Part I - Freundschaft
~*~Gegenwart: Das Fotoalbum~*~
„Was hast du da?“
Als er hinter sich den dezenten – und ihm so wohl vertrauten – Geruch einer ganz bestimmten Männershampoosorte wahrnahm, legte Rogue den Kopf in den Nacken, um zu Sting aufblicken zu können. Der hatte sich über die Rückenlehne des Sofas gebeugt, um den Gegenstand in Rogues Händen zu erkennen.
Er trug bereits eines seiner Schlabbershirts, die er nur dann aus dem Schrank zog, wenn er sich todsicher war, nicht mehr aus dem Haus zu müssen, und eine ausgebeulte Jogginghose und auf seinen Haaren lag noch ein Handtuch – und Rogue stellte sich vor, wie wundervoll weich sich diese Haare anfühlen würden, wenn er jetzt mit den Fingern hindurch fahren sollte. Er mochte Stings üblichen Haarstil, auch wenn er ihn immer damit foppte, wie viel Zeit er damit verbrachte, jede einzelne Strähne ganz genau so zu arrangieren, wie er sie haben wollte, aber noch ein kleines bisschen mehr mochte er es, wenn er Sting ohne Haargel sehen konnte.
Bevor Rogue aufgrund seiner abdriftenden Gedanken verlegen werden konnte, ergriff Sting wieder das Wort. „Ist das Yukinos Geschenk? Ein Fotoalbum? Hast du schon rein gesehen?“
Dem Blondschopf stand die Neugierde ins Gesicht geschrieben und er schwang sich einfach über die Sofalehne und quetschte sich rechts von Rogue zwischen eben diesen und die Armlehne. Ein wohliger Schauder erfasste den Schwarzhaarigen, als ihre Beine fest gegeneinander gedrückt wurden, aber er versuchte, sich zu fassen. Irgendwie war er heute ein bisschen zu empfänglich für Stings unbewusste Signale. Dabei hatte der Tag ihn eigentlich mit so vielen Reizen überflutet, dass er abgestumpft sein müsste – aber andererseits war Sting sowieso schon immer in fast allen Dingen eine große Ausnahme bei ihm gewesen.
„Ich habe es gerade erst entdeckt und ausgepackt.“
„Lass’ es uns zusammen ansehen. Wie ich Yukino kenne, wird das sicher lustig.“
Aufgeregt klopfte Sting sich auf beide Oberschenkel und grinste zu Rogue hoch. Der konnte sich ein schiefes Lächeln nicht verkneifen. „Woher nimmst du nach diesem Tag noch so viel Energie?“
„Ich hatte eine sehr belebende Dusche“, erwiderte Sting und seine Stimme war dabei auf einmal eine Nuance tiefer und er schielte absichtlich verstohlen unter seinen langen Wimpern zu Rogue hoch.
Für einen Moment erwog der Schwarzhaarige, Yukinos Geschenk einfach beiseite zu legen. Dafür hatten sie auch noch morgen Zeit, sie mussten erst übermorgen früh los. Und im Gegensatz zu Sting, der Unordnung auf zwei – sehr attraktiven – Beinen, hatte er seinen Koffer auch schon gepackt.
Doch bevor Rogue sich runterbeugen konnte, unterbrach Sting den Blickkontakt und zog so an dem schlichten, ledernen Einband, dass es auch zur Hälfte auf seinem Schoß lag und er einen guten Blick darauf haben konnte. Doch kaum dass er den Deckel des schweren Buches ein paar Zentimeter angehoben hatte, stieß er Japsen aus und schlug ihn wieder zu.
„Ich hab’s mir anders überlegt, lass’ uns das auf später verschieben. Am besten auf niemals!“
„Willst du wirklich so herzlos mit Yukinos Geschenk umgehen?“, fragte Rogue mit erhobenen Augenbrauen.
Interessanterweise hatte sich auf Stings Wangen ein leichter Rotschimmer ausgebreitet. Viel dunkler waren seine Ohren. Die wurden bei ihm immer zuerst rot, auch wenn Rogue eine Weile gebraucht hatte, um das festzustellen, weil es so selten eine Gelegenheit gab, in welcher der Blondschopf tatsächlich mal in Verlegenheit gebracht wurde. Jetzt leuchteten sie regelrecht, während Sting widerwillig auf seiner Unterlippe herum kaute, ehe er sich mit einem gequälten Seufzer geschlagen gab und den Deckel richtig aufschlug.
Im nächsten Augenblick verstand Rogue die Verlegenheit des Anderen und seine eigenen Wangen wurden heiß. Auf der allerersten Seite klebte nur ein einziges Bild. Eines von ihnen Beiden als Babys – Sting gerade einmal ein paar Tage alt, Rogue bereits fünf Monate alt. Sie trugen Beide dasselbe Stramplermodell, nur die Farben waren anders. Auf Stings blauem Strampler waren lauter weiße Drachen abgebildet, auf Rogues rotem waren es schwarze Drachen.
„Ich dachte, wir hätten alle Bilder davon erwischt“, stöhnte Sting und barg das Gesicht in beiden Händen.
Zur Antwort stieß Rogue nur einen schwachen Laut aus. Als Teenager hatten sie zufällig dieses megapeinliche Babyfoto entdeckt, welches Stings Tante von ihnen Beiden geschossen hatte – die Strampler waren auch auf ihre Kappe gegangen. Sting war sofort zur Tat geschritten und hatte jeden einzelnen Abzug, dessen er habhaft werden konnte, konfisziert. Nicht auszudenken, wenn dieses Foto jemals den falschen Leuten in die Hände fallen sollte! Man musste da nur an eine Person denken, deren Name mit M anfing…
„Glaubst du, Minerva hat das auch gesehen?“, krächzte Sting und schielte zwischen seinen Fingern hindurch runter zu dem Bild.
„Bei unserem Glück?“, seufzte Rogue gequält.
„Als wir Yukino damals im Kindergarten getroffen haben, habe ich sie einfach nur für ein unschuldiges, kleines Mädchen gehalten“, klagte Sting und riss theatralisch die Arme hoch. „Wie kann sie uns das nur antun?! Und dann auch noch ausgerechnet heute?!“
„Das ist wahrscheinlich dein schlechter Einfluss“, murmelte Rogue und schlug die Seite um, um dem Elend endlich ein Ende zu machen.
Auf der nächsten Doppelseite verteilten sich weitere Babyfotos von ihnen Beiden, mal Einzelbilder, mal mit ihren jeweiligen Familien. Auf einem Bild mühte sich eine fünfjährige Lucy damit ab, Baby-Sting festzuhalten, der anscheinend sehr aufgeregt mit den winzigen Ärmchen wedelte. Nun, da der große Schock überstanden war, konnte Rogue sich darauf konzentrieren, was für ein niedliches Baby Sting gewesen war. Er hatte damals schon im Sommer lauter kleine Sommersprossen auf Nase und Wangen gehabt. Warum waren die Rogue erst vor ein paar Jahren richtig aufgefallen?
Verwirrt blickte Rogue auf, als ihm klar wurde, dass es neben ihm verdächtig still geworden war. Tatsächlich. Sting hatte beleidigt die Wangen aufgeblasen und die Arme vor der Brust verschränkt. Bevor er eine neutrale Miene aufsetzen konnte, entfuhr Rogue ein amüsiertes Schnauben.
„Ich. Habe. Keinen. Schlechten. Einfluss!“, empörte Sting sich und blies gleich noch mal die Wangen auf.
Rogue konnte es sich nicht verkneifen. Mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand drückte er Stings Wangen ein. „Du hast es selbst gesagt: Als wir Yukino kennen gelernt haben, war sie noch vollkommen unschuldig. Wen willst du sonst dafür verantwortlich machen?“
„Dich?!“, schlug Sting anklagend vor und stach mit dem Zeigefinger in Rogues Brust. „Du kennst sie genauso lange wie ich!“
Zur Antwort zog Rogue wieder nur die Augenbrauen hoch. Es war damals Stings Idee gewesen, das neue Mädchen in ihrer Kindergartengruppe zum Spielen einzuladen. Er war als Vierjähriger bereits genauso gesprächig wie heute gewesen und hatte der damals noch fürchterlich schüchternen Yukino beide Ohren abgekaut mit seinen Fragen. Rogue war gar nicht zu Wort gekommen.
„Oder Minerva!“, fügte Sting mit wild umherschlenkernden Armen hinzu. „Oder Natsu! Ja, ganz bestimmt ist Natsu schuld!“
„Dein Stiefbruder also. Damit fällt es doch wieder auf deine Familie zurück“, stellte Rogue trocken fest.
„Ich hasse dich“, zischte Sting, die Augen zu Schlitzen verengt.
„Ich weiß.“
„Ich werde mich rächen.“
„Ich weiß.“
Einen Moment lang schaffte Sting es noch, seine Posse aufrecht zu erhalten, dann ließ er sich schnaufend gegen die Rückenlehne fallen. „Du bist so gemein!“
„Ich weiß.“
„Hör’ auf damit!“
„Womit denn?“
„Du nimmst mich überhaupt nicht ernst!“, jammerte Sting schon wieder theatralisch.
„Sollte ich das denn?“, lachte Rogue leise.
Er konnte spüren, wie ein Zittern durch Stings Körper ging, aber bevor er es hinterfragen konnte, griff der Blondschopf wieder nach dem Fotoalbum. „Lass’ den Rest hinter uns bringen. Schlimmer können die Bilder wirklich nicht mehr werden.“
Als er umgeblättert hatte, ließ Sting den Kopf hängen. „Ich nehme alles zurück.“
Für den Schein von Mitleid tätschelte Rogue die Schulter des Anderen, während er auf das Bild hinunter blickte, welches Sting wohl meinte und sie Beide im Alter von vielleicht drei Jahren im Sandkasten zeigte. Jemand – wahrscheinlich Lucy, deren zerstörte Sandburg im Hintergrund zu sehen war, hatte einen Eimer Sand über Sting ausgekippt. Schmollend blickte Mini-Sting in die Kamera – und er sah damals schon verboten niedlich aus. Rogue sah es schon kommen, dass sie eine ganze Weile für dieses Fotoalbum brauchen würden. Yukino hatte es anscheinend darauf angelegt, alles an Fotos zu erwischen, was es von ihnen Beiden gab.
Ein paar Seiten weiter war so ein Plastikarmband eingeklebt worden, wie man es früher bei einem Krankenhausaufenthalt bekommen hatte. Obwohl es schon uralt war, war Rogues Name und Geburtstag noch vage darauf zu erkennen, genauso wie das Einlieferungsdatum, welches ihnen verriet, dass sie jetzt im vierten Jahr waren. Unter dem Armband gab es ein Foto von Rogue im Krankenbett, auf seinem Gesicht ein riesiges Pflaster, welches über den Nasenrücken hinweg von Wange zu Wange reichte. Darunter verbarg sich, wie Rogue wusste, die frische Naht, die heute noch als lange Narbe in seinem Gesicht zu sehen war. Neben Rogues Krankenbett saß Sting mit verheulten Augen und verrotzter Nase.
Ausnahmsweise jedoch reagierte der (manchmal) erwachsene Sting nicht verlegen, sondern mit einem schuldbewussten Lächeln. „Habe ich mich eigentlich schon mal bei dir dafür entschuldigt?“
„Nur so etwa eine Million Mal“, erwiderte Rogue und verdrehte die Augen.
Es war nicht wirklich Stings Schuld gewesen. Gut, es war eine dumme Idee gewesen, die Ablenkung der Kindergärtnerin auszunutzen, um unter das Sperrband hindurch zu schlüpfen und auf die morsche Eiche zu klettern, aber Rogue hätte ihm damals ja nicht folgen müssen. Heute wusste Rogue nicht einmal, warum er seinem Freund damals überhaupt hinterher geklettert war. Es war viel zu lange her. Jedenfalls hatte ein Ast, der vorher noch Sting getragen hatte, unter Rogue nachgegeben und der Junge war zu Boden gestürzt, hatte sich dabei den Schnitt zugezogen und war ohnmächtig geworden. Das Ganze war den Erzählungen nach damals ein riesiger Tumult geworden, ohne dass Rogue irgendetwas davon mitbekommen hatte.
„Nein, ehrlich, ich meine… habe ich mich schon mal dafür entschuldigt, dass es mir ein ganz kleines bisschen nicht Leid tut?“, versuchte Sting es noch einmal.
Verwirrt runzelte Rogue die Stirn. „Wie viel hast du von der Bowle getrunken, Sting?“
„Ich meine das ernst! Mit der Narbe siehst du nun einmal heiß aus!“
Für einige Sekunden herrschte peinliche Stille, während der Rogue spürte, wie seine Wangen schon wieder warm wurden. Selbst wenn ihm eine passende Erwiderung eingefallen wäre, seine Kehle fühlte sich auf einmal wie zugeschnürt an. Eine der wenigen Möglichkeiten, mit denen Sting ihn todsicher sprachlos machen konnte, war leider immer noch, wenn er Rogue Komplimente machte. Vor allem solche Komplimente!
Während Rogue auf der Suche nach einer Ablenkung rasch wieder auf das Fotoalbum hinunter blickte, spürte er Stings Hand auf seinem Oberschenkel und auch ohne es zu sehen, wusste er, dass der Blondschopf lüstern grinste. Rogue konnte nur hoffen, dass die nächste Seite es Sting wieder austreiben würde.
Das tat sie.
Sehr gut sogar.
Aber Rogue wünschte sich dennoch, er hätte sie überblättert.
Neben ihm stöhnte Sting entsetzt auf und schlug schon wieder die Hände vors Gesicht. Und dieses Mal fehlte Rogue die Selbstbeherrschung und er legte sich mit einem schweren Seufzer eine Hand auf beide Augen.
„Diese Kinderhochzeit hatte ich vollkommen verdrängt…“
---Hochzeit---
„Sting, du musst lächeln!“
Nun noch viel griesgrämiger blickte Sting unter der kaputten Gardine hervor, die Yukino sich von Rogues Mutter erbettelt und auf seinem Kopf als Schleier arrangiert hatte.
„Das Spiel ist doof. Hochzeiten sind doof. Ich will was anderes machen.“
Beinahe sofort bereute Sting seine Worte, denn Yukino sah sogleich so aus, als wollte sie in Tränen ausbrechen.
Irgendwie war sie im Moment im Hochzeitsfieber und als sie sich heute alle in Rogues Garten getroffen hatten, hatte sie darauf beharrt, dass sie Hochzeit spielen wollte. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass ihre Eltern sich getrennt hatten. Sting verstand nicht so wirklich, was da passiert war. Von einem Tag auf den anderen war Yukinos Mutter weg gewesen und der Vater wurde seitdem immer häufiger in dem Viertel gesehen, in das Sting und seine Freunde nicht hin durften, weil es da angeblich gefährlich war.
Dabei hatte Sting schon längst durchschaut, dass sein eigener Vater dort neuerdings auch sehr regelmäßig in eine Bar ging – allerdings stank er im Gegensatz zu Yukinos Vater nie nach Alkohol oder Zigaretten, obwohl seine Klamotten manchmal auch ganz schön zerknittert waren. Die alte Schreckschraube in der Wohnung nebenan sah Stings Vater in letzter Zeit sogar noch finsterer als sonst an, aber woran das lag, war dem Jungen schleierhaft. Sein Vater hatte in dieser Straße Spaß, also was sollte es? Er war nicht so wie Yukinos Vater.
Um seine Worte abzuschwächen, stieß Sting ein leises Brummeln aus. „Warum muss ich denn den Schleier tragen? Kann nicht Minerva die Braut sein?“
„Sicher nicht“, erwiderte Minerva, die neben Rogue als dessen Trauzeugin rum stand, obwohl keiner von ihnen wusste, wofür das eigentlich gut war.
„Können wir einfach weiter machen?“, brummte Rogue, von dessen Hals eine Krawatte seines Vaters baumelte. Seine Mutter hatte sie ihm extra gebunden und sogar Rogues Haare gekämmt und zu einem winzigen Zopf gebunden, damit der Bräutigam ordentlich aussah, so ihre Erklärung.
„Wollt ihr denn gar nicht spielen?“, schniefte Yukino, das dicke Buch mit zitternden Händen an die Brust gepresst – wofür auch immer das Buch gut war, Yukino hatte nur gesagt, der Pfarrer hätte immer eines dabei, also hatte sie sich eines von Rogues Mutter geben lassen.
„Doch, natürlich wollen wir“, beeilte sich Orga neben Sting zu sagen und stieß Sting so fest an, dass der beinahe nach vorn fiel.
Böse blickte Sting zu seinem Freund auf, der ihn jetzt schon überragte, obwohl sie im selben Monat Geburtstag hatten. Dann wandte er sich an Yukino. Auch wenn er dieses Spiel hier doof fand, er wollte Yukino nicht weinen sehen. Seit ihre Mutter weg und ihr Vater so komisch war, war ihre Schwester Sorano darum bemüht, Yukino zu beschützen. Und Sorano war sechzehn und total gruselig und hatte auch noch lauter gruselige Freunde. Wer wusste, was die mit Sting anstellten, wenn er Yukino zum Weinen brachte! Außerdem machte es ihn traurig, wenn Yukino weinte. Das tat sie viel zu oft, seit ihre Mutter weg war!
„Lass’ uns weiter machen, Yukino“, versuchte er sie zu ermuntern.
„Wirklich?“, fragte sie kleinlaut und blickte mit bebender Unterlippe zwischen Sting und Rogue hin und her. „Wollt ihr wirklich wirklich wirklich?“
Noch immer fand Sting den Schleier doof und er verstand nicht, warum er die Braut sein musste – immerhin stand Dobengal einfach nur doof neben Rufus rum, der, ausgerüstet mit der Kamera von Rogues Eltern, den Fotografen mimte. Und sowieso: Sting und Rogue waren Beide Jungen. Wie konnte einer von ihnen die Braut sein? Müssten sie nicht Beide Bräuti…game sein? Sagte man das überhaupt so?
Aber er nickte einfach nur eifrig. „Wirklich wirklich wirklich wirklich!“
Neben ihm nickte Rogue wortlos, aber das schien Yukino zu reichen. Sie straffte wieder die Schultern und setzte wieder für ihre Rede an.
„Rogue, willst du Sting zur… Frau?“
„Hey!“
„Aber so geht das.“
„Ich bin aber keine Frau!“
„Sag’ einfach Mann, Yukino. Macht doch nix.“
„Also gut, Rogue, willst du Sting zum Mann nehmen und lieben und… ehren in guten wie in schlechten Zeiten, so antworte mit ‚Ja, ich will’.“
„Ja.“
„Du musst sagen ‚Ja, ich will’!“
Neben Sting schnaufte Rogue leise, ehe er noch mal ansetzte. „Ja, ich will.“
„Gut! Und willst du, Sting-“
„Ja, ich will!“
„Ich war noch gar nicht fertig!“, schmollte Yukino.
„Aber machen die das in den Filmen nicht auch so?“
„Na gut… Hat irgendjemand etwas dagegen zu sagen?“ Herausfordernd blickte Yukino in die Runde, aber keiner meldete sich, also fuhr sie fort. „Dann erkläre ich euch hiermit zu Mann und… äh… Mann! Rogue, du darfst die… den Braut? Wie nennt man das?“
„Egal, Rogue darf Sting küssen“, winkte Minerva ab und drehte Rogue an den Schultern zu Sting herum, während der von Orga in die richtige Position dirigiert wurde.
„Müssen wir wirklich?“, fragte Sting und verzog das Gesicht. „Küssen ist voll doof!“
„Aber das gehört dazu!“, erklärte Yukino energisch. „Rogue, du musst den Schleier weg machen und dann musst du Sting küssen!“
Obwohl auch er alles andere als begeistert aussah, schlug Rogue artig den improvisierten Schleier zurück, und beugte sich vor, hielt dann aber doch inne. Er mochte keinen Protest erheben, aber Sting sah ihm ganz deutlich an, dass er auch keine Lust auf Küssen hatte.
„Stellt euch nicht so an“, schnaubte Minerva und versetzte Rogue einen Stoß.
Der Junge stolperte nach vor und landete in Stings Armen. Weil Orga auf einmal hinter Sting verschwunden war, landeten sie am Boden. Noch bevor Sting sich beschweren konnte, spürte er Rogues Lippen auf seinen. Es fühlte sich echt komisch an – was fanden die Erwachsenen daran so toll?
Im nächsten Moment zog Rogue sich hastig zurück und wischte sich mit widerwilliger Miene über den Mund. Sting richtete sich in eine sitzende Position auf und blickte mürrisch zu Yukino auf. „Zufrieden?“
„Minerva hat es verdorben!“, jammerte Yukino und deutete anklagend auf ihre Freundin. „Wir müssen es noch mal machen!“
„Ich kann aber keine Fotos mehr machen“, meldete sich Rufus im Hintergrund. Neben ihm hatte Dobengal sich umgedreht, aber seine zitternden Schultern verrieten, dass er in sich hinein lachte.
„Aber das war nicht richtig!“, rief Yukino.
Neben Sting stöhnte Rogue leise und fummelte lieber an der Krawatte herum, als sich in die aufkommende Diskussion einzumischen. „Wenn Hochzeiten wirklich so sind, will ich lieber keine.“
„Ich auch nicht“, brummte Sting und zog sich die Gardine vom Kopf.
---Einsatz---
Draußen schien die Sonne. Es war ein lauschiger Frühsommertag, gerade so noch mild genug, dass Rogue, der den Herbst am liebsten hatte und Hitze überhaupt nicht leiden konnte, sich nicht unwohl zu fühlen brauchte. Ideales Wetter, um sich zwischen die Wurzeln der großen Eiche im Park zu setzen, unter der er sich oft nach der Schule mit seinen Freunden traf. Während die Anderen irgendeinen Blödsinn anstellten und Minerva und Rufus Schach spielten, könnte Rogue den Krimi lesen, den er sich neulich von seinem Taschengeld gekauft hatte.
Der Gedanke war so verlockend…
Stattdessen saß Rogue in einem leeren Klassenzimmer, drückte sich ein in Tuch eingewickeltes Kühlakku auf das linke Auge und lauschte den Geräuschen der wenigen Schüler, die für die Sportclubs noch an der Schule waren. Ihm gegenüber saß Sting mit schlenkernden Beinen auf einem Tisch und starrte aus dem Fenster.
Obwohl Rogue derjenige war, der morgen mit einem blauen Auge zur Schule gehen würde, sah Sting schlimmer aus. Der Kragen seines T-Shirts war eingerissen, am linken Ellenbogen hatte er ein großes Pflaster, unter dem sich eine hässliche Aufschürfung befand, und seine Unterlippe war aufgeplatzt. Haare und Klamotten waren immer noch nass.
Es gefiel Rogue nicht, seinen besten Freund so zu sehen. Als er sich vor einer Stunde von Sting verabschiedet hatte, hatte der noch von Ohr zu Ohr gegrinst, wie er es in letzter Zeit häufiger tat, seit seine Familie um zwei Mitglieder gewachsen war. Irgendwie war es unfair, dass genau dieser Familienzuwachs jetzt indirekt für Stings Zustand verantwortlich sein sollte.
Als die Tür geöffnet wurde, drehte Rogue sich auf seinem Stuhl herum. Schuldirektor Dreyar kam herein, sein sonst so gutmütiges Gesicht von einem Stirnrunzeln gestört, sein Blick scharf und aufmerksam. Ihm folgte Herr Conbolt, Sport- und Mathelehrer und Trainer des Basketballclubs. Seine Miene war ernst.
„Eure Eltern sind auf dem Weg hierher“, erklärte der Schuldirektor. „Bis sie hier sind, würde ich gerne eure Sicht der Dinge erfahren.“
„Herr Dreyar, Rogue hat nichts gemacht“, begann Sting sofort und rutschte vom Tisch. „Er darf keinen Ärger kriegen, er wollte nur helfen, als die zu dritt auf mich losgegangen sind!“
„Wer hier Ärger kriegt und wer nicht, entscheide immer noch ich“, erwiderte Herr Dreyar und bedeutete Sting, sich wieder hinzusetzen.
Widerspenstig blieb der Junge stehen. „Aber er hat nichts falsch gemacht.“
„Er hätte mich oder einen anderen Lehrer rufen können“, wandte Herr Conbolt ein.
„Sting brauchte aber sofort Hilfe“, meldete Rogue sich zu Wort und stand nun auch auf.
„Also hast du einem der Jungen deinen Rucksack gegen den Kopf geworfen und dem anderen ins Gesicht geschlagen.“
„Das stimmt nicht! Haben diese Arsch-“ Sting unterbrach sich, als der alte Lehrer sich laut räusperte. „Haben die das etwa behauptet?! Rogue hat denen zuerst gesagt, dass sie aufhören sollen. Er wollte wirklich nur helfen.“
Die beiden Lehrer tauschten einen kurzen Blick. „Dachte ich mir doch, dass es von der Geschichte unterschiedliche Versionen gibt“, murmelte Herr Conbolt schließlich und Herr Dreyar nickte nachdenklich.
Langsam ließ der Schuldirektor sich auf einem der Stühle nieder und bedeutete den beiden Schülern, es ihm gleich zu tun. Während Rogue sich wieder auf seinen Stuhl sinken ließ, blieb Sting stur stehen.
„Rogue darf keinen Ärger kriegen!“
„Sting…“
Als Sting sogar ihn wütend anfunkelte, zog Rogue die Augenbrauen zusammen. So aufgebracht hatte er seinen Freund noch nie zuvor erlebt. Und wieso verbiss Sting sich so sehr darauf, ihn aus der Sache raus zu halten?
„Setz’ dich, Sting“, befahl Herr Dreyar. Seine Stimme war ruhig und seine Miene etwas sanfter, aber es war klar, dass er keinen weiteren Widerspruch dulden würde. „Ich will zuerst einmal hören, was genau da passiert ist.“
Für einige Sekunden blieb Sting noch stehen, dann stieß er ein frustriertes Knurren aus und ließ sich auf einen Stuhl plumpsen, die Arme demonstrativ vor der Brust verschränkt, der Blick zu Boden gerichtet.
Herr Dreyar ignorierte Stings Gebaren und wandte sich an Rogue. „Fang’ du an, Rogue. Sting ist für den Basketballclub noch in der Schule gewesen, aber was war mit dir?“
„Mir ist aufgefallen, dass ich mein Mathebuch vergessen habe“, antwortete Rogue wahrheitsgemäß. „Ich wollte den Seiteneingang nehmen und bei den Mülltonnen habe ich Geschrei gehört. Also habe ich nachgesehen.“ Er zuckte mit den Schultern, weil der Rest der Geschichte ja bekannt war.
„Du bist also erst dazu gekommen, als Sting und die anderen Jungs sich bereits geprügelt haben?“
„Ja. Sting lag am Boden. Ich hatte keine Zeit, um jemanden zu rufen.“
Wenn Rogue ehrlich war, hatte er in dem Moment überhaupt nicht daran gedacht, jemanden zu rufen. Es war ihm egal gewesen, dass er sein Mathebuch für die Hausaufgaben brauchte, dass seine Freunde im Park auf ihn gewartet hatten – und es vielleicht immer noch taten – und dass die Typen immer noch in der Überzahl und obendrein aus der Sechsten und somit zwei Jahre älter und sehr viel größer als er und Sting gewesen waren. Alles, woran er noch gedacht hatte, war, Sting zu helfen, der sich in seiner Verzweiflung in den Arm eines der Arschlöcher verbissen hatte.
Der forschende Blick des Schuldirektors ließ Rogue beinahe befürchten, dass er ihm nicht glaubte, aber dann nickte er einfach und richtete seine Aufmerksamkeit auf Sting. „Wie hat die ganze Sache angefangen?“
Aufsässig zuckte Sting mit den Schultern. „Weiß ich nicht mehr. Die haben mich mit dem Dreckwasser übergossen, dann habe ich mich gewehrt.“
Herr Conbolt seufzte ungeduldig. „Sting, mit so einer Antwort hilfst du uns nicht weiter.“
„Mir egal.“
„Mir aber nicht“, erwiderte Herr Dreyar scharf. „Was ist wirklich passiert?“
Aufmerksam betrachtete Rogue seinen besten Freund. Er wüsste auch gerne, was genau eigentlich passiert war.
Als Sting auch nach einer Minute noch nichts gesagt hatte, lehnte der Schuldirektor sich langsam zurück. Seine Stirn nun noch stärker gerunzelt und mit einem bitteren Zug um den Mund. „Die Jungen haben behauptet, es hätte nur ein Streich sein sollen, aber weißt du, was ich glaube? Es hat etwas mit deinem Vater zu tun.“
Wie unter einem Schlag zuckte Sting zusammen, dann biss er sich auf die Unterlippe und wandte hastig den Blick ab, die Schultern so weit hoch gezogen, wie es nur ging.
„Sting, haben diese Jungen deinen Vater beleidigt, weil er einen Mann geheiratet hat?“
Ein Zittern ging durch Stings Körper, aber er blickte noch immer stur die Wand an. Wenn es nach Rogue ginge, müsste Sting nichts mehr erklären.
Obwohl Weißlogia und Igneel eigentlich nur im engsten Kreis geheiratet und es auch sonst nirgendwo an die große Glocke gehangen hatten, hatte sich doch sehr schnell in der Schule herum gesprochen, dass Sting, bis dahin als Basketballass super beliebt, jetzt in einem Schwuchtelhaushalt lebte. Überall hatte es Getuschel gegeben und die Leute hatten andauernd mit dem Finger auf Sting gezeigt, als hätte er irgendeine ansteckende Krankheit.
Es klopfte und dann wurde die Klassenzimmertür geöffnet und Herr Neekis steckte den Kopf herein. „Herr Dreyar, die Eltern der anderen Jungen sind bereits da und wollen sofort mit Ihnen reden.“
„Bin gleich da“, seufzte der Schuldirektor und rutschte von seinem Stuhl, blickte jedoch noch einmal in Stings Richtung. „Sting, du musst das nicht in dich hinein fressen. Wenn diese Jungen wirklich deinen Vater beleidigt haben, werde ich ihnen das nicht durchgehen lassen. So etwas lasse ich an meiner Schule nicht zu. Aber du musst mit mir reden.“
Als Sting immer noch keine Antwort gab, verließen die beiden Lehrer den Raum wieder. Erst als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, stand Rogue auf, legte das Kühlakku auf einen Tisch und ging auf seinen Freund zu, zögerte jedoch, ihm eine Hand auf die Schulter zu legen oder etwas zu sagen.
Das Schweigen lastete tonnenschwer auf ihnen und Sting blickte noch immer krampfhaft die Wand an, aber je länger das Schweigen andauerte, desto mehr begann er zu zittern. Als er auf einmal laut schniefte, machte Rogue einen Schritt nach vorn und legte ihm beide Hände auf die Schultern.
„Ich will nicht, dass Papa sich deswegen von Igneel trennt“, schniefte Sting und blickte zu Rogue auf. Tränen rannen über seine Wangen und seine Lippen zitterten.
„Warum sollte er?“, fragte Rogue verwirrt und zog einen Stuhl heran, um ganz dicht neben seinem Freund sitzen zu können, die Hände nun auf seine Knie gelegt, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. „Die Beiden sind doch schon richtig lange zusammen, oder?“
„Aber Igneel hat Papa schon an Weihnachten gefragt, ob er ihn heiraten will, und Papa hat zuerst nein gesagt, weil er nicht wollte, dass die anderen Kinder mich ärgern“, schniefte Sting und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen weg. „Sie haben sich sogar deswegen gestritten. An Weihnachten…“
Jetzt erinnerte Rogue sich wieder, dass Weißlogia Sting am ersten Weihnachtsfeiertag zu Rogues Familie gebracht hatte, um etwas klären zu können. Rogues Eltern hatten anscheinend Bescheid gewusst, zumindest hatten sie nicht überrascht gewirkt, aber weder sie noch Sting hatten Rogue damals etwas verraten.
„Ich mag Igneel“, krächzte Sting und wischte sich wieder über die Augen. „Und Natsu ist auch lustig und Papa ist glücklich. Es ist toll, eine große Familie zu haben. I-ich…“ Sting schluchzte und krümmte sich zusammen. „Ich will nicht, dass Igneel meinetwegen gehen muss.“
Unsicher sah Rogue sich im Raum um, dann fasste er sich ein Herz und umarmte seinen Freund. Er glaubte nicht, dass Igneel und Weißlogia sich voneinander trennen würden. Nach der Hochzeit hatte er seine Eltern darüber reden gehört, wie froh sie darüber wären, Weißlogia so glücklich zu sehen, und dass Igneel genau der richtige Mann für ihn wäre. Wann genau das mit Stings Vater und dem Barbesitzer angefangen hatte, wusste Rogue nicht einmal. Auf alle Fälle war es schon lange genug, dass es für Sting und Rogue immer völlig normal gewesen war, wenn sie die Beiden mal zusammen gesehen hatten.
Warum das für Andere ein Problem war, ging über Rogues Verständnis hinaus. War es denn wirklich wichtig, dass es zwei Männer waren statt ein Mann und eine Frau? Warum musste man sich darüber lustig machen und sogar Sting deswegen angreifen?
Zaghaft strich Rogue über den zitternden Rücken seines besten Freundes. Hoffentlich dauerte es noch ein bisschen, bis wieder jemand in den Raum kam, damit Sting sich bis dahin wieder beruhigen konnte.
Insgeheim nahm er sich vor, ab sofort besser auf Sting aufzupassen. Wenn es sein müsste, würde er sich sogar noch ein weiteres blaues Auge verpassen lassen, wenn er damit nur Sting beschützen konnte. Um nichts in der Welt würde er seinen besten Freund jemals im Stich lassen!
---Nähe---
Campen war blöd! So, nur mal so zur Information!
Wandern – kein Thema, das konnte sogar lustig sein. An einem abgelegenen See baden – ein Riesenspaß! Am Lagerfeuer sitzen und Marshmallows in sich hinein stopfen – himmlisch! Aber Campen – nie wieder!
Als er mit seinem Vater alles für den dreitägigen Klassenausflug in der Wildnis gekauft hatte, war ihm allerdings noch nicht klar gewesen, wie unbequem Isomatten und Schlafsäcke waren. Er hatte sich einfach auf das Abenteuer gefreut und sich weder von Rogues sehr verhaltener Begeisterung noch von Minervas miesepetriger Miene irritieren lassen.
Jetzt wusste er es besser. Isomatten waren keine vernünftige Alternative für ein gemütliches Bett und Schlafsäcke fühlten sich an wie Zwangsjacken. Sting hasste es abgrundtief, seine Beine nicht wirklich bewegen zu können und das Rascheln des Stoffs war ätzend!
Ganz langsam versuchte Sting, sich auf die andere Seite zu drehen, um vielleicht doch endlich eine bequeme Liegeposition zu finden. Jede noch so leichte Bewegung war wegen des blöden Schlafsacks sofort zu hören, was Sting bangend zu seinem Zeltgenossen blicken ließ.
Er wusste ganz genau, dass Rogue einen sehr leichten Schlaf hatte. Sein bester Freund brauchte normalerweise feste Rituale, um einschlafen zu können. Als Sting mit seinem Vater zu Igneel und Natsu gezogen war und Rogue das erste Mal in Stings neuem Zimmer übernachtet hatte, hatte er am Morgen danach furchtbar ausgesehen, einfach weil er in der neuen Umgebung keine Ruhe gefunden hatte.
Jetzt allerdings lag Rogue vollkommen ruhig da. Machte ihm das alles hier etwa gar nichts aus? Sting konnte es kaum glauben!
Just in dem Moment, als Sting darüber nachdachte, sich noch einmal herum zu drehen, stieß Rogue ein frustriertes Seufzen aus und drehte den Kopf. Im Dunkeln konnte Sting nur Rogues Konturen erkennen, aber auch so wusste er beim Klang der Stimme sofort, was für ein Gesicht sein bester Freund gerade machte.
„Bist du immer noch der Meinung, dass Campen toll ist?“
„Nein, es ist beschissen“, murmelte Sting.
Vor Rogue konnte er zugeben, dass er Blödsinn von sich gegeben hatte. Rogue war ja nicht so gehässig wie Minerva, die es Sting wahrscheinlich ewig unter die Nase reiben würde, sollte er ihr gegenüber auch so ein Geständnis machen.
Wieder seufzte Rogue leise. Seine Stimme klang jetzt tiefer, nicht so kratzig wie während des Tages – was wohl einer der Gründe gewesen war, warum Rogue noch wortkarger als sonst schon gewesen war. Sting, der erst vorgestern wieder das Problem gehabt hatte, dass seine Stimme immer wieder zwei, drei Oktaven in die Höhe geschossen war, konnte es seinem Freund nachempfinden. Stimmbruch war auch beschissen!
„Wollen wir etwas spielen?“, schlug Sting auf der Suche nach Ablenkung vor.
„Wir dürfen keine Taschenlampe mehr anmachen und laut werden sollten wir auch nicht“, wandte Rogue ein und klang dabei sehr bedauernd.
Wahrscheinlich hätte er schon längst seine Taschenlampe angeknipst und angefangen zu lesen, wenn es dieses blöde Verbot nicht gäbe. Während der ersten paar Übernachtungen in Stings neuem Zimmer hatte Rogue auch immer sein kleines Leselicht herausgeholt und gelesen, was Sting allerdings erst beim dritten oder vierten Mal mitbekommen hatte. Damals hatte er sich beschwert, warum Rogue ihm nichts von seinem Problem gesagt hatte.
Die Erinnerung an den Vorfall damals brachte Sting auf eine Idee. Langsam strampelte er sich den Schlafsack von den Beinen und rollte sich von der Isomatte herunter, um sie zu verschieben. Ohne auf Rogues verwirrte Frage zu reagieren, rollte er sich wieder herum, bis er gegen seinen besten Freund stieß.
Sofort umfing ihn Rogues vertrauter Geruch und ganz unwillkürlich kuschelte Sting sich gleich noch mehr an die vertraute Wärmequelle.
„Sting, was wird das?“
Von Nahem klang Rogues Stimme noch tiefer. Sie jagte Sting einen richtigen Schauder über den Rücken.
„So können wir vielleicht doch einschlafen“, erklärte Sting und hob den Kopf an, wobei seine Nase versehentlich über Rogues Kinn strich. „Hat doch früher auch gut funktioniert, wenn du bei mir übernachtet hast und nicht einschlafen konntest.“
„Das ist ewig her“, murmelte Rogue.
Verwirrt runzelte Sting die Stirn. „So lange hast du schon nicht mehr bei mir übernachtet?“
Zur Antwort erhielt er zuerst nur ein Seufzen, das einen Luftstrom durch seine Haare schickte. „Nein, ich habe mich irgendwann doch an die Gästematratze gewöhnt.“
„Heißt das, dass du gar nicht mehr mit mir kuscheln willst?“, jammerte Sting gespielt.
„Ganz genau, du übergroße Katze“, schnaubte Rogue.
Seiner Worte zum Trotz strampelte er sich ebenfalls den Schlafsack von den Beinen und drehte sich dann richtig zu Sting herum, ehe er einen Arm um ihn schlang.
Selig grinsend kuschelte Sting sich noch etwas mehr an seinen besten Freund. Eigentlich waren sie schon viel zu alt und zu cool, um noch miteinander zu kuscheln, aber ganz ehrlich: Wenn es ihnen dabei half, trotz dieser bescheuerten Isomatten einzuschlafen, dann war es Sting gerade herzlich egal, wie uncool er war. Außerdem konnte er sich darauf verlassen, dass Rogue nie und nimmer etwas hiervon Minerva verraten würde!
---Erwachsenwerden---
WhiteDragon14 Rogue, ich habe eine Frage~
RCheney Wenn es um die Matheklausur nächste Woche geht, ja, ich gebe dir heute Extra-Nachhilfe.
WhiteDragon14 Irks! Als ob ich an einem SAMSTAG Mathe machen würde!
RCheney Leute, die versetzt werden wollen, machen so etwas…
WhiteDragon14 Du bist so gemein! T__T
RCheney Ich weiß. Was wolltest du denn nun fragen?
WhiteDragon14 Also… Ich hatte einen „Traum“…
RCheney Einen Traum? Wieder so einen, bei dem du auf Schlangen in der Wüste reiten kannst?
WhiteDragon14 Nein, einen Traum! >//////<
RCheney …
RCheney Meinst du einen feuchten Traum?
WhiteDragon14 Ganz genau >.<
RCheney Und was willst du jetzt wissen? Für die Praxis gibt es Filme, weißt du?
WhiteDragon14 Nein, ich frage mich nur… Der Traum war halt sehr real und das hat mich ziemlich verwirrt. Was glaubst du, was das bedeutet?
RCheney Dass du endlich in die Pubertät gekommen bist?
WhiteDragon14 …
WhiteDragon14 DU BIST BLÖD!
Frustriert klappte Sting seinen Laptop zu, ohne ihn ordentlich herunter zu fahren. Sein Bürostuhl rollte durchs halbe Zimmer, als er sich abrupt aufrichtete, aber er achtete gar nicht darauf, sondern war mit wenigen Schritten beim Bett und ließ sich mit einem Schnaufen darauf fallen, das Gesicht ins Kissen gepresst, während er mit den Fäusten auf die Matratze trommelte.
„Hey, was ist denn mit dir los?“
Abrupt hob Sting den Blick. Im Türrahmen seines Zimmers stand Natsu. Er trug bereits Jogginghosen und ein Schlabbershirt und sah sehr verwirrt aus ob des Umstands, dass sein Stiefbruder noch nicht für die allmorgendliche Runde bereit war.
„Rogue ist ein Arschloch!“, erklärte Sting nur und setzte sich auf, um bockig die Arme vor der Brust zu verschränken.
Nun noch viel ratloser legte Natsu den Kopf schräg. „Aha… heißt das jetzt, dass du heute nicht mit kommst?“
„Ich habe keine Lust!“
„Na dann…“ Natsu drehte sich herum, blickte jedoch noch mal über seine Schulter. „Keine Ahnung, was Rogue gemacht hat, aber ihr werdet euch schon wieder vertragen. Rogue ist ja nicht so wie dieser Idiot Gray.“
Sting stieß bloß ein Knurren aus. Sein Bruder mochte mit seinen neunzehn Jahren vielleicht über einiges besser Bescheid wissen, aber dieses Mal hatte er keine Ahnung!
Allerdings machte Natsu sich nicht das Geringste aus Stings Gebaren. Er schloss die Zimmertür hinter sich und ließ den Jüngeren alleine mit seiner Wut.
„Rogue ist der Idiot!“, murmelte Sting und ließ sich wieder zurück aufs Bett fallen, die verschränkten Arme aufs Gesicht gelegt, um nichts und niemanden sehen zu müssen.
Normalerweise machte Sting sich nichts aus Rogues trockener Art. Ganz im Gegenteil sogar, meistens fand er das witzig und er konnte auch ziemlich gut heraus hören, wie Rogue es eigentlich meinte. Aber dieses Mal war es anders. Dieses Mal hätte Sting wirklich den Rat seines besten Freundes gebraucht, aber er hatte sich einfach nicht getraut, es direkt anzusprechen.
Wie zur Hölle sollte man auch seinem besten Freund erklären, dass man einen Traum von ihm gehabt hatte, der einem eine Morgenlatte beschert hatte?
---Erwartungen---
Willst du mit mir gehen?
Sting konnte nicht erklären, was in ihm vorging, als dieser an Rogue adressierte Zettel an ihm vorbei die Runde durchs Klassenzimmer machte, aber sein erster Gedanke war tatsächlich, aufzuspringen und lauthals „Nein!“ zu schreien. Weil… weil Rogue auf eine Bessere als ausgerechnet Juliet warten sollte.
Ob sie hübsch aussah oder nicht, konnte Sting nicht so wirklich beurteilen. Er konnte mit seinen sechzehn Jahren in Frauen in der Hinsicht nichts sehen. Ihn berührten eher männliche Muskeln und große Hände. Schwarze, lange Haare waren sexy und in letzter Zeit hatte er einen heimlichen Piercing-Fetisch.
Juliet bediente keine dieser Vorlieben. Sie war ein Püppchen, das viel Zeit in seine Haarpflege investierte, bereits etwas geschickter mit Make up war als gleichaltrige Schülerinnen und oft mit schräg gelegten Kopf, großen Augen und ständig klimpernden Wimpern vor Vertretern des männlichen Geschlechts kokettierte. Bei den anderen Jungs war sie beliebt. Sting konnte es nicht nachvollziehen.
Wenn er schon ein Mädchen an Rogues Stelle nehmen müsste, würde er Yukino nehmen. Sie sah definitiv nicht schlechter aus und war tausendmal netter. Allerdings wusste Rogue wahrscheinlich genauso gut wie Sting, dass Yukino schon seit zwei Jahren in Stings Bruder verschossen war. Was für ein Jammer, denn Natsu behandelte sie nur wie eine kleine Schwester, wenn sie mal zu Besuch war. Er legte ihr kameradschaftlich die Arme um die Schultern oder zauste ihre Haare oder boxte ihr gegen die Schulter. Ihre mehr als nur eindeutigen Reaktionen darauf bekam er nie mit.
Ein Schnauben lenkte Stings Aufmerksamkeit wieder auf den Weg des Zettels. Er war mittlerweile bei Minerva, von der wohl auch das Geräusch gekommen war – Sting kannte niemanden sonst, der so verächtlich schnauben konnte. Jetzt hatte Minerva den Kopf gehoben und sich herum gedreht, um Juliet ansehen zu können. Irgendwie konnte Sting nicht so vollständig deuten, was Minervas Miene zu bedeuten hatte. Auf alle Fälle hielt sie nicht viel von der Blondine. Mit so etwas hielt Minerva nie hinterm Berg. Deshalb war sie auch so unbeliebt, aber so etwas hatte sie noch nie gekümmert.
Dann warf Minerva einen raschen Blick nach vorn, wo Herr Yuri noch immer vor der Tafel stand und in seiner athritisgezeichneten Sauklaue Matheaufgaben anschrieb. Als klar war, dass die Luft rein war, blickte Minerva aus irgendeinem Grund kurz zu Sting. Sie runzelte dabei die Stirn und sah so aus, als wollte sie Sting zu irgendetwas auffordern.
Was wollte sie denn? Der Zettel war für Rogue. Von Sting wollte Juliet doch nichts…
Schließlich schüttelte Minerva den Kopf, wie sie es immer tat, wenn Sting irgendetwas in ihren Augen Dummes anstellte, ehe sie sich streckte, Rogue mit dem Finger in den Rücken stach und ihm mit spitzen Fingern den Zettel weiter reichte.
Rogue als einer der wenigen, die ganz vorbildlich die Matheaufgaben von der Tafel abschrieben – und deshalb auch der erste Kandidat, den Sting in der Pause anbetteln würde, eine Kopie machen zu dürfen –, nahm den Zettel mit einem Stirnrunzeln entgegen. Als er die Nachricht gelesen hatte, ließ er den Blick schweifen. Ihm konnte dabei unmöglich entgehen, dass die Hälfte des Klassenzimmers nun eher auf ihn als auf die Tafel achtete, aber er war schon immer ein Genie darin gewesen, so etwas an sich abprallen zu lassen.
Sein Blick ging direkt zu Juliet und als Sting zu ihr zurück blickte, sah er, wie sie den Kopf schräg legte und Rogue zuzwinkerte. Hatte die was im Auge…?
Für einen winzigen Moment blickte Rogue in Stings Richtung, dann sah er sehr schnell wieder auf den Zettel hinunter. Verwirrt starrte Sting seinen besten Freund an. Wollte der ihn um seine Meinung fragen? Dann würde er ihm definitiv von Juliet abraten. Rogue hatte so etwas nicht nötig, nur weil gerade alle im Dating-Fieber waren!
Doch zu Stings Enttäuschung zuckte der Schwarzhaarige schließlich mit den Schultern und nickte Juliet dann zu. Ein albernes Kichern hallte durch den Klassenraum und dann setzten unter den anderen Schülern die geflüsterten Gespräche ein. Hinter Rogue schüttelte Minerva schon wieder den Kopf und bückte sich, um ein Oktavheft aus ihrer Tasche zu ziehen und etwas darin zu notieren.
Sting zwang sich, den Blick von Rogue abzuwenden und auf die einzige Matheaufgabe hinunter zu blicken, die er bisher abgeschrieben hatte. Auf einmal war er sauer, aber er konnte nicht so richtig erklären, warum. Es war schließlich Rogues gutes Recht, auszugehen, mit wem immer er wollte.
Dennoch zog Sting einen kleinen Zettel aus seiner Federmappe und krakelte eine Nachricht an Rufus, die er zielsicher auf den Tisch schräg vor ihm warf:
Kann ich mir nachher die Aufgaben von dir abschreiben?
---Gerüchte---
„Es ist mir ein Rätsel, warum wir Kunst weiter machen müssen.“
Mit der Sorte Miene, die kleine Kinder zum Weinen bringen konnte, lief Minerva neben Rogue her durch den vollgestopften Schulkorridor. In der linken Hand hielt sie ihre lieblos gefaltete Kunstarbeit, für die sie soeben eine leidlich akzeptable Note bekommen hatte – zumindest wenn man bedachte, dass sie so wenig Zeit und Energie wie möglich in das Stillleben gesteckt hatte. In der rechten hielt sie eine Wasserflasche, aus der sie sich von Zeit zu Zeit einen Schluck genehmigte.
„Müssten wir nicht, wenn wir stattdessen Musik oder DS machen würden“, murmelte Rogue düster und dachte an seine eigene miserable Note.
Er war heilfroh, dass er Kunst bald abwählen konnte und dass es nicht in sein Abschlusszeugnis rein zählte. Ansonsten würde sein Untalent ihm noch den guten Durchschnitt ruinieren.
Obwohl es andererseits angenehm war, mal ein Fach nicht mit Juliet zu haben, die in jeder Pause geradezu an ihm klebte und so jedes normale Gespräch mit seinen Freunden störte. Es war eigentlich von Anfang an nicht so richtig Rogues Ding gewesen, mit der Blondine auszugehen, aber seit ein paar Wochen nahm es wirklich überhand und er fragte sich, wie er möglichst taktvoll mit ihr Schluss machen konnte.
„Pest, Cholera oder Lebra“, schnaubte Minerva so abfällig, als ginge es tatsächlich um die besagten Krankheiten. „Sie sollten so etwas nur als Wahlmöglichkeit für Freaks wie Sting, Rufus und Yukino lassen.“
„Lass’ das bloß nicht Sting hören, dass du ihn Freak genannt hast“, sagte Dobengal, der wie aus dem Nichts zu Rogues anderer Seite aufgetaucht war.
Der Schwarzhaarige zuckte im Laufen leicht zusammen und zog die Augenbrauen zusammen. Schon in der Vorschule hatte Dobengal diese Marotte gehabt, immer und überall ganz plötzlich aufzutauchen. Als wäre er ein Ninja oder so etwas. Sting regte sich immer furchtbar darüber auf – für Dobengal natürlich nur ein Grund, es gerade bei ihm erst recht zu machen.
„Ach, unser Luftikus kann das ab“, erwiderte Minerva und machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Du meinst wohl eher, er verzeiht dir sowieso alles, sobald du auch nur das Wort Kuchen fallen lässt“, meinte Dobengal trocken.
Minervas Antwort bestand aus einem überheblichen Lächeln. Innerlich schüttelte Rogue den Kopf. Sein bester Freund war eine Naschkatze, wie sie im Buche stand, und damit das perfekte Versuchsobjekt für Minervas Backorgien. Das mochte auf dem ersten Blick wie eine sehr oberflächliche Zweckgemeinschaft aussehen, aber unter ihrer hochnäsigen Schale machte Minerva sich viel aus Stings Meinung, das wusste Rogue genau – und umgekehrt ging es Sting keineswegs nur um Süßkram. Ihm war sicherlich genauso klar wie Rogue, dass Minerva um jede Stunde froh war, die sie backend in Stings Elternhaus verbringen konnte, statt alleine im viel zu großen Penthouse Apartment ihres Vaters zu sitzen.
Gemeinsam mit Minerva und Dobengal schob Rogue sich durch einen Pulk von Schülern, die so dumm waren, ausgerechnet im viel zu engen Treppenhaus stehen zu bleiben, um miteinander zu quatschen. Als sie die Treppe hinab stiegen, konnte Rogue einige Stufen unter sich einige Schüler aus dem Abschlussjahrgang reden hören.
„Habt ihr eigentlich auch schon gehört, dass der Schönling aus der Zehnten ne Schwuchtel sein soll?“
„Welcher? Der Blonde aus der B mit seiner Fidel?“
„Genau der. Ein Schwanzlutscher vom Feinsten ist das.“
Das widerlich jaulende Gelächter trieb Rogues Puls in die Höhe.
Sting hatte vor einem Jahr vor seinen Freunden und seiner Familie gestanden, dass er schwul war. Offiziell hatte er aber nie ein Coming Out gehabt, andersherum aber auch nie versucht, seine Sexualität großartig zu verstecken. Wenn er mit Jungen flirtete, war er ziemlich eindeutig. Was Andere darüber dachten, war ihm egal – oder er ließ sie das zumindest glauben.
Nach den Mobbingvorfällen vor sechs Jahren, nachdem Stings Vater einen Mann geheiratet hatte, hatte Sting sich in der Hinsicht eine ziemliche harte Schale zugelegt, auch wenn der Kern darunter immer noch ein Problem mit den ganzen homophoben Arschlöchern in seiner Umgebung hatte.
„Der soll ja jeden Tag nen anderen Schwanz lutschen“, johlte einer der Typen.
„Echt? Ich habe gehört, dass er voll das gute Fickloch ist. Quasi die Schulschlam- Uäh!!!“
Tropfnass drehte der Schüler sich herum und blickte nach oben. Neben Rogue stand Minerva mit der nun leeren Wasserflasche in der Hand da und blickte verächtlich auf die Älteren hinunter.
„Was soll das, du Hexe?!“, brüllte der Typ, von dessen Haaren noch immer Wasser tropfte, und machte einen bedrohlichen Schritt nach oben.
„Ups…“, machte Minerva, sah jedoch nicht im Mindesten reumütig aus. „Mir muss die Hand ausgerutscht sein.“
„Du Schlampe!“
Bevor der Typ Minerva auch nur erreichen konnte, war Rogue vorgetreten und hatte zum Schlag ausgeholt. Im Grunde war ihm klar, dass es Sting nicht helfen würde, wenn er sich mit diesen Arschlöchern prügelte, dass er sich damit auf deren Niveau herab begab und dass er seinen Eltern damit nur Scherereien machte…
Dennoch ließ er seine Faust gegen die Nase dieses Widerlings krachen und verspürte sogar noch grimmige Genugtuung, als er ein Knacken hörte.
---Zusammenhalt---
In Stings Weltbild gab es nur wenige Dinge, die schlimmer waren als Mathematik. Das stand sogar noch vor einer übellaunigen Minerva, einer gerissenen Saite oder Natsus Kochkünsten auf der Liste. Mathematik war der ewige Feind, das Große Böse schlechthin! Ein Folterinstrument, das man sich einzig und allein ausgedacht hat, um Schülern den ansonsten passablen Notendurchschnitt zu versauen.
Aber dummerweise hatte Stings Vater alle Klagen darüber, wie langweilig, unlogisch und nutzlos Mathe doch sei, noch nie gelten lassen. Wenn Sting eine Chance haben wollte, den Weg einzuschlagen, den er sich wünschte, dann musste er in Mathe wenigstens bestehen.
Und da die meisten in Stings Umfeld, die gut in Mathe waren – Minerva, Dobengal, unfassbarerweise auch Natsu –, miserable Lehrer waren, blieb Sting sei Jahren nur ein Nachhilfelehrer/Retter übrig: Rogue mit seiner schier unendlichen Geduld und Ruhe, seiner bedachten Herangehensweise und seinen einfachen Erklärungen. Rogue, der Sting eben nicht das Gefühl gab, einfach nur ein Vollidiot zu sein – denn wie sollte Sting sich nicht wie ein Vollidiot fühlen, wenn Natsu ihm eine Formel erklärte, als wäre sie selbstverständlich, und er ihn dennoch nicht verstand?
Aber selbst wenn sein Bruder nicht so ein grottiger Didaktiker wäre, wäre Stings erste Wahl dennoch Rogue gewesen. Schon allein deshalb, weil er den Schwarzhaarigen seit einigen Monaten nicht mehr so oft zu Gesicht bekam, wie er das gerne würde. Sicher, in der Schule sahen sie einander täglich, aber viele Pausen verbrachte Rogue jetzt immer mit seiner Freundin Juliet.
Beziehungsweise die hing einfach wie eine Klette an ihm, setzte sich einfach auf Rogues Schoß, wenn der eigentlich gerade mit seinen Freunden redete, bombardierte ihn geradezu mit Textnachrichten und wollte an jedem freien Nachmittag und an jedem Wochenende etwas mit Rogue unternehmen.
Bei all dem mussten Sting und die Anderen zurückstecken. Eine der wenigen außerschulischen Aktivitäten, die Sting daher noch mit Rogue blieben, war die wöchentliche Mathenachhilfe. Jeden Dienstag nach der Schulorchesterprobe machte Sting sich auf dem Weg zum Haus der Cheneys, um sich von Rogue all das noch mal richtig erklären zu lassen, was Herr Yuri ihnen vorher auf seine kompromisslos-umständliche Art vorgehaucht hatte.
Das machte Mathe für Sting immer noch nicht sympathischer, aber zumindest gab es ihm die Gelegenheit, endlich mal wieder mit Rogue alleine zu sein. Es war ihm früher gar nicht bewusst gewesen, wie wichtig Rogue eigentlich für seinen Alltag war, bis eben diese nervige Trulla aufgetaucht war!
Als Sting in die Sackgasse einbog, an deren Ende das weiß verputzte Elternhaus seines besten Freundes lag, das de facto sein Zweites Zuhause war, erkannte er Rogue am Gartentor. Über die linke Schulter hatte Rogue sich den Riemen seiner großen Sporttasche geschlungen, in der sich seine Kendo-Ausrüstung befand. Eigentlich hatten sie bei der Trainingshalle Schließfächer dafür, aber seit dort mal eingebrochen worden und unter anderem auch ein ziemlich hochwertiger Bokken von Rogue gestohlen worden war, nahm der Schwarzhaarige seine Sachen lieber immer mit nach Hause. Sting konnte es verstehen, er ließ den Koffer mit seiner geliebten Violine in der Schule auch nie im Schließfach, sondern behielt ihn immer bei sich.
„Hey, Rogue!“
Sofort drehte der Schwarzhaarige sich zu Sting um, der in einen Laufschritt fiel, um schneller am Gartentor anzukommen. Um die Lippen seines besten Freundes spielte zur Begrüßung der Anflug eines Lächelns.
„Du bist zu früh. Hast du es so eilig, Mathe zu machen?“
„Oh ja, ich bin ganz heiß auf Stochastik“, schnaubte Sting und streckte seinem Freund die Zunge heraus. „Nein, wir haben heute beim Orchester früher Schluss gemacht, weil Frau Olietta noch einen Termin hatte.“
„Dann musst du aber noch ein paar Minuten warten. Ich muss noch duschen, bevor wir anfangen können“, erklärte Rogue, während er seinen Haustürschlüssel hervorkramte.
„Sind die Wasserleitungen bei der Trainingshalle immer noch nicht wieder dicht?“
Wie selbstverständlich folgte Sting seinem Freund und streifte sich die Sneaker von den Füßen, ohne sich danach zu bücken. Mit dem Fuß schob er sie so beiseite, dass niemand darüber stolpern konnte. Als Rogue sich dennoch bückte, um die Schuhe neben seine eigenen in das kleine Schuhregal zu stellen, grinste Sting frech.
„Nächste Woche ist das hoffentlich endlich fertig“, murmelte Rogue und führte Sting zur Wohnzimmertür, die seltsamerweise verschlossen war.
„Da solltet ihr nicht rein gehen.“
Aus der gegenüberliegenden Küchentür trat Rogues Mutter Grandine heraus. Sie hatte die langen, weißen Haare bereits zu einem festen Dutt hochgebunden, ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie bald los zur Spätschicht im Krankenhaus musste.
„Hallo Sting, bereit für Mathe?“
„Nie“, antwortete Sting prompt, grinste jedoch unbekümmert.
„Ma, wer ist da im Wohnzimmer?“, fragte Rogue mit einem Stirnrunzeln.
Über die weichen Züge der Kinderärztin huschte ein amüsiertes Lächeln. „Deine Schwester hat einen Klassenkameraden für die Arbeit an einem Partnerprojekt eingeladen. Sie wollte lieber mit ihm ins Wohnzimmer.“
Sting kicherte leise. „Was haben Mädchen bloß damit, dass sie Jungs nicht in ihre Zimmer lassen wollen?“
„Wenn ich böse wäre, könnte ich sagen, dass Mädchen mehr Wert auf ihre Privatsphäre legen“, erwiderte Grandine mit einem schalkhaften Funkeln in den blauen Augen.
„Das klingt, als würden wir auf offener Straße masturbieren“, lachte Sting.
Neben ihm seufzte Rogue geplagt und wandte den Blick endlich von der Wohnzimmertür ab. Anscheinend wollte er nur zu gerne wissen, was das für ein Junge war, mit dem Wendy da drinnen arbeitete. Grandines Andeutungen schienen ihm nicht zu gefallen. Wenn er die Schnauze voll von Mathe hatte, würde Sting diese Gelegenheit, seinen Kindheitsfreund zu ärgern, definitiv aufgreifen. Mit Großer-Beschützerbruder-Rogue konnte man immer wieder eine Menge Spaß haben!
„Ich gehe duschen“, murmelte Rogue und ging hinüber zur Treppe. „Viel Spaß nachher bei der Arbeit, Ma.“
„Danke, dir auch viel Spaß bei der Arbeit“, erwiderte Grandine amüsiert und wandte sich an Sting. „Du nimmst dir einfach, was du brauchst, ja? Wir haben auch noch Eis in der Gefriertruhe, bedien’ dich ruhig, wenn ihr fertig seid.“
„Wenn es danach geht, darf Sting das Eis nie essen. Der wird nie mit Mathe fertig sein“, kam es von oben.
„Hey, das war gemein!“, rief Sting zurück und beeilte sich, die Treppe hinauf zu kommen.
Während sein Freund mit einem Bündel sauberer Kleidung ins Badezimmer ging, machte Sting es sich in dessen Zimmer bequem. Es war gewohnt ordentlich, fast schon penibel rein. Die Bücher in den beiden deckenhohen Regalen – eines zur Hälfte für Fachliteratur, der Rest für Romane – waren sogar nicht nur nach Fachgebiet oder Genre, sondern auch noch alphabetisch sortiert, genauso die DVDs. Alles hatte seine Ordnung. Das Bett war gemacht worden, auf dem Schreibtisch lag nicht einmal ein Stift schief. Sogar die Sporttasche befand bereits in der Lücke zwischen Kleiderschrank und Raumecke.
Obwohl das alles vollkommen anders war als seine eigenen chaotischen Vier Wände, fühlte Sting sich sofort pudelwohl. Summend stellte er seinen Geigenkoffer neben dem Bett ab und ging hinüber zum Schreibtisch, vor dem bereits ein zweiter Stuhl neben dem Bürostuhl stand. Den musste Rogue heute vor dem Aufbruch zum Kendo-Training noch dort bereit gestellt haben. Sowieso war er wie immer bestens vorbereitet. Auf dem Tisch lagen bereits Tafelwerk, Mathebuch, Mathehefter und Taschenrechner. Sogar das Kapitel über Stochastik hatte Rogue im Mathebuch schon aufgeschlagen. Ahnungsvoll zog Sting eine der Schubladen auf – und mit einem breiten Grinsen registrierte er die Tüte mit Gummibärchen. Dass er von Rogue für gute Leistungen quasi wie ein Hund mit Leckerlis belohnt wurde, störte ihn nicht. Hauptsache Gummibärchen!
Er hatte gerade artig die Schublade wieder geschlossen – Rogue würde es definitiv merken, wenn Sting die Tüte auch nur anrühren sollte! –, als die Zimmertür geöffnet wurde. Es war allerdings nicht Rogue, der da herein kam, sondern Juliet. Die Blondine schlenkerte schrecklich schief trällernd mit ihrer Handtasche und sah sich suchend im Raum um.
„Ah, hallo, Sting“, säuselte sie. „Ist Rogue noch nicht fertig? Frau Cheney meinte, er würde duschen.“
„Er ist erst vor zwei Minuten ins Bad“, murmelte Sting und hielt sich gar nicht erst an einer Begrüßung auf.
Es erfüllte ihn mit einer gewissen Genugtuung, dass Grandine der Freundin ihres Sohnes immer noch nicht das Du angeboten hatte. Das war allerdings auch das einzige Anzeichen dafür, dass die Kinderärztin mit Rogues Wahl nicht einverstanden war. Ansonsten hielt sie sich da raus. Als Sting seine eigenen Väter mal darauf angesprochen hatte, hatten die einvernehmlich darüber gesprochen, dass man als Elternteil die Kinder manche Erfahrungen einfach machen lassen musste, auch wenn man schon wusste, dass sie diese nicht in guter Erinnerung behalten würden. Sting hoffte, dass Rogue sich endlich damit beeilte. Juliet war kaum noch zu ertragen.
Vor allem ihr Kichern, das sie auch jetzt hören ließ. „Und da sag’ mal einer, Männer würden sich nicht um Körperhygiene kümmern…“
„Was willst du eigentlich hier?“, fragte Sting und ignorierte die Tatsache, wie unhöflich er damit war. Auf den dummen Kommentar ging er gar nicht erst ein. „Rogue hat heute keine Zeit für dich.“
„Ach, so lange kann das mit der Mathenachhilfe doch gar nicht dauern“, erwiderte Juliet und machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe sie schon wieder so eklig kicherte. „Und ich dachte, ich könnte heute hier übernachten.“
Sting erschauderte. Eigentlich war der Spruch platt, aber er musste an Minervas Aussage denken, laut der Juliet die Art Mädchen war, die beinahe jeden Mann über kurz oder lang in die Homosexualität treiben könnte. Wenn solche Sprüche von Minerva kamen, machte Sting sich nichts daraus. Bei ihr wusste er, dass sie nie bösartig gemeint waren. Außerdem hatte er sehr wohl von ein paar Situationen gehört, in denen Minerva Leuten, die geglaubt hatten, sich über seine Sexualität das Maul zerreißen zu können, eben jenes auf die besonders garstige Art gestopft hatte.
„Mittlerweile sieht Rogue ja auch wieder gut aus“, trällerte Juliet weiter und ging zum Bett hinüber, um sich dreist darauf nieder zu lassen.
Sting zog die Augenbrauen zusammen. Bei der Prügelei vor anderthalb Wochen hatte Rogue eine Platzwunde an der Lippe davon getragen, aber das war es auch schon gewesen. Wahrscheinlich hätte er mehr abbekommen, wenn Orga nicht zufällig in der Nähe gewesen wäre und die Prügelei schnell beendet hätte. So hatte er zum Glück nur für ein paar Tage ein Pflaster an der Lippe tragen müssen. Was daran dafür gesorgt haben sollte, dass er „nicht gut“ aussah, war Sting schleierhaft. Auch mit zwei blauen Augen hätte Rogue noch viel besser ausgesehen als beinahe jeder andere Mann auf Erden.
Zumindest sah Sting das so und der war bei Männern schon ein wenig wählerisch. Nicht dass er etwas von Rogue wollte – sie waren beste Freunde und nicht mehr, außerdem schwärmte Sting in letzter Zeit heimlich für Rogues Cousin, der ihn jedoch wegen der fast sechs Jahre Altersunterschied kaum beachtete.
„Dann kann er am Wochenende mit mir zur Party des Fußballclubs gehen.“
Vollends verwirrt drehte Sting sich auf dem Bürostuhl zu Juliet herum. „Warum sollte Rogue zu dieser Party gehen? Er hat mit diesen Fußballtypen nichts zu tun.“
„Das wäre aber seine Chance, die Gerüchte zu beenden“, erwiderte Juliet und verengte die Augen auf einmal zu Schlitzen. „Das heißt, wenn er auch endlich aufhört, sich in der Öffentlichkeit mit dir blicken zu lassen.“
Auf einmal hatte Sting das Gefühl, als würde sich ein eiskalter Klumpen in seinem Inneren ausbreiten. Seine Hände umfassten die Armlehnen fester als nötig und er biss sich auf die Unterlippe.
Ob sie sich darüber in Klaren war, wie hart sie Sting mir ihren Worten getroffen hatte, oder ob es einfach nur ein Glückstreffer war, Juliet fuhr ungerührt fort, ihre Stimme härter als sonst, ihre Augen blitzend. „Ist ja schön für dich, wenn du dir mit deiner Schwulennummer Aufmerksamkeit verschaffst, Sting. Jedem das seine. Aber du hättest dir echt überlegen sollen, was dein Coming Out für Rogues Ruf bedeutet. Die ganze Schule redet davon, dass Rogue für eine Schwuchtel in die Bresche gesprungen ist. Viele glauben sogar, zwischen euch Beiden würde etwas laufen und ich wäre nur Rogues Alibi-Freundin. Ist dir eigentlich klar, wie demütigend das für mich ist?“
Natürlich ging es Juliet bei all dem im Grunde nur um sich selbst. Das war überhaupt nicht verwunderlich. Dennoch hatte sie einen Punkt angesprochen, der Sting seit der Prügelei, über die er nie richtig mit Rogue geredet hatte – Rogues Worten zufolge war es keine große Sache gewesen –, schwer im Magen lag. Nämlich dass seine Entscheidung, seine Sexualität eben nicht zu verstecken, auch Auswirkungen auf seine Freunde hatte.
Als Rogue und die Anderen so entspannt auf sein Coming Out reagiert hatten, hatte er geglaubt, dass ihn an der ganzen Sache nichts mehr erschüttern konnte. Dabei hätte er es nach den Ereignissen vor sechs Jahren eigentlich besser wissen müssen. Die Leute zogen bei so etwas anscheinend gerne auch Personen mit hinein, die streng genommen nichts damit zu tun hatte.
Wie Sting seinen Sandkastenfreund kannte, war es dem herzlich egal, ob man ihn für schwul hielt, und speziell darum machte Sting sich auch keine Gedanken. Was ihm jedoch so zusetzte, war die Vorstellung, was das alles mit sich brachte. Wie viele Anfeindungen würde Rogue sich anhören müssen und das einzig und allein deshalb, weil er zu Sting gestanden hatte? Ob Yukino, Minerva und die Anderen sich so etwas auch bald anhören mussten? Bei der Vorstellung wurde Sting beinahe schlecht.
„Wenn du ein echter Freund bist, solltest du dich von Rogue fernhalten, Sting“, fuhr Juliet nun beinahe zischelnd fort. „Ansonsten ruinierst du noch unser Leben.“
„Sting ruiniert gar nichts.“
Überrascht drehte Sting sich zur Tür herum. Mit einem Handtuch um den Schultern und noch feuchten Haaren stand Rogue da, die roten Augen gefährlich glühend auf Juliet gerichtet. Die sprang abrupt vom Bett und eilte zur Tür, um Rogue die Arme um den Hals zu schlingen.
Bevor sie ihm auch nur nahe kommen konnte, machte Rogue einen Schritt zur Seite und ging einfach an Juliet vorbei zum Bett. Wortlos hob er Juliets Handtasche auf und ging damit zurück zu der Blondine, um ihr die Tasche in die Hände zu drücken.
„Du weißt, wo die Tür ist. Verschwinde.“
„W-was?!“, rief Juliet schrill aus, die Augen weit aufgerissen. „Rogue, was soll das heißen?!“
„Das soll heißen, dass jemand, der so über Sting spricht, nichts in diesem Haus verloren hat“, erwiderte Rogue. Seine tiefe Stimme war ein bedrohliches Grollen, wie Sting es noch nie zuvor gehört hatte. Er bekam davon eine richtige Gänsehaut.
„Machst du etwa mit mir Schluss?!“
„War das eben nicht deutlich genug? Verschwinde!“
„Weißt du eigentlich, was du da tust?! Alle Welt wird denken, dass du Stings Stecher bist! Damit ruinierst du dir alles!“
„Die Schule ist wohl kaum alle Welt und selbst wenn, ist mir das herzlich egal. Verschwinde und lass’ meine Freunde und mich in Ruhe.“
Für einige Sekunden stand Juliet noch vollkommen ungläubig da, die Augen übertrieben weit aufgerissen, die Lippen geöffnet, die Hände um den Riemen ihrer Handtasche gekrallt. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rauschte hoch erhobenen Hauptes zur Tür. „Das wirst du noch bereuen, Rogue, das schwöre ich dir!“, keifte sie noch, dann knallte sie die Tür hinter sich zu.
In der darauffolgenden Minute konnte Sting hören, wie Juliet die Treppe runtertrampelte und schließlich die Haustür zuknallte. Hoffentlich war dabei nichts zu Bruch gegangen.
„Das war schon längst überfällig“, seufzte Rogue schließlich in die Stille hinein und kam zum Tisch herüber, um sich auf dem Stuhl neben Sting nieder zu lassen. „Tut mir Leid, dass du dir diesen Mist anhören musstest. Wollen wir loslegen?“
Statt zu antworten, musterte Sting das Gesicht seines Freundes. Nun, da Juliet verschwunden war, wirkte Rogue wieder entspannter, ja, sogar erleichtert. Dennoch wurde Sting von Zweifeln geplagt.
„Bist du dir dabei sicher?“, fragte er vorsichtig.
„Wobei? Bei der Trennung? Darüber habe ich schon eine Weile nachgedacht, aber bisher habe ich noch geglaubt, es vielleicht weniger melodramatisch über die Bühne zu kriegen“, antwortete Rogue mit einem humorlosen Lächeln.
Sting war nicht nach Lächeln zumute. „Was ist, wenn sie Recht hat? Was ist, wenn du es irgendwann bereuen wirst?“
Dieses Mal ließ Rogue sich Zeit mit seiner Antwort. Er blickte Sting direkt in die Augen. Seine eigenen waren vollkommen ruhig und dennoch wirkte ihr Blick unglaublich intensiv. Je länger sie Sting ansahen, desto ruhiger fühlte er sich. Seine Gedankenwogen glätteten sich wieder und das Übelkeitsgefühl verflüchtigte sich langsam.
„Werde ich nicht“, sagte Rogue schließlich, ehe er die Hand hob und Sting gegen die Stirn schnippte. „Und jetzt zerbrich dir nicht mehr den Kopf darüber, sondern kümmere dich um Mathe. Wir müssen dich schließlich ins nächste Schuljahr kriegen.“
Sofort sprang Sting darauf an. Er drückte sich eine Hand auf die Stirn und jammerte filmreif. „Rooooogue! So schlecht bin ich schon lange nicht mehr!“
Zur Antwort schnaubte Rogue nur und deutete auf die erste Aufgabe im Mathebuch. „Beweise es mir!“
---Pläne---
Einer der deutlichsten Gegensätze zwischen Rogue und seinem Sandkastenfreund war eindeutig der Zustand ihrer jeweiligen Zimmer. Wie oft er Weißlogia bereits hatte sagen hören, Sting sollte sich bei seinem Zimmer doch endlich einmal ein Beispiel an Rogues nehmen, konnte er gar nicht mehr zählen. Minerva und Dobengal nannten Stings Zimmer gerne Das Minenfeld – womit sie gar nicht so Unrecht hatten – und Rogues Zimmer war von Gajeel mal als „piekfeine Bibliothek, in der nur noch die Regalbeschriftungen fehlen“ bezeichnet worden.
Dennoch fühlte Rogue sich in Stings Zimmer wohl. Sicherlich, nachdem Sting und Weißlogia in die geräumige Wohnung der Dragneels über dem Dragon’s Nest gezogen waren, hatte Rogue während der ersten paar Übernachtungen seine Schwierigkeiten mit dem Einschlafen gehabt, aber das hatte einfach nur etwas mit der ungewohnten Umgebung zu tun gehabt. Tatsächlich vermutete Rogue sogar, dass ihm das Einschlafen leichter gefallen war, je heimischer Sting sich selbst in seinem neuen Zimmer gefühlt und daher auch selbiges in Unordnung gebracht hatte.
Heute war es Rogue genauso vertraut wie sein eigenes Zimmer. Die vielen kreuz und quer übereinander gepinnten Poster, Eintrittskarten, Fotos und Postkarten an der langen Dachschräge. Der kaum noch als solcher erkennbare Schreibtisch. Die ständig offen stehenden Schranktüren. Der Kleiderhaufen in der Ecke, der sich bei Rogues Ankunft noch auf den Boden verteilt hatte. Und die kleine Kommode, auf der Stings Geigenkoffer stand und in deren Schubladen sich Notenhefte, Ersatzsaiten, Pflegemittel und allerlei anderes Zubehör, sowie einige kleinere Instrumente wie Stings alte Melodica und die Okarina, mit der er letztes Jahr angefangen hatte, befanden – quasi so etwas wie Stings Musik-Schrein und der einzige Ort im Zimmer, der immer ordentlich war.
Das gesamte Zimmer spiegelte im Grunde Stings chaotischen und doch so liebenswerten Charakter wieder. Es hatte so viel über sein Seelenleben, seine Erfahrungen, seine Prioritäten, Vorlieben und Abneigungen zu erzählen, war eine wilde Mischung, die Rogue so vertraut wie nichts anderes war. Diese fortwährende Unordnung war eine Konstante in seinem Leben, die ihn vom Sandkastenalter an irgendwie immer zu beruhigen vermocht hatte. In diesem Zimmer klärten sich nur allzu oft Rogues mitunter völlig verschlungene Gedanken. Hier konnte er durchatmen, sich entspannen, Zweifel abschütteln, Kraft schöpfen.
Vielleicht war er deshalb in letzter Zeit wieder häufiger hier. Denn seit er vor einem Monat mit seinen Freunden das neue Jahr begrüßt hatte, hatte er das Gefühl, als würde die Zeit viel schneller als noch letztes Jahr vergehen. Das erste Schulhalbjahr war so gut wie vorbei und im zweiten würde der Prüfungsdruck quasi durch die Decke gehen.
Eigentlich hatte Rogue wenig zu befürchten. Sein Durchschnitt war tadellos, die Probeprüfungen waren ihm gut von der Hand gegangen und seit Anfang des Schuljahres trafen er und Minerva sich dreimal in der Woche zum Lernen – da sie Beide vorhatten, Jura zu studieren, hatten sie dasselbe Arbeitspensum.
Dennoch wurde ihm beim Gedanken an das Bevorstehende immer wieder flau im Magen. Immer wieder erwischte er sich bei der Frage, was er machen sollte, wenn er aller Bemühungen zum Trotz an keiner Uni angenommen wurde. Immerhin war der Andrang auf die wenigen Studienplätze für Jura groß. Mittlerweile wurde im Grunde an allen Universitäten ein perfekter Durchschnitt erwartet – plus Praktika, plus Zusatzqualifikationen…
„Rogue… du bist noch wach, oder?“
Überrascht wandte Rogue den Blick vom Dachfenster ab und dem Bett zu, auf welchem Sting sich aufgerichtet hatte. Sie hatten Neumond, deshalb war nicht mehr als Stings ungefähre Gestalt zu erkennen, aber sein Tonfall verriet Rogue genug über seine momentane Mimik. Er hatte die Stirn gerunzelt und die Lippen geschürzt.
Wenn er das tat, bog sich die frische Narbe an seiner rechten Augenbraue immer etwas, Rogue hatte es ganz deutlich vor Augen, dabei hatte Sting die Narbe erst seit dem einen Ausflug zum See im letzten Sommer, als er unglücklich vom eigentlich abgesperrten Steg gefallen war. Damals hatte Yukino wie ein Rohrspatz auf Stings Leichtsinn geschimpft – womit sie Rogue im Grunde aus der Seele gesprochen hatte, er hatte nämlich damals auch einen Riesenschreck bekommen. Mittlerweile gehörte diese Narbe genauso zu Sting wie der Anhänger am linken Ohr, den er sich vorletztes Jahr zugelegt hatte. Rogue konnte sich seinen besten Freund kaum noch ohne diese Narbe vorstellen.
Langsam richtete er sich auf seiner Gästematratze auf und drehte sich dem Bett zu. „Du bist auch wach. Hast du schon wieder Cola aus dem Nest entwendet?“
Zur Antwort schnaufte Sting empört. „Das klingt, als wäre ich ein Krimineller!“
„Na ja, rein faktisch ist es Diebstahl, wenn du es außerhalb deiner Schichten tust. Die Freigetränke gelten nur für deine Arbeitszeit.“
„Ja ja, Herr Anwalt, verklag’ mich doch.“
„Wo kein Kläger, da kein Beklagter. Du kannst froh sein, dass Igneel so nachsichtig ist.“
„Er kann ja wohl schlecht seinen Sohn wegen einer Flasche Cola anklagen – die ich heute übrigens nicht angerührt habe. Ich hatte wirklich vor, heute zu einer normalen Uhrzeit zu schlafen. Und ich dachte, du hättest das auch vor.“
„Dann scheinen wir ja heute etwas gemeinsam zu haben“, stellte Rogue trocken fest.
Im Dunkeln erkannte er vage, wie Sting den Kopf schräg legte. „Sieht ganz so aus…“
Seufzend drehte Rogue sich so, dass er sich mit dem Rücken gegen Stings Bett lehnen und durch das Fenster zum Nachthimmel hochblicken konnte. Kurz darauf saß Sting so dicht neben ihm, dass ihre Schultern einander berührten. Es hatte irgendwie etwas Beruhigendes, ihm so nahe zu sein.
Im normalen Alltag taten sie das nicht. Rogue hatte den Verdacht, dass es auch daran lag, was man auch jetzt noch an der Schule über sie Beide erzählte, obwohl das mit Juliet nun schon fast drei Jahre zurück lag. Aber er sprach es nicht an. Wie sollte er denn auch erklären, dass er es gern hatte, wenn er Stings Geruch und Wärme wahrnehmen konnte?
„Ich will Musik studieren“, durchbrach Sting das Schweigen schließlich. „An der Domus Flau Akademie.“
Das war ein hochgestecktes Ziel. Rogue hatte seinen besten Freund mehrere Male zu Konzerten in Crocus begleitet, er wusste, dass die Domus Flau Akademie an das namengebende antike Theater angeschlossen war, in welchem die besten Orchester- und Solokünstler von ganz Fiore auftraten. Sogar außerhalb von Fiore waren die Musiker, die dort auftraten, weithin bekannt. Wahrscheinlich gab es jedes Jahr hunderte von Bewerbern für die wenigen Plätze in der Akademie und dementsprechend hoch wurden die Anforderungen im Auswahlverfahren sicherlich gesetzt.
Allerdings wusste Rogue auch, dass Sting außergewöhnlich talentiert hatte. Solange er sich erinnern konnte, hatte Sting schon immer auf dem Klavier seines Vaters herumgeklimpert. Die Violine war irgendwann um ihre Einschulung herum mit dazu gekommen und daneben hatte Sting sich aus reinem Spaß an einigen kleineren Instrumenten ausprobiert. Er besaß ein wahnsinnig gutes Gespür für die Töne und Rhythmen und vor allem liebte er die Musik so sehr wie nichts anderes auf der Welt. Wenn jemand die irrsinnig hohen Standards der Domus Flau Akademie erfüllen konnte, dann war das Sting.
„Was spricht dagegen?“, fragte Rogue leise, ohne den Blick vom Nachthimmel abzuwenden.
Sting schnaubte leise. „Du meinst, abgesehen von den super krassen Eingangsprüfungen?“
„Genau, abgesehen davon“, erwiderte er ruhig und drehte sich nun doch Sting zu.
Nun, da sie einander so nahe waren, konnte er mehr vom Gesicht des Anderen erahnen. Die vom Gel befreiten Haare hingen ihm in die Augen, die unter den spärlichen Lichtbedingungen so dunkel wie der sternenlose Nachthimmel wirkten und für Rogue unleserlich blieben.
„Ich müsste dafür aus Magnolia fort“, murmelte Sting schließlich und senkte den Blick auf seine Hände.
„Oh…“
Es fiel Rogue wie Schuppen von den Augen. Die ganze Zeit hatte er sich so viele Gedanken um die Prüfungen gemacht, hatte sich auf den Seiten von diversen Universitäten mit deren jeweiligen Bewerbungsverfahren vertraut gemacht, hatte sogar schon recherchiert, was er machen konnte und wollte, wenn er an keiner Universität zugelassen wurde – und irgendwie hatte immer etwas an ihm genagt. So ein penetranter Gedanke, dass er irgendetwas vergessen hatte.
„Das ist eine komische Reaktion“, sagte Sting und stieß Rogue mit dem Ellenbogen an. Seine gespielte Flunschmiene stand Rogue nur allzu leicht vor Augen. „Heißt das, du bist froh, wenn ich weg bin?“
„Ganz genau das“, erwiderte Rogue übertrieben sarkastisch und verdrehte die Augen, ehe er einen ernsthaften Tonfall anschlug. „Nein, mir ist nur gerade klar geworden, dass ich auch aus Magnolia fort muss. In Hargeon haben sie keine Juristische Fakultät.“
„Oh…“ Sting klang so betroffen, als hätte Rogue ihm gesagt, dass er ans andere Ende der Welt musste. „Und Minerva…“
„Wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um an die beste Juristische Fakultät des Landes zu kommen. Crocus also. Glück für dich, Minerva kann dich weiterhin mit Süßkram versorgen, wenn ihr beide in Crocus studiert.“
Schon wieder stieß Stings Ellenbogen in seine Rippen und er konnte sich ein amüsiertes Schnauben nicht verkneifen.
„Du bist so gemein, Rogue! Mach’ nur weiter so, dann rede ich nie wieder mit dir!“
„Das hältst du ja doch nicht aus“, erwiderte er so trocken wie möglich.
Ein frustriertes „Hmpf!“ verriet ihm, dass er mit seinen Worten Recht hatte. Sting konnte sich wunderbar über alles Mögliche aufregen, hatte einen kleinen Hang zur Theatralik – wenn auch nicht einmal ansatzweise so schlimm wie seine Cousine Lucy –, aber letztendlich war er viel zu friedliebend, um jemandem, der ihm wichtig war, lange zu grollen.
Seufzend legte Rogue den Kopf in den Nacken und starrte zu dem hoch, was er von den Postern an der Dachschräge erkennen konnte. „Das heißt, dass wir uns weit verstreuen werden…“
„Leider“, murmelte Sting betrübt. „Dob will hier bleiben und an die Polizeiakademie gehen.“
„Er will sicher bei Flare bleiben“, mutmaßte Rogue.
Der Braunhaarige würde es wahrscheinlich nie zugeben, aber die frische Beziehung mit Stings angeheirateter Cousine Flare war ganz offensichtlich etwas sehr Ernstes für ihn. Und da Flare in Magnolia bleiben und eine Ausbildung zur Friseuse machen wollte, sobald sie nächstes Jahr ihren Schulabschluss hatte, war es für Dobengal wohl nur logisch gewesen, in Magnolia zu bleiben.
„Orga, Lisley und Yukino wollen in Hargeon studieren, also können sie hier in Magnolia wohnen bleiben“, fuhr Sting mit einem schweren Seufzer fort.
„Und Rufus geht mit Kagura nach Margaret“, endete Rogue leise.
Diese Entscheidungen waren vollkommen logisch. Das Lehramtsprogramm an der Universität von Hargeon war hoch angesehen, dort konnten Orga, Lisley und Yukino ihre Ziele am besten verfolgen und die Stadt war nur eine Stunde mit der Regionalbahn entfernt, die angenehmerweise in einem relativ zuverlässigen Stundentakt fuhr. Außerdem hatte Rogue in Verdacht, dass Yukino in Natsus Nähe bleiben wollte, auch wenn der immer noch blind für ihre Gefühle war und sie sich nach wie vor nicht traute, ihm gegenüber etwas anzudeuten. Und für Rufus’ Ziel, ans Theater zu gehen, war die Fachhochschule für Darstellende Künste in Margaret nun einmal die beste Wahl. Da Kagura mit Rufus zusammen bleiben wollte, wollte sie sich an der Polizeiakademie in Margaret bewerben.
Das alles hieß nicht zwangsläufig, dass ihre Freundschaft auseinander brechen würde. Tatsächlich bezweifelte Rogue das sogar. Sie kannten einander alle schon viel zu lange und hatten viel zu viel miteinander erlebt, um sich von einigen Bahnstunden Entfernung ins Bockshorn jagen zu lassen. Dennoch würde es Rogue fehlen, jeden Tag die vertrauten Gesichter seiner Freunde zu sehen.
„Und du?“
Rogue drehte den Kopf, um Sting sehen zu können, der sich ihm ebenfalls wieder zugewandt hatte. „Ich?“
„Gehst du auch nach Crocus, um mit Minerva an der Juristischen Fakultät zu studieren?“ Aus irgendeinem Grund klang Stings Stimme auf einmal hoffnungsvoll.
„Das weiß ich noch nicht“, antwortete Rogue langsam und richtete den Blick wieder auf die Dachschräge. „Ich werde mich an allen Juristischen Fakultäten bewerben, die gut sind, in der Hoffnung, irgendwo zugelassen zu werden.“
Dieses Mal kam der Rippenstoß überraschend und warf Rogue auf die Seite. Bevor er sich bei seinem Freund darüber beschweren konnte, kauerte dieser über ihm und zerzauste seine Haare. „So etwas will ich gar nicht hören, Rogue! Die werden dich allesamt mit Kusshand nehmen, auch die Uni in Crocus!“
„Du übertreibst“, protestierte Rogue und versuchte, sich aufzurichten, aber Sting bewegte sich nicht von der Stelle.
„Tue ich nicht!“, erwiderte Sting energisch und tippte gegen Rogues Stirn. „Du bist verdammt gut, Rogue, mindestens genauso gut wie Minerva. Ihr werdet es Beide nach Crocus schaffen!“
Eigentlich wollte er Protest erheben, wollte darauf aufmerksam machen, dass sich beinahe jeder Schulabgänger, der mit Jura als Studienfach liebäugelte, zuallererst in Crocus bewerben würde, dass er nicht so viele Praktika wie Minerva in seinem Lebenslauf hatte, dass seine Erfolge bei den Jugend-Kendo-Meisterschaften letztes Jahr keine Zusatzqualifikation waren und dass ja überhaupt erst noch die Abschlussprüfungen geschrieben werden mussten. Aber Sting hielt ihm den Mund zu und bei seinen nächsten Worten klang er unverhohlen aufgeregt.
„Wenn du in Crocus studierst, können wir uns dort regelmäßig treffen! Wir könnten sogar schauen, ob wir eine gemeinsame Wohnung finden. Eine WG ist für uns Beide doch viel besser. In einem Studentenwohnheim wirst du doch garantiert kirre.“
Schon wieder war Sting Rogue gleich mehrere Schritte voraus. Daran, wo er dann wohnen würde, sollte er es tatsächlich an die Universität von Crocus schaffen, hatte er noch gar nicht gedacht. Dabei war Stings Vorschlag im Grunde offensichtlich. Die Universität und die Akademie lagen Beide in Crocus’ Altstadt. Zu zweit und mit der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern – und später vielleicht auch Nebenjobs – konnten sie sich eine Wohnung leisten. Denn Sting hatte natürlich Recht: Ein Studentenwohnheim war definitiv nichts für Rogue. Schon die Jugendherbergen bei Klassenfahrten waren für ihn immer ein Graus gewesen und er konnte sich nicht vorstellen, dass Studentenwohnheime besser waren.
Vor allem aber hieße es, dass Rogue weiterhin den Kontakt zu Sting pflegen konnte. Seinem besten Freund und engsten Vertrauten, seine Konstante im Leben…
„Also?“, fragte Sting. Er hibbelte mit den Knien und Rogue war sich sicher, dass er von Ohr zu Ohr grinste. „Dann wären wir auch nicht so alleine in Crocus. Ansonsten kenne ich da ja nur Natsus Cousin Zeref, aber der hat seinen Job und ist vor kurzem Vater geworden und ich weiß auch nie, was ich mit dem reden soll. Und seien wir mal ehrlich, mit Minerva in eine WG zu ziehen, ist keine Option für dich. Die würde dich entweder mästen oder in den Wahnsinn treiben. Unter Garantie sucht die sich etwas Eigenes mit super moderner Küche. Besuchen könnten wir sie ganz oft, dann müssten wir nicht so viel selber kochen. Wenn wir zusammen wohnen, können wir auch gemeinsam joggen gehen. Ich verspreche auch, nur mein eigenes Zimmer zu zumüllen und ich-“
Augenrollend zog Rogue die Hand von seinem Mund und schnipste Sting gegen die Stirn. Abrupt endete der Redeschwall, aber das Grinsen blieb, da war Rogue sich sicher.
„Falls ich tatsächlich in Crocus zugelassen werden sollte, können wir nach einer gemeinsamen Wohnung suchen.“
„Pah! Das schaffst du mit Links! Und ich auch! Wir kommen Beide nach Crocus, du wirst schon sehen!“
Dieses Mal war es Rogue, der dem Blondschopf den Mund zuhielt, bevor der endgültig überschnappte und in seinem Überschwang völlig vergaß, dass es mitten in der Nacht war. Aber während er seinen besten Freund zischelnd ermahnte, leiser zu sein, konnte er das Lächeln nicht unterdrücken.
Natürlich würde seine Heimatstadt ihm dennoch fehlen. Auch wenn es an der Schule mit all den Idioten nicht immer leicht gewesen war, er war hier aufgewachsen, hier lebte seine Familie, hier hatte er viele Freunde und viele gute Erinnerungen. Irgendwann würde er wohl hierher zurück kommen wollen. Zurück zu seinen Wurzeln.
Aber wenn er Sting bei sich hatte, würde er sicher auch eine Weile ohne seine Wurzeln zurecht kommen.
Auf einmal machte ihm die Zukunft nicht mehr ganz so viel Angst.
---Freude---
WhiteDragon19 Rogue!!!!!!!
RCheney Sting?
WhiteDragon19 Rogue!!!!!!!!!!!!!!!!!
RCheney …
RCheney Sting, ich spiele dieses Spiel nicht -.-
WhiteDragon19 Du bist so ein Spielverderber! .__.
RCheney Ja ja… Was ist denn los?
WhiteDragon19 Ich habe gerade Post von der Akademie gekriegt! Sie nehmen mich! Ich bin drin! Ich werde Musik studieren!!!!
RCheney Gratuliere! Hast du etwa daran gezweifelt?
WhiteDragon19 Natürlich! Die hatten so viele Bewerber und die waren alle sooooooo gut! >__<
RCheney Aber du warst besser. Habe ich dir damals schon gesagt.
WhiteDragon19 >///////////////////////////<
RCheney Soll ich dich zur Feier des Tages zum Essen einladen?
WhiteDragon19 YES!!! Du bist der Beste!!! *////////////////////*
RCheney Das sagst du zu Minerva auch immer, wenn sie dir etwas gebacken hat. Ich erkenne ein Muster.
WhiteDragon19 Fiese Unterstellung! >_<
RCheney Getroffene Hunde bellen.
WhiteDragon19 Dieser getroffene Hund redet gleich nicht mehr mit dir ò.ó
RCheney Dann kann der getroffene Hund mir aber auch nicht mehr sagen, wohin ich ihn einladen soll.
WhiteDragon19 …
WhiteDragon19 Ich HASSE es, wenn du das machst, Rogue! >__<
RCheney Ich habe nicht die geringste Ahnung, was du meinst…
---Einzug---
„Und ihr seid euch wirklich sicher, dass ihr den Rest alleine schafft?“
Mit einer beinahe schon herzerweichenden Mischung aus Fürsorge und Panik stand Yukino im engen Flur der kleinen Wohnung und ließ den Blick über ein Sammelsurium von Umzugskisten und noch nicht aufgebauten Möbeln gleiten, die durch den offenen Türbogen im noch nicht eingerichteten Wohnzimmer zu sehen waren. Es war ein Riesenberg an Arbeit, keine Frage, aber bei Yukinos Gesichtsausdruck könnte man meinen, sie würde kleine Kinder fragen.
Aber Sting beschloss, es seiner Freundin nicht übel zu nehmen. Erstens meinte sie es nur gut und zweitens hatte ihre Panik einen ganz anderen Grund als die Tatsache, dass Sting und Rogue noch längst nicht fertig damit waren, ihre WG einzurichten. Und der stand mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an der Wohnungstür und wartete unbekümmert grinsend auf sie.
„Natürlich schaffen wir das, Yukino“, versicherte Sting eifrig und schlang beruhigend einen Arm um die schmalen Schultern der Weißhaarigen. „Natsu muss heute nach Magnolia zurück fahren, weil er morgen arbeiten muss. Wenn du mit ihm mit fährst, sparst du dir die lange Bahnfahrt, vom Ticketpreis ganz zu schweigen.“
Selbstredend würde Sting seiner Freundin das Ticket bezahlen, wenn sie lieber mit der Bahn zurück fahren wollte, aber das ließ er wohlweislich unerwähnt. Immerhin wollte er, dass Yukino mit Natsu zurück fuhr. Das war vielleicht endlich die Chance, damit Yukino sich traute oder Natsu auch einfach so ein Licht aufging. Beides würde an ein Wunder grenzen, aber man sollte ja die Hoffnung nicht aufgeben.
Denn Sting würde es gefallen, wenn Yukino so richtig offiziell zu seiner Familie gehören würde. Zum einen, weil sie vom Gefühl her sowieso schon so etwas wie eine Schwester für ihn war, und zum anderen, weil er dann sicher wüsste, dass sie nicht so oft alleine wäre. Wegen ihrer Verpflichtung für Auslandseinsätze war Sorano schon seit drei Jahren immer wieder Monate lang weg und sie war alles, was Yukino jetzt noch an Familie hatte, seit ihr gemeinsamer Vater vor vier Jahren an einer viel zu spät entdeckten Leberzirrhose gestorben war. Von der Mutter fehlte ja schon seit langer Zeit jedwede Spur.
„Ihr habt noch so viel zu tun, ich fühle mich schuldig, wenn ich euch damit alleine lasse“, wandte Yukino vorsichtig ein.
„Die wichtigsten Sachen haben wir geschafft“, meldete sich Rogue zu Wort, der am Türrahmen seines eigenen Schlafzimmers lehnte.
Vom kleinen Flur aus gingen vier Türen ab. Vorne links war das winzige Badezimmer, daneben das Wohnzimmer samt Küche. Auf der anderen Seite lagen Rogues und Stings Schlafzimmer. Es war alles ein bisschen klein – vor allem jetzt mit den ganzen Kisten –, aber sowohl die Juristische Fakultät als auch die Akademie waren von hier aus mit Bussen gut zu erreichen und die Miete war erschwinglich. Ein echter Glücksgriff im Grunde.
„Den Rest können wir langsamer angehen, also fahr’ ruhig nach Hause.“
„Also gut“, seufzte Yukino, ehe ihr etwas einfiel und sie sich hastig zu Natsu umdrehte. „Das heißt, wenn es für dich in Ordnung ist, mich mitzunehmen?“
„Na klar, dann ist die Fahrt nicht so langweilig“, lachte Natsu ausgelassen und schlug Yukino auf die Schulter, sodass die Weißhaarige ein wenig in die Knie ging.
Sting rollte mit den Augen. Er war auf dem Gebiet ja auch kein Experte, aber sein Bruder war ein echter Idiot, wenn es um Frauen ging. Kein Wunder, dass das mit Lucy damals nur ein paar Monate gehalten hatte. Der Abenteurer-Charme konnte nicht ewig darüber hinweg täuschen, dass Natsu in vielen Dingen keine Unze Feingefühl hatte. Und gerade Lucy wollte ja am liebsten immer wie eine Prinzessin behandelt werden. Da war sie mit ihrem Loke eindeutig besser beraten. Wahrscheinlich war das mit Natsu damals einfach ein Hormondesaster gewesen, aber zumindest hatten sie es nach einer krampfigen Phase geschafft, doch wieder Freunde zu werden.
Während Rogue sich mit einer freundschaftlichen Umarmung von Yukino verabschiedete, schlug Sting in die Hand seines Stiefbruders ein. „Vielen Dank für deine Hilfe.“
„Klar doch, Brüderchen“, winkte Natsu grinsend ab und nickte Rogue noch mal zu, ehe er die Wohnung verließ.
Das war so typisch für ihn. Übernachtete drei Nächte lang auf einer Luftmatratze inmitten von lauter Möbeln und Umzugskartons und tat es mit einem Lachen ab. Dabei war es schon alleine eine Tortur gewesen, die vielen Kisten und Möbel über eine viel zu enge Treppe bis in den fünften Stock zu kriegen. Bis dahin war noch alles einfach gewesen: Weißlogia und Skiadrum hatten jeder einen Kleintransporter für die Kisten und neu angeschafften Möbel ihrer Söhne besorgt. Natsu hatte sein eigenes Auto mit Helfern vollgepackt und so waren sie in einer kleinen Kolonne nach Crocus gefahren.
Nachdem sie es endlich vollbracht hatten, alles in die Wohnung hoch zu kriegen, hatten Stings und Rogues Väter wieder zurück fahren müssen, um die Kleintransporter wieder abzugeben – ansonsten hätten sie für den Folgetag noch mal Miete zahlen müssen. Gajeel, Orga und Dobengal waren an dem Tag mit ihnen zurück nach Magnolia gefahren, aber Natsu und Yukino waren länger geblieben, um noch bei einigen Renovierungsarbeiten zu helfen.
Dass die notwendig sein würden, war bei der Besichtigung noch nicht zu erkennen gewesen. Der vorherige Mieter hatte sich da um einiges gedrückt, wozu er eigentlich verpflichtet gewesen war. Deswegen würde Skiadrum ihnen noch helfen, den Vormieter zur Kasse zu bitten, aber auf den Spachtel- und Malerarbeiten waren sie nun erst einmal selbst sitzen geblieben. Da war die zusätzliche Hilfe durch Yukino und Natsu wirklich Gold wert gewesen.
Bis er wieder für einen Besuch nach Magnolia fahren konnte, musste Sting sich unbedingt noch etwas einfallen lassen, wie er sich bei allen Helfern ordentlich revanchieren konnte.
Mit einer festen Umarmung verabschiedete er sich von Yukino. Für einen Moment fühlte er sich richtig wehmütig. Natürlich würden seine Familie und seine anderen Freunde ihm auch fehlen, aber neben Rogue war Yukino nun einmal der Mensch, dem er am meisten vertraute. Er würde sie schmerzlich vermissen!
„Trau’ dich endlich mal, Natsu beißt nicht“, flüsterte er ihr noch ins Ohr, um nicht noch irgendetwas mega Sentimentales von sich zu geben.
Grinsend drehte er die auf einmal hochrote Freundin an den Schultern herum und führte sie noch bis zur Tür. Stocksteif ging sie die Treppen runter. Sting konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Nach fünf Jahren des Schwärmens sollte man meinen, sie hätte es besser im Griff, aber sie war noch genauso lustig wie damals.
„Du bist der schlimmste Freund aller Zeiten“, stellte Rogue trocken fest und zog Sting am Shirt in die Wohnung zurück, um die Tür schließen zu können.
„Gar nicht wahr! Ich will Yukino doch nur helfen!“, ereiferte Sting sich und folgte seinem frisch gebackenem Mitbewohner ins Wohnzimmer, wo sie die Tür zu ihrem winzigen Balkon öffneten, um Natsu und Yukino draußen noch mal winken zu können.
Es dauerte nicht lange, bis die Beiden auf der Straße auftauchten. Selbst aus der Entfernung sah Yukinos Gesicht noch immer rot aus, aber Natsu schien das nicht aufzufallen. Konnte man wirklich dermaßen blind sein?
Enthusiastisch winkte Sting den Beiden noch zu, bis sie in Natsus Auto gestiegen waren, dann ließ er die Hand sinken. „Das war’s dann also“, stellte er ernüchtert fest.
„Genau, jetzt musst du dich mit mir begnügen“, sagte Rogue trocken.
„Gah! So meinte ich das nicht!“, rief Sting und riss empört die Arme hoch.
Zu spät ging ihm auf, dass Rogue ihn nur aufzog, und er zog einen Flunsch, aber sein Freund ging ungerührt zurück in die Wohnung und hinüber zur Wohnküche, die bereits ganz gut ausgestattet war. Nur der Esstisch musste noch aufgebaut werden und wahrscheinlich fehlten ihnen noch lauter Kleinigkeiten, aber fürs Erste waren sie gut versorgt. Es gab sogar noch ein paar von den Leckereien, die Minerva ihnen beim Abschied in die Hand gedrückt hatte. Beim Umzug hatte sie nicht helfen können, weil ihr eigener einen Tag später vonstatten gegangen war. Natürlich hatte sie sich dabei einfach ein Umzugsunternehmen vom Geld ihres Vaters geleistet, für irgendetwas musste der ja auch mal gut sein.
„Ich meinte doch nur, dass für uns jetzt wirklich und wahrhaftig das Studentenleben anfängt! Das ist doch schon irgendwie krass, oder?“
„Stimmt“, murmelte Rogue und holte eine Dose mit dem Nudelsalat seiner Mutter aus dem Kühlschrank, sowie zwei Gabeln aus dem Schubfach. Er stellte die Dose auf die taktisch übereinander gestapelten Kisten, die momentan als Tisch dienten, und setzte sich auf einen der daneben aufgestellten Stühle, ehe er Sting eine der Gabeln anbot. „Aber wir kriegen das schon hin. Immerhin haben wir lange genug darauf hingearbeitet. Und die Anderen werden wir besuchen können. Sie sind ja nicht aus der Welt.“
Dankend nahm Sting die Gabel an und tat sich an Grandines Meisterwerk gütlich. Klar, eigentlich war Nudelsalat keine große Kunst, aber irgendwie bekam sie es immer hin, dass er besonders schmeckte. Dabei kannte Sting ihr Rezept – für Grillpartys und dergleichen im Garten der Cheneys hatte er oft genug auch mal an ihrer Seite in der Küche ausgeholfen –, aber er bekam den Nudelsalat nie so gut wie sie hin.
Schweigend leerten sie die Dose und machten sich danach wieder an die Arbeit. Sie halfen einander beim Aufbau der Möbel in ihren Zimmern – die hatten jetzt natürlich erst einmal Priorität, um das Wohnzimmer konnten sie sich auch später noch kümmern – und schleppten die ersten Kisten in die Zimmer, um sie zu leeren.
Es war merkwürdig befriedigend, so einvernehmlich mit Rogue zu arbeiten. Sting hatte wirklich ein gutes Gefühl, was das Zusammenleben mit Rogue betraf. Trotz des Ärgers mit den Renovierungsmängeln mochte er die Wohnung immer noch und es war beruhigend, inmitten des riesigen Crocus seinen besten Freund an der Seite zu haben.
Auch wenn sie einander bei ihren jeweiligen Studienfächern überhaupt nicht helfen konnten, gemeinsam würden sie die nächsten mindestens fünf Jahre schon meistern. Daran gab es absolut nichts zu rütteln!
---Fehler---
Sie hatten Scheiße gebaut. So richtig, richtig üble Scheiße.
Fassungslos lag Rogue in seinem Bett und starrte zur Decke hoch. Sein Atem ging schwer und sein Körper war von einem Schweißfilm überzogen und wahrscheinlich war er noch weit davon entfernt, tatsächlich wieder nüchtern zu sein, aber er fühlte sich hellwach, beinahe schon zu wach.
Überdeutlich war er sich des erhitzten Körpers neben ihm bewusst, hörte dessen keuchende Atemzüge, roch dessen Schweiß. Sein eigener Körper kribbelte unter längst vergangenen Berührungen, spürte noch raue Fingerspitzen, die über seine Schultern und Rippen fuhren, erschauderte unter Fingernägeln, die sich in seine Schulterblätter gruben. Ein harter Griff an seiner Kehrseite und… Hitze in seiner Lendengegend…
Schwer schluckend legte Rogue sich einen Arm übers Gesicht.
Er hatte schon Sex gehabt. Mehrmals. Diese Sinnesreize waren in der Theorie nichts Neues für ihn. Nicht einmal ein Blowjob war ihm fremd, auch wenn er genau das bisher nur selten zugelassen hatte.
Aber noch nie hatte der Sex derartig nachgehallt! Kein einziges Mal hatte er sich so tief berührt gefühlt.
Und vor allem hatte er noch nie mit seinem besten Freund geschlafen…
Als es neben ihm raschelte, drehte Rogue den Kopf, ohne seinen Arm weg zu ziehen. Schwer schluckend beobachtete er, wie Sting mit steifen Fingern nach seiner Boxershorts griff, die im Eifer des Gefechts auf Rogues Nachttisch gelandet war. Quälend langsam kam es Rogue vor, als sein Freund in das Kleidungsstück stieg und dann aufstand, um es sich über den Hintern zu ziehen. Für einen Moment konnte Rogue die Male sehen, die er auf Stings Oberschenkeln ganz in der Nähe des Intimbereichs hinterlassen hatte.
Was hatte ihn dabei bloß geritten?
Auch wenn er auf der Studentenparty mehr getrunken hatte, als vernünftig war, er war noch genug bei Sinnen gewesen, um mit Sting zurück zur WG zu finden. Aber irgendwo auf dem Weg vom Studentenkeller bis hierher hatte sich bei ihnen Beiden anscheinend ein Schalter umgelegt.
Rogue biss sich auf die Unterlippe, während er darüber nachdachte, ob er irgendetwas sagen sollte. Es hatte sich gut angefühlt. Mehr als das. So berauschend war Sex selten zuvor für ihn gewesen und das hatte eher wenig damit zu tun, dass dies sein Erstes Mal mit einem Mann gewesen war. In dem Moment, als er Sting geküsst und berührt und schließlich aufs Bett gedrückt hatte, hatte es sich einfach gut und… richtig angefühlt.
Aber jetzt?
Ein Teil von Rogue wünschte sich, es ungeschehen machen zu können.
Bisher hatte es nie ein gutes Ende genommen, wenn er mit jemandem Sex gehabt hatte. Er war einfach kein Beziehungsmensch. Und damit hatte er auch immer leben können. Es hatte ihn nie viel ausgemacht, wenn wieder eine Beziehung in die Brüche gegangen war.
Wenn allerdings seine Freundschaft mit Sting in die Brüche gehen würde, würde ihm das sehr wohl etwas ausmachen.
„Rogue…“
Stings Stimme war heiser und obwohl er über seine Schulter blickte, schaffte er es nicht, Rogue direkt anzusehen. Hilflos rang er die Hände, strich sich durch die Haare. Schließlich räusperte er sich.
„Können wir… einfach Freunde bleiben?“
Obwohl das genau das war, was er auch wollte, verspürte Rogue ein merkwürdig hohles Gefühl in der Brust. Als wäre ihm gerade etwas weg genommen worden.
Wie albern.
„Okay“, krächzte er und nahm endlich den Arm vom Gesicht. „Es war nur… ein Ausrutscher.“
„Genau... Ein Ausrutscher“, echote Sting, aber Rogue bildete sich ein, dass er nicht besonders überzeugt klang.
Dennoch stand Sting auf, klaubte seine restlichen Klamotten vom Boden und verließ das Zimmer.
Stöhnend legte Rogue sich wieder den Arm übers Gesicht.
Was hatte er da bloß angerichtet…?
Part II Liebe
---Angst---
Als Sting die Wohnung betrat, war alles dunkel. Auch in Rogues Zimmer brannte kein Licht mehr – ein eindeutiges Zeichen dafür, wie spät es schon war, wenn sogar Rogue, die Nachteule, schon schlief. Nicht dass es einen Unterschied gemacht hätte, ob er schlief oder wach war…
Schwer schluckend strich Sting sich über das Gesicht und wünschte sich, er könnte wieder ganz normal mit seinem besten Freund reden. Das hatte er sich die letzten vier Wochen bereits sehr oft gewünscht, aber hier und jetzt hätte er das dringend gebraucht. Er fühlte sich, als würde ihm die Luft abgeschnürt werden, und er war völlig allein.
Zitternd zog Sting sein Handy und suchte nach der Nummer seines Vaters. Es war egal, dass er eigentlich schon erwachsen und von Zuhause ausgezogen war – jetzt gerade fühlte er sich so hilflos wie ein kleines Kind. Nur dass ein kleines Kind sich nicht in eine derartige Scheiße reiten würde, wie er es getan hatte.
Würden seine Väter enttäuscht sein? Würden sie ihm Vorwürfe machen?
Nein, wahrscheinlich würden sie trotz nachtschlafender Stunde sofort ins Auto steigen und quer durch Fiore fahren. Solche Väter waren Igneel und Weißlogia, das wusste Sting selbst in seinem benommenen Zustand.
Aber wollte er ihnen wirklich diesen Stress zumuten? Es war ja nicht so, als würde es irgendetwas ändern, wenn er sie erst morgen früh oder in einer Woche oder in einem Monat anrufen würde. Das Kind war so oder so schon in den Brunnen gefallen. Hier ging es eigentlich nur darum, dass Sting nicht alleine sein wollte mit dieser alles zernagenden Angst.
Stings Augen begannen zu brennen und er war drauf und dran, seinen Vater anzurufen, als-
„Sting?“
Sting fuhr so heftig zusammen vor Schreck, dass er sein Handy fallen ließ. Keuchend ging er in die Hocke und tastete im Dunkeln danach.
Obwohl er sich gerade eben noch gewünscht hatte, er könnte mit Rogue darüber sprechen, wurde ihm jetzt beinahe schlecht bei der Vorstellung, ausgerechnet ihm davon zu erzählen, was er angestellt hatte. Würde Rogue ihn dafür verurteilen? Wäre das der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen würde? Der Todesstoß für ihre Freundschaft?
Der Gedanke war so furchtbar, dass Sting endgültig die Tränen kamen. Erstickt schluchzend tastete er ohne Sinn und Verstand nach seinem Handy und mied jeden Blick in Rogues Richtung.
Das Klicken des Lichtschalters erklang. Gleißend helles Licht erfüllte den Flur und ließ Sting schon wieder zusammenzucken. Hastig schlug er sich die Hände vors Gesicht, aber er schaffte es nicht, seine Schluchzer zu unterdrücken. Sein ganzer Körper schlotterte vor Angst und Scham.
„Sting, was ist passiert?“
Rogues Stimme war ganz sanft, als wollte er ein verschrecktes Tier hervorlocken. Aber dennoch hielt Sting sein Gesicht verborgen.
Er schämte sich so! Er wollte nicht, dass Rogue ihn so sah! Niemand sollte ihn so sehen! Nicht einmal seine Väter! Er hatte sich das ganz alleine eingebrockt und jetzt musste er es auch alleine-
„Hey…“ Rogues Stimme klang sogar noch sanfter und dann war er auf einmal direkt vor Sting und zog diesen behutsam in seine Arme. „Ich bin da, Sting“, flüsterte Rogue. „Egal was los ist, du musst das nicht alleine durchmachen.“
Der vertraute Geruch seines besten Freundes ließ auch die letzten Dämme brechen. Hatte er vorher noch versucht, sich vor Rogue zu verbergen, drängte er jetzt in die Umarmung, klammerte sich an den Schwarzhaarigen, wie ein Ertrinkender an den Rettungsring. Weinend und würgend drückte er sein Gesicht in das ausgewaschene T-Shirt, das Rogue zum Schlafen angezogen hatte.
Alles, was Rogue tat, war, die Arme um ihn zu schließen und ihn festzuhalten – und das war genau das, was Sting jetzt brauchte. Jemand, der unverbrüchlich für ihn da war und ihn über Wasser hielt, während seine Gefühle raus mussten…
Wie lange es dauerte, wusste Sting nicht, aber irgendwann verebbten die Tränen und das Beben seines Körpers ließ endlich nach. Seine Gedanken hatten sich wieder etwas geklärt. Gut genug zumindest, dass die Hemmungen zurückkehren konnten.
Zaghaft stemmte er sich von Rogue fort und sein Freund ließ ihn auch sofort los, blieb jedoch direkt vor ihm am Boden sitzen und musterte ihn besorgt.
Keine Spur von der unbehaglichen Distanziertheit der letzten Zeit. Das war wieder der Rogue, der Sting näher stand als irgendjemand sonst. Sein bester Freund, sein engster Vertrauter. Es war eine unglaubliche Erleichterung für Sting, dass das trotz des Ausrutschers nicht verloren gegangen war. Die Vorstellung, vielleicht nie wieder normal mit Rogue in einem Raum sein zu können, hatte Sting jeden Tag aufs Neue das Herz gebrochen!
„Willst du jetzt reden?“, fragte Rogue immer noch mit gedämpfter Stimme.
Langsam schüttelte Sting den Kopf, ehe er den Blick senkte. „Ich will nicht, aber ich muss“, krächzte er.
Für einige Sekunden herrschte Schweigen zwischen ihnen, ehe Rogue stockend das Wort erhob: „Soll ich… willst du… wen soll ich anrufen?“
Da war sie wieder, diese Distanz zwischen ihnen. Früher hätte es so eine Frage gar nicht gegeben!
Zaghaft hob Sting wieder den Blick und rang sich dazu durch, endlich einen vernünftigen Satz zustande zu bringen: „Würdest du mich morgen früh zum Arzt begleiten?“
Rogues Augen weiteten sich, dann hob er die Hände, als wollte er nach Stings Schultern greifen, rutschte bereits vor, nur im letzten Moment innezuhalten und stattdessen seinen Blick über Stings gesamten Körper schweifen zu lassen.
„Bist du verletzt?“
„Nein, ich… ich muss einen HIV-Test machen lassen“, erklärte Sting kleinlaut und strich sich zitternd durch die Haare. „Ich habe Scheiße gebaut, Rogue. Richtig, richtig üble Scheiße. Ich habe mich überreden lassen, ohne… Was ist, wenn ich…?“
Die Panik kehrte zurück und schnürte Sting schon wieder die Luft ab. Vor seinem inneren Auge spielte sich wieder die Szene ab: Er war nicht mehr ganz bei Sinnen gewesen und Zancrow hatte ihn auf die Toilette der Bar gezogen. Allein das hätte schon einen sofortigen Stopp nach sich ziehen müssen, aber Sting hatte sich gegen die Wand einer Kabine drücken lassen. Erst als alles schon vorbei gewesen war, war er klar genug gewesen, um nach einem Kondom zu fragen. Zancrow hatte ihn nur ausgelacht und war verschwunden.
Rogues Hände auf seinen Schultern rissen Sting zurück in die Gegenwart. Er hob den Blick und sah direkt in die roten Augen seines besten Freundes. Auch so schon hatte er nie verstanden, warum Andere Rogue nachsagten, seine Mimik sei ausdruckslos, aber jetzt waren die Gefühle in seinen Augen so deutlich zu erkennen, als würde er sie mit mannshohen Blockbuchstaben an die Wand schreiben.
Da war kein Vorwurf, kein Ekel. Nur aufrichtige Sorge und der unbedingte Wunsch, für Sting da zu sein.
„Wir gehen gleich morgen früh zum Arzt“, erklärte Rogue eindringlich. „Wenn sie mich lassen, bleibe ich auch bei dir, während sie dir Blut abnehmen, versprochen.“
Die Aussicht, sich all dem nicht alleine stellen zu müssen, war eine unglaubliche Erleichterung für Sting. Dankbar hielt er sich an Rogues Armen fest und hielt den Blickkontakt aufrecht. Auf einmal fiel es ihm viel leichter, seine Ängste in Worte zu fassen.
„Was ist, wenn ich mich wirklich infiziert habe?“
„Dann suchen wir den richtigen Arzt für dich“, versprach Rogue ohne Zögern. „Aber lass‘ uns erst darüber nachdenken, wenn der Test wirklich positiv ist. Es hilft dir nicht, wenn du dir noch mehr Gedanken machst.“
Tief holte Sting Luft. Sein Griff an Rogues Armen verstärkte sich und zur Antwort wurden seine Schultern sachte gedrückt. Er war nicht alleine. Ganz egal, was bei dem Test herauskommen würde, er war nicht alleine!
Mit Rogues Hilfe stemmte Sting sich in die Höhe. Statt ihn ins Bett zu bringen, geleitete Rogue ihn ins Wohnzimmer und platzierte ihn auf der Couch, ehe er in der Küche verschwand und für sie Beide Tee machte. Schweigend saßen sie danach auf der Couch. Nicht die kleinste Andeutung machte Rogue, dass er ins Bett wollte. Er schien ganz genau zu wissen, dass Sting keinen Schlaf finden würde, wenn er ihn alleine lassen würde.
Also saßen sie nebeneinander auf der Couch und tranken ihren Tee. Sie waren einander nahe genug, dass ihre Schultern einander immer wieder streiften. Jedes Mal, wenn Stings Gedanken wieder abzudriften drohten, berührte Rogue ihn behutsam am Arm, verlor ansonsten jedoch kein Wort mehr.
Am nächsten Morgen begleitete Rogue ihn zum Arzt. Er war bei ihm, als Sting voller Scham von seiner Fahrlässigkeit berichten musste. Er war bei ihm, als Sting das Testverfahren erklärt wurde. Beim ersten Bluttest war er bei ihm. Als er es seinen Vätern erklärte, war er dabei. Und auch beim zweiten Bluttest sechs Wochen später war er wieder dabei. Und als Sting endlich die Gewissheit hatte, dass er sich nicht infiziert hatte, und vor Erleichterung in Tränen ausbrach, war Rogue auch da.
Es war, als hätte es diesen Ausrutscher zwischen ihnen nie gegeben. Rogue war immer noch Stings bester Freund, sein engster Vertrauter. Sting war so erleichtert darüber, dass sich nichts zwischen ihnen verändert hatte, dass er die Erinnerung an diese eine Nacht mit Rogue so tief vergrub, wie er nur konnte. Denn um nichts in der Welt wollte er jemals wieder riskieren, seinen besten Freund zu verlieren!
---Patenkind---
Als Orga freudestrahlend durch die Tür rauschte, zuckte Sting überrascht zusammen, der zuvor an Rogues Schulter langsam in sich zusammengesackt war. Hastig wischte Sting sich über den Mund und sah sich unauffällig um. Rogues Augen funkelten amüsiert. Beleidigt erwiderte Sting seinen Blick. Sein Freund hätte ihn ja ruhig davor bewahren können, dabei erwischt zu werden, wie er im Schlaf sabberte! Zur Antwort zuckten Rogues Mundwinkel.
Sting wandte sich von seinem Sandkastenfreund ab und Orga zu, der trotz der durchgemachten Nacht aussah, als könnte er Bäume ausreißen. In den Armen des Hünen ruhte ein winzig kleines Bündel, sorgsam eingewickelt, sodass nur das Gesichtchen und ein hauchzarter grüner Flaum zu erkennen waren.
„Ein wunderschönes Mädchen!“, verkündete Orga stolz und zu Stings Überraschung ungewöhnlich leise für seine Verhältnisse. „Zweitausendsechshundert Gramm schwer und fünfzig Zentimeter lang.“
„Herzlichen Glückwunsch, dass sie nicht vollends nach dir kommt“, sagte Minerva trocken und stemmte sich von der abgewetzten Couch im Wartezimmer in die Höhe, um zu Orga zu treten und diesem auf die Schulter zu klopfen.
„Sei nicht so gemein, Minerva“, mahnte Yukino und umarmte Orga von der Seite, der einen Arm befreite, um die Geste zu erwidern.
Von Minervas Frotzeleien ließ er sich nicht beeindrucken. Allein die Tatsache, dass Minerva drei Tage vor Silvester bei Glätte und mitten in der Nacht zum Krankenhaus gekommen war, um dabei zu sein, wenn die Tochter ihres alten Schulfreundes endlich auf der Welt war, sagte schon genug darüber aus, was sie wirklich dachte. Selbst Sting verstand das in seinem halb vernebelten Zustand.
„Wie geht es Lisley?“, fragte Rufus und trat neben den Hünen, um das Baby besser betrachten zu können.
„Die ist todmüde, aber alle Werte sind im Normbereich“, erklärte Orga und seine Augen nahmen dabei einen beinahe verklärten Ausdruck an. „Sie hat gesagt, ich soll euch schön grüßen.“
„Ich sage Kagura Bescheid“, bot sich sogleich Arana an, drückte Orgas Unterarm und entfernte sich dann mit ihrem Handy.
So langsam wurden Stings Lebensgeister wieder wach und bei ihm stellte sich die Freude ein. Er freute sich sowieso immer, wenn es auf das Jahresende zuging. Dann besuchte er immer mit Rogue und Minerva Magnolia. Zwei herrliche Wochen lang konnte er seine Väter und seinen Bruder wieder sehen, sich mit seinen Freunden treffen und einfach mal entspannen! Und vor allem hatte er seinen kleinen Patensohn vermisst! Lector war in den zwei Monaten, seit Sting ihn und seine Eltern Natsu und Yukino besucht hatte, gefühlt um das Doppelte gewachsen!
Die letzten zweieinhalb Jahre in Crocus hatte er viel Spaß mit seinem Studium gehabt und das WG-Leben mit Rogue lief fantastisch, aber spätestens seit Lectors Geburt vor sieben Monaten war Sting klar geworden, dass er nach seinem Studium zurück nach Magnolia wollte. Er vermisste seine Familie und Freunde in der Kleinstadt und die homophoben Arschlöcher konnten ihn mal kreuzweise! Von denen ließ er sich nicht mehr ins Bockshorn jagen!
Wie Minerva darüber dachte, wusste er nicht – und würde es wohl auch erst erfahren, wenn es ans Eingemachte ging –, aber er war sich ziemlich sicher, dass es Rogue ähnlich ging. Das Großstadtleben schien dem Schwarzhaarigen nicht wirklich zu behagen. Seit dieser einen Studentenparty, an die Sting lieber nicht zurückdenken wollte, hatte er auch nie wieder mitbekommen, dass sein Freund zu einer anderen Feier gegangen wäre. Er hielt sich so gut es ging vom Campus-Alltag fern und konzentrierte sich auf seine Vorlesungen und Seminare.
Heute jedoch ging es nicht um ihre jeweiligen Karrieren, sondern um ihre Freunde Orga und Lisley. Im Gegensatz zu Natsu und Yukino waren die Beiden schon ewig zusammen und hatten ein Jahr nach dem Schulabschluss geheiratet und spontan entschieden, dass sie auch das Thema Familiengründung früh angehen wollten. Vielleicht hatten sie sich gedacht, dass es die perfekte Gelegenheit war, wenn mit Lector bereits ein potenzieller Spielgefährte in einem ähnlichen Alter da war.
Bis auf Kagura und Dobengal, die Beide auf ihren jeweiligen Wachen Nachtschicht schieben mussten, war die gesamte Freundesgruppe innerhalb der ersten zwei Stunden, nachdem Orga in den Gruppenchat geschrieben hatte, dass die Presswehen eingesetzt hätten, im Wartezimmer vorm Kreissaal eingetrudelt. Jetzt endlich hatte das immer noch stundenlange Warten ein Ende und sie konnten sich das Kind ihres Freundes ansehen.
Fordernd streckte Minerva die Hände nach dem Säugling aus, aber Orga grinste sie unbekümmert an und legte das Kind dann ausgerechnet in Rogues Arme. „Sorry, Minerva, aber du musst warten. Rogue und Rufus haben als Paten ein Vorrecht.“
Rogues Kopf ruckte hoch und seine Augen waren auf einmal riesengroß. Sting musste grinsen. Wie er es Yukino prophezeit hatte, hatte Rogue sich nicht darüber beklagt, dass Sting und Minerva die Paten für Lector geworden waren. Aber vermutlich hatte Rogue auch nicht darauf spekuliert, dafür bei Orgas und Lisleys Kind zum Paten ernannt zu werden. Wahrscheinlich hatte er das gar nicht auf dem Schirm gehabt.
„Ich auch?“, fragte Rogue langsam und blickte wieder auf das Baby hinunter, dann wieder zu Orga hoch.
Der nickte grinsend. „Sting und Minerva haben schon ein Patenkind und Yukino ist schon Mutter, deshalb haben Lisley und ich uns auf euch Beide geeinigt.“
Minerva schnaubte hoheitsvoll. „Du enthältst dem Kind etwas vor, Orga.“
„Oder er bewahrt es vor etwas“, grübelte Sting gespielt und grinste Minerva frech an.
Während er um Orga herumtänzelte, um Minervas Versuch zu entgehen, ihm auf die Füße zu treten, beobachtete er aus dem Augenwinkel, wie Rogue den Blick wieder auf das Baby in seinen Armen senkte und es ganz sachte hin und her wiegte. Er schien es immer noch nicht ganz glauben zu können. Seine Gesichtszüge schwankten immer wieder zwischen Rührung und absoluter Hingabe.
Für einen Moment verspürte Sting ein Ziehen in seiner Brust und vor seinem inneren Auge tauchte Rogues Gesicht in einem anderen Kontext auf. Die Erinnerung war immer noch verschwommen, aber dieses eine Bild, wie Rogue sich damals über Sting gebeugt und ihm in die Augen geblickt hatte, bevor er ihn geküsst hatte…
Als Orga ihm ausgelassen lachend auf die Schulter klopfte und damit aus seinen Gedanken riss, war Sting ihm unglaublich dankbar dafür. Er hatte sich damals, nachdem Rogue ihm nach der Sache mit Zancrow so unerschütterlich zur Seite gestanden hatte, hoch und heilig geschworen, diese Nacht nie wieder zu einem Thema werden zu lassen. Er hatte die verworrenen Gefühle, welche die alkoholvernebelten Erinnerungen an diese Nacht in ihm wachriefen, tief, tief vergraben und so getan, als wäre nie etwas gewesen. Dass Rogue sich auch so verhielt, war für ihn der Beweis dafür, dass er das Richtige tat.
Ihre Freundschaft war wichtiger als diese Gefühle!
„Was ist mit Arana und Kagura?“, fragte Rogue leise und übergab das Baby schließlich an Rufus, um Orga umarmen zu können.
„Wir wollen ja noch mehr Kinder“, antwortete Orga unbekümmert grinsend und klopfte dem Schwarzhaarigen auf die Schulter.
„Vielleicht stimmt ihr euch beim nächsten Mal von Anfang an miteinander ab“, schlug Minerva vor und klopfte sowohl Orga als auch Yukino auf die Schulter.
Während Orga daraufhin nur verwegen grinste, lief Yukino feuerrot an. Amüsiert betrachtete Sting seine Freundin. Man sollte meinen, dass ihr nichts mehr peinlich war. Immerhin war sie nun seit über zweieinhalb Jahren mit Natsu zusammen und hatte mit ihm einen Sohn und sogar einen Verlobungsring am Finger – dieses Weihnachtsgeschenk hatte zugegebenermaßen nicht nur Yukino, sondern auch Sting und seine Väter überrascht. Aber irgendwie war Yukino immer noch leicht in Verlegenheit zu bringen.
Während Yukino und Minerva sich neben Rufus stellten, um das Baby zu betrachten, trat Sting neben Rogue und stieß diesen neckisch mit dem Ellenbogen an. „Na, Patenonkel, soll ich dir Taschentücher besorgen?“
Zur Antwort brummte Rogue verlegen und zog den Kopf ein, erwiderte den Stoß mit dem Ellenbogen jedoch. „Wer hat denn bei Lectors Geburt geweint?“, nuschelte er.
„Hey, das war immerhin mein erstes Patenkind und Neffe in einem“, erwiderte Sting und schenkte seinem Sandkastenfreund ein breites Grinsen. „Wer weiß, vielleicht musst du auch nicht mehr so lange auf einen Neffen oder eine Nichte warten?“
Schlagartig verflog Rogues Verlegenheit und stattdessen wurde seine Miene düster, auch wenn er kein Wort verlor, sondern String nur auf die Füße zu treten versuchte.
Lachend schlang Sting ihm einen Arm um die Schultern. Er wusste ganz genau, dass Rogue nichts gegen Romeo hatte – immerhin war Wendy schon seit Ewigkeiten mit diesem zusammen –, aber so ganz konnte er als großer Bruder wohl nicht aus seiner Haut raus. Wie das wohl werden würde, wenn seine Patentochter in fünfzehn oder mehr Jahren mit dem Thema anfing? Sting war richtig gespannt darauf!
„Wie soll sie eigentlich heißen?“, fragte Rufus schließlich und blickte lächelnd von dem Säugling in seinen Armen auf.
Orga stemmte stolz grinsend die Arme in die Hüften und ließ den Blick über seine Freunde schweifen.
„Wir haben und für den Namen Frosch entschieden.“
---Zuwachs---
Auf dem Bild saß Lector auf einer Decke und klammerte sich an einen Plüschwolf, während er verwundert in die Kamera blickte. Neben ihm stemmte Frosch sich in ihrem altrosa Strampler mit den Armen in die Höhe, die dunklen Augen vor Staunen weit aufgerissen. Darunter stand Orgas Nachricht: Das erste Mal, dass sie sich aufrichten kann!
Die Antworten im Gruppenchat der Freunde bestanden zum großen Teil aus Gratulationen. Natsu – der mal wieder Yukinos Handy verwendete, aber aufgrund seiner Orthografie dennoch leicht von Yukino zu unterscheiden war – prahlte damit, dass sein Sohn sich mit Hilfe sogar schon auf die Beine stemmen konnte. Danach entschuldigte Yukino sich dafür, dass ihr Verlobter einfach mit ihrem Handy geantwortet hatte, woraufhin Minerva ihr riet, endlich eine härtere Gangart bei Natsu anzuschlagen, was wiederum Yukino peinlich berührt reagieren ließ.
Rogue scrollte wieder hoch zum Bild von Lector und Frosch. Letztere war beinahe nur halb so klein wie Lector und auch generell für ein vier Monate altes Baby sehr klein, aber laut Lisley – eindeutig die Stimme der Vernunft im Hause Nanagear – entwickelte Frosch sich dennoch gut, sie war eben nur etwas kleiner als der Durchschnitt. Das konnte sich alles noch verwachsen. Dennoch war es für Rogue schwer vorstellbar, dass seine süße, kleine Patentochter einmal genauso riesig wie ihr Vater werden würde.
Jetzt verstand Rogue noch viel besser, warum es Sting so frustriert hatte, nicht bei jedem einzelnen Entwicklungsschritt seines Patenkindes dabei sein zu können. Crocus war zu weit weg, als dass es zeitlich und finanziell machbar wäre, jedes Wochenende nach Magnolia zu pendeln. Also musste Rogue sich genau wie Sting mit Bildern begnügen. Zum Glück war Orga innerhalb des Freundeskreises sehr freigiebig mit Bildern, Videos und Informationen.
Seufzend legte Rogue sein Smartphone beiseite und widmete sich wieder seiner Bachelorarbeit. Er hatte schon fast die Hälfte fertig, lag also gut in der Zeit, aber das aktuelle Kapitel machte es ihm schwer. Irgendwie konnte er sich einfach nicht darauf konzentrieren. Die ganze Zeit hatte Rogue das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Deshalb hatte er ja überhaupt erst nach seinem Handy gegriffen und den Gruppenchat aufgerufen, um sich noch einmal das Bild anzusehen, das Orga heute Morgen dort hochgeladen hatte.
Frustriert griff Rogue wieder nach seinem Smartphone. In dem Moment fiel ihm endlich auf, was ihn so störte: Sting hatte sich bisher noch gar nicht gemeldet! Heute Vormittag hatte er eine wichtige Prüfung gehabt – von der Rogue übrigens auch noch nicht wusste, ob er sie tatsächlich bestanden hatte, auch wenn er sich deswegen wenig Sorgen machte –, aber jetzt war es schon früher Nachmittag und Sting hatte immer noch nicht das Bild kommentiert. Sehr ungewöhnlich für ihn!
Stirnrunzelnd ging Rogue in seine Kontaktliste und suchte die Nummer seines Mitbewohners. Es sah Sting gar nicht ähnlich, Rogue nicht von seiner Prüfung zu berichten. Normalerweise wäre er auch schon längst hier und hätte Rogue in allen Einzelheiten von seinen angeblichen Fehlern erzählt. Und das Bild von Lector und Frosch hätte er auch schon längst kommentiert.
Rogue war sich vage bewusst, dass er sich wie eine Glucke aufführte, aber es gehörte auch zur Wahrheit dazu, dass er Stings Routinen und Macken gut genug kannte. Immerhin lebten sie nun seit fast drei Jahren zusammen und hatten in dieser Zeit sehr viele gemeinsame Marotten entwickelt. Vage war Rogue sich bewusst, dass sie sich wie ein verheiratetes Ehepaar aufführten, aber das war ein Gedankengang, den er jedes Mal schnell unterbrach.
Gerade wollte Rogue Stings Nummer wählen, als es an der Tür klapperte. Er legte sein Handy wieder weg und stemmte sich in die Höhe, um Sting zu begrüßen. Allerdings blieben ihm die Worte im Halse stecken, als er sah, dass Sting einen Karton in den Armen hielt, aus dem es kläglich miaute.
„Ah, hallo Rogue!“, grüßte Sting fröhlich und streifte sich die Schuhe achtlos von den Füßen, um dann den Karton ins Wohnzimmer zu tragen.
Vollkommen automatisch bückte Rogue sich und sortierte Stings Schuhe auf der dafür vorgesehenen Ablage ein, ehe er seinem Mitbewohner folgte. Im Karton befangen sich zwei Kätzchen. Abgesehen davon, dass seine Cousine Juvia mit ihren beiden Partnern Lyon und Meredy seit einigen Jahren eine Katzenpension betrieb, hatte Rogue nie wirklich Kontakt zu Katzen gehabt. Weder Rogue noch Wendy hatten jemals explizit nach einem Haustier gefragt und selbst wenn: ihre Eltern hatten Jobs mit oftmals unzuverlässigen Arbeitszeiten.
Aber zumindest war auch für Rogue offensichtlich, dass die beiden Katzen noch extrem jung waren. Ihre Ohren waren überproportional groß und sie waren sehr flauschig. Eine war schneeweiß mit schwarzen Ohrenspitzen, die andere war schwarz mit einem weißen Fleck auf der Brust. Rogue glaubte, dass es keine normalen Hauskatzen waren, sondern irgendeine besondere Rasse, aber was für eine, das war ihm auch nicht klar.
„Sorry, dass ich so spät bin“, begann Sting zu plappern, kaum dass er den Karton auf dem Couchtisch abgestellt hatte. „Ich war eigentlich auf dem Weg zum Supermarkt, um einzukaufen. Ich brauchte Nervennahrung und ich habe mich daran erinnert, dass dein Grüntee fast verbraucht war, und den brauchst du doch, um dich bessere konzentrieren zu können. Immerhin ist das aktuelle Kapitel in deiner Bachelorarbeit doch so nervig und-“
„Sting“, unterbrach Rogue seinen Freund mit einem nachsichtigen Seufzen, der ins Schwafeln geriet, wenn er aufgeregt war. Wobei es ihm zugegebenermaßen freute, dass Sting an seinen Tee gedacht hatte. „Können wir vorspulen, damit du mir erklären kannst, warum sich zwei Katzen in unserer Wohnung befinden?“
„Dazu wollte ich doch gleich kommen!“, beschwerte Sting sich, ehe er sich wieder den Kätzchen zuwandte. „Ich habe die Abkürzung durch die Hinterhöfe genommen.“
Rogue verkniff es sich, seinen Freund darauf hinzuweisen, dass das, streng genommen, Hausfriedensbruch war. Erstens wollte er gerne endlich auf die Katzen zu sprechen kommen und zweitens war ihm bewusst, dass er das genauso gut seiner Nachttischlampe erklären könnte, weil Sting zu faul war, um den ganzen Block herum zu gehen, wenn die Hinterhöfe allesamt nicht umzäunt waren.
„Jedenfalls habe ich neben einem Müllcontainer diesen Karton hier gefunden. Er war eigentlich zugeklebt, aber ich habe es miauen gehört“, erklärte Sting zornig.
Rogue presste die Lippen zusammen. Er mochte ohne Haustiere aufgewachsen sein, aber dass das Tierquälerei war, wäre ihm auch ohne sein Jura-Studium bewusst. Da hatte wohl irgendjemand nicht die Verantwortung für die Kätzchen übernehmen wollen. Wer wusste, was genau für eine Geschichte, dahintersteckte, aber hätte man die Tiere nicht wenigstens im Internet vermitteln oder in einem Tierheim abgeben können?
„Ich konnte sie nicht da lassen“, ereiferte sich Sting und rang mit den Händen. „Sie sind noch ganz klein. Ich glaube, sie brauchen sogar noch Milch.“
Noch immer blitzte es wütend in Stings dunkelblauen Augen, aber gleichzeitig lag eine ganz besondere Weichheit in seinen Zügen. Rogue wusste, dass sein Sandkastenfreund Tiere liebte. Solange er sich erinnern konnte, dass Sting nie an einem Hund oder einer Katze vorbei gehen können, ohne sich mit dem Tier anzufreunden. Leider hatten er und Weißlogia in ihrer alten Wohnung keine Tiere halten dürfen und Igneel hatte eine Katzenhaarallergie. Der Anschaffung eines Hundes wiederum hatten Igneels und Weißlogias Arbeitszeiten entgegen gestanden.
„Dann lass‘ uns nach einer Tierarztpraxis suchen, die noch offen hat“, schlug Rogue vor und tastete seine Hosentasche ab, nur um sich daran zu erinnern, dass er sein Handy auf seinem Schreibtisch liegen gelassen hatte. „Wir sollten uns gleich beraten lassen, was die Beiden brauchen.“
Stings Augen begannen zu leuchten. „Also können wir sie behalten?“
Rogue stutzte. So hatte er das in dem Moment eigentlich nicht gemeint. Eigentlich hatte er nur daran gedacht, was als Erste Hilfe Maßnahmen wichtig waren, bevor sie die Kätzchen zu einem Tierheim bringen konnten.
Aber… was sprach eigentlich dagegen? Sie konnten sich die Versorgung der Katzen einteilen, sie hatten Beide Nebenjobs und wurden von ihren Eltern unterstützt, die Wohnung war groß genug und wenn sie mal nach Magnolia fuhren, fand sich schon eine Lösung dafür.
Außerdem würde es Sting eine Freude machen.
Rogue mochte es, wenn sein Freund sich über etwas freute. Dann erstrahlte sein gesamtes Gesicht und etwas in Rogues Inneren fühlte sich ganz kribbelig. Er konnte dann gar nicht anders, als sich mit zu freuen.
Und er hatte sich damals, nachdem Sting endlich den zweiten negativen Testbefund erhalten hatte, geschworen, immer für ihn da zu sein. Deshalb hatte er auch nie über diese eine Nacht gesprochen, obwohl sie ihn selbst heute noch bis in seine Träume verfolgte. Rogue schob es auf den körperlichen Aspekt – und der war nicht einmal ansatzweise so wichtig wie seine Freundschaft mit Sting!
„Wir müssen da noch einiges klären, aber… vielleicht?“, sagte Rogue schließlich und hob die Schultern.
„Du bist der Beste, Rogue!“, jubelte Sting und nahm Rogue in den Schwitzkasten, um seine Haare zu zerzausen.
Um sich zu befreien, zwickte Rogue in die empfindliche Stelle an Stings Rippen. Während er sich die Haare glatt strich, hockte Sting sich vor den Karton und gurrte die Kätzchen selig an, ehe er sein Handy zückte.
Seufzend ging Rogue zurück in sein Zimmer, um auf seinem eigenen Smartphone nach der nächstgelegenen Tierarztpraxis zu suchen. Als er das Gerät entsperrte, erkannte er eine neue Nachricht und öffnete sie. Es war ein Beitrag von Sting im Gruppenchat. Ein Foto von den beiden Kätzchen und darunter die Worte: Wir sind Väter!
Etwas in Rogues Inneren begann zu rumoren. Unwillkürlich packte er sein Handy fester, während er versuchte, aus dem aufkommenden Gefühlssturm schlau zu werden…
Eine Emailbenachrichtigung riss ihn aus seinen Gedanken und veranlasste ihn, in sein Uni-Postfach zu schauen. Es war eine Mitteilung des Dozenten, der seine Bachelorarbeit betreute. Er hatte schon wieder einen Verbesserungsvorschlag für die Gliederung der zweiten Hälfte.
Das versetzte Rogues Laune einen Dämpfer.
Genervt seufzend entschied er, dem Dozenten später zu antworten und stattdessen endlich nach der Tierarztpraxis zu suchen.
---Gedanken---
Erleichtert betrat Sting den schmalen Flur der Wohnung und ließ seinen schweren Rucksack achtlos neben sich zu Boden fallen. Er war so dankbar, dass die Wohnung auf der Nordwestseite des Gebäudes lag und dass er und Rogue es rechtzeitig geschafft hatten, die katzensicheren Fliegenschutzgitter an den Fenstern anzubringen, sodass sie alle Fenster weit öffnen konnten, um jeden noch so kleinen Lufthauch einzufangen. Hier fühlte es sich gleich so an, als wären es fünf Grad weniger. Das war immer noch warm, aber wesentlich erträglicher als draußen in der brütenden Hitze.
Nicht dass Sting etwas gegen Sommer hatte. Wäre er jetzt in Magnolia, würde er jeden Tag Rogue und die Anderen dazu überreden, mit ihm zum See zu fahren. Unter der alten Trauerweide war es jetzt bestimmt richtig gemütlich, die war besser als jeder Sonnenschirm. Und das Wasser wäre sicher herrlich erfrischend!
Aber leider musste das noch einen ganzen Monat warten, bis Sting seine Zwischenprüfung absolviert und Rogue seine Bachelorarbeit endgültig fertig geschrieben hatte. Dann konnten sie endlich in den Zug nach Magnolia steigen.
Mit einem leisen Miauen kam Nova heran und rieb sich an Stings Beinen. Aus dem winzigen weißen Kätzchen war bereits ein beeindruckender Stubentiger geworden. Sie war immer noch sehr schlaksig und könnte laut der Tierärztin sogar noch doppelt so groß werden, wie sie jetzt war, aber Sting war dennoch hin und weg, wie gut sie und ihre Schwester Silk sich entwickelt hatten. Dann waren die Beiden eben Sevenische Waldkatzen und wurden gehörig groß – na und? Das war kein Grund, einen Rückzieher zu machen!
„Hey, Nova“, raunte Sting und ging in die Hocke, um die Katze am Kinn zu kraulen, wie sie es am liebsten hatte. „Hast du mich vermisst?“
Zur Antwort miaute die Katze wieder und blickte mit ihren hellblauen Augen zu Sting auf, während sie mit den Vorderbeinen auf der Stelle tretelte.
„Ich habe dich auch vermisst“, setzte Sting das Gespräch fort und hob den Blick. „Wo sind Rogue und Silk?“
Rogues Schuhe standen ordentlich im dafür vorgesehenen Regal und Sting wusste ganz sicher, dass sein Mitbewohner heute nicht vorgehabt hatte, die Wohnung zu verlassen. Schon allein wegen der Temperaturen nicht, aber auch, weil er endlich das Fazit für seine Bachelorarbeit fertigkriegen wollte. Eigentlich hätte er sogar noch zwei Monate Zeit bis zum Ende der Abgabefrist, aber wie Sting seinen Kindheitsfreund kannte, wollte der die Arbeit abgeschlossen haben, bevor er es sich erlaubte, nach Magnolia zu fahren.
Die Tür zu Rogues Zimmer war genau wie alle anderen Türen weit offen. Die Türstopper in Drachenform sorgten dafür, dass sie nicht ständig zuknallten. Aus Rogues Zimmer war jedoch kein Piep zu vernehmen.
Verwirrt streifte Sting sich die Sneaker von den Füßen und stellte sie artig neben Rogues Schuhe ins Regal, ehe er sich in die Höhe stemmte. Sofort tänzelte Nova vor ihm her und in Rogues Zimmer. Als Sting ihr folgte, erkannte er, dass Rogue bäuchlings auf dem Bett lag und schlief. Silk hatte sich an Rogues Seite lang ausgestreckt und blinzelte mit ihren grünen Augen müde, als sie Sting wahrnahm.
Unter Rogues Augen waren dunkle Schatten und seine Haare waren ganz wirr. Wahrscheinlich hatte er in der letzten Nacht wieder kein Auge zugetan. Egal wie viel Glück sie mit ihrer Wohnung hatten, fünfundzwanzig Grad in der Nacht waren bereits schlimm genug, damit Rogues Schlafprobleme wieder auf den Plan traten. Kälte machte Rogue gar nichts aus – das war eher Stings Kryptonit –, aber Hitze vertrug er ganz und gar nicht gut. Insbesondere wenn sie dann auch noch mit Prüfungsstress gepaart wurde. Der betreuende Dozent für Rogues Bachelorarbeit war ein richtiges Arschloch. Wahrscheinlich hätte Rogue schon vor einem Monat komplett fertig sein können, wenn der Typ nicht ständig neue Änderungsvorschläge gehabt hatte.
Aus dem Augenwinkel bemerkte Sting, dass Rogues Laptop noch offen auf dem Schreibtisch stand. Auf Zehenspitzen schlich er hinüber und bewegte die Maus, um den Bildschirm zu reaktivieren. Dort war noch ein Textdokument geöffnet, bei dem es sich um Rogues Bachelorarbeit handelte. Über Stings Züge breitete sich ein stolzes Grinsen, als er erkannte, dass das Fazit fertig war. Endlich!
Sicher, Rogue würde das Ganze sicher noch diverse Male querlesen, um auch den kleinsten Fehler auszumerzen und zweifelhafte Formulierungen zu ändern, aber das konnte er definitiv etwas entspannter angehen.
Gewissenhaft ging Sting sicher, dass der aktuelle Arbeitsstand gespeichert war, dann schloss er das Dokument und den Dateiordner mit den vielen Quellentexten, den Rogue für seine Arbeit angelegt hatte, ehe er den Laptop herunterfuhr. Als das Gerät endlich ausgeschaltet war, klappte er es zu und richtete sich wieder auf.
Immer noch auf Zehenspitzen bewegte er sich zum Fenster und ließ die Jalousien herunter, damit es etwas dunkler im Zimmer wurde. Danach kehrte er zur Tür zurück. Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf die drei Bilderrahmen auf Rogues Nachttisch. Das eine war ein Bild von Rogue mit seiner Familie. Da war Rogue achtzehn und seine Schwester Wendy vierzehn. Rogue überragte seine Mutter um eine Kopflänge und war genauso groß wie sein Vater und sah ihm verblüffend ähnlich – auch wenn Skiadrum die Haare nicht wie Rogue zu einem kurzen Zopf gebunden, sondern kurz trug. Auf dem zweiten Bild war Rogues und Stings gemeinsamer Freundeskreis zu erkennen. Sting und Rogue standen im Zentrum. In Stings Armen lag Lector, in Rogues Armen die neugeborene Frosch. Minerva stand zu Stings anderer Seite, daneben Natsu, der von hinten seine Arme um eine selig lächelnde Yukino geschlungen hatte. Zu Rogues anderer Seite stand Rufus und daneben Arm in Arm Orga und Lisley. Die übrigen Mitglieder der Gruppe hatten sich drum herum verteilt. Das dritte Bild war zugleich auch das älteste in der Reihe: Es zeigte Sting und Rogue im Alter von zehn Jahren. Sting hatte breit grinsend einen Arm um die Schultern seines Freundes geschlungen, der ein wenig zur Seite blickte.
Sting musste grinsen. Solange er sich erinnern konnte, hatte Rogue es immer gehasst, wenn von ihm Fotos gemacht wurden. Er vermied es dann jedes Mal, in die Kamera zu blicken. Beim Gruppenbild war das einfach gewesen, da hatte er einfach auf Frosch hinunter gesehen und sich sowieso nicht wirklich für etwas anderes als seine Patentochter interessiert. Beim Familienbild schielte er zu Wendy hinunter – das musste zu der Zeit gewesen sein, als das mit Wendy und Romeo langsam etwas ernster geworden war.
Der Marotte zum Trotz mochte Sting die Bilder, ganz besonders aber das Bild, auf dem er mit Rogue alleine war. Es erinnerte ihn daran, dass sie schon immer zusammen gewesen waren. Als sie Yukino und die Anderen im Kindergarten kennen gelernt hatten, waren Sting und Rogue schon längst dicke Freunde gewesen. Sie waren miteinander aufgewachsen, kannten einander besser als jeder andere.
Natürlich waren Sting auch seine anderen Freunde sehr wichtig. Besonders Yukino und Minerva waren wie Schwestern für ihn – auch wenn Minerva oft fiese Sprüche vom Stapel ließ, aber im Grunde ihres Herzens war sie ein Schmusekätzchen, das nicht gelernt hatte, hin und wieder auch mal die Krallen drinnen zu lassen.
Aber Rogue war etwas Besonderes für Sting.
Er konnte das nicht einmal richtig in Worte fassen. Er wusste nur, dass er damals, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, unfassbare Angst davor gehabt hatte, nie wieder mit seinem besten Freund reden zu können. Wenn sie damals nicht wieder zueinander gefunden hätten, wusste Sting nicht, ob er es noch lange in Crocus ausgehalten hätte. Was auch immer das über ihn aussagte.
Als Rogue im Schlaf die Stirn runzelte und ein leises Brummen ausstieß, huschte ein Lächeln über Stings Züge. Sein Freund träumte wahrscheinlich schon wieder von der Bachelorarbeit. Hoffentlich wurde er davon nicht geweckt. Er hatte den Schlaf bitter nötig!
Eine Minute später glätteten sich Rogues Züge wieder. Seine Lippen bewegten sich kurz, ehe sie einen Spalt breit offen blieben. Tiefe, ruhige Atemzüge bewegten seinen Körper gleichmäßig auf und ab. Unwillkürlich blieb Stings Blick an den Lippen seines Freundes hängen und er leckte sich über die eigenen Lippen, als er sich daran erinnerte, wie es sich angefühlt hatte, als sie einander damals geküsst hatten…
Hektisch schüttelte Sting den Kopf und strich sich durch die Haare. Lautlos verließ er das Zimmer seines Mitbewohners und ging zur Küche, um sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zu holen und es sich auf der Couch im Wohnzimmer gemütlich zu machen, wo er hoffentlich weit genug von Rogue weg war, um ihn nicht zu wecken. Nova machte es sich sehr schnell auf seinem Schoß gemütlich. Silk schien wohl entschieden zu haben, weiterhin bei Rogue bleiben zu wollen. Ihre beruhigende Wirkung würde hoffentlich helfen, damit der Schwarzhaarige nicht aufwachte.
Seufzend nahm Sting einen großen Schluck Wasser zu sich, ehe er sich die Flasche an die verräterisch brennenden Wangen hielt und versuchte, den Anblick des schlafenden Rogue aus seinen Gedanken zu vertreiben.
Sie waren Freunde, also sollte er sich diese komischen Gedanken verkneifen.
Ihre Freundschaft war wichtiger als alles andere.
Für nichts in der Welt würde er das jemals wieder aufs Spiel setzen!
---Überraschung---
Rogue sollte wirklich aufhören, Plüschfrösche für seine Patentochter zu kaufen. Oder Angeln für seine Katzen. Oder Kuchen für seinen Mitbewohner. Er war sich nur nicht so ganz sicher, bei welchen dieser Probleme er anfangen sollte. Keines davon war einfach. Jedes davon drohte über kurz oder lang, seine Ersparnisse aufzufressen. Über keines davon wollte er sprechen.
Bloß gut, dass seine Kommilitonen nicht wussten, was für ein Softie er war, wenn es um seine Patentochter, seine Katzen oder um seinen besten Freund ging – Minervas Worte, nicht seine. Aber mit seinen Kommilitonen hatte er sowieso nur wenig Kontakt. Die meisten davon waren verblüffend versnobt.
Mit Hisui hatte er sich gut verstanden, die in seinem ersten Semester ein Tutorium für eine Vorlesung geleitet hatte. Das Praktikum in der Kanzlei ihres Vaters, welches sie ihm besorgt hatte, war wirklich lehrreich gewesen.
Aber ansonsten beschränkten sich Rogues Interaktionen mit den anderen Studierenden eher auf höflich-distanzierte Begrüßungen und nüchterne Gespräche bei Gruppenarbeiten. Seine hauptsächlichen Sozialkontakte bestanden aus Sting, Minerva und den Chats mit seinen Freunden, insbesondere Orga, der ihm beinahe täglich Bilder von Frosch schickte.
Vielleicht wäre es aber ganz gut, wenn er mehr Kontakte hätte. Dann würde er möglicherweise nicht so oft in den Spielzeugladen gehen. Dafür, dass immer wieder Angeln im Angebot waren, wenn er Katzenfutter oder -streu kaufen musste, konnte er ja nichts.
Heute jedoch hatte er dem Spielzeugladen widerstanden. Dafür hatte er auf dem Weg über den Campus bei der universitätseigenen Bäckerei gesehen, dass sie wieder den Schokoladenkuchen hatten, nach dem Sting so verrückt war. Und da sein Mitbewohner eine Aufmunterung gebrauchen konnte, nachdem er im ersten Mastersemester wegen einiger blöder Kurse so abgesackt war, hatte Rogue sich kurzerhand zwei Stücken einpacken lassen.
Seufzend streifte Rogue die verschlammten Schuhe auf der Matte im Treppenhaus ab, ehe er die Wohnungstür aufschloss. Ganz automatisch schob er seinen Fuß in die entstehende Öffnung, um Nova an der Flucht zu hindern. Während ihre Schwester sehr zufrieden mit ihrem Leben als Wohnungskatze war, ging Nova nur allzu gerne im Treppenhaus stiften. Wenn sie auf dem Balkon saß, unternahm sie nie Versuche, gegen das katzensichere Gitter zu springen, das Sting und Rogue anstelle von einem dieser schwächlich wirkenden Katzennetze installiert hatten. Aber im Treppenhaus ging Nova immer auf Entdeckungstour.
Empört mauzend schnupperte Nova an Rogues Stiefel, ehe sie versuchte, daran vorbei zu kommen. Er verstellte ihr abermals den Weg und schob sie behutsam weiter in die Wohnung hinein, ehe er schnell hinein schlüpfte und die Tür hinter sich schloss.
„Wenn wir dich alleine rauslassen, fängst du wieder an zu jammern“, tadelte Rogue die weiße Katze.
Als hätte sie ihn verstanden, stolzierte sie davon, den buschigen Schwanz hin und her schwenkend. Kopfschüttelnd ging Rogue in die Hocke, um sich der Stiefel zu entledigen. Er hatte sie gerade erst auf der Abtropfschale abgestellt, als Silk herankam und neugierig an der Papiertüte mit dem Kuchen schnupperte, ehe sie versuchte, ihr Kinn daran zu reiben.
Damit der Kuchen nicht zerdrückt wurde, beeilte Rogue sich, die Katze am Kinn zu kraulen, während er einhändig den Reißverschluss seiner Jacke öffnete und sich den Schal vom Hals wickelte. Silk begann laut zu schnurren und sich mit ihrem gesamten Körper an ihm zu reiben.
Als die schwarze Katze endlich zufrieden war, konnte Rogue sich richtig ausziehen, seine Umhängetasche und die Tüte mit dem Kuchen wieder aufnehmen und ins Wohnzimmer gehen, wo er es rascheln hörte. Tatsächlich saß Sting dort mit seinen guten Kopfhörern auf dem Sofa und starrte finster auf sein Tablet hinunter, während er sich Notizen auf seinem Collegeblock machte.
Als Sting Rogue aus dem Augenwinkel bemerkte, nahm er sich die Kopfhörer ab und pausierte das Video auf seinem Tablet. Seine mürrische Miene verriet Rogue sofort, dass es wieder um den Kurs über moderne Interpreten ging. Dummerweise hatte Sting dabei eine Analyseaufgabe für God Serena bekommen. Schon allein als er den Künstlernamen das erste Mal gehört hatte, hatte Rogue geahnt, dass der Typ wahrscheinlich zu der Sorte Musiker gehörte, die sich bei Bühnenauftritten lauter dämliche Showeinlagen einfallen ließen, statt sich auf ihre Musik zu konzentrieren. Mehr Blendwerk als tatsächliches Talent. Leider genügte die Formulierung dieser Meinung nicht, um die Aufgabe der Dozentin zu erfüllen. Daher also Stings ständig schlechte Laune.
„Wie wäre es mit einer Pause?“, schlug Rogue vor und hob die Tüte mit dem Kuchen.
Sofort breitete sich ein strahlendes Lächeln über Stings Gesicht aus und er sprang auf die Beine, um Rogue in die Küche zu folgen. „Du bist meine Rettung! Von dem Schund dieses Schaumschlägers kriege ich noch Ohrenkrebs.“
„Kommst du denn wenigstens voran?“, fragte Rogue und stellte die Tüte auf dem Küchentisch ab, um Teller und Gabeln zu suchen.
„Schleichend langsam“, ächzte Sting sofort wieder übellaunig. „Es ist so schwierig, nicht die ganze Zeit einfach nur meine eigene Meinung zu schreiben. Aber ich glaube, ich bin fast fertig. Hat ja auch nur eine Ewigkeit gedauert…“
„Hauptsache, du hast es bald hinter dir. Dann hast du deine Pflichtkurse hinter dir und kannst dir in den kommenden Semestern aus den Wahlmodulen wieder bessere Sachen herauspicken“, bemühte Rogue sich um aufmunternde Worte, während er Wasser für ihren Tee aufsetzte.
„Stimmt schon“, seufzte Sting geknickt. „Vielleicht kann ich dann meinen Durchschnitt wieder auf Kurs bringen. Ich hätte echt nicht gedacht, dass ich im Masterstudium so abkacken würde.“
„Abkacken würde ich das jetzt nicht nennen. Du hast nur nicht mehr ständig die volle Punktzahl.“
„Ich erinnere dich daran, wenn du dich wieder mal bei einer Prüfung darüber ärgerst, dass du nicht Zweitbester nach Minerva bist“, grollte Sting.
„Deal“, antwortete Rogue trocken, weil er genau wusste, dass das die beste Möglichkeit war, um den Blondschopf auf die Palme zu bringen. Und tatsächlich riss der empört die Arme hoch und funkelte ihn an.
Nachdem sein Kräutertee und Stings Früchtetee lange genug gezogen hatten, ging Rogue mit den beiden Tassen zum Tisch, wo sein Mitbewohner derweil die beiden Kuchenstücke hervor geholt und auf den Tellern platziert hatte.
Einträchtig aßen sie ihren Kuchen, wobei Sting ein ums andere Mal genüsslich stöhnte und die Augen verdrehte. Seine schlechte Laune wegen der lästigen Aufgabe hatte sich verflüchtigt. Sehr gut. Rogue mochte es viel lieber, wenn sein Mitbewohner sich über etwas freuen konnte. Bei seinen Problemen an der Uni konnte er ihm ja leider nicht helfen, aber zumindest konnte er Sting gelegentlich eine dringend benötigte Pause verschaffen.
Sie hatten beinahe aufgegessen, als Stings Handy vibrierte. Auffällig schnell hob er das Gerät vom Tisch und entsperrte es, um die eingegangene Nachricht zu lesen. Verwirrt beobachtete Rogue, wie sich ein vorfreudiges Grinsen auf die Lippen seines Gegenübers stahl.
„Was ist denn los?“, fragte er verwirrt.
„Hm?“ Abgelenkt blickte Sting zwischen seinem Handy und Rogue hin und her, ehe er das Gerät wieder auf den Tisch legte und entschuldigend grinste. „Tut mir leid. Das war Rakheid. Wir haben heute Abend wieder ein Date.“
Mit einem Schlag verging Rogue der Hunger. Stattdessen verspürte er beinahe so etwas wie Übelkeit, aber er bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen.
„Ich wusste nicht, dass du jemanden datest.“
„Es ist noch nicht so ganz fest“, druckste Sting herum. „Ich kenne ihn erst seit ein paar Wochen. Er ist der kleine Bruder von Mavis. Er ist erst seit zwei Monaten in Crocus, vorher hat er in Alvarez studiert.“
Durch Rogues Kopf spukten dutzende Fragen, aber bei keiner einzigen davon glaubte er, dass es angemessen wäre, sie zu stellen. Er war nicht Stings Vater – zumal der ihm diese Fragen wahrscheinlich auch nicht stellen würde. Aber es nagte an Rogue, so gut wie nichts über diesen Rakheid zu wissen.
Sicherlich, er kannte Mavis. Sie und Zeref wohnten mit ihrer kleinen Tochter Morgana hier in Crocus und leiteten eine Stiftung, mit der sie gemeinnützige Projekte förderten. Rogue hatte die Beiden bereits vor vielen Jahren kennen gelernt, als sie Zerefs Onkel Igneel in Magnolia besucht hatten. Aber viel Kontakt hatte Rogue nie zu ihnen gehabt. Also konnte er auch keine Rückschlüsse über Rakheids Charakter ziehen.
Ging er einer ehrlichen Arbeit nach? Was dachte er über Sting? Sah er nur dessen Attraktivität oder verstand er auch, was für ein guter Mensch Sting war? Respektierte er Stings Interessen? Insbesondere seine große Leidenschaft für die Musik?
Rogue unterdrückte einen Seufzer. Er machte sich eindeutig zu viele Gedanken, die ihm gar nicht zustanden. Er hatte kein Recht darauf. Immerhin war er nur Stings Sandkastenfreund und Mitbewohner. Mehr nicht.
„Ist es… etwas Ernstes?“, fragte Rogue in einem Versuch, das Gespräch wieder in Gang zu bringen, und schob Sting die Hälfte seines Kuchenstücks hin, auf die dieser bereits sehnsüchtig geschielt hatte.
Zunächst gönnte Sting sich einen großen Bissen Kuchen, ehe er nachdenklich mit seiner Gabel auf dem Teller herumklapperte. „Vielleicht? Es macht Spaß mit ihm. Er ist ziemlich clever und nimmt kein Blatt vor den Mund. Und… sagen wir einfach, die Chemie stimmt“, schloss Sting schließlich ungewöhnlich verlegen.
Das hieß im Klartext, dass Sting bereits mit Rakheid auf Tuchfühlung gegangen war. Eine Vorstellung, die Rogue beinahe den Kuchen wieder hervortrieb.
Langsam, um keinen Verdacht zu erregen, stand Rogue auf und stellte sein dreckiges Geschirr in den Geschirrspüler. Er achtete sehr genau darauf, alles ordentlich einzuräumen, um ja nicht zu viel in Stings Richtung sehen zu müssen und sich damit zu verraten.
„Das freut mich für dich. Ich hoffe, du hast weiterhin Spaß“, sagte er schließlich ruhig und hob seine Umhängetasche auf, die er vorhin auf den freien Stuhl gelegt hatte, der normalerweise von Minerva belegt wurde. „Tut mir leid, aber ich muss mich jetzt um meine Hausaufgaben kümmern, bevor ich zur Spätvorlesung muss.“
Als er in seinem Zimmer war, schloss er die Tür hinter sich und setzte sich an seinen Schreibtisch. Doch anstatt die Bücher aus seiner Tasche zu holen, legte er nur den Kopf mit der Stirn auf der Tischplatte ab und atmete tief ein und aus, die Lippen fest zusammengepresst, die Hände auf seinem Schoß zu hilflosen Fäusten geballt.
---Einsicht---
RCheney Minerva, ich habe ein Problem…
TheTigerLady Ja, du verwöhnst dein Patenkind viel zu sehr. Und ja, du bist ein Workaholic. Erzähl’ mir etwas Neues.
RCheney Haha… Wer im Glashaus sitzt…
TheTigerLady Klingt nicht so, als würdest du tatsächlich MEINE Hilfe brauchen.
RCheney Sting.
TheTigerLady Oh. Das ist dein Problem?
RCheney Er hat einen Freund. Und ich bin wütend.
TheTigerLady Wütend? Auf wen? Sting war single, ist sein gutes Recht, sich einen Freund zu angeln.
RCheney Ich bin wütend auf mich selbst. Weil mir in dem Moment, als er es mir gesagt hat, klar geworden ist, dass ich eifersüchtig bin. Wieso ist mir nicht früher klar geworden, was ich für ihn empfinde? Jetzt bin ich zu spät und muss zusehen, wie jemand anderer ihm näher ist…
TheTigerLady …
TheTigerLady Rogue, lass’ uns die Vorlesung heute schwänzen. Ich gehe einkaufen, dann kannst du rüber kommen und dir den Frust von der Seele reden. Oder deinen Kummer ersaufen. Was auch immer du brauchst.
RCheney Das bringt mir Sting auch nicht zurück…
---Erwachen---
Ein harter Schlag auf sein Bein riss Sting aus seiner Benommenheit. Minerva saß neben ihm und funkelte ihn warnend an, ihre Hand noch immer auf seinem Knie. Er verstand nicht wirklich, was sie von ihm wollte, und wandte den Blick wieder von ihr ab, sah sich stattdessen hilflos im Wartebereich um.
Die graugrünen Bezüge der Stühle, die im Boden verankert waren, waren abgewetzt und fleckig, die Armlehnen aus Holz mit allerhand eingeritzten Symbolen, Mustern und Buchstaben verunziert. Der dunkelgraue Teppichbelag war durchgelaufen. An einigen Stellen blitzte schon das Linoleum darunter hervor. Die wuchernde Monstera in einer Ecke des Raumes lehnte sich wie ein geplagter, alter Mann weit nach vorn, als wollte sie aus ihrem Übertopf entfliehen. Das Licht der drei noch funktionierenden Lampen war kalt und kränklich.
Nervös kaute Sting auf seiner Unterlippe herum und zupfte an seinen Fingern, verknotete sie miteinander, erzitterte, griff noch fester nach seinen eigenen Gliedern.
Überdeutlich hörte er das Quietschen der Schuhe auf dem Flur jenseits der Glaswände, die den Wartebereich vom restlichen Geschehen abschotteten. Immer wieder waren gedämpfte Lautsprecherdurchsagen zu vernehmen. Irgendwo weinte ein Kind. Etwas fiel scheppernd zu Boden, woraufhin jemand zu fluchen schien.
Ihm lag der Geruch von Desinfektions- und Reinigungsmitteln in der Nase. Minervas mittlerweile dritter Billigkaffee vom Automaten in der Ecke. Irgendwo hier in der Nähe schien jemand Apfelsaft verschüttet zu haben und drei Reihen weiter stank eine nervöse junge Frau mit blutunterlaufenen Augen wie eine Mischung aus Schnaps und Aschenbecher.
„Sting.“
Blinzelnd richtete Sting den Blick wieder zur Seite, aber seine Freundin sah genervt auf sein Bein hinunter. Erst jetzt fiel Sting auf, dass er mit seinem linken Bein kippelte. Es kostete Sting richtige Konzentration, das Bein wieder ruhig zu halten. Zum Dank legte Minerva ihm kurz die Hand auf den Unterarm, drückte diesen sachte. Ihre schmalen Finger zitterten sachte. Als sie sie zurückzog, griff Sting unwillkürlich danach und drückte sie behutsam.
Unter normalen Umständen würde Minerva solch eine Geste nicht dulden. Unter normalen Umständen würde sie ihm dafür den Ellenbogen in die Rippen drücken. Unter normalen Umständen würde er auch gar nicht auf die Idee kommen, ihre Hand zu ergreifen.
Aber heute waren alles andere als normale Umstände.
Schwer schluckend wandte Sting den Blick wieder in die Richtung, in welcher laut Beschilderung die Operationssäle lagen. Er wünschte sich, es würde endlich jemand kommen und ihnen sagen, wie die Dinge standen. Genau genommen, hatte Minerva bereits auf ihre ganz unnachahmliche Art versucht, an diese Informationen zu kommen. Aber hier hielt man es mit den Vorschriften leider viel zu genau.
Ein Vibrieren in seiner Hose ließ Sting zusammenfahren. Hastig zog er sein Handy hervor und für einen wahnwitzigen Moment hoffte er, es wäre eine Nachricht von Rogue, die ihm mitteilte, dass die Katzen irgendetwas angestellt hatten, oder ihn fragte, was er zum Abendessen haben wollte.
Aber sie war nicht von Rogue. Wie auch? Rogue befand sich eine unbekannte Anzahl von Räumen entfernt und wurde operiert, weil ein Arschloch über Rot gefahren war.
Die Nachricht war von Rakheid. Benommen öffnete Sting den Chat mit seinem Freund und starrte auf die mittlerweile dritte Frage nach seinem Verbleib hinunter. Sting tippte auf das Textfeld, damit die Tastatur auftauchte, dann schwebte sein Daumen über den Buchstaben…
Hilflos schüttelte er den Kopf und schaltete das Display seines Smartphones wieder aus, um das Gerät neben sich auf die Bank zu legen und sich stattdessen nach vorn zu beugen, die Hände in den Haaren vergraben.
Er konnte Rakheid nicht schreiben, was los war. Auf Yukinos Anfrage wegen einer Verabredung für nächste Woche hatte er auch nicht antworten können. Es war, als würden ihm die Worte fehlen. Seine Gedanken kreisten nur immer wieder um die Tatsache herum, dass er es nicht ertragen könnte, Rogue zu verlieren.
Seinen besten Freund.
Mehr als das. Viel, viel mehr als das. Rogue war sein Anker in der Welt, seine Mauer, seine Schulter zum Anlehnen, sein Kissen, sein Zuhause… sein Ein und Alles!
Er liebte Yukino und Minerva, sie waren wie Schwestern für ihn. Seine Väter und sein Bruder bedeuteten ihm die Welt, waren seine großen Vorbilder. Aber Rogue…
Ein neuerliches Vibrieren ließ Sting gequält aufblicken, aber es war nicht sein Handy, sondern Minervas. Sie stand auf und entfernte sich ein paar Schritte von ihm, um den Anruf annehmen zu können. Mit gedämpfter Stimme wechselte sie einige knappe Worte mit der Person am anderen Ende der Leitung, ehe sie wieder auflegte und zum Wasserspender neben dem Kaffeeautomaten ging. Mit zwei Plastikbechern mit Wasser kehrte sie zu Sting zurück und drückte ihm einen davon in die Hand.
„Trink‘“, befahl sie, aber es klang eher wie eine Bitte, ließ den sonst üblichen Biss vermissen.
Langsam hob Sting den Becher und nippte daran. Kaum dass das Wasser in seinen Mund gelangte, hatte er das Gefühl, daran zu ersticken. Hustend ließ er den Becher fallen und beugte sich vornüber. Er spürte, wie Minerva ihm behutsam den Rücken tätschelte.
„Du sollst das Wasser trinken, nicht inhalieren“, murmelte Minerva und beließ eine ihrer Hände auch dann auf Stings Schulter, als er nicht mehr husten musste.
Er blieb ihr eine Antwort schuldig.
Das Quietschen der Glastür, die den Wartebereich vom Krankenhauskorridor trennte, ließ Sting hastig aufblicken. Dort standen Skiadrum, Grandine und Igneel. Bevor Sting auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, war er auf den Beinen und eilte auf die Drei zu. Grandine war als erstes bei ihm und schlang die Arme um ihn. Hilflos legte er seine Stirn auf ihrer schmalen Schulter ab.
„Hat man euch schon irgendetwas gesagt?“, hörte er Skiadrum angespannt fragen.
„Gar nichts“, antwortete Minerva und klang dabei eher resigniert als mürrisch. „Sie sagen nur immer wieder, dass sie nicht mit Nicht-Angehörigen über Patienten reden dürfen.“
„Und dann dauert es so lange, die Angehörigen zu informieren“, knurrte Igneel. „Sie haben Skia erst eine Stunde nach dir angerufen. Da waren wir schon längst auf dem Weg.“
Sting spürte, wie Grandine ihm behutsam eine Hand an die Wange legte, und er richtete sich mühsam wieder auf. Die dunkelblauen Augen seiner Patentante waren blutunterlaufen und ihre Hände zitterten heftig.
„Wir finden heraus, wie es Rogue geht“, versprach sie heiser.
Doch anstatt sofort ihrem Mann zu folgen, trat sie zunächst zu Minerva und schloss auch diese in die Arme. Selbst in seinem benommenen Zustand konnte Sting sehen, wie sehr sich die Schwarzhaarige verkrampfte.
„Danke, dass du uns so schnell informiert hast“, krächzte Grandine.
„Das war…“ Minerva räusperte sich und blinzelte heftig. „Selbstverständlich.“
Die weißhaarige Ärztin trat wieder einen Schritt zurück und schenkte der Jüngeren ein verständnisvolles Lächeln, dann wandte sie sich um und folgte ihrem Mann aus dem Wartebereich heraus. An ihrer Stellte trat Igneel kurz zu Minerva und schlang einen Arm um ihre schmalen Schultern. Als sie sich daraufhin hektisch umwandte und schon wieder zum Kaffeeautomaten ging, ließ er sofort los und trat stattdessen zu Sting.
Dankbar lehnte Sting sich in die bärenhafte Umarmung seines Vaters. Obwohl er nur noch wenige Zentimeter kleiner als er war, fühlte er sich wieder wie der kleine Junge, der mit seinen Ängsten und Nöten immer zu seinem super coolen und lieben Stiefvater hatte kommen können. Nur dass er diese Ängste dieses Mal einfach nicht in Worte zu fassen vermochte.
„Weiß konnte nicht fahren, er hatte schon ein Bier getrunken, als Minerva angerufen hat“, erklärte Igneel ungefragt und strich beruhigend über den Rücken seines Sohnes. „Er kümmert sich um Wendy.“
Dumpf nickte Sting, ohne sein Gesicht aus dem Sweatshirt seines Vaters zu ziehen. Zitternd klammerte er sich daran, atmete den wohlvertrauten Geruch nach Seife ein, der Igneel immer anhaftete, wenn er in der Bar gearbeitet hatte.
Widerstandslos ließ er sich zurück zu den Sesseln führen und einige Plätze entfernt von dem Fleck mit seinem verschütteten Wasser runter drücken. Sofort war Igneel wieder neben ihm und hielt ihn fest. Wie ein Fels in der Brandung war er für Sting, blieb ruhig und unerschütterlich. Selbst in seinem benommenen Zustand dachte Sting noch, was er für ein Glück hatte, dass sein Vater damals den Weg in Igneels Bar gefunden hatte.
Minerva ließ sich mit ihrem vierten Kaffee zu Stings anderer Seite nieder. Beinahe fühlte es sich so an, als würden sie und Igneel ihn abschirmen. Oder vielleicht wollten sie auch verhindern, dass er vor lauter Angst in tausende Stückchen zerbrach.
Irgendwann bemerkte Sting, wie sein Vater sich anspannte, und er hob den Blick. Skiadrum und Grandine waren zurück. Beide sahen bleich aus. Grandine klammerte sich zitternd an ihren Mann und wischte sich mit der freien Hand immer wieder die Tränen fort.
„Die OP ist fast vorbei“, sagte Skiadrum mit belegter Stimme. Er musste sich mehrmals räuspern, ehe er fortfahren konnte. „Sie mussten eine Kraniotomie machen, weil Rogue eine Hirnblutung hatte. Es war zum Glück ein verhältnismäßig unkomplizierter Eingriff und die Chancen stehen gut, dass er keine Schäden davontragen wird, aber die Heilung könnte sehr langwierig werden. Er braucht auch noch eine Operation am linken Knie. Physio wird auch auf ihn zukommen…“
Skiadrum klang, als würde er etwas herunterrattern. Die Ruhe und der trockene Humor, die er sonst immer an den Tag legte, waren völlig aus seiner Stimme verschwunden. Der Schock saß offensichtlich noch sehr tief.
Igneel erhob sich und ging zu dem Paar hinüber, um Beiden je eine Hand auf die Schulter zu legen. „Aber Rogue ist außer Lebensgefahr und er wird wieder gesund, ja?“, fragte er, seine Stimme tief und ruhig.
Grandine schluchzte laut und Skiadrum holte hörbar Luft. Doch dann nickte er ruckartig. Im nächsten Moment zog Igneel Beide in eine kurze, aber herzliche Umarmung.
Neben sich glaubte Sting, ein leises Schniefen zu hören, aber er war zu benommen, um sich umdrehen zu können. Skiadrums Worte geisterten wild durcheinander durch seinen Kopf, setzten sich zu absurden Sätzen zusammen. Sting hatte das Gefühl, den Kontakt zur Außenwelt verloren zu haben.
Eine Berührung an seinen Händen ließ ihn aufblicken. Igneel hatte sich vor ihm zu Boden gekniet und blickte ihm nun direkt in die Augen. Seine roten Augen, seine Mimik, seine Hände – alles war ruhig und warm.
„Sting, hast du das verstanden?“, fragte er leise und drückte die Hände seines Sohnes. „Rogue wird wieder gesund. Es wird alles gut.“
Langsam ergriff wieder ein Zittern von Stings Körper Besitz und in seinem Inneren baute sich ein undefinierbarer Druck auf. Mit einem Mal panisch klammerte er sich an die Hände seines Vaters.
„W-wirklich?“, krächzte er.
Das erste Wort, seit er vor Stunden das Krankenhaus betreten hatte.
„Wirklich“, antwortete Igneel, noch immer so unerschütterlich ruhig.
„Er… s-sti-stirbt n-nicht?“
„Nein. Rogue ist am Leben.“
Rogue lebte. Sting musste nicht alleine zurückbleiben!
Mit einem Schlag entluden sich die aufgestauten Gefühle der letzten Stunden. Weinend sackte er in sich zusammen, fiel regelrecht in die ausgebreiteten Arme seines Vaters, klammerte sich an ihn. Wieder brachte er keine Worte zustande, noch immer waren seine Gedanken völlig wirr, aber während er sich die Ängste von der Seele weinte, kehrte langsam ein Gefühl von Erleichterung in ihn ein.
Es war egal, wie lange Rogues Physio und Reha dauern mochten. Sting würde ihn wenn nötig Jahre lang unterstützen, wenn das nur hieß, dass ihm der wichtigste Mensch in seinem Leben nicht genommen wurde…!
---Hoffnung---
Das Quietschen der Wohnungstür weckte Rogue und machte ihm überhaupt erst bewusst, dass er schon wieder auf dem Sofa eingeschlafen war, der Krimi, den er zuvor noch gelesen hatte, lag am Boden in der Nähe seiner herabhängenden Hand und Silk hatte es sich behaglich schnurrend auf seiner Brust gemütlich gemacht, ein Vorderbein so weit nach vorn ausgestreckt, dass die samtig weiche Pfote an Rogues Kinn ruhte.
Irgendwo hörte Rogue einen leisen dumpfen Aufprall und dann erklang Novas um Aufmerksamkeit heischendes Miauen, dessen Lautstärkepegel schon mal die Nachbarn dazu veranlasst hatte, sich zu beschweren – als ob die in den letzten vier Jahren nicht regelmäßig viel zu lange und viel zu laut Party gemacht hätten.
Im Flur konnte Rogue ein schweres Seufzen vernehmen, dann verstummte Novas Miauen, was wohl bedeutete, dass Sting sie an den richtigen Stellen kraulte. Natürlich könnte es auch Minerva sein. Sie hatte seit Rogues Unfall auch einen Schlüssel für die WG, weil sie und Sting sich damit abwechselten, sich um Rogue zu kümmern, der das Angebot seiner Eltern ausgeschlagen hatte, für Physio und Reha zu ihnen nach Magnolia zu kommen. Rogue wollte versuchen, wenigstens montags das Seminar bei Professor Gran Doma zu besuchen, weil das genau das Thema behandelte, das Rogue sich gut für seine Masterarbeit vorstellen könnte.
Allerdings würde Silk dann nicht so entspannt bleiben, wenn es Minerva wäre. Während Silk und Nova jeweils einen anderen ihrer beiden Besitzer favorisierten und auch sonst in ihrem jeweiligen Wesen sehr unterschiedlich waren, waren sie sich aus irgendeinem Grund einig, dass sie verrückt nach Minerva waren. Sting fand es witzig – und Rogue zugegebenermaßen auch, nur zeigte er das nicht so offen –, wie überfordert Minerva mit den aufdringlichen Zuneigungsbekundungen der beiden Stubentiger war.
Müde rieb Rogue sich die Augen und richtete sich langsam auf, wobei er einen Arm um Silk legte, damit sie nicht zu abrupt von seinem Brustkorb rutschte. Blinzelnd blickte sie kurz zu ihm hoch, ehe sie ihren Kopf an seiner Brust rieb und einfach so blieb, wie er sie hielt. Dass sie viel zu schwer war, als dass Rogue sie länger als ein paar Minuten halten konnte, interessierte sie offensichtlich nicht.
Seufzend ließ Rogue die Sevenische Waldkatze auf seinen Schoß sinken und griff dann nach seinem Smartphone. Als er erkannte, dass es nur zwei Stunden her war, seit Sting ihn alleine gelassen hatte, runzelte er verwirrt die Stirn.
„Sting? Wieso bist du schon zurück? Hättest du nicht eigentlich genau jetzt noch eine Vorlesung?“
Keine Antwort, nur ein undefinierbares Brummen.
Rogue setzte Silk neben sich auf dem Sofa ab, dann fischte er nach seinen Krücken und stemmte sich langsam in die Höhe, sorgsam darauf achtend, sein linkes Bein nicht zu belasten. Nach dem Unfall hatte Rogue sogar noch zweimal am Knie operiert werden müssen. Bei der zweiten Operation hatte ihm letztendlich doch eine Prothese eingesetzt werden müssen. Sowohl sein Knie als auch sein Kopf machten große Fortschritte, aber manchmal machte sein Kreislauf schlapp, wenn er nach dem Schlafen zu schnell aufstand oder dergleichen.
Darüber, dass er nie wieder Kendo machen durfte, versuchte Rogue, nicht nachzudenken. Die übernächtigten Gesichter seiner Eltern und Freunde bei seinem Erwachen nach der Hirn-OP hatten ihm brachial vor Augen geführt, dass er froh sein konnte, noch am Leben zu sein. Und in der Physio hatte sein Therapeut ihm versichert, dass er aufgrund seiner guten Konstitution zumindest andere Sportarten würde ausüben können. Wandern, Schwimmen, vielleicht auch irgendwann Joggen, wenn er sich vorsichtig rantastete. Gleichwohl hatte Rogue es noch nicht übers Herz gebracht, sich mit der Frage zu beschäftigen, was er jetzt mit seiner Kendoausrüstung machen sollte. Kendo war schon lange mehr als nur ein Sport für ihn…
Langsam bewegte Rogue sich mit seinen Krücken bis zur Wohnzimmertür, um in den Flur hinein schauen zu können. Sting hockte noch immer bei der Wohnungstür und streichelte gedankenverloren Nova, kam jedoch nicht so recht hinterher. Immer wieder tänzelte die Katze um ihn herum, rieb ihren plüschigen Kopf an seiner Hand, seinem Knie, seiner Seite, seinem Kinn. Als sie empört mauzte, gab Sting sich mehr Mühe, aber sein Blick wirkte noch immer abwesend.
„Sting? Ist alles in Ordnung?“, fragte Rogue besorgt.
Langsam hob Sting den Blick. Doch kaum dass er direkt in Rogues Augen sehen konnte, wandte er den Blick hektisch wieder ab und widmete sich viel zu intensiv um seine Schuhe. Er wirkte fahrig und nervös und schien sich äußerst unwohl zu fühlen.
In Rogues Inneren rumorte es. Sting wich ihm sonst nie aus! Bis auf diesem Vorfall vor vier Jahren, nachdem sie mehrere Wochen nicht miteinander gesprochen hatten, hatten sie einander immer alles anvertraut – oder fast alles. Nicht einmal Rogues Ärger darüber, zu spät seine wahren Gefühle für Sting erkannt zu haben, hatte ihn davon abhalten können, weiter für seinen besten Freund da zu sein. Aber auf einmal hatte er das Gefühl, als würde etwas zwischen ihnen stehen.
„Was ist los?“
Anstatt zu antworten, stand Sting auf und räumte seine Schuhe ordentlich weg. Seit Rogue aus der Reha heraus und endlich wieder Zuhause war, war Sting überraschend ordentlich und fürsorglich. Er hatte sogar seinen Nebenjob gekündigt, um mehr Zeit in der Wohnung verbringen und Rogue unterstützen zu können. Einerseits störte es Rogue, dass er so verhätschelt wurde – insbesondere da sowohl seine Eltern als auch Stings Väter jetzt wieder sehr viel mehr Geld an ihre Söhne überwiesen, damit sie auch ohne ihre Nebenjobs über die Runden kamen, bis die Schmerzensgeldforderung beim Unfallverursacher endlich durch war. Aber andererseits genoss Rogue es auch, von Sting so viel mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Solche Gesten wie mit Stings Schuhen erfüllten ihn gleichermaßen mit Wehmut und warmer Dankbarkeit.
Wortlos legte Sting seinen Schlüssel in der Schale auf dem Schuhregal ab, dann ging er einfach in die Küche, um sich ein Glas mit Wasser aus der Leitung zu füllen. Rogue folgte ihm in die Küche und beobachtete, wie Sting das Glas mit mehreren großen Schlucken leerte, ohne es einmal abzusetzen. Stings Hand zitterte, die andere schloss sich immer wieder zu einer Faust.
„Sting-“
„Rakheid hat mit mir Schluss gemacht“, sagte Sting abrupt und stellte das Glas in die Spüle.
„Er hat was?“
Ein Teil von Rogue war unendlich erleichtert, beinahe schon euphorisch.
Er hatte nicht direkt ein Problem mit Rakheid. Viel hatte er von diesem nie kennengelernt. Sting hatte Rakheid nie mit in die Wohnung gebracht, sondern sich eher außerhalb mit ihm verabredet und gelegentlich mal bei ihm übernachtet – und ja, in diesen Nächten hatte Rogue immer einen irrationalen brennenden Hass auf Rakheid verspürt.
Aber es war nicht Rakheids Schuld, dass Rogue zu spät erkannt hatte, welcher Natur seine Gefühle für Sting waren. Genauso wenig war es Stings Schuld. Dennoch hatte es Rogue in all der Zeit viel Mühe gekostet, seine wahren Gefühle immer verborgen zu halten.
War das jetzt vielleicht vorbei? Hatte Rogue vielleicht doch noch eine Chance?
Doch als Sting sich mit beiden Händen auf der Arbeitsfläche der Küche abstützte und schwer schluckend darauf hinab starrte, rief Rogue sich selbst zur Ordnung. Seine eigenen Gefühle waren jetzt nicht wichtig. Er musste für seinen besten Freund da sein!
Langsam bewegte Rogue sich weiter in den Raum rein, bis er fast direkt neben Sting stand.
„Wie geht es dir damit?“, fragte er behutsam.
Für einen Moment hob Sting den Blick und Rogue konnte in seinen Augen eine furchtbare Zerrissenheit erkennen. Der sonst so taffe Blondschopf wirkte auf einmal so verletzlich und ängstlich, dass es Rogue einen Stich versetzte.
Schnell senkte Sting wieder den Blick, ehe er antwortete: „Ich… ich weiß es nicht… Rakheid hat da etwas gesagt…“
Rogue runzelte die Stirn und rutschte etwas näher an Sting heran. Er wechselte die rechte Krücke mit in seine linke Hand, um seine freie Rechte vorsichtig auf Stings Schulter legen zu können.
„Was hat er gesagt? Hat er dir etwa Vorwürfe gemacht, weil du mir so viel hilfst?“
Bei dem Gedanken wurde Rogue einen Moment lang schlecht. Wenn Stings erste Beziehung seit langem wegen so etwas zu Bruch ging… Rogue wusste, dass es eigentlich unsinnig war, aber er fühlte sich automatisch schuldig.
„Nein, aber er hat gesagt, dass ihm durch deinen Unfall etwas klar geworden ist“, begann Sting langsam und blickte zaghaft zur Seite.
Rogue versuchte, ruhig zu bleiben und sich weiter auf Sting zu konzentrieren. „Was ist ihm klar geworden?“, fragte er leise, seine Hand noch immer auf Stings Schulter.
„Dass ich…“
Wieder brach Sting ab und senkte schon wieder den Blick. Von der Seite konnte Rogue sehen, dass er auf seiner Unterlippe herumkaute, wie er es immer tat, wenn ihn etwas sehr aufwühlte. Unwillkürlich rutschte Rogue noch etwas näher an ihn heran, fragte jedoch nicht schon wieder nach.
In einem Moment ruckte Stings Kopf nach oben und er starrte wie gebannt geradeaus auf die geflieste Wand hinter der Spüle, sein ganzer Körper auf einmal steif wie ein Brett. Im nächsten Moment wirbelte Sting ohne Vorwarnung herum, ergriff Rogues Gesicht mit beiden Händen und küsste ihn.
Sting Eucliffe, Rogues bester Freund, engster Vertrauter, wichtigster Mensch, küsste ihn!
Völlig überwältigt stand Rogue für einige Sekunden einfach nur tatenlos da, während Stings Lippen sich fest auf seine pressten. Sting hatte die Augen zugekniffen und seine Hände an Rogues Wangen zitterten heftig.
Eigentlich war es kaum Kuss zu nennen. Es war ein krampfiges Aufeinanderpressen von Lippen.
Aber je länger es andauerte, desto deutlicher sickerte das Gefühl von Stings Lippen durch Rogues Körper und Gedanken. Er hatte keine Ahnung, was es zu bedeuten hatte, aber selbst dieser unbeholfene Kontakt fühlte sich irgendwie richtig an. Als würde das letzte Teil ins Puzzle eingefügt werden und das ganze Bild endlich einen Sinn ergeben.
Langsam hob Rogue die freie Hand und schob sie in die kurzen Haare an Stings Hinterkopf, um den Blondschopf so zu dirigieren, dass er den Kuss richtig vertiefen konnte. Doch als er anfing, seine Lippen behutsam gegen Stings zu bewegen, riss dieser auf einmal die Augen auf und stolperte rückwärts von Rogue davon.
Benommen blieb Rogue stehen und versuchte, die Situation richtig zu erfassen. In den blauen Augen seines Freundes loderte die blanke Panik. Sein ganzer Körper zitterte. Bei dem Anblick verkrampften sich Rogues Eingeweide.
Mühsam räusperte er sich. Es kostete ihm absurd viel Kraft, die Lippen zu öffnen, um eine Frage zu formulieren, doch bevor er auch nur einen Ton hervorbringen konnte, platzte es aus Sting heraus.
„Bitte verzeih‘ mir. Das war ein Fehler!“, rief Sting und dann stolperte er aus der Küche.
Die Worte bohrten sich wie Messer in Rogues Herz, machten ihn für einige Sekunden bewegungsunfähig. Erst als er es im Flur klappern hörte, konnte er sich aus seiner Starre lösen. Für einen Moment vergaß er seine Krücken und ließ sich hinreißen, einen Schritt ohne Stützen zu machen. Sofort verspürte er einen schmerzhaften Stich im linken Knie.
„Sting“, presste er hervor und sortierte hastig seine Krücken. „Sting, bitte-“
Das Knallen der Wohnungstür ließ ihn verstummen.
Wie in Trance erreichte er den Flur. Die Türkette schwenkte noch hin und her, einer von Rogues Turnschuhen war zu Boden gefallen und die Fußmatte war verrutscht. Nova saß darauf und blickte über ihre Schulter verwundert zu Rogue auf, mauzte ungewöhnlich zaghaft, als wollte sie fragen, was das alles zu bedeuten hatte.
Hilflos ließ Rogue sich am Türrahmen zu Boden gleiten und legte seine Krücken neben sich ab, die Handballen auf die Augen gepresst und schwer atmend.
Was hatte das alles zu bedeuten?
Hatte er gerade seinen besten Freund verloren?
---Unsicherheit---
Schwer atmend blieb Sting am Fuß der Treppen stehen, die zu seiner und Rogues Wohnung hinauf führten. Sein Herz raste und er wusste ehrlich nicht, ob es das vor Aufregung oder vor Panik tat. So kurz er auch angedauert hatte, der Kuss mit Rogue hatte sich gut angefühlt, aber was war, wenn Sting damit ihre Freundschaft zerstört hatte?
Wie viel konnte ihre Freundschaft aushalten? Sie hatten schon einmal im Vollrausch miteinander geschlafen und danach Wochen lang nicht miteinander gesprochen. Sting konnte das nicht schon wieder durchmachen. Er durfte Rogue nicht verlieren!
Langsam torkelte Sting aus dem Gebäude heraus und wandte sich nach links in Richtung des nahegelegenen Parks, wo er und Rogue manchmal hingingen, um gemeinsam an der frischen Luft zu lernen, weil sie den Garten von Rogues Eltern und allgemein das viele Grün in Magnolia vermissten. Unter einer uralten Eiche ließ Sting sich zu Boden sinken und barg das Gesicht in den Händen.
Was sollte er denn jetzt bloß tun? Er hatte Rogue mit diesem Kuss einfach überfallen. Genau genommen, hatte er sich selbst auch damit überfallen. Es war eine reine Affekthandlung gewesen, weil er so verwirrt gewesen war. Aber würde Rogue das verstehen und ihm diese Übergriffigkeit verzeihen? Doch dann müsste Sting ihm auch erklären, warum er sich so verhalten hatte, oder?
Was sollte er denn dann sagen? War es wirklich richtig, Rogue zu verraten, was Rakheid zu ihm gesagt hatte? Oder würde das die Dinge nur noch komplizierter machen?
„Verdammt“, presste Sting hervor, als seine Augen zu brennen begannen.
Es war ihm eigentlich schon davor bewusst gewesen, aber seit Rogues Unfall war ihm umso deutlicher vor Augen geführt worden, wie viel sein Sandkastenfreund ihm bedeutete. Um genau zu sein, gab es niemanden, der sich mit ihm messen konnte! Seine Väter und sein Bruder nicht. Seine Freunde nicht. Nicht einmal – und bei dem Gedanken fühlte Sting sich besonders schäbig – sein Patensohn. Rogue war der eine Mensch, der für Sting so wichtig wie die Luft zum Atmen war, ohne den nichts in Stings Leben noch einen richtigen Sinn zu ergeben schien…
War es schwach, so zu denken und zu fühlen? Würde es Rogue Unbehagen bereiten, wenn Sting ihm davon erzählte? Und bedeutete das wirklich das, was Rakheid gesagt hatte?
Ein Vibrieren in seiner Hosentasche ließ Sting zusammenzucken. Er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass sein Handy nun lautlos eingestellt war. Das hatte er sich angewöhnt, um Rogue nicht immer wieder aus den offensichtlich dringend nötigen Nickerchen zu reißen, die dieser ein- bis zweimal am Tag machte, aber dennoch die vielen besorgten Kontrollanrufe aus Magnolia nicht zu verpassen.
Vielleicht war es aber dieses Mal Rogue? Was sollte Sting dann machen? Wenn er wegdrückte, würde Rogue ihn dann dafür hassen? Oder sollte er annehmen und ihm die Wahrheit sagen? Oder sich eine Lüge einfallen lassen? Konnte er wirklich seinen besten Freund anlügen?
Es war nicht Rogue.
Es war Yukino.
Erleichtert nahm Sting den Anruf an und bevor er auch nur noch einmal darüber nachdenken konnte, ob das überhaupt in Ordnung so war, sprudelte alles aus ihm heraus: „Yukino, ich stecke in der Klemme! Rakheid hat mit mir Schluss gemacht! Er hat gesagt, ihm sei schon immer klar gewesen, dass es nichts Ernstes zwischen uns ist, aber seit dem Unfall hätte er erkannt, dass ich in Wahrheit Rogue liebe, aber tue ich das wirklich? Ich bin so schrecklich verwirrt gewesen! Aber als Rogue sich solche Sorgen um mich gemacht hat, bin ich irgendwie ausgerastet und habe ihn geküsst. Was ist, wenn er mich gar nicht auf die Art mag? Ich weiß doch gar nicht, ob er bi ist. Und ich weiß auch nicht, ob ich wirklich in ihn verliebt bin!“
Nach Luft schnappend hielt Sting inne. Er konnte spüren, wie die Hitze in sein Gesicht stieg. Seine Ohren fühlten sich an, als würden sie brennen.
Am anderen Ende der Leitung herrschte für einige Sekunden geschocktes Schweigen. Panisch blickte Sting auf ein Handydisplay, aber da wurde ihm zum Glück wirklich Yukinos Name angezeigt und die Verbindungsanzeige seines Geräts versicherte ihm auch, dass er einen sehr guten Empfang hatte.
Als ein leiser Seufzer erklang, verknoteten sich Stings Eingeweide. Vielleicht hatte Yukino das alles gar nicht hören wollen. Vielleicht hatte sie eigentlich ein wichtiges Anliegen gehabt und dann kam Sting daher und-
„Sting, bitte tu‘ mir als Erstes einen Gefallen und atme tief durch“, sagte Yukino ganz besonders sanft, aber mit einer Strenge im Hintergrund, die keinerlei Widerspruch zuließ.
Sting schloss die Augen und versuchte, sich auf seinen Atem zu konzentrieren. Tief holte er Luft. „So ist’s gut“, lobte Yukino, „und jetzt ausatmen!“ Sting stieß den Atem geräuschvoll wieder aus. Unter Yukinos Anleitung nahm er noch mehrere tiefe Atemzüge und er konnte spüren, wie sein Körper sich wieder beruhigte und seine Gedanken klarer wurden.
„Tut mir leid“, seufzte er schließlich und kauerte sich noch weiter unter der Eiche zusammen. „Ich hätte dich nicht so überfallen dürfen.“
„Unsinn, auch für so etwas sind Freunde da“, widersprach Yukino energisch. Bei ihren nächsten Worten klang sie jedoch sofort wieder ganz sanft. „Hallo erst einmal, Sting. Ich wollte eigentlich fragen, wie es dir geht, da du dich doch so viel um Rogue kümmerst.“
„Was? Mir? Ich hatte doch gar keinen Unfall. Nach Rogue solltest du dich erkundigen!“
„Psst!“, mahnte Yukino und Sting hatte bildlich vor Augen, wie ihre braunen Augen bedrohlich blitzten. „Erstens kann ich Rogue selbst fragen, wie es ihm geht. Im Gegensatz zu dir sieht er die Dinge diesbezüglich nämlich sehr klar und gibt ehrlich zu, was ihm noch Probleme bereitet. Du hingegen solltest bei aller Sorge um Rogue auch einmal an dich selbst denken.“
„Aber ich-“
„Lassen wir das jetzt“, schnitt Yukino ihm ungewöhnlich forsch das Wort ab. „Du hast offensichtlich ein ganz anderes Problem. Fangen wir bei Rakheid an. Meinst du, dass er Recht haben könnte?“
„Dass es nicht wirklich ernst zwischen uns war? Ich denke schon. Er ist lustig, es hat Spaß mit ihm gemacht, aber ich hatte manchmal das Gefühl, dass er sich besser mit Minerva versteht.“
Darauf folgte nur ein nachdenklich Summen, was Sting dazu veranlasste, verwirrt die Stirn zu runzeln.
Bevor er nachfragen konnte, was dieses Summen zu bedeuten hatte, fuhr Yukino schon fort. „Also ist es für dich in Ordnung, dass Schluss ist?“
„Ja?“, antwortete Sting langsam und legte den Kopf in den Nacken, um ratlos in das Geäst des alten Baumes hinauf blicken zu können. „Ich glaube nicht, dass ich wirklich verliebt war oder so. Vielleicht war es eher ein Freundschaft Plus Ding? Ich konnte noch gar nicht richtig darüber nachdenken?“
„Versuche es jetzt“, schlug Yukino vor. „Sagen wir einmal – rein hypothetisch – Rakheid würde mit Minerva ausgehen… Würde dir das irgendetwas ausmachen?“
„Nur, wenn er Minerva mies behandelt“, platzte Sting mit seinem ersten Gedanken heraus.
Das entlockte Yukino ein abgehacktes Lachen. „Ich glaube, das würde Minerva sich nicht eine Sekunde lang gefallen lassen.“
Da war wohl etwas dran. Obwohl Minerva es nie zu einem Konflikt mit ihrem Arschloch von einem Vater hatte kommen lassen, hatte sie sich von anderen Männern nie etwas gefallen lassen. Sting war einmal zufällig dabei gewesen, als sie einen Kerl hatte abblitzen lassen, der sie mit einem zugegebenermaßen sehr dämlichen Anmachspruch angegraben hatte. Wahrscheinlich gar es keinen zweiten Menschen auf der ganzen Welt, der so viel Verachtung in seinen Blick legen konnte, wie Minerva es in diesem Moment getan hatte.
„Also gut, halten wir fest: Mit Rakheid ist Schluss und es ist mehr oder minder okay für dich. Das Problem ist eher, was Rakheid zum Schluss zu dir gesagt hat, richtig?“
„Und dass ich Rogue geküsst habe“, nuschelte Sting.
„Dazu kommen wir gleich noch. Eins nach dem nächsten“, mahnte Yukino und vor seinem inneren Augen sah Sting, wie sie ganz lehrerinnenhaft mit dem erhobenen Zeigefinger herumwedelte. „Denkst du, Rakheid hat Recht, was deine Gefühle für Rogue betrifft?“
„Ich…“
Gedankenverloren ließ Sting den Blick schweifen. Allerdings gab es nicht allzu viel zu sehen. Im Vergleich zu den Parks in Magnolia war dieser hier ziemlich langweilig. Bis auf ein paar alten Bäumen, die mit Schildern als Naturdenkmäler ausgewiesen waren, gab es hier nur kurz gemähtes Gras und asphaltierte Wege, ein paar beschmierte und beklebte Bänke, daneben verbeulte Mülleimer. Nichts davon konnte Stings Blick lange halten. Geschweige denn, seine vielen Fragen beantworten.
„Sting?“
„Woher wusstest du, dass du Natsu liebst?“, platzte es aus Sting heraus.
„Oh, ich… also ich… na ja, ich mochte ihn schon, seit er dein Bruder geworden ist“, druckste Yukino verlegen, aber doch erstaunlich stotterfrei herum. „Ich habe ihn damals schon irgendwie dafür bewundert, wie vehement er sich für dich und eure Väter eingesetzt hat. Oder auch für Andere, wenn sie Hilfe brauchten oder gehänselt wurden. Und irgendwann fing mein Herz jedes Mal an, wie verrückt zu klopfen, wenn ich ihn nur gesehen habe. Ich war schon ein wenig eifersüchtig, wenn ich ihn mit anderen Frauen gesehen habe, obwohl ich mich gleichzeitig dafür geschämt habe.“
Verblüfft starrte Sting geradeaus, ohne wirklich etwas zu sehen. Wo war seine super schüchterne beste Freundin geblieben? Nein, falsche Frage: Wie hatte er tatsächlich verpassen können, dass Yukino so taff wurde, dass sie mittlerweile so offen über ihre damaligen Gefühle für Natsu sprechen konnte? Klar, sie war seit vier Jahren mit Natsu zusammen, hatte mit ihm einen Sohn und der Hochzeitstermin stand auch endlich fest. Aber irgendwie hatte Sting es verpasst, mal ernsthaft mit ihr über ihre Beziehung zu reden.
Natsu war derjenige, dem er, nachdem er erfahren hatte, dass die Beiden endlich zusammen gekommen waren, sehr klar gemacht hatte, dass er gemeinsam mit Minerva seine Leiche verscharren würde, wenn er Yukino jemals das Herz brechen sollte – es hatte ihn zugegebenermaßen ganz schön enttäuscht, dass Natsu nur noch genervt reagiert und gesagt hatte, dass er auch schon von diversen anderen Leuten mehr oder minder direkt bedroht worden sei.
„Es hat aber keinen eindeutigen Moment gegeben, der es mir auf einmal klar gemacht hat, was ich für Natsu empfinde“, fuhr Yukino fort. Nun klang sie beinahe schon ein wenig verträumt. „So nach und nach hat sich aus Bewunderung Verliebtheit entwickelt und irgendwann ist daraus Liebe geworden.“
Sting verzog das Gesicht. Er freute sich sehr für Yukino, dass ihre Liebe mittlerweile erwidert wurde und dass sie glücklich war – und er freute sich auf den Tag, wenn er sie zum Altar begleiten durfte. Aber ihm half das nicht so wirklich bei seinem Problem mit Rogue.
„Tut mir Leid, ich habe mich ein wenig hinreißen lassen“, nuschelte Yukino und klang damit wieder viel eher nach der schüchternen jungen Frau, für die viele sie immer hielten. „Vielleicht gehen wir es anders an: Was bedeutet Rogue dir?“
Alles.
Das war der erste Gedanke, der Sting bei dieser Frage kam. Rogue war immer da gewesen, sein beständiger Begleiter. Stings erste klare Erinnerungen hingen mit Rogue zusammen. Lange vor Minerva und Yukino und den Anderen war Rogue bereits sein bester Freund gewesen. An diesem Weihnachten vor so vielen Jahren, als der völlig verwirrte Sting von seinem Vater plötzlich zu Skiadrum und Grandine gebracht worden war, um irgendetwas mit Igneel bereden zu können, hatte Rogue ihn getröstet. Unzählige Male hatte Rogue ihn verteidigt. Er hatte sich immer seine Gedanken angehört, hatte seine Sorgen ernst genommen, ihm mit Rat und Tat zur Seite gestanden. In seiner Nähe fühlte Sting sich warm und geborgen und es wurde nie langweilig und-
„Sting, bist du noch da?“
„Ja…“, antwortete Sting gedehnt und strich sich langsam durch die Haare. „Ich weiß nur nicht, wie ich es erklären soll. Da ist einfach so viel.“
„Weil du Rogue schon so lange kennst?“
„Ja… nein… Nicht nur deswegen… Ach, verdammt! Das ergibt alles keinen Sinn!“
„Nehmen wir einmal an, Rakheid hat Recht und du bist in Rogue verliebt: Was könnte im schlimmsten Fall passieren, wenn du es Rogue sagst?“
„Er könnte mich zum Teufel jagen!“
Yukino seufzte leise. „Sting, wir reden hier von Rogue, nicht von irgendeinem Arschloch. Also denk‘ nochmal darüber nach.“
Angespannt kaute Sting auf seiner Unterlippe herum und ließ wieder den Blick über das Gras schweifen, ehe er zu einer neuen Antwort ansetzte: „Rogue würde wahrscheinlich versuchen, taktvoll damit umzugehen, aber… es könnte dennoch zwischen uns stehen und dann… reden wir vielleicht nie wieder richtig miteinander…“
Sting hatte Mühe, gegen den Kloß in seinem Hals anzukommen und normal Luft zu holen, Aber Yukino ließ ihm keine Zeit, sondern stellte gleich die nächste Frage: „Und was könnte im besten Fall passieren, wenn du es Rogue sagst?“
„Na ja… vielleicht, dass er auch in mich verliebt ist?“, überlegte Sting und bei der Vorstellung begann sein Herz wild zu klopfen.
„Und was glaubst du, wie eine Beziehung mit Rogue sein könnte?“
„Na ja, wir würden viel Zeit miteinander verbringen, uns einander anvertrauen, gemeinsam reisen…“ Sting geriet ins Stocken, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. „Es wäre so wie jetzt auch! Na ja, nur eben mit Küssen und-“
„Und anderem“, fuhr Yukino ihm schnell dazwischen, was Sting sogar kurz ein Grinsen entlockte.
Allerdings musste er gleich wieder daran denken, wie es sich angefühlt hatte, Rogue vorhin zu küssen. Eigentlich war es kaum ein richtiger Kuss gewesen. Sting war viel zu sehr durch den Wind gewesen und Rogue war wahrscheinlich zu überrascht gewesen. Es war eigentlich nur ein Aufeinanderpressen ihrer Lippen gewesen. Aber selbst das hatte sich irgendwie elektrisierend angefühlt!
Unwillkürlich schweiften Stings Gedanken zu jener einen Nacht zurück, die zu vergessen er aller Versuche zum Trotz nie zustande gebracht hatte. Er hatte davor und danach Sex mit attraktiven Männern gehabt, aber dennoch war das immer irgendwie anders gewesen.
Warum hatte er damals eigentlich nie in Erwägung gezogen, mit Rogue darüber zu reden, um herauszufinden, wie es sich für ihn angefühlt hatte? Irgendwie hatte er sich damals in dem Gedanken verrannt, ihre Freundschaft zu gefährden, und hatte das Thema deshalb gemieden und die Flucht ergriffen. Aber nach der Sache mit Zancrow war Rogue sofort und bedingungslos für ihn da gewesen. Nicht ein einziges Mal hatte er ihn für seine Fahrlässigkeit verurteilt. Stattdessen hatte er ihm in dieser schweren Zeit beigestanden!
„Ich will Rogue nicht verlieren“, krächzte Sting und blinzelte heftig, als er spürte, wie seine Augen zu brennen begannen. Schon wieder saß ein Kloß in seinem Hals fest. „Er ist für mich mehr als nur mein bester Freund…“
„Vielleicht denkt er genauso“, schlug Yukino vorsichtig vor. „Vielleicht macht er sich gerade sehr viele ähnliche Gedanken und ist genauso verwirrt wie du.“
„Oder vielleicht ist er auch sauer auf mich“, murmelte Sting ernüchtert. „Vielleicht hört er mir nicht einmal zu, wenn ich versuche, es ihm zu erklären.“
„Nun… dann stellt sich wohl die wichtigste Frage“, sagte Yukino langsam. „Selbst wenn Rogue deine Gefühle nicht auf romantische Art erwidern sollte – glaubst du wirklich, er würde eure Freundschaft aufgeben und nicht mehr für dich da sein? Glaubst du wirklich, dass Rogue so ein Freund ist? Oder vertraust du ihm?“
Wie in Trance erhob Sting sich und blickte in die Richtung, aus der er vorhin gekommen war, ohne wirklich etwas zu sehen.
Vertraute er Rogue?
Wenn nicht ihm, wem sonst?
Auf einmal war alles ganz klar und eindeutig für Sting!
„Ja“, sagte er mit belegter Stimme, das Handy fest auf sein Ohr gepresst, seine Hände zitternd, aber seine Schritte fest, als er sich in Bewegung setzte und immer schneller zurück zur Wohnung eilte. „Ich vertraue Rogue!“
---Mut---
Silk und Nova saßen offensichtlich zutiefst verwirrt vor Rogue, der noch immer mitten im Flur saß und hilflos zur Tür starrte. Er hatte keine Ahnung, wie lange es schon her war, dass Sting die Wohnung verlassen hatte. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, aber gleichzeitig glaubte Rogue immer noch, Stings Lippen auf den seinen zu spüren. Seine Gedanken waren sprunghaft, wirbelten Fragen auf, ohne sie länger als ein paar Sekunden ordentlich zu betrachten. Wie ein Sturm fegte die Angst davor, die wichtigste Beziehung in seinem Leben zu verlieren, alles durcheinander.
Ein hohes Miauen und ein sachter Pfotenstupser lenkte Rogues Aufmerksamkeit auf Silk. Während ihre Schwester ausgesprochen gesprächig war, war die schwarze Katzendame sehr maulfaul. Es zeugte von ihrer Verwirrung, dass sie jetzt doch einen Laut von sich gab.
Vielleicht sollte Rogue auch den Mund aufkriegen? Wenn die Dinge ohnehin schon derartig eskaliert waren, was konnte es da noch schaden, endlich mit offenen Karten zu spielen und Sting seine wahren Gefühle zu gestehen?
Trotz dieses eigentlich sehr logisch klingenden Gedankengangs fühlte Rogue sich wie gelähmt vor Angst. Vage war er sich bewusst, dass er überhaupt gar nichts damit änderte, dass er hier tatenlos herumsaß. Wenn er seine Beziehung zu Sting retten wollte, musste er sich in jedem Fall aufraffen!
Langsam tastete Rogue nach seinem Handy in der Tasche seiner Jogginghose und suchte nach der Nummer der einen Person, von der er wusste, dass sie die richtigen Worte finden würde, um ihn aus seiner Lethargie zu reißen.
„Na, geht dir Mutterhenne Sting auf die Nerven?“, meldete Minerva sich nach dem zweiten Klingeln gedehnt und im Hintergrund konnte Rogue etwas rascheln hören, als würde seine Freundin seine Seite umblättern.
Auf einmal kam Rogue der Gedanke, dass die Schwarzhaarige vielleicht gerade mitten in wichtigen Recherchen in der Bibliothek steckte. Immerhin musste sie im Gegensatz zu ihm ihr Pensum halten. Er hatte das Glück, von seinen Eltern unterstützt zu werden, er konnte sich das Urlaubssemester leisten, um sich auf seine Genesung zu konzentrieren. Minerva hingegen war auf sich alleine gestellt, seit sie den Studentenkredit erhalten und jeglichen Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen hatte. Sie konnte es sich nicht erlauben, auch nur eine Sekunde lang in ihrem Lernpensum nachzulassen.
„Rogue?“
Benommen blinzelte er, als Minervas angespannte Frage ihn darauf aufmerksam machte, dass er noch überhaupt gar nichts gesagt hatte. Er öffnete die Lippen, aber er brachte keinen Ton zustande. Seine Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt.
„Rogue, ist etwas passiert?“, fragte Minerva und nun war ihr die Beunruhigung deutlich anzuhören. „Soll ich rüber kommen?“
„Ich…“ Rogue schluckte schwer und schloss um Kraft flehend die Augen. „Ich liebe Sting…“
Am anderen Ende der Leitung herrschte für einige Sekunden lang verblüfftes Schweigen. Mit einem Mal wurde Rogue klar, dass er es das erste Mal so direkt in Worte gefasst hatte. Minerva wusste um seine Gefühle, immerhin hatte er ihr damals diese Chatnachricht geschickt, in der er von seiner Wut über seine eigene Blindheit geschrieben hatte. Aber er hatte noch nie wortwörtlich von Liebe gesprochen.
„Rogue… du erinnerst dich doch noch, dass du mir das schonmal gesagt hast, oder?“, begann Minerva ungewöhnlich behutsam. „Damals, als Sting mit-“
„Rakheid hat mit Sting Schluss gemacht“, platzte es auch Rogue hervor.
Wieder herrschte ein längeres Schweigen. Bei ihren nächsten Worten klang Minerva irgendwie seltsam. Beinahe verletzlich. „Sting und Rakheid sind nicht mehr zusammen?“
„Genau. Ich muss Sting endlich sagen, dass ich ihn liebe.“
Während er sprach, tastete Rogue nach einer seiner Krücken und richtete sie auf, um sich daran langsam in die Höhe zu stemmen. Wegen des unangenehmen Winkels jagte ein stechender Schmerz durch sein Knie, aber er biss die Zähne zusammen und richtete sich vollends auf.
„Wofür genau rufst du mich eigentlich an?“, fragte Minerva und nun klang sie wieder mehr wie sie selbst: lauernd, beinahe bedrohlich. „Ich bin nicht deine Beichtmutter, das weißt du schon, oder? Wenn du den Knaben willst, dann hol‘ ihn dir und vergeude nicht deine Zeit damit, mir von deinen Gefühlen zu erzählen.“
Unwillkürlich entfuhr Rogue ein bellendes Lachen. Normalerweise reagierte er nicht viel auf Minervas bissige Art, zumal sie meistens nicht gegen ihn gerichtet war. Jetzt jedoch half es ihn, seine Gedanken auf die richtige Spur zu bringen. Selbst wenn er keine Ahnung hatte, wie er Minerva um Hilfe bitten sollte, half sie ihm dennoch. Er war ihr definitiv eine ganze Menge schuldig.
„Das werde ich“, versprach und bückte sich nach der zweiten Krücke.
„Sag‘ es ruhig noch etwas feierlicher“, sagte Minerva so trocken, dass er ihr Augenrollen beinahe hören konnte. Bevor sie ohne Vorwarnung auflegte, hörte er sie nur noch undeutlich murmeln: „Verliebtes Trottelpack…“
Rogue schob sein Smartphone einfach wieder in seine Hosentasche und humpelte zum Schuhregal hinüber. Am liebsten wäre er einfach so aus der Wohnung gestürmt, aber da ein gutes Dutzend Menschen es ihm mehr als nur übel nehmen würden, wenn er die Treppe runterstürzen würde, ermahnte er sich, sich zumindest noch die Zeit zu nehmen, sich Schuhe anzuziehen. Als er sich an den Schnürsenkeln versuchte, zitterten seine Hände zu sehr. Er stopfte sie einfach in die Schuhe, dann stieß er endlich die Tür auf.
Die Treppen hinunter zu gelangen, fiel ihm noch viel schwerer als sonst. Vielleicht, weil er es kaum schaffte, sich darauf zu konzentrieren, wirklich nur eine Stufe nach der nächsten zu bewältigen. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu diesem Kuss in der Küche und zu der Vorstellung davon ab, wie es vielleicht hätte weiter gehen können, wenn er nur nicht so geschockt gewesen wäre.
Monate lang hatte er tatenlos mitansehen müssen, wie Sting eine Beziehung mit Rakheid führte. Sich nichts anmerken zu lassen, keine Distanz zu Sting aufkommen zu lassen, Rakheid nicht zu hassen – es hatte ihn schier zerrissen. Ein kleiner Teil von Rogue war tatsächlich irgendwie dankbar für die Ablenkung durch den Unfall gewesen. Aber selbst in seinen schlimmsten Stunden, als sein Knie ihn unmittelbar nach der ersten erfolglosen Operation vor Schmerz um den Verstand gebracht hatte, sobald die Schmerzmittel nachgelassen hatten, hatte er nie aufhören können, an Sting zu denken.
Sting, der neben seinem Bett gesessen hatte, als er nach der Hirn-OP aufgewacht war. Sting, der seine Orchestermitgliedschaft aufgekündigt hatte, um Rogue mehr helfen zu können. Sting, der solange Rogue denken konnte, immer ein Teil seiner Welt gewesen war – nein, Sting war seine Welt gewesen und würde es auch immer sein!
Schwer atmend und zitternd vor Anstrengung hielt Rogue auf einem Treppenabsatz inne und stützte sich schwer auf seinen Krücken ab. Eigentlich war er bereits wieder fitter, aber er hatte sich nicht richtig auf seine Atmung konzentriert und sein Bein pochte vor Schmerz, weil er es im Flur zu lange in einem falschen Winkel gehalten hatte.
Aber es waren nur noch zwei Treppenabsätze, dann war er unten und dann würde er Sting auch irgendwie finden. Er wusste genau, welche Orte in der Stadt Sting mochte. Als erstes würde er zum Park gehen. Der war zwar im Vergleich zu den Parks in Magnolia eine Scheußlichkeit, aber sie Beide mochten die alte Eiche dort und-
Ein lauter Knall riss Rogue aus seinen Gedanken. Dann erfasste ihn ein kühler Lufthauch und er erschauderte. Jetzt erst fiel ihm auf, dass er nur ein T-Shirt und Jogginghosen trug, was für die frühherbstlichen Temperaturen draußen eigentlich nicht genug war. Doch bevor er darüber nachdenken konnte, ob er seine Suche dennoch fortsetzen wollte, hörte er hektische Schritte auf dem Absatz unter ihm.
Und dann war da Sting. Seine Wangen waren von der Kälte gerötet und seine Haare halb vom Gel befreit, weil er anscheinend zu oft mit den Händen hindurch gefahren war. Seine Augen weiteten sich, als er Rogue erkannte. Abrupt stoppte er fünf Stufen unter Rogue, wodurch er beinahe aus dem Gleichgewicht geriet und sich am Geländer festhalten musste.
„Sting…“
Rogues Stimme war nur ein heiseres Krächzen, als die Angst zurückkehrte.
„Rogue, was tust du hier?!“, rief Sting viel zu laut und stolperte die letzten Stufen nach oben. Noch immer waren seine Augen extrem geweitet. Das Gefühlswirrwarr, das über seine Gesichtszüge zuckte, war für Rogue unlesbar. „Du sollst doch noch nicht ohne Hilfe Treppen steigen“, platzte es schließlich aus Sting heraus und nun dominierte die Sorge sowohl seine Mimik als auch seine Stimme. „Was ist, wenn sich dein Knie wieder verschlechtert?!“
Auf einmal war alles ganz einfach für Rogue. Seine Angst war wie fortgewischt. Alles, woran er jetzt noch denken konnte, war, dass er niemals für irgendeinen anderen Menschen so viel Liebe empfinden könnte wie für Sting.
„Das ist egal“, brachte er mit belegter Stimme hervor und ließ eine Krücke fallen, um seine Hand an Stings Wange legen zu können. „Ich muss dir etwas sagen.“
Schon wieder weiteten sich Stings Augen und seine Ohren röteten sich. Ein paar Mal öffneten sich seine Lippen, ohne einen Laut hervor zu bringen. Aber er zog sich nicht zurück, als Rogue sich ihm näherte.
Und dann griff er plötzlich stürmisch nach Rogues Gesicht und streckte sich ihm entgegen. Der Kuss war alles andere als romantisch. Ihre Nasen stießen schmerzhaft gegeneinander und ihre Lippenbewegungen waren unkoordiniert.
An seinen Wangen spürte Rogue das Zittern von Stings Fingern und sein eigenes Herz klopfte ihm bis zum Hals vor Angst, das alles hier zu ruinieren. Sollte er seine Hand in Stings Nacken legen? Sollte er seine Lippen etwas öffnen? Abbrechen? Vertiefen? Mehr Nähe?
Als Sting einen lauten Seufzer ausstieß und sich zurückzog, fühlte Rogue sich für einige Sekunden so, als würde sich unter ihm ein Loch auftun. Doch im nächsten Moment lehnte Sting seine Stirn gegen Rogues, sodass alles, was sie sehen konnten, die Augen des jeweils anderen waren.
„Es tut mir leid, dass ich dich vorhin so überrumpelt habe“, krächzte Sting.
„Bereust du es?“, fragte Rogue und schon wieder verkrampfte sich sein Inneres.
„Nicht so, wie du denkst“, mahnte Sting und Rogue spürte ein Zwicken an seiner linken Seite, das ihn zusammenzucken ließ. Sie lösten sich wieder voneinander und Rogue rieb sich die empfindliche Stelle, die Sting so zielsicher getroffen hatte.
„Wie meinst du das?“, fragte er ernüchtert.
„Ich meine damit, dass ich völlig durcheinander war und gar nicht klar darüber nachgedacht habe, was ich fühle. Ich bin immer noch furchtbar verwirrt“, gestand Sting und strich sich schon wieder durch die Haare.
Als Rogue auffiel, dass die Hand seines Freundes zitterte, griff er behutsam danach. Wie in Trance betrachteten sie Beide ihre Hände. Irgendwie hatte es etwas Faszinierendes für Rogue, wie wenig verwunderlich dieser Anblick für ihn war. Sie hatten vorher nie Händchen gehalten, aber richtige körperliche Distanz hatte es zwischen ihnen nie gegeben.
„Ich glaube, ich liebe dich“, flüsterte Sting.
Rogues Blick zuckte hoch und begegnete dem seines Gegenübers. Die blauen Augen seines Freundes waren wieder extrem geweitet und sein Mund stand leicht offen, als wäre er selbst überrascht über seine Worte. Im nächsten Moment wurden seine Ohren schon wieder scharlachrot, aber seine Hand klammerte sich geradezu krampfhaft an Rogues.
„Eigentlich bin ich mir sogar sehr sicher, aber mir ist es heute erst richtig bewusst geworden? Ich habe vorher nie darüber nachgedacht, was meine Gefühle für dich zu bedeuten haben, bis Rakheid mich mit der Nase drauf gestoßen hat, aber vorhin in der Küche habe ich Angst gekriegt, das könnte unsere Freundschaft zerstö-“
Rogue hielt es nicht mehr aus. Er entwand Sting seine Hand, um sein Gesicht in beide Hände nehmen und ihn für einen weiteren Kuss zu sich ziehen zu können.
Dieses Mal legte er den Kopf leicht schräg und begann, seine Lippen behutsam gegen Stings zu bewegen, während seine Finger sich langsam in dessen Nacken schoben. Der Seufzer, der dem Blonden dieses Mal entfuhr, ließ Rogue wohlig erschaudern. Er spürte Hände auf seinen Hüften und einen warmen Körper an seiner Brust und Stings Lippen bewegten sich perfekt gegen seine. Auf einmal fühlte es sich so an, als würde alles seinen richtigen Platz finden. Als würde das letzte Puzzleteil perfekt in die Lücke klicken.
Erst als er nach Luft schnappen musste, löste Rogue sich aus dem Kuss, lehnte seine Stirn jedoch wieder gegen die seines Freundes. „Als du mir erzählt hast, dass du mit Rakheid zusammengekommen bist, ist mir klar geworden, dass ich dich liebe“, gestand er krächzend. „Aber ich konnte es dir nicht sagen, weil ich auch Angst davor hatte, unsere Freundschaft zu verlieren.“
„Oh…“, machte Sting und seine Miene wirkte stark ernüchtert.
„Ja, oh…“, seufzte Rogue und strich behutsam über die feinen Haare in Stings Nacken.
„Glaubst du, dass wir damals schon ineinander verliebt waren?“, wisperte Sting.
Rogue wusste sofort, was er meinte. „Vielleicht? Vielleicht schon viel früher? Wir haben wohl den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen.“
Ein lautes Räuspern ließ sie Beide herum- und auseinander fahren. Wenige Stufen über ihnen stand ihr Nachbar Elefseria. Sein bärtiges, runzliges Gesicht wurde von einem breiten Lächeln geziert.
„Vielleicht ist es auch völlig egal? Vielleicht solltet ihr jetzt einfach Spaß miteinander haben? Mittwoch- und Freitagabend bin ich abends beim Poker, da könnt ihr euch ruhig austoben.“
Rogue spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg, und hörte, wie Sting leise wimmerte.
Die Sprachlosigkeit der beiden jungen Männer schien den alten Mann noch mehr zu erheitern. „Ihr könnt natürlich auch jetzt gleich loslegen, ich werde mir beim Einkaufen etwas mehr Zeit lassen. Vielleicht mache ich einen Umweg und besuche ein paar alte Freunde. Und nun entschuldigt mich bitte.“
Mit diesen Worten schlängelte er sich an ihnen vorbei und stieg die Treppen weiter nach unten. Wie festgefroren blickten sie ihm hinterher, bis sie hören konnte, wie die Wohnungstür wieder ins Schloss fiel. Als sie einander danach wieder in die Augen blickten, wurde Rogue schon wieder heiß im Gesicht und er konnte sehen, dass Stings Ohren glühten.
Doch dann trat der Trotz in Stings blaue Augen und er schob das Kinn vor: „Ich lasse mir doch von einem alten Lustmolch keinen Sexplan vorgeben!“
Rogue entfuhr ein leiser Seufzer und er bückte sich nach der ersten Krücke. Die zweite lag mehrere Stufen weiter unten. Rogue war gar nicht aufgefallen, wie die Gehhilfen zu Boden gefallen waren, als er Stings Gesicht ergriffen hatte. Jetzt jedoch zitterte sein verletztes Knie schmerzhaft.
Das schien auch Sting aufzufallen, denn er beeilte sich, die zweite Krücke hochzuholen, doch anstatt sie Rogue zu geben, legte er sich dessen Arm um die Schultern und stützte ihn so auf dem Weg nach oben. Während sie sich so zurück zu ihrer Etage mühten, sprachen sie kein Wort miteinander, aber Rogue war sich sehr sicher, dass Sting sich genauso kribbelig fühlte wie er selbst.
Vor ihrer Wohnungstür wühlte Sting in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel und kaute sich dabei auf der Unterlippe herum. Fasziniert beobachtete Rogue das Schattenspiel, das Stings lange Wimpern auf den Wangen seines Freundes verursachten. Er konnte die hauchfeinen Sommersprossen zählen, die die Sommersonne der letzten Monate hervorgekitzelt hatte und die nun langsam wieder verblassten. Die vom Gel befreiten Haare hingen vorwitzig in Stings gerunzelte Stirn.
Als der Blondschopf endlich seinen Schlüssel hervorholte und ins Schloss stecken wollte, legte Rogue eine Hand auf die seine und suchte seinen Blick. „Vielleicht hat Elefseria Recht? Vielleicht ist es wirklich egal, wie lange wir schon ineinander verliebt sind. Wichtig ist, dass wir es jetzt wissen.“
Für einige Sekunden schien Sting nachzudenken, dann streckte er sich und gab Rogue einen hauchfeinen Kuss. „Da ist was dran“, murmelte er und knabberte sachte an Rogues Unterlippe, was diesen wieder erschaudern ließ. Bei seinen nächsten Worten, konnte Rogue das Grinsen nur zu deutlich heraushören. „Aber vielleicht sollte Elefseria uns nicht unterschätzen. Zwei Abende die Woche werden uns garantiert nicht reichen.“
~*~Gegenwart: Die Erkenntnis~*~
Auf der letzten Seite waren sie mit ihren Patenkindern zu sehen. Sting hockte hinter Lector und sie winkten Beide aufgeregt in Richtung der Kamera, während der Junge seine dunkelblaue Zuckertüte mit dem rechten Arm fest umklammert hielt. Rogue stand neben ihnen und trug Frosch auf den Arm, die ihrerseits eine rosa Zuckertüte mit grünen Fröschen festhielt. Sowohl an Stings als auch an Rogues linker Hand waren schmale Silberringe zu erkennen.
Unwillkürlich fuhr Sting mit dem Daumen über seinen linken Ringfinger, an dem jetzt nicht mehr nur sein Verlobungs- sondern auch sein Ehering steckte. Das Gefühl des glatten Metalls verursachte einen wohligen Schauder – auch weil Rogue damals nach einigem verlegenen Herumdrucksen gestanden hatte, dass er die Ringe auch wollte, weil er etwas haben wollte, was für alle sichtbar machte, dass sie zusammengehörten.
„Das war ganz schön viel Arbeit, die Yukino sich da gemacht hat“, murmelte Rogue und Sting legte den Kopf in den Nacken, um seinen Mann von der Seite betrachten zu können. Dessen Blick war noch auf das Foto von Lectors und Froschs Einschulung gerichtet und seine Miene war dabei butterweich. Keine Spur von dem seriösen Juniorpartner einer hochangesehenen Kanzlei.
„Typisch für sie“, stellte Sting fest und verspürte dabei selbst ein warmes Brodeln.
Er wollte sich gar nicht ausmalen, wo er heute ohne Yukinos Beistand wäre. Oder ohne Minervas. Er verdankte den Beiden mehr, als er jemals in Worte fassen konnte, und dennoch setzte Yukino gleich noch einen drauf und schenkte ihnen dieses Fotoalbum mit den gesammelten Erinnerungen an siebenundzwanzig ereignisreiche Jahre.
Als Rogue sachte über das Datum unter dem Einschulungsfoto strich, musste Sting lächeln. Einen Tag vor der Einschulung hatten sie ihre angepassten Verlobungsringe abholen können. Einen Monat zuvor hatten sie sich verlobt. Noch ein bedeutsames Datum.
„Nanu?“
Sting horchte auf, als Rogue verwundert die letzte Seite umschlug. Danach kam nur noch der Einband, aber an der Innenseite des Einbandes klebte ein Umschlag, auf dem nur stand: Für eure Flitterwochen, von halb Magnolia, ihr Blindfische. Das war nicht Yukinos ordentliche, leicht geschwungene Schrift. Diese Handschrift hier sah beinahe nach perfekten Druckbuchstaben aus, alle Bögen auf exakt derselben Höhe, alle Striche akkurat gerade, beinahe wie von einer Schreibmaschine. Das war von Minerva!
Neugierig öffnete Sting den Umschlag. Als er Geld hervorzog, stieß er einen überraschten Laut aus. Das war nicht gerade wenig! Mit großen Augen breitete er die Scheine aus, um die gesamte Summe zu überblicken.
„Woher hat Minerva so viel Geld?“, fragte er verwirrt und blickte zu Rogue auf.
Genau wie Rogue war Minerva nur eine Juniorpartnerin in der Kanzlei, daher hatte Sting eine Vorstellung davon, was sie gerade verdiente. Außerdem musste sie im Gegensatz zu Rogue noch ihren Studienkredit abbezahlen, den sie im zweiten Semester aufgenommen hatte, um sich endlich von ihrem Vater lossagen zu können.
Anstatt zu antworten, zog Rogue noch einen Zettel aus dem Umschlag, auf dem sich eine Liste mit Namen und Zahlen befand. Ganz oben stand Minervas eigener Name, darauf folgten die Namen ihrer Freunde und einiger ihrer Verwandten und sogar deren Freunde. Hinter jedem Namen stand eine Zahl und ganz unten war ein Strich gezogen worden, unter welchem die Summe stand, die aufgerundet dem Geldbetrag entsprach, den Sting noch immer in den Händen hielt.
Auf der Rückseite des Zettels stand in Minervas Schrift: So oft hat es Zeugen für Gelegenheiten gegeben, an denen es vorher schon bei euch hätte Klick machen können. Hoffentlich war das nicht nur ein von langer Hand ausgeklügelter Plan von euch, um an mehr Geld zu kommen!
Fassungslos schüttelte Rogue den Kopf. „Die haben auf uns gewettet!“
„Gewettet?“ Mit großen Augen sah Sting zwischen der Liste und dem Geld hin und her. „Aber seit wann?“
„Wer weiß das schon?“, murmelte Rogue. „Ich würde Minerva zutrauen, dass sie uns schon vor zwanzig Jahren durchschaut hat.“
„Meinst du wirklich, dass es so lange zurückreicht?“, fragte Sting, der selbst überrascht davon war, wie verlegen ihn der Gedanke machte.
„Keine Ahnung“, gestand Rogue und zuckte mit den Schultern, ehe er Sting seinerseits ein verlegenes Lächeln schenkte. „Ich weiß bis heute nicht, wann genau aus unserer Freundschaft für mich mehr geworden ist.“
Nachdenklich blickte Sting wieder auf das Fotoalbum und das viele Geld in seinen Händen hinunter. Ein Teil von ihm wollte sich darüber aufregen, dass ihre Freunde auf sie Beide gewettet hatten. Wenn sie es schon so früh gewusst hatten, warum hatten sie dann nie etwas gesagt? Dann hätten Sting und Rogue sich eine Menge Drama ersparen können!
Als Rogue ihm das Geld abnahm und es gemeinsam mit dem Fotoalbum und dem Zettel aus dem Umschlag auf den Couchtisch legte, hob Sting wieder den Blick und musterte das Gesicht seines Mannes, das ihm vertrauter als sein eigenes war:
Der blasse Hautton, der sich selbst im Hochsommer höchstens zart rötete. Der seidige Glanz der schwarzen Haare, die am Hinterkopf zu einem kurzen Zopf zusammengefasst waren. Die schmalen Lippen, deren linker Mundwinkel sich immer etwas schneller für ein Lächeln hob. Die immer noch so prominente Narbe auf dem Nasenrücken, welche den ansonsten ebenmäßigen Verlauf der schmalen, etwas spitzen Nase unterbrach. Und diese intensivrote Augen, in denen Sting tausend unterschiedliche Gefühlsregungen zu lesen verstand.
Nur die Intensität von Rogues Gefühlen für ihn war Sting ewig lange nicht aufgefallen. Geschweige denn die ganze Tragweite seiner eigenen Gefühle für den Schwarzhaarigen. Vielleicht hatte Minerva doch ganz Recht damit, sie Beide als Blindfische zu bezeichnen.
Kurzerhand setzte Sting sich rittlings auf den Schoß seines Mannes und verschränkte die Hände hinter seinem Hals, während er die Stirn sachte an seine lehnte. Er erschauderte wohlig, als Rogue die Hände auf seine Oberschenkel legte und mit zärtlich funkelnden Augen seine Nase an Stings stieß.
„Wir sind wirklich blind gewesen“, stellte Sting bedauernd fest. „Vor allem-“
„Wenn du dich schon wieder entschuldigen willst, lass‘ es“, mahnte Rogue und drückte sachte Stings Oberschenkel. „Ich habe es beim ersten Mal genauso totgeschwiegen wie du. Wir sind Beide Idioten gewesen, aber weißt du, was das Wichtigste ist?“
Verwirrt zog Sting sich etwas zurück, um den Kopf schräg legen zu können. „Was denn?“
Statt sofort zu antworten, schob Rogue ihm eine Hand in den Nacken und zog ihn für einen Kuss zu sich herunter. Wohlig seufzend schmiegte Sting sich in die Berührung und seine Augen fielen zu. Ein Schauder nach dem nächsten jagte über seinen Rücken. Ihm wurde behaglich warm zumute. Obwohl sie einander mittlerweile so oft geküsst hatten, konnte er sich immer noch nicht daran gewöhnen, wie viel diese Küsse immer wieder aufs Neue in ihm auslösten.
Als Rogue den Kuss langsam auslaufen ließ, öffnete Sting wieder die Augen, um in die seines Mannes blicken zu können. Das Funkeln darin, gehörte ganz alleine ihm, das wusste Sting jetzt. Um genau zu sein, hatte er dieses Funkeln sogar erst kennengelernt, als sie endlich zusammengekommen waren.
„Das Wichtigste ist, dass wir dennoch immer zusammen waren“, flüsterte Rogue ein wenig heiser. „Selbst als wir nur Freunde waren, warst du der wichtigste Mensch in meinem Leben, Sting.“
Auf einmal steckte ein dicker Kloß in Stings Kehle fest, der ihn daran hinderte, eine angemessene Antwort zu formulieren. Aber ihm fehlten sowieso die richtigen Worte, um auszudrücken, wie viel Rogue ihm bedeutete. Er kannte die Angst, nicht zu wissen, was mit ihm passieren würde, sollte er Rogue verlieren. Diese Stunden im Krankenhaus damals und vorangegangene Unfall verfolgten ihn selbst heute noch manchmal bis in seine Träume.
Deshalb könnte er Rogue niemals als etwas Selbstverständliches betrachten. In tausend Jahren nicht!
Auf einmal war Sting sich wieder überdeutlich der Ringe an seinem Finger bewusst und die vielen Gefühle des Tages – die Hochzeit, die Feier, die vielen Glückwünsche, das Buch, die Wette – trieben ihm die Tränen in die Augen. Es war egal, dass sie wieder in einer Kleinstadt lebten, in der es noch genug Idioten gab, die sie schief ansahen, wenn sie in der Öffentlichkeit Händchen hielten, denn in eben jener Stadt hatten sie gleichzeitig eine ganze Horde an Menschen, auf die sie sich immer verlassen konnten. Eben jene Menschen, die sich an dieser Wette beteiligt hatten, und ihre Familien!
Leise schniefend drückte Sting seine Lippen wieder auf Rogues, ehe er sein Gesicht in seiner Schulter barg. Er war unfähig, seine überschäumenden Gefühle für Rogue und für all die Menschen, die sie offensichtlich in all den Jahren lautlos angefeuert hatten, in Worte zu fassen. Zum Glück musste er das bei Rogue nicht. Während er spürte, wie Rogues rechte Hand zärtlich durch seine Haare und die linke über seinen Rücken strich, wusste er, dass Rogue ihn verstand. Weil er das immer schon besser getan hatte als irgendjemand sonst.
Und die Gewissheit, dass sich das auch für den Rest ihres hoffentlich noch sehr langen gemeinsamen Lebens nicht ändern würde, fühlte sich beinahe wie eine Offenbarung an!
Ihnen stand noch ein ganzes Leben bevor. Voller Berührungen und Gefühle. Mit ihren Freunden und Familien. Mit verwöhnten Stubentigern. Mit gemütlichen Abenden und verrückten Abenteuern. Mit Spontanität und Beständigkeit. Mit unerschütterlichem Vertrauen.
Weil sie zusammengehörten.
Das hatten sie wahrscheinlich schon immer, auch wenn sie es ewig lange nicht verstanden hatten.
---Spontanität---
„Die ist es!“
Stings Augen leuchteten, als er vom großen Balkon zurück ins Wohnzimmer trat. Er vibrierte geradezu vor Aufregung und Rogue konnte es nur zu gut nachvollziehen.
Nachdem sie sich bereits fünf Wohnungen persönlich angesehen und diverse weitere Wohnungsanzeigen studiert hatten, war das hier endlich eine Wohnung, die ihren Bedingungen entsprach: Sowohl ihrer beider Arbeitsplätze als auch ihre Familien und engsten Freunde befanden alle in der Nähe. Es gab es kleines Zimmer auf der Nordseite, das sich perfekt als Büro für Rogue eignete, der Wohn- und Kochbereich war groß und hell und auf dem Balkon war genug Platz, dass sie sich dort auch gemütlich einrichten konnten. Es war reichlich Platz für zwei erwachsene Männer und zwei anspruchsvolle Katzendamen. Haustiere waren erlaubt, die letzte Sanierung war erst fünf Jahre her und die Miete war für sie Beide dennoch bezahlbar.
„Von hier aus kommen wir super schnell in den Wald, da können wir joggen“, sagte Sting glückselig grinsend. „Und gegenüber ist eine Eisdiele!“
„Damit du die Trainingserfolge gleich wieder zunichte machen kannst?“, fragte Rogue und musste im nächsten Moment schmunzeln, als Sting ihm die Zunge herausstreckte.
Allerdings hielt das Schmollen nicht lange an. Mit immer noch leuchtenden Augen trat Sting weiter auf Rogue zu und schlang die Arme um dessen Hals, um ihn küssen zu können. Wie von selbst legten sich Rogues Hände auf die Hüfte seines Freundes, während er den innigen Kuss erwiderte.
Nicht bloß wegen des intensiven Lippenkontakts fühlte er sich ganz kribbelig. Er freute sich auch darauf, bald wieder in Magnolia zu leben. Das Studium war interessant gewesen, aber irgendwie war Crocus für sie Beide nie zu einer wirklichen Heimat geworden. Sie hatten Magnolia und ihre Familien und Freunde dort immer vermisst. Aber jetzt endlich hatten sie Beide gute Arbeitsstellen in der Kleinstadt gefunden.
Und zugegebenermaßen freute Rogue sich, dass Minerva in derselben Kanzlei wie er angenommen worden war. Momentan waren sie Beide noch ganz unten in der Hackordnung, aber wer wusste schon, ob sie nicht in ein paar Jahren ihre eigene Kanzlei eröffnen könnten? Rogue musste nur ehrlich zugeben, dass er nicht damit gerechnet hätte, dass Rakheid so bereitwillig mit Minerva nach Magnolia ziehen würde. Es ging immer noch nicht so ganz in seinen Kopf hinein, dass Minerva und Rakheid jetzt ein Paar waren.
Ein lautes Räuspern ließ Sting und Rogue aufblicken. Ohne sich allzu sehr voneinander zu trennen, sahen sie zum Hausmeister hinüber, der mit ziemlich gelangweilter Miene neben der Wohnungstür stand und mit dem großen Schlüsselbund klimperte.
„Haben Sie genug gesehen? Dann können Sie ins Büro gehen und sich für die Wohnung eintragen.“
So absurd es klang, aber es war für Rogue richtig erfrischend, dass der Mann so völlig desinteressiert an ihrer offensichtlich schwulen Beziehung war. In ihrer Hausgemeinschaft in Crocus hatte es zwischen dem stets lüstern grinsenden Kauz Elefseria und der ewig empörten alten Dame auf ihrer Etage eigentlich kein richtiges Mittelmaß gegeben. Beides hatte sich oft genug so angefühlt, als wären sie Zirkustiere, auch wenn sie in Elefserias Fall zumindest gewusst hatten, dass es nicht böse gemeint war.
„Lass‘ es uns jetzt gleich erledigen“, sagte Sting mit weiterhin aufgeregt leuchtenden Augen. „Bevor uns jemand die Wohnung wegschnappt.“
Unter der Führung des Hausmeisters verließen sie die Wohnung und gingen zur gegenüberliegenden Straßenseite zurück, wo sich das Büro der Vermietergesellschaft befand. Die Bearbeiterin, die sie vorhin mit dem Hausmeister zur Besichtigung der freien Wohnung geschickt hatte, saß noch immer an ihrem Rechner und lächelte strahlend, als sie ihr sagten, dass sie sich für die Wohnung bewerben wollten.
„Dann müssen Sie Beide jeweils dieses Formular hier ausfüllen“, erklärte sie und übergab jedem von ihnen einen mehrseitigen Vordruck. „Und dann noch das hier. Dafür müssen Sie sich auch noch entscheiden, wer von Ihnen der Hauptmieter werden soll.“
„Hauptmieter?“, fragte Sting und runzelte die Stirn. „Muss das sein? Wir führen eine gleichberechtigte Partnerschaft.“
„Eine geteilte Hauptmieterschaft ist nur möglich, wenn Sie verheiratet sind“, sagte die Frau, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Und was ist, wenn wir verlobt sind?“, fragte Sting.
Rogues Kopf wirbelte so schnell zu seinem Freund herum, dass sein Nacken schmerzhaft knackte. Ungläubig starrte er ihn an, doch zur Antwort erhielt er nur ein herausforderndes Grinsen.
War das Stings Ernst? Sie hatten bisher noch nie über das Thema Ehe gesprochen! Nicht dass Rogue der Vorstellung nichts abgewinnen könnte – ganz im Gegenteil –, aber das hier erwischte ihn eindeutig auf dem falschen Fuß.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie die Bearbeiterin ein wenig verschämt lächelte. „Herzlichen Glückwunsch! Aber leider hatten wir so einen Fall noch nicht. Ich muss meinen Vorgesetzten anrufen, ob wir Sie unter diesen Bedingungen von Anfang an als gleichberechtigte Hauptmieter aufnehmen können. Sie können sich derweil ins Nebenzimmer setzen und die Einzelformulare ausfüllen.“
Rogue war noch immer so benommen, dass er nicht sofort reagierte. Erst ein kräftiger Stoß in seine Rippen riss ihn aus seiner Starre. Eilig nahm er sein Formular auf und folgte damit seinem Freund – Verlobten? – in besagtes Nebenzimmer, wo Sting sich auf ein durchgesessenes Sofa sinken ließ, um sich um sein eigenes Einzelformular zu kümmern.
„Sting, ist das dein Ernst?“, fragte Rogue und stellte dabei verschämt fest, dass seine Stimme ganz heiser war, während seine Wangen zu brennen begannen.
„Aber sowas von!“, verkündete Sting mit todernster Miene und drehte sich auf dem Sofa herum, um Rogue in die Augen blicken zu können. „Ich weiß, dass es nur ein dummes Formular ist. Ich vertraue dir, also wäre es kein Problem für mich, wenn du der Hauptmieter wärst, aber ich finde es dennoch blöd. Wir sind Partner, keine Mitbewohner.“
Irgendwie ernüchterte Rogue diese Aussage. „Ist das dein einziger Grund, warum du dich mit mir verloben willst?“
„Ich will mich nicht mit dir verloben“, antworte Sting und zuckte ungerührt mit den Schultern. Bevor Rogues Stimmung sich deswegen jedoch verdüstern konnte, schenkte Sting ihm ein warmes Lächeln. „Ich will dich heiraten, Rogue.“
Sofort schlug Rogues Herz doppelt so schnell und seine Wangen wurden schon wieder heiß. Er ließ sich neben seinen Freund auf das Sofa fallen und barg das rote Gesicht in den Händen. „Kannst du eigentlich einen weniger romantischeren Heiratsantrag machen?“
„Romantik ist was für Looser“, lachte Sting und rutschte so dicht an Rogue heran, dass kein Blatt mehr zwischen sie passen würde. Sein Atem geisterte aufregend über Rogues Ohr, als er hineinflüsterte. „Ich will nicht lang fackeln. Ich liebe dich, du liebst mich, wir leben schon Jahre lang zusammen. Lass‘ uns Nägel mit Köpfen machen!“
Rogue schwankte zwischen Verlegenheit und Empörung und war in seiner Unentschiedenheit so sprachlos, dass er keine vernünftige Antwort zustande brachte. Stattdessen entfuhr ihm nur ein ungläubiges Stöhnen, das Sting jedoch nicht aus dem Konzept zu bringen schien.
„Außerdem will ich nie wieder als angeblicher Nicht-Angehöriger im Dunkeln gelassen werden, wenn du operiert wirst“, fügte Sting auf einmal sehr viel ernster hinzu und legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel, um sachte zu drücken. „Also, eigentlich will ich gar nicht, dass du nochmal operiert wirst, aber wenn es schon sein muss, will ich nicht erst deine Eltern fragen müssen, wie es dir geht.“
Ernüchtert hob Rogue den Blick. In den Augen seines Freundes flackerte die Erinnerung an die damalige Angst. Wenn Rogue sich vorstellte, wie es ihm ginge, wenn die Rollen vertauscht wären, fand er Stings Idee, deswegen zu heiraten, äußerst überzeugend.
Er schob eine Hand in Stings Nacken, um ihn für einen langen, gefühlvollen Kuss zu sich zu ziehen. Dessen Lippen öffneten sich bereitwillig. Mit einem leisen Grollen folgte Rogue der Einladung und vertiefte den Kuss, schlang gleichzeitig beide Arme um seinen Partner, als dieser sich rittlings auf seinen Schoß setzte.
Als sie den Kuss beendeten, blieben sie eng umschlungen sitzen, die Stirn aneinander gelehnt. Rogue spürte Stings Atem auf seinen Lippen und wusste, dass es umgekehrt genauso war. In seinem Inneren breitete sich eine wohlige Wärme aus, aber gleichzeitig wurden seine Gedanken endlich wieder etwas ruhiger.
Sting hatte Recht: Sie brauchten keine großen Gesten oder irgendeinen unsinnigen Aufwand, um sich dafür zu entscheiden, den Bund der Ehe einzugehen. Sie waren bereits seit vier Jahren offiziell zusammen und liebten einander schon viel länger. Es gab keine Abwägungen oder Bedenken.
Allerdings konnte es nicht schaden, Sting ein wenig zu necken.
„Es würde auch reichen, wenn ich dich als meinen Notfallkontakt eintragen lasse, und du kannst auch der Hauptmieter sein, damit hätte ich kein Problem“, schlug er nun wieder völlig ruhig vor.
Überraschenderweise brachte das Sting jedoch nur dazu, breit zu grinsen. „Netter Versuch, Rogue, aber ich weiß ganz genau, dass du mir schon seit drei Jahren einen Ring anstecken willst, damit ich nicht mehr angebaggert werde, egal wie sehr ich die Flirts ignoriere.“
Unwillkürlich zog Rogue seinen Freund – Verlobten, korrigierte er sich selbst – noch enger an sich und biss ihm sachte in die Unterlippe. „Du bildest dir ganz schön viel darauf ein.“
„Ich sage nur die Wahrheit“, lachte Sting rau und schlang seinerseits die Arme fester um den Schwarzhaarigen. Bei seinen nächsten Worten wurde seine Stimme um einige Nuancen tiefer, sodass Rogue erschauderte. „Das beruht übrigens auf Gegenseitigkeit. Die Welt kann ruhig sehen, dass du vergeben bist.“
Zur Antwort verwickelte Rogue den Blonden in einen weiteren heißblütigen Kuss. Sein ganzer Körper schien vor Aufregung zu vibrieren. Dabei hatte er schon geglaubt, dass es ein erfolgreicher Tag war, als sie endlich eine gute Wohnung gefunden hatten, aber die Aussicht, den Mann zu heiraten, den er vielleicht schon sein ganzes Leben lang geliebt hatte, machte alles noch viel intensiver.
Sie lösten sich erst voneinander, als die Bearbeiterin des Vermietungsbüros sich verlegen räusperte.
Ein Teil von Rogue war verärgert über die Störung, aber ein sehr viel größerer Teil konnte nicht aufhören, daran zu denken, dass er Sting tatsächlich heiraten würde. Bürokratischer Akt hin oder her, Scheidungsrecht hin oder her – für Rogue fühlte es sich dennoch wie ein Versprechen von Ewigkeit an.
Boni: Perspektiven
___Bonus: Die Backorgie___
Als Weißlogia durch die Tür trat, umfing ihn sofort der wohlvertraute Geräuschpegel der Bar. Eine Melange aus einem halben Dutzend Gesprächen, einem Würfelspiel in einer Ecke, einem Duell im Armdrücken in einer anderen und dem Klirren der frisch gewaschenen Gläser, die Igneel gerade wieder in den dafür vorgesehenen Schränken verstaute.
Obwohl eben noch darauf konzentriert, die langstieligen Weingläser sicher unterzubringen, hob Igneel sofort den Blick und schenkte Weißlogia zur Begrüßung ein breites Lächeln. Rasch stellte er den Behälter mit den noch nicht einsortierten Gläsern auf der Arbeitsfläche hinter der erhöhten Theke ab und umrundete die Theke, um seinen Mann an sich zu ziehen und mit einem sanften Kuss zu begrüßen.
Sofort spürte Weißlogia, wie die Anspannung des Tages von ihm abließ. Nach einer langen Diskussion mit einer Mutter, die nicht auf seinen Rat hören wollte, dass ihr Sohn mit den eigentlich gewünschten Gitarrenstunden besser beraten wäre, als sich weiter mit Klavierunterricht zu quälen, sowie dem Heulkrampf einer Schülerin, die sich auch nach fast einem Jahr immer noch nicht eingestehen wollte, dass ihr die Klavierstunden, um die sie ihre Eltern eigentlich mal angebettelt hatte, doch keinen Spaß machten, war Weißlogia wirklich bedient.
„Kein guter Tag?“, fragte Igneel leise.
„Wenn du wüsstest“, seufzte Weißlogia und streckte sich für einen weiteren Kuss.
Die Tatsache, dass er das mitten im Schankraum machen konnte und sich keiner weiter nach ihm und seinem Mann umdrehte, verursachte ein wohliges Gefühl in seiner Brust. Igneel hatte hier einen sicheren Ort für seine Familie geschaffen.
Ein paar abfällige Bemerkungen hatte es nach ihrer Heirat gegeben, aber solchen Idioten hatte Igneel rigoros Hausverbot erteilt – und wenn sich der hochgewachsene Pinkhaarige mit seinen breiten Schultern vor einem aufbaute, gab es nur wenige, die sich noch getraut hätten, sich mit ihm anzulegen.
Ein einziges Mal war eine Scheibe der Bar eingeworfen worden, doch am nächsten Tag hatten sich alle Stammgäste im Dragon’s Nest versammelt und dem reichlich verdatterten Igneel genug Trinkgeld in die Hand gedrückt, um den Schaden zu bezahlen. Neue Gäste waren eingekehrt. Queere Menschen verstanden die Bar mittlerweile auch als sicheren Ort und mischten sich unter die alteingesessenen Stammgäste.
Im Rest der Stadt mochte es noch genug homophobe Arschlöcher geben, aber hier in dieser Bar musste Weißlogia nicht auf der Hut sein. Ein weiterer Grund, warum er Igneel so sehr liebte.
„Im Kühlschrank ist noch etwas vom Nudelsalat von gestern“, erklärte Igneel und strich zärtlich über Weißlogias Wange. „Ich bin hier noch eine Weile beschäftigt, aber iss ruhig schon mal etwas. Vielleicht hast du Glück und Minerva ist schon mit ihrem ersten Blech fertig. Der Geruch im Treppenhaus war himmlisch, als ich die Gläser aus dem Geschirrspüler geholt habe.“
„Minerva ist hier?“
„Anscheinend ist Jiemma mal wieder in der Stadt“, bestätigte Igneel und seine Miene verdüsterte sich.
Besänftigend strich Weißlogia über die Falten in der Stirn seines Mannes, ehe er sich für einen letzten Kuss streckte und dann durch die Tür ins Hinterzimmer trat. Er konnte Igneels Unmut nur zu gut verstehen, aber leider konnten sie nichts unternehmen. Es mochte unübersehbar sein, dass Jiemma ein herzloser Vater mit absurd hohen Ansprüchen war, aber da er Minerva weder schlug noch hungern ließ, gab es keine Möglichkeit, um der jungen Frau zu helfen – zumal sie sowieso noch nie über ihre familiären Umstände gesprochen hatte. Minerva Orland hatte einen weichen Kern, das war für Weißlogia und Igneel ganz offensichtlich, aber sie war verdammt gut darin, ihn hinter einer stahlharten Schale zu verstecken.
Im Treppenhaus umfing Weißlogia, wie angekündigt, der Geruch von Schokolade und Zimt. Lächelnd stieg er die Stufen hinauf zur Wohnung. Kaum dass er die Tür geöffnet hatte, konnte er linker Hand die Stimme seines Sohnes hören.
„Menno, Minerva! Jetzt lass‘ mich doch endlich probieren!“
„Ich bin noch nicht fertig“, zischte Minerva. „Wenn du auch nur einen der Kekse anrührst, hacke ich dir die Hand ab.“
„Sei lieber artig, Sting, sonst wird das nichts mit deinen Zukunftsplänen. Mit nur einer Hand kann man keine Violine spielen“, sagte Weißlogia und trat in die Küche.
„Pa! Sag‘ Minerva, dass sie mir einen Keks geben soll.“
„Es sind ihre Kekse“, erwiderte Weißlogia gelassen und nickte der jungen Frau zu, die die Geste respektvoll erwiderte.
„Aber es ist eure Küche!“, protestierte Sting und schielte begierig zu den Keksen, die zum Auskühlen beiseite gestellt worden waren.
„Sei einfach nett zu Minerva, dann gibt sie dir vielleicht etwas ab.“
„Hörst du, Sting? Du sollst nett zu mir sein“, sagte Minerva triumphierend und wandte sich wieder der Arbeitsplatte zu, auf der sie gerade Schwarz-Weiß-Gebäck auf einem Backblech verteilte.
Sie hatte ihre langen Haare zu einem nachlässigen Dutt hochgebunden und trug unter der Schürze ein schlichtes T-Shirt und Jogginghosen. Anscheinend würde sie heute hier übernachten. Igneel und Weißlogia hatten Sting für solche Fälle schon vor längerer Zeit die Erlaubnis erteilt, Minerva im dritten Kinderzimmer unterzubringen. Das war ohnehin nur noch ein Gästezimmer, seit Igneels Neffe Zeref vor drei Jahren mit seiner Verlobten zusammengezogen war. Yukino kam dort auch manchmal unter, wenn sie hier übernachtete.
„Ihr seid alle so gemein zu mir“, jammerte Sting und ließ sich theatralisch auf einen der Küchenstühle fallen. „Ich werde verhungern!“
„So schnell stirbt es sich nicht“, sagte Weißlogia trocken und ging zum Kühlschrank hinüber, um den Nudelsalat heraus zu holen, von dem Igneel vorhin gesprochen hatte.
Mit einer Gabel verzog er sich ins Wohnzimmer, um dort zu essen und die beiden Jugendlichen in Ruhe zu lassen, die kurz darauf darüber diskutierten, welche Plätzchen Minerva als nächstes backen sollte. Es klang ganz danach, als hätte Minerva eine gewaltige Liste mitgebracht, die sie auch heute noch zu backen gedachte. Ein deutliches Zeichen dafür, dass sie unter Stress stand.
Im Grunde hatte Weißlogia schon damit gerechnet, als Skiadrum ihm erzählt hatte, dass Rogue, Minerva und Orga an der Schule in eine Prügelei mit einigen Jungen aus dem Abschlussjahrgang verstrickt gewesen waren. Laut den Aussagen der älteren Schüler hatte Minerva angefangen, indem sie einem von ihnen Wasser über dem Kopf geschüttet hatte. Wahrscheinlich war deshalb neben Skiadrum und Orgas Eltern auch Jiemma zur Schule gebeten worden, um ihn darüber zu informieren, dass seine Tochter einen Tadel bekommen hatte.
Dass Minerva für ihr Handeln unter Garantie einen sehr guten Grund gehabt hatte, war Jiemma Orland sicher völlig egal. Weißlogia hatte den Mann nur ein paar Mal getroffen, aber das hatte schon gereicht, um zu erkennen, dass er sogar ein noch größeres Arschloch war als sein Ex-Schwager. Weißlogia wusste obendrein genau, dass der Mann nichts von ihm und Igneel hielt. Immerhin hatte er genug Erfahrung mit schwulenfeindlichen Blicken jedweder Art. Wahrscheinlich interessierte sich Jiemma nicht gut genug für seine Tochter, um zu begreifen, dass sie mit dem Sohn eines schwulen Paares befreundet war, der obendrein auch selbst offen schwul war. Ansonsten, so Weißlogias Befürchtung, würde Jiemma seiner Tochter wohl den Umgang mit Sting verbieten.
„Minerva.“
Weißlogia horchte auf, als er aus dem Unterton seines Sohnes heraushörte, dass es ihm um etwas Ernstes ging. Für einen Moment erwog er, die Wohnzimmertür zu schließen, um den beiden Jugendlichen mehr Privatsphäre zu geben, aber die quietschende Tür hätte sie wohl auf ihn aufmerksam gemacht und das möglicherweise wichtige Gespräch unterbrochen.
„Warum hast du das gemacht?“
„Was gemacht?“, fragte Minerva mit stoischer Ruhe.
„Das mit dem Wasser. Orga hat Rogue geholfen, das weiß ich, und Rogue hat dich verteidigt, aber warum hast du das Wasser auf die Typen gekippt.“
Statt zu antworten, schaltete Minerva den Mixer an. Mehrere Minuten lang war nichts anderes als das Rauschen des Geräts zu hören. Als es endlich ausgeschaltet wurde, herrschte drückende Stille in der Küche. Weißlogia blickte nachdenklich auf seinen Nudelsalat hinunter.
„Das waren dumme Großmäuler, sie haben mich genervt“, sagte Minerva schließlich. Etwas klapperte. „Hier, du kannst die Rührstäbe sauber machen.“
„Ich bin kein Hund, den du mit Leckerlis ablenken kannst“, schnaufte Sting beleidigt.
„Zu Schade aber auch“, ätzte die junge Frau trocken.
„Wenn dich etwas nervt, ignorierst du es normalerweise einfach nur.“
„Ich war an dem Tag von mehreren Dingen genervt“, wurde der Einwand fortgewischt.
„Hm…“
Wieder herrschte einige Minuten lang Schweigen in der Küche, während dem nur das Klappern und Rauschen zu hören war, als Sting vermutlich Minervas Rührschüssel und die Rührstäbe abwusch. Weißlogia versuchte, noch ein paar Bissen zu sich zu nehmen, aber auf einmal fühlte er sich viel zu angespannt dafür.
„Minerva… hat das etwas mit den Gerüchten zu tun?“
„Gerüchten? Worüber?“
„Über mich. Darüber, dass ich schwul bin.“
„Das sind keine Gerüchte, du bist schwul“, sagte Minerva rigoros.
„Aber die Leute zerreißen sich das Maul darüber.“
Auf einmal hatte Weißlogia das Gefühl, als würde sein Nudelsalat wieder hochkommen. Er war nicht blind, er hatte damals sehr wohl gesehen, dass Sting Angst gehabt hatte, als er ihnen erzählt hatte, dass er schwul war. Nicht vor ihnen, sondern vor den Anderen: Den Kindern an der Schule, die ihn schon gehänselt hatten, als es noch nur um seine Patchwork-Familie gegangen war. Den Erwachsenen, die Igneel und Weißlogia auch heute noch mit pikierten Blicken bedachten, wenn sie auf offener Straße Händchen hielten.
Wenn Weißlogia ehrlich war, war Angst auch das erste gewesen, was er verspürt hatte, als sein Sohn sich seiner Familie anvertraut hatte. Am eigenen Leib hatte er erfahren, wie weit diese Anfeindungen führen konnten. Er wollte nicht, dass sein Sohn sich selbst verleugnen musste, aber eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf, für die er sich zutiefst schämte, hatte sich irgendwie doch gewünscht, Sting wäre hetero und damit nicht all diesen Beleidigungen, Erniedrigungen und Angriffen ausgesetzt…
„Die Leute an der Schule sind fast alles dumme Arschlöcher, die keinen hochkriegen und deshalb überkompensieren“, schnaufte Minerva. Ein leiser Klaps erklang und Sting gab ein gemurmeltes „Aua“ von sich. „Ignorier‘ sie, Sting. Indem du weiter dein Ding machst, bist der Stärkere.“
Für einen Moment hatte Weißlogia Mühe, um den Kloß in seinem Hals herum noch atmen und schlucken zu können. Er musste wieder daran denken, was Igneel damals in der Nacht prophezeit hatte, als Weißlogia sich endlich überwunden hatte, seinen Antrag anzunehmen: Natsu und Sting hatten Freunde, auf die sie sich verlassen konnten. Komme, was da wolle.
„Warum hast du sie dann nicht ignoriert? Wenn sie über dich lästern, ignorierst du sie doch auch immer“, sagte Sting leise und klang dabei furchtbar verletzlich.
So würde er außerhalb dieser Wohnung hier wohl nur selten klingen. Vielleicht noch bei den Cheneys, aber ansonsten würde Sting sich normalerweise immer taff geben. Als würde ihm die vielen Beleidigungen nichts ausmachen. Weißlogia wünschte sich, er könnte ihm mehr bieten, als nur einen sicheren Hafen.
Mit seiner eigenen Situation hatte er sich damals einfach abgefunden und später hatte es keine Rolle mehr gespielt, weil er sich ohnehin auf keine amourösen Abenteuer mehr eingelassen hatte, als er sich dafür entschieden hatte, sich alleine um seinen Sohn zu kümmern. Aber zu sehen, wie sich all das bei Sting wiederholte, war kaum zu ertragen.
„Wie gesagt: sie haben mich genervt“, erklärte Minerva, aber in ihrer Stimme klang ein Grollen mit. „Zerbrich dir nicht deinen Kopf darum, Sting.“
„Aber ihr habt Ärger bekommen.“
„Nicht deinetwegen.“
„Aber haben sie denn nun über mich gespro-?“
„Sting.“ Die Schärfe in Minervas Stimme ließ Sting sofort verstummen. „Es war unsere Entscheidung. Niemand hat uns zu irgendetwas gezwungen in dieser Situation. Wir haben uns entschieden, etwas nicht zu ignorieren.“
Weißlogia verspürte den Wunsch, die junge Frau an sich zu drücken. Minerva schien sich vehement darum herum winden zu wollen, direkt zu zugeben, dass sie sich mit diesen Idioten angelegt hatte, weil diese schlecht über ihren Freund geredet hatten, aber gleichzeitig gab sie sich furchtbar viel Mühe, Stings Zweifel zu zerstreuen. Dieser Apfel war wirklich sehr, sehr weit vom Stamm gefallen…
„Wir?“, echote Sting benommen.
„Rogue hat nicht mich verteidigt, du Hohlbirne.“
Weißlogia lehnte sich auf der Couch zurück und legte den Kopf in den Nacken. Von dem Moment an, da Skiadrum ihm erzählt hatte, dass Rogue eine Prügelei angefangen hatte, war ihm klar gewesen, dass sein Patensohn einen sehr guten Grund dafür gehabt haben musste. Jetzt ergab das Ganze endlich einen Sinn.
Zittrig strich Weißlogia sich durch die Haare und schloss die Augen. Er verspürte so unendlich viel Dankbarkeit für Rogue und Minerva. Die Gewissheit, dass sein Sohn auf solche Freunde zählen konnte, bedeutete ihm die Welt!
„Aber die haben wahrscheinlich nur-“
Stings zittriger Einwand wurde von dem Timer des Backofens unterbrochen. Rauschen und Klappern erklang, als Minerva das Blech mit den fertig gebackenen Keksen mit einem Blech mit vorbereitetem Gebäck austauschte, dann das leise Klicken des Timers, als er neu eingestellt wurde.
„Sag‘ nicht ‚nur‘“, sagte Minerva wieder mit dieser Schärfe in ihrer Stimme. „Rogue und ich haben ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, wie viel wir uns tatenlos anhören. Und jetzt halt‘ die Klappe und wasch‘ ordentlich ab. Ich muss das hier fertig kriegen, bevor die anderen Plätzchen fertig sind. Hier, die hier kannst du essen, die sind schief.“
Weißlogia entschied, dass er genug gehört hatte. Er ließ den halb aufgegessenen Nudelsalat auf dem Couchtisch stehen und verließ die Wohnung auf leisen Sohlen wieder, um sich an den Fuß der Treppe zu setzen. Als die Tür zum Schankraum aufging und Igneel mit einem Behälter voller dreckiger Gläser auftauchte, stand Weißlogia auf.
Sein Mann schien sofort zu bemerken, dass etwas nicht stimmte, denn er beeilte sich, den Behälter abzustellen, und streckte die Hände aus. Dankbar trat Weißlogia in die sichere Umarmung seines Mannes, schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn voller Inbrunst.
Er konnte Minerva und Rogue nicht einfach sagen, wie dankbar er ihnen war. Er konnte Stings noch bestehende Zweifel nicht einfach fortwischen. Aber hier und jetzt konnte er seinen Gefühlen Raum geben. Weil Igneel ihn verstand. Weil Igneel damals schon Vertrauen gehabt hatte.
Weißlogia war dankbar, diesen Mann lieben zu können.
Und er wünschte sich, dass sein Sohn auch irgendwann diese Art Liebe erfahren würde.
___Bonus: Das Offensichtliche___
„Dad, Pa, wusstet ihr, dass Stings Freunde darauf wetten, wann er und Rogue endlich zusammenkommen?“
Überrascht blickte Igneel von seinem Laptop auf, auf dessen Bildschirm er aus den technischen Angaben für vier verschiedene Kassen schlau zu werden versuchte. Auf der anderen Seite des Küchentisches ließ Weißlogia seine Kaffeetasse sinken und blickte zu Natsu hinüber, der mitten in der Küche stand und sie mit einem übermütigen Funkeln in den Augen ansah.
„Wusstest du das etwa noch nicht?“, fragte Igneel verdutzt.
Ein Tritt gegen sein Schienbein ließ ihn zusammenzucken, ehe er beleidigt zu seinem Mann hinüber blickte, der ihn ermahnend ansah.
„Ihr wusstet das also wirklich?! Aber woher?“
„Woher weißt du es denn?“, fragte Weißlogia ruhig.
„Ich habe Lu dabei erwischt, wie sie Minerva Geld zugesteckt hat. Ich dachte zuerst, die Beiden würden Organe verticken oder sowas“, erklärte Natsu und verzog dabei das Gesicht.
Igneel schnaubte laut. Wenn es jemandem zu zutrauen wäre, unbemerkt mit so etwas durchzukommen, dann waren es wohl die beiden so ungleichen jungen Frauen. Obwohl zwischen ihnen fünf Jahre Altersunterschied lagen und sie nicht einmal die gleichen Interessen verfolgten, verstanden sie sich erstaunlicherweise dennoch blendend miteinander. Vielleicht lag es auch daran, dass sie Beide einander gut verstehen konnten in Bezug auf ihre Rabenväter.
„Aber woher wusstet ihr das?“, fragte Natsu wieder und setzte sich zu ihnen an den Tisch.
„Es war ziemlich offensichtlich. Seit bei Sting und Rogue die Hormone verrücktspielen, stecken ihre Freunde andauernd die Köpfe zusammen“, meinte Igneel und zuckte mit den Schultern.
Schon wieder versetzte Weißlogia ihm einen Tritt und gleichzeitig Natsu einen Klaps auf die Hand, als der sich an der Keksdose auf dem Tisch bedienen wollte, die Igneel und Weißlogia von Minerva bekommen hatten, als sie vor ihrem Umzug von ihnen verabschiedet hatte. Obwohl sein Bein allmählich wirklich weh tat, musste Igneel dennoch grinsen. Er fand es wirklich sexy, wenn Weißlogia so streng war. Als könnte er Gedanken lesen, trat Weißlogia noch einmal gegen sein Schienbein.
„Du bist alt genug, um dich da raus zu halten, Natsu“, sagte Weißlogia missbilligend und schob die Kekse außer Reichweite des jungen Mannes.
„Aber Lu macht doch auch mit“, protestierte Natsu und sah wehleidig zu den Keksen. Im nächsten Moment erhellten sich seine Gesichtszüge. „Außerdem ist es witzig, dass es tatsächlich so vielen Leuten aufgefallen ist. Ich dachte schon, ich wäre der Einzige.“
Darauf legte sich ein drückendes Schweigen über den Raum und Igneel wurde sich nur zu deutlich des vielsagenden Blickes seines Mannes bewusst, den dieser ihm über den Rand seiner Kaffeetasse zuwarf, während er einen demonstrativ gemächlichen Schluck zu sich nahm.
Igneel unterdrückte einen schweren Seufzer. Weißlogia hatte ja Recht: Solche Worte ausgerechnet von Natsu zu hören, der selbst seit Jahren nicht bemerkte, dass er von Yukino angehimmelt wurde, war ein starkes Stück. Obwohl er rein rechtlich gesehen erwachsen war und in seinem Job wirklich gut war, hatte er ganze Tomatenfelder auf den Augen.
„Aber warum habt ihr Sting eigentlich noch nie etwas gesagt?“, fragte Natsu neugierig und streckte wieder die Hand nach den Keksen aus. Wieder war Weißlogia schneller und hielt die Dose nun demonstrativ außer Reichweite seines Adoptivsohnes. „Pa! Das ist gemein!“
„Das sind unsere Kekse, kauf‘ dir selbst welche oder geh‘ taktvoller mit den Leuten in deiner Umgebung um, die backen können“, erklärte Weißlogia gnadenlos. „Und es ist nicht unsere Aufgabe, uns in Stings Liebesleben einzumischen.“
„Wenn er denn mal eines hätte, dieser Luftikus“, murmelte Natsu.
Schon wieder spürte Igneel Weißlogias Blick. Zur Antwort verdrehte Igneel die Augen. Ja doch, ihm war ja klar, dass sein Sohn sich gerade ausgesprochen dämlich verhielt!
„Natsu, Sting und Rogue müssen das in ihrem Tempo machen. Den Beiden ist nicht geholfen, wenn man sich da einmischt.“
„Aber hat Ski sich bei euch nicht auch eingemischt?“, fragte Natsu verwirrt.
Beinahe war Igneel zum Lachen zumute, als er sah, wie sich die Miene seines Mannes verdüsterte. Er war sich sehr sicher, zu wissen, wer da aus dem Nähkästchen geplaudert hatte. Skiadrum mochte damals zu drastischen Maßnahmen gegriffen haben, aber er hätte nie und nimmer ausgerechnet mit Natsu darüber gesprochen – wenn er denn überhaupt jemals mit jemandem darüber gesprochen hatte. Weißlogias ältere Schwestern Layla und Anna hingegen hatten es unter Garantie brühwarm weitererzählt. Zu dumm für Weißlogia, dass seine Schwestern perfekt im städtischen Klatsch und Tratsch vernetzt waren.
„Skiadrum hat mir nur einen kleinen Schubs gegeben. Nach allem, was ich schon mitbekommen habe, sind Sting und Rogue schon oft genug mit der Nase drauf gestoßen worden“, knirschte Weißlogia und stand auf, um die Keksdose weg zu bringen. Stattdessen drückte er Natsu eine Mohrrübe in die Hand.
Irritiert blickte Natsu von dem Gemüse zu seinem Adoptivvater und zurück, ehe er mit den Schultern zuckte und von der Rübe abbiss. Nachdenklich kaute er eine Weile. Als er heruntergeschluckt hatte, setzte er wieder zum Sprechen an.
„Und wenn ich es ihnen sage?“
„Warum sollte es ausgerechnet bei dir anders laufen?“, fragte Igneel verwirrt.
„Weil ich Stings großer Bruder bin. Das hat Gewicht!“, erklärte Natsu eifrig und biss wieder von der Möhre ab.
Es kostete Igneel wirklich Mühe, nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Einerseits war es himmelschreiend niedlich, dass Natsu immer noch so begeistert von seiner Rolle als großer Bruder war. Das war er schon vor zehn Jahren gewesen, als Igneel und Weißlogia ihren Söhnen erklärt hatten, dass sie heiraten würden. Aber andererseits war der Gedanke, dass Sting in Liebesangelegenheiten ausgerechnet auf Natsu hören würde, vollkommen absurd. Denn natürlich war Sting zwar taub und blind, was seine eigenen Gefühle für seinen besten Freund betraf, aber dass seine Freundin Yukino schon seit Jahren in Natsu verliebt war, wusste er.
Wieso standen ihre beiden Söhne eigentlich so dermaßen auf dem Schlauch? Sie waren doch eigentlich keine Dummköpfe. Erst recht nicht ihre potenziellen Partner. Konnten allen Ernstes vier Menschen gleichzeitig derartig mit Blindheit geschlagen sein?
„Außerdem date ich seine beste Freundin, also sollte ich ihm ein gutes Vorbild sein“, fügte Natsu hinzu und auf seinen Gesichtszügen breitete sich ein ungewöhnlich verträumtes Grinsen aus.
Weißlogias Kaffeetasse blieb auf dem Weg zum Tisch in der Luft hängen und seine schmalen Augenbrauen verschwanden unter seinen Ponyfransen. Igneel selbst starrte seinen Sohn verdattert an.
„Wie war das? Seit wann datest du denn Yukino?“
„Hö?“ Verwirrt blinzelte Natsu, dann schlich sich ein Rotschimmer auf seine Wangen, dann starrte er seinen Vater beinahe entsetzt an. „Woher weißt du, dass ich Yukino meine?!“
„Wirklich? Das ist deine Frage?“, murmelte Weißlogia, der sich mittlerweile wieder etwas gefasst und seine Tasse abgestellt hatte. „Denkst du allen Ernstes, irgendjemand könnte es für möglich halten, dass du Minerva datest?“
Bei der Vorstellung erschauderte Natsu. „Niemals! Minerva ist gruselig!“
„Siehst du? Da bleibt ja nur noch Yukino“, erklärte Igneel und entschuldigte sich im Geiste bei Minerva.
Die junge Frau mochte tatsächlich sehr raubeinig daherkommen, aber das hatte gute Gründe und sie war dennoch – oder vielleicht auch gerade deswegen – eine klasse Frau. So wie Igneel es damals gehofft hatte, hatte Sting einen ganzen Haufen von Freunden gehabt, die ihn vor homophoben Sprüchen und mehr beschützt hatten, und zu diesen Freunden hatte von Anfang an auch Minerva gezählt.
„Stimmt, Yukino ist viel niedlicher als Minerva“, stellte Natsu fest und schon wieder trat dieser dümmlich-verträumte Ausdruck in sein Gesicht.
„Also… seit wann datest du Yukino?“, fragte Igneel amüsiert.
„Öhm… seit der Heimfahrt von Crocus.“
Schon wieder spürte Igneel den Blick seines Mannes und er hatte das Bedürfnis, den Kopf einzuziehen. Stattdessen erbarmte er sich und sprach das Offensichtliche aus.
„Das war doch erst gestern.“
„Genau, und sie war echt süß und dann konnte ich nicht anders und habe ihr zum Abschied einen Kuss auf die Wange gegeben.“
Obwohl er ahnte, wie die Antwort seines Sohnes ausfallen würde, fühlte Igneel sich gezwungen, weiter nachzuhaken: „Und habt ihr danach darüber geredet?“
„Reden?“ Verdutzt sah Natsu seinen Vater an. „War das nicht offensichtlich genug? Ich habe sie nach Hause gebracht und dann bin ich zu mir nach Hause gefahren. Ich war müde.“
Auf der anderen Seite des Tisches barg Weißlogia das Gesicht in einer Hand und seufzte schwer. Igneel fragte sich, was er jetzt tun sollte.
Eigentlich war er sich mit Weißlogia ja einig, dass sie sich in die verkorksten Liebesleben ihrer Söhne nicht einmischen wollten. Immerhin hatten sie ihres auch weitgehend alleine hinbekommen und es gehörte zum Lernprozess dazu, das alleine auszuklamüsern. Was alles nicht hieß, dass sie ihren Söhnen nicht mit Rat und Tat zur Seite stehen würden, wenn diese sie darum bitten würden. Aber Natsu fragte ja nicht um Rat.
Andererseits war die arme Yukino wahrscheinlich gerade heillos verwirrt. Wie Igneel die junge Frau kannte, hatte sie in der letzten Nacht kein Auge zugetan, weil sie sich fragte, was der Kuss zu bedeuten hatte. So clever sie auch war, sie hatte eindeutig auch Tomaten auf den Augen.
„Natsu, geh‘ zu Yukino und rede mit ihr darüber“, seufzte Weißlogia und blickte den jungen Mann ernst an. „Nur weil du sie geküsst hast, bedeutet das nicht, dass ihr jetzt zusammen seid. Wenn du dir also nicht Soranos Zorn zuziehen willst, solltest du die Dinge vernünftig mit Yukino klären.“
Die Drohung mit Sorano ließ Natsu erblassen. Ohne ein weiteres Wort sprang er auf und verließ schleunigst die Küche. Wenige Sekunden später konnten sie hören, wie unten die Hintertür der Bar zuknallte, und Igneel verzog unwillig das Gesicht. Hoffentlich war dabei nicht schon wieder die Uhr von der Wand gefallen, sonst würde er Natsu die Ohren langziehen. Er predigte dem Jungen schon seit Jahren, dass er mit den Türen im Schankraum nicht so knallen sollte!
„Tut mir leid. Ich weiß, dass wir etwas anderes vereinbart hatten, aber ich hatte Mitleid mit Yukino“, erklärte Weißlogia seufzend.
„Schon gut, mir tut sie auch leid. Unsere Söhne sind echt verkorkst.“
„Mit Rogue habe ich kein Mitleid. Zwischen ihm und Sting ist es viel offensichtlicher, immerhin sind sie zusammen aufgewachsen und gleich alt. Yukino hingegen ist eindeutig im Nachteil.“
„Und Natsu blind wie ein Maulwurf“, brummte Igneel und strich sich durch die Haare, ehe er Weißlogia einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. „Aber das ist nicht meine Schuld, du hättest mich gar nicht so anzusehen brauchen!“
Zur Antwort schnaubte Weißlogia leise. „Wer hat sich denn gestern Abend die ganze Zeit darüber lustig gemacht, wie lange es dauern wird, bis Sting und Rogue es endlich begreifen werden?“
„Aber ist doch nun einmal lustig. Es ist so offensichtlich mit den Beiden. Ich meine: Sting kriegt seinen Brief mit der Uni-Zulassung und er rennt sofort an seinen Computer, um es Rogue zu sagen, und er kriegt das selbst gar nicht mit? Dein Junge ist mindestens genauso schlimm wie meiner!“
„Das sind Kinder, keine Comicfiguren“, grummelte Weißlogia.
„Genau genommen sind sie erwachsen. Zumindest auf dem Papier“, fügte Igneel schnell noch hinzu, als sein Mann die Augenbrauen anhob.
Leise brummend hob Weißlogia wieder seine Kaffeetasse und nahm die letzten Schlucke daraus zu sich. Igneel klappte seinen Laptop zu. Die Kassenmodelle hatten ihn von Anfang an nicht wirklich interessiert. Stattdessen griff er nach Weißlogias freier Hand und strich mit dem Daumen sachte über den schlichten Silberreif am Ringfinger.
„Macht es dir wirklich nichts aus, dass Sting und Rogue so herumeiern?“
„Es macht mir sogar eine Menge aus. Rogue ist ein guter Junge. Er kennt Stings Macken und hält dennoch oder vielleicht sogar gerade deswegen zu ihm. Ich bin wirklich froh, dass mein Sohn mit so einem guten Freund aufwachsen konnte. Und in Rogues Nähe ist Sting glücklich. Die Beiden kümmern sich gut umeinander. Es ist frustrierend, dass sie den Elefanten im Raum nicht sehen… aber vielleicht sind sie noch nicht so weit, wenn sie den Elefanten im Raum nicht sehen können. Vielleicht ist es für irgendetwas gut, dass sie jetzt noch nicht erkennen können, was sie füreinander empfinden.“
Igneel musste lächeln. Es hatte ihn schon vor fünfzehn Jahren angesprochen, wie fürsorglich Weißlogia von seinem Sohn sprach. Diese weiche Seite war etwas ganz Besonderes bei dem sonst so disziplinierten Mann.
„Sie werden sicher irgendwann darauf kommen“, sagte er schließlich und strich mit dem Daumen über den Handrücken seines Mannes. „Wenn sogar Natsu auf den Trichter kommen konnte.“
„Na ja, nur so halb, oder?“
„Das klingt aber sehr pessimistisch. Hab‘ ein bisschen mehr Vertrauen in unsere Jungs!“
„Ich setze meine Hoffnung auf Rogue“, sagte Weißlogia trocken und mit demonstrativ stoischer Miene.
Igneel warf den Kopf in den Nacken und lachte laut auf, ehe er auf die Beine sprang und sich über den Tisch beugte, um seinem Mann einen Kuss auf die Lippen zu geben. „Wenn wir Beide das hinkriegen konnten, werden Natsu und Sting schon noch irgendwann das Offensichtliche erkennen. Und vielleicht können wir uns bis dahin etwas bereichern…“
Das Zwicken in seiner Seite war keine Überraschung und ließ ihn lediglich laut auflachen, während er sich wieder aufrichtete, um seinen Laptop weg zu bringen. Automatisch wanderte sein Blick zu dem Bilderrahmen auf seinem Schreibtisch. Darin war ein Bild von dem Tag, an dem er Weißlogia geheiratet hatte.
Sie trugen Beide Anzüge und Igneel hatte sich sogar zu einer Krawatte durchgerungen und es über sich ergehen lassen, dass Ur versucht hatte, seine Haare zu zähmen. Auch heute noch fand Igneel, dass sein Mann in dem dunkelblauen Anzug mit dem reinweißen Hemd zum Anbeißen aussah.
Vor ihnen standen Natsu und Sting. Der neunjährige Sting hatte beide Hände zum Victory-Zeichen erhoben und strahlte in die Kamera – und Natsu hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt und strahlte mindestens genauso sehr.
An diesem Tag waren sie eine Familie geworden. Bis Igneel und Weißlogia auch rechtskräftig die Vormundschaft über den Sohn des jeweils Anderen erhalten hatten, hatte es zwar noch einigen Papierkrams bedurft, aber das war ihnen damals egal gewesen. Für sie hatte das Gefühl gezählt, zusammen zu gehören.
Deshalb war es Igneel mindestens genauso wichtig wie seinem Mann, dass Sting glücklich wurde. Und es war vollkommen offensichtlich, dass Rogue der beste Mann dafür war. Wahrscheinlich – ziemlich sicher – sogar der Einzige.
___Bonus: Die Zukunft___
„Du bist schwanger?!”
Yukino hatte das Gefühl, als würde ihr Kopf in Rauch aufgehen, als ihr bester Freund die Worte so lautstark wiederholte, die sie gerade einmal mühsam hervorgebracht hatte. Obwohl sie es schon zweimal gesagt hatte, hatte sie immer noch das Gefühl, neben sich zu stehen. Ständig schwankte ihre Stimmung zwischen Verlegenheit, Panik und Vorfreude.
„Es war ein Unfall“, stammelte sie gleich drauflos. „Ich bin noch nicht einmal richtig bei Natsu eingezogen und stecke mitten im Studium und er macht gerade diese Weiterbildung und-“
„Hey…“ Auf einmal tauchte Stings Gesicht in ihrem Sichtbereich auf und er ergriff behutsam ihre Hände. Seine vorher so verdatterte Miene war nun todernst. „Du musst dich für nichts rechtfertigen, das weißt du, oder?“
Yukino blinzelte heftig, aber Sting nickte nur bekräftigend und drückte ihre Hände.
„Wichtig ist nur, was du willst. Wenn du dir sicher bist, dass du das Kind willst, dann wird das schon irgendwie.“
„I-ich will es“, krächzte Yukino und befreite ihrer Hände, um die aufkommenden Tränen fortzuwischen.
Sie wusste, dass sie furchtbar jung war, um schon Mutter zu werden. Sie und Natsu waren auch gerade einmal ein Jahr zusammen. Das alles war wirklich sehr früh und definitiv nicht so geplant, aber ein geplatztes Kondom konnte schon ausreichen, um Pläne über den Haufen zu werfen.
Als Sting sie in den Arm nahm, kamen ihr noch mehr Tränen. Schniefend klammerte sie sich an ihn.
„Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich so schnell Onkel werden würde. Ich wette, Natsu ist ganz aus dem Häuschen.“
Yukino lachte erstickt. Natsu war genauso überrascht gewesen wie sie, als sie gemeinsam auf das Ergebnis der Schwangerschaftstests gewartet hatten, aber nachdem sie ihm gesagt hatte, dass sie das Kind behalten wollte, hatte er sich so aufrichtig gefreut, dass Yukino an Ort und Stelle in Tränen ausgebrochen war.
„Wissen Dad und Pa schon Bescheid, dass sie Großväter werden?“, fragte Sting.
„Wir haben es ihnen gleich nach Sorano gesagt“, erklärte Yukino und schon wieder drohten die Tränen, sie zu überwältigen.
Schon lange bevor sie Natsus feste Freundin geworden war, hatte sie sich im Hause Dragneel-Eucliffe immer gut aufgehoben gefühlt. Igneel und Weißlogia hatten sie wie selbstverständlich bei sich aufgenommen, ihr immer ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Die Beiden waren für Yukino schon lange irgendwie so etwas wie Vaterfiguren gewesen. Sogar sehr viel mehr als ihr eigener Vater.
„Sie waren wirklich lieb“, krächzte Yukino verlegen. „Sie haben mir so viel Hilfe angeboten…“
„Natürlich haben sie das“, erwiderte Sting und schenkte ihr ein seliges Grinsen. „Du hast sowieso schon lange zur Familie gehört, Yukino! Jetzt wirst du auch offiziell so etwas wie meine Schwester, das ist echt cool!“
Wenn das alles so weiter ging, würde Yukino nicht mehr aufhören können zu weinen! Womit hatte sie es verdient, in so einer tollen Familie aufgenommen zu werden? Sie hatte immer geglaubt, schon genug Glück dadurch erhalten zu haben, dass sie in Sting und den Anderen so gute Freunde gefunden hatte. Das war einer der Gründe gewesen, warum sie sich nie getraut hatte, sich Natsu zu nähern. Und jetzt? Jetzt hatte sie einen Freund, der sich hingebungsvoll um sie kümmerte, und trug sein Kind unter dem Herzen.
„Wann ist es denn soweit?“, fragte Sting eifrig weiter. „Warst du schon bei diesen ganzen Untersuchungen? Machst du dann eigentlich auch einen von diesen komischen Kursen?“
„Ich bin gerade erst im vierten Monat“, antwortete Yukino geduldig. Dass Sting gleich mit einem ganzen Fragensturm loslegte, war für sie wieder vertrautes Terrain. Sich darauf zu konzentrieren, half ihr, endlich ihre übersprudelnden Gefühle in Schach zu halten. „Ich hatte bisher nur ein erstes Beratungsgespräch, aber nächste Woche habe ich mehrere Untersuchungen. Ob ich zu so einem Kurs gehe, weiß ich noch nicht…“
Unwillkürlich schweiften Yukinos Gedanken ab, als ihr wieder einmal bewusst wurde, dass sie sehr vieles noch nicht wusste. Wie viele Urlaubssemester würde sie nehmen müssen? War es vielleicht besser, sich für eine Weile exmatrikulieren zu lassen, damit Sorano ihre Studiengebühren nicht umsonst bezahlen musste? Wie sollten sie und Natsu das mit der Elternzeit regeln? Wie sollte Yukino ihren Anteil an den Kosten tragen? Sie würde ihren Job in der Unibibliothek zwar sicher noch bis kurz vor der Geburt weiter machen können, aber das würde nie und nimmer genug ansparen, damit sie ihren gleichberechtigten Anteil an den Kosten tragen konnte. Die Vorstellung, Natsu oder Sorano auf der Tasche zu liegen, war furchtbar!
Ein Tippen gegen ihre Stirn ließ Yukino wieder den Blick heben. Schon wieder war Stings Miene sehr ernst, während er sie musterte.
„Du bist genauso schlimm wie Rogue! Ständig grübelt ihr so viel!“, tadelte er.
Unwillkürlich lachte Yukino erstickt und wischte sich wieder Tränen aus den Augen. „Mit Rogue hat mich noch niemand verglichen.“
„Die meisten kennen euch Beide auch nicht gut genug, um zu verstehen, dass ihr Ähnlichkeiten habt“, brummte Sting und machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe er wieder Yukinos Hände ergriff. „Zurück zum Thema: Weil du Rogue in der Hinsicht sehr ähnlich bist, kann ich mir gut vorstellen, dass du gerade viel zu viel grübelst. Das wird schon, Yukino. Du bist damit nicht alleine. Natsu wird dich nie und nimmer im Stich lassen! Und denk‘ jetzt ja nicht, du würdest ihm auf der Tasche liegen! Immerhin leistest du den Löwenanteil bei der Sache. Oder vielmehr den Löwinnenanteil.“
Yukino öffnete den Mund, um dennoch zu protestieren, denn es kam ihr falsch vor, sich zurückzulehnen und von Anderen haushalten zu lassen, nur weil sie diejenige war, die das Kind austrug, aber Stings sturer Blick ließ sie innehalten.
„Jetzt hast du ein bisschen Ähnlichkeit mit Minerva“, stellte Yukino schließlich heiser fest. „Sie ist auch so energisch, wenn sie mir etwas ausreden will.“
„Minerva hat ihre guten Momente“, feixte Sting.
Das entlockte Yukino sogar ein leises Kichern. Sie war sich sehr sicher, dass es ihrer Freundin nicht gefallen würde, mit Sting verglichen zu werden. Nicht dass sie den Blonden nicht schätzte – Yukino wusste genau, dass sie nicht die einzige „Quasi-Adoptivtochter“ im Hause Dragneel-Eucliffe war und dass Minerva dieser Umstand viel bedeutete. Aber Minerva ließ sich nicht gerne in die Karten gucken.
Der Gedanke an ihre beste Freundin ließ Yukino wieder tief Luftholen. „Es gibt noch etwas, worüber ich mit dir reden wollte, Sting“, erklärte sie zaghaft.
Aufmerksam sah Sting sie an. Obwohl er normalerweise so ungeduldig und neugierig war, hielt er sich jetzt bemerkenswert gut zurück. Yukino war ihm wirklich dankbar dafür, denn das ganze Thema war immer noch schwierig für sie.
Aber das hier war ihr bester Freund, rief sie sich in Erinnerung. Und es ging ja auch nicht um etwas Schlimmes oder so.
„Ich habe mit Natsu darüber gesprochen und ich… ich hätte dich gerne als einen der Paten für das Kind.“
Stings Augen wurden riesengroß. Völlig verdattert deutete er auf sich selbst. „Ich? Aber ich bin doch auch so schon der Onkel. Was ist mit Gray und Lu?“
Bei der Erinnerung daran, wie Natsu auf ihre Frage diesbezüglich reagiert hatte, wurde Yukino wieder rot. Zutiefst verlegen starrte sie auf ihre Finger hinunter. Ihre rechte Hand ruhte noch immer in Stings Linker.
„Natsu meinte, die Beiden kommen beim nächsten Kind an die Reihe“, nuschelte sie hastig.
Für einen Moment herrschte verblüfftes Schweigen, dann lachte Sting ausgelassen. „Damit kann ich leben! Ist Minerva dann die zweite Patin?“
Yukino nickte immer noch verlegen und schielte zu Sting hoch. „Glaubst du, dass Rogue mir böse sein wird? Es war so furchtbar schwer, sich zu entscheiden, aber mehr als zwei Paten schien mir auch übertrieb-“
„Hey, keiner von uns hat ein Vorrecht darauf. Rogue wird sich einfach für dich freuen und auch so ein toller Onkel für das Kind sein“, erklärte Sting.
Es war ihm vielleicht selbst nicht bewusst, aber Yukino hörte nur zu deutlich diese besondere Sanftheit in Stings Stimme heraus, die nur zu Tage trat, wenn er von Rogue sprach. Seine Gesichtszüge wurden etwas weicher, sein Blick beinahe schon zärtlich. Er sprach mit einem solchen Urvertrauen über Rogues Gefühlswelt, als wäre es seine eigene. Und wahrscheinlich hatte er mit seiner Einschätzung voll und ganz Recht. Er kannte Rogue so gut wie niemand anderer von ihnen.
Nur Rogues Gefühle bemerkte er nicht. Genauso wie Rogue blind war, was Stings Gefühle betraf. Es war furchtbar frustrierend, das alles mit anzusehen, aber auf der anderen Seite war es wunderschön, die Harmonie der Beiden zu beobachten. Jedes Mal, wenn Yukino bei ihnen in Crocus zu Besuch war, hatte sie das Gefühl, bei einem Paar zu Gast zu sein, welches sich schon in- und auswendig kannte. Selbst bei Kleinigkeiten wie dem Tischdecken bewegten sie sich wie eine Einheit, standen einander nie im Weg, arbeiteten perfekt Hand in Hand. Wenn die Beiden irgendwann endlich verstanden, was sie füreinander empfanden, würden sie bestimmt ein wunderschönes Paar werden!
„Und Rogue ist geduldiger als Minerva und ich, er kann sicher bis zu eurem dritten Kind warten“, fügte Sting mit einem breiten Grinsen hinzu.
Schon wieder spürte Yukino, wie ihre Wangen heiß wurden, aber gleichzeitig begannen ihre Augen schon wieder zu brennen und bevor sie wusste, was sie tat, stürzte sie nach vorn und fiel Sting weinend um den Hals. Der Frauenarzt hatte sie schon vorgewarnt, dass die Stimmungsschwankungen im ersten Trimester bereits mit voller Breitseite zuschlugen. Vielleicht hätte sie Sting irgendwann im Verlauf des Gesprächs davor warnen sollen, aber er hatte die ganze Zeit so lieb auf sie reagiert. Er war der perfekte Patenonkel und ein wundervoller Freund und Yukino war so dankbar, ihn zu haben.
Und sie freute sich so, so sehr auf das Kind! Sie hatte auch Angst und fühlte sich schuldig und verspürte noch etwa tausend andere Gefühle und alle am selben Tag, aber jetzt gerade herrschten eindeutig Freude und Dankbarkeit vor. Die Ängste vor der Zukunft ließen sie für den Moment in Ruhe. Stattdessen freute sie sich sogar auf die Zukunft, in der ihr Kinder von seinem Patenonkel Sting sicher wundervoll umsorgt werden würde.
___Bonus: Die Versuchung___
„Oh mein…“
Verwirrt blickte Natsu von dem Kinderbett auf, dass er mit Grays Hilfe zusammenbaute, während Lucy und Yukino durch einen riesigen Stapel Kindersachen in den richtigen Größen für Kinder von ein bis zwei Jahren gingen, die sie von verschiedenen Quellen bekommen hatten.
Natsu hätte es seinem Vater nicht zugetraut, aber der hatte tatsächlich so einiges von seinen alten Klamotten behalten. Genauso Weißlogia. Und Layla war auch sofort auf den Dachboden gestiegen, als Lucy sie danach gefragt hatte. Es war nicht so, dass Natsu schlecht verdiente, aber nachdem er von diversen Leuten gehört hatte, dass Kinder viel zu schnell wuchsen, als dass es sich tatsächlich lohnte, alle Kleidung neu zu kaufen, hatte er schon vor Lectors Geburt alle möglichen Leute gefragt. Heute war ein großer Aussortiertag, um wieder Platz für den nächsten Schwung zu schaffen.
Sogar seinen Patenonkel Silver hatte er dieses Mal gefragt, was Gray ihm sehr übel genommen hatte, weil der sich jetzt wieder anhören durfte, dass Silver auch endlich Großvater werden wollte. Allerdings war das in dem Fall wirklich nicht Natsus Absicht gewesen. In den ersten Monaten nach Lectors Geburt war das ja noch witzig gewesen, aber mittlerweile war das fast ein Jahr her und Silver quengelte immer noch. Natsu fragte sich, wann ihm aufgehen würde, dass Gray und Cana noch keinen Kinderwunsch hatten und vielleicht auch niemals haben würden.
„Was ist los?“, fragte Lucy und legte eine dunkelrote Latzhose beiseite, ehe sie zu Yukino blickte, die ihr Smartphone in Händen hielt und mit eindeutig gemischten Gefühlen auf das Display starrte.
Natsu sprang auf die Beine und ging zu seiner Verlobten hinüber, um über ihre Schulter hinweg auf das Handy zu schauen. Es war der Gruppenchat von Yukinos Freunden. Da Yukino das Smartphone nicht ausschaltete, hatte Natsu keine Hemmungen, darin zu lesen. Der neuste Beitrag war ein Bild von zwei Kätzchen, das Sting hochgeladen hatte. Dazu der Titel: Wir sind Väter!
„Ernsthaft?“, schnaubte Gray, der sich neben Natsu gestellt hatte. „Lu, bist du wirklich mit dem verwandt?“
„Behauptet meine Mutter zumindest“, murmelte Lucy und schüttelte fassungslos den Kopf, nachdem sie sich nach dem Lesen der Bildunterschrift auf ihren Platz zurückfallen lassen hatte.
Seufzend tätschelte Natsu die schmale Schulter seiner Verlobten, woraufhin diese zu ihm aufblickte. Sie hatte die Lippen fest aufeinander gepresst und runzelte ungläubig die Stirn.
Natsu konnte es ihr nachempfinden. Seit er darauf gestoßen war, wie viele Leute bereits verstanden hatten, was zwischen Sting und Rogue lief, achtete er noch viel genauer darauf, wie die Beiden sich verhielten. Jedes Mal, wenn er die Beiden sah, wartete er eigentlich nur darauf, dass ihnen endlich die Schuppen von den Augen fielen.
Denn: Hallo?! Wenn die Beiden ein Schild hochhalten würden, könnte es gar nicht auffälliger sein als das, was jetzt zwischen ihnen vorging! Ständig berührten sie einander, saßen immer nebeneinander, beendeten die Sätze des jeweils anderen, kabbelten sich miteinander oder taten etwas für den jeweils anderen, ohne dass dieser überhaupt danach fragen musste. Es war fast, als könnten die Beiden die Gedanken des jeweils anderen lesen – abgesehen von diesem einen blinden Fleck, den sie Beide hatten. Die schmachtenden Blicke, die sie einander immer wieder zuwarfen. Dieser besondere Unterton, wenn sie miteinander sprachen, im Vergleich zu Gesprächen mit anderen Leuten…
Es war so offensichtlich, dass eigentlich so gut wie jeder hier in Magnolia dachte, sie wären bereits zusammen. Im Dragon’s Nest bedeutete das keinerlei Veränderung, da waren die Beiden sowieso schon längst bekannt. Im Rest von Magnolia zog das mitunter angeekelte Blicke nach sich, die Natsu regelmäßig zur Weißglut trieben. Er wusste, dass Sting gelernt hatte, solche Blicke zu ignorieren, daher schien er das nicht mehr zu bemerken, aber er selbst hatte das nie gelernt. Damals bei seinen Vätern nicht, nach Stings Coming Out nicht und erst recht nicht jetzt!
„Minerva wird wahnsinnig werden“, seufzte Yukino und schaltete ihr Smartphone aus, um nach einem Stapel mit Pullovern zu greifen.
„Wahrscheinlich wird sie die Beiden in den nächsten Wochen meiden wie die Pest“, überlegte Lucy stirnrunzelnd.
„Vielleicht sollte sie endlich Nägel mit Köpfen machen“, murmelte Gray und zuckte mit den Schultern, ehe er sich wieder dem Kinderbett zuwandte. „Allmählich sollte es doch wirklich mal genug sein, oder nicht? Diese Wette läuft schon viel zu lange.“
„Um die Wette ging es doch nie“, widersprach Yukino überraschend energisch und funkelte Gray an.
Behutsam drückte Natsu ihre Schultern. Er wusste, dass Yukino an dieser Sache einen besonderen Anteil nahm. Sting und Rogue waren ihre allerersten Freunde gewesen in einer Zeit, als es ihr nicht gut gegangen war. Die Beiden waren wie Brüder für Yukino. In etwa so wie Gray und Lucy für Natsu.
Nur mit dem Unterschied, dass Natsu sich um das Liebesleben seiner beiden besten Freunde nie viele Gedanken hatten machen müssen. Nachdem er und Lucy festgestellt hatten, dass es sich katastrophal falsch anfühlte, wenn sie miteinander auf Dates gingen, hatte Lucy zum Glück nur für kurze Zeit mit dem Lackaffen Dan angebändelt, ehe sie sich in einen anderen Lackaffen verliebt hatte. Nur dass Loke ein guter Freund von Gray und Cana und aller kitschiger Säuseleien zum Trotz schwer in Ordnung war. Und das mit Gray und Cana hatte schon vor Ewigkeiten angefangen. Von ihnen Dreien war Natsu der Blindfisch gewesen, das war ihm mittlerweile selbst klar.
Yukino hingegen musste schon seit vielen Jahren mitansehen, wie Sting und Rogue es einfach nicht begreifen konnten oder wollten – oder was auch immer mit den Beiden nicht stimmte.
„Tut mir leid“, wandte Yukino sich reuevoll an Gray, der jedoch nur abwinkte. „Ich war nie ein Fan von dieser Wette. Ich habe mir immer nur gewünscht, dass die Beiden endlich glücklich werden.“
„Hey.“ Natsu ging um Yukinos Stuhl herum und setzte sich auf den freien daneben, ehe er ihre zarten Hände ergriff. „Dir ist schon klar, dass die Beiden gerade nicht unglücklich sind, oder? Was auch immer das gerade ist, was sie da treiben, sie scheinen damit zufrieden zu sein.“
Aus dem Augenwinkel bemerkte Natsu, wie Lucy ihn verblüfft anstarrte. Er schnitt ihr eine Grimasse und wandte sich dann wieder Yukino zu, die ihn voller Rührung ansah. Seit sie Mutter war, war sie noch ein wenig rührseliger als vorher schon und nahm sich vieles sehr zu Herzen. Natsu hatte sehr viel mit seinen Vätern darüber geredet, wie er sie am besten unterstützen konnte.
Auch über Sting und Rogue hatte er mit den Beiden nochmal gesprochen, nachdem er es damals endlich auf die Reihe gekriegt hatte, ein vernünftiges klärendes Gespräch mit Yukino über ihre Gefühle füreinander zu führen.
„Dad und Pa sagen, dass Sting und Rogue wahrscheinlich noch nicht so weit sind, wenn sie es jetzt noch nicht selbst erkennen können“, sagte Natsu, als er sich an das Gespräch mit seinen Vätern erinnerte. „Also, gut, das haben sie vor drei Jahren gesagt, aber hey: die Beiden tun ja niemandem weh oder so, oder?“
Unwillkürlich verspürte Natsu einen Stich der Reue. Ganz im Gegensatz zu ihm selbst, hätte er beinahe hinzugefügt. Seit Yukino ihm gestanden hatte, wie lange sie schon Gefühle für ihn gehegt hatte, ohne dass er es je bemerkt hatte, überkam ihn manchmal ein Anflug von Schuld, weil er sie so lange hatte warten lassen.
Als seine Hände sachte gedrückt wurden, hob er den Blick wieder. Yukino funkelte ihn kurz ermahnend an, als hätte sie seine mit Schuldgefühlen belasteten Gedanken gelesen, ehe sie leise seufzte und eine ihrer Hände an seine Wange legte. „Du hast ja Recht, aber manchmal ist es wirklich schwer. An Tagen wie heute, würde ich den Beiden am liebsten ins Gesicht sagen, was Sache ist.“
„Es kann ja nicht ewig so weiter gehen. Irgendwann verstehen sie es schon noch“, sagte Natsu und schenkte Yukino ein aufmunterndes Lächeln.
Als Yukinos Handy vibrierte, beugte er sich neugierig vor. Tatsächlich war es eine Textnachricht von Minerva, die sie da im Privatchat öffnete. Es war einfach nur ein Totenkopf-Emoticon. Natsu schnaubte leise. Wenn irgendjemand zu bedauern wahr, dann wäre es vielleicht Minerva, die am nächsten dran am Geschehen war. Allerdings war die Frau so abgebrüht, dass Natsu nicht wirklich Mitleid für sie aufbringen konnte. Immerhin verteidigte sie die Einhaltung der Wette auch schon seit Jahren mit Zähnen und Klauen.
Ob sie das aus derselben Intention heraus tat, aufgrund der Natsus Väter immer davon sprachen, dass Sting und Rogue es alleine regeln mussten? Oder spekulierte Minerva darauf, mit der Wette ein Vermögen zu verdienen? Ganz sicher war Natsu sich da immer noch nicht.
___Bonus: Das Abzuwartende___
Als Skiadrum das Dragon’s Nest betrat, war der Geräuschpegel gedämpft. Es waren nicht mehr viele Leute da. Am Rundtisch in der Ecke lief noch ein Pokerspiel, aber aufgrund der Verteilung der Chips konnte Skiadrum erkennen, dass das wohl nur noch zwei oder drei Runden laufen würde.
Die meisten der Teilnehmer erkannte Skiadrum als alteingesessene Stammgäste, die schon für ihr Pokerspiel hierher gekommen waren, als Igneels Vater noch die Bar geleitet hatte. Diese Männer kannten Igneel und seine Brüder von Kindesbeinen an, waren im Grunde so etwas wie Onkel für Igneel. Als sie damals von Igneels und Weißlogias Heiratsplänen erfahren hatten, war Skiadrum zufällig dabei gewesen. Sie hatten laut genug gejubelt, dass einige Leute auf der Straße neugierig herein geschaut hatten, und den frisch Verlobten so kräftig auf die Schultern geklopft, dass selbst Igneel sich kaum auf den Füßen hatte halten können.
Allerdings waren unter ihnen jetzt auch einige jüngere Gesichter, die durch den neuen Ruf, den das Nest in der Stadt genoss, angelockt worden waren. Neben hochbetagten Graubärten saßen jetzt junge Studenten mit bunt gefärbten Haaren und Regenbogenaufnähern auf den Jacken.
Sie grüßten Skiadrum und er nickte ihnen respektvoll zu, ehe er sich neben Weißlogia an den Tresen setzte, hinter welchem Igneel einige Gläser mit Wasser füllte – ein weiteres Zeichen dafür, dass einige Teilnehmer der Pokergesellschaft demnächst aufbrechen wollten.
„Na? Sind deine Mädels heute alle außer Haus?“, grüßte Igneel und hob fragend ein kleines Bierglas.
„Grandine hat Nachtschicht und Wendy übernachtet wieder bei Charle, um so lange wie möglich mit ihr lernen zu können“, erklärte Skiadrum und nickte zustimmend in die Richtung des Glases.
„Warum haben unsere Jungs so etwas eigentlich nie gemacht, Weiß?“, gluckste Igneel und begann, das Bier für Skiadrum abzuzapfen.
„Weil sie nicht von Strebern abstammen“, antwortete Weißlogia ungerührt und stieß seinen Ellenbogen in Skiadrums Rippen.
Zur Antwort verdrehte Skiadrum die Augen. Sein bester Freund war immer noch einer der guten Schüler gewesen, aber um es auf einen perfekten Durchschnitt zu bringen, hatte ihm der Ehrgeiz gefehlt. So wie heute sein Sohn, hatte Weißlogia in Crocus Musik studieren wollen und sich voll und ganz darauf konzentriert – er hatte nur nie so übel mit Mathe auf Kriegsfuß gestanden wie Sting. Skiadrum und Grandine hingegen hatten immer im Hinterkopf gehabt, dass sie für ihre Wunschstudiengänge perfekte Notenspiegel brauchten. Dass sie durch all das Lernen zu den Jahrgangsbesten geworden waren, war nur ein Nebeneffekt gewesen.
Igneel stellte Skiadrum das Bier hin, ehe er das Tablett mit den Wassergläsern aufnahm und den Tresen verließ, um die Pokerspieler zu bedienen. Aus dem Augenwinkel beobachtete Skiadrum, wie der Pinkhaarige einer jungen Studentin auf die Schulter klopfte, die die meisten Chips vor sich aufgestapelt hatte. Zwischen dem Barbesitzer und seinen Stammgästen flogen einige neckende Sprüche hin und her, alles in einem leichtherzigen Tonfall.
„Wie geht es Rogue?“
Skiadrum richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Weißlogia. Zwischen dessen Augenbrauen war eine steile Falte zu erkennen, die sein Mitgefühl zum Ausdruck brachte.
Ratlos zuckte Skiadrum mit den Schultern. „Er ist sehr einsilbig geworden. An der Uni scheint es weiterhin gut zu laufen. Ich vermute, dass er versucht, sich mit Lernen abzulenken.“
„Armer Teufel“, seufzte Weißlogia und nahm einen Schluck aus seinem eigenen Bierglas.
„Wahrscheinlich ist Minerva die Einzige, mit der er darüber redet“, murmelte Skiadrum und blickte in sein eigenes Glas hinunter.
Er konnte nicht behaupten, dass er verstand, was sein Sohn gerade durchmachte. Er war bereits im Alter von sechzehn Jahren mit Grandine zusammengekommen. Sie war seine erste und einzige Freundin gewesen. Zwischen ihnen hatte es nie solche Probleme gegeben, wie sie zwischen Sting und Rogue bereits seit Jahren existierten. Erst recht hatte es nie eine dritte Person in der Gleichung gegeben.
Aber er wusste, dass Rogue wie ein geprügelter Hund darunter litt, zu spät erkannt zu haben, dass er in Sting verliebt war. Nicht dass Rogue jemals offen mit seinem Vater über seine Gefühle gesprochen hätte, aber aufgrund seines Verhaltens war Skiadrum sich ziemlich sicher, dass bei seinem Sohn endlich der Groschen gefallen war.
„Wie läuft es bei Sting?“, fragte Skiadrum, als Igneel mit einen geleerten Gläsern zu ihnen zurückkam.
„Der ist immer noch mit diesem Rakheid zusammen“, seufzte Weißlogia und schwenkte sein halbleeres Glas. „Rakheid scheint ein anständiger Kerl zu sein. Viel bekommen wir davon auch nicht mit. Meistens redet Sting eher von der Uni oder von den Katzen.“
„Was schon genug über Rakheids Stellenwert aussagt“, murmelte Igneel und sortierte die Flaschen auf seinen Regalen, damit ihre Label nach vorne zeigten. Zwischendurch machte er sich Notizen auf einem Zettel. „Wahrscheinlich wird er das über kurz oder lang auch selbst einsehen, wenn er nicht genauso blind wie Sting ist.“
Aus dem Augenwinkel sah Skiadrum, wie sein bester Freund leidig das Gesicht verzog, ohne seinem Mann zu widersprechen. Da gab es auch nichts zu widersprechen. Im Gegensatz zu Rogue hatte Sting offensichtlich immer noch nicht herausgefunden, wie es um die Gefühle seines besten Freundes bestellt war – von seinen eigenen ganz zu schweigen.
„Die arme Yukino ist kreuzunglücklich darüber“, brummte Igneel und verzog nun ebenfalls das Gesicht. „Es war gestern gar nicht so leicht, Natsu die Idee aus dem Kopf zu schlagen, nach Crocus zu fahren und Sting zu sagen, was Sache ist.“
Beinahe gleichzeitig seufzten Skiadrum und Weißlogia. Sie hatten bereits vor Jahren darüber gesprochen, wie sie damit umgehen wollten, dass ihre Söhne offensichtlich ineinander verliebt waren. Damals wie heute waren sie sich einig, dass es ihnen nicht zustand, sich da einzumischen. Sting und Rogue mussten ihre eigenen Erfahrungen machen und mussten es von selbst begreifen.
Aber das hieß nicht, dass es Skiadrum nichts ausmachte, dass es seinem Sohn jetzt so miserabel ging. Nur zu gerne würde er ihm das Leben irgendwie leichter machen, aber abgesehen davon, dass er immer noch der Meinung war, dass er sich nicht einmischen durfte, wusste er offiziell eigentlich gar nicht über Rogues Einsicht Bescheid.
Manchmal fragte er sich, ob sie alle es sich nicht unnötig kompliziert machten. Sowohl er, Igneel, Weißlogia und Grandine mit ihrer elterlich-fürsorglichen Zurückhaltung als auch Minerva und die Anderen mit ihrer Wette, die eigentlich schon länger keine wirkliche Wette mehr war, auch wenn sie das noch nicht zugegeben hatten.
Das Vibrieren seines Handys riss Skiadrum aus seinen Grübeleien. Er zog das Gerät aus seiner Hosentasche und stellte überrascht fest, dass auf dem Display Minervas Name angezeigt wurde. Für eine Absprache vor einigen Jahren hatten er und die langjährige Freundin seines Sohnes mal Nummern ausgetauscht, aber seitdem hatten sie nie wieder miteinander telefoniert. Nicht weil Skiadrum es nicht wollte. Minerva war nur einfach jemand, der sich alleine durchboxte. Eine Folge ihrer „Erziehung“ durch ihren missratenen Vater.
Skiadrum wischte nach links und hielt sich das Handy ans Ohr. „Hallo, Minerva?“
„Tut mir leid, für die späte Störung, aber du musst nach Crocus kommen“, sagte Minerva sofort.
Obwohl sie sich normalerweise extrem gut unter Kontrolle hatte, konnte Skiadrum ihr sofort anhören, dass sie aufgewühlt war. Ihre Stimme zitterte unmerklich und ihre Worte klangen viel hektischer.
Skiadrum tauschte einen Blick mit Igneel und Weißlogia, ehe er von seinem Barhocker rutschte und in den Hinterraum ging. Seine Freunde folgten ihm mit angespannten Mienen.
„Minerva, was ist passiert? Brauchst du Hilfe? Geht es dir gut?“
„Es geht um Rogue“, sagte Minerva. Skiadrum konnte hören, dass sie schwer schluckte. Unwillkürlich begann seine Hand, mit der er das Mobiltelefon hielt, zu zittern. Er nahm es vom Ohr und stellte auf Lautsprecher. Gerade rechtzeitig, damit auch Igneel und Weißlogia Minervas nächste Worte hören konnten. „Er hatte einen Unfall und liegt im OP.“
___Bonus: Die Kasse___
„Du wirst doch nicht etwa rührselig?“
Überrascht blickte Minerva von ihren Unterlagen auf und in das Gesicht ihres Freundes. Rakheid lehnte am Türrahmen von Minervas kleinem Arbeitszimmer, die Hände in den Hosentaschen vergraben und auf den Lippen dieses wissende Grinsen, das Minerva immer daran zweifeln ließ, ob er tatsächlich eine gute Wahl gewesen war. Immerhin war er ein Ex von Sting – und der hatte eindeutig einen Hang dazu, sich Idioten ins Bett zu holen, insbesondere wenn man sich seinen frisch Angetrauten und ihre viel zu lange, nervenaufreibende Geschichte ansah.
„Warum sollte ich rührselig werden?“, erwiderte Minerva schnaubend.
„Ach bitte!“, lachte Rakheid und stieß sich vom Türrahmen ab, um zu ihr herüber zu kommen, das sorgsam gepflegte Oktavheft unter ihrer Hand hervor zu ziehen und damit vor ihrer Nase herum zu wedeln. „Solange ich dich kenne, hütest du dieses Heft wie deinen Augapfel!“
„Natürlich tue ich das“, erwiderte sie würdevoll, obwohl sie am liebsten nach dem Heft gegrabscht hätte. „An der Sache hängt immerhin eine ganze Menge Geld.“
Mittlerweile grinste Rakheid so breit, dass Minerva der Gedanke verlockend vorkam, ihn für heute Nacht aus dem Schlafzimmer zu verbannen – obwohl er dann den ganzen morgigen Tag jammern würde, wie unbequem doch das Sofa sei, also nein, das ließ sie lieber doch bleiben.
„Deine Ausreden waren auch schon mal kreativer. Das Geld hast du doch schon den beiden Knalltüten geschenkt.“
„Da keiner von uns dabei gewesen ist, als die Wette endlich abgelaufen ist, hat auch keiner den Pott verdient.“
„Na klar“, lachte Rakheid und beugte sich blitzschnell vor, um Minerva einen Kuss auf die Stirn zu geben.
Missmutig verzog sie das Gesicht. Rakheid wusste ganz genau, dass sie kein Fan solcher verniedlichenden Gesten war, aber er legte es dennoch immer wieder darauf an. Vor allem gerade jetzt.
Mit dem Heft schlug er Minerva gegen die Nase. „Wenn die Wette abgelaufen ist, warum das Heft dann noch aufheben?“, raunte er über den Rand des Hefts hinweg und wackelte provozierend mit den Augenbrauen.
„Nur so“, antwortete sie gedehnt und versuchte dabei, ihr Pokerface aufrecht zu erhalten. „Ich habe es ja immerhin lange genug geführt.“
„Neun Jahre!“ Kopf schüttelnd richtete Rakheid sich wieder auf und legte das Oktavheft erstaunlich sanft zurück auf den Tisch – vielleicht weil er wusste, dass Minerva ihm sonst mit dem stumpfsten Küchenmesser, das sie finden konnte, so qualvoll wie möglich beide Hände abgehackt hätte. „Du hast sogar das Datum eingetragen, als sie es endlich geschafft haben! Und der alte Zettel steckt auch immer noch drin! Das schreit geradezu nach Rührseligkeit.“
„Du bist ein Arschloch und ich habe keine Ahnung, warum ich mit dir zusammen wohne“, sagte Minerva mit finsterer Miene.
„Weil du auf Arschlöcher stehst.“ Wieder das provokante Augenbrauenwackeln und dann legte Rakheid eine Hand an ihr Kinn, um es für einen Kuss nach oben zu dirigieren.
Zur Strafe biss Minerva ihm in die Unterlippe. Nicht wirklich fest, aber gänzlich ungestraft konnte sie diesen Großkotz ja nun auch nicht davon kommen lassen.
Allerdings schien er das gar nicht als Strafe zu verstehen. Lachend warf er den Kopf in den Nacken und machte auf dem Absatz kehrt. Im Türrahmen blickte er noch mal über seine Schulter zurück. „Ich fange schon mal an, das Gemüse vorzubereiten. Kommst du gleich nach?“
„Vielleicht lasse ich dich auch einfach hungern“, murmelte Minerva düster.
Die Antwort war ein weiteres Grinsen. „Du konntest noch nie jemanden hungern lassen.“
Bevor Minerva ihm wenigstens einen ihrer Todesblicke zuwerfen konnte, hatte er bereits das Arbeitszimmer verlassen. Wie sie es hasste, wenn er das letzte Wort hatte! Erst recht, wenn er damit auch noch Recht hatte!
Frustriert richtete sie ihren Blick auf das Oktavheft. Sie war nicht rührselig, nur weil sie das Heft weiter aufbewahrte! Nun, da Sting und Rogue das Geld hatten und von der Wette wussten, konnte Minerva ihnen jedes einzelne Mal, an denen sie es verkackt hatten, unter die Nase reiben! Dafür hatte sie das Heft aufgehoben, genau!
Langsam öffnete Minerva die erste Seite, an der sie mit einer Büroklammer die erste Liste befestigt hatte. Das vielfach gefaltete Stück Papier war zerfleddert und eigentlich war es sowieso schon lange unnötig, weil Minerva ein Jahr nach Beginn der Wette alles in das Heft übertragen hatte. Dennoch hatte sie sich nie davon trennen können.
Auf der nächsten Seite stand ihr eigener Name, darunter eine lange Reihe von mit Stichworten versehenen Daten, an denen sie selbst miterlebt hatte, wie sich zwischen Sting und Rogue eine – letztendlich immer ungenutzte – Chance aufgetan hatte. Mit dem Finger glitt sie die Liste entlang, hielt bei besonders absurden Situationen, in denen sie wirklich geglaubt hatte, es würde endlich etwas werden, kurz inne. Zwei Seiten später war ein weiterer Zettel befestigt worden. Ein Ausdruck des Chats, in dem Rogue endlich zugegeben hatte, dass er Sting liebte. Danach hatte Minerva keine Beobachtungen mehr festgehalten.
Dafür ging es auf den nächsten Seiten mit ihren Freunden weiter. Jeder hatte ein oder zwei eigene Seiten mit Daten. Orga, Rufus, Dobengal und sogar Yukino, obwohl sie in all den Jahren immer wieder betont hatte, wie fies diese Wette doch sei. Später kamen die Seiten von Familienmitgliedern. Sogar Natsu und Gajeel – beides Männer von ausgesprochen wenig Scharfsinn, weshalb Minerva nach wie vor an Yukinos Partnerwahl zweifelte – hatten einige Einträge zu verzeichnen. Stings Tanten und Cousine. Kagura, Arana und Lisley hatten auch jeweils fast eine halbe Seite. Ein paar Freunde von Natsu und Gajeel hatten auch ein paar Einträge. Bei einigen von ihnen wusste Minerva nicht einmal mehr, wie sie überhaupt von der Liste erfahren hatten. Im Verlauf der Jahre hatte sich beinahe Stings und Rogues gesamtes Umfeld an dieser Wette beteiligt und die Liste an Daten wachsen lassen – und selbst diejenigen, die sich nie beteiligt hatten, beispielsweise Stings Väter, hatten nachweislich von der Wette und von dem Affentanz zwischen den Beiden gewusst.
Jedes dieser Daten stand für eine Chance, dass Sting und Rogue endlich zusammen kamen. Und es waren so viele Chancen gewesen…
Obwohl sie diese Liste schon so lange gepflegt hatte, war Minerva immer noch fassungslos, wenn sie die schiere Menge an Einträgen überflog. So viele Leute hatten es schon lange vor den beiden Idioten bemerkt, hatten die Beiden beobachtet und darauf gehofft, dass sie es endlich hinbekamen. Und dennoch hatte es neun Jahre und unnötig viele Sorgen und Zweifel gebraucht.
Auf der letzten Seite stand das Datum, an dem Minerva erfahren hatte, dass Sting und Rogue endlich zusammen waren. Es stand genau in der Mitte, jede Ziffer ganz ordentlich geschrieben. Langsam ließ Minerva den Finger darüber gleiten und ganz unwillkürlich musste sie lächeln.
Vielleicht – aber auch nur vielleicht! – hatte es auch etwas Gutes gehabt, dass Sting und Rogue so lange gebraucht hatten. Vielleicht war das für die Entwicklung der Beiden einfach wichtig gewesen. Und vielleicht…
Mit einem Kopfschütteln vertrieb Minerva den aufkommenden Gedanken und griff nach einem Kugelschreiber, um unter das erste Datum den Hochzeitstag ihrer Freunde zu notieren. Einfach so. Der Vollständigkeit halber. Es sah einfach gut aus, diese beiden Daten auf der letzten Seite stehen zu haben.
„Minerva, welche Gewürze wirst du brauchen?“
Abrupt klappte Minerva das Heft zu und richtete sich auf. „Finger weg von meinem Gewürzregal, Rakheid!“
Zur Antwort lachte ihr Freund nur.
Knurrend zog Minerva die unterste Schreibtischschublade auf, in der sich ein unbeschriebener, kleiner Einband befand, den Yukino ihr nach der Hochzeit mit einem verschwörerischen Zwinkern in die Hand gedrückt hatte. Ein Fotoalbum, das sich um ihren eingeschworenen Freundeskreis drehte. Irgendwie hatte Minerva es noch nicht fertig gebracht, dieses Album zu öffnen. Etwas in ihr scheute sich davor. Als müsste sie sich erst darauf vorbereiten.
„Rührseliger Blödsinn“, murmelte Minerva und legte das Oktavheft auf das Fotoalbum, ehe sie die Schublade wieder schloss und endlich das Arbeitszimmer verließ.
Hoffentlich ließ Rakheid sie den Rest des Abends in Ruhe. Lieber würde sie sich selbst beide Hände mit dem vorhin erwähnten Küchenmesser abhacken, als zu zugeben, dass diese Liste ihr auch deshalb etwas bedeutete, weil sie Rakheid ohne Sting und Rogue vielleicht nie kennen gelernt hätte.
Aber auch nur vielleicht!
