01. Tanabata
Mit hocherhobenem Kopf lief Ataru die Promenade entlang. Immer wieder biss sie sich auf die rot geschminkte Unterlippe, versuchte, sich dazu zu zwingen, weiterhin gleichmäßig zu atmen, in der Hoffnung, dass die klare Seeluft sie ein wenig beruhigen würde. Der Yukata, den sie trug, hinderte sie daran, größere Schritte zu machen und so sehr sie auch von hier weg wollte, war das vielleicht sogar besser. Niemand, der sie sah, sollte den Eindruck bekommen, dass sie sich hatte vertreiben lassen.
Für einen Moment blickte sie nach oben in den dunklen Nachthimmel, blinzelte mehrmals bewusst, um das verräterische Brennen in ihren Augen endlich zu verbannen. Sie würde niemandem hier die Genugtuung geben, jetzt zu weinen. Schon aus Prinzip nicht und erst recht nicht, nachdem sie viel Zeit und Mühe in ihr Make-up investiert hatte.
Sie hatte einfach nur den Abend genießen wollen, hatte, wie so viele andere junge Frauen auch, in traditioneller Kleidung das Sternenfest besuchen und Spaß haben wollen. Aber natürlich war ihr das nicht vergönnt.
Es sollte ihr egal sein, was andere dachten oder sagten, es sollte mittlerweile einfach an ihr abprallen – diese Leute kannten sie nicht und versuchten nicht einmal sie zu verstehen, sondern tuschelten lieber hinter vorgehaltener Hand darüber, dass sie ja eine von diesen Leuten sei. Fragten, wie man so etwas denn eigentlich dulden konnte und überhaupt, was sagte bitte ihre Familie dazu?
Es sollte ihr wirklich egal sein, aber leider war es das nicht. Natürlich nicht. Auch nach all den Jahren, in denen sie derartige Kommentare zu hören bekommen hatte, trafen sie immer noch ihr Ziel.
Gedankenverloren schüttelte Ataru den Kopf, sank für einen Moment ein wenig in sich zusammen, bevor sie mit einer bewussten Anstrengung wieder eine aufrechtere Haltung annahm.
Nur weil die Worte dieser Leute sie verletzten, musste sie das nicht nach außen sichtbar werden lassen. Es hatte schließlich lang genug gedauert, bis sie selbst wirklich daran hatte glauben können, dass sie vollkommen richtig und okay war, so wie sie eben war. Dass nichts, aber auch gar nichts, an dem, was sie tat oder fühlte, falsch war. Es war harte Arbeit gewesen, an diesen Punkt zu kommen und das würde sie sich sicher nicht mehr nehmen lassen. Nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Kleinstädtern, die nicht die leiseste Ahnung davon hatten, wie es war, sie zu sein.
Ataru zwang sich zu einem Lächeln und setzte ihren Weg etwas ruhiger fort. Sie würden alle noch sehen: Eines Tages würde sie hinaus in die Welt gehen und ihr Leben endlich so leben können, wie sie es sich immer erträumt hatte. Sie würden alle Augen machen.
Je weiter sie sich von den Festlichkeiten entfernte, desto ruhiger wurde es um sie, bis ihr nur noch vereinzelt andere Menschen entgegenkamen. Wenn sie ehrlich war, genoss sie die Stille, ebenso wie die sanfte Brise, die vom Ozean in die Stadt getragen wurde.
Sie hielt kurz inne und sah aufs Meer hinaus, ohne die neugierigen Augen zu bemerken, die ihren Schritten vom Wasser aus schon eine ganze Weile folgten. Erst als sie weiterging, verschwanden sie geräuschlos wieder in der Dunkelheit.
Ihre Füße trugen sie langsam weiter, bis sie an den Punkt kam, an dem die befestigte Hafenpromenade in einen einfachen Fußweg überging und betrat umsichtig einen der Holzstege, die in die seichte Brandung hineinragten. Das Geräusch ihrer Geta auf dem harten Holz wurde vom Wasser zurückgeworfen und wirkte in der abendlichen Stille fast unwirklich laut. Mit einem lautlosen Seufzen blieb sie nach wenigen Schritten stehen, um sie abzustreifen und ihren Weg barfuß fortzusetzen. Das Gefühl der warmen Holzbohlen unter ihren Füßen entlockte ihr ein kleines Lächeln. Am Ende des Stegs angekommen, ließ sie sich nieder, raffte vorsichtig ihren Yukata ein wenig hoch, um ihre Beine frei baumeln zu lassen und den leichten Sommerwind auf ihrer Haut spüren zu können.
Wie so oft, wenn sie am Meer war, hatte sie das Gefühl, freier atmen zu können und schloss die Augen. Bewusst nahm sie einige tiefe Atemzüge, die ihre beruhigende Wirkung auch dieses Mal nicht verfehlten. Ataru begann leise eine unbestimmte Melodie zu summen, versuchte, ihre Gedanken schweifen zu lassen, ohne länger als nötig darüber nachzudenken, dass sie in dieser Stadt wohl nie so akzeptiert werden würde, wie sie war. Ganz egal, wie viel oder wenig sie sich innerlich oder äußerlich veränderte.
Aber sie würde nicht für immer hier leben und irgendwo da draußen in der Welt würde sie ihr Glück finden. Sie musste nur daran glauben, so schwer es ihr auch manchmal fiel. Genauso, wie es ihr schwerfallen würde, ihre Großeltern zurückzulassen, auch wenn diese ihre Entscheidung sicher verstehen würden.
Ataru hatte eben begonnen, sich dieses so ferne Glück in den buntesten Farben auszumalen, als sie von einem unvermittelten, lauten Platschen aus ihren Gedanken gerissen wurde. Ihre erste Vermutung war, dass es ein Fisch gewesen sein musste – auch wenn es ihr dafür eigentlich zu laut vorgekommen war. Aber kaum hatte sie diesen Gedanken formuliert, folgte ein erneutes Platschen, und gleich darauf etwas, das sie nur als halb-unterdrücktes, schmerzhaftes Aufstöhnen hätte beschreiben können.
Unbeweglich und mit in der Dunkelheit weit aufgerissenen Augen verharrte sie, wo sie war, und versuchte, ihr vor Schreck heftig schlagendes Herz zu beruhigen. Für einige Sekunden blieb es fast schon verdächtig still, als würde die Nacht selbst die Luft anhalten. Sie lehnte sich vorsichtig ein wenig nach vorn, um über den Rand des Stegs nach unten sehen zu können, aber sie hatte sich kaum gerührt, als–
„Hast du mir gerade allen Ernstes den Mund zugehalten?“ Von irgendwo unter dem Steg unterbrach das halblaute Flüstern einer dunklen, deutlich belustigten Stimme die abendliche Stille. Im nächsten Moment konnte Ataru erneut heftige Bewegungen im Wasser hören, dann etwas, das verdächtig nach einem Prusten klang.
Schwamm da etwa jemand im Dunkeln?
„… Hallo?“, fragte sie zögerlich in die nun wieder herrschende Stille hinein, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
Vielleicht hatte sie sich das alles auch nur eingebildet?
Jedenfalls war jetzt nichts mehr zu hören. Sie wartete noch einen Moment, wollte sich gerade etwas entspannter wieder zurücklehnen, als es im Wasser unter ihr abermals laut platschte. Fast als wäre dort ein kleines Gerangel ausgebrochen. Sollte das ein Scherz sein? Wenn dem so war, dann wusste sie wirklich nicht, wo die Pointe liegen sollte. Allerdings – das musste sie zugeben – packte sie langsam die Neugier.
Möglichst lautlos zog sie ihre Beine an und streckte sich langsam bäuchlings auf dem Steg aus, sodass sie liegend über die Kante hinweg nach unten ins Wasser schauen konnte. Sie machte sich keine Hoffnungen, in der Dunkelheit wirklich etwas erkennen zu können, ganz abgesehen davon, dass niemand, der hier wohnte, nachts schwimmen gehen würde. Schließlich waren die Gefahren, die die Strömungen in der Dunkelheit darstellten, wohlbekannt. Aber dennoch–
Ataru war so damit beschäftigt, sich selbst einzureden, dass sie nichts sehen würde, dass es einige Sekunden dauerte, bis sie begriff, dass sich unter dem Steg tatsächlich zwei Gestalten im Wasser tummelten. Für einen Moment meinte sie, unter der Oberfläche eine goldene Reflexion zu erkennen, die sich seltsam vertraut anfühlte. Dann stoben die beiden Schemen auseinander und begannen sich flüsternd zu unterhalten.
„Mach das nochmal und es wird Konsequenzen haben.“
„Oh, ich zittere.“ Der Sarkasmus in der Stimme des Fremden war geradezu körperlich spürbar. „Ich dachte nur, dass dort oben jemand war. Willst du riskieren, dass uns jemand hört? Das kannst du dann nämlich den anderen allein erklären, mein Lieber.“ Die beiden näherten sich einander, schienen sich schnell wieder beruhigt zu haben, auch wenn ihr Austausch für Ataru immer noch nicht viel Sinn ergab.
Vermutlich sollte sie einfach ganz still und leise aufstehen und verschwinden, damit man sie nicht doch noch bemerkte. Wer wusste schließlich, wie die Fremden darauf reagieren würden, entdeckt zu werden? Aber so dumm es vielleicht war, jetzt gerade hatte sie keine Lust darauf, einmal mehr ihr ganzes Leben darauf auszurichten, sich nicht Gefahr zu begeben. Und kaum war ihr dieser Gedanke durch den Kopf geschossen, hörte sie ihre eigene Stimme, die von der Abendluft übers Wasser getragen wurde.
„Was wäre denn so schlimm daran, wenn euch jemand hört?“ Die Blicke der beiden Fremden schossen so schnell zu ihr nach oben, dass es beinahe komisch wirkte, und sie konnte nicht anders, als zu grinsen. „Vielleicht solltet ihr etwas vorsichtiger sein, wenn das so wichtig ist. Und leiser.“
Einen Herzschlag lang passierte nichts. Dann stieß einer der beiden ein abgrundtiefes Seufzen aus und strich sich mit einer Hand seine dunklen Haare aus dem Gesicht, während der andere vorsichtig näher an das Kopfende des Stegs kam. Oder schwamm, auch wenn die Bewegung merkwürdig fließend wirkte. Als er aus dem Schatten des Stegs auftauchte, konnte Ataru im Mondlicht sehen, dass sein Haar ihm bis weit über die Schultern fiel und seine Form im Wasser umspielte. Und obwohl sie die beiden ganz offensichtlich überrascht hatte, lag ein amüsiertes Lächeln auf seinen Lippen.
„Da sagt man mir immer, dass ich zu neugierig bin, aber ihr Menschen seid ja auch nicht besser.“ Seine Stimme war weich und melodisch, schien sie geradezu einzuladen, ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Ataru legte sich etwas bequemer hin, sodass sie sich mit den Unterarmen auf dem warmen Holz abstützen konnte, und zuckte mit den Schultern, auch wenn sie nicht sicher war, ob ihr Gegenüber die Geste sehen konnte. Oder was genau der Fremde mit seiner seltsam anmutenden Abgrenzung gemeint hatte.
„Ihr wart wirklich nicht gerade unauffällig, wenn ich ehrlich bin. Und ich wollte hier eigentlich nur etwas die Stille genießen.“
Nun gesellte sich auch der zweite Unbekannte zu ihrer Unterhaltung. Er legte einen Arm um die Schulter seines Gefährten und zog ihn so ein wenig an sich.
„Alles seine Schuld. Die hier wollte unbedingt das Feuerwerk anschauen.“
„Kann ich verstehen, an so einer klaren Nacht wie heute.“ Sie schenkte Die ein kleines Lächeln, das dieser sofort unbefangen erwiderte, legte dann aber fragend den Kopf schief. „Aber warum vom Wasser aus?“
Auch jetzt tauschten die beiden einen Blick, der vermutlich vielsagend war, aber in Atarus Gedanken nur noch mehr Fragezeichen auftauchen ließ. Schließlich war es erneut der Schwarzhaarige, der antwortete.
„Wie du schon sagst, hier ist es einfach ruhiger. Das macht es noch schöner, findest du nicht?“
Ataru konnte nicht anders, als zu nicken.
„Stimmt.“ Ein wenig nachdenklich schweiften ihre Blicke zurück zur Promenade. In der Ferne konnte sie noch immer das bunte Treiben ausmachen, dem sie entflohen war, und ein leises Seufzen entkam ihren Lippen. „Würde … es euch stören, wenn ich mir das Feuerwerk mit euch von hier aus ansehe?“, fragte sie schließlich.
Sie wollte sich auf keinen Fall aufdrängen, aber ebenso wenig wollte sie im Moment allein sein, wenn sie ehrlich war. Und auch wenn sie die beiden nicht kannte, zumindest traten sie ihr nicht mit Ablehnung entgegen, was mehr war, als sie von den Bewohnern der Kleinstadt sonst zu erwarten gelernt hatte.
„Sicher, warum nicht.“ Diesmal war es Die, der ihr eine Antwort gab und ihr erneut ein unbefangenes Lächeln schenkte, das sie ganz automatisch erwiderte. Fast als wäre es ansteckend. „Aber nur, wenn du uns sagst, wie du heißt?“
~*~
Noch spät in der Nacht lag Ataru wach, sah durch die halb geöffnete Verandatür ihres Zimmers hinaus in die Dunkelheit, in der der Mond silberne Bilder auf das ruhige Meer zeichnete. Obwohl sie innerlich aufgewühlt war, konnte sie auch jetzt nicht aufhören zu lächeln, hatte sie doch nie vermutet, dass dieser Abend eine solche Wende nehmen würde. Dass sie ihn tatsächlich würde genießen können.
Unter ihrer leichten Bettdecke zog sie die Beine an, machte sich ganz klein, als wollte sie die Freude und Wärme, die sie gerade spürte, so dicht wie möglich bei sich behalten.
Selbst wenn sie noch immer nicht wirklich wusste, wer Die und Toshiya eigentlich waren, sie hätte nicht sagen können, wann sie sich das letzte Mal ähnlich entspannt mit Fremden hatte unterhalten können. Nicht nur, dass beide so angenehm melodische Stimmen hatten, dass sie ihnen auch die ganze Nacht lang zugehört hätte, sie waren aufmerksame und unterhaltsame Gesprächspartner gewesen. Selbst die Stille, die bisweilen geherrscht hatte, war nicht erdrückend, sondern so natürlich gewesen, als wäre sie ein unausgesprochener Teil ihrer Unterhaltung. Fast, als wären sie sich heute nicht zum ersten Mal begegnet. Und auch das Feuerwerk war traumhaft schön gewesen. Die bunten Farben der im Himmel explodierenden Blumen hatten sich im Wasser genauso gespiegelt wie in den Augen ihrer ungewöhnlichen Begleiter.
Ataru biss sich unwillkürlich auf die Unterlippe, als sie bei diesem Gedanken ein kleines, flatterndes Ziehen in ihrer Magengegend verspürte. Natürlich hatte sie die beiden attraktiv gefunden, aber das hätte vermutlich jeder Mensch getan, der Augen im Kopf hatte. Und genauso offensichtlich wie ihr gutes Aussehen war auch die Tatsache gewesen, dass die beiden eine ungewöhnlich offene und enge Bindung zueinander hatten. Nicht, dass sie selbst unter anderen Umständen je eine Chance bei einem von ihnen gehabt hätte. Nicht jemand wie sie, da machte sie sich keinerlei Illusionen. Trotzdem hatte es eine gewisse Sehnsucht in ihr ausgelöst, den Umgang der beiden miteinander zu beobachten. Zumindest vor sich selbst konnte Ataru nicht leugnen, dass sie sich eine Beziehung wie diese ebenfalls wünschte, auch wenn ein Teil von ihr überzeugt war, dass sie diese Art der Wärme und Zuneigung nie selbst erfahren würde. Sie seufzte leise.
Immerhin träumen konnte sie, in der Stille ihrer eigenen Gedanken.
Vermutlich würde sie weder Toshiya noch Die jemals wiedersehen, aber sie würde diesen Abend in ihrem Herzen bewahren und davon zehren, wenn ihre Umgebung ihr das Leben wieder einmal schwerer machte, als es sein müsste. Mit diesem Gedanken drehte sie sich in ihrem Bett um, weg vom Licht des Mondes, und schloss die Augen, in der Hoffnung, doch noch etwas Ruhe zu finden.
~*~
Obwohl sie wusste, dass sie träumte, konnte sie nicht anders, als die Geborgenheit zu genießen, die sie zu umfangen schien; fast, als würde sie jemand in einer schützenden Umarmung halten.
Langsam blinzelnd öffnete Ataru die Augen und war umgeben von tiefem, warmem Blau, das sich in alle Richtungen auszudehnen schien. Sie hob ihren Kopf und konnte die Sonnenstrahlen ausmachen, die von oben ins Meer fielen, sich in den Wellen brachen und das klare Wasser in Tausenden von blaugrünen Schattierungen erstrahlen ließen. Ohne, dass sie genau sagen konnte warum, stieß sie ein befreiendes, geradezu jubelndes Lachen aus, bewegte sich spielerisch durch die Strömungen, die sie liebevoll umfingen, so als wollten sie sie willkommen heißen. Und so sehr ihr bewusst war, dass sie Angst haben sollte, weil sie keine Möglichkeit hatte, unter Wasser zu atmen – sie fühlte sich in diesen strahlenden Tiefen so vollkommen sicher, als wäre es gut und richtig, dass sie hier war. Als hätte es schon immer so sein sollen.
Am Rande ihres Blickfelds bemerkte sie eine Bewegung, einen goldenen Glanz, den sie zu kennen glaubte. Doch als sie sich umdrehte, waren da nur funkelnde Fischschwärme, die in der Ferne ihre Kreise zogen. Sie sah ein weiteres Mal nach oben, doch auch hier war nichts außer dem Sonnenlicht zu erkennen, das sich in den Wellen an der Oberfläche brach – und dann erneut goldene Reflexionen am Rande ihres Sichtfeldes. Als sie sich diesmal umwandte, glaubte sie, eine Bewegung wahrzunehmen, der sie folgen konnte. Doch wer immer da war, bewegte sich zu schnell, als dass sie hätte näherkommen können. Einmal meinte sie, eine golden glimmende Schwanzflosse erspäht zu haben, aber nichts, was sie tat, brachte sie so nah, dass sie mehr hätte ausmachen können.
Vielleicht hätte sie enttäuscht sein sollen, aber für den Moment genoss sie die Geborgenheit des Meeres viel zu sehr, als dass dafür Raum in ihr gewesen wäre. Sie konnte nicht sagen, wann sie sich das letzte Mal so wohl und ruhig gefühlt hatte. Als sei sie endlich an einem Ort angekommen, nach dem sie unendlich viele Jahre gesucht hatte.
02. Ningyo
Auch in den folgenden Nächten hatte Ataru immer wieder von diesem in tausend Facetten glitzernden Meer geträumt, das sie so liebevoll und sicher gehalten hatte. Und jedes Mal war sie am Morgen mit einem kleinen Lächeln aufgewacht. Selbst, wenn sie nicht genau sagen konnte, warum eigentlich: Da war ein Funke hoffnungsvoller Wärme in ihrem Brustkorb, der sie optimistischer in jeden neuen Tag blicken ließ, auch wenn sich sonst nichts verändert hatte.
Wie erwartet hatte sie bisher weder Die noch Toshiya wiedergesehen, aber allein die Erinnerung an ihren gemeinsamen Abend machte ihr Mut. Vielleicht waren die beiden der Beweis dafür, dass nicht alle Menschen so engstirnig waren, wie ein Großteil derer, die hier lebten.
Verschlafen blinzelte Ataru der Morgensonne entgegen, die durch die Fenster in ihr Zimmer fiel. Sie streckte sich für einen Moment, nur um sich dann noch einmal entspannt auf ihrer Matratze zusammenzurollen. Egal, wie schwül-warm der Tag werden würde, jetzt gerade genoss sie das Gefühl, einfach hier zu liegen und das erdende Gewicht ihrer Bettdecke zu spüren. Entspannt schloss sie die Augen wieder und atmete tief durch, bis die Tür zu ihrem Zimmer leise aufgeschoben wurde und ihre Großmutter den Kopf hereinsteckte.
Mit einem warmen Lächeln sah sie auf Ataru herunter. Vermutlich hätte nicht viel gefehlt und sie wäre zu ihr hinübergekommen, um ihr in einer liebevollen Geste die vom Schlaf verworrenen Haare aus dem Gesicht zu streichen.
„Hab’ ich dich geweckt?“ Ataru schüttelte nur den Kopf.
„Nein, alles gut. Bin von der Sonne wach geworden.“ Das Lächeln im Gesicht ihrer Großmutter weitete sich, ließ die vielen Lachfalten darin noch deutlicher hervortreten.
„Ich wollte dir nur kurz Bescheid geben, dass ich erst einmal unterwegs bin, einige Besorgungen machen. Kannst du dich später ums Mittagessen kümmern?“ Der Schalk lachte in ihren dunklen Augen, als sie ihrer Enkelin verschwörerisch zuzwinkerte. „Du weißt doch, wenn ich das Kochen deinem Großvater überlasse, muss danach die Küche renoviert werden.“
Ataru konnte nicht anders, als auf die Anspielung auf diesen längst verjährten kulinarischen Unfall hin leise zu lachen, richtete sich schließlich in ihrem Bett auf.
„Natürlich“, sagte sie, erwiderte das Lächeln ihrer Großmutter mit dem gleichen Humor. „Ich weiß doch, wie sehr du an deiner Einrichtung hängst. Ich halte ihn vom Herd fern, versprochen.“
Ein letztes Mal nickte ihre Großmutter, zog sich dann aus ihrem Zimmer zurück und nur wenige Augenblicke später konnte Ataru hören, wie sich die Haustür hinter ihr schloss. Mit einem herzhaften Gähnen streckte sie sich genüsslich ein letztes Mal, bevor sie, noch immer etwas schwerfällig, endgültig aufstand, um ins Bad zu gehen.
Ihr Großvater war vermutlich auch schon lange unterwegs, sodass sie das Haus im Moment für sich hatte. Und so sehr sie ihre Großeltern liebte, so dankbar sie ihnen für alles war, was sie für sie getan hatten; bisweilen war es doch schön, die Ruhe des Alleinseins genießen zu können. Einfach nur sein zu können, ohne mit jemandem reden zu müssen.
Sie stellte das kleine, altmodische Radio an, das seinen Platz schon so lange sie denken konnte, im Badezimmer hatte, und schlüpfte aus ihrem Slip und dem übergroßen T-Shirt, das sie zum Schlafen trug. Mit wenigen, geübten Bewegungen band sie ihr langes Haar nach oben. Ehe sie unter die Dusche trat, blieb ihr Blick, wie so oft, an der Reflexion hängen, die ihr der Spiegel über dem Waschbecken zeigte. Sie konnte nicht umhin, sich darin zu betrachten, ihre Hände einige Momente lang fast forschend über ihren Körper wandern zu lassen, als müsste sie sich einmal mehr davon überzeugen, dass sie wirklich sich selbst sah. Und wie jedes Mal erfüllte sie die Erkenntnis, dass alles so war, wie es schon immer hätte sein sollen, mit einer glücklichen Wärme. Es war ein langer Weg gewesen, aber all der Schmerz – ob nun körperlich oder seelisch – hatte sich gelohnt.
Der Gedanke entlockte ihr ein leises Seufzen, als sie schließlich den Wasserhahn aufdrehte. Sie wartete einen Augenblick, bis es warm genug war, und stellte sich dann direkt unter den wohltuenden Strahl, der ihre Lebensgeister langsam aber sicher vollends erwachen ließ.
Gleichzeitig wanderten ihre Gedanken einmal mehr zu den beiden jungen Männern, die sie kennengelernt hatte. Selbst, wenn sie nie gut darin gewesen war, andere Menschen zu schätzen, viel älter als ihre eigenen zwanzig Jahre konnten sie nicht gewesen sein. Die vielleicht etwas älter als Toshiya, aber mehr als zwei oder drei Jahre lagen sicher nicht zwischen ihnen, auch wenn da etwas in den Augen des Schwarzhaarigen gewesen war, was ihn reifer hatte erscheinen lassen. Oder nur ein wenig ernster, gerade im Kontrast zu Dies verspielter Art, die aber ebenso gut zu ihm passte, wie das charismatische Grinsen, das er ihr im Laufe des Abends mehr als einmal gezeigt hatte.
Je mehr sie über die beiden nachdachte, desto mehr breitete sich eine ganz andere Art von Wärme in ihrem Körper aus. Wärme, die für Gefühle sprach, die ohnehin von vornherein zum Scheitern verurteilt waren, egal, ob sie ihnen noch einmal über den Weg laufen würde oder nicht. Und allein die Tatsache, dass sich diese Empfindungen nicht nur auf einen von ihnen bezogen, ließ sie sich fast vor sich selbst schämen. Selbst wenn eine Frau wie sie überhaupt eine Chance auf eine kleine Sommerromanze hätte und Die und Toshiya nicht offensichtlich mehr als freundschaftliche Gefühle füreinander hegen würden, erschien es ihr geradezu gierig, so zu denken. Mit einem energischen Kopfschütteln zwang Ataru sich dazu, Überlegungen dieser Art hinter sich zu lassen. Es brachte schließlich nichts, ihre Zeit mit „Was wäre, wenn?“ zu vergeuden.
Ja, sie hatte einen schönen, lustigen Abend mit den beiden erlebt, den ersten seit Langem, wenn sie ehrlich war. Aber damit war dieses Kapitel – so schade es sein mochte – leider auch schon erledigt. Sie sollte lieber endlich anfangen, darüber nachzudenken, was sie tun würde, wenn der Sommer vorüber war, statt Fantasien nachzuhängen, die zu nichts führten, außer einem weiteren kleinen Knacks in ihrem Herzen.
Auch wenn das Lächeln auf ihren Lippen vielleicht nicht mehr zu einhundert Prozent ehrlich war, immerhin war es noch da, als sie die Dusche verließ. Leise mit dem Radio mitsummend, wickelte sie sich in eines der großen Handtücher, die ihre Großmutter immer im Garten zum Trocknen aufhing. Als sie hier eingezogen war, hatte sie den kratzigen Stoff als unangenehm empfunden, aber mittlerweile genoss sie das raue Gefühl auf ihrer Haut. Fast, als würde es ihr dabei helfen, ihre Vergangenheit von sich abzuwaschen, so abwegig dieser Gedanke vielleicht klingen mochte.
Sie musste sich für nichts schämen.
Es war schließlich nicht ihre Schuld, dass sie nicht so geboren war, wie sie hätte sein sollen. Und wenn sie diesen Gedanken nur oft genug wiederholte, würde sie vielleicht eines Tages ihren eigenen Worten glauben können.
Nur mit ihrem Handtuch bekleidet ging Ataru zurück in ihr Zimmer, zog sich dort ein luftiges Shirt und bequeme Shorts über und brachte kurz ihr Bett in Ordnung. Sie öffnete die Schiebetüren, die hinaus auf die Veranda führten, um etwas Luft in ihr Zimmer zu lassen, bevor es zu stickig wurde. Noch war der Himmel klar, aber weit draußen über dem Meer türmten sich bereits die ersten Wolken, die für die kommende Nacht den ein oder anderen kräftigen Regenschauer versprachen.
Nach einigen Augenblicken wandte sie sich ab und ging in die Küche, um zu frühstücken. Als sie sah, dass ihre Großmutter ihr bereits ein creme-gefülltes Croissant aus ihrer Lieblingsbäckerei auf den Tisch gestellt hatte, hielt sie inne. Sie konnte nur hoffen, dass es ihr irgendwann möglich sein würde, in Worte zu fassen, wie unendlich dankbar sie ihren Großeltern für alles war, was sie für sie taten.
~*~
In den Tagen nach dem Sternenfest hatte die Regenzeit der kleinen Stadt am Meer noch einen ungewöhnlich nassen Besuch abgestattet. Und auch, wenn Ataru die Ruhe mochte, die der Regen mit sich bringen konnte, war sie erleichtert, dass das Wetter nun endlich etwas aufzuklaren schien. Schon während sie am Morgen einige Dinge im Haus erledigt hatte, hatte sie den Tatendrang in ihrem Inneren kaum zügeln können – am frühen Nachmittag gab es dann nichts mehr, was sie noch drinnen gehalten hätte.
Mit ihrer Kamera im Gepäck ließ sie die Stadt und ihre Bewohner auf Wegen, die sie seit ihrer Kindheit kannte, hinter sich. Sie genoss die würzige Seeluft und die wilde, immer etwas struppig wirkende Natur, die ihr auf der kleinen Halbinsel zu jeder Jahreszeit eine Fülle von Fotomotiven bot. Es waren genau diese Momente, in denen sie es genoss, allein unterwegs zu sein und all das festzuhalten, was ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Es hatte etwas Befreiendes, sich einfach auf ihre Umgebung einlassen zu können, sich nur auf das zu konzentrieren, was sie umgab und immer wieder neue Details in der ihr so vertrauten Umgebung zu entdecken.
Und offenbar hatte ihr Überschwang über den überraschend sonnigen Sommertag dazu geführt, dass sie sich mehr verausgabt hatte als ursprünglich geplant. Eigentlich hatte sie nur eine kleine Runde gehen wollen, aber als sie einen erhöht liegenden Teil der felsenreichen Küste erklommen hatte, konnte sie deutlich den Protest der Muskeln in ihren Beinen spüren. Aber auch wenn sie nun schwer atmend an ihrem Ziel angekommen war, die Anstrengung hatte sich gelohnt: Der Ausblick, den sie von diesem abgelegenen Stück Küste aufs Meer hatte, blieb atemberaubend, egal, wie oft sie ihn sah.
Ganz automatisch schoss sie noch einige Bilder von der Küstenlinie, die sich unregelmäßig bis zum Horizont schlängelte, bevor sie ihre Kamera wieder sinken ließ. Vorsichtig und dabei leise über sich selbst und ihren Dickschädel schimpfend, folgte sie dem unebenen Trampelpfad hinunter in Richtung Wasser und machte sie es sich schließlich auf einem flachen, grasbewachsenen Felsen bequem, der weit ins Meer hineinragte. Nachdem sie vorsichtig ihre Kamera in ihrer Tasche verstaut hatte, zog sie, wenn auch aufgrund der Position ein wenig ungelenk, ihre Wanderschuhe und Socken aus. Mit einem zufriedenen Grinsen wackelte sie einige Male ihren über den Felsrand hinausragenden Zehen und musste unwillkürlich blinzeln, als sich die Sonnenstrahlen für einen Moment in dem schmalen Kettchen fingen, das sie um ihren Knöchel trug. Mit einem zufriedenen Seufzen drehte sie ihr Gesicht schließlich der Sonne entgegen. Ataru genoss die Wärme auf ihrer Haut, obwohl ihr Körper von der langen Wanderung ohnehin von einem dünnen Schweißfilm überzogen war. Sie schloss die Augen und lauschte dem beständigen Rauschen der Wellen, die immer wieder gegen die umliegenden Felsen brandeten und langsam und allmählich mit dem Rhythmus ihres Herzschlags zu verschmelzen schienen.
Ataru überlegte gerade, ob sie es riskieren konnte, noch etwas weiter nach vorn zu rutschen, um ihre Füße ins Wasser baumeln zu lassen, als sie etwas fest am linken Knöchel packte und ihr damit einen spitzen Schrei entlockte. Sie zuckte aus Reflex so heftig zurück, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor und
automatisch versuchte, sich mit beiden Händen fest in das Gras unter ihren Händen zu krallen. Ohne nachzudenken, trat sie mehrmals kräftig nach unten, zog dann rasch ihre Beine zurück, als sie auf Widerstand traf und ihr Fuß endlich losgelassen wurde. Mit heftigem Herzklopfen bewegte sie sich etwas vom Rand des kleinen Vorsprungs weg, ehe sie sich auf die Knie aufrichtete. Und schon im nächsten Moment wusste sie nicht mehr, ob sie lachen oder fluchen sollte:
Niemand anderes als Die erwiderte ihren ungläubigen Blick, nur dass sein eigener Gesichtsausdruck irgendwo zwischen amüsiert, schuldbewusst und schmerzlich verzerrt lag, während er sich mit einer Hand über die Schulter rieb, an der sie ihn offensichtlich getroffen hatte. Aber noch bevor sie etwas sagen konnte, drang ein Lachen an ihre Ohren, das ihren Kopf erneut herumschnellen ließ.
„Ja, ja, sehr lustig“, beschwerte Ataru sich zerknirscht, während sie versuchte, sich möglichst unauffällig die Tränen aus den Augen zu wischen, die sie vor Angst nicht hatte verhindern können. Ihr Herz raste noch immer und sie konnte fühlen, wie ihre Hände zitterten, auch wenn sich zu diesem eher unangenehmen Gefühl nun ganz allmählich Freude darüber gesellte, die beiden wiederzusehen. Toshiya sah sie vom Wasser aus einen Moment nachdenklich an, bevor er langsam etwas nähergeschwommen kam. In einer selbstverständlich wirkenden Geste legte er einen Arm um Dies Schultern.
„Du bist ganz blass geworden. Ist alles in Ordnung?“
„Jetzt schon.“ Ataru schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch, versuchte bewusst, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden. „Aber bitte warnt mich das nächste Mal vor, ich hab’ mich wirklich erschrocken. Ich … kann es nicht so gut haben, wenn mich jemand so unverhofft anfasst.“
„Verdammt, das tut mir leid, wirklich.“ Die wirkte nun ehrlich betroffen und sein schlechtes Gewissen war ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Für einen Moment schien es sogar, als würde er in einem Anflug von Unsicherheit Schutz an der Seite seines Freundes suchen. Sein „Wird nie wieder vorkommen, versprochen.“ verließ uncharakteristisch kleinlaut seinen Mund und verleitete Toshiya dazu, ihn noch etwas näher an sich zu ziehen, bevor er zu Ataru sah.
„Ich wollte ihn davon abhalten, ehrlich“, erklärte er, hatte aber selbst sein bestes Schuljungengrinsen aufgesetzt, das vermutlich schon Hunderte Herzen hatte schmelzen lassen. „Aber er war leider zu schnell.“
Bevor Die protestieren oder sich noch irgendwie rechtfertigen konnte, war es jetzt Toshiya, der sich blitzschnell bewegte und Atarus ‚Angreifer‘ mit einiger Kraft unter Wasser drückte. Für einen kurzen Moment grinste er zu ihr nach oben, brachte sich dann aber rasch in Sicherheit, als Die prustend wieder auftauchte und versuchte, ihn nun seinerseits zu fassen zu bekommen. Selbst wenn sie es gewollt hätte – spätestens als sie Dies Gesichtsausdruck sah, wäre es ihr unmöglich gewesen, ihr Lachen noch zurückzuhalten. Allein ihre Freude darüber, die beiden wiederzusehen, ließ ihr Herz förmlich singen und sie genoss jede Sekunde der Leichtigkeit, die sie trotz ihres Schreckens gerade erfüllte.
Erst als Toshiya nach der Hand des anderen griff und ihn erneut in seine Arme zog, konnte sie sich langsam wieder beruhigen, auch wenn der entschuldigende kleine Kuss, der auf Dies Nasenspitze landete, sie weiterhin lächeln ließ.
Für einen Moment sah sie die beiden einfach nur an, musste sich fast schon zurückhalten, um nicht ihre Kamera zu zücken – sie ergänzten sich perfekt, so vertraut und eins, wie sie vor ihr im Meer schwammen. Aber kaum hatte sie dies gedacht, entfernten sie sich wieder ein wenig voneinander, näherten sich stattdessen der Klippe und stützten sich mit den Armen neben ihr auf dem Fels ab. Ohne wirklich darüber nachzudenken, tat Ataru es ihnen gleich und rutschte nah genug an den Rand des Felsvorsprungs, dass ihre Füße nun wirklich ins Wasser reichten. Sollte sie abrutschen, wären schließlich zwei offensichtlich ausgezeichnete Schwimmer zur Stelle, um sie zu retten.
„Was macht ihr eigentlich hier?“, fragte sie nach einer kurzen Weile, in der sie anscheinend alle ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatten. Als Antwort zuckte Toshiya nur mit den Schultern, legte seinen Kopf dann auf den verschränkten Armen ab, während das Sonnenlicht die Wassertropfen auf seiner gebräunten Haut funkeln ließ.
„Es war schönes Wetter“, meinte er schließlich, als wäre dies Erklärung genug. Die Aussage ließ Die gespielt mit den Augen rollen, bevor er ebenfalls antwortete.
„Hier an der Küste kann man gut tauchen, weil die Unterströmungen nicht so stark sind wie weiter südlich.“
„Ihr habt gar keine Ausrüstung dabei?“
„Gute Beobachtung.“ Die lachte leise und lehnte seinen Kopf an Toshiyas Schulter. „Wir sind Freitaucher. Also ohne Anzug, ohne Sauerstofftank und all das.“
„Ach so.“ Ein wenig nachdenklich sah Ataru ihn an, wandte ihren Blick dann hinaus aufs Meer, um den Wellen zuzusehen, die von der kommenden Flut zu ihnen getragen wurden. „Das muss schön sein, so vollkommen frei …“, fuhr sie etwas leiser fort, zog die Augenbrauen leicht zusammen, als sie wieder zu den beiden sah. „Aber auch irgendwie beängstigend, oder?“
„Nicht unbedingt“, antwortete jetzt Toshiya, zuckte erneut mit den Schultern. „Wir schwimmen und tauchen schon unser Leben lang. Es ist eher, als wäre man eins mit dem Meer, Teil des großen Ganzen, sozusagen.“
„Mh … das klingt wirklich schön.“
„Wenn du willst, können wir ja mal zusammen schwimmen oder tauchen gehen?“ Ohne dass sie es hätte verhindern können, zuckte Ataru bei diesem offensichtlich gut gemeinten Angebot zurück, schüttelte energisch den Kopf.
„Ich … Ich würde wirklich gern“, sagte sie leise, schaffte es nicht länger, in Toshiyas dunkle Augen zu sehen und betrachtete stattdessen ihre eigenen Finger, die nervös mit dem Riemen ihrer Kameratasche spielten. „… Aber ich gehe nicht wirklich gern schwimmen.“
Ihr war bewusst, wie unsinnig diese Aussage in den Ohren der beiden klingen musste. Nicht nur, dass sie an der Küste lebte – sie liebte das Meer, das Wasser, die Wellen, hatte früher zu gern darin herumgetollt. Aber obwohl es jetzt eigentlich keinen Grund mehr dafür gab, konnte sie sich einfach nicht dazu überwinden, dies heute mit der gleichen Unbeschwertheit zu tun.
„Das ist schade.“ Die, der seine Augen die ganze Zeit nicht von ihr abgewandt hatte, streckte seinen Arm aus und legte seine kühle Hand beruhigend auf ihren Unterarm. „Aber vollkommen okay.“
„Wirklich?“
„Na klar.“ Das warme Lächeln auf seinen Lippen half, sie zu beruhigen und entfachte einmal mehr auch die Wärme in ihrem Inneren, als er mit einem Zwinkern weitersprach. „Ich meine, überleg mal, wie schwierig es wäre, dich zu finden, wenn du auch noch irgendwo tauchst. So müssen wir anscheinend immer einfach nur nach halbwegs abgelegenen Plätzen am Meer Ausschau halten.“
„Die …“ Toshiya stieß seinem Freund mehr oder weniger sanft mit dem Ellenbogen in die Seite, was diesen jedoch nicht wirklich zu stören schien.
„Was denn? Willst du sie denn nicht wiedersehen?“ Die Offenheit in seiner Stimme ließ ihren Puls einmal mehr an diesem Tag in die Höhe schnellen – wenngleich nun aus vollkommen anderen Gründen. Und als Toshiya mit einem geradezu selbstverständlich klingenden „doch, natürlich“ antwortete, konnte sie sich sicher sein, dass ihre Wangen vor Röte brannten. Ein wenig zitternd verschränkte sie ihre Finger mit Dies und drückte sie kurz.
„Danke.“
~*~
Mit einem kleinen Lächeln reichte Ataru ihrem Großvater die gut gekühlte Bierdose und setzte sich neben dem alten Mann auf die Veranda. Der Rauch seiner Zigarette vermischte sich mit dem Räucherwerk, das sie gegen die Insekten abbrennen ließen, zu einem Aroma, das sie mit ihm verbunden hatte, solange sie denken konnte.
Sie strich sich das vom Duschen feuchte Haar aus dem Gesicht und öffnete dann die Dose, die sie für sich selbst mitgebracht hatte. Grinsend kam sie seiner stummen Aufforderung nach und mit einem dumpfen Geräusch traf Blech auf Blech, bevor sie einen großen Schluck trank.
„Irgendwie bin ich ja froh, dass sich dein Geschmack dahingehend nicht geändert hat“, überlegte ihr Großvater laut, ließ Ataru ob dieser Aussage fragend die Augenbrauen nach oben ziehen. „Na ja, bei all der Veränderung ist das eine kleine Konstante.“ Sie zog die Nase kraus und nahm, wie um ihren Standpunkt klarzumachen, noch einen zweiten Schluck aus ihrer Dose.
„Das hat ja mal so gar nichts mit dem Rest zu tun“, betonte sie dann gutmütig, doch er winkte nur ab.
„Weiß ich doch, weiß ich doch. Und trotzdem.“ Seine Augen wandten sich für einen Moment von ihr ab, während er an seiner Zigarette zog. „Es zeigt mir ein bisschen, dass du noch die gleiche Person bist. Dass du schon immer warst, wer du warst, egal, was damit“, mit der Hand, die noch immer den Glimmstängel hielt, machte er eine vage Bewegung in ihre Richtung, „ist. Ob deine Eltern das nun einsehen wollen oder nicht.“
„Ach, du.“
Einmal mehr überkam sie eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass ihre Großeltern sie so liebten, wie sie eben war und sie mit dieser bedingungslosen Liebe auf ihrem Weg unterstützten. Manchmal hatten sie vielleicht Probleme damit, bestimmte Dinge zu verstehen, aber statt sie dafür zu verurteilen, fragten sie einfach nach, wollten vorurteilsfrei wissen, was in ihr vorging und was ihr wichtig war. Und das, da hatte ihr Großvater recht, war definitiv mehr, als sie von ihren Eltern sagen konnte, bei denen sie mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt war, dass sie schlicht nicht verstehen wollten.
„Außerdem hab’ ich jetzt definitiv die hübscheste Enkelin der ganzen Stadt“, fügte ihr Großvater mit einem verschmitzten Grinsen hinzu, brachte sie so zum Lachen.
„Gut gerettet, alter Mann.“
Erneut stießen ihre Bierdosen aneinander, dann herrschte für einige Zeit Schweigen, in der sie ihren Gedanken nachhingen und hinaus aufs Meer sahen, wo ein Schwarm Möwen über den Wellen kreiste.
„Sag mal …“, nahm Ataru den Gesprächsfaden schließlich wieder auf. Sie stellte die halb leere Bierdose ab und lehnte sich gegen die Hauswand in ihrem Rücken.
„Mh?“ Ihr Großvater, der ein wenig weggedöst zu sein schien, sah sie mit diesem kleinen Lächeln an, das er beinahe immer trug, wenn sie miteinander sprachen.
„Gibt es hier Fische, die golden schimmernde Schuppen haben?“ Wenn ihr irgendwer diese Frage beantworten konnte, die sie schon seit Tagen umtrieb, dann schließlich jemand, der sein Leben lang auf See gearbeitet hatte. Ihr Großvater legte nachdenklich die Stirn in Falten und kratzte sich abwesend über die Bartstoppeln an seiner Wange.
„Nicht, dass ich wüsste, nein“, meinte er schließlich. „Wie kommst du darauf?“
Ihr erster Instinkt war, einfach abzuwinken, aber nun, wo sie das Gespräch begonnen hatte, wollte sie auch keinen Rückzieher mehr machen.
„Ich dachte nur, ich hätte neulich etwas Goldenes im Wasser schwimmen sehen“, gab sie also zu, zuckte mit den Schultern. „Aber vielleicht war es auch nur Metall, das jemand ins Meer geworfen hat.“
„Oder es war eine Nixe.“ Die Worte kamen so unerwartet, dass Ataru sich automatisch etwas aufrechter hinsetzte und ihn überrascht ansah.
„Was?“
„Eine Nixe.“
„Opa.“
„Schau mich nicht so an.“ Er hob abwehrend die Hände.
„Es gibt keine Nixen, Meerjungfrauen, Sirenen oder was auch immer.“
„Sagt wer?“
Nun war sie ehrlich sprachlos.
Natürlich hatten Fischer vermutlich schon immer dazu tendiert, noch etwas abergläubischer zu sein als der Rest der Welt. Aber ihr Großvater war ein rationaler Mensch und ihn so reden zu hören, als wäre die Existenz aller möglichen Fabelwesen eine vollkommene Selbstverständlichkeit, war nicht das, was sie erwartet hatte.
„Hast du schon mal eine gesehen?“, wollte sie deswegen wissen, konnte die in ihr aufkeimende Neugier nicht aus ihrer Stimme verbannen. Selbst wenn sie nicht an Märchen glaubte, sprang vielleicht zumindest eine gute Geschichte für sie heraus. Ataru zog ihre Beine an, legte den Kopf auf den Knien ab und sah erwartungsvoll zu ihrem Großvater, der sich ein wenig umständlich und offensichtlich ihrer Aufmerksamkeit bewusst, eine weitere Zigarette anzündete.
„Ich nicht“, begann er dann. „Aber, Kurosawa, ein früherer Kollege von mir. Er hat mir davon erzählt und er meinte, das Wichtigste, was man wissen muss, ist, dass sie nicht so aussehen, wie man es manchmal hört. Wenn sie wollen, können sie wirken wie ganz normale Menschen und sich frei an Land bewegen. Sie sind wohl auch sehr angenehme Gesprächspartner. Und ihre Fischschwänze sind mit goldenen Schuppen bedeckt.“
„Mh.“ So wirklich glauben konnte sie nicht, was ihr Großvater ihr gerade erzählte, aber auf der anderen Seite war er eben niemand, der solchem Gerede einfach Glauben schenkte. „Und wie hat dein Bekannter diese Nixe getroffen?“, konnte sie nicht umhin zu fragen. Wenn sie sich schon darauf einließ, dann wollte sie schließlich auch Details wissen.
„Er meinte, dass sie sich in seinem Netz verfangen hatte und ohne Hilfe nicht mehr losgekommen war.“ Daraufhin konnte Ataru nur stumm nicken und dem Zigarettenrauch nachsehen, der sich bläulich vom Abendhimmel absetzte. Sie verkniff es sich, die Worte laut auszusprechen, aber dieser Teil klang einfach zu stereotyp nach Ammenmärchen, um wahr sein zu können.
„Hat er ihr geholfen?“, hakte sie dennoch, fast wider besseres Wissen, nach.
„Natürlich.“ Für einen Moment sah ihr Großvater sie so eindringlich an, dass es ihr Gänsehaut bescherte. „Du darfst einer Nixe niemals Schaden zufügen, schlechteres Karma kann man sich kaum zuziehen. Kurosawa wusste das und hat ihr geholfen. Er hat sie vorsichtig aus dem Netz befreit und dann schwimmen lassen. Er hat mir erzählt, dass er am nächsten Morgen eine einzelne goldene Fischschuppe in seinem Boot gefunden hat. Fast handtellergroß und fein säuberlich in ein Stück Stoff eingeschlagen.“ Wie zum Beweis hob er seine eigene Hand. „Und er war immer felsenfest davon überzeugt, dass sie ihm Glück bringen würde.“
„Und, hat sie das?“ Jetzt breitete sich wieder ein Grinsen auf dem Gesicht ihres Großvaters aus, ließ es noch runzliger wirken, als es ohnehin war.
„Er ist seit über sechzig Jahren glücklich verheiratet und verbringt seinen Lebensabend in einem herrlichen kleinen Häuschen auf Okinawa. Ich finde, das spricht schon dafür, oder?“
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Ataru hatte an diesem Abend noch lange über die Worte ihres Großvaters nachgedacht, aber ob sie ihm diese doch eher unglaubliche Erzählung nun abkaufte oder nicht – geholfen war ihr damit nicht. Denn selbst für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass es in Japan Fabelwesen gab:
Warum sollte sie immer wieder von ihnen träumen? Es war schließlich nicht so, als hätte sie selbst schon einmal eine Nixe gesehen oder sich bisher auch nur annähernd mit der Möglichkeit ihrer Existenz beschäftigt.
Mit diesen Gedanken wälzte sie sich schlaflos in ihrem Bett hin und her. Sie wusste, dass sie keine Lösung für ihr kleines Dilemma finden würde, aber sie kam trotzdem nicht davon los. Manchmal verstrickte sie sich einfach zu sehr in Dingen, die ihr gerade im Kopf herumspukten und diese Eigenschaft würde sie wohl auch nie loswerden. Unwillig murrend drehte sie sich auf den Bauch und vergrub ihr Gesicht tief in ihrem Kissen, was auch der Grund dafür war, dass es etwas dauerte, bis ein leises Klopfen an ihre Ohren drang.
Ataru hob stirnrunzelnd den Kopf, war sich fast sicher, dass das Geräusch Einbildung gewesen sein musste, doch nach einigen Sekunden erklang es erneut – und kam eindeutig nicht aus dem Inneren des Hauses.
Verwundert richtete sie sich auf, blickte in Richtung der geschlossenen Tür, die zur Veranda führte, und verließ so leise sie konnte ihr Bett. Noch im Gehen zog sie sich ihr Schlafshirt, soweit es möglich war, über die Oberschenkel nach unten. Vermutlich war es eine sehr dumme Idee, einfach so die Tür zu öffnen, schließlich wusste sie nicht, wer da war. Auf der anderen Seite waren ihre Großeltern nur zwei Zimmer weiter, was ihr etwas Sicherheit gab. Dennoch schlug ihr das Herz bis zum Hals, als sie die Tür vorsichtig aufschob.
Und einmal mehr war sie auf den Anblick, der sich ihr bot, nicht vorbereitet.
„Die?“
„Hallo.“ Sein Lächeln wirkte im Vergleich zu seinem bisherigen Auftreten geradezu schüchtern, als er sie ebenfalls begrüßte.
„Was machst–“ Atarus Augen weiteten sich, als sie ihn näher betrachtete und im nächsten Moment bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen. Ob sie dies tat, um sich selbst vom Starren abzuhalten oder um die Röte in ihrem Gesicht vor Die zu verbergen, konnte sie nicht sicher sagen. „Warum bist du nackt?“ Selbst in ihren eigenen Ohren hörte sich ihre Worte fast panisch an.
Aber hier stand schließlich aus dem Nichts heraus ein unbekleideter Mann vor ihr. Und auch wenn sie ihn per se alles andere als unattraktiv fand, kannten sie sich schließlich kaum. Wie sollte sie also bitte sonst in diesem Moment reagieren? Auf derartige Situationen bereitete einen schließlich nichts im Leben vor. Allerdings schien ihr nächtlicher Besuch ihre Reaktion und ihre sich überschlagenden Gedanken nicht wirklich nachvollziehen zu können, wenn sie ihn sich so zwischen ihren Fingern hindurch blinzelnd ansah.
„Oh. Stimmt“, sagte Die nämlich nur, als wäre ihm diese Tatsache gerade erst aufgefallen, und sah in gänzlich unpassender Weise an sich herunter, ehe er versuchte, die Situation mit einem lapidaren „Sorry.“ zu retten.
Ataru nahm eine Hand von ihrem Gesicht und tastete, fest entschlossen, ihr Gegenüber nicht anzusehen, nach dem Handtuch, das sie früher am Abend in ihrem Zimmer liegengelassen hatte. Vermutlich war es, nachdem sie es benutzt hatte, um ihr Haar zu trocknen, noch etwas klamm, aber damit würde Die nun leben müssen. Als sie es zu greifen bekam, streckte sie es ihm entgegen und wartete mit weiterhin abgewandten Augen, bis er ihr das Okay gab, endlich nicht mehr gänzlich unbekleidet zu sein. Dann atmete sie einmal tief durch, um sich ein wenig zu sammeln, ehe sie sich wieder zu ihm umdrehte.
„Also nochmal: Was genau willst du hier? So mitten in der Nacht?“ Sie hoffte sehr, dass ihre Stimme nicht so angespannt klang, wie sie sich in ihren eigenen Ohren anhörte. Wenn sie es taten, ließ Die sich nichts anmerken, sondern hielt ihr schlicht eine Hand entgegen, in der sie etwas glitzern sehen konnte.
„Das ist deins, oder?“, wollte er wissen und seine Stimme klang auch jetzt so warm und entspannt, als wäre ihr Zusammentreffen gerade absolut nichts Ungewöhnliches und seltsamerweise schien das dafür zu reichen, dass Teil von ihr sich ebenfalls entspannen wollte. Ataru beschloss – zumindest für den Moment – nicht darüber nachzudenken. Stattdessen musterte sie mit Erstaunen das kleine Schmuckstück in seiner Handfläche.
„Wo hast du das denn her?“ Automatisch wanderten ihre Augen zu ihrem Knöchel, an dem sich die filigrane Kette normalerweise befinden sollte, es im Moment aber natürlich nicht tat.
„Wir haben sie vorhin noch beim Tauchen gefunden. Sie muss aufgegangen sein, als du heute Nachmittag deine Füße im Wasser hattest.“
„Danke … das ist–“ Wenn sie ehrlich war, wusste sie nicht wirklich, was sie genau sagen sollte, aber die Geste berührte sie mehr, als sie gerade in Worte fassen konnte.
Selbst wenn Die hier mitten in der Nacht aufgetaucht war und ihr zum zweiten Mal an diesem Tag unabsichtlich einen Schrecken eingejagt hatte, allein die Tatsache, dass er sich die Mühe gemacht und ihr das Kettchen wiedergebracht hatte, war mehr, als sie je erwartet hätte. Allein deswegen dachte sie nicht lang nach, als er die Arme ausbreitete, sondern ließ nur zu gern zu, dass er sie für eine Umarmung an sich zog. Sie verbarg ihr Gesicht und damit die Tränen, die ihr diesmal vor Rührung in die Augen gestiegen waren, an seinem Brustkorb, während sie versuchte sich zu beruhigen.
„Gern geschehen“, murmelte seine dunkle Stimme an ihrem Ohr. Sie nickte lediglich, verharrte noch einige Herzschläge regungslos, ehe sie den Kopf hob, um ihn ansehen zu können.
„Und warum genau bist du nackt hier aufgetaucht?“, wollte sie noch einmal wissen, konnte sich nun aber ein kleines Grinsen nicht mehr verkneifen. Dazu war das Ganze einfach zu absurd.
„Wir waren noch schwimmen?“
„Ich dachte Freitauchen heißt ohne Equipment und nicht ohne Kleidung?“
Jetzt war es Die, der verlegen auflachte.
„Na ja, nachts sieht das ja keiner? Also im Normalfall zumindest. Ich hoffe, ich hab’ dich jetzt nicht traumatisiert oder so.“ Er machte einen raschen Schritt zurück, als Ataru ihm spielerisch gegen die Schulter boxte.
„Ich glaube, da überschätzt du dich. Und jetzt mach, dass du wegkommst, ich brauche meinen Schönheitsschlaf.“
„Na, dem will ich natürlich nicht im Weg stehen, auch wenn du ihn wirklich nicht nötig hast.“
Sie wollte etwas erwidern, irgendetwas Flapsiges, um davon abzulenken, dass ihr Gesicht gerade in Flammen zu stehen schien. Doch ehe sie dazu kam, näherte Die sich ihr ein weiteres Mal und drückte ihr ohne Umschweife einen kleinen Kuss auf die Wange.
„Sieht Toshiya übrigens genauso.“ Mit diesen Worten und einem letzten unbeschwerten Grinsen drehte er sich um und verschwand dann, mitsamt ihrem Handtuch, in Richtung Strand aus ihrem Blickfeld.
Auch Minuten später stand Ataru noch bewegungslos im Rahmen der Verandatür und sah in die Nacht hinaus, unfähig zu glauben, dass sich das gerade tatsächlich alles so abgespielt hatte. Nur langsam hob sie ihre Hand, strich sich mit den Fingerspitzen über die Wange und konnte das kühle Metall des Fußkettchens an ihrer noch immer überhitzten Haut spüren. Erst als ihr Puls sich etwas beruhigt hatte, schien auch ihr Denkvermögen wieder einzusetzen. Sie verschloss vorsichtig die Tür, widerstand dem Drang, noch einen Moment daran gelehnt zu verharren, und ging stattdessen langsam zu ihrem Bett zurück.
Am Ende waren es genau drei Gedanken, die sich allmählich aus dem Chaos in ihrem Kopf herauskristallisierten:
Nummer eins: Es war unfair, dass jede noch so kurze Begegnung mit Die und Toshiya sie nur immer mehr aus dem Konzept brachte.
Nummer zwei: Wie würde sie ihrer Großmutter das verschwundene Handtuch erklären?
Und, am wichtigsten: Woher hatte Die eigentlich gewusst, wo sie wohnte?
03. Himitsu
In einem gleichmäßigen Rhythmus schwappten kleine Wellen immer wieder an den Strand. Sie wirkten in ihren Bewegungen fast gelangweilt vom ewigen Vor und Zurück, in dem das Meer sie endlos trieb und das sich nie zu ändern schien, sosehr es die Welt um die Ozeane herum auch tat.
Oder aber es war nur Atarus Einbildung, dass sie das taten, weil sie ihnen schon seit Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, zusah. Man sollte meinen, dass etwas, das mit einer solchen Regelmäßigkeit geschah, sie beruhigen würde, aber gerade war vielmehr das Gegenteil der Fall. Sie hatte das Gefühl, innerlich mit jedem Schwall von Meerwasser, der vor ihr im Sand versiegte, nur noch unruhiger und aufgewühlter zu werden, als sie es ohnehin schon war. Und das, so viel war ihr bewusst, war für ihren Plan nicht unbedingt förderlich.
Die Sonne stand hoch am Himmel und bis auf vereinzelte Federwolken spannte sich das Blau schier unendlich über ihr. Aber statt dieses Sinnbild des Sommers genießen zu können, stand sie wie festgefroren am Strand und sah den Wellen zu. Aber vielleicht war das ein Anfang.
Vielleicht musste sie es als ersten Schritt sehen.
In den vergangenen Tagen hatte sie immer wieder an Dies Worte denken müssen und daran, wie es wohl wäre, wirklich mit ihm und Toshiya schwimmen oder gar tauchen zu können. Einfach ihre Gesellschaft zu genießen und ein kleines bisschen freier zu sein als bisher. Doch es war nicht allein die Aussicht auf mehr Zeit mit den beiden, die sie hier stehen ließ. Es waren auch die Träume, die sie noch immer nicht losgelassen und ihre Sehnsucht nach dem Meer Nacht für Nacht verstärkt hatten, wie Wellen, die sie in die Tiefe locken wollten.
Und eigentlich wusste sie: Es ging nicht darum, dass sie Angst vor dem Wasser hatte.
Wenig lag ihr ferner, schließlich war sie an der Küste aufgewachsen. Sie kannte die See und respektierte ihre Kraft und ihre Tücken, so wie ihr Großvater es ihr beigebracht hatte. Nein, das Problem lag an anderer Stelle.
Es war die Angst vor den Blicken der Menschen und davor, was sie in ihr sehen würden, wie sie reagieren könnten. Denn auch wenn sie in einer verschlafenen Küstenstadt wohnte, hatte sie oft genug Menschen, die wie sie waren, in den Nachrichten gesehen. Berichte darüber, was passieren konnte, wenn andere ein Problem mit ihrer bloßen Existenz hatten. Und auch wenn sie nicht glaubte, dass ihr hier tatsächlich jemand nach dem Leben trachten würde, wissen konnte sie es nicht – und Angst war nun einmal nicht mit reiner Vernunft begreifbar. Ataru konnte sie nur akzeptieren und versuchen, daran zu arbeiten, besser mit ihr umzugehen.
Was sie wiederum zu ihrer aktuellen Situation brachte.
Sie hatte beschlossen, dieses ganz spezielle Problem mit den gleichen kleinen Schritten anzugehen, wie alles andere in den vergangenen Jahren auch. Denn, wenn sie in ihrer Jugend eines gelernt hatte, war es schließlich Geduld.
Mit diesem Gedanken straffte Ataru ihre Haltung und atmete noch einmal tief durch, bevor sie sich mit einem Ruck ihr T-Shirt über den Kopf zog. Sie unterdrückte den Schauer, der sie überkam, und ließ das Kleidungsstück achtlos neben sich in den Sand fallen, wo es ihrem Handtuch Gesellschaft leisten konnte. Sie war einmal mehr froh darüber, dass ihre Großeltern so weit am Rand der Stadt wohnten, dass die kleinen, oft menschenleeren Badebuchten, die sie so mochte, nur wenige Minuten von ihrem Haus entfernt waren. So konnte sie fast sicher sein, dass sie zumindest für diesen Schritt an einem Vormittag wie heute kein Publikum haben würde. Sie war sich sicher, dass jeder, der sie jetzt gesehen hätte, auch die Angst wahrgenommen hätte, die ihr mit Sicherheit ins Gesicht geschrieben stand. Von ihrem Zittern, das offensichtlich nicht von der kaum vorhandenen Seebrise kam, ganz abgesehen.
Ataru kniff für einige Sekunden die Augen zusammen und zwang sich zu tiefen, gleichmäßigen Atemzügen, ehe sie es wagte, den nächsten Schritt ihres Plans in Angriff zu nehmen. Dann ging sie, nur noch mit Tennisshorts und Sport-BH bekleidet, langsam und immer wieder kurz zögernd, näher ans Wasser, bis die ersten Wellen ihre Füße umspülten. An dieser Schwelle verharrte sie vorerst und versuchte die Kühle, die einen angenehmen Kontrast zur allgegenwärtigen schwülen Hitze des Sommers bildete, zu genießen, bis ihr Puls sich wieder beruhigt hatte.
Mit einem kleinen Lächeln grub sie ihre Zehen in den feuchten Sand, sah wieder hinunter auf das klare Wasser, das sie jetzt, wo sie den ersten Schritt getan hatte, beinahe zu sich zu locken schien. Es war ein Anfang. Einer, den sie ganz für sich allein gewagt hatte. Und sollte sie tatsächlich jemand beobachten, würde man sie vielleicht für seltsam halten, weil sie hier bewegungslos in der Gegend herumstand – aber zumindest nicht für das, was sie war. Und das war der Punkt, der am Ende zählte, wenn sie sich mit der Zeit sicherer fühlen wollte.
Ein weiteres Mal atmete sie tief ein, ehe sie langsam aber entschlossen so weit ins Wasser ging, dass es immer wieder spielerisch bis über ihre Knie schwappte. Weiter kam sie nicht, denn als sie aufsah, konnte sie in einiger Entfernung, weiter draußen in der Bucht, eine Figur ausmachen, die – scheinbar unbeeindruckt von den Wellen und der dort herrschenden Strömung – in Richtung Land schwamm.
Direkt auf sie zu.
Ataru konnte nicht verhindern, dass ihr Körper sich von einer Sekunde auf die andere bis in die Haarspitzen anspannte. Adrenalin schoss durch ihre Adern, jeder Muskel in ihr schrie förmlich danach, so schnell wie möglich zu fliehen und dennoch konnte sie sich nicht rühren, fühlte sich wie gelähmt, wie paralysiert. Als würden die Wellen, die ihr eben noch so verspielt erschienen waren, sich nun wie dornige Ranken ihre Beine umschlingen und sie an Ort und Stelle festhalten.
Sie war allein hier.
Ihre Großeltern kannten ihre Pläne für den Tag nicht.
Wenn das jemand war, der ein Problem mit ihr hatte–
Ihr hektisch keuchender Atem übertönte das Schwappen der Wellen. Stattdessen hörte sie nur ein dumpfes Rauschen. In einer unbewussten Geste kreuzte Ataru die Arme vor dem Oberkörper, als könnte sie sich so schützen, aber das verhasste Gefühl der vollkommenen Wehrlosigkeit drohte sie dennoch zu übermannen. Ihr Puls dröhnte in ihren Ohren und ihr Brustkorb schien sich mit jedem hektischen Atemzug mehr zu verengen, bis sie kaum noch Luft bekam. Am liebsten hätte sie sich zusammengekauert, in der Hoffnung, einfach unsichtbar zu werden, aber sie kannte diesen Zustand gut genug, um zu wissen, dass ihr das auch nicht helfen würde.
Stattdessen sah sie hinunter auf den Sand unter der Wasseroberfläche und zwang sich dazu, so tief zu atmen, wie sie konnte, um ihren Körper dazu zu bringen, sich zu beruhigen. Wenn sie es schaffte, ihre Panik weit genug in den Griff zu bekommen, um an Land zu gelangen, konnte sie sich zumindest etwas überziehen. Sie war schließlich nur wenige Meter vom Strand entfernt; sie hatte die Möglichkeit, Abstand zwischen sich und das Wasser zu bringen, um etwas mehr Sicherheit zu finden.
Ataru zählte jedes erzwungene Ein- und Ausatmen, bis es ihr schließlich gelang, zitternd einen Schritt nach hinten zu machen. Dann mit klopfendem Herzen einen weiteren. Sie versuchte sich an die Dinge zu erinnern, die sie gelernt hatte, um mit der unverhofften Panik umzugehen. Sie versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was sie um sich herum sehen, riechen und fühlen konnte, während sie sich langsam weiter rückwärts zum Strand vortastete. Erst als das Wasser ihr einmal mehr nur bis zu den Knöcheln reichte, wagte sie es, wieder aufzusehen, um nach ihrem vermeintlichen Angreifer Ausschau zu halten.
Für Details war der Schwimmer immer noch zu weit weg, aber etwas an der Art, wie er sich bewegte, war beinahe unwirklich. Oder zumindest außergewöhnlich, nicht wie ein Schwimmstil, der ihr bekannt vorkam. Und gleichzeitig war da wieder dieses goldene Glitzern, das unter der Wasseroberfläche geradezu zu tanzen schien, ganz wie in ihren Träumen. Während sie langsam die letzten Schritte rückwärts in Richtung Strand ging, kam ihr die Geschichte ihres Großvaters wieder in den Sinn.
Nixen hatten goldene Flossen.
Aber es gab keine Nixen.
Was also glitzerte da so? War es wirklich nur die Sonne, die sich seltsam im aufgewühlten Wasser brach?
Während sie noch überlegte, war die Person im Wasser noch näher gekommen, verschwand dann plötzlich unter der Oberfläche. Es dauerte einige Sekunden, bis sie wieder auftauchte und Ataru fiel ein so riesiger Stein vom Herzen, dass vor Erleichterung beinahe ihre zitternden Knie nachgegeben hätten.
Toshiya trieb nur wenige Meter von ihr entfernt entspannt in den seichten Wellen und wischte sich blinzelnd das Salzwasser aus dem Gesicht, bevor er sie mit einem warmen Lächeln ansah.
„Hey.“
„Du hast mich gerade fast zu Tode erschreckt.“ Ihre Worte hingen bebend zwischen ihnen in der Luft, während Ataru sich bemühte, gegen den Kloß in ihrem Hals anzuschlucken. „Ihr solltet euch dieses plötzliche Auftauchen wirklich dringend abgewöhnen, das macht mein Herz nicht mit.“
Während sie sprach, veränderte sich Toshiyas Gesichtsausdruck, bis tiefe Besorgnis in jedem seiner Züge zu lesen war, als er sich langsam weiter näherte.
„Das tut mir leid … Ich war nicht sicher, ob du es wirklich warst, deswegen wollte ich schnell her schwimmen und nachsehen.“
Noch während er gesprochen hatte, war Toshiya auf die Beine gekommen und lief nun langsam durch das Wasser auf sie zu. Und wenn sie seine Sorge bisher nicht abgelenkt hatte, war es jetzt, so ungern sie es zugab, sein Körper, der schon beinahe unverschämt elegant immer weiter aus dem Nass auftauchte. Sie konnte die feinen Muskeln unter seiner sonnengebräunten Haut ausmachen und ihre Augen folgten unwillkürlich einigen Wassertropfen, die sich ihren Weg über seinen Oberkörper suchten, nur um schließlich im Stoff seiner dunklen Badeshorts zu verschwinden.
„Alles okay?“
Ertappt schnellte Atarus Kopf nach oben. Sie konnte sicher sein, dass die Röte in ihren Wangen nicht von zu viel Sonne kam, nickte aber. Besser Verlegenheit als Panik, auch wenn leider beides Herzrasen hervorrief.
„Ja, jetzt ist alles gut. Keine Sorge.“ Für einen Moment verharrte sie, wo sie war, konnte dann aber doch nicht widerstehen. Sie gab sich einen kleinen Ruck und ging selbst wieder ein Stück weiter ins Wasser, damit sie sich einfacher unterhalten konnten.
„Was machst du eigentlich hier?“, wollte Toshiya wissen, nachdem er sie noch einmal ernst gemustert hatte. „Ich dachte, du hast es nicht so mit dem Meer?“
Einmal mehr legten sich Atarus Arme, fast schon ohne ihr Zutun, schützend um ihren Oberkörper, waren aber immerhin weniger verkrampft als noch vor ein paar Minuten.
„Genau das ist ja das Problem.“ Mit einem hilflosen Schulterzucken und einem verunglückten Lächeln löste sie ihren Blick von Toshiya und schaute aufs Wasser hinaus. „Ich hab das, was Die gesagt hat, nicht aus dem Kopf bekommen …“
„Das mit dem Schönheitsschlaf?“
„Was?“ Ihre Augenbrauen wanderten ein Stück nach oben, bis sie verstand, worauf der andere hinaus wollte. Sie lachte kurz und immer noch etwas zittrig auf, schüttelte aber den Kopf. „Nein, nicht das. Du Spinner.“ Sie seufzte leise, machte noch einen vorsichtigen Schritt weiter ins Wasser, konnte spüren, wie die Wellen sie nun immer wieder in den Kniekehlen kitzelten. Eine Empfindung, die zu dem Kribbeln passte, das sich gerade mehr und mehr auch im Rest ihres Körpers ausbreitete. Diesmal hatte es allerdings so gar nichts mit dem Schrecken von eben zu tun.
„Dass wir eines Tages zusammen schwimmen könnten.“
Nun war es wieder Toshiya, der noch ein kleines Stück entgegenkam. Er musterte sie, streckte schließlich in einer so selbstverständlichen Geste seine Hände nach ihr aus, dass sie gar nicht anders konnte, als die eigenen in seine kühlen Handflächen zu legen.
„Ich fände es schön, wenn wir das könnten …“, fuhr sie fort, lächelte, als seine Daumen sanft, geradezu ermutigend, über ihre Handrücken streichelten. „Also werde ich wohl oder übel daran arbeiten müssen, mich wieder ins Wasser zu trauen.“
„Mh … Ich finde, das sieht schon nach einem wirklich guten Anfang aus.“ Auch diesmal konnte sie nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern, nur um dann mit den Schultern zu zucken, weil sie nicht sicher war, ob sich seine Worte lediglich auf ihre Überwindung oder noch etwas anderes bezogen. Es herrschte Schweigen, bis sie den Mut aufbrachte, weiterzusprechen.
„Würdest du mir helfen?“
„Wenn ich kann, natürlich.“ Sie suchte noch die richtigen Worte, um sich zu bedanken, da machte Toshiya schon zwei weitere Schritte nach hinten. Wollte sie nicht die Berührung ihrer Hände unterbrechen, würde sie ihm folgen müssen.
„Vertraust du mir?“
Natürlich hatte er ihr Zögern bemerkt, genauso wie er wahrscheinlich den leisen Schauer bemerkte, der bei dieser Frage durch ihren Körper rann. Vertrauen war etwas, das ihr so unendlich schwerfiel, dass sie die Menschen, denen sie es entgegenbrachte, an einer Hand abzählen konnte. Dennoch antwortete sie einmal mehr mit einem Nicken, konnte gar nicht anders, denn selbst wenn sie danach suchte, sie fand keinen Widerstand in sich. Vielleicht war es dumm und würde ihr früher oder später das Herz brechen, aber sie hatte so viel Zeit allein verbracht, dass sie Toshiya – und auch Die – einfach vertrauen wollte. Und das ausnahmsweise, ohne an die Konsequenzen zu denken.
Also folgte sie ihm langsam, als er vor ihr her noch etwas weiter ins Wasser ging. Er ließ ihr Zeit, gab ihr nach jedem weiteren Meter die Gelegenheit, sich zurückzuziehen oder ‚Stopp‘ zu sagen. Sie konnte mit jedem Schritt spüren, wie das Wasser um sie weiter anstieg. Erst an dem Punkt, an dem sie den Boden unter den Füßen zu verlieren drohte, hielt sie ruckartig inne. Stumm drückte Ataru Toshiyas Hände fester, versuchte ihm so zu bedeuten, dass sie, zumindest jetzt gerade, nicht weitergehen konnte.
„Ich kann dir nicht sagen, wann ich das letzte Mal so tief im Wasser war“, sagte sie atemlos und sah Toshiya entschuldigend an, hoffte, ihn nicht enttäuscht zu haben.
„Dann kannst du stolz darauf sein, dass du so weit gekommen bist. Ich bin es jedenfalls“, meinte er jedoch schlicht und kam wieder näher.
So nah, dass sie zu ihm aufsehen musste.
So nah, dass kaum noch Platz zwischen ihnen war und sie das Gefühl hatte, seine Körperwärme auf ihrer Haut spüren zu können. Er bewegte sich vorsichtig, als würde er ihre Reaktion genau beobachten und wäre im Zweifelsfall jederzeit bereit, ihr wieder Freiraum zu geben. Einen Herzschlag lang sah er sie einfach nur an, ließ dann ihre Hände los. Spielerisch geisterten seine Fingerspitzen im Wasser an ihren Armen entlang ein Stück nach oben, bevor er eine Hand mit sanftem Druck in ihr Kreuz legte. Als wäre die Geste eine der Wellen um sie herum, zog er sie noch näher an sich, während er mit dem Zeigefinger seiner freien Hand zart über ihre Wange strich.
Ataru wollte etwas sagen, war aber tatsächlich so von der Nähe zu diesem bisher eher zurückhaltenden Mann überwältigt, dass sie keine Worte fand, die der Situation gerecht geworden wären.
„Vertraust du mir?“, fragte Toshiya erneut, während ein kleines, fast schon verschwörerisches Lächeln an seinen Mundwinkeln zupfte.
„Warum auch immer … aber ja“, brachte sie leise hervor. Nach einem Moment des Zögerns hob Ataru nun selbst ihre Arme und schlang sie um Toshiyas Nacken, in der Hoffnung, dass sie seine Annäherung nicht falsch deutete. Aber anscheinend hatte sie alles genau so verstanden, wie es gemeint gewesen war, denn er murmelte nur noch ein halblautes „gut“, bevor sich seine kühlen Lippen sanft auf ihre legten. Allein diese flüchtige Berührung genügte, um ihr ein lautloses Seufzen zu entlocken. Hätte sie gerade nur einen Wunsch frei, würde sie einfach gern für die ein oder andere Ewigkeit genau so bleiben wollen.
Obwohl das tiefe Wasser sie immer noch ein wenig beunruhigte, fühlte sie sich hier und jetzt, in den Armen dieses Mannes, über den sie kaum etwas wusste, vollkommen sicher. Und wäre sie nicht viel zu sehr damit beschäftigt, diesen Kuss zu genießen, hätte ihr allein dieser Gedanke vermutlich die Tränen in die Augen getrieben. So aber schaffte sie es, sich einfach in die unendlich vielen Empfindungen, die Toshiya in ihr auslöste, fallen zu lassen und für eine Handvoll Augenblicke schlicht an gar nichts zu denken.
Als sie sich schließlich voneinander lösten, wusste Ataru nicht, was sie sagen sollte, lehnte sich stattdessen nur gegen Toshiya, während er ihr noch einen kleinen Kuss auf die Schläfe gab.
„Es ist nicht das Meer, vor dem du Angst hast, oder?“, wollte er wissen und seine dunkle Stimme so nah an ihrem Ohr hätte sie beinahe schon wieder erschaudern lassen.
„Nein …“ Ohne, dass sie sich bewusst dafür entschieden hatte, hatten ihre Finger damit begonnen, mit den nassen Strähnen des schwarzen Haars zu spielen, das ihm bis auf die Schultern fiel. Sie lehnte sich etwas entspannter gegen ihn, war fast schon versucht, ihr Gesicht an seiner Halsbeuge zu vergraben, einfach um zu sehen, wie sich das anfühlen würde. „Ich kann es euch erklären, wenn ihr wollt.“
„Nur, wenn du das wirklich willst.“ Die Aussage überraschte sie, aber wenn sie darüber nachdachte, wollte sie das tatsächlich. Wollte, dass die beiden ihre Wahrheit kannten, selbst wenn es das Ende dieser Sache bedeuten sollte, von der sie immer noch nicht wusste, was sie eigentlich war.
„Ja.“ Ataru schloss ihre Augen und atmete tief ein. Der Entschluss hätte ihr Angst machen sollen, fühlte sich aber dennoch vollkommen richtig an.
„Aber nicht jetzt?“
„Ich glaube nicht. Die sollte auch dabei sein.“
„Okay.“
Und bevor sie auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, ließ Toshiya sich in einer fließend anmutenden Bewegung einfach nach hinten in die nächste Welle fallen. Er zog sie mit sich, bevor sie sich aus seiner Umarmung hätte befreien können, entlockte ihr damit ein erschrockenes Aufkreischen. Doch statt der Panik, die sie erwartet hatte, war da nur Erleichterung und Freude, das Meer wieder einmal so frei spüren zu können, als würde sie darin schweben.
Das, und ein Mundvoll Salzwasser, den sie, als sie auftauchte, mit verzogenem Gesicht ausspuckte. Eigentlich hatte sie Toshiya zumindest spielerisch zurechtweisen wollen, doch dann war da wieder dieses Schuljungenlächeln, dem sie rein gar nichts entgegenzusetzen hatte.
~*~
Einige Zeit später hatten sie es sich am Strand auf Atarus Handtuch bequem gemacht, selbst wenn dieses für zwei Erwachsene eigentlich viel zu wenig Fläche bot. Gleichzeitig war es eine willkommene Begründung dafür, Toshiyas Nähe zu suchen, sodass sie letztlich an seine Seite geschmiegt, mit dem Kopf auf seiner Schulter, dalag, während eine seiner Hände immer wieder sacht über ihren Rücken streichelte. Und soweit Ataru dies beurteilen konnte, schien er vollkommen zufrieden damit zu sein, so schweigend beieinanderzuliegen und sich von der Sonne trocknen zu lassen. An Ataru selbst begannen allerdings, aller Entspannung zum Trotz, die ersten Zweifel zu nagen.
„Sag mal“, unterbrach sie die Stille deswegen und stützte sich auf einem Arm ab, um ihn ansehen zu können.
„Mh?“ Toshiya blinzelte zu ihr nach oben, schien über die Unsicherheit, die er offensichtlich in ihren Zügen lesen konnte, verwundert zu sein. „Was ist los?“
„Ich wollte dich etwas fragen.“ Ataru schaffte es in diesem Moment nicht, ihn anzusehen, fixierte stattdessen einen Punkt irgendwo hinter ihm. „Ich … das hier, heute … damit hatte ich nicht gerechnet“, brachte sie schließlich stockend hervor. Erst als daraufhin keine Antwort kam, lenkte sie ihren Blick wieder auf Toshiya, der aber nur seine Augenbrauen etwas nach oben gezogen hatte und darauf zu warten schien, dass sie weitersprach.
„Es sind … wenn ich ehrlich bin, sind es mehrere Sachen, die ich nicht so ganz verstehe.“ Unfähig, weiterhin stillzuhalten, richtete Ataru sich auf. Sie kniete sich neben Toshiya, der sich erst nur auf seine Unterarme stützte, um Blickkontakt zu halten, dann aber ihrer Bewegung folgte, sodass sie sich schließlich gegenübersaßen.
„Was verstehst du nicht?“, hakte er nach. Und wieder war da diese Sorge in seinen Augen, die sie sich, wie so vieles andere, nicht wirklich erklären konnte.
„Na ja … Ich hatte bisher nicht unbedingt das Gefühl, dass du an mir … auf diese Art und Weise interessiert bist?“ Selbst in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme furchtbar unsicher, fast schon brüchig. Erneut schwieg Toshiya, wartete anscheinend darauf, dass sie fortfuhr. Als sie sich dazu nicht überwinden konnte, griff er nach ihrer linken Hand und drückte sie sanft, als wolle er ihr Mut machen.
„Der Kuss vorhin … das hatte ich nicht erwartet“, brachte sie schließlich hervor.
„Wolltest du ihn nicht?“ Wenn die Situation überhaupt etwas Gutes hatte, dann, dass ihm dieses Gespräch fast genauso unangenehm zu sein schien, wie ihr selbst.
„Nein, das ist es nicht.“ Wie sehr sie diesen Moment tatsächlich genossen hatte oder wie viel ihr dieser Kuss bedeutete, musste sie ihm ja nicht sagen. Zumindest nicht jetzt, wo ihr so viele andere Gedanken und Gefühle durch den Kopf gingen. „Ich war nur überrascht … du warst bisher–“
„Eher zurückhaltend?“, beendete Toshiya ihren Satz mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen.
„Ja.“
„Das höre ich öfter. Vor allem im Kontrast zu Die. Ich glaube, seine … nennen wir es Offenheit, betont das ziemlich.“
„Stimmt.“ Ataru betrachtete ihn einen Augenblick lang, dann wanderten ihre Augen wieder unruhig über den Strand. Denn dieser Satz brachte sie direkt zum nächsten Punkt, der ihr immer noch Rätsel aufgab. „Vor allem, weil ich eigentlich dachte, dass du und Die … zusammen seid?“
„Oh, das sind wir.“ Nun war sie es, die ihr Gegenüber verständnislos ansah.
„Dann bin ich jetzt noch verwirrter als vorher, wenn ich ehrlich bin.“
„Eigentlich ist es simpel.“ Fast als wäre er es, der gerade einen Fokus brauchte, begann Toshiya die Konturen ihrer Hand nachzuzeichnen, ehe er ihre Finger schließlich miteinander verschränkte. Mit der freien Hand fuhr er sich durch das vom Meerwasser feuchte Haar, das ihm gleich darauf wieder halb ins Gesicht fiel. „Die und ich kennen uns, seit wir Kinder waren“, begann er zu erklären und schien, noch während er sprach, nach den richtigen Worten zu suchen. „Ich kenne ihn, solange ich denken kann, wir haben immer zusammengeklebt, wie Pech und Schwefel.“ Ein Lächeln hatte sich auf Toshiyas Lippen geschlichen, das ein wenig weiter wurde, als er sie jetzt schulterzuckend ansah. „Irgendwann wurde das zwischen uns mehr als Freundschaft, ohne dass wir es je wirklich hinterfragt hätten. Es war einfach so, das Natürlichste der Welt, ich kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen, wenn ich ehrlich bin.“
„Klingt ein bisschen wie im Märchen.“ Ataru konnte sehen, dass er die Worte ernst meinte, aber dennoch ließ diese Erklärung noch mehr Fragen in ihren Gedanken auftauchen. „Warum dann das vorhin?“ Die Frage, ob es sich bei ihrem Kuss schlicht um einen Scherz gehandelt hatte, konnte sie sich nur verkneifen, indem sie sich auf die Unterlippe biss.
„Weil ich dich mag, Ataru, ganz einfach.“
„Oh.“ Eine Sekunde lang saßen sie sich schweigend gegenüber, sahen sich an, bevor Ataru leise seufzte. „Und was ist mit Die?“
„Was soll mit ihm sein?“
„Ich will nicht zwischen euch stehen oder eure Beziehung kaputt machen.“
„Mach dir da mal keine Sorgen.“ Mit einem warmen Lächeln hob Toshiya ihre noch immer verbundenen Hände an und drückte ihr einen kleinen Kuss auf den Handrücken. „Das ändert für mich nichts an meinen Gefühlen zu Die. Und dass er dich auch mag, hast du doch vermutlich schon gemerkt, oder?“
Natürlich hatte sie das irgendwie vermutet, auch wenn sie bisher nicht hatte einschätzen können, auf welcher Ebene dieses ‘mögen’ stattfand. Wenn sie ehrlich war, verwirrte sie dieses Gespräch noch mehr, als es ihre bisherigen Treffen mit den beiden ohnehin schon vermocht hatten. Die Worte aus Toshiyas Mund klangen tatsächlich simpel, aber taten dennoch nur wenig dafür, dass sie die Situation besser verstand. Sosehr sie sich immer gewünscht hatte, jemanden kennenzulernen, der sie akzeptierte, wie sie eben war und der sie nicht trotz ihrer Umstände mochte, sondern einfach, weil sie sie selbst war – im Moment überforderte sie das Ganze immens.
„Und jetzt?“, wollte sie deswegen wissen, in der vagen Hoffnung, dass Toshiya ihr eine einfache Lösung für dieses persönliche Dilemma aufzeigen konnte.
„Das hängt ganz von dir ab, würde ich sagen.“ Er zwinkerte ihr kurz zu, als wäre diese Aussage nicht ebenso kryptisch wie nichtssagend. Dann wandte er sich in Richtung Meer, dessen gleichmäßiges Rauschen von einer Bewegung in den Wellen unterbrochen wurde.
Und natürlich war es Die, der gerade durch das seichte Wasser auf dem Weg zu ihnen war und ihnen grinsend zuwinkte. Wenn sie ehrlich war, wunderte sie sich mittlerweile nicht einmal mehr darüber, dass er wie aus dem Nichts auftauchte. Kaum hatte er das Ufer erreicht, erhöhte Die sein Tempo und kam durch den Sand auf sie zu gejoggt, als wolle er die letzten Meter möglichst schnell überbrücken. Unfairerweise sah er dabei auch noch gut aus.
Bei ihnen angekommen, ließ er sich ohne Umstände neben ihr auf die Knie fallen und gab ihr einen kleinen Kuss in den Mundwinkel, bevor er sich an ihr vorbei zu Toshiya beugte. Der Kuss, den die beiden teilten, wirkte so liebevoll und selbstverständlich, dass Ataru gar nicht anders konnte, als sich insgeheim zu wünschen, eines Tages auch eine solche Beziehung zu haben. Und war es letztlich nicht genau das, was Toshiya ihr, wenngleich auf eine eher umständliche Art und Weise, angeboten hatte?
Ataru verzog lachend das Gesicht, als Die direkt über ihnen den Kopf schüttelte, sodass sich das Wasser, das eben noch aus seinem Haar getropft war, in der Umgebung verteilte und stieß ihn spielerisch ein wenig von sich.
Zum Grübeln hatte sie später noch ausreichend Zeit, also konnte sie zumindest diesen Nachmittag genießen, solange sich dazu die Gelegenheit bot.
~*~
Seit Minuten sah Ataru sich regungslos im Badezimmerspiegel an, starrte eher an ihrem blassen Abbild vorbei ins Leere, wenn ihre Gedanken abdrifteten, während sie versuchte, ihre von Ängsten gefütterte Aufregung in den Griff zu bekommen. Innerlich bebend zählte sie die Sekunden, um möglichst gleichmäßig und tief zu atmen, und hatte dennoch das Gefühl, man würde ihr die Luft abschnüren. Innere wie äußere Ruhe würden allem Anschein nach vorerst ein Wunschtraum bleiben.
Mit einem genervten Stöhnen gab sie auf und zog sich selbst eine Grimasse, ehe ihr Blick auf ihre zitternden Hände fiel. Ataru ballte sie zu Fäusten, ließ nach wenigen Sekunden wieder locker. Dann fuhr sie sich mit gespreizten Fingern frustriert durchs Gesicht, nur um gleich darauf erschrocken ihr Make-up im Spiegel zu überprüfen. Den Aufwand einmal zu betreiben, hatte gereicht und bei einem zweiten Versuch würde das Ergebnis mit Sicherheit nicht besser aussehen.
Im Prinzip war sie ja selbst schuld daran, dass es ihr gerade so ging. Sie war es gewesen, die beschlossen hatte, sich Die und Toshiya zu erklären. Nur hatte sich die Idee, als sie sie ausgesprochen hatte, nach einem guten Plan angefühlt – etwas, dessen sie sich jetzt, wo es an der Zeit war, ihn auch in die Tat umzusetzen, nicht mehr sicher war. Aber es war zu spät, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen und sie würde sehr bald wissen, ob das Vertrauen, das sie bisher so leichtfertig in die beiden gesetzt hatte, vergeudet war.
Ataru warf ihrem Spiegelbild einen letzten Blick zu und strich, als sie den Raum verließ, im Gehen den Rock ihres Sommerkleides glatt. Obwohl ihr der weiche Stoff locker bis auf die Knie fiel und ihr Haar offen ihre Schultern umspielte, fühlte Ataru sich unangenehm nackt und verwundbar, was es nur noch schwerer machte, ruhig zu bleiben. Allerdings würde sie sich hüten, bei den draußen herrschenden Temperaturen nur aufgrund ihrer Angst mehr anzuziehen, als unbedingt nötig. So unangenehm dieses Gefühl war, ein Hitzschlag wäre nicht besser.
In der Küche holte sie eine Karaffe mit schwarzem Tee aus dem Kühlschrank, den ihre Großmutter früher am Tag vorbereitet hatte, und trug sie, zusammen mit drei Gläsern, in ihr Zimmer. Sake oder zumindest Bier hätten vermutlich mehr getan, um ihre flatternden Nerven zu beruhigen, aber Eistee war mit Sicherheit die vernünftigere Variante. Sollte ihr Vorhaben in eine Katastrophe ausarten, konnte sie sich immer noch betrinken und die nächsten Stunden damit verbringen, in Selbstmitleid zu versinken. Auch wenn sie von Herzen hoffte, dass es dazu nicht kommen würde.
Als Ataru durch die geöffnete Verandatür nach draußen sah, dämmerte es bereits, was hieß, dass Die und Toshiya wohl bald da sein würden. Sie hatte absichtlich einen Abend gewählt, den ihre Großeltern bei Freunden verbrachten, sodass sie ungestört reden konnten. Denn selbst wenn die Anwesenheit ihrer Familie sie beruhigt hätte – diesen Schritt musste sie einfach allein gehen; diese Herausforderung konnte ihr niemand abnehmen. Und sollten Die und Toshiya ein Problem mit ihrer Wahrheit haben, würden sie sie sicher nicht in ihrem eigenen Haus erstechen.
Hoffte sie zumindest.
Sie war so in ihre immer morbider werdenden Gedanken versunken, dass sie aufschreckte, als sie draußen mit einem Mal Stimmen vernehmen konnte. Immerhin schienen ihre Gäste bisher gute Laune zu haben. Und so ein spontaner Mord würde ihnen diese bestimmt verderben.
Mit einem leisen Seufzen straffte Ataru ihre Haltung und ging nach draußen, wo Die und Toshiya gerade die wenigen Stufen zur Veranda erklommen. Wie so oft waren sie lediglich in Schwimmshorts gekleidet und sie fragte sich in diesem Moment unweigerlich, ob sie überhaupt andere Kleidung besaßen.
Wie schon bei ihren früheren Begegnungen schienen die beiden ihre Unruhe und Unsicherheit zu spüren. Sie tauschten nur einen kurzen Blick, bevor Toshiya sie fest in die Arme nahm und für einen langen Moment an sich zog. Was also hätte sie anderes tun sollen, als die Geste zu erwidern, als diesen so willkommenen Rettungsanker anzunehmen? Also ließ sie sich von ihm halten und erwiderte sein warmes Lächeln ebenso wie den zarten Kuss, den er ihr auf die Lippen hauchte, bevor er sie wieder losließ.
Ohne darüber nachzudenken, wandte sie sich zu Die, der sie bisher nur betrachtet hatte, sie nun aber ebenfalls umstandslos sich zog. Und als wäre es vollkommen selbstverständlich, ließ er es sich nicht nehmen, für einen Moment sein Gesicht an ihrer Halsbeuge zu vergraben.
„Das kitzelt“, sagte Ataru leise, fast schon wider Willen amüsiert über die Geste, aber wie erwartet, ließ er sich davon nicht aus der Ruhe bringen.
„Da musst du dann wohl durch“, erwiderte er schlicht. Sie konnte spüren, wie seine Lippen sich zu einem Lächeln verzogen, bevor er den Kopf schließlich wieder hob und ihr ebenfalls einen kurzen, aber liebevollen Kuss gab.
Und als sie ihn danach ansah, war da etwas in seinen Augen, das sich hinter diesem warmen Lächeln verbarg und das sie nicht deuten konnte. Zu gern hätte sie gefragt, was es war, ob ihn etwas belastete. War es Missmut? Nervosität? Sorge? Dabei war sie doch diejenige, die sich im Moment Sorgen um den Verlauf des Abends machen musste, nicht er.
Nur mit Mühe konnte Ataru ein Seufzen unterdrücken, als sie von ihm abließ und ihren Gästen bedeutete, sich zu setzen, während sie noch einmal zurück in ihr Zimmer ging. Den Tee hatte sie bereits neben der Schiebetür abgestellt und griff nun nach einem alten Foto, um es mit nach draußen zu nehmen.
Für einen Sekundenbruchteil zögerte sie, ehe sie sich ihren Freunden gegenüber auf dem Holzboden niederließ. Das Foto legte sie vorerst mit der Bildseite nach unten neben sich ab und versuchte, sich stumm darauf zu konzentrieren, die Gläser mit kaltem Tee zu befüllen. Sie klammerte sich geradezu an dieses kleine Stück Routine, während ihr das Herz bis zum Hals schlug.
„Ataru, ist alles okay?“, riss Dies besorgte Stimme sie letztlich aus ihren Gedanken. Sie sah ertappt auf, zwang sich aber zu nicken.
„Mach dir keine Sorgen.“
„Ich weiß zwar nicht, was genau du uns erklären willst“, schaltete sich Toshiya ein, „aber du weißt, dass du das hier nicht machen musst, ja? Du bist uns für nichts Rechenschaft oder irgendwelche Erklärungen schuldig. Erst recht nicht, wenn du dich damit nicht wohlfühlst.“
Jetzt konnte sie nicht anders, als selbst zu lächeln – und das erste Mal an diesem Abend fühlte es sich ehrlich an. Ohne es zu wissen, hatten die beiden sie mit ihren liebevollen Worten daran erinnert, warum sie das hier auf sich nahm. Die und Toshiya hatten die Wahrheit verdient. Oder nein, selbst das traf den Kern der Sache nicht wirklich.
Sie wollte, dass die beiden die Wahrheit kannten. So unfassbar nervös und unsicher sie diese Entscheidung auch gerade machte, sie wollte mit ihnen absolut ehrlich sein können. Sie wollte bei ihnen sein können, ohne dass etwas zwischen ihnen stand. Und vor allem wollte sie, dass es einfach nichts zwischen ihnen ändern würde.
„Es ist wirklich alles okay“, beschwichtigte sie ihre Gegenüber deshalb. „Ich … hab nur nicht die besten Erfahrungen damit gemacht, mich Menschen zu öffnen, aber bei euch ist das etwas anderes.“ Das hoffte sie zumindest. Ihre Hände zitterten noch immer leicht, als sie ihr Glas beiseitestellte und sie nach ihnen ausstreckte. Weder Die noch Toshiya zögerten, ihre Finger mit Atarus zu verschränken – ganz offensichtlich verstanden sie ihre wortlose Bitte um Rückhalt, wie sie es schon von Anfang an getan hatten. „Ich habe offen gestanden keine Ahnung, was das hier zwischen uns ist oder werden soll“, fuhr sie leise, aber bestimmt fort, „aber ich würde es gern herausfinden. Zusammen mit euch. Und deswegen möchte ich euch das nicht vorenthalten, okay?“
„Okay.“ Toshiyas Stimme hatte einen fast schon beschwichtigenden Tonfall angenommen. „Zumindest, solange du uns jetzt nicht erzählst, dass du eine Geheimagentin bist und uns töten musst, weil wir damit schon zu viel wissen.“
Trotz aller Anspannung konnte Ataru nicht anders, als kurz loszuprusten und den Kopf zu schütteln, während Die nur leidend mit den Augen rollte.
„Je älter du wirst, desto schlechter werden deine Witze, ehrlich“, stellte er trocken fest, rückte aber gleichzeitig etwas näher an seinen Freund, um seinen freien Arm um dessen Mitte zu legen.
„Als ob deine besser wären.“ Toshiya lehnte sich in Dies Umarmung, behielt Ataru dabei aber weiterhin fest im Blick. Er drückte kurz ihre Hand, wollte sie damit wohl zum Sprechen ermutigen. Widerwillig entließ sie die Finger der beiden aus ihrem Griff und richtete sich ein wenig auf.
„Irgendwie ist das noch komplizierter, als ich befürchtet hatte“, begann sie, legte dann den Kopf in den Nacken. Für einen Moment studierte sie das Holz des Veranda-Dachs über ihnen, als hätte sie seine altbekannten Maserungen noch nie vorher gesehen. Erst nachdem einige Sekunden verstrichen waren, begann sie zu sprechen. „Habt ihr schon mal jemanden getroffen, der ein Bild von euch hat, das so gar nicht zu dem passt, was ihr selbst über euch denkt?“, wollte sie dann wissen. Sie lenkte ihren Blick wieder zu ihren beiden Besuchern, die diesen nur mit einem gewissen Unverständnis erwiderten.
„Du meinst, dass man ganz anders eingeschätzt wird, als man ist?“, fragte Die schließlich.
„Ja, so in etwa … ich schätze, das passiert jedem mal, oder?“
„Vermutlich schon.“ Ataru nickte und konnte das altbekannte Gefühl, das sie bei diesem Thema stets überkam und das irgendwo zwischen Zorn und Wehmut lag, in sich aufsteigen spüren.
„Mir ging es mein ganzes Leben so“, stellte sie dann fest, sprach weiter, bevor einer der beiden sie unterbrechen konnte. „Solang ich mich erinnern kann, wusste ich, wer ich war. Ich wusste es ganz, ganz sicher, aber es hat mir sehr lange Zeit niemand geglaubt. Weil ich zu jung war oder weil es nicht ‚normal‘ war oder weil einfach niemand Lust hatte, sich damit zu beschäftigen, was das eigentlich bedeutete …“ Erst jetzt griff sie nach dem Foto und hielt es hoch, sodass die beiden das Bild sehen konnten.
„Bist du das?“, wollte Toshiya wissen, griff danach, als sie nickte. „Niedlich.“
„Danke.“ Mit einem unterdrückten Seufzen strich Ataru sich die Haare aus dem Gesicht und trank einen Schluck Tee. „Das war kurz nach meiner Einschulung. Ich weiß noch, wie sehr ich meine Mutter angefleht hatte, die Mädchenuniform anziehen zu dürfen, weil die der Jungen nicht die Richtige für mich war. Aber sie hat natürlich nicht auf mich gehört.“ Erneut hielt sie inne, sah die anderen beiden nur abwartend an und ganz langsam schien so etwas wie Verständnis in ihren Gesichtern aufzutauchen.
„Du meinst, du wurdest als Junge geboren?“, fragte Die zögerlich, hielt sofort inne, als sie heftig den Kopf schüttelte.
„Nein. Ein Mädchen war ich schon immer, es wollte nur niemand außer mir wahrhaben.“
„Weil du äußerlich wie ein Junge aussahst?“ Diesmal war es Toshiya, der an dieser Stelle einhakte, sie mit zusammengezogenen Augenbrauen ansah, als versuchte er, verschiedene Teile eines Puzzles zusammenzusetzen.
„So in etwa. Oder zumindest nicht so, wie andere Leute denken, dass ein Mädchen auszusehen hat.“ Sie nahm das Foto wieder an sich, als Toshiya es ihr reichte und sah es selbst für einen Moment an. Wie jedes Mal, wenn sie das tat, schlich sich tiefe Wehmut in ihr Herz, Traurigkeit für das Kind, das sie sah und was es hatte erleben müssen. „Meine Großmutter hat mir vor ein paar Jahren erzählt, dass ich selbst mit drei oder vier Jahren schon darauf bestanden habe, zusammen mit meinen Cousinen zu spielen, weil ich schließlich auch ein Mädchen bin.“
„Das klingt schlimm …“ Dies Stimme war leise, er hatte sich mittlerweile noch enger an Toshiya geschmiegt, der ihm, als er jetzt weitersprach, einen nachdenklichen Seitenblick zuwarf. „Also, wenn man etwas ganz sicher weiß, aber niemand glaubt einem.“
„Ja. Ist es. Aber wirklich schlimm wurde es erst, als ich älter wurde.“
„Wieso das?“
„Na ja … als Kind war es noch zu ertragen, dass mein Körper nicht so war, wie er hätte sein sollen, da waren die Unterschiede noch nicht so sichtbar. Vor allem nach außen hin. Aber später, als es Richtung Pubertät ging …“ Ataru brach ab und schüttelte nur den Kopf. „Es wurde alles nur immer schlimmer. Einfach alles.“
Erneut war es Toshiya, der nach ihrer Hand griff, nachdem er Die einen kleinen Kuss auf die Schläfe gedrückt hatte.
„Hat die Sache mit dem Meer damit etwas zu tun?“ Natürlich. Es hätte ihr klar sein müssen, dass ihm dieser Zusammenhang sofort auffallen würde.
„Ja. Man sagt ja, dass Kinder grausam sein können, aber meiner Erfahrung nach wird es nicht unbedingt besser, wenn diese Kinder älter werden und wissen, wer ihr leichtestes Opfer ist.“ Ihre Fingerkuppen strichen unruhig über Toshiyas Handfläche, während sie nach den richtigen Worten suchte. „Ich sehe noch nicht … furchtbar lange so aus, wie es jetzt der Fall ist. Es hat sehr lange gedauert, meine Eltern davon zu überzeugen, dass sie keinen Sohn, sondern eine Tochter haben. In der Zeit davor habe ich mich manchmal heimlich zurechtgemacht und bin ausgegangen … Ich muss mehr als einmal einen Schutzengel gehabt haben, wenn jemand gemerkt hat, dass ich, in deren Augen, ‚keine richtige Frau‘ war.“ Sie hatte Toshiyas Hand nun doch wieder losgelassen, um ihre Worte mit in die Luft gemalten Anführungsstrichen zu unterstreichen. „Als ob das irgendwer außer mir beurteilen könnte. Oder auch nur das Recht dazu hätte.“ Sie gab sich keine Mühe, die Bitterkeit in ihrer Stimme zu unterdrücken. Es hatte lange gedauert, bis sie diesen Gedanken hatte verinnerlichen können. Sie ließ ihre Arme sinken und atmete tief durch, ehe sie schwach mit den Schultern zuckte. „Von daher … das bin ich. Ich hab es mir nicht ausgesucht, aber ich schäme mich auch nicht dafür, dass ich trans bin, im Gegenteil. Es ist ein Teil von mir und auch wenn es nie ein leichter Weg war, ich bin, wie ich bin. Und ich hoffe, dass das für euch nichts ändert.“
Erst am Ende ihrer kleinen Ansprache hatte sich wieder Unsicherheit in ihre Stimme geschlichen und ihre dunklen Augen richteten sich fragend auf die beiden Männer, die ihrerseits erneut einen kurzen Blick tauschten.
„Und da dachten wir wirklich schon, du willst uns etwas wirklich Schlimmes erzählen“, meinte Die schließlich und machte tatsächlich einen erleichterten Eindruck. „Versteh mich nicht falsch, ich will auf keinen Fall kleinreden, was du durchmachen musstest … Aber, Ataru, das ändert für uns nichts daran, dass wir dich mögen und gern Zeit mit dir verbringen.“
„Da hat er ausnahmsweise recht.“ Toshiya richtete sich ein wenig auf, setzte sich so hin, dass er mit dem Rücken an der Hauswand lehnte und bedeutete ihr, näherzukommen. „Ich meine, keiner von uns beiden würde auch nur daran denken, zu leugnen, dass wir dich unglaublich schön finden. Aber was würde das nützen, wenn das hier drin“, er streckte seine Hand aus, tippte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Atarus Brustbein, „nicht noch viel schöner wäre.“
Einen Augenblick lang sah sie ihn stumm an, konnte dann aber, aller Anspannung zum Trotz, ein Grinsen nicht unterdrücken, als sie an Dies Gesicht erkannte, dass dieser damit kämpfte, keinen Kommentar zu dieser Aussage abzugeben.
„Du bist so ein Süßholzraspler“, gluckste sie deswegen und konnte nicht anders, als in Die's Lachen einzustimmen, als der sich nicht mehr zurückhalten konnte. Und vielleicht wäre Toshiya in dieser Situation sogar ein wenig eingeschnappt gewesen, aber es überdeutlich, welche Last gerade von ihr abgefallen war. Also zog er sie einfach mit einem wortlosen Kopfschütteln an sich, um einen Kuss auf ihre Schläfe zu drücken. Während sie sich mit dem Rücken gegen ihn lehnte, sich binnen Sekunden in seinen Armen zu entspannen schien, richtete Die sich nun ebenfalls auf.
„Ich hab’s dir immer gesagt, mein Lieber“, meinte er nur fröhlich. „Du hast einfach eine echt schmalzige Ader.“ Und obwohl Toshiya noch immer eine leichte Schnute zog, ließ Die sich nicht davon abhalten, ihm einen liebevollen Kuss zu geben, bevor er sich ohne weitere Umstände so platzierte, dass er seinen Kopf bequem in Atarus Schoß betten konnte. Mit einem Grinsen sah er zu ihr nach oben. „Das wirst du auch noch merken, von hier geht es nur noch bergab, was den Kitsch-Faktor angeht“, fügte er hinzu, als sei es eine ernst zu nehmende Warnung.
„Ach, sei still Die, du liebst meine schmalzige Ader.“
Während die beiden sich weiter gegenseitig neckten, schloss Ataru entspannt die Augen und genoss die Ruhe und die Wärme, die sie gerade spürte, in vollen Zügen. Sie hatte zwar gehofft, dass die beiden ihre Offenbarung gut aufnehmen würden, aber mit dieser sofortigen Akzeptanz hatte sie tatsächlich nicht gerechnet. Sie würden sicher später noch einmal darüber reden müssen, aber so wie es aussah, wäre dafür mehr als genug Zeit. Schließlich erweckten ihre Männer im Moment nicht unbedingt den Eindruck, als ob sie von ihr weg wollten.
Ihre Männer – der Gedanke ließ sie grinsen. Wer hätte gedacht, dass sie so etwas je sagen würde, selbst wenn es nur im Stillen war.
~*~
„Sag mal …“
Die war gerade in einen leichten Dämmerschlaf abgedriftet, aber Toshiyas Finger, die sacht über seine Seite wanderten, und der nachdenkliche Tonfall seiner Worte, weckten ihn recht effektiv wieder auf.
„Mh?“
„Ich habe nachgedacht–“
„Oh nein.“ Mit einem Schmunzeln drehte er sich zu Toshiya um und auch wenn er es nicht hörte, wusste er, dass der andere zumindest gedanklich seufzte. Aber was konnte er denn dafür, wenn er ständig so gute Vorlagen für schlechte Sprüche geliefert bekam? In all den Jahren, die sie sich kannten, war es fast zum Reflex geworden, jede sich bietende Gelegenheit für eine mindestens genauso schlechte Erwiderung auszunutzen.
So wie Toshiya gerade aussah, schien er allerdings tatsächlich etwas auf dem Herzen zu haben.
„Worüber?“, hakte Die also nach, stützte sich im Liegen auf einen Ellenbogen auf, um ihn besser ansehen zu können.
„Du magst Ataru, oder?“ Verwirrt zog Die seine Augenbrauen nach oben.
„Spielen wir heute eine Runde ‚offensichtliche Tatsachen‘?“
„Jetzt sag doch einfach.“ Toshiyas dunkle Augen lagen forschend auf seinem Gesicht und sein Tonfall zeigte deutlich, dass er nicht locker lassen würde, bis er eine Antwort hatte.
„Wie kommst du darauf?“
„Die …“ Er beugte sich ein Stück zu seinem Freund und begann, statt zu antworten, lieber damit, ihn in einen innigen Kuss zu verwickeln. Für einen Sekundenbruchteil blieb Toshiya standhaft, vergrub dann aber mit einem ergebenen Seufzen seine Hände in Dies langen Haaren, zog ihn so noch etwas näher zu sich. Als sie sich wieder voneinander lösten, sah er Die nur verstimmt an. „Ich hasse es, wenn du das tust.“
„Ich weiß, aber das macht es ja so verlockend.“ Noch immer grinsend drückte er einen weiteren kleinen Kuss auf Toshiyas Nasenspitze. „Also, worüber hast du nachgedacht, mh?“
„Beantworte erst meine Frage.“
„Du weißt es doch so oder so.“
„Ja, aber ich will, dass du es sagst.“ Toshiyas Finger begannen damit, immer wieder durch Dies Haar zu kämmen, wanderten schließlich weiter in seinen Nacken und entlockten ihm mit ihren kleinen Liebkosungen einen sanften Schauer. Für einen Moment schloss er die Augen, genoss das Gefühl, bevor er Toshiya wieder ansah.
„Ja, ich mag Ataru. Sehr sogar“, bestätigte er dann. Als Toshiya daraufhin nur nickte, runzelte er die Stirn und sah den anderen forschend an. „Erklärst du mir jetzt, warum du das wissen wolltest?“
„Ich mag sie auch sehr.“
„Gut, dann sind wir schon zwei. Wo ist das Problem?“
Toshiya verzog das Gesicht, setzte sich dann auf, sodass Die ihm folgen musste, wenn er Blickkontakt halten wollte.
„Ich glaube, sie mag uns auch. Uns beide. Auch, wenn es sie ein wenig überfordert.“
„Wundert dich das?“
„Nein, aber das ist auch nicht der Punkt.“
„Was dann?“
„Hast du gesehen, wie schwer es ihr gefallen ist, uns von sich zu erzählen? Ich meine … sie muss davon ausgegangen sein, dass wir ein Problem damit haben, oder? Nach all den schlechten Erfahrungen, die sie anscheinend schon gemacht hat. Und trotzdem hat sie uns ihre Wahrheit erzählt.“
Nun konnte Die sehen, in welche Richtung das Ganze hier ging.
„Toshiya …“
„Was? Findest du nicht, dass sie ein Recht darauf hat, auch unsere Wahrheit zu kennen? Zu wissen, worauf sie sich mit uns einlässt?“ Der Trotz, der Toshiyas Worten innewohnte, änderte nichts daran, dass er recht hatte. Zumindest, wenn sie wollten, dass das mit Ataru mehr war als ein harmloser Flirt, der zu weit gegangen war und in mindestens einem gebrochenen Herzen enden würde.
„Natürlich hat sie das“, gab er deswegen zu. „Aber du weißt auch, dass das ein Risiko wäre. Nicht nur für uns … auch für sie.“ Er streckte seine Hand aus, legte sie liebevoll an Toshiyas Wange, lächelte, als der sich sofort ein wenig in die Geste schmiegte. „Ich will nicht, dass sie unseretwegen Schwierigkeiten bekommt oder sie ihr Leben für nichts auf den Kopf stellen muss.“
„Was ist, wenn das nicht der Fall sein müsste?“
„Was?“
„Ich meine ja nur.“ Toshiyas dunkle Augen richteten sich einmal mehr auf ihn und etwas in seinem Blick ließ Die auf eine gänzlich andere Art und Weise erschaudern, ohne, dass er sagen konnte, ob das gut oder schlecht war.
„Du würdest das nicht nur so sagen“, hakte er deswegen nach und Toshiyas beharrliches Schweigen sagte ihm in diesem Moment mehr, als jede Erklärung es hätte tun können. Die richtete sich auf, spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. „Hast du sie gesehen?“, wollte er fast schon atemlos wissen, verharrte angespannt, bis der andere nickte und ein schwaches Lächeln nicht zurückhalten konnte.
„Erst war ich nicht sicher, aber … Die, sie war hier bei uns.“ Toshiya griff nach seiner Hand, drückte einen warmen Kuss in ihre Innenseite. „Und sie sah so unglaublich glücklich aus.“
04. Shinrai
„Du wirkst in letzter Zeit irgendwie glücklicher.“
Ataru sah erstaunt von der Zeitschrift auf, in der sie bisher gelesen hatte und wischte sich mit dem Handballen ein wenig Wassermelonensaft aus dem Mundwinkel.
„Ich glaube, ich bin irgendwie glücklicher“, gab sie dann zu, konnte nicht anders als ihrer Großmutter ein breites Grinsen zu schenken, das diese nur mit hochgezogenen Augenbrauen erwiderte.
„Gibt es dafür einen bestimmten Grund?“
Einen Moment hielt Ataru inne, überlegte, was sie sagen sollte, griff dann aber schlicht nach einem weiteren Stück Melone und schob sich dieses in den Mund, um noch etwas Zeit zu schinden. Wenn sie ehrlich war, gab es sogar zwei Gründe für ihre in letzter Zeit anhaltend gute Laune, aber wie sollte sie das ihrer Oma erklären? Sie konnte ihr schließlich schlecht einfach erzählen, dass sie auf dem besten Wege war, sich in gleich zwei fremde Männer zu verlieben. Vor allem, wenn sie sich diesen Umstand selbst kaum erklären konnte und das Flattern in ihrem Magen, immer wenn sie an die beiden dachte, ihr sagte, dass es für Zweifel ohnehin zu spät war. Also zuckte sie nur kauend mit den Schultern.
„Ich weiß nicht. Ich konnte in den letzten Wochen ein bisschen den Kopf freibekommen, glaube ich. Ich fühle mich ruhiger. Und ich schlafe auch wieder besser, jetzt, wo die Stürme sich etwas beruhigt haben.“
„Mh …“ Ihre Großmutter warf ihr einen prüfenden Blick zu, griff dann ebenfalls nach einem Stück Obst und aß dieses schweigend.
In der aufkommenden Stille war neben der Meeresbrandung auch die leise Geräuschkulisse des Baseball-Spiels hören, das ihr Großvater im Fernsehen verfolgte. Bevor Atarus Gedanken aber zu weit abdriften konnten, wurden sie erneut unterbrochen.
„Ataru, du weißt, dass du uns alles erzählen kannst, oder?“
Unwillkürlich sah sie ertappt auf, verzog aber im nächsten Moment das Gesicht zu einer Grimasse. Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit gewesen, Kleinstädte waren einfach furchtbar.
„Lass mich raten, irgendwer hat mich am Strand gesehen?“
„Du darfst niemals den Stadt-Tratsch unterschätzen, meine Liebe.“ Nun lächelte ihre Großmutter, lachte sogar leise, als Ataru die Augen verdrehte und erneut an den Melonen-Häppchen bediente.
„Du weißt, dass ich euch vertraue und es nichts gibt, was ich euch verheimlichen würde“, begann sie dann zwischen zwei Bissen zu erklären, versuchte, mit dem kühlen Snack ein wenig der Hitze in ihren Wangen entgegenzuwirken. „Es ist nicht so, dass ich euch nicht davon erzählen wollte …“ Für einen Moment sah sie hinaus aufs Wasser und konnte sich nicht dagegen wehren, dass sich ein kleines, glückliches Lächeln auf ihre Lippen schlich. „Ich wollte es nur … noch ein bisschen für mich allein haben. Kannst du das verstehen?“ Sie wusste nicht, wie nachvollziehbar ihre Worte waren, aber genau so fühlte es sich an, mit Die und Toshiya zusammen zu sein. Ganz, als wäre jede Begegnung mit ihnen etwas Besonderes, fast schon Magisches, das zu zerbrechen drohte, wenn der Rest der Welt davon erfuhr.
Atarus Großmutter betrachtete sie für einige Sekunden eindringlich, legte dann ihre Hand auf Atarus Unterarm und drückte sacht, beruhigend zu.
„Ich verstehe. Aber du kannst sicher auch nachvollziehen, dass dein Großvater und ich uns Sorgen machen, wenn man uns erzählt, dass du mit zwei Männern unterwegs bist, die anscheinend keiner hier kennt. Man liest doch so viel Schlimmes …“
Auch wenn ihre eigene Hand noch immer vom Saft der Wassermelone klebte, legte Ataru sie auf die ihrer Großmutter und tätschelte sie behutsam.
„Ich weiß … besser als mir lieb ist. Aber–“, erneut konnte sie nur mit den Schultern zucken, „Ich vertraue den beiden, auch wenn das vielleicht verrückt klingt. Ich habe ihnen von mir erzählt und sie haben es einfach hingenommen, mich einfach angenommen, als wäre es nichts Außergewöhnliches. Es gab keine dummen Sprüche oder Fragen, kein Gelächter, nichts.“ Ataru blinzelte einige Male heftig, versuchte, gegen das Brennen in ihren Augen anzukommen, das das Gefühl der Dankbarkeit für diese vollkommene Akzeptanz in ihr auslöste. „Es war für sie einfach in Ordnung, dass ich bin, wie ich bin und das … hatte ich so noch nie. Nicht auf diese selbstverständliche Art und Weise.“ Nicht von zwei Menschen, die ihr, so unglaublich es war, schon jetzt mehr bedeuteten, als vielleicht gut für sie war.
„Pass nur auf, dass du dich nicht in irgendwas verstrickst, ja?“
„Okay.“ Sie legte den Kopf leicht schief, dachte eine Sekunde nach. „Aber es ist kein Problem, wenn ich mich weiter mit ihnen treffe, oder?“ Es fühlte sich zwar komisch an, für etwas um Erlaubnis zu bitten, das sich so gut und richtig anfühlte, aber ihr waren ihre Großeltern zu wichtig, als dass sie sie weiter anlügen wollte. Selbst wenn diese Lüge nur darin bestand, Teile ihrer Tagesplanung großzügig zu verschweigen.
„Ich kann dich vermutlich nicht wirklich davon abhalten, oder?“ Ataru fiel ein Stein vom Herzen, als sie das warme Lächeln im Gesicht ihrer Großmutter sah, sodass sie es spitzbübisch erwiderte.
„Könntest du vielleicht schon, aber es würde mich sehr, sehr traurig machen.“
„Das können wir natürlich auf keinen Fall riskieren, würde ich sagen.“ Mit diesen Worten schob sie ihrer Enkelin den Teller mit der Wassermelone zu, damit sie sich das letzte Stück nehmen konnte, und strich ihr flüchtig über den Kopf, bevor sie sich etwas umständlich erhob, um nach drinnen zu gehen.
Ataru sah ihr leise seufzend hinterher, bis sie ins Innere des Hauses verschwunden war. Sie wusste nicht, was sie von diesem unvermeidlichen Gespräch – das sicher nicht das letzte dieser Art gewesen sein würde – erwartet hatte, aber für den Moment war sie erleichtert. Denn auch wenn sie volljährig war und damit ihre eigenen Entscheidungen treffen konnte, wollte sie nicht riskieren, ihre Großeltern vor den Kopf zu stoßen, indem sie Dinge tat, die sie nicht guthießen. Aber dass ihre Großmutter sie direkt zu ihrem Verhältnis zu Die und Toshiya gefragt hatte, war andererseits ein Zeichen des Vertrauens, das sie ihr entgegenbrachte.
Ataru schob die Zeitschrift, in der sie geblättert hatte, endgültig beiseite, aß auch das letzte Stück Wassermelone und streckte sich dann der Länge nach auf dem warmen Holz der Veranda aus. Sie atmete einmal tief durch, schloss die Augen und genoss das Gefühl der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Im Inneren des Hauses konnte sie ihre Großeltern leise miteinander reden hören, bevor der Jubel der Baseballfans aus dem Fernseher ihre Stimmen übertönte.
Alles in allem fühlte es sich beinahe wie einer jener Sommer an, die sie während ihrer Schulzeit hier verbracht hatte. Damals hatte sie in den Ferien jede Gelegenheit genutzt, um in die schützenden Arme der Familie zu flüchten, die sie mehr zu akzeptieren schien als ihre eigenen Eltern. Und so furchtbar vieles andere gewesen war, dieses Haus am Rande einer Kleinstadt war immer ein Stück heile Welt gewesen, das ihr niemand hatte nehmen können. Es war ihre persönliche Zuflucht, auch heute noch. Nur, dass sie jetzt, das konnte sie nicht bestreiten, um Längen glücklicher war, selbst wenn sie die Begegnung mit Die und Toshiya außer Acht ließ. Sie hatte sich mit vierzehn oder fünfzehn nicht einmal vorstellen können, wie ihr Leben in der Zukunft aussehen könnte, hatte oft eher daran gezweifelt überhaupt eine Zukunft zu haben aber auch Dank ihrer Großeltern war sie jetzt an einem Punkt, an dem wortwörtlich ihr ganzes Leben vor ihr lag.
Ataru blieb lange Minuten still auf den vertrauten Holzbohlen liegen und hing ihren Gedanken nach, bis ihr das Nichtstun zu viel wurde. Mit etwas Schwung setzte Ataru sich auf und fasste ihr langes Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen. Sie warf einen Blick auf das Display ihres Handys, das bisher vergessen neben ihr gelegen hatte, und zog nachdenklich die Nase kraus. Wenn sie sich mit dem Laufen Zeit ließ, könnte sie eigentlich ganz allmählich zu der kleinen Bucht aufbrechen, an der sie sich heute mit Toshiya und Die treffen wollte, statt sich weiter in Geduld zu üben.
Sie hatte den Gedanken kaum beendet und ihr Telefon beiseitegelegt, da sah sie aus Richtung des Meeres zwei wohlbekannte Gestalten auftauchen. Anscheinend war sie nicht die Einzige, die keine Zeit mehr mit Warten vergeuden wollte. Ohne zu zögern sprang Ataru auf und mit einem Satz von der Veranda, um barfuß auf Die und Toshiya entgegenzulaufen – einfach, weil sie konnte und ihr gerade danach war.
Die schien sie zuerst zu sehen und obendrein ähnlich viel überschüssige Energie zu haben wie sie, denn er kam ihr einige Schritte entgegengelaufen, bevor er mit ausgebreiteten Armen stehen blieb, um sie aufzufangen. Mit einem lauten Lachen, das zu einem Jauchzen wurde, als er sie hochhob, lief Ataru in seine Arme. Sie ließ sich von der kleinen Drehung, die er vollführte, durch die Luft wirbeln und erwiderte schließlich sein Grinsen mindestens genauso breit.
„Hey.“
Die sagte zunächst nichts, sondern zog sie einfach an sich und drückte ihr einen kleinen Kuss auf die Lippen.
„Auch hey. Ganz schön stürmisch heute, mh?“
Vorsichtig stellte er sie wieder auf die Füße, sodass sie sich Toshiya zuwenden konnte, der etwas gemächlicher zu ihnen aufgeschlossen war. Er nahm sie ebenso liebevoll, wenn auch etwas gesitteter in die Arme, bevor er sie ebenfalls mit einem Kuss begrüßte.
„Ich hab mich auf euch gefreut, das ist alles.“
„Wir haben uns doch erst gesehen …“ Toshiyas Lächeln war wissend, sodass sie gar nicht erst versuchte, sich irgendwie zu verteidigen – offensichtlich war es den beiden ja ähnlich gegangen.
„Trotzdem“, sagte Ataru daher nur, griff dann demonstrativ nach je einer Hand ihrer Freunde und verschränkte ihre Finger. „Ich fühle mich mit euch einfach wohler als allein. Und“, sie hielt kurz inne, um die Wichtigkeit des folgenden Arguments hervorzuheben, „ihr helft mir bei der Sache mit dem Schwimmen.“
„Das ist natürlich ein wirklich großes Opfer, das uns jedes Mal unglaubliche Überwindung kostet …“ Das gespielte Augenrollen war in Dies Stimme deutlich zu hören.
Er hatte schon einen Schritt in die Richtung ‚ihrer‘ Bucht getan und zog sie ein wenig mit sich, als plötzlich die Stimme ihrer Großmutter aus der Richtung ihres Hauses zu ihnen hinüberschallte:
„Ataru?“ Sie wandte sich um, löste ihre Hand aus Dies, um kurz zu winken und damit zu bedeuten, dass sie gehört hatte. „Sei bitte zum Abendessen wieder da, ja?“
„Alles klar!“
Sie konnte nicht verhindern, dass sich ein Hauch von Enttäuschung in ihre Stimme schlich. Sie hatte gehofft, mehr Zeit mit ihren Freunden verbringen zu können, aber sie verstand auch, warum ihre Großmutter handelte, wie sie es tat. Mit einem Seufzen streckte sie ihre Finger nach Die aus, der nicht zögerte, sie wieder in seine zu nehmen.
„Du bekommst doch keinen Ärger, oder?“
„Nein, nein, das nicht. Sie macht sich nur Sorgen.“ Ataru sah kurz zwischen ihren Begleitern hin und her, zuckte dann mit den Schultern. „Es war nur eine Frage der Zeit, aber irgendwer hat uns zusammen am Strand gesehen und es ihr erzählt und dabei vermutlich um Längen übertrieben. Sie hat mich vorhin darauf angesprochen.“
Nun war es Toshiya, der erst ihr und dann Die einen nachdenklichen Blick zuwarf, den sie nicht ganz deuten konnte. Fast, als wäre er es, der sich Sorgen machen müsste.
„Macht euch keine Gedanken, wirklich“, versuchte Ataru deshalb ihn zu beruhigen. „Sie will nur sichergehen, dass es mir gut geht.“ Toshiya nickte nur und drückte ihre Hand kurz etwas fester, als wollte er sie mit der Geste beschwichtigen. Dennoch wirkte er nicht so, als wäre die Sache damit endgültig vom Tisch, auch wenn er ganz offensichtlich versuchte, sich genau das nicht anmerken zu lassen.
„Dann ist ja gut. Dass du unseretwegen in Schwierigkeiten kommst, wäre das Letzte, was wir wollen.“
„Weiß ich doch. Wie gesagt, sie ist nur vorsichtig. Meine Großeltern sind daran gewöhnt, auf mich aufzupassen, nachdem meine Eltern sich schon vor Jahren glanzvoll aus dieser Rolle verabschiedet haben.“ Ataru zuckte mit den Schultern, als wäre dieses Eingeständnis kaum eine Erwähnung wert. Und zugegeben, nach all der Zeit hatte sie sich damit abgefunden, dass es einfach war, wie es eben war. Natürlich empfand sie immer noch eine gewisse Traurigkeit und auch Wut darüber, wie ihre Eltern sich verhielten, aber sie wusste auch, dass sie nichts daran ändern konnte. Das konnten nur ihre Eltern selbst und die Wahrscheinlichkeit, dass das passierte, war nun einmal eher gering.
„Auch wenn ich erwachsen bin, ich bin ihre einzige Enkelin und noch dazu eben wie ich bin … Sie wollen mich einfach beschützen“, fuhr sie schließlich fort. „Und wenn sie dann hören, dass ich mit zwei Männern, die sie nicht kennen, allein Zeit verbringe – ich kann verstehen, wie sie reagieren.“ Ihr Griff um die beiden Hände, die sie noch immer hielt, wurde keinen Moment lang fester. „Vielleicht müssen sie euch einfach irgendwann kennenlernen.“
Kaum hatten die Worte ihren Mund verlassen, bereute Ataru sie und hätte das vermutlich auch dann getan, wenn ihr der kurze Blick, den Die und Toshiya über ihren Kopf hinweg austauschten, entgangen wäre. Wie war sie nur auf diese dumme Idee gekommen?
Ihre Großeltern treffen, das wäre, als ob sie Die und Toshiya offiziell ihrer Familie vorstellen würde. Was hieß, dass es erst einmal etwas geben müsste, was sich tatsächlich vorzustellen lohnte, etwas, das einen Namen hatte – und dafür war sie sich immer noch zu wenig im Klaren darüber, was das zwischen ihnen eigentlich war. Zumindest, wenn sie versuchte, die Situation rational zu betrachten, so schwer ihr genau das auch fiel.
Toshiya setzte gerade an, etwas zu sagen, um die plötzlich aufgekommene Stille zu durchbrechen, als sie den Griff ihrer Hände löste und schneller, als es vielleicht nötig gewesen wäre, in Richtung des Wassers rannte. Ataru wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Und noch viel weniger darüber reden, wo doch offensichtlich war, dass es kein willkommenes Thema war.
Noch im Laufen zog sie sich ihr Tanktop über den Kopf, auch wenn sie dadurch beinahe das Gleichgewicht verlor, und ließ es, während sie ihren Weg fortsetzte, in den Sand fallen. Erst als die Wellen hoch genug waren, um ihr ihr Tempo zu nehmen, blieb sie stehen und drehte sich zu ihren Begleitern um.
„Worauf wartet ihr? Wollten wir nicht schwimmen?“
~*~
Später am Abend saß Ataru, ihr vom Waschen feuchtes Haar in ein Handtuch gewickelt, im Schneidersitz auf ihrem Bett, die Augen auf das Display ihres Laptops gerichtet. Mit geübten Fingern klickte sie sich durch die Inhalte der Speicherkarte, die sie eben von ihrer Kamera überspielt hatte. Auch wenn es schon recht spät war, wollte sie sich endlich die Bilder ihrer letzten Wandertouren ansehen, um zu entscheiden, welche sie behalten und ein bisschen bearbeiten würde, um später ihren Account auf einer Fotoseite damit zu füttern.
Und eigentlich wäre diese Routine eine gute Übung gewesen, um ihre Gedanken davon abzuhalten, um das ewig gleiche Thema zu kreisen. Aber leider hatte sie nun einmal große Teile der letzten Wochen mit zwei gewissen Personen verbracht, was auch hieß, dass die beiden immer wieder auf ihren Fotos auftauchten.
Die meisten Bilder waren schlicht Schnappschüsse. Kleine Momentaufnahmen, die vertraute Gesten zwischen Die und Toshiya zeigten, oder wie sie am Strand miteinander herumalberten. Dazwischen das ein oder andere Bild der Küste, von Wellen, schroffen Felsen und Möwen am Horizont. Aufnahmen, die sie so oder so ähnlich in den letzten Jahren immer wieder eingefangen hatte, die für sie aber dennoch nichts von ihrem Zauber einbüßten. Und dann war da noch dieses eine Foto, an dem sie gerade hängen geblieben war. Selbst wenn sie es sich am liebsten gar nicht angesehen hätte, weil es sie daran erinnerte, wie wunderbar und unbeschwert dieser Tag gewesen war.
Ein gemeinsamer Ausflug mit Toshiya und Die hatte einmal mehr damit geendet, dass sie es sich zu dritt am Strand gemütlich gemacht und einfach nur die Nähe der anderen genossen hatten. Und dank Selbstauslöser hatte sie nun dieses Bild, auf dem sie alle drei glücklich, mit nassem Haar und Sand auf der sonnengebräunten Haut in die Linse strahlten.
Mit einem entnervten Stöhnen ließ Ataru sich nach hinten auf ihre Matratze fallen und rieb sich unwirsch mit einer Hand übers Gesicht. Das hatte sie jetzt also davon, dass sie die beiden so schnell so nah an sich herangelassen hatte. Sie versank in sinnlosen Grübeleien, die sie keinen Schritt weiter brachten und das, obwohl nicht einmal wirklich etwas passiert war, das diesen Stimmungsumschwung hätte erklären können. Etwas ruppiger als vielleicht nötig zog sie sich das Handtuch vom Kopf und fuhr sich mit den Fingern durch das noch immer klamme Haar.
Nein, eigentlich war wirklich nichts passiert.
Nach diesem kurzen, seltsamen Moment am Strand war der Nachmittag genauso schön gewesen wie sonst auch, sie hatten geredet, waren nahe dem Ufer geschwommen und hatten sich von der Sonne trocknen lassen.
Nur leider bekam Ataru dennoch das Gefühl nicht los, dass sich irgendetwas verändert hatte, selbst wenn es unausgesprochen geblieben war. Es klang selbst in ihren Gedanken paranoid, aber die Art, wie die beiden auf ihren Kommentar zum Kennenlernen ihrer Familie reagiert hatten, ließ ihr einfach keine Ruhe. Genauso wenig wie die bisher unausgesprochene Frage ihrer Großmutter danach, was sie eigentlich über Die und Toshiya wusste, die unablässig an ihr nagte.
Denn wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben: Eigentlich wusste sie gar nichts.
Sie kannten sich nun schon über einen Monat und dennoch waren es gerade mal drei Dinge, die sie halbwegs sicher sagen konnte: Die beiden waren zusammen aufgewachsen, verbrachten gern viel Zeit im Wasser und hatten ihr im Idealfall ihre richtigen Vornamen verraten. Oder zumindest die Namen, bei denen sie bevorzugt genannt wurden.
Verglichen mit dem, was Ataru selbst ihnen anvertraut hatte, war das alles andere als ausgewogen – auch oder vielleicht gerade, weil sie ihnen vertraute und dies mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht hatte. Im Prinzip gaben ihr weder Toshiya noch Die auch nur den geringsten Grund, an ihnen zu zweifeln, aber gleichzeitig war nicht von der Hand zu weisen, dass sie einen großen Bogen um alle Themen schlugen, die mit ihrem Leben außerhalb ihrer Treffen oder gar ihren eigenen Familien oder Freunden zu tun hatten. Und all diese Dinge führten für Ataru immer wieder zur Frage, ob sie selbst fähig oder willens war, mit diesem Nichtwissen zu leben, sollte sie die Verbindung, die sie zu ihnen spürte, weiterverfolgen. Ansonsten würde sie eher früher als später die Kraft finden müssen, einen Vertrauensbeweis von den beiden einzufordern, auch auf das Risiko hin, dass dann alles zerbrechen würde und sie gezwungen wäre, einen Schlussstrich zu ziehen.
Ehe sie sich noch mehr in dieser kleinen Gedankenspirale verlieren konnte, öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer und ihre Großmutter trat vorsichtig ein. Ataru folgte ihren Bewegungen schweigend, als sie zu ihrem Bett kam, sich darauf niederließ und schließlich eine Hand beruhigend auf das Knie ihrer Enkelin legte.
„Ist alles in Ordnung? Du warst schon beim Essen so still. Ganz anders als heute Morgen noch.“
„Ja … ich denke schon.“
„Aber?“
Ein wenig widerwillig richtete Ataru sich auf, stützte sich mit einem Arm auf dem Bett ab und drehte mit der freien Hand ihren Laptop so, dass ihre Großmutter das Foto sehen konnte, das noch immer den Bildschirm einnahm.
„Ich grübele.“
„Mh …“ Die ältere Frau nahm sich einige Augenblicke Zeit, um das Bild zu mustern, das Ataru mit den beiden Männern zeigte, die sie heute Nachmittag zum ersten Mal gesehen hatte. Alle drei wirkten darauf durchaus glücklich, aber musste das etwas heißen, wenn es um die Sicherheit ihrer Enkelin ging? „Gab es Streit?“, stellte sie deswegen die Frage, die für sie am naheliegendsten war.
„Nein, das nicht. Es ist nur … seit unserem Gespräch heute denke ich darüber nach, dass ich eure Sorgen total verstehen kann, weil ich, auch wenn ich Toshiya und Die vertraue, dir nicht erklären kann, warum. Ich weiß kaum etwas über sie. Und heute Nachmittag hab’ ich eher scherzhaft vorgeschlagen, dass sie euch irgendwann kennenlernen könnten und darauf haben sie für einen Moment ganz seltsam reagiert.“ Mit einem tiefen Seufzen ließ sie den Kopf sinken, verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Ich höre mich an wie ein verknalltes Gör, das versucht, sich für irgendetwas Dummes zu rechtfertigen.“
„Bist du das denn? Verliebt meine ich?“
Obwohl die Stimme ihrer Großmutter ganz sanft war, erstarrte Ataru. Anscheinend hatte sie heute wirklich ein Talent dafür, genau die falschen Gedanken laut auszusprechen.
„Muss ich das beantworten?“
„Nur dir selbst, meine Liebe.“ Sie spürte, wie die warme Hand ihrer Oma ihr kurz über den Kopf strich, bevor sie sich wieder erhob und fortfuhr. „Aber du kennst meine Lebensweisheit: Im Zweifelsfall hilft es nur, darüber zu reden.“
~*~
Dass sie um dieses Reden nicht herumkommen würde, war anscheinend auch ihrem Unterbewusstsein klar, denn sie träumte in dieser Nacht erneut vom Blau des Meeres und davon, sich in seinen endlosen Weiten zu verlieren. Einmal mehr war sie umgeben von goldenen Schatten, die sie nie erreichen konnte, egal, wie sehr sie ihnen nachjagte, jedoch war sie zum ersten Mal nicht allein in ihren Träumen, was ein bittersüßes Gefühl in ihrem Herzen hinterließ.
Denn was konnte es Wundervolleres geben, als die Wärme dieser unendlichen Tiefen gemeinsam mit Die und Toshiya erleben zu können? Sie bei sich zu spüren, ohne sich Sorgen um den Rest der Welt machen zu müssen?
Was konnte schöner sein, als gemeinsam mit ihnen das Glück dieses Traumes zu erleben und ihre Gefühle für sie ohne das Schreckgespenst der Zurückweisung erforschen zu können?
In ihren Träumen konnte Ataru sich fallen lassen, konnte ihre Befürchtungen, was körperliche Nähe zu den beiden anging, überwinden und sie einfach genießen. Auch wenn sie in der Realität bisher nie mehr als Küsse miteinander geteilt hatten, in ihrer Traumwelt konnte sie sich den zärtlichen Berührungen und Liebkosungen hingeben, ohne befürchten zu müssen, dass sie etwas Unerreichbares waren.
Als sie am Morgen aufwachte, wäre es ihr allerdings am liebsten gewesen, dass sie sich zumindest an diesen Teil ihres Traumes nicht mehr erinnert hätte. Ihre Laken waren vollkommen zerwühlt, ein unangenehmer Schweißfilm bedeckte ihre Haut und mit jedem Detail, das in ihrer Erinnerung überdeutlich auftauchte, wollte sie ein wenig mehr im Erdboden versinken.
Wie bitte sollte sie mit den beiden ein ernsthaftes Gespräch führen, wenn ihr allein beim Gedanken an die Dinge, die sie geträumt hatte, die Hitze in die Wangen – und zugegeben auch in andere Regionen ihres Körpers – stieg? Mit einem leisen Seufzen schloss Ataru ihre Augen wieder. Doch statt sich entspannen zu können, überkam sie erneut das Gefühl von kühlen Händen und Lippen, die ihren Körper sanft berührten und liebkosten. Ganz als wären Toshiya und Die gerade bei ihr und würden ihr Bett teilen, auch wenn sie mit einer solchen Realität mit Sicherheit überfordert wäre.
Das hieß jedoch nicht, dass sie diese Gedanken nicht trotzdem genießen durfte oder konnte. In der morgendlichen Stille ihres Zimmers gab es niemanden, der sie dafür hätte verurteilen können, sich diese Art von Nähe zu wünschen, die sie bisher nie hatte zulassen können. Vielleicht war es deswegen noch immer ungewohnt zu spüren, wie ihr Körper jetzt auf dieses Verlangen reagierte, aber Ataru genoss jede noch so kleine Reaktion, genoss, wie richtig es sich anfühlte, sich dem hinzugeben. Sie hatte sich so lange nicht selbst spüren können, dass sie nun jede Empfindung, die sie ihrem Körper entlocken konnte, vollkommen auskosten wollte.
~*~
Einige Tage später hatte Ataru ihr Strandtuch einmal mehr in der kleinen, abgelegenen Bucht ausgebreitet, in der sie sich schon des Öfteren mit Die und Toshiya getroffen hatte. Und auch wenn sie heute nicht fest miteinander verabredet waren, standen die Chancen gut, dass die beiden früher oder später den Weg hierher finden würden, um das schöne Wetter zu nutzen.
Für den Moment genoss Ataru aber schlicht das Gefühl des warmen Sandes unter sich und schloss hinter den getönten Gläsern ihrer Sonnenbrille die Augen, um entspannt den Geräuschen ihrer Umgebung zu lauschen. Mit jedem Anschwellen der Brandung hatte sie das Gefühl, dass ein wenig mehr Spannung ihren Körper verließ und sie nach und nach freier atmen konnte, während das Kreischen der Möwen, die weit über ihr am wolkenlosen Himmel kreisten, sie zufrieden lächeln ließ. Es waren genau diese kleinen Augenblicke, die sie immer dann vermisste, wenn der Sommer vorüber war und die sie gern für kältere Tage irgendwo aufbewahrt hätte.
Es dauerte nicht allzu lange, bis das gleichmäßige Geräusch der Wellen erst von wohlbekannten Stimmen und dann von größeren Bewegungen unterbrochen wurde und Ataru ein unbestimmtes Gefühl von Stolz in sich aufsteigen fühlte. Noch vor wenigen Wochen hätte allein diese Geräuschkulisse zu Angst und Herzrasen geführt, aber jetzt schlug ihr Herz nur deswegen schneller, weil sie genau wusste, wer sich ihr näherte. Ohne, dass das kleine Lächeln ihre Lippen verlassen hätte, richtete sie sich etwas auf und sah hinunter zum Wasser, wo ihr, wie erhofft, tatsächlich Die und Toshiya entgegenkamen.
Sie erschienen ihr ein wenig zurückhaltender als sonst und vor allem in Dies Gesicht zeichnete sich eine Anspannung ab, die sie nur als Nervosität deuten konnte, was ihren Puls nun doch unverhofft in die Höhe schnellen ließ. Von der Entspannung, die sie bis eben noch empfunden hatte, war schlagartig nichts mehr zu spüren, als sie sich vollständig aufsetzte und den beiden entgegensah.
Was, wenn sie mit ihrer unbedachten Frage einen wirklichen Fehler begangen hatte? Wenn die Akzeptanz, die sie ihr bisher entgegengebracht hatten, doch nur oberflächlich war und sie nicht riskieren wollten, noch einmal mit ihr gesehen zu werden? Wenn sie nur hier waren, um ihr zu sagen, dass sie sie nicht mehr sehen wollten?
Ihre Sorge musste ihr wohl ins Gesicht geschrieben sein, denn als Toshiya bei ihr ankam, ließ er sich ohne Umschweife dicht neben ihr im Sand nieder und zog sie wortlos in seine Arme. Ob das ihre Bedenken verstärkte oder milderte, hätte sie nicht sagen können, aber es änderte nichts daran, dass sie sich dankbar an ihn lehnte und den Halt genoss, den er ihr gab.
Die auf der anderen Seite wirkte weiterhin zurückhaltend und auch das Lächeln, das er ihr auf ihren fragenden Blick hin zuwarf, während er sich setzte, wirkte weit weniger strahlend, als sie von ihm gewohnt war.
„Was ist los?“, wollte sie deswegen nach einigen Sekunden, die in angespannter Stille verstrichen waren, wissen. „Ist irgendetwas passiert?“
„Nein, mach dir keine Sorgen.“ Anscheinend war es heute an Toshiya, die Initiative im Gespräch zu übernehmen, während Die immer wieder sachte, beinahe vorsichtig, über Atarus Handrücken strich. Ganz als wäre er nicht sicher, ob ihm diese Geste überhaupt zustand.
„Wollt ihr euch von mir verabschieden?“ Mit dieser Frage schien keiner der beiden gerechnet zu haben, zumindest den entgeisterten Blicken nach, die sie ihr zuwarfen.
„Gehst du weg von hier?“, wollte Die schließlich wissen, schien von dieser Aussicht nur noch verunsicherter zu sein, eher er auf Atarus Kopfschütteln hin erleichtert ausatmete.
„Nein, aber … ihr wirkt, als wäre irgendwas Schlimmes.“ Den nächsten Gedanken brachte sie kaum über die Lippen, sodass die Worte nur noch ein Flüstern waren. „Oder als hätte ich irgendetwas falsch gemacht.“
„Nicht doch …“ Toshiya zog sie noch etwas enger an sich, bevor er schließlich von ihr abließ und sich so hinsetzte, dass er sie ansehen konnte. Ehe er weitersprach, warf er Die einen kurzen, nachdenklichen Blick zu. „Aber wir haben in den letzten Tagen viel darüber gesprochen, wie ungleich unser Verhältnis zueinander im Moment ist. Weil wir dir bisher ja nicht wirklich viel von uns erzählt haben.“
„Okay …?“
„Wir würden das gern ändern. Es ist nur leider nicht ganz so einfach.“
„Und das hat nichts damit zu tun, dass wir dir etwas vormachen wollen, oder so“, fiel Die ihm an dieser Stelle ins Wort. „Auch wenn das jetzt ziemlich unglaubwürdig klingt. Eigentlich dürfen wir nicht darüber reden. Wenn es nach mir ginge …“ Er biss sich auf die Unterlippe, schien damit ein Seufzen unterdrücken zu wollen und sah für einen Augenblick zur Seite. „Toshiya hat mich davon überzeugt, dass es besser ist, wenn du die Wahrheit kennst.“
Wieder war ein zögerliches „okay“ alles, was Ataru hervorbrachte. Irgendwie machte sie diese ungewohnte Herumdruckserei der beiden noch nervöser, als sie ohnehin schon war. Und weniger verwirrt als vor diesem seltsamen Geständnis war sie jetzt auch nicht. Vielleicht gerade deswegen gab sie sich aber einen kleinen Ruck.
„Ich will euch nicht verlieren, nur weil irgendetwas zwischen uns steht“, erklärte sie leise. „Ich weiß, dass das mit meiner Familie ein dummer Kommentar war. Ihr müsst meine Großeltern nicht kennenlernen, wirklich. Das ist mir einfach so rausgerutscht.“
Nun war es zu ihrem Erstaunen Die, der sie an sich zog. Ohne Umstände drückte er ihr einen kleinen Kuss auf die Stirn, dann einen weiteren auf die Nasenspitze. Währenddessen sah Toshiya sich das Ganze nur lächelnd an, als wäre diese Entwicklung für ihn alles andere als unerwartet.
„Es ist nicht dumm“, stellte Die klar, strich Ataru mit einem Daumen über die Wange. „Wir würden gern mehr über deine Familie erfahren. Aber bevor wir das in Angriff nehmen, musst du mehr über uns wissen.“
„Wo er recht hat, hat er recht. Ausnahmsweise.“
Jetzt war es Ataru, die nicht anders konnte, als zu seufzen.
„Irgendwie ist nichts an alledem einfach, oder?“, fragte sie dann mit einem kleinen, etwas schief geratenem Lächeln. Dabei hatte alles so simpel begonnen, fühlte sich eigentlich so simpel an.
„Die Dinge, die es wert sind, sind das selten.“ Toshiya streckte sich, um sein Gesicht für einen Moment in ihre Halsbeuge zu schmiegen und machte es sich dann umstandslos mit dem Kopf so auf ihrem Schoß bequem, dass er zu ihr nach oben sehen konnte. Die gedankliche Verbindung seiner Position zu ihren Träumen der vergangenen Nächte führte dazu, dass Ataru für einige hektische Herzschläge damit beschäftigt war, genau diese zu verdrängen. Allein deswegen war sie mehr als froh, als er nach einem Moment weitersprach, während Die vollkommen selbstverständlich damit begann, mit den Händen durch ihr Haar zu kämmen. „Das mit dem Schwimmen klappt doch eigentlich schon sehr gut, oder?“, wollte er wissen. „Jedenfalls kommst du mir wesentlich sicherer vor.“
„Schon.“ Sie warf einen kurzen Blick über ihre Schulter zu Die, der dazu übergegangen war, ihre Haare zu flechten und gleichzeitig aufmerksam ihrem Gespräch zu folgen. „Ich meine, das Schwimmen an sich war ja nie das Problem … Aber es wird leichter, mich zu überwinden. Und ein bisschen Übung schadet eben auch nicht, auch für die Ausdauer. Und nicht allein zu sein auch.“
„Mh …“ Das zustimmende Geräusch, das Toshiya von sich gab, hatte fast etwas von einem zufriedenen Schnurren. Er blinzelte gegen die Sonne zu ihr nach oben. „Traust du dir zu, eine kleine Strecke zu tauchen? Also, nicht jetzt sofort, aber vielleicht in nächster Zeit?“
„Ich … weiß nicht. Wäre das wichtig?“
„Wir würden dir gern etwas zeigen.“ Dies warme Stimme so nah an ihrem Ohr ließ sie erschaudern, sodass sie nur wortlos nicken konnte. Als wäre es ein Automatismus, ihm zustimmen zu wollen.
„Ich kann es versuchen. Wir könnten üben? Wie bei allem anderen auch?“ Ohne, dass sie es hätte verhindern können, hatte sich ein wenig Neugier in ihre Stimme geschlichen. „Was wollt ihr mir denn zeigen?“
„Das ist ein Geheimnis.“ Auch ohne es zu sehen, hörte sie das Schmunzeln in Dies Stimme, lehnte sich aller Unsicherheit zum Trotz ein wenig gegen ihn, als seine Lippen sacht an ihrer Schulter entlangwanderten. „Es ist ein Ort, der nur uns gehört und an dem wir ungestört reden können. Aber man kommt nur durchs Meer dorthin.“
Fast schon wider besseres Wissen musste sie lächeln. Für einen Moment schloss Ataru die Augen und konnte beinahe vor sich sehen, wie sie gemeinsam durch das klare Wasser tauchten, um an diesen besonderen Ort zu gelangen. Beinahe wie in ihren Träumen.
Nur ihren Großeltern sollte sie lieber nicht von diesem Ausflug erzählen. Nicht wenn sie selbst nicht sagen konnte, wohin er führen würde, was ausschloss, dass man sie im Notfall finden würde. Aber auch wenn sie schon jetzt ein schlechtes Gewissen ob der Notlüge hatte, die sie ihrer Familie würde auftischen müssen – ihre Neugier und ihr Wunsch nach mehr Nähe zu Die und Toshiya waren zu groß, um sich gegen diese Chance zu entscheiden.
„Ich würde es auf jeden Fall gern versuchen“, stimmte sie deshalb nach kurzem Zögern zu, drehte sich leicht zu Die um, sodass sie ihn ansehen konnte. „Aber vorher will ich eine Sache wissen.“
„… Ja?“ Der Ausdruck auf seinem Gesicht war so wunderbar perplex, dass Ataru nicht anders konnte, als zu grinsen.
„Als du mir mein Fußkettchen zurückgebracht hast, woher wusstest du, wo ich wohne?“
„Das … ähm na ja …“ Noch bevor er weiter herumdrucksen konnte, antwortete Toshiya, der mit einem geradezu triumphierenden Grinsen zu ihnen nach oben sah.
„An dem Abend, als wir uns kennengelernt haben, hatte er sich Sorgen gemacht, ob du allein sicher nach Hause kommst, deswegen sind wir dir vom Wasser aus gefolgt.“ Er zwinkerte ihr kurz zu, wandte sich dann direkt an seinen Freund. „Ich hab dir gesagt, dass sie irgendwann fragen wird.“
„Ja, ja …“ Dies Stimme war zu einem nur noch halb deutlichen Nuscheln geworden, da er sein Gesicht irgendwo in Atarus Haar vergraben hatte. Sein Seufzen spürte sie deswegen mehr, als dass sie es hörte. „Ich wollte nur sichergehen, dass dir nichts passiert. Und er auch. Also tu nicht so, als hättest du dir darüber keine Gedanken gemacht, Toshiya.“
Auch wenn sie es nicht wirklich in Worte fassen konnte, für einige Sekunden war Ataru einfach nur überwältigt. Vielleicht, nein, sehr sicher sogar, hätte sie es eher gruselig finden sollen, dass ihr jemand einfach ohne ihr Wissen gefolgt war. Stattdessen war sie schlicht und ergreifend berührt davon, dass die beiden tatsächlich von Anfang an so auf sie geachtet hatten, obwohl sie Fremde gewesen waren. Und auch davon, dass sie diese Tatsache ohne Umschweife zugeben konnten. Sie reckte sich vorsichtig etwas, legte dann beide Hände an Dies Wangen und verschloss seine Lippen mit einem liebevollen Kuss.
„Danke. Wirklich.“
Sosehr sie in den letzten Tagen auch an dieser Sache zwischen ihnen und Toshiya und Die selbst gezweifelt hatte – jetzt gerade war sie sich wieder vollkommen sicher, dass das Vertrauen, das sie in sie setzte, nicht umsonst war. Vielleicht konnten sie ihr noch nicht alles erzählen, was sie wollten, selbst wenn sie den Grund dafür nicht kannte. Aber, so kitschig es sich selbst in ihren Gedanken anhörte, sie war sich sicher, dass keiner der beiden absichtlich etwas tun würde, um sie zu verletzen. An allem anderen konnten sie gemeinsam arbeiten, denn allem Anschein nach wollten sie ebenso wenig wieder getrennte Wege gehen, wie Ataru.
05. Hanran
Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete Ataru die Augen, ließ die mittlerweile vertrauten, schimmernden Blautöne des Meeres auf sich wirken und tat einen tiefen Atemzug. Salziges Wasser bahnte sich den Weg in ihre Lungen und es war beinahe, als könnte sie fühlen, wie ihr Körper den Sauerstoff, den sie zum Leben brauchte, herausfilterte. Für einige Atemzüge konzentrierte sie sich allein auf diese Empfindung, schwebte regungslos unter den Wellen und genoss die Kraft, die sie aus jedem Einatmen ziehen konnte.
Von oben fielen glitzernde Sonnenstrahlen durch die Wasseroberfläche und verwandelten die ohnehin schon surreal wirkende Welt ihres Traumes in ein leuchtendes Paradies, wenn sie sich in den Schuppen der Fische brachen, die immer wieder in Schwärmen an ihr vorbeizogen. Ohne dass sie sich bewusst dafür entschieden hatte, begann sie sich langsam durch die sanften Strömungen zu bewegen und jagte verspielt den kleinen Tieren hinterher, ehe sie sich dazu anschickte, tiefer zu tauchen.
Leuchtendes Türkis wurde ganz allmählich zu strahlendem Royalblau, das sie einhüllte, und dann noch dunkler, bis nur noch vereinzelter Lichtschein die Welt um sie herum durchbrach, wie die Sterne einen Nachthimmel. Das Funkeln an der Oberfläche schien nun meilenweit von ihr entfernt zu sein. Nie war sie bisher so tief in die Welt unter Wasser vorgedrungen, aber statt Angst fühlte Ataru nur den Drang, weiterzuschwimmen. Ganz als würde sie etwas suchen und unbewusst hoffen, es hier in der Unendlichkeit zu finden.
Kaum hatte sie diesen Gedanken formuliert, tauchte in der Ferne ein goldenes Glitzern auf, das ihr Herz augenblicklich schneller schlagen ließ. Für eine Sekunde verharrte sie regungslos, um sicherzugehen, dass sie es sich nicht nur einbildete, dann setzte sie sich mit kräftigen Schwimmzügen wieder in Bewegung. Sie musste einfach wissen, was – oder wem – sie schon so lange auf der Spur war. Für einen Moment verspürte sie eine regelrecht verzweifelte Sehnsucht danach, dieses Rätsel endlich zu lösen. Auch wenn es vielleicht vergebens war, es fühlte sich an, als könnte sie alle Antworten finden, wenn sie nur verstand, was sich hinter diesem goldenen Glanz verbarg, der ihr seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf ging.
Aber leicht machte es ihr das merkwürdige Phänomen auch in dieser Nacht nicht. Sobald sie das Gefühl hatte, dem Glimmen näherzukommen, verschwand es, nur um wenig später an anderer Stelle erneut aufzutauchen. Fast wie ein Irrlicht, das sie immer weiter in die Tiefe locken wollte, um sicherzugehen, dass sie den Weg nach Hause nie wieder fand.
Ataru hätte nicht sagen können, wie lange sie ohne nachzudenken dem Locken des Lichts gefolgt war, aber als sie sich das nächste Mal bewusst umsah, konnte sie kaum noch die Konturen der Riffe um sich herum erkennen. Nur wenn sie ihre Blicke nach oben richtete, war in weiter Ferne eine schwache Helligkeit auszumachen, die ihr zeigte, dass es noch eine Meeresoberfläche gab, zu der sie zurückkehren konnte. Um sie herum herrschte jedoch beinahe nachtschwarze Dunkelheit.
„Bitte …“ Sie wusste nicht warum, aber die beiden Silben verließen geflüstert ihren Mund, verhallten ungehört in den Tiefen des Meeres. Mit wachsender Unruhe sah sie sich um und fühlte sich mit einem Mal vollkommen verloren in dieser unergründlichen Weite, die nichts mehr von der Wärme zu haben schien, die sie bisher umgeben und stets so vertraut gehalten hatte. „Lass mich nicht allein …“
Ihre Stimme klang verloren in der beklemmenden Stille, die so tief unter der Oberfläche herrschte. Die Worte schienen das einzige Geräusch zu sein, das in der dumpfen Kälte existierte. Ganz so, als wäre nicht einmal das Wasser noch real und sie würde stattdessen irgendwo im Nichts schweben.
Klein, schwach und alleingelassen.
Ungeliebt. Unverstanden.
Mit einem Strom von kleinen Blasen entwich ihr sämtlicher Atem, bevor sie ihren Körper dazu zwingen konnte, nach Luft zu schnappen. Das kalte Meerwasser brannte mit jedem Atemzug wie Eis in ihren Lungen, ließ sie die Augen fest zusammenkneifen. Ataru presste ihre Hände auf die Ohren, denn die Stille schien immer lauter, immer erdrückender zu werden – zu schwer, um noch erträglich zu sein. Statt einer geliebten Zuflucht in ihren Träumen wurde das Meer zu einem mit jeder Sekunde schmerzhafteren Albtraum.
Erneut verließ ein gebrochenes, jetzt beinahe lautloses Flehen Atarus bebende Lippen und sie machte sich so klein, wie sie nur konnte. Sie wollte verschwinden aus dieser Welt, die sie genau das körperlich fühlen ließ, womit sie ihr Leben lang hatte kämpfen müssen. All das, was sie gehofft hatte, endlich überwunden zu haben, schlug nun wie eine Welle aus Missachtung und Ablehnung über ihr zusammen. Die Empfindung war so allumfassend und überwältigend, dass es einige Augenblicke dauerte, bis Ataru bewusst wurde, dass die Dunkelheit sich langsam aber stetig verändert hatte.
Und dennoch war sie einige Herzschläge lang unfähig, sich zu bewegen.
Erst nachdem sie noch einige Male vorsichtig durchgeatmet hatte, konnte sie den Kopf wieder heben. Blinzelnd öffnete sie die Augen und zum Greifen nahe schwebte ein kleines warm-goldenes Licht vor ihr im Wasser, wie ein wahr gewordener Hoffnungsschimmer.
Ataru streckte vorsichtig ihre bebende Hand danach aus, als wäre der kleine Funke ein scheues Tier, das sie nicht verschrecken wollte, aber sie musste nicht einmal warten – als hätte es entschieden, dass es Ataru vertrauen konnte, kam das Schimmern näher, bis es warm in ihrer Handfläche ruhte. Ihr war bewusst, dass dies hier nicht das gleiche Licht war, das sie bisher in ihren Träumen gesehen hatte, aber vielleicht war es ungleich wichtiger.
‚Hab keine Angst.‘
Die warme Stimme, die selbst diesen wenigen Worten einen melodischen Klang verlieh, schien direkt in ihrem Kopf zu existieren. Als sie sich umsah, war sie immer noch allein, aber sie war sich sicher, dass sie genau diesen Satz, genau so gesprochen, schon einmal gehört hatte.
Als hätte ihr Unterbewusstsein auf diese Erkenntnis gewartet, veränderte sich die Umgebung ihres Traums ohne Vorwarnung erneut. Ataru zuckte zusammen, als die bisherige Stille plötzlich vom Brüllen heftiger Brandung ersetzt wurde und ein stürmischer Wind unvermittelt an ihrem Haar zu zerren begann. Die Luft war klamm vor Gischt und roch nach aufgewühltem Meerwasser. Jede Welle schien ein Stück mehr des Strandes aufzufressen, auf dem sie stand, und als sie an sich hinuntersah, konnte sie im Dunkeln gerade so ein Paar Kinderfüße ausmachen, das in gelben Gummistiefeln steckte.
Ihre Füße, die in den gelben Gummistiefeln steckten, die sie als Kind besessen hatte. Ihr Mund wurde trocken, als sie begriff, was das bedeutete.
Das hier war kein Traum mehr. Es war eine Erinnerung.
Ataru wusste nicht, ob die Nässe auf ihren Wangen vom Regen kam oder ob es Tränen waren. Sie spürte mehr, als dass sie sich bewusst in Bewegung setzte, wie sie weiter in Richtung des Wassers stolperte, ehe sie irgendwann einfach im nassen Sand in sich zusammensackte. Immer wieder kamen ihr die Wellen bedrohlich nahe, umspielten Schaumkronen ihre Knie und ließen ihren kleinen Körper vor Kälte erzittern. Und je mehr Zeit verging, desto deutlicher wurde die Erinnerung in ihrem Geist.
Sie musste fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein und war nach einem Streit mit ihren Eltern wieder einmal zu ihren Großeltern geflüchtet. Als würde sie es zum ersten Mal erleben, spürte sie den Schmerz, der sie damals überwältigt hatte. Die Verzweiflung darüber, dass nicht einmal ihre Eltern ihr zugestehen wollten, zu wissen, wer sie war. Dass sie ihr nicht zutrauten, sich selbst besser zu kennen, als sie es taten und ihr zu glauben, was sie sagte. Was sie fühlte. Die allumfassende Angst, dass sie nie so sein würde, wie ihre Eltern sie haben wollten, weil sie einfach nicht das war, was sie von ihrem Kind erwarteten. Weil sie eben nicht der Sohn war, den sie sich gewünscht hatten, sondern eine Tochter, die sie nicht akzeptieren konnten.
Heftige Schluchzer schüttelten sie, machten ihr das Atmen fast unmöglich, während sie ihre Finger in den Boden grub, um wenigstens irgendetwas, das sie spürte, selbst bestimmen zu können. Und sei es nur das Kratzen der groben Sandkörner auf ihrer Haut.
„Warum weinst du?“
Die Worte waren so unerwartet, dass sie dachte, sie hätte sich nur eingebildet, dass dort jemand sprach oder Stimmen im stetigen Wind gehört, der nicht nachzulassen schien. Erst als die Frage noch einmal wiederholt wurde, diesmal besorgter, eindringlicher, hob sie den Kopf und sah sich aus verquollenen Augen um. Einen Moment lang konnte sie in der Dunkelheit nichts ausmachen, dann erkannte sie eine Bewegung im Wasser und sah sich gleich darauf einem neugierigen Augenpaar gegenüber.
„Ist alles in Ordnung?“
Unfähig, die Erscheinung im Wasser wirklich zu verarbeiten, nickte Ataru einfach nur. Stumm musterte sie das ebenmäßige Gesicht der fremden Frau, die da gerade in der Brandung aufgetaucht war und sich von den Wellen, die um sie herum brachen, anscheinend nicht im Geringsten gestört fühlte. Und die so ungefähr das Schönste war, das sie je gesehen hatte.
„Bist du ein Geist?“, brachte sie schließlich zögerlich hervor, was die Fremde nur glockenhell lachen ließ.
„Leben Geister im Meer?“
„Ich … weiß nicht?“
„Nein, ich bin kein Geist.“ Mit einer geschmeidigen Bewegung kam die Frau näher, bis sie sich neben Ataru mit den Ellenbogen im Sand abstützen konnte. Sie blieb ganz entspannt so liegen, als würde gerade schönstes Sommerwetter herrschen, während die Wellen alles daranzusetzen schienen, sie zurück in die stürmischen Fluten des Meeres zu ziehen. „Du kannst mich Shiori nennen“, fügte sie hinzu, sah Ataru noch immer forschend an. „Was machst du hier so allein? Und noch dazu im Dunkeln? Solltest du nicht in einem warmen Bett liegen?“
Ataru unterdrückte ein neuerliches Schluchzen, atmete zittrig ein und zuckte dann mit den Schultern, konnte sich aber zu keiner Antwort durchringen, während ihr heiße Tränen über die Wangen liefen. Wie sollte sie das alles auch erklären, wenn sie doch selbst keine wirklichen Worte dafür hatte?
„Wie heißt du?“
„A-Ataru.“ Mit einer vom Sand klebrigen Hand wischte sie sich über die Wange, um wenigstens irgendetwas gegen ihre Tränen zu tun, und holte noch einmal tief Luft. „Ist dir nicht kalt?“
Wieder lachte Shiori dieses helle Lachen, das sie fast schon einzuladen schien, darauf einzustimmen und ihre Sorgen zu vergessen.
„Nein.“ Sie streckte eine Hand aus, um sie auf Atarus zu legen. Ihre Haut war kühl und glatt und als sie genauer hinsah, konnte sie zwischen ihren Fingern durchscheinend schimmernde Schwimmhäute erkennen. „Ich lebe im Meer“, erklärte Shiori, noch immer lächelnd. „Für mich fühlt es sich angenehm an. Aber du musst doch frieren … Bist du nicht zu jung, um ganz allein hier zu sein, mitten in der Nacht?“
Statt zu antworten begann Ataru vorsichtig mit Shioris Hand zu spielen und mit den Fingerspitzen über ihre Haut zu streicheln, die selbst in der fast vollkommenen Dunkelheit ein wenig zu schimmern schien.
„Ich laufe weg“, stieß sie schließlich trotzig hervor. Ein Plan, den sie in derselben Sekunde gefasst hatte, in der die Worte ihren Mund verließen. „Meine Eltern wollen mich eh nicht. Ich werd’ einfach auch im Meer leben, so wie du.“
„Kannst du denn schwimmen?“
„Natürlich!“
Shiori setzte sich auf und erst jetzt erkannte Ataru, dass sie tatsächlich keine Kleidung trug. Langes, dunkles Haar fiel ihr in nassen Bahnen bis weit über die Schultern und verhüllte ihren Oberkörper. Es bildete einen geradezu verblüffenden Kontrast zu ihrer hell schimmernden Haut – bis diese auf Höhe ihrer Hüften in dunkel glänzende Schuppen überging. Und wenn Ataru die Fremde mit größtem Interesse musterte, so war dies umgekehrt ebenso der Fall. Shioris dunkle Augen lagen nachdenklich auf ihr, schienen für einen Moment glasig zu werden, als sie ihre Hand noch einmal nach Ataru ausstreckte und sie ihre langen Fingernägel über ihre Haut geistern fühlte.
„Vielleicht ist das Meer tatsächlich irgendwann deine Heimat, Ataru“, sagte sie schließlich. „Aber dafür bist du noch ein bisschen zu jung, meinst du nicht?“ Mit dem ausgestreckten Zeigefinger stupste sie die Nase des Kindes vor sich an, lächelte nun voller Zuversicht. „Deine Großeltern würden sich doch Sorgen machen, wenn du nicht zu ihnen zurückkommst.“
„Aber –“
„Vertrau mir, es wird alles gut werden. Es wird nicht einfach, aber irgendwann wird alles genau so sein, wie du es dir wünschst.“
Ohne dass sie es verhindern konnte, regte sich ein kleiner Funken Hoffnung in Ataru. Vielleicht hatte diese Frau aus dem Meer ja recht. Vielleicht musste sie einfach nur Geduld haben und wenn sie groß war, wäre alles gut?
„Woher weißt du das?“, fragte sie dennoch, wagte es nicht, einfach so auf vage Hoffnungen zu vertrauen.
„Ich weiß Dinge, das ist meine Gabe.“ Shiori zwinkerte ihr zu, begann dann, sich langsam wieder in Richtung Wasser zu bewegen. „Und wenn ich dich ansehe, dann weiß ich zwei Dinge: Du wirst glücklich sein und das Meer wird dich niemals im Stich lassen. Hab keine Angst, Ataru. Die Zukunft wird besser sein, als du es dir vorstellen kannst.“
~*~
Als Ataru die Augen aufschlug, spürte sie, wie sich heiße Tränen einen Weg über ihre Wangen bahnten. Unter heftigem Blinzeln richtete sie ihre Augen zur Zimmerdecke. Ihre Kehle fühlte sich eng an, fast zu eng, um zu atmen, und ihr Brustkorb war wie zugeschnürt. Von draußen fiel das fahle Licht der Morgendämmerung in ihr Zimmer, begleitet vom ewig steten An- und Abschwellen des Meeres. Und im Gegensatz zur Ruhe des anbrechenden Tages vor ihren Fenstern herrschte in ihrem Kopf lautes, ungezähmtes Chaos.
Wie hatte sie das alles nur vergessen können?
Wie hatte ihr diese merkwürdige Begegnung bloß vollkommen entfallen können?
Zwar konnte sie sich an viele Momente ihrer Kindheit nur verschwommen erinnern, aber das? Eine solche Begegnung vergaß man doch nicht einfach. Eine Person wie Shiori vergaß man nicht.
Mit einem unterdrückten Schluchzen, das sie versuchte, in ihrem Kissen zu ersticken, drehte Ataru sich die Seite, sodass sich in ihrem Blickfeld nur noch die Wand neben ihrem Bett befand und kniff die Augen zu. Mit zitternden Fingern zog sie ihre Bettdecke bis zum Kinn und machte sich darunter ganz klein.
Sie wollte gerade nicht wach sein, wollte das alles nicht wissen, sich nicht erinnern können. Sie verstand nicht, warum dieser Traum so wehgetan hatte, warum er ihr auch jetzt noch so weh tat, und wusste ebenso wenig, was sie mit der Erkenntnis, dass sie anscheinend schon einmal eine Nixe getroffen hatte, anfangen sollte.
Nichts von alledem ergab Sinn, konnte gar keinen Sinn ergeben. Und gerade war sie fast schon wütend auf ihr Unterbewusstsein und darauf, dass es ihr diese Offenbarung gemacht hatte – schlicht, weil es leichter gewesen wäre, ohne sie zu leben.
Es dauerte lange Minuten, bis Ataru so weit entspannen konnte, dass ihre Atmung allmählich ruhiger wurde. Aber auch dann lag sie nur still da und starrte blicklos in das Halbdunkel ihres Zimmers. Alles in ihrem Kopf wirkte wie in betäubende Watte gepackt, während ihre Gedanken so rasch kreisten, dass sie sich nicht fähig fühlte, klar zu denken. Lediglich die Befürchtung, dass der anbrechende Tag ein sehr anstrengender sein würde, kristallisierte sich mehr und mehr aus ihrem Gefühlschaos heraus.
Denn das, was sie auch jetzt noch überdeutlich und fast körperlich spürte, war der Schmerz, den der Unglaube ihrer Eltern schon damals in ihr ausgelöst hatte. Sie hatte stets darunter gelitten, dass ihre Eltern nie darauf vertraut hatten, dass sie sich selbst am besten kannte. Selbst als Ataru endlich die richtigen Worte für das gefunden hatte, was sie tief in ihrem Inneren schon immer gefühlt hatte, weigerten sie sich schlicht, ihr zu glauben. Und leider hatte sich an dieser Einstellung auch in den vergangenen Jahren nichts geändert – so traurig es war, Ataru hatte gelernt, damit zu leben.
Aber jetzt gerade fühlte sie sich, als wäre sie wirklich wieder ein Kind und hätte diese kalte Ablehnung zum ersten Mal erfahren. Es brach ihr das Herz, ließ mit jeder Sekunde, die sie dem Gefühl Raum gab, doch wieder Tränen über ihre Wangen laufen. Manchmal wünschte sie sich, dass sie ihre Eltern hassen könnte, für den Schmerz, den sie ihrer Unnachgiebigkeit wegen hatte durchleben müssen, aber gleichzeitig war ihr klar, dass ihr das weder helfen noch etwas an der Situation ändern würde.
In einer fahrigen Geste wischte sich Ataru mit dem Handrücken übers Gesicht, atmete dann noch einmal bewusst tief durch. Es brachte nichts, weiter darüber nachzudenken. Ihre Eltern hatten ihren Standpunkt in den letzten fünfzehn Jahren mehr als deutlich gemacht und es war naiv zu hoffen, dass sie jemals von ihrer Meinung abrücken würden. Damit musste sie sich abfinden, auch wenn es schmerzte.
Schließlich hatte sie immer noch ihre Großeltern, die für sie da waren und ihr den Rückhalt gaben, den sie brauchte. Die ihr eine bessere Familie waren, als sie je für möglich gehalten hätte, und die sie immer unterstützt und geliebt hatten, egal wie anstrengend es für sie gewesen sein musste.
Und vielleicht, ganz vielleicht, hatte sie jetzt auch Toshiya und Die, die sie so annahmen und mochten, wie sie war. Selbst wenn sie nicht wusste, wie das, was mit jedem Treffen weiter zwischen ihnen zu wachsen schien, langfristig funktionieren sollte. Ob es überhaupt eine Zukunft haben konnte.
Wenn sie ehrlich war, war das allerdings die letzte Sache, über die sie sich gerade den Kopf zerbrechen wollte. Im Moment brauchte sie vor allem den Lichtblick, den die beiden für sie darstellten. Vielleicht nicht auf ewiges Glück, aber zumindest waren sie ein Hoffnungsschimmer dafür, dass die Dinge tatsächlich besser werden konnten und es so etwas wie eine Zukunft für sie gab.
Diesen Gedanken bewusst so zu formulieren, ließ die Tränen in ihren Augen ein weiteres Mal überquellen, sodass sie nun vollends das Gesicht in ihrem Kissen versteckte.
Egal, was sein würde und wie schmerzhaft ihr Leben sein mochte – es gab eine Zukunft, die auf sie wartete und sie würde alles dafür tun, sie zu erleben.
~*~
Als sie einige Stunden später langsam am Meer entlangging, fühlte sie sich ruhiger, aber auch erschöpft und aufgebraucht. Ihre Gliedmaßen fühlten sich bleischwer an und man sah ihr definitiv an, dass die letzte Nacht keine erholsame gewesen sein konnte. Dennoch hatte sie es nicht über sich gebracht, etwas dagegen zu unternehmen. So gern sie im Normalfall damit experimentierte, sich zu schminken – wozu sollte sie Zeit mit Make-up verschwenden, wenn sie später ohnehin im Meer schwimmen würde? Da waren ihr Augenringe immer noch lieber als Mascara-Reste, die sie letztlich nur wie einen schlecht gelaunten Panda aussehen lassen würden.
Mit einem leisen Seufzen straffte Ataru ihre Schultern und zwang sich dazu, zumindest ein bisschen schneller zu gehen und die warme Seeluft tief einzuatmen. So gern sie sich bereits am Morgen wieder in ihr Bett verkrochen hätte, es war vermutlich gut, dass sie feste Pläne hatte, die sie dazu zwangen, das Haus zu verlassen, statt sich den ganzen Tag in Selbstmitleid zu suhlen. Und ganz abgesehen davon, dass Zeit mit Toshiya und Die ihre Laune eigentlich immer verbesserte, waren ihr die besorgten Blicke nicht entgangen, die ihre Großeltern ihr beim ungewohnt schweigsamen Frühstück zugeworfen hatten.
Entweder hatten sie ihr Weinen also doch gehört oder sie hatte tatsächlich noch übernächtigter ausgesehen, als sie selbst angenommen hatte. Und so wie sie ihre Familie kannte, würden die beiden sie in nächster Zeit vermutlich genauestens im Auge behalten, um sicherzugehen, dass sie lediglich einen schlechten Tag hatte und nichts Schwerwiegenderes im Argen war.
Ataru wusste, dass sie dankbar dafür sein sollte, aber im Moment erschien ihr auch das einfach nur unfassbar anstrengend. Schließlich war es nicht so, dass sie ihre Erschöpfung und miese Laune glaubhaft mit einem verqueren Traum erklären konnte. Auf der anderen Seite stand es gänzlich außer Frage, ihre Großeltern anzulügen, wenn es um ihren Gemütszustand ging. Also lieber gar keine Gespräche, wenn es irgendwie möglich war. Zumindest so lange, bis sie ihre Fassung wiedergefunden hatte.
Mit einem leisen Seufzen sah Ataru sich in der wohlbekannten Landschaft um, die sie umgab.
Es war albern, aber manchmal wollte sie schlicht und ergreifend weg von hier, weg von allem, was hier passierte und allem, was sie kannte. Auch, wenn diese kleine unbedeutende Stadt so etwas wie ihr sicherer Hafen war, manchmal wollte sie einfach irgendwo anders sein. An einem namenlosen Ort, an dem niemand wusste, wer sie war und an dem sie für eine Weile zur Ruhe kommen konnte. Eine Oase, an der sie nur für sich existieren könnte, ohne ständig das Gefühl zu haben, jeden Schritt, den sie tat, hinterfragen zu müssen.
Aber sang- und klanglos zu verschwinden würde ihren Großeltern das Herz brechen und ihr selbst genauso, wenn sie ehrlich war. Vielleicht war sie hier also letztlich besser aufgehoben als in einer fremden Stadt, in der sie keine Menschenseele kannte und in der sie sich wahrscheinlich noch mehr isolieren würde, als es ohnehin schon der Fall war.
Überhaupt sollte sie sich erst einmal auf das konzentrieren, was im Augenblick in ihren Händen lag, statt über fadenscheinige „was wäre, wenn“-Szenarien nachzudenken, die nur zu immer mehr Negativität führen würden. Damit war gerade niemandem geholfen, am wenigsten ihr selbst. Allein schon, weil sie sich eigentlich auf das Treffen mit ihren Freunden gefreut hatte, geradezu darauf hingearbeitet hatte, weil sie unbedingt wissen wollte, was Die und Toshiya ihr zeigen wollten. Was dieser mysteriöse, für die beiden so besondere Ort war, und was der Grund dafür war, dass sie ihn ihr offenbaren wollten.
Das erste Mal an diesem Tag zupfte um ihre Erschöpfung herum ein kleines, ehrliches Lächeln an ihren Lippen, als sie die Stelle erreichte, an der sie Die und Toshiya nach dem Tanabata das erste Mal wiedergesehen hatte.
Leise summend trat Ataru sich ihre Turnschuhe von den Füßen und ließ sich im Schneidersitz auf dem grasbewachsenen Felsen nieder, genoss die Wärme, die dieser trotz des bedeckten Himmels ausstrahlte. So unnachgiebig der Stein war, es hatte etwas Beruhigendes, Tröstendes, hier zu sitzen, wie jedes Mal, wenn sie sich die Zeit für eine kleine Rast an diesem Ort nahm.
Sie konnte gar nicht anders, als die Augen zu schließen und sich für einige tiefe Atemzüge die würzige Seeluft um die Nase wehen zu lassen. Auch wenn die kreisenden Gedanken in ihrem Kopf nicht vollends zur Ruhe kamen, so hatte sie das Gefühl, sich zumindest ein bisschen entspannen zu können, obwohl sie sicher war, dass es nur von kurzer Dauer sein würde. Denn früher oder später, das wusste Ataru, würde sie sich mit diesen aufdringlichen Gedanken beschäftigen müssen. Sie würden sich nicht ewig verdrängen lassen, sondern ihre innere Unruhe mit der Zeit nur noch verschlimmern. Sie war sich dessen mehr als bewusst und beschloss, sich mit all den Dingen, die der Traum aufgewühlt hatte, auseinanderzusetzen, sobald sie etwas mehr Kraft dafür hatte. Jetzt gerade allerdings brauchte sie etwas Abstand zur letzten Nacht, um sich zumindest nicht den Tag davon verderben zu lassen, dass all die Gefühle, die gerade in ihr kämpften, sie so aus der Balance brachten.
Deswegen verharrte sie, so wie sie war, äußerlich vollkommen still auf ihrem Felsvorsprung.
Ataru spürte den weichen Wind, zählte die Wellen, die sich zahm an den Felsen unter ihr brachen, und genoss die Stille, die davon abgesehen um sie herum herrschte. Wie so oft schaffte es die altbekannte Geräuschkulisse, sie ruhiger werden zu lassen, sodass sie sich allmählich wieder mehr wie sie selbst zu fühlen begann.
Als Bewegungen im Wasser die Gleichmäßigkeit der Wellen unterbrachen, öffnete sie fast schon widerwillig die Augen, lächelte aber, als ihre Vermutung bestätigt wurde. Unter ihr schwammen Die und Toshiya im Meer, schienen diesmal abgewartet zu haben, dass sie sie bemerkte.
„Hey.“ Selbst in ihren eigenen Ohren hörte sie sich müde und abgeschlagen an und auch ihre Freunde schienen zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Wie so oft war es Die, der zuerst näher kam.
„Wir wollten dich nicht erschrecken“, erklärte er ihr abwartendes Verhalten, woraufhin Ataru nur den Kopf schütteln konnte.
„Alles gut, habt ihr nicht.“ Wie um ihren Zustand zu bestätigen, musste sie sich die Hand vor den Mund halten, als sie ein tiefes Gähnen überkam. „Ich hab nur nicht besonders gut geschlafen.“
Und wenn sie ehrlich war und ihn so ansah, hatte auch Die selbst schon erholter ausgesehen. Offensichtlich versuchte er, es sich nicht anmerken zu lassen, aber er wirkte ungewöhnlich unruhig, beinahe fahrig. Immer wieder schaute er zwischen ihr und Toshiya hin und her, der seinerseits einen vorsichtig neutralen Gesichtsausdruck zur Schau trug, den sie nicht deuten konnte. Er lächelte sie an, aber auch hinter dieser Regung glaubte sie, noch etwas anderes zu erkennen, als wäre er mit seinen Gedanken nicht vollständig im Hier und Jetzt.
Oder aber – und diese Möglichkeit musste sie definitiv in Betracht ziehen – sie war im Moment einfach zu angespannt und deswegen ein bisschen überempfindlich.
„Meint ihr, dass das Wetter heute hält?“, fragte sie deswegen, um die merkwürdige Stimmung und ihre eigenen Zweifel gleichermaßen zu übertönen. Dennoch hatte die Frage ihre Berechtigung, schließlich hatten sie, das hatten ihr die beiden erklärt, einen längeren Weg vor sich und sollte ein Sturm aufziehen, würde es zu gefährlich sein, diesen schwimmend oder tauchend zurückzulegen.
„Das sollte kein Problem sein“, antwortete Toshiya. Er blinzelte an den dunklen Strähnen seines nassen Haars vorbei nach oben, folgte mit seinen Blicken einigen dahintreibenden Wolken. „Uns sollte spätestens in ein, zwei Stunden ein strahlend blauer Himmel erwarten.“ Seine Augen wanderten zu ihr und nun schien sein Lächeln endlich die Wärme und Ehrlichkeit auszustrahlen, die sie eben noch vermisst hatte. „Und der nächste Taifun sollte auch noch ein bisschen auf sich warten lassen, denke ich.“
„Na, das beruhigt mich.“ Ataru zog die Nase kraus und beobachtete die beiden Männer aufmerksam dabei, wie sie aus dem Wasser und entlang der Felsen zu ihr nach oben kletterten.
Es war Toshiya, der sie zuerst erreichte. Sie erwartete beinahe, dass er sie, tropfnass wie er war, umarmen würde – aber stattdessen hockte er sich stumm neben sie und lehnte für einen Moment vorsichtig seine angenehm kühle Stirn gegen ihre. Ganz von allein schlossen sich Atarus Augen, um diese gänzlich unschuldige Nähe zu genießen. Vorsichtig hob sie eine Hand an seine Wange, liebkoste die sonnengebräunte Haut und sah ihn schließlich erst wieder an, als er ein wenig von ihr abrückte.
„Ist es wirklich nur der Schlaf?“, wollte er leise wissen, presste im nächsten Moment seine Lippen in ihre Handfläche, ohne seine dunklen Augen von ihr zu nehmen.
„Ja, wirklich. Ich hab nur ziemlich schlecht geträumt, das ist alles.“ Ataru zwang sich dazu, ihn so ruhig wie möglich anzusehen, damit er ihr Glauben schenkte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie im Moment wenig Lust, den beiden ihren Traum und alles, was er ausgelöst hatte, zu offenbaren. Um das irgendwann tun zu können, benötigte sie einen klareren Kopf und ein bisschen Abstand von der letzten Nacht.
Toshiya sah aus, als wollte er noch weiter nachhaken, wurde aber von Die mehr oder minder sanft mit einem Fuß beiseitegeschoben. Er hatte es geschafft, sein langes, nasses Haar am Hinterkopf zusammenzuknoten und hielt ihr nun, auffordernd mit den Fingern wackelnd, seine Hände entgegen, bis sie danach griff, um sich von ihm auf die Beine ziehen zu lassen. Nachdenklich musterte er Atarus Gesicht, nur um schließlich mit den Schultern zu zucken und einen kleinen Kuss auf ihrer Nasenspitze zu platzieren.
„Ich hab ja von Anfang an gesagt, du brauchst keinen Schönheitsschlaf“, meinte er schlicht und entlockte ihr damit ein unfreiwilliges Lachen.
~*~
Der Weg zum Startpunkt ihrer kleinen Exkursion war laut ihren Freunden nicht weit, aber sie ließen sich Zeit damit, ihn zurückzulegen. Vielleicht hatten Toshiya und Die es selbst nicht eilig, vielleicht spürten sie auch, dass Ataru heute weniger fit war, als sie zugeben wollte. Aber glücklicherweise war das Schweigen, in das sie immer wieder verfielen, nicht so erdrückend oder unangenehm, wie sie befürchtet hatte, sondern schien einvernehmlich.
Denn selbst wenn sie versuchten, sich nichts anmerken zu lassen, je länger sie liefen, desto sicherer war Ataru, dass irgendetwas in der Luft lag, das sie selbst nicht greifen konnte. Irgendetwas, das ihre Freunde verunsicherte oder zumindest nachdenklich stimmte.
Ataru konnte nur mutmaßen, dass es etwas mit dem zu tun hatte, was sie ihr zeigen oder sagen wollten. Aber da weder Die noch Toshiya bisher auch nur eine Andeutung dazu gemacht hatten, worum es eigentlich ging, hatte sie keine Möglichkeit sicher zu sein, ob dies tatsächlich der Fall war, auch wenn sie in den vergangenen Tagen immer wieder überlegt hatte, worin dieses große Geheimnis bestehen könnte.
Eine ihrer – im Laufe der Zeit immer abstruser werdenden – Vermutungen war, dass die beiden schlicht kein richtiges Zuhause hatten, sondern in dort lebten, wohin sie Ataru heute führen wollten. Sie konnte nicht sagen, wie wahrscheinlich diese Theorie war, denn auch, wenn sie das ein oder andere erklären würde, so wirklich daran glauben wollte Ataru nicht. Vielleicht war es naiv, aber sie konnte das Bild, das sie von den beiden hatte, nicht mit dem von obdachlosen Menschen in Einklang bringen. Sicher, Toshiya und Die schienen stets einfach in den Tag hineinzuleben und nur selten konkrete Pläne zu haben, aber das musste schließlich nicht zwingend etwas über ihre Umstände aussagen. Es mochten ihre eigenen Vorurteile sein, aber die Leichtigkeit, die die beiden im Allgemeinen umgab, passte für sie nicht zu jemandem, der heimatlos war und sich auf der Straße durchschlagen musste.
Möglicherweise waren sie also einfach nur Studenten, die ein Jahr Pause von ihrer Zeit an der Uni machten und dabei durch Japan reisten.
Es hatte abermals für einige Minuten Schweigen geherrscht, als sie schließlich an einer kleinen Bucht ankamen, die nur wenige Dutzend Meter lang war. Der feine Strand schimmerte hell im Licht der Sonne, die mittlerweile mehr und mehr durch die Wolken brach, wurde aber immer wieder von dunklen Steinen durchsetzt, die im Wasser überhandzunehmen schienen.
Ataru hatte ihre Schuhe bereits zu Beginn ihrer kleinen Wanderung in ihrem Rucksack verstaut, um barfuß zu gehen und genoss es jetzt, statt Gras und warmer Erde den feuchten Sand unter ihren Fußsohlen zu fühlen. Sie konnte nicht anders, als ihre Zehen genüsslich etwas darin zu vergraben.
„Von hier aus schwimmen wir los“, erklärte Toshiya, nachdem er einige Momente nachdenklich aufs Wasser geschaut hatte. „Es sollte nicht zu anstrengend sein, das Wasser ist heute ruhig genug.“
„Okay.“
Ihre Blicke schweiften kurz zwischen ihren Begleitern hin und her, ehe Ataru sich ein Herz fasste und ihren Rucksack neben sich in den Sand fallen ließ. Heute befand sich darin nichts, was kaputtgehen würde, aber selbst wenn, wäre es ihr in diesem Moment vermutlich egal gewesen. Sie atmete gedanklich noch einmal tief durch, bevor sie sich mit einem Ruck ihr loses Sommerkleid über den Kopf zog. Sie sah, während sie es mit fahrigen Bewegungen in ihren Rucksack stopfte, konzentriert auf den gemusterten Stoff, um den Augen ihrer Begleiter nicht begegnen zu müssen, ehe sich die Welle der Nervosität, die in ihr aufgestiegen war, beruhigt hatte. Noch während sie ihren Rucksack wieder verschloss, spürte sie das Brennen in ihren Wangen, von dem sie nur hoffen konnte, dass Toshiya und Die es nicht sahen, gegen das sie aber nicht im Stande war, auch nur das Geringste zu tun.
Eigentlich wusste Ataru, dass der Bikini, den sie bisher unter ihrem Kleid verborgen hatte, ihr stand. Das tiefe Weinrot harmonierte gut mit dem Ton ihrer Haut und er passte wie für sie genäht. Dennoch war es das erste Mal, dass sie ihn außerhalb ihres Zuhauses trug, nachdem sie ihn bereits vor einigen Wochen nach langer Überwindung gekauft hatte. Sie mochte – zumindest in der Sicherheit ihres Zimmers – wie sie sich darin fühlte und wie er ihren Körper in Szene setzte. Aber auch, wenn er nicht viel mehr oder weniger bedeckte als die Kleidung, die sie bisher zum Schwimmen getragen hatte, hätte sie nicht vermutet, dass es ihr so schwerfallen würde, sich Die und Toshiya darin zu zeigen.
Vielleicht hätte sie am Morgen länger darüber nachdenken sollen, ob heute der richtige Tag für ein Debüt dieser Art war – einem Tag, an dem sie sich aufgrund ihrer Träume ohnehin fühlte, als müsste sie einmal mehr der Welt ihre Weiblichkeit beweisen. Aber nun konnte sie es nicht mehr ändern und war fest entschlossen, sich dem in ihr wachsenden Unbehagen zu stellen, selbst wenn es eine zusätzliche Belastung bedeuten würde. Also atmete sie noch einmal tief durch, schob das Verlangen, auf dem schnellsten Weg wieder nach Hause zu laufen und sich dort zu verkriechen, beiseite und richtete sich endgültig wieder auf.
Erst jetzt bemerkte sie, dass Toshiya und Die sich in den letzten Augenblicken nicht gerührt, sondern lediglich jeder ihrer Bewegungen mit Argusaugen verfolgt hatten. Ataru biss sich unsicher auf die Unterlippe und wollte gerade ansetzen, etwas zu sagen, um die nun zumindest für sie unangenehme Stille zu durchbrechen, als Die sich plötzlich kommentarlos umdrehte. Sie konnte nur zusehen, wie er wortlos zwischen den dunklen Felsen im Wasser hindurchwatete und sich schließlich stumm in das heranbrandende kühle Nass fallen ließ.
Mit fragend hochgezogenen Augenbrauen sah Ataru wieder Toshiya an, der jedoch nur gespielt mit den Augen rollte und nach ihrer Hand griff, um ihre Finger miteinander zu verschränken.
„Ignorier ihn, er hat heute einen dramatischen Tag. Was er auf diese wortlose und absolut nicht umständliche Art sagen wollte: Du siehst toll aus.“
„Danke?“ Trotz ihrer anhaltenden Unsicherheit konnte sie sich ein Auflachen nicht verkneifen. Sie warf einen kurzen Blick in Richtung der Wellen, von denen Die sich wie schwerelos, mit geschlossenen Augen tragen ließ.
Vielleicht sollte sie sich ein Beispiel an ihm nehmen.
Obwohl sie Die mittlerweile gut genug kannte, dass ihr seine unsicheren Momente nicht verborgen blieben, erschien ihr seine Grundeinstellung, das Leben einfach so zu nehmen, wie es kam, bewundernswert. Vielleicht würde also alles gut werden. So aufgewühlt sie heute auch sein mochte, sie war okay. Sie hatte schon Schlimmeres gemeistert als ein bisschen Unsicherheit.
Mit einem kleinen Lächeln hob Ataru ihren Rucksack auf und ließ sich von Toshiya, der weiterhin ihre Hand hielt, zu einer Stelle dirigieren, an der sie ihn sicher verstauen konnte, ohne dass die Flut ihn später mit sich reißen würde.
Alles war gut, und auch dieser Tag würde irgendwie gut werden. Sie musste diesen Satz nur so lange wiederholen, bis sie ihn selbst glauben konnte.
Mit einem stillen Seufzen sah sie hinunter auf Toshiyas Hand, spürte wie sicher seine Finger ihre umschlossen.
„Kannst du mich kurz in den Arm nehmen?“
Die Frage hatte ihren Mund verlassen, ehe sie sich bewusst dafür hatte entscheiden können, aber wenn Toshiya von ihrer Bitte überrascht war, ließ er es sich nicht anmerken. Stattdessen schloss er sie wortlos in die Arme, zog sie fest an sich. Ataru schloss die Augen und sog wortlos die Sicherheit, die von ihm ausging, in sich auf.
„Ist wirklich alles in Ordnung?“, wollte Toshiya seinerseits nach einigen Atemzügen wissen.
„Ja.“ Die Silbe verließ Atarus Mund als Seufzen. „Versprochen.“ Ataru hob den Kopf etwas, um ihn ansehen zu können. „Aber danke, dass du dich so um mich sorgst.“
„Wenn du wüsstest.“ Sie konnte das Lächeln, das bei diesen Worten auf seinen Lippen lag, nicht recht deuten, erwiderte es aber, als Toshiya ihr einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze setzte. „Komm, wir sollten Die nicht länger als nötig unbeaufsichtigt lassen, sonst kommt er nur wieder auf Ideen.“
Toshiya trat einen kleinen Schritt zurück, behielt Atarus Hand aber weiter in der eigenen, sodass sie gemeinsam zwischen dem dunklen Gestein hindurch in Richtung Wasser gehen konnten, von wo Die sie aufmerksam beobachtete. Er hatte seine Arme mittlerweile auf einem der Felsen verschränkt und sein Kinn darauf gebettet, während sein langes Haar hinter ihm in beinahe unwirklichen Bewegungen im Wasser trieb. Sein Gesicht wirkte jetzt entspannter und ein feines Lächeln umspielte seine Mundwinkel, während seine Blicke jeder ihrer Bewegungen zu folgen schienen.
Alles in allem machte es den Anschein, als ob tatsächlich alles in Ordnung war – und dennoch würde Ataru das Gefühl nicht los, dass Die heute eine ungewöhnliche Unruhe ausstrahlte, auch wenn sie versuchte, sich zu sagen, dass sie nur ihren eigenen Gemütszustand auf ihn projizierte.
Als sie nach wenigen Metern an der Stelle ankamen, an der die Felsen begannen, steil ins Meer abzufallen, hielt Ataru inne. Erst jetzt löste Toshiya seine Finger aus ihrem Griff und ging die letzten Schritte voran, ehe er ebenfalls stehenblieb. Er drehte sich zu ihr um, strich sich in derselben Bewegung einige Strähnen seines schwarzen Haars aus der Stirn, das jetzt, so es fast trocken war, in leichten Wellen in sein Gesicht fiel. Er schenkte ihr noch ein ermutigendes Lächeln, ehe er Die mit einem langgestreckten Hechtsprung ins Wasser folgte.
„Angeber“, murmelte Ataru leise genug, dass die beiden ihre kleine Beschwerde nicht hören würden.
Von der Sicherheit der Felsen aus betrachtet strahlte das Meer in einem tiefen Türkis, das geradezu nach ihr zu rufen, sie zu sich zu locken schien. Und vielleicht hätte dieses Gefühl ihre angespannten Nerven ein wenig beruhigt, hätten nun nicht zwei dunkle, forschende Augenpaare auf ihr geruht.
„Okay, du schaffst das, Ataru“, sprach sie sich selbst den Mut zu, den sie gerade nicht fühlte. Langsam tastete sie sich weiter nach vorn, immer darauf vertrauend, dass ihre Begleiter sofort bei ihr wären, sollte es ein Problem geben, mit dem sie nicht allein fertig wurde.
Die Felsen waren kühl und rau unter ihren Fußsohlen, gaben ihr aber die nötige Sicherheit für die letzten Schritte, bis sie schließlich an dem Punkt stand, von dem aus Toshiya gesprungen war. Am liebsten hätte sie sich einfach, ähnlich wie Die vorhin, wie ein Stein ins Wasser fallen lassen, aber das Risiko, dass ihr Bikini ihr dabei auf irgendeine Art abhandenkommen könnte, war ihr schlicht zu hoch. Deswegen ließ sie sich stattdessen vorsichtig auf dem steinigen Vorsprung nieder, um sich von dort abstoßen zu können.
Und wie jedes Mal in den letzten Wochen, als sie sich dem Meer anvertraut hatte, ließen die ersten Momente der Schwerelosigkeit ihr Herz in einer Mischung aus Freude und Angst schneller schlagen. Sie sah hinauf in den Himmel, an dem sich nur noch vereinzelte Federwolken befanden und versuchte, sich nur auf ihren Atem und die Kraft in ihren Beinen zu konzentrieren, die sie an der Oberfläche hielt. Solange sie nicht daran dachte, dass unter ihr für viele Meter kein fester Boden war, war alles in Ordnung.
Noch während ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen, näherte sich Die ihr mit fast spielerischer Leichtigkeit, bis er direkt vor ihr innehielt und in einer liebevollen Geste eine Hand an ihre Wange legte.
„Wenn irgendetwas nicht stimmt oder es dir zu anstrengend wird, sag Bescheid, ja?“ Auch jetzt musterte er sie mit einem ungewöhnlich ernsten Blick und seine oft so melodische Stimme hatte einen beinahe beschwörenden Tonfall angenommen.
„Mach’ ich.“ Am liebsten hätte Ataru ihn gefragt, was genau heute so anders war. Ob überhaupt etwas anders war und ob sie sich deswegen Sorgen machen musste, aber sie fand nicht die richtigen Worte dafür. Stattdessen drehte sie ihren Kopf etwas und drückte einen beruhigenden Kuss Dies Handfläche, der ihm ein kleines Lächeln entlockte. Dann flackerte sein Blick zu Toshiya, der ebenfalls ein Stück näher gekommen war, nun eine Hand zärtlich über ihren unteren Rücken streicheln ließ.
„Ich werde voraus schwimmen, folg’ mir einfach und Die bleibt sicherheitshalber hinter dir. Ich versuche, langsam zu machen, okay?“
„Okay.“ Sie beschloss, die Ernsthaftigkeit der beiden, genauso wie ihre eigene Nervosität, vorerst weiter zu ignorieren, zog stattdessen die Nase kraus. „Dann mal los, bevor meine ganze Kraft fürs Auf-der-Stelle-Schwimmen draufgeht.“
„Ganz wie die Dame wünscht.“ Mit einem kleinen Zwinkern drehte Toshiya sich um, tauchte in derselben Bewegung unter, um die ersten kräftigen Schwimmzüge zu tun.
06. Hatsugen
Ataru war nicht sicher gewesen, was sie von der Strecke, die sie gemeinsam zurücklegen würden, zu erwarten hatte. Zwar hatten Die und Toshiya ihr erklärt, dass sie länger unterwegs sein würden und ein Stück tauchen mussten, um ihr Ziel zu erreichen, dennoch hatte sie nur eine vage Vorstellung davon gehabt, wie sie diese Anstrengung verkraften würde. Und zumindest was das anging, fühlte sie einen gewissen Stolz auf sich und die Leistung, zu der ihr Körper trotz ihrer Übermüdung fähig war.
Die ersten langen Minuten waren sie schlicht mit einigem Abstand zu den Felsen an der Küste entlanggeschwommen und Ataru hatte schnell verstanden, warum die kleine Bucht der Ausgangspunkt ihrer Tour hatte sein müssen: Je weiter sie schwammen, desto steiniger wurde das Terrain und desto steiler fiel es ins Meer ab. Statt eines sanften Einstiegs über den Strand hätte es nun nur noch die Möglichkeit gegeben, mit einem waghalsigen Sprung in das Blau des Wassers einzutauchen. Sie verstand, dass Die und Toshiya die Route ihretwillen so gewählt hatten, wie es der Fall war, und der Gedanke hatte einen zarten Schauer über ihren Körper rieseln lassen. Es fühlte sich noch immer ungewohnt an, auf diese Art und Weise in die Pläne anderer eingeschlossen zu werden, und jede Instanz dieser selbstverständlichen Rücksichtnahme ließ ihr Herz schneller schlagen.
Als sie schließlich an dem Punkt angekommen waren, ab dem sie tauchen mussten, schoss ihr Puls aus anderen Gründen noch einmal in die Höhe. Sie sah sich einer gefühlt unendlich hohen, steilen Klippe gegenüber, in deren Wand irgendwo unterhalb des Wasserspiegels der Eingang zu einer Höhle liegen sollte – nichts an dieser Beschreibung löste auch nur annähernd so etwas wie Wohlbefinden in ihr aus. Es brauchte erneute Versicherungen ihrer Freunde, dass es sich nur um wenige Meter handelte, die sie im Dunkeln durchqueren mussten, ehe sie ihren Mut zusammennehmen und ihr Einverständnis dazu geben konnte, Toshiya ins Ungewisse zu folgen.
Voller Anspannung nickte sie lediglich auf die Anweisungen hin, die er ihr noch einmal gab, und ließ dann die Wellen über sich zusammenschlagen, während sie ihr Blut überlaut in ihren Ohren rauschen hören konnte. Mit einem unguten Gefühl in der Magengrube, dem sie versuchte, möglichst keine Beachtung zu schenken, schwamm sie hinter Toshiya her. Immer wieder musste sie sich gedanklich sagen, dass er und Die sie nicht hierher eingeladen hätten, hätten sie ihr den Weg nicht zugetraut. Also würde sie jetzt den Teufel tun und wegen eines Albtraums – so realistisch er auch gewesen sein mochte – jetzt die Nerven verlieren. Vielleicht, weil sie ihren Begleitern vertraute; vielleicht auch einfach, um sich selbst etwas zu beweisen.
Und im Nachhinein fühlte Ataru Erleichterung.
Ja, der Tauchgang war ungewohnt und anstrengend gewesen, allein weil sie im Salzwasser kaum etwas hatte erkennen können und sie nicht viel Übung darin hatte, die Luft anzuhalten. Aber trotz des Brennens in ihren Lungen hatte sie auch dieses Hindernis überwunden. Und entgegen aller Befürchtungen hatte das Meer sie ebenso leicht umfangen wie in ihren Träumen, sodass sie beinahe versucht gewesen war, sich nach dem altbekannten, unerreichbaren goldenen Schimmer umzusehen.
Ihr erster Atemzug, nachdem sie die Wasseroberfläche wieder durchbrochen hatte, war gierig und – von einem befreiten Lachen begleitet – süß in ihren Lungen. Sobald sie sich dann einige Haarsträhnen und das Salzwasser aus dem Gesicht gewischt hatte, erkannte sie, dass sie inmitten eines kleinen Paradieses stand; in einer Lagune, die in ihrer Perfektion fast wie aus einer anderen Welt wirkte.
Sie drehte sich zu Toshiya und Die um, um ihre Freude über den geglückten Tauchgang und vor allem die gelungene Überraschung mit ihnen zu teilen, nur um in der nächsten Sekunde wie erstarrt innezuhalten. Sie wusste nicht, was es war, aber sobald sie die beiden ansah, schien die Atmosphäre um sie herum drückend zu werden und Anspannung mit einem Mal zum Schneiden dick in der Luft zu liegen.
Unwillkürlich ballte Ataru die Hände zu Fäusten, als sie sich wieder dem Land zuwandte und mit steifen Schritten das Wasser verließ, während sie versuchte, das Schlagen ihres Herzens in einen ruhigen Rhythmus zu zwingen. Sie hatte kaum noch einen Blick für den puderweißen Strand oder den leuchtend blauen Himmel übrig, der sich darüber spannte. Stattdessen musste Ataru sich darauf konzentrieren, mit zusammengepressten Lippen ihre Atmung weiter unter Kontrolle zu behalten. An jedem anderen Tag hätte sie problemlos und mit Freuden die gleiche Geduld aufgebracht, die Die und Toshiya immer mit ihr hatten, aber jetzt gerade wusste sie nicht, woher sie die Kraft dafür nehmen sollte. Sie wusste nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Allein die Körpersprache ihrer Freunde zeigte ihr spätestens jetzt eindrücklich, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, auch wenn sie ihr vorhin noch versichert hatten, dass sie sich keine Sorgen machen musste.
Ataru ging stockend weiter, bis sie trockenen Sand unter ihren Fußsohlen spüren konnte, blieb dann aber abrupt stehen und drehte sich wieder zu den beiden Männern um, die langsam hinter ihr liefen. Sie konnte spüren, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper zum Zerreißen anspannte, aber was sie sah, half ihr ausnahmsweise nicht im Geringsten dabei, ruhiger zu werden. Ganz im Gegenteil, das Bild, das die beiden boten, war beinahe bemitleidenswert. Als würden sie instinktiv Schutz in der Nähe des jeweils anderen suchen, während sie es tunlichst vermieden, Ataru in die Augen zu sehen.
„Was ist eigentlich los?“, platzte es schärfer aus ihr heraus, als sie beabsichtigt hatte. Alles an dieser Situation – ein fremder, von der Umwelt abgeschotteter Ort, an dem sie niemand finden würde, das seltsame Verhalten ihrer Freunde – verunsicherte sie und sie wünschte sich gerade nichts mehr als die Erklärung, die sie ihr versprochen hatten.
Stattdessen war die einzige Antwort, die sie vorerst bekam, nichts als Schweigen. Dann ein tiefes Seufzen und ein Kopfschütteln von Die, der schließlich am Saum des Wassers zurückblieb, während Toshiya weiter auf sie zuging und offensichtlich nach den richtigen Worten suchte.
„Wir haben dir doch gesagt, dass wir dir etwas erzählen wollen, aber es … ist nicht so einfach.“
„Das verstehe ich ja.“ Sie musste sich beherrschen, um sich nicht mit beiden Händen durch die Haare zu fahren oder ihren aus Unsicherheit geborenen Unmut noch mehr überhandnehmen zu lassen. „Ich habe nur gerade das Gefühl, dass ihr gar nicht hier sein wollt, zumindest nicht in dieser Situation oder mit mir und ganz ehrlich … es fällt mir wirklich schwer, das nachzuvollziehen. Ich habe euch eines der schwersten Dinge anvertraut, die ich so mit mir herumtrage, und das ohne großartig etwas über euch zu wissen. Einfach, weil ich ehrlich sein wollte. Wieso ist es so schwer für euch, mir einfach auch ein bisschen Vertrauen entgegenzubringen? Noch dazu, nachdem wir gemeinsam auf diesen Tag heute hingearbeitet haben!“ Nachdem sie so hart an ihren Ängsten bezüglich des Meeres gearbeitet hatte, nur um hier bei ihnen sein zu können.
Ataru war sich bewusst, dass sie nicht mehr nur angespannt klang, sondern sich mit jedem Wort mehr Frustration und Wut in ihre Stimme schlichen, aber sie fühlte sich außerstande, etwas dagegen zu tun. Je mehr Zeit sie mit dieser nagenden Ungewissheit verbrachte, desto mehr hatte sie das Gefühl, sich verzweifelt an etwas zu klammern, das ihr unaufhaltsam durch die Hände zu rinnen schien.
„Ataru, bitte.“ Nun war es doch Die, der anscheinend seine Fähigkeit zu sprechen wiedergefunden hatte, auch wenn er noch immer nicht zu ihnen aufgeschlossen war, sondern ein paar Meter entfernt mit einem Fuß im Sand scharrte. Selbst als er weitersprach, sah er sie, halb dem Wasser zugewandt, nur aus den Augenwinkeln an. „Es liegt doch nicht daran, dass wir dir nicht vertrauen.“
„Woran liegt es dann, Die? Sag es mir! Je länger sich das hier hinzieht, desto mehr sehe ich doch, dass–“ Obwohl sie den Älteren eben unterbrochen hatte, schnitt sie sich jetzt selbst das Wort ab.
Unwillkürlich wanderte eine Hand zu ihrem Magen, als ihre rasenden Gedanken ihr mit einem Mal eine neue Möglichkeit dafür offenbarten, warum die beiden ausgerechnet hier mit ihr hatten sprechen wollen. Die Erkenntnis schickte eisige Kälte durch ihre Adern, und die bisher angenehme Sommerbrise ließ sie zittern. Am liebsten den Kopf über sich selbst geschüttelt. Natürlich.
Wie hatte sie so dumm sein können?
Die Wahrheit lag mit einem Mal so klar und deutlich vor ihr, dass sie sich dafür beinahe schämte, nicht eher darauf gekommen zu sein. Ein nur allzu bekannter Selbsthass breitete sich kalt und überwältigend in ihr aus, sodass sie Toshiyas erklärende Worte erst mit einiger Verzögerung wirklich wahrnehmen konnte.
„Es liegt daran, dass wir eigentlich nicht darüber reden dürfen.“
„Bitte was?“ Sie musste sich dazu zwingen, nicht aus Reflex vor ihm zurückzuweichen, als er einen Schritt in ihre Richtung machte, und das Einzige, was sie innehalten ließ, war sein offensichtliches Unbehagen. Denn nun war es Toshiya, der sich in einer Geste, die fast schon verzweifelt wirken wollte, mit einer Hand durchs Gesicht fuhr.
„Es ist uns verboten, darüber zu reden.“
Noch immer ungläubig verschränkte Ataru die Arme, hoffte, dass weder Toshiya noch Die so ihr Zittern sehen konnten, und wartete schweigend darauf, dass er fortfuhr. Als dies nicht zu passieren schien, stieß sie ein harsches „Warum?“ aus, blieb ansonsten aber zumindest äußerlich vollkommen unbewegt.
„Weil … Verdammt, das klingt alles so vollkommen bescheuert, wenn man es so ausspricht.“ Alles an Toshiyas Gestik erweckte den Eindruck, als würde er im nächsten Moment aus der Situation fliehen wollen, aber sie konnte ihm nicht den Gefallen tun, ihn zu beruhigen. Nicht gerade jetzt, wo in ihrem Kopf und ihrem Herzen Panik herrschte. Nicht jetzt, wenn ohnehin gleich das passieren würde, was sie befürchtet hatte, seit sie die beiden kannte; von dem sie gewusst hatte, dass es nur eine Frage der Zeit war. Deswegen kniff Ataru lediglich die Lippen zusammen und sah ihn an, bis er endlich fortfuhr, während sich ihre Nägel mit jedem Atemzug fester in ihre Oberarme gruben.
„Wir dürfen nicht darüber reden, wer wir sind … weil wir keine Menschen sind.“
Die Worte hingen ausgesprochen in der Luft zwischen ihnen, und Ataru konnte nicht anders, als sprachlos zwischen Toshiya und Die hin- und herzusehen, während sie damit kämpfte, ein beinahe hysterisches Lachen zu unterdrücken. Sie wartete darauf, dass einer von ihnen einen blöden Witz machen oder wenigstens überhaupt etwas sagen würde. Aber die beiden Männer musterten sie genauso abwartend, wie sie es umgekehrt tat. Am Ende sprach sie die einzigen Worte aus, die ihr gerade klar und deutlich durch den Kopf gingen:
„Wollt ihr mich eigentlich verarschen?“
„Was? Nein? Wie kommst du darauf?“
Ein trockenes Lachen voller Zynismus bahnte sich nun den Weg zwischen ihren Lippen hervor.
„Glaubt ihr denn wirklich, dass ich euch das abnehme?“
„Ataru, ich weiß selbst, wie das für dich klingen muss, aber lass es uns doch erklären, bitte.“
„Wenn ihr mich loswerden wollt, dann sagt es doch einfach, statt euch so einen Scheiß auszudenken!“ Ohne dass sie es hätte verhindern können, ließ ein Schluchzen Atarus Stimme beben. Ihre Augen brannten und am liebsten hätte sie den wenigen Abstand zu Toshiya überbrückt, nur um ihn mit aller Kraft und Wut, die sie gerade in sich fühlte, von sich stoßen zu können. Sie hasste es, dass sie so schwach und verletzlich war. Dass sie bisher so dumm gewesen war; dass sie den beiden vertraut hatte. „Vermutlich geschieht es mir recht, aber wieso denn diese ganze Scharade? Dachtet ihr, dass ich euch eine Szene mache, wenn ihr sagt, dass ihr keinen Bock mehr auf mich habt? Habt ihr befürchtet, dass jemand mitbekommen könnte, dass wir Zeit miteinander verbracht haben? Habt ihr mich deswegen hierher gebracht? Damit niemand etwas davon erfährt und ihr euch guten Gewissens aus dem Staub machen könnt?“
Mit jedem Wort, das sie von sich gegeben hatte, wirkte Toshiya ein wenig fassungsloser, bis er bleich und einer Statue gleich vor ihr stand. Ganz, als könnte er nicht glauben, was sie da sagte und als würde er noch weniger wissen, was er darauf erwidern sollte. Ataru sah den Schmerz in seinen Augen, auch wenn sie ihn nicht verstand. Sie hatte ihren Plan durchschaut – aber welche Rolle sollte das noch spielen? Ihr Ziel hatten sie schließlich so oder so erreicht. Sie atmete zitternd durch, wollte gerade weiterreden, als Dies Stimme ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Ataru.“ Im Gegensatz zu seiner Anspannung vorhin klang er jetzt so ruhig, fast schon vorsichtig, als würde er mit einem in die Ecke gedrängten Tier sprechen, dass es sie noch wütender gemacht hätte, hätte sie die Kraft dafür gehabt.
„Was?“ Die Silbe verließ beißend ihren Mund, ohne dass sie ihren Blick von Toshiya löste.
„Ataru, schau mich bitte einfach an.“ Obwohl sie diesem Wunsch eigentlich nicht nachkommen wollte, weil sie schlicht nicht noch mehr Lügen hören wollte, war da etwas in Dies Stimme, dass sie geradezu dazu drängte. Es lockte sie, wie eine Melodie, die in so wenigen Worten eigentlich nicht vorhanden sein sollte, flehte sie förmlich an, seinem Wunsch nachzugeben.
Ihr erneutes „Was?“ blieb ihr im Hals stecken, als sie sich ihm tatsächlich zuwandte. Die stand nicht mehr, wie noch vor wenigen Augenblicken, etwas unbeholfen ein paar Meter von ihnen entfernt am Strand. Nein, er saß vollkommen ruhig in der seichten Brandung. Ganz so als würde er einfach die Sonne genießen, die sein langes, wie Karamell glänzendes Haar langsam trocknete und die Schuppen des eleganten Fischschwanzes, der die sonnengebräunte Haut seines Oberkörpers ablöste, wie polierte Bronze glänzen ließ.
Das Einzige, was Atarus Lippen nun doch noch verließ, war ein ersticktes Einatmen, und für einen Moment befürchtete sie, dass ihre Beine unter ihr nachgeben würden. Aber auch nach mehrmaligem Zwinkern änderte sich nichts an dem Bild, das sich ihr bot. Obwohl die Umstände so vollkommen anders waren als in ihrer wiederentdeckten Erinnerung, war es, als würde sie die Begegnung mit Shiori erneut erleben. Nur, dass sie jetzt gerade noch fassungsloser war als damals, obwohl es vielleicht genau umgekehrt hätte sein sollen.
Langsam und immer noch zitternd ging sie auf Die zu, der ihren Blick lediglich mit einem Lächeln erwiderte und schließlich eine Hand nach ihr ausstreckte. Sie blieb stehen, ohne sie zu ergreifen, weiterhin vollauf damit beschäftigt zu versuchen zu verstehen, was hier eigentlich gerade passierte.
„Verstehst du jetzt, warum wir hier in Ruhe mit dir reden wollten?“, fragte Die schließlich; schickte mit den wenigen Worten einen sachten Schauer über Atarus Körper. Sie konnte zur Antwort nur nicken, während ihre Augen den kleinen Mustern und Reflexionen folgten, die die glänzenden Fischschuppen auf Dies Oberkörper und den Sand um ihn herum warfen.
„Tut … mir leid, dass ich gerade so ausgetickt bin“, brachte sie schließlich heiser stammelnd hervor, weil dies der einzige Gedanke war, den sie zu Worten formen konnte. Sonst herrschte vollkommene Leere in ihrem Kopf.
Einmal mehr brannten in ihren Augen Tränen, die sie nicht vergießen wollte. Und als Die seine Arme für sie öffnete, konnte sie nicht anders, als diese Einladung anzunehmen und zuzulassen, dass er sie an sich zog. Sie ließ sich auf die Knie fallen, hätte sich am liebsten für die nächste Zeit stumm in dieser Umarmung verkrochen, um sich an seiner Schulter auszuweinen, bis sie ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden hatte.
Dies Haut war angenehm kühl an ihrem erhitzten Gesicht und an der Seite ihres Beines konnte sie die bronzenen Schuppen fühlen, die gleichzeitig glatt und seltsam robust wirkten. Ganz so, als wären sie wesentlich stabiler, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Ataru atmete tief ein, genoss für einen weiteren Augenblick diese beruhigende Nähe, die Die ihr gab, hätte am liebsten weiterhin darin verharrt, zwang sich aber schließlich, sich wieder aufzurichten. Mit zitternden Händen wischte sie sich die übergequollenen Tränen von den Wangen und sah in Richtung Land.
Toshiya stand noch immer einige Schritte von ihnen entfernt. Die Anspannung in seinem Körper war ebenso deutlich erkennbar wie der Schmerz in seinen dunklen Augen, während er sie betrachtete. Schuldbewusst biss Ataru sich auf die Lippen, ehe sie mühsam auf die Beine kam, um zu versuchen, den Abstand, der sich wie eine Kluft zwischen ihnen aufgetan hatte, zu überwinden.
„Es tut mir wirklich leid“, wiederholte sie ihre Worte etwas lauter, sodass auch er sie hören konnte. „Ich … es ist … Ich hab’ heute keinen besonders guten Tag. Emotional betrachtet.“ Während sie sprach, ging sie langsam auf ihn zu, unsicher, wie sie Toshiya die Gedanken verständlich machen sollte, die sie übermannt hatten. „Ich weiß, dass das keine Entschuldigung ist. Aber es war alles … ein bisschen zu viel. Ich hab’ einfach nicht verstanden, was los ist, und angefangen an allem zu zweifeln und dachte, dass ihr mich vielleicht doch nicht mehr wollt und–“ Sie hielt inne, als Toshiyas Hände ihre eigenen vorsichtig umschlossen und sacht zudrückten. Sie hob den Kopf, um ihn ansehen zu können. „Ich wollte dich nicht verletzen. Bitte verzeih mir.“
Ein leises Seufzen verließ Toshiyas Lippen. Er schüttelte langsam den Kopf und auch wenn seine Augen weiterhin ernst wirkten, zog er sie liebevoll noch etwas näher zu sich, bis auch er sie in seine Arme schließen konnte.
„Wir würden dich niemals einfach wegschicken, Ataru“, sagte er dann leise, aber so bestimmt, als wollte er allein mit diesem Satz sämtliche Zweifel und Selbstzweifel aus ihren Gedanken verbannen. „Der einzige Grund, warum wir das hier tun, ist, damit wir dazu nie gezwungen sind.“
„… Okay.“
Auch jetzt hätte sie gern mehr gesagt. Nur zu gern hätte sie erklärt, wie sehr das alles hier und ihr Leben im Allgemeinen sie momentan überforderten, weil sie nie damit gerechnet hatte, dass dieser Sommer so anders werden würde, als sie erwartet hatte. Und dass, egal, wie glücklich sie darüber war, dass ihr Leben gerade besser wurde, als sie sich je erhofft hatte, die Angst, alles durch eine falsche Regung wieder zu verlieren, mindestens genauso viel Raum in ihr einnahm. Einfach, weil sie eben sie selbst war und ein solches Glück allein deshalb keinen Platz in ihrem Leben haben konnte.
Der Traum der letzten Nacht, gepaart mit der Erinnerung und dem Schmerz über die Ablehnung ihrer Eltern, hatte ihre Unsicherheit nur noch vervielfacht und so allein den Gedanken, Die und Toshiya verlieren zu können, zu einem wahren Schreckgespenst gemacht.
Selbst jetzt fühlte sich ihr Brustkorb wie zugeschnürt an, sodass Ataru sich kaum traute, tiefer zu atmen, aus Angst, auch damit irgendetwas zu ruinieren.
Und jetzt, nach dieser unfassbaren Offenbarung, wusste sie noch weniger, wie das zwischen ihnen überhaupt funktionieren sollte, als es bisher schon der Fall gewesen war. Aber wenn sie eines mit Sicherheit sagen konnte, dann dass sie hier und jetzt bei ihnen sein wollte.
Vorsichtig löste sie sich aus der Sicherheit der Umarmung, um mit einem zaghaften Lächeln zu Toshiya nach oben zu blinzeln.
„Zeigst du mir, wie du im Meer aussiehst?“
Für einen kurzen Moment wirkte er unschlüssig, dann aber schlich sich auch auf Toshiyas Lippen ein kleines Lächeln. Fast als würde er sich über etwas amüsieren, wovon sie nichts wusste.
„Komm mit“, war alles, was er schließlich sagte. Er griff erneut nach Atarus Hand und ging gemeinsam mit ihr zum Wasser, wo Die sich, ohne sie aus den Augen zu lassen, geradezu in der Sonne aalte. Von seiner bisherigen Anspannung war nichts mehr zu sehen – ganz im Gegenteil, er wirkte, als hätten sich sämtliche Probleme in seinem Leben soeben in Luft aufgelöst, sodass einem entspannten Nachmittag zumindest aus seiner Sicht nichts mehr im Wege stand.
Er reckte sich Toshiya entgegen, als dieser sich zu ihm beugte, um ihm einen flüchtigen Kuss zu geben, und bedeutete dann Ataru sich wieder zu ihm zu setzen, die noch Toshiya hinterhersah, als dieser wortlos weiter ins Meer ging.
„Ich wollte ihm das wirklich nicht alles so an den Kopf werfen …“, sagte Ataru leise, während sie sich neben ihm niederließ. Sie zuckte leicht zusammen, als sie unvermittelt Dies Hände spürte, die vorsichtig durch ihr nasses Haar kämmten, versuchte aber, sich unter den sanften Berührungen zu entspannen.
„Er ist nicht nachtragend, mach dir keine Sorgen.“
„Trotzdem. Ich hätte das alles so nicht sagen sollen. Ich hätte nachdenken sollen, bevor ich so … aus dem Ruder laufe.“
„Er hat einfach nicht damit gerechnet, dass du so reagierst. Ich glaube, das macht ihm viel mehr zu schaffen als das, was du gesagt hast. Es passiert nur sehr selten, dass ihn etwas derart unvorbereitet trifft.“ Einen Herzschlag lang spürte sie Dies Lippen auf ihrer Schulter, bevor er sein Kinn darauf stützte. „Wir haben uns heute alle nicht gerade von unserer besten Seite gezeigt, würde ich sagen. Mich selbst eingeschlossen.“
Vielleicht hätte Die noch mehr gesagt, aber in diesem Moment tauchte Toshiya, der bisher in den seichten Wellen verschwunden war, wieder auf und schwamm mit wenigen fließenden Bewegungen zu ihnen. Für die letzten Meter nahm er seine Arme zu Hilfe und fand so seinen Platz auf Atarus anderer Seite. Sie hatte gedacht, dass sie allein durch Dies Anwesenheit auf den Anblick, den er bot, vorbereitet wäre, aber dennoch verschlug es ihr für einen Moment die Sprache. Auch die Schuppen, die Toshiyas untere Körperhälfte bedeckten, glänzten golden in der Sonne, aber wo sie bei Die warme, bronzene Untertöne hatten, konnte sie nun immer wieder violett-blaue Reflexe entdecken. Fast ohne ihr Zutun streckte sie eine Hand aus und ließ ihre Fingerspitzen ehrfürchtig darüber streichen, bevor seine mit Schwimmhäuten besetzten Finger ihre Hand einmal mehr einfingen.
„Bekommt ihr Ärger, weil ich jetzt von euch weiß?“, wollte sie besorgt wissen, sah kurz zwischen den beiden hin und her. „Ich werde niemandem etwas sagen, versprochen.“ Schließlich wusste sie nicht, wie sich das bei Nixen – und oh Gott, die beiden waren tatsächlich Nixen, wer würde ihr das bitte überhaupt glauben, wenn sie es selbst nicht fassen konnte? – so verhielt oder ob sie überhaupt mit anderen ihrer Art zusammenlebten.
Auch jetzt verließ ein leises Seufzen Toshiyas Lippen, wurde aber von einem schiefen Lächeln abgewiegelt, das es nicht so wirken ließ, als würde er sich wirklich Sorgen machen. Stattdessen streckte er sich kurz, bevor er sie unter Dies aufmerksamen Blicken an sich zog.
„Wir werden sehen, aber mach dir darüber fürs Erste keine Gedanken.“ Er drückte einen kurzen Kuss auf Atarus Scheitel und sie konnte fühlen, wie er einmal tief durchatmete. „Lass uns heute einfach an nichts weiter denken, okay?“
Ataru nickte, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachdenken zu müssen. Wenn man sie fragte, klang ‚nicht nachdenken‘ in Anbetracht der letzten zwölf Stunden nach einer ganz großartigen Idee. Sie sah Die dabei zu, wie er näher zu ihnen rückte, und musste lächeln, als er schließlich seinen Kopf auf ihren Bauch bettete.
Wie von allein fanden nun ihre Finger den Weg in sein langes Haar, während sie die Augen schloss, um dem trägen Schwappen der Wellen zu lauschen. Wenn es nach ihr ging, konnten sie bis auf Weiteres einfach hier bleiben und ihre gemeinsame Stille genießen.
Kazoku
[style type="bold"][align type="center"]06. Najimi[/align][/style]
Wenn Sie ehrlich war, waren ihr die letzten beiden Tage ein bisschen wie ein Traum vorgekommen. Keiner wie der, der sie überhaupt erst so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, sondern eher wie diese seltene Art von Traum, aus denen man entspannt und mit einem Lächeln aufwacht. Obwohl sie aus diesem hier ganz bestimmt nicht aufwachen [style type="italic"]wollte[/style], wenn sie so darüber nachdachte. Also war es vielleicht eher wie ein Märchen, schließlich hatten ihre Freunde sich als waschechte Fabelwesen entpuppt. Und jedes Mal, wenn sie sich diesen Gedanken so klar durch den Kopf gehen ließ, musste Ataru sich dazu zwingen, nicht leise verzückt vor sich hin zu kichern.
Es war einfach absurd.
Und genauso wahr, wer hätte das gedacht?
Auch wenn Die natürlich recht hatte – das Timing dieser im wahrsten Sinne des Wortes fantastischen Offenbarung war definitiv nicht das beste gewesen. Rückblickend hätte sie ihnen aber vermutlich selbst dann nicht ohne Weiteres geglaubt, wenn sie einen besseren Tag gehabt hätte. Jetzt im Nachhinein war es zwar geradezu offensichtlich, aber wer zog bitte in Betracht, dass es tatsächlich Wesen gab, die man sonst nur aus Erzählungen kannte. Oder dass diese in Wahrheit noch viel atemberaubender waren, als man vermuten würde.
Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen streckte Ataru sich, nahm zufrieden das Knacken ihrer Wirbelsäule wahr und ließ sich entspannt wieder in die Sofakissen sinken. Den Fernseher, in dem gerade die Nachrichten liefen, registrierte sie nur am Rande ihrer Wahrnehmung, auch wenn ihr Großvater die Berichterstattung interessiert zu verfolgen schien. Sie selbst hing stattdessen lieber weiter den Gedanken an Die und Toshiya nach.
Jetzt wo sie wusste, warum die beiden so geheimniskrämerisch gewesen waren, hatte sie definitiv kein schlechtes Gewissen mehr dabei, ihnen einen großen Teil ihrer Aufmerksamkeit zu widmen. Das Wetter heute war zwar weit weniger schön als vorgestern und die ersten Stürme des Sommers würden die Küsten sehr bald erreichen, aber dennoch hatte Ataru noch immer das Gefühl, die warme Sonne und den weichen Sand der Lagune auf ihrer Haut zu spüren, vermischt mit den kühlen Schuppen ihrer Begleiter unter ihren Fingerspitzen.
Sie wünschte sich beinahe, dass sie irgendeine Art von Zeichentalent hätte, nur damit sie die beiden einmal auf eine Leinwand bannen könnte. Dass sie lieber keine Fotos davon machen sollte, wie sie wirklich aussahen, verstand sich von selbst, aber der Anblick, den sie boten, müsste eigentlich für die Nachwelt festgehalten werden. Sogar jetzt fehlten ihr die Worte, die den beiden Nixen gerecht werden könnten. Weder für ihre Erscheinung, noch für die Art, wie sie sich im Wasser bewegten, konnte sie in ihren Gedanken die richtigen Begrifflichkeiten finden. Abgesehen von „wunderschön“, „elegant“, „kraftvoll“ und „schlichtweg atemberaubend“ fiel ihr nichts ein, was ihnen auch nur ansatzweise gerecht werden konnte. Davon abgesehen war sie vor allem froh, dass sich mit ihrer Optik nicht auch der Charakter der beiden verändert hatte, sondern sie so oder so ganz unbefangen miteinander und mit ihr herumgealbert hatten.
Zumindest, nachdem sich die Wogen zwischen ihnen allen wieder restlos geglättet hatten, was zu ihrer tiefen Erleichterung nicht lange gedauert hatte. Zwar war Toshiya, auch nachdem er sich ihr gezeigt hatte, zunächst noch eine Zeit lang ein ganzes Stück zurückhaltender als sonst gewesen, aber wie Die es vorausgesagt hatte, war er nicht nachtragend. Und das erleichterte sie mehr als alles andere. Es wäre schließlich einfach nur eine grausame Wendung des Schicksals gewesen, hätten die beiden sich ihr offenbart und sie selbst die Beziehung zu ihnen keine zehn Minuten später in den Sand gesetzt.
Obwohl sie die Blicke ihres Großvaters auf sich spüren konnte, konnte sie sich ein kleines, glückliches Lächeln nicht verkneifen. Sie hatte tatsächlich so etwas wie eine Beziehung – selbst wenn diese noch immer nicht ganz definiert war und sie immer noch nicht wirklich wusste, wie sie sich entwickeln würde. Ataru hatte auch keine Ahnung, was es über sie aussagen mochte, dass ihr die nicht menschliche Seite der beiden nicht nur nichts ausmachte, sondern sie sie in ihrer wahren Form mindestens genauso attraktiv fand, wie als Menschen. Aber zumindest für den Moment war ihr das ehrlicherweise herzlich egal. Sie wollte einfach mit ihren Freunden zusammen sein, alles andere waren Details, über die sie später nachdenken konnte.
„Ataru?“
„Mh?“, sie schreckte auf, als ihr Großvater sie zum anscheinend wiederholten Male ansprach und sah ihn mit großen Augen an. „Entschuldige, hast du was gesagt?“
Der alte Mann schüttelte mit einem gutmütigen Grinsen den Kopf, verkniff sich nur halb sein Amüsement.
„Ich wollte eigentlich wissen, warum dich die Sturmwarnung im Wetterbericht so glücklich macht, aber offensichtlich warst du in Gedanken weiter weg.“
„Sorry“, lachte sie und zog rasch ihre Beine an, als er spielerisch nach ihren Füßen haschte, setzte sich dann ein wenig auf. „Geht ihr trotzdem?“
Zur Antwort wiegte er zunächst nur leicht den Kopf hin und her, zuckte dann lächelnd mit den Schultern.
„So lange nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten der Evakuierungs-Alarm losgeht. Du weißt doch, nichts geht deiner Oma über ihre Wochenendplanung.“
„Na dann hoffen wir mal, dass es heute Nacht nicht zu schlimm wird …“ Ataru warf noch einen Blick auf den Fernseher, wo gerade zum wiederholten Male eine Wetterkarte eingeblendet wurde. „Wenn wir Glück haben, wird es nicht viel schlimmer als im Moment“, fuhr sie dann fort, bevor sie mit einem mahnenden Zeigefinger auf ihren Großvater zeigte. „Aber wehe, ihr seid nicht vorsichtig. Ich will keine Anrufe, dass ihr mitten in der Nacht aus der Notaufnahme abgeholt werden müsst“, meinte sie dann in Anspielung auf einen Vorfall vor ein paar Jahren. Damals hatte ein Abend mit Freunden ihrer Großeltern sein Ende in einem verstauchten Fuß seitens des Älteren gefunden.
„Keine Angst. Wir haben schon besprochen, dass wir einfach dort übernachten, wenn das Wetter zu schlimm wird.“
Bevor sie noch etwas erwidern konnte, betrat ihre Großmutter, die sich im Bad zurechtgemacht hatte, den Raum. Ataru streckte in einer auffordernden Geste eine Hand nach ihr aus und wartete kurz, bis sie bei ihr war.
„Lässt du mich so gehen?“, wollte sie von ihrer Enkelin mit einem fast spitzbübischen Lächeln wissen.
„Du bist bezaubernd wie immer und das weißt du definitiv auch selbst.“
„Trotzdem ist es immer wieder schön, das auch mal von jemand anderem zu hören.“ Sie warf ihrem Mann ein aufforderndes Lächeln zu, während sie Ataru kurz über den Kopf tätschelte. „Können wir dann? Ich glaube, der Regen hat gerade etwas nachgelassen.“
Mit einem gespielt theatralischen Schnauben erhob sich Atarus Großvater und zwinkerte ihr kurz zu, als sähe er die Haltung seiner Frau bezüglich der Abendplanung gerade noch einmal bestätigt.
„Und es macht dir wirklich nichts aus, jetzt allein zu sein?“, wollte ihre Großmutter zum wiederholten Male an diesem Tag wissen, zupfe jetzt sacht an dem wirren Dutt herum, in dem Ataru ihre Haare trug.
„Alles gut, wirklich. Macht ihr euch einen schönen Abend bei den Takahashis, ich roll mich auf dem Sofa ein und schau nen Film oder so.“
„Okay. Aber wenn etwas ist, ruf an.“
„Oma.“
„Ich meine ja nur.“
„Wenn der Strom ausfällt oder der Sturm irgendwas kaputtmacht, kannst du auch nichts ausrichten, ob ich dich nun anrufe oder nicht. Und es wird schon kein Axtmörder kommen, um mich zu Kleinholz zu verarbeiten.“
Ungewollt musste ihre Großmutter lachen.
„Du nun wieder.“ Sie warf einen kurzen Blick in Richtung Wanduhr. „Also gut. Dann verschwinden wir jetzt, genieß deine Ruhe vor uns.“
„Werde ich.“
Ataru sah ihr hinterher, lauschte der Unterhaltung ihrer Großeltern darüber, welcher Schirm dem aktuellen Wetter wohl am ehesten standhalten würde und seufzte schließlich leise in die aufkommende Stille, nachdem die Tür hinter den beiden zugeschlagen war.
Mit einer Hand angelte sie nach der Fernbedienung, um den Fernseher entgegen ihrer eben geäußerten Pläne auszuschalten und ließ sich dann wieder in die Couchkissen sinken.
Der Regen prasselte schon jetzt geräuschvoll aufs Dach und gegen die Fenster und der Wind heulte regelrecht vom Meer aus an die Küste. Ataru liebte diese Geräuschkulisse, hatte sie, so lange sie denken konnte, als beruhigend empfunden, selbst wenn sie nun die Erinnerung an ihren Traum wieder wach werden ließ. Irgendwie verstand sie immer noch nicht, wie sie die Begegnung mit Shiori einfach vollkommen hatte vergessen oder verdrängen können. Vielleicht war das aber auch eines dieser Dinge gewesen, über die sie sich nie zu reden getraut hatte, aus Angst ihre Eltern würden sie dann nur noch mehr ablehnen. Jetzt jedoch sah sie das Gesicht der Nixe wieder so klar vor sich, als wäre ihr Treffen erst vor Kurzem gewesen, hörte ihre helle Stimme als hätten sie sich eben erst unterhalten. Und mit ihrem gedanklichen Bild vor Augen konnte sie deutliche Parallelen zu Die und Toshiya ziehen.
Ein unerwartetes Donnergrollen ließ Ataru zusammenzucken und lenkte ihre Aufmerksamkeit in eine ganz andere Richtung: Waren die beiden jetzt da draußen im Meer?
Sie konnte sich kaum vorstellen, dass sie gegen den Sturm und die Wellen anschwimmen konnten, erst recht nicht an den Küsten, wo immer wieder Felsen aus dem Wasser hervorragten, die schon mehr als ein Fischerboot auf dem Gewissen hatten. Mit einem unwohlen Gefühl im Bauch sah sie durch das Wohnzimmerfenster nach draußen.
Hoffentlich hatten die beiden einen Ort, an dem sie vor den Elementen geschützt waren. Es musste einen geben, es [style type="italic"]musste[/style] einfach, egal ob in den tieferen Regionen des Meeres oder irgendwo sonst. Nicht nur, weil Stürme hier keine Seltenheit waren und sie anscheinend bisher alle gut überstanden hatten. Sondern auch, weil sie ansonsten die ganze Nacht vor Sorge kein Auge zubekommen würde. Und davon hätte schließlich niemand etwas.
„Erst mal was Essen …“, unterbrach sie deswegen ihre eigenen Gedanken, bevor diese noch mehr aus den Fugen gerieten, und zwang sich dazu aufzustehen. Wenn sie sich aufs Kochen konzentrierte, lenkte sie das vielleicht zumindest ein bisschen ab. Und danach konnte sie sich eigentlich ein gemütliches Bad gönnen, so lange sie noch Strom und damit heißes Wasser hatte.
~*~
Tatsächlich hatte eine halbe Stunde Herumdümpeln in der Badewanne den gewünschten Effekt gehabt und ihre innere Unruhe zumindest zu einem großen Teil besänftigen können, während der Sturm draußen unvermindert weiterhin tobte. Wie es aussah, würden sie zwar Glück haben und von den schlimmsten Ausläufern des Taifuns verschont bleiben, aber Ataru war trotzdem einfach nur froh, das Haus heute nicht mehr verlassen zu müssen. Stattdessen hatte sie sich irgendwann in ihr Zimmer zurückgezogen und es sich dort gemütlich gemacht. Der Raum wurde nur schwach von ihrer kleinen Schreibtischlampe und ein paar Windlichtern erhellt, während sie mit ihrem Laptop auf dem Schoß auf ihrem Bett saß und durch die Fotos scrollte, die eine Bekannte von ihr von ihrem Urlaub in Amerika gepostet hatte.
Sie hatten sich vor einigen Jahren in einer Klinik kennengelernt, beide schwer nervös und hoffend, dass sie als Patientinnen angenommen werden würden. Eine Erfahrung, die sie zusammengeschweißt hatte, auch wenn sie sich heute nicht mehr oft sahen.
Ataru war gerade dabei einen Kommentar zu den Bildern zu verfassen, als ein heftiges Krachen sie zusammenfahren ließ. Einen Moment lang verharrte sie atemlos, stellte dann den Laptop beiseite, um sich aufzurappeln. Das Geräusch war definitiv vom vorderen Teil des Hauses gekommen. Und so, wie es geklungen hatte, hatte sie die Vermutung, dass die Terrakottakübel, in denen ihre Großmutter vor Jahren Hortensien angepflanzt hatte, etwas abbekommen hatten.
Vorsichtig ging sie im Dunkeln durch das Haus, machte erst im Flur das Licht an, um den Schaden im Zweifelsfall näher begutachten zu können, und öffnete die Haustür. Die Wucht des Windes ließ sie beinahe einen Schritt zurückstolpern, bevor sie ihr Gleichgewicht wiederfand. Mit einer Hand hielt sie die Tür offen, lehnte sich dann nach draußen und fand genau das Bild, das sie befürchtet hatte: Einer der großen Töpfe war anscheinend von einem herumfliegenden Gegenstand getroffen worden und in mehrere scharfkantige Teile zersplittert. Das würde ihre Großmutter so gar nicht freuen.
Mit einem Seufzen ging Ataru in die Knie. Immer darauf bedacht, das Türblatt noch fest im Griff zu haben, versuchte sie mit ihrer freien Hand zumindest einen Großteil der Scherben so beiseitezuschieben, dass man zur Haustür gelangen konnte, ohne Gefahr zu laufen, sich zu verletzen. Jetzt Zeit dafür aufzuwenden, die auf dem Weg verteilte Erde zu beseitigen, wäre ohnehin vergebliche Liebesmüh. Aber nach allem, was sie erkennen konnte, war zumindest die Hortensie selbst bis auf ein paar abgeknickte Blätter noch intakt. Vorsichtig strich sie mit den Fingerspitzen über eine der üppigen hellrosa Blütendolden. Hoffentlich würde das der einzige Schaden bleiben, den sie heute Nacht zu beklagen hatten.
Ataru richtete sich langsam auf, um in den Flur zurückzugehen, und drückte mit ein wenig Kraftaufwand die Tür wieder ins Schloss. Beim Anblick ihrer dreckverschmierten Hand verzog sie das Gesicht und schlug umsichtig den Weg ins Bad ein. Dass auch noch das Innere des Hauses mit Erde dekoriert wurde, musste schließlich wirklich nicht sein.
Mit frisch gewaschenen, nassen Händen, die sie sich kurzerhand an ihrem T-Shirt abwischte, kehrte sie schließlich in ihr Zimmer zurück. Gerade wollte sie sich wieder auf ihrem Bett niederlassen, als sie erneut etwas hörte, was nicht so recht in die Geräuschkulisse des Sturms passen wollte. Dennoch dauerte es ein, zwei Herzschläge bis sie begriff, dass nicht nur irgendetwas gegen die Hausfassade schlug, sondern tatsächlich jemand recht nachdrücklich an ihrer Verandatür klopfte. Es vergingen noch einige Sekunden mehr, bis sie sich auf ihrer momentanen Starre lösen konnte und zögerlich auf die Tür zuging.
Im Normalfall würde sie mit Toshiya und Die rechnen, konnte aber nicht glauben, dass die beiden sich tatsächlich während eines Taifuns draußen herumtreiben würden. Und auch wenn sie vorhin noch mit ihrer Großmutter darüber gescherzt hatte, dass niemand hierherkommen und ihr etwas antun würde – welcher Mensch bei klarem Verstand verließ denn bei diesem Wetter das Haus?
„Ataru, bist du da?“, hörte sie da tatsächlich dumpf Dies Stimme durch die Schiebetür hindurch und sackte vor Erleichterung fast ein wenig zusammen.
Mit leicht zitternden Händen machte sie sich daran an beiden Seiten der Tür die Riegel zu öffnen, die sie gegen den Sturm sichern sollten, und schob sie dann ein kleines Stück beiseite. Obwohl sie wusste, dass ihre Freunde vor der Tür stehen würden, konnte sie sie nur ungläubig ansehen, musste sich die Frage, ob die beiden denn noch ganz bei Trost seien, mit einiger Anstrengung verkneifen. Stattdessen trat sie nur schweigend einen Schritt beiseite, sodass sie ihr Zimmer betreten konnten, und schloss die Tür wieder.
„Was macht ihr hier?“, wollte sie schließlich fassungslos wissen, sah von ihren Gesichtern hinunter zu den Tatami-Matten, die Die und Toshiya gerade volltropften.
„Wir wollten sehen, ob bei dir alles okay ist?“, antwortete Toshiya mit einer Gegenfrage, wischte sich nachlässig mit einer nassen Hand seine ebenso nassen Haare aus dem Gesicht. Oder versuchte es zumindest.
„Ich bin okay. Ich meine, ich wohne in einem halbwegs sturmsicheren Haus, furchtbar viel kann mir nicht passieren. Aber …“ Mit gespreizten Händen gestikulierte sie zu den beiden regentriefenden Gestalten vor sich. „Ihr könnt doch nicht so einfach bei einem Taifun in der Weltgeschichte herumspazieren. Oder schwimmen.“ Allein der Gedanke daran, wie leicht sie von herumfliegenden Ästen oder Ähnlichem hätten getroffen werden können, ließ in ihr eine vage Übelkeit aufsteigen.
„Na ja, wir sind ja nicht aus Zucker, oder?“, erwiderte Die, als wären solche ‚Spaziergänge‘ das Normalste der Welt. Für den Moment schien er allerdings viel mehr damit beschäftigt zu sein, seine von Wind und Meerwasser verworrenen Haare unter Kontrolle zu bekommen, als mit ihrer Sorge.
„Es ist ja auch nicht unbedingt ein laues Lüftchen.“ Automatisch verschränkte Ataru die Arme und betrachtete das eher aussichtslos wirkende Unterfangen ihres Freundes kritisch, bevor der Wind die noch immer unverriegelte Verandatür heftig in ihrem Rahmen klappern ließ. Mit einem unterdrückten Seufzen wandte sie sich um, um sie wieder richtig zu verschließen, als sie eine kühle Hand auf ihrer Schulter spürte.
„Wenn du lieber allein sein möchtest-“
„Nein, ist okay, so hab ich das nicht gemeint.“ Sie legte ihre Hand auf Toshiyas und drückte sie leicht, drehte sich aber erst zu den beiden um, als die Tür wieder richtig gegen den Wind gesichert war. „Ich hab mir nur umgekehrt Sorgen um euch gemacht und mir vorhin noch zur Beruhigung eingeredet, dass ihr ja nie in diesem Sturm an Land oder in der Nähe der Küsten unterwegs sein würdet. Deswegen habt ihr mich gerade ein bisschen aus dem Konzept gebracht.“ Oder auch ein bisschen mehr, wenn sie ehrlich war.
„Dann ist ja gut.“ Toshiya machte lächelnd einen Schritt auf sie zu, vermutlich, um sie in die Arme nehmen zu können, aber sie wich ihm aus und presste sich gegen das Holz der Tür in ihrem Rücken. Auf seinen fragenden Blick hin deutete sie erst ein weiteres Mal auf die vollkommen durchnässten Figuren, die die beiden abgaben, und dann auf Fußboden, auf dem ihre nassen Fußabdrücke deutlich zu erkennen waren.
„Ihr könnt wirklich gern bleiben, aber meine Großmutter macht mir die Hölle heiß, wenn ihr ihre geliebten Tatami-Böden ruiniert“, erklärte sie mit einem schiefen Grinsen. Als Die ein wenig schuldbewusst die kleinen Pfützen betrachtete, die das Wasser, das auch weiterhin aus seinem langen Haar tropfte, offensichtlich verursacht hatte, konnte sie sich ein Lachen nicht verkneifen.
Ohne größere Umstände griff Ataru sich ihre Freunde an den Händen und zog sie hinter sich her in Richtung Bad, wo sie ihnen je eines der leicht kratzigen Badetücher in die Finger drückte, die sie so mochte. Allerdings offenbarte ihr diese Geste auch gleich einen winzig kleinen Schwachpunkt in ihrem nicht wirklich durchdachten Plan: Die und Toshiya waren, wie quasi immer, nur in Badeshorts unterwegs und diese wieder anzuziehen, nachdem sie sich gerade abgetrocknet hatten, wäre dann doch eher sinnfrei. Aber sie konnte die Zwei ja auch schlecht ohne Bekleidung-
Mit einem fast schon hektischen „Bin gleich wieder da!“ flüchtete sie aus dem Bad und schloss die Tür vermutlich ein bisschen schwungvoller hinter sich, als nötig gewesen wäre. Sie konnte fühlen, wie ihre Wangen brannten, während sie versuchte, ihren Puls zu beruhigen und ihre Gedanken davon abzuhalten, weiter in Richtungen abzudriften, die zwei unbekleidete Nixen in menschlicher Gestalt beinhalteten. Dass sie hören konnte, wie die beiden ein paar Meter entfernt gänzlich unbeschwert miteinander herumalberten, half dabei allerdings nicht wirklich, wenn sie ehrlich war. Das menschliche Gehirn war in seiner Einfachheit manchmal eine wahre Enttäuschung.
Aber dennoch blieb die Tatsache: Die beiden brauchten irgendetwas zum Anziehen, allein schon, weil sie selbst sich für sämtliche Szenarien, die keine Bekleidung vorhersahen, definitiv noch lange nicht bereit fühlte. Ihre eigenen Sachen würden ihnen allerdings mit ziemlicher Sicherheit in keiner Dimension passen. Ebenso wenig wie irgendetwas aus dem Kleiderschrank ihres Großvaters, den sie selbst ja schon um einige Zentimeter überragte.
Nachdenklich sah Ataru sich um, blieb schließlich mit den Augen am Wandschrank im Flur hängen. Sie würde die Gäste-Futons brauchen. Denn dass ihre Überraschungsgäste heute Nacht noch einmal einen Fuß in diesen Sturm setzten, war ausgeschlossen. Zumindest wenn sie in dieser Sache Mitspracherecht hatte. Gleichzeitig bot genau das die Lösung für ihr kleines Problem: Wo Gäste-Futons waren, waren im Zweifelsfall auch Gäste-Yukatas und die waren immerhin besser als nichts.
Und zum Glück achtete Ihre Großmutter nicht nur darauf, dass notfalls alles für unerwarteten Besuch vorbereitet war, sondern legte darüber hinaus viel Wert auf die Ordnung in ihrem Wandschrank. So bedurfte es nur weniger suchender Blicke, bis Ataru die Yukatas erspäht hatte und vorsichtig zwei Exemplare aus ihrem Fach herausnehmen konnte.
Problem gelöst, zumindest vorerst.
Mit vor Nervosität klopfendem Herzen ging sie die wenigen Schritte zum Badezimmer zurück. Sie klopfte kurz an und öffnete die Tür dann genau so weit, dass sie ihren Arm mit den gefalteten Kleidungsstücken ins Bad strecken konnte. Dass sie vorsichtshalber ihr Gesicht abgewandt hatte, musste ja niemand wissen.
„Die könnt ihr überziehen“, brachte sie hervor, zuckte dann unversehens zusammen, als einer ihrer Freunde nach den Yukatas griff. Sie schaute gerade rechtzeitig zur Tür, um Toshiyas Gesicht in dem schmalen Spalt auftauchen zu sehen, den diese offen stand. Sein dunkles Haar war trockener als zuvor, wirkte aber ungewöhnlich wirr, als hätte er eben noch kräftig mit einem Handtuch hindurch gerubbelt. Auf seinen Lippen lag ein sanftes Lächeln.
„Danke.“
Das nonchalante Schulterzucken, an dem Ataru sich versuchte, wirkte vermutlich eher verunglückt, aber dennoch konnte sie nicht anders, als ebenfalls zu lächeln.
„Immer.“ Einen Moment verharrte sie, bevor sie, einer plötzlichen Eingebung folgend, noch etwas näher an die Badtür trat und Toshiya einen kleinen Kuss auf die Lippen gab, der sie beide gleichermaßen zu überraschen schien. „Ich … bin dann in meinem Zimmer“, murmelte sie. Sie zögerte noch eine Sekunde, wandte sich dann ab, um sich endlich der Futons anzunehmen und vor allem die nassen Tatami-Matten vor eventuellen Schäden zu bewahren.
Lange warten musste sie nicht, bis die beiden ihr wieder Gesellschaft leisteten. Allerdings – das gestand sie sich zumindest gedanklich ein – brauchte sie dann doch einen Moment, um ihren Anblick zu verarbeiten. So sehr es sie beruhigte, halbwegs passende Kleidung für ihre Freunde gefunden zu haben, so unfair war es einfach, wie gut sie in den weiß-blau gemusterten Yukatas aussahen. Schließlich waren diese ja an und für sich wirklich nichts Besonderes.
Also lag es vielleicht einfach an der Besonderheit ihrer Männer.
Oder sie war schlicht über beide Ohren verschossen und Die und Toshiya hätten auch Reissäcke tragen können, ohne dass es ihrer Attraktivität in ihren Augen einen Abbruch getan hätte. Und so saß sie still inmitten des kleinen Lagers aus drei Gäste-Futons, die sie auf dem Boden ihres Zimmers ausgebreitet hatte, und sah ihnen dabei zu, wie sie sich neben ihr niederließen.
„Dürfen wir dich jetzt noch mal richtig begrüßen?“, wollte Die mit einem kleinen Grinsen wissen, zog sie an sich, nachdem sie mit einem Nicken ihre Zustimmung signalisiert hatte.
Vielleicht hätte sie auch noch etwas gesagt, aber bevor sie ihre Gedanken richtig formulieren konnte, lagen Dies kühle Lippen auf ihren. Atarus Augen schlossen sich wie von selbst und die Anspannung, die sie bisher gespürt hatte, verschwand aus ihrem Körper, als hätte es sie nie gegeben, wurde von einem anderen, schöneren Gefühl ersetzt.
Sie hätte es nicht wirklich in Worte fassen können warum, aber so in Dies Armen fühlte sie sich sicher, leichter irgendwie. Und als sie spürte, wie Toshiya ebenfalls näherkam, sich an sie schmiegte, schließlich liebevoll seine Lippen über ihren Hals und Nacken wandern ließ, konnte sie ein leises, atemloses Seufzen nicht zurückhalten, das sich irgendwo zwischen ihnen verlor.
Irgendwann, nach einer kleinen, schwerelosen Ewigkeit zog Die sich etwas zurück, löste den Kontakt zwischen ihnen, nur um ihr gleich darauf noch ein Küsschen auf die Nasenspitze zu geben. Dann streckte er sich, allem Anschein nach mit sich und der Welt zufrieden, mit einem entspannten Seufzen auf dem Futon aus. Was Ataru, wenn sie ehrlich war, wie eine wirklich gute Option vorkam und das nicht nur, weil sie gerade fürchterlich weiche Knie hatte.
Sie richtete sich etwas auf, um ihren Gedanken in die Tat umzusetzen, ließ aber gern zu, dass Toshiya sich stattdessen auch nun noch einen, zugegebenermaßen nicht minder atemberaubenden, Kuss von ihr stahl. Dann machte sie es sich mit wild klopfendem Herzen so bequem, dass sie ihren Kopf auf Dies Brustkorb betten konnte.
Toshiya hingegen verharrte weiterhin leicht über sie gebeugt, reckte sich etwas, um nun auch Dies Lippen noch einmal für sich zu erobern. Ataru wusste nicht, ob sie ihnen diesen kleinen Moment der Zweisamkeit hätte gönnen und wegschauen sollen. Aber irgendwie konnte sie nicht anders, als sich noch etwas mehr zu Die zu drehen, um zumindest einen Blick auf die beiden erhaschen zu können.
Wenn sie so darüber nachdachte, war es das erste Mal, dass sie sich vor ihr auf diese Art und Weise küssten. Sonst waren es zwar oft kleine Zärtlichkeiten und Küsse gewesen, die sie ausgetauscht hatten, aber da war nie diese vollkommen offene Hingabe gewesen, die die beiden jetzt ein wenig außer Atem zurückließ. Doch bevor sich ihr schlechtes Gewissen darüber regen konnte, dass sie sich vielleicht ihretwegen hatten zurückhalten müssen, zwinkerte Toshiya ihr kurz zu.
„Muss ja Gleichberechtigung herrschen, oder?“, meinte er nur leichthin. Dann streckte er sich so auf dem Futon aus, dass er auf der Seite liegend Atarus Bauch als Kissen nutzen konnte, während seine Finger begannen versonnen über Dies Oberkörper zu streicheln.
Sie verharrten eine ganze Weile in relativer Stille, tauschten stumm kleine, liebkosende Berührungen aus. Währenddessen tobte der Sturm draußen weiter. Der Wind rüttelte an den Fenstern und die Welt machte insgesamt den Eindruck, als würde sie darüber nachdenken, heute doch noch unterzugehen. Die Kerzen in den Windlichtern verbreiteten weiches Licht im Raum, tauchten ihn in warme Geborgenheit, die Ataru half, ihre Gedanken zu ordnen.
„Kann das wirklich einfach so funktionieren?“, fragte sie schließlich, behielt ihre Augen geschlossen, weil es einfacher schien, als die beiden bei dieser Frage ansehen zu müssen.
„Was meinst du?“ Sie konnte das Stirnrunzeln in Toshiyas Stimme hören, seinen warmen Atem, als er die Gegenfrage stellte, durch den dünnen Stoff ihres Oberteils hindurch auf ihrer Haut spüren.
„Das mit uns.“ Sie wünschte, sie hätte weniger zögerlich klingen können, aber vielleicht zeigte das auch einfach, wie unwirklich ihr die Situation vorkam.
„Wieso sollte es nicht funktionieren?“, hakte nun Die nach. Und er schaffte es, tatsächlich so zu klingen, als könnte er keinerlei Gründe erkennen, die ihre Beziehung irgendwie verkomplizieren könnten.
„Ich weiß nicht …“ Ataru seufzte leise, zwang sich dazu weiterzusprechen, während sie jetzt an die Zimmerdecke sah und unruhig eine lange Strähne von Dies halbtrockenem Haar zwischen ihren Fingern herumzwirbelte. „Vielleicht ist es das. Ich hab einfach keine Ahnung von Beziehungen. Das war für mich immer etwas, worüber ich gar nicht wirklich nachdenken wollte, weil es mir so unrealistisch vorgekommen ist, dass sich jemand … auf diese Art und Weise für mich interessieren könnte? Und, na ja, ihr kennt euch schon quasi immer und … Ich habe Angst, zwischen euch zu stehen oder … ach, keine Ahnung.“
„Okay“, begann Toshiya, stützte sich halb mit einem Arm neben ihr auf und sah sie ernst an. „Aber ich hab dir doch gesagt, dass du dir darüber keine Gedanken machen brauchst. Und das war absolut ernst gemeint. Das, was ich für dich empfinde-“, er warf einen kurzen Blick zu seinem Partner, der ihn mit einem kleinen Lächeln erwiderte. „Oder was Die für dich empfindet, ändert nichts an unseren Gefühlen füreinander.“
„Und wir sind durchaus erwachsener, als es manchmal den Anschein macht“, fügte der Älteste hinzu. „Eben weil wir uns schon so lange kennen, können wir über solche Sachen offen reden. Und, was soll ich sagen, wir mögen dich eben beide.“ Vorsichtig hob er eine Hand und strich Ataru sacht einige dunkle Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Die Frage ist also vielleicht einfach, ob es dir umgekehrt genauso geht.“
Sie konnte fühlen, wie ihre Haut sich unter Dies kühlen Fingern erhitzte, brachte erst einmal nur ein Nicken zustande.
„Schon“, sagte sie dann leise. „Aber das ist es ja auch, was mich überfordert. Ich habe solche Gefühle noch nie für mehrere Personen gleichzeitig gehabt und ich weiß nicht, woher das jetzt kommt.“ Sie seufzte leise, drehte ihren Kopf etwas, um einen kleinen Kuss in Dies Handfläche zu drücken, bevor sie weitersprach. „Aber ich weiß auch, dass ich mich nie für nur einen von euch entscheiden müssen will. Oder das könnte.“
„Das ist doch ein Anfang, oder nicht?“
Erneut konnte sie auf die vermutlich eher rhetorische Frage nur nicken.
„Es macht mich nur alles nervös … Weil ich eben so unerfahren bin. In jeder Hinsicht“, gestand sie schließlich leise, hätte sich am liebsten irgendwo unter den Futons versteckt. „Und das wiederum macht mir Angst, weil ich mir Sorgen mache, dass ihr von mir enttäuscht sein werdet oder-“
„Wieso sollten wir das?“, fiel Toshiya ihr ins Wort und fuhr erst fort, als sie sich dazu bringen konnte, ihn wieder anzusehen. „Das … Ataru, darum geht es doch gar nicht. Und ich spreche da jetzt mal für uns beide. Natürlich wollen wir dir nahe sein und ich würde nicht wagen zu behaupten, dass wir dich nicht unfassbar anziehend finden.“ Beinahe wollte sie sich abwenden, denn auch jetzt fühlte sie sich schon wieder von der Ehrlichkeit überfordert, die sie seinen dunklen Augen und seinem kleinen selbstironischen Lächeln sehen konnte. Und selbst das schien ihm nicht zu entgehen, denn Toshiya rückte etwas weiter zu ihr nach oben, um einen federleichten Kuss auf ihre Schläfe zu hauchen. „Du bist diejenige, die das Tempo vorgibt. Weder Die noch ich würden dich je zu etwas drängen und ganz ehrlich?“, er zog eine Augenbraue etwas nach oben. „An diese neue Situation müssen wir uns selbst auch erst gewöhnen.“
„Okay.“
„Und wenn du nie mehr willst, als das hier“, merkte Die dann an. „Bin zumindest ich für meinen Teil auch absolut zufrieden. Aber wir haben alle Zeit der Welt, um das gemeinsam herauszufinden.“
„Okay.“ Diesmal verließ das Wort mit einem kleinen, erleichterten Lachen ihren Mund. Denn auch wenn sie sich eigentlich sehr sicher war, dass sie früher oder später mehr als das hier wollen würde: Es tat gut versichert zu bekommen, dass es nichts war, was passieren musste, bevor sie sich dazu bereit fühlte. Oder überhaupt passieren musste. Selbst, wenn sie nie wirklich daran gedacht hätte, dass die beiden ihr irgendetwas würden aufzwingen wollen. Und wenn ihr Herz gerade immer noch wie wild schlug, war es aus Glück, solche wunderbaren Partner – allein bei dieser gedanklichen Bezeichnung machte es einen kleinen Freudensprung in ihrem Brustkorb – gefunden zu haben.
„Sagt mal“, begann sie deswegen nach einigen Sekunden der Stille wieder. „Ohne jetzt vollkommen plump vom Thema ablenken zu wollen-“
„Was du natürlich nie tun würdest“, sie konnte Dies Lachen in seinem Einwand hören, rollte aber nur ebenfalls grinsend mit den Augen.
„Natürlich nicht. Nie“, bestätigte sie ebenfalls leise kichernd, versuchte aber sich zusammenzureißen und zu ignorieren, dass auch Toshiya sich schwer damit tat, seine Belustigung zu verbergen. „Erzählt mir etwas von eurem Leben.“ So gut sie konnte, sah sie zwischen ihnen hin und her. „Wie ist das alles? Lebt ihr immer unter Wasser? Wie viele Nixen gibt es hier? Wie kommt es, dass niemand merkt, dass ihr hier lebt?“, sprudelten die Fragen aus ihr heraus, auf die sie in den letzten Tagen, auch mithilfe des allmächtigen Internets keine Antworten gefunden hatte.
„Mh …“ Toshiya warf Die über sie hinweg einen kurzen Blick zu, den der aber nur mit einem Schulterzucken erwiderte, wie um zu signalisieren, dass der Jüngere doch das Erzählen übernehmen sollte. „Wir leben die allermeiste Zeit im Wasser“, begann er schließlich.Gleichzeitig änderte er seine Haltung so, dass er ausgestreckt neben ihr lag und sich bequem mit einem Ellenbogen auf dem Boden abstützen konnte. „Zumindest als Erwachsene.“
„Wie kann ich mir das vorstellen? Lebt ihr einfach hier und da, wo es euch gefällt, oder habt ihr … Häuser, Siedlungen, irgendwas in der Art?“
„Höhlensysteme in Riffen. Unsere Art bevorzugt es, nicht zu tief im Wasser zu leben, sodass das Sonnenlicht noch sichtbar ist. Im Sommer hier-“, er hob seine freie Hand und ließ seine Finger spielerisch erst über Atarus Rippenbögen und dann über Dies Oberkörper laufen. „Und im Winter weiter im Süden, dann wandern wir quasi mit dem Wetter mit.“
„Klingt, als würde das für mich ein langer Winter werden …“, überlegte Ataru laut, war für den Moment so mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie den neuerlichen Blick, den Die und Toshiya teilten, nicht bemerkte. „Wenn du sagst ‚eure Art‘ heißt das dann, dass es verschiedene Arten von Nixen gibt?“
„In dieser Gegend eigentlich nur unseren Schwarm“, war es nun Die, der antwortete. „Aber wir sind natürlich nicht die Einzigen und in anderen Teilen der Welt gibt es andere Arten oder Wesen, die recht nah mit uns verwandt sind. Ganz im Norden von Japan leben außerdem Sirenen.“
„Wie die aus den griechischen Sagen?“
„Fast. Für den menschlichen Geschmack vielleicht weniger ansehnlich, als sie dort beschrieben sind. Und noch wesentlich gefährlicher.“
„Also stimmt das mit dem Gesang?“
„Oooh ja … Und sie sind sehr gute Jäger.“ Bei seiner Zustimmung nahm Dies Stimme einen fast schon grimmigen Tonfall an, der ihr unversehens einen Schauer über den Rücken jagte.
„… dann bin ich froh, dass ich stattdessen euch getroffen habe.“
„Und wir erst.“
07. Kazuko
Auch den weiteren Abend hatten sie lediglich damit verbracht, sich gegenseitig große und kleine Dinge aus ihren Leben zu erzählen. Und selbst, wenn es ihr zunächst ein bisschen merkwürdig vorgekommen war, Die und Toshiya schienen von ihrem Aufwachsen ebenso fasziniert zu sein, wie sie von dem der Nixen.
Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, wie die beiden als Kinder ausgesehen hatten, die über eine kleine, abgelegene Insel irgendwo im südjapanischen Meer tollten, noch bevor sie mit ihren Eltern durch dessen leuchtende Weiten hatten schwimmen können. Oder wie es war, einen ganzen Schwarm von Nixen auf Wanderschaft zu sehen: Dutzende von agilen, goldenen Fischschwänzen, die kraftvoll durchs klare Wasser schnellten und in deren Schuppen sich tausendfach das Sonnenlicht brach.
Als Ataru sich schließlich irgendwann ihrem Schlaf ergeben musste, tobte der Sturm draußen unvermindert weiter. Die Geräuschkulisse verstärkte auf eine merkwürdig beruhigende Art und Weise das Gefühl der Sicherheit, das sie in den Armen ihrer Partner empfand und das sie so entspannt schlafen ließ, als sei sie von einer langen Reise endlich nach Hause zurückgekehrt.
Allein deshalb wunderte es sie nicht im Geringsten, dass sie wieder von den Tiefen des Meeres träumte, nach denen ein Teil von ihr sich so sehnte. Von den reflektierenden Blautönen, die sie zu sich lockten und dem goldenen Glanz, der nun, da sie die Wahrheit kannte, von nichts anderem kommen konnte, als den schillernden Schuppen einer Nixe. Oder vielmehr von ihren Nixen, mit denen sie jetzt unbeschwert durch die unendlichen Welten unter der Meeresoberfläche tanzen konnte, als wären sie auch ihr Zuhause. Es erinnerte sie wieder eher an die ersten Male, die sie vom Meer geträumt hatte, als an die wiedergekehrten Erinnerungen, die sie seit einigen Tagen so beschäftigten. Selbst im Schlaf stellte sie sich die Frage, ob das alles nicht mehr zu bedeuten hatte. Ob es nicht doch mehr war, als bloße Träumerei.
Schöner als ihr Traum, so sehr sie ihn auch genoss, war es dann nur, am Morgen ebenso geborgen wieder zwischen Die und Toshiya aufzuwachen. Selbst wenn ihr Gesicht halb von Dies hellem Haar bedeckt war, das sich in wirren Strähnen, die wie Karamell im Morgenlicht glänzten, um ihn herum ausbreitete. Denn, wenn sie ehrlich war, hatte ein kleiner Teil von ihr befürchtet, dass sie verschwunden sein würden, wenn der neue Tag anbrach.
Aber Die hielt sie noch immer genauso sicher im, wie am Abend zuvor und anscheinend hatte sie im Schlaf eine Hand im Stoff seines Yukatas vergraben, so wie sie es sonst mit ihrem Kopfkissen tat. Toshiya hingegen hatte sein Gesicht irgendwo zwischen ihren Schulterblättern und dem Futon verborgen und seinerseits von hinten einen Arm um ihre Taille geschlungen. Ganz als wollten die beiden ebenfalls sichergehen, dass sie bei ihnen wäre, wenn sie erwachten. Im Moment aber schienen sie noch zu schlafen, was für Ataru hieß, dass sie dieses Gefühl, hier einfach nur zu existieren, sich mit der Nähe ihrer Männer so unglaublich wohlzufühlen, weiter genießen konnte.
Mit einem leisen, entspannten Seufzen schloss sie ihre Augen wieder und lauschte den Geräuschen des beginnenden Sonntagmorgens, der nach dem Toben des Sturms in der letzten Nacht fast schon unnatürlich still war. Das Rauschen der Wellen wurde sanft über den Strand zum Haus getragen, schien ihr versichern zu wollen, dass nun alles Unheil vorbei war. Dass sie jetzt wieder darauf vertrauen konnte, dass das Meer ihnen wohlgesonnen war. Die schrillen Rufe der Möwen ließen sie ein wenig lächeln. Vor ihrem geistigen Auge entstand unweigerlich das Bild eines strahlenden Sommertags, selbst wenn sie wusste, dass nach dem vorübergezogenen Taifun wohl in der ganzen Stadt einiges an Aufräumarbeiten nötig sein würde. Aber darüber konnte sie sich später noch Gedanken machen. Irgendwann, wenn sie sich wieder mit dem Alltag beschäftigen musste, statt sich einfach von der Ruhe, die sie gerade umgab, treiben zu lassen.
Es dauerte noch einige Minuten, bis Toshiya sich langsam neben ihr zu regen begann. Er gab ein müdes Murren von sich, löste schließlich seinen Griff um Ataru und rückte ein wenig von ihr ab, um sich zu strecken, was seine Schulter mit einem deutlichen Knacken quittierte.
„Guten Morgen“, flüsterte sie in den bisher so stillen Raum, drehte sich vorsichtig ein wenig zu ihm um, um Die nicht zu wecken.
„Hey.“ Mit einem noch durch und durch verschlafenen Lächeln kam er wieder näher, schmiegte sich eng an ihre Seite, bevor er sein Gesicht einmal mehr in ihrer Halsbeuge vergrub. Seine Lippen waren rauer als sonst und schickten ein prickelndes Gefühl durch Atarus Körper, das ihre Augen zufallen und sie hörbar einatmen ließ. Gleichzeitig konnte sie gar nicht anders, als ihren Kopf zu neigen, sodass Toshiya ein wenig mehr Spielraum hatte, und eine Hand in seinem dunklen Haar zu vergraben, um zu verhindern, dass er es bei dieser kleinen Geste beließ. Allerdings hatte er dies anscheinend ohnehin nicht vor. Stattdessen spürte sie, wie sich sein Mund an ihrer Haut zu einem Grinsen verzog, bevor er sich weiter nach oben vortastete.
„Daran, so aufzuwachen, könnte ich mich gewöhnen“, murmelte er leise in ihr Ohr. Er begann kleine Küsse entlang ihres Unterkiefers zu verteilen, arbeitete sich so ganz und gar nicht unauffällig bis zu ihrem Mundwinkel vor.
„Ich auch.“ Ihre Erwiderung war so atemlos, wie sie sich fühlte. Fast schon überwältigt von den Empfindungen, die die Zärtlichkeiten ihres Freundes gerade in ihr hervorriefen. Erleichterung durchflutete sie, als sich ihre Lippen endlich trafen und sie es schaffte, ihn noch ein wenig näher an sich zu ziehen. Vielleicht lag es daran, dass sie eben erst aufgewacht war und nicht wirklich darüber nachdachte, was sie tat. Sonst hätte ihr sicher der Mut dazu gefehlt sich Toshiya ein wenig entgegen zu wölben und sich voll und ganz in diesen Kuss fallen zu lassen, der kaum etwas Unschuldiges an sich hatte. Ataru erschauderte, als er seine Position etwas veränderte, sie sein Gewicht, das sie so angenehm erdete, noch besser spüren konnte und ertappte sich dabei, sich zu wünschen, dass die Decken der Futons jetzt nicht zwischen ihnen wären.
Während sie eine Hand weiter in Toshiyas Haar vergraben hatte, ließ sie die andere nun über seinen Rücken wandern, konnte sich der Vorstellung nicht erwehren, wie es sich wohl anfühlen musste, in diesem Moment seine Haut berühren zu können. Aber noch bevor sie sich in diesen Fantasien verlieren konnte, löste Toshiya ihren Kuss, ging erneut dazu über, mit seinem Mund jeden Zentimeter ihres Halses zu erforschen.
„Kann es sein, dass du das gern tust?“, wollte Ataru wissen, konnte sich bei all den Glückshormonen, die gerade durch ihren Körper schwirrten, nicht einmal darüber ärgern, wie heiser ihre Stimme klang.
„Mhh … Vielleicht?“ Die Antwort war undeutlich, da er es offensichtlich nicht für nötig hielt, für die wenigen Silben von ihr abzulassen. Stattdessen entlockte er ihr ein leises Lachen, indem er mit der Zungenspitze die Kontur ihres Schlüsselbeins nachzeichnete.
„Glaub mir, man gewöhnt sich daran“, erklang plötzlich Dies schlaftrunkene Stimme, der sie, wenn auch sichtlich müde und das Gesicht halb von seinen Haaren bedeckt, angrinste.
„Ich hab bisher noch keine Beschwerden von dir gehört, mein Lieber.“
„Würde mir auch nie einfallen.“ Etwas umständlich richtete Die sich so auf, dass er sich auf einen Ellenbogen stützen konnte, und wischte sich in einer nachlässigen Geste das lange Haar aus dem Gesicht. Dann griff mit er nach dem Kragen von Toshiyas Yukata, um ihn näher zu sich zu ziehen. „Die Tatsache, dass du morgens eine außerordentliche Kuschelbedürftigkeit entwickelst, ist einer deiner größten Vorzüge, wenn man mich fragt.“
„Nur weil du es hasst zeitig aufzustehen.“ Toshiya grinste, lehnte sich dann noch etwas weiter zu ihm, um auch den Ältesten in ihrer Runde mit einem Guten-Morgen-Kuss zu beglücken, während Ataru erneut nicht anders konnte, als sie zu betrachten.
Dabei war es eben nicht einmal nur die grundsätzliche Attraktivität der beiden, die sie so faszinierte, sondern vielmehr die Art und Weise, wie sie miteinander umgingen. Schließlich vergingen an einem durchschnittlichen Tag gefühlt nie mehr als zehn Minuten, ohne, dass sie sich gegenseitig liebevolle Sticheleien an den Kopf warfen. Diese fast schon unheimliche Harmonie zwischen den beiden schien das jedoch in keinster Weise zu stören. Aber womöglich war das einfach so, wenn man sein Gegenüber mindestens genauso gut kannte, wie sich selbst. Und vielleicht, wenn sie viel, viel Glück hatte, würde es irgendwann zwischen ihnen allen dreien der Fall sein.
Allerdings war ein Morgen wie heute definitiv nicht der richtige Moment, um über solch tiefgreifende Dinge nachzudenken. Nicht, wenn sie stattdessen Die liebevoll in die Schulter knuffen konnte, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass sie ebenfalls nichts gegen einen oder auch ein paar mehr Küsse nach dem Aufwachen hatte. Damit, dass er sie einfach wieder mit sich in die Waagerechte zog, hatte sie allerdings nicht gerechnet, sodass sie, statt Dies Kuss zu erwidern, ihren Kopf lachend zur Seite drehte und über seinen Körper drapiert liegen blieb.
Sie wollte sich gerade darüber beschweren, dass sie eigentlich etwas anderes im Sinn gehabt hatte, als sie in die relative Stille des Zimmers hinein die Haustür ins Schloss fallen und die Stimmen ihrer Großeltern im Flur hören konnte. Sofort schnellte Ataru hoch, sah fast schon panisch zwischen ihren Partnern und der Zimmertür hin und her. Sie hatte es tatsächlich geschafft, vollkommen zu vergessen, dass sie nicht allein hier wohnte. Und auch wenn sie wollte, dass ihre Familie Die und Toshiya kennenlernte, hatte sie das definitiv anders vorgestellt.
„Ataru, ist alles okay?“ Sorge schwang deutlich in Dies Stimme mit, als er sich ebenfalls etwas aufsetzte, aber sie konnte nur abgehackt mit dem Kopf schütteln.
„Meine Großeltern“, brachte sie flüsternd hervor, da klopfte es auch schon an der Tür. Aus Reflex startete sie den fruchtlosen Versuch, ein wenig Abstand zwischen sich und den beiden Männern zu schaffen, als ihre Großmutter im nächsten Moment den Kopf ins Zimmer steckte.
„Ataru, bist du denn-“ Die ältere Frau hielt inne, sichtlich geschockt von dem unerwarteten Bild, das sich ihr bot. „Was bitte ist hier los?“
„Oma …“Ataru biss sich auf die Unterlippe, um ein Fluchen zu unterdrücken. Ihre Großmutter hob jedoch nur eine Hand, bedeutete ihr so stumm, dass sie gerade nichts hören wollte, atmete dann deutlich sichtbar durch.
„Wir reden darüber. Unter uns“, bestimmte sie nur, ehe sie sich in einer steif wirkenden Bewegung umdrehte und die Tür ohne einen weiteren Blick ins Zimmer hinter sich schloss.
„Verdammte Scheiße.“ Atarus Stimme klang selbst in ihren eigenen Ohren tonlos und hohl, als sie sich wieder in die Waagerechte sinken ließ und sich mit beiden Händen übers Gesicht fuhr. Sie kniff die Augen zusammen, unterdrückte einen ganzen Schwall weiterer Flüche. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Warum eigentlich immer sie? Und warum immer, wenn gerade alles gut lief?
„Ataru?“ Diesmal war es Toshiya, der sie ansprach. Zwischen ihren gespreizten Fingern hindurch konnte sie sehen, wie er sie mit zusammengezogenen Augenbrauen ansah, während Die ganz ungewohnt ein bisschen verloren wirkte, als wäre er ebenso nervös, wie sie selbst gerade.
„So hab ich mir das nicht vorgestellt, als ich gesagt hab, ich will, dass ihr meine Familie kennenlernt“, nuschelte sie gegen ihre Handflächen. „Ich kann ja noch nicht mal mir selbst erklären, was das mit uns ist und wie es überhaupt passiert ist. Wie soll ich es da meinen Großeltern klarmachen? Vor allem, wo meine Oma jetzt vermutlich sonst was denkt, nachdem sie uns so gesehen hat.“
Am liebsten wäre sie aufgesprungen und ziellos durch ihr Zimmer getigert, um ein wenig ihrer nervösen Energie abzubauen, aber gleichzeitig konnte sie nicht die nötige Kraft aufbringen, um überhaupt auf die Beine zu kommen.
„Was meinst du, wie sie reagieren wird?“, wollte Die wissen und sie hatte schon zu einer Antwort angesetzt, als sie bemerkte, dass er nicht sie ansah, sondern Toshiya. Der jedoch zuckte nur mit den Schultern.
„Kann ich dir nicht sagen.“
„Aber-“
„Die“, nun war sein Tonfall fast schon mahnend. „Ich weiß es wirklich nicht.“ Er griff nach der Hand seines Freundes und drückte sie sanft, wandte sich dann an Ataru. „Was denkst du?“
„Keine Ahnung. Sie werden ausrasten.“ Mit einem abgrundtiefen Seufzen schaffte sie es zumindest, sich in eine sitzende Position aufzurichten, vergrub ihre Hände jetzt in ihrem offenen Haar. „Okay, nein, werden sie vermutlich nicht. Sie werden es nicht verstehen, selbst wenn sie es versuchen. Sie werden sich tierische Sorgen um mich machen und darum, ob ihr gut für mich seid oder nicht. Sie werden …“ Ataru ließ ihre Stirn auf die angestellten Knie sinken, schüttelte langsam den Kopf. „Vielleicht will ich es gar nicht wissen … Vielleicht sollte ich einfach jetzt gleich zusammen mit euch abhauen oder so.“
„Würde sie das nicht in allem bestätigen, was du gerade gesagt hast?“
„Ja, aber ich bräuchte mich nicht mehr damit auseinanderzusetzen.“ Sie hob den Kopf wieder und warf Die ein schiefes Lächeln zu. „Ich hatte vor, mich irgendwann mit den beiden hinzusetzen und mit ihnen über uns zu sprechen. Irgendwann, nachdem ich für mich selbst die richtigen Worte dafür gefunden habe, was wir sind und was es mir bedeutet, mit euch zusammen zu sein. Ich wollte in Ruhe mit ihnen reden und sie an die Idee heranführen, dass eine Beziehung auch aus mehr als zwei Personen bestehen kann. Und stattdessen?“ Sie machte mit einer Hand eine unwirsche Geste, die sie alle einschloss. „Stattdessen erwischt meine Großmutter uns im wahrsten Sinne des Wortes zusammen im Bett.“
„Auch wenn ich das ungern sage, Ataru“, begann Die, sah Toshiya abermals kurz aus den Augenwinkeln an, „aber dann wäre es vielleicht besser, wenn wir erst mal gehen?“
Sie stieß ein tiefes Seufzen aus.
„Da hast du vermutlich recht. Auch wenn das gerade das Letzte ist, was ich will.“
„Das wird schon werden.“
„Es muss.“Ataru unterdrückte ein neuerliches Seufzen, kam dann etwas umständlich auf die Beine, um die Sturmsicherung der Verandatür zu lösen. Es musste tatsächlich werden, ihre Großeltern mussten das alles einfach irgendwie verstehen, sonst wusste sie nicht, was sie tun sollte. Verlieren wollte sie schließlich weder ihre Familie, noch ihre beiden Nixen, jetzt, wo sie endlich so weit war, sich wirklich auf sie einlassen zu können.
Als sie die Tür beiseiteschob, wehte ein Schwall kühler Morgenluft in ihr Zimmer, ließ sie in ihrem Schlafshirt erschaudern. Es gab ihr beinahe das Gefühl der Situation schutzlos ausgeliefert zu sein. Doch kaum hatte sie diesen Gedanken, traten Die und Toshiya neben sie, verschränkten jeweils eine Hand mit ihren und verharrten an ihrer Seite.
„Wir bringen die Yukatas einfach beim nächsten Mal wieder mit, okay?“, sagte Toshiya leise, strich mit dem Daumen beruhigend über ihren Handrücken.
„Du meinst, in der Hoffnung, dass es ein nächstes Mal gibt?“
„Da bin ich mir sicher.“ Ein leises Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er sich zu ihr herunterbeugte und ihr einen kleinen, liebevollen Kuss gab. „Du schaffst das schon.“
„Und wenn nicht, kommst du einfach mit zu uns ins Meer“, schlug Die vor, bevor er ihr, den etwas zerknirschten Blick seines Lebensgefährten ignorierend, ebenfalls einen Kuss aufdrückte.
Fast schon wider besseres Wissen stieß Ataru ein kleines Lachen aus.
„Na, wenn das so einfach ist, dass du es einfach entscheiden kannst.“ Sie warf über ihre Schulter hinweg einen Blick zu ihrer Zimmertür. Im Inneren des Hauses konnte sie die Stimmen ihrer Großeltern hören. Es klang nicht nach einer Diskussion, auch wenn dies für das Gespräch, das ihr noch bevorstand, nichts heißen musste. „Sehen wir uns morgen?“ Statt nach einer Frage klangen die Worte eher wie eine Bitte, aber sie musste einfach wissen, dass es ein Morgen geben würde, selbst wenn ihre Partner es nicht garantieren konnten.
„Natürlich.“
Beide drückten sie noch einmal in einer festen Umarmung an sich, bevor sie hinaus auf die Veranda traten und von dort aus langsam den Strand entlang gingen. Mehrmals sah Die zu ihr zurück, schien ihr mit einem letzten Lächeln stumm Mut zusprechen zu wollen, bevor sie aus ihrem Blickfeld verschwanden. Und auch, wenn es im Moment ihr wahrhaft kleinstes Problem war: Sie hoffte, dass sie die Yukatas tatsächlich bald wiederbringen würden, sonst wäre es um die Gnade ihrer Oma eher schlecht bestellt.
Ataru wandte sich erst von der offenen Tür ab, als sie es vor sich selbst nicht mehr rechtfertigen konnte, noch mehr Zeit zu schinden. Ohne groß darüber nachzudenken, griff sie nach einigen Kleidungsstücken, um sie mit ins Bad zu nehmen. Wenn sie sich dieser Sache schon stellen musste, dann zumindest nicht im Pyjama.
~*~
Als sie schließlich die Küche betrat, herrschte Schweigen.
Ihre Großeltern saßen sich am Esstisch gegenüber, sahen beide wortlos auf ihren Kaffee hinab. Sie schienen darauf zu warten, dass sie etwas sagte, während Ataru selbst sich am liebsten umgedreht und das Haus verlassen hätte, nur um dieses Gespräch nicht führen zu müssen. Stattdessen goss sie sich ebenfalls Kaffee ein und nahm Platz. Starrte ebenso schweigend auf die schwarzbraune Flüssigkeit in ihrer Tasse.
Sie wusste einfach nicht, wie sie dieses Gespräch beginnen sollte. Natürlich hatte sie mit ihrer Großmutter schon über die beiden geredet, und zu dem Zeitpunkt schien alles in Ordnung gewesen zu sein – aber das war eben auch vor heute Morgen gewesen und damit wesentlich weniger konkret.
„Hattet ihr gestern einen schönen Abend?“, startete sie schließlich einen schwachen Versuch überhaupt eine Unterhaltung in Gang zu bringen.
„Ja, es war sehr schön. Wir sollen dich von den Takahashis grüßen.“ Auf ihr eher abgehacktes Nicken hin lächelte ihr Großvater schwach, schien fast dankbar für den kleinen Aufschub zu sein, den dieser Versuch von Small Talk ihnen allen lieferte. Aber ihre Großmutter wäre nicht sie selbst, hätte sie ihnen das durchgehen lassen.
„Ataru, warum waren heute Morgen zwei Männer in deinem Zimmer, die wir noch nicht einmal kennen?“
„Oma …“ Sie warf der Älteren einen geradezu flehenden Blick zu, der aber nur fordernd erwidert wurde. Als hätte sie nicht auch so gewusst, dass sie durch dieses Gespräch nun eben durch musste. „Ich weiß, dass es ein totales Klischee ist, das zu sagen, aber es ist wirklich nicht so dramatisch, wie es vorhin aussah.“
„Du lagst mit zwei fremden Männern im Bett, das finde ich irgendwie schon dramatisch.“ Ihre Großmutter sah sie mit nach oben gezogenen und wie immer fein säuberlich gezupften Augenbrauen an. Aber zumindest war ihr Blick nicht mehr ganz so finster wie eben noch. Stattdessen meinte Ataru, so etwas wie Sorge darin ausmachen zu können.
„Ich hab dir doch von ihnen erzählt.“ Gerade fühlte sie sich in etwa so kleinlaut, als wäre sie wieder zwölf oder dreizehn und eben erst bei ihren Großeltern eingezogen. „Es war nicht geplant, dass sie hier sind, ganz ehrlich.“ Unter dem Tisch ballte sie unwillkürlich ihre Hände zu Fäusten, für den Moment unfähig anders mit der Anspannung in ihrem Inneren umzugehen. „Ich will nicht, dass ihr denkt, dass ich eure Abwesenheit ausgenutzt habe, oder so. So war es nicht.“
„Wie war es dann?“, wollte nun ihr Großvater wissen. Und wie immer begleitete eine stetige Wärme in seinen Worten.
„Sie haben sich Sorgen gemacht. Um mich. Wegen des Taifuns.“ Und auch wenn es wieder einmal ein eher unangebrachter Moment war, konnte sie nicht verhindern, dass sich ein gesundes Rot auf ihren Wangen ausbreitete. „Sie wollten mich bei dem Sturm nicht allein lassen und standen einfach irgendwann auf der Veranda. Da konnte ich sie ja schlecht da draußen stehen lassen, oder?“
„Sie sind während einer Taifun-Warnung hierhergelaufen?“
„Ja.“ Obwohl sie wusste, dass dies die Wahrheit war – zumindest zu einem Teil, schließlich waren die beiden das letzte Wegstück über den Strand gelaufen –, klang die Geschichte selbst in ihren Ohren haarsträubend. Ataru hob ihre Hände über die Tischplatte, schloss sie jetzt fest um ihre Tasse, benutzte die Hitze, die der Kaffee abstrahlte, um sich zu erden. Erst nach einem tiefen Atemzug sah sie ihre Großmutter wieder an. „Ich konnte sie nicht einfach wieder wegschicken.“
Die Ältere sah sie einen Moment lang nachdenklich an, stieß dann einen Laut aus, der vieles hätte bedeuten können, ehe sie sich mit einem Seufzen gegen die Lehne ihres Stuhls sinken ließ. Als würde sie einen gewissen Widerstand aufgeben.
„Aber musstet ihr euch deswegen ein Bett teilen?“, stellte sie die Gegenfrage, musterte ihre Enkelin eindringlich. „Hätte es nicht gereicht, wenn sie im Gästezimmer geschlafen hätten?“
„Daran … hab ich nicht gedacht.“ Ihr Großvater bedachte diese Aussage mit einem leisen, glucksenden Lachen, bei dem sie gern das Gesicht verzogen hätte, wäre sie sich nicht tatsächlich selbst gerade ziemlich dumm vorgekommen.
„Du hast nicht daran gedacht, dass wir ein Gästezimmer haben?“, hakte ihre Großmutter noch einmal nach, klang dabei so ungläubig, dass Ataru nur vage mit den Schultern zucken konnte.
„Ich wollte nicht, dass sie wieder raus in den Sturm gehen und-“ Sie hielt inne, biss sich unsicher auf die Unterlippe. „Ich wollte Zeit mit ihnen verbringen. Bei ihnen sein.“ Ihre Stimme war bei diesen letzten Worten kaum mehr als ein Flüstern, drohte zu brechen. So gern sie etwas dagegen getan hätte, sie konnte nicht verhindern, dass ihr erste Tränen in die Augen schossen.
Einfach, weil sie Angst hatte. Angst, dass ihre Großeltern, die sie immer verstanden hatten und für sie da gewesen waren, nun ihre Grenze erreicht hatten und eben kein Verständnis mehr würden aufbringen können. Angst davor, dass man sie daran hindern könnte, Toshiya und Die wiederzusehen, jetzt, wo doch alles hätte leichter werden sollen. Und schließlich schlicht und ergreifend die Angst davor, am Ende ganz allein dazustehen.
Sie spürte, wie sie begann zu zittern, versuchte, gleichmäßig zu atmen, um sich nicht in der aufsteigenden Panik zu verlieren.
Was wäre, wenn sie niemanden mehr hätte?
Wenn ihre Familie sie verstoßen würde und sie ganz auf sich allein gestellt wäre?
Wenn sie hier wegmüsste, ohne eine Möglichkeit ihren Partnern zu sagen, wohin sie verschwand?
In ihre immer mächtiger werdende Gedankenspirale versunken, hatte sie die Augen geschlossen, riss sie nun auf, als sie eine warme, raue Hand auf ihrem Unterarm spürte. Deutlich hörbar sog sie Luft in ihre Lungen. Die schwieligen Finger ihres Großvaters strichen beruhigend über ihre Haut und alles, was sie tun konnte, war sich an seinen dunklen Augen festzuhalten, die sie ebenso liebevoll wie besorgt ansahen. Sie brauchte mehr Kraft, als sie hätte zugeben wollen, um ihre bebenden Hände von der Kaffeetasse zu lösen und zuzulassen, dass der Ältere sie mit seinen umschloss. Am liebsten hätte sie sich in irgendeiner Ecke zusammengekauert.
„Es ist alles gut, Ataru.“ Sein Tonfall war beinahe beschwörend und er sprach erst weiter, als sie zögerlich nickte, vielleicht ein bisschen mehr so wirkte, als würde sie nicht vollkommen in ihrer Panik untergehen, auch wenn sich ihr Brustkorb noch schmerzhaft zugeschnürt anfühlte. „Wir wollen dich nicht bestrafen oder verurteilen. Wir wollen nur verstehen, was passiert ist. Weil wir uns Sorgen machen. In Ordnung?“
Erneut konnte sie nur nicken, wandte den Kopf dann etwas zu Seite, um sich mit dem Ärmel ihres T-Shirts die Tränen von den Wangen zu wischen, die sie bisher nicht bemerkt hatte. Aber sie konnte nichts dagegen tun, dass sie noch immer zitterte.
„Ich …“ Zweifelnd sah sie zwischen ihren Großeltern hin und her, versuchte die richtigen Worte zu finden, um sie verstehen zu lassen. „Bitte verbietet mir nicht sie zu sehen“, platze es dann atemlos aus ihr hervor und allein diese Worte auszusprechen, schien diese Angst in ihr weiter zu verstärken.
„Ach Ataru…“ Nun legte auch ihre Großmutter eine Hand auf ihren Unterarm, drückte leicht zu. „Darum geht es doch gar nicht. Ganz abgesehen davon, dass du erwachsen bist und wir dir nichts verbieten könnten, selbst wenn wir das wollten.“ Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. „Es hat mir einfach einen riesigen Schrecken eingejagt nach Hause zu kommen und dich … euch so zu sehen.“ Sie hob ihre Hand, strich sacht durch Atarus Haar, als wolle sie sie beruhigen. „Du hast uns bisher nie davon erzählt, dass du für jemanden geschwärmt hast oder mit jemanden ausgegangen wärst und dann liegen da zwei Männer in meinen Gästefutons und meinte Enkelin zwischen ihnen.“ Sie wartete ab, bis Ataru ihr Lächeln erwidere, auch wenn ihre Lippen dabei bebten. „Ich wusste nicht, dass es für dich so etwas Ernstes ist?“ Die letzten Worte wurden zu einer Frage, die sie die Augen niederschlagen ließ.
„Ist es. Aber es ist auch noch so neu und ich weiß nicht wirklich, wie ich es erklären kann.“ Sie stieß ein erschöpftes Seufzen aus, versuchte bewusst, ihre Muskulatur etwas zu entspannen. „Ich weiß, dass du immer sagst, dass man über die Dinge reden muss, aber ehrlich gesagt bin ich von der ganzen Sache selbst noch ein bisschen überwältigt.“
„Das ist nicht ungewöhnlich, wenn man seinen ersten Freund hat“, versuchte ihre Großmutter Ataru weiter zu beruhigen, was aber nur dazu führte, dass sie noch ein wenig mehr in sich zusammensank.
„Freunde.“ Die beiden Silben verließen nur als leises Murmeln ihren Mund.
„Was?“
„… Freunde. Plural“, erklärte stockend. „Ich hab … Ich mag sie beide. Und sie mich auch.“
Wieder herrschte Stille in der kleinen Küche und wieder traute sie sich nicht so recht, ihre Großeltern anzusehen, auch wenn sie deren Blicke auf sich spüren konnte.
„Als ich dich neulich gefragt habe, ob du verliebt bist …“, begann ihre Großmutter schließlich, klang noch vorsichtiger als bisher. „Konntest du deswegen nicht richtig antworten?“
„Auch.“
„Wie soll so etwas denn funktionieren?“, fragte nun ihr Großvater, klang dabei aber eher überrascht oder verwundert und nicht angewidert, wie sie es insgeheim befürchtet hatte.
„Ich weiß nicht. Das … werden wir sehen. Denke ich. Hoffe ich.“ Sie hob den Kopf, gab sich Mühe, seinen Blick zu erwidern. „Die und Toshiya … die beiden sind schon lange zusammen, sie kennen sich ihr ganzes Leben lang. Und sie sagen beide, dass sie auch Gefühle für mich haben, dass das an ihrer Beziehung zueinander nichts ändert.“ Sie unterbrach sich selbst, musste schlucken, um gegen den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, anzukommen. „Sie sagen, dass sie mit mir zusammen sein wollen … und ich … Keine Ahnung wann oder wie es passiert ist, aber ich könnte mich nie für einen von ihnen entscheiden. Ich hab einfach Gefühle für sie beide.“
„Versteh mich nicht falsch Ataru.“ Ihr Großvater drückte kurz ihre Hände, die er noch immer hielt. „Ich möchte ihnen nichts unterstellen, ich kenne sie nicht. Aber das klingt für mich nach einer Situation, in der sie dich sehr leicht ausnutzen könnten. Oder verletzen.“
„Das würden sie nie tun.“ Ihr war bewusst, dass sie bei diesem Satz wie ein trotziges Kind klang, aber dennoch war sie sich absolut sicher, dass es die Wahrheit war. Weder Die noch Toshiya würden sie je wissentlich verletzen, das stand für sie fest. Egal wie naiv es vielleicht war.
„Aber du hast doch selbst gesagt, dass du nichts über sie weißt. Und, dass sie auf Fragen seltsam reagieren. Woher willst du wissen, dass sie das, was sie sagen, auch ernst meinen?“
„Weil wir viel geredet haben, Oma.“ Ein kleines, warmes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Genau so, wie du es immer sagst. Und ich weiß jetzt, warum sie anfangs so verschlossen waren, sie hatten einen guten Grund dafür.“ Für einen Augenblick schloss sie die Augen, atmete bewusst tief durch, bevor sie ihre Großeltern wieder ansah. „Ich weiß, dass das für euch schwer zu verstehen ist. Ich verstehe es ja selbst nicht wirklich, aber das ändert nichts an dem, was ich fühle. Deswegen … Ihr müsst es nicht verstehen. Aber könntet ihr versuchen, es zu akzeptieren?“
Sie wusste, dass selbst das viel verlangt war. Vor allem, wenn sie bedachte, wie viel die beiden in den letzten Jahren für sie getan hatten. Und wie schwer es für sie gewesen sein musste, plötzlich noch einmal ein Kind im Haus zu haben. Dazu eines, das in den Augen der Gesellschaft so anders war, als es hätte sein sollten. Vielleicht also war diese eine Sache einfach zu viel verlangt.
„Bist du glücklich?“, fragte ihre Großmutter da schon, bevor sie sich erneut in ihren Überlegungen verstricken konnte. Zumindest diese Frage konnte sie mit absoluter Sicherheit beantworten, obwohl dies nichts an ihrer Nervosität änderte.
„Ja. Sehr sogar.“
Ihre Großeltern wechselten einen Blick, bevor ihr Opa mit den Schultern zuckte, als würde er sich den Tatsachen ergeben, oder dem folgen, was seine Frau für richtig hielt. Diese setzte sich nun wieder etwas aufrechter hin, legte eine Hand flach auf die Tischplatte, während sie die andere hob.
„Dagegen kann ich dann wohl nichts sagen“, stellte sie fest und Ataru hätte am liebsten aus purer Erleichterung erneut angefangen zu weinen, nickte aber nur mit Tränen in den Augen, als die Ältere weitersprach. „Aber ich möchte zwei Regeln aufstellen, ja? Zum einen: Wer sich meine einzige Enkelin angeln möchte, hat sich bei uns vorzustellen-“
Das Geräusch, dass sie vor lauter Erleichterung von sich gab, lag irgendwo zwischen einem Schluchzen und einem verunglückten Lachen.
„Okay. Und die andere?“
„Keine nächtlichen Besuche ohne Vorwarnung mehr. Sonst kann ich nicht garantieren, dass ich keinen Herzinfarkt erleide, wenn ich dich morgens wecke.“
„Versprochen!“
Das kleine Lächeln, das an Atarus Lippen gezupft hatte, war binnen Sekunden zu einem breiten Grinsen geworden, als sie aufsprang und den kleinen Tisch umrundete, um ihre Großeltern nacheinander in eine feste Umarmung zu ziehen, und ihnen beiden einen dicken Kuss auf die Wangen zu drücken. Ihr war klar, dass das Thema damit längst nicht erledigt war – das wäre einfach unrealistisch. Aber allein die Tatsache, dass ihre Großeltern ihr soweit vertrauten, dass sie es ihr überließen, war ihr unglaublich viel wert.
~*~
„Meinst du, dass das alles gut gehen wird?“
„Ich hoffe es zumindest.“ Toshiya sah auf den groben Sand, über den sie gingen, hinab, konzentrierte sich für einen Moment auf das Gefühl, wie er mit jedem Schritt gegen seine Fußsohlen rieb. Er musste es nicht aussprechen, damit Die wusste, wie er diese Ungewissheit hasste. Auch, weil sie ihm zeigte, dass er sich manchmal eben doch zu sehr auf seine Gaben verließ.
„Nach dem, was Ataru uns von ihrer Familie erzählt hat, kann ich mir eigentlich nicht wirklich vorstellen, dass ihre Großeltern irgendwie katastrophal reagieren.“ Die klang ein wenig nachdenklich, aber dennoch so, als hätte er den Schrecken von vorhin mittlerweile hinter sich gelassen.
Toshiya hob seinen Blick, um ihn anzusehen, und stellte wieder einmal fest, dass der andere alles in allem auch jetzt noch wesentlich entspannter wirkte, als er selbst es war. Er wünschte sich, nicht zum ersten Mal in seinem Leben, über Dies Fähigkeit zu verfügen, Dinge einfach anzunehmen.
„Das kann gut sein. Ich glaube, Ataru hatte einfach Angst vor ihrer Reaktion, weil sie ihr so wichtig sind“, meinte er schließlich, hielt dann inne, um sich an dem menschenleeren Strand umzusehen. „Aber einfach zu akzeptieren wird es für ihre Großeltern vermutlich trotzdem nicht.“
„Stimmt.“ In Dies Stimme, schwang ein ‚aber‘ mit, das jedoch vorerst unausgesprochen blieb, als der Ältere ihn an sich zog und seine Arme fest um ihn legte. Aus reiner Gewohnheit schmiegte Toshiya sein Gesicht in seine Halsbeuge, wurde durch die Geste allerdings sogleich wieder an Ataru erinnert.
„Es war schön, so mit ihr aufzuwachen, oder?“, murmelte er in Dies helles Haar, erwiderte nun endlich die Umarmung und fühlte beinahe, wie seine Anspannung allein durch diese Nähe ein Stück weit von ihm abfiel.
„War es.“ Er konnte das Schmunzeln in Dies Stimme hören, ließ sich davon selbst zu einem Lächeln hinreißen. „Und ich lehne mich mal sehr weit aus dem sprichwörtlichen Fenster und gehe davon aus, dass das nicht das letzte Mal gewesen sein wird.“ Die trat wieder einen Schritt zurück, sah ihn mit leicht schief gelegtem Kopf an, bevor er ihm einen Zeigefinger zwischen die Augenbrauen drückte. „Und jetzt hör auf so die Stirn in Falten zu legen, sonst bleibt das noch so.“
„Du bist furchtbar.“
„Ich weiß, ich weiß. Aber diese Diskussion haben wir, seit wir uns kennen, und sie hat bisher nie zu irgendwas geführt.“
Das Grinsen, zu dem sich Dies Lippen verzogen, konnte man mit Fug und Recht als ‚absolut dreist‘ bezeichnen. Aber leider wirkte es auf nicht eben wenige Leute – ihn selbst eingeschlossen – auch sehr anziehend und war einer der Gründe, warum der Ältere fast immer seinen Willen bekam, wenn er es nur darauf anlegte. Und da ihm diese Tatsache absolut bewusst war, legte er es oft darauf an, ohne das man es ihm wirklich übel nehmen konnte.
Auch jetzt konnte er Die nur hinterhersehen, als er sich gänzlich umdrehte, weiter in Richtung Meer ging und sich noch im Laufen daran machte, den Gürtel seines Yukatas zu öffnen. Einige Sekunden lang verharrte Toshiya wo er war. Mit Blicken verfolgte die Bewegungen seines Geliebten, als dieser sich aus dem geliehenen Kleidungsstück schälte und es dann fein säuberlich über einem Arm zusammenlegte. Seine nackte Haut schien die Sonnenstrahlen förmlich einzufangen. Erst als Die sich nach ihm umsah und ihm einen auffordernden Blick zuwarf, setzte er sich wieder in Bewegung, um es ihm gleichzutun.
Wenn sie Ataru morgen trafen – und das mussten sie einfach – könnten sie die Yukatas hoffentlich aus ihrem Versteck holen und ihr zurückbringen.
Tamamono
08. Tamamono
Der angenehm würzige Geruch der Räucherstäbchen, angezündet gegen die im Sommer allgegenwärtigen Mücken, lag schwer in der schwülen Abendluft und vermischte sich träge mit dem Rauch der Zigarette, an der ihr Großvater hin und wieder zog. Wie er saß Ataru an die geschlossene Verandatür, die zum Wohnzimmer führte, gelehnt da und sah still aufs Meer hinaus. Auch wenn der Tag nach dem Taifun sonnig begonnen hatte, türmten sich jetzt wieder hohe Wolken am immer dunkler werdenden Abendhimmel und der Wind wurde allmählich kälter. Wenn sie Glück hatten, würde es nachts gewittern und die Luft morgen ein wenig erträglicher machen. Selbst nach dem Sturm war die Atmosphäre drückend und zum Schneiden dick.
Ataru atmete den vertrauten Duft von Tabak und Räucherwerk tief ein und schloss für ein paar lange Sekunden die Augen. Sie versuchte, sich bewusst zu entspannen, bevor sie schließlich nach der kühlen Bierdose griff, die neben ihr stand. Schweigend trank sie einen großen Schluck, konnte von drinnen die Stimme ihrer Großmutter hören, die mit einer Freundin telefonierte.
Sie wollte gerade dazu ansetzen, ihren Großvater noch einmal nach dem Gespräch zu fragen, das sie am Morgen geführt hatten, als er sich räusperte. Ataru sah auf, wandte sich ihm halb zu, ließ ihren Blick dann aber dem blaugrauen Zigarettenrauch folgen, der sich aus seinem Mund hinaus gen Himmel kräuselte.
„Du hast uns heute wirklich einen ziemlichen Schrecken eingejagt, Ataru. Ich wollte deiner Großmutter erst gar nicht glauben, weil es so absurd klang. Vor allem aus ihrem Mund. Ich denke, sie stand ein bisschen unter Schock, wenn ich ehrlich bin.“ Sie konnte keinen Vorwurf in seiner Stimme hören, die Worte verließen ruhig und besonnen seinen Mund, als wären sie ihm heute schon länger durch den Kopf gegangen. Und doch hatte sie das Gefühl, etwas wieder gut machen zu müssen.
„Tut mir leid.“
Das war gefühlt alles, was sie dazu sagen konnte, aber trotzdem erschien es ihr als zu wenig, um auszudrücken, wie sehr sie sich die Situation anders gewünscht hätte. Ihr Großvater gab nur ein unbestimmtes Geräusch von sich, griff mit seiner freien Hand nach einer der leuchtend roten Kirschen in der kleinen Schüssel, die zwischen ihnen stand.
„Es war ja offensichtlich nicht beabsichtigt.“ Hätte sie ihn weniger gut gekannt, wäre ihr im Halbdunkeln vielleicht das winzige Lächeln entgangen, das an seinen Mundwinkeln zupfte.
„Definitiv nicht.“ Ataru stieß ein halb frustriertes, halb amüsiertes Schnaufen aus, während sie eine Welle der Erleichterung durchflutete. „Als ich darüber nachgedacht habe, sie euch vorzustellen, hatte ich mir das definitiv anders vorgestellt.“ Sie hatte gar keine Worte dafür, wie anders.
„Vielleicht war es ja gar nicht mal so schlecht, dass es so passiert ist.“
„Wie meinst du das?“ Erstaunt sah sie den Älteren an, setzte sich automatisch etwas aufrechter hin, aber ihr Großvater lächelte nur.
„Ich weiß nicht, ob wir dir sonst einfach so geglaubt hätten“, erklärte er dann, betrachtete seine Enkelin nachdenklich. „Hättest du uns einfach so versucht uns deine Situation zu erklären … Es wäre vielleicht zu fremd gewesen, als dass wir es geglaubt oder wirklich ernst genommen hätten.“
„Ich weiß nicht, ob es das besser oder schlimmer gemacht hätte, wenn ich ehrlich bin.“
„Na ja, so gab es zumindest nichts, was man hätte wegdiskutieren können?“
„Schon.“ Ataru verzog ihr Gesicht zu einer leidenden Grimasse. „Aber es war auch einfach nur unfassbar peinlich für alle Beteiligten.“ Sie stellte ihre Bierdose beiseite, um sich mit beiden Händen übers Gesicht zu fahren. „Ganz abgesehen davon, dass Die und Toshiya sich garantiert Sorgen machen, weil ich heute Morgen total neben mir stand.“
„Du kannst sie sicher beruhigen, wenn ihr euch das nächste Mal seht – und ich gehe mal davon aus, dass das recht bald sein wird?“
„Morgen, eigentlich. Wenn ihr nichts dagegen habt“, gab sie kleinlaut zu. Immer in der Hoffnung, dass nicht doch noch eine Katastrophe passierte, die ein Wiedersehen verhinderte.
„Na siehst du.“ Ihr Großvater streckte eine Hand nach ihr aus. Wie schon am Morgen ergriff er ihre und drückte sie leicht, während er sie weiter ansah. Doch je länger sie so verharrten, desto mehr schien der Humor aus seinen Augen zu verschwinden, bis sie glaubte, immer deutlicher auch Sorge in seinem Gesicht lesen zu können. „Und du bist dir wirklich sicher, dass das das Richtige für dich ist?“
Auf diese Frage hin war es jetzt Ataru, die nicht anders konnte, als zu lächeln und ihre Antwort mit einem Nicken zu bekräftigen.
„Glaub mir, ich hab in den vergangenen Wochen quasi über nichts anderes nachgedacht. Und ich verstehe es zwar selbst noch nicht so ganz, weil ich noch nie so gefühlt habe. Aber–“ Sie hielt kurz inne, sah sich suchend auf der Veranda um, bevor sie leise fortfuhr. „Wenn ich auch nur daran denke, mich zwischen ihnen entscheiden zu müssen, zerreißt es mir das Herz. Und ja, ich weiß, wie kitschig das klingt. Ich weiß auch, dass es nicht das ist, was ihr euch für mich vorgestellt habt. Wenn ich ehrlich bin, es ist nicht das, was ich mir selbst für mich vorgestellt habe … Aber ich bin mit den beiden glücklich. Ich kann es schlecht in Worte fassen …“ Sie sah ihren Großvater an, musste mit sich kämpfen, um nicht einmal mehr an diesem Tag ihre Emotionen Überhand gewinnen zu lassen. „Wenn ich mit Toshiya und Die zusammen bin, fühlt es sich einfach richtig an. Als wäre ‚bei ihnen‘ einfach der Ort, an den ich gehöre. Auch wenn das vielleicht absurd ist.“
„Wenn ich dich so ansehe, klingt es nicht absurd.“ Der Gesichtsausdruck ihres Großvaters war voller Wärme und Zuneigung. So wie sie ihn schon immer kannte, wie er ihr schon immer mehr Vater gewesen war als ihr tatsächlicher Erzeuger. „Und du hast es heute Morgen ja selbst gesagt: Wir müssen es nicht unbedingt verstehen, akzeptieren können wir es trotzdem. Sollten wir es trotzdem. Wir wissen ja, dass du alt genug bist, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen, Ataru.“
„Danke.“
„Aber sollten die beiden irgendetwas tun, dass dir schadet, können sie etwas erleben.“
Ataru konnte nicht anders, als erleichtert zu lachen, während sie nun selbst nach den Kirschen griff.
„Das werde ich ihnen gern ausrichten, aber du weißt doch, dass ich auf mich selbst aufpassen kann“, konterte sie dann, schob sich eine der süßen Früchte zwischen die Lippen, bevor sie fortfuhr. „Auch, wenn es sehr lieb von dir ist, dass du mich so verteidigen willst.“
„Ach, um verteidigen geht es doch gar nicht. Du bist meine einzige Enkelin, da darf ich ja wohl ein bisschen besorgt sein.“ Seine nur halb gespielte Entrüstung ließ sie grinsen.
„Darfst du. Weil du es bist. Ausnahmsweise.“
Mit einem bekräftigenden Nicken hob ihr Großvater seine Bierdose, um mit ihr anzustoßen und noch einen großzügigen Schluck zu trinken.
„Ich sollte später auch noch mal mit Oma reden, oder?“, fragte Ataru schließlich, nachdem einige Minuten lang einvernehmliche Stille zwischen ihnen geherrscht hatte.
„Schaden kann es nicht. Aber vielleicht nicht mehr heute. Lass sie erst mal drüber schlafen. Für sie ist das alles noch schwerer zu verdauen, hab ich den Eindruck – und das will etwas heißen.“
„Mh …“ Sie griff erneut nach einer Kirsche, aß sie bedächtig, während sie versuchte, den richtigen Sinn aus den Worten ihres Großvaters zu ziehen. „Weil sie damit so unverhofft konfrontiert worden ist?“, stellte sie dann eine Vermutung an. Allerdings schüttelte der Ältere zunächst nur den Kopf, drückte nebenbei seine Zigarette im Aschenbecher aus.
„Zum Teil, auch wenn sich das sicher legen wird. Aber weißt du, was das Erste war, was sie zu mir gesagt hat, nach unserem Gespräch heute Morgen?“
„Was?“
„Jetzt wird sie ja nie heiraten können.“
„Bitte?“ Für einen Moment fühlte sich Ataru wie versteinert und konnte ihren Großvater nur mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen ansehen.
„Ja.“
„Aber–“
„Sie wollte immer, dass du jemanden findest, mit dem du glücklich sein kannst. Im Idealfall einen Mann, damit du bei einer Hochzeit auf nichts verzichten musst. Und hättest du eine Frau oder jemanden eines anderen Geschlechts geheiratet, hätte sie vermutlich persönlich nach Tempeln gesucht, die Zeremonien für nicht heterosexuelle Paare durchführen.“
„Aber warum?“
„Weil sie will, dass du glücklich bist, natürlich.“
„Aber dafür ist doch eine Hochzeit keine Bedingung?“
„Heute vielleicht nicht mehr unbedingt“, erklärte ihr Großvater mit einem kleinen, nachsichtigen Seufzen. „Zu unserer Zeit war das noch etwas anderes und eine Eheschließung auch etwas, das mit Sicherheit zu tun hatte, nicht nur mit Gefühlen. Damit abgesichert zu sein …“ Er hielt inne, sah aus den Augenwinkeln zu der geschlossenen Schiebetür, die sie vom Wohnzimmer trennte, als könnte er seine Frau durch das Holz hindurch ausmachen. „Abgesehen davon hätte sie dich definitiv sehr gern in einem Brautkleid oder Hochzeitskimono gesehen.“
„Vielleicht, weil ich früher immer davon geredet habe.“ Ataru ließ sich mit einem Lächeln, das voller Wärme war, gegen die Tür in ihrem Rücken sinken, sah versonnen nach oben in den wolkenverhangenen Himmel. „Damals, nachdem ich gerade erst zu euch gekommen war und die Behandlungen und all das begonnen haben … Ich habe ihr oft erzählt, dass ich später, wenn ich erwachsen bin, ganz groß heiraten will, damit alle sehen können, was für eine tolle Braut ich bin.“ Sie hielt einen Moment inne, hatte ihre Lippen zu einem warmen Lächeln verzogen, konnte ihr kindliches Selbst noch genau vor sich sehen. „Aber ich glaube … wenn ich mit Die und Toshiya zusammen sein kann, werde ich das nicht vermissen. Auch wenn mir bewusst ist, dass das schon ein ganzes Stück zu weit gedacht ist.“
Ihr Großvater, der gerade zu einem Kommentar angesetzt hatte, hob in einer abwehrenden Geste seine freie Hand.
„Ich habe nichts gesagt.“
„Aber du wolltest, versuch gar nicht erst, es zu leugnen.“
Statt gleich etwas zu erwidern, drückte der Ältere bedächtig seine Zigarette im Aschenbecher aus, bevor er sich ihr wieder zuwandte.
„Auch wenn ich hoffe, dass du vorsichtig bist; auf emotionaler Ebene und mit allem anderen, was noch so passieren könnte–“
„Opa!“
„Ich meine ja nur. Du bist erwachsen und kannst selbst entscheiden. Ich will nur, dass du auf dich aufpasst. Aber vor allem wünsche ich mir, dass du es genießen kannst. Und auch wenn die Umstände andere sind, als wir vermutet hatten – es war schön, dich in den letzten Wochen so aufblühen zu sehen, Ataru.“
„Ach du …“
Obwohl sie noch immer die Röte auf ihren Wangen brennen spürte, stellte sie ihre Bierdose rasch beiseite, um sich aufzurichten und etwas näher zu ihrem Großvater zu rücken. Ohne auf seine genuschelten Beschwerden darüber, dass es ja viel zu schwül für so viel Nähe sei, zu hören, schlang sie beide Arme um ihn und zog ihn in eine feste Umarmung.
„Danke, wirklich“, sagte sie leise, als er ebenfalls und seinem Protest zum Trotz einen Arm um sie legte. „Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, euch zu haben.“
„Und wir sind froh, dass wir dich so gut ins Erwachsenenalter bekommen haben.“ Ihr Großvater rückte wieder etwas von ihr an, damit er sie ansehen konnte. „Wir sind wirklich stolz auf dich und darauf, wie du das alles gemeistert hast.“
„Wenn du so weiter machst, fang ich gleich wieder an zu weinen, ganz ehrlich.“
~*~
Einige Zeit später saß Ataru noch immer auf der Veranda, wenn nun auch alleine und vor der halb geöffneten Tür, hinter der sich ihr Zimmer verbarg. Ihre Großeltern waren mittlerweile zu Bett gegangen, aber sie fühlte sich trotz ihrer körperlichen Erschöpfung zu emotional aufgekratzt, um auch nur an Schlaf denken zu können.
Also verharrte sie hier im Dunkeln, hatte sich gegen den mittlerweile erstaunlich kalten Wind eine weiche Decke um die Schultern gelegt und sah still hinaus in die Nacht. Der Mond stand als schmale, hell leuchtende Sichel hoch am Himmel, wurde immer wieder von den vorbeijagenden Wolken verdeckt. Noch war die Nacht hier ruhig, während in der Ferne, weit draußen über dem Meer, bereits die ersten Donnerschläge zu hören waren, die der Wind in Richtung Land trug.
Das Gespräch mit ihrem Großvater hatte sie aber zumindest ein Stück weit zu ihrem inneren Gleichgewicht zurückfinden lassen. Immerhin konnte sie nun sicher sein, dass sie ihr Zuhause nicht verlieren würde, weil sie den Konventionen der japanischen Gesellschaft offensichtlich noch weniger entsprach, als es bisher schon der Fall gewesen war. Ihre Dankbarkeit für so viel bedingungslose Liebe konnte sie nicht in Worte fassen und allein deswegen würde sie noch einmal mit ihrer Großmutter sprechen. Nicht weil sie sich dazu verpflichtet fühlte, sondern weil sie nicht riskieren wollte, dass es irgendetwas gab, was zwischen ihnen stand.
Und dann, wenn sie Wogen sich hoffentlich endgültig geglättet hatten, könnte sie Die und Toshiya ihrer Familie so vorstellen, wie sie es sich vorgenommen hatte, ganz und gar ohne böse Überraschungen. Vielleicht würde doch irgendwie alles gut werden.
Ein Gedanke, der ihr vor wenigen Jahren noch vollkommen utopisch erschienen wäre.
Mit einem lautlosen Seufzen sank sie gegen die Hauswand, genoss für den Moment das Gefühl der Windböen, die an ihrem offenen Haar rissen. Sie ließ ihre Blicke träge über die Strandlandschaft vor sich wandern: Wenn sie hier einfach noch ein bisschen saß, würden ihre Gedanken vielleicht genauso müde werden, wie ihre Augen es bereits waren. Dann konnte sie sich endlich ins Bett fallen lassen und im besten Fall erst irgendwann am frühen Montagmittag wieder aufwachen.
Sie war so in die Gedanken an ihr aktuelles Schlafdefizit und den Verlauf des Tages versunken, dass es einen langen Moment dauerte, bis sie verstand, dass sie nicht mehr vollkommen allein war.
In der nächtlichen Brandung war eine Gestalt aufgetaucht, die langsam, aber zielstrebig in ihre Richtung zu laufen schien. Fast schon reflexartig begann Atarus Herz voller Vorfreude schneller zu schlagen. Denn wer sollte hier im Dunkeln einfach aus dem Meer auftauchen, noch dazu nur einen Tag nach einem Taifun, wenn nicht einer ihrer Freunde? Schließlich waren sie ja erst in der Nacht zuvor ebenso plötzlich aufgetaucht – auch wenn dieses ungeplante Treffen schon wieder viel länger her zu sein schien.
Vielleicht hatten sie sich größere Sorgen um sie gemacht, als nötig?
Doch je länger Ataru die Silhouette im Dunkeln betrachtete, desto klarer wurde ihr, dass diese erste Ahnung eher eine falsche Hoffnung gewesen war. Zwar hatte der nächtliche Spaziergänger sicher ebenso langes Haar wie Die, aber es schien anders als seines, das wenige Mondlicht beinahe zu verschlucken. Der Körperbau und die Bewegungen passten ebenfalls nicht zu ihren Nixen. Wer auch immer da auf sie zu kam, konnte kaum größer sein, als sie selbst.
Sie spürte die scheinbar unvermeidliche Unsicherheit, die sie in ihrem Leben so oft begleitete, in sich aufsteigen, aber gleichzeitig konnte sie ihre Augen nicht von der unbekannten Figur abwenden. Das Bild, das sich ihr bot, hatte etwas beinahe Hypnotisches an sich. Die langsam näher kommende Gewitterwand und der Sand, der das Mondlicht silbrig reflektierte, bildeten eine fast mystisch anmutende Kulisse, die den Körper davor dramatisch in Szene setzte. Jeder Schritt, jede Bewegung wirkte so zielsicher und bewusst, als wären sie Teil eines Tanzes. Als würde das, was hier geschah, einer vorherbestimmten Choreografie folgen, die sie vollkommen gefangen nahm.
Ataru setzte sich automatisch auf, als die Person immer näher kam, verharrte aufgerichtet auf ihren Knien, unsicher, ob sie diesem unbekannten Besuch entgegenlaufen oder lieber die Flucht ergreifen wollte. Einige wenige Meter von ihr entfernt blieb dieser schließlich stehen. In einer eleganten, gleichzeitig aber beinahe selbstvergessen wirkenden Geste hob sich eine feingliedrige Hand, strich nachlässig einige lange, dunkle Haarsträhnen aus einem Gesicht, in dem sich volle Lippen zu einem Lächeln formten.
„Hallo Ataru.“
Auf die sanft gesprochenen Worte folgte ein Laut, der die sonst so ruhige Nachtluft abrupt zerschnitt und es dauerte einen Herzschlag, bis Ataru begriff, dass sie selbst ihn ausgestoßen hatte. Es war ein fast schon verzweifeltes Geräusch, das irgendwo zwischen Schock, Erschrecken und einem erleichterten Schluchzen lag und damit all das in sich trug, was sie gerade nicht in Worte fassen konnte. Sie konnte nur starren, fühlte, wie sich Gänsehaut auf ihrem gesamten Körper ausbreitete. Sie kannte diese Stimme. Natürlich kannte sie sie. Und selbst wenn sie sich nicht gewusst hätte, woher, wäre ihre Reaktion vermutlich nicht anders ausgefallen.
„Shiori?“ Die drei Silben verließen atemlos und zittrig ihren Mund, fanden ihren Weg hinaus in die Welt und ließen das Lächeln auf dem Gesicht der anderen noch ein wenig mehr erblühen.
„Du erinnerst dich.“ Es war weniger eine Frage als vielmehr eine erleichterte Feststellung, mit der die Nixe noch etwas näher kam. Ataru konnte nicht anders, musste sie genauer betrachten, mit dem Bild vergleichen, das sie in ihren Erinnerungen wiedergefunden hatte.
Tatsächlich sah Shiori fast genauso aus wie damals. Ihr Haar, das nass in dunklen, glatten Bahnen bis weit über ihre Schultern fiel, war noch länger als bei ihrem letzten Treffen, geleitete Atarus Blick über ihren nackten Körper, der jetzt gerade vollkommen menschlich wirkte. Genau wie bei Die und Toshiya. Statt goldener Fischschuppen glänzten nur eine Kette mit einem kleinen Anhänger und ihre noch vom Meerwasser nasse Haut schwach im Mondlicht, als sie näher kam und mit langsamen Schritten die Treppe zur Veranda erklomm.
Im Gegensatz zu der Eleganz und Sicherheit, die Shiori ausstrahle, fühlte Ataru sich gerade furchtbar unkoordiniert, musste beinahe um ihr Gleichgewicht kämpfen, nachdem sie zu hektisch versuchte, auf die Beine zu kommen. Doch schließlich standen sie einander gegenüber.
Und während sie noch immer dabei war, die richtigen Worte zu finden, selbst wenn sie nicht wusste, was sie eigentlich sagen wollte, kam Shiori ohne weiteres Zögern zwei Schritte näher und zog sie in eine wortlose Umarmung.
Für ein, zwei Herzschläge war Ataru unfähig zu reagieren, bis ihr Hirn zu verstehen schien, dass das hier tatsächlich passierte und sie ihre Arme um die andere Frau schlang. Gleichzeitig spürte sie Shioris Finger sanft über ihren Rücken streichen. Was hatten Nixen nur an sich, dass sie sich in ihrer Gegenwart so sicher fühlte? Selbst hier und jetzt mit Shiori, der sie nur einmal in ihrem Leben begegnet war.
„Ich hatte es wirklich vergessen“, flüsterte sie erstickt, spürte, wie sie andere nickte.
„Das macht doch nichts.“
„Ich dachte, ich hätte es nur geträumt oder mir eingebildet …“
Shiori richtete sich etwas auf, brachte zumindest so viel Abstand zwischen sie, dass sie sich ansehen konnten und erst jetzt fiel Ataru auf, dass sie tatsächlich etwas größer war, als sie selbst.
„Wer könnte dir das verübeln?“, wollte sie leise wissen, hob eine Hand, um sie geradezu liebevoll an Atarus Wange zu legen. „Aber ich bin froh, dass ich recht hatte, damals.“
„Was meinst du?“
„Damit, dass alles besser wird.“ Ihr Lächeln wurde noch etwas wärmer, hatte etwas fast schon Mütterliches an sich. „Sieh dich an, du bist wunderschön.“
Ataru konnte nicht anders, als ein wenig peinlich berührt zu lachen und den Blick abzuwenden. Nicht, wenn sie hier gerade einer der schönsten Frauen gegenüberstand, die sie je gesehen hatte. Und allein deswegen dauerte es ein wenig, bis sie sich so weit gefasst hatte, dass sie die Frage stellen konnte, die ihr in diesem Moment am wichtigsten erschien.
„Was machst du hier?“ Und dann: „Brauchst du ein Handtuch?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, trat sie einen Schritt zurück und griff nach der Decke, die sie bisher selbst benutzt hatte, um sie Shiori zu reichen, die sie mit einem leisen, anscheinend äußerst amüsierten Lachen annahm.
„Mir ist zwar nicht unbedingt kalt, aber gemütlicher ist es so sicher“, sagte sie mit einem dankbaren Nicken. Sie bedeutete Ataru bedeutete zu setzen, nur um sich gleich darauf, die weiche Decke um ihre Hüften geschlungen, neben ihr auf dem Holzboden niederzulassen.
Wieder konnte Ataru sie lediglich stumm beobachten, ihre Bewegungen und ihre Haltung mit denen einer Tänzerin vergleichen, die sich jeder Faser in ihrem Körper bewusst war. Sie wirkte geradezu königlich, wie sie aufrecht hier saß, ihre Beine zur Seite abgewinkelt, wie es mit einem Fischschwanz vielleicht bequemer gewesen wäre. Sie erschien ihr weniger spitzbübisch als bei ihrer letzten Begegnung. Aber vielleicht war das auch nur, weil Ataru heute kein Kind mehr und die Situation eine andere war.
„Sagst du mir, warum du hier bist?“, fragte sie noch einmal vorsichtig nach, nachdem wieder eine kurze Zeit, in der sie sich gegenseitig gemustert hatten, schweigend vergangen war.
„Ich hab dir damals doch erzählt, dass es meine Gabe ist, Dinge zu wissen, oder?“ Sie sah Ataru fragend an, war mit einem zögerlichen Nicken als Antwort anscheinend zufrieden. „Ich wusste, dass ich heute hier sein sollte. Oder zumindest ungefähr heute.“ Shiori zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen, legte abschätzend den Kopf schief. „Auf jeden Fall nach dem Taifun.“
„Klingt nicht sehr genau.“ Ataru konnte ein kleines Grinsen nicht zurückhalten, das von ihrem Gegenüber erwidert wurde.
„Ist es leider auch in den seltensten Fällen. Aber ich wusste damals schon, dass wir uns wiedersehen würden. Ich musste nur auf den richtigen Zeitpunkt warten und hoffen, dass du dich nicht für eine andere Zukunft entscheidest.“ Sie streckte eine Hand aus, griff damit nach Atarus und verschränkte ihre Finger. „Ich bin wirklich froh, dich zu sehen.“
„Ich auch. Dich zu sehen, meine ich.“ Sie sah auf ihre verbundenen Finger und seufzte leise. „Als ich mich wieder an unser Treffen damals erinnert habe, hat mich das ziemlich aus der Bahn geworfen … Aber mittlerweile macht es Sinn, glaube ich.“
„So?“ Die Augenbrauen der Nixe wanderten jetzt ein ganzes Stück nach oben und irgendwie kam Ataru der Gedanke, dass diese offene Neugier ihrer Art vielleicht grundsätzlich innewohnte.
„Ja. Ich habe … andere Nixen kennengelernt.“
Während sie sprach, betrachtete sie Shioris Gesicht, aber so, wie sie fast schon erwartet hatte, konnte sie in den ebenmäßigen Zügen keine wirkliche Überraschung feststellen.
„Wusstest du das damals auch schon?“, hakte sie deswegen nach, war sich in diesem Moment nicht sicher, was sie von dieser seltsamen Gabe halten sollte, die Shiori anscheinend besaß. Und wie viele Details sie tatsächlich wissen wollte.
„Nicht direkt. Ich wusste, dass du etwas mit dem Meer und mit uns zu tun haben würdest. Dass es Berührungspunkte in unseren Leben geben würde. Wirklich klar wurde es mir erst, als ich dich vor einiger Zeit wieder gesehen habe.“ Sie hob ihre beiden noch immer miteinander verschränkten Hände etwas an. „Ich kann dir nicht genau sagen, warum, aber wir sind auf eine gewisse Art und Weise miteinander verbunden.“
„Du meinst Schicksal?“
Mit einem leisen Lachen zuckte Shiori mit den Schultern, ließ dann langsam von Atarus Hand ab, um sich ihr Haar aus dem Gesicht zu streichen.
„Wenn du es so nennen willst, vielleicht Schicksal.“ Ihre Miene wurde ein wenig nachdenklicher und für eine Sekunde kniff sie ihre Lippen zusammen, so als wollte sie ein Seufzen dahinter gefangenhalten. „Als ich dich damals am Strand gesehen habe – eigentlich hätte ich mich dir nicht nähern dürfen. Du kannst dir vermutlich vorstellen, dass unser Überleben auch davon abhängt, dass die Menschen nichts von uns wissen. Aber du sahst so verloren und traurig aus, dass ich dich nicht einfach ignorieren konnte. Ich hatte diesen unglaublichen Drang dich beschützen, egal welche Konsequenzen das vielleicht haben könnte. Und als wir miteinander gesprochen haben, konnte ich so deutlich die Verbindung spüren, die du zum Meer hattest und noch haben würdest–“
„Aber ich bin doch nicht mal wirklich hier aufgewachsen?“, flüsterte Ataru fassungslos, versuchte zu verstehen, was Shiori gerade zu sagen schien.
„Mag sein, aber du hast das Meer geliebt, oder? Schon damals.“
„… stimmt.“ Jetzt konnte sie nicht anders, als zu lächeln, dachte unweigerlich daran zurück, wie gern sie schon als Kind Zeit an der Küste verbracht hatte und wie schwer ihr der Abschied jedes Mal gefallen war, wenn sich ein Besuch bei ihren Großeltern dem Ende zuneigte. Dann erinnerte sie sich an das Versprechen, das Shiori ihr damals gegeben hatte. „Als du gesagt hast, dass irgendwann alles so sein wird, wie ich es mir wünsche … hast du … mich da so gesehen wie ich jetzt bin?“, wollte sie zögerlich wissen, wand sich innerlich, als die Ältere nicht sofort antwortete, sondern abzuwägen schien, was sie sagen wollte.
„Fast“, war dann allerdings nicht die Antwort, mit der sie gerechnet hatte. Bevor sie noch einmal nachfragen konnte, hob Shiori einen Zeigefinger an ihre Lippen und zwinkerte ihr kurz zu. „Ich kann dir nicht einfach alles verraten, Ataru, aber ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis du verstehst, was ich meine.“ Sie hielt kurz inne, richtete sich wieder etwas gerader auf. „Erzähl mir von deinen Nixen-Freunden.“
„Ich hätte vermutet, dass du darüber auch schon Bescheid weißt“, konterte Ataru, halb ernst, halb aus tatsächlicher Verwunderung. „Aber Die und Toshiya haben gesagt, dass ihr Schwarm der einzige hier ist, also schätze ich, dass du sie kennst?“
Shioris Lippen öffneten sich erstaunt, formten ein kleines, stummes ‚Oh‘, während ihre Hände sich in einer unbewusst wirkenden Geste an ihre Schläfen legten.
„Aber natürlich“, sagte sie leise, aber die Frustration der Nixe mit sich selbst, die den Worten innewohnte, war deutlich zu hören. „Deswegen hat immer irgendetwas gefehlt.“
„Was meinst du?“
Shiori schüttelte langsam den Kopf, als wollte sie so ihre Gedanken – oder vielleicht ihre Sicht auf die Dinge – etwas zurechtrücken.
„Immer, wenn ich die beiden zusammen gesehen habe, hatte ich das Gefühl, dass etwas fehlt, nicht ganz richtig ist, aber ich wusste nie, was es war. Oder warum es mir so vorkam, weil sie so glücklich miteinander waren.“ Ihr Blick hob sich und Shiori wirkte, als hätte sie tatsächlich gerade eine kleine Offenbarung gehabt. Eine ihrer kühlen Hände wanderte von ihrer Schläfe zu Atarus Wange. „Aber natürlich ergibt es Sinn, wenn sie dich noch nicht gefunden hatten, noch nicht mal von dir wussten … Deswegen hat es sich in letzter Zeit anders angefühlt.“
Die Worte hingen in der Luft zwischen ihnen, während sie die Gedanken in Shioris Kopf förmlich rasen sehen konnte. Als hätte sie eben ein Puzzlestück gefunden, durch das sich ihr bisheriges Wissen zu einem Gesamtbild zusammenfügte, das sie vorher vermisst hatte. Ataru hingegen überkam immer mehr das Gefühl, dass hier etwas auf sie zukam, dessen Ausmaße sie nicht einmal ansatzweise zu verstehen vermochte.
„Also kennst du sie wirklich?“, hakte sie schließlich nach. Sie biss sich unsicher auf die Unterlippe und fühlte sich gerade einmal mehr in den letzten achtundvierzig Stunden von dem überwältigt, was passierte. Ganz abgesehen davon, dass es ein sehr, sehr seltsames Gefühl war, hier mit jemandem zu sitzen, der ihre Partner offensichtlich viel länger und damit besser kannte, als sie selbst.
„Wie du schon gesagt hast, es gibt hier in der Gegend nur einen Schwarm von Nixen.“ Shioris Fingerspitzen geisterten sacht über Atarus Schläfe, aber sie wirkte aber noch immer ein wenig abwesend. „Toshiya ist so etwas wie mein Schüler und Die ist nie weiter von ihm entfernt, als er es irgendwie rechtfertigen kann. Aber das weißt du vermutlich.“
„Dein Schüler? Wa–“ Ataru unterbrach sich selbst, als ihr klar wurde, dass es zumindest von dem, was sie im Moment sicher wusste, ausgehend, tatsächlich nur eine Sache gab, von der Shiori sprechen konnte. „Er … ist wie du? Er weiß Dinge?“
„Ja.“ Die Ältere löste den Kontakt zwischen ihnen, begann stattdessen gedankenverloren mit der dünnen Kette zu spielen, die sie trug. „Es ist eine Gabe, die nicht oft vorkommt, meist nur wenige Male in einer Generation, manchmal gar nicht. Aber sie hat das Potenzial, das Überleben eines Schwarmes zu sichern, deswegen ist es wichtig, dass diejenigen, die sie haben, mit ihr umzugehen wissen. Aber damit will ich dich nicht langweilen, Ataru.“
„Nichts an alledem ist auch nur ansatzweise langweilig für mich.“ Sie meinte es ernst, aber auf Shioris Blick hin konnte sie sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. „Wirklich! Noch vor ein paar Wochen habe ich meinen Großvater belächelt, weil er daran glaubt, dass es hier irgendwann mal Nixen gegeben hat und jetzt?“ Sie vollführte mit beiden Händen eine vage Geste, von der sie nicht sicher war, was sie aussagen sollte. „Es ist, als wäre ich Alice und in einer seltsamen anderen Welt gelandet.“
„Ich kann dir versichern, dass es bei uns keine blutrünstigen Königinnen gibt“, neckte Shiori sie sanft. Dann befreite sie sich mit wenigen geschickten Handgriffen von ihrem Schmuckstück und hielt es Ataru entgegen. „Und auch wenn ich nicht mit magischen Tränken dienen kann – das hier ist für dich.“
„Aber das …“ Der stockend angefangene Satz verlief im Sande, sie wusste nicht, wie sie ihn hätte fortführen sollen. An der filigranen goldenen Kette baumelte eine ebenso goldene, etwa haselnussgroße Perle, die samtig-matt im Mondlicht schimmerte. Ohne wirklich darüber nachzudenken, hob sie eine Hand, berührte die helle Oberfläche des kleinen Schatzes zögerlich mit den Fingerspitzen. Die Perle war so glatt, dass sie sich beinahe weich anfühlte; sie ruhte kühl an ihrer Haut, schickte aber gleichzeitig ein fast elektrisierendes Kribbeln durch ihre Hand.
„Danke“, brachte sie schließlich leise hervor. Sie fühlte sich noch immer zu sprachlos, um diese unerwartete Gabe mit den richtigen Worten loben zu können. Gleichzeitig wusste sie nicht, wie sie dieses vollkommen ungerechtfertigte Geschenk hätte ablehnen können.
„Nicht dafür. Sie gehört zu dir, du wirst sehen.“ Wieder eine kryptische Erklärung, die eigentlich keine war, aber Ataru konnte nur nicken. „Lass sie mich dir anlegen, ja?“
Ohne wirklich eine Antwort abzuwarten, rückte Shiori etwas näher, lehnte sich ein Stück weiter nach vorn, um die dünne Kette in Atarus Nacken verschließen zu können, während sie selbst nur stocksteif und mit zusammengekniffenen Augen dasaß.
Nicht, dass sie Probleme mit Nähe im Allgemeinen oder die Nähe der Nixe im Besonderen hatte, aber Shiori war bis auf die Decke in ihrem Schoß immer noch nackt und das war dann doch ein bisschen mehr Vertrautheit, als ihr lieb war. Zumal sie sich so schon beherrschen musste, ihr schönes Gegenüber nicht ständig anzustarren.
Nach wenigen Augenblicken, die ihr wie eine kleine Ewigkeit vorkamen, hatte die andere die Kette verschlossen, begann vorsichtig damit, Atarus Haar unter dem dünnen Metallband hervorzuziehen, und sie konnte schließlich die leichte Kühle in ihrem Nacken fühlen, als es auf ihrer erhitzten Haut zu liegen kam.
Sie sah hinunter auf die Perle, die nun über ihrem dunklen T-Shirt baumelte, gegen diesen Hintergrund fast schon zu glimmen schien, wie es sonst nur die Schuppen der Nixen taten.
„Bist du sicher, dass du sie mir einfach so geben möchtest?“, wollte sie schließlich wissen, hob den Kopf, um die Ältere wieder ansehen zu können.
„Natürlich. Glaub mir, sie will zu dir.“ Das Lächeln, das ihre Lippen umspielte, kam ihr ein wenig schelmisch vor, ließ mehr von der unbeschwerten Version Shioris erahnen, die sie als Kind kennengelernt hatte. „Frag einfach deine beiden Geliebten danach.“
Am liebsten hätte Ataru bei dieser Wortwahl das Gesicht verzogen, aber so sehr sie diese auch peinlich berührte, am Ende war sie nicht falsch. Schließlich hatte sie Gefühle für ihre Partner, die sich selbst bei ihrem relativen Mangel an Vergleichsmöglichkeiten irgendwie wie Liebe anfühlten. Allerdings war das wiederum ein Thema, über das sie zumindest jetzt nicht nachdenken wollte.
„Werde ich.“, antwortete sie deswegen nur verspätet und ob dieser gerade gefundenen Erkenntnis ein wenig atemlos, bevor sie Shiori mit großen Augen dabei zusah, wie sie sich langsam erhob. Mit beinahe bedächtigen Bewegungen legte sie die Decke locker zusammen und reichte sie Ataru.
„Ich bin sicher, wir haben uns heute nicht das letzte Mal gesehen, Ataru. Und das kann ich sagen, ohne dafür irgendeine Gabe zu haben.“
Mit diesen Worten strich ihr die Nixe noch einmal liebevoll über den Kopf, wandte sich dann um, um die Verandatreppen zum Strand hinunterzusteigen und Richtung Meer zu gehen.
Auf ihrem Weg dorthin sah sie nicht zu ihr zurück, aber Ataru konnte nicht anders, als sie wie hypnotisiert dabei zu beobachten, wie sie sich dem Wasser näherte und es ihre Beine immer höher umspielte, bis Shiori sich einfach grazil in die nächste Welle fallen ließ.
Sekundenbruchteile später konnte sie ein Funkeln unter der Oberfläche ausmachen, das mehr als nur gebrochenes Mondlicht war.
~*~
Als sie am nächsten Morgen erwacht war, war Ataru sich im ersten Moment nicht sicher gewesen, ob sie nicht doch wieder nur geträumt hatte – ob diese weitere nächtliche Begegnung mit Shiori nicht schlicht ihrer Fantasie entsprungen war, weil sie die Nixe wiedersehen wollte. Erst als sie sich dazu überwinden konnte, die Augen zu öffnen, hatte sie aufatmen können. Auf ihrem Nachttisch ruhte, sanft in der Morgensonne glänzend, die goldene Perle.
Auch nun, wo sie am Strand in der Sonne lag, wanderte ihre Hand immer wieder automatisch zu dem Schmuckstück, das sie an seiner ebenso goldenen Kette um den Hals trug. Sie drehte es langsam zwischen ihren Fingern hin und her, war jetzt nicht weniger verwundert darüber als noch am Morgen, wie kühl es sich anfühlte. Fast als hätte man die Perle gerade erst aus den Tiefen des Meeres hervorgeholt. Egal wie lange sie sie zwischen ihren Fingern hielt oder sie ihre Haut berührte, während sie die Kette trug, sie schien stur an ihrer eigenen Temperatur festzuhalten.
Mit einem leisen Seufzen ließ Ataru von dem kleinen Anhänger ab und ihre Hand stattdessen auf ihrem Bauch ruhen. Sie hoffte wirklich, dass Toshiya oder Die ihr würden sagen können, was es mit Shioris Geschenk auf sich hatte, denn allmählich hatte sie das Gefühl, dass hinter jedem Geheimnis, das sich ihr offenbarte, nur wieder das nächste Rätsel wartete. Und im Gegensatz zu Shiori schien sie selbst nie in der Lage zu sein, das Gesamtbild zu sehen, das sich vor ihr ausbreiten wollte. Oder zu erkennen, was es für sie eigentlich bedeutete. Aber vielleicht kam ihr das auch nur so vor, weil quasi alles, was ihre Freunde ihr erzählten,
Mit einem kleinen Ruck setzte Ataru sich auf, wischte sich einige Haare, die ihrem geflochtenen Zopf entkommen waren, aus der Stirn und griff nach ihrer Wasserflasche. Obwohl sich das Wetter wieder beruhigt hatte und die Sonne am Himmel stand, als wäre es nie anders gewesen, war es so schwül, dass man selbst am Strand fast das Gefühl hatte, als wäre man in einem Gewächshaus und sich nach wenigen Minuten verschwitzt und klebrig fühlte.
Sie setzte ihre Sonnenbrille ab, um sie sicher zu verstauen, und wollte schon aufstehen, als die goldene Perle durch den Schwung ihrer Bewegung über die erhitzte Haut in ihrem Dekolleté rollte, ihr so ein sachtes Schaudern entlockte. Vielleicht sollte sie Kette lieber hierlassen – ein Fußkettchen im Wasser zu verlieren war schließlich das eine, aber bei einem so wertvollen Geschenk war das etwas anderes. Vorsichtig öffnete sie den filigranen Verschluss und verstaute das Schmuckstück sicher in einem kleinen Seitenfach ihres Rucksacks. Dann erhob sie sich endlich, stellte sich auf ihre Fußballen und streckte sich ausgiebig, genoss die Dehnung in ihren sonnenwarmen Muskeln.
Sie sah sich kurz um, aber bis auf eine Familie mit einem Kleinkind, die in einiger Entfernung ihr Lager aufgeschlagen hatte, war dieser Teil des Strandes wie so oft frei von Besuchern. Sie musste ein wenig grinsen, als das Kind sich lautstark dagegen wehren wollte, seinen Sonnenhut wieder aufzusetzen, während seine Mutter versuchte, so gut es ging, Sonnencreme auf seinem Gesicht zu verteilen.
Abwesend zupfte Ataru ihr Bikini-Oberteil ein wenig zurecht und setzte sich in Richtung Wasser in Bewegung. Da sie sich nicht sicher war, wann Die und Toshiya auftauchen würden, würde sie sich einfach allein schon etwas abkühlen. Selbst wenn sie später noch mehr Zeit im Meer verbringen würden, an Tagen wie heute war es dort definitiv besser auszuhalten, als an Land.
Sie genoss es, wie die ersten verspielten Wellen ihr erst über die Füße, dann über die Waden schwappten, genoss die leichte Gänsehaut, die ihren Körper überzog, als das Meerwasser ihre Oberschenkel erreichte. Mit geschlossenen Augen blieb sie stehen, lauschte dem lockenden Rauschen des Meeres und den kreischenden Rufen der Möwen. Wenn sie daran zurückdachte, wie sie vor nicht allzu langer Zeit hier gestanden hatte, zitternd und voller Angst davor, was passieren könnte, wenn sie jemand sah, konnte sie nicht anders als erleichtert durchzuatmen. Auch wenn es ihren Nixen vielleicht nicht einmal bewusst war – eines der größten Geschenke, die sie ihr gemacht hatten, war ihr die Angst vor dem Meer genommen zu haben. Sie hatten ihr geholfen, das Wasser wieder so genießen zu können, wie sie es früher getan hatte.
Mit einem Lächeln auf den Lippen ging sie noch ein paar Schritte weiter, stieß sich schließlich mit den Füßen vom Meeresboden ab, um der nächsten Welle entgegenzuschwimmen. Sie wollte nicht wirklich weit hinaus, allein schon, weil sie sich der Strömungen unter der Oberfläche nicht sicher sein konnte, stattdessen schwamm sie parallel zum Strand, ließ sich hin und wieder etwas näher ans Ufer tragen. Sie genoss dieses unbeschwerte Dahintreiben auf den Wellen, auch wenn es noch ungewohnt war. Oder vielleicht genau deswegen und weil es viel zu lange her war, dass sie es so hatte genießen können, nachdem es in ihrer Kindheit selbstverständlich gewesen war.
Als sie nach einiger Zeit wieder aufsah und erst einen, dann zwei Schwimmer weiter draußen in der Bucht ausmachen konnte, überraschte es sie beinahe selbst, wie ruhig sie bleiben konnte. Auch wenn sie nichts gegen die unwohle Nervosität tun konnte, die sich in ihrem Magen ausbreitete, diese Reaktion war Meilen von der klammernden Panik entfernt, die sie noch vor wenigen Wochen ergriffen hatte. Natürlich war sie sich diesmal beinahe sicher, wer da aus dem Nichts gen Küste schwamm, aber dennoch konnte sie nicht anders, als diese relative Ruhe in ihrem Inneren als einen Erfolg zu werten.
Sie ließ sich weiter auf der Stelle treiben, folgte den näherkommenden Figuren mit ihren Blicken. Immer wieder legten sie größere Teile ihres Weges unter Wasser zurück, sodass Ataru nur erahnen konnte, wo sie genau waren, aber es dauerte nicht lange, bis Toshiya und Die schließlich einige Meter entfernt von ihr auftauchten. Ohne darüber nachzudenken, setzte Ataru sich in Bewegung, schwamm so rasch, wie es ihr möglich war, auf die beiden zu und ließ sich von ihrem letzten Schwimmzug in Dies Arme treiben, die sie sicher an seinen Körper zogen.
„Du, hier?“, fragte er mit einem schiefen Grinsen, nur um sie gleich darauf zu küssen, ohne dass sie eine Gelegenheit zum Antworten gehabt hätte. Sie schlang einen Arm um seinen Nacken, genoss es, so an ihn geschmiegt im Wasser zu treiben, auch wenn sie durch die körperliche Anstrengung ihren Kuss eher lösen musste, als ihr lieb war.
„Es war zu warm und ihr habt auf euch warten lassen“, erwiderte sie nur in einem gespielt tadelnden Tonfall, zupfte nebenbei ein Stückchen Seegras aus dem langen Haar des Älteren. „Und ich wollte nicht riskieren zu schmelzen, bevor ihr da seid.“
Sie wandte sich halb um, streckte ihren freien Arm nach Toshiya aus, der sie nun seinerseits an sich zog, ohne auf Dies halbherzigen Protest zu achten. Ob er sich über den Verlust ihrer Nähe oder ihren Kommentar beschwerte, bekam sie nicht mehr wirklich mit, schließlich wollte sie Toshiya genauso ausführlich begrüßen, wie ihren anderen Partner. Und verdammt, sie konnten einfach beide wahnsinnig gut küssen, da passierte es schon einmal, dass ihre Aufmerksamkeitsspanne ein bisschen nachließ.
„Ich schätze deine Großeltern haben sich wieder ein bisschen beruhigt?“, wollte der Schwarzhaarige schließlich wissen, was sie nur mit einem Nicken bekräftigte.
„Es ist sicher noch nicht das letzte Wort gesprochen, weil es für sie unbekanntes Terrain ist, aber … sie wissen, dass sie mir vertrauen können. Auch wenn ich euch ausrichten soll, dass sie euch die Hölle heißmachen, wenn ihr mich nicht gut behandelt.“
„Na das wollen wir nicht riskieren.“
„Definitiv nicht.“
Mit diesen Worten befreite Ataru sich aus der liebevollen Umarmung, in der sie noch immer gehalten wurde und begann in Richtung Ufer zu schwimmen. Ihr war klar, dass die beiden Nixen die Distanz wesentlich schneller hätten zurücklegen können, aber zumindest für den Moment schienen sie damit zufrieden zu sein, sich ihrem Tempo anzupassen. Wieder eine dieser Kleinigkeiten, die sie so unfassbar glücklich machten, obwohl sie eigentlich nichts Besonderes sein sollten.
Als sie schließlich wieder Sand unter den Füßen hatte und in Richtung ihres Handtuchs ging, glaubte Ataru, die Blicke der beiden Männer auf sich spüren zu können. Und auch dieser Gedanke löste heute etwas anderes in ihr aus, als wenn sie dieses Gefühl sonst verspürte. Hier und jetzt, in diesem Moment kam sie sich nicht bewertet oder verunsichert vor, ganz im Gegenteil – so seltsam es für sie war, es fühlte sich gut an, geradezu wie eine Bestätigung dessen, was sie gestern gesagt hatten.
Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen griff sie nach ihrem Badetuch, um zumindest ihr Gesicht und ihre Haare ein wenig abzutrocknen, wandte sich dann aber wieder an Toshiya.
„Du hättest mir übrigens gern sagen können, dass du hellsehen kannst.“
Deai
09. Deai - Begegnung
Der erstaunte Ausdruck, in dem Toshiyas Gesichtszüge geradezu eingefroren waren, ließ Ataru in Lachen ausbrechen. Es war offensichtlich, dass ihr Freund trotz seiner Fähigkeiten nicht mit einem so offensiven Kommentar zu eben diesen gerechnet hatte. Auch Die lachte kopfschüttelnd in sich hinein, als endlich wieder Bewegung in Toshiya kam, selbst wenn diese minimal ausfiel. Er legte den Kopf schief, die Augenbrauen zusammengezogen und sah zwischen seinen beiden Partnern hin und her, bevor er fast mit den Schultern zuckte.
„Es ist seltsam, darüber zu reden?“, bot er halbherzig als Begründung an und ließ sich schwer auf die Decke fallen, die Ataru im Sand ausgebreitet hatte.
„Und da dachte ich, wir hätten das mit den großen Offenbarungen hinter uns“, scherze sie, biss sich auf die Unterlippe, um nicht erneut loszulachen, als Toshiya sie von unten herauf mit großen, schuldbewussten Augen ansah.
„Es kam nie wirklich zur Sprache–“
„Ach komm, nicht schmollen, Schatz“, hakte Die ein, bevor der Jüngere weiterreden konnte, setzte sich im Schneidersitz neben ihn und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, ehe er feixend fortfuhr: „Nur, weil du das nicht hast kommen sehen, geht doch die Welt nicht unter.“
Toshiya sagte daraufhin nichts, sondern sah den anderen lediglich einen langen Moment lang mit zusammengekniffenen Augen an, als würde er ihn zumindest gedanklich mit dem ein oder anderen unfeinen Kommentar bedenken. Oder sich mit Mühe davon abhalten, ihn unsanft von der Decke zu befördern. Dann wandte er sich demonstrativ von Die ab, betrachtete stattdessen wieder Ataru, die sich noch immer grinsend in ihr Handtuch wickelte und ebenfalls Platz nahm.
„Woher weißt du überhaupt davon?“, wollte er schließlich eher nachdenklich wissen.
Ataru zwang sich dazu, sich ein bisschen zu beruhigen, musste sich kurz räuspern, um sicher zu sehen, dass ihre Stimme nicht beim Sprechen brach.
„Ich hatte gestern Nacht ziemlich überraschenden Besuch“, begann sie, ehe ihr klar wurde, dass die beiden ja noch gar nicht wussten, dass sie Shiori schon einmal begegnet war. So sehr sie es ihnen hatte erzählen wollen, irgendwie war das Thema immer unter den Tisch gefallen, seit ihre Erinnerung zurückgekehrt war.
„Besuch?“, die Skepsis in Dies Tonfall ließ sie unversehens lächeln.
„Ja. Von Shiori.“ Die Antwort kam automatisch, auch wenn sie das Ganze eigentlich anders hatte beginnen wollen. Und die Überraschung, die sie nun in den Gesichtern ihrer Partner sah, zeigte, dass die beiden definitiv nicht mit diesem Namen gerechnet hatten.
„Woher kennst du Shiori?“
Diesmal kam Toshiya offensichtlich schneller über sein Erstaunen hinweg, betrachtete sie nur mit einer gewissen Faszination. Ganz so, als wäre er in Gedanken bereits mehrere Schritte weiter und die Antwort auf seine Frage nur ein fehlendes Puzzlestück in dem Bild, das er vor sich hatte. Die Ähnlichkeit zu der Art, wie Shiori selbst in der letzten Nacht reagiert hatte, wäre unheimlich gewesen, hätte sie nicht um die Verbindung zwischen ihnen gewusst.
„Das … ist eine etwas längere Geschichte, wenn ich ehrlich bin.“ Für einen Moment sah Ataru zwischen den beiden hindurch aufs Meer, spielte mit den Fingern am Saum ihres Badetuchs herum. „Aber, um es kurz zu machen, ich bin ihr schon einmal als Kind begegnet, in einem Moment, in dem es mir nicht gerade gut ging. Sie hat mir damals Mut gemacht und ich habe es trotzdem irgendwie geschafft, zu vergessen, dass das Ganze je passiert ist. Das ist mir erst vor Kurzem wieder bewusst geworden. Durch euch quasi. Ich wollte es euch auch erzählen, aber irgendwie …“ Sie zuckte mit den Schultern und hätte vielleicht noch mehr gesagt, konnte aber nur ein kleines, erschrockenes Geräusch von sich geben, als sie plötzlich von zwei Armen umschlungen wurde und Die sie an sich zog.
„Dass sie sich aber auch immer überall einmischen muss“, schimpfte er halblaut, machte vorerst keinerlei Anstalten seinen Klammergriff um Ataru zu lösen. Stattdessen konnte sie seine weichen Lippen an ihrer Schulter spüren und raue Fingerkuppen, die sacht über ihre bloße Seite strichen.
„Ich mag sie“, gab Ataru leise zu. Nach dem Schreckmoment konnte sie sich in der Umarmung entspannen, genoss es Dies angenehm kühlen Oberkörper an ihrem Rücken zu spüren.
„Umso schlimmer.“
„Die.“ In Toshiyas Stimme schwang eine Art nachsichtige Belustigung mit, als er näher zu ihnen rückte.
„Ist doch so. Langsam fange ich an, das persönlich zu nehmen.“
„Du tust ja gerade so, als ob sie dir schon mal was getan hätte.“ Aus seiner liegenden Position heraus stützte Toshiya sich auf den Unterarmen ab, um sie besser ansehen zu können. „Und das hat sie eigentlich nie.“
Dies Antwort blieb ein unzufriedenes Grummeln, aus dem Ataru durch ihre Nähe vielleicht so etwas wie ‚alte Meerhexe‘ heraushören konnte. Sie legte ihren Kopf in den Nacken, um ihn gegen die Sonne blinzelnd anzuschauen.
„Also für eine Meerhexe fand ich sie ganz nett. Und sie hat auch nichts Schlechtes über dich gesagt“, versicherte sie ihm. „Nur, dass ihr zusammenklebt wie Pech und Schwefel … und ich weiß nicht, ob du das wirklich bestreiten kannst?“ Statt einer Antwort zog Die sie lediglich noch etwas enger an sich, lehnte sich mit der Wange gegen ihren Kopf, sodass sie sich wieder an Toshiya wandte, der das Geschehen mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen betrachtet hatte. Als würde er es regelrecht genießen, sie so zusammen zu sehen, als wäre er vollkommen glücklich damit, sie einfach eine Zeit lang zu beobachten, bis schließlich ein leises Seufzen seinen Mund verließ.
„Hatte sie einen bestimmten Grund, dich zu besuchen?“, wollte er wissen, klang dabei aber, als wäre er sich sicher, dass Shiori den Weg nicht umsonst auf sich genommen hätte.
„Sie wollte mir etwas schenken. Zumindest glaube ich, dass sie deswegen da war. Das Ganze war ein bisschen verwirrend, wenn ich ehrlich bin. Aber das trifft ja allgemein auf mein Leben zu, seit ich euch über den Weg gelaufen bin.“
Atarus Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen, als Die ihr spielerisch in den Hals biss, nur um die Stelle dann mit einem Schauer kleiner Küsse zu bedecken.
„Willst du etwa sagen, dass du es schon bereust, uns getroffen zu haben?“, nuschelte er gegen ihre Haut.
„Nicht im Mindesten. Versprochen.“ Sie hob eine Hand, um flüchtig beruhigend durch sein Haar zu streichen, zeigte dann damit auf ihren Rucksack. „Die Kette, die sie mir geschenkt hat, ist in dem kleinen Seitenfach.“
„Eine Kette?“ Sichtlich verwirrt zog Toshiya die Augenbrauen zusammen, streckte sich dann aber, um den Verschluss der Tasche zu öffnen. Ataru konnte nicht umhin, ihn nun ihrerseits einfach anzusehen und mit den Augen die Linien seiner sich streckenden Muskulatur nachzuzeichnen. Erst als Toshiya die feingliedrige, in der Sonne golden glänzende Kette aus ihrem Versteck hervorgeholt hatte, schaffte sie es, ihre Aufmerksamkeit wieder darauf zu lenken.
Die Frage danach, ob er mit dem Schmuckstück etwas anfangen konnte, blieb ihr im Hals stecken, als Toshiya und Die sich entgeisterte Blicke zuwarfen und der sichere Griff des Älteren um ihre Mitte mit einem Mal nachließ.
„Ich fass es nicht … ist das …“
„… sieht danach aus. Aber woher?“
Worauf sich das ‚woher‘ beziehen sollte, blieb Ataru vorerst verborgen, denn Toshiya sprach nicht weiter. Stattdessen setzte er sich langsam auf und ließ die mattgoldene Perle schon fast ehrfürchtig in seine Handfläche gleiten. Mit den Fingerspitzen der anderen Hand strich er federleicht über die glatte Oberfläche des Kleinods, als wäre er gänzlich in seinen Bann geschlagen, bevor er letztlich die Augen schloss. Mit einem schwachen, geradezu entrückten Lächeln legte er seinen Kopf in den Nacken und für einen Moment war Ataru sich nicht sicher, ob er überhaupt noch atmete. Sie setzte dazu an, sich ebenfalls aufzurichten, wurde von Die aber sanft zurückgehalten.
„Lass ihn“, flüsterte er ihr ins Ohr. Seine Stimme klang ungewohnt rau und doch eindringlich genug, um sie innehalten zu lassen.
Sie wollte fragen, was los war, konnte ihre Sorge um Toshiya nicht unterdrücken, als er scheinbar grundlos erschauderte, aber dass Die einfach nur aufmerksam abzuwarten schien, beruhigte sie etwas. Gleichzeitig überkam sie das Gefühl, dass jedes Wort aus ihrem Mund in diesem Moment zu viel gewesen wäre. Allein schon, weil es offensichtlich nicht das erste Mal war, dass Die ihren Freund so sah. Sie wandte sich ihm etwas mehr zu, aber Dies Augen schienen förmlich an Toshiyas Gesicht zu kleben, um nicht die kleinste Regung zu verpassen. Und als würde er ihren fragenden Blick spüren, verzogen sich seine Lippen zu einem schwachen Lächeln.
„Mach dir keine Sorgen“, wisperte er so leise, dass sie das Gefühl hatte, die Worte eher zu erahnen. „Er ist gleich wieder da.“
Die Beschwichtigung ließ sie zwar aufatmen, kam aber nicht gegen das mulmige Gefühl an, das sich in ihrem Bauch ausgebreitete, als sie wieder zu Toshiya sah. Hinter seinen dunklen Wimpern und den geschlossenen Lidern konnte sie erkennen, wie seine Augen sich bewegten – fast, als würde er gerade intensiv träumen – während sein ganzer Körper weiterhin unter Spannung zu stehen schien. Sie konnte nicht wirklich ausmachen, warum, aber sie mochte es nicht, ihn so zu sehen, selbst wenn es nichts war, was sie beunruhigen musste. Seine Fähigkeit zum Hellsehen, oder wie man es auch nennen wollte, schien ihn körperlich anzustrengen und gerade hoffte sie einfach nur, dass es ihm keine Schmerzen bereitete.
Aber so plötzlich der Moment gekommen war, war er wieder vorüber und Toshiya öffnete langsam die Augen. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blinzelte er gegen das Sonnenlicht, nahm einige tiefe Atemzüge und streckte dann die Hand, in der er noch immer die Kette hielt, nach Ataru aus.
„Nimm sie. Sie gehört dir.“
Seine Stimme klang heiser, aber gleichzeitig breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, das sie nicht recht zuordnen konnte. Er wirkte, als wäre gerade etwas vollkommen und unfassbar Wunderbares geschehen und auch Die schien diesen geradezu entrückten Gesichtsausdruck binnen Sekundenbruchteilen zu bemerken, da er jetzt ebenso unerwartet von ihr abließ, wie er Ataru umarmt hatte. Er drängte sich an Toshiyas Seite und griff mit einem fragenden Blick nach seiner freien Hand. In vor Aufregung fast fahrigen Bewegungen verschränkte er ihre Finger miteinander, während Ataru lediglich fragend zwischen ihnen hin und her sehen konnte.
„Was h–“, bevor Die seine Frage auch nur zur Hälfte hervorbringen konnte, schüttelte Toshiya immer noch lächelnd den Kopf.
„Es wird alles gut“, sagte er dann leise, klang weitaus emotionaler, als so ein schlichter Satz es rechtfertigen sollte. Er ließ sich an Dies Schulter sinken, schloss für einen Moment noch einmal die Augen, schien jetzt aber vor allem die Nähe zu seinem Partner genießen zu wollen.
„Könnt ihr mir bitte sagen, was hier gerade vor sich geht?“
Ataru wollte sich dafür hassen, wie sehr ihre Stimme zitterte und wie allein sie sich für den Moment fühlte, ohne zu wissen, warum eigentlich. Aber sie konnte sich nicht gegen das Gefühl wehren, dass sie kein Teil dessen war, was hier gerade passierte. Und das war anscheinend alles, was ihre Unsicherheiten an Nahrung gebraucht hatten, um wieder von ihr Besitz zu ergreifen.
„Ich hab dich gesehen. Uns gesehen. Zusammen.“ Auch jetzt war da dieses fast schon entrückte Erstaunen in Toshiyas Stimme, das sie so dringend verstehen wollte. „Was machst du eigentlich so weit weg, mh?“, fügte er dann hinzu, entlockte ihr damit zumindest ein wackeliges Lächeln und sei es nur, weil er wieder mehr nach sich selbst klang.
„Die hat mich eiskalt sitzen gelassen“, scherzte sie zögerlich, zwang sich dazu, durch ihre Worte ihre eigene Stimmung etwas aufzuhellen.
„Er ist einfach kein Gentleman, das darfst du nicht von ihm erwarten.“
„Entschuldige bitte, dass ich dir beistehen wollte“, verteidigte Die sich ein bisschen pikiert, legte aber gleichzeitig einen Arm um seinen Freund, um ihn weiterhin an seiner Seite zu halten.
Ataru rappelte sich auf, ließ ihr Handtuch für den Moment Handtuch sein und rückte stattdessen näher zu Toshiya, der die Hand nach ihr ausgestreckt hatte, in der noch immer die Perle ruhte, die er nun vorsichtig in Atarus Handfläche fallen ließ. Einem plötzlichen Bedürfnis folgend lehnte sie sich so gegen ihn, dass sie ihren Kopf gegen Toshiyas Brustkorb betten konnte. Sein Herzschlag war, anders als sie erwartet hatte, ruhig und gleichmäßig, gab ihr damit selbst ein kleines Bisschen ihrer inneren Ruhe zurück.
„Wie meinst du das, dass du uns zusammen gesehen hast?“, wollte sie schließlich wissen. „Shiori … sie hat gesagt, dass eure Gabe nicht wirklich genau ist.“
„Da hat sie auch definitiv recht.“ Toshiya hielt kurz inne, setzte einen kleinen Kuss auf ihren Scheitel. „Was wir sehen, es sind keine langen, detaillierten Visionen oder so. Es sind Fragmente. Oft wissen wir nicht, wann genau etwas passieren wird. Nur dass es vermutlich so kommen wird. Das, was Shiori versucht, mir beizubringen, ist zu interpretieren, was ich sehe.“
„Also wenn du etwas siehst, dann passiert es definitiv?“
„Zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit.“
„Vor allem, wenn es mehr als einmal vorkommt“, warf Die ein, der weiterhin Toshiyas Hand hielt und mit dessen Fingern spielte, während er zuhörte.
„Das stimmt.“
„Mh …“ Ataru richtete sich etwas auf, sodass sie Toshiya ansehen konnte, spürte, noch bevor sie die Worte aussprach, wie Röte in ihre Wangen schoss. „Also werden wir ziemlich sicher zusammen sein … bleiben?“
„Insofern du das willst.“ Er beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr diesmal einen Kuss auf die Nasenspitze. „Das, was ich sehe, beeinflusst an und für sich nicht die Entscheidungen der Beteiligten. Aber natürlich kann das Wissen um eine Entscheidung genau diese beeinflussen. Das ist alles nicht ganz unkompliziert.“
„Okay.“ Für einen Moment sah sie zu Die, der ihr nun ein gewohnt optimistisches Lächeln zeigte, und dann hinunter auf die Kette in ihrer Hand. „Und was genau hat das alles hiermit zu tun?“
„Wenn du so willst, alles. Das, was du da in der Hand hältst, ist etwas, das so selten ist, dass es bei uns schon als Legende gilt. Ich kann dir nicht mal sagen, wann genau das letzte Mal eine dieser Perlen gefunden wurde.“ In seinen nachdenklichen Worten schwang deutlich die Neugier darüber mit, wie Shiori wohl an dieses Kleinod gekommen war.
Ataru zog auf diese Antwort hin die Nase kraus und zuckte leicht mit den Schultern.
„Wirklich mehr sagt mir das jetzt allerdings auch nicht.“
Für einen Moment sahen die beiden Nixen sich an, schienen nicht so recht zu wissen, was sie sagen sollten. Schließlich richtete Die sich etwas aus, löste seine Finger von Toshiyas und griff vorsichtig nach dem Schmuckstück in Atarus Hand.
„Ihr Menschen habt viele Sagen und Mythen und Götter und all das, oder?“, wollte er wissen, wartete, bis Ataru zustimmend nickte, ehe er weitersprach. „Bei uns ist das nicht wirklich anders. Wir haben Überlieferungen, die davon erzählen, wie wir das wurden, was wir sind. Unsere eigenen Sagen, genau wie ihr.“ Während er sprach, ruhten seine Augen auf der Perle, die in seiner Handfläche beinahe schon unscheinbar gewirkt hätte, wäre nicht ihre auffällige Farbe gewesen. „Und genauso gibt es in diesem Erzählungen bestimmte Dinge, von denen wir glauben – oder zu wissen glauben – dass sie magische Kräfte besitzen. Das hier“, er hob seine Hand, ließ die goldene Perle an ihrer dünnen Kette baumeln und warf Ataru ein Lächeln zu, „ist eines davon.“
„Eines, von dem wir wissen, dass es nicht nur Aberglaube ist“, fügte Toshiya mit einem schwachen Kopfschütteln hinzu. "Drachenperlen sind unfassbar selten, aber hin und wieder tauchen sie auf. Den Erzählungen nach oft dann, wenn sie auf die ein oder andere Weise gebraucht werden.“
„Und was machen diese Perlen genau?“ Auch Ataru betrachtete das Schmuckstück noch einmal, fühlte sich wieder versucht, über seine glatte Oberfläche zu streichen, bevor Toshiyas nächste Worte sie abrupt innehalten ließen.
„Sie können Menschen zu Nixen machen.“
Ataru blieb erstarrt sitzen, die Hand halb erhoben und mit bebenden Lippen, unfähig zu verarbeiten, was sie gerade gehört hatte. Sie hatte für einen Moment das Gefühl, man hätte ihr die Fähigkeit zum Atmen genommen. Als wäre ihr Körper plötzlich nicht mehr dazu in der Lage oder als ob sie versuchte, Wasser statt Luft in ihre Lungen zu ziehen. Zittrig schloss sie die Augen, suchte reflexartig nach mehr Kontakt zu Toshiya, um einen Anker zu haben, der sie hier hielt, während die Gedanken in ihrem Kopf sich förmlich überschlugen.
„Menschen zu Nixen machen …“, wiederholte sie schließlich leise, ungläubig, fühlte sich schwindelig, als sie versuchte zu verstehen, was das bedeuten konnte.
Sie wusste nicht, wie sie das, was in ihr vorging, in Worte fassen sollte. Ihr Brustkorb war wie zugeschnürt und in ihren Gedanken schienen die Freude darüber, was das heißen konnte, und die Angst, dass dieses Geschenk vielleicht doch nicht für sie bestimmt war, miteinander zu ringen. Sie zuckte zusammen, als eine kühle Hand erst über ihre Wange strich, sich dann liebevoll unter ihr Kinn legte, um sie dazu zu bringen, aufzusehen. Zögerlich hob Ataru den Kopf, nur um sich mit Dies dunklen Augen konfrontiert zu sehen, die ihren Blick voller Sorge erwiderten.
„Ataru? Was ist los?“, wollte er wissen. Allein die Wärme in seiner Stimme ließ die Zweifel in ihrem Kopf ein wenig leiser werden, machte ihr das Atmen leichter, selbst wenn die Unsicherheit blieb.
„Das kann doch nicht für mich sein“, stellte sie dann flüsternd fest. „Ich meine … warum denn ich? Das macht keinen Sinn. Das geht doch nicht. Ich–“
„Shhh …“ Wie schon vorhin spürte sie Toshiyas Lippen an ihrem Scheitel, spürte, wie er seine Arme etwas fester um sie legte, während sie Die dabei beobachtete, wie er die Kette zwischen ihnen auf der Decke ablegte.
„Warum nicht du?“, wollte er dann wissen, sah sie auf eine Art und Weise an, die sie nicht so recht entziffern konnte. Es ließ sie in ihrer Antwort innehalten, denn schließlich war gerade er sonst in den allermeisten Fällen ein offenes Buch und neigte nicht dazu, mit seinen Gedanken oder Gefühlen hinter dem Berg zu halten.
„Ich … das verdiene ich doch gar nicht“, brachte sie stockend hervor.
„Blödsinn.“
„Die, komm schon.“ Toshiyas mahnende Stimme ließ sie fast noch etwas mehr zusammensinken als die beiden Silben aus Dies Mund es getan hatten.
„Ist doch aber so. Es ist Blödsinn.“ Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah er erst seinen Freund, dann wieder Ataru an. „Mit Verdienen hat das doch gar nichts zu tun! Es geht doch viel mehr darum–“ Nun war er es, der innehielt, in einer fahrigen Bewegung die Hände in seinem noch immer nassen Haar vergrub.
„Worum geht es?“, fragte Ataru schließlich, als er nicht weitersprach. Es war seltsam, ihn so zu sehen, selbst jetzt, als er seine Hände wieder sinken ließ.
„Darum, dass ich es mir gewünscht habe.“
Für ein paar Sekunden, in denen sie das Gefühl hatte, ihr Herz wäre einfach stehen geblieben, konnte sie ihn nur sprachlos ansehen. Dann richtete sie sich mit einem warmen Lächeln auf den Lippen vorsichtig auf, um ihre Arme um seinen Nacken zu schlingen.
„Ach du“, murmelte sie gegen seine Wange, ließ nur zu gern zu, dass er sie an sich zog, bis sie eng an ihn geschmiegt auf seinem Schoß saß.
„Ich will dich einfach nicht wieder aufgeben müssen“, erklärte Die leise. Seine Stimme klang dabei ungewöhnlich rau, als müsste er bewusst dagegen ankämpfen, dass sie brach.
„Du glaubst doch nicht, dass ich euch einfach so wieder aufgeben würde, nur weil wir nicht zur gleichen Spezies gehören, oder?“, scherzte Ataru leise, entlockte ihm damit ein zittriges Lachen.
„Ich hatte es zumindest gehofft.“
„Manchmal bist du wirklich schlimm“, erklang nun Toshiyas Stimme, die so voller Wärme war, dass Ataru ein wohliger Schauer über den Rücken rieselte, noch bevor er sich von hinten an sie schmiegte. Er legte einen Arm um ihre Mitte, während er seine freie Hand in Dies Nacken ruhen ließ. „Sonst redest du ohne Punkt und Komma, aber bei den wirklich wichtigen Dingen bist du immer wieder der Meinung, du musst sie mit dir selbst ausmachen.“
Die setzte daraufhin an etwas zu sagen, ließ stattdessen aber letztlich nur ein tiefes Seufzen hören.
„Ich weiß …“ Für einen Moment rieb er seine Wange an Atarus, drehte den Kopf dann so, dass er einen Kuss in ihren Mundwinkel setzen konnte, bevor er schließlich fortfuhr. „Es ist nur … seit du das erste Mal gesagt hast, dass du Ataru bei uns gesehen hast – mir ist ja klar, dass du bei so etwas selten falschliegst, aber ich wusste auch nicht wirklich, wie es funktionieren sollte.“ Er lehnte sich etwas nach hinten, um Ataru ansehen zu können. „Ich hatte einfach Angst, dich zu verlieren.“
„Glaubst du, mir ging das anders?“ Ohne darüber nachzudenken, überwand Ataru den wenigen Abstand zwischen sich und Die, um ihn zu küssen. Sie wusste nicht wirklich, wie sie ihm zeigen konnte, dass sie es ernst meinte. Wie sie ihm zeigen konnte, dass ihn und Toshiya zu verlieren vermutlich eines der schlimmsten Dinge war, das ihr gerade hätte passieren können. Es dauerte einen kurzen Moment, bis Die auf sie einging, doch dann konnte sie förmlich fühlen, wie die Anspannung seinen Körper verließ und er begann den Kuss wirklich zu erwidern.
Für eine kleine Weile schien Toshiya damit zufrieden zu sein, sie zu betrachten und zuzulassen, dass sie den Älteren ein wenig beruhigte. Dann fühlte sie für einen kurzen Moment seine kühlen Lippen auf ihrer Schulter, bevor er zu sprechen begann.
„Deswegen wollte ich dir erst nicht davon erzählen“, gab er fast schon reumütig zu. „Ich hatte Ataru bei uns gesehen und gesehen, dass es ihr gut ging, aber ich wusste nicht, wann oder wie es dazu kommen würde.“
Sie spürte, wie Die innehielt, seufzte leise, als er schließlich von ihr abließ, um seinen Freund anzusehen. Wortlos löste er einen Arm von Ataru, um mit den Fingerspitzen über die Innenseite von Toshyias Handgelenk zu streicheln. Dann zuckte er mit den Schultern.
„Schon okay. Für dich ist das ja auch nicht einfacher.“ Und damit schien sich sein eben noch so aufgewühltes Gemüt wieder beruhigt zu haben. Erleichtert atmete Ataru durch, verharrte ruhig zwischen den beiden. Zwar war das alles ein weiteres Thema, über das sie irgendwann würden reden müssen, aber für den Moment konnte sie sich guten Gewissens mit dem Hier und Jetzt zufriedengeben.
~*~
Sie sah von ihrem Laptop auf, als es leise an ihrer Zimmertür klopfte, schenkte ihrer Großmutter, die gerade eintrat, ein Lächeln. Die ältere Frau betrachtete sie einen Moment lang, so wie sie es in den letzten Tagen schon des Öfteren gemacht hatte.
„Würdest du mir beim Abendessen helfen, Ataru?“, bat sie dann, wirkte dabei untypischerweise ein wenig angespannt.
„Na klar, ich komme gleich in die Küche, okay?“ Diesmal bekam sie nur ein knappes Nicken als Antwort, bevor sich die Schiebetür wieder schloss.
Ataru sah ihr hinterher, kaute unschlüssig auf ihrer Unterlippe herum. Die Gründe für das Verhalten ihrer Großmutter konnte sie sich vorstellen, denn bisher hatten sie nach der ‚großen Aussprache‘, wie sie es selbst gedanklich nannte, ihren Beziehungsstatus noch nicht wieder angesprochen. Und es war nicht einmal so, als ob ihre Großmutter ihr aus dem Weg ging, aber in ihren schwächeren Momenten kam es Ataru vor, als würde sie Situationen vermeiden, in denen sie beide allein waren.
Sie stieß ein leises Seufzen aus, stellte dann ihren Laptop zur Seite und stand auf. Vermutlich kam die Anspannung daher, dass ihre Oma anscheinend endlich zu dem Schluss gekommen war, dass ein weiteres Gespräch unvermeidlich war. Und so seltsam sie diesen Umstand selbst fand: Von der Panik, die dieser Gedanke anfangs in ihr ausgelöst hatte, war nicht mehr wirklich viel übrig. Es blieb nur eine gewisse unbestimmte Nervosität, mit der sie aber im Vergleich gut leben konnte. Vielleicht, weil sie sich in ihrer Beziehung jetzt sicherer fühlte.
Fast schon aus Reflex griff sie nach der dünnen Kette, die sie um den Hals trug, umschloss die Perle mit ihren Fingern. Die leichte Kälte, die von ihr ausging, verursachte ihr Gänsehaut, was sie aber nur schwach lächeln ließ. Wenn dieses Kleinod wirklich halten konnte, was Die und Toshiya ihr versprochen hatten, dann konnte sie für ihre Zukunft einen ungewohnt klaren Weg vor sich sehen.
Als sie die Küche betrat, zwirbelte sie das Schmuckstück immer noch zwischen ihren Fingern hin und her, ließ es erst los, als die Blicke ihrer Großmutter darauf fielen.
„Solchen Schmuck kenne ich von dir ja gar nicht“, bemerkte sie. Sie wirkte warmherzig und interessiert wie sonst auch, sodass Ataru sich schon beinahe fragte, ob sie sich die Anspannung, die die eben noch zu sehen geglaubt hatte, nur eingebildet hatte. Sie zog die Kette über ihren Kopf und reichte sie der anderen, damit sie sie in Augenschein nehmen konnte.
„Sie war ein Geschenk.“
Eine Sekunde lang herrschte Schweigen.
„Oh. Von deinen … Freunden?“ Die Frage kam zögerlich, kostete die Ältere offensichtlich Überwindung, aber Ataru war froh, dass ihre Großmutter es zumindest versuchte.
„Von einer gemeinsamen Bekannten der beiden“, erklärte sie deswegen. „Lustigerweise hatte ich sie als Kind schon mal getroffen, ohne es zu wissen.“
Sie ließ den Schmuck vorsichtig in der Hosentasche ihrer Jeans verschwinden und trat an die Arbeitsfläche, auf der bereits einiges an Gemüse lag und auf sie wartete.
„Du scheinst diesen Sommer viele Kontakte zu knüpfen“, merkte ihre Oma an. Sie stellte sich neben Ataru und begann ihrerseits einige Hähnchenbrustfilets in passende Stücke zu schneiden, um sie später auf Spieße aufzureihen. „Zumindest im Vergleich zu früher meine ich.“ Sie warf ihr einen kurzen Seitenblick zu, ehe sie weitersprach. „Ich bin froh darüber. Ich habe mir oft Sorgen gemacht, dass du dich zu sehr isolierst.“
„Selbst, wenn das heißt, dass ich Dinge tue, die du nicht verstehst?“, fragte Ataru nur halb scherzhaft, versuchte auszuloten, wohin dieses Gespräch führen sollte.
„Ich bin deine Großmutter, ich weiß nicht, ob ich alles verstehen sollte, was du tust.“ Die gutmütige Belustigung war in der Antwort deutlich zu hören und erfüllte sie mit unsagbarer Erleichterung. Mit einem kleinen Lächeln im Gesicht begann sie Möhren in feine Scheiben zu schneiden, steckte sich eine davon in den Mund, ehe sie einen Schritt weiter ging.
„Gilt das auch für meine Freunde?“ Es war seltsam, dass sie sich selbst zwingen musste, ihren Satz nicht ebenso zu pausieren, wie die Ältere es getan hatte. Und das, obwohl sie keinerlei Zweifel daran hegte, dass sie und ihre beiden Nixen zusammengehörten.
„Ich schätze schon. Ich weiß nicht, ob ich es je wirklich verstehen werde, da muss ich ehrlich sein, aber ich sehe, dass es dir besser geht, seit du sie kennst. Dass du glücklicher bist. Und vielleicht muss mir das einfach mehr wert sein.”
„Das … wäre für mich auch vollkommen in Ordnung.“ Ataru musste ein paar Mal heftig blinzeln, um die Tränen, die sich in ihren Augen sammeln wollten, zurückzuhalten. Sie sah ihre Großmutter nicht an, hielt ihre Blicke stattdessen weiter auf das Gemüse gerichtet, das sie schnitt. „Ich hatte wirklich Angst, dass das zwischen uns stehen würde … oder etwas verändern würde. Weil ich, wenn ich mit den beiden zusammen bin, vielleicht nicht mehr so bin, wie ihr es wollt.“
Während sie sprach, war ihre Stimme immer leiser geworden, verlor sich beinahe in der kleinen Küche, in der einige Sekunden lang nur noch das Ticken der Wanduhr zu hören war.
„Nicht doch …“ Die Stimme ihrer Oma klang genauso brüchig, wie ihre eigene sich anfühlte.
Für einen Moment griff ihre warme Hand auf Atarus Unterarm, ehe sie in eine feste Umarmung gezogen wurde, zu der sie sich etwas nach unten beugen musste. Sie legte ihr Messer etwas umständlich beiseite, erwiderte die Geste dann ebenso fest.
„Ataru, wir haben dir damals, als du zu uns gekommen bist, versprochen, dass wir dich nie im Stich lassen oder dich wieder wegschicken, nur weil du du bist. Und daran wird sich auch nie etwas ändern, egal wie dein Leben in Zukunft aussieht.“
Ihre Großmutter lockerte ihren Griff um sie etwas, damit sie sich wieder ansehen konnten, und jetzt konnte Ataru auch in ihren Augen unvergossene Tränen erkennen, während sie selbst vorerst nur mit einem Nicken reagieren konnte.
„Okay“, brachte sie schließlich hervor. „Ich weiß ja, dass ihr nicht so seid … Es ist nur in solchen Momenten schwer, das nicht zu vergessen.“
„Ich weiß, mein Schatz. Deswegen sage ich es ja. Du wirst immer unsere Enkelin bleiben, egal was passiert. Wir sehen dich doch ohnehin eher als unser Kind, auch wenn du mittlerweile erwachsen geworden bist. Genug, um deinen eigenen Weg zu gehen.“ Sie seufzte kurz, lächelte Ataru dann an. „Und wenn dieser Weg eine etwas andere Beziehung bedeutet, dann ist das eben so.“
Sie konnte nicht anders, als ihre Großmutter noch einmal eng an sich zu ziehen und sich von ihrer wohltuenden Nähe ein wenig beruhigen zu lassen.
„Danke. Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet“, flüsterte sie ihr ins Ohr, nur um ihr gleich darauf einen Kuss auf die Wange zu drücken. Erst dann löste sie die Umarmung und trat einen kleinen Schritt zurück, um sich gegen die Anrichte zu lehnen.
Ihre Großmutter zog indes ein geblümtes Stofftaschentuch aus ihrer Hosentasche hervor und tupfte sich damit über die Augenwinkel. Als sie es seufzend wieder verstaut hatte, hob sie einen fast belehrenden Zeigefinger.
„Jetzt kann ich deinem Opa immerhin sagen, dass der Haussegen wieder begradigt ist“, meinte sie ein wenig verschmitzt, setzte dann erneut an: „Wobei ich dafür noch eine Bedingung habe.“
„Welche wäre das?“ Ataru hatte erstaunt die Augenbrauen ein wenig nach oben gezogen.
„Ich möchte deine beiden Herren der Schöpfung persönlich kennenlernen. Bisher weiß ich ja nur ihre Namen, und dass sie in meinen Gäste-Yukatas erstaunlich gut aussehen.“
Daraufhin konnte Ataru nicht anders, als in Lachen auszubrechen. Allein schon, weil sie wieder einmal unglaublich erleichtert war, eine so großartige Familie zu haben, selbst wenn sie es manchmal nicht recht glauben konnte.
„In Shorts sehen sie noch besser aus“, konnte sie sich allerdings nicht verkneifen zu sagen, spürte im gleichen Moment, wie ihre Wangen rot anliefen. Ganz automatisch fing sie wieder an zu kichern, während ihre Großmutter nur die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte. Schließlich musste Ataru sich räuspern, bevor sie erneut zum Sprechen ansetzte: „Ich denke nicht, dass das ein Problem wäre.“
Jetzt da alle großen Geheimnisse aus dem Weg geräumt waren, gab es schließlich keinen Grund mehr, der dagegen sprach. Ganz im Gegenteil – als sie sich wieder den zwischenzeitlich vergessenen Möhren zuwandte, meinte sie fast, die kleine goldene Perle in ihrer Tasche spüren zu können. Und die war eigentlich ein Argument, das klar für ein Kennenlernen sprach. Vor allem, weil sie sich selbst immer wieder dabei erwischte, sich eine Zukunft mit Die und Toshiya vorzustellen, die sich nicht nur an Land abspielte.
~*~
Als sie zum Strand hinunterging, war die Sonne bereits im Begriff hinterm Horizont zu versinken und tauchte das kleine Küstenstädtchen in warmes, oranges Licht, das dem Sand einen Ton von Bronze verlieh. Schon auf dem Weg zum Wasser konnte sie das Feuer knistern hören, das ihr Großvater entzündet hatte und auf das er eben noch einige Holzscheite legte, so Funken in die Abendluft aufstieben ließ. In der Ferne lärmten die Zikaden, untermalt vom sanften Rauschen der Wellen, die mit zufriedener Trägheit in Richtung Strand rollten.
Atarus Hand wanderte, wie so oft in den letzten Tagen erst zu ihren Brustkorb, umfasste für einen Moment die goldene Perle, die sie um den Hals trug und dann weiter nach unten. In einer beruhigenden Geste strich sie sich über ihre Magengegend, versuchte, die Schmetterlinge zu beruhigen, die sich bereits seit dem Morgen immer wieder dort bemerkbar gemacht hatten.
Obwohl sie noch einmal mit beiden Großeltern darüber gesprochen hatte, wie ein Kennenlernen zwischen ihrer Familie und ihren Partnern aussehen sollte, war es dennoch etwas gänzlich anderes zu wissen, dass es heute tatsächlich passieren würde.
Der Perfektionist in ihr ging bereits seitdem sie aufgewacht war immer wieder jedes Detail durch, das eventuell schiefgehen konnte, auch wenn sie ihr Bestes tat, um diese Gedanken beiseitezuschieben. Sie würden ihr nicht helfen. Schließlich war sie ohnehin schon nervös genug, selbst wenn es trotz ihrer Sorgen keine wirklich negative Anspannung war. Ataru traute sich kaum, diesen Gedanken zu formulieren: Sie freute sich auf den Abend. Es würde zwar sicher nicht ganz einfach werden und die Stimmung vermutlich zumindest – oder hoffentlich nur – anfangs eher unbehaglich sein, aber sie konnte es kaum erwarten, endlich einmal alle, die ihr wirklich wichtig waren, um sich zu haben. Zu Beginn ihres persönlichen Sommer-Wunders hätte sie sich das, wenn sie ehrlich war, niemals träumen lassen.
Allerdings schienen ihr in den letzten Wochen allgemein viele Dinge zu passieren, die in diese Kategorie fielen, und vielleicht musste sie lernen zu akzeptieren, dass es nicht nur Gutes in ihrem Leben gab, sondern sie es verdient hatte, Gutes zu erfahren. Dass sie es verdiente, geliebt zu werden und glücklich zu sein – eben all diese großen Worte, vor denen sie immer instinktiv zurückgeschreckt
„Und du bist sicher, dass unsere … Gäste sich um den Fisch zum Grillen kümmern werden?“, unterbrach ihr Großvater Atarus Gedanken, stocherte mit einem Stock im Glutbett der Feuerstelle herum.
„Sehr sicher.“ Sie konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. „Sie haben mir mehr als glaubhaft versichert, dass sie ziemlich gute Angler sind.“ Tatsächlich hatte Toshiya nur gelacht und Die theatralisch die Augen verdreht, als sie sie danach gefragt hatte, aber das musste sie ja so nicht sagen.
„Na, dann hoffe ich mal, dass sie auch was Brauchbares mitbringen.“
„Ach komm schon, Opa.“ Ataru setzte sich dicht neben ihn, stieß mit ihrer Schulter gegen seine. „Gib ihnen eine Chance, ja?“ Mit großen Augen und dem unschuldigsten Lächeln, das sie gerade zustande bekam, sah sie ihn an und es dauerte nicht lange, bis der grummelnd begann zu lachen.
„Nur dir zuliebe.“
„Das reicht mir vollkommen aus. Abgesehen davon“, sie neigte den Kopf etwas zur Seite, „es gibt doch quasi keinen Fisch, aus dem du und Oma nicht etwas Leckeres zaubern könntet.“
Sie duckte sich leicht weg, als er ihr mit einer Hand durch die Haare streichen wollte, griff in derselben Bewegung nach der kleinen Kühlbox, die sie vom Haus schon eher mit hierher genommen hatte. Wortlos bot sie ihm eine der kalten Bierdosen an, bediente sich dann ebenfalls. Statt sie zu öffnen, drehte sie die Dose aber nur in den Händen hin und her, sah für einige Zeit still in die Flammen. Gedanklich wiederholte sie immer wieder, dass alles gut werden würde.
Vor zwei Tagen hatte sie Die und Toshiya das letzte Mal sehen können, aber es kam ihr wie eine wahre Ewigkeit vor. Anscheinend hatte sie bisher tatsächlich nicht gewusst, wie sehr man jemanden vermissen konnte, an dem man wirklich hing. Oder das Ganze war noch schlimmer, wenn man gleich zwei jemande vermisste, ohne die man eigentlich nicht mehr sein wollte. Gleichzeitig hatten diese achtundvierzig Stunden ihr Zeit gegeben, darüber nachzudenken, was Shioris Geschenk tatsächlich bedeutete – oder bedeuten konnte, wenn sie sich darauf einließ.
Es war nicht, dass sie das alles nicht wollte, ganz im Gegenteil. Spätestens nach Dies kleinem Ausbruch und dem, was Toshiya ihr über die Zukunft, die er sehen konnte, erzählt hatte, wollte sie nichts mehr, als zu erleben, wie es war, sich gemeinsam mit ihnen unter Wasser zu bewegen. Sie wollte ihre Welt kennenlernen, genauso wie sie es andersherum taten. Sie wollte wissen, wie die Nixen lebten und wie es sich anfühlte, sich ohne jede Furcht vor dem Ertrinken im Meer zu bewegen. Aber dieses Leben würde auch bedeuten, dass sie ihre Großeltern zurücklassen musste. Und das war der Punkt, an dem sie gerade nicht weiterkam. Denn so sehr sie auch bei ihren Freunden sein und ein Leben mit ihnen teilen wollte – ganz ohne ihre Großeltern konnte sie sich das alles nicht vorstellen. Abgesehen davon, dass es ihnen das Herz brechen würde, wenn sie einfach verschwand. Das konnte sie weder sich noch ihnen antun. Es musste irgendeine Art von Lösung für diesen Zwiespalt geben, auch wenn sie diese bisher nicht gefunden hatte.
„Sieht aus, als hätten sie zumindest irgendetwas gefangen“, merkte ihr Großvater an, deutete mit seinem Bier in die Ferne und hatte ganz offensichtlich recht.
Selbst jetzt in der Dämmerung schien Dies helles Haar das restliche Sonnenlicht noch einzufangen, aber ausnahmsweise blieb ihr Blick nicht daran hängen, sondern an dem nicht eben kleinen Fisch, den er auf beiden Armen vor sich hertrug. Ataru schlug sich eine Hand vor den Mund, versuchte ihr Möglichstes um ein Kichern zu unterdrücken – wenn sie sich damit nicht den Respekt ihres Großvaters verdienen konnten, dann wusste sie auch nicht mehr weiter. Normalerweise wäre sie ihnen ohne zu Zögern entgegengelaufen, aber jetzt und hier hielt sie sich lieber zurück, um das Ganze beobachten zu können. Erst als die beiden jungen Männer bei ihrer Feuerstelle angekommen waren, tat sie es ihrem Opa gleich und stand auf, nachdem sie ihre Bierdose sicher abgestellt hatte.
„Ich befürchte zwar, dass das hier ein bisschen viel des Guten ist, aber ich schätze, so wird heute zumindest niemand hungern“, eröffnete Die ohne jegliche Begrüßung das Gespräch und legte seinen Fang auf dem Campingtisch ab, den sie für Essen und Getränke schon früher am Tag an den Strang getragen hatten.
„Ist das eine Große Bernsteinmakrele?“, wollte ihr Großvater neugierig wissen, schob Die mehr oder minder beiseite, um sich den Fisch näher ansehen zu können, und bekam dessen eher als Frage formuliertes „… ja?“ anscheinend gar nicht so recht mit.
Auch Toshiya zuckte nur mit den Schultern, stellte dann einen kleinen Eimer auf dem Tisch ab.
„Austern, zum Grillen“, erklärte er kurz, was ihm immerhin ein Nicken von Atarus Familienoberhaupt einbrachte, das noch immer akribisch die Makrele inspizierte.
Ataru selbst konnte nur mit dem Kopf schütteln. Sie würde vermutlich nie verstehen, wie der alte Mann nach einem Leben als Fischer immer noch so begeistert von allem sein konnte, was im Meer so kreuchte und fleuchte. Aber auf der anderen Seite – sie trat näher zu Toshiya, ließ sich nur zu gern in seine Arme ziehen – eine gewisse Faszination für gewisse Meeresbewohner hatte sie ja seit einiger Zeit auch gepackt. Mit einem Lächeln auf den Lippen erwiderte sie den liebevollen, aber verhältnismäßig zurückhaltenden Kuss, den Toshiya ihr zur Begrüßung gab, blieb dann an ihn gelehnt stehen.
„Schön, dass ihr da seid“, sagte sie leise, während sie dabei zusah, wie ihr Opa damit begann, Die anscheinend alles zu erzählen, was er über diese spezielle Fischart wusste „Ihr seht gut aus“, fügte sie einen Moment später hinzu, denn erst jetzt wurde ihr wirklich bewusst, dass die beiden, anders als sonst, tatsächlich nicht nur in Schwimmshorts aufgetaucht waren, sondern Jeans und T-Shirts trugen. Vielleicht sollte es sie irritieren, dass sie sich daran gewöhnen musste.
„Danke, danke. Was tut man nicht alles, mh?“ Toshiya zwinkerte ihr zu, zog sie für einen Moment noch etwas näher zu sich. Sie nutzte die Gelegenheit, um sich etwas zu strecken und ihm einen weiteren Kuss auf die Lippen zu drücken, bevor sie einen Schritt zurücktrat.
„Opa, bevor du dein gesammeltes Wissen an Die weitergibst, darf ich ihm kurz Hallo sagen?“, neckte sie den Ältesten in ihrer Runde liebevoll, erntete dafür aber nur ein Schulterzucken, bevor er sich wieder dem Fisch zuwandte.
Sie selbst ging um den Tisch herum, streckte ihre Hände nach Die aus, während er seine gerade unzeremoniell an seiner Hose abwischte. Das Lächeln, das er ihr schenkte, ließ ihre Knie einmal mehr weich werden.
„Hey, du“, sagte sie leise, legte sie Arme um seinen Nacken und ließ sich von ihm für einen kleinen Moment hochheben, bevor ihre Lippen sich fanden. Auch dieser Kuss war zahmer als gewohnt, allerdings war sie dafür durchaus dankbar.
„Selbst hey.“
Bevor er mehr sagen konnte, spürte sie, wie auch Toshiya näher kam. Er lehnte sich gegen sie, sodass er sein Kinn auf ihrer Schulter ablegen konnte, und griff an ihr vorbei nach Dies Hüfte. Für einen Sekundenbruchteil schoss Adrenalin durch ihren Körper und sie wollte sich aus Reflex aus dieser Geste befreien – bis ihr wieder einfiel, dass ihre Großeltern Bescheid wussten und es keinen Grund gab, sich zu verstecken. Ataru seufze leise und lehnte ihre Stirn gegen Dies Brustkorb, genoss die Nähe zu den beiden Männern und das Gefühl von Sicherheit, das sie gerade umfing.
Erst als Schritte im Sand knirschen hörte, löste sie sich aus der schützenden Umarmung, um ihrer Großmutter entgegenzugehen. Mit einem Lächeln nahm Ataru ihr eine Schüssel Wakame-Salat ab, ehe sie mit ihrer freien Hand in Richtung Feuerstelle deutete.
„Ich würde dir gern jemanden vorstellen.“
Damit, dass dieses Kennenlernen nicht genau so ablief, wie sie es sich irgendwann einmal erhofft hatte, hatte sie mittlerweile ihren Frieden gemacht. Vielleicht hatte ihr Großvater sogar recht damit, dass es auf diese Weise besser war. Immerhin wussten ihre Großeltern nun, was auf sie zukam und konnten die Situation nicht missverstehen.
Ihre Großmutter schenkte ihr ebenfalls ein kurzes Lächeln, auch wenn sie noch nicht zu einhundert Prozent von dem überzeugt zu sein schien, was hier passierte. Sie beobachtete die beiden jungen Männer, die in der Nähe des Feuers standen und sich leise unterhielten, während sie ihrem Mann dabei zusahen, wie dieser mit geübten Bewegungen die Makrele zerlegte. Und wenn Ataru ihren Gesichtsausdruck richtig deutete, waren sie ihr zumindest nicht von Grund auf unsympathisch.
Die schenkte ihr eines seiner unbeschwerten Lächeln, als sie das Feuer wieder erreichten, und streckte eine Hand nach ihr aus, sodass Ataru den nun vollkommen natürlich erscheinenden Platz in ihrer Mitte einnehmen konnte.
„Oma, das sind Die und Toshiya“, sagte sie schlicht und ehe sie anfangen konnte um den heißen Brei herumzureden. „Und das ist meine Großmutter, der ich quasi zu verdanken habe, dass ich zu dem Menschen werden konnte, der ich bin.“
Ehe ihre Großmutter gegen diese Formulierung protestieren konnte – und Ataru kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie dazu ansetzte – verbeugte Toshiya sich leicht vor ihr.
„Es ist wirklich schön, Sie endlich kennenzulernen. Ataru hat viel von Ihnen und Ihrem Mann erzählt. Davon, wie viel Sie für sie getan haben.“ Er wirkte dabei so grundehrlich, dass Ataru einmal mehr Schmetterlinge in ihrem Bauch aufstieben fühlte. Aus dem Augenwinkel sah sie zu Die, der sich anscheinend ein breites Grinsen verkneifen musste, und sie konnte es ihm nicht verübeln, wenn sie sich den Gesichtsausdruck ihrer Großmutter ansah. Es war nicht zu übersehen, dass sie so viel offener Aufrichtigkeit nicht viel entgegensetzen konnte. Ganz offensichtlich war Die nicht der Einzige, dem es leicht fiel, seinen Willen zu bekommen. Oder Toshiya hatte ihre Großeltern irgendwann gesehen und wusste, dass dieses Treffen unter einem guten Stern stand. Das würde zumindest seine Gelassenheit erklären.
Mit einem kleinen Räuspern durchbrach Atarus Großmutter die Stille, die abgesehen vom leisen Summen ihres Großvaters, während er den Barsch ausnahm, für einige Sekunden geherrscht hatte.
„Die Freude ist ganz meinerseits.“
Kettei
10. Kettei - Entscheidung(6278)
Nachdem die ersten Minuten ihrer Gespräche eher stockend verlaufen waren, musste Ataru zugeben, dass der Abend weniger verspannt war, als sie befürchtet hatte. Zu einem nicht unerheblichen Teil war dies sicher der Tatsache geschuldet, dass Toshiya und Die sich aufrichtig für ihre Familie zu interessieren schienen – und zu einem weiteren daran, dass sie die Austern und den Barsch nicht nur einfach mitgebracht, sondern auch bei ihrer Zubereitung geholfen hatten. Dass sie dabei offensichtlich wussten, was sie taten, ließ sie im Ansehen ihres Großvaters automatisch aufsteigen, selbst nachdem sie das Bier, das er ihnen angeboten hatte, ablehnten. Und mit dem Meer hatten sie mit dem älteren Mann natürlich ein Thema gemeinsam, das viele Gesprächspausen überbrücken konnte.
Für Ataru war es anfangs seltsam gewesen, zu sehen und zu hören, wie die beiden über sich und ihr Leben sprachen. Soweit sie es beurteilen konnte, logen sie nicht, gaben aber lediglich so viel Preis, wie sie konnten, ohne sich in konkreten Details zu verlieren. Es stimmte, dass sie an der Küste wohnten, nur eben nicht an Land. Es stimmte, dass sie auf einer der vielen Inseln südlich von Kyushu aufgewachsen waren, nur eben auf keiner, die offiziell bewohnt war. Es stimmte, dass sie sich von klein auf kannten, nur hatten sie sich eben nicht im Kindergarten kennengelernt, sondern lebten seit jeher im gleichen Schwarm.
Ataru fragte sich, ob sie auch würde lernen müssen, in solchen Halbwahrheiten zu sprechen. Vermutlich würde es sich nicht vermeiden lassen, wenn sie länger zusammen waren und sie ihrer Familie überhaupt von ihrem Leben erzählen wollte. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Freunde sie dabei unterstützen würden.
Gerade herrschte eine kurze, zufriedene Stille, nachdem ihr Großvater eine Geschichte aus seinen Tagen als Hochseefischer zum Besten gegeben hatte. Ataru blickte gedankenverloren in den warmen Schein des Feuers, ließ Teile des Abends gedanklich Revue passieren, als Toshiya sich neben ihr leise räusperte.
„Ataru hat uns erzählt, dass Sie einen Fischer kennen, der schon einmal Nixen gesehen hat?“, fragte er und schaffte es dabei gleichermaßen unbeteiligt wie neugierig zu klingen. Ataru sah ihn mit geweiteten Augen an. Sie hatte ihren Freunden nie von dieser Geschichte erzählt, aber vielleicht war das auch wieder eines dieser Dinge, die er einfach wusste. Und auch wenn sie das ‚warum‘ nicht verstand, vielleicht war es ja wichtig, genau diese Frage zu stellen. Ihr Großvater zuckte seinerseits nur mit den Schultern, ehe er sich etwas umständlich eine Zigarette ansteckte.
„Er hatte behauptet, dass sich eine Nixe in seinem Netz verfangen hatte“, bestätigte er dann. „Und zum Dank für ihre Befreiung hat sie ihm eine Schuppe geschenkt.“ Dies war zwar wesentlich weniger ausführlich, als ihr Großvater Ataru erzählt hatte, aber das wunderte sie nicht wirklich. Schließlich konnte er die Reaktion ihrer Freunde nicht einschätzen. Er konnte nicht wissen, dass die beiden ihm wohl eher Glauben schenken würden als die meisten anderen Küstenbewohner.
„Das ist ein Glücksbringer, oder?“ Auch jetzt schwang offene Neugier in Toshiyas Stimme mit, die nur dazu führte, dass Ataru sich mit jeder Sekunde mehr fragte, wohin das hier führen sollte.
„Zumindest erzählt man sich das.“ Atarus Großvater nickte, sah dann seinerseits für einige schweigende Sekunden in das Lagerfeuer, das zwischen ihnen brannte.
„Aber Fischer erzählen sich viel, wenn sie die Zeit dazu haben“, warf ihre Großmutter, die bisher geschwiegen hatte, ein, tätschelte ihrem Mann liebevoll das Knie.
„Und manchmal haben sie vielleicht recht.“
Ataru konnte es nicht erklären, aber mehr als je zuvor jagten ihr Dies Worte einen Schauer über den Rücken, brachten sie dazu, sich ihm ganz automatisch zuzuwenden und ihn erwartungsvoll anzusehen.
„Was meinst du?“, fragte sie leise, obwohl die Worte, die ihr durch den Kopf gingen, gänzlich andere waren. Obwohl sie wusste, dass es nicht ihre Entscheidung war, wem sie ihr Geheimnis anvertrauten, war ihr doch klar, dass sie diese keinesfalls leichtfertig treffen konnten. Dass sie, nach allem, was die beiden ihr bisher erzählt hatten, weitreichende Konsequenzen haben konnte.
„Es gibt viele Geschichten über Nixen. Über Meerjungfrauen und Sirenen und Nereiden – überall auf der Welt. Da liegt es fast nahe, dass irgendetwas davon wahr ist, oder?“ Die warf ein Lächeln in die Runde und irgendetwas daran war anders als sonst. Es war weniger offen und warm als sie von ihm gewohnt war, verbarg stattdessen eine gewisse Ernsthaftigkeit in sich, die beinahe schon einen berechnenden Zug zu haben schien. Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, fuhr er fort, zog sie mit seinen Worten mehr in seinen Bann, als sie für möglich gehalten hätte.
„Die meisten Erzählungen, die es hier gibt, haben ihren Ursprung in der Zeit, als die japanischen Inseln noch jung waren und die Menschen, die sie bewohnten, weit jünger. Sie waren sich ihrer gerade erst bewusst geworden. Sie hatten eben erst damit begonnen, ihre Heime und Zivilisationen zu bauen, und die Götter wagten es noch nicht, sie vollkommen sich selbst zu überlassen. Ein Gott, dem sie am Herzen lagen, obwohl sie sich nicht in seinem Reich bewegten, war Ryuujin, der Drache der Meere. Obwohl er sie nur aus der Ferne beobachten konnte, bewunderte er, was sie mit ihren einfachen Mitteln zu schaffen vermochten und wie sie sich das Land um sie herum zu Eigen machten. Man sagt, dass er hin und wieder selbst in eine menschliche Gestalt schlüpfte und den Weg an Land suchte, um einen genaueren Blick auf das zu erhaschen, was sie erbauten. Vielleicht war er es, der sie dazu ermutigte, Boote zu bauen, der ihnen zeigte, dass der Ozean vieles bereithielt, was ihnen ihr Überleben sichern konnte. Schätze, von denen sie bisher nur geträumt hatten. Und auch auf See wachte er über die Menschen, die sich in sein Refugium hervorwagten, weil er ihren Mut bewunderte, sich ihm so vollkommen auszuliefern. Es heißt sogar, dass er Ertrinkende wieder an Land gebracht habe, ehe sie vollends in seinen Fluten verschwinden konnten.“
An dieser Stelle hielt Die kurz inne, als wollte er ihnen einen Moment zum Durchatmen gewähren. Ataru sah sich um, bemerkte erst jetzt, dass auch ihre Großeltern wie gebannt an seinen Lippen hingen, während Toshiya sie mit einem leisen Lächeln beobachtete. Sie wollte etwas fragen, vielleicht um zu verstehen, warum Die gerade heute diese Geschichte erzählte, die – so fühlte es sich zumindest an – wohl unter den Nixen von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Ataru öffnete den Mund, aber ehe auch nur eine Silbe ihre Lippen verlassen konnte, fing Die ihren Blick mit einem Lächeln ein, das sie nicht richtig deuten konnte.
„Aber auch Götter sind nicht allmächtig, selbst wenn sie uns gern das Gegenteil glauben machen wollen“, fuhr er leise, aber bestimmt fort. „Und deswegen musste früher oder später der Tag kommen, an dem Ryuujin es nicht schaffte, einen der Fischer zu retten, der sich im Sturm auf das Meer hinausgewagt hatte. Erst am Morgen fand die Familie des jungen Mannes seinen leblosen Körper, den die Wellen an Land gespült hatten. Ryuujin trauerte mit ihnen um das Leben des Fischers, machte sich Vorwürfe, dass er ihn nicht hatte beschützen können. Man sagt, dass die Tränen, die er an diesem Tag in seiner Trauer vergoss, zu goldenen Perlen wurden, die er in seinen Händen auffing und als Drache mit sich in die Tiefen seines Reiches trug. Er dachte lange Zeiten, endlos scheinende Zyklen von Ebbe und Flut, darüber nach, wie er verhindern konnte, dass sich ein solches Unglück noch einmal zutragen konnte. Er wusste, dass selbst er nicht immer zur Stelle sein konnte, um die Menschen vor Unglück zu bewahren. Oder vor ihrem eigenen Leichtsinn, der sie stets weiter auf das offene Meer fahren und größere Wellen bezwingen ließ. Dennoch wollte er nicht untätig bleiben, wollte eine Möglichkeit finden, ihnen ein Ertrinken in den Wogen seines Meeres zu ersparen, wenn er es irgendwie vermochte.“ Ein versonnener Ausdruck hatte sich über Dies Gesicht gelegt, wurde vom Flackern des Feuers zwischen ihnen auf fast unheimliche – oder unmenschliche – Art und Weise beleuchtet. Er seufzte leise, ehe er fortfuhr. „Glücklicherweise waren die Götter und die Welt noch jung und voller Träume und Magie, die heute verloren gegangen sind. Ryuujin betrachtete die Perlen, die aus seinen salzigen Tränen entstanden waren und entschloss sich dazu, sie zu etwas Besonderem zu machen. Als Geschenk für die, die furchtlos genug waren, sich in sein Reich hervorzuwagen. Er wollte denen, die die unendlichen Weiten und Tiefes des Meeres ebenso liebten wie er selbst, die für ihn ohnehin wie Kinder waren, die Fähigkeit geben, sich dort gefahrlos bewegen zu können. Er wollte, dass sie ein Teil davon werden konnten. Also gab er jeder Einzelnen der Tränen einen winzigen Teil seiner Magie, machte sie beinahe schon lebendig mit dem Potenzial, das sie in sich trugen. Wer ihrer würdig war, würde die Fähigkeit erhalten, unter Wasser ebenso leicht zu atmen wie an Land. Die Perlen würden ihre Körper in die gleichen schützenden Schuppen einhüllen, die auch Ryuujins Drachenform bedeckten. Sie würden den Menschen, die sie verdienten, die Kraft und Anmut schenken, die sie wahrlich zu einem Teil seines Reiches machen würden.“
Selbst wenn Ataru gewollte hätte, sie hatte das Gefühl, sich den Bildern, die Dies Worte vor ihrem geistigen Auge malten, nicht verwehren zu können. Es war, als könnte sie sehen, was in diesen Urzeiten geschehen war. Zittrig schloss sie ihre Hand um die Perle, die an ihrem Hals baumelte. Auch wenn Die und Toshiya ihr bereits vor einigen Tagen erzählt hatte, welche Kräfte der kleine Anhänger in sich bergen sollte, erst jetzt und hier, wo ihr die Worte ihres Freundes Gänsehaut über den Körper jagten, konnte sie beginnen zu begreifen, wie wertvoll Shioris Geschenk tatsächlich war.
„Hat es funktioniert?“ Die Frage verließ ihren Mund, ohne dass sie sich bewusst dazu entschieden hatte. Mit großen Augen sah sie Die an, spürte wie ihr Herzschlag sich beschleunigte, als sie weitersprach: „Konnte er die Menschen zu sich holen?“
„Ja und nein.“ Die verschränkte seine Arme und sah für einen Moment nach oben in den Sternenhimmel, der sich wolkenlos über ihnen spannte. „Wie schon gesagt, auch die Götter sind nicht allmächtig und Magie ist ein wankelmütiges Ding, das sich oftmals seine eigenen Wege sucht, statt denen zu folgen, die ihr vorgegeben werden. Ryuujin hatte die Hoffnung, dass seine Perlen die Ertrinkenden retten konnten, aber womit er nicht gerechnet hatte, war, wie der Wille der Menschen, die er retten wollte, die Magie der Perlen beeinflusste. Wenn sie nicht in sein Reich kommen wollten oder bereits das Bewusstsein verloren hatten, konnte er aller Macht und Zauberei zum trotz nichts mehr für sie tun. Andere wiederum überlebten die Wandlung, die er ihnen anbot … nur nicht so, wie es hätte geschehen sollen. Sie wurden zu etwas, was in den dunkelsten Tiefen des Ozeans hauste. Sie rächten ihren Groll darüber, dass er ihnen ihre Menschlichkeit genommen hatte, indem sie Menschen mit ihren Stimmen ins Meer lockten und in den sicheren Tod hinab zerrten.“
Es hatte sich eine tiefe Falte zwischen Dies zusammengezogenen Augenbrauen gebildet und auf seinem Gesicht lag ein so widersprüchlicher Ausdruck irgendwo zwischen Apathie und Abscheu, dass Ataru sich unweigerlich fragte, ob er mit diesen anderen Wesen persönliche Erfahrungen hatte.
Ehe sie diesen Gedanken laut aussprechen konnte, sprach Die weiter: „Ryuujin war unglücklich darüber, dass sein Geschenk so missachtet und verdreht wurde und entschloss sich deswegen, einen anderen Weg zu wählen. Wie schon so oft in den letzten Jahrhunderten nahm er eine menschliche Gestalt an, um die Fischer zu besuchen, über die er seit Generationen gewacht hatte. Sie liebten ihn genauso wie er sie. Sie wuchsen gleichermaßen mit Geschichten über ihn wie über ihre eigenen Vorfahren auf. Er bat sie, sein Geschenk anzunehmen und ihm in sein Reich zu folgen, doch die Menschen zögerten. Denn auch wenn sie ihren Gott liebten, wollten sie ihre Heimat und ihre Wurzeln an Land nicht gänzlich zurücklassen, die ihnen bisher ebenso ein gutes Leben ermöglicht hatten wie Ryuujin und die See. Sie wollten, dass ihre Kinder beide Welten ebenso lieben und nutzen lernen konnten, wie sie selbst es taten. Deswegen baten sie den Drachen, sie nicht zu einer Entscheidung zu zwingen. Es heißt, auf diese Bitte hin habe Ryuujin lange Zeit geschwiegen. Tagelang sei das Meer vollkommen unbewegt gewesen. Kein Wind schaffte es, Wellen aufzutürmen, nicht einmal der Mond konnte es mit Ebbe und Flut bewegen, bis seine Entscheidung gefallen war.“
Das plötzliche Knacken eines Holzscheits im Lagerfeuer ließ Ataru zusammenschrecken und einen Blick in die Runde werfen. Wenn sie selbst sich fühlte, als könnte sie sich Dies Stimme nicht entziehen, wirkten ihre Großeltern beinahe wie hypnotisiert. Oder wie in tiefen, verloren geglaubten Erinnerungen versunken, von denen sie bisher nicht gewusst hatten, dass sie existierten. Irgendwann während der Erzählung hatten sich ihre Hände gefunden, hielten einander jetzt, als wären sie ein Rettungsanker füreinander.
„Und die Entscheidung war letztlich eine einfache, denn Götter neigen wohl immer ein wenig zur Sentimentalität.“ Ataru wandte ihren Blick Die zu und zum ersten Mal in den letzten Minuten wirkte er wieder eher wie die Person, die sie kannte. „Also entschied Ryuujin sich dafür, seinen geliebten Menschen noch etwas mehr seiner Magie zuteilwerden zu lassen und ihnen seine Fähigkeit zu geben, frei zwischen seinen Gestalten zu wechseln, selbst wenn es hieß, dass er selbst sie verlor. Diese Menschen, die ihm so am Herzen lagen, wurden zu den ersten Nixen, denn erst durch sein Opfer konnten die Perlen, die aus seinen Tränen entstanden waren, ihre wirkliche Kraft entfalten. Erst jetzt waren sie eine wirkliche göttliche Gabe und nicht nur ein Geschenk, das er aus Selbstsucht machte. Diejenigen, die mit ihm ins Meer gingen, spürten, wie die Wellen sie liebevoll umfingen und sie willkommen hießen. Sie konnten unter Wasser ebenso atmen wie an seiner Oberfläche und ihre Beine wurden zu agilen Fischschwänzen bedeckt von Schuppen, die ebenso golden waren wie die Perlen, die ihr Gott ihnen vermacht hatte.“
Noch während Dies letzte Worte in der Luft hingen, räusperte Toshiya sich leise. In seinen Händen hielt er etwas, das in hellen, grob wirkenden Stoff eingeschlagen war, ohne dass Ataru hätte sagen können, woher das kleine Päckchen plötzlich kam.
„Man sagt, dass es Glück bringt, wenn eine Nixe eine ihrer Schuppen verschenkt und das ist richtig. Jede Schuppe birgt einen winzigen Funken der Magie, die sie in den alten Zeiten vom Drachen der Meere geschenkt bekommen haben. Genug, um das Schicksal freundlicher auf diejenigen blicken zu lassen, die dieses Geschenk erhalten. Aber vielmehr noch ist es ein Versprechen, das Nixen so geben.“
Hatten ihre Großeltern bisher vollkommen in Bann von Dies Erzählung gestanden, kam nun langsam wieder Leben in sie. Doch während ihr Großvater sich lediglich etwas in seinem Stuhl aufrichtete, schweiften die Augen ihrer Großmutter mit einer gewissen Vorsicht zwischen Ataru und ihren beiden Gästen hin und her. Sie runzelte die Stirn und ihre Lippen waren zu einer schmalen Linie zusammengepresst, als sie schließlich Toshiya fixierte.
„Und was für ein Versprechen wäre das?“, wollte sie wissen, überraschte Ataru mit dieser Frage vollkommen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie eher damit gerechnet, dass ihre Oma alles, was sie gehört hatte, als Ammenmärchen abtun würde. Doch ganz offensichtlich waren die letzten Minuten auch an ihr nicht spurlos vorbeigegangen.
„Nun“, auf Toshiyas Lippen lag ein fast unmerkliches Lächeln. Er blickte auf seine Hände hinunter, die vorsichtig den Stoff zurückschlugen, bis dieser zwei im Feuerschein wie Rotgold schimmernde Fischschuppen freigab, jede so groß wie Atarus Handteller. „Es wäre ein Versprechen, dass sie niemals leichtfertig geben würden.“ Er hob den Kopf und erwiderte offen den Blick der älteren Frau. „Es wäre ein Versprechen von Sicherheit. Es wäre das Versprechen bei ihr zu sein, so lange sie es sich wünscht. Ihr die Freiheit zu geben Orte zu besuchen, die sie sonst nie würde sehen können. Ihr alles zu geben, was wir können, damit sie glücklich ist.“
Nur zu gerne hätte Ataru etwas gesagt, irgendwas, was sie selbst in diesem Moment weniger passiv erscheinen lassen würde – aber wenn sie ehrlich war, wusste sie nicht, wie sie je die angemessenen Worte für das finden sollte, was Toshiya hier anbot.
„Ataru hat ein sehr besonderes Geschenk erhalten“, begann Die erneut. „Wir würden ihr gern die Chance geben, es auch zu nutzen.“
Und ganz offensichtlich wollten sie dies mit dem Segen ihrer Großeltern, was das alles noch unwirklicher erscheinen ließ. Natürlich hatte Ataru nicht vorgehabt, sich einfach klammheimlich aus dem Staub zu machen, aber mit so viel Offenheit oder besser so vielen Offenbarungen in so kurzer Zeit hatte sie beim besten Willen nicht gerechnet.
„Wir sollen unsere einzige Enkelin also einfach mit zwei jungen Kerlen mitgehen lassen, die sie gerade mal einen Sommer lang kennt?“, wollte ihr Großvater an dieser Stelle wissen. Welche Wirkung Dies Stimme auch immer auf ihn gehabt haben mochte, sie war definitiv verflogen. Er saß mit verschränkten Armen in seinem Campingstuhl und wirkte dennoch gerade viel mehr wie das stereotyp strenge Familienoberhaupt, als Ataru es gewohnt war.
„Wenn sie das möchte.“ Toshiyas Antwort wurde von einem Lächeln begleitet. „Es ist ihre Entscheidung, nicht unsere.“
„Ich–“ Für einen Moment sank sie in sich zusammen, zwang sich dazu, tief durchzuatmen, ehe sie weitersprach. Sie sah ihre Großeltern so aufrichtig an, wie sie es in diesem Augenblick vermochte. „Ich würde das wirklich gern“, gab sie zu. „Aber ich will euch nicht verlieren. Und ich weiß, dass sich das alles furchtbar“, sie machte mit ihrer linken Hand eine flatternde Geste, „unglaublich anhört. Ich konnte es auch erst nicht glauben.“
„Weniger unglaublich, als du vielleicht denkst.“ In den Worten ihrer Großmutter schwang eine gewisse Belustigung mit. „Es ist sicher nicht das erste Mal, dass sich jemand in dieser Stadt von Nixen bezirzen lässt.“ Sie zuckte mit den Schultern, als wollte sie sagen, dass man dies schließlich auch niemandem verübeln konnte. „Allerdings habe ich noch nie davon gehört, dass jemand eurer Art so weit gehen würde“, fügte sie mit einem Fingerzeig auf die Schuppen hinzu.
„Es sind eben … besondere Umstände.“
Toshiyas Äußerung brachte ihre Großmutter lediglich zum Seufzen, ehe sie ihrem Mann einen langen Blick zuwarf, aus dem er wohl mehr lesen konnte, als es Ataru möglich war.
„Und wie wollt ihr garantieren, dass ihr nichts passiert?“, wollte er nun wissen, klang dabei aber weniger ablehnend als bisher.
„Könnten Sie das garantieren?“, stellte Die die Gegenfrage, ehe er sich erhob. „Garantien kann niemand geben. Aber wir können versprechen, dass wir unser Möglichstes dafür tun, dass es Ataru gut geht. Und es ist nicht so, dass wir allein wären.“ Er trat näher zu Toshiya, der ebenfalls aufgestanden war und ihm nun eine der goldenen Schuppen überreichte. „Sie wissen so gut wie wir, dass Ataru am Ende ihre eigenen Entscheidungen treffen muss, wir wollten Ihnen lediglich zeigen, dass wir es ernst meinen.“
Als hätten sie es abgesprochen, drehten ihre beiden Freunde sich zu ihr um, sodass sie gar nicht anders konnte, als ihrem Beispiel zu folgen und in ihre Mitte zu treten. Ganz automatisch verschränkte sie ihre Finger mit ihren freien Händen.
„Es ist meine Entscheidung“, sagte sie dann, war darüber erstaunt, wie fest und voller Überzeugung ihrer Stimme war, obwohl sie das Gefühl hatte, am ganzen Leib zu zittern. „Vielleicht ist sie ein Fehler, auch wenn ich das nicht glaube. Und wenn doch, dann werde ich damit leben müssen. Aber ich kann sie nicht einfach gehen lassen. Ich will sie nicht gehen lassen.“ Sie warf ihren Großeltern einen bittenden Blick zu, während sich für einen Moment lang Schweigen über den Strand legte.
Auch dieses Mal war es ihre Großmutter, die zuerst reagierte: „Ataru, erinnerst du dich noch an unser Gespräch vor ein paar Tagen? Daran, was ich dir gesagt habe?“
„Dass … ihr mich nie im Stich lassen werdet?“
„Genau.“ Ein nachsichtiges Lächeln schlich sich auf die Lippen ihrer Großmutter, als sie sich an die drei jungen Menschen wandte, die alle gleichermaßen nervös wirkten. „Es ist nicht unsere Entscheidung, damit habt ihr Recht. Selbst wenn wir nicht glücklich darüber sind. Selbst wenn ich nicht sicher bin, ob dir die Tragweite deiner Entscheidung wirklich bewusst ist, Ataru, am Ende bist du es, die sich entscheiden muss.“ Ihr wacher Blick fixierte erneut ihre Enkelin. „Das können wir dir nicht abnehmen, selbst wenn wir das vielleicht wollen.“
Sie war sich nicht sicher, ob die Worte ihrer Großmutter neue Ängste und Bedenken in ihr entstehen ließen oder einfach nur die wieder in den Vordergrund drängten, die ohnehin da waren, aber sie riefen in ihr ein Unwohlsein hervor, gegen das sie sich nicht wehren konnte.
„Müsste ich für immer gehen?“, fragte sie Toshiya leise und sah ihn unsicher von unten herauf an. Sie hoffte, dass er ihre Frage richtig verstehen und vor allem beantworten konnte, klammerte sich förmlich an ihre Hand, bis er kaum merklich den Kopf schüttelte.
„Ich bin sicher, dass ihr euch wiedersehen werdet. Egal, wie du dich entscheidest, sie sind Teil deiner Zukunft.“
„Wir würden dich nie von deiner Familie fernhalten“, stimmte Die zu. Und auch wenn er nicht über die hellseherischen Fähigkeiten Toshiyas verfügte, so hatten seine Worte ein ganz eigenes, beruhigendes Gewicht.
Beide Aussagen zusammen halfen ihr, ein wenig freier atmen zu können, gaben ihr die Zuversicht, ihre Großeltern jetzt mit einem Lächeln anzusehen.
„Ich möchte bei ihnen sein“, sagte sie leise, aber bestimmt. „Ich möchte das Meer so kennen, wie sie es tun. Und ich möchte genauso wieder zu euch zurückkehren können, wenn ich euch zu sehr vermisse.“
~*~
Die Nacht war bereits so weit fortgeschritten, dass der weite Himmel über ihnen langsam wieder heller wurde und dennoch konnte Ataru keine wirkliche Müdigkeit in sich finden. Zu sehr zehrte sie noch davon, wie positiv der Abend verlaufen war. Besser, als sie je zu hoffen gewagt hatte, wenn sie ehrlich war. Vermutlich weil sie gar nicht erst überhaupt zu hoffen gewagt hatte, dass es ihn auf diese Art geben würde. Das sollte natürlich nicht heißen, dass ihre Familie sich plötzlich nicht mehr um sie sorgte, dahingehend machte sie sich keinerlei Illusionen, aber vielleicht verstanden sie nun die Bindung zwischen ihr und den beiden Nixen zumindest ein kleines bisschen besser. Und vermutlich half es, dass ihre Entscheidung nicht bedeutete, dass sie sofort etwas ändern oder sofort gehen musste. Im Gegenteil: Jetzt hatte sie die Zeit, sich wirklich auf den Gedanken einzulassen, dass ihr Leben sich verändern würde. Und das auf eine Art und Weise für die ‚sagenhaft‘ das einzig passende Wort zu sein schien.
Mit einem kleinen Seufzen streckte Ataru sich, schmiegte sich dann ein Stück tiefer in ihren weiten Pullover und Dies Arme, die um ihre Mitte lagen. Von ihrem Lagerfeuer war mittlerweile nur noch die Glut übrig, die jedoch nicht mehr vermochte, als den nächtlichen Strand in schwaches orange-rotes Licht zu tauchen. Und auch wenn Spätsommer war, die kühlere Luft, die vom Meer hereinzog, ließ sie frösteln, sodass sie dankbar für die Körperwärme war, die ihre Freunde ihr zuteilwerden ließen.
Ihre Finger strichen langsam durch Toshiyas dunkles Haar, das ihm mittlerweile leicht wellig bis fast auf die Schultern fiel. Wie so oft hatte er seinen Kopf in ihren Schoß gebettet und sah schon seit geraumer Zeit einfach schweigend aufs Meer hinaus.
„Darf ich euch etwas fragen?“, brach Ataru schließlich die Stille, die sie umgab, ohne ihre eigenen Blicke von der Glut des Lagerfeuers zu lösen.
„Sicher.“
Sie biss sich auf die Unterlippe und versuchte sich für eine der gefühlt tausend Fragen zu entscheiden, die ihr in den letzten Stunden durch den Kopf gegangen waren. Und auch wenn andere Dinge vielleicht dringender gewesen wären, am Ende kam sie immer wieder zu einem Punkt zurück:
„Was war das vorhin?“ Sie wandte ihren Kopf zur Seite, um Die zumindest aus den Augenwinkeln ansehen zu können. „Als du diese Geschichte erzählt hast.“
Zunächst spürte sie nur sein unverbindliches Schulterzucken, ehe er ein tiefes Seufzen ausstieß.
„Ich wollte sichergehen, dass sie mir bis zum Ende zuhören.“
„Also eine Art Hypnose?“, wollte sie wissen, runzelte nachdenklich die Stirn, als Die ein humorloses Lachen ausstieß.
„So in der Art.“ Er griff an ihr vorbei nach Toshiya, der, als hätte er die Geste erwartet, eine Hand nach ihm ausgestreckt hatte und verschränkte ihre Finger miteinander. „Auch wenn Nixen keine ‚Raubtiere‘ sind“ – er malte mit seiner freien Hand Anführungszeichen in die Luft – „Wir sind auf eine Art geschaffen, die Menschen anziehend finden. Vielleicht, weil es so weniger wahrscheinlich ist, dass sie uns etwas antun oder uns als Gefahr für sie wahrnehmen.“
„Nicht, dass es nicht genügend Menschen geben, die darüber ziemlich gut hinwegsehen können“, mischte Toshiya sich ein. „Wäre das anders, müssten wir vermutlich weniger versteckt leben.“ Für einen Moment hielt er inne. „Vielleicht war es früher anders. Wenn ich ehrlich bin, hoffe ich das irgendwie.“
Ataru hätte dazu gern etwas gesagt oder versucht, die beiden zu trösten, denn diese Gedanken schienen ihnen verständlicherweise zuzusetzen. Vermutlich würde sie das Gefühl schnell nachvollziehen können, wenn sie ihr jetziges Leben hinter sich gelassen hatte. Sie versuchte nicht daran zu denken.
„Aber es war anders als sonst“, sagte sie deswegen, während sie eine Strähne von Toshiyas Haar um ihren Finger wickelte. „Ich meine, das ist mir schon öfter aufgefallen. Dass ich euch ansehen will, euch zuhören will–“ Sie musste unwillkürlich lächeln, als ihr bewusst wurde, was sie gesagt hatte. „Aber das heute … es war wie an dem Tag, als ihr mir gesagt habt, dass ihr Nixen seid. Da war etwas in deiner Stimme, dem ich mich nicht hätte entziehen können, selbst wenn ich das gewollt hätte. Meinen Großeltern schien es heute auch so zu gehen. Oder sogar noch mehr.“
„Ich habe ja bisher auch nur von Nixen gesprochen.“
„Aber?“
„Aber bei Sirenen sieht das anders aus.“ Die Worte verließen Dies Mund in einem Schwall, als würde er befürchten, sie nicht aussprechen zu können, wenn er ein Zögern zuließ. „Sirenen sind Jäger. Sie sind Raubtiere. Ich habe vorhin nicht übertrieben, als ich gesagt habe, dass sie ihre Stimmen nutzen, um Menschen zu sich ins Meer zu locken.“
„Das verstehe ich, aber was hat das mit dir zu tun?“
„Sirenen und Nixen halten sich normalerweise voneinander fern“, erklärte Toshyia. Ataru bekam mehr und mehr das Gefühl, dass er versuchte Die dieses Gespräch zu erleichtern. „Wir sind … du würdest vielleicht sagen, wie Hunde und Katzen. Wir sind zu verschieden. Nixen lehnen die Art, wie Sirenen leben ab und Sirenen ... Ich glaube, sie hassen uns dafür, dass wir nicht wie sie an die Tiefen gebunden sind. Dass wir eine Wahl haben, die ihnen verwehrt ist. Nicht, dass man ihnen das wirklich verübeln könnte.“
„Aber wir sind ja der beste Beweis dafür, dass sich manchmal Dinge finden, die nicht wirklich zusammengehören.“ Sie konnte spüren, wie Die noch einmal einen tiefen Atemzug nahm. „Mein Großvater war eine Sirene. Deswegen kann ich mit meinen Worten Menschen beeinflussen. Nicht ansatzweise so stark, wie eine richtige Sirene, ich kann niemanden willenlos machen. Aber … jemanden davon zu überzeugen, mir zuhören zu wollen, ist einfacher, als es sein sollte.“
„Okay.“ Ataru ließ sich das, was sie gehört hatte, noch einmal durch den Kopf gehen. Nach allem, was sie an diesem Abend bereits an neuen Informationen bekommen hatte, schien ihr Hirn gerade keine Kapazität mehr dafür zu haben, das, was Die sagte, irgendwie infrage zu stellen. „Gut zu wissen“, fügte sie deshalb hinzu, ehe sie sich vorsichtig ein bisschen aufrichtete, um ihren Freund ansehen zu können. „Ich mag deine Stimme.“
Mit einem Lächeln lehnte sie sich weiter zu ihm, um Die einen Kuss auf die Wange zu geben. Für einen Moment hielt sie seinen Blick, ehe sie sich wieder entspannt in seine Umarmung schmiegte und damit fortfuhr, durch Toshiyas Haar zu kraulen.
„Hast du noch mehr Fragen?“, wollte der einige Minuten später wissen, nachdem erneut Stille geherrscht hatte, in der sie alle ihren eigenen Gedanken nachgehangen waren.
„Dutzende vermutlich.“ Ataru ließ ihre Fingerspitzen über seine Schläfe geistern, folgte mit der Berührung der Linie seines Kiefers. „Aber vermutlich fallen sie mir erst dann ein, wenn ich später aufwache und wirklich verstehe, was ihr getan habt.“ Sie hielt für einen Moment inne. „Werdet ihr deswegen Probleme bekommen?“
„Wer weiß.“ Toshiyas Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. „Rückgängig machen kann es so oder so niemand mehr. Und wenn sie erst mal den Grund dafür kennen“, er drehte sich auf den Rücken, sodass er zu ihr nach oben sehen konnte. „Wenn sie dich kennenlernen, werden sie verstehen müssen, dass es der beste Weg war. Familie ist etwas sehr Wichtiges für uns.“
„Okay.“ Mit dem Zeigefinger stippte sie sacht seine Nasenspitze an.
Sie wollte ihm glauben, hoffte in diesem Moment, dass er ihr nichts vorenthielt. Sei es, um sie zu schützen oder aus einem anderen, ähnlich unnötigen Grund. Alles, was mit dem Schwarm der Nixen zu tun hatte, war für sie schließlich weiterhin eine einzige große Unbekannte. Auch wenn Die und Toshiya ihr schon einiges erzählt hatten, sie wusste im Grunde genommen kaum etwas über ihre Gesellschaft, über ihre Gepflogenheiten. Über all die Dinge, die in ihrem menschlichen Leben für sie selbstverständlich waren.
„Eine Frage fällt mir noch ein“, setzte sie erneut an, kaum dass sie diesen Gedanken zu Ende geführt hatte.
„Mh?“
„Die Schuppen, die ihr meinen Großeltern geschenkt habt … tat das nicht furchtbar weh?“
Die stieß ein leises Schnauben aus, verstärkte für einen Moment seine Umarmung.
„Es gibt mit Sicherheit Dinge, die wesentlich angenehmer sind“, sagte er dann schlicht.
„Aber es ist auszuhalten.“ Toshiyas Ergänzung wurde von einem Schulterzucken begleitet. „Ich denke, dass es vielleicht schmerzen muss.“
„Weil es etwas Besonderes ist? Ein Opfer?“
„Ja, genau. Es ist nichts, was wir leichtfertig verschenken würden oder sollten. Ganz unabhängig davon, ob wir daran glauben, dass es nur ein Symbol unserer Dankbarkeit ist oder tatsächlich etwas, das ein Quäntchen unserer Essenz in sich trägt."
„Ich bin sicher, meine Großeltern wissen das zu schätzen.“
~*~
Die Wellen schwappten dem Strand gemächlich entgegen, ließen Atarus Zehen mit jedem Mal, das sie nach ihr griffen, ein kleines Stück mehr im feinen Sand versinken. Sie wünschte sich, dass ihr Herzschlag sich dem eigentlich so beruhigenden Wogen anpassen würde, aber immer, wenn sie versuchte, im Einklang mit dem Meer zu atmen, schien sich ihr Puls noch zu beschleunigen. Angestrengt schluckte sie gegen die Trockenheit in ihrer Kehle an und hob den Kopf. Am Horizont trieben vereinzelte Federwolken, die schon jetzt vom zarten Rosa des anbrechenden Tages eingerahmt wurden. Dort, wo sich Himmel und Meer trafen, kündigte ein goldenes Glimmen den Sonnenaufgang an. Ataru spürte, wie ein Zittern durch ihren Körper ging und versuchte sich einzureden, dass es an der kühlen Morgenluft lag.
„Ich habe Angst“, sagte sie leise, hoffte halb, dass ihre Worte im Rauschen der Wellen untergehen würden. Vielleicht, weil sie nicht wusste, wie eine gute Antwort auf diese Aussage aussehen sollte. Es war nichts, was sie nicht schon eher zugegeben hätte.
Statt leerer Worte trösteten sie zwei Hände, sie sich mit ihren verschränkten als Toshiya und Die noch ein Stück näher zu ihr traten. Was hätten sie auch sagen sollen? Ataru wusste, dass es ihre Entscheidung war, dass die beiden es ihr aller Enttäuschung zum Trotz wohl nicht übel nehmen würden, sollte sie sich gegen ein Leben im Meer entscheiden. Selbst nach allen Gesprächen die sie in den letzten Tagen darüber geführt hatten. Es war ihre Entscheidung, dessen waren sie sich bewusst. Und bisher hatte sie gedacht, dass sie diesen Entschluss schon lang getroffen hatte – vielleicht sogar, bevor Shiori ihr die Möglichkeit geschenkt hatte, sie tatsächlich umzusetzen. Das alles änderte jedoch nichts daran, dass sie sich hier und jetzt am liebsten auf der Stelle umgedreht hätte, um zurück in ihr Zimmer zu flüchten. Dass sich all die Ängste und Befürchtungen, die sie bisher erfolgreich verdrängt hatte, nun umso hartnäckiger in ihr Bewusstsein drängten.
„Was ist, wenn es nicht funktioniert?“ Ihre Stimme klang rau, als hätte sie sie überbeansprucht, dabei hatten sie die größten Teile der Nacht ebenso wie die letzten Minuten in gemeinschaftlichem Schweigen verbracht. Irgendwann hatte keiner von ihnen noch gewusst, wie sie ihre Gefühle zu Worten formen sollten, also hatten sie einfach eng aneinandergeschmiegt auf den Futons gelegen und vergeblich versucht, Schlaf zu finden.
„Es wird funktionieren.“ Toshiyas Worte waren ebenso leise wie ihre eigenen und dennoch voller Überzeugung. Natürlich, er konnte ja auch überzeugt sein, er hatte sie gesehen.
„Das meine ich nicht.“ Ataru biss sich auf die Unterlippe, zwang sich dazu, den Gedanken auszusprechen, der in den letzten Stunden immer heftiger an ihr genagt hatte. „Was … wenn es nicht so funktioniert, wie es soll?“
„Was meinst du?“ Dies Daumen strich beruhigend über ihren Handrücken, aber sie schaffte es nicht, seinen besorgten Blick zu erwidern, so deutlich sie ihn auch auf sich spüren konnte.
„Was ist, wenn euer Drachengott Menschen wie mich nicht bedacht hat bei seiner Magie?“ Ihre Worte glichen einem heiseren Flüstern. „Was, wenn ich … nicht so sein werde wie ich jetzt bin?“ Die Worte laut auszusprechen, ließ die Möglichkeit, dass ihre Befürchtungen wahr werden könnten, in greifbare Nähe rücken. „Oder, was, wenn es meinen menschlichen Körper verändert?“ Allein der Gedanke daran ließ heftige Wellen der Übelkeit in ihr aufsteigen. Sie wäre für nichts in der Welt in der Lage, das auf sich zu nehmen. Sie konnte nicht noch einmal in einem Äußeren feststecken, das nicht sie war und noch viel weniger jetzt, wo sie erwachsen war.
Ataru bemerkte ihr eigenes Zittern erst, als ihre beiden Nixen die Arme um sie schlangen, sie in ihrer Mitte verbargen, als müssten sie sie vor etwas beschützen. Vielleicht vor sich selbst.
„Ich kann nicht dahin zurück“, brachte sie erstickt hervor, hoffte auch jetzt, dass ihre Worte sich irgendwo zwischen ihnen verlieren würden. „Nicht einmal für euch.“
„Das wissen wir doch.“ Dies Worte streiften ihre Wahrnehmung wie eine beruhigende Geste. „Das würden wir auch nie von dir verlangen.“
„Aber ihr wisst nicht sicher, was passieren wird.“ Sie hielt ihre Augen geschlossen, versuchte sich in die Nähe zu ihren Freunden fallen zu lassen und wieder ruhiger zu atmen. „Vermutlich weiß das niemand.“
„Ich habe dich so gesehen, wie du bist“, sagte Toshiya, nachdem wieder ein Moment lang Stille geherrscht hatte. „Nichts in den Bildern hat darauf hingedeutet, dass sich dahingehend etwas verändert. Du warst immer du selbst.“
„Was ist, wenn du dich irrst?“
„Wenn ich sage, dass das unwahrscheinlich ist, klingt das eingebildet, oder?“
Beinahe gegen ihren Willen musste Ataru lächeln, schüttelte den Kopf.
„Das ist es nicht. Es fällt mir nur schwer, daran zu glauben. Nicht, weil ich dir nicht glauben will … es fühlt sich einfach an, als müsste da noch irgendwo ein Haken sein. Und es gibt kaum etwas, wovor ich größere Angst habe als davor, dass ich irgendwann aufwache und alles, was ich durchmachen musste, umsonst war. Da ist es schwer, es einfach darauf ankommen zu lassen und Erzählungen zu vertrauen, bei denen niemand weiß, ob sie so tatsächlich stimmen. Wer sagt denn, dass euer Gott so mächtig ist, dass bei einem … Sonderfall … wie mir nicht irgendetwas schiefgehen kann?“
„Ich wünschte, wir könnten ihn fragen.“ Die klang ehrlich zerknirscht, als wäre es im Normalfall schlicht die naheliegendste Strategie, einen Drachen nach seiner Magie zu fragen, wenn man nur wüsste, wo man ihn denn finden könnte. Es führte Ataru einmal mehr die Absurdität ihrer Situation vor Augen. Sie zwang sich Die weiter zuzuhören, statt diesen nutzlosen Gedankengang zu verfolgen: „Aber keine der Erzählungen spricht davon, dass Ryuujins Geschenk die Essenz oder das Wesen der Menschen verändert hätte.“
Sie konnte nicht anders, als zu seufzen. Nach allem, was Die bisher erzählt hatte, lag er damit richtig. Allerdings änderte auch dies nichts an der Frage, ob sie bereit war, dieses Risiko einzugehen. Bis gerade eben hatte sie gedacht, dass ihre Entscheidung längst gefallen war, aber jetzt schienen die Wellen jegliche Sicherheit hinweggespült zu haben.
„Vermutlich wäre es auch zu einfach, irgendwo eine Aufzeichnung zu finden, die erklärt, dass es gar kein Problem ist, wenn trans Personen so eine Perle bekommen, weil alles so bleibt, wie es sein soll“, meinte sie schließlich selbstironisch. Vorsichtig befreite sie sich aus der Umarmung, die sie immer noch vor der restlichen Welt schützte. Mit dem Rücken zum Meer blieb sie stehen und sah Toshiya und Die ernst an. „Könntet ihr mir verzeihen, wenn ich es nicht annehmen kann?“
Die Reaktionen der beiden waren subtil und dennoch unterschiedlich. Während Toshiya sie nur mit einem warmen Lächeln ansah, konnte sie die Anspannung in Die deutlich sehen. Seine Hand suchte automatisch nach der seines Freundes und er musste schlucken, bevor er antwortete.
„Natürlich.“ Sein Lächeln wirkte ebenso verkrampft wie der Rest von ihm, war aber ehrlich. „Es gäbe ja gar nichts zu verzeihen. Es wäre traurig, aber–“ Er sah etwas hilflos zu Toshiya, der seinerseits mit den Schultern zuckte.
„Es wäre traurig, aber es ist deine Entscheidung. Und es würde ja nicht heißen, dass wir uns deswegen verlieren würden. Zumindest hoffe ich das.“
„Niemals.“ Sie konnte die beiden nur mit großen Augen ansehen. „Das …“ Ataru schüttelte den Kopf. „Das sind schließlich zwei ganz verschiedene Sachen. Für mich jedenfalls.“ Sie wagte es kaum, sich diese Tatsache einzugestehen, aber sie fühlte sich schon jetzt etwas leichter. „Ich will euch auf keinen Fall verlieren. Auch wenn ich weiß, dass das alles so … nicht gerade einfacher werden wird. Aber ich kann das nicht so einfach über den Zaun brechen, selbst wenn ich mir eingeredet hab, dass das ginge …“ Ihre Stimme war mit jedem Wort leider geworden, während sie das Gefühl hatte, sich im Kreis zu drehen, ohne tatsächlich etwas zu sagen. Letztlich musste sie sich zwingen, noch einmal neu anzusetzen. „Das alles ändert nichts an meinen Gefühlen für euch.“
Sie ging langsam an den beiden vorbei in Richtung Land, bis ihre Füße sich in den weichen, von der Nacht kühlen Sand graben konnten. Einen Augenblick lang verharrte sie, seltsam dankbar dafür, festen Boden unter den Füßen zu haben, ehe sie sich wieder zum Meer und zu ihren Freunden umdrehte.
Die Sonne hatte es mittlerweile geschafft, über den Horizont zu klettern und das Licht des frühen Tages tauchte die Küste in einen warmgoldenen Glanz, ließ die Wellen wie Feuer erstrahlen. Es wirkte ein wenig, als hätte die Welt für einen Moment innegehalten, vielleicht den Atem angehalten, um Atarus Entscheidung zu verstehen. Und jetzt fühlte sie sich, auch wenn sich nichts verändert hatte, als hätte gerade etwas neu begonnen. Sie atmete tief durch und ließ die Szenerie, die sich vor ihr ausbreitete, auf sich wirken, ehe sie es war, die nun ihre Hände nach Die und Toshiya ausstreckte.
„Ich könnte euch ja im Winter besuchen kommen.“