Der erste Versuch
Es war ein Tag wie jeder andere. Heiß und unerträglich. Die Schule bot kurz vor den Sommerferien auch nichts mehr. Sie war einfach nur stink Langweilig.
Besonders für Yukine, eine 13 Jährige Schülerin, die neu an der Schule war. Sie war so froh, dass dieses Jugendgefägnis endlich vorbei war und jeder Schüler mit dem Glockenschlag entfliehen konnte. Zumindest für heute. Endlich Frei, dachte sie sich und hatte vor, sich ein Eis zu gönnen.
Die Schülerin genoss mit einem kurzen strecken die warmen Sonnenstrahlen und lief in Richtung Stadt. Die vielen Hochhäuser boten einen kühlen Schatten und man konnte sich etwas am Brunnen, im Zentrum der Metropole, entspannen.
Dies währte jedoch nicht lang, denn die Wolken bäumten sich zu einem Gewitter auf. Der Wind striff dem rosahaarigen Mädchen durch das schulterlange Haar. Es fühlte sich für sie nicht wie ein natürliches Sommergewitter an. Eher wie der Vorbote einer Bedrohung.
Mit ihren türkisfarbenen Augen blickte Yukine in den Himmel. Die Luft war nicht schwül, dennoch seltsam erdrückend. Auch der Wind zog seine Runden und Kolumnen sahen mehr als seltsam aus.
Waren sie wieder unterwegs? Oder war es doch nur ein normales Gewitter?
Mit dem ersten Donnergrollen suchte sich die Schülerin Sicherheitshalber einen Unterschlupf. Dieser war ein leer stehendes Gebäude, welches vor ein paar Monaten erst verlassen wurde. Alles sah noch neu aus und für viele Obdachlose ein perfekter Ort, um sich bei Regen unterzustellen. Auch wenn es eine ehemalige Schule war.
Heute schien wohl niemand hier zu sein, was diesen Ort noch um einiges gruseliger machte, dachte Yukine sich. Als sie sich unter stellte, blickte sie wieder in die Ferne.
“Ich hoffe es ist wirklich nur ein Unwetter und schnell wieder vorbei“ meinte Yukine und blickte wieder voller Sorge in den Himmel.
Doch wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als Yukine ein dumpfes Geräusch vernahm und sich schreckhaft umdrehte. Im ersten Moment sah sie nichts, aber bemerkte im selben Moment eine Person, die sich durch eine Tür bewegte. Von ihr ging ein leichtes glimmen aus. War es wirklich, ein von den Wesen besessener Mensch? Ein wenig machte ihr es schon angst, da sie diesen noch nie wirklich gegenüber stand. Aber als Bändigerin, war es ihre Pflicht zu helfen. Auch wenn sie eine Anfängerin war, dennoch musste sie vorsichtig sein. Dröm, wie man diese Wesen nannte, konnten sehr gefährlich sein.
Yukine lernte, Dröms waren menschlich aussehende Wesen, welche aus seltsamen, flammenartigem Plasma, golden schimmerten. Ihre bedrohlichen roten Augen waren wie die einer Bestie ohne Seele. Da sie keinen festen Körper besaßen, besetzten sie Menschen um Unheil zu stiften. Keiner wusste warum sie es taten. Wenn ein Dröm länger als einen Tag im Körper eines Menschen verweilte, würde dieser Mensch nach und nach sterben. Um das zu verhindern, gab es die Bändiger, welche die teuflischen Wesen bekämpften und reinigten. So hieß es in der Theorie. Wie aber sah es in der Praxis aus?
Es war ihre erste Begegnung mit einem Dröm, sie wusste auch nicht wirklich, was genau sie tun musste. Egal. Wird schon schief gehen, dachte sich Yukine und rannte hinter her.
Die Schülerin suchte den Dröm und versuchte ihm zu folgen. Das einzige was ihr half, war das stöhnen des Besessenen. Denn Menschen waren in diesem Zustand Willenlos und gaben Zombieartige Laute von sich. Durch die schwarzen Wolken am Himmel, welche die Sonne verdeckten, wirkte das Gebäude recht düster und unheimlich. Yukine entdeckte durch das leichte glimmen, die besessene Person und hechtete dieser sofort nach.
„Bleib stehen!“ rief sie laut, so dass ihre Stimme durch die Räume hallte. Plötzlich stiegen aus dem Nichts, plasmaartige Flammen aus dem Boden, welche sie zurückhalten sollte. Yukine spürte nur, wie etwas von hinten den Kragen ihrer Uniform packte und nach hinten geschleudert wurde und dabei auf ihrem Hintern landete. Gerade als die Kleine sich beschweren wollte, sah sie, wie ein Mann vor ihr stand. Seine Haare schimmerten silbern und der lange schwarze Mantel, mit dem großen Fellkragen, brachte dies noch besser zur Geltung. Von ihm ging ein strahlendes Licht aus, welches die Flammen ohne große Probleme vernichtete.
Wer war dieser Mann? Wo kam er her? War er auch ein Bändiger?
Langsam wandte sich der Unbekannte zu ihr, so dass sie die goldfarbenen Augen gut erkennen konnte.
“Was machst du hier? Das ist kein Spielplatz“ sprach dieser mit einer samtenen, zu gleich angenehmen dunklen Stimme.
„Dröms sind gefährlich und können dich töten. Ihnen nach zu laufen wäre purer Selbstmord“ fügte er in einem ruhigen Ton hinzu.
Fasziniert von diesem Mann, kam sie nach seiner Ansprache wieder zur Besinnung. Mit aufgeblasenen Backen sprang sie auf und sah ihn leicht wütend an.
„Mag sein. Aber ich bin genauso ein Bändiger wie du! Das schaff ich schon!“ widersprach Yukine dem unbekannten jungen Mann und rannte los. Dieser sah ihr nur nach und schloss einfach nur die Augen.
„Die Jugend“ meinte er mit einem kleinen Seufzer und ging dem Mädchen langsam nach. Nicht das sie sich am Feuer verbrannte, mit dem sie hier spielte. Denn das, würde nicht gut enden.
Yukine rannte in die Richtung, in die der Dröm lief und wurde fündig. Es war ein leer stehender Raum, der früher wahrscheinlich ein Klassenraum gewesen sein musste. Die Tische und Stühle wurden wahrscheinlich an eine andere Schule gespendet.
„Hab ich dich!“ rief sie und erhob ihre Hand. In dieser erschien ein Stab, welcher golden strahlte und oben einen rubinroten Stein besaß. Um diesen herum, waren zwei Ringe, die sich längst und quer kreuzten.
Der besessene Mensch war von dem Licht geblendet und griff Yukine an. Doch sie sprang zur Seite und verpasste dem Mann mit dem Stab eine volle Breitseite. Sie wusste, dass Menschen, durch die heilige Magie gleich geheilt wurden. Sie trugen keine Verletzungen davon. Gleichzeitig reinigte sie den Erdenbürger mit dem Stab, welchen den Dröm aus dem Körper fliehen ließ. Doch so leicht machte dieses Wesen ihr das nicht und schlug ihr den Stab aus der Hand. Durch die Wucht ging sie ebenso zu Boden und versuchte ihren Stab zu erreichen, der nicht unweit von ihr lag.
Als Yukine ihn fast erreichte, sah sie ein Licht im Glas einer Tür schimmern, welche vor ihr war. Dabei hatte Yukine ein ungutes Gefühl. Sie spürte wie es ihr die Luft zusammenzog und hörte einen Atem, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Kleine wagte es kaum sich umzudrehen. Dennoch tat sie es und sah, wie der Dröm sich schon über Yukine aufbäumte.
Yukine erstarrte vor Schreck und konnte sich nicht rühren. Ihre Beine versagten und sie konnte nicht aufstehen oder ihren Stab greifen.
Was könnte sie jetzt tun? War alles vorbei?
Gerade als der Dröm angriff, stockte dieser kurz vor ihr. Schmerzerfüllt riss es das Wesen nach hinten und griff sich an den Kopf. Laute Klageschreie waren zu hören, die einer hohen Frequenz eines Greifvogels glichen.
Was hatte er denn auf einmal? Warum hatte es diese Schmerzen?
Die Antwort bemerkte Yukine kurz darauf, als sie wieder den unbekannten Mann sah. Dieser hatte die Hand dem Wesen entgegen gestreckt und hielt in dieser seinen Stab. Er sah wie ihrer aus, nur funkelte er Silber und sein Stein war in einem tiefen Blau getränkt. Am äußeren Ring waren zusätzliche kleine Silberplaketten angebracht, die wahrscheinlich einen höheren Rang andeuteten.
Yukine war verblüfft von diesem Mann. Er schaffte es dem Dröm einhalt zu gebieten, in dem er seinen heiligen Stab auf ihn richtete. Das zeugte von einer unwillkürlichen Stärke, Magie und Reinheit.
“Ich sagte doch, das ist kein Spielplatz!“ sagte der Mann ernst und ging langsam auf den Dröm zu. Dabei legte er den Zeige – und Mittelfinger der anderen Hand sanft an seine Lippen, wie es Ninja taten und konzentrierte seine Kräfte. Man sah wie der Dröm mehr und mehr verkrampfte und sich kaum noch rühren konnte. Der silberne Stab des Bändigers begann zu leuchten und die Magie stieg weiter an. Dies war an der Kleidung des Mannes gut zu erkennen, da diese, wie seine Haare, zu schweben begannen.
„Du unwirkliche Seele! Verschwinde aus dieser Welt!“ rief er und holte seitlich, mit seinem Stab, aus und erschlug den Dröm. Das heilige Licht reinigte ihn und ließ eine kleine Seele empor steigen. Diese hinterließ einen kleinen funkelnden Schauer, der wie Sterne glitzerte.
„Geht’s dir gut?“ fragte er das Yukine, welches nur mit einem nicken gerade antworten konnte.
“Freut mich. Du scheinst eine Anfängerin zu sein“ sagte er und wandte sich zu Yukine, welche sich langsam wieder rühren konnte. Dabei stand sie auf und nahm ihren Stab fest an sich.
“Hör zu. Anfänger sollten nie alleine gegen Dröm kämpfen. Du siehst ja, wie es geendet ist. Das nächste mal, wendest du dich an die erfahrenden Bändiger im Quartier. Jeder Anfänger hat das Terminal dazu bekommen“ meinte er. Als er ihre fragenden Blicke vernahm, zeigte er dem ihr, was er meinte. Es sah wie ein kleines, flaches und rundes Puderdöschen aus, welches innen einen Notrufknopf besaß. So wie eine Wähltaste zum erreichen bestimmter Bändiger. Im Deckel war eine Art Bildschirm, die wie ein Bildtelefon funktionierte.
„Sei froh, dass ich in der Nähe war. Dadurch konnte ich dich unterstützen“ meinte der junge Mann ruhig und steckte es wieder weg.
„Ich werde diesen Vorfall im Quartier melden müssen. Wie ist dein Name?“ fragte er.
Erschrocken sah Yukine ihn an. Er wollte was? Das melden? Es wäre nicht gut, wenn sie als Bändigerin nichts mehr tun konnte. Wie sollte sie dann herausfinden, was damals geschah? Sie wollte so ihre Vergangenheit wieder finden und wissen wer sie wirklich war.
Das löste in der Schülerin eine gewisse Panik aus, die dem Mann nicht unbemerkt blieb.
“Keine Sorge, du wirst deswegen nicht rausgeworfen. Aber ich bin verpflichtet dazu“ meinte er und sah sie eindringlich an. Er spürte, Yukine hatte Angst vor den Konsequenzen und das kannte er sehr gut. Vor ein paar Jahren war er nicht anders gewesen, als er, wie sie, ein Anfänger war.
„Ich.. heiße Yu..Yukine Umarino…“ sagte sie kleinlaut und schabte mit dem Fuß leicht über den Boden. Sie bereute ihr handeln und das bemerkte auch der erfahrene Bändiger.
„Und.. Danke… dass Sie mich gerettet haben“ fügte sie hinzu.
Der Mann nickte anerkennend.
„Gut. Dann komm mit. Wir müssen zum Quartier“ sagte er ruhig, auch wenn es ihn jetzt schon nervte. Yukine ging es sicher nicht anders.
Der junge Mann ging voraus und blieb kurzerhand stehen, als er einen gewissen Abstand zu ihr hatte. Dabei wandte er seinen Blick nach hinten, welches ihn geheimnisvoll wirken ließ.
„Ach ja. Nenn mich Haldir“
Von Strafe zu Anfang
Yukine folgte dem Mann, welcher sich Haldir nannte. Er wirkte, als stecke er voller Geheimnisse. Wie alt er wohl sein mag? Sicher schon 1000 Jahre, da er diese langen Ohren wie die eines Elfen hatte.
Bis sie das Quartier, unterhalb der Stadt erreichten, sprach sie kein Wort und dachte nach, wer oder was dieser Haldir eigentlich war. Nach kurzer Zeit standen beide vor einer großen Tür, mit schönen Verzierungen. Welche Yukine ein mulmiges Gefühl gab.
„Das du dich mir ja benimmst und den Anstand behältst. Meister Aldor mag es nicht, wenn man unhöflich ist“ sagte Haldir ernst, würdigte jedoch Yukine keines Blickes.
Seine Worte ließen sie hart schlucken. Der Meister musste ein strenger Mann sein, welcher absolute Folgeleistung erwartete. Am besten wäre es, wenn Yukine nichts zu dieser Situation sagen würde und Haldir sprechen ließ. Oder sollte sie zu ihrer Verteidigung sprechen?
Das alles machte Yukine durcheinander und bereitete ihr Bauchschmerzen.
“Ich geh dann mal“ meinte sie und wandte sich zum gehen um. Doch Haldir hielt sie ohne große mühe fest und drehte die Kleine wieder Richtung Tor.
“Komm jetzt“ sagte Haldir monoton und öffnete die Pforte. Er wollte das alles schnell hinter sich bringen und war froh, wenn er diese Göre nie wieder sehen musste.
Yukine stolperte hinter her und sah die ganzen Gemälde an der Wand. Sie zeigten verschiedene Völker aus fantasievollen Orten und Sagen. Als sie das letzte mal hier gewesen war, war ihr das nicht mal aufgefallen.
Ob die Schule hier noch existierte? Bestimmt, dachte sie. Wie sollten sonst Kinder zum Bändiger geschult werden? Es war im Grunde wie eine normale Schule, mit gewissen Zusätzen, in denen man Magie lernte. Kurz darauf wechselte Yukine die Schule, da sie, laut den Lehrern, die Grundlagen sehr gut beherrschte und mit weiteren Übungen kein Problem haben dürfte. Die Bücher würden ihr dabei sehr gut helfen, wie bei jeden Bändiger, der zum Anfänger aufstieg.
Als beide vor dem Meister ankamen, verneigte sich Haldir zum Gruß. Dabei bemerkte er, dass sich Yukine sich nicht verbeugte und drückte sie leicht nach unten.
“Ich grüße Sie, Meister Aldor“ sagte Haldir.
Aldor nickte anerkennend und lächelte. Er fand es amüsant zu sehen, wie Haldir sich zu einem Verantwortungsvollen jungen Mann mauserte und das junge Mädchen zurechtwies.
„Ich grüße Euch ebenso, Haldir. Ich erinnere mich, dass vor einiger Zeit jemand genauso war, wie die junge Dame“ meinte der ältere Mann und strich sich mit einem warmen Lächeln über seinen Bart.
Haldir lief rot an und schloss die Augen. Es war ihm so peinlich.
“Meister, dass tut hier nichts zur Sache“ sagte er und erhob sich.
„Was kann ich für euch beide tun?“
„In der Stadt war wieder ein Dröm unterwegs. Wie mir scheint, häufen sich die Fälle. In Stärke, war er im mittleren Bereich“ erklärte Haldir und sah den Meister ernst an. Dessen Blicke wurden ernst und er nickte erneut.
“Ich verstehe. Und was hat es mit dieser kleinen Lady auf sich?“ fragte er.
Haldir sah kurz zu Yukine. Wo war sie bitte eine Lady? Vielmehr war sie eine kleine freche Göre, die nichts da zu suchen hatte.
„Das ist Yukine Umarino“ stellte Haldir sie vor und sah zum Meister.
“Mir scheint, sie habe hier die Schule zu früh absolviert und ich bin der Meinung, dass sie noch einmal die Grundlagen lernen sollte. Sie war im Gebiet, wo der Dröm auftauchte. Mut und Leichtsinn führten sie in den Kampf. Ich konnte schlimmeres verhindern und den Dröm reinigen“ erklärte der erfahrene Bändiger.
Yukine sah Haldir empört an. Dieser Möchtegern Held konnte was erleben. Was bildete er sich ein, so etwas über sie zu sagen? Ab 12 Jahren durfte offiziell die Bildung absolviert und auf eine normale Schule gewechselt werden. Manche brauchten mehrere Jahre, manche weniger so lang. Und sie schloss mit Bravur ab. Also sollte er nicht so auf sie herabsehen. Immerhin hatte sie sich im Kampf gut geschlagen.
„Hey, ich hab – „ wurde sie unterbrochen, da Haldir ihr die Hand vor den Mund hielt.
“Dennoch hat sie potential, welches sie wahrscheinlich noch nicht unter Kontrolle hat“ ergänzte Haldir mit ruhiger Stimme.
Aldor hörte sich alles in ruhe an und dachte nach. Haldir hatte nicht Unrecht und sie war ein kleiner Temperamentbolzen. Wieder hier her, auf diese Schule zu wechseln, wäre gar keine schlechte Idee und vor allem Sicher. Denn an ihr spürte der ältere eine seltsame Aura. Welche allerdings, konnte er auch nicht sagen. Es war merkwürdig.
“Wie Recht Ihr habt Haldir. Wenn es nach mir gegangen wäre, hättet Ihr mit 8 Jahren die Schule damals abgeschlossen. Ihr wart ebenso talentiert wie mächtig, als Ihr mein Schüler wurdet. Was die junge Dame angeht, scheint es mir fast ähnlich zu sein, auch wenn noch gewisse Dinge fehlen“ meinte der alte Mann nachdenklich.
Haldir konnte ihm nicht ganz folgen. Was meinte er jetzt damit? Und musste er die halbe Geschichte seiner Lehrjahre preisgeben? Es war ihm sichtlich unangenehm vor dem Kind, auch wenn sie nur wenige Jahre trennten.
„Ich habe eine bessere Idee, Haldir“ sagte Aldor, welcher die Gedanken in dem Gesicht des Bändiger gut lesen konnte.
„Schüler und Anfänger machen immer wieder Fehler. Doch sie brauchen jemanden der sie leitet“ begann Aldor erneut.
Ein mulmiges Gefühl machte sich mit der Ansprache in Haldir breit. Innerlich wusste er, was dieser ihm sagen wollte. Dennoch versuchte er diese Tatsache mit aller Macht zu verdrängen.
“Meister?“
„Sie soll Eure Schülerin werden. Ihr habt die Kraft und Weisheit sie zu führen. Trotz, dass Ihr erst 17 Jahre alt seid“ gab Aldor mit einem Lächeln preis. Hinter seinen Augen war der pure Schalk zu sehen.
„WAS?!“ stießen beide in einem spitzen Laut aus. Sie konnte nicht glauben, dass Haldir noch so jung war und Haldir war Fassungslos, dass er Yukines Mentor werden sollte.
“Meister – !“ wollte Haldir zur Diskussion ansetzen, wurde jedoch von Aldor unterbrochen. Da dieser seine Hand hob.
„Vertraut mir. Es wird das Beste sein. Sie soll bei Euch wohnen und von Euch unterrichtet werden. Gern kann sie die Zeit hier in der Schule verbringen, wenn Ihr gerade nicht zu Hause und Eurer Arbeit nachgeht“ erklärte der alte Mann. Damit war für ihn die Unterhaltung beendet und alles war geklärt. Ohne Haldir eine Chance auf Widerspruch zu geben, schickte er beide vor die Tür.
Unfassbar, dachte Haldir sich. Dieses Gör machte nur Ärger und es nervte ihn jetzt schon. Sie stellte den Unsinn an und er wurde dafür bestraft, in dem er jetzt den Lehrer für sie spielen durfte. Das würde der alte Sack noch bereuen. Aldor war schon immer ein Schelm und hatte schon früher sich kleine Strafen für Haldir ausgedacht, wenn er einen Regelverstoß begann. Manchmal waren es einfach nur kleine Streiche, wie ein Eimer Farbe über der Tür.
Haldir stand mit ihr vor der Tür und sah genervt zu Yukine, der das ganze auch nicht sonderlich passte.
“Wieso will er, dass du bei mir wohnst? Du hast doch ein zu Hause“ meinte er monoton und bemerkte, dass sie auf seine Worte hin schwieg. Nur wieso? Sie musste doch eine Unterkunft haben.
„Was ist? Bin ich so unerträglich, dass du jetzt nichts mehr sagst?“ witzelte er mit ernster Mimik und versuchte die Stimmung etwas zu lockern. Wieder schwieg sie und er sah leichte Tränen in ihren Augen.
Auch das noch! Er war einfach nicht für diese Wesen, Namens Frauen, geschaffen. Immer trat er in diese elenden Fettnäpfchen. Wie nervig!
„Komm jetzt erstmal mit zu mir. Da kannst du mir alles erzählen und wir klären das“ meinte Haldir und ging los.
Schweigend folgte ihm Yukine und dachte darüber nach, ob sie es ihm sagen sollte. Er musste nicht alles wissen, aber vielleicht konnte er ihr helfen. Ebenso war sie innerlich froh, dass sie bei ihm wohnen konnte. So musste sie nicht zurück, wo sie herkam.
Haldir führte sie zu einer kleinen Villa, welche sich im Wald befand. Ganz in der Nähe der Großstadt. Es war ein ruhiger Ort und wirkte bei längeren hinsehen magisch. Auch Yukine fiel das auf und sie konnte ihre Augen nicht von dem kleinen Garten abwenden. Es war so schön, wie die Sonnenstrahlen sich durch die Baumwipfel schummelten. Insekten, die in den Strahlen flogen, sahen aus wie kleine tanzende Feen. Der Ort wirkte, wie aus einem Märchenbuch entsprungen.
Haldir bemerkte, dass ihr das zu gefallen schien und hatte ein kleines Schmunzeln auf den Lippen.
„Komm!“ rief Haldir nach ihr und ging dann in die kleine Villa hinein, dicht gefolgt von Yukine. Im inneren des Hauses, machte sie große Augen. Es war gemütlich eingerichtet und viele Skulpturen, welche an der Treppe waren oder einfach da standen, zeigten die Gestalt von Pferden. Manche waren aus Holz geschnitzt, andere aus weißem Marmor gefertigt.
„Pferde?“ fragte Yukine und sah zu Haldir. Dieser musste wohl Pferde sehr lieben, wenn jede Schnitzerei oder Anfertigung ein Pferd war.
„Sie sind Teil meines Volkes und Kultur“ erwähnte Haldir und ging mit ihr ins Wohnzimmer. Dort entdeckte sie weitere kleinere Holzfiguren die wie Einhörner und Pegasus aussahen. Malereien und Wandteppiche hingen an den Wänden, die Sagen und Mythen präsentierten. Besonders fiel Yukine auf, das auf ihnen Menschen waren, die wie Haldir lange Ohren besaßen. Bei diesen Wesen waren wieder Einhörner und Pegasus zu erkennen. In der Mitte eines Gemäldes, erkannte Yukine ein Pferd, welches ein geflügeltes Einhorn darstellte. Es faszinierte sie, da an den beiden unteren Ecken die Einhörner und Pegasus abgebildet waren. Bei ihnen die Menschen, die wie Haldir aussahen.
„Das was du da siehst, ist ein Alicorn. Sie sind über die Jahre hinweg ausgestorben. Man sagt es gab bis vor kurzen nur noch eine Hand voll von ihnen“ sagte Haldir und stellte zwei Tassen Tee auf den Tisch.
Erstaunt sah sie ihn an und konnte nicht glauben was er da sagte.
„Ausgestorben? Willst du mir sagen das es diese Tiere wirklich gibt?“ fragte Yukine ungläubig.
Haldir schloss ruhig die Augen und antwortete ihr mit einem „Ja“.
„Selten noch sieht man in unseren Wäldern Einhörner oder Pegasus. Und Alicorn gar nicht mehr“ erklärte er und setzte sich. Er sah in ihren Augen, dass Yukine viele Fragen haben musste.
„Setz dich. Ich sage dir, was du wissen willst. Hingegen erzähl du mir, was ich wissen will. Einverstanden?“ schlug Haldir vor und bot ihr den Platz an.
Yukine dachte kurz nach. Sie wollte nicht zu viel sagen. Aber es wäre wohl das Beste, wenn sie darauf einging. Alleine dafür, dass sie jetzt hier wohnen durfte.
“Einverstanden“ antwortete Yukine und setzte sich. Der Tee roch intensiv nach Blüten und süßen Früchten, ganz anders als die Teebeutel die man kaufen konnte und zusätzlichen Zucker brauchten.
„Was möchtest du wissen?“ fragte Haldir und blieb weiter emotionslos.
“Was bist du? Ein Troll? Und woher kommst du?“ entgegnete Yukine mit ihrer Frage.
Fast hätte Haldir sich bei dieser Frage am heißen Tee verschluckt. Sie war frech wie ehrlich. Wie ist er nur in diese Situation geraten?
„Nein. Trolle sind weitaus kleiner und besitzen einen Löwenschwanz. Ich bin ein Elb und komme aus dem Elfenreich Ankhorath. Unser Volk lebt mit der Natur im Einklang“ antwortete Haldir.
„Davon hab ich nie gehört. Aber was hat es mit den Pferden, Einhörner und Pegasus auf sich?“ fragte sie neugierig. Wenn sie Elben hörte, musste sie kurzerhand an die Fantasy Romane denken, welche Yukine in den Bücherläden sich ansah und ein paar Zeilen darin lies.
„Diese Tiere gehören, wie ich schon sagte, zu unserer Kultur. Wir Elben haben zu ihnen eine tiefe Verbindung. Und das schon über die Jahrtausende hinweg. Auch wenn sie selten waren, konnten wir immer zu ihnen gehen und lebten friedlich zusammen“ erklärte er weiter. Dabei sah er zu dem Wandteppich, auf denen alle drei Arten dargestellt wurden.
“Alicorns besaßen eine so hohe Magie und Macht das sie gejagt wurden und sich daher wenig zeigten. Bis sie es eines Tages gar nicht mehr gab“
Yukine war fasziniert und zugleich erschüttert. Sie wusste nicht, was sie zuerst empfinden sollte, da es eine traurige Geschichte war.
“Und… weswegen bist du hier und nicht in deiner Heimat?“ fragte sie unsicher und bemerkte, das Haldir für einen Moment inne hielt.
„Ich bin hier, um meinen Vater zu finden. Vor 10 Jahren verschwand er und ich wurde ein Bändiger, um ihn zu finden. Denn damals überfielen die Dröm unser Reich, als meine Mutter verstarb. Seither lebte ich bei Meister Aldor, welcher anschließend mein Mentor wurde“ erzählte der Bändiger ruhig. Es wirkte dabei so, als ob er erst kein Wort raus bringen wollte und es anschließend doch tat.
Haldir sah zu ihr und wirkte ruhiger als vorher. Wahrscheinlich hoffte er, dass sie mit den Worten im Vertrauen blieb.
„Jetzt möchte ich wissen, was mit dir ist. Wieso hast du vorhin geschwiegen?“ fragte er.
“Ich… wohne in einem Heim. Meine Eltern sind schon eine Weile nicht mehr da. Ich kann mich nicht erinnern ob sie tot oder lebendig sind. Auch wie ich ins Heim kam oder was noch alles geschah. Nichts davon blieb in meinen Erinnerungen. Wahrscheinlich wurde ich gerettet und dieser Jemand gab mich ins Heim. Irgendwie kam ich zu einer Einladung für die Schule der Bändiger und ging bis zum absolvieren dahin. Es war für mich ein Weg, herauszufinden, wo ich herkomme. Wer ich bin und um evtl. meine Eltern zu finden“ erklärte Yukine.
Sofort wurde Haldir einiges klar, wieso der alte Mann wollte, dass sie bei ihm unterkam. Und wieso gerade Er ihr Mentor werden sollte.
„Ich verstehe. Du musst nichts weiter sagen. Für die Nacht gebe ich dir ein Hemd, morgen werden wir ein paar Kleider für dich besorgen, ehe das Training beginnt“ meinte er.
Yukine schaute auf. Wieso war er jetzt so freundlich? Hatte er denn für diese Aktion genug Geld?
„Ok. Danke, Hal“ sagte sie und lächelte zufrieden. Was Haldir gleich wieder nervte. Er mochte so was wie Spitznamen überhaupt nicht. Es reichte schon, wenn Meister Aldor ihn früher so rief. Wie er es gehasst hatte.
„Erste Regel: Ich heiße HALDIR und NICHT HAL. Verstanden?!“
Yukine lächelte verzückt und freute sich, mit ihm offener umgehen zu können.
“Ok, Sensei Haldir“ kicherte sie, worauf Haldir genervt stöhnte und leise knurrte. Denn das wollte er auch nicht.
“Einfach NUR Haldir!“