[Meto] Act 1: Hawaiian Honeymoon, Part 1
„Verehrte Fluggäste!“, schallte die weibliche Ansagestimme durch den Terminal und übertönte den Hintergrundlärm des Flughafens, „Wir bedauern sehr, dass der Flug von Tokyo Narita in Richtung Honolulu Hawaii leider mit einer halben Stunde Verspätung startet. Bitte haben sie ein wenig Geduld und Verständnis, wir sind sehr bemüht …“
Ich hörte nicht mehr weiter zu. Eine halbe Stunde!
„Fuck!“, fluchte Tsuzuku neben mir. „Das ist jetzt nicht deren Ernst, oder?!“
Ich griff seine Hand, sie war feucht von Schweiß und zitterte leicht. Er hatte Angst und war ziemlich aufgeregt, denn Flughäfen gehörten mit ihrem lauten, schwirrenden Gewusel und ihrer extremen Unübersichtlichkeit nicht gerade zu seinen bevorzugten Orten. Ich wusste, dass er, wenn er sowieso schon aufgeregt war, solche Orte geradezu hasste. Und aufgeregt war er, denn der soeben verschobene Flug nach Hawaii war unserer, für unsere Hochzeitsreise, und es war zudem Tsuzukus erste Reise ins Ausland.
„Alles gut, mein Herz, ich bin bei dir“, sagte ich und streichelte seine Hand ein wenig. Dabei berührte ich den glänzenden, silbernen Ring an seinem Ringfinger, der dort seit zwei Wochen saß und den er seitdem kein einziges Mal abgenommen hatte. Seinen Ehering, dessen passendes Gegenstück an meiner eigenen Hand seinen Platz hatte.
„Wir sind seit zwei Wochen verheiratet“, dachte ich und musste bei dem Gedanken lächeln. Ich sah Tsuzuku an, meinen Mann, meinen wunderschönen, liebevollen, empfindsamen Ehemann, und drückte zärtlich seine Hand.
„Ich muss mich hinsetzen“, sagte er leise und sah sich nach einer freien Sitzbank um.
„Ist dir schwindlig?“
Tsuzuku nickte, sah sich weiter suchend um, doch weit und breit war kein freier Sitzplatz zu sehen. Es gab zwar Bänke, doch die waren allesamt voll besetzt. Kurzentschlossen kippte ich meinen Koffer auf die Seite und schuf so eine provisorische Sitzmöglichkeit, auf die ich meinen Mann sanft niederdrückte und mich dann hinter ihn stellte, damit er sich an mich anlehnen konnte.
„Besser so?“, fragte ich und legte meine Hände auf seine Schultern.
„M-hm … Danke, Liebster.“
Ich spürte seine Schulter- und Nackenmuskulatur unter meinen Händen und stellte fest, dass er schon wieder total verspannt war. Und so begann ich, ihn ein wenig zu massieren, zugleich seinen verspannten Muskeln und seiner aufgeregten Seele etwas Gutes zu tun, damit er spürte, dass ich bei ihm war und für ihn sorgte, so dass er sich entspannen konnte.
Ein älteres Ehepaar kam an uns vorbei und bedachte mein Tun mit einem skeptischen Blick, denn es gehörte sich eigentlich nicht, mitten in der japanischen Öffentlichkeit jemandem die Schultern zu massieren. Aber mir war das egal, denn für mich hatte Tsuzukus Wohlbefinden nach wie vor die höchste Priorität, und wenn das bedeutete, dass ich ihm mitten auf dem Flughafen die Schultern massierte, dann tat ich das eben.
Tsuzuku schien sich die ablehnenden Blicke aber leider wieder sehr zu Herzen zu nehmen, er verspannte noch mehr.
„Mach einfach die Augen zu“, flüsterte ich ihm ins Ohr. „Dann siehst du die Leute nicht.“
„Ich … ich kann das nicht.“
„Doch, das kannst du“, widersprach ich, jedoch in liebevollem Ton. „Komm, mach die Augen zu und blende alles aus, was um uns herum ist, spür‘ nur meine Hände.“
Tsu schloss die Augen, lehnte sich an mich, und ich strich mit meinen Händen fest über seine Haut, spürte den leichten Schweißfilm, und die Spannung in ihm.
„Ich kann die Augen nicht zu haben, dann wird mir schwindlig …“, flüsterte er, klang hilflos.
Wieder einmal, wie so oft, musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich sah mich um, schaute auf die Anzeigetafel, wo unser Flug jetzt schon eine dreiviertel Stunde Verspätung hatte, und blickte weiter, bis mir eines dieser kleinen Kettenrestaurants auffiel, die es auf Flughäfen wie Sand am Meer zu geben schien. Der Laden sah halbwegs gemütlich aus, und ich dachte, vielleicht konnten wir uns da in eine Ecke setzen und dort warten, wo es etwas geschützter war?
„Tsu, guck mal, da drüben, der kleine Laden, wollen wir dorthin gehen?“, fragte ich.
Er folgte meinem Blick, schien einen Moment abzuwägen und nickte dann.
Als wir dort waren, schaute ich noch mal nach der Anzeigetafel, sie war auch von da aus gut zu sehen, und während Tsuzuku sich an unserem Tisch in die Ecke setzte, den Kopf an die Wand lehnte und sich ein wenig auszuruhen versuchte, behielt ich unsere Umgebung etwas im Auge.
Irgendwann kramte Tsu sein Handy und die Kopfhörer raus und machte sich Musik an, und daran merkte ich, dass es ihm, wieder oder immer noch, ziemlich grenzwertig ging. Ich setzte mich neben ihn, nahm seine Hand und streichelte mit dem Daumen über seinen Handrücken, spürte dabei an seinem Handgelenk, wie sein Puls raste.
„Alles gut, mein Herz, wir schaffen das, ich bin bei dir“, sagte ich, er nahm einen Hörer aus dem Ohr, sah mich fragend an, und ich küsste ihn einfach. „Alles gut, ich bin da“, sagte ich noch einmal, und er lächelte ein wenig.
Irgendwie bekamen wir die Zeit dann herum, zwischendurch bestellte ich mir noch ein bisschen was zu essen, von dem Tsuzuku auch einen kleinen Bissen nahm, und dann kam endlich die Durchsage, dass unser Flug jetzt vorbereitet wurde und es bald losging.
Wir verließen das kleine Lokal und begaben uns zurück zum Schalter.
Während der ganzen Prozedur des Eincheckens und der Kontrollen versuchte ich, möglichst immer mal wieder Tsuzukus Hand zu berühren oder seine Schulter, einfach um seinen Puls zu fühlen und sicher zu gehen, dass er keine Panikattacke bekam.
Wir waren vorgestern noch bei unserem Hauarzt Dr. Ishida gewesen, Tsu hatte sich auf meinen Wunsch hin wegen der Reise und dem ganzen Stress noch mal richtig durchchecken lassen, und der Arzt hatte dann den Verdacht geäußert, dass Tsuzukus immer wieder so plötzlich auftretenden Herzschmerzen möglicherweise gar keine Herzkrankheit zur Ursache hatten, sondern verschleppte oder verborgene Panikattacken waren.
Bei der Körperkontrolle gab es dann jetzt tatsächlich Schwierigkeiten, weil die Geräte natürlich auf Tsuzukus und meine vielen Piercings reagierten. Sogar sein Implantat wurde auf dem Bildschirm angezeigt, und Tsu musste seine ganze Redegewandtheit aufwenden, um dem Personal an der Kontrollstation zu erklären, dass wir nur auf Hochzeitsreise fliegen wollten und nichts Gefährliches vorhatten. Irgendwie schaffte er es, sie zu überzeugen, und wir durften uns auf den Weg ins Flugzeug machen.
„Haben wir Plätze zusammen?“, fragte Tsu mich mit schon ansteigender Panik in der Stimme.
Ich nahm seine Hand, drückte sie sanft. „Ja, alles gut. Du hast nen Fensterplatz, ist das okay?“
Er nickte nur, sah aus, als wüsste er selbst nicht, ob ein Fensterplatz im Flugzeug gut war oder nicht. Er war ja noch nie geflogen, also wussten wir nicht mal, ob er richtige Flugangst hatte oder nicht, und ich war sehr froh, dass wir Plätze zusammen hatten, damit ich bei ihm sein und auf ihn achten konnte.
Wir setzten uns, und es dauerte noch eine Weile, bis die Maschine startete, und in der Zeit nahm Tsu tatsächlich eine Tablette von dem Beruhigungsmittel, das ihm der Arzt vorsorglich mitgegeben hatte. Seine Hände waren immer noch leicht feucht vor Angst und zitterten, und ich hielt wieder Körperkontakt zu ihm, berührte seinen Arm und seine Seite, weil ich wusste, dass ihn das ebenfalls beruhigte.
„Weißt du, was dir gerade Angst macht?“, fragte ich leise.
Er schüttelte den Kopf. „Nein … ich hab keine Ahnung …“
Ich nahm wieder seine Hand und lehnte mich leicht an ihn. „Alles wird gut, mein Schatz.“
Dann griff ich in die Tasche, die ich als Handgepäck dabeihatte, und nahm einen der Hawaii-Reiseführer heraus, schlug das markierte Kapitel über die Insel Kauai auf, dort befand sich das Hotel, in dem wir gebucht hatten.
„Schau mal“, sagte ich zu Tsuzuku. „Kauai ist wunderschön. Da gibt es diese wunderbare Natur, total schöne, einsame Strände und bunte Blumen, und das Meer ist so weit …“ Ich wollte ihn einfach von seiner Angst ein bisschen ablenken. Vielleicht wurde er ruhiger, wenn er mehr die Vorfreude auf unseren Honeymoon spürte, statt dieser diffusen Angst.
Er sah hin, sah sich die Bilder von grün bewaldeten Bergen, türkisblauem Meer und exotischen, bunten Blumen an, aber ich hatte das Gefühl, dass es ihn kaum erreichte.
„Kann ich noch eine Beruhigungstablette haben?“, fragte er leise. Er selbst hatte nur die eine, einzelne in der Tasche gehabt, der Rest der Packung befand sich in meiner Tasche.
Ich holte meinen Geldbeutel raus, in dem ich ein Blister der Tabletten aufbewahrte, und gab Tsu eine davon, reichte ihm dazu auch gleich etwas zu Trinken. Er schluckte die Tablette und trank dazu einen großen, gierigen Schluck Wasser.
Tsuzuku lehnte sich zurück, stellte seinen Sitz so ein, dass er fast liegen konnte, dann nahm er seinen Seidenschal und bedeckte damit seine Augen.
„Möchtest du schlafen?“, fragte ich.
„Ja …“, antwortete er. „Ich bin müde …“
Vielleicht war es ganz gut, wenn er jetzt schlief. So hatte er eine Weile Ruhe. Tatsächlich schlief er ziemlich bald ein, seine Hand auf der Seitenlehne des Sitzes zitterte nicht mehr, er wurde ruhig. Ich hielt weiter leichten Körperkontakt zu ihm, streichelte immer mal wieder seine Hand.
Ich hatte keine Flugangst, und ich erinnerte mich noch daran, wie ich als Kind mit meinen Eltern nach Hawaii geflogen war.
Ich freute mich sehr auf die Reise, darauf, Tsuzuku die Schönheit dieser Inseln zu zeigen, und auch darauf, ihn mal in so einer Umgebung zu erleben. Hawaii war berühmt für seine entspannte Atmosphäre, und ich hoffte, dass diese Entspanntheit meinem Mann guttun würde. Er litt immer so sehr unter seinen Anspannungszuständen, und vielleicht konnte Hawaii ihm helfen, innerlich ruhiger zu werden und zumindest für ein, zwei Wochen glücklich zu sein.
Als das Flugzeug dann startete, schlief Tsu neben mir tief und fest, und nach dem Start packte ich mein Handy aus, setzte mir Kopfhörer auf und fing an, ein Hörbuch zu hören, das ich mir extra für diese Reise gekauft hatte.
Der Flug dauerte einige Stunden, und dann war da ja noch die Zeitverschiebung. Zwischen Tokyo und Hawaii betrug sie ungefähr einen halben Tag, dort war gerade noch gestern. Es fühlte sich schon seltsam an, sozusagen in der Zeit rückwärts zu fliegen, und ich war froh, dass Tsuzuku schlief, denn für ihn war das ja völlig neu, er war erstens noch nie geflogen und zweitens noch nie in einer Region der Welt gewesen, die zeitlich ‚vor‘ uns lag.
Als wir dann in Honolulu landeten, war Tsu zwar wieder wach, aber ihm ging es fast noch schlechter als vor dem Flug. Oder, besser gesagt, anders schlecht. Er zitterte nicht, Angst schien jetzt nicht mehr das Problem zu sein, aber anscheinend war die zweite Beruhigungstablette doch zu viel gewesen, denn er sagte, dass er sich „total matschig“ fühlte.
„Das ist bestimmt der Überhang von der Tablette …“, sagte ich.
„Aber die hab ich gebraucht. Ich hätte sonst nicht schlafen können …“ Er kramte seine Wasserflasche raus und nahm zwei Schlucke, dann standen wir auf und stiegen mit den anderen Leuten aus dem Flieger. Tsuzuku griff meine Hand, hielt sich geradezu an mir fest, während wir die Treppe hinunterstiegen und auf das Flughafengebäude zu gingen. Ich sah ihn an und er sah wirklich nicht gut aus, schleppte sich vorwärts, schien noch halb zu schlafen und war ziemlich blass.
Nachdem wir unsere Koffer wiederhatten, war das erste, was ich tat, mich nach einem Café im Flughafen umzusehen. Es gab zahlreiche Imbisse und sicher boten diese auch starken Kaffee an, den suchte ich, denn Tsuzuku musste erst mal wieder einigermaßen wach werden.
Schließlich waren wir noch nicht angekommen, Honolulu lag auf Oahu, wir mussten aber nach Kauai und hatten somit noch einen zweiten, wenn auch sehr viel kürzeren Flug vor uns.
Schließlich fanden wir ein kleines Café, und weil Tsu so blass und müde war, musste ich reden, wandte meinen ganzen Mut auf und bestellte in meinem brüchigen Englisch stockend zwei Espresso. Während wir dann darauf warteten, setzten wir uns erst mal und Tsuzuku lehnte sich an mich.
„Gleich kriegst du ‘nen schönen Espresso, dann geht’s dir bald besser“, sagte ich.
Tsuzuku sah mich an, sein Blick war wirklich ein wenig neblig, ihm war anzusehen, dass er kaum im Hier und Jetzt war.
„Ich hatte nen Albtraum vorhin“, sagte er leise. „Total wirr, und ich werde den gerade kaum los …“
Als der Kaffee kam, kippte Tsu sich entgegen seiner sonstigen Gewohnheit ein Tütchen Zucker hinein, weil er, wie er sagte, hoffte, dass der Zucker ihm Energie geben würde.
Wir hatten zum Glück eineinhalb Stunden Zeit, bis der Flug nach Kauai startete, und die nutzte ich, um alles zu tun, was mein Mann brauchte, um wieder einigermaßen klar und wach zu werden. Ich dachte daran, dass wir nicht mehr in Japan waren, und dass auf Hawaii andere Regeln galten, und so fing ich einfach an, Tsuzukus Schultern und Rücken zu massieren, während er seinen zweiten Kaffee trank. Er drehte dem Kopf leicht in meine Richtung, und ich fragte ihn: „Na, wie ist es, zum ersten Mal im Ausland zu sein?“
„Müde …“, antwortete er nur.
„Ich meine, denkst du daran, dass wir hier freier sind?“
Er zuckte mit den Schultern.
Ich umarmte ihn von hinten, begann, kleine Küsschen auf seinen Nacken zu hauchen, und flüsterte in sein Ohr: „Aloha he, mein Schatz, ich liebe dich.“
Dabei berührte ich wissend die kleine Vertiefung an seinem Schlüsselbein, diese Stelle, wo er fast so empfindlich war wie an seinen Brustwarzen, und er seufzte leise, lehnte sich zurück, an mich, ihm entkam ein halblautes „Ahh …“
„Ist das schön?“, fragte ich.
„Jaah … Kannst du das nachher noch mal machen, im Hotel …?“
„Na klar. Das, und noch viel, viel mehr …“
Tsuzuku lächelte. „Mein Liebster …“
Der Flug nach Kauai war einfacher, weil kurz und ohne Zeit- und Klimaumstellung. Im Flugzeug war es kühler als draußen, und Tsu brauchte keine weitere Tablette. Er sah aus dem Fenster, unter uns glitzerte der Ozean, und einmal sah er mich an, nahm meine Hand und flüsterte mir zu: „Ich freu mich so!“
Ich dachte daran, wie viel freier wir hier waren. Zwar setzten wir unser Paar-sein auch in Japan meistens einfach mehr oder weniger durch, aber die Atmosphäre dort war in dieser Hinsicht doch immer noch sehr von Heimlichkeit und Scham geprägt. Hier, auf Hawaii, der Insel des Aloha, der für alle geltenden Liebe, spürte ich endlich nicht nur Freiheit im Inneren, sondern auch im Äußeren. Wir würden zusammen am Strand spazieren gehen und uns dabei küssen können, mitten am Tag und ohne uns verstecken zu müssen. In der Lobby des Hotels ganz frei und entspannt Händchen halten. Zusammen hübsche T-Shirts mit bunten Blumen drauf kaufen, ohne dass es auffiel. Und ich würde Tsuzuku eine hübsche, pinkfarbene Blüte ins Haar stecken, ich war mir so sicher, dass ihm das stehen würde!
Das Hotel war der Hammer! Ich hatte ja gewusst, dass meine Mama bei Reisen immer das Beste vom Besten buchte, aber dennoch war ich überrascht, als wir nicht vor einem mehrstöckigen, westlichen Haus standen, sondern einer Art Strand-Lodge mit nur zwei Stockwerken, die so sehr nach Südseeträumen aussah, dass ich ein paar Mal blinzeln musste, um mir auch sicher zu sein, dass ich gerade nicht nur träumte.
„Manami ist verrückt, kann das sein?“, fragte Tsuzuku neben mir, offenbar ebenso ungläubig.
„M-hm …“, machte ich nur.
„Ich hab die Buchungsanfragen ja mit ihr zusammen gemacht, aber dass da so was bei rauskommt, hätt ich mir nicht mal erträumt …“
Und noch ehe ich dazu irgendwas sagen konnte, kam aus der offenen Lobby eine hübsche, dunkelhäutige Frau mit langen schwarzen Haaren, offenbar eine echte Hawaiianerin, und sprach uns in fließendem Japanisch an:
„Herzlich Willkommen auf Kauai! Sie müssen Asakawa Yuuhei-san sein, und das ist ihr Partner Aoba Genki-san, richtig?“
„Ja.“ Ich hatte meine Sprache wieder beisammen. „Das sind wir.“
„Ihre Suite ist schon vorbereitet, wir wünschen Ihnen einen höchst angenehmen Aufenthalt bei uns und alles Gute zu Ihrer Hochzeit!“
„Hat die gerade echt ‚Suite‘ gesagt?“, fragte Tsuzuku leise, als wir hinter der Frau her gingen, damit sie uns die Zimmer zeigte.
„Ja.“
„Deine Mutter ist wirklich … verrückt.“
„‘Das ist eure Hochzeitsreise, da kommt nur eine echte Suite infrage‘, würde sie jetzt sagen“, zitierte ich Mama.
„Ich war noch nie in einer richtigen Suite.“ Tsuzuku sah sich kurz ein wenig um und fügte dann hinzu: „Ganz abgesehen davon, dass ich auch noch nie in der Südsee war … oder generell im Ausland … oder überhaupt mal länger als ne Woche auf Reisen …“
Es war immer noch manchmal ein etwas seltsames Gefühl, wenn Tsuzuku von seinem Leben früher erzählte und dieser finanzielle Unterschied zwischen unseren Familien so deutlich wurde. Ich kam aus wohlhabendem Hause, meine Mama buchte uns mal eben eine Suite in einem Luxushotel auf Hawaii, während Tsuzukus Mama schwer krank gewesen war und die beiden wohl nie viel Geld gehabt hatten.
Die Suite war ein Traum, wie aus einem Südseefilm: Weit, luftig, mit Fenstern bis zum Boden, weißen Vorhängen und dunklen, stilvollen Teakholzmöbeln. Als ich zu einem der Fenster ging, konnte ich draußen den Strand und das Meer sehen, hörte die Seevögel und das Rauschen der Wellen.
Ein Hotelpage brachte unsere Koffer und Taschen und ging dann wieder. Und kaum waren wir allein, umarmte Tsuzuku mich und hielt mich lange im Arm, ehe er mich strahlend anlächelte, küsste und flüsterte: „Das ist ein tolles Liebesnest für unseren Honeymoon!“
Ich nahm sein Gesicht in meine Hände, drückte meine Lippen auf seine und antwortete: „Finde ich auch.“ Dann fragte ich: „Wollen wir ein bisschen runter zum Strand gehen?“
„Erst Sachen ausräumen oder erst zum Strand?“, fragte er zurück.
„Ausräumen können wir immer noch. Ich will lieber jetzt zum Strand.“
Und so ließen wir erst mal alles so stehen, nahmen nur unsere beiden Umhängetaschen mit runter zum Strand, auch keine Badesachen. Wir wollten erst mal einfach nur einen Spaziergang machen, die direkte Umgebung des Hotels erkunden und das Meer sehen.
Das Hotel lag in einer wirklich wunderschönen Gegend, quasi direkt zwischen Strand und Regenwald. Zum Ozean hin standen noch Häuser, Hotels, Läden und Bars, und auf der anderen Seite der Straße ging der Wald los, ein Meer aus Grün und exotisch bunten Pflanzen … Ab und zu führten schmale Wege in den Wald, und vielleicht konnte man dort mal hinein gehen?
Wir gingen aber erst mal in die andere Richtung, runter zum Strand. Auf dem Sand zogen wir unsere Schuhe aus und Tsuzuku krempelte seine Hosenbeine ein wenig hoch, sodass seine schmalen Knöchel sichtbar wurden. Er hatte in letzter Zeit zwar ein wenig mehr gegessen als sonst, aber sein Untergewicht war immer noch deutlich zu sehen. Und obwohl mir das weiterhin Sorgen machte, fand ich ihn dennoch schön, so wie er war. Sein Körper hatte diese süße Zartheit an sich, die mich anzog.
Zuerst liefen wir nur nebeneinander her, aber dann nahm ich Tsuzukus Hand in meine. Er sah mich an, der Wind vom Ozean fuhr durch sein schwarzes Haar und er lächelte und küsste mich.
„Hier sind wir frei“, sagte ich. „Hier können wir ganz offen zusammen sein.“
„Hast du daran gedacht, als du Hawaii vorgeschlagen hast?“, fragte Tsu.
„Ja. Es ist so schön hier, und total frei und entspannt, das wollte ich dir so gerne mal zeigen.“ Ich blieb stehen, griff auch seine andere Hand, sah ihn an und fragte: „Und? Wie fühlt es sich jetzt an, hier zu sein?“
„Schön“, antwortete Tsu mit einem leichten Lächeln. „Und ja, ein bisschen spüre ich schon, wie es hier ist.“
„Entspannt es dich?“
„Ein bisschen, ja …“
Ich lächelte. „Das ist schön, das freut mich sehr.“
Es war ganz schön voll am Strand, und je weiter wir gingen, umso mehr Menschen waren da, sodass wir dann auch bald wieder zum Hotel zurückkehrten.
Wir packten unsere Koffer aus und setzten uns dann auf die kleine Terrasse der Suite. Tsuzuku rauchte eine Zigarette, und ich saß einfach da und lauschte dem Gesang der tropischen Vögel und dem Rauschen der Wellen.
Es war ganz ruhig und friedlich, und auch mein Mann wirkte in diesem Moment völlig entspannt. Er rauchte nur die eine Zigarette, nicht mehr, und ich konnte richtig spüren, wie ruhig er innerlich war. Es freute mich wirklich sehr.
Später setzten wir uns in die Hotelbar und aßen eine Kleinigkeit, und Tsuzuku schaffte es tatsächlich, seinen Teller komplett leer zu essen.
Und danach legten wir uns in der Suite bald schlafen, für Sex waren wir beide zu müde, sodass die erste Nacht unseres Honeymoon sehr ruhig war.
Einmal wachte ich auf, mitten in der Nacht. Ich fühlte Tsuzukus schmalen Körper, er musste, als ich geschlafen hatte, ein Mal aufgewacht sein, denn als wir eingeschlafen waren, hatte er Shorts und ein Tanktop getragen, und jetzt war er nackt.
Er hatte sich also ausgezogen und wieder an mich geschmiegt, ganz eng und warm. Ich sah ihn an, strich ihm vorsichtig die Haare aus dem Gesicht und er reagierte im Schlaf, klammerte sich mit einem leisen Seufzen an mich.
„Meto … Liebster …“, sprach er im Schlaf, und ich spürte, wie sein Körper reagierte. Wecken wollte ich ihn nicht, und ich war auch zu müde für Sex oder dergleichen. Also blieb ich ganz ruhig liegen, spürte Tsuzukus Nähe, seine Haut und sein Atmen, und irgendwann schlief ich wieder ein.
[Meto] Act 2: Hawaiian Honeymoon, Part 2
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
[Tsuzuku] Act 3: Hawaiian Honeymoon, Part 3
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
[Tsuzuku] Act 4: Hawaiian Honeymoon, Part 4
Am Morgen, als ich erwachte, und das Liebste, was ich auf der Welt hatte, warm und weich und süß in meinen Armen lag, mein Meto, mein Ehemann, da fühlte ich die Liebe zu ihm so stark, als seien wir wirklich durch ein unsichtbares Band fest verbunden.
Er schlief noch und ich wollte ihn erst nicht wecken, doch sein im Schlaf so weich aussehendes Gesicht verführte mich, ihn zu küssen. Ich strich ihm den Pony aus der Stirn und berührte seine Schläfe mit meiner Nase, erschnupperte den Duft seiner Haare, und hauchte ein zärtliches Küsschen auf seinen Mund. Seine Lippen schmeckten ganz leicht nach Zahnpasta-Minze.
Meto gab im Schlaf einen leisen Laut von sich und sein Körper schmiegte sich an meinen. Ich sah ihn an und fühlte eine solche Liebe in mir, dass es beinahe weh tat.
Ich verspürte tatsächlich ein leises Stechen in der Herzgegend, einen seltsam süßen Schmerz, und als ich an das dachte, was vor unserer Hochzeit passiert war, diese Krise, mich einen Moment zu lang daran erinnerte, sprangen mir auf einmal Tränen in die Augen. Dieser Schmerz, den ich verspürte, aus dieser extremen Liebe heraus, der hatte meine tiefste Angst dabei, und ich spürte, dass es einen Grund hatte, warum mir gerade mein Herz dann so sehr weh tat.
Der Abgrund in mir war nur einen kleinen Schritt von meinen intensivsten Glücksgefühlen entfernt, der Grat zwischen Liebe und Schmerz so schmal …!
Einen unendlich lange wirkenden Augenblick lang fühlte ich alle Gefühle auf einmal, Liebe und Angst und Glück und Schmerz, und dann erst, dass ich wirklich weinte. Ich drehte mich auf die andere Seite, vergrub mein Gesicht im Kissen und versank innerlich in diesem Gefühlschaos, so sehr, dass mein Herz stärker schmerzte, und ich nur noch am Rande dachte, dass ich genau so etwas nicht auf unserer Hochzeitsreise hatte erleben wollen … Wo kam das jetzt her, warum war es auf einmal wieder so stark?
Ich spürte eine Bewegung an meinem Rücken, und einen Moment später hörte ich Metos leise Stimme: „Tsu? Was ist, warum weinst du?“
„Ich … weiß nicht …“, antwortete ich, fuhr mir mit dem Handrücken über die Augen.
„Einfach so?“ Meto beugte sich von hinten über mich, seine Hand auf meiner Schulter. „Möchtest du … ein bisschen umarmt werden?“
Ich nickte, drehte mich wieder um, und mein Liebster schloss mich in seine Arme, drückte mich sanft an sich, und ich spürte seine Stärke, diese unbedingte, unnachgiebige Kraft, mit der er meinem Leid immer wieder begegnete. Von Anfang an, seit wir uns kannten, war er so, und manchmal konnte ich es kaum glauben. Warum waren wir einander von Anfang an so nah gewesen? Ich konnte es mir nur mit dem Wort „Seelenverwandte“ erklären.
„Danke, Liebster“, flüsterte ich.
Und bekam einen süßen Kuss auf die Stirn.
„Immer gern, mein Herz.“ Meto lächelte, dieses himmlische Sonnenscheinlächeln, und ich dachte nur: „Meine Sonne!“
Langsam kam mein Innenleben wieder zur Ruhe, der Schmerz in meinem Herzen ebbte ab und ich konnte mich wieder etwas entspannen. Metos Nähe beruhigte mich, seine Arme um mich und sein Körper an meinem wirkten, so dachte ich es, besser als jedes Beruhigungsmittel.
„Alles einfach viel manchmal, ne?“, fragte Meto leise, seine Hand an meiner Seite streichelte sachte.
Ich nickte leicht. „M-hm …“
„Du fühlst einfach alles sehr intensiv, ne?“
„Ja …“
„Weißt du, manchmal liebe ich dich genau dafür, dass du so intensiv bist. Aber … na ja, für dich ist das oft schwer, oder? Also, so viel und so stark zu fühlen?“
Ich nickte wieder. „Ich bin total glücklich vorhin aufgewacht. Und das ist dann so viel geworden, dass ich Angst bekommen habe, und dann tat es auf einmal nur noch weh …“
Meto umarmte mich fester, schmiegte sich so süß an mich und sagte, ganz lieb und leise: „Ach mein liebes, süßes Tsu … Ich bin froh, dass du mir das so sagst.“
„Wirklich?“
„Ja. Es ist wichtig, dass wir miteinander über so etwas reden können. Und ich mag das an dir, dass du so ehrlich zu mir bist.“
Wir blieben noch ein wenig so liegen, dann bekam ich Lust, aufzustehen. Gestern Abend waren wir ja nackt schlafen gegangen, und so standen wir nun genau so auf, und während mein Liebster sich anzog, saß er dabei auf dem Bett und sah mich an. Ich begegnete seinem Blick, und er lächelte mich an.
„Du schöner Mann“, sprach er, stand auf und nahm meine Hände in seine, küsste mich zärtlich. „Ich bin so glücklich mit dir, Tsuzuku. Und ich bin stolz, so einen wunderschönen, liebevollen Ehemann zu haben.“
Nachdem wir beide fertig angezogen waren, gingen wir noch zusammen ins Bad und machten uns für den Tag zurecht. Viel Makeup legten wir beide nicht auf, weil wir ja auch zum Strand wollten. Statt auf Makeup, hatte ich heute eher Lust, etwas mit meinen Haaren zu machen: Ich teilte eine vordere Strähne ab und flocht vor dem Spiegel einen kleinen Zopf, den ich mit einer Haarnadel fest steckte.
„Süß siehst du aus“, sagte Meto dazu, und ich bekam einen Kuss.
Schließlich packten wir jeder eine kleine Tasche und gingen dann raus. Zuerst runter zum Strand, wo es so am Morgen noch ruhig und kühl war. Vom Strand aus führte dann ein Weg zu einer kleinen Promenade. Die Läden dort waren noch geschlossen, aber wir schauten uns die Schaufenster an und blieben vor einem Laden stehen, der Kleidung und Schmuck verkaufte, so richtig typische Hawaii-Hemden, Hula-Röcke und Schmuck aus Kunstblumen.
„Schau mal“, sagte Meto und deutete auf eine rote Stoffblüte mit Haarclip, „die Blume würde ganz toll zu deiner Frisur heute passen, oder?“
„Wir können ja nachher noch mal herkommen“, sagte ich, und ich stellte mir vor, wie diese Blume in meinem Haar wohl aussehen würde. Die Vorstellung gefiel mir.
Meto neben mir hatte inzwischen die Hula-Röcke entdeckt, und er schien sich für sie zu interessieren.
„Möchtest du so nen Rock mal tragen?“, fragte ich.
„Schon, ja. Ich find‘ die schon sehr hübsch.“
„Dann machen wir das nachher doch! Ich krieg die Blüte, und du einen Rock.“
Meto lachte, küsste mich. „Und ein Hawaii-Hemd kriegst du auch.“
„Denkst du, das steht mir?“
Er sah mich an, stellte es sich vielleicht vor, und nickte dann. „Ja.“
Erst einmal gingen wir aber weiter, hinter der Promenade ging es wieder in die Natur, ein schmaler Weg führte in den Wald und einen Berg hinauf. Diese Umgebung hatte ein bisschen Ähnlichkeit mit den Bergwäldern, die wir aus Japan kannten, und wir beschlossen, ein wenig da hinein zu gehen.
Über uns waren Laute von Vögeln zu hören, die wir nicht kannten, doch durch das dichte Blattwerk der Bäume waren diese Vögel nicht zu sehen. Ich blickte hoch, hörte ein Flattern und sah sich bewegende Blätter und Zweige, aber keinen Vogel.
„Sind das solche Paradiesvögel?“, fragte ich, „So richtig bunte?“
„Die echten Paradiesvögel gibt’s hier nicht so, aber so kleine Singvögel schon.“ Mein Liebster wandte sich zu mir um und wir blieben einen Moment hier stehen, ganz still, in der Hoffnung, dass sich einer der Vögel zeigte. Aber zuerst sahen wir keinen.
Wir gingen weiter in den Wald hinein, und irgendwann kamen wir dann an einem kleinen Holzhaus vorbei, das einem Shinto-Schrein ähnelte.
„Schau mal, was ist denn das?“, fragte ich und ging darauf zu.
„Weiß nicht …“, sagte Meto. „Vielleicht so was wie ein Schrein? Hier gibt’s ja auch so eine Naturreligion …“
Tatsächlich befand sich in einer Nische unter dem Dach eine Art kleiner Statue, die wohl einen Geist oder eine Gottheit darstellte.
„Scheint echt so ‘ne Art Schrein zu sein“, entgegnete ich. „Hier liegen auch Opfergaben.“ Vor der kleinen Statue lagen Blumen und kleine Münzen, und abgebrannte Räucherstäbchen steckten zwischen den Holzbrettern. Es sah wirklich einem Shinto-Schrein ähnlich.
Wir gingen weiter den Berg hinauf, der Wald wurde immer dichter, bis der Weg schließlich an einem kleinen Bachlauf endete. Vor uns stand ein riesiger, sicher uralter Baum mit einem sehr dicken Stamm, mindestens anderthalb Meter im Durchmesser. Der Baum erinnerte mich an den Kampferbaum aus „Mein Nachbar Totoro“.
„Schau mal, der Baum hat doch was von dem Baum von Totoro, oder?“, fragte ich.
„Stimmt“, erwiderte Meto. „Irgendwie hat manches hier doch Ähnlichkeit mit Sachen von zu Hause.“
Auf dem Weg zurück sahen wir dann doch noch einen kleinen Vogel, er war ungefähr so groß wie ein Spatz, aber viel bunter, mit einem roten Kopf und roten Flügeln. Als er davonflog, gab er einen Laut von sich, den wir vorher auf dem Hinweg schon gehört hatten, ohne den Vogel zu sehen.
Zurück auf der Promenade gingen wir dann erst mal in Richtung Strand, weil die Souvenirläden, die wir vorhin gesehen hatten, immer noch nicht geöffnet waren. Auch am Strand war noch nichts los, und das Wasser war auch noch zu kühl zum Baden, deshalb gingen wir nur einfach Hand in Hand am Wasser entlang.
Meto fing wieder an, mit dem Handy Fotos zu machen, vom Meer, dem wolkenlosen Himmel, den Seevögeln, und den kleinen Wellen, die nah bei unseren nackten Füßen auf den weißen Sand schwappten.
Nach einer Weile sagte Meto, dass er gern frühstücken wollte, und so kehrten wir erst mal ins Hotel zurück und setzten uns ins Hotelrestaurant, an einen Tisch auf der Terrasse. Die Bedienung kam und wir bestellten uns ein gemeinsames Frühstück, das jedoch etwas kleiner war als unser Zimmerfrühstück vom ersten Morgen hier.
Ich fühlte mich auch gut, so gut, dass ich richtig Hunger hatte, und der Anblick des Frühstücks, als es gebracht wurde, in mir nur eine geringe Anspannung auslöste, die ich ganz gut händeln konnte.
Vielleicht hatte der schöne Waldspaziergang vorhin damit zu tun, vermutete ich. Mein Appetit und die Sicherheit, nicht erbrechen zu müssen, hingen mit meinem Körpergefühl zusammen, das spürte ich deutlich, und vielleicht war es so, dass mir nach einem Spaziergang so wie auch nach morgendlichem Sex das Essen leichter fiel, weil ich mich dann wohler in meinem Körper fühlte.
Es war wieder ein westliches Frühstück, mit Brötchen, Marmelade, Lachs und Käse. Und weil es hier so schön und locker war, ließ ich mich gern von Meto füttern.
Ein paar Tische weiter saßen eine junge Frau und eine etwas ältere, beide sahen westlich aus, europäisch oder vielleicht nordamerikanisch. Die Ältere schaute zu uns hinüber, sah aber nicht unfreundlich oder irritiert aus, eher interessiert. Sie erinnerte mich ein wenig an die Gäste aus dem Café, in dem Meto und Koichi arbeiteten, schien uns vielleicht süß zu finden.
„Sind das Japaner?“, hörte ich die jüngere Frau auf Englisch fragen.
„Weiß nicht, aber süß sind sie.“ Die Ältere lächelte zu uns herüber. „Ein richtiges BL-Pärchen.“
Meto sah mich an, fragend, prüfend, ob es mir gut ging und wie ich auf die beiden Frauen reagierte. Ich erwiderte seinen Blick und nickte leicht, zum Zeichen, dass alles okay war. Es war alles gut, und als Meto fortfuhr, mich zu füttern, genoss ich die Aufmerksamkeit der beiden Frauen sogar.
Nach dem Frühstück gingen wir wieder raus, unser Ziel waren die Souvenirläden, die wir vorhin gesehen hatten.
Meto freute sich sichtlich, er griff meine Hand und zog mich mit sich, bis wir vor dem Laden standen, wo wir vorhin den Blumenschmuck, die Hawaiihemden und die Röcke gesehen hatten.
Jetzt standen vor dem Laden auch Verkaufsständer mit Hemden und Röcken daran, und Meto fing sofort an, in diesen Ständern nach einem Rock zu suchen. Es gab alle Farben, bunt und mit traumhaften Bildern und Mustern, und sie erinnerten mich an die vielen bunten Motive auf Kimonos zu Hause in Japan.
„Schau mal, Tsu, ist der nicht süß?“ Meto zeigte mir einen rosa Rock mit einem weiß-blauen Blumenmuster, nahm diesen aus dem Ständer und fragte dann: „Was meinst du, steht der mir?“
„Sieht fast aus wie so ein Lolita-Kleidchen“, sagte ich, „Ja, ich glaube, der passt zu dir.“
Meto strahlte mich an, hielt sich den Rock an die Taille. Es sah wirklich sehr süß aus.
Wir betraten den Laden, der innen voll mit hawaiianischen Kunstobjekten und den typischen Kleidungsstücken war, und in dem es leicht nach Räucherstäbchen und exotischen Pflanzen roch.
An einem Brett klemmten noch mehr dieser bunten Blumen aus Stoff, Haarclips und Broschen mit Blumen in allen Farben … Meto blieb davor stehen und nahm eine pinkfarbene Blüte mit Clip ab, die er mir hin hielt.
„Probier‘ die mal an“, sagte er.
Neben dem Brett befand sich ein kleiner Spiegel, vor dem ich die Blüte in meine Haare klemmte, auf der Seite, wo ich heute die geflochtene Strähne trug. Der Anblick gefiel mir tatsächlich, obwohl Pink ja eigentlich eher weniger meine Farbe war.
„Wow, das sieht noch hübscher aus, als ich’s mir vorgestellt habe!“ Meto hob die Hand und berührte die Blüte in meinem Haar. „Du Hübscher, du …“ Ich bekam einen Kuss.
Ich bemerkte, dass der Mann hinter der Ladentheke ein Stück weiter hinten interessiert zu uns herüber sah. Es war ein älterer Mann mit weißem Haar und westlichen Gesichtszügen.
Meto hatte noch den Rock in der Hand, und ich hatte das Gefühl, als ob der Verkäufer ihn nicht recht einordnen konnte.
„Und jetzt noch ein Hemd dazu?“, fragte Meto mich.
„Vielleicht eins, das zu deinem Rock passt? Dann wären wir im Partnerlook.“
Meto drückte mir den Rock mit einem „Hältst du das mal?“ in die Hand und fing sofort an, in einem neben uns stehenden Kleiderständer nach einem rosa Hawaiihemd zu suchen. Und tatsächlich fand er eines, einen Verkaufsständer weiter, das fast genau dasselbe Muster hatte wie der Rock.
Die Preise waren auch in Ordnung, und so gingen wir alles bezahlen, den Rock und das Hemd und die Blume mit Haarclip.
Der Verkäufer nahm alles entgegen und nannte uns auf Englisch den Gesamtpreis, Meto bezahlte und alles wurde in einer Tüte mit typisch hawaiianischem Blumenmuster verpackt.
Einen Moment lang dachte ich, der Mann würde vielleicht noch eine dieser Bemerkungen machen, die wir ja manchmal so bekamen, so was wie „Sind Sie ein Paar?“ oder Ähnliches, aber er sagte nichts dergleichen, sondern nur: „Good Bye and have fun!“
Kaum waren wir aus dem Laden raus, griff Meto meinen Arm, grinste mich an und fragte: „Umziehen, und dann im Partnerlook zum Strand?“
„Ja“, sagte ich, und bekam wieder einen Kuss.
Wir liefen also erst wieder zum Hotel zurück, zogen uns in der Suite um, und Meto verwandelte sich mit dem Rock, einer rosa Bluse und der blauen Lockenperücke wieder in meine „Freundin“, legte auch etwas Makeup dazu auf. Wir nahmen auch Ruana wieder mit.
Am Strand fing Meto wieder an, mit dem Handy zu fotografieren und zu filmen, mich und Ruana und das Meer … Er griff meine Hand, drehte das Handy zu uns um, filmte, wie er mich küsste, ließ Ruana mich küssen, und legte seinen Arm um mich.
„Ich liebe dich“, sprach er in mein Ohr, „… mein schöner Mann.“
Als wir uns die Aufnahmen danach ansahen, sah ich da so ein hübsches Paar, dass es sich fast ein wenig fremd anfühlte, wir sahen auf dem Film so glücklich aus, dass es mich richtig rührte, so sehr, dass sich meine Augen auf einmal verdächtig heiß anfühlten, so als ob ich weinen musste.
Meto bemerkte das, sah mich an und fragte: „Ist das unwirklich für dich, uns so zu sehen?“
Ich nickte. „Eigentlich hab ich doch gar kein Problem mit Fotos und Filmen von mir … Aber … irgendwie fühlt es sich gerade so … komisch an …“
„Weil es so schön ist hier?“
„Ja … Irgendwie so …“ Ich spürte eine Träne über meine Wange laufen und wischte sie schnell weg.
„Ach Tsuzuku …“ Meto umarmte mich wieder, drückte mich liebevoll an sich. Er hielt mich, bis ich mich wieder ganz gefangen hatte, und dann sah er mich an mit seinem süßen Puppengesicht, seine vollen, rot geschminkten Lippen lächelten und seine Augen sagten: „Ich liebe dich.“
„Wieder gut?“, fragte er dann.
„Ja.“ Ich lächelte leicht.
„Sehr gut.“
Wir breiteten unser großes Handtuch auf dem Sand aus und saßen eine Weile einfach da, sahen den Leuten am Strand zu, es wurden langsam mehr.
Ich ließ ein bisschen Sand durch meine Finger rieseln, er war so schön weiß und fein, und ich dachte daran, dass ich irgendwo mal gehört hatte, dass dieser Sand aus von Fischen abgefressenen Korallen entstand. Irgendwie brachte mich das zum Lachen.
„Was los?“ Meto sah mich von der Seite an.
„Papageienfische“, antwortete ich lachend, „Dieser ganze Sand wird von Fischen produziert!“
Meto grinste. „Ich weiß.“
„Kann man die eigentlich essen?“, fragte ich.
„Papageienfische? Ja, klar. Hab ich auch schon.“
„Und wie schmecken die? Bunt?“
„Nicht so bunt, wie sie aussehen“, sagte Meto.
Eine Weile schwiegen wir, dann brach Meto die entstandene Stille mit einem ganz anderen Thema: „Sag mal, Tsu … wenn wir wieder zu Hause sind, möchtest du immer noch eine Katze haben?“
„Mh“, machte ich erst nur, dann sagte ich: „Eigentlich schon.“
„Und was für eine? Also, eine, die schon groß ist, oder eine Babykatze?“
„Hm … weiß nicht, eine Babykatze braucht ja viel Pflege und so …“, antwortete ich.
„Würdest du dir das zutrauen?“ Meto sah mich aufmerksam an. „Ich hab da aber auch schon ein bisschen drüber nachgedacht, auch wie wir das machen … Ich hab auch mal Nachbars Akko gefragt, ob sie auch mal Babysitten machen würde, wenn wir uns eine Katze zulegen.“
„Wow“, entkam es mir. Wir hatten das Thema Katze bisher eigentlich eher theoretisch und wie einen weiter entfernten Traum besprochen, und dass Meto tatsächlich schon angefangen hatte, diese Idee wirklich umzusetzen, beeindruckte mich.
„Ich glaube einfach, dass ein Haustier dir gut tun würde. Und ich hätte auch selbst gern eins.“
„Ich weiß nicht …“, sagte ich. „Also, ob das überhaupt geht mit uns und einer Katze. Ich will schon gern eine haben, aber ob wir das hinbekommen …?“
Ich zog die Knie hoch und blickte aufs Meer, dachte an den Hund, den ich früher gehabt hatte. Ich wollte schon auch gerne wieder ein Haustier zu haben, aber ich wusste einfach nicht sicher, ob und wie das funktionieren könnte.
„Ich muss ja gestehen, dass ich die Vorstellung von dir mit einer Babykatze echt extrem süß finde, Tsuzuku“, sagte Meto und küsste mich.
Ich griff mir Ruana und drückte sie ein wenig an mich, und dachte, dass sie ja irgendwie unser Baby war, und mir kam der Gedanke, dass sie und die Katze dann wie unsere „Kinder“ wären … Eine Familie zu haben und zu sein, ich spürte, dass ich mich danach sehnte. Und wenn’s nur ein Teddy und eine Katze waren, das fühlte sich gut an.
„Wenn wir wieder zu Hause sind, schauen wir mal, wo wir eine süße Katze her bekommen, und ob wir eine junge oder eine schon ältere haben wollen …“, sagte Meto.
„Gibt man einer Babykatze eigentlich auch Fläschchen?“, fragte ich.
„Nur, wenn sie wirklich noch sehr klein ist. In dem Alter sollte man sie aber noch gar nicht von der Katzenmama wegnehmen …“ Meto sah mich an und lächelte. „Stellst du dir das gerade vor, einer Babykatze das Fläschchen zu geben?“
Ich spürte, wie ich ein wenig errötete, und ich nickte. Es war doch ein etwas ungewohntes Bild, das ich da auf einmal von mir hatte …
„Du bist zu süß, Tsuzuku!“ Meto lächelte wieder und küsste mich dann. „Mir gefällt diese Vorstellung auch, irgendwie …“
„Wie ich einer Babykatze das Fläschchen gebe?“
„Ja. Das ist ‘ne Seite von dir, die ich noch nicht kenne … Aber irgendwie halt süß …“
Eine Weile schwiegen wir wieder, aber es war eine angenehme Stille. Ich spürte den Sand an meinen Füßen und Händen, den Wind in meinem Haar und den Haarclip mit der Blüte daran, und sogar ab und zu ein paar winzige Wassertröpfchen vom Meer auf der Haut, und es machte mich ganz ruhig und glücklich.
Wir blieben noch lange am Strand, redeten über dies und das, und einmal holte ich zwischendurch mein Handy raus und sah, dass ich eine Nachricht von Koichi bekommen hatte: „Hey Tsu! Hab gerade eure Fotos gesehen, die sind ja traumhaft schön! Und das Blümchen im Haar steht dir echt gut! Grüß mal Meto von mir, und genießt euren Honeymoon! <3 ko_1“
Am frühen Abend kehrten wir ins Hotel zurück.
Wir waren so müde, dass weder Meto noch ich großartig Lust auf Sex hatten, uns war viel mehr danach, uns einfach nur zusammen hinzulegen und zu schlafen. Zwar zogen wir uns beide nackt aus, aber nur, um dieses wundervolle Gefühl von absoluter Nähe zu spüren. Nicht mal, als wir uns ganz nah zusammen kuschelten, bekam er oder ich eine Erektion, und sehr bald waren wir beide eingeschlafen.
[Meto] Act 5: Sex on the Beach, Part 1/2
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
[Meto] Act 6: Sex on the beach, Part 2/2
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
[Tsuzuku] Act 7: Back to Japan
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
[Meto] Act 8: Lots of Love
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
[Koichi] Act 9: Loving Envy
An einem Abend, etwa eine Woche nachdem er von Hawaii zurück war, traf ich mich mit Tsuzuku in einem Izakaya. Ich hatte vormittags gearbeitet und da schon Meto gesehen, und am Nachmittag schrieb Tsu mir, dass er Lust hatte, mit mir etwas trinken zu gehen.
Wir suchten also online ein Izakaya aus, in dem es Bier, Sake und Cocktails gab, und ich machte mich ein bisschen zurecht, heute in einem eher poppigen Style, weil mir der süße Mädchenlook von meiner Arbeit im Café manchmal ein bisschen über war. Ein überweites Shirt mit Elmo drauf, eine hellblaue Baggy-Jeans und bunte Flipflops gefielen mir gerade besser. Ich mochte offene Schuhe, weil ich gerade meine Fußnägel hatte neu machen lassen und die gerne zeigen wollte.
Zwischendurch rief noch Mikan an und fragte, ob wir uns sehen wollten.
„Tut mir leid, ich bin schon mit Tsuzuku verabredet“, sagte ich ihr.
„Oh okay … Na dann, habt einen schönen Abend. Und trinkt nicht zu viel“, antwortete sie. Und ich musste kurz an den einen Abend vor einer Weile denken, als Mikan dabei gewesen war und gesehen hatte, wie Tsuzuku sich betrunken und dann sehr geweint hatte.
Ich machte mich also auf den Weg in die Innenstadt, wo sich die meisten Bars befanden, und sah Tsuzuku schon von weitem vor dem Lokal stehen, das wir ausgesucht hatten. Er trug ein ähnlich legeres Outfit wie ich, einen roten Oversize-Hoodie von Nike, dunkelblaue, enge Jeans und knallrote Sneaker. Sein schwarzes Haar hatte er mit einer einfachen Klammer hochgesteckt, was zugleich schick und lässig wirkte.
Als er mich sah, drückte er seine Zigarette im Aschenbecher neben der Tür aus, kam dann auf mich zu und umarmte mich.
„Hey, Ko.“
„Na du? Wie geht’s dir?“, fragte ich.
„Heute ists gut“, antwortete er und lächelte leicht.
„Sieht man“, sagte ich. „Du wirkst entspannt.“
Wir gingen rein, suchten uns einen ruhigen Platz in einer Ecke, und als die Bedienung kam, bestellten wir jeder erst mal ein Glas Bier. Die Cocktails auf der Karte waren irgendwie gerade nicht mein Fall und auch teurer, und so entschied ich mich für dasselbe Asahi Light wie Tsu. Er konnte es natürlich nicht lassen, dazu eine Bemerkung zu machen: „Machen wir mal richtig Männerabend, Ko?“
„Japp. Ich hab heute keine Lust auf Designer-Cocktails.“
Dieses Spielen mit Geschlechterrollen war bei uns inzwischen eine lockere Sache, es störte mich nicht mehr, dass ich als „feminin“ wahrgenommen wurde, besonders nicht bei Tsu. Zum einen hatte ich ja jetzt auch endlich eine Freundin, und vor allem wusste ich ja auch ziemlich gut und genau, dass Tsuzuku selbst jemand war, der sich mal männlicher und mal femininer zeigte, allein schon weil er in Meto einen in dieser Hinsicht ebenso verspielten Ehemann hatte. Wenn Tsu also hier von „Männerabend“ sprach, konnte das genau so bedeuten, dass wir Bier tranken und zugleich über Makeup redeten, oder er mir mehr oder weniger detailliert erzählte, was er an Metos Köper liebte und was die beiden nachts zusammen taten. Wir hatten unsere eigenen Definitionen von „Männlichkeit“ und die gefielen uns auch ziemlich gut.
Die Bedienung kam und brachte die Getränke. Als sie die Bierdeckel hinlegte und die Gläser abstellte, bemerkte ich, dass sie subtil versuchte, mit Tsu zu flirten: Als sie uns „Guten Durst“ wünschte, sah sie ihn einen winzigen Augenblick zu lange an und lenkte seinen Blick auf ihr Dekolletee. Ich sah Tsuzuku an und versuchte, abzuschätzen, ob es ihn störte, aber erst, als die Kellnerin wieder weg war, ließ er sich anmerken, dass es in ihm etwas ausgelöst hatte:
„Die sah aus wie ne Freundin, die ich früher hatte …“, sagte er leise.
„War es aber nicht?“
„Nee, das ist schon so lange her, die müsste älter sein.“ Er beobachtete die kleinen Luftbläschen, die in seinem Glas glitzerten, und sagte dabei noch: „Ich weiß ja, dass ich gut aussehe. Und dass es immer irgendwelche Frauen geben wird, die mich geil finden …“
„Was macht es in dir?“
„Erinnerungen. Ich hab nicht mal direkt was gegen diese Mädels, es ist nur … na ja, sie erinnern mich daran, wie ich früher war, wenn sie mit mir flirten. Ich komme tatsächlich besser damit klar, wenn sie Meto und mich als schwules Paar anhimmeln, als wenn sie so direkt mich wollen.“
„Ist ja auch schon mal was.“
„Im Moment denke ich öfter, dass ich mich gerne als schwuler Mann identifizieren möchte. Ich kanns nur nicht, weil … ich hab ja nun mal diese Erinnerungen in mir, an mich als den heterosexuellen Playboy mit so vielen Frauen, dass ich nicht mal mehr die meisten Namen weiß …“ Er schwieg einen Moment und ich hatte Sorge, dass wir das falsche Thema aufgemacht hatten. „Ich will damit nicht sagen, dass andere Männer, die so ein Playboy-Leben führen, irgendwie schlecht sind, aber ich … ich will nicht mehr so sein, und die Erinnerung daran tut mir weh. Ich bin so unglaublich froh, dass ich mit Meto so monogam leben kann, dass dieses alte Zeug von früher in meinem Beziehungs-Verhalten heute keine Rolle mehr spielt.“ Tsu sah mich an und die Ernsthaftigkeit, mit der er sprach, war fast ein wenig rührend irgendwie, machte mir ein bisschen Gänsehaut.
„Und selbst, wenn du nicht wirklich schwul, sondern vielleicht eher bisexuell bist, die grundsätzliche Orientierung ist ja nicht alles“, sagte ich. „Man kann sich auch unabhängig von der Orientierung einfach verlieben, und wenn ich dich und Meto so anschaue, dann ist diese Liebe zwischen euch beiden so ein wunderschönes Geschenk des Himmels, dass es ziemlich egal wird, ob ihr beide ‚richtig‘ schwul seid oder nur einer von euch.“
Tsuzuku lächelte. „Danke, Ko.“
Es wurde ein ziemlich toller Abend, wenn auch eher ruhig, aber wir hatten gute Gespräche und Tsu schien gerade tatsächlich so stabil und sicher, dass er heute auch mit potenziell schwierigen Themen, die in Gesprächen so aufkommen können, ganz gut umgehen konnte. Zumindest hoffte ich, dass es in ihm drin auch so war. Aber so, wie ich ihn kannte, trug er sein Herz so sehr auf der Zunge, dass ich es sicher bemerkt hätte, wenn ihn etwas wirklich getriggert hätte.
Nur einmal wurde es ein bisschen schwierig, weil die Bedienung vom Anfang wieder kam und wieder versuchte, mit Tsuzuku zu flirten. Sie machte ihm ein Kompliment und ihre ganze Haltung sprach diese deutliche Sprache, sie wollte etwas von ihm …
Zuerst dachte ich, dass er das zu ignorieren versuchte, er sah sie kaum direkt an. Doch dann sagte er, eindeutig in ihre Richtung, aber ohne sie anzusehen: „Könntest du das bitte sein lassen? Ich bin verheiratet.“
Die junge Frau machte große Augen, so als könnte sie nicht glauben, dass ein Mann wie Tsuzuku verheiratet war. „Ach so …“, sagte sie dann und wirkte etwas eingeschüchtert dabei. „Siehst aber nicht so aus …“
„Ich muss nicht so aussehen, als sei ich verheiratet, aber ich bin es, und du respektierst das bitte.“ Jetzt sah er sie auch direkt an, und ich spürte so eine Energie bei ihm, er ging gerade gegen seine Ängste an, konfrontierte diese Frau und zugleich auch irgendwo sich selbst mit dieser Klarstellung.
Sie wurde rot, verbeugte sich, murmelte eine Entschuldigung und verschwand dann in Richtung Küche.
„Wow“, sagte ich, als sie weg war. „Das war mal ein Statement.“
Tsu lächelte. „Musste mal gesagt werden.“
„Hilft dir vielleicht ja auch, dich abzugrenzen, oder?“
Er sah mich einen Moment lang nachdenklich an und sagte dann: „Abgrenzen … ja. Wenn ich so darüber nachdenke … ich kann das manchmal nicht so gut.“
„Dich abzugrenzen von anderen?“
Tsuzuku nickte. „Ich kanns schwer beschreiben … Außer vielleicht … dass da der Begriff Borderline ja auch irgendwie drin steckt.“ Er schwieg einen Moment und ich sah, wie es hinter seinen Augen arbeitete, er nach Worten suchte … „Es macht mich wahnsinnig, dass ich das nicht so beschreiben kann, wie es in mir ist und so …“, sagte er dann. „Es fühlt sich an, als ob ich permanent an den Grenzen der Sprache herumgrabe, weil es für das, was ich fühle, so oft keine Worte gibt …“
Ich versuchte, mir das vorzustellen, es zu verstehen. Vielleicht war es so, dass diese Dinge, diese Gefühle, Emotionen und Empfindungen nur denjenigen Menschen wirklich auffielen, die aus der Not der Intensität heraus verzweifelt nach Worten suchten, um ihr Leid überhaupt versprachlichen zu können. Ich war da schon näher dran als die meisten, weil ich zum einen jemanden wie Tsuzuku zum Freund hatte und diese Dinge darum schon auf meinem Radar waren, und weil die Visual-Kei-Szene eben auch so ein Ort war, wo sich Menschen wie er und ich eher ansammelten und verstanden fühlten, weil wir auf diese Weise über das Leben nachdachten.
„Koichi?“, riss Tsu mich in diesem Moment aus meinen Gedanken.
„Hm?“
„Hättest du was dagegen, wenn wir noch zu dir fahren?“
„Nee, wieso?“
„Ich weiß nicht, irgendwie ists mir hier zu viel …“, sagte er leise.
„Hat dich noch was getriggert?“
„Nicht direkt. Aber … ich bin irgendwie erschöpft und bei dir ist es ruhiger.“
„Ist gut, dann schauen wir bei mir noch nen Film“, sagte ich.
Wir gingen also zum Bezahlen und verließen dann das Lokal, nahmen die Bahn zu mir nach Hause und kauften auf dem Weg noch eine Tüte Snacks und zwei Dosen Bier.
„Was für einen Film würdest du schauen wollen?“, fragte ich.
Tsuzuku lächelte. „Irgendwas für Kids, was Lustiges.“
Ich kniete mich vor mein DVD-Regal unter dem Fernseher und suchte drei Filme aus: Mein Nachbar Totoro, Das Dschungelbuch, und Yamada-kun.
„Dschungelbuch“, antwortete Tsu knapp, als ich ihm meine Auswahl vorlegte. Er griff sich eine meiner Fleecedecken vom Sofa und legte sie sich um.
„Frierst du?“, fragte ich.
„Nee, alles gut. Ist nur gemütlicher so.“
Ich legte den Film ein und setzte mich dann neben Tsuzuku auf die Couch. Er nahm sich die Schüssel mit den Snacks und griff eine Handvoll heraus. Kurz war ich unsicher, ob es ihm gut ging, weil ihn essen zu sehen immer eine gewisse Besorgnis mit dabei hatte, aber er wirkte so entspannt, dass ich diesen Gedanken vorbeiziehen ließ.
An den Stellen, wo im Film gesungen wurde, sang oder summte er mit, und er lachte viel.
Zwischendrin, als der Film fast durch war, blinkte sein Handy und er sah nach.
„Was von Meto?“, fragte ich.
„Japp. Er fragt, wann ich nach Hause komme.“ Tsu lachte. „Liest sich so, als hätte er Lust auf mich.“
„Na dann, lass ihn mal nicht warten“, sagte ich.
„Ja … Wobei … Wenn ich ihn ein bisschen warten lasse, wird er in der Zeit so geil werden, dass es ihn richtig wild macht …“
„Stehste drauf, ne?“
„Ja klar. Ich mag meinen wilden, geilen Meto.“ Tsuzuku lachte wieder und seine Augen leuchteten, es war sehr deutlich zu sehen, wie sehr er das mochte.
Ich lachte mit. „Ihr seid echt ein tolles Paar, kann man nicht anders sagen.“
„Ich bin auch ein bisschen stolz auf ihn. Er ist so frei geworden, und ich hab ihm dabei geholfen, ich durfte ihm das beibringen und das macht mich echt richtig glücklich.“ Er schwieg einen Moment, blickte dabei hoch an die Decke und sagte dann: „Ist für mich eben auch in der Form wichtig, dass ich darin einen Sinn für mich sehen kann. Wenn es mein Job im Leben ist, Metos Mann zu sein, und dass ich das darüber tun kann, dann fühle ich mich ein bisschen … weniger leer. Und Sex ist nun mal etwas, was ich einfach … gut kann.“
„So als Mittel dafür?“
„Ja. Ich kann sonst nicht viel, zumindest nichts, womit ich mich so identifizieren kann … Dr. Niimura hat mich mal gefragt, ob ich weiß, wie ich bin, und mir fiel eigentlich nur das ein, das Sexuelle und so … Das ist halt das, wo ich weiß, dass ich gut darin bin. Ich meine, tätowieren kann ich auch, und Schreiben und so was, aber das ist mir nicht so präsent. Wenn ich mich selbst innerlich anschaue und versuche, das zu sehen, was ich gut kann, dann ist Sex das Erste, was mir einfällt.“
„Denkst du, du hast … viel Trieb oder so?“
„Weiß nicht. Ich hab nur einfach Freude daran, gerade auch weil Meto so unfassbar süß ist, wenn er sich mir öffnet. Das ist so ziemlich das Schönste, was ich je erlebt habe.“
Wie Tsuzuku das sagte … Es rührte mich irgendwie, vielleicht weil ich die Intensität, mit der er sprach, als sein Gegenüber auch mit spürte. Ihn einfach so als „sehr sexuellen Menschen“ zu beschreiben, war nur die Spitze des Eisbergs, denn darunter befand sich eine solche emotionale Intensität, so viel Gefühl und Tiefe … Die Art, wie er über sich und seine Gefühle und über Meto sprach, war so intensiv, dass einem beinahe schwindlig werden konnte, auch schon wenn man die beiden als Freund von außen beobachtete.
Ich musste gar nicht wissen, was die beiden miteinander machten, ich konnte es mir so schon vorstellen. Wobei ich doch einige Details kannte, weil Tsuzuku mir als seinem besten Freund gern so etwas erzählte. Und das wunderte mich nicht mal mehr, war Sex ja eben einfach etwas, das er sehr liebte, und deshalb natürlich das Bedürfnis hatte, darüber auch zu reden.
Der Film war inzwischen fertig und Tsu stand auf, ich brachte ihn noch zur Tür, wo er seine Schuhe anzog und dabei tatsächlich sagte: „Huh, jetzt hats mich auch ein bisschen heiß gemacht …“
Ich musste lachen. „Schaffst du’s so nach Hause?“
„Ja, alles gut, Ko.“
„Dann wünsch ich euch mal … viel Spaß und so … Und grüß Meto mal von mir.“
„Alles klar.“
Als ich die Tür wieder schloss und zurück in mein Wohnzimmer ging, spürte ich, dass die Intensität des Gesprächs mit Tsuzuku auch an mir nicht spurlos vorbeigegangen war.
Mein Handy lag auf dem Tischchen vor dem Sofa und ich nahm es, wählte Line an und sah nach, ob Mikan online war. War sie nicht, aber sie hatte ein neues Profilbild eingestellt, das ich sehr hübsch fand.
Ich ging in die Suchmaschine und fing an, nach einer bestimmten Art von gefühlvollem Pärchenporno zu suchen, wurde auch fündig und nahm mein Handy mit ins Schlafzimmer, wo ich mich auszog und aufs Bett fallen ließ.
Was mich jetzt so erregt hatte, war vor allem die Romantik und Liebe, diese unglaubliche Intensität, die ich bei Tsuzuku und Meto beobachten konnte und auf die wohl jeder, der die beiden näher kannte, neidisch werden konnte. Und in diesem Moment dachte ich auch, es war wirklich vollkommen egal, ob ein Paar homo- oder heterosexuell war, diese Intensität der Gefühle zwischen zwei Menschen konnte einen auch dann sehnsüchtig und geil machen, wenn man selber andersherum orientiert war. Offensichtlich, denn ich war’s. Ich dachte auch an Mikan, stellte mir vor, wie sie das hübsche Kleid, das sie auf ihrem neuen Profilbild trug, vor meinen Augen ganz langsam auszog und mir ihren Körper zeigte, und wie weich und warm sie war …
Vielleicht war es seltsam, dass mein Kopfkino in diesem Moment sowohl aus meiner Freundin bestand, als auch aus Bildern von Tsuzuku und Meto, wie sie miteinander das taten, was Tsu mir ja oft so schamfrei erzählte. Aber ich ließ es einfach laufen, und je näher ich dem Höhepunkt kam, umso mehr war Mikan in meiner Vorstellung, wie sie mich berührte und überallhin küsste …
Ich schloss die Augen, hörte den Porno in meinem Handy auf dem Nachttisch, fühlte meinen Körper und die Vorstellung, dass Mikan jetzt hier war, und bekam ansatzweise Lust auf Dinge, die wir noch nicht zusammen ausprobiert hatten … Vielleicht würde ich sie mal danach fragen …?
Danach blieb ich noch ein bisschen liegen und wäre fast eingeschlafen, wenn nicht auf einmal mein Handy vibriert hätte. Ich schreckte hoch, und tatsächlich war es Mikan, die mich anrief.
„… hallo, Mikan …“
„Koichi? Du hörst dich komisch an, hast du geschlafen?“, fragte sie.
„… ähm, so ähnlich …“
Sie lachte. „So ähnlich? Was denn?“ Und als ich darauf nicht sofort antwortete, traf sie den Nagel auf den Kopf: „Hast du dir auf mich einen runter geholt, oder was?“
„… Erraten.“
Wieder lachte sie. „Nice. Ich nehme das mal als Kompliment.“
„Weshalb rufst du an?“, fragte ich.
„Nur so. Vielleicht, dass wir uns morgen oder so mal sehen, heute warst du ja mit Tsuzuku unterwegs.“
„Können wir. Morgen Nachmittag, so bei vier?“
„Okay. Soll ich dich dann von der Arbeit abholen?“
„Kannst du.“
„Dann machen wir das so.“ Sie lachte, dann sagte sie: „Gute Nacht, Koi, und träum schön von mir.“
Ich ging dann rüber ins Badezimmer und ließ mir ein Bad ein, mit einer duftenden Badesalzkugel und dazu passenden Badeöl. Ausgezogen war ich schon, ich musste nur noch mein Haar zusammenbinden und legte mich dann in das fluffige weiße Schaumbad.
Mein Handy lag dann neben mir auf dem Regal und ich nahm es in die Hand, machte ein Foto von meinen bunt lackierten Zehennägeln, wie sie aus dem Schaum herausschauten, und dem Tattoo auf meinem Fußrücken. Spontan, so aus Spaß an der Freude, schickte ich das Foto an Tsuzuku.
Es dauerte etwa eine Viertelstunde, da kam von ihm tatsächlich eine Antwort: Ein Foto von ihm und Meto vor dem Spiegel in ihrem Badezimmer, beide mit freiem Oberkörper und nassen Haaren. Die beiden kamen wohl gerade auch aus der Dusche.
Ich musste lachen und schrieb dann: „Hrrrhrrr, da kann man ja nur schnurren …“
„Ko, du bist hetero“, schrieb Tsu zurück.
„Ihr seid trotzdem süß.“
Woraufhin Tsuzuku mich dann tatsächlich per Videocall anrief, und ich ihn und Meto live sehen konnte.
„Und?“, fragte ich lachend, „War’s schön?“
Tsu lachte ebenso. „Ja.“
Ich sah, wie sich ein wenig Röte in Metos Gesicht schlich, aber er lächelte und sagte mit fester Stimme: „Ist immer schön.“
Tsuzuku legte seinen Arm um ihn und fing an, an Metos Hals zu knabbern, und ich dachte zwar kurz so was wie „Mach das Video aus, Tsu“, aber irgendwie war es auch schön, zu sehen, wie lieb und zärtlich die beiden zueinander waren, und sich mir genau so zeigten.
„Ich hab euch lieb, wisst ihr das?“, sagte Tsu dann. „Euch alle beide.“
„Ich lieb dich auch, Herzchen“, antwortete Meto, sah ihn an und küsste ihn auf den Mund.
Und ich war so gerührt, dass es mir fast ein wenig die Stimme verschlug. Die Intensität, mit der Tsuzuku so etwas sagte, konnte einen wirklich schwindlig werden lassen. Und ich war mir sicher, dass er das wusste und genauso empfand.
Nur einen Moment später blitzte wieder der Schalk in seinen Augen, er grinste, lachte, und sagte dann folgendes: „So, Koichi, jetzt bist du dran, komm mal mehr raus aus dem Schaum.“
Ich musste ebenso lachen. „Was wird das?!“
„Gleicher Spaß für alle, wir wollen dich auch mal sehen.“
„Und wenn ich das für Mikan reserviert habe?“, fragte ich dagegen, musste aber lachen, weshalb meine Gegenwehr vermutlich nicht sonderlich ernst rüberkam.
„Wir sind in der Herrenumkleide nach dem Sport, Ko.“ Tsuzuku kicherte, er hatte sichtlich Spaß daran, die Situation traf exakt seinen Humor.
„Ich zieh vor euch jetzt nicht blank“, erwiderte ich, musste aber dennoch lachen.
„Das hat auch keiner gesagt. Du sollst nur ein bisschen raus aus dem Schaum.“
Ich setzte mich in der Wanne ein wenig aufrechter hin. „Reicht so?“
„Perfekt. Und jetzt machen wir ein Foto für Mikan.“
Meto stand daneben, hatte ordentlich rote Wangen und schien nicht so recht zu wissen, was er sagen sollte.
Es klickte, Tsu hatte einen Screenshot gemacht, und Sekunden später kam der dann über den Chat bei mir an. Ich musste noch mehr lachen, die Situation war bei aller Schrägheit auch irgendwie echt lustig und außerdem sah ich auf dem Foto ziemlich gut getroffen aus.
„Schick das Mikan und erzähl mir dann, was sie gesagt hat“, sagte Tsuzuku.
„Mach ich nachher“, versprach ich.
Ich dachte daran, dass der Tag heute irgendwie immer wieder so … ja, sehr sexuelle Momente gehabt hatte, und mir fiel schon auch auf, dass vieles davon in der einen oder anderen Art und Weise auf Tsuzukus Konto ging.
Er sagte das ja selbst immer wieder, Sex war ein Thema, wo es ihm leicht fiel, locker und offen zu sein, und von daher war es im Grunde nur logisch, dass auch sein Humor diese gewisse Schlüpfrigkeit hatte. Wenn ich so darüber nachdachte … es war fast schon unmöglich, Tsuzuku zu beschreiben, ohne dass man auch an seine Sexualität kam. Schon wie er aussah, wie er sich zeigte und zurecht machte, wie er redete und sich bewegte … Man kam ja nicht umhin, Meto ein bisschen zu beneiden, weil er diese Lust tagtäglich um sich hatte und erleben durfte.
„So, und jetzt ziehen wir uns an und Ko darf in Ruhe weiter baden“, unterbrach Meto meine Gedanken.
„Keine zweite Runde?“, fragte Tsu.
„Willst du?“
„Jaah …“
Meto lachte, nahm Tsus Gesicht in seine Hände und küsste ihn. „Okay.“
Dann wurde das Video abgebrochen, ich legte mein Handy beiseite und dachte nur: „Die beiden sind ja auch frisch verheiratet.“
[Tsuzuku] Act 10: Something alive
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
[Meto] Act 11: Shall we dance?
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
[Koichi] Act 12: Understanding Pain
An dem Abend, den Tsuzuku und Meto mit dem Bekannten, den Tsu über das Tattoo-Studio kennen gelernt hatte, auf der Strandparty waren, saß ich dann wirklich noch bis spät in die Nacht mit den Unterlagen im Café.
Es war eigentlich sogar ganz gut, das Café war in einer ruhigeren Gegend gelegen und ich hatte genug Zeit, um die Unterlagen zum Abgeben fertig zu machen. Zwar ärgerte es mich schon ein wenig, dass Satchan es nicht selbst erledigt hatte, aber ich war bereit, das jetzt durch zu arbeiten.
Als ich schon fast fertig war, hörte ich die Glocke der Eingangstür und dachte erst, Satchan sei noch mal gekommen. Aber es war Mikan, mit einer Tüte vom nächstgelegenen Fastfood-Store in der Hand. Ich hatte nicht abgeschlossen.
„Ko? Bist noch da?“
Ich stand vom Schreibtisch auf und kam ihr entgegen.
„Ich dachte, du brauchst vielleicht Nervennahrung“, sagte sie und grinste.
„Danke, Babe.“ Ich umarmte und küsste sie.
„Na, hat Satsuki dir wieder alle Schreibarbeit aufgebrummt?“
„Ja … Sie geht zum Fujoshi-Stammtisch und morgen muss das hier fertig sein.“
„Madame hat ja keine hohe Arbeitsmoral …“, bemerkte Mikan mit einem Blick auf den Schreibtisch.
„Kann man wohl sagen …“, antwortete ich. „Aber ist okay. So hab ich meine Ruhe.“
„Was machen Tsuzuku und Meto denn heute? Meto könnte dir doch sonst helfen …“
„Die sind schon verabredet. Tsu hat übers Studio jemanden kennen gelernt, der ne Portion Szene gebrauchen kann, deshalb sind sie mit dem zum Tanzen aus. Der hat wohl auch Probleme, und Tsuzuku kümmert sich um ihn.“
„Das ist ja schön, oder? Also, dass er jemand anderem hilft.“
Ich nickte. „Ja, ich glaub auch es tut ihm gut. Einfach auch Leute zu kennen, die ähnlich ticken wie er, auch mit solchen Problemen … Hitomi ist ja auch so.“
„Ich wusste auch gar nicht, dass es doch so viele gibt mit dieser Diagnose, aber bei mir im Fashion-Zirkel war letztens auch eine, wo man beim Umziehen solche Narben gesehen hat …“, sagte Mikan.
„Man zeigt das ja auch nicht gern. Ist ja schon ziemlich persönlich und intim, und viele Leute verstehen ja auch einfach nicht, warum manche so etwas tun … sich selbst verletzen …“
„Ich weiß das auch nicht … Also, warum Tsu oder so jemand das macht … Hat es mit Gefühlen zu tun? Ich glaube jedenfalls nicht, dass es um Aufmerksamkeit geht, sonst würden die Leute es ja nicht beschämt verstecken, oder?“, fragte Mikan.
„Glaub ich auch nicht. Tsuzuku hat es mir mal so beschrieben, dass es darum geht, dass er oft eine extreme Intensität von innerem Schmerz erlebt. Dass es sich für ihn so anfühlt, als ob es ihn innerlich zerreißt, wenn er es nicht durchs Verletzen rauslassen kann. Und dass es auch sehr viel mit Selbsthass zu tun hat, mit Sich-selbst-kaputtmachen …“
„Das ist so schwer zu verstehen …“, sagte Mikan leise. „Er ist doch … ich meine, er sieht so gut aus und ist auch so ein lieber Mensch, wie er mit Meto umgeht und so, warum hasst er sich selbst dann so sehr?“
„Ich denke mal, das hat mit seiner Kindheit zu tun … Ich weiß aber nicht, ob es okay für ihn wäre, dass ich dir das erzähle …“
„Musst du auch nicht, Koichi. Aber ist da was vorgefallen?“
„Direkt nur eine Sache nicht, denke ich. Oft sind es einfach so dauerhafte Bedingungen, ganz viele kleine Wunden, so ist es wohl oft bei Borderline und ich schätze mal, bei Tsu war es auch so. Und dadurch chronifiziert sich das dann, ich hab oft das Gefühl, dass er es auch gar nicht anders kennt. Habe mal gelesen, dass viele Menschen mit Borderline sich nie anders als so erlebt haben, also auch als Kinder schon in die Richtung tendierten.“
„Also ist es auch so eine Art von Hochsensibilität?“
„Vielleicht, ja. Auf jeden Fall erlebt man damit ja auch alles intensiver, und dieses Erleben ist wohl auch das, was ihn von den sogenannten Normalen dann so unterscheidet. Für uns sind Gefühle meistens ein ruhiger Fluss im flachen Land, aber für Tsuzuku sind sie immer ein reißender Gebirgsstrom zur Schneeschmelze.“
„Das ist ein gutes Bild.“ Mikan lächelte leicht. „Passt auch zu dem, wie er sonst so ist. Alles an ihm wirkt so, intensiv und stark und … na ja, manchmal dramatisch. Aber wenn man es so betrachtet, man so weiß wie er alles erlebt, dann ergibt das wirklich Sinn.“
„Eigentlich ist es ziemlich logisch, oder?“
Mikan nickte. „Ich hab am Anfang gedacht, er steht einfach drauf, so auszusehen und laut und auffällig zu sein … Aber das ist gar nicht so direkt so, oder?“
„Er muss sich so ausdrücken, wie er innerlich ist, so wie er das Leben erlebt. Das ist lebensnotwendig für ihn. Ich glaube, wenn er sich verstecken müsste, würde es ihm noch viel, viel schlechter gehen. Das wäre wie ein Luftballon, den man unter Wasser drückt. Ihm geht es nicht ums Auffallen, er versucht nur, sich auszudrücken.“
Mikan blickte aus dem dunklen Fenster, dann sagte sie: „Manchmal erinnert er mich sehr an Amy Winehouse und so …“
„Ja, das passt genau“, sagte ich. „Die hatte vermutlich auch dasselbe Problem.“
„Meinst du?“
„Es deutet vieles drauf hin.“
Wir setzten uns dann und aßen, was Mikan mitgebracht hatte, und ich arbeitete währenddessen an den Unterlagen weiter. Als wir mit Essen fertig waren, hatte ich auch die Arbeit komplett, und wir gingen dann gemeinsam raus, ich schloss ab und wir nahmen die Bahn zu mir nach Hause.
In der Bahn schlief ich fast ein, und so hatten wir, als wir dann bei mir zu Hause ankamen, dann keinen Sex mehr an diesem Abend. Mikan blieb trotzdem über Nacht, schlief auch mit in meinem Bett, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie schon Frühstück gemacht.
„Warst du beim Bäcker?“, fragte ich, als ich in die Küche kam und Croissants und Brötchen sah.
„Ja, ich dachte, wir frühstücken mal schön zusammen.“ Sie kam auf mich zu und küsste mich, es schmeckte nach Marmelade.
Wir machten uns also einen ganz entspannten Morgen, frühstückten lange und weil meine Schicht im Café heute erst mittags losging, hatten wir auch noch Zeit für einen Spaziergang im Park.
Wir kamen an eine Stelle mit riesigen Hortensien, und Mikan machte ein Foto von mir mit einem rosa blühenden Hortensienbusch, der fast so hoch war wie ein Baum.
„Du bist Ton in Ton mit den Blüten“, sagte sie. „Ich bin wohl die einzige Frau hier in der Stadt, die einen Mann hat, dessen Rosa die Hortensien übertrifft.“
„Eigentlich sind die ja auch blau“, sagte ich. „Manche ändern dann übers Jahr die Farbe.“
Wir kamen an einem Park vorbei, wo viele junge Leute in erkennbarer Szenekleidung auf Picknickdecken saßen. Und das erinnerte mich irgendwie an den Akutagawa-Park in der anderen Stadt, den Ort, wo Tsuzuku obdachlos gelebt hatte, als ich ihn kennen gelernt hatte. Und wie schlecht es ihm da sowohl äußerlich, als auch innerlich gegangen war.
Jetzt ging es ihm physisch besser, er hatte wieder eine Wohnung und sogar Meto zum Ehemann, der ihn liebte und den er liebte.
Doch das hatte sein seelisches Erleben natürlich nicht einfach so verändern können. Wie auch, wenn diese vielen schweren Gefühle über sein ganzes Leben von früh an entstanden waren, weil vielleicht sogar seine Mutter, die ihn allein großgezogen hatte, auch so gewesen war, was er ja vermutete und mir schon erzählt hatte.
Mikan sah mir meine Gedanken an und fragte: „Denkst du über Tsu nach?“
Ich nickte. „Mhm …“
„Im Vergleich zu vor nem Jahr geht es ihm ja schon viel besser“, antwortete sie. „Und er ist doch auch in Behandlung jetzt, oder?“
„Ja, bei einem Arzt in der Klinik.“
„Nimmt er auch Medikamente?“
„Nur ab und zu, wenn er es braucht, so ein Beruhigungsmittel …“
Mikan sah zu den bunt gekleideten Leuten in dem Park hinüber, dann sagte sie: „Eine gute Seite hat es ja: Jeder, der ihn kennen lernt, denkt dadurch mehr über seelische Gesundheit nach. Ich hab vorher nie verstanden, warum sich jemand zum Beispiel selbst verletzt. Aber jetzt weiß ich es, und auch wenn das ganz schön dunkle Abgründe sind, ist es gut, wenn man es verstehen lernt. Und gerade Tsuzuku … ich meine, weil er so ausdrucksstark ist und man ihn irgendwie einfach mag … Er ist schon wirklich auch eine faszinierende Person, und dann will man es auch verstehen, weil man ihn eben toll findet.“
„Ja, das stimmt. Man mag ihn irgendwie einfach gern.“
Kurz vor Mittag verabschiedete sich Mikan, sie hatte noch eine andere Verabredung und ich machte mich langsam auf den Weg zu meiner Schicht im Café. Ich ging dieses Mal, weil ich gut Zeit hatte, zu Fuß, und kam an einer Bibliothek vorbei.
Diese fiel mir auf, weil in ihrem Schaufenster ein englischsprachiges Buch mit dem Titel: „Mental Health: An anglo-japanese Translation for Treatment of Emotional Conditions“ ausgestellt war.
Was für ein cooler Zufall, nachdem ich ja heute mit Mikan genau darüber gesprochen hatte! Und vielleicht war dieses Buch auch für Tsuzuku interessant?
Ich ging sofort rein und fragte nach dem Buch. Mein Englisch hielt ich für gut genug, um so ein Buch zu verstehen. Ich hatte noch keine Karte von dieser Bibliothek, aber dieses Buch war es definitiv wert, eine zu kaufen, und so tat ich das und lieh das Buch für drei Wochen aus.
Für den Rest der Strecke zum Café nahm ich dann die Bahn und fing direkt an zu lesen.
Zuerst ging es in der Einleitung vor allem um die Unterschiede zwischen westlicher und japanischer Mentalität in Bezug auf das Zeigen verschiedener Emotionen. Aber nicht nur aus der westlichen Perspektive, sondern auch aus der Sicht des japanischen Co-Autors des Buches. Es war wirklich eine Art Kulturübersetzung, in der sich beide Kulturen trafen und die englische Autorin genau so viel Platz einnahm wie der japanische Autor. Beide waren psychologisch ausgebildet und teilten sowohl ihr Fachwissen, als auch jeweils ihre kulturelle Hintergründe mit. Das Buch war überwiegend auf Englisch verfasst, doch tatsächlich enthielt es auch einige Passagen japanischen Texts, immer dort, wo das Ausdrücken in beiden Sprachen von Bedeutung war.
Als ich das Inhaltsverzeichnis überflog, fand ich tatsächlich ein Kapitel über die Fashionszene und Visual Kei, und ich blätterte vor, las dieses Kapitel als Nächstes. Und es wurde genau das beschrieben, was wir, sowohl ich, als auch Tsuzuku und Meto, auch so erlebten:
Die Behandlung dunkler Themen und seelischen Leids in der Musik und Ausdrucksweisen unserer Szene stellten auch der Ansicht des Autors eine Besonderheit in Japan dar, sowohl der westlichen Wahrnehmung gegenüber, als auch darin, dass sich Menschen mit emotionalen Problemen, die in unserem „Land des Lächelns“ sonst wenig Raum hatten, dort zeigen und sogar für ihr Ausdrücken dieses Leids gefeiert wurden. Weil sie einfach Dinge zeigten und aussprachen, die sonst im japanischen Alltag nicht vorkamen.
Das Buch war in einer Weise geschrieben, die weder die eine, noch die andere Seite, weder das Lächeln, noch das Zeigen seelischen Leids, abwertete. Selbst die englischsprachige Autorin beschrieb ihr Erleben Japans nicht mit dem wertenden westlichen Blick, sondern ganz offen und validierend. Es war wirklich ein Buch, das Verständnis beider Seiten zu schaffen versuchte.
Ich beschloss, Tsuzuku das Buch bei einem nächsten Treffen mitzubringen und es ihm zu zeigen.
Als ich am Café ankam, war Meto schon da und auch die anderen Kollegen. Es war gerade zwar wenig los, aber ich beeilte mich dennoch, mich umzuziehen und dann direkt einzusteigen. Meto erzählte mir, dass Satchan die Ordner heute früh mitgenommen hatte, um sie bei der Buchhaltung vorbei zu bringen, und richtete mir von ihr auch Dank aus, weil ich die Unterlagen ja gestern noch durchgeackert hatte.
„Wie war die Party?“, fragte ich Meto.
„Hälfte okay, Hälfte schwer“, antwortete er. „Yasu hat zu viel getrunken. Er ist dann noch mit zu uns gekommen, über Nacht geblieben, und Tsuzuku hat ihn heute Morgen nach Hause begleitet.“
„Aber Tsu ist okay?“
„Ja, ihm geht’s gut. Ich glaube … vielleicht ist er sogar ein bisschen happy. Weil er Yasu halt helfen kann …“
„Das ist schön“, sagte ich. „Sich gebraucht fühlen tut ihm sicher gut, oder?“
Meto nickte. „Denk ich auch.“
Es war ein ziemlich normaler Arbeitstag, und in der Pause gegen vier, als Meto und ich im Hinterhof standen und uns eine Zigarette teilten, zeigte ich ihm das Buch, das ich entdeckt hatte.
„… ich dachte, so ein Buch ist für Tsuzuku sicher auch interessant, oder?“
„Sicher. Gerade auch der Teil mit Visual Kei, weil er das auch so empfindet. Deswegen waren wir ja mit Yasu auf dieser Party“, antwortete Meto. „Und, ja klar, es ist auch viel Show. Aber es ist eben eine Art von Show, die seelisches Leid thematisiert und sichtbar macht. Jedenfalls sichtbarer, als wenn ein Yasu bei seiner Arbeit im Büro sitzt und niemand dort jemals sehen darf, dass er sich selbst verletzt hat. Da fühlt man sich von einem Diru-Kyo, der auf der Bühne Kunstblut spuckt, doch eher mal gesehen oder so …“
Ich musste ein bisschen lachen. Aber es stimmte sicher. So, wie ich Tsuzuku kannte, konnte ich mir das sehr gut vorstellen. Er mochte Kyo jedenfalls, das wusste ich.
Nach der Pause hatte ich die Schicht hinter der Kuchentheke, während Meto mit einem anderen Kollegen zusammen den Cream Soda Service machte.
Und dann, eine Stunde vor unserem Feierabend, tauchte Tsuzuku auf, er hatte wohl schon eher Schluss im Studio gehabt.
Meto war gerade mit einer Gruppe Mädchen beschäftigt, also kam Tsu zuerst zu mir.
„Magst du nen Kaffee oder so?“, fragte ich ihn.
„Espresso schwarz mit einmal Süßstoff“, antwortete er.
„Alles klar.“ Und während ich den Kaffee machte, beobachtete Tsu, wie sein Liebster mit einem blauen Cream Soda für ein Foto posierte.
„Er liebt das“, sagte ich.
„Das sehe ich.“ Tsuzukus Blick wurde ganz sanft und liebevoll, wie er da zu Meto hinüber schaute.
„Du hast ihm sehr viel geholfen, aus sich heraus zu kommen“, sagte ich.
Tsuzuku lächelte leicht. „Weiß ich …“
„Meto!“, rief ich, „Du hast Besuch!“
Meto wandte sich um, sah Tsu und lächelte sofort sein breitestes Meto-Lächeln.
Die Mädchen folgten seinem Blick und entdeckten Tsuzuku, und wie auf Knopfdruck konnte man sehen, dass sie sich quasi in Fujoshis verwandelten, die Tsuzuku ansahen wie einen Mensch gewordenen Pillow Character aus irgendeinem Yaoi-Anime.
Tsuzuku grinste zurück und es war spürbar, dass er diese Show genoss.
Meto stellte das Soda ab und kam zu Tsu und mir rüber. Schon ihr kurzer Begrüßungskuss wurde gefeiert und beklatscht.
„Ruhig, Mädels …!“, rief ich dazwischen.
„Lass nur, Koichi, ist okay“, lachte Tsuzuku und küsste Meto wieder. Und als ich ihn etwas skeptisch anschaute, flüsterte er mir noch zu: „Mir geht’s gut, ich mag das gerade.“
Der Rest der Öffnungszeit des Cafés bestand dann mehr oder weniger aus einer Pärchen-Bewunderungsshow. Tsuzuku setzte sich und trank seinen Espresso, und Meto hatte nichts weiter zu tun als neben ihm oder auf seinem Schoß zu sitzen und süß auszusehen. Die Mädels saßen drum herum und stellten Tsu auch einiges an Fragen, die er je nach Thematik entweder ganz offen oder mit einem geheimnisvollen Lächeln und Schweigen beantwortete. Zu jeder Frage nach Bettaktivitäten schwieg er sich zunächst aus, vor allem wohl, weil er wusste, dass das hier ja Metos Arbeitsstelle war und diesem darum unangenehm.
„Nee, Tsu, jetzt sag mal, wie geht das?“, fragte eins der Mädchen nach.
„Ein Gentleman genießt und schweigt“, erwiderte er. „Ihr habt eure Mangas, da könnt ihr genug lesen.“
„Du bist doch sicher der Seme, oder?“
Tsuzuku wandte sich zu mir um: „Ko? Was war noch gleich ein Seme?“, fragte er laut.
„Der Top im Bett“, antwortete ich.
Und Tsuzuku fing laut an zu lachen. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass es dafür echt ein extra Wort gibt!“
„Ja, natürlich. Muss man doch wissen, wer da wer ist“, antwortete das Mädchen, das gefragt hatte.
„Nope“, lachte Tsu und legte seinen Arm um Meto. „Muss man nicht.“
„Wie? Muss man nicht?“
Tsuzuku lachte immer noch. „Nein. Der ganze Spaß fängt doch erst an, wenn Meto seine Ausstattung auch benutzt.“
Meto wurde rot, Tsu bemerkte das sofort und zog ihn näher zu sich, flüsterte ihm etwas ins Ohr.
„Seid ihr Reversibles?“
„Wenn das heißt, dass wir tauschen, dann ja“, antwortete Tsu.
„Aber … Meto-chan ist doch so süß …! Und du bist so ein toller Seme …“
„Wenn ihr wüsstet, was dieser süße Meto noch so drauf hat … Come on, Mädels, unterschätzt ihn bitte nicht, nur weil er hier gerne Kleidchen trägt. Er ist ein ganzer Kerl, und ich auch.“
„In den Geschichten gibt’s das nie …“
„Dann sind die ja ordentlich langweilig. Ich hatte eigentlich nicht vor, hier unser Bettleben auszubreiten, aber das muss ich jetzt mal aufklären: Man hat als Männerpaar nun mal die beidseitigen Möglichkeiten, also nutzt man die auch, einfach weil Gegenseitigkeit schön ist. Es ist doch schön, dass er mit mir dasselbe machen kann wie ich mit ihm. Und ich steh so gar nicht auf Machtgefälle, und noch weniger auf Rollenklischees. Punkt.“
„Aber der Seme will doch nicht, dass der Uke ihn …?“
„Dann bin ich kein ‚Seme‘. Ich kannte das Wort bis dato nicht mal. Und ich bin auch wirklich gar nicht so dominant, wie ich vielleicht aussehe.“ Für eine Sekunde sah ich in Tsuzukus Gesicht eine Spiegelung seiner Verletzlichkeit. Ich wusste, er dachte an seine Erkrankung. „Also lasst diese Klischees mal bitte sein. Die sind uncool und haben wenig mit Liebe zu tun.“
Das Mädchen, das gefragt hatte, musste diese offenherzigen Antworten erst mal verarbeiten, sie war knallrot geworden und traute sich kaum mehr, Meto anzuschauen.
Es war dann auch bald Zeit für den Feierabend und die Mädchen gingen, ich räumte noch auf und nahm Meto diese Arbeit ab, damit er und Tsu schon nach Hause gehen konnten.
Ich dachte noch eine Weile über die Gespräche nach. Irgendwann hatte ich auch selber mal so ein Manga gelesen, wo es um Männerpärchen ging, und ich hatte festgestellt, dass sich der Inhalt doch deutlich von dem unterschied, was Tsuzuku mir so erzählte. Er sprach ja bei mir auch einfach gern über Sex, und so wusste ich genug, um dann festzustellen, dass das, was diese Mädchen glaubten, aus ihren Manga gelernt zu haben, doch sehr starr und klischeehaft war.
Es gab immer einen eher dunkel wirkenden und sehr dominanten „Seme“ und einen sehr süßen, femininen und devoten „Uke“, und diese beiden Worte, die eigentlich aus dem Kontext von Kampfsport kamen, legten sehr genau fest, wer welche Rolle erfüllte. „Reversibles“ kamen nur sehr selten vor und wenn, dann gab es vor der betreffenden erotischen Szenerie einen Hinweis, dass es „unangenehm zu lesen“ sein könnte.
Tsuzuku wirkte durch seine dunklen Looks und dadurch, dass er älter war als Meto, auf die Mädels wie ein Seme, und Meto als der, der süße Kleidchen mochte, wie ein Uke, und so hatten sie die beiden einfach in diese Muster eingeordnet.
Als Tsu gesagt hatte, er sei gar nicht so dominant, wie er aussah, hatte ich mich an etwas erinnert, was er mir mal erzählt hatte: Dass er es liebte, sich von Meto versorgen zu lassen, sich ihm mit Körper und Herz völlig hinzugeben und eben nicht mehr dominant zu sein, nur weil er der Ältere war.
Und ich fand sogar, dass das zu dem, wie ich ihn kannte, viel besser passte als die Seme-Rolle, die das Publikum hier in ihm sah. Er war vielleicht sogar bedürftiger als Meto, und in mancher Hinsicht sicherlich fragiler.
Ich als Freund der beiden und Zuschauer ihrer Präsenz fand das im Grunde viel schöner als solche Rollenklischees. Es machte es doch schon irgendwie interessanter, dass Tsuzuku optisch so und seelisch ganz anders war, und Meto ebenso, und dass die beiden so zusammen passten.
Auf dem Heimweg las ich in der Bahn in dem Buch weiter, und dabei kam mir noch ein Gedanke: Diese Aufteilung in Seme und Uke, die zugleich von Lust und Interesse an Homosexualität, aber auch sehr von Scham und festen Vorstellungen des menschlichen Bettlebens zeugte, war einfach auch etwas sehr Japanisches. Etwas, wegen dessen wir als Japaner von anderen Kulturen als verklemmt und schamhaft angesehen wurden.
Laut diesem Buch hatte das mit dem Meiji-Tenno zu tun, weil der Sorge gehabt hatte, dass das freie Liebesleben Japans vor dem Kontakt mit England, auf die Briten einen unanständigen Eindruck machen könnte. Deshalb hatte er es dann eingeschränkt.
Weil aber Sexualität nun mal dazu neigte, dann an anderer Stelle durchzukommen, war diese Welt der Hentai-Literatur entstanden, wo auch die Boys Love Manga herkamen. Aber durch diese Scham waren auch die eben nicht völlig frei, sondern hatten eben diese Muster und Klischees in sich, die mit dem realen Leben und Bettverhalten wirklicher Männerpärchen nicht viel zu tun hatten.
Als ich zu Hause ankam, war ich noch sehr in Gedanken, beschloss aber, das Buch erst mal wegzulegen und ein Bad zu nehmen. Ich nahm mein Handy mit ins Bad, um ein bisschen Musik zu hören, ließ mir ein rosa Schaumbad ein, zog mich aus und stieg in die Wanne. Das Wasser war nicht zu warm, bei den sommerlichen Temperaturen fand ich das angenehmer als wenn es ganz heiß gewesen wäre. Mein Badezusatz duftete nach Yuzu und Zuckerwatte, es war eine neue Sorte, die gut zu einem kühlen Bad passte.
Nach einer Viertelstunde klingelte auf einmal mein Handy, ich schrak zusammen und fast wäre mir das Handy ins Wasser gefallen, ich hielt es nur gerade so fest. Ich setzte mich in der Wanne aufrecht hin, erkannte den Namen auf dem Display und es war schon irgendwo bemerkenswert, dass ich sofort Sorge spürte, denn es war Tsuzuku, der mich anrief. Ich hob ab und fragte: „Tsu? Alles gut?“
Es dauerte einen Moment, bis er antwortete, und ich kannte diese Stille.
„Ko? Ich … Meto schläft schon … und ich …“, flüsterte er schließlich.
„Was ist los?“, fragte ich, stellte den Lautsprecher ein und stand auf, um mich abzutrocknen.
„Ich … weiß es selber nicht …“, sagte Tsuzuku ganz leise. „Vorhin war alles gut, aber jetzt …“
„Hat irgendwie was etwas bei dir ausgelöst?“
„Weiß nicht … Vielleicht.“
„Was denkst du denn?“, fragte ich.
„Zu viel.“ Tsu lachte ironisch, man hörte den Schmerz in seiner Stimme.
„Nee, wirklich: Was hast du für Gedanken gerade?“, wiederholte ich.
„Die Mädchen. Also … die von früher … die, die meine Freundinnen waren … Ich weiß nicht, woher das gerade kommt, dass diese Erinnerungen … so kommen.“
„Na ja, du hattest heute, vorhin da im Café, ja viele Mädchen um dich.“
„Ich dachte, das wäre was anderes. Auch für mich. Ich dachte, dass es für mich wirklich was anderes und okay ist, weil sie ja nicht mich wollen, sondern wollen, dass ich Meto will. Was ich ja tue, und vorhin war es auch wirklich … es hat sich okay und gut angefühlt.“
„Kam das erst so im Nachhinein?“
„Ja. Auf einmal musste ich so dran denken, dass … na ja, wie ich war, früher. Ich … würde das so gern vergessen. Loswerden, loslassen, jemand anders sein.“
„Wie wärst du denn dann?“
Tsuzuku schwieg eine Weile, dann antwortete er: „Ich weiß es nicht mal. Die einzige Idee, die ich da habe, ist, dass ich … oh Mann, das hört sich immer so schräg und dumm an … na ja, wenn ich sicher wäre, dass ich einfach schwul bin … So wie Meto halt auch. Ich will einfach … nichts mehr mit dem Hetero-Player zu tun haben, der ich … mal war …“ Wieder schwieg er, fuhr dann fort: „Ich hab mich damals, als das mit Meto ganz neu war, gar nicht gefragt, ob ich jetzt schwul bin oder nicht, es war mir wirklich egal. Aber … inzwischen … wünsche ich mir, ich wäre es.“
„So als Identität?“, fragte ich.
Tsuzuku lachte bitter. „Du klingst wie mein Psychiater, Koichi.“ Wieder eine Pause. „Aber wahrscheinlich hast du Recht. Vielleicht ist es wirklich so, vieles was ich so erlebe, ist halt einfach Borderline … Manchmal seh ich das selber ganz klar. Und wahrscheinlich ist dieses diffuse Gefühl, wenn ich es wieder nicht mehr so klar sehe, auch schon wieder selbst ein Symptom …“
„Fällt dir das inzwischen leichter?“
„Manchmal. Es passt so gut, dass es wenig Sinn macht, so zu tun, als hätte mein Erleben nicht dieses Muster und diesen Namen. Hitomi hat mal gesagt, dieses Wort „Borderliner“ sei wie „Diabetiker“, es ist einfach eine chronische Sache, die nicht weg geht, aber auch nicht alles ist.“
„Du bist ja auch mehr als das. Auch wenn du das manchmal nicht sehen kannst.“
„‘Manchmal‘ ist gut … ‚Meistens‘ trifft es eher.“
Ich hatte mich fertig abgetrocknet und ließ das Badewasser ablaufen, nahm das Handy mit ins Schlafzimmer und zog mir Schlafsachen an, Tsu hörte mir zu und sagte wenig.
„Kannst du schlafen oder willst du eine Tablette nehmen?“, fragte ich, als ich meinen Pyjama anhatte.
„Geht schon, glaub ich. Danke, Ko, du hast mir sehr geholfen.“
„Reden ist wichtig …“
„Ja. Sehr. Ich hab immer echt Angst, dass es … in mir platzt, wenn ich nicht reden kann …“ Er klang jetzt auch wirklich deutlich entspannter.
„Geh jetzt zu deinem Schatz von Mann ins Bett, gib ihm einen Kuss und schlaf schön.“
„Mach ich.“
„Und falls doch noch was ist, ruf mich wieder an. Ist heute okay.“
Ich legte mich hin, das Handy auf meinen Nachttisch, aber es kam kein weiterer Anruf mehr. Nur eine Textnachricht mit einem dunklen Foto vom schlafenden Meto und den Worten: „Schau dir diesen Engel an, Ko, ich könnt ihn im Schlaf vernaschen …“
„Gute Nacht, Tsu“, schrieb ich zurück, drehte mich um und war bald eingeschlafen.
[Tsuzuku] Act 13: Heat and Rain
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

