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Morgenstern

Das Auge im Himmel
von

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Die geheimnisvolle Fremde


 


 

Der Glockenschlag zur zwölften Stunde des Tages ging hoffnungslos im regen Treiben auf dem Markt von Bärenhag unter. Während die Sonne mit ihren wärmenden Strahlen den Platz in ihr güldenes Licht eintauchte, lag der Geruch von frisch gebackenem Brot, würzig geräuchertem Schinken und feinster Gewürze verheißungsvoll in der Luft und übertünchte die Ausdünstungen von Heu und Matsch. Zum Westen und zum Osten hin erlaubte die Straße den Besuchern den Platz zu fluten, während die beiden anderen Seiten von den Fachwerken der Häuser gesäumt wurden. Das dunkle Holz der Balken bildete einen scharfen Kontrast zu den blütenweiß verputzten Gemäuern.

In den zahlreichen bunten Zelten und hölzernen Ständen boten die Händler und Handwerker den Besuchern ihre Waren an. Von handgewebten Stoffen über eiserne Werkzeuge bis hin zu feinstem Obst und Gemüse - hier blieb kaum jemandes Wunsch unerfüllt, während man unter bunten Tüchern und anderem Schmuck hindurch schlenderte.

Das Zentrum des Marktes bildete eine hölzerne Tribüne, die manchen Tages für den Auftritt von Gauklern oder anderen Schaustellern genutzt wurde, wenn es dem Volke nach Unterhaltung verlangte. Bedauerlicherweise war es keiner dieser Tage.

Vollständig von einem braunen Kapuzenmantel verhüllt, wandelte eine fremde Gestalt über den Marktplatz. Sie stach heraus, denn sie trug ein Bündel Geschmeide bei sich. Jeder ihrer Schritte klang dumpf, wie von schwerem Schuhwerk.

“Kommt und probiert meine seltenen Gewürze!”, rief es aus einer Ecke. “Lasst Euch von den Aromen der Fremde betören!”

Doch den Besucher scherte es wenig.

“Meine Tinkturen vermögen es, jede Liebesnacht unvergesslich zu machen”, pries ein Apotheker sein rezeptfreies Potenzmittel ungeniert an und kam dem Fremden dabei unangenehm nahe. “Rechtzeitig eingenommen, können sie für die nötige Standfestigkeit sorgen”, fuhr er fort. “Atemlos durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht.”

Der Fremde blieb stehen. Seine Haltung kündigte unheilschwanger von seinem Gemütszustand. “Verpiss dich!”, forderte er mit fester Stimme.

Dem Apotheker lief ein kalter Schauer über den Rücken, als ihn der frostige Blick eiskalter, blauer Augen traf. Er verneigte sich, dass ihm dabei fast das Kreuz brach, während er rückwärts gehend den Rückzug antrat.

“Teppiche! Wundervolle Teppiche!”, verlautete derweil ein Textilhändler.

So einen hatte der Fremde gesucht. Er trat an den Stand heran, gab nach einem kurzen Wortwechsel dem Händler das Bündel und erhielt einen prallen Beutel mit Münzen. Sein Ziel war zwar erreicht, allerdings verkündete ein lautes Knurren, dass sein Magen nach Füllung verlangte. Letztlich zeigten die verführerischen Düfte ihre Wirkung. Aber der Textilhändler war nicht der richtige Ansprechpartner.

“Knurrt Euch der Magen?”, fragte jemand von der Seite. “Geht zum Fischhändler dort drüben. Seine Suppe ist unvergleichlich!” Im nächsten Moment ging der Eigentümer der Stimme in der Masse unter und wart nie wieder gehört.

Der Fremde suchte den Marktstand auf, wie ihm empfohlen wurde. Vom eingelegten Bitterling bis zum Brathering war alles dabei, was eine Flosse besaß. Inmitten des Standes befand sich ein großer Kessel. Aus ihm stieg ein verführerischer und überhaupt nicht fischiger Duft auf. Dies musste die berüchtigte Fischsuppe sein. Alsbald belegte der Fremde einen der Hocker.
 

Gleich nebenan befand sich der Marktstand des jungen Schmiedegesellen Henrik. Siebzehn Winter hatte er bereits gesehen. Angebot besaß er reichlich, aber kein Kunde zeigte Interesse. “Metallerzeugnisse aller Art!”, rief der junge Mann. “Egal ob Werkzeug der Schöpfung oder der Zerstörung. Bei mir bekommt ihr alles! Henrik, der Schmied, hat etwas für jeden Geschmack!” Doch Henriks Mühen waren vergebens. Niemand blieb stehen, um seine Waren anzusehen, geschweige denn zu erwerben. “Wenn das so weitergeht, kann ich meine Pacht nicht mehr bezahlen!” Der junge Schmied ballte die Hand zur Faust und schlug auf den Tisch vor sich. Sein Körper war durch die harte Arbeit gestählt und so brach die Holzplatte vor ihm in Zwei. “Oh, Mist! Verdammt!” Schnell reparierte er den Schaden mit einigen Metallteilen von seinem Stand. Aber auch diese Zurschaustellung seiner Erzeugnisse kümmerte keinen. Insgeheim fantasierte er davon, eines Tages sein Handwerkszeug an den Nagel zu hängen, als Abenteurer das Königreich zu bereisen und verlorene Schätze zu bergen, aber er musste schließlich bis dahin seinen Lebensunterhalt bestreiten und Tagträumereien verdienten ihm keinen Schilling. Wenn es ihm nur gelänge, wenigstens einen für seine Waren zu begeistern…

“Ich muss mir etwas einfallen lassen.”

Da kam ihm eine Idee.

“Einmalige Gelegenheit!”, rief er aus voller Kehle. “Zwei für den Preis von einem! Aber nur solange der Vorrat reicht.”

Noch immer scherte sich keiner um ihn und seine Waren.

“Niemand?!”

Offenbar würde der Vorrat die nächste Zeit nicht ausgehen…

Als er die Hoffnung schon aufgeben und für den heutigen Tag zusammenräumen wollte, näherten sich unerwartet drei Männer. Allerdings machte keiner von ihnen den Eindruck, mit Kaufintention zu ihm zu kommen.

Aber das war egal.

Henrik freute sich einfach für sie mit!

“Willkommen zurück, meine Herrschaften”, grüßte er die Männer. “Haben Euch meine Waren so gut gefallen, dass Ihr gleich mehr davon haben wollt?”

“Sag mal, willst du mich verarschen, Bengel?”, fragte der Erste ungehalten. Er griff in eine Tasche und holte einen Hammer mit hölzernem Griff hervor. “Was ist das hier?!”, fragte er mit erhobener Stimme.

“Ei-Ein Hammer?”, entgegnete Henrik.

“Müll!” Der Mann schüttelte den Hammer hektisch umher. “Müll ist das!” Als er das Schütteln einstellte, löste sich wie auf Bestellung das metallene Gewicht vom Stil, fiel herunter und schlug dumpf auf seinem Fuß auf. Der Mann verdrehte die Augen, hielt sich den Fuß und hüpfte auf dem anderen herum. “Aua! Aua! Aua!”

“Oh weh…”, kommentierte der junge Schmied.
 

Die vermummte Gestalt genoss inzwischen die Fischsuppe, die sie kurz zuvor bestellt hatte. Die Geräuschkulisse des erregten Treibens nebenan weckte ihr Interesse. Die eiskalten, blauen Augen betrachteten das Geschehen, bevor sie fragend auf den Verkäufer gegenüber gerichtet wurden. “Was ist das dort für ein Theater?”, fragte die Gestalt, deren Gesicht noch immer unter dem Schatten der Kapuze verborgen war.

Der seltsame Gast gab dem Fischverkäufer zu denken. Wie jung mochte sein Kunde sein? “Nun…”, antwortete der Mann gelassen. “Das dort drüben ist Henrik. Gleich wird er wieder windelweich geprügelt. Er ist zwar mit Abstand der stärkste Bursche in der Stadt, aber selbst mit seinen Muskeln weiß er nicht umzugehen. Ist nichts besonderes mehr, dass er sich vermöbeln lässt. Das passiert zweimal die Woche.”

“Warum denn das?”

“Weil er der schlechteste Schmied der ganzen Stadt ist und jeder, der seinen Schund ersteht, ihm danach eine verpassen will. Ich hab ihm einmal eine Kelle um die Ohren gehauen. Sie ist nach dem ersten Treffer auseinander gefallen. Einfach keine Qualität!”

Der zwielichtige Kunde sah hinüber zu diesem Henrik, welcher sich mühte, die Aufgebrachtheit der unzufriedenen Kunden wegzulächeln. “So ein Versager...”
 

Inzwischen hatte der erste wütende Mann das einbeinige Hüpfen eingestellt, nachdem die Wellen des Schmerzes abklangen. Allerdings schien er noch immer nicht so gut zu Fuß zu sein. Das Stehen war ihm noch immer eine Qual.

“Und was ist mit mir?”, skandierte der zweite aufgebrachte Mann. “Mir hast du einen Kessel verkauft.”

“Seid Ihr damit nicht zufrieden?”, erkundigte sich Henrik vorsichtig.

“Als ich ihn daheim aufstellte, schlug er sofort Leck!”

“Das kann man bestimmt flicken...”, beschwichtigte Henrik.

Urplötzlich wurde er vom dritten Mann gepackt. Er zog ihn über den gerade reparierten Tisch und rüttelte an ihn, als sei er ein Obstbaum, dem man Früchte aus der Krone schütteln könne. “Und natürlich sollen wir dafür zahlen, dass du deinen eigenen Pfusch ausbügelst”, presste der Mann zwischen rasendem Schnauben hervor, das es vermochte, selbst einen Stier voll des Neides erblassen zu lassen.

“I-Ich muss auch von etwas leben!”, entgegnete Henrik eingeschüchtert.

“Wenn ich mit dir fertig bin, brauchst du dich darum nicht mehr zu sorgen!”

Gerade als der Mann mit geballter Faust ausholte, um dem muskulösen aber feigen jungen Schmied eine kostenlose Zahnkorrektur zu verpassen, wurde er von dem Geräusch eines zu Boden fallenden Säckchens voller Münzen gestoppt.

“Du da!”, rief ihm jemand zu. “Wenn du Gold willst, nimm und mach, dass du Land gewinnst!” Es war der Fremde, der die ganze Zeit unscheinbar nebenan gegessen und dem Geschehen zugesehen hatte.

“Was mischt Ihr Euch da ein?”, fragte der Mann. “Lasst uns ihn vermöbeln, sonst dreht er Euch auch noch seinen Schund an!”

“Nimm schon und hau ab! Ich verabscheue es, mich zu wiederholen!”

Der eisige Fokus der blauen Augen schien diesmal zu versagen.

“Ihr solltet den Mund nicht so voll nehmen! Euch ist bestimmt noch kein einziges Haar am Sack gesprossen, Bürschchen! Wenn Erwachsene sprechen, haben Kinder Sendepause!” Der Mann ließ von Henrik ab und stürmte stattdessen auf den Fremden zu. Die Hand noch immer geballt und bereit zuzuschlagen.

“Ich habe dich gewarnt!”

Der Fremde griff flink wie ein Luchs unter seine Kutte und zog ein glänzendes Schwert hervor. Mit der scharfen Spitze seiner Waffe unter dem Kinn des wütenden Kunden ließ er ihm keine andere Wahl als seine Aggressionen einzustellen. Der Schweiß quoll dem Erregten in Perlenketten aus der Stirn und seine Knie begannen zu zittern. Er hatte eindeutig nicht damit gerechnet, dass der Fremde bewaffnet war.

Henriks Fassungslosigkeit ließ seinen Mund sperrangelweit offen stehen.

“Werden du und deine Freunde den Jungen in Ruhe lassen?”, fragte der Fremde.

Der Mann nickte hektisch mit dem Kopf, während er beschwichtigend die Arme anhob und sich rückwärts gehend entfernte. Als er zu seinen Begleitern aufgeschlossen hatte, ging auch ihnen der Stift und gemeinsam ergriffen sie die Flucht.

Währenddessen hob der Kuttenträger das Säckchen mit den Münzen wieder auf. “Ihr habt eure Entschädigung vergessen!”, rief er den Männern hinterher. Aber sie waren zu sehr mit ihrer Flucht beschäftigt, um ihm Gehör zu schenken. “Dann eben nicht!” Daraufhin ließ er den Beutel und das Schwert unter seiner Kutte verschwinden.

Henrik war noch immer wie gelähmt, als der Fremde zu ihm kam. Er besaß berufsbedingt zwar einiges an Kraft, aber das kalte und entschlossene Verhalten des Fremden erfüllte ihn mit Furcht. Schützend nahm er seine Arme hoch und drehte sich weg.

“Du brauchst keine Angst zu haben”, sagte der Fremde.

Vorsichtig sah er sich um und entledigte sich dann der Kapuze.

Erstaunt stellte Henrik fest, der Fremde war ein Mädchen. Etwa in seinem Alter. Henrik nahm die Hände herunter. Er betrachtete die Jugendliche. Ihre Augen waren so blau wie der Himmel und die vorherige Kälte war verschwunden. Sie hatte nackenlange Haare, die so golden wie die Gerste im Hochsommer waren. Unter ihrem linken Auge hatte sie einen winzigen Leberfleck. Sie war so unglaublich hübsch, so eine hatte er noch nie gesehen! Es gab keine Frau in Bärenhag, die ihr das Wasser reichen konnte. Gern hätte er etwas gesagt, aber er war viel zu erregt, um Worte zu finden.

“Hast du die Zunge verschluckt?”, fragte die junge Frau ungeduldig.

Keine Antwort.

“Henrik, richtig? Du solltest aufhören, Schrott zu verkaufen. Ist ungesund.” Sie lächelte zynisch. “Es wird nicht immer jemand zu Stelle sein, deinen Arsch zu retten.”

“D-Danke!”, stotterte der junge Schmied. “Ab-ber a-außer schmieden liegt mir nichts.”

“Scheinbar nicht einmal das...”, murmelte sie. “Ein Schmied willst du sein? Genug Kraft zum Zuschlagen hast du ja,” urteilte sie nach kurzem Blick auf seine Oberarme.

“Ein Lehrling”, gestand Henrik ein. “Nur ist mein Meister gestorben, bevor er mir sein Handwerk richtig beibringen konnte. Er hatte weder Weib noch Kinder noch Verwandte. Deshalb wurde mir die Schmiede zugesprochen.”

“Ach so.... Was ist mit deinen Eltern?”

“Die sind froh, dass sie mich los sind.”

Die junge Frau seufzte.

“Schon im Gildenhaus versucht?”, fragte sie daraufhin. “Laut Gildensatzung ist es deren Pflicht, dir einen neuen Meister zu suchen.”

“Ja. Da-has habe ich auch versucht. Kein anderer Schmiedemeister w-wollte mich aufnehmen. Bei der Arbeit verursache ich mehr Schaden, als ich nütze. Angeblich weil ich zwei linke Hände habe.”

“Wie kommen die nur auf solch eine absurde Idee...”, kommentierte sie. Danach hielt sie kurz inne. “Hmm… Ich werde dir helfen!” Sie ging zu Henriks Marktstand und ergriff einen großen Schmiedehammer. Sie prüfte die Qualität des Werkzeugs. Er schien halbwegs vernünftig gearbeitet zu sein. Dann tat sie so, als würde sie Energie auf das Werkzeug übertragen. “Abra Kadabra!”, sagte sie. “Hier! Nimm fortan diesen Hammer.”

“Habt Ihr ihn verzaubert? Seid Ihr etwa eine Hexe?”

“Ziert mein Antlitz Pickel und eine Hakennase?!”, regte sie sich künstlich auf. “Ich bin eine Wanderin, stets bemüht, anderen zu helfen.” Sie reichte Henrik den Hammer. Da er nicht reagierte, hielt sie ihm den Hammer mit wachsender Ungeduld entgegen. “Jetzt nimm schon das verdammte Teil, bevor mir der Arm abfault!”

Henrik gehorchte.

Das Mädchen setzte die Kapuze auf, wandte sich ab und ging.

“He da! Wie lautet Euer Name?”, rief Henrik der Fremden hinterher. Doch sie antwortete nicht. Stattdessen tauchte sie in die Menge ein und entschwand.

Ein Schmied auf Abwegen


 


 

In der düstersten Ecke der mittelalterlichen Stadt erstreckte sich eine schmale, von Schatten verdunkelte Gasse. Die Pflastersteine waren abgenutzt, fehlten stellenweise gar ganz oder waren von Schlamm und Schmutz übersät. Die bröckelnden Fassaden der Häuser, die von Alter und Feuchtigkeit gezeichnet waren, ragten bedrohlich über den Durchgang und schienen einander anzuschmiegen, als heckten sie gemeinsam die übelsten Verschwörungen aus. Dieser unheilschwangere Ort wirkte wenig einladend und dennoch zog es die Fremde hinein. Zwischen Unrat und Dreck hatten es sich die Ratten gemütlich gemacht.

“Widerlich!”, beklagte sich die Reisende, als ihr Stiefel mit lautem Platschen in einer unerwartet tiefen Pfütze versank. Die unappetitlich riechende Flüssigkeit ergoss sich über ihr Gewand. “Na, das ist ja großartig!”

Aus der Dunkelheit um sie traten bis an die Zähne bewaffnete Gestalten hervor. Ihre Rüstungen verbeult, ihre Kleidung abgetragen, doch ihre Mordwerkzeuge waren ohne jeden Zweifel noch immer gefährlich. Ihre finsteren Grimassen ließen keinen Zweifel an ihren abartigen Absichten. Grinsend näherten sie sich ihrem Opfer. Die Fremde musterte die Gestalten. Das waren nicht nur gewöhnliche Kurzschwerter, Streitkolben und Äxte. Sie verströmten eine schwache, magische Aura. Sie kannte sich nicht aus mit dem Zauberhandwerk, vermochte Verzauberungen jedoch zu erkennen, wenn sie welche sah. Dafür hatte sie schon immer ein Gespür gehabt. Überheblich in ihrer Siegessicherheit umzingelten die Freischärler die Fremde. Wie auf einen stummen Befehl hin, begannen die Waffen plötzlich in Flammen zu stehen. Das hatten diese Kerle niemals selbst vollbracht. Wer immer sie ihr auf den Hals gehetzt hatte, konnte es sich leisten, die Dienste eines Verzauberers in Anspruch zu nehmen.

“Oh nein, ihr wollt eine hilflose Frau überfallen”, verspottete sie die Männer.

“Halte den Rand, Weib!”, erwiderte einer der Angreifer.

Langsam kamen die bewaffneten Männer immer näher. Sie malten sich bestimmt schon in Gedanken aus, wie sie die Fremde massakrieren und danach mit ihrem geschundenen Körper ihren Spaß haben konnten. Was sollte ein schwaches Mädchen wie sie schon gegen sie ausrichten? Um ihre schmutzigen Fantasien an ihr auszuleben, waren diese Männer allerdings hundert Jahre zu früh dran und das sollten sie schon sehr bald erfahren. Einen Moment erfüllten Kampfgeräusche die Gasse, bis sie in Stille versank.
 

Die Glocke schlug soeben Drei.

Der helle Wasserstoffball hatte sich ein ganzes Stück über den Himmel geschoben. In der Schmiede “Zum glühenden Hammer” wurde trotzdem noch immer hart gearbeitet. Henrik nahm sich die Worte der wunderschönen Unbekannten zu Herzen und wollte den “verzauberten” Hammer austesten. Er hatte zuvor schon erfolgreich einige Dinge hergestellt und war drauf und dran, sein langläufiges Projekt zu Ende zu bringen, inspiriert durch die Erscheinung des Mädchens mit seiner Waffe.

Während der Arbeit musste er an seinen Meister denken. Damals, als er gerade angefangen hatte, wollte er ihn testen und ließ ihn auf etwas glühendem Eisen herumschlagen. “Dann zeig mal was du kannst!”, hatte er gesagt. Das tat Henrik dann auch und schwang den Hammer mit voller Kraft. Einen Wimpernschlag später hatte er den Amboss tief im Boden versenkt. “Du Vollidiot!”, beschwerte sich der Meister, nachdem er den ersten Schock verarbeitet hatte. Es brauchte anschließend vier Männer, um den Amboss wieder aus dem Boden herauszubekommen. Seither hatte Henrik sich nicht mehr getraut, richtig zuzuschlagen, was sich zu Ungunsten auf die Qualität seiner Erzeugnisse auswirkte. Aber heute war der Tag gekommen, an dem sich das ändern sollte!

In den letzten Monaten hatte Henrik immer mal wieder auf diesem Rohling herumgeklopft. Nun erhitzte er ihn erneut. Das Material musste weiß glühen. Henrik wusste, nur extrem heiß kann Stahl gefaltet werden. Je öfter der Stahl gefaltet wird, desto besser können Schlacke und Unreinheiten herausgearbeitet werden. Das steigert die Qualität des Produktes. Vor allem bei dem, was ihm vorschwebte, war die Qualität des Stahls von essenzieller Bedeutung. Henrik stand vor dem Kohlebecken und trat auf das Pedal zu seiner Rechten. Der Blasebalg, den es antrieb, fachte die Glut stets neu an. Dadurch blieb die benötigte Hitze erhalten. Henrik hielt den Rohling mit einer Zange in der linken Hand. Sie war zusätzlich durch einen dicken Handschuh vor der sengenden Hitze des glühenden Stahls geschützt. Er wechselte zum Amboss und nahm seinen neuen Hammer aus der Arbeitsschürze. Mit fixiertem Blick schlug er immer wieder auf den Rohling ein. Als er breit und dünn geworden war, schlug er ihn über der Kante krumm, bis sich die beiden Hälften trafen. Er wiederholte dies mehrere Male und erhitzte den Rohling zwischendurch immer wieder. Dieser Prozess der wiederholten Faltung des Strahls war als Falzen bekannt.

Der Schweiß floss dem jungen Schmied in Strömen, sodass er ihn mit dem Rücken seiner Schlaghand aus dem Gesicht wischen musste. Als das Werkstück unter seinen Schlägen endlich Gestalt angenommen hatte, verlieh Henrik ihm den letzten Schliff. Durch Anwendung verschiedener Schlagtechniken formte er Klinge, Klingenrücken und Klingenwinkel nach seinen Vorstellungen.

Anschließend kühlte er es im Wasserbecken.

Es zischte laut und Dampf stieg auf.

Nun war die Klinge noch mit einem anständigen Griff zu versehen. Glücklicherweise waren bereits einige vorbereitet. Henrik musste nur einen wählen und ihn fest mit der Klinge verschweißen. Alles, was nun noch getan werden musste, war dem Schwert die nötige Schärfe zu geben. Dazu setzte sich Henrik in den Schleifsteinstuhl. Diese Apparatur ermöglichte das gleichmäßige Schleifen von Klingen. Auch dieses Gerät wurde durch Muskelkraft angetrieben. Man könnte ihn sich als eine Art Fahrrad vorstellen. Der Stein rieb sich am Stahl und Funken sprühten. Henrik presste die Seite der Klinge im spitzen Winkel gegen die raue Oberfläche, um eine rasiermesserscharfe Kante zu erhalten.

Nach getaner Arbeit nahm Henrik das Schwert in die Hand und trat aus seiner Schmiede heraus. Er schlug einige Male mit dem Kriegsgerät in der Luft herum, bevor er es mit ausgestrecktem Arm gen Himmel hob, wie ein Held, der soeben den Sieg über ein garstiges Monster errungen hatte. “Ich habe es geschafft!”, rief er so laut er konnte. “Siehst du das, Meister? Ich habe ein Schwert geschmiedet!"

Plötzlich riss einer der Anwohner die Fensterläden auf. “Halt die Klappe! Andere Leute versuchen hier zu schlafen!” Dann schlug er die Läden wieder zu.

“E-Entschuldigung!”, rief Henrik.

Er betrachtete erneut sein Werk. Drehte und wendete das Schwert. Beobachtete, wie die Nachmittagssonne vom Stahl reflektiert wurde. Henrik brachte die Waffe zurück in die Schmiede. Dankbarkeit erfüllte ihn. Dieser “magische” Hammer war die Lösung all seiner Probleme. Er wollte sich unbedingt noch einmal bei der guten Fee erkenntlich zeigen, die ihn mit diesem Wunderwerkzeug beglückt hatte.
 

Im Randbezirk der Stadt, nicht weit von der Mauer, befand sich ein Badehaus. Es war ein aus roten Backsteinen gemauertes Gebäude. Ein schlichtes Tor führte in eine kleine Vorhalle. Schon von dort konnte der Gast das Aroma der Seife riechen und die zarte Wärme des Wasserdampfes spüren. Die Hauptbadehalle war ein großes, gewölbtes Zimmer, das von warmen, flackernden Fackeln beleuchtet wurde. Bunte Tücher dekorierten die Wände und getrocknete Kräuter, die von der Decke hingen, erfüllten den Raum mit einem angenehmen Aroma und schafften gleichzeitig eine gewisse Intimität. Das Herzstück des Raumes stellten mehrere Badezuber dar, deren Wasser von den Bodenplatten erwärmt wurde. Im Keller darunter speisten einige Feuer die benötigte Energie.

Ein liebliches Pfeifen erfüllte die Badehalle. Es kam von der Baderin, die ausnahmsweise nicht viel zu tun hatte. Bis auf eine einzige Kundin war das Badehaus leer. Ungewöhnlich, denn das Volk legte viel Wert auf Reinlichkeit. Aber in diesem Fall ließ sich die gnädige Dame ihre Privatsphäre einiges kosten.

“Wie ist das Wasser, Herrin?”, fragte die Baderin, während sie ihrer Kundin mit einer übergroßen Bürste den Rücken schrubbte.

“Hach!”, hauchte diese. “Herrrrlich!”

Sehr viel mehr als ein lustvolles Stöhnen, entwich danach nicht mehr aus ihrem Mund. Sie stemmte sich mit beiden Armen gegen den Druck, der auf ihren Rücken ausgeübt wurde. Ihr Oberkörper war vollkommen im Schaum versunken. Ihre nassen Haare hingen ihr ins Gesicht. Beide Augen waren geschlossen.

“Das ist wunderbar!”

Während ihre Kundin weiter hauchte und jauchste, wie auf dem Höhepunkt der Lust, begann die Baderin erneut lieblich zu Summen.
 

Mit verzweifeltem Blick durchstreifte Henrik die Straßen, auf der Suche nach den goldblonden Haaren seiner Wohltäterin. Seine Augen grasten die Umgebung nach vertrauten Zügen ab, bis ihm sein Kardinalfehler bewusst wurde: Sie trug diese Kapuze, weil sie offenbar nicht erkannt werden wollte. Er beschloss, Passanten nach einer verhüllten Gestalt zu fragen. Er musste das Mädchen finden. Und wenn ihm das gelungen sei, wollte er sich seiner Wohltäterin erkenntlich zeigen.
 

Die Baderin summte noch immer, hatte jedoch aufgehört, den Rücken ihrer Kundin zu schrubben. Stattdessen wusch sie draußen vor dem Badehaus einen braunen Mantel, damit ihre Kundin saubere Kleidung tragen konnte. Ein paar hartnäckige Flecken, über deren Herkunft sie besser keine Fragen stellte, wollten einfach nicht aus dem Stoff rausgehen. Obwohl das Wäschewaschen nicht zum üblichen Service gehörte, wurde sie auch dafür gut bezahlt. Die gnädige Dame besaß unverschämt viel Geld und hatte kein Problem damit, es auszugeben. Gerade entspannte diese sich im heißen Wasser, ihre Arme über den Wannenrand gelegt. Bestimmt begann der Schaum schon, sich zu verflüchtigen. Die Baderin dachte an die seidige Haut ihrer Kundin. Und auf ihre Brüste konnte sie nur neidisch sein. Wie konnte ein so junges Mädchen so eine gewaltige Oberweite haben?

Plötzlich wurde sie von einem jungen Mann aus ihren Gedanken gerissen, der plötzlich vor ihr stand. Er trug eine Schmiedeschürze und sah erschöpft aus. Die Baderin vermutete, dass er ein Lehrling war, dem sein Meister heute einen Bonus gezahlt hatte. Nun wollte er ihren Service beanspruchen. Doch dann bemerkte sie den Geruch von Schweiß, der ihn umgab. Ein einfaches Bad würde nicht ausreichen!

“Wenn du hier baden willst, so musst du dich gedulden”, sprach sie den Jungen an. “Das Badehaus ist momentan leider ausgebucht.”

“Eigentlich suche ich nach jemandem", antwortete der Müffelnde. “Eine wunderschöne junge Frau.”

Sein unschuldiger Blick machte die Baderin ganz verlegen. “Und du glaubst, dass du sie hier findest?”, fragte sie und wurde dabei rot.

“Bitte. Sie hat mir einen Zauberhammer geschenkt. Dafür möchte ich mich bedanken.”

Die Baderin begriff, das sie nicht gemeint war: “Einen Zauberhammer?”

Henriks Blick fiel auf das braune Kleidungsstück in den Händen der Baderin. Das war doch die Kapuze des Mädchens, das er suchte! Ohne zu zögern, stürmte Henrik durch das Tor, hinein in das Badehaus.

Erschrocken ließ die Baderin die nasse Kutte zurück in den hölzernen Eimer fallen. “Hey! Stehengeblieben! Da drin badet eine Dame, du kleiner Lustmolch!”

Aber es war vergebens. Das Tor fiel hinter dem Jungspund ins Schloss und sperrte die Baderin aus. Da half auch nicht ihr wildes Pochen an der eigenen Pforte.
 

Henriks Herz hämmerte vor Aufregung. Er war sicher, dass er sie gefunden hatte. Als er eintrat, erhob sich die Kundin aus dem Badezuber, stand ihm abgewandt im Dreiviertelprofil und war so sehr in ihr Reinigungsritual vertieft, dass sie weder Henrik noch das Klopfen der Baderin bemerkte. Der Jüngling wurde überwältigt, als die nackte Schönheit sich zu ihm drehte. Schaum klammerte sich mühsam an ihren makellosen Körper: an ihren Beinen, Hüften, Rücken, Gesäß und den üppigen Brüsten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er ihre Reize vor dem unangemeldeten Besuch nicht mehr verbergen konnte.

Gelobt sei der Allmächtige, dachte Henrik bei diesem Anblick.

Als ihr wiederum bewusst wurde, dass sie nicht mehr allein war, färbte sich ihr Gesicht mit jeder Sekunde, die sie Henrik im Evakostüm gegenüberstand, immer roter. Noch bevor der Schaum von ihrem Körper rutschen und ihre intimen Stellen enthüllen konnte, versenkte sie sich wieder im Badezuber und begann zu kreischen.

“Verzieh’ dich!”, brüllte sie ungehalten. “Mach dass du Land gewinnst, du Perversling!”

Neben dem Badezuber stand ein kleiner Tisch mit einigen Flaschen Badeöl. Während die junge Dame mit dem linken Arm ihre Brüste vor seinen Blicken abschirmte, griff sie mit Rechts nach einer Flasche und warf sie nach Henrik. Er konnte noch rechtzeitig den Kopf zur Seite nehmen, sodass die Flasche hinter ihm zersplitterte.

Derweil hämmerte die Baderin noch immer an der Tür.

“E-Entschuldigung!”, sagte er und fuchtelte dabei aufgeregt mit den Händen. “E-Es tut mir leid! Ich bin bestimmt kein Perverser!”

“Sagt der, der es wagt, eine Lady in ihrer Privatsphäre zu belästigen!” Sie verlieh ihrer Empörung mit einer weiteren Flasche Ausdruck.

Der junge Schmied konnte abermals auszuweichen. “Ich versichere, dass ich keinerlei unsittliche Absichten hege!”

Aber es gelang ihm nicht, sie zu beschwichtigen. Die Blondine ergriff die dritte Flasche und warf auch sie nach ihm. Diesmal traf sie ihn direkt an den Kopf. Henrik wurde es schwarz vor Augen. Er konnte nur noch fühlen, wie er zu Boden ging.
 

Die Baderin warf ihr ganzes Gewicht gegen das kleine Tor. Endlich gab das Schloss nach und sie konnte das Badehaus wieder betreten. Sofort stürmte sie in die Badehalle und fand ein gar seltsames Bild vor: Die Kundin saß noch immer beschämt in ihrem Zuber, während der kleine Perversling bewusstlos auf dem Boden lag. Seine Stirn zierte eine Platzwunde und um ihn herum lagen die Scherben der Badeölflaschen. Skeptisch blickte die Frau auf den bewusstlosen jungen Mann. “Ist der tot?”, fragte sie trocken.

Sie sah zu ihrer Kundin, die dies mit einem Schulterzucken abtat.
 

Henrik erwachte und fand sich in der beklemmenden Dunkelheit einer mittelalterlichen Kerkerzelle wieder. Seine Sinne wurden von der Kälte und dem muffigen Geruch der feuchten Steine überwältigt. Das matte Licht von Fackeln flackerte schwach und war kaum ausreichend, um die Finsternis zu vertreiben, die den Raum durchdrang. Ein Hauch von Moder hing in der stickigen Luft. Seine Augen benötigten kostbare Sekunden, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, während er sich vorsichtig von der unbequemen Pritsche aufsetzte. Ein rhythmisches Plätschern erregte seine Aufmerksamkeit. Als er seinen Blick durch die Zelle schweifen ließ, sah er die Tropfen, wie sie in den Eimer in der Ecke fielen, der als behelfsmäßige Latrine für die Notdurft gedacht war.

Henrik befühlte seine Stirn. Die Wunde an seinem Kopf hatte sich geschlossen. Scheinbar war er zwischenzeitlich von einem Heiler versorgt worden. Er erinnerte sich, wie er hier gelandet war. Fremden Frauen im Badehaus auf die Pelle zu rücken, war nicht gern gesehen!

Auf einmal näherten sich schwere Schritte.

Eine Kerkerwache blieb vor dem Gitter stehen.

“Du bist also wach, du Wicht!”, sprach der Mann unfreundlich. Er fummelte an seinem Schlüsselbund herum, bis er endlich den richtigen erwischte. Danach schloss er die Gittertür auf und forderte Henrik auf, herauszukommen. “Abmarsch!”

“Was, einfach so?”, entfleuchte es dem Braunhaarigen.

“Ich habe die Anweisung bekommen, dich herauszulassen, sobald du aufwachst. Betrachte das als einen Warnschuss, Kleiner!”

Ein wenig verwirrt folgte Henrik der Aufforderung und verließ die Zelle.

Er wurde von dem Wächter zum Ausgang des Kerkers begleitet. Eine schwere Last fiel von seinen Schultern, als er endlich die Sonne sah. Inzwischen war es schon Abend geworden. Wenn er sich beeilte, könnte er die Fremde noch vor Einbruch der Nacht finden.

“Wo ist sie?”, fragte er den Wächter verzweifelt.

“Wer?”, erwiderte der Mann. “Die Frau, die du belästigt hast?”

Henrik wartete nicht länger und stürmte davon.

Der Wächter schüttelte indes mit dem Kopf. “Dumm geboren und nichts dazu gelernt!” Sicher wäre er ganz schnell wieder hier bei ihm im Kerker, wenn er so weitermachte.

An den Fersen der Fremden


 


 

Mitten im Wald, verborgen vor neugierigen Blicken durch Bäume und Sträucher, ereignete sich ein grausiges Schauspiel. Das schwarze Gefieder der Krähen glänzte im schwindenden Tageslicht, als sie sich krächzend über den Kadaver eines Rehs hermachten. Doch plötzlich durchbrach ein Knurren die gespenstische Stille, gefolgt von einem heulenden Chor - ein Rudel Wölfe näherte sich. Keinesfalls wollten sie den Aasfressern die Reste ihrer Beute überlassen, die sie tags zuvor gerissen hatten.

Die Krähen schienen ihre Eroberung zu verteidigen, widerstrebend ausweichend, während die Wölfe sich langsam und entschlossen näherten. Die krächzenden Vögel waren gezwungen, ihren Widerstand aufzugeben und aufzufliegen, als die Wölfe die Stelle erreichten und mit majestätischer Präsenz den Kadaver beanspruchten. Die Wölfe behaupteten ihr Territorium mit einem stolzen Funkeln in ihren Augen und einem mächtigen Knurren, das die umliegende Luft erzittern ließ.

Die Krähen kreisten hoch in der Luft über ihrem einstigen Festmahl und beobachteten, wie sich die Raubtiere um den Kadaver versammelten und zu streiten begannen, wer zuerst die Zähne in diesen Leckerbissen hineinschlagen durfte. Das größte Tier unter ihnen setzte sich durch. Es war durch eine Narbe im Gesicht gezeichnet. Während der Wolf zu fressen begann, demonstrierten die anderen Tiere ihre Unterwürfigkeit. Erst nachdem der Alpha seinen Hunger gestillt hatte, durften die anderen Tiere fressen.
 

Als Henrik das Tor durchqueren wollte, behinderte die untergehende Sonne seine Sicht. Passanten zu Folge, wollte die Fremde die Stadt in Richtung Westen verlassen. Dazu musste sie durch dieses Tor. In der Ferne konnte er ihre Konturen gerade so ausmachen.

Henrik wollte seinen Weg fortsetzen, aber der Torwächter stoppte ihn. Er senkte den Stiel seiner Waffe und verwehrte Henrik die Passage.

“Wo willst du um diese Zeit noch hin?”, fragte der Büttel.

“Das Mädchen eben habt Ihr auch gehen lassen.”

“Ich hatte sie gewarnt, die Nacht ganz allein im Dunkeln zu verbringen. Aber die kommt nicht aus der Stadt, also kann ich nichts machen. Es gibt kein Gesetz, dass es einer Frau verbietet, unvernünftig zu sein.”

“Ich muss sie einholen!”, antwortete der junge Schmied.

“Du bist dir bewusst, dass bald Sperrstunde ist? Dann wird niemand mehr durch das Tor gelassen. Du wirst im Freien schlafen müssen. So sind die Regeln.”

“J-Ja, das ist mir klar! E-Es ist aber wichtig. Ich muss sie wiedersehen!”

Dem Wachmann dämmerte es langsam. Zumindest schien er das zu glauben. “Ah, das Mädchen ist wohl deine Angebetete, nicht wahr, junger Mann.” Er seufzte. “Na schön, geh!”

“Habt Dank, Büttel!”

“Ja ja, schon gut.” Er nahm die Stange von Henriks Brust und klopfte ihm auf die Schulter. "Fernbeziehungen können knifflig sein. Lasst euch vom romantischen Sternenhimmel nicht blenden! Für solche Verantwortung bist du noch zu grün hinter den Ohren, Bursche!"

Henrik war ein klein wenig peinlich berührt.

Nachdem der Wachmann endlich nachgegeben hatte, war das Objekt seiner Begierde bereits aus den Augen verschwunden. Mit schnellen Schritten eilte Henrik in die Richtung, in der er sie zuletzt erhascht hatte. Als die Fremde schließlich wieder in seinem Blickfeld auftauchte, setzte er mit gebührendem Sicherheitsabstand zur Verfolgung an. An einer unauffälligen Kreuzung kam sie kurz zum Stehen, während Pfade nach links und rechts von der Straße abzweigten. Der Pfad nach rechts führte zu einem ausgedehnten Feld und verlor sich dort. Der linke Pfad schlängelte sich durch dichten Wald. Die Unbekannte wählte den Waldweg, verließ die Straße und verschwand zwischen den dichten Bäumen. Es war eine Abkürzung zur Brücke über den Fluss, jedoch von den meisten gemieden.

Und das nicht grundlos!

Wo will sie nur hin?, überlegte Henrik.

Er folgte ihr in den dunklen Wald.

Seine Neugier verlangte danach, gestillt zu werden.
 

Mit leisen Schritten bahnte sich die Fremde ihren Weg durch den Wald, während das Rascheln der Blätter und der Abendgesang der Vögel sie begleiteten. Doch sie war nicht allein. Und das spürte sie auch. Nicht weit hinter ihr vernahm sie das leise Knacken von Zweigen. Allerdings wusste sie schon längst, wer ihr nachstellte. Es war mit Sicherheit der Junge vom Marktplatz, der nicht näher an sie heranzutrauen schien. Ein Seufzen entwich ihr. Sie war vorhin einfach noch zu nett mit ihm gewesen.

Ab und an sah sie über ihre Schulter, um ihn im Blick zu behalten.

Immerhin könnte er sich noch als Gefahr entpuppen oder schlimmer: Hilfe brauchen!

Mit Mühe und Not verkniff sie sich in Gelächter auszubrechen, als sie die kläglichen Versuche des Jungen sah, sich hinter Bäumen zu verstecken oder wie er vermeintlich lautlos umher schlich und andauernd über irgendwelche Steine stolperte. Ein leises Lachen entkam trotz der Anstrengung ihrer Kehle, aber das konnte er unmöglich hören. Sie behielt ihr Pokerface unbeirrt bei.

Bis auf einmal eine echte Bedrohung ihre Aufmerksamkeit verlangte.
 

Gerade als Henrik den Mut aufgebracht hatte, etwas zu sagen, verlangsamte die Fremde ihre Schritte, bis sie stehen blieb. In einem Reflex suchte er, wie ein schändlicher Dieb, so schnell wie möglich Schutz hinter dem nächsten verfügbaren Versteck - einem kleinen Vorsprung, der von den Wurzeln eines Baumes durchzogen war. Er war sich sicher, dass sie ihn keinesfalls entdeckt hatte. Vorsichtig streckte er sich, um in aller Heimlichkeit über den Vorsprung zu spähen.

Das Mädchen hatte sich noch immer nicht von der Stelle bewegt.

Henrik fragte sich zunächst, warum sie angehalten hatte, bis es auch ihm auffiel. Einige finstere Augenpaare starrten zwischen den Blättern hervor, fast so, als ob sie selbst Licht ausstrahlten. Doch sie gehörten keinen Menschen. Nein, es waren die funkelnden Augen der Isegrim, jenen Wesen, die den Wald durchstreiften. Die Büsche bewegten sich, und knurrende, hungrige, graue Kreaturen traten aus dem Verborgenen hervor. Sie hatten die Fremde umzingelt und näherten sich mit entblößten Zähnen, bereit, ihre Beute zu reißen.

Plötzlich vernahm Henrik ein bedrohliches Knurren ganz in seiner Nähe. Er drehte sich um. Tatsächlich lauerte nur wenige Meter hinter ihm ein Ungetüm, bereit, ihn zu verschlingen. Von den Zähnen des Tieres tropfte schon voller Vorfreude auf sein frisches Fleisch der Speichel herab. Das linke Auge des Tieres zierte eine alte Narbe, die es wohl im Kampf mit einem Artgenossen erhalten hatte. Ohne weiter zu zögern, sprang der junge Schmied auf. Er wollte keinesfalls im Magen eines flohverseuchten Vieh enden. Er rannte schreiend zur Fremden, und dabei zog er eine comicartige Staubwolke hinter sich her, was der Szene eine skurrile Note verlieh. "Zu Hilfe!", rief er. "Zu Hilfe!"
 

Die Fremde warf einen kurzen Blick über ihre Schulter und sah Henrik, verfolgt von einem Wolf. Beide stürmten in rasendem Tempo auf sie zu. Offensichtlich ließ sich der Wolf nicht von Henriks hektischer Flucht beirren und blieb ihm hartnäckig auf den Fersen. Doch kurz bevor er Henrik packen konnte, schaffte er es, die Fremde zu erreichen, und der Wolf hielt urplötzlich inne.

Die Blondine musterte den Jungen. “Da bist du ja, du Spanner!”, neckte sie ihn mit einem spöttischen Grinsen, während sich ihre Augen mit einem unheimlichen Glanz füllten und ihr Lächeln eine düstere, mörderische Absicht verriet.

“I-Ich bin kein S-Spanner!", widersprach er hastig.

“Dann bist du wohl ein Voyeur!”

“W-Was? Nein! Das wäre noch schlimmer!”

“Mphf…”

Währenddessen knurrten die Bestien bedrohlich. Das schien auch nicht an dem Jungen vorbei gegangen zu sein. “Und warum greifen sie uns nicht an? Haben sie nicht Hunger?”

“Weil sie Angst haben.”

“Echt jetzt?!", entfuhr es dem Schmiedegesellen, der sichtlich erstaunt war. “Und wieso?”

“Mphf…”

“Wie sollen wir hier wieder herauskommen?”

“Ich springe hoch in die Baumwipfel und sehe zu, wie sie dich zerfleischen.”

“Was?!”, rief Henrik empört.

“Du hast mich nackt gesehen. Das ist die gerechte Strafe!”

“Da war ü-überall Schaum! Ich habe gar nichts gesehen!”

Die Fremde sah sich die wütenden Bestien noch einmal an. Es wäre zwar seine Schuld, wenn er gefressen würde, weil er ihr ungefragt gefolgt ist, aber irgendwie wollte sie das nicht verantworten. “Kannst du kämpfen?”, fragte sie den jungen Schmied im frostigen Tonfall.

“Kä-Kämpfen?!”

“Ich habe keine Lust auf dich aufzupassen. Das machst du gefälligst selbst!” Die Unbekannte griff unter ihre Kutte und zog ihr Schwert. “Hier, fang!” Mit einer schwungvollen Armbewegung warf sie Henrik die Waffe zu. Er ergriff das Schwert unbeholfen mit beiden Händen. “Hat mir immer Glück gebracht.”

“O-Okay!?” Henrik wirkte sehr verwirrt. “Aber was i-ist mit dir?”

Die Fremde kochte derweil innerlich. Sie konnte seinen Umgang mit ihrer Waffe einfach nicht mehr ignorieren und schenkte Henrik einen zornerfüllten Blick. Sie deutete auf seine Hände, die den Griff des Schwertes umklammerten. “Wie hältst du das Ding denn?”, tadelte sie ihn für seine Unbeholfenheit.

“T-Tut mir leid! A-Aber mit Schwertern kämpfe i-ich eigentlich nicht.”

Zu schwach war er auf keinen Fall, so viel verrieten seine Oberarme. Es fehlte an Technik. Vielleicht wäre er besser beraten, etwas großes und schweres, wie beispielsweise einen Kriegshammer, umherzuwirbeln. “Ich zeige dir, wie man ein Schwert hält. Schau her!” Das mysteriöse Mädchen streckte seinen rechten Arm zur Seite aus. “Koche in meinen Venen! Bloodbane!”, beschwor die Unbekannte. Allein ihre Worte reichten aus, um die Luft mit Spannung zu erfüllen. Unter ihrer Haut wurde es turbulent, als ihre Blutgefäße pulsierten. Kleine Wunden rissen auf und eine pechschwarze Flüssigkeit trat anstelle von Blut hervor. Die dunkel schimmernde Essenz erhob sich aus ihrem Körper und manifestierte sich in der Form eines Schwertes. Trotz all der Schmerzen, die diese Prozedur mit sich bringen musste, zuckte die Fremde nicht einmal mit der Wimper. Dann brachte sie sich in Fechtstellung. “Siehst du! So hält man ein Schwert!”

“Was zum T-Teufel…”, gab Henrik erschrocken von sich.

Das Mädchen sah ihn mit rubinrot funkelnden Augen an und gab ihm unmissverständlich zu verstehen, dass jetzt nicht die Zeit zum Plaudern war. Die Entfesselung dieser Kraft schien den Tieren noch mehr zu ängstigen als zuvor. Und wenn Tiere Angst verspüren, werden sie aggressiv. Einer der Wölfe wurde nicht von der schwer in der Luft hängenden Präsenz eingeschüchtert und setzte zum Angriff an. Die Fremde war wahrlich mit den Reflexen einer Katze gesegnet. Blitzschnell schwang sie ihre Waffe und mit einem Streich des Schwertes gingen Kopf und Körper des Wolfes fortan getrennte Wege.
 

Während sich nun der Großteil des Rudels auf die Fremde stürzte, versuchten zwei der Tiere noch immer ihr Glück bei Henrik. Aber er fuchtelte so wild und unvorhersehbar mit der Waffe herum, dass die Wölfe keine Möglichkeit sahen, an ihn heranzukommen. Das Glück schien mit den Unbedarften zu sein. Aber das Gewicht der Waffe forderte seinen Tribut. Wie lange konnte er das durchhalten? Derweil versuchten die übrigen Bestien wie im Blutrausch, aus allen Richtungen die Fremde zu erwischen. Sie wollten ihren gefallenen Kameraden rächen! Ein Moment der Unachtsamkeit genügte, dass eines der Tiere die Chance hatte, sich in ihrer Wade zu verbeißen. Sofort ließen die übrigen Tiere von Henrik ab und stürzten sich ebenfalls auf die vermeintlich wehrlose Beute. Henrik nutzte die Gelegenheit und brachte sich hinter einem Baumstamm in Sicherheit. Aus seinem Versteck heraus beobachtete er, wie die Ereignisse aus dem Ruder liefen.
 

Nachdem es einem der Viecher gelungen war, die Zähne in sie zu schlagen, fühlten sich auch die anderen Wölfe berufen, sie anzugreifen. Sie sah die ausgehungerte Meute kommen und wusste, ihr blieb keine Wahl, als die volle Macht ihrer Waffe einzusetzen, wenn sie nicht gefressen werden wollte. Noch im Moment ihrer Abwägungen, setzte sie ihre Kraft in einer Umdrehung um die eigene Achse frei. “Teufelsmagie: Finstere Eruption!” Die beschworene Eruption aus Schatten schleuderte die Tiere in alle Richtungen weg und traf unter anderem auch den Alpha-Wolf. Er wurde mit großer Wucht gegen einen Baumstamm geschleudert und rührte sich nicht mehr.

Die übrigen Wölfe hatten sich inzwischen wieder aufgerappelt und knurrten noch immer, aber als sie den Kadaver ihres Anführers am Boden liegen sahen, verloren sie ihren Mut und zogen sich mit eingeklemmten Schwänzen zurück. “Ja, macht, dass ihr Land gewinnt!”, rief die Fremde ihnen hinterher. Dabei bedeckte der Schatten der Abendsonne ihr Gesicht und nur das rubinrote Funkeln ihrer Augen hob sich von der monotonen Schwärze ab. Als sie spürte, dass die Gefahr gebannt war, zog sich ihre Waffe in ihren Körper zurück. Die Bisswunden an ihrem Bein erfuhren eine spontane Heilung. Dann kehrten ihre Augen zu ihrem ursprünglichen Blau zurück, nachdem die Rückverwandlung abgeschlossen war.

Sie wandte sich Henrik zu - der nicht mehr in seinem Versteck anzutreffen war. Es war, als markierte ihr Geist die Umrisse seines Körpers an der Stelle, an der sie ihn vermutete, mit einer weißen Linie und wies auf seine Abwesenheit durch hektisches Blinken eben jener Linie hin. Hatte er sich davon gemacht? Mit ihrem Schwert?! Der konnte was erleben!
 

Mit weit aufgerissenen Augen und kreidebleichem Gesicht rannte Henrik um sein Leben. Seine Schritte wurden vom Instinkt gesteuert, sein Herz pochte so laut, dass es ihn fast taub machte. Ein Kälteschauer lief über seinen Rücken, als jedes Geräusch hinter ihm sein Verhängnis zu signalisieren schien. Todesangst beherrschte sein Denken. Er hatte alles aus seinem Versteck beobachtet. In seiner Panik bemerkte er nicht einmal, dass er immer noch die Leihgabe der Freden in der Hand hielt. Er hatte noch nie gesehen, dass jemand aus seinem eigenen Körper eine Waffe erschaffen konnte. Diese beängstigende Schönheit war niemals ein Mensch! Sie war keine gute Fee, sondern ein Teufelsweib!

Während seiner Flucht trafen seine Füße den Boden in wilder Eile, als er versuchte, so schnell wie möglich davonzukommen. Plötzlich stolperte er über eine Wurzel, die klischeehaft aus dem Boden ragte. Ein Schrei entrang sich seinem Rachen, als sich sein Fuß in ihr verkeilte, das Schwert entglitt seinem Griff, und er fand sich auf dem feuchten Moosboden wieder. Henrik spürte die Nässe auf seiner Haut, roch den leicht modrigen Geruch in seiner Nase und degustierte den fauligen Geschmack in seinem Mund. Es ließ ihm Übel werden. Sein Herz schien für einen Augenblick zu erstarren, während er benommen und verwirrt dalag. Nach einem kurzen Moment der Desorientierung, stand er langsam wieder auf. Dabei spuckte er einige Stücke Moos aus.

Plötzlich spürte er einen unangenehmen Blick im Nacken und hörte schwere Schritte näher kommen. Er wollte sich nicht umdrehen, denn er wusste genau, dass das Teufelsweib hinter ihm war. “D-Du bist direkt hinter mir, r-richtig?”, fragte er rein rhetorisch.
 

Die Krähen hatten das Schauspiel aus sicherer Entfernung beobachtet.

Nun, da die Gefahr vorüber war, konnten sie wieder landen. Und sie fanden einen reich gedeckten Tisch vor. Die Raubtiere sind selbst zur Beute eines viel gefährlicheren Ungeheuers geworden. Nun waren sie tot und würden den Aasfressern als Nahrung dienen. In einer Spirale segelten die schwarzen Vögel herab, um sich an den Überresten des Kampfes zu laben. Nach und nach wurden weitere Krähen angelockt, bis der Waldboden mit schwarzen Vögeln übersät war.

Lagerfeuergespräche


 


 

Der gespaltene Mond stand hoch am Himmel.

Er schwamm in einem Meer aus funkelnden Sternen.

Aus einer Lichtung im Wald stieg eine schmale Rauchsäule kerzengerade in den Himmel auf. Das Licht der Flammen flackerte und warf verschiedenste Schatten an die Bäume und Sträucher. Am Feuer hockte Henrik und garte zwei Hasen am Spieß, die er zuvor mit selbstgebauten Hasenfallen erlegt hatte. Etwas abgelegen von der Feuerstelle, lehnte die Fremde an einem Baum und wartete darauf, dass das Fleisch durchgebraten war. Henrik wendete behutsam die Hasen am Lagerfeuer und bewunderte die zarte, feminine Erscheinung des blonden Mädchens. Doch plötzlich begann sie zu schnarchen wie ein gestandener Waldarbeiter. Eine Rotzblase hing an ihrer Nase, schwoll mit jedem Atemzug an und sank wieder ab. Überraschung und Erstaunen spiegelten sich auf Henriks Gesicht wider. Er dachte bei sich: Mein Gott, sie sägt den Wald um!

Der verlockende Duft des geschmorten Fleisches stieg der Fremden in die Nase. Sie gab drei laute Grunzer von sich, und mit einem Plop platzte die Rotzblase. Sie war augenblicklich hellwach. “Das riecht aber lecker hier!”, bemerkte sie.

Henrik lächelte leicht. "Immerhin kann ich Hasen fangen und Fleisch anbraten", merkte er an und würzte das Fleisch mit etwas Salz aus einem kleinen Beutel an seinem Gürtel. Dann stand er auf und näherte sich der hungrigen Fremden. Er reichte ihr einen Hasen am Spieß, während er den anderen in der Hand behielt. “Hier, probiere mal!”

Die ausgehungerte Schönheit nahm den Spieß, verschlang den Hasen in Sekundenschnelle und ließ nicht mehr als die blanken Knochen übrig. Dann warf sie die Überreste sorglos in den Wald. “Mehr!”, forderte sie unverblümt und griff nach dem Hasen in Henriks anderer Hand, den sie ebenfalls verschlang.

“Gemein!”, protestierte der Braunhaarige. Aber es war bereits zu spät! “Das war meiner!” Er konnte nur staunen, wie schnell sie alles verputzte. Auch die Überreste des zweiten Hasens fanden ihre letzte Ruhestätte im Wald hinter ihr.

Die Fremde klopfte sich mit beiden Händen zufrieden auf den Bauch und lächelte. “Das war lecker”, sagte sie. “Danke für’s Essen.” Ein ausgewachsenes Bäucherchen verließ ihren zarten Mund und schreckte einige schlafende Vögel auf. Sie rutschte zurück zum Stamm des Baumes, an dem sie langsam in eine liegende Position herabgleitete.

“S-Schön, wenn es dir schmeckt!” Dann hielt er einen Moment inne. “D-Du hast mir noch immer nicht deinen Namen verraten.”

Die Frau setzte sich wieder auf. “Nebula.”

“Was?”

“Trottel! Das ist mein Name!”

“E-Ein ausgefallener Name.”

Nebula senkte den Kopf. “Du bist schon schön bescheuert. Ist dir klar, mit wem du dich einlässt? Schätze es wäre fair, dich aufzukären…”

Henrik spitzte seine Ohren.

“Mein Gott, muss ich einem Schmied echt erzählen, dass Waffen zur Gewalt verleiten? Es ist viel zu einfach, Probleme mit ihnen zu lösen. Leute geilen sich auf am Gefühl von Stärke und zwingen anderen ihren Willen auf. Was du vorhin gesehen hast, war eine Teufelswaffe. Die sind zehnmal schlimmer als normale Waffen.”

“Teufelswaffen?”, wiederholte Henrik.

“Hast du noch nie eine Predigt gehört? Geh mal öfter in die Kirche! Im Psalm der Mondspaltung heißt es, der Mond war arrogant und überstrahlte alle Sterne, bis er platzte und alles Schlechte aus ihm heraus auf die Erde viel. Daraus entstanden die sechshunderdsechsundsechtzig Teufelswaffen. Sie verführten ihre Träger, alle Tugenden in den Wind zu schlagen. Wer eine von ihnen in die Finger bekommt, wird vom Bösen verführt. Der Hass erfasste alle Rassen und verleitete sie dazu, sich auch selbst Waffen zu bauen und einander abzuschlachten.”

“Dann ist das wirklich so passiert?”, fragte Henrik.

“Trottel! Natürlich ist das symbolisch gemeint! Der Mond kann nicht hochmütig sein. Vielleicht ist er gespalten, weil ihrend wann ein Komet dagegen gekracht ist. Ist auch völlig egal. Zumindest die Teufelswaffen sind echt.”

Ein unpassendes Glitzern funkelte in Henriks Augen. “Das ist beeindruckend!”

“Sag mal, hast du einen Vollschaden?!”, echauffierte sich die Blondine, fand aber schnell ihre Ruhe wieder. “Diese Dinger sind kreuzgefährlich! Manche sind so böse, sie bewirken sogar gute Dinge.”

“Verrückt!”

“Ja, man. Das kannst du laut sagen! Und weißt du, was noch viel verrückter ist? Ich kann Teufelswaffen in mich aufnehmen. Und wenn ich sie alle habe, dann kann sie kein durchgeknallter Wahnsinniger mehr missbrauchen.”

“Dafür kämpfst du also… H-Hat das gar keine… Nebenwirkungen?”

“O doch, die hat es. Und nicht zu knapp. Jeder Tag ist ein Kampf gegen das Geflüster. Diese Stimme will, dass ich töte…”

“Warum tust du dir das an?”

“Ich… habe meine Gründe.”

Henrik sah Nebula fragend an.

Nebula beäugte Henrik kritisch. “Sag mal, verfolgst du auch ein Ziel in deinem Leben? Oder träumst du nur fröhlich vor dich hin?”

“Ich will eines Tages der beste Schmied werden!”

Nebula musste lachen. “Na, da hast du ja auch was vor!”

“Und ich will die Welt sehen! Ein Abenteurer sein.”

Die Braue über Nebulas linkem Auge zuckte und zeugte von Interesse.

“Darf ich fragen, wie du -”

“- ich zum Monster geworden bin? Nein! Das ist privat!”

“Aber...”

“Privat!”

Henrik sah Nebula mit Dackelblick an. Seine treutraurigen Augen ließ ihre Wangen erröten und sie konnte es nicht mehr bei sich halten.

“Man, das ist psychologische Kriegsführung!”, beschwerte sich Nebula seufzend. “Ich war mal verlobt. Am Tag meiner Hochzeit wurde ich angegriffen und niedergestochen. Mit Bloodbane. Aber offenbar ist sterben nicht so einfach… Und jetzt bin ich ein Monster.”

“Was ist mit deinem Verlobten?”

“Hält mich für tot.”

Henriks Gesicht drückte tiefe Bestürzung aus. “D-Das ist... grausam!”

“Kann ja schlecht plötzlich bei ihm aufschlagen.”

Henrik blickte traurig zu Boden. “Ja, schon…”

“Du willst Abenteurer werden, hast du gesagt?”

“Ja! Ich will raus und die Welt sehen!”

“Ich stelle gerade Untersuchungen zu Überfällen und verschwundenen Leuten an. Du kennst dich hier aus und wärst bestimmt eine Hilfe.” Plötzlich kam Nebula ins Stottern. “A-Also nur, wenn du möchtest, natürlich!”

“Na klar will ich das!”, antwortete Henrik verzückt. “Das ist doch Ehrensache. Immerhin hast du mir auch geholfen und diesen magischen Hammer gegeben.”

”Wegen dem ‘magische Hammer’...”, murmelte sie. “Eigentlich hat der Hammer gar-”

“Dafür will ich mich bei dir bedanken, Nebula!”, unterbrach Henrik und wartete nicht einmal auf das Ende des Satzes. “Ohne dieses Wunderwerk könnte ich gar nichts!”
 

Die Aussage des Jungen ließ Nebula staunen. War der wirklich so dumm oder Tat der nur so? Es war eine harte Herausforderung, nicht in Gelächter auszubrechen! Soll er glauben, was er will, sprach Nebula in Gedanken. Wenn der Junge mehr Vertrauen in einen “magischen” Hammer als in sich selbst hat, war das zwar bedauerlich, aber wenn es ihm half... So konnte er wenigstens sein Talent nutzen. “Also willst du mir helfen?”, erkundigte sich Nebula.

“Aber klar.”

“Sehr gut! Mit zwischenmenschlichen Beziehungen ist es wie mit Waffen. Man muss sie regelmäßig warten, sonst werden sie schartig.”

“Hä? Was erzählst du da? Warum gerade ich?”

“Weil ich mich zu dir hingezogen fühle.”

Henrik lief so rot an, wie eine Tomate.

“M-Moment!”, platzte es aus der Söldnerin heraus. “W-Was rede ich denn da?!” Hektisch wedelte sie mit den Händen. “N-N-Nicht das, was du denkst!” Ihre Gesichtsfärbung glich sich der Henriks an. “Ich habe dieses Gefühl, dass du nicht einfach nur ein Trottel bist. In dir steckt noch mehr. W-Wäre doch schade, wenn dein Talent verkümmert!”

Henrik war unschlüssig, wie er reagieren sollte.

Nebulas Gesicht wandelte sich schnell in einen ungeduldigen Ausdruck. “Also begleitest du mich”, sprach sie es aus. “ Gut. Kriegst auch Gewinnanteile!” Nebula war beinahe angetan von dieser Spontanität. Auch wenn es unüberlegt war. Hatte er ihr überhaupt zugehört? “Was bist du eigentlich für ein Idiot?!” Sie setzte ihre Tirade fort. “D-Du kannst doch nicht blindlings mit mir gehen! Ich bin gefährlich! Ich bringe Leute um!”

“Aber bestimmt nur die Bösen!”

Das entlockte sogar ihr ein Lächeln.

“Ich glaube, es erfordert viel Stärke, dem Bösen zu widerstehen. Darum bin ich der festen Überzeugung, dass du ein guter Mensch bist. Das sagt mir mein Bauch.”

Besagter Bauch begann zu knurren.

“Ja, das höre ich...”
 

Der nächste Tag brach an. Geduldig wartete Nebula in der Nähe der Stadt, während Henrik kurz zurückkehren wollte, um einige Angelegenheiten zu klären. Er musste sich von seinen Eltern verabschieden, einen Käufer für seine Schmiede finden und die Waren in Gold verwandeln, obwohl die meisten nur noch als Altmetall zu gebrauchen waren. Sie hatte ihm versprochen, dieses Mal bis zum Abend zu warten, und das beabsichtigte sie zu tun. Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont zu und tauchte den Himmel in ein rötliches Licht. Du hast nicht mehr viel Zeit, dachte sie und behielt das Stadttor im Auge.

Doch niemand kam.

Mit einem Hauch von Enttäuschung bedeckte sie ihr Haupt mit der Kapuze und setzte sich schließlich in Bewegung. Obwohl er ihr bestimmt nur ein Klotz am Bein sein würde, hatte sie sich inzwischen auf seine Gesellschaft gefreut. Es wäre das erste Mal seit langem gewesen, dass sie nicht alleine reiste. Das betrübte sie schon ein wenig… Sie fragte sich, wieso sie enttäuscht war. Es war bestimmt besser so.

In Gedanken vertieft, hörte sie kaum, wie jemand ihren Namen rief.

“Nebula!”

Schließlich nahm sie es doch wahr. Sofort wandte sie sich um. Es war tatsächlich Henrik. Winkend lief er auf sie zu, einen Reisebeutel und ein zusammengerolltes Zelt auf dem Rücken, einen überdimensionalen Hammer über der Schulter und sein selbst geschmiedetes Schwert am Gürtel. Ein Lächeln konnte sie nicht unterdrücken, als er schließlich bei ihr ankam. Unverzüglich begrüßte sie ihn mit einem Kinnhaken, der Henrik auf die sprichwörtlichen Bretter beförderte. “Was fällt dir ein, mich warten zu lassen?!”, tadelte sie. Obgleich er jetzt im Dreck lag, war Nebula eins klar: Ihre Einsamkeit hatte ein Ende und seine Reise soeben begonnen.

Per Anhalter durch Morgenstern


 


 

Es war eine Woche, bevor Henrik auf Nebula traf.

Auf der Straße nach Bärenhag zeichneten sich die Spuren der bisherigen Nutzer im Schlamm ab. Der Regen hatte den Boden aufgeweicht und die Räder tiefe Furchen in den Grund hinein graben lassen. Die Wagenspuren erzählten Geschichten von harter Arbeit. Von Bauern, die ihre Erzeugnisse in die Stadt fuhren und von Händlern aus allen Teilen des Königreichs, die kamen, um Gewürze oder Geschmeide zu veräußern.

Nebula verfolgte gerade kein bestimmtes Ziel.

Sie verbarg ihr Gesicht vor den Sonnenstrahlen unter ihrer Kutte.

Wohin es sie dieses Mal verschlug, stand noch in den Sternen.

Zuvor hatte die Söldnerin einen lukrativen Auftrag abgeschlossen. Ein Adliger in Güldeburg heuerte sie an, ein wertvolles Schwert zu besorgen. Er wollte es um jeden Preis sein Eigen nennen, was sich in der Vergütung widerspiegelte. Angeblich besäße diese Waffe magische Fähigkeiten - zumindest behaupteten das die Gerüchte. Es könnte sich immerhin um eine Teufelswaffe handeln. Sie musste dem nachgehen. Als sie die Waffe endlich in ihren Besitz gebracht hatte, musste sie zu ihrer Ernüchterung feststellen, dass es sich um ein stinknormales, langweiliges Schwert handelte, dessen Klinge zwar reichlich mit Ornamenten versehen war, aber sonst nur eine Schnöde Verzauberung aufwies.

Das Ding konnte der Adlige ruhig haben...

Immerhin entlohnte er sie fürstlich für ihre Dienste.

Das nächste Mal musste sie dennoch vorsichtiger mit solchen Gerüchten sein.

Die Erfahrung zeigt, an den meisten ist nichts dran.

Weiter unten auf der Straße enthüllte sich etwas vor ihren Augen. Mit der Hand fest um den Griff ihres Schwertes näherte sich die Söldnerin dem unklaren Objekt. Mit jedem Schritt, den sie näher kam, wurde deutlicher, dass es sich um einen umgekippten Wagen handelte. Eine Sperrstange ragte aus dem leblosen Körper eines Pferdes heraus. Kisten, sowohl intakt als auch zerschlagen, waren über den Boden verstreut. Und inmitten dieses Durcheinanders war eine Gestalt zu erkennen. Als Nebula schließlich feststellte, dass es sich um einen Menschen handelte, beschleunigte sie ihre Schritte.

Es war ein Mann mittleren Alters, sein dunkles Haar schimmerte leicht grün im Sonnenlicht. Ruppig rüttelte die Blondine an dem Bewusstlosen.

Allmählich kam er wieder zu sich.

“Was ist geschehen?”, fragte er leicht benommen. Dann sah er den Kadaver seines Pferdes und den umgestoßenen Wagen und schreckte auf. “Meine Waren! Meine Waren!”

“Immer langsam”, versuchte Nebula, ihn zur Ruhe zu bewegen.

Aber ihr Gegenüber gedachte nicht im Traum daran. Der Mann stapfte mit dem Fuß auf dem matschigen Boden herum, als stelle er sich vor, auf die Räuber einzutreten. Seine Worte kamen in einem eiligen Strom heraus, als er von einem Fuß auf den anderen tänzelte und wild gestikulierte. Nebula musste sich wundern, wie der Mann, welcher eben noch bewusstlos im Dreck lag, sich so energisch aufregen konnte. Seine Stimme überschlug sich förmlich. “Es ist alles weg!”, stieß er aus. “Ich bin ruiniert.”

“Sei still! Sag mir, was sich zugetragen hat.”

“Ich wurde überfallen!”

Nebula sah ihn daraufhin abschätzig an. “Ist das wahr?!”

“Junger Herr, wollt Ihr mich verspotten?”

Ihr Kapuzenmantel schien offensichtlich zu wirken. Kein Wunder, schließlich verbarg er einen Großteil ihres Gesichts. Aber niemals hätte sie geglaubt, als Mann durchzugehen. Ob dies auch im größeren Maßstab funktionierte?

“Ich brauche mehr Informationen”, erörterte Nebula. “Was hattest du geladen? Weißt du, wer dich überfallen hat? Kannst du mir sonst noch etwas berichten?”

“Ich transportierte Seide nach Bärenhag. Ich fuhr die Straße entlang und ahnte nichts böses. Plötzlich bohrt sich dieser Speer in meinen Gaul und aus allen Richtungen fallen Männer über meinen Wagen her, wie Spatzen über die Saat! Warum haben sie mich leben lassen? Wenn ich meine Ware nicht abliefere, bin ich bankrott. Da wäre ich lieber tot!”

“Du weißt doch gar nicht, wie einsam der Tod ist…”

“Bitte?”

“Nicht so wichtig. Sag, du hältst nicht viel von angeheuerten Wachen, oder?”

“Tatsache, Ihr verspottet mich.”

“Mit mir an deiner Seite wäre das nicht passiert!”

“Das sind große Worte. Könnt Ihr ihnen große Taten folgen lassen?”

“Was genau willst du?”

“Bringt mir meine Waren wieder und ich beteilige Euch am Gewinn.”

“Wie viel?”

“Zehn Prozent.”

“Zwanzig.”

“Halsabschneider!”

“Willst du deinen Kram zurück, oder nicht?”

“Fünfzehn.”

“Na gut! Abgemacht!”

Nebula und der fahrende Händler besiegelten ihre Abmachung mit einem Handschlag.

“Bevor sie mich bewusstlos schlugen, sah ich einige in Richtung Westen fliehen. Vielleicht findet Ihr sie dort.”

“Ich werde mich darum kümmern. Schön hier bleiben!”

“Spaßvogel! Wo soll ich denn hin, ohne meine Waren?”

Nebula folgte der Weisung des Händlers und erkundete den Westen abseits der Straße. Zuerst wirkte alles unauffällig, bis sich zwischen Bäumen und Sträuchern ein Höhleneingang in einer Felswand auftat. Links und rechts brannten Fackeln und es befanden sich einige Kisten und Fässer auf einem kleinen Platz vor dem Grottenmund. Hier muss es sein, dachte Nebula und streckte den rechten Arm aus. “Koche in meinen Venen, Bloodbane!”, befahl sie und rief ihre Waffe herbei. Nur mit ihrem gewöhnlichen Schwert, wollte sie es nicht mit einer ganzen Räuberbande aufnehmen.
 

Ungeduldig beobachtete der Händler den Verlauf der Sonne.

Einige Zeit verstrich.

Wo bleibt der Kerl, grübelte der Mann. Er wird mich doch nicht versetzt haben?

Doch als er das aufgeregte Schnauben eines Pferdes vernahm und sich der Geräuschquelle zuwandte, durchfuhr ihn Erleichterung. Seine Augen weiteten sich voller Freude, als er den Fremdling sah, der mit Pferd und Wagen heranpreschte und schließlich am Schauplatz des Überfalls zum Stehen kam.

“Ich glaube, mein Schwein pfeift!”, staunte der Krämer. “Wo habt Ihr...”

“Ich fand dies, als ich die Räuber auseinander nahm”, erklärte Nebula und sprang von dem Wagen ab. “Die Seide ist bereits aufgeladen. Inklusive weiterem Diebesgut.”

“Ihr habt gegen unzählige Männer gekämpft? Allein?!”

“Das waren keine echten Männer, nur feige Schwächlinge. Die meisten sind abgehauen.”

“Was habt Ihr mit den anderen gemacht?”

“Sollen schmutzige Details dir diesen Moment des Glücks trüben?”

“Nein. Ihr habt wohl Recht.”

“Lass es mich so ausdrücken: Die sind dauerhaft aus dem Geschäft!”

“Habt Dank, Fremder! Ihr habt mich gerettet.”

“Danke mir in Münzen!”

“Natürlich, das habt Ihr Euch redlichst verdient.” Der Händler stieg auf den Anhänger und warf Nebula ein großes zusammengerolltes Tuch Seide zu.

Die Söldnerin fing den Wertgegenstand auf. “Willst du mich verarschen?!”, fragte sie verärgert. “Ich will Gold!”

“Für Gold muss ich meine Ware erst verkaufen.” Der Mann stieg wieder aus dem Wagen aus. “Das ist mehr als genug wert. Wenn Ihr es zu Gold machen wollt, könnt Ihr es in Bärenhag verkaufen.” Er schwang sich auf die Kutscherbank.

“Verkaufen?”

Der Krämer klopfte mit der Hand auf den freien Platz neben sich. “Kommt schon, Bursche. Ich nehme Euch mit.”

Nebula folgte der Einladung und setzte sich zu ihm.

“Wir leben in gefährlichen Zeiten”, begann der Händler zu erzählen. “Halunken sind nicht der einzige Schrecken. Es heißt, ein waschechter Raubritter treibe sein Unwesen. Mit dem werdet Ihr bestimmt auch nicht fertig. Die Leute sagen, er sei mit dem Teufel im Bunde.”

“Wirklich?”, erkundigte sich die Blondine. “Rede weiter!”
 

Zurück in der Gegenwart machte eine Karawane Rast.

Die Pferde tranken gierig aus der Tränke, als der Konvoi nach einer langen Fahrt endlich eine wohlverdiente Pause einlegte. Die Kaufleute waren den ganzen Tag über unermüdlich gereist, um voranzukommen. Nun zeigten nicht nur die Pferde, sondern auch die meisten Menschen Zeichen von Erschöpfung. Der Himmel, der zuerst in einem roten Abendglühen erstrahlte, begann allmählich in die Dunkelheit der Nacht überzugehen. Die Finsternis wurde lediglich von den funkelnden Sternen durchbrochen, die am Himmelszelt leuchteten.

Es würde bald zu dunkel sein, um die Reise fortzusetzen.

Darum schlugen die Händler das Nachtlager auf.

Die Tiere ließen sich auf provisorisch aufgehäuftem Stroh nieder, um zu schlafen, während die Wachen darüber berieten, wer welche Schicht übernehmen würde. Bei einem Spiel mit Stäbchen zogen sie, um die besten Zeiten für sich zu ergattern, wobei sie sich gegenseitig fleißig betrogen. Die erschöpften Zivilisten kuschelten sich in ihre Schlafsäcke und richteten ihre Gedanken bereits auf den kommenden Morgen aus. Bald würde die nächtliche Stille Einzug halten. Dennoch konnte die kräftezehrende Reise nicht alle vom Überschwang abhalten. Anhänger des Kampfes hatten Fackeln im Boden verankert, um einen Ring zu schaffen. Neugierige versammelten sich am Rand, um das versprochene Spektakel zu beobachten. Seit dem Beitritt der beiden Neuzugänge zum Konvoi gab es jeden Abend einen Kampf.

Die Zuschauer warteten ungeduldig.

“Traut euch endlich!”, forderte einer.

“Sie wird ihm wieder den Hintern versohlen!”, prophezeite ein anderer.

Dann erfüllte sich endlich der Wunsch der Schaulustigen und die Kontrahenten betraten den Ring. Es waren ein Mann und eine Frau, beide im gleichen Alter und noch sehr jung. Die Frau gehörte zu den Wachen und hatte einen ernsten Gesichtsausdruck aufgesetzt. Eigentlich war es unüblich, Frauen als Wachen anzuheuern, aber nachdem sie den Anführer der Wachen im Handumdrehen besiegt hatte, vergaßen die Wachen ganz schnell ihr Geschlecht. Der Mann war der Schmied. Der Ersatz für den vorherigen, der sich in der letzten Stadt zusammen mit einer Tänzerin abgesetzt hatte. Er sollte nicht das Schwert führen, sondern es schleifen. Den Pferden die Hufe wechseln. Werkzeug reparieren. Aber die Bewunderung für die Frau und ihre Kampffertigkeit, ließ ihn seine eigentliche Aufgabe vergessen. Und ihre verblüffende Schönheit zog ihn an. Zumindest während eines Kampfes konnte er ihr nah sein. Und vielleicht würde sie ihn irgendwann mit anderen Augen sehen.

Das war die Legende, die sich die anderen über sie erzählten.

Dieses Mal hatte er sein Schwert im Zelt gelassen und war stattdessen mit einem überdimensionalen Schmiedehammer erschienen. Diese unerwartete Veränderung ließ die Frau allerdings kalt. “Fünfzehn Sekunden!”, kündigte sie an. “Dann frisst du Dreck!” Daraufhin zog sie ihre Waffe.

Die Frau nahm eine fehlerfreie Anfangshaltung ein.

Der Mann umklammerte mit beiden Händen den Stiel seines Hammers.

“Trottel!”, kam prompt der Tadel. “Weil du das Schwert nicht anständig halten kannst, greifst du gleich zum Hammer?!”

“Der liegt mir nun mal besser”, antwortete der Mann.

Beide stürmten aufeinander zu und ihre Waffen kreuzten sich. Klirren erfüllte die Luft, als Stahl auf Stahl traf. Der Schmied bemühte sich, die Technik einzusetzen, die er von einem anderen Wächter gezeigt bekommen hatte. Mit seiner geballten Manneskraft und seinem Hammer war er dem Weibsbild körperlich überlegen. Aber auch die Technik entscheidet in einem Kampf. Die weibliche Wache wehrte alle seine Versuche ab, als wäre es nichts.

“Konzentriere dich gefälligst!”, setzte sie ihren Tadel fort.

Blitzschnell beugte sie sich nach vorn und wich so dem neuesten Angriff aus. Ein einziger Treffer dieses Instrument der Zerstörung würde genügen, sie von den Füßen zu reißen. Anstatt ihn frontal anzugreifen, verfolgte sie ein anderes Ziel. Zwar besaßen seine Schläge viel Kraft, aber sie waren viel zu langsam und er vernachlässigte seine Deckung. Die geballte Faust der Wächterin landete im nächsten Moment in der Magengrube ihres Gegners. Dem Schmied entglitt sein Hammer und er fiel auf die Knie, die Hände fest auf den schmerzenden Bauch gepresst.

Er hustete und würgte, als würde er sein Abendmahl gleich wiedersehen.

"Ein Krieger besteht nicht nur aus seiner Waffe!"

Das Publikum war nicht besonders begeistert von dem schnellen Sieg.

“Könnt Ihr ihn das nächste Mal etwas langsamer verhauen?”, entrüstete sich einer.

“Ja, wir wollen was sehen!”, meinte ein anderer.

“Sucht Euch einen richtigen Gegner!”, stichelte ein Dritter. "Nicht diese Memme."

Enttäuscht zogen sie von dannen.

Die Frau steckte ihre Waffe weg und half ihrem Gegner auf. Als er wieder stehen konnte, nahm auch er seinen Hammer wieder an sich. Gemeinsam traten sie aus dem Ring und gingen zu einem der Zelte.
 

Eine Öllampe warf schaurige Schatten an die Zeltwände, während eine eisige Windböe hindurchpfiff. Die einstigen Gegner lagen nun Seite an Seite, jeder im eigenen Schlafsack. Als Vorsichtsmaßnahme hatten sie eine Barriere aus ihren Habseligkeiten zwischen sich errichtet, um ungewollte Annäherungen im Schlaf zu verhindern. Die Gerüchte über ihre mögliche Beziehung schwirrten zwar bereits durch das Lager, aber das waren lediglich Spekulationen. Beide starrten an die Zeltdachdecke und verfolgten die wirbelnden Schattenspiele. Der Schlaf wollte einfach nicht kommen.

“Unfassbar! Du kommst mit einem Hammer zum Fechtkampf, Henrik!”, wurde der Schmied erneut kritisiert.

“Ich habe mich angestrengt, Nebula!”, verteidigte sich dieser. “Aber das mit dem Schwertkampf will mir einfach nicht gelingen.”

“Du bist schon putzig”, kicherte die Söldnerin. “Mit dem Hammer wird es aber auch nix.”

“Danke, Lady”, ärgerte sich Henrik.

“Sei doch einfach ein Schmied. Du musst kein Krieger sein.”

“Aber ich möchte dir keine Last sein!”

Nebula schwieg einen Moment. “Du bist mir keine Last!”, beschwichtigte sie ihn. “Aber du musst dich verteidigen können, wenn du mit mir reist, das ist richtig. Ich habe nämlich keine Lust dich zu retten, klar!”

Dann schloss sie ihre Augen und beendete das Gespräch.

Er wäre ihr keine Last. Das klang schon einmal anders.

Henrik versank in Erinnerungen.

Falscher Fünfziger


 


 

Henrik ließ die Ereignisse letzter Woche Revue passieren.

Damals war er völlig außer Atem und hatte die Grenze seiner Ausdauer erreicht. Der Schweiß strömte unaufhörlich, und seine Beine zitterten, als könnten sie jeden Moment nachgeben. Er hatte zwar Kraft ohne Ende, aber keine Ausdauer. Es musste eine Pause her! Er suchte Halt an einem umgestürzten Baumstamm. “Ich kann nicht mehr”, lamentierte er.

Die Blondine stoppte kurz ihren erbarmungslosen Marsch und sah über ihre Schulter. “Weichei!”, sprach sie kalt. “Wenn du nicht mithalten kannst, dann hau ab! Vielleicht habe ich dich falsch eingeschätzt.” Sie sah wieder nach vorn und ging einfach weiter.

“W-Warte!” Henrik verstand sie nicht. Erst bot sie ihm an, sie zu begleiten, aber nun schonte sie ihn nicht eine Sekunde.

Glücklicherweise blieb Nebula abermals stehen, diesmal ohne sich umzudrehen. “Na schön, du sollst deine Pause bekommen.” Daraufhin setzte sie sich zu ihm.

“Ist es noch weit?”, erkundigte sich der Schmiedegeselle.

“Wenn wir uns nicht beeilen, dann werden wir die Karawane verpassen!”

“W-Wegen der Sache, die du untersuchen willst?”

“Genau. Wir haben einen Auftrag!”

“Die Räuber?”

Nebula machte sich offen über Henrik lustig. “Nein, ein Rudel Exhibitionisten!"

“Die sind wirklich schwer bedeckt zu halten.”

Sein feuchtfröhlicher Spruch entlockte der Söldnerin ein Lachen. Sein Humor konnte manchmal sogar ihr den Tag versüßen. An dem Jungen war ein Hofnarr verloren gegangen. Den sollte sie behalten! Vielleicht tat sie gut daran, sich ihm ein wenig mehr zu öffnen.

“U-Und du glaubst, das führt zu etwas?”

“Wenn jemand diese Karawane überfällt, wird er es im Nebeltal tun. Man sieht zwar oft die Hand vor Augen nicht, aber trotzdem ist es eine wichtige Handelsstraße. Krämer werden häufig um ihre Sachen erleichtert. Deshalb schließen sie sich zu großen Verbänden zusammen und heuern Söldner an, die sie beschützen.”

“Und?”

“Da kommt mein Schwertarm ins Spiel. Ich werde als Wachmann anheuern.”

“Ähm… Aber du bist doch eine Frau.”

Nebula ballte die Faust und zeigte ihr schönstes bösartiges Grinsen. ”Wenn sie keinen anderen Grund haben, mich abzulehnen, werde ich sie so lange verdreschen, bis sie mich bitten, sie zu beschütze!”

“Das ist ja gerade zu mafiös…”

Plötzlich schwang sich Nebula wieder auf die Beine. “Genug gefaulenzt!”

Widerwillig erhob sich Henrik.
 

Aber die elende Plackerei blieb nicht unbelohnt. Henrik und Nebula gelang es tatsächlich, den Konvoi rechtzeitig abzupassen. Sofort begab sich Nebula zum Anführer der Wachen und stellte sich vor. “WAS wollt Ihr?!”, fragte dieser und konnte sich beim Anblick des Mädchens vor ihm das Lachen bald nicht mehr verkneifen. “Die Karawane beschützen?” Abschätzig musterte er das Weibsbild vor seinen Augen. “Ihr spinnt wohl!”

Henrik spürte Blicke in seinem Nacken, die eigentlich jemand anderem galten.

“Traut Ihr mir das nicht zu?”, beantwortete Nebula mit einer Gegenfrage, obwohl dies eigentlich nicht nötig war. Ihre Statur war schließlich ganz anders als die eines muskelbepackten Fleischberg, der üblicherweise solche Aufgaben übernahm.

“Eine Wache muss groß sein. Muss stark sein. Muss ein echter Kerl sein!”

“Glaubt Ihr, ich weiß das Schwert nicht zu führen?”

“Ihr könnt gern mein Schwert führen!” Der Mann ballte die Hände zu Fäusten und bewegte seine Lenden in einer maximal vulgären Geste. Sie verleitete die anderen dazu, hemmungslos loszupusten.

Die Provokation zeigte Wirkung. “Ich ramme Euch unangespitzt in den Boden!” Nebula zog wütend ihr Schwert.

“Bitte habe Gnade mit dem armen Mann!”, versuchte Henrik zu beschwichtigen. Hilflos sah er zu. Dem konnte nun niemand mehr helfen. Für den armen Mann konnte man nur Mitleid empfinden. Der Kampf zwischen Nebula und dem Wächter entbrannte. Die Söldnerin wollte beweisen, dass sie genauso gut war wie ein Mann und verzichtete sogar auf ihre dämonischen Kräfte - vermutlich, um es auch ihr selbst zu beweisen. Der Kampf gegen den Anführer der Söldner war alles andere als einfach ohne ihre Kräfte, aber es gelang ihr, dank ihrer Geschicklichkeit ihren Gegner zu entwaffnen. Triumphierend hielt Nebula den Anführer der Söldner mit der Spitze ihres Schwertes auf Abstand.

Umgehend verstummte das Gelächter.

Ehe sie sich versahen, waren Henrik und Nebula angeheuert.
 

Ein Poltern riss Henrik aus seiner Erinnerung zurück in die Gegenwart. Er öffnete seine Augen und stellte fest, dass der neue Tag bereits angebrochen war. Er sah über die Barriere von Habseligkeiten, aber konnte Nebula nicht neben sich entdecken.

Dann polterte es erneut.

Henrik griff nach seinem Hammer und stürmte blindlings aus dem Zelt hinein in eine weiße Wand aus Morgendunst. Als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, entdeckte er Nebula. Sie hockte an einem kleinen Kessel, indem irgend etwas Unappetitliches vor sich hin blubberte, und rührte unentwegt in dem Gebräu herum. Sie hatte weder Rüstung angelegt noch ihren Mantel übergeworfen - es würde sie auch ziemlich beim Kochen behindern.

Sie sah zu ihm auf und bemerkte, dass er seinen Hammer in der Hand hielt.

“Was willst du denn mit dem Ding?”, fragte sie erstaunt.

“Du warst nicht da und ich h-habe etwas Poltern gehört”, antwortete der Braunhaarige.

“Und da bist du gekommen, um mich zu retten?” Nebula machte ein spöttisches Gesicht. “Mein Ritter in glänzender Rüstung.”

Jetzt kam sich Henrik ziemlich dumm vor.

Nebula stellte das Rühren ein. “Ich denke, es ist fertig.”

Ein Blick in den Kessel genügte, damit Henrik das Grauen ereilte. Voller Angst schluckte er schwer und fand sich in einem Moment der Besinnung wieder, in dem er inneren Frieden mit Gott schloss. “Was gibt es denn?”, fragte er in Todesangst.

“Haferschleim und Brot.” Nebula füllte mit einer Kelle Schleim in zwei Schüsseln ab.

Hätte er Appetit gehabt, so wäre er ihm jetzt vergangen, nachdem das eklige Gemenge geräuschvoll in die Gefäße verbracht worden war. Aber zumindest war diese Speise einfach genug, sodass es nicht einmal Nebula gelänge, unbeabsichtigt ein Gift daraus zu zaubern.

“Das ist gesund und nahrhaft!”, belehrte die Blondine.

“Aber nicht, wenn es anbrennt…”

“Ich kann halt nicht kochen. Hast du was dagegen?””

“Ist doch nicht schlimm. Dafür hast du doch jetzt mich!”

Nebulas Gesicht errötete. Erregt und beschämt zugleich starrte sie ihn an. “W-Was soll das jetzt schon wieder heißen?!”

Henrik konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

“Wieso lachst du jetzt, du Idiot?!”

Der Schmiedegeselle tat sein Möglichstes, den Fraß in einen genießbaren Zustand zu bringen. Leider vermochten nur die Heiligen Wunder zu vollbringen und nach Henriks letztem Stand zählte er nicht zu ihnen. Mit langen Zähnen würgten beide ihr Frühstück herunter, das teilweise nach Kohle schmeckte.

“Du hast Recht!”, gestand Nebula ein. “Das ist widerlich!”

Plötzlich horchte sie auf. Da war noch etwas anderes in der weißen Wand. “Geh! Versteck dich irgendwo!”, befahl sie ihrem Begleiter.

“A-Aber?”

“Na mach schon!”

Henrik griff seinen Hammer und gehorchte stillschweigend. Einige Schritte entfernt hatte einer der Händler seinen Planwagen abgestellt. Henrik kletterte hinein und suchte Schutz zwischen ein paar Fässern. Währenddessen tauchte die geheimnisvolle Schönheit in die weiße Wand ein, und jegliche Geräusche verschwanden im dichten Dunst. Henrik war zwar neugierig, was vor sich ging, aber er beschloss, Nebulas Ratschlag wenigstens für einen Moment zu befolgen. Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Der Planwagen setzte sich plötzlich in Bewegung, als ob Geister ihn lenkten.
 

Ein Mann im abgetragenen Lederwams, ungepflegt und unrasiert, mit kurz geschorenen Haaren, brach zusammen, als Nebula mit dem Knauf ihres Schwertes auf seinen Kopf einschlug. "Jetzt sind sie alle flachgelegt!", verkündete sie stolz.

Die anderen Wachen staunten, als die hübsche Kriegerin ihre unbefleckte Klinge wieder in der Schwertscheide verstaute. Eine seltene Kombination aus Schönheit und Stärke. Um die Wächter herum verteilt lagen die bewusstlosen Angreifer. Obwohl sie nicht besonders stark waren, hatte Nebula ihre Mühen, denn sie konnte vor den anderen nicht einfach ihre übermenschlichen Kräfte freisetzen, ohne unnötig aufzufallen.

“Gute Arbeit”, sagte einer der Wachmänner verlegen.

“Wo sind die überhaupt hergekommen?”, fragte ein weiterer.

“Klug, uns zu überfallen, wenn wir sie nicht kommen sehen”, meinte ein dritter.

“Aber so haben sie nicht gesehen, wie gut hier alles bewacht ist", tönte stolz ein weiterer.

Langsam aber sicher ließ die Sonne den dichten Schleier weichen und man konnte endlich wieder klar sehen. Die Wachen fesselten die Männer und setzten sie in einen der Planwagen fest. Einer der Händler verfiel urplötzlich in Hysterie, als er feststellte, dass etwas fehlte. Aufgeregt rannte er auf Nebula und die anderen Wachen zu. “Mein Wagen ist fort!”, rief er unentwegt. “All der teure Wein!”

“Wie, er ist weg?”, erkundigte sich Nebula.

Der Mann deutete auf die Stelle, wo sein Wagen gestanden hatte. Nebula stellte mit Schrecken fest, dass sie und Henrik ihr Zelt direkt daneben aufgeschlagen hatten. Sie eilte, um nach ihrem Schmied zu suchen. Doch er war nicht im Zelt. Hatte er sich im Wagen versteckt? Du Idiot, dachte sie besorgt. Machst doch sonst nie was ich sage!

Sie kehrte zu den anderen Wachen zurück. “Ich werde den Wagen zurückholen!”, kündigte sie selbstbewusst an.

Der Anführer der Wachen trat an sie heran. “Das könnt Ihr nicht allein wagen!”, rief er sie zur Besinnung. “Wir wissen nicht, wie viele es sind! Ich werde Euch lieber begleiten.”

“Fein! Seid mir aber kein Klotz am Bein!”

Gemeinsam folgten sie den Wagenspuren. Sie führten sie in einen kleinen Wald. Dort fanden sie den Karren. Er war liegen geblieben, als eines der Räder in den schlammigen Resten eines Wasserloches stecken blieb. Zwei Männer versuchten es herauszuheben, um der misslichen Lage zu entkommen. Gerade als Nebula sich ihrer annehmen wollte, fühlte sie den Griff ihres Begleiters um ihren Körper und ein Messer an ihrer Kehle.
 

Henrik kauerte immer noch im Planwagen, bisher unentdeckt. Ein Schreck durchfuhr vorhin seinen ganzen Körper, als der Wagen plötzlich losgefahren war. Doch nun steckte ein Rad fest, und die Räuber konnten ihre Flucht nicht fortsetzen.

Sie sind beschäftigt, dachte Henrik. Es wäre die Gelegenheit!

Doch dann hörte er eine vertraute Stimme.

“Nehmt Eure Pfoten von mir!”

Vorsichtig sah er durch den Spalt in der Plane.

Nebula wurde von dem Anführer der Karawanenwachen festgehalten und mit einem Messer bedroht. Seine Hand wanderte an Stellen, wo sie nichts verloren hatte. Schamlos befummelte er erst ihre Brust und ließ seine schmutzigen Griffel anschließend in ihren Schritt wandern. Dabei presste er sie fest an sich. “Nicht, dass du auf dumme Gedanken kommst, Blondie…”, bedrohte er seine Gefangene. “Das ist kein gewöhnliches Messer! Es ist mit einem lähmenden Gift benetzt!” Nebula wurde von dem Mann näher an den liegengebliebenen Wagen gezwungen. “Schaut mal, Jungs!”, rief er seinen Komplizen zu. “Schaut, was ich hier habe!”

Die beiden Männer stoppten ihre Arbeit am Rad.

Die verräterische Wache machte sich noch einmal an Nebulas Oberweite zu schaffen.

Er musste ihre Brust mit Brotteig verwechseln…

“Du weißt, dass du gleich grausam sterben wirst?!”, sagte sie zornig.

Henrik fasste sich ein Herz. Sie war gekommen, obwohl sie zuvor meinte, sich nicht darum zu scheren, ihn zu retten. Nun bescherte ihm das Schicksal die Gelegenheit, stattdessen ihr zu helfen. Er konnte ihr beweisen, dass die unzähligen Stunden des Kampftrainings keine verschwendete Zeit waren. Erfüllt mit Tatendrang ergriff er seinen Hammer, entstieg seinem Versteck im Planwagen und stürzte mit erhobener Waffe auf einen der Räuber zu. Dabei ließ er einen Kampfschrei verlauten, der jedoch zur Erheiterung, denn zur Einschüchterung taugte. Der Angegriffene erhob sein Schwert, um den Hammer zu parieren. Als Metall und Metall aufeinander stießen, erinnerte sich Henrik, dass er mehr als nur seine Waffe im Petto hatte und gab seinem Gegner einen Tritt in den Unterleib mit, der den Mann ins Straucheln brachte. Henrik schwang erneut seinen Hammer und mit einem gezielten Schlag gegen den Kopf setzte er den Banditen außer Gefecht.

Nebula war zuerst wie gelähmt von dem Schauspiel, das sich ihr bot. Henrik unerwartete Demonstration von Männlichkeit hatte sie kurz aus dem Konzept gebracht. Doch dann besann sie sich und stieß ihren Kopf gegen den des korrupten Anführer hinter ihr und befreite sich aus seinem Griff. Dann entriss sie ihm das Messer und schlug ihm ins Gesicht. Nach dem ersten Schlag konnte er noch stehen. Nach dem zweiten geriet er ins Taumeln. Nach dem dritten konnte man ihn nur noch bedauern, denn Zahnersatz war noch nicht erfunden worden.

Bewusstlos schlug der Mann auf dem Boden auf.

Der dritte Mann begriff die Situation, in der er war, und lief davon.

Henrik konnte nur staunen, als sah, wie Nebula das Messer auf den Flüchtigen warf. Die Klinge streifte dessen Wange und bohrte sich in den Baum vor ihm. Das lähmende Gift zeigte seine Wirkung und die Knie versagten dem Getroffenen ihren Dienst. Und auch er verlor das Bewusstsein. Stolz auf sein mutiges Eingreifen trat Henrik an Nebula heran, nur damit sie seine Erwartungen enttäuschte.

“Idiot”, schimpfte sie. “Lass dich nochmal entführen und ich bring dich eigenhändig um!”

“W-Was ist eigentlich passiert?”, fragte der Schmied.

“Der Drecksack hat ein falsches Spiel gespielt”, erklärte Nebula. Dabei zeigte sie auf den Verräter, der noch immer bewusstlos die imaginären Sterne bewunderte, die um seinen Kopf kreisten. “Hat sich wohl von beiden Seiten bezahlen lassen, die Ratte. Er muss ihnen signalisiert haben, wenn sie angreifen sollen.”

“Das Nebeltal ist perfekt für Überfälle.”

“Das haben sie davon, meinen schönen Namen in den Schmutz zu ziehen!”

Henrik entdeckte die ausgeschlagenen Zähne. “Musste das sein?"

"Er hat mich schamlos befummelt! Der kann froh sein, dass ich ihm nicht die Hände abgehackt habe!" Nebula sah den Planwagen an. “Jetzt müssen wir den nur noch aus dem Schlamm ziehen und zurückbringen.”

Sofort eilte Henrik herbei und machte sich an dem Gefährt zu schaffen. Jetzt konnte er endlich zeigen, was seine Muskeln leisten konnten. Unter Aufwartung seiner Körperkraft stemmte er den Planwagen aus dem Schlammloch heraus.

"Nicht schlecht!”, lobte Nebula.

Gemeinsam kehrten sie zum Konvoi zurück. Der Verräter und seine Komplizen befanden sich gefesselt im Planwagen. Noch war keiner von ihnen wieder zur Besinnung gekommen. Henrik und Nebula wurden mit offenen Armen empfangen und berichteten, was sich zugetragen hatte. Die Wachen schienen sehr betroffen, von ihrem eigenen Anführer verraten worden zu sein. Der gefühlte Dolch in ihrem Rücken schmerzte sichtlich. Sie legten die Männer bei ihren Komplizen vom vorherigen Überfall in Ketten. Eine Mehrheit sprach sich danach dafür aus, Nebula zu ihrer Anführerin zu machen, doch sie lehnte dankend ab. So wurde die Reise ohne die beiden fortgesetzt, denn ihr Ziel lag in einer anderen Richtung. Nebula ließ Henrik schamlos das Gepäck schleppen. Das Zelt, den Proviant und einiges mehr. Der hatte vorhin beim Wagen heben angegeben. Das hatte er jetzt davon. Außerdem, ein Gentleman trägt einer Lady ihre Sachen!

Am Rand des Gebirges, welches das Nebeltal umschloss und mitverantwortlich für das

Das trügerische Dorffest


 


 

Aus der Ferne erkannten Nebula und Henrik die Umrisse eines kleinen Dorfes. Es war eine äußerst bescheidene Siedlung mit strohgedeckten Häusern und einer winzigen Palisade. Im Ernstfall schien sie kaum Schutz vor Angreifern bieten zu können. Wahrscheinlich diente sie eher dazu, das Nutzvieh im Zaum zu halten.

“Schau mal, ein Dorf!”, bemerkte der junge Schmied.

“Ich wusste nicht, dass es auf dem halben Weg nach Schleiersteig eine Siedlung gibt”, grübelte Nebula. “Andererseits, wer zeichnet den Arsch der Welt auf einer Karte ein?”

Der Proviant des Duos neigte sich dem Ende entgegen. Das Dorf bot die perfekte Gelegenheit, die Vorräte wieder aufzufüllen. Sicher fände sich auf dem Marktplatz das ein oder andere Nützliche für die weitere Reise. Ein schmaler Pfad führte durch Wiesen und Felder. Auf der einen Seite luden saftig grüne Wiesen zum Picknick ein, auf der anderen boten die ungezählten Kornhalme viel Platz für kindische Versteckspiele. Als sie sich dem Palisadentor näherten, hörten sie laute Stimmen aus der Siedlung schallen. Einige klagten, einige drohten.

“Was mag da vor sich gehen?”, fragte Henrik.

“Ist mir doch egal!”, grummelte Nebula

“Vielleicht brauchen sie Hilfe!”

“Du musst deine Nase auch überall reinstecken!” Nebula spürte, dass irgendetwas faul war. Dennoch gab sie ihrem Begleiter schlussendlich nach. ”Aber es gibt nur einen Weg herauszufinden, was dort vor sich geht.”

“A-Also gehen wir hinein?”

“Ja, aber stolpere nicht einfach bild drauf los!”

Nebula betrat das Dorf mit einer Hand an ihrer Waffe, während Henrik im Hintergrund blieb und nicht vorhatte, sich auf einen möglichen Kampf einzulassen. Er hielt sich lieber zurück und man bekam den Eindruck, er wolle sich hinter Nebula verstecken. Seine Scheu vor dem Unbekannten überkam ihn. Sein Vorhaben, ungesehen zu bleiben, erwies sich jedoch als schwieriger, als er es sich erhofft hatte.
 

“Bitte, gewährt uns noch etwas Zeit!”, flehte eine alte Frau, die offensichtlich eine wichtige Figur in der Siedlung war, vielleicht sogar die Älteste des Dorfes. Ihr langes graues Haar war zu dicken Strähnen verklebt und sie stützte sich schwer auf einen Gehstock, um nicht zu stürzen.

“Halte deine Klappe, du alte Schachtel!”, brüllte ein muskulöser, groß gewachsener Mann, der einen Streitkolben mit Dornen am Gürtel trug. Er verpasste dem Gehstock einen Tritt, woraufhin die alte Frau zu Boden stürzte und unter Schmerzen liegen blieb. “Der nächste Tribut für meinen Herrn wird fällig!”

“Omi!”, rief ein besorgter Junge und drängte sich durch die Menschenmenge. “Geht es dir gut, Omi?” Er starrte den Mann zornig an. “Du hast meiner Omi wehgetan, du Mistkerl!”, schimpfte er.

Der Grobian knackte seine Finger- und Nackengelenke. "Jetzt sei mal nicht frech, du Bengel!" Er ergriff seinen Streitkolben und bereitete sich darauf vor, dem Kind den Schädel einzuschlagen. Doch dann spürte er Widerstand. Egal, wie viel Kraft er in seinen Schlag legen wollte, es funktionierte nicht. Verblüfft sah er nach seinem Schlagarm.

“Man schlägt keine Kinder!”, sprach die Fremde, die seinen Arm hielt.

Der Mann wollte nicht glauben, dass die zarte Frau mit den roten Augen, die ihm nicht mal bis zur Brust ragte, seinen Arm mit solcher Kraft festhalten konnte, dass er ihn nicht mehr bewegen konnte. Er versuchte, sich loszureißen - vergeblich. “Lasst los, Weib!, befahl er. “Lasst los, oder bereut es!” Er steigerte seinen Krafteinsatz.
 

Nebula spürte, wie er sich ihrer Kraft entgegenstellte. Dennoch bewegte sich die Waffe nicht einen Millimeter. Schon irgendwie lustig… Sie beschloss, ihm den Gefallen zu tun und ließ los. “Bitteschön!” Als sie ihre Hand öffnete, wurde der Mann durch seine eigene aufgewandte Kraft umgeworfen. Die anderen drei Männer, die zweifelsohne zu ihm gehörten, lachten ihn aus, als sein Gesicht im Dreck landete.

Der Junge nutzte die Gelegenheit, um sich und seine Großmutter in Sicherheit zu bringen.

“Aber fange doch bitte keinen Streit an”, bat Henrik übervorsichtig. Gerade eben war es ihm doch so wichtig zu erfahren, was los war und jetzt machte er einen auf Pazifisten und wollte den Leuten nicht helfen?

“Ich habe nur getan, was er wollte”, erwiderte Nebula.

“Du kleine dämliche Hure!”, schnaubte der Muskelberg, als er wieder aufstand. Er sammelte seine Waffe wieder auf, die ihm bei seinem Sturz entglitten war. Die Schmach, von diesem vorlauten Weibsstück blamiert worden zu sein, wollte er ihr vergelten.

"Bloß, weil deine Mutter eine war, ist nicht jede Frau eine!”, provozierte Nebula.

Henrik vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

Während der Bandit vor Wut schnaubte wie ein Stier, blieb Nebula ganz gelassen. Er war nichts weiter als ein gewöhnlicher Handlanger. Von dem hatte sie nichts zu befürchten.

“Du…” Der Mann scherte sich nicht den begonnenen Satz fortzuführen. Lieber hob er den Streitkolben und wollte Nebulas hübsches Gesicht mit ihm malträtieren.

Henrik duckte sich und schlug die Arme über dem Kopf zusammen.

Dieses Mal hielt sie ihre Kraft nicht zurück. Bevor die Waffe Nebula treffen konnte, trat sie ihren Angreifer mit solch einer Wucht, dass er ein gutes Stück durch die Luft flog und nach einem mutmaßlich schmerzhaften Aufschlag nicht mehr aufstand.

Schockiert sahen die übrigen Männer die blonde Frau an.

“Keine Angst, Jungs”, versicherte sie ihnen spöttisch, “der schläft nur ein bisschen.” Dann erhob sie die geballte Faust auf Höhe ihres Gesichtes und setzte ein bösartiges Grinsen auf. “Jetzt nehmt ihn und macht, dass ihr Land gewinnt, bevor ich mich vergesse!”

Tatsächlich gehorchten ihr die Halunken. Sie hoben ihren benommenen Kameraden an. Jeweils einer stützte einen Arm über der eigenen Schulter. Dann verließen sie zügig das Dorf. Jedoch nicht ohne eine Drohung auszuspucken. “Das wird nicht ohne Folgen bleiben!”, sagte einer. “Greymore wird euch alle bestrafen!”

Beim Klang dieses Namens weiteten sich Nebulas erblauende Augen.
 

Obwohl sie eigentlich nur kurz auf den Markt gehen wollten, bestanden die Dorfbewohner darauf, ein Fest zu veranstalten, um ihre Retter zu ehren. Nebula und Henrik hatten nicht vor, ihre Gastfreundschaft auszunutzen, aber es wäre genauso unhöflich gewesen, eine solche Einladung abzulehnen. Daher beschlossen sie, entgegen ihrer ursprünglichen Plänen, die Nacht im Dorf zu verbringen. Innerhalb weniger Stunden hatten die Dorfbewohner den Marktplatz mit Girlanden geschmückt und Tische aufgestellt. Obwohl Nebula und Henrik gerne geholfen hätten, ließen die Dorfbewohner es nicht zu. Also ergaben sie sich dem süßen Nichtstun und bemühten sich, nicht im Weg zu stehen, während die Dorfbewohner hart arbeiteten.

Als es dann Abend wurde und die Dunkelheit einsetzte, wurden die Öllampen entzündet und warmes gelbes Licht hüllte den Marktplatz ein. Die Tische warteten reich gedeckt mit Trank und Speise auf die Ehrengäste. Kaum hatte sich Henrik an den Tisch gesetzt, wurde er von einigen Mädchen aus dem Dorf umschwärmt. Er verstand nicht warum, denn er hatte nichts getan, um das zu verdienen. Im Gegenteil! Er war feige und hatte einer Frau die Drecksarbeit überlassen, anstatt selbst etwas zu tun, wie es sich für einen echten Mann geziemte. Mit einem Lächeln versuchte er sich nichts anmerken zu lassen, doch innerlich wurde ihm ganz flau im Magen. Seine innere Stimme sagte ihm, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Er ließ seine Blicke zu Nebula schweifen, die zusammen mit ein paar Männern saß. Sie tranken und lachten.

Wenigstens hat sie ihren Spaß, dachte er.

“Was ist denn mit dir?”, fragte eines der Mädchen. Offenbar wurde sein falsches Lächeln durchschaut. Die Dorfschönheit schlug ihre Arme um ihn und drängte sich ihm auf. Sein Gesicht tauchte unfreiwillig in ihren tiefen Ausschnitt ein, wie ein Neugeborenes in einem Taufbecken. So sehr er sich anstrenge, war es ihm unmöglich zu entkommen. Er zappelte und versuchte, sich zu befreien. “Bin ich dir nicht hübsch genug?”

“D-Doch!”, sprach er mit erstickender Stimme. “A-Aber ich be-bekomme keine Luft!” Seine Worte wurden von dem voluminösen Busen des Mädchens gedämpft und waren kaum zu verstehen. Es gelang ihm, sich der erstickenden Umarmung der Schönheit zu entziehen. Ein tiefer Atemzug erfüllte Henriks Lungen mit ersehnten Sauerstoff. Er verließ die Tafel, um etwas durch die Gassen zu schlendern.

Irgendwas stinkt hier, dachte er.
 

Der Alkohol hatte Nebulas Gesicht ganz rot werden lassen. Sie war so betrunken wie selten zuvor. Die schmutzigen Witze der Männer machten ihr nichts aus. Eigentlich würde sie sich niemals in diesen Kreisen bewegen, aber sie hörte zu und lachte sogar darüber. Nüchtern würde sie die Männer für solche vulgären Sprüche windelweich prügeln! Glück für sie, dass sie sternhagelvoll war.

“Geht eine Nonne zum Gemüsehändler und kauft eine Gurke”, polterte einer der Männer. “Sagt der Händler, sie solle doch zwei nehmen. Dann könne sie eine davon essen.”

Nebula und die Männer lachten hemmungslos.

“Wie erkennt man eine gute Hausfrau?”, fragte ein zweiter. “Ganz einfach! Wenn sie nach getanem Hausputz noch die Stange poliert.”

Erneut lachten alle hemmungslos und ausgiebig.

“Wartet, der ist auch gut!”, kündigte Nebula an. “Warum können die Hälfte aller Männer nach dem Akt nicht einschlafen? Na weil sie abhauen müssen, bevor der Gatte wiederkehrt!”

Und wieder wurde lauthals gelacht. Doch das Gelächter klang dumpf für die Blondine. In ihrem Kopf drehte sich alles. Vorsichtig versuchte sie aufzustehen. Der Boden schwankte wie ein Schiff bei tüchtigem Seegang. “Wie stark ist Euer Trank?”, fragte sie.

Und wieder wurde lauthals gelacht. Doch das Gelächter klang dumpf für die Blondine. Die Lachen von Nebulas Saufkumpanen waren wie aus einer anderen Welt. In ihrem Kopf drehte sich alles. Vorsichtig versuchte sie aufzustehen. Der Boden schwankte wie ein Schiff bei tüchtigem Seegang. “Wie stark ist das Zeug?”, fragte sie. “Entschuldigt mich mal...”

Wankend und in Schlangenlinien versuchte sie, auf beiden Beinen zu bleiben. Die Männer sahen sich ratlos an. Dieses Mädchen hatte sieben Krüge der Hausmarke der Dorfbrauerei in sich hineingeschüttet und vermochte es immer noch zu stehen. Unfassbar! Nun zwangen sie jedoch dringende Bedürfnisse, das Trinken zu unterbrechen. Nach einer Weile kehrte sie zur Tafel zurück, nur um das Trinken fortzusetzen. Drei weitere Krüge der Hausmarke fielen ihr zum Opfer. Langsam mussten sich die Männer fragen, ob dieses Mädchen ein Fass ohne Boden war, bis es dann doch endlich genug war. Auch ein Teufelsweib hat ein Limit. Nebula fühlte sich weich im Kopf. Alles drehte sich. Viel schlimmer als sie es gewohnt war. “Pff-verdammt, wie zz-stark is-zz daz Zeusch?”, stammelte sie vor sich her. Dann kippte die ganze Welt zur Seite und Nebula fühlte etwas hartes an ihrer Wange. Es war die Tischplatte. Sie war zu besoffen, um zu merken, dass sie gerade das Bewusstsein verlor.
 

Henrik schlenderte durch die dunklen Gassen des Dorfes. Seine Gedanken waren noch immer unruhig, und die entfernten Lichter des Festes schienen nur schwach durch die engen Straßen. Die fröhlichen Geräusche der Feiernden waren nur noch ein gedämpftes Murmeln in der Ferne. Tief atmete er die kühle Nachtluft ein und ließ sie langsam wieder entweichen. Sein Unbehagen über die ganze Situation wuchs. Die Begeisterung der Dorfbewohner über ihre “Rettung” erschien ihm seltsam aufgesetzt. Er hatte das Gefühl, dass hier etwas im Verborgenen geschah.

Dann fiel ihm ein kleines Mädchen auf, das an einer Hauswand saß. Das Mondlicht umrahmte sie, und sie wirkte fast wie ein verlorenes Sternchen in der Dunkelheit. Das Mädchen schien etwa acht bis höchstens zehn Jahre alt zu sein und trug abgetragene Kleider, die darauf hindeuteten, dass es auf der Straße lebte. Ihr einziges Hab und Gut schien ein blaues Buch zu sein, das sie fest an sich drückte, als sei es der kostbarste Schatz der Welt. Henrik beschloss, zu ihr zu gehen.

“Was ist mit dir, Keine?”, fragte er, als das Kind weiter den Spalt im Mond anstarrte, durch den die dahinterliegende Finsternis hindurch dran.

“Ich wusste, dass du kommst”, flüsterte die Kleine. “Der Mond hat es mir verraten.”

“Wie meinst du das?”

“Wenn du ein paar Münzen für mich hast, dann zeige ich es dir”, bot sie an. “Ich werde dir die Hand lesen.”

Sie machte einen so ärmlichen Eindruck, dass das Mitleid den braunhaarigen Jungen überkam. Er willigte ein, sich von ihr die Zukunft deuten zu lassen und beabsichtigte, ihr im Anschluss all sein Geld zu geben.

"Bitte, gibt mir deine linke Hand”, sagte sie und legte ihr Buch beiseite.

Henrik reichte ihr, wie gefordert, die linke Hand.

Das Mädchen ergriff sie und fuhr mit dem Finger über Henriks Handteller. “Die linke Hand kennt deine Vergangenheit und Gegenwart”, erklärte es. “Du hast schon immer eine besondere Gabe besessen. Aber bisher warst du nicht imstande, sie zu nutzen. Du warst vom Pech verfolgt und niemand wollte dir beistehen. Dann haben sich dir neue Möglichkeiten aufgetan, als eine Frau in dein Leben trat.”

Henrik war perplex. Wie konnte dieses fremde Mädchen so viele Details über ihn kennen? Selbst wenn sie ihn zusammen mit Nebula beobachtet hatte und daraus ihre Schlüsse zog, wie konnte sie all das andere wissen?

“Bitte gib mir nun die rechte Hand”, sagte das Kind.

Henrik reichte ihr nun auch diese.

Das Mädchen sah sich nun auch die rechte Hand an. “Die rechte Hand kennt den Pfad, den du gehen wirst. Oh, was ist das?” Die Augen der Kleinen weiteten sich. “So etwas habe ich noch nie gesehen!” Sie brauchte eine Weile, bis sie wieder sprach. “Du wirst deine größte Gabe bald einsetzen. Es ist eine wahrlich mysteriöse Kraft. Der Schlüssel, sie zu verstehen, liegt in dir selbst verborgen.”

“Das ist s-sehr interessant”, lobte Henrik. Auch wenn er nicht wusste, wie er ihre Weissagung deuten sollte. Wie er es geplant hatte, gab er ihr sein ganzes Geld.

“Oh, habt dank!”, sagte das Mädchen. “Aber das ist zu viel!”

“Nein! Ist genau richtig! Ich bin übrigens Henrik.”

“Schön dich kennenzulernen. Mein Name ist Annemarie.”

“Hast du keine Eltern?”

“Ich weiß es nicht.”

“Das ist furchtbar! Kannst du wirklich zu niemanden gehen?”

“Bitte gehe jetzt. Unser beider Schicksal wartet nicht gern!”

Henrik fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, das Mädchen allein auf der Straße sitzen zu lassen. Aber es hatte jetzt all sein Geld. Alles, was er aus dem Verkauf seiner Schmiede herausgeschlagen hatte und auch das Geld, welches er von Nebula als seinen Anteil am Gewinn erhielt, hatte den Besitzer gewechselt. Damit sollte die Kleine gut über die Runden kommen. Mehr konnte er wirklich nicht tun.

Innerlich gespalten, machte er sich auf, zum Fest zurückzukehren.

Kurz vor dem Marktplatz fühlte er urplötzlich einen Schlag im Nacken. Er wurde sofort zu Boden geworfen und verlor das Bewusstsein.
 

Annemarie sah bei dem Schauspiel schweigsam zu. Ein Mann hatte sich hinter Henrik geschlichen und ihm eine verpasst. Nun ergriff er Henriks Oberarbe und zerrte ihn von der Straße in die Dunkelheit. Henriks Zukunft war vor Annemaries geistigen Auge bereits Vergangenheit. Sie griff nach ihrem Buch, das noch immer neben ihr lag, und drückte es wieder fest an sich. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Sie wusste, dass das Schicksal sie wieder zusammenführen würde.

Ein alter Bekannter


 


 

Langsam kam Henrik wieder zu sich. Begleitet von Schmerz, kehrte die Erinnerung an den Treffer auf seinen Schädel zurück. “Aua!”, sagte er. Er befühlte seinen Hinterkopf und entdeckte eine mächtige Beule.

“Na endlich bist du wach!”, sprach eine Stimme.

Ihm wurde bewusst, dass er nicht alleine war. Nebula hockte neben ihm und Henrik meinte, eine Spur von Besorgnis in ihre Gesichtszüge hineininterpretieren zu können. Er begann sich umzusehen und bemerkte schnell, er und Nebula waren in der Gesellschaft von Unbekannten, eingesperrt in einem hölzernen Käfig auf einem Fuhrwerk, das von zwei Ochsen gezogen wurde. Männer in ledernen Rüstungen ritten links und rechts neben ihnen.

“W-Was geht hier vor?”, fragte Henrik.

“Sie haben uns reingelegt!”, klärte Nebula auf.

“W-Wer?”

“Die Dorfbewohner.”

“A-Aber wieso haben die das getan?!”, empörte sich Henrik.

“Ruhe da hinten”, forderte der Kutscher zum Stillschweigen auf, “oder es setzt was!”

Widerwillig verstummte der Braunhaarige.

“Wir haben Nachforschungen angestellt, erinnerst du dich?”, fragte Nebula flüsternd.

“Wegen der Raubüberfälle...”, folgte Henrik leise.

“Sie gehen auf das Konto eines gewissen Greymore. Und nicht nur sie.”

“Stimmt. Im Dorf habe ich den Namen auch gehört!”

“Greymore verkauft Menschen als Sklaven und erpresst Dörfer.”

“Aber Sklaverei ist doch verboten…”

“Offiziell, ja. Aber was heißt das schon? Die Dorfbewohner müssen seine Rache gefürchtet haben, weil wir uns eingemischt haben. Deshalb haben sie uns außer Gefecht gesetzt und an seine Männer ausgehändigt.”

“Was ist mit dem König? Oder den Fürsten? Warum unternehmen sie nichts?”

“Es heißt, Greymore sei mit einem Teufel im Bunde. Vermutlich geht deshalb dem Adel der Arsch auf Grundeis.”

“Eine Schande ist das! Dann müssen wir etwas tun.”

“Was sollen wir tun? Sie haben unsere Waffen.”

Hastig betestete sich Henrik und bemerkte, Schwert und Kriegshammer waren fort.

Nebula half Henrik beim aufstehen. “Vermutlich wollen sie uns auch verkaufen.”

“Aber du hast doch die Macht, sie zu stoppen!”

“Hier? Am Ende beißt noch einer ins Gras! Wir warten ab. Um Greymore und seine Schergen kümmern wir uns später.”
 

Der Gefangenentransport näherte sich einer Befestigungsanlage. Ein Holzwall umgab einen massiven steinernen Bergfried, der auf einer Anhöhe thronte. Von innerhalb des Mauerringes ragten die Dächer mehrere Blockhütten hervor, die als Unterkünfte für das Gefolge dienten. Die Gefangenen hingegen fristeten ihr Dasein gewiss im Kerker, wie er sich tief im Keller einer jeden Burg befand. Der Wagen stoppte vor dem gewaltigen Tor und der Fahrer wartete, während es sich langsam öffnete. Kaum das der Wagen sich wieder in Bewegung setzte und in die Anlage hinein fuhr, sahen sich die Insassen einer großen Arena im Zentrum gegenüber.

“W-Wieso haben sie eine Arena?”, fragte Henrik verwirrt.

“Vielleicht haben wir hier noch so richtig Spaß…”

Der Wagen kam vor einem ebenerdigen Eingang zum Stillstand. Einer der begleitenden Reiter stieg ab und ging hinein. Nach einer Weile kam ein anderer Mann, flankiert von mehreren Soldaten, aus dem Eingang heraus. Er trug feinste Gewänder, darüber ein Kettenhemd und einen Wappenrock. Seine Arme waren durch Achselzeug geschützt, seine Beine durch Schienen, was das Bild eines Ritters vervollständigte. Nebula spürte eine finstere Aura, die von ihm auszugehen schien. Der Mann begab sich zum Wagen mit den Gefangenen. Langsam umrundete er ihn, um die Ausbeute zu inspizieren.

Plötzlich blieb er stehen, fast als ob ihn das gleiche Unbehagen durchfuhr.
 

Greymore umschritt den Wagen mit den Gefangenen. Erst um seine Neugier zu befriedigen, was seine Männer ihm mitgebracht hatten. Dann zwang ihn jedoch ein seltsames Gefühl zum Stillstand. Unwohlseien überkam ihn.

Binnen eines Wimpernschlages fand er sich in einer trostlosen Ödnis wieder. In dieser Kontrastwelt existierte nur schwarz und weiß aber Greymore hatte seine Farben behalten. Er musste sich nicht lange wundern, denn eine vertraute Stimme rief ihn zu sich. Geschwind wandte er sich ihr zu. Vor ihm stand ein muskulöser Mann in Lendenschurz und Fellstiefeln. Pulsierende Adern bedeckten seinen steinernen Körper und seine Augen leuchteten ohne Iris oder Pupille. “Ich spüre einen anderen Meister in diesem Käfig!”, sprach der Titan von einem Mann mit Donnerstimme. Ein weiterer Wimpernschlag später und der Ritter fand sich zurück in der Realität und realisierte, dass nicht eine Sekunde verstrichen war.

Von außen war von all dem nichts zu erkennen.
 

Nebula beobachtete die Bewegungen des Mannes.

Er setzte seinen Rundgang um den Wagen fort, bis er abermals stoppte.

Jemand schien aus der Masse herauszustechen.

Nebula wusste, dass sie diejenige war.

Interessiert trat Greymore näher an den Käfig heran.

“Zeigt Euch!”, befahl er. “Genau Ihr, Blondschopf!”

Die vertraute Stimme weckte unangenehme Erinnerungen in der Söldnerin. Mit einem beherzten Schritt trat sie selbstsicher an die Gitterstäbe heran. “Hier bin ich!”

“Du!”, äußerte der Raubritter seine Überraschung. “Also ist es wahr. Aber wie ist das möglich...?!” Verstört hielt er für einen oder sogar zwei Augenblicke inne, als hätte er einen Geist erblickt. Dann wandte er sich seinen Gefolgsleuten zu. “Seht ihr nicht, wir haben einen Ehrengast!”, sprach er. “Befreit sie sofort aus dem Käfig! Die anderen ins Verlies!”

Die Männer folgten der Anweisung und holten die blonde Frau behutsam aus dem Wagen heraus. Dabei streckten sie jedem anderen ihre Waffen entgegen, der es wagte, dem Ausgang des Käfigs zu nahe zu kommen.

Nebula entschied, dass jetzt anzugreifen immernoch zu gefährlich war.

“Wo bringt ihr sie hin?”, hörte sie Henrik hinter ihr fragen.

Doch er bekam keine Antwort.
 

Nebula fand sich in einem prunkvollen Zimmer wieder. Reich dekoriert, aber durch eine massive Tür verschlossen. Mit reiner Körperkraft würde Nebula sie niemals aufbrechen können. Und selbst wenn sie die dämonische Macht in sich bemühte, gab es keine Garantie, dass sie schnell genug wäre, bevor es jemand bemerkte. Für den Moment entschied sie sich, bei dem schrecklichen Spiel des Raubritters mitzuspielen. Der dekorierte Wandteppich, die Möbel aus teuerstem Edelhölzern, das luxuriöse Himmelbett und all das kunstvoll verzierte Porzellan aus dem fernen Osten konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eine Gefangene Greymores war.

Plötzlich spürte sie wieder dieses Gefühl der Mordlust.

Die Tür wurde von außen entriegelt, und der Raubritter betrat den Raum, begleitet von zwei seiner Männer. Umgehend legten sie Nebula in Ketten und fixierten sie an ihrem Stuhl. Sie ließ es ohne Gegenwehr geschehen. Ihr blieb kaum eine Wahl angesichts der Tatsache, dass sie Greymores Kampfkraft nicht kannte.

“Es ist nur zu deiner Sicherheit!”, behauptete der Raubritter.

Er wirkte auf sie noch immer verstört.

Nebula müsste lügen, wenn sie behauptete, dass sie die Begegnung kalt ließe.

“Aber natürlich…”, reagierte sie abfällig.

“Ich dachte, du wärst tot!” Der abgrundtief böse Raubritter schien den Tränen nahe.

“Es wäre mir lieber, es wäre dabei geblieben.”

Greymore trat heran und schlug beide Hände flach auf die Tischplatte. “Wie kannst du es nur wagen, so etwas garstiges zu deinem Verlobten zu sagen?!”
 

Henrik kam wieder zu sich. Man hatte ihn bewusstlos geschlagen, als man ihn aus dem Käfig zerrte und anschließend in den Kerker warf. In finsteren Löchern eingesperrt zu sein, schien sich zur Gewohnheit auszuwachsen. Er fragte sich, wie lange er an diesem Ort zugebracht hat, bevor er erwachte. Das winzige vergitterte Fenster an der Wand erlaubte gerade einmal, zwischen hell und dunkel zu unterscheiden. Es war ihm also unmöglich abzuschätzen, wie viel Zeit verstrichen war. Es hätte eine Stunde oder ein ganzer Tag gewesen sein können. Er sah sich zwischen den traurigen Gestalten um, die seine Mithäftlinge darstellten. “Ihr da!”, suchte er Kontakt. “Wie lange bin ich hier?”

“Nicht lange”, antwortete ein Gefangener.

“Lasst mich endlich raus!”, wimmerte ein anderer apathisch und in Fötusstellung zusammengekauert vor sich her.

“W-Was ist das hier?”

“Die Endstation!”, sprach eine kratzige Stimme von nebenan.

Das Klagen und Jammern des verzweifelten Gefangenen wurde immer lauter. Zwischen dem Weinen drangen nur unverständliche Wortbrocken heraus.

“Wenn du Glück hast, wirst du wahnsinnig, so wie der dort drüben!”

“Nein!”, widersprach Henrik. “D-Das werde ich nicht akzeptieren!”

“Besser du machst deinen Frieden damit, Junge.”

Henrik wollte das nicht hinnehmen! Schwert und Hammer hatte man ihm abgenommen. Aber er konnte seine Geiselnehmer immer noch vorher in den Wahnsinn treiben. Er griff eine Schale, die in seiner Zelle verblieben war. Henrik holte aus und schlug mit aller Kraft gegen die Gitterstäbe. Lautes Klingen erfüllte den Kerker. Sein Einsatz hatte die anderen Gefangenen inspiriert. Sie griffen nach allem, was sie erreichen konnten, und begannen ebenfalls, gegen ihre Gitterstäbe zu schlagen. Das metallische Klirren der Stangen, die von verschiedenen Gegenständen getroffen wurden, erfüllte bald den ganzen Kerker. Selbst der zuvor apathische Mann schloss sich dem Tumult an. Eine Symphonie des Lärms erhob sich aus der Dunkelheit.
 

Nebula demonstrierte Widerstand durch Rütteln an ihren Ketten.

Sie waren sehr stabil und sie zu sprengen gestaltete sich als schwieriges Unterfangen.

“Ich sah dich sterben!”, sprach Greymore fassungslos. “Wie kannst du am Leben sein?” Noch immer stützte er sich auf die Tischplatte und beugte sich näher zu Nebula heran. “Als du mir am Tag unserer Hochzeit genommen wurdet, brach meine Welt zusammen.”

“Überfällst du darum Dörfer und verkauft Menschen in die Sklaverei”, konfrontierte Nebula ihn mit seinen Taten. “Du hast dem König einst die Treue geschworen. Du hast geschworen, das Volk zu beschützen, nicht es zu tyrannisieren!”

“Du denkst, es geht um den König?!”, erwiderte Greymore. “Er mag schuld am Krieg sein und auch am Verlust unserer Souveränität. Aber mit all dem hätte ich Leben können. Aber dich zu verlieren, war einfach zu viel!”

Nebula hatte immer besorgt in die Zukunft geblickt, da sie ahnte, eines Tages mit dem Raubritter aneinander zu geraten. Das Band, welches sie einst mit Greymore verband, hatte sich in eine Schlinge um ihren Hals verwandelt und raubte ihr die Luft zum Atmen. Ihr Herz war hin und her gerissen zwischen den Gefühlen, die sie einst teilten, und dem Ekel über seine Gräueltaten. “Wenn es dir nicht um den König geht, worum dann?”

“Rache!”

“An wem dann?”

“An denen, die uns unsere gemeinsame Zukunft genommen haben!”

“Wieso müssen Unschuldige dafür leiden?”

“Die leiden so oder so. Und wer ist schon unschuldig?”

“Glaubst du nicht, eines Tages die Strafe für dein Handeln zu erhalten?”, fragte Nebula.

“Von wem? Der König ist schwach!”

“Was ist mit Gott?”

“Mit meinem Glauben an den König, ging auch mein Glaube an die Kirche des Asterisk. Aber ich brauche keinen Gott! Ich bin jetzt mein eigener Gott! Und ich kann spüren, dass du genauso bist wie ich. Ich kann fühlen, dass du Herrin einer Teufelswaffe bist.”

Nebula reagierte nicht.

“Ich mache das nicht zum Spaß! Ich will nicht einfach nur Rache an den Verantwortlichen, ich will das Reich zu seiner alten Größe führen. Und die Armee, die ich dafür brauche, will bezahlt werden.”

Nebula ließ sich nicht beeindrucken.

“Du wirst schon noch sprechen, Eleonora Alexandria von Morgenstern! Ich will, dass du mich heiratest, so wie wir es uns einst geschworen haben.”

“Der Tod hat uns bereits geschieden!”, gab die Blondine Kontra.

“Vereint könnten wir den Verrätern den Gar ausmachen und dann Morgenstern als König und Königin beherrschen. Wer weiß, vielleicht können wir sogar das Kaiserreich für seine Taten bluten lassen.” Greymore verlor sich in seinen Rachefantasien und ging nicht auf Nebula ein. Er nahm die Hände von der Tischplatte und richtete sich auf. “Bringt es her!” Auf seinen donnernden Befehl hin trugen Knechte ein Kleidungsstück in das Zimmer. Es war ein blütenweißes Kostüm, dessen Erscheinung unangenehme Erinnerungen in Nebula weckte. “Das haben meine Leute vor einiger Zeit erbeutet. Es hat mich so sehr an dich erinnert, ich musste es einfach haben. Aber nun soll es dein sein. Bald schon werden wir unseren Schwur erneuern!”

“Du hast den Verstand verloren!”, verweigerte sich Nebula. “Das alles dient doch nur einem Zweck: Du willst mich benutzen, um deinen Anspruch auf den Thron zu legitimieren.”

“Nein, ich will den Willen des Volkes erfüllen.”

“Den Willen des Volkes?” Nebula strafte Greymore mit verächtlichen Blicken ab. “Du finanzierst dir deine kleine Privatarmee durch Brandschatzen und Entführungen. Anders als du, habe ich keine Schraube locker! Ich werde mich nicht gegen den König stellen. Und ich werde ganz bestimmt keinen Verbrecher heiraten!”

Greymore griff in eine Tasche und holte einen Zettel hervor. Es war ein Steckbrief, der Nebulas Gesicht zeigte und eine gewaltige Summe bot. “Das hier hat dein lieber Vater, der König, überall anbringen lassen. Ginge es mir nur um das Geld für meine Armee, dann würde ich dich ausliefern. Aber das Schicksal hat uns wieder zusammengeführt. Und nun willst du mich schon wieder verlassen?” Seine Mimik ließ erahnen, dass ein übler Plan in seinem verdorbenen Oberstübchen begann, Gestalt anzunehmen. “Das werde ich zu verhindern wissen! Ich habe mir die Macht des Teufels zu Eigen gemacht, um nie wieder jemanden zu verlieren!” Plötzlich lachte der muskelbepackte Mann. “Der Junge, mit dem wir dich aufgriffen, liegt dir doch bestimmt am Herzen, habe ich Recht?”

"Wie kommst du auf die Idee, dass er mich interessiert?" In ihrem Inneren verfluchte Nebula den Mann. Krümme ihm ein Haar und ich bringe dich um, dachte sie.

Eleonoras Fluch


 


 

Drei Jahre zuvor am königlichen Hof nahm eine Tragödie ihren Anfang.

König Borealis III stand auf dem Balkon seiner Gemächer und blickte in die Ferne.

Um dem Krieg mit dem mächtigen Kaiserreich Cinervis ein Ende zu machen, tauschte er die Freiheit seiner Untertanen gegen ihre Leben ein. Während in Ewigkeit, der Hauptstadt des Reiches, vom Krieg nicht viel zu spüren war, landeten unentwegt die Kriegsgaleeren der Dunkelelfen an den Küsten und verwandelten eine Stadt nach der anderen in einen Seeurnenhain. Von den mächtigen Häfen von einst überstand nur einer die Zerstörungswut des Feindes. Der König sah sich gezwungen, etwas zu unternehmen und willigte ein, Morgenstern zur Versaille von Cinervis zu machen. Mit dieser Entscheidung zog er den Zorn des Adels und des Pöbels gleichermaßen auf sich. Als Folge seiner Entscheidung erschütterten Proteste und kleinere Aufstände das Königreich. Die Menschen wollten nicht akzeptieren, wieder unter der Herrschaft von Elfen zu stehen, nachdem sie über ein Jahrtausend frei gewesen waren, und sie nun bei ihren Kriegen auf dem Festland unterstützen zu müssen. Aber alles besser, als die Auslöschung seines Volkes. Nun, da der Konflikt endlich beigelegt war, hoffte der König, mit einem freudigen Ereignis die Gemüter seiner Untertanen abzukühlen.

Er hatte sich lange mit seinen Beratern abgestimmt und letztlich ihren Vorschlägen zugestimmt, seine Tochter, sein einziges Kind, seinen kostbaren Schatz, in die Hände eines Mannes zu geben. Mit ihren zarten vierzehn, bald fünfzehn Jahren sollte sie verheiratet werden, was selbst zu dieser Zeit unüblich war. Sie sollte sich einem Mann hingeben, den sie kaum kannte, der noch nicht einmal bestimmt worden war, und ihm einen Erben schenken. Der König kannte seine Tochter und ihren rebellischen Geist. Das hitzige Blut ihrer Ahnen floss in ihren Adern. Er wusste, dass ihr das wenig gefallen würde. Aber ihm blieb keine andere Wahl, um sein Volk vom Unmut der Kapitulation abzulenken.

Eleonora hatte sich schon immer etwas atypisch verhalten. Als Kind schlug sie sich oft mit den Jungen am Hofe und gewann sogar manchmal. Lange Jahre trug sie ihre Haare kurz und weigerte sich, einer Königstochter würdiges Verhalten an den Tag zu legen. Die Kindermädchen vermochten es ebenfalls nicht, sie angemessen zu erziehen. Mangels besseren Wissens und einer echten Mutterfigur, ließ der König seine Tochter gewähren. Sobald sie alt genug war, erhielt sie Fechtunterricht und ritt mit zur Jagd aus. Mit den Jahren entwickelte sie sich mehr und mehr zur Frau und verlor die Fähigkeit, sich körperlich mit den heranwachsenden Männern zu messen. Allerdings war ihr Fechtkampf meisterlich und sie hatte nichts von ihrem rebellischen Geist eingebüßt.

Das konnte was werden…
 

Prinzessin Eleonora bekam von den Wirren des Krieges in ihrer Kindheit nicht viel mit. Abgeschirmt von der Außenwelt, hütete sie ihr Vater wie seinen eigenen Augapfel und weigerte sich, auf ihre Fragen zu antworten. Eleonora hasste die Mauer des Schweigens aus tiefstem Herzen. Es war genau die gleiche Mauer, die ihr die Wahrheit über das Schicksal ihrer Mutter verwehrte. Mehr durch Zufall erfuhr sie, dass sie seit einem Überfall auf ein Friedenstreffen als tot galt.

Inzwischen war Eleonora im heiratsfähigen Alter.

Von damenhaften Verhalten hielt sie jedoch noch immer nichts.

Als sie eines Tages mit den Erwartungen konfrontiert wurde, die an eine junge Königstochter gestellt wurden, brodelte die Rebellion in ihrem Inneren. “Vater, das kann nicht Euer Ernst sein!”, beklagte sich die Prinzessin. “Ich soll diesen Fummel tragen?!” Wutschnaubend war sie in den Thronsaal hinein gestolpert. Nur ungern trug sie Kleider und solch ein garstiges Schuhwerk war ihr noch nie untergekommen. Das Gehen fiel ihr schwer und sie fürchtete, jeden Moment umzuknicken und sich den Knöchel zu verstauchen.

“Eine Dame trägt schöne Kleider!”, belehrte der König.

“Muss ich eine Dame sein, nur weil ich eine Frau bin?”

Der König erhob seine Stimme. “Keine Widerrede, Tochter! Du bist bald alt genug für die Heirat. Dein rüpelhaftes Verhalten verschreckt die Freier. Schon bald werde ich die edelsten Ritter versammeln und sie für ihre Kriegsdienste belohnen. Es wird einen großartigen Tjost geben. Bei dieser Gelegenheit werde ich verkünden, dass deine Hand zu haben ist.”

“Meine Hand?”, fragte Eleonora zynisch. “Nicht Etwas weiter unten?”

Der König schlug die geballte Faust auf die Lehne seines Throns. “Mäßige deinen Ton, Tochter!” Dann seufzte er. “Es wird wahrlich eine Herausforderung, in der Kürze der Zeit, aus dir eine Lady zu machen!”

“Also bin ich nur von Wert, wenn ich verheiratet werde? Wenn das so ist, verehrter Vater, dann wäre ich lieber ein Mann!”

“Es reicht! Bei dem Turnier werden die Teilnehmer im Schaukampf ihre Kräfte messen. Einen davon wirst du zum Mann nehmen. Die Wahl welcher, obliegt dir.”
 

Der Tag des Turniers war angebrochen. Eleonora saß fein zurechtgemacht teilnahmslos auf dem Stuhl neben dem Thron ihres Vaters und betrachtete das Gerangel der Ritter mit so viel Desinteresse, wie es ihr nur möglich war, aufzubringen. Die Männer verausgabten sich beim Tjost. Schweiß floss in Strömen, Lanzen zersplitterten und Rüstungen wurden verbeult. Einer von diesen hirnlosen Grobianen sollte ihren Acker pflügen. Und sie musste den Glücklichen auch noch selbst aussuchen! Wer hat Vater dies nur eingeredet, grübelte sie.

Der König war vollends begeistert von dem Spektakel. Er sah zu seiner gelangweilten Tochter hinüber. “Hast du schon gewählt?”, fragte er.

“Ich habe nicht wirklich eine Wahl”, antwortete sie.

“Was kann ich tun, um dich mehr für die Heirat zu begeistern?”

“Ich will nicht wie eine Puppe behandelt werden! Wenn ich aus diesen Kerlen wählen muss, dann nur einen, der mich im Fechtkampf schlagen kann.”

Den König erstaunte der Wunsch seiner Tochter. “Du verlangst viel von deinen Freiern.” Dann lachte der Monarch herzlich. “Du bist mutig, Kind.”

Die Tochter reagierte mit einem ablehnenden Augenrollen.

“Aber du bist immerhin meine Tochter. Aber sei gewarnt, ich werde die Männer anweisen, dich nicht zu schonen! Du magst keine Jungfrau in Nöten sein, aber du wirst schon sehen, warum die Männer in den Krieg ziehen und die Frauen zuhause bleiben.”

Nun war Eleonora fest entschlossen, es ihrem Vater zu beweisen!
 

Kurz darauf verkündete der König den Teilnehmern, dass seine Tochter denjenigen als Gatten wählen würde, der es schafft, sie im Fechtkampf zu schlagen. Zuerst glaubten die Ritter, der König trieb seine Späße mit ihnen. Doch schon bald mussten sie feststellen, dass es sein vollster Ernst war.

Der Erste von ihnen war an der Reihe, sich Prinzessin Eleonora entgegenzustellen. Er musste den Befehl seines Herren missachten. Keinesfalls konnte er ernsthaft kämpfen. Schließlich musste etwas von ihr übrig bleiben, das er heiraten konnte. Ihm war nicht klar, dass der König seiner Tochter aus Mangel an Söhnen eine unübliche Erziehung zukommen ließ. Vorsichtig machte der Mann den ersten Zug. Für seinen zaghaften Angriff erntete er nur Spott von der Blondine. “Pflegt Ihr Eure Gegner zu Tode zu langweilen, Ritter?”, fragte sie provokant. Dann griff sie ihn an. So schnell, wie sie ihn entwaffnete, vermochte er nicht zu schauen. Er erweckte den Eindruck, über ihren Umgang mit dem Schwert vollkommen schockiert zu sein. Im nächsten Moment fand er sich mit einer Klinge unter seinem Kinn wieder. “Den Versager hier werde ich bestimmt nicht zum Mann nehmen, Vater!”, rief die Prinzessin dem König provokant zu.

Das Publikum begehrte entsetzt auf. Das konnte nicht wahr sein!

Jeder einzelne von den Freiern begann den gleichen Fehler, die Prinzessin nicht für voll zu nehmen. Aber wie sollten sie auch? Sie war doch nur eine zerbrechliche, schwache Frau. Ein echter Kampf mit ihr wäre kein Spektakel für das Publikum, sondern ein Fall für den Bestatter. Für den Fehler sie zu unterschätzen, führen sie eine reichliche Ernte aus Spott und Häme ein, als sie am Ende des Kampfes unterlegen vor der Königstochter knieten.

Nur noch einer war noch übrig.

Ihn musste sie noch schlagen, dann wäre die Hochzeit abgesagt.

Die Prinzessin und ihr Gegner tauschten ernste Blicke miteinander aus.

Eleonora musste sich eingestehen, dass er ihr gefiel.

Nein, einfach würde sie es ihm dennoch nicht machen!

Als sie die Klingen kreuzten, verriet Eleonora die Körpersprache des Mannes, dass er sie ernst nahm. Er machte keine unnötigen Bewegungen und zeigte keinerlei Anzeichen, sie mit Samthandschuhen anfassen zu wollen. Es war erfrischend, zur Abwechslung einmal für voll genommen zu werden. Eleonora genoss, wie das Adrenalin durch ihren Körper schoss und ihr Herz vor Aufregung immer schneller schlug. Da war es ihr sogar egal, dass sie gegen den Mann kaum Boden gutmachen konnte. Gekonnt manövrierte er ihre Hand in eine Position, in der sie sich einfach öffnete und ihr das Schwert entglitt.

“Ihr habt verloren, Prinzessin!”, sagte der Ritter.

Anstatt ihre Niederlage zu betrauern, fiel sie ihrem Gegner in die Arme. “Ich danke Euch”, sagte sie. Die Prinzessin spürte, dass dieser Mann anders war als der Rest ihrer Freier. Er besaß genug Vertrauen in ihre Fähigkeiten, um sie nicht zu schonen. Wahrscheinlich wäre sie trotzdem verheiratet worden, Sieg hin oder her. Wenn sie sowieso keine echte Wahl hatte, dann sollte es wenigstens ein Mann sein, der sie tatsächlich beschützen konnte… und der sie nicht für ein hilfloses, dummes Püppchen hielt.

Der Name des Ritters war Greymore.
 

In den kommenden Wochen wurde die Hochzeit vorbereitet. Eleonora war glücklich, einen Mann gewählt zu haben, der sie respektierte. Oft trafen sie sich und nutzten die Zeit, sich besser kennenzulernen. Eines Tages führte Greymore sie in den Schlossgarten, wo eine Insel inmitten eines kleinen Teiches lag, der das Herzstück eines Labyrinth aus Blütenhecken bildete. Gemeinsam saßen sie auf einer Bank. Greymore hatte zuvor eine der Blüten gepflückt und steckte sie nun seiner Verlobten in die Haare. “Das steht Euch wirklich ausgezeichnet”, lobte er die Verbindung zweier so schöner Dinge.

Eleonora spürte wohltuende Wärme in ihr aufsteigen. “Danke”, sagte sie.
 

Düsternis erfüllte den von steinernen Mauern umschlossenen Raum. Die Atmosphäre war von Unbehagen aufgeladen. Das spärliche Licht der Fackeln in den verrosteten Halterungen vermochte es kaum, die Ecken des Raumes zu erleuchten. Es war ein Ort für Intrigen und Verschwörungen, an dem Schatten zu Komplizen wurden und finstere Absichten besprachen. In der Mitte des Raumes stand ein robuster, hölzerner, runder Konferenztisch. Seine Oberfläche zierten Kratzer und Brandflecken - Zeichen vergangener Debatten und dunkler Absichten. Das Holz wirkte alt und morsch, als ob es ein stummer Zeuge düsterer Geheimnisse war und sie treu in sich trug. Um den Tisch herum standen gleichermaßen massive hölzerne Stühle, auf denen die sieben Teilnehmer Platz nahmen. Ihre Gesichter waren von dunklen Schatten verhüllt, sodass man sie nicht richtig erkennen konnte. Dennoch wusste jeder der Anwesenden, mit wem aus der Loge er es zu tun hatte. Ihre finsteren Mienen legten Zeugnis für ihre Entschlossenheit ab. Auf dem Tisch waren Dokumente ausgebreitet, die von üblen Absichten kundtaten. Doch die Augen der Anwesenden waren fixiert auf den Versammlungsleiter.

Heimlich flüsterten sich die Anwesenden zu, bis dem Versammlungsleiter das unverständliche Genuschel zu viel wurde und er seine Stimme erhob. “Ich denke, wir wissen alle Bescheid, warum wir hier sind”, eröffnete er.

“Wir wollen Gottes Urteil für den Verrat unseres Königs sprechen!”, polterte eine der anderen Schattengestalten dazwischen.

“Hütet Eure Zunge, wenn Ihr sie behalten wollt!”, ging ein weiterer dazwischen. “Er hat Euch nicht das Wort erteilt!”

“Habt Dank, mein Freund, aber ich weiß mir schon selbst zu helfen.”

Der polternde Schatten ließ sich eingeschnappt in den Stuhl fallen und verschränkte seine Arme. Er schien absolut nicht einverstanden mit dem Redeverbot.

“Aber er hat Recht. Der König hat unsere Freiheit an die Elfen verkauft. Nun produzieren wir für deren Krieg auf dem Festland. Ich sage: Lieber Tod als Leibeigenschaft! Neulich hat unser geschätzter Freund einen Vorschlag eingebracht.” Der Versammlungsführer zeigte auf einen bisher schweigsamen Teilnehmer. “Stimmen wir heute darüber ab, ob wir dem Reich als Patrioten dienen wollen. Gott wird es nicht tun, also müssen wir den König für seinen Verrat bestrafen! Darum gebe ich das Wort an den Antragssteller.”

Der Schatten räusperte sich und brach sein Schweigen: “Habt Dank.” Er räusperte sich. “Seine Tochter ist sein ein und alles, wie wir wissen. Ich habe alles Nötige in die Wege geleitet, Eleonora zu beseitigen.”

“Dieses Weib wird niemand vermissen”, ermutigte ein optimistischer Mitverschwörer.

“Wir dürfen uns keine Fehler erlauben”, meinte ein Vorsichtiger.

“Wenn wir auffliegen, werden wir hängen!”, sorgte sich ein Ängstlicher.

“Das ganze ist totsicher”, versprach der Antragsteller. “Ich habe einen Attentäter aufgetrieben, der eine dieser Teufelswaffen führt.”

“Seid Ihr denn Wahnsinnig?!”, erschrak es einen Anwesenden.

“Er wird die Prinzessin zu gegebener Zeit beseitigen.”

Ein anderer wurde skeptisch. “Ihr wisst schon, von wem sie abstammt?”

“Nur die Ruhe. Ihr Stammbaum wird keine Rüstung sein.”

“Wie stellen wir sicher, dass es nicht auf uns zurückfällt?”

“Selbst wenn mein Mann erwischt würde, könnte er mit der Macht seiner Teufelswaffe durch die Reihen der Schlosswachen fegen und wäre auf und davon.”

“Wie wollt Ihr so einen unter Kontrolle halten?”, fragte der Skeptische.

“Ich habe bereits einen weiteren Attentäter auf meinen Mann angesetzt. Sobald der Auftrag erledigt ist, wird er ihn beseitigen. Von unserem Plan weiß er nichts. Ich sagte ihm, der Mann müsse sterben, weil er mich beleidigt hätte.”

“Wenn Euer Mann so mächtig ist, wie Ihr behaupet”, zweifelte der Skeptische, “wie soll Euer zweiter Attentäter ihn zur Strecke bringen?”

“Ein Dolch ist alles, was es braucht. Auch ein Waffenmeister muss irgendwann schlafen.”

“Was passiert nach dem Tod der Prinzessin?”, warf der Vorsichtige ein.

“Der König wird ein gebrochener Mann sein”, erklärte der Antragsteller. “Und wir werden ungestört die Macht in Morgenstern an uns reißen.” Selbstsicher ballte er die Faust.

“Das ist ein gefährliches Spiel”, meinte der Ängstliche. “Was ist, wenn unser Plan… ihr wisst schon wen… auf den Plan ruft?”

“Wir haben keine andere Wahl!”, meldete sich der Letzte zu Wort. “Außerdem hockt die alte Schachtel sowieso nur auf ihrem Berg herum, mit den Händen unter ihrem Arsch! Sie und Ihresgleichen hätten uns im Krieg gute Dienste leisten können. Die magischen Fähigkeiten der Hexen sind legendär. Mit ihrer Hilfe wären wir jetzt vielleicht keine Leibeigenen der Elfen. Ihre Enkelin zu töten ist eine gerechte Strafe für ihre Tatenlosigkeit!”

“Das sind die Worte eines wahren Patrioten”, meinte der Versammlungsführer. “Alles was uns jetzt noch fehlt, ist die passende Gelegenheit, um zuzuschlagen.”

“Mit Verlaub, ich kenne genau den richtigen Moment.”
 

Der große Tag war gekommen.

Eleonora wartete zusammen mit ihrem Vater und ihrer Dienerschaft in einem Nebenraum des tausendjährigen Doms von Ewigkeit auf das Einsetzen der Musik, die den Beginn der Zeremonie ankündigte. Die Prinzessin trug ein blütenweißes Kleid und ein enges Korsett schnürte ihr fast die Luft ab. Es war absichtlich mehrere Nummern zu klein angefertigt und verlieh ihr eine begehrenswerte Figur. Es betonte scharf ihre Taille und schob ihre Brüste so weit nach oben, dass sie fürchtete, sie würden aus ihrem Ausschnitt herausspringen, wenn sie sich zu weit nach vorn beugte. Es war kein Kleidungsstück, sondern ein Folterinstrument. Ihren Bräutigam würde dieser Anblick gewiss mit Vorfreude auf die Hochzeitsnacht erfüllen. Die Prinzessin dachte daran, wie schnell die Zeit verflogen war. Heute Nacht schon würde er sie zur Frau machen. Der Gedanke an die Ehe und die damit verbundenen Pflichten verschlimmerten ihre ohnehin vorhandene Nervosität.

Dann vernahm sie die traditionelle Musik.

Es ging los.
 

Greymore stand am Altar bereit. Direkt neben ihm der Priester. Als Bräutigam war Greymore in feinstem Zwirn gekleidet. Während er warten musste, schaute er über die Bänke im Kirchenschiff. Sie waren allesamt gefüllt mit den wichtigsten Persönlichkeiten des Hofstaates, den einflussreichen Adligen und deren Weibern und wohlhabenden Händlern mitsamt Familie. Niemand von Rang und Würden wollte sich das Ereignis entgehen lassen. Die Prinzessin heiratet immerhin nicht jeden Tag! Eines Tages König von Morgenstern zu werden, war bei diesem Prachtweib für Greymore eine Nebensächlichkeit. Ein Tag der Festivitäten, des hemmungslosen Saufens und Fressens stand danach auf dem Plan, gefolgt von ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Greymore freute sich darauf, ihrer Liebe endlich die Krone aufzusetzen. Ihm wurde erst jetzt wirklich bewusst, wie viel Glück er hatte. Eleonora besaß ein hübsches Gesicht. Ihre für ihr Alter üppige Oberweite und die ausgeprägten Kurven ihrer Hüften versprachen ihm ein Feuerwerk, sodass er es kaum erwarten konnte, sie endlich zu spüren. Und dennoch war es ihr Charakter, der ihn am meisten faszinierte. Sie war wie ein wildes Gewitter. Das aufbrausend stürmische Temperament seiner Verlobten verhieß nicht nur die Befriedigung des Körpers, sondern auch die Erquickung des Geistes.

Dann hörte er die Musik einsetzen.
 

Eleonora wurde von ihrem Vater zum Altar geführt.

Viele der Gäste drehten sich zu ihr um und verfolgten Eleonoras Marsch zum Altar, der von vor Freude strahlenden Blumenmädchen begleitet wurde. Während die Blicke der Leute sie förmlich durchbohrten, verlieh der feste Händedruck ihres Vaters der Prinzessin genug innere Ruhe, um ihre Aufregung zu unterdrücken. Er musste ihren Gemütszustand durch das Zittern ihrer Hand erahnen können. Es war Eleonora, als sei der Weg zum Altar endlos. Als sie den wichtigsten Weg ihres Lebens endlich zurückgelegt hatte und sie ihr Vater rituell in die Hände des Bräutigams übergab, fühlte es sich an, als ob ihr Herz jeden Moment explodieren würde. Eleonora nahm ihren angestammten Platz neben dem Priester ein. Der Diener Gottes hielt eine Ansprache über die Bedeutung der Ehe, aber sie hörte gar nicht zu. Die Prinzessin starrte unentwegt ihren zukünftigen Mann an. Dann war es bereits an der Zeit, das Gelübde auszutauschen.

Den Anfang machte Greymore. “In Anwesenheit Gottes und dieser Versammlung verspreche ich, Nathaniel von Greymore, dich, Eleonora Alexandria von Morgenstern, als meine Frau zu lieben, zu ehren und zu beschützen”, sprach der Edelmann. “Ich werde in Freude und Kummer, in Gesundheit und Krankheit, in Fülle und Mangel bei dir sein und für immer an deiner Seite stehen.”

Wie angewurzelt stand Eleonora da und hätte vor Aufregung fast ihren Teil vergessen. Ungeduldig warteten die Anwesenden, bis sie endlich aus ihrer Trance ausbrechen konnte. “Ich, Eleonora Alexandria von Morgenstern, gebe mich dir, Nathaniel von Greymore, zur Frau, vor Gott und diesen Zeugen”, sagte sie. “Ich verspreche, dich zu lieben, deinem Urteil zu gehorchen und in allen Dingen an deiner Seite zu stehen. Ich werde dich ehren und achten, in guten und schlechten Zeiten, bis der Tod uns scheidet.”

Obwohl der Priester direkt neben ihr stand, klang ihr seine Aufforderung, die Ringe zu bringen, wie aus weiter Ferne. Ein Diener kam. Er hielt ein rotes Kissen in Händen, das mit goldenen Stickereien verziert war. Auf ihm lagen zwei sündhaft teure Ringe. Als der Mann vor ihnen zum Stehen kam, nahm er plötzlich das Kissen und schlug es mit voller Wucht, samt der Ringe, Greymore ins Gesicht, sodass er vollkommen überrumpelt wurde, stürzte und einen Kerzenleuchter mit sich riss. Erste Aufschreie gingen durch das Publikum, aber bevor jemand reagieren konnte, sprach der Mann eine seltsame Beschwörungsformel.

“Koche in meinen Venen, Bloodbane!”

In seiner Hand sammelte sich eine schwarze Masse, die aus seiner Haut austrat, und formte einen pechschwarzen Dolch. Eine magisch beschworene Waffe, die man bei einer Leibesvisitation nicht entdecken konnte. Noch bevor Eleonora begriff, was geschah, trieb der Fremde die Waffe in ihren Leib. Vor Schock spürte sie keinen Schmerz. Sie blickte herab zur Einstichstelle und sah, wie ihr blütenweißes Hochzeitskleid langsam die Farbe ihres Blutes annahm. Kurz darauf wurde ihr schwarz vor Augen.
 

Schon seit Stunden machte sich der Totengräber an dem Leib zu schaffen. Bisher hatte es niemand geschafft, den schwarzen Dolch aus der wunderschönen Leiche herauszuziehen. Der Totengräber hatte das Gerücht gehört, dass der Attentäter vom Bräutigam erwürgt wurde, während er noch versuchte, seine Waffe zurückzubekommen. Eine wahrlich seltsame Geschichte. Nun war es seine Aufgabe, das Tatwerkzeug aus der Prinzessin zu entfernen. Aber er war bis zu diesem Moment kläglich daran gescheitert.

Nun nahm er sich eine Schere und ein scharfes Messer zu Hilfe.

Als erstes befreite er die Prinzessin von ihrem Korsett. Als nächstes wollte er den Stoff zerschneiden und so den Körper freilegen. Dann käme er an die Wunde heran und könnte versuchen, großflächig um diesen seltsamen schwarzen Dolch zu schneiden, um ihn zu entfernen. Dass gäbe mit Sicherheit ein hässliches Loch, aber wenn sie erst in frischen Kleidern im Sarg läge, würde das sowieso niemand bemerken.

Er setzte zum Schnitt an.

Plötzlich krampfte der Körper der vermeintlich Toten und der Totengräber ließ vor Schreck sein Werkzeug fallen. Er stolperte voller Furcht über seine eigenen Füße. Der Dolch in der Brust der Prinzessin verflüssigte sich derweil und versickerte in Eleonoras Körper. Einen Moment später riss sie ihre Augen auf. Sie glühten rubinrot.

Duell der Waffenmeister


 

Zurück in der Gegenwart erwarteten die reichlich gefüllten Zuschauerränge der Arena in Greymores Burg ein großes Spektakel.

Der kreisrunde Kampfbereich war in den Fels geschlagen und von einer Palisade umzäunt. Es gab nur zwei Eingänge, verschlossen von massiven hölzernen Gittern aus zusammengebundenen Baumstämmen. Dahinter umringten die Zuschauerränge die Arena. Aus ihnen stach eine prominent erhobene Ehrentribüne heraus. Viele hatten sich versammelt, um dem blutigen Spiel mit dem Tod beizuwohnen. Ausgelassen und bereit, jeder Schandtat zuzusehen, warteten sie geduldig auf den nächsten armen Teufel, der in der Arena die “Bluttaufe” ablegen würde. So nannten es die Anhänger des Raubritters, wenn ein neuer Mann in den Ring stieg und entweder Ruhm gewann oder sein Leben verlor. Würde der Anwärter sich Mensch oder Ungeheuer entgegenstellen?

In Ketten gelegt, ließ sich Nebula von den Handlangern des Raubritters zur Ehrentribüne bringen. Sie weigerte sich, das Brautkleid anzuziehen. Greymore hatte es sich bereits breitbeinig in seinem Thron bequem gemacht und genoss den Schatten unter dem großen Sonnentuch über ihm.

“Wieso hast du eine Arena?”, verwickelte Nebula Greymore in ein Gespräch, um ihn gegebenenfalls abzulenken.

“Ich habe mich von einer fremden Kultur inspirieren lassen”, erklärte Greymore. “Die Wüstenvölker bekämpfen sich gegenseitig in Gladiatorenarenen um stärker zu werden.”

“Und wo ist Henrik?!”, verlangte Nebula zu wissen.

“In meiner Arena kämpfen die, die Ruhm suchen und im Rang aufsteigen wollen”, erklärte Greymore. “Der Gewinner bekommt alles, der Verlierer erhält nichts, außer den Tod.”

“Du willst doch nicht etwa…”

“Ihm wird eine große Ehre zuteilwerden. Er darf um seine Freiheit kämpfen!”

“Du bist wahnsinnig!”

Eines der vergitterten Tore öffnete sich und eine bedauernswerte Gestalt betrat unsicher die Arena. Vollkommen verloren sah sich der junge Mann um. Die Menschen im Publikum grölten in Vorfreude. Entweder wohnten sie der nächsten Opferung bei, oder der Geburt eines neuen Helden. Das massive Gitter sank hinter dem Jüngling nach unten und verschloss den Ausgang. Nebula sah über die Brüstung der Ehrentribüne und stellte mit Schrecken fest, dass dieser Mann tatsächlich ihr Begleiter war. “Henrik!”, flüsterte sie. Moment mal, sie machte sich doch nicht etwa Sorgen um diesen Idioten? Gefangen im Zwiespalt ihrer Gefühle, ging sie einige Schritte zurück, bis der Schatten des Sonnentuches über ihr Gesicht fiel. Das sollte mit Sicherheit die Strafe für ihre Weigerung sein. Wie gut, dass es ihr natürlich völlig egal war, was aus Henrik wurde.

Wirklich!

Wirklich?
 

Verwirrt sah sich Henrik um. Er war in der Arena, die sie zuvor vom Gefangenentransport aus erspäht hatten. Die Frage, was als nächstes passierte, nahm ihn vollkommen ein. Er bedauerte, die kleine Revolte im Kerker angezettelt zu haben. Das war gewiss der Grund, warum sie ihn in die Arena geworfen hatten. Gott allein wusste, welche Schrecken sie für ihn in Petto hatten.

“Hey, Bengel!”, rief jemand von oben.

Henrik sah hinauf und erspähte Greymore auf der Ehrentribüne. Er hielt ein Schwert in seinen Händen. Henrik erkannte die Waffe. Er hatte sie selbst geschmiedet.

“Das ist dein Werk, nicht wahr?”

Henrik nickte.

“Wir wollen dich ja nicht unbewaffnet in einer Arena lassen.” Daraufhin zerbrach Greymore das Schwert unter Einsatz beider Hände und warf die Bruchstücke lachend hinab in den Staub direkt vor Henriks Füße. “Lasst ihn rein!”, befahl er lachend. Das Gitter auf der anderen Seite der Arena öffnete sich. Ein Bär bewegte sich langsam durch den Eingang. Voller Furcht wurde Henrik im Angesicht des Biest die Knie weich. Auch das zweite Tor schloss sich und die Todesfalle schnappte zu.
 

“Du Drecksack!”, verfluchte Nebula den grausamen Mann neben ihr. Sie hätte das Kleid doch anziehen und mitspielen sollen. Vielleicht wäre es ihr so gelungen, den Irren noch ein bisschen länger abzulenken. Stattdessen unterzeichnete sie Henriks Todesurteil. Nun stand sie hier, ihre Hände gefesselt und es war fraglich, ob sie die Ketten schnell genug zerbrechen könnte, um ihn aus seiner misslichen Lage befreien zu können. Natürlich nur, weil sie die Verantwortung für den Jungen trug. Aus keinem anderen Grund!

“Du kannst das hier ganz schnell beenden”, sprach Greymore. “Alles, was du tun musst, ist das Kleid anzuziehen und mich zu heiraten.”

In ihrer Frustration beobachtete Nebula, wie Henrik im Dreck nach den Bruchstücken des Schwertes wühlte, während die braune Bestie ihm immer näher kam. Das Verlangen, ihrem Begleiter zur Hilfe zu eilen, brannte in ihr. Sie musste unbedingt etwas tun und beschwor ihre übermenschliche Kraft herauf, obwohl sie wusste, wie sehr sie ihren Körper belastete. Hilflos zerrte sie an ihren Ketten, die trotz allem nicht nachgeben wollten.

“Spar dir die Mühe”, sprach Greymore. “Die Fesseln wurden gehärtet.”

Nebula beobachtete Henriks von einem dunklen Schatten verhülltes Gesicht. Er hatte nur noch Augen für sein nutzlos gewordenes Schwert und hielt die Teile in seinen Händen. Dieser Idiot! Beinahe mechanisch bewegte er beide Hälften aufeinander zu.

Ein gleißendes weißes Licht flutete die Arena und der Bär zuckte geblendet zurück.

Das Publikum verstummte schlagartig.

Oben in der Ehrentribüne schützte Nebula ihre Augen vor der extremen Helligkeit. Als sie endlich wieder etwas erkennen konnte, stellte sie fest, dass Henrik ein makelloses Schwert in Händen hielt und dem Bären die Stirn bot.
 

Henriks Verstand konnte mit dem Geschehenen nicht mehr mithalten. Es hatte sich angefühlt, als ob etwas anderes die Kontrolle über ihn übernommen hatte, und seinen Körper diktierte, die Hälften zusammenzufügen. Nun war das Schwert, das zuvor von diesem Greymore zerbrochen wurde, wieder heil, als wäre nie etwas gewesen. Die Gedanken hielten den Braunhaarigen gefangen, sodass er beinahe nicht mitbekam, dass der Bär sich wieder besonnen hatte und nun auf ihn zu stürmte. Im letzten Moment realisierte er die tödliche Gefahr. Der Schmied ging in festen Stand über, genauso wie Nebula es ihm gelernt hatte. Bei ihren Trainingskämpfen zog er stets den kürzeren. Nicht einmal mit seinem Hammer hatte er gewonnen. Aber nun musste er das Schwert beherrschen, wenn er diese Begegnung überleben wollte. Als der Bär sich aufrichtete, um ihn mit einem Prankenhieb niederzustrecken, schritt Henrik nach vorn und stieß die Klinge so tief er konnte in das Tier hinein und zog sich anschließend zurück.

Der Bär brach tot zusammen.

Ungläubig starrte der Schmied die blutige Klinge an.

Im nächsten Moment wurden beide Tore der Arena hochgelassen und Handlanger des Raubritters umzingelten den Schmiedegesellen, wie Ameisen ein Kind, wenn es mit einem Stock in ihren Staat sticht. Es wirkte völlig aussichtslos, mit so vielen auf einmal fertig werden zu wollen. Dennoch nahm er Kampfhaltung an.
 

In der Ehrentribüne wurde der Raubritter ungeduldig. “Du verrätst mir sofort, wie du das gemacht hast!”, befahl Greymore von oben herab. Bestimmt dachte er, Henrik als Druckmittel einsetzen zu können. Dass der Junge solche Kräfte besaß, konnte er nicht ahnen. Noch gab er seinen Leuten keinen Angriffsbefehl auf den Schmied.

Endlich fühlte Nebula, dass die Kettenglieder nachgaben. “Genug!”, rief sie und ein schallendes Klirren verriet: Sie sprengte ihre Ketten. “Koche in meinen Venen, Bloodbane!”, beschwor sie ihre Waffe noch während sie sich über die Brüstung in die Arena schwang. Wunden in ihrem Arm brachen auf, und die ölige schwarze Flüssigkeit trat hervor, um sich zum Schwert zu formen. Den Überraschungsmoment auszunutzen und Greymore direkt ins Jenseits zu befördern, war verlockend, aber Henriks Wohlergehen war ihr wichtiger! Wieso eigentlich? Mit vollständig manifestierter Teufelswaffe brachte sie sich Rücken an Rücken mit Henrik in Stellung. “Kommt näher, wenn ihr sterben wollt!”, drohte sie den Soldaten mit angsteinflößenden, rot glühenden Augen.

Die Schergen des Raubritters ließen sich nicht abschrecken. Stattdessen wirkte die Drohung der Blondine auf einige wie eine Aufforderung, sie anzugreifen. Sie kannten diesen Anblick und hatten mehr Angst vor ihrem Herrn als vor Nebula. Drei von ihnen schienen besonders lebensmüde und stürzten sich auf Nebula.

“Na schön!”, rief sie aus voller Kehle. “Ihr habt es nicht anders gewollt.” Wenn sie unbedingt sterben wollten, erfüllte sie ihnen diesen Wunsch nur allzugern. Dunkle Energie sammelte sich an der Klinge Bloodbanes. “Teufelsmagie: Ebenerzschnitt!” Gefolgt von der Beschwörungsformel bewegte Nebula ihr Schwert einmal diagonal in die Luft vor ihr. Die dunkle Aura verlängerte den Wirkungsbereich ihrer Waffe um mehrere Meter, sodass alle drei Angreifer getroffen und aufgeschlitzt wurden. Blut schoss einer Fontäne gleich aus ihren Wunden und die Männer stürzten Tod zu Boden. “Nächster!”, triumphierte Nebula.

Erschrocken zuckten die übrigen Männer zurück.

Nebula wandte sich Greymore zu. “Hör mich an, du scheiß Verräter!”, forderte sie ihn heraus und streckte ihm ihre Waffe entgegen. “Du willst mich, du sollst mich haben! Ich fordere ein Duell!”
 

Nebula stand ihrem Kontrahenten gegenüber. Während sie ihren Kampf austrugen, wurde Henrik oben in der Ehrentribüne von Greymores Soldaten als Geisel gehalten - das waren die Bedingungen. Sie durfte sich keinen Fehler erlauben. Der Raubritter schlich um sie, wie eine Katze um den heißen Brei. Jede ihrer Bewegungen wurde aufmerksam beobachtet. Sie ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen und verharrte in Fechtstellung.

“Du hast deine gerufen, Zeit, dass ich meine herbeirufe!”, kündigte Greymore an. Er ging in die Hocke und schlug mit der rechten Hand auf den Boden. “Erschüttere und zerschmettere, Quake!” Mit diesen Worten enthüllte der Raubritter endlich, was er verbarg. Die Erde unter seiner Hand lockerte sich und ein Griff stieg empor. An ihm zog er ein gewaltiges Schwert aus dem Boden heraus.

Nebula betrachtete die überdimensionale Waffe. “Größe ist nicht alles!”, täuschte die Blondine Gelassenheit vor.

Das Unausweichliche begann und sie kreuzten die Klingen.

Greymore gelang es, sein massives Schwert mit beeindruckender Leichtigkeit zu schwingen. Der Teufel, der der Waffe Innewohnte, verlieh ihm die Kraft dazu. Greymore fügte einen kräftigen Schlag am Ende seiner Schlagkombination an, den Nebula nur mit Mühe zu blocken vermochte. Die Kraft des Aufpralls ließ sie einige Meter rückwärts über den Boden rutschen. Ihre schweren Stiefel gruben tiefe Furchen in den Boden, als sie sich der gewaltigen Kraft entgegen stemmte. Trotz alledem gelang es ihr, aufrecht stehend zu bleiben. Dieser Kraft und Schnelligkeit hatte sie mit ihrer Hauptwaffe nicht viel entgegenzusetzen.

“Zeig mir endlich, was du kannst!”, provozierte Graymore. “Oder willst du schon wieder von mir besiegt werden?”

Die Wut auf den Raubritter verdrängte ihre kurz wieder aufflammenden Gefühle. “Halte die Fresse!”, erwiderte Nebula. “Du kommst noch früh genug in den Sarg!” Sie streckte dem Raubritter die rechte Faust entgegen, sodass sich die Klinge Bloodbanes zwischen ihrem Gesicht und Greymore befand. “Triff ins Schwarze, Gastraphetes!” Sofort verflüssigte sich ihre Waffe und nahm, wie von einem unsichtbaren Handwerker beseelt und von metallenen Kratzen und Klopfen begleitet, die Form einer Armbrust an. An der Waffe befanden sich zahlreiche Zahnräder und andere Feinmechaniken. Nebula spürte einen quälenden Schmerz ihre Gliedmaße empor kriechen. Wie eine Infektion brannte es durch ihren Unterarm. Noch immer fiel es ihr schwer, sich daran zu gewöhnen.

“Du besitzt eine Zweite?!”, entfuhr es dem Raubritter. “Wie kann das sein?”

“Ich bin ein Naturtalent.”

“Ihr Hexen werden wahrlich von der schwarzen Magie geliebt.”

“Wer keine Ahnung hat, sollte das Maul halten!”

“Mit diesem Talent könnten wir zusammen die Welt beherrschen.”

“Gemeinsam können wir dies. Gemeinsam könnten wir das. Halt einfach den Rand!” Greymore wirkte, als wollte er etwas erwidern, aber sie gestattete es nicht. “Teufelsmagie: Endloses Dauerfeuer!” Durch den Klang ihrer Stimme setzte sie ein Sperrfeuer von Bolzen frei. Gastraphetes schoss ein Projektil ab und spannte sich von selbst neu, während das nächste Projektil aus dem Nichts erschien und die Apparatur erneut scharf machte. Dieser Prozess wiederholte sich in Sekundenbruchteilen.

Greymore gelang es, alle Geschosse abzuwehren.

Daraufhin setzte sich Nebula in Bewegung und rannte im Kreis um ihr Ziel. Dabei feuerte sie aus jeder Richtung auf ihren Gegner. Das jede Faser ihres Körpers unter der Last der Teufelsmagie ächzte, blendete sie dabei völlig aus.

Diesmal konnte Greymore nicht alle Geschosse blocken. Einige durchbrachen die Parade, streiften ihn und hinterließen blutige Schnittwunden. Diesen Angriff ließ er nicht lange unbeantwortet. “Sieh zu, wie du das abwehrt!”, schrie er. Aus der Verteidigungsstellung heraus schlug er die mächtige Klinge seines Schwertes auf den Boden. “Teufelsmagie: Mordlustiger Steinschlag”, beschwor er einen Angriff herauf. Der Boden riss auf und mehrere Felsbrocken erhoben sich. Sie schwebten einen Moment in der Luft und schossen anschließend in Nebulas Richtung.

Ihr Versagen, ihnen allen auszuweichen, glich den Punktestand aus. Die meisten der steinernen Geschosse schlugen hinter ihr in der Palisade ein, aber einer der Medizinball-großen Brocken traf sie am Kopf, hinterließ eine Platzwunde und warf sie zu Boden. Sie verlor die Orientierung und wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Ihre Ohren warnten sie, dass Greymore rasch näherkam. Die Geräusche seiner Stiefel schienen aus allen Richtungen gleichzeitig zu ihr zu dringen. Sie fragte sich, ob er davon absah, sie auf seine Seite zu ziehen und ihr nur noch den Rest geben wollte.

Schwach und scheinbar aus endloser Entfernung hörte sie Henrik ihren Namen rufen.

Sie rief sich in Gedanken selbst zur Räson: Steh auf, du dumme Kuh!

“Gehe hernieder, Gungnir, Speer des Himmels!”, flüsterte sie noch immer auf dem Boden liegend. Gerade als Greymore mit Quake ausholte, schoss ein pechschwarzer Blitz vom Himmel und innerhalb eines Wimpernschlags war Nebula verschwunden und einige Meter hinter ihm wieder aufgetaucht, noch bevor Quakes Klinge stürmisch den Boden küsste.

Greymore sah sich ungläubig nach ihr um.

Sie konnte erahnen, was gerade in ihm vorgehen musste, als er sie in Kampfhaltung mit einer dritten Teufelswaffe erblickte und die elektrisch geladene Luft knisterte. "Da ich nicht stärker sein kann", sagte sie, "muss ich schneller sein!" Sie kniff ihr rechtes Auge zu, da das schwarze Blut aus ihrer Kopfwunde eindrang und ihr die Sicht vernebelte. Die Anrufung einer weiteren Teufelswaffe forderte ihren schmerzhaften Tribut, aber Nebula dachte nur daran, diesen Kampf so schnell wie möglich für sich zu entscheiden und Henrik zu retten. "Teufelsmagie: Donnerschritt!", beschwor sie die Formel für ihren Gegenangriff herauf. Mit einem blendenden Blitz verschwand sie scheinbar. Im nächsten Moment wurde Greymore von einer Flut schneller Angriffe, begleitet von ohrenbetäubenden Donnerschlägen, aus verschiedenen Richtungen getroffen und taumelte wie ein Betrunkener umher, mit dem blutigen Zusatz sich unentwegt auftuenden Schnittwunden an seinem Körper. Als die Angriffe endeten, versagten seine Beine. Er hielt nicht mehr aufrecht und sank auf die Knie. Dabei entglitt sein Schwert seinem Griff. Nebula erschien vor ihm. Die Elektrizität zuckte noch immer um ihren Speer, während von seiner Spitze das Blut des Raubritters auf den Arenaboden tropfte.

Greymore sah sie vielsagend an, sein Blick gezeichnet von der Schmach der Niederlage. “Wirst du mich jetzt töten?”, fragte er sie.

“Ich denke, es nicht zu tun, wird die größere Strafe sein.” Nebula trat an Quake heran, ergriff es und schwang es einmal durch die Luft, bevor sie mit ihm so verfuhr, wie mit jeder anderen ihrer erbeuteten Waffen zuvor. Es begann seine Form zu verlieren, wollte aber dennoch nicht gehorchen. Nebula intensivierte ihre Anstrengungen, allen zur Schau gestellt durch das wilde Glühen ihrer Augen. Noch immer versagte ihr das verfluchte Ding den Gehorsam und begann, bereits teilweise absorbiert, ihren Arm mit schwarzen Scherben von innen zu durchbohren. Tapfer ertrug sie den Schmerz und versuchte, weiter die Teufelswaffe unter ihre Kontrolle zu bringen.
 

In der Kontrastwelt steckte der muskulöse Mann, der zuvor Greymore erschienen war, halb versunken im Morast. Mit aller Kraft wehrte er sich dagegen einzusinken, doch seine Mühen bewirkten einzig, sein unausweichliches Schicksal zu beschleunigen. Laut fluchend brachte die dämonische Gestalt mit den weiß glühenden Augen ihren Unmut zum Ausdruck, als plötzlich eine zweite Person aus dem schwarzen Schlamm auftauchte. Langsam formte die Masse einen weiblichen Körper mit blasser Haut und langen weißen Haaren. Ihr rotes, mit Rosen besticktes Kleid erfüllte die Monochromie mit Farbe. “Gib einfach auf, Nummer 19”, sprach die Frau. “Gegen mich bist du machtlos!” Wild um sich schlagend, schimpfend und seine Niederlage verneinend, wurde der hünenhafte Mann vom Schlamm verschluckt. Zufrieden grinsend betrachtete die Frau die Stelle, an der er versank.
 

Endlich gehorchte Quake und die Abstoßungsreaktionen klangen ab. Die Scherben aus schwarzem Glas zogen sich in Nebulas Körper zurück und alle ihre Wunden schlossen sich. Eine weitere Waffe wurde ihrem Arsenal hinzugefügt. Sie sah auf den knienden Greymore herab. “Lass besser deine Wunden flicken, bevor sie sich entzünden”, beratschlagte sie. “Sonst verreckst du noch!”

Dann begab sie sich zu Henrik, den die Soldaten noch immer in Schach hielten.

“Macht den Jungen kalt!”, hörte sie Greymore befehlen.

Aber keiner seiner Soldaten gehorchte.

“Gehorcht, ihr Nichtsnutze!”, fluchte der Besiegte.

“Das sind deine eigenen Regeln!” Nebula würdigte Greymore keines Blickes. “Sie befolgen sie nur. Der Gewinner bekommt alles. Der Verlierer nichts.”

Ob Greymore sich nun seiner Machtlosigkeit bewusst war?

“... außer den Tod”, hörte sie ihn sagen, gefolgt von einem verräterischen Geräusch. Instinktiv griff Nebula hinter sich und bekam das Messer im letzten Moment zu fassen, das Greymore nach ihr geworfen hatte, bevor es sich in ihren Nacken bohren konnte. Er musste es für Notfälle in einem Stiefel versteckt haben. Am Ende vergaßen sie alle ihre Ehre. Ohne zu zögern drehte sie sich um und versenkte das Messer mit einem schwungvollen Wurf im linken Oberschenkel seines Besitzers.

Der Schmerz raubte Greymore das Gleichgewicht und er kippte zur Seite um.

Nebula bestieg die Ehrentribüne und sammelte den verstört schauenden Schmied ein. “Komm mit!” Dann sprach sie zu Greymores Kriegern. “Ihr gehört jetzt mir. Und ich sage, lasst alle Gefangenen frei. Sucht euch einen anständigen Beruf. Und wagt es nicht, mich zu verarschen! Ich finde und töte jeden einzelnen von euch!” Zuletzt zeigte sie auf den verletzten Raubritter. “Entscheidet selbst, ob er seine eigenen Regeln befolgen muss.”

Sie und Henrik sammelten ihre Sachen ein und verließen dann unbehelligt die Burg. Auf dem Rückweg drehte sich Nebula nicht einen Moment um. Dennoch musste sie an ihren ehemaligen Verlobten denken. Was würden die Männer ihrem ehemaligen Anführer antun? Insgeheim schmerzte es, dass es so zu Ende ging.
 

Ihre eiskalten Gliedmaßen weckten die kleine Annemarie aus ihrem Schlaf.

Es war noch früh am Morgen und sie fühlte sich noch immer müde. Die Nacht war kurz und kalt gewesen. Außer einer alten, lumpigen Decke, besaß das Mädchen nichts, das es hätte wärmen können. Ihr Buch konnte sie nicht vor der Kälte schützen, egal wie sehr sie sich an es kuschelte. Ihre Füße waren eiskalt und kribbelten. Annemarie musste sich schleunigst wärmen, wenn sie keine Zehe verlieren wollte.

Sie begab sich auf die Suche nach Wärme. Der Geldbeutel, den sie von Henrik erhalten hatte, zog ungewollte Blicke auf sich. Sie stieß die hölzerne Doppeltür zum einzigen Gasthaus des Dorfes auf und trat ein. Links vom Eingang befand sich ein Schalter mit einem skeptisch drein blickenden Mann. Er hatte eine Halbglatze und einen hufeisenförmigen Bart. “Was kann ich denn für dich tun, Kleine?”, fragte er das bitterlich zitternde Kind.

“Ich möchte mich nur ans Feuer setzen”, versicherte das Mädchen.

“Natürlich. Wärme dich auf, Kind.”

Das Mädchen ging zum Kamin und setzte sich mit ausgestreckten Beinen davor. So verharrte es eine Weile, bis der Schmerz nachließ und die Beine wieder eine normale Temperatur erreichten. Dann erhob sich die Kleine wieder, bedankte sich und verließ das Gasthaus unter den Blicken des Mannes am Empfang.

Gegenüber entdeckte sie eine Bäckerei. Der Duft der frischen Brote lockte sie hinein. “Ein Brötchen, bitte!”, bestellte sie bei dem Bäckermeister. “Ich kann sie bezahlen.”

Der sah sich die abgerissenen Kleider des Mädchens an und wies sie zurück. “Weiß der Teufel, woher du Geld hast!”

“Bitte! Ich habe solchen Hunger!”

“Na schön! Aber komm bloß nicht wieder!” Der Bäcker erfüllte Annemarie widerwillig ihren Wunsch. Sie legte ihm das Geld auf den Tresen. Noch während sie die Bäckerei verließ, schlang Annemarie das Brötchen hinunter. Als plötzlich zwei Männer vor ihr auftauchten, blieb ihr fast der Bissen im Hals stecken.

“Wen haben wir denn da?”, fragte einer zynisch. “Das Lumpenmariechen mit dem Goldbeutel!” Sie mussten sie beobachtet haben.
 

Nebula und Henrik waren auf dem Weg zurück in das Dorf, in dem sie gefangen genommen wurden. Sie wollten den Menschen sagen, dass sie den Raubritter nicht mehr zu fürchten hatten und dass sie keinen Groll gegen sie hegten. Doch Henrik strafte Nebula mit Stille. Das Schweigen ihres sonst so redseligen Begleiters machte ihr schwerer zu schaffen, als ihr lieb war. “Willst du nie wieder mit mir reden?”, brach sie diese Stille.

“Du hast ihn seinem Schicksal überlassen”, sprach Henrik bedrückt.

Gemeinsam durchschritten sie das Tor.

“Das war keine leichtfertige Entscheidung. Er war immerhin-”

Plötzlich kam ihnen ein Mädchen entgegen gerannt. Der Geldbeutel in seiner rechten Hand war ein echter Blickfang. Zwei Männer verfolgten es. Sie hatten es offenbar auf das Gold abgesehen.

Henrik erkannte das Kind sofort. Es war Annemarie. “Ihr!”, rief er den Männern zu. “Lasst sie gefälligst in Ruhe!” Er schwang seinen Hammer und eilte dem Kind mutig zu Hilfe. Annemarie versteckte sich hinter Henrik, während er die Männer bedrohte. Die Verfolger schreckten vor der geballten Kraft des Schlagwerkzeug zurück und ließen von ihrem Opfer ab. “U-Und k-kommt bloß nicht wieder zurück!”, rief er ihnen nach.

“Danke, Henrik!”, zeigte Annemarie ihre Verbundenheit.

“Wer ist das?”, fragte Nebula misstrauisch.

Henrik blickte traurig in Annemaries unschuldiges Gesicht. “Das Mädchen hat mir aus der Hand gelesen. Alles was sie sagte, ist eingetroffen.”

“Die meisten Hellseher sind Scharlatane!”

“Sie hat kein Zuhause. Keine Familie. Das ist schrecklich.” Er trat näher zu Nebula und verneigte sich mit zusammengefalteten Händen über seinem Haupt. “Daher bitte ich dich inständig, dass wir sie mitnehmen.”

“Ähm…” Etwas sagte Nebula, dass sie diese Bitte nicht ausschlagen konnte.


 


 

Ein verhängnisvoller Brief


 


 

Seitdem Annemarie sich ihnen angeschlossen hatte, kam es oft vor, dass Henrik morgens als Erster aufwachte. Und dieser Tag war keine Ausnahme. Zumindest musste er sich keine Sorgen mehr darüber machen, von Nebulas nächtlichen Holzarbeiten im Schlaf zersägt zu werden, da sie sich ein zweites Zelt zugelegt hatten, das er fernab aufstellen konnte. Henrik fühlte Mitleid mit Annemarie. Wie konnte sie nur dieses laute Schnarchen ertragen? Das überstieg seine Vorstellungskraft, also genoss er stattdessen die kühle Morgenluft. Die Sonne brach zaghaft zwischen den lila schimmernden Schäfchenwolken hindurch. Henrik konnte sich leider nicht allzu lange an diesem Anblick erfreuen. Er musste das Frühstück vorbereiten. Wenn Nebula aufwachte und das Frühstück nicht bereitstand, hätte dies die schlimmstmögliche Konsequenz zur Folge: Sie würde sich selbst daran versuchen.

Und das wäre schlimmer als der Tod!

Eilig breitete Henrik eine Decke auf dem Boden aus. Er stellte drei Teller bereit und legte je ein Stück Brot darauf. Dann warf er etwas Schinken in eine eiserne Pfanne und ließ ihn über dem Lagerfeuer garen. Gut angebräunt, gab er den Schinken zum Brot hinzu. Ein Apfel für jeden sollte es noch sein, denn Obst ist schließlich gesund. Er kramte in allen möglichen Taschen. Er wusste, dass er ein paar Äpfel gekauft hatte, aber er konnte die verflixten Dinger einfach nicht finden. Als er eine weitere Tasche öffnete, fiel ein versiegelter Brief heraus. Henrik interessierte sich jedoch wenig für das Schriftstück, denn er hatte sie endlich gefunden: drei wunderschöne, knackige Exemplare des gesuchten Fallobst.

Henrik betrübte noch immer der Gedanke an die Ereignisse von vor einer Woche. Als er das Obst in den Händen hielt, fragte er sich, ob er sich mit ihm ablenken könnte. Ihm kam eine absurde Idee. Sogleich setzte er sie in die Tat um und probierte zu jonglieren. Zu seiner Überraschung musste er feststellen, dass er ein natürliches Talent dafür zu haben schien. Die drei Äpfel wechselten mit Leichtigkeit die Hand. Manche würden meinen, an ihm sei ein Gaukler verloren gegangen - vielleicht hatten sie Recht.

Genau in diesem Moment ertönte ein lautes Gähnen aus dem Zelt, gefolgt von Nebulas Stimme. “Ich rieche Fleisch!”, verlautete sie fröhlich.

Erschrocken geriet Henrik aus dem Takt und der dritte Apfel plumpste ihm auf den Kopf. Er ging einen Schritt rückwärts und trat dabei aus Versehen, ohne es zu merken, auf den Brief, der zuvor aus der Tasche gefallen war. “Verdammt!”, fluchte er über das Kopfschmerzen verursachende Fallobst. Bedauerlicherweise war es keine Frucht der Erkenntnis, die ihm das Verständnis der Naturgesetze offenbarte.

Hastig sammelte der Braunhaarige die Äpfel wieder ein.

Nebula schaute aus dem Zelt und lachte beim Anblick des umher wuselnden Jungen. “Hast du Spaß?” Ihre Stimme klang ungewohnt heiter. Doch dann bemerkte sie den Brief, welcher offenbar achtlos auf den Boden geworfen wurde. Schlagartig veränderte sich die Tonlage ihrer Sprache. “Was soll das?!”, fragte sie daraufhin misstrauisch.

“Was meinst du?” Henrik war perplex.

Die Blondine verließ das Zelt und hob das Schriftstück auf. “Das hier!” Sie begutachtete den Brief und zeigte ihm dann das gebrochene Siegel.

“I-Ich.... D-Da ist wohl ein kleines M-Malör passiert.”

“Malör?!”, fragte Nebula ungehalten wegen der mutmaßlichen Verletzung ihrer Privatsphäre. Bisher schien sie nicht dazu gekommen zu sein, das Schriftstück zu lesen. Henrik wusste, das Königreich hatte ein erstaunlich fortschrittliches Postsystem. Aber er hatte es noch nie benutzt. Alle Leute, die er kannte, lebten sowieso in Bärenhag. Nebula las den Brief, ohne ein Wort dazu zu verlieren. Doch ihr Gesicht sprach Bände. “Du hast ihn gelesen, oder?!”, stellte sie ihn anschließend zur Rede.

“Nein, ich habe die Äpfel gesucht und-”, versuchte er sich zu erklären.

“Ich will keine Ausreden hören!” Sie wollte ausholen und ihm eine Ohrfeige verpassen, tat es dann aber doch nicht. “Wenn du dich nochmal an meinen Sachen vergehst-"

“A-aber...”

“Dieben hackt man die Hand ab!” Sie schien sich etwas zu beruhigen, nachdem sie ihrem Ärger Luft gemacht hatte. "Fein! Dann weißt du nun Bescheid!”, fauchte sie ihn an.

Dabei wusste er rein gar nichts!

“Nein, es ist nicht so, wie du denkst. Ich kann doch gar nicht-”

“Halt die Klappe! Ich will kein Wort mehr hören!”

Geweckt von lauten Stimmen, streckte Annemarie nun auch ihren Kopf aus dem Zelt. “Was ist denn los?”, fragte sie ganz verschlafen, doch bekam keine Antwort mehr.

Die drei nahmen wenig später ihr Frühstück ein. Das Missverständnis hatte die Stimmung vergiftet. Der Schmied und die Söldnerin schlagen ihre Portion schweigend herunter. Aus dem beschaulichen Sonntagsessen war eine Farce geworden.

Annemarie musste sich wundern, was zwischen ihnen vorgefallen war.
 

Mit einem donnernden Galopp schossen die Pferde über die unebene Gebirgsstraße und zogen dabei einen Karren. Zu ihrer schweren Last zählte auch ein Mann mit stattlichem Wohlstandsbauch, der die Tiere unerbittlich mit der Peitsche antrieb. Mit einem ehrgeizigen Zeitplan vor Augen, raste er, dass es das Fuhrwerk bald zerbersten ließ. Die unzureichend gesicherte Ladung hüpfte umher, als handele es sich dabei um Flöhe auf dem Rücken eines räudigen Straßenköters. Es grenzte an ein Wunder, dass noch keine der kostbaren Kisten verloren gegangen war. “Schneller, ihr blöden Viecher!”, röhrte er seinen Tieren zwischen den Peitschenhieben zu.

Hätte ihn heute Morgen kein inkompetenter Zollbeamter angehalten, stünde er nicht unter Zeitdruck. Sein Wagen, eine Gefahr für den Straßenverkehr… So ein Unsinn!, dachte er.

Die trockene Gebirgsluft machte dem Fahrer zu schaffen. Er griff mit einer Hand nach seinem Trinkbeutel, den er nur mühsam erreichen konnte, und wurde für einen Moment abgelenkt. Gerade rechtzeitig bemerkte er die scharfe Kurve vor sich und lenkte die Pferde am Abgrund vorbei. Das hintere Rad der Kutsche verlor kurz den Bodenkontakt und einige Steine stürzten in den Grund. Die Kurve hatte er noch gemeistert, aber den drei Gestalten, die plötzlich wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht waren, vermochte er aber nicht mehr auszuweichen. “Aus dem Weg!”, brüllte er aus Leibeskräften.

Zwei der Fußgänger konnten noch ausweichen, doch der schwere Rucksack des dritten wurde erfasst und er verlor den Halt. Er stürzte und rollte den steilen Abhang herunter.

Der Kutscher fuhr einfach weiter. Sein Termin war ihm wichtiger als das Schicksal eines Mannes, den er gar nicht kannte.
 

Ihr Streit war Nebula plötzlich vollkommen egal. Ein viel zu schnelles Gefährt streifte Henrik, und er stürzte in die Tiefe. Sofort blickte sie hinunter und entdeckte ihn etwa sechs Meter unterhalb des Passes auf einem Vorsprung liegen. Er schien Schmerzen zu haben, und der Inhalt seines Gepäcks lag verstreut auf dem Boden, aber er war noch am Leben. Ohne zu zögern rutschte die Söldnerin selbst den steilen Hang hinab.

Annemarie folgte ihr zu dem Hang, sobald sie sich von dem Schreck erholt hatte, um ein Haar von galoppierenden Rössern zertrampelt worden zu sein.

“Hole Hilfe!”, forderte Nebula das Mädchen auf. “Und sage ihnen, wir brauchen Seile und wahrscheinlich einen Arzt!”

“Alles klar!”, bestätigte Annemarie.

Das Mädchen machte sich auf den Weg.

Nebula wusste, dass Schleiersteig nicht mehr weit sein konnte. “Henrik, halte durch!” Vielleicht könnte sie mit ihm wieder auf den Weg springen. Doch sie wusste nicht, wie schwer er verletzt war und wollte das Risiko nicht eingehen.

Der junge Schmied öffnete seine Augen. “Mir tut alles weh!”, sagte er.

“Schmerz ist gut! Wenn es weh tut, stirbst du nicht!”

“W-Was?! St-Sterben?”

Nebula untersuchte sein Bein und diagnostizierte eine Knieverletzung. “Du hättest auf den Kopf fallen sollen. Da kann bei dir nicht viel kaputt gehen!”

“W-Wieso sagst du immer so gemeine Sachen zu mir?”

Nebula zuckte zurück und wurde rot. “W-Weil… du… mir…” Dann besann sie sich ihrer selbst zurück. “Ach, halte die Klappe!”

“Bist du sauer auf mich, wegen dem Brief?”

“Ziemlich!”

“Wieso? Stand etwas peinliches drin?”

“Du hast es doch gelesen!”

“Nein.” Henrik richtete sich leicht auf. “D-Das versuche ich die ganze Zeit zu sagen. I-Ich kann den Brief gar nicht gelesen haben!”

“Aber das Siegel!”

“Ich bin draufgetreten”, gestand Henrik ein.

“Das kann nicht dein Ernst sein!”

“Ich kann nicht lesen, verdammt!!”, schrie Henrik aus Leibeskräften.

“Du kannst nicht lesen?”, hakte sie ungläubig nach. Aber natürlich! Sie durfte nicht außer Acht lassen, dass er ein Handwerker war. Lesen war eine Fähigkeit, die die wenigsten Gewöhnlichen beherrschten.

“Nein. Ist das so verwunderlich für einen einfachen Jungen? M-Meine Eltern hatten nicht das Geld, mich auch noch auf eine Schule zu schicken. Das Lehrgeld für meinen Meister musste ausreichen. E-Ein bisschen rechnen habe ich mir selbst beigebracht.” Henrik spürte eine Schmerzwelle in seinem Bein und lehnte sich wieder zurück.

“Und du?”, fragte Nebula vorsichtig. “Bist du immer noch enttäuscht von mir?”

“Wieso hast du ihn seinem Schicksal überlassen?”

“Er... ich... es ist kompliziert.”

“Kompliziert?”

“Man, frag nicht so blöd!”, entrüstete sich die Blondine. “Muss ich dir alles haarklein Vorkauen? Er... war mein Verlobter.”

“ER war dein Ver-ver-verlobter?!”

“Ich sollte heiraten und er war der einzige Mann, der mich nicht wie eine zerbrechliche Puppe behandelte. Und dann am Tag unserer Hochzeit… Den Rest kennst du bereits. Im Rachewahn wurde er zum geächteten Mörder. Irgendwann muss ihm Quake in die Hände gefallen sein. Wäre ich ihm nur früher gegenüber getreten. Dann wäre es vielleicht anders ausgegangen…” Ein gepeinigter Unterton schlich sich in ihre Stimme ein. “Aber dann was?”, hinterfragte sie sich selbst. “Überraschung Liebster, ich bin auferstanden!” Nebula versuchte instinktiv den Schmerz der Erinnerung zu verbergen. “Ich habe mich verantwortlich gefühlt. Ich wollte meine Schuld tilgen.”

Henrik entgegnete sofort: “I-Indem du noch mehr auf dich lädst?”

Nebula starrte ihn mit großen Augen an. Schuldgefühle sind kein guter Ratgeber, das war ihr klar. Henriks Worte machten sie dennoch sprachlos. So schwiegen sie einander an, bis irgendwann das Ende eines Seiles zu ihnen heruntergelassen wurde.
 

Nach einer langen und tiefen Schlafphase fand sich Henrik endlich wieder bei Bewusstsein. Er lag in einem Bett und starrte die Decke an. Doch anstatt Klarheit kehrte nur allmählich die Verwirrung zurück. Die Erinnerungen an den Vorfall auf dem Pass drängten sich in sein Bewusstsein. Angesichts seines Sturzes musste er verdammt viel Glück gehabt haben. Als er vorsichtig seinen Arm bewegte und feststellte, dass es funktionierte, versuchte er, die Gedanken zu ordnen. Dann wackelte er mit den Zehen, und auch das klappte, wie es sollte. Doch die Verwirrung blieb hängen, wie ein Schatten der Unsicherheit über das, was wirklich geschehen war. Alles schien in Ordnung zu sein, aber Henriks Geist kämpfte noch damit, die Puzzleteile zusammenzusetzen.

“Henrik!”, tönte eine fröhliche Kinderstimme. Annemarie sprang ihn förmlich an und umarmte ihn, dass ihm das Atmen schwer fiel.

Henrik versuchte, sich aufzusetzen, nachdem der Rotschopf von ihm abgelassen hatte. Er spürte einen Widerstand und sah zu seiner Seite. Er entdeckte Nebula auf einem Hocker sitzend. Sie hatte ihren Kopf auf seine Decke gebettet und schien fest zu schlafen.

“Nebula?”, wunderte er sich. “Sie schläft?”

So leise, fügte er in Gedanken an.

“Du hast über Schmerzen geklagt”, informierte die Kleine. “Der Trunk des Heilers ließ dich einen Tag lang schlafen.”

“Wo sind wir eigentlich?”

“In Schleiersteig. Wir fanden eine Herberge.”

Die Tür öffnete sich und ein Mann trat ein. “Oh, Ihr seid wach”, sprach er sachte. Es handelte sich um den Arzt, von dem Annemarie sprach. “Schlaf ist die beste Medizin!”

Kaum dass sich Henrik an das Unglück erinnert hatte, schien der Trank sämtliche betäubende Wirkung zu verlieren und sein Bein begann zu schmerzen.

“Sie hat die ganze Zeit deine Hand gehalten”, verriet Annemarie.

“W-Wirklich?” Henrik war überrascht.

“Ihr gehört ja auch zusammen”, strahlte das Kind.

Wie kam sie bloß auf die Idee?

Plötzlich wurde Henrik ganz warm.

“Eure Frau hat sich einfach nicht von Eurem Bett wegbewegen lassen”, missverstand der Heiler. “Nicht mal zum Essen ist sie von Eurer Seite gewichen. Wahrlich ein treues Weib!”

Erschrocken fuhr Henrik auf, bis ihn der Schmerz ausbremste. “N-Na-Na-Nein! So ist das nicht. Wir sind nur-” Henrik wedelte beinahe verzweifelt mit den Händen, als versuchte er einen Schwarm ausgehungerter Mückenweibchen zu vertreiben. Sein entsetztes Gesicht musste für sein Gegenüber ein Quell unfreiwilliger Komik darstellen, da war er sich sicher.

“Und schön ist sie auch noch! Junge, du bist vom Glück geküsst.”

“Aber das-”

Ihm war klar, dass seine Darbietung ein wunderbares Ballet der Peinlichkeit darstellte.

“Schssss!” Annemarie legte den Zeigefinger auf ihre Lippen. “Du weckst sie noch!”

Letztlich erlahmten Henrik die Arme und ein Seufzer verließ seinen Mund.

Untermalt von Annemaries fröhlichen Gekicher, resignierte der Braunhaarige. Soll der Kerl doch denken, was er will!

Das Phantom von Schleiersteig


 


 

Ein plötzliches Zupfen an ihrer Kleidung riss Nebula unsanft aus ihrem Schlaf. Sofort durchzuckte sie die Erkenntnis, dass sie unbeabsichtigt eingeschlummert war, und sie fuhr entsetzt empor. Der Entschluss, an Henriks Bett zu wachen, bis es ihm besser ging, schien sie an ihre eigenen Grenzen gebracht zu haben. Der junge Mann lag mit einem zufriedenen Grinsen im Bett, an dem sie eingenickt war. Ob er zwischenzeitlich wach gewesen war, blieb ihr verborgen. Momentan schien er jedoch ganz zufrieden mit seinem Traum zu sein.

Das Zupfen an ihrem Gewand hielt derweil weiter an.

“Nebula!”, flüsterte Annemarie ihr zu.

Die Blondine richtete ihren Blick auf das Mädchen. “Was ist denn?”, erkundigte sie sich schroff, bremste jedoch ihre Stimme, um Henrik nicht zu wecken.

“Die Männer streiten schon wieder!”

Nebula lauschte kurz dem Tumult vor der Tür und beschloss, dass ein wenig frische Luft ihr guttun würde. Als sie aufstand, spürte sie immer noch den Zug an ihrer Kleidung.

“Sie machen mir Angst!”, gestand Annemarie ängstlich.

Nebula rollte mit den Augen. “Ich schau mal nach”, versicherte sie. Danach hüllte sie sich in ihren Kapuzenmantel und verließ das Zimmer durch die Tür.
 

Ungesehen und ungestört bewegte sich eine Gestalt durch die belebten Gassen. Der Stoff ihrer Kleidung wurde vom seichten Wind erfasst. Die teilweise von Haaren verdeckten Augen verfolgten unerbittlich jeden Schritt ihres Ziels. Meisterhaft verstand es die Gestalt, in den Passanten unterzutauchen, wie in einem Ozean. Stets im richtigen Abstand, das Objekt der Begierde niemals aus den Augen zu verlierend und dennoch unentdeckt bleibend, stellte die Gestalt weiter ihrem Ziel nach.
 

Nebula musste ihren Kopf von den turbulenten Gedanken frei bekommen, die sie plagten. Sie entschied sich, über den Marktplatz zu schlendern. Unter ihrer Kutte fühlte sie sich sicher. Die kalte Morgenluft breitete sich mit jedem Atemzug in ihren Lungen aus. Sie hoffte, sie könnte ihre hitzigen Gedanken abkühlen.

Der Schrecken saß noch immer tief.

Manchmal brauchte es nur einen Moment, um ein Leben zu verändern.

Doch zum Glück wurde niemandem der Faden des Schicksals durchtrennt.

Plötzlich überkam Nebula das Gefühl, beobachtet zu werden.

“Nebula!”, rief es augenblicklich hinter ihr. "Hallo!"

Es handelte sich nur um eine nahezu radioaktiv strahlend gut gelaunte Annemarie, die ihr den ganzen Weg von der Herberge gefolgt sein musste. Wie fast immer führte sie das Buch mit dem blauen Einband mit sich. Nebula wandte sich dem Mädchen zu. Als Annemarie sie erreichte, schlug sie ihre Arme um ihre Hüfte und presste ihren Kopf gegen Nebulas einladende Oberweite, die wie ein Daunenfederkissen dem Druck nachgab, den Annemaries Kopf auf sie ausübte. “Ich habe dich gefunden!”

Nebula streichelte Annamarie angespannt über die orangefarbene Haartracht, während ihr Gesicht verriet, wie genervt sie war. “Die Wirte haben dir wieder Angst gemacht?”

“Du hast gesagt, dass du mit ihnen redest!”, schmollte das Mädchen.

Nebula hatte sich jedoch einfach aus dem Staub gemacht. “Ich brauchte frische Luft, um den Kopf frei zu bekommen”, rechtfertigte sie sich.

“Weil du in Henrik verliebt bist?”

Schockiert schob die Blonde das Kind von sich weg. “N-Na-Na-Nein! So ist das nicht.”

“Genau das Gleiche hat Henrik auch gesagt!”, antwortete Annemarie in ihrer unbekümmert, kindlich, unschuldigen Art.

Nebula schwieg.

Plötzlich durchbrach ein hysterisches Kreischen den morgendlichen Tumult in den Gassen. Nebula wandte sich dem Geräusch zu. “Annemarie, geh zurück zur Taverne!”, befahl sie ihr. Erst wollte Annemarie ihr dem Gehorsam verweigern, doch als Nebula ihr Schwert zog und in die Richtung der Geräuschquelle stürmte, erkannte Annemarie, dass die Situation ernst war und tat, wozu sie aufgefordert worden war.
 

Angsterfüllt stolperte ein junger Mann rückwärts aus einer dunklen Gasse.

Sein Gürtel hing lose hinunter und seine Kleidung war unordentlich.

Der Schock ließ sich seine Gesichtszüge zu einer entarteten Fratze entstellen. Niemals konnte er vergessen, was er gerade eben gesehen hatte. Er blieb an einer losen Schrittplatte hängen und kam zu Fall. Umgehend landete sein Gesäß im Straßenschlamm. Seine Finger bohrten sich bei dem Versuch, den Sturz abzufedern, in den Dreck. Als die Angst ihn nicht mehr paralysierte, erhob er sich und wollte davon laufen, nur um mit einer bewaffneten Person unter einer Kutte zu kollidieren.

Der Fremde packte ihn. “Was ist hier los?”, fragte eine ernste Stimme. Der feste Griff des Fremden erlaubte nicht die geringste Bewegung. “Du brauchst keine Angst zu haben!” Die Gestalt nahm ihre Kapuze herunter und enthüllte ihre Identität. Der Junge wurde überrascht, als sie das Gesicht eines Mädchens enthüllte. “Mein Name ist Nebula”, sagte sie. “Was ist geschehen, Junge?”

Inzwischen hatten sich die Schaulustigen über den Ort des Geschehens hergemacht und breiteten sich aus wie eine Heuschreckenplage, die skrupellos über die Felder herfällt. Einige Mitglieder der Stadtwache versuchten an ihnen vorbei zu kommen, um die Herkunft des gequälten Schrei zu ergründen. Dem jungen Mann war, als habe er das Sprechen verlernt. Er erhob seinen Arm und zeigte mit zitterndem Finger in die Schwärze der Gasse. Daraufhin wandte sich das blonde Mädchen umgehend um und tauchte in die Finsternis ein.
 

Nebula durfte keine Zeit verlieren und stürmte sofort in die Gasse. Der Heranwachsende wirkte mitgenommen, schien ihr jedoch außer Gefahr zu sein. Die Blondine fürchtete, etwas Schreckliches zu entdecken und ihr Gefühl betrog sie nicht. Tief in der Dunkelheit entdeckte sie einen abscheulich zugerichteten weiblichen Körper. Sie hockte sich neben ihn und nahm die Überreste genauer in Augenschein. Aufgrund der gewagten Kleidung lag die Vermutung nahe, dass es sich um eine Dirne handelte.

Im nächsten Moment vernahm sie Schritte hinter sich.

“Was ist hier geschehen?”, fragte eine Männerstimme.

Nebula blickte über ihre Schulter. Die Stadtwache war ihr in die Gasse gefolgt.

Sie stand auf und trat beiseite. “Jemand wurde ermordet”, antwortete sie, dabei stets bedacht, ihr Gesicht nicht zu zeigen.

Ohne Frage hatten diese Männer bereits viele Tatorte begutachtet. Aber der Anblick, den sie hier geboten bekamen, schien ihnen dennoch zu viel zu sein. Die Leiche der Frau wies unzählige Stichwunden auf und ihr Hals war bis auf den Knochen aufgeschlitzt. Nebula vernahm ein Würgen hinter ihr. Daraufhin das Geräusch von Erbrochenen, wie es auf dem Boden aufkam. Einer der Männer konnte es nicht mehr drinnen behalten. Nebula versuchte mit den Stadtwachen zu reden, doch anstatt auf sie einzugehen, stellten sie Nebula und den Jungen unter Arrest.
 

Der Raum war in Düsternis gehüllt und roch muffig, große massive Steinblöcke formten das Mauerwerk und das einzige Licht drang durch ein vergittertes Fenster herein. Die Verdächtige saß dem Wachmann gegenüber, der das Verhör durchführen sollte. Ein weiterer Mann bewachte die Tür. Nicht genug, dass sie ihm ihren echten Namen verheimlichte… Die junge blonde Frau stützte ihren Kopf gelangweilt auf ihrer linken Hand ab und klopfte ungeduldig mit den Fingerkuppen der Rechten auf den Tisch.

“Man, Eure Fragen gehen mir auf den Geist!”, motzte die Frau.

“Also schön, ein letztes Mal.” Der Mann sah sein Gegenüber mit den Augen rollen. “Ihr habt jemanden schreien gehört und seid sofort aufgebrochen, um nachzusehen. Und als Ihr ankamt, ist Euch der Junge zugelaufen?”

“Ja!”

“Und dann seid Ihr in die Gasse gegangen und habt die Tote gefunden?”

“Ja, verdammt!” Die Frau erhob sich von ihrem Stuhl und schlug die Handflächen auf die Tischplatte. “Genug der Scharade! Ich weigere mich, weiter die Fragen eines Tunichtgut zu beantworten”. Sie setzte sich wieder hin, verschränkte die Arme demonstrativ und sprach kein Wort mehr.

Der Wachmann war am Ende seines Latein. Normalerweise wüsste er, wie man einen Verdächtigen zum Reden brachte, aber er wollte es nicht wagen, die Hand gegen eine Frau zu erheben - war sie noch so vorlaut.

Na schön, soll sich sein Vorgesetzter mit diesem Weib herumärgern.

Er brauchte jetzt dringend ein Bier!
 

“Wo bleibt sie nur?”, fragte Annemarie ungeduldig. Sie saß auf einem Stuhl und ihre Beine schlugen im Wechsel auf und ab. Es fiel ihr schwer, sich auf ihr Buch zu konzentrieren, welches aufgeschlagen in ihren Händen lag.

Seitdem Nebula sie weggeschickt hatte, war schon einige Zeit verstrichen.

“Ich denke, dass a-alles gut wird”, versicherte Henrik aus dem Bett heraus.

“Aber da war dieser Schrei!”

“Das wird sich bestimmt alles aufklären!”

“Wirklich?”

“I-Ich weiß, sie kommt bestimmt gleich zurück!”

Aber diese Antwort stellte das Mädchen nicht zufrieden. Sie machte sich noch immer Sorgen. Ihre Beine schlugen noch wilder in die Luft.
 

Der Kommandant der Wache kam in den mittelalterlichen Verhörraum hinein und trat Nebula gegenüber. Sie schaute beeindruckt an seiner imposanten Erscheinung hinauf. Ein Mann, dem man seine Stellung in der Rangordnung abnahm.

“Ihr scheint mir wenig kooperativ”, sprach der Kommandant. “Ihr weigert Euch sogar, Euren Namen preiszugeben.”

“Ich sagte bereits, dass mein Name Nebula ist!”

“Ihr glaubt nicht nur, dass ich Euch das abkaufe, sondern stolziert auch noch bewaffnet durch meine Stadt. Ihr macht Euch mehr als verdächtig, Mädchen!” Er starrte sie intensiv an. “An irgendwen erinnert Ihr mich...”

Nebulas Puls stieg. Hatte man sie erkannt?

“Nein, ich komme nicht drauf!”

Die Söldnerin versuchte, ihre Erleichterung zu verbergen.

“Ihr wisst es wahrscheinlich nicht, aber seit etwa sechs Monaten treibt sich ein Mörder in der Stadt rum. Wir haben keine Spuren und keinen Verdächtigen.”

“Aus diesem Grund wird also gleich jeder einkassiert, der eine Leiche findet?” Nebula warf dem Kommandanten einen skeptischen Blick zu. “Kommen jetzt die gleichen sinnbefreiten Fragen wie zuvor?”

“Ihr seid nicht auf den Mund gefallen!”

Nebula ignorierte seine Äußerung.

“Aus dem Jungen haben wir nichts herausbekommen.”

“Weil ihm die falschen Fragen gestellt wurden.”

“Glaubt Ihr, dass Ihr es besser könnt?”

Nebula wurde skeptisch. “Meint Ihr das ernst?”
 

Der Hauptmann fragte sich, wieso er dem zugestimmt hatte. War er eigentlich von allen guten Geistern verlassen oder einfach nur verzweifelt? Als Kommandant der Stadtwache war er für die Sicherheit der Einwohner verantwortlich und wollte nun dieser dahergelaufenen Tagediebin Befugnisse übertragen. Jedenfalls verlangten die Einwohner nach Antworten und was hatte er schon zu verlieren? Wenn das Weib wirklich etwas aus ihm herausbekam, dann sollte es so sein. Vielleicht wäre es wenigstens amüsant. Er führte diese Nebula zur Zelle des Jungen. Es gelang ihm nicht, das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben, abzuschütteln. Für den Moment ließ er es jedoch auf sich beruhen.

“Das ist Henning”, informierte er die Blondine. “Mehr haben wir nicht aus ihm herausbekommen. Wie Ihr seht, spricht er nicht.”

“So geht Ihr mit Euren Zeugen um?”, entrüstete sich Nebula.

Der Kommandant verstand ihre Erregung nicht. Einen Verdächtigen in Beugehaft zu nehmen, war das übliche Prozedere. “Da bleibt er so lange drin, bis er spricht.”

“Ihr glaubt, so erreicht Ihr etwas?!” Sie starrte ihn fordernd ins Antlitz.

Das ungezügelte Mundwerk dieses Weibsstück erinnerte ihn an seine eigene Frau. Aber die Neugier war stärker als die durch jahrelange Tätigkeit kultivierte Skepsis. Er rief eine Wache herbei und Nebula und Henning wurden in den Verhörraum gebracht. Der Kommandant stellte sich interessiert hinzu und freute sich auf das kommende Spektakel.

Nebula saß Henning gegenüber. Sie ergriff seine Hände und schaute ihm tief in die Augen. "Henning", sprach sie seinen Namen aus.

Der Junge beruhigte sich, als er die Wärme ihrer Hände spürte.

“Willst du mir sagen, was du gesehen hast?”

“Das will ich.”

Darauffolgend sprudelte es förmlich aus dem Jungen heraus.

Der Kommandant konnte sein Staunen kaum verbergen. Er spielte mit dem Gedanken, künftige Verhöre von seiner Ehefrau führen zu lassen. Denn die war gnadenlos! Er hatte eine Meisterin der Verhöre geheiratet. Sie war hart wie Stahl und ihre Zunge schärfer als sein Schwert. Wenn er mit den Jungs die Stadt unsicher machte, musste er immer Rede und Antwort stehen, wieso er sturzbesoffen mitten in der Nacht heimkehrte.

Bei der Vorstellung brach er fast in Gelächter aus.
 

Nebula war erleichtert, dass Henning sich ihr öffnete.

“Was ist passiert?”, fragte sie ihn vorsichtig.

“Ich war auf dem Weg, einige Besorgungen für Mutter zu tätigen. Dann kam ich durch diese Straße. Vater hat mich immer vor dem Gesindel gewarnt, das sich in diesen dunklen Gassen herumtreibt. Aber ich habe nicht auf ihn gehört und trotzdem die Straße genommen. Plötzlich hat mich jemand in eine Gasse gezogen. Es war diese Frau.”

“Die, die getötet wurde?”

“Ja. Sie war eine Hure. Sie drängte mir ihre Dienste auf und wollte, dass ich sie nach getaner Arbeit angemessen bezahle. Aber i-ich wollte doch gar nicht…”

“Was ist dann geschehen?”

“Plötzlich ist sie einfach umgefallen. Als sei sie auf der Stelle eingeschlafen.”

“Aber sie war übersät mit Wunden, als ich sie fand.”

“Ja. Das ist... einfach so passiert.”

“Einfach so?”

“Sie zuckte plötzlich. Dann schrie sie. Und dann war da überall B-Blut. Ich hatte solche Angst! Ich... bin dann einfach nur gerannt.”

Nebula erhob sich und ging kommentarlos zur Tür, wo der Kommandant der Wache bereits mit verschränkten Armen auf sie wartete. “Ihr enttäuscht mich, Mädchen”, sprach dieser. “Mit dieser haarsträubenden Geschichte von einem unsichtbaren Mörder, gebt Ihr Euch zufrieden? Das ist doch Humbug! Gibt’s doch gar nicht!”

“Ihr habt gar keine Ahnung, was es alles gibt!”

“Ihr spinnt doch!”

“Der glaubt, was er sagt. Der hat nicht gelogen.”

“Und was soll ich mit dieser Information machen? Einen Unsichtbaren jagen?”

“Wenn Ihr glaubt, Euch lächerlich zu machen, kann ich das machen”, bot sie sich an.

Der Kommandant sah sie skeptisch an.

“Wenn die Bezahlung stimmt!”
 

Annemarie war indes immer ungeduldiger geworden.

Henrik versuchte sein Möglichstes, sie zu beschwichtigen.

Als sich die Zimmertür öffnete und Nebula eintrat, fühlte Henrik eine große Erleichterung. Der Jüngere der Herbergsbesitzer begleitete die Söldnerin. Sein Name war Matthias und er hatte stets ein offenes Ohr für die Belange seiner Patronen. Sicher war er aus reiner Freundlichkeit mitgekommen. Der finstere Ausdruck in Nebulas Gesicht musste eine andere Ursache haben.

“W-Wo bist du gewesen?”, fragte Henrik.

“Annemarie, gehe spielen!”, befahl Nebula.

“Och nö!”, maulte die Kleine, aber gehorchte.

Nebula wartete, bis der Rotschopf das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich fest verschlossen hatte. “Ich habe eine Leiche gefunden”, offenbarte sie. “Danach hat mich die Stadtwache verhört.” Nebula wandte sich Matthias zu. “Ist Euch etwas über einen Mörder zu Ohren gekommen? Angeblich treibt sich seit einem halben Jahr ein Mörder herum, der wahllos Leute umbringt.”

“Gerüchte habe ich viele vernommen”, sagte Matthias. “Was ich Euch sagen kann, ist, dass vor einem halben Jahr die Frau meines Bruders starb.”

“Das tut mir leid”, kondolierte Henrik.

“Leid tun sollte es anderen!”, schimpfte Matthias. “Meine Schwägerin ist keinem durchgeknallten Mörder zum Opfer gefallen, sondern den ach so rechtschaffenen und seligen Bürgern dieser Stadt!”

“Wieso das?”, fragte Nebula.

“Valeria war eine Hexe. Aber sie half den Leuten mit ihren Kenntnissen. Als mein Bruder geschäftlich unterwegs war, brannte sein Haus nieder, während Valeria sich darin versteckte. Niemals war es ein Zufall, dass das Haus am selben Tag niedergebrannt ist, nachdem man sie wie eine Verbrecherin durch die Stadt gescheucht hat.”

“Nicht einmal die Barbaren tun so etwas!”, entrüstete sich Nebula.

“Als mein Bruder wiederkehrte, musste ich ihm den Tod seiner Frau beibringen. Seitdem ist er wie ausgewechselt und säuft von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.”

Henrik spürte den Hass in Matthias’ Innerem brodeln.

Todbringende Träume


 


 

Einige Tage der Atempause zogen ins Land. Die Entschleunigung im Zuge der Ereignislosigkeit ließen die Gemüter in der Stadt ein wenig zur Ruhe kommen.

Henriks verletztes Bein heilte gut in der Schiene. Aber er würde noch eine Weile ans Bett gefesselt sein. Und es war mühsam, zum Abort zu humpeln.

Markus, der ältere der Brüder, machte sich indes rar. Er kam oft erst spät in der Nacht zurück, und Matthias konnte nur ahnen, wo er sich jedes Mal herumtrieb. Egal, wie sehr Matthias es versuchte, Markus schien nicht bereit zu sein, in ihrer Herberge zu verbleiben. Erst am frühen Morgen kehrte er wieder ein, und Matthias wusste genau, was seinen Bruder nachts auf den Beinen hielt. Mit einem Hauch von Enttäuschung stellte er ihn am Morgen zur Rede: “Hast du wieder gesoffen?!”

Markus zeigte sich von Matthias' Sorge wenig beeindruckt und seine Gleichgültigkeit wurde immer offensichtlicher. “Das geht dich gar nichts an!”, antwortete er, und mit diesen Worten stürmte er die Treppe hinauf und knallte die Tür hinter sich zu.

Matthias wusste sich nicht mehr zu helfen.
 

Die Ruhepause wurde jäh unterbrochen, als Gerüchte sich wie ein Lauffeuer verbreiteten. Eine weitere Leiche war am Morgen aufgetaucht, und ängstliche Flüstereien über ein weiteres Opfer des gefürchteten Serienkillers verbreiteten sich rasch. Dieses Mal hatte es einen angesehenen und wohlhabenden Bankier getroffen. Trotz der Bemühungen der Stadtwache, die Informationen zu unterdrücken, verbreiteten sie sich binnen weniger Stunden unaufhaltsam.

Nebula hatte sich verkehrt herum auf einem Stuhl niedergelassen, sodass die Lehne vor ihrem Bauch und nicht ihrem Rücken befand, und Henrik zugewandt war. Ihre Arme waren über der Rückenstütze ineinander verschränkt, während ihre Augen auf kein bestimmtes Ziel gerichtet waren. Plötzlich öffnete sich die Tür und Matthias betrat den Raum. Nebula wandte sich ihm zu. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass ihn etwas bedrückte. Es war offensichtlich, dass er aus einem bestimmten Grund zu ihnen gekommen war.

“Es wurde schon wieder einer abgemurkst”, schlussfolgerte Nebula.

“Dieses Mal hat es einen Mann getroffen. Ein Bankier. Er wurde erwürgt.”

“Ihm ist der Opfertyp und Modus Operandi scheiß egal.”

“Haben die Opfer überhaupt etwas miteinander gemeinsam?”, fragte Henrik interessiert.

“Vielleicht wollte jemand seine Schulden nicht begleichen”, meinte Matthias.

Nebula spürte, dass Matthias sich zurück hielt. “Ihr verheimlicht uns doch etwas”, konfrontierte sie ihn. Ihr Geduldsfaden war nicht aus dem dicksten Garn gesponnen.

“Vielleicht hatten die Opfer mit Valerias Tod zu tun.”

“Wie kommt Ihr da drauf?”

“Ich bekomme viele Dinge mit. Unter anderem auch Namen. Der Name des Bankiers ist auf jeden Fall schon einmal gefallen.”

“Glaubt Ihr, das Euer Bruder…”, gab Henrik vorsichtig von sich.

“Wenn er zwischen dem Saufen dazu Zeit findet...”, kommentierte Nebula zynisch.

“Er hat Geheimnisse vor mir”, sprach Matthias. “Und damit meine ich nicht das Fass Ale, das wie durch Zauberhand verschwand.”

“Wollt Ihr, dass ich ihn beschatte?”, kam die Blondine direkt zum Punkt.

“Das ist tatsächlich der Grund meines Besuchs.” Er setzte ein besorgtes Gesicht auf. “Ich wäre Euch sehr verbunden. Euer Schaden soll es nicht sein, wenn Ihr es tut.”
 

Wie erwartet, gab es auch an diesem Abend kein Halten für Markus. Nebula vermutete, dass er sowieso nur die Tavernen abklapperte. Was könnte es schaden, dem jüngeren Bruder etwas Seelenfrieden zu verschaffen? Vor allem, wenn ein dicker Rabatt für sie und ihre Begleiter drin war. Also folgte sie ihm heimlich, hatte jedoch stets das Gefühl, selbst verfolgt zu werden. Es war fast so, als könne sie den Atem eines Unbekannten in ihrem Nacken spüren. Als sie um eine Ecke abbog, verkroch sie sich in einem Spalt zwischen zwei Häusern und lauerte dem Übeltäter auf: Es handelte sich um Annemarie.

“Was tust du hier?”, fragte sie den kleinen rothaarigen Delinquenten in einem Tonfall, der fast an ein Verhör erinnerte.

“Ähm... ich…”, stammelte Annemarie, auf der Suche nach Worten.

“Verschwinde! Das ist zu gefährlich!”

In der Zwischenzeit entfernte sich Markus immer weiter, und Nebula fürchtete, ihn aus den Augen zu verlieren. “Na schön! Wenn du es nicht anders willst, versuche mit mir Schritt zu halten!” Dann setzte sie sich in Bewegung, in der Hoffnung, dass Annemarie aufgeben und umkehren würde. Es gelang ihr, die Zielperson einzuholen, und sie ungesehen heimlich aus den Schatten zu beobachten.

Annemarie gesellte sich zu ihr und flüsterte: “Was macht er da?”

So viel zur Heimlichkeit... “Schweig jetzt!”

Markus ging auf eine Ruine zu. Nur ein verkohltes Fundament war noch von dem übrig, was einst ein stolzes Haus gewesen sein musste. Der Verdächtige enthüllte einen Strauß Blumen, den er sorgsam neben einem provisorisch aufgestellten hölzernen Kreuz niederlegte. Anschließend hockte er sich nieder und sprach ein Gebet. Nachdem er geendet hatte, erhob er sich und verließ die Szene auf dem gleichen Weg, den er gekommen war. Nebula und Annemarie, die sich noch immer in den Schatten verborgen, übersah er.

Als er außer Sichtweite war, gaben sie ihr Versteck auf.

“Was fällt dir ein, mich zu verfolgen?!”, schimpfte die Blondine.

“Tut mir leid”, entschuldigte sich das Mädchen. “Aber ich hatte eine böse Ahnung.”

“Hattest du schon wieder eine dieser Vision?”

Das Mädchen nickte.

Beide betrachteten den Ort genauer und bemerkten sofort, dass auf dem hölzernen Kreuz ein Name in unleserlicher weißer Schrift stand. Nebula konnte die Buchstaben zusammensetzen und “Valeria” entziffern. Sie zog sofort ihre Schlüsse. “Hier ist seine Frau gestorben”, stellte sie fest.

Ein Geräusch schreckte beide auf.

“Es ist gruselig hier!”, ängstigte sich Annemarie.

“Da hast du nicht unrecht”, pflichtete Nebula bei.

Noch einmal ertönte das seltsame Geräusch.

Was immer es war, es war nicht menschlich. Nebula beschwör ihre Teufelswaffe herauf: “Koche in meinen Venen, Bloodbane!” Sofort wandte sie sich der Quelle zu. Eine rauchige Gestalt kam in hohem Tempo auf sie zu geschwebt. Sie umklammerte einen schwarzen Dolch mit ihrer entarteten Klauenhand. Nebula musste die Monstrosität von Annemarie fernhalten. “Lauf weg!”, befahl die Blondine.

Das Mädchen gehorchte und verschwand in der Dunkelheit.

Die Kreatur wollte ihr folgen, aber Nebula versperrte ihr den Weg.

Im nächsten Moment kreuzten beide die Klingen.

Geschmeidig parierte Nebula die Angriffe und ließ keinen Raum für einen Angriff offen. Doch plötzlich schoss ihr eine Abfolge von Bildern in den Kopf, die sie verwirrten. Ihr Gegner löste sich vor ihren Augen in Rauch auf und nahm hinter ihr wieder Gestalt an. Nebula wurde völlig überrumpelt und konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Ehe sie sich versah, hatte der Dolch sie gestreift und ihre Schulter verletzt. In einer kraftvollen Umdrehung schlitzte Nebula die Kreatur mit ihrem Schwert auf und sah, wie diese sich auflöste und dieses Mal nicht wiederkehrte. Den Kampf hatte sie für sich entschieden, doch plötzlich wurde ihr schwindlig. Bloodbane verlor seine Form und kehrte in ihren Körper zurück. Sie spürte, wie sie stetig schwächer wurde. Im nächsten Moment wurde ihr Schwarz vor Augen und sie brach kraftlos zusammen. Mit dem letzten Rest ihres schwindenden Bewusstseins spürte sie, wie Annemarie zurück in die Gasse kam und sie bewusstlos vorfand. Es war Nebula, als ob Arme sie packten, aber dann verlor sie endgültig das Bewusstsein.
 

Etwa eine halbe Stunde war es her, dass eine Fremde Nebula in die Herberge brachte, in dem freien Bett neben Henrik ablegte und so schweigsam entschwand, wie sie kam. Seitdem betrachtete Henrik die bewusstlose Söldnerin mit Sorge. Ihr Geist war im Schlaf gefangen. Erst wollte Henrik Annemarie nicht glauben, als sie behauptete, dass Wunden von selbst an Nebulas Körper erschienen, bis er es mit eigenen Augen sah. Sie schienen zwar schnell wieder zu verheilen, was allerdings nicht bedeutete, das Henrik wollte, dass Nebula verletzt wurde. Aber er konnte ihr nicht helfen.

“Das ist Teufelswerk!”, stieß Matthias entsetzt aus. Erst vor Kurzem war er zurückgekehrt. Henrik vermutete, dass er zuvor erneut versucht hatte, seinen Bruder Markus zu finden und davon abzuhalten, seinen Kummer im exzessiven Gebrauch von Alkohol zu ertränken. Offenbar war dieses Unterfangen erfolglos und er musste zurückkehren. Die Rezeption der Herberge konnte nicht unbesetzt bleiben. “Des Patronen Wunsch, selbst zu später Stund”, war die Maxim des Familienbetriebs.

“D-Das ist nicht hilfreich!”, tadelte Henrik aus dem Bett heraus und wandte sich dann Annemarie zu. “Wer war eigentlich die Frau, die dir geholfen hat, Nebula hierher zu tragen?”

“Ich weiß es nicht”, antwortete der Rotschopf. “Sie hat mir ihren Namen nicht gesagt.”

Henrik grübelte, wie sie mit Nebula in Verbindung stehen könnte.

Das Auftreten einer neuen Wunde lenkte die Aufmerksamkeit auf sich.

Da hatte Henrik eine Idee.

“Annemarie” sprach er das Mädchen an. “K-Kannst du Nebula berühren? Du hast doch immer diese Eingebungen.”

Annemarie nickte bestätigend. Umgehend eilte sie zu Nebulas Bett und ergriff ihre Hand. Als sie ihre Augen schloss und sich konzentrierte, dauerte es nicht lange, bis sie den Eindruck vermittelte, etwas zu sehen. Gewiss kein Bild von Glückseligkeit, davon kündigte ein beängstigender Seufzer und das abrupte Loslassen von Nebulas Hand. Das Mädchen wandte sich verstört zu Henrik um.

“Was hast du gesehen?”, fragte der Braunhaarige.

“Einen bösen Ort!”, antwortete Annemarie.

Schwarzes Blut floss, als sich eine weitere Wunde auf Nebulas Körper auftat.

“K-Können wir denn gar nichts machen?”, fragte Henrik verzweifelt.

Plötzlich änderte sich der Ausdruck, mit dem Annemarie Henrik ansah. “Wenn du ganz laut nach ihr rufst, hört sie dich bestimmt!”, verkündete sie selbstsicher. Plötzlich fegte der Rotschopf wild durch das Zimmer, nahm sich einen Stuhl und nutzte ihn, um sich die Leerstelle zwischen Henriks und Nebulas Betten zu setzen. Sie ließ den Schmiedegesellen um den Zweck ihres Handelns rätseln. Plötzlich ergriff sie Nebulas linke Hand mit ihrer rechten und wandte sich anschließend wieder Henrik zu. “Gib mir deine Hand!”, forderte sie ihn auf, während sie ihm ihre linke Hand anbot.

Ohne zu zögern kam er der Aufforderung nach.

Annemarie schloss ihre Augen. “Jetzt rufe nach ihr.”

Henrik versuchte so laut zu schreien, wie ihm möglich war: “NEBULA!”

Annemarie verzog angesichts der Lautstärke das Gesicht. “In Gedanken”, wies sie hin.

“Oh! O-Okay…” Henrik probierte, was die Kleine von ihm verlangte. Er sammelte sich und konzentrierte sich auf den Namen. Er ließ seine gesamte Gedankenwelt um Nebula kreisen. Auf einmal fühlte er sich wie noch nie zuvor. Ein Dutzend Fragen kamen ihm in den Sinn, aber er fand keine Antworten auf sie. Es musste das Werk des kleinen Rotschopfes sein. Er spürte, wie sein Geist auf die Reise ging.
 

Als Henrik die Augen öffnete, fand er sich in einem endlosen Korridor wieder, wo die Wände ihn überragen wie Riesen und Schatten warfen, die ihm das Gefühl gaben, in pechschwarzer Stille zu ertrinken. Sie schienen in die Unendlichkeit zu ragen, als er an ihnen hinauf sah, ohne jemals ihr abschließendes Kapitell zu entdecken. Die Dunkelheit versuchte, das spärliche Licht zu verschlingen, das durch schmale, hohe Fenster hereinbrach, und sich in einem Meer aus zähflüssiger, rötlicher Melancholie spiegelte. Jeder seiner Schritte gebar leise Echo in dieser schweigenden Leere, die sich um ihn herum auszudehnen schien. Die Reizüberflutung dieses seltsamen Ortes ließ Henrik beinahe entfallen, dass das Seltsamste überhaupt die Tatsache war, dass er sich schmerzfrei zu bewegen vermochte.

Er erinnerte sich daran, dass er sie rufen sollte, also schrie er abermals aus Leibeskräften: “NEBULA!” Doch außer seinem eigenen Echo, das endlos wiederhallte, wie um ihn als Idioten zu verhöhnen, weil er Annemaries Worte so wörtlich nahm, gab es keine Reaktion.

Bis er in der Ferne das Weinen eines Kindes hörte.

Vorsichtig watete er durch die rote Flüssigkeit und stolperte dabei mehrfach über Hindernisse, die seinem Auge verborgen waren. Er folgte dem Geräusch weiter durch den endlosen Gang, bis er ein Mädchen entdeckte, das an einem Pfeiler lehnte und beide Hände vor das Gesicht gepresst hatte. Es hatte lange blonde Haare und trug ein Kleid, das sich mit der roten Substanz vollgesogen hatte.

“Wer bist du?”, sprach Henrik das Kind an.

Das Mädchen nahm die Hände von seinem Gesicht und sah zu Henrik auf. Zähflüssige Sturzbäche der gleichen Substanz rannen sein Gesicht herunter.

Der Anblick ließ Henrik einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Das Mädchen sah genauso aus wie Nebula, allerdings einige Jahre jünger.

“Ich habe sie alle umgebracht!”, weinte das Kind.

Der Pegel der roten Flüssigkeit senkte sich und enthüllte ein Dutzend Leichen, die überall verstreut lagen. Henrik sah sich um und es wurde ihm bewusst, worüber er zuvor gestolpert war. Er zwang sich, den Angstspeichel in seinem Mund herunterzuschlucken, ging weiter auf das Mädchen zu und reichte ihm die Hand.

Seine Hilfe wurde dankend angenommen und das Goldlöckchen erhob sich. Er spürte sie zittern, als sie ihn umklammerte. “Bitte gehe nicht wieder weg!”

“G-Ganz bestimmt nicht!”

“Ich muss zu ihr!” Die Kleine blickte in die Schwärze des Ganges hinter ihr. Ein markerschütterndes Kreischen fuhr durch die Finsternis. Sie streckte ihren Arm aus und deutete auf die Quelle des Geräusches. “Dort!”

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

Das Klirren von aufeinander schlagenden Klingen mischte sich zwischen die Schreie.

Endlich gab die Schwärze die Sicht frei.

Ein gewaltiges, abscheulich entstelltes, wurmartiges Wesen mit einem menschlichen Oberkörper, langen blassen Haaren und scharfen Fortsätzen auf dem Rücken wand sich um die Säulen. Die Finsternis versuchte zu verbergen, gegen wen die Kreatur kämpfte, doch Henrik erkannte die Person sofort. Es war Nebula, die wie in einer gewalttätigen Extase immer wieder die Abscheulichkeit attackierte.

“NEBULA!” rief er in die Dunkelheit. “Du musst aufwachen!”

Die Kreatur krümmte sich, um von ihrer stärksten Waffe Gebrauch zu machen. Die Klingen auf ihrem Rücken schossen auf Nebula zu, doch sie vermochte es, rechtzeitig auszuweichen, sodass sie sie verfehlten. Stattdessen bohrten sie sich mit schrillen Splittern in eine Säule hinter ihr und brachten diese zum Bersten. Ihre Teile stürzten mit lautem Getöse herab und der Stumpf der Säule hing noch immer aus der Finsternis herab.

“Sie verlässt sich auf niemanden!”, sprach das Mädchen. “Ihr Urvertrauen wurde erschüttert. Drum trägt sie ihre Schlachten stets allein aus.”

“Ihre Schlachten…”, grübelte Henrik. Als er sich die Zeit nahm, die Kreatur genauer in Augenschein zu nehmen, erstarrte er ein zweites Mal. Auch sie teilte sich mit Nebula das gleiche Gesicht. Obwohl die Visage des Monsters fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt war, sie vom Hass auf Gott und die Welt zerfressen und das heiße Zornesfeuer in ihr brannte, war es dennoch zweifelsfrei das sonst wunderhübsche Gesicht der Söldnerin.

“Das ist unser Dämon", erklärte das Mädchen.

“U-Unser Dämon?”, fragte Henrik verwirrt.

“Ihr täglicher Kampf.”

Henrik stellte sich die Frage, wen die Kleine verkörperte. Vielleicht den sprichwörtlichen Engel auf der Schulter. Oder Nebulas innere Güte, die sie hinter ihrer Maske der Unnahbarkeit vor der Außenwelt verbarg? Vielleicht war sie hier, um ihn an Nebulas Stelle um seine Hilfe zu bitten. Er kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Nebula es als ein Zeichen der Schwäche ansehen würde, um Hilfe zu fragen. Vielleicht sprach er deshalb mit einem schwachen Mädchen? Henrik verspürte den Drang, etwas zu tun. Er setzte zu einem erneuten Ausrufen Nebulas Namen an, wurde aber von dem Mädchen gestoppt. Es streckte sich und legte Henrik den ausgestreckten Zeigefinger auf die Lippen. Ein entschiedenes Kopfschütteln verleitete ihn zum Schweigen. Henrik verstand. Annemarie sagte, er solle ihren Namen rufen. Aber Nebula war nicht ihr echter Name, also würde es wahrscheinlich nicht funktionieren. Es musste noch einen anderen Weg geben, wie er ihre Aufmerksamkeit erhalten konnte.

Dann kam Henrik die rettende Idee: Wenn es ein Traum ist, der Nebula gefangen hält, überlegte er sich, dann müsste er im Stande sein zu tun, was ihm beliebte. Schließlich war das bei seinen Träumen auch so. Henrik war sich nicht sicher, ob es auch für ihn funktionieren würde, immerhin war er nicht der Träumer, aber einen Versuch war's wert. Er konzentrierte sich und wünschte sich sein Schwert herbei. Und tatsächlich: Es erschien in seiner rechten Hand. In einem Anfall von Übermut stürmte er nun selbst auf die Bestie zu und versetzte ihr einen Stoß. Die Kreatur schrie unter Schmerzen auf. Flüssigkeit trat aus der Wunde aus und verätzte Henriks Schwert. Er ließ es los, bevor sich die Säure zu seiner Hand hin fraß, und brachte ein paar Meter Abstand zwischen sich und der Kreatur. Aus sicherer Entfernung sah er sein Schwert in der ätzenden Brühe vergehen.

Nebula nutzte die Unaufmerksamkeit der Kreatur und versetzte ihr einen fatalen Schlag.

Zielsicher ging Henriks Begleiterin anschließend auf den Kadaver zu und legte eine Hand auf. Das Monster zersetzte sich zu einem schwarzen Nebel und verschmolz mit ihr. Danach trat sie an Nebula heran und sprach: “Es ist Zeit.”

Ehe sich Nebula versah, wurde sie von zwei Kinderarmen umschlungen. Das Mädchen presste sich an ihr Gegenüber und begann sich nun selbst zu zersetzen. Eine Wolke aus weiß leuchtenden Partikeln verschmolz mit der Söldnerin.

Eingeleitet von einem gewaltigen Donner, bröckelte plötzlich das Mauerwerk und die Säulen. Alles zerfiel erst zu Trümmern, dann zu Brocken und zum Schluss zu Staub. Die Finsternis lichtete sich. Henrik und Nebula fanden sich auf einer bunten Blumenwiese wieder, in deren Mitte sich eine einsame Tür befand. Keine Spur mehr von dem Gemäuer und seiner beklemmenden Schrecken.

“Was war hier eigentlich los?”, fragte Henrik. Er konnte es noch immer nicht fassen. Wenn er von etwas träumte, handelte es sich stets um mondäne Angelegenheiten. Mit Nichten erlebte er im Schlaf solch aufregende Abenteuer.

Nebula wirkte auf Henrik, als ob sie sich langsam wieder ihrer Selbst bewusst wurde. Als wären das Monster und das Mädchen fehlende Puzzleteile gewesen, die sich wieder in das Gesamtbild eingefügt hatten. “Manche Geister wollen einfach nicht ruhen”, antwortete sie.

Henrik mochte es nicht, wenn sie sich so vage ausdrückte!

Daraufhin deutete er auf die Tür vor ihnen. “I-Ist das der Ausgang?”

“Es gibt nur einen Weg, es herauszufinden!", ermutigte Nebula.

Gemeinsam öffneten sie die Pforte in die echte Welt und gingen in das weiße Licht, das ihnen aus dem Durchgang entgegen strahlte.

Auf den Spuren eines Geistes


 


 

Die wärmende Umarmung des weißglühenden Lichts drang durch Henriks geschlossene Augenlider und riss sein Bewusstsein mit einer sanften, aber unwiderstehlichen Kraft zurück in die reale Welt. Die Verwirrung in seinem Kopf machte es ihm Anfangs schwer zu begreifen, dass er erwacht war. Die angenehme Lähmung eines tiefen Schlafes hielt ihn gefangen, verlor jedoch allmählich die Macht über seinen Körper. Seine Sinne kehrten mit erschreckender Klarheit zurück und er bemerkte, dass er noch immer Nebulas Hand fest in der seinen hielt. Als er es realisierte, machte sein Herz einen Freudenhüpfer.
 

Ein Schmerz, der sich anfühlte, als stach ihr der gleißende Lichtstrahl, der in ihren Traum eindrang und sie mit Gewalt in die Realität zurückholte, beide Augen aus, bescherte Nebula ein passend unsanftes Erwachen aus ihrem Albtraum. Schlagartig kehrten ihre Sinne zurück und sie fühlte eine unbehagliche Feuchtigkeit in ihrer Hand, die sich als die Schweißnässe von Henrik entpuppte. Ihre Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Eilig entzog sie sich seinem Griff und schien peinlich berührt. “Igit!”, schimpfte sie.
 

“Hurra, ihr seid aufgewacht!”, freute sich Annemarie, die noch immer zwischen den Betten saß. “Wir haben uns solche Sorgen gemacht!”

Aber Henrik und Nebula schienen nur mit sich und den heimlich ausgetauschten Blicken zu tun zu haben und schenkten ihr keine Beachtung. Das veranlasste das Mädchen, eine missbilligende Gesichtsmiene aufzusetzen.
 

Ein wenig entsetzt über Nebulas Reaktion und dennoch neugierig, wandte sich Henrik ihr zu und beobachtete sie. Ihr Gesicht brachte unzählige Gefühle zum Ausdruck, darunter Scham und Unbehagen, mutmaßlich darüber, dass Henrik in ihren Geist geblickt hatte. Ihr Antlitz wandelte sich kontinuierlich in einem bunten Farbenspiel verschiedener Erregungszustände. Nur allzu gern hätte er gewusst, was in ihrem wunderhübschen Oberstübchen vor sich ging, doch die ernüchternde Realität, dass sie es ihm niemals mitteilen würde, war ihm durchaus bewusst.
 

Nebula hatte die Decke zurückgeschlagen, saß mit angewinkelten Beinen in einer Hockstellung auf dem Bett und starrte zwischen ihnen hindurch auf die Matratze. Trotz ihres sich immer weiter aufheizenden Körpers lief es ihr noch immer kalt den Rücken herunter. Das Wissen, dass Henrik in ihrem Kopf war, ließ sie sich schmutzig und missbraucht fühlen. Es kam ihr vor, als habe man sie nackt an einen Pranger gekettet und offen zur Schau gestellt. Am liebsten wäre sie im Boden versunken, bis sie sich endlich ihres resoluten Charakters bewusst wurde und das Unbehagen unterdrückte.
 

Erschrocken blickte Annemarie auf, als Nebula ihre Stimme erhob. “Du bist schon wieder in meine Privatsphäre eingedrungen!”, fuhr sie Henrik wütend an. Henrik konnte es nur tun, weil sie als eine Art Medium fungierte. Darum sollte Nebula ihren Zorn nicht auf Henrik richten, sondern auf sie wütend sein.

“Aber…”, versuchte Henrik sich zu verteidigen.

“Nichts aber! Du warst in meinem Kopf! Das war übergriffig!”

Das Verhalten der beiden veranlasste Annemarie zu staunen. Die zwei stritten sich, als seien sie schon zwanzig Jahre miteinander verheiratet. Einzig die Frage, wer Annemarie diesen Gedanken in den Kopf gesetzt hatte, blieb offen.

“Beruhig dich doch”, versuchte Henrik zu beschwichtigen.

Nebula brummte wenig begeistert.

“Danke, Annemarie!”, sagte Henrik. “Ohne deine Hilfe hätte ich das nicht geschafft.”

“Aber das warst alles du”, erwiderte sie. “Ich habe dich nur angefeuert.”

Nebula beugte sich zu Annemarie herüber, verwuschelte zärtlich ihre orangenen Haare und lächelte ausnahmsweise. “Das hast du großartig gemacht.”

Annemarie strahlte vor Freude wie die Sonne über das Lob. Damit hatte sie nicht gerechnet. Immerhin ermöglichte sie Henrik, in Nebulas Kopf einzudringen. Tief in ihrem Inneren nagte die Frage: War das Lob wirklich gerechtfertigt? Sie hat als verbindendes Kettenglied gewirkt, aber das war auch schon alles, was sie tat. War das wirklich so bemerkenswert?

“Wo ist eigentlich Matthias?”, fragte Henrik sich seiner Abwesenheit bewusst werdend.

Annemarie schielte, als suchten ihre Augen im Inneren ihres Schädels nach einer Antwort. “Der ist einfach weggegangen”, sagte sie. “Ich denke, der böse Traum von Nebula hat ihm mehr Angst gemacht, als er zugab.”

“Was ist eigentlich genau passiert?”, setzte Henrik die Befragung fort.

“Wir sind Markus gefolgt”, erklärte Nebula. “Er hat Blumen an einem Grab niedergelegt. Nachdem er gegangen ist, haben wir es uns näher angesehen. Es war das Grab seiner Frau.”

“Und dann ist dieses Monster gekommen”, erinnerte sich Annemarie.

“Das Monster hat das getan?”, ergründete der autodidaktische Schmied.

“Ja!”, schwor der kleine Rotschopf. “Es ist einfach so aufgetaucht und hat uns angegriffen. Aber mehr weiß ich nicht. Ich bin weggerannt.” Annemarie senkte den Kopf. Sie schämte sich, obwohl sie vermutlich nicht viel hätte tun können.

“Es ist gut, Annemarie”, tröstete Henrik.

“Seltsam ist, dass es uns angriff, aber Markus gewähren ließ”, merkte Nebula an.

“Als ob das Ding diesen Ort bewacht”, meinte Henrik. “Und es lässt nur bestimmte Personen diesen Ort betreten.”

“Das würde erklären, warum niemand die Ruine abträgt”, ergänzte Nebula die Vermutung des Braunhaarigen. Plötzlich kniff sie die Augen zusammen und fasste sich an die Stirn, als ob abscheuliche Qualen ihren Körper in Agonie versetzten.

“Was ist mit dir?”, fragte Henrik besorgt.

Annemarie sprang sofort auf, um Nebula beizustehen.
 

Nebula spürte, wie der Schmerz durch ihren Schädel fuhr, während die kleinen Hände von Annemarie sich um sie schlossen. Doch auch wenn sie versuchte, sich an diesem Trost festzuhalten, konnte er die Tortur kaum mildern. Zwischen den Wellen des Leidens tauchten erneut Bilder in ihrem Geist auf, flüchtige Eindrücke aus dem Kampf gegen das Phantom. Eine Collage des Schreckens breitete sich vor ihrem inneren Auge aus. Sie sah Menschen mit Fackeln und Mistgabeln, getrieben von Angst und Hass, wie sie das Haus umzingelten und versuchten, es in Brand zu stecken. Als Bloodbane die teuflische Waffe berührte, musste sie diese Bilder in ihren Kopf eingepflanzt haben. Bei solch diabolischen Instrumenten des Todes war alles möglich. Man musste auf alles vorbereitet sein.

Trotz der Kopfschmerzen wandte sich Nebula den anderen zu.

Annemarie löste sich derweil von ihr, weil ihr Trost nicht mehr benötigt wurde.

“Dieses Ding steht definitiv in Verbindung mit Markus’ Frau”, sprach die Blondine, während sie den Rest des Schmerzes tapfer unterdrückte. “Ich erinnere mich an eine Vision, die ich im Kampf mit ihm hatte.”

“Kannst du auch hellsehen?”, fragte Henrik erstaunt.

“Ich glaube, dass meine Waffe diese Bilder in meinen Kopf übertragen hat.”

“Erstaunlich!”

“Der Mob hat das Haus angezündet. Es war, als sei ich in dem Haus gewesen, als es passierte. Ich konnte die Hitze spüren. Das müssen ihre letzten Momente gewesen sein…”

“War das ein Gespenst?”, fragte Annemarie. “Ich habe Angst vor Gespenstern!”

“Nein, das denke ich nicht”, sprach Nebula beruhigend. “Was immer es ist, es muss mit einer Teufelswaffe zusammenhängen. Sonst hätte Bloodbane nicht reagiert.”

“Ein Mörder mit einer Teufelswaffe macht die Stadt unsicher”, schlussfolgerte Henrik.

“Oder ein Rächer”, verlagerte Nebula den Fokus.

“Du glaubst, es ist Markus?”

“Vielleicht. Auf jeden Fall benötigen wir weitere Informationen.”

“Wir sollten mehr über die Opfer in Erfahrung bringen”, schlug Henrik vor. “Das waren einfache Leute und keine blutrünstigen Monster. Bestimmt hat sie jemand aufgehetzt!”

“Früher oder später bekommt jeder Beteiligte ungebetenen Besuch”, schlussfolgerte Nebula. “Wir müssen ihn vorher unschädlich machen!”

“Alles klar!”, sagte Henrik und versuchte, dem Bett zu entsteigen. Als er mit seinem verletzten Bein aufstand, zog er sich umgehend wieder in sein Bett zurück. “Autsch!”

“Du bleibst gefälligst hier, du Trottel!”, tadelte Nebula. “Es hilft uns nicht, wenn du durch die Stadt humpelst und dich auch zur Zielscheibe machst!”
 

Während sie sich in den Gassen von Schleiersteig durch die Passanten arbeitete, musste Nebula sich fragen, ob es im Nachhinein doch keine so gute Idee gewesen war. Mit der Kapuze tief ins Gesicht gezogen, erweckte sie wenig Vertrauen. Allerdings konnte sie es sich nicht leisten, von übereifrigen Mitgliedern der Stadtwache oder von besorgten Bürgern erkannt zu werden. Mit Gewissheit liefen einige durch die Stadt, geblendet von Kopfgeldern auf Steckbriefen. Und auf ihren Kopf war ein hübsches Sümmchen ausgesetzt. Mit einem Verletzten im Tross konnte sie keine Soldaten an ihren Hacken gebrauchen.

Aus diesem Grund bat sie Annemarie, in der Herberge zu verweilen und auf Matthias’ Rückkehr zu warten. Sie glaubte, er würde alles tun, um die Unschuld seines Bruders zu beweisen. Mit seinem Talent, Informationen zu erhalten, wäre er bestimmt eine große Hilfe und sie müsste nicht mehr ihren Hals riskieren.

Nebula erinnerte sich an den Bankier. Laut Matthias gab es Gerüchte, dass er ein Teilnehmer des Lynchmobs gewesen sein soll. Sie beschloss, bei seinen Hinterbliebenen nachzufragen. Trotz seines Reichtums hatte der Mann keine Frau. Das war ungewöhnlich. Vielleicht, weil er am anderen Ufer des Flusses schwamm? Jedenfalls war seine einzige Hinterbliebene seine Schwester, so viel hatte Nebula bereits herausgefunden. Nun wollte sie der Frau einen Besuch abstatten.

Zu ihrer Verwunderung ließ sie die Schwester in ihr Haus. Ihr Name war Sarah und ohne dass Nebula sie darum gebeten hatte, bewirtete sie sie mit Gebäck und Heißgetränk und trug ihr buchstäblich den Allerwertesten hinterher, als sei sie ihr Hausmädchen. Dabei wirkte sie so schwach und kränklich, als breche sie jeden Moment zusammen.

“Als ich Jakob fand, dachte ich, ich sterbe”, sprach die fragile Frau mit bebender Stimme. “Als ich ihn auf dem Boden liegen sah…” Sarahs Atem wurde hektisch.

“Beruhigt Euch”, sagte Nebula. “Wenn es zu viel für Euch ist, werde ich gehen.”

“Nein, ich bin dankbar für jeden Besuch. Jakob hatte keine Freunde, nur Leute, die ihm Geld schuldeten. Keiner von denen hält es für nötig zu kommen. Aber einer von denen hat ihn sicher auf dem Gewissen!”

“Darum bin ich hier. Mich interessiert das Umfeld Eures Bruders. Es heißt, er gehörte zu den Empörungsbürgern, die einer vermeintlichen Hexe nach dem Leben trachteten.”

“Mein Bruder war kein Engel. Es half auch nicht, dass er jeden Sonntag in der Kirche dem Geschwätz des Priesters lauschte. Oft hat er danach von der Hexe gesprochen. Das sie mit allen fünf Tugenden brach. Dieser Priester ist ein Hassprediger!”

“Man hat der Hexe das Haus über dem Kopf angezündet.”

“Furchtbar! Darum kam sie in letzter Zeit gar nicht mehr zur Sprache. Glaubt Ihr etwa, mein Jakob hat daran teilgenommen?” Sarah sah Nebula mit einer Mischung aus Vorwurf und Entsetzen an. “Mein Bruder würde so etwas niemals tun!”

“Ich versuche herauszufinden, ob die Opfer der Serienmorde in Verbindung mit dem Feuertod der Frau stehen. Mich interessiert nur das Motiv des Täters.”

“Selbst wenn, glaubt Ihr, jemand wird Euch zuhören?”

“Ich weiß schon, wie ich mir Gehör verschaffe”, sagte Nebula mit ernster Stimme. Danach erhob sie sich aus dem Stuhl und ging zur Haustür. Hier konnte sie keine weiteren Informationen erhalten.

“Nein, bitte bleibt noch ein wenig!”, hörte sie Sarah hinter sich rufen. Die Versuche, ihr nachzulaufen, wurden von dem Türbrett vereitelt, das hinter Nebula ins Schloss fiel, nachdem sie hindurch geschritten war. Es war klar, dass die Frau nicht allein sein wollte, aber Nebula verstand sich nicht auf Seelsorge von Hinterbliebenen. Nun hieß es wieder, Passanten zu befragen, um die Hinterbliebenen weiterer Opfer ausfindig zu machen.
 

Der Raum war von unbehaglicher Stille erfüllt, als Annemarie an die privaten Sachen ihres Herbergswirts wagte. Ihre kleinen Hände zitterten vor Aufregung, als sie an Schubladen zogen und Schranktüren aufstießen. Das unterschiedlichste Eigentum wurde entblößt. Jeder Griff fühlte sich wie ein Verbrechen an, aber die Neugier trieb Annemarie um. Sie suchte nach einem Gegenstand, den Markus oft verwendete, in der Hoffnung, dass ihre hellseherischen Fähigkeiten seinen Aufenthaltsort verrieten. Sie wusste, dass sie es nicht tun sollte, aber Nebula hatte sie darum gebeten, dem Wirt schnellstmöglich ihre Nachricht zukommen zu lassen. Gefühlte Stunden des Wartens hatten sie gequält, doch Markus war noch immer nicht zurückgekehrt. Was blieb ihr also übrig? Schließlich wollte sie die Frau, die sie aufgenommen hatte, nicht enttäuschen.

Endlich fand sie, wonach sie suchte. Ein Mantel enthüllte eine Vision von einem Haus, das im Schatten der Stadtmauer von Schleiersteig stand und seine besten Tage längst hinter sich hatte. War Matthias wirklich an diesem Ort? Sie musste es herausfinden. Annemarie ließ von dem Mantel ab und beseitigte ihre Spuren, so gut es ihr möglich war. Danach betrat sie das Zimmer, in dem Henrik lag. “Ich weiß, wo Matthias ist”, verkündete sie in naiver Freude. “Ich gehe jetzt zu ihm!”

“Warte!”, rief Henrik ihr nach. “Wieso?”

“Nebula möchte, dass ich ihm etwas ausrichte.”

“Wenn er wieder kommt! Hey, wo willst du hin?”

“Zur Stadtmauer. Dort steht ein altes Haus.”

Henriks Versuche, aus dem Bett zu steigen und sie humpelnd aufzuhalten, waren vergebens - Annemarie war bereits zu sehr von ihrer Mission eingenommen. Natürlich war es für ein kleines Mädchen viel zu gefährlich, allein durch eine große Stadt zu gehen, aber das war ihr gleichgültig. Es war ihr viel wichtiger zu beweisen, dass sie von Nutzen war. Das ihr Eifer in einem Desaster enden könnte, daran dachte sie nicht.

Ein verborgener Verfolger


 


 

Die Kirche war in Stille gehüllt, als das Tageslicht durch die bunten Fenster einfiel und den Boden mit einem angenehm warmen Farbenspiel schmückte. Der Priester stand vor dem Altar, seine Gestalt von Schatten umhüllt, während er die heiligen Utensilien sorgfältig arrangierte. Über ihm der goldene fünfeckige Stern, dessen Arme gewölbt wie Blütenblätter waren. Jeder von ihnen stand sinnbildlich für eine der fünf Tugenden, nach denen ein rechtschaffener Mensch leben musste: Mäßigung, Gunst, Sanftmut, Bescheidenheit und Fleiß. Die Kerzen flackerten sanft im Luftzug, der durch die offenen Türen strömte, und ein Hauch von Weihrauch hing in der Luft. Es genügte, den Raum mit einer heiligen Vorfreude auf die Messe zu erfüllen. Der Priester verharrte in einem Moment der Stille, seine Gedanken bei Asterisk, der ihn gewiss beobachtete, und den Gläubigen, die sich zur Mittagsstunde im Kirchenschiff einfinden würden.

Plötzlich vernahm der alte Mann ein Geräusch hinter sich.

Er wandte sich um, nur um alle Plätze der zuvor leeren Kirche besetzt zu sehen. Die Gestalten, die Platz genommen hatten, wirken auf ihn wie Fremde. Sie alle saßen mit gesenktem Kopf, sodass er nicht in ihre Gesichter sehen konnte. Ein unerwartetes Geräusch verleitete den Priester, zur Pforte des Gotteshauses zu blicken. Sie war wie von Geisterhand getrieben zugefallen. Ein undurchdringlicher Nebel drang unter der Türschwelle in die Kirche ein. Aus ihm entstiegen gruselige Schatten, die sich zu einer Gestalt verdichteten. Ihre Umrisse waren unklar und verschwommen, als ob sie sich den Gesetzen der Realität zu verweigern versuchte. Ein Schaudern lief über den Rücken des Priesters, als sein Verstand die Präsenz der Wesenheit registrierte. Die Schattengestalt schwebte wie ein Omen des Todes langsam und lautlos auf den Mann zu.

Sofort fiel er auf die Knie und erhob die Hände zum imposanten Strebewerk, um seinen Gott anzuflehen, eingreifen und ihm einen Engel zu schicken.

Die Kreatur baute sich vor ihm auf. Ihr merkmalloses Gesicht vermittelte einen ganz besonderen Horror, als es langsam menschliche Züge annahm. Der ältere Mann gestikulierte panisch einen Stern, fast als ob er sich bekreuzigte. Er hatte nicht damit gerechnet, das Gesicht, das er einst verteufelte, noch einmal wiederzusehen. Der Geistliche verspürte ein Stechen in der Brust, fasste sich an selbige und brach tot zusammen, ohne dass das Phantom etwas tun musste.
 

Inzwischen war Nebula davon überzeugt, dass der Priester das nächste Ziel sein werde. Es zeichnete sich ein deutlicher Trend in ihren Nachforschungen ab: Jedes Opfer hatte großzügige Spenden an die Gemeinde hinterlassen - ungeachtet der teilweise fragwürdigen Herkunft des Geldes. Die Befragungen der Hinterbliebenen deuteten ebenfalls allesamt auf den Priester als den Hetzer hinter dem Lynchmob hin. Die Vermutung, dass er selbst früher oder später zum Ziel werden würde, lag für sie auf der Hand. Daher beeilte sich Nebula, das Gotteshaus so schnell wie möglich zu erreichen, um den Mann in Sicherheit zu bringen.

Als sie den Platz vor der Kirche erreichte, konnte sie gerade noch mit ansehen, wie eine ominöse schwarze Wolke unter der Kirchentür hindurch kroch. Sofort stürmte sie zu ihr, nur um festzustellen, dass sie von innen verschlossen war. Das war seltsam, denn normalerweise stand die Kirche von Asterisk jedem offen. Trotz ihres Rüttelns und Schüttelns gab die Tür keinen Millimeter nach. Die Pforte zum Haus des Herrn blieb verschlossen, als würde sie etwas von innen festhalten. Nebula drückte gegen das massive Holz und spürte einen unerklärlichen Widerstand. War es die mysteriöse Wolke, die sie am Eintreten hinderte?

Nebula konzentrierte ihre Teufelskraft auf ihr Hindernis und mit einem beherzten Tritt gab das sakrale Holz nach und machte den Eingang frei.

Manchmal ist Gewalt doch eine Lösung.

Gott möge es ihr vergeben!

Im Inneren der Kirche fand sie die Bänke gefüllt von Menschen mit gesenkten Häuptern, obwohl die Messe erst in einer Stunde beginnen würde. Die Leute ignorierten sie und saßen wie versteinert da. Die schwarze Gestalt am Altar erachtete sie als wahre Bedrohung. Zwischen ihr und dem Altar sah Nebula den Priester liegen. Sein regungsloser Körper und das von Angst verzerrte Gesicht ließen keine Zweifel zu. Noch einmal sah sie sich schnell um, da sie die Kreatur nicht aus den Augen verlieren wollte. Keiner der Anwesenden schien eine Reaktion zu zeigen. Würde sie in Anbetracht dessen behaupten, kein Gefühl des Unbehagens zu verspüren, täte sie sich nur selbst belügen.

Dann drehte sich die Gestalt zu ihr um.

Nebula wollte kein Risiko eingehen und ging sofort zum Angriff über. Ungeachtet der Anwesenden streckte sie ihren rechten Arm aus und beschwörte ihre Teufelswaffe. “Koche in meinen Venen, Bloodbane!” Überall an ihrem Arm trat schwarze, ölige Flüssigkeit hervor und sammelte sich in ihrer Hand. Aus der entstandenen Masse formte sich das dämonische Schwert. Die pechschwarze Gestalt erkannte die Gefahr und stürmte mit einem Dolch bewaffnet auf die Söldnerin los. Nebula wollte keineswegs ein zweites Mal der Macht dieser Waffe zum Opfer fallen. Deshalb wich sie den Stichen und Hieben aus, so gut es ging, oder parierte sie mit ihrem Schwert.

Immer wenn sich die teuflischen Klingen kreuzten, spürte Nebula, dass diese Waffe eine Täuschung war – etwas Nicht-Existierendes, nur ein Gedanke, der mit Gewalt in eine materielle Form gezwungen wurde. Aus diesem Grund konnte sie ihre Anwesenheit auch nicht spüren. Bei jeder Berührung der Klingen schossen erneut die gleichen Bilder durch ihren Kopf. “Ich verstehe, was du mir sagen willst”, sprach Nebula, als die Vision vorüber war. Das Phantom preschte nach vorn. Nebula reagierte, sprang zur Seite und begab sich flink hinter es. Mit einem gezielten Stoß wurde die Kreatur erschlagen und löste sich in Rauch auf. Wenn man erst die Bewegungsmuster und Schwachstellen dieser Dinger erkannt hatte, büßten sie viel ihres Schreckens ein.

Die Reaktionslosigkeit der Anwesenden brachte keine Erleichterung, sondern eher eine gespenstische Stille mit sich. Plötzlich hoben sie ihre Häupter, und Nebula erkannte mit Schaudern, dass keiner von ihnen ein Gesicht hatte. Im nächsten Moment verschwanden die Menschen, und ihr wurde bewusst, dass auch sie ein Trugbild waren, geschaffen von derselben teuflischen Präsenz. Doch das beklemmende Gefühl, beobachtet zu werden, blieb bestehen, und sie spürte, dass es diesmal nicht Annemaries Augen waren, die sie fixierten. Sie sah sich um, konnte jedoch niemanden entdecken.

“Also schön”, flüsterte sie. Daraufhin streckte sie ihren Schwertarm aus und begann zu beschwören: “Triff ins Schwarze, Gastraphetes!” Sofort verwandelte sich ihr Schwert in eine Armbrust mit komplizierter Feinmechanik. Abgesehen von einem kaum wahrnehmbaren Zuckens ihres rechten Auges und einem schwachen Seufzer gelang es ihr, die Schmerzen, die der Tausch auslöste, zu ignorieren. “Teufelsmagie: Bullseye!”, sprach sie die Wortmagie.

Ihr Arm entwickelte ein Eigenleben, und wie von Geisterhand geführt, erhob er sich, und ein Schuss löste sich. Das Projektil zerschmetterte die Kette, an der ein massiver Kronleuchter hing. Eine menschliche Gestalt stieß sich von ihm ab und landete einige Schritte entfernt von der Söldnerin, während der kunstvolle Deckenschmuck dramatisch hinter ihr auf dem Kirchenboden aufschlug.

“Das hätte ins Auge gehen können”, sprach eine Frauenstimme.

Die unbekannte Person richtete sich auf. Sie war also für das Unbehagen verantwortlich, das Nebula seit einiger Zeit verspürte. Die Blondine richtete umgehend Gastraphetes auf sie und nahm sie anschließend in Augenschein. Die Frau war athletisch und schlank, mit blasser Haut. Sie trug ihr kirschrotes Haar in einem üppigen Pferdeschwanz. Auffällig waren nicht nur ihre spitzen Ohren, die sie als Halbblut, einen Mensch-Elf-Mischling, verrieten, sondern ebenso ihr roter Umhang, der ihre linke Schulter zierte und einen starken Kontrast zu ihrer ansonsten schwarzen Kleidung bildete. Sie trug Gürtel um ihre Oberschenkel, die allesamt Wurfmesser hielten. Ihre Hüften zierten zwei Dolche. Insgesamt war sie bis an die Zähne bewaffnet. Kurz sah sich die Fremde zu den Überresten des Kronleuchters um, bevor sie Nebula wieder ihre volle Aufmerksamkeit zukommen ließ. “Für diese Sachbeschädigung kommt Ihr in die Hölle”, kommentierte sie zynisch.

“Halt die Klappe!”, forderte Nebula und funkelte sie mit rubinroten Augen an. “Sag mir, sofort wer du bist!”

Gerade als die Rothaarige mutmaßlich zu einem weiteren verbalen Schlag ausholen wollte, zersplitterten die bunten Fenster der Kirche und mit dem Regen aus klirrenden Glasscherben drangen weitere Phantome mit mörderischer Entschlossenheit in das Gotteshaus ein. Sofort richtete Nebula ihre Armbrust auf die Angreifer und die Fremde nahm ihre Dolche an sich. Die Frauen fanden sich im nächsten Moment Rücken an Rücken wieder, als die Schattenkreaturen sie umzingelten. Sofort waren ihre Differenzen wie weggeblasen. Stattdessen erfüllte die Spannung die Luft, als die Söldnerin der Fremden ihre Rückseite anvertraute, und diese es erwiderte.

Mit einem Nicken verständigten sie sich stumm und griffen an.

Während Nebula mehrere Ziele vor ihrem geistigen Auge markierte und anschließend Gastraphetes den Befehl zu Feuern gab, warf die Rothaarige ihre Messer mit scharfer Präzision. Das laute mechanische Donnern der teuflischen Apparatur wechselte sich ab mit dem zaghaften Zischen der Wurfmesser, als die Ziele mit tödlicher Zielsicherheit getroffen wurden und sich zu schwarzen Rauchwolken auflösten.

In den Wirren des Kampfes wichen beide den Angriffen der verbleibenden Phantomen aus, tanzten mit dem Rhythmus der Schlacht über die leeren Bänke nur sich wiederholt Rücken an Rücken am Ausgangspunkt wiederzufinden. Obwohl sie einander noch nie zuvor begegnet waren, bildeten sie eine unaufhaltsame Einheit. Nebula verstand ihre eigenen Gefühle nicht mehr. Es war, als führe eine höhere Macht die Bewegungen beider Frauen.

Schließlich, als die letzten Gegner niedergestreckt waren, der Strom der Phantome durch die Kirchenfenster endlich versiegte und die Stille in das Gotteshaus wiederkehrte, standen die beiden Kämpferinnen Seite an Seite, ihre Waffen ruhend in den Händen. Ihr Sieg war vollbracht, und der Rausch des Triumphes erfüllte Nebula. Als das Verlangen zu töten nicht mehr durch ihren Körper floss, versiegelte sie ihre Teufelswaffe und ihre Augen kehrten zu ihrem gewöhnlichen Blau zurück.

Die Frauen wandten sich einander zu. Schnell war ihre Konversation wieder an den Punkt zurückgekehrt, an dem sie unterbrochen wurde. “Wer bist du?!”, verlangte Nebula mit ungeduldiger Härte zu erfahren.

Die Fremde strich sich lässig durch die Haarsträhnen ihres Ponys. “Wo ist denn all Euer Anstand geblieben?”, antwortete sie in einem selbstgefälligen Tonfall, der es vermochte, Nebulas Gemüt erneut zum Kochen zu bringen. “Man nennt mich Cerise.”

“Wieso verfolgst du mich?”, verlangte Nebula zu wissen.

“Seid doch froh, oder habt Ihr Euch nie gefragt, wer Euch ins Gasthaus getragen hat?” Hochnäsig sah sie sie an. ”Als ob ein kleines Kind Euch hätte tragen können. Leicht seid Ihr ja nicht unbedingt!”

Dieses Weibsstück versuchte gar nicht erst, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen!

“Du bist also tatsächlich die, die mich verfolgt!” Der Aufzug der Fremden verriet Nebula, welcher Schlag Mensch - oder besser Elf - sie soeben gegenüberstand. Diese Attentäter gehörten in das Reich der Legenden und dennoch stand eine von ihnen vor ihr. Nicht viele waren mit dem Vermögen gesegnet, sie einen längeren Zeitraum von einer dieser Schattengestalten verfolgen zu lassen. Die folgende Frage erübrigte sich fast, dennoch musste Nebula sie stellen: “Das machst du sicher nicht aus Spaß an der Freude. Sprich, wer verschwendet dafür sein Gold?”

“Was, kein Dankeschön?”, wich die Rothaarige aus. “Von jemandem Eures gesellschaftlichen Standes sollte man mehr Anstand erwarten können! Kleine Prinzessin, die ihrem Vater davongelaufen ist.”

“Hat dich mein Vater geschickt?”

Die Rothaarige kicherte. “Für was haltet Ihr mich bitte? Eine naive Plaudertasche, wie Euren kleinen Freund? Ich verrate meinem Ziel doch nicht meine Auftraggeber!” Plötzlich neigte Cerise das Haupt und grinste schelmisch. “Apropos: Der Junge ist niedlich. Den habt Ihr Euch gut ausgesucht.”

Nebula war nicht auf diese Art Themenwechsel vorbereitet.

“Na ja, es war wirklich schön, mit Euch zu plaudern”, leitete Cerise das Gesprächsende ein. “Das habe ich auch nicht alle Tage. Normalerweise sind meine Ziele viel zu beschäftigt damit, tot zu sein. Aber Abwechslung ist die Würze des Lebens.” Cerise wandte sich ab und kletterte mit Hilfe der mit eisernen Krallen bewährten Fingerkuppen ihrer Handschuhe eine Wand hinauf und stieg auf dem Sims eines kaputten Fensters.

“Halt! Warte!”

Doch Cerise dachte im Traum nicht daran, zu gehorchen.

Nebula wollte sich nicht weiter über diese Person aufregen. Stattdessen wandte sie sich dem Priester zu. Zwar war schon von Weitem abzusehen, dass eigentlich nichts mehr zu machen war, sie konnte ihn trotzdem nicht einfach so dort liegen lassen. Als sie das Offensichtliche bestätigt hatte, schloss die der Leiche des Mannes die Augen. Diesen Tod hatte er nicht verdient, egal was man ihm vorwarf. Seine Schuld hätte in einem Prozess bewiesen werden müssen. Aber Nebula fehlte die Zeit, weiter darüber zu sinnieren. Die ersten Leute kamen näher - mutmaßlich angelockt von dem Kampfgetöse. Heimlich stahl sie sich aus dem Hinterausgang des Gotteshauses davon, während die Schaulustigen die verwüstete Inneineinrichtung und den toten Priester vorfanden.

Phantomschmerz


 


 

Eine halbe Ewigkeit hatte Annemarie nach dem Haus gesucht, in dem sie Matthias vermutete. Endlich hatte sie es gefunden. Es stand im Schatten der Stadtmauer und war genauso heruntergekommen, wie sie es in ihrer Vision gesehen hatte. Annemarie bemühte sich redlich, doch aufgrund ihrer geringen Größe reichte es nicht, durch das Fenster zu sehen. Leider konnte ihr dabei das blaue Buch, das sie wie immer mit sich führte, nicht weiterhelfen. Verzweifelt versuchte sie, die Haustür zu öffnen, die überraschenderweise nicht abgeschlossen war. Mit äußerster Vorsicht schlich das Mädchen auf Zehenspitzen durch den Eingangsbereich, der von Dunkelheit durchdrungen war. Am Ende des Ganges fiel ein Lichtschein durch eine leicht geöffnete Tür. Annemarie schlich sich näher und wagte einen Blick hinein.
 

Henrik lag in seinem Bett und machte sich schwere Vorwürfe. Er konnte Annemarie nicht aufhalten, als sie mutterseelenallein in die Stadt aufbrach, um dieses Haus zu suchen. Alles nur, weil er sich noch immer nicht bewegen konnte. Es war ihm klar, dass er nichts dafür konnte, dass ein rücksichtsloser Kutscher ihn von der Straße abgedrängt hatte, aber das änderte nichts daran, dass er sich nutzlos fühlte.

Wenn es ihm wenigstens gelänge, Nebula zu finden und ihr Bescheid zu geben. Dann könnte sie nach dem Mädchen suchen. Ein Kind allein in einer Stadt war ein gefundenes Fressen für die kriminellen Elemente der Gesellschaft. Sie könnte einem Menschenhändler in die Hände fallen und als exotische Trophäe im Zelt eines Kameltreibers in der Wüste enden, wo man sie zwingt, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang zu tanzen. Oder sie könnte in den Kanal fallen, ertrinken und von einem Monster gefressen werden. Anschließend würden ihre Knochen von Ratten abgenagt werden. Oder was wäre, wenn sie in dem Haus auf verrückte Paganisten treffen würde, die Horden von Gespenstern auf sie hetzen, sie gefangen nehmen, in einen Käfig sperren und dann mästen, um sie zur Feier der Sommersonnenwende zu verspeisen?

Na gut, dachte Henrik, das ist ein bisschen weit hergeholt.

Dennoch sollte das Kind nicht allein durch die Stadt irren. Er wollte es nicht verantworten, wenn ihr etwas passiert. Schon gar nicht, weil er derjenige war, der Nebula anflehte, das Mädchen auf ihren Reisen mitzunehmen.

Henrik schlug entschlossen die Bettdecke zurück. Danach setzte er sich auf und stellte seine Beine auf dem Boden ab. Die Konstruktion an seinem verletzten Bein fühlte sich wie der Fremdkörper an, der sie war. Vorsichtig erhob er sich und lastete sein Körpergewicht zuerst auf seinem gesunden Bein. Danach machte er einen unsicheren Schritt nach vorn und verlagerte vorsichtig sein Gewicht. So kam er allmählich voran und könnte immerhin den Abort aufsuchen. Aber durch die Stadt humpeln, um nach Nebula zu suchen, war schlichtweg ein unmögliches Unterfangen.

Enttäuscht schleppte er sich zum Bett zurück und setzte sich.

Dann betrat jemand den Raum.
 

Als Nebula die Tür zur Herberge aufstieß, fielen ihr sofort die ungehaltenen Patronen auf, die sich an der Rezeption versammelt hatten, um ihre Wünsche kundzutun, aber niemanden vorfanden, der sie entgegennahm. Ein weitgereister Händler mit müden Augen schlug in regelmäßigen Abständen mit der Faust auf die Theke, als ob dies etwas bewirken würde. Die Stimmung wurde allmählich aufgeheizter, als die Gäste in ihrer Frustration sich gegenseitig angingen. Nebula sah keine Chance, unbehelligt an ihnen vorbei zu kommen. Darum beschloss sie zu helfen, wo es ihr möglich war.

Zuerst kümmerte sie sich um ein altes Ehepaar. Sie schnappte sich einen der Schlüssel an der Wand und trug das Gepäck in den Raum hinein. Die alte Frau bemerkte, was für ein anständiger Knabe sie doch sei. Da sie es darauf anlegte, indem sie noch immer ihre Kapuze tief im Gesicht trug und kaum ein Wort zu ihnen sprach, war diese Verwechslung nicht verwunderlich. Umso besser, dachte sie. Dann erkennt mich wenigstens niemand.

Nach und nach fand sie eine kurzfristige Lösung für alle Beschwerden, selbst für die Luxusprobleme des Kaufmanns. Nun war es ihr möglich, in ihr Zimmer zu gehen. Sie stieß die Tür auf und fand Henrik mit bedeppertem Gesichtsausdruck auf dem Bett sitzend vor. Sie neigte den Kopf zur Seite. “Hast du dir eingeschissen?”, fragte sie den Schmiedegesellen, um ihn zu ärgern.

“Annemarie ist alleine in die Stadt gegangen”, offenbarte er.

“Was?! Warum?”

“Sie meinte, sie müsste deine Nachricht überbringen.”

“Sie sollte hier auf Matthias warten!”

“Sie hatte eine ihrer Visionen.”

“Weißt du, wo sie hin wollte?”

“Sie sagte nur, sie wolle zur Stadtmauer. Dort sei ein altes Haus.”

“Wirklich ein markantes Merkmal”, sagte Nebula und wandte sich zum Gehen. “Du bleibst hier!”, befahl sie Henrik. Sie hatte das Zimmer gerade verlassen, als ihr der Gedanke kam, dass er mit seiner Verletzung sowieso kaum laufen konnte. Wahrscheinlich wusste er das auch selbst, und ihr Kommando war mehr als überflüssig gewesen.
 

Nachdem die Söldnerin ein paar Häuser hinter sich gelassen hatte, begann sie etwas unbehagliches zu fühlen. Sie blieb einen Moment stehen und schloss ihre Augen. Die typische Lust auf Mord und Zerstörung strahlte ihr vom Ende der Stadt entgegen. Hass und Missgunst glühten in der Luft und kündigten als böses Ohmen davon, die Welt brennen sehen zu wollen. Sofort riss Nebula ihre Augen wieder auf. Ihr Bauch sagte ihr, dass Annemaries Vision sie ebenfalls zu diesem Ort führte. Umgehend setzte sie sich in Bewegung und rannte so schnell sie konnte, und achtete nicht darauf, wen sie dabei alles unsanft zur Seite drängte.
 

Derweil wurde Annemaries Neugier mit einem unerwarteten Bild entlohnt. Sie sah durch den Türspalt in den Raum hinein. Dabei entdeckte sie Matthias, der sich fürsorglich um eine bandagierte Person zu kümmern schien. Aber etwas stimmte nicht. Wieso roch es so abscheulich? Der Gestank drückte Annemarie förmlich aus dem Raum. Er verschlug ihr den Atem und sie wich einen Schritt zurück. Leider offenbarte das knarrende Dielenbrett unter ihr ihre Anwesenheit.

Im nächsten Moment riss eine dunkle Gestalt die Tür nieder und stürzte sich auf sie. Annemarie hatte den Ursprung der Phantome gefunden. In der Finsternis stolperte das Mädchen über einen nicht identifizierbaren Gegenstand und fand sich auf dem harten Boden wieder. Im letzten Moment, kurz bevor die Kreatur die Kleine erreichen konnte, fiel die Haustür aus den Angeln, und etwas warf sich dem Monster mutig entgegen. Annemarie wagte nicht, aufzusehen, und konnte nur das Scheppern zweier Klingen vernehmen.
 

In der Dunkelheit des schlecht ausgeleuchteten Raumes musste Nebula sich ganz auf ihre Instinkte verlassen, als sie die Kreatur bekämpfte. Es gelang ihr, sie niederzuringen und zu erschlagen. Sofort wandte sie sich Annemarie zu. “Geht es dir gut?”, fragte sie.

Nebula erspähte Annemaries unschuldige Kulleraugen, die sie aus der Dunkelheit anstarrten. “Ich bin Matthias gefolgt”, antwortete sie mit Tränen in den Augen. “Ich wollte dich nicht enttäuschen!”

“Dummes Ding!”, tadelte Nebula. “Wie kommst du auf so eine Idee?”

“Ich wollte auch mal zu etwas nütze sein”, erklärte der kleine Rotschopf.

Plötzlich trat Matthias unter den Rahmen der völlig zerstörten Zimmertür. In seinen Händen hielt er einen schwarzen Dolch. Nebula fühlte, dass dies die echte Teufelswaffe war. “Verschwindet von hier!”, forderte er. “Ich gebe sie nicht wieder her!” Als er angreifen wollte, machte sich Nebula kampfbereit, doch es sollte nicht mehr dazu kommen. Matthias ließ seine Waffe fallen und fasste sich mit beiden Händen an den Kopf. Er wirkte, als erlitt er unsägliche Schmerzen, die ihn in die Knie zwangen. Seine Augen schienen ihren eigenen Kampf auszutragen, als sie immer wieder kurz rot aufleuchteten, bevor der Mann bewusstlos zusammenbrach.

Vorsichtig näherte sich Nebula. Matthias schien noch zu atmen, aber er zeigte keine Reaktion, als sie ihm mit ihrem Stiefel einen Stoß versetzte. Sofort nahm sie den schwarzen Dolch an sich, um ihn unschädlich zu machen.
 

Ein endloses Meer aus schwarzen Äther erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen. Licht, ohne eine sichtbare Quelle, als käme es aus dem Raum selbst, erhellte das grenzenlose Nichts. Einen halben Meter über der bizarren stillen See schwebte eine blasse Frau mit weißen Haaren, verhüllt von einem blutroten Kleid mit Rüschen und angenähten Rosen. Sie erweckte den Anschein, auf irgendetwas oder irgendwen zu warten. Nach einer Weile ließ sie sich auf die Oberfläche der verflüssigten Finsternis sinken, bis sie auf ihr zum Stehen kam. Als ihre Zehen die Oberfläche berührten, breiteten sich kleine Wellen aus. Grimmig guckend, fixierte sie einen imaginären Punkt irgendwo im leeren Raum vor ihr.

Plötzlich schoss etwas vor ihr aus der Schwärze, sprang über sie und versank hinter ihr wieder in den Untiefen.

Unbeeindruckt schritt die Frau auf der Stelle und richtete sich so neu aus.

Das Wesen durchstieß erneut die Oberfläche des pechschwarzen Meeres.

Prompt strecke die Frau ihren Arm aus und packte das menschenähnliche Geschöpf am Hals. Es sah aus wie eine Mischung aus Frau und Fisch mit rasiermesserscharfen Flossen. Aber die natürliche Bewaffnung verhalf dieser Sirene nicht weiter. Sie versuchte, sie zu bezirzen, sie mit einem wunderschönen Traum des Schreckens abzuwehren, doch aus dem festen Griff ihrer Peinigerin gab es kein Entkommen.

“Da bist du ja, Nummer vierundvierzig”, sprach die Weißhaarige. Dann führte sie die Kreatur zu ihrem Mund und begann sie Stück für Stück, Happen für Happen, bei lebendigem Leibe zu verzehren, ohne sich darum zu scheren, das die endlose Weite fast bis zum Schluss von den gequälten Schmerzensschreien der Sirene erfüllt wurde.
 

Kaum war der Dolch ein Teil von ihr, erkannte Nebula seine wahre Natur. Sein Name war Mirage und er besaß die Macht, jegliche Vorstellung des Trägers Realität werden zu lassen. Jeder nur erdenkliche Fluch war mit ihm möglich, wenn man bereit war, den Preis zu bezahlen. Seine Natur war es, nicht nur die Feinde seines Besitzers zu täuschen, sondern ihn gleichzeitig durch schöne Bilder zur Grausamkeit zu verführen.
 

Für Matthias fühlte es sich an, als ob er aus einem langen Schlaf erwachte. Eine zarte Hand hatte ihn aus der Dunkelheit geführt. Aber das angenehme Gefühl der Geborgenheit ließ schlagartig nach, als er einen Atemzug tat und der abscheuliche Gestank von Tod und Verwesung in seine Nebenhöhlen kroch, um dort für immer mietfrei zu wohnen. Wo war er hier nur gelandet? Erschrocken riss er seine Augen auf und blickte in das Gesicht eines rothaarigen Mädchens. “Wo bin ich?”, fragte er.

Sie wandte sich von ihm ab, um jemanden etwas zuzurufen. “Er ist aufgemacht!”, verkündete sie lautstark.

Eine zweite Person kam hinzu. Es war eine blonde Frau mit kurzen Haaren.

Wieso kamen diese Leute ihm bekannt vor?

Er konnte nicht mehr denken. Dieser widerliche Gestank trieb ihn fast in den Wahnsinn. Dann wurde ihm bewusst, wo er war. Er erinnerte sich. Er musste sich um Valeria kümmern! Sofort versuchte er aufzustehen, wurde aber von der unglaublich starken Blonden abgehalten.

“Hier geblieben, Freundchen!”, sagte sie.

“Lasst mich zu ihr!”, forderte er und schlug dabei wild um sich.

Die Blondine ließ ihn los und er stolperte zu dem Bett weiter vorn im Raum. Als er die unterschiedlichsten Insektenlarven erspähte, die überall auf dem toten Körper im Bett herumwimmelten, konnte er es nicht mehr bei sich halten und übergab sich. Danach sackte er auf die Knie zusammen und war nicht mehr ansprechbar.
 

Nebula sah herab auf das Schauspiel und wollte es nicht glauben. Erst entpuppte sich der Mann, dem sie vertraute, als der Eigentümer der Teufelswaffe und mutmaßlich der Schuldige an den Todesfällen und nun bebte sein Körper in emotionaler Erschütterung. Die Tränen quollen unaufhaltsam aus seinen wunden Augen, während er wie ein erbärmliches Häufchen Elend vor dem Bett dieses stinkenden Leichnams kauerte. Nebulas Blick spiegelte ihre Skepsis wieder, während sie ihn kritisch beäugte. “Was soll das Theater?”, stellte sie Matthias zur Rede. Doch er schien in seinem ganz persönlichen mentalen Gefängnis des Schmerzes gefangen zu sein, außer Stande zu antworten. Fast als wäre er aus einem wunderschönen Traum erwacht, nur um die hässliche Realität zu erfahren.

Ohne zu zögern berühte Annemarie die traurige Karrikatur eines Mannes. Umgehend wandte sie sich Nebula zu und hatte selbst Tränen in den Augen. “Das ist kein Theater”, versicherte sie. “Ich spüre, dass seine Welt soeben zusammengebrochen ist.” Das Antlitz des Mädchens hatte sich in ein Spiegelbild von Matthias’ Schmerz verwandelt.

“Ist das etwa Valeria?”, fragte die Blondine und deutete auf den Kadaver.

Annemarie nickte.

“Hat er etwa die ganze Zeit eine Leiche versteckt?”

Annemarie hatte keine Antwort darauf.

Die Stille danach


 


 

Henning saß noch immer in seiner Zelle, bis endlich einer der Wachen den verängstigten Jungen freiließ. Es gab scheinbar keinen Grund, ihn länger gefangen zu halten. "Steh auf!", befahl die Wache, als Henning trotz der offenen Tür regungslos verharrte. Der Junge konnte nicht begreifen, dass er nun frei war. Die Hämatome an Gesicht und Körper des Jungen, die ihm seit Nebulas Besuch zugefügt wurden, erzählten Geschichten über die Befragungsmethoden der Stadtwache. Als sie endlich begriffen, dass er nichts weiter berichten konnte, setzten sie ihn ohne ein Wort der Entschuldigung vor die Tür. Was blieb ihm anderes übrig, als heimzukehren. Als er zuhause ankam, umarmten ihn seine Eltern, spürten sein Zittern und er die Wärme ihrer Umarmung. Doch niemand konnte sehen, wie er in der Finsternis ertrank.
 

Die Sonne versank am Horizont, und eine gespenstige Stille legte sich über die sonst so lebendige Stadt, die nur von Nebulas Spatenstößen durchbrochen wurde. Während sie ein Grab für den Leichnam schaufelte, lehnte Matthias an der Hauswand und Annemarie leistete ihm Gesellschaft. Als die letzte Ruhestätte für Valeria begann, Gestalt anzunehmen, verspürte Matthias das Bedürfnis, mit seinen Gästen über seine langsam wiederkehrenden Erinnerungen zu sprechen. “Ich habe versucht, das Haus zu löschen”, begann er zu sprechen. “Als das Feuer endlich erloschen war, bin ich hinein gegangen und habe sie gefunden. Sie war total verbrannt, aber sie war noch am Leben. Sie hat sogar zu mir gesprochen. Aber war das wirklich real?”

Nebula rammte den Spaten in den Boden, sodass er von alleine stand. Danach wandte sie sich dem verwirrten Mann zu. “Wo habt Ihr die Teufelswaffe gefunden?”, fragte sie.

“Ihr meint dieses Ding? Sie hatte es in der Hand.”

“Und was ist dann passiert?”, wollte Annemarie wissen.

“Ich habe sie seitdem gepflegt - oder zumindest glaubte ich das. Sie hat mich angefleht ihr Kraft zu geben. Nach jedem Besuch habe ich mich so schwach gefühlt.”

“Erinnert Ihr Euch nicht an die Morde?”, stellte ihn Nebula zur Rede.

“Ich habe niemanden ermordet!”, widersprach Matthias.

“Woher wollt Ihr das wissen, wenn Ihr Euch nicht erinnert?”

“Ich weiß es einfach… Ich wollte Valeria helfen. Nichts habe ich mir mehr gewünscht.”

“Weil du sie auch liebst, stimmt's?”, fragte Annemarie einfühlsam.

Nebula musste an die Visionen denken, die Mirage ihr gezeigt hatte. “Vielleicht sprecht Ihr die Wahrheit…”, murmelte sie. Für sie ergab es einfach keinen Sinn, dass sie die Ereignisse dieser Nacht aus Valerias Perspektive sah. Das und Matthias’ Aussage, den Dolch bei Valeria gefunden zu haben, deuteten darauf hin, dass nicht er Mirages Meister war, sondern vielmehr sie. Aber wie konnte das möglich sein, wenn sie gar nicht mehr am Leben war? Konnte ihr rachsüchtiger Geist nicht ins Jenseits übertreten und klammerte sich über Matthias an das Diesseits? Selbst wenn sie eine waschechte Hexe gewesen wäre, tot ist tot. Zumindest würde es die Trugbilder erklären. Oder vielleicht zeigte die Waffe Matthias die Welt, wie er sie sehen wollte, damit er als ihr Meister fungierte. Vielleicht nutzte Mirage den Hass und die Rachsucht, die Valeria in ihren letzten Momenten fühlen musste, um selbst Ziele für Mordanschläge auszuwählen.

Statt darüber zu sinnieren, entschied sie sich, weiterzuschaufeln.
 

Eine Woche verging rasend. Henrik lag nach wie vor im Bett und kämpfte gegen die Langeweile an, die ihn beinahe um den Verstand brachte. Er sehnte sich danach, aufzustehen und etwas zu tun, doch der Heiler hatte es ihm verboten. Es war noch zu früh, sein Bein zu belasten, und so blieb er an sein Ruhebett gefesselt. Plötzlich öffnete sich die Tür, und Annemarie und Nebula traten ein. Annemarie trug ein Buch mit einem blauen Einband bei sich. Es war beinahe unmöglich, sie von ihren Geschichten zu trennen.

“Willkommen zurück!” grüßte Henrik seine Besucherinnen. “Wo wart ihr denn?”

“Ich habe in meinem Buch gelesen”, verkündete Annemarie verzückt und hielt es stolz hoch. Leider sagte die Aufschrift des Buches Henrik überhaupt nichts.

“Um was geht es in deinem Buch?”, fragte er interessiert.

“Aber das steht doch drauf”, erwiderte das Mädchen, als ob es Henrik nicht verstünde.

Nebula schaute sie streng an, und Annemarie begriff endlich.

“Ach so, du kannst ja nicht lesen”, korrigierte sie sich.

Nebula blieb streng, und Annemarie, die sich keiner Schuld bewusst war, lächelte fröhlich und unschuldig. Dann rannte sie zu Henrik und setzte sich auf sein Bett.

“Ich bin aber auch noch nicht so gut”, gestand sie. “Warum lernen wir nicht zusammen?”

In den darauffolgenden Tagen laßen Henrik und Annemarie regelmäßig die Märchen, während Nebula kleinere Aufträge für Klienten in der Gegend erledigte. Es erfüllte Henrik mit Stolz, ihr bei ihren Besuchen seine Fortschritte zeigen zu können. Auf diese Weise konnte er die Zeit sinnvoll nutzen, die der Heilungsprozess in Anspruch nahm. Bald war er vollständig wiederhergestellt. Eines schönen Tages packten sie ihre Sachen. Nebula wollte so schnell wie möglich nach Ewigkeit reisen. Etwas in diesem persönlichen Brief stiftete sie zur Eile an. Darum beschloss sie, den kürzesten Weg über Faringart zu nehmen. Ein Ort, bekannt als die Stadt der Jäger. Henrik war gespannt. Er war noch nie zuvor dort gewesen. Die Neugier sollte ihn für die gesamte Reisezeit in ihrem Bann halten.
 

Als sich die Nacht über die Stadt legte, tönte eine wütende Stimme durch die Gassen. Fast schien es, als könne sie mit ihrer Lautstärke das Schild der Taverne zum Schwingen bringen. Besorgte Gäste verließen eilig das Etablissement, um ihrer eigenen Sicherheit willen.

“Gebt mir endlich was zu trinken!”, forderte der stark betrunkene Markus, doch die Wirtin weigerte sich beharrlich, ihm noch mehr Alkohol auszuschenken. Vor dem Gast hatten sich bereits Krüge angesammelt.

“Los, macht schon!”, schrie er erneut. “Gebt mir was zu trinken!”

“Ihr habt genug gehabt!”, erwiderte die Wirtin.

Plötzlich sprang der Betrunkene von seinem Hocker, packte die Frau und zog sie gewaltsam auf den Tresen. “Ich will was trinken!”

“Hey!”, empörte sich ein anderer Gast. Drei Männer mussten eingreifen, um Markus zu überwältigen und die vor Schreck erstarrte Wirtin zu befreien. “Du weißt nicht, wann Schluss ist!”, belehrte einer der Männer.

“Ach, halt doch deine Klappe!”, erwiderte der Markus.

Die mutigen Gäste versuchten, den Mann aus der Taverne zu befördern.

“Mach es dir nicht unnötig schwer!”, sagte ein anderer Mann.

“Gebt mir mehr Bier! Ich will vergessen!”

“Nichts da! Du hast bereits deinen Anstand vergessen!”, meinte der dritte Mann.

“Leckt mich! Alle miteinander!”

Auf halbem Weg schien Markus für einen kurzen Moment übermenschliche Kräfte zu entwickeln, als hätte er nicht Bier, sondern den sagenumwobenen Zaubertrank der Druiden getrunken. Er befreite sich unter angestrengtem Grunzen und schlug dem Mann zur Linken kräftig ins Gesicht, sodass dieser benommen zurückwich. Ein anderer antwortete mit einem Schlag in die Magengrube, was den stark alkoholisierten Unruhestifter kurz zusammenzucken ließ. Sein Innehalten weilte nur kurz. Immerhin hatte er genug Alkohol intus, um ein ganzes Bataillon außer Gefecht zu setzen. Der starke Trunk des Wirtshauses betäubte jeden Schmerz zuverlässig.

Er erlangte seine Kräfte zurück und setzte den anderen Männern mit wilden Faustschlägen zu. Der zweite und der dritte mussten einstecken. Ein unkoordiniertes Gewitter von Schlägen prasselte auf sie ein. In der Zwischenzeit erholte sich der erste Mann und landete den entscheidenden Treffer, der den Betrunkenen rücklings auf einen Tisch warf, an dem noch andere Gäste saßen und das Schauspiel aus vermeintlich sicherer Entfernung beobachteten. Eine handfeste Kneipenschlägerei bekam man schließlich nicht jeden Tag geboten! Doch für ihre Neugier zahlten sie nun den Preis. Vor Schreck fielen sie rücklings von ihren Sitzen, als der Tisch unter der Wucht des auf ihm landenden Mannes zusammenbrach und sich die Reste von Ale und Schnaps über seinen Kopf ergossen, während die Krüge um ihn herum zu Boden krachten.

Die nicht an der Schlägerei beteiligten Gäste suchten eilig Schutz.

Markus blieb stöhnend liegen, bis seine Kontrahenten ihn packten und an die frische Luft zerrten. Er wurde fast aus der Tür hinaus geschleudert und landete mit dem Gesicht im Schlamm. Sofort rappelte er sich auf und versuchte, zurück in die Taverne zu stürmen, um seinen Gegnern eine Abreibung zu verpassen. Doch er lief nur gegen eine ausgestreckte Faust, taumelte im Kreis und kippte rückwärts um. Besiegt, verweilte er eine Weile, bevor er schließlich einen Gedanken fasste: So durfte sein Leben nicht aussehen! Nein, er musste seinen Kummer endlich überwinden!
 

Das Arbeitszimmer des Hauptmannes der Stadtwache von Schleiersteig strahlte einen geheimnisvollen Glanz aus. Die robusten, steinernen Wände trugen die Spuren der unzähligen Jahre, die seit ihrer Errichtung vergangen waren. Die Wände säumten Regale, beladen mit verstaubten Büchern über längst vergangene Einsätze. Ihre Ledereinbände waren abgenutzt, und die Seiten hatten den gelblichen Schimmer der Zeit angenommen.

Während die Dunkelheit des späten Abends versuchte, durch das Fenster in den Raum einzudringen, lieferte eine Vielzahl von Kerzen einen entschlossenen Kampf gegen die feindliche Übernahme der Nacht. Ihre Flammen warfen flackernde Schatten auf den massiven Eichentisch, der das Zentrum des Raumes beherrschte. Auf diesem Tisch breiteten sich zahlreiche Steckbriefe aus, die die düsteren Gesichter von Verbrechern zeigten, begleitet von Informationen über ihre Taten und die ausgesetzten Kopfgelder. Der Hauptmann studierte sie sorgfältig, denn er suchte nach etwas Bestimmtem.

Schließlich, nach einer gründlichen Durchsicht, wurde er fündig. Es gab nur wenige Steckbriefe, die nach weiblichen Verbrechern suchten, doch dort, inmitten der Dunkelheit der Nacht, fand er, was er suchte: das Bildnis der aufsässigen Fremden, um die sich seine Gedanken seit Wochen kreisten. Offenbar wurde sie als Hochstaplerin gesucht, beschuldigt, falsche Zeugnisse abgelegt und sich für jemanden ausgegeben zu haben, der sie nicht war. Das ausgesetzte Kopfgeld war von astronomischer Höhe. Besondere Anweisungen forderten sie, lebend und unversehrt zu fassen, um sie vor Gericht stellen zu können. Kein einziges Goldstück würde ausgezahlt, sollte ihr auch nur ein Haar gekrümmt werden.

Die Frau musste zweifellos etwas Außergewöhnliches sein, um solch eine immense Belohnung und besondere Aufmerksamkeit zu verdienen.
 

In derselben Nacht schien der gespaltene Mond durch das Fenster, und ein Mädchen mit dunklen Haaren lag in seinem Bett und träumte. Plötzlich öffnete sich die Tür, und Henning betrat das Zimmer seiner Schwester. Er setzte sich auf das Bett, und das Licht des Mondes ließ den Gegenstand in seiner Hand funkeln. Das scharfe Küchenwerkzeug wippte unruhig auf und ab in seiner Hand, und sein begeisterter, fast irrsinniger Blick haftete an der Klinge.

Plötzlich regte sich seine kleine Schwester. Eilig verstaute er das Messer unter dem Ärmel seines Oberteils.

“Hallo, Brüderchen”, sagte das Mädchen. “Was machst du hier?”

Als sie die Arme nach ihm ausstreckte, ließ er sich zur Seite fallen und erlaubte dem Mädchen, ihn fest zu drücken. Die Kleine ließ ihn los, schloss ihre Augen wieder und schlief weiter. Er spürte ihren Atem auf seiner Haut. Henning holte das Messer erneut hervor und spielte wieder damit. Die Reflexionen des Mondlichts tanzten über die Wände. Dann sah er auf seine kleine Schwester und wieder auf die Klinge.

Der graue Schatten


 


 

Die Nacht war undurchdringlich, doch die drei roten Augen des schwarzen Vogels durchbrachen das Dunkel mit einem gespenstischen Leuchten. Er glitt lautlos durch die Finsternis, zielsicher auf einen einzelnen Baum im tiefen Wald zu. Dort saß die Empfängerin auf einem mächtigen Ast, ihre Gestalt war kaum mehr als ein Schatten in der Nacht. Eine magische Verbindung teilte dem Tier ihre Position mit. Mit einer eleganten Bewegung streckte sie ihre Hand aus, gehüllt in einen Handschuh so schwarz wie die Dunkelheit selbst und ließ den Vogel landen. Er wurde sogleich von einer zweiten Hand liebevoll gestreichelt.

Ein plötzlicher Windstoß fegte durch die Baumkronen, rüttelte an den Ästen und wirbelte die Haare der Frau wild durcheinander. Unbeirrt untersuchte sie den Vogel, dessen Halsband ein zylinderförmiges Gefäß zierte. Mit geschickten Fingern öffnete sie den Verschluss und entnahm einen winzigen Brief. Die Schrift darauf war klein, doch ihre scharfen Augen lasen sie mühelos. Es war ein Auftrag mit allen wichtigen Informationen. Kaum hatte sie die Nachricht gelesen, verbrannte das Blatt zu Asche. Mit einem winzigen Pergament und einem zierlichen Griffel ausgestattet, begann sie sogleich, ihre Antwort zu verfassen.

“Matriarchin, ich habe verstanden”, schrieb sie. “Ich erwarte keine Schwierigkeiten. Der Auftrag wird zur vollsten Zufriedenheit des Klienten erledigt werden.” Mit einem Schwur auf die Mutter der Zwietracht beendete sie ihren Brief und verstaute ihn im Transportgefäß des Vogels. Dann erhob sie ihren Arm. Die Kreatur krächzte zweimal, stieg empor und verschwand in den Schatten der Nacht, getragen von ihren pechschwarzen Schwingen. Die Unbekannte machte sich geräuschlos auf den Weg. Eine unheilvolle Mission nahm im Herzen des nächtlichen Waldes ihren Anfang.
 

Frank war schon früh in den Morgendunst hinausgegangen, da er seiner Liebsten einen Strauß Bergblumen steigen wollte. Er fand so gleich, was sie begehrte: Blau war der Adelheid die liebste Farbe. Doch weiter oben gab es noch mehr von ihnen. Um Adelheid eine Freude zu machen, kletterte er waghalsig immer höher, bis ein Stein, auf dem er sein Gewicht lastete, nicht mehr bei der Felswand sein wollte und sich löste. Hektisch versuchte Frank noch Halt zu finden, doch er rutschte ab. Als der Schmerz nachließ, der auf die Landung folgte, und er sich sicher war, nicht tot zu sein, rappelte sich der tapfere Bursche auf. Ein paar Blessuren und Schürfwunden brachte ihm das Klettern ein, doch ernsthaft verletzt schien er nicht zu sein. “Ze fix, i hob ma den Oasch gebrochn!”, stieß er lauthals fluchend aus und befühlte dabei seinen Allerwertesten. Dann kehrte er den Berg entnervt den Rücken zu und gab sich mit den paar Exemplaren zufrieden, die er bereits ergattert hatte. Auf dem Heimweg wollte er Zeit sparen und nahm eine Abkürzung durch eine Schlucht. Er war nur ein Stück gegangen, als er eine Blutspur auf dem Boden entdeckte. “Mei God, wo kimmd des Blut ha?!”, sprach er, um sich selbst Mut zu machen, weiter zu gehen.

Die Spur führte ihn um eine Ecke.

Dort saß ein Mädchen in einer Tracht. Sie lehnte an der Felswand.

Frank kannte sie. “Himme, Oasch und Zwirn, Des is ned wahr!”, tat er seinem Entsetzen Kund. Es war die Adelheid. Ihr Trachtenkleid blutüberströmt und in fetzen Gerissen, der linke Arm zertrümmert und zerkratzt und ihr Brustkorb aufgebrochen. Vom bösen Wolf, da war Frank sich sicher. Schnell wollte er zurück in die Stadt und den Jägern Bescheid geben. Doch dann hallte das Geheul der hungrigen Bestie durch die Schlucht. Frank nahm die Beine in die Hand und rannte um sein Leben. Er spürte die Erschütterung des sich nähernden Unheils. Nie und nimmer war das, was ihn verfolgte, ein gewöhnlicher Wolf. Der Versuch schneller zu sein, war vergebens. Ein mannsgroßer, grauer, pelziger Schatten warf sich auf ihn und zerbiss seinen Nacken.
 

Nebula, Henrik und Annemarie erreichten Faringart. Es war eine gefühlte Ewigkeit her, dass sie Schleierfirst den Rücken gekehrt hatten. Stadt der Jäger nannte man den Ort, den sie soeben erreichten. Dies wurde jedem Besucher klar, der sich die Mühe machte, sich ein wenig umzusehen. Es gab kaum einen Ort in der Stadt, an dem nicht jemand versuchte, die Erträge erfolgreicher Jagten zu verhökern. Wo links die Waidmänner ihre Felle von Wölfen und Hermelinen feilboten, gerbten rechts die Ledermacher die Häute von Hirschen und Wildschweinen. Aus Hauern, Krallen und Zähnen fertigten fleißige Kinderhände Schmuck. Präparatoren hauchten erlegten Tieren durch ihre Kunst neues Leben ein und die eine oder andere Hasenpfote fand sich bei Trophäenhändlern - Meister Lampe schien das Glück abhandengekommen zu sein.

“Das ist voll beeindruckend hier!”, staunte Annemarie, während sie den Markt und seine Angebote auf sich einwirken ließ.

“Faringart versorgt halb Morgenstern mit Jagdbeute aller Art”, erklärte Nebula, stets bemüht, nicht zu weit unter ihrer Kutte hinauszuschauen.

“Uff!”, stöhnte Henrik unter der Last seines Gepäcks. “Schön, wenn es euch beiden hier so gut gefällt”, sagte er anschließend. Ein riesiger Sack lastete auf seinem Rücken und formte eine eindrucksvolle Beule.

“Willst du mir damit etwas sagen?”, fauchte ihn die Blondine vorwurfsvoll an.

“Das Z-Zeug ist ganz sch-schön schwer!”

“Höre auf zu klagen! Oder willst du einer Lady zumuten, schwer zu schleppen?”

“Du bist die mit Teufelskräften.”

“Na und?!”

Henrik konnte sich seiner masochistischen Vorliebe für ihre sadistische Ader nicht erwehren. Wahrscheinlich wäre er gewillt, noch viel mehr zu ertragen. Alles nur, damit diese schöne, starke Frau ihm einen Blick zuwarf. Aber was sollte diese Augenweide einer Kriegerin mit ihm anfangen, wenn er sogar zu feige war, den Mund aufzumachen und ihr zu sagen, dass er ihr hoffnungslos verfallen war? Er war so eine Witzfigur! Wenn er so weiter machte, würde sie seine Gefühle niemals erwidern.
 

Nebula sah sich verlegen zu ihrem Begleiter um. Sie war trainiert, keine Frage, aber dennoch eine Frau. Nur wenn sie die dämonischen Kräfte in ihrem Blut einsetzte, versetzte sie es in die Lage, übermenschliche Kräfte einzusetzen. Sobald sich das Teufelsblut abkühlte, verlor sie ihre Stärke. Das er zu dumm war, das zu begreifen, war schon irgend wie niedlich. Moment mal, was dachte sie da?! Sein selbstloser Einsatz, sie aus ihrem Albtraum zu befreien, hatte ihr Bild von ihm verändert. Sie dachte viel zu oft an ihn. Und das gefiel ihr nicht! Darum ließ sie ihn wieder schwer tragen. Das geschah im Recht, so unverfroren in ihren Kopf einzudringen und ihn nicht mehr zu verlassen.

Auf einmal wurde es wuselig auf dem Markt.

“Da böse Woif hod den Frank und de Adelheid gefressn!”, rief eine dicke Frau.

“Oh na, des is jo schrecklich!”, antwortete ein dünner Mann.

Nebula horchte auf.

Annemarie zerrte am Arm der Söldnerin. “Warum reden die alle so komisch?”, fragte sie unverfroren. “Ich versteh’ kein Wort.”

“Diese Leute sind ein bisschen eigen”, antwortete Nebula. “Gute Jäger, aber eigen.” Sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie dem Kind erklären sollte, was ein Dialekt ist. Und wenn sie die Mundart des Fürstentums Finsterwald bereits seltsam fand, was würde sie erst zu den Sprechweisen der anderen Fürstentümer sagen? Wesruth war eine große Insel und das Volk von Morgenstern sprach so vielfältig wie die Vögel sangen.

Henrik schnaufte und stöhnte weiter unter seiner Last.

“Sagt, guter Herr”, sprach die Blondine zu einem der aufgeregten Stadtbewohner, “was hat sich zugetragen?”

“Hobt Ihr 's ned gehört? Da Frank und de Adelheid wurdn vom Woif gefressn!”, antwortete der Mann.

“Was hat es mit dem Wolf auf sich?”

“Seid Ihr ned vo do? 's dreibt si a besonders garstiga Isegrim herum. Ea frisst ois, wurscht ob Mensch oda Viech. Und besonders gern frisst ea de Herzn.”

Annemarie klammerte sich an Nebula. “Ich hab Angst”, sagte sie.

“Wenn am Viech endlich oana des Fell üba de Oahn ziang würde, kanntn mia nochds wieda ruhig schlafa!”, fuhr der Mann fort.

“Ich kann nicht mehr!”, ächzte Henrik und setzte sein Gepäck mit lautem Scheppern ab.

Nebula funkelte ihn an, als wäre ein Wort von ihm schon zu viel. Doch sie sorgte sich wohl mehr um ihr Hab und Gut, welches so unsanft den Boden küsste.

“D-Du hast dich doch schon mal mit einem Rudel Wölfe angelegt”, fuhr Henrik fort. "Das stellt für dich doch kein Problem dar, o-oder?"

Ungläubig beäugte der Einheimische die unscheinbare Fremde. “Du bisd Jagerin, Madl?” Eine Frau, die zur Jagd ging. Das konnte er sich einfach nicht vorstellen.

“Nicht ganz”, Widersprach sie und öffnete ihre Kutte weit genug, um das Schwert an ihrem Bund freizulegen. “Ich biete meine Dienste dem Meistbietenden an.”

“Dann gehst du am Besdn moi zum Fiast, Madl!”
 

Georg, der Graue, der Herrscher von Finsterwald, dem Fürstentum, dessen Hauptstadt Faringart war, stand auf dem Podest wie der Hahn auf dem Mist und krähte seine Parolen. Seine grauen Haare wehten im Wind. Um ihn herum versammelte sich das Jägergefolge der Umgebung und lauschte seiner flammenden Rede. Anders als das einfache Volk, verfiel er keinem eigentümlichen Dialekt. Mit einer ausgefallenen Mundart würde er kaum den anderen Fürsten unter die Augen treten können. “Wollt ihr weiter zusehen, wie Isegrim eure Buben und Mädl ermordet? Wie das Mistvieh uns alle bedroht?” Dann zeigte er in die Menschenmenge. “Du, mein Freund! Was ist, wenn der Wolf dein Weib frisst?” Sein Finger fand schnell jemand anderen. “Und du mit deinen sieben Schwestern. Willst du sie nicht beschützen?” Zufrieden lauschte er dem Jubel der Jäger.

“Am Gerbe i des Leda!”, skandierte Einer

“Des Vieh werd mei neia Bettvoalega!”, prahlte ein Zweiter.

Georg lächelte von einem Ohr zum anderen, als er die aufgeheizte Meute erblickte, in der jeder versuchte, sein Gegenüber verbal zu übertreffen. Nur zwei ließen sich nicht von der Stimmung anstecken. Der eine war der vor einigen Jahren zugezogene Jäger Clay. Ein Mann, der nur selten sprach und sich niemals zur Wichtigtuerei verleiten ließ. Er trug eine nagelneue Armbrust bei sich, obwohl er eigentlich ein Bogenschütze war. Vermutlich wollte er etwas anderes ausprobieren. Aber die zweite, zierliche Person unter der Kutte kam ihm fremd vor. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, aber sie war definitiv nicht von hier. “Ihr”, sprach er sie an. “Wieso seid Ihr so schweigsam?”

“Prahlen ist nicht so meins!”, rief die unbekannte Person aus der Menge.

“Ihr seid nicht auf den Mund gefallen. Wollt Ihr mir nicht Euer Gesicht zeigen?”

“Nicht wirklich!”

Georgs Mundwinkel schnellten vor Entsetzen zu Tale.
 

Alle Jäger waren geschockt, dass es dahergelaufener Fremder wagte, die Stimme gegen ihren Fürsten zu erheben. Schnell wurde es leer um Nebula herum, da die Männer nichts mit einem vorlauten Angeber zu tun haben wollten. Clay war der einzige, der sich nicht von ihr distanzierte. Schweigend trat er an sie heran. “So ein vorlautes Weibsbild ist mir noch nicht untergekommen”, sagte er. Wieso zum Teufel durchschaute er ihre Verkleidung, wenn es sonst keiner tat? Mit einem Ruck zog er Nebula die Kapuze vom Kopf. Die junge Frau, die unter ihr zum Vorschein kam, versetzte die Jäger ins Staunen.

“Hey, was fällt Euch ein?!”, beschwerte sich die Blondine.

“Hier herrscht Verschleierungsverbot, Mädel.”

“Meine Kapuze, meine Entscheidung!”

Ungläubig schüttelte Clay mit dem Kopf.

“Was denn?!”

In einem Bewegungsgang streifte Clay den Gurt seiner Armbrust von seiner Schulter und reichte Nebula die Waffe. “Hier!”

Nebula packte die Armbrust.

“Du hast mich neugierig gemacht”, erklärte sich Clay. “Ich gebe dir die Gelegenheit zu beweisen, dass du nich nur ein vorlautes Gör bist. Es wird ne Treibjagd geben und ich gedenke, mein Pferd zu reiten. Aber gleichzeitig schießen und reiten ist’n bisschen schwer. Du kannst das Schießen übernehmen, Mädel.”

“Nennt mich nicht ‘Mädel’!”

“Wieso? Bist du etwa doch’n Kerl?”

Brummend stellte Nebula ihren Unmut zur Schau.

“Hast du’n Namen?”

“Nebula.”

“Hm… Ziemlich nebulös. Ich bin Clay.” Er reichte der Blondine die Hand.

Nebula erwiderte die Geste.
 

Egal ob Wolf oder Bär. Die Raubtiere des Finsterwald fielen den Bögen und Armbrüsten der Jäger zum Opfer. Nebula und Clay durften gegenüber den anderen nicht nachstehen.

Ein Grauwolf flitzte durch den Herbstwald.

Nebula saß hinter Clay auf dem Schimmel und spannte den geliehenen Kreuzbogen. Dadurch hatte sie keine Hand mehr frei und musste sich mit den Schenkeln und Waden am Körper des Pferdes wie eine Zange festklammern, um nicht herunterzufallen. Im vollen Galopp jagten sie den Grauwolf. Nebula beugte sich an der imposanten Erscheinung von Mann vor ihr vorbei und nahm das Raubtier mit gespannter Armbrust ins Visier. Sie betätigte den Abzug. Ein Klicken und das Projektil wurde vom ruckartig entspannenden Strick nach vorn katapultiert.

Der Wolf wusste nicht, wie ihm geschah, als sich das Geschoss in seinen Nacken bohrte, ihm das Rückenmark durchtrennte und ihn augenblicklich tötete. Das Tier wurde aus der Bahn geworfen, überschlug sich und kam dann zur Ruhe.

Clay und Nebula saßen ab und ernteten die Früchte ihrer Arbeit.

“Du hast ja doch was auf’m Kasten”, staunte der Jäger, als er den perfekt durchstoßenen Nacken des Raubtieres in Augenschein nahm. “Sauber! Keiner dieser aufgeblasenen Furzkissen wäre dazu fähig.”

“Ich verspreche nie etwas, das ich nicht halten kann”, versicherte Nebula. Obwohl sie es überraschte, trotz der widrigen Umstände, die ein bewegliches Ziel und als zusätzliche Schwierigkeit der Galopp des Pferdes mit sich brachte, überhaupt so gut getroffen zu haben. Eine ordentliche Portion Glück war gewiss im Spiel gewesen.

“Immerhin einmal mit Profis gearbeitet!” Dann unterbrach Clay die Konversation. Stattdessen zückte er sein Häutungsmesser und befreite den Wolfskörper vom Pelz. Sie hatten das erste Tier erlegt und würden hier nicht aufhören.
 

Gegen Abend trafen sich die Jäger, um ihre Beute zur Schau zu stellen.

Die Männer lobten sich gegenseitig.

“Und, wia vui hobt Ihr gschossn?”

“Zwoa. Und Ihr?”

“I ealegte gleich via!”

Georg freute sich über die erfolgreiche Jagd. Zwar konnte niemand mit Sicherheit sagen, dass die Bestie unter den erschlagenen Raubtieren war, doch um sich zu inszenieren und den Pöbel zu beschwichtigen, reichte es allemal.

Plötzlich wurde es laut.

Georg schaute in die Menge und erspähte die vorlaute Frau, wie sie ein Bündel mit mindestens sechs Fellen über ihrer Schulter trug und vor Stolz schwellender Brust auf dem Platz aufmarschierte, wie ein überdekorierter General der Elfen vom Festland bei einer Militärparade. “Hast du die alle selbst erlegt?”, stieß er ungläubig aus.

Die Blonde verzog das Gesicht in Verärgerung.

“Hat sie alle selber klar gemacht”, mischte sich Clay ein und zeigte mit dem rechten Daumen über die eigene Schulter auf Nebula. “Ich hab richtig Angst bekommen. Hätte mir fast in die Hosen gemacht.” Über der anderen Schulter trug er selbst zwei Fälle. “Schaut, mehr als die zwei hat die mir nicht übrig gelassen.”

Damit war Georgs Interesse an der Fremden geweckt.

Zu später Stund feierte ganz Faringart das große Jägerfest.

Es gab Weißwurst, Sauerkraut, Knödel und Bier.

Annemarie schlief schon, aber Henrik feierte mit. Er saß neben einem hübschen Mädchen mit langen blonden Haaren. Die Tochter des Försters. Er hatte sie zuvor noch nie gesehen, aber er fand, dass sie ein nettes Lächeln hatte. Sie war bestimmt mindestens drei Jahre älter als er, doch das störte ihn wenig.

“Wie hoasst du?”, fragte das Mädchen. “Mei Name is Henrike.”

“D-Das ist ja lustig”, antwortete er. “Ich bin Henrik.”

“Des mua a Wink des Schicksals sei. Mia soidn heiradn.”

“W-W-Was?”

“Beruhig di, i necke di doch grod." Sie hob ihren Bierkrug an und sah fordernd zu Henrik, bis er es ihr gleich tat. “Du bisd a siassa Buab. Zum Wohl!”

Sie stießen an und schäkerten fast das ganze Fest miteinander. Durch den Zauber des Gerstensaft kamen sie sich immer näher. Irgendwann stahlen sie sich davon, ohne dass es die Masse der Anwesenden wahrnahm.

Nebula spürte, dass sie vor Clay wirklich geglänzt hatte.

Doch er beeindruckte sie auch. Er konnte genauso saufen wie sie.

“Wieso gibst du dir nich die Kante?”, fragte Clay, als er bemerkte, dass Nebula noch immer am zweiten Krug Bier festhielt. “Schmeckt’s nich?”

“Es ist so gehaltlos”, antwortete sie. “Sie haben hier nur Dünnbier.”

“Geht runter wie Wasser, das Zeug.”

Es blieb ihr nicht verborgen, dass der Mann immer wieder zum Himmel aufsah. “Wieso schaut Ihr andauernd rauf?”

Der Gerstensaft machte es dem Mann schwer, seine Verdrossenheit zu verbergen. “Siehst du den Mond?”, fragte er leicht angeheitert. “Bald schon ist das Auge des Biestes vollständig. Dann zeigen sich die wahren Monster.” Er legte eine Kunstpause ein. “Wollen deine Begleiter und du noch’n bisschen bleiben?”

“Wir sind nur auf der Durchreise. Morgen oder übermorgen wollen wir weiterziehen.”

“So bald schon? Dann dränge ich mich hiermit auf. Geht noch mal mit mir Jagen, Mädel. Diesen Monat darf ich noch’n paar Tiere schießen.” Das Jagdrecht lag auch in Faringart bei den Adligen. Doch Fürst Georg verlieh jedem Jäger die Erlaubnis, eine große Zahl an Tieren pro Monat zu erlegen, um so den Handel mit Jadgerzeugnissen zu steigern. “Einer Gesellschaft ohne zwei linke Pfoten, wäre ich nich abgeneigt.”

Sie verabredeten sich für den kommenden Tag zur Rotwildjagd.

Massaker im Forst


 


 

Henrike schlug im fremden Bett die Augen auf. Ihr Arm ertastete die andere Seite des Bettes. Sie erfühlte eine Person neben sich. Erschrocken stellte sie fest, dass es der Junge war, mit dem sie auf dem Fest getrunken hatte. “I war doch ned etwa umtriebig mid am?”, sprach der Schock aus ihr.

Henrik schlief zufrieden, tief und fest wie ein Stein.

“Moment moi, i droge no mei Kleidl”, fiel ihr auf.

Dann kam die Erinnerung zurück.

Sie hatten getrunken und der gut gebaute Junge stahl einen Kuss. Dann entfernten sie sich vom Fest, als sie das Bedürfnis nach Zweisamkeit verspürten. Doch weiter als bis zum Bett, hatten sie es nicht geschafft. Henrik war volltrunken wie ein Sack hinein gefallen und sofort eingeschlafen. Erleichtert setzte sie sich auf und sah noch einmal auf den jungen Mann. “Du bisd a siassa Buab”, flüsterte sie und streichelte seine Wange.

Sie stand auf und zog ihre Schuhe wieder an.

Vorsichtig steckte sie ihren Kopf aus der Tür. Am Morgen aus dem Zimmer eines Jungen zu schleichen, könnte ihren Ruf schädigen, täte es jemand beobachten. Als sie sich sicher war, dass sie niemand sah, schlich sie sich aus dem Gasthof und machte sich auf den Weg nach Hause. Das Henrik wenig später erwachte und bei dem Gedanken daran, was sich letzte Nacht nach seiner Vorstellung zutrug, in Panik ausbrach und unter Schweißausbrüchen im Zimmer auf und ab schritt, konnte sie schwer erahnen.
 

Nebula trieb die Frage um, wie ein einfacher Jäger zu einem stolzen Schimmel gekommen war. Auch aus diesem Grund stimmte sie zu, noch einmal mit ihm zu jagen. Aber sie wollte auch in Erfahrung bringen, ob ihr Gefühl, er verheimliche etwas vor ihr, begründet war.

Gejagt wurde entweder am Morgen oder am Abend, wenn das Licht der Dämmerung schwach war und dem Jäger die Tarnung erleichterte. Darum musste Nebula noch im Schutz der Dunkelheit aufbrechen, um Clays abgelegene Hütte rechtzeitig zu erreichen. Der imposante Mann stand bereits vor seiner Jagdhütte und raufte seinen Bart. Das Gebäude hatte eine Tür, zwei Fenster an der Front und ein kaum wahrnehmbares drittes im Fundament an der Giebelseite. Zudem erspähte sie den Stall des Schimmels und einen kleinen Holzverschlag nicht weit entfernt.

“Guten Morgen”, grüßte Nebula. “Was schaut Ihr so skeptisch?”

“Haste nich was vergessen?”, entgegnete Clay. “Willste mit Blicken töten?”

Nebula hatte mental ausgeblendet, dass sie Gastraphetes unmöglich vor seinen Augen entblößen konnte, und daher nicht an Ersatz gedacht.

Clay verschwand kurz in der Jagdhütte und kam mit der Armbrust vom Vortag und einem Köcher wieder heraus. “Hier, kannst die hier haben. Ich bevorzuge sowieso den Bogen.”
 

Benno, der Förster, war gerade dabei Holzscheite zu schlagen, als er seine Tochter heimkehren sah. Sofort unterbrach der korpulente Mann sein tun. Mit finsterer Mine, empfing er das Mädchen.

“Griaß God, Pappa”, begrüßte Henrike ihren Vater fröhlich.

“Wo bisd du gwen, Henrike?”, löcherte er sie vorwurfsvoll. “Hosd du di mid Burschn herumgetriebn?!”

“Na, wos redest du do fia oan Schmarrn? I war zua lang auf am Fest. 's war zua dunkl um heim zua gengan. Hättest aa keman soin.”

“Schmarrn. Fia sowas hob i koa Zeid.” Bennos Blick viel auf den gigantischen Haufen Holz, den er noch schlagen musste, und er verfluchte den Fleiß seiner Arbeiter. “De vadammdn Knechte san beim Bam schlogn zua floassig! Wenn du ma heifd wuist, kannst du ma und den Jungs scheene Woasswürschd brühn.”

“Du denkst oiwei grod os Essn!”

Eingeschnappt stiefelte die junge blonde Frau hinein ins Försterhaus, um einen Kessel für die Weißwürste anzusetzen.
 

Der Schimmel zog einen Karren mit dem erlegten Wild hinter sich her.

Nebula und Clay liefen nebenher. Sie trug die Armbrust am Riem über der Schulter und er führte das Pferd am Zaumzeug. Die Jagd war für sie gut gelaufen. Sie transportierten mehrere Kadaver zurück zur Jagdhütte. “Eine Frage treibt mich um”, sprach Nebula, als der richtige Zeitpunkt gekommen schien. “Wie kommt ein einfacher Jäger zu einem Pferd?”

“Ich habe es gewonnen”, behauptete Clay. “Kommt davon, wenn man glaubt, besser zu schießen als ich. Tja, nun gehört sein Gaul mir.”

Langsam kam die Hütte in Sichtweite.

“Wieso habt Ihr beim Jagdfest vom Vollmond gesprochen?”

“Nimm das Geschwätz eines Besoffenen nicht für voll!”

Nebula spürte, dass er verbal einen Graben zog. Doch so leicht würde sie ihn nicht vom Haken lassen. “Was verheimlicht Ihr?”

“Überlass das Denken den Pferden, Mädel. Die haben’n größeren Kopf.”

Nebula war mehr als Unzufrieden mit der Antwort des großgewachsenen Mannes.

Inzwischen erreichten sie die Jagdhütte.

Clay löste den Anhänger vom Geschirr des Pferdes und führte das Tier in seinen Stall. Er begann die Kadaver zu entladen und in seinen Arbeitsschuppen zu transportieren. “Entweder machst du mit, oder du verduftest!”, tadelte er. “Ich hasse Leute, die nur im Weg rumstehen!”

Nebula entschloss sich, den Karren zu entladen. Vielleicht würde es Clays Zunge lösen.

Die Zeit verging wie im Fluge.

“Danke, aber du solltest jetzt abhauen”, empfahl Clay mit Nachdruck. “Das Ausweiden der Beute ist nichts für schwache Nerven.”

“Ich halte das schon aus.”

“Geh!”

“Wieso? Habt Ihr etwas zu verbergen?”

Gereizt wühlte er in seinen Taschen, nur um einen zerknüllten Zettel herauszuholen. Er glättete das Dokument und hielt es Nebula unter die Nase. Es war ihr Steckbrief mit dem verlockenden Kopfgeld darauf. “Wenn jemand etwas verheimlicht”, stellte der Mann klar, “dann bist du das!” Anschließend verstaute er den Steckbrief wieder. “Wenn du nicht im Handumdrehen eine Berühmtheit werden willst, sie zu, dass du Land gewinnst!”

Nebula blieb kaum eine Wahl. Sie entschied sich, seiner Forderung zu beugen - vorerst. Sie gab ihm die geborgte Armbrust zurück, hüllte sich in Montur und Schweigen ein und machte sich auf den Rückweg nach Faringart.
 

Henrik war noch immer total aufgelöst und ging auf und ab.

“I-Ich bin noch nicht bereit für s-so eine Verant-w-wortung!”, murmelte er vor sich hin.

Annemarie trat in sein Zimmer ein und musste gleich bei dem Anblick lachen.

“Wenn du so weiter machst”, sagte das Mädchen, “dann gräbst du dich in den Boden ein.”

Wie aus einer Trance gerissen, sah er Annemarie schockiert an.

“Was ist denn los?”

“I-Ich bin noch viel zu jung für ein Kind!”

“Hä?”

“T-Tschuldigung. Was ist denn, Annemarie?”

“Nebula sucht dich.”

“Oh, dann will ich sie nicht warten lassen.”

Gemeinsam gingen sie zum Stadttor.

Nebula fiel sofort auf, dass Henrik seine vom Schweiß benetzten Hände rieb, schnell atmete und ihr nicht in die Augen sehen konnte. “Noch Restalkohol im Blut?”, fragte sie.

“Er redet nur wirres Zeug”, kommentierte Annemarie. “Er hat gesagt, er bekommt ein Kind. Das geht doch gar nicht. Die bringt doch der Klapperstorch!”

“Was?” Die Blondine verzog den Mund zum spöttischen grinsen.

“D-Du erinnerst d-dich an das Mädchen vom F-Fest?”, fragte Henrik, sein Stottern wurde immer schlimmer. “Wir ha-ha-haben…”

Lautstarkes Lachen platzte aus Nebula heraus. Sie konnte es einfach nicht mehr bei sich halten. Ihr wurden die Knie weich.

“W-Was ist da s-so lustig?!”, fragte Henrik ungehalten.

“Was? Du…” Sie konnte kaum sprechen. “... willst mit ihr…” Ihr Gelächter wurde immer lauter und sie musste sich den Bauch halten. “Ha ha ha!”

“W-Was ist, wenn sie jetzt e-ein Kind er-erwartet?”

“Dann war es unbefleckte Empfängnis.”

“D-Du glaubst nicht, d-das ich m-mi-mit einer F-Frau…?”

Nebula hatte sich gerade erst beruhigt, doch ihr Lachflash kehrte zurück. “Niemals!”

“Sch-schönen Dank! D-Danke, dass du meine S-Sorgen so ernst nimmst!”

Plötzlich tauchte ein braunes Pferd am Ende der Straße auf. Es kam aus Richtung des Waldes und es schien, als ob niemand auf ihm reiten würde. Als es näher kam, wurden Rufe des Entsetzens laut. Über den Rücken des Tieres lag ein blutüberströmter Waldarbeiter. Ihm fehlte eine Hand und tiefe Kratzer zierten seinen ganzen Körper.

Henrik packte Annemarie und hielt ihr die Augen zu.

"Hey!", beklagte sich die Kleine.

Sofort eilte Nebula zu dem Verletzten hin.

“Bitte… Hilfe!”, sprach er vollkommen entkräftet.

“Was ist Euch zugestoßen?”, fragte die Blondine.

“De Foastwirtschoft... Ogriff... Monsta...” Bevor der Mann noch mehr zu sagen vermochte, verließen ihn seine Kräfte und er verlor das Bewusstsein. Ein paar Schaulustige hatten einen Medikus herbeigerufen. Man zog den Verletzten vom Pferd und der Arzt untersuchte ihn. Doch er stellte schnell fest, dass sein Patient ein Fall für den Bestatter war. Bald darauf wurde der Leichnam weggetragen.

“Was für eine Forstwirtschaft?”, fragte Nebula ohne speziellen Adressat.

“Dort lebt Henrike!”, alarmierte der Schmied.

“Heißt so der Klapperstorch?”, fragte Annemarie, der Henrik noch immer die Sicht nahm.

“Schnell, wir müssen dorthin!”, flehte Henrik.

“Annemarie!”, befahl Nebula. “Du gehst in den Gasthof und wartest dort auf uns. Und du gehst mit niemanden mit!” Dann schnappte sich die Söldnerin ihren Begleiter und wuchtete ihn gegen seinen Willen auf das Pferd des Toten. Anschließend bestieg sie es ebenfalls. “Weißt du wo die Försterei ist?” Als Henrik nickte, trieb sie das Pferd an und beide galoppierten in Windeseile aus der Stadt. Annemarie blieb allein zurück und sah ihnen besorgt nach. Wenigstens könnte sie sich auf ihrem Zimmer mit den Märchen ablenken, welche ihr jedes mal Freude bereiteten, wenn sie sie las.
 

Der Schimmel stand in seinem Stall und kaute genüsslich auf Heu herum.

Im Arbeitsschuppen wurde noch immer Tagewerk verrichtet.

Die schmutzige Arbeit, die Jagdbeute auszuweiden und zu zerkleinern, war sehr anstrengend und kräftezehrend. Für Clay jedoch sein täglich Brot. Mit jedem Hieb des Beils fühlte er seinen Hunger wachsen. Zuvor musste das Fleisch noch gepökelt werden, um es haltbar zu machen. Also rieb er es mit zermahlenen Steinsalz ein und füllte es anschließend in die nebenstehenden Fässer. Bald würde er den Großteil in die Stadt bringen, um ihn weiter zu verkaufen. Ein wenig behielt er für sich selbst. Diese Stücke waren besonders blutig, so wie er es am liebsten mochte. Wenn er in das rohe Fleisch biss, war es, als könne er das Herz des Tieres schlagen fühlen.

Fürs Erste war er fertig.

Er wusch sich die Hände in einer Wasserschale und ging dann zurück zur Jagdhütte. In einer Mischung aus Wehmut und Respekt sah er zum Himmel auf, wo der gespaltene Mond schon sichtbar war. Diese Nacht würde eine Vollmondnacht werden. Er sah noch einen Moment hin und wandte sich dann um und verschwand in der Hütte.
 

Der braune Hengst trug seine Passagiere zur Forstwirtschaft. Der Wind blies ihnen ins Gesicht und wehte Nebula die Kapuze vom Haupt. Henrik umklammerte ihren Bauch, um während ihres gemeinsamen wilden Ritts nicht vom Pferd zu fallen. Er fühlte ihren Atem, während er an ihr Halt suchte.

Als sie ihr Ziel erreichten, bot sich ein Bild der Verwüstung.

Der leblose Körper eines Waldarbeiters hing über einen Stapel Baumstämme. Blutspuren und blutige Fetzen, zum Teil aus Stoff, zum Teil aus einst Lebendigem, lagen auf dem spärlich mit Gras bewachsenen Boden verstreut. Nebula zog die Zügel an und signalisierte dem Pferd zu traben. Je näher sie dem Haus des Försters kamen, desto mehr seiner Knechte fanden sie. Einer lehnte an der Hauswand. Ein weiterer war rücklings nahezu um einen Baum gewickelt. Eine große Kraft hatte ihn gegen den Stamm geschleudert. Alle wiesen ein Loch im Brustkorb auf. Nebula mutmaßte, dass man später kein Herz finden würde.

Und letztlich stolperten sie über das, was sie für die Überreste des Försters hielten.

Nebula stoppte das Pferd und stieg ab.

Henrik wollte es ihr gleich zu tun, verhakte sich im Steigbügel, verlor das Gleichgewicht, drehte Pirouetten wie eine Ballerina, versuchte durch hektisches Luftrudern mit den Armen in festen Stand zu gelangen, scheiterte kläglich und schlug, Gesicht voraus, auf einer saftigen Grasnarbe auf.

Nebula hörte ihn fallen und sah nach ihm. “Echt jetzt?!”, entrüstete sie sich.

Henrik hob den Kopf und sprach: “Tschuldigung.”

“Lass stecken und steh auf!”

Der Tollpatsch stützte sich ab und erhob sich.

Nebula untersuchte derweil die Szenerie nach Spuren ab. Ihr fiel ein gigantischer Pfotenabdruck in einer schlammigen Pfütze auf. Es sah aus wie die Spur eines Wolfes oder Hundes, doch viel größer. War ihr Urheber gleichzeitig der Grund für das Massaker?

“Henrike!”, rief Henrik urplötzlich und begann, Kreuz der Quere über den Claim zu flitzen. Dann fror er unvermittelt bei einem Schuppen in seiner Bewegung ein. Nebula konnte nicht sehen, was ihn derart entsetzte, also ging sie zu ihm. “Henrike”, rief der Schmied erneut und verschwand in dem Schuppen. Als Nebula um die Ecke gebogen kam, sah sie den Grund für sein Verhalten. Er hielt das Mädchen vom Fest in seinen Armen. Sie lehnte an der Wand und saß in einer Lache ihres eigenen Blutes, das aus dem ausgefransten, zerfetzten Stumpf ihres rechten Oberschenkels floss. Vom Rest ihres Beines gab es keine Spur. “Du musst wach bleiben!”, sprach er ihr zu, legte sie in seine Arme und rüttelte an ihr.

Sie hob noch einmal ihren Kopf. Ausdruckslose Augen suchten Blickkontakt zu dem Braunhaarigen. “Na schau, da Siasse Buab”, wisperte Henrike in gebrochenen Worten. Sie streckte ihre Hand aus und berührte Henriks Wange. Der Junge beugte sich zu ihr herunter, da er dachte, sie wolle ihm etwas sagen, bekam aber stattdessen den gestohlenen Kuss erwidert. “Do hosd du ihn wieda”, sagte sie. Dann starrten ihre Augen ins Leere und ihre Hand fiel kraftlos von Henriks Wange herunter.

Vorsichtig legte er den Körper des Mädchens ab. Mit weit aufgerissenen, von Tränen geschwollenen Augen sah er Nebula an. “S-Sie ist t-t-tot!”, stotterte er.

“Das tut mir Leid”, bekundete seine Reisegefährtin ihr Mitgefühl.

Henrik sah an sich herunter und ihm wurde bewusst, dass er überall mit dem Blut der Försterstochter besudelt war. “D-D-Da ist so viel Blut!”, stieß er voll des Horrors aus. Einen so grausamen Anblick hatte er zuvor gewiss noch nie gesehen. “Ihr Blut...” dann überkam es ihn und er musste sich zur Seite beugen und übergeben.

Nebula wollte ihm irgendwie helfen, doch er ließ es nicht zu und stieß sie von sich. Er rannte davon und wurde erst viele Meter weiter wieder langsamer.

Nebula wusste, dass er allein sein und seinen Schmerz herausschreien wollte. Dennoch musste sie aufpassen, dass der Grund für dieses Massaker nicht auf die Idee kam, sie mit seinem Besuch zu beehren, wenn sie nicht damit rechneten.

Rendezvous im Mondschein


 


 

Nachdem die Toten begraben worden waren, kehrten Nebula und Henrik in die Stadt zurück. Der Junge musste nun allein sein und zog sich in sein Gemach im Gasthof zurück. Nebula beschloss, ihm seine Ruhe zu lassen. Der Tod hinterließ erbarmungslos seine Spuren und konnte das Leben eines Menschen nachhaltig verändern. Viele weitere würden ähnliche Erfahrungen machen müssen, wenn niemand käme, um dem Treiben der Bestie Einhalt zu gebieten. Das Monster lauerte überall, und sie fragte sich, wie sie es finden sollte. Sie benötigte dringend Hilfe, und diese konnte nur der Fürst gewähren.

Einzig er oder sein Sohn durften eine weitere Jagd anordnen.

Aus diesem Grund ersuchte sie um eine Audienz. Doch sie wurde lange warten gelassen - zu lange! Als sie beinahe ihre Geduld verlor, öffnete sich endlich die Pforte. Sie trat vor den Fürstenthron, auf dem Jonathan, der Sohn des Fürsten, saß, entblößte ihr Gesicht und vollführte einen damenhaften Knicks, um dem Erbprinzen ihre Ehrerbietung zu erweisen.

“Was kann ich für Euch tun?”, fragte er.

“Ist Euer Vater zu sprechen, Eure Lordschaft?”, fragte sie respektvoll.

“Wie ich sehe, vermag es Euer vorlauter Mund auch freundliche Worte zu finden.” Das musste eine Anspielung auf ihr Verhalten vor der Treibjagd drin. Er lehnte sich zur rechten Seite und stützte das Gewicht seines Oberkörpers auf den Ellenbogen. “Mein Vater ist zur Zeit unpässlich. Doch es sei Euch gestattet, mir an seiner statt Eurer Anliegen vorzutragen.”

“Wurdet Ihr vom Angriff auf die Forstwirtschaft in Kenntnis gesetzt, Hoheit?”

“Berichte dieses… Ereignisses erreichten bereits mein Ohr. Es ist gar abscheulich, wie die Bestie wütete. Aber wie kann ich helfen?”

“Ich fand einen riesigen Pfotenabdruck. Kein normaler Wolf würde solch Spuren hinterlassen. Bitte, ruft eine weitere Treibjagd aus, bevor die Kreatur wieder tötet.”

“Riesige Abdrücke? Habt Ihr über den Durst geschäpselt, Weib?”

“Ihr glaubt mir nicht?”

“Natürlich nicht! Solch ein Humbug passt auf keine Kuhhaut! Geht, und bindet einem der Jäger diesen Bären auf. Bärenpfoten sind doch größer als die eines Wolfs.”

“Ich bitte Euch.”

“Papperlapapp!” Jonathan lehnte sich von der einen Seite zur anderen und deutete mit der Hand an, dass Nebula den Thronsaal verlassen soll. “Und nun, schleicht Euch!”

“Das ist unverantwortlich!”, klagte die Söldnerin.

Doch der Erbprinz schenkte ihr keine weitere Beachtung. Wächter kamen und machten Anstalten, sie mit Gewalt zu entfernen, wenn es denn sein müsse.

“Ist ja schon gut!”, sagte Nebula und verließ den Fürstensitz. Noch auf dem gepflasterten Weg im Garten des Anwesens stieg die Wut in ihr auf und ihre Augen wechselten kurz die Farbe. “Na schön!”, schnaubte sie. “Wenn Ihr mir nicht helfen wollt, findet sich ein anderer.”
 

Keiner der Jäger wollte sie begleiten und das geltende Jagdrecht für sie missachten. Tür an Tür wurde zugeschlagen, als sie ihr Anliegen vortrug. Niemand wollte ihr zuhören. Bestimmt verübelten sie ihr das große Mundwerk vor und neideten ihren Erfolg bei der Treibjagd. “Feige Hunde!”, fluchte sie, während sie durch die dunklen Gassen der Stadt stapfte.

Jetzt blieb ihr nur noch eine Alternative: Der schweigsame Jäger und seine Geheimnisse. Seine Hilfe hoffte sie nicht in Anspruch nehmen zu müssen. Er hatte sie in der Hand. Was hinderte ihn daran, allen den Steckbrief zu zeigen? Aber sie wusste nicht weiter. Ob sie wollte oder nicht, sie war auf seine Hilfe angewiesen. Zwar war sie ein wenig bewandert in der Jagdkunst, doch einem echten Jäger konnte sie dennoch nicht das Wasser reichen. Ein Pfotenabdruck sprach nicht zu ihr, wie er es zu einem Waidmann tat. Sie hoffte, Clay könnte die Spuren besser deuten. Die Nacht war bereits hereingebrochen, als sie endlich das Haus des einsamen Jägers erreichte. Der Mond stand vollständig am Himmel und das Auge des Biestes erhellte die Finsternis. Man konnte außergewöhnlich gut sehen.

In der Hütte brannte kein Licht.

Alles wirkte verlassen.

Der Schimmel war unruhig in seinem Stall und zerrte an dem Strick, mit dem er angebunden war. Etwas verstörte ihn. Tiere spürten die Gefahr stets vor dem Menschen. Und auch in Nebula begann ein unbehagliches Gefühl aufzukeimen. Sie trat an das Tier heran und streichelte es. “Was hast du denn?”, fragte sie, als ob es antworten könnte. “Ruhig.”

Aber das Pferd beruhigte sich nicht. Im Gegenteil. Es stellte sich auf die Hinterhufe und trat nach ihr. Seine Instinkte sagten dem Tier, dass es die Flucht ergreifen soll, aber der Strick verhinderte, sodass sich das Tier in seiner Hilflosigkeit in die Angst hineinsteigerte.

Nebula konnte noch rechtzeitig ausweichen und entschied, dass es zu gefährlich war, dem Tier zu nahe zu kommen. Es würde sich schon wieder beruhigen. Stattdessen ging sie zur Jagdhütte und machte sich an der Tür zu schaffen. Sie stellte fest, dass sie nicht abgeschlossen war, und eine gespenstige Stille aus der Hütte emittierte. Sie sah eine erloschene Öllampe im einfallenden Mondlicht. In ihr war noch ein wenig Brennstoff, also entzündete sie sie. Der Schein der Lampe bestätigte, dass niemand anwesend war. Nebula sah sich genauer in der Hütte um. Hinten in einer Ecke, ziemlich verborgen, fand sie ein merkwürdiges Brett, halb mit Stroh bedeckt. Sie entfernte das vertrocknete Material und das Brett entpuppte sich als Falltür in einen Keller. Sie stieß die Tür auf und das spärliche Licht enthüllte einen raum mit massiven steinernen Wänden. Nebula stellte die Lampe ab und sprang in das dunkle Loch.

“Was tut ihr hier?!”, fragte eine erboste Stimme.

Nebula sah in die Richtung, aus der sie kam. Von einem Fenster direkt unter der Decke fiel das Mondlicht ein und brachte die schwarzen Haare des Jägers zum Glänzen. Clay saß halb nackt auf dem Boden, seine Handgelenke und Knöchel in viel zu große Schellen gehüllt. Die Fesseln waren mit dicken Ketten an der Wand befestigt. Nebula starrte den Jäger an. “Lebt Ihr gerade einen Fetisch aus?”, fragte sie trocken.

“Raus!”, war die einzige Antwort, die sie erhielt.

“Nein! Erst sagt Ihr mir, was hier gespielt wird!”

“Ich hab gesagt, du-” Er stoppte mitten im Satz, als eine Welle des Schmerzes durch seinen Körper fuhr. Er begann sich zu winden und seine Haut lief rot an vor Anstrengung.

“Was ist mit Euch?!”

“RAUS!!”, dröhnte der Jäger, seine Stimme von Schmerz verzerrt, während sein Körper sich krümmte und verzerrte. Schwarze Haare brachen durch seine Haut, seine Muskeln schwollen an, und seine Finger verwandelten sich in scharfe Krallen. Die Metamorphose war unaufhaltsam, und aus Clay wurde ein Wesen, das mehr Tier als Mensch war. Die Kreatur stieß einen markerschütternden Schrei aus, ihre Augen glühend vor Wahnsinn, während Speichel in einem stetigen Strom aus ihrem Maul tropfte.

Nebula trat einen Schritt zurück, ihr Herz pochte wild vor Angst und Faszination. Sie kannte die Geschichten über Gestaltwandler, aber sie hatte noch nie einen von ihnen gesehen. Sie vernahm das Klirren der Ketten, ausgelöst von dem wilden Zerren des Wesens. Es dürstete nach Blut und es war wieder die Zeit des Monats, in der Nebula besonders verführerisch danach duften musste. Das und das Schlagen ihres Herzens mussten betörend auf das Werbiest wirken. Seine Anstrengungen verfehlten letztendlich nicht ihre Wirkung, als die Bolzen der Halterung knackend nachgaben und es nun nichts mehr gab, dass die Bestie daran hinderte, sich auf Nebula zu stürzen.

Monster unter sich


 


 

Henrik lag auf dem Bett und kämpfte noch immer mit dem Schock. Den Anblick des blutüberströmten Mädchens in dem Schuppen konnte er nur schwer verdauen. Es schmerzte ihn, dass er ihr nicht mehr helfen konnte. Er konnte den Kuss ihrer sterbenden Lippen noch immer auf seiner Wange spüren. Plötzlich riss ihn Türklopfen aus seinen Gedanken. “Nein!”, rief er. Doch das Klopfen hörte nicht auf. Henrik wollte allein sein. Wieso wurde sein Wunsch nicht berücksichtigt? Es ließ ihm keine Wahl, außer aufzustehen, und den Klopfer zum Schweigen zu bringen. Es wurde schon dunkel. Wer konnte um diese Zeit etwas von ihm wollen? Er schloss die Tür auf und Annemarie kam ungefragt hinein gestürmt, noch bevor er etwas dagegen unternehmen konnte. Sie beschlagnahmte sein Bett und setzte sich darauf.

“W-Was willst du hier?!” fragte er, halb gereizt und halb aufgelöst. “Und wieso bist du eigentlich noch wach?”

“Ich kann nicht schlafen”, antwortete die Kleine.

“U-Und da soll ich helfen?”

“Nein, ich will DIR helfen.”

“Kein I-Interesse!”

“Du weißt doch, ich kann Dinge sehen. Ich dachte, wenn wir dahin gehen, wo es passiert ist, bekomme ich vielleicht eine Vision. Und das hilft vielleicht.”

“Funktioniert das nicht nur bei Händen?”

Annemarie zuckte mit den Schultern. “Manchmal auch bei Gegenständen.”

“Frag doch lieber Nebula.”

“Ne, ich frage dich!”

“Das ist viel zu g-ge-gefährlich!”

“Feigling! Feigling!”, stichelte die Kleine.

Henrik versuchte, sie von seinem Bett herunterzuziehen, in der Hoffnung, er könne wieder in den Laken versinken. Sein Ziel: Sie aus dem Zimmer buchsieren. Er war wirklich nicht dazu aufgelegt, mit dem Kind auf Monsterjagd zu gehen. Die Kleine gab nicht nach und veranstaltete ein Konzert, dass sich mit Sicherheit die anderen Gäste beschweren würden. Bald schon zerrte sie mehr an ihm, als er an ihr. “Mach schon!”, versuchte sie, ihn zum Mitkommen zu bewegen.

Letztlich ergab er sich ihrem Drängen und lenkte ein. “Na schön! Wir gehen!”

Denn Schlaf finden konnte er auch nicht.
 

In Faringart gab es keine Torwachen, so wie in Henriks Heimatstadt Bärenhag. Er und Annemarie mussten sich einzig vor den Patrouillen der Nachtwächter in Acht nehmen, welche mit Laternen bewaffnet durch die Straßen zogen und stündlich in unverständlichem Dialekt die Uhrzeit ausriefen. Sie schafften es mit Mühe und Not, die Wachen zu umgehen und machten sich auf den Weg.

Mitten in der Nacht erreichten sie, was von der Forstwirtschaft übrig war. Sie gingen an den aneinander aufgereihten, frischen Gräbern der Bewohner vorbei, welche Henrik Stunden zuvor half auszuheben. Provisorische Holzkreuze zierten die hastig aufgeschütteten Grabhügel. Henrik konnte nicht einmal hinsehen. Er schüttelte seinen Kopf in der Hoffnung, das Bild der sterbenden Henrike würde hinaus purzeln und er müsse es nicht länger ertragen. War klar, dass es nicht so einfach war.

Henrik führte Annemarie zum Pfotenabdruck. “Den Abdruck haben wir gefunden”, sagte er und zeigte mit dem Finger darauf.

Die Kleine hockte sich vor der Spur hin. Beobachtete, wie sich das Licht des gespaltenen Mondes in dem feuchten Schlamm spiegelte. Begeistert zog es sie in ihren Bann.

“W-Wolltest du nicht irgendetwas finden?”, drängelte der Schmied. Er fürchtete, dass das Monster jeden Moment auftauchen könnte.

Das Mädchen fasste in den Schlamm und hatte prompt eine Vision.

“Was siehst du?”

“Da ist ein Mann, der wird zum Wolf.”

“Blödsinn! Das gibt es doch gar nicht!”

Annemarie schmollte. Sie ballte die Hände zu fäusten und streckte die Arme vom Körper weg. “Wenn du mir nicht glaubst, dann gehe ich eben allein!” Dann stapfte sie demonstrativ in den Wald hinein.

“Mo-Moment, wo willst du hin?” Henrik entschied, ihr besser zu folgen. Er fürchtete, sie könnte der Kreatur in die Pranken laufen. Was er täte, wenn sie tatsächlich dem Ungetüm gegenüber stünden, wusste er zwar auch nicht, aber er konnte sie nicht einfach allein lassen! Gemeinsam durchquerten sie den Wald und erreichten eine weitere Lichtung. Der Boden war durchzogen von silbrig glänzenden Adern. Henrik musste feststellen, dass sie sich immer weiter von bekannten Pfaden entfernten.

“Du, wir s-sollten wirklich umkehren”, empfahl das braunhaarige Nervenbündel besorgt.

“Nö!”, verweigerte sich das Kind.

“Aber-”

Ein Wolfsheulen schnitt ihm das Wort ab.

“Da kommt er!”, kündigte Annemarie an.

“Was, du hast uns zum Monster geführt?!”

“Hab ich doch gesagt!”

Henrik rutschte das Herz in die Hose. Oder vielleicht auch etwas anderes.

Plötzlich brach ein grauer Schatten aus dem Wald gegenüber den beiden aus. Eine Kreatur, wie eine Mischung aus Mensch und Wolf.

“Das gibt’s doch nicht!”, graute es Henrik. Bis ihm klar wurde, dass er lieber weglaufen sollte. Er packte Annemarie und zerrte sie mit sich. Der Werwolf musste sie bereits als seine Beute gewittert und ihre hektischen Fluchtversuche ausgemacht haben. Er rannte auf allen Vieren auf sie zu. In der Dunkelheit übersah Henrik einen Stein und stürzte. Dabei riss er die Kleine mit sich zu Boden.

“Hey!”, beschwerte sich Annemarie.

Die Bestie war nur noch dreißig Meter entfernt. Bald würde sie sie zerfleischen.

Annemarie hielt noch immer Henriks Hand. “Der Boden”, sagte sie.

“Was ist damit?”, fragte Henrik unter Stress.

“Ich habe es gesehen. Du musst ihn benutzen.”

“B-Benutzen?” Während er noch überlegte, kam der Tod mit Riesenschritten unaufhaltsam näher. Henrik sah sich die Adern im Stein genau an. Es musste sich um ein natürliches Vorkommen von Silber oder einem ähnlichen Edelmetall handeln. Ein Stoßgebet gen Himmel sendend, rief er: “Bitte funktioniere!”

Kurz bevor sie der Werwolf erreichte, ließ Henrik Annemarie los und schlug mit beiden Handflächen auf den Boden. Ein greller Blitz erhellte die Nacht, wie zuvor in Greymores Arena. Das Geräusch von aufgespießten Fleisch erfüllte die Luft, begleitet von einem erbärmlichen Jaulen. Henrik sah auf und traute seinen Augen nicht. Vor seinen Händen ragten mehrere silberne, scharfe Spitzen empor. Zwei von ihnen hatten die Bestie getroffen. Eine durchstieß die Schulter, die andere den Oberschenkel. Dampf trat aus den Wunden empor, als würde das Edelmetall das Untier verbrennen. Unter Schmerzen war die Kreatur bestrebt, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Der Werwolf umfasste das Silber. Auch von den Innenflächen seiner Pranke stieg Rauch auf. Als er sie zerbrochen und aus dem Fleisch gezogen hatte, ergriff er sichtlich verstört die Flucht.

“W-War ich das?” Henrik betrachtete seine Hände. “W-Woher wusstest du das?”

“Ich hab deine rechte Hand gelesen, als wir gerannt sind.”

“Das hast du ohne hinzusehen gemacht?”

“Deine Lebenslinien haben es mir verraten. Alles was man schmieden kann, beugt sich deinem Willen. Das habe ich dir gesagt!”

Henrik erhob sich und ergriff eine der aus dem Boden ragenden Spitzen. Sie war brüchig und weich, wie man es von Silber kannte. Aus diesem Grund stellte niemand Waffen aus reinem Silber her. Eine Legierung wäre vielleicht stabil genug, bräuchte jedoch noch immer einen harten Kern aus Eisen oder Stahl und sie müsste oft erneuert werden. Als er sein Werk weiter befühlte, bemerkte er, dass er sich in seinen Gedanken verlor.

Auf einmal kniff er die Augen zusammen und verzog den Mund.

Annemarie sah ihn verwundert an. “Musst du mal?”, fragte sie.

“Nein. Ich versuche, sie zu verformen”, erklärte er sich.

“O, da passiert aber nix.”

“Es beugt sich wohl nur, wenn es Lust dazu hat.” Henrik schnappte Annemaries Hand. “Wir sollten hier verschwinden. Wer weiß, ob das M-Mo-Monster zurück kommt.”

Gemeinsam rannten sie zurück nach Faringart, ungeachtet der Bestie, die tief im Wald ihre Wunden leckte und Henrik gewiss ganz oben auf die Speisekarte gesetzt hatte.
 

Ein Sonnenstrahl drang durch das schmale Kellerfenster ein und verriet, dass der nächste Morgen angebrochen war. Das Licht fiel auf den am Boden liegenden Clay, der seine menschliche Gestalt wieder angenommen hatte, mühte sich ihn wachzukitzeln. Bis zu diesem Moment nicht von Erfolg gekrönt. Aber allmählich kehrte sein Bewusstsein aus der Traumwelt zurück, angelockt von lieblichen Worten.

“Hey, wacht endlich auf!”, sprach eine Stimme, die er schnell Nebula zugeordnete.

Clay erhob sein Haupt und tatsächlich: In einer Ecke fand er die vorlaute Blondine bequem im Schneidersitz an der Wand lehnen. Clay streifte die viel zu großen Schellen von Armen und Beinen ab. Noch immer leicht benommen von seiner Verwandlung letzte Nacht, drückte sich der Jägersmann mit den Ellenbogen vom Boden ab, kam erst auf alle vier, nur um sich vollends zu erheben. Nebula zögerte nicht, es ihm gleich zu tun. Erst jetzt bemerkte er, dass ihre Kleidung an der rechten Schulter in Fetzen gerissen war.

“Was war letzte Nacht?”, fragte die Blondine. “Ihr habt ganz schön zugebissen.” Sie fasste sich an den freiliegenden Nacken.

Clay wurde umgehend kreidebleich. “Scheiße, ich habe dich gebissen?!”, fragte er fassungslos. “A-Aber wieso lebst du noch?” Er warf Nebula einen skeptischen Blick zu. “Du bist nicht etwa doch ein Kerl?”

“Soll ich Euch eine Zimmern?!”, krähte die Blondine ungehalten und schwang ihre Hand erregt in der Luft.

“Der Biss macht dich zum Werwolf, wenn du’n Mann bist. Aber ne Frau… Frauen verrecken nur elendig. Da gibt’s keine Ausnahmen!” Seinen Blick kurz abwendend, fügte er hinzu: “Oder zumindest sollte es die nicht geben.”

“Nun, Euer Biss ist anstandslos verheilt.” Sie nahm ihre Hand zur Seite und präsentierte die makelose Haut unter dem zerrissenen Kleidungsstück. “Heißt das, ich bin…”

Der Jägersmann gab ein gequältes Lachen von sich. “Nein. Das hättest du bemerkt! Der ersten Verwandlung geht eine echt beschissen schwere Infektion voraus.”

Nebula schwieg daraufhin andächtig.

“Symptome hast du aber auch nicht… Wie geht’n das?”

“Vielleicht hat es mich gerettet, dass ich selbst schon ein Monster bin.” Sie zeigte ihm das rote Glühen ihrer Augen, indem sie kurzfristig die Teufelskräfte ihrer Waffen aktivierte. Clay zuckte erschrocken zurück. Hatten ihn seine Instinkte doch nicht getäuscht, die ihn vor dem Mädchen gewarnt hatten?
 

Nebula wurde von einem entsetzten Jäger angestarrt. Ihm musste das wahnsinnige Glühen seiner Augen letzte Nacht bewusst sein, dennoch schien ihm ihr Kunststück der wechselnden Augenfarbe Respekt einzuflößen. Offenbar hatte er bisher das Glück gehabt, noch nie einem Waffenmeister begegnet zu sein. Da sie nun den Kontext zwischen den Zeilen lesen konnte, verstand sie den Mann und seine Handlungen viel besser. Sie waren gar nicht so verschieden - zwei Monster, die versuchten, mit ihrer Bürde zu leben. “Ich weiß, wie Ihr Euch fühlt. Die Kontrolle zu verlieren, ist mir nicht fremd. Man tut Dinge, die man nicht entschulden kann.” Dann setzte sie ein gezwungenes Lächeln auf.

Clay ging nicht auf ihre freundliche Geste ein. “Du hast’n scheiß Schwein gehabt!”, tadelte der Jäger. “Einfach so in fremde Keller kriechen ist unverantwortlich! Ich hätte dich zerreißen können. Ich bin’n Monster!”

“Ihr lebt in Einsamkeit und meidet die Menschen. Ich sehe nicht, wo Ihr abscheulich seid. Mehr kann man in Eurer Lage nicht erwarten.”

“Sagst du das auch noch, wenn du weißt, dass ich Leute umgebracht habe?”

Nebula horchte auf.

“Früher war’s anders. Bevor ich nach Faringart kam hatte Ich ne Familie. Ne liebende Frau, nen mutigen Sohn und ne schöne Tochter. Eines Nachts…” Er pausierte - musste anscheinend die Worte finden. “...überfiel mich ein weißer Werwolf. Den Biss von dem Vieh überlebte ich irgendwie. Aber beim nächsten Vollmond bin ich komplett ausgerastet. Ich hab die gejagt und gefressen, die mir alles bedeutet haben!”

“Ihr habt Eure Familie angegriffen?”

Clay senkte den Kopf und bejahte stillschweigend.

Nebula dachte zurück an den Tag ihrer Hochzeit. An die Ereignisse, die sie in den Tiefen ihres Geistes einschloss. Das machte es ihr leicht, Verständnis für die Situation ihres Gegenübers aufzubringen. ”Ihr wart nicht bei Verstand. Euch trifft keine Schuld.”

“Aber tot sind sie trotzdem! Ich durfte am nächsten Morgen mein Werk betrachten. Meine Frau war noch am Leben. Ich hatte’n Platz in der ersten Reihe, als sie jämmerlich verendet ist.” Für eine Weile erfüllte die Stille den Kellerraum. “Danach musste ich abhauen. Dank meiner Sinne hab ich mir als Jäger nen Namen gemacht.”

“Jetzt ist Schluss mit diesem Gerede von Schuld und Selbstgeißelung”, unterbrach ihn Nebula. “Da wird man ganz depressiv! Helft mir lieber, das echte Monster zu stoppen. Das ist Eure Gelegenheit, Buße zu tun!”

Clay erkannte die Wahrheit in Nebulas Worten.

Vielleicht war es auch ihrem Geruch geschuldet. Er war so vertraut und deshalb gleichzeitig beängstigend, er konnte sich keinen Reim darauf bilden. Vielleicht war es ihre dämonische Hälfte. Das Böse war eine Verbindung, die Biest und Dämon miteinander teilten. Er war nicht imstande, es einzuordnen. Eine gefährliche Neugier erfasste ihn. “Was verlangst du von mir?”, fragte er.

“Ich wollte Euch als Fährtenleser. Doch als Werwolf könnt Ihr mir viel nützlicher sein. Ihr vermögt es wahrscheinlich, den anderen direkt zu wittern.”

Clay spürte, wie die Lebensgeister in ihn zurückkehrten. Ein Ziel vor Augen war etwas, das es ihm schon seit langem ermangelte.

“Führt mich zu ihm”, forderte Nebula, “damit ich ihm die Kerze löschen kann.”

Wolfsblüter


 


 

Henrik war früh am Morgen in die Küche gegangen, um sich Material zum Üben zu beschaffen. Mit der Unterseite seines Oberteils nach oben gebogen, floh er aus der leeren Küche des Gasthofes. Bei jedem Schritt klirrte und klang es. Er eilte sich auf sein Zimmer zu gelangen, bevor ihn jemand erwischte. Kaum in der Sicherheit seines Raumes verborgen, stieß die Tür mit dem Fuß hinter sich zu.

“Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich gemacht habe!”, sprach er zu sich selbst.

Schnell entleerte er den Inhalt des gefalteten Oberteils auf dem Bett. Messer, Gabeln und Löffel purzelten heraus und fielen auf die Decke. Henrik schwebte etwas für das entwendete Essbesteck vor. Er hockte sich auf den Boden vor dem Bett und ergriff einen Löffel. Ich habe echt einen Sockenschuss, dachte er. Er hielt den Löffel auf Abstand und erhob ihn mit gebeugtem Arm auf Augenhöhe. Seine Augen fixierten das archaische eiserne Essgerät und ließen nicht mehr von ihm ab. Henrik konzentrierte sich mit aller Macht auf den Suppenaufnehmer in seiner Hand.

Jeden Moment würde es passieren.

Etwas musste passieren!

Doch passierte nichts.

Der Löffel blieb das, was er war: Ein Löffel.

Enttäuscht ließ Henrik seinen Arm fallen, ohne das Besteck dabei loszulassen.

Was habe ich mir nur dabei gedacht?, tadelte er sich selbst.

Plötzlich fühlte er eine fremde Bewegung in seiner Hand. Er führte das Essgerät erneut vor seine Augen und musste feststellen, dass es seine Funktion völlig verändert hatte. Das Metall hatte sich in eine neue Gestalt gewunden, sodass sich der Löffel in eine Gabel verwandelt hatte. Ungläubig ließ er sie fallen und ergriff eines der Messer. Während er es anstarrte, bog es sich nach hinten, als versuchte es, vor seinem Blick zu fliehen. Das konnte nur zwei Dinge bedeuten. Entweder war Henriks letztes Mahl mit halluzinogenen Substanzen gewürzt gewesen oder Metall beugte sich tatsächlich seinem Willen. Alles, was ihm jetzt noch gelingen musste, war das ganze Zeug zurück in die Küche zu schmuggeln.
 

Clay konnte das Blut seiner Beute wittern. Er führte Nebula zu dem Ort, an dem Stunden zuvor das Leben ihrer Begleiter auf dem Spiel stand. Aber das war ihnen nicht klar. Sie wussten beide nichts mit den seltsamen Silberformationen anzufangen, die sie fanden, als sie den Spuren folgten. Wie sie aus dem Boden sprossen, als seien sie wie eine Pflanze gewachsen, wirkte befremdlich auf sie beide.

“Was ist das?”, fragte Nebula, als sie einen der silbernen Stalagmiten berührte.

“Keinen Schimmer”, antwortete Clay. “Aber die Dinger sind voll mit Werwolfsblut.” Er deutete auf die abgebrochenen Spitzen auf dem Boden, welche mit einer rotbraunen verkrusteten Patina überzogen schienen.

Nebula musste aufgefallen sein, dass Clay einen Sicherheitsabstand zu den Gebilden einhielt, als übertrugen sie einen tödlichen Virus.

“Wenn Ihr näher ran kämt, könntet Ihr mehr sehen.”

“Geht nicht, ist Silber.”

“Mögt Ihr keine Edelmetalle?”, scherzte Nebula.

“Silber ist’n bisschen giftig für Werwölfe”, begann Clay zu erklären. “Es verbrennt unsere Haut und vergiftet unser Blut.”

“Ich weiß. Ich wollte Euch erheitern.”

Clay fand das allerdings überhaupt nicht lustig. Statt sich zu entrüsten, hielt er seine Nase in den Wind. Die Fährte des anderen Werwolfs wurde nun immer klarer. Doch er konnte noch mehr riechen. Angstschweiß. “Hier hat jemand gegen den Werwolf gekämpft... und sich fast dabei in die Hosen gemacht.”

“Das tut mir Leid ... für Eure Nase”, scherzte Nebula.

“Wer auch immer das war, hat den Wolf in die Flucht geschlagen.”

“Das könnt Ihr alles riechen? Hat das vielleicht mit diesem Silber zu tun?” Einen Moment schien sie an etwas anderes zu denken. “Ich bringe ihn um!”, verkündete sie anschließend.

“Den Wolf?”

“Nein, Henrik!” Sie ballte die Hand zur Faust.

“Wer is’n das?”

“Ein Trottel! Wie kann er sich nur so in Gefahr begeben und auf eigene Faust auf Monsterjagd gehen?”

“Der hat den Werwolf verfolgt und dabei das hier gemacht?”

“Einmal hat er ein zerbrochenes Schwert mit bloßen Händen wieder zusammengefügt.”

“Das is’n heftiger Hokuspokus. Dieser Henrik muss mächtig sein.”

“Ja”, Nebula begann zu kichern. “Ein mächtiger Idiot.” Nebula konnte versuchen, ihre Maskerade aufrecht zu halten, solange sie wollte. Die kleinen Zeichen, die sie aussandte, als sie über diesen Henrik sprachen, blieben Clays Werwolfssinnen nicht verborgen. “Jetzt lasst uns hier keine weitere Zeit verlieren! Zeigt mir, wo dieser Werwolf sein Versteck hat!”

Gemeinsam folgten der Fährte über die Lichtung und wieder hinein in den Wald.
 

Hoch im Geäst saß ein Schatten in schwarzer Kleidung. Dunkle Handschuhe spannten eine Armbrust. Das eingefügte Projektil war vollkommen mit einer Legierung überzogen, welche einen hohen Silberanteil aufwies. Ein Geschoss, wie geschaffen für die Jagd nach Lykantrophen. Die Waffe wurde von ihrem Träger auf die linke Armbeuge gelegt und an der rechten Schulter angelehnt. Durch dichte Haarsträhnen hindurch schauten die Augen eines Killers auf der Suche nach einem Ziel.
 

Erneut ragte die Nase des Jägers hinauf in die Luft. Der typische Geruch des Waldes erfüllte Clays Riechorgan. Im Süden, in etwa zweihundert Meter Entfernung, befand sich eine Rehmutter mit ihrem Jungen. Im Westen durchstreifte eine Rotte halbstarker Überläufer den Forst, auf der Suche nach Fressbarem. Auf einem Baum im Westen schlief eine vollgefressene Wildkatze. Die Maus mundete ihr bestimmt vorzüglich. Doch mittendrin war der Gestank der Abscheulichkeit. Clay und Nebula folgten der Fährte.

Plötzlich zuckte das Ohr des Jägers unter dem Geräusch einer herranschnellenden Bedrohung. Sofort warf sich der Mann auf seine schöne Begleitung, um sie zu schützen.

“Hey, was soll das?!”, beklagte sich Nebula, als er sie zu Boden riss.

Im nächsten Moment schlug ein Bolzen im Baum neben ihnen ein.

“Wir werden angegriffen!”, erklärte sich Clay.

Nebula drückte den schweren Mann von sich. “Runter von mir! Ich kann selbst auf mich aufpassen!” Sie sah zu dem Projektil, welches nur noch zur Hälfte aus dem Stamm herausragt. “Außerdem galt dieser Anschlag sowieso Euch.”

Clay erkannte, aus welchem Material der Bolzen gefertigt war, und stimmte ihr zu. Er nahm seinen Bogen, den er über der Schulter trug, und legte einen Pfeil aus dem Köcher an.

Nebula streckte ihren Arm aus. “Triff ins Schwarze, Gastraphetes!”

In seiner stoischen Gelassenheit und beinahe karikaturisten Coolness nahm Clay es augenscheinlich hin, dass diese Frau eine Waffe offenbar aus dem Nichts herbeirufen konnte. Für sie bestand wohl kein Grund mehr, diese Fähigkeit weiter vor ihm zu verheimlichen. Aber seine Instinkte rieten ihm zu äußerster Vorsicht mit diesem Weibsbild.

“Wenn er sich zeigt, ist er tot!”, sagte Nebula selbstsicher. “Teufelsmagie: Bullseye!” Die Teufelswaffe lud und spannte sich von selbst. Nebula legte die Waffe an und wartete auf eine Gelegenheit, sie einzusetzen.

Clays feiner Geruchssinn trat erneut in Aktion. Zwischen all den Gerüchen war noch etwas anderes. Eine sanfte feminine Duftnote flutete seine Nebenhöhlen. “Nicht er wird tot sein”, sagte er, “sondern sie. Die uns angreift, ist eine Frau. Ich kann sie riechen.” Er nahm noch einen tiefen Atemzug. Der Duft der Frau, die ihn töten wollte, betörte ihn. Er inhalierte ihn wie Kräuterbalsam. “Sie ist gerade in ihren fruchtbaren Tagen.”

Nebula verzog angewidert ihr Gesicht. “Ekelhaft!”

Clay hatte keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen, dass er sich wie ein Rüde aufführte, der eine läufige Hündin gerochen hat. Ein Geräusch versetzte sein Ohr erneut ins Zucken. “Achtung!”, brüllte er.

Nebula reagierte sofort und feuerte das Gastraphetes ab. Sein Bolzen und jener der Fremden Armbrust stießen mitten im Flug genau aufeinander und prallten voneinander ab. Clay verfolgte es mit Erstaunen und Entsetzen gleichermaßen. “Das soll jetzt wohl ein Witz sein”, staunte der Jäger.

“Das war nicht ich. Das war die Teufelsmagie meiner Waffe. Wenn ich sie einsetze, trifft ein Schuss immer mitten ins Schwarze. Aber wo ist dieses Miststück?”

“Sie muss irgendwo dort hinten sein.” Er deutete nur mit den Augen auf eine dichte Baumgruppe, die von Büschen flankiert wurde. “Die Braut bleibt in sicherer Entfernung. So kann ich ihr Herz nich schlagen hören und ihre Position erahnen.”

“Also weiß sie auch um die Fähigkeiten eines Werwolfs Bescheid."

“Davon müssen wir ausgehen.”

Mordlüsternes Grinsen verzerrte Nebulas Gesicht. “Na wollen wir mal sehen, ob wir sie nicht herauslocken können!” Sie umklammerte das Hinterteil ihrer Armbrust mit beiden Händen und begann sie anzuheben. “Erschüttere und zerschmettere, Quake!” Nach der Anrufung verflüssigte sich die Armbrust und Nebula schlug mit der Faust auf den Boden, um sie mit einem Schwert zu tauschen, dass sie an seinem Griff aus dem Erdboden zog. Es war wirklich absurd groß, wie Clay meinte. Nebula hob die Waffe mit Leichtigkeit an und der Unterkiefer Clays senkte sich entsprechend. Die zierliche Frau ließ die Klinge in Richtung der Bäume zu Boden schnellen. “Teufelsmagie: Wunde im Erdmantel!” Ein Graben riss auf und setzte sich bis zu der Baumgruppe fort. Die Pflanzen begannen zu beben, verloren ihren Halt und kippten zur Seite um.

Eine feminine Gestalt sprang mit wehenden Haaren und Umhang aus ihrem Versteck auf den Boden und eilte sich ein neues zu finden. Clay spannte seinen Bogen und schoss. Der Pfeil bohrte sich in der Höhe in einen der nicht umgestürzten Bäume, in der einen Moment zuvor noch der Kopf der Fremden war. Hinter einem dicken Stamm suchte die Attentäterin Schutz und kletterte den Stamm des Baumes hinauf. Sie nutzte das Blattwerk, um im Schutz des Geäst zu entkommen.

Clay schnüffelte, aber konnte ihre Ausdünstungen nicht mehr riechen. “Sie ist weg”, verkündete er. Schade, fügte er in Gedanken an. Insgeheim hoffte er, der Besitzerin dieses wundervollen Duftes eines Tages von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

Nebula entspannte sich und Quake verschwand.
 

Der Fährte des Monsters zu folgen, nahm eine weitere Viertelstunde in Anspruch. Der Geruch führte Clay und Nebula zu einem Felsvorsprung mit einer kleinen Höhle. Das einfallende Licht verlor sich rasch im finsteren Loch. Der Boden vor der Höhle war weich und feucht und Spuren von Mensch und Tier hatten sich in ihm verewigt.

“Sind wir hier richtig?”, fragte Nebula.

“Meine Nase irrt sich niemals”, versicherte Clay. “Sonst wüsste ich auch nich, dass du gerade deine Periode hast, Mädel.”

Nebula überkam eine Mischung aus zorniger Erregung und quälendem Scham. Sie lief rot an und wandte sich von Clay ab. “W-Was fällt Euch ein, Ihr P-Perversling!”, quäkte sie beschämt. “Das ist meine Privatsphäre! Das geht Euch gar nichts an!”

“Ha ha ha!”

Das Gelächter triggerte eine inbrünstige Wut in der Söldnerin. Nebula zog ihr Schwert und ließ es unter Clays Kinn ragen. “Genug ist genug!” Feuriges Rot brannte in den Iriden ihrer Augen.

“Sachte, sachte!”

Nebula steckte ihr Schwert zurück an ihren Bund. “Spart Euch das einfach!” Sie ließ ihre Blicke in das finstere Loch in der Felswand vor ihnen schweifen. “Dort ist der Werwolf also drin... Ein Glück, dass wir Fackeln mitgenommen haben.”

Clay reichte ihr die Beleuchtungskörper. “Brauchst du’n Anstandswauwau?”

“Nein, passt schon. Geht zurück nach Faringart. Falls die Höhle einen zweiten Ausgang hat, sollte jemand anwesend sein, der es mit dem Werwolf aufnehmen kann.”

“Ich verstehe!” Clay begab sich eilig auf den Rückweg.

Nebulas skeptische Blicke folgten ihm. Etwas stank ihr an der Geschichte, die sie von ihm aufgetischt bekommen hatte. Sie wollte keinen zweiten Wolf im Rücken haben, wenn sie drauf und dran war, einen zu jagen.
 

Auch mit der Macht des Bösen in den Venen, war Nebula im Dunkeln genauso blind wie jeder andere. Darum musste sie eine Fackel entzünden, bevor sie es wagen konnte, den Spuren zu folgen. Tief führten sie in die Finsternis hinein. Der Boden der Grotte war mit Matsch bedeckt. Ein Teil eines menschlichen Oberschenkels erinnerte sie daran, dass sie sich bei diesem Ungetüm wenigstens nicht zurückhalten musste. Es würde die volle Macht ihres Arsenals zu spüren bekommen, das hatte sie beschlossen.

Je weiter sie eindrang, desto mehr menschliche Überreste stachen aus dem Matsch hervor. Die Wände der Höhle veränderten ihre Beschaffenheit. Mehr und mehr wirkten sie, als wären ihre Schöpfer nicht Zeit und Natur, sondern fleißige Hände gewesen. Die willkürlich anmutenden Formen des Ganges glichen sich stetig einem Quadrat an und in der Ferne erspähte Nebula ein Licht. Es führte sie in einen großen runden Raum. Hier waren die Wände mit Holz verkleidet und es schien, als gäbe es in etwa vier Metern Höhe einen Laufsteg mit einem Geländer. Die Verkleidung der Wand wies viele tiefe Kratzspuren auf. Gegenüber der Passage befand sich ein großes metallisches Gitter, welches möglicherweise zu einem weiteren Ausgang führte. An den Seiten gab es mehrere kleine Öffnungen, die ebenfalls vergittert waren.

Nebula ging bis in die Mitte des Raumes und nahm ihn in Augenschein. Plötzlich vernahm sie hinter sich ein Schleifen, gefolgt von einem Knall. Sie wandte sich dem Geräusch zu und musste feststellen, dass nun ein massives Eisengitter den Eingang versperrte, den sie just genommen hatte.

“Willkommen im Zwinger!”, tönte eine Stimme von oben.

Nebula sah sich auf der Suche nach ihrer Herkunft um. “Zeig dich!”, forderte sie.

“Aber wo wäre dann der Spaß?”

Die Gitter links und rechts von ihr hoben sich und mehrere Tiere, Kreuzungen zwischen Wolf und Hund - Wolfsblüter - betraten Zähne fletschend die Arena.

“Ihr hättet nicht hierher kommen sollen!”

Knurrend zogen die Tiere ihre Kreise um ihre vermeintlich wehrlose Beute.
 

Unterdessen erreichte Clay Faringart.

Ein Halbstarker und ein Mädchen kamen ihm entgegen, als er den Marktplatz betrat.

Clay kannte die Beiden. Sie waren Nebulas Begleiter. Hätte er sie nicht bereits zusammen gesehen, hätte er zumindest den Jungen an seinem Geruch erkannt. Er roch meilenweit nach Angst und Feigheit, obwohl er gar nicht so aussah. Er war eindeutig dieser Henrik, von dem Nebula gesprochen hatte. Aber auch das Mädchen wieß eine seltsame Duftnote auf.

“Was wollt’n ihr?”, fragte der Jäger.

“Wir warten schon lange auf Nebula”, erklärte Henrik. “Wisst Ihr vielleicht wo sie ist?”

“Ich hab keine Ahnung”, log Clay, in der Hoffnung, sie blieben in der Stadt.

Das Mädchen sah ihn fragend an. Es war fast, als durchschaue sie seine Lüge. Obendrein roch sie so merkwürdig. Nach Tinte und altem Pergament, statt nach Schweiß, Schlamm und Dreck, wie andere Kinder. Nicht dezent und schwach, sondern penetrant und aufdringlich. So viel konnte sie nimmer in dem Werk gelesen haben, welches sie mit sich führte.

“Sag mal, Kleine, wer - oder viel mehr was - bist du eigentlich?”, fragte er das Kind.

“Ich?”, antwortete die Kleine. “Na die Annemarie.”

So hatte er es nicht gemeint. “Du riechst nach Buch.”

“Ich lese gern.”

Clay überlegte, ob seine Phantasie ihm Streiche spielte. Aber ein vollkommen anderer Geruch beunruhigte ihn viel mehr, als dieser sich dazwischen mischte und alles andere unwichtig erscheinen ließ. Der abscheuliche Gestank des anderen Werwolfs. Selbst als Werbiest empfand Clay diesen Geruch als herausragend widerlich. Seine Präsenz bedeutete, die Kreatur trieb in der Nähe der Stadt ihr Unwesen. “Entschuldigt mich”, sagte er und begab sich zurück zum Stadttor. Mehrere verängstigte Leute rannten ihm schon von weitem entgegen. Das war keineswegs ein gutes Zeichen! Als der Jäger das Tor erreichte, sah er den Grund für die Angst der Bewohner: Mitten auf der Straße stand der Lykantroph. Seine Schulter, eine der Pranken und sein Bein von verheilten Brandwunden verziert, die er sich beim Kontakt mit dem Silber auf der Lichtung zugezogen haben musste. Regungslos starrte er auf die Stadt, als warte er noch auf seine Einladung zum großen Fressen.

Der Werwolf von Faringart


 


 

Wildes Bellen und Knurren erfüllte die Höhle.

Der Meister der Wolfshunde war sich seiner sicher und grinste zufrieden. Darauf trainiert, Angst und Schrecken zu verbreiten, würden seine Tiere genau das tun, was er von ihnen erwartete: Diese Frau in Stücke reißen! Ein Rudel ausgehungerter Hunde mit dem Blut wilder Bestien in ihren Adern macht kurzen Prozess mit seiner Beute.

Aber die aggressiven Laute schlugen schnell in klägliches Jaulen und Wimmern um. Nach und nach wurden sie weniger, bis sie endgültig verebbten. Stattdessen vernahm er einen dumpfen Knall. Das Grinsen hing dem Bestienmeister nun arg schief in der Visage. Er musste einen Blick in den Zwinger riskieren. Was er sah, schockierte ihn zutiefst. Überall war Blut. Doch es gehörte nicht der Frau, sondern seinen Wolfshunden. Jeder einzelne von ihnen lag zu Tode massakriert auf dem Boden. Einigen war der Kopf abgeschlagen worden. Andere hatten Gliedmaßen eingebüßt oder lagen aufgeschlitzt in einer Lache ihres eigenen Lebenssaftes. Von seinem Opfer sah er keine Spur, dafür lag das schwere Eisengitter zwischen seinen Hunden.

“Allmächtiger!”, stieß der Mann voller Entsetzen aus.

“Falsche Adresse!”, sprach es hinter ihm.

Mit einem krausen und irritierten Blick wandte er sich der Quelle zu und umklammerte dabei das Geländer hinter seinem Rücken. Es war die Frau, die ihr Ende durch seine Hunde hätte finden sollen. Stattdessen fand er sich nun mit der Spitze eines merkwürdigerweise völlig unbefleckten Schwertes konfrontiert, das sie auf sein Gesicht richtete.
 

Nebula hatte ihn bereits an seiner Stimme erkannt und war nicht überrascht, als sie dem Meister der Hunde von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand. Der Mann am Ende ihrer ausgestreckten Waffe war kein Geringerer als Jonathan, der Sohn von Fürst Georg. “Ihr werdet mir das hier erklären!”, forderte die Söldnerin nach Antworten. “Was ist das für ein Ort? Wieso waren die Hunde hier?”

“Und Ihr glaubt, dass ich mich dazu erniedrige, Eure Fragen zu beantworten?”

“Nun, wenn Ihr es vorzieht, in kleine, feine Scheibchen geschnitten zu werden, anstatt mir ein paar Fragen zu beantworten, so will ich Euch diesen Wunsch gern erfüllen!” Um ihre Drohung zu untermalen, stieß Nebula ihr Schwert näher an seinen Kopf heran und bremste erst um Haaresbreite vor Jonathans Auge ab.

Jonathan hing an seinem Leben, weshalb er angesichts der Drohgebärden der Blondine einlenkte. ”Na schön! So sei es! Ich werde Euch alles erzählen!” Er versuchte der Klinge auszuweichen und beugte sich dabei rücklings über das Geländer. “Aber bitte, tötet mich nicht! Ich flehe Euch an!”
 

Angesichts der monströsen Bedrohung mobilisierten sich die mutigsten unter den Männern von Faringart, um sich der Kreatur entgegenzustellen. Entschlossen, ihre Heimat um jeden Preis zu verteidigen, passierten sie Clay, der noch immer bewegungslos unter dem Torbogen stand und es vorzog, den grauen Werwolf mit finsteren Blicken in Schach zu halten. Die Stadtwachen näherten sich dem Ungetüm und steckten ihm ihre Hellebarden entgegen, während die Jäger ihre Bogen spannten, um Feuerschutz zu leisten. Währenddessen tönte eine Stimme in Clays Kopf. ‘Gib mir den Jungen!’, forderte sie. Werwölfe waren in der Lage, telepathischen Kontakt mit ihres gleichen aufzunehmen. Sogleich wieß Clay die Forderung zurück. ‘Kannst du getrost vergessen!’, kommunizierte er.

Unterdessen hatten die Verteidiger die Bedrohung umzingelt und begannen mit dem Vorstoß. Als die Bögen der Jäger sangen, bohrten sich Pfeile in das Fleisch des Monsters, schienen ihre Wirkung allerdings zu verfehlen. Unbeeindruckt zog sich der Graue die Projektile aus dem Fleisch und begann seinen Gegenangriff, indem er sich einen Feind nach dem anderen vornahm. Ein gewaltiger Hieb mit der Pranke warf eine der Stadtwachen mit immenser Wucht um. Der Mann prallte auf den Boden und als Clay dank seines Wolfsgehörs deutlich mehrere seiner Knochen zersplittern hörte, war ihm klar, dass der Wächter nie wieder aufstehen würde. Einen anderen Trafen die Klauen an der Schläfe und zertrümmerten ihm trotz Helm den Schädel. Auch er wurde meterweit durch die Luft geschleudert. Als sich der Werwolf durch die Nahkämpfer gearbeitet hatte, fielen ihm auch die Jäger zum Opfer, die ihn immer wieder mit ihren Pfeilen piesackten. Nachdem er sich um alle gekümmert hatte, die es wagten, ihn anzugreifen, wandte sich der Werwolf erneut Clay zu.

‘Gib mir den Jungen!’, forderte erneut eine hallende Stimme in Clays Kopf.

‘Niemals!’, weigerte er sich telepathisch.

‘Dann hole ich ihn mir einfach! Und töte jeden, der sich mir in den Weg stellt!’

‘Versuche es doch!’

Der Werwolf stieß ein furchteinflößendes Brüllen aus.

Clay blieb keine andere Option, wenn er seine Heimat beschützen wollte. Er antwortete mit einem ebenwürdig furchteinflößenden Laut. Kurz blickte er über seine Schulter in die Stadt hinein und sah das Entsetzen in den Augen der Bürger. “Ich werde nicht zulassen, dass er noch jemanden verletzt!”, rief er den Menschen zu. Dann legte er Bogen und Köcher ab. Er löste seine Gürtel, ließ sie zu Boden fallen und entledigte sich seines Oberteils. In Menschengestalt würde die Kreatur kurzen Prozess mit ihm machen. Darum musste er sein gut gehütetes Geheimnis offenbaren. “Ich habe viel zu lange weggesehen!” Entsetzliche Schmerzen zwangen ihn auf die Knie, als er seine innere Bestie von den Ketten ließ. Doch seine guten Absichten zählten nicht, da alles, was die Einwohner sahen, war, wie sich einer von ihnen als Monster entpuppte. Clay spürte, wie ihn Blicke voller Abscheu und Entsetzen durchbohrten, als er seine Menschlichkeit aufgab.

Der andere Werwolf hatte sich die Verwandlung aus sicherer Entfernung angesehen. Nach Abschluss des Prozesses brüllten sich graues und schwarzes Ungetüm noch einmal an, bevor sie sich in einen Kampf um Leben und Tod stürzten. Auf allen Vieren rannten sie aufeinander zu und sprangen sich an, entschlossen sich in einer Umarmung des Todes gegenseitig in Fetzen zu reißen. Unter wütenden Brüllen und Knurren trafen Pranken auf Fleisch und rissen tiefe Wunden. Als es keinem von Beiden gelang, die Oberhand zu erlangen, lösten sie sich und traten jeweils etwas zurück.
 

Verborgen zwischen Bäumen und Sträuchern beobachtete die Attentäterin den Kampf der Bestien. Ihr Auftrag war es, den Werwolf von Faringart zu erledigen. Ein Mann, der seine wahre Natur vor den Menschen verborgen hielt und unter ihnen lebte, wie einer von ihnen. Doch nun gab es zwei Ziele, auf die diese Beschreibung zutraf. Als sie ihre Armbrust spannte, legte sie den letzten der versilberten Bolzen ein.
 

Währenddessen brasselten wilde Hiebe auf Clay ein, als der Graue begann, abwechselnd mit der rechten und der linken Pranke zuzuschlagen. Clay wehrte die Angriffe ab aber musste schnell feststellen, dass er den Kräften seines Gegners nicht viel entgegenzusetzen hatte. War Schwäche der Preis dafür, das Fleisch von Menschen zu schmähen? Ein mächtiger Schlag beförderte Clay zu Boden und hinterließ vier parallele Furchen auf seiner Brust. Der Graue packte ihn und beugte sich über ihn. ‘Dumm von dir, sich gegen mich zu stellen!’, belehrte er Clay und ließ seine Stimme in dessen Kopf dröhnen. ‘Wir hatten eine Übereinkunft! Warum musstest du sie brechen?’ Er erhob eine Klaue, um seinem Gegner den Todesstoß zu versetzen.

Clay bereitete sich darauf vor, in die ewigen Jagdgründe überzutreten, als der Graue plötzlich unter Schmerzen zusammenzuckte. Etwas hatte ihn getroffen und nun versuchte er verzweifelt, die Ursache seiner Pein aus seinem Rücken zu entfernen. Während er sich drehte und wendete, war er offen für einen Angriff. Eine Gelegenheit, die Clay nicht verstreichen ließ. Mit gewaltiger Wucht, trieb er seinem Gegner die Klaue in die Brust. Dabei zerschmetterte er ein paar Rippen und drang dorthin vor, wo das Leben schlug, um es ihm zu entreißen. Der aschfarbene Werwolf brach umgehend tot zusammen. Clay ließ das entrissene Organ zu Boden fallen, sank auf alle Viere und verwandelte sich zurück. Dabei verheilten auch alle seine Wunden.

Er verharrte in dieser Haltung für eine gefühlte Ewigkeit.

Als er endlich seine Sinne wiederfand, sah er Nebula mit dem Sohn von Fürst Georg als Gefangenen zurückkehren. Sie musste ihn nicht einmal fesseln, da er ihr ohne Widerstand zu leisten bereitwillig folgte. Wahrscheinlich hatte sie ihm klargemacht, dass ein Fluchtversuch nicht förderlich für seine körperliche Unversehrtheit sein würde. Clay hockte sich hin und starrte auf seinen noch immer blutverschmierten Arm und die Hand, mit der er ein Leben beendet hatte. Er wollte nie wieder jemanden töten und dennoch tat er es. Er sah zu Nebula auf. “Was habe ich getan?”, fragte er sie.

“Das Richtige”, versicherte sie ihm.

Trotz allem wusste Clay, dass er sein Leben jemand anderem zu verdanken hatte.

Jonathan fiel neben dem Kadaver des grauen Werwolf auf die Knie.
 

Auf dem Marktplatz enthüllte Jonathan seinen Untertanen sein Wissen. Zuvor war er von Nebula auf ihre freundliche Art und Weise dazu überredet worden: Mit einer Klinge an seiner Kehle. Beide befanden sich auf dem gleichen Podest, auf dem zuvor die Treibjagd ausgerufen wurde, die das Volk beruhigen und ein düsteres Geheimnis bewahren sollte. Es war nur gerecht, dass von ihm aus nun die Wahrheit verkündet wurde. Gebannt sahen die Menschen auf den Sohn des Fürsten und warteten. Ganz am Rande befand sich der inzwischen wieder bekleidete Clay, der von seinen einstigen Kameraden mit verschiedenen Waffen in Schach gehalten wurde. Den Männern war nach dem vorherigen Kampf gegen den grauen Werwolf klar, dass ihre Armbrüste, Bögen und Sauspieße ihn nicht aufhalten würden, entschloss er sich dazu, ihnen nach dem Leben zu trachten. Es gewährte ihnen trotzdem eine Illusion von Kontrolle über eine aus den Fugen geratene Situation. Henrik beobachtete ihr Handeln und konnte es einfach nicht verstehen.

“Vater und ich tragen die Verantwortung für die Wolfsangriffe”, gestand Jonathan ein. “Das tote Monster vor den Toren der Stadt ist… euer Fürst.”

Eine Welle des Entsetzen fuhr durch die gesamte Versammlung.

“Mein Vater hat mir von der Nacht berichtet, als er gebissen wurde”, fuhr der Sohn fort. “Er sagte, es sei ein schneeweißer Wolf gewesen.”

Henrik blieb nicht verborgen, dass Clay buchstäblich die Ohren spitzte.

“Seither hat sich mein Vater in jeder Vollmondnacht in ein Monster verwandelt. Ich ließ ihm einen Zwinger errichten und durch Training gelang es ihm, selbst dann bei Verstand zu bleiben, wenn das Bestienauge voll am Himmel steht. Er hat euch vor den anderen beschützt. Ihr solltet dankbar sein!”

“Erzählt, wieso es dennoch Angriffe gab!”, forderte ihn Nebula auf.

“Seit ehrlich: Jeder von Euch ist nur darauf bedacht, den anderen zu übertreffen. Euer Ehrgeiz hat euch gespalten. Vater wusste, dass jeder nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist, aber er wusste auch von Eure Angst. Darum fiel er von Zeit zu Zeit jemanden an, damit ihr weiter Angst habt. Es hat funktioniert, ihr seid zusammen gerückt.”

Die Menschenmenge wurde wütend und die Anwesenden erhoben ihre Stimmen. Bald begannen sie mit Dingen nach Jonathan zu werfen. “Vabrecha!”, rief es. “Mörda!”

“Aber versteht doch, es war nur zu eurem Besten! Man entfernt ein krankes Tier, damit die Herde gesund bleibt. Ihr hattet ein gemeinsames Ziel. Niemand hat mehr gegen den anderen, sondern mit dem anderen gearbeitet. Es war endlich Frieden in der Stadt.”

“Warn des Madl und da Junge etwa kranke Viecher?!”, regte sich ein Bürger auf. “I drahe dia den Hals um, du Drecksau!”

Henrik spürte, wie sein Magen angewidert von der gestörten Logik dieses kranken Geistes anfing zu rebellieren. Herrscher trugen die Verantwortung, ihre Untertanen zu beschützen. Aber diese Blaublüter wollten sie nur durch Angst gefügig machen.

“Vergesst nicht, auch von den Hunden zu erzählen!”, erinnerte Nebula

“Wos fia Hunde?”, rief es aus der Menge.

“Euer Fürst konnte nicht überall sein”, antwortete Nebula anstelle Jonathans. “Darum hat er Wolfsblüter gezüchtet und sie abgerichtet, Menschen anzugreifen.”

“Unvazeihlich!”, rief ein aufgebrachter Einwohner.
 

Nebula war zufrieden mit der Enthüllung der Taten des Fürsten. Die Menschen hatten die Wahrheit erfahren und nun sollte es in ihrem Ermessen liegen, wie sie mit dem Sohn verfahren wollten. Das ging sie nichts an. “Schaut Euch die Menschen an, von denen Ihr Euch verantworten müsst”, flüsterte Nebula einem vor Angst zitternden Jonathan ins Ohr und nahm anschließend das Schwert von seiner Kehle. Er wiegte sich bestimmt schon in Sicherheit, wurde jedoch im nächsten Moment durch einen erniedrigenden Tritt von der Blondine in die wütende Menge befördert. Aber bevor die Anwohner etwas tun konnten, dass sie später bereuten, gingen die verbliebenen Stadtwachen dazwischen, hielten den Mob auf Abstand und führten Jonathan ab. Was nun mit ihm geschah, war Nebula herzlich egal. Er war es nicht wert, einen Gedanken an ihn zu verschwenden. Selbstzufrieden sprang sie vom hölzernen Podest herunter.

“Was soll das heißen, er ist ein Monster?!”, hörte sie Henrik schreien. “Hattet ihr Kartoffeln auf den Augen?” Offenbar ergriff der Idiot Partei für den Jäger, anstatt sich aus fremden Problemen herauszuhalten. “Er hat für euch gekämpft.”

“Lass gut sein, Junge”, versuchte Clay ihn zu beruhigen. “Nach all dem können sie einem Monster wie mir nicht vertrauen.”

Henrik wandte sich Clay zu. “Aber das ist ungerecht!”

Der Jäger legte ihm eine Hand auf die Schulter. “Manchmal ist die Welt so.”

“Er hat Recht”, stimmte Nebula zu, als sie sich zu ihnen gesellte. Die anderen Jäger gingen zur Seite und machten ihr den Weg frei. “Wenn das Vertrauen erst einmal zerstört ist, kann man es nicht einfach so reparieren.”

Clay wandte sich Nebula zu. “Ich hätte früher was mach’n soll’n. Aber ich wollte genau das vermeiden. Ich wollte mein neues Leben nich verlier’n. Also habe ich’n Schwanz eingezogen und den Gestank des Fürsten ignoriert. Im Gegenzug half er mir, mein Verlies zu bau’n und mein Geheimnis zu wahr’n. Das ist nun doch alles verloren hab, muss Ironie des Schicksals sein.”

“Es ist trotzdem ungerecht!”, behaarte Henrik.
 

Begleitet von ängstlichen, missgünstigen und verstörten Blicken trug die Gruppe ihre sieben Sachen zusammen. Anschließend wollten sie sich vor den Toren der Stadt treffen. Henrik und Annemarie warteten auf Nebula, als diese in Begleitung von Clay zu ihnen stieß. Der Braunhaarige sah erstaunt zu Nebula. “Nur weil die Welt unfair ist, müssen wir es nicht auch noch sein”, sprach sie. Henrik hätte mit so viel Güte nicht gerechnet.

“Hast du dir das gut überlegt, dass ich mit euch gehe?”, fragte Clay.

“Hat hier jemand etwas dagegen?”, fragte sie und schaute ihre Begleiter böse an.

Selbst wenn er gewollt hätte, wäre er nicht zu Widerworten im Stande. Henrik fühlte, wie ihr Blick seine Kehle zuschnürte. Sie mochte vielleicht eine gütige Entscheidung getroffen haben, war dabei aber keineswegs weniger furchteinflößend.

“Hast du keinen Schiss, dass ich hungrig werden könnte?”, fragte Clay.

“Zur Not könnt Ihr Henrik fressen.”, tat es die Blondine ab.

“Hey!”, beschwerte sich der Braunhaarige lautstark.

“Passe ich wirklich zu euch?”, grübelte der melancholische Schwarzhaarige.

“Zu einem Jungen mit mysteriösen Kräften, einem hellseherisch begabten Mädchen und zu einem Teufelsweib?”, fasste Nebula zusammen. “Auf jeden Fall!”

Ohne weitere Verzögerungen begaben sich die vier auf die Reise. Clay musste staunen, als Henrik erneut fast unter dem Gewicht eines gewaltigen Sacks zusammenbrach und es irgendwie dennoch stemmte. “Übrigens, Junge”, sagte er. “Ich hab’n Pferd. Lasst es uns holen. Dann musst du nicht alles schleppen!”

Anschlag bei Mitternacht


 


 

Noch immer hatten Nebula und ihre Begleiter das Fürstentum Finsterwald auf ihrem Weg nach Ewigkeit, der Hauptstadt von Morgenstern, nicht überwunden. Der namensgebende Forst genoss beim Volke den Ruf, so dicht zu sein, dass kein Sonnenstrahl den Boden berührte. In der Realität war es bei weitem nicht so finster, wie die Geschichten behaupteten, dennoch erfreute jede Lichtung die Reisenden. Auf einer dieser Lichtungen schlug die Gesellschaft der Sonderbaren ihr Zeltlager auf. Die lange Reise zur Hauptstadt bot die Gelegenheit, sich näher kennenzulernen und per Du zu werden. Mit nunmehr drei Zelten gewann das Lager an Größe. Während sie alle zur Ruhe gebettet lagen, riss ein aufgeregtes Schnauben den Jäger mit dem Bestienblut aus seinem unruhigen Schlaf. Jene Männer, welche dazu verdammt sind, ein Wolf zu sein, konnten in der Nacht niemals Ruhe finden. Stetig quälten sie Jagdträume, in welchen sie in Wolfsgestalt ihrer Beute hinterherjagten. Jedes Mal mit der Angst verbunden, dass es sich am nächsten Morgen als Realität herausstellte. Darum wurde Clay mit Leichtigkeit aus seinem unheilvollen Schlaf gerissen.

Vorsichtig streckte er den Kopf aus der Öffnung des Zeltes.

Sein Pferd zerrte an dem Strick, der es an einem nahen Baum fesselte.

Irgendetwas war da draußen. Oder irgendjemand.

Clay verspürte den Drang, den vermeintlichen Störenfried ausfindig zu machen.

Sein unerwarteter Aufbruch blieb nicht unbemerkt.

Mit der Nase zum Himmel gerichtet, versuchte der Werwolf mögliche Gefahren anhand des Geruches auszumachen. Es war noch immer mitten in der Nacht. Fast alle Waldbewohner schliefen zu dieser Zeit. Ein Schwarm Fledermäuse war auf der Jagd nach Insekten. Ihre Klickgeräusche im Ultraschallbereich klingelten in Clays Ohren wie ein Orchester Hundepfeifen und machten ihn fast Wahnsinnig. Es war eine Erleichterung, als sie sich so weit entfernten, dass er sie nicht mehr hören konnte. Als er wieder klar denken konnte, deutete er die Gerüche. Eine Eule nutzte die Nacht, um sich den Bauch vollzuschlagen. Am Fuße eines Baumes, in etwa hundertfünfzig Metern Entfernung, machte sich der Siebenschläfer an einem Pilz zu schaffen, der aus einem morschen Baum empor geschossen war. Und südlich des Lagers wühlte ein Igel nach köstlichen Regenwürmern. Dies alles - und vieles mehr - vermochte Clay zu riechen.

Soweit deutete nichts auf eine Bedrohung hin.

Clay schlich weiter um das Lager herum.

Plötzlich veranlasste ihn ein Geräusch zu einem hektischen Sprung zur Seite. Gerade noch rechtzeitig, um einem versilberten Dolch auszuweichen. Das Wurfgeschoss zog einen bekannten Geruch hinter sich her. Sie ist es, dachte Clay voller Erregung.

Er bot sich selbst als Ziel an und prompt folgte ein weiterer Dolch seiner Einladung.

Dank seiner schnellen Reflexe, wich er auch dieser Bedrohung aus. Verstohlene Tritte und leises Knacken von Ästen veranlassten ihn, sein Messer zu ziehen. Hinter ihm sprang eine schwarz gekleidete Gestalt aus einem Busch und stürzte sich auf ihn. Clay wehrte den Angriff mit seinem Häutungsmesser ab.

Jäger und Beute durchbohrten einander mit stechenden Blicken.

Clay musterte das Äußere der Frau. “Ihr seid nicht von hier”, stellte er anhand ihres Äußeren fest. Violette Augen, rote Haare, aschfahle Haut und leicht spitz zulaufende Ohren. Die Rothaarige tat die Aussage ihres Ziels mit einem Brummen ab und sprang in einem hohen Salto nach hinten weg. Dabei versetzte sie Clay einen Tritt gegen den Unterkiefer, der seinen Kopf unfreiwillig nach oben neigte. Sie landete anschließend ein gutes Stück entfernt wieder sicher auf dem Boden. Clay duckte sich in letzter Sekunde weg, als seine Gegnerin einen weiteren Angriff an ihre Kombination anfügte, wie ein Glied an einer Kette. Mehrere Dolche bohrten sich hinter ihm in einer Reihe in einen Baumstamm. Als er wieder zu der Fremden sah, konnte er sie erst nirgends mehr ausmachen. Sie war unglaublich flink.

Clay verließ sich ganz auf die Instinkte des Biestes in ihm.

Über ihm konnte er ein Rascheln vernehmen.

Ein aufgeregter Herzschlag huschte durch die Baumwipfel.

Dann stürzte sich die Attentäterin von oben auf ihn.

Geistesgegenwärtig packte Clay ihre Arme und nutzte das Momentum, um sie in einen Busch hineinzuwerfen. Danach tauschte er sein Messer gegen den Bogen ein und spannte ihn mit einem Pfeil aus dem Köcher.

Die Rothaarige rappelte sich umgehend wieder auf und wollte ihren Angriff auf Clay fortsetzen, bevor er den Pfeil loslassen konnte, nur um mitten im Sprung kehrt zu machen. Das Echo eines metallischen Klingen wurde von den Stämmen und Blättern der Bäume zurückgeworfen. Sie parierte den Versuch eines anderen, sie zu erschießen.

Clay und die Fremde sahen sich um.
 

Nebula stürmte plötzlich zwischen einigen blattreichen Sträuchern hervor, die schwarze Armbrust auf die Angreiferin gerichtet. Sie war es, die den Aufbruch ihres Begleiters bemerkt hatte. Als sich Clay immer weiter vom Lager entfernte, folgte sie ihm. Wie sich herausstellte, eine weise Entscheidung. “Gute Reflexe, Cerise!”, lobte die Blondine.

“Vielen Dank für das Kompliment”, erwiderte die Rothaarige.

“Moment mal!”, hakte Clay ein. “Du kennst das Mörderpüppchen?”

“Allerdings!”, erklärte Nebula und warf ihrem Begleiter einen kurzen Blick zu. “Das ist Cerise. Lässt sich dafür bezahlen, mich zu verfolgen.” Sie wandte ihre Aufmerksamkeit erneut der blassen Rothaarigen zu. “Du steckst also auch hinter den Angriffen, Cerise. Reicht’s nicht mehr, mich zu verfolgen? Muss du dich an meinen Begleitern vergreifen?”

Cerise lockerte sich und wechselte aus der Kampfbereitschaft in eine aufrechte, aber entspannte Haltung. “Vergreifen ist so ein hartes Wort...” Ihre Arme ließ sie locker zur Seite herunterhängen. “Nehmt doch nicht gleich immer alles so persönlich.”

Jedes ihrer Worte klang in Nebulas Ohren wie eine Provokation. Sie schoss einen Bolzen direkt vor Cerises linken Fuß in den Boden. “Halte dein vorlautes Maul, du rothaarige Hexe!” Sie richtete die Waffe erneut auf Cerises Oberkörper.

“Aber wenn ich meinen Mund halte, kann ich nicht antworten.”

Clay erwiderte mit einem drohenden Knurren.

“Ich erhielt den Auftrag, diesen entlaufenen Flohzirkus auszuschalten.”

“Warum?”

“Was interessiert mich das. Nur ein Auftrag,”

“Ich vergaß, dass Leute deines Schlages nicht mehr als Grund brauchen.”

“Ein Auftrag ist ein Auftrag.”

Blitzschnell riss Cerise eine der Kugeln von ihrem Gürtel und warf sie schwungvoll auf den Boden. Sofort breitete sich dichter, weißer Rauch aus, der alles verhüllte, noch bevor Clay und Nebula reagieren konnten. Die Söldnerin schoss sofort in die Richtung, in der sie Cerise vermutete, hatte aber nicht das Gefühl, sie getroffen zu haben. Clay wollte es ihr gleichtun, denn er wusste genau, wo sie war, doch das Schicksal hatte andere Pläne und schritt ein, sodass die Sehne seines Bogens riss.

Als sich der Rauch gelegt hatte, war Cerise verschwunden.

“Wo ist das Miststück?”, machte Nebula ihrem Ärger Luft.

“Sie ist weg”, sagte Clay nach einem ausgiebigen Atemzug durch sein Werwolfriechorgan.

“Dein Bogen!”, bemerkte Nebula.

“Das kann man reparieren.”
 

Am nächsten Tag setzten die Vier ihre Reise fort. Annemarie saß, zusammen mit dem Gepäck, auf Clays Pferd, während der Jäger es am Zaumzeug führte. Morgenstund hat Gold im Mund und so erreichten sie nach einem anstrengenden Marsch endlich ihr Ziel. Die Hauptstadt Ewigkeit war inmitten eines großen Sees auf einer Insel gelegen. Die Stadt war aus den vier Himmelsrichtungen über je eine steinerne Brücke zu erreichen. Mit der Zeit wuchs sie über ihre Insel hinaus und an den Ufern des Sees entstand eine Vorstadt. Es wirkte, als werde des Werder gewaltiges Felsmassiv von mächtigen Festungsmauern der Stadt eingefasst, wie ein kostbarer Edelstein. Ehrfürchtig betrachteten Henrik und Annemarie das Stadttor. Beide hatten noch nie so hohe Mauern gesehen.

“Mächtig gewaltig!”, staunte Henrik.

“Wohnen hier Riesen?”, fragte Annemarie unbedarft.

Clay amüsierte die Naivität des Kindes.

“Das ist immerhin unsere Hauptstadt”, sagte Nebula.

Vor und nach ihnen drängten Menschen mit oder ohne Wagen hinein in die Stadt. Ein Aufkommen, das selbst für die Hauptstadt außergewöhnlich war. An den Toren kontrollierten Wachen die Papiere der Reisenden.

“Was wollen die ganzen Menschen hier?”, fragte Annemarie.

“Sie veranstalten vielleicht ein Turnier”, mutmaßte Henrik.

“Um so mehr es sind, desto einfacher wird es”, meinte Nebula.

“Du hast nicht vor den Laden frontal zu stürmen, richtig?”, mutmaßte Clay.

“Nicht direkt…”

“Weil du Staatsfeind Nummer eins bist”, stellte Clay sie zur Rede. “Die Wachen haben deinen Steckbrief gewiss auch gesehen.”

“St-Steckbrief?”, hinterfragte Henrik.

“Milady wird als Hochstaplerin gesucht.”

Henrik starrte zu Nebula, als ob er es nicht glauben wollte.

“Ha ha ha, glaubst du, die trägt die Kapuze zum Spaß?”

Nebula schwieg sich dazu aus.

“Einfach so werden wir jedenfalls nicht dort rein kommen.”
 

Die Sonne war hoch am Himmel empor geklettert, als ein Planwagen langsam auf das imposante Stadttor zufuhr. Gezogen von zwei Pferdestärken, die eine braun, die andere weiß, ging es für die schwere Ware nur langsam voran. Die massiven, eisernen Gitter waren hinauf gezogen und wurden von misstrauischen Wachen bewacht, die strikt von allen Ankommenden zuerst die Papiere kontrollierten. Der Planwagen rollte bedächtig über das Pflaster, während sein Fahrer die Umgebung im Blick behielt. Als der Planwagen nach einer gefühlten Ewigkeit das Tor erreichte, wurden wie erwartet sofort die Papiere des Fahrers in Augenschein genommen. Obwohl er wusste, dass alles seine Richtigkeit hatte, war er dennoch nervös, was den Wachen natürlich nicht verborgen blieb. Nachdem sie eine Weile hin und her diskutierten, traten sie endlich beiseite und ermöglichten dem Planwagen, hindurchzufahren. Ein Hauch von Aufregung lag noch immer in der Luft, als er in die geschäftigen Straßen der Stadt einbog. Das Gröbste war jedoch überstanden und Erleichterung erfüllte den Fahrer. Der Planwagen setzte seinen Weg durch die festlich verzierten Straßen fort, verschwand allmählich zwischen den bunten Fassaden der Häuser und mischte sich mit dem Strom der Stadtbewohner. Als er sein Ziel erreichte, endete die Reise. Mitten aus den geladenen Waren sprangen Gestalten hervor und signalisierten Gesprächsbereitschaft.
 

Noch immer konnte Nebula nicht fassen, wie nachlässig die Stadtwachen mit diesem Krämer waren, nur weil sie ihn schon länger kannten. Aber sie wollte sich nicht beklagen, kam sie so immerhin an ihnen vorbei. Während Henrik und Annemarie ihre sieben Sachen abluden, bezahlte Clay den hilfreichen Händler und machte sein Pferd von dem Planwagen los. Seinen eigenen Wagen hatten sie zuvor in der Vorstadt versteckt. Nach anstrengender Suche fanden sie endlich eine Stallung für den Schimmel und eine Unterkunft für die Nacht. In die Stadt hatten sie es geschafft, aber Nebula war noch weit von ihrem eigentlichen Ziel, dem großen Bankett, entfernt.

Ein Wink des Schicksals


 


 

In ihrem Zimmer in der Unterkunft saß Nebula und grübelte über den Plan einer Abwasseranlage, der offensichtlich aus den dunkelsten Ecken ihres Kopfes hervorgekramt und Krude auf ein Pergament gekritzelt wurde. Sie betrachtete die aufgezeichneten Umrisse mit gemischten Gefühlen. Hatte sie sich korrekt an die Lage aller Tunnel erinnert? Falls das nicht der Fall wäre, würden sie sich hoffnungslos im Abwassersystem von Ewigkeit verlaufen. Das stellte ein nicht kalkulierbares Risiko dar.

Es half alles nichts!

Mit einem tiefen Atemzug begannen Nebulas Finger über das Papier zu streichen. Sie verfolgen jede Abzweigung und jede Kreuzung auf dem Lageplan. Ein leises Murmeln entwich ihren Lippen, während Gedanken geformt und verworfen wurden, bis sich schließlich eine Strategie kristallisierte. Mehr konnte sie sowieso nicht tun, während die anderen unterwegs waren. Im Gegensatz zu ihr, konnten sie sich frei in der Stadt bewegen. Anders als auf sie, hatte auf ihre Köpfe niemand ein Preisschild geklebt. Ganz richtig war das nicht. Immerhin wollte jemand Clay tot sehen, sonst wäre keine Attentäterin hinter ihm her. Und ohne seinen Bogen war ein Jäger auch nur ein Mann mit einer Vorliebe für die Farbe Grün. Aber sie würde ihn kaum auf offener Straße ermorden…

Nebulas nächste Aufgabe wäre es, mit der Vertrauensperson in Kontakt zu treten.
 

Nachdem ihnen ihre Zimmer gezeigt wurden, beschlossen Henrik, Annemarie und Clay den Rest des Tages damit zu verbringen, über die Märkte zu ziehen. Annemarie wünschte sich Spielzeug und Henrik begleitete sie. Clay konnte nicht viel mit den Kindern und ihren Sehnsüchten anfangen. Darum trennten sich ihre Wege. Auch, weil er einen wichtigen Weg gehen musste. Sein Bogen war noch immer kaputt. Die Hauptstadt von Morgenstern musste doch mit einem anständigen Bogner aufwarten können.

Endlich entdeckte er ein entsprechendes Geschäft. Der Besitzer war ein älterer Mann mit blassem Teint und mandelförmigen Augen. Er trug höchst eigentümliche Kleidung, wie sie weit im Osten üblich war. Er musste einst von weit her gekommen sein. Vielleicht sogar von den legendären östlichen Inseln. Der Mann kam sofort auf Clay zu, als dieser sich der Bogenmacherei näherte. “Einen interessanten Bogen habt Ihr da”, eröffnete er und streckte die Hände aus. Er hatte einen deutlichen Akzent. In der Stimme hallte zudem die Lebenserfahrung des Mannes wieder. “Aber er singt nicht mehr.”

“Das ist leider wahr”, gestand Clay ein. “Die verdammte Sehne riss genau zum falschen Zeitpunkt!” Vorsichtig übergab er die Waffe.

“Wollen wir schauen, was wir tun können.” Der Mann ging zu seiner Werkbank und spannte Clays Bogen in den Schraubstock ein, sodass die beiden Enden mit der Sehne nach oben zeigten. “Wisst Ihr”, sprach der alte Mann, während er sich am Jagdwerkzeug zu schaffen machte. “Es ist schon eine Weile her, dass ich einen Bogen aus meiner Heimat gesehen habe. Zuletzt als kleiner Bub in der Lehre meines Vaters. Wie kommt ein westlicher Jäger zu so einer Waffe?”

“Sie ist ein Familienerbstück.”

“Dann habt Ihr vielleicht Vorfahren aus meiner alten Heimat?”

“Vielleicht.” Den Bogen hatte er einst vom Vater seiner Frau bekommen. Er war das einzige, das er bei seiner Flucht bei sich hatte und das einzige, was ihn mit seinem alten Leben verband. Aber diese Geschichte wollte er dem alten Mann nicht auflasten.

Der Bogner arbeitete schnell und effizient und so war die Sehne gewechselt und eingespannt. “Es ist vollbracht.” Er löste den Bogen aus dem Schraubstock und übergab ihn seinem Besitzer. “Das macht dann fünf Schilling.” Er hielt die Hand auf und lächelte dabei, genau wie man es den kleinen Männern aus dem Osten nachsagte.

Nachdem er den Bogener für seine Dienste entlohnt hatte, bedankte sich Clay und verließ das Geschäft mit einer runderneuerten Waffe über der Schulter.
 

Ungesehen von der getriebenen Menschenmasse zu ihren Füßen, schlich Cerise unter schwarzer Kutte verborgen über die Dächer. Es war ein helllichter Tag, doch der rothaarigen Schattengestalt gelang es trotzdem, für die Augen der anderen unsichtbar zu sein. Eine sanfte Briese streichelte ihr Gesicht. Sie verfolgte ihr Ziel entgegen dem Wind. Diesmal würde er sie nicht verraten können. Ihr Atem, ihre Schritte, jedes verräterische Geräusch, ging unter in einem Meer aus Tumult und Tamtam, in dem jeder Laut zu monotonem Rauschen verkam.

Das Ziel bog an einer Kreuzung ab.

Die Verfolgerin sprang vom Dach auf ein hölzernes Geländer und von ihm aus über die schmale Gasse auf das Geländer des Balkons eines gegenüberliegenden Hauses. Mit der Hilfe einer Lampe, schwang sich die Rothaarige um die Kurve und landete sicher auf einem weiterem Geländer. Sie balancierte in gehockter Haltung auf ihm, bis sich eine Trennwand vor ihr auftat, welche den einen Balkon von dem direkt nebenan abgrenzte. Das kam ihr wie gerufen. An ihr kletterte sie zurück auf das Dach und setzte die Verfolgung fort.
 

“Die will ich haben!”, strahlte Annemarie und zeigte die Puppe, die ihr Herz erobert hatte.

Henrik sah sie sich an. Sie trug ein besticktes blaues Kleid, kleine schwarze Pantoffeln und hatte goldene Haare aus Stroh.

“Findest du nicht, sie sieht aus wie Nebula?”, grübelte der Rotschopf.

“W-Was?!”, schreckte Henrik auf. Er musste sich unweigerlich vorstellen, wie die Söldnerin darauf reagieren würde, mit einem Kinderspielzeug verglichen zu werden. Vermutlich würde sie der Puppe umgehend den Kopf abreißen. Und danach ihm, weil er sie Annemarie gekauft hatte. Er war nicht bereit, dieses Risiko zu tragen. “T-Tue sie besser w-wieder zurück”, schlotterte er vor Furcht.

Annemarie stülpte die Unterlippe über die Oberlippe und Feuchtigkeit quoll aus ihren Augen. Sie war drauf und dran, jeden Moment zu weinen.

“Na sch-schön!”, ließ sich der Junge erweichen.

“Juhu!”, freute sich Annemarie. Sie war sofort wie ausgewechselt. Die Tränen innerhalb eines Wimpernschlages getrocknet.

Noch bevor Henrik zum Tresen des Spielwarenladen schreiten konnte, fiel sein Augenmerk auf das Preisschild. Sofort wurde ihm schwindlig. Da waren eindeutig zu viele Zahlen! “Nein, das kann ich nicht kaufen!”, stieß er aus.

Wieder machte Annemarie ein Gesicht, als ob der Weltuntergang unmittelbar bevorstünde, und nur dieses Spielzeug war im Stande, ihn abwenden.

“N-Na schön!”, ließ sich Henrik abermals erweichen. Er nahm seinen Geldbeutel und zählte das bisschen Gold, das er noch übrig hatte. “Ab heute nur noch E-Essen wie im Knast...”, murmelte er. “W-Wasser und hartes Brot...” Er kramte seine Münzen zusammen und erfüllte den Herzenswunsch des Mädchens.
 

Sicher lag die Armbrust in den Händen der gedungenen Mörderin, als sie mit geneigtem Kopf und zugekniffenem rechten Auge ihr Ziel fixierte. Die mit einer Silberlegierung überzogene Spitze des Bolzen zeigte direkt auf den großen muskulösen Mann und folgte jeder seiner Bewegungen. Er schlenderte ahnungslos inmitten einer Menschenmenge. Kein Geruch und kein Laut warnte ihn vor seinem bevorstehenden Ableben. Als Cerise sich ihres Schusses sicher war, betätigte sie den Abzug und der Bolzen ging auf die Reise.

Das Geschoss bahnte sich seinen Weg durch den Raum.

Plötzlich schreckten die Massen eilig zur Seite, als eine Kutsche in einem Mordstempo über die Straßenkreuzung bretterte, ohne jede Rücksicht auf Verluste. Genau im rechten Moment, sodass der Bolzen im hölzernen Rahmen der Passagierkabine stecken blieb und das Leben des Mannes verschont wurde.

Als sie ihren Schuss ins Leere gehen sah, setzte sich die Rothaarige wieder in Bewegung. Sie durfte ihr Ziel keinesfalls aus den Augen verlieren. Heute würde die Beute zu ihren Füßen liegen!

Ein weiteres Mal legte sie an.

Doch das Glück war ihr nicht hold und auch dieser Versuch scheiterte, weil sich der Mann genau in dem Moment nach den Senkeln seiner Stiefel bückte, als sie den Abzug betätigte. Der Bolzen verfehlte und wart nie mehr gesehen.

Vom Pech verfolgt, beschloss die Rothaarige, zu ihrem Ziel aufzuschließen. Wenn es ihr nicht gelang, ihn aus der Entfernung auszuschalten, so würde es im Schutz der Menschenmasse garantiert gelingen. Das sicherste Versteck für einen Attentäter war der Präsentierteller. Zwischen den Passanten konnte sie sich ungesehen anschleichen. Sie sprang vom Dach hinab in einen Heuwagen am Straßenrand und rollte sich aus ihm heraus. Eilig tauchte sie im Gedränge unter und schmiegte sich zwischen den Körpern der Fußgänger hindurch, immer näher ihrem Ziel entgegen. Ihr versilbertes Stilett lag unter dem Ärmel der schwarzen Kutte verborgen und bereit, tief in das Fleisch ihres Opfers zu schneiden.

Aber dann geschah etwas, worauf sie nicht vorbereitet war.

Unerwartet drehte der Wind und riss ihren Geruch mit sich.

Ihr Duft stieg dem Ziel in die Nase und veranlasste seine Flucht.

Es war, als wollte eine höhere Macht verhindern, dass dieser Mann heute durch ihre Hand sterben würde. Sie hatte schon viele Leben genommen, doch noch nie hatte eines ihrer Ziele einen vollbesetzten himmlischen Chor von Schutzengeln auf seiner Seite, die nicht nur in jeder erdenklichen Oktave sangen, sondern auch über es wachten. Welche Erklärung gab es sonst dafür, dass ihr keiner ihrer Anschläge gelingen wollte? Sie ließ sich dazu hinreißen, dem Mann zu folgen. Eigentlich würde sie niemals vorstürmen, ohne vorher die Lage zu prüfen, doch ihre anhaltende Pechsträhne nagte an ihren Nerven. Sie wollte diesen verdammten Lykantrophen endlich zum Teufel schicken!

Schubsend und schiebend ging es nur langsam voran, bis sie endlich aus der homogenen Masse auszubrechen vermochte. Eine Menschenmenge stellte nicht nur die perfekte Tarnung dar, sondern konnte gleichermaßen ein unüberwindbares Hinderniss sein, wenn es einmal schnell gehen musste. Zwischen erbosten Rufen und verdutzten Blicken vorbei, schob sich Cerise ins freie, wo sie ihr Ziel gerade noch in eine leere dunkle Gasse einbiegen sah.
 

Ein wohlbekannter Duft erregte Clay. Er wusste nun, dass er verfolgt wurde. Eilig verließ er die Straße und flüchtete in eine Gasse. Er gedachte der Attentäterin eine Falle zu stellen und legte sich auf die Lauer. Es war genug! Heute würde er ihr Spiel von Katz und Maus beenden. Er musste nicht lange warten, bis sein Jagdmesser endlich zum Zuge kam.

Jemand war hinter ihm.

Er griff an.

Eilig wich Cerise zurück. “Ihr wollt Euch mir im Messerkampf entgegenstellen?!”, fragte sie mit gewohnt provokanten Unterton in ihrer Stimme. “Wollt Ihr Euch nicht lieber freiwillig hinlegen und sterben?”, setzte sie ihr Sticheln fort. “Ich hatte heute einen echt beschissenen Tag und das macht es für uns beide leichter!”

“Wer lässt mich abmurksen?”, fragte Clay.

“Jemand hat den Kopf eines Werwolf gefordert. Mehr muss ich nicht wissen.”

Clay machte sich auf einen Frontalangriff gefasst, als Cerise unvermittelt auf ihn zu stürmte. Er streckte seinen Arm nach vorn aus, um zuzustechen. Die Attentäterin trat zurück, streifte ihre Kutte ab und warf sie auf Clay. Während er sich aus dem Kleidungsstück befreite, eilte sie um ihn herum, um ihn hinterrücks zu erstechen. Clay setzte Cerises abgelegte Kutte gegen sie ein und schlug sie ihr entgegen.

Das Stilett entglitt Cerises Griff und fiel zu Boden.

Clay sah seine Chance, packte die Rothaarige an beiden Armen und drückte sie an eine nahegelegene Hauswand. Er machte sie vollkommen bewegungsunfähig, als er seine Knie gegen ihre Schenkel presste.
 

Entgeistert sah Cerise ihr Opfer an. Sie war ihm ausgeliefert. Sie spürte das harte Mauerwerk in ihrem Rücken und der Atem des Mannes auf ihrer Haut. Das Gesicht des Schwarzhaarigen dem ihren so nah, fragte sie sich, wie es so weit kommen konnte. Wieso ließ sie sich von ihm wie eine blutige Anfängerin überrumpeln? Sie verstand nicht, was mit ihr geschah. “Sagt mir wieso!”, forderte sie eine Antwort. “Wieso kann ich Euch nicht töten?”

“Was’n jetzt los?”, fragte Clay.

Cerise konnte seine Erregung fast greifen. Es machte ihn Wahnsinnig, das Objekt seiner Begierde vor Augen zu haben. Das Biest in ihm wollte ihr die Kleider vom Leib reißen und es auf offener Straße schamlos mit ihr treiben. Das alles verrieten seine Blicke. “Jeder Anschlag auf Euch ist schief gegangen.” Cerise wollte die Verzweiflung in ihrer eigenen Stimme nicht wahrhaben, als sie sich selbst ihn fragen hörte: “Mit welcher Hexerei habt Ihr mich verwunschen, um Euch vor dem Tod zu bewahren?”

“Ich kann knurren und beißen, aber nicht hexen!”

“Aber wieso will es mir nicht gelingen, Euch umzubringen?”

Beide sahen sich einen Moment lang in die Augen. Eine Spannung, stark genug, um eine moderne Großstadt mit Strom zu versorgen, lag in der Luft.

“Ihr wollt mich doch gar nicht wirklich kalt machen, stimmts?”

Diese Frage vermochte es, Cerise in Schockstarre zu versetzen.

“In Faringart hattet Ihr Eure Chance.”

Die Rothaarige schwieg noch immer.

“Hättet nur zusehen müssen, wie mir der andere Werwolf den Kopf abreißt.”

Kein Wort verließ Cerises Lippen.

“Aber dann schießt Ihr auf ihn!”

Die Augen der attraktiven Attentäterin weiteten sich. Sie hatte nicht erwartet, mit ihrer Tat konfrontiert zu werden. “Ich gestatte niemanden, mir zuvorzukommen!", rechtfertigte sie sich. "Euer Leben gehört mir!”

“Ach so, mein Leben gehört Euch?” Clay löste seinen Griff um sie und breitete seine Arme aus. “Los, nehmt Euch, was Euch gehört!!”

Cerise fand darauf keine Worte mehr.

In jenem Moment gab es nur eine passende Antwort.

Sie umschloss Clay mit ihren Armen und küsste ihn leidenschaftlich. Als sich ihre Lippen trafen, schoss ein elektrisches Gefühl durch ihren Körper. Clay packte sie und drückte sie zurück an das harte Mauerwerk. Aber dieses Mal fühlte sich Cerise nicht überrumpelt. Ihre Zungen setzten den Kampf von eben auf einem gänzlich anderen Schlachtfeld fort.

Der Weg der Ratte


 


 

Die Kutsche des wichtigsten Gastes überquerte die südliche Brücke der Hauptstadt. Zuvor hatte die Stadtwache für freies Geleit gesorgt. Pechschwarze Pferde zogen das Gefährt. Die Kabine bestand aus Ebenholz, verziert mit Ornamenten aus Blattgold und dunkle Gardinen verhinderten jeden Blick hinein in ihr Inneres. Die Kutsche erhielt Geleit von einem Reitergeschwader der Armee von Morgenstern.

Eine Hand öffnete zaghaft einen Spalt und gab so einen Ausschnitt der Außenwelt preis.

“Wir sind also in Ewigkeit?”, fragte eine Frauenstimme in der Dunkelheit. Sie gehörte Lucilia Mireille Pyreblood, der Prinzessin von Cinervis.

“Das ist die Hauptstadt der Menschen”, bestätigte ein junger Mann. Sein Name war Alaric Marcelus Pyreblood und er bekleidete den Rang des zweiten Prinzen von Cinervis.

Die Frau pfiff abfällig. “Ich hatte sie mir opulenter vorgestellt, lieber Bruder. Doch was rede ich, es sind immerhin nur Menschen.”

Derweil fuhr die Kutsche vor dem Palast vor.

Der Kutscher stoppte das Gefährt und öffnete danach seinen Passagieren die Tür.

Alaric wagte es, seinen fahrbaren Untersatz zu verlassen. Sein Haupt verbarg er unter einer schwarzen Kapuze. Er schaute hinauf in den Himmel und wurde von der Sonne geblendet. Schützend hielt er die Hand vor das Gesicht.

“Gebt acht, wir sind hier nicht in Vanitas!”, riet die Schwester.

“Ich vermisse die Wolken! Diese Sonne ist furchtbar!”

Drei gefährlich anmutende Leibwächter entstiegen ebenfalls der Kutsche.

“Hoffentlich ist diese Menschenfrau so minderwertig, wie der Rest dieser Rasse”, spuckte Lucilia aus. “Dann kann unser Bruder ruhigen Gewissens eine richtige Frau heiraten und befleckt unsere Blutlinie nicht mit Rassenschande!”

Alaric wandte sich der Kutsche zu. “Ihre Ahnenreihe beinhaltet auch eine große Macht", führte der Prinz aus, “und könnte unserer Familie noch mächtiger machen. Aber viel wichtiger: Wenn sie Ehre besitzt, so will ich sie als meine Schwester willkommen heißen. Es ist nicht wichtig, wer man ist, sondern was man tut.”

“Wenn Ihr meint…”

“Wollt Ihr gar nicht aussteigen?”

“Habt Ihr mal Euren Spaß auf diesem... Bankett. Ich nehme unterdessen die Verabredung mit unserem alten Freund wahr.”

Lucilia streckte ihre Hand aus der Passagierkabine und signalisierte dem Kutscher, er solle die Tür wieder schließen und weiterfahren. Das Gefährt setzte sich in Bewegung und verschwand in Begleitung der Reiter alsbald vom Platz.

Zusammen mit seiner Leibwache schritt der Prinz dem Palast entgegen. Ein atemberaubender Springbrunnen mit Wasserspeiern verschiedenster Art schmückte das Zentrum des Platzes. Unzählige Fontänen schossen nach Oben und zur Seite. Ein langer Weg führte vom Platz ab, links und rechts überspannt von den Ästen der Zierkirschen. Am Ende des Weges erwartete sie der Eingang des Schlosses. Ein pompöses Portal, welches eindeutig geschaffen wurde, um zu gefallen. Ein von Säulen gestützter Überbau mit zinngefassten Butzenfenstern umspannte den gesamten Innenhof in Hufeisenform. An den Wänden kletterte der Efeu empor und Moos hing von den Wasserspeiern mit Dämonenfratzen. Am Eingang auf der anderen Seite wurden sie bereits erwartet.
 

Nach einigen Stunden war Clay noch immer nicht zurückgekehrt, anders als Annemarie und Henrik. Sie hatten ihre Stadtbesichtigung abgeschlossen und der Braunhaarige war sichtlich angeschlagen, als hätte ihn ein schwerer Verlust getroffen. Das konnte kaum mit Annemaries neuer Puppe zu tun haben. Oder vielleicht doch? Nebula machte sich jedoch Sorgen um das neueste Mitglied ihrer Truppe. Schon seit heute Morgen hatte Clay nichts mehr von sich hören lassen. Ungeduldig und klopfte die Blondine mit den Fingern im Takt auf der Tischplatte. “Wo bleibt er?”, fragte sie in die Runde.

“I-Ihm wird doch nichts passiert sein?”, sorgte sich Henrik.

“Unsinn! Wir sind hier am sichersten Ort in ganz Morgenstern!”

“Ich denke, ihm geht es gerade richtig gut!”, versicherte Annemarie.

“Woher willst du das wissen?”, erkundigte sich Henrik.

“Ich habe seinen Köcher gefragt”, antwortete der Rotschopf, “Aber der wollte es mir nicht sagen. Aber die Pfeile waren echte Quasselstrippen.”

“Ach so?”, Henrik wirkte fasziniert von ihrer Erzählung.

Ja! Sie haben mir gezeigt, dass er gerade sehr viel Spaß hat.”

“Wenn du das sagst”, flötete Nebula ingrimmig. "Gott soll ihm gnädig sein, wenn er später hier auftaucht!" Sie hoffte für Clay, dass er eine verdammt gute Ausrede parat hatte, um seine Abwesenheit zu entschuldigen. Denn die Zeit lief ihr davon und sie konnte es nicht erübrigen, den Plan wegen ihm zu verzögern.

“Wir können ihm eine Nachricht hinterlassen”, schlug Henrik vor.

Nebula seufzte. Eine andere Wahl hatten sie nicht. Moderne Telekommunikation gab es nicht und in Gedanken zu ihm zu sprechen war für sie leider keine Option.
 

Ein schummriger Schein war alles, was die roten Gardinen passieren ließen. Er erhellte das kleine Zimmer einer zweitklassigen Absteige irgendwo in der Stadt in zwielichtigen Ambient. Ein Bett, ein Beistelltisch und ein Schrank befanden sich in diesem Raum. Das Nötigste, wenn man hier zu nächtigen gedachte.

Doch einen Ort wie diesen sucht man aus anderen Gründen auf.

Lustvolles Stöhnen hallte von den Wänden wieder. Clay kniff die Augen zusammen und seine Finger gruben sich in das Bettlaken ein. Heiliger Rubertus, flehte er in Gedanken, während sich die angestaute Energie entlud. “Ihr tobt Euch dort unten so richtig aus, was?”, fragte er außer Atem und völlig am Ende seiner Kräfte, als die Reizüberflutung die Macht über seinen Körper verlor.

Unter der Decke erhob sich eine Wölbung. Sie kroch an ihm hinauf, bis sie das Ende erreichte. Ein Körper erhob sich und lange, kirschrote Strähnen kamen zum Vorschein. Wie seidene Gardinen hingen sie hinunter in sein Gesicht, als sich Cerise beidarmig über ihn stützte. Ihre Haartracht war nicht mehr in einem Pferdeschwanz gebunden, sondern berührten ihre Schultern, ihren Nacken und ebenfalls ihre Schlüsselbeine. Clay wollte den Blick nicht mehr von ihr lassen.

Sie fuhr mit ihrer Zunge über die Oberlippe. “Ich verstehe mich nicht nur auf das Töten”, entgegnete die blasse Schönheit. “Und einen guten Mord muss man feiern können.”

“Es gab doch gar keinen Mord.”

“Als ob ich einen Grund für mein Handeln brauche.”

“Wenn Ihr so weitermacht, wird es mich töten!”

“Wäre das nicht ein wundervoller Tod?” Cerise ließ sich langsam auf den muskulösen Mann unter ihr sinken. Clay fühlte die Erregung wie Blitze durch seinen gesamten Körper schießen, als seine Haut erneut mit jener der Attentäterin in Kontakt kam. Er umschlang sie mit seinen Armen und drückte ihre Brust an die seine. “Und was wollt Ihr dagegen tun?”, fragte Cerise ihn anschließend. Sie hauchte dem Schwarzhaarigen ins Ohr. “Mich beißen?” Nach diesen Worten entzog sie sich seiner Umarmung und erhob ihren Körper wieder.

Plötzlich wurde sie von Clay gepackt und auf den Rücken gedreht.

Sie stieß ein katzenartiges Geräusch aus. “Wollt Ihr mich gleich noch einmal nehmen?”

Der Mann brachte sich über ihr in Stellung. “Solange ich keinen Pelz trage, kann ich Euch beißen, so viel ich will!” Er senkte sein Haupt und knabberte an Cerises Ohrläppchen herum.

“Ist das ein Angebot?”, fragte sie erregt. “Beißt mich, mein Wölfchen!”

Nur allzu gern erhörte er ihr Flehen.
 

Endlich erreichten sie ihr Ziel. Henrik war bereits skeptisch gewesen, als Nebula ihm und Annemarie ihren Infiltrationsplan erklärte. Nun standen sie an ihrem Einstiegspunkt, und die massiven Gitter, die den Zugang zur Kanalisation versperrten, ließen seine Zweifel weiter wachsen. Während die Blondine das gusseiserne Hindernis inspizierte, brach es aus ihm heraus: “Warum ist das für dich so wichtig?”

“Ich kann sie nicht allein lassen”, murmelte sie mit geschlossenen Zähnen, während sie die einzelnen Gitterstäbe prüfte.

“A-Aber du wirst gesucht!” Für den Schmied war es unverständlich, dass sie sich in die Höhle des Löwen begeben wollte.

“Ich will die Hochzeit sehen!”, forderte Annemarie trotzig.

Henrik seufzte. Es war ein Fehler gewesen, sie mitzunehmen, aber sie hätten sie genauso wenig auf unbestimmte Zeit zurücklassen können. Es war ungewiss, wann Clay zurückkehren würde und - noch schlimmer - was sie bis dahin anstellen könnte.

Zuvor hatte Nebula ihnen berichtet, dass die Stadt geschmückt und voller Erwartung war, da die Königstochter bald mit dem ältesten Sohn Kaiser Volturians vermählt werden sollte. Der Prinz war, seitdem er das erste Mal von der Prinzessin hörte, wie besessen von dem Gedanken, sie zu ehelichen. Morgen fände bereits das große Bankett statt, bei dem Prinz Ammon Jules erwartet wird. Dennoch ergab es alles keinen Sinn für ihn. Seit er sie kannte, hatte sie sich vor ungewollten Blicken verborgen. Nur um sich nun denjenigen auszuliefern, die ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt hatten?

“Ihr könnt mitkommen oder es lassen!”, rief Nebula aufgeregt aus. Offenbar hatte sie eine Schwachstelle in der Struktur entdeckt. Sie umklammerte je eine Stange mit einer Hand und konzentrierte ihre dämonische Energie. Langsam wurden die Nieten in Schwingung versetzt, und Staub begann sich zu lösen. Mit einem letzten Ruck riss sie das Gitter mitsamt der Halterung aus dem Mauerwerk. Vorsichtig lehnte Nebula es an der Wand neben dem neu entstandenen Durchgang an.

Erneut war Henrik fassungslos über die Kraft dieser Frau.

Nebula wandte sich in dem Moment ihren Begleitern zu, als das rubinrote Leuchten in ihren Augen verblasste und ihr normales Blau zurückkehrte. “Na los, weiter geht's!”, sagte sie, als wäre das eben nichts gewesen.

Nachdem Henrik sich aus seiner Starre gelöst hatte, folgte er ihr und einer vor Vorfreude mit den Armen schlenkernden Annemarie hinein in die Finsternis des Tunnels.
 

Clay lag noch immer zufrieden im Bett des abgelegenen Gasthauses und genoss die Gesellschaft der Frau, die ihm wenige Stunden zuvor nach dem Leben trachtete. Beide waren erfasst von der angenehmen Erschöpfung, dem Resultat des ausgelassenen Verknotens ihrer Körper im ungezähmten Liebesspiel, und lagen Seite an Seite im Bett, ihre Gesichter dem jeweils anderem zugewand. Zärtlich strich Clay Cerise durch die offenen, kirchroten Haare, und bewunderte die Schönheit des Halbblutes.

“Ihr seid wirklich ein Biest”, brach die Attentäterin die Stille. “Schon lange hat mich kein Mann mehr so… ausgefüllt.”

“Tut nicht so unschuldig!”, erwiderte der Jägersmann. “Eure Schenkel haben mich buchstäblich wie ein ausgehungertes Biest verschlungen.”

“Ich könnte mir selbst auch nicht widerstehen!”

“Ich verstehe es nicht. Wieso tut Ihr das?”

“Weil ich es wollte! Behauptet jetzt nicht, es hätte Euch nicht gefallen!”

“Wie soll es nun mit uns weitergehen?”

“Was?”, Cerise lächelte. “Werdet Ihr jetzt etwa anhänglich?”

“Ne, aber wie wollt Ihr das Eurem Kunden erklären?”

“Mir fällt schon was ein.”

Clay vermochte sich nicht zu helfen. Die Worte seiner Gespielin beruhigten ihn wenig. Noch mehr gedungene Mörder an seinen Hacken konnte er wirklich nicht gebrauchen!
 

Nebula und ihre Begleiter schritten vorsichtig durch den engen Tunnel, ihre Fackeln vertrieben die Finsternis und warfen flackernde Schatten an die Wände. Mithilfe ihres Planes in Händen führte die Blondine die anderen durch das Abwassersystem. Als sie nach einer Weile an einer Kreuzung ankamen, stürmten plötzlich bewaffnete Gestalten aus den anderen drei Tunneln auf sie zu. Abgerissene Kleider und verbeulte Rüstungsteile wiesen sie als niedere Halunken aus, genauso wie ihre kruden Tötungsinstrumente.

Henrik machte sich mit zitternder Hand bereit, sein Schwerz zu ziehen.

Annemarie versteckte sich hinter Nebula.

Mit mordlüsternden Blick starrte der Anführer Nebula an. “Du bist in unserem Revier, Mädchen!”, stellte er klar. Dabei vermittelte er den Eindruck, weder Henrik noch Annemarie wirklich für voll zu nehmen.

Nebula zog ihr Schwert. “Verpisst Euch!”, drohte sie.

Doch die Gruppe von Halunken ließ sich davon nicht beeindrucken. Nebula würde es nicht wundern, wenn sie das Kanalsystem nutzten, um Hehlerware schnell von A nach B zu bringen. An ihrer Stelle würde sie diesen Ort ebenfalls verbissen verteidigen. Als Henrik es Nebula endlich gleich tat und seine Waffe zog, wurden die Angreifer plötzlich einer nach dem anderen von Pfeilen niedergestreckt. Einige Abenteuerkarrieren endeten, als Projektile Kniescheiben durchschlugen. Schnell zerstreute sich die Angreifer in die Richtungen, aus denen sie gekommen waren.

“Was geht hier vor?”, fragte Henrik überrascht.

Nebula wandte sich um und sah Clay aus der Düsternis des Tunnels hinter ihnen auftauchen. Sie entspannte sich und steckte ihr Schwert weg. “Wie hast du uns gefunden?”

Clay hing den Bogen über die Schulter und deutete wortlos auf seine Nase.

“Natürlich.”

“Wo warst du, Onkel?”, fragte Annemarie.

“Nun ist er ja hier”, sagte Nebula, als Clay an ihr vorbei ging und seine Pfeile aus den niedergestreckten Gegnern barg. Zwar wären diese Witzfiguren zweifellos kein Problem gewesen, aber wenn sie sich nicht die Finger schmutzig machen musste, war das auch gut.

Zögerlich steckte Henrik nun auch endlich seine Waffe weg, die er bis dahin die ganze Zeit erhoben hielt. Nach ihrer Wiedervereinigung führte Nebula ihre Gruppe weiter.
 

In den prunkvollen Gemächern der Prinzessin herrschte eine Stille, als sie an ihrem Arbeitstisch saß und in dem Buch las, dass der Hofzauberer ihr als Vorbereitung für die Ehe gegeben hatte. Die zarten Wangen der Prinzessin färbten sich rot, als sie auf die detaillierten Beschreibungen stieß. Ihre Augen weiteten sich überrascht, während sie die Worte auf der Seite aufnahm. Dies waren also die Praktiken, denen Eheleute in trauter Zweisamkeit nachgingen. Die Prinzessin blickte verstohlen um sich, um sicherzustellen, dass niemand sie bei dieser ungewöhnlichen Lektüre beobachtete, obwohl sie ganz allein war. Ihr Herz schlug schneller, als sie weiterlas, und sie spürte, wie sich eine Mischung aus Neugier und Verlegenheit in ihr regte. Dennoch konnte sie nicht aufhören, fasziniert von den Informationen, die sie entdeckte. Ein verlegenes Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie sich die aufschlussreichen Passagen des Buches zu Herzen nahm. Trotz ihrer Röte und der Flut von Gefühlen, die sie überwältigten, war die Prinzessin entschlossen, mehr über dieses Thema zu erfahren, das bisher so geheimnisvoll für sie gewesen war.

Als es plötzlich an ihrer Tür klopfte, schlug sie hastig das Buch zu und vergrub es unter anderer Lektüre, als habe sie etwas zu verheimlichen. Eilig stand sie auf, um so viel Distanz wie möglich zwischen sich und ihren Arbeitstisch zu bringen. Als sie glaubte, ein halbwegs natürliches Bild abzugeben, rief sie laut “Herein!”.
 

Nebulas außerordentliche Kenntnis der Routinen der Palastwachen war zusammen mit Clays geschärften Sinnen eine unschlagbare Kombination. Nachdem sie von ihrem Komplizen aus dem Kanal gezogen wurden, machten sie sich umgehend zu den Gemächern der Prinzessin auf. Nebula war froh, ein erfolgreiches Leben als Söldnerin geführt zu haben. Für genug Geld ließ sich jeder kaufen. Obwohl er inzwischen auf den neusten Stand gebracht worden war, kam dies alles Clay dennoch sehr suspekt vor.

Als auf das Klopfen an der Tür mit “Herein” erwidert worden war, betraten sie den prunkvollen Raum und wurden schon bald mit einem Anblick konfrontiert, noch unerwarteter als der protzige Reichtum: Clay wusste nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, aber die Frau ihnen gegenüber sah bis ins kleinste Detail aus, wie Nebula. Die Fremde riss auf einmal ihre Arme in die Luft und rannte auf die Söldnerin zu. “Nora!”, nannte sie sie. War das etwa Nebulas echter Name? Sie ließ die Umarmung über sich ergehen und zeigte deutlich, dass sie dieses Maß an Herzlichkeit nicht gewohnt war. Nur zögerlich öffnete sie sich, die Geste zu erwidern.

Nach einer Weile trennten sich die Frauen wieder voneinander.

“Du bist gekommen!”, rief die höfisch Gekleidete.

“Ich habe es dir versprochen”, entgegnete Nebula.

“W-Wer s-s-seid Ihr?”, stammelte Henrik verwirrt daher. Der arme Junge musste völlig fertig mit der Welt sein, da Nebula und die andere sich glichen, wie ein Ei dem anderen. Optisch könnte Clay sie auch nicht auseinanderhalten. Irgendetwas war an dem Gesicht der Fremden anders, doch er kam einfach nicht darauf. Aber das war auch nicht nötig. Er konnte riechen, dass diese erstaunliche Ähnlichkeit nichts als Zufall war. Selbst durch Nebulas dämonischen Gestank hindurch wurde klar, dass die Frauen nicht derselben Blutlinie entstammen konnten.

“Schwestern!”, rief Annemarie fröhlich aus und riss die Arme in die Luft.

“Sind wir nicht!”, stellte Nebula klar. “Das ist Prinzessin Eleonora. Ich war… ähm… einst ihre Doppelgängerin. Man heuerte mich an, weil es schon einmal einen Anschlag auf das Leben der Prinzessin gab. Aber… ähm… ich bin in Ungnade gefallen, weil ich… ähm.. mich politisch Äußerte, als ich besser den Mund gehalten hätte.”

Mädel, dachte Clay, das Lügen musst du noch üben. Mit seinen Werwolfssinnen war er ein wandelnder Polygraph. Solange sein Gegenüber den eigenen Körper nicht perfekt kontrollierte, blieb Clay kein Täuschungsversuch verborgen. Leider fehlte ihm der Programmführer, so wusste er nicht, welchem Theaterstück er beiwohnen durfte. Bis sie die Fassaden abrissen, blieben ihm nur Spekulationen über den Verlauf der Handlung.
 

Nebula hoffte, dass ihr die Schamesröte nicht ins Gesicht gestiegen war, als sie Erklärungen erfand, Rollen vertauschte und Tatsachen verdrehte. Sie dachte, ihre Begleiter wären sicherer, wenn sie die Wahrheit nicht kannten und glaubten, die andere sei die Prinzessin. Es war besser, sie hielten sie einfach nur für eine billige Kopie, als dass sie um die Verschwörung wüssten, die einst das Königshaus bedrohte.

“Du bist doch des Wahnsinns, einfach so in den Palast einzudringen!”, verkündete die vermeintliche Prinzessin Eleonora. “Wo wollen du und deine Begleiter sich bis morgen versteckt halten?”

“Lass das mal meine Sorge sein”, antwortete Nebula. “Während des Bankett müssen wir nur betucht genug wirken, und niemand schöpft Verdacht. Und für die Zeit bis dahin weiß ich den perfekten Ort, an dem garantiert niemand nachsehen wird.”

Clay sah sie mit fragenden Blicken an. Hatte er keinen anderen Gesichtsausdruck als offensichtliche Skepsis parat? Andererseits konnte sie es ihm kaum verübeln, er war von ihren Plänen nahezu überrumpelt worden. Und in den königlichen Palast brach man schließlich nicht jeden Tag ein.

Das große Bankett


 


 

Als sie die Tür hinter ihr schloss, erfüllte Nebula ein Gefühl der Erleichterung. Abermals war es gelungen, die Palastwachen zu umgehen. Nun befanden sie und ihr Gefolge sich in einem ganz besonderen Raum, der seit vielen Jahren keine Nutzung fand. Alles war staubig und unberührt. Die Spinnen hatten ganze Arbeit geleistet, das Mobiliar abzudecken und die kalten Wände erzählten Geschichten von Trauer und Einsamkeit. Umgehend fiel der Blick der Söldnerin an ein Gemälde an der Wand. Es zeigte eine gut gekleidete blonde Frau mit einem kleinen Bündel von Mensch im Arm. Konnte man vermissen, woran man sich nicht erinnerte? Ein unbehagliches Gefühl von Sentimentalität und Verlustschmerz erfüllte die junge Frau, sodass sie ihren Blick abwenden musste.

Ganz in Gedanken versunken, ihre Gefühlswelt von diesem Kunstwerk durcheinandergewirbelt wie von einem brutalen Sturm auf hoher See, glaubte sie fast, ein bösartiges Knurren zu hören, doch als sie nach dessen Ursache suchte, war es bereits verschwunden. Vermutlich nur eine Einbildung.

Nachdem sie und die anderen einen Tisch und die Stühle darum von den Spinnweben befreit hatten, öffnete Nebula einen der Schränke, von dem sie wusste, dass er kostbares Tafelsilber enthielt. Die vorherige Bewohnerin dieses Raumes sammelte gern und viel, was zur Folge hatte, dass dieser Raum einem kleinen Kunstmuseum glich, gefüllt mit den Exponaten zahlreicher Zunften. Nebula begann den Tisch zu decken, stellte Teller und Becher ab und legte Besteck daneben. Danach rief sie ihre Begleiter zusammen, denn es war Zeit für eine Lehrstunde in höfischem Benehmen.

Als alle Platz genommen hatten, erhob Nebula ihre Stimme. “Wisst ihr, was das vor euch ist?” Sie deutete auf den gedeckten Tisch.

“Messer und Ga-Gabeln?”, fragte Henrik.

“Teller und Becher?”, ergänzte Annemarie.

“Metall, das ich nicht anfassen kann!”, mahnte Clay.

“Falsch!”, erwiderte Nebula. “Vor Euch seht ihr eine Festtagstafel.”

“Wir haben Hunger”, begann Annemarie unerlaubt zu singen, “haben Hunger, haben Hunger haben Durst! Ich will jetzt essen!”

Zornesadern traten aus dem sonst so hübschen Gesicht der Blondine hervor. Verstand die Göre nicht, dass sie keine Aufmerksamkeit erregen durften? Sie war erleichtert, als Clay geistesgegenwärtig dem Rotschopf den Mund zuhielt.

“Dies ist eine Übung!”, antwortete sie. “Wenn ihr es bis morgen Abend nicht schafft, euch die Benimmregeln zu Tisch anzueignen, dann werden wir sofort auffliegen!”

“Ach so?”, wunderte sich Henrik.

“Es wird hoher Besuch erwartet!”, fuhr Nebula fort. Wenn ihr fresst, wie die Schweine, dann fallt ihr sofort auf! Ich werde euch nun als erstes lehren, welches Besteck zu welchem Gang benutzt wird.”

“Warum sind da überhaupt so viele Gabeln und Messer?”, überlegte Annemarie.

“Reichen nicht die Hände?”, grübelte Henrik.

“Ich werde das Zeug nicht anfassen”, stellte Clay klar.

Nebulas Laune wurde durch diese Aussagen nicht besser. Die Blondine atmete schwer. “Also gut, hört mir zu”, sprach sie ein wenig gefasster. “Der Teller ist das Zentrum des Mahls. Um den Teller wird alles gruppiert, das man zum gediegenen Einnehmen der Mahlzeit benötigt. Rechter Hand, beginnend mit dem Suppenlöffel, folgt dann das Messer für die Vorspeise und anschließend jenes für den Hauptgang. Zur linken Hand habt ihr analog die Gabeln für Vorspeise und Hauptgang. Links davon der Brotteller. Das Besteck für die Nachspeise findet ihr über eurem Teller.”

“W-Welchen Teller jetzt?”, unterbrach Henrik verwirrt.

Nebula stöhnte genervt.

“Der direkt vor deiner Nase”, sagte Annemarie.

Nebula fuhr fort: “Die Becher für die Getränke werden, beginnend bei dem Alebecher, über den Messern platziert. Dort seht ihr also von rechts nach links Alebecher, Weissweinbecher und Rotweinbecher.” Nebula atmete kurz durch. “Auf dem Tisch befinden sich ebenfalls Wasserschalen, um die Hände von Speiseresten zu reinigen. Die Finger werden nicht - und ich wiederhole - nicht an der Tischdecke abgewischt!”

Entgeistert sackte Henrik zusammen. “W-Wie soll i-ich mir das alles merken?”, fragte er niedergeschlagen in die Runde.

Die Teller und Becher sprangen in die Höhe, als Nebula aus Verzweiflung ihren Kopf auf die Tischplatte schlug.
 

Der nächste Abend brach endlich an, und die Gäste versammelten sich im linken Flügel des Palastes von Ewigkeit. Ihre Zahl war so groß, dass es für den Heldenkader ein Leichtes war, sich darin zu verbergen. Obwohl jeder Besucher streng überprüft wurde, blieben die persönlichen Gäste der Königsfamilie unbehelligt. Die Prinzessin hatte veranlasst, dass Nebula und ihre Begleiter auf die Gästeliste gesetzt werden. Allerdings musste Nebula sich dennoch verbergen, um nicht die Blicke auf sie zu ziehen, und legte ihre gewohnte Montur an. Henrik schlüpfte in die Rolle ihres Bediensteten – solange er sich nicht zu dumm anstellte, würde niemand Fragen stellen. Später sollten einige Mädchen Lieder singen, sodass niemanden Annemaries Anwesenheit wundern würde. Clay wurde als Gesandter der Jägergilde ausgegeben - eine Rolle, die er überzeugend verkörperte.

Die Tafel war in Hufeisenform aufgebaut, sodass die Mitte des Ballsaales für Tänze zur Verfügung stand. Musikanten und Barden standen für die akustische Untermalung bereit. Kaum dass Nebula und ihre Begleiter die Kontrollen überwunden hatten, sammelten sie sich unauffällig an einem Ende der Tafel und taten so, als gehörten sie zu den Gästen.

Die Tür zum Ballsaal öffnete sich und ein Mann trat ein, um die Ankunft des Ehrengastes anzukündigen. “Der Ehrengast aus Cinervis:”, sprach er, “Begrüßt mit mir unseren durchlauchtigsten Gast, Prinz Alaric Marcellus Pyreblood!” Er trat beiseite und verneigte sich so tief er konnte, ohne dass ihm das Kreuz brach.

Ein Mann in langem Mantel und einer schwarzen Kapuze betrat, von mehreren Leibwächtern begleitet, den Saal. Als er seine Kopfbedeckung abnahm, offenbarten sich spitze Ohren, die zwischen den aufgewühlten Strähnen seines Haares vom Schädel abstanden. Seine Haut war dunkel und zugleich aschfahl. Einige Gäste beobachteten ihn verwirrt. Scheinbar hatten sie das Memo nicht erhalten und Prinz Aamon Jules erwartet. Es fehlte offenbar das Interesse, die Prinzessin persönlich kennenzulernen. Alaric streifte seinen Mantel ab und übergab ihn einem seiner Leibwächter, der sofort eine Position nahe dem Eingang einnahm und sich für weitere Anweisungen bereithielt.

Eine Palastwache trat an Alaric heran. “Eure Hoheit, darf ich um Eure Waffe bitten?”, fragte er so respektvoll wie möglich und deutete auf dessen Schwert, welches nun durch das Fehlen des Mantels für alle sichtbar geworden war. “Hier sind Waffen nicht gestattet.”

“Diese Waffe wurde mir als Auszeichnung für meine ehrenvollen Taten verliehen”, entrüstete sich der Elf. “Verlangt Ihr, dass ich meine Ehre ablege?”

“Natürlich nicht! Aber die Regeln-”

Der König signalisierte mit einer Handbewegung, dass es dem Gast gestattet war, seine Waffe zu behalten. Daraufhin verneigte sich die Wache und trat beiseite.

“Ich glaube, der geht sogar mit dem Ding ins Bett”, hörte der Prinz jemanden lästern.

Aber er stand über solchen Dingen!

Stattdessen nahm er den Ballsaal in Augenschein. Auch wenn dies hier nicht mit den Festen in Vanitas zu vergleichen war, erkannte er die Mühen seiner Gastgeber an. Alles andere würde sie beschämen. Eine ehrlose Tat, die einen Schatten auf das Ansehen seiner Familie werfen würde. Er schritt rechter Hand um das Hufeisen herum und kam so auch an Nebula und den anderen vorbei. Alarics und Nebulas Augen trafen sich für einen Moment. Er spürte eine unbehagliche Präsenz. Sie schien von diesem Fremden unter der Kapuze auszugehen. Aber das konnte nicht sein! Das musste er sich einbilden. Er besann sich wieder und nahm anschließend den Platz neben der Prinzessin ein, der eigentlich für seinen großen Bruder gedacht war, den er vertrat.
 

Nach einem ausgelassenem Festmahl gaben sich die Gäste dem Tanz hin.

Nachdem sie mindestens eine Stunde getanzt hatten, ging das ausgelassene Treiben schließlich zu Ende. Nun räumten die Paare nach und nach die Tanzfläche, um für das große Finale des Banketts Platz zu schaffen: Dem Tanz des Botschafters mit der Prinzessin.

Nebula hatte den Elf seit seinem Auftritt nicht mehr aus den Augen gelassen. Sein Verhalten vorhin machte ihn verdächtig. Hatte er ihre Anwesenheit gespürt? Auch sie fühlte etwas Unbehagliches an dem Mann vom Festland. Der Gedanke, er besäße ebenfalls eine Teufelswaffe, verursachte ihr Unbehagen.
 

Prinz Alaric erhob sich und reichte Prinzessin Eleonora die Hand, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. Gemeinsam schritten sie um die Tafel herum und betraten die Mitte der Tanzfläche. Dort angekommen, reichten sie einander die rechte Hand und begannen sich zu umkreisen. Sie sprangen dabei abwechselnd mit dem linken und dem rechten Bein ab und kamen sich dabei mal näher, und mal entfernten sich. Die Musikanten spielten ihre Instrumente und die Gäste klatschten verzückt im Takt.

Plötzlich stoppte Alaric in seiner Bewegung. Während ihres Tanzes manifestierte sich eine Erkenntnis in seinem Geist. Er sah seine Tanzpartnerin mit ernstem Blick an, legte eine Hand auf ihre Wange und neigte dabei ihren Kopf ein Stück. “Sagt mir, in welchem Verhältnis steht Ihr zur Wahrheit?”, fragte er sie unerwartet.

Sie sah ihn verwirrt an.

“Wenn man etwas verspricht, sollte man es auch halten. Habe ich nicht Recht?” Er ließ ihre Wange los. “Und meinem Bruder wurde die Prinzessin versprochen!” Er strafte sie mit einem abschätzigen, kalten Blick ab. “Ich kann in Euch keinerlei magische Kraft spüren. Ihr wollt die Tochter einer Hexe sein? Eine Hochstaplerin seid Ihr!”

Eine plötzliche, lähmende Stille legte sich über den prächtigen Ballsaal, als die Worte von Prinz Alaric Marcelus Pyreblood wie ein scharfer Dolch durch die Atmosphäre schnitten. Die funkelnden Kronleuchter schienen für einen Moment ihren Glanz zu verlieren, und die Gespräche verstummten, als seine ruhige, doch unnachgiebige Stimme die Identität der Prinzessin in Zweifel zog. Die Wahrheit, die er enthüllte, schien mit der Wucht eines Donnerschlags durch die marmorne Halle zu rollen, ließ die Gäste erstarren und jagte eine unsichtbare Welle des Unbehagens durch die Menge.

“Wenn Ihr die seid, die Ihr behauptet zu sein, dann wehrt Euch!” Wie ein scharfes Messer schnitt die Beschwörungsformel durch das verhaltene Schweigen. “Binde den Geist”, sprach Alaric. “, Anima!” Sein Arm hüllte sich in blaue Flammen ein, ohne dabei zu verbrennen. Zwischen ihnen schimmerte etwas schwarz Glänzendes hervor. Fast wie ein lebendiges Wesen wand es sich an Ober- und Unterarm hinunter. Eine lange schwarze Kette war nun um seinen Arm gewickelt und kam einfach nicht zur Ruhe. Die Beschuldigte versuchte, sich von Alaric und dieser beängstigenden Bedrohung zu lösen, doch er beschwor die Kräfte seiner Teufelswaffe herauf: “Teufelsmagie: Seelenfessel!” Alaric umklammerte sanft den Kopf der Frau mit seiner Hand, die von der flammenden Energie Animas umgeben war. Anstatt sie zu verzehren, wirkte sich der Zauber nicht auf der physischen, sondern auf der mentalen Ebene aus. Es war, als erstarrte sie. Alaric nahm die Hand von seinem Opfer. Anstatt zuzulassen, dass sie wie ein nasser Sack zu Boden fiel, packte er die Frau und legte sie vorsichtig auf dem Boden ab. Alaric konfrontierte den König und seine Berater. “Betrug ist unehrenhaft!”, verkündete er lauthals. Danach wandte er sich den Besuchern des Bankett zu, von denen nur eine Handvoll ansatzweise fassen konnte, was sie soeben mit eigenen Augen gesehen hatten. “Das ist nicht Eleonora Alexandria von Morgenstern! Cinervis wird sich nicht hinters Licht führen lassen!” Er wandte sich zum gehen um. “Eure Ehrlosigkeit wird ein Nachspiel haben!”

Sofort befahl der König seinen Wachen, den Elfenprinz unschädlich zu machen. Offensichtlich unsicher, was sie gegen ihn ausrichten sollten, umzingelten die Männer den Prinzen und bedrohten ihn mit ihren Waffen.

Alaric machte sich bereit, einen weiteren Zauber zu wirken.
 

Mit einem plötzlichen Ruck sprang Nebula in einem Satz über die gedeckte Tischplatte wie über einen Graben voller Schlangen und kam vor dem Tisch wieder auf dem Boden auf. Sie wusste nur zu gut, dass sie den Palastwachen diesen Gegner nicht überlassen konnte. Geschwind entfesselte sie ihre eigene Teufelskraft. “Koche in meinen Venen, Bloodbane!”, beschwor sie. Ihr Angriff war wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als sie sich an den Wachen vorbei auf Alaric stürzte. Die wilde Entschlossenheit, die sie an den Tag legte, ließ die Palastwachen sich eilig zurückziehen.

Alaric blockte den Schlag mit seinem mit Kettenglieder bewehrten Arm. Eine Entladung aus dunkler Energie von Nebulas Klinge ließ ihn ein Stück rückwärts über die Marmorfliesen des Ballsaals rutschen und versenkte seinen Ärmel.

“Beschützt den Prinzen!”, forderte einer der drei Leibwächter seine Waffenbrüder auf und ließ Alarics Mantel fallen. Allesamt zogen sofort ihre Schwerter und begaben sich um ihren Schutzbefohlenen in Stellung.

Der elfische Prinz gab seinen Leibwächtern überraschend ein Zeichen und setzte zum Gehen an. “Kommt, wir verlassen diese Scharlatane!”, sprach er zu seinen Begleitern. Nebula war verwirrt. Sie konnte sich nicht vorstellen, ihn jetzt schon in die Flucht geschlagen zu haben. Beschützt von seinen Männern hob er seinen Mantel auf, schritt zur Pforte des Saales, und stieß sie auf, bevor er sie durchschritt und unbehelligt von Dannen zog.

Aber die Blondine konnte das nicht zulassen und setzte zu einem weiteren Angriff an.

Hinter ihr vernahm sie, wie der König seine Befehle bellte.

Plötzlich bewegten sich die zuvor feigen Palastwachen wieder und stellten sich ihr mit neu gewonnener Entschlossenheit in den Weg. Mit roter Wut in ihren Augen glühend, erhob sie ihren Arm in Vorbereitung, die Männer davonzufegen. “Teufelsmagie: Ebenerzsch-”, wollte sie beschwören, aber eine Stimme bremste sie.

“Nein, tue das nicht!”, rief ihr Henrik zu.

Widerwillig ging sie darauf ein und dematerialisierte Bloodbane. Auch wenn es ihr nicht gefiel… Der Trottel hatte recht, sie konnte die Männer nicht einfach umbringen, wenn sie ihr nicht aus dem Weg gehen wollten. Als Zeichen ihrer Kapitulation nahm sie beide Arme hoch und wandte sich dem König zu, nachdem er sie mehrfach dazu aufforderte.

Ein übermächtiger Gegner


 


 

Auf des Königs Befehl umzingelten die Palastwachen die fremde Gestalt mit dem beängstigend vertrautem schwarzen Schwert, deren Gesicht unter einer Kapuze verborgen lag. Soeben hatte die ganze Festtagsgesellschaft erst der Enthüllung seines Bluffs und danach der Entfesselung zweier Teufelswaffen beigewohnt. Nun sah sich König Borealis III. dazu gezwungen, seine Autorität zu demonstrieren, da sie zu oft hintereinander in Frage gestellt worden war. Alles andere würde ihn schwach erscheinen lassen und das konnte er sich bei dem politischen Klima im Königreich nicht erlauben. Denjenigen, die sich gegen die Königsfamilie verschworen, würde es sonst in die Hände spielen.

“Dreh dich um!”, befahl Borealis dem Fremdling.

Die Person reagierte zuerst nicht, gehorchte aber widerwillig nach mehrfacher Aufforderung und nahm gleichzeitig ihre Kapuze herunter.

“Du!”, erschrak der König, als er ein ihm bekanntes Gesicht erspähte.

Den adligen Gästen stockte der Atem.

“Kann ich die Arme runternehmen?”, fragte die Frau mit den kurzen blonden Haaren.

Borealis signalisierte seine Zustimmung.

Daraufhin nahm sie nicht nur die Arme runter, sondern eilte sofort zu ihrer am Boden liegenden Doppelgängerin. Borealis beobachtete, wie sie sich neben sie hockte, an ihr rüttelte, und ihre Reaktion darauf, als ihre Hoffnungen auf ein Zeichen enttäuscht wurden. “Caro, komme zu dir!”, sprach sie der Bewusstlosen dabei zu. Währenddessen hielt es Arngrimur, den Hofzauberer, nicht mehr auf seinen vier Buchstaben. Agil wie ein Junge sprang der alte Mann von seinem Stuhl und eilte nun ebenfalls zu der Bewusstlosen hin.

Hier machte offenbar jeder was er wollte!
 

Ein kräftiger Ruck an seiner Kleidung veranlasste Henrik, sich wieder hinzusetzen. Nachdem er aufgesprungen war, um Nebula den Angriff auf die Wachen auszureden, blieb er einfach stehen. Nun zog Clay's langer Arm ihn zurück auf seinen Stuhl. Immerhin waren nun weniger Augen auf ihn gerichtet und er nutzte die Gunst der Stunde und bemerkte, dass die Gäste entsetzt über Nebulas Anwesenheit zu sein schienen. Was hatte diese Frau angestellt, dass sie so eine Reaktion auslösen konnte?
 

Nebula wurde völlig überrumpelt, hatte sie in ihrer Trauer und Hilflosigkeit gar nicht mitbekommen, wie der zerstreute Magier mit wehenden Gewändern zu ihr geeilt war, um sich die am Boden liegende junge Frau anzusehen. Die Blondine war außer sich. Caroline, das war der Name der anderen, hatte nichts mit den Machtspielchen der Adligen am Hut! Sie hatte nur ihre Rolle gespielt und dafür den höchsten Preis bezahlt. Das war doch einfach nicht fair! In dem Bewusstsein, was Caroline in der Vergangenheit für sie getan hatte, fühlte sich Nebula für diesen tragischen Ausgang verantwortlich. Und zu allem Übel wurde sie nun von diesem neugierigen alten Zausel verdrängt.

Er berührte Carolines Hand und bewegte ihre Finger. Weder war sie schockgefroren noch konnte er ein Leiden an ihrem Körper entdecken. “Interessant!”, stammelte Arngrimur während seiner Untersuchung. Als nächstes sah er in ihre Augen. Sie hatten noch immer ihre Farbe, doch ihr Glitzern war erloschen. Wie ein Feuer, dem der Brennstoff fehlte. Sie erweckten den Anschein, einfallendes Licht zu schlucken, als falle es in eine Untiefe hinein. In ein bodenloses Loch, das kein Ende nahm. “Äußerst interessant!”

“Wie Bitte?!”, erschauffrierte sich Nebula. “Was ist daran interessant!”

Plötzlich löste sich der Hofzauberer von seinem Studienobjekt. “Ich bin mir nicht sicher, wie er es gemacht hat”, verkündete Arngrimur seine Erkenntnisse, “aber sie ist wie ein Haus, in dem niemand zuhause ist.”

Beinah wie in einem Cartoon erfüllte ein im Chor gesprochenes “Oh!” den Saal.

“Dieses spitzohrige Dreckschwein!”, brach es aus Nebula heraus. Nun erhob auch sie sich und sah König Borealis in die Augen. “Lasst mich und meine Leute den Prinzen jagen! Volturian darf nicht von Eurer Täuschung erfahren, sonst ist der Frieden in Gefahr.”

“Das weiß ich selbst!”, entgegnete der König mit fester Stimme. “Du wirst gehen. Deine Begleiter bleiben hier. Nur zu ihrer Sicherheit, versteht sich.”

“Aber sicher doch…”, antwortete Nebula abschätzig.

“Du kannst so viele meiner Männer mitnehmen, wie du brauchst.”

“Lass mal stecken! Die stünden mir eh nur im Weg.”
 

Prinz Alaric entfesselte seine Kette und ließ sie zwei Palastwachen unschädlich machen, die sich ihm in den Weg stellen. “Teufelsmagie: Seelenfessel!” Bis zu diesem Zeitpunkt konnten er und seine Männer unbehelligt den Palast durchqueren, aber das schien nun vorbei zu sein. Gewöhnliche ohne jegliche magische Kraft hatten keine Chance sich gegen den Zauber zu wehren. Darum stellten die Palastwachen keine Gefahr für ihn dar. Bei Personen mit Magietalent - ob sie aktiv zaubern konnten oder nicht - würde er auf mehr Widerstand stoßen und bei einem anderen Waffenmeister war es vollkommen wirkungslos, da dieser vom Teufel seiner Waffe beschützt würde. Wahrscheinlich würde nur der Hofzauberer einen echten Gegner für ihn darstellen. Zuvor im Ballsaal war der alte Mann an der Seite des Königs weise genug, sich nicht mit ihm anzulegen.

Auf einmal verspürte er einen kalten Schauer auf seinem Rücken. Er fühlte etwas näherkommen, das ihm ganz und gar nicht wohlgesonnen war, und drehte sich um. Jemand kam in rasantem Tempo aus dem Thronsaal gerannt. Alaric erkannte sofort, dass es sich um die Frau mit der Teufelswaffe handelte, mit der er sich Momente zuvor ein Scharmützel lieferte. Ihre Hände umklammerten den Griff eines riesigen Schwertes. Zuvor war die Waffe wesentlich kleiner gewesen, was ihn vermuten ließ, sie könne die Größe ihrer Waffe frei wählen. Es war so gewaltig, dass es den Anschein hatte, sie könne es kaum tragen. So klobig, dass es den Boden entlang schliff, den Teppich aufschlitzte und den Steinboden zertrümmerte. “Dreckschwein!”, schrie sie ihm mit wehklagender Stimme entgegen. In welchem Verhältnis stand sie zu der Hochstaplerin, dass sie so reagierte?

Bevor die Leibwächter auf die Idee kamen, ihr Leben gegen diesen Gegner wegzuwerfen, fing Alaric die Frau lieber selbst ab. Auf seine Untergebenen zu achten, gebot ihm seine Ehre. Auch diesen viel mächtigeren Hieb parierte er mit seinem mit Ketten bewährten rechten Arm. Trotz dessen breitete sich hinter ihm eine Druckwelle aus, die seine Männer von den Füßen riss, bis zum Ende des Ganges jedes einzelne Fenster zerschmetterte, den Staub der letzten Dekade aufwirbelte und sämtliche Fackeln löschte, sodass es finster wurde. Alaric und die Frau starrten sich an, während die Glasscherben klirrend zu Boden regneten. Rot glühende Augen sahen in rot glühende Augen. “Beeindruckend”, erkannte der Prinz die Fähigkeiten seiner Gegnerin an. Er sah in ihr Gesicht und entdeckte das verräterische Muttermal unter ihrem linken Auge. Und er konnte in ihr, neben dem Teufel dieses Schwertes, die berüchtigte alte Magie der Hexen spüren. Sie sah nicht nur aus wie die Prinzessin, sie war es! Er konnte sein Herz vor Aufregung und Freude klopfen hören, angesichts eines weiteren ehrenvollen Kampfes. “Ihr seid also die Echte!”
 

Anima und Quake waren ineinander verkeilt. Nebula und ihr Gegner umkreisten einander, während die Leibwächter des Prinzen nur untätig zusehen konnten. Ihnen schien klar zu sein, dass sie ihrem Herrn nur im Weg wären, wenn er gegen einen anderen Waffenmeister kämpft. “Nun ist’s mir sonnenklar klar, wieso sie Euch verstecken!”, sprach Alaric. “Ich hätte nie erwartet, dass Morgenstern einen starken Waffenmeister hervorbringen könnte. Und dann handelt es sich dabei auch noch um die Thronerbin. Ihr werdet meinem Bruder ehrenhafte Kinder gebären.”

Nebula hatte es satt, ungefragt in die Familienplanung von Anderen integriert zu werden. “Vorher hacke ich Euch in Stücke!”, drohte Nebula und bereitete ihren nächsten Angriff vor.

“Ach wirklich?!”

So schnell, wie Alaric nach ihr griff und sie gegen die Wand neben ihnen schleuderte, konnte sie nicht reagieren. Seine Kraft stieß sie gegen die Wand hinter ihr. Schmerz lähmte sie und machte es ihr unmöglich, die folgenden Tritte abzuwehren. “Ihr schwingt große Reden”, belehrte Alaric, während er nicht aufhörte, Nebula mit seinem Stiefel zu malträtieren. “Lernt zuerst Euch selbst zu schützen!” Er erdreistete sich, ihr altkluge Ratschläge zu geben, wie einen Rekruten in der Soldatenschule. Sie konnte spüren, wie die Kraft der Tritte durch ihren ganzen Leib pulsierte und sich auf die Wand hinter ihr übertrug. Das Gemäuer gab der Gewalt allmählich nach und Risse ließen die Wand bröckeln. Als der Elf mit einem letzten Stoß nachlegte, brachte es die Wand hinter Nebula zum bersten und sie stürzte hinaus in den menschenleeren Hof. Auf dem Weg nach unten, streifte sie die Krone eines Kirschbaums, riss ein paar Äste mit sich und schlug dann begleitet von Trümmerteilen zu seinen Wurzeln auf dem Boden auf.
 

Alaric trat an das Loch in der Wand heran und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass die Prinzessin noch nicht überwältigt war. Tapfer kämpfte sie gegen den Schmerz und versuchte wieder auf die Beine zu kommen. Noch immer hielt sie ihre Teufelswaffe fest in Händen. Nur die ehrenhaftesten Krieger gaben bis zum Schluss nicht auf. Er musste es unbedingt schaffen, sie zu überzeugen, das Kämpfen einzustellen. Sie besaß genug Ehre für zwei. Vielleicht sogar genug für seinen missratenen älteren Bruder. Nicht auszudenken, wenn er sie umbringen müsste. Er sprang nun selbst hinunter und landete ein paar Meter von ihr entfernt.
 

Nebula versuchte aufzustehen. Sie drehte sich auf den Bauch und musste husten. Dabei kam ihr schwarzes Blut zum Vorschein. Zwischen gequälten Atemzügen sah sie auf und erspähte den Elfen näher kommen. Natürlich ließ er nicht von ihr ab. Dieser verdammte spitzohrige Bastard war so unglaublich stark, sie wusste absolut nicht, was sie gegen ihn unternehmen sollte. Aber der Kaiser von Cinervis durfte auf keinen Fall von dem Betrug erfahren. Es wäre besser, wenn er einfach verschwand. Dann könnten die Diplomaten eine weitere Lüge erfinden. Das war alles besser, als wenn Volturian von dem Betrug erfuhr. Nebula nutzte Quake als Stütze und zog sich an ihm hoch.

“Bitte ergebt Euch, Prinzessin Eleonora”, wurde sie von Alaric aufgefordert. “Eine Niederlage einzusehen, ist keine Schande. Es zeugt von Besonnenheit! Ich möchte es vermeiden, Euch zu töten.”

“Und wie nennt Ihr das eben?”, fragte sie, als sie wieder fest auf dem Boden stand.

“Von den paar Tritten stirbt ein Waffenmeister nicht. Bitte, wahrt Eure Ehre und ergebt Euch, bevor ich zu letalen Mitteln greifen muss. Ich möchte meinem Bruder nicht erklären müssen, warum ich seine Braut erschlagen habe.”

“In Gottes Namen, erspart mir Euer Geschwafel!” Sie erhob Quake und stürmte auf Alaric zu. Doch der Prinz wehrte auch diesen Angriff ab. Die Wucht des Aufpralls breitete sich hinter ihm im Innenhof aus, wühlte Staub auf und ließ Blätter tanzen. Im nächsten Moment spürte Nebula wieder einen Tritt. Der Stoß katapultierte sie durch die Luft. Sie prallte rücklings gegen eine Säule und fiel anschließend auf die Knie. Keuchend stützte sie sich abermals auf ihr Schwert.
 

Eine leichte Briese spielte mit Prinzessin Lucilias Haaren und ließ sie in Strähnen um ihre langen, spitzen Ohren tanzen. Die Dunkelheit der Nacht war für sie viel erträglicher als der unerbittliche Sonnenschein des Tages. Sie musste sich nicht mehr vor der grellen Sonne im Inneren der Kutsche verstecken. Die Kühle der späten Stund tat ihr gut. Nahezu wie ihre von dunklen Wolken verhangene Heimat, in der niemals ein Sonnenstrahl den Boden berührte und sämtliches Licht aus der Erde selbst an die Oberfläche trat.

Sie hatte sich vor der Drachenstatue eingefunden. Das Friedensgeschenk von Cinervis, nachdem die Kampfhandlungen mit dem Reich der freien Menschen aufgrund eines tragischen Vorfalls eingestellt wurden. Diese Statue war ein wertvolles Geschenk. Nichts bedeutete der kaiserlichen Familie mehr, als ihr Machtsymbol. Manche würden es als ein Zeichen der Dominanz verstehen. Es war inzwischen höchste Zeit, ihren alten Freund herbeizurufen, der geduldig in den Bergen wartete. Während ihres ganzen Aufenthalts hatte er die Stellung gehalten. Bestimmt erwartete er sehnsüchtig ihren Befehl, zu ihr zu kommen.
 

Henrik konnte das quälende Gefühl nicht abschütteln, Nebula im Stich zu lassen. Der König hatte befohlen, dass sie als Faustpfand zurückbleiben sollten. Borealis war auch Henriks König, aber dennoch fasste er den Entschluss, sich zu widersetzen. Ohne eine Vorwarnung sprang er genauso über die Tischplatte, wie zuvor Nebula - oder zumindest versuchte er es. Sein Fuß verhakte sich, sodass er zu Fall kam, sich überschlug und wenig grazil mit dem Sitzfleisch auf dem Boden aufkam.

Henrik konnte Annemarie ausgelassen lachen hören.

Aber er sah nicht Clay, wie dieser nur mit dem Kopf schüttelte.

Umgehend reagierte der König auf Henriks ungehorsam: “Ergreift ihn!”

Aber der mutige Braunhaarige ließ sich nicht beirren und schwang sich auf seine Beine. Schnell umzingelten ihn die Palastwachen, doch Henrik konzentrierte sich und setzte seine mystischen Kräfte ein. Von einer unsichtbaren Macht beseelt entglitten den Wächtern ihre Stangenwaffen und schossen in die Höhe, nur um sich in die Decke zu bohren. Henrik nutzte die Verwirrung der Männer aus, um ihnen davonzulaufen.
 

Hustenreiz und übler metallischer Geschmack auf ihrer Zunge überkamen Nebula bei dem Versuch, sich aufzuraffen und wieder aufzustehen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, nur um erneut blutigen Auswurf vorzufinden, als sie sie wieder herunter nahm. Der Gedanke, nicht gewinnen zu können, setzte sich fest. Aber eine Niederlage war keine Option! Weder für sie, noch für Caroline, noch für ihre Heimat! Sie musste ihre Strategie wechseln. Keuchend richtete sich die Blondine auf. Sie hob ihr Riesenschwert am ausgestreckten Arm dem Himmel entgegen. “Gehe hernieder, Gungnir, Speer des Himmels!” Und mit einem ohrenbetäubenden Donnerknallen fuhr ein Blitz von oben herab, schlug in ihre Waffe ein und transformierte sie. “Teufelsmagie: Donnerschritt!”
 

Alarics Augen weiteten sich im Schock, als seine Gegnerin verschwand. “Ihr besitzt eine weitere-”, wollte er in Verwunderung ausstoßen, wurde jedoch mitten im Satz unterbrochen, als ihn ein heftiger Stoß mit voller Wucht erwischte und gegen eine Wand prallen ließ. Sofort richtete er sich wieder auf, wurde allerdings immer wieder getroffen, während die Elektrizität um ihn herum knisterte und knackte. An seinem Arm, an seiner Brust, auf der Wange und vielen anderen Stellen erschienen neue Wunden, immer dann, wenn es ihm nicht gelang, den blitzschnellen Angriffen auszuweichen. Er spürte, wie er bereits begann, schwächer zu werden. Unter diesen Umständen war es auch keine Option, Seelenfessel einzusetzen, denn der Teufel ihrer Waffe würde es sowieso verhindern. Ihm blieb keine andere Wahl. Er musste die volle Kraft von Anima entfesseln, wenn er nicht in der Fremde den Tod finden wollte. Aber noch fehlte es ihm an Entschlossenheit, denn sie würde diesen Angriff nicht überleben. Die unerbittlichen Attacken der Prinzessin zwangen ihn jedoch dazu, seine Bedenken über Bord zu werfen. Er ließ sich in eine hockende Haltung fallen, bei der ein Knie auf dem Boden aufkam und das andere aufrecht verblieb. Mit der flachen Hand seines rechten Armes, um den noch immer Anima gewickelt war, schlug er auf den Boden vor sich. “Teufelsmagie: Kettengliedmassacker!”, beschwor er seinen Angriff herauf und sofort breitete sich die in blaue Flammen gehüllte Kette überall hin aus.
 

Ein unbeschreiblich starker Schmerz stoppte Nebula sofort. Es war, als ob er von überall gleichzeitig kam. Die Welt um sie herum begann zu verschwimmen und es fühlte sich an, als stünde ihr gesamter Körper in Flammen und würde gleichzeitig erfrieren. Ein Wirbelsturm des Schmerzes breitete sich aus. Nebula entglitt ihre Waffe, die sich daraufhin sofort verflüssigte und in ihren Körper zurückfloss. Jeder Atemzug wurde zu einer Quälerei und sie realisierte, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Ein Blick nach unten verriet ihr den Grund für ihre Schmerzen. Die schwarze Kette des Elfen hatte ihren Körper an verschiedenen Stellen durchbohrt. Sie war die Ursache für die brennende Kälte in ihrem Leib. Mit einem heftigen Ruck schossen die Kettenglieder aus ihr heraus und ein Schwall ihres Blutes quoll unaufhaltsam aus ihrem Mund und jeder ihrer ungezählten Wunden. Danach fühlte sie, wie die Schwerkraft sie erbarmungslos zu Boden riss. Das Dunkel der Nacht um sie herum wurde allmählich von einer noch finstereren Düsternis verschlungen.
 

Die blauen Flammen Animas erloschen und die Teufelswaffe verschwand von Alarics Arm. Unter keinen Umständen konnte er für diesen Sieg Stolz empfinden. Er trat an den Körper von Prinzessin Eleonora heran. Sie lag in einer stetig wachsenden Blutlache und schien sich dennoch an ihr Leben zu klammern. “Ihr habt mir keine Wahl gelassen, Prinzessin”, bedauerte Alaric. Sie strafte ihn für seine Aussage mit mörderischen, aber vollkommen bedeutungslosen Blicken, die voll des Hasses waren. Alaric sah in ihre himmelblauen Augen. “Ihr habt ehrenhaft gekämpft.” Dann entfernte er sich von ihr.

Er kehrte zurück zum Palasteingang. Plötzlich kamen ihm seine Leibwächter entgegen. “Eure Hoheit”, sagte einer. Die anderen beiden zerrten just in jenem Moment einen Jungen mit braunen Haaren zur Tür heraus. Trotz seiner Muskeln machte er auf den Prinzen nicht den Eindruck, ein Krieger zu sein, doch sein Blick war zu allem entschlossen. Alaric spürte, dass der Junge etwas von ihm wollte. “Eure Hoheit, den haben wir aufgegriffen, als er versucht hat, uns zu folgen”, erklärte einer der Leibwächter. “Was sollen wir mit ihm machen?”

“Was willst du von mir?”, fragte Alaric den Jüngling.

“Wo ist sie? Ich will zu ihr!”

Der Junge musste die Prinzessin meinen.

“Warum h-hat sie Euch noch nicht den A-Arsch aufgerissen?”

“Was ist das für eine Ausdrucksweise? Haben dir deine Eltern nie Manieren beigebracht?” Danach gab er seinen Männern ein Zeichen, damit sie ihn losließen. “Sie war eine ehrenhafte Frau. Sie kämpfte für das, was sie liebte.”

“W-War?” Sofort rannte der Junge los, an Alaric vorbei, der Prinzessin entgegen.

“Wieso habt Ihr ihn gehen lassen?”, fragte ein Leibwächter verwirrt.

“Was ist mein Sieg wert, wenn ich ihr den letzten Respekt ihres Gefolgsmann verwehre?” Er hätte selbst gern Gefolge, dass ihm nicht nur aus Angst oder aus Loyalitätsgefühl, sondern aus freien Stücken ergeben war. Aber in diesem Leben wurde das wohl nichts mehr.
 

Unterdessen erreichte Henrik Nebula. Ihr Anblick, dem Tode näher als dem Leben, in einer Lache ihres eigenen Blutes, ließ ihm die Knie butterweich werden. Henriks Gesichtsausdruck verfinsterte sich und seine Schritte wurden langsamer, während sich seine Gelenke beinahe wie Gummi verbogen. Als er sie endlich erreichte, hockte er sich neben sie. Seine Schenkel tauchten platschend in die Blutlache ein und er nahm sie in den Arm. Presste ihren reglosen Körper an sich und begann bitterlich zu weinen.

Eleonoras Verzweifelung


 


 

Drei Jahre zuvor am königlichen Hof von Ewigkeit.

Ein Grau lag über dem Thronsaal, als wäre er unter einem gewaltigen Leichentuch begraben. König Borealis III. von Morgenstern saß auf seinem Thron, doch sein Geist schien weit entfernt zu sein. Der Verlust seiner Frau vor vielen Jahren und nun der Mord an seiner Tochter lasteten schwer auf ihm. Es war mehr, als ein Mann ertragen konnte. Seit dem Attentat auf Eleonora während ihrer Hochzeit vor der versammelten Festtagsgesellschaft waren alle Farben der Welt für ihn wie weggeblasen.

Vor dem erhobenen Königssessel kniete Lord Greymore mit gesenktem Haupt auf dem roten Teppich. “Lasst mich nach Spuren suchen, Eure Majestät”, bat er den König. “Ich werde den Mord an Prinzessin Eleonora rächen!” Er wagte nicht, sein Haupt zu heben und seinem Lehnsherrn seine Tränen aufzubürden.

Der König reagierte nicht auf ihn.

“Eure Majestät!”, machte Greymore erneut auf sein Anliegen aufmerksam. “Als König von Morgenstern ist es Eure Pflicht-”

Er wurde jäh von einem metallischen Klingen unterbrochen. Graymore hob den Kopf und sah, dass die Königskrone auf ihn zurollte. Mit unzähligen unausgesprochenen Fragen auf seiner Zunge sah er seinen Lehnsherren an.

“Wenn Ihr so viel besser wisst, wie sich der König nach dem Mord an seiner einzigen Tochter zu verhalten hat, solltet vielleicht Ihr der König sein, Greymore.”

Der Ritter wischte sich die Tränen aus den Augen. “Ich will Euer Handeln in keiner Weise kritisieren, Eure Majestät.”

Der König erhob seine Stimme. “Dann haltet Eurer altkluges Mundwerk und geht mir aus den Augen!”

Greymore konnte den Schmerz des Königs vollkommen nachvollziehen. Als ein wahrer Mann, steckte er die wütenden Schreie des Königs weg und ergriff die Krone. Er erhob sich und brachte sie dem König zurück. “Eure Majestät, die ist Euch wohl heruntergefallen.”

Der König riss ihm sein Herrschaftssymbol aus der Hand.

Greymore verneigte sich. “Ihr entschuldigt mich.” Dann machte er kehrt Marsch und verließ den Thronsaal. Auch wenn der König ihn nicht unterstützen wollte oder konnte, beschloss er, den Auftraggeber des Meuchelmörders ausfindig zu machen. Solange der Strippenzieher hinter dem Mord an seiner Verlobten nicht seine Klinge zu spüren bekommen hätte, würde er keine Ruhe mehr finden.

Schnaubend stiefelte Greymore die gewundene Treppe hinunter und ging an den Säulen in der Mitte der Eingangshalle vorbei. Er durchquerte den Innenhof und schwang sich auf sein Pferd, das er auf dem Platz vor dem Palast zurückgelassen hatte. Auf dem kürzesten Weg ritt er zum Stadttor. Auf sein Signal hin öffneten es die Wachen und Greymore begann seinen Rachefeldzug auf eigene Faust, an dessen Ende nichts als Verderben auf ihn warten sollte.
 

Nur die wirren Gedanken im Kopf der Prinzessin geleiteten sie durch eine Welt, in der es schien, als wären alle Farben in der Nichtexistenz verschwunden. Sie fand sich plötzlich in einem fremden, aber zugleich vertrauten Gang wieder. Die schwarzen Steine des Mauerwerks waren von leuchtend hellen Fugen durchzogen, als hätten Licht und Finsternis ihre Plätze getauscht. Dennoch spürte die Prinzessin eine seltsame Vertrautheit in dieser Fremde und folgte ihrem Instinkt, der sie eine Treppe hinauf in einen anderen Gang führte. Vorsichtig schritt sie weiter durch das ungewohnte Terrain, bis sie schließlich auf eine ihr bekannte Tür stieß. Es war der Eingang zu ihren Gemächern, doch er war verschlossen. Eleonora drückte die Klinke nach unten, aber das Hindernis weigerte sich standhaft, den Weg freizugeben. Entschlossen setzte sie all ihre Kraft gegen das widerspenstige Brett ein, bis es schließlich unter ihren beharrlichen Stößen nachgab und in ihren Händen lag. Mit einem dumpfen Aufprall fiel die Tür zu Boden. Als sie den Raum betrat, lockte sie ein verführerisches Flüstern aus der Dunkelheit. “Komm!”, säuselte die Stimme in der Finsternis.

In diesem Raum herrschte eine seltsam vertraute Atmosphäre, obwohl die Farben fehlten. Eleonora erkannte jeden einzelnen ihrer Einrichtungsgegenstände. Behutsam trat sie näher an den Spiegel heran, an dem ihre Zofen sie so oft gegen ihren Willen für die Augen der Männer zurechtmachten. Der ovale Spiegel war mit einem Kranz aus verspielten Holzschnitzereien verziert. Auf der spiegelnden Oberfläche begann eine Silhouette Gestalt anzunehmen. Eleonora erkannte ihr eigenes Spiegelbild, doch einige Details der Reflexion wichen von der Realität ab. Statt des in Blut getränkten Brautkleides trug es ein feuerrotes Gewand, und ihre normalerweise goldenen Locken waren weiß wie frisch gefallener Dezemberschnee. Fasziniert und verwirrt zugleich, tastete Eleonora nach ihrem Abbild. “Bin ich das?”, fragte sie ihre eigene Projektion, als ob sie eine Antwort erhoffte.

Plötzlich verzogen sich die Mundwinkel des Spiegelbildes und die flüsternde Stimme sprach erneut zu ihr. “Ich halte dir den Spiegel vor”, hauchte es aus der Reflexion.

Fassungslos trat die Prinzessin einen Schritt zurück und führte ihre zitternden Hände an ihr Gesicht. Ihr Spiegelbild sprach mit ihr! Das durfte nicht sein! Ein Hauch von Wahnsinn schien sie zu umgeben. Ängstlich blickte sie zwischen ihren Fingern hindurch. Das musste ein Traum sein! Es konnte nicht real sein! “Gib es zu! Du sehnst dich danach! Das Blut soll fließen in Strömen!”, flüsterte die Erscheinung.

“Niemals! Ich bin kein Ungeheuer!”, entgegnete Eleonora mit zitternder Stimme.

“Deine Blutlinie ist der Finsternis verfallen.”

“Nein, das ist nicht wahr!”

“Bist du dir so sicher, dass du wahr bist?”

Plötzlich fand sich Eleonora auf der anderen Seite des Spiegels. Sie und ihr Spiegelbild hatten die Plätze getauscht. Verzweifelt schlug die Prinzessin gegen die Glasfläche, doch außer dumpfen Schlägen ihrer Handflächen gab der Spiegel keine Antwort. “Nein!”, schrie sie verzweifelt. “Lass mich hier heraus!”

“Von dir Schwächling lasse ich mir gar nichts befehlen!”

“Ich habe dir nichts getan!”

“Aber dafür genügend anderen.”

Eleonora nahm die Hände vor ihr Gesicht und erkannte, dass ihr Gegenüber die Wahrheit sprach. Sie waren rot, getränkt in Blut. Eine kräftige, leuchtende Farbe, die in dieser schwarzweißen Welt besonders hervorstach. Eleonora realisierte, dass der Lebenssaft von Unschuldigen an ihren Händen klebte. “Nein!”, wimmerte sie voll des Entsetzens. “Ich bin kein Monster!” Ein gequälter Schrei der Prinzessin ließ den Spiegel zerbersten. Die Weißhaarige im roten Kleid starrte auf den verzierten Kranz, auf dem sich ebenfalls Risse gebildet hatten, die sich langsam immer weiter ausbreiteten, und unaufhaltsam auf alles andere ausbreiteten, als fraßen sie sich in den Raum selbst hinein. “Diese verdammte, kleine Hexe!”, fluchte die Weißhaarige. Unterdessen breiteten sich die Risse immer weiter aus, bis die falsche Realität auseinanderbrach, wie eine Vase, die auf den Boden geworfen wurde.

Endlich war die Stimme dieser Frau verstummt.

Eleonora hob den Kopf und erkannte, dass sie nicht mehr in der fremdartigen Kontrastwelt gefangen war, sondern in ihre realen Gemächer zurückgekehrt war. Erst jetzt bemerkte sie den tatsächlichen Zustand ihres Brautkleid. Es war nicht nur mit ihrem Blut besudelt, sondern auch in Fetzen gerissen und hing nur noch lose an ihrem Leib. Entsetzt sah sie sich um und entdeckte die verstümmelten Leichen der königlichen Palastwachen. Einer lag leblos an der Tür, die anderen verstreut im Raum. Eleonora konnte sich nicht erinnern, aber sie wusste, dass sie für ihr Ende verantwortlich war.

Mit Angst in den Augen kauerte sie sich zu einem schützenden Ball zusammen und ließ Tränen der Verzweiflung fließen. In diesem Moment stürmten weitere Wachen in den Raum und umstellten Eleonora. Sie hielten ihre Waffen drohend auf das vermeintlich teuflische Wesen gerichtet, doch die Prinzessin nahm die Bedrohung kaum wahr. Ihre Gedanken waren von der Angst vor sich selbst überwältigt.
 

Über eine Woche verging.

Eine Magd trug einen mit Wasser gefüllten Eimer und einen Schwamm den spärlich beleuchteten Gang entlang. In ihrer anderen Hand hielt sie ein Stück Seife. Links und rechts von ihr waren vergitterte Türen, die die Kerkerzellen vom Gang trennten und den Abschaum des Königreichs einschlossen. Am Ende des Ganges bewachten zwei schwer bewaffnete Männer eine massive eiserne Tür mit einem winzigen Sehschlitz, der sich nur von außen öffnen ließ.

"Was verschlägt dich hierher, Dienstmagd?", fragte der eine Wächter unfreundlich.

"Die Gefangene erhält keinen Besuch!", wies der andere ab.

"Ich bin im Auftrag des Hofzauberers Arngrimur hier!", erwiderte die blonde Magd. "Ich soll sie waschen und für die Vorführung vorbereiten."

"Wenn das so ist", sagte der erste Wächter und ließ sie passieren.

Ein Lichtstrahl durchbrach die Dunkelheit, als die Eisentür geöffnet wurde. Eine schemenhafte Gestalt schützte sich mit ihren zusammen geketteten Händen vor dem grellen Licht. Ein Wächter trat ein und hängte eine Fackel an die Wand. Die winzige Zelle wurde von ihrem warmen Leuchten erhellt. Die Magd trat ein und begann sofort, sich um das schmutzige und zerrissene Gewand des apathischen weiblichen Wesens vor ihr zu kümmern. Ein verschmutztes und zerfetztes Kleid, dessen einstige Pracht nicht mehr zu erkennen war.

Plötzlich unterbrach sie ihre Arbeit und sah den Wächter wütend an.

"Was ist los, Magd. Mach weiter!", befahl der Mann.

"Wollt ihr wirklich dabei zusehen, wie ich sie wasche?", empörte sich die Blondine. "Habt ihr denn keinen Anstand?"

Der Wächter schenkte ihr einen abfälligen Blick und verließ die Zelle. "Klopfe drei Mal, wenn du fertig bist." Dann schloss er die Tür.

Die Magd setzte ihre Arbeit fort. Sie entkleidete das reglos vor ihr sitzende Mädchen, das weder Widerstand leistete noch half. Für einen Moment überlegte sie, wer die Gefangene wohl war und warum sie in schweren Ketten lag. Doch dann konzentrierte sie sich wieder auf ihre Aufgabe und begann den Schmutz und das Blut abzuwaschen. Unter der Verunreinigung kam eine zarte und wunderschöne Haut zum Vorschein, was die Neugier der Magd über die Identität der jungen Frau weiter anfachte.
 

Arngrimur trat vor König Borealis III. von Morgenstern. Wie es die Etikette vorsah, war er zu einem Empfang im Thronsaal geladen, obwohl er die Angelegenheit lieber unter vier Augen besprochen hätte. Aufgrund seiner Studien an seinem neusten Forschungsprojekt, der unfreiwillig zu Waffenmeisterin gewordenen Prinzessin, hatte er den Entschluss gefasst, dem König einen Vorschlag zu unterbreiten. Respektvoll kniete er vor seinem Herrscher nieder. „Mein König“, begann er zu sprechen, „ich habe Neuigkeiten von Eurer Tochter.“

„Dieses Monster das im Palast gewütet hat?“, erwiderte der Herrscher. „Dieses Ding ist nicht mehr meine Tochter!“

„Gestattet mir die Frage, wieso Ihr sie dann einsperren und nicht töten ließt?“

Borealis III. blieb seinem Zauberer die Antwort darauf schuldig.

Aber Arngrimur benötigte sie nicht. Er war sich sicher, dass der König nicht bereit war, sein einziges Kind aufzugeben, selbst wenn es den Anschein erwecken sollte. Die adligen Familien setzten ihn unter Druck, weil er den teuren Frieden mit Cinervis zustimmte. Seitdem waren die freien Menschen nicht mehr frei. Dies schürte nicht nur im einfachen Volk Ressentiments gegen die Königsfamilie. Der König wollte stark aussehen und seinen Widersachern keine Angriffsfläche bieten. Darum ließ er Eleonora in der Einzelzelle verschwinden, anstatt sie den blutrünstigen Adligen auszuliefern. So beschützte er gleichzeitig sie und seinen eigenen Ruf. „Die Palastwachen fanden den Dolch nicht bei ihr, als sie sie gefangen nahmen. Darum glaube ich, dass sich seine Macht mit der schwarzen Magie Eurer Tochter verbunden hat. Ihre Ahnenlinie könnte wie ein Katalysator gewirkt haben. Es muss zu viel für sie gewesen sein und sie verlor die Kontrolle. Aber ich habe sie untersucht. Ich bin mir sicher, Eleonora ist noch immer zu retten.“

„Hört auf, Euer grausames Spiel mit mir zu treiben, Zauberer!“, forderte der König.

„Mein König, ich spreche aus vollster Überzeugung zu Euch!“

„Was gibt Euch diese Gewissheit?“

„Ich habe sie studiert. Ich habe ihre Fortschritte dokumentiert.“

„Wenn Ihr das ernst meint, so will ich sie sehen!“

„Ich ließ bereits alles in die Wege leiten. Sie sollte jeden Moment hier sein. Ich habe die Teufelsmagie durch eine Verzauberung ihrer Fesseln versiegelt.“

Wie auf ein Stichwort kamen zwei Frauen, begleitet von mehreren Wachen, die Treppe hinauf. Bei der einen handelte es sich um die Königstochter. Schwere Ketten hielten ihre Hände zusammen. Sie schaute leer, wie innerlich tot. Die Frau neben ihr war die Magd, die der Hofzauberer damit beauftragt hatte, Eleonora zu waschen und später neu einzukleiden. Erst jetzt, wo die Prinzessin vom Schmutz und Blut befreit war, wurde einem erst bewusst, wie ähnlich sie und die Magd sich sahen.

Der König schreckte auf und schoss aus seinem Thron empor. „Eleonora!“, rief er. „Mein Kind!!“ Zwar hatte er die Berichte gelesen und sie im Kerker einschließen lassen, aber Papier war geduldig, offizielle Worte steril. Der Anblick seines Kindes, lebendig und angesichts der Situation relativ wohl auf, während die Bilder des Anschlags auf ihrer Hochzeit noch immer vor seinen Augen klebten, weckten die unverfälschte Freude eines Vaters und rührten den König zu Tränen. „Bist du das wirklich?“

Die Wachen führten die Magd und die Prinzessin näher zum Thron, hielten jedoch einen Sicherheitsabstand ein und ließen Eleonora nicht eine Sekunde aus den Augen. Sie waren einfache Krieger und trauten dem Hokuspokus nicht über den Weg. Was war, wenn sie wieder durchdrehte, die Ketten sprengte und ihren Vater zerfleischte? Arngrimur konnte Verständnis für sie aufbringen, auch wenn ihr mangelndes Vertrauen ihm natürlich missfiel.

„Und wer ist die Andere?“, fragte der König verwundert.

„Sie ist eine Magd am Hofe“, erklärte der Zauberer.

„Diese Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend...“

„Ein wirklicher Glücksgriff!“ Der alte Mann mit dem Zottelbart fühlte sich auf einmal ganz hippelig, als er dem König seinen Vorschlag unterbreitete. „Eure Hoheit! Ich bin mir sicher, dass Eure Tochter eines Tages wieder ganz die alte sein wird. Bis dahin müssen wir dem Volk und dem Adel einen Ersatz präsentieren. Der Anschlag ist in aller Munde und man verlangt nach einem Lebenszeichen der Thronfolgerin. Diese Magd könnte Eleonoras Platz einnehmen. Niemand wird sie erkennen und die Unruhe im Volk wird befriedet.“ Er sah die Magd an. „Wie findest du das, Mädchen? Du kannst schon bald eine Prinzessin sein.“

Sprachlos sah die junge Frau den Hofzauberer an.

Das war sichtbar zu viel für König Borealis. Arngrimur konnte ihm ansehen, dass er die jüngsten Enthüllungen noch nicht verdaut hatte und schon zauberte er eine Doppelgängerin für seine Tochter aus dem Hut.
 

In der Nähe der Hauptstadt, in der Residenz eines einflussreichen Adligen, trug sich derweil schändliches zu. Die Tür zu dem Anwesen lag in Zwei gespalten auf dem Boden. Ein Wächter drehte die Augen in den Höhlen und würgte Blut herauf, als er Graymores Schwert zu spüren bekam. Die Klinge hatte seinen Körper vollständig durchdrungen und ragte benetzt mit seinem Lebenssaft aus seinem Rücken empor. Seine leichte Rüstung hatte dem kräftigen, durch Wut und Trauer gespeisten Stoß nichts entgegenzusetzen. Greymore zog seine Waffe heraus und ließ den Kadaver seines Gegners zu Boden fallen. Der Weg zu seinem Ziel stand ihm nun frei. Es war niemand mehr da, der dieses fette Schwein noch beschützen konnte. Zitternd und zusammengekauert hockte ein korpulenter Mann an der Wand des Raumes, neben dem Kamin. Die Flammen der brennenden Holzscheite warfen flackernde Schatten auf ihn. Er war ein einflussreicher Adliger und mutmaßlich Teil einer Verschwörung. Doch seine Macht und sein Geld konnten ihm nun auch nicht mehr helfen, da er sich dem Zorn eines trauernden Racheengels entgegen sah. Graymore ließ die Spitze seines blutverschmierten Langschwertes auf dem Boden schleifen. Sein stechender Blick fuhr seinem Gegenüber durch Mark und Bein.

“W-Was wo-wo-wollt Ihr?”, stotterte der Mann verängstigt. “Gold? Ich habe Gold!”

Greymore zeigte keine Reaktion.

Dem Adligen ran das Leben durch die Finger wie Sand in einem Stundenglas.

Graymore baute sich vor ihm auf und erhob seinen Schwertarm.

“Wollt Ihr Macht?”, versuchte der Adlige zu dem Ritter durchzudringen. “Macht kann ich Euch verschaffen! Große Macht!”

“Ich will Euer Gold nicht!”

“Kein Gold! Eine Waffe. Stark genug, um Euch jeden Wunsch zu erfüllen.”

Greymore hielt inne und war bereit, seinen Worten zu lauschen. Er senkte sein Schwert. “Sprecht!”, forderte er ihn auf. “Und gnade Euch Gott, wenn Ihr meine Zeit verschwendet!”

“Gewiss nicht! Gewiss nicht!”

“Dann raus mit der Sprache!”

“Habt ihr schon einmal von den Teufelswaffen gehört?”

Blutgeschmiedet


 


 

Zurück in der Gegenwart schritt die dramatische Nacht voran.

Der Anblick der sterbenden Nebula hämmerte die unanfechtbare Tatsache in Henriks Schädel, dass die Frau, für die er bereitwillig alles aufgegeben hatte, um ihr zu folgen, bald an einem Ort sein würde, an dem er sie nicht erreichen konnte. Sie würde ihm nicht mehr sein Essen wegessen. Ihn nicht mehr als Perversling bezeichnen. Ihn nicht mehr einen Idioten schimpfen oder sich über seine Tollpatschigkeit aufregen. Ihn keinen Staub mehr bei Übungskämpfen schlucken lassen. Ihn nicht mehr zwingen, das Gepäck zu tragen. Und er müsste auch nicht mehr ihre Versuche zu kochen hinunterwürgen.

Nichts davon.

Nie wieder.

“Aber ich brauche dich doch!”, weinte er. “Bitte bleib bei mir!”
 

Nebula wusste, dass sie bald sterben würde. Der zuvor unerträgliche Schmerz war zu einem dumpfen Echo verklungen. Ihn nicht mehr zu fühlen bedeutete, dass sie sich auf der Schwelle des Todes befand. Nur mit Mühe gelang es ihr, ihren schwer verletzten Körper dazu bewegen, ein weiteres Mal zu atmen. Noch einmal ihre durchlöcherten Lungen mit Luft zu füllen. Aber wie oft würde sich der müde klumpen Fleisch, dessen verfluchter Lebenssaft aus seinen unzähligen Wunden entwich, noch dazu überreden lassen? Nebula fehlte die Kraft, weiter die Augen offen zu halten. Sie war so müde, sie wollte einfach nur noch davonschlafen. Es war schon ironisch. Sie hatte all diese Abenteuer überstanden und Kämpfe bestritten, nur damit sie dort zu Tode kam, wo ihre Reise einst begann. Nun lag sie hier, mit mehr Löchern im Leib als ein Bergziegenkäse und verblutete jämmerlich wie Vieh auf der Bank des Schlächters.
 

Jenseits der Realität in der Kontrastwelt befand sich ein Turm und über ihm das Auge eines erbarmungslosen Sturms. Schwarze Vögel umflogen ihn und zeichneten einen scharfen Kontrast zu den schneeweißen Wolken. Eine majestätische Treppe führte den Besucher zum Eingang des Gebäudes. Ein prunkvoll gestaltetes Portal lud in das Innere ein. Eine Wendeltreppe führte nach oben und mündete schließlich in einen Saal, in dessen Mitte sich ein Thron aus Totenschädeln erhob. Auf ihm saß eine Frau mit bleichen Haaren. Sie trug ein blutrotes Kleid, verziert mit Rüschen und Rosen, das den einzigen Farbklecks in der Farblosigkeit darstellte. Sie nahm eine gelangweilte Pose ein. “Hat sie sich wirklich umbringen lassen?”, sprach die Geheimnisvolle. “Wie langweilig…” Doch die Weißhaarige konnte sich das Schauspiel nicht weiter tatenlos ansehen. Sie durfte sie nicht verlieren! “Alles muss man selber machen”, kündigte sie ihr Vorhaben an, bevor sie jäh unterbrochen wurde.
 

Das Gefühl seiner Machtlosigkeit traf Henrik wie ein fallender Baum. Er wusste genau, dass er seiner ersten großen Liebe nicht helfen konnte. Diese Erkenntnis fühlte sich an, als wäre sein Herz stehen geblieben. Ein Dolchstoß bis tief hinein in seine Seele. Und sie war noch immer so schön. Wäre sie nicht in die schwärze ihres Blutes getaucht, könnte man glauben, sie hätte sich nur zum Schlafen niedergelegt und würde jeden Moment die Augen aufschlagen. Er war beseelt von dem naiven Wunsch, sie zu reparieren, wie er es mit einem Werkzeug tun würde. Aber das fand nur in seinem Kopf statt. Eine Fantasie, fernab der Realität. Sie war kein Hammer, sondern ein Mensch. Das konnte nicht klappen.

In tiefer Verzweiflung beugte er sich hinunter, schloss seine Augen und küsste sie auf den Mund. Just in dem Moment, als sich ihre Lippen trafen, machte ein helles Licht die Nacht zum Tag. Als sein Leuchten schließlich verebbte, erwachte Henrik aus seiner Trance und fühlte Hände, wie sie seinen Rücken umschlossen. Wie Nebula seinen Kuss zaghaft erwiderte. Vorsichtig löste er sich von ihren honigsüßen Lippen und öffnete seine Augen, nur um sich anschließend im tiefen Blau ihrer zu verlieren.
 

Als das gleißende Licht durch die Fenster in den Ballsaal strömte, wurde die Szenerie von den Gästen erneut mit ängstlichem Erstaunen wahrgenommen, als wären sie aufgescheuchtes Federvieh. Es schien, als hätte das, was bisher geschehen war, sie noch nicht genug verängstigt. Die plötzliche Explosion des Lichts wirkte wie ein apokalyptisches Ereignis, als hätte Gott an diesem Abend einen besonders schlechten Tag gehabt. Dann verschwand das Licht plötzlich. Ein Gefühl der Verwirrung und Furcht erfüllte den Raum, während die Gäste sich fragten, was das gerade gewesen sein könnte.

Clay blickte zu Annemarie hinüber und spürte, dass sie mehr wusste, als sie preisgab. Das merkwürdige Mädchen, das nach Tinte roch und andauernd las, verunsicherte ihn zutiefst. Doch sie allein war nicht der Grund für sein beklemmendes Unbehagen. Eine unbestimmte Ahnung nagte an ihm, dass sich etwas noch Schlimmeres auf dem Weg zu ihnen befand. Es war, als spürte er den Hauch einer kommenden Katastrophe, ähnlich wie Vögel, die Stunden vor einem Sturm die Flucht ergriffen.

Vielleicht wurde er langsam verrückt.

Oder aber es gab tatsächlich Grund zur Sorge.
 

Der grelle Blitz ließ Alaric und seine Leibwachen in der Bewegung einfrieren. Sie hatten bereits die Hälfte des Platzes vor dem Palast passiert und den reich verzierten Springbrunnen hinter sich gelassen, als plötzlich die Nacht von einem unerwarteten Licht durchdrungen wurde - wenn auch nur für einen Moment. Eine unbeschreibliche Macht schien von dem Ort auszuströmen, den sie gerade erst verlassen hatten. Doch es war keine finstere oder bedrohliche Aura, sondern ein Gefühl von Wärme und Zuneigung - ein Gefühl von Liebe.

Alaric konnte dieses unerklärliche Phänomen nicht einordnen, doch er spürte, wie die Emotionen eines anderen in seinen eigenen Körper strömten. Ehrfürchtig sah er sich um, und sein Blick kehrte zum Eingang des Palastes zurück, als sage er ihm, dort würde er Antworten auf seine Fragen finden.
 

Cerise musste sich geblendet abwenden, als das grelle Licht plötzlich den nächtlichen Himmel durchzuckte. Heimlich hatte sie sich aus einer inneren Ahnung heraus zum Palast geschlichen, ohne von den Wachen entdeckt zu werden. Nun hockte sie oben auf dem Dach, die Sinne gespannt auf das Geschehen unter ihr gerichtet. Obwohl das Drama sich vor ihren Augen entfaltete, wusste sie, dass ein Eingreifen Selbstmord gleichgekommen wäre.

Als das blendende Licht erloschen war und die Dunkelheit zurückkehrte, ermöglichte es Cerise, wieder etwas zu sehen. Doch was sie dann sah, ließ ihr den Atem stocken. Das musste sie sich genauer ansehen, auch wenn es bedeutete, möglicherweise in einen gefährlichen Kampf verwickelt zu werden. Ohne zu zögern, begann sie schnell und geschickt vom Dach des Palastes herunterzuklettern. Jeder leise Schritt brachte sie näher an das mysteriöse Geschehen heran, und sie war entschlossen, aus der Nähe zu beobachten, wie die Sterbende dem sicheren Tod entkommen war.
 

Henrik und Nebula sahen einander tief in die Augen. Die Tränen strömten nun noch stärker über Henriks Wangen, doch diesmal waren es keine Tränen der Trauer, sondern der ausgelassenen, ehrlichen und reinen Freude. Noch einmal beugte sich Henrik nach vorn, da ein einziger Kuss nicht genug war, um seine Sehnsucht nach ihr zu befriedigen.

Die verhüllende Trunkenheit verflog und Nebula bemerkte, was Henrik im Schilde führte. Das hatte sich dieser kleine Perversling so gedacht! Sie nahm die Hände von seinem Rücken, legte sie auf seine Brust und stieß ihn von sich. “Das reicht jetzt aber!”, waren ihre ersten Worte nach ihrer wundersamen Heilung.

Henrik ließ sie los, fiel wortlos nach hinten und landete auf seinem Gesäß. Er beobachtete, wie die wieder frisch Genesene aufstand. Keine Spur von der gewaltigen Blutlache unter ihr. Ihre Kampfverletzungen waren verschwunden, als hätten sie nie existiert. Von ihren zahllosen, lebensbedrohlichen Wunden waren einzig die Löcher in ihrer Kleidung geblieben. Sie waren ein Zeichen dafür, dass es nicht nur ein böser Traum gewesen war.

“Aber, Nebula!”, stieß Henrik unzufrieden aus.

“Wie kann das sein?”, fragte sie ihn. “Wie hast du das gemacht?”

“Ich habe dich ähm… geschmiedet. Ich kann Waffen mit meinem Willen reparieren. Und du bist auch eine… ähm… Waffe… schätze ich.”

“Was redest du für einen Schwachsinn?! Ich war-”

"Tod!", vollendete eine wohl bekannte Stimme. Cerise betrat die Bühne. “Ihr saht zumindest ziemlich tot aus. Ich habe alles mit angesehen.” Sie deutete auf Henrik.

“Na großartig!”, grämte Nebula zu sich selbst, sodass die anderen es kaum verstehen konnten. “Dem Tod von der Schippe gesprungen, um jetzt diese Plage am Hals zu haben!”

“Am Besten hat mir gefallen, wie der Junge Euch geküsst hat.”

Fassungslos sah Nebula Henrik an. “Du hast mich geküsst?!” Offenbar war ihr entfallen, dass sie den Kuss ihrerseits erwidert hatte. Oder vielleicht wollte sie es nicht wahrhaben.

“Ä-Ähm...”, stotterte der noch immer hilflos auf seinem Hintern Sitzende. “I-Ich…”

Nebula lief rot an, als sie sich erinnerte. “Das kann nicht sein. D-Das war ein Reflex!”

Henrik war diesbezüglich nicht besser. “E-Entschuldigung!”

Beide schwiegen und mühten sich krampfhaft, aneinander vorbei zu sehen.

“Wirklich?!”, entrüstete sich die rothaarige Halbelfe über das Verhalten der anderen beiden. “Habt ihr zwei gerade keine anderen Probleme, als einen Kuss?”

Fragend sahen sie beide an.

“Zum Beispiel die Typen da drüben.” Cerise zeigte auf die anrückende Bedrohung.

Alaric kam, begleitet von seinen Stiefelleckern, auf die drei zu. Und er hatte bereits seine Waffe beschworen. Anima wand sich gehüllt in seinen blauen Flammen voller Erwartung auf einen weiteren Kampf um seinen rechten Arm.

Die Chance auf Vergeltung


 


 

Das Spektakel lockte Alaric und seine drei Leibwächter zurück zum Schauplatz des Kampfes, wie Motten zum Licht. Inzwischen erhellte nur noch der gespaltene Mond die Finsternis, doch wenige Augenblicke zuvor machte ein greller Blitz die Nacht zum Tag. Der Elfenprinz war noch immer erfüllt von den fremden Emotionen, die während dieses Moments in ihn eingedrungen waren. Als sie ihr Ziel erreichten, fand Alaric die Frau, die er für tot und erschlagen hielt, lebendig und unversehrt vor. Bei ihr war nicht nur der Junge von eben, sondern auch jemand neues. Eine rothaarige Person, die Alaric zuvor noch nicht gesehen hatte. Das alles verlangte nach Aufklärung, also hatte er Anima erneut beschworen. Seine Anwesenheit sollte als Drohgebärde fungieren. “Wie ist das möglich?”, entfuhr es ihm, als er sich dem Trio näherte. “Ich erschlug Euch!”

“Tja, die ist nicht totzukriegen”, kommentierte die Fremde.

Nachdem sich diese Person ziemlich unverschämt ins Rampenlicht gedrängt hatte, beschloss Alaric, sie genauer in Augenschein zu nehmen. Sie schien ein Halbblut zu sein. War der Vater der Elf oder doch die Mutter? Ihre unverkennbare schwarze Kleidung und die gefährliche Bewaffnung, bestehend aus zwei Dolchen und unzähligen Wurfmessern, enthüllten schnell ihre Zugehörigkeit zur dunklen Profession des Tötens. Ihresgleichen war die Abstammung des einzelnen herzlich egal und sie waren politisch neutral. In Alarics Augen eine lobenswerte Einstellung. “Und wer seid Ihr?”, sprach er sie an.

Die Frau vollführte einen damenhaften Knicks. Aber nicht aus Respekt, sondern viel mehr, um sich über ihn lustig zu machen. “Man nennt mich Cerise.”

“Und wem wollt Ihr das Leben nehmen?”

“Wenn Ihr schön artig bleibt, dann niemandem.” Sie betrachtete ihre Hände und pulte den Dreck unter den stählernen Krallen an ihren Handschuhen hervor, der vom herabklettern der Palastmauer zurückgeblieben war, anstatt ihre Aufmerksamkeit dem Prinzen zu widmen. “Ich bin eigentlich auch nur auf der Durchreise.”

“Genug geredet!”, unterbrach Prinzessin Eleonora. Sie streckte ihren Arm aus und rief eine Teufelswaffe herbei, die Alaric bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. “Durchbohre, Lancelot!” Es entstand eine lange schwarze Lanze und die Prinzessin stürzte sich Kampfschrei schmetternd auf ihn.
 

Nebula fühlte sich so viel stärker als zuvor. Bisher hatte sie sich noch nicht an diese Teufelswaffe herangetraut, da ihre Kraft alles zu durchstoßen viel zu gefährlich für den Einsatz war. Erst recht in einer dicht besiedelten Stadt! Die neue Chance auf Leben, die Henrik ihr mit seiner mystischen Zauberkraft schenkte, erfüllte sie mit unbekanntem Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Ob es gerechtfertigt war, der Rausch des Momentes oder doch nur Hybris, sollte sich gleich zeigen. Sie stieß sich vom Boden ab, landete vor den Leibwächtern, welche für sie aussahen, als bewegten sie sich in Zeitlupe, und versetzte dem Elfenprinzen einen Stoß mit Lancelot, den er bedauerlicher Weise abwehrte. “Teufelsmagie: Inflation!”, beschwor Nebula. Die Teufelswaffe verlängerte sich während des Stoßens immer weiter und die stetig wachsende Wucht ihres Angriffs lehrte Alaric das Fliegen und katapultierte ihn durch den Hofeingang und Meter weit über den Platz, hinein in den großen Springbrunnen. Bevor die Leibwächter auch nur reagieren konnten, stieß sich die Blondine erneut vom Boden ab, um den Kampf zum feindlichen Prinzen zu tragen.
 

Schockiert über die Geschwindigkeit des Angriffes standen Cerise und Henrik nur da und trauten ihren Augen nicht. Die Rothaarige war besonders perplex, hatte sie den Bewegungen Nebulas damals in der Kirche von Schleiersteig problemlos folgen können. Aber nun, keine Chance! “Was war denn das gerade?”, fragte sie, ohne eine Antwort zu erwarten.

“Ich habe nicht d-den blassesten Schimmer!”, antwortete Henrik. Augenscheinlich war er auch nicht in der Lage, ihren Bewegungen zu folgen.

Alarics Leibwächter schienen unterdessen etwas hilflos zu sein. Sie machten auf Cerise den Eindruck, als wüssten sie nicht wirklich etwas mit sich anzufangen. Als sie begriffen hatten, dass sie ihrem Meister nicht zu helfen vermochten, fokussierten sie stattdessen sie und den Jungen. Das Niveau von Waffenmeistern konnten sie nicht halten, also suchten sie sich einfachere Gegner - wenn die wüssten. Wie von der Tarantel gestochen, begannen sie ihren Angriff auf die zwei.

Obwohl er gerade eben ein Wunder vollbracht hatte, war sich Henrik dennoch nicht seiner Kraft bewusst. Das musste der Grund dafür sein, dass er feige hinter einem der Kirschbäume Schutz suchte. Cerise hingegen zückte einen ihrer Dolche und machte sich kampfbereit. Die Männer stürmten zu dritt auf die Rothaarige zu und versuchten, sie mit ihren Schwertern zu erstechen. Cerise wich jedem Angriff geschickt aus. Dabei spürte sie Henriks Blicke in ihrem Nacken. Bestimmt wirkten ihre Bewegungen befremdlich auf ihn, als verwickele sie die feindlichen Schwerter in einen heiteren Tanz. Ein riskantes Spiel mit dem Tod, das auf einmal Ernst wurde, als es einem der Leibwächter tatsächlich gelang, sie zu verletzen und ein Schnitt auf ihrem Oberarm erschien, der sofort zu bluten begann. Cerise sprang ein Stück zurück und inspizierte die Wunde. “Aua!”, sagte sie.

Das war doch einfach nicht zu glauben!

Diese schwertschwingenden Grobiane, denen es an jeglichem Feingefühl fehlte, und die wahrscheinlich auch zu dumm waren, sich ohne Anweisung ihres Herren selbst den Hintern abzuputzen, hatten es tatsächlich geschafft, sie zu verletzen. Diese Tatsache war unvereinbar mit ihrem Stolz, der so groß war, dass er mit Leichtigkeit den Palast überragte. “Genug gespielt! Jetzt seid ihr fällig!” Mit diesen Worten rannte sie auf die Männer zu, wich dem Schwerthieb des ersten Leibwächters aus und schlitzte fast gleichzeitig dem zweiten die Kehle auf. Als der dritte sein Schwert auf sie richten wollte, warf sie ihren Dolch in die Luft, drehte sie sich blitzschnell um die eigene Achse, packte den ersten beim Kragen und stieß ihn in die Klinge des dritten. Als dieser nun versuchen wollte, sein Schwert aus seinem Kameraden zu ziehen, sprang sie mit einem einzigen Satz hinter ihn, packte seinen Kopf und brach ihm mit einem hässlichen, knackenden Geräusch das Genick. Fast gleichzeitig schlugen die Körper der drei Männer auf dem Boden auf, während Cerise gelassen ihren Dolch packte, der erst jetzt wieder heruntergefallen war.

“Unfassbar!”, staunte Henrik aus seinem Versteck heraus.

“Kleinigkeit!”, kommentierte die Rothaarige. “Davon werde ich nicht mal warm.”

In jenem Moment stürmten einige der Wachen aus dem Palast, offenbar angelockt von den Kampfgeräuschen. Cerise, noch immer inmitten der Leichen stehend, wandte sich ihnen zu. “Ihr kommt auch erst dann, wenn die Party vorbei ist!”
 

Unterdessen bezogen Eleonora und Alaric während ihrer Auseinandersetzung den gesamten zur Verfügung stehenden Raum vor dem Palast mit ein. Sie bekämpften sich quer über den Platz. Nachdem der Prinz zuvor im Brunnen gelandet war, konnte er gerade noch ausweichen, bevor die Prinzessin ihre Waffe in ihn treiben konnte. Stattdessen zerstörte sie das Becken des Brunnen, weshalb sich seither sein kühles Nass über die Pflastersteine ergoss und den Boden in eine rutschige Schlitterpartie verwandelte. Alaric hatte seine Mühen, die wilden Hiebe der Blonden abzuwehren. Eben erst machte sein Oberarm Bekanntschaft mit der Spezialfähigkeit von Bloodbane. Seine Gegnerin hat inzwischen bereits einmal die Waffe gewechselt. Er wäre wirklich beeindruckt, hätte nicht eine Entladung aus dunkler Energie seinen Arm umhüllt, die teure Kleidung versengt und schmerzhafte Brandwunden auf seiner Haut hinterlassen.

“Teufelsmagie: Inflation!”

Das Weib hatte schon wieder gewechselt, und zwar zurück zu ihrer vorherigen Waffe. Der Elfenprinz formte mit der Kette seines Anima eine Barriere, um den Angriff seiner Gegnerin abzublocken. Die Wucht des Stoßes mit Lancelot schleuderte Alaric dennoch rücklings gegen die Ziermauer des Platzes. Mit aller Macht wirkte er der Kraft entgegen und entkam der Bredouille seiner Situation, indem er im rechten Moment zur Seite sprang. Hinter ihm bohrte sich die Teufelswaffe in das Mauerwerk. Mit ihr zuzustechen kam einem Schuss mit einer Kanone gleich. Diese Frau war nicht nur dem Tod von der Schippe gesprungen, sondern hatte auch einiges an Stärke und Schnelligkeit zugelegt. Auch wenn ihre Bewegungen etwas unbeholfen wirkten, war ihr stetiger Waffenwechsel sehr effektiv.

Alaric entschied sich dazu, sein Schwert zu Hilfe zu nehmen, das er den schmerzenden Brandwunden zum Trotz mit der linken Hand führte, während die rechte die Teufelswaffe Anima kontrollierte. Er stürmte vor und konfrontierte Eleonora im Nahkampf, da ihm bewusst war, dass er auf Distanz gegen die Stoßkraft des Lancelot unterliegen würde. Als es ihm gelang, die Waffe zu parieren, nutzte er die Zeit, um mit seiner Gegnerin ins Gespräch zu kommen. “Wie macht Ihr das?”, fragte er. “Erst kehrt Ihr von den Toten zurück und nun seid Ihr viel stärker als zuvor und meistert das Wechseln Eurer Waffen.”

“Bin eben ein Naturtalent!”, spottete Eleonora.

“Macht Euch nicht über mich lustig!”, forderte Alaric. “Manche haben versucht mit mehreren Teufeln zu paktieren, doch für sie endete es im Wahnsinn. Nur meinem Bruder ist es gelungen. Aber wahrscheinlich schaffte er es nur, weil er bereits wahnsinnig ist.”

“Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wovon Ihr da redet!”

Alaric spürte sein Schwert nachgeben. Immerhin war es eine gewöhnliche Waffe und ein Wunder, dass es so gut mithalten konnte. Er musste sich aus seiner misslichen Lage befreien, bevor es brach, und trat nach Nebula. Sie wurde meterweit durch die Luft katapultiert, konnte jedoch sicher landen. Als ihre Füße aufsetzten, ließ sie die Kraft des Trittes noch ein ganzes Stück auf den glatten Pflastersteinen schlittern und der Schmerz sie kurz zusammenzucken.

“Dreckskerl!”

Nun war die Gelegenheit, sie erneut niederzustrecken.
 

Nebula wusste, dass sie den Prinzen nicht verschnaufen lassen durfte. Eine kurze Atempause zwischen ihren Angriffen gäbe ihm genug Zeit, die Spezialfähigkeit seiner Teufelswaffe einzusetzen. Die Erinnerung an den Schmerz ihrer ersten Bekanntschaft war noch immer frisch. Plötzlich waren diese Ketten einfach überall gewesen, hatten sich in ihren Leib gebohrt und sie in den Seilen hängen lassen, wie eine groteske, Blut besudelte Marionette aus einem Gruselkabinett. Aber Anima bestand aus einer einzigen Kette, also konnte sie nicht wirklich überall gleichzeitig gewesen sein. Viel mehr bewegte sie sich unglaublich schnell. Teilweise unterirdisch, weshalb es unmöglich war, ihr mit den Augen zu folgen, aber vielleicht ließe sich ein Bewegungsmuster finden. Wenn Nebula dies gelänge, wäre sie imstande, den tödlichen Angriffen auszuweichen. Wenn sie eine Chance haben wollte, Anima abzuwehren, brauchte sie eine kleinere Waffe, die sie flexibel einsetzen konnte. “Entfessele die Angst, Mirage!” Sofort gehorchte die Lanze, löste sich auf in eine Luftspiegelung und tauschte den Platz mit dem Dolch.

Alaric setzte seine Waffe ein. “Teufelsmagie: Kettengliedmassaker!” Die Glieder der Kette bohrten sich in den Boden. Jeden Moment konnten sie aus ihm empor schießen.

Nebula schloss ihre Augen. Sie wäre sowieso nicht in der Lage, es kommenzusehen. Stattdessen verließ sie sich ganz auf ihre Instinkte. Wenn ihre Abstammung etwas Gutes hatte, dann dies. Ihr Gespür für die bösartige Magie ließ sie nicht im Stich. Plötzlich wusste sie genau, von wo es kommen würde. Direkt neben ihr brachen die Pflastersteine auf und Anima schoss empor. Nebula nutzte Mirage und blockte die Kette ab. Mit ihrer freien Hand packte sie Anima und ließ es nicht mehr los, auch wenn es in das Fleisch ihrer Hand schnitt. Nach qualvollen Sekunden des Schmerzes, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, stoppte die schwarze Kette endlich. Nebulas stählerner Griff verhinderte, dass Alaric seinen Zauber vollenden konnte. Die Blondine zögerte keinen Moment und stürmte auf den Prinzen zu. Mit einem mächtigen Streich quer über seinen Körper überrumpelte sie ihren Gegner, der vollständig ihrer Gnade ausgeliefert war. Bei ihrem Angriff wurde ebenfalls sein Kopf getroffen und eine Fontäne seines Blutes schoss empor.

Verwundet und um sein rechtes Auge beraubt, torkelte Alaric rückwärts.

Nebula nutzte seine Schwäche und griff ihren Gegner ein letztes Mal an. “Ich wünsche süße Träume!”, sagte sie triumphierend, als sie sich vorbereitete, die Macht von Mirage einzusetzen, wohl wissend, welches Leid ihm diese Waffe in den letzten Momenten seines Lebens zufügen würde. “Teufelsmagie: Todbringender Traum!” Der Hofzauberer wusste mit seiner Leiche schon etwas anzufangen, davon war sie fest überzeugt. Ihre Augen funkelten und die süße Vergeltung ließ ein dämonisches Lächeln ihr Gesicht zieren, als sie den Dolch bist zum Anschlag in Alarics Eingeweide trieb. Er torkelte rückwärts, sodass sie Klinge seinen Körper wieder verließ, und streckte seinen Arm nach Nebula aus. Sein blutverschmiertes Gesicht war von Angst entstellt. Welche Albträume ihm Mirage zeigte, blieb für immer sein Geheimnis.
 

Ein abscheuliches Gebrüll hallte durch ganz Ewigkeit.

Im Ballsaal schreckte Clay auf. Seine Ohren waren nicht nur in der Lage, das immer näher kommende monströse Geräusch zu vernehmen, sondern auch das Lodern von Flammen und das Schlagen von mächtigen Schwingen. Am ganzen Körper zitterte er wie Espenlaub und sein Verstand ging allmählich in den Überlebensmodus über. Was da kam, war kein normales Ungeheuer. Die Angst lähmte ihn.

“Was hast du?”, fragte ihn Annemarie.

“Es kommt!”, antwortete der Werwolf verstört.

Eleonoras Erwachen


 


 

Drei Jahre zuvor.

Eerika schlenderte mit einem großen geflochtenen Weidenkorb auf ihrer Schulter über den belebten Marktplatz. Ihre ockerblonden Haare waren kunstvoll geflochten und glänzten im Sonnenlicht. An diesem Einkaufstag war sie entschlossen, ihrem Gatten nach seiner Rückkehr von der Arbeit ein köstliches Abendessen zu bereiten. Nach einem anstrengenden Tag im Handwerksbetrieb hatte er es sich verdient, verwöhnt zu werden. Sie hatte bereits einige Äpfel, ein Stück Brot, einen frischen Fisch und eine Ecke Käse erstanden. Sie brauchte noch etwas Lauch und einen Salatkopf.

Auf dem Markt fand sich auch der ein oder andere Gemüseverkäufer. Aber Eerika hatte ihren Stand, den sie regelmäßig aufsuchte. Der glatzköpfige Mann überzeugte mit seinem Angebot. Es war ihr noch nie untergekommen, ein welkes Blatt an seinen Waren auszumachen. Er verkaufte die frischeste Ware in ganz Ewigkeit, was man leider von einigen anderen Händlern nicht behaupten konnte. “Guten Morgen, Eerika”, grüßte der freundliche Mann, der inmitten des Gemüses auf Kundschaft wartete, seine Stammkundin. “Sagt, wie geht es deinem Tarben?”

“Schuftet sich den Rücken krumm”, antwortete sie.

“Also alles wie gehabt?”

“Ich sage andauernd, er solle seinen Meister bitten, ihm die extra Arbeit zu entlohnen.”

“Aber er hat es noch nicht getan?”

“Er fürchtet sich, dass sein Meister ihn hochkant hinauswirft.” Eerika berührte mit der linken Hand ihren leicht konvexen Bauch. “Er hat Angst davor, unsere kleine Familie nicht ernähren zu können.”

“Dennoch kann es so nicht weitergehen!” Dann schwenkte der Mann vom Smalltalk zum Verkaufsgespräch um. “Was darf es denn sein?”

“Einen Kohl und einen Lauch.”

“Ich habe heute Morgen erst eine frische Lieferung von Bauer Knut erhalten.”

Die Hausfrau sah sich die Waren an und traf ihre Wahl. Dann ging sie zum Verkäufer zurück und Münzen wechselten den Besitzer. Sie wollte sich gerade verabschieden, als etwas ihre Wange streifte. Sofort fühlte sie eine warme Flüssigkeit ihr Gesicht hinunter laufen, nicht ahnend, dass es Blut war.

Der freundliche Gemüseverkäufer fiel nach hinten um.

Die Marktbesucher verstreuten sich panisch in alle Himmelsrichtungen.

Erst jetzt wurde Eerika bewusst, was sich vor ihren Augen zugetragen hatte. Ein schwarzer Bolzen hatte ihre Wange gestreift und den Mann genau zwischen die Augen getroffen. Nun lag er tot hinter seinen ausgestellten Waren auf dem Boden. Die Furcht keimte in ihr auf. Sie verlor das Gleichgewicht und setzte sich vor Schreck auf ihr Hinterteil. Sie konnte sich noch abstützen, doch die Waren in ihrem Korb verteilten sich überall auf dem Boden. Sie verschwendete keinen Gedanken daran, sie aufzuheben und floh ebenfalls vom Schauplatz des Mordes.
 

Sie hatte sich nach drei Wochen noch immer nicht daran gewöhnt, jetzt den Platz der Prinzessin eingenommen zu haben, ihre Kleider aufzutragen und Befehle zu erteilen, wo sie sie einst nur empfangen hatte. Alle wurden angewiesen, sie so zu behandeln, als sei Eleonora von Morgenstern, als sei sie die rechtmäßige Thronerbin, und nicht irgendeine Magd von niederem Stande, Pöbel aus der Unterschicht. Währenddessen hockte die echte Prinzessin noch immer in der finsteren Isolationszelle. Bei dem Gedanken, Eleonora allein im Verlies versauern zu lassen, wurde der Aushilfsprinzessin ganz flau im Magen. Sie beschloss, ihr einen Besuch abzustatten. Sie nahm sich erneut einen Eimer und füllte ihn mit Wasser. Sie legte einen Schwamm ins kühle Nass und besorgte sich ein Stück Seife. Genauso wie an jenem Tag, an dem sie sie das erste Mal sah. Als man ihr auftrug, sie zu waschen. Doch dieses mal tat sie es aus freien Stücken.

Als erlebe sie ein Dejavu, versuchten die Wachen sie zu stoppen. “Was wird das?!”, mahnte der eine. “Hier hat niemand Zutritt!”

“Lasst mich herein!”, forderte die geadelte Bedienstete. “Ich will die Gefangene waschen!”

“Unsinn!”, meinte der andere. “Wir können Euch nicht durchlassen! Arngrimur hat-”

“Ihr sollt meinen Anweisungen Folge leisten”, erinnerte die blonde Frau die Männer an ihre Befehle. “Ich verlange, dass ihr mich herein lasst!”

“Aber-”

“Sie hat Recht. Wir müssen ihr gehorchen. Auf Geheiß des Königs.”

Die Kerkerwachen öffneten widerwillig die Tür und ließen sie eintreten. Danach wurde die Eisentür wieder verriegelt. Sie kannte ja die Losung: Drei mal klopfen. Eleonora saß in der Mitte des Raumes. Sie war noch immer mit den verwunschenen Ketten Arngrimurs gefesselt, die angeblich die Macht besitzen sollten, die böse Energie zurückzuhalten. “Wie geht es Euch?”, fragte die Besucherin.

Eleonora sah der Stimme entgegen.

“Mein Name ist Caroline.”

Emotionslose Augen starrten die Magd im Prinzessinengewand an.

“Du bist Eleonora. Die Prinzessin.”

“Prinzessin”, wiederholte Eleonora. Es war seit Langem das erste Wort, das sie sprach.

“Genau! Du bist die Prinzessin.”

“Ich habe sie alle umgebracht!” Eleonora schlug die Arme über dem Kopf zusammen. Die Ketten rasselten. Ihr Gesicht war gezeichnet von Grauen und Abscheu. Dann bemerkte sie den Eimer in Carolines Hand und entriss ihn ihr. Sie zog sich mit ihrer Beute in eine Ecke zurück und begann wie wild mit dem Schwamm auf ihren Händen zu rubbeln.

“Was machst du da?”, fragte Caroline.

Kurz unterbrach Eleonora ihr tun. “Ihr Blut klebt noch immer an meinen Händen!”, antwortete sie mit Wahnsinn in ihrer Stimme.

Caroline konnte aber kein Blut ausmachen. “Da ist keins!”

“Ich muss es abwaschen!” Eleonora begann erneut zu reiben. Und sie tat so, bis ihre Hände wund wurden und ihr Blut den Schwamm schwarz färbte.

"Du tust dir weh!"

Aber Eleonora hielt nicht inne.

Caroline hatte Mitleid mit der Prinzessin. Das war eindeutig ein schlimmes Trauma. Genau wie sie, war die Königstochter erst vierzehn Jahre alt. Auch kein gestandener Mann könnte mit dieser Situation einfach umgehen. Sie musste ihr helfen, aus diesem emotionalen Loch zu entkommen. Aber dafür müsste sie ihr zuerst helfen, mit ihren Taten klarzukommen. Aber mit ihr zu sprechen war alles, was sie für sie tun konnte.
 

In der letzten Zeit gab es immer wieder willkürlich anmutende Mordanschläge in Ewigkeit. Diese Meldung ließ sich nicht mehr länger geheim halten. Kunde von den Taten eines vermeintlich wahnsinnigen Mörders hatten inzwischen auf Umwegen auch das Ohr des Königs erreicht. Borealis III. hatte den Kommandanten der Armee zu sich rufen lassen. Der bärtige Mann mit den dunkelbraunen Haaren kniete vor seinem Herren. “Steht auf!”, befahl der Herrscher. “Ich ziehe es vor, meinem Gegenüber in die Augen zu sehen, wenn ich ein Gespräch führe.”

“Verzeiht, mein Herr!”, sagte der Hauptmann und leistete Folge.

“Lasst mich Euch eine Frage stellen, Sir Anthony.”, eröffnete der König. “Wie kann es sein, dass meine Untertanen in Furcht vor einem Wahnsinnigen leben und der Kommandant meiner Armee mir gegenüber kein Sterbenswörtchen darüber verliert, sodass ich es hinten herum von einem meiner Pagen erfahren muss?”

“Mein Herr, gestattet Ihr mir, offen zu sprechen?”

“Ich bitte darum!”

“In den letzten Wochen ist viel geschehen. Ihr wart nicht mehr wiederzuerkennen. Darum dachte ich, ich könnte Euch wenigstens diese Sorge ersparen.”

“Es ist nicht an Euch zu entscheiden, was ich mir zumuten kann und was nicht!” Aber der König musste sich wohl oder übel eingestehen, dass es stimmte. “Dennoch will ich Euch für Eure Umsichtigkeit danken.”

“Die Stadtwache hat keinen Stein auf den anderen gelassen. Wir werden den Verantwortlichen zur Strecke bringen, Eure Majestät!”

Sir Anthony wandte sich ab und verließ den Thronsaal.

Ein blondes Gewitter huschte an ihm vorbei.

Caroline trat an den Thron heran und kniete vor dem Herrscher nieder. “Mein König.”

“Caroline!” Das Erscheinen des Mädchens wunderte ihn.

“Verzeiht, aber ich habe den Wachen befohlen, mich herein zu lassen.”

Der König zeigte sich wenig begeistert über diese Störung. Aber wenn er jemandem Vorwürfe machen könnte, dann sich selbst. Er hatte ihr schließlich die Befugnisse erteilt.

“Hört mich an, bitte.”

“Was bedrückt dich?”

“Eure Tochter. Ist Euch klar, wie sie dort unten gehalten wird?”

Der König sah Tränen in vorwurfsvollen Augen. “Steh auf!”, befahl er im herrischen Tonfall. “Meine Tochter würde niemals vor mir knien!”

Caroline leistete Folge. “Mit Verlaub, mein König: Ich bin nicht Eure Tochter. Eure Tochter sitzt in einem dunklen Kerker.”

“Natürlich weiß ich, wie es Eleonora dort unten geht. Aber was bleibt mir übrig? Sie ist gefährlich und hat bereits Menschen umgebracht. Meine Leute leben in Furcht vor ihr. Sie bleibt in dieser Zelle, bis sie keine Gefahr mehr darstellt!”
 

Einige Wochen zogen ins Land und Eleonora hockte noch immer im Kerker.

Der Hofzauberer kam von Zeit zu Zeit und versuchte mit mystischen Beschwörungen und magischen Tinkturen den Teufel aus Eleonora auszutreiben. So behauptete er zumindest. Caroline war davon überzeugt, dass er in Wahrheit seine wissenschaftliche Neugier an seinem unfreiwilligen Versuchsobjekt befriedigte. Die Studien an einem echten Waffenmeister waren zu verlockend. Ihm war scheinbar nicht entgangen, dass Carolines regelmäßige Besuche einen Effekt auf den Geisteszustand der Prinzessin hatten. Daraufhin erlaubte er ihr, Eleonora einmal täglich einen Besuch abzustatten.

Es war wieder an der Zeit. Die Tür wurde entriegelt. Einen Menschen zu haben, mit dem sie über ihre Erlebnisse sprechen konnte, half ihr mehr als alles andere. Eleonora berichtete Caroline von dem Mord an ihr, von der finsteren Schwärze der anderen Seite und von der Stimme aus der farblosen Welt, die andauernd versuchte, ihr abscheuliche Taten schmackhaft zu machen.

Caroline trat ihr gegenüber. “Hallo Nora!”, grüßte sie.

“Hallo Caro!”, erwiderte die Prinzessin.

Inzwischen waren sie sich so nah gekommen, dass sie sich vertraut und ohne Scheu mit Kurzformen ihrer Namen ansprechen konnten. Eleonora hatte diese Zeit des Tages bestimmt bereits ungeduldig herbeigesehnt.

“Ich muss dir unbedingt etwas erzählen”, eröffnete Caroline. “Heute ist es endlich so weit! Ich werde zum ersten Mal an deiner Stelle vor das Volk treten.”

“Schön für dich. Ich habe diese Vorführungen früher immer gehasst!”

“Und jetzt ist das nicht mehr so?”

“Ich würde gern unter das Volk treten.” Sie hob ihre gefesselten Arme an. “Doch wie soll ich das hier bitte erklären?”

“Dafür hast du ja mich!” Carolines Gesichtsausdruck verfinsterte sich. “In Zeiten wie diesen braucht das Volk seine Prinzessin erst Recht. Es wird ihm Hoffnung geben.”

“Danke, Caro!”

“Hast du noch einen Rat für mich?” Sie hob ihrerseits die Hände an. Sie zitterten. “Ich bin tierisch aufgeregt!” Caroline zwang sich ein Lächeln auf, versagte jedoch kläglich dabei, ihre Angst vor Eleonora zu verbergen.

“Sei einfach du selbst! Wenn die Prinzessin plötzlich die Etikette achtet, würde das Volk es nicht glauben. Ich tat es nie.”

“Danke, Nora. Ich werde es beherzigen!”

Sie wechselten das Thema und sprachen über allerlei verschiedene Dinge.

Die Zeit verging wie im Fluge.
 

Vor dem Eingang des Palastes hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Nachdem die Gerüchte über den angeblichen Tod der Prinzessin den Umlauf gemacht hatten, zog es sie alle her. Es verlangte ihnen danach, die Prinzessin zu sehen. Die Besucher waren so zahlreich, der Platz vor dem Palast war vollkommen überfüllt und die Wachen hatten ihre Mühen, die Ordnung zu wahren.

“Wo ist die Prinzessin?”, verlangte ein Mann Auskunft.

“Zeigt uns de Prinzessin!”, skandierte ein anderer, der hörbar aus Faringart stammte. “Mia hom a Recht auf de Wahrheit!”

Die Stimmen wurden immer lauter.

Bis sich endlich die Türen des Palastes öffneten.
 

Der Heckenschütze von Ewigkeit hatte sich im Glockenturm einer nahegelegenen Kirche verschanzt. In seinen Händen hielt er eine massive schwarze Armbrust. Er folgte jeder Bewegung des jungen Mädchens, das er für die Prinzessin hielt. Wenn ich die Prinzessin erschieße, dachte er, werde ich berühmt. Er grinste zufrieden über sich selbst und seine eigene Genialität, während er auf die passende Gelegenheit wartete, den tödlichen Schuss abzugeben. Er würde sicher treffen. Selbst zweihundert Meter Entfernung waren kein Problem. Alles, was er brauchte, war ein Ziel. Und das hatte er. Er fixierte den hübsch frisierten Kopf ihrer Hoheit.

Gastraphetes würde es schon richten.
 

Eleonora saß unbeteiligt an der Wand neben der Tür gelehnt und ertrug vollkommen teilnahmslos die Einsamkeit, bis sich die Tür erneut öffnen und ihr Abendessen gebracht werden würde - sofern man diesen Fraß als essbar bezeichnen wollte. Man hielt sie wie einen Verbrecher! Aber war es so unangemessen und widersprüchlich, sie so zu behandeln? Nach allem Leid und Tod, das sie zu verantworten hatte? Mehrere der Wachen, die durch ihre Hand den Tod fanden, hatten Familie. Sie hätte ein solches Monster längst töten lassen, anstatt es ins Verlies zu werfen. Sie war doch nichts weiter als ein bissiges Tier, das Menschen anfiel! Vater sollte keine Gnade zeigen.

Plötzlich riss sie das Gespräch der Wachen vor der Tür aus ihrer Selbstgeißelung.

“Und, was glaubt Ihr?”, plauderte der eine Wächter ungezwungen drauf los. “Wird der Attentäter heute wieder zuschlagen?”

“Das kann durchaus sein”, bestätigte der andere Wächter genervt.

“Ich meine, er hat in den letzten Wochen immer wieder jemanden umgenietet”, setzte der erste seine Rede unverfroren fort.

“Ja, da habt Ihr Recht.” Der zweite wurde immer brummiger. Bestimmt konnte er sich schönere Dinge vorstellen, als darüber zu spekulieren, wann ein Verbrecher das nächste Mal zuschlagen und jemanden ermorden würde.

“Es würde mich nichtmal wundern, wenn er heute mitten in die Menge schießt.”

“Vielleicht tut er das.”

“Oder vielleicht erschießt er gleich die Prinzessin!”

Der andere schnaufte. “Konzentriert Euch gefälligst auf Eure Aufgabe!”

Eleonora wurde bewusst, dass sich Caroline in ernster Gefahr befand. Sie musste sofort aus dieser Zelle raus! “Wachen! Lasst mich raus!”, rief sie ihnen zu.

“Als ob wir eine Mörderin rauslassen würden!”, antwortete der erste Wächter.

“Ich bitte Euch! Ich will sie beschützen!” Die Angst um Caroline trieb Eleonora dazu, ihre Freilassung zu erflehen. Sie stellte sich an die Tür und begann zu klopfen.

“Das können wir leider nicht verantworten!”, antwortete der zweite Wächter.

“Bitte!”, wimmerte sie, während das dumpfe Schlagen an das Metall allmählich an Kraft verlor. Aber die Männer reagierten nicht mehr auf ihre Rufe. Eleonora sackte zusammen und kniete vor dem Ausgang. Wenige Zentimeter Metall trennten sie von der Freiheit. Sie betrachtete die Ketten. Sie musste ihre Fesseln abstreifen. Eilig ging sie zur Wand und schlug ihre Handgelenke so fest, sie konnte immer und immer wieder gegen den Stein, bis die Schellen brachen und von ihren Armen fielen.
 

“Die spinnt doch!”, entrüstete sich der erste Wachmann über all dem Lärm aus der Zelle hinter ihm. “Als ob wir dieses Monster freiwillig raus lassen wür-”

Ein gewaltiger Knall hallte durch das Verlies. Ungläubig starrten beide Wachen auf das verbogene Metall. Eine deutliche Delle war in der Tür erschienen. Mit einem weiteren Knall sprang die Tür zwischen ihnen aus den Angeln. Die Männer fühlten einen starken Luftzug entweichen, als jemand in Windeseile an ihnen vorbei rannte. Verunsichert hielten sie Fackeln in die schwarze Kammer und schauten nach, nur um festzustellen, dass die Prinzessin nicht mehr in ihr war.
 

Der Wind stand günstig. Es war die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte. Der Heckenschütze vertraute vollends in das düstere Mordwerkzeug in seinen Händen. Er stoppte seinen Atem, korrigierte ein wenig den Winkel und wollte den Abzug betätigen. Aber dann überkam ihn das ungute Gefühl, nicht allein zu sein. Anstatt zu schießen, wandte er sich um. Er stellte fest, dass es tatsächlich keine Einbildung war. Ein blondes Mädchen in mittelalterlicher Sträflingskleidung stand vor ihm, das haargenau so aussah wie die Prinzessin. Ihre Augen glühten rot und in ihrer rechten Hand hielt sie ein schwarzes Schwert. War sie etwas genau wie er und beherrschte diese böse Macht?
 

Eleonora konnte sehen, wie ihr Erscheinungsbild den Mann in Angst und Schrecken versetzte. In seiner Panik feuerte er, ohne Teufelsmagie heraufzubeschwören. Aber der Bolzen traf Eleonora nur in die rechte Schulter. Sie zog das Projektil unbeeindruckt heraus und warf es weg. Noch im Flug löste es sich auf. Die Wunde in ihrem Arm existierte nicht lange genug, als dass sie den Schmerz fühlen konnte. Doch ihre wundersamen Heilkräfte interessierten sie in ihrem Zustand wenig. Der Wunsch, Caroline zu beschützen, hatte ihr Blut in Rage versetzt. Sie nutzte die Schockstarre des Heckenschützen aus und stürmte vor. Mit einem geschickten Schwung schlug sie ihm den Arm ab. Das Blut spritzte und Gastraphetes fiel zusammen mit dem Unterarm zu Boden. Noch bevor er den Verlust seiner Gliedmaße realisierte, hatte das Mädchen ihn bereits mit dem schwarzen Schwert durchbohrt. Nur die Klinge hielt den Körper noch aufrecht. Sie kannte keine Gnade! Das Mädchen stemmte ihren Fuß gegen den Brustkorb und befreite ihr Schwert von der Last. Der Heckenschütze von Morgenstern stürzte in die Tiefe und schlug mit einem dumpfen Plopp auf dem Boden auf. Unter ihm breitete sich eine Blutlache aus.

Eleonora trat an die schwarze Armbrust heran. Diese bizarre Waffe rief ein befremdliches und doch so vertrautes Gefühl in ihrem Inneren hervor. Es war, als würde diese Waffe zu ihr sprechen. Sie glaubte, ein leises Flüstern zu hören. Verhalten säuselte ihr die Armbrust ins Ohr, sie solle sie aufheben. Ohne weiter zu zögern, griff Eleonora nach ihr und hob sie an. Genau in jenem Moment büßte die Waffe ihre Form ein und zerlegte sich selbst in mechanische Einzelteile. Aus Eleonoras Arm trat eine schwarze Flüssigkeit dampfend hervor, um sich mit den entstandenen Einzelteilen zu vereinigen. Es bildete sich eine homogene Masse, die sich ins Körperinnere zurückzog. Eleonora nahm ihren ausgestreckten Arm herunter und führte ihn in ihr Sichtfeld. Es war keine Spur mehr von der schwarzen Flüssigkeit auszumachen. Einen Moment starrte sie noch auf ihren Arm, bis sie sich besann und die Flucht ergriff. Schon bald würde es vor Soldaten nur so wimmeln…

Die Herrin der Drachen


 


 

Zurück in der Gegenwart näherte sich eine neue Bedrohung.

Der ohrenbetäubende Krach ließ Nebula aufschrecken, die bis zu diesem Zeitpunkt wie hypnotisiert auf die schwarze Kettenwaffe gestarrt hatte und versucht war, sie in sich aufzunehmen. Sie warf Anima auf den Boden, sah sich um und entdeckte etwas am dunklen Nachthimmel. Es war riesig und hatte Flügel wie ein viel zu groß geratener Vogel, konnte jedoch keiner sein, denn die schliefen nachts. Als es plötzlich das Maul aufriss, trieb es eine weite, zylinderförmige Stichflamme vor sich durch die Luft. Als es endlich nahe genug kam, erkannte Nebula, was es für eine Kreatur war. Ein Untier, das es eigentlich nur in Sagen und Erzählungen gab. Es war von Kopf bis Fuß bedeckt mit Schuppen und sähte mit jedem Schlag seiner mächtigen Schwingen Furcht in die Herzen seiner Beobachter. Es war ein leibhaftiger Drache!

Die Kreatur kam auf Nebula zu und landete nicht weit von ihr. Als der Drache aufsetzte, ließ die Erschütterung des Bodens sie fast das Gleichgewicht verlieren. Mit Mühe hielt sie sich selbst aufrecht, aber es war alles vergebens, als sie im nächsten Moment der Schwanz des Drachens traf. Die Wucht des Aufpralls riss sie von den Füßen und schleuderte sie quer über den Platz gegen die Ziermauer.
 

Der Anflug der Bestie, ihr lautes Gebrüll und der Feuerkegel am Himmel alarmierten die Garnison von Morgenstern. Sir Anthony, noch immer der Kommandant der Armee von Morgenstern, hatte abgelehnt dem Bankett beizuwohnen. In letzter Zeit gab es Probleme mit der Logistik. Die Vorräte in den Wachanlagen waren aus ungeklärtem Grund knapp, Werkzeuge verschwanden unter mysteriösen Umständen und in den Papieren der Lagermeister wurden Unstimmigkeiten entdeckt. Das stank nach Diebstahl und Anthony versuchte ein Muster zu finden, um den Übeltätern das Handwerk zu legen. Aber seit der Sichtung des Drachen war das alles egal. Er musste seinen Männern Dampf machen. Die Bogenschützen wurden aus den Betten geworfen und die Ballisten von den Ingenieuren einsatzbereit gemacht. Anthony konnte nicht zulassen, dass ein Monster aus vermeintlichen Ammenmärchen die Stadt zerstörte. In der Waffenkammer befanden sich verzauberte Geschosse, die durch den Hofzauberer für Angriffe auf die Hauptstadt vorbereitet waren. Anthony glaubte, nicht einmal Arngrimur konnte ahnen, dass sie eines Tages gegen einen Drachen zum Einsatz kommen könnten.
 

Henrik und Cerise beobachteten unter Entsetzen den Aufprall des Drachenschwanz und eilten Nebula zu Hilfe. Der Schmiedegeselle hockte sich neben Nebula und wollte sie wachrütteln, als sie ihn plötzlich entschieden von sich weg schob. “Mir geht es gut”, behauptete sie, trotz des Blutes, das über ihr Gesicht lief, und blickte dabei in das erleichterte Gesicht ihres Begleiters. “Mein Gott!”, keuchte die Blondine beim Aufstehen. “Fast hätte ich den Löffel abgegeben.”

“Zwei Mal an einem Abend ist bisschen viel”, kommentierte Cerise, die inzwischen Henrik gefolgt war.

Nebula, Cerise und Henrik kamen vorsichtig näher. Stets den Drachen im Auge, um das Ungetüm nicht ausversehen zu provozieren. Das schuppige Monstrum betrachtete sie dennoch als Bedrohung und brüllte die drei an. Feuriger Odem wäre dem abscheulichen Gestank, der seinem Maul entwich, vorzuziehen gewesen. Henrik stotterte ängstlich etwas Unverständliches vor sich her. Er konnte sich nicht anders helfen, als ungläubig das Ungetüm anzustarren. “Ein D-Dr-Drache!”

Plötzlich bemerkten alle drei einen Passagier auf den Schultern des Monstrums. Eine Frau mit langen, glänzenden schwarzen Haaren und einem gewundenen Stab mit einer großen, leuchtenden Perle an seinem Ende. Die Perle hatte einen schwarzen Einschluss, der sie bald wie ein Reptilienauge wirken ließ. Der Drache senkte seinen Kopf, sodass die Frau mühelos absteigen konnte. Sie trug ein Korsett, lange, schwarze Gewänder mit einem Pelzkragen, figurbetonende Beinkleider und gepanzerte, hohe Stiefel. Sofort zog es sie zum Köper von Alaric. “Was haben sie dir angetan, Bruder?”, monologierte sie deutlich hörbar. Ohne die Anwesenden zu beachten, bückte sie sich und packte seinen linken Arm. Für Henrik sah es so aus, als fühle sie nach einem Puls und die Erleichterung in ihrem Gesicht sagte ihm, dass sie fündig geworden sein musste. Die unbekannte murmelte eine Zauberformel, die er nicht verstand - vermutlich etwas in der Sprache der Elfen - und vollführte ein paar Gesten mit ihren Händen, die offenbar zu einer Art Heilzauber gehören. Die Wunden an Alarics Körper schlossen sich und der Prinz öffnete seine Augen. Sofort entzündeten sich die blauen Flammen an seinem rechten Arm, fast als ob ebenfalls Anima zu neuem Leben erwachte. Sofort wickelte es sich selbst um Alarics Arm, als dieser verwirrt aufschreckte. Er blickte durch sein verbleibendes Sehorgan in das Gesicht der Frau, die ihn ins Reich der Lebenden zurückgeholt hatte. “Sch...wester”, sprach er noch immer schwach. Die Fremde richtete sich auf und sah zu Nebula.

“Warst du das?”, konfrontierte sie wütend. “Hast du dich an meinem Bruder vergriffen?”

“Was habt Ihr getan?”, fragte Nebula verwirrt.

“Vielleicht sollte ich Fafnir befehlen, dich Made zu rösten! Du vorlaute Hündin hast die Hand gegen einen Elfen erhoben. Ich habe meine Bestien schon wegen Geringerem Städte niederbrennen lassen!”

“Seid Ihr etwa Prinzessin Lucilia?”, fragte Cerise.

Die Frau musterte sie und sah ihre nicht ganz so spitzen Ohren und die blasse Haut. Dann wandte sie sich wieder ab, als sei sie es nicht wert, ihr zu antworten.

“Raus mit der Sprache, wer seid Ihr?”, wiederholte Nebula.

“Mein Name ist in der Tat Lucilia Mireille Pyreblood. Ich bin hier, um auf meinen kleinen Bruder aufzupassen. Offenbar ist das auch von Nöten.”

“Dann waren die Schießbudenfiguren vorhin nur Ablenkung?”, erkannte Cerise.

Lucilia überging ihren Kommentar. “Eigentlich hätten wir euch Würmer damals ausrotten sollen. Zu eurem Glück hat Vater euch erlaubt, stattdessen unsere Schoßhunde zu werden. Es gibt wichtigere Dinge in der Welt, die die Aufmerksamkeit meines Vaters erfordern.” Danach half sie Alaric auf den Rücken von Fafnir.

“Wie habt Ihr Euren Bruder wiederbelebt?”, fragte Nebula.

Lucilia setzte sich nun selbst auf den Rücken ihres Drachens, vor ihrem Bruder, der ihre Taille umklammerte, da er fürchtete, sonst herunter zu fallen. Daraufhin schlug Fafnir seine Schwingen und erhob sich in die Lüfte. “Ich weiß nicht, warum ich dir Rede und Antwort stehen sollte, du Made”, rief die elfische Prinzessin von oben herab. “Du primitiver Primat hast nicht bemerkt, dass noch etwas Leben in meinem Bruder steckte. Wir Elfen haben mehr zu bieten, als nur Pakte mit Teufeln zu schließen. Ich heilte seine Wunden und seinen Geist mit einem uralten Zauber. Und nun entschuldige mich. Ich muss meinem Vater berichten, dass ein paar Ratten ausgerottet werden müssen.” Sie signalisierte Fafnir, dass er losfliegen solle. Der Drache gehorchte und schwang sich in die Lüfte.
 

In diesem Moment stürmten die Soldaten der Garnison den Vorplatz des Palastes und nahmen den Drachen ins Visier. Ein Schwall von Pfeilen wurde auf das Biest abgefeuert, verfehlte jedoch jegliche Wirkung. Gewöhnliche Pfeile schienen die schuppige Haut der Kreatur nicht durchdringen zu können. Noch schockierender als das war die Tatsache, dass offenbar Gestalten auf dem Rücken des Drachen saßen, aber vom Boden aus war es unmöglich sie zu treffen. Sichtlich ratlos setzten die Schützen ihren Beschuss dennoch fort, da die Ballisten noch nicht in Schussreichweite waren.
 

Der Beschuss durch die Bogenschützen blieb der Drachenreiterin nicht verborgen. Das war eindeutig eine Provokation zu viel. Lucilia verspürte das Verlangen, den Menschen eine Lektion zu erteilen. Dieses Verhalten ohne Strafe durchgehen zu lassen, kam für sie nicht in Frage. Sie beschloss, sicherzustellen, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Bei ihrem Flug über die Stadt wies sie den Drachen an, den Beschuss zu erwidern. Aber das Ziel seiner Feuerbälle waren nicht etwa die Soldaten, sondern die Häuser von unbeteiligten Zivilisten. Es bereitete der Herrin des Drachen ein perverses Vergnügen, ein ganzes Stadtviertel in Brand zu setzen. Schade, dass sie von hier oben die Schreie der Unschuldigen nicht hören konnte. Alles was sie vernahm, waren die kraftlosen Proteste ihres kleinen Bruders, der sie ermahnte, dass ihre Taten ehrlos und feige seien. Aber das kümmerte sie nicht im Geringsten. Diese aufmüpfigen Menschen hatten ihren Bruder verletzt. Als Lucilia genug Verwüstung verursacht hatte, zog der Drache endlich davon. Die hexenhafte Lache der Prinzessin hallte noch lange in den Gassen Ewigkeits wieder.
 

Die Nacht war rot erleuchtet von den Feuern in den Straßen der Stadt.

“Zieht eine Feuerschneise!”, hallte ein Befehl. Die Bogenschützen hatten ihre Waffen beiseite gelegt und halfen nun bei der Brandbekämpfung. Aber selbst ihr Regiment konnte nicht überall sein.

Die Flammen fraßen sich wie ein ausgehungertes Ungeheuer in die hölzernen Balken eines Wohnhauses und verbrannten sie in schnellem Tempo zu Asche. Als es Feuer vom Himmel regnete, traf es das Dach und brachte es zum einstürzen. Die gesamte obere Etage war mit lautem Getöse unter dem Druck zusammengebrochen und auf das Erdgeschoss herabgefallen. Nun erfasste die Gluthitze sofort jeden Winkel. Brennende Trümmerteile schnitten Wege ab, versperrten Ausgänge und separierten, was eigentlich eins war. Zwischen Flammen und Schutt saß ein kleines Mädchen fest. Von Angst gelähmt, kauerte es inmitten der Feuersbrunst und klammerte sich an die Lieblingspuppe, deren Haare, die aus Stroh gefertigt waren, bereits an ihren Enden begonnen zu versengen.

Auf der anderen Seite einer unüberwindbar heißen Wand aus Feuer versuchte eine etwa dreißigjährige Frau verzweifelt, sich dem Griffen eines Mannes zu entziehen. Ihr mütterlicher Instinkt befahl ihr, das Mädchen zu retten, ungeachtet der Konsequenzen für sie selbst. Der Mann gehörte zur Feuerwacht und war ebenfalls bemüht, Leben zu retten. Zuerst musste sie aus der Gefahr gebracht werden. Aber ihr lebhafter Protest ließ ihn seinerseits fast verzweifeln.

“Lasst mich zu meinem Kind, Ihr Bastard!”, schrie die Frau. Sie war der Situation geschuldet nicht in der Lage, die Absichten des Mannes zu verstehen. “Lasst mich los!”

“Gute Frau”, versuchte er sie zu beschwichtigen. “Das Haus wird jeden Moment einstürzen! Ihr müsst sofort hier heraus!”

“Aber mein Kind! Was wird mit meinem Kind?”

“Zuerst müsst Ihr Euch zusammenreißen! Sonst sterben wir alle!”

Das Kind streckte die Hand nach der Mutter aus. “Mama!”, kreischte es. “Mama, hilf mir!”

Dem Feuerwächter gelang es, dank seiner ihr weit überlegenen Kraft, die Frau gegen ihren Willen aus dem brennenden Haus herauszuziehen. Im nächsten Moment stürzte ein Teil der Decke herab und versiegelte den letzten Fluchtweg aus dem Inferno mit einer weiteren Wand aus Feuer.

“Nein!”, rief die Frau und streckte nun ebenfalls ihre Hand aus.
 

Ein lautes Geräusch, gefolgt von verzweifelten Schreien, erregte die Aufmerksamkeit von Nebula, die ihrerseits versuchte, Leben zu retten. Henrik begleitete sie bei ihrem Unterfangen und versuchte, sich nützlich zu machen. Sie hatten sich umgehend an den Rettungsarbeiten beteiligt, nachdem der Drache am dunklen Horizont verschwunden war. Sie kamen gerade noch rechtzeitig, um zu versuchen, das Drama um das in einer brennenden Hausruine eingeschlossene Kind glimpflich zu beenden.

“Was hat sich hier zugetragen?”, fragte Nebula die hysterische Frau.

“Mein Kind!”, rief sie immer wieder. “Mein Kind!”

“Ich konnte sie gerade noch retten”, erklärte der Feuerwächter. “Aber ihre Tochter ist noch immer dort drin und-”

Nebula wollte nicht mehr auf das Ende des Satzes warten und stürmte Hals über Kopf hinein in das Flammenmeer.

“D-Das ist Wa-Wahnsinn!”, rief ihr Henrik hinterher.

Aber Nebula hörte ihn schon nicht mehr. In gebückter Haltung schlich sie an den brennenden Trümmerteilen vorbei, während der heiße Qualm über ihr in den Nachthimmel entwich. Sie griff auf ihre dämonischen Kräfte zu und packte einen umgefallenen Balken an einer Stelle, die noch nicht brannte, und warf ihn zur Seite, als wöge er nichts. So verfuhr sie mit weiteren Trümmern, bis der Weg zu dem Mädchen endlich frei war. Manchmal war ihr verfluchtes Blut auch zu Gutem in der Lage. Sie schnappte das Mädchen, klemmte es wie ein Paket Wurst unter die Schulter, und eilte dem Ausgang entgegen, ungeachtet der Proteste des Kindes, das unbedingt noch die Puppe aus den Flammen gerettet wissen wollte. Kurz bevor die Ruine endgültig dem Feuer nachgab und in sich zusammen stürzte, entkamen Nebula und das Kind aus den Flammen. Beide waren unverletzt und wohl auf, wenn auch von schwarzem Ruß bedeckt.

Henrik wirkte auf Nebula, als sei ihm ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.

Die Blondine setzte das Mädchen ab und hockte sich vor ihm hin. Sie sah ihm ernst in die Augen. “Deine Puppe kann man ersetzen.”, belehrte sie. “Dein Leben aber nicht!” Bevor sie das Mädchen zu seiner Mutter zurückschickte, wollte sie ihm einen letzten Ratschlag fürs Leben mitgeben. “Du musst lernen, Prioritäten zu setzen, Kleines.” Danach ließ sie es zu seiner Mutter zurückkehren. “Los, deine Mutter wartet!”

Das Mädchen und seine Mutter fielen sich in ausgelassener Freude in die Arme.

In dieser Nacht verloren sie ihr Hab und Gut, ihr Heim, aber wenigstens nicht einander.

Der Feuerwächter kam und legte anerkennend seine Hand auf Nebulas Schulter. “Ihr seid eine wahrhaft mutige Frau”, sprach er und musterte ihre Gesichtszüge. Plötzlich schien ihm bewusst zu werden, wer vor ihm stand. “Moment mal, Ihr-”

Sie unterbrach ihn, bevor er seine Ausführung vollenden konnte. “- helft, wo Hilfe gebraucht wird”, beendete sie den Satz für ihn. Danach wandte sie sich an Henrik. “Komm, sehen wir, wo wir noch helfen können!” Beide rannten davon, noch bevor ein Dank ausgesprochen werden konnte.
 

Am Ende einer anstrengenden Nacht voller mutiger Taten traf sich die Truppe der wackeren Helden auf einer Kreuzung. Mit Annemarie, Clay, Henrik und Nebula war das Quartett vollständig. Jeder hatte in den Stunden zuvor seinen Teil geleistet. Nun hatten sie viel zu besprechen. Nebula war entschlossen, Caroline um jeden Preis der Welt zu helfen, völlig egal, was es ihr abverlangen würde. Und wenn sie allein in den Krieg gegen ganz Cinervis ziehen müsste. Gerade wollte sie das Wort ergreifen, als sich ein unerwarteter Gast hinzugesellte. Als ob sie aus den Schatten empor stieg, tauchte plötzlich Cerise aus einer dunklen Ecke auf. Sofort war Nebula alarmiert, denn das letzte Mal hatte die Rothaarige versucht, Clay umzubringen. “Was macht Ihr denn hier?”, stellte sie die Ankommende zur Rede. “Finger weg von meinen Begleitern!”

“Wir sind heute aber wieder zickig!”, stellte Cerise fest. Sie näherte sich Clay und schmiegte sich an seinen muskulösen Oberkörper, der zwar von Kleidung bedeckt war, aber dennoch deutlich zu spüren war. “Ihr seid so besitzergreifend!”

“Clay, was ist hier los?”, fragte Nebula verwirrt.

“Kein Grund zur Panik”, erörterte Clay. “Wir haben unsere Meinungsverschiedenheiten … ähm… friedlich beigelegt.”

“So so… Wie Ihr über mich hergefallen seid, bezeichnet Ihr als friedlich?”

Nebula stand auf einmal mental neben sich und wäre so beinahe in der Lage gewesen, ihren eigenen Kiefer bei der Fahrt zu Tale zu beobachten.

“Was schaut Ihr so?” Cerises Hand wanderte von Clays Brustkorb auf den Rücken. “Neidisch?” Die andere Hand leistete Gesellschaft. Zusammen rutschten sie, dem Rückrad folgend, hinunter bis auf sein Hinterteil und bearbeiteten es, wie zwei Hälften einer Zitrone in der Presse. “Es wäre doch eine Schande, dieses Prachtexemplar zu ermorden!”

Nebula fand darauf keine Worte mehr. Gerade wollte sie zurück zum Thema kommen und ihre Verbündeten fragen, wer sie auf ihren Weg begleiten wollte, als plötzlich Soldaten aus allen Richtungen in die Gasse stürmten und sie umzingelten. Sogar auf den Dächern tauchte eine Hand voll Bogenschützen auf und nahmen sie ins Visier.

“Na großartig!”, schimpfte Cerise und nahm die Hände vom Hintern des Jägers.

Annemarie kauerte sich verängstigt zusammen.

Clay zückte stattdessen sein Messer, das er vor dem Bankett erfolgreich verborgen hatte. Sein Bogen wäre ihm bestimmt lieber gewesen, aber der lag noch immer auf dem Zimmer, das er und Cerise nutzten, den Körper des anderen im kleinsten Detail zu erkunden, wie ein Kartograph ein fremdes Land. Schließlich konnte man nicht einfach so bewaffnet teilnehmen - außer man war ein Prinz der Dunkelelfen. Als Nebula Clays Zeichen der Aggression bemerkte, packte sie seinen Arm und schüttelte entschieden mit dem Kopf. Das animierte den Jäger, sein Messer wieder wegzustecken.

“W-Was wollen die von uns?”, fragte Henrik.

Zwischen den Soldaten kam ein hochdekorierter Mann zum Vorschein. Nebula erkannte ihn sofort, schließlich war er einst ihr Kampflehrer gewesen. Es war Sir Anthony, der Kommandant der Armee. “So sieht man sich wieder”, sprach er. “Bitte leistet keinen Widerstand und kommt mit!”

Aufmarsch in Sanvalo


 


 

Die Truppen des Foedus Lucis versammelten sich.

In den Wirren der Geschichte hatte sich ein Bündnis aus verschiedenen Reichen zusammengeschlossen. Angeführt wurde es von Lucensiva, dem strahlenden Reich der Hochelfen im Inneren der geheimnisvollen Schimmerwälder. Das Kriegervolk der Klaw’urs, großgewachsenen, bärenartigen Menschen aus den dichten Wäldern Medvedias und die Zwerge der Tiefstädte von Dvergat waren ebenfalls Mitglieder. Menschen aus Vasallenstaaten leisteten ebenfalls ihren Beitrag, besaßen allerdings kein Stimmrecht. Diese Allianz erhob sich wie eine mächtige Woge und wurde zur einzigen ernsthaften Bedrohung für das majestätische Kaiserreich Cinervis. Der große Krieg, ein Ereignis von solch monumental historischem Ausmaß, dass es das Ende einer ganzen Ära einläutete, hinterließ eine Spur der Zerstörung und trennte den Kontinent Eldora in zwei Teile, Ost und West, wie die sengende Front einer Feuerschneise. Seit dieser Zeit erstarrte der Konflikt zwischen den Großmächten in einem eisigen Stillstand, bis die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit die glühenden Flammen des Zorns erneut entfachten. Seitdem flackern alte Feindseligkeiten auf, und entlang der Grenze zwischen den Reichen entbrennen immer wieder kleinere und größere Konfrontationen.

Die jüngsten triumphalen militärischen Erfolge Cinervis drängten die Mitglieder des Bundes zum Handeln, und die Lage wurde immer bedrohlicher. Die Streitkräfte sahen sich gezwungen, in die Offensive zu gehen, nachdem Riva Monto, eine weitere Grenzprovinz, angeblich in die Hände der Dunkelelfen gefallen war - Berichten zufolge gab es keine Überlebenden auf Seiten des Bundes. Angesichts dieser düsteren Entwicklung hatten die Anführer der Mitgliedsstaaten einstimmig beschlossen, sich unter einem gemeinsamen Banner zu vereinen und gemeinsam gegen den tyrannischen Kaiser und seine übermächtige Streitmacht vorzugehen, um den verlorenen Boden zurückzuerobern. Ob die düsteren Geschichten, die man sich erzählte, der Realität entsprachen oder nur dazu dienten, Angst zu schüren, vor allem bei den Kindern in dunklen Nächten, würde sich zeigen, wenn die Armee des Bundes den Wald von Sanvalo betrat - bereit, sich der bisher härtesten Schlacht zu stellen. Es war der Morgen vor dem großen Gemetzel mit den Schergen des Imperiums, und die Befehlshaber der teilnehmenden Truppen verfeinerten in diesem entscheidenden Moment ihren Schlachtplan.

Allmählich brachten sich die Bataillone in Stellung und formten eine Armee.

An vorderster Front stand eine mächtige Phalanx, bestehend aus den menschlichen Kriegern der Vasallenstaaten von Lucensiva. Männer jeden Alters, die ihrem Lehnsherrn zum Kriegsdienst verpflichtet waren. Sie formierten einen undurchdringlichen Schildwall, wobei die Männer der ersten Reihe ihre massiven dreieckigen Schilde fest an ihren linken Arm geschnallt in den Boden rammten und sich mit ihrer linken Körperhälfte dagegen stemmten. Zwischen den sorgfältig verzierten Schilden, die mit wunderschönen Wappen und Symbolen geschmückt waren, ragten ihre beidhändig geführten Spieße aus Stahl hindurch. Die Krieger der hinteren Reihen folgten dem Beispiel ihrer Vordermänner und richteten ihre Spieße aus, um eine unüberwindliche Verteidigungslinie zu bilden.

Zum Schutze der verwundbaren Flanken dieser Formation, positionierten sich an ihren Rändern die imposanten Klaw’urs. Diese Tiermenschen suchten auf dem Schlachtfeld nach Ruhm und nach einer Gelegenheit, ihren Hass auf die Dunkelelfen auszuleben. Bereits aus der Ferne gebot die beidhändig geführte Streitaxt dieser kampferprobten Krieger Respekt. Ihre Aufgabe bestand darin, feindliche Infanterie gebührend in Empfang zu nehmen, falls sie es wagten, aus den sumpfigen Wäldern anzugreifen. Man hoffte, den Feind dazu zu provozieren, stattdessen einen Frontalangriff mit der Reiterei zu starten, was bei dem Versuch, den undurchdringlichen Speerwall zu durchbrechen, vielen Gegnern das Leben kosten würde.

Hinter den Speerträgern lauerten die Bogenschützen der Elfen darauf, ihre Ziele ins Visier zu nehmen. Der Bund entschied sich bewusst dazu, keine Reiterei ins Feld zu führen. Stattdessen trugen die Zwerge aus den Tiefstädten ihren Beitrag in Form ihrer gefürchteten Eisenritter bei - riesige mechanische Krieger, deren Funktionsweise den anderen Partnern wie Magie erschien. Trotzdem begrüßten sie diese Machina Mobile in ihren Reihen, denn es waren Krieger, die niemals ermüdeten und die keine moralischen Bedenken plagten, da sie weder Herz noch Seele besaßen.

Wie es vor der Schlacht Sitte war, schritten die Befehlshaber ihre Untergebenen ab und heizten sie für den bevorstehenden Kampf auf.

Die Armee des Feindes erschien allmählich am Horizont und rückte näher.

Das Aufeinandertreffen schien unvermeidlich.

Die Anspannung in der Luft schien fast schon greifbar.

Doch plötzlich erstarrten die feindlichen Truppen ohne ersichtlichen Grund, als ob sie mit der Geduld ihres Gegners spielten. Es schien, als würden sie darauf warten, dass die Armee des Foedus Lucis den ersten Zug machte. Aber wieso sollten sie eine vorteilhafte Position wie diese aufgeben und einen Angriff wagen? Lächerlich! Niemals würden sie auf solche billigen Psychospielchen hereinfallen. Doch dann löste sich eine einsame Gestalt aus den Reihen des Feindes und näherte sich den Truppen der Allianz. Ein Mann in einer dunklen Kutte, ein Dunkelelf, vermutete der Heerführer. Diese Rasse verabscheute bekanntermaßen die Sonne, da sie in ihrer Heimat nur die Aschewolken des Elendsschlunds kannten. Welches Ziel verfolgte das Kaiserreich mit der Entsendung eines Einzelnen? Brachte er eine Kapitulation? Oder wollten sie zunächst einem Botschafter den Vortritt lassen und den diplomatischen Weg einschlagen?
 

Der Drache trug seine Passagiere sicher zurück nach Vanitas.

Die Hauptstadt des Kaiserreichs befand sich am Fuße des Elendsschlunds, des größten Vulkans der bekannten Welt. Von hier aus herrschte Kaiser Volturian über sein Reich. Das lebensfeindliche Aschland wurde seit jeher von den Dunkelelfen beherrscht. Über Kilometer hinweg transportierten gewaltige Aquädukte Wasser aus fruchtbareren Gegenden des Reiches und machten die Ödnis urbar. In Vanitas vereinten sich gleich fünf dieser Aquädukte, und sie verwandelten die Aschewüste in ein Paradies. Aus der Vogelperspektive betrachtet wirkte die Stadt wie ein sechszackiger Stern, dessen verbleibender Arm eine gewaltige steinerne Brücke über einen Lavasee bildete, die zu einem Gebäude mit langen, spitzen Türmen führte. Die Architektur betonte die überwältigende Höhe des Konstrukts, das wie eine Kirche an den Seiten von Strebewerk gestützt werden musste, da es sonst sein eigenes Gewicht nicht tragen könnte. Man nannte es den "Schwarzen Palast", aufgrund des Materials, aus dem es erbaut war und seiner daraus resultierenden düsteren Farbe. Der Kaisersitz und sein einziger Zugang waren vollständig aus diesem Material gefertigt, da es die Hitze des Lavasees am Besten ertragen konnte.

Unter dem von Aschewolken verhangenen Himmel steuerte die geflügelte Echse auf den Palast zu. Die Geschwister diskutierten noch immer, während der Drache sie auf seinem Rücken trug. Angesichts des Streits war er wirklich zu bedauern. Alaric Marcellus Pyreblood hörte nicht auf, das unehrenhafte Verhalten seiner großen Schwester anzuklagen.

“So stellt endlich Eure pausenlosen Appelle an mein Ehrgefühl ein!”, forderte Lucilia Mireille ihren Bruder zum Schweigen auf. “Solch Ballast besitze ich nicht.”

“Bei Euch kommt jeder Appell zu spät, liebe Schwester”, antwortete er. “Die Zivilbevölkerung anzugreifen, ist nicht nur ehrlos, sondern auch feige und hinterhältig!”

“Die Menschlein haben eine Lektion verdient!”

“Man betrog uns, man griff uns an. Aber das ging nicht vom Volke aus.”

“Wir müssen sie züchtigen, bevor uns bald jeder auf der Nase herumtanzt!”

“Wir reden nicht von kleinen Kindern, die man erziehen muss!”

“Nein, wir reden von wertlosen Kreaturen”, verteidigte Lucilia ihr Handeln. “Würmer, die in schmutzigen Löchern kriechen, die sie Städte nennen und blutige Ritterturniere und Gladiatorenkämpfe als eine Form von Kultur verstehen. Sie fahren auf Raubzüge, saufen vergorenen Honig und rauchen ungehemmt Kraut. Sie kennen keine echte Dichtkunst, keine echtes Schauspiel, keine echte Musik, sind der Münze und der Lüge zugewandt und beten zu falschen Götzen. Wieso sollte man mit so etwas nachsichtig sein?”

“Ihr werft unverfroren alle Menschen des Kontinents in einen Topf und rührt einmal kräftig um. Menschen leben in allen Teilen der Welt anders. Sie haben alle unterschiedliche Kulturen. Ihr könnt sie nicht über einen Kamm scheren!”

“Was interessiert es mich, in welchen Teilen der Welt sie welchem Frefel nachgehen?”

“Es sollte Euch interessieren. Vielleicht können sie Euch noch etwas lehren.”

“Das wage ich zu bezweifeln!”

“Rasse, Herkunft oder Geschlecht spielen keine Rolle. Der Wert einer Person definiert sich durch ehrenhafte Taten. Und wir sind auch nur Menschen mit spitzen Ohren.”

“Das habt Ihr jetzt nicht wirklich gesagt?!”

“Wieso hasst Ihr die Menschen so sehr?”

“Das fragt Ihr noch, verehrter Bruder? Ihr wisst nur zu gut, was damals passiert ist! Wen sie uns genommen haben!”

“Nicht nur Ihr leidet darunter. Unser Bruder und ich fühlen den gleichen Schmerz. Wir vermissen sie alle Gleichermaßen. Auch wenn ich kaum eine Erinnerung an sie habe. Es war ein tragisches Unglück.”

“Unglück…”, Lucilia spuckte vor Abscheu hinab in die Tiefe. “Unsere Mutter starb bei einem Überfall von Barbaren.”

“Das wissen wir nicht. Ich habe die Berichte gelesen. Was man dort vorfand, war so abscheulich und widerlich, das täten nicht einmal die Barbaren.”

“Menschen sind allesamt Barbaren.”

“Morgenstern hatte mit dem Überfall nichts zu tun. Auch sie mussten Verluste beklagen.”

“Was interessiert mich irgendein totes Menschlein?”

“Es war nicht irgendein Menschlein.” Alaric seufzte. Es lagen noch ein paar Minuten Flugzeit vor ihnen und die wollte er nicht im Streit verbringen. Er sparte sich jedes weitere Wort, da seine Schwester ihre Ansichten sowieso niemals ändern würde. Dafür war ihm sein Atem zu schade.
 

Die Schlacht in Sanvalo endete, bevor sie begann.

Wo man auch hinsah, bedeckte ein Teppich des Gemetzels den Boden. Fahnenstangen waren zerbrochen und ihre Banner zerrissen. Die zerfetzten Körper der einst lebendigen Krieger lagen Seite an Seite mit den aufgebrochenen Gehäusen der mechanischen Eisenritter, deren Mechanik ein für allemal zum Stillstand gekommen war. Blut und Schmiermittel verschmolzen zu einer dunklen, öligen Flüssigkeit, die den beißenden Gestank des Todes verbreitete. Ein schwaches Echo von Schreien und berstendem Metall vibrierte noch in der Luft, wie ein Gespenst der Gewalt, das an diesem Ort gefangen blieb. Die Truppen des Foedus Lucis waren geschlagen. Jeder Mann getötet, jeder mechanische Krieger zerstört und jede Bestie erschlagen. Der geheimnisvolle Mann aus den Reihen der Gegner überbrachte ihnen keine Nachricht, sondern ein Todesurteil.

Am Rande des Schlachtfeldes stand nun eben dieser Mann, tief in eine dunkle Kutte gehüllt, die seine Gesichtszüge unter einem dunklen Schatten verbarg. Mit leisen, keuchenden Atemzügen wandte er sich ab, seine schwerfälligen Bewegungen ein Zeugnis der Erschöpfung. Seine Knie zitterten und sein Schritt war der eines Mannes, der mit aller Kraft gegen die Schwäche ankämpfte. Das fleischige Gefängnis, das sein Körper für ihn darstellte, war an sein Limit geraten. Seine Macht hatte ihren Preis gefordert – ein stechender Schmerz durchzog ihn, und doch erfüllte ihn eine düstere Zufriedenheit. Kein einziger Krieger und auch keine Apparatur des Feindes konnte der Demonstration seiner Macht standhalten. Der Mann zog sich in die Reihen jener Armee zurück, aus der er gekommen war. Keiner der Soldaten musste für diesen Sieg auch nur einen Finger rühren. Der geheimnisvolle Mann sah herab auf seine zitternden Hände und brummte leise: “Es war nötig.” Die verhaltene Stille in den eigenen Reihen wagte es nicht, zu widersprechen. Der Bund würde es so schnell nicht wagen, die Macht des Kaiserreichs erneut in Frage zu stellen. Doch er wusste: Jede Schlacht hinterließ Wunden – auch bei den Siegern. Unter den Soldaten würde es jene geben, die das Geschehene an den Rande des Wahnsinns treiben sollte.

Vanitas


 


 

Die mächtigen Schwingen des majestätischen Drachen wirbelten den Staub am Boden des Hofes auf, als er im Schwarzen Palast zur Landung ansetzte. Nachdem Lucilia und Alaric von Fafnir abgesessen waren, schickte die Herrin der Drachen ihr extravagantes Transportmittel mit einer Handbewegung davon. Alaric fragte sich, warum ihre Teufelswaffe gerade sie aus ihre Herrin bestimmte. Der Gebieter der Bestie wäre besser jemand Ehrenvolles gewesen, da die Herrschaft über die Drachen ihn automatisch zum Befehlshaber der Drachenreiter machte, einer kleinen aber schlagkräftigen Eliteeinheit. Das war eine verantwortungsvolle Aufgabe! Alaric bedauerte, der jüngste zu sein, da seine Geschwister Jahre vor ihm die Chance hatten, von den Teufelswaffen im Besitz der Kaiserfamilie erwählt zu werden. Aber es war nun einmal, wie es war. Und Anima war nicht weniger mächtig.

Er folgte seiner Schwester zur opulenten Pforte, die links und rechts von Soldaten bewacht wurde. Die Männer öffneten ihnen den Weg ins Innere. Gemeinsam begaben sich Alaric und Lucilia in den Palast. Sie waren ihrem Vater, dem Kaiser, immerhin noch ihren Bericht schuldig. Der jüngste der Sprösslinge Volturians war sich allerdings sicher, dass der Inhalt ihres Berichtes nicht besonders gefallen würde.

Aus dem Eingangsbereich zweigten drei Wege ab. Die Geschwister wählten den mittleren. Ein langer Korridor folgte, indem die Wände mit zahllosen Spiegeln verkleidet waren. Während die Geschwister gemeinsam den Thronsaal entgegen schritten, wurden ihre Reflektionen bis in die Unendlichkeit von den gegenüberliegenden Spiegelflächen vervielfältigt, immer dann, wenn sie eines der Paare passierten. Zwischen den Spiegeln befand sich ab und an ein Zwischenraum, welcher für einen Wandleuchter reserviert war. Die hellroten Flammen der Leuchtkörper tauchten das kalte Gestein in warmes Licht. Der Boden wurde von Ornamenten und Schriftzeichen verziert, deren Bedeutung sich nur denen erschloss, die der alten Sprache der Vorfahren mächtig waren.

Auf seinem Weg hörte der Prinz jemanden seinen Namen flüstern. Er sah sich um und entdeckte im Augenwinkel ein drittes Spiegelbild. Doch schon einen Wimpernschlag später war es nicht mehr sichtbar. “Hast du etwas gesagt, liebste Schwester”, fragte Alaric. Lucilia sah ihn verwundert an und schüttelte den Kopf. Nun musste er sich wundern, ob er sich diese Erscheinung nur eingebildet hatte. Sie verschwand zu schnell, als dass er einen Blick auf sie werfen konnte. Vermutlich spielte ihm sein Unterbewusstsein einen Streich. Am Ende des Ganges weitete sich der Korridor in einen kleinen Vorraum, der abermals mit einer von Soldaten bewachten Pforte abschloss. Die Wachen öffneten die Tür, als sich die Kinder des Kaisers näherten, und ermöglichten ihnen, ohne Unterbrechung hindurch zu schreiten.

Der Thronsaal selbst erstreckte sich gleich über mehrere Stockwerke. Für jeden Meter, den der Raum in die Breite ging, reichte er gleich drei in die Höhe. Aus langen engen Fenstern fiel das spärliche Licht des umliegenden Ödlands ein. Auch hier versorgten Fackeln an den Wänden den Raum mit zusätzlichem Licht. In regelmäßigen Abständen schossen tragende Mauerpfeiler in die Höhe. An dem Punkt, an dem sie mit der Deckenkonstruktion aus ineinander greifenden Kreuzstreben zusammen trafen, bildeten mit Drachenrelief verzierte Kapitelle den Abschluss. Der Thron befand sich ganz am Ende an der Wand. Besucher, die eine Audienz bei dem Kaiser erwirken konnten, mussten eine lange Treppe hinauf zu einer Plattform schreiten, von der aus sie mit dem Herrscher sprechen durften. Von jener Plattform ging eine weitere Treppe hinauf bis an das Podest des Throns. Hinter ihm wanden sich goldene Drachenbüsten die Wand entlang, um einander schlussendlich zu berühren. Aus der Ferne fühlte der Einzelne die eigene Bedeutungslosigkeit. Auf dem Drachenthron erwartete die Kaiserkinder eine in feinstem Gewebe verhüllte Gestalt.

Es war der Herrscher von Cinervis. Kaiser Volturian. Es hieß, niemand sei seiner Macht ebenbürtig. Die Geschichten über seine finsteren Kräfte verbreiteten überall dort, wo sie erzählt wurden, Angst und Schrecken, unter allem das atmete.

Alaric und Lucilia betraten die Plattform und knieten vor ihrem Vater.

Aber der Kaiser sprach kein Wort.

“Vater, wir wünschen Euch zu berichten”, eröffnete Lucilia ungewohnt ehrfürchtig und zurückhaltend. Bei diesem Mann wagte sich niemand, der noch bei Verstand war, auch nur ein Zeichen von Aufmüpfigkeit oder fehlendem Respekt. “Wie Ihr es verfügt habt, sind mein verehrter Bruder und ich nach Morgenstern aufgebrochen und haben die Braut in Augenschein genommen.”

Noch immer hüllte sich Volturian im Schweigen.

“Leider kam es zu unerwarteten Problemen”, fuhr Alaric für seine Schwester fort. “Man versuchte, Euch zu betrügen. Statt der Prinzessin hat man uns eine Doppelgängerin als Braut für Euren Sohn unterjubeln wollen.”

Der Kaiser lauschte weiterhin stumm den Ausführungen seiner Kinder.

“Wir sahen uns deshalb gezwungen, die Vereinbarung zum Ehebündnis aufzukündigen”, fügte die Prinzessin an. “Wir haben es ihnen deutlich genug zu verstehen gegeben, sodass selbst sie es verstanden haben sollten. Für ihre freche Unverfrorenheit ließen wir die Menschlein entsprechend bezahlen, das versteht sich von selbst.”

Volturians Lippen blieben versiegelt.

“Allerdings mussten wir auch feststellen, dass es in der Königsfamilie einen Waffenmeister gibt”, berichtete Alaric. “Wir kreuzten die Klingen und die Auseinandersetzung endete... sagen wir in einem Unentschieden.”

“Und dieser Waffenmeister ist niemand geringerer als Prinzessin Eleonora Alexandria von Morgenstern selbst”, ergänzte Lucilia.

Auf einmal fuhr die verhüllte Gestalt wie von unerwartetem Schmerz im Hinterteil geplagt auf und entledigte sich der Kapuze. Die Kaiserkinder kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn das Gesicht, das unter ihr zum Vorschein kam, war nicht das, was sie erwarteten. Auf dem Thron saß nicht etwa ihr Vater, sondern stattdessen ihr Bruder Ammon Jules Pyreblood. Er war Mitte zwanzig und das zweite Kind von Volturian und dessen verstorbener Gattin. Seine große Schwester war die Erstgeborene und würde somit eines Tages ihren Vater beerben. So war es zumindest Sitte. Jedoch orientierte sich der Kaiser lieber an den Leistungen seiner Kinder, was einen Konkurrenzkampf zwischen den beiden älteren Geschwistern zur Folge hatte. Jeder wollte den anderen überbieten. Und in Anbetracht von Ammons Frauenbild würde er sich niemals von einer um den Thron bringen lassen. Nicht einmal von der Herrin der Drachen.

“Liebster Bruder!”, stieß der zweite Prinz voll Verwunderung aus.

“Ihr kleiner-!”, schimpfte Lucilia stattdessen.

“- lieblicher Schlingel, wolltet Ihr gewiss sagen”, stichelte der vermeintliche Kaiser.

“Wieso sitzt Ihr auf dem Thron und gebt Euch als unser Vater aus?”, fragte Alaric.

“Ich gebe mich nicht als Vater aus. Ich vertrete ihn, während er auf Reisen ist”, erklärte Ammon. “Und bevor sein Mantel Staub fängt, trage ich ihn lieber selbst.”

“Wo ist er?”, fragte Lucilia ungeduldig.

“Er sagte, er wolle sich um ein lästiges Ärgernis im Osten kümmern.”

“Geht es um den Pakt unserer Feinde?”, verlangte Alaric zu wissen.

“Ein Dorn in unserer Seite. Ich weiß nichts genaues. Ihr wisst doch, wie unser Vater ist. Er liebt seine Geheimnisse.” Ammon Jules betrachtete das Gesicht seines Bruders. “Alaric, was ist Eurem Auge widerfahren?”

Das jüngste der Kaiserkinder befühlte die tiefe Furche in seinem Gesicht, die direkt über sein ruiniertes rechtes Auge verlief. “Ein Andenken an einen ehrenhaften Kampf.”

“Wart Ihr zu oft mit diesem Holzkopf aus Frys zusammen?” Hochherrschaftlich schritt Ammon die Treppe hinab zu seinen Geschwistern. “Mich dürstet es nach Details zu eurem Bericht. Insbesondere was ihr über die Prinzessin von Morgenstern sagtet. Sie besitzt eine Teufelswaffe und weiß sie auch zu führen? Und ihr sagt die Hochzeit ab?!”

“Sie wollten uns betrügen!”, klagte Alaric an.

“Und wenn schon! Solch einen Schatz würde ich auch nicht aus der Hand geben. Ihr wisst, dass ich noch eine Gemahlin brauche, um mit ihr einen Erben zu zeugen. Erst dann wird Vater abdanken und ich kann selbst den Thron besteigen. Natürlich nur, wenn unsere liebe Schwester nicht von ihrem Mann bestiegen wird und vorher Nachwuchs wirft.”

Lucilia strafte Ammon mit einem mörderischen Blick.

“Für mich als den Meister der Zwillingsschwerter gibt es kein besseres Weib als ein solches, das selbst mit einem Teufel einen Bund eingegangen ist.” Ammon wurde unvermittelt laut und bestimmend. “Ich will sie! Ihr werdet das umgehend rückgängig machen, hört ihr!”

“Diesen Aufriss, obwohl sie nur ein Menschlein ist?”, fragte Lucilia voller Abscheu. “Ihr plant unser stolzes, reines Blut zu verdrecken, und uns mit den Mischlingen zu entehren, die aus dieser Verbindung hervorgehen würden.”

“Ihr seid doch nur neidisch, liebe Schwester. Neidisch wegen der Geschichten über die Schönheit dieser Frau. Goldene Haare, himmelblaue Augen, ein wohlgeformter Körper und pralle Brüste. All das, woran es Euch mangelt.”

“Hört auf, mit Eurem Schwanz zu denken!”

“Könnt Ihr die Missgunst dieser Schlange hören, lieber Bruder?”, wandte sich Ammon an das jüngste Kaiserkind. “Liebe Schwester, warum teilt Euer Gemahl lieber mit Huren das Bett, als mit Euch?”, provozierte er anschließend Lucilia.

Mit Erfolg! Sie konnte die Wut nicht mehr zurückhalten, die in ihr aufstieg. Sie machte sich kampfbereit. “Beherrsche das Tier, Beast Master!” In der Fläche ihrer rechten Hand entstanden unzählige schwarze Schmetterlinge und breiteten sich aus, um einen langen, gewundenen Stab zu formen. Am einen Ende bildete sich eine Speerspitze, am anderen eine bernsteinfarbene Perle, die von den Auswüchsen der Windungen gehalten wurde. “Streut weiter diese Lügen und Ihr werdet die Vorspeise meiner Drachen!” Die schuppigen Kreaturen würden im Zweifelsfall die Wände des Palastes einreißen, um ihrer Herrin im Kampf zur Seite zu stehen.

Ammon tat es seiner großen Schwester gleich und rief ebenfalls seine Waffen herbei. Er öffnete die rechte Hand. “Erhelle, Dawnbringer!” In einem gleißenden Licht materialisierte sich ein Schwert mit einer weiß leuchtenden Aura. Eine ungewöhnliche Farbe für eine Teufelswaffe. Es strahlte die Energie der Sonne aus. Gleichzeitig öffnete er die linke Hand. “Verdunkele, Sinclaw!”. Ein weiteres Schwert erschien. Es schluckte sämtliches Licht, wodurch es wie ein konturloses schwarzes Gebilde erschien. “Lasst uns die Erbfolge gleich hier und jetzt festlegen, liebe Schwester!”

Alaric wollte nicht tatenlos mit ansehen, wie seine Geschwister den Stammbaum stutzten. “Vielleicht atmen wir alle einmal tief durch und beruhigen uns!”, schritt er ein. “Mit Eurem Kleinkrieg beschmutzt Ihr die Ehre unseres Namens!” Das Temperament der anderen beiden begann abzukühlen und sie ließen ihre Waffen wieder verschwinden. Alaric erlaubte sich zu entspannen und atmete erleichtert auf.

Lucilia wandte sich ab und schritt die Treppe hinunter. “Ich habe sowieso besseres zu tun, als mich mit diesem schwanzgesteuerten Proleten abzugeben!”, kommentierte sie ihren eigenen Abgang.

“Ja, geht Euch bei Euren schuppigen Freunden ausheulen!”, rief ihr Ammon nach. “Euer Gatte liegt bestimmt schon in den Armen seiner Hure.”

Lucilias Reaktion folgte in der Form eines ausgestreckten Mittelfingers, den sie Ammon über ihre Schulter präsentierte.

Der mittlere Spross wandte sich ebenfalls ab und ging zum Thron zurück. Nachdem er erneut Platz genommen hatte, wollte er weitere Informationen aus seinem kleinen Bruder herausholen. “Und nun erzählt Ihr mir noch ein bisschen von Prinzessin Eleonora!”, befahl er Alaric. “Habt Ihr unter Umständen ihre Maße in Erfahrung bringen können? Schließlich muss noch ein Hochzeitskleid geschneidert werden.”

Der jüngere Bruder hatte kaum eine andere Wahl, als Folge zu leisten und die Fantasien Ammons weiter zu befeuern.
 

Es hatte keinen Sinn sich über Ammon und seine Wortwahl aufzuregen, aber dennoch ließ sich Lucilia dazu hinreißen. Er war so gar nicht wie Alaric. Auch wenn sie das Geschwafel von Ehre als nervig empfand, klopfte ihr jüngster Bruder wenigstens keine vulgären Sprüche oder reduzierte Frauen auf ihren Körper. Was war nur bei der Erziehung von Ammon falsch gelaufen? Er verhielt sich ganz und gar nicht standesgemäß. Lucilia verstand nicht, dass ihr Vater ihn nicht schon lange aus der Erbfolge ausgeschlossen oder wenigstens zur Besserung verpflichtete. Im Gegensatz zu ihr und ihrem fest in den Tatsachen verwurzelten Menschenbild waren Ammons Eskapaden einfach nur peinlich. Es nutzte nichts, sich über Dinge aufzuregen, die sie nicht ändern konnte.

Stattdessen flog die Prinzessin auf ihrem Drachen zum Stützpunkt der Drachenreiter. Er befand sich direkt am Eingang zur Drachenschlucht, in der die mystischen Kreaturen ihre Horte bauten, Gegenstände wie Schätze anhäuften und gelegentlich brüteten. Die Geburt - oder besser das Schlüpfen - eines Drachen war ein Ereignis mit Seltenheitswert. Diese Kreaturen erreichten locker erstaunliche Lebensspannen von bis zu eintausend Jahren. Aus diesem Grund pflanzten sie sich sehr selten fort. Bei der Paarung befruchten sich die Drachen gegenseitig. Anschließend legt jeder von ihnen ein einzelnes Ei in seinen Hort und bebrütet es für mehrere Monate. Die genaue Dauer kann dabei variieren. Heute war der geschätzte Termin für das Schlüpfen einer dieser Flugechsen. Lucilia musste dabei anwesend sein, da ein Drache so früh wie möglich gefügig gemacht werden musste. Der ganze Chor der Drachenreiter wäre undenkbar ohne ihre Teufelswaffe. Brütende Drachen verteidigten ihren Nachwuchs verbissen, weshalb sie nicht einfach auf Fafnir dorthin fliegen konnte. Stattdessen musste Lucilia den Hort rechtzeitig erklimmen.

Als sie den Stützpunkt der Drachenreiter erreichte, salutierten die Wachen am Eingang. Umgehend stieg Lucilia die Stufen empor und betrat das Innere des Komplexes. Angeschlossen an die Wehranlage befand sich die Garnison, in der die Drachenreiter einquartiert wurden. Daneben war die Akademie, in der die Kadetten im Drachenfliegen unterrichtet wurden. Als junges Mädchen erlernte auch Lucilia das Reiten eines Drachen, nachdem Beastmaster ihr anvertraut wurde, um sie für ihre späteren Aufgaben vorzubereiten. Auf ihren Weg durch die Einrichtung kam die Prinzessin auch am Flugsimulator vorbei. Ein Konstrukt aus Stricken und Winden, die eine Attrappe bewegten, auf der für den zukünftigen Drachenreiter die Bedingungen auf dem Rücken der flugfähigen Riesenechse simuliert wurden. Lucilia erinnerte sich an die qualvollen Stunden, die sie auf der Apparatur zubrachte. Aber kein Flugsimulator der Welt war imstande, jemanden auf das Gefühl vorzubereiten, einen echten Drachen zu reiten. Bei ihr war es genauso. Der erste Flug war unbeschreiblich gewesen.
 

Mit einem ehrfürchtigen Blick sah Lucilia die majestätischen Felswände hinauf, die sich vor ihr auftürmten, und war sofort zurückversetzt in ihre Kindheit, als sie das erste Mal die Aufgabe bekam, einen Drachenhort zu erklimmen. Damals hatte sie Beastmaster gerade eben erhalten - genau rechtzeitig, um zu beweisen, dass sie die Teufelswaffe beherrschte und in der Lage war, einen Drachen zu unterwerfen. Wie viele Jahre zuvor, glitten ihre Hände über die raue Oberfläche der Felsen, während sie nach geeigneten Stellen zum Greifen suchte und ihre Füße zielsicher Halt in Spalten und Vorsprüngen fanden. Sie schärfte ihre Sinne und konzentrierte sich auf alle Details, da jeder Fehler den Sturz in die Drachenschlucht und damit den sicheren Tod bedeutete. Sie wurde eins mit dem Gestein und spürte jede Unregelmäßigkeit in der Felsformation.

Der Anstrengung und dem Risikos zum Trotz, fühlte Lucilia die Nähe der mystischen Bestie. Jeder Moment ihres Aufstieges war eine ganz besondere Erfahrung. Es bot ihr die Möglichkeit, sich selbst zu fordern und ihre eigenen Grenzen neu abzustecken. Dieser Drache hatte seinen Hort viel weiter oben errichtet, als jener von damals. Während sie sich langsam ihrem Ziel näherte, begann sie die letzten Meter ihrer Reise zu genießen, als ob nicht die Ankunft, sondern der Weg nach oben das Ziel sei. Und dann endlich: Ihre Hand erreichte die Kante und nachdem sie sich hinauf zog, stand sie direkt vor dem Hort des Drachen. Es war ein Gebilde aus Felsbrocken, Baumstämmen und Knochen.

Wie sie erwartet hatte, fand sie den Drachen in seinem Hort vor. Er hatte sich um sein Ei herum gelegt und betrachtete es ausgiebig, als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt gab. Trotzdem durfte Lucilia einen brütenden Drachen nicht unterschätzen und versteckte sich. Zwar zählten Drachen zu den Nestflüchtern und konnten bereits wenige Stunden nach dem Schlupf fliegen und die erste Beute in Form von Mäusen und Ratten schlagen, aber solange der Nachwuchs sich noch in seinem Ei befand, verteidigte es das Elterntier verbissen. Aus diesem Grund rief die Prinzessin ihre Teufelswaffe herbei. “Beherrsche das Tier, Beastmaster!”, beschwor sie. Auf ihr Kommando wirbelten die schwarzen Schmetterlinge aus ihrer Handinnenfläche heraus und formten den gewundenen Stab ihrer Waffe.

Im gleichen Moment vernahm Lucilia das Brechen der Eierschale. Der kleine Drache räumte den Weg hinaus in die Welt frei. Dazu besaß er einen Eizahn, wie ihn auch Vögel aufwiesen. Ein Vorsatz an seiner Schnauze, der sich schon bald wieder zurückbilden würde. Der Schlupf war das Signal für den Elterndrachen sich in die Lüfte zu schwingen. Er würde später wiederkehren und den Nachwuchs verjagen, wenn er den Hort bis dahin nicht verlassen hätte. Kaum erblickte das jüngste Mitglied der hiesigen Population feuerspeiender Flugechsen das Licht der Welt, zog es den restlichen Körper voll des Eifers aus dem Ei und begann sofort die Gegend zu erkunden.

Lucilia trat aus ihrem Versteck und erhob ihren Stab. “Teufelsmagie: Wort der Macht!” Die bernsteinfarbene Perle an seinem Ende begann ein starkes, goldenes Licht auszusenden. Der kleine Drache war davon wie hypnotisiert und konnte den Blick nicht mehr abwenden. Es entsandte Lucilias Willen direkt in den Kopf der Echse. Es waren Gedanken von Autorität und Herrschaft. Egal ob Tier, Werbiest oder mystische Kreatur, alle vermochte sie zu beherrschen, ungeachtet wie groß der Widerstand sein möge.

Nach getaner Arbeit betrachtete Lucilia die Bruchstücke der Eierschale und kam nicht umhin, die Ungerechtigkeit der Natur zu verfluchen. Wie viel einfacher hatten es doch die verdammten Drachen! Sie legten ihr Ei und wärmten es, bis das Kleine schlüpfte. Danach flog der Nachwuchs einfach davon und versorgte sich selbst. Natürlich dachte Lucilia auch an die Erbfolge. Ihr Vater erwartete Enkel von seinen Kindern. Ihre Brüder hatten es viel einfacher. Zehn Minuten Vergnügen - wenn es hoch kam - und dann konnten sie sich zurücklehnen, während der mühsame Teil an der Frau hängen blieb. Warum musste Lucilia stattdessen die Bürde einer Schwangerschaft erdulden, einen kleinen Parasiten monatelang mit sich herumtragen und dann die Qualen der Geburt durchstehen? Unvorstellbar, dass ihre Mutter das gleich dreimal über sich ergehen ließ. Wenigstens könnte sie den Balg danach in die Obhut von Ammen und Kindermädchen geben. Aber bis jetzt sind die Nächte mit ihrem Gatten fruchtlos geblieben. Aber sie war entschlossen, es weiter zu versuchen. Immerhin stand ihre Zukunft als Kaiserin auf dem Spiel.

Die Audienz


 


 

Einige Zeit zuvor, am Tag nach dem Drachenangriff auf Ewigkeit, wurden Henrik und die anderen von den Soldaten abgeführt.

Es war kein Fehler, nach dem Drachenangriff bei den Rettungsarbeiten und dem Löschen der Brände zu helfen. Warum fühlte es sich dann so an? Hätte Nebula sich bedeckt gehalten, wäre niemand auf sie aufmerksam geworden. Nachdem der Drache abhob und Zerstörung anrichtete, waren sie locker den Soldaten entwischt und konnten den Platz verlassen. Alles, was sie dann noch hätten tun müssen, wäre unterzutauchen und zu verschwinden. Das war Nebula gewiss auch bewusst. Andererseits konnte Henrik für ihr Handeln auch Verständnis aufbringen. Schließlich musste sie mit ansehen, wie die Häuser von unschuldigen Bürgern in Brand gesteckt wurden. Sie danach im Stich zu lassen, um die eigene Haut zu retten, hätte sicher auch an ihrem Gewissen genagt. Selbst wenn sie stets bemüht war, den Eindruck zu vermitteln, dass sie nichts aus der Ruhe bringen kann. Umzingelt von unzähligen Soldaten, war an eine Flucht nicht mehr zu denken gewesen. Nun wurden sie wie Verbrecher durch die Gassen der Stadt getrieben.

Die brenzlige Situation hielt die anderen offenbar nicht davon ab, miteinander zu tuscheln. Henrik konnte Clays und Cerises regen Austausch klar und deutlich hören.

“Leute schaun sich doch Steckbriefe an”, stellte Clay fest.

“Natürlich!”, bestätigte Cerise. “Auf ihrem steht ein hübsches Sümmchen.”

Der Braunhaarige war weniger zu Späßen aufgelegt. Er fragte sich, wie sie dazu noch Nerven hatten. Plötzlich spürte Henrik ein Ziehen an seiner Hose. Annemarie wollte auf sich aufmerksam machen. “Du, Henrik”, begann sie zu sprechen, “wo bringen sie uns hin?”

Dem Schmied entwich ein Seufzer. Er wusste genau, was als nächstes folgte. In den Kerker geworfen zu werden, war er fast schon gewohnt. Wenn das so weiterging, könnte er sich eines Tages damit rühmen, jeden Kerker im Reich von Innen gesehen zu haben. Eine Leistung, mit der er unter anderen Gefangenen bestimmt Aufsehen erregen würde. “Keine Angst”, versuchte er, Annemarie zu beruhigen. “Es wird sicher alles gut.” Er versagte dabei, überzeugend zu wirken. Kein Wunder, da er nicht einmal seinen eigenen Worten glaubte. Wie konnte er dann erwarten, dass jemand anderes ihm Glauben schenkte?

“Der König muss verrückt geworden sein!”, klagte einer der Soldaten.

“Befehl ist Befehl!”, sprach ein anderer.

“Aber wir sollten sie besser in den Kerker werfen.”

Als die Soldaten an einer Kreuzung tatsächlich nicht in Richtung der Festung abbogen, sondern die Gruppe stattdessen zum königlichen Palast führte, war Henrik ein wenig verwundert, aber erleichtert.
 

Zu ihrer aller Überraschung wurden Clay und die anderen nicht in den Kerker geworfen, sondern in das Innere des Palastes eskortiert. Gerade durchschritten sie den Eingangsbereich. Der Fußboden des royalen Herrschersitzes wurde von Bodenplatten aus dunklem Marmor bekleidet. Vier Säulen durchzogen den Eingangsbereich in der Mitte und stützten die mächtige Deckenkonstruktion. Hinter ihnen schlängelte sich eine gebogene Treppe auf zwei Seiten hinauf in das erste Obergeschoss. Links und rechts durchbrachen Passagen zu den Seitenflügeln die Mauern. Licht fiel durch die Fenster und die gewaltige Kuppel über ihren Köpfen ein. Von der Mitte der Kuppel hing ein mächtiger Kronleuchter herunter, gehalten von einer langen Kette.

Die Pracht versagte auf Clay einzuwirken. Zu sehr lenkte ihn die Bereitschaft der Soldaten ab, sie im Zweifelsfall mit Gewalt unschädlich zu machen. Seine Wolfssinne diktierten ihm, sich einen besseren Überblick seines Umfeldes zu verschaffen.

Also sah er sich um.

Nebula schaute aus, als ob sie etwas ganz anderes beschäftigte.

Henrik wirkte wie von der schieren Größe eingeschüchtert.

Und Annemaries Augen funkelten vor Entzückung.

Nur Cerise schien ähnlich angespannt wie er zu sein.

Gemeinsam schritten sie die Treppe auf der linken Seite hinauf, begleitet von Sir Anthony und einer Entourage aus Soldaten. Der eigentliche Thronsaal wurde von Licht aus überlebensgroßen Fenstern geflutet. Ein roter Teppich lag auf den Marmorplatten und führte ankommende Besucher und Bittsteller zum Herrschaftssitz des Monarchen, vorbei an Wappenbannern und Gemälden einstiger Herrscher. Die Ahnengalerie der einstigen Könige reichte zurück bis zu Lucian Morgenstern, dem Gründer des Reiches. Offensichtlich waren sie zu einer Audienz mit dem König geladen. Boreales III. zog den Thronsaal dem Kerker als Schauplatz für ein Gespräch vor. Aber schon von weitem wirkte der Mann angespannt auf Clay. Man lud schließlich auch nicht jeden Tag eine steckbrieflich gesuchte Frau und ihr Gefolge aus Sonderlingen zum Gespräch.
 

Als Nebula und ihre Begleiter König Borealis III. vorgeführt wurden, fiel ihr das Fehlen von Vorsichtsmaßnahmen auf. Sir Anthony konnte nicht vergessen haben, was vor drei Jahren vorgefallen war. Glaubte er wirklich, dass seine Männer im Ernstfall genug wären, um sie zu stoppen, oder spekulierte er darauf, Nebula mit der subtilen Bedrohung des Lebens ihrer Gefolgsleute in Schach halten zu können? Natürlich lag es ihr fern, jemanden Schaden zuzufügen. Nachdem der endlos wirkende Weg zum Thron geschafft war, konnte Nebula es kaum erwarten, endlich zu erfahren, wieso sie weder in Ketten lagen noch Insassen des Verlies waren. Neben dem König stand Arngrimur, der Hofzauberer, bereit. Vielleicht war es ihm gelungen, Borealis davon zu überzeugen, dass sie keine Gefahr darstellen.

“Schön, dass du und deine Begleiter hierher gefunden haben”, eröffnete der König als seine unfreiwilligen Gäste sich vor ihm in einer Reihe aufstellten. “Dann können wir nun beginnen.” Nebula spürte, dass er irgendetwas von ihnen wollte.

"Freiwillig bin ich bestimmt nicht hier”, machte Cerise ihrem Unmut Luft.

Borealis III. ließ sich von ihrem vorlauten Mundwerk nicht irritieren und konzentrierte seine Aufmerksamkeit weiter auf Nebula. “So lange lass ich nach dir suchen und dann kommst du von selbst zu mir.”

“Es war Kalkül, überall zu verkünden, dass die Prinzessin heiraten wird”, erwiderte die Blondine. “Ihr wusstet, das würde mich herauslocken.”

“Schuldig. Es ist dennoch schön, dass du kamst.”

“Ich kam wegen Caroline.”

“Natürlich würdest du sie an ihrem besonderen Tag nicht allein lassen.”

“Und dennoch habe ich sie im Stich gelassen. Wo ist sie jetzt?”

“Ich ließ einen Raum für sie herrichten”, informierte Arngrimur, der bisher die Rolle des unbeteiligten Beobachters spielte. “Da ich nichts über ihren Zustand weiß, habe ich sie in eine Stasis versetzt, bis ich einen Weg finde, sie von diesem Fluch - oder was immer es ist - zu heilen.”

“Ich danke Euch, Arngrimur. Aber ich werde mich nicht darauf verlassen, dass mir die Lösung auf einem Silbertablett angeboten wird.” Nebula wandte sich wieder an den König. “Vielleicht fahren wir damit fort, was Ihr wollt, mein König.”

“Deine Handlungen sind mir nicht verborgen geblieben. Du hast dein Leben aufs Spiel gesetzt, um Morgenstern zu einem sicheren Ort zu machen. Und deinen Körper auch, wenn man bedenkt, dass du die Teufelswaffen in deinem Blut versiegelst.”

“Habt Ihr mir dieses Weib auf den Hals gehetzt?”, missbilligte Nebula und meinte damit Cerise, die sie zuvor ausspioniert hatte.

“Darf ich bitten?!”, empörte sich diese.

“Natürlich habt Ihr das, wer hätte sonst Interesse und die finanziellen Mittel.”

“Ganz so einfach ist das nicht”, begann Cerise mit erhobenem Lehrerfinger zu erklären. “Der emotionale Wert für einen Kontrakt ist mindestens genauso wichtig wie der finanzielle.” Aber niemand hörte ihren Ausführungen zu.

“Was habt Ihr nun mit uns vor, Eure Majestät?”

“Denkst du nicht, es ist an der Zeit, dass deine Begleiter die ganze Wahrheit erfahren?”, fragte der König und sah dabei ernst zu Nebula.

Sie konnte die verwirrten Blicke von Annemarie, Clay und Henrik förmlich spüren, ohne sie davor ansehen zu müssen. Sie fragten sich bestimmt, warum der König so vertraut mit ihrer Gefährtin war und wovon er sprach. Cerise hingegen war mal wieder alles vollkommen egal. Kein Wunder, denn sie wusste schließlich als einzige Bescheid, wer sie wirklich war. Nebula ignorierte die Aufforderung des Herrschers von Morgenstern, aber der Mann brachte zum Ausdruck, dass es sich dabei nicht um eine Bitte handelte. Er deutete auf den Stuhl neben sich. “Komm an meine Seite, mein Kind!” Ihr blieb scheinbar keine andere Wahl aus sich zu fügen. Widerwillig begab sich Nebula zum König und setzte sich auf den leeren Thron der Königin neben ihn. Sie schlug die Beine übereinander, lastete ihre Unterarme auf den Lehnen und nahm eine hochherrschaftliche Pose ein.

Seine Wachen mussten in diesem Moment einen Herzinfarkt erleiden…

Zufrieden genoss der König den Anblick der jungen Dame.

“Ich bin die Prinzessin”, offenbarte Nebula ihren Begleitern. “Ich bin die echte Eleonora Alexandria von Morgenstern.”

“D-Du bist d-die…”, stotterte Henrik.

“Och, du bist eine echte Prinzessin?”, staunte Annemarie. “Wie im Märchen?”

Nun wurde es Clay allmählich klar. Nebula konnte den Groschen fast hören, der ihm soeben gefallen war. “Ich wusste, an dir is noch mehr faul, als nur das Teufelszeug!”, entgegnete er. “Die Summe auf dem Steckbrief und dass man dich lebend zu fangen soll…”

“Oh, was für eine schockierende Wendung in der Handlung”, kommentierte Cerise übertrieben ironisch, legte den Handrücken auf die Stirn und tat, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.

“Zur Schauspielerin taugt Ihr nicht”, äußerte Nebula - oder vielmehr Prinzessin Eleonora.

“Und wie solln wir Prinzessin Goldlöckchen ansprechen?”, fragte Clay misstrauisch.

“Ein Titel ändert nicht, wer ich bin.”

“Eine Frau kennt man wohl niemals wirklich…”

Nebula spürte sein Missfallen bezüglich ihrer Geheimniskrämerei.
 

Henrik musste mit dieser Enthüllung klarkommen. Die Tatsache, dass er der begehrtesten Frau in ganz Morgenstern einen Kuss gestohlen hatte, machte dieses Unterfangen jedoch beinahe zu einer unlösbaren Aufgabe. Das Herz des muskulösen Schmiedegesellen hüpfte ihm beinahe aus der Brust. Wenn der König wüsste, dass er, ein gewöhnlicher Junge aus der Unterschicht, seine Tochter küsste, würde er ihn sicher im Kerker verhungern lassen. Zusätzlich belastete ihn Nebulas Geheimniskrämerei. “W-Warum hast du nie etwas gesagt?”, fragte er die Prinzessin, als er es nicht mehr länger aushielt.

Nebula sah ihn erstaunt an, als ob sie nicht mit dieser Frage gerechnet hätte. Oder zumindest nicht damit, dass er sie stellte.

“Vertraust du uns nicht?” Henrik fühlte sich übergangen. “Vertraust du mir nicht?”

“Manchma verheimlicht man Dinge vor denen, die man schützen will”, mutmaßte Clay. “Hab ich nich Recht, Prinzessin?”

Auf einmal kam sich Henrik so dumm vor. Natürlich, das ergibt alles Sinn, dachte er. Vielleicht wären sie in Gefahr gewesen, wenn sie um ihre wahre Identität wüssten. Aber wieso zwang sie der König ausgerechnet jetzt mit offenen Karten zu spielen?

“Du solltest die Gelegenheit nutzen und einen reinen Tisch machen, Tochter”, ermutigte König Borealis. “Es sollten keine Geheimnisse zwischen euch stehen.”

Henrik spürte beinahe den Widerwillen, mit dem Nebula ihre Vergangenheit offen legte. “Du weißt bereits einen großen Teil, Henrik”, eröffnete sie. “Aber nicht alles. Vor drei Jahren wollte Vater mich verheiraten, aber auf meiner Hochzeitsfeier wurde ich von einem Attentäter mit Bloodbane erstochen. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich im Wahn eine Schneise der Verwüstung durch den Palast gezogen.”

“Man hat dir’n Attentäter auf’n Hals gehetzt?”, hakte Clay nach. “Doch nicht etwa…” Er schaute kurz über seine Schulter zu Cerise.

“Wenn das eine von uns gewesen wäre, dann wäre sie tot”, behauptete Cerise unverfroren.

“Der Attentäter war ein Mann”, stellte Nebula klar. “Damals waren einige Adlige offen unzufrieden mit Vater. Vermutlich haben sie ihn auf mich angesetzt.”

“Man, das is echt ne hübsche Perlenkette von Zufällen”, merkte Clay an. “Aber was ich nich verstehe is, wieso du nich einfach gestorben bist.”

“Nun…”

Der König räusperte sich. “Vielleicht sollte ich übernehmen”, befreite er seine Tochter von der Bürde des Erzählers. “Meine Frau war nicht normal. Sie war eine Hexe.”

Henrik weitete seine Augen in Schock.

“Damals”, fuhr der Monarch fort, “verfolgte die Inquisition die Hexen auf Befehl des Erzbischofs und unter der Billigung meines Vaters. Nachdem er gestorben war, bestieg ich den Thron. Anfangs sah ich es genau wie er, aber dann traf ich Margaret und verliebte mich in sie. Ich heiratete sie, verbot die Praktiken der Inqusition und stellte den Erzbischof vor die Wahl: Gehorsam oder Exil. Er wählte letzteres. Trotzdem haben sich die Hexen an einen Ort zurückgezogen, an dem sie niemand erreichen kann, und wurden seitdem nie wieder gesehen. Kurz darauf wurde Eleonora geboren und der Krieg mit Cinervis brach vom Zaun. Und dann… dann hat uns die Königin verlassen…” Henrik war vielleicht nicht der Hellste, aber auch er spürte, dass sich sein König bemühte, die Fassung zu bewahren. “Jedenfalls… in meiner Tochter fließt das Blut der Hexen.”

“Vielleicht erlaubt Ihr mir das genauer zu erklären”, bot sich Arngrimur an.

Der König deutete wortlos mit geöffneter flacher Hand auf seinen Hofzauberer.

“Die Akademiker haben die Hexen vor ihrem Verschwinden genau studiert”, erklärte der alte Mann mit dem Zottelbart. “Sie haben ein besonders starkes Talent für schwarze Magie, das von der Mutter an die Kinder weitergegeben wird. Da die Prinzessin niemals den Umgang mit schwarzer Magie erlernt hat, glaube ich, dass ihr Körper wie ein Katalysator für Teufelsmagie wirkt. Sie ist also ein einzigartiges Exemplar.”

“Ich bin nicht irgendeine Ratte in Eurem Labor!”, wehrte sich Nebula.

“Bitte entschuldigt, so habe ich das nicht gemeint.”

“Da wir das nun ausreichend geklärt haben…” Der König wandte sich wieder seinen Gästen zu. “Es wird Zeit euch zu sagen, warum ihr hier seid.”

Abermals erteilte er Arngrimur das Wort.
 

Oh Gott, dachte Cerise, noch mehr Exposition! Die Lebensgeschichte der Prinzessin zu hören war zwar schon interessant, aber viel mehr als das konnte sie nicht mehr aushalten. Der Mann im langen Magiergewand vollführte unterdessen einige exotische Handbewegungen, wobei sich blaue Partikel um die Hände sammelten. Er verband sie zu einer türkis-weißlich leuchtenden Kugel und schleuderte sie inmitten der Versammlung, sodass diese vor den Gästen in der Luft schwebte. Die Kugel dehnte sich auf die Größe eines Gymnastikballs aus. Sie war Umgeben von funkelnden Partikeln.

“Oh!”, freute sich Annemarie. “Wie schön!” Sie streckte die Hand aus und versuchte die Oberfläche zu berühren. Allerdings bekam sie sie nicht fassen.

Innerhalb der leuchtenden Kugel erschien eine Landkarte. Sie zeigte die Insel Wesruth, auf der das Königreich Morgenstern lag, und einen Teil des Festlandes des Kontinent Eldora. Von der Hauptstadt, die von einer Krone mit einem integrierten Unendlichkeitssymbol markiert wurde, führte eine Spur von kleinen Flammen zur Ostküste. “Gestern Abend kämpfte Prinzessin Eleonora gegen den Botschafter des Kaiserreichs, Prinz Alaric Marcellus Pyrewood”, begann der Hofzauberer seine Ausführungen. “Dem aber nicht genug! Ein Drache ist aufgetaucht und hat Chaos verursacht und auf der Flucht auf das Festland alles angezündet, das ihm vor das Maul kam. Zuvor, ungefähr zur gleichen Zeit, als die Delegation aus Cinervis ankam, klagten Bauern über einen Schatten, der ihr Vieh stiehlt. Aber wir haben ihnen nicht geglaubt. Hätten wir nur den Zusammenhang gesehen… Aber selbst im Krieg haben sie keine Drachen gegen uns eingesetzt und wir ließen das Volk glauben, Drachen seien nur ein Ammenmärchen.”

“Na, das lief ja bestens”, murmelte Cerise.

“Wenn sie so’n Vieh befehligen”, warf Clay ein, “muss man sich da nich fragen, wie mächtig Cinervis wirklich ist.”

“Sehr guter Einwand!”, lobte der Hofzauberer. “Was ihr hier seht, ist eine Karte von Morgenstern. Und der Zipfel am rechten Rand ist Teil des Festlands. Cinervis beansprucht große Teile des Kontinents für sich. Der letzte Krieg war schrecklich und nun haben wir schlafende Hunde geweckt.”

“Darum müssen wir den ersten Zug machen”, postulierte König Borealis. “Wir müssen uns einen Vorteil gegenüber dem Kaiserreich verschaffen.”

“W-W-Was?”, stotterte Henrik drauf los.

“Hab keine Angst, Junge”, beruhigte der Hofzauberer. “Hals über Kopf losstürmen endet in einem Disaster. Damit ist niemandem geholfen.”

“Dann werden wir die Zeit nutzen!”, sagte ihre Hoheit. “Neue Kräfte Sammeln, unsere Fähigkeiten verbessern und-”

“-ganz viel wilden Sex haben!”, unterbrach Cerise völlig unverfroren und befummelte ihren Bettgespielen. Clay stand ins Gesicht geschrieben, dass er diese Situation alles andere als angenehm empfand. Aber Cerise langweilte sich so sehr, sie musste einfach etwas tun, um diese verklemmte Situation aufzuheitern.

“-und erst dann handeln!”, vollendete Nebula.

“Ich entsende euch nicht auf ein Selbstmordkommando!”, versicherte der König. “Es soll eure Aufgabe sein, neue Verbündete für Morgenstern zu finden. Meine Tochter wird mit Hilfe ihrer ‘Gabe’ so viele Teufelswaffen sicherstellen, wie möglich.”

“Und einen Weg finden, Caro zu retten”, fügte die Prinzessin hinzu.

“Wir werden ebenfalls nicht schlafen”, verkündete der König. “In einem Monat wird von Bonamar eine Delegation in die Wüste von Yiasul aufbrechen. Das Kalifat ist ein wichtiger Handelspartner. Sie könnten ein Verbündeter werden. Ihr werdet Teil dieser Delegation sein. Trefft bis dahin eure Vorbereitungen! Wir werden euch nach besten Kräften unterstützen und fähige Leute auswählen, die euch auf eurer Mission begleiten.”

Verwirrung der Gefühle


 


 

Die vergangene Nacht war wenig gnädig mit der Prinzessin. Selbst nach Jahren wieder zurück in ihren Gemächern zu sein, verschaffte ihr keine Erleichterung. Frost und Kälte erfüllten jede Faser ihres Körpers und auch ihre Decke bot ihr keinen Schutz. Das Gefühl schien aus ihrem Inneren nach Außen zu dringen. Die irrationale Sorge, wie ihre Begleiter sie sahen, nun da ihr Geheimnis gelüftet war, hielt sie noch mehr vom Einschlafen ab, als das Licht des gespaltenen Mondes. Die Frage, warum sie ein Problem damit haben sollten, dass sie adlig ist, wenn sie ihre dämonische Seite bereits akzeptierten, konnte wohl nur Nebula beantworten. Sie gab den Kampf um den Schlaf noch nicht auf und wälzte sich unruhig in ihrem Himmelbett. Ihr Geist versuchte, den Körper zu überreden, sich endlich der Müdigkeit geschlagen zu geben, doch der Erfolg ließ weiter auf sich warten. Letztlich setzte sie sich entnervt auf und zog den Schleier zur Seite. Ihr Haar war völlig durcheinander gewirbelt und der linke Träger ihres Nachthemd hing lose über ihrem Oberarm. Sie blickte dem Fenster entgegen. Der weiße Schein des Mondes fiel hindurch und traf auf sie und ihre hochherrschaftliche Schlafgelegenheit.

Weil es mit dem Einschlafen einfach nicht klappen wollte, beschloss Nebula aufzustehen und sich die Zeit damit zu vertreiben, den Erdtrabanten zu bewundern. Sie tastete nach ihren Pantoffeln und schlüpfte hinein. Langsam erhob sie sich und ging zur Garderobe. Durch die trüben Fensterscheiben konnte sie den Mond nicht richtig sehen, so entschied sie sich für einen kleinen Nachtspaziergang durch den Palast. Sie wählte einen ihrer Mantel, streifte ihn über und verließ ihr Zimmer. Über die Jahre war das Kleidungsstück etwas eng um die Brust geworden - ein Fall für den Schneider. Nebula folgte dem Gang, bis sie zu einer mäßig ausgeleuchteten Abzweigung gelangte, die zu einem Aufgang führte. Sie nutzte die Wendeltreppe und erklomm die Dachterrasse des linken Palastflügels. Hier lag der Blick auf den Mond frei und sie konnte ihre Gedanken schweifen lassen.

Sie wollte keine Sonderbehandlung, nur weil sie eine Prinzessin ist. In ihrer Kindheit wurde sie aufgrund ihrer Adligkeit von allen zuvorkommen behandelt, dabei war es ihr sehnlichster Wunsch, als Mensch angenommen zu werden. Hatte sie die Schlägereien gegen die Jungen damals wirklich gewonnen oder warfen sie sich nur in den Dreck, um sich bei ihr beliebt zu machen? Den Makel falschen Lächelns wurden ihre Freundschaften niemals los und zerbrachen daran. Würde es nun ähnlich ablaufen? Hatte sie überhaupt das Recht, den naiven Henrik und die kleine Annemarie mit sich durch das Land zu schleifen, stets dorthin, wo die Gefahr lauerte? Beide besaßen besondere Fähigkeiten. Vielleicht konnte sie sie bei Hofzauberer Arngrimur unterbringen. Lehrlinge konnte ein Zauberer schließlich nie genug haben. Sie wollte sich sowieso von ihm untersuchen lassen, um Spätfolgen der Ereignisse beim Bankett vorzubeugen. Bei der Gelegenheit konnte sie Arngrimur gleich fragen, ob er Interesse daran hätte, Schüler bei sich aufzunehmen. Vielleicht konnte der königliche Zottelbartträger auch dafür sorgen, dass sie in der Magierakademie aufgenommen wurden.

Nachdem sie sich durch die schlaflosen Stunden gequält und der neue Tag angebrochen war, setzte sie ihren Plan in die Tat um.
 

Ohne das sie eine klare Aussage gemacht hatte, veranlasste es den Zauberer hektisch in seinem Labor umherzueilen, um seine Unterlagen zusammen zu tragen. Er studierte seine Notizen und grübelte, wie er seine Patientin untersuchen sollte. Dann kam ihm eine zündende Idee. “Ich würde gern etwas versuchen”, kündigte Arngrimur an. Er griff in seine Robe und holte ein Messer hervor. “Erlaubt Ihr, Prinzessin?”

“Na los, macht schon!”, erlaubte Nebula ungeduldig.

Das ließ sich Arngrimur nicht zweimal sagen. Er packte Nebulas rechten Arm und fügte ihr eine tiefe Schnittwunde zu. Schwarzes Blut quoll hervor, doch gleichzeitig begann sich die Wunde sofort wieder zu schließen. “Wie ich es erwartet habe!”, behauptete der Zauberer. Er nahm ein Stofftuch aus einer der unzähligen Taschen in seiner Magierrobe und reinigte die Klinge von der Verunreinigung, bevor er es zusammen mit dem Messer wieder in seinen Gewändern verschwinden ließ. “Eure Selbstheilung ist schneller als früher. Das ist wirklich maximal interessant. Was ist in dieser Nacht geschehen?”

Nebula schwieg.

“Wenn ich Euch helfen soll, müsst ihr den Mund aufmachen!”

Die Prinzessin versuchte mit ihren Blicken den Fragen auszuweichen. Sie wollte nicht antworten, denn es machte sie verlegen, sich daran zu erinnern.

“Bitte teilt euch mit.”

Nebula seufzte.

“Was ist passiert?”

“Na schön!”. Sie atmete durch, um sich selbst zu beruhigen. “Der Prinz aus Cinervis hat mich fast umgebracht. Ich stand an der Schwelle des Todes. Dann sah ich auf einmal dieses grelle weiße Licht. Im nächsten Moment l-lag ich in Henriks Armen.” Der letzte Teil ihrer Aussage fiel ihr unglaublich schwer und bei dem Gedanken an ihren Austausch von Zärtlichkeiten, errötete sie. “... er küsste mich.”

Arngrimur schloss seine Augen und sein Mund formte seltsame Mimiken. Seine Wangen erröteten und eingebildete Herzen umschwirren ihn. “Wie romantisch!”

“Klappe!” Eiskalt zerstach Nebula die fliegenden Herzen in Arngrimurs Gedankenblase mit dem Zeigefinger. “Ich weiß, das klingt wie ein billiges Märchen, aber so war es!”

“Henrik hieß der Bursche, richtig?” Sie hatte es geschafft, Arngrimur zeigte Interesse. “Vielleicht sollte ich den Jungen auch einmal untersuchen! Schickt Henrik bitte zu mir.”

“Ein Mädchen Namens Annemarie begleitet mich. Sie hat ebenfalls interessante Fähigkeiten. Sie kann die Zukunft voraussehen.”

“Bemerkenswert. Ich kann kaum erwarten, sie zu studieren!”
 

Eine Ewigkeit ließ ihn der Hofzauberer das Kunststück des Messerverbiegens vorführen, als sei er ein Schausteller, angeheuert, ihn mit einer Privatvorstellung zu belustigen. Dabei fühlte Henrik, wie jede seiner Bewegungen mit Argusaugen begutachtet wurde. Zwar erhielt Henrik eine Erklärung, was der Mann mit dem zotteligen Bart damit bezweckte, doch wirklich begriffen hatte er es nicht. Als nächstes stand die Analyse jeder nur erdenklichen Körperflüssigkeit auf der Tagesordnung. Besonders Vertrauenserweckend waren die Praktiken des Hofzauberers nicht gerade und dass die Untersuchungen ohne Befund blieben, verbesserte die Lage kaum. Zwar endete die Suche nach Auffälligkeiten in einem Fehlschlag, aber immerhin konnte man ihm nicht vorwerfen, nicht gründlich zu sein. Dennoch blieb die Quelle von Henriks Kraft ein Geheimnis.

Nachdem Arngrimur Henrik sich selbst überlassen und sich aus Frust über ein Rätsel, welches er nicht zu lösen vermochte, stattdessen mit Annemarie in seinem Labor verbarrikadierte, um sie an seiner statt zu studieren, wollte Henrik nach Nebula sehen. Er fand sie zusammen mit Clay, Cerise und einer frostigen Stimmung auf dem Übungsplatz vor. Die drei wollten trainieren. Offenbar lief es nicht zu Nebulas Gunsten ab, da Cerise ihr beim Aufstehen behilflich sein musste. Nebula riss sich von Cerises Händen los und bewegte sich auf ihn zu. “H-Hallo”, grüßte Henrik und winkte verhalten.

Doch sie ging einfach wortlos an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten.

Schon wieder ließ sie ihn einfach stehen. “H-Hey, warte!”, rief er und lief ihr nach. “Was hast du?” Es gelang ihm, sie einzuholen. Vorsichtig streckte er seinen Arm und legte die Hand auf ihre Schulter.

Nebula wandte sich ihm in einer Drehung zu und verpasste ihm gleichzeitig einen Schlag, der den Jungen sofort zu Boden warf, da er nicht mit einem Angriff gerechnet hatte. “Nimm deine Pfoten von mir!”, schrie sie ihn an, während er sich langsam aufrichtete. Henrik sah perplex in ihre Augen, während er allmählich den Schmerz seiner geplatzten Oberlippe bemerkte. Selbst ohne Teufelskraft hatte sie einen harten rechten Haken. Henrik schmeckte den metallischen Anklang seines eigenen Blutes, das in seine Mundhöhle eindrang. Nebula wandte sich wieder ab und setzte ihren Weg fort. Henrik blieb sitzen und befühlte ungläubig die Wunde in seinem Gesicht.
 

Skeptisch blickte der Hofzauberer auf das Mädchen vor ihm herab. Annemarie starrte ihn mit ihren großen, grünen Kulleraugen an, in denen das durch die Fenster einfallende Licht der Sonne funkelte, wie in sündhaft teuren Edelsteinen. Mit ihrem linken Arm presste sie ein Buch in blauem Einband fest an ihre Brust, als hinge ihr Leben davon ab. Was hatte es nur damit auf sich? Seine jahrzehntelange Erfahrung mit der Mystik und sein angeborenes besonderes Gespür für Mana, die Quelle aller magischen Kraft, ermöglichten ihm Dinge zu sehen, die nicht einmal die Waffenmeister, geschweige denn gewöhnliche Sterbliche, wahrnehmen konnten. Er sah hinter die Fassade dieser vermeintlichen Kinderlektüre und spürte die ungeheure Macht, die von ihr ausging. Wusste die Kleine, was sie da hielt?

Arngrimur hatte die Legenden über diese magischen Lektüren studiert und nach Beweisen gesucht. Ungezählte Tage und Nächte seines Lebens verschwendete er in Bibliotheken und auf Reisen in die entlegensten Winkel der Welt, aber bis jetzt war es ihm nicht vergönnt, ein Exemplar zu finden. Und nun hielt ein unscheinbares Mädchen das Objekt seiner grenzenlosen Neugier in Händen. Unter der Tarnung der Täuschung befand sich ein aus Gold gewebter Buchdeckel, verziert mit Schriftzeichen, die nicht einmal Arngrimur entziffern konnte. Ein Lesezeichen aus blutroter Seide lugte hervor, markierte die letzte aufgeschlagene Seite und verstärkte seine Sehnsucht, das Buch zu berühren. Ehrfürchtig streckte der Zauberer seine Hand aus, die vor Aufregung oszillierte. "Kann ich dein Buch einmal halten?", fragte Arngrimur, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, das von der tiefen Ehrfurcht zeugte, die er für diesen Fund empfand.

Annemarie entgegnete, indem sie ihr Buch nun auch mit dem rechten Arm an sich presste. Energisch schüttelte sie ihren Kopf und verweigerte sich dem vor blinder Neugier ganz aufdringlich gewordenen Hofzauberer. Kurz bevor seine Fingerspitzen endlich in den ersehnten Genuss der Berührung kamen, spürte Arngrimur einen Widerstand, obwohl er keine Barriere oder Ähnliches zu entdecken vermochte. Es war, als ob das Schicksal es für ihn nicht vorgesehen hätte, das Buch zu berühren. Als er die ernüchternde Wahrheit realisierte, senkte sich sein Arm. Es lagen nur wenige Zentimeter zwischen ihm und der Erfüllung seiner lebenslangen Sehnsüchte, aber es sollte nicht sein. Mit dem Schicksal konnte auch er sich nicht anlegen.
 

Was wollte der komische, alte Mann nur von ihr? Das machte Annemarie Angst! Andauernd streckte er die Hand nach ihr aus. War er etwa wie Henrik? War er auch einer dieser Perversen, vor dem Nebula sie unentwegt warnte? “Lass mich in Ruhe, du Perversling!”, schrie sie ihn an. Plötzlich wurde eine angestaute Kraft entfesselt und ein Windstoß riss den Alten mit dem Zottelbart von den Füßen und katapultierte ihn quer durch das Labor. Mit einem lauten Flatschen drückte es Arngrimur gegen das Mauerwerk, als sei er eine Fliege an einer Windschutzscheibe. Wie in Slow Motion rutschte er komödiantisch in Zeitlupe die Wand herunter, bis er auf seinem Hintern aufkam.

“Ich bin kein Perverser!”, gelang es ihm, sich zu beschweren.

“Ach so?”, entgegnete Annemarie und schielte dabei verwirrt, als wären ihre Augen im Inneren ihres Schädels auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum sie auf einmal Windmagie beherrschte, obwohl sie nur wollte, dass der seltsame Mann sie in Ruhe lässt.

Vorsichtig richtete sich der Alte wieder auf und wirkte dabei Heilungsmagie auf die Verletzungen, die Annemarie ihm in Selbstverteidigung zugefügt hatte. “Eines ist nun klar”, sprach er und klopfte sich dabei den Staub vom Magiergewand, “du besitzt eindeutig das Talent, Zauberei zu wirken.” Er ging auf Annemarie zu. “Was mich allerdings nicht überrascht, da Prinzessin Eleonora mir bereits von dir erzählt hat. Aber sie sagte, du seist hellsichtig, nicht, dass du so kräftig blasen kannst.”

“Blasen? Ich wusste doch, dass du ein Perverser bist!”

Arngrimur reckte winselnd die Hände empor. “Nein, nicht schon wieder gegen die Wand!” Entgegen seiner Erwartung passierte jedoch nichts. Langsam entspannte er. “Nun gut! Offenbar bist du ein echter Glücksgriff.” Auf einmal begann Arngrimur zu grinsen, wie ein durchgeknallter Wissenschaftler. “Mit dir kann man bestimmt viele interessante Dinge anstellen.” Er baute sich über dem Mädchen auf und seine Finger machten gruselige Bewegungen. “Wir werden ganz viel Spaß zusammen haben.”

Abermals stieg die Angst in Annemarie auf und zusammen mit ihr ein Energieschub ohne identifizierbare Quelle. Die Luft wurde in Schwingung versetzt und eine mächtige Böe manifestierte sich, die Arngrimur mit sich riss und erneut gegen die Wand schleuderte. “Ich wusste doch, du bist ein Perverser!”

Die Herzensbrecherin


 


 

Seitdem sie ihn geschlagen hatte, versuchte Henrik alles, um Nebula aus dem Weg zu gehen. Da kamen ihm die penetranten Einladungen des Hofzauberers nur gelegen. Während Nebula mutmaßlich ihre Wunden leckte, Clay seine Fertigkeiten mit dem Bogen übte, Annemarie ihre neu erwachte Magie entdeckte und Cerise sich sonst wo herum trieb, konnte auch er für die wichtigste Aufgabe seines Lebens trainieren und sich ein wenig ablenken. Er wollte Nebula wirklich nicht auf die Nerven gehen. Aber sie hatte so traurig und frustriert ausgesehen, als habe sie das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen. Und er wollte für sie da sein. Er war so naiv! Man konnte kein Wunder erleben und gleich darauf noch eins erwarten. Kein Gott der Welt war so großzügig. Sein Kiefer tat ihm immer noch weh. Der Schmerz sollte ihm ein Lehrmeister für die Zukunft sein. Auch wenn er sie liebte, bedeutete das noch lange nicht, dass sie die gleichen Gefühle für ihn hegte.

Aber gerade eben verlangte etwas anderes seine Aufmerksamkeit. Henrik stand mit geschlossenen Augen vor einem Erzklumpen und hatte beide Hände darauf gelegt. Der Brocken bestand aus dunkelgrauem Gestein und wurde von orangefarbenen Adern durchzogen. Vermutlich handelte es sich bei diesem Exemplar um eine Probe Eisenerz. Henrik spürte deutlich Arngrimurs Blicke in seinem Nacken. Nach einer gefühlten Ewigkeit der Konzentration war noch immer nichts mit dem Klumpen passiert. Langsam fragte sich Henrik, ob das Ereignis in Faringart mit dem Silbererz reiner Zufall gewesen war. Plötzlich fühlte er zu den unangenehmen Blicken die Hand des Zauberers auf seiner Schulter.

“Wenn du die ganze Zeit ein Gesicht machst, als müsstest du dich erleichtern, dann kann es doch nichts werden”, meinte der alte Mann. “Du musst dich mal entspannen.” Er räusperte sich. “Lass mal locker, Bruder!”, sprach er anschließend. “So redet die Jugend heute doch.”

“Wieso soll ich mich dabei entspannen?”, fragte Henrik. “I-Ich war nie entspannt, wenn ich diese Kraft eingesetzt habe.”

“Ach so einer bist du…” Das diabolische Grinsen des verrückten Wissenschaftlers fand seinen Weg zurück in das Gesicht Arngrimurs. “Na da kann ich Abhilfe schaffen.” Wie ein dem Wahnsinn verfallener Looney Toon rieb er sich die Hände. “Mal sehen, was du gegen verzauberte Waffen unternimmst!” Er breitete seine Hände aus. “Erdmagie: Herbeirufung aus der Waffenkammer!” Aus allen möglichen Öffnungen, Türen, Fenster und sogar dem Kleiderschrank, schossen rasiermesserscharfe Waffen hervor und kamen erst im letzten Moment zum stehen, kurz bevor sie sich in den Schmiedegesellen hineinbohren konnten. Wie ein Kranz schwebten sie nun um ihn. “Entweder verzauberst du den Erzbrocken oder die Schwerter werden dich filetieren!” Zu seinem Grinsen gesellte sich ein geisteskrankes Lachen. “Ha ha ha, ist das genug Druck?!”

Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Ängstlich schluckte Henrik den reichlich entstandenen Speichel herunter. Nun kam es darauf an: Wenn er das Labor dieses Wahnsinnigen lebend verlassen wollte, musste er endlich Ergebnisse vorweisen! Henrik begann sich zu einem gleichmäßigen, ruhigen Atmen zu zwingen und versuchte, es einfach laufen zu lassen. Schließlich hatte das bisher immer funktioniert. Allmählich konnte Henrik spüren, dass er seinem Ziel immer näher kam. Plötzlich fühlte er das Metall und wirkte all seine Kraft darauf ein. Aber anstatt den Klumpen zu verflüssigen, brach er stattdessen den Zauber auf den herbeigerufenen Schwertern, da er an nichts anderes mehr denken konnte als diese Klingen des Damokles. Sie drehten sich in der Luft und schossen auf den Hofzauberer zu. Henrik konnte nicht mehr verhindern, dass der Mann an den Ärmeln und den Hosenbeinen seiner Kutte an der Wand hinter sich festgenagelt wurde. Das letzte Schwert bohrte sich zwischen den Beinen des Mannes ins Mauerwerk. “Upps!”, kommentierte Henrik und kratzte sich dabei am Kopf.

Entsetzt blickte Arngrimur an sich herunter. Zwar war er unverletzt, aber er hing wie in einer billigen Slapstick-Komödie an der Wand und kam sich wie der letzte Trottel vor. “Nicht schon wieder!”, rief er wehklagend aus.
 

Nachdenklich saß Nebula auf der Bank unter dem großen Baum auf der kleinen Insel inmitten des Teiches im Schlosspark. Mit gesenktem Kopf betrachtete sie nachdenklich ihre rechte Hand. Es war die Gleiche, mit der sie Henrik eine verpasst hatte. So groß war ihr Frust über ihre Niederlage im Übungskampf gegen Cerise nicht gewesen, er hatte sie einfach nur genervt mit seiner Aufdringlichkeit. Sie dachte daran, wie sie sein Leben verändert hatte. Wären sie nicht aufeinander getroffen, täte er noch immer als erfolgloser Analphabet auf seinen Metallklumpen rumhämmern und würde wöchentlich von aufgebrachten Kunden zusammengeschlagen. Stand es ihr zu, ihn noch weiter ihrem Einfluss auszusetzen?

In Gedanken versunken bemerkte sie nicht, wie Clay auf sie zukam.

“Prinzessin!”, sprach dieser sie an.

Nebula sah zu ihm auf. “Du sollst mich nicht Prinzessin nennen!”

“Wie du willst, Nebula.”

“Was machst du hier?”, fragte die Blondine.

“Bin deiner Fährte gefolgt.”

“Meiner Fährte? Wie ein Köter…” Sie verhielt sich ihm gegenüber abweisender als eine antihaftbeschichtete Bratpfanne. ”Was willst du von mir?!”, fuhr sie ihn an. Heute war sie wieder besonders mies gelaunt und wusste wirklich nicht, wieso.

Clay setzte sich unaufgefordert neben Nebula auf die Bank. “Dein Verhalten Henrik gegenüber ist nicht so pralle. Hat der Junge das wirklich verdient?”

“Er ist ein Idiot und Schläge auf den Hinterkopf helfen beim Denken.”

“Hast ihn aber schon die Visage verbeult.”

“Kann man ja mal verwechseln...”

“So kratzbürstig, nur weil er dir wichtig ist?”

Nebula wandte sich Clay zu, um ihm deutlich zu verstehen zu geben, was sie von seiner Einmischung hielt. “Was erdreistest du dich?! Kümmere dich um deinen eigenen Kram!” Sie verspürte den Drang, den Behauptungen des Jägersmann aus dem Weg zu gehen und schickte sich an, aufzustehen. Doch Clay packte ihren Arm. “Hey!”

“Hier geblieben, Mädel!” Er zog sie zurück auf die Bank und mit dem Gesichtsausdruck eines bockingen Kleinkindes setzte sie sich wieder auf den Hosenboden, und musste weiter seiner Predigt lauschen. “So leicht kommste nich davon!”

Nebula schlug die Arme vor der Brust übereinander.

”Du stößt ihn von dir weg, weil du Schiss vor deinen Gefühlen hast.”

Sie wandte ihren Kopf ab. Ein verleugnendes “Pfff” entwich ihren Lippen.

“Warum hast du ihn mitgenommen?”

“Er kann kochen.”

“Du bist’n offenes Buch, Mädel. Tust immer schön hart, weil du Angst hast. Angst davor, verletzt zu werden. Aber du weißt genau, du brauchst ihn.”

“Wer braucht hier wen?”

“Könntest auch aufhörn’ dich selbst zu belügen!”

Einem weiteren “Pfff” folgte nur noch Schweigen. Er konnte froh sein, nicht Henrik zu sein, sonst hätte sie ihm schon längst eine verpasst. Von ihr eins auf die Zwölf zu bekommen, war allein Henriks Privileg. Moment mal! Nebulas Augen weiteten sich in Schock und ihre Wangen wurden rosig. Was für einen Blödsinn spann sie sich da zusammen? Der Trottel hatte bei ihr gar keine Privilegien!

Clay fuhr indes unbeirrt mit der Analyse ihrer Gefühlswelt fort, ohne dass sie ihn darum gebeten hatte. “Es ist als hockst du auf’m Baum mit den Hosen voll, während’n Bär am Stamm rüttelt. Und der Junge ist’n Stück saftiges Fleisch für den Bären.”

Die Blondine wandte sich grimmig ihrem Begleiter zu. “Was ist das denn für ein bescheuerter Vergleich?!”

“Du vergisst gern mal, dass ich weiß, wie du dich fühlst. Schau!” Er deutete nach oben zum Himmel. ”Weißt du, was heute Nacht ist?” Er pausierte kurz, um ihr die Gelegenheit zu geben, sich konstruktiv an der Unterhaltung zu beteiligen, doch sie ließ sie ungenutzt verstreichen. “Vollmond!”, antwortete er schließlich auf die eigene Frage. Er nahm den Arm wieder herunter. “Für mich heißt das Fesselspiele - und zwar nicht die angenehme Art.” Er pausierte, um durchzuatmen. “Wir haben das Gespräch schonmal geführt. Bloß mit vertauschten Rollen. Schon vergessen? Du hast mir geholfen und’n neues Zuhause gegeben. Ist wohl an der Zeit, dass ich dir’n Kopf wasche, damit du nich alles wegwirfst.”

Nebula begann vorsichtig zu schluchzen, aber verbarg es. Still und heimlich versuchte sie ihre Emotionen mit sich selbst auszumachen und zu verstecken, als habe sie Angst bei etwas Verbotenem erwischt zu werden. Sie sah Clay noch immer an, als sie das Verlangen zu Weinen mit Wut kompensierte. “Du hast keine Ahnung!” Sie ballte ihre Faust und begann auf Clays Brust einzuschlagen. “Keine Ahnung!”, wiederholte sie.

Der großgewachsene Muskelmann legte seine Hand auf ihren Rücken und drückte sie an sich. Er hatte kein Problem damit, sie zu beruhigen.

Und wie durch ein Wunder hatte sie keins damit, es zuzulassen.

Bald schon stellte sie das Schlagen ein.
 

Henrik wollte sich eigentlich nur kurz die Beine vertreten. Schon bald stellte er fest, dass sie ihn in den Schlossgarten getragen hatten. Er war zu sehr beschäftigt mit seinen Gedanken, um sich noch daran zu erinnern, wie er hierher gekommen war. Unentwegt musste er an Nebula denken. Was war nur in sie gefahren? Er schritt weiter durch den Schlossgarten und hoffte, dass die kühle Luft seine Gedanken für ihn aufräumen würde. Auf einmal hörte er Stimmen, die ihm bekannt vorkamen.

Zögernd folgte er einem Weg zwischen Hecken hindurch, bis er einen Durchgang erreichte. Zaghaft lugte er hindurch und seine Augen weiteten sich. Er sah einen Weg, der zu einer Brücke führte. Die Brücke verband eine Insel auf einem kleinen künstlichen See mit dem Rest der Anlage. Auf ihr befand sich ein großer Baum und unter ihm eine Bank. Henrik glaubte nicht, was er dort sah. Auf der Bank saßen Nebula und Clay. Und zum Entsetzen des Jungen schien sich die Blondine an den starken, muskelbepackten Oberkörper des bärtigen Schwarzhaarigen zu kuscheln. Im nächsten Moment streckte sich Nebula und küsste Clay auf den Mund. Eilig zog Henrik seinen Kopf ein und brachte sich hinter der Hecke in Sicherheit. Er glaubte nun zu verstehen. Das war die Erklärung, wieso sie so abweisend zu ihm war und seine Gefühle nicht erwidern konnte. Er musste der Wahrheit ins Auge sehen. Der leicht melancholische Berg von einem Mann wirkte wie ein Magnet auf die Frauen. Henrik konnte mit dieser Eigenschaft nicht dienen. Alles, was er magisch anzog, waren peinliche Situationen. Er konnte den Anblick nicht länger ertragen und ergriff die Flucht.

Eleonoras Entschluss


 


 

Drehen wir die Zeit drei Jahre zurück.

Tagelang herrschte in Ewigkeit eine nervenaufreibende Alarmbereitschaft vor. Die einst lebendigen Straßen der Hauptstadt waren verwaist, abgesehen vom Heer von Morgenstern, deren stählerne Stiefel bei jedem Schritt bedrohlich in den Gassen wiederhallten. Jeder Passant, der sich noch auf die Straße wagte, um die nötigsten Dinge zu besorgen oder einer Arbeit nachzugehen, wurde misstrauisch beäugt und kontrolliert. Die Soldaten hatten ihre Befehle. Die gefährlichste Person im ganzen Königreich durfte unter keinen Umständen entwischen. Seit Eleonora den Heckenschützen ins Jenseits befördert und diese Boshaftigkeit emittierende Armbrust in sich aufgenommen hatte, verbarg sie sich in den finstersten Winkeln von Ewigkeit, stets auf der Hut vor den patrouillierenden Soldaten.

Während ihres Katz- und Mausspiels eingehüllt in den Schatten der Gebäude, die auf verlassene Gassen und Seitenstraßen geworfen wurden, kam sie nicht umhin unaufhörlich über ihre verzweifelte Lage zu grübeln. Die Geschichten und Märchen ihrer Kindheit waren mitnichten nur harmlose Fabeln, mit denen man die Heranwachsenden erziehen wollte, sondern erwiesen sich als ernstgemeinte Warnung: Es gab sie wirklich, die Teufelswaffen. Und zwei von ihnen waren bereits in Eleonoras Besitz. Aufgelöst in ihrem Blut strömten sie durch ihre Venen und lasteten als erdrückendes Gewicht auf ihren Schultern. Ihre Abstammung machte sie zum perfekten Medium, die dämonischen Kräfte in sich zu binden. Sie fühlte sich wie jener tragische Held aus den alten Legenden, der dazu bestimmt war, die Welt zu retten, dabei aber alles verlor, was ihm lieb und teuer war. Die düsteren Prophezeiungen schienen sich zu erfüllen, während Eleonora in der Finsternis darauf wartete, was das Schicksal als nächstes für sie bereithielt.

Angesichts der bereits verstrichenen Zeit, führte das Hocken in den Schatten zu keinem Ergebnis. So schnell würde der König den Lockdown der Hauptstadt nicht aufheben. Auf den Unmut des Volkes war ebenfalls kein Verlass. Solange sie ihre Bäuche noch füllen könnten, würde niemand den Arm gegen die Soldaten erheben. Dessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing, wie es in einer alten Redewendung hieß. Eleonora sah sich gezwungen, ihr Versteck aufzugeben und zu versuchen, Ewigkeit irgendwie zu verlassen, wenn sie es vorzog, nicht in einer dunklen Gasse zu verhungern. Sie beobachtete die Soldaten und wartete auf den richtigen Moment. Flink schlüpfte sie durch ein Loch in den eng gespannten Maschen des Netzes aus Wachposten und fand sich in einer anderen Straße wieder.

Hier war es weniger dunkel. Zwischen dem vergessenen Unrat und einigen alten Handkarren erregte ein Zettel ihre Aufmerksamkeit, durch den ein Nagel getrieben worden war, um ihn zwischen den Ziegeln in einer Fuge zu befestigen und mit dem Mauerwerk zu vereinen. Auf ihm sah sie eine naturgetreue Darstellung ihrer selbst und eine astronomisch hohe Summe Kopfgeld darunter. Sie trat näher heran und konnte ihre Beschreibung erkennen. Augenscheinlich war sie nun eine Hochstaplerin, die mit ihrer Ähnlichkeit zur Prinzessin betrog und jene ermordete, die sie durchschauen. Dennoch wurde gefordert, sie lebend und unversehrt einzufangen. Verständlich, denn sie war keine Hochstaplerin, sondern die echte Prinzessin!

Eleonora fühlte eine tiefe Bitterkeit in ihr aufsteigen. Ihr Vater ließ sie zur Verbrecherin erklären. Mit Tränen in den Augen riss sie den Steckbrief von der Wand, zerknüllte ihn und warf ihn wutentbrannt auf die Straße. Er rollte einige Zentimeter über den Boden und kam am Stiefel eines Soldaten zum Stehen, der auf seiner üblichen Route mit einem Kameraden, der ausgesprochen klein für einen Soldaten war, die Gasse betrat. Er senkte seinen Kopf und betrachtete die Papierkugel, die soeben an seinen Fuß gestoßen war. Ein verwundertes “Huh!”, verließ seine Lippen. Währenddessen erkannte seine Begleitung sofort, was Sache war, und zupfte an seinem Wappenrock. Der Soldat erhob sein Haupt und nun schien auch er zu verstehen. Vor ihnen stand die Person, wegen der Ewigkeit seit Tagen einer Festung glich. Die gesuchte Betrügerin! Sofort zogen die Männer ihre Waffen und wollten Eleonora in Gewahrsam nehmen. Aber sie dachte nicht im Traum daran, sich wieder in dieses finstere Loch einsperren zu lassen.

Die Dunkelheit quoll aus der Tiefe der Seele des Mädchens herauf. “Töte sie!”, verführte sie eine Stimme in ihrem Kopf. Eleonora steigerte sich in die Wut und die Enttäuschung hinein und ihre Augen begannen, rubinrot zu glühen. “Koche in meinen Venen, Bloodbane!”, beschwor sie die teuflische Klinge herauf. Blitzschnell stürmte sie auf den großen Soldaten zu, rammte ihm das Schwert in die Brust, zog es heraus und schlug in derselben Bewegung dem Kleinen den Kopf ab, der versucht hatte, seinem Kameraden zur Hilfe zu eilen.

Oder das hätte sie getan, wenn sie dem dunklen Verlangen nachgegeben hätte.

Stattdessen schlug sie den großen Mann mit dem Knauf von Bloodbane. Der erste Hieb ging in die Magengrube, wodurch er sich vor Schmerzen krümmte. Der zweite Schlag traf ihn am Hinterkopf und ließ ihn orientierungslos zurück. Ein finaler Schlag mit der linken Faust katapultierte ihn anschließend an eine Hauswand, an der er bewusstlos liegen blieb. Dem kleinen Mann sollte es kaum besser ergehen. Er hatte in der Zwischenzeit dem Geschehen wie versteinert beigewohnt, und wurde nun ihr nächstes Ziel. Er erhielt eine kräftige Kopfnuss, die vollkommen ausreichte, um ihn auf die Bretter zu schicken. Eleonora starrte auf ihre besiegten Gegner. Es war also doch möglich! Sie konnte dem Flüstern in ihrem Kopf widerstehen, das sie zum Mord zu verführen versuchte.

Schnell entriss sie sich selbst dem berauschenden Gefühl des Triumphes über die Stimme des Teufels, denn früher oder später kämen gewiss noch mehr Soldaten, die nach ihren Kameraden suchen würden, sobald ihre Abwesenheit auffiele. Sie musste ihre Spuren verwischen und die Männer verbergen. Nach eingängiger Analyse ihrer Umgebung entdeckte sie eine große Kiste, die wie perfekt für diese Aufgabe schien. Eleonora ließ ihre Waffe verschwinden und zerrte den größeren der Soldaten zu dem hölzernen Behälter, öffnete ihn und verstaute den Körper des Bewusstlosen. Es war noch Platz in der Kiste, also wiederholte sie den Vorgang mit dem kleineren Soldat. Zufrieden klappte sie den Deckel zu. Aber jeden einzelnen Soldaten in Ewigkeit bewusstlos zu schlagen, war auch keine Lösung. Sie brauchte eine gute Tarnung, um nicht aufzufallen.

Eleonora öffnete die Kiste wieder. Der obere Mann war wirklich außergewöhnlich klein für einen Soldaten. Wie konnte es sein, dass er nicht ausgemustert wurde? Von einem Gedanken beseelt begann sie, sich an seiner Rüstung zu schaffen zu machen, bis er nur noch seinen Lendenschurz trug. Danach entledigte sie sich ihres Kleides und schlüpfte in die Sachen des Soldaten. Mit Mühe und Not gelang es ihr, ihre gigantische Oberweite unter dem viel zu engen Gambeson zu verbergen. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass ihre Brüste unter dem Stoff unkontrolliert umher wippten, als sie zur Probe auf der Stelle hüpfte. Auch wenn es ihre Größe hatte, war das Kleidungsstück dennoch für einen männlichen Oberkörper konzipiert. Aber selbst nachdem sie den Rest der Rüstung anlegte, stach sie noch immer ins Auge wie ein bekiffter Hippie im Regenbogenhemd auf einer Beerdigung. Ihre langen, goldenen Haare verrieten sie als verkleidete Frau. Mit einem tiefen Atemzug, ergriff sie eines der Schwerter am Boden. Sie wusste, dass es keine andere Möglichkeit gab, wenn sie unentdeckt bleiben wollte. Das Abschneiden ihrer Haare würde sie unauffälliger machen, aber inzwischen hatte sie sich eigentlich an sie gewöhnt. Sie packte ihr Haar und trennte es entschlossen ab, sodass es ihr nicht einmal mehr bis zu den Schultern reichte. Die abgetrennten Haare verbarg sie zusammen mit den Schwertern und ihrem Kleid ebenfalls in der hölzernen Kiste.
 

Caroline saß inmitten der Parkanlage des Palastes von Ewigkeit auf der Bank unter dem großen Baum auf der kleinen Insel im Zierteich, der sich im Zentrum des Heckenlabyrinth befand. Sie spielte ihre Rolle und trug die feinen Gewänder einer Prinzessin, die aus den edelsten Geschmeide bestanden. Verspielte Ornamente waren kunstvoll in den Stoff gewebt und Schmucksteine an ihm angebracht. Eine goldene Kette schimmerte im Tageslicht und zierte ihren üppigen Ausschnitt, der durch das eng geschnürte Korsett wie eine Hügellandschaft empor ragte. Der Schatten der Baumkrone legte sich sanft über sie und durch Lücken im Blätterdach beschienen zaghafte Sonnenstrahlen in aller Heimlichkeit ihr Gesicht. Caroline hatte die Beine damenhaft übereinander geschlagen und ihr linker Schuh blitzte unter dem langen Stoff ihres Kleides hervor. Er war schneeweiß mit einem hohen Absatz. Für die ehemalige Magd schien es noch immer wie ein wahrgewordener Traum. Ihre erstaunliche Ähnlichkeit zu Prinzessin Eleonora machte sie zur perfekten Kandidatin als ihre Doppelgängerin. Doch das lackierte Holz unter ihrem anmutigen Hinterteil war ungewöhnlich kalt. Jeder Atemzug schien ihr schwer zu fallen, als ob der Luft um sie herum bewusst gewesen wäre, welcher perfide Plan ihre Mitwirkung erforderte. Die Kälte kroch in ihr Fleisch und sie absorbierte ihr Schuldgefühl wie ein Schwamm das Wasser. Es war keine physische Kälte, sondern das Bewusstsein über das Spiel, für das sie sich einspannen ließ. Ihr war unwohl, da ihre Berufsbeschreibung um “Lockvogel” ergänzt worden war und sie nun den Köder für die echte Prinzessin spielen musste, obwohl es ihr zutiefst widerstrebte, ihre Freundin hinters Licht zu führen.

Der Schlossgarten erschien zunächst idyllisch und friedlich, doch ein wachsames Auge entdeckte hinter beinahe jeder Ecke oder Kurve einen gut getarnten Soldaten. Sie lauerten in den Büschen, verbargen sich hinter den Statuen, und einer von ihnen saß sogar über Caroline in den Ästen des mächtigen Baumes. Sie alle warteten gespannt auf Eleonoras Ankunft, bereit, die Falle zuschnappen zu lassen und die gefährliche Königstochter in die Zange zu nehmen. Selbst nachdem sie den Heckenschützen von Ewigkeit ausgeschaltet hatte, traute ihr angesichts des Palastmassakers niemand über den Weg. Und dass sie die Enkelin einer berüchtigten Hexe war, machte es auch nicht besser. Während Caroline in Gedanken versunken war, erschrak sie, als sich plötzlich jemand neben ihr über die Lehne der Bank schwang und sich in eine sitzende Position brachte. “Ahhh!”, kreischte die Doppelgängerin in einer wunderschönen Phiebsstimme.
 

Es lag ihr fern, ihrer Freundin Angst zu machen, aber die Soldaten, die sich überall im Palastgarten versteckt hielten, waren Eleonora nicht entgangen. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schlich der durchtriebene Hofzauberer auch irgendwo dazwischen herum und wartete nur auf den richtigen Moment, um sie mit einem fiesen Fluch zu verhexen. Eleonora konnte es sich nicht erlauben, ihre Reise schon hier enden zu lassen. Mit mehr Glück als Verstand, oder vielleicht war es angeborenes Magiegespür, das sie von ihrer Mutter vererbt bekommen hatte, gelang es ihr flinken Fußes, die Fallen alle zu umgehen. Caroline hatte bestimmt Verständnis für ihr plötzliches, unangekündigtes Erscheinen. Eleonora setzte ein freundliches Lächeln auf und hob eine Hand zur Begrüßung. “Hallo, Caro”, sprach sie sie an.

Allmählich wagte sich die Angesprochene aus ihrer Schockstarre heraus. “Hallo, Nora!”, sprach sie vorsichtig. Eleonora spürte ihre verwunderten Blicke auf ihr landen. Bestimmt erwartete Caroline weder den neuen Haarschnitt noch dass sie die Rüstung eines Soldaten tragen würde. “D-Das ist wirklich eine Ü-Überraschung! Ich habe g-gar nicht damit gerechnet, d-das du kommst.”

“Na klar! Sag das dem Typen im Baum über uns.”

Als sei es sein Stichwort, ließ sich der Soldat aus dem Baum fallen wie eine ausgehungerte Baumspinne aus Lucensiva auf Beutezug und versuchte Eleonora zu überwältigen. In einer Hand hielt der Mann die magischen Handschellen, mit deren Hilfe man sie so lange gefangen gehalten hatte. Das war wirklich bemerkenswert, dass er es in seiner Rüstung auf den Baum geschafft hat. Eleonora konnte nicht anders, als es stillschweigend in Gedanken anzuerkennen, als sie ihn mit dem Handrücken ihrer Faust und konzentrierter Teufelskraft gegen den Baum hinter ihr boxte. Dem Soldaten entglitten die Handschellen und er rutschte langsam den Stamm herunter.

Caroline senkte bedrückt ihr Haupt. “Es tut mir leid.”

“Was soll’s?” Eleonora rückte ihr buchstäblich den Kopf wieder zurecht. “Du hattest doch keine andere Wahl, als mitzuspielen.”

“Wenn du es wusstest, wieso bist du hergekommen?”

Eleonora löste ein Schwert von ihrem Gürtel und hob es an. Es steckte noch immer in seiner Scheide. “Deswegen!” Schnell machte sie die Waffe wieder fest. “Ohne meinen Glücksbringer gehe ich nirgendwo hin!”

“Aber war es nicht in der Waffenkammer?”

“Als ob mich das aufhält…”

“Wenn du so weiter machst, wird dein Kopfgeld für eine Inflation sorgen!”

“Nur, wenn sie es auszahlen müssen.”

“Das ist natürlich wahr…”

“Natürlich wollte ich mich auch von dir verabschieden.”

“Verabschieden?!”

“Ich werde mich auf die Spuren der Teufelswaffen begeben. Ich habe bereits eine weitere bekommen, als ich neulich diesen Heckenschütze umgelegt habe. Endlich ist mein dämliches Blut zu etwas gut.”

“Dein Blut?”

“Das hat dir keiner gesagt… Ich kann die Waffen in mich aufnehmen.”

“Wirklich? Aber kannst du sie wirklich alle-”

“Ich muss”, stellte Eleonora klar. “Die Teufelswaffen können großen Schaden anrichten, wenn sie in den falschen Händen sind. Ich habe bestimmt nicht vor, die zweite Chance zu vergeuden, die mir geschenkt wurde. Ich werde diese Dinger finden und wenn ich bis ans Ende der Welt muss!”

“Aber wieso musst ausgerechnet du das machen?”

“Wenn nicht ich, wer dann? Das ist ein Weg, den ich beschreiten muss, wenn ich will, dass die Welt von dieser Geißel befreit wird!”

“Ich seh schon, dass man es dir nicht ausreden kann”, lächelte Caroline. “Also dann, geh schon! Finde diese verfluchten Dinger!”

“Danke. Aber zuvor…” Eleonora streckte ihren rechten Arm aus. “Triff ins Schwarze, Gastraphetes!” Das Kettenhemd und der Stoff auf ihrem Arm begannen unruhig zu werden, als eine zähflüssige, schwarze Masse aus ihrem Ärmel geflossen kam und eine große Kugel mit der Konsistenz von Wackelpudding ausbildete, die sich jedoch rasch umformte und die Gestalt einer Armbrust annahm. Nachdem der Beschwörungsprozess abgeschlossen war, winkelte Eleonora ihren Arm an, sodass die mächtige Fernkampfwaffe gen Himmel zeigte. “... muss ich diesen Hofzauberer ruhig stellen.” Sie sah Caroline mit ihren rubinrot funkelnden Augen an und erkannte, dass ihre Freundin von der Furcht erfasst worden war. “Sei unbesorgt, ich werde ihn schon nicht umbringen.” Eleonora wandte sich dem Schlossgarten zu. “Teufelsmagie: Zielerfassung!” Kaum dass sie den Zauber wirkte, konnte sie alle Personen sehen, die sich im Schlossgarten verborgen hatten. Unter ihnen war auch jemand mit einem äußerst verräterischen Hut. Das musste Arngrimur, der Hofzauberer, sein. Sie richtete ihre Waffe auf ihn und betätigte den Abzug.
 

Hinter einer der Wände des Heckenlabyrinth mit den wunderschönen weißen Blüten verbarg sich Arngrimur zusammen mit einigen Soldaten, die ihm zur Hand gehen sollten. Er hatte bereits alles sorgfältig vorbereitet. Der Palastgarten erstrahlte in den zahllosen Farben der Zierpflanzen und die Blüten der Hecken betören mit ihrem Duft. In diesem Paradies hatte Arngrimur überall seine heimtückischen Magiefallen versteckt, die nur darauf warteten, von der Prinzessin ausgelöst zu werden. Der Plan war idiotensicher und ein Fehlschlag schloss er vollkommen aus. Arngrimur verspürte einen Hauch von Besorgnis, aber die Ereignisse der letzten Tage bestärkten ihn in dem Glauben, dass Eleonora die dunklen Mächte in ihr im Griff hatte und ihn weder umbringen noch bewusstlos prügeln würde. Sonst gab es kaum einen Weg, sich der Fallen zu entledigen. Und sie wusste gewiss nicht, wo er sich versteckt hatte.

Plötzlich wurde er sich seiner Hybris bewusst, als etwas seine Hüfte streifte. Noch bevor er nachsehen konnte, was soeben passiert war, spürte er ebenfalls etwas seine andere Hüfte passieren. Sofort riss der Strick, der seine Robe zusammenhielt, und seine Beinkleider verselbstständigten sich. Sie rutschten herunter und entblößten den um ihn herum stehenden Männern Gemächt und Hinterteil des alten Mannes mit dem zotteligen Bart. Arngrimur spürte sein Schamgefühl die Oberhand gewinnen und bald darauf verdunkelte sich die Welt um ihn. Die Offenbarung seiner Kronjuwelen war ihm so peinlich, dass er spontan in Ohnmacht fiel, was umgehend alle seine Fallenzauber unwirksam machte. Natürlich nutzte seine Zielperson in der Zwischenzeit die Gunst der Stunde zur Flucht, da keiner der Soldaten ein echtes Hindernis darstellte. Ein grandioser Fehlschlag, der Arngrimur bestimmt bis an sein Lebensende verfolgen würde.

Siegeszug des Herzens


 


 

Wir kehren in die Gegenwart zurück.

Die Kerkerwachen schlugen mit mächtigen Hämmern die Bolzen der Halterungen fest in die Mauern, sodass sie der Kraft einer wütenden Bestie standhielten. Die Prinzessin hatte dem König von Clays Problem mit den Vollmondnächten berichtet. Unter der Bedingung, sich anzuketten, durfte der Werwolf in der Stadt bleiben. Clay verstand den Schritt und befand sich nun mit Cerise in einer Einzelzelle, während die Wachen die Umbauarbeiten vorantrieben. Clay warf einen Blick zu Cerise, die ungewohnt unbewaffnet war, da sie keine ihrer Spielzeuge mitnehmen durfte. Nicht dass sie auf die Idee käme, einem Schwerverbrecher beim Ausbruch zu helfen, aber Regeln waren nun einmal Regeln.

Als die Wachen die Arbeiten beendet hatten, zogen sie sich zurück und Clay setzte sich zwischen die Ketten. Bevor er sich die viel zu großen Schellen anlegte, trennte er sich von den meisten seiner Kleidungsstücke, da er nicht wollte, dass sie bei der Verwandlung zerreißen und er nicht unentwegt neue Kleidung kaufen konnte. Als er sich letztlich selbst fesselte, sah er heimlich zu Cerise auf und entdeckte eine bis dato unbekannte Emotion in ihrer Mimik. Sie schien zu glauben, ihm wehleidige Blicke zuwerfen zu können, solange er abgelenkt war. Er konnte in ihrem Gesicht lesen, dass sie die Unfairness des Schicksals anklagte, das ihn zu diesem Leben zwang. Jede Vollmondnacht musste er sich einsperren wie ein wildes Tier und im Moment des Erwachens war er stets der lähmenden Angst ausgesetzt, nicht zu wissen, ob die Ketten gehalten hatten. Cerise ließ sich nicht anmerken, von ihm ertappt worden zu sein. Stattdessen trat sie aus der Einzelzelle heraus und schloss die Eisentür. Ihre Augen verrieten Clay, dass sie etwas beschäftigte.
 

Schon bald stand der Erdtrabant in voller Pracht am Firmament.

In Kontrast zu diesem malerischen Bild, hallten die gequälten Schreie des Jägers Clay durch das dunkle Verlies, wo die Schönheit des Bestienauges keinen Trost spenden konnte. Die anderen Gefangenen konnten nur mutmaßen, was es mit der Isolationszelle auf sich hatte. Gefangene, die schon länger das Gemäuer des Kerkers mit ihrer Anwesenheit beehrten, hatten in den vergangenen Jahren so manches seltsames vernommen.

Cerise wusste aus Erzählungen, wie schmerzhaft die Verwandlung in einen Wolf sein musste, allerdings war sie noch nie bei einer dabei. Hinter der eisernen Tür litt Clay Höllenqualen. Mutig trat Cerise an die Tür heran und öffnete den Sehschlitz. Der Innenraum der Zelle wurde von der Fackel an der Wand spärlich beleuchtet. Es genügte ihr, um das Wesentliche zu erkennen. Ihr Liebhaber kauerte nackt bis auf die Unterhose auf dem Boden und der Pelz fing schon an zu sprießen. Seine Extremitäten waren gerade im Begriff, ihre Form zu verändern. Ruckartig, mit lautem Knacken, bogen sich seine Knie nach hinten. Weitere Gelenke und sogar Knochen folgten dem Beispiel geräuschvoll. Untermalt von seinen Schmerz erfüllten Schreien, versetzte es Cerise in die Lage, seine Pain beinahe am eigenen Leib zu spüren. Dennoch sah sie keine Sekunde weg. Auch nicht, als Clays Mund zur mit Reißzahn bewährten Schnauze wurde und sein Gesicht zur Wolfsfratze verkam. Ein lautes Heulen tat von der Vollendung der Verwandlung Kund.

Clays Körper war nun vollständig transformiert. Er schien deutlich größer zu sein, und die zuvor zu großen Fesseln passten nun perfekt. Sein schwarzes Fell schluckte das schwache Licht der Fackel. Die Bestie, zu der er geworden war, zerrte wütend an den Fesseln und versuchte, sich verzweifelt zu befreien. Cerise war felsenfest davon überzeugt, dass er immer noch ihren Duft wahrnehmen konnte. Nach und nach ließ die Intensität seines Zerrens nach und das erregte Knurren verwandelte sich in sehnsüchtiges Jaulen. Cerise bemerkte die Veränderung seines Verhaltens. Es war ungewöhnlich für ein Werwesen, während einer durch den Mond erzwungenen Verwandlung zahm zu werden. Es schien, als ob Clay möglicherweise in der Lage war, die Bestie zu kontrollieren. Vielleicht brauchte er nur einen kleinen Anstoß und dabei vermochte sie ihm eventuell zu helfen.

Links und rechts neben der Eisentür schoben die Wachen ihren Dienst.

Cerise schloss den Sehschlitz.

Die Männer würden sie bestimmt daran hindern, die Zellentür zu öffnen, also sah sich die Rothaarige dazu gezwungen, andere Seiten aufzuziehen. Blitzschnell bewegte sie sich hinter einen der Männer, packte ihn und hielt ihm einen Dolch an die Kehle, den sie trotz Abtasten irgendwie in den Kerker schmuggeln konnte. Den Mann traf dieser Angriff so unvorbereitet, dass ihm glatt die Hellebarde entglitt. “Lass mich in die Zelle!”, forderte sie den anderen Wächter auf. Um ihrer Drohung mehr Gewicht zu verleihen, versetzte sie der Haut ihrer Geisel einen leichten Schnitt. Der andere Wächter ließ nun auch seine Waffe fallen und holte seinen Schlüsselbund heraus, während er beschwichtigende Gesten machte. "Schon gut, ich schließe auf", sagte er und tat, was er versprach, bevor er sich von der entriegelten Tür entfernte. Cerise zog ihre Geisel bis zum Zelleneingang und entledigte sich dann dem Mann mit einem Tritt in den Allerwertesten. Anschließend verschwand sie in der Dunkelheit der Einzelzelle und ließ die Tür ins Schloss fallen. Nun stand sie der Bestie gegenüber.

Hinter ihr öffnete sich der Sehschlitz. “Komm zur Tür!”, versuchte einer der Männer auf sie einzureden. “Es ist noch nicht zu spät! Beeil dich!”

Cerise hielt ihm über die Schulter hinweg entgegen: “Halt dein Maul!”, und ging dann langsam und vorsichtig auf den verwandelten Clay zu. Zunächst knurrte er sie an und versuchte, sie mit seinen Klauen zu erreichen, was ihm aufgrund der Ketten jedoch nicht gelang. "Shhh, Clay!", beruhigte ihn Cerise und näherte sich ihm immer weiter, bis sie und der Werwolf sich gegenüberstanden. "Es gibt keinen Grund, zu beißen!" Clay schien sich zunehmend zu entspannen. Anstatt nach ihr zu schnappen, streckte er nur seine Schnauze aus und schnüffelte. Er sog ihren Duft tief ein. Was ihn in menschlicher Gestalt wild und animalisch machte, hatte nun eine umgekehrte Wirkung.

Cerise konnte seine feuchten Atemstöße in ihrem Gesicht spüren.

Plötzlich jaulte der Werwolf vor ihr erneut auf, als würde er unter Qualen leiden, was sie dazu brachte, zurückzuweichen. Doch schnell erkannte sie, dass ihr Leben nicht in Gefahr war. Clay kauerte sich zusammen, und langsam begann der schmerzhafte Prozess der Rückverwandlung, obwohl der Mond noch immer zu sehen war. Die Schnauze formte sich zurück zu einem Mund. Die Gelenke und Knochen nahmen ihre alte Form an. Das dichte schwarze Fell wich ebenfalls zurück, bis Clay wieder seine menschliche Gestalt annahm. Schwer atmend und zunächst benommen, wälzte er sich auf dem kalten Zellenboden. Langsam kehrte er zu sich zurück, und sein verschwommenes Sichtfeld klärte sich. Seine Augen richteten sich auf Cerises Gesicht. Offensichtlich verwirrt setzte er sich auf.

Clay schreckte auf. “Bin ich in meiner Zelle?”, fragte er. “Oder bin ich ausgebrochen?”

“Ihr habt es geschafft!”, verkündete die Rothaarige und erlebte ein Gefühl der Euphorie wie sonst nur, wenn sie jemanden ermordete. “Ihr habt Euch zurück verwandelt. Es ist noch immer Nacht und Ihr seid kein Wolf mehr!”

Clay starrte sie fassungslos an.
 

Am nächsten Tag trat Nebula durch das Tor in der Hecke in die Zieranlage ein. Sie folgte den Anweisungen einer Nachricht, welche sie vorhin vor dem Eingang ihrer privaten Räumlichkeiten fand. Mutmaßlich wurde der Zettel irgendwann in der Nacht von Cerise unter dem Türschlitz durchgeschoben. Auf ihm fand sich eine Herausforderung: Sie solle in den Palastgarten kommen, wenn sie sich traue. Jeder Gedanke an ihren vorherigen Übungskampf kam einem schmerzenden Stachel in ihrem Fleisch gleich. Das Miststück hatte sie einfach vorgeführt, als sei es gar nichts. Das wollte sie ihr heimzahlen! In freudiger Erwartung auf ihre Revenge führte die Blondine zwei hölzerne Übungsschwerter mit sich und wie als Bestätigung wurde sie von einem Kreis im Staub begrüßt, der einen Durchmesser von fünf Metern hatte. Dabei handelte es sich um ein Kampfspiel, mit dem die Schattenschwestern ihren Nachwuchs ausbildeten. Die Kontrahenten mussten Punkte erzielen, indem sie Körperteile trafen. Dabei waren die verschiedenen Regionen des Körpers unterschiedlich viel wert. Beim Gedanken daran, wie sie fertig gemacht wurde, kochte ihr Blut. Clay hatte zwar genauso versagt, aber das war ihr nicht im Geringsten ein Trost. Der Mann war immerhin ein Fernkämpfer.

Wo steckt das Miststück, dachte Nebula.

Plötzlich vernahm sie ein Geräusch.

In einer Drehung wandte sie sich der Quelle zu und streckte ihren Schwertarm aus, mit dem sie eines der Holzschwerter hielt. Doch die Spitze des Übungsgerätes zeigte nicht auf die Person, die sie erwartet hatte. Erschrocken zuckte Henrik zurück und ließ den Strauß Blumen fallen, den er zuvor gepflückt hatte.

Nebula starrte auf die traurige Kollektion von Grünzeug, über die sich nicht einmal ein Weidetier freuen würde. “Was machst du denn hier?!”, pflaumte sie ihn an.

“D-Du hast mir doch diesen Zettel unter der T-Tür durchgeschoben”, behauptete Henrik. “Darauf stand, dass es dir Leid tut und du dich entschuldigen willst. Und das du mir etwas sehr Wichtiges zu sagen hast.”

“Was?! Nein! Ich habe die Nachricht erhalten, dass Cerise mich herausfordert. Ich solle hierherkommen und keinesfalls diese Holzschwerter vergessen.” Die Blondine stöhnte entnervt, als ihr ein Gedanke kam. “Dieser verdammte Wolf!”

“Was? Wer?”

Nebula nahm ihre Übungswaffe wieder herunter. “Clay, der elende Mistkerl! Das ist auf seinem Mist gewachsen.”
 

Hinter der Hecke traten die heimlichen Verschwörer aus ihren Verstecken hervor und begaben sich zum Durchgang. Nachdem Clay und Cerise sich letzte Nacht aus der Zelle befreien ließen, verbrachten sie lange Zeit auf der Dachterrasse im Mondschein. Cerises Aktion hatte keine Konsequenzen, da sich die Wachen schämten, von der Frau überwältigt worden zu sein, weil sie bei der Leibesvisitation geschlampt hatten, und daher schwiegen. Später hatte Clay die brillante Idee, Henrik und Nebula zu überlisten und zu einer Aussprache zu bewegen. Nun wollte nicht nur Clay sein Werk bewundern, sondern auch Cerise war neugierig, ob der Plan aufgegangen war.

Cerise fragte leise: “Denkt Ihr, das wird funktionieren?”

Clay flüsterte zurück: “Natürlich. Schaut, sie reden miteinander.”

Cerise meinte: “Immerhin ein Anfang.”

“Hoffentlich zimmert sie ihm nicht wieder eine…”

“Vielleicht gefällt es ihm am Ende…”
 

Henrik überraschte Nebulas Verdacht. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was Clay davon hatte, sie mit diesen Nachrichten hereinzulegen. “Aber wieso sollte er das tun?”

“Ist doch offensichtlich”, meinte Nebula. “Er will, dass wir reden.”

“U-Und was machen wir jetzt?”

“Wenn wir schon mal hier sind…” Nebula atmete tief ein und wieder aus. “Vielleicht ist es einfacher, wenn ich dir die Wahrheit sage.” Sie geleitete ihn über die Brücke auf die Insel zur Bank vor dem großen Baum. Beide nahmen Platz, jedoch mit einer Armlänge Abstand zwischen ihnen.

“Die Wahrheit?” Henrik schaute betrübt auf den Boden zwischen seinen Schuhen. ”Ich h-habe schon verstanden, dass du ihn willst.”

Auf die Aussage ihres Begleiters hob die Blondine eine der Übungswaffen und schlug mit der Kante auf Henriks Kopf. “Idiot!”

“Aua!”, beschwerte sich der Braunhaarige. “Lass das!”

“Idiot! Idiot! Idiot!” Jedem Wort folgte ein weiterer Schlag.

Henrik hielt schützend die Hände über seinen Schädel, musste aber feststellen, dass es eigentlich gar nicht wirklich weh tat, wenn ihn der hölzerne Gegenstand traf. Nebula schlug ihn gar nicht, sondern berührte nur seinen Kopf. Fast schon zärtlich. So gab es keinen Grund mehr, sein Haupt zu schützen. “Ich habe doch gesehen, wie ihr euch geküsst habt!”, äußerte er, als Nebula ihrem Arm eine Pause gönnte.

“Das heißt nicht, dass er es auch wollte.”

“Wie bitte?”

“Seit der Sache beim Bankett kann ich deine Nähe spüren. Ich habe die Gelegenheit genutzt. Ich wollte, dass du mich hasst.”

Henrik verstand die Welt nicht mehr. “Aber warum tust du sowas?”

“Wie soll ich dich sonst dazu bringen, mir nicht mehr zu folgen?”

“Du willst mich loswerden?”

“Klappe! Das ist am Besten für dich.”

“Was soll das?! Ich will das nicht!”

“Meine Mission ist zu gefährlich für dich!”

“Lässt du mich das gefälligst selbst entscheiden? Außerdem nimmst du Annemarie auch mit. Für ein Kind ist das ja wohl noch viel gefährlicher!”

“Und genau deshalb bringe ich euch bei Arngrimur unter.”

“Höre endlich auf damit!” Die Situation missfiel ihm so sehr, dass er gar keine Worte dafür fand. Er hatte doch nicht alles aufgegeben, damit sie ihn jetzt einfach auf das Abstellgleis schob! “I-Ich will bei dir bleiben!” Henrik spürte, dass dieser Moment der wichtigste in seinem Leben war. Es machte ihm Angst, aber er musste jetzt stark sein. “I-Ich muss d-dir etwas sagen… I-Ich…” Die Sprache blieb ihm in der Kehle stecken und seine Stimme wollte ihm den Dienst versagen. Also schrie er es mit aller Kraft heraus: “I-Ich liebe dich!”

Nebula zuckte verdutzt zurück. Es musste so unwirklich sein, dass der schüchterne Junge tatsächlich genug Mut aufgebracht hatte, es auszusprechen, dass sie es nicht glauben wollte. Als sich ihre Verwunderung legte, erhob sie erneut ihren Arm und ließ das Holzschwert auf Henriks Haupt fallen. “Du Idiot!”, tadelte sie. “Das weiß ich doch schon längst.”

Henrik hielt sich den Kopf. Dieses Mal war es keine sanfte Berührung. Das hatte wirklich weh getan! “AUA!!” Entweder bildete er sich das ein, oder unter seiner Haartracht wuchs tatsächlich eine gewaltige Beule heran.

Nebula legte endlich die Übungswaffen neben sich auf die Bank. Henrik atmete auf, glaubte sich sicher, keine Schläge mehr zu bekommen. Sie wandte sich erneut ihrem Gegenüber zu und begann, ihm tief in die Augen zu sehen. Erst schwieg sie, doch ihr Blick sprach Bände. Eine Erzählung von viel zu lang unterdrückten Emotionen. Schließlich rückte sie näher an Henrik heran und küsste ihn.
 

In seinem Versteck hinter der Hecke ballte Clay triumphierend die Hand zur Faust. “Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!”, lobte sich der Jäger selbst mit einem breiten und zufriedenen Grinsen.

Cerise stimmte ihm zu: “Das wurde auch Zeit! Sie haben eine halbe Ewigkeit umeinander geschwänzelt. Ein ausgedehntes Vorspiel hat zwar seinen Reiz, aber man will schließlich zum Höhepunkt kommen.”

Clay fragte scherzhaft: “An was anderes denken is nich drin?”

Cerise antwortete mit einem klaren “Nein” und umarmte den starken Mann. “Diesen Erfolg sollten wir feiern!”

Clay, stoisch wie immer, schlug vor: “Wir sollten den Turteltäubchen bissel Privatsphäre gönnen. Der Junge ist überraschend unversehrt aus der Sache herausgekommen…”

Cerise beugte sich zu Clays Gesicht und gab ihm einen kurzen Kuss auf den Mund. “Ihr seid immer so anständig”, bemerkte sie liebevoll. “Das schätze ich an Euch.” Sie begann ihn bereits mit den Augen auszuziehen. “Zeit, das zu ändern.”



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Kommentare zu dieser Fanfic (84)
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Von:  Regina_Regenbogen
2025-01-04T12:13:53+00:00 04.01.2025 13:13
Interessant, dass in dieser Version gesagt wird, dass Henrik sich wünscht, um die Welt zu reisen. Und das direkt bei der Einführung.
Und ich begrüße es, dass du wieder zu den kurzen Kapiteln zurückgekehrt bist.
In der ersten Version hat Nebel noch nichts an einen Teppichhändler verkauft, oder? Ich erinnere mich zumindest nicht.
Wieso nennt der Herr von der Fischsuppe "den Fremden" denn einen Patron? Ist Nebel da nicht eher ein Gast oder Kunde?
Nebel/Nebula ist in dieser Version zwar kalt und etwas zynisch, aber nicht so ruppig wie in der ersten habe ich den Eindruck, vielleicht kommt es mir auch nur so vor. Schließlich hat sie Henrik ja schon damals geholfen. Stimmt, im 1. Kapitel war sie schon immer nett. 😂
Antwort von:  totalwarANGEL
04.01.2025 15:39
Zu viel Zeug auf Englisch konsumiert, schätze ich. Im Deutschen scheint es tatsächlich unüblich zu sein, Patron für Kunde zu verwenden.
Die Sache mit dem Teppichhändler wird später etwas klarer.
Nebula ist etwas weniger ruppig, wird dafür aber öfter moralisch fragwürdige Dinge tun oder sich dem einen oder anderen Gewaltausbruch hingeben.
Antwort von:  Regina_Regenbogen
04.01.2025 16:28
Also von der Tsundere zur Antiheldin?
Antwort von:  totalwarANGEL
04.01.2025 17:19
Nicht ganz. Nur das komplett geisteskranke, kindische Zeug weg.
Antwort von:  Regina_Regenbogen
04.01.2025 20:14
Aber ich mochte das. 🥺
Von:  Regina_Regenbogen
2023-08-20T13:52:59+00:00 20.08.2023 15:52
Die Unterhaltung zwischen Alaric und seiner Teufelswaffe war sehr interessant, wie überhaupt der Handlungsstrang um Alaric. Ich bin auf seine weitere Entwicklung gespannt.

Schön, dass es trotz all dem Ernst immer wieder kleine witzige Momente in der Gruppe gibt. Auch wenn ich mich immer noch an Aki und Toshiro im Team gewöhnen muss.

Ich hatte zwar noch gedacht, dass Lezabel ihren Mann nicht töten würde, sondern quälen, aber jetzt habe ich die Bestätigung. Interessanter Einblick in die Kultur der Schwarzelfen.

Die Wer-Drachen sind auch sehr interessant. Was wohl genau dahinter steckt?

Und dann noch ein paar lustige Tippfehler:
"Aki zuckte bereits der Finger. Er wollte einen Abzug betätigen." -> Hat Aki ihr Geschlecht gewechselt?
"Aber mit den Orangen wurde anders verfahren."
Ja, Orangen sollte man nicht verbrennen. 😂

Antwort von:  totalwarANGEL
20.08.2023 16:08
> Was wohl genau dahinter steckt?
Die Hauptstory dieses Bandes vielleicht? 😂

> Schön, dass es trotz all dem Ernst immer wieder kleine witzige Momente in der Gruppe gibt.
Muss eben sein.

Ja ja, diese Tippfehler. 🤣
Von:  Regina_Regenbogen
2023-08-20T13:00:06+00:00 20.08.2023 15:00
In diesem Kapitel ist so viel passiert, dass ich mehrere Ansätze brauchte. Ich muss gestehen, die kurzen Kapitel von früher waren mir lieber. Doch die zahlreichen Handlungsstränge, die gerade parallel laufen, bedürfen natürlich Raum.
Puh, wo fange ich an.

Erst mal bin ich von deinen zahlreichen Beschreibungen von Situationen, Umgebung und damit den Blickwechseln sehr beeindruckt und auch von der Vielfalt der Charaktere, die ja nun immer mehr werden.
Die Figuren sind vielversprechend. Das Maß der Zerstörung besorgniserregend.
Ich war überrascht, dass Rose so jung ist.
Ich bin schon gespannt, was wir noch von Surin sehen werden. Und von den Warägern. Es ist immer spannend, dass du allen Figuren so viel Raum gibst und sie auch nicht als einfach böse zeigst trotz ihrer Taten.
Der nächste Werwolf ist auch schon da.
Ich lese gleich mal weiter, um meine Neugier zu stillen.
Von:  Regina_Regenbogen
2023-03-12T16:53:20+00:00 12.03.2023 17:53
Puh, endlich Zeit und Muße zum Lesen. ☺️

Das Motiv der Verleumdung und fälschlicher Beschuldung und Bestrafung kommt immer wieder in Morgenstern vor, das finde ich sehr interessant. Nicht nur die Frau, die dann als Geist Rache nahm, sondern auch der unschuldige Junge, der dann zum Psycho wurde, und jetzt diese Schwangere.
Und du hast eine Affinität zu auswegloser Gefangenschaft und Folter. 😆 Das ist im übertragenen Sinne auch etwas, das die Hauptfiguren in ihrer inneren Welt erleben, sie sind in der eigenen Schwärze gefangen und werden darin gefoltert. Gerade Nebula und Clay.

Ist es böse von mir, dass ich null Mitleid mit Belanor habe? Ich denke mir nur: Wie verblödet kann man sein, wenn man eine mächtige, menschenhassende Ehefrau hat, eine Liebesaffäre mit einem Menschen zu führen, ohne irgendwelche Schutzmaßnahmen zu ergreifen? Da geht mir das Mitleid ab.

>Nein, ich mache esoterische Atemübungen, Trottel!
Comic Relief nach diesem Horrortraum. 😂

>bildete mit seinen Armen eine Mauer, in dem er sie
>von hinten umarmte. Hinter diesem Wall konnte sich
>Nebula vor ihrer Angst verstecken. “A-Alles ist gut!”
Henrik ist einfach ein Schatz.

Stimmt,das Problem von Toshiro und Aki hatte ich in den Hintergrund verdrängt.

Ich mag Alarics Ansichten. Er ist echt ein Edelmann. ❤ Und dass er nicht nur den Verrat an der Ehefrau, sondern auch die Situation der Geliebten bedenkt, ehrt ihn.

😂 Die Beschreibung, als was sie sich in der Herberge ausgeben.

>Grausam verstümmelte Leichen sind nichts, das man einem Kind zeigen sollte.
-> Morgenstern, der neue Erziehungsratgeber. 😂

Oh, ja, klar dass das Baby bei Henrik strahlt. ❤

Lezabel ist grauenvoll und doch nachvollziehbar.

Henrik! 😂😂😂 Du Trottel!
🤣🤣🤣 Wie abgebrüht Annemarie ist! Kapiert direkt, was Cerise sagt. Von wegen unschuldig.

Ich liebe es, wie du unbedeutenden Nebencharakteren immer so was Charakteristisches gibst und dadurch Szenen interessant machst. 😄

Irgendwie beeindruckt mich Lezabel mit ihrer Rache ja.

Bah, Ammon ist auch widerlich.

Oh danke für die Info. Ich dachte auch, dass es das Recht der ersten Nacht gegeben hätte.

Ein abwechslungsreiches Kapitel, das viele verschiedene Handlungsstränge parat hatte. Bin gespannt, wie es weitergeht.

Antwort von:  totalwarANGEL
12.03.2023 23:07
> Das Motiv der Verleumdung und fälschlicher Beschuldung und Bestrafung kommt immer wieder in
> Morgenstern vor, das finde ich sehr interessant. Nicht nur die Frau, die dann als Geist Rache nahm,
> sondern auch der unschuldige Junge, der dann zum Psycho wurde, und jetzt diese Schwangere.
> Und du hast eine Affinität zu auswegloser Gefangenschaft und Folter. 😆 Das ist im übertragenen
> Sinne auch etwas, das die Hauptfiguren in ihrer inneren Welt erleben, sie sind in der eigenen
> Schwärze gefangen und werden darin gefoltert. Gerade Nebula und Clay.
Das finde ich nun wieder sehr interessant.
Und irgend wie bedenklich... 😅

> Ist es böse von mir, dass ich null Mitleid mit Belanor habe?
Und dabei hab ich mir so viel Mühe gegeben, dass man als Leser Mitleid mit ihm hat.
Ne, ich sehe das ähnlich, aber ich bin mal wieder überrascht...
Zu bemittleiden ist nur seine Geliebte.
... und vielleicht auch Lezabel... vielleicht... 😁

> Henrik ist einfach ein Schatz.
Ja, meine Version von Justin. XD

> Oh, ja, klar dass das Baby bei Henrik strahlt. ❤
Der wird noch ein bisschen mehr mit Henrik machen. 🤣

> Irgendwie beeindruckt mich Lezabel mit ihrer Rache ja.
Sie ist praktisch Nebula in (Dauer-)Böse.
Irgend was muss sie auf dem Kasten haben.

> Bah, Ammon ist auch widerlich.
Perfekt getroffen also. 😏
Von:  Regina_Regenbogen
2023-01-21T22:07:37+00:00 21.01.2023 23:07
Das war echt spannend. Deine Beschreibungen waren wieder super, z.B. wie du den lieblosen Akt zwischen Lezabel und ihrem Mann beschrieben hast. Da tat mir Lezabel schon leid. Dass sie für den Tod den Geliebten verantwortlich ist, nehme ich an. Was sich der Mann gedacht hat, frage ich mich. Schließlich wusste er um Lezabels Charakter und ihren Menschenhass. Egal.
Die Geschichte um Florean fand ich richtig toll eingeflochten und so konnte man das Kriegsgeschehen aus nächster Nähe erleben und den Verlust seiner Freunde. Und auch die Beschreibung des Kartenspiels, weil dadurch dieser Bruch so deutlich wurde und die Banalität des Todes im Krieg.
Alarics Sicht gefällt mir auch richtig gut. Er ist durchaus ein Ehrenmann. Den Fluch, den er sich selbst auferlegt hat, indem er Nebulas Freundin ihrer Seele beraubt hat, ist in vielerlei Hinsicht gerecht. Ich bin gespannt, wie er weiter mit der Situation klarkommt.
Ein spannendes Kapitel mit tollen Beschreibungen. Danke dafür!
Antwort von:  totalwarANGEL
22.01.2023 15:09
> Was sich der Mann gedacht hat, frage ich mich.
Was sich Männer immer denken: nichts. 😂

Gefällt mir, dass die Botschaft der Banalität so gut rüber kam.
Ziel erreicht. 😃
Antwort von:  Regina_Regenbogen
22.01.2023 18:13
>Was sich Männer immer denken: nichts. 😂
Du bist doch selbst ein Mann. 😂

>Ziel erreicht. 😃
Absolut!!!
Von:  Regina_Regenbogen
2022-12-23T21:47:10+00:00 23.12.2022 22:47
Ich mag deine Beschreibungen, ich kann mir das immer wunderbar vorstellen.

>“Ich will allein sein!”
>Henrik legte seinen Arm über Nebulas Schulter.
😍 Henrik! Ich bin so stolz auf dich!

>Manchmal frage ich mich, warum du nicht einfach abhaust.”
>“W-Weil ich ein Idiot bin?”
>“Allerdings! Du bist ein verdammter Idiot!” Peinlich berührt senkte Nebula den Kopf. “Das macht mich sehr froh!”,
>flüsterte sie ihm kaum hörbar zu.
Oooooooohhhh..... 🥰🥰🥰

>“Es gibt so unglaublich viele von ihnen. Fast so viele wie Sterne am Himmel. Wie soll man sie alle in einer Lebenszeit finden?”
>“W-Wenn jemand das schafft, d-dann du!”
Oh mein Gott, Henrik! Du bist so wunderbar!

Oooooh, Nebulas Gedanken. So süß. Sie hat so Recht! Henrik ist einfach ein solcher Schatz. 🥰
🤣 Haha, das Ende der Szene.

😂 Herrlich, dass Clay riecht, wann Cerise ihre Tage hat. Ergibt ja auch voll Sinn. Und es ist ein Gerücht, dass alle Frauen dann nicht intim werden wollen. Es ist sogar bei manchen Frauen das Gegenteil.

🤣 Ich liebe es, wie du von einem ernsten Thema zu Klamauk wechselst! Wie Clay einfach mal nicht checkt, dass er nackt ist.

>Wie es der Zufall will, ist sie auch gerade in der Stadt.”
Mir schwant Böses. 😂

>Die Sonne errötete vor Vorfreude
Geile Beschreibung. :D

Jasmin ist undankbar, auch wenn sie dankbar ist.

Oha, diese Weißhaarige klingt nach Ärger.

Das war wieder sehr spannend! Da konnte ich gar nicht kommentieren, weil ich mit Lesen beschäftigt war. Und sehr cooler Wunsch von Jasmin. Haha, und dass noch mal darauf hingewiesen wurde, dass Toshiro ein Spanner ist. Diese Männer. 😂
Danke für das schöne Kapitel. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. 😊



Antwort von:  totalwarANGEL
24.12.2022 02:21
> Oooooooohhhh.....
Ich weiß doch, was du lesen willst. 😅

> Oh mein Gott, Henrik! Du bist so wunderbar
Er ist doch der klassische Flachzangenprotagonist...
(Auch wenn ich darauf hinarbeite, dass alle Charaktere Protagonisten sind.)

> Herrlich, dass Clay riecht, wann Cerise ihre Tage hat. Ergibt ja auch voll Sinn.
Zumal er das schon mal bei Nebula gerochen hat. 😏
Ich bleibe nur meiner Lore treu...

> Jasmin ist undankbar, auch wenn sie dankbar ist.
Aber doch schon nachvollziehbar, oder?

> Oha, diese Weißhaarige klingt nach Ärger.
Wenn ich alles so umsetze, wie es mir momentan vorschwebt, dann ja. 😈

> Das war wieder sehr spannend! Da konnte ich gar nicht kommentieren, weil ich mit Lesen beschäftigt war.
Und dabei war es (fast) nur Füller. :D
Von:  Regina_Regenbogen
2022-11-20T15:11:46+00:00 20.11.2022 16:11
Wow, so viel ist passiert. Wo soll ich anfangen. Wie spannend, dass Caroline offenbar aufwachen kann, nur ist noch unklar, was den Wechsel der Seele bewirkt. Alaric ist echt gewissenhaft und ein Prinzipienreiter. Ich bin gespannt, wie das weitergeht. Dass Nebel (sorry, aber ich mochte den Namen) durchgedreht ist, als sie Caroline nun zum zweiten Mal verliert und nachdem sie fast Henrik an das Seemonster verloren hat, ist verständlich. Es ist schön, dass Henrik langsam Mut fasst und sich nicht nur nützlich macht, sondern Nebels Anker ist.
Den Wüstenstaat hast du sehr eindrücklich beschrieben. Das hat mir richtig gefallen, weil ich es mir dadurch gut vorstellen konnte.
Diese Jungs, einfach zu spannen, aber sie haben ja ihre Abreibung bekommen und Toshiro hat wohl eigentlich nur nach Hilfe geschaut, wobei er der Typ ist, der auch sonst spannt, wie mir scheint. 😂 Wie interessant, dass Clays verstorbene Frau von Toshiros Volk abstammte!
Und die Wüstenbraut hatte scheinbar auch so ihre Gründe. Aber offenbar brauchte sie den Dämpfer.
Nebel tut mir leid. Sie wirkt momentan sehr hilflos. Aber sie kann halt auch Hilfe nur schlecht annehmen. Dennoch merkt man, wie sehr sie sich jetzt doch langsam Henrik öffnet, auch wenn es bisher nicht in Worten der Fall ist. Und er versteht natürlich wieder nichts. Schlieslich macht sie ja wie immer alles alleine mit sich aus. Oh Mann, Nebel, du hast doch jetzt Freunde! Aber klar, sie denkt immer noch wie ein Einzelgänger. Eine Gruppe aus Leuten, die es nicht gewöhnt sind, sich auf ein Team zu verlassen. Das macht es so spannend.
Mal sehen, was als nächstes kommt. 😁
Antwort von:  totalwarANGEL
20.11.2022 22:14
Du wirst dich aber an die Namensänderungen gewöhnen müssen. ;)
Vertrauen lernen ist schwer. Allerdings muss man das auch wollen. Und leider kann Nebula das in ihrem tiefsten Inneren noch nicht. Und es ist fraglich, ob sich das jemals ändert... 🙄

Bei Henrik habe ich immer Angst, dass ich ihn zu schnell zu selbstsicher mache.

Toshiro hast du exakt richtig eingeschätzt. Er ist frech und hat mehr Selbstvertrauen, als gut für ihn ist. Dazu ist er noch rebellisch und hitzköpfig und ist hinter jedem Rockzipfel her.
Antwort von:  Regina_Regenbogen
20.11.2022 22:50
Oje, Toshiro wird also noch einige Probleme verursachen, scheint mir. 😂
Ich finde, nach allem was Henrik mittlerweile durchgemacht und überstanden hat, nach allem, was er gelernt hat und wie er sich nützlich macht, und nachdem seine Angebetete ihn tatsächlich erhört hat, hat er allen Grund, nun etwas selbstsicherer aufzutreten. Außerdem merkt man bei ihm, dass er das auch macht, um Nebula (ich bemühe mich!) zu unterstützen. Er merkt ja, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Und wenn sie nicht die ganze Zeit die Starke ist, hat er auch die Möglichkeit für sie stark zu sein. 🥰
Und ja, Vertrauen lernen ist sehr schwer. Aber man muss ja nicht von null auf hundert. Misstrauen hat ja auch seine Berechtigung. Außerdem merkt man ja, dass Nebula sich Henrik mittlerweile viel mehr öffnet als am Anfang. Sie hadert nur sehr oft mit sich selbst und kann dann niemand anderen um sich haben, weil sie sich selbst schon nicht erträgt.
Antwort von:  totalwarANGEL
20.11.2022 23:40
Deine Analysen sind immer so geil. 🥰
Von:  Regina_Regenbogen
2022-10-29T20:04:12+00:00 29.10.2022 22:04
Sehr atmosphärisch und spannend geschrieben. Auch beim zweiten Lesen ist es noch packend. 😄 Dieser Hotaru ist wirklich ein Scheusal. Und wieso ist der so superstark, verdammt? Würg.
Aki muss überleben! Sie ist echt toll und bildet wirklich einen super Gegenpol zu Toshiro. Ich bin schon echt gespannt, wie die beiden auf die übrige Truppe stoßen werden. 😃❤
Von:  Regina_Regenbogen
2022-10-09T09:08:25+00:00 09.10.2022 11:08
Oh, es war so schön, die Truppe wiederzusehen! 😍 Einen Blick auf jeden von ihnen werfen zu können am Anfang des Kapitels, sogar auf Annemarie war herzerwärmend, auch wenn die ersten großen Probleme sich da schon angekündigt haben, wie die Problematik mit dem "Ich liebe dich" zwischen Cerise und Clay.
Deine Beschreibungen waren auch wieder ganz toll, ich konnte mir das alles wieder wunderbar vorstellen! 😍
Oooh und Henrik ist einfach so süß! Seine Gedanken wind einfach herzallerliebst, bzw. was man liest, wenn es grade um ihn geht, wie dass Nebel (ich werde sie für immer so nennen, sorry) zwar nicht groß ist, aber seine große Liebe! 🥰 Was für ein Schatz. Oder dass er sich für die erste Liebe eine sehr herausfordernde ausgesucht hat, aber trotzdem daran festhält. Er ist einfach so goldig. Auch wie er mit Nebel und ihren Selbstvorwürfen umgeht und so verständnisvoll ist. Oder als er denkt, dass es gut ist, dass sie die Geschwindigkeit aus der Beziehung rausgenommen hat, weil diese ihm selbst Angst macht. Oooooh. Er ist einfach der Liebste.

Puh, Cerises Vergangenheit ist echt hart. Dass sie so unemotional darüber spricht, sollte Clay nicht verwundern. Missbrauchsopfer sprechen nie emotional über so was und wollen auch gar nicht sehen, dass ihnen was Schlimmes passiert ist. Die verdrängen das oft. Und Cerise ist ein typisches Beispiel dafür. Sie sieht das nicht und will es nicht sehen.
Oh süß, dass es Cerise so schmeckt. Klar, was macht man anderes mit einer Riesenkrake als Takoyaki! XD

Dass Nebels Körper spinnt, ist gar keine gute Entwicklung und natürlich macht sie das, was sie am besten kann, die Menschen, die sie am meisten braucht, von sich wegstoßen. Oh Mann, das tut einem richtig weh. Sie leidet ja am meisten drunter. Henrik hat ja Verständnis dafür.
Oh, und ich liebe es, wie du diese süßen Details einbaust, wie mit den extra scharfen Takoyaki und dass Nebel sie sich doch noch holt.
Oh menno, ich spüre richtig diese gedrückte Atmosphäre, man merkt, dass etwas Schlimmes bevorsteht. Es ist nicht mehr so leichtherzig wie im ersten Teil, auch wenn es immer noch witzig ist, man merkt, es wird jetzt ernst. 🙈

Danke für das tolle Kapitel!

Antwort von:  totalwarANGEL
09.10.2022 12:01
> Einen Blick auf jeden von ihnen werfen zu können am Anfang des Kapitels
Da ich ursprünglich eine neue Story eröffnen wollte, war das als Rückblick für alle gedacht, die die erste nicht gelesen haben.

> Deine Beschreibungen waren auch wieder ganz toll, ich konnte mir das alles wieder wunderbar vorstellen!
Na besser geht es doch gar nicht. 😁

Ja, Henrik der kleine Versager.
Wenigstens ist er verständnisvoll. Sonst hat er nix drauf. Auch wenn er sich sogar mit einem Kraken anlegt, wenn es sein muss.

> Missbrauchsopfer sprechen nie emotional über so was
Na ja... Missbrauch. Gut, wenn ich so darüber nachdenke, stimmt das schon. Eine Sekte, die eine komische Gottheit anbetet und Leute umbringt... ein gewisser Missbrauch findet bei den Anhängern schon statt.
> Problematik mit dem "Ich liebe dich" zwischen Cerise und Clay.
Cerise ist so eine, die gesteht sich das bis zum bitteren Ende nicht ein.
Obwohl es eigentlich offensichtlich ist...

> Dass Neb[ula]s Körper spinnt, ist gar keine gute Entwicklung
Ganz und gar nicht. Da ist ein schöner Showdown geplant. ;)

> Oh menno, ich spüre richtig diese gedrückte Atmosphäre, man merkt, dass etwas Schlimmes bevorsteht.
😈

> Danke für das tolle Kapitel!
Hast lange genug warten müssen. 😂
Von:  Regina_Regenbogen
2022-06-10T22:00:03+00:00 11.06.2022 00:00
Oh, ich vermisse den Prolog mit dem Märchen. Das hatte ich damals echt spannend gefunden!
Hatte Nebel Henryk in der ersten Version auch bereits erzählt, dass sie einen Verlobten hatte? Ich dachte, dass hätten wir da erst später erfahren.
Eigentlich mochte ich die Einteilung in kürzere Kapitel sehr. Aber ich bin auch jemand, der gerne an dem festhält, wie es anfangs war. 😂
Antwort von:  totalwarANGEL
11.06.2022 00:48
Die Kapitel waren Anfangs nur so kurz, weil ich nicht in der Lage war, sonderlich länger zu schreiben. Ich habe so währenddessen dazugelernt. Inzwischen waren die Kapitel nicht mehr "zeitgemäß", wie man immer überall so hört. ;)
Dafür ist das halbe 2 Kapitel vollkommen neu. Sogar mit Erklärung, wie Nebula überhaupt erst auf die Idee kam, die Stadt zu besuchen. Ist doch auch was.


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