"The Walking Dead", denn ich fliehe und der Tod griff nach ihm
Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin. Es ist wieder einer der Tage, an denen ich die Uni geschwänzt habe. Ich mag die Uni nicht, klar, es war meine Entscheidung, überhaupt zu studieren und sich diesen Bereich auszusuchen, aber... Es ist schwer zu erklären. Ich bin nicht gerne unter Menschen und die Menschen haben mich wiederum auch nicht gerne unter sich. Es beruht also auf Gegenseitigkeit und alles ist cool. Dachte ich zumindest und jetzt sehe ich meine Eltern sich die Augen aus dem Kopf heulen und meinen Bruder in der Notaufnahme, nicht wissend, ob er da jemals wieder lebendig rauskommt. Elvis stirbt. Er... er verreckt einfach so. Weil er von einem beschissenen Schuldach gesprungen und sich sämtliche Knochen gebrochen hat. Ich weiß gar nicht, was ich fühlen soll. Ich weine nicht. Aber natürlich lache ich auch nicht, ich meine, um Gottes Willen, was für ein Mensch wäre ich denn bitte? Aber versteh mich bloß nicht falsch, es ist nicht so, dass ich nicht traurig bin. Ganz im Gegenteil. Ich bin in meinem gesamten Leben noch nie stärker am Boden zerstört gewesen als jetzt. Ich habe das Gefühl, mein Herz macht das gleich nicht mehr mit. Und das liegt nicht daran, dass fett bin wie ein Wal. Nein, ich habe Angst. Eine Scheißangst. Was, wenn mein Bruder wirklich stirbt? Was ist, wenn ich mich nie bei ihm entschuldigen werde? Wenn das Letzte, was ich ihm vermittelt habe, nichts als nackter Zorn war? Ich war so ein verdammtes Arschloch! So eine verfickte Zumutung eines Bruders! Ein Lügner und Betrüger! Ein... Verräter. Wenn ich nur ein bisschen netter zu ihm gewesen wäre, wäre ich nicht so ausgetickt, dann... hätte er sich vielleicht nicht das Leben nehmen wollen. Er hätte mit einer, wenn auch nur ganz kleinen Wahrscheinlichkeit, gezögert. Er hätte sich denken können "Ich habe ja noch meine Eltern, die mich lieben. Onii-chan hat auch nie aufgehört, mich zu lieben. Vielleicht ist heute ja doch nicht die richtige Zeit, um sich selbst umzubringen, wer weiß?". Jetzt wird er vielleicht nie wieder Onii-chan zu mir sagen. Er wird mich vielleicht nie wieder auch nur ansehen. Nie wieder mit mir streiten oder mir unterstellen, ich würde meine eigenen Füße nicht mehr sehen vor lauter Fett. Er konnte so zerstörerisch sein. Aber auch nur meinetwegen. Es gab eine Zeit, in der wir beide nicht zerstörerisch waren. Als weder seine Kaltherzigkeit noch meine mangelnde Selbstdisziplin etwas waren, womit wir den jeweils anderen verletzen konnten. Ich hatte meine Wut und meinen Frust all die Jahre an ihm ausgelassen. Das war falsch. Und nun sitze ich hier, mit meinen Eltern auf einer Bank vor dem OP-Saal, nicht wissend, ob wir jemals wieder eine richtige Familie sein werden. Ob wir so etwas jemals waren. Er weiß nicht einmal, dass uns in Wirklichkeit mit keinem Grad dasselbe Blut verbindet. Alles änderte sich, nur seinetwegen. Ich heiße nicht wirklich Kyokei. Taiyo Takamiya, so hieß ich, bevor er überhaupt geboren war. Bevor mein Vater und ich unsere Nachnamen änderten und so einen Riesenschwindel über Jahre hinweg aufrechterhielten. Das ging ganz gut. Ich habe keine Ahnung, wie ich naiv genug sein konnte, um zu glauben, dass das niemanden schaden könnte. Ach was, sogar das habe ich tief im Innern gewusst. Wie konnte ich so überhaupt friedlich schlafen? Wie kann ich jemals wieder schlafen, sollte es mein Bruder wirklich wagen, mir einfach vor der Nase wegzusterben?
"Taiyo. Taiyo, Schatz. Aufwachen, wir... wir dürfen ihn sehen.", höre ich die Stimme meiner Mutter, als sie mich vorsichtig weckt. Bin ich gerade wirklich eingepennt? Wie war das noch gleich mit dem Schlafen? Wie lang ging diese Operation bitte? Verdammt, ich bin wirklich unfassbar. Wie kann ich es wagen zu schlafen, wenn mein eigener Bruder im Sterben liegt? "Ah.", mache ich nur und stehe schwerfällig auf. Es scheint Nacht zu sein, oder Morgen, das Zeitgefühl gibt es nicht mehr. Als wir das Zimmer betreten, glaube ich, fast das Gebäude zusammenschreien zu müssen. Da liegt er. Er sieht aus, als wäre er tot. "L-lebt er noch?", will meine Mutter mit Tränen in der Stimme wissen. Die Ärztin sieht sie stoisch an und atmet aus. "Ja. Ja, ihr Sohn lebt. Aber ich muss sie sehr enttäuschen. Zu unser aller Bedauern stehen seine Chancen alles andere als gut. Sein Zustand ist instabil. Mit anderen Worten, er könnte bereits im Sterben liegen. Die Schäden am Kopf und Gehirn sind immens. Noch kann er aufwachen. Aber eben auch nicht. ", ist alles, was sie dazu zu sagen hat. Sie geht uns aus den Weg, damit wir ihn uns genauer ansehen können. Die Maske, die auf seinem Gesicht liegt, wird scheinbar nur noch leicht beatmet. Seine Haut ist leichenblass. Er ist voller weißer Verbände, die an manchen Stellen wegen des Bluts schon wieder rosa sind. Sein eines Auge ist komplett verdeckt, das andere zittert. Man bemerkt nur, dass sich sein Brustkorb bewegt, wenn man ganz genau hinsieht. "Elvis...", stammle ich und trete näher. Meine Eltern sind wohl noch in Schockstarre. Na ja, ich mit meinem Verstand auf Stand-by bin da auch nicht besser. Die Ärztin hält mich nicht ab, als ich seine Hand ergreife. Sie ist eiskalt. Nein, wirklich sie... sie fühlt sich an, als wenn sie überhaupt nicht mehr durchblutet werden würde. "Wenn du stirbst, bring ich dich um.", flüstere ich, auch wenn ich weiß, wie wenig Sinn dieser Kommentar eben macht. Ist mir doch egal. Dann stehe ich geistesabwesend auf. Und verlasse den Raum. Wenn er jetzt sterben würde, dann kriege ich es wenigstens nicht mit. Er soll nicht sterben, wenn ich es sehe! Ich bin viel zu feige, um das zu wollen! Ich geh nach Hause. Ich kann nicht mehr! Wenn er wirklich sterben oder aufwachen sollte, dann bin ich immer noch auf dem Handy zu erreichen. Meine Eltern wissen das. Ich bin zu feige. Deshalb gehe ich.
Die Zeit verging, meine Eltern und ich besuchten meinen Bruder jeden Tag um dieselbe Uhrzeit, in der Hoffnung, dass diese Hoffnung endgültig erfüllt oder für immer zunichte gemacht werden würde. Dei Wochen ging der ganze Zirkus aus unterdrückten Tränen, stoischen Ärzten und einem bewusstlosen Bruder, der gar nicht mein Bruder war. Doch gestern ist er aufgewacht. Nach drei Wochen Koma ist er genau dann aufgewacht, als wir alle drei um ihn herum versammelt waren. Dann habe ich mich verpisst und andere sind ihn noch besuchen gegangen. Wie es scheint sind die Schäden an seinem Hirn so heftig, dass sein Gedächtnis gelöscht wurde. Also... die absolute Vernichtung. Weggeschnipst. In den geistigen Papierkorb mit allem, was er vierzehn Jahre lang in sich aufgenommen hat. Er kann nicht einmal mehr sprechen! Zumindest sah es so aus. Heute besuche ich ihn noch einmal, nur um es zu testen. Ich weiß doch selbst nicht, was für ein Ziel ich damit verfolge. Und nun bin ich wieder hier. Diesmal sind meine Eltern nicht da. Ich bin mit ihm mutterseelenallein. Und diese ganze Situation fühlt sich von vorne bis hinten einfach nicht richtig an.
Ich starre. Er starrt. Keiner sagt etwas, auch nicht der von uns, der seine fetten Beine noch benutzen kann. Seit geschlagenen fünf Minuten, bis es mir dann schlussendlich reicht. "Hi!", brumme ich. Er reagiert nicht. "Was läuft so?", spucke ich förmlich aus. Ich bin mit Absicht so angepisst, weil er immer darauf reagiert hat, als er noch die Zunge dazu hatte, mich zu beleidigen. Ich habe nicht nachschauen können, ob er sich beim Sturz die Zunge abgebissen hat, aber ich denke nicht. "Schönes Wetter, was? Ich finde bewölkt auch total geil!", schimpfe ich und er sieht einfach nur verwirrt aus. Langsam komme ich mir wirklich bescheuert vor. "Kannst du vielleicht wieder irgendwas schreiben oder hast du die Fähigkeit über Nacht auch verloren?!", raste ich aus und wie aufs Stichwort greift er nach dem Notizblock, der auf de Tisch liegt, sowie dem Stift daneben. Er schreibt etwas langsam, aber nach gewisser Zeit zeigt er mir, was drauf steht. "Was willst du eigentlich von mir?", schreibt er und sieht mich genau so an, wie er es tun würde, hätte er diesen Satz tatsächlich gesagt. "Was ich hier will?! Was stimmt nicht mit dir? Du bist fast gestorben, ich komme rüber, um zu gucken, ob du wirklich so stumm bist, wie du tust und das ist alles, was du zu sagen hast?! Hast du überhaupt wirklich dein Gedächtnis verloren oder benutzt du diese Situation nur, um dich auszuruhen?! Was veranlasst dich überhaupt zu so einer Tat? Bist du wirklich so verzweifelt?!", wieder einmal verliere ich die Kontrolle und trete näher an sein Bett, nur, um ihn wütend anzufunkeln. "Kommt noch was?", schreibt er. "Darauf kannst du einen lassen, Elvis!", keife ich und packe seine Schultern. Auf die plötzliche Berührung hin beißt er mich in den Arm. Und zwar echt fest. "Au! Was ist los?! Wenn dich irgendwas stört, dann sag es doch einfach! Ich habe nie gewollt, dass du hier landest, ob du es mir glaubst oder nicht!", knirsche ich, als ich meine Hand wegziehe. Diese Worte scheinen ihn getroffen zu haben. Das sehe ich daran, wie er die Augen weitet und seine Lippen zittern. Ich höre ein ganz leises Röcheln aus seiner Kehle, als wenn er wirklich versuchen würde, mir recht zu geben, mit der Annahme, dass er seine Stummheit simuliert. Fast meine ich, ihn meinen Namen zu sagen, aber es ist nur ein weiteres Kratzen, das seinem Hals entkommt. Sein Blick ist wieder aus Eis. Er schreibt wieder was auf. "Ich kann nicht.", zeigt er mir uns sieht mich dabei kalt an. Fast meine ich, Mitgefühl in seinem Blick zu erkennen. Dass es ihm wirklich leid tut, dass er sich umbringen wollte. Dass er meine Erwartungen nicht erfüllen kann. Sein Blick fällt auf meinen Arm, auf die Bisswunde, die seine Zähne hinterlassen haben. Es blutet nicht stark, nur ein bisschen, aber das allein veranlasst ihn dazu, ein schlampiges "Tut mir leid.", zu schreiben. "Kein Ding. Ich war schuld. Ich hätte dich nicht so einfach anfassen dürfen, da du ja... du bist immer noch verletzt. Sag mal, tat es weh, als ich dich so angepackt habe?", will ich wissen, noch immer brummend und zurückhaltend. Ich bin schon lange kein guter Junge mehr gewesen. Elvis schreibt nur: "Es hat mich erschreckt. Ein bisschen tat es schon weh, aber es braucht mehr, um mich umzubringen.", mit anderen Worten, ich habe wieder geschafft, ihm weh zu tun. Er hat sich vermutlich auch die Schulter verstaucht, da kann ich doch nicht einfach hinfassen. "Kannst du denn eigentlich noch... schreien oder lachen?", brumme ich, denn normal reden tun wir beide trotzdem schon lange nicht mehr. "Versuch's doch.", ist er wieder so stoisch wie vorher. "Trafen sich zwei Jäger, beide tot.", versuche ich es trocken. Elvis schreibt wieder. "Mehr hast du nicht drauf?". Wow, er ist wirklich absolut nicht amüsiert. Ich seufze. "Du kannst dich wirklich an nichts erinnern?", fange ich wieder damit an. Elvis sieht mich noch immer kaltblütig an, die roten Augen sehen fast schon wütend aus. Vermutlich habe ich ihn gerade entzürnt. "Stimmt genau.", sogar seine Handschrift sieht mich abweisend an. Vielleicht will er wirklich, dass ich gehe. Vielleicht bin ich überflüssig. "Ich muss bald gehen, weißt du?", lasse ich ihn wissen, anstatt einfach zu gehen. Dieser Abschied fühlt sich seltsam an. Trotz dessen, dass er nicht mehr weiß, wer ich bin, sind wir beide noch immer genauso distanziert wie vor seinem Selbstmordversuch. Wieso hast du sterben wollen? Gab es jemanden, der grausamer zu dir war als ich? Wenn ich die Möglichkeit hätte, die Zeit zurückzudrehen, um dir zu sagen, dass wir nicht blutsverwandt sind, sähe die Zukunft, in der wir uns befinden, vielleicht anders aus, was meinst du? All das würde ich gerne fragen, kann aber nicht. Von der letzten Frage mal ganz abgesehen. Ich kann ihm nicht die Wahrheit sagen. Noch immer bin ich derselbe verlogene Abschaum eines Bruders, noch immer tue ich so, als wäre ich wirklich berechtigt, mich seinen Bruder zu nennen. Tue so, als wäre alles so, wie es sein sollte. Bin ich denn endblöd? Ja, bin ich wohl. Ich gehe genauso blöd wie ich gekommen bin. Ich mache Anstalten, hinter der Tür zu verschwinden, als ich mich noch einmal umdrehe. "Ich habe als großer Bruder versagt, habe dich nicht davon abhalten können, sterben zu wollen, schon klar. Aber... wenn du dein Gedächtnis verloren hast, dann... guck Digimon. Das ist alles, was ich dir im Moment mitgeben kann.", mit diesen Worten verschwinde ich aus dem Raum. Und es klang fast so, als würde ich mit diesen Worten nicht nur aus dem Raum, sondern auch aus seinem Leben verschwinden. Ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist, aber es fühlt sich an, als würde von heute an nichts mehr sein, wie es mal war. Nachdem ich so eine große Reue-Keule geschwungen habe, muss sich doch etwas ändern. Wenn ich nur wüsste, was das sein könnte. Wenn ich nur wüsste, wie ich mich ändern könnte. Wenn es doch nur auch einen Ort gäbe, an dem selbst jemand wie ich Glück finden könnte. Zuneigung, die ich selbst nie ausgeteilt habe. Wärme, die ich weder gegeben noch gefühlt habe. Liebe.
"Breaking Bad", denn schlimmer geht's immer
"Was soll das heißen, Sie wollen mich rauswerfen?!", keife ich, als mir mein Vermieter mit dem Rausschmiss droht. "Sie fliegen, weil sie es nicht gebacken kriegen, ihre Miete zu bezahlen. Das sollte keine Überraschung für Sie darstellen, junger Herr.", teilt er mir unverblümt mit. "Andererseits... wenn Sie wieder einmal versuchen, ein geregeltes Einkommen zu generieren und zu bezahlen, bin ich dieses Mal vielleicht noch gnädig.", macht er sich über mich lustig. "Nein, danke, ich verpisse mich!", knirsche ich und will ein letztes Mal in meinem Zimmer verschwinden, um mein Zeug zu holen. "Wichser.", fluche ich beim Vorbeigehen. "Wie nennen Sie mich?", will er verärgert wissen. "Ich sagte, ich spare für einen Mixer!", wiederhole ich verfälscht. Einige Stunden später bin ich mit einer Reisetasche auf der Straße und hasse mein Leben. Geiler Tag. Megageiler Tag. Verflucht geiler Tag. Tag so geil, ich könnte mir auf eine Sportsocke einen runterholen! Erst sehe ich meinen Bruder das letzte Mal im Krankenhaus, dann will ich nach Hause, bloß um Zeuge unfairer fairer Behandlung zu werden. Was für ein Dreckstag ist das denn?! Wie sehr muss ein Student im Leben denn bitte noch verkacken? Ich bin mit neunzehn obdachlos, arbeitslos und zudem bin ich auch noch fett und hässlich wie die Nacht. Kein Wunder, dass ich nie eine richtige Beziehung hatte. Außer Misato Maihara, diese Hure. "Alles, was an dir akzeptabel ist, sind deine Augen. Natürlich betrüge ich dich! Hast du ernsthaft geglaubt, ich würde mit einem Kerl ausgehen, dessen Brüste größer sind als meine?!", waren einer ihrer letzten Worte an mich, die sich unwiderruflich in mein Herz eingebrannt haben. Dumme Hobelschlunze. Sie hatte keine Ahnung, wie sehr sie mich damit verletzte. Sie verstand vermutlich überhaupt nicht, wie ich, der böse, fette Typ sie bloß schlagen konnte. Tolle Story, nicht wahr? Ich hatte einfach meine verdammte Selbstbeherrschung verloren. Das Lustige an dieser Situation war, dass Schlimmeres hätte passieren können. Das war nur der Bruchteil dessen, was ich eigentlich loswerden wollte. Wenn ich wirklich jedes Quäntchen Selbstbeherrschung verloren hätte, hätte ich sie bewusstlos geprügelt und ihr nebenbei noch die Brüste vom Leib gerissen, bei denen es sowieso keine Herausforderung war, größere zu haben als sie. Aber versteh mich bloß nicht falsch, es ist nicht so als hätte ich etwas gegen Mädchen mit kleinen Brüsten. Im Ernst, das hat doch auch was. Wenn alle dem Schönheitsideal entsprächen, dass eigentlich sowieso nur so fünfzehn Prozent unserer oberflächlichen Gesellschaft vergönnt ist, wäre es ja auch langweilig. Trotzdem wäre in meinem Fall Medium echt Premium. Ich wäre gerne Medium, wenn ich nicht so verflucht gerne essen würde. Obwohl, was heißt gerne? Der Genuss hält schließlich auch nie besonders lang. Ein paar Sekunden schmeckt es, dann ist es weg. Zurück bleibt nur der köstliche, tückische Nachgeschmack, der dir nur so entgegenschreit: "Du vermisst mich! Du weißt, dass du mich vermisst!". Und ehe man sich versieht hat man sich einen Nachschlag geholt, man genießt es, nur damit der Nachgeschmack zurückkehrt und der Teufelskreis von vorne losgeht. So geht es mein ganzes Leben. Ich mache meinem Vater keinen Vorwurf deswegen, weil er es zugelassen und mit McDonalds noch mehr Öl ins Feuer gekippt hat. Er selbst aß nicht besonders gern. Seine Ernährung war natürlich auch nicht die beste, doch im Gegensatz zu mir hatte er nicht einmal einen Bierbauch. Ich dagegen könnte behaupten, schwanger zu sein und jemand, der in Biologie Mittagsschläfchen hält, würde mich fürsorglich in den nächsten Kreißsaal begleiten, weil er glaubte, ich wäre so weit. Ich knirsche mit den Zähnen. Wo soll ich jetzt bitte schlafen?
Meine Ersparnisse reichen gerade noch so für... ich habe keine Ahnung. "Ich hasse mein Leben.", seufze ich. "Aber das muss doch nicht sein!", muntert mich eine fremde Stimme auf und ich erschrecke mich zu Tode. Ich schreie auf und drehe mich um. Vor mir steht ein Mann im Studentenalter genau wie ich und sieht mich grinsend an. "W-w-w-wie lange stehst du schon hier?!", will ich stammelnd wissen als ich meine Sprache wiederhabe. "Nicht so lange.", sagt er, immer noch fröhlich aussehend. "U-und... was genau willst du von mir?", stammle ich. "Was ich will... pff, keine Ahnung.", meint er achselzuckend. "Ich war gerade einkaufen, wollte nach Hause und dann Family Guy schauen und ja... Du so?", will er unverwandt wissen. "Das... geht dich... gar nichts an.", brumme ich und meide seinen Blick. "Wow, so ein Rausschmiss aus der Wohnung verwandelt einen in ein ganz schönes Arschloch.", überlegt er laut, ehe ich ihn an beiden Armen packe und ihn zornig anfunkle. "Was hast du eben gesagt?", hoffe ich, aus ihm herauszubekommen. "H-hey, das mit dem Arschloch war nur ein Scherz, ich... wollte dich doch bloß ärgern und so.", erklärt er sich, woraufhin ich meine Finger nur noch tiefer in sein Fleisch bohre. "Wieso weißt du davon?", versuche ich es weiter. "Wir wohnen im gleichen Apartment!", entfährt es ihm und ich lasse augenblicklich los. "Wir... sind Nachbarn.", kichert er und reibt sich den Oberarm. Es scheint ihm aus dem Blauen heraus etwas einzufallen. "Da fällt mir ein, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Hideki Kousaka, wir sind in der gleichen Uni-Klasse. Du kannst mich Hide nennen.", stellt er sich vor und ich bin wieder einmal völlig verdattert wegen diesem Kerl. "Und wie ist dein Name?", fragt er mich und ist immer noch so unbekümmert. "Sag ich nicht.", gebe ich ihm trotzig zu verstehen. Daraufhin muss Hide lachen. "Was ist jetzt schon wieder so witzig?", verstehe ich nicht. "Du bist irgendwie genau wie ich erwartet habe. Das finde ich echt zum Schießen.", teilt er mir mit und wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. "Wenn du mich dann entschuldigst, Sag-ich-nicht-san, ich geh dann mal nach Hause.", erzählt er mir überflüssigerweise, schwenkt seine Einkaufstüte umher und will gerade gehen, da zerreißt ein Knurren die nächtliche Luft. Verwundert dreht er sich zu mir um, während ich rot anlaufend ein Loch in den Asphalt starre. Wieder lacht Hide. "Hast wohl Knast, was? Kannst bei mir essen, die Bude unter dir ist meine.", bietet er an und lächelt wieder. "A-als ob ich-", und wieder macht sich mein Hunger bemerkbar und ich sinke tiefer in mir selbst zusammen vor Scham. "Wenn du meinst, also-", "Okay! Ich komme mit! Hör bitte bloß auf zu reden!", schnauze ich ihn beschämt an, folge ihm und bin insgeheim froh, dass Hide dumm genug ist, um einer zwielichtigen Person wie mir zu trauen.
Bei Hide zu Hause gibt es nicht viel zu sagen, wir essen schweigend und tun so, als wäre alles so, wie es sein sollte. Als wir fertig sind, meint Hide. "Cool, dass du mir Gesellschaft geleistet hast, Sag-ich-nicht-san!", bedankt er sich nach einem Shot Wodka. "Wenn du meinst.", brumme ich. "Da fällt mir ein... Hide... wie kommt es, dass du... so nett zu mir bist? Als wären wir ewig befreundet, meine ich. Was ist deine Mission?", werde ich wieder misstrauisch. Woraufhin Hide wieder das große Grinsen bekommt. "Weißt du, es klingt vielleicht gruselig, aber... ich beobachte dich schon eine ganze Weile.", setzt er mich über sein unheimliches Privatleben in Kenntnis. "B-bitte was?! Was stimmt nicht mit dir?!", empöre ich wieder einmal über diesen Menschen. "Nicht so, Gott bewahre! Ich meine nur, dass ich dich seitdem ich dich zum ersten Mal sah, interessant fand und fortan mal vorbeigeschaut habe, während ich meinem eigenen Leben nachging und nicht den Stalker raushängen ließ. Es ist echt nicht schwer, dich zu beobachten. Wenn du nicht gerade schwänzt, bist du echt berechenbar!", zieht er über mich her und schüttelt dabei gespielt tadelnd den Kopf. "Also echt, das geht ja wohl gar nicht an... Du kannst nicht einfach-", "Ich habe auch gesehen, dass du einsam bist.", schneidet er mir das Wort ab. "Du erinnerst mich ein bisschen an mein altes Ich, weißt du?", tut er es noch einmal und sieht wehmütig aus. Ich wage überhaupt nicht, irgendetwas weiteres im Bezug auf seine Unverschämtheit zu sagen. Er strahlt auf einmal etwas von einem weisen Rentner aus, welcher nostalgisch wie traurig in die Vergangenheit blickt. Dabei stört man Leute grundsätzlich lieber nicht. Dann schüttelt er den Kopf und sieht mich wieder an. "Wie auch immer, du gefällst mir, lass uns Freunde sein!", beschließt er einfach so. "W-warte, was? F-funktioniert das so?", erschrecke ich. "Klar! In einer Situation wie unserer geht das so!", antwortet er mir und ich schäme mich für mein Unwissen. "Tut mir leid. Ich hatte nie Freunde, okay?!", bin ich eingeschnappt. "Deswegen bin ich ja da!", spielt er meinen persönlichen Cheerleader. Ich verstehe gar nichts mehr. Was ist mit diesem Typen bloß falsch? Wieso will er einfach so ohne Weiteres mit mir befreundet sein? "Du bist seltsam.", gebe ich leicht verschüchtert durch seinen Elan von mir. "Seltsam ist mein zweiter Vorname! Übrigens, wie heißt du jetzt, Mann?!", will er wissen und diesmal jagt mir sein Lächeln ein wenig Angst ein. "Sag ich nicht.", lautet wieder meine Antwort und Hide schnaubt. "Weißt du was? Spielen wir Smash. Wenn ich gewinne, verrätst du mir deinen Namen und wir sind Freunde. Wenn du dagegen gewinnst... bist du frei, zu tun und zu lassen, was auch immer du willst.", schlägt er auf einmal vor und sieht mich herausfordernd an. Ich will ja nichts sagen, aber ich bin auch nicht gerade eine Niete in diesem Spiel. Ich bin sogar Let's Player, wie sähe ich aus, wenn ich jetzt verlieren würde? Er scheint zu merken, wie ich grinse, als ich sage: "Gut, bin dabei."
Hide ist besser als angenommen. Viel besser. Um Welten. Ich fasse es nicht, gerade gegen ihn verloren zu haben. "Gestehst du deine Niederlage ein, Sag-ich-nicht-san?", reibt er mir seinen Sieg unter die Nase. "Muss ich wohl.", brumme ich. "Meinetwegen. Ich heiße Taiyo Kyokei, auf gute Freundschaft, du Spinner.", murmle ich. "Wie bitte? Ich hab dich nicht gehört!", ärgert er mich wieder. "Ich heiße Taiyo Kyokei, auf gute Freundschaft, du Spinner!", wiederhole ich betont lauter und werde dabei bestimmt wieder rot. "Sehr schön, sehr schön. Taiyo Kyokei also, netten Namen hast du da. Ebenfalls auf gute Zusammenarbeit. Spinner.", imitiert er mich und ich muss fast grinsen. Diesmal nicht selbstgefällig, sondern belustigt. "War das gerade ein Lächeln?", zieht er mich auf. "Ein Fast-Lächeln.", gebe ich zu. "Weißt du was, Alter? Wenn du schon Taiyo heißt, könntest du ruhig ein bisschen mehr strahlen.", sagt Hide einfach so aus dem Nichts heraus. "B-bitte was? Ich... ich glaube nicht, dass es mir besser geht, wenn ich gezwungenermaßen grinse.", "Versuch's doch wenigstens. Für mich, Hide. Deinen Freund.", drängt er mich und knufft mich mit dem Ellbogen in meine fette Seite. Ich seufze und schenke ihm auf Bestellung das strahlendste Lächeln in meinem Besitz. "Zufrieden?", will ich zurückhaltend wissen. "Zehn von zehn Punkten! Du hast bestanden, Kyo!", freut sich Hide und macht Anstalten, daraufhin in sein Zimmer zu verschwinden. "W-warte, Hide! Du kannst mich doch nicht einfach so-", "Alles gut, du kannst im Nebenzimmer schlafen. Das ist frei, seit meine Ex ausgezogen ist!", klärt er mich unbekümmert auf. "Wenn du was entwendest, töte ich dich!", ergänzt er mit einem Lächeln und geht. Vermutlich sehe ich ihn gleich wieder, weil er noch Zähneputzen muss. Ich seufzte. Eine Mischung aus unendlicher Überforderung, Glück und Paranoia. Aber am Ende fällt mir nichts Besseres ein, wie ich meine Sicherheit in Gefahr bringen und mein Glück im Unglück herausfordern könnte. Wie bin ich hier nur hineingeraten?
"Kevin allein Zuhaus", denn wir sind allein mit unseren Gedanken
"Kyo? Hey, Kyo, aufwachen!", höre ich eine entfernte Stimme und mache zögerlich die Augen auf, während die Erinnerungen nur so auf mich herabregnen.
"H-hide...", brumme ich und vergrabe mich tiefer im fremden Bett.
"Ist echt schon Morgen? Ich will nicht, dass es Tag ist.", beschwere ich mich nuschelnd, woraufhin Hide mich an der Seite greift und aus dem Bett wirft.
"Wofür war das denn, Mann?", stöhne ich genervt, reibe mir die Augen und sehe ihn an.
"Du musst dich jeden Tag aufs neue der Welt stellen, das ist einer der wenigen Dinge, von denen du dir keinen Urlaub leisten kannst, Kyo. Merk dir das!", Hide grinst, kniet sich zu mir runter und wuschelt mir durch die schweißnassen Haare.
Er ist halbnackt und trägt nichts als eine Jogginghose. Auch als Typ kann ich sagen, dass er gar nicht mal so übel aussieht. Er ist dünn und hat sichtbare Muskeln. Ich gebe wirklich nicht gerne zu, mit was für einem Neid mich das erfüllt.
"Ich kann nicht so positiv sein wie du, Hide. Merkst du nicht, dass sich die Welt jeden Tag neue Gemeinheiten einfallen lässt, um mir das Leben zur Hölle zu machen?", kontere ich schwach. Daraufhin tritt er mir in die Seite.
"Mit so einer Einstellung wirst du niemals glücklich, jetzt beweg deinen fetten Arsch und komm frühstücken!", fordert er wieder mit einem Lächeln, unabhängig davon, was für einen Härtegrad seine Sticheleien haben. "Dass ich fett bin, weiß ich, danke für die Erinnerung, Spinner.", seufze ich, gebe nach und richte mich auf, wie auch Hide zeitgleich.
Erst jetzt merke ich so wirklich, dass er ein Stück größer ist als ich. Er ist also nicht nur durchtrainiert, sondern ihm steht auch seine Größe besser, ich bin sicher, die Mädels fahren auf ihn ab.
Es verging der erste Tag, den ich mit meinem ersten richtigen Freund verbrachte. Ein paar von den Mitstudenten sahen hin und wieder skeptisch zu uns rüber, aber sonst passierte nicht viel. Lediglich war es immer wieder peinlich, wenn Hides Freunde ihn ansprachen, während ich auf der Strecke blieb. Vermutlich machten sie das nicht unbedingt aus Bosheit, sondern viel mehr aus Irritation und weil es ungewöhnlich ist. Und nun sind wir wieder bei Hide und zocken Smash, hauptsächlich, weil ich ein schlechter Verlierer bin und unbedingt mal gegen ihn gewinnen will. Und... ich habe schon wieder verloren, im Ernst, Hide, hast du ein Leben? Nachdem wir beide A gedrückt haben, um eine neue Runde zu starten, halte ich bei der Charakterwahl inne und denke wieder nach. Ich will mich nicht zwischen Hide und seine Freunde drängen. Es fühlt sich nicht richtig an. Auch hier zu leben ist falsch. Will er nicht vielleicht doch lieber mit einem besseren Freund als mir zusammenleben? Was findest du an mir, Hide?
"Kyo, alles gut? Geht's dir schlecht?", will er wissen und ich packe aus.
"Ich weiß es nicht! Es irritiert mich, verwirrt mich und stresst mich. Wieso kann ich nicht anders als hier weiter zu wohnen? Warum muss ich das peinliche Schweigen ertragen, wenn deine Freunde mit dir reden? Ich hatte sowas noch nie, es gurkt mich an und gleichzeitig... will ich nicht, dass du mich aufgibst. Mir egal, ob wir uns erst seit gestern wirklich kennen... Ich bin zu feige, um diesen Ort zu verlassen, weil du gerade verdammt noch mal der Einzige bist, den ich noch habe!", und ohne, dass ich es will, brechen mir unwillkürlich die Tränendrüsen auf.
Das ist mir so peinlich. Was mache ich eigentlich hier? Hide legt eine Hand auf meine Schulter und tätschelt mich stumm, während ich flenne und versuche, meine Tränen für mich zu behalten. Was mir keinesfalls leichtfällt, weil ich es einfach nicht gebacken kriege. Vielleicht habe ich meine Schmerzensgrenze erreicht, ironischerweise mit dem Gegenteil von Schmerz. Wohlergehen. Mit Liebe, die ich kein bisschen verdient habe. Das verschlimmert den Schmerz wiederum. Es ist grausam. So lange Zeit wurde ich seelisch gefoltert und betrogen. Ich musste, seit ich fünf bin kontinuierlich die Lüge aufrechterhalten, dass alles genau das ist, wonach es aussieht. Ich bekam mein Herz gebrochen und es tut immer noch weh. Ich trage Mitschuld daran, dass sich mein Bruder umbringen wollte. Ich bin auch jetzt, auf der Uni, absolut unsichtbar, weil ich Angst habe. Ich habe Grenzen. Diese Grenze ist erreicht. Mein Herz zerspringt. Denke ich an die Zeit zurück, will ich weinen.
***
"Papa, sag mal, warum habe ich eigentlich keine Mama?", wollte mein dreijähriges Ich wissen.
Mein Vater senkte den Blick, die Haare verdeckten seine Augen.
"Papa?", ich ahnte so etwa, was ich gerade angestellt hatte.
Ich hatte es mir denken können. Diese Frage brannte mein ganzes Leben unter meinen kleinen Nägeln.
Ich war inzwischen soweit, dass ich hinterfragen konnte, wieso die Dinge waren, wie sie waren. Warum alle Kinder im Kindergarten eine Mutter hatten, nur ich nicht.
"T-Taiyo, also...", er dachte nach, vermutlich fiel es ihm schwer, seinem dreijährigen Sohn die grausame Wahrheit zu erzählen.
Er fürchtete wohl, damit mein ganzes Leben mit Trauer verunreinigen zu können. Doch er hatte nicht den Mut, mich zu belügen. Er sagte mir nicht, dass sie auf einer lebenslangen Reise auf der Suche nach Einhörnern war. Auch nicht, dass meine Mutter sich in ein Wetterelement verwandelt hätte und dafür sorgen würde, dass es regnet und schneit. All das wäre ganz nett gewesen, aber nun einmal nicht die unumstößliche Wahrheit.
"Taiyo, mein Sohn, weißt du, es gibt etwas, das haben alle Menschen gemeinsam. Die Sache ist die...", er nahm einen Schluck Bier, trank ihn auf ex leer.
Vermutlich, damit ich es nicht trinken konnte, wenn er wegsah.
"Menschen werden geboren, das weißt du ja. Deswegen sind wir ja alle hier. Es beginnt alles mit der Geburt eines Menschen. Auch du bist so auf die Welt gekommen. Aber, und davor graut es mir am meisten, es dir zu erzählen, nichts bleibt am Anfang. Babys bleiben nicht immer Babys und Raupen werden Schmetterlinge. Alles wird erwachsen, älter, größer, härter und gleichzeitig auch zerbrechlicher. Jedes Leben zerbricht irgendwann. Das Baby ist irgendwann ein alter Mann oder eine alte Frau. Der Schmetterling ist irgendwann zu schwach, um zu fliegen. Und damit endet sein Dasein. Man sagt dazu, es stirbt. Das Traurige ist nur, dass manche Menschen, Tiere und Dinge nicht unbedingt alt und schwach werden müssen, um dem Leben entrissen zu werden. Manchmal ist es das Glück, das nicht da ist, Unfälle oder die böse Absicht einer anderen Person. Du musst wissen, deiner Mutter ging es bis zuletzt nicht besonders gut. Sie war so glücklich, als wäre sie gesund, doch man konnte ihr nicht mehr helfen. In diesem Fall war es das nicht vorhandene Glück. Unfall. Zufall. Sie... sie starb damals. Weder du noch ich sind imstande, sie auf der Welt zu finden. Sie ist woanders. Sie...", er brach ab und wischte sich eine Träne.
Ich konnte mich nicht bewegen. Ich verstand noch immer nicht, was das alles bedeutete.
"Papa. Ist sie gegangen, als... ich gekommen bin?", wollte ich naiv wissen.
Ob es Empathie war, die ich fühlte, konnte ich nicht sagen.
"Das ist sie. Aber sei nicht traurig, okay? Kotori, sie... sie war bereit, alles zu tun, um dich zur Welt zu bringen. Sie hat dich geliebt. Sie würde nicht wollen, dass du ihretwegen dein Leben lang traurig bist. So klang es jedenfalls nicht bis zuletzt.", seine Stimme war kaum mehr ein Flüstern.
"Was hat sie bis zuletzt gesagt?", fragte ich noch immer naiv wie das Kind, das ich war.
"Sie hat dich Taiyo genannt, wegen... wegen dieses Spruch, den sie so gern sagte. Sie meinte immer, wenn wir ihn Taiyo nennen, wird für uns immer die Sonne scheinen, egal wie grausam schlecht das Wetter auch ist."
***
"Kyo, hast du dich beruhigt? Wenn ich irgendwas falsch gemacht habe, dann-",
"Das ist es nicht.", unterbreche ich ihn und wische mir die Tränen aus den Augen.
"Willst du vielleicht drüber reden?", versucht er es schwach.
"Es ist schwer, in Worte zu fassen. Sagen wir so, ich bin einfach verflucht unzufrieden mit meinem Leben.", lache ich noch etwas tränenerstickt. Hide schnaubt belustigt.
"Hey, man lacht nicht über das Leid anderer!", lache ich ironischerweise.
"Nein, nein, das meine ich nicht. Mir kam nur... so eine Idee.", Hide nimmt seine Hand von meiner Schulter.
Er verbeißt sich einen weiteren Lacher, als er fortfährt.
"Wolltest du nicht schon immer einmal... Möpse berühren?", bitte was?
"W-w-w-was redest du denn da, Hide? A-als ob das ein erstrebenswertes Ziel wäre!", empöre ich und starre ihn entsetzt an. Hide lacht wieder.
"Ach, Kyo, das meine ich doch nicht nur so. Im Sinne von... willst du nicht, ich weiß auch nicht, unter Menschen? Noch andere Freunde neben mir? Eine Freundin? Nicht mehr... bei jeder Bewegung ins Schwitzen kommen?", er sieht mich schelmisch an.
"Worauf willst du hinaus? Menschen? Ich hab doch dich. Eine Freundin? Dafür habe ich doch Dating Sims. Und... mein Schweißproblem ist nicht so gravierend schlimm.", Hides lachender Gesichtsausdruck weicht einem verärgertem.
"Kyo... Mach mich nicht sauer.", warnt er mich und seine Augenbrauen zucken wie kurz vor dem mentalen Vulkanausbruch.
"Hi... Hide?", sein Blick macht mir Angst, doch als ich gerade dabei bin, aufzustehen und wohin auch immer die Flucht zu ergreifen, wirft er mich um und landet auf mir, so, wie ich niemals erwartet oder mir gewünscht habe, umgeworfen zu werden.
"Hi... Hide, wo... wo greifst du denn hin?", stammle ich, als er gewaltsam meine Männerbrüste packt und mich aus entschlossenen Augen ansieht.
"Kyo... verarsch mich nicht und verarsch noch viel weniger dich selbst. Du willst dich doch selbst überwinden, nicht? Glücklich sein, nicht? Darauf habe ich vielleicht gewartet, seit ich dich das erste Mal sah. Darauf, dass ich es sein werde, der dir hilft.", er atmet ein und wieder aus.
"Kyo, ich weiß weder, was dich so bedrückt noch kenne ich dich genug, um mich so verhalten zu können, aber... bitte lass mich dir helfen, abzunehmen und dich selbst nicht mehr zu hassen!"
"The Fast and Furious", denn du bringst mich echt zur Weißglut
Der Ernst in seinem Blick ändert nichts daran, dass er absoluten Bullshit labert. Was maßt dieser Kerl sich überhaupt an, mir sowas ins Gesicht zu sagen? Okay, es mir nicht ins Gesicht zu sagen, hätte es vielleicht noch schlimmer gemacht als ohnehin schon, aber egal. "Hide...", knirsche ich, bei meinem Tonfall weicht sein Ernst seinem Schreck und ich gewinne die Oberhand. "Was fällt dir ein, mich einfach so anzufassen?!", bin ich empört und spüre immer noch seine harten Finger auf meiner Brust. "Ich... ich weiß nicht, ich... ich habe mich in Rage geredet, okay? Und im Eifer des Gefechts... wollte ich dir... einen Spiegel... vorhalten? Hey, wenn du nicht so wärst, hätte ich gar nicht erst was zu greifen, das musst du mir lassen.", ist er wieder ganz gefasst und unverschämt. "Du bist ganz ehrlich die verrückteste Person, die ich je gesehen habe.", seufze ich und reibe mir die schmerzenden Brüste. Was stimmt nicht mit diesem Kerl? "Vielleicht war mein Annäherungsversuch nicht unbedingt der beste, aber du musst verstehen, dass ich meine, was ich sage. Ich will dir wirklich helfen. Ich sagte doch, du erinnerst mich an mich selbst, weiß du noch? Du musst das mal aus meiner Sicht sehen. Glaubst du, ich kann dich weitermachen lassen wie bisher? Wir sind doch Freunde!", erinnert mich Hide. "Seit ganzen zwei Tagen.", bemerke ich, doch bin insgeheim froh, dass es so besser ist als nichts. Hide schmollt wieder und ich schließe darauf, dass unsere Freundschaft eine von denen ist, die keinen Grund brauchen, um fortzuwähren. "Aber meinetwegen, vielleicht... vielleicht könnte es ja... 'Spaß' machen. Vielleicht lenkt es mich ab. Vielleicht kann ich dann wirklich... 'stolz' auf mich sein.", gebe ich mir Mühe, genügend Grunde zu sammeln, um Hides Vorschlag anzunehmen. Hide klappt die Kinnlade auf den Fußboden. "Was?", will ich angefressen wissen. "Hätte nicht gedacht, zu erleben, dass der grimmige Fettsack mir mal zustimmt.", schafft er wieder, mich sauer zu machen. "Pass auf, was du sagst, Hide Kousaka!", warne ich ihn Zähne knirschend, als ich seinen Ausschnitt zu Tode ausleiere. Hide lacht wieder. "Wusste ich doch, dass ich dich damit bekomme!", vorsichtig lasse ich ihn wieder los. Ich darf nicht vergessen, dass wir Freunde sind. Ich werde so lange es geht versuchen, ihm keine bleibenden Schäden zuzufügen. "Lass uns morgen damit anfangen. Heute planen und entspannen wir.", beschließt Hide und setzt sich vom Boden auf die Couch. "Fangen wir mit einer Fragerunde an. Wie groß bist du?", er meint es wirklich ernst, oder? "Einen Meter dreiundachtzig.", brumme ich, mit einer nervösen Vorahnung, welche Frage folgt. "Und wie viel wiegst du aktuell?", will er fordernd wissen. "Ich... weiß es nicht.", gebe ich verschämt von mir. Bevor er mich zusammenstauchen kann, ergänze ich. "Ich habe... es lange nicht mehr gemacht. Mich wiegen, meine ich.", Hide senkt den Blick. "Verstehe. Im Badezimmer unterm Waschbecken ist eine Waage.", klärt er mich über seine Wohnung um ein weiteres auf. Ich nicke nur, wissend, was ich zu tun habe. Ich stehe auf und schlürfe mit schweren Schneckenschritten ins Bad und schließe die Tür hinter mir. Ein Glück hat Hide so viel Taktgefühl, mir nicht zu folgen. "Beruhig dich, Taiyo. Egal, ob die Zahl im dreistelligen Bereich ist, du gehst nicht zum nächsten Hochhaus, um dich runterzuschmeißen.", zische ich mir selbst ermutigend zu. Ich ziehe also die besagte Waage zu mir her, atme noch einmal ein und aus, um mich vorzubereiten. Ein... und wieder aus. Dann stehe ich auf und stelle mich mir selbst. Die Kälte vom Glas frisst sich in meine nackten Füße. Ich merke, dass meine Augen geschlossen sind. Mein Körper hat mehr Angst davor, als ich. Und ich dachte, das ginge gar nicht. Vorsichtig mache ich meine zuckenden Augen auf. Noch ist es verschwommen. Da ist ein undeutlicher Strich links, und ich weiß sehr gut, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass dieser Strich zu einer Zahl gehört, die größer ist als Zehn.. Ich schärfe meine Sicht noch ein bisschen mehr, in dem ich meine Augen im normalen Winkel aufmache... und im nächsten Augenblick wünsche ich mir, ich hätte das nicht getan. Ich bekomme meine Augen nämlich überhaupt nicht mehr zu, so schockiert bin ich. Ich habe mich ja schon darauf eingestellt, geschockt und enttäuscht zu werden, aber das? Das toppt alle meine Erwartungen. Ich wage erst gar nicht, diese Zahl überhaupt in Gedanken auszusprechen. Aber nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich dazu widerwillig imstande: Hunderteinunddreißig Kilogramm. Nach der gefühlten Ewigkeit der Verleugnung werden Ziffern '131' hinter einem Schwall Tränen unleserlich. Sofort wische ich sie weg. Ich habe schon genug geweint. Meine Eltern haben genug geweint. Auch Elvis hat bestimmt geweint. Mir ist es von allen doch am wenigsten vergönnt, Tränen zu vergießen. Nicht weinen, Tränen machen blind. Ich muss mich ansehen. Sieh genau her! Ich schaue zu mir runter. Mir ist klar, dass man von oben immer breiter aussieht, aber bei mir kommt es darauf wohl auch nicht mehr an. Ich kann vielleicht wirklich nur die Hälfte meiner Füße sehen. Ich will gar nicht genauer auf eine genaue Beschreibung meines Körpers eingehen. Ich habe genug gesehen, ich will nicht mehr!, denke ich, als ich von der Waage heruntersteige und sie dorthin zurückschiebe, wo sie hingehört. Hide klopft. "Kyo? Alles gut? Kann ich reinkommen?", fragt er besorgt. "Mach nur.", murmle ich, gerade noch laut genug, dass Hide es hören kann. "Und... wie viel ist es?", wiederholt er die letzte Frage vorsichtig. "Hundert... Hunderteinunddreißig.", presse ich mühsam hervor. "Pfund?", versucht er, es sich schönzureden, als ob er nicht wüsste, mit welcher Skala seine eigene Waage misst. "Kilo.", vernichte ich diese Hoffnung. Hide gibt sich Mühe, nicht allzu schockiert auszusehen. "N-nein...", stammelt er in dieser komischen Gefühlsmischung. "Doch.", vernichte ich seine gutgemeinte Hoffnung ein zweites Mal. "Oh...", Hide kratzt sich verlegen am Hinterkopf. Doch dann sieht er mich wieder aus entschlossenen braunen Augen an, zeigt mit dem Zeigefinger auf mich und sagt: "Ich bin für dich da! Wir schaffen das! Vergiss nicht, wir sind Freunde!", ich muss unwillkürlich grinsen. Stimmt, ich bin nicht allein. Nicht mehr. Ich senke den Blick. "Danke, Hide.", bedanke ich mich für die lieben Worte. Hide grinst vermutlich immer noch. "Nichts zu danken!", freut sich Hide wieder über meine seltene Höflichkeit. "Lass uns gleich morgen mit einer Runde Joggen den Tag beginnen!", kündigt er an und mein Lächeln weicht augenblicklich. Doch ehe er davon etwas merken kann, grinse ich wieder, nur diesmal so schlecht, dass ich am Gegenteiltag einen Nobelpreis für Schauspielerei bekäme. "Ich meine... das wird ein Spaß...", man kann den Unmut in meinem schiefen Tonfall hören, ihm ist klar, was für eine Hölle auf Erden das für mich ist. Daraufhin brechen wir beide ist schräges Gelächter aus. Obwohl ich weiß, wie schrecklich morgen der tag für mich beginnen wird, bin ich ausgelassen wie lange nicht mehr. Ich bin tatsächlich das erste Mal seit langem wieder richtig glücklich.
"Vom Winde verweht", denn trotz Liebe verwehte auch ich
Ich weiß nicht, wie ich hier reingeraten bin. Nun bin aber ich hier, renne um mein Leben, denn dieses Biest ist drauf und dran, mich umzubringen. Kalter Schweiß vermischt sich mit meinen Tränen, die in der erhöhten Laufgeschwindigkeit nahezu sofort wieder trocknen. Ich renne weiter, fürchte um mein Wohl, ehe ich stürze und das Biest meine Schulter erfasst...
"Ich sterbe!", stöhne ich und halte mir die Bauch vor Seitenstechen und Überforderung.
Ich kann das Licht sehen!
"Keine Sorge, ich bin hier, um dich lebendig zu halten.", muntert mich Hide auf.
Ich schwöre, da ist ein Licht!
"Und wieso fühle ich mich dann nicht so?!", heule ich und fühle mich so, als würde ich wirklich gleich ins Gras beißen.
Alter, fick das Licht!
"Du hast dich wacker geschlagen, Kyo.", lobt mich Hide, als er sich mit mir ins Gras legt.
Er atmet auch schwer, nicht so hyperventilierend wie ich, aber er ist erschöpft, das spüre ich. Unsere Schultern berühren sich und wieder wird mir klar, wie verschieden wir sind. Wie ist er wohl zu der Person geworden, die nun hier bei mir liegt?
"Hey, Hide... k-kann ich... dich was fragen? Unnötig, das... ist ja auch eine Frage an sich, aber... ne, da war noch... was anderes... was ich... wissen wollte.", keuche ich, meine Lungen brennen, als ich das mühsam ausspreche.
"Schieß los.", fordert er mich flüssiger sprechend auf.
"Wie... wie bist du... zu der Person geworden, die um Gottes Willen nichts dagegen hat... - Fuck, meine Beine bringen mich um! -... so früh am Morgen zu joggen?", stottere ich zitternd und greife mit meiner Hand das Gras unter mir.
"Wenn ich ehrlich bin... es ist... noch nicht so lange her, seit ich aktiv jogge. Sozialer Mensch bin ich seit der Grundschule. Aber sportlich erst seit Ende der Oberschule. Ziemlich frisch nach der Trennung von meiner Ex.", Hide lacht.
"Ich habe sie geliebt, weißt du? Ihretwegen bin ich so, aber... Dinge waren nicht so, wie sie schön wären. Also war ich zwar immer noch sozial, aber einsam. Anstatt mich mit Eiscreme und Netflix gehen zu lassen, habe ich angefangen zu trainieren. Sowohl zur Abwechslung als auch, um... ach, vergiss es, der Teil ist peinlich!", Hide dreht sich zu mir, aus dem Augenwinkel kann ich seine Schulter sich heben und senken sehen.
"Frauen.", murmle ich.
Mein Liebesleben ist echt tragisch.
"Sag mal, Kyo, wie sieht's bei dir aus? Hast du eine am Start?", will er schwer atmend wissen.
"Sehe ich so aus, als wäre ich etwas anderes als single?", frage ich ihn, fühle mein panisch rasendes Herz unter meiner Hand.
Dasselbe Herz, das Maihara gebrochen hat. Dasselbe Herz, das hasserfüllt genug war, um meinen kleinen Bruder so hart zu schlagen, dass er das Bewusstsein verlor. Ich wusste nicht, was ich tat. Ich hasste ihn in diesem Moment, ließ indirekt den Schmerz an ihm raus, den ich an ihr nicht rauslassen konnte.
Frauen schlagen? Das ist böse.
Prügeleien unter Brüdern? Wieso nicht?
Wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Als ich ihn zusammenklappen sah, nachdem ich die Hand um seinen Hals drückte und ihn ausknockte, hatte ich Angst. Ich hätte ihn ernsthaft verletzen können.
Seine Eingeweide zerreißen.
Seine Wirbelsäule zertrümmern.
Doch trotz seines angsterfüllten Blick voller Schmerzen, lebte er. Es tat ihm weh, aber er war noch am Leben. Ich vergewisserte mich, keine Delle in seinem Körper hinterlassen zu haben, wie auch immer ich mir das vorstellte. Jetzt klafft an der Stelle, wo eine Delle hätte sein können, stattdessen ein blutiges Loch. Und das ist meine Schuld. Er hat nicht verdient, im Krankenhaus zu liegen und nicht einmal mehr zu wissen, dass Star Wars besser als Star Treck ist.
"Kann ja sein, Kyo. Vielleicht hattest du ja mal eine. 'ne Freundin meine ich. Hattest du?", drängt Hide mich weiter.
Ich seufze, weil die Erinnerung daran nicht besonders gut schmeckt. Das reicht, um Hide für ein paar Sekunden still sein zu lassen, ehe er abrupt nach Luft schnappt und weiterspricht.
"Oh mein Gott, ist das peinlich... Sorry, ich wusste nicht, dass du vom anderen Ufer bist, Alter!", entfährt es ihm aus dem Nichts.
"Ich bin vom gleichen Ufer wie du, du Blödeimer!", feuere ich zurück.
"Ist ja schon gut, Kyo.", beruhigt sich Hide lachend. "Jetzt weiß ich wenigstens, dass wir irgendwann mal zusammen Bitches aufreißen gehen können."
"Spinner.", hauche ich und es herrscht wieder Stille zwischen uns.
"Wenn du es so sehr wissen willst, ich... ich hatte mal eine.", gebe ich mich schlussendlich doch geschlagen.
"Vor einem Jahr, im dritten Jahr der Oberschule. Ich musste das letzte Jahr wiederholen, weil... na ja, weißt schon, Bocklosigkeit. Dann hatte ich mit sagenhaften achtzehn Jahren meine erste Freundin, nur um zu erfahren, dass sie mich nie geliebt und nur mit mir gespielt hat. Dann hat sie mich verlassen und ging mit wem, der besser war als ich. Dünner, schlauer, hübscher, die ganze Palette. Sind schon echte Biester unter Mädchen, was?", flüstere ich und starre in den grauen Himmel. "Hast recht, Kyo, das denke ich manchmal auch über meine Ex. Sie ist wundervoll gewesen. Unternehmenslustig, spontan, süß und besonders. Aber auch eigenwillig und empfindlich. Sie war meine Traumfrau.", Hide lacht wieder, nur viel trauriger, als müsste er die Routine seiner Freude zwangsläufig fortsetzen.
"Hide...", fange ich an, noch immer geschafft und todmüde vom Joggen und bewegungslos.
"Ja?", Hides Stimme bricht fast, als wäre er erschöpfter als ich.
"Liebst du sie noch?", stelle ich ihm eine unmögliche Frage, auf die er nicht antwortet.
Kurz darauf spüre ich einen Regentropfen auf meiner verschwitzten Wange. Heute ist ein deprimierend aussehender Morgen. Es ist bewölkt und regnet, wie konnte Hide darauf bestehen, den Plan in die Tat umzusetzen? Es fühlt sich gut an, bemerke ich, als es immer mehr Tropfen sind, die auf mich einprügeln. Dieser Regen erinnert mich an jenen Tag. Mir ist, als ob ich meine Augen auch mit Gewalt nicht aufbekäme. Und so fühle ich nichts als Regen und Hides Schulter an meiner, als ich spüre, wie ich aufhöre, mich in dieser Zeit zu befinden.
***
Der Regen prasselte auf mir nieder. Hier lag ich nun. Meine Hefte hatten sich über den ganzen Asphalt ergossen, meine Kleidung triefte nur so vor Kälte und Nässe. Ich konnte mich nicht bewegen. Der Schmerz pochte noch immer tief in mir, wie mein Herzschlag und der ebenso rasende Puls. Verprügelt und allein zurückgelassen. Ich wusste gar nicht mehr, wann es angefangen hatte. Zu Regnen und zu stürmen. Ich musste bewusstlos geschlagen worden sein. Dann war ich sicher eingeschlafen und von der penetranten Kälte aufgewacht. Wie lang ich hier wohl lag? Ob wir noch denselben Tag hatten?
"Taiyo? Taiyo!", hörte ich eine vertraute Stimme durch den Regen nach mir schreien.
Dann hörte ich schnelle Schritte. Bestimmt waren es die von einer Stöckelschuh tragenden Frau. Oder einem Mann, ich musste ja politisch korrekt bleiben. Aber die Stimme gehörte eindeutig einer Frau, die mir bekannt war. Die schon sehr lange ein Teil meines erbärmlichen Lebens war. Aus dem Augenwinkel sah ich ihr rotblondes Haar in der grauen Szenerie aufleuchten. Den roten Regenschirm hatte sie fallenlassen. Sie spurtete auf mich zu, kniete sich zu mir herunter, und stützte mich, nicht müde werdend, meinen Namen zu sagen und mich zu fragen, was los sei und wer mir das angetan hatte. "Mama.", flüsterte ich nur, als ich mich aufrichtete und sah, dass ihre Augen nicht nur den Regen durchlaufen ließen, sondern auch selbst nass wurden. Meine Mutter weinte. Sie weinte um... mich. Ich, der nicht einmal ihr biologischer Sohn war. Ich, der eigentlich nicht mehr als Chaos und Hass in dieser Welt hinterließ. Mir war klar, dass sie mich wie ihr eigenes Kind sah, aber es so noch einmal richtig zu erleben, warf mich aus der Bahn.
"Ich... ich dachte, du seist entführt worden. Du hättest tot sein können! Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Auch Elvis hat sich gefragt, wo du steckst! Menschenskind, du kannst nicht einfach so hier liegen für... mehrere Stunden! Das ist gefährlich!", weinte sie, ehe sie mich an sich drückte.
Trotz der Kälte konnte ich die Wärme ihrerseits spüren.
"Was ist los? Was haben sie getan? Wieso bist du übersät von blauen Flecken und Blutergüssen? Was geht wirklich in deinem Leben vor sich, Taiyo? Bitte erzähl mir alles. Ich... ich wollte das nicht! Ich wollte nicht, dass du alles allein ausbadest!", schluchzte sie und ich war hin und weg vom der Liebe, die sie mir gab und dem Kloß in meinem Hals. Mir tat alles weh.
"Es ist nicht so.. schlimm wie es aussieht. Nur ne Prügelei. Ich bin nicht ganz unschuldig, weiß du, Mama?", "Unsinn, du hast es auf keinen Fall verdient, hier auf dem Boden zu liegen und zu bluten, hörst du? Du kannst vielleicht grob, unsensibel und egoistisch sein, aber... tief im Innern bist du kein schlechter Mensch! Es ist okay, um Hilfe zu bitten.", hauchte sie und streichelte mir über den Rücken.
"Was hast du vor?", fragte ich misstrauisch. "Ich tue das, was eine Mutter am Besten kann. Ich sehe nach dem Rechten. Und du wirst mir alle Namen verraten.", befahl sie mir sanft.
Und wenn sie keinen Blick draufgehabt hätte, der furchteinflößender war als meiner, hätte ich nicht klein beigegeben.
"Ist das alles, was ihr zu eurer Verteidigung zu sagen habt?!", keifte meine Mutter meine Angreifer an, nur damit in diesem Moment Maihara vorbeikam.
"Aber das ist doch auf Maiharas Mist gewachsen. Hey, Maihara, du hast Besuch!", verriet sie einer ihrer Prügelfreunde.
"Was zur-... Kyokei?! Du Pisser hast allen Ernstes deine Mutter an Bord geholt? Wie alt bist du? Sechs?", zeigte sie wieder einmal ihr wahres Gesicht. Seit unserer Trennung bestand kein Grund mehr, die nette Schönheit von Nebenan zu spielen.
"Sie ist von selbst hergekommen, Maihara.", antwortete ich trocken.
"Maihara, wie es scheint hast du ebenfalls mit den gestrigen Ereignissen zu tun. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?", äffte der beteiligte Lehrer, ohne überzeugend zu wirken, meine Mutter nach.
"Ich habe... ich habe sie doch nur auf Kyokei gehetzt, weil... er mich vergewaltigen wollte... Deshalb...", spielte sie plötzlich die Opferrolle und ich bekam den Schreck meines Lebens, als hätte ich das wirklich getan.
"Kyokei-kun, stimmt das?", wollte der Lehrer wissen, immer noch voller Desinteresse an der Wahrheit.
"Was?! N-nein, sowas würde ich nie tun!", stammelte ich.
"Wie? Warst du nicht so scharf auf meine Freundin? Warst du nicht sauer, als sie dich hat sitzen lassen? Ich würde dir das zutrauen, Fettbacke.", kommentierte ihr neuer Freund hasserfüllt. Meine Mutter ballte die Hand zur Faust und ich tat es ihr gleich.
"G-genau, w-wieso gibst du nicht vor aller Welt zu, w-was für ein hasserfüllter Abschaum von Mensch du wirklich bist?", weinte Maihara gespielt und da reichte es meiner Mutter absolut. Schneller als ich gucken konnte, war Maihara nicht mehr imstande gefälscht traumatisiert zu weinen. Zurück blieb nur eine fassungslose falsche Schlange mit einer roten Wange, geschockt und schmerzerfüllt. Meine Mutter hatte ihr wirklich eine Schelle gegeben und packte gewaltsam nach ihrer Bluse, um sie zornig an sich zu ziehen.
"Du... du wagst es, so über meinen Sohn zu lügen, du kleines räudiges Flittchen?! So eine wie du ist der Grund, wieso unsere Gesellschaft so oberflächlich und verlogen ist! Du bist eine Schande für alle Frauen, denen wirklich wehgetan wurde! Du Betrügerin hast es nicht einmal verdient, hier zur Schule zu gehen! Niemand hat das Recht, meine Familie in den Ruin zu treiben! Du hast doch keine Ahnung, wie ist ist, wirklich zu leiden, wen willst du hier also etwas vormachen? Bevor du andere für den eigenen Profit schlecht darstellst, solltest du erst einmal anfangen, verdammt noch mal etwas anderes zu sein, als das Abfallprodukt einer aufrichtigen Person!", warf sie Maihara mit voller Wucht an den Kopf, die dann gar nichts mehr sagte. Als meine Mutter daraufhin noch einmal die Hand gegen sie erheben wollte, hielt ich sie jedoch auf. Wieso, wusste ich nicht. "Es reicht, Mama. Sie hat es verstanden.", beruhigte ich sie schwach, sie ließ die flache Hand sinken und ließ Maihara Bluse los, die völlig zerknittert war. Maihara sah wirklich nur noch aus wie ein Schatten ihrer Selbst. Tränen rannen über ihr starres Gesicht, sie schrie weinend und rannte aus dem Raum. Meine Mutter sank auf die Knie und starrte gen Boden. "Vergib mir, Vater. Ich habe geflucht.", flüsterte sie. An jenem Tag sprachen weder Maihara und ich je wieder miteinander noch wurde ich verprügelt. Doch der Hass auf mich verblieb.
***
Als ich aufwache, bin ich klatschnass. Mir ist eiskalt, aber ich scheine, mich noch nicht erkältet zu haben. Was aber noch eintrifft, wenn ich nicht sofort von hier verschwinde. Hide...
"Hide! Fuck, Hide, wir sind eingeschlafen!", fahre ich ihn an und rüttle an seiner Schulter, nur um zu merken, dass er ganz blass aussieht.
"Kyo...", höre ich ihn sagen.
"E-es ist so heiß hier. Bitte schrei hier nicht so rum, es echot total, weißt du?", brabbelt er.
Als ich seine Wange berühre und über seine Stirn fahre, merke ich, dass sie brennt.
"Hide? Hide!", er sieht ganz schwach aus.
Ich hieve ihn auf meinen Rücken und laufe nach Hause. Hide ist leichter als ich dachte. Immer wieder murmelt er etwas, das ich nicht ganz verstehe. Er weigert sich, zu akzeptieren, dass ich ihn trage, dass er selbst gehen kann. Er bewegt sich etwas, aber ich lasse mich von all dem nicht beeindrucken. Er ist mies krank geworden. Und ich habe keine Ahnung, wieso ich es nicht auch bin. Ich werde selten krank. Meine Nase läuft so bisschen und mir ist arschkalt, aber mir geht es bei weitem besser als meinem Freund hier. Ich krame in Hides Hosentasche, finde den Hausschlüssel und werfe uns beide in die Wohnung. Zur Uni zu gehen wird heute wohl nichts. Hide geht es absolut nicht gut. Und ich bin der Einzige, der ihm jetzt helfen kann.
"Bird Box", denn ich fühle mich wie ein Vogel im Käfig
Die Tage vergingen und Hides Fieber ging im Schneckentempo runter. Zwei Wochen ging ich nun nicht zur Uni, um mich um den einzigen Freund zu kümmern, den ich habe. Er schlief sehr viel, aber hin und wieder redete er mit mir. "Das musst du nicht machen.", "Du musst zur Uni.", "Geh trainieren, wie ich es dir gesagt habe.", waren die meisten Bedeutungen seiner Worte, wenn er wach war. Doch wenn er schlief und ich zusah, dann sah er nur noch trauriger und besorgter aus. "Geh nicht!", "Oberzicke.", "Eifersüchtiges Huhn.", so etwas sagte er. "Kyo? Kyo, du bist ja immer noch hier!", höre ich Hides Stimme, als dieser meine Schulter berührt. Ich muss eingeschlafen sein, als ich ihm Suppe gegeben habe. Ich schrecke auf. Bin ich wirklich auf seinem Schoß eingepennt?! "Hide, geht's dir denn jetzt besser?", frage ich, als ich merke, dass seine Stimme nicht mehr so bricht und er fast wieder seine normale Gesichtsfarbe angenommen hat. Hide fasst sich an die Stirn und nickt. "Hmm, fast alles wieder beim Alten. Ich dachte wirklich, das würde nicht passieren. Weißt du, ein bisschen bevor du hergekommen bist, hatte ich echt mies Grippe. Ich dachte, ich wäre wieder voll gesund, dachte, es sei nicht so schlimm, dass ich sie noch ein bisschen nachfühlen konnte. Dann haben wir beschlossen, zusammen Sport zu machen und... ich wollte nicht sagen, dass ich krank war. Der Regen hat mir dann wohl den Rest gegeben.", Hide lacht, nur um dann wieder ernst zu werden. "Es tut mir leid.", entschuldigt er sich traurig. "Ich habe dich vom Training abgehalten, nur zum Einkaufen warst du vielleicht draußen. Ich wollte dir helfen. Und dann habe ich nichts weiter gemacht, als rumzuliegen und dich zu behindern. Du hast keine Ahnung, wie beschissen ich mich da fühle.", Hide greift sich einen Snickers, den ich auf das Regal gelegt habe. Soll ich es sagen? Ihm sagen, dass er falsch liegt und ich irgendwas echt Idiotisches gemacht habe, nur um ihn nicht zu enttäuschen. "Kyo, wie spät ist es?", will er wissen. "Sechs am Abend.", beantworte ich. "Die werden ausrasten. Zwei Wochen nicht kommen ist hart mies.", Hide seufzt und steht auf. "Ach, und Kyo...", er zögert etwas. "Danke. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast.", ich grinse. "Nichts zu danken. Dafür sind Freunde doch da. Sowas würdest du in meiner Situation doch sagen, nicht, Hide?", necke ich ihn und Hide lacht, wie er es immer tut. "Ich bin froh, dass du hier eingezogen bist.", Hide kratzt seinen Hinterkopf, grinst schief und verlässt den Raum, um Essen zu machen, obwohl er gerade erst gesund geworden ist und das mein Job wäre. "Das bin ich auch.", flüstere ich für mich selbst. "Kyo, kommst du?", erinnert er mich daran, dass ich herkommen soll. "Komme.", kommt es von meiner Seite und ich folge meinen Worten.
Beim Abendessen herrscht eine peinliche Stille. Wir essen einfach und im Hintergrund läuft 'Highway to Hell'. "Glaubst du, die Dozenten werden sehr sauer auf uns sein, weil wir zwei Wochen geschwänzt haben?", frage ich aus dem Nichts, weil ich die Stille von 'Highway to Hell' abgesehen nicht ertrage. "Geht. Viel mehr leiden wir, wenn die Prüfungsphase anfängt und wir aufholen müssen.", erklärt mir Hide und nippt an dem Tee, den ich ihm gemacht habe. 'Highway to Hell' geht zu Ende und 'Back in Black' erfüllt das Zimmer. Unsere Liebe zu AC/DC hat wohl auch dafür gesorgt, dass wir Freunde geworden sind. "Sag mal, Kyo, kann es sein, dass du abgenommen hast?", ich verschlucke mich fast an meinem eigenen Tee und brauche etwas, bis ich wieder atmen kann. Als ob er das sieht! "Tja, also... Hide, als du krank warst und ich mich um dich gekümmert habe, da... da hab ich mich des Öfteren rausgeschlichen, als du geschlafen hast. Manchmal auch nach Acht am Abend und noch später. Ich bin durch die Hölle gegangen, um dich stolz zu machen, auch jetzt tut mir alles weh. Es tut mir leid, wenn ich dumm gehandelt habe. Ich-", "Es ist alles gut, Kyo. Du hast meinetwegen doch alles gegeben, oder? Das bedeutet mir viel, nur... bitte überanstrenge dich nicht zu sehr. Mir ist klar, dass dir das wichtig ist. Gesünder sein und alles, jemand anderes zu sein, aber... setz dich nicht so unter Druck. Das ist auch nicht gesund.", meint Hide leise. "Danke, dass du dir Sorgen um mich machst, Hide.", murmle ich leise und trinke den Rest des Tees aus. "Hide, ähm, also morgen... geh da... bitte nicht zur Uni. Ruh dich aus. Bleib noch im Bett. Was man so macht. Kannst du mir das versprechen?", Hide ist verwirrt, dann lächelt er wieder. "Ich bleibe zu Hause. Versprochen, Kyo."
Was habe ich getan?!, denke ich am nächsten Tag vor dem Unigebäude. Ist ja schön und gut, dass Hide sich erholen kann, aber... was ist mit mir? Ich muss das erste Mal seit zwei Wochen wieder zur Uni und ich habe keine Ahnung, wie ich es schaffen soll, mein Fehlen zu erklären. Och nö! Okay, ganz ruhig bleiben! Es wird alles gut mit der Kraft von den Pretty Cure Stars! Was labere ich? Jetzt bin ich auch noch zum vernünftig denken zu doof, oder was?! Gut, Augen zu und durch, sie werden mir schon nicht den Kopf abreißen, richtig? Richtig?!
Es lief... in Ordnung. Jetzt werde ich mich umso mehr anstrengen müssen, meinen sie, nachdem ich geschildert habe, wieso ich dem Unterricht ferngeblieben bin. Das mit dem Aufholen macht sich bemerkbar, denn ich verstehe nur Bahnhof. In meinem Kopf herrscht gähnende Leere, was den Lernstoff angeht. Schöner Scheiß, denke ich in der Mittagspause. Hide zuliebe griff ich nicht nach einem Donut oder so, sondern nach der besseren Wahl eines Schinkensandwich, das sogar ziemlich gut schmeckt. Wenn ich das gewusst hätte, dann wäre das jetzt nicht mein erstes. Und jetzt bin ich hier, in der Mensa und versuche Brot essend in einer unscheinbaren Ecke zu lernen. Hipp hipp zum beschissenen Hurra... "Macht das Spaß?!", reißt mich eine fröhliche Mädchenstimme aus den Gedanken. Ich verschlucke mich fast und sehe auf. Wow. Die ist sogar noch hübscher als Maihara! "A-also, wenn ich ehrlich sein soll... Nö.", gebe ich nur leise von mir, woraufhin sie grinst. "Brauchst du vielleicht... Hilfe?", fragt sie mich mysteriös. "W-wenn du es verstehst, das ist wirklich ganz schön schwer.", versuche ich, sie irgendwie zu vergraulen, weil sie mich mehr überfordert als der ganze Lernstoff zusammen. "Es ist mir ein Vergnügen!", freut sie sich, umkreist mich und setzt sich neben mich. "Aaaalso, was genau ist es denn?", fragt sie sich langgestreckt selbst, als sich unsere Schultern berühren, wovon mir ein Schauer über den Rücken läuft. Sie ist so nah! "Kann ich den Stift haben?", will sie wissen und klingt viel zu verführerisch, um nach einem Stift zu fragen. "K-klar!", piepse ich ganz peinlich berührt. unsere Finger berühren sich kurz und ehe ich mich versehe zeigt sie mir von vorne bis hinten, wie man solche Gleichungen zu lösen hat. Und das schneller als ich gucken kann. Oder aufpassen. So nah wie sie mir ist, ist es schwer, sich voll und ganz auf die Gesetze der Mathematik zu konzentrieren. "Hast du alles soweit verstanden, Pumuckl?", vergewissert sie sich und sieht mich aus ihren stahlblauen Augen an. "I-ich denke schon... Ähm... was ist denn das für ein Spitzname?", bin ich etwas verunsichert, auch wenn ich weiß, wer Pumuckl ist. "Deine Haare!", sagt sie nur und fährt mir mit der Hand unter die Mütze, die ich immer trage, um diese zu kraulen. Ich kneife die Augen zu. Es ist nicht okay, einfach die Haare anderer Leute anzufassen. D-das wird mir jetzt etwas zu intim! "K-könntest du das bitte lassen?", stammle ich wieder einmal peinlich berührt, im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist peinlich ohne Ende! Sie lässt wieder von mir ab und sieht mich grinsend an. "Tut mir leid, ich war nur so völlig hin und weg, weißt du? Du weißt doch, was man über Leute mit roten Haaren sagt: Je rostiger das Dach, desto feuchter der Keller!", "Ich bin ein Mann!", platzt es mir völlig entsetzt raus und als sich gefühlt die ganze Mensa zu und umdreht, laufe ich rot an. Daraufhin lacht sie. "Ich weiß, ich ärgere dich doch nur! Weiß du, in Mathe bin ich so etwas wie ein Genie, wenn du also Hilfe brauchst, dann kannst du immer zu mir kommen! Also dann, man sieht sich, Pumuckl!", verabschiedet sie sich und im nächsten Moment ist sie auch weg. Alles, was ich mir von ihr habe merken können, war ihr Aussehen und erstklassigen mathematischen Fähigkeiten. Wären wir in einem MMORPG, wäre sie bestimmt eine Level 80 Magierin mit den Stats für Intelligenz absolut überlegen. Auch wenn sie eher aussieht wie eine unwirkliche Elfe. Diese dunkelblauen Augen und die weißblonden kurzen Haare lassen eher auf Elfenrasse schließen. Im Kontrast dazu steht ihr enges, weit ausgeschnittenes Top, welches in den dunkelgrünen Farbtönen auf Hexenmeisterin schließen lässt. Nicht zu vergessen ihre echt kurzen Hosen und die langen Strümpfe. Sie vereint alles, was sich ein einsamer Otaku wie ich nur wünschen kann. Aber so etwas laut auszusprechen könnte sie dazu bringen, mir nie wieder zu helfen. Überhaupt, warum sollte sie mit mir etwas anfangen wollen? Sie war lediglich nett zu mir. Es wird niemals etwas zwischen uns laufen, das darf ich nicht vergessen. Und trotzdem fühle ich mich nur noch einsamer als zuvor, ohne Hide und dem Mädchen, von dem ich nicht einmal weiß, wie es heißt. Wie ein Vogel im Käfig.
"Big Bang Theory", denn von Frauen habe ich keine Ahnung
"Wie waaaaar es so?", ist Hide überschwänglich bereit, mich über meinen Tag auszufragen, als ich zurück bin. "Na ja, ganz okay, schätze ich.", ist meine weniger enthusiastische Antwort darauf. Dass ich mich einsam, beobachtet und gestresst gefühlt habe, brauche ich ja nicht zu erwähnen. Die Level-80-Magierin genauso wenig. Zumindest fühle ich mich absolut nicht dafür bereit, mit Hide über sie zu reden. So wie er im Schlaf manchmal geredet hat, ist sein Herz noch immer frisch gebrochen. Und ich kenne den Schmerz gut genug, um kein weiteres Salz in seine Wunde zu streuen, geschweige denn, ihm mein nicht vorhandenes Liebesglück unter die Nase zu reiben. Von Glück ist hier ja so was von überhaupt nicht die Rede, sie hat mir lediglich in Mathe geholfen, mehr nicht. Sie wiederzusehen, das wäre ein Fall, in dem ich von Glück reden könnte. Und ob dieser Fall eintrifft? "Du bist heute so still, ist alles okay, Kyo?", reißt mich Hide aus den Gedanken. "J-ja. Alles okay. Ich... ich bin nur müde und so.", antworte ich schwach. Hide nickt nur stumm. "Dann lass uns morgen wieder mit dem Training anfangen, ich soll mich ja schonen, hast du gesagt. Wie wäre es mit einer Runde Netflix?", schlägt Hide vor. "Runde?", wiederhole ich belustigt mit einer Augenbraue nach oben. "Ach, sei still, wen juckt, wie das heißt? Also... was schaust du gerne?", bin ich wieder mit Antworten dran. "Na ja, da ist vieles, das ich gerne schaue. So was wie... Breaking Bad, Food Wars und... Big Bang Theory.", zähle ich auf, was nicht augenblicklich aus meinem Horizont der Einfälle geflohen ist. "Hast Geschmack, Mann. Okay, ich hab auch Bock auf Big Bang Theory. Du so?", "Ja klar.", bejahe ich und wenig später versuche ich wieder einmal erfolglos, alle im Intro vorbeiziehenden Bilder in mich aufzunehmen.
Und irgendwann waren wir sogar zum Serienschauen zu bocklos. "Sag mal, Kyo... wie kommt es, dass du allein gewohnt hast, obwohl das Geld doch so offensichtlich nicht gereicht hat?", fragt er, ohne mich anzusehen. "Wo kommt das denn auf einmal her?", verstehe ich nicht. "Ich bin eben allein gewesen, weil ich es sein wollte. Ich hatte keine Lust mehr auf das Elternhaus und so. Das Übliche. So dramatisch ist die Geschichte nicht.", als ich zu Hide sehe, sieht er nachdenklich aus. "Und, sag mal, Kyo... Hast du eigentlich Geschwister?", "Was ist denn mit dir heute los?", verstehe ich wieder einmal nicht. Hide reagiert nicht. Komischer Kerl. "Wenn du es genau wissen willst, ich habe einen kleineren Bruder. Wir verstehe uns nicht besonders.", versuche ich, Hide wieder etwas sagen zu lassen. "Verstehe. Ist er auch ein Grund, wieso du hier bist und aus der Wohnung geworfen wurdest?", "Du bist heute echt komisch, weißt du das, Hide? Ja und nein. Ich weiß nicht genau.", bin ich mit mir selber überfordert. Was ist meine wahre Absicht? Ich habe hauptsächlich nicht mehr bei Mama und Papa wohnen wollen, weil ich Elvis nicht mehr ertragen habe. Aber gibt es da vielleicht noch etwas anderes? "Kann es sein, dass du insgeheim eine Quasselstrippe bist, oder wieso kommt so viel aus dir raus?", Hide grinst plötzlich schelmisch und ich werde wieder einmal schamrot. "W-was? Nein, ich... ich... ich erzähle nur unglaublich gern. Nur... ich habe immer weiter damit aufgehört, je älter ich wurde. Mittlerweile bin ich gut darin, niemandem zu sagen, was ich auf dem Herzen bin. Aber im nächsten Moment...", Hide schaut verwirrt. "T-tut mir leid, das... das war wieder voll random, oder? Oh Mann, so viel zu 'Ich bin keine Quasselstrippe.'. Hide lacht. "Keine Sorge, ich finde das lustig. Du kannst ruhig mehr erzählen, Kyo. Ich bin nicht so genervt wie deine Eltern!", "Woher willst du wissen, wie meine Eltern sind?", bin ich verwirrt. "Meinst du nicht, dass du es ihnen nicht erzählen kannst? Hast du deshalb Probleme damit, dich zu öffnen?", er sieht mich fragend an. "Ach... nicht wirklich. Eigentlich sind meine Eltern manchmal ziemlich nachlässig. Ich habe als Kind wirklich überhaupt kein Problem damit gehabt, alles zu erzählen. Aber je mehr Zeit verging, desto mehr merkte ich, wie sehr mein Erzählen eigentlich an ihren angespannten Nerven nagt. Dann habe ich aufgehört und nahm meinem Vater damit etwas Last ab. Der litt besonders darunter. Viel später wurde dann mein Bruder geboren... Ich habe es wieder getan, oder?", wow, heute bin ich ja fast genau so komisch wie Hide. Hide lacht wieder. "Alles gut.", daraufhin grinse ich auch. Okay, wir sind beide komisch. Die komischen Studenten aus dem Block. "Was machen wir morgen?", wechsle ich das Thema. Hide überlegt kurz. "Hmm... also wieder Joggen am Morgen wäre bestimmt nicht schlecht. Vorausgesetzt wir pennen nicht einfach weg.", merkt Hide an und wir grinsen dämlich. "Aber... Krafttraining und Seilspringen sind auch nicht verkehrt. Lass uns Seilspringen.", bestimmt Hide und ich zucke zusammen. "Ist was?", "Ach... nein, es ist nur so, dass ich in meinem Leben nie Seil gesprungen bin. Also, ganz im Ernst. Ich... fand die immer albern, aber... jetzt bin ich willig, alles auszuprobieren, was ich noch nie angefasst habe.", lasse ich ihn so was von entschlossen wissen. "Alle Achtung, Kyo.", lobt er mich für meinen ernsthaften Enthusiasmus. Dass Entschlossenheit und Disziplin nicht mit Enthusiasmus vertauscht werden kann, ist mir scheißegal. Denn enthusiastisch bin ich tatsächlich auch noch. Ich freue mich richtig und bin motiviert. Es bricht zwar jegliche Naturgesetze, dass mich Hide zum Abnehmen überzeugen konnte, aber am Ende werde ich den wahren Grund meiner Motivation schon noch herausfinden. Da bin ich mir sicher.
Die Monate vergingen. Aus der Monatskette wurde dann schließlich fast ein Jahr und ich wurde zwanzig. Es war die beste und zugleich die schrecklichste Zeit meines Lebens. Ich hatte immer wieder Angst, mein Körper würde unter der regelmäßigen Schwerstarbeit einer Sportroutine zusammenbrechen, doch ich erinnerte mich oft genug an die unbekannte Motivation und vergaß mein altes Leben nahezu absolut, dass ich mich durchrang. Es war egal, wie sehr mir immer wieder alles wehtat, ich wollte nicht aufgeben. Ich freute mich beinahe auf den immer wiederkehrenden Schmerz und sagte mir selbst immer wieder, dass dieser es wert sei, wenn ich nicht mehr der sein wollte, der ich zu sein gewohnt war. Das schöne Mädchen sah ich ab und zu, jedoch nur, wenn Hide nicht da war. Ich kam in all der Zeit nie dazu, ihm von ihr zu erzählen. Unsere Begegnungen waren zu kurz und ich zu schüchtern, um über sie zu reden. Wir fragten einander nicht einmal, wie wir hießen. Ich verbiss es mir, sie fragte nie. Es war ein ungeschriebenes Gesetz. Und ehe ich mich versah, glaubte ich, mich in sie verliebt zu haben. Doch das war nebensächlich. Schließlich wusste ich, dass meine Gefühle einseitig waren und ich war vollkommen okay damit, wie es war. Nun, zurück zum Thema. Heute schrieben wir den 26. April 2017, ein Mittwoch. Heute Abend wollte ich die finalen Ergebnisse sehen und so auch Hide. Hide sagte mir, dass ich weiter zufrieden sei, wenn ich weiterhin ins Fitnessstudio ging und mich fit hielt. Ich war nicht mehr wie vorher. Absolut nicht. Dinge würden nie wieder sein wie vorher und nichts machte mich glücklicher. Und heute war ein weiterer Tag in dieser Zukunft, von der ich nicht im Traum hätte denken können, sie würde wahr werden.
"Naaa? Wie. Viel. Ist. Eeeeees?", fragt mich Hide enthusiastisch, als ich aus dem Bad komme. Er ist aufgeregter als ich es immer bin. "Ein... einundsechzig.", hat er hiermit seine Antwort und ihm klappt die Kinnlade runter. "Nein.", sagt er voller schockiertem Entzücken. "Doch!", grinse ich und erkenne die Abfolge von damals wieder. "Oh...", Hide kratzt sich den Nacken und lacht. "Ich bin echt beeindruckt, Kyo. Du hast zwar ziemlich schnell ziemlich viel Gewicht verloren, aber... alter Schwede, Kyo.", Hide lacht noch immer ungläubig. "Das hätte ich nicht ohne dich geschafft, Hide.", sage ich sanft, als ich seine Schulter erfasse. "Auch wahr.", kichert er leise. "Ich bin stolz auf dich, Kyo. Und du... solltest auch stolz auf dich sein!", lässt er mich mit erschreckender Lautstärke, als er wieder einfach so meine Männerbrüste zerquetscht. "Hide, wo greifst du schon wieder hin?! D-d-d-das ist sexuelle Belästigung!", merke ich völlig beschämt an. "Nicht wenn du ein Mann bist...", säuselt er schelmisch und reibt sein Kinn in meine Schulter, was es kein Stück besser macht. "Argh... Hide!", maule ich verzweifelt. "Ich will irgendwann noch heiraten!", Hide lacht wieder und lässt mich los. "Es macht Spaß, dich aus der Fassung zu bringen.", grinst er und verschwindet im Bad, aus dem ich eben gekommen bin. Morgen wird wieder ein langer Tag. Ob ich die Level-80-Magierin auch an morgigen Tag sehen werde? Ich habe keine Ahnung. Doch je mehr ich abgenommen habe, desto größer wurde auch mein Selbstbewusstsein und zudem auch noch mein Taktgefühl. Vielleicht reichen mein Selbstbewusstsein und Taktgefühl morgen in dem Ausmaß, um ihr episch zu sagen, was ich für sie empfinde. Was auch immer das sein mag.
"John Wick", denn mindestens genau so grausam komme ich mir vor
Heute ist einer der wenigen Ausnahmen, in denen ich früher wach bin als Hide. Zumindest höre ich nichts. Als ich aus dem Fenster schaue, liegt auf dem Fensterbrett ein toter Vogel. Wow, noch nie etwas Schöneres gesehen, nachdem ich aufgewacht bin. Wie bedauerlich, dass er nicht mehr lebt, nur weil er keine Glasscheiben von Luft und Atmosphäre unterscheiden kann. Es ist tragisch, an etwas, das man nicht hätte kommen sehen, zu verenden. Ich seufze. Als ich auf meinem Schreibtisch nach länglichen Utensilien suche und fündig werde, überkommt mich eine Welle kleiner Traurigkeit. Weil ich den Vogel mit einem beinahe völlig aufgebrauchten Stift vom Fensterbrett stoße, damit er auf der Erde verwest und nicht vor meinem Bett. Obwohl daran nichts verwerflich ist, einen toten Vogel zu schubsen, fühle ich mich dennoch ein bisschen fies, ihn einfach von seinem Sterbeplatz zu vertreiben, auch wenn mir nichts Besseres einfällt. "Weichei.", murmle ich zu mir selbst, als ich mich anziehe und für einen weiteren Tag vorbereite. Ruhe in Frieden, gefiederter Kumpel. "Guten Morgen, Kyo! Bereit die Klausur heute? Nein? Ich auch nicht!", begrüßt er mich enthusiastisch und ich kriege bei dem Wort Klausur einen Herzinfarkt. Die... was?! Hide sieht meinen entsetzten Blick und daraufhin lachen wir beide. "Wird... wird schon schiefgehen, sind ja voll schlau, wir beide.", keuche ich lachend. Hide schnaubt und gibt sich Mühe nicht wieder in Lachen auszubrechen, weil wir wissen, dass wir durchfallen werden. Wegen des Vogels bin ich nun ein bisschen weniger traurig, auch wenn ich mich dafür ein wenig hasse, so leichtfertig mit dem Leben einer Amsel umzugehen. Es lebe der Galgenhumor.
"Was hast du bei Aufgabe 13 raus?", frage ich etwas platt nach dem Horror. Endlich Pause. "Furchtbar. Aber nichts toppt diese eine scheiß Aufgabe auf der Rückseite!", findet Hide. "Die... was?", daraufhin herrscht kurz Stille, ehe wir uns wieder über uns selbst kaputtlachen. "K-keine Sorge, ich habe die Rückseite. Ich meine, komm schon, auf diesen Trick fällt doch echt keiner mehr rein!", entschärfe ich die Bombe, was uns aber nicht unbedingt das Lachen trübt. Die Aufgabe 13 war schrecklich, aber tatsächlich habe ich trotz allem mehr geschafft, als ich dachte. Die Magie der Level-80-Magierin scheint mich wohl so ein bisschen gerettet zu haben. "Da fällt mir ein, Kyo, ich muss mal eben noch aufs Klo. Wartest du hier?", unterbricht Hide keuchend unsere Kicherei, vermutlich, damit nichts rauskommt, was es nicht sollte. "Klar, ich warte still und artig auf den großartigen Hide, der schlau genug ist, einem Lachflash beizuwohnen, während er pissen muss.", lache ich, ehe Hide die Augen verdreht und abdüst. Und so bin ich, stehe wie der letzte Dödel da und warte auf den einzigen Freund, den ich habe. Die anderen, die während meiner Abnahme ebenfalls so etwas wie Kumpels wurden, fühlen sich ohne Hide irgendwie komisch zum Ansprechen an. Trotz allem kann ich nicht einfach auf Knopfdruck meine Schüchternheit überwinden. Selbst wenn ich könnte, sie sind ja nicht mal hier. Hin und wieder starren mich ein paar Leute beim Vorbeigehen an und gehen dann weiter ihre Wege. So ist das, seit ich mit dem Training mit Hide angefangen habe. Insgeheim bin ich bekannt als der Kerl, der von Woche zu Woche was abnahm und jetzt nicht mehr mit dem anderen Kerl zu vergleichen ist, der er eigentlich auch mal war. Lange Beschreibung, ich weiß. Ich rede viel mehr, seit ich mit Hide befreundet bin. Hide ist das alles zu verdanken. Er ist der Allergrößte. Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn tun würde. Deshalb versuche ich alles, um nicht aus seiner Schrägstrich meiner Wohnung zu fliegen, in dem ich als Kellner arbeite. Ich habe ein riesiges Stück weit mein Leben in den Griff bekommen. Mich sogar beim Vermieter, dem 'Wichser', entschuldigt, so grob zu ihm zu sein. Beste Freunde sind wir zwar immer noch nicht (vermutlich hasst er mich immer noch), aber ich denke mal, dass wir uns verbessert haben. Wie auch immer das passiert ist.
"Buh!", ich fahre zusammen und drehe mich um. Die Level-80-Magierin! "H-hi...", stammle ich und sie sieht mal wieder endlos heiß aus. "Was geht so?", fragt sie und blinkt mich mit ihren blauen Augen an. Was wohl Hide denken würde, wenn er sehen würde, wer da Schönes mit mir redet? Wie ich ihn kenne würde er sich tatsächlich eher für mich freuen, als dass er wegen seiner Ex neidisch wäre. "N-nicht viel... bei dir so?", will ich wissen und klinge piepsig. Verdammt. Was mache ich hier?! "Ach... nichts. Nur so... rumhängen...", gehen mir die Worte aus. "Nice.", bemerkt sie langgestreckt und zwinkert verführerisch. Dann fällt mir meine eigentliche Mission wieder ein. Dass ich dabei meine, Hides Schritte auf dem Weg zurück zu hören, hält mich nicht ab. Nein, ich werde mich nicht zurückhalten! "Du... ähm... Level-80-Ma-... Fuck, ich...", als sie mich verwundert ansieht, steigt mein Unbehagen ins Unermessliche. Ich schüttle den Kopf und beschließe, alles auf eine einzige Karte zu setzen. Der allerstärksten Yu-Gi-Oh-Karte in meinem Besitz. Ehe ich meinem Kopf benutzen kann, packe ich sie an den Schultern, ziehe sie an mich und küsse sie. Es fühlt sich an, als hätte ich sämtliche Dimensionen im Universum aufgerissen und wäre durch ein Wurmloch in eines hineingeflüchtet, in dem sogar für mich etwas erotische Energie vorhanden ist. Über diese Energie wird in Physik nicht geredet. Vermutlich, weil sie in den Augen der Physiker nicht existiert. Was nicht heißt, dass sie nicht existiert. Ich spüre sie und mir ist egal, dass ich mir diesen Begriff gerade ausgedacht habe, als ich die Level-80-Magierin sexuell belästigte. Doch wie jede Energie wandelt sich diese um und schneller als ich schauen kann, wird aus der erotischen Energie eine so langweilige und unscheinbare Wärme, die sich zugleich in meine Netzhaut einbrennt und mein Herz in einen Haufen Asche verwandelt. Hide. Ich habe sage und schreibe eine Sekunde die Augen geöffnet, um den Kuss vorsichtig zu beenden, da sehe ich ihn, fassungslos und verletzt, ohne, dass ich den Grund kenne. Dieser Blick reicht, dass ich an der Hitze der langweiligen Wärme aus dem Physikunterricht zugrunde gehe. "Yu... Yuki?! ... Kyo?!", stammelt er, als ich die Level-80-Magierin aka Yuki benommen vor Schock von mir schiebe. "Hide, es...", wieder bleiben mir die Worte im Hals stecken, als Hide sich umdreht, mir den Rücken kehrt und geht. Einfach so. Und ich bin ganz allein. Ich brauche keinen IQ im dreistelligen Bereich, um mir zusammenzureimen, was sich eben abgespielt hat. Ich, Taiyo Kyokei, habe den einzigen Freund, den ich je hatte, verloren, indem ich mit seiner Ex rumgeknutscht habe. Und es gibt keine Freundschaft, die so etwas überlebt.
"Casablanca", denn ich will dich nicht verlieren
Ich will gerade gehen, da greift Yuki meinen Arm und hält mich zurück. "Geh nicht! Bitte geh nicht! Ich will nicht, dass du... dass du und ich keine-", und dann habe ich es wieder getan. Wieder habe ich einem Mädchen eine Ohrfeige gegeben, die sich gewaschen hat. "Yuki. Es geht hier nicht im dich, sondern einzig und allein um Hide. Ich habe dich geliebt, zumindest glaube ich das. Auch jetzt will ich dich nicht verlieren. Aber wenn ich jetzt nicht gehe, dann kann ich weder mit dir noch mit Hide, dem einzigen Freund, den ich je hatte, vielleicht nie wieder befreundet sein. Er ist dein Ex, oder nicht? Sei auch du eine gute Ex und warte hier.", gebe ich ihr zu verstehen, mache mich von ihrem Griff los und sprinte los, wohin auch immer. Ich habe keine Ahnung, wohin mich meine Beine tragen. Erst ist mir alles egal, bis ich merke, dass Yuki mich verfolgt. "Yuki, was zur Hölle tust du da?!", schreie ich durch die Erschöpfung, die durch meine Verzweiflung früher eintritt, als wenn ich normalen Anlasses rennen würde. "Ich bin endlich verdammt noch mal ehrlich zu mir selbst! Ich habe das nicht gewollt, ob du glaubst oder nicht! Du kannst mich nicht aufhalten, egal, wie viele Gegenstände du in meinen Weg zu schmeißen versuchst!", keucht sie, als wir weiterrennen und Hide wieder in unser beider Blickfeld erscheint. Ich bin trotz allem nicht so schnell wie er und das will was heißen. Ich werde ihn nicht verlieren! Ich reiße völlig unlogisch noch eine Reservekraft aus meinem Innern, nur um mit letzten Kräften einen unmenschlichen Sprint hinzulegen und ihn zu Boden zu takeln. "H-Hide, es ist wirklich nicht so, wie es aussieht. Ich... ich habe nicht gewusst, dass du mit Yuki zusammen warst! Ich habe nicht gewusst, wer die eifersüchtige Kuh ist, von der du gesprochen hast. Ich würde dir nie wehtun wollen, Hide. Ich würde niemals mit der Ex eines Freundes rummachen wollen! Du musst mir glauben! Es stimmt, dass ich mich so ein bisschen in Yuki verliebt habe, a-aber... unsere Freundschaft ist mir wichtiger als eine Beziehung mit jemandem, den du mal geliebt hast... Bitte... bitte verzeih mir. Ich hätte dir von Anfang an von der Level-80-Magierin erzählen sollen.", schniefe ich mit zusammengekniffenen Augen und eine Träne scheint auf Hides Gesicht zu landen, als ich kurz darauf die Augen öffne und Hide mich immer noch fassungslos anstarrt. Dann lacht er schräg. Er lacht sich so was von schlapp, dass ich spüre, wie er am ganzen Körper zittert. "Level-80-Magierin! Besser kannst du Yuki wohl nicht beschreiben, was? Bessere Liebesgeschichte als Twilight!", kringelt er sich vor Lachen. Und ohne, dass ich es will, muss ich auch lachen, obwohl ich überhaupt nicht das Recht dazu habe. Einfach nur, weil Hides komische Lache so verdammt ansteckend ist. Yuki ringt hinter mir nach Luft und lacht als Einzige nicht. Sie zittert nur und sieht zu Boden. Unser beider Lachen verebbt, wir stehen auf und sehen sie an, ehe sie ihre Fassung nicht mehr wahren kann und in Tränen ausbricht. "Tut mir leid. Tut mir leid, Hide. Ich... ich wollte nicht wirklich mit dir Schluss machen. Ich hatte auch nicht wirklich vorgehabt, deinen besten Freund zu verführen, oder so. Aber... ich habe die Kontrolle verloren. Ich dachte, ich könnte dir so eins auswischen. Ich dachte, ich könnte so wirklich glücklich werden, weil... weil ich Pumuckl wirklich lieb gewonnen habe, aber... ich lag falsch. Ich... ich liebe niemanden mehr als dich, Hide. Aber es ist zu spät. Es tut mir leid, Hi-", ihr entschuldigendes Heulen wird durch Hides Umarmung erstickt. Erst jetzt bemerke ich, dass uns jeder anschaut. "Habt ihr alle nichts zu tun? Das hier ist kein Kino! Husch, husch, zieht Leine!", versuche ich, sie alle trocken abzuwimmeln. Dass da jeder auf mein Kommando den Raum verlässt, überrascht mich sehr. "Vielen Dank!", werfe ich zuckersüß hinterher, um nicht durch und durch unhöflich rüberzukommen. Dem aufgeregten Murmeln zu urteilen, wird mir das nicht übel genommen. Die Leute hier sind komisch. Na ja, egal. Hide und Yuki halten sich sehr lange einfach schweigend. Ich habe keine Ahnung wie lang. Dass die Pause vorbei ist, interessiert keinen von uns dreien. Auch ich wage nicht, mich zu bewegen. Keine Ahnung, vermutlich weil ich bei ihrer spektakulären Versöhnung dabei sein. Vielleicht bleibe ich nur zweitrangig hier stehen, weil mir gerade das Herz rausgerissen wurde. Dann lösen sie sich voneinander und sehen sich einfach nur an.
"Woher der Sinneswandel, Yuki?", will Hide wissen.
"Es gab keinen Wandel. Ich habe nie anders gefühlt, wenn ich denn ganz ehrlich bin.", meint sie.
"Lügnerin. Du hast mit zahllosen Typen rumgemacht und mir oft genug gesagt, was für ein Arsch ich bin.", hält Hide dagegen.
"Du bist ein Arsch. Ich will trotzdem immer bei dir sein. Mir egal, dass ich nicht einfach bin. Mir egal, wenn es damit endet, in der Friendzone zu landen. Das alles ist mir egal, wenn ich nur bei dir sein kann. Es ist ja keine andere da. Also, warum nicht ich?", fragt sich Yuki und grinst.
"Blöde Kuh. Du sagst doch nur, dass du nichts dagegen hast, in der Friendzone zu bleiben, solange ich keine andere Freundin habe. Das ist die größte Doppelmoral, die ich seit den amerikanischen Gründungsvätern.", disst Hide sie zerstörerisch und trotzdem mit einem liebevollen Lächeln.
"Vielleicht ist es das. Trotzdem. Hide ist Hide. Ich will Hide. Mir doch egal. Ich will wenigstens mit dir reden. Wie vor unserer Trennung.", erzählt sie ihm und sieht immer noch etwas traurig aus.
Irgendwann reicht es mir und ich unterbreche die beiden. "Argh, jetzt reicht es doch irgendwann mal! Ich verstehe das nicht! Okay, Hide, du magst Yuki anscheinend immer noch sehr. Und du, Yuki, hast dich doch nur an mich rangemacht, um den Hide zu vergessen, den du offensichtlich nicht vergessen kannst! Ihr seid doch ineinander verliebt, oder etwa nicht? Kommt wieder zusammen und so einen Scheiß. Macht rum! Egal was, hört auf um den heißen Brei zu reden, wie das kleine Mädche, das es mag, in der Bärennachbarschaft Hausfriedensbruch zu begehen!", raste ich aus vor Ungeduld und beide starren sie mich an, als wäre ich der Präsident von Absurdistan. "Also... gleich hier, gleich jetzt? Vor... dir?", stammelt Hide etwas befremdet. "Klar! Macht doch. Der Versöhnung halber. Ich hab nichts dagegen, jetzt macht schon. Irgendwie müssen wir ja quitt werden. Heute noch!", dränge ich sie harsch wie der beste Freund, den ich nun einmal bin. Hide und Yuki sehen sich zuerst etwas verwirrt an, dann lustvoll, nur um sich im nächstbesten Moment förmlich aufzufressen. Für die Location einer Mensa ist das ganz schön erotisch. Mein lieber Scholli, gehen die ran. Und dabei sehen sie noch nicht einmal albern aus. Okay, so ein bisschen, aber das ist denen doch egal. Oh mein Gott, Hide, wo um alles in der Welt sind deine Hände?! Yuki, wo in Gottes Namen greifst du da hin?! Das ist ja fast eklig! Aber ich kann nicht wegsehen, das ist ein echtes Dilemma... Schau her. Konzentrier dich, Taiyo, fühle genau das, was du Hide hast spüren lassen. Es ist nicht so, dass das mit dir und Yuki jemals realistisch war. Wenn du ganz ehrlich bist, hast du nicht einmal geschafft, dir vorzustellen, tatsächlich mit ihr in die Kiste zu steigen. Geschweige denn, aufrichtig daran zu glauben, das wäre etwas für die Ewigkeit! Schau genau her, das ist die beste Folter, die du jemals erleben wirst. Wow, ich bin sogar stark genug, nicht zu flennen. Vermutlich, weil ich mich für die beiden freue. Yuki kann ich trotz allem nicht wirklich böse sein. Ich meine, sie hat zwar versucht mit, mit mir zu spielen, aber sie ist kein schlechter Mensch. Sie ist lustig, intelligent und süß. Hide kann sich glücklich schätzen. Hide... "Okay, reicht auch wieder! Das hier ist immer noch eine scheiß Mensa. Auseinander, ihr zwei, bevor Yuki hier gleich noch schwanger wird!", unterbreche ich die beiden wieder einmal, woraufhin sie sich schwermütig trennen und etwas beschämt aussehen. "Ist ja gut, Anstandsdame.", lacht Yuki. "Sag mal, wie heißt du eigentlich?", will sie wissen. "Taiyo Kyokei. Du so?", Mann, fühlt es sich komisch an, das nach so einer langen Zeit zu fragen. "Yuki Tsuzuka. Und... Taiyocchi, ich... ich hoffe, du bist mir nicht allzu böse wegen Hide. Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen. Ich mag dich wirklich. Ich will nicht, dass wir aufhören, Freunde zu sein. Ich-", "Spar dir das, klar. Ich meine, einen weiteren Freund kann ich immer gebrauchen. Also... wer, wenn nicht du?", verzeihe ich ihr und sie strahlt. "Ist wirklich alles okay bei dir, Kyo? Waren wir eben nicht vielleicht doch etwas wild in deiner Gegenwart?", fragt Hide besorgt, als er Yuki langsam loslässt. "Mir geht es prima! Ehrlich! Ich freue mich, wenn meine zwei Freunde wieder Freunde sind!", jetzt strahlen sie beide und ich grinse. "Ich schätze, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, Leute!"
"Zurück in die Zukunft", denn urplötzlich ist es schon morgen
Mein gebrochenes Herz tut so gut wie gar nicht mehr weh. Das ist der vielleicht beste Donnerstag meines Lebens. Stattdessen freue ich mich einfach bloß. Es wirkt wie eine Droge, denke ich und schmunzle wie so oft in letzter Zeit. Ich drehe das Wasser ab und greife nach dem Handtuch, um mich abzutrocknen. Nachdem ich wieder komplett trocken bin, fällt mein Blick wieder auf meine Mütze. Mein Vater hat sie mir zum achtzehnten Geburtstag geschenkt. Seither gehört sie einfach immer zu mir. Ich bin die Sorte Mensch, die immer eine Mütze trägt, egal ob es regnet oder die Sonne ballert. Man gewöhnt sich irgendwann daran. Als ich mich angezogen mit einem Handtuch um den Nacken auf mein Bett fallen lasse und Hide nach mir im Bad verschwindet, klingelt fast schon exakt im selben Moment mein Handy. Das Opening von Pretty Cure Stars gibt mir in dem entspannten Zustand fast einen Herzinfarkt. Ich rapple mich auf, greife danach und kriege diesmal einen noch schlimmeren Nicht-Herzinfarkt, als das Profilbild meiner Mutter auf dem Screen erscheint. Feuchtfröhlich strahlt sie mich aus dem vergangenen Urlaubsfoto an, während mein Handy zu Tode vibriert. Widerwillig tippe ich das grüne Telefon rot und hebe auf, was für mich ist. "Hallo?", stammle ich etwas schüchtern, auch wenn es meine eigene Mutter ist. "Hallo, Taiyo. Wie geht es dir gerade?", will sie lieb wie immer wissen. "G-ganz gut, schätze ich... dir und Papa?", kommt es von meiner Seite. "Mhh... uns geht es auch gut, danke der Nachfrage. Ich hoffe, du bist nicht sauer, weil wir dich so lange nicht mehr angerufen haben. Weißt du, ich... ich habe mich etwas schwergetan, den Kontakt aufrechtzuerhalten, nachdem das mit Elvis passiert ist und du dich so distanziert hast, dass ich dachte, du... na ja... Es...", "Ist schon gut, ich... ich bin nie sauer auf euch gewesen. Ich habe mich wirklich distanziert, das hast du erkannt, aber... gibt es vielleicht einen Grund, wieso du mich angerufen hast, Mama?", in diesem Moment stockt ihr Atem, das höre ich. "Mama, alles gut? Das hört sich ja nicht so gesund an...", versuche ich, ihr eine Reaktion zu entlocken. "M-mir geht es immer noch gut! Also, Taiyo, du... vermisst du deinen Bruder sehr?", murmelt sie in den Apparat. "Es... lässt sich aushalten.", gebe ich ihr zögerlich zu verstehen. Ein bisschen verwirrend ist das alles hier ja schon. "Die Sache ist die, Elvis ist letzens entlassen worden. Kann wieder laufen und spricht sogar wieder ein bisschen. Aber ja... er hat gestern wieder einen Trigger gehabt, also, etwas einer plötzlichen Erinnerung, wogegen man nichts tun kann und in seinem Fall einfach schmerzhaft mitanzusehen ist. Ich denke, dass er noch immer darunter leidet, sich nicht erinnern zu können. Elvis hat gesagt, dass, wenn sich das alles in Windstillhausen abgespielt hat, er dorthin zurück muss, um sich zu erinnern. Und da wollte er wissen, ob es nicht möglich sei... dass er bei dir wohnen könnte.", jetzt bin ich es, dessen Atem stockt, aber so was von. Ach du heilige... Es ist eine Untertreibung, wenn ich sage, mir rutscht das Herz in die Hose. mein Herz befindet sich gerade in meiner rechten Socke und zerspringt fast. Aber warte mal, ich trage gar keine Socken... Es liegt bereits auf dem Teppich. "Taiyo, bist du noch dran?", vergewissert sich meine Mutter. "J-ja, ich... ich war nie weg. Ich... werde es mir überlegen, ehrlich. Ich... ich muss nur mal drüber nachdenken.", hauche ich ins Mikro und es herrscht Stille in der Leitung. "Verstehe, gute Nacht, Taiyo. Ich gehe schlafen, schlaf gut!", verabschiedet sie sich. "Gute Nacht, Mama.", sage auch ich, lege auf und falle waagerecht auf mein Bett. Wo bin ich da denn nur wieder hineingeraten? Ich kann Elvis nicht kommen lassen. Hide wohnt hier. Das ist seine Wohnung, nicht meine. Trotz allem, dass wir augenscheinlich gleichberechtigt hier zusammen leben... sind mir die Hände gebunden. Wieso also konnte ich nicht sofort ablehnen? Was ist nur los mit mir?
Als ich nachts nicht schlafen kann, verschlägt mich wieder etwas ins Wohnzimmer. Ich lasse den Blick schweifen und sehe mir alles an, als wäre ich zum ersten Mal hier. Ich will Elvis nichts abschlagen. Ich will aber auch nicht Hide aus seiner eigenen Wohnung werfen. Mann, was ein Dilemma. Immer noch ratlos trete ich auf den Balkon, in der Hoffnung, durch die kühle Nachtluft doch noch zu einem klugen Schluss zu kommen. "Hach, warum kann nicht alles einfacher sein?", murmle ich und sehe eine Sternschnuppe. Ein leichtes Lächeln entlockt es mir, als ob dieser runterfallende Fels tatsächlich eine Hilfe wäre. Ich seufze wieder und fahre mir überfordert durch die Haare. Was will ich eigentlich hier? Plöttlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. "Aaaaahhhh! Ein Überfall! Stranger Danger, Stranger Dan-", "Kyo! Ich bin es! Warum bist du überhaupt noch wach?!", fragt mich Hide, als ich mich umdrehe. "Hide?! Ah... Mann, hast du mich erschreckt. Das Gleiche könnte ich dich fragen. Warum bist du hier?", entgegne ich ihm. "Na ja, ich hatte so ein Gefühl, du würdest nochmal aufstehen. Ist was?", will er wissen. Durch das Mondlicht kann man bestimmt sehen, wie bedrückt ich gerade bin. "Sag ich nicht.", murmle ich etwas verschüchtert und wende den Blick ab. Dann spüre ich Hides kalte Hände auf meinen Wangen und seinen bierernsten Blick direkt auf mich gerichtet. "Smash.", sagt er, als bräuchte es nicht mehr, um mir zu verstehen zu geben, dass ich so leicht nicht davonkomme. Und genau so ist es. Ich könnte Nein sagen. Aber dieselbe Stimme, die meinen kleinen Bruder vermisst, hat mich dazu gebracht, die Herausforderung anzunehmen. Nur, damit ich Hide wenigstens sagen kann, was ich auf dem Herzen habe. Völlig abhängig davon, wie idiotisch das eigentlich ist.
"Willst du mich eigentlich komplett verarschen?", verstehe ich die Welt wieder einmal nicht, als Hide mich schon wieder geschlagen hat. Seit wann bin ich so scheiße und Hide so overpowert? Blöde Plotarmor, denke ich, während Hide sich ins Fäustchen lacht. "Willst du mir davon erzählen?", kontert Hide und drückt zweimal A. "Eine Wahl habe ich ja jetzt nicht mehr.", gebe ich mich geschlagen und tue es ihm gleich. Ich lege den Controller beiseite, sehe meinem Kumpel in die Augen, atme ein und sage schließlich: "Der kleine Bruder, den ich letztens erwähnt habe, ist vom Dach gefallen, hat sich alles gebrochen und sein Gedächtnis verloren, woraufhin meine Eltern umgezogen zu sein schienen, damit er sich woanders erholen kann und nicht zu sehr getriggert wird. Jetzt will er zurück in die alte Stadt, um sich zu erinnern und dreimal darfst du raten, wer als Einziger als Mitbewohner Schrägstrich Aufsichtsperson Schrägstrich mentale Unterstützung, was weiß ich, infrage kommt.", so schnell habe ich vielleicht noch nie einen Text heruntergerattert. Meine armen Lungen... Hide ist erstmal sprachlos und starrt mich an wie ein Auto. "Wow. Das... ist heftig.", flüstert er. "Allerdings.", flüstere auch ich. Dann schläft Hide die Faust auf die Handfläche, als wüsste er genau, wovon er gleich spricht. "Ich ziehe morgen aus.", entschließt er aus dem Blauen heraus und meine Kinnlade landet irgendwo in den Untiefen der Couchritze. "Du musst das nicht machen, Mann! Deinetwegen habe ich doch schließlich-", aber Hide lässt mich nicht ausreden. "Wenn der Bruder meines Kumpels, der 'nen Dachschaden hatte, herkommen will, dann soll er auch. Kyo, Junge, was glaubst du, wieso du dich letztendlich so krass angestrengt hast? Am Ende hast du es doch für ihn getan, oder? Deshalb gehe ich. Wir sehen uns noch in der Uni und ursprünglich ist es doch auch deine Wohnung, oder? Jetzt sei ein Mann und sag ihm, dass ein Platz frei ist, dann schmeißen wir eine Party für ihn und lassen uns volllaufen. Was meinst du, klingt doch supi!", der Kerl ist viel zu optimistisch. Wie kann das irgendjemand mit sich machen lassen? Das ist sein Zimmer. Seine Wohnung. Sein... Alles. "Das ist nicht der Punkt. Wie kann irgendjemand damit leben, sich aus der eigenen Wohnung werfen zu lassen? Das ist doch total blöd! Wieso solltest du dich so aufopfern für jemanden wie-", aber die Worte bleiben mir im Hals stecken. Hide umarmt mich. "Weil du mein Freund bist.", fällt er mir ins Wort. "Deinetwegen habe ich Spaß wie noch nie in meinem Leben. Ich habe sogar meine Freundin zurück. Deinetwegen hat Sport sogar noch ein bisschen mehr Spaß gemacht als ohnehin schon. Ich ziehe halt zu Yuki, das geht schon klar. Ich habe so oder so drüber nachgedacht, als ich wieder mit ihr zusammengekommen bin. Es wird schon alles gut werden, Kumpel.", höre ich ihn auf mich einreden und spüre den riesigen Kloß in meinem Hals. "H-hide... Du bist zu toll für diese Welt!", schluchze ich und erwidere die Umarmung mit allem, was ich habe. "Schon gut, mein Freund. Du hast deine eigene Motivation gefunden. Du kannst Frieden schließen. Ich bin stolz auf dich.", murmelt er und streichelt meine Haare. Als er sich wieder von mir löst, meint er: "Du, ich gehe dann mal pennen. Morgen wird schließlich ein anstrengender Tag.". Wenig später bin ich ebenfalls wieder in meinem Zimmer, zücke mein Handy und wähle den Chat mit meiner Mutter. Schneller als ich schreiben kann, denke ich mir bereits meine Nachricht. "Es geht. Elvis kann Samstag herkommen. Sag ihm, es ist ein Platz frei.", und dann bin ich eigentlich auch schon eingepennt vor Ruhe. Und als ich am nächsten Tag, dem Freitag vor diesem Zusammentreffen mit meinem Bruder, Hide beim Umzug zu Yuki helfe, denke ich immer wieder daran zurück, welche Hintergrundmusik ich für die Party laufenlassen sollte. Unsere Geschmäcker sind ziemlich verschieden, doch eins verbindet uns zwei selbst nach einer solchen Tragödie wie der hier: Digimon. Der Song, an den ich gerade denke, ist kein Geringerer als "I wish".