Sommer
Mürrisch biss Sirius seine Zähne zusammen. Er verfluchte immer wieder lautlos seine Mutter, die an diesem ganzen Dilemma schuld war.
Nicht, dass das neu war. Sirius war der festen Überzeugung, sein Drache von einer Mutter genoss es geradezu, ihn quälen zu können.
Er war schon immer ein Schandfleck der Familie gewesen - ähnlich wie seine Cousine Andromeda, die es geschafft hatte, sich endgültig von der Familie zu lösen.
Etwas, woran er selbst noch arbeitete.
Sein bester Freund, James Potter, hatte ihm bereits mehrfach angeboten, bei ihm unterzukommen, bis er etwas eigenes fand und Sirius brannte darauf, aus seinem Elternhaus herauszukommen.
Doch bevor es dazu kam, wollte er seine Familie noch um die ein oder andere Galleone erleichtern. Schmerzensgeld, wie er es nannte.
Das bedeutete aber auch, seiner Mutter widerwillig zu gehorchen und zu den unsäglich schrecklichen Familienzusammenkünften mitzukommen.
Es gab für ihn nichts schlimmeres als neben seinen Cousinen und seinem rückgratlosen kleinen Bruder am Tisch zu sitzen und die propagandistischen Aussagen seiner Verwandtschaft zu ertragen.
Für seine Mutter stand der Zusammenhalt der Familie an oberster Stelle. Und sie wusste, wie sie ihn dazu bringen konnte, Teil davon zu bleiben. Sie behielt einfach das Gold ein, das ihm eigentlich mit siebzehn zugestanden hatte.
Mittlerweile war er zwanzig, glaubte nicht mehr daran, es überhaupt einmal zu erhalten und hatte sich deshalb mit James einen anderen Plan zurechtgelegt.
Jeder Sickel, den er nicht zwingend zum Leben brauchte, wurde zur Seite gelegt. Hin und wieder steckte sein Onkel Alphard ihm ein paar Münzen zu.
Sah sein Vater nicht hin, nahm er sich ein wenig aus dessen Geldbörse und er wusste schon seit Jahren, wo sein kleiner, naiver Bruder seine eigenen Ersparnisse versteckte.
Streng genommen war es Diebstahl, aber Sirius stand das Gold zu und im Gegensatz zu ihm, hatte Regulus seins zum siebzehnten Geburtstag erhalten.
»Sirius, sitz aufrecht«, tadelte seine Mutter, ihn als wäre er fünf. Demonstrativ ließ er sich noch weiter in seinen Stuhl sinken.
Er war zwar noch von ihrem Gold abhängig, aber deshalb musste er nicht auf alles hören, was sie ihm befahl.
»Sirius Black!«, donnerte die Stimme seiner Mutter über den Tisch und er bereitete sich innerlich bereits darauf vor, sich ein Wortgefecht mit ihr zu liefern.
Stattdessen ertönte die Stimme seiner hochnäsigen Cousine Bellatrix: »Was erwartest du von einem Muggelliebhaber? Er besitzt kein Rückgrat, wie soll er da aufrecht sitzen?« Es folgte ein hohles Lachen.
Sirius erhob sich von seinem Stuhl, stemmte seine Hände auf den Tisch und beugte sich vor.
»Ich habe mehr Rückgrat als die hier Anwesenden alle zusammen.« Dieser Hass gegenüber Muggelgeborenen und die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten kotzten ihn an.
»Nicht so eingebildet, mein lieber Cousin. Soweit ich weiß, hast du noch immer keinen Beruf gefunden.« Sie grinste ihn selbstgefällig an und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
Sirius Hände ballten sich zu Fäusten.
»Und wir wissen alle, warum«, zischte er. Sein Blick glitt zu seinem Vater hinüber, der stumm dem Schauspiel folgte.
»Das reicht«, sagte seine Mutter bestimmt.
Sirius’ Blick wanderte weiter zu ihr und er wünschte sich, er könne einfach den Raum verlassen und für immer gehen.
An einem warmen und sonnigen Tag wie diesem, gab es viel schönere Alternativen als in diesem stickigen Zimmer zu sitzen und sich Vorwürfe anhören zu müssen.
Besonders mit Bellatrix verband ihn eine tiefe Abneigung, die beinahe an die mit seiner Mutter heran reichte. Nur die Tatsache, dass er sie bei Weitem nicht so oft sehen musste, sorgte dafür, dass es gerade so nur für den zweiten Platz reichte.
»Sirius, man zeigt Respekt vor älteren Familienmitgliedern.«
Ein schiefes Grinsen erschien auf seinem Gesicht, als er diese Worte hörte und ergeben ließ er sich zurück in den Stuhl sinken. Das war sicher nichts, was Bellatrix in ihrer Arroganz gerne hörte.
Mit dem Alter traf seine Mutter einen wunden Punkt und aufgrund ihrer Stellung konnte Bellatrix nichts dagegen sagen.
Ohne es zu wissen, hatte sie gerade ihrem Sohn verholfen, als Sieger aus dieser Diskussion herauszugehen. Welch eine Genugtuung für ihn.
»Da hast du natürlich Recht«, sagte er deshalb mit einem möglichst versöhnlich klingenden Unterton.
Er musterte seine Cousine bei diesen Worten und ihre schmalen Augen verengten sich zu Schlitzen.
Bellatrix sah nicht alt aus. Sie war immerhin erst Ende zwanzig und wäre nicht diese tief verwurzelte Abneigung in ihm, würde er ihr sogar eine einzigartige Schönheit zugestehen.
Gerade die typischen schwarzen Blackhaare, die ihr spitzes Gesicht umrahmten, standen ihr besser als allen anderen aus der Familie. Eingeschlossen ihm.
Sie sah gefährlich aus, also genau sein Typ von Frau. Dieses Feuer in ihren Augen, wann immer sie mit ihm stritt, begeisterte geradezu.
Als Sirius bewusst wurde, was er da dachte, ermahnte er sich selbst und schob den Gedanken ganz weit von sich.
Sie war ein selbstverliebtes Miststück, eine Muggelhasserin und die perfekte Black - trotz Wechsel ihres Nachnamens.
Diese Familientreffen taten ihm wirklich nicht gut.
Aber nur noch ein bisschen … vielleicht nicht mal mehr ein Jahr und dann war er sie endlich alle los. Dann war er endlich frei.
Winter - Konflikte
Mit einem lauten Knall landete Bella direkt vor dem alten Eisentor an der Grundstücksgrenze des Landanwesens ihrer Familie - und im knöchelhohen Schnee. Sie fluchte laut über die inkompetenten Hauselfen und nahm mürrisch ihren Zauberstab zur Hand, um das kalte Weiß um sich herum verschwinden zu lassen.
Anschließend zauberte sie ihre Füße und den Weg vor sich trocken, während sie auf das Anwesen zulief. Es war ein dreistöckiges, rotes Backsteinhaus, das Bellas Meinung nach aufgrund der symmetrischen Struktur von außen langweilig wirkte. Wenigstens das Innere des Hauses war verwinkelt und sah wild zusammengeschustert aus.
Als sie schließlich an der großen dunklen Holztür ankam, klopfte sie laut dagegen. Keine Sekunde später öffnete sich diese. Am unteren Sichtfeld konnte sie noch die Enden der Fledermausohren erkennen, die sich schnell zur Seite bewegten, als Bella ins Innere des Hauses trat.
Sie achtete nicht weiter auf das Hauself zu ihren Füßen. Sollte es schauen, wie es aus ihrem Weg kam.
»Bella, schön dass du da bist. Deine Koffer sind schon in deinem Zimmer«, wurde sie von ihrer kleinen Schwester Narzissa begrüßt, während sie sich ihres Mantels entledigte und ihn fallen ließ, im Wissen, das Hauself würde ihn auffangen.
Narzissa saß in einem der grünen Ohrensessel nahe des Kaminfeuers und hatte eine Tasse Tee in ihren Händen. Neben ihr schwebte eine Wiege aus Holz, in der ihr Sohn lag.
»Ist sonst schon jemand da?«, überging Bella die Begrüßung.
»Nein, du bist nach uns die erste. Ich denke mal, Tante Walburga und ihre Familie dürften aber nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Koffer kamen ebenfalls vor wenigen Minuten an.«
Bella seufzte. Sie hatte wenig Lust auf den älteren der beiden Black-Brüder, Sirius. Er war sich seiner Verpflichtung als Reinblüter nicht bewusst und seine edle Abstammung war an ihn verschwendet.
Nicht nur, dass er als einziger Black in der Geschichte ihrer Familie in ein anderes Haus als Slytherin gekommen war. Nein, er war sogar mit Schlammblütern befreundet. Aber was erwartete man auch von einem Menschen, der dem Haus Gryffindor zugeordnet wurde?
Er hatte keinen Respekt vor der familieninternen Hierarchie und egal wie oft man versuchte, ihm zu erklären, was der Name Black bedeutete, hörte er nicht zu.
Bella wäre es am Liebsten, er würde endlich der Familie verstoßen werden. Bis auf sein sehr attraktives Äußeres bot er nicht viel. Zugegeben, selbst sie sah ihn mittlerweile öfter als nötig an. Und neben ihrer Abneigung ihm gegenüber, verspürte sie eine gewisse Anspannung in sich.
Er war zu einem stattlichen, jungen Mann herangereift und wäre sie nicht längst verheiratet und er kein Schandfleck in der langen und ehrwürdigen Linie der Black, wäre sie ihm nicht abgeneigt.
Bella schalt sich für diesen Gedanken augenblicklich selbst.
Er war ein Besserwisser. Noch grün hinter den Ohren. Ein Taugenichts. Welche Verschwendung von Abstammung, Aussehen und Intellekt.
»Ich werde bis zum Abendessen in meinem Zimmer sein«, sagte Bella schließlich und ging ohne einen weiteren Blick zu ihrer kleinen Schwester oder deren Sohn an ihnen vorbei zu den alten Holzstufen, die ins nächste Stockwerk führten.
Ihr wäre es am Liebsten gewesen, gar nicht durch das Wohnzimmer laufen zu müssen. Dabei ging es nicht darum, ihrer Schwester aus dem Weg zu gehen. Sie liebte Narzissa über alles, aber seit sie im Vorjahr Mutter geworden war, war sie anstrengend. Obwohl Bella ihre Gesellschaft genoss, konnte sie diese nicht ertragen, wenn ihr Baby dabei war. Leider war apparieren auf dem gesamten Grundstück nicht möglich, weshalb sich dieses kurze Aufeinandertreffen nicht hatte vermeiden lassen.
Das war auch eins der wenigen Dinge, die sie an ihrer Verwandtschaft störte: die Paranoia, entdeckt zu werden. Sie hatten selbst hier in der tiefsten Einöde gefühlt tausend Schutzzauber um das gesamte Anwesen gelegt.
Zumindest gab es hier keine unnötigen Portraits ihrer verstorbenen Verwandten, die jeden, der es wagte, an ihnen vorbeizugehen, mit Argusaugen beobachteten.
Wie sie diese verstaubten Gestalten hasste. Wer tot war, sollte tot bleiben und nicht als Schatten des einstigen stolzen Selbst in einem Bild weiterleben.
Sie seufzte leise, als sie schließlich vor ihrer Zimmertür stand. Rodolphus und sie bezogen seit ihrer Hochzeit jedes Jahr das erste Zimmer links.
Zu ihrem Glück befand sich Sirius Raum ganz hinten rechts. Wieso ihr dieser eingebildete Grünschnabel wieder in den Sinn kam, wusste sie nicht. Sie verscheuchte ihn eiligst aus ihren Gedanken und drückte den silbernen Schlangentürknauf nach unten.
Er sollte dorthin gehen, wo er Pfeffer wuchs, und nicht in ihrem Kopf herumspuken.
Bella betrat den Raum und ließ die Tür hinter sich lautstark ins Schloss fallen.
Ihre Koffer standen bereits in der Mitte des Raumes und sie überlegte kurz, ob sie nach einem der Hauselfen rufen sollte, um sie ausräumen zu lassen. Allerdings wollte sie für den Moment lieber ihre Ruhe haben.
Rodolphus würde erst am Abend nachkommen - wie immer war ihm alles andere wichtiger als sie. Das bedeutete allerdings auch, sie konnte die Zeit für sich nutzen. Es machte zwar kaum einen Unterschied, da sie dies auch zu hause oft genug tat, aber hier war sie von ihrer Familie umgeben, auch wenn sie nicht den Drang verspürte, sich zu ihnen zu gesellen.
Es war eher das Wissen, dass sie da waren, was sie beruhigte. Sie fühlte sich in ihrem Anwesen nicht unbedingt einsam, aber dennoch war es schön, nicht allein in einem Haus zu sein. Nicht, dass sie das jemals jemandem sagen würde.
Das erste Mal seit Tagen erschien so etwas wie ein Lächeln auf ihren Lippen und Bella ließ sich auf das Himmelbett fallen, das dem blumigen Geruch nach neu überzogen worden war.
Sie starrte auf den dicken grünen Stoff über sich und schloss die Augen.
Allein fühlte sie sich am Wohlsten. Ein schizophrener Gedanke, da sie es nicht mochte, zuhause allein zu sein. Und Rodolphus ließ sie oft allein. Er kam manchmal nur zu ihr, um mit ihr zu schlafen.
Sie hasste es, das Bett mit ihm zu teilen. Es dauerte nicht lange, sie lag stumm unter ihm und am Ende hatte sie jedes Mal das Gefühl, es würde etwas fehlen.
Die Intervalle ihres Beischlafs waren in den letzten Monaten glücklicherweise größer geworden, weil es nach all den Jahren, die sie bereits verheiratet waren, noch immer nicht zu Nachwuchs gekommen war.
Bella konnte nicht sagen, dass sie es schade fand. Ehrlich gesagt wollte sie gar keine Kinder, aber sie wusste, dass es von ihr erwartet wurde.
Sie musste die reinblütige Linie ihrer altehrwürdigen Familie aufrechterhalten und das gelang nur, wenn sie Kinder bekam.
Doch egal wie oft sie es versuchten, es wollte kein Leben in ihr heranwachsen.
Sie hatte sich bereits überlegt, ins St. Mungos zu gehen und sich untersuchen zu lassen. Aber was wäre das für eine Blöße.
Den offenherzigen Fragen ihrer Schwester wich sie regelmäßig aus und solange keiner ihrer Verwandten das Thema zur Sprache brachte, konnte sie mit den seltsamen Blicken und dem Getuschel gut leben.
Es war ein spitzer Finger, der Bella Stunden später aus ihrem Schlaf riss. Sie wusste gar nicht, wann ihre Gedanken in Träume übergegangen waren.
»Entschuldigen Sie, Herrin. Minni soll Sie wecken. Abendessen.«
Bei diesen Worten öffnete Bella schließlich ihre Augen und setzte sich auf. Eines der Hauselfen stand vor ihr und sah sie mit großen, wässrigen Augen an.
Blödes Mistvieh.
»Wer hat dir befohlen, mich zu wecken?«, fragte Bella bissig.
Die wässrigen Augen füllten sich mit Tränen und das Wesen vor ihr ging augenblicklich auf die Knie.
»Es tut Minni leid. Herrin Walburga befahl es ihr. Sie wollte Herrin Bellatrix nicht verärgern. Minni bestraft sich selbst dafür.«
Es sprang auf und bevor Bella einen guten Vorschlag für die Selbstbestrafung bringen konnte, schlug es bereits mit dem Kopf gegen den Bettpfosten.
»Du kannst gehen«, sagte Bella nach ein paar Sekunden. Es breitete sich bei diesem Anblick heute keine Genugtuung aus und es war ihr tatsächlich lieber, allein gelassen zu werden.
Es hörte sofort auf und verneigte sich so tief, dass die Nase den Boden erreichte.
Anschließend verschwand es mit einem lauten Plop.
Bella fuhr sich fahrig über ihr Gesicht und atmete ein paar Mal tief durch, bevor sie sich zur Tür begab und in den Gang trat.
Genau in diesem Moment ertönten Schritte neben ihr und stoppten abrupt nur wenige Zentimeter von ihr entfernt.
Die Hitze, die der Körper ausstrahlte, spürte Bella trotzdem und sie schluckte schwer als ihre Augen in die grauen von Sirius Black blickten.
Ihr Herz begann plötzlich schneller zu schlagen.
Wieso hatte er auch zu so einem stattlichen jungen Mann heranwachsen müssen?
»Du bist im Weg«, giftete sie ihn an, um ihre eigene Unsicherheit zu überspielen.
»Normalerweise schaut man erst nach links und rechts, bevor man in den Gang tritt.«
Bella suchte in ihrem Kopf nach einer passenden Erwiderung und … fand nichts.
Stattdessen fühlte sich sein Blick auf ihr langsam unangenehm an und sie schluckte schwer.
Dieser Taugenichts war acht Jahre jünger als sie, überragte sie allerdings bereits um einen halben Kopf, dabei gehörte sie selbst auch nicht zu den kleinsten Menschen.
Verdammt, er wirkte so erwachsen.
In ihrem Unterleib zog sich etwas zusammen, sie konnte allerdings nicht sagen, was.
»Hat es dir die Sprache verschlagen, meine liebe Cousine?«, fragte er hochnäsig.
Und damit war ihre Starre gebrochen: »Wie kommst du darauf, liebster Cousin? Ich war nur bereits jetzt von dir gelangweilt. Wenn du mich also entschuldigen würdest.«
Bella zwang sich an ihm vorbei zu den Treppen und floh beinahe vor ihm nach unten zum Abendessen. Was war nur mit ihr los?
Sirius sah seiner Cousine nach und war zwischen Abscheu und Faszination gefangen. Die Abscheu konnte er sich selbst leicht erklären und hatte auch nichts anderes erwartet.
Aber woher diese Faszination kam, wusste er nicht.
Ihre dunkle Augen, die ihn mit Verachtung gestraft hatten. Das Feuer in ihnen, während sie mit Worten um sich warf, die ihn verletzen sollten.
Nicht, dass sie damit Erfolg hatte. Es machte ihn normalerweise nur wütend. Auch wenn es ihn manchmal amüsierte, ihr Kontra zu geben.
Ihre Körperhaltung, die Mimik, dieser stoische Blick. Es begeisterte ihn mehr als es vielleicht gut war.
Und heute war daraus plötzlich diese Faszination gewachsen.
Unweigerlich musste Sirius sich fragen, warum es erst dieses Mal dazu gekommen war. Doch im nächsten Augenblick ertappte er sich bei diesem Gedanken und schüttelte fassungslos den Kopf.
Langsam verlor er den Verstand, anders konnte er sich das nicht erklären. Er musste dringend aus dieser Familie raus.
Ein Glück, dass dieses Zusammentreffen das letzte war. Er hatte endlich genug Gold beisammen.
Und das beste: wenn es stimmte, hatte sein paranoider Großvater hier ein kleines Vermögen versteckt.
Er war zwar mit der Sammlung an Galleonen und Sickel hochzufrieden, aber wieso sollte er diesen vermeintlichen Schatz zurücklassen, wenn er schon die Chance dazu hatte?
Sein Onkel Alphard hatte ihm diese Geschichte letzten Sommer erzählt und auch wenn es nur ein Gerücht war, traute Sirius seinem Großvater das durchaus zu.
Der Versuch war es für einen ehemaligen Rumtreiber definitiv wert und wer wusste schon, was er vielleicht sonst noch finden würde?
Ein Grinsen erschien auf Sirius’ Gesicht, während er zu seinem Zimmer lief. Er hatte Minni befohlen, ihm sein Abendessen hochzuzaubern, um der Gesellschaft seiner Familie aus dem Weg gehen zu können.
Glücklicherweise war seine Mutter gerade mit Rodolphus’ Patronus beschäftigt gewesen, weshalb Sirius ohne große Diskussion an ihr vorbei nach oben geschlichen war.
Da die Hälfte der Verwandtschaft noch fehlte und Bellatrix’ Ehemann anscheinend auch erst im Laufe des nächsten Tages eintreffen würde, wenn er es richtig gehört hatte, ging Sirius davon aus, für heute seine Ruhe haben zu können.
Es lohnte sich für seine Mutter kaum, ihn dazu zwingen zu wollen, gemeinsam mit seinen Cousinen und ihr zu Abend zu essen. Die Hauselfen würde er sofort zurückschicken und er zweifelte daran, dass sie nur wegen zwei Gästen persönlich zu ihm hochkam.
Er musste lachen, als er daran dachte, dass selbst sein Vater so wenig Interesse an diesen mehrtägigen Zusammenkünften hatte, dass er und sein Bruder lieber noch einen Tagesausflug in die Nokturngasse unternommen hatten. Sie würden morgen Vormittag nachkommen, wenn es wirklich spannend wurde. Das Drumherum schenkten sie sich.
Sirius selbst wäre auch noch nicht hier, wenn nicht wegen der Gunst der Stunde. Gerade, da das Haus beinahe leer war, gab es kaum eine bessere Gelegenheit als diese.
Als er in seinem Zimmer ankam, stand ein Silbertablett beladen mit Pasteten und Hähnchenschenkeln bereits auf dem kleinen Tisch links am Fenster.
Er ließ sich auf den rechten der beiden alten Sessel fallen und griff nach der Flasche Butterbier, die Minni ihm ebenfalls hochgebracht hatte.
Es verlangte ihn zwar nach etwas hochprozentigen, aber er hatte noch viel vor heute Nacht, da durfte er sich seine Sinne nicht vernebeln lassen.
Niemand sprach als sie zu Abend aßen. Der lange Tisch aus dunklem Ebenholz, an dem sie saßen, war nur für fünf Personen gedeckt, von denen zwei mit Abwesenheit glänzten.
Bella störte es nicht. Der eine war Sirius, dem sie bereits zu nahe gekommen war und auf dessen Anwesenheit sie sehr gut verzichten konnte.
Der andere Lucius, Narzissas eingebildeter, nichtsnutziger Ehemann. Er war heute Morgen zwar mit angereist, aber vor wenigen Minuten fluchtartig aus dem Haus verschwunden, nachdem ein Patronus aus dem Ministerium gekommen war.
Anscheinend war seine Anwesenheit unabdingbar, genau wie die von Rodolphus, der sich für den heutigen Abend entschuldigen ließ.
Ihre Mutter, die noch immer in Trauer um ihren Vater war, würde ebenfalls nicht auftauchen und der Rest ihrer Familie hatte sich für den morgigen Vormittag angekündigt.
Bellatrix trauerte Rodolphus’ Abwesenheit nicht hinterher. Sie war nicht böse, ihn nicht sehen zu müssen und freute sich darüber, ein wenig Zeit mit ihrer kleinen Schwester verbringen zu können.
Wenn da nur nicht dieses kleine, schreiende Wesen wäre.
Narzissas Sohn quengelte bereits seit der Vorspeise in der schwebenden Wiege, die hinter ihrem Stuhl stand und auch wenn das Hauself der Malfoys sein bestes gab, ihn zu beruhigen, wollte er einfach nicht still sein.
Narzissa legte schließlich Messer und Gabel zur Seite, sie hatte kaum etwas gegessen, und erhob sich. Bella wusste von ihren Besuchen im Malfoyanwesen, dass ihre kleine Schwester ihr Kind nicht lange eines der Hauselfen überlassen konnte. Sie kümmerte sich lieber selbst um ihn. Was für ein einfältiges Verhalten. Genau für solche Aufgaben gab es diese Wesen schließlich.
Narzissa nahm ihren Sohn aus der Wiege und säuselte: »Na, mein kleiner Schatz.« Sie sah ihn liebevoll an und verließ den Raum in Richtung Wohnzimmer.
Auf Bellas Armen breitete sich eine Gänsehaut aus. So wollte sie nie werden.
»Wenn sie so weitermacht, wird er ein Muttersöhnchen werden«, kommentierte Walburga die Situation, ohne von ihrem Teller aufzublicken.
»Schau du, dass du dein Kind nicht so verhätschelst, wenn es endlich soweit ist.« Walburga betonte das endlich deutlich und Bella musste sich fest auf die Unterlippe beißen, um nicht respektlos zu werden.
»Natürlich«, sagte sie stattdessen und spießte das Stück Fleisch regelrecht mit ihrer Gabel auf.
Das Gespräch war damit beendet und sie aßen schweigsam zu ende.
Bella wartete darauf, dass ihre Schwester zurückkam und sich wieder zu ihnen setzte. Aber, selbst als die Hauselfen die Essensreste und das Geschirr verschwinden ließen, war sie noch nicht wieder hier.
»Minni, bring uns noch zwei Gläser Elfenwein«, befahl Walburga zu Bellas Missfallen.
»Ich möchte keinen«, sagte sie deshalb bestimmt und zum ersten Mal an diesem Abend sah ihre Tante sie an.
»Soll ich alleine trinken?« Walburgas Stimme war angriffslustig und Bella, deren erster Impuls es immer war, die Menschen um sich herum zur Weißglut zu bringen, biss sich erneut auf die Unterlippe. Es gab wenige Menschen, vor denen sie sich scheute, zu widersprechen. Walburga gehörte zu ihnen. Genauso wie Orion es tat oder ihr Vater bis zu dessen Tod.
Sie waren die derzeitigen Oberhäupter der Familie Black, die ehrwürdigsten ihrer Linie und damit ohne Frage absolute Respektspersonen.
Daran hielt sich selbst Bella. Manchmal, wie heute, nur widerwillig, aber die Familie und die darin verankerten Ränge standen über allem.
»Natürlich nicht.« Ein zufriedenes Lächeln schlich sich auf die Lippen ihrer Tante und im nächsten Moment erschienen zwei Gläser Wein vor ihnen.
Walburga erhob ihres, um ein Anstoßen anzudeuten, das aufgrund ihrer Distanz nicht möglich war. Bella folgte dieser Aufforderung und führte ihr eigenes Glas schließlich zu ihren Lippen.
Sie nippte nur daran, da ihr der Geschmack von Elfenwein zu süß war und sie grundsätzlich Feuerwhiskey bevorzugte.
Ihre Finger hielten den mit Gold verzierten Stiel noch immer umklammert, als sie es wieder auf den Tisch abgesetzt hatte. Ihr fiel es selbst erst auf, als Walburga sich räusperte.
»Langweile ich dich?« Es war ein versteckter Vorwurf hinter ihrer lieblich klingenden Stimme und Bella ließ den Stiel los.
Sie wusste nicht einmal, was sie gerade so beschäftigt hatte, dass sie selbst die nasale und durchdringende Stimme ihrer Tante nicht mehr wahrgenommen hatte.
»Entschuldige. Ich … ich habe mich nur gefragt, wie es meiner Mutter geht.«
»Wahrscheinlich so wie die letzten Wochen auch. Mein Bruder ist seit Monaten tot. Sie sollte sich langsam wieder fassen. Wie einfältig von ihr, so lange zu trauern.«
Instinktiv hatte Bella das richtige Thema gefunden, um von ihrem eigenen Malheur abzulenken. Es gefiel ihr zwar nicht, wie Walburga über ihre Mutter sprach, aber sie musste gestehen, sie stimmte dieser Meinung zu.
Ihre Mutter war ein Häufchen Elend seit dem Tod ihres Vaters. Ein Anblick, der einer reinblütigen Familie nicht angemessen war und deshalb nicht mehr lange toleriert werden würde.
Wie konnte man einem Menschen nur so lange so emotional hinterher trauern? Er war ihr Vater gewesen und sie hatte es bereits überwunden. Nicht, dass er sich sehr bemüht hätte, für sie da zu sein.
Es war immer ihre Mutter gewesen, die sich um sie und ihre Schwestern gekümmert hatte. Und das Hauself, aber das zählte kaum.
»Ich hoffe, du wirst sie daran erinnern, was es heißt, den Namen Black angenommen zu haben?«
»Das nächste Mal wird sie wieder anwesend sein«, bestätigte Bella die Aufforderung zwischen den Zeilen.
Diese Treffen waren wichtig für den Zusammenhalt und die Absprachen, um weiterhin entsprechenden Einfluss in der magischen Welt zu halten. Schwäche würde nicht geduldet werden und das musste ihre Mutter nun beweisen, sonst wäre ihr Stand innerhalb der Familie verwirkt. Und das wollte Bella nicht.
Ihre Mutter war ihr wichtig, weshalb sie das nicht gerne mit ansehen würde.
»Gut. Und wie sieht es bei Rodolphus und dir aus? Teilt ihr regelmäßig das Bett?« Walburga hatte noch nie mit blumigen Worten geglänzt, aber diese direkte Frage erstaunte Bella.
Da sie nicht wusste, was sie antworten sollte, nahm sie das Weinglas wieder in die Hand und trank einen großen Schluck, um sich so Zeit zu verschaffen.
»Ja. Aber du weißt, bei manchen Paaren dauert es länger als bei anderen.«
»Sieben Jahre?«
»Auch andere Paare benötigen mehrere Jahre.«
Walburga schwieg einen Augenblick, trank einen Schluck Wein und sah Bella über den Rand des Glases hinweg an.
»Das stimmt«, sagte sie nach einer gefühlten Ewigkeit. »Ich hoffe, du bist dir deiner Verantwortung bewusst, Bellatrix.«
Darauf wusste sie keine Antwort mehr und leerte stattdessen ihr Glas. Elfenwein würde ihr wohl nie schmecken.
»Ich denke, ich werde Narzissa nun Gesellschaft leisten.«
Walburga hielt sie nicht auf, als sie sich erhob und am Tisch vorbei ebenfalls ins Wohnzimmer ging. Wahrscheinlich dachte ihre Tante, sie würde sich Tipps holen, wie sie ihre Fruchtbarkeit erhöhen konnte.
Ganz sicher nicht. Sie war sich ihrer Verantwortung bewusst, aber sie brauchte keine Hilfe von ihrer kleinen Schwester - ein Besuch in St. Mungos wurde allerdings immer wahrscheinlicher, ob es ihr gefiel oder nicht.
Narzissa lief mit ihrem Sohn durch das Wohnzimmer und wiegte ihn sanft in ihren Armen. So selig hatte Bellatrix ihre Schwester schon lange nicht mehr gesehen und sie hasste diesen Anblick.
Würde sie sich auch in solch ein abscheulich liebevolles Wesen verwandeln, wenn Rodolphus sie irgendwann doch noch schwängern würde?
Bei diesem Gedanken wurde ihr schlecht. Dabei war ihr gerade offen gesagt worden, wie wichtig ein Erbe wäre.
»Ah. Bella. Ich hab dich gar nicht gehört.« Narzissa kam vor ihr zum Stehen und das sanfte Lächeln auf ihren Lippen sorgte für einen kalten Schauer, der Bellas Rücken hinunterlief.
»Möchtest du ihn halten?«
»Nein danke.« Allein der Gedanke daran gruselte sie bereits.
»Aber …«
»Ich habe kein Interesse«, sagte Bella bestimmt und als ginge es nicht um ein Lebewesen sondern … um Socken.
»Er ist dein Neffe.«
»Ja und?«
Narzissa seufzte.
»Ich weiß, dass du keine Kinder magst. Aber wir wissen beide, dass du irgendwann selbst welche haben wirst. Und ich will dir helfen. Vielleicht verlierst du durch Draco ein wenig die Angst vor ihnen.«
»Ich habe doch keine Angst vor Kindern.« Sie widersprach lauter als sie es beabsichtigt hatte, aber diese Übergriffigkeit und Unterstellung konnte sie nicht unkommentiert stehen lassen.
»Das meinte ich auch gar nicht. Sondern, selbst welche zu haben und sich darum zu kümmern.«
»Meine liebe Schwester. Wofür besitzt man Hauselfen? Im Gegensatz zu dir, weiß ich, wofür man sie einsetzen muss.«
Narzissas Augen wurden schmal und sie drückte das Knäuel, in das ihr Sohn gewickelt war, enger an ihre Brust.
»Glaub mir, sobald du ein Kind unter deinem Herzen getragen hast, wirst du es keinem Hauself mehr überlassen.«
Das war zu viel. Bella wollte hier keine Diskussion über eine Mutterschaft führen, die überhaupt nicht existierte. Und so eine verhätschelnde Mutter wie Narzissa würde sie sicher niemals werden.
»Ich denke, ich werde noch einen kleinen Spaziergang machen«, sagte sie deshalb, um nicht in Versuchung zu kommen, ihre eigene Schwester verhexen zu müssen.
»Was? Um die Uhrzeit?«
»Ja.«
Bella warf sich den Mantel um ihre Schultern und band ihn fest. Sie ignorierte Narzissas »Bella!« und legte bereits ihre Hand auf die Türklinke als ein: »Wohin gehst du, Bellatrix?« hinter ihr ertönte. Oh nein.
Sirius, der langsam ungeduldig geworden war und sich zumindest einen guten Überblick über mögliche Verstecke machen wollte, lief die Stufen hinunter, als er die nasale Stimme seiner Mutter vernahm. Er hatte gehofft, sie sei längst zu Bett gegangen. Stattdessen stand sie gemeinsam mit seinen beiden Cousinen an der Eingangstür und schien über irgendetwas zu diskutieren.
Er blieb stehen und hoffte, dass er unerkannt wieder zurück in sein Zimmer kam. Sicher würde er sonst wieder in eine Situation gebracht werden, in der sie ihn für seine reine Existenz bestrafen wollte.
»Gut, dass du da bist, Sirius.« Damit verpuffte seine Hoffnung, unerkannt verschwinden zu können.
»Ja, Mutter?« Er legte all seine Abneigung in diese Worte, während er näher kam.
»Nachdem Rodolphus erst Morgen zu uns stoßen wird, begleite Bellatrix. Sie möchte noch ein wenig spazieren gehen.«
»Ich brauche keinen Beschützer«, sagte Bellatrix sofort.
»Darum geht es nicht. Um diese Uhrzeit verlässt eine Dame das Haus nicht alleine.«
Das war vollkommener Schwachsinn. Bellatrix war eine erwachsene Hexe, die besser auf sich aufpassen konnte als so mancher Zauberer. Hierbei ging es nur darum, ihren Stand zu festigen und Bellatrix einmal mehr daran zu erinnern, wer das Sagen in dieser Familie hat.
Dass sie dafür ihn benutzen konnte, war nur ein zusätzlicher Bonus. Seine Mutter wusste um seine Abneigung Bellatrix gegenüber und das nutzte sie schamlos aus. Da war er sich sicher, obwohl er nicht wusste, wie es zu dieser Situation gekommen war.
Ein Glück war diese alte Hexe zu ignorant, um zu erkennen, dass sie dieses Spiel nicht mehr lange mit ihm treiben konnte.
»Gut, dass Bellatrix keine Dame ist.« Er konnte sich den Satz nicht verkneifen und grinste zufrieden in die Runde.
Narzissa warf ihm einen tödlichen Blick zu, seine Mutter schnaubte auf und öffnete ihren Mund, um ihn zurechtzuweisen, doch Bellatrix kam ihr zuvor: »Dann wäre das geklärt. Ich verabschiede mich.«
Sie würdigte Sirius keines Blickes - dabei hatte er auf das Feuer in ihren Augen gehofft. Sie zog ihren Mantel fester um ihren schmalen Körper, drehte sich von ihnen weg und verließ das Gebäude. Die Tür knallte laut hinter ihr zu.
Sirius erwischte sich dabei, wie sein Blick über ihren Hintern wanderte, während sie ging. Er kam durch den enganliegenden Umhang viel zu gut zur Geltung.
Für den Bruchteil einer Sekunde fragte er sich, wie es sich wohl anfühlen würde, ihn in die Hände zu nehmen.
»Sirius, du begleitest sie.«
»Mutter, bei allem Respekt«, sagte er sarkastisch, »sie möchte keine Begleitung.«
»Und dennoch wirst du mit ihr gehen.«
Wieso musste diese Frau immer und unter allen Umständen das letzte Wort haben wollen? Mit einem schiefen Grinsen wandte er sich zu ihr.
»Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig.«
Er griff sich seinen Umhang und folgte Bellatrix.
Es schneite leicht und der freigezauberte Weg war bereits unter einer neuen, weißen Decke verschwunden. Sirius brauchte einen Moment, bevor seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Das fahle Licht, das durch die verhangenen Fenster nach außen drang, war kaum der Rede wert.
Seine unsägliche Cousine war schon einige Meter vor ihm und hatte die Grundstücksgrenze fast hinter sich gelassen.
Sirius, der ursprünglich geplant hatte, zu disapparieren, sobald er die Möglichkeit hatte, um sich in einen der Pubs hier in der Gegend zu verabschieden, beschloss, ohne den Gedanken wahrgenommen zu haben, ihr folgen zu wollen.
Es reizte ihn schlicht, herauszufinden, wohin sie ging.
Er kam ihr schnell näher und das schien sie zu hören, denn sie stoppte.
»Seit wann hörst du auf deine Mutter?«
Bellatrix drehte sich zu ihm um und musterte ihn mit verschränkten Armen.
»Seit dich ihre Befehle stören.«
Sie schwieg kurz, bevor sie sich wieder wegdrehte und im nächsten Moment disapparierte sie mit einem lauten Ploppen.
Sirius lachte kurz auf. Ärgerlich, sie so aus den Augen zu verlieren. Jetzt würde er doch nicht erfahren, wohin sie ging.
Aber warum eigentlich? Sirius verstand dieses Gefühl nicht - so wie einiges andere, was er empfand und dachte, seit er hier war.
Es lag wahrscheinlich an dieser Einöde. Oder, weil er sich endlich auf der Zielgeraden befand und so verbissen darauf zu lief. Er sollte sich nicht weiter damit beschäftigen. Also tat er es seiner Cousine gleich und disapparierte.
Ein Stück entfernt gab es einen alten Pub, zwar von Muggeln betrieben, aber mit dem besten Ale, das er in seinem Leben getrunken hatte. Und das konnte er gerade dringend gebrauchen.
Winter - Wahrheiten
Narzissa versuchte den nächsten Tag über, das Gespräch vom Vorabend fortzuführen, weshalb Bella beschloss, ihr aus den Weg zu gehen. Genauso wie sie jeden möglichen Blickkontakt mit ihrer Tante vermied, der sie am Vorabend so verbissen widersprochen hatte. Sie schämte sich etwas dafür, ihre Forderungen ignoriert zu haben.
Bella war deshalb froh, als Rodolphus und Lucius am Vormittag ankamen, denn das bedeutete, die erste große Runde würde bald eröffnet werden.
Orion erschien eine gute Stunde später mit seinem Sohn und nach und nach trudelten auch die weiteren Verwandten ein. Sogar ihr Großvater Pollux gab sich die Ehre.
Bella führte oberflächliche Konversation mit ihnen und machte innerlich drei Kreuze, da niemand sonst das Thema Kinder erwähnte.
Das Stimmengewirr der Familie Black löste die bisherige Stille im Haus ab und zeigte Bella einmal mehr den extremen Kontrast zu ihrem normalen Leben. Es gab selten Besuch im Anwesen der Lestranges und so belebt war es höchstens an einem ihrer Geburtstage.
Sie war nicht unbedingt böse deshalb, aber die Zeit, die sie so ganz allein dort verbrachte, langweilte sie, und hin und wieder etwas Klatsch und Tratsch zu hören, war ganz schön.
Sie interessierte sich vornehmlich für die möglichen Vermählungen der anderen reinblütigen Familien und ob es dort jemanden gab, der in Betracht zog, dieses Erbe in den Schmutz zu ziehen.
Durch ihre Schwester wusste sie bereits von der Vermählung James Potters mit einem Schlammblut und wie sie nun erfuhr, hatten sie mittlerweile sogar schon ein Kind. Dessen Pate Sirius sein sollte.
»Na, das passt zu diesem Muggelfreund«, sagte sie so laut, dass es jeder hören konnte.
Sirius, der sich gerade mit Alphard unterhielt, horchte kurz auf, konzentrierte sich anschließend aber wieder auf sein Gespräch, als wäre nichts gewesen.
»Ich kann natürlich nicht mit Sicherheit sagen, ob das stimmt«, fuhr Cassiopeia fort. Sie war ihre Großtante, eine alleinstehende ältere Dame und immer bestens über alles informiert, was die Magierwelt anging. Bella wusste nicht, wie Cassiopeia einer Heirat entgangen war und sie hatte auch nie gefragt. Es war ein offenes Geheimnis, dass Großvater Pollux noch heute sauer deswegen war.
»Charlus erzählt wenig darüber. Selbstredend. Ein Potter, der ein Schlammblut heiratet. Ich kann es noch immer nicht fassen.«
»Wobei du sagen musst, dass die Potters schon einige seltsame Anwandlungen hatten«, erwiderte Bella. »Erinnere dich nur an Henry Potter zu seiner Zeit im Zauberergamot. Ein Glück ist der alte Greis längst ausgemustert worden.«
»Da kann ich nicht widersprechen. Allein der Name ist schon besorgniserregend.«
Bella konnte nur zustimmen. Es war ein durch und durch gewöhnlicher Muggelnachname. Dass sich eine reinblütige Familie nicht schämte, ihn zu tragen.
Natürlich war es undenkbar, ihn zu ändern, nur weil Muggel sich einbildeten, ihn tragen zu müssen.
»Vielen Dank, dass ihr so zahlreich erschienen seid!«, donnerte Orions Stimme plötzlich durch das Wohnzimmer. Gerade kamen Narzissa und Lucius aus dem ersten Stock hinunter, ihren Sohn in der Wiege vor sich schwebend.
»Ich denke, es ist ein guter Zeitpunkt, uns in den Speisesaal zu begeben. Rodolphus und Lucius dürften eine Menge zu berichten haben. Schließlich tagte das Zaubergamot in einer wichtigen Angelegenheit. Wir möchten gerne Details hören.«
Bella verdrehte die Augen, als sie sah, wie Lucius mit stolzgeschwellter Brust an ihnen allen vorbeilief und zu Orion aufschloss. Auch ihr Ehemann hatte sich zu ihrem Onkel gesellt und gemeinsam gingen die drei vorweg in den Speisesaal.
Bella folgte ihnen zusammen mit dem Rest der Familie.
Sie suchte den Weg zu Narzissa, die ihr ein angespanntes Lächeln schenkte. Wahrscheinlich hatte Lucius sie bereits informiert, da er es kaum hatte abwarten können, vor seiner Frau anzugeben. Es schienen keine guten Neuigkeiten zu sein. Damit war zumindest ein Punkt auf der Agenda, die nur die Ältesten oder einflussreichsten Teilnehmer kannten, bereits uninteressant.
Sie ließen sich nacheinander auf ihren Stühlen nieder und zu ihrem Missfallen saß sie Sirius direkt gegenüber.
Der Tisch war zwar breit genug, um ihm nicht zu nahe zu kommen - anders als am Vortag - aber sie konnte seine Anwesenheit dennoch zu deutlich spüren. Sie versuchte dieses Gefühl zu ignorieren und sich auf die drei Männer am anderen Ende des Tisches zu konzentrieren, aber es gelang ihr nicht lange.
Sie wandte ihren Kopf in seine Richtung und … blickte direkt in seine grauen Augen. Dieser kurze Moment reichte aus und Wut kroch in ihr hoch. Wobei diese sich mehr gegen sie selbst als gegen ihn richtete. Sie verstand sich und ihre Reaktion auf ihn nicht.
Aber auch er war ihr ein Rätsel.
Warum war er ihr am Vorabend doch gefolgt?
War er neugierig gewesen, wohin sie ging? Hatte er gedacht, sie würde sich aus Frust irgendwelche minderwertigen Muggel suchen und sie verhexen? Für wie dumm hielt er sie eigentlich?
Sie hatte genauso wenig das Bedürfnis, nach Askaban zu gehen wie der Rest der Zauberergemeinschaft.
Aber sollte er sich ruhig den Kopf darüber zerbrechen. Bella hoffte zumindest, dass er das gerade tat. Es würde sie glücklich machen, zu wissen, dass er vergebens überlegte, wohin sie verschwunden war.
Sie hielt es schließlich für höchst unwahrscheinlich, dass er auf die Lösung kommen würde.
Nicht, dass es etwas Verbotenes war. Sie war einige hundert Meter hinter dem Anwesen wieder aufgetaucht und einfach spazieren gegangen.
Aber er sollte ruhig vermuten, sie habe etwas Schreckliches getan oder sich in die Drei Besen zurückgezogen, um in Ruhe zu trinken.
Die Idee war ihr tatsächlich gekommen, aber sie hatte keine Lust auf eine stickige Spelunke gehabt und es wäre anstrengend geworden, da mindestens die Hälfte der Anwesenden sie gekannt hätte.
Es war ihr plötzlich lieber gewesen, wieder alleine zu sein. Von der Stille umgeben, hatte sie in Ruhe über Walburgas und Narzissas Worte nachdenken können und war zu dem Entschluss gekommen, noch ein wenig zu warten, bevor sie einen Heiler im St. Mungos aufsuchen würde.
Sie hatte nach Ausreden für diese Entscheidung gesucht, aber es war ihr keine in den Sinn gekommen, die nicht wie eine komplette Lüge geklungen hatte.
Sie wollte schlicht nicht gehen, weil sie dankbar war, kein Kind austragen zu müssen. Natürlich war es früher oder später notwendig, aber solange sie es noch vermeiden konnte, würde sie es tun.
Sie war über ihre eigene Feigheit entsetzt und auch darüber, dass sie wider ihrer Aufgabe in der Familie handelte, aber für den Moment konnte sie sich so akzeptieren.
Für Sirius war es eine Qual, die Gespräche am vollen Tisch anhören zu müssen. Dieser Bastard von Lucius rühmte sich mit Aussagen, von denen alle wussten, dass er sie niemals offen aussprechen würde.
Die Malfoys waren dafür bekannt, groß zu tönen und wenig zu machen. Wieso seine Mutter zugelassen hatte, dass einer von ihnen eine Black ehelichte, verstand er nicht. Reinblütig hin oder her - zumal es berechtigte Zweifel daran gab.
Und Sirius, der selbst nichts auf die Abstammung gab, wünschte sich in diesem konkreten Fall, diese Gerüchte würden sich als wahr herausstellen. Wie sehr er diesem selbstgefälligen Angeber die Schmach gönnen würde.
Eine andere Hausnummer war Bellatrix’ Ehemann. Er sonnte sich zwar ebenfalls im Schein der Aufmerksamkeit, aber jedes Wort, dass er nun sagte, hatte er sicher auch in der Verhandlung ausgesprochen.
Die Abfälligkeit über Muggelgeborene, die aus jeder einzelnen Silbe quoll, widerte ihn an.
Sein Blick huschte, ohne dass es kontrollieren konnte, zu Bellatrix, die zu seinem Leid genau gegenüber saß.
Er rechnete damit, sie bei jedem zweiten Satz über die Unfähigkeit des Ministeriums, sie vor zu vielen Muggelgeborene zu schützen, bekräftigend nicken zu sehen. Doch sie schien in Gedanken versunken zu sein. Ihr Blick war zwar auf die beiden Männer am kurzen Ende des Tisches gerichtet, aber es wirkte, als würde sie durch sie hindurchblicken.
Ihre vollen rosefarbenen Lippen, die leider schon das ein oder andere Mal seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten, waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
Was ihr wohl gerade im Kopf herum ging?
Sie hatte doch nicht … Sirius war in der vergangenen Nacht nach dem kurzen Absacker im Pub, im Schutz eines Alarmzaubers, durch die dunklen Zimmer und Gänge des Hauses gestreift, um nach dem Gold seines Vorfahren zu suchen. Und selbst als er sich weit nach Mitternacht schließlich in sein Bett begeben hatte, war sie noch nicht wieder zurück gewesen.
Und nun sah sie aus als hätte sie etwas verbrochen. Aus Wut ein paar Muggel erschreckt oder, schlimmer noch, verhext.
Nein, so dumm war sie nicht.
Aber was sollte dann die angespannte Miene? Sie sah ein wenig wie ein kleines Kind aus, das etwas angestellt hatte und kurz davor war, erwischt zu werden.
Sie weckte mit ihrer untypischen Haltung seine Neugier.
Offensichtlich bemerkte Bellatrix seinen Blick, denn sie erwiderte ihn einen kurzen Moment, bevor ihr Gesicht sich wieder nach vorne drehte.
Es war nur ein kurzer Augenkontakt gewesen, kaum ein Wimpernschlag, aber das hatte bereits gereicht, um ihm all ihre Abneigung zeigen zu können. Eine Fähigkeit, die er von niemand anderen kannte. Sie faszinierte ihn wirklich und das ärgerte ihn. Gewaltig. Zumal sie nun eine selbstgefällige Miene aufsetze und nichts mehr von der Anspannung zu sehen war. Was ging nur in ihrem Kopf vor?
»Sirius!«
Die laute Stimme seiner Mutter riss ihn aus seinen Gedanken und er blickte auf.
»Ja?«
»Wie sieht deine derzeitige Beziehung zu James Potter aus?" Alle Augen waren auf ihn gerichtet.
Ah, auf diese Frage hatte er bereits gewartet und konnte sie für alle Anwesenden zufriedenstellend beantworten, ohne zu lügen: " Ich habe seit Juli nichts mehr von ihm gehört."
"Lüg doch nicht", erwiderte Bella bissig und nun sah jeder zu ihr.
"Redest du von diesem Gerücht, dass ihr vorhin besprochen habt?"
"Also ist es nur ein Gerücht?" Es war sein Vater, der nun das Wort ergriff und langsam war es ermüdend, seiner Verwandtschaft dabei zuzuschauen wie sie gaffend dem Wortwechsel folgten.
"Offensichtlich", antwortete er ruhig.
"Das glaubt dir doch sowieso keiner."
"Meine liebe Cousine", sagte Sirius wieder an Bellatrix gerichtet, "welchen Grund hätte ich, zu lügen?"
Tatsache war, James und er hatten letzten Sommer beschlossen, den Kontakt abzubrechen, um Sirius nicht dem Risiko auszusetzen, vor Erreichen seines Ziels aus der Familie verstoßen zu werden.
Also wusste er nicht einmal, ob er Pate sein sollte oder nicht. Für ihn stand das allerdings gar nicht zur Debatte.
"Warum bist du noch hier, obwohl du offenkundig kein Verständnis für uns hast?", stellte Bellatrix provozierend die Gegenfrage.
Sirius funkelte sie wütend an und sie erwiderte den Blick nicht weniger intensiv. Das ihm zu bekannte Feuer loderte wieder in ihren Augen und er fragte sich, ob sie es nur bei Streitereien mit ihm hatte oder auch im Bett.
Falscher Gedanke zum schlechtesten Zeitpunkt, Sirius!
»Diese Frage gebe ich gerne an meine Mutter weiter.«
Bellatrix öffnete ihren Mund, wurde aber mit einem unwirschen »Bellatrix« von Orion zum Schweigen gebracht.
Stille. Einige der Anwesenden hielten sogar die Luft an. Sie waren gespannt auf Walburgas Antwort, die lange auf sich warten ließ.
»Was ist besser, als einen Rebellen zu überzeugen?«, sagte sie schließlich und beendete somit das Thema.
Es war dennoch eine seltsame Atmosphäre, die sich während der restlichen Versammlung und des anschließenden Abendessens im Raum hielt. Es wurde wenig gesprochen und Sirius machte drei Kreuze als schließlich der Feuerwhiskey serviert wurde. Er brauchte dringend Alkohol und ein Blick zu seiner unsäglichen Cousine bestätigte, dass es ihr ähnlich ging.
Ein Tropfen der Flüssigkeit lief ihren Mundwinkel hinunter, da sie das Glas in einem Zug leerte und er erwischte sich dabei, wie er darüber nachdachte, ihn wegzulecken. Darauf brauchte er dringend ein zweites Glas.
Zum ersten Mal seit dem Morgen war es still im Haus. Niemand lief mehr durch die Gänge, Narzissas Baby hatte aufgehört zu schreien - oder war mit einem Stummzauber belegt worden - und auch Rodolphus neben ihr schlief tief und fest.
Bella konnte nicht einschlafen. Immer wenn sie ihre Augen schloss, sah sie die grauen von Sirius vor sich. Sie wünschte, sie könnte diesen arroganten Blick in ihnen wegzaubern oder ihn wenigstens einmal so zusetzen, dass sie ihn verletzte.
Es war ein seltsamer Gedanke, aus dem sie selbst nicht schlau wurde, aber er hielt sie wach und irgendwann, es war sicher bereits nach ein Uhr, schob sie die Decke von sich und stand leise auf. Sie zog sich an und schlich aus dem Raum und auf den Gang, wo sie kurz stehen blieb, um zu lauschen, ob noch jemand anderes sich rührte. Aber es blieb still.
Zur Sicherheit, da sie um die knarrenden Dielen wusste, belegte sie den Gang mit einem Zauber, der für die nächsten zehn Minuten jeden Laut verschlucken würde.
Unten angekommen nahm sie sich ihren Mantel und warf ihn sich über die Schultern. Sie öffnete vorsichtig die Tür und stöhnte genervt auf, als sie sah, dass es erneut geschneit hatte. Mittlerweile war der Schnee wadenhoch und mürrisch zauberte sie sich einen Weg hindurch.
Sie wusste nicht genau, wohin sie eigentlich gehen wollte und lief auch noch weiter als sie die Grundstücksgrenze längst überschritten hatte und hätte apparieren können.
Wenn sie nur gewusst hätte wohin. Sie wollte nicht allein sein und darüber nachdenken, wie lange sie es noch vermeiden konnte, schwanger zu werden. Sirius’ Augen waren ein zusätzlicher Faktor, der sie davon abhielt.
In ihre gängigen Lokalitäten konnte sie allerdings nicht gehen, da sie noch immer denselben Vorbehalt dagegen hatte wie am Vorabend. Sie wollte niemanden sehen, der sie kannte.
Als sie schließlich am Rand eines Muggeldorfes ankam, steckte sie ihren Zauberstab weg und durchstreifte die Gassen, in der Hoffnung, eine Kneipe zu finden, die ihr zusagte.
Sie rechnete aber nicht damit, da Muggelsachen sie noch nie interessiert hatten. Hauptsache irgendeine Absteige.
Sie war, wie immer, wenn sie in einer Gegend war, die kaum Magie beherbergte, angewidert und auf eine seltsame Art neugierig.
Es war ein Trauerspiel wie sehr sich diese Menschen abmühen mussten, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, aber sie taten es. Etwas, das Bella noch nie verstanden hatte.
Doch sie wollte an diesem Abend nicht weiter über Dinge nachdenken, die sie verwirrten oder wütend machten. Stattdessen beschloss sie, einfach in die Kneipe zu gehen, aus der gerade ein paar betrunkene Männer hinaustorkelten.
Es war stickig im Inneren des Raumes, obwohl er größer war als das Gebäude von außen hätte vermuten lassen. Bella versuchte möglichst keinen der anderen Gäste zu berühren und schlängelte sich durch die Masse. Sie fand einen Platz direkt an der Bar und warf einen Blick auf die Getränke, die es hier gab.
Nichts davon hatte sie bisher getrunken, also beschloss sie, es einfach mit Irish Whiskey zu versuchen. Er klang zumindest nach etwas, das sie kannte. Sie hoffte einfach darauf, er würde Feuerwhiskey ähnlich sein, obwohl sie es Muggeln nicht zutraute, etwas zu erschaffen, dass so gut war wie das magische Pendant.
Sie wechselte nur die nötigsten Worte mit dem Barkeeper und achte nicht weiter auf ihre Umgebung. Sie warf allerdings einer älteren Dame einen bösen Blick zu, die sich auf den freien Barstuhl neben ihr hatte setzen wollen.
Sie wollte nicht allein sein, brauchte den Lärm und den Alkohol, um ihre Gedanken zu übertönen, aber Gesellschaft in unmittelbarer Nähe war ihr dennoch zuwider.
Sie trank den ersten Irish Whiskey in einem Zug leer und musste gestehen, dass er wirklich sehr gut war - davon durfte nie jemand etwas erfahren. Sie hob das leere Glas nach oben und bestellte sich einen zweiten. Anschließend einen Dritten. Der Muggel füllte immer nur das untere Drittel des Glases. Wie sollte sie da ihre Gedanken zum Verstummen bringen?
»Du könntest einfach einen Doppelten bestellen«, schlug ihr irgendwann eine ihr zu bekannte Stimme vor und Bella sprang beinahe in die Luft vor Schreck.
Langsam drehte sie sich zum Urheber dieses Satzes und legte ihre ganze Abscheu in den Blick.
»Was machst du hier?«, schrie sie bissig. Es war viel zu laut hier drinnen, um sich unterhalten zu können. Aber sie wollte sich auch gar nicht unterhalten. Warum also hatte sie geantwortet?
Weil sie nicht anders konnte. Sie musste ihm antworten. Sirius Black war der einzige Mensch, mit dem es nie langweilig wurde.
Ob es ihr gefiel oder nicht, sie fühlte sich nie lebendiger als während ihrer Auseinandersetzungen.
Sie genoss es, mit anzusehen, wie er wütend wurde. Ihn hochzuschaukeln und herauszufinden wie weit er ging. Es war ein berauschendes Gefühl. Und etwas, das sie sich noch nie zuvor selbst eingestanden hatte.
»Dasselbe könnte ich dich fragen.«
»Ich brauche Alkohol, wie du siehst«, sagte Bellatrix.
»In einem Muggeldorf?«
»Ja und?«
Sirius hob ungläubig eine Augenbraue.
»Ich wüsste nicht, dass ich eine Erlaubnis brauche, um eine Muggelkneipe aufzusuchen.«
Sirius schwieg einen Moment. Er musterte sie ausgiebig und ihr Magen zog sich bei seinem Blick zusammen. Vielleicht lag es auch am Alkohol.
Oh, wie sie hoffte, dass es daran lag.
»Ich hoffe, du weißt, wie man sich in einer Bar benimmt.« Er hob herausfordernd eine Augenbraue und wartete auf ihre Antwort. Bella schnaubte laut auf.
»Schau nicht so arrogant. Das ist nicht mein erster Kontakt mit diesen Lebewesen.«
»Sicher. Aber du weißt, dass sie keine Galleonen nehmen oder?« Das Bedürfnis, ihm die Augen auszukratzen, wurde laut.
»Wirklich?« Er sollte wütend werden, nicht sie.
Bella griff in ihre Manteltasche und zog ein paar Pfundnoten heraus. Sie wedelte vor Sirius’ Gesicht damit herum und knallte sie anschließend auf den Tresen.
Danach rutschte sie von ihrem Hocker. Sie nahm das Glas in die Hand, prostete ihm zu und trank es mit einem Mal aus.
»Einen schönen Abend noch, werter Cousin.«
Bella verstand nicht, warum sie so wütend geworden war. Natürlich war es eine Beleidigung ihres Verstandes gewesen, sie zu fragen, ob sie überhaupt wusste, mit welchen Mitteln Muggel zahlten. Aber es stand dennoch in keiner Relation zu ihrem Verhalten.
Sirius starrte seiner Cousine einen Augenblick irritiert nach. Er hätte nie im Leben damit gerechnet, sie an so einem Ort zu treffen. Allein unter all den Muggeln. Er war sich noch immer nicht sicher, ob es nicht doch eine Fata Morgana gewesen war.
Nein, sie war echt gewesen. Die Flammen in ihren Augen, wann immer er sie zur Weißglut brachte, konnte er sich nicht selbst ausdenken. Sie wären niemals so intensiv, so leidenschaftlich.
Aber dass sie so schnell das Schlachtfeld verließ, verwirrte ihn.
Bevor er wusste, was er tat, folgte er ihrem Beispiel, bezahlte die drei Gläser Bourbon, indem er ein paar Pfund auf den Tresen legte, und folgte ihr nach draußen.
Die kalte Winterluft schlug ihm ins Gesicht, kaum dass er die Tür geöffnet hatte, und er fragte sich, ob Bellatrix bereits disappariert war.
Doch sie stand einige Meter entfernt von ihm und lehnte gegen eins der Backsteinhäuser.
Der Frischluftschock schien ihr gewaltig zuzusetzen.
»Seit wann verträgst du denn so wenig?«, fragte er sie, weil er keine Gelegenheit verpassen konnte, sie zu piesacken.
»Halt den Mund«, zischte sie und warf ihm einen tödlichen Blick zu. Ihre Augen waren leicht gerötet und sie wirkte bleich.
»Bellatrix.« Von sich selbst überrascht, überbrückte er den Abstand zwischen ihnen und sah sie besorgt an. Er konnte sich nicht erinnern, seine Cousine jemals in einem solchen Zustand erlebt zu haben.
»Was mischen diese Scheißmuggel bitte in ihren Alkohol?«
»Eigentlich nichts anderes als wir«, antwortete ehrlich und erntete dafür einen weiteren tödlichen Blick.
Es war seltsam, es begeisterte ihn gar nicht, sie so schwach vor sich stehen zu sehen. Ihm wäre es lieber, sie würde wieder die Kontrolle über sich erhalten und ihm saftiges Kontra geben.
»Soll ich dir helfen?«, fragte er von sich selbst überrascht. Bellatrix schien es nicht anders zu gehen. Ihre Augen weiteten sich einen kurzen Augenblick, bevor sie sich wieder im Griff hatte.
Das musste man ihr lassen. Obwohl ihr schlecht war und mit den Auswirkungen ihres Alkoholkonsums klarkommen musste, verhielt sie sich beinahe normal.
»Ich brauche deine Hilfe nicht«, erwiderte sie und stellte sich gerade hin. Sie blickte ihn von oben herab an, ihre Augen glasig, aber ihr Wille ungebrochen. Ein schiefes Grinsen schlich sich auf seine Lippen. So gefiel sie ihm schon viel besser. Da konnte er sich wenigstens wieder richtig mit ihr zoffen.
»Das sehe ich anders.«
»Was weißt du schon. Ich hab schon ganz andere Situationen überwunden.«
»Du sagst es: andere.«
Bellatrix schien über etwas nachzudenken und er konnte sehen, dass sie unschlüssig war, ob sie es sagen sollte oder nicht. Gespannt wartete Sirius darauf und bereitete sich auf alles vor, was sie ihm an den Kopf werfen konnte, um ihn wütend zu machen.
»Dafür, dass du diese Familie so zu hassen scheinst, bist du gerne unter uns. Kann es sein, dass du es einfach genießt, den Rebellen zu mimen?«
Aber das traf ihn unvorbereitet. Und allein der Gedanke, dass jemand denken konnte, er wollte nur rebellisch wirken, sich aber gar nicht wirklich gegen sie auflehnen, ärgerte ihn. Natürlich sollte es ihn nicht wundern, nachdem er die letzten Jahre so verbissen um sein Gold gekämpft und Aussagen widerwillig hinuntergeschluckt hatte, die seinen sicheren Ausschluss aus der Familie bedeutet hätten. Aber er hatte nie komplett klein beigegeben.
Und darum sagte er die folgenden Worte, ohne darüber nachzudenken, welche Konsequenzen sie für ihn haben könnten: »Du weißt gar nichts über mich. Ich leide jeden verdammten Tag, den ich in dieser schrecklichen Familie gefangen bin.«
»Du leidest? Du bist gefangen?«, fragte sie bissig. »Du bist derjenige, der sagen und tun kann was er will, ohne dass es je Konsequenzen gibt. Ich wurde sogar, ohne gefragt zu werden, mit einem Mann verheiratet, der schnarchlangweilig ist und sich einen Scheiß für mich interessiert. Von mir wird erwartet, Kinder zu bekommen, die ich gar nicht möchte. Nicht von dir!«
Sirius war von diesen ehrlichen Worten tief beeindruckt und gleichzeitig fühlte er sich verarscht.
»Du leidest, weil du dich dafür entschieden hast, Blut über alles zu stellen«, erwiderte er deshalb. »Alles was du tust, gerade auch deine Ehe, tust du nur für diese schreckliche Familie. Das hast du dir selbst ausgesucht. Es dankt dir keiner. Sie machen dich höchstens fertig, weil du es nicht hinbekommst, dich schwängern zu lassen.«
»Noch nicht trocken hinter den Ohren und willst mir erklären, wie das Leben funktioniert? Du ruhst dich auf dem Gold deiner Familie aus, die du eigentlich hasst. Komm zur Besinnung. Du bist genauso wie wir alle.«
»Genauso wie ihr? Nein. Anders als ihr bin ich nicht von meiner Herkunft verblendet. Was habt ihr alle schon groß vorzuzeigen, außer einem Stammbaum?«
Sie funkelte ihn wütend an und er erwiderte den Blick nicht weniger intensiv. Es war beinahe so als ob man die Blitze zwischen ihnen sehen konnte. Ein Landstreicher, der an ihnen vorbeilief, verschwand schnell um die nächste Ecke, da die Spannung zwischen ihnen auch für Außenstehende sichtbar war.
Etwas tief in Sirius Inneren regte sich als er wieder dieses Feuer in ihren dunklen Augen sah. Sie stand viel zu nah vor ihm und ihr eigenwilliger Duft nach Sandelholz, der sich mit dem Geruch von Irish Whiskey vermischte, kroch ihm in die Nase.
Diese Frau hatte ihn schon immer irre gemacht, aber das … das war neu. Oder nicht? Er wusste es ehrlich gesagt nicht mehr.
Seit er denken konnte, war er nur zu gerne Streitereien mit ihr eingegangen. Es reizte ihn, sie zu dem Punkt zu treiben, an dem sie explodierte. Die Emotionen aus ihr herauszukitzeln. Aber er konnte sich nicht erinnern, sie jemals so wütend gesehen zu haben - und das fand er äußerst anziehend.
Vielleicht lag es an dem Alkohol, den er selbst konsumiert hatte. Aber es störte ihn nicht, dass er in diesem unglaublich unpassenden Moment Bellatrix weibliche Reize wahrnahm.
Ihre vollen Lippen waren leicht geöffnet und durch die Kälte waren ihre Wangen gerötet. Sie sah verboten gut aus und er wusste nicht mehr, ob es die Wut in ihm oder ihr ansprechendes Äußeres war, das sein Blut hochkochen ließ.
»Bist du fertig mit deinen Ausreden?«, fragte Bellatrix schließlich. Atemlos. Warum das? Egal.
Es spielte plötzlich keine Rolle mehr. Sirius ging den letzten Schritt, der noch fehlte, um die Lücke zwischen ihnen zu schließen, auf sie zu und sah sie eindringlich an.
»Sicher nicht.«
Und dann küsste er sie fest auf den Mund.
Seine Augen waren noch offen, er wollte unbedingt ihre Reaktion sehen. Bellatrix enttäuschte ihn nicht. Sie starrte ihn fassungslos an, versuchte aber nicht, ihn von sich zu stoßen. Stattdessen stand sie still da und ließ es über sich ergehen.
Sirius Ehrgeiz war geweckt und er drang mit seiner Zunge in ihren noch immer leicht geöffneten Mund ein. Halb erwartete er, sie würde zubeißen. Doch erneut geschah kurz nichts.
Und dann … stöhnte sie auf und schloss die Augen. Sie lehnte sich gegen ihn und ihre Arme umschlangen seinen Nacken.
Sirius Hände fanden den Weg zu ihrer Hüfte und er zog sie näher an sich. Es war ein aufregendes Gefühl ihren Körper an seinem zu spüren; ihre Brüste, die sich gegen ihn pressten.
Er vertiefte den Kuss weiter und bekam nur wie durch Nebel mit, dass Bellatrix Finger durch seine Haare fuhren.
»Du machst mich wahnsinnig, Bella«, flüsterte er als er sich schließlich für einen Augenblick von ihr trennte, um nach Luft zu schnappen.
Ein süffisantes Grinsen umspielte ihre Lippen.
»Seit wann darfst du mich so nennen?«, fragte sie herausfordernd und als Antwort verschloss er ihre Lippen wieder mit den seinen.
Es waren nur Berührungen auf Kleidung, Küsse auf den Mund, aber es erregte Sirius gewaltig.
Jede andere Frau hätte er längst in die nächste Gasse geschoben und hätte sie dort, an die Wand drückend, genommen.
Aber mit Bella war es etwas anderes. Er genoss ihre Berührungen intensiver, wollte sich Zeit lassen, herausfinden wie weit sie ging. Und war gespannt, wer von ihnen die Führung übernehmen würde.
»He, du Jungspund«, ertönte plötzlich eine lallende Stimme neben ihnen. Sie sprangen auseinander und sahen sich schwer atmend fassungslos an.
»Wenn du fertig bist … gib sie mir!«
Sie lösten ihren Blickkontakt und wandten sich dem Mann zu, der sie unterbrochen hatte. Er kam auf sie zu, Bellas Körper musternd. Nicht, dass ihm der Sabber aus dem Mund gelaufen wäre. Seine Augen zogen sie bereits aus.
Bevor Sirius es verhindern konnte, griff Bella ins Innere ihrer Tasche und zog ihren Zauberstab hervor. Sie zielte damit auf den Betrunkenen, der gar nicht realisierte, was sie tat und es wohl sowieso nicht verstanden hätte.
»Du widerlicher Muggel!«
»Bella, nein!«, rief Sirius, griff nach ihrem Arm und disapparierte mit ihr.
»Lass mich los, du Verräter!« rief sie, kaum dass sie an der Grundstücksgrenze angelangt waren. Sie zog zeitgleich ihren Arm aus seiner Umklammerung, ohne dass er die Möglichkeit gehabt hätte, diese von selbst zu lösen und stapfte wütend davon.
Sirius blickte ihr nach, wartete ein paar Minuten in der Kälte, um sich abzukühlen und ging anschließend ebenfalls zurück zum Anwesen.
Er war von was auch immer das gerade gewesen war verwirrt. Nein, das war das falsche Wort. Er war entsetzt. Über sich, über Bellatrix Reaktion. Einfach über alles.
Was in Merlins Namen hatte ihn da nur geritten?
Winter - Leidenschaft
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Frühling
Sirius verschwand am nächsten Morgen ohne ein weiteres Wort. Er hatte es wirklich getan. Mit der Familie gebrochen und war gegangen.
Bella verstand das Gefühl in ihrem Inneren zunächst nicht. Sie fühlte sich leer, einsam, taub.
Die Wochen vergingen und als der Frühling kam, wurde ihr langsam bewusst, was es war.
Ihr Herz, der unförmige Klumpen in ihrer Brust, war gebrochen. Ihr war bis zu dieser Erkenntnis noch nicht einmal bewusst gewesen, dass sie zu einem solchen Gefühl fähig war.
Aber Sirius hatte seit jeher Emotionen in ihr ausgelöst, die sonst keiner hervorrufen konnte.
Dennoch hielt sie an ihrer Entscheidung fest. Es ging hierbei um mehr als ihr eigenes Glück und darum musste sie daran festhalten.
Das bedeutete allerdings, dass sie den Großteil des Tages in ihrem Anwesen saß und vor sich hin starrte. Von ihrer spitzen Zunge war kaum etwas übrig, was aber außer ihrer kleinen Schwester keiner zu bemerken schien.
Wobei sich die Frage stellte, wem es hätte auffallen sollen? Rodolphus arbeitete nach wie vor viel und sehr lange und außer Narzissa hatte sie keine Besuche. Ihre Mutter war noch immer ein Schatten ihrer Selbst und was würde Bella in ihrem eigenen Zustand nur noch weniger ertragen können.
Es war also nicht anders als früher, aber sie fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben einsam.
Es half auch nicht, dass sie beinahe immer, wenn sie die Augen schloss oder zu Bett ging, Sirius Gesicht sah. Sie spürte seine Hände und seine Lippen auf ihrer Haut. Die Lust übermannte sie und manchmal, wenn sie es nicht länger unterdrücken konnte, berührte sie sich selbst so wie sie sich wünschte, dass er es tat.
Wüsste Bella es nicht besser, wäre sie davon überzeugt, er habe sie aus reiner Missgunst verhext. Aber wenn das so wäre, hätte sie es niemals geschafft, zu gehen.
Wie gerne wäre sie wieder zu ihm ins Bett gestiegen. Wie verführerisch war der Gedanke, sich von Rodolphus zu trennen und herauszufinden, was Freiheit bedeutete.
Doch gleichzeitig war da noch immer diese Stimme, die ihr sagte, was sie zu tun hatte. Wie sie zu sein sollte. Es war ihr verstorbener Vater, der zu ihr sprach und sie hasste ihn dafür. Dennoch hielt sie sich verbissen daran. Es war ihr Päckchen, das sie tragen musste. Und sie würde es tragen.
»Du siehst aus als hätten Dementoren dir die Seele geraubt«, sagte Narzissa eines Tages.
Sie tranken gemeinsam Tee und ihre kleine Schwester hatte eigentlich von den Fortschritten erzählt, die ihr Sohn machte.
Dieser Themenwechsel überraschte Bella und sie räusperte sich laut.
»Ich werde wohl krank.«
»Dann solltest du langsam einen Heiler aufsuchen. Deine Augenringe werden von Besuch zu Besuch dunkler. Nicht, dass es etwas schlimmeres ist.«
Aufrichtige Sorge klang in Narzissas Stimme mit. Bella war diesen Tonfall gar nicht gewohnt und unweigerlich musste sie sich fragen, ob es an ihrer Mutterschaft lag. Ihr Sohn würde bald ein Jahr alt werden. Wahrscheinlich waren es Muttergefühle, die ihre Schwester in dieses emotionale Etwas verwandelten.
»Mach dir keine Gedanken. Erzähl lieber, was der kleine … äh …«
»Draco. Sein Name ist Draco, Bella.« Mit einem Seufzen stellte Narzissa ihre Tasse auf den Tisch und erhob sich.
»Ich weiß nicht, was dich momentan so beschäftigt oder wieso du offensichtlich so schlecht schläfst. Aber tu dir selbst den Gefallen und lass dich nicht so gehen. Das passt nicht zu dir. Normalerweise verfluchst du jedes Problem.«
Narzissas Aufforderung hallte auch noch in Bellas Kopf wider, als sie längst im Bett lag. Sie wollte die Worte nicht länger hören. Es sorgte nur für seltsame Gedanken. Gedanken, die man als geborene Black nicht haben sollte.
Denn das Problem, dass sie dieses Mal verfluchen musste, war ihr Unwille sich weiterhin den Vorgaben ihrer Familie hinzugeben. Und das, obwohl sie es zum Wohle ihrer Schwester tat.
Aber sie wünschte sich seit Monaten nichts sehnlicher als Sirius wieder zu sehen. Seine Hände auf ihrer Haut zu spüren, sein tiefes Lachen zu hören und sich von ihm zur Weißglut treiben zu lassen. Doch um diesen Drängen nachgeben, müsste sie den Schritt wagen, den sie schon damals nicht hatte tun können.
Bella drehte sich von einer Seite auf die andere und suchte vergebens nach Schlaf. Aber er wollte nicht kommen. Wie so oft.
Deshalb war sie noch wach, als Rudolphus kurz vor Sonnenaufgang nachhause kam und sich neben sie legte.
Sie lag still da, war sich aber sicher, er bemerkte, dass sie noch nicht schlief. Er fragte sie nicht, warum oder ob etwas sie beschäftigte. Kaum verwunderlich, denn es interessierte ihn nicht einmal, dass sie immer blasser wurde. Stattdessen legte er sich neben sie und war innerhalb weniger Minuten tief und fest eingeschlafen.
Bella erhob sich und starrte im Dunklen auf ihren Ehemann. Sie ertrug es nicht mehr. Aber konnte sie egoistisch sein und sich einfach von dieser Bürde lossagen?
Sie hatte den Entschluss, sich für ihre Familie entschieden zu haben, solange vor sich selbst gerechtfertigt, dass sie langsam nicht mehr konnte.
War es wirklich richtig, wenn die Zweifel stärker wurden, statt nachzulassen? Musste sie ihr eigenes Glück tatsächlich für ihre Schwester und ihre Mutter opfern?
Narzissa hatte einen Ehemann und einen Sohn, den sie über alles liebte. Sie war gut aufgehoben. Teil einer neuen Familie. Sie konnte sich gut um sich selbst kümmern und auch die Verantwortung für ihre Mutter übernehmen.
Nach all den Jahren, in denen sie sich immer gebeugt hatte, um sich so zu verhalten wie es sich für eine Black gehörte, hatte sie keine Lust mehr dazu. Und keine Kraft.
Rodolphus war das perfekte Beispiel dafür, was es bedeutete, nicht so zu handeln, wie man es selbst wollte. Denn hätte sie damals ihren Willen bekommen, würde er nun nicht neben ihr liegen.
Und wenn sie nun endlich ehrlich zu sich selbst war, bröckelte ihre Entscheidung, sich selbstlos für ihre Familie entschieden zu haben, bereits seit dem Moment, in dem sie es beschlossen hatte.
Die Stimme ihres Vaters in ihrem Kopf würde nicht länger die Kontrolle über ihre Entscheidungen haben. Sie würde ihre Familie verlassen und endlich glücklich sein.
Panik breitete sich in Bellas Inneren aus, als sie mit einem lauten Knall auf der Hauptstraße von Godric’s Hollow ankam. Sie hatte all ihre Habseligkeiten in ihre graue Handtasche gestopft, die sie fest umklammert in ihrer linken Hand hielt.
Es waren nicht viele Sachen, aber dennoch fühlte sie sich schwer an.
Vielleicht lag es nicht am Gewicht, sondern an dem, was es bedeutete, nun hier zu stehen und zum Haus einer Familie zu gehen, die sie aufgrund ihres Standes hasste. Und gleichzeitig liebte sie einen Bewohner davon.
Sofern Sirius wirklich noch dort lebte. Sie hoffte es inständig, denn von Potter würde sie keine Information über seinen neuen Aufenthaltsort erfahren.
Noch nie in ihrem Leben hatten sich ihre Beine wie Gummi angefühlt und so knickte Bella beinahe ein, als sie den ersten Schritt tat.
Sie blieb stehen, atmete tief durch und der Griff um ihre Tasche wurde fester. Es tat weh, da ihre Fingernägel sich in ihre Handinnenfläche bohrten. Aber der Schmerz half ihr.
Sie musste sich zusammenreißen. Sie war eine geborene Black. Ein stolzer und starker Mensch, auch wenn sie sich losgesagt und Sirius ihr in den letzten Monaten gezeigt hatte wie schwach sie doch sein konnte.
Aber deshalb war sie hier. Sie wusste, was sie wollte und sie würde es sich nehmen.
Neuen Mut schöpfend lief sie die Straße entlang und bog in eine der Seitenstraßen ab. Dieses Dorf stand für vieles, was sie verabscheute - die magische Welt verbunden mit Muggeln - und dennoch ging eine ganz eigene Faszination davon aus.
Aufgrund der Uhrzeit waren in den meisten Häusern bereits die Lichter gelöscht worden, aber sie spürte die Magie aus jedem Winkel kriechen und musste sich bei jedem freien Grundstück fragen, ob dort nicht ein Gebäude stand, dass sie nur nicht erlaubt war, zu sehen.
Sie fürchtete, dass das Haus der Familie Potter ebenfalls unter einem Schutzzauber stand, so wie es bei den Black Gang und Gäbe war. Das würde bedeuten, sie müsste solange hier verweilen, bis Sirius ihr zufällig über den Weg lief oder sie jemanden sah, dem sie folgen konnte, um zu ihnen zu gelangen.
Bella wusste auch nicht, wo genau das Haus stand. Sie war in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Bett verschwunden und hatte sich innerhalb von zehn Minuten reisefertig gemacht. Ihr war klar, dass es eine Weile dauern konnte, herauszufinden, wo sie hin musste. Sie hoffte einfach darauf, Potter und seine Frau wären nicht so paranoid wie die Familie Black und ihr Name würde groß irgendwo am Haus stehen.
Doch auch nach einer guten Stunde fand sie das Haus nicht. Sie ließ sich auf eine Bank fallen und schloss für einen Moment ihre Augen.
Es war eine dumme Idee gewesen, ohne jegliche Vorbereitung hierher zu kommen. Sie hätte sich informieren und vielleicht vorab eine Eule schicken sollen.
So würde sie kaum Erfolg haben, dafür war Godric’s Hollow zu verwinkelt und zu verhext.
Bella überlegte gerade, wo sie die restliche Nacht verbringen konnte, als etwas ihr die Sicht auf die andere Straßenseite versperrte.
»Was tust du hier?«, wurde sie ohne Umschweife gefragt und sie starrte nach oben.
Sirius stand vor ihr, die Arme verschränkt, und blickte sie misstrauisch an.
»Ist dir die Höflichkeit abhanden gekommen?«, fragte sie bissig. Sie wollte nicht, dass ihm auffiel wie unsicher und verletzlich er sie machte.
»Bei dir immer. Also: was willst du hier?«
Bella war so darauf konzentriert gewesen, ihn zu finden, dass sie nicht darüber nachgedacht hatte, was sie sagen sollte, wenn er wirklich vor ihr stehen würde. Sie schluckte und erhob sich, um sich selbst vorspielen zu können, selbstbewusst zu sein.
»Ich habe dich gesucht.«
»Warum? Willst du das Gold zurückfordern, dass ich euch gestohlen habe?«, fragte er kalt.
Eine Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus und sie war versucht, einen Schritt zurückzugehen. Die letzten Wochen und Monate zollten ihren Tribut und sie war beinahe unfähig, sich gegen ihn zu behaupten.
»Nein.« Sie musste stark klingen. »Ich habe beschlossen, mich von Rodolphus zu trennen.«
»Glückwunsch.« Er zuckte noch nicht einmal bei ihren Worten.
»Sirius«, versuchte sie es weiter. Er hob seine Hand, um sie zum schweigen zu bringen. Sagte aber selbst nichts. Das erweckte Hoffnung in ihr und sie suchte nach Worten, um ihm deutlich zu machen, was es bedeutete, dass sie nun vor ihm stand.
»Die Familie war mir immer wichtiger als alles andere. Aber durch dich … habe ich begriffen, dass das alles nicht zählt«, gestand sie.
Sirius, der sie bis eben nur ausdruckslos angeschaut hatte, hob eine Augenbraue und schien ihr damit tatsächlich mitteilen zu wollen, sie solle weitersprechen.
»Es tut mir leid, was ich damals gesagt habe. Dass ich damals nicht mitgegangen bin. Ich … ich habe etwas gebraucht, um wirklich zu verstehen, was du mir damals sagen wolltest. Also, wenn … wenn du mich noch willst, würde ich gern auf dein Angebot zurückkommen. Ich lasse mich scheiden. Und es ist mir egal, was sie sagen.« »
»Du glaubst, ich lasse mich so leicht darauf ein?«
»Nein. Aber ich habe beschlossen, dich zu bekommen und du kennst mich. Am Ende erreiche ich mein Ziel immer.« Die Selbstsicherheit, die aus diesen Worten klang war echt. Es überraschte Bella selbst, doch sie schaffte es während des Gesprächs mit Sirius zurück zu ihrem eigentlich Ich. Was auch immer seine bloße Anwesenheit in ihr auslöste, es gefiel ihr und sie wollte es nie wieder missen.
Mit einem schiefen Grinsen ging sie auf ihre Zehenspitzen und umschlang Sirius Hals mit ihren Armen. Sie drückte sich an ihn und legte ihre Lippen auf seine.
Er versteifte sich kurz, sie bereitete sich darauf vor, dass er sie von sich stoßen würde. Doch dann legte er seine Hände auf ihren Rücken und zog sie so noch näher an sich.
Es fühlte sich gut an. Richtig. Hier wollte sie sein. Und nirgends anders.
Bella spürte, dass sie endlich ehrlich glücklich sein konnte.
