaltig schief gelaufen war. Sie begannen nach meinem Meister zu suchen und sie fanden ihn auch. Er hatte sich auf den Aufruf des Rates gemeldet und er war ziemlich schockiert als er mich sah. Damit war dann auch endgültig bestätigt dass meine Verwandlung sozusagen…ein Unfall gewesen war.“
 

„Du hattest also noch nicht mal eine Wahl…“, murmelte Aoi. Ana nahm ihre restlichen Haare und wickelte die geflochtene Strähne um sie. Anschließend befestigte sie den Zopf mit einer Spange und fügte auch Aois Haarband hinzu: „Nein, die hatte ich nicht. Aber viele Vampire geht es da so, auch beim Adel und besonders beim hohen Rat. Auch Meister Urd Geales wurde einfach gegen seinen Willen verwandelt, das hat er mal erwähnt. Natürlich war es am Anfang schwer, aber irgendwann erkannte ich, was ich nun für Möglichkeiten hatte. Ich war zwar Krankenschwester, aber ich wollte immer schon Ärztin werden. Allerdings konnte ich mir die Studiengebühr nicht leisten und meine Eltern wollten, dass ich heirate, Kinder kriege und den Haushalt führe…du weißt schon. Von daher waren sie nicht bereit, mich finanziell zu unterstützen. Noch dazu war es Frauen zwar erlaubt Medizin zu studieren, aber natürlich wurden meistens Männer vorgezogen. Als Mensch ging mein Traum nie in Erfüllung. Nachdem ich mich an meinen neuen Zustand gewöhnt hatte, fühlte ich mich bereit, es ein weiteres Mal zu versuchen. Ich kam tatsächlich zum Zug. Die anderen Vampire machten sich natürlich lustig über mich. Aber Meister Geales sagte schließlich: „Es mag jetzt nutzlos erscheinen, aber in Zukunft kann es sich vielleicht als hilfreich erweisen.“ So kam es, dass er meine Studiengebühr bezahlte. Er sollte Recht behalten, denn als die Welt vor acht Jahren unterging waren Ärzte quasi nicht vorhanden. Ich war eine der wenigen mit medizinischen Kenntnissen. Ich hatte mein Wissen nie einrosten lassen und mich stets weitergebildet. Ich kann inzwischen auch Röntgenbilder auswerten und Knochenbrüche operativ versorgen, wenn es denn nötig ist.“

Ahnenrat

Wer hätte gedacht, dass in der so unscheinbar wirkenden Ana so eine starke Persönlichkeit steckte. Sie musste ebenfalls über eine enorme Selbstbeherrschung verfügen, wenn sie Menschen operierte, ohne sich auf sie zu stürzen. Aoi hatte noch einen langen Weg vor sich. Ein nicht ganz so langer Weg war jedoch der zum hohen Rat, auch wenn sie sich alle Mühe gab, langsam zu gehen, war sie viel zu schnell an der großen, reich geschmückten Tür angelangt. Urd lehnte an einer Säule, unter seinem Arm trug er einen dicken Ordner, dessen Inhalt die Kapazität dessen schon deutlich zu übersteigen schien. Selbst als Vampir war man wohl nicht vor Papierkram sicher. „Gut, du bist gekommen“, Urd schob die große Tür auf, „Komm rein, wir haben noch ein paar Minuten Zeit. Wir müssen noch über etwas reden.“ Urd klang ernst. Was jetzt? War er sauer, weil sie versucht hatte, ihn auszutricksen und die Menschen hinter seinem Rücken verschwinden zu lassen? Der Raum, den sie betraten, war hoch, wirkte sehr leer, nur einige Stühle standen in ihm. Schummeriges, künstlich wirkendes Licht erhellte den Raum. Urd schloss die Tür hinter sich: „Setz dich, Aoi.“ Sie nahmen Platz, Urd legte seinen Ordner auf dem Schoß ab: „Das, was ich jetzt sage, ich hoffe du nimmst es nicht persönlich. Wir sind eine Gemeinschaft, Aoi. Du bist jetzt Teil dieser Gemeinschaft. Ich weiß was du denkst und was du fühlst. Oder zumindest kann ich es mir denken. Doch für die Zukunft wünsche ich mir jemanden, auf den ich mich verlassen kann. Verstehst du, was ich meine? Ich habe dich erschaffen, ich bin für dich verantwortlich und für die Dinge, die du tust. Ich bitte dich darum, das zu respektieren.“ Aoi spürte etwas Wut aufsteigen. Sie sprang von ihrem Stuhl auf: „Warum machst du dir dann die Mühe? Die ganze Zeit schon. Du hättest mich auch einfach sterben lassen oder mich aussaugen können, dann hättest du dir den Ärger und die Reue erspart.“ Urd senkte seinen Kopf und schaute sie durch seine Wimpern an: „Du denkst ich bereue es, dich verwandelt zu haben? Nein, das tue ich nicht.“ Aois gesamte, angestaute Wut entwich mit einem Mal. Sie zog reflexartig ihr Schwert und hielt es Urd an die Kehle: „Jetzt hör mal zu. Eure Leute…haben uns gefangen genommen, uns eingesperrt und unser Blut gestohlen, gegen unseren Willen. Als wären wir Tiere, Sklaven…Gegenstände! Ich weiß warum ihr das getan habt und bei Gott, ich kann es sogar verstehen, aber du kannst von mir nicht verlangen, dass ich euch die Menschen einfach so ausliefere, obwohl ich genau weiß, was passieren wird. Ich weiß ja, dass du nicht so bist wie die anderen. Aber…“ Aois Schwerthand zitterte, Urd schaute sie weiter unbewegt an, er war nicht zurückgewichen und er tat es auch jetzt nicht.
 

Aoi spürte wie ihr Tränen in die Augen stiegen, sie wollte es verhindern, doch nichts in ihr konnte das noch aufhalten. Jetzt fing sie an vor ihrem Vampirmeister zu heulen, wirklich sehr vorteilhaft. Urd legte seine Hand um die Klinge und drückte sie langsam nach unten. Anschließend stand er auf und ließ seine Arme erneut auf Aois Schultern ruhen. „Ich kenne deinen Standpunkt. Ich weiß, dass es bei weitem nicht überall so läuft wie es sollte. Vielleicht bin ich auch zu passiv. Ich tue, was ich für das beste halte. Sicher, es ist nicht alles ideal, doch es gibt wieder so etwas wie Infrastruktur, Kultur und Leben. Glaubst du, es ist mir einfach gefallen zu akzeptieren, das Krul Tepes, ein Mitglied des hohen Rates, uns so verraten hat? Eine Frau, der ich vertraut habe. Ich habe es nicht bemerkt, ich habe darauf vertraut, dass alle Vampire in dieser Situation zumindest etwas am selben Strang ziehen. Das war ein Fehler, das weiß ich jetzt. Sobald ich wieder in Russland bin, werde ich die anderen auch etwas genauer unter die Lupe nehmen.“ Aoi starrte auf Urds Schuhe. Urd war der Vorsitzende des hohen Rates, aber auch er konnte unmöglich alles überwachen. Wenn sich plötzlich einer ihrer Kollegen, hohe Tiere bei der Armee, als Verräter entpuppen würde, dann wüsste sie wohl offen gestanden auch nicht was sie tun sollte. „Entschuldige. Ich bin wohl noch etwas aufgewühlt“, sagte sie schließlich. „In Ordnung. Meine Nerven sind momentan auch so angespannt wie schon lange nicht mehr“, lenkte er ein. Dann erklang ein Räuspern aus Richtung der Tür: „Ich störe euer Gespräch nur ungern, aber der Rat wartet.“ Lest Karr raffte seine Unterlagen zusammen und ließ sich auf einem Stuhl rechts von Urd nieder. Urd schaute wieder auf seine Taschenuhr: „Stimmt, wir sollten die andern nicht warten lassen. Aoi, bitte halte dich zurück und rede nur wenn man dich etwas fragt. Sollte dem so sein, antworte auch bitte.“ Jetzt war es also soweit. Aoi setzte sich wieder, ihre Finger verschränkten sich ineinander. Das Licht wurde noch etwas dunkler und mehrere Hologramme in Form von Bildschirmen erschienen über ihren Köpfen. In jedem der Hologramme erschien eine Person, alles Männer und einer seltsamer als der nächste. „Entschuldigt die kurze Verspätung, meine Herrschaften. Jetzt sind wir soweit, die Sitzung ist eröffnet“, begann Urd, sein Kinn ruhte auf seinem Handrücken. „Schon gut, Meister Geales. Ist ja nicht so, als ob nicht andere auch zu spät waren“, sprach ein Mann mit langem, schwarzen Haar und einer Maske, die seine Augen umrahmte. Sein Hemd war weiß und mit vielen Rüschen bedeckt und sein Blick wanderte lauernd, wie der einer Katze, über die übrigen Ratsmitglieder. „Fang nicht schon wieder so an, Nyx Parthe“, sagte Lest Karr, während er von den anderen weg über seine Schulter schaute. „Bitte streitet nicht. Ich war zu spät, das tut mir leid. Aber das ist doch jetzt nicht so wichtig. Widmen wir uns dem Notwendigen“, die Stimme war beschwichtigend und sie gehörte einem jungen Mann. Seine weiße Uniform war sehr edel aufgemacht, seine schwarzen Haare hingen ihm auf der rechten Seite, von einer silbernen Spange gehalten, über die Schulter. „Gears Bolther hat Recht. Fangen wir an, ich werde euch auf den neusten Stand bringen“, vermittelte Urd und begann auch kurz darauf, die Ereignisse in Japan zusammenzufassen.
 

Niemand unterbrach ihn, während er sprach, alle Ratsmitglieder schauten ihn an und schienen auch aufmerksam zuzuhören. Entweder waren sie alle interessiert oder die waren tatsächlich so gewissenhaft. Dennoch spürte Aoi eine leichte Spannung in der Luft liegen. Hin und wieder hatte Aoi auch das Gefühl, als würden vereinzelt ein paar von ihnen ihre Augen kurz von Urd abwenden und stattdessen sie ansehen. Das manchmal auch Vampire niedrigeren Ranges an den Sitzungen teilnahmen, das hatte sie schon mehrmals gehört. Doch anhand der Blicke konnte sie ablesen das es eher Ausnahme als betätigte Regel war. Das machte sie nur noch nervöser. Urd jedoch erwähnte sie in ihrem Bericht noch nicht. Das wollte er dann wohl separat abhandeln. Lediglich als Urd auf den Urahn ersten Ranges zu sprechen kam, zogen einige der Ratsmitglieder hörbar Luft ein. Nachdem Urd seine Ausführungen beendet hatte standen in den Gesichtern der Vampire gemischte Gefühle. Einige wirkten besorgt, einige wütend und bei ein paar war sie nicht ganz sicher. „Das ist unerhört! Wir müssen sofort einschreiten, Meister Geales!“, es war Nyx Parthe, der als erster etwas sagte. Was für ein Choleriker. Er schien seine Meinung wohl immer laut hinausposaunen zu müssen. „Immer mit der Ruhe, Nyx Parthe. Wir sollten keine vorschnellen Entscheidungen treffen. Unser aller Zukunft hängt unmittelbar mit daran. Was wir jetzt beschließen, könnte unser Verhältnis zu den Menschen deutlich beeinflussen“, der Sprecher war ein Vampir mit sehr kurzem, schwarzem Haar und seine Augenform deutete darauf hin, dass er chinesischer Herkunft war. Da hatte er Recht. Urd Geales war nach wie vor die Ruhe in Person. Selbst in dieser angespannten Situation schien er die Kontrolle halten zu können: „Seid versichert, das wir bereits damit begonnen haben, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Das Rigr Stafford jedoch mit drinzuhängen scheint und der Erste aufgetaucht ist, hat für unerwartete Wendungen gesorgt. Die Menschen scheinen auch eher ein Mittel zum Zweck zu sein. Sie auszulöschen wird nichts bringen, dann haben wir vielleicht für ein paar hundert Jahre Ruhe, aber irgendwann werden sich die beiden, je nachdem wer hier nun die Strippen zieht, wieder was neues suchen. Wir kommen nicht weiter, wenn wir immer nur die Äste abschneiden, wir müssen die Wurzel ziehen. Wir werden den Schuldigen finden und für seine Taten zur Rechenschaft ziehen.“ „Das wäre natürlich das Beste“, sagte ein weiteres Ratsmitglied mit langen, blonden Haaren, die er zurückgekämmt und zu einem Zopf im Nacken gebunden hatte. Auf Gears Bolthers Gesicht erschien ein Lächeln: „Dann ist es entschieden. Wir werden alles weitere Euch überlassen, Meister Geales.“
 

Sie schienen Urd also weiterhin zu vertrauen. Aoi ließ ihren Blick wieder über den Rat wandern. Sie spürte ganz deutlich, dass ein Augenpaar schon die ganze Zeit auf sie gerichtet war. Schon bald konnte sie auch feststellen wer es war. Ein junger Mann, augenscheinlich nicht viel älter als 15, schaute sie unentwegt aus seinem stechend rotem Auge an. Sein rechtes Auge war von einer weißen Klappe verschlossen. Hatte das modische Gründe oder war sein Auge tatsächlich dauerhaft beschädigt? Er war bleich, schon fast grau im Gesicht, er hatte rein weißes, glattes Haar. Es ging ihm in etwa bis zur Schulter. Er hatte ein weites, weißes Hemd mit ebenso weißer Schleife an und über seine Schultern hing eine schwarze, grobmaschige Strickjacke. Sein Körper strahlte Müdigkeit aus, aber in seine Augen schienen Energie zu versprühen. „Meister Geales“, begann er schließlich, seine Stimme klang schleppend und träge. Urd wendete seine Aufmerksamkeit ihm zu: „Andrej Korsta, sprich.“ Jetzt war es also soweit, sie war an der Reihe. Andrej hob seine Hand, seine dünnen, knochigen Finger richteten sich auf Aoi. Welchen Rang besaß er wohl? „Wer ist die Kleine neben Euch?“, seine Stimme war schneidend und Aoi fühlte sich förmlich von ihr durchbohrt. Jetzt waren wirklich alle Blicke starr auf sie gerichtet. Auch Lest Karrs Pupillen drehten sich langsam zu ihr. Urds Hand berührte fest ihren Arm, Aoi erschauderte. Fast als würde ein Stromschlag durch ihren Körper fahren. Aois Körper erstarrte fast, sie hatte schon lange nicht mehr so viel Lampenfieber verspürt. Die mächtigsten Vampire der Welt konnten das alles hier verfolgen und sie alle schauten Aoi an. „Ihr Name ist Aoi Sangu. Ab heute ist sie ein festes Mitglied unserer Gemeinschaft. Sie ist jung und muss noch viel lernen, dennoch hoffe ich, dass ihr sie eines Tages als Urahnin siebten Ranges anerkennt“, Urds Stimme war fest und überzeugt. Als würde er seine Sicherheit auf die anderen übertragen wollen. Er war definitiv ein kompetenter Anführer, der Kureto in nichts nachstand. Er konnte nicht nur seine einfachen Soldaten gut anleiten, er wusste auch die hohen Tiere zu führen. Aber er hatte ja auch mehrere tausend Jahre Zeit, das zu üben. Gears Bolther legte einen Finger an sein Kinn: „Ohne Frage, wenn sie sich gut macht. Aber ich muss Euch wohl hoffentlich nicht sagen, das der momentane Zeitpunkt denkbar ungünstig für eine Verwandlung ist.“ „Nahrung ist ohnehin schon knapp. Habt Ihr Euch das auch gut überlegt?“, Nyx Parthes Stimme voller Kälte. Sein Blick war verachtend. Unschwer zu erkennen was der Vampir von ihr hielt. „Ich bin mir all dessen durchaus bewusst. Ich übernehme jegliche Verantwortung dafür“, Urd schien nach wie vor entspannt. „Kein Grund zur Sorge“, Andrejs Stimme war mit einem Mal deutlich sanfter geworden, „Wenn Meister Geales sagt, dass er alles im Griff hat, dann genügt mir das. Deswegen heiße ich Aoi Sangu willkommen und hoffe, dass sie sich, trotz ihres jungen Alters, der momentanen Situation bewusst ist.“ Sieh mal einer an, es schien so, als würde es doch einigermaßen umgängliche Vampire hier geben. Andere wiederum…wie Nyx Parthe sollte man wohl lieber nicht verärgern. Auf einmal stupste Urd sie mit ihrem Ellenbogen an. Lest Karr hatte eine Augenbraue hochgezogen. Alle Ratsmitglieder schauten sie erwartungsvoll an. Erwarteten sie jetzt eine Antwort von ihr? Aoi richtete sich auf und sammelte all ihre Energie. Schließlich rief sie: „Jawohl!“
 

Bevor Urd die Sitzung geschlossen hatte, wurden noch verschiedene Dinge diskutiert und besprochen, die mit Japan nichts zu tun hatten. Urd wollte wohl immer auf dem neuesten Stand bleiben, auch wenn er gerade auf einer Sondermission war. Da die anderen nichts zu berichten hatten, schien es im Rest der Welt ruhig zuzugehen. Vermutlich sehnten sich auch Urd und Lest nach dieser Ruhe. Oder sie genossen das hier, da es sie aus ihrem vermutlich eher langweiligen Alltagstrott riss. Wer wusste schon? Urd schien eher jemand zu sein, der Ordnung und Ruhe vorzog. Er hatte sie nach der Sitzung entlassen, hatte aber deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er sie später noch einmal sehen wollte. Bevor es jedoch soweit war, hatte Aoi beschlossen, der Oberfläche einen kleinen Besuch abzustatten. Sie wollte sich nicht allzu weit entfernen, aber sie brauchte ein klein wenig Abstand zu all dem. Die Sonne brannte auf sie herab, sie musste ihre Augen zusammenkneifen, die Helligkeit schmerzte. Zum Glück trug sie dichte Kleidung, die die Sonne abhielt. Trotz UV-Schutzring war es unangenehm. Sie suchte sich eine Stelle im Schatten und ließ sich im Schneidersitz unter einem Vorsprung nieder. Das Moos war weich. Sie lehnte sich zurück und schloss ihre Augen. Dann drang ein seltsames Geräusch an ihr Ohr und ein beißender Geruch nach verbranntem Fleisch drang in ihre Nase. Ruckartig sprang sie auf ihre Beine. Was war das denn jetzt? Sie erkannte dass es ein Motor sein musste, von einem Auto. War das die Armee? Sie lauschte noch ein wenig, nein. Es war kein großer Transporter. Also keine japanische, kaiserliche Dämonenarmee. Aber es näherte sich immer mehr ihrer Position, Sanguinem schien also das Ziel zu sein. Aoi ließ sich auf den Boden fallen und lief schnell zurück zum Stadttor. Dort erwartete sie eine Überraschung Ky Luc stand am Tor und drehte sich zu ihr um…

Fragen

„Ky Luc? Was…machst du denn hier?“, der Satz war Aoi so rausgerutscht. Aber Ky Luc schien laut ihrer Beobachtungen sowieso keinen großen Wert auf Förmlichkeiten zu legen. Sollte er nicht noch die Sonnenfolter bewachen? „Aoi? Was machst du denn hier draußen?“, fragte er sie. Anschließend wiegte er seinen Kopf hin und her, bevor er mit hohem Tempo auf sie zu kam und sie von allen Seiten zu betrachten schien: „Sieh an. Aoi, du bist ja eine von uns! Scheint so, als hätte ich einiges verpasst! Was hat Meister Geales denn dazu gebracht?“ Er hatte sofort erraten, wer es gewesen war. Aber das war wohl kein Kunststück. Aoi wickelte etwas verlegen ihren Zopf um ihren Finger: „Das…dauert etwas länger.“ Ky lachte wissend: „Ja, natürlich dauert das. Das tut es immer.“ „Aha. Bei dir etwa auch?“, harkte sie nach. „Wer weiß?“, er zwinkerte verschwörerisch mit einem Auge. War das ein Versprechen, dass er es ihr irgendwann erzählen würde? „Irgendwann vielleicht mal“, fügte er noch hinzu. Konnte der Typ Gedanken lesen? „Guck nicht so verwundert. Dein Gesicht ist wie ein offenes Buch. Menschen sind so leicht zu durchschauen“, er lächelte wieder. Aoi zog unbewusst einen Schmollmund. „Das wird irgendwann“, er lächelte noch einmal breiter, dann wurde sein Gesicht ungewöhnlich ernst, „Wo ist Meister Geales?“ das war ein neues Gesicht von ihm. Bisher hatte er stets Frohmut gezeigt, aber jetzt schien etwas passiert zu sein, was selbst bei ihm Unruhe erzeugt zu haben schien. Das war ein Hinweis darauf, dass etwas nicht nach Plan verlaufen war. „Als ich ihn zuletzt gesehen habe war er im Besprechungsraum, das ist aber schon eine Zeit her“, gab sie ihm Auskunft. Ky verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf und schlenderte schon fast zum Palast: „Dann gehen wir zu ihm.“
 

Den Weg absolvierten sie schweigend. Urd hatte den Besprechungsraum bereits verlassen, allerdings konnte einer der Wächter ihnen sagen, dass Urd sich in sein provisorisches Arbeitszimmer zurückgezogen hatte. Ky steckte eine Hand in seine Hosentasche und mit der anderen klopfte er an. „Herein“, hörte man ihn antworten. Aoi und Ky traten ein. Urds Augen verengten sich, als er Ky sah. Auch er schien nicht mit seiner Anwesenheit gerechnet zu haben. Ky drehte seinen Kopf nach rechts und links, dann sagte er: „Wo ist Lest Karr?“ „Draußen“, antwortete Urd knapp. „Könntet Ihr ihn herbeirufen, Meister Geales? Er sollte dabei sein“, sagte Ky und lehnte sich gegen einen altmodischen Stuhl vor Urds Schreibtisch. Urd hob seinen Fernsprecher und nahm Kontakt zu Lest auf. Aoi schaute sich genauer in dem Raum um. Die Wände waren mit edlem Holz vertäfelt, ein großes Fenster ermöglichte einen guten Blick auf den Hauptplatz. An den Wänden standen hohe, mit Büchern gefüllte Regale und mehrere Bilder zeigten Orte, die sich wahrscheinlich in Sanguinem befanden. Urd saß an einem hölzernen Schreibtisch, auf dem sich Papiere und Ordner stapelten. In seiner rechten Hand drehte er eine Schreibfeder und vor ihm lag ein angefangener Brief, natürlich in kyrillischer Schrift verfasst. Eine große Uhr tickte träge vor sich hin. Es dauerte nicht lange, bis Lest auf er Matte stand. Er hatte sich wohl sehr beeilt, aber aus der Puste war er natürlich nicht. „Ky Luc! Was machst du denn hier?“, fragte er sofort und ließ sich auf einen der Stühle fallen. Ky ließ sich nicht lange bitten: „Einige Tage, nachdem ihr aufgebrochen wart, wurde meine Ruhe gestört. Ich wurde angegriffen, von genau dreizehn Mann. Davon zehn menschlich.“ „Die japanische, kaiserliche Dämonenarmee?“, harkte Urd nach. „Davon gehe ich aus. Zumindest trugen sie ähnliche Uniformen wie unsere junge Freundin hier“, Ky legte eine Hand auf Aois Schulter, „Zwei Vampire waren auch mit von der Partie, unter ihnen Crowley Eusford. Außerdem noch etwas…Undefinierbares.“ „Undefinierbares? Was willst du damit denn jetzt sagen?“, fragte Lest nach. Ky zuckte mit seinen Schultern: „Wie ich sagte, ich bin mir nicht ganz sicher, was es war. Vielleicht ein Seraph of the End, vielleicht auch etwas völlig anderes. Aber eines steht fest: es war stark. Ich konnte nicht gleichzeitig das Monster bekämpfen und nebenbei noch Krul Tepes schützen. Also hielt ich es für das beste mich vorerst zurückzuziehen.“ Aoi wusste nichts von so einem Einsatz. Zumindest hatte Kureto ihr nichts gesagt. Er hatte auch nicht erwähnt, dass er sein Wissen über die europäischen Vampire mit der Armee geteilt hatte. Das hieß, dass nur Mitsuba und ihr Team dahinter stecken konnten. Aber wer waren dann die ganzen restlichen Menschen gewesen? Offenbar auch Leute von der Armee, aber wer? Urds Gesicht hatte sich immer mehr verdüstert: „Dann wissen die jetzt über uns Bescheid? Was ist mit Ferid Bathory?“ „Das ist das Ding“, fuhr Ky fort, „Es ging ihnen offenbar nicht darum uns zu vernichten, sondern die zwei zu befreien. Was ihnen bei Ferid Bathory auch gelungen ist, wie ich zu meiner Schande gestehen muss.“ „Ferid Bathory ist frei? Es ist wahrlich beunruhigend, dass sich immer mehr adelige Vampire als Verräter entpuppen. Wir müssen in Zukunft die Leine fester in der Hand halten und unsere Leute besser kontrollieren. Es könnte noch mehr Verräter geben und wenn wir sie nicht finden und ausschalten werden wir große Schwierigkeiten bekommen. Aber Krul Tepes hast du mitgebracht?“, fragte Urd nach. Aois Wissen nach befand sich kein Spion der Armee in den Reihen der Vampire. Die ganzen Vampire mussten also auf eigene Faust gehandelt haben. Urd erhob sich von seinem Stuhl und stützte sich mit seinen Händen auf den Schreibtisch: „Lest Karr, bring Krul Tepes in die Kerker. Es ist an der Zeit, die Gute einer gründlichen Befragung zu unterziehen.“ „Na schön“, sagte Lest nur und verließ den Raum. Ky machte sich daran, ihm zu folgen: „Ich bereite schon mal alles vor.“
 

Aoi starrte eine Zeit lang ihre gefalteten Hände an und hing ihren Gedanken nach. „Aoi“, hörte sie Urd schließlich sagen. Aoi schaute zu ihm auf. In seinen Augen konnte sie eine unausgesprochene Frage sehen. „Ich weiß nichts über einen solchen Einsatz. Wer es auch immer war, er hat eigenmächtig gehandelt.“ Sie konnte ihm ansehen, dass er mit der Antwort nicht ganz zufrieden war. Offensichtlich hatte er auf etwas Aufschlussreicheres gehofft, etwas dass die ganzen Ereignisse erklären würde. Verständlicherweise, auch Aoi war verwirrt. Ihr wollte auch keine Erklärung einfallen. „Na gut, dann lass uns nach unten gehen und Krul Tepes befragen. Wenn sie etwas weiß, dann werden wir das schon herausfinden“, sagte Urd schließlich. Man konnte ihm jedoch deutlich ansehen, dass es hinter seiner Stirn gewaltig ratterte. Aoi folgte ihm in einen weiteren, unbekannten Teil des Palastes. Sie stiegen eine enge, gewundene Treppe hinab. An der Decke sorgten kleine Lampen für ein schwaches Licht. Die Schatten huschten über den grob gehauenen Stein, eine unheimliche Atmosphäre machte sich breit. Ihr wäre es fast lieber, wenn es gar kein Licht gäbe, auch wenn sich das seltsam anhörte. Die Dunkelheit machte ihr jetzt nicht mehr viel aus und ohne die Schatten, die sich an der Wand entlangschlängelten, wäre ihr etwas wohler. Sie gingen einen langen Gang entlang, bevor Urd vor einer schweren Holztür stehen blieb. Er stieß sie auf und sie betraten einen Kellerraum. Ky Luc saß entspannt auf dem Boden und stützte sein Kinn mit seinem Handrücken. Lest Karr schien nicht so ruhig, er hatte seine Arme hinter dem Rücken verschränkt und lief auf und ab. Aoi hatte jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit Krul Tepes genauer zu betrachten. Sie schätzte Krul etwa so groß wie Lest. Ihre Haut hatte sich bereits regeneriert, auch ihr rosanes Haar ging ihr wieder bis zu den Hüften. Sie war mit schweren Eisenketten an der Wand befestigt und trug ein weites Hemd. Ihre roten Augen wanderten aufmerksam durch den Raum. Auch sie betrachtete Aoi intensiver. Plötzlich fuhr ein Zucken durch Urds Köper und er drehte seinen Kopf. „Was war das?“, fragte er. „Hm? Was?“, erwiderte Aoi verwundert. Sie hatte nichts gespürt, aber Urds Blick sagte ihr, das sich etwas in sehr weiter Ferne abgespielt hatte. „Gerade hat sich die Farbe der Welt geändert“, fuhr Urd fort, „Hast du es bemerkt?“ Er drehte sich wieder zu Krul: „Odergehört das zu deinem Plan, Krul Tepes?“ Krul senkte ihre Augenbrauen: „Ich habe damit nichts zu tun.“ Urds Stimme wurde dunkler: „Du hast uns hintergangen.“ „Ich habe niemanden hintergangen!“, entgegnete Krul ihm. „Und ob du das hast. Niemand hätte an „Seraph of the End“ forschen dürfen. Es war ein Tabu, das…“, setzte Urd an. Doch Krul unterbrach ihn: „Und? Was hat uns das gebracht? Was ist aus der Welt geworden? Jetzt ist es den Menschen gelungen, „Seraph“ zu kontrollieren, Tabu hin oder her.“

Urd schaute sie mit einem neutralem Blick an. „Und da sollen wir uns weiter Stur an veraltete Regeln halten? Wer hat diese Regeln überhaupt aufgestellt?“, Kruls Stimme wurde jede Sekunde lauter, „Shika Mado, Urahn ersten Ranges! Nicht wahr? Ha! Dabei hat er sich doch längst von uns abgewandt…“ Sie konnte schon aus den Augenwinkeln sehen wie Lest ausholte und Krul einen heftigen Schlag ins Gesicht verpasste, bei dem auch Aoi zusammenzuckte. „Du redest zu viel, Verräterin!“, seine Stimme klang bedrohlich, wie ein Vulkan, der kurz davor war Feuer zu speien. Er konnte wirklich beängstigend sein, wenn man ihm auf die Zehen stieg. „Aber…“, meldete sich Ky Luc zu Wort, „Was sie sagt, ist nicht vollkommen falsch.“ Ky Luc wirkte entspannt, er hörte sich an, als würde er nur über eine Freizeitaktivität plaudern: „Die Menschen haben es geschafft, ein Geheimnis zu lüften, das nicht einmal wir kannten. Wir laufen Gefahr, die Herrschaft über die Menschen zu verlieren.“ Das war doch etwas überraschend. Allein, das er diese Möglichkeit in Betracht zog, zeigte schon, dass er gut darin war, eine Situation realistisch einzuschätzen. Lest Karr wirkte zwar immer noch aufgebracht, aber er schien sich etwas abzukühlen: „Bist du jetzt etwa auf der Seite der Verräterin?“ „Natürlich nicht! Aber es ist schon ärgerlich“, Ky Lucs Stimme wurde ernster, „Kein Zweifel. Wir haben den Anschluss verpasst und die Menschen betreiben diese Forschung einfach weiter.“ „Wir können die Menschen jederzeit töten“, antwortete Lest subtil. „Ja, das stimmt wohl. Aber wer steckt dahinter? Wer manipuliert diese Menschen? Wie Meister Geales bereits bei der Sitzung erwähnt hat, wir müssen die Wurzel des Übels finden und zerstören“, Kys Kopf drehte sich zu Urd, „Ein furchtbar widerlicher Typ ist hier am Werk oder, Meister Geales?“ Urds Körper verkrampfte sich etwas, er schien schon jemanden im Gedächtnis zu haben. „Rigr Stafford etwa?“, Lest Karrs Stimme klang beunruhigt. Es war das erste Mal, das Aoi an ihm so etwas wie Angst wahrnahm. Sie erinnerte sich. Rigr Stafford war der Gegenpart zu Urd, ein Urahn zweiten Ranges. Das hieß, er war mindestens so stark wie Urd. Wenn zwei Vampire wie diese beiden gegeneinander kämpfen würden, dann würde kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Ky Luc schien seinen Frohmut wieder gefunden zu haben: „Wer ist wohl stärker, er oder Ihr, Meister Geales? Ihr wurdet doch damals zur gleichen Zeit von einem Adeligen zum Vampir gemacht, oder? Kommt Ihr gegen ihn an?“ Urd öffnete seine Lippen, blieb aber stumm. Ky beugte sich etwas nach vorn: „Können wir etwas gegen ihn ausrichten, solange wir uns an die Regeln halten?“
 

Urds Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen: „Willst du die Regeln ändern? Regeln, die seit tausenden von Jahren gelten?“ Urd war Ordnung wohl wirklich wichtiger als alles andere. Er hing an den Regeln und an seinem Vampirdasein. Aber warum? Was trieb ihn an? War es einfach nur Blut? Aoi konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann wie Urd sich so sehr an so etwas klammerte. Es musste noch etwas geben. „Der, der sie aufgestellt hat, ist lange fort. Er hat meinen Bruder entführt und ist verschwunden“, warf Krul Tepes ein. Urd wandte seine Aufmerksamkeit wieder Krul zu: „Redest du von Ashera? Geht es dir um deinen Bruder? Willst du ihn zurückhaben?“ Lest Karr lachte amüsiert: „Das ist doch Unsinn! Der ist doch schon seit tausenden von Jahren verschwunden!“ Der Bruder von Krul. War er auch ein Urahn dritten Ranges? „Etwas muss sich der Urahn ersten Ranges dabei gedacht haben“, sagte Ky und seufzte, „Danach ist immerhin auch Rigr Stafford, Urahn zweiten Ranges verschwunden und wir, die zurückgeblieben sind, haben sich nie verändert. Das ist schon irgendwie schwach.“ Dann senkte Ky seinen Kopf und schaute durch seine Wimpern: „Ist es nicht langsam an der Zeit, dass auch wir nach vorn sehen?“ Oha, war das etwa der Umbruch für die Vampire? „Und wie stellst du dir das vor?“, fragte Urd. „Zum Beispiel…“, begann Ky lächelnd und hob seine Hand. Sein Ring began rot zu leuchten und mehrere, schwarze Fäden wickelten sich um seine Hand. Sie formten eine von roten Strängen durchzogene Klinge. Deswegen hatte er also kein Schwert an seiner Hüfte, er hatte ine komplett einzigartige Waffe. Er holte mit ihr aus und durchtrennte Problemlos Kruls Fesseln: „Könnten wir die Königin mal genauer befragen. Was hältst du geheim? Was führst du im Schilde? Was hast du in Sanguinem für Experimente betrieben?“ Keul schaute die anwesenden mit einer Mischung aus Unglaube und Entschlossenheit an. „Was sagst du, Krul Tepes?“, fragte Urd und steckte seine Hände in ihre Hosentaschen, „Willst du mit uns zusammenarbeiten?“ Krul schwieg zunächst, antwortete dann jedoch: „Wenn ihr den Mumm habt, euch an einem Tabubruch zu beteiligen.“ „Kommt drauf an. Erklär es uns!“, ging Urd einen Schritt weiter. Würde er das jetzt wirklich tun? Versuchte er, die alten Zeiten zu überwinden? „Ich werde es euch erzählen…“, Kruls Blick verdüsterte sich. Ihren Hass konnte Aoi förmlich spüren: „Was er mir und meinem Bruder Ashera angetan hat. Dieser Urahn ersten Ranges!“…

Mahiru

Aoi legte ihren Kopf in den Nacken und ließ die Ereignisse in dem Verlies von Sanguinem noch einmal Revue passieren. Nun war es also passiert. Die Vampire waren bereit, zur Dämonenarmee aufzuholen und Shika Mado aufzuhalten. Also das was sie wollte, oder? Aber konnte man den Vampiren wirklich trauen? Mal angenommen es gelang ihnen. Sie würden die japanische, kaiserliche Dämonenarmee wohl kaum so belassen, wie sie jetzt ist. Urd hatte gesagt, er würde keine Risiken mehr eingehen und aus seiner Sicht war die Armee ein Störfaktor. Die Vampire kannten weder Mitgefühl noch Gnade, das wusste sie jetzt noch besser als zuvor. Erst recht nicht Menschen gegenüber. Sie würden wahrscheinlich nicht alle Zivilisten umlegen, aber jeder, der sich gegen sie auflehnte würde ihre Macht zu spüren bekommen. Doch es gab kein Entkommen, die Vampire hatten Japan eingekreist. Selbst wenn die Vampire zurückgeschlagen wurden, sie konnten immer noch über das Meer flüchten. Die Menschen würden ihnen nicht folgen können, zumindest mit der aktuellen Ausrüstung nicht. Die einzige Chance, ihre Macht einzuschränken war die Adeligen los zu werden. Wenn Urd oder Lest weg waren, wären alle Vampire in der Welt erheblich geschwächt. Instinktiv erhebt sich eine Stimme in Aoi. Sie hätte nie gedacht, dass sie so etwas mal sagen würde, aber sie war sich nicht mal sicher, ob sie das noch könnte. Sie hatte schon so viel Zeit mit den beiden verbracht. Urd war momentan die einzige Person, die ihr helfen konnte, mit ihrem Zustand zurecht zu kommen. Wenn es überhaupt eine Chance gab, dass Vampire und Menschen ins Reine kamen, dann war es Urd. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende geführt musste sie über sich selbst lachen. Als ob Vampire und Menschen auf eine Linie kommen könnten. Das würde nur funktionieren wenn der eine den anderen als sich gleichwertig sah. Das würde von beiden Seiten nie klappen. Die Vampire sahen die Menschen als Nahrung und Vieh. Die Menschen wiederum sahen die Vampire als primitive, triebgesteuerte Raubtiere. Verachtung auf beiden Seiten, die Urd nie und nimmer überspielen konnte. Er war vermutlich selbst ein Problem. Er sah Menschen vielleicht nicht als wertloses Vieh an, aber den Vampiren ebenbürtig sah er sie auch nicht. Es war alles eine Sackgasse. Vermutlich waren die Menschen, die in den anderen Vampirstädten lebten, alle noch Kinder gewesen, als die Vampire sie entführt hatten. Wahrscheinlich waren in anderen Ländern wirklich alle Erwachsenen gestorben. Viele der Kinder, die heute Jugendliche und junge Erwachsene waren, kannten die Welt, wie sie vorher war, nicht mehr. Oder zumindest nicht mehr genau. Von daher hatten es die Vampire leichter, die Menschen für ihre Zwecke zu erziehen. Ohne Einflüsse von außen waren sie den Blutsaugern ausgeliefert. Wenn sie ihre Herrschaft weiter halten und festigen konnten, dann würden sie sich in ein paar Generationen eine Herde treuer Lämmchen erzogen haben.
 

„Ich habe es mir schon gedacht, du ist noch ganz frisch“, es war Krul Tepes. Sie stand hinter Aoi, welche sich auf einem der Balkone befand. Krul hatte einen ihrer Arme in die Hüfte gestemmt. Sie trug wieder ihre normale Kleidung, sie war offenbar keine Gefangene mehr. Aoi blickte über ihre Schulter zu ihr: „Krul Tepes, Urahnin 3. Ranges, wenn ich mich nicht irre.“ Krul verschränkte ihre Arme: „Du irrst dich nicht. Wie heißt du?“ „Aoi Sangu“, antwortete Aoi ihr. Krul setzte ein nachdenkliches Gesicht auf: „Sangu? Hmmm…Kennen wir uns vielleicht?“ „Was? Das wüsste ich aber. Wie kommst du darauf?“, fragte Aoi nach. Warum sollte sie eine Urahnin dritten Ranges kennen? „Tatsächlich? Dein Nachname kam mir so bekannt vor…Sag, junger Vampir. Wer hat dir dein zweites Leben gegeben?“ „Urd Geales. Er gab mir sein Blut“, gab sie Auskunft. Krul hob eine Augenbraue: „Einen Urahn zweiten Ranges beim blanken Namen zu nennen. Du traust dich ja was. Er scheint damit kein Problem zu haben, aber sei etwas vorsichtig in der Gegenwart anderer Vampire, es könnte so wirken, als würdest du ihn nicht respektieren.“ So was in der Art hatte sie sich schon gedacht. Auch wenn es an ihrem Stolz kratzte, einen Vampir Meister zu nennen. Sie wollte nicht unbedingt mehr auffallen als nötig. Wobei man vermutlich schon sehr auffiel, wenn man von einem Vampir in Urds Position erschaffen wurde. Krul schaute eine Zeit lang nach oben. Schließlich fragte sie: „Sangu, deine Familie dient doch den Hiragis, oder?“ Aoi zuckte zusammen. Woher wusste sie das? Gut, ein Geheimnis war das jetzt nicht unbedingt, aber trotzdem. Dass ein Vampir das wusste, überraschte sie dann schon. Krul begann zu schmunzeln: „Fufufu…Du bist so leicht zu durchschauen.“ Aoi fluchte leise. Sie sollte lernen, sich ihre Gedanken und Gefühle nicht anmerken zu lassen. Die Vampire waren Aufmerksamer als sie dachte. Krul legte einen Finger an ihr Kinn: „Kennst du Mahiru Hiragi?“ Diese Vampirin wusste viel. Viel zu viel, wenn es nach Aois Geschmack ging. Sie wusste sogar Namen. Den Namen einer verstorbenen Hiragi. Aoi biss sich leicht auf die Lippen: „Mahiru Hiragi ist tot. Woher kennst du sie?“ Krul verschränkte wieder ihre Arme und schaute auf ihre Schuhspitzen: „Dann ist es also doch wahr. Mahiru und ich begegneten uns vor acht Jahren. Sie versprach mir, nach meinem Bruder zu suchen, im Gegenzug dafür gab ich ihr mein Blut.“ Aoi traute ihren Ohren kaum: „Sie haben Mahiru…ihr Blut gegeben? Aber das würde ja heißen, dass Mahiru ein Vampir war.“ Krul setzte sich auf das Geländer des Balkons: „Das wusstest du nicht? Aber wahrscheinlich hat sie auch nie darüber gesprochen.“ Guren Ichinose hatte behauptet, Mahiru getötet zu haben. Aber wer konnte dem schon vertrauen. Ist Mahiru gar nicht verstorben, sondern ein Dämon geworden? Bei dem Gedanken daran lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Sie musste zurück nach Shibuya, Kureto brauchte ihre Unterstützung mehr denn je. Sie musste sich irgendwas einfallen lassen.
 

Aoi kehrte in die Innenräume des Palasts zurück und begab sich ins Wohnzimmer. Sie hatte gehofft Urd zu finden. Allerdings war er nicht dort, vielleicht war er noch in seinem Arbeitszimmer und erledigte seinen Papierkram. Also noch kein Feierabend für ihn. Nur Ky saß lässig auf dem Sessel und schenkte ihr, wie immer, ein breites Lächeln: „Ah, Aoi. Wie geht’s? Setz dich doch, ich habe auch genug zu trinken hier.“ Aoi überlegte erst abzulehnen, aber wenn Urd Zeit hatte, dann würde er bestimmt auch hier her kommen. Also ließ sie sich neben Ky nieder und nahm sich ebenfalls ein Glas. Sie spürte Kys Blick auf sich, als sie sich ihr Glas füllte. Es war ihr fast unangenehm. Auch während Aoi trank lag Kys Aufmerksamkeit weiter auf ihr: „Du zögerst.“ „Was?“, fragte Aoi nach. Ky drehte sich zu ihr und stützte sein Kinn mit seiner Hand, sein Ellenbogen lag auf der Rückenlehne: „Auch wenn es vielleicht unwillkürlich ist, ich sehe deine Abscheu.“ Kys Augen schienen Aoi zu durchdringen, als könnte er in ihren Körper hineinsehen. Er war so aufmerksam, ihm entging wirklich kein Detail und offenbar machte er aus seinen Erkenntnissen kein Geheimnis. Aoi bezweifelte nicht, dass auch Urd gut in andere hineinsehen konnte, aber er sprach nur das aus, was er aussprechen wollte und dachte sich danach seinen Teil. Ky konnte noch gefährlich sein, auf einer anderen Ebene. Er war intelligent und berechnend. „Und du?“, fragte Aoi schließlich, „Hattest du denn keine Abscheu?“ Ky schaute sie eine Zeit nur an, bevor er antwortete: „Etwas. Aber vermutlich nicht so wie du. Ich war Soldat, mein Trieb zu Überleben war schon immer stark. So konnte ich meine Abscheu überwinden.“ Aoi stellte ihr leeres Glas auf den Tisch zurück: „Du warst als Mensch Soldat? Wie wurdest du zum Vampir?“ Ky lachte auf: „Neugierig bist du auch gar nicht, oder? Ich will mal nicht so sein. Ist ja nicht so, dass es irgendetwas Spektakuläres wäre. Freiwillig wurde ich nicht dazu, das unterscheidet uns vermutlich voneinander. Es waren Kriegszeiten und wir waren kurz davor zu verlieren. Also krallten sie sich jeden kampffähigen Mann den sie finden konnten. Sie zerrten mich förmlich von meiner Familie weg. Ich war nur ein einfacher Bauer, der noch nie ein Schwert in der Hand gehalten hatte, aber das zählte nicht. Wir waren schlecht ausgerüstet, es war ein besonders harter Winter und wir verloren viele Männer bereits bevor wir die Front überhaupt erreichen konnten. Ich konnte meine Körper kaum noch spüren, aber ich war nicht bereit, auf diese Weise mein Leben ab zu geben. Wir hatten schon mehrere Tage nichts mehr gegessen, doch ich und noch eine Hand voll anderer, die sich noch am Leben hielten wie an einem Grashalm versuchten trotzdem weiter zu kommen. Wir machten gerade eine kurze Pause, ich war losgegangen um Holz für ein kleines Feuer zu besorgen. Als ich nach einiger Zeit jedoch wieder zurück kam waren alle anderen tot. Sie waren ausgesaugt, bis auf den letzten Tropfen. Ehe ich die Situation voll erfassen konnte wurde ich von den Füßen gefegt. Bei dem Aufprall brachen mehrere Rippen und ein spitzer Felsen durchbohrte meine Schulter. Meine Waffe löste sich aus seiner Halterung und fiel zu Boden. Das war mein erstes Treffen mit Shika Mado. Er trug eine dünne Tunika und keine Schuhe. Seine kalten Augen waren mit Mordlust gefüllt. Es war klar zu erkennen, dass er nicht die Absicht hatte auch nur einen am Leben zu lassen. Dennoch, auch wenn ich wusste dass es Aussichtslos war, versuchte ich mein Schwert zu greifen, um ihn vielleicht wenigstens noch mit zu nehmen. Er packte mich am Hals und hob mich in die Luft, bevor er zu mir sagte: „Interessant, diese Strapazen scheinen deinen Lebenswillen nicht gebrochen zu haben. Du willst also Leben?“ An das was danach passierte kann ich mich kaum noch erinnern, alles war schon verschwommen und so fern, da ich kurz vor dem Tod stand. Ich kann mich nur noch an diesen brennenden Schmerz erinnern, der sich durch meinen Körper fraß. Ich weiß nur noch wie ich wieder zu mir kam, mein Hals stand in Flammen, alles in mir zog sich zusammen. Erst als ich die warme Haut unter meinen Zähnen spürte und der süße Geschmack des Blutes meinen Mund erreichte konnte ich wieder klar denken.“ Mit diesem Gefühl war Aoi nun auch mehr als vertraut. „Du…hattest Familie?“, fragte Aoi nach. Ky nickte: „Oh ja, ich hatte eine Frau und fünf Kinder. Das letzte Mal sah ich sie, als ich in den Krieg ging.“ Aoi konnte sich Ky nicht wirklich als Vater vorstellen. Allerdings war das schon unendlich lange her und Ky war heute nicht mehr derselbe wie damals. Wer wusste also, ob er nicht doch ganz gut in der Rolle gewesen ist? Aoi verschränkte ihre Arme hinter ihrem Kopf: „Shika Mado hat alle deine Kameraden abgeschlachtet. Wie konntest du danach noch mit ihm klar kommen?“ Ky behielt sein Lächeln: „Ich habe nie gesagt das ich ihn mochte. Wir hatten nie engen Kontakt. Meister Geales hatte mir alles beigebracht, was ich wissen musste.“
 

„Ihr seid auch hier“, es war Urd. Er betrat den Wohnraum und setzte sich in den Sessel. „Urd, ich wollte etwas mit dir besprechen“, begann Aoi. Urd rieb sich kurz seinen Nacken bevor er seine Aufmerksamkeit Aoi widmete: „Entschuldige, heute hatte ich nicht viel Zeit. Ich musste noch eine Menge Briefe beantworten. Was gibt es?“ Aoi wusste, dass sie es jetzt sehr geschickt einfädeln musste, wenn sie Urd überzeugen wollte. Ky Luc könnte jetzt sogar ein Problem werden. „Urd, ich möchte einen kleine Vorschlag machen. Bitte, lass mich noch einmal nach Shibuya zurückkehren. Noch wissen wir nicht, was genau Shikama Doji eigentlich will. Genau deswegen sollte ihn jemand im Auge behalten.“ Sie konnte Urd ansehen, dass er nicht wirklich begeistert von dieser Idee war: „Aoi, du hast hier noch eine Menge zu lernen. Ich kann dich nicht ständig in der Welt herumstreifen lassen. Auch wenn ich nicht abstreiten kann, dass es nützlich wäre, den wahren Urahn im Auge zu behalten. Sobald er sich regt, werden wir eingreifen müssen.“ Ky Luc beugte sich nach vorn: „Ganz schlecht ist ihr Vorschlag doch nicht. Wir wollten doch neue Wege gehen, nicht wahr? Warum sollte sie also hier rumsitzen und nutzlos warten, wenn sie sich doch nützlich machen kann? Sie ist der einzige Vampir, der sich in der Menschenorganisation einigermaßen frei bewegen kann. So kommen wichtige Informationen schneller an uns heran.“ Ausgerechnet Ky Luc stärkte ihr jetzt den Rücken. War vielleicht doch nicht so schlecht, dass er anwesend war. „Und außerdem…“, fügte Ky Luc noch hinzu, sein konstantes Lächeln war mit einem mal unheimlich geworden, „Bezweifle ich irgendwie, dass sie uns noch verraten könnte, selbst wenn sie es wollte.“ Aoi musste schlucken, ein seltsames Gefühl breitete sich bei diesem Satz in ihrer Magengrube aus, als sie versuchte, den Wahrheitsgehalt dieser Aussage in sich selbst zu ergründen…

Heimkehr

Nur langsam stieg Aoi die schmalen und engen Stufen hinunter. Die Häuser neben ihr erhoben sich schon fast abenteuerlich, allerdings schienen sie trotz ihrer etwas schiefen Bauweise nicht einsturzgefährdet zu sein. Schon bald erreichte sie einen großen Platz, größer als der, den sie bei ihrem ersten Besuch gesehen hatte. Obwohl sie sich vorgenommen hatte, den Teil der Stadt, der von den Menschen bewohnt wurde, zu meiden, war sie nun doch wieder hier. Sie wollte nach Kenji suchen, sie musste einfach wissen, wie es ihm ging. Schließlich war es ihre Schuld gewesen, das er in diese Situation geraten war. Auch wenn sie keine Ahnung hatte wo er hingebracht worden war. Versuchen wollte sie es trotzdem. Dieser Platz war deutlich belebter als der andere, was vielleicht auch daran lag, dass sich die Lage in Sanguinem wieder etwas beruhigt hatte. Trotzdem hielt sich Aoi im Hintergrund, um nicht so viel Aufsehen zu erregen. Sie schaute sich Aufmerksam um, aber nirgends konnte sie Kenji oder die beiden Kinder entdecken. Vielleicht waren sie auch am komplett anderen Ende der Stadt, Sanguinem war einfach zu groß. Shibuya war zwar auch relativ groß, aber nicht so verwinkelt und düster. Aoi schaute eine Weile den Kindern beim Spielen zu. Solange sie noch Kinder waren, konnten sie sich auch hier sicher gut beschäftigen. Aber als Erwachsener stellte sich Aoi so ein Leben als Blutgefäß ziemlich langweilig und anstrengend vor. Zumindest , wenn es sich wirklich nur aufs Blut abnehmen beschränkte. Sie wusste zwar, dass Urd hin und wieder Menschen für sich tanzen ließ. Aber darüber hinaus war ihr nichts bekannt. Sie wusste natürlich auch nicht, ob diese Menschen das freiwillig für ihn taten oder ob er einfach bestimmt hatte, dass sie ihn unterhalten sollten.
 

Ein leichtes ziehen an ihrem Rock lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder in die Realität. Sie schaute an sich herunter, Mina stand neben ihr und schaute sie aus ihren großen, grünen Augen an. Aoi fühlte eine gewisse Erleichterung darüber, dass es ihr einigermaßen gut zu gehen schien. Entweder war ihr noch kein Blut entnommen worden oder sie hatte es gut verkraftet. Aoi konnte sich noch gut daran erinnern wie fertig sie gewesen war, nachdem Urd sie angezapft hatte. „Aoi, du bist zu uns gekommen!“, ihre Stimme klang heiter. Sie schien wohl immer guter Laune zu sein, selbst in dieser Situation. Das zog auch die Aufmerksamkeit der anderen Kinder auf sie, welche sie teils verwundert, aber auch teils ängstlich ansahen. Einen Vampir einfach so anzufassen und anzusprechen war bestimmt kein alltäglicher Anblick. „Komm doch mit zu uns, Papa freut sich bestimmt, dich zu sehen!“, bot Mina ihr an. Aoi erwiderte mit einem stummen Nicken, sie wollte aus dem Sichtfeld der anderen verschwinden. Ob Kenji sich wirklich freuen würde sie zu sehen? Sie hatte ihr Versprechen ihm gegenüber nicht halten können, schlimmer noch. Mina führte sie durch die Straßen, bis sie ein kleineres, aber doch recht gut erhaltenes Häuschen erreichten. Mina hüpfte die Stufen nach oben und musste sich auf ihre Zehenspitzen stellen, um die Tür zu öffnen. Kaum hatte Aoi diese hinter sich geschlossen rief Mina bereits: „Hey, kommt mal alle her! Hier ist Besuch!“ Aoi schaute sich um, sie befanden sich in einem engen, kleinen Flur. Die steinernen Wände wirkten kalt und schmucklos. Das schummerige Licht verschaffte Aoi allerdings eine angenehme Atmosphäre, da es sie nicht so sehr blendete. Für einen Menschen war es aber vielleicht etwas zu schwach. Die Decke war etwas niedrig, für sie selbst reichte es, aber so viel größer dürfte sie dann nicht sein. Sie hörte mehrere Schritte, welche sich näherten. Kenji war als erster da, danach trafen auch Anshar und eine braunhaarige Frau ein. Sie war vermutlich die Frau von Kenji. „Oberst Sangu?“, Kenji wirkte verwundert sie zu sehen. Aoi wurde mit einem Mal unwohl. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet, sie wusste nicht so recht was sie sagen sollte. Kenji sah sie eine Weile an, bevor er ihr antwortete: „Machen Sie sich Gedanken wegen uns? Das brauchen Sie nicht, wirklich. Mir war immer klar, dass uns eines Tages irgendjemand finden würde. Wir hätten uns doch nicht für immer verstecken können.“ „Das vielleicht nicht“, willigte Aoi ein, „Aber es wäre besser gewesen, wenn Meister Kureto euch gefunden hätte.“ Ihr fiel auf, dass die kleine Familie immer noch ihre normale Kleidung trug. Ungewöhnlich. Entweder hatten die Vampire noch keine Zeit gefunden, sie umzukleiden oder es war tatsächlich Absicht. „Solange meine Kinder am Leben sind, werde ich weitermachen, egal was auf mich zu kommt“, sagte die Frau, „Ich heiße übrigens Setsuna, ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Ihre Augen waren voller Güte und ihre Hände lagen fest auf Minas und Anshars Schultern. Auch wenn die Umstände ihres Lebens wohl nicht einfach gewesen waren, sie schien ihre Menschlichkeit und ihre Liebe niemals verloren zu haben. Das schmerzte Aoi umso mehr, sie würde nie Kinder haben und ihre Gefühle würde sie über kurz oder lang auch verlieren. „Ich werde Sanguinem bald verlassen und nach Shibuya zurückkehren. Sobald ich dort bin werde ich anfangen, einen Plan auszuarbeiten, mit dem alle zufrieden sein können. Aber ich kann nicht leugnen, dass wahrscheinlich harte Zeiten und Kämpfe bevorstehen“, Aoi versuchte damit etwas Hoffnung zu wecken. Kenji kam auf sie zu: „Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Ich passe schon auf, während Sie weg sind. Hier wird bestimmt niemand sterben.“
 

Aoi wurde etwas mulmig zumute, als sie den Transporter durch die Ruinen von Tokyo steuerte. Urd schien bei ihrer Abreise immer noch nicht begeistert von ihrem Plan gewesen zu sein. Seine Lippen waren fest aufeinander gekniffen und seine Augen hatten sie scharf ins Visier genommen. Aber sie konnte einfach nicht anders, auch wenn Urd verärgert gewesen war. Da musste er durch, sie wollte und konnte Kureto nicht mit Mahiru Hiragi allein lassen, die wohl nicht so tot war, wie bisher angenommen. Noch wusste Kureto nichts von dem möglichen Überleben seiner Schwester, das wollte sie ihm lieber selbst sagen. Außerdem durfte man auch Shika Mado nicht vergessen. Zumindest was ihn betraf, waren sich doch die beiden Parteien einig, dass er eine Gefahr war, nicht wahr? Dann gab es noch Rigr Stafford. Zwar gab es ein Sprichwort, dass besagte „Der Feind deines Feindes ist immer auch dein Freund“, doch Aoi war sich nicht sicher, ob das hier zutraf. Diesem Rigr Stafford würde sie noch weniger trauen als Urd und seinen Leuten. Shibuya war nicht mehr weit, schon bald würde die ganze Armee ihr Geheimnis kennen. Nachdem Aoi Meister Kureto über ihr kommen informiert hatte, überlegten sie wie sie mit Aois….Fangzahnproblemen umgehen würden. Nach einigem Hin und her hatten sie entschieden, dass sie Aoi ohnehin nicht dauerhaft tarnen konnten. Während der chaotischen Schlacht von Shibuya hatte keiner so genau auf diese Dinge geachtet. Aber jetzt wurde es eher schwierig, vor allem auch, weil der Zauber nicht lange anhielt. Außerdem musste sich Aoi auch von irgendetwas ernähren. Sie konnte nicht immer Kureto leerschlürfen. Also mussten Blutkonserven her, die würde Kureto nicht einfach so ohne Erklärung kriegen. Besser Kureto teilte das ganze selbst mit, als dass es durch irgendeinen dummen Zufall herauskam. Langsam kamen die Stadtmauern näher, Aois Hände waren beinahe an dem Lenkrad festgewachsen, so sehr hatte sie sich an es geklammert. Das sie jemals vor der japanischen, kaiserlichen Dämonenarmee Angst haben würde, dass wäre ihr im Traum nie eingefallen. Die Soldaten würden sie nur akzeptieren, weil Kureto seine Hand über sie halten würde. Er begab sich in Gefahr, wenn er einen Vampir schützte, da die Blutsauger nicht gerade beliebt bei der Armee waren. Trotzdem ging er das Risiko ein. Sie durfte sich hier keinen Fehltritt erlauben. Vielleicht hätte sie doch in Sanguinem bleiben sollen, aber jetzt war es zu spät. Wenn sie jetzt zurückkam, dann wäre Kureto verärgert und Urd vielleicht sogar noch mehr. Das musste sie jetzt durchziehen. Das große Stadttor kam auf sie zu, es kam ihr nun fast wie ein schwarzes Loch vor, dass sie verschlingen wollte. Die Wachen kamen ihr bereits entgegen, hoffentlich war Kureto bald anwesend. Die Wachen würden bald entdecken, dass Aoi kein Mensch mehr war.
 

Aoi löste ihre Hände vom Lenkrad und zog die Handbremse an. Sie löste den Sicherheitsgurt und öffnete langsam die Fahrertür. Ihre Uniform würde ihre wahre Natur nicht verbergen können. Die weiße Uniform der Vampire lag hinten auf dem Rücksitz, sorgfältig eingepackt, für den Fall dass sie die noch brauchen würde. Sie entschied sich dazu, es unter ihren Arm zu klemmen, es war ja neutral verpackt. Sie verließ den schützenden Wagen, jetzt war sie den Blicken der Wachen ausgesetzt. „Willkommen, Oberst Sangu. Meister Kureto informie-“, er stockte mitten im Satz und sein Blick klebte jetzt förmlich an Aoi, während seine Gesichtszüge immer weiter entgleisten. Es herrschte einen Moment Stille. Dann zogen sie alle zeitgleich ihre Waffen: „Ein Vampir! An die Waffen!“ War ja klar gewesen. Bögen und Schwerter waren auf sie gerichtet, sie bereitete sich schon darauf vor, sich verteidigen zu müssen. Doch bevor sie Aoi angreifen konnten schallte eine Stimme über den Platz: „Halt! Niemand greift sie an!“ Aoi atmete erleichtert auf, als sie sah, das Kureto soeben das Tor passierte. Es geschah nur zögerlich, aber langsam wurden alle Waffen gesenkt. „Meister Kureto, was geht hier vor? Oberst Sangu, ich meine…sie ist doch…“, es war Major Kimo, der sprach. Aoi kannte den jungen Mann mit den kakaofarbenen Haaren und der gebräunten Haut noch aus ihrer Anfangszeit bei der Armee. Seine Verwunderung war verständlich, immerhin kannte er Aoi noch als Mensch. Kureto drehte sich zu ihm: „Es ist alles in Ordnung, Major. Aufgrund unvorhergesehener Ereignisse kam es zu Aois Veränderungen. Lasst uns erst einmal reingehen, dann erkläre ich alles weitere genauer.“ Erst wirkte es so, als wolle Major Kimo wiedersprechen, doch er schien seinen Protest zu schlucken. Kureto wies die Wachen an, den Transporter ins Lager zu fahren. Es dauerte etwas, bis sie sich wieder in Bewegung setzten. Akatsuki Kimo konnte seine Augen kaum von Aoi lösen, während die beiden Kureto ins Zentrum der Armee folgten.
 

Es war ein seltsam beruhigendes, aber auch beklemmendes Gefühl, wieder durch diese Gänge zu gehen. Immer wieder begegneten sie anderen Soldaten und den meisten schien Aois Veränderung nicht zu entgehen. Erst als sich die große, schwere Tür des Beratungsraumes hinter ihr schloss spürte sie eine Art Erleichterung. „Setzen wir uns erstmal“, wies Kureto an. Aoi und Akatsuki taten wie ihnen geheißen. Der Raum wirkte leer und dunkel, fast abweisend, als würde er ihre Identität kennen und sie wieder loswerden wollen. Die Plätze waren größtenteils leer, nur einige Akten auf den Tischen erinnerten noch daran, dass hier vor kurzem Leute gesessen hatten. Kureto schaute eine Zeit lang nur ins Nichts, seine Kinn auf die Hände gestützt. Akatsuki rutschte etwas ungeduldig auf seinem Stuhl umher, er wollte wohl neue Informationen. „Erzähl du es ihm besser, Aoi. Du kannst das besser als ich“, begann Kureto das Gespräch. „Jawohl“, antwortete sie ihm. So begann Aoi erneut, die Ereignisse der letzten Tage zusammenzufassen. Akatsuki hörte ihr aufmerksam zu. Als sie geendet hatte wirkte er etwas verwirrt und benötigte wohl Zeit, um das Gesagte zu ordnen. Dann jedoch sagte er: „Ich kann es nicht fassen. Ich dachte immer, es sei Vampiren verboten sich zu vermehren. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann haben die Vampire Verstärkung erhalten, die quasi schon fast vor unserer Haustür steht. Warum habt Ihr diese Information unter Verschluss gehalten, Meister Kureto Hiragi? Das ist enorm wichtig.“ „Was hätte uns diese Information gebracht?“, entgegnete Kureto, „Urd Geales ist stark. Zu stark. Seine Armee ist groß, sie können uns überrennen, wenn sie wollen. Wenn sie also angreifen und uns auslöschen wöllten, dann hätten sie es schon getan.“ „Was hält sie zurück? Treffen sie noch Vorbereitungen?“, fragte Akatsuki. „Der Vorfall hier mit Tenri Hiragi“, sagte Aoi, „Auch sie machen sich wegen dem Monster, dass in Kureto steckt, Gedanken. Sie sind unentschlossen.“ Akatsuki klammerte sich an die Armlehnen: „Selbst die Vampire haben Angst? Unter anderen Umständen würde mich das freuen, aber das ist kein gutes Zeichen. Die fürchten ja bekanntlich nichts.“ Aoi schüttelte ihren Kopf: „Ich glaube nicht das sie Angst haben. Sie sind lediglich verwundert darüber und wissen noch nicht so wirklich, was sie tun sollen. Aber vielleicht, unter Umständen, könnten uns die Vampire noch nützlich sein.“ „Soweit ist es also gekommen? Das wir die Hilfe von Vampiren in Anspruch nehmen müssen?“, Akatsuki wirkte nicht besonders angetan von der Idee, „Oder hast du jetzt etwa Sympathien für die, Sangu?“ Aoi schluckte ihren Satz einfach. Sie hasste Urd und die anderen nicht wirklich, nicht mehr. Verdammt…

Verlangen

Aoi schloss für einen Moment die Augen und versuchte sich auf anderes zu konzentrieren. Doch dieser brennende, jeden Gedanken verzehrende Schmerz, der mit jeder Sekunde durch ihren Körper zuckte, drängte ihre Versuche erbarmungslos zurück. Es war kaum auszuhalten, aber sie musste standhaft bleiben. Wie hielten Urd und die anderen das nur aus? Seit Jahrtausenden lebten sie schon damit und es war ihnen nichts anzumerken. War es Erfahrung? Ein starker Geist? Unbändiger Wille? Wer wusste das schon. Wahrscheinlich war es einfach eine Sache der Gewöhnung. Die Vampire lebten schon ewig hier und konnten sich stets vor den Menschen verstecken. Vermutlich hatten sie in dieser Zeit ihre Fähigkeiten perfektioniert. Es musste also möglich sein. Aoi starrte auf die Unterlagen vor ihr, die sie auf den neuesten Stand bringen sollten. Während ihrer unfreiwilligen Abwesenheit hatte sich einiges ereignet, was sie nun aufarbeiten musste. Doch die Worte vor ihr verschwammen immer wieder vor ihren Augen und ergeben keinen Sinn mehr in ihrem Kopf. Aoi lehnte sich nach vor und lehnte ihren Kopf auf ihre Hände. Sie rieb ihre Schläfen im Versuch ihre rasenden Gedanken loszuwerden. Auch wenn sie wusste, dass das niemals funktionieren würde. Das nur eine Sache ihre Beschwerden lindern konnte. Blut. Wann hatte sie das letzte Mal welches getrunken? War es gestern? Oder noch länger her? Eins war ihr inzwischen klar: Vampire konnten drei Tage ohne But überleben, aber trotz dessen würde ihr Durstgefühl schon viel früher wieder einsetzen. Was sollte sie jetzt tun? Einfach fragen? Das funktionierte vielleicht in Sanguinem, aber hier? Ihr Blick fiel auf die Fenster, deren Vorhänge sie zugezogen hatte. Früher hatte sie es geliebt, von hier immer einen guten Blick auf die Mittagssonne zu haben, aber nun war es eher ein Hindernis für sie. Alles war noch genauso wie sie es zurückgelassen hatte. Es fühlte sich vertraut an. Doch es fühlte sich irgendwie auch so an, als wäre sie hier ein Fremdkörper.
 

Es ertönte ein Klopfen von der Tür. Aoi atmete einmal tief ein und dann aus. Dann erhob sie sich von ihrem Stuhl und ging zur Tür. Sie öffnete sie nur langsam. Es war Major Kimo, er schaute sie aus seinen scharfen Augen an. Er hatte seinen linken Arm in seine Hüfte gestemmt und über seiner rechten Schulter trug er einen Gurt, an dessen Ende eine Kiste befestigt war. Eine Kühlbox, wie es schien. Es waren Blutkonserven, da war sie sich sicher. Doch der Geruch von Major Kimo schien das alles zu überstrahlen. „Hey, Aoi…Oberst Sangu. Ich glaube…das ist für dich“, sagte er, es war Unsicherheit in seiner Stimme. „Ah ja, danke“, sie nahm ihm seine Last ab. Das war fast wie gerufen gekommen. Er schaute sie einige Sekunden nur an, bevor er sagte: „Aoi, mir wäre es lieb, wenn du…mich nicht anstarren würdest als wäre ich eine gute Mahlzeit für zwischendurch.“ „Wa…“, begann Aoi, brach jedoch den Satz ab. „Wirklich. Ich weiß nicht, ob du es selbst nicht wahrnimmst, aber du hast bereits diesen Blick. Wie sie“ Aoi stellte die Kiste auf dem Küchentisch ab, sie konnte hören wie Major Kimo eintrat und die Tür hinter sich schloss. „Ich…weiß schon was du meinst. Urd hatte es ja erklärt. Ich werde meine Menschlichkeit verlieren. Nicht sofort, aber mit der Zeit“, Aoi spürte wie ihre Hand ungeduldig über den Deckel fuhr. Er setzte sich an Aois Schreibtisch und lehnte sich gegen die Lehne: „Dann wissen sie es also. Die Vampire. Dieser Urd Geales. Wie stark ist er wirklich?“ Aoi nahm ihre Hand von der Kiste und ging zurück in ihr Wohnzimmer. Sie setzte sich auf ihr Bett: „Zu stark. Mit unseren bisherigen Mitteln können wir ihn nicht besiegen. Er ist auch nicht allein, er hat Leute, die ihm im Falle eines Kampfes bedingungslos zur Seite stehen. Die auch nicht zu verachten sind. Einer ein Scharfschütze.“ Sein Gesicht verzerrte sich zu Unmut: „Na super. Vampire die in einer Gruppe zusammenarbeiten. Das ist ja ganz was Neues. Dann sind es auch noch so mächtige, das die vermutlich auch allein klar kommen würden. Zählst du dich auch zu diesen Leuten, die ihm zur Seite stehen?“ Unruhe kehrte in ihren Körper ein. Da war sie schon wieder, diese Frage wem ihre Loyalität wirklich gehörte. „Ich…weiß es nicht“, gab sie zu, „Natürlich ist er ein Vampir. Aber er ist inzwischen kein Fremder mehr für mich.“ Er rieb sich die Stirn: „Natürlich ist er das nicht. Aber wie kannst du ihm irgendwie trauen? Vampire sind nicht gerade bekannt dafür, vertrauenswürdig zu sein.“ Aoi lehnte sich zurück und schaute zur Decke: „Zumindest steht er zu seinem Wort. Das ist zumindest…ein Anfang.“ Er grinste: „Wir werden sehen. Es wird sich bestimmt bald zeigen. Ich will nicht zu neugierig werden, aber wie war das? Ein Vampir zu werden, meine ich. Wie fühlte es sich an?“ Es lag unverhohlene Neugier in seinen Augen. Egal wie sehr die Menschen Vampire hassten, die Aussicht auf einen Einblick in diese Welt nahmen sie wohl trotzdem wahr. „Also…als ich schwer verletzt wurde und im Sterben lag, da bot Urd mir an, mich zum Vampir zu machen. Natürlich war ich nicht begeistert, aber lange Zeit darüber nachzudenken hatte ich nicht. Ich nahm sein Angebot an, sein Blut zu trinken. Es war widerlich, keine Frage. Kurz darauf fühlte ich einen Schmerz in meinem gesamten Körper, als würde Lava durch meine Adern fließen. Nach kurzer Zeit war es jedoch schwarz. Ich erwachte in einem Bett wieder, mein Hals stand in Flammen, mein Körper war durchzogen von einem Verlangen, das ich so als Mensch nie kannte“, Aoi wusste nicht genau, ob sie das gut ausgedrückt hatte. Einerseits wollte sie ihm das ganze vermitteln, andererseits wollte sie auch nicht, dass er sich von ihr abgestoßen fühlte.
 

Akatsuki hatte sein Kinn auf seine Hände gestützt: „Aoi. Sag, stör ich?“ Aoi schaute ihn fragend an: „Was meinst du?“ Er rollte betont mit den Augen: „Nun tu doch nicht so. Du sitzt doch hier wie auf Kohlen. Du wartest, bis ich endlich verschwunden bin, damit niemand sieht wie du von Blut berauscht bist.“ Ganz Unrecht hatte er damit nicht, sie wollte nicht, dass es jemand mit ansehen musste. Akatsuki erhob sich schwungvoll von seinem Stuhl und ging in Richtung Küche. Aoi sprang auf und eilte ihm hinterher: „Halt, was tust du da?“ „Hier, fang!“, er warf ihr eine Blutkonserve zu. Aoi fing sie fast automatisch auf. Danach schlenderte er lässig an ihr vorbei: „Hey, ich weiß nicht wie ich in deiner Situation entschieden hätte, aber klar ist, dass du dich dafür entschieden hast. Also steh dazu und trink Blut. Wenn es dir so sehr weh tut, wenn du es so sehr brauchst, dann musst du tun, was du tun musst. Bevor du noch irgendwem an die Kehle springst. Irgendwie wollen wir schließlich alle überleben, nicht wahr? Das wichtigste ist nur, dass du du selbst bleibst.“ Nach diesen unerwarteten Worten verließ er Aois Zimmer. Aoi starrte noch eine Weile die Tür an. Der Beutel fühlte sich kalt an, wurde nur langsam wärmer. Bei dem Gedanken an kaltes Blut zog sich automatisch ihr Magen zusammen. Was nun? Einfach in die Mikrowelle legen? Bevor sie sich noch darüber Gedanken machen konnte, meldete sich ihr Funkgerät in der Tasche. Aoi nahm es heraus: „Ja? Urd, bist du es?“ „Ja“, seine kühle, monotone Stimme war unverkennbar, „Wie sieht es aus?“ „Ich bin drin und in Ordnung“, antwortete Aoi ihm, „Alles hat funktioniert.“ „Na schön. Vergiss nicht, warum du da bist. Sobald sich etwas tut, will ich es wissen“, Urd lies heraushören, das er ihr alles andere sehr, sehr übel nehmen würde. „Bisher ist alles ruhig. Kureto scheint es noch gut zu gehen. Ich melde mich, sobald etwas passiert“, Aoi wollte schon abschalten, bevor sie sich doch noch dazu durchrang zu fragen, „Urd, wie trinkt man eine Blutkonserve?“
 

Aoi hielt sich an seine Anweisungen so gut sie konnte. Das Endergebnis war trinkbar, es stillte ihren Durst. Trotzdem verspürte sie noch immer ein Verlangen danach, ihre Fangzähne in Haut zu schlagen und alles zu trinken, bis zum letzten Tropfen. Urd hatte ihr noch erzählt, dass zu alte Blutkonserven eventuell nicht mehr ganz satt machen, trotz angemessener Lagerung. Besser als nichts war es trotzdem. Aoi streckte sich einmal in ihre volle Länge. Zumindest konnte sie sich jetzt endlich auf ihre Unterlagen konzentrieren. Unfassbar, diese Vampire. Sie benötigten nur Blut und schon hatten sie die Energie, die sie brauchten um ihr Leben zu bestreiten. Blut ersetzte jedes andere Bedürfnis, was sie als Mensch gehabt hatte.
 

Schon als Aoi ihre Wohnbereiche verlassen hatte, war sie wieder den Blicken der anderen ausgesetzt.

Keiner von den Soldaten machte sich auch nur ansatzweise die Mühe, seine offensichtlichen Blick auf sie zu verbergen. Je länger sie hier verweilte, umso unwohler fühlte sie sich. Doch ihr blieb nichts anderes übrig, sie musste das über sich ergehen lassen. Für Kureto würde sie das durchstehen. Auch Urd verließ sich darauf. Tuschelnde Stimmen erreichten immer wieder ihr Ohr. Doch sie konnte jedes Wort verstehen, als würde man neben ihr stehen und in normaler Lautstärke mit ihr sprechen. Sie war sich nicht sicher, ob ihr das auf Dauer gefiel. Manche Sachen blieben lieber ungehört. „Wie lange sie wohl schon eins von den Monstern ist?“ „Bestimmt seit sie verschwunden ist.“ „Dann hat sie uns hintergangen?“ An Aois Stirn bildete sich eine Zornfalte. Sie hatte sich bestimmt nicht freiwillig in Urds Arme geworfen, genauso wenig hatte sie gewollt, dass ein Mitglied der Armee sie fast umbrachte. Die Verwandlung war allerdings ihre Entscheidung gewesen, das war richtig. Unbewusst lief sie schneller die Treppe hinauf, vorbei an den Soldaten zu Kuretos Büro. Sie klopfte an und trat ein ohne auf ein Zeichen zu warten. Kureto stand auf dem Balkon und schaute nach unten auf den Hof. Er drehte seinen Kopf zu ihr, während sie auf ihn zukam. Ein leichtes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. Lächelte er nur für sie? Das sorgte dafür, dass sich eine gewisse Wärme in ihr bildete. Kureto legte seinen Arm um Aoi: „Wie geht es dir? Hast du bekommen, was ich veranlasst habe?“ „Mir geht es gut. Ja, habe ich. Doch…“, sie stockte in dem Satz. Sie wollte es nicht zugeben, sie wollte nicht zugeben, dass es sie nach noch mehr verlangte. Dass das kalte Blut ihren Durst nicht komplett hatte stillen können. Dann müsste sie ihre Schwäche vor Kureto offenbaren. Aber sie musste daran arbeiten, dass sie damit umgehen konnte. Urd und die anderen machten das auch schon ewig. Bestimmt hatten sie hin und wieder auch echte Menschen ausgesaugt, aber sie schienen hauptsächlich vom abgenommenen Blut zu leben. „Was ist, Aoi?“, fragte er, „Reicht dir das nicht?“ „Doch, ich…ich bin satt. Aber trotzdem habe ich immer noch dieses Verlangen in mir“, warum war ihr Mund immer schneller als ihr Kopf? Kureto nahm seine Hand an seinen Kragen: „Verstehe. Dann willst du lieber mein Blut trinken?“ Aoi machte einen Schritt zurück: „Nein, Meister Kureto. Ich muss lernen, damit zu leben.“ Doch davon ließ er sich nicht aufhalten. Er hatte bald darauf seinen Hals entblößt. Er zog sie wieder zu sich und legte seinen Kopf zur Seite. Aoi musste innerlich seufzen, er würde nicht locker lassen. Sie musste sich auf ihre Zehenspitzen stellen, um ihn zu erreichen. Kureto war immer noch größer als sie. Alles in ihr war dagegen, das zu tun. Aber ihre Triebe waren anderer Meinung. Sie entblößte ihre Zähne, Kureto wich nicht zurück. Er zuckte lediglich zusammen, als seine Haut durchbrochen wurde. Kuretos Blut fühlte sich schon viel besser an. Es war warm und süß. „Wonach schmeckt es, Aoi?“, fragte er sie. Das sorgte dafür, dass sie sich losriss. Das Verlangen war verschwunden, also lag es wirklich an dem Blut. „Wieso fragt Ihr so etwas, Meister Kureto?“, entgegnete sie, „Ich kann es nicht so recht beschreiben. Es ist irgendwie süß, aber gleichzeitig auch bitter. Es gibt nichts Vergleichbares.“ Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und ein Soldat trat ein: „Meister Kure…“ Doch er stockte in seiner Bewegung. Kein Wunder, Kureto mit seiner Wunde am Hals und Aoi mit blutverschmierten Lippen war bestimmt nicht das, was er erwartet hatte. „Ja? Was ist?“, Kureto versuchte die unangenehme Situation zu überspielen. Der Soldat braucht eine Sekunde um sich zu fangen und sagte dann: „Meister Kureto, Oberstleutnant Guren Ichinose ist zurückgekehrt. Er hat die Deserteure zurückgebracht.“ Kureto nickte einmal: „In Ordnung. Danke.“ Der Soldat verließ das Zimmer, aber nicht ohne sich noch einmal zu ihnen umzudrehen und Aoi anzusehen. Was in seine Augen lag konnte Aoi nicht genau sagen. War es Angst? Oder Hass? Beides gleichzeitig? „Aoi…“, Kureto wischte das Blut von seinem Hals und reichte ihr anschließend das Tuch, „Nimm das. Du willst deine Schwester doch nicht mit Blut an den Lippen wiedersehen, oder?“….

Wiedersehen

Aoi wischte sich das Blut von den Lippen und gab das Tuch Kureto zurück. „Nun geh schon runter. Willst du deine kleine Schwester nicht begrüßen?“, fragte er. Mitsuba. Sie wusste wahrscheinlich noch nichts von Aois Verwandlung. Sie wird bestimmt aus den Latschen kippen wenn sie erfährt, was aus ihrer Schwester geworden war, welche bisher stets eine blütenweiße Weste besessen hatte. „Meister Kureto…bevor ich hinuntergehe noch etwas“, begann Aoi. Kureto legte das Tuch auf den Tisch: „Was gibt es denn?“ „Es geht um etwas sehr beunruhigendes, was ich erfahren habe, als ich mich mit einer Vampirin unterhielt. Es geht um Mahiru“, erklärte sie, „Die adelige Vampirin hat mir erzählt, dass sie einst Mahiru ihr Blut zu trinken gab und…unschwer zu erkennen was dann passiert.“ „Mahiru war ein Vampir?“, Kureto wirkte jetzt nicht so überrascht, „Mahiru war schon immer ein Plagegeist, von daher ist es nicht überraschend, dass sie ihren eigenen Körper modifiziert hat.“ Aoi knirschte mit den Zähnen: „Versteht Ihr denn nicht? Guren hat sie doch angeblich getötet. Wie hat er das geschafft? Wenn sie doch so ein hochrangiger Vampir war? Und selbst wenn: sie könnte immer noch als Dämon überlebt haben. So oder so ist es nicht sicher, dass Mahiru wirklich tot ist. Natürlich ist ein Vampir jetzt nicht die glaubwürdigste Quelle. Aber wir sollten das trotzdem nicht ignorieren.“ „Mahiru könnte alles nur noch viel komplizierter machen“, gab er zu, „Und wenn es auch nur eine geringe Chance gibt, dass sie noch ihre Finger im Spiel hat sollten wir uns nicht gehen lassen.“
 

Aois Hals fühlte sich wie zugeschnürt an, ähnlich wie bei ihrer ersten Begegnung mit Urd. Aber der war damals ein Fremder für sie gewesen. Unfassbar, dass sie genauso viel Angst hatte, sich ihrer Schwester zu stellen wie dem hochrangigsten, adeligen Vampir. Die Blicke der anderen ignorierte sie diesmal gekonnt. Sie musste sich etwas beeilen, wenn sie Guren Ichinose und die anderen noch abfangen wollte. Jetzt gab es garantiert kein Zurück mehr. Weder zu Kureto noch zu Urd, da musste sie jetzt durch. Schon als sie durch den Torbogen kam konnte sie Guren sehen, wie er auf sie zukam. „Mitsi!“, es war Shinoa Hiragis Stimme, da war sie sich sicher, „Da ist deine Schwester!“ Aoi war kurz davor die Augen zu verdrehen. Das Getuschel hätten sie sich sparen können, Aoi konnte sie doch eh hören. Guren schien der erste zu sein, der es bemerkte, denn er blieb auf halber Strecke stehen und setzte eine überraschte Miene auf. Doch es dauerte nicht lange, bis auch alle anderen verstanden hatten, was hier gerade vor sich ging.
 

„Mitsi!“, hörte sie Shinoa sagen, welche vor ihr lief. „Hm?“, antwortete Mitsuba ihr. Sie war noch in Gedanken gewesen. Die Geschichte mit ihrer Schwester ließ sie nicht los. Auch wenn sie sich fragte warum. Das war bestimmt nur Einbildung gewesen. „Da ist deine Schwester“, sagte Shinoa und legte ihre Hand auf Mitsubas Schulter. Wenn man vom Teufel sprach. Oder besser an ihn dachte. Mitsuba wöllte liebend gern einfach verschwinden. Ihr nicht in die Augen sehen. Ihr Blick war starr auf den Boden vor ihr gerichtet. Warum machte sie sich jetzt Gedanken darüber was ihre Schwester von ihr hielt? Vor einigen Tagen war sie sich noch sicher dass sie ihren eigenen Weg gehen und sie die Meinung ihrer Schwester nicht mehr interessierte. Erst als sie direkt neben Aoi stand und Shinoa ihr von hinten sanft in die Rippen boxte schaute sie auf. Zuerst realisierte sie gar nicht so recht was sie an dem Erscheinungsbild ihrer Schwester störte. Je länger sie sie anschaute umso mehr kam ihr diese Frau wie eine Fremde vor. Die roten Augen, die sie ausdruckslos anstarrten, ihre Ohren, die bereit schienen jedes Geräusch aufzufangen und ihre Lippen, die ihre scharfen Fangzähne nur leicht verbargen. Durch Mitsubas Körper lief ein Schauer der zwischen heiß und kalt wechselte. Eine Menge Wörter schossen ihr in den Kopf, doch keines davon verlies ihren Mund. „Du bist also zurück gekommen, Mitsuba“, Aois Stimme war kühler geworden. Sie war schon immer kalt und abweisend gewesen, aber nun hatte eine Art der Gleichgültigkeit und Emotionslosigkeit in ihr Platz genommen. Aoi war stets voller glühender Loyalität und Tatendrang gewesen. Doch nun wirkte es als hätte sie jemand komplett ausgewechselt. „A…Aoi du“, Mitsubas Stimme klang brüchig, viel zu leise und piepsig. Aoi schloss ihre Augen und drehte ihren Kopf von Mitsuba weg: „Finde dich damit ab.“ Damit abfinden. Damit abfinden, dass ihre Schwester nun ein Vampir war. War das alles keine Einbildung gewesen? War Aoi die ganze Zeit über da gewesen? Hatte sie die Sonnenfolter verfolgt?
 

Norito Goshi hatte als erster seine Sprache wieder gefunden: „Hey, Sangu. Wie kam es zu deinem schicken, neuen Look?“ Aoi verspürte den Wunsch ihm eine zu verpassen das er bis ans andere Ende von Shibuya flog. Theoretisch sollte das sogar möglich sein für sie. Schon als sie noch zur Schule gegangen waren konnte sie ihn nie ausstehen. Seine alberne Art war eines Goshi nicht angemessen. Aoi drehte sich weg von Mitsuba, stellte sich breitbeinig hin und verschränkte die Arme vor ihrer Brust: „Die Kurzfassung ist: Ich verlor meine Truppe, wurde von einem Adeligen gefangen genommen und fast von einem Soldaten umgebracht, dem ich noch kurz zuvor das Leben gerettet hatte.“ Damit hatte sie nun endgültig alle Aufmerksamkeit auf sich. Sie ließ ihre Arme wieder sinken: „Aber…er wollte mich wohl nicht sterben lassen. Also gab er mir sein Blut.“ „Wer ist „er“? Kennen wir den womöglich?“, es war der blonde Vampir, der die Frage stellte. Sie hatte ihn bereits am Hafen gesehen, er hatte schon da Mitsuba und ihr Team begleitet. Ihn konnte sie im Moment am wenigsten einordnen: „Wer will das wissen?“ Sein Blick war voller Mistrauen: „Mikael Hyakuya.“ Aoi zog ihre Augenbrauen hoch. Der Nachname kam ihr bekannt vor. Aber mehr auch nicht. Aoi senkte ihren Kopf und schaute ihn durch ihre Wimpern an: „Vielleicht.“ Zu viel wollte sie nicht verraten. Mikael drehte seinen Kopf zu den anderen beiden Vampiren, von denen Aoi bisher noch keine Notiz genommen hatte. Während der rothaarige, äußerst kräftig gebaute Vampir sie eher unwissend anschaute, musterte der andere sie mit einer Mischung aus Interesse und Amüsiertheit. Ähnlich wie Ky Luc, nur das Ky um einiges unschuldiger und verträumter schaute. Dieser hier wirkte eher berechnend und hinterlistig. Aoi musste erst einige Sekunden überlegen wer er war, doch dann fiel es ihr wieder ein: „Ferid Bathory.“ Der flüchtige Verbrecher. Das gefiel ihr gar nicht. Was wollte er hier? „Sieh an, die Kleine kennt meinen Namen. Woher denn nur?“, seine Stimme klang wie ein theatralischer Gesang, als würde er das alles nur spielen. Wäre es besser gewesen sich unwissend zu stellen? Besser auf Abstand zu bleiben, nicht dass der hohe Rat ihr noch vorwerfen würde sie hätte einen Kriminellen unterstützt. Das konnte sie sich nicht leisten, sie hatte sich noch keinen Namen in der Vampirwelt gemacht. Doch dummerweise schien Ferid Bathory sich jetzt für sie zu interessieren. Aoi zwang sich, sich von ihm abzuwenden aber sie spürte seinen Blick im Nacken wie tausend kleine Nadeln welche unbarmherzig in ihr Fleisch piksten. Gemischt mit dem beißenden Gestank nach Ärger den der Vampir verströmte.
 

„Geht’s etwas schneller? Los jetzt! Kureto Hiragi erwartet uns“, damit löste Guren Ichinose diese unangenehme Situation auf. Während die übrigen anwesenden Soldaten ihre Gedanken und Vermutungen untereinander austauschten, fiel Aois Blick wieder zu Guren. Das unangenehme Gefühl, dass sie immer in seiner Nähe verspürte schien seit ihrer letzten Begegnung wieder gestiegen zu sein. „Ich vertraue dir nicht“, sagte sie schließlich zu ihm, „Ich werde dich nicht ziehen lassen.“ Er warf ihr einen flüchtigen Blick über seine Schulter zu: „Tu, was du nicht lassen kannst.“ Er ging einige Schritte weiter bevor er sich noch mal umdrehte: „Was willst du tun? Dich auf mich stürzen und mich aussaugen?“ Er setzte sein typisches Grinsen auf und durch Aois Körper zog sich sofort heiß-kalte, schäumende Wut. Sie hasste ihn so sehr für seine Arroganz. Am liebsten hätte sie ihr Schwert gezogen und ihm die Kehle durchgeschnitten. Wobei der vampirische Teil von ihr sie ihm lieber durchbeißen würde. Den unterdrückte Aoi aber lieber. Sie ließ ihn einfach gehen. Irgendwann würde er sein wahres Gesicht zeigen. Da war sie sich sicher. Sie schaute der Gruppe nach, die sich auf den Weg in das Innere des Gebäudes machte. Mitsuba schien etwa zurück zu fallen und schaute die ganze Zeit konsequent unsicher zu Aoi. Es wirkte fast so als würde sie bleiben, doch dann drehte sie sich schwungvoll um und folgte den anderen schnellen Schrittes…

Der Tag der Apokalypse

Aoi überlegte ob sie Urd sofort über den Aufenthaltsort von Ferid Bathory unterrichten sollte. Zwar konnte Urd da jetzt nicht wirklich etwas unternehmen, aber es könnte ihr Ansehen in der Welt der Vampire sehr erhöhen. Doch dann entschied sie sich dagegen, es war noch mitten am Tag und vielleicht ergab sich bis Sonnenuntergang noch etwas anderes, was er wissen sollte. Mal abgesehen davon könnte es auch sein, dass er gerade schlief und sie wollte seinen kurzen Moment der Ruhe dann doch nicht stören. Urd schien ein viel beschäftigter Mann zu sein, soviel hatte sie bemerkt. Aber heute Abend würde sie ihn kontaktieren, das nahm sie sich vor. Sie musste lachen über diese Tatsache. Das sie zwei Seiten gleichzeitig unterstützte, die unterschiedlicher nicht sein konnten und vor allem dass beide darüber Bescheid wussten und nicht eingriffen. Außerdem war es ihr schon längst in Fleisch und Blut übergegangen, dass tagsüber Schlafenszeit war und sie dachte auch daran. Aoi ließ etwas Zeit verstreichen und ging dann ebenfalls wieder ins Gebäude, steuerte jedoch nicht den Thronsaal an. Kureto hatte ihr gesagt, dass er alleine mit Guren reden wollte und das würde sie respektieren, auch wenn sie es nicht gut hieß. Bis es vorbei war konnte sie erst einmal nichts tun. Vielleicht sollte sie die Vampire suchen und beobachten, damit sie keinen Ärger machten. Aber selbst wenn, aufhalte könnte sie diese beiden wohl eh nicht. Frustrierend. Sie hatte inzwischen auch einen Verdacht wer der rothaarige Vampir war. Crowley Eusford. Ob er wusste dass seine beiden Damen ihn vermissten, insbesondere Horn? Warum hatte er die beiden nicht mitgenommen, wo sie doch anscheinend so dicke miteinander waren. Allem Anschein nach wollte er sie aber nicht dabei haben. Noch dazu war er ja jetzt ein Verräter. Wie würden Horn und Chess reagieren, wenn sie das erfuhren? Würden sie ihm folgen oder Urd und dem hohen Rat die Treue halten? So oder so wird es ein böse Erwachen für sie sein. Wenn sie es nicht inzwischen schon wussten. Verrate zu werden konnte einen in eine vollkommen andere Person verwandeln. Urd hatte schon bewiesen, dass er Verrätern gegenüber keinerlei Gnade zeigte. Dass er sie die volle Härte der Vampirgesetze spüren lies, an welchen er so festzuhalten schien. War das sein Lebenszweck? Ein stiller Wächter zu sein, der jederzeit und immer die Ordnung aufrechterhielt.
 

Urd hatte seinen Kopf auf seine Handfläche gestützt und sich entspannt angelehnt. Er genoss die zarte Musik in seinen Ohren und seine Augen fingen präzise die schnellen, eleganten Bewegungen der jungen Tänzerin ein. Ein perfektes Zusammenspiel aus Muskeln und guter Konstitution ermöglichten es ihr, sich auf diese besondere Art zu bewegen, auch wenn sie nur ein Mensch war. Und natürlich hartes, jahrelanges Training, das durfte hier nicht vergessen werden. Das war der absolut einzig Grund warum er Weihnachten schätzte. Die Abendvorstellungen waren stets mit besonders viel Aufwand und Mühe aufgeführt worden. Sonst hatte er an diesem Tag kein Interesse. Nur ein weiterer, belangloser Tag, den die Menschen aufgrund eines fiktiven Mannes besonders fanden. Nicht mehr und nicht weniger. Trotzdem erkannte er es an, dass diese junge Frau auf der Bühne diesen für sie so besonderen Tag opferte um hier zu stehen und zu tanzen. Er schätzte dieses Pflichtbewusstsein. Er erwischte sich dabei, wie er sich wünschte, dass einige seiner Artgenossen sich dies zum Vorbild nahmen. Dennoch schienen ihm heute die Probleme der Vampirwelt recht weit entfernt. Er lebte gerade nur im hier und jetzt. Der Saal war prall gefüllt, umgeben von so vielen Menschen wäre der ein oder andere Vampir sicher nicht so ruhig, aber Urd war es gewohnt. Er störte sich nicht daran, sie waren gerade nicht wichtig für ihn. Hier hatte er, wenn auch nur für kurz, wieder das Gefühl etwas lebendig zu sein. Wenn diese Menschen wüssten wer hier unter ihnen war, dann würden sie sich wahrscheinlich nicht so in der Musik verlieren. Doch Urd hatte heute nicht vor, Beute zu machen, zumindest nicht während der Vorstellung. Die Erfindung der Blutkonserven hatte das Vampirleben um einiges entspannter und einfacher gemacht. Er brauchte nicht mehr nach Nahrung suchen, sie war jederzeit und immer verfügbar. Doch er konnte nicht leugnen, dass frisches, warmes Blut direkt aus der Vene des Menschen immer noch das Beste war. Wenn er die Chance dazu hatte, dann schlug er sie nicht aus. Das würde wohl kein Vampir tun.
 

Plötzlich, als sich die Vorstellung seinem Ende näherte und Urd sich bereits darauf vorbereitete wieder in seine Welt zurück zu kehren, fuhr eine gewaltige Energiewelle durch ihn. Er kippte kurz vornüber und seine Hand griff nach seiner Brust. Was war das? Eine Kraft, die selbst ihn beeinträchtigte. Nachdem er sich wieder einigermaßen gefasst hatte bemerkte er wie still es um ihn herum geworden war. Die Musik hatte aufgehört zu spielen, keine leisen Stimmen waren zu hören oder andere Geräusche. Als wäre die Welt eingefroren. Bis ihm der unverkennbare Geruch nach Blut in die Nase stieg. Er ließ seinen Blick durch den großen Saal schweifen. Alle Anwesenden waren zusammengebrochen und keiner rührte sich mehr. Er war sich nicht sicher, was das zu bedeuten hatte, aber es gefiel ihm nicht. Er stieg über das Geländer und sprang von seinem erhöhten Sitzplatz aus nach unten. Er kniete sich neben die Tänzerin auf die Bühne. Noch bevor seine Hände ihren Kopf berührten wusste er, dass sie tot war. Ihre Augen waren noch starr geöffnet, der Tod war vollkommen plötzlich und unerwartet eingetreten. Und schnell. Blut tropfte von ihren Mundwinkeln und ihrer Nase zu Boden. Es gab keinen Hinweis darauf was sie und die anderen im Saal getötet hatte. Dann nahm er doch ein Geräusch wahr. Es klang wie ein leises Weinen. Er richtete sich wieder auf und folgte dem. Auch wenn er keine direkte Gefahr vermutete wanderte seine Hand dennoch zu seinem Schwertgriff. Er ging um den Vorhang in den Backstage-Bereich, von wo er die Quelle des Geräusches ortete. Er musste auch nicht lange suchen, es stammte von einem kleinen Mädchen, augenscheinlich etwa elf Jahre alt. Sie kniete auf dem Boden und hatte ihr Gesicht in ihren Händen vergraben. Urd hörte ihr kleines Herz kräftig schlagen. Sie trug ein weißes Kleid mit einer rosafarbenen Strickjacke und hatte lange, braune Haare. Urd löste die Hand von seinem Schwert und ging auf sie zu. Sie unterbrach ihr schluchzen, da sie vermutlich seine Anwesenheit wahrgenommen hatte und sah zu ihm hoch. Große, grüne Augen schauten ihn an, welche von dem Weinen schon ganz rot waren. „Bitte…“, begann sie zitternd, „Hilf mir. Mein Papa…“. Er folgte ihrem Blick zu einem Mann, der ebenfalls auf dem Boden lag. Er war wohl genauso tot wie alle anderen, nichts mehr zu machen. Er reichte ihr nur seine Hand nach unten. Mit tröstenden Worten hatte er es nicht so. Nur zögernd nahm sie sie an und zog sich daran auf die Beine. Ihre kleinen Finger zitterten und wirkten so zerbrechlich in seinen Vampirhänden. „Wie heißt du?“, fragte er. Sie wischte sich Tränen aus dem Gesicht und flüsterte leise: „N-Natalia.“ „Nenne mich Urd“, sagte er schließlich und beugte sich zu ihr hinunter. Einem menschlichen Kind mit Nachnamen, Vampirrängen und ähnlichem zu kommen wäre vermutlich der falsche Ansatz. „Gut, Urd“, sagte sie, langsam wieder eine festere Stimme bekommend. Schließlich hob er sie langsam auf seine Arme und sie klammerte sich an sein Hemd. Sein kalter Körper schien sie nicht zu stören oder sie bemerkte es in ihrer aufgewühlten Lage nicht. Er bewegte sich wieder aus dem Backstage- Bereich, zurück in den Zuschauersaal und von da aus Richtung Eingangshalle, das kleine Mädchen weiterhin tragend. Seine Instinkte sagten ihm, dass es noch lange nicht sicher war. Auch dort sah es nicht anders aus als im Aufführungssaal. Bevor er jedoch ging setzte er Natalia noch kurz auf dem Tresen ab und holte seinen Mantel aus der Garderobe. Er legte ihn Natalia um, auch wenn er ihr viel zu groß war. Aber er würde sie zumindest vor dem unbarmherzigen Moskauer Winter schützen. Er hob sie wieder hoch und machte sich auf den Weg nach draußen, noch nicht ahnend in welchem Chaos er sich wiederfinden würde.
 

An diesem Tag war das bequeme Leben der Vampire vorbei gewesen. Sämtliche Infrastruktur der Menschen war zusammengebrochen, Ihre einst so glanzvollen und entwickelten Städte waren nur noch Ruinen. Ein Großteil der Menschen war tot und die zurückblieben waren kleine, wehrlose Kinder, die sich nicht selbst versorgen konnten. Urd hatte nie etwas auf die Geschichten der Menschen über die Apokalypse gegeben, aber nachdem er mitten drin steckte erkannte er, dass diese vielleicht gar nicht mal so dumm waren. Urd wusste, wenn er und die Vampire nicht die Initiative ergriffen wäre es mit der Menschheit und damit auch mit ihnen, vorbei. Also nahm er die Überlebenden auf und brachte sie hinter schützende Mauern, damit die Reiter der Apokalypse sie nicht erreichen konnten. Doch nun, da diese fort waren, war es vielleicht an der Zeit, die Menschen dazu zu bringen, wieder etwas auf eigenen Beinen zu stehen. Auch wenn es vermutlich noch zu früh war, als dass sie komplett auf die Hilfe der Vampire verzichten konnten. Aber das war Zukunftsmusik. Urd ließ seine Gedanken davon los und kehrte in die Gegenwart und zu deren Problemen zurück. Auch wenn die Krise hart war, er war zu weit gekommen, hatte zu viel erlebt um hier einzuknicken. Wenn der Urahn ersten Ranges meinte, dass er mit seinen Plänen mit der Hiragi-Familie durchkam, dann hatte er sich getäuscht. Sobald er sich zeigte, das schwor Urd sich, würde er ihm ein für alle Mal klar machen, dass er das letzte Mal mit den Vampiren gespielt hatte.
 

Aoi schaute immer wieder auf die Uhr, aber die Zeit schien einfach nicht zu vergehen, sie wartete auf ein Zeichen von Kureto. Es machte sie unruhig, dass er so lange mit dem in ihren Augen nicht sehr vertrauenswürdigen Guren zusammen war. Wahrscheinlich würde sie eher Urd Kuretos Leben anvertrauen als Guren. Sie wusste nicht mal warum, aber sie hatte in Gurens Nähe immer ein so beklemmendes Gefühl von Verrat. Dann hörte Aoi Schritte, welche sich über den Gang näherten. Kleine, leichte Schritte, wie von einem jungen Mädchen. Sie setzte sich auf und wartete ab, bis es an wihrer Tür klopfte. „Herein“, rief sie. Die Tür öffnete sich langsam und sie sah, wie sich Mitsubas Kopf durch den Spalt schob…

Schwestern

Darf ich…darf ich reinkommen?“, fragte Mitsuba schließlich, nachdem sie ungefähr fünf Minuten stumm in der Tür gestanden hatte. „Sicher“, antwortete Aoi in ihrer durchaus gestrengen Stimme, „Aber mach die Tür bitte zu. Es muss nicht das ganze Haus mithören.“ Mitsuba nickte, schlüpfte hinein und schloss eilig die Tür hinter sich. Aoi setzte sich an ihren Tisch. Eine Weile stand Mitsuba recht unentschlossen im Raum, bevor sie Aoi gegenüber Platz nahm. Aoi legte ihre Hände unter den Tisch auf ihren Schoß, aber nur damit Mitsuba nicht sehen konnte, wie ihre Finger über die Falten ihres Rocks strichen. „Was willst du?“, erfragte Aoi direkt. Sie hatte keine Lust auf eine langwierige Unterhaltung. Mitsuba hatte ihre Schultern angezogen und ihren Kopf leicht gesenkt; „Wie geht es dir damit?“ Aoi schnaubte einmal deutlich: „Mir geht es wie sonst auch. Was hast du erwartet, dass ich jetzt eine völlig andere Person wäre?“ „Das ist nicht wahr! Wie kannst du behaupten, dass alles wie sonst ist? Das stimmt nicht! Ich sehe es dir an, in deinen Augen und in deinen Worten! Wo ist dieser Enthusiasmus, diese glühende Loyalität?“, entrüstete Mitsuba sich. Ihre Wangen hatten eine rötliche Färbung angenommen. Aoi fuhr mit ihrer Zunge über ihre Zähne. Mitsuba war scharfsinniger als sie angenommen hatte, selbst sie hatte es bemerkt. Dass Aoi bereits innerhalb kürzester Zeit einen Teil ihrer Menschlichkeit eingebüßt hatte. „Mag sein“, gestand sie, „ Aber an meiner Haltung hat sich nichts geändert. Ich werde Meister Kureto nicht allein lassen. Ich werde für die Zukunft der Menschheit kämpfen“ Mitsubas Schultern sackten nach unten: „Das sagst du so leicht. Aber irgendwas sagt mir, dass dein adeliger Vampir da auch noch die ein oder andere Meinung dazu hat. Ich bezweifle irgendwie, dass er dich nur so zum Spaß verwandelt hat.“ „Wahrscheinlich nicht, so einer scheint er nicht zu sein. Er ist ernst und zwar immer. Ich habe noch keine andere Seite von ihm gesehen“, stimmte sie Mitsuba widerwillig zu. Es war nicht so, als wenn das noch nie bedacht hatte. Sie versuchte nur immer wieder es zu verdrängen. Was mal mehr, mal weniger gut gelang. Sie hatte das Gefühl, trotz dessen dass sie immer noch treu zu Kureto stand, ihre Zukunft entgleite ihr immer mehr. Dass alles woran sie bisher geglaubt hatte wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Bisher hatte sie immer ein klares Ziel vor Augen: Alle Vampire vernichten, die Menschheit befreien und zu ihrer alten Stärke zurück verhelfen. Jetzt war es weg. Eingerissen von Urd Geales, dem Herrscher der Vampire. Er hatte es geschafft eine Brücke zwischen ihr und der Vampirwelt zu bauen, nicht nur durch ihre Verwandlung. Ein Mann, der so ganz anders war als sie es sich immer vorgestellt hatte. Er würde die Vampire nie verraten. Er hatte den Wunsch, sie zu erhalten. Er hatte ein Gewissen, Verantwortungsbewusstsein und einen kleinen Teil seiner Menschlichkeit bewahrt.
 

Mitsuba schaute Aoi ratlos an. Sie hatte das Gefühl bei ihrer Schwester nicht weiter zu kommen. Aoi schien so weit weg wie nie zuvor. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann es eigentlich so weit gekommen war. Wann hatten sie und Aoi angefangen, sich so weit voneinander zu entfernen? So war es doch nicht immer gewesen. Es gab irgendwann mal eine Zeit, wo sie und Aoi gemeinsam auf einer Couch gesessen hatten und als sich Schwestern gesehen haben und nicht nur weil sie aus derselben Gebärmutter geschlüpft waren. Aoi war zwar schon immer ernst und etwas zugeknöpft gewesen, da sie schon damals als Leibwache für Kureto Hiragi gedient hatte, aber sie war nie abwertend oder ignorant Mitsuba gegenüber gewesen. Vermutlich begann der Riss, als Mitsuba in die Armee eingetreten war. Während Aoi bereits zu den ranghöchsten Mitgliedern zählte die schon eine steile Karriereleiter bestiegen hatte, begann Mitsuba gerade erst. Zwar war Aois Aufstieg zum Teil auch ihrer Abstammung zu verdanken gewesen, aber Mitsuba wusste, dass sie es durchaus auch verdient hatte. Sie war schon immer eine begnadete Kämpferin gewesen, mit dem Schwert in der Hand geboren und die Magie sickerte nur so in ihr Blut. Zusätzlich geschliffen durch ein hartes Training, welches sie sich teilweise selbst auferlegt hatte. Alles nur um ihrer Bestimmung gerecht zu werden, um ihm gerecht zu werden. Mitsuba hingegen war schon immer etwas emotional gewesen und hatte bei weitem nicht das Talent ihrer Schwester. Doch Mitsuba wurde trotzdem immer wieder gelobt und befördert. Nach der Schlacht, bei der Yu zum ersten Mal seine besonderen Kräfte eingesetzt hatte, da war es endgültig gebrochen. Sie konnte sich noch erinnern, wie sie im Amtszimmer 1 stand. Damals konnte sie es nicht erkennen aber heute war sie sich sicher: es war Enttäuschung, die in Aois Augen lag. Enttäuschung darüber, dass Mitsuba, trotz dessen dass sie wusste wie ungerechtfertigt diese Beförderung war, zugesagt hatte. Sie wusste dass sie nichts Großes zu diesem Kampf beigetragen hatte und doch sammelte sie dafür die Lorbeeren ein. Ein normalsterblicher Soldat hätte diese Art der Sonderbehandlung nicht bekommen. Wenn es damals noch ein dünnes Band zwischen ihnen gegeben hatte war es spätestens danach gerissen. Sie selbst war genauso Schuld an diesem zerrütteten Verhältnis wie Aoi. Sie war neidisch auf ihre Schwester gewesen, ohne zu wissen ob das was ihre Schwester hatte überhaupt das war was sie für sich selbst wollte. Sie fragte sich ob sie überhaupt je zur Armee gegangen wäre wenn sie keine Sangu wäre. All diese Dinge lagen ihr auf der Zunge aber keines davon verlies ihren Mund. „Was schaust du denn so, Mitsuba? Gibt es noch was, was du mir sagen willst?“, frage Aoi und stützte ihr Kinn auf ihre rechte Hand. Sie schaute Aoi nicht in die Augen, sie ließ ihren Blick überall umherschweifen, von dem einfachen Bett über den groben Wandschrank zum spartanischen Schreibtisch. Aoi war Luxus noch nie wichtig gewesen und sie ließ dieses Zimmer einfach so wie es war, obwohl sie in ihrer Position sich wohl alles nehmen konnte was sie wollte. Aoi nahm ihre Hand nach oben und ihre Finger fuhren langsam über das Glas auf dem Tisch. Ein Glas, welches Mitsuba bisher geflissentlich ignoriert hatte. Nichts würde mehr sein wie zuvor, weder für sie noch für Aoi. Sie fragte sich wie lange es dauern würde, bis irgendjemand aus der Armee seine Stimme oder noch schlimmer, seine Waffe gegen Aoi oder Kureto erheben würde. Kureto spielte ein gefährliches Spiel, er könnte seine Macht verlieren wenn er Aoi weiterhin schützte, aber das schien ihn nicht weiter zu stören. Was bedeuten könnte, dass seine Gefühle für Aoi doch stärker waren als Mitsuba angenommen hatte. Aoi drehte ihren Kopf schließlich weg und schien die Wand anzuschauen: „Das ist von heute an normal, ob es uns gefällt oder nicht. Außerdem bist du doch jetzt die ganze Zeit mit Vampiren unterwegs gewesen.“ „Ja, das…stimmt schon…“, auch Mitsubas Finger begannen nun mit den Falten ihres Rockes zu spielen, „Aber das waren Fremde für mich.“ Aoi hob schließlich das Glas an und trank es zügig aus. Ihre bis dahin angespannten Augenbrauen schienen sich zu lockern, ihr Blick wurde sanfter und ihre Wangen schienen wieder Farbe zu bekommen. Sie erinnerte sich an das Gespräch mit Mika und wie er darüber sprach, dass seine Menschlichkeit immer weiter verschwand. Es schien so als würde dieser Prozess bei ihrer Schwester schnell und unaufhaltsam voranschreiten. „Es war meine Entscheidung ein Vampir zu werden, er hat mich nicht dazu gezwungen. Ich habe nicht vor etwas anderes zu behaupten. Wenn ich ein Vampir sein muss um weiterhin kämpfen zu können dann soll es so sein“, fuhr sie fort. Mitsuba nickte langsam, vermutlich war das der Grund. Aoi nahm ihr Schicksal ganz anders an als Mika, weswegen sie sich deutlich schneller wandelte.
 

Eine Frage beschäftigte Mitsuba aber dann doch noch: „Wer ist er?“ „Mein Erschaffer? Sein Name ist Urd Geales. Er ist ein Urahn zweiten Ranges, ein mächtiger Vampir. Aber er ist doch irgendwie nicht ganz die Person, wie man es von einem Mann in seiner Position erwarten würde.“, Aoi war sichtlich bemüht die richtigen Worte zu finden. Sie respektierte ihn, was darauf schließen ließ, dass er sie durchaus beeindruckt hatte. Was bei Aoi wiederum nicht so einfach war. „Magst du ihn?“, in dem Moment wo Mitsuba diese Frage ausgesprochen hatte schoss ihre Hand auch schon vor ihren Mund. Aoi machte ein Gesicht als hätte man ihr ein Kissen an den Kopf geworfen. Doch bevor sie darauf eingehen konnte, zuckte ihr Körper zusammen und ihre Hand fuhr an ihren Hals. „Was hast du?“, fragte Mitsuba, doch Aoi antwortete ihr nicht. Ihr Blick schien sich in eine ganz bestimmte Richtung zu drehen.
 

Moskau war in Chaos verfallen. Der Geruch von Blut und Tod lag in der Luft. Urd war sehr zügig zu den anderen Vampiren zurückgekehrt, das kleine Mädchen hatte er mitgenommen, er wüsste nicht wo er sie hätte lassen können. Sobald er wieder anwesend war und die Situation zumindest in seinen eigenen Hallen wieder unter Kontrolle war begann er damit Anweisungen zu verteilen. Die Monster, welche die Stadt bedrohten und scheinbar wahllos Menschen angriffen mussten vernichtet werden. Wenn es noch weitere Überlebende gab mussten sie schnell gefunden werden. Die Aufarbeitung dieses Ereignisses würde ewig dauern, dessen war er sich jetzt schon bewusst, bevor Meldungen aus anderen Ländern kamen, die ein ähnliches Szenario darlegten. Natalias Hände waren ganz klamm und steif vor der Kälte, während sie sich noch immer an sein Hemd klammerten. Sie hatte keinen Mucks von sich gegeben während Urd mit seinen Aufgaben beschäftigt gewesen war: „Es wird bald warm.“ Damit setzte er sie auf seinem Sofa ab und zog ihr langsam den Mantel weg. Sie fröstelte kurz, aber dank der Heizung schien ihr nicht mehr kalt zu sein. Ihre Schultern entspannten sich langsam und sie schien damit zu beginnen seine Räumlichkeiten zu untersuchen. „Gehört das alles dir?“, fragte sie, ihr Mund zu erstaunen geöffnet. „Ja“, sagte er, „Ich habe nie wirklich etwas sammeln wollen, aber mit der Zeit meines Lebens kam das alles irgendwie zusammen.“ Bücher, Schallplatten und sein Klavier, was sich so angesammelt hatte in seinen Jahrhunderten an Existenz. Er faltete seinen Mantel und ließ ihn auf die Lehne des Sofas fallen, bevor er sich ebenfalls setzte. Nur kurz ein paar Minuten durchatmen, alles sacken lassen, bevor es weiterging. Er hatte schon viel erlebt. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Kriege, aber das hier war mehr als nur eine Naturkatastrophe oder eine bewaffnete Auseinandersetzung unter Menschen. Das war neu und würde alle Beteiligten in Mitleidenschaft ziehen. „Bleib hier“, befahl er ihr, „Ich muss gehen. Andere brauchen meine Hilfe.“ Doch bevor er aufstehen konnte hatte sie sich hingehockt. Sie schaute ihn genau an, bevor sie ihre Finger ausstreckte und seine Fangzähne berührte. Ihre warme Haut fühlte sich verlockend an, aber Urd widerstand diesem Drang. „Du bist…“, sie führte den Satz nicht zu Ende, aber ihm war klar, dass sie es bemerkt hatte. „Ich bin ein Vampir“, sagte er schließlich einfach, es war ja schon mehr oder weniger offensichtlich für sie. Damit stand er auf und verließ den Raum…

Sonnenstrahlen

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne bahnten sich ihren Weg am Horizont. Sie waren ungewöhnlich kräftig und warm. Fast schon zu warm für Urds Geschmack. Aber der Schein trügte, sie waren kein Vorbote für ein baldiges, gutes Ereignis, wie die Menschen gern glaubten. Ganz im Gegenteil. Auch das helle Licht, was ihn in sein Gesicht blendete, konnte ihn nicht von der Realität ablenken. Die Schäden, die Moskau erlitten hatte, konnten nicht übersehen werden. Obwohl die Brände, welche in der Stadt gewütet hatten, mittlerweile alle gelöscht waren. Seine Leute hatten ganze Arbeit geleistet. Schnell und effizient hatten sie die Flammen erstickt, bevor sie übergreifen und einen fatalen Großbrand verursachen konnten. Nichts desto trotz waren einige Gebäude komplett ausgebrannt. Größtenteils verursacht durch außer Kontrolle geratene Fahrzeuge und Herdplatten. Die letzten Schwaden der gelöschten Stellen waberten noch durch die Lüfte, ein erschreckendes Bild. Sogar ein Flugzeug war in der Nähe von Moskau abgestürzt, der Feuerschein war noch in weiter Entfernung zu sehen. Sie konnten vom Glück reden, dass es nicht in der Stadt gelandet war, die Folgen wären verheerend gewesen. Obwohl schnell eine Patrouille an der Absturzstelle war, konnte sie nichts mehr machen. Wenn Kinder an Bord gewesen waren, dann hätten sie keine Chance gehabt. Die einzigen Überlebenden, Kinder die das zwölfte Lebensjahr noch nicht überschritten hatten. Wehrlose, schwache Wesen. So zerbrechlich und sensibel. Doch waren sie die Zukunft der Menschheit und die der Vampire, so seltsam es auch klang. Wenn diese Kinder starben, dann war es das Ende der Vampire, sie würden erbärmlich verhungern. Es wiederstrebte ihm, das Blut dieser kleinen Geschöpfe zu trinken, aber er hatte nicht den Luxus der Wahl. Beide Parteien waren unfreiwillig voneinander abhängig. Denn die Monster schienen kein Ende zu nehmen, egal wie viele von ihnen sie den Gar ausmachten, ihre Zahl wurde nicht weniger. Eine große Blockade von Wächtern verhinderte aktuell, dass sie in die inneren Teile der Stadt vordringen konnten. Die Kinder waren in provisorischen Notunterkünften untergebracht worden, aber wenn es nach Urd ging sollte das wirklich nur eine Notlösung sein. Doch bis sie wirklich etwas hatten was man guten Gewissens zu Hause nennen konnte, das würde dauern. Es gab zu viele Baustellen und zu viele andere Dinge, die auch Aufmerksamkeit erforderten. Innerhalb von nur einer Nacht hielt er nicht nur das Schicksal der Vampire sondern auch das hunderter, elternloser Kinder in der Hand. Er dachte wieder an Natalia, die vermutlich noch immer in seinen Räumen wartete. Er hoffte, dass sie es auch wirklich tat und nicht irgendwo herumgeisterte. Er wandte sich von dem Balkon ab, er konnte jetzt nichts an dieser Katastrophe ändern. Er lief schnell zurück, die Bergung der Kinder hatte ihn die ganze Nacht beschäftigt, sodass er an Natalia nicht mehr gedacht hatte. Nur ein Glas mit Blut schnappte er sich noch im Vorbeigehen, das brauchte auch er dringend.
 

Er ließ langsam seine Tür aufgleiten. Es herrschte Stille. Zunächst frage er sich, ob er sich Sorgen machen sollte. Aber Natalia lag friedlich schlummernd auf seinem Sofa. Ihre Beine waren leicht angewinkelt, ihr Kopf lag auf einem der Kissen. Ihr Mund war leicht geöffnet und ihre Atmung gleichmäßig. Die letzte Nacht musste all ihre Kraftreserven aufgebraucht haben, was nicht verwunderlich war. Urd schlich an ihr vorbei und zog die Vorhänge zu. Die Dunkelheit war sehr angenehm für ihn. Die harte Realität würde sie noch früh genug einholen, sie sollte die Ruhe genießen solange sie konnte. Ihn sollte sie nicht stören, er konnte wohl ohnehin nicht lange hier bleiben. Es würde vermutlich bald wieder jemand nach ihm verlangen. Urd lehnte sich an seinen Schreibtisch. Er setzte zum trinken an und schon kurz nachdem der erste, wohlschmeckende Tropfen seine Zunge berührte kam wieder Leben in das Kind. Sie seufzte leise bevor sie ihre Augen öffnete und ihn schlaftrunken ansah. Sie richtete sich auf und rieb sich die Augen. Urd ließ das Glas wieder sinken: „Du bist wach.“ „Urd, du bist zurück“, sagte sie und ließ die Beine vom Sofa baumeln. „Hast du wenigstens ruhig geschlafen, trotz allem was passiert ist?“, erkundigte er sich während er seinen Mantel zielgenau auf den Stuhl warf. „Ja, ich habe geschlafen, aber…“, sie schlug ihre Augen nieder, „Was war das? Was ist passiert?“ Urd wägte kurz seine Worte ab, bevor er ihr antwortete: „Das wüsste ich selbst ganz gern. Bis jetzt habe ich noch keine genauen Informationen.“ Urd ging zum Fenster und zog die Vorhänge wieder auf. Das grelle Morgenlicht brannte in seinen Augen. Natalia rutschte langsam auf den Boden. Sie lief zum Fenster und presste ihre Hände an die Scheibe. Er war sich sicher, dass selbst sie mit ihrer niedrigen Lebenszeit die Auswirkungen der letzten Nacht sehen konnte. Sie schauten erst wenige Minuten die Zerstörung an bevor er weitersprach: „Alle älteren Menschen sind tot und durch die Welt ziehen Monster, die Menschen angreifen. Es ist sehr gefährlich für euch da draußen geworden.“ Ihre Welt war gestürzt, die Welt, die sie bisher gekannt hatte war nicht mehr. Jetzt stand sie hier, in einem Zimmer mit jemandem, bei dem sie wusste dass er ein Vampir war. Angst schien sie bisher zu vermissen, zumindest vor ihm. Das was vor seinem Raum passierte schien sie mehr zu beunruhigen als was in ihm war.
 

„Was bedeutet das für uns? Und für euch?“, fragte sie, „Ich meine, ihr seid doch Vampire. Trinkt ihr nicht…Blut?“ „Das ist richtig.“, bestätigte er. Sie schaute jetzt zu ihm hoch, ihre grünen Augen glänzten vor Neugierde. „Keine Angst?“, setzte er nach. Sie reckte ihr Kinn: „Uns zu töten würde euch auch Schaden.“ Urds Mundwinkel war kurz davor zu zucken. Die Kleine war klug und selbstbewusst für ihr Alter. Schließlich zog sie ihre Schultern an: „Außerdem…hast du mich deine Fangzähne berühren lassen, ohne mich zu verletzen. Du weißt das selber genauso.“ Sie schauten sich eine Zeit lang an. Schließlich fing sie an zu grinsen: „Gefühle sind nicht so deine Stärke, oder?“ Er senkte seinen Kopf: „Gefühle verlieren sich irgendwann, wenn man Jahrhunderte Geschichte gesehen und Leute sterben sieht.“ „Und doch warst du gestern Abend im Zuschauersaal. Irgendetwas sagt mir, dass es nichts damit zu tun hatte, dass du es musstest“, entgegnete sie. Urd legte seinen Kopf etwas schräg: „Nein, das war reines Freizeitvergnügen.“ Das Wort Vergnügen zu verwenden war für die meisten Vampire fast unmöglich. Urd hatte sich längt damit abgefunden, dass andere Vampire seine Faszination nicht teilten oder auch nur ansatzweise verstehen würden. Doch das sollte ihn nicht weiter stören, sollten sie doch hinter seinem Rücken darüber reden. „Du magst Musik“, stellte Natalia fest während ihre Finger sanft über das Holz von Urds schwarzem Flügel glitten, „Spielst du ihn auch?“ Urd tat es ihr gleich und legte seine Hand auf das wertvolle Instrument: „Ja, ich kann. Allerdings ist es schon lange her dass jemand dabei zugehört hat.“ Natalia wickelte eine braune Strähne um ihren Finger: „Also, spielen kann ich leider nicht. Aber ich tanze, willst du es sehen?“ Urds Blick fiel kurz auf sein noch stummes Telefon und seine Uhr: „Sicher, wenn du willst.“
 

Natalia war eine begabte Tänzerin. Ihre Mutter war früh gestorben und ihr Vater war ein Bühnenarbeiter gewesen. Bereits seit sie denken konnte war das Theater ein Teil ihres Lebens. Ihre Ballettstunden waren aufgrund der hohen Kursgebühren eher unregelmäßig gewesen, doch ihr regelmäßiger Aufenthalt im Bolshoi Theater durch die Arbeit ihres Vater erlaubten ihr, trotzdem stets irgendwie mit anderen in ihrem Alter mithalten zu können. Urd war sich sicher, wenn er dieses Kind weiter richtig anleitete würde sie bald über alle hinauswachsen. Somit war sein Plan gefasst: er würde Bolshoi erhalten. Sollten die anderen doch denken was sie wollten. Es würde die Leere in seinem Inneren füllen. „Meister Geales, hier seid ihr“, Lest Karrs Stimme holte ihn zurück in die Gegenwart, ins hier und jetzt. Zurück nach Sanguinem. „Gibt es Neuigkeiten von der kleinen Aoi?“, fragte Ky Luc ihn. Urd nickte ihm zu: „Ja, sie ist erfolgreich nach Shibuya zurückgekehrt. Aber alles ruhig. Kein weiteres Auftauchen vom wahren Urahn.“ „Wie zu erwarten“, Lest hatte seine Arme hinter seinem Kopf verschränkt, „der taucht schon wieder auf, wenn er es will. Er hat sich so lange vor uns verborgen. Den sehen wir erst wieder, wenn er es zulässt.“ „Das sehe ich auch so. Was auch immer er vorhat steht kurz vor der Vollendung. Er ist sich seiner Sache sicher. Wir werden nur ein sehr kurzes Zeitfenster haben, wenn wir ihn aufhalten wollen. Aber wir sind schon lange nicht mehr nur sein Spielzeug. Soll er uns nur weiter ignorieren wie er es immer getan hat. Solange er uns nicht beachtet haben wir eine realistische Chance. Er hat alles aufgegeben um ein Dämon zu werden. Er ist nun abhängig davon, einen Menschen zu finden, den er kontrollieren kann. Solange sich Kureto weiterhin wehren kann wird ihn das nur schwächen“, kaum hatte Urd seinen Satz zu Ende geführt spürte er wie sein Blut sich regte. Fast so als würde es sich erhitzen. Das Vampirblut in ihm reagierte und ein Blick in die Gesichter der anderen verriet ihm, dass er nicht der einzige war, der es bemerkt hatte. Ky ließ seine Fäuste aneinander prallen: „Verdammt, hat er es dennoch geschafft uns zu überraschen?“ „Das spielt keine Rolle. Er hat sich gezeigt und das bedeutet unsere Chance ist gekommen. Wir müssen nach Shibuya.“…

Lebenszweck

Aoi hatte das Gefühl, als würde ihr Herz wieder schlagen und warmes Blut durch ihren Körper pumpen. Aber nur für eine Sekunde. Aois Faust fuhr an ihr Herz. Nichts, aber kurz war es als würde sie jemand rufen. Mitsuba war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stützte sich mit ihren Händen auf dem Tisch ab: „Aoi, was ist los?“ „Ich bin nicht sicher. Aber es war ein sehr seltsames Gefühl gerade“, antwortete Aoi ihr. Das Funkgerät an ihrer Hüfte knackte: „Aoi, bist du da?“ Es war Kuretos Stimme. Aoi riss das Gerät hoch: „Bin da. Was ist los?“ Noch bevor Kureto ihr antworten konnte wurde das Gebäude von einer heftigen Explosion erschüttert. „Es gibt Ärger im Laborgebäude. Wir brauchen dich hier“, hörte sie Kureto noch sagen. Sie stopfte das Gerät zurück in ihre Tasche, ihre Ohren erlaubten es ihr, den Ursprung der Explosion genau zu orten. Sie vergeudete keine Zeit, sie packte Mitsuba am Arm und sprang mit ihr aus dem Fenster. „Ahhh, Aoiii!“, Mitsuba schrie überrascht auf, Aois Geschwindigkeit war für sie unmöglich zu verfolgen. Doch Aoi landete sicher auf einer der Terrassen, mit Mitsuba in ihren Armen. Sie setzte sie ab und wandte sich zum Gehen um. „Warte doch, Aoi. Ich komme mit. Dieses Mal…“, sie stoppte mitten im Satz. Mitsubas Finger hatten sich verkrampft und ihr Blick starr auf ihre Schuhe gerichtet. „Ich…lang wollte ich immer so sein wie du. Du warst immer die stärkere und talentiertere von uns. Kein Wunder, dass dieser Vampir von dir überzeugt war. Ich war immer nur die Nachzüglerin, die zweite Wahl. Niemand hat sich dafür interessiert was ich tue oder was ich wirklich erreiche. Der Name Sangu war genug, um dafür zu sorgen, dass ich trotzdem immer irgendwie überall durch kam. Ich kam durch, aber gleichzeitig war ich auch die größte Lachnummer in der gesamten Armee. Jeder wusste, dass ich in Wirklichkeit gar nichts Besonderes war und das wusste ich noch vor allen anderen. Ziemlich erbärmlich. Aber egal wie erbärmlich ich auch bin, den Grund zum Kämpfen habe ich noch lange nicht verloren“, Mitsuba machte einen Satz nach vorn, ihre Arme schlossen sich um Aois Taille und ihr Ohr nah an ihrem Herzen, „Es ist mir egal ob du ein Vampir oder jedes andere Monster dieser Welt bist. Ich stehe hier für meine Familie und das wird dich wohl mit einschließen. Wer weiß, irgendwann…werde ich vielleicht deine ehrliche Anerkennung verdienen.“ Mitsuba löste sich wieder von Aoi und lief langsam Richtung der Tür. „Warte, Mitsuba“, rief Aoi ihr zu. Mitsuba drehte ihren Kopf zu ihr: „Hm?“ „Du läufst in die falsche Richtung“, sagte Aoi, die roten Augen schauten direkt in ihre. „Oh…“
 

Ein merkwürdiges Brummen erreichte ihr Ohr. Aoi schaute in den Himmel, von wo sie glaubte das Geräusch geortet zu haben. Aber da war nichts, nur große, graue Wolken, die gemächlich über den dunklen Himmel zogen. Aber das Geräusch blieb und was sie noch mehr beunruhigte, es kam immer näher. „Hier stimmt doch was nicht“, murmelte sie zu sich selbst. Ihre Hand fuhr in die Innenseite ihrer Uniform, ihre Finger tasteten nach einem Ofuda. Sie klemmte ihn zwischen Zeige-und Mittelfinger, bevor sie seine Zeichen aktivierte: „Reveal!“ Die Luft flimmerte, die verwobenen, magischen Fäden ihres Gegners vibrierten im Versuch ihrer Formel zu widerstehen, doch letzten Endes brachen sie unter Aois Kraft. Die dichten Wolken schienen sich in Staub aufzulösen, gaben frei was sich dahinter verbarg. Ein Anblick, der Aoi und Mitsuba das Blut in den Adern gefrieren ließ. Der nächtliche Himmel war übersät mit Helikoptern. In gemäßigtem Tempo und strategischer Formation näherten sie sich Shibuya. Aoi kramte wieder nach dem Funkgerät: „Meister Kureto, wir werden angegriffen! Hört Ihr mich? Wir werden angegriffen!“ „Was? Verdammt, ausgerechnet jetzt?! Wie viele?“, Kuretos Stimme wurde immer wieder von Störgeräuschen unterbrochen, doch die Verbindung schien allgemein stabil zu sein. „Keine Ahnung wie viele Helikopter es sind und wie viele an Bord sind, aber bestimmt mindestens hundert!“, schrie Aoi fast zurück, da das Geräusch der Rotoren nun immer lauter wurde. In dem Moment wurde mehrere Stockwerke über ihnen ein Fenster zerschlagen, mit einem lauten klirren rieselten die Splitter nach unten. Eine kleine Gestalt schwebte aus dem Fenster. „S-Shinoa?!“, hörte sie Mitsuba rufen. Shinoa drehte ihren Kopf in die Richtung der beiden. Aoi musste schlucken, als ein paar roter Augen sie anblickte. Leer, ausdruckslos, leblos. Aoi hielt Mitsuba am Arm fest: „Bleib hier! Siehst du es nicht? Ihre Augen, das ist nicht Shinoa!“ Purer Horror überzog Mitsubas Gesicht: „Du meinst, sie wurde von ihrem Dämon besessen? Wie konnte das passieren? Vorhin war noch alles in Ordnung.“ „Aoi!“, Kureto stürmte nach draußen, begleitet von Akatsuki und seinem Team. Kuretos Blick verdüsterte sich, als er die Angreifer erblickte: „Wie kann es sein, dass wir diese Legion nicht bemerkt haben, bis sie quasi direkt auf uns drauf saß?“ „Sie haben Verschleierungs-und Wettermagie benutzt um sich zu tarnen, Meister Kureto. Ich konnte sie auch nur durch Geräusche orten“, antwortete Aoi ihm, ihre Hand legte sich um das Heft ihres Schwertes. Das war definitiv nicht Urds Armee, er und seine Vampire hatten kaum Ahnung von Magie. Sie hätten etwas derartiges nie erzeugen können. „Bogenschützen in Position! Holt die Dinger vom Himmel! Jetzt!“, Kureto Anweisung war klar und deutlich. Es kam sofort Bewegung in die Truppen. „Halt! Was ist mit Shinoa?“, forderte Mitsuba zu wissen, „Was ist da drin passiert?“ Kuretos Gesicht verzog sich zu einer schmerzverzerrten Grimasse: „Shikama Doji ist auf sie übergesprungen. Es ging ihm nie um mich, ich war nur sein Zwischenwirt. Er hatte es von Anfang an auf Shinoa abgesehen.“ Mitsubas Körper neben ihr begann zu zittern. Der wahre Urahn war frei. Schlimmer hatte es nicht kommen können. Aoi änderte die Einstellung ihres Funkgerätes: „Urd? Bitte, es gibt Ärger!“ Es dauerte einige Zeit bis eine Reaktion von der anderen Seite kam: „Ich weiß, ich habe es gespürt. Die Kraft des wahren Urahn hat sich gezeigt. Ich weiß zwar nicht, was genau er vorhat, aber was auch immer es ist, es dürfte keinem von uns gut bekommen. Hat er Kureto besessen?“ Urds Stimme war kühl und kalkuliert, wie immer, aber Aoi entging die Dringlichkeit in seinen Worten trotzdem nicht. „Nein. Er hat Kureto verlassen und ist auf ein anderes Mitglied der Hiragi-Familie übergesprungen. Vermutlich war Kureto nie sein Ziel“, Aoi gab die Informationen ohne zu zögern weiter. In diesem Moment hatten sie einen gemeinsamen Feind. „Das bestätigt, was ich vermutet habe. Der Urahn hat schon seit wer weiß wie vielen Generationen die Hiragi-Familie kontrolliert. Vielleicht war selbst der Untergang der menschlichen Welt vor acht Jahren Teil seines Plans“, eine kurze Pause folgte, schließlich hörte sie ein Seufzen von der anderen Seite, „Der wahre Urahn hat uns verlassen, weil er wusste, dass ich und die meisten anderen Vampire seinem Plan niemals folgen würden. Das ist es, was mir inzwischen klar geworden ist.“ Kureto verschränkte seine Arme: „Ich gebe es nicht gerne zu, aber er hat wahrscheinlich recht. Tenri Hiragi war bereits von ihm gesteuert worden und wer weiß wie viele Familienoberhäupter vor ihm. Wir werden nie frei sein, wenn wir diesen Kreislauf nicht beenden. Weder wir noch sie. Unser Schicksal gehört uns und nicht irgendeinem Möchtegern-Gott.“ „Meister Kureto“, eine junge Frau mischte sich in das Gespräch ein. Sie trug die Uniform der Dämonenarmee, ihre dunkelgrünen Haare hatte sie an der linken Seite ihres Kopfes zu einem Dutt befestigt und mit Haarnadeln fixiert. Einige Strähnen fielen ihr noch locker über die Schulter. „Der Feind bringt seine Raketen in Position, sie wollen uns angreifen. Sie nennen sich die Hyakuya-Sekte!“ „Unsere Fixierung auf die Vampire hat uns unsere menschlichen Feinde vergessen lassen. Das war eine unverzeihliche Unachtsamkeit von mir. Eröffnet das Feuer! Sie dürfen auf keinen Fall in die Stadt kommen“, die Schützen spannten ihre Bögen und Kurteo zog Raimeiki aus seiner Hülle. Aoi schloss nun beide Hände um das Gerät: „Urd, wir werden von einer weiteren Gruppe, die sich die Hyakuya-Sekte nennt angegriffen. Ich habe keine Ahnung, was sie jetzt wollen, aber das kann doch kein Zufall sein.“ „Ist es auch nicht. Das ist Rigr Stafford. Er will den wahren Urahn. Als mein Bruder hat er genauso wie wir das Erwachen des wahren Urahn gespürt. Deswegen ist er gekommen. Er hat sich schon lange von den Vampiren und ihren Gesetzen abgewandt. Er verfolgt eigene Ziele und ist nicht unser Freund“, die Warnung war klar. Sie mussten die Hyakuya-Sekte um jeden Preis aus Shibuya vertreiben. Die Luft knisterte, als die Elektrizität von Raimeiki die Umgebung füllte. Kureto führte seine Klinge in Angriffsposition: „Der Vampir soll seinen untoten Hintern hierher bewegen.“ „Meister Kureto! Das sollten wir auf keine Fall tun!“, protestierte Akatsuki lautstark. „Dann kannst du ja losziehen und den wahren Urahn sowie den Vampir bezwingen, die mindestens so stark sind wie alles, was du bisher bekämpft hast zusammen!“, Kuretos Stimme war erfüllt von Wut, ihm stand eindeutig gerade nicht der Wille zur Diskussion. Im Angesicht dessen sank Akatsuki in sich zusammen und das erstickte jeden weiteren Protest. „Ich mache mich jetzt ebenfalls auf den Weg nach Shibuya. Ich werde Rigr stoppen. Dieses Mal kann er mich nicht mehr überraschen“, das waren Urds letzte Worte bevor die Verbindung unterbrochen wurde.
 

Urd ließ den Funk langsam von seinem Mund sinken: „Es hat also begonnen. Der Urahn und Rigr haben ihren Schritt gemacht. Für keinen von beiden gibt es jetzt ein Zurück. Sie müssen sich ihrer Sache sehr sicher sein.“ Kurze Stille legte sich über die Kabine, abgesehen von dem Geräusch der Rotorblätter. „Er ist wieder hier und wir wissen immer noch nicht was er will. Ky Luc hatte Recht, wir wurden abgehängt“, sage Lest, sein Blick schien weit in die Ferne gerichtet. Krul schaute zu ihm mit einem Ausdruck, der nur `Ich habe es euch doch gleich gesagt` verkündete. „Er sollte mit seinen Fähigkeiten keinerlei Probleme haben sich vor uns zu verbergen, trotzdem sendet er ein solches Signal. Laufen wir geradewegs in seine Falle?“, fragte Ky. Lest löste sich von seinem imaginären Punkt an der Kabinenwand und schaute wieder in die Runde: „Falle oder nicht, wir müssen hin.“ Während seine Begleiter diskutierten verlagerte Urd seine Aufmerksamkeit wieder auf die Umgebung. Ein zischendes Geräusch drang an sein Ohr. Nach einiger Zeit war er sich sicher, dass es keine ihrer Maschinen war. „Seid kurz still!“, forderte er mit ausgestreckter Hand, „Was ist das für ein Geräusch?“ „Geräusch? Hörst du etwas?“, fragte Krul ihn während Lest sichtlich angestrengt versuchte, es ebenfalls aufzufangen. Urd stand sofort auf und zog mit einem Ruck die äußere Kabinentür auf. Der schwarze Himmel lag vor ihm, nur erhellt durch das schwache Licht des Sichelmondes. Doch das hielt seine Augen nicht auf. Sie weiteten sich in Schock als er die Raketen sah, die sich über den Nachthimmel näherten. „Wir werden angegriffen! Sofort raus aus den Helikoptern!“, Urd griff nach seinem Schwert während hinter ihm Bewegung in die Gruppe kam. Er ließ sein Schwert sein Blut trinken und versuchte sein Bestes, um die Raketen abzuwehren. Er musste allerdings bald einsehen, dass das völlig unmöglich war: „Es sind einfach zu viele.“ Kurz bevor die Rakete in seinen Helikopter einschlagen konnte sprang er ab und hakte sich mit seinem Schwert an einem noch unbeschädigten Helikopter ein. Sein Schwert durchdrang die Außenwand mühelos. „Wie hoch sind unsere Verluste?“, fragte er sich selbst während sich das Chaos vor ihm entfaltete. Kurz darauf schlug Ky Luc neben ihm ein. „Dich hat es offenbar nicht erwischt“, stellte Urd fest. Ky Luc hatte sein typisches Grinsen aufgesetzt: „Wow, scheint so als dürfte ich nach langer Zeit mal wieder irgendwas spannendes erleben. Auf keinen Fall sterbe ich jetzt.“ „Was ist mit den anderen?“, fragte Urd nach. „Lest Karr ist runtergefallen. Er wird sich bestimmt ein Fahrzeug nehmen, wenn wir ihn nicht mehr treffen. Der Weg nach Shibuya ist nicht mehr weit“, rief Ky ihm zu, „Krul habe ich leider nicht gesehen. Wo sie hin ist weiß ich nicht.“ „Wer ist für den Angriff verantwortlich?“, es wahr eher eine Frage an ihn selbst. Aber Ky antwortete trotzdem: „Ich habe keine Ahnung, Meister Geales. Unwahrscheinlich, dass es die Menschen waren. Entweder war es Rigr oder der Erste hat es in die Wege geleitet. Trotzdem, das ist das erste Mal seit langem, dass es wieder ernst wird. Seht Ihr? Weitere Raketen sind im Anflug, Mein Lord.“ Kys Feststellung bewahrheitete sich, eine zweite Welle brach über sie herein. Die erste hatte schon fast alle Helikopter vernichtet. Ky löste seine Verankerung und ließ sich fallen: „Also, dann…Wenn Ihr mich entschuldigt. Wir sehen uns unten.“ Urd warf einen letzten Blick auf die Raketenfront bevor er sich entschied, dass er ebenfalls runter musste. Hier oben war er ein leichtes Ziel für jegliche Angriffe. Urd sprang ab und es gelang ihm, all den Raketen auszuweichen, bevor er ebenfalls fiel, immer dem schwarzen Asphalt unter ihm entgegen.
 

Ein Tumult vor seiner Tür lenkte Urd von seinen Unterlagen ab. Was gab es denn jetzt schon wieder für ein Problem? Er legte seine Papiere vor sich auf dem Tisch ab und machte sich auf den Weg zur Tür. Als er sie öffnete sah er auch schon wo es klemmte. Zwei Wächter standen im Gang, beide hatten ihre Arme in die Hüften gestemmt und sahen nicht sonderlich glücklich aus. Zwischen ihnen stand eine kleine Gestalt, die Urd nur allzu vertraut war. Lange, braune Haare, die mit einer weißen Schleife zu einem Zopf an ihrem oberen Hinterkopf gehalten wurden. Ein unscheinbarer, blauer Mantel, dick genug um den eisigen Temperaturen des russischen Winters zu trotzen und weiße Stiefel, dick mit Fell gefüttert. „Natalia, Nicoletta und Vladymir. Was ist hier los?“, verlangte Urd zu wissen während er langsam näher kam. Nicoletta war die erste, die sich wieder fing: „Entschuldigt, mein Lord. Aber dieses Kind hat sich aufs Gelände geschlichen. Wir kümmern uns sofort darum, seid unbesorgt.“ „Urd!“, rief Natalia dazwischen, ihre grünen Augen hellten sich auf. Urd seufzte innerlich, dieses Menschenkind war wirklich anhänglich. „Ich werde mich darum kümmern, geht ihr zurück auf eure Posten“, entgegnete Urd. Erst wirkte es so, als wolle Nicoletta wiedersprechen, aber am Ende beugte sie sich seinem Wunsch. Urd hielt weiter seine Zimmertür auf: „Komm hier rein.“ Sie hüpfte an ihm vorbei in seinen Arbeitsraum und Urd schloss die Tür hinter ihnen: „Schleich dich bitte nicht rein. Was machst du hier überhaupt?“ „Ich…wollte dich sehen, Urd. Du warst schon ewig nicht mehr im Theater. Dabei sollst du doch sehen, ob ich Fortschritte mache“, sagte sie zu ihm, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Urd ließ sich vor ihr auf die Knie sinken, um auf Augenhöhe zu sein: „Ich weiß. Aber meine Pflichten ließen es die letzte Woche einfach nicht zu. Ich komme, sobald ich es kann.“ Natalia setzte ein wehmütiges Gesicht auf: „Ich schätze, ein mächtiger Vampir zu sein bedeutet wohl trotzdem nicht, dass man immer tun kann, was man will.“ „Wenn immer jeder nur tun würde, was er will würde diese Welt niemals funktionieren. Manchmal müssen wir unsere persönlichen Wünsche für etwas Größeres zurückstellen“, Urd legte eine Hand auf ihre Schulter. „Etwas Größeres? Was zum Beispiel?“, Natalia wollte es jetzt offenbar ganz genau wissen. Urd erhob sich wieder und sammelte seine Unterlagen vom Schreibtisch auf: „Zum Beispiel den Zustand unseres Lagers zu überprüfen, damit du nicht verhungerst.“ Urd nahm auf dem weichen Sofa platz, Natalia kletterte neben ihn, streifte jedoch ihre schmutzigen Stiefel vorher ab. Immerhin, seine Erziehung schien Wirkung zu zeigen. „Ich werde eine wunderschöne Tänzerin, bei deren Anblick alle ihre Sorgen vergessen, wenn auch nur für wenige Minuten“, erklärte sie im Brustton der Überzeugung, „Aber sag, Urd. Du machst so viele Dinge gleichzeitig. Was ist eigentlich für dich dein Grund zu Leben?“…

Kriegstrommeln

Was ist dein Grund zu leben? Eine Frage, die wahrscheinlich so alt wie die Menschheit…besser das Leben selbst ist. Eine Frage, mit der Urd in all den Jahren seiner Existenz schon so oft konfrontiert wurde. Jedoch, bis zum heutigen Tag konnte er noch keine Antwort für sich selbst finden, die ihn irgendwie zufrieden stellen würde. Als Mensch konnte er nie einen Sinn darin finden, er war nur ein Sklave, ein Objekt zum Nutzen anderer. Als Vampir kam es ihm fast noch schwerer vor. Innerhalb einer Nacht waren all seine Bedürfnisse von dem dunklen Schleier der Unsterblichkeit weggewischt worden, ersetzt von dem nie endenden Durst nach Blut. Ohne Wünsche, ohne Lustempfinden war es schwer, irgendetwas zu finden, was einen interessierte. Er hatte schon viele Dinge in Betracht gezogen. Es Rigr einfach gleich zu tun und abzuhauen, aber sein Sinn für Verantwortung ließ das nicht zu. Auch zu sterben war bereits darunter gewesen. Aber wenn das Leben keinen Sinn hatte, was für einen hatte dann der Tod? Wer konnte garantieren, dass auf der anderen Seite alles besser war? Rigr hatte immer nach dem Sinn seines Lebens gesucht, schon als sie noch Menschen waren, anders als Urd. Urd hatte noch nie den Sinn gesehen, das nur zu versuchen. Wenn er so darüber nachdachte, dann hatte er schon wie ein Vampir gedacht, bevor er überhaupt einer wurde. Wahrscheinlich hatte er als Mensch einfach versagt. Er lebte einfach immer weiter, nicht das ihm jemand außer Rigr wirklich die Stirn bieten konnte. Menschen und Vampire kamen und gingen an ihm vorbei. Unter ihnen Menschen wie Natalia, die nur so vor Ambitionen sprühten. Oder Aoi, die um jeden Preis weiter leben wollte, wenn es sein musste als Vampir. Auch wenn sie sich voll und ganz darüber bewusst war, was diese Verwandlung bedeutet. Immer dieser Lebenswille der Menschheit, doch gleichzeitig auch diese seltsame Opferbereitschaft. Urd hatte so viel Zeit damit verbracht, die Menschen zu studieren, aber die Geheimnisse ihrer Denkweise konnte er einfach nicht erfassen. Dann dachte er wieder an Rigr, als sie noch gemeinsam mit dem Ersten gelebt hatten. Was wollte Rigr nur? Was erhoffte er sich von dem Ganzen? Er konnte dem Ersten hinterherlaufen wie er wollte, dieser interessierte sich nicht im Geringsten für die Vampire. Er würde sie niemals anschauen. Oder in irgendeiner Form anerkennen. Für ihn waren sie fehlgeschlagene Schöpfungen, die seine Anforderungen nicht erfüllen konnten. Urd wusste zwar nicht, was genau der Erste sich von ihnen erhofft hatte, aber es kümmerte ihn auch nicht weiter. Das war sein Körper, seine Existenz und niemand außer ihm selbst würde darüber entscheiden, was sie wert war.
 

Trotz des langen Sturzes landete Urd beinahe lautlos auf dem Asphalt. Nach dem Krach, den die Raketen verursacht hatten, war es jetzt schon fast zu unnatürlich still, aber Urd würde sich nicht beschweren. „Meister Geales, geht es Euch gut?“, Lest Karr, gefolgt von Ky Luc, näherten sich. Lests Haare wirkten etwas zerzaust und seine Kleidung hatte ein paar Brandspuren, aber sonst schien er gut davon gekommen zu sein. Auch seinen Koffer, der seine starke Fernkampfwaffe enthielt, hatte er scheinbar retten können. Urd nickte ihm zu und seine angespannten Gesichtszüge schienen sich etwas zu lösen. Urd war froh, dass sie sich direkt wieder vereint hatten. Getrennt nach Shibuya gehen zu müssen wäre ein zu großes Risiko gewesen, wenn Rigr hier irgendwo sein Unwesen trieb. Besonders für die andern beiden, aber auch für ihn. Rigrs Fähigkeiten schienen sich in den langen Jahren, die sie getrennt voneinander verbracht hatten, stark verändert zu haben. Noch war Urd sich nicht sicher, was es mit seinen Körpermodifikationen auf sich hatte, aber sie waren eindeutig nicht natürlichen Ursprungs. Doch auch Urd war nicht untätig gewesen und das würde Rigr schon bald feststellen müssen. Er hatte zwar keinen modifizierten Körper, aber er würde alles ausreizen, was sein Vampirkörper zu bieten hatte. „Mein Lord, wir haben noch einen weiteren Gast“, sagte Ky Luc schließlich und Urd erlebte eine Überraschung. Zwischen den beiden stand noch ein weiterer Vampir. Augenscheinlich nicht besonders, eine junge Frau, normale Statur, türkises Haar und die Unerfahrenheit war ihr deutlich abzulesen. Jedoch, die Tatsache, dass sie als so gut wie die Einzige diesen Angriff überstanden hatte sprach für sie. Ihre weiße Kleidung bedeutete, dass sie zur japanischen Fraktion gehörte, wahrscheinlich kannte Urd sie deswegen nicht. Ihr linkes Bein hatte eine nicht unerhebliche Verbrennung erlitten, aber das war keine schlimme Verletzung. Sie würde schon bald vollständig geheilt sein. „Wie heißt du?“, fragte er sie schließlich. Sie zuckte kurz zusammen bevor sie antwortete: „Noelle. Ich bin Noelle, verehrter Urahn.“ „Ich kann dich nicht ganz einordnen. Wohin gehörst du?“, fuhr Urd fort während seine Sinne weiterhin die Umgebung abtasteten. Das Raketenfeuer war zwar vorbei, aber wer wusste schon, was ihr Angreifer noch für sie vorbereitet hatte. Ihre Finger begannen nervös mit den Schleifenbändern ihrer Uniform zu spielen: „Ursprünglich gehörte ich zu den Truppen meines Meisters Lucal Wesker. Also, zumindest bis zu einem bestimmten Ereignis, von dem Ihr vielleicht gehört habt, verehrter Urahn.“ Sie war also Teil von Lests Blutlinie, auch wenn wahrscheinlich mindestens zwei Generationen zwischen ihnen lagen. Das schien auch Lest aufzugehen: „Warum bist du nach seinem Tod nicht zu mir nach Deutschland zurückgekehrt? Ich dachte, ich hätte alle verbliebenen Mitglieder von Lucal Weskers Fraktion rücküberführen lassen?“ Urd hatte das Gefühl, dass diese Konversation länger dauern würde, als es ihre Zeit erlaubte, also griff er schnell ein: „Lest Karr, das ist jetzt nicht der richtige Moment für Personalverteilungsangelegenheiten. Das können wir auch klären, wenn wir unsere Mission beendet haben. Rigr und der wahre Urahn warten und wir haben unsere Helikopter verloren. Wir müssen wahrscheinlich zu Fuß weiter. Außerdem wird gerade Shibuya von der Hyakuya-Sekte auseinandergenommen.“ Lest schwieg daraufhin. Urd ließ alle möglichen Szenarien in seinem Kopf Gestalt annehmen bevor er beschloss, dass Noelles Fähigkeiten für ihren Einsatz wahrscheinlich nicht geeignet waren: „Noelle, die Gegner, denen wir uns stellen müssen sind weit über deinem Niveau. Uns weiter zu begleiten wäre für dich außerordentlich gefährlich. Deswegen schlage ich folgendes vor: du kehrst nach Sanguinem zurück und informierst sofort die beiden 17. Ahnen Horn Skuld und Chess Bell über diesen Angriff. Sag ihnen, sie sollen erst einmal keine Verstärkung schicken. Jeder weiterer Helikopter fliegt nur in seinen Tod. Wir melden uns, wenn es Neuigkeiten gibt.“ Sie blinzelte kurz bevor sie hektisch nickte: „Jawohl, mein Lord. Ich mache mich sofort auf den Weg.“ „Versuche, Städte zu meiden, nutze lieber Wälder als Tarnung. Gehe Kämpfen aus dem Weg, dasselbe gilt für jede Lebewesen, dem du begegnest, ganz gleich ob Mensch oder Vampir. Sprich mit niemandem bis du wieder in Sanguinem bist. Wir können kein Risiko eingehen. Wir wissen nicht, wer hier wirklich zu wem gehört“, fuhr Urd seine Anweisungen fort. „Habe ich verstanden. Ich werde mein Bestes geben, um Eurem Befehl nachzukommen“, sie führte eine kurze, respektvolle Verbeugung aus bevor sie über die Absperrung der Straße sprang und zwischen den Bäumen verschwand. Urd lauschte ihren Schritten bis er sie nicht mehr hören konnte. Er straffte seinen Mantel, bevor er seine Begleiter wieder ansah: „Lasst uns weiter ziehen. Wir nehmen kein Auto, so sind wir unauffälliger. Sollten wir unterwegs auf Rigr treffen kümmern wir uns zuerst um ihn. Ist er jedoch nicht aufzufinden treffen wir uns erst einmal mit Aoi und Kureto Hiragi.“ „Glaubt Ihr wirklich, dass dieser Mensch uns helfen kann?“, Lest Karr war wie immer skeptisch, „Oder wird?“ „Die Hiragi-Familie hatte wohl über Generationen hinweg Kontakt mit dem wahren Urahn. Vielleicht wissen sie etwas, was wir nicht wissen. Es ist Zeit für einen Informationsaustausch“, antwortete Urd ihm. Anschließend setzten sie sich in Bewegung. Auch wenn es bis Shibuya nicht mehr weit war, so lag doch noch ein gutes Stück Weg vor ihnen.
 

„Wüte so sehr du kannst, Raimeiki!“, Kuretos Stimme war wie ein Donnergrollen. Sein Schlag entfachte ein Inferno aus Blitzen, welche einen großen Teil der anfliegenden Raketen detonieren ließ. Jedoch konnte ein Teil der Raketen trotzdem durchkommen. Aoi war gezwungen auszuweichen, ihre Reflexe machten die Angelegenheit einfach. Kureto landete neben ihr: „Verdammt, so viele. Die wollen es wirklich wissen.“ „Noch haben sie keinen großen Schaden angerichtet, aber es werden bestimmt noch mehr kommen“, rief Aoi ihm zu. Kureto griff in seine Tasche und hielt ihr sein Aufputschmittel vor die Nase: „Im schlimmsten Fall muss ich hierauf zurückgreifen, aber dann ist meine Zeit auf dem Schlachtfeld begrenzt. Solange ich genügend Raketen abwehren kann werde ich nichts nehmen.“ Aoi erinnerte sich an Urds Warnung: „Seid bitte vorsichtig damit, Meister Kureto. Versprecht mir, dass Ihr nicht mehr als eine nehmen werdet.“ Kurteo setzte ein fast schon schelmisches Grinsen auf: „Ich verspreche es. Keine Sorge, ich hänge an meinem Leben.“ Aoi erlaubte sich ein kurzes Lächeln. „Hey, großer Bruder Kureto. Hier ist ein adeliger Vampir!“, es war Shinyas Stimme. Aoi zog ihr Schwert: „Kümmert Euch ruhig weiter um die Raketen. Ich mach das mit dem Vampir!“ Sie sprang über das Geländer und hastete durch den Staub der Schlacht immer der Position entgegen, aus der Shinyas Stimme gekommen war. Ein düsteres Bild zeichnete sich vor ihr ab. Shinya war zu Boden gegangen, über ihm stand ein junger Mann in weißer Uniform. Seine schwarzen Haare waren etwa schulterlang und seine Ohren zeichneten ihn unverkennbar als Vampir aus. Er hatte sein Schwert erhoben, wenn Shinya da blieb wäre es um ihn geschehen. Aoi ließ ihre Waffe Blut trinken und sprang mit einem gewaltigen Satz nach vorne, gerade noch rechtzeitig, um den Schlag zu parieren. Doch sie wurde mit einer Wucht getroffen, die sie so noch nie erlebt hatte. Sie konnte zwar Shinya schützen, aber sie wurde mit unerahnter Kraft gegen eine Wand geschmettert. Sie schmeckte Blut auf ihrer Zunge und ihre Rippen zerschellten unter dem Aufprall. Aoi schrie vor Schmerz während ihre Rippen sich in Sekundenschnelle regenerierten. Sie konnte aus den Augenwinkeln erkennen, wie der fremde Vampir auf sie zusprang. Diese Macht und Geschwindigkeit. Das war ein anderes Kaliber als Chess und jeder andere Vampir, gegen den sie bereits gekämpft hatte. Aoi kämpfte sich zurück auf die Füße, sie durfte nicht klein bei geben. Bevor er sie jedoch erreichte wurde er von einer dunklen Wand aus dämonischer Energie verschlungen. „Aoi, alles in Ordnung?“, Mitsuba war neben ihr und hielt ihre Waffe bereit. „Bist du bescheuert? Was machst du hier?“, Aoi konnte es nicht fassen. Das war der falsche Zeitpunkt, um die Heldin zu spielen. Das würde so einen Vampir niemals aufhalten und dem war auch so. Innerhalb von Sekunden hatte er den Dämon vernichtet und visierte nun Mitsuba an. Aoi knirschte mit ihren Zähnen, sie packte Mitsuba am Kragen und schleuderte sie so gut wie es ging weg. Sie riss ihr Schwert herum, aber der Vampir war so viel schneller als sie. Sein Schwert bohrte sich in ihren Bauch und Aoi begann mehr Blut zu spucken. „Schwach und entbehrlich. Du bist zwar ein Vampir, aber mehrere tausend Jahre zu spät dran, um es mit mir aufzunehmen“, die helle Stimme des Vampirs klingelte in ihren Ohren. Bevor er jedoch weitere Schritte einleiten konnte, wurde von hinten ein Schuss abgefeuert. Shinyas Dämon raste auf ihren Angreifer zu. Dadurch war dieser gezwungen, seine Waffe aus Aois Bauch zu ziehen, um abzuwehren. Aoi rollte sich seitlich aus der Gefahrenzone. „Ahhh. Süße Aoi, was dagegen wenn wir mitmachen?“, es war Ferid Bathory, er schlenderte gelassen neben sie, als würde er nur einen Spaziergang machen. „Was willst du jetzt von mir? Wenn du wirklich helfen willst, der Gegner ist da vorn“, entgegnete Aoi ihm, während der feindliche Vampir von dem rothaarigen Crowley in Schach gehalten wurde. Ferid lächelte sie an wie ein kleiner Junge: „Ach komm schon, jetzt sei doch nicht so. Hat Urd Geales dir nicht erzählt, was für ein verlässlicher Gefährte ich bin?“ „Nein, weil du das genaue Gegenteil von verlässlich bist, Bathory!“, antwortete Aoi ihm bissig, „Bleib weg von Meister Kureto.“ „Natürlich, natürlich. Alles was du willst. Bis bald!“, er winkte ihr noch zu, bevor er sich ebenfalls auf den Schwarzhaarigen stürzte. „Nimm Mitsuba mit und geh zurück zu Kureto, Aoi. Ich und die beiden packen das schon“, rief Shinya ihr zu. Aoi hielt sich ihre linke Seite und richtete sich wieder auf. Sie hatte sich geirrt. Ferid war kein bisschen wie Ky Luc. Ky hüllte sich gerne in Unbekümmertheit, aber in Wirklichkeit tat er alles für Urd und seine Leute. Für Ferid hingegen war das alles nur ein Spiel und alles und jeder war sein Spielzeug, egal ob Freund oder Feind. Er war ein Psychopath. Sie griff nach ihrer Waffe und hob sie auf. „Aoi…“, Mitsuba stand neben ihr und stützte ihren linken Arm. Sie hatte ein paar Schürfwunden im Gesicht, wahrscheinlich von Aois Wurf, aber sonst fehlte ihr nichts. Aoi warf noch einen Blick zurück. Schien so, als hätte Shinya jetzt alles unter Kontrolle. Sie musste sich um Kuretos Schutz kümmern. „Lass uns gehen, Mitsuba“, sie zog ihre Schwester mit sich. Sie musste Kureto warnen. Er durfte Ferid Bathory niemals vertrauen.
 

Kureto hatte seine Position verlegen müssen, mittlerweile konnte man auch von Gebäudetrümmern erschlagen werden. Die Luft war erfüllt von Staub, Shibuya war zu einem wahren Kriegsgebiet geworden. Überblick hatte wahrscheinlich niemand mehr. Wo steckte er nur, dieser Rigr Stafford? Und wo war der Erste mit Shinoas Körper hin? Wann würde der verdammte Blutsauger endlich hier aufkreuzen? Der Feind bestand aus Vampiren und Menschen gleichermaßen. Eine wahrhaft wirksame Mischung. Über ihm zuckten immer mehr Explosionen. Eines der Hochhäuser war von einem besonders starken Angriff getroffen worden. Dennoch hatte Kureto das Gefühl, dass sich die Hyakuya- Sekte langsam, aber sicher etwas zurückzog und das machte ihn stutzig. Was genau wurde hier eigentlich gespielt?
 

„Die Explosionen kommen immer näher. Wir sind fast da, Meister Geales“, sagte Ky Luc. Langsam kämpften sich die ersten Sonnenstrahlen an den Horizont. Lest Karr manövrierte seinen Koffer durch die Gassen zwischen den Gebäuden: „Ja, aber ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr so schlimm ist wie vorhin, als wir die Stadt betreten haben.“ Dann, mit einem Mal, waren die Explosionen vorbei. Nur entfernte Schlachtgeräusche waren noch zu hören. Ky Luc blieb kurz stehen: „Hö? Was ist jetzt passiert?“ „Wer weiß, aber wir sollten…Hm?“, Urd sog tief Luft in seine Nase. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Er kam ihm vertraut vor. „Rigr“, murmelte er, „Kommt, ihr beiden. Aber bleibt lieber erst Mal hinter mir.“ Urd folgte dem Geruch. Nur wenige Ecken weiter erkannte er, dass er richtig vermutet hatte. Sie hatten Rigr gefunden. Aber er sah sehr mitgenommen aus. Ein großer Teil seines Unterkörpers schien zerstört worden zu sein. Was auch immer ihn getroffen hatte war äußerst effektiv gewesen. „Hah, Urd. Hast du es endlich auch mal hierher geschafft?“, für seinen Zustand war er ziemlich vorlaut. „Nachdem du uns deine Raketen gesendet hast wolltest du wohl sagen. Hast du wirklich geglaubt, dass mich das tötet?“, fragte Urd ihn. Er fing an zu lachen: „Natürlich nicht. Dafür bist du viel zu stur. So wie du dich an dein Vampirleben klammerst könnte man fast meinen, du hättest etwas zu verlieren. Oder? Hast du jetzt einen Sinn für dein Leben gefunden? Erzähl mal. Etwa…diese Fehlschläge da zu beschützen?“ Sein Blick fiel auf Lest Karr. Urds Augen verengten sich: „Lenk nicht vom Thema ab! Lest Karr war nie ein Fehlschlag. Wer entscheidet das überhaupt? Du? Der wahre Urahn? Denkst du, der Erste würde sich für dich interessieren, wenn du nur eine Show ablieferst, die groß genug ist?“ „Hahaha, was denkst du? Natürlich ging es mir immer nur um dich, mein lieber Bruder. Nur für dich will ich die Pläne des wahren Urahn aufdecken. Damit du endlich diese Existenz in der Welt beenden kannst, die du so sehr verabscheust“, behauptete Rigr. Urds behandschuhte Finger gruben sich in seine Handfläche. Bevor er jedoch etwas erwidern konnte erfüllte ein greller Schrei die Luft. Reflexartig drückte er seine Hände auf die Ohren: „Was? Diese Stimme…ist auf einer Frequenz, die nur Vampire hören können. Was geht hier vor?“ Doch diese kurze Unachtsamkeit nutzte Rigr. Bevor Urd reagieren konnte schoss eine von Rigrs Ketten auf ihn zu und bohrte sich direkt in Urds Brust…



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Kommentare zu dieser Fanfic (1)

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Von:  RainyxDays
2023-04-16T01:16:42+00:00 16.04.2023 03:16
Ich mag deinen Schreibstil. Wirklich gute Geschichte


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