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neko

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Nach langer Pause (sorry dafür!) geht die Geschichte weiter ... Komplett anzeigen

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Gezeichnet

Heute war ein schöner Tag, eigentlich wie geschaffen, um sich draußen die Beine zu vertreten. Darius blickte aus dem Fenster seines kleinen Häuschens. Da er am Rande der Stadt auf einer leichten Anhöhe wohnte, sah er die wunderbar leuchtenden Farben der Bäume, deren unterschiedliche Grüntöne im Sonnenlicht strahlten. Diese Aussicht war einmalig und er liebte sie, doch es kam viel zu häufig vor, dass er sie nur von drinnen aus betrachtete.
 

Mittlerweile hatte er sich damit abgefunden, dass er nicht einfach, wann er wollte, vor die Türe treten konnte, um spazieren zu gehen oder über den Marktplatz zu schlendern. Abgefunden, ja, aber dennoch verspürte er bei diesem Gedanken einen Stich in der Brust.
 

Zuerst hatten ihn seine Eltern bis zu ihrem Tod vor wenigen Jahren unter Verschluss gehalten, eingesperrt in sein Zimmer, da er für sie eine zu große Schande war. Danach war er freiwillig in seinem Käfig geblieben.
 

Geistesabwesend berührte Darius seine rechte Schläfe, fuhr am Haaransatz entlang über die Wange zum Ohr und konnte die Unebenheiten spüren, die sich wie geschmolzenes Wachs unter seinen Fingerspitzen anfühlten. Es waren viele Jahre vergangen, seit er sich dieses Narbengeflecht zugezogen hatte; viele Jahre und viele Schmähungen. Es schien unmöglich, mit solch einem entstellten Gesicht von den Mitmenschen akzeptiert zu werden, selbst seine Eltern hatten es nicht über sich gebracht, ihn weiterhin als ihren Sohn anzuerkennen.
 

Zunächst hatte ihn das wütend gemacht. Doch anstatt um sich zu schlagen, hatte er den Zorn in sich hineingefressen, weswegen kaum jemand bemerkt haben dürfte, wie es ihm tatsächlich ging. In Gedanken hatte er den Leuten alles mögliche an den Kopf geworfen, hatte sie beschimpft, sie angeschrien und seinen ganzen Frust abgelassen. Dann wandelte sich die Wut in Verbitterung und schließlich in Traurigkeit. Er konnte nicht sagen, wie viele Tränen sein Kopfkissen damals aufgesaugt hatte – es waren eine Menge.
 

Und heute? Mitunter stellte er sich noch die Frage, wie viel Bedeutsamkeit die Menschen wirklich den inneren Werten eines anderen Lebewesens beimaßen, und wie wichtig im Gegensatz dazu ein ansprechendes äußeres Erscheinungsbild war. Derartige Gedanken waren aber selten geworden. Er hatte bemerkt, dass er, egal was er tat, nichts daran ändern konnte, und hatte sich deswegen seinem Schicksal gefügt. Zumindest fast.
 

Darius wandte sich vom Fenster ab und schlurfte zu seinem Sekretär in der Ecke des Raumes. Er öffnete eine kleine Holzschachtel, die sich auf der Ablageplatte befand. Vorsichtig griff er hinein und holte eine lackierte Gipsmaske hervor. Irgendwann, als er es leid gewesen war, dass die Leute mit ausgestreckten Armen auf ihn zeigten und hinter seinem Rücken tuschelten, hatte er sie anfertigen lassen. Sie war genau an seine Gesichtsform angepasst, schneeweiß und glänzte im Licht. Natürlich konnte er so seine Narben verstecken, doch unauffälliger war er damit nicht. Statt Ekel schlug ihm unverhohlene Neugierde entgegen. Viel wohler fühlte er sich damit jedenfalls nicht.
 

Er hielt sich die Maske vor sein Gesicht. Sie wurde am rechten Ohr befestigt, verlief am Haaransatz nach oben bis fast in die Mitte der Stirn, dann rechts an der Nasenwurzel vorbei, über die Wange und am Kiefergelenk zurück zum Ohr. Außerdem hatte sie ein Loch für sein Auge. Wenn er sie aufsetzte, spürte er sie kaum. Es war nur ein wenig ungewohnt, durch das kleine Loch zu schauen, wenn er gleichzeitig doch mit dem linken Auge ganz normal um sich blicken konnte.
 

Seufzend setzte Darius die Maske wieder ab und legte sie sorgfältig zurück in die Schachtel. Weil er heute weder einkaufen gehen musste noch sonst etwas zu erledigen hatte, würde er sie nicht aufsetzen.
 

Vor einigen Jahren, als er als Kind gezwungenermaßen viel Zeit allein in seinem Zimmer verbracht hatte, hatte er eine Unmenge an Büchern gelesen und viel nachgeforscht. Schon immer hatte er die alten Geschichten gemocht, die die Leute heutzutage als Märchen und Sagen abtaten und manchmal sogar als Lügengeschichten titulierten. Er hatte sich für das Leben von früher interessiert und auch für die Magie, die Jahrhunderte zuvor noch weitaus verbreiteter gewesen war als es heute der Fall war. Es gab noch immer Magier, das wusste jeder, doch irgendwann hatten die Menschen gemerkt, dass die Magie natürliche Grenzen hatte. Die Grenzen der Wissenschaften waren dagegen noch nicht erreicht; also hatte ein Interessenwandel stattgefunden, den Darius zwar durchaus verstehen konnte, aber nicht unbedingt unterstützen wollte. Damals in seinem Zimmer hatte er natürlich noch nicht so einsichtig darüber gedacht.
 

Es hatte lange Zeit gedauert und ihn endlose schlaflose Nächte gekostet, bis er endlich dazu in der Lage gewesen war, das zu vollbringen, was ihn in den Büchern seit jeher am meisten fasziniert hatte: Verwandlungen.
 

Dabei war es weder seine Absicht, Wasser in Wein, noch Stroh in Gold zu verwandeln – wenn auch beides manchmal durchaus nützlich sein konnte – vielmehr wollte er sich selbst verwandeln. Er wollte sich verwandeln, damit er zumindest für kurze Zeit aus seiner eigenen Haut in einen anderen, unversehrten Körper schlüpfen konnte.
 

Und er hatte Glück gehabt. Denn wie er erst später erfahren hatte, war für solch eine Art Magie weniger Übung und Zauberkraft notwendig, als vielmehr eine natürliche Veranlagung. Es war nämlich so, dass sich nicht jeder Mensch verwandeln konnte; diese Gabe war ein Geschenk, wenn auch niemand so recht wusste, woher dieses Geschenk kam und wer es warum bekam.
 

Vielleicht war es bei ihm ja eine Art Gerechtigkeit. Ein Ausgleich, eine Entschädigung für das Getuschel, die Schmähungen und die verstohlenen Blicke, die ihn wegen seiner verunstalteten Gesichtshälfte stets begleitet hatten.

Aufbruch

Darius stieg die Leiter zu seinem Schlafzimmer durch eine Bodenluke empor. Oben angekommen zog er sich aus, legte seine weiße Alltagstunika ordentlich zusammengefaltet auf das Bett und kniete sich daneben auf die Matratze. Ihm fiel gerade noch ein, das Band, das seine langen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammenhielt, zu lösen und auf seine Kleidung zu legen.
 

Da er so selten das Haus verließ, war er recht blass und sein Haar hatte ebenfalls eine fast weiße Farbe. Die hellbraunen Sommersprossen auf der Nase und auf der Wange seiner gesunden Gesichtshälfte stachen regelrecht hervor und ließen ihn nicht komplett wie ein fahles Gespenst aussehen, wenn er auch vielleicht eines war. Wer konnte das schon sagen, wenn er sich so selten draußen blicken ließ? Lebte er nicht sogar wie eines?
 

Bei diesem Gedanken musste Darius kurz schmunzeln, doch es lag keine Freude in seinem Lächeln. Schnell schluckte er den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte, hinunter. Noch ein kurzes Räuspern, dann war sein kurzer Anflug an Melancholie vorüber. Er stützte die Hände vor sich auf das Laken, schloss die Augen und schüttelte alle Gedanken ab, die ihm bis zu diesem Moment noch durch den Kopf geisterten.
 

Mittlerweile war es ein Kinderspiel; sobald er einmal den Dreh herausgehabt hatte, war es so simpel, sich zu verwandeln. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, wie es vor dem Augenblick gewesen war, als er diesen selbstverständlichen Mechanismus in sich entdeckt hatte, der ihm die Verwandlung ermöglichte. Er atmete tief ein und stieß den Atem dann in einem langen Zug wieder aus. Während die Luft aus ihm strömte, konnte er spüren, wie er zusammenschrumpfte. Die Augen hielt er geschlossen, nachdem ihm mehrmals schwindlig geworden war, als er dabei zugesehen hatte, wie sich sein Blick während der Verwandlung veränderte. Dass seine Organe sich ebenfalls verschoben, war ein seltsamer Gedanke und ein noch seltsameres Gefühl. Zwar bereitete ihm die Verwandlung keine Schmerzen, doch bei jeder Veränderung wurde ihm die Gefährlichkeit des ganzen instinktiv bewusst. Eine einmal begonnene Verwandlung konnte nicht unterbrochen worden, oder besser gesagt, sie durfte nicht unterbrochen werden. Sein Übergang musste fließen. Kein Zwischenzustand durfte als solcher zu erkennen sein, denn es durfte keinen davon geben. Ein Abbruch der Verwandlung, ein Stillstand würde seinen Tod bedeuten.
 

Darius spürte deutlich, wie sich seine Arme und Beine verkürzten, wie aus den Poren seiner Haut ein dichtes Fell wuchs. Seine Fingernägel krümmten sich zu kleinen Spitzen und aus dem Steißbein spross ein behaarter Schwanz. Die denkwürdigste Veränderung war vielleicht die Tatsache, dass die vernarbte Haut in seinem Gesicht sich in eine völlig gesunde wandelte, verborgen unter weichem Fell. Seine Ohren wurden spitz und wanderten etwas am Kopf nach oben, und eine Schnauze mit Schnurrhaaren schob sich dort nach vorn, wo vorher sein Mund und seine Nase gewesen waren. Er steuerte die Veränderungen nicht bewusst, sie geschahen einfach. Und sie hörten auch in dem Moment einfach auf, in dem die Verwandlung vollbracht war. Darius schlug die Augen auf.
 

Der Vorgang an sich war weder ein inniges Ritual noch erforderte es spezielle Vorkehrungen. Vermutlich verschlug es ihm gerade deshalb in dem Augenblick, in dem er die Augen öffnete, jedes Mal kurz den Atem. Wie blind ein Mensch doch im Vergleich zu einer Katze war! Seine Sicht war einzigartig, tagsüber noch nicht einmal so beeindruckend wie nachts. Darius stand auf und sprang leichtfüßig auf vier Pfoten vom Bett. Er konnte ganz genau den Staub auf seinem Boden erkennen. Trotz all seiner tierischen Vorzüge und Nachteile war er doch er selbst, lediglich seine Hülle hatte sich gewandelt.
 

Er lief über den Holzboden zu dem kleinen runden Dachfenster, hüpfte auf den Sims und drückte mit seinem Kopf gegen die nur angelehnte Fensterscheibe. Sie öffnete sich einen Spalt breit, sodass er hindurchschlüpfen konnte, dann sprang er in einem eleganten Satz auf einen Ast der großen Platane, die gleich vor dem Fenster aufragte. Dieser Ausgang war wie geschaffen für ihn.

Dorfleben

Auf der Straße herrschte geschäftiges Treiben. Es war Markttag, was bedeutete, dass beinahe das gesamte Dorf auf den Beinen war. Kinder tollten durch die engen Gassen, Frauen feilschten mit den Händlern um ein noch günstigeres Angebot als den angepriesenen Sparpreis und Männer schleppten die ergatterten Waren nach Hause. Karren ratterten lautstark über die plattgetretenen Straßen des Dorfes. Die Händler, die es sich leisten konnten, hatten ein Pferd vor ihren Wagen gespannt. Die anderen mussten ihre Karren selbst ziehen.
 

Darius beobachtete das Spektakel zunächst vom Baum aus sicherer Entfernung. Dann sprang er behände in zwei Sätzen auf den Boden und wagte sich näher heran. Dabei hielt er sich, so gut es ging, entlang von Hauswänden oder Zäunen auf. In seiner momentanen Gestalt als Katze fiel er niemandem besonders auf und es war eine Freude für ihn, ungestört durch die Gassen seines Heimatdorfes zu trotten. Lediglich Kinder bückten sich manchmal nach ihm, um ihm mit ihren kleinen, zarten Händen über das Fell zu streichen. Er hielt sich jedoch nie lange bei ihnen auf, zu sehr hatte er sonst die Befürchtung, etwas zu verpassen.
 

Die Verkäufer, die am Markttag die Straßen verstopften, waren zum Teil fahrende Händler aus umliegenden Ortschaften oder von noch weiter weg, die Stoffe, Schmuck oder besonderen Wein bewarben. Mitunter waren auch hiesige Bauern darunter, die ihre geernteten Früchte oder ihr Vieh anboten. Es gab so viel zu sehen, da konnte Darius seine Zeit einfach nicht vertrödeln. Außerdem hielt er momentan noch nach einem bestimmten Wagen Ausschau. Von Zeit zu Zeit war nämlich ein fahrender Buchhändler im Dorf, der oft wunderbare Bände dabeihatte – Geschichtenbücher, Bücher über Magie oder auch Kochbücher. Auch wenn Darius mittlerweile seiner eigenen Meinung nach ziemlich gute Speisen zustande brachte, so war er doch immer neugierig auf fremdländische Gerichte, auch wenn er diese nur für sich selbst zubereitete. Besonders gerne aß er Fisch, den es ebenfalls auf dem Markt zu kaufen gab und der frischer nicht sein könnte – aus dem nahegelegenen Fluss, dessen sanftes Gurgeln er mit seinen feinen Katzenohren selbst jetzt in der aufgeregten Menge wahrnehmen konnte.
 

Selbstverständlich konnte er in seiner verwandelten Gestalt nichts einkaufen. Niemand wusste, wer die schwarze Katze war, die von Zeit zu Zeit durch das Dorf stromerte. Genauer gesagt vermutete wohl niemand, dass es sich bei der Katze überhaupt nicht um eine natürlich geborene Katze handelte. Was er aber konnte, war, die Auslage des Buchhändlers mit seinen Katzenaugen genau unter die Lupe zu nehmen. Wenn er wirklich etwas interessantes entdeckte, würde er später am Nachmittag noch einmal wiederkommen, wenn weniger los war. Die Aussicht auf ein gutes Buch ließ ihn dann, trotzdem er in Menschengestalt zum Marktplatz musste, nach draußen gehen.
 

Und womit verdiente er das Geld, das diese Bücher und seine sonstigen Anschaffungen wie Essen oder ab und zu neue Kleidung kosteten? Zum einen hatte er das Geschäft seines Vaters übernommen, welches darin bestand, die Felder, die sich im Besitz der Familie befanden, an Bauern zu verpachten. Seit Jahren erforderte diese Beschäftigung jedoch wenig Aufwand. Die Bauern waren zufrieden mit der vergleichsweise günstigen Pachtgebühr und Darius, wie vor ihm auch schon sein Vater, hatte relativ wenig Mühe mit ihnen. Er notierte allmonatlich die eingehenden Zahlungen, die ihm von Boten vorbeigebracht wurden, und ab und an wurde ein Pachtvertrag verlängert. Darius glaubte, dass es sein Großvater, den er allerdings nie kennengelernt hatte, gewesen war, der diese Felder einmal erstanden hatte. Das war der eine Teil seiner Arbeit. Die Verpachtung lief mehr oder weniger nebenher. Der andere Teil bestand darin, dass er übersetzte. Hauptsächlich waren das Bücher. Ab und zu aber auch Briefe, die von vornehmen Herrschaften aus dieser Gegend in einen anderen Teil des Landes oder sogar über Ländergrenzen hinaus verschickt wurden oder die von weit her hier eintrafen. Die vornehmen Herrschaften waren zwar des Lesens und Schreibens mächtig, allerdings konnten viele von ihnen nur eine Sprache – ihre Muttersprache. Und nicht alle hatten eine fähige Schreibkraft angestellt. So war eines Tages vor Darius’ Haustür ein Bote aufgetaucht mit dem Ersuchen, den mitgebrachten Brief zu übersetzen. Der Bote habe sich im Dorf umgehört und sei nach einigem Hin und Her zu ihm geschickt worden. Durch Mundpropaganda hatte sich Darius’ Übersetzungstätigkeit dann herumgesprochen – und dieses Geschäft war durchaus lukrativ. An der Akzeptanz unter der hiesigen Dorfbevölkerung, die hauptsächlich aus einfachen Leuten bestand, hatte sich deswegen aber nichts geändert. Das waren nicht die Leute, die seine Übersetzungsdienste in Anspruch nahmen.
 

Nun schlängelte er sich auf vier Pfoten zwischen den Beinen der Marktbesucher hindurch auf der Suche nach dem fahrenden Buchhändler. Auf dem großen Platz um den Brunnen konnte Darius den Karren und den Buchhändler, einen alten Kauz mit ergrautem, aber dichtem Haarschopf und einer Brille mit Gläsern so dick wie ein kleiner Finger, nicht entdecken. Er sollte doch nicht gestorben sein? Darius lief weiter die Hauptstraße entlang in Richtung Dorfeingang. Der Lärm und das Getümmel wurden etwas weniger. Da die Straße leicht abschüssig und relativ geradlinig war, hatte er einen guten Blick aus dem Dorf hinaus. Genauer gesagt hätte er als Mensch einen guten Blick gehabt. Als Katze hörte der Bereich, in dem er scharf sehen konnte, nach wenigen Metern auf. Doch dafür waren seine Ohren umso feiner und das charakteristische Knarzen der alten Wagenräder, das er aus einiger Entfernung wahrnahm, war unverwechselbar. Das war eindeutig der Buchhändler! Und sein Karren schien, gemessen an dem Tempo, mit dem er sich näherte, wie immer voll beladen zu sein. Unbewusst stieß Darius ein lautes Miauen aus, schaute sich im selben Moment erschrocken um und musste feststellen, dass eine miauende Katze wohl niemanden verwunderte. Er verzog sich dennoch unter einen nahen Busch und wartete auf das Eintreffen des fahrenden Buchhändlers.

Ungeduldig

Der Buchhändler trudelte nach kurzer Zeit schwer schnaufend bei den anderen Händlern auf dem Marktplatz ein. Obwohl er reichlich spät dran war und manche der Marktbesucher ihren Einkauf sogar schon komplett erledigt hatten, baute er in aller Ruhe seinen Stand am Rande des Geschehens auf. Darius schlich bereits ungeduldig in einiger Entfernung um den Bücherkarren herum, dessen Plane gerade zurückgeschlagen wurde. Die oberste Reihe der Bücher auf dem Karren wurde heruntergehoben und auf eine auf dem Boden ausgebreitete Decke gelegt. Die restlichen Bücher standen fein säuberlich aufgereiht in dem zu einem Bücherregal hergerichteten Gefährt, das von zwei Seiten zugänglich war, wie zwei Bücherregale, die mit der Rückseite aneinandergeschoben waren. Der Karren sah wirklich aus wie eine kleine Bibliothek auf Rädern, der Aufbau bestand aus ziemlich dunklem Holz mit einigen filigranen Schnitzereien in den Trennbrettern. Die Plane war ein mit Wachs überzogenes Leinentuch, denn nass werden durften diese Schätze bei ihrer Wanderung durch die Lande auf keinen Fall. Darius konnte nur schätzen, wie schwer der Karren war, den der Händler tagein, tagaus hinter sich herzog.
 

Nun, nachdem der Buchhändler seinen Stand hergerichtet hatte, begann für Darius der schwierige Teil. Irgendwie musste er sich unauffällig die Bücher anschauen. Dabei durfte er nicht zu nahe an den Karren herangehen, denn eine Katze, die sich für Bücher interessierte, würde bestimmt den ein oder anderen Passanten neugierig machen. Doch Darius wollte keine Aufmerksamkeit, sonst könnte er sich die ganze Sache mit dem Verwandeln schenken.
 

Darius trippelte einmal in mäßigem Tempo an der Auslage auf dem Boden vorbei. Ließ seinen Blick dabei leicht zur Seite geneigt, um die Titel der ausgestellten Werke begutachten zu können. Es war ein buntes Sammelsurium, das er zu Gesicht bekam. Vor allem waren es die besser erhaltenen Bücher, die dort lagen. Darius wusste nicht, ob man einer Katze ein Schmunzeln ansehen konnte. Was ihn interessierte, waren jedoch nicht die aalglatten Buchrücken, die schon andeuteten, dass es sich dabei um Bücher neueren Datums handelte, mit zarten Liebesgeschichten oder pseudo-philosophischen Wortergüssen darin. Er war auf der Suche nach etwas Altem, und so hielt er nach einer Erhöhung Ausschau, auf die er klettern konnte, um die Bücher in dem fahrenden Bücherregal zu inspizieren.
 

Auf der einen Seite war ein Baum relativ günstig gelegen. Er krallte sich kurzerhand am Stamm nach oben, balancierte auf einem Ast so weit wie möglich in Richtung des Buchverkäufers und spitzte durch das spärliche Blattwerk.
 

Das, was Darius auf dieser Seite des Buchkarrens sah, war jedoch ernüchternd. Einen Großteil der Bücher kannte er schon von vorherigen Besuchen des Verkäufers und die wenigen Exemplare, die neu im Sortiment zu sein schienen, waren für ihn nicht interessant. Also blieb noch die andere Seite, die auf den Marktplatz hinaus zeigte. Er könnte auf den Brunnenrand springen, das wäre vielleicht eine gute Aussichtsposition. Oder auf einen Karren eines benachbarten Händlers. Dort war aber die Wahrscheinlichkeit groß, schnell verscheucht zu werden.
 

Darius sprang also mit einem Satz zu Boden, was als Katze eine mehr als leichte Übung war, und zwängte sich zwischen vielen Beinen hindurch in die Mitte des Marktplatzes, wo sich der Brunnen befand. Von hier aus wurde seine Sicht zwar oft durch die vorbeilaufenden Dorfbewohner behindert, aber nach kurzer Zeit hatte er dennoch einen guten Überblick über die gezeigten Buchrücken. Und bei einem der letzten in der obersten Reihe blieb seine Aufmerksamkeit lange Zeit hängen. Er erkannte das verschnörkelte Zeichen, das in den Ledereinband geprägt war, zwei in sich verschlungene Schlangen und ein Federkiel, ein magisches Symbol. Ein Titel war nicht genannt, aber für jeden, der in diesem Symbol eine Bedeutung erkannte, war klar, dass es sich dabei um ein Buch über Magie handelte. Darius’ Herzschlag beschleunigte sich. Er starrte auf das Symbol und merkte erst nach einiger Zeit, dass er aufgeregt mit dem Schwanz hin und her wedelte und gegen die Brunnenmauer schlug. Behände machte er einen Satz auf den Boden und lief grübelnd in wirren Bahnen über den Marktplatz.
 

Er befand sich in einer Zwickmühle. Er könnte sofort nach Hause zurück, seine menschliche Gestalt wieder annehmen und das Buch gleich kaufen. Momentan waren aber noch wirklich viele Leute da und unglücklicherweise fiel er in jeder noch so großen Menschenansammlung immer irgendwann auf. Oder er könnte warten, bis es etwas ruhiger wurde. Es war unwahrscheinlich, dass sich sonst noch jemand für dieses Buch interessierte, aber sicher sein konnte er sich da nicht. Was sollte er tun? Er wollte dieses Buch, auch ohne seinen Inhalt genau zu kennen, unbedingt haben.
 

Durch ein lautes Knurren wurde Darius auf einmal aus seinen Gedanken gerissen. Reflexartig hob er den Kopf, legte ihn in den Nacken und sah sich einem unwirsch dreinblickenden, zotteligen Hund gegenüber. Er zuckte zusammen und ein Fauchen drang aus seiner Kehle. Er duckte sich und machte einen Satz zur Seite. Er hörte sein Blut in den Ohren rauschen. Im gleichen Moment sah er, dass der Hund am Pfosten eines Obststandes angekettet war. Er wollte gerade aufatmen, als der Hund nach vorn sprang, durch die Kette auf halbem Weg in der Luft zurückgerissen wurde und dabei den Verkaufsstand gefährlich zum Wackeln brachte. Der Hund jaulte auf, ob aus Schmerz oder aus Zorn war Darius egal. Er nahm die Pfoten in die Hand und sauste davon.
 

Einmal quer über den Marktplatz führte ihn sein Reißausnehmen, doch er blieb nicht stehen, denn er konnte noch immer den Hund an der Kette zerren hören. Das metallische Scheppern klapperte übermäßig laut in seinen Ohren. Dann vernahm er eine menschliche Stimme, die den Hund zu beruhigen versuchte. Das Klappern ließ nach. Nun wurde Darius doch langsamer. In Gedanken gab er einen tiefen Seufzer von sich und während er beruhigt weiter trabte, blickte er zurück, konnte aber wegen der vielen Leute den Obststand nicht mehr sehen. Stattdessen durchfuhr ihn auf einmal ein greller Schmerz. Wie ein Blitz durchzuckte er seinen kleinen Körper. Er wollte aufspringen, doch es ging nicht. Seine Vorderpfoten kratzten wirkungslos über den staubigen Boden. Panisch schaute er um sich. Etwas Dunkles war über ihm, ein Wagen. Und er konnte aus den Augenwinkeln wahrnehmen, wie eines der eisenbeschlagenen Räder über ihn rollte. Er gab einen Schmerzenslaut von sich, ein verzerrtes Miauen. Es waren sein Schwanz und eines seiner hinteren Beine, über die er die Kontrolle verloren hatte. Seine Sicht wurde trübe, als er merkte, dass etwas knackte und der Schmerz ihm wie eintausend Nadelstiche durch den Körper fuhr. Das Rad war weitergerollt, es wurde wieder hell, jedoch nur für kurz. Ein Zittern ergriff von ihm Besitz und er hatte Schwierigkeiten zu atmen. Darius schleppte sich voran, auf drei Beinen, irgendwohin, einfach nur weg, doch seine Sicht schwand zusehends. Genauso wie der Schmerz. Eine merkwürdige Lähmung breitete sich von seinem Hinterlauf in ihm aus, bis es schwarz vor seinen Augen und in seinem Kopf wurde.

Wärme

Er spürte Wärme. Das war das Erste, was er wahrnahm. Eine wohlige Wärme. Gleichzeitig fühlte er aber auch, dass etwas nicht stimmte, mit ihm, mit seinem Körper. Er wollte sich strecken, doch das funktionierte nicht. Er wollte sich bewegen, kam sich aber wie eingeschnürt vor. Dann lauschte er. Es klang nur ein fernes, gleichmäßiges Rauschen in seinen Ohren, fast wie die Wellen des Meeres an einem ruhigen Tag. Dabei war er noch nie am Meer gewesen. Er schlug die Augen auf, blinzelte ein paar Mal, um seine verschwommene Sicht zu klären. Langsam drangen die visuellen Eindrücke zu ihm durch.
 

Er befand sich irgendwo drinnen, in einem Schlafzimmer, wobei das Licht nur gedämpft von draußen durch die Fenster einfiel. Vorhänge hielten den Raum dämmrig, behinderten aber auch Darius’ Sicht nach draußen.
 

Es war jedenfalls nicht sein eigenes Schlafzimmer. Ein heller Holzschrank stand an der Wand gegenüber, im Raum ein runder Tisch mit zwei Stühlen. Der Boden war mit einem weinroten, geknüpften Teppich ausgelegt, das Bett weich und weiß. Er lag zusammengerollt auf einem mit kuscheligen Dauen gefüllten Kissen auf diesem Bett. Und er war noch immer in seiner Katzengestalt.
 

Darius versuchte sich zu rühren. Seine Vorderpfoten zuckten, dann konnte er den Kopf ein wenig anheben. Er stieß einen klagenden Laut aus.
 

Wo war er? Wie war er hierhergekommen? Was war passiert? Und war da niemand, der ihn hören konnte?
 

Eine unterschwellige Panik stieg in ihm auf, sein Pulsschlag beschleunigte sich, er schnappte nach Luft. Er bemühte sich, mehr zu erkennen. Mehr von dem, was mit ihm los war. Sein kleines Herz klopfte immer schneller und bei jedem Atemzug klang ein leises Keuchen aus seiner Kehle mit. Ihm gelang es, den Kopf über die Schulter zu strecken und er sah, dass die obere Hälfte seines Schwanzes dick mit Verband eingewickelt war, genauso wie sein rechtes Hinterbein. Hier lugte zusätzlich noch ein Stück Holz unter den schmalen Stoffbahnen hervor, was es unmöglich machte, dieses Bein zu beugen.
 

Er erinnerte sich wieder. Bei seiner Flucht vor dem wütenden Hund war er buchstäblich unter die Räder gekommen. Wegen seiner Schreckhaftigkeit hatte er für einen Moment nicht auf seine Umgebung geachtet und es war passiert. Was danach allerdings geschehen war, daran konnte er sich nicht erinnern. War hier wirklich niemand außer ihm?
 

Er schrie erneut. Sein verzweifeltes Miauen klang ihm selbst noch in den Ohren nach. Er war allein, unfähig sich zu rühren in einer ihm unbekannten Umgebung. Irgendwie musste er aufkommen. Sein Atem pfiff immer noch. Er strampelte, verfing sich dabei jedoch lediglich mit den Krallen seiner Vorderpfoten im Kissenbezug. Er strampelte stärker, bis ihn ein gedämpftes Klappern innehalten ließ. Er lauschte über das Rauschen hinweg, das noch immer im Hintergrund zu hören war. Dann öffnete sich die Tür links von ihm und jemand betrat den Raum. Unwillkürlich hielt er die Luft an, duckte sich, und machte sich auf dem Kissen ganz klein.
 

„Ah, du bist ja schon wach. Das ging aber schnell. Ich dachte, die Betäubung würde etwas länger wirken.“
 

Darius kannte diesen Menschen nicht, der da halb mit ihm, halb mit sich selber sprach. Er hatte ihn noch nie gesehen. Ein Mann, groß und schlank, leicht gebräunte Haut. Nicht älter als dreißig, vielleicht auch erst Mitte zwanzig. Die schlichten Hosen und das helle Schlupfhemd ließen ihn unscheinbar wirken. Das ovale Gesicht wurde eingerahmt von kurzem, dunklem Haar. Neben den bernsteinfarbenen Augen bildeten sich kleine Fältchen, als der Mann näherkam und sich lächelnd zu Darius hinunterbeugte.
 

„Nicht kratzen, hörst du? Das haben wir gleich.“
 

Etwas misstrauisch beobachtete Darius, wie kräftige Hände sich ihm näherten und behutsam seine verhedderten Krallen aus dem Kissenüberzug befreiten. Er selbst hatte keine Kraft dazu. Dann streichelten ihm diese Hände noch kurz über den Kopf, eher der Mann sich wieder aufrichtete und mit einem „Schön liegenbleiben, ich bin gleich wieder da, Katze“ das Zimmer verließ.
 

Darius blinzelte. So langsam wurde nicht nur die Anspannung wegen der unbekannten Umgebung, sondern auch das Taubheitsgefühl, das die ganze Zeit über noch auf ihm gelegen hatte, schwächer. Dadurch nahm er nun zwar seine Umwelt deutlicher wahr, auch das Rauschen in seinen Ohren schwoll ab, doch dafür spürte er mehr und mehr die Schmerzen in seinen verletzten Körperteilen. Er ließ sich ins Kissen zurücksinken und bemühte sich, das Stechen und Pochen so weit wie möglich auszublenden, was ihm nur bedingt gelang. Seine Gedanken ließen sich einfach zu leicht von den Schmerzen ablenken.
 

Sein Retter kehrte zurück, jedoch nicht mit leeren Händen. Eine Schüssel stellte er auf dem runden Tisch ab, ehe er mit noch etwas anderem in der Hand wieder ans Bett trat. Darius rührte sich nicht, verfolgte den Mann lediglich mit seinen Blicken. Ihm wurde etwas vors Gesicht gehalten, ein kleines, dunkelgrünes Etwas. Darius schnüffelte daran, roch frische Kräuter. Das mussten zu einer Kugel gerollte Blätter sein.
 

„Irgendwie müssen wir das jetzt in dich rein bekommen“, murmelte der Mann nachdenklich. „Es schmeckt sicherlich nicht gut, ist aber gegen die Schmerzen.“
 

Darius leckte zaghaft an das grüne Kügelchen. Es schmeckte fürchterlich bitter und keine normale Katze hätte dieses Ding gefressen, aber er war schließlich keine normale Katze. Bevor sein Retter ihm das runde Ding zwanghaft zuführen musste, fraß er es kurzerhand freiwillig. Genauer gesagt, er schnappte danach, nahm es in den Mund und würgte es irgendwie hinunter. Es war ihm in dieser Situation egal, dass dieses Verhalten womöglich ungewöhnlich war.
 

In der Tat wirkte der Mann zunächst verblüfft, lächelte im nächsten Moment jedoch gleich wieder und kraulte Darius hinter den Ohren. „Sehr schön. Dafür gibt’s jetzt den Nachtisch.“ Er ging zum Tisch und holte das Schälchen, das er zuvor dort abgestellt hatte. Noch im Näherkommen roch Darius, was darin war: Milch. Natürlich, er war ja eine Katze. Das Schälchen wurde ihm direkt neben den Kopf gehalten, aber zum Trinken musste er ihn doch wieder anheben. Die Milch war sogar angewärmt worden. Er schlabberte ein bisschen von der angenehm warmen Flüssigkeit auf, dann ließ er sich wieder zurück in die weichen Daunen sinken. Eine schwere Müdigkeit legte sich über ihn und die Augen fielen ihm zu.

Bedürfnis

Darius erwachte, hatte keine Ahnung, wie lange er geschlafen hatte und wie spät es war. Und er merkte, dass er so langsam einmal auf Toilette musste. Doch er lag immer noch im Bett auf dem Kissen, konnte sich kaum bewegen und schon gar nicht auf den Abort oder nach draußen laufen. Er begann zu miauen. Was blieb ihm auch sonst anderes übrig? Er war bislang noch nie so lange in Katzengestalt geblieben, um an diesen Punkt zu gelangen. Aber auch Katzen mussten schließlich irgendwann ihr Geschäft verrichten. Er miaute lauter, bis der Mann zu ihm kam.
 

Darius schaute ihm in die Augen, versuchte, ihm klar zu machen, dass er mal musste, blickte dann zur Tür und versuchte, aufzustehen, wobei er ein wirklich unbeholfenes Bild abgeben musste. Irgendwie gelang es ihm, sich auf seine Vorderbeine zu stellen, aber seine Hinterbeine wollten es ihnen einfach nicht gleichtun. Sie und sein Hinterteil blieben schwer auf dem Kissen liegen. Darius versuchte noch einmal mit einem Blick in die Augen seines Retters, ihm seine Lage begreiflich zu machen. Und tatsächlich schien dieser zu verstehen. Der Mann lachte auf, wobei sich wieder kleine Fältchen in seinen Augenwinkeln bildeten. „Tut mir leid, daran hab ich gar nicht gedacht. Warte, ich bringe dich kurz nach draußen.“
 

Sorgfältig darauf bedacht, das verletzte Bein nicht unnötig zu berühren, hob er Darius vom Kissen hoch und trug ihn auf seinen Armen aus dem Raum, durch eine Küche, die Darius momentan nur am Rande begutachtete, und hinaus in eine Art Garten, der sich direkt an die Küche anschloss. Die Sonne strahlte hell vom Himmel und Darius musste erst einmal die Augen zusammenkneifen. Dann zappelte er unruhig auf dem Arm, der ihn hielt. Es wurde langsam wirklich dringend.
 

Der Mann setzte ihn auf dem Boden im Gras ab, hielt ihn jedoch noch kurz fest. Darius wankte zunächst, nachdem er bemerkt hatte, dass sein rechtes Hinterbein den Boden aufgrund der Schienung nicht berührte. Auf drei Beinen fand er dann sein Gleichgewicht und die Hände ließen ihn los. Er schaute sich um und bemerkte, wie er aufmerksam beobachtet wurde. Herrje, war das peinlich! Er konnte sein Geschäft doch nicht vor fremden Augen verrichten. Vielleicht wäre das einer normalen Katze egal gewesen, aber ihm war es das nicht. Er entdeckte einen Busch nicht weit weg und humpelte darauf zu. Dabei blickte er immer wieder zurück, um zu überprüfen, ob der Mann ihm auch nicht folgte. Zum Glück blieb dieser, wo er war, schaute ihm nur halb besorgt, halb belustigt hinterher. Offenbar ging er nicht davon aus, dass Darius weit kommen würde. Womit er vermutlich auch recht hatte.
 

Nach kurzer Zeit war alles erledigt und Darius kam wieder hinter dem Busch hervor. Was für eine seltsame Erfahrung und gar nicht so einfach, wenn man kaum Kraft und nur ein Hinterbein zur Verfügung hatte. Nach der Aktion spürte er, wie die Verletzung wieder stärker pochte. Außerdem begann sein intaktes Hinterbein zu zittern. Er machte einige hüpfende Schritte auf den Mann zu – wohin sollte er auch sonst? – dann knickte sein Hinterteil einfach weg und er saß im Gras.
 

„Was bist du doch für ein komischer Kater.“ Der Mann nahm ihn wieder auf die Arme und trug ihn zurück ins Haus.
 

Komischer Kater? Darius schien einen prima Eindruck hinterlassen zu haben.
 

„Ich fürchte, du musst noch etwas hierbleiben.“
 

Darius wurde wieder in das Zimmer gebracht, das er schon kannte, und auf das Kissen gelegt.
 

Na super, das wurde ja immer besser. Er war also nicht nur in diesem Haus, sondern auch in seiner Katzengestalt gefangen. Er konnte sich hier unmöglich zurückverwandeln. Außerdem hatte er keine Ahnung, was bei einer Rückverwandlung mit seiner Verletzung geschehen würde. Seine Narben im Gesicht waren zwar, wenn er sich von einem Menschen in eine Katze wandelte, verschwunden, aber wie und ob das umgekehrt genauso funktionierte und wie sich gebrochene Knochen auswirkten, wusste er nicht. Und er war grundsätzlich zu übervorsichtig, um so etwas einfach auszuprobieren.
 

Also fügte er sich seinem Schicksal. Er konnte froh sein, dass ihn ein so hilfsbereiter Mensch aufgelesen hatte. Dafür musste er sich hinterher auf jeden Fall revanchieren. Aber nein … Er war für den Mann doch einfach nur eine Katze. Wenn er sich später vielleicht als Besitzer ausgab und sich bedankte? Dann müsste er ihm aber in seiner menschlichen Gestalt gegenübertreten.
 

Darius schob den Gedanken, in der Schuld dieses aufmerksamen Menschen zu stehen, erst einmal von sich. Er wurde in diesem Moment wieder hinter den Ohren gekrault, und das fühlte sich, im Gegensatz zu den Schmerzen, richtig gut an. Jede Berührung sendete ein wohliges Kribbeln durch seinen Körper. Er drückte seinen Kopf gegen die Fingerspitzen, die ihn streichelten, und schnurrte. Er schnurrte! Egal – er war eine Katze, das war vollkommen normal.

Verzehren

„Kätzchen, ich muss heute auf die Arbeit.“
 

Darius spitzte die Ohren. Dabei fiel ihm auf, dass er immer noch nicht den Namen seines Retters kannte, auch nicht, als was dieser arbeitete.
 

„Also sei schön brav und verwüste mir bitte nicht das Zimmer, alles klar?“
 

Auf diese Frage musste er als Katze wohl nichts entgegnen. Darius legte den Kopf schief, um zumindest irgendein Zeichen einer Antwort zu geben.
 

„Ich stelle dir hier ein Schälchen Milch hin. Und hier“, der Mann deutete auf einen mit Sand gefüllten Holzkasten in einer Ecke, der, als Darius vergangenen Abend eingeschlafen war, noch nicht dagestanden hatte, „kannst du dein Geschäft verrichten. Verschone, wenn es geht, den Teppich, ja?“
 

Nun war Darius froh, in Gestalt einer Katze zu sein. Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Also legte er scheinbar gelangweilt den Kopf wieder auf dem Kissen ab und beobachtete, wie sich sein Retter fertig machte.
 

Der Mann ging zum Schrank an der Wand gegenüber und suchte einige Kleidungsstücke heraus, außerdem ein Paar schwerer Stiefel. Dann zog er die leichte Stoffkleidung, die er im Moment noch trug, erst einmal aus. Als Darius bewusstwurde, was er da sah, konnte er sich nicht entscheiden, ob er zuschauen oder den Blick abwenden sollte. Er blinzelte schnell und spürte, dass er irgendwie hibbelig war.
 

Er kannte lediglich seine eigene, blasse Haut, seine schmale Gestalt. Ein bisschen fragte er sich deshalb schon, wie der restliche Körper des Mannes aussah. Er kannte bisher ja nur die Hände, die sich so selbstlos um ihn gekümmert hatten, und das Gesicht mit dem freundlichen Lächeln. Seine Neugierde siegte über seinen Anstand. Ein wenig verstohlen und mit leicht schlechtem Gewissen beäugte er von seiner erhöhten Position aus die Szenerie.
 

Der Mann hängte zuerst das Hemd, dann die Hose, die er getragen hatte, fein säuberlich glattgestrichen über eine Stuhllehne. Er stand nun vollkommen nackt mit dem Rücken zum Bett gewandt da. Spätestens jetzt könnte es Darius wohl niemand mehr verübeln, dass er nicht die Aussicht aus dem Fenster gewählt hatte.
 

So unscheinbar durchschnittlich der Mann in der schlichten Stoffkleidung gewirkt hatte, so sehr strafte der jetzige Anblick diesen ersten Eindruck Lügen. Er war nicht übermäßig kräftig, aber er hatte starke Schultern, seine Wirbelsäule beschrieb einen anmutigen Bogen hin zu seinem wohlgeformten Gesäß und die Beine sahen sportlich aus. Über ebendiese zog er nun eine abgenutzte, schwarze Hose aus Leder und fädelte einen Gürtel durch die Schlaufen am Hosenbund, anschließend bedeckte er den Oberkörper mit einem ärmellosen, enganliegenden Hemd und einer dunklen Jacke aus dickem Stoff. Fasziniert beobachtete Darius, wie sich mit jeder Bewegung die Muskeln und Sehnen unter der Haut abzeichneten. Was war das für eine Arbeit, die der Mann ausführte? Für einen Arbeiter hatte er eigentlich zu glatte Hände, aber diese Art Kleidung wirkte sehr robust. Nachfragen konnte Darius in seinem momentanen Zustand eher schlecht, also blieb das wohl noch für einige Zeit ein Geheimnis. Zuletzt steckte sein gut gebauter Retter die Füße in die bereitgestellten Stiefel. Er war jetzt offenbar bereit, aufzubrechen.
 

„Also dann, ruh dich schön aus. Bis später.“ Mit einem kurzen Tätscheln von Darius‘ Kopf verabschiedete sich der Mann und verschwand.
 

Darius ließ sich erst einmal tiefer ins Kissen sinken. Seine Aufregung legte sich langsam wieder. Er tat die ganze Zeit doch schon nichts anderes, als sich auszuruhen. Wenn er wenigstens etwas zu lesen hätte. Er dachte an den Buchhändler und den verpassten Folianten. Welch ungeheure Schande. Vielleicht hatte er Glück und das Buch wäre beim nächsten Besuch des fahrenden Händlers noch verfügbar. Eventuell könnte er ihm auch hinterherreisen. Darius seufzte innerlich auf. Aber er hatte keinen Schimmer, wie lange sich seine Heilung noch hinzog und wie lange er deshalb noch hierbleiben würde.
 

Darius’ Gedanken kehrten zu den wohlgemeinten Maßnahmen seines Retters zurück. Das Schälchen mit Milch war ja in Ordnung, aber er würde auf keinen Fall etwas tun, was den Mann dazu veranlasste, hinter ihm sauber machen zu müssen. Das ging eindeutig gegen sein Selbstwertgefühl. Also durfte er auch das Milchschälchen nicht anrühren. Aber wenn er schon gerade ans Essen dachte … Was hätte er jetzt für einen gebratenen Fisch mit Zitrone und frisch angerührtem Weizenkornsalat gegeben! Er schloss kurz die Augen und stellte sich Geruch und Geschmack dieses Gerichtes vor. Er nahm sich vor, das als erstes zu kochen, sobald er wieder zu Hause war.
 

Dann versuchte er, um sich abzulenken, aus dem Fenster zu spähen, sah aber lediglich die zugezogenen Vorhänge. Seit seinem Ausflug in den Garten am vorigen Tag hatte er durchgehend auf diesem Kissen gelegen, was eindeutig zu lange war. Er hielt es schon jetzt nicht mehr aus. Und da er die Verletzung momentan lediglich als ein dumpfes Pulsieren, das durch seinen Körper wanderte, spürte, beschloss er, einen weiteren Versuch zu wagen und aufzustehen. Überhaupt … Wenn er die ganze Zeit auf dem Kissen im Bett gelegen hatte, wo hatte dann sein Retter die Nacht über geschlafen? War dies etwa nicht sein Bett?
 

Mit dieser Frage im Hinterkopf stemmte sich Darius zunächst mit den Vorderbeinen in die Höhe. Das ging noch relativ einfach, allerdings merkte er schon, wie er tief in die weichen Daunen einsank. Jetzt musste er nur noch mit seinem intakten Hinterbein sein Katzenhinterteil anheben, was nicht mehr ganz so einfach ging. Das geschiente rechte Hinterbein sperrte sich irgendwie dagegen, und mit seinem verbundenen Schwanz, der zwar eigentlich nicht weh tat, aber trotzdem nicht so richtig beweglich war, konnte er das Gleichgewicht nicht vernünftig austarieren. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, stand er dann auf drei wackligen Beinchen in dem flauschigen Kissen. Daraus musste er sich noch befreien, dann konnte er sich frei bewegen, zumindest innerhalb dieses Zimmers und soweit es sein Zustand eben zuließ. Also kämpfte er sich aus der weichen Umarmung des Bettzeugs und machte anschließend einen schmerzhaften Hopser vom Bett auf den Boden. Er landete nicht so elegant, wie er es gewohnt war, und fühlte sich beim Aufprall, als würde ihm eine Nadel in den Körper gerammt. Ein Quieken entrang sich seiner Kehle, das aber zum Glück niemand sonst hören konnte.
 

Dann begab er sich auf Erkundungstour. Vom Boden aus sah das Zimmer noch einmal ganz anders aus. Und außer dem Schrank, dem Tisch und den Stühlen entdeckte er am Fußende des Bettes eine niedrige Kommode, auf die ihm die Sicht bislang wegen des bauschigen Bettzeugs versperrt gewesen war.
 

Die Kommode hatte zwei Schubladen, doch die beachtete Darius kein bisschen, als er oben auf der Kommode eine Handvoll Bücher stehen sah. Er sprang darauf zu, hatte es zumindest vor, als sich seine Verletzung beißend bei ihm meldete. Also tappte er dann doch etwas gemächlicher hin zu dem Möbel. Die Buchrücken sagten ihm nichts, aber er vermutete, dass allesamt Novellensammlungen waren, nicht ganz das, worauf er gehofft hatte, aber immerhin besser als nichts. Wie kam er jetzt nur da hin, um mal einen Blick hinein zu werfen? Oder sollte er erst einmal schauen, ob es hier sonst noch etwas Interessantes gab?
 

Darius tigerte weiter den Raum ab. Dafür brauchte er nicht lange und nach kurzer Zeit blieb er etwas frustriert in der Mitte des Zimmers stehen. Es gab einfach nichts hier, was einigermaßen interessant war, mit Ausnahme vielleicht der Bücher, aber da müsste er erst einen Blick hineinwerfen. Nicht einmal unter dem Bett fand er etwas, und beinahe jeder versteckte etwas unter seinem Bett. Vielleicht sollte er doch einmal in Betracht ziehen, wieder in seinen richtigen Körper zurückzukehren. Vielleicht sollte er das einfach mal probieren, trotz seiner Ängste, was dabei schief gehen könnte. Wollte er sich hier wirklich von einem namenlosen Mann umsorgen lassen, der ihn für eine Straßenkatze hielt? Der keine Ahnung hatte, was mit ihm los war? Denn er war nun einmal keine Katze. Er war ein Mensch, der für sich selbst sorgen und allein zu einem Heiler gehen konnte, wenn er verletzt war.
 

Er setzte sich auf den Teppich, entschlossen, wieder Herr seiner Möglichkeiten zu werden. Als Katze kam er hier nicht raus. Die Tür war geschlossen, die Klinke zu weit oben, als dass er mit seinem verletzten Bein hätte hinaufspringen können.
 

Seine Entschlossenheit wurde zu Konzentration. Darius lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Rückverwandlung, so, wie er es sonst auch immer tat. Er schloss die Augen und spürte die Veränderung, wie sich sein Körperbau umformte, wie das Fell sich in seine Haut zurückzog, der Schwanz verschwand, die Finger sich herausbildeten. Und er spürte auch, wie die Schmerzen auf einmal schlimmer wurden. Sein kaputtes Bein schien in Flammen zu stehen, von innen heraus zu verglühen. Er schrie auf, kippte vornüber auf den Boden, fiel zur Seite. Die Schmerzen trieben ihm Tränen in die Augen und heftige Atemstöße entrangen sich seiner menschlichen Kehle.

Festmahl

Eine Tür fiel ins Schloss, dann näherten sich Schritte und jemand betrat den Raum.
 

„Ach du … Was ist denn hier passiert?“ Der Mann ließ seinen Blick erst einmal schnell durch das Zimmer schweifen, bevor er in der nächsten Sekunde neben Darius am Boden kniete.
 

„Was hast du denn angestellt? Dein Verband ist …“ Der Mann klaubte die zerfetzten Stoffbahnen und das Holzstückchen, das als Schiene gedient hatte, vom Teppich auf. Seine freie Hand hatte er dabei vorsichtig auf das weiche, zitternde Fellbündel gelegt, als das Darius auf dem Boden kauerte.
 

Darius hatte es irgendwie geschafft, wieder in Katzengestalt zurückzukehren, nachdem seine Rückverwandlung schmerzhaft schief gegangen war. Seiner Verletzung hatte der Versuch eindeutig geschadet, denn er lag seitdem unkontrolliert zitternd auf dem Teppich und der quälende Schmerz hatte seine Gedanken dumpf gemacht.
 

„Dummes Kätzchen. Komm erst mal mit.“
 

Darius wurde behutsam aufgehoben und in die Küche getragen. Das war das zweite Mal, dass er diesen Raum sah, doch auch jetzt konnte er sich nicht richtig umschauen. Er wollte einfach nur, dass es aufhörte.
 

Der Mann breitete ein Handtuch auf dem kleinen Küchentisch aus und platzierte Darius darauf. Er zog sich einen Hocker heran, setzte sich daneben und begann, Darius‘ Bein zu untersuchen. Er fuhr über das Fell, hinauf, hinab, drückte an bestimmten Stellen sanft mit den Fingerspitzen.
 

Darius spürte die Bewegungen, die ab und zu kleine Blitze durch seinen Körper sandten, aber er versuchte, still zu halten, versuchte auch, das Zittern zu unterdrücken. Er glaubte daran, dass der Mann ihm helfen konnte.
 

„Ah, hier …“, murmelte der Mann auf einmal in die Stille hinein. Er stand auf, ging an einen der Küchenschränke und suchte etwas darin. Mit Stoffbahnen und zwei Holzschienen kehrte er zurück. Dann drückte er mit einem Unterarm Darius fest auf die Tischplatte, packte mit beiden Händen das verletzte Bein und schob mit einem Ruck etwas in dem Bein zurecht. Darius schrie auf, zuckte und strampelte, doch der Ellbogen hielt ihn an Ort und Stelle. Geschwind legte der Mann die neuen Schienen an und umwickelte sie mit den Verbänden.
 

„Geschafft.“ Er nahm den Druck von Darius und blickte zufrieden auf sein Werk. „So sollte es wieder anwachsen … hoffe ich.“ Er begegnete Darius‘ Blick. „Was machst du nur für Sachen? Eigentlich hatte ich dir etwas Leckeres mitgebracht, jetzt bin ich mir aber nicht sicher, ob du überhaupt Appetit darauf hast. Schließlich dürfte dein Bein wieder ziemlich wehtun.“ Der Mann fuhr kurz über Darius‘ Kopf, dann ging er hinaus in den Garten.
 

Darius atmete schwer, doch das Zittern hatte aufgehört. Die Verletzung spürte er jetzt als dumpfes Pochen überall im Körper. Es stach und brannte jedoch nicht mehr so sehr, wie noch vor ein paar Minuten. Er war froh, dass sein Retter zurückgekehrt war und ihn erneut beschützt hatte.
 

Darius drehte den Kopf, als der Mann aus dem Garten zurückkehrte, ein paar grüne Blätter zwischen den Finger drehend. Wie am vorigen Tag wurden die Blätter zu einer kleinen Kugel gepresst, die Darius hinunterschluckte. Er fragte sich dabei, ob sein Retter vielleicht auch etwas von Magie verstand.
 

Der Mann ließ ihn erst mal wieder allein und verschwand im Zimmer nebenan. Darius blieb still liegen und wartete, nein, hoffte darauf, dass die Wirkung der Medizin einsetzte. Jedenfalls hatte er jetzt eine neue Erkenntnis, dachte er bitter. Frische Knochenverletzungen verschwanden durch eine Verwandlung nicht. Wie lange würde er wohl noch hierbleiben, bis er wieder einigermaßen gerichtet sein würde?
 

„Von der Milch hast du gar nichts angerührt. Du musst etwas essen, kleiner Kerl.“ Der Mann kam zurück. Er hatte sich umgezogen, trug nun wieder die leichte Stoffhose vom Morgen. Das Schlupfhemd legte er neben Darius auf dem Tisch ab und trug das Milchschälchen zur Anrichte neben dem Herd. Darius begutachtete erneut den nackten Oberkörper des Fremden, dachte an seine eigene schmächtige Gestalt, in die er momentan nicht zurückkehren konnte. Wäre er in menschlicher Gestalt diesem Mann begegnet, hätte dieser ihn womöglich nicht einmal wahrgenommen.
 

Der Mann machte Feuer unter dem Herd, suchte einen Topf und eine Pfanne und machte sich daran, eine Handvoll Kartoffeln zu schälen und in Scheiben zu schneiden. Außerdem holte er etwas, dessen Geruch Darius nur allzu bekannt vorkam, aus einem Beutel. Einen frischen Fisch.
 

Darius beobachtete den Mann, wie er so herumwerkelte mit Topf und Pfanne und den Zutaten, Wasser aus einem großen Bottich in eine kleinere Schüssel umfüllte, um es zum Kochen zu verwenden, wie er Holz für das Ofenfeuer nachlegte. Der Mann blieb dabei ruhig und gelassen. Darius erkannte, dass der Mann nichts Besonderes für das Gericht machte; er verwendete das, was man im Dorf bekam und bereitete es so zu, wie es jeder im Dorf tun würde. Trotzdem ließ der Duft Darius sich gleich etwas wohler fühlen und er spürte, wie das Leben in ihn zurückkehrte. Die Verletzung, besonders die damit verbundenen Schmerzen, traten in den Hintergrund und er konnte sich selbst etwas entspannen.
 

Irgendwann war der Mann dann fertig und richtete direkt neben Darius auf dem Tisch an. Er schien keine Angst zu haben, dass sich Darius im nächsten Moment auf den voll beladenen Teller stürzen würde, gebratener Fisch mit Kartoffeln. Für Darius stellte er ebenfalls etwas auf den Tisch. Die Milch, die er angewärmt hatte, und einen Teller mit dem Kopf des Fisches drauf, dessen Augen Darius direkt anzuglotzen schienen, was ihm einen leichten Schauder über den Rücken jagte.
 

„Guten Appetit, Kätzchen.“ Der Mann ließ sich auf dem Hocker nieder, nicht, ohne sich vorher wieder sein Hemd überzuziehen, und begann zu essen. Darius schielte auf den Teller mit den gebratenen Filets. Er stemmte sich etwas in die Höhe und streckte den Kopf so weit, dass er gerade zu dem Milchschälchen gelangte und ein wenig davon aufschleckte. Zu dem rohen Fischkopf reichte er nicht ganz hin. Er ließ sich zurücksinken und stieß ein leises Miauen aus. Der Mann blickte auf, seufzte. Dann zog er mit den Fingern ein Stück Haut des Fischkopfes ab und hielt es vor Darius‘ Schnauze. Darius nahm die Haut vorsichtig mit seinen Zähnen, kaute eine halbe Ewigkeit eher lustlos darauf herum und miaute dann, als er das zähe Stück hinuntergewürgt hatte, erneut, diesmal aber den Kopf in Richtung des gebratenen Fisches gereckt.
 

„So, du bist also ein Feinschmeckerkater.“ Der Mann, der die Geste offenbar richtig interpretiert hatte, zupfte ein kleines Stück von seinem Fischfilet ab und reichte es Darius. Das war doch mal ein Service! Darius schnappte sich das hingehaltene Stück und schlang es hinunter. Erwartungsvoll fixierte er den Mann, wartete auf mehr.
 

„Sag mal, wäre es dir lieber, wenn wir tauschen?“, lachte der Mann und hielt Darius ein weiteres Stück von seinem Filet hin. Auf diese Weise aßen sie den Teller leer und der rohe Fischkopf stierte hinterher immer noch unverwandt in Richtung Decke.
 

Anschließend wurde aufgeräumt. Darius schlabberte währenddessen noch ein wenig Milch. Jetzt gerade, mit vollem Bauch und der Wärme des Ofens, fühlte er sich pudelwohl. Er musste zugeben, dass er die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wurde, durchaus genoss. Das war er sonst einfach nicht gewöhnt. Nachdem die Küche blitzblank war, wurde er, wie am Tag zuvor, in den Garten hinausgetragen. Es war eine laue Nacht, und nachdem er kurz ausgetreten war und humpelnd das Grün ein wenig erkundet hatte, war er sich sicher, dass er nicht mehr in seinem Dorf war. Das überraschte ihn. Hatte der Mann ihn tatsächlich so weit mitgenommen, nur um sich um ihn zu kümmern?

Nähe

Darius saß auf dem Teppichboden und beobachtete den Mann dabei, wir er das Bettzeug aufschüttelte, ohne die Decke und die Kissen jedoch neu zu beziehen. Was hatte der Mensch vor? Am vergangenen Abend hatte er das nicht gemacht.
 

„Kätzchen, ich fürchte, du musst die Nächte ab jetzt auf dem Boden verbringen. Eine weitere Nacht auf dem Küchenstuhl, und ich kann mich morgen gar nicht mehr bewegen. Tut mir leid.“ Er packte eines der Kissen - das, auf dem Darius bislang gelegen hatte - und drapierte es vor dem Schrank. Das Milchschälchen stellte er daneben.
 

Darius war verdutzt. Der Kerl hatte auf dem Küchenstuhl geschlafen? Etwa nur wegen ihm? Das wurde ja immer besser. Sollte er diesem Menschen jemals von Angesicht zu Angesicht begegnen, würde er bestimmt kein Wort herausbringen, wenn er dabei an die Umstände dachte, die er ihm gerade bereitete.
 

Nachdem der Mann das Katzenbett offenbar zu seiner Zufriedenheit hergerichtet hatte, setzte er Darius behutsam darauf, dann legte er sich selbst schlafen. Darius starrte zu ihm hinüber. Er hatte sich nicht gewehrt, als er umgebettet worden war, nun aber kam er sich irgendwie ausgesetzt vor. Mit seinen Katzenaugen konnte er trotz der Dunkelheit die Details im Raum erkennen, als wäre es Tag. Insbesondere sah er die Gestalt im Bett, die sich unter der weichen Decke deutlich abzeichnete. Der Mann lag auf der Seite und hätte Darius direkt angeschaut, wenn er nicht sofort eingeschlafen wäre. Er musste wirklich müde gewesen sein.
 

Zögernd legte sich auch Darius hin und bemühte sich wieder, eine Position zu finden, in der sein ungelenkes Bein genügend Platz hatte. Dabei ließ er das Bett auf der anderen Seite des Raumes nicht aus den Augen. Die Bettdecke hob und senkte sich ganz leicht mit den Atemzügen des Mannes. Was sein Retter wohl den Tag über arbeitete? Darius erinnerte sich an den kräftigen Oberkörper. Bestimmt war es etwas Physisches, etwas Anstrengendes. Etwas, das Darius selbst nicht fertigbringen würde. Er kam sich deswegen nicht schlecht vor, schließlich war er sich sicher, dass es auch Dinge gab, zu denen er, aber nicht sein Retter, imstande war. Verwandlungen zum Beispiel. Ein kurzes Ziehen in der Brust erinnerte Darius daran, dass er sich so langsam wieder in seinen richtigen Körper zurückwünschte.
 

Er wollte den Kopf auf seine Vorderpfoten legen, aber die Schiene drückte in dieser Haltung unangenehm in seine Hüfte. Wäre er in diesem Augenblick in seinem menschlichen Körper gewesen, hätte er ein genervtes Seufzen von sich gegeben. So blieb ihm jedoch nichts anderes übrig, als eine andere Position zu finden, was gar nicht so einfach war. Wenn er sich flach auf die Seite legte, drückte die Schiene zwar nicht mehr, sein Kopf kam allerdings tiefer als der Rest seines Körpers zum Liegen, weil er dann nahe am Rand des Kissens war. Das war doch frustrierend. So konnte er niemals einschlafen. Wenn er wenigstens wieder die warme Hand auf seinem Kopf hätte, die ihm die Ohren kraulte. Das hatte sich schön angefühlt.
 

Ruckartig hob Darius den Kopf wieder an und mühte sich auf seine vier Pfoten, die drei gesunden und die lädierte. Anschließend humpelte er Richtung Bett. Ob er es hinbekommen würde, hinaufzuspringen? Vielleicht, wenn er sich auf sein gesundes Hinterbein verließ. Aber ohne sich allzu sehr weh zu tun und ohne das Bettzeug mit seinen Krallen zu ruinieren? Unwahrscheinlich. Doch so, auf dem Boden mit dem einzelnen Kissen, konnte er die Nacht nicht verbringen. Nein … So ganz stimmte das nicht. Vermutlich konnte er es schon, er wollte schlichtweg nicht. In diesem Moment war er ganz und gar egoistisch.
 

Er brachte sich in eine Position, in der er dachte, springen zu können, ohne sein verletztes Bein zu belasten, und drückte sich nach oben ab. Er streckte die vorderen Krallen weit von sich aus und bekam die Decke zu fassen. Jetzt hing er senkrecht in der Luft, langgestreckt wie ein nasses Stück Wäsche zum Trocknen an der Leine. Und nun? Darius zappelte mit den Hinterbeinen, weil er spürte, dass die Krallen seiner Vorderpfoten langsam aber sicher Löcher in den Stoff rissen. Er musste schnell machen. Wie ein Kletterer befreite er abwechselnd seine vorderen Pfoten aus dem Bettzeug und setzte sie jeweils ein Stück höher wieder an. Das funktionierte ganz gut und so gelangte er innerhalb weniger Sekunden über die Bettkante. Er war ein wenig außer Atem, wobei er sich nicht sicher war, ob da nicht sein menschliches Ich durchschlug. Eine Katze konnte eine solch kleine Kletterpartie bestimmt nicht dermaßen beanspruchen.
 

Darius‘ Blick heftete sich nun auf den schlafenden Menschen. Viel sah er allerdings von seiner Position neben den Beinen des Mannes nicht. Er stakste auf leisen Pfoten am Oberschenkel entlang, quetschte sich unter dem Arm hindurch, den der Mann abgewinkelt vor seinem Oberkörper abgelegt hatte, und bemühte sich, vom oberen Ende aus unter die Decke zu kriechen. Er wollte einfach ein bisschen Wärme. Der Mann schlief wie ein Stein und blieb von Darius‘ Anstrengungen offenbar komplett ungestört. Bald schon schmiegte sich Darius an die sich von der Atmung sanft auf und ab bewegende Brust und schnurrte zufrieden. Sein eigenes Herz klopfte dabei schneller als gewöhnlich und ein sehr menschlicher Schauer rieselte sein Rückgrat entlang. So vergaß er sogar beinahe seine Verletzung.

Verwöhnt

Ein Schubs weckte Darius. Er hörte einen leisen, überraschten Aufschrei, der nicht von ihm stammen konnte, da er ja, soweit er wusste, immer noch eine Katze war, und spürte, wie sich ein kräftiger Griff um seinen Brustkorb legte. Verwirrt öffnete er die Augen und sah den Boden des Zimmers, in dem er seit ein paar Tagen lebte, ein ganzes Stück unter sich schweben. Besser gesagt schwebte er über dem Boden.
 

„Kätzchen!“
 

Das war die Stimme des Mannes. In dem Moment wurde Darius zurück auf das Bett gesetzt und der Griff lockerte sich.
 

„Das wäre fast ins Auge gegangen.“ Noch etwas verschlafen wirkend blickte der Mann Darius an. Der Mensch saß auf der Bettkante und hob nun wieder seine Hand, um Darius einen leichten Klaps auf den Kopf zu geben. „Wie hast du es überhaupt geschafft, mit deinem Bein hier herauf zu kommen?“ Kopfschüttelnd stand er auf und Darius konnte abermals einen Blick auf die kräftige Gestalt erhaschen, als der Mann das Stoffhemd, das er während des Schlafens getragen hatte, ablegte. Ein wirklich schöner Körper … Darius war sich sehr wohl bewusst, dass er kaum Vergleichsmaterial für diese Aussage hatte, war sich in dem Punkt aber ziemlich sicher. Er spürte ein Kribbeln, diesmal in seiner Magengegend, und ein leichtes Stechen in seiner Brust, das ihm das Atmen erschwerte. Unwillkürlich stieß er einen leisen Katzenlaut aus und der Mann, der gerade auf dem Weg in den Raum nebenan gewesen war, drehte sich zu ihm um.
 

Oh nein, was war bloß los? Darius zwang sich, den Blick zu senken und machte sich ganz klein. Wenn er diesen Menschen direkt ansah, wurde das merkwürdige Gefühl in ihm sogar noch stärker. War es das, was eine Katze gegenüber ihrem Besitzer empfand? Das konnte er kaum glauben.
 

Darius hörte, wie der Mann nun doch nach nebenan ging, hielt seinen Blick aber weiter beschämt auf die Matratze gerichtet. Irgendetwas stimmte da doch nicht. Vielleicht lag es tatsächlich daran, dass er sich schon zu lange im Körper einer Katze befand. Das musste es sein.
 

Darius hörte das Plätschern von Wasser, was seine Aufmerksamkeit wieder von der Matratze weglenkte. Das Geräusch kam von draußen, es klang aber nicht wie Regen. Regen … Das war etwas, das er als Katze nur schwer ertragen konnte. Bei Regen war er lieber in seinem richtigen Körper, als triefendes Fell überall auf der Haut kleben zu haben.
 

Nur ein paar Augenblicke später kehrte der Mann zurück ins Schlafzimmer. Ganz offensichtlich hatte er sich gewaschen, denn Darius nahm nur allzu deutlich die feinen Wasserperlen auf dessen Haut wahr. Statt der Hose hatte der Mann nun ein Handtuch um die Hüften gewickelt. Er ging zu seinem Schrank und holte dieselben Kleidungsstücke hervor, die er schon tags zuvor getragen hatte, als er das Haus verlassen hatte. Darius überlegte immer noch, welcher Arbeit der Mann wohl nachging.
 

Der Mann stand nun mit dem Rücken zu Darius und ließ das Tuch von den Hüften gleiten. Und obwohl Darius damit gerechnet hatte, schaute er nicht weg. Wie gebannt sog er den Anblick der Wirbelsäule in sich auf, die in einem sanften Schwung in einen festen Hintern überging. Ihm fiel auf, wie sich die Gesäßmuskeln bei jedem Schritt unter der Haut bewegten und er wurde das Gefühl nicht los, diesen perfekten Körper einmal berühren zu müssen, um sich seiner Realität zu versichern. Darius merkte erst nach einiger Zeit, dass er die Luft anhielt, während er darauf wartete – darauf hoffte – dass der Mann sich herumdrehte und er noch mehr von ihm sehen konnte. Als er sich dieser Gedanken bewusst wurde, war er zunächst wie gelähmt, was allerdings dazu führte, dass er den Mann weiterhin nicht aus den Augen ließ. Dieser drehte sich jetzt tatsächlich zu ihm, hatte die abgetragene Lederhose aber bereits übergezogen und so blieb Darius nur, erneut die Bauchmuskeln, die sich leicht unter der Haut abzeichneten, zu bewundern.
 

„Dann komm mal mit.“ Der Mann trat zu Darius ans Bett, hob ihn auf und trug ihn nach nebenan in die Küche, wo er ihn auf den Tisch setzte. Sanft aber bestimmt drückte er ihn nach unten, sodass er auf der Seite zum Liegen kam und sein geschientes Hinterbein nach oben zeigte. Darius fügte sich, empfand den Druck nicht einmal als unangenehm – eigentlich sogar als recht angenehm. Der Mann prüfte den Sitz der Schiene und die Knoten der Stoffbahnen, die diese an Ort und Stelle halten sollten. Als er vorsichtig das Bein anhob, weckte das Darius aus seiner wohligen Träumerei. Nicht, weil es weh getan hatte, aber wenn er sich vorstellte, dass der Mann ihn dort unten ansah, war ihm das mit einem Mal mehr als peinlich. Sicher, er war eine Katze – ein Kater – aber trotzdem … Er strampelte mit den Pfoten, um die Hände des Mannes abzuschütteln, doch der hatte keine Probleme, ihn weiter festzuhalten. Vor allem, da die Bewegung wieder dazu führte, dass er die Verletzung als scharfes Ziehen spürte.
 

„Ganz ruhig“, murmelte der Mann mit tiefer Stimme. „Ich meine es nur gut. Es ist gleich vorbei.“ Er kraulte Darius kurz an der Seite, was diesen sofort wieder umstimmte und ihn sämtliche Gegenwehr vergessen ließ. Es war aber auch zu angenehm, auf diese Weise gestreichelt zu werden. Wobei … Wenn er so darüber nachdachte, musste er sich mehr wehren, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten, oder? Andererseits wollte er sich auf keinen Fall unbeliebt machen, nicht, dass ihn der Mann noch vor die Tür setzte. Das würde er sowieso irgendwann tun …
 

Wieder in seinen Grübeleien versunken bemerkte Darius erst, dass die Kontrolle vorüber war, als der Druck der Hände von ihm abließ und stattdessen der Geruch von altem Fisch in seine Nase stieg. Unwillkürlich rümpfte Darius ebendiese, wobei er keine Ahnung hatte, wie das bei einer Katze aussah. Es handelte sich ganz offensichtlich um Reste von gestern Abend, die ihm der Mann vorsetzte. Reste, die Darius als Mensch nicht gegessen hätte und – ja, vermutlich einer Katze gegeben hätte. Der Kopf des Fisches lag bei den Resten und glotzte ihn nun noch leerer an als beim letzten Mal. Kritisch schaute Darius zu dem Menschen, der sich selbst eine Scheibe Brot abschnitt und etwas Butter darauf verteilte. Das war zwar auch kein Festmahl, aber doch besser als alter Fischkopf. Darius zwang sich, den Kopf zu recken und zumindest ein paar der weichen Teile der Fischreste zu schlucken. Jede normale Katze hätte dieses Essen so schnell wie möglich hinuntergeschlungen.
 

Es war ein schnelles Frühstück. Der Mann musste offenbar heute wieder das Haus verlassen und machte sich bereits fertig zum Gehen, während Darius noch immer etwas lustlos an seinem Fisch herumkaute.
 

„Schmeckt‘s dir nicht?“, fragte der Mann mit einem schiefen Lächeln, als er aus dem Schlafzimmer kam und nun komplett angezogen war. Außerdem hatte er die Milchschale in der Hand, die die Nacht über dort gestanden hatte und aus der Darius nicht wirklich etwas getrunken hatte. So langsam merkte der aber, dass er Durst hatte; und auf die Toilette musste er demnächst auch. Er gab dem Menschen ein kurzes Miauen als Antwort, das diesen kurz innehalten ließ.
 

„Ich glaube manchmal fast, dass du mich verstehen kannst“, murmelte der Mann mit einem Stirnrunzeln. Dann ging er weiter, am Tisch vorbei, auf dem Darius saß, und nach draußen. Dort stellte er die Milchschale ab, kam zurück, nahm Darius in die eine und den Teller mit den Fischresten in die andere Hand und setzte beides ebenfalls vor der Tür im Freien ab. Darius war verdattert. War es nun etwa schon so weit? Wurde er mit einem letzten, kargen Essen einfach so ausgesetzt? Er wollte schon etwas sagen, was vermutlich wieder nur als Miauen zu hören gewesen wäre, als ihm der Mann zuvorkam.
 

„So ist es besser, nicht wahr? Heute musst du nicht den ganzen Tag im Haus bleiben.“ Er zog die Tür zu und ging vor Darius in die Hocke. „Pass auf dich auf. Wenn ich am Abend wieder da bin, gibt‘s was Leckeres zu essen.“

Ausflug

Darius hockte vor dem Haus und schaute dem Mann nach, der um die Ecke verschwand. Einen Moment lang war er wie versteinert, dann aber sprang er auf und humpelte dem Menschen hinterher. Er wollte sehen, wo er hinging, wollte noch einmal einen Blick auf ihn erhaschen, nachdem er ihn nun einen ganzen Tag lang nicht sehen würde. Doch als Darius endlich so weit von der Eingangstür weg war, sodass er um die Ecke schauen konnte, war der Mann bereits verschwunden. Er setzte sich, wobei er sein Hinterteil wegen der Schiene etwas schief halten musste, und blickte den Weg entlang, der durch den Garten nach vorn in Richtung Straße führte, die er von hier als staubiges Band zwischen den Büschen erkennen konnte. Der Garten war eingezäunt und schien regelmäßig gepflegt zu werden. Es gab ein paar Blumenbeete und Rosensträucher, außerdem war auf der Seite des Hauses, die Darius nun zum ersten Mal sah, ein kleines Stück Acker angelegt, auf dem in mehreren Reihen etwas angebaut wurde, das wie Rüben aussah. Hier war auch eine weitere Tür in der Hauswand, die, wenn Darius das Innere des einstöckigen Hauses korrekt im Kopf verordnete, nur in den Keller führen konnte. Sehr wahrscheinlich diente dieser als Lebensmittellager – etwas, das Darius‘ Zuhause nicht hatte.
 

Und nun? Konnte der Mann wirklich davon ausgehen, dass eine gewöhnliche Katze bis zum Abend hier auf ihn warten würde? Selbst, wenn sie verletzt war? Oder glaubte er allen Ernstes, dass die Katze ihn verstehen konnte? Damit hatte er ja nun in diesem Fall nicht unrecht, aber Darius bezweifelte stark, dass ein gewöhnlicher Mensch sofort an Zauberei dachte. Allerdings war dieser Mann auch kein gewöhnlicher Mensch – zumindest für Darius‘ Empfinden. So genau wollte er nun jedoch nicht darüber nachdenken, denn er spürte schon wieder, wie seine kleine Brust zu zwicken begann. Außerdem wäre er nur deprimiert und einen ganzen Tag mit hängendem Kopf verbringen zu müssen, würde ihn womöglich auf blöde Gedanken bringen. Dazu kannte er sich zu gut.
 

Nun, mit seinem Bein sollte er sich wohl nicht allzu weit vom Haus entfernen, allerdings wollte er schon wissen, wo er überhaupt war. Der Eingang und der Teil des Gartens, den er bislang erkundet hatte, zeigten in die freie Natur hinaus, also musste der Rest des Dorfes in der anderen Richtung liegen. Und es gab definitiv einen Rest, denn Darius hatte schon die typischen Dorfgeräusche vernommen: murrende Bauern, zeternde Hausfrauen, Kindergeschrei und die geübten, lauten Stimmen von Handelsleuten, die ihre neuesten Waren anpriesen. Das war überhaupt sein Stichwort. Je nachdem, wie weit Darius von seinem eigenen Heim entfernt war, verkehrten hier womöglich andere Händler als Zuhause. Dieser Gedanke verscheuchte sofort sämtliche trübseligen Gedanken, die in ihm aufzukeimen gedroht hatten. Er wackelte los, zwängte sich durch den Zaun hinaus auf die Straße und wandte sich dorthin, wo die Geräusche lauter wurden.
 

Das Dorf wirkte sehr lebendig, was vielleicht auch an den vielen bunten Farben liegen mochte, die von überall her in Darius‘ Gesichtsfeld sprangen – selbst mit seinen Katzenaugen konnte er diese Vielfalt erkennen. Überall blühten Blumen und es roch nach frischer Erde und Parfüm. Je näher er dem Zentrum kam, umso geschäftiger wurde es. Darius ging dicht an die Zäune der Gärten gedrückt und hielt, während er alle Sinneseindrücke in sich aufnahm, mit einem Auge auch stets Ausschau nach möglichen Gefahren, allen voran nach Hunden. Seine Fluchtmöglichkeiten waren aktuell etwas eingeschränkt, und so wollte er rechtzeitig gewarnt sein, falls etwas einen schnellen Rückzug erforderte.
 

Immer wieder gingen Leute an ihm vorbei, in seine Richtung oder auch in die entgegen gesetzte, doch das schienen alles Leute aus dem Dorf zu sein. Die Straße, die er entlanglief, war auch nicht gerade, sondern schlängelte sich zwischen den Häusern und Grundstücken hindurch. Es war definitiv keine Durchgangsstraße, auf der große Karren passieren konnten, wie das in seinem Dorf der Fall war. Er erinnerte sich, dass hinter dem Haus des Mannes ein Wald lag, vielleicht befand sich das Dorf also in einer Sackgasse. Dann wäre das Angebot der Händler bestimmt weit weniger umfangreich, als er es gewohnt war. Noch dazu, da das Land hier fruchtbarer zu sein schien als bei ihm daheim. Insgeheim spähte Darius auch immer wieder um sich auf der Suche nach dem Mann, der ihn hierhergebracht hatte, konnte ihn aber bislang nirgendwo entdecken.
 

Er war ein wenig überrascht, wie gut das Laufen ging und wie wenig er jetzt noch von seiner Verletzung spürte. Die Behandlung des Mannes schien offenbar genau die richtige gewesen zu sein, was in Darius erneut die Vermutung aufkommen ließ, dass er Arzt oder Tierarzt sein musste. Andererseits lebte er dafür in zu einfachen Verhältnissen … In seinem Menschenkörper hätte Darius nun geseufzt und den Blick in die Ferne schweifen lassen. Als Katze gab er lediglich ein kaum hörbares Wimmern von sich und marschierte weiter.
 

Die gewundene Gasse öffnete sich auf einen Platz hin, der, wie Darius erst nach ein paar Augenblicken feststellte, auch gleichzeitig das Ende des Dorfes zu markieren schien. Mehrere Wege, die zwischen den Häuserreihen verliefen, trafen hier aufeinander und bildeten die größte freie Fläche, die das Dorf zu haben schien. Auf dem Platz tummelten sich allerhand Leute, vor allem aber Landwirte, die gerade dabei waren, das Dorf auf der einzigen Straße, die nach draußen führte, zu verlassen. Von oben musste das ganze wie eine stilisierte Sternschnuppe, eine Art Schweifstern aussehen, wobei die Zubringerstraße natürlich der Schweif war.
 

Darius blieb am Rand des Platzes stehen und versuchte sich erst einmal zu orientieren. Es waren weitaus weniger Händler da, als er zunächst anhand der Geräusche angenommen hatte, was ihn ein wenig enttäuschte. Die, die da waren, machten allerdings Lärm für zehn. Neben den Händlern von außerhalb waren auch einheimische Bauern zu sehen – oder jedenfalls vermutete Darius, dass sie das waren -, die ihre Ernte an die Händler verkaufen wollten. Natürlich, irgendwo mussten diese ihre Waren ja auch beschaffen.
 

Er setzte sich wieder in Bewegung und ging an einem Stand mit allerlei buntem Gemüse vorbei. Dabei hielt er sich so, dass er den Menschen möglichst nicht in die Quere kam. Ein Stückchen weiter rechts, wo zwei andere Wege aus dem Dorf aufeinandertrafen, hatte an der Spitze, die die beiden Wege bildeten, ein Tierhändler seine Waren aufgebaut: einen ganzen Haufen gackernder Hühner in Käfigen, die zum allgemeinen Lärm noch ihr Übriges beisteuerten. Vor einem der Käfige blieb Darius stehen und betrachtete eines der Tiere, das mit den Flügeln zu schlagen versuchte, was ihm aber wegen der Enge des Käfigs nicht gelang. Das Huhn guckte ihn an und gackerte noch lauter, doch in dem Moment, als Darius sich darüber klar wurde, dass er womöglich der Grund für die Aufgeregtheit des Federviehs war – immerhin stand er ja in Gestalt einer Katze vor den Hühnern – hatte ihn auch schon der Händler ausgemacht. Mit einem Brummen nahm der Mann, der nicht zum Spaßen aufgelegt zu sein schien, einen Besen zur Hand, der griffbereit hinter ihm gelehnt hatte, und trat um die Käfige auf Darius zu.
 

„Schau bloß, dass du fortkommst!“, grummelte der Mann, dessen Laute von einem struppigen Bart etwas gedämpft wurden, und hieb mit dem Besenstiel in Darius‘ Richtung.
 

Darius duckte sich und machte einen Hopser zur Seite, so gut es ihm mit der Beinschiene möglich war. Für den trägen Händler reichte seine Beweglichkeit aber allemal aus. Da hatte er sich ja wieder einmal den richtigen Zeitgenossen ausgesucht, merkte er für sich selbst in Gedanken an und schimpfte sich ein wenig, nächstes Mal wirklich besser aufzupassen.
 

Er trottete weiter über den Platz auf der Suche nach dem Dorfbrunnen, auf dessen Rand er sich legen und das Geschehen eine Zeitlang beobachten konnte – so, wie er es zu Hause auch öfter tat, wenn er in Katzengestalt unterwegs war. Das Treiben schien, je höher die Sonne am Himmel stand, weniger zu werden. Immerhin mussten mittlerweile ja auch alle Bauern aus dem Dorf auf ihren Feldern sein. Auf dem Platz fand Darius keinen Brunnen, doch während seiner Suche war ihm aufgefallen, dass er Durst hatte. Ob er zurück zum Haus seines Retters gehen sollte? Dort wartete immerhin ein Schälchen Milch auf ihn.
 

Er schüttelte den Kopf, was für eine Katze wohl wieder eine sehr merkwürdige Bewegung sein musste, aber es achtete sowieso niemand auf ihn – mit Ausnahme vielleicht des Hühnerhändlers, der ab und zu noch nach ihm Ausschau gehalten und, wenn er ihn entdeckte hatte, finstere Blicke in seine Richtung geworfen hatte. Dass der Mann leicht schielte, hatte Darius dann eher amüsiert als erschreckt.
 

Er würde jetzt noch nicht zurück gehen, beschloss er, denn wenn er schon einmal hier war, wollte er die Gegend noch etwas erkunden und in diesem Teil des Dorfes einfach nach einer Trinkgelegenheit suchen. Irgendetwas Geeignetes würde es da schon geben.
 

Darius spazierte los, bog in eine der kleinen Straßen ein, die von dem Platz wegführten – natürlich nicht in die, von der er gekommen war – und trottete ein Stück auf ihr entlang. Bald schon musste er allerdings feststellen, dass er auf diese Weise nicht wirklich viel von dem Dorf sah. Die Grundstücke links und rechts des Weges waren alle von Zäunen, Hecken und Sträuchern recht gut vor Blicken von außen geschützt. Und da auch die Luft immer wärmer wurde und der Schatten auf den Straßen zunehmend schwand, bog Darius kurzerhand zur Seite ab und zwängte sich durch die Hecke neben sich auf das dahinterliegende Grundstück.
 

Er hatte Glück, und das gleich in doppeltem Sinn. Viele säuberlich zurechtgestutzte Bäumchen spendeten ausreichend Schatten und verdeckten beinahe die Sicht auf einen überraschend großen Teich, auf dem die Blüten einiger Seerosen farbige Tupfer bildeten. Hier könnte er es bestimmt ein Weilchen aushalten. Darius spazierte über saftiges Gras von Baumstamm zu Baumstamm auf den Teich zu, ohne dass er im Garten oder an einem Fenster im Haus eine menschliche Bewegung wahrnahm. Warum sollte sich auch jemand um eine Katze kümmern? Die Vögel, die in den Bäumchen zwitscherten, beachtete ja auch niemand.
 

Am Rand des Teichs angekommen betrachtete Darius auf der Wasseroberfläche sein Spiegelbild, konnte es durch seine Katzenaugen aber nicht so richtig deutlich erkennen. Wie es sich wohl anfühlen würde, wieder in seinem eigenen, seinem menschlichen Körper zu stecken?
 

Er senkte den Kopf, reckte den Hals und beugte sich so weit nach vorn, dass seine Schnauze das Wasser berührte. Gerade als er einen ersten Schluck trinken wollte, sperrte sein geschientes Bein, machte die Streckbewegung nicht mit, sodass er das Gleichgewicht verlor und nach vorne kippte. Mit einem lauten Platschen landete Darius im Wasser.

Treiben

Gurgelnd klatschte das Wasser über Darius’ Kopf zusammen und hüllte ihn in eine düstere, klanglose Welt. Nur das Platschen des Wassers und das helle Sirren der Luftblasen tönte in seinen Ohren. Darius strampelte, Panik schrillte überall in seinem Körper. Er musste nach oben, zum Licht, zur Luft. Aber wo war das? Wo war oben? Wild ruderte er in Richtung eines hellen Flecks, mit Armen und Beinen – besser gesagt, mit Vorder- und Hinterpfoten. Die Luft wurde ihm knapp. Kam das Licht überhaupt näher? Er wollte aufschreien, doch sein Versuch bewirkte lediglich, dass das letzte bisschen Sauerstoff aus seinem geöffneten Maul auf einen Schlag als sprudelnde Luftblasen nach oben stieg. Nach oben, ja! Seine Sicht verschwamm zusehends, als er den flüchtigen Blasen hinterherkommen wollte. Luft! Er hatte keine ...
 

Darius bäumte sich ein letztes Mal auf und sein Kopf durchstieß die Wasseroberfläche. Gierig sog er in einem tiefen Atemzug frischen Sauerstoff in seine Lungen. Er verschluckte sich und musste husten. Dabei unterbrach er kurz sein Strampeln und sofort merkte er, wie ihn sein mit Wasser vollgesogenes Fell erbarmungslos wieder nach unten zerrte. Hektisch schlug er um sich und stieß dabei gegen etwas Festes, an dem er sich instinktiv mit den Vorderpfoten festkrallte.
 

Jetzt atmete er schnell und flach, während das Herz in seiner Brust wie wild hämmerte. Er musste mehrmals blinzeln, um einigermaßen schlierenfrei sehen zu können. Er hing an einem Seerosenblatt, nicht weit weg vom Teichufer. Das Blatt schaukelte auf der Wasseroberfläche leicht hin und her. Darius war zwar äußerlich eine Katze, hatte aber immer noch seinen menschlichen Verstand. Mit den Hinterpfoten versuchte er sich an Schwimmbewegungen, um das Seerosenblatt näher zum Ufer zu bewegen. Ein dumpfer Schmerz durchzuckte ihn – er hatte in der Aufregung nicht mehr an sein lädiertes Bein gedacht – und hätte vor Schreck fast das Blatt losgelassen. Mit dem intakten Bein ruderte er weiter, bis die Reichweite des Blatts offenbar ausgereizt war. Es war nun nicht mehr weit. Für das letzte Stück zum Ufer ließ er das Seerosenblatt los und strampelte unbeholfen mit drei Pfoten so lange, bis er endlich festen Boden unter sich spürte. Schwer schnaufend schleppte er sich aus dem Wasser und fiel zitternd in das saftige, grüne Gras. Sämtliche Kraft wich mit einem Mal aus seinem Körper. Die Sonne schien hell auf ihn, doch das Beben hörte nicht auf. Wie eine bleierne Decke klebte sein klatschnasses Fell an ihm und schien ihn am Boden festzuhalten. Und obwohl ihm das Licht hätte Wärme spenden müssen, war ihm kalt.
 

Verdammt, tadelte er sich in Gedanken selbst. Verdammt, verdammt ... Ich bin ein Idiot, ein tollpatschiger noch dazu. Er musste erneut husten und die ruckartige Bewegung jagte sofort einen stechenden Schmerz von seinem Bein aus in den Rest seines Körpers. Die Schiene, die sein kaputtes Bein stabil gehalten hatte, war verschwunden. Sofort meldete sich Darius’ schlechtes Gewissen. Jetzt hatte er schon zum zweiten Mal aus eigenem Verschulden die Bemühungen seines Retters zunichte gemacht. Wenn nach seinem Gesicht nun auch noch sein Bein einen dauerhaften Schaden behalten sollte, dann wäre das diesmal wirklich ganz allein seine Schuld.
 

Er musste zurück. Hier konnte er nicht liegen bleiben. Aber es war so schwer. Er blickte in den strahlend blauen Himmel hinauf, an dem vereinzelt weiße Wolken wie einsame Schafe weideten. Darius blinzelte, er hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Zu der Kälte kroch nun auch noch Müdigkeit seine Glieder empor. Wäre es wirklich so falsch, für einen Moment zu bleiben und sich auszuruhen? Ein Schauer kroch über seinen Rücken, der rein gar nichts mit der Kälte zu tun hatte, die sein nasses Fell verursachte. Darius hatte das untrügliche Gefühl, dass dieser Moment länger andauern könnte. Viel länger. Seine Ohren zuckten und er versuchte, den Kopf gegen das auf ihm lastende Gewicht anzuheben. Er hatte sich doch bis jetzt erfolgreich gegen Selbstmitleid gewehrt, warum also sollte er nun damit anfangen, sich selbst zu bedauern?
 

Das Bild des Mannes, der ihn nach seinem Unfall gerettet hatte, tauchte in seinen Gedanken auf. Er sah das warmherzige Lächeln, den tadelnden Blick und konnte die sanften Hände fühlen, die ihn hinter den Ohren kraulten. Allein deswegen ... Ein Kribbeln kehrte in seinen Körper zurück, ein Kribbeln, das sich von seiner Brust aus überall hin ausbreitete. Seine Vorderpfoten bewegten sich, suchten Halt. Er musste aufkommen, irgendwie, gegen die Schwere ankämpfen. Wohin war die Leichtigkeit verschwunden, die er stets gespürt hatte, sobald er in Katzengestalt war? Die Verwandlung sollte doch alles einfacher machen. Und was war nun? Darius biss die Zähne zusammen und stemmte sich aus purer Willenskraft mit dem Oberkörper nach oben. Ohne die Katzengestalt hätte er ihn vermutlich nie getroffen. Hätte nie die Wärme eines anderen Körpers gespürt. Und er wollte diese Wärme wieder spüren. Das Gefühl, dass sich jemand um ihn sorgte. Deshalb ...
 

Er stand nun auf drei Beinen, zitternd zwar, doch er stand. Das verletzte Bein über den Boden hinter sich herschleifend tappte er, einen Fuß vor den anderen setzend, zurück. Hinaus aus dem Garten, den er nur betreten hatte, um schnell etwas zu trinken und den einzigen Weg entlang, den er kannte. Er hielt sich ganz am Rand der Straße, achtete sonst aber auf nichts weiter. Da waren keine Geräusche, keine Gerüche, nur der staubige Boden direkt vor seinen Augen. Jeder Schritt war eine Qual, als würde er nackt durch einen Schneesturm wandern. Doch mit jedem Schritt kam er seinem Ziel ein Stück näher. Weiter, immer weiter. Schritt um Schritt um Schritt.
 

Er hatte kein Zeitgefühl, war wie in Trance, als auf einmal ... Ein Duft. Sein Duft? Darius schnupperte und hob mühevoll den Kopf. Kein Zweifel. Er hatte es geschafft, beinahe. Er stand direkt neben dem hölzernen Gartentor, das er einfach noch durchqueren musste, um wieder bei ihm, seinem Retter, zu sein. Darius quetschte sich durch die erstbeste Lücke zwischen zwei Latten und schlurfte den mit Steinplatten ausgelegten Weg in Richtung Haus. Er war wieder daheim. Er war ...
 

Die Vorderpfoten knickten ihm weg, er schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf und im selben Moment zuckte ein gleißender Blitz von seinem lädierten Hinterbein bis in sein Gehirn. Er kippte zur Seite und der sonnige Himmel verdüsterte sich zunehmend. Wie Nebel an einem feuchten Tag im Spätherbst legte sich eine Taubheit um Darius, die ihn einhüllte und nach und nach seiner Sinne beraubte. Atmete er überhaupt noch? Er fühlte ... nichts. Alles Licht verblasste zu einem Grau, das dunkler und dunkler wurde, bis es schließlich ganz erlosch. Vielleicht hatte er es heute doch etwas übertrieben.

Erinnerung

„Ja, ich sehe schon, wo das Problem ist.“ Eine Stimme, die Darius wie aus weiter Ferne vorkam. „Gut, dass Sie die Katze warmgehalten haben. Ansonsten hätte sie die Nacht wohl nicht überlebt.“
 

Wer redete da? Darius versuchte, die Augen zu öffnen, doch seine Lider wollten ihm nicht gehorchen. Er konnte sich überhaupt nicht bewegen. Er spürte etwas, eine Berührung, konnte sie aber nicht genau lokalisieren. Seine Empfindungen waren irgendwie verschwommen. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Was passierte mit ihm? Wo war er? Und wer redete da?
 

„Was hätte ich denn sonst tun sollen? Ich konnte sie ja schlecht liegen lassen.“
 

Da, die Stimme erkannte Darius sofort. Er beruhigte sich ein wenig, auch wenn er immer noch nicht wusste, was überhaupt los war.
 

„Ich bin mir sicher, dass das nicht jeder so gesehen hätte. Oh, ich glaube, sie wird langsam wach.“ Jetzt fühlte Darius eine Hand an seinem Kopf und im nächsten Moment blendete ihn ein helles Licht, sodass er zusammenzuckte. Jemand öffnete seine Augenlider und leuchtete jeweils kurz hinein. Ohne die Finger, die seine Augen offenhielten, klappten die Lider danach jedoch einfach wieder zu und bis auf ein paar nachhallende Lichtpunkte wurde alles dunkel. War er bei einem Heiler?
 

„Die Reaktion der Pupillen ist normal. Gut. Um das Bein kann ich mich jetzt dann gleich kümmern, das sollte nicht lange dauern. Ich würde trotzdem vorschlagen, dass Sie die Katze über Nacht zur Beobachtung hierlassen. Mit einer Unterkühlung ist nicht zu spaßen und eine Schockreaktion kann auch verzögert eintreten. Außerdem besteht die Gefahr einer Infektion.“
 

„Schon gut, ich habe kein Problem damit, sie hier zu lassen. Dann komme ich morgen wieder und hole sie ab. Das wird aber erst gegen Abend möglich sein, wenn ich mit der Arbeit fertig bin.“
 

Darius stutzte und spürte ein Stechen in der Brust, das sich über seine gedämpften Empfindungen hinwegsetzte. Kein Problem also? In Gedanken gab er einen tiefen Seufzer von sich.
 

Er erinnerte sich grob daran, was passiert war. Ungeschickt, wie er war, war er beim Versuch, aus einem Teich zu trinken, hineingefallen. Zwar hatte er sich an Land retten können, denn die meisten Katzen konnten schwimmen, doch Wasser und Katzen vertrugen sich nicht besonders gut, da ihr Fell sich vollsog wie ein trockener Schwamm. Und offenbar traf das auch auf Wasser und in Katzengestalt verwandelte Menschen zu. Irgendwie – und hier war seine Erinnerung nur bruchstückhaft - hatte er sich nach dem Badeunfall zum Haus seines Retters zurückgeschleppt. Und dann? Was war dann passiert?
 

„Gut, das passt. Dann erledigen wir morgen Abend die Formalitäten.“
 

„Vielen Dank für die schnelle Hilfe. Dann ... bis morgen.“
 

Oh nein, würde sein Retter jetzt wirklich gehen? Zu Darius’ Enttäuschung von eben schlich sich nun ein leichter Anflug von Panik. Er wollte hier nicht allein gelassen werden, in dieser fremden Umgebung, bei diesem fremden Kerl. Ihm ging es doch gut, wieso nahm sein Retter ihn nicht einfach wieder mit? Er hatte ihn doch prima verarztet und sich so lieb um ihn gekümmert.
 

Darius’ Katzenkörper rührte sich kein Stück. Wie sehr er auch versuchte, zumindest eine Pfote zu bewegen, es tat sich nichts. Wenn er wenigstens etwas sehen, einen letzten Blick erhaschen könnte. Seine Lider flatterten und er erkannte eine Bewegung schemenhaft vor sich. War er das, sein Retter?
 

Er konzentrierte seine gesamte Willenskraft darauf, die Kontrolle über seine Augen zurückzuerlangen. Und endlich klappten seine Lider gänzlich auf. Er ignorierte den kurzen Moment des Schmerzes, als das Licht seiner Umgebung mit einem Mal auf ihn eindrang, und starrte stattdessen in die Richtung der Bewegung, die er zuvor wahrgenommen hatte. Doch alles, was er nun noch sah, waren ein Hinterkopf und ein Rücken. Und eine Tür, die sich langsam schloss. Sein Retter war fort.
 

Mit dem Einschnappen des Türschlosses wich alle Kraft, die Darius eben noch mühevoll zusammengekratzt hatte, aus ihm. Im Raum schien es um einige Grad abzukühlen. Er fixierte weiterhin die Tür, während sich ein Knoten in seiner Brust immer fester zuzog und ihm das Atmen erschwerte. Ein klapperndes Geräusch riss ihn jäh aus seiner Erstarrung, doch da er den Kopf nicht heben, geschweige denn drehen konnte, sah er die Ursache des Geräusches nicht. Das Blickfeld einer Katze war in der Hinsicht relativ eingeschränkt.
 

Apropos Blickfeld. Wenn er hier schon nicht wegkam, war es vielleicht an der Zeit herauszufinden, wo er hier überhaupt war. Er nahm ein paar Atemzüge, um seine Gedanken auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Als Magier war Fokussierung extrem wichtig. Wenn man sich leicht ablenken ließ, konnte das schwere Folgen haben, denn begonnene, aber nicht zu Ende gebrachte Magie, brachte selten etwas Gutes hervor. Er schloss noch einmal kurz die Augen, um die Empfindungen seines Körpers durchzugehen. Danach widmete er sich seiner Umgebung.
 

Er lag auf einem weißen Tisch in einem mäßig beleuchteten Raum. Von seiner Position aus blickte er auf die Tür, daneben standen auf der einen Seite ein Regal mit vielen Büchern, auf der anderen ein abschließbarer Schrank. Viel weiter reichte sein Blickfeld nicht, doch angesichts der vielen Bücher störte ihn das gerade nicht sonderlich. Wenn es um Bücher ging, war er definitiv voreingenommen und viel zu leicht abzulenken. Das Regal stand so weit weg von ihm, dass er die Titel auf den Buchrücken gerade noch entziffern konnte. Er war gerade dabei, sie zu überfliegen, als ihn eine Bewegung aus dem Augenwinkel innehalten ließ. Er hatte den Typen ganz vergessen – denjenigen, in dessen Obhut er sich offenbar gerade befand. Bislang hatte er ihn noch nicht zu Gesicht bekommen. Jetzt beobachtete Darius ihn, wie er zu dem Schrank ging, aufsperrte und etwas herausholte.
 

Der Kerl war groß gewachsen, hager und trug einen weißen Kittel. Als er sich nun zu Darius umdrehte, konnte dieser einen Blick auf das Gesicht des Fremden erhaschen. Die kurzgeschnittenen, dunklen Haare ließen ein Gesicht erkennen, das wegen der Brille älter wirkte, als es vermutlich tatsächlich war. Darius schätzte den Mann auf etwa vierzig. Der Ausdruck auf dessen Gesicht war streng, aber nicht unfreundlich. Jetzt kam der Mann mit einem kleinen Büschel in der Hand auf Darius zu.
 

„So, nun wollen wir uns erst mal um dein Bein kümmern.“
 

Waren das Kräuter? Darius konnte das Büschel nicht genau identifizieren, doch der Geruch bestätigte seine Vermutung. Der Mann legte das Kräuterbüschel vor Darius auf den Tisch, verschwand dann nochmal kurz aus seinem Gesichtsfeld und kehrte mit einer Schale zurück. Was hatte der Kerl vor? War das tatsächlich ein Heiler? Die Kräuter schienen getrocknet zu sein, also würde Darius sie wohl nicht essen müssen.
 

„Du scheinst ja nicht sonderlich gut auf dich acht zu geben, kleiner Kerl“, meinte der vermeintliche Heiler mit ernster Miene und Darius fragte sich in dem Moment, ob die Leute mit Haustieren grundsätzlich Selbstgespräche führten. „Aber du hast wirklich Glück, dass dich jemand so nettes aufgelesen hat.“
 

Ein Schauer kroch über Darius’ Rücken. Was der Heiler sagte, mochte stimmen, doch er wollte gar nicht so genau darüber nachdenken, andernfalls würde er sich nur selbst Angst einjagen. Es war doch alles gut ausgegangen und er fand, ein bisschen Glück, auch wenn es vielleicht nur Glück im Unglück war, hatte er auch verdient.
 

Der Heiler stand so, dass Darius gut erkennen konnte, was als nächstes passierte. Er platzierte die Schale auf seiner linken Handfläche, legte die getrockneten Kräuter hinein und hielt die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger waagerecht darüber. Darius beobachtete das Geschehen, einen Herzschlag lang, zwei, drei. Und dann dämmerte ihm, was gleich geschehen würde. Er hatte darüber gelesen. Natürlich hatte er es nie selbst ausprobiert, dafür saß die Erinnerung und die damit verbundene Angst einfach zu tief. Er hielt die Luft an, sein Puls beschleunigte sich.
 

Weg hier, bloß weg!, hallte es in seinem Kopf. Sein Magen zog sich zusammen. Wieso nur konnte er sich nicht bewegen? Das Blut rauschte in seinen Ohren, doch gleichzeitig konnte er den Blick nicht abwenden.
 

In dem Moment, in dem der Heiler die Hand mit den ausgestreckten Fingern ruckartig nach oben richtete, züngelte eine Flamme aus dem Büschel getrockneter Kräuter empor. Darius wurde schwindlig. Sein Herz raste und er fürchtete, dass sein Brustkorb gleich platzte. Er spürte die Hitze, im Gesicht und überall auf seinem Körper. Die Flammen hüllten ihn ein, fraßen sich in sein Inneres, um nichts als einen Haufen Asche zurückzulassen.
 

Die Flamme in der Schale verlosch. Eine schmale Rauchsäule stieg aus der Schale empor und ein angenehmer Duft verbreitete sich im Raum. Dieser Duft war es, der Darius’ Sinne allmählich beruhigte. Die Erinnerung an die Flammen verblasste nach und nach und machte Platz für eine neue Frage, die ihn stutzig werden ließ. Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn. Was bedeutete es, dass dieser Mann ganz offensichtlich auch Magie einsetzte?

Entdeckung

Dieser Duft - Beinwell, Engelskraut, Salbei, Rosmarin. Wenn seine Katzennase ihn nicht gewaltig täuschte, war das eine Mischung verschiedener Heilkräuter, die besonders für weiße Magie verwendet wurden. Darius ging in Gedanken die Bücher durch, in denen er darüber gelesen hatte. Diese Art der Zauberei erforderte besondere Sorgfalt und war wohl überaus schwierig zu meistern. Er hatte sich bislang nicht an dieses Thema gewagt. Dass dieser Heiler – oder was auch immer der Mann war – hier mit weißmagischen Kräutern räucherte, konnte doch nur bedeuten, dass er gleich irgendeinen Zauber anwenden wollte. Immerhin dienten solche Räucherprozeduren dazu, die Wirkung von Zaubern zu verstärken.
 

Darius wurde unruhig. Zum einen wollte er unbedingt dabei sein, wie weiße Magie gewirkt wurde. Das wäre mit Sicherheit eine sehr lehrreiche Erfahrung, die ihm in Zukunft bestimmt noch nützlich sein könnte. Andererseits war er ja bereits mit einem Zauber belegt - schließlich war er ein Mensch in Katzengestalt. Was würde wohl passieren, wenn seine Verwandlungsmagie mit weißer Magie zusammentraf? Wollte er diese Erfahrung tatsächlich machen?
 

Das Räuchern allein zeigte bereits Wirkung, denn er merkte, dass er sich nun wieder etwas bewegen konnte. Er hob den Kopf, um zu schauen, wo der Heiler gerade war und was er tat. Der Mann war um den Tisch herumgegangen, hatte die Schale, aus der immer noch ein feiner Rauchfaden aufstieg, auf dem Tisch abgestellt und zog sich gerade einen Hocker heran. Er setzte sich vor Darius, den Blick zunächst konzentriert auf ihn gerichtet. Dann schloss der Heiler kurz die Augen und atmete tief die mit kräutrigen Noten geschwängerte Luft ein. Darius wedelte vor Nervosität mit der Schwanzspitze.
 

„Schhh, ganz ruhig.“ Der Heiler legte eine Handfläche auf Darius’ Hals und Brustkorb und zwang ihn so dazu, den Kopf wieder abzulegen. Jetzt konnte Darius nicht mehr sehen, was weiter geschah. „Dann wollen wir mal schauen, was ich für dich tun kann.“ Die zweite Hand spürte er auf seinem verletzten Bein. Wenn er schon die Hände des Heilers nicht mehr sah, so wollte Darius wenigstens jede Regung im Gesicht des Heilers genau beobachten. Er schielte angestrengt nach oben. Der Heiler schloss erneut seine Augen und es dauerte nicht lange, da fühlte Darius eine wohltuende Wärme, die sich von seinem Bein aus über seinen restlichen Körper ausbreitete. Er fühlte aber auch das Pochen, das durch den Knochenbruch verursacht wurde. Was auch immer diesen Schmerz bislang unterdrückt hatte, die betäubende Wirkung schien nachzulassen. Im Gesicht des Heilers tat sich zunächst nichts, dann zuckte ein Mundwinkel und die Stirn legte sich kurz in Falten, ehe er die Augen wieder aufschlug.
 

„Interessant.“ Er nahm die Hände von Darius und mit ihnen verschwand die Wärme. Das Pochen aber blieb. „Wer hätte das gedacht?“ Der Heiler wandte seinen Kopf und schaute Darius mit undurchdringlicher Miene tief in die Augen. „Tut mir leid, aber so kann ich dir nicht helfen.“ Er beugte sich nach vorn und kam mit dem Gesicht näher an Darius heran, ihre Nasen waren vielleicht noch zwei Handbreit voneinander entfernt. Darius beschlich ein mulmiges Gefühl. Es war nicht wirklich Angst, aber irgendetwas schien nicht so zu laufen, wie es sollte. Ein Kribbeln erfasste ihn. Hatte der Mann etwas bemerkt? Darius starrte zurück in die hellen Augen hinter der Brille, die ihn aufmerksam musterten, während sein Herzschlag ihm in den Ohren dröhnte. Die Geschäftsmäßigkeit war verschwunden und Darius meinte, echte Neugier erkennen zu können. Unwillkürlich zuckten seine Ohren.
 

„Ich nehme an, du kannst dich wegen der Verletzung nicht zurückverwandeln, doch leider wirkt meine Heilungsmagie so nicht. Eine echte Zwickmühle.“
 

Darius hielt die Luft an. Er war aufgeflogen. Starr vor Schreck konnte er nichts anderes tun, als mit geweiteten Augen den Blick des Heilers zu erwidern. War da nicht ein spöttischer Unterton gewesen? Machte sich dieser Mann da über ihn lustig? Darius konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wegzulaufen war keine Option, er war diesem Mann da komplett ausgeliefert. Was sollte er jetzt bloß tun?
 

Der Heiler richtete sich wieder ein Stück weit auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Darius ließ er dabei nicht aus den Augen. „Was sollen wir nun also tun?“ Der Heiler hielt einen Moment inne, während er sich dieselbe Frage wie Darius stellte. „Was deine Verletzung angeht – da bleibt mir nichts anderes übrig, als sie konventionell zu behandeln. Eine vollständige Heilung dauert jedoch bestimmt mehrere Wochen. Aber ich würde mich wirklich zu gerne mit dir unterhalten. Einem Magier, der die Kunst der Verwandlung beherrscht, bin ich bislang noch nicht begegnet, zumindest nicht wissentlich.“ Er schob seine Brille auf der Nase ein Stück nach oben und schien erneut über etwas nachzudenken. Dann hellte sich seine Miene auf. „Beherrschst du die Gedankensprache? Wobei ich nicht weiß, ob das auch in Zusammenhang mit Verwandlungen funktioniert ...“
 

Gedankensprache? Als Mensch hätte Darius in diesem Moment die Stirn gerunzelt. Der erste Schreck, dass seine Verwandlung aufgeflogen war, war vorüber, doch er war noch immer angespannt. Dieser Typ war ihm nicht geheuer. Langsam schüttelte er den Kopf. Mit der Gedankensprache hatte er sich nie beschäftigt. Mit wem hätte er sich denn auch unterhalten sollen?
 

„Zu blöd.“ Der Heiler stand nun wieder auf und ging um den Tisch herum hin zu einem Sideboard, auf dem allerhand Gerätschaften lagen, die weniger nach Magie, als vielmehr nach Wissenschaft und Medizin aussahen. „Dann werden wir also erst mal so tun, als wärst du eine ganz normale Katze und ich ein ganz normaler Heiler.“ Der Mann kam mit Verbandsmaterial zurück. „Ich will ja gar nicht wissen, wie es zu diesem Unfall gekommen ist, oder warum du überhaupt als Katze durch die Gegend läufst. Aber eine Sache würde mich doch interessieren. Weiß dein nettes Herrchen, dass du gar keine Katze, sondern ein Mensch bist?“

Warnung

Nein, nein, nein! Du wirst ihm auf keinen Fall irgendwas verraten! Darius protestierte so laut in Gedanken, das musste dieser Heiler doch hören, Gedankensprache hin oder her. Er zappelte mit den Beinen und schüttelte so energisch den Kopf, dass ihm schwindlig wurde. Der Heiler bedachte ihn mit einem schiefen Grinsen. 
 

„Naja, ich glaube, das beantwortet meine Frage. Auch wenn ich nicht weiß, ob mir die Antwort gefällt.“ Noch während er sprach, machte er sich daran, Darius’ verletztes Bein zu versorgen. „Stillhalten, und damit meine ich, nicht nur jetzt. Dein Bein braucht Ruhe, sonst verheilt es nicht richtig. Der Bruch ist stabil, das heißt, die Knochen liegen richtig oder aber dein ...“ Der Heiler stockte kurz. „dein Herrchen hat sie bereits richtig positioniert. Eine Schiene genügt in diesem Fall und es sollte keine Komplikationen geben. Vorausgesetzt du verhältst dich vernünftig.“ Bei diesen Worten blickte er von seiner Arbeit auf und fixierte Darius eindringlich. „Jede Verzögerung kann sich nicht nur auf dein Bein auswirken und Schäden am umliegenden Gewebe oder den Nerven verursachen. Deine Verwandlung ... Wie gesagt, kenne ich mich in der Praxis damit nicht aus, aber die Theorie besagt, dass eine längerfristige Verwandlung zu Problemen führen kann.“ 
 

Probleme? Was für Probleme? Darius schluckte. Er fühlte sich vollkommen normal, gerade so, als hätte er sich eben erst verwandelt. Er wollte keinen Gedanken daran verschwenden, wie lange er schon in seinem Katzenkörper steckte und was das für Folgen haben könnte. Demonstrativ wandte er den Blick von dem des Heilers ab. 
 

„Sei bitte nicht so naiv.“ Der Heiler schnalzte mit der Zunge, packte Darius’ Kopf und drehte ihn sanft, aber bestimmt zurück, sodass sie sich wieder in die Augen schauten. Darius erschrak. Sein Trotz verschwand in dem Moment, als er in das ernste Gesicht des Heilers blickte, und ein Schauer kroch über sein Rückgrat. „Falls du nicht vorhast, für immer in dieser Gestalt gefangen zu sein, solltest du dich so schnell wie möglich zurückverwandeln. Jeder Atemzug bringt dich näher an den Punkt, an dem eine Rückverwandlung nicht mehr möglich ist. Auch wenn ich, zugegeben, nicht weiß, wann dieser Punkt genau erreicht ist. Womöglich ist er auch von Person zu Person verschieden. Jedoch ...“ 
 

Der Heiler redete noch weiter, doch Darius’ Gedanken schweiften ab. Er würde sich nicht mehr zurückverwandeln können? Er würde für immer in diesem Katzenkörper stecken? Vielleicht wäre das ja die Lösung all seiner Probleme. Der bedrohliche Schauder, der ihn erfasst hatte, wandelte sich in ein aufgeregtes Kribbeln. Für immer eine Katze? Das wäre doch bestimmt bequem. Darius versuchte, sich ein Leben als Katze vorzustellen – fressen, schlafen, durch die Gegend ziehen. Tagein, tagaus. Das klang vielleicht bequem, aber irgendwie auch traurig. Und wenn er wirklich die Fähigkeit verlor, sich zurückzuverwandeln, bedeutete das dann vielleicht sogar, dass er sein Bewusstsein verlor? Dass seine Persönlichkeit immer mehr von tierischen Instinkten überlagert wurde? Wieder einmal wurde ihm bewusst, was für ein Grünschnabel er in Wirklichkeit war. Er hatte so viel gelesen, und trotzdem wusste er so wenig. Doch etwas erkannte er in diesem Augenblick: Er wollte nicht als Katze enden, andernfalls wäre er ein mehr als jämmerlicher Verwandlungsmagier, dessen bisheriges Leben sprichwörtlich für die Katz gewesen wäre. Aus diesem Grund musste er die Worte des Heilers unbedingt beherzigen. Wie passend, dass er bereits jetzt schon mit seinen Gedanken abgeschweift war und dem Heiler überhaupt nicht mehr zugehört hatte. Wäre er in seinem eigentlichen Körper gewesen, hätte Darius einen tiefen Seufzer ausgestoßen. So blieb ihm nur, in Anbetracht seines idiotischen Verhaltens mit gesenktem Blick den Kopf zu schütteln. Mitten in der Bewegung stutzte er. Es war auf einmal so still geworden. Unwillkürlich zog er den Kopf ein und schaute vorsichtig zu dem Heiler auf. Erwischt. Mit leicht angehobenen Augenbrauen starrte der auf ihn herab, nur um gleich darauf ebenfalls mit dem Kopf zu schütteln. 
 

„Also wirklich. Hätte man mich vor einer Stunde gefragt, hätte ich gesagt, dass jemand, der die Kunst der Verwandlung beherrscht, kein Dummkopf sein kann. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt immer noch so antworten würde.“ 
 

Prima. Darius ließ den Kopf hängen. Jetzt hielt der Heiler ihn nicht nur für einen tollpatschigen Schwindler, der die Gutmütigkeit eines anderen Menschen ausnutzte. Obendrein hatte er jetzt auch noch den Stempel eines unbelehrbaren Narren aufgedrückt bekommen. Aber hatte der Heiler damit wirklich unrecht? 
 

„Nachdem du mir gerade offenbar nicht zugehört hast, hier nochmal mein letzter Vorschlag. Weil ich auch noch andere Patienten habe, bringe ich dich gleich nach nebenan, werde dich allerdings nicht, wie ich es sonst täte, in einen Käfig stecken. Stattdessen bekommst du etwas Lektüre von mir.“ 
 

Lektüre? Hatte Darius das richtig verstanden? Mit einer Mischung aus Irritation und Aufregung beobachtete Darius den Heiler, der erneute zu dem verschlossenen Schrank ging, diesen entriegelte und nach kurzem Suchen ein Buch von weit oben herauszog. Ein Zauberbuch, eindeutig! Darius zuckte mit den Ohren. Was hatte der Heiler damit vor? 
 

„Das ist eine Einführung in die Magie der Heilkunst. Ich kann dein Bein von außen nicht richten, vielleicht ist es aber möglich, dass du dich selbst, trotz Verwandlung, selbst heilen kannst.“ 
 

Bitte was? Darius glaubte, sich verhört zu haben. Wie sollte er sich denn selbst heilen? Mit Heilmagie hatte er bislang kaum Berührungspunkte gehabt. Nachdem er nämlich in Erfahrung gebracht hatte, dass sich alte Narben von Heilmagie nicht beeinflussen ließen, hatte er sich nicht weiter mit diesem Zweig der Zauberei auseinandergesetzt. 

„Ich gehe doch recht in der Annahme, dass die Heilkunst für dich Neuland ist?“ 
 

Etwas zögerlich nickte Darius. Beim Thema Magie klopfte sein Herz grundsätzlich schneller, doch er war immer noch skeptisch, was der Heiler mit ihm vorhatte.  
 

„Dachte ich mir. Gut, dann komm mal mit.“ Und damit hob ihn der Heiler zwar nicht unsanft, aber auch nicht gerade zimperlich mit seiner freien Hand hoch und trug ihn zusammen mit dem Buch in eine Art Aufenthaltsraum. Neben einer bequem aussehenden Sitzgruppe befanden sich dort auch eine kleine Kochstelle sowie weitere Bücherregale. In einer Ecke breitete der Heiler eine Decke aus, stellte eine Schale mit Wasser sowie eine niedrige Kiste mit fein geschnittenem Stroh bereit – erneut wäre Darius am liebsten im Erdboden versunken, wenn er daran dachte, hier seine Notdurft verrichten und es den Heiler wegräumen lassen zu müssen - und legte zuletzt das Einführungsbuch zur Heilmagie auf die Decke, wobei er zunächst noch ein bestimmtes Kapitel aufschlug. 
 

„Das ist der Teil, der sich mit der Selbstheilung beschäftigt“, verkündete der Heiler, während er Darius auf der Decke platzierte. Darius wusste nicht so recht, wie ihm geschah. „Mir ist natürlich vollkommen klar, dass du innerhalb eines Tages die Heilkunst nicht erlernen wirst“, was mit Sicherheit eine realistische Einschätzung war, „es schadet jedoch sicherlich nichts, wenn du dich in die Grundzüge einliest und dich zumindest daran versuchst. Immerhin kannst du eh nicht viel anderes tun. Vielleicht beschleunigst du somit die natürliche Heilung.“ Das war der Plan? Darius schwankte zwischen Begeisterung und verzweifelter Hysterie. Er sollte auf die schnelle eine komplett neue Magieart erlernen? Klar, warum nicht? Ging das überhaupt, so als Katze? „Im schlimmsten Fall passiert einfach gar nichts – denke ich. Du solltest jedenfalls jede Möglichkeit nutzen, deine Zeit in verwandelter Gestalt zu reduzieren.“ 
 

Unrecht hatte der Heiler damit wohl nicht. Und es hätte schon was für sich, wenn er seine Magie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch ausweitete. War er momentan eigentlich ein richtiger Magier, bloß weil er sich in eine Katze verwandeln konnte? Ein Stechen in seiner Brust ließ ihn kurz zusammenzucken, doch dieser Schmerz hatte nichts mit seiner äußeren Verletzung zu tun. Nein, er wollte sich nicht in Selbstmitleid verlieren. Er hatte es ganz allein, ohne einen Lehrer oder Mentor, geschafft, sich die Kunst der Verwandlung beizubringen. Nun würde er sich also an der Heilkunst versuchen. 
 

Bis jetzt hatte Darius sich dazu gezwungen, die aufgeschlagenen Buchseiten keines Blickes zu würdigen. Nun aber gab er seiner Neugier und seinem Wissensdrang nach. Vor Aufregung wackelte er mit seiner Schwanzspitze. Sein kleines Katzenherz pochte wie wild. Er würde die Heilkunst erlernen! 
 

„Nun, ich sehe schon, dass zumindest der Wille da ist.“ Der Heiler schien mit der Situation zufrieden zu sein und streichelte Darius über den Kopf. Darius erschrak ob dieser unerwarteten Berührung und wandte ruckartig seinen Kopf. „Oh, das ist ...“ Leicht irritiert zog der Heiler seine Hand zurück. „... offenbar eine Art Reflex gegenüber Tieren. Bitte verzeih.“ 
 

Darius hatte fast den Eindruck, als wäre dem Heiler seine unbewusste Bewegung peinlich, doch er machte sich nichts draus. Als Katze wurde er schließlich ständig gestreichelt. Gerade eben hatte er nur nicht damit gerechnet. Er wollte seine Aufmerksamkeit gerade wieder dem Buch zuwenden, als der Heiler noch einen Satz hinterherschob, ehe er Darius erst einmal allein ließ. 
 

„Womöglich zögert das Studium auch den Verlust deiner Menschlichkeit weiter hinaus. Nutze diese Chance.“

Konzentration

Mit einem leisen Klacken schloss sich die Tür und Darius war nun allein in dem gemütlichen Aufenthaltsraum in der Praxis des Heilmagiers. Verlust der Menschlichkeit? Die Worte hallten noch in ihm nach. Nach einer Weile merkte er, dass er die Luft angehalten hatte. Er schloss die Augen und atmete langsam aus. Das Gesicht des Heilers tauchte vor ihm auf, mit kühlem, abschätzendem Blick. Entschieden verbannte Darius diesen Menschen aus seinen Gedanken, denn er war ihm egal. Stattdessen flackerte das Bild seines Retters auf, ein sonnengebräuntes Gesicht mit freundlichen Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Darius wollte die Hand nach ihm ausstrecken, doch es war lediglich eine kurze, schwarze Katzenpfote, die sich dem Mann entgegenreckte. Darius betrachtete kurz die Pfote, während eine unsichtbare Kraft seinen Brustkorb eng umschloss. Was war das für ein Gefühl? Er hatte gerade keine körperlichen Schmerzen, doch es tat trotzdem weh. Es war ... dieses schwarze Fell, diese Krallen, diese ganze Gestalt. Er musste aus diesem Körper, der eine Katze imitierte, heraus. Wie hatte er sich nur jemals einbilden können, dass diese schlechte Kopie etwas Gutes hatte?
 

Schlagartig riss Darius seine Augen wieder auf. Fest entschlossen wandte er sich dem Buch zu und begann zu lesen.
 

Die Heilkunst auf den eigenen Körper angewandt hat im Gegensatz zu einer Magieanwendung von außen den Vorteil, dass der eigene körperliche Zustand recht gut eingeschätzt werden sowie die Lokalisation der Verletzung oder Krankheit meist recht präzise erfolgen kann. Ein Nachteil für den Anwender besteht dann, wenn Schmerzen oder andere vorhandene Beeinträchtigungen die Konzentrationsfähigkeit beeinflussen und eine Magieanwendung bisweilen sogar komplett verhindern.
 

Selbst diese noch sehr allgemein gehaltene Einleitung las Darius mit größter Aufmerksamkeit. Keine Information war unnütz, ansonsten wäre es doch nicht notwendig gewesen, sie in einem Buch niederzuschreiben. Auf der aufgeschlagenen Seite stand noch nichts dazu, wie die Magie nun tatsächlich funktionierte oder eher, wie man sich ihr annäherte. Darius wusste, dass es nicht einfach war, die Funktionsweise von Magie in Worten niederzuschreiben. Deshalb war es auch nicht einfach, gute und hilfreiche Bücher über Magie zu finden. Er hatte schon viel unnützes Zeug gelesen, eigentlich war das der Normalfall, doch dieses Buch hier schien ganz brauchbar zu sein. Mit einem Lehrmeister war es natürlich deutlich einfacher, Magie zu erlernen, doch bislang hatte er sich nie um einen bemüht. Es ging schließlich auch ohne.
 

Mit jedem Absatz versank er tiefer in der Lektüre. So hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Das neue Wissen war aufregend, gespannt sog er jeden Satz, jedes einzelne Wort in sich auf. Und dann hatte er die ersten zwei Seiten zu Ende gelesen. Er musste umblättern.
 

Der Heiler hatte ihn so auf dem Boden positioniert, dass er, wenn er seinen Oberkörper aufrichtete und die rechte Pfote ausstreckte, das Buch gut erreichen konnte. Er versuchte, ohne den Einsatz seiner Krallen die momentane Seite etwas nach links zu schieben, damit sie sich etwas aufstellte und von der darunter liegenden Seite löste. Anschließend wollte er ihr einen zügigen Schubs geben, damit sie gänzlich umklappte. Leider klappte das nicht und die Seite rutsche immer wieder unter seiner Pfote durch. Nach mehreren Versuchen fauchte er verärgert. Wie hatte sich der Heiler denn das bitteschön vorgestellt? Eine Katze, die ein Buch las …
 

Darius robbte näher an das Buch heran. Es war offenbar nicht so, dass er sich gar nicht bewegen durfte. Andernfalls wäre es mit dem Trinken und einem Toilettengang auch schwierig geworden. Er nahm nun auch seinen Kopf zu Hilfe. Mit der Pfote hielt er die aufgestellte Seite in Position, während er mit seiner Schnauze die Seite weiterschob. Endlich legte sie sich nach links um. In Gedanken lachte er kurz auf. Dass es so kompliziert sein konnte, einfach nur durch ein Buch zu blättern. Umso notwendiger wurde es, dass er wieder in seinen richtigen Körper zurückkehrte. Mit diesem Vorsatz setzte er unbeirrt die Lektüre des Buches fort.
 

Es wurde erklärt, dass es, wie auch bei Heilmagie, die von außen, also von einer zweiten Person, angewandt wurde, grundsätzlich die beiden Herangehensweisen gab, die in einem vorhergehenden Kapitel schon ausführlich gegenübergestellt worden waren. Aus der knappen Wiederholung erschloss sich Darius, dass die erste Möglichkeit diejenige war, das Wissen um die Anatomie des zu heilenden Körpers auszunutzen und gezielt die zu behandelnden Stellen zu kurieren. Bei Verletzungen funktionierte das gut und schnell, bei Krankheiten eher weniger, war aber auch hier nicht unmöglich, etwa wenn es darum ging, bestimmte schädliche Stoffe aus dem Blut des Patienten zu entfernen. Allerdings benötigte man dafür umfassendes ärztliches oder chirurgisches Wissen, das Darius definitiv nicht hatte. Vermutlich hatte der Heiler ihn auf diese Weise behandeln wollen, nämlich mit gezieltem Magieeinsatz die Knochen an ihren Bruchstellen wieder zusammenwachsen zu lassen.
 

Die zweite Möglichkeit war die, die Magie großflächiger einzusetzen und sie selbst über die notwendigen Schritte für eine Heilung entscheiden zu lassen. Im Grunde beschleunigte man damit wohl die Selbstheilungskräfte des Körpers. Eine Unterstützung mittels Kräuter, sei es in Form von Räucherwerk, wie es der Heiler zuvor getan hatte, Salben zum Auftragen, Tinkturen zum Schlucken oder sonst irgendeiner Darreichungsart war in keinem Fall verkehrt.
 

Darius erinnerte sich an die Kräuterbällchen, die sein Retter ihm verabreicht hatte. Auch wenn der offenbar kein Heilmagier war, so hatte er dennoch grundlegende ärztliche Kenntnisse gehabt. Wer war dieser Mensch bloß, von dem Darius nicht einmal den Namen kannte? Als ob das jetzt eine Rolle spielte, denn Antworten würde er hier nicht finden. Es gab gerade nur eines für ihn zu tun.
 

Er las die nächsten paar Seiten ohne Unterbrechung. Die Teile, die auf die punktuelle Anwendung der Heilmagie abzielten, überflog er, ließ sie aber nicht gänzlich weg. Immerhin konnten diese Abschnitte ebenfalls wichtige Hinweise enthalten. Vor allem konzentrierte er sich auf die generalistische Anwendungsart. Die Heilungsdauer mit dieser zweiten Art nahm deutlich mehr Zeit in Anspruch, einfach weil die Magie mehr oder weniger ziellos losgeschickt wurde. Beiden Verfahren gemein war jedoch, dass die Magie erst einmal geweckt werden musste. Es war wohl dieses warme Gefühl, das er verspürt hatte, als der Heiler bei ihm mit der Behandlung hatte beginnen wollen. Diese Wärme wäre ein Zeichen dafür, dass die Magie geweckt worden war.
 

Im Buch stand, dass es wohl einfacher sei, selbst Heilmagie zu wirken, wenn man schon einmal damit geheilt worden war, weil man dann wusste, wie es sich anfühlen musste. Darius war zwar noch nie geheilt worden, allerdings konnte er sich an die Wärme vorhin gut erinnern. Vielleicht war das schon genug. Trotzdem war die Funktionsweise der Heilmagie eine komplett andere als die bei Verwandlungen.
 

Mit seinen Katzenaugen starrte er auf eine seiner Vorderpfoten. Zu Anfang sei es einfacher, den Ort, an dem die Heilmagie wirken sollte, direkt zu sehen und uneingeschränkt zu spüren. Nun wollte er zwar nicht seine Vorderpfote heilen, aber um überhaupt dem richtigen Magieprinzip auf die Schliche zu kommen, war das der momentan einfachste Weg für ihn. Hatte er das Prinzip erst einmal raus, konnte er den Wirkungsort verlagern.
 

Darius wusste nicht, wie lange er seine Pfote schon fixiert hatte, als sich ihm Schritte näherten. Er schrak zusammen. Ein schneller Blick zur Seite ließ ihn den Heiler erkennen, der sich neben ihn hockte. Darius entspannte sich sofort wieder, doch seine Konzentration war erst einmal dahin. Nun, immerhin konnte ihn niemand dafür kritisieren, dass er sich zu wenig bemühte, so nahe, wie sich ihm jemand unbemerkt nähern konnte. Die Heilmagie hatte sich ihm bislang nicht offenbart. Hätte sie es, wäre er wohl ein Heilmagiergenie, immerhin stand in dem Buch auch, dass es üblicherweise mindestens einen Monat dauerte, bis die erste nennenswerte Heilwirkung auftrat – und das bei Leuten, die überhaupt Heilmagie wirken konnten. Unbegabte konnten es bis zum Sanktnimmerleinstag versuchen, ohne dass sich jemals etwas tat.
 

„Es hilft nicht unbedingt, es zu erzwingen“, kommentierte der Heiler nach einem kurzen Blick auf die aufgeschlagene Seite. „Wie wär’s mit etwas zu essen?“
 

Essen? Stimmt, Darius hatte überhaupt nicht darauf geachtet, doch in seinem Magen herrschte gähnende Leere. Er miaute laut und hoffte im selben Moment, dass der Heiler ihm nicht auch einen ins Jenseits glotzenden Fischkopf vorsetzte.
 

Seine Bitten wurden erhört. Der Heiler trug Darius eine Treppe nach oben, wo sich augenscheinlich der Wohnbereich befand, und richtete auf einem Teller Getreidebrei mit gebratenem Gemüse an.
 

„Es wäre mir irgendwie komisch vorgekommen, dir das normale Katzenfutter vorzusetzen, deswegen bekommst du das hier“, meinte der Heiler ungeniert und stellte eine Schale mit demselben Gemüse und einem gekochten Ei vor Darius ab. Seltsamerweise musste Darius auch nicht vom Boden essen, sondern war auf dem Esstisch platziert worden. Es schmeckte gut, auch wenn Darius nichts gegen eine kleine Portion Fleisch gehabt hätte. Aber er wollte sich wirklich nicht beschweren.
 

Der Heiler erkundigte sich nebenher nach seinem Befinden, wobei er ausschließlich Fragen stellte, die Darius mit einem Nicken oder Kopfschütteln beantworten konnte. Auch für den Heiler musste das zur Abwechslung eine recht bequeme Art der Untersuchung sein.
 

Nach dem Essen, mit vollem Magen, legte sich mit einem Mal eine bleierne Müdigkeit auf Darius. Kurz kam ihm der Gedanke, dass vielleicht etwas im Essen gewesen war, das ihn ruhigstellte, doch dann fiel ihm ein, dass sein Badeunfall ja erst wenige Stunden her war. Er war hier zur Beobachtung, es könnten immer noch Komplikationen eintreten. Gedanken daran hatte sich Darius während des Lesens keine gemacht, erst jetzt beim einseitigen Gespräch mit dem Heiler wurde er an diese Realität erinnert. Er war nicht ängstlich, weil mit seinem Körper eigentlich alles in Ordnung zu sein schien, von der Verletzung mal abgesehen, doch er merkte nun deutlich, wie ausgelaugt er war. Er ließ sich bereitwillig zu seinem Schlaflager zurückbringen.
 

Der Heiler merkte wohl, dass es nicht notwendig war, ihm noch eine Lampe zum weiteren Lesen anzuzünden. Mit dem Versprechen, später nochmal nach ihm zu sehen, verabschiedete sich der Heiler und ließ Darius erneut allein. Beinahe sofort fielen ihm die Augen zu. Er wusste nicht, wann er zuletzt so erschöpft gewesen war. In diesem Zustand, am Übergang vom Wachsein hin zum Schlaf, wollte Darius es noch einmal probieren. Seine Pfote, die er nun nicht mehr sah, wohl aber spürte, und Wärme, Wärme ... Da war keine Wärme, keine Wärme ... Wärme? Das Bild einer Flamme, über der seine Pfote schwebte, tauchte auf einmal in Darius’ Geist auf. Er erschrak heftig. Für einen kurzen Moment raste sein Herz, als hätte er eine heftige Verfolgungsjagt hinter sich, doch er wachte nicht wieder auf, ganz im Gegenteil. Der Schrecken ermüdete ihn derart, dass er noch im selben Augenblick einschlief.

Wundertüte

Den nächsten Morgen begann Darius mit Zuversicht. Er war einigermaßen erholt und widmete sich nach einem schnellen Frühstück, Gemüse und Ei, diesmal aber im Aufenthaltsraum der Praxis, erneut dem Grundlagenbuch über die Heilmagie. Da ausgemacht war, dass er heute gegen Abend wieder abgeholt werden würde, wollte er das Kapitel über die Selbstheilung auf jeden Fall schnell fertiglesen. Selbst wenn der Heiler nichts gegen ein Ausleihen des Buches gehabt hätte, so wäre jede Erklärung, weshalb er einer Katze nach ihrem Klinikaufenthalt ein Buch zum Lesen mit nach Hause gab, entweder schwach oder komplett an den Haaren herbeigezogen. Insofern war dies hier die letzte Gelegenheit. Den Gedanken, einfach mit der Wahrheit herauszurücken, wollte Darius von vornherein nicht zulassen.
 

Der Text lieferte eine Handvoll Tipps und zählte verschiedene Herangehensweisen auf, wie man sich dem Heilmagieprinzip annähern konnte. Nicht alle konnte Darius in seiner momentanen Gestalt umsetzen, doch wenn es wirklich möglich war, sich selbst trotz seiner Verwandlung zu heilen, so standen ihm immer noch genügend Möglichkeiten offen.
 

Doch dann, mit Fortschreiten der Zeit, schlich sich immer öfter das Bild einer flackernden Flamme in seinen Geist, wenn es darum ging, die Wärme, die die Heilmagie stets ankündigte und begleitete, zu wecken. Seine Konzentration war dann für die darauffolgenden Minuten im Eimer. Es war frustrierend. Die Wärme hatte doch überhaupt nichts von der sengenden Hitze des Feuers gehabt, sie war wohltuend und sanft gewesen. Und trotzdem spielte ihm sein Unterbewusstsein jetzt diesen Streich. Grimmig starrte Darius auf das Buch. Er wollte raus, sich die Beine vertreten, doch auch das konnte er momentan vergessen. Welche Ironie, dass dieser Körper, der ihm doch eigentlich ein Stück Freiheit schenken sollte, ihn nun derart gefangen hielt.
 

Das Licht, das durch das kleine Fenster in den Aufenthaltsraum fiel, ließ die Schatten über den Boden wandern. Ehe sich Darius versah, wurde es Abend. Er war mit der Lektüre des Kapitels fertig geworden, doch jede neue Seite hatte sich zäher lesen lassen als die vorherige. Er war schlecht drauf. Vom Mittagessen hatte er keinen Bissen angerührt. Der Heiler schien sich deswegen kurz Sorgen zu machen, doch nachdem er sich vergewissert hatte, dass Darius körperlich nichts fehlte, war von seiner Seite aus offenbar alles in Ordnung. Seine schlechte Laune hatte Darius schlicht und einfach den Appetit verdorben.
 

„Bist du durchgekommen?“, wollte der Heiler von Darius wissen, als die Sonne bereits relativ tief stand. Darius nickte, doch seine miese Stimmung war bestimmt unübersehbar, selbst als Katze. Der Heiler schmunzelte wissend. „Wie schon gesagt, solltest du dich nicht zu sehr auf das Herbeiführen einer Heilwirkung fokussieren. Das führt lediglich zu einer inneren Blockade. Andererseits ... Solange du deswegen Missmut empfindest, ist zumindest deine Menschlichkeit noch vorhanden.“
 

Was für eine Sichtweise. Am liebsten hätte Darius sich in dem Moment auf den Heiler gestürzt, um mit seinen scharfen Krallen dessen herablassende Fassade etwas anzukratzen.
 

„Nicht vergessen: Wir haben keine Garantie, dass es überhaupt funktioniert. Ich konnte in der kurzen Zeit leider keine Aufzeichnungen über die Anwendung von Heilmagie während einer Verwandlung finden.“ Ach, der Kerl hatte sich auf Informationssuche begeben? Darius grübelte, wann und wie er das angestellt haben mochte. „Ich werde die Empfehlung geben, deine Genesung in vier Wochen nochmal prüfen zu wollen. Mehr kann ich deinem Herrchen wohl nicht zumuten.“ Wie er das Wort Herrchen aussprach. Darius verzog innerlich sein Gesicht. „Auch wenn es für dich dann schon zu spät ist ... Wenn ich bis dahin noch was rausgefunden habe, lasse ich es dich wissen.“
 

Zu spät ... Das hörte sich so endgültig an. Darius richtete sich auf. Nein, er würde es schon hinbekommen. Mit all dem Wissen, das er sich innerhalb eines Tages einverleibt hatte, hatte er ausreichend Möglichkeiten, die Heilkunst zu meistern. Er war ein Sturkopf, andernfalls hätte er das mit seiner Verwandlung niemals hinbekommen. Er würde nun auch nicht aufgeben.
 

Der Heiler bückte sich, nahm das Buch an sich und trug es gerade nach nebenan, als Darius ein Klopfen vernahm. Kurze Zeit später hörte er Stimmen, die des Heilers und die des Mannes, der ihn aufgelesen hatte. Sie wurden lauter, als die beiden näherkamen. Leider versperrte ihm die angelehnte Tür die Sicht.
 

Darius’ schlechte Laune war mit einem Mal wie weggeblasen. Erwartungsvoll fixierte er den Durchgang, während sein Herz in seiner Brust raste. Die beiden Männer sprachen miteinander und Darius lauschte gespannt. Doch plötzlich war ihm, als hielte ihm jemand die Ohren zu. Anstatt die Stimmen klar und deutlich zu hören, war da nur noch ein dumpfes Rauschen, das jedes klare Geräusch verschluckte. Was war das auf einmal? Hektisch blickte er sich um, konnte jedoch nichts sehen. War das nun doch eine Nachwirkung seines Badeunfalls, irgendwas mit seinen Ohren? Aber bis gerade eben war doch noch alles gut gewesen? Unbehagen machte sich in ihm breit, seine Schwanzspitze zuckte nervös und er hatte das Gefühl, sein Kopf könnte jeden Moment platzen, während das Rauschen sich in seine Gehörgänge fraß. Und dann war es von einer Sekunde auf die nächste vorbei – das dumpfe Rumoren ebbte ab und machte der normalen Geräuschkulisse Platz, als wäre nichts gewesen. Darius atmete flach und hastig, er zitterte leicht und obwohl sein Gehör gerade wieder in Ordnung schien, wurde er das unbehagliche Gefühl nicht los. Im selben Moment kam der Heiler herein, um ihn mitzunehmen.
 

„Oh, das ...“, begann der Heiler mit schuldbewusster Miene, als er sich neben Darius kniete, und senkte sofort seine Stimme. „Tut mir leid, ich habe einen Geräuschunterdrückungszauber angewendet. Offenbar wirkt er bei dir nicht ganz so, wie gedacht. Ist alles wieder normal?“
 

Geräuschunterdrückungszauber? Wenn Darius sich richtig erinnerte, fiel dieser in dieselbe Kategorie wie Verstummungs- und Verdunkelungszauber. Dabei ging es darum, die Sinneswahrnehmungen von anderen zu stören. Er hatte aber nirgendwo gelesen, dass es sich so ... bedrohlich anfühlte. Vielleicht wirkte der Zauber bei ihm tatsächlich auf unvorhergesehene Weise. Aber wozu hatte der Heiler diesen Zauber überhaupt angewendet? Was sollte Darius nicht hören?
 

Darius warf dem Heiler einen bösen Blick zu. Für einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er nicht, wie zufällig, seine Krallen kurz ausfahren sollte, um dem Heiler damit aus Versehen über die Hände zu kratzen, ließ es dann jedoch bleiben. Das wäre schon irgendwie kindisch. Nein, er musste sich beruhigen, es bestand keine Bedrohung, es war nur ein läppischer Geräuschunterdrückungszauber gewesen. Es war alles in Ordnung.
 

Darius wurde ins Behandlungszimmer zurückgetragen, in dem er tags zuvor von seinem Retter zurückgelassen worden war. Der wartete in seiner Arbeitskleidung, die Hände in den Hosentaschen, und blickte Darius freundlich entgegen.
 

„So, hier ist der Gute. Wie schon gesagt, habe ich die Verletzung ...“ Der Heiler erstattete über seine Behandlung Bericht, doch Darius hörte nicht mal mit einem halben Ohr zu. Sein Blick heftete sich an die Hände seines Retters, die ihn nun vorsichtig entgegennahmen, in einen Tragekorb legten und anschließend sanft an den Ohren kraulten. Darius schmiegte sich gegen diese Berührung. Er wusste zwar, dass er nur einen Tag hier gewesen war, doch trotzdem kam ihm die Trennung wie eine halbe Ewigkeit vor. Er schnurrte zufrieden, woraufhin ihn der Heiler mit einem merkwürdigen Blick bedachte. Darius war es egal und er wandte demonstrativ den Kopf ab. Sollte der doch denken, was er wollte. Was wäre er denn für eine Katze, wenn er sich nicht über die Rückkehr seines Herrchens freute?
 

„Gut, dann schauen wir in vier Wochen nochmal vorbei“, meinte sein Retter zum Abschluss und nahm den Korb in die Hand.
 

„Genau, zumindest wenn bis dahin nichts sein sollte.“ Der Heiler begleitete seinen Kunden noch zur Tür. Ich weiß ja nicht, was dein Ziel ist, aber wenn du dich jemals wieder zurückverwandeln willst, sollte das deine oberste Priorität sein.
 

War das Gedankensprache gewesen? Darius hatte die Worte klar in seinem Kopf verstanden, klarer sogar, als wären sie laut ausgesprochen worden. Das war schon eine praktische Fähigkeit. Er warf nun doch nochmal einen kurzen Blick aus dem Korb heraus zu dem Heiler. Mit der Heilmagie, oder alternativ auch mit gewöhnlicher Heilkunst, schien er sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber ganz offensichtlich war er in verschiedenen Magiekünsten bewandert. Was war dieser Mensch bloß für eine Wundertüte? Jedoch ... Mit der Kunst der Verwandlung schien er nicht gesegnet zu sein. Sehr zufrieden kuschelte Darius sich zurück in die Decke, mit der der Korb ausgelegt war.
 

Die Männer verabschiedeten sich, dann machte sich sein Retter mit ihm, den Korb in der Armbeuge hängend, auf den Nachhauseweg. Die Sonne schien, es wehte jedoch ein kräftiger Wind. Die Kronen der Bäume, die immer wieder zwischen den Häusern aufragten, wurden heftig hin und her gerissen. Da Darius jedoch so in die Decke eingewickelt war, dass nur noch sein Kopf herausschaute, war es für ihn im Korb ziemlich angenehm. Er schaute hinauf zum Gesicht seines immer noch namenlosen Retters. Was war das bloß für ein gutmütiger Mensch? Wieso tat er so viel für eine dahergelaufene, verletzte Katze, die ihm nicht nur sein Essen wegfutterte, sondern die er jetzt auch noch zu einer Behandlung bei einem Heiler hatte bringen müssen? Das Honorar eines Magieheilers war nicht wenig, das wusste Darius. Ah, vielleicht war das der Grund für den Geräuschunterdrückungszauber gewesen. Darius grübelte, während sie weiter durch die Straßen liefen und das Schaukeln des Korbs ihn schläfrig werden ließ. Daher und weil er aus seiner Perspektive nicht viel von seiner Umgebung sah, bemerkte er erst nach einer ganzen Weile, dass sie gar nicht in dem Dorf waren, in dem sein Retter wohnte. Naja, es hätte ihn auch verwundert, in einer derart ländlichen Umgebung die Praxis eines Magieheilers anzutreffen. Sie mussten in einer Stadt sein. Wenn Darius davon ausging, dass sie trotz allem nicht allzu weit weg von seinem Heimatdorf waren, kam dafür eigentlich nur eine Stadt infrage. Sie lag etwa einen halben Tagesmarsch von seinem Heimatdorf entfernt, allerdings führte der direkte Weg dorthin durch einen Wald, was die Reise etwas beschwerlicher machte, als die bloße Entfernung vermuten ließ. Darius war vor vielen Jahren immer wieder einmal hier gewesen, denn es gab im Stadtzentrum eine relativ große Buchhandlung, doch nachdem er gemerkt hatte, dass sich das Sortiment des Ladens über die Zeit kaum veränderte, war er dazu übergegangen, lieber bei den fahrenden Händlern, die ein deutlich schnelllebigeres Sortiment hatten, nach neuem Lesestoff zu suchen. Ob er vielleicht trotzdem mal wieder bei der Buchhandlung vorbeischauen sollte? Darius erinnerte sich an die meterhohen Regale, den Geruch des alten Papiers, der sich in den schmalen Gängen zwischen den Regalen kaum verflüchtigte, und die junge, freundliche Besitzerin, die es stets tunlichst vermieden hatte, ihn anzuschauen. Er war ihr deswegen nicht böse gewesen.
 

Darius hob den Kopf. Ob er seinen Retter irgendwie dazu bringen konnte, zur Buchhandlung zu gehen? Er wüsste nicht, wie. Einen Sprung aus dem Korb sollte er sich wohl ebenfalls abschminken. Und was wollte er als Katze überhaupt vor Regalen voller Bücher? Wenn er daran dachte, wie mühselig es allein war, die Seiten eines bereits aufgeschlagenen Buches umzublättern, verließ ihn aller Mut. Richtig, das Wichtigste war jetzt doch, dass er seine Verletzung loswurde, um sich anschließend zurückverwandeln zu können. Darius rief sich eine der Übungen, die er vorhin erst erlernt hatte, ins Gedächtnis, um dieses Wärmegefühl, das eine magische Heilung begleitete, zu erwecken. Er vertiefte sich so darin, dass er vom restlichen Weg zurück ins Dorf seines Retters nichts mitbekam. Erst als sie die bekannte Gartenpforte passierten, fuhr er erschrocken auf. Die Dämmerung war bereits weit fortgeschritten.
 

Er fluchte in Gedanken. Dabei hatte er sich doch fest vorgenommen, sich den Weg einzuprägen, um das Dorf später einfach wiederfinden zu können. Nun wusste er weder den Weg hierher, noch war er der Heilmagie gefühlt auch nur einen Schritt näher gekommen. Aber immerhin war er nun wieder mit seinem Retter vereint.

Träumen

Hätte Darius es nicht besser gewusst, er hätte es so formuliert: Endlich wieder zuhause. Kaum hatten sie das Haus betreten, entzündete Darius’ freundlicher Retter eine Öllampe. Das Abendbrot fiel diesmal eher spärlich aus. Brot, Käse und Apfelspalten für den Menschen, für die Katze gab es dasselbe, nur ohne das Brot. Im Gegensatz zu ihren früheren Mahlzeiten war Darius’ Retter diesmal ungewohnt schweigsam. Während Darius auf einem Käsewürfel herumkaute, stellte er sich kurz die Frage, ob der Heiler ihn am Ende doch verraten hatte. Den Gedanken verwarf er aber gleich wieder. Auch wenn er den Heiler nicht sonderlich mochte, schätze Darius ihn als aufrichtigen, geradlinigen Menschen ein. Außerdem hätte sein Retter in dem Fall doch auch ganz anders reagiert, hätte Fragen gestellt oder sich aufgeregt und ihn natürlich sofort hochkant hinausgeworfen. Womöglich war sein Retter – er wusste nicht, wie er ihn nennen sollte, denn er kannte seinen Namen noch immer nicht – einfach nur müde, schließlich war er direkt von der Arbeit zum Heiler gegangen, um Darius abzuholen, und dann noch den kompletten Weg von der Stadt in sein Dorf gelaufen. Vielleicht trauerte er auch, trotz aller Freundlichkeit und Katzenliebe, den Ausgaben für die Behandlung hinterher. Darius musste sich etwas einfallen lassen, wie er sich dafür erkenntlich zeigen konnte. Zumindest die finanziellen Schulden wollte er unbedingt begleichen, schließlich wollte er nicht als Schmarotzer gelten, schon gar nicht in den Augen seines Retters.
 

Darius musterte zum wiederholten Mal das Gesicht des Mannes. Die hellbraunen Augen schienen das Licht der kleinen Öllampe zu reflektieren, so hell leuchteten sie inmitten des sonnengebräunten Gesichts. Die gerade Nase hatte eine liebenswerte, rundliche Spitze. Die Haut war glatt, lediglich in den Augenwinkeln konnte Darius kleine, bogenförmige Fältchen entdecken, die sich dann stärker abzeichneten, wenn der Mann lächelte. Gerade allerdings zeigte der Mann kein Lächeln. Er wirkte tatsächlich müde, wobei sich dieser Eindruck durch die klar erkennbaren Bartstoppeln auf Kinn und Wangen noch verstärkte.
 

Darius’ Brust schnürte sich bei diesem Anblick zusammen. Er wollte seinen Arm ausstrecken, um die Schulter des Mannes zu drücken. Er hätte ihn auch gern am Kopf gestreichelt, doch als seine Katzenpfote zuckte, erinnerte er sich sofort wieder an seine Gestalt und seufzte in Gedanken auf. Er wollte nicht, dass sein Retter so geknickt war, schon gar nicht, wenn es wirklich wegen ihm war.
 

In diesem Moment stieß der Mann hörbar die Luft aus und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. „Was für ein Tag“, murmelte er, stützte die Ellenbogen auf der Tischplatte ab, während er die Hände immer noch am Kopf hatte. Der Impuls, den Mann irgendwie zu trösten, drängte Darius nach wie vor und der Druck auf seiner Brust ließ einfach nicht nach. „Miaaau.“ Was für ein klägliches Geräusch, doch es brachte den Mann dazu, sich ihm zuzuwenden. Im nächsten Augenblick vertieften sich die kleinen Fältchen in den Augenwinkeln des Mannes und Darius stockte der Atem. Die Zeit schien für einen kurzen Moment still zu stehen. Sichtlich erschöpft, aber mit einem fürsorglichen Lächeln meinte der Mann: „Es ist alles gut, kleiner Kater. Lass uns am besten gleich schlafen gehen. Morgen ist wieder ein neuer Tag. Oder was meinst du?“
 

„Miau?“ Darius verstand nicht so ganz, was los war, doch er konnte die Augen nicht vom Gesicht des Mannes abwenden, der ihn endlich wieder, seit sie nach Hause gekommen waren, richtig wahrzunehmen schien. Bernstein, ja, daran erinnerten Darius die Augen seines Retters. Wurden Bernsteine nicht auch zur Verstärkung von Heilungsmagie eingesetzt? Das konnte doch nur bedeuten, dass zur Erweckung seiner Heilungsmagie nicht mehr viel fehlte, oder?
 

„So, ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich das Bad auf morgen früh verschiebe“, sprach der Mann leise, während er aufstand und Darius behutsam hochhob. Er platzierte ihn auf einem seiner starken Arme und strich ihm mit der anderen Hand über den Kopf. Darius erwiderte die Geste, indem er seinen Kopf gegen die Finger presste. Die Hand war so warm, genauso der Arm, auf dem er lag, und der Oberkörper, gegen den er sanft gedrückt wurde. Er war fast gänzlich von Wärme umschlossen, ein Gefühl, an das sich Darius noch erinnerte, als er sich vor zwei Tagen in das Bett seines Retters gekämpft hatte. Er wollte mehr davon.
 

Der Mann ging mit ihm nach nebenan in die Wohnstube. Die Öllampe löschte er und ließ sie in der Küche stehen. Es war klar, dass er sich auch ohne Licht in seinem Zuhause auskannte, und ganz dunkel war es wegen des einfallenden Mondlichts auch gar nicht. Darius konnte sowieso bei Dunkelheit ausgezeichnet sehen, und so fiel sein Blick auch sofort auf das Kissen, das immer noch vor dem Schrank auf dem Boden lag. Zum einen freute Darius sich darüber, dass seine Schlafstätte noch da war, bereitgemacht für ihn, zum anderen keimte jedoch eine Unzufriedenheit in ihm auf, ein Bedauern darüber, dass er die ihn einhüllende Wärme jeden Moment verlieren würde. Instinktiv drückte Darius sich noch enger gegen den Mann. Der stieß ein leises Lachen aus und Darius erstarrte. Was für ein schönes Geräusch. Ein Kribbeln lief durch seinen gesamten Körper, während er darauf wartete, dass sein Herzschlag wieder einsetzte.
 

„Schon verstanden.“ Ehe Darius wusste, wie ihm geschah, wurde er abgesetzt, aber nicht auf das Kissen am Boden. Stattdessen legte ihn der Mann neben sein Kopfkissen im Bett. Darius’ Herzschlag setzte wieder ein, und zwar in einem solchen Tempo, dass er glaubte, es würde ihm jeden Moment aus der Brust springen. Er träumte doch nicht, oder?
 

Während er sich ausmalte, wie er die Nacht hier im Bett, direkt neben seinem Retter verbringen würde, und sein Herz dabei immer noch wie wild in seiner Brust schlug, bekam er zunächst gar nicht richtig mit, dass der Mann erst noch seine Kleidung wechselte. Doch als er mehrere Sekunden komplett in Gedanken versunken auf das Geschehen gestarrt hatte, machte irgendetwas in seinem Kopf „Klick“.
 

Das Sehvermögen von Katzen war bei Dämmerlicht um Welten besser als das von Menschen. Das Mondlicht, das durch die Vorhänge hindurch in den Raum gelangte, reichte aus, damit Darius gut sehen konnte. Und gerade sah er alles. Für ungefähr zwei Wimpernschläge stand sein Retter noch nackt im Zimmer, ehe er in seine Schlafkleidung schlüpfte. Der Anblick schien sich in Darius’ Netzhaut zu brennen.
 

Er wollte diesen Mann. Er musste ihn berühren, ihn anfassen, um sicherzugehen, dass er tatsächlich real war. Darius’ Verlangen war beinahe übermächtig. Ein Kribbeln lief durch seinen gesamten Körper - von seinem Hinterkopf über den Rücken bis in seinen Bauch und ein Stück tiefer. Ein derart intensives Gefühl hatte er noch nie verspürt, doch er war kein Dummkopf und wusste, was es bedeutete. Es ging weit über bloße Dankbarkeit hinaus. Aber er war nur eine Katze, zumindest äußerlich. Ein einfaches Haustier. Noch dazu war er momentan kaum in der Lage, sich vernünftig zu bewegen. Er musste sich zusammenreißen.
 

Er schloss ganz bewusst seine Augen und atmete mehrmals tief durch. Dieses Gefühl - es wollte es nicht verscheuchen, ganz im Gegenteil. Er stellte sich vor, wie er es behutsam in seinen Händen sammelte, es zusammenballte, ohne es zu verletzen, und es tief in einer Brust verstaute. Sobald er sich geheilt hatte und in seinen richtigen Körper zurückgekehrt war, würde er es wieder hervorholen. Und dann ... Nun, ganz so weit hatte er es sich noch nicht überlegt, aber ... Wenn es so weit war, dann konnte er sich näher damit befassen. Jetzt freute er sich erst einmal darüber, dass er in dieser Nacht – im Unterschied zu den unzähligen Nächten davor – nicht allein einschlafen musste. Sein unvermittelt aufgeflammtes Verlangen war etwas gewichen, das noch viel tiefer verwurzelt war.
 

Darius öffnete seine Augen in dem Moment, als sein Retter neben ihm unter die Bettdecke kroch. Aller äußeren Umstände zum Trotz fühlte er sich leicht und unbeschwert, als hätte ihn jemand nach langer Zeit in den Arm genommen und ihm die tröstenden Worte, dass er von nun an nicht mehr einsam zu sein brauchte, ins Ohr geflüstert. Das war das Versprechen der Wärme dieses anderen Körpers. Ein Kloß in seinem Hals hinderte ihn am Schlucken und seine Sicht verschwamm. Er blinzelte. Katzen konnten nicht weinen, doch er war ja keine richtige Katze – er war immer noch ein Mensch.
 

„Damit wir uns richtig verstehen ...“, begann sein Retter unvermittelt und wandte sich Darius zu. „Ich brauche kein Fell im Gesicht. Habe ich morgen früh Haare im Mund, wanderst du zurück auf den Boden. Und nun gute Nacht.“
 

Darius legte den Kopf schief. Warum sagte dieser Mann so etwas zu einer Katze? Glaubte er ernsthaft, dass diese Katze ihn verstand? Nun, in diesem Fall war es ja tatsächlich so, aber das konnte der Mann nicht wissen. Darius hielt inne.
 

Vielleicht ... Also, vielleicht ist auch mein Retter froh, dass er nicht allein einschlafen muss. Vielleicht wollte er auch gern jemand anderem eine gute Nacht wünschen.
 

Mit diesem Gedanken kuschelte Darius sich gegen die Schulter des Mannes, schloss seine Augen und lauschte den gleichmäßigen Atemzügen des anderen. Ganz unbewusst passte er sich diesem Rhythmus an und ohne, dass er noch einmal den Willen dazu aufbrachte, sich in der Erweckung seiner Heilungsmagie zu üben, schlummerte er ebenfalls ein.
 

Er hörte ein lautes Geräusch und als er die Augen öffnete, ragte weit über ihm ein Ungetüm auf. Aus dem aufgerissenen Maul des Ungetüms drang wütendes Gebell und Speichelfäden troffen daraus hervor. Darius kauerte sich zitternd zusammen. Was war auf einmal los? Zu dem Gebell drang mit einem Mal noch ein Knirschen an Darius’ Ohren, das immer lauter zu werden schien. Das war doch ... In dem Augenblick, als er das Geräusch erkannte, war es zu spät und das Rad einer Kutsche rollte über ihn hinweg. Die Kutsche rumpelte und ächzte kurz wegen dieses unerwarteten Hindernisses, fuhr jedoch gleich darauf unbeirrt weiter. Das Echo eines Schmerzes hallte in Darius wider und er fiel in ein schwarzes Loch. Wellen schlugen über seinem Kopf zusammen, während er ein paar Luftblasen hinterherschaute, die sich rasch von ihm entfernten. Er strampelte, wollte ihnen folgen, doch es war unmöglich. Wie er auch zappelte, er kam nicht vom Fleck. Panik überfiel ihn. Er wollte atmen, doch er war gänzlich von schwarzem Wasser umgeben. Kälte fraß sich in ihn hinein und lähmte ihn. Seine verzweifelten Versuche, zu entkommen, verloren an Kraft. Eine unendliche Leere war alles, was ihm noch blieb. Er schloss die Augen und rollte sich zusammen, wurde zu einer kleinen schwarzen Kugel, die mitten im schwarzen Nichts zitterte.
 

Etwas berührte ihn, legte sich sanft auf ihn und spendete ihm Wärme. Darius kämpfte gegen seine Müdigkeit an und öffnete für einen kurzen Moment die Augen. Er erkannte nur einen Schemen, ganz nah bei ihm. Eine Hand? Seine Lider fielen sofort wieder zu. Die Wärme, die von der Berührung ausging, drang nach und nach in seinen zitternden Körper und löste seine Anspannung. Er hörte noch ein gedämpftes Rauschen, ähnlich dem Geräusch, das man machte, wenn man ein weinendes Kind beruhigen wollte, ehe er aus seinen verworrenen Träumen hinüberglitt in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Unkraut

Die Tage vergingen und die meiste Zeit über langweilte sich Darius. Es gab wenig für ihn zu tun – essen, schlafen, gesund werden, mehr war es im Grunde nicht. Fürs Essen sorgte sein Retter. Es gab meistens drei Mahlzeiten am Tag, nichts Ausgefallenes, aber was konnte er schon erwarten? Die Nächte durfte er weiterhin zusammen mit dem Mann in dessen Bett verbringen. Darius genoss die Nähe sehr und freute sich darüber, dass sein Retter ihn wie selbstverständlich bei sich schlafen ließ. Aber irgendwo tief in Darius nagte etwas an ihm, eine innere Unruhe befiel ihn und breitete sich Stück für Stück weiter aus. Vielleicht lag es daran, dass er sich tagsüber kaum bewegte und viel vor sich hindöste, denn nachts bekam er immer seltener ein Auge zu. Diese Rastlosigkeit wurde noch dadurch verstärkt, dass er keine Fortschritte bei seinen Bemühungen um die Heilungsmagie zu machen schien. Der Heiler hatte zwar gesagt, dass das Erlernen üblicherweise nicht so schnell vonstatten ging, doch Darius hatte sich insgeheim schon Hoffnungen gemacht, dass er es etwas schneller als der Durchschnitt zustande bringen würde. Immerhin hatte er es ja auch fertiggebracht, an sich selbst Verwandlungsmagie zu wirken.
 

Der Heiler hatte es nicht geschafft, ihn von außen zu heilen, weil ihm da offenbar Darius’ verwandelte Gestalt im Weg stand. Er hatte es aber als durchaus realistisch eingeschätzt, dass eine Heilung von innen heraus, also eine Selbstheilung, trotzdem möglich wäre. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass der Heiler mit seiner Meinung falsch lag? Diesen Gedanken durfte Darius zwar nicht komplett unter den Tisch fallen lassen, er ging aber davon aus, dass der Heiler richtig lag. Er wollte, dass der Heiler richtig lag. Also übte Darius unermüdlich weiter, um die Heilungsmagie in sich zu erwecken.
 

Eine Woche war seit Darius’ Rückkehr vergangen. An diesem Tag schien sein Herrchen doch tatsächlich einmal frei zu haben. Der Mann schlief länger als gewöhnlich und es gab ein ausgiebiges Frühstück mit Brot, Speck und eingekochten Bohnen. Beim Geruch des angebratenen Specks lief Darius das Wasser im Mund zusammen. Er schlang seine Portion dann auch regelrecht hinunter, was seinem Herrchen ein Schmunzeln entlockte.
 

Nach dem Frühstück und dem Abwasch ging der Mann in den Garten. Das kam für Darius irgendwie unerwartet. Er war sich selbst nicht sicher, womit er gerechnet hatte, doch dass sein Herrchen sich der Gartenarbeit widmete, überraschte ihn. Es war ein klarer, sonniger Tag mit einer angenehmen Brise, die den Geruch von vielen blühenden Pflanzen mit sich trug. Darius humpelte ebenfalls nach draußen und legte sich nahe der Hausmauer auf eine warme Steinplatte. Von dort hatte er einen guten Überblick über einen großen Teil des Gartens und konnte sich die Sonne aufs Fell scheinen lassen. Satt und zufrieden kniff er die Augen zusammen und lauschte einer Weile den Vögeln, die überall um ihn herum zwitscherten und sangen. Der Tag war noch jung.
 

Ein metallisches Scheppern weckte Darius’ Aufmerksamkeit. Sein Herrchen stand über eine große, geöffnete Holztruhe gebeugt und suchte darin offenbar nach den passenden Werkzeugen. Eine kleine Schaufel, ein Spaten, eine Harke, eine Handsichel. Darius erkannte zwar die meisten der Gerätschaften, hatte von Gartenarbeit aber nicht wirklich Ahnung. Das Grundstück um sein Haus bestand zum Großteil aus Wiese. Es standen noch die große Platane darauf, die er aber einfach Baum sein ließ, sowie ein paar Büsche, von denen er nicht mehr wusste, als dass sie im Frühjahr hübsche Blüten zeigten. In einem Eck schossen außerdem immer wieder mal Disteln in die Höhe, doch einer der Bauern, an die er Felder verpachtete, mähte mehrmals im Jahr den Rasen für ihn, wobei auch die Disteln immer wieder gestutzt wurden. Dennoch schienen sie nie aufzugeben und trieben jedes Jahr aufs Neue aus.
 

Der Mann hatte nun wohl alles Werkzeug beisammen und machte sich daraufhin in aller Seelenruhe über ein Kräuterbeet her. Er hackte die festgewordene Erde um die Kräuterpflanzen herum auf, entfernte unerwünschte, wild aufgegangene Triebe und dünnte auch einige der Kräuterpflanzen selbst aus, vermutlich um ihr weiteres Wachstum zu fördern. Darius verspürte wenig Lust, selbst einmal solcher Gartenarbeit nachzugehen, doch seinem Herrchen dabei zuzusehen, war etwas, mit dem er sich durchaus anfreunden konnte. Der Mann kniete barfuß, mit einer leichten, weiten Leinenhose und einem ärmellosen Hemd bekleidet, in der Erde. Ab und zu wischte er sich mit dem Handrücken Schweißperlen von der Stirn, wobei kleine Erdkrümelchen auf seiner feuchten Haut zurückblieben. Darius schmunzelte innerlich bei diesem Anblick. Wie es wohl wäre, seinem Herrchen die Krümel aus dem Gesicht zu streichen? Darius schloss für einen Moment die Augen und spürte dem sanften Stechen in seiner Brust nach. Sein Wunsch würde sich nicht erfüllen, doch mit Sicherheit wäre es ein unbeschreibliches Gefühl. Seine weißen, kühlen Finger auf der sonnengebräunten, verschwitzten Haut. Er würde jeden Krümel Erde einzeln abstreifen, langsam, gründlich. Ob der Mann für ihn als Mensch denselben Geruch haben würde, wie er ihn mit seiner Katzennase wahrnahm? Darius wurde warm, beinahe heiß, und das lag nicht nur an der Sonne, die ihm gerade direkt aufs Fell brannte.
 

Ah, wenn ich noch länger diesem Tagtraum nachgebe, werde ich ...
 

„So, das hätten wir.“ Die vertraute Stimme holte Darius aus seinen Gedanken und er öffnete die Augen, nur um sie gleich darauf wieder zu schmalen Schlitzen zusammenzukneifen. Er blinzelte ein paar Mal, ehe seine Augen sich wieder an das grelle Sonnenlicht angepasst hatten. Ein wenig unangenehm war es trotzdem.
 

Sein Herrchen war aufgestanden und klopfte sich gerade Erde von den Knien. Der Blick des Mannes wanderte durch den Garten, ehe er zunächst bei Darius hängen blieb. „Mir ist so ja schon warm, doch wenn ich dein schwarzes Fell betrachte ... Wäre es im Schatten nicht angenehmer?“ Mit einem Schulterzucken wandte er sich jedoch wieder ab und fasste stattdessen ein Blumenbeet ins Auge, dessen Blütenpracht um diese Jahreszeit offenbar schon wieder vorbei war. Die vielen braunen Köpfe, die sich an den Stängeln traurig nach unten neigten, waren nicht zu übersehen. Mit der Handsichel und einem Eimer machte sich der Mann ans Werk.
 

Gartenarbeit an einem freien Tag ... Darius hatte sein Heimatdorf ja schon für verschlafen gehalten, aber hier schien wirklich gar nichts los zu sein. Warum wohnte jemand wie sein Herrchen in einem so abgelegenen Winkel? Darauf konnte er sich keinen Reim machen. Möglich, dass das hier sein Elternhaus war und er schon immer hier gelebt hatte. Doch für seine Arbeit schien er einen weiten Weg zurücklegen zu müssen, nach dem zu urteilen, wie früh er üblicherweise das Haus verließ und wie spät er abends wieder nach Hause kam. Und dann noch dieses Hobby ... Hatte der Mann keine Familie, keine Freunde? Was war mit seinen Eltern, Geschwistern oder irgendwelchen anderen Verwandten? Von den Nachbarn hatte Darius auch noch nichts mitbekommen, nicht mal ein kurzes „Hallo“ über den Gartenzaun. Naja, er selbst war nun auch alles andere als ein Paradebeispiel dafür, wie das mit der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben so funktionierte, aber er war eben ... er. Sein Herrchen jedoch schien alles zu haben, gutes Aussehen, einen guten Charakter, ein gewisses Vermögen, denn immerhin konnte er sich die Behandlung einer dahergelaufenen Katze bei einem Magieheiler leisten, und auch an Selbstbewusstsein mangelte es ihm wohl nicht. Darius kapierte das nicht.
 

Es war nicht so, dass er unglücklich über diese Situation war. Vor allem – und diesen Gedanken wollte er eigentlich gar nicht zulassen, aber gerade deswegen spukte er umso vehementer in seinem Kopf herum – war er alles andere als unglücklich darüber, dass er bislang keine weibliche Bekanntschaft, Freundin oder gar eine Ehefrau zu Gesicht bekommen hatte. Darius schämte sich für diesen Egoismus. War er immer schon so gewesen? Seit wann ...?
 

Aaah! Er vergrub seine Schnauze unter einer seiner Vorderpfoten. Was soll ich bloß tun? Das ist alles ...
 

Er hatte sich immer für rational gehalten, besonnen, abgeklärt. Was für eine Fehleinschätzung. Nun, da auf einmal die merkwürdigsten Gefühle wie Unkraut aus irgendwelchen Ritzen seines unzuverlässigen Geistes hinauf ans Tageslicht schossen, war von seiner Besonnenheit nicht mehr viel übrig.
 

Ich muss hier weg, aber ...

Illusion

Darius’ Herrchen werkelte bis in den Nachmittag hinein im Garten. Nachdem Darius den Mann noch eine Weile beobachtet hatte und dabei immer schläfriger geworden war, erinnerte er sich daran, dass er ebenfalls eine Aufgabe zu erfüllen hatte. Also verzog er sich wieder ins Haus, machte es sich auf seinem Kissen am Boden bequem und versuchte ein weiteres Mal, bei der Erweckung seiner Heilungsmagie voranzukommen. Ein Tipp aus dem Buch, das er in der Praxis des Magieheilers gelesen hatte, nutzte die Zirkulation des Blutes im Körper aus. Er sollte sich vorstellen, die Wärme, die über den Blutkreislauf durch den gesamten Körper transportiert wurde, an einer Stelle zu sammeln. Nun, Darius konnte zwar das Schlagen seines Herzens wahrnehmen und er wusste auch, dass dadurch das Blut durch seinen Körper gepumpt wurde, aber er tat sich dennoch schwer damit, sich den Blutfluss in seiner Vorderpfote vorzustellen. Naja, immerhin hatte er sich in eine Katze verwandelt und nicht etwa in ein Insekt oder ein Weichtier. Aber trotzdem ...
 

Ob es vielleicht was bringt, wenn ich es sehen kann?
 

Darius kam die kleine Handsichel in den Sinn, mit der sein Herrchen die verblühten Blumen abgeschnitten hatte. Wenn er sich damit nur ganz leicht an der Pfote schnitt, damit er das Blut heraustropfen sehen konnte ... Was für ein Unsinn! Er wollte sich heilen und nicht weiter verletzen. Wie kam er nur auf solch hirnrissige Gedanken? Er schüttelte einmal kräftig den Kopf und probierte es im Anschluss ohne zusätzliche Hilfsmittel weiter, jedoch ohne Erfolg.
 

Gegen Mittag kam der Mann kurz ins Haus, um für sich und Darius ein schnelles, kaltes Mittagessen zu bereiten, ehe er anschließend nochmal für einige Zeit im Garten weiterarbeitete. Irgendwann hörte Darius erneut das Klappern von Werkzeug. Er hievte sich auf und wagte einen Blick nach draußen. Sein Herrchen packte die Werkzeuge zurück in die Kiste. Im Anschluss verschwand der Mann um die Hausecke und Darius’ Vermutung, wohin er gegangen war, bestätigte sich, als er das Plätschern von Wasser vernahm. Hinter dem Haus befand sich eine Zisterne, in der Regenwasser gesammelt wurde. Zur Körperhygiene und zum Waschen konnte es einfach so verwendet werden. Wollte man es trinken, musste es zuvor abgekocht werden.
 

Darius überlegte, ob er einen kurzen Blick ums Hauseck werfen sollte. Er wollte schon gerne – es juckte ihn geradezu in den Pfoten – andererseits wusste er auch, dass es mehr als unhöflich war. Wäre er in seiner richtigen Gestalt, dann hätte er diese fixe Idee mit Sicherheit auch gleich wieder verworfen. Momentan aber sah er aus wie eine Katze ...
 

Hach ... Ich will zurück in meinen Körper.
 

Noch vor zwei Wochen hätte er solch einen Wunsch bestimmt niemals verspürt, nun aber war es das wichtigste Ziel, das es für ihn zu erreichen galt. Mit leichtem Bedauern schlich er sich zurück auf sein Kissen, doch es dauerte nicht lange, da spazierte sein Herrchen ebenfalls ins Haus. Frisch gewaschen, ohne Erde im Gesicht und gänzlich ohne Kleidung. Darius schnappte nach Luft – er hatte zumindest mit einem Handtuch um die Hüften gerechnet. Doch es war mittlerweile so warm, dass die Haut seines Herrchens schon komplett trocken war und auch von den kurzen Haarspitzen kein Wasser mehr auf den Boden tropfte. Und vor einem Haustier brauchte man sich nun wirklich nicht genieren – eigentlich.
 

Darius’ Blut rauschte in den Ohren und Hitze breitete sich in ihm aus – wenn er jetzt noch einmal seine Übung zur Erweckung der Heilungsmagie durchführen würde, stünden die Chancen mit Sicherheit nicht schlecht, dass es tatsächlich klappte, doch an Konzentration war gerade überhaupt nicht zu denken. Ohne den Blick auch nur einmal abzuwenden, lag Darius auf seinem Kissen, schwer atmend und mit schwirrendem Kopf.
 

Wie konnte das sein? Wie konnte es so jemanden geben? Jemanden, der so gut war, so schön? Und das nicht nur äußerlich - auch innen drin, am Charakter seines Herrchens konnte Darius nichts Schlechtes finden. Und er ... steckte im Körper einer Katze fest. Hätte er sich doch nur nicht verwandelt und diesen Unfall gehabt. Andererseits war er seinem Herrchen doch nur begegnet, weil er sich verwandelt und diesen Unfall gehabt hatte. Es war zum Verzweifeln.
 

Darius bekam kaum noch Luft. Er verhielt sich wie ein pubertierender Junge, der zum ersten Mal ein nacktes Mädchen zu Gesicht bekam. Dabei war er erwachsen und das nackte Mädchen zwar nackt, aber kein Mädchen, sondern ein etwa gleichaltriger Mann.
 

Seit Darius denken konnte, hatte er keine Freunde gehabt, Bekanntschaften ja, aber nichts, das er als Freundschaft bezeichnen würde. Keine platonische und erst recht keine intime Freundschaft. Es war nicht so, dass es ihm egal oder dass er vollends zufrieden mit dieser Situation war, doch er hatte für sich beschlossen, sich darüber keine Gedanken zu machen. Auf diese Weise hatte er die vergangenen Jahre gut leben können. Nun aber war dieser Mann auf einmal aufgetaucht und ihn zu ignorieren war einfach unmöglich.
 

Darius war unerfahren, und zwar dermaßen unerfahren, dass er nicht einmal sagen konnte, wie seine romantischen und sexuellen Präferenzen im Generellen aussahen. Im Speziellen ... Darius starrte auf den Rücken seines Herrchens. Im Speziellen war es dieser Mensch, der ihn das erste Mal dazu brachte, sich darüber Gedanken zu machen. Wobei sich Gedanken machen eigentlich schon zu viel war. Er musste nicht nachdenken. Er war einfach erfüllt von Verlangen, von quälendem Verlangen, das sich aus seiner Sicht momentan nicht stillen ließ.
 

Darius verfolgte den eleganten Bogen, den die Wirbelsäule des Mannes vom Nacken bis zum Gesäß beschrieb. Er verspürte das drängende Bedürfnis, diese Linie mit den Fingern entlangzufahren, die wegen der Muskelstränge links und rechts der Wirbelsäule in einer leichten Kuhle verlief. In seiner Vorstellung ging der Weg seiner Hände weiter zu den zwei Grübchen, die sich schwach auf Höhe der Lende abzeichneten, und über die Hüfte nach vorne. Darius konnte es aus seiner Position heraus gerade nicht sehen, aber der Anblick, als sein Herrchen vor ein paar Augenblicken an ihm vorübergegangen war, hatte sich ihm eingebrannt. Eine definierte Brust, ein straffer Bauch, und dann – Darius schauderte – sein bestes Stück. Wie sollte er sich ausmalen, wie sich eine Berührung anfühlen würde? Er kannte nur seine eigene Männlichkeit, und auch dieser hatte er kaum Beachtung geschenkt. Warm und weich? Wahrscheinlich. Zumindest im Moment.
 

Ja, er wollte berühren - aber er wollte auch berührt werden von diesen kräftigen und zugleich sanften Händen. Von diesen Händen, die ihm den Kopf kraulten, die sich um seine Verletzung gekümmert hatten, die ...
 

Nein, nein! Nicht so. Ich will ... versinken ... verschlungen werden. Ich will ...
 

Ein schwarzer Schatten zuckte durch seinen Geist. Das, was er sich ersehnte, sein Wunsch – das Bild dazu entzog sich seiner Vorstellungskraft. Es war ... fort.
 

Er war eine Katze, ein haariges Wesen auf vier Pfoten. Wie fühlte es sich an, ein Mensch zu sein?
 

Ich ... kann nicht. Es geht nicht. Ich kann mich nicht richtig erinnern! Warum ...?
 

Von Panik überrollt wurde Darius aus seinen Tagträumen gerissen. Angst schnürte ihm die Kehle zu, während sein Blick gehetzt durch den Raum wanderte und er doch nichts richtig wahrnahm. Er bebte am ganzen Körper.
 

Er versuchte, sich zu erinnern, doch je mehr er sich anstrengte, desto unwirklicher kam ihm seine Zeit als Mensch vor. Fast so, als wäre sie lediglich ein Hirngespinst oder ein Trugbild, das nach und nach verblasste.

Allein

Darius starrte an die Decke, verfolgte den Verlauf der Holzmaserung über die langen Bretter hinweg mit den Augen, von einer Wand zur gegenüberliegenden und wieder zurück. Ab und an blieb sein Blick an Astlöchern hängen, ehe er weiterwanderte. Dabei suchte er nicht nach Mustern, Strukturen oder sonst irgendetwas. Vielmehr hatte diese vermeintlich sinnlose Tätigkeit etwas Beruhigendes, fast Meditatives.
 

Vorhin, als ihm in seiner Panik dann auch noch die Warnung des Heilers in den Sinn gekommen war, hatte er für eine kurze Zeit schwarzgesehen. Wieder und wieder waren die Worte durch seinen Kopf gespukt: „Falls du nicht vorhast, für immer in dieser Gestalt gefangen zu sein, solltest du dich so schnell wie möglich zurückverwandeln. Jeder Atemzug bringt dich näher an den Punkt, an dem eine Rückverwandlung nicht mehr möglich ist.“
 

Doch es war alles halb so schlimm. Er hatte zwar etwas Zeit gebraucht, nun hatte er sein aufgewühltes Gemüt jedoch wieder unter Kontrolle.
 

Es war seine Erregung gewesen, ganz bestimmt. Sie hatte ihn dazu gebracht, sprichwörtlich den Verstand zu verlieren. Dass er sich nicht mehr erinnern konnte, wie es war, ein Mensch zu sein – so ein Quatsch. Die Erinnerung war noch da. Es war alles noch da. Doch trotzdem hatte ihm dieser Aussetzer Angst eingejagt, und das gleich in zweierlei Hinsicht. Zum einen hatte ihn das Gefühl verängstigt, eine Erinnerung, von der man wusste, dass sie vorhanden sein musste, einfach nicht mehr zu finden. Das war schrecklich, vor allem, weil sich diese Erinnerung auf etwas so Fundamentales wie das Menschsein bezog. Zum anderen hatte ihn die Tatsache erschreckt, dass er überhaupt so sehr den Verstand verlieren konnte. Das hatte ihn richtig getroffen. Beim Gedanken daran spürte er noch immer eine Enge in seiner Brust, ganz so, als hielte ihn eine unsichtbare Hand gepackt, die jeden Moment noch eine Spur fester zudrücken konnte.
 

Sein freundlicher Retter schien von seiner Misere nichts mitbekommen zu haben. Der Mann hatte sich vor Darius hingekniet, ihm kurz den Kopf getätschelt und sich mit ein paar Worten bis zum Abend verabschiedet. An den genauen Wortlaut konnte sich Darius aber nicht erinnern.
 

Hat er gesagt, wohin er geht?
 

Er war in jenem Moment mit den Gedanken noch ganz woanders gewesen, dass er die Frage nicht beantworten konnte.
 

Kurze Hosen, ein ärmelloses Hemd und Sandalen ... Allzu weit wird er so nicht gegangen sein, oder? Ob ich ihn suchen gehen soll?
 

Nachdenklich neigte Darius seinen Kopf. Dabei fiel ihm auf, dass der Mann die Tür hinaus zum Garten nicht ganz geschlossen hatte. Sie stand gerade so weit offen, dass auch eine Katze mit geschientem Hinterbein sich bequem nach draußen begeben konnte.
 

Ist das nicht leichtsinnig? Wobei ... In diesem Dorf scheint ja nichts los zu sein. Zufällig kommt hier bestimmt niemand vorbei.
 

Darius stemmte sich hoch und humpelte nach draußen. Die Nachmittagssonne schien weiter unverdrossen vom klaren Himmel, während er an den frisch bearbeiteten Beeten vorbei zur Vorderseite des Hauses tappte. Er zwängte sich durch die Gartenpforte und rollte sich direkt davor zu einer Kugel zusammen. Er würde nicht nach seinem Herrchen suchen gehen, schließlich hatte er dem Heiler und vor allem sich selbst versprochen, sein verletztes Bein zu schonen. Und für längere Spaziergänge war es wohl noch zu früh. Seine Hoffnung war, hier, direkt neben der Straße, etwas Ablenkung zu finden.
 

Vor sich hindösend beobachtete Darius das Geschehen, während die Schatten immer länger wurden. Wirklich viel bekam er allerdings nicht zu Gesicht, doch das hatte er bei seinem letzten Ausflug, der mit seinem Sturz in den Gartenteich geendet hatte, schon so vermutet. Vereinzelt zogen Karren vorüber, beladen mit Heu, Fässern oder Gemüse. Die größeren wurden von Pferden oder Ochsen gezogen, die kleineren von Menschen. Eine Schar Kinder lärmte durch die Straße, mit Stöcken bewaffnet und Eimern auf dem Kopf.
 

Als die Sonne schließlich unterging, war von den Kindern oder den Bauern nichts mehr zu sehen. Irgendwo bellte ein Hund, doch das Geräusch kam von weit weg. Falls nötig, könnte Darius sich einfach hinter die Gartenpforte zurückziehen.
 

Leute, die nicht offensichtlich einer Arbeit nachgingen oder eben Kinder waren, sah Darius kaum. Einmal zog eine Gruppe ganz unterschiedlich alter Männer gut gelaunt durch die Straße. Sie warfen sich allesamt gegenseitig Bemerkungen an den Kopf, deren Sinn Darius zwar nicht verstand, die von den Betroffenen aber offenbar als amüsant empfunden wurden. Mehrmals gingen auch Pärchen an ihm vorüber, sich unterhaltend oder beharrlich schweigend, Händchen haltend oder einfach nur nah beieinander. Darius beobachtete alles und er war weder neidisch noch traurig noch sonst irgendwie angesäuert. Im Grunde war es doch immer schon so gewesen, dass er lediglich die Rolle des Zuschauers innehatte, insofern machte ihm das nichts aus. Allerdings fragte er sich so langsam, wann denn sein Herrchen wieder heimkam.
 

„Lisbeth, wir müssen nach Hause. Mama macht sich bestimmt schon Sorgen.“
 

Darius’ Blick wanderte nach rechts. Zwei Kinder kamen die Straße entlanggeeilt – nein, eigentlich war es vielmehr so, dass ein etwas kleinerer Junge ein etwas größeres Mädchen hinter sich her schleifte. Das Mädchen hatte seine Augen nach oben gen Himmel gerichtet und schien irgendetwas angestrengt zu beobachten.
 

„Ja, ja, ich weiß. Aber der Laden vom alten Sig hatte halt schon zu. Ich musste ihm versprechen, morgen eine Portion Klöße vorbeizubringen, damit er uns doch noch eine Flasche Lampenöl verkauft. Ach, du warst doch dabei, Allan. Was meinst du, ist heute Nacht Vollmond oder erst morgen?“
 

Vollmond? Ah, stimmt, da gab es in dem Buch doch diese kurze Notiz.
 

„Darüber machst du dir Gedanken? Da... Aaaah!“
 

„Was? Was ist los?“
 

Darius hatte den Kopf gehoben, um wie das Mädchen den Mond zu betrachten, doch beim Aufschrei des Jungen schnellte sein Blick alarmiert zurück zu den beiden Kindern.
 

„Ach, hahaha, hab ich mich erschreckt.“ Der Junge lachte verlegen auf. „Siehst du die Katze da? Ich glaube, das waren ihre Augen, die kurz aufgeleuchtet haben. Ich hab sie vorher nicht gesehen und mich dann eben ... ach, schon gut.“
 

„Oh, wie süß.“ Das Mädchen kam auf Darius zugelaufen. „Ah, sie scheint verletzt zu sein. Schhh, keine Angst. Was ist denn mit dir passiert?“ Das Mädchen war nun bei Darius und kniete sich vor ihm hin. „Ah, aber das hat schon jemand behandelt, wie es aussieht.“ Vorsichtig strich das Mädchen mit seiner Hand über Darius’ Fell. Ein wohliges Kribbeln durchfuhr ihn und er kniff seine Augen zusammen.
 

„Ob das dieser Mann war?“
 

Darius’ Ohren zuckten. Er schielte nach oben und er sah, wie der Junge zum Haus hinter der Gartenpforte deutete.
 

„Der, der immer allein unterwegs ist, du weißt schon. Der wohnt doch hier, oder?“
 

„He, Allan, vielleicht hört er dich.“
 

„Mh, na und? Ich meine, er scheint ja nett zu sein, er grüßt auf der Straße und so ... Ach, war das nicht letzten Sommer, weißt du noch? Als ich draußen auf dem Feld über diesen blöden Stein gestolpert bin.“
 

„Du meinst, als du auf dem Feld hättest arbeiten sollen. In Wahrheit hast du Unsinn angestellt, bist davongelaufen, gestolpert und den Abhang hinten beim kleinen Wäldchen hinuntergefallen.“
 

„He, ich hab den Hasen verfolgt, der sich auf unserem Feld breitgemacht hatte. Das war kein Unsinn!“
 

„Ja, schon gut. Und ja, ich erinnere mich, schließlich hab ich dich ins Dorf zurückgeschleppt. Mh...“ Das Mädchen wurde kurz still. „Wir sind, kaum dass wir im Dorf waren, zufällig diesem Mann begegnet. Er wollte gleich wissen, was passiert ist und wie es dir geht. Außerdem hat er die Kratzer an deinem Arm behandelt.“
 

„So genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Mein Kopf hat so weh getan, das war schlimm. Mir war so schlecht.“ Der Junge kratzte sich am Kopf, während in den Blick des Mädchens ein mitfühlender Ausdruck trat. Mit einem sanften Lächeln schien es die Geschehnisse von damals vor Augen zu haben.
 

„Ja ... Er meinte damals auch, dass damit nicht zu spaßen sei. Du bräuchtest Ruhe, mehr könne man erst mal nicht tun. Und es ist ja auch alles gut gegangen.“
 

Der Junge brummelte etwas Unverständliches, ehe er mit einem etwas trotzigen Ausdruck fortfuhr: „Aber wir wissen nicht mal, wie er heißt, das ist doch komisch.“
 

„Pst jetzt, das gehört sich nicht.“
 

„Ich glaube auch, dass er nicht hier im Dorf arbeitet, aber warum ...?“
 

„Allan!“ Das Mädchen fuhr auf und griff energisch nach dem Arm des Jungen. „Es reicht! Komm mit, Mama wartet bestimmt schon auf das Öl.“ Diesmal war es also das Mädchen, das den Jungen hinter sich herzog, doch nach wenigen Schritten wandte es sich noch einmal zu Darius um und flüsterte: „Werd schnell gesund, kleine Katze.“ Damit verschwanden die beiden.
 

Darius hatte interessiert der kurzen Unterhaltung gelauscht. Die beiden Kinder, die vermutlich Geschwister waren, kannten sein Herrchen schon länger, aber deswegen offenbar auch nicht unbedingt besser. Das irritierte Darius ein wenig. Er sah sich als Inbegriff eines Eigenbrötlers, aber selbst ihn kannte man in seinem Heimatdorf und sogar darüber hinaus. Er hatte regelmäßig mit den Bauern Kontakt, die ihre Felder bei ihm gepachtet hatten. In den Läden und auf dem Markt kannte man ihn auch so weit, dass er mit Namen begrüßt wurde. Und er ging jetzt auch mal davon aus, dass er nicht nur bekannt war, weil er wegen seines Aussehens auffiel. Sein Herrchen jedoch schien beinahe ein Geist zu sein – im übertragenen Sinn, denn sein Körper war durchaus sehr real, wie Darius mehr als bewusst war. Welchen Grund konnte es geben, dass sein Herrchen so viel über sich gegenüber seinen Mitmenschen im Dunklen ließ, obwohl er doch – und da sah Darius sich, nachdem er die Geschichte über den Unfall des Jungen gehört hatte, in seiner Meinung bestätigt – ein guter Mensch war? Das passte doch nicht zusammen, oder?
 

Darius legte sich auf die Seite und blickte in den Himmel hinauf, dessen Dunkelheit von unzähligen Sternen und einem kühl strahlenden, runden Mond aufgebrochen wurde. Es schien tatsächlich Vollmond zu sein. Mondlicht war ebenfalls in der Lage, die Wirkung von Zaubern zu verstärken. Das hatte in einer Randnotiz im Buch des Heilers gestanden, doch es galt nicht nur für Heilzauber, sondern für jegliche Magie. Darius hatte schon in anderen Büchern über diese Tatsache gelesen. Die Gelegenheit war also günstig, mit den Versuchen zur Erweckung seiner Heilmagie fortzufahren, doch er hatte so ein Gefühl, dass es momentan zu nichts führen würde. Irgendetwas, das er jedoch nicht genauer benennen konnte, bereitete ihm ein latentes Unbehagen. Es hatte definitiv mit seinem Herrchen zu tun, aber er konnte es nicht greifen. Wo blieb der Mann nur? Er hatte doch gesagt, er käme am Abend zurück?
 

Darius strengte all seine Sinne an. Irgendjemand kam die Straße in seine Richtung gelaufen, eine einzelne Person. Er hörte das gleichmäßige Knirschen von Schritten, doch es dauerte noch einige Atemzüge, bevor er erkannte, dass es sein Herrchen war, das die leichte Anhöhe auf ihn zu marschierte. Freude schwappte wie eine warme Welle über Darius. Die vertraute Silhouette löste ein Gefühl in ihm aus, das er nicht genau beschreiben konnte, das aber etwas mit Vertrautheit, mit Komplettierung und – ja, vor sich selbst kam er nicht umhin, es zuzugeben – mit Liebe zu tun hatte. Darius kämpfte sich so schnell auf die Füße, wie es ihm möglich war. Dem Impuls, sich in die Arme seines Herrchens zu werfen, konnte er nicht nachgeben, wie ihm in dem Moment, in dem er ihn verspürte, schmerzlich bewusst wurde. Wäre er nur nicht verletzt, wäre er nur keine Katze ... Das Bedauern trübte seine Wiedersehensfreude in solchem Maß, dass es ihm Tränen in die Augen trieb. Er machte zwei unsichere Schritte auf sein Herrchen zu, den Blick unablässig auf den Menschen gerichtet.
 

„Oh, hoppla. Hast du hier auf mich gewartet?“
 

Natürlich habe ich das, was für eine blöde Frage.
 

Sein Herrchen stieß ein leises Lachen aus. Überraschung schwang darin mit, doch neben einer gewissen Belustigung schwang noch etwas anderes in der kurzen Frage mit. Darius war nicht gut darin, Stimmungen und Gefühle zu lesen. Das fing bei ihm selbst an und betraf erst recht die Menschen um ihn herum. „Na, komm, ich nehm dich mit nach drinnen.“ Damit wurde er hochgehoben.
 

Das Mondlicht und seine Katzenaugen erlaubten ihm einen guten Blick auf das Gesicht seines Herrchens. Auch wenn sein Herrchen wie immer klang und sich wie immer zu bewegen schien, konnte Darius im Blick des Menschen einen leicht glasigen Ausdruck erkennen. Er hatte auch sogleich eine Ahnung, was der Grund dafür war. Als Mensch hätte er es vielleicht nur ganz leicht wahrgenommen, doch mit seiner Katzennase war der Alkoholgeruch, der von dem Mann ausging, nicht zu überriechen. Darius schmiegte sich instinktiv und mit Nachdruck in die Armbeuge, während sie beide das Haus durch die immer noch offenstehende Gartentür betraten. Er konnte Alkohol nichts abgewinnen, vielmehr hatte er die Erfahrung gemacht, dass Seitenbemerkungen und bissige Kommentare unter Alkoholeinfluss typischerweise noch gemeiner und ungehemmter ausfielen als in nüchternem Zustand. Das war mit ein Grund, weshalb er Tavernen und Gasthäuser vor allem zu später Stunde mied.
 

„Da fällt mir ein ...“ Sein Herrchen setzte ihn auf den Küchentisch und entzündete eine Lampe. „Ist zwar schon ein bisschen spät, aber hier, dein Abendessen.“ Aus seiner Hosentasche fischte der Mann ein mehrfach eingeschlagenes Stück Stoff und wickelte den Inhalt behutsam aus. Darius sah die Fettflecken auf dem Tuch und der Geruch von Gebratenem stieg ihm in die Nase. Sein Magen knurrte, während sein Herz beinahe in seiner Brust zu zerspringen drohte bei dem Gedanken, dass sein Herrchen so an ihn gedacht hatte. Kalte Bratkartoffeln mit frittierten Fleischbällchen hatten noch nie so gut geschmeckt.

Nachts

Einmal pro Woche hatte Darius’ Herrchen offenbar einen freien Tag. Bis zum frühen Nachmittag verbrachte er seine Zeit mit Arbeiten im und ums Haus, ehe er im Anschluss daran ausging. Nach Einbruch der Dunkelheit kehrte er nach Hause zurück. Darius wusste nicht mit Sicherheit, wohin er ging, denn er war ihm nie gefolgt, doch er vermutete ein örtliches Gasthaus. Was die übrigen Tage anging, so machte er sich früh morgens auf den Weg zur Arbeit und kam etwa zu Beginn der Abenddämmerung wieder zurück. Ausreißer im Tagesablauf gab es so gut wie keine. Frühstück und Abendessen nahmen sie, außer an den freien Tagen, gemeinsam zu sich, an Arbeitstagen bekam Darius einen Teller mit verschiedenen Leckereien bereitgestellt, bevor sein Herrchen das Haus verließ. Der Mann hatte einen gesunden Schlaf und mit Darius neben sich auf dem Kissen bislang offenbar keine Probleme.
 

All das hatte Darius nach nunmehr gut drei Wochen erfahren oder sich zusammengereimt. Wirklich nähergekommen war er seinem Herrchen in dieser Zeit aber nicht. Ihm war natürlich klar, dass er bloß eine Katze war und deshalb erwartete er von seinem Herrchen auch nichts. Von sich selbst allerdings hatte er mehr erwartet.
 

Ich weiß, dass er ein guter Mensch ist. Und weiter? Ich kenne weder seinen Namen noch seinen Beruf. Ich weiß nicht, worüber er sich freut oder was ihn traurig macht. Wenn er betrunken ist, strahlt er etwas Melancholisches aus, aber ich kenne den Grund nicht. Und ich habe keine Ahnung, ob er freiwillig allein ist und ob es ihm etwas ausmacht, allein zu sein. All das würde ich aber gern wissen, weil ... weil ich ... ihn mag.
 

Darius drückte sich fester gegen die Schulter des Mannes und sog tief dessen Geruch ein, den auch an den freien Tagen der Alkoholdunst nicht gänzlich überlagern konnte. Er war ihm inzwischen so vertraut, dass sich fast sofort ein leises Kribbeln in Darius’ Magengegend bemerkbar machte. Tiefergehende Gefühle hatte er sich verboten. Nun, er hatte sich vorgenommen, sie nicht an die Oberfläche zu lassen und das kostete ihn eine ordentliche Portion Selbstbeherrschung. Doch alles andere hatte einfach keinen Sinn in seinem momentanen Zustand. Sich auf die Heilungsmagie zu konzentrieren hatte ihn einigermaßen gut abgelenkt, doch anderweitig konnte er hierbei keinen Erfolg vorweisen. Auch hier wurde er seinen Erwartungen nicht gerecht. Naja, der Frust darüber lenkte ihn ebenfalls ab.
 

Darius wusste nicht genau, wie viele Tage er schon hier war, doch sein Herrchen hatte beim Abendessen – mehr zu sich selbst – davon gesprochen, am nächsten Morgen etwas früher als sonst aufbrechen zu müssen. Er wollte mit Darius wohl in die Stadt, um den angekündigten Nachsorgetermin beim Magieheiler wahrzunehmen. Dieser Gedanke löste zwiespältige Gefühle in Darius aus. Sein Herz klopfte schneller, wenn er daran dachte, dass er hoffentlich bald schon diesen Katzenkörper verlassen konnte. Endlich, endlich ... Das war doch die ganze Zeit über sein Ziel gewesen. Das, und nichts anderes. Er war sich sicher, dass es mit der Rückverwandlung keine Probleme geben würde, sofern seine Verletzung wieder verheilt war. Es war alles wie immer; alles fühlte sich an, als hätte er sich erst vor wenigen Stunden in eine Katze verwandelt. Vielleicht war die Warnung des Heilers doch überzogen gewesen. Darius’ Ziel schien zum Greifen nahe. Doch das bedeutete auch, dass seine Zeit hier ebenfalls bald vorüber war. Zur Vorfreude gesellte sich ein schmerzhaftes Stechen in seiner Brust. Er wollte deswegen nicht weniger zurück in seinen menschlichen Körper. Was ihn aber unendlich traurig stimmte, war die Tatsache, dass er dem Mann nie als Mensch gegenüberstehen würde - zumindest nicht als jemand, den er kannte.
 

Haha! Das war doch schon von Anfang an klar.
 

Sie waren Fremde und Darius sah keine Möglichkeit, das zu ändern. Die Wahrheit ins Spiel zu bringen, stand für ihn gänzlich außer Frage. Er seufzte schwer, was in seiner Katzengestalt eher komisch als in irgendeiner Weise seriös klang. Irgendwas würde ihm schon einfallen. Bestimmt.
 

Schließlich muss ich mich doch noch ...
 

Er merkte, wie er wegdöste und sich seine Gedanken wie Blütenblätter im Wind zerstreuten.
 

... bedanken und ...
 

... mich ...
 


 

Mh? Was? Was ist das für ein Gefühl?
 

Ich ... Ich habe ... Hände? Finger?
 

Ah, und irgendwas kitzelt mich an der Schulter. Das fühlt sich an wie ... meine Haare, ach so. Hab ich sie nicht zusammengebunden?
 

Und mir ist kalt, am Rücken, und an den Beinen auch. Uah, ich habe Gänsehaut.
 


 

Darius’ Lider zuckten. Er blinzelte, einmal, zweimal, dann klappten seine Augen auf. Es war alles dunkel, sodass er nicht viel erkennen konnte. Er fröstelte. Vor sich hörte er das regelmäßige Atmen seines Retters. War vielleicht ein Fenster oder die Tür zum Garten nicht richtig zu und es deshalb so kalt? Darius stützte sich auf. Dabei fiel ihm eine Haarsträhne ins Gesicht, die er unbewusst zur Seite strich. So nachlässig ... Darius stockte mitten in der Bewegung, als hätte jemand einen Eimer kalten Wassers über ihn geschüttet.
 

„Wa...?!“ Hektisch schlug er seine Hände vor den Mund. Dabei kippte er zurück aufs Bett, die Augen weit aufgerissenen.
 

Was? Hä? Wieso?
 

Das Herz schlug ihm bis zum Hals und sein gesamter Körper bebte.
 

Wieso ...? Ich war doch ...
 

Im wenigen Licht, das von draußen durch die dünnen Vorhänge nach innen drang, konnte er nicht viel erkennen. Aber eigentlich musste er auch nichts sehen. Er spürte es. Er wusste es. Seine Arme, seine Beine. Bauch, Rücken und Kopf. Das war sein Körper. Er war wieder ein Mensch.
 

Aber warum?
 

Er musste sich im Schlaf zurückverwandelt haben, aber war das überhaupt möglich? Darius nahm langsam die Hände vom Mund, hielt seine Lippen jedoch weiter fest aufeinandergepresst und starrte in Richtung Decke. Er zwickte sich einmal sanft in den Oberarm, dann noch ein zweites Mal etwas fester. Er war eindeutig wach. Doch wenn er nicht träumte, dann bedeutete das ...
 

Sein Körper verkrampfte, wurde starr wie ein Brett. Wie in Zeitlupe und mit angehaltenem Atem drehte er seinen Kopf zur Seite. Er sah es schon vor sich: Zwei Augen, die ihn anstarrten, im ersten Moment vielleicht noch verwundert, dann jedoch zornig. Angst schnürte ihm die Kehle zu. Was sollte er bloß tun? Wie konnte er...?
 

Darius blinzelte und ein unrühmliches Japsen entfuhr ihm, als trotz aller äußeren Umstände eine Welle der Erleichterung über ihn hinwegspülte. Da waren keine Augen. Er sah, wenn auch nur undeutlich, den Umriss eines Körpers unter einer Decke, auf der Seite liegend, das Gesicht von ihm abgewandt. Er atmete auf und entspannte sich merklich.
 

Zum Glück, zum Glück ... Was hätte ich bloß gemacht, wenn ...
 

Just in diesem Moment bewegte sich der Mensch unter der Decke. Begleitet von einem leisen Grummeln drehte er sich auf den Rücken. Sofort wallte erneut Panik in Darius hoch. Er hatte keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Instinktiv drückte er sich an die Wand hinter sich, doch es war nicht so, dass er großartig Spielraum hatte. Im Grunde war er bereits eingeklemmt, gefangen zwischen ebendieser Wand und dem Menschen, der jeden Moment aufwachen und ihn entdecken konnte. Darius schnappte nach Luft, als ihn etwas an Brust und Bauch berührte. Erneut lief ein Schauer sein Rückgrat entlang und Schweiß brach auf seiner Stirn aus, obwohl ihm doch eigentlich kalt war. Er schaffte es gerade so, einen Laut zu unterdrücken. Er linste nach unten in Richtung seines Bauchs. Eine Hand. Anstatt sich brav unter der warmen Decke zu befinden, lag ein Arm des Mannes nun auf ihm.
 

Wenn er jetzt aufwacht ... Wenn er jetzt ...
 

Darius’ Gedanken spielten verrückt.
 

Ich komm hier nicht weg! Mein Herz ... Es schlägt so schnell, bestimmt spürt er es und wacht davon auf. Was mach ich nur?
 

Darius starrte auf die Hand, die heiß und schwer neben seinem Bauchnabel ruhte. Er sah sie weniger, als dass er sie spürte. Alles schien sich auf diese Berührung zu konzentrieren.
 

Verdammt! Wenn er jetzt aufwacht ... Außerdem ... Uah, ich bin nackt!
 

Diese Erkenntnis war nun an sich nichts Neues, doch es war eine – zugegebenermaßen schon mehr als alarmierende – Sache, urplötzlich und mitten in der Nacht jemand Fremdes neben sich im Bett zu finden. Eine andere war es, wenn dieser Fremde auch noch gänzlich unbekleidet war.
 

Er wollte weglaufen, einfach Hals über Kopf losstürzen und diese ganze verfahrene Situation hinter sich lassen. Und dann? Selbst wenn er es irgendwie aus dem Haus schaffte, stünde er immer noch ohne Kleidung auf der Straße mitten in einem bewohnten Dorf – nachts. Hier im Haus zuvor noch den Kleiderschrank zu durchwühlen, stand gänzlich außer Frage. Doch im Grunde war das egal, denn so weit würde er gar nicht erst kommen. Da war die Hand, unter der er sich hervorwinden musste. Dann musste er sich aus seiner eingeklemmten Lage so weit aufrichten, dass er sich überhaupt vernünftig bewegen konnte. Dann musste er über den schlafenden Menschen steigen, das war wahrscheinlich das schlimmste. Und dann musste er noch im Dunkeln aus dem Zimmer und dem Haus hinaus. Und das alles, ohne dass der Mann aufwachte. Unmöglich.
 

Unwillkürlich tauchte die Vorstellung in Darius auf, wie der Mann genau in dem Moment die Augen öffnete, in dem Darius mit einem Bein noch im Bett war, das andere aber schon gen Boden ausgestreckt hatte und schwankend, ohne sich auf dem schlafenden Körper unter sich abzustützen, das Gleichgewicht zu halten versuchte. Er kniff die Augen zusammen und schüttelte aus einem Impuls heraus den Kopf, um dieses Bild wieder loszuwerden. Sollte so etwas passieren – er würde geradewegs im Boden versinken wollen.
 

Als Katze hätte er dieses Problem mit Sicherheit nicht. Er würde einfach in einem eleganten Satz vom Bett über den Schlafenden hinweg auf den Boden springen – und das auch noch lautlos.
 

Aber ... Das ist doch ...
 

Er krümmte sich innerlich zusammen und konnte sich dabei gerade noch davon abhalten, sich mit der Hand gegen die Stirn zu schlagen. Wieso war ihm das nicht früher eingefallen? Er könnte sich einfach wieder in eine Katze verwandeln! Damit wäre seine Misere doch mit einem Schlag beendet. Er müsste sich nicht aus dem Staub machen, sondern könnte weiter hierbleiben – nicht nur hier im Haus, sondern sogar im Bett. Schließlich war es die vergangenen Wochen genau so gewesen. Warum nur kam ihm diese offensichtliche Lösung erst jetzt in den Sinn? Das plötzliche Erwachen in seinem menschlichen – seinem richtigen – Körper, hatte ihn komplett kalt erwischt und seinen Verstand offenbar buchstäblich lahmgelegt. Doch wenn er sich wirklich wieder zurück in eine Katze verwandeln wollte, musste er bei klarem Verstand sein – so viel war ihm trotz aller Überraschung immerhin noch bewusst.
 

Wie lange dauerte seine Verwandlung eigentlich? Und gab es da irgendwelche begleitenden Effekte? Licht, Geräusche, irgendwas? Er konnte es nicht mit Sicherheit sagen, hatte erst recht niemanden, den er deswegen fragen konnte, doch Darius war bislang davon ausgegangen, dass die Verwandlung relativ unspektakulär verlief – mit Ausnahme vielleicht der eigentlichen Verwandlung. Aber wie lange diese dauerte ... Fünf Sekunden, oder doch eine Minute? Vermutlich war es irgendwas dazwischen. Wenn also in der Zeit sein Retter nicht aufwachte, wäre alles in Ordnung. Oder?
 

Darius’ Herz schlug ihm immer noch bis zum Hals. Er verharrte in der ständigen Erwartung, dass sein Retter jeden Moment erwachen würde – sei es wegen irgendeines Geräuschs oder einer Bewegung, die er verursacht hatte, oder allgemein wegen dieses fremden Körpers, der die Hälfte des Platzes im Bett beanspruchte. Wollte er sich verwandeln, musste er sich vollkommen darauf konzentrieren und durfte sich keine Gedanken um seine Umgebung machen. Andernfalls gefährdete er seine Verwandlung – vielleicht sogar unwiderruflich. Sollte er es trotzdem wagen?
 

Hab ich denn eine Wahl? Ich kann ja schlecht hier so liegen bleiben.
 

Darius holte tief Luft.
 

Ich muss ... alles aussperren.
 

Langsam stieß er die angehaltene Luft wieder aus.
 

Hoffentlich wacht er nicht genau jetzt auf. Bitte ...
 

Er ballte seine Hände zu Fäusten.
 

Konzentration! Ich darf mich nicht ablenken lassen. Aber ... Diese Hand, ich spüre sie so deutlich. Ich kann sie nicht ignorieren. Das wird niemals gutgehen.
 

Darius verzweifelter Versuch, sich zu sammeln, scheiterte kläglich. Die Anspannung verließ seinen Körper, nicht aber, weil er seinen Kopf so weit freibekommen hatte, wie es für eine Verwandlung notwendig gewesen wäre, sondern weil er nicht daran glaubte, dass es jemals funktionieren würde. Er starrte eine Weile in Richtung Decke. Beinahe überdeutlich hörte er neben sich das immer noch gleichmäßige Atmen seines Retters, spürte ganz sachte sogar, wie sich die Bettdecke bei jedem Atemzug mitbewegte.
 

Mit einer Katze im Bett hatte der Mann keine Probleme. Ob er jemals erfahren würde, was diese Nacht geschehen war, wenn Darius es vor dem Morgengrauen in seine Katzengestalt zurückschaffte? Würde er ihn wie an jedem anderen Morgen auch begrüßen? Darius sah es vor sich: wie der Mann sich leise regte, die Augen aufschlug, sich reckte und aufrichtete; sich anschließend auf die Bettkante setze und Darius eine kurze Streicheleinheit zukommen ließ; wie er sich entschuldigte, ihn geweckt zu haben, und ihm versprach, gleich etwas Gutes zum Frühstück zu bereiten; wie er zum Schluss die Vorhänge zurückzog und Darius einen Blick auf den Himmel kurz vor der Morgendämmerung, wenn draußen alles in ein tiefes Blau gehüllt war, erhaschte. So konnte es an diesem Morgen doch auch wieder sein. Das, was Darius dafür tun musste ...
 

Er begann mit der Verwandlung.

Countdown

Das Gefühl war ihm vertraut. Er schloss seine Augen, um seine Sinne nicht zu überfordern. Darius schrumpfte von seiner eigentlichen Menschengröße sukzessive zusammen, bis er die in den letzten Wochen gewohnte Größe einer Katze erreicht hatte. Sein Körperbau veränderte sich. Die Stellung seiner Arme und Beine verschob sich und ihm wuchs ein Schwanz. Die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Veränderungen bemerkte er aber vor allem an seinem Kopf, der an den unterschiedlichsten Stellen gezogen, gestaucht, gedreht, eingedrückt und ausgebeult wurde. Seine Ohren, sein Gebiss, seine Nase und auch seine Augen – alles wurde etwas anders. Zusätzlich zu den sichtbaren Veränderungen, die er gerade nur spürte, veränderten sich auch seine Sinne. Sein Gehör- und Geruchsinn verbesserten sich, sein Körpergefühl wurde ein gänzlich anderes. Und während ihm Haare überall am Körper sprossen, spukte immer wieder dieser Gedanke durch seinen Kopf:
 

Bitte wach jetzt bloß nicht auf!
 

Nicht, dass er das großartig beeinflussen konnte. Nun, da die Verwandlung einmal begonnen war, musste er sie bis zum Ende durchziehen. Etwas Hoffnung schadete allerdings bestimmt nicht. In diesem Moment hörte er über das leise Rauschen und Knacken, die die Änderungen in seinem Körper begleiteten, noch ein weiteres Geräusch: Das Rascheln von Stoff, dann eine verschlafene menschliche Stimme.
 

„Mh? Was ...?“
 

Weiter, weiter ...
 

Obwohl sein Herz sich ebenfalls veränderte, schlug es unverdrossen weiter und jetzt sogar noch etwas schneller als zuvor. Doch es war dunkel und der Mann war nicht richtig wach. Er würde nicht damit rechnen, dass ein anderer Mensch oder gar ein Mischwesen aus Mensch und Katze plötzlich neben ihm im Bett lag.
 

Weiter, ich bin fast fertig ...
 

„Katze? Bist du wach?“
 

Ein unheilvoller Schauer überfiel Darius und vermutlich wäre ihm in diesem Moment kalter Schweiß ausgebrochen, wenn ihm das körperlich noch möglich gewesen wäre, doch glücklicherweise war seine Verwandlung schon zu weit fortgeschritten.
 

Etwas streifte seinen Rücken. Vermutlich war es die Hand, die noch Sekunden zuvor auf seinem Bauch gelegen hatte. Da er seine Augen immer noch geschlossen hielt, konnte er es nicht mit Sicherheit sagen. Von seinem Rücken aus tasteten Fingerspitzen in Richtung seines Kopfes und kraulten ihn hinter den Ohren.
 

Der Strom der Veränderungen ebbte ab und Darius spürte, dass die Verwandlung vollständig abgeschlossen war. Erleichtert sackte er in sich zusammen und atmete ein paar Mal tief durch, während die Hand noch immer auf seinem Kopf lag. Mit jedem Atemzug fühlte sie sich schwerer an. Zögerlich öffnete er nun doch seine Augen, blinzelte und erkannte dann den Mann neben sich. Dieser lag jetzt mit dem Gesicht zu ihm gedreht, hatte die Augen allerdings geschlossen. Langsam rutschte die Hand von Darius’ Kopf und Darius mutmaßte, dass der Mann wieder eingeschlafen war.
 

Eine ganze Weile lang tat Darius nichts, starrte lediglich in das Gesicht des Schlafenden. Nach dem Schock, den ihm sein Aufwachen in Menschengestalt verpasst hatte, und seiner unendlichen Erleichterung, dass seine Verwandlung offenbar unentdeckt geblieben war, war sein Kopf wie leergefegt. Nur allmählich tröpfelten einzelne Gedankenfetzen in sein Bewusstsein, wo sie sich wie Pfützen zu zusammenhängenden Gedankengängen und Fragen sammelten. Vor allem eine Frage schwirrte durch seinen Geist: Warum hatte er sich verwandelt? Er hatte doch geschlafen, war also nicht bei Bewusstsein gewesen, um die Verwandlung zu steuern. Ob jemand von außen seine Finger im Spiel gehabt hatte? Das war zwar eine Möglichkeit, doch Darius bezweifelte dies stark. Wer hätte dieser jemand sein sollen und wozu hätte er das bewerkstelligen sollen? Wenn die Verwandlung aber wirklich von ihm selbst ausgegangen war, war das höchst beunruhigend, wenn nicht sogar gefährlich. Nicht nur, dass er dabei beobachtet werden könnte – das war, außer vielleicht in der momentanen Situation, zwar unschön, aber kein gravierendes Problem. Vielmehr löste das unbewusste Verwandeln selbst tiefe Bedenken in ihm aus. Im Wachzustand trieb er die Verwandlung stets voran, um einen Stillstand in jedem Fall zu vermeiden. Was aber, wenn sich sein Unterbewusstsein – oder was auch immer in dieser Nacht beschlossen hatte, eine Veränderung seiner Gestalt herbeizuführen – sich mittendrin dazu entschied, eine Pause einzulegen? Nicht auszudenken ...
 

Dieser Gedanke hielt Darius die restliche Nacht über wach. Er traute sich nicht, auch nur für einen Moment seine Augen zu schließen, zu groß war seine Angst, auf einmal wieder in seiner richtigen Gestalt hier zu liegen. Obwohl er nun wieder ein wärmendes Fell hatte, fröstelte es ihn bei dieser Vorstellung. Um sich aufzuwärmen, hätte er sich nur allzu gern an seinen Retter gekuschelt, doch mit tiefem Bedauern widerstand er diesem Impuls. Was, wenn die Körperwärme ihn einlullte? Das war viel zu gefährlich.
 

Vielleicht sollte ich aufstehen und mir etwas die Beine vertreten?
 

Objektiv betrachtet wäre das sicher eine gute Möglichkeit, um wach zu bleiben und gleichzeitig auf frische Gedanken zu kommen. Aber ... Ganz unwillkürlich wanderte Darius’ Aufmerksamkeit zum Gesicht des schlafenden Mannes neben ihm. Wie oft würde er diesen Anblick noch aus solcher Nähe genießen können, auf dem Bettlaken liegend, das unverkennbar den Geruch seines Retters verströmte? Nein, er würde mit Sicherheit nicht aufstehen, um sich mitten in der Nacht allein irgendwo herumzutreiben. So harrte er also bis zum Morgengrauen aus, erfüllt von einer Mischung aus Empfindungen, die sich heillos zu einem Klumpen verheddert zu haben schienen. Und dieser Klumpen befand sich irgendwo in seiner Brust, drückend und schwer. Darius fand in dieser Nacht jedoch kein loses Ende, um das Durcheinander zu entwirren.
 

Gerade als sich am Nachthimmel ein erster hellerer Streifen am Horizont abzeichnete, rührte sich sein Retter, reckte die Arme über den Kopf, streckte die Beine und gab ein charmantes Ächzen von sich. Durch diese jähe Bewegung aus seiner Lethargie gerissen, fuhr Darius auf. Schnell schob er alle wirren Gedanken, die sich während der vergangenen paar Stunden in seinem Kopf verheddert hatten, beiseite und miaute zur Begrüßung. Endlich war diese merkwürdige Nacht vorüber.
 

Es dauerte nicht lange, bis der Mensch richtig wach und scheinbar nichts von den nächtlichen Ereignissen ahnend auf der Bettkante saß und Darius, wie jeden Morgen, kurz auf seinen Schoß ließ und hinter den Ohren kraulte. Darius schnurrte instinktiv.
 

„Was ...?“ Der Mann hielt in seiner Bewegung inne und auch Darius erstarrte. Was war nun? Hatte er doch etwas bemerkt? Die Hand, die Darius soeben noch gestreichelt hatte, wanderte zu seinem verletzten Hinterbein.
 

Ah... Darius ahnte, was geschehen war.
 

„Was ist mit der Schiene passiert? Sie ist nicht mehr dran ...“ Die Verwirrung war deutlich aus der Stimme des Mannes herauszuhören. Der Mann tastete Darius’ Bein ab, während dieser mucksmäuschenstill hielt.
 

Und jetzt? Wie soll ich das erklären?
 

Darius’ Herz klopfte laut in seiner Brust. An die Schiene hatte er überhaupt nicht mehr gedacht. Aber was hätte er auch tun sollen? Sie musste bei seiner Verwandlung kaputt gegangen sein, während er geschlafen hatte. Würde er nun auffliegen?
 

„Mit dem Bein scheint aber alles in Ordnung zu sein. Merkwürdig, wo ...?“
 

Der Mann legte Darius aufs Bett zurück, öffnete die Vorhänge des Fensters, das sich direkt oberhalb des Betts befand, wodurch ein wenig mehr Licht ins Zimmer fiel, und suchte anschließend die Matratze ab. Nach kurzer Zeit fand der Mann die Überreste der Schiene. Die zwei Stücke Holz, die Darius’ Bein stabil gehalten hatten, waren noch ganz, der Verband allerdings, der um sein Bein und das Holz gewickelt gewesen war, war gerissen und lag nun auf mehreren Fetzen in den Händen seines Retters, der die Teile nachdenklich betrachtete. Darius suchte fieberhaft nach einer Erklärung, irgendwas, mit dem er die zerstörte Schiene begründen könnte.
 

Moment, ich bin eine Katze. Ich muss doch überhaupt gar nichts erklären.
 

„Hat dich der Verband nun doch gestört, kleiner Kerl?“, wandte sich der Mann schließlich Darius zu. Dann lächelte er, wobei er mit den Stoffstücken in der Hand spielte. „Mich hat’s eher gewundert, dass er so lange drangeblieben ist. Als hättest du gemerkt, dass du ihn nicht mehr brauchst. Glückwunsch, dein Bein scheint wieder in Ordnung zu sein.“
 

Stimmt, es scheint alles wieder heil zu sein.
 

Darius hatte in dem Moment zwar überhaupt nicht darauf geachtet, doch als er nun im Nachhinein an seine Verwandlung in der Nacht zurückdachte, kam ihm an seinem Körper nichts ungewöhnlich vor. Insbesondere hatte sich sein Bein wie immer angefühlt, gesund und unverletzt.
 

Das ist ... großartig. Irgendwie ...
 

Für einen kurzen Augenblick starrte er auf die Bettdecke. Er hätte sich doch freuen müssen, schließlich war seine Genesung der wichtigste Schritt, um endlich wieder in seinen menschlichen Körper zurückzukehren. Nun aber war er deprimiert. Wenn nun selbst sein Retter der Überzeugung war, dass es ihm wieder gut ging, dann waren seine Tage hier gezählt. Es gab schließlich keinen Grund mehr, die Katze – also Darius – hierzubehalten. Sie würden sich noch die Bestätigung des Magieheilers abholen, doch das war wohl lediglich eine Formalität. Das Wissen um seinen Abschied war die eine Sache, doch die direkte Konfrontation mit dieser Tatsache eine ganz andere. Das Ende seiner Zweisamkeit mit seinem Retter stand kurz bevor.
 

„Lass uns erst mal etwas frühstücken. Wir haben einen weiten Weg vor uns.“
 

Das Lächeln des Mannes schien in Darius’ Augen nicht so recht zu passen. Geknickt erhob er sich. Jetzt war er nicht mehr nur niedergeschlagen, sondern hatte zudem noch ein schlechtes Gewissen. Sein Retter schien sich wirklich für ihn zu freuen, doch er wünschte sich nun beinahe, dass seine Verletzung ruhig noch etwas gravierender hätte sein können.

Unterwegs

Sie brachen auf, noch bevor die Sonne aufgegangen war. Darius lag in dem Korb, in dem er schon beim letzten Mal, als sie beim Magieheiler gewesen waren, herumgetragen worden war. Er konnte sich immer noch nicht so recht entscheiden, ob er sich freuen oder doch eher weinen wollte. Immerhin, die eine Sorge, die ihm vor der vergangenen Nacht wie ein ständiger Begleiter durch den Hinterkopf gespukt war, hatte sich in Luft aufgelöst. Er konnte sich ganz offensichtlich in einen Menschen zurückverwandeln. War das nicht die Hauptsache?
 

Darius schaukelte sanft in seinem Korb hin und her, während sein Retter mit gleichmäßigen Schritten eine um diese Uhrzeit noch verlassene Straße entlangschritt. Um sie herum lagen Felder und Wiesen, doch je weiter sie sich vom Dorf entfernten, desto geringer wurde der Anteil an angebautem Getreide und Feldfrüchten. Und auch die Anzahl der Viehweiden, auf denen die Tiere in jungen Jahren zur Aufzucht gerne durchgehend vom Frühling bis in den Herbst draußen gehalten wurden, nahm ab. An sich hatte Darius von praktischer Feldarbeit keine Ahnung, aber er verpachtete ja selbst Felder an Bauern und bekam deshalb trotzdem einiges mit – zumindest in der Theorie. Laut der Viehbauern stimmte es wohl, dass die jungen Tiere, wenn sie draußen gehalten wurden, im Mittel widerstandsfähiger und gesünder waren. Auch sparten sich die Bauern den Platz in ihren Ställen. Allerdings war das Vieh unter freiem Himmel unter anderem der Gefahr von Wildtieren und Viehdieben ausgesetzt. Und der Zaun, der um eine Weide errichtet wurde, musste, wie auch das Vieh selbst, regelmäßig kontrolliert werden. Insofern war auch bei den Viehweiden eine Nähe zum jeweiligen Hof gewünscht.
 

Nach einer Weile, während der Darius' Retter schweigend vor sich hin marschiert war, waren nur noch Wiesen um sie herum. Darius, der seinen Kopf auf den Rand des Korbs platziert hatte und so einen guten Blick nach vorn hatte, fiel auf, dass sich in der näheren Umgebung der Straße nur sporadisch Bäume und Sträucher befanden. Dies machte das Reisen auf der Straße zwar deutlich sicherer, andererseits war man so auch jeder Witterung unmittelbar ausgesetzt. Jetzt, als sich der Horizont langsam rosa färbte, war eine etwaige Mittagshitze freilich noch kein Problem. Und nach Regen sah es ebenfalls nicht aus. Der Meinung waren auch die vielen Vögel, die überall um sie herum zwitscherten, flatterten und hüpften.
 

Da er die vorherigen Male nicht wirklich gut auf den Weg geachtet hatte, wusste Darius nicht, wie lange sie unterwegs sein würden. Er hatte das Dorf seines Retters und natürlich auch die Straße, die dorthin führte, zuvor nicht gekannt und konnte deshalb auch wenig über die Entfernung zur Stadt sagen. Sie war wohl fußläufig erreichbar, doch das war alles, was er sagen konnte. Er wunderte sich etwas, dass sein Retter für den Weg kein Reittier nutzte. Aber naja, Pferde waren teuer und Kutschen verkehrten in dieses Dorf offenbar nicht als regelmäßige Mitfahrgelegenheit. Persönlich gemietet waren sie auf Dauer auch zu teuer. Zum Glück war Darius’ Retter fit und schritt den Weg entlang, als würde er ihn gut kennen. Außer den Korb mit Darius in der Hand hatte er noch einen Stoffbeutel um die Schulter hängen. Darius wusste nur, dass sich darin etwas zu trinken befand. Ob sonst noch etwas in dem Beutel war, wusste er nicht. Sein Retter hatte den Beutel stets dabei, wenn er sich früh auf den Weg zur Arbeit machte und auch heute war, wenn sein Zeitgefühl ihn nicht komplett täuschte, wieder ein Arbeitstag.
 

Ob er in der Stadt arbeitet? Das letzte Mal hat er mich auch vor seiner Arbeit zum Heiler gebracht und am darauffolgenden Tag abends nach der Arbeit abgeholt. Das würde ja bedeuten, er läuft diese Strecke jeden Tag ...
 

Während Darius noch darüber nachdachte, dass das nichts für ihn wäre, bog der Mann von der Straße ab und betrat einen schmalen Pfad, der zunächst zwischen zwei Wiesen verlief und auf einer Seite von einer Reihe bunt blühender Sträucher gesäumt wurde. Der Pfad führte sie weg von der Straße, die ohne Zweifel von Bauern und Händlern zum Transport benutzt wurde, und hin zu einem Wald, den Darius vor sich ausmachen konnte. Sie waren nun etwa eine halbe Stunde vom Dorf entfernt. Vor dem heller werdenden Himmel hoben sich die Bäume momentan noch finster ab, doch das würde sich bald ändern. Er lauschte, und über das Singen der Vögel konnte er ein leises Plätschern hören.
 

Darius seufzte innerlich. Es war alles so friedlich, er hätte zufrieden sein müssen. Und doch war er es nicht. Er hatte zwar keine Ahnung, wie die kommenden Stunden ablaufen würden, doch er konnte sich kaum vorstellen, dass er in das Heim seines Retters zurückkehren würde. Schließlich hatte ihn der Mann ja nur aufgenommen, weil er ihn verletzt auf der Straße gefunden hatte. Nun, da er wieder fit war, gab es einfach keinen Grund, ihn – die Katze – zu behalten.
 

Das Geräusch des Wassers wurde lauter. Darius hob den Kopf vom Rand des Korbes ab und sah, wie sich ein paar Schritte weiter ein Bach kurz vor Beginn des Waldes durch die Wiese schlängelte. Der Pfad, den sie entlanggingen, hielt auf eine schmale Brücke zu. Eigentlich war es nur ein größeres Brett, das von einer Uferseite zur anderen reichte. Wer nicht ganz unsportlich war, konnte den Bach sicher auch durch ein beherztes Hinüberspringen überwinden.
 

„Ah, schönen guten Morgen!“ Da saß ein Mann etwas abseits des Pfades am Ufer, hinter sich den Wald und vor sich das Wasser, in das er eine kurze Angel hielt. Bei der Begrüßung hob er seinen Hut mit der angelfreien Hand etwas an. Die Haut an den Händen und im Gesicht war gut gebräunt, beinahe wettergegerbt, und von vielen Falten durchzogen, die sein Alter erahnen ließen. Die Bartstoppeln und der ausgebeulte Mantel ließen ihn etwas schmuddelig wirken, doch Darius’ Retter blieb nach dem Überqueren der Brücke stehen und erwiderte den Gruß.
 

„Wie ist der Fang bisher?“ Er schien den alten Mann zu kennen. Zumindest wirkte es nicht so, als wäre er ihm heute zum ersten Mal begegnet.
 

„Nah, frag nicht. Die halbe Nacht sitze ich schon hier, doch die Fische wollen einfach nicht kommen.“ Der alte Mann grinste schief und entblößte dabei einige Zahnlücken. „Dabei haben wir hier doch so schönes, klares Wasser.“
 

„Es hat in letzter Zeit kaum geregnet“, gab Darius’ Retter zu bedenken. „Das verringert die Wassermenge und auch den Sauerstoffgehalt im Wasser ...“
 

„Ahahaha... Ach, Jungchen!“ Der alte Mann schüttelte sich beinahe vor Lachen. „Du wieder ... Naja, was soll's. Ich hab Zeit, ich kann hier auch noch ein bisschen sitzen und weiter warten, bis doch noch einer auftaucht. Also ein Fisch, meine ich. Aber du nicht, oder? Ich will dich und deine Katze nicht aufhalten.“
 

Irgendwie komisch, dass er nichts weiter zu mir sagt. Ist er gar nicht neugierig, warum einer mitten in der Früh mit einer Katze im Korb durch die Gegend läuft? Ich würde mich das fragen ...
 

„Schon gut.“ Darius’ Retter zuckte lächelnd mit den Schultern. „Dann noch viel Erfolg.“ Damit setzte er sich wieder in Bewegung.
 

„Mach's gut!“ Der alte Mann mit der Angel winkte ihnen sichtbar gut gelaunt nach, doch nachdem sie den Wald betreten und die ersten paar Bäume passiert hatten, war er nicht mehr zu sehen.
 

Darius konnte den Weg zwischen den Bäumen hindurch nicht wirklich als solchen erkennen; vermutlich würde er sich heillos verlaufen, wäre er auf eigene Faust hier unterwegs. Doch sein Retter legte die Strecke sicheren Schrittes zurück. Er schien sogar jedes Loch im Boden und jede hervorstehende Wurzel im Voraus zu kennen und den Hindernissen geschickt auszuweichen. Die Monotonie seiner Umgebung ließ Darius wieder müde werden, doch er setzte alles daran, wach zu bleiben. Schließlich konnte er nicht ausschließen, dass er sich wieder verwandelte, sobald er nicht mehr Herr seiner Sinne war. Zudem wollte er die wenige Zeit, die ihm noch mit seinem Retter blieb, nicht vergeuden. Auch wenn – zugegeben – dieser stille Spaziergang durch einen namenlosen, unspektakulären Wald alles andere als erheiternd war. In seiner momentanen Lage konnte er sich jedenfalls nicht an der Natur und ihrer Schöpferkraft erfreuen. Er sah nichts als Bäume und zwischen den Bäumen war es finster. Der Sonnenaufgang schien in weite Ferne gerückt. Nicht, dass ihm die Dunkelheit an sich Probleme bereitete, doch sie spiegelte seine Stimmung wider und das deprimierte Darius nur noch mehr. Er kam sich schwer und träge vor, als befände sich statt eines Herzens ein Stein in seiner Brust.
 

Umso überraschter war Darius bei dem Anblick, der sich ihm bot, als der Wald lichter wurde und sie schließlich zwischen zwei Baumstämmen hindurch und unter freien Himmel traten. Sie standen auf der Kuppe eines sanften, satt grünen Hügels. In der Ferne, deutlich unterhalb ihrer momentanen Position, erkannte Darius Häuser - viele Häuser, die dicht beieinanderstanden. Es war zwar aufgrund seiner Katzenaugen und der Entfernung alles unscharf, doch er war sich sicher, allein anhand der großen, braun-grauen Masse, als die er die Häuseransammlung wahrnahm, dass es sich dabei um ihr Ziel handelte. Am Horizont, etwas weiter links, schob sich gerade die Sonne als orangeroter Fleck hinter einer Hügelkette nach oben und tauchte die gesamte Landschaft in warmes, goldenes Licht.
 

Darius schloss für einen Moment die Augen, so hell war es. Dann fiel ihm auf, dass sie stehen geblieben waren und er warf einen fragenden Blick nach oben. Sofort war auch der letzte Rest schlechter Stimmung wie weggeblasen. Auf dem Gesicht seines Retters zeichnete sich ein Lächeln ab, während er die Landschaft, die sich vor ihm ausbreitete, in aller Ruhe betrachtete.
 

Er sieht das doch bestimmt fast jeden Tag. Dass er sich trotzdem so darüber freuen kann ... Einerseits konnte Darius das nicht so richtig nachvollziehen, andererseits bewirkte diese Geste etwas in ihm, das ihn dazu brachte, ebenfalls zu lächeln. An seinem Katzengesicht mochte man es vielleicht nicht sehen, doch er selbst konnte es in sich spüren. Dass sein Retter sich so sehr an etwas Alltäglichem erfreuen konnte – dass er sich davon erfreuen ließ - er war einfach ein netter Mensch.
 

Wie kann jemand nur so sein? Darius’ gesamte Aufmerksamkeit galt den bernsteinfarbenen Augen, die in diesem Moment sogar noch heller zu strahlen schienen als die aufgehende Sonne. Diese Augen, dieses Gesicht, dieser Mensch ... Darius wollte nicht von ihm weg. Jetzt nicht und auch in Zukunft nicht. Da war diese Enge in seiner Brust. Sie schmerzte zwar, aber nur ein bisschen, und er wollte mehr davon. Wollte diesen Schmerz, diesen Druck noch intensiver spüren. Er wollte seinem Retter so nah sein, wie es nur irgend ging.
 

Das Lächeln verschwand aus Darius Blickfeld, als der Mann den Kopf etwas drehte und mit der rechten Hand nach etwas in seiner Hosentasche griff – in der linken hielt er immer noch den Korb mit Darius.
 

„Ein bisschen Zeit haben wir noch“, murmelte der Mann dabei und zog seine Hand wieder aus der Tasche, wobei er behutsam etwas in seiner hohlen Faust hielt. Bevor Darius mehr erkennen konnte, wurde er samt Korb auf dem Boden abgestellt. Der Mann hockte sich neben ihn, streckte ihm die Hand nun mit geöffneter Handfläche hin und präsentierte ihm so eine Handvoll Heidelbeeren. Deren fruchtig herber Duft stieg Darius sogleich in die Nase und er schnupperte angenehm überrascht. Er mochte diese Beeren – als Mensch wie auch als Katze. Die Beeren sahen ganz frisch aus und Darius wusste auch, dass sie üblicherweise in Wäldern zu finden waren, aber wann hatte der Mann ...?
 

Er hat doch nicht eine einzige Beere gepflückt, und trotzdem hält er mir gerade einen ganzen Haufen davon unter die Nase. Das ist erstaunlich, oder beinahe ... unheimlich?
 

Der Mann schnappte sich vorsichtig eine der oberen Beeren und steckte sie sich in den Mund. Sie schien zu schmecken, denn eine zweite wanderte gleich hinterher.
 

„Wenn du noch länger wartest, sind gleich keine mehr da“, meinte er an Darius gewandt und Darius war sich nicht sicher, ob diese Bemerkung als Scherz gemeint war. Wenn er seine Vorliebe für Blaubeeren als Maßstab nahm, war der Kommentar durchaus ernst zu nehmen. Schnell erhob er sich und fischte mit den Zähnen nun seinerseits eine kleine Beere aus der Hand seines Retters. So verputzten sie abwechselnd die Handvoll Blaubeeren, während der Mann oft nur lächelte und wortlos den Kopf schüttelte.
 

„Ein Tier wie dich habe ich auch noch nicht gesehen ...“, meinte er schließlich, nachdem die letzte Beere zwischen Darius’ Zähnen verschwunden war. Es schien zunächst so, als wolle er noch weitersprechen, doch Darius wartete vergebens auf eine Erklärung. Naja, vielleicht war dem Mann nun doch eingefallen, dass es üblicherweise wenig Sinn hatte, seine Gedanken einer Katze mitzuteilen. Nun wandte er sich dem Beutel zu, den er neben sich platziert hatte. Er öffnete die Schnürung, suchte im Inneren kurz nach etwas Bestimmtem und holte schließlich die Trinkflasche hervor. Nachdem er den Korken abgenommen hatte, setzte er sie an die Lippen und trank.
 

Darius beobachtete alles ganz genau. Besonders faszinierte ihn die Silhouette des Mannes, wie sich bei jedem Schluck der Adamsapfel leicht auf und ab bewegte. Zu trinken war etwas völlig Normales, etwas Alltägliches, und doch konnte Darius den Blick nicht vom Profil des Mannes abwenden. Das Engegefühl in seiner Brust war ihm in den vergangenen Tagen beinahe schon vertraut geworden, aber es schmerzte trotzdem. Ob er, wie jetzt, nur einen halben Schritt von seinem Retter entfernt war oder ob es einhundert Schritte waren – das Ergebnis blieb dasselbe.
 

Vielleicht wurde es wirklich Zeit, dass sich ihre Wege wieder trennten. Wie lange konnte er diese einseitige Nähe noch ertragen? Jede gemeinsame Minute kam ihm qualvoller vor als die vorherige.
 

Ich bin so ein Idiot. Wahrscheinlich sollte ich dankbar sein, dass es bald vorbei ist, bevor ich mich ... Nanu?
 

Der Mann war gerade dabei, die Trinkflasche wieder in seinem Beutel zu verstauen, als Darius einen Blick auf die übrigen, im Beutel befindlichen Gegenstände werfen konnte. Er hatte sich bislang keine großartigen Gedanken um diesen Beutel gemacht. Jeder trägt halt so einige Dinge mit sich herum, besonders, wenn man – wie sein Retter – fast den kompletten Tag unterwegs ist. Nun aber waren sämtliche Gedanken, die er auf sich und seine erbärmliche Existenz verschwendete, mit einem Schlag wie weggeblasen. Er sah freilich nicht alles und das, was er sah, auch nur ganz kurz. Dennoch ... Wenn er gekonnt hätte, hätte er in diesem Moment die Stirn gerunzelt.
 

Was hat das zu bedeuten?

Messer

Die Sonne stieg höher, je näher sie der Stadt kamen. Darius lag wieder in seinem Korb und ließ sich tragen. Selbst wenn er wieder normal laufen konnte, war es nicht ratsam, sein gerade genesenes Bein sofort wieder voll zu belasten. So viel medizinisches Wissen hatte selbst er, ganz zu schweigen von dem Mann, der ihn zunächst verarztet hatte und ihn nun so unermüdlich durch die Gegend trug.
 

Es war immer noch sehr früh am Tag und deshalb waren außer ihnen nur wenige Menschen unterwegs. In der Stadt selbst gab es kaum Landwirtschaft, doch in deren Umland lagen verstreut Bauernhöfe. An einigen von ihnen kamen sie nun vorbei und viele der Leute, die dort auf den Feldern oder in den Ställen arbeiteten, grüßten sie und es hatte den Anschein, als würden sie Darius’ Herrchen kennen.
 

Als sie nach ihrer Abkürzung durch den Wald auf einen der größeren Wege trafen, die in Richtung Stadt führten, begegneten ihnen auch einige fahrende Händler, die komfortabel mit Kutschen unterwegs waren und wohl darauf hofften, durch ihren frühzeitigen Aufbruch als erstes an ihrem jeweiligen Zielort einzutreffen und so die besten Geschäfte abzustauben.
 

Darius bekam dies alles nur am Rande mit. Er rätselte noch immer über den Inhalt des Beutels, den sein Retter über der Schulter trug. Es war nur ein flüchtiger Moment gewesen, in dem er überhaupt etwas gesehen hatte, deshalb konnte er sich auch kaum sicher sein. Aber er glaubte doch, dass sich in dem Beutel ein Messer befand. Die Klinge hatte das Licht der flach einfallenden Sonne für einen Augenblick reflektiert. Neben dem Messer war eine Art Mäppchen gewesen. In dieses hatte Darius natürlich keinen Blick werfen können, doch solche Taschen waren üblicherweise dazu da, kleineres Werkzeug oder sonstigen Kleinkram zu organisieren. Und dann war da noch ein Holzstiel gewesen, glatt und schmucklos. Darius hatte allerdings nur das eine Ende des Stiels gesehen. Was sich an dem Ende, das tief im Beutel steckte, befand, darüber konnte er nur spekulieren. Für eine Schaufel war der Gegenstand jedenfalls zu kurz, für einen Handbesen zu lang. Dazwischen erschien ihm alles möglich.
 

Darius versuchte nun, einen besseren Blick auf den Beutel zu erhaschen, um dessen Gewicht einschätzen zu können. Der Mann trug den Beutel, als wäre er kaum von Belang, doch Darius wusste ja, wie kräftig er unter der unscheinbaren Kleidung war. Der Beutel war aus schwerem, dickem Stoff gearbeitet, doch zumindest der Boden war mit Sicherheit mit Leder verstärkt, denn es zeichnete sich so gut wie nichts ab. Keiner der Gegenstände im Inneren verursachte eine größere Beule. Doch da der Mann den Beutel am Rücken trug und er ihn nicht im Ganzen betrachten konnte, war sich Darius auch hierbei nicht sicher.
 

Das, was ihn jedoch am meisten stutzen ließ, war ein weiterer Gegenstand, den er vorhin erspäht hatte. Vielleicht hatte er sich die Ähnlichkeit auch nur eingebildet, denn eigentlich handelte es sich dabei um nichts Besonderes. Er hatte die Ecke einer kleinen Holzschachtel in dem Beutel gesehen. Einer Holzschachtel, die ihm sehr bekannt vorkam, denn sie sah wie diejenige aus, in der er zuhause seine Maske aufbewahrte. Der Handwerker, der einst die Maske angefertigt hatte, hatte sie ihm in der Schachtel übergeben. Doch es war schließlich nicht viel mehr als eine einfache Holzschachtel, von deren Art es sicher hunderte oder eher tausende gab. Und nicht in allen wurden Gesichtsmasken aufbewahrt. Wahrscheinlich hatte das überhaupt nichts zu bedeuten, doch für einen Moment war er sich sicher gewesen, seine Schachtel darin gesehen zu haben.
 

Was für ein Schwachsinn.
 

Darius schüttelte seinen Kopf. Dieser kurze Blick ins Innere des Beutels hatte jedenfalls nicht dazu beigetragen, dass er mehr über seinen Retter erfuhr. Vieles blieb für ihn immer noch ein Geheimnis.
 

Sie waren mittlerweile in den Randgebieten der Stadt angekommen. Darius wusste, dass gerade am Stadtrand viele Wohngebiete lagen, in denen die ärmeren Teile der Bevölkerung lebten. Die Straßen, die über die vier Haupttore in die Stadt führten, wurden jedoch von eigens abgestellten Soldaten bewacht, sodass es für den Verkehr hier im Normalfall keine Probleme gab. Festgelegte Eingangskontrollen fanden keine statt. Allein die Anwesenheit der Soldaten machte auf die meisten Passanten wohl so viel Eindruck, dass bislang keine verpflichtenden Kontrollen notwendig waren.
 

Da er getragen wurde, hatte Darius ausreichend Zeit, sich umzusehen. Die einstöckigen Hütten und Baracken am Stadtrand wirkten wenig einladend. Eher bekam er sogar das Gefühl, den Blick abwenden zu müssen. Wie es wohl um sein Haus stand? Er war immerhin etwa einen Monat lang nicht dort gewesen. Bestimmt gab es einiges zu tun, aber darüber wollte er sich gerade keine Gedanken machen.
 

Er linste hinauf zu seinem Retter. Was mochte der wohl beim Anblick der heruntergekommenen Bauten denken? Vielleicht konnte er etwas aus dessen Gesicht ablesen. Doch Darius bekam nicht das, was er sich erhofft hatte, denn die Miene des Mannes war ausdruckslos. Er schaute stur geradeaus und setzte unbeirrt weiter einen Fuß vor den anderen. Außer der stoischen Miene war noch etwas anders als auf ihrer bisherigen Reise: Seit sie in der Stadt angekommen waren, hatte der Mann aufgehört, Passanten zu grüßen. Darius kam es beinahe so vor, als wäre er nicht gerne hier und als versuchte er, so rasch und unauffällig wie möglich seinen Weg zurückzulegen.
 

Ich bin irgendwie davon ausgegangen, dass er hier arbeitet. Ob das gar nicht stimmt? Andererseits muss es ihm hier ja nicht gefallen, nur weil er hier arbeitet. Wenn er tatsächlich hier arbeitet, wäre der Gegensatz zu seinem Wohnort allerdings gewaltig.
 

Erneut fühlte sich Darius verloren in seinen Überlegungen. Wenn er doch einfach fragen könnte, wäre so vieles einfacher. Doch auch diesen Umstand zu bedauern, war zwecklos.
 

Sie hatten die Randbezirke hinter sich gelassen und waren mittlerweile in einem Bereich angelangt, der von vielfältigen Geschäften dominiert wurde. Darius las die bunten Schilder, die auf Lebensmittel, Kleidung, exotische Waren - näheres wurde hierzu auf dieser speziellen Reklame nicht erläutert -, Werkzeuge oder Gemischtwaren aller Art hinwiesen. Außer einer Bäckerei hatten alle Läden momentan allerdings noch zu. Zwischen einer Schneiderei und einem Eckhaus ohne nähere Bezeichnung bogen sie von der Hauptstraße ab und betraten ein Gewirr aus kleineren Straßen und Gassen, in dem sich hauptsächlich Handwerksbetriebe und Wohnungen befanden. Darius’ Retter schritt zielsicher durch das Viertel, das momentan ziemlich verlassen wirkte. Die Sonne hatte es noch nicht über die Hausdächer geschafft, sodass sämtliche Wege weiterhin im Schatten lagen.
 

Gerade als sie um eine weitere Ecke bogen, passierte es. Darius hörte mit seinen Katzensinnen noch das Atmen einer weiteren Person, als etwas direkt vor ihnen durch die Luft sirrte. Darius war sofort hellwach, spürte, wie sein Korb zu schwanken begann und machte instinktiv einen kräftigen Satz nach draußen, wurde beinahe hinausgeschleudert. Noch in der Luft drehte er sich, landete mit allen Vieren auf dem Straßenpflaster und war sofort bereit, wenn nötig, weiter zu fliehen. Was war passiert? Seine inneren Alarmglocken schrillten und meldeten Gefahr, doch es war so schnell gegangen, dass er rein intuitiv gehandelt hatte. Hektisch blickte er sich um. Sein Herz raste und ließ das Blut in seinen Ohren rauschen.
 

Da! Ein Messer!
 

Darius entdeckte das Messer in der Hand ihres Angreifers, eines drahtigen Jugendlichen, der sich mit entschlossenem Blick gerade wieder fangen wollte, nachdem er vom Schwung seines zweiten Hiebs aus dem Gleichgewicht geraten war. Darius war sich sofort sicher, dass der Junge dieses Messer nicht zum ersten Mal führte. Der Angriff war so plötzlich gekommen – er musste ihnen aufgelauert haben, um sie gezielt ...
 

Nicht uns ...
 

Darius stockte der Atem.
 

Was ist mit ihm? Ist er ...?
 

Ein unangenehmer Knoten bildete sich in seinem Inneren. Sofort schnellte sein Blick weg von ihrem Angreifer hin zu ihm, seinem Retter.
 

Wie schlimm ist er verletzt? Kann ich irgendwas für ihn tun?
 

Darius suchte den Boden nach Blutspuren ab, doch er fand keine. Es lag auch kein metallischer Geruch in der Luft. Verdattert erstarrte er für einen kurzen Moment, während sein Kopf auf einmal wie leergefegt war. Erst einen Atemzug später schien die Zeit weiterzulaufen.
 

Ist er ... tatsächlich unverletzt?
 

Noch stand sein Retter auf zwei Beinen da. Hektisch glitt Darius’ Blick an dessen Körper auf und ab und blieb zuletzt am Gesicht hängen, das er momentan nur im Profil sah. Doch auch aus dieser Perspektive konnte Darius die Gelassenheit darin erkennen.
 

Der Angreifer hatte kaum die vorige Bewegung, die ins Leere gegangen war, abgefangen, da ging er auch schon zu einem weiteren Hieb über. Er ging in die Hocke, schnellte dann mit einem Satz und Messer voran nach vorne, nur um im nächsten Augenblick einen schwungvollen Tritt gegen die Beine von Darius’ Retter zu führen.
 

Darius sah alles, konnte aber nichts tun. Er hielt den Atem an.
 

Der Mann wich sowohl dem Messer als auch dem eigentlichen Angriff, nämlich dem Tritt, mit einer blitzschnellen, eleganten Drehung aus. Der Angreifer stolperte, fing sich jedoch gleich wieder und stieß ein Zischen aus.
 

„Tss, wie nervig.“ Der Jugendliche machte einen Hüpfer nach hinten, drehte das Messer in seiner Hand, wedelte kurz damit und setzte dann ein siegessicheres Grinsen auf. Darius schwante nichts Gutes.
 

Das Wedeln war doch ein Zeichen, oder?
 

Darius hörte Schritte aus einem Durchgang, den sie eben erst passiert hatten. Da kam jemand zweites von hinten auf sie zu, vermutlich ein Komplize. Sie waren eingekesselt. Für Darius wäre es ein leichtes, zu entkommen, doch sein Retter ...
 

„Wiesel, dein Plan hat diesmal aber so gar nicht funktioniert.“ Der zweite Angreifer trat aus dem Durchgang hervor. Sein spöttischer Ton entlockte dem ersten ein erneutes missbilligendes Zischen.
 

„Halt die Schnauze, du nervst.“
 

„Ahaha, witzig. Du hast mich doch gerade zu Hilfe geholt.“ Der neu Hinzugekommene war etwa im selben Alter wie der erste Angreifer, jedoch gut einen Kopf größer und weitaus massiger.
 

„Zu Hilfe? Tss, das ist lediglich Plan B.“
 

„Ah, ja. Plan B.“ Angreifer Nummer zwei knackte mit den Fingerknöcheln, während er weiter mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf Darius’ Retter zuschritt.
 

Die Soldaten! Ob ich sie dazu bringen kann, mir zu folgen?
 

Darius machte zaghaft einen Schritt rückwärts, doch auf ihn achteten die beiden Chaoten überhaupt nicht. Vielleicht war nun seine große Stunde gekommen!
 

Die Straße hier runter, da vorne rechts, und dann? Ah, Mist, ich finde den Weg zur Hauptstraße bestimmt wieder, wenn ich ihn sehe. Bestimmt.
 

Er machte noch einen Schritt.
 

„Also, Alter. Überleg’s dir“, fing in dem Moment Angreifer Nummer eins – der andere hatte ihn Wiesel genannt – zu sprechen an und bedachte Darius’ Retter dabei mit einem überheblichen Gesichtsausdruck. „Gib uns dein Geld und alles, was in der komischen Tasche da ist, und mein Freund Teddy mischt sich nicht weiter ein.“
 

Teddy, der massige Kerl, stellte sich breitbeinig hinter dem Mann auf, ließ noch einmal betont lässig seine Handgelenke knacken und rollte mit den Schultern.
 

Ich könnte ihm auch von hinten ins Gesicht ... Damit rechnet er bestimmt nicht.
 

Es sah nicht gut aus. Darius war überzeugt, dass Teddys Muskeln nicht nur Show waren. Und Wiesel hatte immer noch das Messer in der Hand. In dieser Lage konnte Darius sein Herrchen doch nicht allein lassen. Aber ...
 

Ich kann ihn nicht anspringen, das ist viel zu gefährlich. Wenn einer von denen mich erwischt, ist es vorbei.
 

Darius stand wie gelähmt da. Seine Überlegungen überschlugen sich und verhinderten dadurch, dass er irgendeinen klaren Gedanken fassen konnte. Als Mensch hätte ihm in einer solchen Situation bestimmt der Schweiß auf der Stirn gestanden. So jedoch zuckte seine Schwanzspitze nervös hin und her.
 

Aber wenn einer von denen ihn erwischt?
 

Darius schaute erneut zu seinem Retter und fasste einen Entschluss. Er würde nicht weglaufen, er würde sich bereithalten und ...
 

„Jungs, ist das euer Ernst?“ Es waren die ersten Worte, die der Mann an die beiden Angreifer richtete. Er war immer noch Wiesel zugewandt, doch Darius erkannte, dass er aus dem Augenwinkel auch Teddy hinter sich beobachtete.
 

„Tss, und ob. Du siehst aus, als hättest du Geld, also her damit!“
 

Der Mann hob die Augenbrauen leicht an. Wiesels Forderung schien ihn komplett kalt zu lassen. Darius fragte sich, woher diese Gelassenheit kam. War sein Retter am Ende irgendeine Art Kampfsportprofi?
 

Nein ... Oder?
 

„Ihr zwei“, setzte der Mann in ruhigem, aber dennoch scharfem Tonfall an, „wenn ihr jetzt gleich ohne weiteres Aufheben verschwindet, dann werde ich ...“
 

„Tss, laber uns nicht voll!“
 

Noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, hechtete Wiesel nach vorn, das Messer gezückt und scheinbar mehr als bereit, für eine unbekannte Summe Geld einen anderen Menschen niederzustrecken. Gleichzeitig nahm auch Teddy eine Art Kampfposition ein. Im Rücken von Darius’ Retter holte er mit seinem Arm aus.
 

Jetzt!
 

Darius zögerte nicht. Einzig und allein mit dem Ziel vor Augen, sein Herrchen vor diesem feigen Doppelangriff zu bewahren, sprang er los. Mit zwei Sätzen war er neben Teddy, drückte sich beim dritten Sprung nach oben ab und krallte sich an Teddys Arm fest.
 

„Hä, wo kommt dieses Vieh auf einmal her?“
 

Darius sah nichts mehr. Alles verschwamm vor seinen Augen zu einem wilden Durcheinander aus Farben, als Teddy offenbar seinen Arm herumschleuderte, um das Tier loszuwerden. Doch Darius dachte gar nicht daran, loszulassen. Er hatte es geschafft, den Schlag abzuwenden!
 

„Weg mit dir!“
 

Das Hin und Her hörte für einen kurzen Moment auf und etwas packte ihn unsanft im Genick. Er wurde ruckartig nach hinten gerissen, doch noch bevor seine Krallen nachgaben, hörte er einen Schlag, begleitet von einem dumpfen Ächzen. Sofort lockerte sich der Griff in seinem Nacken und erneut drehte sich die Welt um ihn. Diesmal jedoch kam der Boden in rasender Geschwindigkeit näher. Beinahe reflexartig sprang Darius entgegen der Fallbewegung ab. Er hatte nicht gesehen, was genau passiert war, und noch bevor er sich einen Überblick verschaffen konnte, hörte er erneut ein unterdrücktes Keuchen. Etwas Dunkles flog dicht an ihm vorbei, während er selbst durch die Luft segelte. Als er mit allen Vieren sicher auf dem Straßenpflaster landete und den Kopf hob, musste er eigentlich gar nicht mehr hinschauen, um zu wissen, was da geflogen war. Der metallisch süßliche Geruch war unverkennbar und drang streng in seine Katzennase ein. Darius erstarrte.
 

Sein Retter taumelte, während er sich die Seite hielt. Eine feine Spur roten Blutes zeichnete sich zu seinen Füßen ab.

Gnade

Darius fauchte.
 

Er hat ihn erwischt!
 

Ihm rutschte das Herz in die Hose. Wie schlimm war es? Nur ein Kratzer, oder doch ...? Unbewusst tappte er mit bebenden Pfoten hin zu seinem Retter. Er war wie in einem Tunnel, sah nur noch ihn und das Blut. Ein Rauschen in seinen Ohren übertönte alle anderen Geräusche.
 

Er ist verletzt. Er blutet. Es tropft weiter, so viel Blut ... [/I[
 

Seine Brust schien von einem eisernen Griff gepackt. Er atmete flach und hektisch und der Tunnel, durch den er schritt, dehnte sich mehr und mehr in die Länge; das helle Ende rückte in immer weitere Ferne.
 

„Teddy!“
 

Der laute Ausruf holte Darius schlagartig ins Hier und Jetzt zurück. Das Rauschen schwoll ab, sein Blickfeld weitete sich. Überrascht blieb er stehen und merkte, dass er fast in Wiesels Reichweite war. Der funkelte sein Gegenüber wütend an und presste zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während ihm eine Schweißperle über die Schläfe rann: „Na warte, du dreckiger ... Das nächste Mal treffe ich dich richtig, das wirst du sch...“
 

Weiter kam er nicht. In einer Bewegung, mit der Darius nicht gerechnet hatte und die zu schnell für seinen mitgenommenen Verstand war, preschte sein Retter trotz seiner Verletzung nach vorne und vermied es dabei irgendwie, von Wiesels Messer erwischt zu werden. Er trat schräg an seinem Angreifer vorbei, drehte sich und hielt nach einem gezielten Schlag gegen Wiesels Arm mit der einen Hand und einem gleichzeitigen Griff am Handgelenk mit der anderen plötzlich selbst das Messer in der Hand.
 

Was ...?
 

Nun hatten sich die Rollen von Angreifer und Verteidiger von einer Sekunde auf die andere vertauscht. Wiesel schien zunächst genauso überrascht wie Darius und reagierte gar nicht, bekam dann jedoch große Augen, als ihm zu dämmern schien, dass sein vermeintliches Opfer den Spieß umgedreht hatte. Mit starrer Miene hielt Darius’ Retter nun Wiesels Messer gegen Wiesel selbst gerichtet.
 

„A... A-a... Alter ... Das ist ...“, stotterte Wiesel kleinlaut. Von seiner bisherigen Großspurigkeit war nichts mehr übrig. „M-Missverständnis ... J-Ja, genau, ein M-Missverständnis ...“ Wiesels Blick huschte zwischen seinem Messer und dem offenbar bewusstlos am Boden liegenden Teddy hin und her. Darius sah das Weiße in den Augen des zweiten Angreifers, doch er konnte auch deutlich erkennen, wie sich dessen Brust sanft hob und senkte. Sein Retter musste den hünenhaften Jugendlichen mit einem einzigen Schlag außer Gefecht gesetzt haben, doch wie war das möglich? Diese Situation – ein derartiger Kampf – war so weit weg von Darius’ bisherigen Erfahrungen und seinen momentanen Möglichkeiten, dass er – sein instinktives Eingreifen zuvor einmal außer Acht gelassen – lediglich wie ein stummer Zeuge zusehen konnte. Er kam sich so nutzlos vor. Nutzlos und schuldig, denn jetzt, als er den bewusstlos daliegenden Teddy betrachtete, drängte sich ihm der Grund für die Verletzung seines Herrchens auf. Doch bevor er zu hart mit sich ins Gericht gehen konnte, wurde seine Aufmerksamkeit wieder auf den Zweikampf gezogen. Ein Zweikampf, der durch eine glückliche Wendung nun ziemlich einseitig geworden war. Die Reaktion des Mannes auf Wiesels klägliche Beschwichtigungsversuche hin war minimal: Skeptisch zog er eine Augenbraue nach oben. Darius atmete erleichtert aus, froh darüber, dass der Mann Wiesels Worten keinen Glauben schenkte. Insgeheim hätte er sogar gern gesehen, wie der Mann es Wiesel mit gleicher Münze heimzahlte.
 

„B... Bitte n-nicht ...“ Wiesel wedelte hektisch mit den Händen vor seinem Körper, als könnte er dadurch das Messer, das direkt auf ihn zeigte, damit irgendwie abwehren.
 

„Leg dich auf den Boden.“ Der bestimmte Tonfall von Darius’ Retter stand in krassem Gegensatz zu Wiesels Gestotter. „Gesicht nach unten, Arme ausgestreckt.“
 

„A-Aber, w-was hast du vor?“ Wiesels Augen schnellten erneut zu Teddy, dann zur Seite und wieder zu Teddy. „Ich s-sagte doch schon, dass das nur ein Miss...“ Noch während er sprach, machte Wiesel einen zaghaften Schritt zurück, hielt einen winzigen Moment inne, als wäre ihm doch noch ein Gedanke gekommen, dann wirbelte er herum und spurtete los.
 

Darius wollte seinem Retter zurufen, dass der Angreifer drauf und dran war abzuhauen und dass sie ihn verfolgen mussten, als ihm wieder einfiel, dass er gar nicht rufen konnte. Er miaute ärgerlich, doch sein Zuruf wäre sowieso unnötig gewesen. Woher auch immer Wiesel seinen Namen hatte – in Sachen Flinkheit machte er seinem tierischen Namensvetter wenig Ehre, denn Darius’ Herrchen war mit zwei Schritten bei ihm. Wiesel sah nicht, was hinter seinem Rücken passierte, doch dafür konnte Darius es umso genauer beobachten. Darius’ Retter holte aus und ließ seinen Arm seitlich auf Wiesels Hals niedersausen. Im nächsten Augenblick sank Wiesel kraftlos in sich zusammen und lag nun tatsächlich mit ausgestreckten Armen und dem Gesicht nach unten auf der Straße. Darius’ Retter ließ seinen Arm sinken, betrachtete zunächst den Jugendlichen, bis er sich offenbar einer Sache vergewissert hatte, dann ließ er seinen Blick für eine Weile auf dem Messer in seiner Hand ruhen.
 

Darius tappte langsam näher heran. Er war froh, dass es vorbei war, doch richtig euphorisch fühlte er sich nicht. Irgendetwas war komisch. Er hatte soeben eine Seite seines Retters gesehen, die ihm gänzlich unbekannt gewesen war. Er hatte ihn bislang für einen gutmütigen Menschen gehalten, doch nun ... Sein Herz fühlte sich an, als würde es ihm gleich aus der Brust springen. Er wollte diesen Mann umarmen, und noch mehr wollte er selbst von ihm in den Arm genommen werden. Jetzt und hier.
 

Dieser Mensch war viel zu gutmütig. Die Verletzung ... Darius war sich sicher, dass den Mann das Messer nur erwischt hatte, weil er ihn – die Katze – vor Teddy schützen wollte. In dem Moment, als Teddy Darius gepackt hatte, hatte der Mann Teddy außer Gefecht gesetzt und dabei vielleicht für einen kurzen Augenblick lang Wiesel aus den Augen verloren. Dabei hatte Darius diesmal doch seinen Retter – wenn auch nur ein bisschen - beschützen wollen.
 

Und nun die Sache mit dem Messer. Es klebte Blut daran, doch es war nur das Blut seines Retters. Anstatt es dem Jugendlichen mit der Waffe, die dieser auf sein vermeintliches Opfer gerichtet hatte, zurückzuzahlen - was aus Darius’ Sicht nur recht und billig gewesen wäre -, hatte der Mann seinen Angreifer lediglich mit einem einzigen, gezielten Hieb mit der messerfreien Hand bewusstlos geschlagen. War das nun ritterlich oder doch eher dumm? Aber ganz abgesehen davon, dass sein Retter womöglich ein viel zu gutmütiger Trottel war ...
 

Hat er allen Ernstes allein und unbewaffnet zwei Angreifer niedergestreckt, von denen der eine so groß wie ein Bär und der andere eine messerschwingende Ratte war?
 

Dass Wiesel und Ratten nicht dasselbe waren, war Darius durchaus klar, doch „Ratte“ traf es in seinen Augen für Angreifer Nummer eins besser. Schließlich hatte er Darius’ Herrchen aus dem Hinterhalt angegriffen, noch dazu barfuß, um sich vorab bloß durch kein Geräusch zu verraten.
 

Seit wann kann er so etwas? Und wieso? Und ... Also ... Er hat schon gut ausgesehen dabei.
 

Darius schämte sich für diesen Gedanken, aber was sollte er machen? Der Anblick hatte sich ihm eingebrannt.
 

Stark, schnell, präzise ...
 

All das, was er nicht war. Wäre er überfallen worden, was hätte er getan? Vermutlich sein Geld rausgerückt und darauf gehofft, dass die Angreifer damit wieder verschwanden. In einer Situation wie dieser war seine Fähigkeit, sich verwandeln zu können, einfach nur nutzlos.
 

Während Darius in Gedanken seinen Retter bewunderte, tönte ein klapperndes Geräusch durch die Straße. Erschrocken hielt Darius die Luft an und hob den Kopf, doch als sich an einem Gebäude neben ihnen ein Fensterladen öffnete, atmete er erleichtert aus. Ein Kopf streckte sich im ersten Stock aus dem Fenster.
 

„Was ist denn das für ein Lärm?“ Die krächzende Stimme gehörte zu einer Frau. Sie schien tatsächlich gerade erst aufgewacht zu sein. „So früh schon solch ein Getöse zu veranstalten, das ...“ Sie stockte. Darius’ Herrchen schaute geradewegs zu ihr hinauf und als sie ihn erblickte, veränderte sich ihr Verhalten schlagartig. Ihr sauertöpfischer Gesichtsausdruck verschwand und Darius meinte, ein Leuchten in ihren Augen zu erkennen. Er konnte sie auf den ersten Blick nicht leiden und stellte sich demonstrativ neben sein Herrchen.
 

„Verzeihen Sie die Störung, gnädige Frau. Können Sie mir sagen, wo von hier aus die nächsten Soldaten stationiert sind?“ Der Mann klang wie immer, freundlich und keineswegs so, als hätte er gerade einen Kampf hinter sich.
 

„Soldaten? Nun ...“ Die Frau runzelte kurz die Stirn. Erst jetzt schien sie die beiden am Boden liegenden Gestalten zu entdecken, doch Darius Retter gab ihr keinerlei Erklärung dazu. Zögerlich fuhr sie fort: „Das müssten schon die an der Hauptstraße beim südlichen Tor sein ... Gerd!“ Das letzte Wort hatte sie über ihre Schulter in den Raum gerufen. Dann verschwand sie wieder nach innen. Es dauerte nicht lange, dann rumpelte etwas an der Eingangstür desselben Hauses und ein Mann mittleren Alters stürzte heraus. Vermutlich handelte es sich dabei um Gerd von „Gerds Lederwarenwerkstatt“, wie das Schild über der Tür in großen Lettern verkündete. Gerd schaute sich mit einem beinahe ängstlichen Gesichtsausdruck um. Der Dreitagebart und der hastig übergeworfene, abgewetzte Mantel ließen ihn beinahe wie einen Obdachlosen wirken, nicht wie den Inhaber einer Werkstatt.
 

„Äh... meine Frau, also ... meine Frau meinte, Sie könnten hier vielleicht Hilfe gebrauchen“, meinte Gerd kleinlaut, während er auf Darius’ Herrchen zusteuerte.
 

„Ah, ja, das ist sehr freundlich von Ihnen. Bitte entschuldigen Sie den Aufruhr.“
 

„Nicht doch, nicht doch.“ Gerd winkte schnell ab und bedachte die beiden Bewusstlosen nochmals mit kurzen Blicken. Neben Teddy lagen außerdem noch der Beutel sowie der Katzenkorb von Darius’ Herrchen auf dem Boden. Er musste ihn irgendwann während des Gerangels abgelegt oder verloren haben. Dann betrachtete Gerd das Messer in den Händen seines Gegenübers. Seine Augen zuckten kurz, doch dann schien ihm noch etwas aufzufallen. „Sie sind ja verletzt.“
 

„Mh, das ist nur ein Kratzer, nichts Wildes. Aber Sie könnten mir tatsächlich helfen. Würden Sie den Stadtsoldaten bitte Bescheid geben? Ich möchte diese beiden ungern allein hier liegen lassen.“ Darius’ Retter wies mit der freien Hand kurz auf die beiden Bewusstlosen. Auch Gerd gegenüber schien er nicht gewillt, die Umstände näher zu erklären. Er hatte einen freundlichen, aber dennoch unpersönlichen Ausdruck im Gesicht. Ganz anders, als wenn er mit Darius sprach.
 

„Die Soldaten? Ja, das scheint mir eine gute Idee zu sein.“ Gerd stimmte zwar zu, setzte sich jedoch nicht in Bewegung.
 

„Alternativ könnten auch Sie hierbleiben und ich hole die Soldaten.“ Darius’ Retter hielt dem überraschten Gerd das Messer unter die Nase, mit dem Griff voran.
 

„Nein, nein, ich hole die Soldaten her. Sie sind ja verletzt. Sie sollten einen Heiler aufsuchen.“
 

Darius’ Retter bedankte sich für diesen Hinweis, dann machte Gerd sich eilig und mehrmals über seine eigenen Füße stolpernd auf den Weg. Kaum war er außer Sichtweite, da stieß der Mann neben Darius einen tiefen Seufzer aus. Er ging hinüber zu seinem Beutel und setzte sich daneben auf den Boden. Er öffnete den Beutel und zog das Mäppchen hervor, das Darius zuvor schon kurz gesehen hatte. Er löste die Schleife, mit der das Mäppchen verschnürt war und klappte es auf.
 

Darius tappte neugierig heran.
 

Oha, das ist ja ...
 

Er hatte mit nichts Bestimmtem gerechnet, insofern konnte sich der Anblick, der sich ihm bot, auch nicht gegen irgendwelche Erwartungen richten. Nichtsdestotrotz war er überrascht.

Spur

Das Mäppchen war eine Art Kräuterapotheke. Darius schlug eine Vielzahl an Aromen entgegen. In kleinen Fläschchen und Säckchen steckten Kräuter, Blätter, Beeren und Pulver. Nichts war beschriftet, manches kaum unterscheidbar – doch Darius war sicher, dass sein Retter jedes Gefäß kannte. Neugierig beugte er sich vor, die Nase fast am Mäppchen. Der Mann schmunzelte.
 

„Du bist mir einer.“ Er tätschelte Darius’ Kopf. „Springst einfach auf diesen Ganoven. Zum Glück ist dir nichts passiert.“
 

Mmh... Darius freute sich über die Worte. Er schloss kurz die Augen, um das Kribbeln in seinem Bauch und die Enge in seiner Brust festzuhalten. Doch gleich darauf meldete sich sein schlechtes Gewissen.
 

Mir ist nichts passiert, aber ...
 

Der Mann zog eine Tonschale aus dem Mäppchen, etwa handtellergroß und griff gezielt nach ein paar Fläschchen. Ihren Inhalt gab er in die Schale, verrührte alles mit einem Schluck Wasser aus seiner Flasche und einem schmalen Holzspatel zu einer zähen Masse. Der Geruch war nicht unangenehm – aber sicher war die Paste nicht zum Essen gedacht.
 

Er stellte die Schale ab und krempelte sein Hemd hoch. Darius sah das Loch im Stoff, dunkelrot eingefasst, das Blut hatte sich seinen Weg gebahnt. Vom Saum abwärts zog sich eine Spur bis zum Knöchel. Unter dem Hemd kam die Wunde zum Vorschein – Darius fröstelte.
 

Nur ein Kratzer, ah ja.
 

Die Blutung war gestillt, doch das Messer hatte die Haut aufgerissen. Es sah aus, als wäre sie von innen heraus aufgeschnitten worden. Dass der Mann es überhaupt schaffte, noch aufrecht zu sitzen. Darius’ Brust zog sich zusammen. Vielleicht, hoffte er, ist es am Ende doch nicht so schlimm.
 

Der Mann säuberte die Wundränder mit einem feuchten Tuch, tupfte vorsichtig und entfernte so das eingetrocknete Blut. Darius hätte gern geholfen. Die Prozedur sah schmerzhaft aus – und war es wohl auch. Der Mann biss die Zähne zusammen, sein Atem ging flach, die Stirn war von Falten durchzogen. Immer wieder musste er pausieren, tief durchatmen, sich sammeln.
 

Und Darius? Er saß da, unfähig, etwas zu tun. Die Hilflosigkeit brannte wie Essig in seinem Inneren. Sollte er sich zurückverwandeln? Einfach so?
 

Aber was würde dann geschehen?
 

Er stellte sich vor, wie er sich aufrichtete, wie er endlich sprechen würde – mit seiner eigenen Stimme. Wie er sich bedanken würde, aufrichtig, von Herzen. Vielleicht würde er einfach nur die Hand auf den Arm dieses Mannes legen, um zu zeigen, was er empfand.
 

Ein schöner Gedanke. Zu schön. Und zugleich beängstigend.
 

Was, wenn der Mann ihn fürchtete? Wenn er ihn ansah und nur das Fremde sah – den Verwandlungsmagier, das Wesen, das sich versteckt hatte?
 

Oder schlimmer noch: Was, wenn er sich abwandte? Sich verraten fühlte?
 

Ein Haustier, das plötzlich zu einem Menschen wird … das war kein Wunder, sondern ein Bruch in der Wirklichkeit. Ein Vertrauensbruch vielleicht.
 

Darius spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. Enttäuschung, Angst, Wut – er könnte nichts davon ertragen. Nicht jetzt. Nicht von ihm. Er schluckte schwer.
 

Nach dem Säubern zog der Mann ein weiteres Fläschchen aus dem Mäppchen, entfernte den Korken und goss ein wenig der klaren Flüssigkeit über die Wunde. Der Geruch von Alkohol brannte in Darius’ Nase und er wich unwillkürlich etwas zurück, während der Mann nach Luft schnappte und merklich zusammenzuckte. Zum Schluss strich er die Paste auf und deckte sie mit einem Tuch ab. Darius hätte es nicht gewundert, wenn er sich auch noch selbst genäht hätte.
 

„He, Sie!“, rief jemand. Gerd war zurück - mit zwei Soldaten im Schlepptau. Gänzlich außer Atem trat er vor den Mann, der gerade einen Verband um seine Taille anlegte.
 

„Ich habe mich ... beeilt und diese ... Ähm, geht’s Ihnen gut?“ Besorgnis spiegelte sich auf Gerds Miene, doch er schien unschlüssig, inwieweit er helfen konnte. Ihm ging es wohl wie Darius.
 

„Alles bestens.“ Der Mann packte seine Sachen zusammen, stemmte sich hoch und strich sein Hemd glatt. Das blutrote Loch blieb sichtbar.
 

Ja, klar. Darius schüttelte den Kopf. Ihm war sehr wohl aufgefallen, dass sein Retter nach dem Aufstehen kurz geschwankt hatte.
 

Die Soldaten erreichten den Schauplatz. „Was ist hier passiert?“ fragte einer, skeptisch, während er die Hände in die Hüften stemmte. Er blickte auf die Jugendlichen, dann auf Gerd, dann auf den Mann.
 

Darius fand die Soldaten in ihren Rüstungen und mit Knüppeln etwas lächerlich – doch sie waren meist fähig und nicht ohne Verstand. Auch der Sprecher wirkte interessiert, nicht nur auf Ruhe bedacht. Voller Selbstvertrauen, ohne jedoch herablassend zu sein, wollte er den Vorfall klären.
 

Ein leises Husten. Darius blickte auf – Gerds Frau war wieder am Fenster. Sie hatte sich in der Zwischenzeit wohl etwas zurechtgemacht. Doch ob mit oder ohne Lippenstift, er fand keinen Unterschied. Darius schnaubte und drehte sich zurück zu dem Mann und den Soldaten, doch das Bild, wie die Frau seinen Retter zuvor angesehen hatte, ging ihm nicht aus dem Kopf.
 

„Also“, begann der Mann und kratzte sich mit einem beinahe verlegenen Lächeln am Hinterkopf. „das war so. Ich war gerade auf dem Weg z—“
 

„Moment!“
 

Darius zuckte zusammen. Auch der Mann hielt inne.
 

Der Soldat runzelte die Stirn, starrte ihn an. „Kann es sein ...?“, murmelte er. Dann wurden seine Augen groß und er trat schnell einen Schritt zurück, wobei er beinahe mit seinem Kollegen zusammenstieß.
 

„Sie sind das. Bitte verzeihen Sie.“ Er senkte den Blick, wirkte mit einem Mal beinahe unterwürfig.
 

„Äh...“ Der Mann zuckte mit den Schultern, fasste sich mit einem leisen Zischen an die Taille – die Bewegung schmerzte.
 

Doch Darius bemerkte, wie sein Retter den Soldaten einen Moment lang ruhig ansah. Kein Stirnrunzeln, kein fragender Blick – nur ein stilles, abgeklärtes Schweigen. Als hätte er genau verstanden, was unausgesprochen blieb. Dann wandte er sich ab, ohne ein Wort zu verlieren.
 

„Hä, was hat das zu bedeuten?“ Der zweite Soldat wandte sich an seinen Kollegen. Die Erkenntnis, die Soldat Nummer eins hatte, schien ihn nicht ereilt zu haben.
 

Und mich auch nicht. Was soll das? Dieser Soldat erkennt meinen Retter – als wäre er jemand Wichtiges. Verdammt, ich will mehr wissen!
 

Frustriert wedelte Darius mit dem Schwanz.
 

Der erste Soldat spähte zu Gerds Frau, zu Gerd selbst, der immer mehr den Kopf einzog und offenbar am liebsten verschwinden würde, und zu den Gebäuden entlang der Straße.
 

Er hat sie also auch bemerkt. Gerds Frau hatte ihren Kopf für jeden sichtbar aus dem Fenster gesteckt, doch auch in den anderen Häusern hatte Darius mehrmals Bewegungen hinter den Fenstern entdeckt. Doch niemand war so offenkundig neugierig wie Gerds Gattin.
 

„Das erzähle ich dir später“, vertröstete der Soldat seinen Kollegen.
 

Was? He, nein! Sprich einfach leise!
 

Darius' stille Bitte wurde nicht erhört. Auch der irritierte Soldat fügte sich dieser Ansage.
 

„Wir nehmen die beiden mit. In dem Zustand können sie uns eh keine Fragen beantworten.“ Der erste Soldat deutete auf Wiesel und Teddy. Mit einer Spur Unsicherheit wandte er sich an Darius’ Herrchen. „Was ist mit Ihnen?“
 

Hä? Ich kapier’s nicht. Ich weiß, was passiert ist, aber warum geht er einfach davon aus, dass mein Retter nichts Falsches getan hat?
 

Der Mann nickte. Seine Miene verriet wenig, doch Darius fiel auf, dass von seiner sonst so freundlichen Miene nichts zu sehen war. Er fügte sich dem Vorschlag, schien mit der gesamten Situation allerdings nicht glücklich.
 

„Nehmt sie mit. Ich komme später nach.“
 

„Gut, dann ... Der Kerl hier ist kein Problem, aber den da schaffen wir zu zweit kaum.“ Der erste Soldat wandte sich an seinen verwirrt dreinblickenden, jedoch folgsamen Kollegen. „Geh und hol noch zwei Mann Verstärkung!“
 

„Wird gemacht.“ Der Soldat lief eilig los.
 

Der verbliebene Soldat betrachtete die Blutspritzer auf dem Boden, runzelte die Stirn, schaute zum Mann. Die Blutflecken auf dessen Kleidung waren unübersehbar.
 

„Die haben Sie erwischt?“ Er schien sich zu wundern. „Ist alles in Ordnung?“
 

„Mhm, es geht schon. Hier.“ Der Mann hielt ihm das Messer hin. „Passen Sie drauf auf.“
 

„Äh...“ Der Soldat ließ es beinahe fallen, fing es gerade noch auf.
 

Der Mann wandte sich ab, hob Beutel und Korb auf. Den Beutel warf er sich über die Schulter, den Korb prüfte er kurz – heil. Alle Bewegungen wirkten sehr bedacht. Dann deutete er Darius an, Platz zu nehmen.
 

Wie jetzt? Ernsthaft?
 

Der Mann lächelte. Darius hielt inne, eine Pfote erhoben. Sein Herz setzte aus, dann raste es. Seine Pfoten zitterten. Dieses Lächeln - es war noch da!
 

„Rein mit dir, kleiner Kater. Ich hab dich bis hierher getragen, da schaffen wir das letzte Stück auch noch.“
 

Das letzte Stück ...
 

Darius hatte vergessen, wie begrenzt ihre Zeit war. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Eine graue Wolke schob sich vor die Sonne.
 

Ist das ... ein Abschied? Wie lange noch?
 

Panik wallte auf. Sein Atem beschleunigte sich.
 

Was wird er tun? Lässt er mich allein?
 

Das Gesicht des Heilers tauchte vor seinem inneren Auge auf.
 

Oh, ich kann ihn nicht leiden. Ich ... hasse diesen Magier.
 

„Nanu? Sag bloß, jetzt hast du doch Angst.“ Der Mann kam näher. „Schhh... Du musst keine Angst mehr haben, Katze. Komm her.“
 

Er hob ihn behutsam hoch und setzte ihn in den Korb.
 

„Oder ist es doch die Verletzung?“ Er streichelte Darius über den Kopf, murmelte mehr zu sich selbst.
 

Ah, nein, meinem Bein geht’s gut. Und Angst? Ja, aber nicht vor diesen Möchtegernganoven.
 

Auch wenn es ein Missverständnis war – sein Retter durfte ihn gern noch länger kraulen. Es beruhigte ihn.
 

Als das Zittern in Darius’ Gliedern nachließ, erhob sich der Mann mit verbissener Miene. Für Darius war es offensichtlich, dass der Mann versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Er trug den Korb auf derselben Seite wie den Beutel – zur Entlastung.
 

Gerd stand im Eingang seiner Werkstatt und blickte ihnen nach. Besorgt? Erleichtert? Darius war sich nicht sicher, aber vielleicht dichtete er dem Handwerker da auch nur seine eigenen Gefühle an. Wenn er an den Angriff dachte, war es ein Wunder, dass nicht mehr passiert war.
 

Und wahrscheinlich wäre gar nichts passiert, wenn ich nicht den Helden hätte spielen wollen. Zum Glück ist es nicht noch schlimmer ausgegangen. Aber ... Mit welcher Routine er seine eigene Verletzung behandelt hat!
 

Dass sein Retter heilkundlich bewandert war, wusste Darius. Doch das hier war mehr. Die tragbare Apotheke – sie enthielt alles, was man in einer Notsituation brauchte, und er hatte sie immer dabei. Wozu?
 

Und was hat es mit diesem Soldaten auf sich? Mein Retter meinte doch, er komme später nach. Aber wohin? Und wieso hat der Soldat ihn auf einmal so seltsam behandelt?
 

Ich meine, er scheint weder Soldat noch Heiler zu sein. Aber was ist er dann?
 

Darius versank in Gedanken, während sie – langsamer als zuvor – durch das Gewirr der Straßen zogen.

Zuwendung

Das Klopfen verhallte, ohne dass sich etwas rührte. Sie warteten. Darius erkannte den Hauseingang sofort wieder – wie erwartet waren sie zum Magieheiler zurückgekehrt.
 

Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihm aus. Was würde gleich passieren? Der Heiler wusste immerhin, dass er keine gewöhnliche Katze war. Beim letzten Besuch hatte er geschwiegen, doch Darius war sich nicht sicher, ob er diesmal ebenso diskret sein würde. Wenigstens musste er sich nicht mehr davor fürchten, zu lange in Katzengestalt geblieben zu sein – die Rückverwandlung war offenbar noch möglich.
 

Der Überfall hatte die Ereignisse der vergangenen Nacht kurzzeitig verdrängt, doch nun schwirrten sie wie ein Schwarm aufgescheuchter Fliegen durch seinen Kopf. Diese unfreiwillige Rückverwandlung … Wie war das überhaupt möglich? Eine Verwandlung erforderte volle Konzentration – wie konnte er im Schlaf zaubern?
 

Sein Retter klopfte erneut gegen die blau gestrichene Tür mit dem weißen Kreuz. Die Farbe stach aus dem Straßenzug hervor – vermutlich Absicht. In Notfällen war es wenig hilfreich, erst nach der richtigen Adresse suchen zu müssen. Doch selbst der auffälligste Eingang half nichts, wenn niemand öffnete.
 

Ob der Heiler ihm Fragen stellen würde? Sicher. Beim letzten Mal hatte er erwähnt, noch nie einem Verwandlungsmagier begegnet zu sein. Wollte er bei der Rückverwandlung dabei sein?
 

Aber … dann würde auch er …
 

Darius schielte zu seinem Retter hinauf.
 

Nein. Das konnte er nicht zulassen. Würde man ihm glauben, wenn er versicherte, dass mit seiner Rückverwandlung alles in Ordnung sei?
 

Ach bitte, lass uns einfach wieder gehen ...
 

Mit leiser Hoffnung starrte er das blaue Holz an – doch dann hörte er schlurfende Schritte. Resigniert ließ er den Kopf hängen und blickte erneut zu seinem Retter. Der wirkte blass, sein Atem ging schneller als sonst. Wie schlimm war die Verletzung wirklich? Darius’ Kehle schnürte sich zu, als er in die glanzlosen Augen seines Retters sah.
 

Ein Klicken. Die Tür öffnete sich.
 

„Um diese Uhrzeit ... Wer ...?“ Der Heiler steckte missmutig den Kopf durch den Türspalt. Zerzaustes Haar, ein schlapper Morgenmantel, schlampig geknotet – ganz anders als bei ihrem letzten Treffen. Offenbar war der Magieheiler kein Morgenmensch.
 

Sein Blick wanderte von Darius zu dessen Retter. Im nächsten Moment runzelte er die Stirn – sämtliche Müdigkeit schien von ihm abzufallen.
 

„Was ist passiert?“ Noch bevor er eine Antwort bekam, stieß er die Tür auf, schnappte sich den Korb samt Darius und bedeutete dem Verletzten, einzutreten. Ohne Umschweife führte er ihn in den Behandlungsraum und wies ihn an, Platz zu nehmen. Darius stellte er etwas entfernt auf dem Boden ab – offenbar der beste Ort, um nicht im Weg zu sein.
 

Darius’ Magen verkrampfte sich. Wie ernst war die Lage? Der plötzliche Sinneswandel des Heilers beunruhigte ihn. Seine Schwanzspitze zuckte nervös.
 

Er beobachtete, wie der Heiler dem Verletzten half, das Hemd auszuziehen, den Verband entfernte und die Wunde begutachtete. Schweißperlen standen auf der Stirn seines Retters, doch er hielt sich tapfer.
 

„Ein Messer?“
 

Der Verletzte nickte. „Zwei Jugendliche. Hatten im Morgengrauen nichts Besseres zu tun, als ...“ Er holte tief Luft. „... einen harmlosen Passanten zu überfallen.“
 

Der Heiler hob überrascht die Augenbrauen. „Zwei Jugendliche? Die müssen ja sehr geschickt gewesen sein.“
 

Ein schiefes Grinsen. „Eigentlich nicht. Ich war nur … für einen Moment unaufmerksam.“ Sein Blick glitt zu Darius.
 

Instinktiv duckte sich Darius. Ja, ja, ich weiß. Es ist meine Schuld.
 

Er starrte verlegen auf die Falten der Decke, auf der er lag. Dann hob er den Kopf, sah abwechselnd zum Heiler und zum Retter.
 

Kennt der Heiler ihn etwa genauer? Er wirkte wirklich erstaunt über die Verletzung. Erst die Soldaten, jetzt der Heiler … Was bedeutet das?
 

„Der Einstich ist einwandfrei versorgt – wie erwartet.“ Die Augen des Heilers blitzten auf. „Doch diese herkömmliche Behandlung erfordert einige Tage Bettruhe. Je mehr Sie sich bewegen, desto länger dauert die Genesung. Ganz zu schweigen von den Schmerzen.“ Er piekte in die Wunde. Der Verletzte sog scharf die Luft ein und zuckte zusammen.
 

„Musste das sein?“
 

„Nicht unbedingt.“ Der Heiler zuckte mit den Schultern. „Nur für den Fall, dass Sie meine Worte auf die leichte Schulter nehmen … Jedenfalls können Sie so nicht arbeiten.“
 

Er ging zum Schrank, holte einen kleinen Teller und getrocknete Kräuter.
 

Oh – er wird ihn mit weißer Magie behandeln!
 

Darius’ Herzschlag beschleunigte sich. Er sprang auf, wollte alles genau beobachten. Doch dann …
 

Die Kräuter!
 

Der Heiler platzierte den Teller auf seiner Handfläche. Darius erstarrte. Gleich würde die Flamme auflodern. Gleich …
 

Ein Zittern erfasste seinen Körper.
 

Nein, ich muss mich zusammenreißen. Das ist nur eine kleine Flamme. Der Heiler hat sie unter Kontrolle. Es wird ni—
 

Ein leises Zischen. Die Flamme loderte auf. Die Kräuter schmirgelten zusammen, verströmten einen angenehmen Duft – doch Darius nahm ihn kaum wahr. Die Hitze rollte über ihn hinweg. Er zuckte zusammen, schwankte, suchte einen Punkt auf dem Boden, um sich zu konzentrieren. Erst als die Wärme nachließ, hob er vorsichtig den Kopf. Das flaue Gefühl im Bauch ebbte nur langsam ab.
 

Eine dünne Rauchsäule war alles, was blieb. Darius atmete tief durch, schüttelte den Kopf und tappte näher heran. Weder der Heiler noch sein Retter schienen ihn zu beachten – hoffentlich war seine Panik unbemerkt geblieben.
 

Der Heiler hatte sich einen Stuhl herangezogen, saß nun neben dem Verletzten. Er rieb die Hände aneinander, wie um sie anzuwärmen, legte eine flach neben die Wunde, den Zeigefinger der anderen ebenfalls.
 

Zunächst geschah nichts Sichtbares. Darius war auf den Tisch gesprungen und nun so dicht dran, dass er einen guten Blick auf alles hatte. Im Weg wollte er aber auch nicht sein.
 

Ein Knistern lag in der Luft. War das die Magie? Da war kein Licht oder sonst irgendein sichtbares Anzeichen.
 

„Ich habe“, begann der Heiler mit sanfter Stimme, „ein Feld regenerierender Energie erzeugt. Diese Energie werde ich nun nach und nach an die verletzten Stellen lenken, um die Wunde von innen heraus zu verschließen. Da keine Organe verletzt wurden, dauert das nur wenige Minuten.“
 

Während er sprach, bewegte er den Finger am Rand der Wunde entlang. Darius hatte das Gefühl, die Erklärung galt weniger dem Patienten als ihm.
 

Er weiß ja noch gar nicht, dass das mit der Heilmagie bei mir bislang nicht funktioniert hat. Trotzdem – mehr Praxisbezug kann man sich kaum wünschen. Wenn nur nicht er das Vorzeigesubjekt wäre.
 

Immerhin sollte er in wenigen Minuten genesen sein. Was für ein Glück, dass der Messerstich keine allzu schlimme Verletzung verursacht hat.
 

Darius wollte gar nicht daran denken, was er gemacht hätte, wenn der Überfall – samt seiner vermeintlichen Rettungstat – anders ausgegangen wäre. Ihm war, als häuften sich seine Schulden gegenüber seinem Retter mit jedem Tag weiter an. Konnte er sich jemals dafür bedanken?
 

Bislang hatte Darius nicht viel von den Auswirkungen der Heilmagie an der Wunde erkennen können. Nun aber war die Heilung so weit fortgeschritten, dass nur noch die sichtbaren Stellen übrig waren. Es war ein bizarres Schauspiel. Die Haut begann zu wachsen. Langsam, wie flüssiges Wachs, schloss sie sich über der Wunde. Nur Blutkrusten und Reste der Salbe blieben zurück.
 

Der Heiler zog die Hände zurück. „Wie fühlen Sie sich?“
 

„Naja, ich ...“ Der Mann bewegte sich vorsichtig, streckte sich. „Es scheint wieder alles zu funktionieren. Ich fühle mich noch etwas schwindlig ...“
 

„Das ist ganz normal. Die Verletzung wurde auf übernatürliche Weise geheilt – schneller, als es der menschliche Körper von sich aus vermocht hätte. Der Geist braucht Zeit, um sich anzupassen. Je nach Patient dauert das Minuten bis Stunden.“
 

„Ich vertraue auf Ihr Urteil. Vielen Dank.“
 

Der Mann zog sich sein Hemd über. Darius bemerkte, dass er wieder Farbe im Gesicht hatte. Vor lauter Erleichterung hatte er beinahe vergessen, weshalb sie ursprünglich hergekommen waren.
 

„Die Frage ist, wie es weitergeht.“ Der Heiler fixierte den Mann. „Ich nehme an, die Übeltäter wurden gefasst und sind unterwegs zur Untersuchungsanstalt?“
 

Ein Nicken. Darius fragte sich erneut, woher der Heiler all das wusste. Dieser fuhr mit unbewegter Miene fort.
 

„Sehen Sie die Behandlung bitte als Freundschaftsdienst an – unter ... Bekannten.“
 

Aha? Darius spitzte die Ohren.
 

Ein Freundschaftsdienst? Was für eine Art Freundschaft war das? Besonders vertraut wirkten die beiden nicht. Und doch – Darius hatte das Gefühl, dass hier mehr im Spiel war als bloße Bekanntschaft.
 

Ein Magieheiler ... und jemand, der sich mit Kräutern und Verletzungen auskennt ...
 

Selbst er sah hier eine Verbindung.
 

„Doch bevor ich mir Ihre Katze ansehe, würde ich gerne einen Happen essen. Wäre es in Ordnung, wenn Sie erst Ihre Angelegenheiten im Justizpalast klären und anschließend wieder hierherkommen? Die Katze können Sie so lange dalassen.“
 

Wie bitte? Ich will doch wissen, was er macht! Wie könnt ihr einfach ...?
 

Darius' Nackenmuskeln verkrampften sich. Er funkelte den Heiler an, der seinen Blick gelassen erwiderte – was Darius nur noch wütender machte.
 

Dieser ...
 

Doch sein Retter wirkte erfreut. „Sind Sie sicher? Ich danke Ihnen vielmals. Und entschuldigen Sie die Umstände.“
 

„Nicht dafür.“
 

Der Mann erhob sich, wollte gehen, hielt dann inne. Er kam zu Darius, streichelte ihn hinter den Ohren. Darius kniff die Augen zusammen, presste den Kopf gegen die warmen Finger.
 

„Bis später, Katze. Wenn alles gut läuft, kannst du heute wieder nach Hause.“
 

Das aufmunternde Lächeln hätte ihm Tränen in die Augen getrieben – wäre er nicht gerade eine Katze. So blieb ihm nur, die Berührung so lange wie möglich auszukosten. Als die Hand sich löste, wäre er beinahe umgekippt.
 

Der Retter und der Heiler verließen das Zimmer. Kurz darauf kehrte der Heiler allein zurück. Es wirkte plötzlich kühler. Als er Darius mit seinen hellen, grauen Augen musterte, kroch ein Schauer über dessen Rücken. Ein leises Lächeln spielte um die Mundwinkel des Mannes.
 

„So, und nun zu dir.“

Spiegel

Was denn? Darius duckte sich instinktiv. Ich dachte, du wolltest frühstücken.
 

„Jetzt sind wir allein. Ich schätze, wir haben etwa eine Stunde.“
 

Der Heiler setzte sich rittlings auf den Stuhl, auf dem zuvor Darius’ Retter gesessen hatte, stützte die Unterarme auf den Tisch und blickte Darius direkt ins Gesicht. Der kauerte noch immer auf dem Tisch und erwiderte den Blick finster. Dieser Mensch war ihm unheimlich – doch weglaufen konnte er schlecht.
 

Eine Stunde ... Du hast das doch geplant, oder? Von wegen Frühstück.
 

Das wollte er ihm am liebsten ins Gesicht sagen, aber ...
 

„Mh, soweit ich gesehen habe, scheint dein Bein wieder in Ordnung zu sein. Zur Sicherheit werfe ich trotzdem einen genaueren Blick darauf. Wärst du so freundlich?“
 

Der Heiler deutete ihm, näher zu kommen. Darius folgte der Aufforderung widerwillig. Mit schnellen, geübten Handgriffen tastete der Heiler das Bein ab, hob es an, beugte und streckte es. Offenbar war er zufrieden mit dem Ergebnis.
 

„Gut, das sollte keine weiteren Probleme machen – solange du es nicht gleich überstrapazierst. Und da du meiner Bitte ohne Zögern nachgekommen bist, scheint dein menschlicher Verstand zumindest teilweise noch zu funktionieren.“
 

Was soll das denn heißen?
 

Darius’ Blick schnellte nach oben. Geht’s noch?
 

Dieser Mensch schaffte es mit wenigen Worten, ihn zur Weißglut zu treiben – fast schon bewundernswert.
 

„Na, ich sehe schon. Zu einem großen Teil.“
 

Der Heiler grinste, rückte seine Brille zurecht und fragte mit ernster Miene: „Und wie steht's mit der Rückverwandlung?“
 

Funktioniert. Leider verfügte Darius immer noch nicht über die Fähigkeit der Gedankensprache – sonst wäre das Thema schnell erledigt gewesen. So aber wartete der Heiler mit hochgezogenen Augenbrauen auf eine Antwort. Und wie sollte Darius ihm die geben?
 

Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus, als er an die offensichtlichste Möglichkeit dachte. Bitte nicht.
 

Er schloss kurz die Augen und atmete tief durch.
 

Immerhin hatte dieser Mensch seinem Retter geholfen. Und er wusste Dinge über ihn, die Darius nicht wusste. Wie sehr ihn das aufregte!
 

„Bitte keine Scheu. Ich kann dir leider nicht versprechen, dass ich wegschauen werde – denn das werde ich nicht tun. Es wäre das erste Mal, dass ich eine Verwandlung mit eigenen Augen sehe. Aber falls es dich beruhigt ... hier.“
 

Der Heiler beugte sich zurück und zog ein sorgfältig gefaltetes Stück Stoff aus dem Regal.
 

Eine Decke. Natürlich.
 

Darius war klar, dass er nach der Rückverwandlung nackt sein würde. Unangenehm, ja – aber für einen Heiler nichts Ungewöhnliches. Was ihn am meisten störte, war die Tatsache, dass er keine Wahl hatte. Er musste tun, was dieser Mensch wollte.
 

Wie frustrierend!
 

Mist!
 

Darius sprang vom Tisch. So auf dem Präsentierteller wollte er sich ganz sicher nicht zeigen.
 

Soll ich mich wirklich verwandeln?
 

Es müsste klappen – letzte Nacht hat es ja auch funktioniert. Aber das war eine Ausnahmesituation. Das war so ... überraschend.
 

Jetzt und hier ...
 

Der Kerl starrt mich die ganze Zeit an.
 

Darius sah sich um, suchte einen Ort für die Rückverwandlung, ohne den Heiler auch nur eines Blickes zu würdigen.
 

Dort drüben, auf dem Teppich vielleicht?
 

Ob er mich verrät, wenn ich mich weigere? Vermutlich nicht. Trotzdem ...
 

Und falls etwas schiefläuft – wäre zumindest jemand da, der vielleicht etwas tun kann.
 

Hoffe ich.
 

Und wenn ich wirklich etwas über meinen Retter erfahren will, ist das vermutlich meine letzte Gelegenheit.
 

Wie viel Zeit bleibt uns noch?
 

Er setzte sich auf den Teppich, schloss die Augen und atmete tief ein.
 

Wie war das noch gleich?
 

Beim Ausatmen begann er mit der Verwandlung.
 

Zurück in meinen Körper.
 

Er hielt die Augen fest geschlossen – sonst riskierte er, dass ihm schwindlig wurde. Und dann war da noch dieser andere Mensch ...
 

Wenn er sich zu sehr auf dessen Blick konzentrierte, würde er ins Stocken geraten. Das durfte nicht passieren.
 

Einatmen. Ausatmen.
 

Es schien alles wie gewohnt zu verlaufen. Sein Fell verschwand, sein Körper wurde größer, die Gliedmaßen verschoben sich. Es zog und zerrte, und manchmal hörte er ein leises Knirschen. Doch je menschlicher er wurde, desto leiser wurden die Geräusche. Kein Wunder – das Gehör einer Katze war eben empfindlicher als das eines Menschen.
 

Dafür spürte er ab einem bestimmten Punkt die Struktur des Teppichs unter seinen Fingerspitzen.
 

Ein kühler Luftzug streifte seinen Rücken.
 

Darius öffnete die Augen.
 

Ein Ächzen entfuhr ihm.
 

Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen Kopf.
 

Was ...?
 

Sein Herzschlag beschleunigte sich. War etwas schiefgelaufen?
 

Er schnappte nach Luft, griff sich instinktiv an die Stirn.
 

Das war neu. Noch nie hatte er nach einer Verwandlung solche Schmerzen gespürt.
 

Allmählich ließ der Schmerz nach.
 

Darius hob den Kopf und sah sich um.
 

Aus der veränderten Perspektive wirkte der Raum fremd, verzerrt.
 

Und da war der Heiler.
 

Er beobachtete ihn – intensiv, beinahe durchdringend. Seine Augen schienen zu glühen vor Aufmerksamkeit.
 

Darius erschauderte.
 

Diese intensiven Blicke, dieses Angestarrtwerden ...
 

Das Verhalten des Heilers weckte unangenehme Erinnerungen in Darius. Sein Magen verkrampfte sich.
 

Spott und Mitleid, Neugier und Abscheu – was auch immer ihm die Mitmenschen bisher entgegengebracht hatten, jede Reaktion war wie ein Stich ins Herz.
 

Meine Narben ... Ist es das, was er gerade sieht?
 

Daran hatte Darius vor der Rückverwandlung gar nicht gedacht. Zwar verdeckte sein wirres, langes Haar einen Teil seines Gesichts, doch die alte Verletzung stach bestimmt dennoch sofort ins Auge. Wie sollte es auch anders sein?
 

„Faszinierend ...“, murmelte der Heiler und blickte dabei immer noch wie gebannt auf ihn hinab.
 

Er also auch ...
 

„Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte.“
 

Hä?
 

Darius hob ruckartig den Kopf und runzelte die Stirn. „Wa...?“
 

Seine ersten Worte seit langer Zeit klangen rau und kratzig, und er musste husten.
 

Der Heiler stand auf, kam mit der Decke auf ihn zu und legte sie ihm um die Schultern. Dann verschwand er in den Raum nebenan – jenen, den Darius noch von seinem letzten Aufenthalt kannte.
 

Darius bewegte die Finger und Zehen, drehte den Kopf nach links und rechts, kreiste die Schultern.
 

Es fühlt sich ungewohnt an ...
 

Vielleicht lag es tatsächlich an der langen Zeit, die er in Katzengestalt verbracht hatte. Doch der stechende Schmerz in seinem Kopf war abgeklungen und auch der Hustenanfall war vorüber.
 

Zeit, aufzustehen.
 

Mit einer Hand hielt Darius die Decke fest, damit sie ihm nicht von den Schultern rutschte, mit der anderen stützte er sich am Boden ab. Nach über einem Monat wollte er sich nun wieder auf zwei Beine stellen.
 

Sein Herz pochte spürbar, der Atem ging schneller als gewöhnlich.
 

Langsam drückte er sich nach oben, streckte die Beine, richtete sich auf.
 

Zumindest versuchte er es – denn in dem Moment, in dem er sein Gewicht auf beide Beine verlagerte, knickte das rechte weg.
 

Mit einem dumpfen Aufprall landete er wieder auf dem Boden. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gedrückt.
 

„Ahg …!“
 

Benommen versuchte er zu begreifen, was passiert war.
 

Keine Schmerzen – aber sein Bein fühlte sich taub an.
 

Er rieb über den Oberschenkel, spürte die Berührung kaum.
 

Panik stieg in ihm auf.
 

Mein Bein ...! Was ist damit?
 

„Hoppla!“
 

Der Heiler war sofort bei ihm. Mit flinken Bewegungen untersuchte er Darius’ Bein.
 

Darius bebte, Schweiß trat ihm auf die Stirn, während er mit bangem Blick zusah.
 

„Was ist los?“
 

Seine Stimme war noch immer kratzig, die Worte kamen mühsam.
 

Das Sprechen schmerzte in seiner Kehle.
 

„Schhhh...“
 

Der Heiler legte einen Finger an die Lippen. Dann hielt er beide Hände über Darius’ Bein und schloss für einen Moment die Augen.
 

Darius spürte, wie sich Wärme in seinem Oberschenkel ausbreitete. Heilmagie. Doch die Wärme blieb nicht auf sein Bein beschränkt – sie griff auf seinen ganzen Körper über, kroch in die Zehen, durch Bauch und Brust bis in die Fingerspitzen.
 

Sein Zittern ließ nach, der Herzschlag beruhigte sich und ein wohltuendes Gefühl verdrängte die bangen Gedanken.
 

Ah ... das fühlt sich gut an.
 

Es dauerte nicht lange, bis der Heiler die Hände zurückzog.
 

„Keine Sorge – mit dem Bein ist alles in Ordnung. Ich habe lediglich deine Nerven etwas beruhigt. Hier.“
 

Er hielt Darius einen Becher unter die Nase.
 

Darius blickte ihn fragend an.
 

„Wasser. Nichts weiter.“
 

Ein Lächeln huschte über die Lippen des Heilers.
 

Zögernd griff Darius nach dem Becher und nahm einen kleinen Schluck. Das kühle Wasser rann seine ausgetrocknete Kehle hinunter. Er trank noch einen Schluck.
 

Währenddessen erklärte der Heiler:
 

„Die Muskulatur in deinem Bein hat sich während der Schienung etwas zurückgebildet. In Tiergestalt mit vier Beinen fiel das kaum auf. Aber jetzt, wo dein ganzes Gewicht auf zwei Beinen lastet, schon.
 

Mit etwas Training bekommst du das wieder hin.“
 

Darius hörte still zu und trank seinen Becher leer.
 

Anschließend half ihm der Heiler auf und begleitete ihn zu einem der Stühle am Tisch.
 

Darius klammerte die Decke fester um sich und trauerte dem behaglichen Gefühl nach, das die Heilmagie in ihm ausgelöst hatte – und das nun langsam verblasste.
 

Mit einem höchst zufriedenen Gesichtsausdruck setzte sich der Heiler ebenfalls wieder und blickte Darius eindringlich an.
 

„Hmm …“
 

„Was?“
 

Nun, da er etwas getrunken hatte, klang Darius’ Stimme fast wieder wie früher.
 

„Hmm ...“
 

Darius runzelte die Stirn.
 

Was will der Kerl von mir?
 

Sollte er ihn nach letzter Nacht fragen? Oder doch lieber nach seinem Retter?
 

Aber ... das würde doch völlig merkwürdig wirken. Als wäre ich ein Spinner. Das kann ich doch nicht ...
 

„Ich hätte so einige Fragen an dich“, unterbrach der Heiler seine Gedanken.
 

„Doch zunächst: Ich bin Kaelen Moran, Heiler und Magieheiler. Freut mich.“
 

Kaelen streckte ihm die Hand entgegen.
 

Darius erwiderte die Geste, ergriff die warme Hand – und merkte erst jetzt, wie kalt seine eigene war.
 

„Darius.“
 

Wieso duzt er mich eigentlich?
 

„Darius, in Ordnung. Du bist Verwandlungsmagier.“
 

Das war keine Frage – und doch verspürte Darius das Bedürfnis, etwas hinzuzufügen.
 

„Eigentlich … Ich kann mich nur in eine Katze verwandeln. Also, ich habe bislang noch nie etwas anderes probiert.“
 

Seine Stimme wurde leiser.
 

Verwandlungsmagier – das klang so hochtrabend.
 

Und wenn er an Kaelens Heilmagie dachte, kam er sich bei dieser Bezeichnung fast wie ein Hochstapler vor.
 

Doch Kaelen schien von Darius’ Einwurf nicht überrascht.
 

„Es ist nicht ungewöhnlich, sich als Verwandlungsmagier zu spezialisieren – besonders, wenn es um die Verwandlung des eigenen Körpers geht. Insofern solltest du dich nicht unter Wert verkaufen.“
 

Mit heiterem Gesichtsausdruck rückte Kaelen seine Brille zurecht.
 

War das ein Lob?
 

Darius hatte keine Ahnung, was er darauf erwidern sollte.
 

Aber immerhin war das Gesprächsthema eines, bei dem er sich nicht völlig unwohl fühlte.
 

Er entspannte sich etwas und ließ sich gegen die Stuhllehne sinken.
 

„Gehe ich recht in der Annahme, dass du die Verwandlungsmagie im Eigenstudium erlernt hast?“
 

Was weiß dieser Typ eigentlich nicht?
 

Darius runzelte die Stirn und musterte nun seinerseits den Heiler – nur kurz, dann war ihm alles klar.
 

Oh. Ich verstehe.
 

Ein bitterer Geschmack legte sich auf seine Zunge.
 

Kaelen hatte gerade seine Narben betrachtet.
 

Und wenn der Heiler glaubte, den Grund für Darius’ Magieverständnis erkannt zu haben, lag er damit wohl genau richtig.
 

Was für eine erbärmliche Figur ich wohl abgebe …
 

Darius seufzte und bestätigte mit einem kurzen Nicken.
 

„Erstaunlich. Soweit ich weiß, gibt es nicht viele Magier, die das allein schaffen.“ Kaelens Augen blitzten.
 

„Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass die Verwandlung so ...“ Er suchte nach einem passenden Ausdruck. „... so plastisch abläuft.“
 

Was soll das denn heißen?
 

Darius blickte ihn ratlos an – doch Kaelen begann zu lachen.
 

„Entschuldige. Aber ich meinte das vorhin wirklich ernst. Danke, dass ich dabei sein durfte. Das war wirklich aufschlussreich. Ich würde mich auch gern erkenntlich zeigen, aber ich fürchte, dagegen ...“ Er deutete auf seine rechte Schläfe - eindeutig ein Hinweis auf Darius’ Narben, „... kann ich nichts unternehmen. Feuer, oder? Wie alt ist die Verletzung?“
 

Darius erstarrte.
 

Der Kerl hatte schon wieder ins Schwarze getroffen.
 

Misstrauisch beäugte er den Heiler und spürte, wie sich seine Schultern leicht verkrampften. Die Frage war harmlos formuliert, fast beiläufig – und doch traf sie ihn tief. So viele Jahre hatte er gelernt, mit der Narbe zu leben, sie zu verstecken, sie zu ignorieren. Und jetzt saß da jemand, der sie sah – und nicht wegsah.
 

Was ist es diesmal? Ekel wohl kaum – sonst wäre Kaelen im falschen Beruf. Mitleid vielleicht? Oder Spott?
 

Darius suchte nach einer der typischen Reaktionen. Doch auch nach mehreren Atemzügen fand er nichts an Kaelens Verhalten, das ihn beunruhigte.
 

Der klare, offene Blick des Heilers schien einfach nur auf eine Antwort zu warten – als hätte er sich nach dem Wetter oder dem Abendessen erkundigt. Er betrachtete Darius nicht aus wissenschaftlicher Neugier. Sein Blick war ruhig, aufmerksam – wie der eines Menschen, der nicht nur sehen, sondern verstehen wollte.
 

Vielleicht war das der Grund, warum Darius sich zum ersten Mal nicht wie ein Objekt fühlte. Und weshalb er kein Problem damit hatte, frei heraus zu antworten.
 

„Ein Brand. Vor fast zwanzig Jahren.“
 

Kaelen nickte, offenbar in seiner Vermutung bestätigt.
 

Für einen Moment schien er nachzudenken, dann fragte er weiter:
 

„Und das mit dem Bein?“
 

„Wie?“
 

Der plötzliche Themenwechsel überraschte Darius.
 

Er brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu ordnen.
 

„Das, ach ...“
 

Jetzt, wo er darüber nachdachte, war es fast lächerlich, wie es zu dem Unfall gekommen war.
 

Seine Wangen wurden warm, und er fuhr sich nervös durch die Haare.
 

„Ich hab nicht aufgepasst. Da war ein Hund – und ein Karren hat mich erwischt.“
 

Kaelen hielt inne, sichtlich verdutzt – dann prustete er los.
 

„Tatsache? Ein Hund? Ah-haha …“
 

Angesteckt von Kaelens Belustigung entfuhr auch Darius ein nervöses Lachen.
 

Seine Wangen wurden noch wärmer.
 

Ich weiß doch, wie lächerlich das klingt.
 

Doch erstaunlicherweise störte ihn Kaelens Reaktion kein bisschen.
 

„Verzeih – der Unfall war mit Sicherheit nicht zum Lachen.“
 

Kaelen wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, dann fixierte er Darius erneut mit seinen kühlen Augen.
 

„Und hast du eine Ahnung, wer dich aufgelesen hat?“

Schweigen

Darius’ Kopf ruckte hoch, und mit angehaltenem Atem starrte er Kaelen an. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er brachte kein Wort heraus, sondern schüttelte nur stumm den Kopf.
 

In all der Zeit habe ich so gut wie nichts erfahren – und würde doch so gern mehr wissen. Doch Darius wagte nicht, diesen Gedanken laut auszusprechen.
 

Kaelen kratzte sich am Kinn und beobachtete Darius’ Reaktion. „Hm … Einerseits hattest du Glück, dass er es war. Andererseits …“ Wieder ließ Kaelen eine Pause entstehen. Was gab es über seinen Retter zu wissen, dass alle nur ausweichend darüber sprachen? Darius konnte sich keinen Reim darauf machen. Er saß wie auf glühenden Kohlen.
 

„Andererseits ist es vermutlich besser, wenn es dabei bleibt.“ Kaelen sprach den letzten Satz so leise, dass Darius ihn gerade noch verstand. Trotzdem fühlte es sich an wie ein Schlag ins Gesicht.
 

„Was soll das heißen?“ Die Frage schoss aus ihm hervor, noch bevor er sie bewusst formulieren konnte. Erst fing Kaelen mit dem Thema an – und dann das: Schweigen. Darius fixierte ihn, spürte, wie sich seine Irritation in Zorn verwandelte. Seine Schultern verspannten sich, und auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen.
 

Kaelen lehnte sich zurück, offenbar unbeeindruckt. „Ich sage das nicht, um dich zu ärgern. Und im Grunde ist es mir auch egal. Aber ich gehe stark davon aus, dass es in seinem Sinne wäre, wenn ich dir nichts erzähle. Er ist alles andere als ein schlechter Kerl, aber …“
 

„Warum dann?“ Kein schlechter Kerl – das wusste Darius längst. In seiner Stimme schwang unüberhörbar Verzweiflung mit, als er die Frage mit bebender Stimme stellte.
 

Kaelen schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, dass ich das Thema überhaupt angeschnitten habe. Wenn es dir nur darum geht, dich zu bedanken, kann ich das gern übernehmen. Aber stell dir vor, du nimmst ein verletztes Tier bei dir auf – und erfährst nach ein paar Wochen, dass es in Wahrheit ein Mensch war. Wie würdest du das finden? Auch wenn du niemanden täuschen wolltest.“
 

Darius war wie vor den Kopf gestoßen. Kaelen hat recht. Ich bin nicht in der Position, Ansprüche zu stellen. Seine Anspannung verpuffte, die Schultern sanken herab, und er starrte auf den Boden. War das gerade eine Drohung? Wenn ich weiter frage, erzählt er ihm alles? Nein … oder? Darius schielte vorsichtig zu Kaelen hinüber. Dass er mir nichts erzählt, hat doch nichts damit zu tun, ob ich eine echte Katze bin oder nicht. Er dachte an die Soldaten von vorhin. Der eine hatte dem anderen auch nichts erklären wollen. Darius seufzte. Der Heiler war meine letzte Hoffnung, etwas über meinen Retter zu erfahren. Und nun trennen sich unsere Wege, ohne dass ich ihm nähergekommen bin.
 

„Naja, also ...“ Kaelen schien kurz mit sich zu ringen. „Seinen Namen werde ich dir wohl verraten können.“
 

„Seinen ...“ Namen? Darius glaubte, sich verhört zu haben.
 

„Das sollte kein Problem sein.“ Kaelen kratzte sich erneut am Kinn, während Darius den Heiler nicht aus den Augen ließ. Mit klopfendem Herzen hielt er den Atem an. Die Sekunden zogen sich endlos hin und Darius’ Anspannung wuchs ins Unermessliche.
 

Er war kurz davor, nachzufragen, als Kaelen endlich weitersprach. „Er heißt Garik.“
 

Garik ... Darius sprach den Namen in Gedanken mehrmals aus. Garik ... Endlich. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Endlich hatte er etwas, das ihn seinem Retter näherbrachte – auch wenn es nur fünf Buchstaben waren.
 

Es war sein Vorname. Persönlich, ja – aber nicht genug, um ihn später wiederzufinden. Und doch trübte dieses Wissen die wohlige Wärme in Darius’ Brust kein bisschen.
 

Er wollte Kaelen gerade danken, doch zögerte.
 

Warum macht man um Gariks Person so ein Geheimnis?
 

Die Frage lag ihm auf der Zunge, brannte in ihm wie eine Flamme, die sich nicht löschen ließ.
 

Jetzt wäre der Moment gewesen. Kaelen hatte gerade etwas Persönliches preisgegeben. Vielleicht hätte er sogar geantwortet.
 

Aber Darius schwieg.
 

Was, wenn Kaelen wieder auswich? Oder ihm etwas sagte, das alles nur noch komplizierter machte?
 

Stattdessen ließ er die Frage unausgesprochen.
 

Wie so viele zuvor.
 

Wie alle anderen auch.
 

Kaelen beobachtete ihn mit gerunzelter Stirn – sein Blick so kühl, dass die eben aufkeimende Wärme in Darius’ Innerem zu flackern begann. Fragend neigte Darius den Kopf.
 

„Kann es sein …?“ Kaelen murmelte mehr zu sich selbst, ehe er entschieden den Kopf schüttelte. „Nein, das geht mich nichts an. Was mich aber interessieren würde …“ Er fixierte Darius nun wie ein strenger Lehrer. Darius fühlte sich unwillkürlich an seine Schulzeit erinnert. „Hattest du Erfolg mit der Heilmagie?“
 

Heilmagie? Ach, das ... Darius brauchte einen Moment, um die Frage einzuordnen. In Gedanken war er noch ganz bei Garik – endlich hatte er ein Gesicht und einen Namen. Trotzdem erinnerte er sich an das Buch, das er bei seinem letzten Besuch gelesen hatte. Es war Kaelens Idee gewesen, sich mit Heilmagie zu beschäftigen, um seine Zeit als Katze zu verkürzen – oder zumindest seine menschliche Seite nicht ganz zu verlieren. Darius’ schlechtes Gewissen, dass das nicht geklappt hatte, war allerdings nicht stark genug, um seine Euphorie zu trüben.
 

Etwas zerknirscht verneinte er die Frage – und stellte sich im nächsten Moment wieder Gariks Gesicht vor. Heute Morgen hatte Garik sich sichtlich für ihn gefreut, nachdem sein Bein wieder genesen war. Garik ...
 

„Wie zu erwarten war. Alles andere hätte mich sehr gewundert.“ Kaelen schien nicht enttäuscht. „Allerdings sollte man sich stets hohe Ziele setzen, nicht wahr? Ich kann dir anbieten, dein Mentor für weiße Magie zu sein – falls du dich näher mit dem Thema beschäftigen möchtest.“
 

Ein Mentor? Überrascht fuhr Darius auf. Ein solches Angebot bekam man nicht jeden Tag – schon gar nicht ungefragt. Womit hatte er das verdient? Lehrmeister für Magie waren rar. Man brauchte Zeit, Geduld und Tauglichkeit. Nicht jeder gute Magier war auch ein guter Lehrer. Zu Kaelens Tauglichkeit konnte Darius nichts sagen – aber wie kam der Heiler überhaupt auf die Idee?
 

„Im Gegenzug dazu könntest du mir mehr über die Kunst der Verwandlung erzählen.“
 

Aha. Darius spürte den Drang, laut loszulachen. Nur mit Mühe unterdrückte er ihn. Er war selten einem solch berechnenden Menschen begegnet – aber das Angebot war nicht verkehrt. Aber will ich das überhaupt?
 

Der Impuls zu lachen erstarb. „Ich werde darüber nachdenken“, sagte er schließlich. Kaelen nickte, offenbar zufrieden, und hakte nicht weiter nach.
 

Das mit der Heilmagie klang verlockend – doch Darius hatte gerade andere Dinge im Kopf. „Kann ich dich … noch etwas fragen?“, wollte er nach kurzem Schweigen wissen. Kaelen nickte erneut.
 

Darius zögerte. Das Thema ließ ihn nicht los, und vielleicht konnte ihm zumindest eine weitere Meinung etwas Beruhigung verschaffen. Viel Zeit blieb ihm vermutlich nicht – sein Retter würde bald zurückkehren. Allzu zögerlich durfte er also nicht sein.
 

Seine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an, als er zu sprechen begann:
 

„Heute Nacht … Ich habe geschlafen – als Katze –, doch als ich aufgewacht bin, war ich plötzlich wieder ein Mensch. Ich habe mich … im Schlaf verwandelt.“
 

Beim Gedanken daran bekam Darius erneut eine Gänsehaut.
 

„Hast du eine Ahnung, wie das sein kann? Ich meine … wenn dabei irgendetwas schiefgeht …“ Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Unsicher blickte er zu Kaelen. Würde der Heiler sich über ihn lustig machen oder das Thema mit einem Achselzucken abtun?
 

Zu Darius’ Überraschung blieb Kaelen ernst. Er schien die Frage sorgfältig zu durchdenken.
 

„Das ist in der Tat ungewöhnlich. Eine Verwandlung, ausgelöst allein durch das Unterbewusstsein?“ Kaelen runzelte die Stirn. „Soweit ich weiß, ist es bei Verwandlungen essenziell, dass sie nicht unterbrochen werden.“
 

Darius nickte knapp. Gerade deshalb beunruhigte ihn der Vorfall. Er hatte noch nie von einem Magier gehört, der seine Kraft nicht unter Kontrolle hatte. Und in diesem Fall gefährdete er ja ausschließlich sich selbst.
 

„Mein Wissen über Verwandlungsmagie ist begrenzt“, fuhr Kaelen fort. „Ich kann nur Vermutungen anstellen. Vielleicht hast du geträumt – und ein Ereignis im Traum hat die Magie ausgelöst. Erinnerst du dich an etwas?“
 

Darius schüttelte den Kopf. Das musste nicht heißen, dass er nichts geträumt hatte, aber er konnte sich jedenfalls an nichts erinnern.
 

„Oder aber der Wunsch, dich zurückzuverwandeln, war so stark in deinem Unterbewusstsein, dass er die Verwandlung bewirkt hat – möglicherweise.“
 

Ein Wunsch? Stirnrunzelnd dachte Darius über diese Möglichkeit nach. Er hatte nie direkt etwas in diese Richtung ausgesprochen … oder?
 

Geäußert nicht – aber vielleicht gedacht?
 

Ich wünschte, ich wäre ein Mensch. Nein, an einen solchen Gedanken konnte er sich nicht erinnern. Aber … wie war das gewesen? Gestern Abend … Bei der Aussicht auf den Besuch beim Heiler hatte er sich gefreut, endlich wieder in sein gewohntes Leben zurückkehren zu können. Und außerdem …
 

Ein schlimmer Verdacht stieg in ihm auf. Unwillkürlich lachte er kurz auf.
 

„Das kann doch nicht …“, murmelte er und presste sich die Handflächen vor die Augen. Ein Prickeln breitete sich in seinem Nacken aus, und er wusste genau, dass seine Wangen erröteten. Ich habe mich echt nicht unter Kontrolle. Wie peinlich …
 

Vielleicht hatte sein Unterbewusstsein das tiefe Bedauern, seinem Retter nie als Mensch gegenüberzustehen, als Wunsch interpretiert.
 

Darius’ errötetes Gesicht blieb Kaelen nicht verborgen. Seine Stirn glättete sich, und sein Blick wurde für einen Moment weich – nicht neugierig, nicht analytisch, sondern still und aufmerksam.
 

Dann senkte er leicht den Blick – eine Geste, die Darius Raum ließ, ohne ihn bloßzustellen.
 

„Das ist nichts, wofür du dich schämen musst“, sagte er leise. „Magie reagiert manchmal auf das, was wir nicht aussprechen können.“
 

Er hielt kurz inne, als wolle er noch etwas hinzufügen.
 

„Manchmal ist ein Wunsch stärker als jede Formel“, murmelte er schließlich, mehr zu sich selbst als zu Darius.
 

Dann schüttelte er den Kopf – fast entschuldigend.
 

„Aber das geht mich nichts an.“
 

Darius spürte, wie ihm die Hitze erneut ins Gesicht stieg. Er verstand, was Kaelen meinte – oder zumindest, was er vermutete. Und obwohl kein Wort gefallen war, fühlte er sich ertappt.
 

Ist es so offensichtlich?
 

Er wusste längst, was er fühlte. Garik … die Wärme … das Bedauern.
 

Aber es war etwas anderes, es lautlos zu denken – und etwas ganz anderes, wenn jemand es bemerkte.
 

Verurteilt er mich jetzt?
 

Darius wagte nicht, Kaelen direkt anzusehen.
 

Jemand wie ich – mit diesem Gesicht, mit dieser Geschichte …
 

Was, wenn er denkt, dass es eine Verschwendung wäre? Dass jemand wie Garik etwas Besseres verdient?
 

Der Gedanke schnürte ihm die Kehle zu.
 

Und doch – Kaelen sagte nichts.
 

Ließ ihm die Würde, das Schweigen zu bewahren.
 

Nach einiger Zeit fuhr der Heiler fort, nun wieder sachlicher:
 

„Wenn dein Wunsch so stark war, dass er eine Verwandlung ausgelöst hat, dann steckt in dir mehr Magie, als du vielleicht ahnst. Das ist nicht unbedingt gefährlich – aber es ist selten.“
 

Darius blinzelte, als würde er aus einem Traum erwachen, und hob den Blick.
 

„Selten?“, fragte er, seine Stimme etwas rauer als zuvor.
 

„Sehr. Die meisten Magier brauchen klare Rituale, Konzentration, Formeln. Aber du … du hast dich im Schlaf verwandelt. Das spricht für eine tiefe Verbindung zur Magie – oder für eine tiefe emotionale Bindung.“
 

Darius schluckte. Er dachte wieder an Garik. An die Wärme in dessen Stimme, an die Art, wie er ihn angesehen hatte, ohne zu wissen, wer er wirklich war. Er war sich sicher, dass es dieser Wunsch war – nicht einfach zurückzukehren, sondern ihm zu begegnen. Als Mensch. Als er selbst.
 

„Ich weiß nicht, ob das gut ist“, murmelte er.
 

Kaelen lächelte schmal. „Magie ist nie nur gut oder schlecht. Sie ist das, was du daraus machst.“
 

Darius nickte langsam. In seinem Innern begann sich etwas zu ordnen – nicht vollständig, aber wie ein Puzzle, bei dem die ersten Teile ineinandergreifen. Vielleicht war es an der Zeit, sich nicht nur mit der Heilmagie zu beschäftigen, sondern auch mit sich selbst. Mit dem, was ihn wirklich bewegte.
 

„Ich denke … ich nehme dein Angebot an“, sagte er leise.
 

Kaelen hob die Brauen, aber sein Blick verriet Zufriedenheit. „Dann werden wir beide voneinander lernen.“

Wahl

Voneinander lernen ... Darius ließ sich Kaelens Worte durch den Kopf gehen. Er wusste nicht, was ihn erwartete, doch eine leise Aufregung breitete sich in ihm aus. Magie – weiße Magie. Ein neues Kapitel. Ob Kaelens Einschätzung seiner seltenen Begabung stimmte oder nicht, war ihm plötzlich egal. Er freute sich darauf.
 

„In Anbetracht der Zeit“, warf Kaelen mit einem undurchdringlichen Lächeln ein, „bleibt jetzt noch eine Frage zu klären.“
 

Er machte eine kurze Pause. Trotz aller Vorfreude runzelte Darius die Stirn – Kaelens Gesichtsausdruck war ihm nicht geheuer.
 

„Wie möchtest du ihm gleich begegnen? So – oder doch wieder als Katze?“
 

Darius hielt den Atem an. Er starrte Kaelen entsetzt an.
 

Ich soll ... so bleiben? Als Mensch?
 

Er hatte nie über diese Frage nachgedacht, war gar nicht erst auf die Idee gekommen, sie sich überhaupt zu stellen. In seinem Kopf war alles klar: Für Garik war er eine Katze.
 

Aber ... Stand ihm diese Möglichkeit tatsächlich offen?
 

Darius war sich sicher, dass Kaelen seinen Herzschlag hören konnte, so laut pochte es in seiner Brust.
 

Hier und heute – sollte er tatsächlich ...?
 

Er stellte sich vor, wie Garik den Raum betrat – das vertraute Geräusch seiner Schritte, seine Bewegungen, sogar sein Geruch. All das konnte er sich vorstellen. Aber Gariks Gesicht, seine Reaktion – hier herrschte nichts als grauer Nebel. Darius’ Magen krampfte sich zusammen, ihm wurde kalt.
 

Nein, das ... Die Ungewissheit machte ihm Angst.
 

„Ich werde ...“, begann er und senkte den Blick auf seine Hände. Kaelens Gesicht konnte er nicht ansehen. „... mich verwandeln.“
 

„Wie du willst.“
 

Darius konnte Kaelens Stimme nicht deuten. Er würde seine Entscheidung nicht mehr ändern, dennoch hatte er dem Heiler gegenüber ein schlechtes Gewissen.
 

„Du weißt, wo du mich findest. Komm einfach vorbei, wenn du das nächste Mal in der Stadt bist.“
 

Darius dachte an die Buchhandlung. Der könnte er bei dieser Gelegenheit ebenfalls einen Besuch abstatten. Er nickte.
 

Das flaue Gefühl in seinem Magen war immer noch da, und er dachte unweigerlich an Garik. Nicht mehr lange, und er würde ihn abholen. Und dann ...
 

Darius seufzte. Er schaute wieder zu Kaelen. “Danke für alles.” Er meinte es ernst. Dieser andere Magier war ... nicht wie Garik – aber auch nicht wie all die anderen Leute. Er kannte sein wahres Ich und behandelte ihn dennoch normal. Vielleicht war er etwas exzentrisch, aber Darius war überzeugt, dass das nichts mit ihm zu tun hatte.
 

Kaelen schob seine Brille zurecht und lächelte leicht. „Wofür genau bedankst du dich?“
 

Die Behandlung, die Antworten, das Schweigen gegenüber Garik – Darius fielen sofort eine Menge Dinge ein. Besonders der letzte Punkt war ihm wichtig, aber er würde einen Teufel tun, das laut auszusprechen. Wartete Kaelen etwa genau darauf?
 

Darius spitzte die Lippen. Da fiel ihm noch etwas ein. „Meine Behandlung ... Wie teuer ist sie?“
 

Kaelen hob überrascht die Brauen. Darius beeilte sich, seine Worte zu erklären: „Ich möchte nicht, dass er auch noch die Kosten übernimmt. Vielleicht könntest du ihm anbieten, das auch aufs Haus zu nehmen? Ich bezahle dann alles selbst ...“
 

Garik hatte so viel für ihn getan. Vielleicht konnte Darius dadurch wenigstens einen kleinen Teil zurückgeben.
 

Kaelen lachte – wie zuvor, als Darius den Hund als Ursache für seinen Unfall genannt hatte. „Mach dir darüber mal keine Gedanken. Garik verkraftet das schon.“
 

“Aber ich ...” Darum ging es doch gar nicht.
 

“Du bist in seinen Augen eine Katze. Katzen können keine Behandlungskosten übernehmen. Das war ihm klar, als er dich hierhergebracht hat. Lass ihn doch den edlen Ritter spielen.”
 

Darius sackte enttäuscht zusammen. Natürlich hatte Kaelen recht. Aber konnte er denn gar nichts für Garik tun?
 

“Hör mal, Darius.” Die Belustigung war gänzlich aus Kaelens Stimme verschwunden. “Warum, glaubst du, hat er dich aufgelesen?”
 

Darius runzelte die Stirn.
 

Weil er ein netter Mensch ist? Lieb und gutmütig, vielleicht sogar zu sehr. Ich war verletzt, er hat mich versorgt ...
 

Worauf wollte Kaelen hinaus?
 

„Garik ist im Grunde seines Herzens ein guter Mensch. Aber in seinem Beruf ...“ Kaelen hielt inne. Es war offensichtlich, dass er nach den richtigen Worten suchte. „... ist es nicht so einfach. Deshalb – lass ihm im Privatleben seinen Spielraum.“
 

Darius sah Kaelen mit wachsender Verwirrung an.
 

Was meinte er damit? Was für ein Beruf war das, der einem die Menschlichkeit so schwer machte, dass man sie sich in Form von verletzten Tieren zurückholen musste?
 

Er dachte an die Soldaten. An den Blick, den einer von ihnen Garik zugeworfen hatte. An die Veränderung von Gariks Verhalten, sobald sie zuvor die Stadt betreten hatten.
 

Ist das alles Teil dieser anderen Welt, die ich nicht kenne?
 

Darius seufzte. Es blieb ihm rätselhaft, aber wenn Kaelen der Überzeugung war, dass Garik so viel daran lag – dann wollte Darius ihm auf keinen Fall im Weg stehen.
 

„Na gut, wenn du meinst.“ Er gab sich geschlagen.
 

„Sehr schön. Dann bleibt ...“
 

Ein Klopfen an der Tür unterbrach Kaelen. Darius blickte erschrocken hoch. War das Garik? Er war doch noch nicht verwandelt. Mit rasendem Herzen starrte er Kaelen an. Doch der erwiderte seinen Blick in aller Ruhe mit einem leichten Grinsen.
 

„Möchtest du dich vielleicht doch noch umentscheiden?“
 

Darius schüttelte vehement den Kopf.
 

„Immer mit der Ruhe. Wie lange brauchst du?“ Kaelen erhob sich gelassen. „Zwei Minuten? Drei? Keine Sorge, so lange kann ich ihn locker hinhalten.“ Er ging zur Tür. „Nur ... das nächste Mal würde ich gern zusehen.“ Mit einem Augenzwinkern verschwand er im Flur und schloss die Tür hinter sich.
 

Darius’ Puls raste, sein Atem ging flach.
 

Was, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe? Was, wenn Garik mich sieht – so, in dieser Gestalt?
 

Nein. Ich darf nicht zögern. Nicht jetzt.
 

Die Situation erinnerte ihn an letzte Nacht. Die Hektik. Die Angst, entdeckt zu werden. Doch diesmal ...
 

Darius vertraute darauf, dass Kaelen ihm genügend Zeit verschaffen würde. Er atmete tief durch, schloss die Augen – und begann mit der Verwandlung.
 

Er blendete alles andere aus. Klappern, Schritte, Stimmen – er hörte sie, ließ sie aber nicht an sich heran. Es zählte nur, in seine Katzengestalt zurückzukehren. Ein vertrauter Vorgang, beinahe beruhigend. Als er spürte, dass die Verwandlung abgeschlossen war, öffnete er die Augen – und sah nichts. Dunkelheit.
 

Er schnappte nach Luft.
 

Meine Augen!
 

Bin ich blind? Ist etwas schiefgelaufen?
 

Nicht jetzt. Nicht ausgerechnet jetzt.
 

Für einen Sekundenbruchteil glaubte er tatsächlich, dass die Verwandlung fehlgeschlagen war. Doch dann spürte er das Gewicht auf seinem Körper. Und er roch es: Seife – und seinen eigenen, menschlichen Geruch.
 

Er begann zu strampeln. Der Stoff um ihn raschelte. Es dauerte einen Moment, bis er einen Ausgang aus der Decke fand, die wie ein Zelt über ihm lag. Er machte einen Schritt nach vorn, streckte den Kopf in die Luft – und fiel im nächsten Moment vom Stuhl.
 

Seine tierischen Reflexe federten den Sturz ab. Er landete sicher auf alles Vieren. In Gedanken musste er über die komische Situation lachen – doch das Lachen verging ihm schnell.
 

Großartig. Gleich kommt er rein – und ich falle wie ein Anfänger vom Stuhl. Ganz prima.
 

Die Tür schwang auf. Garik und Kaelen traten ein.
 

„Es ist alles in Ordnung“, verkündete Kaelen. „Das Bein ist ge... heilt. Nanu? Wo steckt er denn?“
 

Darius kämpfte sich gerade unter einem Zipfel der Decke hervor und schüttelte sich, als Kaelen um den Tisch herumkam, sich bückte und ihn am Kragen hochhob. Ein entrüstetes Miauen – doch es erstarb, als sein Blick auf Garik fiel. Den Mann, zu dem er nun endlich auch einen Namen hatte.
 

Garik. Da ist er.
 

Es war nur eine Stunde ... und doch kam Darius die Zeit, in der sie voneinander getrennt waren, wie eine Ewigkeit vor.
 

„Da bin ich aber froh.“ Garik lächelte, als er die Arme ausstreckte, um Darius aus Kaelens Griff entgegenzunehmen. Dabei bildeten sich wieder diese Fältchen neben seinen Augen – und Darius wurde schwindlig vor Wärme. Garik strich ihm über den Kopf.
 

Die Berührung sandte einen Schauer durch Darius’ Körper.
 

Ja, ich bin wieder nur die Katze. Die, die er streichelt – nicht jemand, mit dem er spricht. Wenn er wüsste, wen er da berührt ... Würde er mich dann noch genauso streicheln?
 

Darius schob diese bitteren Gedanken zur Seite und schmiegte sich an den vertrauten Körper. Mit Garik schien zum Glück wieder alles in Ordnung zu sein. Nichts deutete darauf hin, dass er vor Kurzem noch einen Messerstich erlitten hatte. Darius war ebenso erleichtert. Er schnurrte leise.
 

„Gut. Dann steht deiner Rückkehr nach Hause nichts mehr im Weg, kleiner Kater.“
 

„Haben Sie ihm keinen Namen gegeben?“ Kaelen stellte die Frage beiläufig, während er den Korb aus der Ecke holte. Doch Darius hatte plötzlich ein ungutes Gefühl.
 

„Naja ...“ Garik kratzte sich am Kopf und lachte verlegen. „Er hat ja bestimmt schon einen. Da kann ich ihn doch nicht einfach irgendwie nennen.“
 

„Warum nicht? Wie wär’s mit—“
 

„Miau!“ Darius fiel dem Heiler ins Wort, bevor der etwas sagen konnte, das er nicht wollte. Er war sich sicher, dass Kaelen seinen richtigen Namen vorschlagen wollte. Aber ... das wäre ihm unangenehm gewesen. Mehr noch.
 

Sollte er mich wirklich mit meinem richtigen Namen ansprechen – ich weiß nicht, ob ich die Illusion aufrecht halten könnte. Ob ich weiterhin einfach eine Katze sein könnte.
 

Und es hätte nichts geändert. Er würde sich ohnehin von Garik verabschieden müssen. Darius schluckte schwer.
 

Kaelen kicherte leise und warf ihm einen amüsierten Blick zu.
 

„Sehen Sie“, meinte Garik überzeugt, „der kleine Kerl ist mit Ihrem Vorschlag offenbar nicht einverstanden.“
 

Ganz genau.
 

„Was auch immer Sie vorschlagen wollten ... Ich habe manchmal das Gefühl, dass er uns versteht.“
 

Kaelen überreichte den Korb, noch immer höchst amüsiert. Doch zu Darius’ Erleichterung kommentierte er Gariks Bemerkung nicht weiter. Darius wurde in den Korb gesetzt. Dabei fiel ihm auf, dass Garik sich umgezogen hatte. Das Hemd mit dem blutigen Loch war verschwunden, ebenso die Hose. Alles war sauber. War er wohl noch einkaufen gewesen?
 

„Also dann. Danke für Ihre Hilfe.“ Garik schulterte seinen Beutel und schüttelte Kaelens Hand, der ihm lediglich zunickte. Der Heiler begleitete sie noch zur Vordertür.
 

Gerade als Garik sich zum Gehen wandte, fiel Kaelen noch etwas ein. „Nicht vergessen: Nachdem es so lange ruhiggestellt war, braucht das Bein etwas Gymnastik.“
 

Garik hielt irritiert inne, schaute von Kaelen zu Darius und wieder zurück. Darius hielt die Luft an – doch nur so lange, bis Garik mit den Schultern zuckte.
 

„Sollte ich die Besitzer treffen, richte ich es ihnen aus.“
 

„Gut.“ Kaelen grinste breit und verschwand.
 

„Also, Katze. Dann mal los. Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns.“
 

Darius blickte hinauf in Gariks Augen.
 

Unsere letzte gemeinsame Zeit ...
 

Er blinzelte.
 

Wie lange noch?
 

Ich will nicht, dass es endet.
 

Ich werde ihn vermissen.

Zwischenhalt

Garik ging mit Darius durch das Viertel mit den Handwerks- und Wohnhäusern - nicht direkt weiter ins Zentrum der Stadt, das sich nordöstlich von ihnen befand, sondern Richtung Norden. Die Sonne stand mittlerweile voll am Himmel, und in den Straßen war entsprechend viel los. Viele Leute machten sich noch auf den Weg zur Arbeit. Kinder beeilten sich, rechtzeitig die Schule zu erreichen.
 

Darius beobachtete das Treiben aus seinem Korb heraus. So viele Menschen. So viel Bewegung. Er fühlte sich fehl am Platz – wie ein Fremdkörper in einer Welt, zu der er nicht gehörte. Die Gestalt der Katze - für sein Dorf war sie perfekt, doch hier, in der Stadt ... Ich bin zu klein, zu leise, zu anders. Die Stadt war für Menschen gemacht.
 

Früher einmal bin ich selbst durch diese Straßen gegangen. Jetzt bin ich nur Gepäck. Niemand sieht mich.
 

Der Geräuschpegel nahm immer weiter zu, und als sie von einer Nebenstraße aus auf eine belebte, deutlich breitere Straße traten, erkannte Darius, wo sie waren. Das war eine der vier Hauptstraßen - die, die vom Westen aus in die Stadt bis ins Zentrum führte.
 

Der Trubel auf dieser Straße traf ihn mit voller Wucht. Seine Katzensinne waren viel empfindlicher als die eines Menschen - zu empfindlich für diesen Lärm, diese Gerüche, diese Unruhe. Sofort zog er den Kopf ein, versuchte, die Reize abzudämpfen.
 

Wie nur kann er sich hier so selbstverständlich bewegen? Darius war froh, dass er nicht selbst laufen musste, sondern direkt an Gariks Seite getragen wurde.
 

Gekonnt schlängelte sich Garik durch das Gewühl und steuerte eine Bucht entlang des breiten Weges an, in der eine Handvoll Kutschen auf Passagiere warteten.
 

Darius rümpfte die Nase, als der typische Pferdegeruch alles andere übertönte. Noch ein Reiz mehr. Noch ein Zeichen, dass ich nicht dazugehöre.
 

Garik ging auf eine dunkle, geschlossene Kutsche zu, die in der zweiten Reihe stand. Der zugehörige Kutscher lehnte an der Seite der Kabine und las Zeitung. Als er bemerkte, dass sich ihm jemand näherte, schaute er mürrisch auf. Doch sein Gesichtsausdruck änderte sich, sobald er Garik erblickte. Er hob grüßend die Hand, faltete ohne Umschweife seine Zeitung zusammen und kletterte auf den Kutschbock.
 

Garik öffnete die Tür und stellte Darius sowie seinen Beutel in die Kabine. Dann verschwand er.
 

Darius hörte seine Stimme und die eines Fremden – vermutlich der Kutscher –, doch er verstand nicht, was sie sagten. Der übrige Lärm war einfach zu stark. Was besprechen sie? Wohin fahren wir?
 

Und wie lange bleibt mir noch mit ihm?
 

Garik kehrte zurück, kletterte zu Darius, und kaum dass die Tür einschnappte, rumpelte das Gefährt los.
 

Eine Privatkutsche? Darius hob überrascht den Kopf. Üblicherweise wurden solche Kutschen voll besetzt, ehe sie sich auf den Weg machten. Je mehr Passagiere, desto mehr Geld für den Kutscher. Darius sah sich den Innenraum nun etwas genauer an.
 

Die Sitze sind dick gepolstert und das Leder gut gepflegt. Es riecht auch nicht, als ob hier jeden Tag eine Menge Leute einsteigen.
 

Sein Blick wanderte zu Garik, der gedankenverloren aus dem Fenster starrte. Das ist keine öffentliche Kutsche, oder? Der Kutscher hat auf ihn gewartet.
 

Warum? Wer ist er?
 

Immer wieder dieselben Fragen. Darius kam sich vor, als drehte er sich im Kreis. Doch selbst wenn er keine Antworten bekam – es änderte nichts an seinen Gefühlen.
 

Was er wohl gerade denkt? So furchtbar ernst schaut er zuhause sonst nie.
 

Darius’ Brust schnürte sich zusammen. Er hatte das dringende Bedürfnis, Garik zu berühren. Ihn zu trösten und ihm zu zeigen, dass er nicht allein war. Kurzentschlossen stand Darius auf und sprang auf die Sitzbank neben Garik. Vorsichtig näherte er sich ihm und stupste ihn mit der Schnauze an.
 

Garik riss sich vom Blick nach draußen los, blinzelte überrascht und schaute dann zu Darius hinunter. Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen.
 

„Was ist mit dir?“, fragte er leise und legte eine Hand auf Darius’ Kopf. „Langweilig? Ist vermutlich dein erstes Mal in einer Kutsche. Ach nein, das stimmt nicht.“ Er schüttelte den Kopf und lachte über seine eigene Vergesslichkeit. „Aber das letzte Mal warst du bewusstlos, also kannst du dich nicht daran erinnern.“
 

Wie er mit mir redet ... Dabei weiß er nicht mal, dass ich jedes Wort von ihm verstehe.
 

Und ich ... würde ihm wirklich gerne antworten. Nicht nur, um danke zu sagen. Eine richtige Unterhaltung, von Angesicht zu Angesicht ...
 

Aber das geht nicht. Mein Angesicht ...
 

Darius drückte sich gegen Gariks Oberschenkel, versuchte, sich durch diese Berührung vom Stechen in seiner Brust abzulenken.
 

Ich kann es nicht.
 

Garik schmunzelte. „Du bist heute aber anhänglich. Na, komm her.“ Er hob Darius auf seinen Schoß, und der schmiegte sich sofort gegen seinen Bauch. Garik kraulte ihn träge im Genick.
 

Darius folgte Gariks Blick nach draußen. Viel konnte er aus seiner Position nicht erkennen, doch als sie das Stadttor passierten – einen Torbogen, unter dem locker zwei Kutschen nebeneinander Platz fanden – nahm der Lärm deutlich ab.
 

Ob er mich wirklich bis in mein Dorf fährt? Hat er dort zu tun? Liefert er mich dann einfach ab – wie man einen geliehenen Gegenstand zurückgibt? Oder fällt es ihm vielleicht auch ein bisschen schwer?
 

Darius überlegte, wie lange die Fahrt wohl dauern würde. Eine gute Stunde, schätzte er. Er war den Weg lange nicht mehr gegangen.
 

Und wenn ich Kaelen bald wieder besuche, werde ich diesen Weg öfter nehmen.
 

Aber dann allein. Ohne ihn.
 

Der Gedanke schnürte ihm die Brust zu. Die Vorstellung, sich durch die lärmende, geschäftige Stadt zu bewegen, war ihm zuwider – doch diesmal war es nicht der Lärm, der ihn abschreckte. Nicht nur. Es war die Leere, die Gariks Abwesenheit hinterlassen würde.
 

Aber ich werde einen Grund haben, wiederzukommen. Und vielleicht, wenn es der Zufall will ... Darius traute sich nicht, diesen Gedanken überhaupt zu Ende zu führen.
 

Die Stadt wich langsam Feldern und Wiesen. Darius sah nicht viel, doch er hörte es. Die Geräusche wurden leiser, die Welt weiter. Er hörte Gariks Atem, seinen eigenen Herzschlag und das rhythmische Knirschen der Räder. Die Pferdehufe klapperten gleichmäßig auf dem gepflasterten Weg. Noch waren die Straßen gut ausgebaut, und die Kutsche schaukelte kaum.
 

Garik blickte schweigend aus dem Fenster und kraulte Darius. Die warmen Fingerspitzen jagten wohlige Schauer über seinen Rücken.
 

Woran er wohl gerade denkt?
 

Darius rechnete mit einer längeren Fahrt. Umso überraschter war er, als die Kutsche unvermittelt anhielt. Sein Körper zuckte leicht, als die Räder knirschend zum Stillstand kamen.
 

Garik schien nicht überrascht. Leise stieß er den Atem aus, hob Darius mit entschuldigender Miene von seinem Schoß.
 

„Bin gleich wieder da.“
 

Er griff nach seinem Beutel und stieg aus. Die Tür fiel leise ins Schloss. Darius blieb allein zurück.
 

Neugierig reckte er den Kopf. Vor ihnen stand ein gedrungenes Gebäude – das Erdgeschoss aus grobem Stein, darüber dunkles Holz und ein rußgeschwärztes Dach. Ein Schild zeigte ein Schwert und eine Lanze. Der Ort lag still, doch Darius wusste, wo sie waren.
 

Ein Waffenschmied? Was will er hier?
 

Die Schmiede lag nicht direkt an der Straße, sondern etwas abseits, über eine kurze Abzweigung erreichbar. Man kam nicht zufällig vorbei. Doch sie war bekannt genug, dass das kein Problem war – so bekannt, dass selbst Darius von ihr wusste. Auch wenn er nie ein Kunde gewesen war.
 

Er machte sich lang, um mehr sehen zu können. Garik sprach kurz mit dem Kutscher – zu leise, um etwas zu verstehen –, dann schob er die knarzende Holztür auf und verschwand im Inneren. Die Pferde schnaubten.
 

Mittlerweile hatte sich die Luft von draußen in die Kabine geschlichen. Schwerer Rauch und Metallgeruch lagen in der Nase – ein rußiger Dunst verbrannter Kohle, vermischt mit dem beißenden Aroma glühenden Eisens. Für Darius’ feine Katzensinne war das ohnehin kein angenehmer Ort. Doch sein Unbehagen rührte von etwas Tieferem. Der Gestank weckte Erinnerungen.
 

Feuer. Glühend und gierig. Es fraß sich durch alles – Holz, Metall, Stoff und Fleisch.
 

Darius wurde schwindlig. Übelkeit stieg in ihm auf. Hastig zog er sich vom Fenster zurück.
 

Er flüchtete sich in seinen Korb. Die Decke roch nach ihm – und ein wenig nach Garik. Darius drückte die Schnauze in den Stoff und atmete tief ein.
 

Haaa... Besser.
 

Er blieb im Korb, linste vorsichtig aus dem Fenster. Jetzt war nur noch das obere Ende eines Schornsteins zu sehen. Seine Gedanken kehrten zu Garik zurück.
 

Er trägt eine Waffe? Wo?
 

Da fiel ihm der Beutel ein. Hatte er heute Morgen nicht ein Messer darin gesehen?
 

Kaelen hat gesagt, sein Beruf ist nicht einfach. Hat das Messer etwas damit zu tun?
 

Aber wozu dann die tragbare Apotheke? Garik war geschickt im Versorgen von Wunden. Das passte nicht zusammen. Oder doch?
 

Garik konnte kämpfen – das hatte Darius heute Morgen erlebt. Doch er hatte keine Waffe gebraucht. Nur ein Griff in den Beutel, und er hätte das Messer gehabt. Oder das des Angreifers. Doch er hatte beides nicht benutzt. Er hatte niemandem ernsthaft geschadet.
 

Was ist der Grund für all das Schweigen?
 

Darius dachte an Gariks ruhige Hände, an die Wärme in seinen Augen – und an den Moment, als sie die Stadt betreten hatten und Garik sich verändert hatte. Ein Schauer lief ihm über den Rücken.
 

Nicht oft, aber manchmal ... Manchmal war da eine Härte, die durch seine Warmherzigkeit schien.
 

Aber plötzlich war da nicht nur Neugier. Nicht nur Unsicherheit.
 

Angst.
 

Nicht vor Garik. Sondern davor, ihn nicht zu kennen. Davor, dass das, was zwischen ihnen war, auf einem Bild beruhte, das Darius sich selbst gemalt hatte – aus Gesten, Blicken, Berührungen. Aber was, wenn es nicht stimmte? Was, wenn Garik jemand war, den er nicht verstehen konnte?
 

Wer bist du wirklich, Garik?

Leere

Es dauerte nicht lange, bis sich die Tür der Kutsche erneut öffnete und Garik einstieg. Sein Gesicht wirkte ruhig, doch seine Augen verrieten Nachdenklichkeit. Als sein Blick auf Darius fiel, huschte ein kurzes Lächeln über seine Lippen.
 

„Hast brav gewartet, was?“ Er setzte sich, legte den Beutel ab und strich Darius sanft über den Rücken. Die Kutsche setzte sich ruckelnd in Bewegung.
 

Darius spürte die Wärme seiner Nähe, doch etwas war anders. Gariks Blick hatte an Weichheit verloren. Er wirkte abwesend, als würde er sich innerlich auf etwas vorbereiten – etwas, das er nicht wollte, aber tun musste.
 

Darius kannte solche Momente. Wie das Gefühl, wenn man zum Einkaufen musste, obwohl man lieber zuhause geblieben wäre. Natürlich glaubte er nicht, dass Gariks Stimmung mit einem Einkauf zu tun hatte – aber der Ausdruck war ihm vertraut.
 

Was hat er in der Schmiede gemacht?
 

Darius sah keine Veränderung an ihm. Sein Blick wanderte zum Beutel. Leider konnte er nicht hineinsehen.
 

Vielleicht hat er nur etwas gesucht.
 

Was tat man üblicherweise bei einem Waffenschmied? Waffen in Auftrag geben, ausprobieren, kaufen? Vielleicht war seine Vorstellung naiv. Im Grunde hatte er keinen blassen Schimmer von Waffen.
 

Reparieren vielleicht? Nachschärfen?
 

So sehr es ihn beschäftigte – er würde keine Antworten bekommen.
 

Ich hätte mich mit nach draußen schleichen müssen.
 

Aber der Gestank hatte ihn davon abgehalten.
 

Oder ... ich könnte ihn fragen. Wenn ich mich jetzt zurückverwandle ...
 

Darius lachte innerlich bei der Vorstellung, wie er sich mitten in der fahrenden Kutsche in einen Menschen verwandelte – nackt, verwirrt, direkt neben Garik. Was für eine Überraschung das wäre!
 

Er stellte sich die Szene vor, Gariks Reaktion – geweitete Augen, geöffneter Mund, keine Spur mehr von seiner üblichen Gelassenheit.
 

Nicht, dass er eine Verwandlung wirklich in Betracht zog. Im Grunde versuchte Darius nur, sich abzulenken. Abzulenken von dem, was immer näher rückte.
 

Nicht mehr lange ...
 

Die Felder zogen vorbei, das Pflaster wich einem festgefahrenen Weg. Die Stadt und auch die Schmiede lagen nun weit hinter ihnen. Und mit ihnen ihr jeweiliger Geruch. Die Luft war klar und rein – so, wie Darius sie am liebsten hatte. Ohne hervorstechende Reize. Nur eines blieb: Gariks Geruch. Darius hatte sich in den vergangenen Wochen so sehr daran gewöhnt, dass er ihn vermisste, wenn Garik nicht da war. Er roch ihn, noch bevor Garik das Haus betrat.
 

Die Kutsche schaukelte sanft, doch in Darius war alles in Aufruhr.
 

Nach einer Weile öffnete Garik die kleine Luke in der Kabinenwand zum Kutschbock. Ein milder Wind strich herein, brachte den Duft von jungem Gras und den ersten Sommerblüten mit sich.
 

„Biegen Sie bei der nächsten Möglichkeit bitte ab“, sagte Garik. „Ich muss vorher noch etwas erledigen.“
 

Der Kutscher antwortete mit einem knappen „Verstanden“, und die Luke wurde wieder geschlossen.
 

Darius’ Ohren zuckten.
 

Etwas erledigen? Was meint er damit?
 

Er hob den Kopf, sah zu Garik hinauf, doch der blickte wieder aus dem Fenster – schweigend, in Gedanken versunken.
 

Ist das ...?
 

Darius verließ seinen Korb, sprang auf die Sitzbank und starrte ebenfalls nach draußen. Die Landschaft kam ihm bekannt vor.
 

Eigentlich hätte er sich freuen müssen. Vertraute Bilder zogen an der Kutsche vorbei: der Wasserlauf mit der kleinen Brücke, der weiter hinten in den Fluss mündete. Der große, knorrige Baum, der schon zwei Blitzschläge überstanden hatte und sich trotzdem nicht unterkriegen ließ. Die Hopfenplantage, mit der – laut Aussagen der Dorfbewohner – das beste Bier der Umgebung gebraut wurde.
 

Er hätte sich freuen müssen, doch stattdessen wurde sein Herz schwer. Ihm war kalt, und die Natur vor seinen Augen verschwamm zu einer grauen Suppe.
 

Die Kutsche bog in einen schmalen Weg ein, gesäumt von Hecken und alten Steinmauern. Auch diesen erkannte Darius sofort. Es ging leicht bergauf – dort oben lag der Eingang zu seinem Dorf. Die vertrauten Dächer, die schiefen Fensterläden: alles war noch da. Und doch fühlte es sich fremd an.
 

Vor den ersten Häusern hielt die Kutsche. Garik öffnete die Tür, hängte sich seinen Beutel um und schaute einen Moment lang zu Darius hinunter. Darius erwiderte den Blick.
 

Was sollte er tun? Zurück in den Korb? Aber wozu? Er könnte einfach hinausspringen, um die nächste Hausecke verschwinden – und wäre fort. Garik schien ebenso unschlüssig. Schließlich lächelte er schief und bedeutete Darius, auf seinen Arm zu klettern.
 

Zögerlich kam Darius der Aufforderung nach. Einerseits war er Garik so nahe, andererseits wusste er genau, dass es das letzte Mal sein würde. Sein Herz fühlte sich an, als wollte es zerspringen. Er rollte sich zu einer Kugel zusammen, wollte so klein werden wie möglich – am liebsten wäre er ganz verschwunden. Hätte sich einfach in Luft aufgelöst, und alles wäre vergessen.
 

Garik sprach kurz mit dem Kutscher, versicherte, dass es nicht lange dauern würde, dann ging er mit Darius auf dem Arm die Straße entlang in Richtung Marktplatz.
 

Ein älterer Mann lud gerade Holz auf einen Wagen. Darius kannte ihn vom Sehen. Garik näherte sich ihm und sprach ihn an.
 

„Verzeihung ... Kennen Sie diese Katze?“
 

Der Mann sah kurz zu Darius, dann zu Garik. Für einen Moment runzelte er die Stirn – vermutlich wunderte er sich, dass ein Fremder ihn ansprach. In dieser Hinsicht ähnelten sich die Dorfbewohner. Schließlich zuckte der Alte mit den Schultern. „Die läuft hier öfter rum. Hab sie aber schon länger nicht gesehen. Wenn’s überhaupt dieselbe ist.“
 

Mehr konnte er offenbar nicht sagen. Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu, und Garik ging weiter. Einige andere Leute waren unterwegs, und Garik redete der Reihe nach mit ihnen – zumindest mit denjenigen, die nicht auf Abstand blieben.
 

„Ich sehe sie manchmal.“
 

„Keine Ahnung, ob die wem gehört.“
 

„Sie sitzt ab und zu am Brunnen.“
 

„Ich hab sie schon gestreichelt. Sie rennt nicht sofort weg.“
 

Eine Frau mit einem Korb, ein Mann mit müdem Blick, die Kellnerin aus dem Gasthaus, ein Junge mit einem Stock – sie alle wussten etwas zu sagen. Doch niemand fragte, woher die Katze kam. Niemand fragte, ob sie vermisst wurde.
 

Darius hörte jedes Wort. Und jedes schnitt tiefer.
 

Einerseits war das doch genau das, was er mit seiner Verwandlung immer bezwecken wollte – als stiller Beobachter unter Menschen zu sein. Dabei, ohne aufzufallen. Doch jetzt, da er die ehrlichen, geradlinigen Antworten hörte, tat jedes Wort weh.
 

Ich bin hier zuhause. Und doch bin ich niemand.
 

Darius blickte durch die Straßen und Gassen seines Heimatdorfes. Er kannte jede Ecke, jeden Winkel, die Leute und ihre Arbeit.
 

Hab ich alles ... falsch gemacht?
 

Der Gedanke traf ihn wie ein Faustschlag.
 

Er bemerkte kaum, dass sie den Marktplatz erreicht hatten. Der Platz war leer – kein Markttag, keine Händler, kein Lärm. Nur das leise Plätschern des Brunnens und das Knirschen von Schritten, wenn jemand ihn überquerte.
 

Gegenüber standen drei Frauen, die sich unterhielten – eine von ihnen hatte ein Baby auf dem Arm. Es blickte Garik mit großen Augen an, als er sich näherte. Dann entdeckte es die Katze und quiekte vergnügt.
 

Die Frauen sahen den Fremden mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier an. Zu Darius – der Katze – konnten sie jedoch auch keine Auskunft geben. Ratlos kehrte Garik zum Brunnen zurück und lehnte sich gegen die niedrige Mauer.
 

„Also bist du doch ein Streuner.“ Er streichelte Darius ein letztes Mal über den Kopf, dann setzte ihn neben sich auf die Mauer. „Ich fürchte, mehr kann ich nicht für dich tun. Mach’s gut, kleiner Kerl. Ich bin mir sicher, du findest deinen Weg.“
 

Dann wandte er sich ab und ging.
 

Darius saß wie benommen da. Er konnte nicht denken, spürte nur die Endgültigkeit. Der Platz verschwamm vor seinen Augen, die Geräusche verstummten.
 

Das ... Das war’s?
 

Ich bin wieder ...
 

Er wollte aufspringen, Garik hinterherlaufen. Wollte etwas sagen - und hätte sich sogar verwandelt. Hauptsache, er hielt ihn auf. Doch sein Körper blieb still. Still und stumm.
 

Wie versteinert starrte er auf die Stelle, an der Garik verschwunden war. Die Leere des Platzes lastete auf seinem kleinen Körper – er hatte das Gefühl, jeden Moment zu zerspringen.
 

Darius hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Er saß auf dem Brunnenrand, doch niemand beachtete ihn. Irgendwann schoben sich Wolken vor die Sonne und ein kühler Windstoß fuhr unter sein Fell. Das rüttelte ihn wach.
 

Darius sprang vom Brunnenrand und lief los. Seine Pfoten berührten das Pflaster kaum, so leicht war sein Schritt, doch jeder Schritt fühlte sich schwer an. Er rannte zum Dorfeingang, dorthin, wo die Kutsche gestanden hatte. Doch die Straße war leer. Kein Hufschlag, kein Staub, kein Schatten. Garik war fort.
 

Er blieb stehen, blickte in die Ferne.
 

Zu spät.
 

Langsam wandte er sich ab und lief ziellos durch die Gassen. Die vertrauten Wege wirkten fremd. Die Fenster, die Türen, die Mauern – alles war da, aber nichts sprach ihn an. Niemand beachtete ihn. Niemand hielt ihn auf.
 

Er streifte durch die Straßen, vorbei am Gasthaus, an der alten Backstube, am kleinen Laden, in dem er immer eingekauft hatte. Die Welt war still. Und Darius war ein Teil von ihr – und doch nicht.
 

Schließlich stand er vor seinem Haus.
 

Die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen, doch das Fachwerk stand fest – wie ein stiller Zeuge vergangener Tage. Nichts hatte sich verändert. Und doch war alles anders.
 

Er tappte um die Ecke, blickte nach oben. Das Fenster im Dachgeschoss – das, durch das er am Markttag vor seinem Unfall das Haus verlassen hatte – stand noch immer einen Spalt offen.
 

Ein Laut entkam ihm. Ein Lachen vielleicht. Oder ein Schluchzen. Doch aus seiner Katzenkehle klang es wie ein jämmerliches Winseln.
 

Er kletterte am Stamm des alten Baumes nach oben, von dort auf den Ast, der nah an das Fenster ragte. Vorsichtig tastete er sich vor, bis sich das Holz unter seinen Pfoten bog. Mit einem Satz sprang er auf den schmalen Sims und schlüpfte durch den Spalt nach innen.
 

Er landete auf dem Holzboden seines Schlafzimmers. Staub wirbelte auf. Es roch muffig, nach altem Holz und nach der Stille eines Raumes, den lange niemand betreten hatte. Doch in diesem Moment war ihm das alles gleich.
 

Langsam richtete er sich auf. Die Verwandlung kam wie von selbst – fließend, schmerzlos, vertraut. Und plötzlich war er wieder Mensch.
 

Nackt, zitternd, allein.
 

Er stand mitten im Raum, die Luft roch nach Staub und Vergangenheit. Alles war wie früher – das Bett, der Schreibtisch, die Bücher – und doch war nichts wie früher.
 

Ein Laut entkam ihm – diesmal ein echtes Schluchzen. Es war roh, unkontrolliert, als hätte sich etwas in ihm gelöst, das zu lange festgehalten worden war. Er taumelte zum Bett, ließ sich fallen, krallte die Finger in die Decke, als könnte er sich daran festhalten, als könnte sie ihn retten.
 

Und dann brach er.
 

Die Tränen kamen wie ein Sturm. Heiß, lautlos, unaufhaltsam. Sie rannen über seine Wangen, tropften auf die Decke, vermischten sich mit dem Staub der Erinnerung. Er vergrub das Gesicht im Stoff, presste sich gegen die Matratze, als wollte er sich darin auflösen, verschwinden, nicht mehr existieren. Sein Körper bebte. Ein Schrei entrang sich seiner Kehle – rau, gepresst, voller Verzweiflung. Kein klarer Laut, sondern ein Aufbegehren gegen die Stille, gegen das Verlassenwerden, gegen sich selbst. Der Stoff dämpfte den Klang, doch er schrie weiter, bis ihm die Stimme versagte.
 

In ihm fiel alles auseinander. Was ihm in den letzten Wochen Halt gegeben hatte, war fort.
 

Er keuchte, rang nach Luft, doch jeder Atemzug schien zu brennen. Seine Brust zog sich zusammen, als würde sie gegen sich selbst kämpfen. Gedanken schossen durch seinen Kopf, wirr, unzusammenhängend, voller Schuld und Sehnsucht.
 

Warum bin ich nicht aufgesprungen? Warum habe ich nichts gesagt? Warum habe ich mich versteckt, als ich hätte sprechen müssen?
 

Aber er hatte geschwiegen. Sich klein gemacht. Sich versteckt. Und jetzt war alles vorbei.
 

Er war wieder Mensch – und fühlte sich weniger lebendig als je zuvor.



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Kommentare zu dieser Fanfic (23)
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Von:  Gl0rian4
2026-03-19T17:19:27+00:00 19.03.2026 18:19
Hej,

Iwie Du die Emotionen, egal ob eindringlich oder fein, in Worte zu fassen beherrschst finde ich genial. Ich freu mich immerwieder daran.

Hoffentlichbm findet er bald aus diesem Tief und traut sich auf die Suche. Zu machen.
Er will ja auch noch zum Magier, um zu lernen...

LG Gl0rian4
.





Von:  Gl0rian4
2025-12-28T21:39:37+00:00 28.12.2025 22:39
Hej,
Ich will auch nicht das es endet.....;)
Ich kann ihn so gut verstehen, warum traut er sich denn nicht langsam...oder stellt er sich als sein Besitzer dann vor? Wäre auch gelogen irgendwie...
Über Kaelen käme er bestimmt auch in Menschengestalt in Kontakt mit Garlik. Aber dafür müßte er auch so mutig sein, überhaupt die Übungsstunden anzutreten.

Lustig und niedlich, wie er sich bei der Verwandlung erst in der Decke verfängt, die hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm :D
LG Gl0rian4

Von:  Gl0rian4
2025-12-12T16:41:22+00:00 12.12.2025 17:41
Huii, das wird Darius sicher weiter bringen...wieviel Magie wohl doch in ihm steckt, wenn er erst lernt sie zu erwecken und zu händeln. Du machst es wirklich spannend, die Neugier wird nicht wirklich befriedigt, durch die kleinen Infohäppchen...;D

Immerwieder eine neue Spur.
LG Gl0rian4

Von:  Gl0rian4
2025-12-09T16:14:41+00:00 09.12.2025 17:14
Aaahhh!!!!!!
Manno, soo kurz vor der Aufklärung!!!
Wer isses denn nun, und wie hängen alle zusammen??!!

Ich werde mich wie immer in Geduld üben :)
Wird aber schwierig und hibbelig ;D

Es war so super beschrieben, wie er sich fühlt. Sein Misstrauen und gleichzeitig die Hoffnung nicht enttäuscht zu werden.
Wie klein die Räume jetzt wirken müssen. Er ist doch aber nicht einfach Darius, er ist doch auch irgendeine edle Person? So hatte ich es zu Beginn verstanden? Das es sein Haus ist?

Na dann werde ich mich mal in Geduld üben, vllt gibt es ja ein Weihnachtsgeschenk in Form eines Kapitels? ( blinzel, blinzel)

Nur kein Druck:D, mach Dir einen entspannte Adventszeit
LG Gl0rian4
Antwort von:  michischreibt
11.12.2025 13:48
Hi, freut mich, dass dir die Geschichte gefällt und du sie so eifrig verfolgst. Dafür gibt's vor Weihnachten auch schon ein neues Kapitel :-D Und womöglich war es auch noch nicht das letzte vor den Feiertagen. Dir ebenfalls eine entspannte Zeit!
LG Michaela
Antwort von:  Gl0rian4
11.12.2025 21:48
Hey,
Das beruhigt meine Nerven....und Neigierde!!
LG Gl0rian4
Von:  ELsaa_daniel
2025-11-25T22:36:28+00:00 25.11.2025 23:36
Dein Schreibstil hat eine cineastische Qualität, die sofort meine Aufmerksamkeit erregt hat. Jede Szene wirkt lebendig, und genau deshalb glaube ich, dass deine Geschichte als Comic oder Webtoon großartig funktionieren könnte. Visuelles Storytelling würde die Emotionen noch stärker hervorheben und gleichzeitig ein größeres Publikum ansprechen.
Ich bin eine professionelle Auftragskünstlerin, und genau das ist mein Fachgebiet: Ich erstelle hochwertige Comic-Panels und Charakterdesigns für Autorinnen und Autoren, die ihre Geschichten visuell erweitern möchten. Wenn dir die Idee gefällt, würde ich sehr gerne mit dir zusammenarbeiten und etwas wirklich Besonderes erschaffen. Ich bin sicher, dass dir der Prozess und das Ergebnis gefallen werden.
INSTA: elsaa.uwu
DISCORD: elsaa_uwu
Von:  Gl0rian4
2025-11-18T17:01:31+00:00 18.11.2025 18:01

Hey,
Hmm, mir hat sich noch immer nicht erschlossen, wer und/oder Wass der Mann ist.....ob er als Chirurg bei den Soldaten hilft, oder gar selbst als Magier (Hexer) gilt? Oder ist er ein hochrangiger Soldat gewesen?
Es bleibt absolut spannend! :)
da er sich ja wieder wandeln kann, ob er mit dem Magier spricht?
Ich bin soo gespannt!!!!
LG Gl0rian4

Von:  Gl0rian4
2025-11-05T18:39:08+00:00 05.11.2025 19:39
Hej, jetzt bin ich aber extremst neugierig, was in dem Mäppchen steckt! ;D

Vllt Verbandmaterial?
Oder was ganz anderes...
Bitte lüfte das Geheimnis...:)
LG Gl0rian4
Antwort von:  michischreibt
08.11.2025 20:34
Hui, danke fürs Lesen!
Das nächste Kapitel ist online, da erfährst du, was sich darin befindet :)
LG Michaela
Von:  Gl0rian4
2025-06-06T16:22:12+00:00 06.06.2025 18:22
Ahhhh,
Davor hat der Magier ja gewarnt!! Jetzt muss er sich aber flugs anstrengen, die Rückverwandlung hinzukriegen...

Hmmm nochmal zum Magier?
Oder muss der hübsche Mann mal mithelfen? Nochmal kuscheln oder sowas
Er bemerkt doch die plötzliche Nervosität, Panik seines Katerchens...

Es bleibt spannend...
LG Gl0rian4

Antwort von:  michischreibt
06.06.2025 18:29
Danke fürs Lesen und den Kommentar :)
Mal schauen, was noch so passiert ...
LG
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-23T10:13:55+00:00 23.02.2025 11:13
Ich bin sehr neugierig, wer der Mann ist und wie er Darius überhaupt gefunden hat - vielleicht einer der Händler, den Darius vorher einfach noch nicht beachtet oder gesehen hatte? Die Geschichte gefällt mir bislang auf jeden Fall sehr gut und ich freu mich, dass ich noch ein bisschen weiterlesen kann, haha :D
Antwort von:  michischreibt
26.02.2025 07:45
Danke :-)
Von:  Geminy-van-Blubel
2025-02-23T09:41:39+00:00 23.02.2025 10:41
Ah, Frage geklärt ;)


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