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end the world as we know it

von

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I

Es war ein räudiges Ding.

Mit seinem struppigen, grauen Fell und seiner Form, die ihn entfernt an einen Klatscher erinnerte, gehörte es sicher nicht in irgendein Büro des Zaubereiministeriums - geschweige denn in seines.

Als Percy Weasley die Tür zum Büro der Magiermeldeamts öffnete, lag es trotzdem auf dem Teetisch und wirkte dort wie ein zweiter, pelziger Kessel. Träge hob es den Kopf und funkelte ihn mit seinem einen bernsteinfarbenen Auge an.

Das »Was zum Hippogreif?«, das ihm entfuhr, kommentierte es mit einem ausgiebigen Gähnen.

Percy blinzelte. Der Anblick blieb.

Er blinzelte noch einmal und nochmal. Schließlich musste er sich eingestehen, dass es nicht half, die Augen zu verschließen. Da fläzte sich immer noch eine dicke, graue Katze zwischen den Teetassen. Percy hörte sie schnurren.

Die Frage war: Was tat er jetzt? Zwischen den Tassen konnte das Tier schlecht bleiben. Eigentlich konnte es nicht einmal im Büro bleiben, nicht mit Mr Knights Tierhaarallergie. Und wer wusste schon, was die übrigen Mitarbeiter zu einer Katze zwischen ihrem Tee sagen würden?

Percy stockte.

»Gehörst du einem meiner Kollegen?«

Die Frage richtete sich halb an das Tier und halb an die Stille im Raum. Die Katze konnte schließlich kaum ohne Schlüssel in das Büro gekommen sein. Sicher hatte einer der anderen Mitarbeiter das Tier mitgebracht. Deborah vielleicht, oder Terry. Hatte Gillian nicht sogar einen Kater?

Ja, das musste es sein.

Percy musterte das Tier erneut. Er legte den Kopf schief. Es kam ihm schon irgendwie bekannt vor.

»Ich dachte eigentlich«, sagte er in den Raum, »Sammy sei ein Rottiger?«

Nichts bewegte sich zwischen den Schreibtischen und auch die Tür zum Aktenzimmer öffnete sich nicht. Nur die Katze gähnte gelangweilt. Seine Fragen blieben unbeantwortet.

Schließlich musste Percy sich eingestehen, dass weder Gillian noch die Katze ihm antworten würden.

Mit einem letzten, missmutigen Blick ließ er das Thema ruhen. Vorerst.

Mr Knight würde eine Meinung dazu haben, wenn er in einer halben Stunde zum Dienst kam. Und bis dahin konnte Percy ohnehin nichts an dem haarigen Umstand ändern.

Er schloss die Tür und ignorierte das Tier. Er ignorierte, wie es ihm beim Ablegen seiner Tasche beobachtete. Er ignorierte die Schmatzgeräusche, mit denen es seinen strähnigen Pelz in eine andere Richtung leckte, während er seinen Umhang an die Garderobe hing. Und er ignorierte-

Nein.

Percy ignorierte es nicht.

Als er nach den Teekanne greifen wollte, hatte er ein Problem. Es saß mit seinem klatscherförmigen Gesäß noch immer auf dem Teetischchen. Und auf seinem Lieblingstablett.

Er seufzte.

»Ich fürchte, ich brauche das«, sagte er und griff versuchsweise nach einem der Messinggriffe.

Ein paar Tassen klirrten unheilvoll, während sich das Tier umdrehte, um sich das Gesäß zu lecken.

Percy presste die Lippen aufeinander.

Sein Erwartungen Übertroffen in Pflege magischer Geschöpfe war, auch wenn er gerne anderes behauptete, nicht so solide gewesen, wie es hätte sein sollen. Auch hatte er seit Krätze kein Haustier in dem Sinne mehr gehabt - nicht wirklich. Natürlich. Hermes war ihm ans Herz gewachsen, mehr vielleicht, als die Ratte es je hätte tun können - und das nicht nur, weil die Eule sich bislang nicht als Massenmörder herausgestellt hatte. Doch Hermes war immer schon selbstständig gewesen und verbrachte die meiste Zeit auf Postflügen und auf der Jagd.

Percy ahnte, dass ihn die Eulencracker in seiner Tasche hier nicht weiterbringen würden.

»Hey!«, versuchte er es schließlich, dabei bemüht, so bestimmt wie möglich zu klingen. »Geh da runter!«

Sachte versetzte er dem Tier einen Stoß mit dem Handrücken.

Statt sich jedoch brav vom Teetisch schieben zu lassen, schmiegte es sich in die Berührung. In einer fließenden Bewegung, die er dem pelzigen Klatscher so nicht zugetraut hatte, glitt die Katze an seiner Hand vorbei und unter seinen Arm. Genüsslich rieb sie ihren Kopf gegen seinen Arm.

»So habe ich mir das nicht vorgestellt«, erklärte Percy, der sie mit einem unglücklichen Blick beobachtete. Hoffentlich hinterließ sie dabei keinen Dreck auf seinem Ärmel.

Probeweise fuhr er mit seinen Fingern durch ihr struppiges Fell. Es sah nicht nur so aus, als hätte sie die letzten Wochen auf der Straße verbracht - es fühlte sich auch so an. Vermutlich hinterließ sie gerade wirklich Schlieren auf seinem Hemd.

Trotzdem strich er noch ein, zwei Mal über ihr Fell, bevor er seine Hand über ihre Seite gleiten ließ. Er wollte nach ihr greifen - doch auch das verstand sie als Einladung. Dieses Mal, um sich auf das Tablett zu werfen und ihm ihren Bauch zu präsentieren.

Als er nicht reagierte, leckte sie über seinen Handballen. Einmal, zweimal, bis er das Gefühl hatte, sie wolle ihn putzen.

»So habe ich mir das wirklich nicht vorgestellt«, wiederholte er, doch das Tier leckte nur weiter über seine Haut. Missmutig senkte er die Hand. Während er seine Finger über ihre Brust gleiten ließ, realisierte er zwei Dinge:

Erstens: Wer auch immer das Tier mitgebracht hatte, Gillians Kater war es ganz sicher nicht.

Zweitens: Das Tier war nicht nur breit wie ein Klatscher, sondern auch voller Kätzchen. Er spürte die Bewegungen der Ungeborenen unter seinen Fingerkuppen.

Kurzum - wenn er jemals eine Chance gehabt hatte, das Tier von seinem Tablett zu vertreiben, hatte er sie erfolgreich verpasst.

Percy seufzte.

»Fein«, murrte er schließlich, während er ihr über den Kopf strich. »Fein. Du hast gewonnen.«

Sein Blick glitt von der Katze über den Teekessel bis hin zur Garderobe. An einem Regenschirm blieb er hängen.

Mit der freien Hand griff er nach seinem Zauberstab und schwang ihn, vielleicht etwas zu harsch. Mit einem leisen Pooof! verwandelte sich der Schirm in ein Tablett, das groß genug war, um eine Kanne und eine Tasse tragen zu können. Es war schwarz, nicht sehr elegant und Mr Knight würde Fragen stellen, doch es würde seinen Dienst tun. Ein weiterer Schwenk seines Zauberstabs ließ das Tablett zu ihm schweben und ein dritter setzte Wasser auf.

Immer noch kraulend drapierte er das Teeservice und beschwor den Tee. Er ließ die Hand erst sinken, als das Wasser kurz vorm Sieden war - und er tat es unter empörtem Maunzen.

»Tut mir leid, aber ich muss arbeiten«, erklärte er, während er die Kanne füllte.

Sorgsam setzte er den Deckel auf. Mit der Arbeit zufrieden nickte er sich schließlich zu und fischte das Tablett aus der Luft.

Schwungvoll durchquerte er das Büro. Das leise, verräterische Tapp! von Pfoten auf Parkett hinter sich ignorierte er. Stattdessen klopfte er wie gewohnt an die Tür seines Vorgesetzten. Wie jeden Tag wartete er einen kurzen Moment, bevor er die Tür mit dem Ellbogen öffnete.

Die Routine hatte ihn wieder.

»Mr Knight, Sir«, verkündete er, als er bemerkte, dass das Licht bereits brannte. »Ihr Tee.«

Mr Knight bedankte sich nicht.

Er war nicht einmal da.

An dem Schreibtisch, an dem sein Vorgesetzter hätte sitzen sollen, saß ein Geist.

Percy blinzelte.

Nein, korrigierte der Teil von ihm, der vor fünf Jahren darauf bestanden hatte, den Kunstkurs zu besuchen und der seitdem in Holzschnitten verloren gegangen war, ein Reiter der Apokalypse.

Percy öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

Er erinnerte sich nicht nur an Dürer und Wasnezow. Er erinnerte sich auch an die Steckbriefe, die er für Mr Scrimgeour verwaltet hatte.

»Ich würde das an ihrer Stelle nicht fallen lassen«, sagte Rabastan Lestrange.

Percy ließ nichts fallen. Vornehmlich, weil er sich an das Tablett in seinen Händen klammerte wie ein Ertrinkender. Immer noch stumm starrte er den Mann an, der in dem Lehnstuhl seines Vorgesetzten versank, als gehöre er dort hin. Er trug sein Haar in einem kurzen, gepflegten Zopf und auch sein schwarzer Wollumhang zeugte von Geld. Beides täuschte nicht über seine Zeit in Askaban hinweg. Graue Strähnen zogen sich durch seine braunen Locken. Sein Gesicht war eingefallen, seine weiße Haut spannte sich über seine Wangenknochen. Einzig seine blauen Augen, die tief in ihren Höhlen saßen, wirkten lebendig.

Percy kannte die Akten. Es gab nichts, das man hätte beschönigen können. Natürlich. Lestrange hatte nie ein Geständnis abgegeben, doch Percy kannte die Vorwürfe, die Beweise, das Urteil. Jeder kannte das Urteil.

Obwohl Percy um den Zustand des Ministeriums - den Zustands des Ministers - wusste … nie hätte er es für möglich gehalten, dass die Todesser so schnell so dreist werden würden. Hatten sie Lestrange rehabilitiert (und wer wusste, wen noch?) Hatten sie Thicknesse dazu gezwungen, es zu tun? Oder war es ihnen einfach egal? Und was zum Hippogreif machte Lestrange ausgerechnet hier? Warum saß er nicht im Gamot oder in der Strafverfolgungsbehörde? Wo war Mr Knight? War ihm etwas zugestoßen? War seinen Kollegen etwas zugestoßen? Gillian? Terry? Was war mit seinem Vater? Hatte auch er einen Todesser in seinem Büro? Hatten sie Potter? Percy hatte ihn - sie alle - zuletzt auf der Beerdigung von Albus Dumbledore gesehen. Den letzten Besuch im Fuchsbau hatte Mr Scrimgeour allein unternommen. Und wenige Tage später … er erinnerte sich immer noch an den Lärm. An das Duell. An die Teeküche, in die Scrimgeour ihn gesperrt hatte, bevor Percy hatte verstehen können, was geschah. An die Todesser, die ihn dort gefunden hatten. Ihre Masken. Ihre Fragen. Mr Scrimgeours Warnung-

Plötzlich verstand er.

Er starrte immer noch in Lestranges Augen. Panik flutete durch seine Adern, während er sich fragte, wovor Mr Scrimgeour ihn gewarnt hatte. Welches Buch er ihm empfohlen hatte. Buch.

Percy riss an dem Gedanken.

Buch.

Die ältesten Fundamente von Hogwarts lassen sich auf das achte Jahrhundert zurückdatieren. Ein Teil des ursprünglichen Mauerwerks ist in der Eingangshalle erhalten, doch es ist unmöglich, aus diesen Fragmenten noch ihre damalige Nutzung zu erschließen. Erst die Gründer schufen den Grundriss, wie wir ihn noch heute nachvollziehen können. Nach dem heutigen Stand der Forschung wurden sowohl die Große Halle aus auch die Gewölbe der Keller nach den Vorstellungen von Rowena Ravenclaw und Salazar Slytherin errichtet. Auch die drei höchsten Türme stammen-

Percy kniff die Augen zusammen.

-aus dieser Zeit und gaben Hogwarts schon damals seine markante Silhouette.

Ein bellendes Krächzen unterbrach seine Gedanken. Es dauerte einen Moment, bis Percy verstand, dass Lestrange lachte.

Er schlug die Augen nieder. Sein Blick glitt über Mr Knights Schreibtisch, an dem Lestrange sich bereits heimisch eingerichtet hatte. Das Namensschild aus Messing verkündete nicht länger den Namen seines Vorgesetzten sondern R. L. Lestrange. Der Federhalter mit den imposanten Adlerfedern war einer Reihe schlichter Federkiele gewichen, wie Percy sie selbst in Hogwarts verwendet hatte. Dicht daneben stand ein altes Schwarz-Weiß-Bild mit einem Hochzeitspaar, das dem Betrachter fröhlich entgegen winkte. Auf der anderen Seite lehnte ein Gehstock am Tisch, mit einem schwarz glänzenden Raben als Knauf.

Nur die Akten waren noch dieselben wie am Vorabend. Sie teilten sich den Platz mit einem Teller voller Sandwiches. Tomaten, Salat, gegrilltes Gemüse und etwas, das Percy nicht einmal rudimentär an Fleisch erinnerte.

»Es wird Sie nicht retten, wissen Sie?«

Percy sah auf, doch dieses Mal wusste er es besser, als sich auf einen Blickkontakt einzulassen. In Lestranges Mundwinkeln spielte immer noch ein Lächeln.

»Entschuldigen Sie, aber ich verstehe Sie nicht«, presste er hervor.

»Oh, ich meine Ihre kleinen Schutzmaßnahmen«, antwortete der Todesser. Ungerührt schlug er die Akte, in der er vor Percys Eintreten geblättert haben musste, zu. »Sie mögen damit einen direkten Angriff abwehren können, doch Sie könnten sich genauso gut eine Zielscheibe auf die Stirn hexen.«

Percys Griff um das Tablett wurde fester.

»Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden.«

»Sie zeigen dem Angreifer, dass Sie etwas verbergen, Mr Weasley.« Percy war sich vage bewusst, dass Lestrange seine Gesichtszüge musterte. »Sie zeigen ihm auch, dass er kurz davor ist, Ihre Hürden zu überwinden. Die beste Abwehr ist jene, die man nicht sieht und manchmal lügt es sich am besten mit der Wahrheit.«

Percy schluckte.

Versuchte er es bereits erneut? Ohne Blickkontakt? Nein. Nein, auch wenn er ihn vielleicht nicht abwehren konnte, Percy sollte es doch zumindest merken. Zumindest in diesem Punkt war er sich sicher. Und solang er nicht an-

Nein.

Er presste die Lippen aufeinander.

»Warum erzählen Sie mir das?«

Lestrange zuckte mit den Achseln.

»Sie erinnern mich an meinen Bruder.«

Percys Blick glitt zurück zu dem Schreibtisch, zurück zu dem Bild. Lestrange erkannte er nur, weil er Bilder von ihm gesehen hatte, die kurz nach seiner Verhaftung aufgenommen worden waren. Auf den Bildern war sein linkes Auge zugeschwollen gewesen und eine klaffende Wunde hatte sich von seiner Wange bis hinab zu seinem Kinn gezogen - Percy konnte die Narbe sehen, wenn er aufblickte - und all das fehlte natürlich auf dem Foto, doch die Ähnlichkeit war deutlich genug. Seine Braut - ein Mädchen mit langen, schwarzen Haaren und dunkler Haut - musste demnach Laurel Parkinson sein, die Frau, mit der er laut den Akten noch immer verheiratet war. Die Brautjungfer konnte er nicht identifizieren, doch Lestranges Trauzeuge hatte das gleiche markante Kinn und ähnliche Locken und sah dem Bräutigam damit ähnlich genug, um sein Bruder sein zu können.

Lestrange räusperte sich. Irritiert stellte Percy fest, dass er seinem Blick zu dem alten Foto gefolgt war.

Percy senkte den Blick zurück zu den Federn daneben. Ein wenig fühlte er sich wie ein Eindringling, dabei war das lächerlich. Lestrange war der einzige Fremdkörper hier.

»Rod«, sagte Lestrange, der immer noch zu dem Bild schaute, »wäre zugegebenermaßen nie auf die Idee gekommen, Geschichte Hogwarts’ zu zitieren. Wann immer er mich erwischt hat - und glauben Sie mir, er hat mich ständig erwischt - hat er Gesetzestexte zitiert. Die Regularien zur Zucht und Haltung magischer Geschöpfe waren immer seine Favoriten. Vermutlich fürchtete er, ich würde irgendwann versuchen, einen Basilisken aus einem Hühnerei zu pellen.«

Percy biss die Zähne aufeinander.

»Haben Sie?«

»Nein«, sagte Lestrange und vielleicht bildete Percy es sich ein, aber er klang dabei fast ein wenig wehmütig. »Aber ich habe mal versucht, drei Wampuswelpen nach Hogwarts zu schmuggeln.«

»Wampuswelpen.«

»Drei Stück.«

Er erinnerte sich nicht umfassend daran, was Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind zum Thema Wampus zu sagen hatte, doch Percy war sich ziemlich sicher, dass diese Wesen nicht die Gefahrenbewertung hatten, die sich die Lehrer in Hogwarts gewünscht hätten. Er öffnete den Mund.

Irgendwas stieß gegen seine Wade. Percy zuckte heftig genug zusammen, um das Geschirr auf seinem Tablett klirren zu lassen. Beinahe hätte er nach seinem Zauberstab gegriffen, doch die Aussicht auf einen Liter heißen Schwarztee hielt ihn davon ab.

Ein Blick nach unten offenbarte keinen Angriff - oder zumindest keinen, mit dem Percy gerechnet hatte. Die Katze war ihm gefolgt. Zufrieden schnurrend rieb sie ihren Kopf an seinem Schienbein und hinterließ dabei graue Katzenhaare auf seinem Umhang.

»Oh«, sagte Lestrange, den Blick ebenfalls auf das Tier gerichtet. »Ich sehe, Ceylon haben Sie bereits getroffen.«

»Ceylon«, antwortete Percy mit trockenem Mund. »Ich hoffe, sie ist kein … Wampuswelpe.«

»Nein, nein. Kein Wampuswelpe. Nur die Straßenkatze, die bei den öffentlichen Toiletten in Whitehall herumstreunt. Harmlos, wirklich. Solang Sie keinen Thunfisch haben.«

Die Straßenkatze …

Percy blickte nach unten. Die Katze blickte mit ihrem einen, bernsteinfarbenen Auge zurück. Oh. Ja. Jetzt, wo Lestrange es sagte, erinnerte auch Percy sich. Er hatte bei diesen unsäglichen Toiletten tatsächlich bereits eine Katze gesehen. Er hatte nur immer gedacht, das Tier sei schwarz.

Mr Knight würde das nicht gefallen. Er-

Oh, verdammt.

Percy sah auf.

»Wo ist Mr Knight?«, fragte er.

»Im sechsten Stock.«

Percy zog die Augenbrauen zusammen.

»In der Abteilung für magisches Transportwesen?«, fragte er. Es irritierte ihn, dass Lestrange ihm überhaupt eine Antwort gab. Aber so eine? Das machte doch überhaupt keinen Sinn! Wenn sie Mr Knight-

»Flohnetzwerkaufsicht.«

Percy blinzelte.

»Flohnetzwerkaufsicht«, echote er. »Was soll er denn dort?«

Lestrange zuckte mit den Achseln. »Das werden Sie ihn fragen müssen, fürchte ich. Er war es, der den Antrag auf Versetzung gestellt hat.«

»Versetzung.«

Percy öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

Er wollte Lestrange nicht glauben, doch diese Information war so leicht zu überprüfen, dass es keine Lüge sein konnte. Immerhin musste er dafür nur in seiner Pause in den sechsten Stock gehen. In die Flohnetzwerkaufsicht. Er presste die Lippen aufeinander.

Mr Knight hatte sich versetzen lassen.

Er war gegangen und offenbar war es ihm egal gewesen, wer seinen Posten übernehmen würde. Wortlos. Er fragte sich, ob seine Kollegen davon gewusst hatten.

»Kommen Sie, Mr Weasley«, sagte Lestrange, »setzen Sie sich. Sie haben Tee, der langsam kalt wird, und ich habe einen Stapel von Akten, die ich nur halb verstehe, und Tempeh-Tomaten-Sandwichs. Möchten Sie eins?«

Einen Moment lang musterte Percy nur anklagend die Teekanne auf seinem Tablett. Sein Blick fiel auf Ceylon, die ihm immer noch um die Beine strich.

Nun.

Zumindest hatte sich damit auch die Sache mit der Tierhaarallergie erledigt.

Seufzend ergab Percy sich seinem Schicksal.

II

Ihn zu retten kostete Gillian den gesamten Vormittag.

Zwischen Fragen über seine Arbeit und Fragen zu den anderen Mitarbeitern der Verwaltung lauschte Percy darauf, wie Leben in die Abteilung kam. Er hörte, wie die Tür hinter Deborah zuschlug und auch, wie Graham Davis lautstark nach Tee verlangte. Doch nur Terry hatte sich seitdem getraut anzuklopfen - und war panisch geflohen, kaum dass Lestrange ihn mit »Ich nehme an, Sie sind Mr Terry Bill?« und hochgezogen Augenbrauen begrüßt hatte.

Nein, erst Gillian hatte ihn loseisen können. Erst Gillian hatte sich getraut ihn loszueisen.

Eine halbe Stunde nach um Zwölf hatte sie sich mit einem Klopfen selbst in Mr Knights - Mr Lestranges - Büro eingelassen und Percy daran erinnert, dass sie gemeinsam essen gehen wollten. Natürlich hatte Percy von derlei Verabredung nichts gewusst, doch das hatte ihn nicht davon abgehalten, aufzuspringen und ihr zur Tür zu folgen - auch, weil Lestrange da bereits aussah, als wolle er sie begleiten.

 

Erst, als sich die Tür zu Nguyens Magical BBQ schloss, erlaubte es Percy sich aufzuatmen.

Mit weichen Knien ließ er sich Gillian gegenüber an ihrem Stammtisch nieder. Es war einer der wenigen Fensterplätze, von dem aus er die gesamte Straße im Blick hatte, doch für den Moment war das zweitrangig. Er ließ seinen Blick auf seine Hände gleiten. Sie zitterten immer noch. Missmutig legte er sie flach auf den Tisch und zwang sich dazu, einmal tief durchzuatmen.

»Hallo Gill, hi Perce«, flötete eine Stimme links von ihm, »das Übliche?«

Irritiert sah Percy auf, doch es war nur Hayley Nguyen, ihres Zeichens Kellnerin und Gillians Schwester. Heute trug sie einen türkisen Umhang, der sich heute nicht nur mit ihrer bronzefarbenen Haut biss, sondern auch mit den roten Haarspitzen, die sie frisch gefärbt haben musste.

Es gehörte natürlich alles zum Ambiente. Nguyens Magical BBQ lag im ersten Stock eines alten Fabrikgebäudes in der Abingdon Street in Manchester und konnte sich schon allein wegen der Muggelnähe keine bunte Schaufensterfront leisten. Statt der Fassade explodierte daher der Innenraum in allen Farben des Regenbogens und entführte seine Gäste in eine wirre Mischung aus Vietnam-Ambiente, australischem Barbeque und Einhornwiese. Das Konzept ging erschreckend gut auf. Selbst angesichts der aktuellen, politischen Lage war das Restaurant gut besucht.

Percys Augen tränten trotzdem.

Hayley schenkte ihm ein warmes Lächeln, doch Percy entging der Blick nicht, den sie ihrer Schwester zuwarf. Sie hockte sich zu ihnen an den Tisch, sodass sie ihren Kopf auf ihre Hand stützen und gleichzeitig vorwurfsvoll zu ihnen blicken konnte.

»Alles in Ordnung mit euch beiden?«

Noch während Percy nickte, schüttelte Gillian ihm gegenüber den Kopf.

»Neuer Vorgesetzter«, sagte sie mit Grabesstimme. Sie strich sich ihren langen, schwarzen Pony aus der Stirn. Im Vergleich zu ihrer Schwester wirkte sie underdressed.

»Ohhhhhh«, machte Hayley verstehend. »Der alte Ritter hat sich abgesetzt, hm?«

Percy presste die Lippen aufeinander. Er blickte von Hayleys türkisfarbenem Umhang zu dem kleinen Bonsai auf ihrem Tisch, den jemand mit winzigen limonengrünen und purpurroten Kugeln behangen hatte. Die Farben brannten in seinen Augen.

»Könnte man so sagen«, presste er hervor.

»Ihr nehmt es mir übel, wenn ich euch sage, dass das nur eine Frage der Zeit war, oder?«, fragte Hayley. Deutlich hörbar trommelte sie mit den Fingern ihrer freien Hand auf den Speisekarten, die sie mit an den Tisch gebracht hatte. »Aber vielleicht solltet ihr euch daran ein Vorbild nehmen.«

»Hayley, wir können nicht einfach kündigen«, warf ihre Schwester ein.

»Wer sagt das?«, fragte Hayley unbekümmert. Der Schwung, mit dem sie sich erhob, ließ den Tisch beben und den Bonsai wackeln.

»Australien ist schön um diese Zeit.« Sie drückte jedem von ihnen eine Karte in die Hand. »Vor allem schön giftig.«

»Hayley.«

»Nein, wirklich, Gill. Als Todesser würde ich mir das überlegen, ob ich ein paar unschuldige, friedfertige Magier ausgerechnet dorthin verfolge. Die Spinnen! Die Schlangen! Die wildgewordenen Kängurubullen! Denkt doch nur an all Möglichkeiten!«

»Hayley!«

Hayley warf die Hände in die Luft.

»Schon gut, schon gut«, verkündete sie, doch das Funkeln in ihren Augen sprach eine andere Sprache. Percy kannte es von Gillian. Er sah es immer, wenn sie mit einer fixen Idee alles andere als fertig war. »Also, das Übliche? Oder nein, bessere Idee! Brüderchen experimentiert an einem neuen Eistee. Litschi-Melone-Schrumpelfeige. Das Zeug wird entweder richtig geil oder richtig widerwärtig. Wollt ihr?«

»Lässt du uns in Ruhe, wenn wir nein sagen?«, fragte Gillian. Sie klang in etwa so entgeistert, wie Percy sich fühlte.

Hayley schenkte ihnen ein breites Grinsen. »Nö.«

Gillian warf Percy einen langen Blick zu und seufzte theatralisch. Sie hob die Hände über den Kopf.

»Wenn wir sterben, geht das aufs Haus, hörst du?«

»Yay! Bin gleich wieder da!«

Er öffnete den Mund, schüttelte dann aber nur den Kopf.

Litschi-Melone-Schrumpelfeige.

Dieser Tag wurde besser und besser.

»Du weißt«, sagte Gillian am Weihnachtsbonsai vorbei, »sie will uns nur aufheitern.«

Dessen war Percy sich in der Tat bewusst. Im Moment war er sich dennoch nicht sicher, was schlimmer war - die Aussicht auf Rabastan Lestrange am Nachmittag oder die Aussicht auf Eistee mit magischem Schuss. Und Schrumpelfeigen.

Nur halb durch den Bonsai und ein halbes dutzend Augenkrebs verursachender Kugeln verborgen schüttelte Gillian den Kopf. Sie schlug die Speisekarte auf, nur um ihn dann über den Rand der Karte zu mustern.

»Auf einer Skala von Flubberwurm bis Drachenpocken: Wie schlimm war es?«

»Nundu«, antwortete Percy. Er rieb sich die Schläfen. »Lethifold. Ich- weiß es nicht, Gillian. Ich … Oh Merlin.«

Betont langsam blätterte Gillian um, einmal und dann noch einmal. Er folgte ihrem Beispiel. Eine Plethora an Bildern strahlte ihm entgegen, zeigte ihm verschiedene Gỏi cuốn und Reisnudelsuppen, gebratenen Reis mit Rinderfilets und Meeresfrüchten und natürlich die besten Emu-Burger von ganz Magisch-Manchester. Viele der Bilder bewegten sich. Einige glitzerten.

Eigentlich kannten sie die Karte beide so gut wie auswendig, doch den Desserts dabei zuzusehen, wie sie sich selbst servierten, hatte etwas beruhigendes.

Das Geräusch einer Speisekarte, die unzeremoniell auf den Tisch klatschte, schreckte ihn auf.

»Ich glaube«, verkündete Gillian, »du brauchst die Nr. 73.«

Percy, der es gewohnt war, das Gillian ihm Gerichte vorschlug - immerhin war sie die Schwester des Inhabers - wollte bereits nicken, als er sich daran erinnerte, was die Nr. 73 war. Allein beim Gedanken an das Zeug - und an die Chilisauce, mit der Gillian großzügig nachzuwürzen pflegte - kroch ihm ein Brennen in den Rachen. Er ließ seine Speisekarte sinken.

»Bis eben dachte ich, dass nur Hayley mich umbringen will.«

»Wir sind Schwestern. Das ist erblich.« Gillian warf ihm einen Luftkuss zu. »Und sieh es so: Dann tut er es zumindest nicht.«

»Gillian, das ist nicht witzig.«

Sie schlug die Speisekarte zu.

»Nein. Nein, ist es nicht.« Gillian senkte den Blick. Einen Moment lang strich sie versonnen über den Ledereinband der Speisekarte. Sie seufzte. »Hat er dir etwas getan?«

»Was? Nein. Doch- ich …« Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und rieb sich über die Stirn. »Wenn du wissen willst, ob er mich verhext hat: Nein, hat er nicht - und glaub mir, ich habe fest damit gerechnet. Aber nein. Ganz im Gegenteil, er war sogar ausgesucht höflich. Er hat nicht geschrien, er hat mich nicht beleidigt, er hat mir nicht einmal gedroht. Er hat mir sogar eins seiner Sandwiches angeboten. Aber …«

Seufzend vergrub Percy das Gesicht in den Händen.

»Er liest Gedanken, Gillian.«

»Was soll das heißen, er liest Gedanken?« Zwischen seinen Fingern sah er verschwommen, wie sie einen Blick in den Raum warf. Sie senkte die Stimme. »Bitte sage mir, dass du das nicht wörtlich meinst und er einfach nur gut in Körpersprache ist. Jeder Slytherin ist gut in Körpersprache.«

Percy schüttelte den Kopf. Die Gläser seiner Brille strichen über seine Finger. Er spürte das Glas auf seiner Haut, ahnte die Flecken, die er gerade darauf hinterließ, doch er konnte sich nicht dazu aufraffen, sich dafür zu interessieren.

»Ich wünschte, es wäre so. Er hat es selbst zugegeben. Wobei ich fürchte, gut in Körpersprache ist er auch.«

»Scheiße.«

Percy nickte.

Einen Augenblick schwiegen sie beide.

Erst, als ein leises Klonk! vor ihm ertönte, nahm er die Hände vom Gesicht. Ein Longdrinkglas stand vor seiner Nase. Durch das violette Getränk zogen sich milchig-weiße Schlieren und Unmengen von Glitzer. Die Schlieren auf seiner Brille machten den Anblick kaum besser. Seine Mundschleimhäute verzogen sich in Erwartung dessen, was ihm bevorstand.

»Ihr wisst, dass das mit Australien immer noch eine Option ist?«, fragte Hayley, während sie ihr nun leeres Tablett mit einer Hand auf ihrer Hüfte balancierte und mit der anderen nach ihrem Federkiel kramte.

»Hayley!«

»Hayley! mich nicht, Sis. Ich meine es so. Keine Ahnung, wer euer neuer Vorgesetzter ist, aber wenn selbst unser Perce hier so aussieht, als wolle er auf seine Schuhe kotzen, muss der Kerl schlimm sein. Du weißt, welche Lobeshymnen er auf diesen Mr Knight gesungen hat.«

»Mr Knight war ein guter Vorgesetzter.«

»Mr Knight hat sich abgesetzt«, fuhr Hayley ihm ins Wort. »Offenbar ohne Rücksprache mit euch. Vermutlich gibt er einen müden Drachenfurz darauf, wie es seinen Mitarbeitern damit geht.«

Percy öffnete den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, stach Hayley ihm ihren Federkiel unter die Nase.

»Du weißt, ich habe recht.« Die Federspitze strich bedrohlich über seine Lippen. Er schielte seine Nase hinab. »Aber«, sie stupste noch einmal zu, »vielleicht hat er auch recht. Ich meine, vielleicht hat er nur die Zeichen erkannt und es ist an der Zeit, das sinkende Schiff zu verlassen.«

Er hätte etwas gesagt, wäre da nicht immer noch ihr Federkiel gewesen - der und die Gewissheit, wo selbiger enden würde, wenn er jetzt etwas falsches sagte. Glücklicherweise sprang Gillian ihm bei.

»Hayley? Du bist dir bewusst, dass das Ministerium die Tage Portschlüssel nur unter strengen Voraussetzungen ausgibt? Ich bezweifle, dass die Damen in der Vergabestelle ‘Wir wollen vor unserem Vorgesetzten davonlaufen’ als Erfüllung dieser Voraussetzungen ansehen.«

»Du tust ja gerade so, als gäbe es nur eine Möglichkeit, dieses Land zu verlassen.« Hayley seufzte theatralisch, aber zumindest ließ sie dabei ihren Federkiel sinken. »Schon gut. Ich möchte nur, dass ihr wisst, dass es immer einen Plan B gibt. Gäbe es den nicht, Grandpa säße immer noch in Saigon.«

Auf der anderen Seite des Tisches nickte Gillian und Percy tat es ihr gleich.

»Bring uns den Feuertopf, Hayley, okay? Und mir die Sriracha-Sauce.«

Einen Augenblick lang sah Hayley so aus, als wolle sie protestieren, doch dann nickte sie ergeben. Sie kritzelte die Bestellung auf, flötete ein letztes »Okay!« und verschwand Richtung Küche.

Percy sah ihr nach. Er zog die Augenbrauen hoch.

»Du hast die Nr. 73 bestellt«, sagte er tonlos.

Hinter dem Weihnachtsbonsai lächelte Gillian wie ein Hai.

»Habe ich«, gab sie zu. »Aber Percy? Sie hat recht. Wir brauchen einen Plan. Vorzugsweise einen, der besser ist, als«, sie warf einen Blick in Richtung Küche, »Plan B.«

III

Eine halbe Stunde und einen Feuertopf später besaß Percy zwar weder einen soliden Plan, noch funktionstüchtige Geschmacksnerven auf seiner Zunge. Sein Mund fühlte sich an, als stünde er in Flammen und der Eistee half nicht.

Trotzdem: Die Panik hatte nachgelassen.

Das lag nicht zuletzt daran, dass sie zumindest Ideen hatten.

Keine Ideen zwar, wie sie Lestrange loswerden konnten, aber zumindest Ideen, wie sie mit seinen Fähigkeiten umgehen wollten. Was sie jetzt brauchten, waren Informationen und die würden sie beschaffen können. In Gedanken war er schon halb in der Bibliothek in der Winkelgasse. Mit Glück hatte die ein ganzes Regal voller Bücher zum Thema.

Und wenn Percy eines konnte, dann waren es Bücher.

Mit neuem Elan erhob er sich und folgte Gillian zur Tür.

Im Vorbeigehen musterte er die anderen Gäste im Restaurant. An einem der anderen Fensterplätze hockte ein älteres Ehepaar gerade über der Speisekarte und in einer Sitznische umgeben von Bambussträuchern starrten zwei junge Frauen in etwas, das verdächtig nach vierhundert Millilitern Litschi-Melone-Schrumpelfeige aussah. Niemand schien sich weiter für sie zu interessieren.

»Es bleibt dabei?«, fragte er. »Ich gehe nach Dienstschluss in die Bibliothek und du sprichst mit den anderen?«

Gillian nickte. Sie betrat das Treppenhaus.

»Wenn Lestrange Terry nicht mittlerweile gefressen hat, fange ich mit ihm an.«

»Deborah wird das kaum zulassen«, erwiderte er. Unter dem leisen Bimmeln eines Windspiels fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. »Hoffe ich.«

»Graham würde. Versehentlich, möchte ich anmerken, aber er würde.« Sie zuckte mit den Achseln. »Aber versuch, dir nicht zu viele Sorgen zu machen, hörst du?«

Percy lachte freudlos. »Da sitzt ein Todesser auf dem Stuhl unseres Vorgesetzten, Gill.«

»Tut er.« Sie zuckte mit den Achseln. Zusammen warfen sie einen letzten Blick auf die dicke Winkekatze, die jemand neben die Eingangstür gesprüht hatte. »Aber im Gegensatz zu ihm kennen wir die Abteilung und wenn er uns ärgert, verlieren wir ihn im Archiv. Gehen wir?«

Er öffnete den Mund um ihr zu sagen, dass er garantiert keinen Todesser in sein Archiv lassen würde und erst recht nicht, um ihn darin zu verlieren. Letztendlich ließ es nur deshalb bleiben, weil in diesem Punkt ohnehin Hopfen und Malz verloren waren. Stattdessen nickte er.

Gerade, als er die Treppe betreten wollte, bimmelte hinter ihm die Tür. Ein Schwall warmer Luft drang aus dem Inneren und strich über seine Wangen. Irritiert blickte er über seine Schulter und auch Gillian hielt inne.

Es war eine der Frauen aus der Bambusnische. Strähnige, blonde Haare umrahmten ihr Gesicht. Sie sah aus, als hätte sie seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen.

»Percy.«

»Kennen w-« Er beendete den Satz nicht, denn ja, sie kannten einander.

Als sie sich getrennt hatten, hatten sie das unter der Prämisse getan, Freunde zu bleiben. Geworden war daraus nicht viel. Zuletzt hatte er sie vor zwei Jahren gesehen und wenn er ehrlich war, hatte er die gemeinsamen Treffen nicht so sehr vermisst, wie er sich damals eingeredet hatte.

»Penny.«

Sie nickte.

»Lange nicht gesehen.«

»Lange nicht gesehen, ja.«

Er öffnete den Mund, sagte dennoch kein Wort. Was hätte er auch sagen sollen? Dass sie gut aussah? Irgendein dummes Kompliment, das nur weh tun würde, weil es ihr augenscheinlich nicht gut ging? Dass die Sache mit Oliver genauso in die Brüche gegangen war, wie die Sache mit ihr? Dass er Robin und Dawn und Craig kennengelernt und vergessen hatte? Das sich Evelyn schon seit einem Monat nicht mehr meldete? Das ein verfluchter Todesser statt in Askaban im dem verfluchten Büro seines verfluchten Vorgesetzten saß?

Percy spürte Gillians Blick in seinem Nacken.

»Ich warte unten«, sagte sie. »Okay?«

Ohne den Blick von Penny abzuwenden, nickte er nur. Während Gillians Schritte durch das Treppenhaus hallten, musterte er seine ehemalige Freundin erneut, eingehender dieses Mal. Penelope war schon immer jemand gewesen, die im Sommer nur rot und dann wieder weiß wurde. Dennoch wirkte sie selbst für ihre Verhältnisse blass. Die dunklen Ringe unter ihren Augen betonten das nur noch und auch ihr dunkler, blauer Umhang wirkte zwar teuer und gut gepflegt, ließ sie aber krank aussehen.

»Es ist gut, dich zu sehen«, sagte er schließlich. In seinen Ohren klang das genauso falsch wie alles andere.

Penny presste die Lippen aufeinander, nickte dann aber.

»Es ist auch gut, dich zu sehen«, sagte sie. »Deine neue Freundin?«

»Meine Kollegin.«

»Oh. Verstehe.«

Wieder schwiegen sie beide.

»Ich, ähm … Percy?« Sie warf der Tür in ihren Rücken einen flüchtigen Blick zu, trat schließlich näher. »Du arbeitest immer noch im Ministerium, oder?«

»Ja, natürlich«, sagte er. Eigentlich, das wusste er, war das eine ganz normale Frage, und es war ganz normal, dass Penny sie stellte. Immerhin sie zeigte mehr Interesse am Gegenüber als die Frage zum Wetter, die ihm bereits auf der Zunge lag. Dennoch stellten sich seine Nackenhaare auf. »Warum?«

Penelope schlug den Blick nieder.

»Ich …« Sie wrang ihre Hände. »Du erinnerst dich an das, was ich dir über meinen Vater erzählt habe?«

Percy erinnerte sich in der Tat. Er konnte sich nur keinen Reim darauf machen, was das mit seinem Posten im Ministerium zu tun haben sollte. »Ist er nicht gestorben, als du noch klein warst?«

»Neun«, stimmte sie ihm zu. »Ich war da neun. Ich erinnere mich noch daran, wie er für mich gezaubert hat, wenn ich bei ihm zu Besuch war. Aber eines Tages ist sein Labor …« Penny schüttelte den Kopf. »Meine Eltern haben nie geheiratet, schon gar nicht magisch. Ich … habe nur Muggelunterlagen. Meine Geburtsurkunde. Die Papiere zum Unterhalt …«

Zu seinen Nackenhaaren gesellte sich ein kalter Schauer, der seinen Rücken hinunter lief und über seine Oberarme kroch.

»Penny.«

»Einer meiner Kollegen … Lowe … du kennst ihn? Er war in unserem ersten Schuljahr Vertrauensschüler von Slytherin … Er sagt, es gäbe keine Beweise, dass ich zur Smith-Familie gehöre. Und das jeder dritte Muggel David Smith heißen würde und-« Sie gab ein Lachen von sich, das einem getretenen Niffler viel zu ähnlich klang, »verdammt Percy, er hat recht.«

Das Treppenhaus, in dem sie standen, war dunkel und zugig, doch mit jedem Wort, das sie sagte, war ihm, als würde die Temperatur noch weiter absacken. Percy blickte zur Decke. Da war kein Frost, nur ein altes A.C.A.B.-Graffito, das vom letzten Anstrich nur halb überdeckt worden war.

»Penny«, sagte er erneut.

»Percy, ich … er wird mich anschwärzen. Ich weiß, er wird mich anschwärzen. Bitte-«

Er schloss die Augen, schluckte.

»Ich kann nichts tun, Penny.«

»Was? Aber-«

Percy senkte den Blick wieder, vermied es aber, Penny in die Augen zusehen. Er fuhr sich mit der Hand über den Mund.

»Es tut mir leid, das zu hören, Penny, wirklich. Aber ich kann dir nicht helfen.«

Einen Moment lang starrte sie ihn an. Er sah, wie sie ihre Augenbrauen zusammenzog und sie blähte ihre Nasenflügel auf. Unvermittelt trat sie vor.

»Aber du arbeitest in für das Magiermeldeamt!«, flüsterte sie. Wie um ihre Worte zu unterstreichen, deutete sie mit ihrem Zeigefinger auf ihn. »Du hast Zugriff auf die Akten.«

»Auf die Personalakten«, antwortete Percy in dem gleichen, unterdrückten Tonfall. Er fuhr sich durchs Haar. »Es tut mir leid, aber es geht nicht.«

»Es ging für Benjy Williams!« Selbst vor ihrer Trennung hatte er sie selten so sauer gesehen. »Es ging für Carol Wright!«

Oh verdammte-

Sein Mund fühlte sich trocken an. Plötzlich war da ein Kloß in seinem Hals. Jetzt blickte er ihr doch in die Augen, auch wenn er die Worte, die er sagen musste, am liebsten geschluckt hätte.

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst.«

»Oh, doch! Und ob du das weißt!« Dieses Mal zeigte sie nicht nur auf ihn, sondern stieß ihm mit dem Zeigefinger gegen die Brust. »Ich brauche deine Hilfe, Percy!«

»Ich kann nicht!«, blaffte er, lauter, als er es vielleicht hätte tun sollen.

Als Antwort starrte Penny zurück. Einen Moment lang fürchtete er, gleich ein ausgewachsenes Duell in diesem Treppenhaus zu haben, das er nicht gewinnen konnte. Doch dann wich alle Energie aus ihr. Sie senkte den Kopf, ließ auch die Schultern sinken. Statt ihn noch einmal mit ihrem Zeigefinger zu stechen, griff sie nach seinem Umhang.

»Ist es wegen unserer Trennung?«, fragte sie kraftlos.

»Was? Nein!«

Pennys Schultern bebten.

»Warum dann nicht, Percy? Ich brauche deine Hilfe, verdammt!«

 Er blickte auf ihren blonden Haarschopf, presste die Lippen zusammen, schüttelte den Kopf.

»Es geht nicht«, presste er hervor. »Es … es gab … Änderungen. Was auch immer du dir vorstellst, ich kann das nicht machen. Die werden uns dafür beide nach Askaban schicken. Bei Merlin! Sie werden uns allein für dieses Gespräch nach Askaban schicken!«

»Es muss niemand herausfinden! Carol sagt-«

»Sie werden es aber herausfinden, Penny.«

Lestrange würde es herausfinden.

Penny nickte dumpf. Er sah, wie sie den Kopf hob, um zu ihm aufzublicken, doch er brachte es nicht über sich, ihren Blick zu erwidern. Statt sie anzusehen, starrte Percy zu der Tür des Restaurants, zu dem Graffito mit der Winkekatze, die langsam den Arm hob und wieder senkte.

»Es tut mir leid«, sagte er der Winkekatze.

In seinem Augenwinkel nickte Penny erneut. Langsam löste sie ihre Finger aus seinem Umhang, strich ihn glatt.

»Mir tut es auch leid.«

Da war so viel Enttäuschung in ihrer Stimme. Es war zu viel. Ein Teil von ihm wusste, er sollte noch etwas sagen. Ihr Hilfe anbieten. Unterstützung. Irgendwas, damit sie nicht allein in diesem Flur zurückblieb. Der andere Teil wusste sich nicht einmal selbst zu helfen.

Er drehte sich um und floh die Treppe hinab ins Erdgeschoss.

 

Percy überließ das Apparieren Gillian.

Selbst, als sie im ersten Stock des Zaubereiministeriums ankamen, fühlte er sich immer noch hundeelend. Gillians Blick, der seit dem Atrium auf ihm ruhte, machte es nicht besser, doch zumindest fragte sie nicht nach.

Erst vor der Tür des Magiermeldeamts warf er ihr einen knappen Blick zu.

»Bereit für die Höhle des Löwen?«, fragte er leise.

»Noch wäre Plan B möglich, weißt du?«

Er verdrehte die Augen.

»Fang du nicht auch noch an.«

»Sorry.«

Percy schnaubte, aber tatsächlich fühlte er sich etwas besser.

Mit einem »Gehen wir« und einem letzten Stoßgebet stieß er die Tür auf.

Wider Erwarten erwartete sie weder Sodom noch Gomorrah. Von Lestrange war nichts zu sehen. Auf den ersten Blick sah Percy tatsächlich nur einen seiner Kollegen. Graham Davis’ bullige Statur ragte über dem Teekessel auf, so, als wolle er aus dem Brauen von Tee wieder einmal eine Wissenschaft machen. Er sah nicht einmal von seiner Brauanleitung auf, als sie eintraten. Die Tür zum Archiv stand offen. Percy konnte Deborah summen hören.

»Viel Glück, Tiger«, raunte Gillian ihm zu, bevor sie zu ihrer Kollegin ins Archiv verschwand.

Percy schüttelte den Kopf, setzte sich dann aber selbst in Bewegung.

Es ging alles glatt, bis er Terrys Bürozelle erreichte.

Statt einem Augenpaar sahen ihn drei an. das hieß, zweieinhalb.

Ceylon fläzte sich breit einmal über den halben Tisch und streckte die Pfoten nach ihm, als sie ihn sah. Terry, der seine Hand in ihrem Fell vergraben hatte, hob nur zwei Finger zum Gruß.

Und dann war da noch Lestrange, der es sich neben seinem Kollegen bequem gemacht hatte und dessen bloße Anwesenheit Terrys »Hey, Perce« nahezu übertönte.

Percy wusste, dass er gehen sollte, bevor sich mehr als nur Ceylons Vorderpfoten auf ihn stürzten, doch er konnte nicht. Verdammte Scheiße.

»Ah, Mr Weasley«, sagte Lestrange. »Sie kommen klar, Terry?«

Terry - ob wider besseren Wissens oder vor Erleichterung konnte Percy nicht sagen - nickte. Lestrange klopfte ihm auf die Schultern, dann erhob er sich ächzend.

»Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Mittagspause, Mr Weasley?«

Percy richtete seinen Blick auf seine eigene Bürozelle. Er schluckte.

»Natürlich, Sir.«

Lestrange lachte. In seinem Augenwinkel sah Percy, wie er den Kopf schüttelte.

»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen heute früh einen Schrecken eingejagt habe.«

Natürlich tat es das.

Percy hätte am liebsten gelacht, wenn ihm nicht so übel gewesen wäre. Stattdessen nickte er nur.

»Hier.«

Skeptisch blickte er doch wieder zu Lestrange. Der Todesser hielt ihm zwei Aktenordner entgegen. Percy wollte bereits danach greifen, vornehmlich, um es hinter sich zu bringen, als ihm der schwarze Streifen auffiel, der sich um den Ringfinger des Mannes zog.

Er zog die Augenbrauen hoch.

»Askaban erlaubt keine Ringe«, beantwortete Lestrange seine unausgesprochene Frage. Percy hätte nicht sagen können, ob er sie aus seinen Gedanken oder aus seinem Blick gelesen hatte.

Bei genauerem Hinsehen konnte er weitere Tätowierungen ausmachen. Fünf über Kreuz angeordnete Punkte oberhalb seines Daumens. Die Rune für Ewigkeit unter seinem Hemdärmel. Der Ring mochte ein Symbol für seine Ehe sein, der Rest sicher nicht.

Schließlich wandte Percy den Blick ab nickte, wenn auch nicht überzeugt, und nahm die Ordner entgegen. Ein knapper Blick auf die Beschriftung bestätigte ihm, dass es einige der Akten waren, die er Mr Knight zum Absegnen gegeben hatte.

Er schluckte.

»Jetzt schauen Sie nicht so, Mr Weasley. Man könnte meinen, Sie hätten etwas zu verbergen.«

»N-nein, Sir!«

Verdammt. Vermutlich musste Lestrange wirklich nicht in seinen Gedanken lesen. Sicher sah er es ihm allein schon an seinen Ohren an, die mittlerweile sicher so rot glühten, wie zwei verräterische Tomaten. Doch wenn Lestrange das tatsächlich tat, kommentierte er es zumindest nicht. Noch nicht.

»Mein Vorgänger hat Sie bei der Übergabe in höchsten Tönen gelobt«, sagte der Todesser stattdessen. »Nach dem, was ich bislang von Ihnen gesehen habe, stimme ich Mr Knight zu. Solide Leistung, Mr Weasley. Sein Sie so gut und geben das noch ab, ja?«

Percy nickte erneut - und damit war der Spuk vorbei.

Lestrange klopfte ihm auf die Schultern, so, wie er Terry bereits auf die Schultern geklopft hatte, und humpelte dann schwerfällig zurück in sein Büro. Percy sah ihm nach, bis sich die Tür hinter ihm schloss.

Nur verspätet bemerkte er Terrys Blick auf sich ruhen. Sein Kollege saß immer noch an seinem Schreibtisch, die Finger immer noch in Ceylons Fell vergraben, und sah ihn mit großen, braunen Augen an.

»Du hast doch nichts zu verbergen, oder?«, fragte er.

»Nein.« Jetzt, wo die Antwort nicht mehr Lestrange geben musste, fiel sie ihm leichter. »Warum sollte ich?«

Terry zuckte mit den Achseln.

»Weiß nicht. Er ist schon seltsam. Aber er hat gesagt, Cey würde die nächsten Wochen hier bleiben. Ist sie nicht niedlich? Und ob sie niedlich ist! Krulle, Krulle!«

Genüsslich streckte Ceylon alle Pfoten von sich. Niedlich hätte Percy sie nicht genannt. Zottig, vielleicht. Aber er beschloss, dass es besser war, das nicht zu kommentieren. Die Akten in der Hand trat er endlich zu seiner Bürozelle am Ende des Ganges. Dort angekommen versicherte er sich ein letztes Mal, dass Lestrange sich das mit der verschlossenen Tür nicht noch einmal anders überlegt hatte.

Hatte er nicht.

Percy schlug die Akten auf und blätterte durch die Seiten. Er erwartete alles. Streichungen. Fehlende Seiten. Dass das Papier mittlerweile verhext war und ihn fraß, wenn er es nur falsch ansah.

Nichts dergleichen geschah.

Alles war noch so, wie er es abgegeben hatte. Selbst die Seite mit dem Stammbaum von Wayne Hopkins. Alles unverändert. Alles mit R. L. Lestrange unterzeichnet.

Er hätte beinahe gelacht.

IV

Als der Leiter der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit Lestrange einen Tag später zu dringlichen Besprechungen in den fünften Stock berief, fand Percy das in erster Linie erleichternd. Gleiches galt, als die Leiterin des Magischen Unfallumkehr-Kommandos diesem Beispiel am Tag darauf folgte. Nachdem sich dem am Donnerstag allerdings auch noch die Aurorenzentrale anschloss, sah zumindest Gillian ein Muster.

Offenbar, so mutmaßte sie, hatte man Lestrange ins Ministerium geschickt, um tiefgreifende, personelle Umstrukturierungen zu veranlassen. Entweder das oder die Abteilungsleiter hießen den unbeliebten Todesser auf ihre gute, alte Ministeriumsart willkommen. Gillian kannte das noch aus ihrer Anfangszeit und wenn Percy ehrlich mit sich selbst war, hatte Crouch es bei ihm auch versucht. Und zumindest Gillian bereitete es eine gewisse Genugtuung, Lestrange dabei zu beobachten, wie er sich auf seinem Gehstock die besonders langen Korridore der Magischen Strafverfolgungsbehörde entlang schleppte.

Im Gegensatz zu Deborah und Graham schloss Percy sich in diesem Punkt zwar nicht an - einfach, weil sich dieses Verhalten gegenüber seinem Vorgesetzten nicht gehörte und Lestrange nun mal sein Vorgesetzter war - doch beklagen würde auch er sich nicht. Dank der ständigen Termine waren sie einander nur in der Kantine und vor dem Teekessel über den Weg gelaufen. Und wenn er sich mit dem Todesser arrangieren musste, so fand er, war das eine Basis, auf der er es zumindest versuchen konnte.

Zumal er so nicht nur Zeit fand, um sich mit seinen Kollegen zu besprechen und Ceylon zu kraulen, sondern auch, um sich durch den Stapel ausgeliehener Bibliotheksbücher zu arbeiten.

Besonders hilfreich fand er bislang keines davon.

Die Einsteigerwerke behandelten zwar ausführlich, wie man seinen Geist leerte, doch das hatte ihm bereits Mr Scrimgeour eingetrichtert. Er konnte es im Schlaf - und es würde ihm gegen Lestrange nicht viel nützen. Viel zu auffällig. Viel zu leicht zu überwinden.

Nein, er musste lernen, wie er eine zweite Ebene mit falschen - sicheren - Erinnerungen errichtete. Vorzugsweise eine, die nicht aus Geschichte Hogwarts’ bestand.

Oder den Regularien zur Zucht und Haltung magischer Geschöpfe.

»Verdammter Drachenmist!«

Percy ließ seinen Hinterkopf gegen die Metallwand in seinem Rücken sinken. Während der Fahrstuhl träge vor sich hin ruckelte, verwarf er die Gedanken an die gotischen Fenster der großen Halle. »Das funktioniert nie.«

Er spürte das Gewicht von Okklumentik für Fortgeschrittene in seiner Aktentasche. Am Montag, als er es aus der Bibliothek getragen hatte, hatte es ihn noch beruhigt. Jetzt erfüllte es ihn nur noch mit der vagen Vorahnung von Versagen.

»Sechster Stock: Abteilung für Magisches Transportwesen!«, verkündete eine weibliche Stimme. »Flohnetzwerkaufsicht. Besenregulations-Kontrollamt. Portschüsselbüro.«

Ein paar der fliederfarbenen Memos, die bereits seit dem Atrium im Fahrstuhl kreisten, schossen hinaus, doch sofort nahm ein neuer Schwarm ihren Platz ein. Zwei Magier folgten ihnen.

»Guten Tag«, sagte Percy, in Gedanken immer noch halb bei den Staffelgiebeln des dunklen Turms. Er war bereits halb dabei, sich wieder auf seine sichere Gedankenebene - absolut normale Akten, die er absolut korrekt bearbeitet hatte und sicher nicht die Form der Pfeiler des Verwandlungsinnenhofes - zu konzentrieren, als er realisierte, wer zu ihm in den Fahrstuhl getreten war. Automatisch stellte er sich gerade hin.

»Mr Knight!«

»Hallo Percy«, antwortete sein ehemaliger Vorgesetzter. Der Zauberer ging auf die Sechzig zu und heute sah man es ihm an. Sein sonst penibel glattgekämmtes Haar fiel in wirren Strähnen um seine Geheimratsecken und seine Nase war so rot, als hätte er den ganzen Morgen mit Ceylon geschmust. Er schenkte Percy ein dünnes Lächeln. »Wie geht es Ihnen?«

Seine Begleitung, einen kantigen Mann mit langem, blonden Pferdeschwanz, kannte Percy nur flüchtig, doch er hatte auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Corban Yaxley, der Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung - und ein Todesser. Percy hatte seinen Steckbrief einsortiert, nachdem man ihn auf dem Astronomieturm festgenommen hatte.

Es war sein Anblick, der Percy davon abhielt, mehr zu sagen als »Gut, Sir. Und Ihnen?«

Mr Knight nickte geflissentlich.

»Gut, gut«, sagte er und kratzte sich an der Nase. »Das Flohnetzwerk ist eine Arbeit für sich, sage ich Ihnen. Manchmal scheint es mir, alle Kamine hätten mindestens drei verschiedene Anschlüsse!«

»Ich bin mir sicher, dass sie die Anschlüsse bald geordnet haben werden, Sir«, presste Percy hervor.

»Hah! Nicht, wenn die Hälfte von ihnen Freitags woanders hinführt, mein Junge!« Sein Blick flatterte zu Yaxley. Nicht lang genug für Yaxley, um sich beobachtet zu fühlen, doch lang genug für Percy, um den Wink zu verstehen. »Robert, unser Auszubildender, schwört, er hätte mal einen halben Tag in einem Kamin in Coupar Angus festgesteckt, der ihn nach Warkworth hätte bringen sollen. Selbst, nachdem ihn sein Ausbilder gefunden hat, musste der ihn erst ordentlich schmieren, damit er aus dem Schacht rutscht. Die Anwohner waren nicht begeistert. Das gesamte Wohnzimmer war eine Woche lang voller Seifenblasen.«

Percy schielte zu der Stockwerksanzeige. Fünfter Stock, Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit. Nur ein paar Memos verließen den Aufzug durch die alte Eulenluke. Dafür hielt der Fahrstuhl nicht einmal.

»Ich hoffe, man hat, ähm, die Anbindung neu eingerichtet, Sir?«

»Oh, nein, nicht, dass ich wüsste. Sie haben nur eine neue Anbindung eingerichtet.« Mr Knight kratzte sich am Kinn. »Bei genauerem Bedenken könnte das meine aktuellen Probleme erklären. Ich werde mit Sawley reden müssen.«

»Das klingt nach einer guten Idee, Sir«, antwortete Percy. »Es sollte Unterlagen darüber geben, wenn zusätzliche Verbindungen eingerichtet wurden.«

»Ja, ja, sicher haben Sie recht. Hach, ich hätte Sie mitnehmen sollen.«

Ja, vielleicht hätte er das, dachte Percy. Er sagte nichts und einen Moment lang verfiel auch Knight in Schweigen. Als Percy bereits glaubte, dass sich das Gespräch damit erschöpft hatte, fügte Knight leise hinzu: »Er behandelt Sie gut?«

Percy blinzelte. In seinem Augenwinkel sah er, wie Yaxley es ihm gleich tat. Er warf einen langen Blick zur Stockwerksanzeige. Vierter Stock.

»Er war die letzten drei Tage kaum im Büro«, antwortete er. »Wichtige Personalbesprechungen.«

»Oh. Ja, nun.«

»Dritter Stock: Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen. Magisches Unfallumkehr-Kommando. Vergissmich-Zentrale. Arbeitsgruppe für experimentelle Zauberei.«

Die goldenen Gittertüren öffneten sich und spien einen Schwall Memos auf den Gang.

Mr Knight atmete tief durch, warf erst einen letzten Blick zu Percy, dann einen zu Yaxley.

»Ich- Ich muss dann. Machen Sie es gut, Mr Weasley.«

Percy nickte noch, dann war sein ehemaliger Vorgesetzter bereits auf und davon. Er blieb mit ein paar Memos - einige davon umbridgerosa - und Yaxley allein zurück. Jetzt, wo Mr Knights Smalltalk sie nicht mehr trennte, breitete sich die Aura des Todessers wie ein explodierter Kessel im Fahrstuhl aus. Die Luft war zum Schneiden dick. Einen Moment lang fragte Percy sich, wie es die Memos schafften, in der Luft zu bleiben und dabei sogar Loopings zu schlagen. Vermutlich waren sie gegen finstere Blicke immun.

Als Yaxley das Wort ergriff, starrte Percy längst zurück zur Stockwerksanzeige. »Sie sind also Lestranges neuer Schoßhund.«

Zweiter Stock. Abteilung für Magische Strafverfolgung. Nur die letzten, fliederfarbenen Memos verließen den Fahrstuhl. Percy biss die Zähne aufeinander.

Yaxley schnaubte.

»Es war ja klar, dass Askaban bei ihm einiges durcheinander gebracht hat, aber dass er so tief sinken würde? Nein, das hätte nicht einmal ich erwartet. Und trotzdem stehen Sie jetzt hier, Weasley. Tsk. Als reiche es nicht, dass wir uns mit dem missratenen Vater herumschlagen müssten.«

Percy schluckte.

Vielleicht hätte er Mr Knight in die Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen folgen sollen. Unter dem Vorwand, mit ihm einen Abstecher ins Verwaltungsarchiv zu besprechen, hätte er das sicher tun können. Immerhin hatte er ein Händchen für Archive. Leider war es dafür jetzt zu spät.

Die Fahrstuhlanzeige sprang um.

»Erster Stock: Zaubereiministeriumszentrale. Büro des Zaubereiministers. Magiermeldeamt. Registrierungskommission für Muggelstämmige.«

Träge öffneten sich die Türgitter. Percy machte einen Schritt auf den rettenden Ausgang zu, doch Yaxley war schneller. Zwar war er etwas kleiner als Percy, dafür aber breiter. Er schaffte es spielend, die Tür mit seinen breiten Schultern auszufüllen.

»Und stumm auch noch«, fuhr er fort. »Der Rest deiner Familie stottert zumindest, wenn man mit ihnen spricht.«

Percy umfasste den Schultergurt seiner Aktentasche fester.

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, sagte er. Obwohl er versuchte, so deutlich wie möglich zu sprechen, hörte selbst er das Zittern in seiner Stimme.

Yaxley machte eine wegwerfende Bewegung.

»Ich hoffe, Sie machen sich nützlich, Weasley.« Seine Stimme ließ die feinen Härchen in Percys Nacken kribbeln. »Das Magiermeldeamt war schon vor Knight ein verlotterter Haufen Gesindel. Hätte ich die Abteilung übernommen, hätten Sie jetzt eine Aufgabe, die besser zu Ihresgleichen passt. Also danken Sie Lestrange. Er hatte schon immer ein weiches Herz für Flohbeutel.«

»Zumindest hatte ich schon immer ein Herz, Yaxley.«

Percy zuckte zusammen, Yaxley wirbelte herum. Der Teufel, von dem Yaxley sprach, stand vor einem der übrigen Fahrstühle, die im ersten Stock endeten. Der Art nach zu Urteilen, wie er sich auf seinen Gehstock stützte, stand er dort schon länger.

Yaxley verdrehte die Augen, Percy traute sich das nicht.

»Lestrange. Ich habe Ihrem Mitarbeiter gerade gesagt, wie glücklich er über einen Vorgesetzten wie Sie sein sollte.«

»Ich weiß nicht, ob das so klug ist, wenn man bedenkt, dass vermutlich du gerade sein Vergleichswert bist.«

Die Gittertüren des Fahrstuhls begannen, sich zu schließen. Yaxley versetzte ihnen einen Tritt, der die Gitter klirren ließ. Der Raum in dem Fahrstuhl wurde, wenn möglich, noch enger.

»Der Junge«, knurrte er, »ist so nutzlos, wie sein Vater. Er weiß nichts vernünftiges, er sagt nichts vernünftiges und vermutlich sammelt er Stecker

Percy spürte, wie ihm die Hitze in die Ohren schoss. Etwas sehr wieseliges - und damit etwas sehr dummes - lag ihm auf der Zunge. Er biss die Zähne aufeinander, bis sein Kiefer schmerzte.

»Lass etwaige Stecker ruhig meine Sorge sein. Sag, welche Fortschritte macht die Suche nach Potter?«

Yaxley zog die Augenbrauen zusammen. Er grollte, so, als wolle er die Tür ein weiteres Mal treten.

»Wir befragen Verdächtige, wie du sicher weißt.«

Der Blick, den Yaxley ihm zuwarf, jagte Percy einen kalten Schauer über den Rücken. Er machte einen Schritt zurück, doch dort war nur die Fahrstuhlwand.

»Also keine, verstehe.«

»Dein kleiner Angestellter hier-«

»Ist, wie du sicher weißt, das falsche Wiesel, Yaxley.« Lestrange schüttelte den Kopf. »Also lass die Finger von ihm. Meine Angestellten kann ich immer noch sehr gut selbst drangsalieren, wenn mir der Sinn danach steht. Im Übrigen sucht Robards dich.«

Yaxley sah aus, als wolle er widersprechen. Stattdessen sagte er: »Was denn nun schon wieder?«

»Du erinnerst dich an Dawlish?«, fragte Lestrange, »Dein Lieblingsauror. So groß, braune Haare, ein Gesicht, als hätte man einen Troll eingezüchtet? Du weißt schon. Er hat sich sprengen lassen. Schon wieder, möchte ich anmerken.«

»Wenn das Blackwood war …«

»Bedaure. Dunegan.«

Yaxley stöhnte.

»Ich wusste, es war ein Fehler, diese Trottel im Dienst zu belassen.« Mit harschen Schritten marschierte er zurück in den Fahrstuhl und drückte auf den Knopf für den zweiten Stock. »Vollidiot.«

Percy nutzte die Gelegenheit, um an ihm vorbei aus dem Fahrstuhl zu schlüpfen. Die Gittertüren schlossen sich ruckelnd. Einen Augenblick später verschwand der Fahrstuhl aus seinem Blickfeld, doch er konnte sich nicht losreißen.

Immer noch spürte er Lestrange in seinem Rücken.

»Ich weiß nicht, wo Harry Potter ist«, sagte er tonlos.

Stoff raschelte hinter ihm.

»Ich weiß«, sagte Lestrange mit der Überzeugung eines Mannes, der in seinen Gedanken geschnüffelt hatte. »Aber es kümmert mich auch nicht, wo er ist.«

Percy drehte sich um.

Lestrange stützte sich immer noch auf seinen Gehstock. Die Granataugen, die man dem Raben gegeben hatte, glitzerten zwischen seinen Fingern. Der Todesser lächelte.

»Überrascht?«

Statt ihm zu antworten blickte Percyzu dem Fahndungsfoto, mit denen man selbst hier die Wände plakatiert hatte.

Lestrange seufzte.

»Machen wir uns nichts vor. Potter ist abgetaucht und wenn er auch nur halb bei Verstand ist, wissen nicht einmal seine besten Freunde, in welchem Loch er sich versteckt. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass er sich weiterhin in Großbritannien aufhält, sprechen wir hier von einem Land mit über achtundfünfzig Millionen Einwohnern. Das ist ein ziemlich großer Heuhaufen, finden Sie nicht?«

Von den Plakaten, die man zwischen den Fahrstühlen aufgehängt hatte, sahen ihn drei Harrys missbilligend an. Der vierte war - als hätte Lestrange es beschworen - gerade abgetaucht.

»Ein sehr großer«, antwortete Percy, darum bemüht, nur an das Plakat und nicht an den Fuchsbau zu denken. Oder an die politischen Aktivitäten seines Vaters. »Und das schließt noch nicht einmal die Wälder und Gebirge ein, in denen er sich ebenso gut verstecken könnte.«

»Exakt.« In seinem Augenwinkel sah er, wie Lestrange sich ebenfalls den Plakaten zudrehte. »Sagen Sie, Mr Weasley, wissen Sie, wie man eine Nadel in einem Heuhaufen sucht?«

Er würde die Nadel zur Fahndung ausschreiben, dachte er. Hier, in der Winkelgasse, im Nguyens Magical BBQ, in der Muggelwelt. Das Ministerium tat genau das längst und noch viel mehr. Suchtrupps. Verhöre. Sie hatten Mr Scrimgeour getötet.

Die Blicke der Harrys wurden, wenn möglich, noch missbilligender.

»Unter der Annahme, dass kein Accio funktioniert?«

Lestrange schnaufte. Er klang amüsiert.

»In der Tat. Die Antwort lautet: Gar nicht. Man wartet, bis sie von selbst herausfällt.«

Percy blickte zu ihm. Statt in die Augen sah er ihm auf die Krawattennadel.

»Er ist bereits einmal herausgefallen, Mr Weasley. Er wird es wieder tun.«

Percys Nackenhaare kribbelten.

Er dachte an Staffelgiebel. Buntglasfenster. Den Fakt, dass es Schülern erlaubt war, eine Eule, eine Katze oder eine Kröte mit zur Schule zu bringen, keine Wampuswelpen.

Lestrange lachte.

»Ich sollte froh sein, dass Sie in der Verwaltung arbeiten, nicht im Gamot, hm?«

»Hören Sie auf, meine Gedanken zu lesen.«

»Werden Sie besser in Okklumentik.«

Percy öffnete den Mund, schloss ihn dann doch wieder.

Er würde weder fluchen, noch argumentieren.

»Schon gut, schon gut.« Beschwichtigend hob Lestrange seine freie Hand. »Kommen Sie. Ich habe einen ganzen Berg an Arbeit für Sie und vermutlich sollte ich Sie einweisen, bevor mich der Leiter der Mysteriumsabteilung irgendwo zwischen Dingen verliert, von denen ich nichts wissen sollte.«

Percy fühlte sich nicht sonderlich beschwichtigt. Er folgte Lestrange dennoch zu den Büroräumen des Magiermeldeamts.

Hinter Lestrange herzumarschieren, während er sich auf seinem Gehstock durch die Korridore schleppte, war nicht halb so genugtuend, wie Gillian es sich vielleicht vorstellte. Der Weg zu ihrem Büro zog sich ins Unendliche. Das Klonk-Klonk-Klonk, mit dem der Gehstock in regelmäßigen Abständen auf die Steinfliesen stieß, unterbrach ihn immer wieder bei dem Versuch, seinen Geist zu leeren und einfach an nichts zu denken.

Er fragte sich, wie Lestrange zu der Verletzung gekommen war. In den Askaban-Akten, die er für Mr Scrimgeour überprüft hatte, hatte dazu nichts gestanden.

Er fragte sich auch, ob der Leiter der Mysteriumsabteilung tatsächlich vorhatte, Lestrange zwischen seinen Experimenten zu verlieren.

Stellen tat er keine davon.

 

Ceylon begrüßte sie, kaum das Lestrange die Tür zum Büro aufgestoßen hatte. Schnurrend strich sie erst dem Einen und dann dem Anderen um die Beine. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, hockte Percy sich neben sie, um ihr das Kinn zu kraulen.

»Na, das gefällt dir, hm?«, fragte er sie.

Mit einem zustimmenden Maunzen rieb sie sich an seinem Arm. Percy ließ sie gewähren. Zum Abschied strich er ihr über den Rücken. Sie verstand den Hinweis. Mit der Grazie eines Klatschers - und sie wurde jeden Tag etwas klatscherförmiger - wandte sie sich ab und tippelte zu Terrys Schreibtisch und sprang auf dessen aktuelle Unterlagen.

Percy warf seinem Ärmel einen knappen Blick zu. Jetzt, wo jemand ihr Fell gereinigt hatte, hinterließ Ceylon keine Schlieren mehr - nur noch Unmengen grauer Haare. Kopfschüttelnd folgte er Lestrange in sein Büro.

»Ceylon mag Sie«, sagte Lestrange, kaum dass Percy die Tür geschlossen hatte.

»Sie mag Mr Bill mehr«, antwortete er. »Er hat die Häppchen. Ich fürchte allerdings, sie wird ihre Kätzchen hier bekommen, wenn sie noch lange bleibt.«

»Wäre das schlimm?« Lestrange klang erschreckend unschuldig.

Percy warf einen Blick Richtung Decke. »Wenn sie es in einem Aktenschrank tut, ganz sicher, Sir.«

»Ich dachte, wir richten ihr das Regal dort her.«

Das Regal war Mr Knights geheiligter Bücherschrank. Die Bücher waren zusammen mit seinem Vorgesetzten ausgezogen. Bislang hatte es sein Nachfolger nicht für nötig befunden, die Reihen neu zu befüllen. Das Fach auf Bodenhöhe war sogar noch komplett leer.

Allein der Gedanke, daraus ein Katzennest zu machen … Percy presste die Lippen aufeinander und starrte Lestrange an. Der jedoch blickte ungerührt zurück.

»Ich bin mir sicher, das verstößt gegen mindestens sechs Hausregeln, Mr Lestrange.«

»Es sind sieben. Ich hab sie nachgeschlagen.«

Percy zog die Luft ein, doch Lestrange lachte nur.

»Jetzt schauen sie nicht so, Mr Weasley. Immerhin ist es nicht Ihr Regal. Und Sie werden mich doch nicht verpetzen, oder?«

Und wie Percy das wollte. Er hätte es auch getan, wäre Lestrange nicht ausgerechnet sein Vorgesetzter gewesen. Zu wem sollte er damit schon sonst gehen? Thicknesse? Yaxley? Umbridge?

Unwillkürlich dachte er an Madame Umbridges Büro, an das Rosa. Die Kätzchenteller.

Allein der Gedanke schüttelte ihn.

Nein, dachte er. Nein, ganz sicher nicht.

»Ich werde Ihnen nicht dabei helfen.«

»Das erwarte ich auch nicht.«

Percy glaubte ihm kein Wort. Statt sich weiter auf eine Diskussion über unpassende Geburtsnester für Katzenbabies einzulassen, trat er zu Lestrange an den Schreibtisch. Er hatte nicht gelogen, als er von einem Berg von Arbeit sprach.

Es war ein Aktenberg.

Wortwörtlich.

Die blauen, roten und rosafarbenen Akten stapelten sich bis hinauf zu Lestranges Schulter. Alles war durcheinander. Überall steckten lose Pergamentzettel dazwischen. Wer auch immer dieses Durcheinander angerichtet hatte, er gehörte … sortiert.

»Ich habe die Teller falsch angeschaut«, gestand Lestrange.

Die Teller. Oh Gott.

»Und Sie erwarten, dass ich Ihnen das sortiere.«

Hinter seinem Schreibtisch sackte Lestrange in sich zusammen. Es wirkte denkbar unpassend.

»Ja«, gestand er. »Außerdem möchte ich, dass Sie die rosafarbenen Akten durcharbeiten. Es ist nichts, was Sie unter Mr Knight nicht bereits getan hätten, aber wenn Sie Fragen haben, können Sie sich gern an mich oder Mrs Hogworth wenden. Die blauen Akten geben Sie bitte Miss Nguyen. Um die Roten kümmere ich mich, sofern die Mysteriumsabteilung mich nicht frisst.«

Percy nickte dumpf.

Nichts, was er nicht bereits unter Mr Knight getan hätte.

Schweigend griff er nach dem ersten Schwung Akten und begann damit, sie zu einem geraden Stapel zu zu formen.

»Oh und Mr Weasley? Keine weiteren Gefallen.«

Percy blickte von seinen frisch gestapelten Akten auf. »Entschuldigen Sie?«

»Ich weiß von dem kleinen Gefallen, den Sie Mr Hopkins getan haben.«

Percys drehte sich der Magen um. Sein Puls rauschte in seinen Ohren. Wie-

Nein. Nicht denken.

Er griff nach den nächsten Akten.

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, sagte er, während er betont sorgsam an einem zwischen zwei Akten steckenden Pergament zog.

»Ich rede von seiner Urgroßmutter. Madeleine Lefevre. Kam um 1920 nach London. Sie erinnern sich?«

Percy sagte nichts, legte nur das Pergament auf einen eigenen Stapel.

»Die Sache ist … sie kam nicht allein, sondern mit ihrer Schwester, Germaine. Während Madeleine einen gewissen Roger Hopkins heiratete, heiratete auch Germaine. Gerald Avery. Kurz nach der Hochzeit bekam sie eine Tochter, Katalin.«

Bedächtig legte Percy die Akten auf den bereits geordneten Stapel.

»Meine Mutter.«

Er schloss die Augen.

»Ich wüsste nicht, was das für ein Gefallen sein soll.«

»Nun, sehen Sie, Douglas Hopkins - Madeleines Enkel und Mr Hopkins Vater - ist ein Squib.«

Percy fiel der nächste Zettel beinahe aus der hand.

»Ich habe nichts dergleichen im Archiv in Erfahrung bringen können«, presste er hervor.

»Sehen Sie? Da ist der Gefallen.«

Percy starrte auf die Akten vor ihm. Das rosa brannte in seinen Augen.

»Sie haben es trotzdem unterschrieben.«

»Natürlich habe ich es unterschrieben! Großtantchen Madeleine wird immer furchtbar unleidlich, wenn jemand etwas schlechtes über ihre Kinder sagt. Oder überhaupt irgendetwas.«

Einen Augenblick lang versuchte Percy, sich eine Hundertjährige vorzustellen, wie sie unleidlich wurde, doch da war nur das Rosa vor seinen Augen.

»Trotzdem. Madame Umbridge verlangt von uns allerhöchste Sorgfalt. Dazu gehört auch, dass die familiäre Situation vollständig dokumentiert wird, verstehen Sie?«

Percy verstand und verstand doch nicht. Er nickte nur dumpf.

Sein Blick war auf den Namen gefallen, der im Rosa verschwamm.

Penelope Clearwater.

V

Einen Moment lang glaubte Percy, die Empfangshexe wolle ihn fressen.

»Mr Weasley«, sagte sie mit Grabesstimme. Das Limonengrün ihres Umhangs biss sich mit ihren blonden Haaren und ließ sie so krank wirken wie manche Patienten um sie herum. Ihre Brille vergrößerte ihre blauen Augen dermaßen, dass sie ihn an eines dieser Muggelmärchen erinnerten. Es fehlte nur der Geifer, der ihr von den Lefzen lief, und den kompensierte sie mit dunkelrotem Lippenstift und einer sehr spitzen Adlerfeder.

»Ja, Ma’am. Ich bin hier um-«

Die Adlerfeder schnitt durch die Luft, dicht genug an seinem Kinn vorbei, um den Luftzug zu spüren.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass wir Sie informieren werden, sollte eine Evelyn Selwyn eingeliefert werden.«

»Sie missverstehen mich. Ich-«

Die Empfangshexe rammte ihren Federkiel mit genügend Wucht auf den Tisch, um ihn durch die obersten Seiten ihres Terminplaners zu treiben. Percy zuckte zusammen. Vielleicht war die Idee, hierher zu kommen, nicht die beste gewesen.

»Miss Ingram. Wenn Sie mich ausreden lassen würden? Ich suche-«

»Evelyn Selwyn, Ich weiß.«

Penelope Clearwater, wollte er sagen. Sie arbeitet hier.

Ihm kam kein Ton über die Lippen. Ihr Blick sagte alles. Sicher überlegte sie gerade, ob sie die Adlerfeder nicht noch ganz woanders hinrammen könnte. Ganz langsam zog sie den Federkiel aus den durchstochenen Seiten. An der schwarzen Federspitze vorbei warf sie ihm einen viel zu großen Blick zu.

Automatisch machte Percy einen Schritt zurück.

Das war ein Fehler.

»Nächster!«, bellte Miss Ingram und der Nächste ließ sich nicht lange bitten. Ein Mann in schwarzem Lederumhang schob sich an ihm vorbei. Noch bevor Percy protestieren konnte, rammte er ihm einen Ellbogen in die Rippen.

»Au! Hey! Was soll denn das?«

Als hätte er ihn nicht einmal gehört, hielt er der Empfangshexe seinen Arm unter die Nase. Unter dem Lederärmel konnte Percy einen dicken Verband ausmachen.

»Ich wurde gebissen!«, verkündete der Mann.

Miss Ingram wirkte nicht beeindruckt. Statt den Verband in Augenschein zu nehmen, hexte sie an den Tintenflecken herum, die sich auf ihren Pergamentbögen ausgebreitet hatten.

»Kniesel?«, fragte sie, »Jarvey? Chimäre?«

»Muggel!«

Was auch immer er getan hatte, entschied Percy, der Kerl hatte den Biss verdient.

Einen Augenblick noch sah er der Empfangshexe dabei zu, wie sie dem Verband einen langen Blick zuwarf und schließlich mit der Patientenbefragung (Wann wurden Sie gebissen? Wo wurden Sie gebissen? Warum dachten Sie, dass es eine gute Idee wäre, ausgerechnet am Leicester Square einem wildfremden Muggel ihre Finger in die Nase zu schieben?) begann.

Percy schüttelte den Kopf. Er blieb nicht, um sich die Antwort auf die letzte Frage anzuhören. Missmutig ließ er seinen Blick durch die Eingangshalle schweifen.

Hinter dem Lederumhang mit der Bisswunde wartete eine Mutter mit ihrem Sohn, der von Kopf bis Fuß grün angelaufen war. Selbst die Zunge, die der Bengel ihm rausstreckte, hatte die Farbe von Efeu. Dahinter standen ein Zauberer, der eine Decke wie einen Rock um seine Hüften gewickelt hatte, die weniger verbarg, als Percy lieb war; eine Hexe, der Tentakel aus dem Rücken wuchsen, die jedem die Hand schüttelten, der an ihnen vorbei lief, und ein Mann, der sich offenbar für einen Hippogreif hielt.

Es war viel los, immer noch. Obwohl Percy direkt nach Dienstschluss ins Mungos appariert war, hatte er über eine Stunde in dieser vermaledeiten Schlange gestanden. Und für was? Nichts und wieder nichts!

Fluchend fuhr er sich durchs Haar. Noch in der Bewegung stellte fest, was er gerade tat. Seufzend ließ er die Hand sinken. Sein Blick glitt die Warteschlange entlang. Die Tentakel schüttelten immer noch Hände. Gerade stellte sich ein Kessel mit Beinen am hintersten Ende der Schlange an, nachdem er dreimal gegen die Eingangstür gelaufen war. Selbst das Warteareal mit den Holzstühlen und den zehn Jahre alten Hexenwochen war komplett überfüllt.

Nein.

Sich jetzt noch einmal in die Schlange zu stellen, würde ihn Stunden, Nerven und Füße kosten, die er nicht hatte. Er drehte sich zu den Schwingtüren um.

Ob er einfach …?

Immerhin gingen die Patienten, die sich noch daran erinnerten, warum sie hier waren, auch selbst auf die für sie zuständigen Stationen. Und er wusste ja, auf welcher Station er zu suchen hatte. Nur ob die Heiler begeistert wären, wenn er dort einfach so erschien? Als er sich damals nach seinem Vater erkundigt hatte ohne ihn besuchen zu wollen, war der Stationsheiler nicht begeistert gewesen. Und dieses Mal suchte er ja nicht einmal einen Patienten, sondern eine Kollegin.

Er könnte es ihnen nicht einmal verübeln, wenn das jemand in den falschen Hals bekam.

Penny.

Er griff in seine Umhangtasche. Seine Finger fanden erst seinen Wohnungsschlüssel, dann den Pergamentfetzen, den er, einem Impuls folgend, vor Dienstende eingesteckt hatte. Lesen musste er ihn nicht.

35 Fir Street

Cadishead

Greater Manchester

Mittlerweile kannte er die Adresse. Leider bezweifelte er, dass Penny sonderlich begeistert davon wäre, dass er nicht nur Zugang zu ihren persönlichen Daten hatte, sondern diesen auch noch nutzte. Nein, nach Manchester würde er nur apparieren, wenn es nicht anders ging.

Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte sich nie nach Evelyn erkundigt. Immerhin war sie bislang nicht eingeliefert worden. Gemeldet hatte sie sich auch nicht. Vermutlich hatte sie die Nase von ihm nur genauso voll wie Oliver.

Percy atmete durch.

Er wandte sich von den Türen ab.

Nein, er war kein Auror. Und es würde niemandem von ihnen helfen, wenn im Ministerium bekannt wurde, dass er sich im St.-Mungo-Hospital herumschlich. Nein, er wurde einfach bei ihr zu Hause auf sie warten.

»Percy? Was machst du denn hier?«, fragte just in diesem Moment eine Stimme hinter ihm. »Du bist nicht verletzt, oder? Krank? Wir haben momentan viele Fälle von Trollgonorrhoe und ich will garnicht wissen, wie man sich das überhaupt einfangen kann.«

Als er die Sprecherin erkannte, atmete er erleichtert aus.

Penny sah immer noch genauso erschöpft aus wie am Montag. Eigentlich machte es ihr limonengrüner Umhang nur noch schlimmer.

»Nein, nein«, beeilte er sich zu sagen. »Keine Trollgonorrhoe. Gar keine Gonorrhoe, wirklich. Mir geht es gut. So gut, wie es mir gehen kann. Ich, ähm, muss mit dir sprechen.«

Skeptisch ließ sie ihr Klemmbrett sinken. Er konnte die Fragen, die ihr auf der Zunge lagen, am Gesicht ablesen. An der Art, wie sie die Augenbrauen zusammenzog und wie sich ihre Nasenflügel blähten und sich ihre Lippen zu einem dünnen, blutleeren Strich verdünnten.

»Können wir hier irgendwo sprechen? Allein?«

Einen Moment lang sah sie so aus, als wolle sie ihn mit ihrem Klemmbrett aus der Eingangshalle werfen. Schließlich nickte sie doch.

»Ich hoffe du hast es dir überlegt«, sagte sie. Leiser fügte sie hinzu: »Komm mit. O-beinig, bitte.«

»Ich habe keine-«

»Was Sie haben oder nicht haben, entscheide ich, Mr Weasley. Wenn Sie mir bitte folgen würden?«

 

Der Weg in den zweiten Stock war länger, als Percy erwartet hätte. Ob das an den Treppen selbst oder an der Gangart lag, die Penny von ihm verlangte, vermochte er nicht zu sagen. Ihr Smalltalk machte es nicht besser.

Den ganzen Weg über redete sie über Trollgonorrhoe. Die Ansteckungsgefahr. Die Symptome. Den Krankheitsverlauf. Dem Unterschied zum menschlichen Tripper. Welch grausames Ende ihn erwartete, wenn er es nicht behandeln ließ.

Mehr als ein Heiler drehte sich auf ihrem Weg zu ihnen um, doch keiner schien wirklich Anstoß an der Art zu finden, wie Miss Clearwater ihren Patienten behandelte. Wer wusste schon, wie viele Fälle hier tatsächlich jeden Tag die Treppen hochstaksten. Vielleicht liefen bereits Wetten darauf, wann es das erste bekannte Gesicht erwischte.

Oh, Percy hoffte, dass er kein bekanntes Gesicht war.

Er hätte in diesem Moment viel dafür gegeben, seinem Vater - und generell allen anderen Weasleys - weniger ähnlich zu sehen. Schwarze Haare würden hier helfen. Oder ein schönes, mausiges Braun.

Trotzdem: Irgendwie bewunderte er Pennys Schauspiel. Sie wirkte schon sehr überzeugend. So überzeugend, dass es selbst in seinem Schritt zu jucken begann. Obwohl da nichts wahr. Nichts sein konnte. Und schon gar nicht von einem Troll.

Er unterdrückte den Impuls sich zu kratzen.

Die Tür zu einem unbenutzten Behandlungsraum schlug hinter ihnen zu, ohne, dass irgendwer sie behelligt hätte. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet. Zwei Schränke mit Tränken und Verbandmaterial, eine Pritsche, zwei Stühle und ein Schreibtisch. Keine Bilder an den Wänden, keine persönlichen Gegenstände auf dem Tisch. Reines Durchgangszimmer.

Percy blieb unschlüssig im Raum stehen.

»Das war … überzeugend.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. Alles war besser, als jetzt zu kratzen. »Wirklich, überzeugend.«

»Danke«, erwiderte Penny und strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. »Nur fürs Protokoll: Sollte hier jemand reinkommen, werde ich dich behandeln. Aber setz dich doch bitte.«

Er folgte der Anweisung, doch er hatte kein gutes Gefühl dabei. Dafür klang Penny zu entschlossen.

»Also?«, verlangte sie.

Percy atmete tief durch. Es half nicht, dass er sich immer noch wie ein Zauberer bei der peinlichsten Untersuchung seines Lebens fühlte.

»Ich-«, er leckte sich über die Lippen. Penny hielt das Klemmbrett immer noch vor sich wie eine Waffe. »Ich habe den Auftrag bekommen, deine Herkunft zu prüfen.«

Obwohl es im Untersuchungsraum warm genug war, um sich auszuziehen, fühlte Percy sich kalt. Penny, die im Raum stehen geblieben war, drückte ihr Klemmbrett noch fester an sich. Einen langen Moment sah sie so aus, als wolle sie ihn entweder anschreien oder in Ohnmacht fallen.

Sie beschränkte sich darauf, sich ihren Pony aus dem Gesicht zu pusten.

»Ich wünschte, es wäre anders«, beteuerte er. »Ich hätte auch nicht damit gerechnet, vor allem nicht so früh. Aber ich habe diese Akte auf meinem Schreibtisch und ich muss sie bearbeiten. Es würde auffallen, wenn ich es nicht tue und sie erwarten die Akten so schnell wie möglich zurück. Penny, du musst-«

»Wirst du es tun?«

»Was?«, fragte Percy, doch ihm war klar, was sie meinte. Selbst wenn er es nicht gewusst hätte, nicht mehr, wäre es ihm spätestens bei ihrem Anblick klar gewesen. Sie bebte förmlich. Mit einem Seufzen fügte er hinzu: »Das tun, was Carol Wright dir gesagt hat, was ich für sie getan hätte?«

Sie nickte. Früher war ihm ihr Kinn nie so harsch vorgekommen.

Er stützte seine Ellbogen auf seine Unterschenkel und ließ den Kopf hängen.

»Ich kann nicht.«

»Das sagtest du bereits.«

»Und ich meine es so!«

»Warum hast du es dann für Carol getan? Für Benjy Williams?«

»Könntest du diese Namen bitte nicht erwähnen?«

»Fein! Ich erwähne sie nicht. Aber sag mir, was sie haben, das ich nicht habe!«

Glück, dachte er. Mr Knight. Eine Urgroßmutter, die Rabastan Lestrange möglicherweise noch vom Grab aus heimsuchen würde.

Der Gedanke war unerträglich. Das Nichtstun war unerträglich. Sitzen war unerträglich. Er stand auf, doch das fühlte sich keinen Knut besser an.

»Ich habe einen neuen Vorgesetzten, Penny!«, sagte er. »Er wird es nicht dulden, wenn meine Bearbeitung auch nur geringfügige Ungereimtheiten aufweist!«

Außerdem las er seine Gedanken.

»Nur, wenn sie ihm überhaupt auffallen.«

»Sie fallen ihm auf. Glaub mir, bitte. Sie fallen ihm auf. Ich verspreche dir, ich werde das Archiv für dich auf den Kopf stellen. Wenn ich David Smith finden kann, dann werde ich ihn finden. Und ich werde es in meinen Bericht aufnehmen und so schlüssig wie möglich darlegen, aber das ist alles, was ich tun kann. Mehr ist nicht möglich, Penny. Ich kann nichts schreiben, was nicht da ist. Wenn ich das tue, landen wir beide in Askaban.«

»Tsk. Ja. Und so lande nur ich nur in Askaban.«

Ihm war klar, ihre Worte sollten treffen. Dennoch taten sie nicht minder weh. Als er aufsah, bemerkte er, dass sie weinte.

»Ich … Es tut mir leid.«

»Steck dir dein Mitleid sonst wohin, Perce.«

»Penny ich … vielleicht ist es besser, wenn du … untertauchst.«

»Damit ich ende wie Kylie Bowman? Trecia Haig? Barnabas Stark?«

Die Namen sagten ihm alle nichts. Den Namen Haig hatte er möglicherweise in den Akten gelesen, aber er hätte nicht sagen können, ob es sich um eine Trecia gehandelt hatte. Oder woher Penny die Namen kannte.

»Ich hätte deinen Vater fragen sollen.«

Percy öffnete den Mund.

Seinen Vater?, wollte er fragen. Warum um alles in der Welt seinen Vater?

Doch er kannte die Antwort.

»Penny, ich-«

»Nenn mich nicht Penny.«

»Aber-« Er schluckte. »Pen- Penelope. Bitte. Ich will dir helfen.«

»Du hilfst mir aber nicht.«

Percy legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Pen-«

»Raus!«

»Aber-!«

»RAUS!«

Sie schlug seine Hand fort. Im gleichen Moment öffnete sich die Tür. Ein Mann trat ein, so groß wie Percy, doppelt so breit und limonengrün.

»Penny!«

»Was ist hier los?!«

»Mr Holland!« Eilig sprang Penny von ihm fort, fast so, als würde er die Trollgonorrhoe, die er nicht hatte, durch Atmen übertragen. Klirrend stieß sie gegen den Medikamentenschrank. »Irvine! Das ist mein Ex!«

Was auch immer Holland für Schlüsse zog, sie jagten Percy einen kalten Schauer über den Rücken. Er selbst machte einen Schritt zurück, doch da war nur der Stuhl für die Patienten. Auf der Sitzoberfläche klebte purpurfarbener Schleim, den er nicht weiter definieren wollte.

»Das ist alles ein Missverständnis!«, sagte er. Eigentlich war ihm klar, dass er sich damit nur weiter in die Bredouille redete. Penny hatte immer noch Tränen in den Augen. »Wirklich. Ich-«

»Ja, ja. Erzähl das deiner Mutti.«, sagte Holland. In zwei bebenden Schritten war der Heiler bei ihm. Seine Hand schloss sich wie ein Schraubstock um seinen Oberarm. »Du gehst jetzt besser.«

Percy wand sich in seinem Griff.

»Penny!«, rief er. Der Schraubstock schloss sich nur noch fester. »Sag ihm, dass das nicht stimmt. Sag ihm, dass das ein Missverständnis ist!«

Doch Penny sagte nur: »Du bist mein Ex.«

 

 

 

»Hier, trink das.«

Percy blickte auf. Erleichtert stellte er fest, dass in dem Glas vor ihm nur Wasser war.

»Danke«, murmelte er und drückte den feuchten Lappen gegen seine Wange, dort, wo dieser Holland ihn erwischt hatte.

Ein Stuhl schabte über das Parkett. Mit einem Ächzen setzte Hayley sich in sein Blickfeld. An diesem Abend trug sie einen ärmellosen Umhang in Purpur und dazu riesige, goldene Kreolen.

»Ich könnte dir das weghexen«, schlug sie vor. »Ich meine, ich war in Heilzaubern nie die Beste, aber ich glaube, das wird blau.«

Vermutlich tat es das tatsächlich. Es fühlte sich jedenfalls so an, als würde es blau werden. Aber immerhin fühlte es sich nicht mehr so an, als habe dieser Holland ihm was gebrochen.

Hayleys Zauberstab wollte er dennoch nicht in seinem Gesicht. Er hatte für heute genügend Zauberstäbe gesehen.

»So schlimm ist es nicht, wirklich.«

»Wie du meinst.« Sie verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Also, sagst du mir, wie du dir das da verdient hast?«

Percy seufzte schwer.

»Lange Geschichte.«

»Thanh Ngọc bedient die Gäste.«

Er warf einen Blick in den Raum. Die Bambussträucher, die ihren Tisch umfassten, schützten ihn vor neugierigen Blicken, doch mehr als die bunten Kugeln, die darin hingen, sah er nicht. Er konnte die andere Kellnerin hören, wie sie eine Bestellung aufnahm, sehen tat er weder sie noch die Gäste.

»Ich nehme nicht an, dass du es mitbekommen hast, aber mich hat am Montag noch eine … alte Klassenkameradin angesprochen. Im Treppenhaus.«

»Die Blonde?«

Percy öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Woher wusste sie das schon wieder? Um Zeit zu schinden, nippte er an seinem Wasser.

»Die Blonde«, stimmte er zu.

»Uhhh.« Hayley senkte ihren rechten Arm, um nach ihrem Glas - Eistee. Allein der Gedanke schüttelte ihn - zu greifen. Sie nahm einen großzügigen Schluck. Er hinterließ silbernen Glitzer auf ihren Lippen. »Hat geheult, als sie wieder reinkam. Hab ihr nen Tee aufs Haus gegeben, damit sie sich beruhigt.«

Percy ließ den Kopf hängen. Na wunderbar.

»Das hätt ich nicht sagen, sollen, oder?«

Vermutlich nicht, nein.

»Sie hat mich um einen Gefallen gebeten. Einen wichtigen Gefallen. Aber ich musste ihn ablehnen.«

»Illegal oder kinky?« Gegen seinen Willen schoss ihm die Hitze in die Ohren. Kinky. Oh Merlin. Kinky. Doch Hayley lachte nur. »Sorry.«

»Illegal.«

»Ohhhh. Und jetzt hat sie sich bedankt?«

Er nippte noch einmal an seinem Wasser.

»Ich habe sie heute auf ihrer Arbeit besucht, um das zu klären. Aber … die Sache ist eskaliert. Einer ihrer Kollegen hat mich rausgeworfen.«

»Autsch.«

»Autsch«, stimmte er zu.

Sie verfielen in gemeinschaftliches Schweigen, unterbrochen nur von Hayleys Griffen zu ihrem Eistee und Percys leisem Zischen, wann immer er den Lappen auf eine neue Stelle tupfte.

»Wie illegal ist es?«, fragte Hayley unvermittelt. Ihr Eisteeglas landete mit einem leisen Klonk! auf dem Tisch zwischen ihnen. Gedankenverloren fuhr sie mit ihrem Finger über den Rand. »Ich meine, Drogen würde ich ihr jetzt nicht beschaffen. Dracheneier auch nicht. Nicht mal zum Kochen. Aber wenn sie jemanden für nen richtig fiesen Fluch braucht …«

Sie ließ das Angebot unausgesprochen. Percy wusste auch so, was sie meinte. Die Angewohnheit, im Zweifel erst zu hexen und dann zu fragen, teilte sie sich mit ihrer Schwester.

Er schüttelte den Kopf.

»Wenn es nur so wäre. Es«, er senkte die Stimme, »geht um ihren Blutstatus.«

»Oh«, sagte Hayley. »Ohhhh. Shit.«

Percy legte den Lappen beiseite. Seine Wange kribbelte immer noch, aber das Ding hatte langsam Körpertemperatur. Träge schob er den Lappen mit dem Zeigefinger über den Tisch.

»Ja. Ich verstehe, dass sie sauer ist, aber …«

»Der Haken hätte nicht sein müssen, hm? Versteh ich. Wobei, lieber den Haken, als Tentakel. Tentakel sind widerlich-« Sie stockte. Möglicherweise hatten ihre Assoziationen sie eingeholt, doch Percy wollte es gar nicht so genau wissen. »Ähm, jedenfalls ... wie kommt sie darauf, dass du ihr helfen könntest? Also, nichts für ungut, aber … du bist kein Auror. Du bist kein Albus Dumbledore. Du hast nicht einmal eine Blitznarbe auf der Stirn.«

Percy zuckte mit den Achseln.

Weil Carol Wright getratscht hatte, als sie den Mund hätte halten sollen.

»Ich arbeite für das Magiermeldeamt. Vermutlich dachte sie, ich könne Beziehungen spielen lassen. Beziehungen, die ich nicht habe.«

Nicht mehr, zumindest.

»Hast du ihr Australien vorgeschlagen?«

Den Blick auf den Lappen gerichtet, nickte er.

»So ähnlich, aber …« Aber Mr Holland. »Auch wenn ich nicht weiß, wie ich sie nach Australien bekommen sollte, selbst wenn sie zugestimmt hätte. Die Portschlüssel und das Flohnetzwerk werden streng überwacht.« Und führten Freitags woanders hin. Nicht, dass er das jetzt erwähnen würde. »Zum Apparieren ist die Strecke zu weit.«

»Ich würd fliegen.«

»Fli- Ich werde sie nicht auf einen Besen setzen, Hayley!«

»Ey Percy. Hattest du Muggelkunde oder ich?«

VI

Die Kätzchenbox zog nicht in Mr Knights Buchregal.

Als Percy am Dienstag aus der Mittagspause kam, stand sie unter Terrys Tisch. Das Ding sah nur entfernt wie ein Pappkarton aus, mit seinen plüschigen Decken und dem kleinen Berg an Spielzeugmäusen. Terry hexte noch daran herum, als Percy eintrat. Oder zumindest versuchte er das, denn Ceylon hatte andere Pläne. Gerade kauerte sie auf der Tischplatte und beobachtete jede Bewegung. Ihr Schweif peitschte abwechselnd gegen den Becher mit Federkielen und ein offenes Tintenfässchen. Kaum hob Terry seinen Zauberstab zu weit nach links, stürzte sie sich auf ihre Beute. Klatscherkatze und Hand kollidierten, Terry schrie auf und Lestrange, der das ganze mit einem Sandwich in der einen und seinem Gehstock in der anderen Hand beobachtete, lachte.

Percy zog die Augenbrauen zusammen.

»Nur um dem Protokoll genüge zu tun, möchte ich darauf hinweisen, dass das gegen neun Regeln der Hausordnung verstößt.«

Terry, der gleichzeitig jammerte, kicherte und sich die Zauberstabhand rieb, verstummte. Er murmelte etwas, das verdächtig nach »Spaßbremse!« klang.

Lestrange warf ihm einen langen Blick zu.

»Sie haben das doch nicht etwa nachgeschlagen?«

Und ob Percy das hatte. Gestern war er - sehr zu Gillians Leidwesen - während der Mittagspause die Hausordnung durchgegangen. Sie hatte sich die ganze Zeit über beschwert. Über das Steak, das mehrfach versucht hatte, von ihrem Teller zu fliehen. Über den siebenhundert Seiten schweren Wälzer, der auf dem Kantinentischchen mehr Platz einnahm als ihr Tablett. Darüber, dass Percy zu ihren Beschwerden kaum mehr als »Hm« und »Wenn man sie erwischt, wird man uns alle feuern« zu sagen hatte.

Doch das war es wert gewesen. Er konnte sie jetzt zitieren. Alle.

§ 343:              Das Halten von magischen wie nichtmagischen Tierwesen in den Räumen des Zaubereiministeriums ist verboten. Eulen für das Versenden von Nachrichten und Lieferungen werden durch die Zweigstelle in der Winkelgasse bereitgestellt.

§ 344:              Das Mitbringen von Haustieren, auch temporär, ist untersagt. Dies gilt auch für Eulen, Katzen und Kröten. (Das Zaubereiministerium ist nicht Hogwarts!!!)

§ 475:              Tierwesen, die durch die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe beschlagnahmt wurden, dürfen für den Zeitraum der Untersuchung in den dafür vorgesehenen Räumen untergebracht werden.

§ 635:              das Aufbewahren lebender Zaubertrankzutaten ist nur in den dafür vorgesehenen Laboratorien gestattet.

Lestranges Anwesenheit schwand aus seinen Gedanken. Als er zu ihm sah, grinste der Todesser noch immer.

Percy schnaufte hörbar.

Die Einzige, die ihn dafür nicht schief von der Seite ansah, hatte sich von ihrer Beute losgesagt - sicher weil Terrys Zauberstab nun reglos auf dem Parkett lag - und strich ihm um die Beine. Er beugte sich zu ihr und kraulte sie hinter den Ohren.

»Dir würden diese Regeln nicht gefallen«, sagte er, während er über ihren Rücken strich. »Nein, würden sie wirklich nicht. Diese beiden sind unverantwortlich.«

»Meowww«, antwortete Ceylon und drehte schnurrend eine weitere Runde um seine Waden. Heute war sie selbst für Ceylon-Verhältnisse anhänglich.

»Er will uns ein schlechtes Gewissen einreden«, warf Terry ein. »Das tut er immer.«

Zur Antwort biss Lestrange von seinem Sandwich ab. Auf Entfernung sah der Belag ziemlich grün aus, doch Percy hatte nicht vor, sich auch noch damit zu beschäftigen. Regeln zum Verzehr von Lebensmitteln gab es in der Hausordnung ziemlich sicher auch.

Er erhob sich wieder.

»Ich habe Ihre Akten vollständig sortiert und entsprechend weitergeleitet. Miss Nguyen wird heute Nachmittag mit der Bearbeitung beginnen und sich bei Ihnen melden, sobald sie fertig ist. Die für Sie bestimmten Ordner finden Sie in Ihrem Posteingang, Mr Lestrange«, sagte er. »Zudem bin ich mit der Bearbeitung der ersten Akten fertig. Wenn Sie wünschen, bringe ich sie zum Gegenzeichnen in Ihr Büro.«

Den Mund immer noch voller Sandwich, nickte Lestrange zustimmend.

»Sie kommen klar, Terry?«, fragte er, nachdem er geschluckt hatte. Mit einem Wink seines Sandwichs bedeutete er Percy, ihm in sein Büro zu folgen.

»Natürlich, Sir.« Terry wollte die Hand schon zum Hexen heben, als er verstand, dass sein Zauberstab ihm nicht von allein zurück in die Finger fliegen würde. Fluchend drehte er sich um und tastete hinter sich.

Ceylon nahm dies zum Anlass, sich von Percys Beinen abzuwenden. Percy beobachtete sie noch einen Moment dabei, wie sie auf den Boden kauernd in Richtung Zauberstab schlich, dann wandte er sich kopfschüttelnd ab.

 

Eine Viertelstunde später saß er Lestrange gegenüber, einen Stapel rosafarbener Pergamentordner zwischen ihnen. Während der Todesser immer noch aß, drehte sich Percys Magen mit jeder Minute, die verstrich, ein bisschen mehr um. Ein Teil von ihm wäre am liebsten aus dem Büro geflohen. Dem anderen Teil war bewusst, dass es nicht half, wenn er sich jetzt verkroch.

Keine Gefallen, hatte Lestrange gesagt.

Die Frage war nur, was Lestrange als Gefallen definierte.

Wenn der Todesser Percys Nervosität bemerkte, ging er nicht darauf ein. Er blätterte nur ungerührt weiter. Schließlich, auf der letzten Seite angekommen, legte er sein Mittagessen zur Seite. Er griff nach einer seiner Federn und tunkte sie in ein bereitstehendes Tintenfass.

Seine Hand zitterte kaum merklich, während er seine Signatur unter den Bericht setzte. Dennoch: Seine Handschrift war viel filigraner, als Percy es von einem Todesser - einem Todesser, der in Askaban eingesessen hatte, überdies - erwartet hätte. Verdammt, er nutzte sogar einen angeschnittenen Federkiel, mit dem er die Strichstärke variieren konnte.

Rabastan L. Lestrange

Selbst überkopf war der Schriftzug gut lesbar.

Er besiegelte Percys Arbeit - und ein Schicksal.

Ein pelziger Geschmack breitete sich in Percys Mund aus. Er schluckte, doch die Übelkeit verschwand nicht. Das Geräusch klang laut genug in seinen Ohren, dass er sich sicher war, dass auch Lestrange es gehört haben musste. Der jedoch schlug nur ungerührt den Ordner zu und griff nach dem nächsten.

Der Name Penelope Clearwater leuchtete ihm schwarz auf rosa entgegen. Das Bedürfnis, dieses Büro zu verlassen und sich irgendwo zwischen seinem Schreibtisch und Nguyens Magical BBQ zu verstecken, wurde größer.

Mit aller Seelenruhe überflog Lestrange die Seite mit den persönlichen Angaben. Vor- und Nachname. Namen der Eltern. Geburtstag und -ort. Zauberstab. Hogwartshaus und beruflicher Werdegang. Pennys Bewerbungsfoto blickte zu ihm hoch. Damals, nach dem Schulabschluss, hatte sie sich die Haare ganz kurz schneiden lassen. Auf dem Bild trug sie den taubenblauen Umhang, den sie extra für ihre Bewerbungen gekauft hatte. Er fragte sich immer noch, woher das Ministerium das Foto hatte.

Auf den weiteren Seiten folgten mehr persönliche Angaben, als Percys Meinung nach in einer solchen Akte hätten stehen sollen. Das meiste war bereits vorausgefüllt gewesen, ein Teil davon wirkte nicht neu. Nur die Angaben zu ihren Eltern stammten aus Percys Recherchen. Die Mutter Muggel, der Vater ein gewisser David Smith. Amerikaner. Nach einem Zwischenfall in Ilvermorny war er in den Sechzigern nach Hogwarts gewechselt. Nach seinem Abschluss hatte er für eine Weile in der Abteilung für magische Unfälle und Katastrophen gearbeitet und sich schließlich mit einem Laden in der Winkelgasse selbstständig gemacht. Eines Tages war sein Labor explodiert und er mit ihm. Die Unterlagen von seiner Zeit im Ministerium existierten noch. Unter ihnen waren Bilder, die ihn mit einem jungen Mädchen zeigten, aber keinen Hinweis darauf, dass das Mädchen seine Tochter war. Percy hatte sie dennoch an seinen Bericht angehangen.

Andere Unterlagen aus der Zaubererwelt gab es nicht. Das St.-Mungo-Hospital führte keine Dokumente über ihre Geburt, da sie in einem Muggelkrankenhaus in Stoke-on-Trent geboren worden war. Pennys magisches Leben begann mit ihrer Einschulung in Hogwarts.

Auf der anderen Seite des Schreibtisches streckte Lestrange sich wie eine Katze. »Also?«, fragte er schmatzend, »Wer ist dieses Mädchen?«

Percy riss den Kopf hoch. Bei Merlins Bart, woher hatte er-? Wie hatte er-?

Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

»Hören Sie auf, meine Gedanken zu lesen«, sagte er schließlich. Im Nachhinein betrachtet war das vielleicht nicht die beste Verteidigung, die er hätte vorbringen können.

Lestrange lachte.

»Ich lese nicht Ihre Gedanken, Percy, ich lese Ihr Gesicht.«

Percys Nackenhaare stellten sich auf.

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

Zur Antwort rollte Lestrange mit den Augen.

»Sehen Sie? Genau das ist das Problem, Mr Weasley«, sagte er. »Sie mögen ein passabler Okklumentiker sein, aber sind ein furchtbarer Lügner.«

Unter dem Tisch ballte Percy die Hände zu Fäusten. Protest brodelte in seinem Rachen und zu gern hätte er widersprochen, doch er spürte, wie ihm die Hitze in die Ohren schoss. Vermutlich glühten sie bereits wie zwei überreife Tomaten. Gillian wusste, was das bedeutete. Deborah wusste, was das bedeutete. Verdammt, vermutlich wusste es selbst Terry und der interessierte sich sonst nur für seine Akten und graue, klatscherförmige Katzen.

»Also, wer ist sie?«

»Das geht Sie nichts an.«

Er spürte Lestranges Blick auf sich, doch dieses Mal hatte er nicht das Gefühl, dass der Todesser versuchte, in seinen Geist einzudringen. Er wartete.

»Wir waren gemeinsam auf Hogwarts«, sagte er schließlich. »Ich habe ihr keinen Gefallen getan.«

»Aber Sie wollten ihr einen Gefallen tun.«

Percy schnaubte. Seine Handflächen brannten, dort, wo sich seine Fingernägel in seine Haut bohrten.

»Ich habe versucht, über das North Staffordshire Royal Infirmary Angaben bezüglich ihrer Geburt zu erhalten. Der Aufbewahrungszeitraum ist verstrichen. Wenn es Unterlagen gab, wurden diese bereits vor Jahren vernichtet. Ich nehme an, dass Pen…elope Clearwater im Besitz ihrer Geburtsurkunde und weiterer Unterlagen ist, ging allerdings davon aus, dass es nicht gewünscht ist, dass ich selbige anfordere. Also nein, ich habe ihr keinen Gefallen getan.«

Jedes Wort schmeckte nach Verrat. Obwohl Gillian - die in Heilzaubern deutlich besser war als ihre Schwester - sich seiner Wange angenommen hatte, kribbelte seine rechte Gesichtshälfte. Anklagend.

»Es wird nicht reichen, habe ich recht?«

Lestrange blickte nach unten auf das Foto einer fünfjährigen Penny, die in die Kamera strahlte. Percy fragte sich, ob sie wusste, dass diese Bilder existierten. Lestrange hatte kein Recht, sie sich anzusehen. Sie beide hatten kein Recht, sie sich anzusehen.

»Ich bin nicht derjenige, der das entscheidet«, antwortete Lestrange.

Percy sprang schneller aus seinem Stuhl auf, als er hätte nachdenken können. Er schlug mit den Fäusten auf den Tisch. Sein Blick fiel wieder auf die Bilder. Penny mit fünf. Penny mit sieben. Penny lachend und winkend.

Nenn mich nicht Penny.

»Sie sind hier der verdammte Todesser! Wenn Sie das nicht entscheiden, wer dann?!«

Lestrange schloss den Ordner. Sein Blick glitt über Percy, über seine glühenden Ohren, über seine bebenden Schultern, über seine kalkweißen Hände. Das dünne Lächeln, von dem er vermutlich glaubte, dass es aufmunternd sei, erstarb.

»Nein«, sagte er. »Nein, es wird nicht reichen. Nicht so. Nicht auf lange Sicht. Nicht in diesem Land.«

Percy öffnete den Mund, doch bevor er etwas hätte sagen können, stand Lestrange auf. Sein Stuhl knarrte über das Parkett. Sie waren beinahe auf gleicher Höhe.

»Denken Sie wirklich, dass Sie irgendjemanden mit ein paar Änderungen in einem rosafarbenen Ordner retten können? Ein paar Zeilen hier? Ein falscher Name dort?«

»Diese Akten dienen als Grundlage für die Arbeit der Registrierungskommission für Muggelstämmige-«

»Diese Akten sind nicht mehr als ein Haufen Papier. Sie sind aufwendig in der Pflege und wenn man sich ihrer entledigen will, brennen sie wie Zunder.«

»Aber, die Regeln-«

»Ja, die Regeln. Gesetze. Richtlinien. Verordnungen. Noch mehr Papier. Percy? Da liegt ihr Fehler. Sie glauben immer noch an das Ministerium. Sie glauben immer noch, dass das hier eine Anomalie ist. Dass das hier nichts weiter als ein Todesser ist, der sich ins Ministerium geschlichen hat und den irgendwer früher oder später seiner gerechten Strafe zuführen wird.«

Percy biss die Zähne aufeinander. Während seiner Zeit in Hogwarts hatte er sich selten wie ein Gryffindor und meistens wie ein Hochstapler gefühlt. Ein Schwindler. Ein Irrtum. Selten hatte er sich so sehr wie ein Gryffindor gefühlt, wie jetzt. Vage war er sich bewusst, dass das der falsche Zeitpunkt war.

»Ist es das nicht? Ihr Lord«, er spie das Wort aus. »Sie und Ihresgleichen haben Scrimgeour ermordet und die Macht an sich gerissen. Und jetzt sitzen Sie hier hoch und trocken und jagen Muggelgeborene!«

Lestrange schüttelte den Kopf. Seufzend fuhr er sich mit der linken Hand über seine Schläfen. Percys Blick blieb an den fünf Punkten oberhalb seines Daumens hängen.

»Das hier ist keine Anomalie, Percy. Es ist die logische Fortsetzung. Glauben Sie wirklich, dass diese Akten«, er ließ seine Hand auf Penelopes Namen sinken, »eine neue Erfindung sind? Nein. Die Farbe mag eine andere sein, aber so einen Ordner gibt es auch mit meinem Namen. Mit dem meines Bruders. Dem meiner Schwägerin. Dem ihrer Schwestern. Vermutlich auch mit Ihrem Namen, Percy, und den Namen Ihrer Eltern. Diese Akten sind nicht neu. Die Prozesse sind nicht neu. Mein Bruder und ich hatten nicht mehr als einen Scheinprozess. Dasselbe gilt für Augustus Rookwood. Rowan Montague. Phoenix Selwyn. Sirius Black hatte gar keinen Prozess. Die beiden Letztgenannten waren unschuldig und Montague zumindest nicht für das verantwortlich, für das man ihn verurteilt hat. Vor unserer Generation traf es die Squibmärsche und davor die Magier, die sich gegen Archer Evermondes Notfallgesetzgebung auflehnten.«

»Sie wollen sich nicht ernsthaft mit den Squibmärschen gleichsetzen.«

»Nein, nur die Methoden des Ministeriums. Das hier ist nichts, was nicht schon seit Jahrzehnten so war. Es richtet sich nur gegen andere Ziele. Verstehen Sie mich nicht falsch, Mr Weasley. Sie sind ein guter Mann. Ehrlich, loyal, bemüht, das Richtige zu tun. Sie glauben an das Ministerium. An Recht und Ordnung. Daran, dass das richtige Team schon gewinnen wird, wenn Sie nur nach den Regeln spielen. Es wird ihnen nur nichts nützen. Das hier ist nicht die Quidditchliga. Das hier ist dreckiger Hinterhof-Quodpot. Geben Sie es auf.«

 

 

»Du siehst aus, als würdest du bald etwas furchtbar Dummes tun.«

Ächzend ließ Percy sich auf den freien Stuhl in Gillians Bürozelle fallen. Seine Brille ignorierend vergrub er das Gesicht in seinen Händen.

»Habe ich schon.«

Stoff raschelte und die leere Teetasse auf Gillians Tisch klirrte, dann schob sich das Weinrot von Gillians Umhang in sein Blickfeld. Sachte berührte sie den Rahmen seiner Brille. Als er nichts sagte, zog sie das Gestell unter seinen Fingern hervor. In seinem Augenwinkel konnte er sie verschwommen dabei beobachten, wie sie die Gläser mit dem Saum ihres Umhangs putzte.

»Also«, sagte sie, während sie seine Brille gegens Licht hielt. »Rede.«

Percy presste seine Handballen auf seine Augen.

»Er weiß von Penny.«

»Dann weiß er mehr als ich.« Gillian senkte seine Brille, um eines der Gläser nachzupolieren. »Wer ist Penny?«

Percy löste die Hände weit genug von seinem Gesicht, um seine Stirn mit den Fingerspitzen massieren zu können. Sterne blitzten vor seinen Augen. Zwischen den Schatten, die seine Finger warfen, verschwamm Gillians Bürozelle zu einem bunten Chaos. Das Poster von den Weird Sisters erkannte er nur, weil er wusste, wo sie es aufgehangen hatte. Die blauen Aktenordner, mit denen sie noch nicht angefangen hatte, waren ein großer, blauer Fleck. Er atmete tief durch.

»Du erinnerst dich an die Frau aus dem BBQ?« Er biss sich auf die Unterlippe, doch jetzt war ohnehin alles zu spät. »Penny … Penelope Clearwater. Sie ist … meine Ex-Freundin.«

Noch während er sprach, blickte er auf. »Hat dir Hayley das nicht längst erzählt?«

Gillian schnalzte mit der Zunge. »Das mit dem Veilchen? Brühwarm. Das und dass du nicht die 73 bestellt hast. Ich bin enttäuscht.« Ihr Umhang raschelte, als sie den Arm senkte und seine Brille neben ihn auf den Tisch legte. »Alles andere? Nope. Wenn meine Schwester etwas mehr mag als Glitzereistee, dann sind es ihre Geheimnisse.«

An jedem anderen Tag hätte Percy bei der Erinnerung an diese scheußliche Schrumpelfeigenmischung gelacht, doch heute brachte er nicht mehr als ein Schnaufen zustande. Es klang ein bisschen so, als würde er ersticken.

»Ihre Mutter ist Sozialarbeiterin in Leeds. Ihr Vater war ein Magier. Ist vor über zehn Jahren zusammen mit seinem Labor explodiert.«

»Aber sie hat keine Beweise.«

Dumpf schüttelte Percy den Kopf.

»Sie hat Angst, dass die, die sie hat, nicht anerkannt werden.«

»Also hat sie dich darum gebeten, nachzuhelfen. Hast du nachgeholfen?«

Er atmete durch.

»Hätte ich das getan, wäre ich längst auf meinem Weg nach …«

Askaban.

Das Wort formte sich in seinem Hals zu einem Kloß, der sich nicht schlucken ließ. Nein, er hatte es nicht getan. Er war nicht auf dem Weg nach Askaban. Penny schon.

Gillian verstand ihn auch so. In seinem Augenwinkel sah er, wie sie einen Blick auf ihre eigene Arbeit warf. Mit spitzen Fingern öffnete sie den obersten Ordner.

»Wenn das nicht das Dumme war, das du getan hast, was war es dann?«

Percy schluckte noch immer an dem Kloß in seinem Hals.

»Er hat mich nach ihr gefragt.«

»Und dann?« Sie ließ die Akte wieder zufallen. »Hast du sie angeschwärzt oder hast du das gegryffindort?«

»Beides.«

»Oh«, sagte sie. »Oh Percy.«

»Oh Percy! mich nicht.«

»Natürlich nicht. Würde mir im Traum nicht einfallen.«

Einen Moment lang schwiegen sie beide. Das Rascheln ihres Umhangs schreckte ihn auf. Er sah gerade noch rechtzeitig auf, um ihrer Hand dabei zuzusehen, wie sie sich auf Höhe seines Gesichts hob. Ihr Zeigefinger schob sich unter die Spitze ihres Daumens und dann-

»Au!«

»Oh Percy.«

Percy rieb sich über die Stirn.

»Wofür war das?«

In seinem Augenwinkel musterte Gillian gerade ihre Fingernägel. Sie behauchte den Nagel ihres Zeigefingers und rieb dann mit ihrem Daumen darüber.

»Gryffindorabwehrmechanismus.« Bevor Percy protestieren konnte, senkte sie ihre Hand. »Komm schon, Percy. Du hast den Kopf noch auf den Schultern und wir haben Feierabend.«

Er rieb sich erneut über die Stirn. »Es ist erst halb fünf.«

»Und du bist seit vor um acht hier. Also? Du siehst aus, als könntest du einen Feuertopf gebrauchen.«

Nicht auch das noch. Der von letzter Woche brannte sich immer noch durch seine Zunge. Seine Begeisterung musste sich in seiner Mimik spiegeln, denn Gillian hob beschwichtigend die Hände.

»Schon gut, schon gut. Wir könnten auch ins Waiter On The Way gehen. Dort kriegen wir zwar keinen Du-bist-meine-Lieblingsschwester-Rabatt, aber der neue Kellner ist heiß.«

»Wie kannst du jetzt an heiße Kellner denken?!«

»Ich kann immer an heiße Kellner denken. Du nicht?« Gegen seinen Willen tauchte Craigs Gesicht vor seinem inneren Auge auf. Und obwohl er nichts sagte, fühlte Gillian sich offensichtlich bestätigt. »Also. Außerdem ist Lestrange schon vor zehn Minuten durch diese Tür verschwunden. Wer soll uns schon verpfeifen?« Verschwörerisch senkte sie die Stimme. »Terry?«

Die logische Antwort darauf lautete: Unter den aktuellen Bedingungen mussten Sie wohl damit rechnen, dass jeder und die Hauselfen sie - beabsichtigt oder nicht - verraten würden.

Die Realität sah anders aus. Sie steckte gerade mit ihrem Kopf unter Terrys Schreibtisch und murmelte Dinge wie »Hier, Miezi-Miezi-Miez!«, »Komm, CeyCey, Thunfisch magst du doch?« und »Was ist nur mit dir los, Süße?«

Obwohl er Terry aus Gillians Bürozelle so oder so nicht hätte sehen können, folgte er ihrem Blick in Richtung ihres Kollegen. In seinem Augenwinkel zog Gillian die Augenbrauen hoch. Er griff nach seiner Brille.

»Schön, du hast gewonnen.«

 

Ceylon saß nicht, wie von ihrem Kollegen vermutet, hinter dessen Aktenschrank, sondern hatte sich in dem Wintermantel eingerollt, den Terry auf seinem Tisch hatte liegen lassen, und beobachtete ihn mit ihrem großen bernsteinfarbenem Auge. Percy strich ihr im Vorbeigehen über den Kopf. An Ceylon vorbei führte sie ihr Weg zu den Fahrstühlen und von dort ins Atrium. Als sie im zweiten Stock hielten, fürchtete Percy kurz, Yaxley würde zu ihnen steigen, doch es waren nur zwei Auroren. Die beiden diskutierten darüber, ob es der linke Haken gewesen war, der den Volltrottel (ihre Worte, nicht Percys) auf die Bretter geschickt hatte, oder der Confringo in seinen Rücken. Keiner der beiden Männer schenkten ihnen auch nur die geringste Beachtung.

Im Atrium, als Percy bereits hoffte, für heute keinen Todesser mehr sehen zu müssen, sah er Yaxley doch noch. Gillian und er hatten gerade das fürchterliche Monument in der Mitte der Halle passiert, da leuchtete sein platinblonder Zopf aus einer Gruppe schwarz gekleideter Männer hervor, die den Zugang zum Kaminbereich allein durch ihre Anwesenheit blockierten. Gerade verteilte einer der Männer Flugblätter an die Gruppe. Keiner von ihnen schien sich auch nur im Geringsten dafür zu interessieren, dass sie damit Besucher und Angestellte gleichermaßen behinderten.

Percy presste die Lippen aufeinander. Fest entschlossen, dem Kerl keine weitere Gelegenheit zu geben, ihn zu beleidigen, blickte er an der Gruppe vorbei auf die verbleibende Seite des Zugangs. Wenn sie jetzt einen Bogen schlugen-

Nein.

Da stand Lestrange, in ein Gespräch mit Gladys Adwater vom Internationalen Magischen Handelstandardausschuss vertieft. Im Gegensatz zu seinem Kollegen behinderte er zwar niemanden, doch er war trotzdem da.

»Kommst du?«, hörte er Gillian fragen. Als sie seinen Blick bemerkte, fügte sie hinzu: »Keine Sorge, er wird dich nicht fressen. Dazu müsste er dich sehen.«

Zwar nickte er, doch glücklich war Percy damit nicht. Da Yaxley zumindest im Moment das kleinere der beiden Übel war, nickte er Gillian zu und reihte sich mit ihr in den Strom von Besuchern ein, die sich an Yaxley und seinen Handlangern vorbeidrängelten. Die Männer trugen keine Uniformen, wie er jetzt feststellte. Vielmehr war es ein wirres Sammelsurium an Umhängen, die einen aus Leder, die anderen aus dicker Wolle und zumindest einer aus einem Hauch von Seide. Der Typ mit der Bisswunde war unter ihnen. Hier, jetzt, in diesem Kontext fragte er sich nicht mehr, wie er sich hatte beißen lassen können. Es waren Greifer.

»Haben Sie mich verstanden?«, schnarrte Yaxley über die Köpfe der Männer hinweg. »Wir bezahlen Sie weder fürs Herumlungern, noch für-«

Der Rest des Satzes ging in einem Ellbogen unter, den ihm eine Hexe mit langen, schwarzen Locken in die Rippen stieß. Bevor er sich hätte beschweren können, war sie bereits zwischen den Abreisenden vor ihm verschwunden. Nur eine Reihe von »Passen Sie doch auf!«-Rufen und Flüchen auf Merlins Gemächt wiesen noch darauf hin, dass sie tatsächlich da gewesen war.

»Diesmal keine Nasenexperimente«, hörte Percy einen der Greifer sagen. »Fick dich«, sagte ein anderer. Irgendwer lachte. »Fir Street«, sagte ein Dritter. Percy hätte ihn beinahe überhört. »Cadishead. Manch-«

Irgendwer trat ihm in die Hacken. »Au! Was soll denn das?!«, beschwerte er sich, doch dann hatte er den Engpass passiert. Wie ein Luftballon, aus dem die Luft entwich, spie der Zugang ihn in den Korridor. Zu seiner rechten und linken leuchteten im Sekundentakt Kamine auf. Er drehte sich einmal um sich selbst, desorientiert, doch wer auch immer ihn getreten hatte, war längst nicht mehr zu sehen.

»Percy! Hey! Können wir dann gehen?«

Immer noch eine Hand auf seinen Rippen, drehte Percy sich um. Es dauerte einen Moment, bis er Gillian zwischen zwei Reihen mit abreisenden Magiern entdeckte. Er blinzelte.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Träumst du?«

Was hatte er eben noch einmal gehört? Oh, richtig.

»Gillian-«, er schüttelte den Kopf. »Sie haben Pennys Adresse.«

»Hat sie einen Plan B?«

»Nein, aber deine Schwester.«

VII

Percy hatte sich heillos verappariert. Das hieß, nein, verappariert war das falsche Wort. Er hatte genau den Hinterhof erreicht, den er hatte erreichen wollen. Um den Greifern nicht in die Arme zu laufen, war er statt zur Hausnummer 35 zur 10 appariert. Den Rest des Weges hatte er gehen wollen.

Die Nummer 10, so hatte er vor Ort festgestellt, hatte einen Zierteich.

Zehn sehr nasse und sehr kalte Minuten später, schlenderte er so unauffällig wie möglich die Fir Street entlang. Trotz hastig gesprochener Trocknungszauber hatte er noch immer Wasser zwischen den Zehen. Jeder Schritt platschte, aber immerhin war es nicht so kalt, wie es im Dezember hätte sein können. Der Zierteich war nicht zugefroren gewesen und auch wenn die Wetterhexe des Magischen Rundfunks für die nächsten Tage Schnee angesagt hatte, war bislang keine Flocke gefallen. Es nieselte nur.

Percy kuschelte sich trotzdem tiefer in die Muggeljacke, die anzuziehen Gillian ihm geraten hatte. Um weniger aufzufallen. Vage war er sich bewusst, dass er immer noch auffiel. Fremd in der Gegend. Die Jacke zu dünn für die Jahreszeit und die Hose vermutlich seit Jahren aus der Mode. Dazu noch sein Blick, der an jeder Hausnummer klebte, die er finden konnte.

Beinahe war ihm, als könne er Hayleys Stimme hören. Und einen Stock im Po hat er auch.

Unwillkürlich richtete er sich ein bisschen gerader auf. Er versuchte zumindest, weniger zu schleichen.

Die 26 Fir Street zu seiner Rechten hatte einen ordentlich gepflegten Vorgarten, in den es sich wunderbar hätte apparieren lassen. Die 28 auch. Außerdem hatte er seit dem Muggel, der sein Automobil auf der Straße geparkt hatte, niemanden mehr gesehen. Keine Muggel. Keine Greifer. Leider auch keine Penelope.

In der 35 Fir Street brannte kein Licht.

Percy erkannte das Gebäude nur an den Mülltonnen, auf denen jemand mit weißer Farbe die Hausnummer geschmiert hatte. Hinter den Tonnen ragte ein Klinkerbau aus den Fünfziger Jahren auf, in den man drei Eingänge gequetscht hatte. Jeder Eingang hatte eine Tür und ein Fenster im Erdgeschoss und ein genauso schmales zweites Geschoss darüber. Im Vorgarten des rechten Hausteils leuchtete eine einsame Lichterkette, der Rest des Gebäudes verlor sich in Dunkelheit. Er wechselte die Straßenseite.

Wenn ihn nicht alles täuschte, musste Penny den mittleren Hausteil bewohnen. Nichts wies auf einen magischen Bewohner hin. Keine nicht erklärbaren Lichter hinter den Fenstern. Keine Gnome im Vorgarten. Verdammt, der Teil hatte nicht einmal einen Vorgarten, nur ein paar Steinplatten, auf denen genauso gut ein Tisch mit ein paar Stühlen oder ein Automobil hätten stehen können.

Einen Augenblick lang überlegte er zu klingeln.

Aber was, wenn Penelope noch nicht von der Arbeit zurück war? Was, wenn sie ihm die Tür vor der Nase zuschlagen würde? Was, wenn die Greifer vor ihm hier gewesen waren? Sein Puls pochte in seinen Ohren.

Nein.

Eine offizielle Vorladung des Ministeriums war die eine Sache. Ein Haufen Greifer vor der eigenen Haustür eine ganz andere. Sicher hätte Penny sich gewehrt. Jeder hätte sich gewehrt. Doch da waren keine Spuren eines Kampfes. Keine Muggelpolizei. Keine gesplitterten Scheiben. Keine Rußflecken, die im Licht der nächsten Straßenlampe seltsam glitzerten. Der Ort fühlte sich nicht einmal besonders magisch an.

Percy duckte sich in die Auffahrt neben der Tonne 35 A.

Er wünschte, Gillian wäre hier. Dass sie es nicht war, verdankte er seiner eigene Idee, Penelope wenn möglich noch im St.-Mungo-Hospital abzufangen. Ihn hätten sie zweifelsohne gleich wieder vor die Tür gesetzt, aber Gillian kannten sie noch nicht. Außerdem brauchten sie Hayley. Sie brauchten Plan B.

Trotzdem. Die Idee, allein hier aufzutauchen, kam ihm mit jedem Moment dümmer vor. Seine Finger glitten zu dem Zauberstab in seinem Ärmel. Wäre er ein besserer Duellant, das Holz unter seinen Fingern hätte ihn vielleicht mehr beruhigt.

Motorengeräusche brummten die Straße hinauf. An der Tonne vorbei konnte er die zwei charakteristischen Lichter eines Automobils sehen, das sich gemächlich näherte. Percy drückte sich tiefer in den Schatten der Hauswand. Der Wagen passierte ihn, ohne dass sein Fahrer Notiz von ihm nahm. Dann plötzlich - ein leises Plopp.

Vorsichtig beugte Percy sich wieder vor. Die Fir Street lag immer noch still und verlassen vor ihm. Gegenüber, in der Hausnummer 52, brannte Licht. Sonst waren da nur der lichterkettenbewehrten Sträucher in den Vorgärten und die Straßenlampen. Die Laterne, die ihm am nächsten war, flackerte. Die Lichterkette, die sich auf der anderen Straßenseite um einen dürren Baum wand, flackerte auch. Irgendwo bellte ein Hund, dann noch einer. Percy duckte sich hinter die Hecke der 35 A.

Er schluckte.

Eine Gestalt trat aus der Oak Avenue. Ihre Absätze klackerten über den Asphalt. Zwischen den Blättern der Hecke konnte er nur erahnen, dass sie Muggelkleidung trug. Etwas, das eine graue Jacke sein musste. Eine dunkle Hose. Kein Schwarz.

Als sie im Licht der Straßenlaterne stehen blieb, um in ihrer Tasche nach ihrem Schlüssel zu suchen, erkannte er sie. Penny.

Der Kloß in seinem Hals war wieder da.

Penny, ich-

Nein.

Penelope, ich muss mit dir reden.

Penelope. Du bist hier nicht sicher.

Unter der Straßenlaterne strich sie sich den Pony aus der Stirn. Etwas klimperte, das sich wie ein Schlüsselbund anhörte. Fluchend beugte sie sich nach unten. Er kauerte immer noch hinter seiner Hecke.

Ein lautes Plopp hallte aus den Höfen hinter ihm.

Plopp. Plopp. Plopp.

Auf der anderen Straßenseite hörte Penny es auch. Irritiert blickte sie erst in seine Richtung, dann zurück zur Oak Avenue.

Magie kribbelte in seinem Nacken. Antiapparationszauber, darauf würde er Mr Scrimgeours Lieblingstasse verwetten. Die Einfahrt der Nummer 35 endete in einem Bretterzaun. Dahinter knurrte es. Es klang klein, hoch und giftig. Jemand fluchte.

Percy verwarf alle Gespräche, die er mit Penny hatte führen wollen. Heckenzweige kratzten über sein Gesicht, als er sich bewegte. So leise wie möglich trat aus seinem Versteck.

Penny wirbelte herum, in der einen Hand ihren Schlüsselbund, in der anderen Ihren Zauberstab. Er wusste nicht, wovor er mehr Angst hatte. Der Schlüsselbund sah schwer aus. Percy hob die Hände.

»Was machst-«

Er hielt sich den Zeigefinger vor den Mund. Zu seiner Überraschung verstummte sie tatsächlich. Vorsichtig warf er einen Blick über seine Schulter. Wieder bellen. Noch mehr Fluchen. Etwas, das wie »Stupor!« klang. Er nickte die Straße entlang.

Penny presste die Lippen aufeinander. Einen Augenblick lang sah sie so aus, als hätte Percy gleich ihren Schlüsselbund im Gesicht. Er wollte sich schon ducken, da wandte sie sich ab. Ohne auf ihn zu warten, ging sie die Fir Street entlang. So leise wie möglich folgte er ihr.

»Wenn du damit etwas zu tun hast …«, flüsterte sie, kaum, dass er in Hörweite war.

Percy presste die Lippen aufeinander. »Dann wäre ich kaum hier, oder?«

»Sag du es mir. Du hast mich verpfiffen.«

Hinter ihnen schrie jemand.

Er verdrehte die Augen.

»Habe ich nicht. Deine Akte hat Lestranges Schreibtisch noch nicht verlassen.«

»Lestrange?!«, wiederholte sie, lauter, als unbedingt nötig gewesen wäre. Darüber selbst erschrocken, hob sie die Hand vor den Mund.

Percy zuckte zusammen. Er nickte. »Ich habe doch gesagt, ich habe einen neuen Vorgesetzten.«

»Lestrange«, sagte sie erneut, leiser dieses Mal. »Wir reden hier von dem Lestrange, der wegen Folter in Askaban saß, ja?«

Percy warf einen Blick in den Vorgarten der 26. Der Antiapparationszauber kribbelte nach wie vor in seinem Nacken. Er legte einen Arm um ihre Schultern, wie er es getan hatte, als sie noch ein Paar gewesen waren. Sie versteifte sich unter ihm, doch sie schlug seine Hand nicht fort. Er hoffte nur, dass die Geste von weitem weniger unkomfortabel aussah.

»Ich sagte doch, ich kann das nicht für dich machen«, flüsterte er. »Aber das hier ist nicht Lestrange. Das ist-«

»Hey, Sie!«

Percy warf einen Blick über seine Schulter. In seinen Augenwinkel sah er einen Kerl in der Auffahrt zur 35. Schwarzer Umhang. Kein Muggel. Er folgte ihnen.

»Bleiben Sie stehen!«

»Geh weiter.«

Penny hob eine Augenbraue, beschleunigte jedoch ihren Schritt.

»Warum apparieren wir nicht?«, fragte sie.

»Antiapparationszauber. Du kommst rein, aber nicht raus. Mr Scrimgeour mochte den. Jeder Auror mag den.«

»Wie lautet der Gegenzauber?«

»Ich bin kein Auror?«

Sie zog die Augenbrauen zusammen und blähte die Nasenflügel. Einen Augenblick lang sah sie so aus, als wolle der Ravenclaw in ihr ihm sagen, dass das ein verdammt seltsamer Gegenzauber war. Eine Stimme hinter ihnen hielt sie erfolgreich davon ab, es auszusprechen.

»Ey, Talbot, hör auf mit diesem blöden Köter zu spielen!«, brüllte jemand. Die Stimme gehörte nicht dem Kerl aus der Auffahrt.

»Da ist sie!«

Die Stimme schon.

»Lauf!«

Percy ließ seinen Zauberstab in seine Hand fallen. Gelbes Licht flackerte in seinem Augenwinkel. Er stolperte hinter das nächste Automobil.

»Stupor!«

Ein roter Fluch schoss über ihren Kopf hinweg. Percy sah nicht, ob er traf. Fluchend warf sich Penny zu ihm hinter den Wagen. Er spähte über die Motorhaube.

Nein.

Nicht getroffen.

Die Greifer waren jetzt zu zweit. Percy riss den Stab hoch.

»Expelliarmus!«

Der Zauber ging meilenweit daneben. Er spürte Pennys Arm über sich. Ein roter Lichtblitz prallte gegen die Luft vor ihnen und schlug in dem roten Transporter neben ihnen ein. Glassplitter regneten auf den Bürgersteig. Das schrille Lärmen einer Sirene erfüllte die Nacht. Die Greifer kamen immer noch näher. Sein nächster Expelliarmus prallte an einem Schutzzauber ab.

»Habt ihr sie immer noch nicht?«

Ein dritter Mann trat gerade aus der Einfahrt. Seine Stimme war ein tiefes Bellen. Penny warf einen Stupor an der Windschutzscheibe vorbei. Der Kerl blockte ihren Zauber mit Leichtigkeit.

»Niemand hat gesagt, das sie Unterstützung haben würde«, beschwerte sich einer der anderen.

»Und Talbot spielt mit einem Zwergpinscher.«

»Das ist kein Zwergpinscher«, knurrte Penny hinter ihm. »Das ist Bella. Petrificus Totalus!«

Percy hexte auch.

Beide Flüche prallten an einem Schutzzauber ab. Der eine schrammte über den Asphalt, der andere krachte in einen Kamin.

Er duckte sich zurück hinter die Motorhaube. Das Automobil bebte, als ein Zauber einschlug.

Im Wohnzimmer der Nummer 26 flackerte Licht. Er konnte Schatten hinter dem Fenster sehen. Verdammt.

»Das klappt so nicht«, flüstere er.

Penny hexte bereits den nächsten Stupor. »Hast du eine bessere Idee?!«

Er lehnte seinen Kopf gegen das Metall in seinem Rücken.

Nein, hatte er nicht.

Wenn seine Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste doch nur besser gewesen wären. Wenn ihm irgendwer Duellieren beigebracht hätte, der nicht Gilderoy Lockhart hieß. Wenn -

Duelle.

Irgendwas. Irgendwer.

Scrimgeour.

Wenn man Sie jemals angreifen sollten, Percy‹, hallte die Stimme des alten Auroren in seinen Ohren, ›wird kein Duellkurs Sie retten. Spielen Sie nicht nach den Regeln, spielen Sie nach Ihren Fähigkeiten. Und wenn Sie sie alle in rosa Quietscheentchen verwandeln.‹

Keine rosa Quietscheentchen, beschloss Percy. Noch nicht.

»Gib mir Deckung!«, sagte er zu Penny.

Percy hob den Zauberstab gerade genug, um über die Motorhaube hinwegzuzielen. Den Zauberspruch sprechen musste er nicht. In Zauberkunst war er immer besser gewesen. Der hellblaue Lichtblitz war unvermeidbar. Die feinen Regentropfen, die den Zauber berührten, fielen klirrend zu Boden. Einer der Männer lachte.

»Das war wieder nichts! Crucio!«

Es fehlten nur Millimeter. Percy spürte die feinen Härchen auf seinem Unterarm kribbeln.

»Glacius?«, flüsterte Penny neben ihm. Sie spähte unter dem Wagen hinweg. Er hörte sie »Protego!« murmeln. Ein oranger Lichtblitz prallte ab und verschwand über ihnen im Nachthimmel.

»Ja.« Percy nickte. »Und ich bin noch nicht fertig. Halt dir die Nase zu!«

Er atmete noch einmal ein, dann hexte er. Ein dreckig-grünes Wölkchen verließ seinen Zauberstab, wurde zu Nebelschwaden, größer und immer größer, bis die gesamte Straße darin versank. Seine Nasenschleimhäute brannten. Wenn er das hier überlebte, würde er Fred und George einen Stinkbombenpräsentkorb schicken.

»Urgh!«, kommentierte Penny. Ihre Augen tränten. Vor ihnen hustete es.

Percy wartete nicht ab, um zu sehen, was geschah. Er rappelte sich hoch. Mit der freien Hand griff er nach Pennys Arm, mit der anderen warf er einen letzten Zauber über die Motorhaube. Ein klägliches Husten tönte durch den Nebel. Ob er getroffen hatte, konnte er nicht sagen. Er hoffte, dass die Tentakel wuchsen.

Sie rannten.

Der Antiapparationszauber kribbelte immer noch in seinem Nacken.

Tränen brannten in seinen Augen.

Er hustete. Hinter ihnen schrie jemand. Die Sirene des roten Transporters heulte über sie alle hinweg.

»Was war das?«, japste Penny.

Percy hustete nochmal. »Ich -« Husten. »- hab siebzehn Jahre -« Husten. »- mit Fred’n’George in einem Haus -« Husten. »-gelebt.«

Penny zog ihn mehr, als dass er sie führte. Tränen rannen über seine Wangen. Ein paar Automobillängen später wurde die Luft wieder besser. Die nächste Tür, die er erkennen konnte, hatte die Hausnummer 18. Noch ein paar Häuser bis zur 10.

Nein.

Der Zierteich war keine Option.

Sie rannten weiter. Immer wieder warf Percy Blicke über seine Schulter. Grüne Wolke. Nummer 14. Grüne Wolke. Nummer 12. Grüne Wolke. Das Zeug leuchtete im Licht der Straßenlaternen senfgelb. Nummer 10. Nein, wirklich keine Option. Dunkler Schemen.

Penny stieß ihn hinter einen blauen Wagen und fiel hinterher. Ein grüner Lichtblitz segelte über sie hinweg. Percy schnappte nach Luft. Seine Handflächen brannten, dort, wo er auf dem Asphalt aufgeschlagen war. Seine Finger tasteten nach seinem Zauberstab. Auf der Heckscheibe verkündete ein großer Aufkleber: ›Rebecca-Chantal an Bord!‹

Er spähte am Hinterreifen vorbei die Fir Street hinab. Die Wolke breitete sich immer noch aus. Der Greifer hatte sie beinahe eingeholt. Er humpelte, hob den Zauberstab. Percy kroch zurück hinter den Wagen. Ein Lichtblitz-

KABOOM!

Überall flogen Automobilteile. Glas klirrte über den Asphalt. Penny japste. Eine halbe, schwarze Tür schlug ein paar Meter hinter ihnen in einem Vorgarten ein. Ein einzelner Reifen rollte über die Kreuzung am Ende der Straße.

Scheiße.

»Alles in Ordnung?«

Penny nickte, aber sie hielt sich den linken Oberarm.

Seine Finger schlossen sich um seinen Zauberstab. Am Hinterreifen von ›Rebecca-Chantal an Bord!‹ vorbei spähte Percy erneut die Straße hinab.

Der Schatten hob wieder den Zauberstab.

Mit einem leisen Quietschen erhob sich der rote Familienwagen vor ihnen in die Luft. Erst langsam, dann immer schneller stieg er in die Luft, flog höher und höher, bis er im dunklen Nachthimmel verschwand. Nur ein Knall zeugte davon, dass er ein paar Straßenzüge später aufschlug.

›Rebecca-Chantal an Bord!‹ wackelte.

Percy umklammerte seinen Zauberstab fester. Dieser Zauber musste-

Ein dunkler Schatten flog aus einer Einfahrt weiter vorn.

Batsch!

Der Greifer taumelte, getroffen von was auch immer. Er drehte sich, hob den Zauberstab. Noch ein Schatten. Und noch einer. Und noch einer.

Batsch! Batsch!

Der erste Schatten klatschte harmlos auf den Asphalt. Der zweite traf seine Schulter.

BATSCH!

Der letzte war ein Volltreffer. Der Greifer fasste sich an den Kopf. Er torkelte.

»Ich war vier Jahre lang Jägerin für Slytherin!«, verkündete eine Stimme aus der Einfahrt.

Percy sah niemanden, doch er wartete auch nicht ab. Er sprach den ersten Zauber, der ihm einfiel.

»Slugulus Eructo!«

Dieses Mal wehrte der Greifer sich nicht. Der Fluch ging glatt durch. Der Mann stolperte nach hinten, fiel. Ein ohrenbetäubender, schleimiger Rülpser folgte.

Percy atmete durch.

Eine Gestalt trat aus der Einfahrt. Kleiner als der Greifer. Kein Umhang. In der einen Hand einen Zauberstab, mit der anderen fischte sie etwas aus der Luft. Das musste die Hausnummer 10 sein.

»Weatherby?«, fragte die Gestalt. »Bist du das?«

Gillian.

»Ich heiße nicht-«

Der Greifer würgte. Leises Platschen folgte.

Die Augen immer noch auf den Greifer gerichtet, trat Gillian zu ihnen. Erst, als sie die nächste Straßenlaterne passierte, erkannte er, was sie in der Hand hielt.

»Ja, ja«, sagte sie und wedelte mit dem Fisch. »Appariere zur 10, hast du gesagt. Damit du ihnen nicht direkt in die Arme läufst, hast du gesagt. Die 10 hat einen verschissenen Zierteich! Mit Kois!«

Anklagend schnappte der Fisch nach Luft.

»Das arme Tier«, murmelte Penny neben ihm. Sie hielt sich immer noch den Arm. Ein wenig sah sie so aus, als würde sie ihm gleich auf seine Schuhe brechen.

Einen Moment lang starrten sie alle drei auf den Fisch.

Gillian seufzte.

»Schon gut, schon gut.«

Beinahe beiläufig warf Gillian den Fisch über ihre Schulter. Der Koi flog höher, als er es bei einem normalen Wurf hätte tun sollen. Einen Augenblick später platschte es hinter der Nummer 10. Einen Wink mit dem Zauberstab später folgten ihm seine Artgenossen. Platschend.

Penny blickte zu ihm.

»Wer ist das?«

Bevor Percy hätte antworten können, würgte der Greifer erneut. Es klang nach einer besonders großen Schnecke. Irritiert blickte Percy zu ihm. Der Kerl tastete nach dem Zauberstab, den er hatte fallen lassen. Er war überraschend … blond.

Oh scheiße.

Hinter ihm tauchte ein Schatten aus den grünen Nebelschwaden auf, die an dem Vorgarten der Nummer 16 leckten. Ihm folgte ein Zweiter. Beide husteten.

»Später.«

Seine Kollegin nickte. »Später.«

Penny sah immer noch blass aus. Sie hielt sich auch immer noch den Arm. Percy berührte vorsichtig ihre unverletzte Schulter, während Gillian ihren Zauberstab aufhob. Gemeinsam bugsierten sie sie in den Schatten von Hausnummer 4.

VIII

Sie schafften es bis zur Kreuzung Fir Street/Liverpool Road. Im An- und Verkauf links von ihnen brannte noch Licht. Irgendwo jaulten Sirenen und dieses Mal war es nicht nur der Alarm eines beschädigten Automobils. Sie tauschten einen Blick. Kurzentschlossen öffnete Gillian die Tür des Ladens und zog Penny mit sich. Einen Augenblick später rauschte ein Wagen lärmend und leuchtend über die Kreuzung.

Im blauen Licht des Fahrzeugs konnte er einen der Greifer sehen. Leider sah der Percy auch. Einen Augenblick lang überlegte er, Gillian und Penny hinterher zu springen, verwarf die Idee dann aber.

Das leuchtende Auto war nicht mehr zu sehen, nur das blaue Licht pulsierte noch immer über die Häuser der Fir Street. Percy fragte sich nicht, wo es gehalten hatte. Er konnte keine Hilfe erwarten. Nicht gegen Magier.

Er holte Luft und hexte.

Dieses Mal wartete er nicht, bis sein Zauber wirkte. Er rannte, quer über die Straße.

»Da sind sie!«, brüllte jemand.

Irgendetwas hupte. Ein Automobil? Egal.

Percy rannte weiter. Er hatte keine Ahnung, in welche Straße er einbog. Er hastete an Straßenlaternen vorbei, an weiteren Fahrzeugen vorbei, an einer Hecke, einem Schild mit der Aufschrift »Spielplatz«, an einem Zauber, der in einer Mülltonne neben ihm einschlug. Eine Tür zu seiner Linken öffnete sich. Den Mann, der aus ihr heraustrat, erwischte Percy mit der Schulter. Sie taumelten.

»Hey, was soll-«

Dann sah der Muggel die Wolke, die ihm die Straße hinab folgte. Vielleicht roch er sie auch. Keine Zeit. Percy löste die Finger aus seinem Mantel.

»Was zur Hölle?«

»Gehen Sie rein!«, brüllte er. Er gab ihm einen Stoß. »Bitte gehen Sie rein!«

Irgendwo weiter rechts schlug ein grüner Lichtblitz ein. Motten stoben in alle Richtungen davon. Er wollte es gar nicht wissen. Stolperte einfach nur weiter. Ob der Muggel seiner Warnung folgte, hätte er nicht sagen können. Ein weiter Lichtblitz rauschte über seinen Kopf hinweg. Seine Lungen brannten. Seine Muskeln brannten. Percy wusste, dass er sich hätte duellieren sollen, dass er Grund verlor. Dass es nur eine Frage der Zeit war. Er konnte nur hoffen, dass sie Gillian und Penny nicht gefunden hatten. Dass sie sich im Laden hatten verstecken können. Dass Gillian irgendwie durch diesen verfluchten Apparationsschutz gebrochen war.

Vor ihm tauchte ein Loch in der Häuserfront auf. Ein Straßenschild. Harriet Street. Percy schlug einen Haken. Stoppte.

Es war eine Sackgasse.

Es war eine verdammte Sackgasse!

Er japste erst, fluchte dann und hob schließlich den Zauberstab. Mit der Häuserwand im Rücken wagte er einen Blick zurück. Ein Mann in schwarzem Umhang folgte ihm, Zauberstab in der Hand. Zumindest war er nicht blond.

Percy roch den Nebel zwar, aber er war zu weit weg, um den Greifer einzuholen, bevor dieser ihn einholte. Nochmal, das wusste er, konnte er den Zauber nicht sprechen. Nicht, ohne sich dieses Mal nicht selbst zu vergiften.

›Spielen Sie nach Ihren Fähigkeiten‹, hatte Scrimgeour gesagt. Verdammt, seine Stärken waren Bücher und lange Essays!

Ein oranger Blitz schlug in der Wand gegenüber ein. Funken sprühten.

›Und wenn Sie sie alle in rosa Quietscheentchen verwandeln.‹

Percy schloss die Augen, öffnete sie wieder. Dann nahm er Ziel. Er hexte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Rosa Quietscheentchen tanzten durch seine Erinnerung.

Der erste lilafarbene Lichtstrahl traf einen Briefkasten, der zweite prallte an einem Protego ab und erwischte einen weißen Transporter. Der Dritte war ein Volltreffer. Lilafarbene Wölkchen pufften in der Abendluft, dort, wo die Zauber getroffen hatten.

Nak.

Nak.

Nak.

Drei Quietschenten purzelten auf die Straße. Nicht rosa. Lila.

Im Schutz der Hauswand sackte er in sich zusammen. Zitternd atmete er ein.

Lila.

›Und wenn Sie sie alle in rosa Quietscheentchen verwandeln.‹

Na ja, immerhin fast.

Er lachte. Es war ein erbärmliches Krächzen.

 

Percy hätte nicht sagen können, wie lang er dort hockte, auf den Knien, die brennenden Handflächen vor sich auf dem Boden. Atmend. Einfach nur atmend. Ein. Aus. Ein. Aus.

Percy wusste, er musste Penny finden.

Er musste-

Schritte schreckten ihn auf.

Hoffentlich war das nur der Muggel. Das musste der Muggel sein.

Er griff nach seinem Zauberstab.

Es war nicht der Muggel.

Bevor Percy seinen Arm hätte heben können, riss der Greifer seinen Stab durch die Luft. Ein blauer Lichtblitz raste auf ihn zu, zu schnell, um sich zu ducken. Zu blocken. Irgendwas zu tun. Schmerz explodierte in seiner Brust. Vage war er sich bewusst, dass er flog. Der Aufschlag trieb ihm die Luft aus den Lungen. Sterne tanzten vor seinen Augen. Alles tat weh. Tränen brannten in seinen Augen, Übelkeit in seinem Rachen.

»Weasley.«

Er blinzelte.

Ein Zauberstab richtete sich auf seine Brust. Schwarzer Umhang. Blondes Haar.

Yaxley, dachte er. Und dann: Scheiße.

»Wo ist sie?«

Er öffnete den Mund. Statt einer Beleidigung, wie sie einem Gryffindor würdig gewesen wäre, kam nur ein heiseres Krächzen über seine Lippen.

Der Zauberstab bewegte sich. Sein Umhang folgte der Bewegung. Nein, seine gesamte Kleidung folgte der Bewegung. Ohne sein Zutun erhob er sich, stieg höher, bis er wie ein nasser Sack in der Luft hing. Percy zappelte. Sein Zauberstab. Wo war sein verdammter Zauberstab?!

Yaxley trat näher.

Obwohl er einen halben Kopf über Yaxley schwebte, hatte er das Gefühl, dass der Todesser auf ihn herunter starrte.

»Ich widerhole mich ungern«, knurrte er. »Wo. Ist. Das. Schlammblut.«

Richtig.

Penny.

Er hatte Penny vor ihrer Wohnung abgefangen. Er hatte sie warnen wollen. Dann waren die Greifer aufgetaucht, sie waren geflohen.

»Sie«, sagte er, »ist kein Schlammblut?«

Ein Wink mit dem Zauberstab.

Schmerz.

Überall.

Er konnte nicht atmen.

Konnte nicht denken.

Nicht schreien.

Doch schreien.

»Wo. Ist. Sie?«

Er blinzelte, japsend.

Penny.

Wo war Penny?

Der Nebel. Er hatte den Zauber seiner Brüder verwendet. Er roch es immer noch. Sie waren geflohen. Die Straße entlang. Das Automobil. Der verfluchte Koi.

Percy blinzelte.

Irgendwas war falsch. Erinnerte ihn. Erinnerte ihn an was? An wen?

Wo ist sie?

Seine Muskeln brannten. Seine Lungen brannten.

Der Wagen war explodiert. Sie waren gerannt. Das blaue Licht.

Lestrange.

Einen Augenblick lang glaubte er, seinen Vorgesetzten zu sehen. Da war nur Yaxley.

Wo ist sie?

Lestrange.

Das wars.

Aber er konnte nicht …

Er wusste nicht …

Wo ist sie, du verdammter Blutsverräter?

Sie waren gerannt. Dann die Kreuzung. Die Greifer. Was, wenn die Greifer sie hatten? Wenn sie sie längst hatten? Verhext? Festgenommen?

Percy blinzelte. Er riss an dem Gedanken.

Sie hatten sie. Vor seinem inneren Auge rannte Penny über die Fir Street, mit ihm. Über die Kreuzung. Das Straßenschild. Der Muggel. Die Auffahrt nach rechts. Penny rannte. Percy hastete nach links. Harriet Road. Hoffte, dass der Greifer ihm folgte. Penny schrie. Sie hatten sie. Sie hatten sie. Sie mussten sie haben.

»Bole?«

Von irgendwo kam eine Antwort, zu undeutlich, um sie zu verstehen.

Percy wimmerte. Yaxleys Gesicht schwamm vor seinen Augen. Er spürte, wie sich seine Arme von selbst auf seinen Rücken bewegten. Nicht seine Arme. Seine Ärmel. Er zappelte, doch der Stoff gab nicht nach. Yaxleys Präsenz zog sich zurück. Der Zauber drehte ihn um, einfach so. Er trat mit den Beinen, erwischte nur Luft. Sein Kopf dröhnte, seine Lungen brannten. Sein Handgelenk fühlte sich an, als sei es gebrochen. Irgendwo jaulten Sirenen. Die Muggel.

Nein.

Sie konnten ihm nicht helfen.

Plötzlich berührten seine Füße berührten festen Grund.

»Dafür wanderst du nach Askaban, du Flohbeutel.«

Percy schluckte.

Askaban.

›Tsk. Ja. Und so lande nur ich in Askaban‹, hatte sie gesagt.

Richtig. Scheiße. Er konnte nur hoffen-

Nein. Nein, sie hatten Penny. Er durfte an nichts anderes denken. Immerhin, sie war verletzt-

»Bole?«

Yaxley klang nicht so herrisch, wie er hätte klingen sollen. Percy runzelte die Stirn, hätte sonst nicht mehr machen können. Was war -?

Er spürte die Magie, bevor sie sich manifestierte. Ein roter Lichtblitz zischte Millimeter von seinem Ohr entfernt an ihm vorbei, vergrub sich in der Toreinfahrt am Ende der Straße. Metall flog in alle Richtungen davon. Yaxley riss an seiner Schulter. Er stolperte hinterher. Vage war er sich bewusst, dass weitere Flüche flogen.

Yaxleys Arm fasste um seine Schultern, um seinen Hals. Er zappelte. Der Griff wurde nur fester. Er japste.

Dann sah er den Mann.

Schwarzer Umhang. Kapuze. Silberne Maske. Todesser.

Ein weiterer Fluch segelte an ihm vorbei, dann hexte Yaxley zurück. Grüne Lichtblitze, doch Percy hörte keine Zauberformel. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Immer, wenn Percy sich sicher war, dass der nächste Fluch treffen musste, warf der Todesser mit der Maske sich in die andere Richtung und hexte zurück. Dabei humpelte er. Der Gehstock in seiner Hand war nutzlos.

»Avada Kedavra!«

Der Todesser mit der Maske verschwand, materialisierte sich wieder.

Seit wann war der Apparationsschutz gebrochen? Konnte er-? Nein. Nicht ohne Zauberstab.

Percy hing immer noch in Yaxleys Griff. Er zappelte nicht mehr. Er wagte nicht mehr, sich überhaupt zu bewegen. Beide Todesser hoben die Zauberstäbe. Percy japste. Diesen Gehstock hatte er doch schon einmal gesehen …

Nein, keine Zeit.

Selbst, wenn Yaxley nicht mehr auf ihn zielte, es war nur eine Frage der Zeit, bis ihn ein Zauber erwischte. Dass Yaxley ihn als Schutzschild missbrauchte, half nicht. Er musste etwas tun. Irgendetwas.

Aber ohne Zauberstab …

Hinter ihm schnaubte Yaxley.

»Was soll das, Malfo-« Er stockte. »Du bist nicht-«

Percy tat das, was er mit sieben gemacht hatte, wenn die Jungs aus dem Dorf ihn ärgerten. Er hob den Fuß und trat zu. Immer gegen die Schienbeine, so, wie Bill es ihm beigebracht hatte. Ein roter Fluch flog nur Millimeter an ihm vorbei. Der Griff um seinen Hals löste sich. Er ließ sich nach vorn fallen, an dem Todesser mit der Maske vorbei. Etwas rauschte über seinen Kopf hinweg. Es glänzte, schwarz und rot.

Der Zauber, der seine Hände hielt, löste sich, gerade noch rechtzeitig. Er riss den Arm nach vorn, um seinen Sturz abzufangen. Seine Hand brannte, wenn möglich, noch etwas mehr als vorher.

In seinem Augenwinkel sackte Yaxley wie ein Sack Drachendung in sich zusammen.

Einen Augenblick lang hörte Percy nichts, außer seinen eigenen Atem und das Blut, das in seinen Ohren rauschte. Er atmete durch. Einmal und noch einmal und noch einmal. Irgendwo musste sein Zauberstab sein. Ächzend drückte er sich hoch, setzte sich hin. Noch immer drehte sich alles.

Bubb, machte der Gehstock.

»Nein. Bin ich nicht«, sagte der Todesser. Im Licht eines nahen Fensters glänzte seine Maske silbern. »Sie sind in Ordnung, Percy?«

Percy ließ den Blick sinken. Seine Hände waren blutig, beide. Behutsam ließ er die, die weniger schmerzte, über seinen Hals gleiten. Wo war sein Zauberstab?

Er stockte.

Warum verwendete der Todesser seinen Vornamen? Diese Stimme kannte er. Diese Anrede kannte er. Sein Blick fiel auf den Gehstock. Den kannte er auch. Schwarze Krähe mit Granataugen. Die hatten so seltsam geglänzt.

»Warum retten Sie mich?!«, krächzte er.

Lestrange richtete den Zauberstab auf Yaxley. Für einen langen Moment sagte er nichts, bewegte nur seinen Zauberstab in aufwendigen Mustern, die Percy vermutlich nicht einmal dann hätte zuordnen können, hätte sich die Welt nicht immer noch um ihn gedreht. Er schmeckte Blut auf seiner Zunge. Ihm war klar, dass er fliehen sollte, doch ohne seinen Zauberstab hatte er keine Chance. Er wusste ja nicht einmal, ob er rennen konnte. Eigentlich fühlte er sich, als würde er Lestrange gleich auf die Schuhe kotzen.

»Was machen Sie da?«, fragte er, doch Lestrange hob nur den Gehstock.

Irgendwann ließ er den Zauberstab sinken.

»Wo ist Bole?«, fragte Lestrange schließlich.

Percy zog die Augenbrauen hoch. »Wo ist wer?«

»Einer seiner Männer. Yaxley hat nach ihm gefragt.«

»Ich weiß es ni- Oh.«

Die Gummiente.

»Oh?«, fragte Lestrange.

Percy nickte. Langsam ließ das Rauschen in seinen Ohren nach. »Er hat mich angegriffen. Ich hab ihn … verwandelt. In eine Quietscheente.«

»Oh.«

Einen Moment lang blickten sie beide auf die Straße. Ein einsames, lilafarbenes Quietscheentchen wackelte sachte im Wind.

Lestrange lachte. Er warf einen Blick auf Yaxley - zumindest glaubte Percy, dass er das tat. Durch die Maske war das kaum zu erkennen. Dann hockte sich der Todesser neben ihn.

»Zeigen Sie mal her.«

Percy wollte ihm nichts zeigen. Leider hatte er immer noch keinen Zauberstab. Zögerlich reichte er Lestrange seine Hand. Behutsam strichen Lestranges Finger über seinen Handrücken, bedeuteten ihm dann, die Hand umzudrehen. Schließlich hob er seinen Zauberstab. Einen Moment lang war Percy sich sicher, dass gleich der nächste Fluch folgen würde. Er kniff die Augen zusammen.

Der Schmerz ließ nach.

»Tsk«, sagte Lestrange. »Als ich sagte, dass Sie Miss Clearwater nicht mit ein paar gefälschten Akten retten können, meinte ich damit nicht, dass Sie eine halbe Straße in die Luft jagen sollen.«

»Was?«

Percy blinzelte. Es klebte immer noch Blut an seiner Hand, doch er konnte keine Schürfwunden mehr sehen. Vorsichtig schloss er die Finger zur Faust, öffnete sie wieder. Alles in Ordnung. Nur ein wenig steif.

»Schon gut. Jetzt die andere Hand«, sagte Lestrange. Percy gehorchte. Skeptisch beäugte er Lestranges Zauberstab, dann fiel sein Blick auf sein Handgelenk. Es war blutig, dick und der Winkel stimmte so- Er kniff die Augen zusammen. »Wenn Sie brechen müssen, bitte auf Yaxleys Schuhe.«

Es war ein Scherz, das wusste er, aber Percy war nicht nach lachen zumute. Hastig schüttelte er den Kopf. Dumme Idee. Wieder tanzten Sterne vor seinen Augen. Galle stieg seinen Rachen hoch, er schluckte, atmete, atmete, schluckte-

»Einatmen, durch die Nase.«

Percy gehorchte. Er spürte Lestranges Hand auf seiner Schulter.

»Durch den Mund aus.«

Percy atmete aus.

»Nochmal. Langsam. Durch die Nase einatmen. Durch den Mund ausatmen. Einatmen. Ausatmen. So ist es gut. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.«

Langsam ließen die Sterne nach. Seine Zunge schmeckte immer noch pelzig, aber zumindest glaubte er, seinen Tee von vorhin nicht mehr hochwürgen zu wollen.

»Ich werde das jetzt heilen. Der Zauber wird kurz wehtun. Am besten, Sie lassen die Augen zu. In Ordnung?«

Nein, in Ordnung war das nicht. Percy nickte trotzdem. Lestrange hatte ihn bislang nicht verflucht. Vielleicht wollte er ihn nicht verfluchen. Wenn doch, konnte er ihn ohnehin nicht aufhalten.

»Auf drei. Ein. Zwei.«

Ein scharfer Schmerz fuhr ihm durch den Unterarm. Kurz glaubte Percy, doch noch zu brechen. Dann war es vorbei. Er wartete noch einen Augenblick, bevor er die Augen öffnete.

Lestrange hockte immer noch neben ihm. Immer noch mit dieser Maske.

»Besser?«, fragte er.

In seinem Augenwinkel blickte Percy auf sein Handgelenk, bereit, sich sofort wieder abzuwenden. Bereit auch, doch noch zur anderen Seite zu brechen.

Das Blut war immer noch da, zog sich über seine Finger, seine Hand und den Ärmel hinauf. Die Schwellung war weg. Der Winkel war, wie er sein sollte, vielleicht etwas verkrampft. Behutsam fuhr er mit den Fingern über sein Handgelenk. Er atmete durch.

»Besser«, gestand er. »Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«

»Oh, Entschuldigung.« Lestrange kratzte sich am Hinterkopf. Es wirkte seltsam unbeholfen. »Ich habe seinem Gedächtnis ein wenig … auf die Sprünge geholfen. Wenn er aufwacht, wird er sich daran erinnern, dass Miss Clearwater ihm ordentlich eins mit der Metallstange dort übergezogen hat.«

Lestrange nickte in die Sackgasse. Tatsächlich lag dort eine Stange. Sie war grün lackiert und sah verdächtig nach einem Stück Gartentor aus. Sein verdammter Zauberstab lag unschuldig daneben.

Percy presste die Zähne aufeinander.

»Nicht diese Frage. Das heißt … doch. Schon. Die andere. Warum haben Sie mir geholfen?«

Lestrange zuckte mit den Achseln.

»Hat er doch gesagt. Ich habe ein Herz für große Augen und verlorene Kätzchen.«

Verlorene Kätzchen? Er erinnerte sich nicht an verlorene Kätzchen.

»Er sagte Flohbeutel.«

»Für ihn sind das Synonyme«, sagte Lestrange mit einem weiteren Schulterzucken. Ächzend stand er auf.

Umständlich folgte Percy seinem Beispiel. Der Schmerz in seinen Händen war verschwunden, doch seine Muskeln brannten immer noch. Eigentlich wollte er nichts weiter, als in sein Bett. Sein Blick glitt zu Yaxley. Ein dunkler Bluterguss breitete sich langsam auf seiner Wange aus. Er erinnerte Percy ein wenig an sein eigenes Spiegelbild von vor ein paar Tagen. Nach seinem unglückseligen Besuch im St.-Mungo-Hospital. Oh verdammt.

Penny.

Er blickte zu Lestrange. Dieser sah gerade zum Ausgang der Gasse. Mit der einen Hand auf seinen Gehstock gestützt, nestelte er mit der anderen umständlich an der Maske. Einen Augenblick später gab sie den Blick auf sein Gesicht frei. Er sah immer noch genauso ausgemergelt aus, wie immer, aber zumindest sehr wie Lestrange.

Sehr wie Lestrange. Percy sollte wirklich nicht froh über seinen Anblick sein.

Immer noch ein wenig wacklig auf den Beinen, schritt Percy zu seinem Zauberstab. Ungelenk hob er ihn auf. Als er sich umdrehte, war Lestranges Maske verschwunden. Der schwarze Umhang, wie er feststellte, auch. Stattdessen trug Lestrange einen Anzug, wie er von einem Muggelschneider hätte stammen können. Verdammt, vermutlich war er von einem Muggelschneider. Er passte ihm jedenfalls besser, als Percy seine eigenen Muggelkleidungsstücke gepasst hätten.

Noch immer jaulten Sirenen. Percy konnte blaues Licht sehen, wie es in regelmäßigen Abständen über die Autos in der nahen Straße flackerte.

»Können wir?«, fragte Lestrange.

Percy schüttelte den Kopf. Mit seinem Zauberstab in der Hand fühlte er sich sicherer. »Sie haben mir immer noch nicht gesagt, warum Sie mir helfen.«

»Habe ich nicht?«

»Große Augen und verlorene Kätzchen?«

Lestrange seufzte.

»Nicht?«, sagte er. »Ich dachte immer, jeder Gryffindor sei in seinem Herzen auch immer ein Kätzchen.«

Percy zog die Augenbrauen zusammen.

Lestrange lachte.

»Schon gut, schon gut! Ich weiß, Kätzchen haben Krallen und Sie haben Ihre heute schon genutzt. Nein. Ich sagte Ihnen doch, dass der aktuelle Zustand des Ministeriums keine Anomalie ist.«

Er presste die Lippen zusammen und nickte. »Sie sagten, es sei die logische Fortsetzung von der Politik der letzten Jahrzehnte. Von Evermondes Notfallgesetzgebung. Von den Squibmärschen.«

Lestrange nickte. »Ich weiß, bezüglich der Squibmärsche stimmen Sie mir immer noch nicht zu, Percy.«

Nein, das tat Percy nicht. Er wusste, dass die Märsche erfolglos gewesen waren. Noch bevor die Politik den Forderungen hätte nachkommen können, war es zu Auseinandersetzungen zwischen Squibs und Magiern gekommen. Das Ministerium war hart gegen beide Seiten vorgegangen, das war wahr. Aber die Prozesse waren in Ordnung gewesen. Unter Fudge hatte er die Prozessakten gepflegt. Er öffnete den Mund, doch Lestrange schüttelte den Kopf.

»Belassen wir es für den Moment vielleicht einfach bei Evermondes Notfallgesetzgebung. Dabei und bei den Prozessen gegen uns Todesser Anfang der Achtziger.«

Er nickte, aber glücklich war Percy damit nicht.

»Es zieht sich durch. Bei Evermonde, bei Crouch, bei Fudge. Sogar die von Scrimgeour und glauben Sie mir, der war einer der besten Schulsprecher, die Gryffindor je hatte. Solang das Ministerium bleibt, wird es sich fortsetzen, wie es ist. Die geheimen Akten. Die illegalen Festnahmen. Die Scheinprozesse. Askaban.«

Percy verschränkte die Arme vor der Brust. »Natürlich sagen Sie das. Sie sind ein -«

»Todesser? Ja, und? Was erwarten Sie? Dass ich ihm«, er nickte zu Yaxley, »die Wange tätschel?«

»Nein! Aber sollten Sie nicht, ich weiß nicht, loyal sein?«

»Loyal?« Lestrange lachte. »Es gibt keine Loyalität in den Rängen der Todesser. Nur Angst, Misstrauen und Egoismus. Vielleicht ist Bella loyal, aber selbst ihre Beziehung zum Lord würde ich eigentlich anders definieren.« Er öffnete den Mund, doch er sprach seine Definition nicht aus. Er schüttelte den Kopf. »Nein, es gibt keine Loyalität. Man hat nur zufällig ähnliche Ziele, aber unter der Oberfläche verfolgt jeder seine eigene Agenda.«

»Und Ihre Agenda …«

War was? Muggel foltern? Muggelgeborene aus der Gesellschaft ausschließen? Das größere Wohl?

»Als ich den Todessern beigetreten bin … ich bin in einer Zeit aufgewachsen, die durch den Krieg stark geprägt war. Nicht nur den gegen Grindelwald, auch den der Muggel untereinander. Die Gräben des ersten Weltkriegs. Der systematische Massenmord unter Hitler. Hiroshima und Nagasaki. Das Geheimhaltungsabkommen von 1692 war ein Fehler, aber einer, der sich nicht ändern ließ. Es ging mir darum, die Schäden zu begrenzen. Eine strengere Trennung zur Muggelwelt zu veranlassen. Keine Mischehen. Muggelgeborene, die sich entscheiden müssen, in welcher Welt sie leben wollen. Ein starkes Ministerium unter reinblütiger Führung. Pfft. Aber schauen Sie mich an. Alles, was ich anfasse, verrottet.«

Wie zum Beweis hielt er ihm seine Hände entgegen. Auf den dunklen Stoffhandschuhen klebte Blut. Percys Blut.

Percy sagte nichts, beobachtete nur das periodische, blaue Flackern auf den Autos hinter Lestrange.

»Es landen immer wieder Unschuldige in Askaban. Ich gehöre nicht dazu. Ich bin mit dem vollen Bewusstsein nach Askaban gegangen, dass ich es verdient habe. Das wir alle es verdient haben.« Er schnaufte. »Ich habe mich geirrt. Askaban verdient niemand, Percy. Aber ein paar gefälschte Akten und ein paar Unterschriften retten niemanden. Nicht in diesem Ministerium. Nicht auf Dauer. Egal, wer es leitet.«

Eine Gänsehaut breitete sich über seine Arme aus, doch das mochte der Dezemberluft und dem beständigen Nieselregeln geschuldet sein. Dennoch. Er wusste, Sirius Black war nach Askaban geschickt worden, ohne Prozess. Scrimgeour hatte ihn begnadigt. Post Mortem.

Ohne Entschuldigung. Ohne große Stellungnahme.

»Wenn die Geschichte uns eines lehrt«, fuhr Lestrange fort, »dann, dass sich Schwarzmagier nicht ewig an der Macht halten. Dem dunklen Lord wird es ebenso ergehen wie all den anderen vor ihm. Wie Grindelwald. Mir wird es ebenso ergehen. Aber wenn ich schon untergehe, dann kann ich das Ministerium genauso gut mitnehmen.«

Percy presste die Lippen aufeinander.

Das klang alles, nur nicht loyal. Nicht wie Bellatrix. Und er hatte ihm geholfen. Er hatte Yaxley eins mit dem Gehstock übergezogen. Er hatte sogar Percys gefälschte Akten unterschrieben. Ihn nicht gemeldet.

»Was wollen Sie von mir?«

»Sie … erinnern mich an Rod. Bevor wir ...« Lestrange zuckte mit den Achseln. »Außerdem habe ich demnächst Kätzchen zu vermitteln.«

Kätzchen.

Kätzchen.

Percy öffnete den Mund.

Lestrange lachte. »Erwischt. Ich glaube, wenn ich noch ein wenig warte, nimmt Terry sie alle, also keine Sorge. Und jetzt kommen Sie, oder wir verpassen Miss Clearwaters Flug.«

»Miss Clearwaters Flug?«

Sein Gegenüber nickte. »Plan B.«

»Woher wissen Sie von Plan B?«

»Nun, als Sie Hals über Kopf aus dem Ministerium verschwunden sind, ging ich davon aus, dass Sie sich zur Lagebesprechung in Ihr Lieblingsrestaurant zurückziehen würden. Ich habe kurzzeitig vergessen, dass Sie ein Gryffindor sind. Die machen immer erst und halten dann die Lagebesprechung. Wenn noch etwas übrig ist. Jedenfalls, ich habe dort nur Miss Nguyen und einen Stapel halb fertiger Flugtickets angetroffen. Aber sie war erstaunlich aufgeschlossen.«

Miss Ngu-

Percy umfasste seinen Zauberstab fester. »Was haben sie mit Hayley gemacht?«

Lestrange hob abwehrend die Hände. Seinen Zauberstab hatte er weggesteckt.

»Nichts, nichts!«, sagte er eilig. »Ich habe lediglich ihren Eistee probiert. Litschi-Melone-Schrumpelfeige. War besser, als ich dachte, aber wenn Sie glauben, dass Sie den Glitzer jemals wieder loswerden ....«

IX

Eine halbe Stunde später fiel ihm nicht Penny um den Hals, sondern beide Nguyen-Schwestern. Einen Moment lang sah Percy nur noch schwarzes Haar, rote Strähnen und ein augenkrebserregendes Aquamarin.

»Wir dachten schon, sie hätten dich erwischt!«

»Sie dachte schon, sie hätten dich erwischt!«

»Hayley.«

»Hast du’s ihnen gezeigt? Sag mir, dass du’s ihnen gezeigt hast! Und wo ist er? Oh! Und Penny sagt, du kannst einen voll abgefahren Stinkbombenzauber!«

»Hayley!«

»Was denn, Gill? Du willst den doch auch wissen!«

»Aber doch nicht jetzt!«

Percy schnappte nach Luft. Das war ein Fehler. Er spuckte Haare.

»Vielleicht solltet ihr ihn … atmen lassen«, warf eine dritte Stimme ein. Penny.

An Haaren und augenkrebserregendem Aquamarin vorbei sah Percy sie nur halb. Zwischen ein paar weichen Sesseln und einem Richtungsweiser, wirkte sie ziemlich verloren. Sie hatte sich umgezogen. Der magentafarbene Pullover war ihr an den Ärmeln ein wenig zu kurz und trug eindeutig Hayleys Handschrift. Sie wich seinem Blick aus.

Die beiden Schwestern ließen ihn los, Hayley nur widerwillig. Ihre Hände fuhren über seinen Rücken und seine Oberarme. Als sie schließlich seine Schultern erreichten, löste Hayley sich schließlich von ihm - gerade weit genug, um ihn auf Armeslänge vor sich zu halten. Nur allzu deutlich war Percy sich des Blutes an seinen Händen und Ärmeln bewusst. Lestrange hatte zwar gesagt, es sähe aus wie hartnäckige Farbe, doch er teilte den Optimismus nicht. Die Versuche, es zu entfernen, hatten es eigentlich nur noch schlimmer gemacht, hatten die feuchteren Stellen verschmiert und die trockenen nur halb entfernt. Die Haut darunter war immer noch kalkweiß mit ein paar Sommersprossen, die aussahen wie Blutspritzer. Er presste die Lippen aufeinander.

»Du siehst aus, als bräuchtest du dringend einen Feuertopf.«

Einen … oh Merlin. Percy blickte auf.

Was er brauchte, war ein Bett. Ein warmes Bad. Aber ganz sicher nicht-

Seine Begeisterung musste sich in seiner Mimik gespiegelt haben, denn Hayley lachte.

»Nur ein Scherz, Percy, nur ein Scherz. Ich schwöre. Großes Koalaehrenwort. Aber wirklich. Als Gillian ohne dich appariert ist, dachten wir …«

Percy nickte.

Hayley musste es nicht aussprechen, damit die Bilder wieder da waren. Sie wusste nicht, wie nah Ihre Befürchtung der Wahrheit kam. Er würde es ihr nicht sagen. Nicht hier. Nicht vor Penny.

Lestrange saß vermutlich immer noch in einem der Restaurants und wartete darauf, dass sie sich verabschiedeten. Das musste er ihnen auch noch erklären.

»Wird es funktionieren?«, fragte er.

Einen Augenblick lang sah sie ihn irritiert an, nickte dann aber. »Klar doch. Ich fälsche Unterschriften, seit ich schreiben kann!«

»Hayley«, murmelte Gillian hinter ihr.

»Was denn? Als ich deine Hogsmeadeerlaubnis unterschrieben habe, fandest du das noch lustig.«

»Snape hätte dich durch den Flubberwurmwolf gedreht, hätte er dich erwischt. Er hätte uns alle durch den Flubberwurmwolf gedreht!«

»Hat er aber nicht.« Hayley verschränkte die Arme vor der Brust. Mit der Geste erinnerte sie Percy tatsächlich an eine Hogwartsschülerin. Eine sehr aquamarinfarbene Hogwartsschülerin.

Gillian tat es ihrer Schwester gleich. »Ja, er nicht. Aber wenn Pennys Unterlagen nicht allen Prüfung standhalten …«

»Dann jagt sie dem Muggel halt einen Confundus zwischen die Rippen. Du kannst den Confundus doch, oder?« Hinter den beiden Nguyens japste Penny etwas, das wie »Ich?« klang, doch Hayley ging nicht weiter darauf ein. »Keine Sorge, ich weiß, was ich tue. Der Pass und Visa sind sauber. Und die Tickets sind bezahlt. Außerdem ist sie doch schon durch den Check-In. Die Muggel haben sie jetzt in ihrem Bord-System und alle anderen werden schon nicht so genau hinschauen.«

»Und wenn doch, spreche ich einen Confundus«, sagte Penny leise.

Percy hörte, wie unsicher sie klang, doch Hayley nickte nur. »Genau.«

»Hoffen wir einfach, dass meine Schwester recht hat.« Gillian fuhr sich mit den Fingern über die Stirn. Bevor sie zu einer längeren Standpauke ansetzen konnte, verkündete eine Frauenstimme die baldige Abreise einer Emirates-Maschine. Ein paar Geschäftsleute, die bislang im Wartebereich Zeitung gelesen hatten, standen auf.

»Das ist der Flug, oder?«, fragte Gillian.

Hayley nickte. »Genau. Von Manchester nach Dubai. Dort steigt sie in die Maschine nach Melbourne. Penny, du hast alles?«

Penny umklammerte die Handtasche, die ihr Hayley geliehen hatte, etwas fester. Sie nickte. »Den Pass, die Tickets. Die Adresse.«

»Gut. Wenn du in Dubai nicht wissen solltest, wo du hin musst, frag einfach einen der Muggel von Bodenpersonal. Die haben ständig irgendwelche Leute, die noch nie geflogen sind. Die sind schon froh, wenn du ihnen auf die Uniform … du weißt schon. Ehrlich. Du fällst da gar nicht weiter auf.«

Penny atmete tief durch und nickte erneut.

»Du schaffst das«, stimmte Gillian zu. »Wenn unser Bruder das kann, dann kannst du das auch und er verläuft sich ständig. Sobald du in Melbourne bist, lässt du dich von einem Taxi zu der Adresse fahren. Wir werden Dad eine Langstreckeneule schicken. Mit etwas Glück ist sie vor dir da und ansonsten …«

»Platzt du auch nur ins Barbie.«

Gillian verdrehte die Augen. »So oder so ähnlich. Dad arbeitet im Ministerium. Er wird dir bei allem weiteren helfen.«

Penny nickte, sicherer dieses Mal, als würde langsam das Selbstbewusstsein zurückkehren, mit dem sie ihn aus dem St.-Mungo-Hospital vertrieben hatte. Die Frauen umarmten einander. Hayley nuschelte etwas, das verdächtig nach »Knuddel einen Koala für mich« klang, dann ruhten die Blicke auf ihm.

Percy spürte, wie ihm die Hitze in die Ohren kroch.

»Was ist mit dir?«, fragte Hayley. »Plan B?«

Er schüttelte den Kopf.

»Danke, aber …«, er presste die Lippen aufeinander. Er war hier noch nicht fertig. »Pen...elope?«

Sie erwiderte seinen Blick immer noch nicht, starrte nur auf seine Hände. Die waren immer noch blutig.

»Guten Flug.«

Sie nickte dumpf. Einen Augenblick lang sah sie aus, als wolle sie sich ohne ein weiteres Wort abwenden. Unvermittelt trat sie einen Schritt vor. Ihre Arme schlossen sich um seine Schultern, ganz flüchtig.

»Danke«, flüsterte sie, und: »Tut mir leid. Ich meine …«

Steif erwiderte er die Umarmung.

»Mir tut es auch leid.«

Sie nickte.

»Komm gut an.«

»Lass dich nicht nach Askaban schicken, hörst du?«

 

 

Zusammen mit Hayley und Gillian wartete Percy am Gate, bis Penny mit den Geschäftsleuten und einer Familie mit drei Kindern verschwunden war und das Bodenpersonal sie mit zunehmend unwirscheren Blicken musterte.

Sie fanden Lestrange in dem Restaurant, in dem Percy ihn zurückgelassen hatte. Er hatte sich einen Tisch an der Fensterfront gesucht, die auf die Landebahn hinaus blickte. Mit der einen Hand hielt er einen Brief, mit der anderen stocherte er lustlos in einer Schüssel voller Gemüse und Reis.

»Percy«, sagte Gillian hinter ihm, als sie ihn erkannte.

Percy nickte dumpf. »Das ist das, was ich euch noch sagen wollte.« Er schluckte. »Ich wollte Penny nicht beunruhigen.«

»Percy«, sagte sie erneut, in ihrem besten »Hayley!«-Tonfall.

Unwillkürlich schrumpfte er in sich zusammen. Er hatte keine Ahnung, wie das an Hayley so abprallen konnte.

»Ich habe doch gesagt, ich hätte sie in Quietscheentchen verwandelt.«

»Lila Quietscheentchen«, stimmte Hayley auf Percys anderer Seite zu. Sie klang weniger verärgert als enttäuscht. »Hast du nicht?«

»Nur einen von ihnen. Yaxley hat mich erwischt. Er« Er hat mich gefoltert. »hat mich in einer Seitenstraße gestellt. Er hat mir das Handgelenk gebrochen. Lestrange hat ihm eins mit dem Gehstock übergezogen.«

»Mit dem-«, fragte Gillian entgeistert.

»Cool!«, unterbrach Hayley sie.

Percy nickte.

»Ich weiß selbst nicht, wo das enden wird, aber …«

»Percy Weasley!«, zischte Gillian. »Wenn das schief geht, werde ich dich durch den Flubberwurmwolf drehen.«

Auf der anderen Seite des Restaurants hatte Lestrange sie bemerkt. Er winkte mit dem Brief. Percy nahm die Einladung zur Flucht dankend an.

»Mr Lestrange.«

Als er seinen Vorgesetzten erreichte, startete gerade ein Flugzeug. Möglicherweise war es die Emirates-Maschine richtung Dubai. Sie wirkte seltsam verschwommen. Percy blinzelte. Erst verspätet stellte er fest, dass es nicht die Maschine war, sondern die Glasscheibe.

»Was ist das fürn Fleck?«, fragte Hayley, bevor Lestrange die Begrüßung hätte erwidern können.

»Eileule«, antworte er. Wie zum Beweis wedelte er mit dem Brief. Tatsächlich konnte Percy jetzt, wo er es wusste, einen mehr oder minden runden Fleck ausmachen, von dem zwei schlieren wie ein Paar Flügel abstanden. »Hat alles funktioniert?«

»Wir hoffen es. Sie ist gerade eingestiegen.«

»Gut. Kommt, setzt euch. Der Tofu ist ganz gut, aber der Feldsalat ist furchtbar.«

In seinem Augenwinkel warf Gillian ihm einen Blick zu. Percy zuckte mit den Achseln. Sie setzten sich zögernd.

»Terry schreibt«, fuhr Lestrange fort, während er ein paar Karottenstreifen aufspießte. »Ceylon hat geworfen.«

»Geworfen«, echote Percy. Neben ihm beäugte Gillian den Tofu skeptisch. Sie schien das gleiche zu denken.

Lestrange nickte. Er wirkte seltsam begeistert.

»Auf seinen Wintermantel«, erklärte er. »Was haltet ihr davon, wenn wir die kleinen Fenchel, Kümmel und Anis nennen?«

Bonus

Alles brannte. Sein Finger. Seine Wade. Sein Stolz.

»Nächster!«, bellte die Empfangshexe. Mit ihren blonden Haaren, dem limonengrünen Umhang und den dicken Brillengläsern erinnerte sie ihn an den Muggel, vor dem seine Mutter ihm immer gewarnt hatte.

Talbot humpelte zum Tresen. Er kam sich unangenehm klein vor.

Schwester Hope Ingram, stand auf ihrem Namensschild. Sie sah nicht sehr hoffnungsvoll aus.

»Sie schon wieder«, sagte sie.

Wenn möglich wurde Talbot noch etwas kleiner. Er nickte schüchtern. »Ich wurde gebissen.«

Anklagend richtete Schwester Ingram den Federkiel ihrer überdimensional großen Adlerfeder auf ihn.

»Von einem Muggel?«, fragte sie.

»Von Bella«, nuschelte er.

»Bella?«, fragte Schwester Ingram. »Wie Bellatrix?«

Er nickte pflichtbewusst. »Könnte man so sagen, ja, Ma’am.«

Dank ihrer limonengrünen Berufsbekleidung hatte Schwester Ingram ohnehin nicht sonderlich viel Farbe im Gesicht, doch jetzt wich auch noch der letzte Rest aus ihren Wangen.

»Bellatrix Lestrange hat Sie gebissen?« Die Frage war laut genug, dass auch der Rest der Warteschlange sie hörte. Ihr Tonfall half nicht. »Gestern ein Muggel und heute Bellatrix Lestrange?!«

»Nein! Ich- Oh bei Merlin!«

Doch es war zu spät. Alle Blicke und ein paar Tentakel richteten sich auf ihn. Die Hundemarke, die er im Kampf mit dem Foxterrier vom Halsband gerissen hatte, lag schwer und kalt in seiner Hand.

Er war Bellatrix Lestrange noch nie begegnet, doch Eins wusste er: Er war ein sehr, sehr toter Talbot.



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