Morgentau
Am frühen Morgen…
Tobirama lauschte dem Plätschern im Teich, als ein Frosch im Schilf quakte und in das Wasser sprang. Viele Tropfen flogen einen Bogen um die Quelle des Geräusches und vereinten sich dann wieder mit ihrem Element. Frei von negativen Gedanken öffnete er die Augen. Im Schneidersitz saß er vor dem Teich, um in Ruhe zu meditieren. Sein Interesse galt dem warmen Morgenlicht, dass beinahe sanft wie eine Feder seine Haut streichelte. Nachdenklich blickte Tobirama zu seinem schwammigen Spiegelbild. Besonders traten die drei Striche in seinem Gesicht hervor, an der rechten und linken Wange sowie am Kinn. Gleich nach dem Aufstehen malte er sie geflissentlich jeden Tag auf.
Binnen Augenblicken verstummte alles um ihn herum. Er schloss die Augen, streckte seinen Rücken aufrecht und hörte dem Gras im Flüstern des Windes zu. Der Morgentau glitzerte auf der grünen Fläche. Zugleich duftete es nach kühlem Sommermorgen. Für Tobiramas Mediation herrschten die optimalen Bedingungen. Gelassen holte er Luft durch die Nase und ließ den Atem durch den Mund ins Freie passieren. Dabei folgte sein Brustkorb seinen Atemzügen, hob und senkte sich. Tagtäglich vor dem Training suchte und hielt er sein Gleichgewicht, indem er sein Chakra präzise auflud und mit seinen Gedanken ins Reine kam.
„Otouto?“, rief eine vertraute Stimme aus der Ferne. Es brummte am Ufer, das abseits des Lagers zwischen Waldrand und der Blumenwiese lag. Leicht beugte sich Tobirama nach vorne und drückte die Beine fester gegen den Erdboden. Wellen schlugen über die Wasseroberfläche und störten den stillen Fluss des Wassers. Erneut bewegten sich die Augenlider des Ninjas, während rote Iriden das Farbespiel auf dem Teichwasser beobachten. Entweder schimmerte es silbrig-blau oder golden. „Otouto?“, näherte sich die Stimme Hashiramas. „Otouto! Da hast du dich versteckt.“ Beim Gehen raschelten die Gräser und seines Bruders Schmunzeln war zu hören. „Störe meine Kreise nicht, Nii-San“, sagte Tobirama. Nach dem Satz fing Hashirama an, Hals über Kopf zu lachen. Seine Schritte führten ihn direkt hinter seinen jüngeren Bruder. Der Morgentau und die Grashalme gaben leise Laut unter seinen Füßen, durchbrachen die Stille von zuvor. Tobiramas Nackenhaare sträubten sich. „Keine herzliche Begrüßung?“, fragte Hashirama. Tobirama seufzte und schaute zu seiner Linken. Sogleich folgte Hashirama diesem Beispiel und nahm neben seinem Bruder Platz. Auf den Lippen trug er ein Lächeln. Auch er genoss das Sonnenlicht auf der Haut und fühlte den Morgentau an der Handfläche.
Ein „Guten Morgen“ verließ Tobiramas Lippen, kurz und knapp, doch für sein älteren Bruder reichte es völlig aus. „Das wünsche ich dir auch“, erwiderte dieser und klang schwermütig. „Vater verlangt nach dir. Bis zum Mittag muss ich wohl oder übel allein trainieren.“ Enttäuschung schmälerte das Lächeln des Ninjas. Tobirama verstand genau, was das bedeutete. Zu gut kannte er jede Geste, jede kleinste Veränderung der Mimik des zukünftigen Oberhauptes. Seit Jahren schleppte er die Schuld mit sich herum, damals Itama und Kawarama nicht beschützt zu haben. Jetzt hatte er nur noch ihn und mochte es, viel Zeit mit ihm zu verbringen. Tobirama fühlte im Verborgenen mit ihm.
Ohne ein weiteres Wort stand Tobirama auf. Verwundert blinzelte Hashirama und legte den Kopf schief. Getragen vom Wind glitten Blätter an ihnen vorbei zu Boden. „Starr keine Löcher in die Luft!“, kam es von Tobirama und er warf einen Kieselstein über den Teich. „Komm schon. Auf dem Grab unserer Brüder wächst sonst Unkraut.“ Sein Blick traf Hashirama, der rasch nickte und aufstand. „Dann beeilen wir uns.“ Die Brüder kehrten dem Teich den Rücken zu. Blätter fielen herab, landeten auf dem Wasser. Libellen erhoben sich aus ihrem Versteck, schwirrten durch die Luft und tanzten elegant über den Teich. Zuletzt ertönte Kinderlachen.
Waldgeflüster
Nachmittag…
Die Sonne brannte heiß herab, der Himmel war blau und klar. Wie ein göttlicher Segen berührte das Licht die Erde und küsste den Wald, in dessen Herzen Vögel im Schutz der Baumkronen ihre Lieder sangen. Überall summten Insekten, die sich im Unterholz versteckten und dem Duft der Blumen folgten. Durch die Erde krochen Wurzeln und Würmer, Käfer versteckten sich im Gras, das frisch nach Kräutern roch. Wenn der Wind wehte, seufzte das Gras, weil die Stängel aneinanderrieben und in einer Sprache flüsterten, die einem die Seele reinigen konnte. Hin und wieder hörte man ein Bächlein in der Nähe murmeln. Ein wahres Idyll. Süß und lieblich dufteten die Wildrosen. Die Pflanzen wuchsen zu einem dichten Busch aus zackigen, dunkelgrünen Blättern und schiefen Stängeln, besehen mit Stacheln, heran. Zwischen dem Blätterwerk sprossen Knospen, noch jung und weich, doch bald bereit, in bunter Farbpracht zu erblühen.
Tobirama Senju, der zweite Sohn von Butsuma Senju, beobachtete still, wie Hashirama Senju eine Knospe behutsam in Augenschein nahm. Hauptsächlich konnte er darüber den Kopf schütteln. Sie hatten vor, im Innern des Waldes zu trainieren, doch stattdessen gingen sie spazieren und just in diesem Moment schien Hashirama sich in einen Busch zu verlieben. „Nii-san, steck deine Nase nicht überall hinein“, blaffte er seinen Bruder an. „Ansonsten stirbst du an einem Spinnenbiss.“ Sein Humor war trocken und ernst. Sogleich schaute Hashirama ihn an, wurde blass um die Nase und sah dann nur grimmig zurück. Im Zweifelsfall konnte es hier und jetzt passieren. „Jetzt mal nicht gleich alles Schwarz “, murmelte Hashirama und neigte den Kopf erneut zu der rosigen Knospe. Die Gedanken von Hashirama glichen einem Buch mit Gedichten über Frieden und Natur. Er hatte ein sanftes sowie starkes Gemüt. Dennoch sah er aus den Augenwinkeln, wie sein jüngerer Bruder mit den Augen rollte. Anders drückte Tobirama seine Gefühle selten aus, doch auch so war seine Meinung ziemlich klar. Als zweiter Sohn des Anführers übernahm er die Pflicht, seinem Clan Stolz und Ehre zu bringen, auch wenn sein älterer Bruder mehr an Liebe als Kampflust in Kriegszeiten dachte.
„Was ist mit dem Training?“, wechselte Tobirama das Thema und kam gleich zur Sache. Entspannt lehnte er sich gegen einen Baumstamm und winkelte das Bein an. Das lange, braune Haare schwang im Wind, als Hashirama sich umdrehte und ihn unschuldig angrinste. „Davon habe ich kein Wort erwähnt, Otouto“, lachte er mit einer Heiterkeit, dass klar war, dass er sich keiner Schuld bewusst war.
Hashirama stand in einem fahlen Lichtkegel, der durch das Blätterdach gedrungen war und seine Aura mit Wärme einhüllte. Seiner Meinung nach spielte Hashirama mit dem Feuer. Gefährlich zuckte seine linke Augenbraue, dann runzelte er fassungslos die Stirn. „Du hast…“, setzte Tobirama an. Dann machte bei ihm Klick. "Kommst du mit zum Trainingsplatz?", erinnerte er sich an Hashiramas Frage, als er mit seinem Vater über neue Strategien diskutiert hatte. Mit einem tadellosen Lächeln auf den Lippen schmunzelte Hashirama ihn an. „Ich habe was?“ Den erzürnten Blick Tobiramas ignorierte er und hob einfach die Hände. Auf frischer Tat ertappt, massierte Tobirama sich den Nasenrücken und atmete tief durch. Anschließend richtete er seine Augen auf den Mann, der sich wohl mal wieder ein Späßchen unter Brüdern erlaubt hatte. „Raus mit der Sprache. Was ist dein Anliegen?“, fragte er barsch und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Haltung blieb zugleich ruhig und wachsam, doch seine Mimik lockerte sich und ein wohlwollender Ausdruck trat in seine Augen. Er wollte endlich wissen, welche Absichten Hashirama verfolgte. Ihm jetzt an die Kehle zu packen, wäre unvernünftig, daher spitze er die Ohren und sah seinem Bruder direkt in die Augen. Lange musste er nicht warten.
„Ich wollte dir", räusperte Hashirama zaudernd, „ein Geheimnis anvertrauen.“ Schweigsam blinzelte Tobirama, erkannte das Leuchten in den schwarzen, milden Augen seines Bruders, die mehr Licht als Dunkelheit sandten. Gleichwohl hielt er die Anspannung in Körper und Geist aufrecht. „Ich höre dir zu.“ Erleichterung durchflutete Hashirama, als er bewusst durchatmete. Tobirama seufzte, nun ahnend, was folgen würde. Er hatte es gewusst. Eine Last lag auf dem Herzen seines Bruders, über die dieser nicht mit Vater reden konnte. Selbstverständlich war er neugierig, aber er hängte es nicht an die große Glocke. Es war an seinem Bruder, zu entscheiden, wann er bereit war, sich jemanden anzuvertrauen. Aus Dankbarkeit nickte Hashirama. Dasselbe tat Tobirama aus Respekt ebenfalls, dann spannte er den Rücken an, knickte die Arme ein und klatschte in die Hände. „Mokuton“, rief er. Plötzlich hörte sich seine Stimme tief an und seine schwarzen Iriden waren keineswegs mehr so weich wie Nebel, sondern vielmehr hart wie Stahl. Unter den Sandalen der Brüder schwankte die Erde und kleine Steine tanzten ob des Bebens. Tobirama sprang auf und formte die Lippen zu einem stillen „Was?“. Triebe und Wurzeln aus Holz erblickten das Licht der Welt, ragten geschätzt dreißig Meter in die Höhe, wollten nach der Sonne am Himmel greifen. Vögel flogen davon, kreischten in der Ferne, sich über den Lärm beschwerend. Im ersten Moment versperrte eine Staubwolke die Sicht auf das Holzwerk, bis ein Luftzug durch den Wald blies und den Nebel aus Dreck auflöste.
Stille legte sich über den Wald. Tobirama staunte, wenngleich er es zu verbergen wusste. Im Schatten des Holzgiganten verlor er den Anblick des Himmels. Riesengroße Laubblätter hingen am Hauptstamm und die Adern im pflanzlichen Gewebe fielen besonders auf, als das Sonnenlicht hindurchflutete. Strahlendes Goldgelb verschmolz mit Frühlingsgrün. „Du hast ein neues Jutsu kreiert?“, stellte Tobirama fest, dann fuhr er mit den Fingern über das Holz und änderte seine Aussage. „Nein! Du hast ein elementbasiertes Kekkei Genkai erschaffen.“ Durch seine ausgeprägten Kanchi-Fähigkeiten konnte Tobirama die Elemente Suiton und Dutton wahrnehmen. Eingeschlossen war Hashiramas Mokuton anders als die Jutsus, die er kannte und selbst anwendete.
Beiläufig zuckten seine Mundwickel bewundernd, auch wenn es für ein Lächeln nicht reichte. „Seit wann beherrschst du das Mokuton, Nii-San?“ Für den Senju-Clan war es eine Saat des Segens. Tobirama schnaubte leise. Wie lange sein Bruder dieses Geheimnis wohl schon wahrte? Eine Welle der Intensität störte sein Chakrafluss, als er erlebte, dass die fundamentale Energie seines Bruders, wahrscheinlich aufgrund einer drohenden Gefahr, pulsierte und in hoher Geschwindigkeit durch den Körper sprudelte. Flink zog er ein Kunai aus seinem Ärmel. Das Unerwartete zwang ihn, schnell einzugreifen, jedoch hatte ihm eine Sache keine Ruhe gelassen. Von Nah oder Fern spürte er kein fremdes Chakra. Innerhalb von Sekunden befand er sich nur noch drei Meter von Hashirama entfernt. Das Kunai in seiner Hand glänzte, als ein Sonnenstrahl die Klinge traf.
„Das ist mir jetzt peinlich nach meinem epischen Auftritt“, sagte Hashirama beschämt und lachte los. „Ich hänge wortwörtlich im Schlamassel.“ Tobirama legte die Stirn in Falten. Sein starrer Blick ruhte auf dem Bild, das sein Bruder bot. Stacheln und Zweige hatten, sich in Hashiaramas Haarspitzen verfangen. Wie er das geschafft hatte, konnte sich Tobirama nicht erklären. „Halt still“, seufzte er und schritt nah an Hashiramas Seite heran.
Aus dem Augenwinkel erkannte er, wie der jüngere Bruder das Kunai so fest im Griff hatte, dass ihm ein Verdacht kam. „Warte, hast du vor…?“, befürchtete er und verstummte. „Halt still!“, drückte sich Tobirama klarer aus. „Oder willst du den Kopf verlieren?“ Der Tonfall war nüchtern und scharf, sodass Hashirama den Kopf sinken ließ. „Nein“, gab er widerwillig zurück. Wieder klagte Tobirama im Stillen darüber, wie sein älterer Bruder zugleich einfach genial und selten dämlich sein konnte. Mit einem sauberen Schnitt befreite er ihn aus den Fängen der Wildrosen, ehe der Wind die Haare davonpustete. „Langes Haar ist unpraktisch im Kampf“, meinte Tobirama, entfernte eine Haarsträhne von der Kunaispitze und belehrte seinen Bruder mit ernstem Blick und einem Schnauben. Zum zweiten Mal ließ dieser den Kopf hängen und ein dunkler Schatten kennzeichnete seine Niedergeschlagenheit. „Ich weiß, dass ich unnütz sein kann, Otouto“, faselte Hashirama vor sich hin, guckte dann den Jüngeren bedrückt an. „Muss du es mir wiederholt unter die Nase reiben?“ Ja. Davon war Tobirama unerschütterlich überzeugt. So lange wie nötig, musste er seinen älteren Bruder erziehen, bis der aus seinen Fehlern lernte. Er verbarg das Kunai wieder in seinem Ärmel und fuhr sich mit den Fingern durch das weiße Haar. „Deine eigene Schuld, Nii-San“, rechtfertigte er sich. Idiot, rief sein Geist. Die Gräser und Blätter stimmten ihm raschelnd zu.
Mit einer Hand rieb er sich den Nacken, fühlte die Anspannung in Hals und Schultern, dann ließ er ein leises Lachen hören. „Wir können trainieren, oder?“, bot Hashirama an. „Du möchtest doch wissen, woher und wie lange ich das Mokuton kann.“ Für einen kurzen Moment dachte Tobirama darüber nach und zuckte dann mit den Schultern. "Meinetwegen.“ Jetzt lockerte sich auch Hashiramas Körperhaltung und er strahlte über das ganze Gesicht. Ohne ein weiteres Wort ging Tobirama voraus. Nüsse und dünne Äste knackten unter seinen Sandalen. „Warte auf mich, Tobirama“, bat sein älterer Bruder.
Dazu gab Tobirama keinen Kommentar ab. In seinen Ohren hörte er nur das Vogelgezwitscher und den Wind, die dem Wald Leben einhauchten. Für das Training brauchte er eine Strategie. Gegen Hashiramas Mokuton konnte er auf einige Probleme stoßen - nicht nur das, seinen Bruder vor Ärger zu bewahren. Kampfgeist blitzte in seinen Augen auf. Wenn er stärker wurde, dachte er und bemerkte Hashiramas Pusten neben sich, dann durfte auch er nicht stehen bleiben. Als jüngerer Bruder hatte er die Pflicht, seinen älteren Bruder zu unterstützen. Er musste die Pflicht keineswegs erfüllen, aber er wollte es aus eigenem, freiem Willen.
Flammenglut
Abenddämmerung…
Unter dem amaranteren Himmel tanzten die Flammen des Lagers wild umher und flüsterten ihr unheilvolles Ritual, auf dass die Seelen der Menschen bis in die Ewigkeit verflucht würden. Die Glut sprang durch die Lüfte und schwarzer Rauch stieg auf. Um die Feuerstelle versammelte sich der Senju-Clan, dessen Mitglieder die Arme mit den Sake-Schälchen in den Händen emporstreckten. Gelächter und Gespräche überfluteten den Platz. Tobirama schluckte die Flüssigkeit herunter, kostete das brennende Gefühl in der Kehle in vollen Zügen aus. Zu seiner Rechten saß Hashirama. Dessen Blick war am Feuer hängen geblieben. „Dein Sake, Nii-San“, holte er ihn aus den Tagträumen heraus. Ein Zucken durchfuhr Hashiramas Körper und er blinzelte eine Träne weg. Das Licht des Feuers brannte in seinen Augen. Er hob er das Kinn und schaute zu Tobirama. Mit einem Nicken zeigte er auf das volle Schälchen mit Sake darin. „Trink es aus. Vater beobachtet dich.“ Diesmal nickte Hashirama und leerte das Schälchen auf Anhieb. Seit einer halben Minute bohrte sich der Blick seines Vaters förmlich in seine Seele. „Er wird sich niemals ändern“, äußerte sich Hashirama.
Tobirama hörte die Bitterkeit in der Stimme. Selten empfand sein Bruder das Gefühl der Wut, doch Hashirama hatte Recht. Das Clanoberhaupt blieb seinen Prinzipien und Traditionen treu. Seit dem Kindesalter konnte Hashirama keine Empathie dafür finden. „Wir sind in Kriegszeiten geboren und aufgewachsen“, erklärte Tobirama. „Genau wie Vater.“ Damit der Clan erhalten bleiben konnte, standen die eigenen Prioritäten oft an letzter Stelle. Butsuma lehrte sie diese Lektion schon seit der ersten Anwendung von Chakra. Shinobis in Kriegen waren Krieger, keine Menschen in friedlichen Zeiten. Tobirama stimmte seinem Vater zu, aber die Ninjas sehnten sich genauso nach Sicherheit und Harmonie. Er schnalzte mit der Zunge.
Vor den Flammen füllte Hashirama sein Schälchen erneut mit Sake und trank es zügig aus. „Das weiß ich, Tobirama“, fing er mit dem Beschuldigen an. „Aber…er besuchte nicht ein einziges Mal die Gräber von Itama und Kawarama.“ Tobirama reckte das Kinn nach vorne und drehte den Hals Seite. Sein Blick visierte Hashirama an, der wiederum die Flammen mit einem trostlosen Lächeln musterte. „Weil ich ihn darum gebeten habe“, verriet er ungebeugt, selbst als er von seinem Bruder ein entrüstetes „Was?“ erhaschte. Pures Entsetzen zeichnete seine Miene, dann siegte Betroffenheit, die von tiefem Schmerz zeugte.
Grabesstille. Keiner von den Brüdern sagte ein Wort, beide warteten auf die Reaktion des anderen. Leise knisterten die Flammen und das Holz knarzte beim Zerfall. Nach ausgiebigem Zögern gewann Hashirama die Stimme zurück. „Warum, Otouto?“ Tobirama bewegte die Augenbrauen auf den Nasenansatz zu. Eigentlich müsste er verstehen, weshalb er so handelte. Nachdenklich stellte er das Sake-Schälchen ab. „Bei jedem Besuch hast du Tränen vergossen“, antwortete er ruhig. „Was denkst du, wie Vater reagiert hätte?“ Damals, während Kawaramas Beerdigung, hatte er seinen Bruder vor Vaters Schlägen beschützt und das tat er noch bis heute. Beinahe musste Tobirama über Hashiramas verdutzte Reaktion und seine erstaunten Gesichtszüge die Mundwickel heben, hatte es aber gelassen. „Davon wusste ich nichts. Wieso…?“, suchte er nach den richtigen Worten. Wie Vater, würde sich auch sein Bruder niemals ändern, das war schon fast unmöglich. Ständig maßregelte und beschimpfte er den Älteren. Bald jeodch führte Hashirama den Clan an. Dafür musste er vorbereitet sein. Tobirama hielt Hashirama nicht für einen unfähigen Shinobi, doch mit seiner naiven Lebenseinstellung könnte er sich mehr Feinde als Verbündete machen. Daran biss sich Tobirama ordentlich die Zähne aus.
„Ich tat es nicht für dich, vielmehr für den Frieden zwischen dir und Vater.“ Mit dieser Begründung wandte er sich von Hashirama ab, der ihn blinzelnd anstarrte und höchstwahrscheinlich über die Worte nachdachte. Seinen Gesichtsausdruck erblickte Tobirama nicht. Seine Augen ruhten in der Ferne. Inzwischen verschmolz die Abendröte mit der Schwärze der Nacht und der Horizont glich einer dunkelroten Prellung, die ob trocknen Blutes schwarz wurde. Asche und Alkohol hingen in der Luft, sodass er die Naseflügel blähte.
Das Fest wurde zur Ehre Hashiramas gefeiert, nachdem ihr Vater und die Clanmitglieder von dem Mokuton gehört hatten. Jeder Senju amüsierte sich. Röte und Hitze stiegen in den Gesichtern auf. Sake-Flaschen stapelten sich, nachdem sie geleert worden waren. Von Hashirama kam ein schweres Seufzen. Er schien als einziger keine Freude an den Festlichkeiten zu finden. Tobirama lockerte die Schultern und guckte seinen großen Bruder an. „Willst du nicht zu deinem Erfolg eine Rede halten?“, schlug Tobirama vor, als Hashiramas Lippen den Rand des Schälchens berührten und dieser einen Schluck Sake nahm, diesen dann aber hustend wieder ausspuckte. Angewidert verzog Tobirama das Gesicht und legte seine Stirn in Falten. Das war ungünstig. „Vergiss keinesfalls deine Manieren, Nii-San“, fügte er hinzu. Doch auch jetzt zeigte Hashirama kein bisschen Enthusiasmus und schlug ihm nur gegen die Schulter. „Danke für deine Unterstützung.“ Der Satz hatte keine Bedeutung, dass wusste Tobirama bestens. Aus Hashiramas Sicht sollte das Mokuton nicht als Kriegswaffe dienen, sondern die Schönheit und Harmonie der Natur aufzeigen. Zwar konnte Tobirama die Sehnsucht seines Bruders nach Frieden nicht verstehen, dennoch war er überzeugt, dass er ihn niemals im Stich lassen würde. Er war es seinen jüngeren Brüdern schuldig.
Leben vergeht. Leben entsteht, fand er im frühen Alter heraus, als Menschen beerdigt wurden und Menschen das Licht der Welt er blickten. Auch ihre Mutter verstarb in einer Nacht, um Itama das Leben zu schenken. Im Krieg verlief es nicht anders. Shinobis riskierten Ehre und Leben für das Wohlergehen des Clans. Der Sieg kostete Leben. Die Niederlage bedeutete der sichere Tod. Es war ein Kreislauf, der vermutlich nie das Ende erreichte. Versonnen musterte er das Feuer, das voller Leben steckte und ohne Nahrung kein Licht und keine Wärme in der Dunkelheit ausstrahlen konnte. Alles hatte seinen Tribut, dafür musste man kämpfen.
Ein Knacken ertönte. Tobirama senkte den Blick auf die Feuerstelle. Flammen verzehrten die Holzblöcke und fielen Stück für Stück auseinander, bis der Rohstoff durch die Hitze zu Asche pulverisiert wurde. Gelbliche Farbtöne tanzten in seinen roten Iriden. Alles hat seinen Preis, schlussfolgerte er. Daran bestand kein Zweifel. Ebenfalls als Krieger und Shinobi durchschaute er die Bedeutung des Krieges. Die Welt war brutal. Der Tod ist ein Tribut für das Leben; dachte er über den Kreislauf weiter nach. Wie das Leben eines Tages mit dem Tod enden wird. Ihm war, als stimme das Feuer ihm knisternd zu, welches unter den Sternen loderte.
„An was denkst du, Otouto?“, unterbrach Hashirama seines Bruders Gedanken mit Neugier in der Stimme. Lange brauchte sein älterer Bruder nicht, ihn erneut in ein Gespräch zu verwickeln. „Sag ich nicht, Nii-San.“ Den Blick auf das Feuer gerichtet, lauschte er dessen Flüstern. Hashirama hatte andere Gedanken, wenn es um die Welt ging. Kein Wunder, dass sie sich häufiger in Diskussionen verstrickten, als ihnen lieb war. Von Hashirama kam ein Grummeln. „Hast du mehr Geheimnisse vor mir?“ Tobirama nickte und er konnte sich sehr gut vorstellen, welcher Schrecken auf dem sanften Gesicht lag. Diese Reaktion musste sich Hashirama ganz abgewöhnen. Sie machte ihn durchschaubar.
Das Schälchen in seiner Hand füllte er mit Sake auf und schaute hinein zu seinem Spiegelbild, bevor er den Reiswein austrank. „Eine Frage habe ich an dich“, meinte er unvermittelt und wandte sich vom Feuerlager ab. „Bist du zu allem bereit, um den Krieg zu beenden?“ In diesem Augenblick starrte Hashirama ihn verdutzt an, dann lächelte er mit Gleichmut. Tobirama hob eine Braue. Gleich spräche Hashiramas weiches Herz. „Es gibt keinen Frieden für die Furchtsamen und Uneinigen“, philosophierte er seine Einstellung anschaulich. „Der Friede muss fundiert werden, er kommt nicht von selbst.“ Dann grinste er zufrieden.
Nun runzelte Tobirama die Stirn und Falten legten sich über seine Nasenwurzel. Er hatte keine Ahnung, welches Buch sein Bruder verschluckt hatte, aber er teilte diese Einstellung. Natürlich fiel es ihm nicht so leicht, es in Worte zu fassen, während Hashirama schnell blumige Ausdrücke fand. Also nickte er seinem Bruder nur ausdruckslos zu. Wahrscheinlich kapierte der Ältere endlich, wie ein Senju am besten gegen den Krieg vorging. Es war immerhin ein Anfang. Jetzt kamen sie voran und der entscheidende Moment rückte stets näher. Ob Hashirama seine Sicht dazu kannte und verstehen würde? Er musste es wohl herausfinden. „Ich habe den Mut zu sterben“, betonte Tobirama mit Nachdruck. „Wenn ich damit den Frieden sichern kann.“ Unverblümt und durchdacht formte er die zwei Sätze, ohne mit der Wimper zu zucken. Diese Entscheidung erschütterte Hashirama bis auf die Knochen und er riss entsetzt die Augen auf. Das kümmerte Tobirama nicht. Früher oder später musste sein Bruder sich damit auseinandersetzen, ob er wollte oder nicht. Jedes Leben kam und ging. „Ich frage dich aber: Hast du den Mut zu leben?“, fuhr er nüchtern fort. „Falls mein Leben vor deinem eigenen erlischt?“ Vor dem Tod fürchtete er sich nicht, aber er sorgte sich um die Zukunft. Im Krieg war die Zukunft niemals sicher, außer die Verluste und Ängste aus der Vergangenheit.
Wie aus dem Nichts wehte ein Wind über die Feuerstelle. Zwischen den Brüdern wirbelte die Glut durch die Luft und stieg hinauf zum Himmel. Die Brüder starrten sich an, keiner sagte ein Wort. Anhand der Stille konnte Tobirama verstehen, dass Hashirama diese Botschaft erstmal verdauen musste. Familie und Frieden bedeuteten ihm einfach alles, obwohl es vielmehr im Leben gab und geben wird. „Warum sagst du das?“ Tobirama sah auf und wurde von flammenden Augen gemustert. „Antworte mir, Otouto.“ Der Ernst der Lage forderte Hashiramas dazu auf, ihn eine Gegenfrage zu stellen. Wegen dieser Frage stand nicht die Furcht in seinem Herzen, vielmehr fürchtete er die Wahrheit dahinter, die wahrscheinlich eines Tages passieren würde. „Ist das nicht erkennbar?“, drehte Tobirama den Spieß um. Ein tiefes Murren stieß der ältere Bruder aus und im Nachhinein rieb er sich am Nacken. Seine Reaktion war verständlich, aber Tobirama wollte eine klare Antwort haben. „Ich werde das verhindern“, beteuerte Hashirama sein Versprechen mit fester Stimme. „Du hast mein Wort.“
Ich habe dein Wort, resümierte Tobirama den Eid seines Bruders. Mit der Antwort war er zur Hälfte zufrieden, aber der Gedanke nahm ein jähes Ende, als jemand laut durch die feiernde Menge brüllte. „Butsuma-sama, es wurden Feinde in der Nähe unseres Waldes gesichtet.“ Das Jubeln verstummte, die Stimmung verging. Niemand sagte ein Wort und nur das Knistern des Feuers war zu hören. Butsumas Gesicht verdunkelte sich und die Augen formte er zu Schlitzen. „Das sind Späher“, hegte er keine Zweifel daran. „Wir formatieren uns zu Fischen und Schwalben. Suche und Beobachtung. Kein Angriff ohne mein Zeichen.“ In Tobiramas Brust breitete sich ein warmes Gefühl aus. Es war Stolz. Heute hatte er sich mit seinem Vater über neue Strategien unterhalten und jetzt setzte er diese Pläne in die Tat um. Alle standen auf und bereiteten sich auf die Mission vor. Bevor sie ihre Wege gingen, blickten sich die Brüder an. „Sei vorsichtig, Otouto.“ Tobirama schnaubte und nickte. „Du auch, Nii-san.“