Prolog
Als die Königin geglaubt hatte, dass die Stimmen mit ihr stürben, hätte sie nicht falscher liegen können. Ihre Brust fühlte sich an wie unter Felsen begraben, während sie im Bett lag und mit jedem Atemzug das Bewusstsein verlor und wiedererlangte. Grade waren die Schweißperlen auf ihrer Stirn noch eisig kalt gewesen, nun brannten sie wie glühende Kohlen. Die Stimmen brachte jedoch nichts zum Schweigen. Was ist mit den anderen zweien?
Sie flüsterten ihr nach wie vor zu. Wie sie es ihr halbes Leben lang nun getan hatten. So wie ihre Mutter und ihr Vater sie zu einer Maid herangezogen hatten, waren die Stimmen ihre Lehrmeister bis ins Erwachsenenalter gewesen. Sie waren aufgetaucht, als ihr Bruder von ihr gegangen war. Ein schlechter Tausch, wie Kaelyn in den vergangenen Monaten klar geworden war.
Sie hatte ihren ungebetenen Rat geschätzt, ihre Hinweise und Fingerzeige auf die Dinge, vor denen eine Königin sich am meisten hüten musste. Der Mörder ihres Bruders. Ja, das war sicherlich jemanden gewesen, den man im Auge behalten musste. Und hätten die Stimmen nicht zu Kaelyn gesprochen, als niemand anders sie hörte, hätte sie diesen Dreckskerl vielleicht sogar damit davonkommen lassen! Und auch der Krieg. Da hatten sie ihr geholfen, die Oberhand zu behalten, obgleich ihr eigener Gatte, der König, irgendwann fast aufgegeben hatte.
Doch für all das geheime Wissen, wie ein Heer ungesehen die dichten Wälder von Carlem durchqueren konnte, um von den Rebellen erst wahrgenommen zu werden, wenn sie längst Dolche im Rücken hatten, bezahlte Kaelyn nun mit der Gesundheit ihres Geistes. Sie wollten einfach nicht mehr still sein. Die Zacken, die Zacken, wiederholten sie immer wieder, Was ist mit den anderen beiden Zacken?
Er kommt. Er ist nicht tot, sprach eine andere Stimme ständig. Und Kaelyn wusste, dass sie nie grundlos Warnungen aussprachen. Doch sie war es leid. Sie konnte kaum noch Gespräche führen mit denen, die leibhaftig vor ihr standen. Wegen all dieser winzigen Mäuler, die an ihrem Hirn nagten und schrien, Gib ihn nicht auf! An keinen von ihnen! Er gehört dir!
Er ist nicht tot, sagte die eine Stimme wieder. Ja. Aber wer auch immer er war, er bekäme keine Chance, Kaelyns Leben zu nehmen. Das hatte sie längst selbst in die Hand genommen. Der Saft der Tollkirsche, um sie hinfortzuraffen, und die Milch des Mohns, um es erträglich zu machen, während die dicken Wände von Burg Bersass sie vor allem außerhalb ihrer Gemächer beschützten. Nichts davon ließ allerdings ihre unsichtbaren Berater verstummen.
Was ist mit den anderen zwei Zacken?! Schrie einer von ihnen, Du darfst ihn nicht aufgeben! Sie waren noch nie wütend gewesen auf sie.
Er ist nicht tot. Der Zacken ist immer noch in seinen Händen. Er wird auch deinen holen wollen. Wenn sie doch nur so sprächen, dass sie verstünde! Wenn sie doch nur wüsste, wenn sie meinten! Ein Kinderspiel wäre es gewesen, einen weiteren Attentäter loszuschicken. Eine weitere Stadt niederzubrennen, den nächsten selbsterklärten Feldherren auszutricksen. Doch sie sprachen nur in Rätseln. Die Zacken spüren einander! Du musst leben! Finde die anderen zwei!
Kaelyns Herz schlug gegen die Gitterstäbe sein knöchernes Gefängnis. Wenn es schon nicht aufhörte zu schlagen, wünschte Kaelyn wenigstens, dass es einfach aus ihrer Brust brechen und ihr so oder so ein Ende bereiten würde. Die Stimmen wollten davon nichts wissen, Nein! Überlasse den Zacken niemand anderem!
Sie stieß einen gequälten Schrei aus. Ihr Herzschlag wurde lauter.
Oder nein. Das war nicht ihr Herz. Das waren Schritte draußen auf dem Gang! Aber wie? Hatte sie nicht diesen Tag und diese Zeit extra gewählt, damit niemand zugegen war, wenn sie das Gift schluckte? Ihr Gatte war aus zur Jagd, ihre Töchter spielten im Burghof, die Zofe war zum Einkaufen geschickt worden. Niemand sollte hier sein!
Er ist nicht tot! Er kommt, deinen Zacken zu holen! Kreischten die Stimmen.
Dann sprang die Tür auf. Sie hatte das Gift stark dosiert und, obgleich es Kaelyn so wenig half, endlich von Olphe hinfortgetragen zu werden – eine Mistgabel in ihr Fleisch, dass sie sich so viel Zeit ließ – flutete es ihre Augen mit Licht, bis sie keine Einzelheiten mehr erkennen konnte. Zischend wich Kaelyn in die Kissen zurück. Der Fremde war aufgeregt und sagte irgendwas, doch die Stimmen waren lauter, Nein, tu es nicht! Behalte ihn! Behalte den Zacken!
Kaelyn traf eine Entscheidung. "Tötet mich!" rief sie dem Fremden zu, während ihre Augen überquollen vor Tränen, "Bitte, es ist egal, wie, nur tötet mich!" Der Fremde schien zu protestieren, doch wieder verstand sie kein Wort. Er war wie die Stimmen, wollte sie nicht sterben lassen.
"Nehmt den verdammten Zacken!" weinte sie schließlich, "Ich will ihn nicht! Tötet mich und er gehört Euch!" Nein! Das darfst du nicht! Was ist mit den anderen zweien?!
"Zu Vas mit den anderen beiden!" fluchte sie erschöpft, "Nehmt einfach meinen! Macht, dass es aufhört!"
Noch immer redeten die Stimmen auf sie ein, schalten sie eine Närrin, als Kaelyn spürte, wie etwas kaltes sich in ihren Hals drückte. Die Wärme aus ihrem Körper saugend, ließ der Stahl ihre Mundwinkel nach oben zucken zu einem dankbaren Lächeln. So wie das rote Lächeln, das sie gleich tragen würde, sobald der Fremde ihre Kehle durchtrennt hätte. Das Licht erlosch schnell, die Stimmen verstummten endlich. Sie konnte nicht einmal mehr das Gesicht ihres Erlösers sehen.
Doch sie erkannte ihn an seiner Stimme, als er sprach, "Ich werde den Zacken mit Freuden empfangen. Das wird den König bei seiner Rückkehr sicher freuen."
Es gibt Tage, die sind allein durchs Aufwachen ruiniert. Heute ist so einer, könnte ich schwören. Obwohl ich noch schlaftrunken bin, werde ich bis zum Sonnenuntergang keinen Schlaf mehr finden, weiß ich – und obwohl ich wach bin, werde ich’s unmöglich allein schaffen, aus dem Bett zu kommen. Vermutlich spüre ich deswegen grade die warme, raue Hand meiner Mutter mich rütteln. Ich versuche zu grummeln, „Ich steh schon auf, ist ja gut...“ doch die Worte kommen kaum verständlich über meine Lippen.
Die meisten Knechte – meine Mutter und meine Schwester Sara eingeschlossen – haben sich längst von ihren strohgestopften Mattratzen erhoben, als ich mich endlich zwinge, dasselbe zu tun. Der Dachboden der Armen Ritterschaft zu Doarnb zeigt sich mir durch einen morgendlichen Schleier, ein Wirrwarr von Silhouetten und hellen Streifen, wo das Morgenlicht durch eines der vielen kleinen Löcher im Dach fällt. Besser ich verlier nicht noch mehr Zeit und sehe zu, dass ich meine morgendlichen Arbeiten hinter mich bringe. Ich zerre mir meine bleiche Tunika über und schlüpfe in meine abgelaufenen Sandalen, ehe ich noch schnell die schwarz-gelb-gestreifte Bauchbinde des Ordens mit einem Gürtel um meine Hüften schnüre. Irgendwie bringt mein Rücken mich dabei fast um.
Das ist dämlich, ich weiß, aber trotzdem schau ich mal unter der Mattratze nach, ob sie nicht – aus welcher Geisteskrankheit heraus auch immer – plötzlich mit Steinen gefüllt ist. Aber da sind keine Steine... viel schlimmer jedoch, da sind auch keine Bücher. Sie sind weg! Oh, Vas sei geduldig, Simmias‘ Bücher sind verschwunden! Wo sind sie?! Wenn er spitz kriegt, dass ich nicht bloß Bücher aus seiner Bibliothek geborgt hab, ohne zu fragen, sondern – noch schlimmer – auch noch welche verloren habe, wird heute der letzte Tag gewesen sein, an dem ich mich beschweren kann, dass ich aufstehen muss. Vergiss meine Arbeit, ich könnte genauso gut schon mal eine hübsche Stelle für mein Grab raussuchen. Und für die Gravur könnte ich ja nehmen, Hier ruht Marin, der Fünfzehnjährige, der dachte, es sei eine gute Idee, Bücher des Amarius zu stehlen und zu verlieren.
Ich versuche, mich zu beruhigen. Konzentrier dich, verflucht! Panik ist das Letzte, was dich aus dieser Nummer ungeschoren herauskommen lassen wird. Denk nach! Wo könnten sie sein? Ich könnte schwören, dass ich sie da unten versteckt habe wie immer.
„Marin!“ ruft meine Mutter vom unteren Eppe der Treppe, „Wo bleibst du denn? Wenn du wieder eingeschlafen bist, dann-“
„Nein, ich komme ja!“ schreie ich – ein wenig zu nervös – zurück. Also, kümmern wir uns zuerst um meine alltäglicheren Probleme: die Pferde füttern und den Stall ausmisten. Danach kommt den gesamten Orden durchforsten nach den Büchern dran. Bevor jemand anders sie für mich findet...
Ich haste hinunter, drei Stufen auf einmal nehmend, und ersetze ein ruhiges Frühstück dadurch, mir die Scheibe dunkles Brot mit einem Hauch Butter und einer dünnen Scheibe Hartwurst geschwind in den Mund zu stopfen, als ich schon aus der Tür bin. Ich laufe heraus aus dem Hauptgebäude des Ordens, einem hufeisenförmigen Fachwerkhaus, das fast alles und jeden beherbergt, der irgendwie mit dem Orden zu tun hat. Mit Eile überquere ich den staubigen, freien Platz davor in Richtung des einzigen anderen Gebäudes auf dem niedrigen Hügel am Rande Welsdorfs: dem Pferdestall.
Einige andere Leute sind schon auf den Beinen und sind hier draußen, um ihren Aufgaben nachzugehen oder ihnen auszuweichen. Hauptsächlich die Novizen, welche ich knapp grüße. Einer der ältesten von ihnen ist der ranke Hendrik, der mir einen eigenartigen Blick zuwirft, als ich ihn passiere. Verdammt, muss meine Tunika falsch rum angezogen haben oder so, aber was schert mich das jetzt?! Gerade ist selbst Pferdemist wichtiger als das!
Kaum, da ich die dämmrigen Stallungen betrete, beschleicht mich das Gefühl, dass noch etwas nicht stimmt. Ich greife mir die Heugabel, schon heben all die Pferde hungrig ihre Köpfe. Alle, bis auf eines. Das kaut bereits zufrieden und interessiert sich kaum für mich. Was ist das-
Mein Gesicht wechselt mindestens ein Dutzend mal die Farbe, als ich erkenne, worauf diese blöde Möhre da rumkaut. Die Bücher! Zum Donnerwetter, das sind Simmias‘ Bücher! „Nein, lass das!“ schreie ich den alten Gaul an, zerre verzweifelt an dem letzten bisschen vollgesabberter Seiten. Doch es ist längst zu spät. Die sind völlig ruiniert. Die Tinte ist komplett verlaufen dank dem Pferdegeifer überall und das gebräunte, nasse Pergament ist nicht mehr als Brei mittlerweile.
Götter verdammt noch mal! Wie konnte das passieren?! Wer würde sowas tun- Was frag ich überhaupt? Ich weiß genau, welcher Hundesohn dahintersteckt! Derselbe, der jetzt die längste Zeit Zähne gehabt haben wird: Korogra.
Mit der Heugabel noch immer in meiner Hand, renne ich aus den Stallungen, wo Hendrik scheinbar schon auf mich wartet.
„Ist irgendwas, Marin?“ fragt er, „Du siehst aus, als o-“ Egal, was er sagt, ich packe ihn einfach am Kragen und zerre ihn zu mir hinunter, starre ihm wütend in die Augen und schreie, „Wo ist Korogra?!“ Hendrik erwidert den feindseligen Blick. Bevor wir aber einen Sieger unseres kleinen Duells feststellen können, erhascht eine andere Stimme die Aufmerksamkeit meiner spitzen Ohren. Nämlich Korogras, „Ich bin hier drüben. Haben die Affen dich gebissen, oder was ist in dich gefahren, Marin?“
Ich lasse Hendrik los und werfe Korogra einen giftigen Blick zu. Selbstgefällig und hager steht er da, in diesem kostbaren, nietenbesetzten Lederwams, auf den er so stolz ist. Anstatt irgendwas anzuziehen, was praktischer wäre für die Arbeit, muss er prahlen und hat wieder dieses Grinsen drauf, das ich in all den Jahren hassen gelernt habe. Ohne Zweifel, das war er, der Simmias Bücher den Pferden zu fressen gegeben hat!
Bevor er auch nur ein weiteres Wort spricht, greife ich ihn mit der Heugabel an. Ich durchbohre ihn, mir egal! Leider ist Korogra genauso lange im Kampf geschult worden wie ich. Mit einem Ausfallschritt lässt er mich ins Leere rennen und nutzt den Augenblick, um zu höhnen, „Eine Heugabel, wirklich? Du bist echt Pöbel, durch und durch.“ Ich wirbele herum, den harten, hölzernen Schaft führend wie eine Hellebarde, die ich auf Korogras Gesicht niederkommen lasse. Er fängt die Heugabel jedoch mit einer Hand, zieht dann plötzlich daran und reißt mich mit, weil ich nicht loslasse, während sein Knie nach oben schnellt, um mir genau in den Magen zu fahren.
Ungeachtet dessen, dass ich jeden Moment mein Frühstück wiedersehe, lasse ich ihm die Heugabel. „Freu dich nicht zu früh!“ keuche ich, den Brechreiz niederringend, und werfe mich mit bloßen Fäusten auf ihn. Wenn er sich so nah an mich rantraut, hätte er sich besser drauf vorbreiten müssen, dass ich ihm die Zähne ausschlage. „Wenn ich mit dir fertig bin, wollen wir mal sehen, ob du überhaupt noch was essen kannst!“ Er ist so überrascht, dass er mich diesmal nicht abwehren kann. Er geht zu Böden, ächzt, als ich mich auf ihn werfe, zieht erschrocken die Luft ein, als ich meine Faust hebe. Das wird richtig sitzen!
Gerade, als ich sie niederfahren, alles raus lassen will, werde ich am Kragen hochgezerrt, und im nächsten Moment dreht ein Paar schinkengroßer Arme plötzlich meine schmerzhaft auf meinem Rücken. Ich beiße die Zähne aufeinander bei dem Brennen in meinen Schultern.
„Was muss ich da so früh am Morgen schon wieder sehen?!“ brüllt die dröhnende Stimme des Mannes, der mich festhält. Es ist Orson, der Schwertmeister des Ordens... und zugleich der Anführer. Musste er ausgerechnet jetzt rauskommen?! Seine laute Stimme klingelt in meinen Ohren und ich bin mir sicher, seine rückgängige, hohe Stirn ist rot wie ein reifer Apfel. „Marin! Korogra! Erklärt euer Verhalten sofort!“
„K-keine Ahnung, was mit ihm los ist. Er ist einfach auf mich lo-“ Ich schneide Korogra fast augenblicklich das Wort ab, „Lügner! Er weiß genau, wieso! Er hat Simmias Bücher von mir gestohlen! Und dann hat er sie in den Stall gesteckt und die Pferde haben sie gefressen und-“
„Wa~s?!“ bellt Orson, wobei sein dünner, grau-und-schwarz-getupfter Bart bedrohlich zittert. Mein Magen zieht sich zusammen und eine eiskalte Schauer jagt über meine gesamte Haut, als mir klar wird, was ich gerade getan habe. Warum hab ich das gesagt?! „Warum hattest du Simmias‘ Bücher, Marin?!“ Einen Augenblick lang fehlen mir die Worte, alles, was aus meinem Mund kommt, ist wirres Gebrabbel. Dann mache ich die Anflüge eines Grinsens in Korogras Gesicht aus.
„Das war sein Plan!“ sage ich Orson, kläglich daran scheiternd, mich zu befreien, „Er hat das gemacht, um mich anzuschwärzen! Bitte, glaubt mir!“
„Seh‘ ich anders,“ spricht Hendrik da. Sein Blick ist eisig. Nein... das würde er nicht wagen! „Was ich glaube, was passiert ist, ist... dass Marin ein paar von Simmias‘ Büchern gestohlen hat. Wir alle wissen, wie sehr er sie mag. Und dann hat er sie im Stall versteckt, aber grade gemerkt, dass das kein gutes Versteck war. Also versucht er, das ganze Korogra in die Schuhe zu schieben.“
„Kameradenschwein!“ schreie ich ihn an, nur um von Orsons noch lauterer Stimme übertönt zu werden, „Ungeachtet! Ob Korogra die Schuld trägt, dass die Bücher jetzt verloren sind oder nicht, hast du zugegeben, den Armarius bestohlen zu haben – einen Kameraden!“ Bitte sag, dass gerade nicht wirklich passiert, was ich glaube. „Es ist vollkommen ehrlos, zu stehlen und zu lügen, und dann auch noch deswegen auf dem Grund und Boden des Ordens zu kämpfen. Du bist exkommuniziert, Marin! Du gehörst nicht länger zu diesem Orden!“
Endlich komme ich frei. Ich fahre herum, starre ihn hasserfüllt an und brülle, „Also schön! Zur Hölle mit allen von euch, ist mir doch egal!“ Und ehe auch nur einer dieser Bastarde sieht, wie mir die Tränen in die Augen steigen und meine Wangen hinabfließen, verschwinde ich. Weg von diesem von allen Göttern verlassenen Orden und diesem verdammten Korogra, der jetzt grad feiert, dass er endlich bekommen hat, was er die ganze Zeit wollte. Soll er doch! Und vielleicht kann er an seiner Freude ersticken. Ich bin weg!
* * *
Knattern und Knarren begleitet den gemächlichen Gang der Mühle und träge streicheln die Schatten ihrer Blätter über die Wipfel des Waldes. Ganz am Rande Welsdorfs, wo ringsum die Bäume aufragen wie ein Wall, steht Garts Mühle, das höchste Gebäude im Dorf, sogar größer als die Barracke des Ordesn. Und ich sitze Beine-baumelnd in ihrem höchstgelegenen Fenster, direkt unter der stammdicken Achse, auf der sich das Windrad bewegt, die all die Zahnräder und Winden antreibt. Drinnen höre ich vereinzelt Rufe, das sanfte Zischen, wenn der Schrot zwischen die Mahlsteine gekippt wird und sich zu Mehl verwandelt.
Ich mag es, hier oben zu sitzen, am höchsten Platz im ganzen Dorf, sogar noch höher als die Giebel des Ordens. Es erlaubt mir, über den Wald hinwegzuschauen, diesen Wall, dessen inneres ich nie verlassen habe, bis ich in der südlichen Ferne verschwommen das Meer glitzern sehe. Wenn ich mich genug anstrenge, kann ich fast die salzige Luft dort drüben schmecken. Aber letzten Endes ist das kein bisschen anders als wenn man an einem Mückenstich kratzt. Sekunden später kommt das Jucken schon wieder zurück.
Ich höre Garts sichere Schritte die Leiter hinaufkommen und drehe mich herum, um ihn still anzusehen. Gart, kaum älter als ich aber um einiges größer und kräftiger, ist leichenblass von all dem Staub und den Mehlwolken, sodass man kaum seine sonnengegerbte Haut erkennt. Sein eigentlich rotbraunes, schweißdurchnässtes Haar ist schlohweiß wie das eines alten Mannes. Er grinst nichtsdestrotrotz, wie immer.
„Na, fühlst‘ dich schon besser?“ fragt er. Obwohl mir eigentlich nicht nach Reden ist, schätze ich, dass es nur gerecht ist, ein wenig Dank zu zeigen. Dafür dass er mich herkommen und hier oben sitzen lässt, auch wenn seine Brüder und er hart am Arbeiten sind. Drum sage ich, „Nicht viel... aber wenigstens bin ich nicht mehr ganz so wütend.“
„Mach dir nix draus,“ meint er, „Nicht mehr im Orden zu sein, mein ich. Sind eh bloß ‘n Haufen Fatzken. He, wieso fängste nich‘ hier an und arbeitest mit uns? Könntest dann auch mal dickere Arme bekommen. Die Mädels wär’n dir dankbar.“ Ich kann nicht anders, als sein blödes Grinsen zu erwidern, wenn er solche Ideen hat. Gart ist nun mal etwas einfacher gestrickt, aber trotzdem lustig.
„Meinste nicht, dein Vater hat da noch’n Wörtchen mitzureden?“
„Pah, nicht sooft wie er nich‘ da is‘, nö. Is‘ schon so ziemlich meine Mühle.“
„Pass auf, dass er das nich‘ hört!“ höre ich einen von Garts Brüdern unten rufen. Gart antwortet bloß, indem er ihm die Zunge rausstreckt. Dann wendet er sich wieder mir zu. Hm, vielleicht ist Reden gar nicht mal so schlecht.
„Ich hasse diesen Drecksack Korogra einfach“, sage ich, „Die Fronten zwischen uns sind seit meinem ersten Tag im Orden geklärt gewesen. Ich weiß nur einfach nicht, wieso.“ Nun, das ist nicht ganz wahr. Ich glaube, ziemlich gut zu wissen, warum er mich so verabscheut. Aus demselben Grund, aus dem viele andere im Orden kaum mit mir reden, geschweigedenn besonders nett sind: Ich bin nicht von Adel. Jeder von ihnen, egal wie schlecht im Fechten oder die-Messen-Vorbereiten oder was-auch-immer, kann die Abstammung von einem noch so popeligen Adelshaus in der Gegend nachweisen. Aber nicht ich. Ich bin Kind einfachen Gesindes, bloß ein pöbeliger Ikaner-Junge, den Orson aus irgendeinem Grund ausgesucht hat, um ihn auch zu unterrichten.
Gart holt mich aus meinen Gedanken, „Pfeif auf ihn! So sin‘ sie alle im Orden, groß und mächtig, sagen immer, wie nötig wir sie haben, um das Dorf zu beschützen. Hab sie aber nie sowas tun sehen. Gibt längst keine Heiden mehr hier. Nich‘ mal die Affen nerven noch wirklich. Und selbst wenn sie sich hertrau‘n – und das is‘ selten, sag ich dir – machen die vom Orden doch kein’n Finger krumm, um sie einzufangen! Hat mich mal ein so’n Biest in den Arm gebissen, als ich das ganz allein auf mich genommen hab.“
Mein dezentes Lächeln schwindet mit jedem weiteren Wort, das er sagt. Das ist die Kehrseite dieses Schicksals, mit dem die Götter mich gestraft haben. Während der Rest des Ordens mich dafür hasst, ganz gemeiner, rotblütiger Pöbel zu sein, benimmt sich die Hälfte des Dorfes so, als ob ich doch wie jeder andere Novize bin. Sie werden neidisch und meiden mich ebenso.
„Vielleicht ist es ja an der Zeit, dass ich mich vom Acker mache,“ murmle ich, „Fünfzehn Jahre Marin, fünfzehn Jahre Welsdorf. Langweiliger geht’s kaum und ich hab’s satt, bloß immer zu lesen von all den tollen Orten da draußen!“
„Lesen is‘ eh Zeitverschwendung. Rechnen und so versteh ich ja noch, aber Lesen?“
„Pah, du wärst überrascht. Nächstes mal, wenn du dir ein Mädchen ausguckst, könntest du mal nachlesen, womit andere so ihre Herzensdame begeistern. Porstellion, der Mutige, zum Beispiel. Ein Ritter, der gegen Piraten kämpft, ist um einiges beeindruckender als ein Müller. Au!“ rufe ich, als er mir gegen die Schulter schlägt.
„Ich bin dir gewaltig voraus, wenn’s um Mädels geht.“ Sein freches Grinsen verblasst etwas, ehe es fast doppelt so breit wiederkehrt. „Und vergiss nicht, dass du ‘ne Mutter und Schwester hast, die dich bestimmt nicht so einfach gehen lassen. Erst recht nicht diese Glucke, mit der du gestraft bist.“
„Oh, um Daeras Willen, Gart!“ zische ich, als ich da auf den kleinen Pfad hinunterblicke, der zur Mühle hinaufführt, und meine zehnjährige Schwester erspähe, „Musstest du Sara heraufbeschwören?!“ Diesen braunen Flechtzopf würde ich überall erkennen. Sie scheint sich allerdings etwas schwer zu tun, denn sie trägt etwas langes, dick in dunkles Tuch eingewickeltes. Das Teil ist fast so groß wie sie.
Wenige Sekunden später höre ich ihre helle Stimme durch die ganze Mühle hallen, „Marin? Bist du da?“ Gart schaut mich fragend an. Ich zucke mit den Achseln und sage, „Es hat ja keinen Sinn. Ich bin hier oben, Sara!“
„Dann komm runter!“ verlangt sie herrisch – wie sie so vieles tut. Obwohl es dies mal wohl nur daran liegt, dass sie sich nicht gut mit Höhen verträgt. Das unterscheidet uns genauso gut wie unser Haar. Während ihres tiefbraun, wohlgekämmt und geflochten ist, hätte man mehr Glück, Orson aushungern, als meine wilden Strähnen zu zähmen. Nicht, dass ich’s versuchen würde. Zu viel Mühe. Lieber lass ich mir ein paar Strähnen ins Gesicht fallen und hör mir ständig an, dass ich meine Haare doch wenigstens zurückbinden könnte.
Wo wir bei Mühen sind: was will Sara eigentlich? Und was schleppt sie da mit sich rum? Mit einer eigenartigen Mischung aus Neugier und üblen Vorahnungen klettere ich nach unten. Gart lehnt indes an dem Geländer weiter oben und beobachtet uns aufmerksam.
„Was hast du denn da?“ frage ich Sara, wobei ich bärbeißiger klinge als geplant.
„Find’s selber raus, ich trag das Ding keinen Moment länger!“ Sie überreicht mir den Gegenstand und kaum, dass ich merke, wie schwer er in meinen Händen liegt, brauch ich ihn nicht mehr auszupacken, um zu wissen, was es ist. Ich tu es dennoch, um ganz sicherzugehen – und Gart und dessen Brüder von ihrer Neugierde zu erlösen, da sie inzwischen alle zugucken. Gart pfeift beindruckt, als er mich das Schwert aus seinem leinenen Hort befreien sieht.
„Manoman, seh ich richtig? Ein echtes Schwert!“
„Die Klinge ist allerdings stumpf,“ erkläre ich ihm, „Damit üben wir bloß.“
„Ah, sonst hättest du Korogra längst’n Ohr abgeschnitt’n?“ Ich grinse ihn an und sage, „Mindestens beide, vielleicht noch seine Nase, die er ja so gerne hoch trägt.“ Dann dreh ich mich wieder zu Sara, wobei das kurze Glücksgefühl in mir wieder schwindet. „Aber was hat das zu bedeuten? Das ist doch kein Abschiedsgeschenk, oder?!“
„Quatsch, du Doofi! Du bist nicht mehr verstoßen! Mama und Simmias haben mit Orson geredet und er hat es sich anders überlegt.“
„Hab doch gesagt, sie lässt dich nich‘ gehen,“ höre ich Gart sagen, ignoriere ihn aber und schaue Sara ungläubig an.
„Stimmt das wirklich?“ frage ich.
„Natürlich! Simmias war gar nicht böse. Bloß traurig, weil die Bücher kaputt sind. Und weil Simmias so nett war, hab ich vorgeschlagen, wir machen’s wieder gut! Vielleicht mit einem großen, leckeren Kuchen?“ Meine Mundwinkel wandern langsam nach oben, als ich begreife.
„Ah, also gehen wir Beeren pflücken im Wald und ich soll hiermit aufpassen, dass dir nichts passiert.“ Ehe sie irgendeine neunmalkluge Antwort geben kann, schlinge ich meine Arme um sie und wirbele sie einmal rund herum. „Du bist die beste Schwester, die man sich nur wünschen kann!“
Sobald ich sie abgesetzt habe und sie ihr Haar gerichtet hat, prahlt sie, „Ich muss doch auf meinen großen Bruder Acht geben, oder?“
„Nun, dann macht ihr aber lieber schnell,“ unterbricht Gart unseren Moment geschwisterlicher Einigkeit, „Wenn ihr vor Sonnenuntergang fertig sein wollt. Und wenn der Kuchen fertig ist, vergesst nich‘, eurem alten Kumpel Gart’n Stück Küchen übrig zu lassen!“ Das bringt uns alle drei zum Lachen.
* * *
Wir beeilen uns, sobald wir uns von den Müllern verabschiedet haben. Und wenig später sind wir auch schon im Wald rund um Welsdorf. Wie im Handumdrehen wandelt sich die Luft, nun schwanger vom Duft alter Rinde, von Harz und zahllosen bunten Blumen, die sich in den dichten Büschen und hinter den Findlingen verstecken, die den dünnen Trampelpfad säumen, den Sara und ich immer nehmen. Das Blätterdach über uns kreiert einen detaillierten Flickenteppich aus hellen Lichtflecken und gelben und grünen Schatten und kaum sind wir bloß ein paar Schritte in den Wald hineingetreten, schon ist mir, als sei Welsdorf Meilen entfernt.
Sara tänzelt fröhlich von Busch zu Busch, alle Beeren pflückend, die sie findet – und steckt die Hälfte in ihren Mund statt in den Korb, den sie mitgebracht hat. Ihre Lippen sind jetzt schon voller roter, blauer und schwarzer Flecken. Man, würde Mama mir nicht schon wegen heute morgen mit einer Standpauke aufwarten, hätte sie spätestens jetzt guten Grund, uns beide zu maßregeln.
Während Sara Spaß hat, den Wald um all seine Früchte zu erleichtern, trotte ich langsam hinterher, stets mein Schwert griffbereit. Es wird nicht viel bringen gegen all die Bestien, die angeblich hier lauern – aber die Affen zeigen definitiv Respekt, wenn sie auch nur die Klinge im Licht scheinen sehen. Ihre neugierigen, gelben Augen werden nur noch größer und sie glauben, das Schwert sei kein bisschen weniger scharf als Orsons Klinge. Diese kleinen, weißen Nervensägen...
Ich starre hinunter auf die Klinge, mache dann ein paar Übungsstreiche. Sie liegt gut in meiner Hand und notfalls kann ich noch meine Linke für etwas Unterstützung gebrauchen. Orson hat gesagt, dass man solche Schwerter gelegentlich auch Bastardschwerter nennt. Ich wünschte, er hätte das für sich behalten, denn Korogra hat keine Stunde so sehr genossen wie diese. Er liebt diesen Spitznamen. Ein Bastardschwert für den Bastard-Ikaner, hat er hinterher gesagt. Das war das erste Mal, dass ich ihm beinahe die Zähne ausgeschlagen habe, und ausnahmsweise hätten die anderen mich beinahe gelassen. Man tratscht nicht über den eigenen Meister hinter dessen Rücken, dass er den Stallburschen nur aufgenommen habe, weil er eigentlich sein Sohn sei. Und da ich mich ziemlich gut und glücklich an meinen wirklichen Vater – die Götter haben ihn selig - erinnere, hätte ich nur zu gerne Korogras Gesicht Bekanntschaft mit meiner Faust machen lassen... oder mit dem Schwert, das er so witzig findet.
Als ob ich wüsste, wieso Orson mich ausgewählt hat. Eines Tages tauchte er einfach bei meiner Mutter auf und meinte, ich werde fortan unter ihm lernen und als Novize in den Orden initiiert werden, nicht bloß als Knecht. Ich beschwer mich ja nicht. Ein Schwert zu schwingen, ist gar nicht so übel, und auf den Pferden zu reiten, die ich pflege und füttere, ebenso – und natürlich hätte ich ohne Orson niemals Lesen und Schreiben gelernt.
„Er hätte mich bloß warnen können, wie sehr sie einen anziehen können,“ flüstere ich. Aber halt. Wo ist Sara? Ah, Mist! ich hab gar nicht gemerkt, wie langsam ich geworden bin. Jetzt hab ich sie aus den Augen verloren! Augenblicklich sprinte ich den Pfad hinab, nach ihr rufend, als ich merke, dass nicht bloß ich die Ruhe des Waldes störe. Ein gedämpftes Rascheln tönt von anderswo. Der schrille Schrei eines Affen bohrt sich in meine Ohren. Das lässt mich nur schneller laufen, bis ich endlich meine Schwester am Rand einer Lichtung entdecke, wo sie kniet und alles um sich herum zu vergessen scheint und sich den Bauch vollschlägt. Typisch. Ich näss mich hier fast ein vor Sorge und sie isst! ... Oh man, ich klinge wie Mama.
Mit einem Seufzer gehe ich zu ihr, wette mit mir selbst, wie lang sie braucht, bis ihr auffällt, dass ich tatsächlich noch da bin. Kaum bin ich nur noch zwei Schritte von ihr entfernt jedoch, erwacht der Wald zum Leben. Sara springt mit einem spitzen Schrei auf, als plötzlich eine ganze Gruppe von Affen aus den Gebüschen springt und in quiekenden, weißen Wellen an uns vorbei rennt. Was ist denn in die gefahren?! Ich starre Sara an, die genauso verwirrt ist, wie ich.
Dann erreicht ein neues Geräusch meine Ohren, die aufgeregt zucken. Hufgetrampel! Zweige, die entzweibrechen, während es sich gefährlich schnell nähert. Ich werfe mich auf Sara, um sie aus dem Weg zu schubsen, rolle mich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit, als das Pferd durchs Unterholz bricht. Heute ist einfach so ein Tag für böse Überraschungen, was?!
Atemlos drehe ich mich herum. Das Pferd hat inmitten der Lichtung angehalten, ein großes, schwarzes Biest. Sein Reiter sieht nicht weniger verdächtig aus: ein glatzköpfiger, knöcherner Kerl in dreckigen Reithosen und einer Rüstung aus abgenutztem Leder. Grimmig schaut er in die Richtung, in der die Affen verschwunden sind.
„He!“ rufe ich ihm wütend zu, sobald mein Atem sich etwas beruhigt hat, „Was jagt Ihr so durch den Wald?! Ihr hättet uns fast über den Haufen geritten, verdammt!“ Oh, schau mal, jetzt sieht’s so aus, als gehe doch noch irgendwas vor in seinem hohlen Schädel. Er hat mich gehört und dreht sich herum.
Ich würde am liebsten alles, was ich grade gesagt und gedacht habe, zurücknehmen. Da ist wirklich nicht mehr viel in seinem Kopf. Die Hälfte seines Gesichts fehlt, die Haut klafft eingerissen wie Pergament. Doch nirgends darunter ist Blut oder Fleisch. Bloß blasse, gelbliche Knochen mit tiefen Krallenspuren in einem bewegungslosen, grinsenden Schädel, der mich aus weit aufgerissenen, blutunterlaufenen Augen anstarrt. N-nein. Ich muss träumen! Das ist alles bloß ein Alptraum. D-die hab ich ständig.
Doch sie enden immer, sobald jemand ein Schwert zieht. Und doch bin ich noch immer hier, während Sara ängstlich wimmernd neben mir kniet, als der... das... das Ding von seinem Pferd absteigt und ein Kurzschwert von seiner Hüfte löst. Es spricht kein einziges Wort. Ich rapple mich auf, entscheide mich beinahe, die Beine in die Hand zu nehmen – aber was ist mit Sara?! Der Schreck hat sie erstarren lassen. Und auch ich kann mich kaum rühren, als ich mein Schwert hebe. Das ist Wahnsinn. Ein Novize mit einem stumpfen Schwert gegen irgendeine Kreatur aus den dunkelsten Eingeweiden der Erde.
Es sticht nach mir, aber gerade rechtzeitig erinnere ich mich noch, dass das nicht die Zeit für viel Denken ist. Treffen oder getroffen werden, hat Orson immer während der Übungen gesagt. Ein wenig untertrieben grade. Mit einem Ausfallschritt weiche ich aus und nutze die Gelegenheit, mein eigenes Schwert nach der Ausgeburt zu schwingen. Ihre blanken Augen drehen sich zu mir und die kümmerlichen Überreste ihrer hässlichen Stirn legen sich in tiefe Falten. Der gesichtlose Mann springt zurück, nur um sofort wieder vorzuschnellen und nach mir zu schlagen. Unsere Schwerter kreischen grässlich, als die Klingen aneinander geraten. Der ist um einiges stärker als er aussieht, wenn er wirklich nur Haut und Knochen ist!
Ich beiße die Zähne fest aufeinander, während ich irgendwie versuche, ihn zurückzuhalten. Das bringt nichts! Unter dem verzweifelten Aufgebot all meiner Kraft drücke ich ihn weg, hart genug, dass er einen Moment lang zurückfällt. Prompt ducke ich mich und renne unter seiner Klinge hindurch auf ihn zu, um ihn von unten anzugreifen. Da spüre, wie er meiner Stirn einen kräftigen Tritt verpasst. Der Schmerz schlägt sich in meinen Schädel und durch meinen ganzen Körper wie ein Hammer und wirft mich ins Gras. Der Waldboden fühlt sich unerwartet hart an, während mein Schwert aus meiner Hand gleitet und mit der Parierstange in meine Seite drückt. Dann spüre ich meine Wange aufkommen und kurz kann ich nichts sehen außer Sterne.
Ich probiere aufzustehen, doch es reicht nur, um mich auf den Rücken zu drehen. Abseits ins Gebüsch starrend, merke ich, wie die Wärme aus meiner Stirn quillt. Etwas läuft in mein Auge, doch bald schon kühlt es ab. Die Kälte ergreift zuerst von meinen Fingern und Zehen Besitz. Sie klettert meine Arme und Beine hinauf, während die Blätter und Blüten ineinander verlaufen, bis sie eine einzige Farbe sind. Ich sehe die tief dazwischen sitzenden, dunklen Flecken wachsen. Einzelheiten verschwimmen. Wie das Gefühl in meinem Körper, abgesehen von dem Schwindel. Ich kann die Lichtung nicht mehr sehen. Alles dreht sich nur noch. Dann hört selbst das auf.
Plötzlich kommt alles in einem einzigen, kurzen Stich zurück zu mir. Die Farben brennen sich in meine Augen, Bilder so glasklar, dass ich fast glaube, nie so gut gesehen zu haben. Wie an Fäden gezogen springe ich auf. Da ist diese Ausgeburt! Olphe, hab Gnade! Das Ding hält sein Schwert erhoben, den Knauf nach unten gerichtet, um Saras Schädel einzuschlagen! Nur über meine Leiche!
Ich greife mein Schwert in derselben Bewegung, mit der ich mich auf die Kreatur stürze, remple sie fort von Sara und schmeiße sie auf den Rücken. Nur einmal schaue ich auf den kahlen Schädel vor mir, ehe ich mit einem lauten, wütenden Schrei mein Schwert mit der Spitze voran hineinramme und nicht eher nachlasse, bis ich den Kopf der Ausgeburt ganz durchdrungen habe und die Klinge im Erdreich festsitzt. Plötzlich ist alle Bewegung aus dem Monster gewichen. Seine Augen rühren sich nicht mehr, sind matt wie alter Stahl. Ich keuche, meine Brust scheint in Flammen zu stehen. Gut möglich, dass ich gleich noch mal ohnmächtig werde. Es... es ist jetzt tot, oder? Wie auch immer man das nennt, wenn irgendwas, das sich eh nicht hätte bewegen sollen, endlich aufhört, eben das zu tun. Götter, mein Kopf bringt mich um. Mein Gesicht muss blutüberströmt sein, wie sich das anfühlt. Ich kann Sara so kaum ansehen. Aber wenigstens ist sie nicht verletzt.
„A... alles in Ordnung?“ frage ich trotzdem. Sie sagt nichts, drum zwinge ich mich noch mal auf die Füße, stolpere zu ihr, falle auf die Knie und lege im selben Schwung meine Arme um sie. Ich drücke sie fest an meine Brust und bald schon durchnässen Tränen mein Hemd. „Ist gut, es ist vorbei. Du bist in Sicherheit,“ raune ich ihr zu. Doch ich versuche, nicht nur sie zu beruhigen, sondern auch mich selbst. Ich halte sie fest und warm, versuche, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Da erblicke ich über Saras Schulter meinen rechten Handrücken – und darauf... eine große, rote Pustel, umgeben von dicken, geschwollenen Adern. Ein... ein Mückenstich?
Die täglichen Fechtübungen haben bereits begonnen, als wir langsam zum Orden zurückkehren. Mit jedem weiteren Schritt ersterben die Geräusche von Metall auf Metall, um neugierigem Raunen zu weichen. Ich muss nicht aufblicken, um zu wissen, dass sie alle das eingetrocknete Blut auf meinem Gesicht anstarren, sowie das große, schwarze Pferd, das ich an den Zügeln führe. Ich kann’s immer noch nicht fassen, diesen Nachtmahr mitgenommen zu haben. Das Ding ist mit genauso hoher Wahrscheinlichkeit direkt aus der Hölle gekommen wie sein Reiter! Aber nein, die kleine Pferdeliebhaberin Sara könnte nicht im Traum verstehen, warum ich fürchte, jeden Moment mindestens meine Hand abgebissen zu bekommen.
Das Pferd ist stolz und störrisch – und furchteinflößend gelassen. Es hat sich keinen Deut gerührt, als es zugesehen hat, wie ich den Kerl, den es getragen hat, niedergestreckt habe. Ich mag es nicht. Kein bisschen.
Ich höre eine Tür aufgehen und Schritte, die sich, von einem sich aufbauschenden, weißen und braunen Kleid begleitet, nähern, als meine Mutter auf uns zuläuft. „Bei den Himmeln!“ ruft sie, „Marin, Sara! Was ist passiert?!“ Bevor ich antworten kann, hat sie bereits ihre prallen Arme um uns geschlungen und schaut mit Tränen in den Augen auf meine Wunde. Ihre Lippen beben wortlos. Sara klammert sich an sie und ruft, „Ein Toter im Wald! Auf einem Pferd, der hat versucht, mir wehzutun, und... und er hatte kein Gesicht, aber ein Schwert, und er hat mich beinahe geschlagen, aber Marin hat-“
„Beruhige dich doch, Sara! Bitte, du redest ja völlig wirr!“
„Aber es ist wahr,“ erkläre ich, „Da war dieses Ding, dieser Mann, dem das Gesicht runtergerissen worden ist – aber der bestand bloß aus Knochen und hat uns angegriffen!“
„Stimmt das wirklich?“ Orson ist zu uns getreten. Sein fleischiges Gesicht starrt noch vor Schweiß von den Übungen und das Schwert liegt nach wie vor in seiner Linken. Skeptisch beäugt er mich, doch ein finsterer Schatten von Besorgnis hat sich über sein Antlitz gelegt wie ein Schleier. „Du bindest uns keinen Bären auf? Du bist wirklich... einem Wiedergänger begegnet?“
„Ich schwör‘s bei den Göttern!“ entgegne ich standfest mit einem Fingerzeig auf meine Stirn, „Ich hab mehr als einen kleinen Denkzettel verpasst bekommen! Dies mal müsst Ihr mir glauben!“
„Die Wunde beweist gar nichts,“ merkt Korogra an, während er aus der Menge der Novizen tritt. Nicht der schon wieder. Nun, wenigstens sieht er dies mal nicht ganz so selbstzufrieden aus. Muss ihm ganz schon auf die Laune geschlagen haben, zu hören, dass ich doch nicht mehr verstoßen bin. Umso mehr Ansporn für ihn, seine eigene, verdrehte Geschichte zu präsentieren, „Sieht für mich eher so aus, als hättest du dir an irgendeinem Stein den Kopf gestoßen und fantasierst jetzt.“
„Ah, natürlich,“ nähert sich noch eine Stimme, langsam sprechend. Sie ist tief und steht dem Alter ihres Besitzers in nichts nach. „Bestimmt hast du dann auch eine Erklärung für das Pferd an seiner Seite, oder, Korogra?“ spöttelt Simmias, der Amarius, ein hagerer Ikaner von sechzig Jahren. Selbst krumm über seinen dicken, knorrigen Gehstock gebeugt, überragt er noch die meisten anderen Männer im Orden und ist der Älteste von uns allen. Sein Bart ist weiß wie Asche und kunstvoll geflochten über seine Schultern gelegt wie ein schwerer Schal. Nur seine Augen sind noch so scharf und aufmerksam wie die eines Kindes. Dieselben Augen starren nun Korogra zu Boden, bis dieser beschämt den Kopf senkt. Da treibt es mir doch ein wenig die Schadensfreude ins Gesicht. Doch nun dreht sich der Amarius zu mir.
„Was du erzählst, ist besorgniserregend,“ sagt er, „Und dennoch will ich hoffen, dass du die Wahrheit sprichst. So sage uns, wo ist der Wiedergänger jetzt?“
„Auf der kleinen Lichtung im Osten des Waldes. Ich hab ihn niedergestreckt, als er uns angegriffen hat.“ Aber... was wenn das gar nicht stimmt? Nach allem, was ich gesehen habe, könnte diese Kreatur längst wieder aufgestanden und über alle Berge sein!
Ich kann spüren, wie ich leichenblass werde. Falls Simmias meine Zweifel bemerkt, zeigt er es nicht. Eine Weile lang ist er still, doch Orson kann sich nicht länger im Schweigen üben. In einem plötzlichen Anfall von Raserei stampft er auf den Boden wie ein kleines Kind und flucht, „Zwanzig Jahre! Zwanzig Jahre und dieser Grund ist immer noch Heidenland! Diese verruchten Affen müssen dahinter stecken, so wie ich es immer vorausgesagt habe! Dämonen im Gewande einfacher Tiere!“ Er rastet ja total aus! Was ist denn in ihn gefahren?!
„Ich denke nicht, dass sie schuld sind, Orson,“ meint Simmias gelassen und nicht das kleinste bisschen eingeschüchtert von Orsons wutverzerrter Fratze, „Das sind Störenfriede... aber keine Adepten der dunklen Künste.“
Ich wage, die Gelegenheit zu nutzen, ihm zuzustimmen, „Ich glaube auch nicht, dass sie dahinter stecken.“ Als Orson mich mit einem ungläubigen, wütenden Blick bedenkt, bereu ich das fast. Doch anstatt mir das eine Lehre zu sein, nächstes mal besser vorauszudenken, erkläre ich, „Nun... dieses Ding... der Wiedergänger... er hat die Affen gejagt. Sie sind vor ihm geflohen. Genau genommen... waren sie es, die ihm das Gesicht abgerissen haben, sodass wir wussten, dass es kein Mensch war.“
„Wahrscheinlich,“ spricht Simmias mit einem Kopfnicken.
„Und was nun?“ fragt meine Mutter, die Sara und mich immer noch fest umklammert hält. Sie zittert wie Espenlaub, ist unentschieden, ob sie Sara, mich, oder Orson und Simmias ansehen soll.
„Wir könnten soviel diskutieren und planen, wie wir wollen – wenn wir nicht vorher und schnellstmöglich diese Sichtung eines Wiedergängers bestätigen, verlieren wir nur Zeit. Wir sollten gleich nachsehen, oder, Orson?“ Der nickt nur grimmig. „Die Übungen sind für heute beendet,“ knurrt er.
Da erhebt jemand seine Stimme, „Ich würde gern mitkommen und mir das selber ansehen!“ Es ist Hendrik. Und Korogra schließt sich ihm gleich an, „Ich auch!“ Oh nein, nicht mit mir! Dies mal verleumden sie mich nicht! Drum sage ich, „Ich zeige euch, wo es is-“
„Nein, das wirst du nicht!“ schreit Mama da, „Du gehst nie wieder in den Wald! Ich hab dir gesagt, dass es gefährlich ist, und dass du nicht fechten solltest, und jetzt geben die Götter mir Recht!“
„Aber Mama-“
„Genug! Wir müssen uns um deine Wunde kümmern. Komm!“ Oh nein, das wird nicht gut gehen! Aber es ist zwecklos, mich dagegen aufzubäumen. Obwohl ihr für eine Frau stämmiges Kreuz zugegeben ihre Schönheit mindert, überzeugt sie einen recht schnell von ihrer Meinung, wenn sie ihn erst mal mit ihren kräftigen Armen wegschleift. So wie mich jetzt, ins Haus. Ich höre ein paar der anderen hinter vorgehaltener Hand lachen. Heute rührt mich das aber kaum.
Denn egal, was Mama denkt, das war schon richtig, dass ich gelernt habe, wie man ein Schwert führt. Ansonsten würden wir jetzt nicht streiten – sondern Sara und ich würden tot auf der Lichtung liegen.
* * *
Sara zuliebe tue ich so, als sei das alles heute nicht passiert, während wir den Rest des Tages in der Küche verbringen. Nachdem Mama meine Wunde ausgewaschen, betastet und mir dabei rund hundert mal unsichtbare Nägel in den Kopf gejagt hat, hat sie uns hier behalten, um zu arbeiten. Zumindest bei Sara scheint es Wunder zu wirken, sie von den Erinnerungen an den Wiedergänger abzulenken. Und da wenigstens sie verdient hat, heute Nacht ruhig zu schlafen, erwähne ich dieses Ding genauso wenig.
Nicht mal, als ich durchs Fenster Orson und die anderen zurückkommen sehe. Er sieht wütend aus – nicht auf mich, sonst hätte er längst die Tür eingeschlagen und mich windelweich geprügelt dafür, nicht nur gelogen sondern auch noch den Namen der Götter zu Unrecht in den Mund genommen zu haben bei meinem Schwur. Was ich jedoch in seiner Hand erblicke, lässt unentwegt Schuldgefühle in mir aufschäumen: mein Schwert. Gah, ich hab’s einfach im Wald zurückgelassen! Heißt, statt Prügel gibt es zumindest einen Vortrag über den sorgfältigen Umgang mit Waffen. Eine Kleinigkeit gegenüber allem, was ich heute schon durchstanden habe – aber eine Verschnaufspause wäre wenigstens einmal ganz nett gewesen.
Später gehe ich wieder in den Stall, um endlich das Ausmisten aufzuholen. Finster starre ich zu der letzten Box, in der unser Neuzugang Platz gefunden hat. Ich kann diesen Gaul immer noch nicht ab und ich hasse, mich jetzt auch um ihn kümmern zu müssen. Er glotzt mich seltsam an, ich starre zurück.
„Sobald du auch nur irgendwas anstellst, gehörst du der Katz‘,“ sage ich ihm.
„Mit wem redest du?“
Erschrocken wirble ich herum, als jemand den Stall betritt. Es ist Hendrik. Oh, toll. Mein Gesicht verliert nichts an seiner Härte.
„Was willst du?“ frage ich, statt ihm zu antworten. Moment, was ist denn mit ihm? Er weicht meinem Blick aus, sich nervös den Arm reibend.
„Ich möchte... mich entschuldigen,“ sagt er, bemüht, beherrscht zu klingen, „Für heut morgen. Ich hab den Untoten gesehen im Wald. Ich glaube dir jetzt und... mir ist klar geworden, dass ich mich dir gegenüber nicht fair benommen habe.“
„Oh?“ Ich... bin etwas um Worte verlegen. Aber auch skeptisch. Meint er das ernst?
Da spricht er, „Du bist ein ordentlicher Kerl, Marin, und ein würdiges Mitglied des Ordens – egal, wer deine Eltern sein mögen. Es tut mir wirklich leid. Nicht bloß das heute, aber das ganz besonders. War Korogras Idee und eigentlich wollte ich nicht mitmachen, bis... na ja, bis du mich so angeschnauzt hast. Da hab ich gedacht, das wäre nur gerecht. War es aber nicht.“
„Nun, da kann ich dir immerhin zustimmen. Aber... nur so eine dahergesagte Entschuldigung hilft mir auch nichts. Bei Kin, ihr habt mich fast aus dem Orden schmeißen lassen! Wenn du willst, dass ich so tue, als sei das nie gewesen, vielleicht könntest du zu Orson gehen und ihm erzählen, dass es Korogra war und nicht ich, der die Bücher in den Stall getan hat!“
„Hör zu, Marin,“ seufzt er und schafft es dann, mich anzusehen. Nicht mehr ganz wie ein reuiger Sünder, sondern ein bisschen wie ein großer Bruder. „So einfach ist das nicht. Das weißt du nicht, weil du noch relativ neu bist. Im Orden geht’s um mehr, als beigebracht zu bekommen, wie man liest, kämpft und betet. Wir sind sowas wie eine Familie. Wir müssen zusammenhalten und unsere Scherereien begraben. Ich kann Korogra nicht einfach so verpetzen, er hat auch ein paar gute Eigenschaften. Wenn du einfach nicht so... heftig reagieren würdest...“ Er wollte dämlich sagen, ich weiß es einfach. „Dann würde er bestimmt aufhören. Aber ich versprech‘ dir was: ich nehm‘ ihn mir zur Brust, damit er sich besser benimmt. Wenn nicht, gibt’s genug andere Möglichkeiten, ihn zu maßregeln, ohne ihn aus dem Orden zu jagen.“ Er grinst kurz. „Manchmal wirkt ein Schlag auf den Hinterkopf wahre Wunder.“ Ich kann nicht anders, als auch darüber zu schmunzeln. Dann werden wir beide still.
Nach einer Weile frage ich, „Was machen wir eigentlich wegen dem Wiedergänger?“
Hendrik zuckt mit den Achseln. „Wissen wir noch nicht. Orson und die Ältesten diskutieren noch. Höchstwahrscheinlich werden sie die Überreste des Toten verbrennen, aber danach? Keine Ahnung.“ Er sieht mich ernst an. „Ich hoffe nur, dass wir morgen unsere verpassten Übungen heute aufholen werden. Ich könnte gut noch etwas Übung vertragen, wenn da draußen noch mehr von diesen Dingern umgehen.“ Ich werde es ihm nicht sagen, aber mir geht es kein bisschen anders.
* * *
In der Nacht wälzt Sara sich unruhig neben mir hin und her. Sie muss schreckliche Alpträume haben. Selbst wenn sie mir nicht ständig ihren Ellbogen in den Bauch rammen würde, während sie mit den Dämonen in ihrem Kopf kämpft, könnte ich auch nicht schlafen. Ich weiß, dass ich die Nacht genauso durchleiden würde wie sie. Und das hält mich wach. Dennoch gebärt meine Fantasie immer schrecklichere Bilder, eines nach dem anderen. Der einzige Ausweg ist, meinen Kopf von den immer gleichen Fragen beackern zu lassen. Wie ist das möglich? Wie kann ein Toter plötzlich wieder aufrecht gehen? Woher kam dieses Ding? Warum hierher? Mir fallen noch Hunderte weiterer Dinge ein, die ich daran einfach nicht begreife. Normalerweise, wenn das passiert, schleiche ich mich dann in Simmias‘ Refugium und schmökere in den Bestiarien und Reisetagebüchern, die er gesammelt hat. Ob darin steht, was ein Wiedergänger ist?
Ich wäge ab, nach unten zu gehen und es herauszufinden, wobei eine Stimme in meinem Hinterkopf sich fragt, wie blöd man eigentlich sein kann, genau denselben Fehler zu begehen, bei dem man am selben Tag erst erwischt worden ist. Sie und meine Gedanken verstummen aber, als ich Schritte die Treppe hinaufkommen höre. Wer kann das sein um diese Zeit? Soll Olphe ihn holen, wenn das der Untote ist! Ich schnappe mir das nächstbeste Mittel zur Verteidigung, was in diesem Fall meine Sandale ist – und senke meine Hand wieder, als mir nicht nur bewusst wird, wie lächerlich ich aussehen muss, sondern auch, dass es Hendrik ist, der herauf schleicht. Verwirrt starre ich ihn an.
„Zieh dich an und komm runter,“ wispert er, sein Gesicht so todernst wie noch nie, „Wir durchkämmen den Wald.“ Ich stelle keine Fragen und mache sofort, was er sagt. Während ich ihm nacheile, kann ich draußen das Licht mehrerer Fackeln ausmachen. Hendrik erklärt, „Orson hat eine Entscheidung gefällt. Jeden einzelnen Stein sollen wir umdrehen, um zu schauen, ob noch irgendwo ein Wiedergänger lauert. Ich wusste, dass du dir nicht entgehen lassen würdest, mitzuhelfen.“
„Alles ist besser, als da oben mit den ganzen Fragen allein zu sein,“ erwidere ich, was seine Mundwinkel nach oben zucken lässt.
Wir kommen gerade rechtzeitig draußen an, um Orsons Schlachtplan zu hören. Sein Gesicht ist im Fackellicht noch rötlicher als sonst, doch die Flammen scheinen kein wirkliches Licht zu spenden, sondern nur noch tiefere Schatten zu schaffen, die alle jetzt schon alt und erschöpft aussehen lassen. Orson ruft laut und für alle verständlich, „Wir teilen uns in vier Gruppen auf! Simmias wird den Süden absuchen, ich den Norden und Janus und Phellis kümmern sich jeweils um den Osten und den Westen! Während wir tiefer in die Wälder vordringen, werden wir immer nach einer Meile jeweils eine Dreiergruppe nach links und nach rechts schicken, um den Umkreis abzusuchen. Wenn sich zwei Gruppen in der Mitte treffen, setzen sie gemeinsam den Weg fort und trennen sich nach einer Meile wieder, um zum Haupttrupp zurückzustoßen.“ Er will wirklich keinen einzigen Grashalm übersehen werden lassen.
Dann weist er uns unseren Trupps und Gruppen zu. Hendrik und ich landen beide in Simmias‘ Einheit... und in derselben Gruppe. Und ich könnte Hendrik würgen, denn das war bestimmt seine Idee, dass Korogra der Dritte im Bunde ist! Aber es nützt nichts, sich zu beklagen. Nicht bei Orson. Er hat sich seinen Titel als Schwertmeister verdient. Manchmal glaube ich, ihm ein Schwert zu gaben, macht es fairer als sich ihm entgegenzustellen, wenn er bloß seine Fäuste hat.
Wer hätte es also kommen sehen? Ich bin zurück im Wald, dies mal im Dunkeln mit einer kümmerlichen Lampe, einer Art neuem Freund und meinem Erzfeind. Und wir suchen nach mehr Gerippen, die mich grundlos umbringen wollen. Wunderbar.
Nach einer Weile haben wir Simmias bereits aus den Augen verloren und setzen unseren Weg südwärts alleine fort, uns langsam durchs düstere Unterholz arbeitend. Eine Wand aus Finsternis scheint den Lichtkreis unserer Lampe zu begrenzen. Langsam versteh ich, warum manche Leute vermeiden, hierher zu kommen. Es ist nämlich nicht völlig dunkel. Da sind noch große, gelbe Kreise, welche uns auf Schritt und Tritt verfolgen – die Affen. Mir ist nie bewusst gewesen, dass ihre Augen so glühen. Keiner von ihnen blinzelt, wovon ich eine richtige Gänsehaut bekomme und mich selbst erinnern muss, Du hast zu Orson gesagt, dass die Affen nicht die Übeltäter sind. Sie haben den Untoten angegriffen, weil er ungefragt in ihr Territorium eingedrungen ist.
Werden sie uns dann unbehelligt passieren lassen? Denk an was Schönes, verdammt, irgendwas Beruhigendes!
„Nässt du dich schon ein, Marin?“ spöttelt Korogra, nur um plötzlich Hendriks Ellbogen in der Seite zu spüren. Mit ruhiger Miene sagt er, „Er behält die Augen offen im Gegensatz zu dir.“ Mit einem dezenten Lächeln danke ich ihm.
„Dann sollten wir uns noch mal aufteilen. Wenn hier irgendwas rumschleicht, lassen wir ihm viel zu viel Raum, sich um uns herumzubewegen,“ beharrt Korogra.
Da kann ich nicht anders als selbst zu höhnen, „Wieso? Willst du etwa abhauen und dich ins Bett verkrümeln, wenn wir nicht hinschauen? Orson hat schon seine Gründe für seine Anweisungen.“
„Vielleicht will er einfach nicht, dass der Bauer es vermasselt.“
Plötzlich verpasst Hendrik uns beiden eine. „Hört endlich auf!“ zischt er, „Ihr seid schlimmer als ein Phellache und ein Illamari gemeinsam auf der Jagd, die mit ihrem Gezanke alle Beute verscheuchen!“ Ah, das hat gesessen... Nun, ich werd Hendrik nicht widersprechen. Zumindest insofern, dass ich Korogra immer noch leidenschaftlich hasse-woah! Als ich den nächsten Schritt mache, merke ich plötzlich, wie abschüssig der Boden ist. Mein Fuß tritt ins Leere, da gerate ich schon ins Rollen. Halme über meinem Kopf, im nächsten Moment die Baumkronen, dann wieder der Boden und plötzlich der Himmel. Mein Rücken kann mir währenddessen ganz eigene Geschichten erzählen, wie mehr und mehr Stein meinen Weg pflastert. Ich muss was unternehmen! Irgendwas!
Blind strecke ich mich eine Arme aus, klammere mich im letzten Moment an den erstbesten Fels und spüre einen Ruck an meinen Beinen, die frei unter mir hängen. Ich... ich bin beinahe eine Klippe von gut vier Mannshöhen hinuntergestürzt! Meine Güte... die Götter haben wirklich noch einen Tropfen Liebe für mich übrig. Da höre ich Korogra und Hendrik herbei eilen. Letzterer ruft, „Marin! Bist du wohlauf?!“
Korogra bevorzugt zu fluchen, dann ordnet er an, „Wir müssen ihn hochziehen, schnell!“
Zu meiner Überraschung lässt er sich tatsächlich selber auf die Knie fallen und hilft mir mit Hendrik zusammen auf den Felsvorsprung. Jeder von uns ist außer Atem, als es endlich geschafft ist. Man, meine Hände bringen mich um! Voll mit blutigen Schrammen. „Das... das war echt knapp,“ keuche ich, „D... danke.“
„Hab doch gesagt... der ist nachtblind,“ zischt Korogra, seinen Kopf schüttelnd, bis ihm Hendrik von hinten drauf haut. Er meint, „Wir hatten Glück, dass niemand verletzt ist. Leider scheinen wir auch niemanden geschnappt zu haben.“
„Vielleicht nicht jemanden,“ erzähle ich da, „aber ich glaube, ich habe etwas am Strand gesehen. Lasst uns nachschauen!“ Da war dieser seltsame, dunkle Umriss inmitten des Weiß‘ des Strandes. Könnte ein Fels sein. Oder endlich etwas Gutes an dieser ganzen Suche. Schnell suchen wir einen sicheren Weg nach unten, während das Meer sanft unter uns rauscht. Leider führt nichts daran vorbei, ein Stück des Weges zu klettern. Der Schmerz in meinen Handflächen entbrennt von neuem, aber ich lasse meine Neugier mich davon ablenken, so gut es geht. As ich endlich unten bin und die Qualen ihr Ende nehmen, danke ich Vas. Und vielleicht auch Olphe, da schließlich ihr silbernes Auge grade am Himmel steht und auf uns Acht gibt, nicht das feurige, weiße von Vas.
Hendrik und Korogra sehen beide skeptisch aus. Ich hänge sie schnell ab, sobald ich losrenne. Als ich bei dem Gegenstand ankomme, rufe ich, „Ein Boot! Es ist ein Boot! Vielleicht ist der Untote hiermit hergekommen.“ Hendrik ist nun auch da, während Korogra zurückbleibt.
„Nicht gerade hochseetauglich,“ stellt Hendrik stirnrunzelnd fest, während er sich das nasse Holz genauer besiegt. Ich hätte fast vergessen, dass er eigentlich aus einem der Fischerdörfer nördlich von hier kommt. Er kennt sich ziemlich gut aus mit Booten. „Falls jemand hiermit hergefahren ist, kann er nicht weit von hier abgelegt sein. Wahrscheinlich ist er die Salzader runtergefahren... oder er hat sie überquert, maximal von Aqulvar, wenn er draufgängerisch war.“
„Ich weiß gar nicht, ob dieses Ding das Wort Risiko überhaupt kannte,“ sage ich, wobei es mir kalt den Rücken runterläuft. Der Wiedergänger hat nicht mal gezuckt, als ich ihm den Schädel durchstoßen habe. Da fällt mir noch etwas auf, „Hier sind auch noch zwei große Fässer und etwas Seil.“
Hendrik grinst mich an. „Nun, dann ist es tatsächlich möglich, dass unser ungebetener Gast hiermit übergesetzt hat. Die Fässer sind bestimmt abgedichtet und innen drin leer. Der Wiedergänger muss sie an sein Pferd gebunden haben, damit es oben auf schwimmt. Wir wissen vielleicht nicht, woher er kam... aber wenn ich mir diese Nussschale so ansehe, könnte ich schwören, dass er alleine war.“
„Da liegst du falsch,“ ruft Korogra plötzlich zu uns hinüber. Wieso kniet er denn jetzt im Sand? Hendrik und ich setzen uns in Bewegung. Sobald wir bei ihm angekommen sind, hat Korogra längst das zweite, vergrabene Boot freigelegt. Finsterer Miene spricht er, „Hier war noch jemand anders.“
* * *
Es dauert nicht lange, bis auch der Rest des Suchtrupps sich um unseren Fund versammelt hat. Orsons Lippen sind so fest aufeinandergepresst, dass sie nur noch einen dünnen Strich bilden, und Simmias streicht sich gedankenversunken durch seinen Bart. Irgendwann fragt er dann, „Es war also hier vergraben?“
„Jawohl,“ sagt Korogra, kläglich scheiternd, nicht stolz zu klingen, „Sie haben ihr Bestes gegeben, es zu verstecken. Trotzdem habe ich es gefunden.“
„Haben Marin, Hendrik und du auch irgendwelche Fußspuren gesehen, bevor wir herkamen, um zu sehen, wieviele es waren und wohin sie gegangen sind?“ In Schande senken wir alle drei unsere Köpfe. Verflucht, jetzt ist das natürlich unmöglich, noch irgendwas im Sand zu sehen, nachdem jeder den ganzen Strand platt getreten hat! Orson stößt einen genervten Seufzer aus. Doch ausnahmsweise überspringt er die Vorhaltungen, „Nun, es ist gut, dass ihr wenigstens die Boote gefunden habt. Jetzt wissen wir ein wenig mehr. Offensichtlich haben mehr Leute als nur der Untote, dem Marin begegnet ist, unseren Wald passiert.“
„Habt Ihr denn jemanden entdeckt?“ will ich wissen. Orson schüttelt zähneknirschend den Kopf, „Nur diese verlausten Affen!“
Hendrik vermutet, „Das heißt wohl, dass die Anderen, die hier waren, bereits den Wald verlassen haben.“
„Vielleicht waren sie auf der Flucht!“ spinne ich das Ganze weiter, „Sie wollten nicht, dass jemand ihr Boot entdeckt. Das andere aber liegt völlig offen herum. Der Wiedergänger muss sie verfolgt haben!“ Kein Wunder, dass sie keine Spuren hinterlassen wollten, wenn dieses Ding hinter ihnen her war. Aber scheinbar hat nicht nur Korogra den Trick durchschaut.
„Schlau gedacht,“ lobt Simmias mich, obwohl er immer noch zu grübeln scheint. Orsons Unterlippe wandert grimm von Seite zu Seite, während seine gesenkten Brauen seine Augen in Schatten hüllen. Plötzlich sagt der Armarius, „Nun, dann ist ja alles klar.“ Alle schauen ihn verblüfft an, bis er die Notwendigkeit sieht, sich zu erklären, „Wir wissen jetzt, dass der Orden und Welsdorf sicher sind. Marin hat den Untoten niedergestreckt, und, wen auch immer der gejagt hat, ist sehr daran interessiert, viel Abstand zwischen sich und diese Kreatur zu bringen. Schließlich haben wir niemanden gefunden, der sich im Wald versteckt hat.“
„Ja, ja, und was wenn noch mehr von diesen Ausgeburten der Hölle hierherkommen?!“ platzt es aus Orson heraus.
„Daran hab ich auch gedacht. Wir müssen unsere Suche ausdehnen. Jemand von uns wird in den umliegenden Dörfern und bei unseren Schwesterorden Kunde einholen müssen. Der Rest von uns wird um jeden Preis hier bleiben und sich vorbereiten für den Fall, dass mehr Ungeheuer auftauchen. Wir wollen die Verteidigung des Dorfes ja nicht den Affen überlassen, oder?“
Man, Orsons Gesicht hat einen völlig neuen Rotton angenommen, während seine Lippen schon weiß sind, so fest lasten sie aufeinander. Trotzdem nickt er. Simmias fügt an, „Und wenn jemand sich dieser Aufklärungsmission würdig erwiesen hat, dann ist es sicher Marin!“
„M-meint Ihr das ernst?!“ fragen ich und mindestens ein Dutzend anderer Novizen wie im Chor. Beinahe neckisch grinst Simmias unter seinem Bart. „Wolltest du nicht immer ein wenig reisen? Jetzt hast du die Gelegenheit. Wirst du dem Ruf deines Ordens folgen?“
„Werde ich!“ entgegne ich ohne Zögern. Das ist zu schön, um wahr zu sein! Ich grinse von einem Ohr zum anderen. Endlich kein Rumhocken auf der Mühle und gelangweilt in die Ferne starren mehr. Jetzt werde ich doch einmal die Außenwelt mit eigenen Augen sehen!
Kapitel 3 und ein Blick gen Norden
Der Tag ist endlich gekommen! Trotz der Dringlichkeit meiner Mission hat es ein wenig gedauert, alles für meine Abreise vorzubereiten – hauptsächlich meine Mutter davon zu überzeugen, dass ich nicht von Wölfen gefressen werde, sobald ich auch nur einen Fuß außerhalb des Dorfes setze. Selbst jetzt behält sie mich im Auge wie ein Neugeborenes anstatt ihres Sohnes von fünfzehn Jahren. Beinahe ein erwachsener Mann.
Wir haben uns alle vor der Ordensbarracke versammelt. All die Novizen sind hier, die mich überschwemmen mit Ratschlägen, was ich tun und nicht tun sollte, während ich weg bin. Die Ordensältesten und Gart sind ebenfalls gekommen, zusammen mit seinen Brüdern, die er obendrein mitgeschleift hat. Es ist früh am Morgen und die Sonne hat sich gerade mal hinter den Baumkronen hervorgetraut, uns mit ihrem warmen Licht streichelnd, als würde Vas uns von seinem Beistand in dieser Mission wissen lassen.
Die Menge beruhigt sich etwas, als Orson vortritt. Er sieht bärbeißig aus wie immer, aber in seinen Augen funkelt ein kleiner Schimmer von tiefer, freundlicher Sorge, den man nicht oft erblickt. In seinen Händen hält er mein Übungsschwert und eine mäßig verzierte Schwertscheide. „Frisch am Wetzstein geschärft,“ lässt er mich wissen, „Um sicherzugehen, dass du eine sichere Reise hast. Benutz es nur wenn nötig, ein scharfes Schwert ist kein Spielzeug.“ Ich nicke unterwürfig und will schon nach der Klinge greifen, aber er ist noch nicht fertig, „Und wenn du dich gezwungen siehst, es zu benutzen, dann mach keine halben Sachen! Das Gesocks da draußen soll ruhig wissen, dass wir euch Jungs ordentlichen Schwertkampf lehren! Harhar!“ Die anderen und ich stimmen in sein herzhaftes Lachen mit ein, während er mir das Schwert überreicht und ich es an einem Gurt an meiner Hüfte festmache.
Nachdem Orson beiseite gegangen ist, bringen zwei Knechte das Pferd des Wiedergängers. Ich bin zwar ganz froh, nicht den ganzen Weg laufen zu müssen, aber... wirklich, musste es ernsthaft dieser störrische Gaul sein? Simmias – als hätte er meine Gedanken gelesen – sagt, „Es ist nur rechtens, wenn es jetzt dir gehört. Der Rappe ist kräftig und ruhig – ein Pferd, das selbst für die Schlacht geeignet wäre. Nichts von dem Bösen seines ehemaligen Reiters haftet ihm an, das schwöre ich dir.“
Ich nehme mit Zögern die Zügel entgegen, das Pferd misstrauisch beäugend. Dann schlägt Simmias vor, „Aber es bringt Unglück, ein namenloses Pferd zu reiten, daher würde ich sagen, du solltest ihm jetzt einen Namen geben.“
„Am besten du sicherst dir den Beistand der Götter, indem du ihnen den Namen widmest,“ rät Orson mir. Indes hat Gart eine andere Idee, „Wieso nicht den Namen eines Mädels aus’m Dorf?“ Nicht mal ansatzweise subtil, Gart. Der will doch nur wissen, ob ich mir endlich ein Mädchen ausgeguckt habe. Aber ich tu ihm nicht den Gefallen, das Geheimnis zu lüften, „Ich glaube, ich weiß etwas Besseres. Ich nenn ihn Porstellion, zu Ehren eines echten Helden von Doarnb!“
Gart schüttelt seinen Kopf, während Simmias nickt, doch beide lächeln – und denken bestimmt grade dasselbe, „Wie typisch, dass er einen Namen aus seinen Lieblingsgeschichten herauspickt.“ Nun, wenn ich ehrlich bin, kommt mir der Gaul auch wirklich so besonnen vor wie Porstellion – vielleicht sogar genauso mutig, falls ein Pferd mutig sein kann anstatt zu blöd, um Gefahr wahrzunehmen. Wird schon schiefgehen.
Schließlich wird mir noch etwas überreicht. Simmias kommt auf mich zu und drückt mir ein dickes Bündel Bücher in die Hände. „Bring das zu den anderen Orden in der Gegend,“ beauftragt er mich zwar, doch wir wissen beide, für wen die Bücher wirklich sind. Selbst ohne sein verschwörerisches Zwinkern. Ich kann mein Lächeln kaum unterdrücken. Dieser Alte ist einfach zu nett für diese Welt. Ich stibitze und verlier seine Bücher und er gibt mir allen Ernstes noch mehr zu lesen!
Eine kleine Spitze kann er sich jedoch nicht verkneifen, „Obwohl die jüngsten Ereignisse daran zweifeln lassen, bin ich fest davon überzeugt, dass du gut auf sie Acht geben wirst.“
„Werde ich! Bei meiner Ehre!“ schwöre ich.
„Dann genug Zeit vertrödelt,“ sagt Orson mit einem heftigen Schulterklopfer für mich, „Eine gute Reise wünsche ich dir, Marin. Mach uns keine Schande da draußen!“
„Bleib nicht zu lange weg!“ ruft Sara traurig und springt mich in einer knochenbrechenden kleine-Schwester-Umarmung an. Ehe ich mich versehe, hat auch schon Mama ihre Arme um uns geschlungen.
„Sei bloß vorsichtig, ja?“ fleht sie, wobei ihr schon wieder Tränen in die Augen steigen. Ich ertrage es nicht, sie so zu sehen. Vielleicht... vielleicht war das doch keine so gute Idee. Aber der Orden zählt auf mich! Das ist meine allererste Reise. Ich muss die Gelegenheit beim Schopf ergreifen!
„Ich werd schon nichts Dummes anstellen, keine Sorge. Ich werde wieder da sein, bevor man überhaupt merkt, dass ich weg bin!“ Dennoch klammern sie sich noch ein Weilchen länger an mich, ehe sie mich schließlich ziehen lassen. Sara drückt ganz fest Mamas Hand, als wir uns voneinander lösen.
Als nächstes breitet Gart seine Arme aus. Er hat wieder dieses verschmitzte Grinsen im Gesicht. „Und jag nich‘ allen Röcken nach, ja? Nur den hübschen.“
„Ich lass ein paar für dich übrig, falls die Umstände es erlauben.“ Er gibt mir einen leichten Schlag gegen die Schulter, drückt mich dann einmal und wir beide lachen. Anschließend hilft Hendrik mir in den Sattel. Während ich ein wenig hin und her rutsche, bis ich bequem sitze, sagt er, „Mach’s gut. Ich weiß, dass du herausfinden kannst, was vor sich geht in Cardighna.“ Zuversichtlich nicke ich ihm zu.
„Ich lass keinen Kiesel unberührt.“ Der Rest der Novizen ruft mir ihre Glückwünsche zu, während ich langsam Porstellion umkehren lasse und mich auf seinem kräftigen Rücken vom Orden entferne. Ich riskiere einen Blick zurück über meine Schulter, um all die vertrauten Gesichter ein letztes mal zu sehen, ehe ich gehe. Sie winken und jubeln mir zu. Das Gluckern des kleinen Baches, der durchs Dorf fließt, klingt wie ein trauriges Lebewohl und im Morgenlicht sehen die Hütten des Dorfes aus wie mit Goldhalmen gedeckt statt mit Stroh. Mein Magen kribbelt vor Aufregung und auch ein wenig vor Trauer. Das ist ein richtig großer Schritt für mich.
Aber genug Zeit mit Zweifeln vertan! Ich versetze Porstellion in einen Trab und schon reiten wir in den Tunnel aus Baumstämmen und Blätterkronen beidseits des Weges, Welsdorf hinter uns lassend und ostwärts ins Ungewisse.
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„Nun, jetzt sollten wir eigentlich bald den Waldrand erreicht haben,“ murmle ich später, während ich die Karte studiere. Die Bäume stehen nicht mehr so dicht beieinander und tiefe Furchen ziehen sich durch den sandigen Weg, wo Karren zwischen Welsdorf und den umliegenden Weilern verkehren. Es wird zunehmend wärmer, ein Duft von Sommer erfüllt die Luft. Ich lasse Porstellion in langsamen Schritten vorwärts gehen und genieße einfach nur die Ruhe und Stille.
Sie sind nur von kurzer Dauer, wie sich herausstellt, als auf einmal eine kleine, peipsige Stimme anmerkt, „Wenn du weiter so trödelst, können wir froh sein, bis zum Winter aus dem Wald herausgefunden zu haben.“ H... hab ich grad wirklich jemanden gehört? Ich schaue mich hastig um, aber da ist niemand. Ich gucke noch mal, drehe mich sogar einmal im Sattel herum. Immer noch nichts.
„Beruhig dich,“ sagt die Stimme, „Wenn das schon reicht, um dich fast vom Pferd fallen zu lassen, werden wir da draußen eine Menge Probleme haben.“
„Wer bist du?“ will ich wissen, „Wo bist du? Zeig dich!“ Da bemerke ich ein Paar schwarz- und rot-gemusterter Schmetterlingsflügel, das es sich zwischen Porstellions Ohren bequem gemacht hat. Das Krabbeltierchen gibt ein schwaches, grünes Licht ab, wie ein Glühwürmchen. „Na endlich hast du mich entdeckt,“ seufzt die Stimme spöttisch. Als es sich von Porstellions Kopf abstößt und auf mich zugeflogen kommt, bemerke ich, dass es gar kein Schmetterling ist, sondern in Wirklichkeit eine winzige, grüne Frau... ohne einen einzigen Fetzen Kleidung. Oh, wunderbar, also verliere ich tatsächlich den Verstand. Wie schön, dass ich immerhin noch geistesgegenwärtig genug bin, das mitzubekommen.
Ich starre die geflügelte Frau weiterhin voller Verwunderung an. Sie mustert mich fragend. „Geht’s dir gut? Dein Gesicht ist ja rot wie eine Tomate,“ neckt sie mich, geht sogar so weit, sich auf meiner Nasenspitze abzustützen mit gehässigem Grinsen. Ich zucke zusammen und weiche von ihr.
„Was zum... wer... was bist du?!“
Ihre Miene verdüstert sich mit einem Mal, wobei ihre roten Augen mich durchdringend anstarren. „Mein Name ist Sira, vielen Dank.“ Beleidigt setzt sie hinzu, „Und ich bin eine Víla. Eine Vila, der du zufällig dein Leben verdankst.“
Mir dreht sich schon alles bei den ganzen Fragen, die mir durch den Kopf schwirren. Eine Víla? Ich verdanke ihr mein Leben? „Wovon redest du? Ich glaub, das wüsste ich, wenn ich dir was schuldig wäre.“ Kurze Zeit schaut sie mich an, als hätte ich etwas unglaublich Dummes gesagt. Dann meint sie, „Nun, dann schau dir doch mal deine rechte Hand an und denk mal gut nach. Vielleicht hilft das deinem Gedächtnis auf die Sprünge.“
Ich schüttele meinen Kopf, um sie endlich von meiner Nase fortzuscheuchen. Ein „Hmpf!“ kann sie sich dabei nicht sparen. Ich kann nicht glauben, dass ich diesen Mist mitmache. Also schön, schauen wir mal auf meine Hand... ich kann nichts sehen, was irgendetwas zu tun hätte mit einer winzigen, käfergroßen, nervigen- Moment, die Pustel! Der Stich! „Das warst du?“
„Ganz recht. Ich hab dich im Wald gesehen, wie du kurz davor warst, deinen letzten Atemzug zu tätigen, nachdem du Bekanntschaft mit dem Stiefel des Knochenmanns gemacht hattest. Also hab ich mir gedacht, ich weck dich mit einem kleinen Piekser. Ich warte übrigens immer noch auf ein Dankeschön dafür.“ Ich glaube, ich lasse sie noch ein wenig länger warten. Stattdessen frage ich, „Bist du mir deswegen hierher gefolgt?“
„Nein, aber da gibt es diesen alten Kauz Simmias, der dachte, es wäre ganz gut, wenn du nicht völlig alleine ausziehen würdest in eine Welt, wo es abertausende Möglichkeiten gibt, dir das Genick zu brechen.“ Meine Überraschung überwiegt die Wut über ihre Wortwahl.
„Simmias hat dich geschickt? Ihr kennt euch?“
„Pfft, ich hab keine großartige Wahl gehabt, ihn kennenzulernen, so oft wie er in den Wald kommt, um die Affen zu füttern.“ Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Simmias füttert die Affen? Trotz Orsons leidenschaftlichem Hass auf sie? Während ich versuche, alles, was sie gesagt hat, zu verdauen, fährt Sira fort, „Nun, und als er mir erzählt hat, was ihr am Strand gefunden habt, da hat er mich gebeten, auf dich aufzupassen.“
Mit verschränkten Armen in der Luft flatternd fügt sie noch grummelig an, „Hätt ich gewusst, dass das so kommen würde, nur weil ich dich davor bewahre, auf ewig ein Nickerchen zu halten, hätt ich’s mir zwei mal überlegt.“ Trotz ihrer Miene seh ich ihr an, dass sie es nicht ganz so meint, und muss grinsen.
„Ich zieh Hilfe wohl einfach magisch an in letzter Zeit.“
„Du ziehst Gefahr an nach meiner Einschätzung,“ korrigiert sie mich. Dann kann sie nicht anders und lächelt selbst. „Es ist einfach nur Zufall, dass wir immer auftauchen, um dir aus der Patsche zu helfen.“
„Nun, dann will ich dem Zufall danken... und dir, weil du mich gerettet hast. Sara und mich, um genau zu sein.“
„Na also, es geht ja doch!“ schnauft sie und schlüpft plötzlich in eine meiner Gurttaschen. Als sie meinen fragenden Blick bemerkt, meint sie, „He, einen kleinen Platz für mich bereitzuhalten, wo ich mich ausruhen kann, ist das Mindeste, was du für deine Lebensretterin tun kannst!“
„Wenn du mir dann vielleicht den Gefallen tätest und dir mal was anzögest.“ Da fängt sie plötzlich an zu prusten vor Lachen.
„Für einen leidenschaftlichen Leser weißt du aber wenig über uns Víly!“ Ich runzle die Stirn. Was soll das denn heißen? „Ich verrat dir ein kleines Geheimnis! Wir Víly verfügen über so ein paar Kniffe... zum Beispiel ein praktisches Gift, das selbst bei großen Geschöpfen wie dir zu Halluzinationen führt.“ Erstes mal, dass mich jemand groß nennt. „Nachdem du dich hast grün und blau prügeln lassen, hab ich dir einen kleinen Stich versetzt... und falls du mich gesehen hättest, wollte ich dir nicht einen noch größeren Schrecken einjagen als ohnehin schon. Da hab ich mir diese kleine Gestalt für dich einfallen lassen.“ Spitzbübisch fragt sie: „Gefällt sie dir etwa nicht?“ Oh, dieses gerissene Biest!
„W-wofür hältst du mich denn?!“ Obwohl ich zugeben muss, sie hat’s nicht schlecht getroffen – aber das sag ich ihr bestimmt nicht! Lieber würde ich wissen, „Wie siehst du denn dann wirklich aus?“
„Glaub mir, das willst du nicht erfahren. Hab von wenig Leuten gehört, die den Anblick genossen haben.“ Was sie sagt, bereitet mir eine richtige Gänsehaut, während alle möglichen schrecklichen Bilder durch meinen Geist blitzen. Schleimige Käfer, aufgedunsene Tausendfüßler, mit krummen, scharfen Klauen und gifttriefenden Zähnen, haarigen Beinen wie Stelzen, spitzen Saugrüsseln und-
Mein kleiner Tagalptraum nimmt ein jähes Ende, als Sira wieder in Gelächter ausbricht, „Man, ist das einfach, dir deine Gedanken vom Gesicht abzulesen! Du bist ja ganz fahl!“
„Ach sei still!“ blaffe ich sie an und wende mich endlich wieder der Karte zu. Da fällt mir auf: der Wald hat sich ganz schön gelichtet in der Zwischenzeit. Nur wenige Bäume säumen noch den Weg, bis wir unter dem Blätterdach hervortreten auf eine lehmige Klippe, von der sich die Straße in einer steilen Serpentine hinabschlängelt auf eine grüne, schier endlose Landschaft von flachen Hügeln. Der Ausblick ist ja unglaublich! Die Dörfer und Bauernhöfe sehen aus wie nichts weiter als vereinzelte Farbsprengsel hier und dort, zwischen denen sich hauchfeine, blaue und braune Linien winden. Und ganz fern am Horizont, kaum zu erkennen, erhebt sich der stolze, rote Bergrücken von Ardnas, von dem ein warmer Sommerwind zu uns herüberweht. Er lässt es mir richtig in den Fingern kribbeln, mit den Zügeln zu knallen.
Das ist sie also, die Außenwelt. Noch viel schöner als ich sie mir vorgestellt habe. Allerhöchste Zeit, dass ich sie mir von Nahem besehe, also drücke ich Porstellion meine Füße in die Flanken und eile die Straße hinab.
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Bald schon ist die Nacht hereingebrochen. All das Reiten durch die herrliche Landschaft und das Befragen irgendwelcher Bauern und Reisender hat die Zeit wie im Handumdrehen vergehen lassen. Obwohl eine gewisse Víla sich allerbeste Mühe gegeben hat, auch wirklich jeden Moment zu verderben, in dem ich vor Freude fast gequietscht hätte wie Sara manchmal. Immer wenn ich für ihren Geschmack ein wenig zu viel Spaß zu haben scheine, sagt Sira sowas wie, „Das ist kein lustiger Ausflug, ja? Du hast eine Mission zu erfüllen!“
Dann geht es wieder zurück ans Fragenstellen in den paar Weilern, an denen wir vorbeigekommen sind. Aber wir haben bislang nichts geerntet außer eine Reihe von „Wir wissen von nichts“s – wenn die Leute sich überhaupt von Sira haben losreißen können, um mir zu antworten. Weiß nicht, wie mir ist bei den Leuten, die uns sogar noch anstarren, wenn ich schon wieder gehe.
Auch Sira gefällt all die Aufmerksamkeit nicht, „Urgh, wäre ich doch bloß im Wald geblieben und hätte die Ruhe genossen.“
„Gibt es im Wald mehr von euch? Víly, meine ich. Ich hab nie welche gesehen.“
„Du hast ja auch keine Ahnung, wie sie wirklich aussehen. Vielleicht war ja irgendsoein richtig fetter, hässlicher Tausendfüßler, auf den du mal drauf getreten bist, in Wahrheit eine Víla?“ Es schüttelt mich regelrecht bei dem Gedanken an so ein Vieh unter meinem Fuß, sehr zu ihrer Belustigung. „Aber ja, es gibt eine ganze Reihe von uns um Welsdorf herum. Víly könntest du so gut wie überall finden. Wir... sind einfach bloß nicht sehr gesellig, wenn ich ehrlich bin.“ Oha, und das sagt ausgerechnet sie.
„Und Simmias und ihr seid trotzdem Freunde?“
„Er ist zumindest mein Freund. Die anderen... mögen ihn nicht so recht. Denken, er sei so wie dieser Dummkopf Orson, der nur zu gerne den ganzen Wald niederbrennen würde, wegen irgendwelcher Alpträume, die er am helllichten Tag hat.“ Ich schenke ihr einen skeptischen Blick. Schnell räuspert sie sich und wechselt das Thema, „Ein Haufen Langweiler sind das. Da hab ich gedacht, ich könnte mal eine Weile von zuhause verschwinden. Schon ‘ne Weile her, dass ich reisen war.“
Das ist ja eine Überraschung! „Du warst also schon mal hier?“
„Ich war an tausenden Orten. Was glaubst du, warum Simmias mich als deine Begleiterin ausgesucht hat?“
Mir rutscht raus, „Um sicherzugehen, dass ich so wenig Spaß wie möglich hab auf dieser Reise?“
„Redet man so mit der eigenen Lebensretterin?!“ Stolz verschränkt sie die Arme und starrt mich erst wutentbrannt, dann herausfordernd an. Oh oh, mir gefällt dieser Blick überhaupt nicht. „Nun, wenn das so ist, hoffe ich, du bist Frühaufsteher. Ab morgen heißt es zeitig aufstehen!“
„Pff. Bring mich dazu.“
„Oh, warte nur, genau das werd ich tun.“
Nun hat die Nacht also ihren dunklen Mantel über den Hügeln ausgebreitet und so langsam merke ich, dass ich es vielleicht etwas übertrieben habe. Mein Hintern bringt mich um und es erfordert all meine Selbstbeherrschung, dass mir nicht einfach die Augen zufallen und ich vom Pferd plumpse. Finde ich vielleicht bald mal ein Gasthaus oder so?!
„Lass gut sein. Schlag dein Lager einfach hier in der Nähe auf und leg dich schlafen,“ sagt Sira, „Du musst morgen fit sein. Mit dem ersten Sonnenstrahl ziehen wir weiter.“ Sie hat es sich wieder in meiner Tasche bequem gemacht und döst bereits, wobei ihr Licht auf einen kümmerlichen Schimmer zusammengeschrumpft ist.
„Ich such weiter,“ sage ich, mehr zu mir selbst als zu ihr. Und als sei da draußen ein Öhrlein, das mich hört, erspähe ich hinter der nächsten Hügelkuppe ein paar Dachgiebel. Na also! Meine Freude schwindet jedoch, als sich herausstellt, dass sie nur zu einem kleinen Bauernhof gehören, der von einer niedrigen Mauer aus unförmigen Ziegeln umringt ist. Oh, bitte lass wenigstens jemanden wach und so gnädig sein, mir Unterschlupf zu gewähren!
Ich finde den kleinen Platz zwischen der Scheune und dem Bauernhaus jedoch verlassen vor und nirgends brennt Licht hinter den geschlossenen Fensterläden. Na großartig. Dann wohl doch neben der Straße und unter freiem Himmel schlaf-
„He, wer bist du?“ ruft mir da ein Mädchen zu. Wo kam das denn her? Ich seh niemanden. Nein, warte, da auf dem Dach vom Bauernhaus hockt es! Ein schlankes Mädchen, so alt wie ich, und noch vollständig angekleidet. Ein Kranz aus ihrem eigenen Haar sitzt auf ihrem dunklem Schopf, sodass die restlichen Strähnen zu den Seiten ihres Gesichts auf ihre Schultern herabfallen. Was treibt sie da oben? Und vor allem um diese Uhrzeit?
„Hast du mich nicht gehört?“ fragt sie, als ich immer noch nicht antworte, „Wer du bist und was du hier zu schaffen hast, will ich wissen!“ Ihre königliche Hoheit gibt sich ja allergrößte Mühe, dass ich mich höflich vorstellen will. Aber gehen wir jemandem ausnahmsweise nicht gleich an die Gurgel. So ruhig wie bei meiner Laune möglich entgegne ich, „Entschuldige, ich bin auf Reisen und hab mich gefragt, ob ich hier vielleicht für die Nacht unterkommen könnte.“
„Sieht das hier aus wie ein Gasthof?“
„Nein...?“
„Nun, dann ist es unwahrscheinlich, dass wir hier ein Bett für deinesgleichen entbehren können.“ Wären da nicht ein paar Mannslängen zwischen uns, würde ich ihr mal zeigen, was meinesgleichen so kann. Und wenn sie die Königin wäre, als die sie sich hier aufspielt.
Da wird Sira wach. „Was soll der Krach...?“ nuschelt sie müde, „Reiten wir immer noch?“ Ihr Licht flammt kurz auf und mit einem Mal stößt das Mädchen einen erschrockenen Laut aus. „Bei Kin! Ist das ein Irrlicht?!“
„Ein Irrli- willst du mich verkohlen?!“ platzt es aus Sira heraus, „Seh ich aus wie ein Geist, oder was?!“ Mit einem Geräusch wie eine wütende Biene flitzt sie auf das Mädchen zu, das vor Schreck noch vom Dach stürzen wird, wenn ich nicht eingreife! „Nun beruhig dich doch, Sira! Sie ist bloß überrascht.“ Etwas leiser füge ich an, „Wie jeder, der heute deine Bekanntschaft gemacht hat...“
Sira hält an, nur um sich zu mir umzudrehen. Trotz ihrer winzigen Größe kann ich ausmachen, dass sie die Hände in die Hüften gestemmt und ihre Lippe beleidigt hochgezogen hat. „Die Überraschung ist ganz meinerseits! Ich bin nur ein paar Augenblicke eingenickt und schon triffst du dich mit irgendeinem Mädchen. Grade mal einen Tag weg von daheim obendrein. Du lässt nichts anbrennen, was?“ Ich kann geradezu spüren, wie die Farbe aus meinem Gesicht weicht – um tiefrot zurückzukehren.
„Sie ist nicht- Ich hab- Sie...“
„Ich möchte anmerken, dass ich bis jetzt warte, allein seinen Namen zu erfahren,“ kommt mir das Mädchen ein wenig kühl zur Hilfe. „Mein Name ist Griselda.“ Sira und ich beäugen sie argwöhnisch. Eine unangenehme Stille entsteht. Gerade als ich sie brechen will, tut Sira es, „Ich bin Sira. Eine Víla, kein Irrlicht.“
„Und ich heiße-“
„Das ist Marin, ein Grünschnabel aus den Wäldern.“
„Und Novize im Orden der Armen Ritterschaft zu Doarnb,“ ergänze ich schnaubend in Richtung dieses Stinkkäfers, „wo wir das ein oder andere über Respekt und gute Manieren lernen.“
Da fängt Griselda zu lachen an. Sobald sie sich beruhigt hat, ziert noch immer ein breites Lächeln ihr Gesicht. Sie sagt, „Vielleicht habe ich vorschnell geurteilt. Es könnte doch Platz für euch geben, wenn ihr hier nächtigen wollt. Falls euch etwas Heu im Stall genügt.“ Nun... besser als auf dem kargen Boden zu schlafen, schätze ich. Obwohl ich draußen bloß den Geruch eines Pferdes aushalten muss.
Ich will Griselda Angebot gerade annehmen, da öffnet sich plötzlich die Tür des Bauernhauses und ein haariger Hüne kommt heraus, der so entgegenkommend aussieht wie Griselda noch vor ein paar Augenblicken. Nämlich gar nicht. Oh oh. Das ist bestimmt nicht der Bauer, wenn ich so seine Lederrüstung und die Waffe an seiner Seite sehe. Seine schmalen, argwöhnischen Augen bohren sich in mich wie die spitzen Zähne eines Raubtiers. Da fällt mir auf... er starrt auf mein Schwert. Und verzieht kampflustig den Mund dabei. Plötzlich fühlt es sich wie der größte Fehler meines Lebens an, es mitgenommen zu haben.
Er wirft Griselda einen knappen Blick zu. „Du solltest nicht mehr auf sein. Geh ins Haus.“ Dann wendet er seine Augen wieder mir zu. Ich könnte schwören, ins Gesicht eines Mensch gewordenen, knurrenden Wolfes zu starren. „Ich kümmere mich um den Burschen.“
„N-nicht, Halsänn!“ ruft Griselda, „Tu ihm nicht weh! Er ist niemand! Er wollte nur wissen, ob er im Stall nächtigen darf.“ Halsänn nicht aus den Augen lassend aus Angst, zu verpassen, wie er mir an die Kehle geht, überhöre ich fast, dass bei den Tieren zu schläfen, nun meine Idee war. Doch Griseldas Worte bringen Halsänn tatsächlich dazu, sich noch einmal von mir abzuwenden.
Ich wage keinen Atemzug, bis er nicht spricht, „Nun, wenn du im Morgengrauen aufstehen und dem Bauern das erklären willst, bevor wir weiterreisen...“
„Werde ich!“ verspricht Griselda schnell, „Ehrenwort!“ Er grunzt zur Antwort und wendet sich zum Gehen. Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage, „Ihr seid also auch Reisende? Wohin seid ihr denn unterwegs? Vielleicht können wir-“
„Geht dich nichts an.“ Er schaut mich nicht mal an. „Du hast dir schon ‘ne Tracht Prügel erspart, also lass es nich‘ drauf ankommen und geh schlafen, Junge. Schlaf so lang du willst, denn ich will deine dämliche Fresse morgen nicht noch mal sehen.“ Keiner sagt mehr ein Wort, ehe die Tür hinter ihm zugefallen ist.
Das... war vielleicht ein erster Eindruck.
Als ich hinaufschaue zu Griselda für eine Erklärung, was das gerade sollte, zuckt sie nur entschuldigend mit den Schultern und formt ein stimmloses „Gute Nacht“, ehe sie durch eines der Fenster zurück ins Haus klettert. Porstellion, Sira und ich bleiben alleine mit dem Zirpen der Grillen zurück in der Nacht. Nun ja, machen wir das Beste draus.
So führe ich Porstellion in den Stall, binde ihn gut an einem Pfahl fest und lasse mich ohne Weiteres in einen Heuhaufen fallen. Ganz egal ob Stroh oder feinste Daunen, das ist eine wahre Wohltat nach dem ganzen Reiten. Ich bin kurz davor einzuschlafen, als Sira sich neben meinem Gesicht niederlässt. Sie fragt, „Seltsame Leute, was?“
„Mhm. Und vielleicht genau, wen wir gesucht haben.“
Ein Blick gen Norden
Die Sonne von Meskardh kannte keine Gnade. Obwohl der Morgen gerade erst graute und sie noch vorsichtig hinter einer großen, roten Düne hervorlugte, fühlte sich ihr Licht bereits wie Feuer auf der Haut an, verwandelte den Wüstensand in ein Feld heißer Asche und die Felsen an seinem Rand in glühende Kohlen. Doch ein Ort blieb, an den die Sonne nicht so leicht gelangte. Im Westen, wo die Berge sich hoch erhoben, gab es ein Tal, versteckt vor neugierigen Blicken und der Sonne von Wällen, welche die Götter selbst errichtet hatten.
Wäre jemand aber mutig oder lebensmüde genug gewesen, sich in dieses einsame Ödland zu wagen, hätte er einen Sturm farbiger Flocken über dem Kessel aus scharfkantigem Gestein gesehen. Die Harpyien von Meskardh tanzten über ihrer Stadt Khaz’Ksar’Madr.
Und der Grund für ihre ausgelassene Stimmung befand sich in dem Gebäude im Norden der Stadt, einem großen Palast aus groben Tonziegeln, die so alt waren, dass sie längst von der Sonne schwarz gebrannt worden waren. Und obwohl die einst farbenfrohe Fassade bröckelte, wagte niemand die Majestät seiner Bewohner infrage zu stellen. Und so schenkten auch wenige Leibeigene der jungen Harpyie viel Beachtung, welche fröhlich durch die Arkaden tänzelte. Alle zehn Schritte drehte sie sich einmal auf ihren Krallen um sich selbst, wobei ihr langes, rubinrotes Haar und ihre weiten, schneeweißen Hosen wild um ihren sehnigen, braunen Leib schlugen. Mit jeder Drehung breitete sie glücklich das Paar großer, roter Schwingen aus, das aus ihrem Rücken wuchs, als sei es der erste Tag, an dem sie sie hätte.
Dabei war heute bereits ihr sechzehnter Geburtstag. Und somit konnte sie, während sie fröhlich summte und umherstolzierte, an nichts anderes denken als, Ich bin die Xh’máh! Ich! Heute bin ich endlich eine vollwertige Frau!
„Meine Güte, wüsste ich es nicht besser, würde ich mich fragen, was dich heute so besonders zufrieden stimmt, Kora,“ sprach da eine tiefe, kratzige Stimme, als Kora fast in einen hochgewachsenen, orange-fedrigen Harpyr rannte. Sein Gesicht war faltig und grau wie der bauschige Bart an seinem Kinn. Sie grinste bis über beide Ohren, als sie ihn erkannte, „Cas’hil Nassalph! Du bist aber früh hier!“
„Als würde ich das Risiko eingehen, beim heutigen Verkehr in der Stadt stecken zu bleiben mit diesem Haufen schnatternder Brüder und Schwestern, mit dem ich gestraft worden bin, und zu verpassen, wie meine Lieblings-Kat’hal endlich zu einer Frau erblüht,“ lachte Nassalph und nahm Kora fest in den Arm. Sie konnte spüren, dass sein einst wohl-geformter Körper wieder etwas weicher und seine Haut etwas blasser geworden war. Doch das mochte nichts daran ändern, dass er ihr Lieblings-Cas’hil war, einer der sechs Ehemänner ihrer Mutter. Oftmals fragte sie sich, ob womöglich er ihr leiblicher Vater sein mochte. Nicht, dass sie das jemals herausfinden würde. Nicht einmal ihre Mutter mochte die Antwort so genau kennen.
Sobald er Kora wieder abgesetzt hatte, scherzte Nassalph, „Siehst aber noch nicht ganz bereit aus. Oder planst du, in kurzen Hosen und bauchfrei zur Zeremonie zu erscheinen?“
„Nur, wenn Oltieve mich vorher nicht erwischt.“ Kora zog eine Schnute, als sie an ihre Mutter dachte. „Sie sagt, ich muss bestens aussehen, wenn die Madr mir ihre Jungs zeigen. Die dürfen doch eh nicht Nein sagen, wenn ich sie auswähle, also warum ist es nötig, dass ich mich umziehe?“
„Alte, verstaubte Tradition, fürchte ich,“ sagte er, „Außerdem müssen wir sichergehen, dass sie ganz sprachlos sind vor Ehrfurcht. Du würdest nicht glauben, was für Mist ich deiner Mutter erzählt hätte, wär ich in der Lage gewesen, etwas zu sagen, als ich das erste mal vor ihr stand. Das romantische Geschwafel eines jungen, dummen Burschen, wenn er vielleicht einer künftigen Xh versprochen wird.“ Seine tiefen, blauen Augen – so blau wie Koras – funkelten voll liebgewonnener Erinnerungen. „Sie hätte mich wohl trotzdem gewählt, deine Mutter. Ein schlaues Mädchen war sie. Ist sie, wie eh und je. Ich mag vielleicht nicht der Hübscheste gewesen sein...“ Spitzbübisch grinste er. „Aber Kora, das musst du dir merken: an einem Mann ist mehr dran als sein Aussehen.“
„Die Zahl seiner Schwestern, die man zu den eigenen Gefolgsleuten zählen kann bei einem Raubzug?“
„Pah, in die Wüste mit diesem Unsinn!“ spie er und das zauberte ihr ein besonders weites Grinsen ins Gesicht. „Genau,“ stimmte sie ihm zu, „Genau das hab ich zu Oltieve gesagt, als sie mir diesen Mist erzählt hat! Schließlich bin ich es, die meine Ehemänner aussuchen wird, nicht sie!“ Sie lachten gemeinsam darüber.
Dann sprach Nassalph, „All dieses Gerede über Oltieve... Ich würde sie gerne noch einmal sehen vor der Zeremonie. Wo ist sie? Sie treibt sich besser nicht gerade mit diesem verdammten Romen herum!“ Koras Lächeln schwand allmählich. Ein tiefer Seufzer glitt ihr über die Lippen. „Cas’hil, hast du das schon wieder vergessen? Cas’hil Romen ist längst tot. Zwei Jahre schon. Genauso wie Ab’ya Shal, dein Schwager.“
„Oh... Es... es tut mir schrecklich Leid, Liebes. Ich... ich werde ein wenig vergesslich in letzter Zeit.“ Sie tat es mit einem Winken ab. Er hatte schon Recht, er war vermutlich nicht der hübscheste Ehemann ihrer Mutter zu ihrem sechzehnten Geburtstag gewesen – und auch nicht der jüngste. Ganz im Gegenteil. Kora hasste es, wenn sie sich das klar machen musste.
„Da bist du ja!“ schnitt eine Stimme sie aus ihrer Trauer, um sie durch Verdruss zu ersetzen. Na toll, dachte Kora, hat Mama mich also doch gefunden. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt, dass du in deinem Zimmer zu bleiben und auf mich zu warten hast, damit wir dich für die Wahl zurecht machen können!“ schimpfte die große Harpyie in dem reich verzierten, goldenen Kleid sie. Der Stoff schmiegte sich geradezu an ihre dezent geformten Hüften, und obwohl sie fünfundzwanzig Jahre älter war als Kora, hätte man sie fast für ihre ältere Schwester halten können. Das einzige, was Aufschluss gab über ihr Alter, waren ihre sich deutlich abzeichnenden Wangenknochen und dass sie seit Langem aufgegeben hatte, ihr Haar wieder lang wachsen zu lassen, und es nun kurz wie eine Fingerspitze trug.
Oltieves olivfarbenen Augen bemerkten Nassalph und schenkten ihm ein Wimpernklimpern. „Oh hallo, Nassalph,“ gurrte sie, „Ich hätte wissen müssen, dass du als Erster hier sein würdest.“ Er verbeugte sich würdevoll vor ihr und küsste ihre Hand. „Ein Vergnügen, dich zu sehen, Oltieve,“ sagte er, „Wir haben grad von dir gesprochen und ich habe gehofft, du hättest vielleicht ein, zwei Momente für mich übrig. Ich hab dich schrecklich vermisst zuhause.“
„Vielleicht später,“ versetzte sie ihn, um Kora anzusehen, plötzlich wieder temperamentvoll und gestreng. „Eine gewisse Möchtegern-Xh’máh muss sich etwas Adäquates anziehen, wenn sie zu ihrer eigenen Haremswahl erscheinen will!“ Mit Freuden erwiderte Kora den wütenden Blick ihrer Mutter.
Nassalph lachte, „Ich wär nicht überrascht, wenn diese Xh’máh später mal den Brauch abschafft, all ihre Ehemänner die meiste Zeit zuhause bei deren streitsüchtigen Geschwistern und Eltern zu lassen.“ Oltieve lächelte dezent und nahm den draufgängerischen Scherz knapp zur Kenntnis, „Es ist für das Wohl der Stämme. Das ist erste und oberste Priorität einer Xh.“ Sie schaute wieder zu Kora. „Und deswegen wird sie ihr Reifen zu einer erwachsenen Frau nicht damit beschmutzen, dass sie die Lenden ihrer künftigen Männer zu sehr anregt, nur weil sie der ganzen Welt ihre Beine und ihren Bauch präsentiert.“ Mit einem Seufzen und Augenrollen gab Kora sich geschlagen, „Ja, ja, ich bin ja schon unterwegs!“ Sie winkte Nassalph noch einmal, als sie ihrer Mutter auf ihr Zimmer folgte, die ganze Zeit denkend, Sie mag vielleicht entscheiden, welches blöde Kleid auch immer ich heute anziehen werde... aber die große Überraschung heute wird auf ihre Kosten gehen!
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Die Sonne stand fast senkrecht über dem kreisrunden Innenhof, als die Madr mit ihren Adjutanten eintrafen. Verblasst formte das Pflaster das Wappen der Rothelstern und ringsum ragten lange, hölzerne Stangen aus den Wänden, behangen mit den Bannern der großen Stämme von Khaz’Ksar’Madr. Wie gewöhnliche Zweibeiner und nicht etwa wie die geflügelten, die Lüfte liebenden Harpyien, die sie waren, traten sie vor Oltieve, die noch weiter oben hockte, neigten ihre mit Haarnetzen und Diademen geschmückten Häupter und breiteten ihre zusammengefalteten Schwingen erst aus, als die Xh ihnen erlaubte, ihren Platz einzunehmen.
Alle bis auf eine Stange waren besetzt, als Kora von vier kräftigen Skalven auf einer mit Seidenkissen gepolsterten Sänfte hereingetragen wurde. Große Ringe aus massivem Gold hingen von ihren Ohrläppchen herab, während eine Kette aus filigranen, diamantbesetzten Goldgliedern ihre Schultern schmückte. Oltieve hatte ihr Haar gebürstet, bis es glänzte, und es mit einer schimmernden Hülse, in der ein faustgroßer, orangener Edelstein ragte, zu einem langen Pferdeschwanz gebunden. Ihr frisch gestriegeltes Brustgefieder schien zu verschmelzen mit dem edlen, schwarzen Korsett um ihre Hüften, während ihre Beine versteckt waren in Pluderhosen, so weiß wie Schnee.
Rundum sah man sie unterwürfig an, sodass Kora sich jetzt schon wie eine Xh vorkam. Selbst Nassalph, der beim Stamm seiner Mutter saß, wirkte demütig. Vielleicht ist dieser Aufzug gar nicht mal so schlecht, überlegte Kora. Oltieve hatte sogar etwas ausgewählt, was ganz gut zu ihr passte. Das einzige, was Kora selbst hatte veranlassen müssen, war das beige, blau und rot gemusterte Stirnband, welches sie trug.
Sie würdigte die leere Stange nur eines kurzen Blickes. Das war inzwischen genauso Tradition wie alles andere heute. Eigentlich waren diese Plätze für die Harpyien von den Gegenschwingen reserviert, doch die hatten seit hunderten von Jahren mehr keiner Haremswahl beigewohnt. Sie wollten die zukünftige Xh nicht auf ihren Raubzügen begleiten. Und so störte es niemanden, dass fortgefahren wurde, ohne auf sie zu warten.
Oltieve rief, „Mütter von Khaz’Ksar’Madr, ich präsentiere Euch meine älteste Tochter, Kora von den Rothelstern, und ab heute, ihrem sechzehnten Namenstag, eine vollwertige Frau, die ich auserkoren haben, mir als Xh unserer Stadt eines Tages nachzufolgen! Sie soll in allen Fragen über die Harpyienstämme von Meskardh verfügen, wenn ich nicht mehr bin.“ Kora verkniff sich ein Grinsen. Gleich käme der angenehmste Teil der Zeremonie. „Doch keine Xh darf allein auf die Jagd gehen und auch nicht dazu verdammt sein, einsam ihre Nächte zu verbringen! Sie braucht treue Beraterinnen, Kameradinnen im Kampf und auf Reisen, die ihr mit Haut und Haar untergeben sind, und Gatten, die ihr helfen mögen, unsere stolze Familie zu Uljha’ikes Freuden fortzuführen. Hört Ihr mich, Madr von Khaz’Ksar’Madr?“
„Wir hören Euch!“ riefen die Ältesten der Frauen einstimmig.
„Dann rufe ich Euch um Eure Hilfe für unsere Xh’máh an! Wie werdet Ihr ihr bestehen?“
„Mit nichts weniger als unseren Söhnen und Enkeln!“
„So gewährt ihr einen Blick, auf dass sie von ihnen die auswählen möge, die sie zum Mann nehmen will!“ Daraufhin brachte ein Diener ein Dutzend junger Harpyre herein, allesamt groß gewachsen und schön anzusehen. Im ersten Moment waren sie noch voller Selbstvertrauen, sich ihres Sieges sicher schmunzelnd, obwohl sie mit nicht mehr bekleidet waren als einem dünnen Schurz. Doch wie Koras Cas’hil Nassalph vorausgesagt hatte, fiel all diese Überheblichkeit von ihnen ab, als sie Kora erblickten. Sie wurden plötzlich bescheiden und ehrfürchtig, sodass sie ihre Häupter senkten und vor ihr niederknieten.
„Lasst mich euch anschauen!“ befahl Kora ihnen, ihre Köpfe zu heben. Man muss diesen Greisinnen lassen, sie haben guten Geschmack, dachte sie, mit Wonne all die kupfernen und goldenen Leiber betrachtend. Jetzt konnte sie ihr Grinsen nicht länger in Zaum halten. Wollen wir doch mal sehen, was sie sonst so hergeben. Mit einem Händeklatschen ließ sie die Sänfte abstellen und erhob sich von ihren weichen Kissen, um näher an die Jungen heranzutreten. Jeder einzelne Schritt, den sie tat, war hunderte Male unter Oltieves strengem Blick geübt worden, um so anmutig wie für einen Sterblichen möglich zu wirken.
Als Kora ihre Arme erhob, begannen die Diener in der Galerie über ihnen, Musik zu spielen. Es war eine schnelle und wilde Melodie, sodass es Kora geradezu in den Krallen juckte. Einen Burschen nach dem anderen rief sie herbei, mit ihr zu tanzen, wirbelte um sie herum, folgte dem immer schneller werdenden Rhythmus, während die jungen Männer versuchten, mit ihr Schritt zu halten. Sie plusterten ihr Gefieder auf, sie zu betören, versuchten ihre mächtigen Schwingen im Kora zu legen, doch sie entwischte ihnen ein ums andere mal, und sobald jemand hinter der Musik zurückblieb, war der nächste Freier an der Reihe. Ehe sie sich recht versah, hatte Kora mit jedem von ihnen getanzt, und Schweißperlen standen auf ihrer Stirn.
Sie ließ sich zurückfallen auf die Sänfte, um gleich mit großen Fächern Kühlung spendiert zu bekommen von ihren Sklaven. Während sie verschnaufte, lächelten viele der Madr, ganz überzeugt von der Schau ihrer Jungen. All jene, die es schafften, ihresgleichen mit einer Xh’máh zu verheiraten, würden später Madr’Illuhem genannt, die Vertrauten der Xh und ihr Rückhalt im Stadtrat. Die verschmähten Stämme hingegen würden den Namen Madr’Olharem annehmen, auf ewig allein auf Raubzüge gehen, und sich im Stadtrat zu den Gegenschwingen gesellen müssen.
Sobald Kora sich etwas erholt hatte, verkündete sie, „Das sind alles wunderbare, junge Männer, die Ihr mir da anbietet, stolze Madr von Khaz’Ksar’Madr. Man möchte keinen von ihnen so recht in die Wüste schicken...“ Sie spürte den zornigen Blick ihrer Mutter im Nacken. Sie hatte Kora klare Anweisungen gegeben, welchen Burschen – und somit welche Familie – zu wählen. Zu schade, dass es meine Entscheidung ist, egal, ob ihr das gefällt oder nicht.
„Eine Xh braucht nicht mehr als die besten sechs, und daher muss sie sich entscheiden,“ erinnerte eine alte, bucklige Harpyie Kora. Ihre Federn waren in dunklem Grün gehalten und über und über mit schwarzen Punkten bedeckt. Ihr Name war Zalva, wenn Kora sich recht entsann, von den Felsgreifen. „So verlangt es der Brauch,“ sprach Zalva.
„Ja, ja,“ entgegnete Kora achselzuckend, „Ein Brauch, der älter ist als meine Ururgroßmutter.“ Als sie die entsetzten Gesichter rundum sah, ergänzte sie flink, „Keine Angst, ich werde mich entscheiden, mit wem ich gedenke, das Bett zu teilen. Bloß nicht jetzt gleich.“ Sie hörte ihre Meister erschrocken nach Luft schnappen und wie die Madr sie verwirrt und teils beleidigt anstarrten.
„Wann dann?! Heute findet Eure Haremswahl statt!“ beanstandete eine von ihnen. Kora nahm ihren Ausbruch mit zufriedenem Lächeln zur Kenntnis. „Findet Ihr das nicht komisch“ fragte Kora, „wenn einer Xh’máh einfach so etwas gegeben wird? Während unseresgleichen seit Jahrhunderten in dieser Wüste lebt, wo kein einziger Halm Gras wächst und kein Schaf lang bleiben will? Alles, was wir haben, das Essen, die Kleider, das Gold und unsere Schätze – wir nehmen uns alles von anderen. Lassen dämliche Bauern und Kaufleute all die Arbeit für uns machen, und wenn die Zeit reif für die Ernte ist, schnappen wir uns ihr Mehl und Brot und Gold, legen sie in Ketten und machen mit ihnen, was uns gefällt! Das ist es doch, was eine Harpyie von Meskardh tut, nicht wahr?“ Zufrieden bemerkte sie die ersten, sich aufhellenden Mienen, als einige Harpyien begannen zu verstehen. Sie fuhr fort, „Ich werde mir nicht einfach so einen Mann und eine Krone geben lassen – ich werde sie mir nehmen! Ich werde Euch, stolze Madr, beweisen, dass ich die größte Xh in der gesamten Geschichte von Hesproys sein werde!“
Da schrie eine besonders dreiste Alte, „Wir Glimmerfedern haben neulich eine Karawane ausgenommen, die so groß war, dass unsere Kornspeicher zwei weitere Monate lang voll bleiben werden! Ich hab sogar läuten hören, dass die Felsgreifen ein paar Dörfer in Ardnas ausgenommen haben. Wie wollt Ihr das übertrumpfen, Xh’máh?!“
„Hüte deine Zunge, Helmaie!“ zischte Zalva, als auch schon eine andere Harpyie begann zu spotten, nur um sich von vier anderen Madr zurechtweisen zu lassen. Ihr Gezeter brach erst ab, als sich Koras Gelächter über das Stimmengewirr erhob.
„Nichts leichter als das,“ sagte sie, „Ich werde etwas erbeuten, von dem Ihr alle nur träumen könnt. Etwas, das noch keine Harpyie in den Händen gehalten hat. Den Schatz der Schätze. Und wer mir hilft, wird immer willkommen sein in meiner Familie und seinen fairen Anteil an all den anderen Reichtümern kriegen, die ich gedenke zu erbeuten.“ Sie schaute zu den Harpyren. „Und natürlich verwehre ich mich auch keinem Mann, der mir seine Treue auf diesem Raubzug beweist.“
„Niemals!“ kreischte Helmaie, „Das ist nicht wie von unseren Ahnen vorgesehen! Wir werden niemandem folgen, der unserem Stamm nicht den Respekt zollt, den er verdient!“
„Wer braucht auch schon die Glimmerfedern?“ höhnte eine Harpyie von den Cinnobreflügeln, „Geht doch zu den Gegenschwingen!“ Kora wusste nicht, wessen dämliches Gesicht sie mehr amüsierte: das der alten Krähe Helmaie, als ihr klar wurde, dass sie ihren Schwarm selbst verdammt hatte, zu den Madr'Olharem zu gehören, oder das von Oltieve, als diese mit Staunen begriff, wie ihre Tochter gerade die erhabensten Frauen der Stadt an der Nase herumführte.
"Xh'máh, der Schwarm der Silberkrallen ist Euch treu ergeben!"
"Dass ich nicht lache! Wir Kupferadler werden der Xh'máh beweisen, dass wir am meisten verdient haben, an ihrer Seite zu kämpfen!" Der Palast der Rothelstern verwandelte sich mit einem mal in einen Stall aufgeschreckter Hühner. Selbst die Harpyre wagten plötzlich zu sprechen, schworen auf Mutter und Uljha'ike, Kora bis an ihr Lebensende zu dienen. Sie küssten ihre Fußkrallen, fielen vor ihr nieder und verbeugten sich unzählige Male.
"Schluss mit diesem Wahnsinn!" brüllte auf einmal Oltieve und mit einem Mal wurde alles wieder ganz still. Voller Argwohn, wie Kora ihn noch nie von ihrer Mutter gekannt hatte, starrte Oltieve sie an und eigentlich galt, was sie sagte, auch nur ihr, "Die Xh'máh hat sich selbst eine schwere Prüfung auferlegt! Eine Prüfung, die sehr wohl beweisen wird, ob sie fähig sein wird, all die Stämme innerhalb der Mauern unserer Stadt eines Tages zu führen. Es ist daher nur angemessen, dass man ihr Gehör schenkt und sie erklären lässt, was genau sie gedenkt, zu erbeuten, das alle anderen Reichtümer der Harpyien so in seinen Schatten weisen soll!"
"Nichts leichter als das", grinste Kora ihre Mutter unerschrocken an, "ich werde das Geschenk der Göttinnen an mich bringen: den Dreizack von Oreichalkos!"
Kapitel 4
Was ich grade noch für den Boden gehalten habe, schwärmt erschrocken auseinander, als ich das knorrige Geäst vor mir durchtrenne. Ich unterdrücke einen atemlosen Schrei, als der Schlamm unter mir hunderte kleiner, vielbeiniger Kreaturen entblößt, die schnell Schutz suchen vor dem Licht, das mein Schwert in ihr dunkles, morastiges Reich wirft. Mir gefällt es genauso wenig, sie zu stören, wie ihnen, aber was bleibt mir anderes übrig? Wenn ich das hier zu Ende bringen will, muss ich mich ihm stellen. Dem Käferkönig.
Er ist nicht weit entfernt, dreht sich herum, als er merkt, wie ich seinen Palast aus verrotteten, rindenvertäfelten Säulen betrete, über denen ein violetter Himmel thront, durchsetzt von Braun- und Grüntönen der aufgedunsenen, nassen Blätter über uns. Die Luft ist eisig. Sein riesiges Gesicht, das fast seinen gesamten grotesken, flachen Körper einnimmt, beäugt mich aus dunklen Höhlen, die umgeben sind von gelblichen Knochen, und die Ranken, die aus den Seiten seines Kopfes sprießen, und die er mehr schlecht als recht als Arme und Beine gebraucht, wabern nervös umher, als er mich erkennt. Doch dann beruhigt er sich wieder ein wenig.
"Was willst du hier, Ikaner? Haben wir uns letztes Mal nicht genug unterhalten?"
"Ich hab schon genug gehabt, nachdem ich bloß einmal deine grässliche Stimme gehört hab. Obwohl ich damals keine Ahnung hatte, wie abstoßend du wirklich aussiehst," erwidere ich. Ich bin dies mal nicht in Stimmung für seine Spielchen. Das hier ist todernst.
"Du bist ziemlich dreist," zischt er, während sich seine Augen zu kleinen, gelben Schlitzen verengen. Mir fällt der dünne, silberne Faden auf, der aus seinem Kopf kommt und bis in die toten Baumkronen reicht. Als er seinen Leib damit aufrichtet, ist er größer als ich. "Ungefragt in mein Heim eindringen... mich so zu beleidigen..."
"Ich tu ganz andere Sachen, wenn du Griselda auch nur ein Haar gekrümmt hast."
"Du glaubst, sie sei hier? Wieso denn da-" Mir reicht's mit den Lügen dieses Drecksacks! Ohne zu zögern, hebe ich mein Schwert und lasse es tief in eine dieser dürren, knöchern aussehenden Gliedmaßen fahren. Seine Worte gehen nahtlos in einen schrillen, durchdringenden Schrei über, der klingt wie mein Name, als grünes Blut aus der Wunde spritzt.
"Wo hältst du sie gefangen?!" schreie ich das Monstrum an, doch es hat ebenso keine Lust, noch weiterzureden. Stattdessen wirft es sich mit seinem gesamten Körpergewicht auf mich. Dumme Idee, ich verarbeite dich einfach zu Kleinholz! Doch ich unterschätze den Käferkönig. Er ist schneller als ich dachte, prallt gegen mich und wirft mich in den überraschend trockenen und weichen Morast. Mein Schwert wird von Dunkelheit verschluckt, während ich auf meinem Rücken lande und der Käferkönig mich mit all seiner Masse niederdrückt. Verflucht! Ich muss weg von ihm!
Doch es ist zwecklos, ich bin wie festgenagelt. Und obwohl er hässlich und feige wie Hölle ist, lässt er sich auch nicht von meinen Händen wegdrücken, krabbelt stattdessen weiter an meiner Brust empor. Die spitzen Beißer am unteren Ende seines Gesichts deuten genau auf meine Augen. Er spottet, "Steh auf! Na los, steh schon auf! Es ist schon hell draußen! Hör auf zu schlafen!" Er hat den Verstand verloren, denke ich, verzweifelt versuchend, meine Augen abzuwenden. Verschwendete Zeit, er kommt noch näher und seine Mundklauen fahren plötzlich unter meine Augenlider, ziehen sie auseinander-
"Wirst du wohl endlich aufwachen, du Dickschädel?!" Erschrocken fahre ich aus dem Schlaf hoch, als ich die winzigen Spitzen an meinen Lidern ziehen spüre. Als ich mich aufsetze, bin ich plötzlich nirgends im Sumpf oder dem Reich des Käferkönigs. Stattdessen fällt eine Sira von meiner Stirn hinab in meinen Schoß, während es rund um uns herum Heu zu regnen scheint. E... ein Stall? Oh, ja, der Stall! Stimmt, der Bauernhof und das alles... jetzt erinnere ich mich.
"Kins Güte, Sira, erschrick mich nie wieder so! Du willst gar nicht wissen, was ich dachte, was grade passiert."
"Dass ich dich faulen Sack aufwecke? Nun steh schon endlich auf! Es ist eine Katastrophe! Griselda und Halsänn sind bereits weg und-"
"Was?!" Jetzt bin ich wach und springe auch sogleich von meiner bescheidenen Bettstatt auf, um mir schnell noch die losen Halme aus den Kleidern und meinem Haar zu klopfen. "Verdammt, ich hab sie nicht mal fragen können, ob sie von Doarnb gekommen sind oder jemanden von dort getroffen haben! Schnell, wir müssen hinter ihnen her!" Ich eile, will Porstellions Zügel greifen und hinausrennen – da merke ich, dass etwas nicht stimmt. Wo ist er? Porstellion ist weg! Hat sich der blöde Gaul etwa aus dem Staub gemacht?! "Wie kann das sein?! Ich hab ihn doch hier angebunden!"
"Das ist es, was ich dir die ganze Zeit versuche zu sagen, du Strohbirne!" schnaubt Sira, "Er ist gestohlen worden!"
"Gestohlen?! Aber von w-" Die Worte bleiben in meinem Hals stecken. Oh nein. Nein, nein, nein, ich hab eine richtig schlimme Vorahnung. "Sag... sag nicht, es waren..."
"Gut," meint Sira mit einem Schulterzucken und einer fast komödiantischen, beleidigten Schnute, "Dann werd' ich dir nicht sagen, dass es Griselda und Halsänn waren." Einen Moment lang geben meine Beine nach. Ich klammer mich an den Pfosten, und sobald ich endlich wieder stehen kann, lehne ich mich trotzdem noch an ihn und starre niedergeschlagen zu Boden.
"Von allen Göttern verdammt noch mal!" schreie ich, "Das kann doch nicht wahr sein! Sie waren unser einzige Spur... und die verpissen sich mit meinem Pferd! So eine Scheiße!" Mit aller Wucht lasse ich meinen Fuß gegen den Pfosten schnellen, ignoriere den aufflammenden Schmerz. "Das war's! Es ist vorbei! Ich könnte genauso gut wieder zum Orden zurückgehen – oh warte, nein, kann ich nicht! Auf keinen Fall nehmen die einen Versager wie mich wieder auf! Einen schläfrigen, tollpatschigen Idioten, der sich sein Pferd am allerersten Tag klauen lässt, den er mal nicht zuhause ist! Die anderen werden sich totlachen..."
"He, du kannst doch jetzt nicht so einfach aufgeben," sagt Sira da. Ich blicke auf und sie ungläubig an. Solche Worte aus ihrem Munde? "Dann haben sie halt dein Pferd geklaut. Na und, wir holen es uns einfach zurück! Und dann werden wir dieses Pack nicht eher ziehen lassen, bis sie uns nicht alles erzählt haben werden, was wir wissen wollen! Alles klar?" Einen Moment lang bin ich wirklich sprachlos. Ausgerechnet Sira... ist so optimistisch?
"... Hast wohl Recht," murmle ich schließlich. Dann ergänze ich, "Danke, Sira."
"Hätte ich dich geweckt, nur um dir zu sagen, dass du nach Hause gehen kannst?" Irgendwie muss ich jetzt schmunzeln. Da bemerke ich aus dem Augenwinkel, wie jemand anders die Scheune betritt: ein dickbäuchiger Mann mittleren Alters mit lichtem Haar und einem Bart, welcher seinen Mund genauso gut verbirgt wie seine Laune. Schätze mal, das ist der Besitzer dieses Stalls.
"Ähm... g-guten Morgen," grüße ich ungewiss, was mich gleich erwartet.
"Morgen," erwidert er gedämpft durch seinen Bart. Unangenehme Stille kehrt ein, bis Sira plötzlich meine Wange kneift. Au! Oh, stimmt, das hätte ich fast vergessen, "Ähem... danke, dass ich die Nacht hier verbringen durfte. W... wieviel schulde ich Euch?"
"Nichts, ist alles schon erledigt," entgegnet er. Wie bitte? Bevor ich aber nachfragen kann, reicht er mir auf einmal ein kleines Stück Pergament. "Von dem Mädchen," beantwortet er meine unausgesprochene Frage, während ich ihn verdutzt mustere. Soll das ein Witz sein? Nun, finden wir's raus und lesen, was auf dem Fetzen steht...
Hallo, Marin,
Tut uns Leid wegen des Pferdes. Wir hatten unsere Gründe. Falls du dies lesen kannst, triff dich mit mir in Keslynth. Ich werde dort alles erklären. Bring Sira mit.
Gezeichnet, Griselda
Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Am wenigsten, wie mich das beruhigen soll! Wir hatten unsere Gründe am Arsch! Warum würde sie mir das schreiben? Und wieso erfahr ich das nur, wenn ich lesen kann?! Wobei... Gart würde vielleicht Augen machen, wenn ich ihm erzähle, dass ein Mädchen sich mit mir treffen wollte, bloß weil ich lesen kann. Aber vielleicht sollte ich den Teil weglassen, in dem sie vorher mein Pferd klaut. Und eventuell auch den blöden Gaul holen, ehe ich nach Welsdorf zurückkehre, um ihm diese Geschichte zu erzählen. Also zurück zum Wesentlichen.
"Hat das Mädchen zufällig irgendwas gesagt, wohin sie und ihr Begleiter unterwegs sind?" fragt Sira indes. Der Bauer überlegt einen Augenblick lang, ehe er sagt, "Ah, ja. Die wollten nach Pilles. Im Süden." Wie, jetzt plötzlich Pilles? Aber wieso hat sie dann geschrieben- Augenblick, ich glaube, ich verstehe, was hier gespielt wird.
"So so. Ach ja, was steht denn in der Nachricht, Marin?"
Ich ignoriere Sira und frage stattdessen den Bauern, "Fehlt eigentlich irgendetwas in Eurer Stube?"
"In meinem Haus?" wiederholt er überrascht. "Nicht, dass ich wüsste."
"Seht besser nach. Eure beiden Gäste haben sich mit meinem Pferd aus dem Staub gemacht. Selbst wenn sie Euch bezahlt haben für einen Schlafplatz, würde ich nicht drauf wetten, dass sie nicht auch bei Euch was haben mitgehen lassen."
"Bei Daeras Zorn, das will ich ihnen nicht geraten haben! Ich schau gleich nach!" Und so eilt er von dannen. Ich gucke Sira und meine, "Los, wir sehen nach, ob Porstellion Spuren hinterlassen hat. Und dann gehen wir nach Keslynth."
"Wieso denn nach Keslynth? Er hat doch gesagt, sie sind unterwegs nach Pilles!"
"Ich verrat's dir, sobald ich sicher sein kann, dass uns niemand heimlich zuhört."
Ich breche mein Schweigen nicht, ehe ich den Bauernhof nicht mehr sehen kann. Halsänn und Griselda sind nicht lange der Straße gefolgt, wie es aussieht. Porstellions Spuren sind schon nach einem kurzen Stück des Weges zwischen den hohen Halmen der Wiesen und Weiden rundum verschwunden. Währenddessen halte ich mich weiterhin an die Straße, sehr zu Siras Unverständnis. Sie hat mir fast wortwörtlich ein Ohr abgekaut, bis ich ihr endlich von der Nachricht erzähle.
"Wirst du mir endlich mitteilen, wieso wir uns nach Keslynth begeben?! Oder wenigstens, was Griselda wollte?"
"Sie hat mir geschrieben, wohin sie und Halsänn gehen werden."
"Und? Das hat der Bauer doch auch gewusst, und dem hat sie Pil-les gesagt! Oder... warte, meinst du etwa-"
"Ganz genau."
Sira verstummt für einen Augenblick. Dann, ganz plötzlich meint sie, "Du hast es nicht so mit verwegenen Mädchen, was?"
"Wa-"
"Ich meine, ja, sie hat dein Pferd geklaut, aber wenn sie wirklich den Mut hat, dich dann auf ein kleines Stelldichein einzuladen, klingt das schon ziemlich aufregend für mich! Sag mir, wo genau habt ihr euch treffen wollen? Wäre das nachts gewesen? Komm schon, du kannst diese Gelegenheit doch nicht verstreichen und mir dann nicht wenigstens alles erzählen!"
"Was?! Nein! Das ist nicht- So hab ich das nicht gemeint! Ich wollte sagen, dass sie den Bauern angelogen hat! Er konnte nicht lesen, was auf dem Zettel stand, und somit nicht wissen, dass sie eigentlich nach Keslynth unterwegs sind!"
Sira lässt sich auf meiner Schulter nieder. Ihre Stirn ist in tiefe Falten gelegt, während sie laut überlegt, "Das heißt, jeder, der mit dem Bauern spricht, wird auf eine falsche Fährte gelockt. Sie wollen nicht, dass jemand sie aufspürt. Nun, unser Glück, dass du lesen kannst." Plötzlich kehrt ihr schelmisches Grinsen wieder zurück. "Und dass sie trotz Allem irgendwas an dir findet, wenn sie dich unbedingt wiedersehen will." Ich muss mich zusammennehmen, diese Nervensäge nicht einfach wegzuschnippen. Ruhig Blut...
Doch sie ist noch nicht fertig, "Aber glaubst du, sie meint das ernst? Das könnte nur noch eine weitere List sein, um uns in die Irre zu führen."
"Hast du eine bessere Idee?" kontere ich in Ermangelung eines besseren Arguments. "Ich... ich weiß nicht, wieso, aber ich glaube der Nachricht. Warum würde sie uns überhaupt schreiben, wenn sie bloß unser Pferd klauen wollte? Außerdem... glaub ich nicht, dass das ihre Idee war."
"Wie ich sehe, schwärmen wir beide gleichermaßen für Halsänn."
"Oh, glaub mir, die werden uns hübsch beide Rede und Antwort stehen, was ihnen das Recht gibt, Porstellion mitzunehmen." Und egal wie irrsinnig Siras Sticheleien klingen mögen, ich werde das Gefühl nicht los, dass es wirklich einen ganz bestimmten Grund hat, dass Griselda uns die Nachricht hat zukommen lassen. Aber wieso? Je mehr ich darüber nachdenke, umso weniger gefallen mir die möglichen Antworten.
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Ja, ich glaube, mittlerweile bin ich soweit, dass ich mich nicht weiter darum scheren werde, dass Halsänn gut vier Köpfe größer ist als ich, und ihm einfach mal eine kräftige Ohrfeige verpasse, wenn ich ihn erwische! Zwei Tage lang bin ich jetzt zu Fuß gereist und hab auf dem harten Boden übernachtet. Und wenn da nicht diese grüne Lichtkugel wäre, die mich jeden Tag etwas früher weckt, wäre es ja vielleicht alles gar nicht so schlimm – aber wir sind zurückgekehrt zu Sira, der Meisterin des Kosmos. Na ja... wenigstens hält das gute Wetter an.
Um die Mittagszeit herum sehe ich zum ersten Mal seit langem jemand anders auf der Straße. Und nicht bloß irgendjemanden! Ist das ein echter Kolph? Oh man, die würde ich überall erkennen! Nun, nicht schwer, sind Kolphs doch die einzigen zweibeinigen Kreaturen auf Hesproys, die von Kopf bis Fuß in bunte Schuppen gekleidet sind. Und die einen dicken, stachelbesetzten Schweif besitzen, der fast schon an einen Morgenstern erinnert... und rauchende Atemlöcher auf ihren Schultern. Aber dennoch! Ein echter Kolph! Der erste, den ich mit eigenen Augen sehe! Dieser hier hat dunkelblaue Schuppen und ein breites, plattes Gesicht, bewohnt von neugierigen, amethystfarbenen Augen. Sie scheinen innerlich aufzuleuchten, als er mich entdeckt. Er kniet neben einem hölzernen Karren, dessen Hinterrad in einer Kuhle feststeckt.
"Sei gegrüßt, Junge!" ruft er in einer dröhnenden Stimme, als er mich sieht, "Die Götter müssen dich geschickt haben! Kannst du mir kurz zur Hand gehen? Mein Karren steckt fest und ich krieg ihn einfach nicht alleine raus!"
"Klar, bin schon unterwegs!" Ich eile zu ihm und zerre kurz darauf zusammen mit seinen zwei Pferden, riesigen Biestern, auf denen unmöglich jemand aufsitzen könnte, an dem Karren, sobald er ihn hinten etwas anhebt. Gemeinsam gelingt es uns tatsächlich, das Rad aus dem Loch zu befreien. Puh, ein ganz schöner Brocken der Wagen. Ich kann nicht anders als zu spicken, was er denn geladen hat, das so schwer ist. Wie nicht weiter verwunderlich für einen von Hesproys' angeblich besten Schmieden hat der Kolph einen Haufen metallener Werkzeuge, Waffen, den ein oder anderen Helm und umso mehr Eisenbarren geladen. Doch sie sind alles andere als gewöhnlich... egal, wie schnöde jedes Werkzeug auf den ersten Blick scheinen mag, ihr Stahl schillert in unzähligen Farben, wie ich es noch nirgends sonst gesehen habe.
"Ah, wohl das erste Mal, dass du Kolph'sches Handwerk siehst, was?" fragt der Kolph mich da. Während er grinst, entblößt er seine messerscharfen, großen Zähne. "Diesen Blick würde ich an jedem Barrah erkennen!"
"Barrah?" wiederhole ich.
"Oh, wo sind meine Manieren? Ein Name, den wir all jenen geben, in deren Adern kein Kolph'sches Blut fließt. Ist nicht bös gemeint. Und vielleicht sollte ich mich vorstellen. Mein Name ist Phentos!"
"Oh, kein Grund, sich zu entschuldigen. Ich bin Marin!"
"Und ich heiße Sira," fügt Sira ein wenig beleidigt an. Was hat sie denn? Da schüttelt mir Phentos die Hand – und bricht sie mir im selben Moment fast noch. Sein lautes Gelächter bringt seinen Bauch zum Erzittern, als er sieht, wie ich mein Gesicht verzerre. Er grölt, "Ach, entschuldige! Hab dich wie einen anderen Kolph begrüßt. Kein guter Handschlag, wenn man den nicht noch am nächsten Tag spürt!"
"Ich... fühle mich geehrt," presse ich hinter zusammengebissenen Zähnen hervor. Jetzt muss ich bloß hoffen, in nächster Zeit nicht wieder mein Schwert gebrauchen zu müssen, außer ich will mein Glück mit meiner Linken versuchen. Und was Glück angeht, hatte ich davon in letzter Zeit nicht viel – und gleichzeitig genug, um mich nicht mehr darauf verlassen zu dürfen.
Phentos sagt, "Du hast mir wirklich geholfen! Ich hätt den ganzen Karren ausladen oder hier ausharren müssen bis die-Götter-wissen-wann. Bist du aus der Gegend?"
"Eigentlich komme ich aus Doarnb. Ich bin unterwegs nach Keslynth."
"Nun, dann spring auf und lass mich dich mitnehmen! Ich will auch dorthin und ich lass dich ganz sicher nicht deine Füße blutig latschen. Kannst dir ja meine Ware ansehen während der Reise, und falls irgendwas dein Auge reizt, geb ich dir einen guten Preis. Sei nicht dumm und schlag zu, du redest schließlich mit dem besten Schmied von ganz Cardighna!" Obwohl ich kaum vorhabe, meine Geldbörse von so etwas leerfressen zu lassen, nicke ich zustimmend. Aus Höflichkeit. "Klar, ich schau's mir mal an." Und so klettern wir beide auf den Karren und Phentos gibt den Pferden einen Klaps, ehe es los geht nach Keslynth.
Auf dem Weg irgendwann später knetet Phentos schließlich seine Unterlippe zwischen zwei seiner dicken, klauenbesetzten Finger und spricht, "Du trägst 'n Schwert, wie ich sehe, Junge. Sicher, dass das 'ne gute Idee ist?"
"Besser als ohne eins rumzulaufen. Wieso?"
"Es erweckt Aufmerksamkeit... ungewollte hauptsächlich. Keine gute Zeit grade, offen eine Waffe zu tragen, wenn du mich fragst."
Er stellt meine Geduld auf eine harte Probe. "Wovon redest du?"
"Oh, bloß was, das ich aufgeschnappt hab als fahrender Händler. Gerüchte, dass sich ein Krieg zusammenbraut. Und wenn er erst mal kommt, werden Burschen wie du schnell in was verwickelt. Und meistens bleibt die erste Schlacht für sie auch die einzige."
"Ich kann gut kämpfen!" erwidere ich, "Ich bin ausgebildet worden."
"Nicht für einen Krieg, glaube ich. Nicht in diesem Aufzug. Ach, wär ich bei meiner Esse, ich könnte dir die beste Rüstung aller Zeiten schmieden! Leicht wie eine Feder, aber so undurchdringbar wie die Mauern der Hyperionsfest!" Ich lache darüber, "Klar, vielleicht wenn ich den Dreizack von Oreichalkos finde und mir das Geld wünsche, um dich bezahlen zu können."
"Über den Dreizack macht man keine Witze," erwidert er plötzlich ganz wütend, "Und über den Krieg der Drei auch nicht. Wer weiß, vielleicht befinden wir uns ganz am Anfang eines neuen Zyklus. Lang genug ist's her, dass einer der Drei seine neuste Fratze gezeigt hat."
"Es gab schon seit über hundert Jahren keinen Kampf um den Dreizack mehr, soweit ich weiß," wende ich ein. Phentos schüttelt seinen Kopf. "Noch ein Grund, sich vorzubereiten. Wir mögen zwar den Vierten haben, um uns zu beschützen, aber... die Vierten haben eine Angewohnheit immer nach den Dreien aufzutauchen."
"Da fällt mir ein," schiebt Sira sich da in unser Gespräch ein, "Du bist ja ein Händler, Phentos, also kommst du ein wenig herum. Hast du außer Gerüchten von Krieg in letzter Zeit irgendetwas Seltsames mitbekommen?"
"Fragst du nach irgendwas Bestimmtem?"
"Nun... ja. Um genau zu sein nach Sichtungen von Untoten."
"Hm, nein, nicht dass ich wüsste. Ich meine, in jedem zweiten Dorf versucht jemand mir weiszumachen, dass irgendwo ein totes Kind oder zwei aus ihren Gräbern gekrochen seien und jetzt die Bauern belästigen würden. Aber gesehen hab ich sowas noch nie..."
"Ja," stimme ich halbherzig zu, "Würde ich auch nicht glauben, bis ich's mit eigenen Augen sähe." Wohl eher: hätte ich nicht geglaubt. Aber hier sind wir nun mal.
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Drei weitere Tage sind ins Land gezogen, als wir endlich Keslynth erreichen, ein kleines Städtchen, eingebettet in die beigen Gebirgsausläufer von Ardnas. Phentos deutet auf einen besonders hohen und steilen Berg, der über all den anderen thront. Seine Spitze ist kaum zu sehen in den dicken Rauchwolken, die ihn umgeben. "Seht Ihr das?" fragt Phentos, "Da bin ich zuhause! Auf der Hyperionsfest. Ziemlich beeindruckend, selbst von hier, nicht wahr?"
"Kommt der ganze Rauch aus den Schmieden?" frage ich.
"Und ob! Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht wenigstens ein Kolph seinen Hammer schwingt. Und meistens sind es gleich Hunderte von uns, die da oben arbeiten. Ah, ich freu mich schon richtig drauf, heimzukehren... zu meiner eigenen Esse." Während er sich in Gedanken an Zuhause verliert, passieren wir gerade das hohe, hölzerne, eisenbesetzte Tor zur Stadt, die überall sonst von einer hohen Palisade umgeben wird.
Und kaum haben wir Keslynth betreten und erblicken erstmals den Marktplatz, überschwemmt uns eine Welle von Geräuschen. Heute ist Markttrag, wie's aussieht. Überall Händler und Hausierer, die lauthals feilschen, gackernde Hühner und quiekende Schweinen in kleinen Pferchen, während anderswo, auf dem hölzernen Gerippe eines Hauses eine Reihe Zimmerleute unter dem Gezeter ihres Meisters geschäftig klettern. Man-o-man, ist hier viel los!
Ich hüpfe hinunter von Phentos' Karren. Das muss ich mir näher ansehen! "Danke, dass du uns mitgenommen hast, Phentos. Ich hol mir jetzt was zu futtern und dann muss ich mich um meine Sachen kümmern."
"Jederzeit, mein Freund! Falls du jemals den Dreizack findest und dir was wünschst, komm vorbei, damit ich dir beweisen kann, wie gut ich wirklich als Schmied bin. Vielleicht sehen wir uns ja noch auf dem Markt, nachdem ich meinen Stand aufgebaut habe!"
"Bis dann!" rufe ich ihm hinterher, obwohl ich nicht sicher bin, dass er das in all dem Trubel überhaupt hört. Es ist wirklich eine Menge los. Sira streckt ihren Kopf aus meiner Tasche und stößt einen tiefen, resignierten Seufzer aus, "Es wird die Hölle sein, überhaupt jemanden in diesem Durcheinander zu finden, ganz zu schweigen, wenn diese Leute nicht gefunden werden wollen. Dein Herzblatt hat dir nicht zufällig einen genauen Ort genannt, oder?"
"Sie ist nicht mein Herzblatt," schnaube ich, "Und nein, hat sie nicht. In der Nachricht steht bloß Keslynth. Aber he, unter all den Leuten muss jemand sein, der sie gesehen hat! Los, wir gehen gleich fragen."
"Also schön," sagt Sira und schlüpft aus ihrem Domizil, "Ich überlass dir den Marktplatz, wenn du schon so neugierig bist. Ich kümmer mich um die etwas ruhigeren Orte in der Stadt. Wir treffen uns wieder in einer Stunde, alles klar?"
"Abgemacht. Keine Sorge, wir haben wieder gut an Zeit aufgeholt dank Phentos. Ich wette, die beiden sind noch hier. Wir finden sie schon!"
"Ich hoffe es. Ansonsten müssen wir wirklich zurück nach Welsdorf. Den ganzen Weg zu Fuß dies mal." Oh ja, nur zu, jetzt kannst du mich ja ruhig unter Druck setzen, was? Sie spart sich jedoch jeden weiteren Kommentar und macht sich schnell auf zur nächstbesten Gasse, die vom Marktplatz wegführt. Ich schätze, Víly mögen geschäftige Plätze wirklich nicht allzu sehr. Oder vielleicht hat sie einfach zu viele Jahre mit den Affen verbracht, um sich das antun zu wollen. Jetzt wo ich so drüber nachdenke, hab ich sie nie gefragt, wie lang sie eigentlich bei Welsdorf gelebt hat.
Auch egal. Zeit, dass ich was esse und mich umschaue. Vielleicht entdecke ich ja sogar diesen treulosen Gaul Porstellion. Er hätte ja wenigstens irgendeinen Laut von sich geben können, als er geklaut worden ist. Vielleicht wär ich dann rechtzeitig aufgewacht, anstatt mich mit dem Käferkönig herumschlagen zu müssen. Es läuft mir immer noch kalt den Rücken runter, wenn ich nur daran denke.
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Leider stellt sich heraus, dass niemand etwas von Halsänn oder Griselda gehört, geschweigedenn gesehen hat – oder von Porstellion. Ich hab den gesamten Markt inzwischen abgeklappert, aber die halbe Zeit waren die Leute mehr interessiert daran, mir ihre Ware zu verkaufen, als mir zu antworten. Einfach großartig. Hoffentlich hat Sira mehr Glück als ich. Die Stunde ist längst um, aber sie lässt sich einfach nicht blicken. Vielleicht hält sie Halsänn ja einen Vortrag über gute Manieren und wie Pferdediebstahl nicht dazugehört.
Indes entscheide ich mich, mein Glück noch einmal zu versuchen, mit einer alten Kräuterfrau dies mal. "Guten Tag," grüße ich, "Gute Geschäfte gemacht heute?"
"Es gibt immer welche, die ein Mittel gegen die Pocken oder gegen Fieber brauchen... oder für eine gesunde Verdauung," entgegnet die faltige Dame mit feistem Grinsen. "Du schaust mir aber relativ gesund aus. Was willst du wohl von 'nem alten Mädchen wie mir?"
"Eigentlich suche ich ein etwas jüngeres Mädchen. So alt wie ich, mit braunem Haar, dass sie um ihren Kopf geflochten hat, und vermutlich in Begleitung eines haarigen Riesen. Und eines großen, schwarzen Pferdes."
"Hm, muss ein beliebtes Mädchen sein!" Ich schaue sie verdutzt an und frage, "Wieso das?"
"Du bist nicht der Erste, der mich nach ihr fragt. Ist sie jemand Wichtiges?" Ich umgehe ihre Frage mit einer anderen, "Wer war die andere Person, die sie gesucht hat?"
"Ein magerer Kerl mit genauso straffer Haut wie ich." Also knittrig wie eine verschrumpelte Pflaume. "Wohl eine Wache, so wie er angezogen war. Aber neu. Hab den noch nie hier gesehen. Er wirkte ganz nett am Anfang, aber diese Stimme... als hätten sie ihm als Kind einen heißen Sud den Rachen runtergespült. Und seine Augen... ich mag seine Augen kein bisschen." Sie beäugt mich kritisch. "Kennst du ihn etwa?" Ich schüttele schnell meinen Kopf, während ich denke: Das ist gar nicht gut. Wenn noch jemand nach Griselda und Halsänn sucht, gehört er mit großer Wahrscheinlichkeit zu ihren Verfolgern. Verflucht, ich muss Sira finden und ihr davon erzählen.
"Jedenfalls," spricht die alte Frau, "werd ich dir sagen, was ich ihm auch gesagt hab: kann mich an kein bestimmtes Mädchen erinnern, das so aussah. Kann nicht mal behaupten, ein wenig Münze würde meinem Gedächtnis vielleicht auf die Sprünge helfen. Nicht bei jungen Hüpfern wie dir." Sie lacht herzhaft und ich danke ihr höflich für ihre Hilfe. "Nicht der Rede wert. Und jetzt geh und find das Mädel, bevor's dieser alte Sack tut."
"Wieso das?" fragt da jemand hinter mir mit einem Hauch Belustigung. Die Kräuterfrau schluckt einen Fluch herunter, während ich mich umdrehe, um von der Brust eines edel aussehenden, gepolsterten Wamses begrüßt zu werden, das einem sauber rasierten Mann von vierzig Jahren gehört. Obgleich das Visier seines Helmes sein Gesicht in tiefe Schatten taucht, kann ich seine ausmachen, wie seine Augen argwöhnisch auf mich hinunterstarren. "Ich glaub, wir müssen reden, Junge," meint die Wache. Hämischen Grinsens sagt sie noch, "Bevor der Kommandant noch hört, wie freundlich über ihn gesprochen wird."
"Also eigentlich würde ich diesem alten Sack das doch gerne ins Gesicht sagen," erwidere ich. Wie geplant erstarrt der Wachmann vor Erstaunen über meine Worte lang genug, dass ich aus seiner Reichweite flüchten und Reißaus nehmen kann, weg vom Markt, hinein in die eigentliche Stadt. Ich hör ihn Flüche und Befehle schreien, ich solle stehen bleiben, aber glaubt er ernsthaft, ich sei so dumm, mich jetzt zu stellen?!
Die Straßen sind ganz schön vollgestellt, hauptsächlich mit dem Baumaterial der Zimmerleute und ein paar Fässern neben einer totenstillen Taverne. So knapp wie nur möglich renne ich auf schnellstem Wege an ihnen vorbei und hoffe, dass mein Verfolger wenigstens in eins der Hindernisse prallt. Nicht, dass es irgendetwas anderes zur Folge hat, als dass meine Brust gleich in Flammen steht, wenn ich diese Tempo beibehalte. Denn es sieht so aus als schiebe ich meine Gefangennahme nur auf. Der Kerl ist viel schneller als ich und geschickt in jedem seiner Schritte, sodass ich schon wieder fast nur noch einen Arm weit von ihm entfernt bin. Verflucht, nur weil er längere Beine hat als ich! Aber halt, was ist das?
Gerade, als er mich schon am Schlafittchen packen will, schlüpfe ich in den schmalen Spalt zwischen zwei Häusern. Die rauen Steinwände reiben an meiner Kleidung und meiner Haut, aber ich scher mich einen Dreck um ein paar Schrammen. Ich muss weiter! Ich schnappe erschrocken nach Luft, als die Wache mich plötzlich am Arm packt und versucht, mich zurück zu zerren.
"Oh nein! Hiergeblieben," knurrt der Mann.
"Das will ich sehen!" zische ich und reiße meine Hand schnell genug zurück, dass ich sie einen Atemzug lang freibekomme. Aber das reicht, um mich vollends zwischen die Häuser zu quetschen, wo er mich nicht mehr kriegen kann, egal, wie sehr er es versuchen wird. Endlich einmal zahlt es sich aus, noch so klein und schmächtig zu sein. Der Wachmann brüllt seinen Frust heraus wie ein Wolf, dem man die Beute versagt hat, und hastet von dannen. Schon aufgegeben? Ein toller Jäger bist du.
Oh man, wenn ich könnte, würde ich mir selber dafür jetzt gegen die Stirn hauen. Der hat nicht aufgegeben! Er will mich auf der anderen Seite abfangen. Aber nicht mit mir! Ich rücke schneller vorwärts, bis ich mich endlich aus der anderen Seite hinauszwängen kann. Puh, endlich drücken mir nicht mehr zwei Häuser die Luft aus den Lungen. Hm, sieht so aus, als sei ich in einem kleinen Vorhof gelandet. Der des Zimmermeisters, so wie's aussieht. Nun, von dem will ich ganz bestimmt auch nicht erwischt werden. Also ab dafür!
Kaum bin ich jedoch über die kleine Mauer des Hofes geklettert und auf die Straße davor gesprungen, taucht ein Reiter auf, hoch gewachsen, fünfzig bis sechzig Jahre, so wie seine knittrige, pergamentbleiche Haut aussieht... und in demselben Aufzug wie der Wächter vorhin, wenn auch reicher verziert und mit einem kupfernen Kranz auf seinem Helm. Er mustert mich mit einer hochgezogenen, weißblonden Braue, wobei er seine lange, dürre Nase rümpft. Ein schmales Lächeln teilt seine farblosen Lippen, entblößt gelbliche Zähne mit weit zurückgegangenem, blutrotem Zahnfleisch.
Und dann sagt er, in einer Stimme, die rasselt wie die eines Greises, der zwei mal verstorben und wiederauferstanden ist, "Was für ein Zufall. Genau dich hab ich gerade gesucht."
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Dem Sommer zum Trotz fühlt sich mein Körper kalt wie Eis an, als ich wenig später im Arbeitszimmer des Kommandanten Platz nehme. Es ist stickig und dunkel darin. Über seinen Schreibtisch hinweg beäugt er mich, während ich mich zögerlich niederlasse, wobei kaum mehr als die Umrisse seiner geraden, breiten Schultern erhellt werden von dem winzigen Fenster in seinem Rücken. Seine Mundwinkel zeigen die ganze Zeit nach oben. Ich habe mit Zorn gerechnet, irgendeinem Zeichen von Groll, dass noch jemand Griselda nachstiehlt, aber der Mann sieht stattdessen ungewöhnlich zufrieden aus, mich aufgegabelt zu haben – und das macht mir nur noch mehr Angst.
"Wie ich hörte, hattest du es vorhin ganz schön eilig," stellt er gelassen fest, die Finger verschränkt haltend. "Einer meiner Leute hat dich gejagt. Das tut mir Leid. Ich bin mir sicher, das hätten wir ein wenig feinfühliger handhaben können." Was soll ich darauf antworten? Dass ich ihm kein Wort glaube? Dass ich selbst schuld war, dass der Kerl mich verfolgt hat? Dass es nicht schlimm ist?
Er erspart mir, irgendetwas Dummes zu erwidern, "Ich hab nicht vor, dich lang aufzuhalten. Nur ein paar Fragen, dann kannst du auch schon wieder gehen und machen, was auch immer Jungspünde wie du treiben."
"Klingt gut," bringe ich brüchig heraus. Das Arbeitszimmer kommt mir kaum größer vor als eine Besenkammer im Moment. Der schwere Eichentisch, an dem wir sitzen, erstreckt sich fast über die gesamte Breite des Raumes, während eine der Wände ganz und gar versteckt ist hinter einem riesigen Regal, das überladen ist mit Dingen aller Art, die ich nicht bei einem Stadtwächter erwarten würde: alte, in Leder gebundene Schmöker, gebräunte Schriftrollen, rote Tontafeln mit tiefen Kerben, bemalte Figürchen und eine Menge anderer Kram, der besser in Simmias' Refugium passen würde als hierher.
Die krächzende Stimme des Kommandanten holt mich zurück ins Geschehen, "Also. Ich hab in der Stadt gehört, dass du auf der Suche nach einem bestimmten Mädchen warst. Zufälligerweise such ich genau dasselbe. Ich frage mich, was du mit ihr zu schaffen hast."
"Ich... wollte sie nur sehen, das ist alles." Ich kann ihm unmöglich die Wahrheit erzählen. Selbst, wenn er nicht mit dem Untoten unter einer Decke steckt – was mir nach und nach unwahrscheinlicher erscheint – könnte er gut Griselda oder Halsänn eine Hand abschneiden, wenn ich erwähne, dass sie mich bestohlen haben. Und dann wird wohl nichts aus den versprochenen Antworten.
"Aha. Dann kennt ihr euch also?"
"Nein. Nicht gut zumindest... hab sie nur einmal getroffen."
Da hebt er eine Braue. "Wo war das?"
"Auf einem Bauernhof, nicht weit weg." Weit für den Jungen, der zum ersten Mal von zuhause weg ist. Kann sein, dass es für jeden anderen nichts weiter als ein Katzensprung ist.
"Und obwohl du sie nur einmal gesehen hast, wolltest du sie noch einmal treffen und bist nur deswegen hergekommen?"
Bitte, ihr Götter, lasst mich nur dieses eine Mal meinen Gesichtsausdruck im Griff haben... und mich die beste Schamesröte mimen, die einem jungen Kerl ins Gesicht schießen kann. Ich murmle, "Nun... sie war... ziemlich hübsch und... nett, also... na ja, Ihr wisst schon..." Aus dem Augwinkel kann ich sehen, wie der Kommandant scharf die Luft einzieht, sein Gesicht entnervt in den Händen vergraben. Leise zischt er, "Die Götter müssen auf mich spucken... junge Liebe." Mich von der Seite anstarrend, fragt er, "Wie alt bist du? Vierzehn vielleicht? Und jetzt willst du dich schon irgendwo anketten lassen, bloß weil du mal irgendwas mit einem dahergelaufenen Mädel hattest?" Er kauft mir die Geschichte ab! Er glaubt mir!
"... hat das noch was mit ihrem Aufenthaltsort zu tun?" erlaube ich mir eine Gegenfrage. Oh-oh, wenn Blicke töten könnten. Vielleicht hab ich da doch zu dick aufgetragen. Sobald seine Augen es aufgeben, Löcher in meinen Schädel zu brennen, wandern sie zu meinem Schwert. Nein, nicht dieser Blick schon wieder! Doch ganz zu meiner Verblüffung fragt er nach etwas ganz anderem, "Also bist du wegen ihr hier. Das heißt, sie ist in der Stadt?"
Ich zucke mit den Schultern. "N-nehm ich an. Klang für mich am wahrscheinlichsten, aber vielleicht ist sie auch nach Pilles."
"Nach Pilles?!" brüllt er und springt von seinem Stuhl auf. Er lässt seine Pranken auf den Tisch krachen und ragt über mir auf wie ein einstürzender Turm. "Hältst du mich für einen Vollidioten?! Wo genau war dieser Bauernhof?! Wie weit von hier?"
"Ei... ein paar Tagesreisen zu Pferd," entgegne ich zittrig. Ich wage nicht, ihn gleich noch mal anzulügen. Vielleicht heißt so viele Bücher gelesen zu haben nicht gleich, dass ich ebenso gut im Geschichten-erfinden bin. Die Brauen des Kommandanten stehen fast senkrecht, während er mich durchdringend anstarrt. Er wartet ein wenig länger bis zu seiner nächsten Frage, "Ich hab gesehen, dass du ein Schwert trägst. Reist du allein? Du bist doch nicht etwa ein Dieb oder sowas?"
"Was?! N-nein! Ich... ich bin ein Botenjunge." Nicht mal so fernab der Wahrheit. "Ich... soll jemandem hier in der Gegend Bücher bringen." Bücher, die zufälligerweise grade bei Porstellion sind. Noch ein Grund, das Pferd wiederzufinden.
"Mit einem Schwert," stelltt der Kommandant indes voller Skepsis fest.
"Man weiß nie, wem man so auf dem Weg begegnet," erwähne ich. Meine Güte, klingt das gestellt. Doch es scheint den Kommandanten tatsächlich wieder etwas weniger misstrauisch zu stimmen. Dann lächelt er wieder. "So, so... ein Botenjunge mit einem Schwert, der Bücher liefert... und trotzdem jagst du Röcken hinterher?"
"Ich lieg gut in der Zeit... Ich muss eh hier durch, also hab ich gedacht, das wird schon klappen."
Spöttisch schnaubt der Kommandant, "Da nimmt jemand seine Arbeit aber ernst." Nur zu gern würde ich ihm jetzt sagen, dass ich tatsächlich sehr gewissenhaft meine Arbeit erledige, indem ich ihm grade nicht meine einzige Spur ans Messer liefere. Er seufzt, "Gut, belassen wir's bei einer letzten Frage: Ich nehme an, du hast deinen Sonnenschein noch nicht gefunden, oder?"
"N... nein," sage ich, wieder versuchend zu erröten.
"Also schön. Ich hab heute gute Laune, also kannst du jetzt gehen. Ich will nicht noch mehr deiner wertvollen Zeit verschwenden." Ich kann beinahe das Gift aus seinen Worten triefen sehen.
Ich überhöre es und sage, "Ach was, das ist nicht schlim-"
"Aber ich würde dir raten, dir eine andere Gespielin zu suchen. Außer du willst einen Vogelfreien zum Stiefvater." Ich starre ihn aus großen Augen an.
"Wie bitte?! Einen Vogelfreien?!"
"Richtig. Der Vater des Mädchens – bestimmt hast du den auch gesehen – ist ein berüchtigtes Mitglied der Königsbraut, eines Haufens von Raubrittern und Vergewaltigern in der Gegend. Wir sind hier, um ihn einzufangen, bevor er nochein Dorf in Brand steckt oder Schlimmeres." Schreck lass nach, meint er das ernst? Aber... dann bedeutet das ja, dass ich die ganze Zeit auf der falschen Fährte war. Warum würde Abschaum wie dieser von einem Untoten gejagt werden? Oder ist das genau die Art Leute, von der man das erwarten muss?
Da macht mir der Kommandant plötzlich einen Vorschlag, "Wenn du dich wirklich um das Mädel scherst, sieh zu, dass sie weg kommt von diesem Mann." Sich übers Kinn fahrend überlegt er. "Da du meintest, du lägest gut in der Zeit, könntest du dich doch uns anschließen. Vielleicht springt sogar ein wenig bare Münze für dich raus, wenn wir den Kerl erwischen." Plötzlich tut es mir schrecklich Leid, den Kerl so angelogen zu haben. Hätte ich gewusst, dass er bloß hinter einem Verbrecher her ist... verflucht, ich hätte ihm von Porstellion erzählen müssen! Jetzt bringt mir das am Ende nur selbst einen Strick ein, wenn er erst mal durchblickt, dass ich geschwindelt hab.
Obwohl, er ist bloß hinter Halsänn her... vielleicht beantwortet Griselda mir dann trotzdem meine Fragen wie versprochen. Und während die Wachen Halsänn dingfest machen, schnapp ich mir Porstellion und hoffe, dass meine Suche mich nie wieder nach Keslynth führt. Somit schlage ich also ein.
"Abgemacht! Ich werd helfen wie ich kann! Äh... ich glaube, wir haben uns noch gar nicht richtig vorgestellt. Ich bin Marin!"
"Cheeta Catilina mein Name. Schön, dass du uns hilfst," entgegnet der Kommandant mit schiefem Lächeln. Dann wechselt er ganz aus dem Blauen heraus das Thema, "Und da du die ganze Zeit meine Sammlung so neugierig betrachtet hast, willst du sicher wissen, was der ganze Krempel da eigentlich ist."
"Ich kann nicht abstreiten, mich gewundert zu haben."
"Du scheinst mir ein heller Kopf zu sein," sagt Cheeta, während er an das Regal tritt und etwas daraus hervorholt. Es ist eine Münze, schwarz wie die Nacht und nur so etwas ähnliches wie rund. "Ich hab ein kleines Rätsel für dich. Schau dir mal die Prägung an und sag mir, unter welchem König diese Münze hergestellt worden ist." Ich nehme die Münze in die Hand, um sie sorgfältig von allen Seiten zu begutachten. Kaum erkennbar sehe ich die hervorstehenden Linien eines Kopfes im Profil, seltsam kantig gezeichnet und ohne Bart. Roknecht vielleicht? Nein, das Gesicht ist viel zu sanft für einen Mann, der mit Links die Harpyienplage der Phellachai beendet hat. Dann erspähe ich die Ohren. Sie sind spitz wie meine. Seltsam.
"Sicher, dass das eine Münze von hier ist? Ich hab noch nie von einem Ikaner auf dem Thron gehört."
Cheeta gackert geradezu, "Ich hatte also Recht, du bist ein schlauer Bursche! Ganz recht, in diesen Landen gab's nie einen König, der von reinem Ikanerblut war. Ist auch nicht die Prägung eines Königs... sondern die eines Kaisers. Diese Münze da ist über dreihundert Jahre alt, hergestellt während der Herrschaft von Kaiser Rivius Crispinius Callis." Stolz ausschweifend zeigt er auf das Regal. "Alles, was du hier siehst, meine ganze Sammlung, ist aus einer Zeit lange bevor die Ardorakks den Thron bestiegen und sich Könige von Cardighna genannt haben. Das sind Erinnerungsstücke an das stolze Trecenta Terra, welches die gesamte Küste des Nereidis umfasst hat und sogar Teile der des Okeans."
"Das ist ja unglaublich! Ich hab ein wenig über die Trecentiner gelesen. Aber nie hätt ich mir träumen lassen, eine Münze von damals zu sehen."
"War auch nicht so leicht, da ranzukommen," erzählt Cheeta, nicht ohne zufrieden zu klingen. Mit breitem Grinseln erklärt er, "Deswegen bin ich heute gut aufgelegt, obwohl ich diesen räudigen Hundesohn Halsänn immer noch nicht geschnappt habe. Ich hab grade erst ein neues Stück meiner Sammlung einverleibt und vermutlich das seltenste von allen bisher. Sag mal... kannst du dir vorstellen, wie die Trecentiner es fertig gebracht haben, ein Reich solchen Ausmaßes zu halten?"
Ich zucke unsicher mit den Achseln. "Ich... ich weiß nicht."
"Komm schon, benutz deine Fantasie!"
"Nun... soweit ich weiß, hilft es, keine Rebellion wüten zu haben. Ich bin zu jung, um mich zu erinnern, aber zuhause erzählen die Alten oft vom Adelsaufstand vor elf Jahren und wie es fast das Ende der Ardorakkfamilie bedeutet hätte."
"Ah, ja, dieses ganze... Ding," murmelt Cheeta mit seltsamen Unterton, als ob er jetzt plötzlich nicht ganz wüsste, was er sagen soll. Da fällt ihm wieder ein, worüber wir gerade sprechen, und er spricht, "Ja, das ist ziemlich wichtig. Aber nicht so einfach, auf all seine Untertanen ein Auge zu werfen, ohne dass sie es spitz kriegen... nicht ohne ein paar Spione. Winzige Spione, denen man kaum mehr Beachtung schenkt als Fliegen um einen Kuhfladen." Er kichert fröhlich, wobei er etwas von ganz hinten, ganz oben auf dem Regal holt, das hinter ein paar Schriftrollen und kleinen Gewichten versteckt war. Es ist eine klare Flasche aus grünstichigem Glas.
Er hält sie mir vors Gesicht. Daeras Zorn! Plötzlich ist es, als stünde ich in einem Schneesturm, der mir alles Blut aus dem Gesicht zieht, als mir klar wird, dass es nicht die Flasche ist, die grün ist – sondern ihr Inhalt, der mich flehend aus roten Augen anschaut.
"Das," röhrt Cheeta triumphal, "ist eine lebendige Víla!"
Kapitel 5
Jetzt ist guter Rat teuer. Das ist vermutlich der letzte Ort, an dem ich Sira vermutet hätte – in der verdammten Sammlung irgendeines Stadtwächters mit großem Interesse für antike Geschichte. Und jetzt darf ich nicht bloß tüfteln, wo Griselda und Halsänn sind und wie ich Porstellion zurückkriege, ohne dass der Kommandant durchschaut, was hier vor sich geht; nein, ich muss auch noch irgendwie das seltenste Stück seiner Sammlung befreien, ohne am Galgen zu enden.
Nun ja, es steht ja nur mein Leben auf dem Spiel.
"K-könnte ich mir das mal näher anschauen?" versuche ich, arglos zu klingen. Cheeta betrachtet mich eisern. Dann reicht er mir langsam die Flasche. "Sei vorsichtig," sagt er, "Ich will nicht, dass du sie aus Versehen zerbrichst und-" Mit einem dumpfen Knall prallt die Flasche auf den Dielenboden. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: dass das eine Mal, wo ich etwas absichtlich fallen lasse, es nicht zerbricht, oder dass Cheeta mich wohl hier und jetzt köpfen wird. Ich probiere, entschuldigend zu lächeln, was meine Miene wohl eher in eine gequälte Fratze verwandelt, hinter der ich am liebsten lautlos schreien würde.
"Du Trottel!" schimpft er, "Wo ich dir grade noch gesagt habe, dass du aufpassen sollst!" Er hebt die Flasche auf, um das Glas zu putzen und auf Kratzer zu prüfen. Mit einem Hauch Belustigung meint er, "Hast meinen kleinen Gast hier offenbar auch zur Weißglut gebracht. Das Ding schwirrt herum wie 'ne Hummel." Das Ding wird mir später vermutlich noch einen guten Stich verpassen, wenn ich mir nicht schnell was einfallen lassen. Mir kommt jedoch kein einziger Einfall. Der lässt mich so schnell nicht wieder an seine Sammlung, das steht fest.
"Ähm... was essen Víly eigentlich? Ich meine, füttert Ihr sie?" Sein Blick gleitet von Sira zu mir, ein wenig verwirrt. "Sie?" wiederholt er mit gerunzelter Stirn, "Woher willst du wissen, dass das ein Weibchen ist?" Verdammt...
"Nun... s-sind sie das nicht alle? Ich meine, mal ein oder zwei Geschichten über die Víly gehört zu haben. Wie sie, ähm, Junggesellen in den Wald locken, um sie zu heiraten, und dann morgens wachen sie auf und sind verflucht, auf ewig an ihrer Seite zu bleiben." Und noch ein Dutzend anderer Sagen, die ich zuhause gelesen habe, in einem. Mir ist heißer als in einer Kolpher Esse und ich könnte schwören, am ganzen Leib zu schwitzen. Cheetas Miene indes ist wie eingefroren in Verwirrung.
"Was für Geschichten erzählt man sich bitte, wo du herkommst? 'Ne Mücke, die einen Menschen heiratet?"
"Wisst Ihr das etwa nicht?" Ich schnappe mir das Glas, um dorthin zu zeigen, wo vermutlich auch der Hintern der echten Sira ist, nicht nur der ihrer Projektion. "Der Stachel hier beinhaltet ein Gift, mit dem sie Leute dazu bringen können zu halluzinieren. Deswegen denken die Männer dann, sie würden eine wunderschöne, normal große Frau heiraten. Geht jedoch selten gut aus." Besonders, wenn alle Víly so unheimlich nett sind wie Sira manchmal. Wenn das eine wahre Geschichte wäre, müsste ich mich wirklich fragen, ob diese Kerle auch nur einmal mit ihren Verlobten gesprochen haben.
Wenigstens Cheeta scheint langsam überzeugt. Er spricht, "Hm... doch, ich glaube, davon gehört zu haben. Man sagt auch, dass fünf solche Stiche töten können." Er schmunzelt. "Bin weder auf das eine noch das andere scharf. Aber gut, dass du mich erinnerst, dass ich meinen Schatz hier versorgen sollte, wenn ich ihn wirklich als meinen Glücksbringer mit mir führen will. Danke." Er streckt mir seine Hand entgegen. "Und jetzt gib mir bitte die Flasche zurück, bevor du sie noch mal fallen läs-"
Und da versuche ich erneut, es wie einen Unfall aussehen zu lassen, dass das Glas mir aus der Hand rutscht. Und schon wieder denkt es nicht mal dran, auch bloß zu springen! Ihr Götter, was hab ich euch nur getan?! Und was wird Cheeta gleich mit mir machen? Sein Kopf ist mit einem mal rot wie ein praller Apfel.
"Verschwinde. Sofort," knurrt er, "Oder ich überlege mir zwei mal, einen Vollidioten wie dich mitzunehmen." Ich wage nicht, etwas darauf zu erwidern, nicht ein mal eine Entschuldigung, sondern entferne mich schnell und leise aus seinem Arbeitszimmer. Vielleicht ist da doch was dran an meiner ausgedachten Geschichte: Víly bringen Unglück.
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Bis zum Abend schlage ich die Zeit tot, indem ich mich in der Kaserne umschaue. Ich gucke den paar Männern und Frauen, die nicht nach Halsänn und Griselda suchen, zu, wie sie halbherzig fechten oder sich um die Pferde kümmern. Schließlich lasse ich mich auf einer kleinen Stützmauer nieder und verzweifle halb über meiner aktuellen Lage, während der ein oder andere Reiter die Kaserne betritt und wieder verlässt. Gerade, als ich schon wieder kurz davor bin, diesen ganzen Mist zur Hölle zu wünschen, kommt Cheeta plötzlich aus seinem Arbeitszimmer und ruft mich herbei. Was will der denn jetzt?
Als ich zu ihm hinübergehe, erwartet er mich mit einem listigen Lächeln in seinem hageren Gesicht. Er redet gar nicht erst lang um den heißen Brei herum, sondern offenbart sogleich "Ich hoffe, du bist bereit, Bursche. Wir haben eine Spur!"
Die sogenannte Spur entpuppt sich als die kläglichen Überreste eines verlassenen Bauernhofes außerhalb der Stadt. Während wir im rosa Zwielicht des Sonnenuntergangs den Hügelrücken emporkraxeln, schälen sich langsam die Grundmauern der Wohnstube aus dem Gras. Vom Dach des Stalls fehlt die Hälfte, während der Großteil der Westmauer nur noch ein Haufen Geröll ist. Inmitten der kniehohen Halme klafft ein schwarzer Fleck wie das offene Maul eines Ungeheuers, das auf achtlose Beute hofft. Von Nahem betrachtet stellt sich heraus, dass es ein ausgetrockneter, überwucherter Brunnen ist.
Als wir näher kommen, tritt ein Wachmann aus dem Schatten eines gekrümmten Olivenbaums, um uns zu empfangen.
"War irgendwas?" fragt Cheeta ihn.
"Keine Anzeichen von Leben. Niemand kam her, keiner ist weggegangen. Auch sonst ist nichts passiert."
"Alles klar. Ihr könnt gehen, wir übernehmen hier."
"Aber, Kommandant, was wenn-"
Cheeta funkelt ihn böse an. "Ich hab gesagt: Ihr könnt gehen. Gönnt euch 'nen Schluck oder helft den anderen, die Barracken aufzuräumen, aber lasst uns allein."
"Jawohl, Kommandant!" Der Wächter salutiert und eilt davon. Was war das denn grade?
"Siehst du das?" fragt Cheeta indes mit einem Fingerzeig auf ein paar Stellen, wo das Gras niedergetreten ist. "Jemand war hier."
"Eure Männer, oder?"
"Nie im Leben. Die haben sich nur nahe an den Wänden bewegt, um unauffällig nachzuschauen, ob jemand da ist. Aber sieht nicht so aus."
"Warum sind wir dann überhaupt hier?"
Cheeta seufzt entnervt. "Um nach Hinweisen zu suchen natürlich, du Hohlkopf! Dieser Hundesohn Halsänn und das Mädchen mögen nicht mehr hier sein, aber vielleicht haben sie was dagelassen, was uns sagt, wo sie hin sind. Also los, schau im Stall nach! Ich bin bei den Schlafstuben."
"Jawohl, Kommandant," äffe ich leise den Wächter nach und verdrehe die Augen, während ich zu dem halb aus den Angeln gebrochenen Tor des Stalls trotte. Als ob die zwei irgendwelche Spuren hinterlassen haben. Ja, genau, bestimmt ist Porstellion da drin und wartet bloß auf mich. Ich erstarre, als ich ein leises Schnauben hinter der Pforte vernehme. Nein... das muss ich mir eingebildet haben. Und dies mal ist es auch keine tatsächlich existierende Víla.
Ich erreiche das Tor und öffne es unter langgezogenem, lautem Knarzen und schrillen Kreischen der rostigen Scharniere. Eine Klinge aus Licht fährt langsam ins Dunkel des Stalls. Aber nicht überall mag sie durch die Schwärze schneiden, denn eine große Kreatur mit dunklem Fell wartet im Inneren. Und starrt mich so anteilnahmelos an wie immer.
"Porstellion!" rufe ich voll Überraschung. Seh ich richtig? Er ist es wirklich! Das ist mein Sattel und mein ganzes Zeug auf seinem Rücken! Ich könnte dem Gaul um den Hals fallen. "Endlich hab ich dich gefunden!"
"Ah, das ist also das Pferd, das meine Leute erwähnt haben." Ich springe auf vor Schreck, als Cheeta plötzlich hinter mir steht. Er ignoriert mich jedoch, geht stattdessen langsam zu Porstellion hinüber und kramt in den Satteltaschen. Mein ganzer Körper verkrampft sich. Ich kann jetzt nicht reinen Tisch machen, aber verdammt noch mal, Porstellion, kannst du nicht wenigstens auf den Fremden neben dir reagieren?!
Plötzlich hört Cheeta auf, den Inhalt der Taschen zu durchwühlen. "Interessant," sagt er lauernd, "Halsänn hat ganz schön was gelernt auf der Flucht." Seine Augen liegen plötzlich auf mir, funkelnd wie zwei scharfe Stahlspitzen. "Wusste gar nicht, dass man in der Königsbraut das Lesen lernt." Er dreht sich vollends herum. "Ich hab da vorhin wohl ein paar Fragen vergessen: Wo sind eigentlich diese Bücher, die du abliefern solltest? Du trägst sie nicht bei dir, wie ich sehe. Hast du dir ein Zimmer in einem Gasthof genommen, wo sie jetzt sind? Welches Gasthaus ist es? Was dagegen, wenn ich meine Männer mal dort nachsehen lasse, um zu sehen, ob auch nur ein einziges Wort, das du mir erzählt hast, wahr ist?" Jede Frage drischt wie eine Keule auf mich ein, jedes mal mit mehr Wucht geschwungen.
Schließlich bricht mein Schild ein und ich senke meinen Kopf. "Sie sind... in den Satteltaschen. Das Pferd gehört mir-" Ich bin noch nicht mal fertig, da packt Cheeta plötzlich einen Speer aus den dunklen Eingeweiden des Stalls und schlägt mir mit dem Schaft auf die Finger. Ich schreie auf, meine Knie geben nach unter dem Schmerz. Kin, tut das weh!
Cheetas Stimme verpasst mir noch eine Ohrfeige, "Du hast mich lange genug zum Narren gehalten!" Mit einem mal steht er direkt vor mir, packt mich am Hals und reißt mich nach oben. Seine Finger fühlen sich eiskalt an, dürr und lang wie die Fasern eines Stricks, der sich langsam um meinen Hals zuschnürt. Ich könnte schwören, dass seine Fingerspitzen sich in meinem Nacken bereits berühren, als er aus dem Stall tritt, langsam auf den alten Brunnen zu. Ich muss gar nicht hinunterschauen, um zu wissen, dass ich direkt über seinem gähnenden Schlund hänge. Es ist um einiges dunkler geworden.
"Du hast den nichtsahnenden Jungen nicht schlecht gespielt, muss ich zugeben. Hast nicht mal besonders misstrauisch ausgesehen, als wir hierher gekommen sind," zischt Cheeta, wobei seine verfärbten Zähne fest aufeinandergebissen sind. Sein Zahnfleisch sieht aus wie hängengebliebene Fleischfetzen des letzten Narren, der ihn für dumm verkaufen wollte. "Ich geb dir eine letzte Chance, ehe ich dich da runterschmeiße. Wo ist das Mädchen?"
"Ich... ich weiß es wirklich nicht!" krächze ich.
"Nun, dann wird auch keiner wissen, wohin du gegangen sein wirs-"
"Ich bin den beiden gefolgt...! Wegen eines Wiedergängers, den ich gesehen habe...! Er war hinter ihnen her!" Cheetas Griff wird lockerer, seine Augen weiten sich erschrocken. "Hab sie zufällig getroffen... und zwei und zwei zusammengezählt, so wie sie sich benommen haben. Am nächsten Morgen sind sie mit meinem Pferd abgehauen... aber Griselda wollte, dass ich hierher komme. Sie wollte mir alles erklären!" Cheetas Finger sind plötzlich ganz zittrig, doch ich halte seine Hände an meinem Hals. Sonst plumps ich noch da runter, nur weil er ganz überrascht ist. "Und... jetzt kann ich's ja sagen: die Víla, die ihr gefangen habt... ist meine Begleiterin!"
Cheetas Miene ist eine Mischung aus Überraschung, Wut... und Belustigung? Er fängt an zu lachen. "W-was ist so lustig?!" frage ich.
"Du, Junge. Du bist der beste Witz, der mir je untergekommen ist. Aber wenigstens warst du dies mal ehrlich. Die Götter mögen's dir vergelten!" Er schmeißt mich plötzlich ins Gras. Ich kann nicht mal versuchen, mich auf den Rücken zu drehen, ehe sein Stiefel mich tiefer in den Dreck drückt. Was wird das denn jetzt?! "Vielleicht merkst du dir fürs nächste Leben, dich aus den Angelegenheiten anderer Leute rauszuhalten."
Ich warte nicht ab, was passiert, sondern packe mir verzweifelt einen Hand voll Dreck, drehe mich herum, soweit es sein Fuß erlaubt, und schleudere sie blind in Richtung seines Gesichts. Der Druck seines Stiefels lässt ein bisschen nach, als ich tatsächlich treffe, und ich drücke mich hoch, um flugs zur Seite zu rollen. Kurz spüre ich einen brennenden Schmerz, als die Klinge des Speers meinen Hals streift. Nur ein bisschen langsamer und er hätte mich aufgespießt! Ich springe auf, wobei ich Cheeta genau vor die Brust knalle und ihn zum Stolpern bringe, und weiche gleich aus, ehe sein Speer mich erreichen kann. Endlich kann ich mein Schwert ziehen.
"Du Rotzlöffel!" brüllt Cheeta, während er sich auf mich stürzt, den Speer wie eine Lanze haltend. Mit einem Ausfallschritt lasse ich seinen Stich ins Leere gehen und greife selbst an. Komm schon, ich kann ihn erwischen, bevor- Da trifft mich der Schaft am Hinterkopf. Kurzzeitig sehe ich nichts als Sterne. Ich stolpere, Cheeta bringt mich zu Fall und schon bin ich wieder am Boden, ihm schutzlos ausgeliefert. Von wegen! Ich rolle aus seiner Reichweite und rapple mich im selben Atemzug wieder auf. Dies mal bleibt er auf Abstand. Langsam umkreisen wir einander.
Zeit genug, ein paar Worte los zu werden, "Ihr steckt also mit dem Wiedergänger unter einer Decke."
"Du weißt gar nichts, Bürschchen."
"Genau darum bin ich hier. Um rauszufinden, wer hinter alledem steckt. Was wollt Ihr wirklich von Halsänn und Griselda?! Und sagt nicht wieder, sie seien Vogelfreie."
"Und sie sind es doch. Mehr brauchst du aber nicht zu wissen. Hehehe, du bist ahnungsloser als ich dachte. Ich könnte mich ausschütten darüber, wie dumm du bist."
"Ich glaub nicht, dass ich das ertragen würde, Eure ekelhafte Stimme noch länger zu hören."
"Gut, das wirst du nämlich auch nicht!" schreit er da und fällt mich erneut an. Meine Knöchel brennen vor Schmerz von dem Schlag vorhin, als ich das Heft fester greife und seinen Streich pariere. Ich höre noch das dumpfe Geräusch, als der Schaft von meiner Klinge abprallt, als Cheeta herumwirbelt und mich von rechts angreift. Nichts bewahrt mich davor, dass er mir das harte Holz übers Bein zieht. Nach hinten stolpernd entkomme ich einem weiteren Stich nur um Haaresbreite. Da prallt meine Ferse plötzlich an einen Stein. Der Rand des Brunnens! Oh nein!
"Und runter mit dir!" lacht Cheeta triumphierend, ehe er den Speer nach vorne stößt. Verflucht, mir bleibt nichts anderes übrig, als mich fallen zu lassen, sonst durchbohrt er mich! Aber der kommt mit mir! Ich packe den Speer direkt unter der Klinge und zerre Cheeta mit mir. Er will loslassen, doch ich bekomme seinen Arm zu fassen und reiße ihn mit hinab in den Schlund in einem Knäuel aus blind um sich schlagenden Gliedmaßen.
Der Aufprall kommt später als erwartet. Schlagart werde ich daran erinnert, wo oben und unten sind, als ein lautes Bums und mehrfaches Knacken mir die Haare zu Berge stehen lassen. Einen Augenblick lang bin ich von den Schmerzen überwältigt, im nächsten schlage ich meine Augen auf und bin umgeben von nichts als Schwärze und Stille. Bin... bin ich tot? Da trifft ein Wassertropfen meine Nasenspitze und ich schaue gequält auf – oder zumindest dorthin, wo ich denke, dass oben ist. Ich sehe den dunklen Himmel, kaum zu erkennen am Ende eines langen Schachts aus moosbewachsenen, dunklen Ziegeln. Also bin ich doch noch im Brunnen und nicht in der Unterwelt. Ich lebe noch! Ich hab den Sturz überlebt! Ein wenig angeschlagen, aber ich spür noch all meine Gliedmaßen, wenn auch nicht allzu angenehm.
Aber was ist mit Cheeta? Wo ist dieser Hurensohn?! Verflucht, ich kann kaum was sehen, aber ich glaube, das da unter mir ist seine Uniform. Schätze, er hat das meiste abbekommen von dem Sturz und das war sein Rückgrat, das da gebrochen ist, nicht meins. Tja, wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Man, ich schulde den Göttern ein Riesenopfer, wenn ich das nächste Mal an einer Loquie vorbeikomme!
Ich kämpfe mich langsam hoch. Fast rutsche ich dabei auf dem leblosen Cheeta aus, als meine Beine sich vehement beschweren, dass ich sie so früh schon wieder benutze. Ich verpasse dem alten Sack einen Tritt, um etwas mehr Platz zu haben. Als er auf die Seite rollt, bemerke ich einen schwachen Lichtschein im Brunnen. Das muss Sira sein! Er hat sie wirklich als Glücksbringer mitgeschleppt. Ich hab doch nur gescherzt, als ich gedacht habe, dass Víly Pech bringen. Vielleicht sollte ich sie bei ihm lassen, sonst geh ich nächstes Mal wirklich drauf, wenn ich in einen Brunnen plumpse.
Nein, sowas würde ich nicht tun. Also löse ich die Flasche aus Cheetas Gurt und löse den Korken, um Sira freizulassen. Ihr Licht scheint mit einem mal gar doppelt so hell, als sie aus dem Flaschenhals schlüpft und erst mal ein paar wilde Runden fliegt. Sie ruft, "Endlich! Um Olphes Willen, einen Augenblick länger in dem Ding und ich hätte versucht, mich durch das Glas zu fressen! Urgh, hast dir ja Zeit gelassen, was, Marin?"
"Ich bin auch froh, dich wiederzusehen, Sira," entgegne ich trocken.
"Oh, keine Sorge, ich bin dir ja dankbar. Aber ich glaube, du musst mir erst mal erklären, wie du mich überhaupt gefunden hast und wieso wir hier sind und wo das überhaupt ist, und warum liegt da ein Toter zu unseren Füßen?"
"Ich werd viel Zeit haben, dir das alles zu erklären," seufze ich, während ich zusehe, wie das andere Ende des Brunnenschachts sich zunehmend verdunkelt, "Denn das wird 'ne Weile dauern, da hochzuklettern... falls wir überhaupt das Glück haben, hier rauszukommen."
"Ich könnte hochfliegen und Hilfe holen! Vielleicht ist Phentos noch da und-"
"Und was, wenn du wieder geschnappt wirst?"
"He, das ist ja wohl nicht meine Schuld! Wie wahrscheinlich ist es, plötzlich in eine Flasche gesteckt zu werden?!"
"Ist ja gut. Trotzdem... wir... rufen besser niemanden. Uns steht das Wasser längst bis zum Hals. Und wenn uns jemand hier sieht, war's das. Das ist..." Ich ziehe scharf die Luft ein, ehe ich mich verbessere, "Das war der Kommandant der Stadtwache. Den erkennen sie sofort."
"Großartig... du hast also einen Wachmann getötet?!"
"Er steckt mit dem Wiedergänger unter einer Decke und wollte, dass ich ihn zu Griselda und Halsänn führe! Als ich ihm erzählt hab, was in Welsdorf passiert ist, hat er sofort versucht, mich umzubringen!" Kurz kehrt Stille ein. "... Ich hatte keine andere Wahl. Ich wollte ihn nicht töten, aber... nun, er hat dich gefangen gehalten. Und wer weiß, was er mit Griselda gemacht hätte?"
"Schon gut Marin. Es... es tut mir leid, das ist bloß alles ein wenig viel auf einmal. Und ich konnte dir nicht mal irgendwie helfen. Dabei hat Simmias mich genau deswegen gebeten, mit dir zu gehen!"
"N-nein! Dich trifft keine Schuld, Sira! Wir konnten ja beide nicht wissen, dass die Stadtwache mit drin stecken würde. Was auch immer los ist in Cardighna... wir sind gefährlich nah dran, es rauszufinden."
"Dann lass uns gehen. Wir müssen Griselda finden und reinen Tisch machen. Denkst du, du schaffst es irgendwie, da hoch zu klettern?"
"Ich glaube-" Ich verstumme sogleich wieder.
"Was ist?" fragt Sira.
"Hörst du das nicht? Ich dachte, ich hab grad irgendwas gehört... und, aber da könnte ich mich irren, da ist ein Luftzug, oder?" Ich taste den Brunnen dort ab, wo ich meine, etwas gehört zu haben. "He, da ist eine Fuge zwischen den Steinen!" Sie ist breit genug, um meine Finger hineinzustecken.
Just in dem Moment ertönt ein Klicken und ein Teil der Wand schwingt plötzlich wie eine Tür nach innen, um eine dunkle Passage preiszugeben. Sira fliegt etwas näher heran und überlegt, "Ob's da nach draußen geht?" Ich habe noch einen besseren Einfall, "Das könnte das perfekte Versteck sein. Das würde erklären, wieso Porstellion da oben in dem Stall neben dem Brunnen war."
"Oh, also haben wir schon mal den Gaul wieder."
"Und gleich auch die zwei Gauner, die ihn mitgenommen haben," sage ich und dringe in den langen Gang vor. Ich bin froh, Sira endlich wiederzuhaben – jetzt grade ganz besonders, weil ich nun wenigstens ein bisschen Licht habe, um die Gänge zu erkundigen. Je weiter wir uns vorwagen, umso weniger erinnern die Ziegelwände an die bröckligen, rauen Steine des Brunnens. Stattdessen sind sie verziert mit detailreichen Reliefs. Sie zeigen scharf gezeichnete Bilder von Männern und Frauen, deren Gesichter mit allen Arten von feinen Mustern überzogen sind. Hätte ich bloß die Zeit, sie mir genauer zu besehen und herauszufinden, was es damit auf sich hat.
Schon bald weitet die Passage sich zu einem kalten, niedrigen Gewölbe, dessen Boden aus dunklen, gemusterten Fließen besteht. Ich hab keine Ahnung, wie alt dieses Bauwerk sein mag, aber diese Spuren in der dicken Staubschicht auf dem Boden sind mit Sicherheit noch nicht mal eine Woche hier.
"Das ist ja einfacher als ich zu hoffen gewagt habe," grinse ich.
"Ich bin grad nicht zu allzu großartigen Hoffnungen aufgelegt," meint Sira. Mit einem Schulterzucken folge ich den Spuren in einen weiteren Korridor, der fast genauso aussieht wie der erste und in ein weiteres Gewölbe führt, welches vollkommen leer ist. Auf den ersten Blick, denn plötzlich werde ich von hinten gepackt und ein dicker Lederhandschuh legt sich über meinen Mund, als ich versuche, mich aus dem kräftigen Griff des Mannes zu befreien.
"Oh, verfluchte Scheiße!" zischt er, als er mich erkennt. Oh, hurra. Es ist Halsänn. Juhu. Da erspähe ich noch jemandem in der Dunkelheit, die einen Augenblick später dem hellen Schein einer Lampe weicht. Das ist ja Griselda! Ich hab sie kaum richtig gesehen auf dem Bauernhof, merke ich grade. Jetzt erst sehe ich wirklich ihr schillerndes, braunes Haar, so dunkel wie ihre großen, überraschten Augen. Das Licht der Lampe strahlt sanft von ihrer gebräunten, olivfarbenen Haut wider.
"Marin!" ruft sie ihre Freude heraus, "Du bist tatsächlich hier!" Ich versuche etwas zu erwidern, doch ich bringe nichts als gedämpftes Gemurmel heraus, während ich altes, trockenes Leder zu schmecken kriege. Griselda wirft Halsänn einen zurechtweisenden Blick zu. "Nun lass ihn schon los! Ich hab doch gesagt, er ist harmlos."
"Oh, und ich soll wohl glauben, er ist zufällig über unser Versteck hier unten gestolpert? Das machen keine harmlosen Leute und das weißt du." Ich probiere noch einmal, mich durch seinen Handschuh zu erklären. Griselda schnaubt, "Lass ihn wenigstens sprechen!" Widerwillig gibt Halsänn ihr nach und gibt meine Lippen frei. "Danke," huste ich, "Und um ehrlich zu sein, war das wirklich mehr Glück als alles andere, dass ich euch zwei gefunden habe. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass ich tatsächlich hier rein gestolpert bin." Ich winde mich etwas in Halsänns Armen, um ihn mit dem giftigsten Blick zu bedenken, den ich auf Lager habe. "Danke übrigens, dass ihr euch so wunderbar um Porstellion gekümmert hab. Bin ich froh, dass er noch an einem Stück ist und ihr ihn nicht hier unten zu Eintopf verarbeitet habt."
"Es tut mir schrecklich leid, was wir getan haben. Wirklich," sagt Griselda, bemüht, mir ins Gesicht zu sehen, "Wir... haben versucht, wegzukommen. So schnell wie nur irgendmöglich."
"Ich weiß. Weg von einem Untoten und einem verrückten Kommandanten der Stadtwache, der mich fast umgebracht hätte, weil ich nach euch gesucht habe." Sie beide starren mich schockiert an, doch ich fahre fort, "Ihr seid durch Doarnb gekommen, nachdem ihr die Salzader überquert habt, nicht wahr? Ich bin eurem Verfolger im Wald begegnet und der hat sich einfach mal als ein Wiedergänger entpuppt, der fast meine Schwester getötet hätte!"
"Der Orden der Armen Ritterschaft zu Doarnb hat uns hergeschickt, um herauszufinden, was das alles zu bedeuten hat," fügt Sira hinzu, "Und wir hätten gerne endlich ein paar Antworten! Und vielleicht könnte dieser Edelmann hier zur Abwechslung auch mal beteuern, wie leid es ihm tut, unser Pferd entwendet zu haben!" Ich verstehe nicht ganz, was Halsänn darauf erwidert, aber wenigstens lässt er mich endlich los.
Griselda hat indes die Lampe in der Mitte des Kellers platziert und sich auf einer in Stein gehauene Sitzbank an der Wand niedergelassen. Sie starrt auf ihren Schoß, wo ihre Hände nervös zittern. "Ich... ich weiß nicht ganz, wo ich am besten anfangen sollte..."
"Nun, vielleicht damit, warum die euch verfolgen," schlägt Sira vor, woraufhin Griseldas Miene nur noch verzweifelter wirkt. Ihre Lippen beben, öffnen sich zögernd und schließen sich sofort wieder, nicht sicher, was sie sagen sollen. Sira seufzt, "Du weißt schon, dass du uns Antworten versprochen hast, oder?"
"D... das ist mir bewusst. Aber..." Sie schüttelt den Kopf. "Ach egal. Wenn ihr es wirklich wissen wollt, werde ich euch alles erklären. Aber könntet ihr... euch für einen Augenblick abwenden? Und mich nicht ansehen, ehe ich es euch erlaube?" Moment, wieso will sie, dass wir-
"Dreh dich um, Marin," sagt Sira. Ich schaue sie verwirrt an, dann Griselda, die mehr und mehr errötet. "Na los, tu doch einmal, was ich dir sage!"
"Ist ja gut!" schnaube ich und wende mich mit verschränkten Armen ab. Halsänn tut es mir gleich, während er den Eingang im Auge behält. Während wir so hier stehen und warten, schnappen meine Ohren ein sanftes Rascheln auf wie von... Stoff, der zu Boden fällt? Woah, Augenblick mal! Die... die zieht sich doch nicht plötzlich aus, oder?! Will sie deswegen, dass wir wegschauen? Aber warum würde sie jetzt... was hat das damit zu tun-
"Ihr mögt euch nun wieder mir zuwenden. Verzeiht diese Verzögerung." Ich weiß nicht, was mich gleich erwartet. Es scheint Jahre zu dauern, mich herumzuwenden, bis ich sie wieder sehen kann. Vollständig angekleidet wie zuvor, jedoch plötzlich mit einer gedunkelten Schriftrolle in ihren Händen. Ich schaue das Pergament fragend an.
"Das ist der Grund dafür, dass wir verfolgt werden," erklärt Griselda, "Ich wage nicht, dieses Schriftstück irgendwo anders aufzubewahren als direkt an meinem Leibe. Es darf ihnen nicht in die Hände fallen!"
"Was... was ist denn so besonders an dieser Schriftrolle?" frage ich, nach wie vor etwas peinlich berührt.
"Es ist eine Prophezeiung. Und du tauchst auch in ihr auf, Marin."
Kapitel 6
Meine Brauen müssen soweit gesenkt sein, dass sie drohen, meine Wimpern zu überdecken. "Eine Prophezeiung," wiederhole ich langsam, Griselda mit diesem Blick bedenkend, den ich gewöhnlich nur für Gart gebrauche, wenn er mir eine besonders offensichtliche Lüge erzählt. Aber hier geht es nicht um seine angeblichen Liebschaften.
Der Funken Wut, der sich in mir entzündet, wächst gut an meinem Unglauben. "Du willst mir ernsthaft sagen," beginne ich nach einem scharfen Luftzug, "dass der Grund dafür, dass ich innerhalb einer Woche fast zweimal umgebracht worden wäre; dass ich den ganzen Weg hierher kommen musste... ein altes... zerknittertes... Stückchen Pergament ist?!"
"Die Drecksäcke, mit denen wir's hier zu tun haben, würden jeden umlegen, um das Teil in ihre Hände zu bekommen," sagt Halsänn. Ich werfe auch ihm einen giften Blick zu. "Dich würden sie umso lieber unschädlich machen," zieht Griselda meine Aufmerksamkeit zurück auf sich.
"Wieso?!" will ich wissen, "Wer sind die? Warum wollen sie diese verdammte Schriftrolle so sehr?!"
Etwas verändert sich in Griseldas Augen und mit Leichtigkeit hält sie meinem wütenden Blick statt. Ihre Finger graben sich tiefer in das Pergament, während sie spricht, "Sie brauchen diese Schriftrolle... um den König zu stürzen. Dieser Text wurde vor beinahe anderthalb Jahrhunderten niedergeschrieben von einem Ta'Miher Weisen namens Alharzah, der Zeit seines Lebens an einer kompletten Chronik des Kriegs der Drei gearbeitet hat. Dabei ist er auf diese Prophezeiung gestoßen und hat sie kopiert. Ist dir der Name Trecenta Terra ein Begriff, das alte Reich?"
Wenn das mal kein Zufall ist. "Ja. Tatsächlich hab ich erst heute mit jemandem darüber gesprochen. Wieso fragst du?"
"Diese Prophezeiung wurde nur einige Jahrzehnte vor dem Niedergang Trecentas ausgesprochen – und hat ihn vorhergesagt. Ein eigenartiger Mann aus dem Osten war vor den Kaiser getreten und soll gesagt haben:
Meidet ihn, der von den Drei Schwestern verflucht oder gesegnet ist, denn er vermag mit seiner Macht in einem einzig' Streich alles niederzureißen, was Eure Ahnen in harter Arbeit errichtet, und folgen wird ihm ein Zeitalter des Krieges und der Dunkelheit, an dessen Ende niemand mehr den Namen Eures Reiches aussprechen mag. Wo Eure Länder in Asche liegen und das Blut von so vielen Familien die Erde tränkt, sollen neue Reiche gedeihen, nur um wieder heimgesucht zu werden von jenem Übel, welches Euch fortan den Schlaf rauben wird.
Ein Reich wird da sein, das sich mit dem vergangenen Glanz des Euren messen können wird. Sechzehn rechte und gesalbte Könige sollen es lenken. Der siebzehnte jedoch wird ein hinterlistiger Thronräuber sein, beseelt von derselben unheiligen Macht, die Euch zugrunde gehen lassen wird.
Doch Vas wird die Kinder des Morgens behüten, denn er wird ihnen einen Retter schenken, auszumerzen dies Übel. Und sie sollen ihn erkennen an dem großartigen Licht, das überall dort leuchtet, wo er wandelt."
Als sie endet, bekomme ich meinen Mund vor Staunen nicht mehr zu. Die macht doch Scherze! Nicht, wenn ich ihren Augen glaube, die zu mir flehen, als sie wieder spricht. Selets Stimme ist mit einem Mal erschüttert von Angst. "Und dieser siebzehnte König, von dem sie sprechen... soll kein anderer als mein Vater sein, König Gustere IV. von Haus Ardorakk von Ardsted."
Und ich dachte, es könnte nicht noch verrückter werden. Sie ist die Tochter des Königs?!
"D-du verkohlst mich," stottere ich, "Du k-kannst doch nicht... b-bist du wirklich... eine Prinzessin des Hauses Ardorakk?"
"Eins muss man ihm lassen," bemerkt Halsänn belustigt, "Er schluckt nicht einfach alles, was wir ihm erzählen." Griselda und ich bedenken ihn beide mit einem giftigen Blick. Dann wende ich mich wieder der angeblichen Prinzessin zu, die mir ihre Hand entgegenhält wie zum Kuss. Halt, da ist ja plötzlich ein Ring an ihrem Finger.
Ich trete etwas näher heran, da bemerke ich die Prägung in dem rot-schwarzen Kolph'schen Stahl: der Rosenkelch von Cardighna, eingerahmt von einem Kranz aus Dornen. Ein Siegel. Das Siegel, es ist das königliche Wappen der Ardorakks!
Augenblicklich falle ich auf die Knie vor ihr und senke beschämt mein Haupt. Oh man, wenn Orson mich jetzt sehen könnte, würde der mich die nächsten Wochen im Schwitzkasten behalten. "Ich bitte um Verzeihung, Hoheit! Ich h-hab mich wirklich nicht höflich- i-ich wollte nicht... Ich hoffe ich habe Euch nicht beleidigt!"
"Erspar mir die Gefälligkeiten bitte," seufzt Griselda, "Ich hab dir vorher ja nicht sagen können, wer ich war. Und momentan ist meine Abstammung von geringem Wert. Du brauchst mich also nicht Hoheit zu nennen, Selet genügt."
"Selet?"
"Mein echter Name. Selet Ardorakk von Ardsted, älteste Tochter von König Gustere. Aber wie ich schon sagte... das bedeutet gerade wenig. Schließlich sind es genau die Leute, die sich nur zu gerne vor mir verbeugen, die hinter dieser Jagd auf mich stecken."
Sira bemerkt, "Dann habt Ihr einen Verdacht." Selet nickt, ernst dreinblickend. "Meine Tante Petahra ist höchstwahrscheinlich in das Ganze verwickelt. Sie ist... nun, sie ist eigentlich älter als mein Vater. Nach gängigem Recht hätte sie den Thron besteigen sollen."
"Interessant, dass Ihr das erwähnt. Denn ich verstehe so langsam, worauf Ihr mit dieser ganzen Sache hinauswollt, denn ich bin wohl das großartige Licht, von dem Ihr geredet habt. Und das hieße Marin ist der Prophezeite aus dieser Schriftrolle da. Ihr behauptet, Marin sei der Vierte und jemand versuche, Euren Vater als einen Thronräuber hinzustellen, der zufällig noch einer der verdammten Drei ist. Ich seh da nur einen Haufen Probleme; vielleicht zuallererst, dass dieser fünfzehnjärige Knirps das Zeug zum Helden hat-"
"Hey!" rufe ich.
"-aber noch viel wichtiger, dass Eure Feinde offenbar gar nicht mal so verkehrt liegen. Eure Tante hätte Königin werden sollen, aber Euer Vater hat die Krone auf dem Kopf. Klingt ziemlich thronräuberisch für mich. Oder habt Ihr noch einen anderen nicht näher beschriebenen, falschen König im Ärmel?" Autsch, das hat gesessen. Selet ist fast zusammengezuckt unter diesen Worten. Doch ihr Stolz verbietet ihr, sich unterkriegen zu lassen. Sie starrt Sira eisern an, ehe sie sich plötzlich mir zuwendet.
Sie fragt, "Marin, hast du dich eigentlich gefragt, was dies überhaupt für ein Ort ist?" Überrascht blinzele ich. Will sie jetzt das Thema wechseln? Schlechte Idee, aber spielen wir das Spielchen einfach mal mit: "Kurzzeitig hat mich das beschäftigt, aber ich glaube, wir haben grad ganz andere Sorgen."
"Es hat damit zu tun, worüber wir gerade sprachen," versichert sie. "Womöglich hast du sogar schon bei Keslynths Namen gestutzt. Er klingt so wenig wie andere Orte in Cardighna, findest du nicht?" Ich nicke zögerlich, doch sie fährt längst fort, "Das kommt daher, dass diese Stadt einst den Schattenlosen gehörte, einem alten, ehrwürdigen Orden von Vas-Ikanern, die lange meiner Familie gedient haben." Vas-Ikaner! Aber natürlich! Die Linien auf den Gesichtern der Leute, die ich auf den Wandreliefs gesehen habe – das waren in Wirklichkeit die güldenen Zeichnungen auf den dunklen Gesichtern von Vas-Ikanern.
"Dann haben die Schattenlosen dieses Gewölbe erbaut?"
"In der Tat. Keslynth war einst ihr Hauptquartier. Sein Name stammt aus der geheimen Sprache der Schattenlosen, welche sie niemandem beibrachten, der nicht zum Orden gehörte, um so die Geheimnisse des Königs zu wahren. Diese Keller und Tunnel sind Teil eines riesigen Netzwerkes, welches erlaubt, die gesamte Stadt ungesehen zu durchwandern. Außerdem war es ein geheimer Schlupf im Falle eines Angriffes – ähnlich wie wir uns hierher zurückgezogen haben. Niemand weiß noch, dass diese Ruinen existieren. Daher fiel unsere Wahl auf dieses Versteck."
Ich kann nicht anders als anzumerken, "Vielleicht nicht allzu schlau, wenn du dich mit mir hier treffen wolltest."
"Pah, würden die Götter mich nicht so hassen," speit Halsänn, "hättest du nicht mal in die Stadt gefunden." Tja, Pech gehabt, hier bin ich.
"Aber ist es nicht verwunderlich? Du wirst wahrscheinlich keinen einzigen Vas-Ikaner hier angetroffen haben, nicht einmal in der Stadt... und selbst hier, wo der Einfluss der Schattenlosen am stärksten war, hast du wohl nie von ihnen gehört. Wieso, denkst du, ist das so?"
Ich seufze, "Du willst mir irgendwas sagen, also warum überspringen wir dieses ewige Frage-Antwort-Spiel nicht einfach und du bringst es auf den Punkt?" Sie nimmt meinen Ton mit Würde, wenn da auch ein kleines Zornesfältchen auf ihrer Stirn auftaucht. "Na schön," sagt sie, "Ich werde es dir sagen: Die Schattenlosen sind bis auf den letzten Mann ausgelöscht worden während der Zwielichtskriege. Während der Zweiten Dämmerung, um genau zu sein. Die Abenddämmerung brach über Cardighna hinein und still entschwanden die Schattenlosen in die Nacht. Und all das war das Werk eines einzigen Mannes: des Umgedrehten Königs, der Besitzer eines der drei Zacken von Oreichalkos und definitiv der Schlimmste der verfluchten Drei, mit dem wir jemals gestraft wurden. Zweimal hat er bereits zugeschlagen. Erst hat er Trecenta Terra zu Fall gebracht, dann hat er die Schattenlosen ausgelöscht und diesem Königreich sieben Jahre Finsternis beschert... und seine nächste Wiedergeburt steht kurz bevor, was heißt, dass nun wir an der Reihe sind, unter ihm zu leiden. Außer wir weisen ihn endlich in seine Schranken!"
Skeptisch schauen Sira und ich sie an. "Was macht dich so sicher? Wie willst du wissen, dass irgendwas davon wahr ist," frage ich, "Auf Hesproys gab es seit über hundert Jahren keinen Krieg der Drei mehr."
"Und warum nicht?!" Sie springt auf. "Der Umgedrehte König wurde nicht getötet, sondern versiegelt, als er das letzte Mal aufgetaucht ist! All diese Zeit konnten wir keinen vollständigen Krieg der Drei haben, weil er schlicht und ergreifend nicht mehr in dieser Welt weilte. Aber kein Siegel kann einen der Drei ewig halten, erst recht nicht dieses Monster. Die Prophezeiung spricht eindeutig von seiner Rückkehr..." Sie schaut mir tief in die Augen. "Und mir hat sie geholfen, dich als den Vierten zu erkennen! Das Schicksal hat uns zusammengeführt, um den Umgedrehten König aufzuhalten und einen zweiten Bürgerkrieg zu verhindern! Du bist der Vierte, Marin, Vas' Auserwählter!"
Da grunzt Halsänn belustigt, "Bei allem Respekt, das würde ich mir noch mal überlegen." Selet und ich werfen ihm einen fragenden Blick zu, woraufhin er irritiert seine Brauen hebt. "Was, denkt ihr, ich glaube irgendwas davon? Das ist nichts weiter als 'n hinterhältiger Plan, um Gustere den Thron zu stehlen. Dinge wie der Dreizack, der Krieg der Drei oder der Vierte sind alles-"
"Hüte deine Zunge!" faucht Selet so gebieterisch, wie es nur die künftige Königin könnte. Rasend vor Wut starrt sie Halsänn an, wobei sie mehr und mehr das Pergament in ihren Händen zerknittert. "Ich habe nicht um deinen Ratschlag in dieser Sache gebeten. Doch ich werde dir anraten, deinen Kopf zu gebrauchen. Hast du Marin nicht gehört? Es war ein Untoter, der uns nach Doarnb verfolgt hat! Glaubst du, meine Tante beherrscht Magie, obendrein noch Nekromantie?! Oh nein... sie ist nicht unser einziger Gegner. Es gibt noch jemanden."
"Nun, wenn meine Meinung nicht willkommen ist," knurrt Halsänn, die Zähne fletschend gleich einem wilden Tier, "dann glaubt ruhig alles, was so ein dahergelaufener Bursche Euch erzählt. Vielleicht überlegt Ihr's Euch anders, wenn seine Kumpanen hier reinschneien und wir rausfinden, dass er doch für Eure Tante arbeitet."
Just in diesem Moment lässt langsames, heiseres Gelächter aus den Tiefen des Tunnels das Blut in meinen Adern gefrieren. Ich erkenne die Stimme sofort und trotzdem will ich es nicht wahrhaben. Bitte, Olphe, sag, dass das ein Scherz ist!
Unsere Köpfe schnellen herum zum Eingang des Gewölbes, sobald wir das Lachen durch die Gänge hallen hören. Doch sein Ursprung ist längst hier. Vornübergebeugt und kaum noch vergleichbar mit einem menschlichen Wesen humpelt Cheeta herein. Sein linkes Auge starrt ins Leere, beinahe hinein in seinen eingedellten, blutigen Schädel, während eine Hälfte seines Unterkiefers schlaff herabhängt. Ein bitterböser Fluch gleitet über Halsänns Lippen, geht jedoch unter in Selets angsterfülltem Kreischen.
"N-noch ein Wiedergänger?!" hauche ich.
"Dhuu klainär Pissär," lallt der untote Cheeta, wobei heiße, faulig riechende Wolken aus seinem gähnenden Rachen steigen, "Dachdäsd ich wäa tod?"
Halsänn hat genug gehört. Er zieht sein Schwert und greift Cheeta an, doch der Kommandant ist schneller als erwartet trotz seines eingedrückten Schädels. In einer flüssigen, unmenschlichen Bewegung fängt er Halsänn am Handgelenk ab und reißt es so schnell herum, dass selbst dieser Brocken seine Waffe fallen lässt. Und fast augenblicklich schnappt Cheeta sie sich, rammt Halsänn den Knauf in den Bauch und öffnet mit einem Streich sein Schienbein. Schreckliche Schreie entweihen das so lange verlassene Versteck der Schattenlosen, während Halsänn zu Boden geht.
Ich bin wie zu Stein erstarrt. Ich... ich kann mich nicht rühren! Er hat Halsänn in so kurzer Zeit in die Knie gezwungen! Mich hat er heut auch schon fast einmal getötet, und da hatte ich Glück! Das schaff ich unmöglich noch mal!
Sein eines Auge, das sich noch bewegen kann, liegt wieder auf mir, und sein linker Mundwinkel zuckt nach oben in einer barbarisch grinsenden Fratze. Das Lächeln eines Toten. "Fiertär," krächzt er, "Diesmal... töhe ich dhich. Hasd mich dsua Brinsessin gebraht... jeds brauch ich dhich nichd meah!"
"Dann... hat der Bengel die Wahrheit gesagt!" Halsänns Pranke legt sich plötzlich um Cheetas rechtes Bein. Der Mann, der mich seit unserer ersten Begegnung nicht leiden konnte, starrt mich mit einem mal flehend an. Nicht mal seine harschen Worte können das verbergen, "Was stehst du da rum?! Schnapp dir die Prinzessin und verschwinde! Ich kümmer' mich um den alten Sack!"
"A-aber-"
"Verdammte Scheiße, Junge, erfüll 'nem Sterbenden seinen letzten Wunsch-AAAAAAGH!" Cheeta stößt seine Klinge in Halsänns Seite. Es sieht unbeholfen aus, doch erfüllt seinen Zweck, als Halsänns Hand aufspringt und den Wiedergänger in die Freiheit entlässt.
Doch inzwischen hab auch ich wieder zu meinen Beinen gefunden. Sofort werfe ich mich Cheeta entgegen und ziehe in derselben Bewegung mein Schwert. Schnell reißt Cheeta seine Waffe hoch, um zu blocken, aber kaum haben die Klingen einander klirrend geküsst, reiße ich mein Schwert zurück und decke ihn wild mit Attacken ein. Für einen kurzen Augenblick, der mir viel länger erscheint, als er vermutlich ist, kann ich ihn tatsächlich in der Defensive festhalten. Mit einem entnervten Knurren schlägt er mein Schwert da mit all seiner Kraft zurück – und vernachlässigt seine Deckung vollkommen.
Unmöglich kann ich aber schnell genug mein Schwert schwingen, also benutze ich stattdessen meinen Kopf. Auf die plumpste Art, die mir einfällt. Mit einem Knacken und einem Röcheln stolpert er zurück. Ich indes versuche, nicht auf den pochenden Schmerz in meiner Stirn zu achten. Das hat mir mindestens so weh getan wie ihm.
Immer noch etwas benommen, eile ich ans andere Ende des Gewölbes, wo Halsänn und Selet bereits warten. Halsänn kann wieder stehen, doch sein verletztes Bein zuckt wild und blutet mit jedem Mal stärker, obwohl Selet sogar ein Stück ihres Kleids abgerissen und um die Wunde gewickelt hat. Auch seine Seite sieht nicht gut aus.
Hält ihn aber nicht davon ab, mich anzublaffen, "Was denkst du, was du da tust?! Du solltest abhauen und ihn mir überlassen!"
"Überlass den Untoten einem Sterbenden," spotte ich atemlos, "Klingt logisch. Wir verschwinden von hier... wir vier."
"Ich weiß, wann's zu Ende geht, du Bengel. Wir sind nie schnell genug, so wie ich humple."
"Dann geh vor!" sage ich, "Ich beschäftige ihn!"
"Spiel nicht den Helden! Wie würdest du allein jemals den Ausgang finden?!"
"Wird er nicht," meint Selet da, "Ich bleibe auch und werde ihm den Weg weisen."
"Ihr Kinder seid alle verrück-" Ich hab keine Zeit, ihm weiter zuzuhören, fange stattdessen Cheeta ab, ehe er sie erwischt. Wir kreuzen Schwerter, schauen, wer den anderen zuerst zu Boden drückt. Wenigstens scheint der Sturz ihm etwas Kraft genommen zu haben, sonst stünde längst fest, wer hier gewinnt.
"Kaina... kaina fonn oich ändkommd!" zischt der untote Kommandant. Hasserfüllt starrt er mich an. "Un du wirs däa Fierdä sain, däa Was am kürzesdänn gediend had!"
"Tut mir leid, ich hab nichts davon verstanden. Klingst so, als hätte 'ne Víla dir die Zunge zerstochen." Jetzt ist er wirklich wütend. Er brüllt, kaum noch Mensch, sondern eher ein Tier mittlerweile, und drückt mich zurück. Meine Sandalen fangen langsam an, über die staubigen Kacheln zu rutschen. Mist! Da legt Cheeta plötzlich all seine Kraft in einen letzten Stoß, der mich ins Stolpern bringt. Überwältigt versuche ich, zum Stehen zu kommen, doch der Mistkerl ist längst dabei, mich zu durchbohren!
Da kracht ein grünes Licht in sein Gesicht und ein grauenvoller, gequälter Schrei explodiert aus seinem Mund. Er springt zurück, nach seinem Auge fassend, doch Sira ist längst aus seiner Reichweite geflogen. Sie schnaubt, "Das war das Letzte, was du je von den Víly gesehen hast! Du steckst mich bestimmt nicht mehr in Flaschen!"
"Klasse, Sira!"
"Das wäre das zweite Mal, dass ich dir den Arsch gerettet habe, Marin. Jetzt los! Falls wir ausnahmsweise mal Glück haben, ist der erst mal vollkommen blind. Jetzt können wir ihm entkommen!" Ich nicke, schnappe mir aber noch schnell die Lampe, ehe ich mich zu Selet geselle und mit ihr aus dem Keller herausrenne. Von Halsänn nichts zu sehen. Oder vielleicht doch. Mit finsterem Blick registriere ich die großen Blutflecken auf dem Boden. Verdammt, er darf nicht sterben!
Doch was wir vorfinden, als wir endlich zu ihm aufholen, ist noch viel schlimmer: Nach unzähligen, verwirrenden Abzweigungen gelangen wir nicht an einen Ausgang... sondern in eine Sackgasse. Die Decke ist eingebrochen und Geröll und Schutt haben den Gang versiegelt. Halsänn hockt davor auf einem besonders großen Felsbrocken, den Kopf gesenkt.
"Erklärt mir noch mal," knurrt er bitterlich, "wie das Schicksal uns hier beisteht, Prinzessin... wenn heute ständig solche Scheiße passiert."
"E... eine Sackgasse. N-na und?" versucht Selet, ruhig zu bleiben. "D-du hast doch die Karte! Sicher gibt es einen anderen W-" Wortlos, sie nicht einmal eines Blickes würdigend, hält Halsänn uns einen blutgetränkten Fetzen Pergament entgegen und zeigt mit seiner anderen Hand auf die klaffende Wunde an seinem Bauch.
"Seid herzlich eingeladen, auch nur irgendwas da drauf noch zu entziffern." Seine Hände beginnen zu zittern, ehe er sie zu Fäusten ballt und mit einem Mal in Raserei verfällt, "Scheiß auf die Götter! Diese verdammten Drecksgöttinnen, die uns ja unbedingt diesen vermaledeiten Dreizack geben mussten, um ihn dann zu zerschlagen und drei Wahnsinnigen in die Hände zu drücken, nur damit sie uns bis ans Ende der Zeit das Leben zur Hölle machen können! Und scheiß auf Vas für die Retter, die er uns schickt, um mit ihnen fertig zu werden! Ein verdammter Dreikäsehoch mit keinem einzigen Haar auf der Brust, der einen Untoten in unser Versteck schleppt! Und jetzt mussten uns diese Arschlöcher noch ein allerletztes Mal ficken. Ich hätte hier sterben können und mich hätt's nicht geschert. Ich hätte keinen Gedanken verschwendet an die Kumpel, von denen ich mich nicht mehr beim Kartenspielen hätte abzocken lassen, und all die Frauen, die mich auch so nie ran gelassen hätten – wenn mein Tod wenigstens bedeutet hätte, dass ihr zwei Blagen und euer blödes Glühwürmchen es hier rausgeschafft hätten! Aber nein! Kannste vergessen! Weil ich mir hier ein neues Arschloch hab schneiden lassen... stecken wir hier fest... mit diesem Monster. Ihr braucht gar nichts zu sagen. Ich weiß, dass diese Ausgeburt noch lebt."
"Ja, und sie wird umso schneller bei uns sein, wenn du weiter so rumbrüllst und -fluchst!" weist Sira ihn zurecht. "Wir können's immer noch schaffen, oder? Wir können doch auch ohne Karte einen Weg hier raus finden. Wir müssen nur auf die andere Seite dieses Gangs und alles ist wieder in Ordnung, nicht wahr?"
Ich schließ mich ihr an, "Sira hat Recht! Wir haben noch eine Chance."
"Viel Glück," wünscht Halsänn, "Ihr wärt die Ersten, die ein Labyrinth der Schattenlosen überleben, ohne zur Bande zu gehören. Wär's so leicht, einfach nur einen anderen Weg zu finden... So dämlich waren die Schattenlosen nicht. Einfaltspinsel werden nicht zur königlichen Leibwache, zu Spionen und Häschern ernannt. Diese Tunnel sind bis oben hin mit Fallen gefüllt. Ein falscher Schritt und es ist noch schneller vorbei mit uns."
"Wir können doch nicht einfach hier sitzen und warten, bis wir krepieren!" beharre ich. Es muss doch irgendwas geben, was wir noch tun können! Ich bin nicht hergekommen, um zu sterben. Ich hab Sara und Mama doch versprochen, zurückzukommen. Ich weiger mich, aufzugeben! Nicht, wenn diese zwei auf mich warten. "Wenn's sein muss... können wir ja unser Glück versuchen und zum Brunnenschacht zurückgehen und da rausklettern."
Doch Sira wirft ein, "Dann treffen wir mit Sicherheit auf Cheeta. Versteh mich nicht falsch, der ist blind wie ein Maulwurf grade, aber wenn wir ihm in diesen engen Gängen begegnen... war's das für uns."
Mir reicht diese verdammte Hoffnungslosigkeit langsam. "Oh großartig, dann schätze ich, heißt es warten, bis er uns so oder so umbringt! Toller Plan, Leute!" Sie schweigen mich allesamt an. Selet hat eigentlich schon eine ganze Weile nichts mehr gesagt. Sie sieht ganz gedankenverloren aus, hat sogar die Augen geschlossen. Vorsichtig frage ich, "Alles in Ordnung, Selet?"
Plötzlich schlägt sie die Augen wieder auf. Täusch ich mich oder war da kurz ein silberner Schimmer in ihnen? Selet schaut sich um, mustert uns, als sei es das erste Mal, dass wir uns sehen. Irgendwie ist ihre Haltung auch ganz anders als vorher. Sie steht auf.
"Ich erinnere mich..." flüstert sie so leise, dass selbst ich es kaum verstehen kann, "Erst links, dann an der Wand entlang..."
"Was sagst du da?" will Sira wissen. Selet schenkt ihr keine Beachtung, sondern schaut zu Halsänn. "Erhebe dich. Jetzt ist nicht die Zeit, sich niederzulassen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Wir gehen."
"Ach? Und wohin?" Seine Stimme ist herausfordernd, doch sie lässt sich gar nicht erst auf sein Niveau herab, "Zu einem Ausgang natürlich." Sie sieht uns einen nach dem anderen an und erklärt, "Ich habe die ganze Zeit überlegt... ich habe mir die Karte gut angesehen, bevor wir hierher kamen, und jetzt sehe ich sie vor meinen Augen, als hielte ich sie in den Händen. Es hat etwas gedauert, mich an alle Einzelheiten zu erinnern, aber ich bin völlig sicher zu wissen, wie wir hier herauskommen."
"Na also!" frohlocke ich, "Ich wusste doch, wir finden einen Weg."
"Na schön," ächzt Halsänn, während er sich auf die Beine kämpft. Er bricht alleine davon fast schon in Schweiß aus. "Wenn Eure Hoheit, sich da so sicher ist... macht, was ihr Adeligen am besten könnt: führt an."
"Nichts anderes habe ich vor," entgegnet sie trocken.
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Geschickt weist sie den Weg durch den unterirdischen Irrgarten mit knappen Anweisungen wie "Kopf unten halten" oder "Hier nie an die linke Wand treten.". Sie kennt sich wirklich aus. Mir ist nur nicht ganz wohl dabei, nicht zu wissen, was für Fallen die Schattenlosen hier eigentlich aufgestellt haben. Doch Selet will davon nichts hören, "Du brauchst es nicht zu wissen, um vorsichtig zu sein. Vertrau mir, es ist besser so."
"Ich wette 'ne Silbermünze, Ihr habt auch keinen Schimmer," spottet Halsänn, den ich den ganzen Weg über stütze, doch Selet reagiert erst gar nicht darauf. Sie bleibt vollkommen still, bis wir in einem kreisrunden Raum angelangen, von dem insgesamt vier Gänge abzweigen. Die Wände werden geschmückt von breiten, gemeißelten Pilastern, die eine niedrige Kuppel aus grünem Stein stützen. Je mehr das Licht unserer Lampe in den Raum vorrückt, umso mehr erkenne ich ein großes Mosaik am Boden: ein riesiger, zusammengerollter Tausendfüßler mit einem Kopf, der eher aussieht wie ein menschlicher Schädel. Die Beißerchen vorne sehen aus wie Hörner und während die Augenhöhlen leer sind, starrt mich auf der Stirn des Schädels ein drittes, offenes Auge an. Eine kalte Schauer läuft mir über den Rücken.
"Das ist wohl das Wappen, das du meintest," rate ich.
"Ja," sagt Selet, "Es ist das heilige Tier des Ordens. Seine Zangen besitzen ein starkes Gift, welches die Schattenlosen auf ihren Dolchen aufzubringen pflegten, und seine fließenden, unauffälligen Bewegungen haben viele ihrer Techniken inspiriert, die es ihnen erlaubt haben, ungesehen zu sein."
Ich werfe Sira einen neckischen Blick zu. "Klingt nach der Art Leute, die selbst eine echte Víla schön fänden, was?"
"Ich bevorzuge es inzwischen, wenn Leute vor mir Reißaus nehmen. Und trotzdem gibt's da einen Bekloppten, der mich seiner Sammlung einverleiben wollte. Einen Bekloppten, der hoffentlich den Rest seines unnatürlichen Daseins hier unten verbringen wird. Ach übrigens, wie weit noch bis zum Ausgang?"
"Wir sind schon dort," erklärt Selet mit einem Fingerzeig auf die andere Seite des Raumes, wo ein großes, aus Stein gemeißeltes Portal den Weg versperrt. Ist das ihr Ernst?
"Das kriegen wir doch unmöglich auf!"
"Seid unbesorgt, es gibt einen Schalter dafür." Sie läuft zu dem Tor und entfernt einen Ziegel aus der Wand, hinter dem sich ein Hebel verbirgt. Man, die hat aber ein Gedächtnis. Sie wusste sogar genau welchen Stein sie rausziehen musste. Für mich hätten die alle gleich ausgesehen.
Als sie den Hebel zieht, beißt sich das Quietschen rostiger Zahnräder in meine Ohren – und dann kracht es. Die Tür bleibt verschlossen. Die Stirn gerunzelt, versucht Selet es noch mal, doch diesmal wollen sich nicht einmal die Zahnräder rühren.
"Das darf nicht dein Ernst sein," stöhnen Sira und ich unisono.
"Verflucht! Ähm... kein Problem, das Schloss sollte zumindest geöffnet sein. W-wir müssen die Tür nur von Hand öffnen-"
Ich erstarre an Ort und Stelle, als lautes Fluchen und Husten hinter uns sie unterbricht. "Lichd... da iss Lichd... hab ich äuch!" Bei Daeras peitschenden Winden, nicht schon wieder! Kann dieser alte Knacker nicht einfach sterben und vielleicht sogar tot bleiben?!
"Nun, dann macht mal schnell, wir kriegen Gesellschaft!" sage ich zu den anderen und höre auf Halsänn zu stützen. Er ächzt angestrengt, beschwert sich aber nicht. Langsam humpelt er zum Portal.
Mein Herz rast, als ich mein Schwert ziehe. Jetzt ganz ruhig, du hast ihn schon mal zurückgeschlagen. Das kriegst du bestimmt noch mal hin. Diesmal kann er ja kaum was sehen. Allmählich erkenne ich ihn im Gang. Er wird schneller, als ich mich vor die Lampe stelle und mein Schatten ihm entgegensticht so wie ich es tue, sobald er nah genug herangekommen ist. Er duckt sich jedoch unter der Klinge hindurch, prallt mit voller Geschwindigkeit in mich. Ich werde zu Boden geworfen, aber bevor ich mich versehe, bin ich schon wieder aufgestanden und werfe mich auf ihn.
"Nicht, Marin!" schreit Selet, während Cheeta und ich zusammen weiterstolpern – direkt in einen der anderen Korridore. Und kaum habe ich einen Fuß hineingesetzt, macht es Klick und ich weiß, dass ich grad direkt in eine dieser berüchtigten Fallen getappt bin.
Meine Ängste bewahrheiten sich, als auf einmal ein metallener Speer aus der Dunkelheit über uns herabzuckt. Er verfehlt uns um Haaresbreite, doch drei weitere werden bereits nach unten gestoßen. Ich versuche auszuweichen, als ich merke, dass zwei weitere Spitzen sich jeden Moment in meine Schultern bohren. Mit einem Sprung rette ich mich, aber auch nur, weil dieser Mechanismus auch schon eigentlich das Zeitliche gesegnet hat und einer der Speere stecken bleibt, ehe er mich erwischen kann.
"Wass hassd dhu jädsd gemachd...?!" faucht Cheeta. Sein linker Arm ist am Ellbogen durchbohrt, doch eine Hand reicht ihm, um mit seinem Schwert nach mir zu hauen. Er drängt mich zurück in den metallenen Regen. Ein Speer streift meinen Arm, ein weiterer trifft fast meinen linken großen Zeh, als mich jemand von hinten packt und zurückzerrt. Es ist Selet. Sie ruft "Komm!" und zerrt mich mit, während Cheetas Schwert gerade noch meine Nasenspitze verfehlt.
Mit mehr Glück als Verstand schlängeln wir uns durch den Prasselregen von Speeren. Selets Arme sind übersät mit Schrammen und ihre Schulter blutet leicht, sodass sich der helle Stoff ihres Kleides dunkelrot färbt.
Plötzlich hält sie inne, als sie den Speer bemerkt, der direkt über ihr hinabsaust. "Bleib doch nicht stehen, du Dummkopf!" schreie ich und schubse sie vorwärts, hinaus aus der Falle. Danach mache ich einen schnellen Schritt zurück, um selbst dem Speer zu entgegen. Hinter mir hallen Cheetas schnelle Schritte. Also dann, Augen zu und durch!
Mit so viel Anlauf, wie ich auf diesem bisschen Platz nur kriegen kann, hüpfe ich weg von ihm, über die Schwelle dieser Todesfalle. Metall reißt durch mein rechtes Bein, aber zum Glück nur oberflächlich. Meine Landung verläuft nicht viel besser, sodass ich auf dem Boden aufkomme wie ein gehäuteter Bär. Aber ich hab's geschafft! Ich bin entkommen!
Selet, Halsänn und Sira sind bereits durch das Portal, gerade mal weit genug geöffnet, dass auch Halsänn sich hindurch zwängen konnte, und winken mir, zu folgen. Das lass ich mir nicht zweimal sagen. Cheeta hat bestimmt noch nicht aufgegeben!
Die anderen sind schon dabei, das Tor wieder zu schließen, als ich mich durch den Spalt zwänge und mich schnell mit ihnen gegen die steinernen Türflügel stemme. Die Pforte scharrt dumpf über die Bodenfliesen, während sich das Versteck der Schattenlosen langsam in einen winzigen Schlitz in der Wand verwandelt. Ich sehe Cheetas Gesicht, eine hasserfüllte Fratze, näher kommen, er streckt seine Hand aus, zwängt seine Finger in den Spalt. Dann schließt sich das Portal und wir wenden uns schnell ab, als des Kommandanten Fingerspitzen zerquetscht werden.
Als wir wenig später im Mondschein der Nacht aus einer zugewachsenen Kluft in den Bergen nahe Keslynth das Labyrinth endlich hinter uns lassen, werden wir erst langsamer und gönnen uns, die süße, frische Nachtluft tief einzuatmen und zu verschnaufen. Dann brechen wir Vier in schallendes Gelächter aus, sogar Halsänn.
"Ich kann nicht fassen, dass wir das überlebt haben!" jubelt Sira.
"Das war," keuche ich, "Das war verrückt! Wenn du nicht gewesen wärst, Selet..."
"K... keine Ursache. Du hast uns... zweimal vor diesem... Wiedergänger gerettet. Das war das Mindeste, was ich tun konnte."
"Gar nicht mal so schlecht, Bursche," gibt Halsänn grinsend zu. Er sieht sehr müde aus. "Du hast uns wirklich geholfen." Dann seufzt er, "Vielleicht habt Ihr Recht, Prinzessin. Vielleicht ist er wirklich der Prophezeite." Das bringt Selet zum Kichern.
Ich wiege etwas hadernd meinen Kopf hin und her. "Ich weiß ja nicht. Ich bin immer noch nicht überzeugt. Aber... ich kann euch ja schlecht im Stich lassen! Und außerdem hab ich immer noch meinen Auftrag, rauszufinden, was genau hier eigentlich gespielt wird. Also ja, ich komm mit euch!"
"Hervorragend!" freut sich Selet – und hakt sich bei mir ein?! "Nun werde ich also erfahren, wie es so ist, mit einem echten Helden zu reisen."
"Oh je," ächzt Sira, "Wenn dem das mal nicht bald zu Kopf steigt. Wo wird dieser Held denn als nächstes gebraucht?"
"In der Hauptstadt. Wir werden nach Ardsted reisen!"
Ein Blick gen Khaz'Ksar'Madr und Kapitel 7
Ein Blick nach Khaz'Ksar'Madr
"Zum hundertsten Mal: du wirst die Stadt nicht verlassen. Erst recht nicht, um nach Cardighna aufzubrechen."
Oltieve wirkte müde, würdigte ihre Tochter keines Blickes, während sie stattdessen die filigranen Prägungen ihres goldenen Weinbechers studierte. Nachdem sie festgestellt hatte, dass er erneut leer war, hielt sie ihn Nassalph hin, welcher der Unterredung der Frauen von Beginn an mit leidender Miene beigewohnt hatte. Er verzog die Lippen, zögernd, seiner Gattin nachzuschenken, bis sie schließlich entschied, die Karaffe selbst in die Hand zu nehmen. Doch Nassalph schritt ein.
"Bist du wirklich so durstig?" fragte er geradezu flehend.
"Hier geht's schon lange nicht mehr um Durst," konterte die Xh, ehe sie endlich zu ihrer Tochter sah. Kora hatte die Hände in die Hüften gestemmt und trug ihre Nase trotzig hoch, als sie einwand, "Und du hast mir noch immer nicht gesagt, woher dieser plötzliche Sinneswandel kommt! Zuerst wolltest du unbedingt, dass ich mich beweise, und jetzt willst du mich plötzlich in den Palast einsperren!"
"Nach dem, was du gesagt hast, könnte der Palast der letzte sichere Ort für dich sein, Kora."
"Was, du glaubst die Madr würden es wagen, ihre Hand gegen mich zu erheben?"
Oltieve verdrehte die Augen, legte dann ihren Kopf auf die Schultern und starrte trunken zu den rot bemalten Säulen ihres Audienzsaals. Sie nuschelte, "Hab nie was von den Madr gesagt. Ich meinte meine verrückte Tochter, die sich ihr eigenes Grab schaufeln wird. Und dieses Gör hab ich zu meiner Nachfolgerin ernannt..."
Womöglich hatte sie beabsichtigt, so zu sprechen, dass nur Nassalph sie hören mochte, doch in ihrem Zustand sparte sie längst nicht mehr an Lautstärke. Koras Federn richteten sich auf vor Wut und ihre Krallen schrien danach, etwas – oder sogar jemanden – in der Luft zu zerreißen.
Ehe sie aber irgendetwas tun konnte, was sie später bereuen würde, sprach Nassalph, "Du hättest mit uns über deine Pläne reden sollen. Vielleicht nicht mit mir, weil ich wohl gelacht und gedacht hätte, du machst nur Spaß, aber wenigstens mit deiner Mutter. Niemand tritt vor seine zukünftigen Untertanen und erhebt Anspruch auf den Dreizack."
"Warum nicht?" verlangte Kora zu erfahren.
Nassalph musste sich beherrschen, um ruhig zu klingen und seine Worte höflich zu wählen, "Weil wir Harpyien uns nicht um die Märchen der Menschen und der Kolphs kümmern. Lass sie ihre Götzen anbeten, diese Drei Schwestern und den Verärgerten Bruder, aber schlepp diesen Mist nicht in unsere Stadt! Der Dreizack ist ein Mythos, genauso wie dieses Gerede von den Verfluchten Drei und dem Schwert, das sie fällen kann."
Koras Mutter warf ein, "Eine Xh gibt nichts auf die Träumereien niederer Männer. Und nichts weiter ist die Suche nach dem Dreizack – ein dummer Traum." Zum ersten Mal diesen Abend war ihr Blick nicht getrübt von dem Alkohol in ihrem Blut. "Und nach all dem Unglück, das der Dreizack Hesproys gebracht hat, werde ich ihm weder meine Tochter noch mein Volk überlassen."
Kora hielt ihrem durchdringenden Blick stand. "Mich kann niemand halten!" verkündete sie. Oltieve verengte ihre Augen zu drohenden Schlitzen. "Denk dran, Kora," zischte sie, "Du bist längst noch nicht Xh. Sondern ich. Und wenn du ein weiteres Wort über diesen Unsinn verlierst... ernenne ich eine deine Schwestern zu meiner Nachfolgerin!"
Nassalph schnappte erschrocken nach Luft. "Oltieve!"
"Ruhe! Du hast dieses Gör viel zu lang verzogen. Sie denkt, eine Harpyie muss sich ihre Federn verdienen? Bitteschön! Verdien dir deinen Titel, Kora – indem du lernst, Befehle zu befolgen, ehe du selbst welche gibst."
Koras Knöchel zeichneten sich weiß unter ihrer dunklen Haut ab, so fest hatte sie ihre Hände zu Fäusten geballt. Die Krallen an ihren Fingerspitzen drückten sich so tief in ihre Handfläche, dass sie jeden Moment bluten konnte, aber das spürte sie kaum. Die Wunden, die ihrem Stolz beigebracht worden waren, waren viel schlimmer für sie. Und im Gegensatz zu Feiglingen wie Nassalph, der sich geschunden klein machte, bekam sie Lust auf Rache.
"Wie Ihr wünscht, Mutter," sagte Kora mit ätzender Stimme und wandte sich um zum Gehen. Kaum schloss sich hinter ihr die Tür, atmete sie tief durch und war froh, dass ihr Cas'hil ihr nicht gefolgt war. Auf ihn war auch kein Verlass.
"Nun denn. Zeit, meine geliebten Schwestern zu besuchen."
* * *
Sie fielen über Kora her, ehe sie überhaupt durch die Tür war. "Na, haben sie die Hochzeit bereits abgesagt?" fragte Meriasmis, wie sooft bemüht, geistreich zu wirken.
"Eine Hochzeit absagen, der niemand zugesagt hat?" holte ihre ältere Schwester Forsa sie jedoch schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Ungeachtet dessen konnten beide sich kein hämisches Grinsen verkneifen. Sie wussten einfach, dass etwas während Koras Audienz schief gegangen war. Nun, sie kennen unsere Herrin Mutter schließlich fast so lang wie ich, rief Kora sich ins Gedächtnis.
"Allem Anschein nach," sagte sie, kurz innehaltend, nur um ihre Schwestern ein wenig zu triezen, "glaubt unsere liebe Mutter, dass eine Xh sich keine großen Ziele setzen sollte."
"Es gibt einen Unterschied zwischen großen Zielen und Größenwahn," meinte Forsa, "Ich kann mir gut vorstellen, was du dir vom Dreizack wünschen würdest, solltest du ihn tatsächlich erbeuten."
"Nichts für ungut, Forsa, aber du bist so reich an Vorstellungskraft wie Meskardh an blühenden Gärten." Die orangegefiederte Harpyie bedachte Kora mit einem kühlen Lächeln – falls es dieser Bezeichnung überhaupt würdig war, so wenig Mühe, wie sie sich gab, ihre Mundwinkel auch nur ein bisschen anzuheben. Die Schwestern starrten einander an.
Schließlich seufzte Forsa, "Kora, du bist nicht hier für unseren üblichen Schabernack. Du willst unsere Hilfe, nicht wahr? Oltieve will dich an der kurzen Leine halten. So kurz am besten, dass du im selben Raum essen und deine Notdurft verrichten müsstest. Ein schreckliches Schicksal für eine werdende Xh'máh, aber das heißt noch lange nicht, dass wir dir helfen werden."
"Ach kommt schon! Warum denn nicht? Wir sind doch Schwestern. Wir müssen zusammenhalten."
Meriasmis wandte ein, "Mama hat uns schon gesagt, dass sie drüber nachdenkt, eine von uns zur Xh'máh zu machen anstatt dir. Warum sollten wir dir dann helfen, es zu bleiben? Du bist einfach nicht dafür gemacht, die Harpyien anzuführen."
"Aber du, hm?" Meriasmis wich Koras unbeeindrucktem Seitenblick aus, doch die Frage traf sie nichtsdestotrotz. Kora war jedoch noch nicht fertig, "Selbst wenn du es wärest... du würdest es nicht besonders genießen können. Oltieve wird dich bevormunden, solange sie lebt – und versteht mich nicht falsch, ich will sie sicher nicht in naher Zukunft ins Gras beißen sehen. Von mir aus soll sie hundertfünfzig Jahre alt werden."
"Wenn ich Xh'máh wäre," wisperte Meriasmis traurig, während sich hinter ihren Augen Szenen abspielten, die nur sie im Muster der Bodenfliesen sehen konnte, "Dann schickt Madr'Illuhem Kleopartha vermutlich nicht Mhasgez, um mein Gemahl zu sein... obwohl ich ihn mag. Er ist lustig und so selbstsicher. Bloß nicht ganz so gutaussehend oder schnell zu Fuß."
Kora ging zu ihr hinüber und schloss sie in ihre Arme. "Warum dann riskieren, ihn nicht zu heiraten, wenn du im Gegenzug bloß unter Mama dienen darfst?" Da kam ihr eine Idee. "Komm mit mir. Nimm auch Mhasgez mit, wenn er möchte! Dann können wir zusammen den Dreizack suchen und du kannst endlich Nägel mit Köpfen machen, was Mhasgez angeht!"
"Und währenddessen wird Mutter euch zwei enterben," erinnerte Forsa sie. Das kleine bisschen Schadenfreude in ihrer Stimme entging Kora allerdings nicht. Sie lächelte müde und erklärte, "Darum brauchen wir dich ja, um Mama zu beruhigen, während wir weg sind. Wenn wir erst mal mit einem Haufen Schätze zurückkommen, wird sie längst vergessen haben, dass wir unerlaubt losgezogen sind. Oder sie verstößt Meriasmis und mich, aber he, dann wird eben die Schlauste von uns Khaz'Ksar'Madr regieren." Und wie Kora sich das ausmalte, war das sicher nicht Forsa. Nicht zu vergessen gehört dann mir der Dreizack und mein ganzer Name wird über ganz Hesproys bekannt sein.
Kora musste vorsichtig sein, nicht zu zufrieden zu wirken – erst recht, als sie an dem gierigen, verräterischen Funkeln in Foras Augen erkannte, dass ihre Schwester den Köder geschluckt hatte. Blieb nur zu hoffen, dass Meriasmis entweder zu dumm sein würde, das auch zu sehen, oder nur einmal ihren Mund halten würde.
"Na gut, Kora. Ich bin einverstanden," sprach Forsa schließlich und streckte ihre Hand aus, "Lasst uns das Ganze mit einem Schwur unter Schwestern besiegeln."
"Mit Vergnügen," sagte Kora, während sie und Meriasmis ihre Hände auf Forsas legten. Einstimmig schworen sie, "Auf die nächste Xh von Khaz'Ksar'Madr!"
Sie besprachen noch einige Einzelheiten, dann ging Forsa. Meriasmis konnte ihre Neugier nicht länger in Zaum halten, "Kora, bist du dir wirklich sicher, dass es eine gute Idee ist, wenn Forsa bei Mama bleibt? Ich meine... glaubst du nicht, dass sie uns in den Rücken fallen und Mama einfach sagen wird, was wir vorhaben?"
Kora lachte. "Genau darum hab ich sie für diese Aufgabe ausgesucht." Fragen über Fragen tauchten in Meriasmis' rundlichem Gesicht auf, bis Kora ihr erklärte, "Weißt du, Forsa denkt immer, sie ist ach-so-schlau und alles... aber sie handelt einfach so vorhersehbar. Wie Oltieve nach all dem Wein, den sie heute genossen hat. Wenn Forsa wirklich denkt, sie kann uns beide ausstechen, indem sie Mama Bescheid gibt, sobald wir abhauen – und sie wird es genau dann tun, denn wie will sie es sonst beweisen? Jedenfalls wird Mama bestimmt alles andere als stolz auf Forsa sein. Sie wird sich aufplustern und sowas brüllen wie 'Du hinterhältiges Biest! Warum hast du sie nicht selbst aufgehalten?! Eine falsche Schlange wie du auf dem Thron unserer Vorfahren wird unseren Untergang bedeuten!' Und dann wird sie vermutlich sie und nicht uns enterben, denn ich bezweifle, dass sie einen unserer Brüder zur Xh'máh ernennen wird."
Sowohl Meriasmis' offener Mund als auch ihre Augen waren tellergroß vor Staunen ob Koras Voraussicht. Doch sie hatte immer noch so ihre Zweifel, "Wir sind aber nach wie vor bloß zu dritt. F-falls Mhasgez überhaupt mitkommen möchte. Wir können doch nicht mit nur drei Leuten einen Raubzug starten!"
"Keine Bange, da hab ich mir auch was einfallen lassen. Die Madr auf meiner Wahl mögen mich momentan vielleicht nicht mehr unterstützen... aber es gibt noch einen weiteren Stamm, denn wir um einen seiner Söhne und all seine Töchter bitten können." Meriasmis wurde kreidebleich.
"Du... du willst zu den Gegenschwingen gehen?!" stotterte sie. Kora gab ihr einen aufmunternden Klaps auf die Schultern. "Bleib locker, Meriasmis," sagte sie, "Was sollen die von mir denken, wenn meine Eskorte die ganze Zeit Federn lässt in ihrem Anwesen? Wir gehen jetzt sofort!"
* * *
Keine Xh oder Xh'máh seit der Dreisten Dohrai hatte das Haus der Gegenschwingen mehr von innen gesehen. Seit achtzehn Räuberprinzessinnen vor ihr war Kora die erste, die Khaz'Ksar'Madrs berüchtigster Familie wieder einen Besuch abstattete. In Begleitung der letzten Reste ihrer Befürworter wartete sie vor dem großen, schwarzen Palast, dass man ihr Einlass gewähre. Die Gegenschwingen hatten eine Tradition daraus gemacht, in der Opposition zu sitzen und daraus ihren Namen abgeleitet. Und obgleich sie nun schon so lange keine Madr'Illuhem mehr gestellt hatten, waren sie eine der wohlhabendsten Familien in der Stadt.
Eine lange, ehrfurchtgebietende Treppe führte hinauf zu einem erhöhten Platz vor der riesigen Eingangspforte, die leuchtete wie massives Gold. Zu beiden Seiten der Pforte war je eine Statue errichtet worden, die einander glichen wie ein Ei dem anderen und an Hässlichkeit wohl kaum zu übertreffen waren – und das nicht nur optisch, denn soweit Kora wusste, verband keiner mit der Harpyie, der die Abbildungen gewidmet waren, schöne Erinnerungen. So schlimm sollte sie gewesen sein, dass heute keiner, der noch von ihren Schandtaten wusste, sie erwähnen mochte. Ihr Name war aus allen Chroniken entfernt.
Aber alle Bestreben von Oltieve und den Madr'Illuhem, diesen Schandfleck der stolzen Diebesgeschichte zu entfernen, waren bei den Gegenschwingen auf taube Ohren gestoßen. Sie hatten immer nur mit den Schultern gezuckt und geradezu höhnisch verlauten lassen, dass sie nicht zulassen würden, dass so etwas noch einmal passieren würde – indem sie die Erinnerung am Leben erhielten. Als seien sie stolz darauf.
Dabei gab es nichts an diesen Statuen, was Kora mehr preisgab, als dass die Gegenschwingen das wohl hässlichste Oberhaupt von allen Stämmen in Khaz'Ksar'Madr gehabt hatten. Sie war ein Berg von Muskeln gewesen mit breiten Schultern und schmalen Hüften, doch ihr Gesicht strahlte noch weniger Weiblichkeit aus. Ihr Kinn war breit und kräftig, ihre Wangen hervorstehend, das Haar kurz und zurückgekämmt. Ihre Nase hätte jedem echten Raubvogel gut gestanden – ihr aber nicht.
Man ließ Kora eine ganze Viertelstunde warten, bis die Wächter endlich das Zeichen bekamen, ihr die Pforte zu öffnen. Sie sagte nichts zu dieser Frechheit, als sie sich zusammen mit Meriasmis im Aufenthaltsraum, wo wohlduftende Kräuter in Messingtöpfen kokelten, auf einem samtenen, roten Kissen niederließ, das größer war als sie selbst. Viele Säulen ragten auf und dazwischen waren goldene Stangen montiert, die als weitere Sitzgelegenheit für so manche Harpyie dienten.
Jetzt wagte niemand, dort oben - über der Xh'mah - zu sitzen und gar auf sie herabzuschauen. Die Decke war über ihr und ihren Gastgebern offen, doch das Licht erreichte den Boden der riesigen Halle kaum und die Harpyien und Harpyre ihr gegenüber waren in düstere Schatten gekleidet. Gut zwölf Stück waren es, nur ein Bruchteil der Familie. In der Mitte hockte das derzeitige Oberhaupt, Madr'Olharum Jetizua, zu ihrer Linken und Rechten je einer ihrer Männer.
Der Linke war Shei. Ihn erkannte Kora sofort. Er war alt, aber in bester Form, hatte ein schmales, fein geschnittenes Gesicht mit einem dünnen Bart aus dunklen Stoppeln und straffe Haut, unter der seine Muskeln spielten. Sein Haar war eine einzige, lange Mähne, in die Drachenbein- und Goldschmuck eingearbeitet war. Er war berüchtigt ob seines Geistes und böse Zungen munkelten, dass er in Wirklichkeit die Gegenschwingen anführte.
"Seid uns herzlich willkommen, Xh'máh Kora von den Rothelstern", begrüßte er die Delegation, "Welch eine Ehre, dass Ihr zu uns kommt."
"Es ist lang her, dass eine Rothelster bei uns zu Gast war", bemerkte die schöne Jetizua schmunzelnd. Kora konnte in ihrem ebenholzschwarzen Gesicht nicht ausmachen, ob es ein glückliches oder höhnisches Lächeln war.
"Es ist wohl nicht anders zu erwarten von einer so bekannten Xh'máh", meinte Shei, "Über Euch hört man schließlich so einiges Kurioses."
"Ach? Was denn zum Beispiel?", erwiderte Kora mit guter Miene zum bösen Spiel.
"Dass Ihr Euch für Schätze interessiert, die vor langer Zeit Dämonen anheimgefallen sind. Man sagt, Ihr habet vor, Cardighna zu überfallen und der sagenumwobenen Klinge von Vas zu erleichtern, um dann auf die Suche nach dem Dreizack von Oreichalkos zu gehen."
"Da hört Ihr dann nichts Falsches."
"Und was ist mit der anderen Kunde?" warf Jetizua ein. Sie studierte Kora mit ihren saphirblauen Augen. "Trotz all Eurer Mühen und Verdienste wollen wohl nur wenige noch mit euch auf die Jagd gehen? Stimmt das?"
"Den Madr'Illuhem sind die Kohlen zu heiß, auf welchen die Diamanten gebettet sind," vermutete Jetizuas anderer Gespiele, ein vergleichsweise junger Harpyr mit einem braunen, rot-gesprenkelten Gefieder. Kora sah er fast schon zu weibisch aus, vor Allem wegen all der glitzernden Kettchen, die er um seinen Hals und seine Handgelenke trug. Seine Fingerkrallen waren dunkelrot gefärbt. "Hab ich nicht Recht, Xh'máh?" Kora war zum Grinsen angehalten. Wenn alle Gegenschwingen so verblendet sind, wird das ein Kinderspiel.
"Sie sind zufrieden damit, Karawanen aus dem Norden zu überfallen und einfache Bauern nahe Seestfor zu erleichtern", log sie daher, "Ich glaube, sie sind so faul inzwischen, dass ihnen selbst der Weg auf die Felsen von Kholl zu anstrengend geworden ist."
"Nun, Eure Mutter ist ziemlich nachlässig mit den Madr'Illuhem gewesen. Vielleicht haben sie sich daran gewöhnt, unbehelligt in eigener Sache zu handeln." Jetizua warf dem Kerl einen erzürnten Blick zu. Er spricht also wirklich nur mit der Zunge, aber ohne das Hirn. Kora nutzte das aus, "Und wie lebt es sich währenddessen so führerlos als Gegenschwinge?"
Shei antwortete ihr jetzt wieder, "Nicht anders als all die Jahre zuvor. Was wir erbeuten, das treten wir zu zwei Fünfteln an Euer Haus ab, was uns bleibt, häuft sich in Kammern an, die jedes Jahr aufs neue erweitert werden müssen. Manchmal so weit, dass wir nach dem Bau gar nichts mehr haben, was wir dort unterbringen müssten."
"Wollt Ihr einer Xh'máh weismachen, ihr seiet arm?"
"Man kann es ja mal versuchen," säuselte er.
"Warum fragt Ihr?" Jetizua war spitzfindig.
"Ihr selbst nennt, was die Harpyien von den Dächern pfeifen, kurios. Ich dachte, vielleicht hat das Haus der Gegenschwingen jetzt, wo es ihm an allem mangelt, nur nicht Reichtum, ja vielleicht gehobenes Interesse an etwas weniger schnödem als Gold und Korn."
Verblüfft wollte Jetizuas zweiter Mann wissen, "Ihr meint doch nicht den Dreizack, oder?!" Kora antwortete erst nicht, sondern lächelte still. Die Überraschung des Mannes wandelte sich schnell in übergroße Vorfreude, als er auf ihre List hereinfiel. Ist er so gut im Bett, Jetizua, dass du diesen Dummkopf bei der wohl wichtigsten Unterredung deines Lebens präsentieren musst? Jedoch bewies Shei wieder mal mehr Verstand und erklärte seinem Nebenbuhler, "Junge, du darfst nicht nach der ganzen Hand greifen, wenn dir eine Xh'máh den kleinen Finger reicht. Ich glaube eher, dass die künftige Räuberkönigin anbietet, einen unserer Söhne zum Gemahl zu nehmen. Ist es nicht so, verehrte Xh'máh?"
"Das kommt drauf an," antwortete Kora und lehnte sich noch etwas in das bequeme Kissen zurück, "Würde ich eine Gegenschwinge in meinem Harem aufnehmen, müsste die Familie mir auch ein Raubgefolge stellen. Und wer weiß… vielleicht wäre für dieses sogar ein wenig Oreichalkos übrig als kleines Dankeschön meinerseits."
"Ein interessantes Angebot, Xh'máh," gab Jetizua zu, "Aber Ihr werdet verstehen, dass wir das nicht so einfach annehmen können. Die Tradition der Gegenschwingen… so vieles würde sich für uns ändern. Werdet Ihr uns ein paar Tage Bedenkzeit gewähren? Ohnehin würde es dauern, den prächtigsten und tüchtigsten meiner Söhne zu wählen, sollten wir uns dazu entscheiden, endlich unsere eingesessenen Ränge in der Opposition zu verlassen."
"Ich fürchte, Ihr werdet Eure Wahl heute Nacht getroffen haben müssen, denn ich gedenke nicht, meine Pläne auch nur um einen Tag mehr zu verschieben," entgegnete Kora. Sie musste sich ihres lachhaft kleinen Gefolges sicher wirken, ihres riskanten Planes und ihrer kleinen Intrigen, wenn sie die Gegenschwingen für sich gewinnen wollte. Sie waren alles, das ihr blieb, und dennoch musste sie es aussehen lassen, als bräuchte sie sie weniger als den Dreck an ihren Krallen.
So stand sie auf und die Gegenschwingen taten es ihr gleich, jedoch mit gesenkten Häuptern, wie es sich für ihresgleichen gebot. Kora breitete ihre Flügel aus, während sie mit ihrer Begleitung den Palast wieder verließ. Die nächsten Stunden würden ihr einiges an Nerven kosten, während sie auf Antwort hoffte.
* * *
Doch die Gegenschwingen ließen sie ein weiteres Mal warten. Während sie die letzten Vorbereitungen für ihre Abreise traf, sah Kora ein, dass die Gegenschwingen wohl doch stolz und schlau genug waren, nicht auf ihren plumpen Bluff hereinzufallen. Mit einem Blick auf ihr lächerliches Gefolge – ein wenig zahlreicher als sie anfangs gehofft hatte, da es doch noch ein paar Frauen von den anderen Stämmen gab, die ihr Glück mit Kora suchen wollten – hielt sie einen resignierten Seufzer zurück.
In diesem Moment bemerkte sie, wie ein äußerst auffälliger Harpyr sich unter die Leute mischte. Er hatte ihre Aufmerksamkeit, sobald seine breiten, gebräunten Schultern sich aus den Schatten des nächtlichen Khaz'Ksar'Madrs geschält hatten. Sein Brustgefieder war üppig und lavendelfarben, sein Haar kurz geschoren und dennoch verwegen, während seine schwarzen Pluderhosen verziert waren mit dem Wappen der Gegenschwingen.
Meriasmis und Mhasgez unterhielten sich im Flüsterton, den Neuankömmling skeptisch im Auge behaltend. Kora ging geradewegs zu ihm hin, erwiderte sein charmantes Lächeln, wenn auch bloß, weil das Glück ihr wohl doch noch hold war. Der Bursche ging vor ihr auf die Knie.
"Große Xh'máh, Ich bin vom niederen Fleisch meiner Herrin Mutter, Madr'Olharum Jetizua von den Gegenschwingen, und wurde erwählt, Euch als Gemahl dargeboten zu werden. Der Stamm der Gegenschwingen würde sich geehrt fühlen, würdet Ihr mich bei Euch liegen lassen," sagte er. Sie hatten den Köder also doch geschluckt!
"Freut mich zu hören," entgegnete Kora. "Wie lautet dein Name denn?"
"Akolosh ist der Name, den meine Mutter mir gab, Xh'máh." Sofort fiel alle Freude von Kora ab. Der geflügelte Akolosh! Das durfte nicht wahr sein, Jetizua hatte ihr ausgerechnet diesen Taugenichts serviert? Er wurde der geflügelte Akolosh genannt, weil man ihm in der Stadt nachsagte, nicht nur auf dem Rücken Flügel zu tragen. Er prahlte in aller Öffentlichkeit damit, zahllose Bastarde in der Stadt gezeugt zu haben. Er musste der berüchtigste Mann aus der berüchtigsten Familie sein. Diese verflixte Schabracke traut sich was! Oder war das ein Einfall dieses alten Sacks Shei?!
Sie zwang sich zur Ruhe, setzte eine Maske voll höflicher Zurückhaltung auf. Ihre Stimme strafte ihre Bemühungen Lügen, als sie sprach, "Wenn du mir dargeboten wirst und deine Mutter sich mir anschließen möchte, wo ist sie dann? Und das Gefolge, das sie mir verspricht, sollte ich dich wirklich zu meinem Harem hinzufügen?" Sein gelassenes Lachen strotzte ihrer Kälte. Er sagte, "Ihr werdet es niederem Fleisch wie mir verzeihen müssen, aber meine Herrin Mutter sieht keinen Grund, mit Euch zu kommen, ehe unsere Vermählung nicht unter Dach und Fach gebracht sein wird. Und sie schuldet Euch keine Frau und keinen Mann, bis nicht feststeht, dass manche ihrer Kindeskinder das rubinfarbene, kostbare Blut der Rothelstern in sich tragen werden."
Er sah sie jedoch weiterhin voll ehrlicher Bewunderung an. "Aber verzagt nicht, Xh'máh, ich trete nicht nur vor Euch, um Euch in Zukunft meinen Körper zu geben. Ich bin Euer von diesem Zeitpunkt an, da ich Eurer unbeschreiblichen Schönheit ansichtig werden durfte. Schickt mich in die Wüste oder nehmt mich mit, jedem Eurer Befehle werde ich bedingungslos Folge leisten - ob als Gemahl oder nur Euer ergebener Diener. Und wenn Ihr Euch für mich entscheidet, will ich unseren ganzen Stamm überreden, in Eure Dienste zu treten. Das liegt ganz bei Euch. Wie entscheidet Ihr?"
Kapitel 7
Was ich heute gelernt habe: Wenn man jemanden wecken will, ist lautes Geschrei nur die zweiteffektivste Methode. Es funktioniert noch viel besser, wenn man sein Gesicht so nah an das des Schlafenden heranbewegt, dass sich die Nasenspitzen fast berühren, und den anderen zu Tode erschreckt, wenn er von dem Atem auf seinen Wangen aufwacht.
Das ist so ziemlich, was Selet und mir vor wenigen Augenblicken passiert ist. Und nun hocke ich, aus dem Schlaf gerissen, inmitten meiner zerwühlten Decke, nachdem Selet unter unseren überraschten Schreien eine gute Armlänge von mir weggesprungen ist.
"V-verzeihung!" stottert sie.
"W... was in Vas' Namen sollte das?!" will ich wissen. Halsänn, noch halb schlafend, grummelt derweil, "Was schreit ihr so rum...?" Er wälzt sich herum, um uns von der anderen Seite des erloschenen Lagerfeuers aus finster anzustarren. Die Sonne geht gerade erst auf.
"I-ich wollte dich nur wecken!" sagt Selet, "Ich bin versehentlich gestolpert... bitte verzeih meine Unachtsamkeit und ungehöriges Verhalten." Oh man, so früh am Morgen und die fängt schon wieder mit ihren gehobenen Reden an. Ich reibe mir erst die Augen, dann die Schläfen.
"Ist schon gut," seufze ich, "Das ist einfach nicht, wie ich normalerweise den Tag beginnen lasse. Obwohl..." Ich gähne einmal herzhaft. "Eigentlich unterscheidet sich das gar nicht so sehr von meiner momentanen Morgenroutine. Also wirklich kein Ding."
"Würdest du vorziehen, dass ich Halsänn mit der Aufgabe vertraue, dich Faulpelz wachzukriegen?" stichelt Sira. Wie ich sagte, ein Morgen wie jeder andere. Darum winke ich das einfach beiseite und sage, "Nun, vielleicht wäre ich nicht so angetan, mir mal ein Päuschen zu gönnen, könnte ich zur Abwechslung einmal ausschlafen. Ich bin immer als Erster auf den Beinen." Nun, das ist so nicht ganz richtig, fällt mir ein, als ich zu Selet schaue. "Außer heute, vielleicht."
"Wenn ihr Kinder dann schon solche Frühaufsteher seid," murmelt Halsänn ungehalten, "Dann könnt ihr ja schon mal schön die Spuren unseres Rastplatzes beseitigen, bevor wir losziehen. Haben noch einen langen Weg vor uns..." Das Geräusch, das er dann von sich gibt, ist ein Zwischending zwischen Gähnen und Seufzen. "Bis wir in die Höhle des Löwens reiten."
"Wie ich schon zuvor erklärt habe, haben wir keine andere Wahl," insistiert Selet. Oh nein, nicht diese Diskussion schon wieder. So geht das schon die ganze Zeit, die wir nach Ardsted reiten auf Selets Drängen. "Ich weiß, dass es gefährlich ist, doch ich muss so geschwind wie nur irgendmöglich heimkehren, um mir selbst ein Bild zu machen, wie schlimm es um den Hof meines Vaters bestellt ist."
Halsänn grummelt von unter seiner Decke irgendwas wie "Bin mir nich' sicher, ob's noch der Hof Eures Vaters oder Eurer Tante ist..." Selet hat die Arme verschränkt. "Folglich," stellt sie klar, "werden wir Burg Bersass ungesehen betreten."
Ich blinzle, während ich begreife, worauf sie anspielt. "Woah, wir brechen ein?! Davon war nie die Rede!"
"Es ist kein Einbruch, wenn es sich um mein eigenes Zuhause handelt, oder? Wir werden es lediglich auf etwas weniger gewöhnliche Weise betreten."
"Stimmt wohl." Ich zucke die Achseln. Da kann ich schwer widersprechen.
"Glaub mir, wären meine Schwester Larutyn und ich jedes Mal, da wir uns aus dem Schloss geschlichen und wieder hineingemogelt haben, des Hausfriedensbruches bezichtigt worden, stünde ich nun nicht vor dir. Es wird alles gut gehen, solange wir uns an meinen Plan halten. Also diesmal keine kleinen Abstecher wie im Labyrinth der Schattenlosen, verstanden?"
"Als ob das meine Schuld gewesen wäre!" Ihr Blick bleibt eisern, sodass ich meine Augen rolle und erwidere, "Jawohl, Eure Majestät..."
* * *
Bald schon sind wir nicht mehr die einzigen auf der Straße nach Ardsted. Immer mehr Reisende rotten sich zusammen, während wir uns stetig der Hauptstadt des Cardighnischen Königreiches nähern. Einige Händler haben ihre Stände im Schatten einiger hohen Pinien errichtet, während schwitzende Bauern sich eine Pause von der Arbeit auf den umliegenden Feldern gönnen und neugierig all die passierenden Leute beäugen.
Sobald wir den nächsten Hügel erklommen haben, kann ich schließlich zum ersten Mal die Hauptstadt sehen. Sie ist riesig, dabei wird es noch gut eine Stunde dauern, bis wir überhaupt da sein werden! Auf das Hügelvorland von Ardnas gebettet und umringt von dicken Steinwallen liegt Ardsted. Seine roten, orangen und gelben Ziegeldächer sehen aus wie ein glitzerndes Meer bei Sonnenuntergang, aus dem rechteckige Türme aufragen wie Felsen in der Brandung, die wetteifern, wer den Himmel zuerst berührt.
Keiner von ihnen kann sich jedoch mit der Burg im Norden messen. Gleich einem König auf seinem Thron hockt Burg Bersass auf dem höchsten Hügel, nur über eine Brücke von Häusern mit dem Rest der Stadt verbunden. Oben, auf dem gewaltigen, rechteckigen Bergfried, tanzt eine rot-schwarze Flagge träge in der warmen Brise.
"Unglaublich," hauche ich. Selet, die vor mir im Sattel sitzt, dreht sich mit triumphalen Grinsen zu mir und fragt, "Beeindruckend, nicht wahr?"
"Es ist alles so riesig und... überwältigend. Ich hab so viel über Ardsted gelesen, aber es ist so viel goßartiger als ich erwartet hätte."
"Warte, bis wir wirklich in der Stadt sind. Dir wird eine ganz exklusive Stadtführung vergönnt sein. Wie viele Leute können schon behaupten, sowohl Burg Bersass als auch den Tempel von Vas besucht zu haben?"
"Den Tempel auch? Sind wir wirklich immer noch bei dieser Prophezeiung, dass ich der Vierte sei und so weiter?"
"So wie die Drei von Kin, Daera und Olphe auserkoren worden sind, ist der Vierte Vas' Auserwählter," erklärt Selet, "Wir sind ihm Dank schuldig, wenn wir ihn um seinen Beistand in den kommenden Herausforderungen bitten wollen. Du willst doch sicherlich nicht dem Umgedrehten König ohne eine angemessene Waffe entgegen treten wollen, oder?"
"Oh, dann ist die Klinge von Vas also hier gelandet?" fragt Sira.
"Angeblich. In Wahrheit wissen wir es nicht sicher. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir auf Bersass Genaueres herausfinden können. Die königliche Bibliothek verfügt über alle möglichen historischen Berichte und Sagen..." Sie pausiert, um einmal tief durchzuatmen. Als sie fohrtfährt, ist ihre Stimme ein düsteres Zischen, "Schließlich hab ich von dort auch diese verfluchte Schriftrolle."
Vielleicht ist das ja ein guter Zeitpunkt, um eine Frage zu stellen, die mir schon länger auf der Zunge liegt: "Wie hat das alles überhaupt angefangen? Warum bist du auf der Flucht und wie hat es dich nach Doarnb verschlagen?" Der Blick, mit dem Halsänn mich da bedenkt, lässt mich sofort bereuen, überhaupt etwas gesagt zu haben. Selet schweigt.
"Es ist keine schöne Geschichte," murmelt Halsänn, "Und die will jetzt auch niemand hören."
* * *
Schon wieder werde ich überwältigt von dem, was sich meinen Augen darbietet. Wir kommen am Südtor der Stadt an, einem Portal aus dunklem, nietenbesetzten und mit Schnitzereien verzierten Holz, dessen schiere Größe mich glauben lässt, ich sei nicht mehr als eine winzige Fliege, die ins offene Maul eines Riesen fliegt. Die Luft ist drückend schwül von all den Leuten ums uns herum und kaum betreten wir Ardsted, sind wir gefangen in einem zähen Strom durch die engen, gepflasterten Straßen.
Mir wird erst jetzt bewusst, wie groß allein die einfachen Wohnhäuser sind. Jedes ist mindestens drei Stockwerke aus verputztem Stein hoch, an deren Fassaden sich trotzdem hier und da Weingeflechte emporgekämpft haben und die Straßen in frisches Grün kleiden. Viele Häuser tragen obendrein noch eine Krone aus einem oder zwei weiteren Etagen aus Holz und Fachwerk, wobei die Häuserfronten mit jedem Stockwerk immer noch ein kleines Stück weiter in die Straße hineinragen. Wie Verliebte zu beiden Seiten eines Flusses, die sich nach vorne beugen, um sich einen Kuss zu geben.
Das Schubsen und Rempeln in der Menge nimmt allmählich ab, als wir eines der vielen Foren der Stadt erreichen. Ringsum scharen sich geschäftige Tavernen, Werkstätten und die pompösen Versammlungshallen der Gilden und Zünfte. Überall herrscht lautes Treiben. Und über alledem thront Burg Bersass im Norden. Ich kriege geradezu Herzklopfen, wenn ich mir vorstelle, diesen Bau von innen zu sehen zu bekommen.
Auch Halsänn ist nervös, wenn auch aus anderen Gründen. Schweißperlen bedecken seine zerfurchte Stirn, während seine Augen misstrauisch von Passant zu Passant wandern. Instinktiv rücke ich etwas näher an Selet. Falls irgendeiner von Cheetas Komplizen uns hier auflauert, wird er ihr kein Haar krümmen können! Ich lass ihn nicht mal in ihre Nähe!
"Lasst uns hier anhalten," sagt sie später, nachdem wir gerade die Brücke zum Burgviertel überquert und die lauten Mengen allmählich ganz und gar hinter uns gelassen haben. Hölzerne Balkone und achteckige Erker zieren die Herrenhäuser, die beinahe größer sind als der gesamte Orden von Doarnb. Hier und da haben sie sogar kleine Vorgärten, die von der Straße durch blühende Rosenhecken abgetrennt sind. Und trotz Allem mögen manche der Menschen hier wie arme Schlucker aussehen, wenn man sie mit Selets Familie vergleicht.
Wir steigen von Porstellion ab und Halsänn nimmt die Zügel. Selet gibt ihm Anweisungen, wo er ihn hinbringen und auf uns warten soll, was mich stutzen lässt, "Er kommt nicht mit uns?"
"Leider ist es unmöglich für jemanden von erwachsenen Maßen, den Weg zu nehmen, den wir einschlagen werden." Verstohlen stellt sie sicher, dass er sie nicht mehr hören kann. Dann fügt sie keck grinsend an, "Umso weniger bei einem Bauchumfang wie Halsänns." Ich kann nicht anders als laut zu lachen, woraufhin Halsänn den Kopf herumwendet und uns irritiert ansieht. Ups.
"Dummkopf," scheltet Selet mich, immer noch schmunzelnd. Anschließend laufen wir weiter die Burgstraße hinauf, bis wir schließlich direkt unterhalb des Burgwalls stehen. Selet taucht ein in seinen nachmittäglich langen Schatten, wo sie sich an einigen Büschen zu schaffen macht, die am Fuße der Mauer wuchern. Als sich meine Augen allmählich an die Dunkelheit gewöhnen, erkenne ich, wie sie ein kleines Loch freilegt. Das war kein Scherz, dass Halsänn da nie im Leben durchpassen würde. Ich hab schon Angst, dass ich da stecken bleiben werde!
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, merkt Selet an, "Das könnte das letzte Mal sein, dass ich auf diesem Wege ins Schloss komme. Larutyn sind vermutlich auch nur noch ein oder zwei Jahre vergönnt, bis nicht mal mehr sie da durchpassen wird." Sie geht auf die Knie. Bevor sie allerdings durch die Öffnung krabbelt, sagt sie, "Ab jetzt würde ich vorschlagen, dass du kein einziges Wort sprichst, solange ich nicht weiß, ob die Luft rein ist. Die Wachen kennen diesen Durchgang vermutlich nicht, aber ich will es nicht darauf ankommen lassen, entdeckt zu werden. Verstanden?" Willkommen zurück zu ihrer königlichen Hoheit Selet Ardorakk. Ich nicke bloß und warte, dass sie in den Geheimgang schlüpft, damit ich schnell hinterher kann. Sonst taucht am Ende noch irgendjemand auf und sieht uns.
Sobald ihre Füße in dem Loch verschwunden sind, atme ich einmal tief ein und ziehe meinen Bauch so weit wie möglich ein, um mich ebenfalls durch die Öffnung zu zwängen. Dahinter ist kaum mehr Platz als draußen. Ich muss dicht am Boden bleiben, während ich Selet durch eine Art Schacht hinterherkrieche. Allmählich kann ich ein paar Einzelheiten erkennen und sehe, dass von dem Schacht in regelmäßigen Abständen weitere abzweigen wie ein Netzwerk. Wissen die Götter, was der Sinn dahinter ist. Bäh, hoffentlich war das nicht früher ein Abwasserkanal oder so.
Als Selet schließlich anhält, bin ich längst überzeugt, dass mein Rückgrat die Grätsche macht, wenn ich jemals versuche, wieder aufrecht zu stehen. Meine Knie und Ellbogen brennen wie Feuer und mein Nacken ist so steif und spröde wie Eisen. Über uns vernehme ich gedämpfte Schritte. Als sie nicht mehr zu hören sind, wartet Selet noch weitere fünf Sekunden, ehe sie sich aufrichtet und gegen die Steinfliese über uns stemmt. Licht flutet den Schacht.
Zum Glück erweisen sich meine Befürchtungen als unwahr, da ich tatsächlich doch nicht auseinanderbreche wie ein Ast, als ich aus dem Loch im Boden herausklettere in eine geräumige Kammer, die grob unterteilt ist in einen Empfangsbereich, eine kleine Arbeitsnische mit einem schweren Eichentisch und einem etwas verhärmt aussehenden Bücherregal und einen Schlafalkoven.
Selet platziert die Fliese wieder an ihrer alten Stelle und repariert das leicht verblasste Blumenmuster auf dem Boden. Als sie meinen fragenden Blick bemerkt, nickt sie kurz. "Wo sind wir?"
"Wir sind nun offiziell auf Burg Bersass. In den äußeren Räumen des Bergfrieds, um genau zu sein. Wir sind durch das alte Heizungssystem reingekommen. Es wird heutzutage nicht mehr wirklich genutzt – hauptsächlich, weil Larutyn und ich nie die Notwendigkeit gesehen haben, zu erklären, wo die ganze Wärme entweicht."
"Und wessen Zimmer ist das?"
"Es gehört-" Wir halten beide erschrocken inne. Schritte! Sie kommen zurück! Verflixt, zurück in den Schacht schaffen wir's nie rechtzeiti-
Selet schubst mich beiseite in den Alkoven, doch während sie sich noch nach einem eigenen Versteck umsieht, höre ich unter Quietschen die Tür gehen, dann wie jemand überrascht aufatmet. Zweifelslos wundert sich da einer über die nicht-so-königlich aussehende Prinzessin, die von Kopf bis Fuß in Staub gehüllt ist. Mist!
"Selet?!" fragt ein Junge mit sich überschlagender Stimme. Angespannt beobachte ich Selet. Sie weiß wirklich, wie man den Schock versteckt, entdeckt worden zu sein. Sollte ich trotzdem rauskommen und helfen? Nein, sie hat vermutlich längst einen Plan.
"H... hallo, Aaron," entgegnet sie ruhig.
"W-was machst du hier? Schau dich an, von oben bis unten dreckig und-" Sie hebt ihre Hand, um ihn zur Ruhe zu rufen.
"Bitte, Aaron, mir ist bewusst, wie schlimm ich aussehen muss. Es tut mir leid. Alles ist ein wenig... durcheinander gerade. Ich... wollte mit dir sprechen, doch du warst nicht hier, darum habe ich mich selbst eingelassen."
"A-aber wie bist du überhaupt reingekommen?" will Aaron wissen, "Ich war grade erst hier! Ich bin bloß noch mal zurück, weil ich was vergessen habe. Und plötzlich bist du hier und- und... was geht hier vor sich?!" Auweia, da ist jemand aber cholerisch. Doch plötzlich klingt er wieder ruhig, sogar ein wenig zufrieden, "Oder... warte, bist du etwa hier wegen des Vorschlags meines Onkels?"
Selet schielt verunsichert zu mir, doch ehe ich reagieren kann, liegen ihre Augen wieder auf Aaron. Zögerlich räuspert sie sich. "Was das betrifft... Ähem. Aaron, so sehr ich deinen Onkel und dich auch wertschätze... ich fürchte, diese Ehe wird nicht zustande kommen. Es ist unmöglich."
"N-nein! Sag das nicht! Wir kennen uns noch nicht lange, a-aber ich bin sicher, wir können das aufholen und-"
"Die Wahrheit ist, Aaron... ich liebe einen anderen."
"Was?!" hauchen Aaron und ich zugleich, als Selet mich am Handgelenk packt und aus dem Alkoven zerrt. Unsere Augen weiten sich, als wir zum ersten Mal einander sehen. Aaron ist ungefähr in meinem Alter, durchschnittlich groß, robust gebaut. Sein Gesicht ist noch ziemlich knabenhaft, aber vielleicht liegt das auch nur an seinem nackenlangen, welligen, dunkelbraunen Haar. Seine edlen Klamotten – ein dunkelblaues, golden verziertes Wams, enge Seidenhosen und aufgebauschte Ärmel, zur Hälfte schwarz und weiß gestreift – lassen ihn adelig wirken. Aber irgendwas an seinem Gesicht, seiner Haltung und wie er seine rauen Hände zu Fäusten geballt hat, passt einfach nicht dazu. Ein goldenes Amulet mit einem polierten, lila Edelstein hängt an einer Kette um seinen kräftigen, bebenden Hals.
"Ich glaube, ich sollte euch vorstellen," sagt Selet, während Aaron und ich uns gegenseitig verblüfft anstarren, "Marin, das ist Aaron, Neffe und Adjutant unseres hochgeschätzten Diplomaten Dyonix Rosso von Illamar. Aaron, dies ist Marin, Gesandter des ehrenwerten Ordens der Armen Ritterschaft zu Doarnb... und mein Geliebter."
"He-" Mit einem Tritt gegen meine Zehen bringt Selet mich zum Schweigen, während sie ein wenig näher kommt. Eigentlich ein ganzes Stück näher! Ich wende mich von Aarons rot anschwellender, ungläubiger Miene ab – und plötzlich berühren sich meine und Selets Lippen. Das Blut schießt mir in den Kopf und die Sekunden scheinen sich in Stunden zu verwandeln, als sie mich mitten auf den Mund küsst, die Augen geschlossen und ihre Arme um mich geschlungen. Ihre Lippen sind so sanft und warm, ihre gebräunten Wangen streifen sanft meine Nasenspitze als sie sich langsam zurücklehnt. Und einfach so ist es auf einmal wieder vorbei.
Alles um mich herum ist still.
Allerdings nicht lange. "Raus!" brüllt Aaron aus vollem Halse, "Raus mit euch zweien, sofort!" Während ich aus dem Zimmer gejagt werde, ist alles, was mir durch den Kopf geht: Wo zur Hölle bin ich da jetzt schon wieder rein geraten?
Kapitel 8
Mit einem lauten Knall fällt die Tür zu Aarons Gemach hinter uns ins Schloss. Ich bin jedoch noch so baff, dass ich erst ein paar Stufen die Wendeltreppe hinauf wirklich realisiere, was gerade passiert ist. Und dass ich mal gehörig Dampf ablassen muss! "Was zur Hölle sollte das denn grade?!"
"Wieso hast du dich zu mir umgedreht?!" verlangt Selet indes zu erfahren. Ihre Stimme überschlägt sich geradezu.
"Bitte was?"
"Ich gedachte, dich nur auf die Wange zu küssen!"
"Oh~, dann ist das wohl mein Fehler," entgegne ich zynisch, "Es ist ja nicht so, als wäre ich irgendwie überrascht gewesen, dass die Prinzessin von Cardighna plötzlich sagt 'Übrigens, das ist mein Geliebter'. Nein, ich hab bloß gedacht, ich spiel bei dieser wahnsinnigen Einlage einfach mal mit!"
Die Schamesröte auf ihren Wangen verbreitet sich schnell über ihr gesamtes Gesicht. "Was hätte ich sonst tun sollen?! Er hat uns entdeckt! Jetzt weiß jemand, dass wir im Schloss sind. Ich musste uns irgendwie Zeit verschaffen! Wenigstens wird er jetzt erst mal in seinem Kämmerlein bleiben und schmollen, bevor er irgendjemandem davon erzählt. Das war die beste Ablenkung, die mir in den Sinn kam." Ich weiß selbst nicht ganz, wieso, aber dieser letzte Satz trifft mich am härtesten. Eine Ablenkung. Für mich klingt das eher so, als hätte jemand sich gedacht, dass das nebenbei die perfekte Gelegenheit wäre, einen lästigen Freier abzuservieren. Und wenn man schon mal den Trottel vom Land da hat, warum den da nicht mit einspannen?!
Sie bemerkt meine grimmige Miene offenbar, denn sie sagt, "Bitte sieh mich nicht so an. Es war doch nur ein Kuss." Wenn das meine Laune heben soll, hilft es nicht.
Nachdem ich einmal tief durchgeatmet habe, frage ich, "Also alles nur gespielt, richtig?" Aus ihrem Gesicht spricht Schmerz. Oder erwidert sie nur meine eigene Schnute?
"Ja," ächzt sie nach einer unangenehmen Pause, "Wir kennen uns kaum länger als eine Woche." Ihr Mund bleibt offen, als wolle sie noch etwas hinzufügen – dann schüttelt sie ihren Kopf. "Besinnen wir uns aufs Wesentliche. Wir haben kaum noch genug Zeit, die Bibliothek zu durchsuchen. Irgendwann wird Aaron mit der Sprache herausrücken und dann wird es nicht lange dauern, bis meine Tante und, wer auch immer Cheeta beschworen hat, Wind von unserer Anwesenheit kriegen."
"Wie gehen wir also vor?"
"Ich bring dich zur Bibliothek, damit du anfangen kannst zu suchen. Indes werde ich Hilfe holen. Es gibt noch ein paar wenige Freunde innerhalb dieser Mauern, auf die ich zählen kann. Ich werde sie zu dir schicken und schauen, ob mein Vater hier ist. Während ich weg bin, darfst du auf keinen Fall mit irgendjemandem zusammentreffen. Zieh keine Aufmerksamkeit auf dich, egal wie!"
"Ich weiß, dass ich vorsichtig sein soll! Um Kins Willen, Selet, bin ich für dich einfach nur ein begriffsstutziger Laufbursche?!"
Sie zuckt zusammen. "N-nein! Es ist bloß... es ist so früh schon etwas schief gegangen. Aber das ist nicht deine Schuld... es... es tut mir leid, dass ich da reingezogen habe!" Da dreht sie sich plötzlich um und rennt weg. Was ist denn jetzt in sie gefahren?!
"Selet, warte!" Doch sie hört nicht, sondern stürmt in einen der Gänge davon, mich an der Treppe zurücklassend. Verflixtes Mädchen! Ich will ihr grade hinterher, doch erstarre, als eine ganz bestimmte Stimme aus meiner Tasche spottet, "Meine Güte, euch zweien zuzusehen, ist so schmerzhaft und unterhaltsam zugleich. Es ist, als würden binnen Sekunden ganze Monate vergehen, so schnell wie ihr alle Beziehungsstadien durchlauft." Verflucht, Sira! Ich hab ganz vergessen, dass sie ja auch da ist.
"Wovon redest du da?!"
"Ihr solltet wirklich an euren Gesprächen arbeiten. Gleich mal den ersten Streit gehabt, nachdem ihr euch gerade das erste Mal geküsst habt." Oh, also hat sie das auch gesehen. Klasse. Jetzt wird sie nie mehr damit aufhören.
Ich seufze, "Sira, wir haben das grade geklärt. Das war gespielt. Sie wollte Aaron nur loswerden."
"Das heißt, hätte Halsänn da unten mit ihr gestanden, hätte sie dasselbe getan?"
"Was?! Nein! Das hätte doch keiner geglaubt!"
Das bringt sie zum Kichern, "Aha, also hast du auch gedacht, dass es echt war! Und jetzt bist du sauer, weil die hübsche Prinzessin das Gegenteil behauptet."
"Was- Nein, ich- Du legst auch alles aus, wie es dir passt, was?!"
"He, du musst mir anrechnen, dass ich schon lang wusste, dass da zwischen dir und Selet was läuft. Dieser Brief war nicht bloß geschäftlich, wie ich jetzt klar sehe." Sie seufzt. "Schade, dass du so ein Tollpatsch darin bist, diese ganzen großartigen Gelegenheiten zu nutzen, die dir vergönnt sind."
Mir reicht's langsam. "Sira," zische ich, "Wenn du mir schon irgendeinen beschissenen Rat geben willst, dann sorg wenigstens mal dafür, dass ich auch im Bilde bin, wovon du überhaupt schwafelst!"
"Du hast sie wütend und traurig gemacht, du Hohlkopf! Du bist sie so hart angegangen, dass du sie quasi dazu gebracht hast zu sagen, dass alles nur gelogen war. Und dann hast du dich noch mehr aufgeregt. Das Mädel hat versucht, dir ihr Herz zu öffnen, und so vergeltest du's ihr?"
"... Ich... ich mag einfach nicht, wenn man mich ausnutzt. Außerdem war das... mein erster Kuss." Ich weiß einfach, dass ich vor Scham erröte. Götter verdammt.
"Wirklich? Hätte ich nicht gedacht, so sehr wie es dich aus dem Konzept gebracht hat."
"Halt die Klappe, Sira!" blaffe ich sie an, "Das geht dich doch gar nichts an!"
Endlich begreift sie, dass ich genug hab, und sinkt zurück in meine Tasche. Sie murmelt, "... 'Tschuldigung, ich wollte nur helfen. Egal, lass uns lieber rausfinden, wo sie hingerannt ist."
"Das wird nicht nötig sein." Ich krieg einen Riesenschreck, als ich aus dem Nichts die Stimme eines jungen Mannes höre. Als hätte er sein gesamtes Leben in ihnen verbracht, schält ein weiß-blonder Ikaner sich aus den Schatten des Korridors. Mist, schon wieder ertappt! Augenblick... er ist nicht bloß ein Ikaner, das ist ein Vas-Ikaner! Sein Gesicht ist fein geschnitten und läuft zum Kinn spitz zu. Seine Wangenknochen zeichnen sich deutlich unter seiner ebenholzfarbenen Haut ab, doch noch auffälliger an ihm sind die gelben Verfärbungen, die seine Wangen hinabfließen und ihn älter wirken lassen, als er in Wahrheit ist. Eine weitere sitzt auf seiner Stirn, geformt wie eine umgekippte Mondsichel und genauso hell wie seine silbernen Augen, die unabdinglich auf mir lasten.
"Du scheinst überrascht," stellt er fest. Wie scharfsinnig. "Wenn ich es so bedenke, ich erinnere mich nicht, dich jemals hier gesehen zu haben."
"Ähm, nun..." Mist, was sag ich jetzt? "Ich bin... ein Gesandter des Ordens der Armen Ritterschaft zu Doarnb, und, äh, habe eine Nachricht für Aaron... Rosso." Das war der Nachname seines Onkels, richtig? Vermutlich nicht, so misstrauisch wie mich dieser Kerl beäugt.
Dann formen seine Lippen jedoch ein belustigtes Lächeln und er lacht, "Selet hatte Recht, du bist schnell im Denken."
"Warte, du kennst Selet?"
"Hat sie nicht gesagt, sie würde Hilfe holen? Ich bin Dūs, freut mich, deine Bekanntschaft zu machen." Er hält mir seine Hand entgegen. Erst jetzt merke ich, wie eigenartig seine Kleidung doch ist. Sie besteht fast ausschließlich aus dunklen Lederstücken und eng anliegendem, leichtem Tuch. Selbst seine Stiefel sind mit Leder verstärkt und erinnern mich eher an Socken als an Schuhe. Und dann ist da noch sein grauer Wappenrock, auf dem ein großes, kreisförmiges Symbol prangt: ein zusammengerollter Tausendfüßler mit einem schädelförmigen Kopf, in dessen Stirn ein großes Auge sitzt.
"Das ist das Emblem der Schattenlosen!" hauche ich überrascht, als ich es erkenne. Fragend starre ich Dūs an. "Aber Selet hat gesagt... es gäbe euch nicht mehr."
Er zieht die Hand, die ich nie geschüttelt habe, zurück und bedenkt mich wieder mit einem kühleren Blick, während er sagt, "Praktisch keine. Doch einige wenige konnten den Klauen des Umgedrehten Königs entgehen... und dienen bis heute gewissenhaft dem Königshaus. Denk von mir als dem letzten Überbleibsel unseres einst stolzen und zahlreichen Ordens."
"Tut mir leid. Ich wollte nicht- Ich war bloß überrascht, weil-"
Zum Glück schneidet er mir das Wort ab, ehe ich mich noch mehr zum Deppen machen kann. Seine gefühlskalte Stimmlage tränkt mich nichtsdestotrotz mit Schuldgefühlen, "Schon gut. Man kann es schließlich nicht ändern, nicht wahr? Und nun folg mir, ich bin beauftragt, dich zur Königlichen Bibliothek zu bringen und dir auf deiner Suche nach der Klinge von Vas zu helfen."
Nach nur wenigen Schritten meldet Sira sich jedoch plötzlich zu Wort, "Kannst du vielleicht auch beweisen, dass du Selets Freund bist?" Dūs hält inne und ich kann sehen, wie sich unter seiner Ausrüstung seine Schultern anspannen. Sira hat schon Recht, ganz unverdächtig kommt er mir nicht vor. Und trotzdem wäre ich wieder direkt in die Falle getappt!
Ein hinterhältiges Grinsen ist in seinem Lächeln aufgetaucht, als er sich mir zuwendet. Also doch! Er ist wirklich-
"Ich hab gehört, die Botschaft, die du Aaron überbracht hast, hat ihm überhaupt nicht gefallen," sagt Dūs da und hält mich grade noch ab, mein Schwert zu ziehen, "Laut Selet warst du aber auch alles andere als begeistert von dem, was sich in seinem Kämmerlein zugetragen hat." Seine Miene hellt in ehrlicher Belustigung auf. "Reicht das, um eure Zweifel zu zerstreuen?"
Oh Vas, der weiß also auch über den Kuss Bescheid! Das ist ja fast noch schlimmer als, wenn er ein Lügner gewesen wäre. Etwas nervös um das Thema herumredend, schnaube ich, "Du... du hast mir da grad echt Angst gemacht."
"So sind wir Schattenlosen nun mal," spöttelt er, "Es ist eine willkommene Abwechslung, wenn man sonst immer umherschleicht, um jemandem ein Messer in den Rücken zu jagen." Wie er das immer noch schmunzelnd sagt, jagt mir eine Gänsehaut ein. Ob das auch nur ein Witz war?
Sein Lächeln verschwindet dann jedoch, als er mich mit einem Mal am Handgelenk packt und in die Schatten zerrt. Ich hab gar nicht bemerkt, wie hastige Schritte von Weitem nahen und jemand im nächsten Moment an uns vorbei eilt. Das war Aaron! Hat wohl genug vom Schmollen, aber dass er so in Eile ist – er schlägt bestimmt Alarm!
"Hinterher!" entscheide ich.
"Was ist mit der Bib-"
"Ich lass mir doch nicht die Chance entgehen rauszufinden, wer hinter alledem steckt!" Wütenden Blicks scheint er mich anzuflehen, mir das noch mal zu überlegen. Dann nickt er jedoch entschlossen und zieht mich mit, als wir Aaron nachjagen. Unter Dūs' kalkulierendem Vorgehen bewegen wir uns von Versteck zu Versteck, doch das bringt nichts. Aaron entfernt sich immer weiter von uns. Dūs scheint jedoch zu wissen, wohin er will.
Unsere Verfolgungsjagd endet jäh, gerade als wir uns hinter einer mannshohen, bemalten Vase neben einer reichlich mit Schnitzereien verzierten, schweren Holzpforte versteckt haben. Währenddessen ist Aaron wortwörtlich mit jemandem zusammengestoßen.
"He, pass doch auf, wo du hinläufst, Bursche," hallt die verärgerte Stimme einer Frau mittleren Alters durch den Gang.
"Ich muss mich für seine Überstürztheit entschuldigen, Daemsel. Er kann manchmal etwas unachtsam dessen sein, was direkt vor seiner Nase ist," entgegnet eine andere Stimme an Aarons Stelle. Sie ist tief und bedacht und gehört zu einem Mann, der so alt wie die Frau zu sein scheint.
"Nun, da er und nicht ich auf dem Hosenboden liegt, sollte ich mich wohl nicht beschweren. Lehrt Eurem Neffen aber, sich mehr auf seine Augen zu verlassen."
"W-werde ich, Daemsel Ardorakk!" verspricht Aaron, ganz durch den Wind.
"Da er offenbar sehr dringend mit Euch reden möchte, Graf Rosso, werde ich die Herren wohl vorerst alleine lassen."
"Wir werden unsere Unterredung ein anderes Mal fortführen. Ich wiederhole mich, aber es tut mir wirklich Leid."
"Keine Sorge, hab's kaum gemerkt. Die Narben in meinem Gesicht hab ich von ganz anderen Zusammenstößen. Wie auch immer, gehabt Euch wohl."
"Ihr ebenso, Daemsel Ardorakk." Eine Weile lang sagt niemand ein Wort und das einzige, was ich höre, ist, wie die Schritte der Frau sich allmählich entfernen. Aarons Onkel... dann muss das Dyonix Rosso sein. Aber wer war die Frau? Daemsel Ardorakk – Selets Mutter? Oder... ihre Tante Petahra.
"Darf ich nun wissen," fragt Dyonix indes seinen Neffen mit zunehmend verstimmtem Tonfall, "was in dich gefahren ist?"
"Selet... d-die Prinzessin... sie ist hier, Onkel! Im Schloss!"
"Was sagst du da?! Aber ich- komm, das besprechen wir besser nicht hier. In mein Arbeitszimmer!" Dūs' Gesicht wird kreidebleich, als er das sagt. Hektisch nickt er zur Tür und, als ich Aarons und Dyonix' Schritte näher kommen höre, verstehe ich endlich, was er hat. Verflucht, die kommen direkt auf uns zu!
Dūs schiebt mich geradezu durch die Tür, ehe er selbst leiser als es in unserer Lage möglich sein sollte ins Zimmer schlüpft. Das Arbeitszimmer erweist sich als bloß ein Teil einer gesamten Wohnstube über zwei Stockwerke. Eine steile, hölzerne Treppe führt weiter hinauf, wobei ein wenig des Lichts, das oben durch ein großes Butzenglasfenster hereinfällt, bis in den Eingangsbereich scheint. Ich höre schon, wie die Türklinke hinter uns bereits heruntergedrückt wird, als Dūs mir schnell aufzeigt, mich in der düsteren, kleinen Privatbibliothek hinter dem gewaltigen Schreibtisch zu verstecken. Ich frage mich, ob das jetzt zum Alltag wird für mich.
"Heute passiert wirklich alles Schlag auf Schlag," nimmt Dyonix mir die Worte aus dem Mund, als er und Aaron eintreten. Mit einem frustrierten Seufzer lässt er sich auf einen Stuhl fallen, der sich knarzend empört. "Also, wie kommt es, dass du weißt, dass Selet hier ist? Niemand hat mich von ihrer Rückkehr unterrichtet."
"Ich kann's mir auch nicht erklären! Sie war plötzlich in meinem Zimmer mit diesem Jungen und-"
"Was für ein Junge?"
"Er hieß Marin oder so," erzählt Aaron verdrossen, "Ein blonder Ikaner mit 'nem Schwert und angezogen wie ein Landbursche. Sie waren voller Dreck, als ich sie gesehen hab, und die Prinzessin war auch wie eine Reisende angezogen."
"Verstehe... sie haben sich irgendwie eingeschlichen. Verdammt! Also, wo sind sie jetzt?"
"Äh... Wenn... wenn ich ehrlich bin, weiß ich das nicht-"
"Was soll das heißen, du weißt es nicht?! Hast du denn nicht versucht, sie irgendwie hinzuhalten, ehe du zu mir gerannt bist?"
Man kann geradezu riechen, wie Aaron immer unwohler in seiner Haut wird. Nervös lachend versucht er zu erklären, "N-nun, äh... Ich hab sie... rausgeschmissen und als, äh... als ich wieder mein Zimmer verlassen hab, waren sie... bereits weg."
"Bereits?" wiederholt Dyonix skeptisch.
"I-ich war ein wenig... weißt du, sie..." Er schnaubt, "Die Prinzessin hat mich abserviert! Sie meinte sogar, sie sei mit diesem... diesem grün-äugigen Mistkerl zusammen!"
"Großartig. Und darum hast du sie entwischen lassen, du Dummkopf! Wissen die Götter, wo sie jetzt stecken! Wäre Gustere nicht auf der Jagd, wären wir-" Mitten im Satz bricht Dyonix plötzlich ab, sehr zu Aarons Verwunderung. "W-was ist, Onkel?" fragt er.
"Nichts, Aaron. Du bekommst noch eine Chance. Geh und fang diese Turteltäubchen ein. Und vermassel es nicht wieder!"
"W-werd ich nicht, Onkel! Ich bin unterwegs!" Er ist jedoch noch nicht ganz durch die Tür. "G-glaubst du, sie sind vielleicht in der Bibliothek? Wegen dieses Buchs, das du erwähnt has-"
"Aaron, geh."
"Ja, Onkel!" Sobald die Tür ins Schloss fällt, seufzt Dyonix erneut. "Der Nichtsnutz kann alleine ja doch nichts richtig machen." Wieder knirscht der Stuhl. Dyonix scheint ein paar langsame Schritte zu machen. "Nun, da mein unfähiger Neffe nicht mehr hier ist... wie lange gedenkst du noch, dich da zu verstecken, Junge?" Was?! Woher weiß er, dass ich hier bin?! Oder... weiß er es wirklich? Redet er mit Dūs?
"Ich weiß, dass du da bist, also zwing mich nicht, dich hinter der Trennwand hervorzuzerren." Aha, also weiß er tatsächlich nichts von meiner Anwesenheit! Oh, aber das wird er bald. Zum richtigen Zeitpunkt.
Und der naht. "Dann habt Ihr mich also bemerkt," sagt Dūs, "Pech gehabt."
"Warte, du bist nicht-" Ich springe aus meinem Versteck, wobei ich noch schnell ein schweres Buch vom Schreibtisch greife, um es Dyonix über seinen unter braunen Locken verborgenen Hinterkopf zu ziehen. Doch er dreht sich herum und schirmt seinen Kopf mit seinen Armen ab. Während er noch unter dem Schmerz in seinem haarigen Handrücken zusammenzuckt, als er das Buch abfängt, erblicke ich erstmals den vermeintlichen Beschwörer der Untoten: einen bärtigen, gebräunten Mann mit hängenden Schultern und bernsteinfarbenen Augen, die mich aus den Schatten seines hageren, langen Gesichtes anfunkeln. Seine beigen Roben haben etwas Fremdländisches. Ein Illamare womöglich.
"Da bist du also," knirscht er hinter geschlossenen Zähnen. Mit Freuden fange ich seinen Faustschlag mit meiner Hand ab.
"Liebe Grüße von Cheeta," zische ich und schaue zu, wie sich die Überraschung in seinem Gesicht breitmacht – ehe unter seinem Zwirbelbart plötzlich ein hinterhältiges Grinsen auftaucht. Er fragt mich, "Was für ein Trottel packt die Hand eines Nekromanten?"
In meiner Hand explodiert auf einmal der Schmerz. Ich schreie auf und lass ihn los, ehe es noch schlimmer wird. Verflucht, meine Finger spielen verrückt! Sie fühlen sich an, als brechen sie sich jeden Moment selbst! Im nächsten Moment rammtt Dyonix mir seine Schulter in die Brust und raubt mir den Atem. Während ich gegen das Bücherregal geworfen werde, springt Dūs ihn jedoch an, und in einer geübten, flüssigen Bewegung dreht er dem Illamaren den Arm auf den Rücken – und wird zurückgeworfen, ohne dass Dyonix ihn auch nur berührt hat.
Er dreht sich wieder zu mir. T-träum ich... oder glühen seine Hände?! Sie sind schwarz geworden und voller Risse, wobei ein pulsierendes, rot-violettes Licht aus ihrem Inneren strahlt. Wie brennende, aufspringende Kohlen. Aber an dem Feuer um seine Hände kann man sicher mehr als sich nur verbrennen!
Und ich bin kurz davor, es rauszufinden. Mit einer Rolle seitwärts entkomme ich seinem ersten Faustschlag, doch ein zweiter folgt sogleich, und notgedrungen halte ich das Buch schützend vor mich.
Und aus irgendeinem Grund hält Dyonix inne – was mir die Chance gibt, ihm die Füße wegzureißen und Dūs zu Hilfe zu eilen.
"Alles in Ordnung?"
"Es ist nichts, bloß-"
"Passt auf!" ruft Sira, sodass ich gerade noch rechtzeitig Dyonix' flammenumhüllter Faust entgehen kann. Just in diesem Moment öffnet sich die Tür und Dyonix lässt seine Hände blitzschnell zu ihrem normalen Aussehen zurückkehren. Es ist aber bloß Aaron.
"Onkel, was ist los?! Ich hab was gehört-" Seine Miene durchwandert verschiedenste Emotionen binnen weniger Atemzüge, ehe sie bei Zorn stehen bleibt, als er mich erkennt. Dūs ist aber längst wieder auf den Beinen und rennt zur Treppe. "Verschwinden wir!" ruft er, während er hinaufhastet. Dyonix will mich festhalten, aber ich schlag ihm mit demm Ellbogen gegens Kinn und folge Dūs.
"Was treibt ihr zwei?!" protestiert Sira, "Hier oben sind wir ihnen schutzlos ausgeliefert!"
"Sind wir nicht," widerspricht Dūs, auf den Fenstersims steigend und das große Butzenglasfenster öffnend. Eine frische Brise wirbelt durch die Gemächer des Diplomaten. Wo wir bei ihm sind: er und sein Neffe verschwenden keine Zeit, uns zu verfolgen! Ich riskiere einen Blick hinaus. Kin hab Gnade, da geht's viel weiter runter, als ich befürchtet hab!
"Dūs," krächze ich, "Du hast hoffentlich nicht vor, was ich denke, dass du vorhast."
"Ich muss dich leider enttäuschen."
"Das schaffen wir nie!"
"Hat der Vierte etwa Höhenangst?"
"Ich hab Angst, mir das Genick zu brechen, wenn wir da runterspringen!" Genau da kommen Aaron und Dyonix oben an. Dūs greift mich mit nur einem Arm und hebt mich trotzdem mit Leichtigkeit. "Ich hasse es, wenn ich die halsbrecherischen Einfälle habe," murmelt er und hüpft plötzlich von dem Sims. Kin, Daera, Olphe, Vas, irgendeiner von euch Vier, egal welcher, bitte lass mich jetzt einfach aufwachen! Bring mich zurück zum Orden! Scheißegal, wenn nichts von alledem passiert ist, alles besser als mein sicherer Tod, der immer näher rückt!
Während ich bete, die Arme um Dūs geschlungen, spüre ich eine Erschütterung durch seinen Körper gehen und höre die Dachziegel unter seinen Füßen bersten. Doch einer Katze gleich springt er schnell und sicher von Vordach zu Vordach an der Mauer des Bergfrieds hinab. "Gut festhalten, der letzte Sprung ist etwas länger!" schreit er gegen die wütenden Windböen rund um uns an. Eine besonders heftige reißt uns herum und mit einem Mal dreht sich die gesamte Welt, bis ich kaum mehr weiß, wo oben und unten sind. Da sehe ich die gepflasterten Wege des Burgviertels über uns. Scheiße!
Doch Dūs berührt ganz kurz die Außenmauer, drückt sich im selben Moment ab und alles, was ich im nächsten Moment noch mitbekomme, ist wie wir perfekt auf unseren Füßen unten aufkommen. Das war jedoch etwas zu viel für mich, denn ich plumpse auf meinen Hosenboden und kralle mich mit zitternden Fingern in die Pflastersteine in der Hoffnung, ich müsse sie nie wieder loslassen. Atemlos schmunzelt Dūs. Obwohl sein rechter Armstulpen und die Haut darunter schlimm zugerichtet sind. Seine Hand ist über und über voll Blut.
"Dūs," schnappe ich fassungslos, "deine Hand-"
"D-das ist nichts. Mir ging's schon schlechter. Außerdem... ist das bloß ein bisschen Schmerz in meiner Rechten für das Leben des Vierten. Das ist in Ordnung." Er hätte ohne Weiteres seine Hand für mich gelassen. Ich kenn ihn nicht mal eine Stunde und schon würde er sich für mich ins Messer werfen. Nur weil Selet denkt, ich sei der Vierte...
Ich stehe auf. "Ist es nicht," sage ich entschieden, "Es ist nicht in Ordnung! Du riskierst dein Leben für jemanden, der selber nicht mal glaubt, der Vierte zu sein. Ich bin bloß Marin, der Stallknecht und Novize aus Doarnb."
"Für mich hast du viel eines Vierten. Kämpfst mit einem Nekromanten mit nichts als einem Buch bewaffnet-" Da sieht er, was ich immer noch in den Händen halte. Sira brüllt, "Du hast das Ding behalten?!"
"Hab ich wohl," murmle ich, selbst ganz überrascht. "Ach ja! Weil er es nicht verlieren wollte!"
"Wie bitte?"
"Als er mich vorhin schlagen wollte... hat er plötzlich innegehalten, nur weil ich das Buch hochgehalten habe. Er wollte nicht, dass es zu Schaden kommt."
"Da fällt mir ein," erinnert Sira sich, "Dieser Aaron hat auch irgendwas gefaselt von einem Buch aus der Bibliothek. Wenn unser dubioser Diplomat also nicht Angst hatte, keine Gute-Nacht-Geschichten mehr lesen zu können, sollten wir definitiv mal einen Blick in diesen Schinken werfen."
"Ja-" Ich stutze. "Oh nein. Die Bücherei! Selet! Sie ist noch im Schloss!"
Dūs legt mir eine Hand auf die Schulter. "Beruhig dich," spricht er, "Sie kommt klar. Sie kennt sich tausendmal besser auf der Burg aus als ich – und ist um Einiges weniger risikofreudig. Ich hol sie später ab. Doch nun..." Er guckt die Mauern hinauf, auf denen eine Handvoll Wachmänner durcheinanderlaufen. "Lass uns dein Pferd suchen und zum Tempel von Vas eilen. Wir müssen das Schwert wohl ohne irgendwelche Hinweise finden."
Ich nicke und wir machen uns auf zur verabredeten Stelle, wo Halsänn mit Porstellion warten dürfte. Kaum dass wir einander erblicken, zieht er eine fragende Grimasse. Ich lasse ihn aber erst gar nicht zu Wort kommen, "Also, das ist Dūs, ein Freund von Selet. Wir wurden getrennt, haben rausgefunden, dass ein Kerl namens Dyonix hinter ihr her war, und müssen jetzt sofort zum Tempel und die Klinge von Vas holen!"
"Dyonix?! Verflucht, das heißt dann... gah, egal! Ist jemand euch auf den Fersen?"
"Höchstwahrscheinlich," entgegnet Dūs.
"Na schön. Ihr zwei schwingt eure Hintern zum Tempel! Ich halt euch den Rücken frei." In jeder anderen Situation hätte ich protestiert, aber ich schätze, wenigstens einmal sollte ich dem alten Mann seinen Willen lassen. Einfach nur, damit er nicht sein Versprechen einhält, mir den Hals umzudrehen, weil ich Ärger nahezu magisch anziehe. Dūs und ich steigen also in den Sattel und reiten so schnell wie Porstellion uns tragen kann davon.
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"Da wären wir," eröffnet Dūs feierlich, als wir schließlich das Tempelgelände erreichen. Der eine Schritt unter dem alten, steinernen Torbogen hindurch, der die Stadt von den Tempelgärten trennt, scheint uns in eine andere Welt zu führen. Das Glockengeläute, die lauten, spielenden Kinder, all der Trubel von Ardsted scheint mit einem Mal verschwunden. Stille beherrscht den grünen Garten, abgesehen vom leisen Rauschen der Baumkronen im Wind. Einer der zwei Tempel, die Loquie der Göttinnen, ist nur wenige Schritte entfernt von uns, während das andere Gebäude, der Tempel von Vas, am Ende der niedrigen Treppen zum Osten hin über den mehreren Ebenen des Tempelgeländes aufragt.
Auf unserem Weg dorthin passieren wir einige große Marmorblöcke, in welche Verse aus den Disziplinen eingemeißelt worden sind, und mehrere niedrige, rechteckige Zisternen, in denen klares Wasser im Licht der untergehenden Sonne funkelt. Ich fühle mich seltsam geborgen. Als ob ich, wenn ich die Augen schlösse, den Wald von Welsdorf riechen und das Rattern von Garts Mühle und das Klacken hölzerner Übungsschwerter vor dem Orden hören könnte. Liegt das bloß an der Ruhe dieses Ortes? Oder wollten die Götter, dass wir uns wie zuhause fühlen, wenn wir herkommen, um sie zu würdigen?
Oder ist es gar ein Privileg, das Vas nur seinem Auserwähltem, dem Vierten, vorbehalten hat? Das erinnert mich an die Geschichten über die bescheidene Ellaea und wie, als ihr die Klinge überreicht wurde, Vas zu ihr gesagt hat, 'Fürchte nicht das Schicksal, mit welchem ich dich geschlagen, meine Auserwählte. Sei dir gewiss, dass ich nichts als gute Pläne für dich habe und dich nicht hungern oder Durst verspüren lasse auf all den Straßen, die ich dir bereitet. Weder Krankheit noch Schmerz soll über dich kommen, kein Biest nagen an deinem Fleisch, so ich über dich wachen werde, wo auch immer du deine Schritte setzt oder dein Lager für die Nacht bereitest. Diebe sollen dich meiden, die Drei sich fürchten vor dir, habe ich dich doch als meine Erwählte gezeichnet. Du bist die Vierte.'
Kaum, dass ich die Worte aus den Disziplinen im Geiste aufgesagt habe, erreichen wir den Eingang zum Tempel, ein großes Portal aus Holz und Bronze. Die graubraune Fassade ist verziert mit meisterhaft gemeißelten Lisenen, welche die Namen und Antlitze zahlreicher Vierter tragen. Fast augenblicklich halte ich Ausschau nach einem ganz bestimmten.
"Suchst du Skender Maresa?" frägt Dūs, als er meine suchenden Blicke bemerkt.
"Ja," entgegne ich etwas verwundert, "Woher wusstest du das?"
"Er kam auch aus Doarnb, oder?" Er schenkt mir ein warmes Lächeln. "Obwohl es so aussieht, als wäre er nicht mehr der einzige Vierte aus diesem Eck der Welt."
Mir gefällt sein Blick nicht. Ich erwidere, "Noch steht nichts fest. Ich hab Selet nur versprochen, mitzuspielen, bis wir einen finden, der besser für die Rolle des Prophezeiten herhalten kann." Dūs zuckt mit den Achseln. Mit spöttischem Unterton sagt er, "Dann tritt ein, du Ersatz-Vierter. Die Klinge von Vas wird zu lange auf einen neuen Besitzer gewartet haben, um großartige Ansprüche zu stellen."
"Warum nimmst du das Schwert dann nicht, wenn das so unwichtig ist?" blaffe ich ihn an. Er zuckt tatsächlich zusammen.
"Glaub mir," knurrt er, "Du würdest nicht wollen, dass ich die Klinge ergreife. Nun geh. Ich werde Selet herbringen, während du suchst." Ein Wermutstropfen scheint in seine Augen gefallen zu sein, als er anfügt, "Viel Glück." Er geht ab.
Ein komischer Kerl. Oder ist das bloß eine weitere Eigenheit der Schattenlosen? Ich verschwende keine weiteren Gedanken darüber und trete in den Tempel ein. Es ist seltsam leer im Inneren. Meine Schritte hallen laut durch die große Halle, in deren Höhen verschnörkelte Bögen aus den massiven Steinpfeilern sprießen wie Baumkronen. Die Emporen sind in bunte Farben getränkt von dem Licht, das durch die großen, spitz zulaufenden Buntglasfenster fällt, die allerhand Momente aus der langen Geschichte des Kriegs der Drei abbilden. Zum Beispiel die Invasion Sakons, des Dreisten, während der Ersten Dämmerung. Die Flutkatastrophe am Eris-See durch Rokesh, den Glutfürsten. Der Tod des letzten ikanischen Kaisers durch den Umgedrehten König.
Erst, als Sira zu mir spricht, merke ich, wie lange ich die Fenster angestarrt habe, "He, kehr mal ins Hier und Jetzt zurück! Wir müssen die Klinge finden! Übers Führen machen wir uns Gedanken, wenn's soweit ist, ja?"
"Hast ja Recht. Ich bin bloß... ein bisschen überwältigt von alledem. Selet will, dass ich mich ans Ende dieser Reihe von Königen und Rittern und Helden stelle. Dabei bin ich bloß ein Novize."
"Eh, du wärst nicht der erste weniger imposante Vierte." Meint sie das jetzt ermutigend oder herabsetzend? Achselzuckend wende ich mich wieder der Suche zu, doch wenig im Tempel erweckt den Eindruck eines Verstecks. Zeit, Dyonix' Buch zu befragen.
"Von den... heimischen Blumen und Kräutern Cardighnas," lese ich verwirrt den Titel vor. "Ist das 'n Scherz?!" Hab ich mir womöglich nur eingebildet, dass Dyonix sich selbst davon abgehalten hat, das Buch zu beschädigen? Oder hab ich das richtige gar verloren und aus Versehen ein anderes mitgenommen? "Das... das kann doch nicht sein. Das sind bloß Blumen! Dutzende und Aberdutzende, Zeichnungen, Wirkung, Namen, wo man sie findet!" Wütend blättere ich das gesamte Buch durch.
Da erspürt mein Daumen plötzlich eine ganz bestimmte Seite. Sie ist irgendwie gar nicht richtig in den Buchblock eingefügt, ragt minimal hervor – doch es fällt mir dennoch auf. Die Handschrift sieht auch ein wenig anders aus. Der Eintrag trägt den Titel Ensys Des Rubikundys und zeigt eine stilisierte Darstellung eines hohen, roten Strauchs, dessen Blätter zum Himmel zeigen wie... wie Klingen!
"Sira, kannst du zufällig etwas Cironesisch?"
"Hm? Nun, ich hab ein bisschen aufgeschnappt hier und da."
"Was heißt Ensys Des Rubikundys?"
"Wir suchen nach der Klinge und könnten jeden Moment von Dyonix' Schergen eingeholt werden und du fragst mich nach dem Namen irgendeines Gewächs?!"
"Bitte, Sira, sag mir einfach, was es heißt! Das könnte ein Hinweis sein."
"Nun... Ensys bedeutet Schwert und Des- warte! Des roten Gottes Schwert! Die Klinge von Vas!" Damit bestätigt sich mein Verdacht: "Die Seite ist nachträglich in das Buch eingefügt worden und wurde so gestaltet, dass sie zum Rest passt. Und da alle Einträge eine genaue Beschreibung des Fundortes beinhalten, muss das genau der Hinweis sein, den wir gesucht haben! Schauen wir mal... Natürlicher Fundort."
Ich runzle die Stirn. "Diese Blume ist dergestalt rar, dass sie nur gefunden werden kann, wenn man ihrer Schönheit ansichtig ist im Antlitz Vas' aufgehenden Blickes im Westen. Glück auf dem, der wagt, sie aus ihrem geborgenen Hain zu pflücken."
"Die wollen wirklich nicht, dass jemand dieses Schwert findet, der nicht dazu bestimmt ist, was?" Sira ächzt, "Das macht doch keinen Sinn! Vas' aufgehender Blick im Westen... die Sonne geht doch im Osten auf!"
"Vermutlich ist was anderes gemeint... oder vielleicht ist da eine versteckte Bedeutung in den Worten." Wenn ich nur etwas besser sehen könnte, doch mit dem Zwielicht der einbrechenden Dämmerung wird das immer schwieriger. Und diese blöden Buntglasfenster und das bunte Licht, das durch sie auf die Seiten fällt, hilft auch nicht weiter!
"Moment. Zwielicht... die Sonne... die Fenster!" War da nicht eines über die Erste Dämmerung, den ersten der Zwielichtskriege? Aber natürlich! Sakon, der Dreiste, wie er aus Ta'Mih im Osten einreitet, und das Sonnenlicht von seinem kahlen Hinterkopf reflektiert wird. Und das Fenster zeigt aber nach Westen. "Das muss Vas' aufgehender Blick im Westen sein!"
"Wie? He, stimmt, das könnte sein!"
"Jetzt muss ich nur noch... der Blume Schönheit darin ansichtig werden. Was auch immer das heißt."
"Nun, sie haben ja auch nicht die echte Sonne gemeint, also vielleicht reden sie auch nicht vom echten Schwert, wenn sie über seine Schönheit schreiben?" überlegt Sira. "Halt mal die Seite mit dem Bild der Schwertblume so, dass das Licht sie trifft!" Getan wie gedacht – und sie hat den richtigen Riecher! Im Inneren des Papiers ist ein zweites Bild versteckt! Und es ähnelt dem Fenster.
Ich erlaube mir ein zufriedenes Lächeln, als ich die Seite und das Fenster richtig zueinander anordne und mit dem letzten Hinweis belohnt werde: Sakon hält nicht länger seine Waffe gen Himmel, sondern eine schwere Steinplatte... so wie die in den Tempelwänden! Ich verschwende keine Zeit und eile hinauf auf die Empore und falle vor dem Fenster auf die Knie. Die Platte darunter trägt genau dasselbe Muster wie in der versteckten Zeichnung. Mal sehen, ob ich sie herausnehmen kann.
Es braucht etwas Rütteln und ich klemm mir fast die Finger in den engen Schlitzen zwischen den Platten ein, aber schließlich gelingt es mir, einen dunklen Hohlraum in der Wand freizulegen. Boah, ist das aufregend! Vorsichtig greife ich in die Dunkelheit. Sobald ich das kalte Metall eines Hefts spüre, greife ich zu und ziehe meinen Fund heraus.
Zum Vorschein kommt ein eingestaubtes Bastardschwert. Doch ganz ungeachtet der Zeit, die es in diesem Versteck zugebracht haben muss, ist die Klinge nach wie vor strahlend blau, als sei sie gerade erst gefertigt worden. Der silberne Griff ist in dünne, rote Lederstreifen eingewickelt, während die Parierstange mit Gold ummantelt ist und an eine strahlende Sonne erinnert, von der die Klinge herabragt wie die Vergeltung des Himmels. Ich kann nicht glauben, dass ich es in den Händen halte! Das Schwert des Vierten. Die Klinge von Vas. Der Drei Verderben, die einzige Waffe, die sie mit Sicherheit töten kann.
"Damit hätten wir endlich eine Chance gegen den Umgedrehten König, sollte er es wirklich wagen, wieder aufzutauchen," frohlocke ich, indem ich aufstehe und nach unten gehe. "Warte nur, bis Selet das sieht!"
"Das werden wir ja sehen, du Drecksack." Da betritt Aaron den Tempel. Seine Schritte sind langsam und bedrohlich, seine Hände fest zu Fäusten geballt. Irgendetwas an seiner Ausstrahlung ist anders als vorhin. "Du wirst sie nicht mehr beeindrucken, wenn ich mit dir fertig bin," zischt er, wobei wütende Zuckungen über sein Gesicht flackern.
"Was machst du hier?! Halsänn wollte doch-"
"Dieser fette Söldner, der sich mir in den Weg gestellt hat? Oh, um den hab ich mich gekümmert."
"Was hast du mit ihm gemacht?!"
"Ich hab ihm gezeigt, wie verdammt angepisst ich heute bin. Mein Onkel ist so wütend auf mich nur wegen dir... und dann hast du auch noch Selet gegen mich aufgebracht! Dafür wirst du bezahlen!"
Ich kann diesen Idioten nicht ernst nehmen: "Ich weiß nicht, ob du's weißt, aber ich hab die verdammte Klinge von Vas in der Hand und du kommst hier mit bloßen Fäusten an. Willst du die Abreibung wirklich so sehr, nur weil Selet dich nicht mag?"
Ich hätte meine Worte vielleicht überdenken sollen, doch jetzt ist es zu spät. Wie ein wütender Affe springt er mich an und schlägt mir ins Gesicht. Ich bekomme mein eigenes Blut zu schmecken, weil irgendetwas in meinem Mund platzt, als ich benommen zurücktorkele. Soll mich Olphe holen, wenn ich mich davon beeindrucken lasse! Aaron ist nicht wie Cheeta! Er ist nichts weiter als ein anderer Korogra – und mit denen kann ich gut genug umgehen!
Ich fange seinen zweiten Schlag mit meiner Hand ab, doch Aaron springt weg, ehe ich es ihm mit meinen Fäusten heimzahlen kann. Dumm nur, dass ich auch noch ein Schwert habe mit einer wesentlich höheren Reichweite als seine Angriffe. Und dem entkommt er nicht! Tränen steigen in seine Augen, winzige, glitzernde Tröpfchen, die bis zum Anschlag mit dem Schmerz gefüllt sind, den er spüren muss, als die Klinge ihm den Bauch aufschlitzt.
Ein Auge fest verschlossen, das andere weit aufgerissen starrt er mich an, als er zu Boden geht. Mit den Händen versucht er krampfhaft, die klaffende, blutende Wunde in seiner Körpermitte zuzuhalten. Mit einem Mal kann ich meine Finger nicht mehr spüren und das Blut in meinem Mund verwandelt sich in bittere Galle. W... was zur Hölle ist in mich gefahren?! Ich hab ihn einfach so aufgeschnitten. Kin verdammt, dieses Arschloch ist doch kaum älter als ich! Er verblutet jeden Moment!
"Scheiße, scheiße, scheiße," fluche ich und lasse mich auf den Boden fallen, um Aaron an den Schultern zu packen und zu sehen, wie bald ich einsehen muss, gerade jemandes Tod verantwortet zu haben. Ich muss ihm helfen-
Da drücken sich seine Fingerknöchel hart in mein Kinn und befördern mich zu Boden. Er steht derweilen auf, als sei nicht das Geringste geschehen. Und es stimmt! I-ich hätte schwören können, dass ihm grad eben noch fast die Gedärme rausgerutscht wären, aber jetzt ist da unter der blutgetränkten, zerrissenen Seide nicht mehr als eine leichte Rötung!
"Scheiße, tat das weh!" bellt er wütend, "Das wirst du büßen!"
Ich kämpfe mich wieder hoch und frage, "Was für eine Ausgeburt bist du?! Ein weiterer Untoter?!" Er antwortet mir mit dem bösartigsten Lächeln, das ich jemals im Gesicht eines Burschen seines Alters gesehen habe. "Nei~n," spricht er schadenfroh, "Ich bin niemandes Marionette." Die Adern auf seinen Handrücken beginnen allmählich zu leuchten. Oh nein. Blaue Funken erscheinen rund um seine Finger, die langsam so dunkel werden wie Kohlestücke. "Ich bin wenn dann der Strippenzieher!"
Meine Beine reagieren schneller als ich selbst realisiere, dass er längst wieder angreift. Eine Peitsche aus blauem Feuer regnet dort nieder, wo ich gerade noch gestanden habe. Also ist er ein Nekromant, genau wie sein Onkel. Und genauso versessen drauf, mir den Garaus zu machen. Mist, er greift wieder an!
"Das Schwert, Marin!" ruft Sira mir zu, "Parier mit der Klinge!" Mir bleibt kaum etwas anderes übrig, also halte ich das Schwert über mich, wo der brennende Strang gerade hinabsaust. Kaum berühren die Flammen die Schneide auch nur, verschwinden sie jedoch. Aaron und ich sind gleichermaßen verdutzt.
Ein Lächeln gleitet über meine Züge. "Es stimmt also," wird mir klar, "Das ist wirklich ein heiliges Schwert. Und so werde ich ganz bestimmt nicht gegen dich verlieren!"
"Versuch doch, mich zu fällen!" spottet Aaron, aber sein Gesicht straft seine Überheblichkeit Lügen. Er ist lang nicht mehr so selbstsicher.
"Aber er hat Recht," murmle ich zu mir selbst, "Selbst wenn ich ihn treffe, macht es ihm kaum etwas aus."
Sira hat mich gehört und erklärt, "Das sind seine Nekromantenkräfte. Er heilt sich, wann immer du ihn erwischst. Aber wenn- Vorsicht!" Mit einem schnellen Sprung zur Seite weiche ich aus, als Aaron sich mir entgegenwirft, doch keinen Sekundenbruchteil später hat er seine Peitsche wieder zur Hand und schwingt sie nach mir. Ich hechte unter ihr hinweg, hinaus aus dem Tempel. Die Luft draußen ist so schwül, dass meine hastigen Atemzüge mich nur noch mehr anstrengen. Ich rapple mich auf und sehe zu, dass ich Land gewinne.
Sira fragt mich währenddessen, "Hast du schon mal von Seelensteinen gehört?"
"Seelensteine? Sira, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt-"
"Das ist, was er benutzt, um seine Zauber zu wirken! Nekromanten brauchen bestimmte Juwelen für ihre Magie. Nimm ihm den Stein ab und er ist nichts weiter als ein kleiner Rüpel!"
"Als ob ich das zuließe!" brüllt Aaron da. Mit einer raschen Armbewegung wirft er eine Sichel blauen Feuers nach mir, durch die die Klinge von Vas jedoch ohne Weiteres schneidet. Lediglich zwei Querschläger graben sich hinter mir in die Erde. Wo sie aufkommen, verdorrt das Gras fast augenblicklich. Doch in der Zeit, während der ich das beobachtet habe, rennt Aaron wieder auf mich zu. Nur noch eine Armlänge trennt uns. Ehe er mich angreifen kann, steche ich mit meinem Schwert in seine Schulter und mit einem ohrenbetäubenden Schrei springt er zurück. Die Wunde schließt sich jedoch bereits wieder.
Nun, wenigstens weiß ich, dass er trotz Allem noch den Schmerz spürt. Hoffentlich wird er ohnmächtig davon, ehe mir die Puste ausgeht. Nein, das ist zu riskant. Ich muss aufhören wegzulaufen und angreifen, solange er sich heilt! Während er sich noch die lädierte Schulter hält, stürze ich mich auf ihn, doch der Mistkerl hat sich schneller erholt als erhofft und heißt mich mit einem weiteren Peitschenschlag willkommen. Nichts, was die Klinge nicht aufhalten kann!
Sein Fuß, der sich in meinen Magen bohrt, ist da eine ganz andere Sache. Ich kämpfe die aufkommende Übelkeit nieder, während sich mein Rücken unter Schmerzen krümmt und ich atemlos versuche, aus Aarons Reichweite zu gelangen. Donnerhall begleitet die plötzliche Kälte, die über meine Wange streichelt, als seine Attacke um Haaresbreite an mir vorbeischlägt. Verzweifelt schwinge ich mein Schwert mit meiner Rechten und mit aller Kraft auf ihn zu. Da fängt er mich am Handgelenk ab und im nächsten Augenblick scheint mein Arm von innen heraus aufgefressen zu werden. Als fege ein Feuerschwall durch meine Adern, während Tausende kleiner Hände mir die Haut abziehen.
Ich muss das Schwert loslassen! Und Aaron lässt mich. Er lacht so laut, dass halb Ardsted es hören muss. "Ha! Du Volltrottel hast es mir einfach überlassen! Du bist tot!" grölt er, zu seinem letzten Schlag ausholend. Seine Faust gräbt sich hart in meine Handfläche. Ansonsten ist da jedoch kein Schmerz. Kein blaues Feuer. Seine Hand ist wieder völlig normal.
Erschrocken starrt Aaron auf meine Linke, in der ich sein Amulet mit dem violetten Edelstein halte. Ich kann nicht anders, als ihn schief anzulächeln. "Sicher, dass ich hier der Volltrottel bin? Ich hab dir gar nichts überlassen – sondern nur getauscht." Er ist so überrascht, dass er nichts dagegen tut, als ich seine Hand beiseite werfe und ihm mit all meiner Kraft meinen Ellbogen ins Gesicht ramme. Ich verspüre eine gewisse Genugtuung, als ich merke, wie seine Nase nachgibt. Ein Blitz zuckt über Ardsted herab, als Aaron das Bewusstsein verliert und umkippt. Das hast du Drecksack dir verdient, denke ich während ich das Amulett wegschmeiße und die Klinge von Vas zurückhole.
Da flitzt Sira schon um mich herum, mich scheltend, "Bei Olphe, Marin! Ich krieg noch einen Herzinfarkt von deinen überstürzten Aktionen! Kannst du von Glück reden, dass das in seinem Anhänger wirklich sein Seelenstein war!"
"Orson sagt immer: manchmal im Kampf kommt es eben auf Instinkt an. Und mein Instinkt hat mir gesagt, dass Aaron zu der Art Idiot gehört, die ihren Seelenstein am offensichtlichsten Ort überhaupt aufbewahrt."
"Nun, da hat dein Instinkt wohl ausnahmsweise Recht behalten." Da wird ihr Gesicht anzüglich. "Nu~n, so langsam versteh ich, dass Selet eher auf dich steht als auf ihn. Bestimmt gibt's noch ein Küsschen, wenn sie rausfindet, dass wir die Klinge haben."
"Fängst du schon wieder damit an...?" seufze ich. "Komm, hauen wir ab und finden raus, wo sie und Dūs bleiben."
"Äh, und was ist mit deinem Nebenbuhler?" Mein Magen dreht sich fast um, als ich mich umdrehe und Aarons blutiges, regungsloses Gesicht sehe. "Soll er meinetwegen zur Hölle fahren," erkläre ich Sira, "Aber ich werde ihn nicht töten. Wenn ich wirklich der Vierte bin... dann sind die Drei die einzigen, denen ich das Leben nehmen sollte." Und bei den Göttern, ich hoffe, selbst darum herumzukommen.
Als ich gehen möchte, packt irgendetwas meine Beine und zieht meine Füße weg, sodass ich der Länge nach ins Gras falle. Mist, der ist schon wieder wach und wohlauf?! Nicht ganz, so wie sich Aarons angestrengte, stöhnende Stimme anhört, "Urgh... du wirst... nicht alles ruinieren... wofür mein Onkel gearbeitet hat. Das lass ich nicht zu!"
Das wollen wir ja sehen, wenn ich ihm gegen den Kopf trete! Doch mein Fuß tritt ins Leere, denn Aaron ist bereits auf den Beinen. Ich kann mich bloß auf den Rücken drehe, ehe er sich auf mich wirft. Ich zähle gar nicht, wie oft er versucht, mir ins Gesicht zu schlagen, und wie oft ich es ihm heimzahlen will, während wir miteinander ringend über das Tempelgelände kullern, bis wir an einen der großen Marmorblöcke prallen. Plötzlich lässt Aaron mich los.
Als mir klar wird, wieso, ist es längst zu spät. Mit der Klinge von Vas in den Händen steht er über mir, das Schwert nach unten gerichtet für einen einzigen, letzten Stich, der mein Ende bedeuten wird. Inmitten all des Bluts und der Schwellungen in seinem Gesicht sehe ich Tränen über seine Wangen laufen.
"Versuch mal, ein Held zu sein," schreit er, das Schwert plötzlich hochhebend, "ohne das!" Es donnert wieder, doch selbst das übertönt nicht das durchdringende Klirren von berstendem Stahl, als Aaron die Klinge mit voller Wucht auf den Stein niedersausen lässt. Alles geschieht plötzlich so langsam, dass ich die Umdrehungen der abgebrochenen Klinge in der Luft zählen kann, während das Metall die letzten Sonnenstrahlen, welche die schwarze Wolkendecke durchdringen, einfängt. Eins. Zwei. Drei. Vier. Dann bohrt sich die Klinge neben mir ins Erdreich und Aaron wirft das Heft mit dem abgebrochenen Klingensockel beiseite und läuft davon.
Dann prasselt der Regen auf mich nieder.
Ein Blick zu jemand anderem in Ardsted und Kapitel 9
Ein Blick zu jemand anderem in Ardsted
Blitze erhellten ihren Weg. Die Straßen waren wie leer gewaschen vom Regen, abgesehen von den paar armseligen Trunkenbolden, die aus den Kneipen und Bordellen geschmissen worden waren, an denen die Harpyien vorbeizogen. Sie waren durchnässt bis auf die Knochen. Einige Zeit schon, seit das Gewitter begonnen und sie gezwungen hatte, ihre Reise zu Fuß fortzusetzen. Besser, als vom nächsten Blitzschlag in der Luft geröstet zu werden, aber Kora hätte gelogen, hätte sie in diesem Moment nicht ein bisschen Sehnsucht nach Meskardhs Fehlbleiben jeglichen Regens gehabt. Nur wie wollte sie sich Anwärterin auf den Dreizack nennen, wenn sie sich von dem bisschen Regen aufhalten ließe?
Sie sah ans andere Ende der Straße, wo sich die Tempel der Cardighnischen Götter über den Dächern erhoben, und ein Lächeln zierte ihre Lippen. Sie ließ es ihr Gefolge sehen, doch das hatte den Blick eisern und verbissen nach vorne gerichtet. Meriasmis und Mhasgez versuchten vergebens, irgendwie ihre Flügel umeinanderzulegen und so dem Regen zu entgehen, während der Rest die Kälte und Nässe schweigend ertrug. Ganz die stolzen Harpyien von Meskardh. Der einzige, der auch lächelte, war Akolosh. Sein Markenzeichen, seit sie aufgebrochen waren. Kora musste ihm lassen, dass auch er entschlossen war. Obwohl sie sein anmaßendes Angebot ausgeschlagen hatte, hatte er Wort gehalten und folgte ihr unabdinglich, die einzelne Gegenschwinge in ihrem kleinen Trupp.
Trotz des allgemeinen Misstrauens aller anderen, die Kora deutlich zu verstehen gegeben hatten, was sie davon hielten, einen wie ihn mitzunehmen, schien er sich an ihrer Seite wie zuhause zu fühlen. Wenn sie wiederum bedachte, wieviele Ehemänner er zuhause gegen sich aufgebracht haben musste, war das hier für ihn sicherlich nicht mehr als ein verhaltenes Familientreffen. Eine Familie, die ihn zähneknirschend aufnehmen musste, wenn er Kora von seinen Fähigkeiten überzeugen konnte.
Sie erreichten den großen Vorhof des Tempelgeländes und sofort bedeutete Kora dem Rest, sich zu verstecken. Da war schon jemand anders auf dem Platz: Fünf an der Zahl, eng beieinanderstehend und drei von ihnen unter dunklen Regenmänteln verborgen. Die anderen zwei waren ein Bursche mit braunen Locken und blutverschmierten, zerrissenen Gewändern, sowie ein Hüne mittleren Alters. Er hatte schütteres Haar und sein Gesicht war gezeichnet von einem guten Dutzend Schwellungen, die wohl von einer Reihe Faustschläge stammten. Koras Augen entgingen auch nicht die festen Fesseln um seine mächtigen Handgelenke und der verräterische Lichtreflex eines Dolches, der aus der Dunkelheit eines der Mäntel stach.
"Du beanspruchst echt unsere Geduld," krächzte der Dolchführer in einer Stimme, die so kratzig klang, als hätte er zwei Flaschen Kolph'schen Feuersaft gestürzt.
"Ich weiß ja nich', wieviel in deinem verfaulten Totenschädel noch an Hirn vorhanden ist," seufzte der Große, so gut es die blauen Flecken erlaubten, "Aber du hast mir dieselbe verfickte Frage jetzt mindestens zwanzig Mal gestellt. Wie wahrscheinlich ist's, dass ich diesmal eine andere Antwort gebe?! Was weiß ich, wohin diese Gören sich verpisst haben."
"Du bist mir vielleicht ein Geleitschutz," spottete Kratzstimme.
Einer der anderen Verhüllten sprach da besonnen, "Mir fällt es auch schwer, zu glauben, dass Ihr so wenig vom Verbleib der Prinzessin und des Vierten wüsstet." Einen Augenblick lang vergaß Kora zu atmen. Der Vierte?! Da wagte jemand, ihren Titel zu beanspruchen?! Fast war es, als sei ihre Wut in diesem Moment zu groß für ihren Körper allein, denn auch der Fremde wurde allmählich zornig, "Glaubt Ihr, gewonnen zu haben, nur weil Ihr es in einem Stück hierher geschafft habt und diese beiden Kinder die Klinge geborgen haben? Nehmt Ihr das deswegen so leicht hin, dass wir Euch geschnappt haben?"
Der Hüne schnaubte unbeeindruckt. "Eigentlich fang ich jeden Moment das Schreien an," stichelte er. "Der berühmte Diplomat Dyonix Rosso von Illamar ist ein hinterhältiger Mistkerl, der den Umgedrehten König-" Weiter kam er nicht, denn blitzschnell wurde er von dem dritten Mantelträger geknebelt. Kora konnte es nicht genau erkennen, meinte aber, gleichzeitig zu sehen, wie die Messerspitze sich kurz in den Rücken des Mannes bohrte.
Der einzige, der ein Wort sagte, war aber Dyonix, "Ihr seid ein Narr, Halsänn. Selbst wenn Euch jemand hören würde... keiner gäbe etwas auf Eure Verleumdungen. Euresgleichen hat keine Freunde mehr in dieser Stadt. Ein Vogelfreier, ein Rebell aus dem Bürgerkrieg, der etwas brüllt von Verrat im engsten Gefolge des Königs? Wie verzweifelt muss das in jedermanns Ohren klingen?"
"Wenn er es doch so liebt, diesem König zu helfen, dem er nicht mal mehr treu ist," hatte der fünfte Mann plötzlich eine Idee, "Warum sparen wir uns nicht die Arbeit, ihn selbst umzulegen, und bringen ihn vor Gericht? Die guten Leute von Ardsted würden zu gerne wieder mal einen Königsbrautanhänger am Galgen verenden sehen." Dyonix ließ sich den Vorschlag durch den Kopf gehen, selbigen nachdenklich unter seiner Kapuze gesenkt.
Schließlich sagte er, "Eine dunkle, stille Kerkerzelle ohne Wasser und Brot bringt manche Leute zum Reden, ja. Und falls Ihr dann immer noch beharrt, nichts vom Ziel des Vierten zu wissen, Halsänn, werdet Ihr euren Hals ruck-zuck in einer festen Schlinge finden. Bringt ihn weg." Kora hörte kaum noch, was sie sagten, so sehr schwirrte ihr der Kopf vor Fragen. Wovon bei Uljha'ike faselten diese Verrückten? Und wer war dieser Möchtegernheld?! War jemand ihr zuvorgekommen?
Sobald Kratzstimme und der andere mit Halsänn verschwunden waren, ergriff der mürrisch dreinblickende Junge an Dyonix' Seite erstmals das Wort, "E-es tut mir Leid, Onkel. I... Ich hab's wieder vermasselt. A-aber-"
"Hast du nicht," widersprach Dyonix, "Du hast die Klinge zerbrochen und-" Kora stieß einen spitzen Schrei aus, der Dyonix herumfahren ließ. Schnell zog sie sich so tief in ihr Versteck zurück wie möglich. Reiß dich zusammen, dachte sie, Was für eine Harpyie gibtso einfach preis, wo sich versteckt hält?! Bestimmt hatte sie sich nur verhört. Die Klinge von Vas zerbrechen? Nie im Leben! Die mussten von einem anderen Schwert reden, egal welchem, Hauptsache nicht die Klinge!
Endlich schien Dyonix ihren Schrei als nichts Wichtiges abzutun und fuhr fort, "Du hast mir da eine große Last von den Schultern genommen, indem du das Schwert zerbrochen hast, sobald dieser Junge es gefunden hatte. Ich wäre zwar noch etwas beruhigter, wenn die Bruchstücke jetzt in unserem Besitz wären, aber das macht keinen Unterschied. Wir werden sie finden. Die Klinge, die Prinzessin und diesen blonden Prophezeiten mit seiner vermaledeiten Víla." Ein Knoten schien mit einem Mal in Koras Brust zu sitzen und ihr die Luft abzuschnüren. Also meinten sie doch die Klinge von Vas! Und irgendein mieser Kleindieb hatte sie sich vor ihr geschnappt – und das Schwert dann auch noch zerbrechen lassen, dieser Trottel!
Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu hören, was Aaron und Dyonix noch sagten, ehe auch sie sich allmählich entfernten. Es war sowieso unwichtig. Sie musste sofort den ganzen Tempel absuchen! Das musste einfach ein Missverständnis sein. Sie war diejenige, die das Schwert führen sollte, kein Zweifel! Bestimmt hatte der Blonde nicht die richtige Klinge von Vas gefunden. Und wenn doch stimmte, was diese Männer gesagt hatten... oh ja, dann würde er im Handumdrehen aufgespürt werden.
Denn keiner reichte einer wütenden Harpyie das Wasser bei einer Jagd.
Kapitel 9
Zögerlich entlassen die Träume mich aus ihrem vernebelten, ermüdenden Griff. Doch als wollten sie mich in Versuchung führen, doch noch einmal umzukehren und weiterzuschlafen, zeigen sie mir als letztes Aaron, wenige Augenblicke ehe er die Klinge von Vas entzweischlägt. Noch ist da eine Chance, du kannst ihn aufhalten, scheinen sie zu flüstern. Dabei sind sie Lügner. Es ist längst passiert. Und so erwache ich, um mich auf dem harten, moosigen Boden einer kleinen Höhle weit weg von Ardsted wiederzufinden.
Dūs ist da, ganz plötzlich, wie es seine Lieblingsart, aufzutauchen, zu sein scheint. Das einzige von ihm, was sich von der Dunkelheit rundum abhebt, sind sein helles Haar und seine Augen. Unlesbar blicken sie auf mich herab. "Harter Tag," sagt er. Eine Feststellung, keine Frage. Die sind schließlich mein Fachgebiet.
"Dūs! Wo warst du? Wie spät ist es? Wie hast du uns gefunden?"
"Schh, nicht so laut," zischt er und deutet zum anderen Ende der Höhle, wo Selet sich zum Schlafen zusammengerollt hat. Das Gesicht abgewandt und unter Decken verkrochen, sodass ich sie kaum erkennen. Scheint sich aber nicht an unserer Lautstärke zu stören. Die schläft wie ein Fels. Nun, wenn wenigstens sie und Sira ein Auge zubekommen, ist das besser als nichts.
Zurück also zu dem Herren, der mich geweckt hat. "Also, warum bist du hier?" frage ich noch mal, etwas leiser, "Als Selet mich am Tempel aufgelesen hat, war von dir nichts zu sehen. Wohin hast du dich verdrückt?"
"Dyonix' Schergen waren uns auf den Fersen. Ich habe sie abgelenkt, damit Selet unbeschadet zu dir zurückkommen konnte."
"Ja, aber warum bist du jetzt hier? Wir sind geritten wie die Wilden, um so weit wie möglich von der Stadt wegzukommen. Wir hätten dich genauso wie Dyonix' Männer abschütteln müssen."
Sein Blick ist todernst, als er mir sagt, "Den Orden der Schattenlosen schüttelt man nicht so einfach ab. Ich bin euch in großzügigem Abstand gefolgt, um Euch notfalls den Rücken zu stärken. Erst jetzt habe ich bestätigt, dass niemand sonst Euch gefolgt ist." Stille breitet sich zwischen uns aus. Irgendwann erkennt selbst Dūs, wie unangenehm das ist, und setzt sich hin. Ich tu es ihm gleich, meine Decke eng um mich gewickelt. Es ist eisig für die Jahreszeit, brr...
Er fragt mich, "Etwas ist schiefgegangen, nicht wahr?"
"Nicht bloß etwas," gebe ich beschämt zu. Wieder zieht der Moment in den Gärten vor meinem geistigen Auge vorüber. Mit jedem Mal, da ich ihn mir ins Gedächtnis rufe, verzerrt sich Aarons Gesicht mehr zu einer unmenschlichen, grotesken Grimasse. Ich muss tief Luft holen. "Wir haben die Klinge gefunden. Dann ist Aaron aufgetaucht... und..." Die Worte verkleben zu einem dicken Kloß in meinem Hals. Meine Lippen beginnen zu beben und Dūs verschwimmt hinter einem heißen Vorhang aus Tränen. Ich dreh mich weg. Verflucht! Ich kann doch jetzt nicht weinen!
Wütend packe ich den Sack hinter mir und kippe seinen Inhalt zwischen uns aus. Mir ist egal, wieviel Krach die Bruchstücke der Klinge von Vas machen, als sie auf dem Höhlenboden aufprallen. Dūs' Augen weiten sich schockiert. "Unmöglich!" haucht er, "Dass die Klinge einfach so zerbrechen konnte wie irgendein Allerweltsschwert..." Ich nicke ernst, die Lippen fest aufeinandergepresst.
Ich schaffe es, sie wieder weit genug zu öffnen, um zu überlegen, "Vielleicht... wäre das nicht passiert, wenn du da gewesen wärst. Ach, was sag ich da?! Es ist ja nicht deine Schuld. Selet hat auch Hilfe gebraucht. Ich war unachtsam. Ich hätte es zu Ende bringen und Aaron töten müssen! Dann wäre-"
Plötzlich legt er mir seine Hand auf die Schulter, schüttelt sanft seinen Kopf. "Was passiert ist, ist passiert. Wir können die Vergangenheit nicht ändern." Da sieht es ganz kurz aus, als sei er plötzlich derjenige, der sich einer Schuld bewusst wird. Doch einen Lidschlag später ist da nichts dergleichen mehr. Vielleicht bin ich einfach bloß müde.
Ich gähne einmal. "Ja," stimme ich dann zu, "Konzentrieren wir uns auf die Zukunft." So trostlos sie auch plötzlich scheinen mag. Wie das zerbrochene Schwert. Die leuchtend blaue Klinge sieht matt und grau aus, seit sie zersprungen ist. Wie nicht mehr als Altmetall und nicht wie Hesproys' bestes Schmiedeerzeugnis. Phentos würde sich kaputtlachen oder die Augen ausheulen, könnte er das sehen.
Da stutze ich. Dann überlege ich, "Wir müssen es zu einem Schmied bringen und reparieren lassen."
Dūs sieht mich skeptisch an. "Das ist eine heilige Waffe. Mit so einer Aufgabe würde ich nicht irgendeinen Schmied betrauen."
"Wir lassen das auch nicht irgendeinen Schmied machen. Das ist eine Aufgabe für Hesproys' Koryphäen: die Kolph von der Hyperionsfest. Ich hab dort einen Freund, der Schmied ist. Ich wette, der hilft uns!" Außerdem dürfte er die einzige Person auf der Welt sein, die uns glauben würde, wenn wir ihr erzählten, dass diese Splitter mal die Klinge von Vas waren.
Dūs bedenkt meine Worte sorgfältig, seine Arme vor der Brust verschränkt. "Die Hyperionsfest zu besteigen wird nicht einfach. Nicht mit Verfolgern," wendet er ein. Er fährt sich mit der Hand durchs Gesicht. "Ich weiß nicht, ob das sicher genug ist für Selet."
Ich springe auf. "Welche andere Wahl haben wir denn, Dūs?! Wie wär's wenn wir vielleicht Selet selber fragen, was sie davon hält?!"
Ehe ich jedoch zu ihr gehen kann, packt er mich plötzlich am Arm. "Weck sie nicht!" fleht er. Was hat er denn? "Sie... ist bestimmt sehr erschöpft," sagt er dann, "Also lass sie etwas ruhen. Morgen könnt ihr immer noch besprechen, wie es weitergehen soll."
"Also schön," sage ich irritiert und lasse mich wieder nieder. Und da regt er sich so auf? Ich versteh diesen Kerl einfach nicht. Umso weniger, als er dann plötzlich meint, "Es liegt sowieso nicht bei mir, diese Entscheidung zu fällen. Ich bin ein Schattenloser, ich lebe um zu dienen. Wenn die Prinzessin deiner Idee also zustimmt, werde ich folgen." Er lässt mich los, aber seine Augen behalten mich genauso fest im Griff wie seine Hand. "Es wäre esser, du würdest auch noch etwas schlafen. Verzeih, dass ich dich geweckt habe."
"Ach was, ich bin Schlimmeres gewohnt," winke ich ab. Schief lächelnd entgegnet er, "Wenn du Glück hast, lässt Sira dich ausnahmsweise ausschlafen."
"Hoffentlich, wenn die Reise zu den Kolph wirklich so anstrengend wird," gähne ich, während ich mich wieder hinlege. Dūs' Schritte entfernen sich gemächlich, als ich anfange zu dösen. Komische Schattenlose. Woher weiß er überhaupt, dass Sira mich täglich weckt...?
* * *
Die Hyperionsfest zu erklimmen, ohne ein Kolph zu sein, sagt man, ist eine einmalige Prüfung. Obwohl der Gipfel angeblich der Ort ist, von dem aus die Schwestern alles Leben geschaffen haben, sind die Kolph nicht ohne Grund die einzigen, die dort oben geblieben sind. Der Berg – ein Irrgarten aus Höhlen und steilen Felspfaden – soll geradezu wimmeln vor Monstern, abstrusen Fingerübungen der Göttinnen, ehe sie all ihr Können und ihre Weisheit in die Kreation der Menschheit gesteckt haben. Die wenigen Wälder, welche die Kolph noch nicht abgeholzt haben, sind bis heute verschlungenes Domizil blutdurstiger, sonnenhassender Bestien, während anderswo der Berg selbst den unachtsamen Reisenden mit Erdrutschen und fallenden Felsen zu töten versucht.
Wenn man all dem entgeht, indem man entweder schlau ist, Glück hat, oder einfach drauf kommt, sich an einen der Einheimischen zu halten, werden einem all die Mühen zehnfach vergolten. Die Quellen der Hyperionsfest gehören zu den reinsten des Kontinents, sollen Krankheit und Gebrechen heilen und den Gesunden zehn weitere Lebensjahre schenken. Nicht zu vergessen verdient jeder Lehrling, der bei den Kolph'schen Schmieden Gnade findet, sich eine goldene Nase, sobald er ins Hügelland zurückkehrt. Und dann wären da noch die Pilger, die sich diese Reise geben, um sich den Segen der Großen Mutter Kin direkt an der Loquie der Urwiege zu holen.
Und jetzt kommen wir daher, mit dem wohl außergewöhnlichsten Anliegen seit ein paar Jahrtausenden. Skeptisch und mit tiefen Ringen unter den Augen blickt Selet die noch breite Straße hinauf, die sich zwischen einigen schiefen Schafsweiden dem Berg entgegenwindet. "Und du willst wirklich da rauf?" fragt sie zum wohl hundertsten Mal.
"Nun, wir könnten genauso gut umkehren und die nächsten fünf Tage überlegen, wieso wir überhaupt hier waren, wenn wir es uns so plötzlich anders überlegen."
"Marin, bitte."
"Ach komm, wir schaffen es nie da hoch, wenn ihr meine Idee ständig hinterfragt!"
Da mischt Sira sich ein, "Gerade weil es dein Plan war, sollten wir ihn so oft wie möglich hinterfragen."
"Was soll das denn nun wieder heißen?!"
"Dass dein letzter schneller Einfall damit geendet hat, dass wir aus einem Fenster im vierten oder fünften Stock hüpfen mussten," erwidert sie trocken.
"He, ich war's nicht, der diesen Fluchtweg gewählt hat!"
"Stimmt, der Prophezeite war ja beschäftigt, sich ins Hemd zu machen, als unser Schattenloser diesen Geniestreich ersann."
"Sagt sich leicht, wenn man Flügel hat! Wenn die Götter gewollt hätten, dass ich fliege, hätten sie mir magische Federn gegeben und nicht ein Schwert." Ich gerate erst so richtig in Fahrt, bereit noch eine Vielzahl weiterer Argumente aufzuzählen, doch da unterbricht Selets helles Kichern mich.
Sobald sie sich etwas beruhigt hat, meint sie, "Die Götter haben auf jeden Fall Humor, wenn sie Euch zwei Streithähne zusammengeführt haben."
"Uns zusammengeführt?!" schnaubt Sira zu Selets erneuter Erheiterung. Schließlich kann auch ich mir ein Grinsen nicht länger verkneifen. "Siehst du? So schlimm sieht's also gar nicht aus, wenn wir dich immer noch zum Lachen bringen können," zeige ich auf, "Noch können wir alles in Ordnung bringen."
"Wohl wahr," gibt sie endlich zu, den Kopf leicht zur Seite gelehnt, wobei sie uns ein hoffnungsvolles Lächeln schenkt. "Nun, dann beeilen wir uns besser und erklimmen diesen Berg!" Dem ist nichts hinzuzufügen!
Denke ich, ehe Sira das Wort ergreift, "Sind wir auch wirklich alle da? Ihr habt gesagt, Dūs komme auch mit. Wo ist dieser listige Vas-Ikaner denn?"
"Das ist so eine Angewohnheit von ihm," erklärt Selet, "Er zieht es vor, uns Rückendeckung zu geben. Doch niemand scheint uns von der Hauptstadt gefolgt zu sein, also fürchte ich, er vertut nur Zeit." Wenn wir das nur sicher wüssten. Dass Dūs das im Alleingang macht, bedeutet nur, dass er umso einfacher geschnappt werden könnte, und wir wären genauso schlau wie vorher. Doch irgendwelche ominösen Unbekannten beunruhigen mich gerade weniger. Es ist ein guter Zeitpunkt, Selet nach etwas anderem zu fragen, das mich beschäftigt hat, "Wie lange kennst du Dūs eigentlich schon?"
Während Selet noch überlegt, fliegt Sira an mein Ohr und flüstert, "Hältst wohl Ausschau nach mehr Nebenbuhlern?" Ich verscheuche sie wie eine lästige Fliege. "Rüpel!" schimpft sie.
"Hm... einige Jahre schon," antwortet Selet da, "Ich erinnere mich kaum, wie lang das her ist, ehrlich gesagt. Es war mehr Zufall, dass wir uns eines Tages als Kinder auf Bersass trafen. Er war damals noch in der Ausbildung."
"Und wer ist sein Lehrer?"
"Das... das kann ich dir nicht sagen. Vergiss nicht, die Schattenlosen üben sich in Geheimhaltung. Mein Vater dürfte der einzige sein, der genau weiß, wie viele Mitglieder der Orden heutzutage noch hat. Wieso willst du das plötzlich wissen?" Auf die Zähne beißend suche ich nach den rechten Worten. "Ich hab nur nachgedacht," beginne ich zögernd, "Über ihn... und ob er wirklich so vertrauenswürdig ist, wie wir denken."
"Du bezichtigst ihn des Verrats?!" platzt es wütend aus Selet heraus, fast als hätte ich sie selbst beleidigt. Mit erhobenen Händen versuche ich sie zu beruhigen, "D-das hab ich nicht gesagt! Aber... wo doch auch niemand Dyonix durchschaut hat, dachte ich-"
"Ach, und was lässt dich glauben, dass niemand ihn verdächtigt hat?! Er ist einer der einflussreichsten Männer in Ardsted! Natürlich haben wir uns Gedanken gemacht, ob er mit drinsteckt. Dieser Mann besitzt gewaltige Ambitionen, anders kann der Sohn eines einfachen Tagelöhners sich nicht zum engen Vertrauten der Krone aufschwingen!"
"Aber warum interessiert er sich für den Umgedrehten König?" fragt Sira.
"Vielleicht wegen seines Zackens," rate ich, "Wäre ja nicht der Erste, der versuchen würde, sich der Kräfte eines der Drei zu bemächtigen. Im schlimmsten Fall hat er es sogar auf den ganzen Dreizack abgesehen."
"Wenn das so ist, wird er auch Ausschau halten nach den zwei anderen Zackenträgern. Wir sollten ebenfalls die Augen offen halten."
Da meint ausgerechnet Selet, "Wir sollten uns nicht zu viele Gedanken machen. Die anderen Auserwählten mögen Welten entfernt sein."
"Ich weiß nicht. Irgendwie scheinen sie jedes Mal wieder zueinanderzufinden, egal wie weit sie vorher auseinander waren," gebe ich zu bedenken, "Sakon kam ja zum Beispiel den ganzen Weg von Ta'Mih hierher, um Krieg zu führen."
"Alles, was ich vorschlagen möchte," entgegnet Selet eisern nach einem scharfen Luftzug, "ist, dass wir uns auf einen Zackenträger konzentrieren sollten fürs Erste. Kommt Zeit, kommt Rat." Vergesst, was ich vorhin noch über Dūs anmerken wollte von wegen wie komisch er sich manchmal benimmt. Selet steht ihm da in nichts nach. Und zum ersten Mal scheinen ihre Gedanken selbst für Sira ein verschlossenes Buch zu sein.
* * *
Am dritten Tag unseres Aufstiegs beschleicht mich das Gefühl, das schon mal durchgemacht zu haben. Nicht, weil ich dank des steinigen, unebenen Terrains mal wieder auf den fragwürdigen Komfort von Porstellions Rücken verzichten muss, wie zu der Zeit, als Halsänn das Tier geklaut hat. Meine Füße lassen mich zwar wissen, wie begeistert sie davon sind, aber im Moment beschäftigt mich eher der Umstand, dass mir diese Felsformation vor unserer Nase arg vertraut vorkommt. Könnte aber nur Einbildung sein. Wär der Tunnel, den wir gestern durchquert haben, nicht kerzengerade verlaufen, hätte ich auch da beschworen, im Kreis zu laufen.
Doch auch Sira und Selet fällt es auf. "Waren wir hier nicht schon mal?" fragt die Prinzessin. Sira lässt einen entnervten Seufzer verlauten. "Hab doch gesagt, wir hätten an dem Bach uns rechts halten müssen."
"Wie denn? Da war ein fetter Felsbrock!" entgegne ich.
"Vielleicht ein Erdrutsch," erörtert Selet, "Und jetzt ist der Weg zum Gipfel versperrt. Wir sind wohl gezwungen, umzukehren und einen anderen Weg einzuschlagen." Großartig, noch mal zurück. Als würden meine Füße nicht ohnehin schon jeden Moment von meinen Beinen abfallen. Aber Jammern nützt ja nichts.
Doch auch Porstellion scheint wenig von der Idee zu halten. Wissen die Götter, wieso, aber als ich ihn an den Zügeln mitziehen will, sträubt er sich plötzlich und macht einen Schritt zurück. "Brr, ruhig. Was hast du denn?" Meine Worte beschwichtigen ihn kaum. Plötzlich bäumt er sich auf, reißt mich fast von den Füßen, während von irgendwo der Schrei eines Adlers über die Felsen hallt. Erschrocken lasse ich los und Porstellion braust davon. "Verfluchter Gaul!" schimpfe ich und renne hinterher.
Bis eine Stimme mich innehalten lässt, "Das Pferd hat mehr Verstand als du. Prophezeiter." Ich wirble herum und kaum erblicke ich den Schwarm geflügelter, blutrünstiger Frauen mit Flügeln, die im Kreis um uns landen, denke ich das Gleiche wie Sira, "Scheiße, Harpyien!" Was machen die denn hier?! Ich dachte, die wären alle vor Ewigkeiten aus dem Süden verscheucht worden!
"Wenn das nicht mal eine Enttäuschung ist," sagt da eine der jüngsten, die ihr Haar zu einem langen, rubinroten Pferdeschwanz zurückgebunden hat. Ich kann sie kaum ansehen, ohne dass mich all der Schmuck an ihren Gelenken, Ohren und um ihren Hals blendet. Das Sonnenlicht verleiht ihr eine schillernde, bunte Aura, während ihre weichen Lippen zu einer abschätzigen Linie zusammengepresst sind. "Da höre ich, dass jemand sich traut, eine Harpyie zu beklauen, und er stellt sich als dieser mickrige Knirps heraus," spottet sie, die Hände in die Hüften gestemmt.
"Wovon redest du?" will ich wissen. Wer ist dieses Mädchen?
"Die Klinge von Vas!" verlangt sie ungeduldig, "Rück sie raus und gib sie ihrer rechtmäßigen Besitzerin!"
"Ihrer rechtmäßigen- Du bist der Vierte?!"
"Die Vierte, wenn ich bitten darf. Ich bin Kora von den Rothelstern, Xh'máh der Harpyien von Khaz'Ksar'Madr und somit eines Tages die Herrscherin von Meskardh! Ich wurde dazu geboren, Großes zu vollbringen. Und welch großartigere Tat gibt es, als die Verfluchten Drei zu töten und mir den Dreizack von Oreichalkos zu greifen?" Die macht doch Scherze. Dieses gierige Gör will die Vierte sein?! Ich gewinne etwas an Haltung zurück und erwidere, "Vas ist bestimmt nicht so dumm, seinen Auserwählten unter Diebinnen und Entführern zu suchen."
"Deine falschen Götter können mich mal, wenn du meinst, so ein Weichei wie du wäre eine bessere Wahl als die künftige Xh! Unsere frischgeschlüpften Kinder haben mehr Mumm als du."
"Das käme auf einen Versuch an, Wüstenabschaum!" fauche ich.
Eine der anderen Harpyien schreit, "Wag nicht, meine Schwester zu beleidigen! Sonst reiß ich dir die-"
"Spar dir den Atem, Schwester," gebietet Kora ihr Einhalt. "Der weiß selbst, dass wir gut zehnmal so viele sind wie er und seine Freundin." Siegessicher knackt sie mit den Knöcheln.
"Wo wir bei dem Mädchen sind," merkt da einer der wenigen Männer unter den Harpyien an. Zwischen all den farbenfrohen Gefiedern sticht sein dunkles, lavendelfarbenes heraus wie eine schwarze Wolke an einem sonnigen Tag. Wie ein Adler, der kurz davor ist, hinabzusausen und seine Beute zu reißen, starrt er Selet an. "Das muss die Prinzessin sein, von der diese Kerle am Tempel geredet haben." Meine Augen weiten sich vor Schreck. "Die schienen ziemlich versessen drauf zu sein, sie zurück in die Hauptstadt zu bringen. Xh'máh, was denkt Ihr, wie hoch das Lösegeld für eine Cardighnische Prinzessin ausfällt?"
"Untersteh dich!" brülle ich und stürze mich auf ihn, mein Schwert im Anschlag. Ein paar der Harpyien gackern und im nächsten Moment steht Kora zwischen mir und diesem dunkelhaarigen Hundesohn. Sie fängt mich ab, packt mein Handgelenk. Ich will stoppen und mich, losreißen, doch da schmeißt sie mich schon mit einem Ruck gegen die gestählte Brust einer anderen Harpyie, die mich sogleich zu Boden befördert. Plötzlich presst ein krallenbewehrter Fuß mein Gesicht in den Dreck. Ich muss so stark husten, dass ich nicht höre, was Selet und Sira sagen, aber Kora weist ihre Lakaien an, mich nach der Klinge zu durchsuchen.
Nur über meine Leiche! Gar nicht so abwegig. Die Harpyien treten auf mich ein, reißen mir die Taschen vom Leib und lassen mich als verschrammtes, blutiges Häufchen Elend am Boden zurück. Sie fangen sogar Porstellion ein, um auch in seinen Taschen zu wühlen. "Nun hab dich nicht so," lacht von fernher der lavendelfarbene Harpyr, "Wir bringen dich doch nur nach Hause!" Noch mal versuche ich, mich hochzukämpfen, wild um mich schlagend und tretend. Doch das führt zu nichts außer einem weiteren, festen Tritt in meine Magengrube, bis mir schlecht wird. Verkrampft rolle ich mich zusammen und lasse den Harpyien alle Zeit, die sie brauchen.
Ich weiß, dass sie das Schwert gefunden haben, als Kora einen Fluch ausstößt, der so laut ist, dass man ihn bis zu den Kolph gehört haben muss, "Holen dich die Skorpion! Du hast es wirklich kaputt gemacht, du ikanisches Stück Scheiße!" Ich rechne längst mit dem nächsten Schlag, vielleicht diesmal kräftig genug, mich endlich zu überwältigen, damit ich dem Schmerz in meinen Gliedern, meinem Kopf und meinem Bauch eine Weile entrinnen kann. Er folgt jedoch nicht. Vorsichtig luge ich unter meinem erbärmlichen Schild aus meinen Armen hervor. Die Harpyien starren Kora eindringlich an, unentschlossen. Manche... wütend?
"A-aber ohne das Schwert," stammelt ihre Schwester, "können wir die Drei doch gar nicht besiegen, o-oder-"
"Sei still!" zischt Kora. Dann treffen sich unsere Blicke. Ihrer ist voller Zorn, genährt von wachsender Verzweiflung. Ein wenig spät bemerke ich, wie sie immer wütender wird, sich mir nähert, dass sie mich jeden Moment kalt macht!
"Man kann es reparieren!" schreie ich verzweifelt. Ein Wunder, dass sie tatsächlich stehen bleibt. Das ist meine einzige Chance. "Deswegen sind wir hier! Die Kolph sind die besten Schmiede auf der Welt. B-bestimmt können sie sogar die Klinge von Vas reparieren!"
"Glaubt dem bloß nicht, Xh'máh," sagt der Kerl, der Selet festhält. Ist das ihr Berater, oder was? "Der spielt auf Zeit."
"Akolosh, halt doch mal den Mund," blafft Kora ihn an, "Hältst du mich für ein hilfloses, kleines Mädchen? Ich weiß schon, wann jemand nach Strohhalmen greift."
"Er lügt aber nicht!" eilt Sira mir zur Hilfe.
"Ich weiß," sagt Kora da, "Auf die Hyperionsfest klettert keiner nur so zum Spaß." Dann wendet sie sich zu ihrem Gefolge herum. "Hört zu! Sieht so aus, als hätten wir etwas mehr vor uns als ursprünglich angenommen. Macht aber nichts, das packen wir schon."
"Und was machen wir jetzt?" will eine der Harpyien wissen. Kora setzt ihr selbstbewusstestes Grinsen auf. "Der Plan des Blonden klingt gut. Aber ich glaub, ihr habt euch erstmal eine kleine Belohnung für eure harte Arbeit verdient. Wir lassen den Dreizack vorerst ruhen und schauen, wieviel Geld wir aus diesem Dyonix herausquetschen können!"
"Nein!" schreie ich, lauter als der frenetische Jubel von Koras Gefolge, "Tut das nicht!"
"Ach? Und wieso nicht?"
"Dyonix wird euch keinen roten Heller geben! Der Kerl ist ein hinterhältiger Lügner und wird euch dafür bezahlen lassen, mit ihm Geschäfte zu machen!" Kora lacht mich nur aus, ehe sie Akolosh einen triumphierenden Blick zuwirft. "Erkennst du den Unterschied?" fragt sie ihn. "Jetzt lügt er."
Dann wendet sie mich wieder mir zu. "Nun, weil du so ehrlich warst und wenigstens versucht hast, das Schwert für mich aufzubewahren, sollte ich mich wohl erkenntlich zeigen. Diesmal kommst du ungeschoren davon. Und jetzt lass die echte Vierte ihre Arbeit machen."
"Du bist keine Vierte," sage ich nochmal, während ich mich langsam aufrapple und versuche, sie zu packen. Das ist noch nicht vorbei!
Mit nur wenigen Flügelschlagen entzieht sich die Harpyie jedoch meiner Reichweite. "Lass es," rät sie mir kaltherzig, "Du hast genug für heute. Einem Schwindler wie dir zeig ich nur zu gerne seinen Platz, aber ich würde lieber warten, bis ich dir noch dein Gesicht ruiniere." Höhnisch lacht sie, "Arbeite ein wenig an dieser finsteren Miene, vielleicht sieht das dann sogar wirklich respekteinflößend ein. Wenn's soweit ist, forder mich noch mal heraus!" Sie und die anderen schütten sich geradezu aus vor Lachen und eine Harpyie nach der anderen hebt ab und fliegt davon, wobei zwei von ihnen Selet bei den Schultern nehmen und davontragen wie irgendeine Trophäe. Diese Biester!
Ich muss hinter ihnen her! Damit dürfen sie nicht durchkommen, aber... aber allein das Aufstehen will mir nicht gelingen. Binnen eines Lidschlags bin ich zurück am Boden und mein Rücken prallt gegen die scharfen Felsen. "Vas verdammt," flüstere ich mit brüchiger Stimme. Warme Tropfen bahnen sich einen langen Weg über meine dreckigen Wangen. Ich bin so ein Trottel. Was ich auch mache, es wird von Tag zu Tag nur schlimmer. Erst Halsänn, dann die Klinge... und jetzt auch noch Selet. Ich hab doch gesagt, dass ich nicht das Zeug zum Vierten hab... aber dass ausgerechnet sie das jetzt ausbaden muss. Verdammt!
Erschöpft lasse ich den Kopf hängen. Schließlich kommt Sira zu mir herangeflogen. "G-geht's? Haben sie dich sehr verletzt?" fragt sie.
"Nicht jetzt, Sira," flehe ich, "Bitte."
"Ich... ich will dich nicht so sehen, Marin. Komm schon, wieso reiten wir ihnen nicht nach? Blindlings voran in die Gefahr? Weißt schon... wie immer halt."
"Mal davon abgesehen," schniefe ich, "dass ich kaum meine Beine bewegen kann und mich fühl, als müsste ich ab sofort mit den Ohren sehen... das mal außer Acht gelassen, was könnten wir schon tun?"
"So schlimm kann's ja nicht sein, wenn du noch solche Sprüche draufhast." Ein Blick genügt. "'Tschuldigung. Ich... bin nicht so gut im Aufmuntern. Aber ich weiß, wie du dich fühlst. Mir geht's ähnlich und es tut weh und es ist schrecklich, ja. Doch können wir jetzt wirklich herumsitzen und in Selbstmitleid zerfließen?"
"Nein. Natürlich nicht." Wenn ich meine Worte bloß selber glauben würde. "Aber... was können wir tun?! Ich kann von Glück reden, am Leben zu sein! Und das nur, weil ich für dieses Biest nicht mal im Entferntesten eine Bedrohung darstelle! Oder willst du nächstes Mal die Dresche einstecken?!"
"Ich sage ja nicht, dass wir zwei es alleine versuchen müssen, also beruhige dich. Wir könnten Hilfe holen! Dafür sind wir doch sowieso hier. Und auch wenn wir kein kaputtes Schwert haben, das die Kolph neu schmieden könnten, trau ich ihnen durchaus zu, dass sie zu einer Harpyienjagd nicht Nein sagen, wenn wir ihnen berichten, dass sie Selet entführt haben."
"Und das soll funktionieren? Diese Harpyien sind schnell. Ich hab nicht mal eine Ahnung, wie sie uns auf die Schliche gekommen sind." Dann wiederum... als ich Dūs und Selet von meinem Plan überzeugen wollte, müssen sie sowas Ähnliches gedacht haben. Dass es verrückt ist, nicht klappen kann. Und dennoch haben sie mir ihr Vertrauen geschenkt, mir eine Chance gegeben.
Zeit, dass ich das Gleiche für Sira tue. "Also gut. Probieren wir's." Diesmal gelingt es mir, mich auf den Beinen zu halten. Etwas wacklig noch, aber das ist egal. Wir müssen Selet helfen. Wenn doch nur wenigstens Dūs auch hier wäre. Hoffentlich ist er nicht auch den Harpyien in die Falle gegangen.
* * *
Aber er taucht nicht auf. Wir kraxeln weiter bis tief in die Nacht, bis ich kurz davor bin, mich einfach fallen zu lassen und auf einer der wenigen Auen, die der Berg zu bieten hat, zu schlafen. Ein eisiger Wind jagt heulend über die Wiese, da bemerke ich noch etwas aus dem Augenwinkel. Die Felsen da sehen verdächtig rund und hoch aus. Sind das vielleicht in Wahrheit Säulen? Ich bitte Sira, mit mir zu kommen, damit ich mir das näher ansehen kann.
Tatsächlich. Säulen aus gelben Marmor flankieren eine große, in die Felsen eingelassene, runde Steinplatte, im Durchmesser ungefähr so groß wie ein ausgewachsener Mann. Vereinzelte Steinfliesen im Gras sehen aus wie Überreste einer alten Straße, die hierher geführt hat. Ob das ein kleiner Schrein ist? Ich sehe keins der üblichen, religiösen Symbole wie den Dreizack oder Vas' brennendes Auge. Stattdessen ziert eine primitive Darstellung des Berges die Steinplatte mit einer aufgehenden Sonne darüber und einer langen, spitz zulaufenden Ader, die knapp unter dem Gipfel aufhört.
"Das muss er sein!" jubelt Sira da, "Der Eingang zur Stadt der Kolph!"
"Was für ein Eingang," scherze ich, die Augen verdrehend, "Wusste gar nicht, dass die Kolph durch Stein laufen konnten."
"Ich bin froh, dass du dich soweit erholt hast, dass du wieder geradezu unausstehlich wirst, aber vielleicht könntest du lieber mal an der Türe klopfen."
"Bleibt zu hoffen, dass es nicht in Wirklichkeit das Grab eines Wiedergängers ist," gebe ich bissig zurück. Meine Knöchel verursachen kaum ein Geräusch auf dem dicken Stein. Klar, bestimmt ist das eine Tür. Wir sind vermutlich noch Meilen von der Stadt-
"Wer da?" ruft da eine verärgerte, gedämpfte Stimme von der anderen Seite, "Habt ihr irgendne Ahnung, wie spät es ist?!" Ich versteh sie kaum, aber ich glaube, sie fügt noch an, "Legt euch wenigstens ins Zeug, wenn ihr schon zu solcher Stunde klopfen müsst..." Ich muss träumen. Da ist wirklich jemand dahinter?!
"Nun nenn ihm schon deinen Namen!" hetzt Sira mich.
"Äh, ja. Mein Name ist Marin, vom Ordern der Armen Ritterschaft zu Doarnb! Ich suche Einlass in die Stadt der Kolph, um einen Mann namens Phentos aufzusuchen!" Erst geschieht nichts. Dann plötzlich rumpelt es und die Steinplatte wird wie ein großes Rad zur Seite gerollt und verschwindet in den Felsen. Dahinter tut sich ein kreisrunder, grob gehauener Tunnel auf, in dem ein kräftiger, unfreundlich dreinblickender Kolph in messingfarbener Rüstung steht. In seinen Klauen lastet eine kurze Hellebarde.
"Das seh ich auch zum ersten Mal. 'N Ikanerbalg, das den Berg ganz allein erklimmt? Und das Licht da?"
"Öhm, das ist Sira, eine Víla. Es tut mir wirklich Leid, dass wir jetzt noch Einlass suchen, aber-"
"Ja, ja, schon gut. Red nicht, sondern schwing die Hufe. Umso eher ich das Tor wieder zumachen kann, umso besser." Nun, das lass ich mir nicht zweimal sagen! Ich zerre den etwas zögerlichen Porstellion hinter mir her in den Tunnel. "Einfach immer der Nase lang, da könnt ihr die Stadt schwer verfehlen. Und stell ja nichts an, klaro?"
"Keine Sorge! So blöd bin ich nicht," verspreche ich und mache mich daran, schnell zum anderen Ende zu gehen. Ehe der Wächter es sich doch noch mal anders überlegt.
Die vergangenen Stunden lang haben in meinem Magen allerhand unschöne Gefühle gebrodelt. Hauptsächlich Sorge um Selet und Dūs. Jetzt mischt sich noch ein weiteres dazu: Angst. Werden die Kolph mich überhaupt anhören, einen kleinen Ikanerburschen? Wieso sollten sie mir überhaupt glauben? Doch da ist noch etwas anderes: Neugier. Ein Streben, zu sehen, was sich hinter all den ominösen Geschichten um die Kolph-Stadt auf der Hyperionsfest verbirgt. Wie sehr man sich wirklich verlassen kann auf Cardighnas angeblich ehrlichstes und brüderlichstes Volk.
Ich passiere zwei hochgezogene Fallgatter und verlasse den Tunnel, um mich auf einem großen, hölzernen Gerüst mit Verstärkungen aus Stahl wiederzufinden. Es scheint wie eine andere Welt. Vor mir öffnet sich ein großer, elliptischer, roter Krater, übersät mit schwindelerregenden Stegen aus Holz und Metall, welche die vielen Serpentinen zwischen den unförmigen Bauten aus Lehm, Stein und... vernieteten Metallblechen verbinden. Fast nirgends prangt noch ein Fleck Grün, bloß die gähnende Kluft vor mir, die sich immer tiefer in die Eingeweiden des Berges zu graben scheint, je länger ich hinunterschaue. Und anstatt Bäumen hat es hier zahllose Schornsteine, auf fast jedem schiefen Dach einer. Indes bewegt sich jenseits des Abgrundes ein riesiges Wasserrad, gespeist von hellem Quellwasser, das in der Dunkelheit verschwindet und alsbald eine ungesunde, graue Farbe annimmt.
"... Ich hab vergessen, wie sehr ich diesen Ort hasse," murmelt Sira, ehe sie sich in meine Tasche zurückzieht. Ich bin so überrascht von ihren Worten, dass mir ein kleines Detail fast entgeht, "Du warst schon mal hier?"
"Erinner mich nicht. Sag mir Bescheid, wenn wir wieder abhauen, damit ich so wenig wie möglich von diesem hässlichen Ort sehen muss." Was hat sie denn? Klar, es ist... seltsam. Aber gleichzeitig faszinieren mich all diese Zahnräder, die Flaschenzüge und riesigen Kräne. Als wäre die ganze Stadt ein einziger, riesiger Mechanismus. Nur ein bisschen vermisse ich schon wenigstens einen Flecken Grün oder auch nur eine einzige Blume. Es ist wie das absolute Gegenteil von Welsdorf.
Aber genug über die Kluft gestarrt. Ich zieh weiter und frag die paar Kolph, die noch unterwegs sind, wo ich Phentos finden kann. Manche ignorieren mich einfach, laufen vorbei mit ascheverschmutzten Händen und Gesichtern. Die wenigen, die sich Zeit nehmen für mich, sind dafür umso hilfsbereiter... und brechen mir fast die Schultern mit jedem kumpelhaften Schlag. Urgh, total vergessen: kein vernünftiger Kolph-Gruß, wenn man ihn nicht noch die nächste Woche spürt.
Es dauert eine Weile und einige knochenbrechende Treffen, bis ich endlich an Phentos' Heim ankomme, einem beigen Turm mit einem Blechschuppen und einer Vielzahl hölzerner Balkone, denen allen ein Geländer fehlt. Ich kann kaum noch geradeaus sehen. Müde klopfe ich an die Türe. Fast augenblicklich wird drinnen ein Licht angezündet und die Tür schwingt auf, wobei mir der Geruch von verbrannten Kohlen, gebratenem Hammel und – etwas unerwarteter – frisch gepflückten Rosen entgegenschlägt. Doch in der Tür steht nicht Phentos, sondern eine Kolph-Frau. Sie würde ihn um mindestens einen Kopf überragen, ist aber genauso massiv gebaut wie er. Ihr Schwanz schwingt von Seite zu Seite, was die gekrümmten Stacheln am Ende aufleuchten lässt wie silberne Säbel. Ihre Augen sind grellweiß und klar wie Edelsteine – und lasten skeptisch auf mir.
Verflucht, doch das falsche Haus? Kin verdammt... und ich hab geglaubt, ich hab's für heute hinter mir. Dann, einfach so, holen mich die vergangenen Tage plötzlich ein. Die Hast, die schlaflosen Nächte, der kräftezehrende Aufstieg, die Kämpfe. Ich sacke zusammen und falle der Länge nach hin. Ich merke nicht mal mehr, wie ich auf dem Boden aufschlage.
Kapitel 10
Womit hat der Krieg der Drei überhaupt begonnen? Aus welcher Niedertracht entsprang der Funken für dieses zeitlose Feuer, das nun die Welt umgibt und immer neue unschuldige Leben fordert? Welche Gottheit hat uns diese Wunde beigebracht, die unentwegt vor sich hinschwärt?
In Wahrheit war es Vas. Wir beten zu ihm, ja, aber manchmal glaube ich, dass wir das nicht tun, weil er in uns Sterblichen Ehrfurcht entfacht – sondern Angst. Und man fürchtet ihn zurecht. Genauso wie ein Herdfeuer sich nie an eine Form gewöhnen will, sich gegen seine Schranken wirft und bei der erstbesten Gelegenheit herausspringt – genauso ist Vas ein launischer Gott, der sich dann und wann der Zerstörung hingibt, während er uns an anderen Tagen wärmt und behütet.
Das alles begann mit seinen Schwestern, Kin, Daera und Olphe, welche so viel Verstand und Fantasie besaßen, dass sie beschlossen, 'Lasst uns diese trostlose Leere nach unserem Gutdünken formen. Eine Welt schaffen, die weit und bezaubernd und voller Leben ist, an dem wir uns nie sattsehen wollen.'
Kin schritt als Erste zu Werke, indem sie die Erde schuf und die Berge, Täler und Hügel. Danach kam Olphe, welche die Meere und Flüsse füllte, damit im fruchtbaren Grund ihrer Schwester Samen keimen und Wälder sprießen mochten. Und dann folgte Daera, hauchte die Luft und sang die Winde, um Bewegung in diese bis dahin stille und reglose Welt zu bringen.
Sobald alles vorbereitet war, riefen sie schließlich zum Leben. Kins alleiniger Ruf erweckte die Krabbeltiere, die Spinnen und die Würmer, die nichts weiter brauchen als frische Erde, um sich zu laben. Olphe indes füllte die Wässer mit Fischen und Daera breitete die Schwingen der Vögel aus, auf dass sie sich zum Himmel erhöben.
Als die drei dann schließlich gemeinsam riefen, rotteten sich die ersten Pferde und Kühe und Schafe zusammen, die von Kins Pflanzen aßen, Olphes Wasser tranken und Daeras Luft zum Atmen brauchten. Und letztlich, als die Schwestern sich auf dem Gipfel der Hyperionsfest versammelten für einen letzten Ruf, formten sie mit ihren Stimmen die Kolph, Harpyien, Menschen und die Ikaner, die ihnen dreien so ähnlich waren im Herzen und im Geiste.
Somit näherte sich die Schöpfung ihrem Ende. Nur eine Sache blieb. So besorgt um das, was sie aus bloßem Nichts hervorgebracht hatten, gaben Kin, Daera und Olphe je einen Teil ihrer Kräfte und schufen das Geschenk der Göttinnen, den Dreizack von Oreichalkos, den sie den Sterblichen schenkten, um sich an seinen Gaben zu weiden.
Und so wäre es wohl auch geschehen, wäre da nicht noch jemand gewesen: der eifersüchtige Bruder Vas.
Er raste vor Wut und schimpfte seine Schwestern selbstsüchtig, dass sie ihn nicht eingeladen hatten, mitzuwirken an ihrer Welt. Zornig auf die Sterblichen hinabstarrend, ließ sein Blick allein blühende Wälder zu Staub zerfallen und reißende Flüsse zu leeren Gräben austrocknen. Mehr vermochte er jedoch nicht, denn gemeinsam boten die Schwestern ihm die Stirn und unterdrückten jeden weiteren Einfluss seinerseits auf ihr Werk. Aber das Feuer in Vas' Herzen wurde damit nur weiter angeschürt.
Niemand weiß, wie lang Vas brauchte, um zu erkennen, dass er so nie siegreich sein würde. Doch als ihm schließlich der zündende Einfall kam, fackelte er nicht lange, der Schöpfung seiner Schwestern auf viel hinterhältigere Weise zu schaden. Eine nach dem anderen suchte er die Göttinnen auf, gab sich reumütig und versöhnlich gegenüber seinen geliebten Geschwistern, wobei er sie für all ihre großen Taten pries – und jeder einzelnen offenbarte, dass sie von allen dreien die großartigste sei.
Olphe erlag seinen Schmeicheleien als Erste und glaubte sich fortan selbst ihren Schwestern weit überlegen. Als diese sie mit ihrem Stolz konfrontierten, beharrten alle darauf, am meisten Vas' Ansehen zu genießen, und nannten einander Lügnerinnen. Ein heftiges Beben ließ die Erde erzittern, als Kin erzürnte, weil ihre Schwestern sie für unterlegen hielten, während Daera mit peitschenden Winden und Stürmen um sich schlug und Olphe die Wasser über die Ufer treten ließ. Alles nur ein Auftakt, denn die größte Katastrophe brach erst aus, als die drei Schwestern erstmals im Streit auseinander und getrennte Wege gingen.
Kin zog sich in die Berge zurück, Daera stieg auf in die Himmel und Olphe vergrub sich in den Eingeweiden der Erde, wo sie fortan ihre eigene Unterwelt regierte. Die Einheit der Schwester war gebrochen – und mit ihr der Dreizack, der in drei Splitter zerbarst, jeder verdorben vom Hass der Göttinnen aufeinander.
Die einzelnen Zacken kamen zu nichtsahnenden Sterblichen, die jeder von einer Göttin auserwählt worden waren. "Geh!" riefen die Schwestern, "Zieh aus und preise meinen Namen und diese Macht, mit der ich dich gesegnet habe! Und dann nutze sie, um mir auch die anderen zwei Zacken zu bringen." Vas' böser Plan trug reiche Früchte. Nicht lange, schon waren die Auserwählten verführt von der endlosen, verdorbenen Macht der Zacken und dem gierigen Flüstern der Göttinnen. Sie waren verflucht, nichts mehr anzustreben, als den Dreizack wieder zu vereinen und den Sieg über die anderen beiden Auserwählten zu erringen.
So kam der Krieg der Drei in die Welt – und mit ihm Boshaftigkeit, Verzweiflung und Zerstörung. Verzückt schaute Vas zu, wie die Sterblichen zu kämpfen begannen, und er schenkte ihnen das Feuer, um einander niederzubrennen. Jahrhundertelang galt all sein Interesse der großen Tragödie, mit welcher er die Welt gestraft hatte.
Vielleicht wusste er, dass dies eines Tages zu ihrem Ende führen mochte.
In Hesproys existieren zwei feste Glaubensrichtungen, was ihn bewegt hat, schließlich einen eigenen Auserwählten ins Feld zu schicken. Es gibt die, die glauben, dass Vas' vernebeltes Herz irgendwann Mitgefühl empfand für all die unschuldigen Seelen, die er dazu verdammt hatte, unter den Verwüstungen der Drei zu leiden, sodass er angewidert von seinem früheren Tun versuchte, es wiedergutzumachen, indem er ihnen einen Retter schickte.
Und dann gibt es etwas weniger eingelullte Leute, die sagen, dass Vas noch immer nicht zufrieden war und sich allmählich sogar langweilte vom immerzu gleichen Ablauf des Krieges, sodass er beschloss, einen eigenen Stein in dieses Spiel um die ultimative Macht und die Herrschaft über die Welt zu werfen. Eine weitere Beleidigung seiner Schwestern, deren Auserwählten er mit Freuden ins Verderben rennen lassen würde.
Ich frage mich, wer Recht hat.
Bin ich ein Held? Oder bloß ein weiteres Werkzeug der Vernichtung?
* * *
"Zischender Stahl noch eins, du kostest mich noch'n Jahr meines Lebens oder zwei."
Dämmriger Sinne öffne ich meine Augen. Vor ihnen hockt eine beunruhigte Sira auf meiner Brust und betrachtet mich besorgten Blickes. Das war aber nicht ihre Stimme. Während mein Blick sich langsam entnebelt, bemerke ich, dass da noch mehr Leute sind: Die Kolph-Frau von gestern hockt zu meiner Linken, mich neugierig musternd. Und zu meiner Rechten... Phentos! Was für ein Glück! Doch nicht das falsche Haus.
Mein Magen eilt mir jedoch mit lautem Grummeln voraus, als ich den Schmied begrüßen will. Während ich mir fast die Bettdecke über den Kopf ziehen will vor Scham, entlockt es der Frau ein herziges, heiseres Lachen. "Siehste?" meint sie triumphierend, "Hab gesagt, der Bursche wird Hunger haben! Kannst du aufstehen? Ich hab etwas Hammel gemacht für dich. Mit vollem Magen redet sich's bestimmt einfacher." Ich würde fast alles essen im Moment, wenn ich ehrlich bin, also setze ich mich auf der strohgestopften Matratze auf und schaue mich um. Sieht aus wie das Erdgeschoss des Turms. Wesentlich geräumiger als angenommen.
Meine Augen haben längst den klobigen Tisch in einer Ecke des Zimmers entdeckt, auf dem ein großer Teller dampfendes Fleisch wartet, als Phentos grummeltt, "Weiß noch nicht mal deinen Namen und du kochst ihm schon zu Mittag. Soll mir das was sagen, Liebling?"
"Sei nicht albern, Phen," schmunzelt sie, herausfordernd mit ihren dicken, schwarzen Wimpern klimpernd, "Denkst du, ich steh auf Ikaner-Jungen? Ich bezweifle, dass er den ganzen Hammel allein verdrückt. Also setz dich schon, Dummerchen, es ist auch was für dich da." Phentos verdreht die Augen, doch seine schmunzelnden Mundwinkel strafen seine genervte Miene Lügen.
"Er sollte trotzdem wissen, wie die bezaubernde Köchin heißt. Marin, das ist mein Schatz Khalta. So atemberaubend schön, dass es dir die Füße weggezogen hat, wie ich hörte." Drauf bringe ich grade noch ein gequältes Lächeln zustande. Oh man, wie peinlich. "Tschuldigung," murmle ich, doch Phentos winkt ab und bedeutet mir, mich doch endlich an den Tisch zu setzen und reinzuhauen. Ich lass ihn nicht länger warten und falle über das Fleisch her. Erst nachdem ich die ersten Bissen quasi ohne zu kauen verschlungen habe, fällt mir auf, dass ich noch barbarischer wirken muss als die beiden Kolph, die mit ihren messerscharfen Zähnen saftige Brocken vom Fleisch reißen. Falls sie es merken, zeigen sie's nicht.
Schließlich ergreift Phentos doch das Wort, zögerlich und nachdenklich gerade noch ein wenig kauend, "Also, öhm... Sira hat da so ein paar Sachen erwähnt, während du geschlafen hast." Mitten in meiner Bewegung erstarre ich. Das aufgespießte Stück Fleisch schwebt vor meinem offen klaffenden Mund, ehe ich die Gabel langsam zum Teller zurückbewege, an den sich zugleich auch meine Augen heften, als würden die Worte, die ich suche, sich irgendwo im rötlichen Saft des Fleisches verbergen.
Selbst ein wenig unbehaglich macht Phentos weiter, "Ich hab mich schon gewundert, dich so schnell wieder zu sehen. Aber dass das wirklich was mit dem Dreizack zu tun hat... ehrlich gesagt fühl ich mich ja fast schuldig."
Überrascht schaue ich auf. "Das klingt, als hättest du nicht den geringsten Zweifel an dem, was Sira dir erzählt hat!"
"Hab ich auch nicht," sagt er mir in aller Ernsthaftigkeit, "Hab doch gesagt, über den Dreizack macht man keine Witze. Und dass der Vierte hier vor mir hockt, ausgelaugt und ohne seine berühmte Waffe, wäre ein besonders schlechter Scherz."
"Ich hab ihm so ziemlich alles erzählt," erklärt Sira, "Fast die ganze Nacht durch, um genau zu sein."
Zähneknirschend wirft Khalta ein, "Was mich sehr gefreut hat."
Anstatt darauf zu reagieren, flucht Phentos "Verruchte Harpyien! Können meinetwegen von Daera und Olphe lieber heute als morgen geholt werden! Ausgerechnet in solchen Zeiten lassen diese Biester sich hier wieder blicken. Hab so gehofft, dass wir die während der Zweiten Dämmerung das letzte Mal gesehen haben."
Ich kann nicht anders, als zu sagen, "Die Harpyien werden das geringste Übel aus der Zweiten Dämmerung sein, mit dem wir es wieder zu tun kriegen, wenn wir sie nicht schnappen und Selet und die Klinge zurückholen."
"Ich werd helfen, wo ich nur kann," verspricht Phentos, weicht meinen Augen jedoch plötzlich aus, das Gesicht beunruhigt verzerrt. Oh nein, das kann nichts Gutes heißen. Belegter Stimme fährt er fort, "Bloß fürchte ich, dass das nicht viel sein wird. Nicht mal, wenn ihr die Klinge noch hättet."
"Wieso? Die Kolph sind-"
"Meister ihres Fachs, ja, ja. Es braucht aber mehr als einen Meister, um eine heilige Klinge zu fertigen. Die Klinge war verloren, sobald sie entzweigebrochen ist. Ich fürchte, ihr Zauber ist auf ewig verflogen."
"Ab-aber dann sind wir verloren!" stottere ich.
Khalta unterbricht mich plötzlich, "Sag das nicht, wenn du's nicht genau weißt! Phen kann vielleicht kein neues, heiliges Schwert schmieden – oder sonst jemand in dieser Stadt – aber bei der alten Klinge ist das auch nie so passiert."
"Nein?" fragen Sira und ich fast einstimmig. Phentos lehnt sich zurück und erklärt, "Nun, nicht wirklich. Gibt zwar Leute, die reden, als wären sie dabei gewesen, als der erste Vierte auserwählt worden ist, und als hätten sie gesehen, wie Vas ihm das Schwert in die Hand gedrückt hat, aber das ist Mist. Macht ja auch keinen Sinn, wenn man mal überlegt: Vas besitzt keine wahre Macht in unserer Welt. Dafür haben die Schwestern gesorgt. Aber er ist ein Gott und weiß damit ein paar Ecken mehr als wir – zum Beispiel, was es braucht, um einem Schwert eine Klinge zu verleihen, die selbst die Auserwählten der Götter verletzt."
Khalta reibt sich die Schläfen. "Phen, bitte," seufzt sie, "Spann den Burschen nicht so auf die Folter, sonst fällt er noch vom Stuhl."
"He, letztes Mal wollte er mir nich' mal glauben, dass der Krieg der Drei noch andauert!" Er räuspert sich verlegen, als ihm sein kleiner Ausbruch bewusst wird. Dann fährt er fort, "Wie dem auch sei... Vas hat dem ersten Vierten nicht einfach gesagt 'Lauf los und töte die Drei'. Erst gab er ihm eine Prüfung, um zu sehen, ob er überhaupt in der Lage war, diesen Kampf zu führen. Und falls ja, würde er zudem auch noch alle Mittel besitzen, den Verfluchten Drei tatsächlich die Stirn zu bieten: Vier Wunder der Götter nämlich, mit denen gewöhnlicher Stahl zum Schrecken der Drei wird, der Klinge von Vas."
"Das heißt also," fasse ich zusammen, "wenn wir an diese vier Wunder rankommen, könnten wir ein x-beliebiges Schwert in eine neue Klinge von Vas verwandeln?"
"So ziemlich, ja."
"Das sind doch großartige Neuigkeiten!" rufe ich, mit neu aufflammender Hoffnung von meinem Platz aufspringend, "Worauf warten wir noch? Was sind diese Wunder und wo finden wir sie?" Diesmal können mir beide nicht in die Augen schauen. Nicht schon wieder... Seufzend lasse ich mich in den Stuhl zurückfallen. "Was ist jetzt das Problem?"
"Nun, zum Einen... kennen wir nur eins von vier Wundern," gibt Phentos zu. Seine Frau ergänzt, "Und darüber hinaus hättest du unverschämtes Glück, wenn du allein da dran kämest. Sag, was, denkst du, ist das Wertvollste, was wir Kolph brauchen?"
Ich überlege nur einen Moment, ehe ich schulterzuckend entgegne, "Nun, gutes Erz, würde ich raten."
"Pah, Erze! Die gibt's im Berg wie Sand am Meer, da haben wir selbst in tausend Jahren noch genug von." Phentos schüttelt den Kopf. "Nee, es ist Holz! Bauholz. Holzkohle. Werkzeuge. Aber hast du irgendeinen einzigen Wald gesehen auf dem Weg hierher?"
"Nun, nach dem, was man sich so erzählt über die Wälder hier, hab ich einen großen Bogen um sie gemacht."
"Richtig so. Außer uns soll da auch keiner ran, sonst war's das endgültig mit dem bisschen, was uns noch bleibt, ehe wir den ganzen Berg abgeholzt haben werden. Schon vor dem Krieg mit Ellyrûrûn und dem Bürgerkrieg und all dem haben wir zwar beschlossen, neue Wälder zu pflanzen, aber vielleicht ist es längst zu spät. Außer Kin hat Gnade mit uns. Du siehst also, wir wollen's uns mit ihr nicht verscherzen und scheren uns viel um das bisschen Grün, das uns hier geblieben ist."
Ich bin nicht sicher, dass ich ihm wirklich folgen kann. "Was hat all das denn mit den Wundern zu tun?"
"Eins ist hier. Auf der Hyperionsfest, inmitten unseres Heiligtums, des Urmanngartens. Und den darf niemand betreten außer den Hohepriestern und unserem Boss Molldum. Und von denen seh ich kennen in absehbarer Zeit das Wunder pflücken gehen."
"Die Hohepriester sind momentan irgendwie aufgescheucht," meint Khalta, "Etwas von eurer kleinen Prophezeiung muss zu ihnen durchgesickert sein und jetzt glauben sie wohl, die Welt geht jeden Moment unter."
Ausnahmsweise seh ich da mal keine größeren Schwierigkeiten, "Nun, dann gehen wir eben zu ihnen und überzeugen sie, dem Prophezeiten zu helfen! Höchste Zeit, dass dieser Dreckstitel mir was anderes als Ärger einbringt." Khalta und Phentos wechseln einen langen, skeptischen Blick. Der Schmied zuckt schließlich mit den Achseln. "Nun, es zu versuchen, kann nicht wehtun. Und selbst wenn – das muss ein Kolph aushalten."
"Er ist aber kein Kolph," wenden Sira und Khalta ein, doch Phentos ist ganz unbeirrt, als er mich plötzlich beim Arm packt und rauszerrt. Gah, ich glaube, es zu versuchen, tut jetzt schon weh!
* * *
"Am besten schauen wir erst beim Boss vorbei," sagt Phentos später, während er mich durch die Stadt zieht wie ein kleines, verlorenes Kind. Gut, vielleicht wirke ich auch so auf die Kolph. Nun da es Tag ist, ist einiges mehr los und selbst wenn ich es versuchen würde, könnte ich mich nicht zurechtfinden in diesem Gewimmel. Alle Farbtöne der Welt sind vertreten in den Schuppenkleidern all der Kolphs, welche die Treppen des Gerüstlabyrinths auf- und abrennen, teils mit zwei vollen Fässern auf den Schultern. Hier und da lassen große Flaschenzüge metallene Käfige tiefer in die Kluft hinab, wo eifrig Loren hin- und hergeschoben werden. Die Luft ist erfüllt mit dem Klang von Hämmern und Schreien, um all die Leute bei der Arbeit zu koordinieren.
"Wahrscheinlich wird mindestens einer der Hohepriester bei Molldum warten," erzählt Phentos weiter, "Sie mochten es schon immer, ihn zu belästigen, aber jetzt hören sie kaum auf damit."
"Besser so," sage ich, während ich versuche, zu erkennen, wohin wir gehen, "So können wir zwei Vögel auf einen Streich abschießen. Und das wortwörtlich, denn ich hätte nur zu große Lust, einen dieser Geier vom Himmel zu pflücken, um Selet und Dūs zurückzukriegen!"
"Dass das Mädel, das du in Keslynth gesucht hast, allen Ernstes die Prinzessin war..."
"Ich hab's auch erst nicht glauben können. Aber ehrlich gesagt, wenn man sie mal kennen lernt, verhält sie sich auch dementsprechend." Manchmal ein wenig zu sehr. Aber das kommt von mir, dem man kaum überlassen sollte, Entscheidungen zu treffen, so wie alles bisher läuft.
Phentos lacht, "In manchen Belangen führt jede Frau sich auf wie die Prinzessin ihres eigenen kleinen Königreichs. Aber erwähn bloß gegenüber Khalta nicht, dass ich das gesagt habe! Bwahaha!"
Da kommen wir beim Stadttor vorbei. Ich habe es letzte Nacht nicht bemerkt, doch der Tunnel wird umrahmt von einem großen Marmorgebilde voll Einkerbungen, bunten Fresken und Lettern, die ich noch nie gesehen habe. Ganz oben ein Relief von zwei gekrönten Kolph mit Hämmern in den Händen, die einander den Rücken zugewandt haben. Einer von ihnen scheint von dannen zu gehen, den Kopf stolz erhoben und die Lippen fest aufeinandergepresst, während der andere beschämt zu Boden starrt.
Grade will ich Phentos nach der Geschichte hinter dem Bild fragen, doch da kommt ein Wächter aus dem Tunnel gerannt, etwas mit sich schleppend. Halt, nicht etwas. Jemanden! "Dūs!" hauche ich fassungslos und reiße mich blitzschnell von Phentos los, um zu dem Vas-Ikaner zu stürmen. Bei den Göttern, er sieht furchtbar aus! Überall, an den Armen und im Gesicht prangen dunkle, rote Klauenspuren. Manche sehen sogar noch frisch aus!
"Olphe sei geduldig, was ist passiert?!"
"Kennst du ihn?" will die Wache wissen.
"Er ist mein Kamerad, wir wurden auf dem Weg hierher getrennt. Dūs, bitte, sprich!" Er antwortet mit einem Hustanfall, wobei blutige Tropfen aus seinen aufgeplatzten Lippen fliegen. Verflucht, das sieht echt nicht gut aus. Doch er schafft es schließlich, etwas zu sagen. Seine Stimme ist heiser und kaum mehr als ein Flüstern, "Marin... gut... es geht mir gut."
"Verarsch mich nicht! Von wegen es geht dir gut!"
"Harpyien... sie haben Selet entführt... ich wollte..." Ein weiterer Hustenanfall erschüttert seinen Körper, bis er beinahe aus dem Griff der Wache fällt. Ich übernehme schnell. Er wirkt gebrechlich und knöchern wie ein alter, abgenagter Mann. "Wir lassen dich sofort behandeln!" verspreche ich, "Und dann lassen wir die Kolph helfen, Selet zu retten!"
"Nein," krächzt er, "Müsst ihr nicht. Sie ist... sicher... Ich habe... sie lang genug abgelenkt. Sie konnte entkommen."
"Wohin?" frage ich ungeduldig, "Dūs, wo ist Selet?!"
"Weiß... nicht. Musste schließlich... um mein Leben kämpfen." Kurz huscht etwas ähnliches wie ein sarkastisches Lächeln über sein verkrampftes Gesicht. Seine Lider flattern. "Nein, schlaf jetzt nicht ein!" flehe ich, "Wir bringen dich an einen ruhigeren Ort, wo wir uns um deine Wunden kümmern können!" Erwartungsvoll schaue ich Phentos an.
"He, frag erst gar nicht!" entgegnet er, "Khalta und ich päppeln den schon wieder auf." Dūs hat jedoch andere Pläne, "Nein... nicht nötig. Bloß... was zu essen. Schrammen sind egal."
Es wird mir zu viel, "Hör auf, das zu sagen! Ich bin überrascht, dass du überhaupt noch lebst nach alledem!"
Phentos schlägt sich aber nach einigem Überlegen auf seine Seite, "Scheint mir ein zähes Kerlchen zu sein für einen Barrah. Der kommt schon wieder auf die Beine. Wenn er also bloß was futtern will, treiben wir schnell was auf! In der Nähe gibt's 'nen Essenstand. Geht schneller, als wenn wir Khalta schon wieder belästigen. Folgt mir!" Ich schüttle den Kopf. Na gut, alle dem furchtlosen Anführer hinterher. Oder besser gesagt: schauen wir, wie schnell er mich im Getümmel verliert nun, wo ich gleich doppelt so viel zu schleppen habe wie vorher. Spiel du nur den zähen, kühlen Kerl, Dūs, aber mich legst du damit ganz sicher nicht rein, so wie du grad auf meinem Rücken lastest wie ein nasser Sack Kartoffeln. Dieser Stand sollte mal besser irgendwelche verzauberten Bohnen oder sowas im Angebot haben, die diesen Vas-Ikaner im Nu wieder auf die Beine bringen!
* * *
Zum Glück ist es nicht weit. Nur völlig überlaufen. Hauptsächlich Minenarbeiter und der ein oder andere Pilger, der weiß, dass man sich selbst mit dem Segen der Gottesmutter Kin nicht den Bauch vollschlagen kann. Ich folge Phentos mit wackeligen Schritten, während Dūs' Gewicht sich ständig ungünstig verlagert. "Bist du noch wach?" frage ich.
"Ja," entgegnet er mit einer Stimme, die ich erwarten würde, wenn ich mein Ohr gegen einen Grabstein pressen würde. Dann wiederum bin ich bereits Toten begegnet, denen es besser ging als ihm, von daher...
Etwas langes, ledriges streift plötzlich mein Fuß. Vielleicht der Schweif eines Kolphs, aber das ist auch schon längst egal. Tatsache ist, dass ich endgültig das Gleichgewicht verliere und mein Versuch, irgendwie Haltung zu bewahren, zu nichts führt, außer dass ich volle Kanne in die Menge stolpere. "'Tschuldigung, tut mir leid, m-mein Fehler!" rufe ich prompt, als ich jemandem aus Versehen mir der Schulter anremple und gleich darauf jemand anderem auf den Schwanz trete.
Während ich noch zurücktaumle, wirke ich zwei Wunder gleichzeitig: erstens, dass ich Dūs sich nicht irgendwo den Kopf stößt, und zweitens, dass ich nicht noch mehr Aufruhr verursache. Wobei Letzteres wenig Wert hat, wenn ich mir so anhöre, was gebrüllt wird, und wie irgendwo die ersten Schüsseln umgestoßen werden. I-ich verschwinde dann mal lieber!
"Äh, ich such schon mal 'nen Sitzplatz!" ruf ich Phentos im Gehen zu und sehe zu, dass ich so weit wie möglich wegkomme von dem wütenden Mob, während er noch ansteht. Als er uns etwas später mit einer großen Schüssel dampfender Suppe aufspürt, sind seine Lippen nicht mehr als ein dünner Strich, welcher stumm aber deutlich die Worte spricht 'Das ist das letzte Mal, dass ich dich zum Essen einlade'. U-ups.
Nachdem wir sichergestellt haben, dass Dūs die Schüssel ohne Probleme halten kann, und er sich hungrig darüber hermacht, ist es an uns, ihn ins Bilde zu rücken. Er wischt sich den Mund an seinem zerfetzten Stulpen ab, sobald wir geendet haben, und meint, "Wenn ich das so höre, möchte ich fast wieder glauben, dass Vas tatsächlich über dich wacht. Selbst, wenn du den falschen Weg einschlägst, landest du trotzdem am richtigen Ort."
"Ehrlich gesagt hat er eher eine Hälfte unverschämtes Glück und die andere allergrößtes Pech," merkt Sira schnippisch an. Ich kann ihr ausnahmsweise nicht widersprechen.
Ich ergänze, "Von dir könnte man aber dasselbe sagen, Dūs. Ohne dich wäre Selet in Kürze bei Dyonix gelandet. Danke."
"Nichts zu danken, dazu wurde ich ausgebildet."
Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter, ehe er wieder in die Schüssel starren kann. "Nein, ernsthaft," sage ich, "Niemand hat dich ausgebildet, meine Fehler auszubaden. Wär ich nicht so halsstarrig gewesen, wäre sie gar nicht erst entführt worden!" Weiß treten die Knöchel meiner Hände unter der Haut hervor, als ich sie zu Fäusten balle. "Aber noch ist sie nicht in Sicherheit... du weißt wirklich nicht, wohin sie geflohen ist?"
Dūs runzelt die Stirn. "Wie ich schon sagte: nein. Auch wenn wir Schattenlosen einen etwas besseren Blick zu besitzen scheinen als manch anderer, heißt das noch nicht, dass wir Augen auf dem Rücken haben, Marin."
"Schon gut! Tut mir ja leid, aber... gah, ich sollte erleichtert sein, aber ich bin's einfach nicht! Ich hab das Gefühl, dass sie jeden Moment wieder geschnappt wird, wenn ich sie nicht sofort suchen gehe. Und dann bin ich schon wieder schuld!"
"Marin, du musst nicht-"
Ich raste aus, "Ich meine, ich bin der Vierte und ich kann nicht mal ein einzelnes Mädchen beschützen!" Ein paar vorbeilaufende Kolph werfen uns irritierte Blicke zu. Sira sagt, "Ja, nur weiter so, dann erwarten uns die Hohepriester vielleicht mit einem Willkommensbankett." Gelassen sich an Dūs' Wange abstützend, meint sie, "Nun bleib mal locker, geh zu diesen hohen Tieren hin und frag ganz lieb, ob sie nicht auch Ausschau halten nach dem Prinzesschen, wenn keine geröstete Harpyie für sie dabei rausspringt."
"Das lässt der Boss sich nie im Leben entgehen," meint Phentos. "Solange du dir bei ihm nicht auch so ein Denkmal setzt."
* * *
Die Residenz des Bosses ist etwas außerhalb der Stadt, gelegen auf einem ausgelagerten Hang, der weiter den Berg hinauf führt. Auf den letzten, wenigen Schritten, die Dūs zum Glück wieder auf seinen eigenen zwei Beinen bestreiten kann, schwindet allmählich die Kakophonie der Stadt. Schließlich erreichen wir ein Gebäude, das deutlich imposanter ist als die einfachen Behausungen der Kolph im Rest der Stadt. Zwei große Statuen und zwei ausgedehnte, blühende Blumenbeete flankieren die lange Treppe, die hinaufführt zum Eingang des Palastes. Abgesehen von den Wachen stehen dort oben im Schatten offener Arkaden noch drei andere Personen, allesamt gekleidet in lange, dunkle Roben mit braunen und mattgrünen Akkzenten.
"Die Hohepriester, nehme ich an?" frage ich Phentos flüsternd. Er nickt verbissen. "Ja, das ganze Pack auf einmal. Oh je, das wird 'n ganzes Stück Arbeit." Während wir die Stufen hinaufgehen, werfe ich ihnen immer wieder einen Blick zu. Eine von ihnen erwidert ihn, starrt uns regelrecht an mit diesem selbstgerechten Blick, den ich selbst bei Orson nur selten gesehen habe. Aber die da hat wohl Jahre auf die Perfektion dieses Gesichtsausdrucks verwendet. Im Gegensatz zu all den anderen Kolph-Frauen, die ich gesehen habe, ist sie alles andere als hochgewachsen, sondern eher untersetzt. Und ihr Gesicht gleicht dem einer Kröte.
Die Säulen schieben sich vor sie, während wir weitergehen, bis wir einen Blick auf den nächsten Kolph erhaschen können, der genauso ungeschult im Lächeln ist, aber wenigstens eine Aura von verdienter Autorität ausströmt. Nicht, dass er es irgendwie mit der letzten Frau im Bunde aufnehmen könnte. Dūs bleibt unvermittelt stehen, als er sie sieht, eine große Vas-Ikanerin. Ihr schmales, scharf geschnittenes Gesicht ist halb-verborgen unter ihrem schwarzen Haar, das aus ihrer losen Kappe hervorsprießt wie ein Vorhang aus schwarzer Seide. Ihre langen, spitzen Ohren ragen beinahe senkrecht aus ihrem Kopf, als wollten sie jedes einzelne Geräusch der Welt um sie herum einfangen. Sie betrachtet uns jedoch nicht lange und dreht sich wieder weg, bis alles, was wir von ihr ausmachen können, die gespaltene, gelbe Kerbe ist, welche ihren Nasenrücken kreuzt.
"Ich wusste gar nicht, dass auch Barrahs unter den Hohepriestern sind."
"Sie ist etwas Besonderes. Hohepriestern Basgorn hat viele Jahre unter dem ehemaligen Hohepriester Fabis die Schriften studiert, aber sie beschäftigt sich heutzutage mehr damit, andere Loquien zu bereisen, als sich um das Heiligtum zu kümmern wie Armos und Mophla. Mophla ist die kleine."
"Die hab ich ja jetzt schon ins Herz geschlossen."
"Stell dich besser gut mit ihr. Sie ist die Älteste von den dreien und hat immer das letzte Wort." Nachdem ich kurz meine Chancen abgeschätzt habe, sie auf meine Seite ziehen zu können – und zu einem eher ernüchternden Ergebnis gekommen bin – frage ich Phentos, "Aber das Wort eures Bosses zählt immer noch mehr als das der Hohepriester, oder?"
"Wär ich mich nicht so sicher," sagt er, sich über den Nacken fahrend. Großartig, dann heißt es wohl hoffen, dass ich an die religiöse Leidenschaft dieser drei appellieren und sie überzeugen kann, dass, mich ins Heiligtum zu lassen, wortwörtlich ist, was die Götter von ihnen wollen.
"Kommst du, Dūs?" rufe ich unserem Schattenlosen zu, der immer noch zu der anderen Schatten-Ikanerin hinüberstarrt. "Dūs?" probiere ich es noch mal. Diesmal hört er mich und schließt ohne weitere Worte wieder zu uns auf.
Nicht nur die Priester haben uns skeptisch beäugt, sondern auch die Wachen. "Was ist euer Begehr?" fragt die eine.
"Wir wollen Boss Molldum um Erlaubnis bitten, den heiligen Garten betreten zu dürfen," sagt Phentos.
"Soll das 'n Witz sein?"
"Mitnichten," übernimmt Dūs für Phentos. Trotz der Verletzungen wirkt er herausfordernd und streng. "Ich würde Angelegenheiten solcher Wichtigkeit ungerne hier auf der Türschwelle besprechen, aber wenn ihr es unbedingt wissen müsst..." Er deutet zu mir. "Dies ist der Prophezeite, der Vierte unseres Zeitalters-" Prompt schneidet ihm das lauthalse Gelächter der einen Wache das Wort ab. Die andere sieht gar nicht so amüsiert aus und schlägt ihrem Kollegen halbherzig vor die Brust, damit er aufhört.
"Gibt's denn irgendeinen Beweis dafür?" will der zweite Wächter dann wissen, "Für Möchtegerns haben wir nichts übrig." Ich zucke fast merklich zusammen unter dem Wort, als es kurzzeitig Kora vor meinem geistigen Auge auftauchen lässt. Möchtegern.
"Wenn du uns die Ehre gäbest, Sira," bittet Dūs. Widerwillig klettert sie aus meiner Tasche. "Die Víly freunden sich nicht einfach mit irgendwem an, wie ihr ja sicher wissen dürftet. Auch wenn es wenig beweisen mag, denke ich, dass es der Aufmerksamkeit des Bosses gebührt." Die Wächter wechseln einen unsicheren Blick. Plötzlich machen sie den Weg frei.
"Nicht so schnell!" ruft da eine Stimme, begleitet von drohenden Schritten. Urgh, es sind die Hohepriester. Und die Sprecherin ohne Zweifel das Froschweib Mophla. Ihr missmutig verzogener Mund lässt ihre grünen Lippen aussehen wie ein Paar fetter, bebender Raupen, während sie sich mit den anderen zwei Hohepriestern zu uns gesellt. "Wieso glaubt ihr, dass es beim Boss liegt, zu entscheiden, wer unser Heiligtum betreten darf und wer nicht?!"
Armos bemüht sich, die Situation ein wenig zu entschärfen, "Wir haben zufällig mitgehört." Trotzdem sieht er nicht minder ungehalten aus als Mophla. "Wenn ihr wirklich Fuß setzen wollt in unseren heiligen Garten, dann solltet ihr auch uns um Erlaubnis bitten."
"Wir sollten das drinnen bereden," schlägt die einzige Barrah-Hohepriesterin vor. Von allen dreien sieht sie am besonnensten aus, beinahe zuvorkommend. "Wir werden euch zur Audienz begleiten."
"Ich sollte wohl erwähnen, dass der Boss grad nicht da ist," fällt da der einen Wache ein, "Aber in seiner Abwesenheit kümmert sich seine Tochter Aigavlov um alles."
"Es ehrt uns gleichermaßen, dass wir angehört werden," bedankt Phentos sich. Doch welch Feindseligkeit auch immer zwischen uns und den Wachen schwindet, kann ich geradezu in meinem Nacken wachsen spüren, als wir, gefolgt von den Hohepriestern, zum Audienzzimmer geführt werden, einem kleinen Saal, der ausgiebig vom Sonnenlicht erhellt ist, das zwischen den Säulen zu unserer Linken hereinfällt. Auf einer niedrigen Estrade wartet ein verlassener, hölzerner Thron.
Kaum sind wir eingetreten, geht jedoch die Hintertür des Zimmers auf und ein versteiftes Kolphmädchen kommt herein in einem Kleid aus dünner Seide, das von ihren schmalen Schultern hinabgleitet und sich an ihre dezenten, aber robusten Rundungen schmiegt. Ihre Klauen schimmern wie geschliffenes Elfenbein.
Die Hände gefaltet, verbeugt sie sich vor uns und lässt sich auf dem Thron nieder, der ein wenig zu groß ist für ihre zierliche Gestalt – die mich immer noch um gut einen Kopf überragt. Sie schafft es nicht ganz, uns anzusehen, als sie uns begrüßt, "Ich heiße Euch willkommen im Namen meines Vaters, Molldum, dem Boss der Kolph der Hyperionsfest. Ich bin Aigavlov, seine Tochter. Leider ist mein Vater grade nicht in der Stadt, weswegen ich ihn vertrete. Und wer seid Ihr?"
"Ich bin Phentos. Und das sind meine Freunde Marin, Dūs und Sira, die Víla. Die drei sind vom Fuße des Berges zu uns gekommen, um Eure Hilfe zu erbitten."
"N-nun... was können wir Euch tun, wenn ihr diese Mühen auf Euch genommen habt?"
"Nun, es sind zwei Dinge, um genau zu sein," mache ich an Phentos' Stelle weiter, "Auf dem Weg hierher sind wir von Harpyien angefallen word-" Ein erstickter Schrei vonseiten der Priester schneidet mir das Wort ab. Armos stammelt, "H-Harpyien?! S-seid ihr euch da sicher?!" Seine Schuppen sind plötzlich aschfahl. Nanu, wer hätte gedacht, dass Harpyien den Kolph so große Angst bereiten können?
"Wir waren selber ziemlich überrascht. Die Sache ist die... sie haben unsere Begleiterin entführt." Ich stocke. Ob das wirklich der richtige Weg ist? Schlimm genug, dass wir nun wirklich drauf beharren, dass ich der Vierte bin, aber wenn ich ihnen von Selet erzähle, habe ich all ihre und Halsänns Anstrengungen, unentdeckt zu bleiben, zunichte gemacht.
Hilflos schaue ich zu Dūs. Komm schon, du warst doch vorhin auch so wortgewandt! Doch jetzt ist selbst er um Worte verlegen, "Ja... richtig... Ein Mädchen, von fünfzehn Jahren. Mit kräftigem, braunen Haar und olivfarbener Haut. Die Harpyien haben sie bei ihrem Angriff auf uns verschleppt."
Basgorn hebt fragend eine Braue. "Weshalb sollten sie das tun?" Mist, ich wusste einfach, dass irgendjemand diese Frage stellen würde! Gut, tief durchatmen, Augen zu und durch. "Nun," fange ich an, "Dieses Mädchen, müsst Ihr wissen... ist niemand Geringeres als Prinzessin Selet Ardorakk."
Mophla verliert die Fassung. "Genug von diesen Lügen!" faucht sie, "Aigavlov, glaubt ihnen bloß nicht! Am Eingang haben sie auch noch behauptet, sie wollen ins Heiligtum und der Pimpf da sei der Vierte! Solche Häretiker werden wir hier nicht dulden! Aus der Stadt jagen sollten wir sie oder einsperren, bis sie verrotten!"
"Aber wir sagen die Wahrheit!"
"Wo sind dann eure Beweise?!" plärrt Armos, "Denkt ihr, wir glauben euch das so einfach?!" Ausgerechnet ein Priester schreit nach Beweisen. Aber was soll ich ihm sagen? Ich habe nichts vorzuzeigen, was auch nur irgendetwas beweisen könnte. Verdammt, hätten wir doch wenigstens noch die Prophezeiung, dann-
"Lest diese Schriftrolle," spricht Dūs und zieht etwas unter seinem Wappenrock hervor. Ich fass es ja nicht! Al'Harzhalas Prophezeiung! "Woher hast du- Wann hat- Hat Selet sie dir gegeben?!" stammle ich fassungslos, doch er ignoriert mich und reicht das Pergament den Hohepriestern. "Lest aufmerksam," sagt er noch.
Dann stürmt plötzlich einer der Wachmänner herein. "Äh, bitte verzeiht," hechelt er, "Aber da ist noch jemand, der Euch sprechen will, Majestät. Und er sagt, er will nicht warten. Irgendein Adeliger aus den Höhen von Eristoth."
"Oh Götter, nicht noch einer," stöhnt Aigavlov, der wir alleine offenbar schon zu viel Störung sind in einer Stadt, wo um jede Ecke ein Amboss singt und eine Esse faucht. "Er wird sich in Geduld üben müssen. Bitte sagt ihm, zu warten, bis ich hier fertig bin-"
"Eure Majestät Aigavlov!" tönt da jemand hinter der Wache. Den Kolph beiseite schiebend, stolziert ein frischgebackener Erwachsener herein, seine schmale Nase so hoch tragend, dass der spitze, geknickte Hut fast von seinem kastanienbraunen Haarschopf purzelt. Sein langer Umhang schlägt breite Falten, sodass es aussieht, als ob die verschnörkelten Stickereien an dessen Saum zum rhythmischen Klacken seiner Schnabelschuhe tanzen. Was ist denn das für einer?
"Verzeiht, dass ich hier so hereinplatze," redet er auch schon los wie ein Wasserfall, während wir alle noch viel zu perplex oder in die Schriftrolle vertieft sind, um auf diese Unverschämtheit zu reagieren, "Aber ich bin hier auf einer wichtigen Mission, denn-" Er stoppt mitten im Satz, als er Phentos, Dūs, Sira und mich erblickt. Seine hellen Augen weiten sich, dann zeigt er plötzlich auf mich. "Dich kenn' ich doch! Du bist dieser gemeine Hund, der mir meine Suppe gemopst hat!"
"Hä?" ist alles, was ich sagen kann, bevor er mich plötzlich anspringt und zu Boden drückt. Ich packe seine Hände, um ihn abzuschütteln. Als das nichts nützt, lasse ich mein Knie in seinen Bauch schnellen, um ihm die Luft zu nehmen. Rothaar keucht auf, will mich aber immer noch nicht loslassen. "Was zur Hölle stimmt mit dir nicht?!" krächze ich, mit ihm raufend und durch den halben Thronsaal rollend.
Bis Phentos brüllt, "Masseleisen und ausgegangene Esse, hört ihr wohl mal auf?!" Wie eingefroren halten wir mitten in der Bewegung inne, die Hände am Hals des anderen. "Wenn ihr euch kloppen wollt, erledigt das in den Gruben, aber nicht hier!" Aigavlov reibt sich derweil seufzend die Schläfen, "Bei Olphe, was ist heute nur los...?"
"Ah, richtig, richtig, mein Fehler, Majestät! Verzeiht," meint Rothaar und richtet sich auf. Ich bleibe auf dem Boden zurück und wünschte, jemand würde diesen Kerl ins nächste Verließ werfen, bevor er in seinem Wahnsinn noch jemanden umbringt!
"Erlaubt mir, mich vorzustellen," sagt er mit einer allzu großzügigen Verbeugung und einem Wurf seines flatternden Umhangs, "Ich bin Ralph Sturmbock, Sohn von Graf Gordan Sturmbock von Kesselrode, und komme zu euch mit einer dringlichen Bitte!"
"Klasse, noch einer," grummelt Aigavlov, räuspert sich aber schnell und fragt, "Wie mögen wir Ost-Kolph euch helfen?"
"Nun, ich will Eure Zeit nicht unnötig mit Details verschwenden, drum komme ich gleich zur Sache: unsere Ländereien plagt seit kurzer Zeit eine... nun, ernstzunehmende Anzahl Eindringlinge von jenseits der Höhen. Dem Anschein nach Cholger, welche die umliegenden Dörfer überfallen und nach Osten drängen. Es beschämt mich, das zu sagen, aber Haus Sturmbock verfügt einfach nicht über die militärischen Provisionen, um sie alleine in Zaum zu halten, während unsere Lehnsherren von Frigus... na ja, etwas nachlässig sind, uns Hilfe zu leisten. Mag sein, dass sie selbst zu kämpfen haben, und's nicht zugeben, Ikaner-Ehre und sowas, wisst Ihr? Somit bedürften wir eines Battalions Eurer stärksten Krieger und, wenn Ihr so gut wäret, genug Waffen, um sie und unsere eigenen Leute auszurüsten!"
"He!" rufe ich, "Was ist mit uns, wir waren zuerst da!"
"Ihr seid Diebsgesindel, euch anzuhören, wäre Zeitverschwendung!"
"Wovon redest du da?! Ich hab nie was gestohlen, erst recht nicht von dir! Ich kenn dich ja nicht mal."
"Glaub mir, dein Gesicht hab ich mir gemerkt! Du bist der Kerl, der mich an diesem Suppenstand angerempelt hat, und im nächsten Moment war mein Mittagessen weg! Meine Klamotten haben sogar was abgekriegt, sodass ich mich noch einmal umziehen musste – wärst du also nicht gewesen, wäre ich ohnehin als Erster hier gewesen!" Oh nein, dann ist der Typ also einer der Leute, in die ich vorhin reingestolpert bin. Aber wegen einer Suppe macht der so einen Aufstand?!
"Ich hatte alle Hände voll zu tun mit der Person auf meinem Rücken, falls du dich erinnerst," kontere ich dennoch, "Außerdem hab ich's nicht nötig zu stehlen, ich hab mehr als genug Geld hier in meiner Ta-" Oder auch nicht. Denn als ich in meine Tasche greife, ist da keine einzige Münze mehr. Was- ich hab doch nie im Leben so viel ausgegeben! Da sollte noch 'ne Menge übrig sein- "Die Harpyien!" wird mir klar. Verdammt, die haben mir nicht nur die Klinge abgeknöpft, sondern sich gleich noch an meiner Geldbörse bedient, wenn sie schon mal da waren! Grr, das wären dann zwei Faustschläge für Kora, falls ich diesen Aasgeier jemals wiedersehe!
Aber vorerst muss ich mich erstmal mit diesem Spinner hier beschäftigen. Vielleicht nicht unbedingt mit meinen Fäustern. Aber er scheint bereit, jeden Moment zu unserer Prügelei zurückzukehren, als Aigavlov sich plötzlich an den Kopf fasst und schreit, "Ich kann das nicht! Um Kins Willen, es ist zu viel! Plötzlich taucht all ihr Leute hier auf und wollt Hilfe, kaum dass mein Paps nicht da ist, um sich um euch zu kümmern!"
"B-beruhigt Euch, mein Kind," spricht Armos, den Blick erstmals wieder von der Prophezeiung erhoben. Mophla und Basgorn indes sind immer noch in verschwörerisches Getuschel vertieft, scheinen von all dem Trubel im Raum nicht das Geringste mitbekommen zu haben. "Wir sind hier, um euch mit unserem Rat zur Seite zu stehen. Was beide diese Bittsteller angeht."
"Ich weiß ja. Aber findet Ihr das nicht auch langsam seltsam? Mein Vater ist sonst nie so lange weg, wenn er auf den Gipfel steigt."
Nun löst auch Basgorn ihren aufmerksamen Blick von dem Pergament. Mit finsterem Blick überlegt sie laut, "Vielleicht ist er aufgehalten worden. Ich will Euch keine Angst machen, doch der Pfad zum Gipfel ist tückisch."
Armos stimmt ihr zu, "Jetzt wo Ihr es sagt... Molldum ist tatsächlich ziemlich lange weg."
"Nicht verzagen!" verkündet Ralph da mit stolz geschwellter Brust, "Ich werde Euren Boss finden und mich um sein Wohlergehen erkunden, um zu beweisen, dass Haus Sturmbock wahrlich ein vertrauenswürdiger Bündnispartner für Euch ist, solltet Ihr entscheiden, uns mit unserem Dilemma zu helfen. Meine Begleiterin und ich werden schnell wie der Wind eilen und, ehe Ihr Euch verseht, wird Eurer Vater zurück sein!" Oh nein, jetzt will der mich ausstechen! Na, wenn er da mal nicht die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat.
"Wir wären natürlich ebenso geehrt, Euch zur Hand zu gehen!" sage ich deshalb.
"Ach ja? Denkst wohl, bei mir gibt's noch mehr zu holen?!" knurrt Ralph leise. Ich belasse es dabei, ihn zur Antwort einmal kurz zähnebleckend anzusehen. Dūs seufzt und wendet ein, "Uns ist bereits wenig Zeit vergönnt. Wenn Prinz Sturmbock sich der Sache annimmt, sollte diese Aufgabe bereits in guten Händen sein, sodass wir unseren Besuch des Heiligtums nicht unnötig aufschieben müssen. Sofern die Hohepriester damit einverstanden sind."
Auf einmal entgegnet Mophla, "Ich sag euch was: Wenn ihr den Boss findet und er euch erlaubt, die Gärten zu besichtigen, will ich mich nicht querstellen. Diese Schriftrolle beweist zwar nichts, aber wir wollen unsere Zweifel mal zu euren Gunsten ausräumen. Oder, Armos und Basgorn?"
"Du bist die Älteste. Dein Wort zählt," beteuern beide einstimmig. Basgorn hat aber noch mehr zu sagen, "Das wäre alles, was eure Bitte anbelangt, unser Heiligtum zu betreten. Doch ich erinnere mich, dass wir auch für euch nach der Prinzessin suchen sollen."
Ich schaffe es, mich von meinem Blickgefecht mit Ralph loszureißen, und nicke. "Ja. Soweit wir wissen, könnte sie den Harpyien entkommen sein, aber das macht die Hyperionsfest nicht minder gefährlich. Außerdem sind diese Biester schnell, darum wären wir dankbar für jede Hilfe, die wir kriegen könnten. Verzeiht, dass wir so viel von Euch verlangen."
Basgorn spricht mit sanftem Lächeln, "Bitte nicht um Vergebung. Um Hilfe zu beten, ist keine Sünde. Sie jemandem in Not zu verweigern, aber schon."
"Vielen Dank. Wir werden den Boss so schnell wie möglich zurückbringen!"
"Nicht, wenn ich ihn zuerst finde," meint Ralph.
Voller Entschlossenheit verspreche ich ihm, "Keine Sorge, du darfst mit eigenen Augen sehen, wie wir dich schlagen werden." Ein Wunder, dass er mir nicht hier und jetzt eine reinhaut.
Kapitel 11
"Sag ihm, er soll Dreck fressen, Zandera."
"Tu's doch selber."
So dreht Ralph sich zu mir und brüllt so laut durch die Schlucht, dass es selbst die Kolph in der Stadt es hören müssen, "Friss Dreck, du Arsch! Hoffentlich fällst du 'ne Klippe runter!" Tief durchatmen. Ignorier ihn einfach und vielleicht, ja vielleicht wird seine Stimme endlich mal einen der großen Felsen oben auf dem Berg lockern, unter dem er dann ganz plötzlich ein wenig entspannen kann.
Sira indes ist sogar gut genug aufgelegt, ein Späßchen zu machen, "Nun, Phentos, wenn ihr wirklich so von den Göttern gestraft sein werdet, diesem Burschen bei seinen Feldzügen unter die Arme zu greifen, dann werdet ihr ihn immerhin nie suchen müssen auf dem Schlachtfeld. Oder diese Cholger konzentrieren ihr Pfeilfeuer auf ihn."
"Als ob dieser Kerl sich nicht beim bloßen Anblick eines einzigen Feindes in die Hose machen würde," zische ich, "Ich wette jedes Buch, das ich gelesen habe, dass der nur ne große Klappe hat, aber nichts dahinter." Sira will etwas erwidern, doch Dūs ist schneller, "Er braucht nicht kämpfen zu können."
Während wir uns neugierig zu ihm umdrehen, liegen seine Augen unverändert auf dem Rücken der großen, sehnigen Ikanerin neben Ralph. Die dicken Strähnen ihres milchblonden Haares reichen ihr bis zum Po und tänzeln sanft im Wind wie ein Vorhang, der den ein oder anderen Blick auf ihre dunkle, eng-anliegende Lederrüstung und die grünen Gurte an ihren Hüften gewährt. An jedem baumelt je eine Schwertscheide. Eine für ein filigran gefertigtes Kurzschwert, an dessen ringförmigen, silbernen Knauf ein Band aus orangener Seite gebunden ist, mit dem auch das Heft umwickelt wurde. In der anderen wartet ein wesentlich weniger schmucker Parierdolch genauso ungeduldig darauf, gezogen zu werden.
Die Frau heißt Zandera, wenn ich mich nicht verhört habe. Ralphs Kameradin, wie er sie vor den Hohepriestern und Aigavlov betitelte. "Sie ist die Kämpferin von den beiden," erklärt Dūs, "Und wenn ich mir ihre kräftigen Arme besehe und wie sie sich bewegt – so geistesgegenwärtig und doch mit so viel Vertrauen in ihre Fähigkeiten – dann kann sie mit diesen Schwertern gut für zwei austeilen." Ihre aufrecht stehenden, langen Ohren zucken bei seinen Worten und für einen winzigen Augenblick stiert sie zu uns hinüber. Ihre Augen lassen das Blut in meinen Adern gefrieren. Kurzzeitig ist da ein oranges Glimmern in ihnen, als hätte sie gerade einen dünnen, funkelnden Pfeil direkt vor unsere Füße abgefeuert.
Während Ralph nur ein Großmaul ist, sind es Zanderas Blicke, die uns auf gebührendem Abstand halten, während Phentos, Sira, Dūs und ich den beiden auf steilem Pfad zum Gipfel folgen. Fast hätte ich diese Ansammlung flacher Felsbrocken am Grund der Kluft, die wie Stufen einer gewachsenen Treppe hinaufführen, kaum als Weg erkannt, bisis mir aufgefallen ist, dass sie doch ein wenig zu günstig gelegen sind, um zufällig hinabgefallen zu sein. Und dann wären da noch die rostigen Stangen, die wohl als Meilensteine dienen.
Bisher hab ich bloß zehn von denen gesehen, also ist es wohl noch ein ganzes Stück. Trotzdem ist mir, als seien wir Welten von der Stadt entfernt. Die Felsen wirken unberührt. Auf einer kleinen, scharfkantigen Klippe wehen die Blätter eines einsamen Olivenbaumes träge im Wind.
Dann ist da ein Schrei. Ein lautes, kehliges Geräusch, verzerrt von der Distanz, über die das Echo sie zu uns getragen hat. Nicht, dass ich den Laut überhaupt einem Tier zuordnen könnte, das ich kenne.
"Große Kin, was war das?" keucht Phentos. Das ist nie gut, wenn nicht mal die Einheimischen wissen, was für ein Biest so ein Geräusch von sich gibt. Aber um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen bleibt keine Zeit.
Das Klacken mehrerer Kiesel lässt mich herumfahren und da taucht auch schon die Kreatur auf den Klippen auf. Ein sonnengebleichtes Monstrum, halb so groß wie ein ausgewachsener Mann, aber mindestens genauso kräftig. Seine wulstigen Schultern stehen wie Gebirge von seinem krummen, gefiederten Rücken ab, ehe sie in zwei gebogenen, klauenbewehrten Armen mit zu vielen Gelenken auslaufen.
Entsetzt frage ich, "E-eines der kleines Missgeschicke der Göttinnen?" Ich kriege keine Antwort, denn das Monster hat sich mittlerweile einen schweren Stein gepackt, den es sogleich auf Ralph und Zandera schleudert. Ralph gibt ein empörtes Krächzen von sich, als die Ikanerin ihn am Schlafittchen packt und mit ihm vor dem Geschoss ausweicht. Längst bewaffnet sich die Kreature erneut.
Und dann tauchen auch noch zwei weitere, schnabelförmige Köpfe über den Klippen auf. Mist, ein Hinterhalt!
"Geht in Deckung!" ruft Phentos, während er sich eng an den Rand der Kluft unter die Felsenvorsprünge presst. Außer mir und Ralph hört jedoch niemand auf seinen Rat. Während Zandera weiter die Felsen hinaufkraxelt, murmelt Dūs irgendsowas wie "Dieses Spiel können zwei spielen," und greift zu den Wurfdolchen an seinem Oberschenkel. Ein gepeinigtes Quietschen verrät, dass die Klinge ihr Ziel gefunden hat. Um Haaresbreite entgeht Dūs der Rache dafür. Verflucht, ich kann mich nicht hier verkriechen, während er und Zandera ihr Leben riskieren! Aber wie komm ich rauf zu diesen Mistviechern?
"... Phentos, wie gut kannst du werfen?"
"Äh, kommt drauf an, was ich werfen soll-"
"Mich vorzugsweise," versuche ich ohne Zittern zu sagen, "Auf die Klippe hoch."
Sira seufzt, "Oh Götter, ich hätte dich nie ermutigen sollen, wieder zu deinen tollen Spontan-Einfällen zu greifen." Phentos scheint genauso überzeugt. Seine Augen wandern zu Dūs, der gerade noch ein Messer werfen will, als ein Fels fast seinen Fuß zerquetscht. Vor Überraschung verliert er den Halt auf dem unebenen Terrain, fällt einige Stufen hinab, ehe er glücklicherweise auf den Füßen aufkommt und gleich hinter einen Felsen in Deckung gehen kann, bevor die nächsten Steine niederprasseln.
"Springende Klingen, na gut!" höre ich Phentos schimpfen und er packt mich plötzlich. Moment, jetzt bin ich nicht so weit- Zu spät, denn schon befinde ich mich in der Luft! Ich tu das erstbeste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich plötzlich eine Felswand hinauffliege: versuchen, mich irgendwo festzuhalten. Ein geschmerztes Keuchen schießt zwischen meinen Lippen hervor, als ich den scharfen Stein in meine Finger beißen spüre, doch ich klammere mich unbeirrt an die Kante.
Einen Herzschlag lang vergesse ich, dass ich noch lange nicht sicher bin. Und kaum will ich zu Ende bringen, was ich vor wenigen Sekunden noch für eine zündende Idee gehalten habe, entdeckt eines der Ungeheuer mich und rennt zu mir hinüber unter wütenden Schreien – und mit seinen Klauen im Anschlag, um mir die Augen auszukratzen!
Die Spitzen berühren bereits meine Nase, kurz davor entweder sich unter meine Haut zu graben, oder mich wieder hinunterzuschubsen und- da springt das Biest mit lautem Aufschrei zurück. Ich schaue zu dem Dolch, der plötzlich im Arm des Viehs steckt, dann zu Dūs. Ich lächle ihm anerkennend zu, ehe ich mich gar auf die Klippe ziehe und mein Schwert ziehe, um dem Monster den Rest zu geben.
Just in diesem Moment erklimmt auch Zandera die Felsen und stürzt sich auf einen der beiden verbleibenden Angreifer. Er dreht sich herum, sobald er sie kommen hört, in derselben Bewegung versuchend, ihr die Haut vom Gesicht zu reißen. Die Blondine pariert jedoch sofort mit ihrem Schwert und mit einer Drehung ihrer zweiten Klinge fliegen drei Finger der Bestie davon. "Zwecklos, zwecklos!" spottet Zandera, als das Monster postwendend in ihr Bein beißen will. Das einzige, was es zu schmecken bekommt, ist sein eigenes, schwarzes Blut, das plötzlich aus einem zweiten Schlund quillt, wo mal die Kehle der Kreatur gewesen sein muss.
Damit bliebe nur noch eine – die selbst ein paar Wurfmesser zur Hand hat! "Pass auf!" rufe ich Zandera zu. Da übertönt jemand meine Stimme, "Und merk dir, dass das hier vom großen Ralph kommt!" Er steht plötzlich hinter der Bestie und verpasst ihm einen kräftigen Tritt in den Hintern, der es hinunter in die Kluft befördert. Mit einem dumpfen Knacken seiner Halswirbel ist dann wohl auch die letzte Bestie Geschichte. Bewegt sich auf jeden Fall nicht mehr.
"Puh, das war knapp," ächze ich, "Geht's jedem gut?"
"Trotz der Kühnheit mancher von uns ja," stellt Sira fest, nachdem sie kurz an jedem vorbeigeflogen ist. Mit ironischem Unterton fügt sie dann an, "Ich fühle mich jeden Tag ein bisschen wohler auf diesem Berg."
Zandera indes klettert wieder hinunter in die Schlucht, um das tote Tier zu untersuchen. Ihre Augen verengen sich zu Schlitzen, als sie Phentos ansieht und eines der Messer hochhält. "Wollt Ihr uns vielleicht erklären, was das für Viecher waren und wie sie an Waffen von dieser Qualität kamen?"
"Ich hab sowas noch nie gewesen! Aber... die Messer sind eindeutig aus einer unserer Schmieden." Er atmet einmal tief durch, während wir so langsam begreifen, worauf er hinauswill. Ralph spricht aus, was wir alle denken, "Wenn diese verruchten Wesen den Boss oder irgendeinen anderen Kolph gefangen halten, ist Eile geboten!" Ausnahmsweise will ich ihm zustimmen.
Doch Dūs mahnt uns, "Wir sollten dennoch auf der Hut bleiben." Mit ein paar wenigen Sprüngen erklimmt er die Felsstufen und schaut sich den weiteren Weg aus der Ferne an. "Wir wissen weder, um was für Kreaturen es sich hier handelt... noch was ihr Begehr ist."
Ralph zuckt mit den Achseln. "Eine Meute räudiger Biester, die uns fressen wollten, oder?"
"Dem ungeschulten, voreingenommenem Auge nach ja." Uhh, das muss wehtun. "Doch diese Kreaturen sind kaum so primitiv, wie ihr annehmt, Prinz Sturmbock. Sie wussten um den Vorteil, uns aus dem Hinterhalt anzugreifen anstatt einfach auf unsere Schultern zu springen und uns mit bloßen Zähnen zu zerfetzen. Stattdessen haben sie versucht uns festzusetzen und mit Kolph-Waffen angegriffen, die sie offenbar schnell verstanden haben. Hier geht es um mehr als hungrige, wilde Tiere. Ansonsten wäre selbst Eure hoffnungsvolle Annahme, dass sie den Boss nur gefangen genommen haben, einfältig gewesen."
Ich riskiere einen vorsichtigen Blick zu Ralph. Die Nase gerümpft starrt er brodelnd auf den Schattenlosen hinab. Es dauert länger als erwartet, bis ihm wieder Worte über die Lippe kommen, "Werd mal nicht unverschämt! Du bist in meinen Augen genauso wenig vertrauenswürdig wie dein kleiner Diebeskumpan."
"Dieser kleine Diebeskumpan hat grade dafür gesorgt, dass du aus deinem Versteck hervorkriechen konntest, während wir um unser Leben gekämpft haben!" halte ich dem entgegen. Augenblicklich liegen seine bohrenden Augen auf mir.
"Du wagst es, mich einen Feigling zu nennen?!"
"Nein, ich stelle fest, dass du ein undankbarer Fatzke bist."
"Soll ich dir mal zeigen, wie dankbar ich dir bin?!"
"Versuch's ma-" Und postwendend, in einer Explosion aus Sternchen und Schmerzen, trifft etwas mich am Hinterkopf. Aber nicht Ralph, denn der hat ebenfalls eine ordentliche Schelle abbekommen. Verdammt, das fühlt sich an, als hätt' ein Pferd mich getreten...
Während wir unsere wunden Köpfe festhalten und uns durch Schleier aus Tränen anstarren, sagt Zandera, "Nun hört schon auf, ihr zwei. Am Ende rollt ihr noch wieder bis zum Fuß des Berges, wenn ihr euch prügelt. Machen wir, dass wir weiter kommen." Klar, falls mein Kopf nicht entzweibricht, sobald ich auch nur einen Schritt mache.
Behutsam richte ich mich auf. Ralph hat die Zähne fest aufeinandergebissen. "Ich dacht, das wäre deine Leibwächterin, nicht deine Lehnsherrin," flüstere ich ihm zu.
"S... sei einfach still."
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Glücklicherweise treffen wir bis tief in die Nacht keine weiteren Bestien. Meine Füße tragen mich wie von selbst, während ich verzweifelt versuche, mich wach zu halten – eine willkommene Ablenkung von dem Pochen in meinen Beinen und auch teilweise immer noch in meinem Kopf, sodass ich schon am Überlegen bin, ob diese Verrückte mich ernsthaft mit dem Schwertknauf geschlagen hat.
Ralph läuft wieder treu mit ihr an der Spitze unserer kleinen Bergsteigergruppe, wenn auch um einiges wortkarger als zuvor. Vielleicht beschäftigt ihn auch der Schmerz. Er ist auf jeden Fall erschöpft, denn als wir damit fertig werden, unser Lager für die Nacht in einer kleinen Senke zu errichten, schläft er fast augenblicklich ein. Sehr zu Zanderas Frustration. "Hmpf soviel dazu, dass er die erste Nachtwache übernimmt." Erwartungsvoll schaut sie zu Dūs, Phentos, Sira und mir... und seufzt schließlich. "Will mir wenigstens jemand Gesellschaft leisten und mich wach halten, während ich klarstelle, dass uns keins dieser Viecher nachts in den Arsch beißt?"
Als niemand etwas erwidert und Zanderas orange Augen an mir hängen bleiben, krieg ich dieses Gefühl wie früher beim Orden, wenn Orson vergessen hat, wer an der Reihe war, die Messehalle zu säubern, und wie durch Magie jeder außer mir sich plötzlich daran erinnert hat, dass ich dran war. Und da ich heute gelernt habe, dass man mit den Fäusten dieser Frau genauso wenig diskutieren kann wie mit Orson, ergebe ich mich meinem Schicksal, "Klar, ich setz mich zu dir."
Sie grinst mich an, fast als hätte ich eine Wahl gehabt und sie sei glücklich, dass ich mich freiwillig gemeldet habe. Während Phentos und Dūs sich also die bequemsten Felsen zum Nächtigen aussuchen, lasse ich mich gegenüber der anderen Blonden nieder und beobachte unser mickriges Lagerfeuer Funken husten wie ein alter Mann Speichel. Wenn ich jetzt nicht irgendein Gespräch anfange, fallen mir gleich die Augen zu und ich stürze mit dem Gesicht voran ins Feuer.
"Also, ähm... mag ein wenig spät dafür sein, aber ich glaub, wir haben uns gar nicht richtig vorgestellt."
"Nicht, dass ich wüsste, Kleiner." Einen Moment lang hält sie inne, während sie ihre Waffen putzt, und überlegt, "Nun, Ralph hatte so n paar Namen für dich, aber so nennt wohl keine Mutter ihren kleinen Wonneproppen."
Kurz frag ich mich, was man darauf am besten erwidert. "... Nein, ich heiße tatsächlich nicht Suppendieb. Ich bin Marin, ein Novize vom Orden der Armen Ritterschaft zu Doarnb." Etwas in ihren Augen lodert wie das Feuer, als sie aufblickt. Ich höre sie flüstern, "Dann hatte ich Recht."
"Was?"
"Oh, ich hab nur zufällig dich und deine Freunde reden hören. War nicht sicher, ob ich deinen Namen richtig verstanden habe. Passt zu einem Doarnber Burschen. Ich bin Zandera."
"Freut mich," sag ich und will ihr übers Feuer hinweg die Hand geben. Sie beugt sich vor, um sie zu schütteln, doch plötzlich weicht sie zurück, hält einen Fluch zurück. "Was ist?" frage ich beunruhigt.
"B.. bloß ein Krampf," versichert sie atemlos, "Brauchst dir nicht in die Hosen zu machen." Flugs senkt sie den Kopf und wendet sich wieder ihrer Arbeit zu, wild mit dem Fuß tappend. Das muss vielleicht ein Krampf sein...
Ehe wir jedoch wieder komplett in Schweigen versinken, frage ich, "Also, du und Ralph... wie steht ihr eigentlich zueinander?"
Ihr Blick ist misstrauisch. "Was meinst du?"
"Nun, ja, ist er dein Gebieter... oder dein älterer Bruder oder was?"
Endlich beruhigt sie sich wieder etwas. Ihre Schultern sinken, als sie erklärt, "Ersteres." Sie schafft es sogar wieder zu lächeln. "Nie im Leben sind wir auch nur irgendwie verwandt. Das Blut der Sturmbocks von Kesselrode und der Maresas von Eschfels ist noch nie zusammengeflossen."
Ich glaub mich tritt ein Pferd! "Maresa?! W-wie Skender Maresa, der Vierte, der Sakon, den Dreisten, bezwungen hat?!" Ihr Schmunzeln erlischt augenblicklich. Die Augen verdrehend stöhnt sie, "Ich und meine große Klappe..."
"Ich hab von den Maresas schon öfters beim Orden gehört! Bist du ein echter Nachfahre von Skender?!" Kaum auszudenken, dass ich jemanden treffe, der mit dem legendären Vierten, der sich selbst erwählte, verwandt ist!
"Um ehrlich zu sein," seufzt Zandera, auf der Stelle herumruckend, "hat Skender kein einziges Kind hinterlassen. Tut mir Leid, Kleiner, aber ich stamme bloß von seinem älteren Bruder Dorin ab."
"Trotzdem! Wie toll muss das sein, auch nur irgendeine Verbindung zu einem von Cardighnas größten Helden vorweisen zu können?"
Sie schiebt ihr Schwert zurück und sagt plötzlich, "Ich bin eigentlich froh, nicht wirklich mit ihm verwandt zu sein. Skender Maresa war ein schwarzes Schaf. Sowohl im Stammbaum der Maresas... als auch in der langen Folge von Vierten, welche diese Welt gesehen hat."
Es verschlägt mir die Sprache, doch jemand anders ist plötzlich da, um auszusprechen, was mir durch den Kopf schießt, "Wieso würdet Ihr so etwas sagen?" Ganz nach Schattenlosen-Tradition steht Dūs wie aus dem Nichts plötzlich am Rand des dämmrigen Lichtkreises ums Feuer. Ups, hab ich ihn wohl grade geweckt durch meine Euphorie? Seine Miene passt auf jeden Fall zu jemandem, der grade aus dem ersten bisschen ruhigen Schlaf seit gut einer Woche geweckt worden ist.
Sein kühler Blick gilt aber nicht mir. Kritisch beäugen Zandera und er sich, bis die Luft zwischen ihnen so dick ist, dass man sie schneiden und über dem Feuer rösten könnte. Und bestimmt würde einem davon genauso schlecht wie mir, wenn ich die zwei so bei ihrem Starr-Wettbewerb beobachte.
Nach einer Ewigkeit bricht Zandera das ungemütliche, feindselige Schweigen, indem sie fragt, "Kannst wohl nicht schlafen?"
"Ich bin zufällig aufgewacht und habe gehört, dass ihr über Skender redet. Da bin ich neugierig geworden."
"Dann sind wir schon zwei. Denn, so hart das auch klingen mag, aber ich wunder mich auch – über den Aufzug, in dem du rumläufst. Hältst dich wohl für ein Überbleibsel des ausgelöschten Ordens der Schattenlosen?" Gut sichtbar unter dem engen Leder- und Wollanzug spannt Dūs' Körper sich an. Seine Muskeln spielen herausfordernd, als er seine Hände zu Fäusten ballt.
"Wieso denkt Ihr zu wissen, ob der Orden noch besteht, oder nicht?" will Dūs stichelnd wissen. Zandera lässt das kalt. "Einfach," entgegnet sie, "Ich bin vielleicht nicht direkt mit Skender verwandt, aber er wird dennoch ausführlich in unserer Familienchronik beschrieben. Auch wie er maßgeblich am Untergang der Schattenlosen beteiligt war."
Den Göttern sei Dank reißt Dūs sich noch mal zusammen, nicht seine Fäuste oder gar seine Messer sprechen zu lassen. Ausnahmsweise kann er seine Gefühle nicht hinter seiner Schattenlosen-Maske verbergen, während er vehement widerspricht, "Skender hätte die Schattenlosen nie verraten!"
"Mir gleich, wie du das nennst," erklärt Zandera achsel-zuckend, "Aber was er in der Zweiten Dämmerung getan hat, klingt sehr wohl wie Verrat für mich – und bestimmt auch für echte Schattenlose. Sie und er haben beide unter König Petahriul gedient in den Zwielichtskriegen, doch in der letzten Schlacht der Schattenlosen gegen die Truppen des Thronräubers waren sie plötzlich auf sich gestellt... weil Skender Maresa, der Vierte, der sich selbst erwähnt hat, meinte, dass sie weder sein Vertrauen noch seine Hilfe verdient hätten. Damit hat er genauso viel zu ihrem Untergang beigetragen, wie der Thronräuber, der nach ihren Köpfen verlangt hat."
Während sie das sagt, schaut sie vielmehr mich als ihn an. "Er soll ein großartiger Kämpfer gewesen sein. Und klar, er hat Cardighna von der Bedrohung durch Sakon befreit. Hätte ich zu seiner Zeit gelebt, wäre ich ungern sein Gegner gewesen, denn denen zeigte er keine Gnade. Aber ich wollte auch nicht sein Verbündeter sein – da die ebenfalls schnell zu seinen Feinden werden konnten."
Dūs rastet aus, "Gar nichts weißt du! Dir steht es nicht zu, so über ihn zu reden! Du hast ihn nie gekannt!"
"Oh, aber du?"
Alles geht plötzlich ganz schnell. Ich springe gerade noch rechtzeitig auf, um Dūs' Hand abzufangen, bevor er Zandera schlagen kann. "He, jetzt mal ganz ruhig!" fahre ich ihn an, während ich ihn von ihr wegziehe. "Was ist denn jetzt in dich gefahren?!" Sein Gesicht verzieht sich vor Wut... dann plötzlich vor Schmerz. Seine Hand reißt sich von mir los, um zu seiner Schläfe zu schnellen. Fast brechen seine Beine unter ihm zusammen, er torkelt zurück. Als ich ihn festhalten will, winkt er ab.
"E-es tut mir Leid!" schreit er, "Ich... Ich hab nicht... ich bin nur aufgekratzt... seit den Harpyien. Entschuldigt mein Benehmen, Daemsel Maresa. Ich habe mich benommen wie ein Narr." Sie würdigt diese halbherzige Entschuldigung keiner Reaktion. Müde aussehend und geschlagen wendet Dūs sich noch einmal mir zu, um zu sagen, "Ich sollte ruhen. Ich hab es die letzten Tage übertrieben..." Ein Tropfen Schuld fällt in seine Augen, als er anfügt, "Danke, dass du mich aufgehalten hast."
Ich bin viel zu überrumpelt, als dass ich etwas erwidern kann, ehe er sich verkriecht. Seine Stimmungsschwankungen werden auch immer heftiger. Vielleicht sollte ich doch gleich noch mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden.
"Lass ihn," meint Zandera besonnen. Während ich mich noch mit der Tatsache abfinde, dass Sira wohl Recht hat, dass ich so einfach zu durchschauen sei, wenn diese Frau, die ich keinen ganzen Tag kenne, das schon kann, fährt sie fort, "Ich kenn das. So hat Ralph sich auch benommen, wenn er nicht seinen Willen gekriegt hat. Hat sich aufgeregt und geheult und ist dann abgehauen, um zu schmollen. Und glaub mir, einen Schmollenden willst du nicht trösten oder konfrontieren, bis er sich beruhigt hat."
"Ich glaub ja kaum, dass Ralph und Dūs auch nur irgendwas gemeinsam haben."
"Mein Ratschlag bleibt. Ich weiß ja nicht wie lange ihr euch schon kennst... aber wäre ich du, würde ich mich vor diesem Kerl genauso sehr hüten wie davor in eine Schlangengrube zu pinkeln. Bei eurem selbst-ernannten Schattenlosen ist was gehörig faul." Ich weiß zwar, was sie meint, ziehe aber dennoch eine Braue hoch und frage, "Und wieso sagst du mir das? Nach dem, was Ralph dir so erzählt hat, würde ich erwarten, dass du mir genauso wenig über den Weg traust wie Dūs."
"Ach, nimm Ralphs Gefasel nicht so ernst. Wie gesagt, er ist 'ne Heulsuse. Ist ja viel einfacher, jemanden die Schuld dafür zu geben, kein Mittagessen gehabt zu haben, anstatt es hinzunehmen. Aber mach dir nichts draus. Er kann selbst mit Dieben Freundschaft schließen."
"Ach ja? Wem hat er denn solche Gnade gezeigt?"
Sie lehnt sich zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. "Wie wär's mit dem blonden Ikanermädchen aus Eschfels, das sich in die Vorratskammer von Fürst Sturmbock geschlichen hat und erwischt worden ist?" Mir klappt die Kinnlade runter. Nie im Leben! Doch Zandera gluckst leise und fährt fort, "Ob du's glaubst oder nicht, aber als ich ertappt worden bin, hat Ralph für mich den Kopf hingehalten. Da hat er ausnahmsweise mal um jemand anderer Willen geheult als um seinen. Der hat seine Eltern so lang angebettelt, bis sie, bloß damit er Ruhe gibt, mich als Dienerin aufgenommen haben. Und das ist jetzt über zehn Jahre her. Versteht sich von selbst, dass es also das Mindeste ist, wenn ich auf ihn aufpasse, oder?"
"... Du steckst wirklich voller Überraschungen."
Mysteriös sagt sie, "Kleiner, das ist nur der Anfang." Dann meint sie, "Aber jetzt sieh zu, dass du 'n bisschen schläfst. Ich glaub, ich hab genug geredet, um auch gar den Rest meiner Wache wach zu bleiben. Ich muss nachdenken." Und während sie das sagt, spricht aus ihren Augen Wärme und Verbundenheit, als würde sie einen alten Freund anschauen.
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Der Nachmittag neigt sich grade dem Ende, als wir am nächsten Tag schon fast den Gipfel erreicht haben. Scheinbar war der gestrige Überfall nur eine Ausnahme, denn wir sind keinem weiteren dieser Biester begegnet. Nur dem gelegentlichen Salamander, einer Bergziege hier und da und ein paar Adlern, die uns verstohlen von ihren unerreichbaren Nestern aus im Auge behalten. Trotzdem komme ich kaum zur Ruhe.
Sobald der Gipfel sich uns preisgibt als scharf gezogene Krone aus zackigen Felsspitzen, die einst Säulen gewesen sein mögen, stoßen wir wieder auf die Kreaturen. Nur dies mal tot, die Köpfe und Brustkörbe mit großer Wucht eingedrückt... für einen hohen Preis. Für die Kolph, die hier gekämpft haben, kommt alle Hilfe zu spät.
Blitzschnell wende ich mich ab von ihren aufgerissenen Bäuchen. Bah, ich will gar nicht wissen, was die Adler hier schon haben mitgehen lassen. Ralph indes hat einen halben Nervenzusammenbruch. Er brabbelt, "BittesagtmirdasskeinervondenenMolldumist, bittesagtmirdasskeinervondenenMolldumist, bittesagtmir-"
"Sind sie nicht," sagt Phentos mit brüchiger Stimme. Er tut ein paar tiefe Atemzüge, ehe er fortfahren kann, "Trotzdem schrecklich. Wir können sie nicht hier lassen, nachdem sie so ihr Leben gelassen haben."
"Ja," stimmt Zandera zu, wobei sie Ralph leicht gegen den Hinterkopf schlägt, damit er sich beruhigt. Dann sagt sie, "Aber nicht, bevor wir den Boss gefunden haben. Sonst haben wir gleich noch 'ne Leiche mehr zu schleppen." Ich sehe Phentos an, wie innerlich zerrissen er ist, doch er nickt trotz alledem. Wir alle teilen Zanderas Ansicht. Olphe möge sich gedulden, die Seelen dieser Krieger zu sich zu holen, und Kin möge ihre Körper erhalten, bis da sie ein anständiges Begräbnis erhalten haben. Und wo wir schon dabei sind, könnten wir auch Daera bitten, den Geruch der Toten nicht an die Nüstern irgendwelcher weiteren Biester zu tragen.
Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend setzen wir unseren Weg auf einer Reihe steiler Zick-Zack-Pfade durch die äußeren Zacken des Gipfels fort. Wie ein Tannenwald, dessen Bäume so leer an Leben und Feuchtigkeit sind, dass sie sich zu Stein verwandelt haben. Einige der Spitzen sind auf den Weg gefallen, parallel zu den wachsenden Schatten im Schein der Abendsonne. Ihr Licht bricht sich an den raren Eisenstangen wie rosa Flammen wegweisender Fackeln. Und als ob die Götter uns für völlig tumb halten, waren sie auch noch so nett, uns eine immer dichtere Spur aus toten Monstern in den Weg zu legen.
Ich unterdrücke einen Schrei, als eines von ihnen zockt. "Das lebt ja noch!"
"Dann kann der Boss nicht weit sein," vermutet Dūs am hinteren Ende unserer Truppe, wo er so viel Abstand zu Zandera – und mir – hat wie möglich, ohne dass wir ihn ganz aus den Augen verlieren. Schätze, der Schmollende ist immer noch nicht bereit für ein Gespräch. Nun, ich grad genauso wenig. Der Boss hat Priorität.
Hier ist die Verwüstung noch viel größer. Der Weg ist fast komplett begraben unter einem löchrigen Haufen umgestürzter Säulen und Zacken. Wie ein steinerner Biberdamm, der einen ausgetrockneten Wasserweg blockiert. Bleibt die Frage: was für ein Biber hält sich da drinnen versteckt?
Kurz bin ich überzeugt, ein Paar rubinroter Augen in der Dunkelheit zu erspähen, das uns aufmerksam beobachtet. Dann bemerke ich plötzlich Dūs, der seine zurückgezogene Position aufgegeben hat und sich dem größten Loch nähert, das vielleicht der Eingang ist. "Warte," zische ich, "Was ist, wenn-"
Meine Warnung schlägt um in einen wütenden Fluch, als plötzlich eine gewaltige, geschuppte Pranke mit dicken Eisenringen um den Handgelenken hervorschnellt und ihn packt. Ich eile zu ihm, um gegenzuhalten, doch umsonst. Die rubinäugige Kreatur mit den riesigen Händen zerrt uns mit Leichtigkeit beide in sein dämmriges Domizil, das ausgekleidet ist mit einem verschwommenen Raster aus Licht und Dunkel wie die Gitterstäbe einer Zelle.
Wie ein grüner Komet schießt Sira aus meiner Tasche, das Monster zu blenden. Endlich lassen seine Klauen von Dūs, während es überrascht aufschreit, "Ich ergeb mich! Ich ergeb mich! Kin noch eins, du Geschmeiß, hau schon ab!" Während ich noch am Boden und gekreuzt auf Dūs liege wie die Spitzen über uns, schaue ich auf, wer da eigentlich spricht. Meine Augen gewöhnen sich langsam an das Dämmerlicht, sodass ich die Gestalt nicht als Monster erkenne – sondern als einen großen, beigefarbigen Kolph mit einer Kette aus Eisen um seinen Hals und einem zusammengerafften Rock voll bronzener Schuppen. Auf seiner gehörnten Stirn prangt eine dunkelblaue Tätowierung, die aussieht wie das Wappen am Stadteingang.
Als ich merke, dass mein Mund offen steht, frage ich, "B-Boss Molldum, nicht wahr?"
"Genau der! Schwefel und Bergrütteln, fast hätte ich euch zwei Barrahs für mehr von diesen hässlichen Viechern gehalten, die hier in letzter Zeit randaliert haben!"
"In gewissem Maße tun sie das immer noch," sagt Dūs, worauf der Boss erbost entgegnet, "Bah, hab ich mir schon gedacht. Unmöglich, dass ihr zwei Burschen zu Ende gebracht haben könntet, woran ich nun schon seit drei Tagen schufte!" Über die Schulter zeigt er in ein paar dunklere Ecken seines Verstecks. Als ich dort hinsehe, entdecke ich die Umrisse einiger weiterer toter Bestien.
"Ich sag's euch, der Mief bringt mich noch um, ehe die mir auch nur eine Schuppe krümmen können!"
"Tatsächlich sind wir hier, um nach Euch zu sehen, Eure Majestät," erklärt Ralph, als er mit Zandera und Phentos unter die Kuppel tritt. Der Anblick des Letzten lässt Molldum aufspringen und frohlocken, "Ein Bruder! Ah, und ich hatte schon Angst, dass es hier bloß Barrah-Jungspunde gäbe!"
"Boss! Wie gut, dass Ihr unversehrt seid."
"He, man wird nicht Anführer der Kolph, wenn man nicht ein paar Hundesöhnen 'ne gehörige Abreibung verpassen kann!" grölt er, als sie sich in dem Arm nehmen mit einer Wucht, die überall sonst in Hesproys wohl 'halsbrecherisch' genannt würde.
"Also, die haben euch also geschickt, mich abzuholen?" wiederholt der Boss dann das Wesentliche.
Da riecht Ralph sofort eine Chance, wieder auszuholen, "In der Tat, Eure Majestät! Wir haben den steinernen Weg diesen Berg hinauf auf uns genommen und so einige Bestien niedergestreckt, um Euch wohlbehalten zurück zu Eurem Palast zu geleiten!"
Zähneknirschend reibt Molldum sein Kinn. "So, so... bloß leider wird das noch nicht möglich sein," brummt er, "Ich hab noch was zu erledigen hier. Aber wenn ihr schon da seid... kommt, ich zeig's euch!"
Weil er gar nicht erst eine Antwort abwartet, bleibt uns nichts übrig als ihm zu folgen. Schnurstracks führt er uns um sein bescheidenes Versteck herum zu einer weiteren von Kolph-Hand geschaffenen Treppe. Nur dass diese gut sechsmal so breit ist wie die anderen und kaum halb so steil. Wie der Aufgang zu einem Tempel.
"Wohin bringt Ihr uns?" frage ich.
"In unsere Arena," entgegnet er, den Blick nach vorne gerichtet, "Oder eher... was mal unsere Arena war." Als wir das Ende der Treppe erreichen, verstehe ich, was er damit meint. Vor uns erstreckt sich ein großer Krater voll kreisförmig angelegter, zerbrochener Marmorsitzreihen. Bis zum Rand gefüllt mit geschnäbelten, gebuckelten Monstern. Ralph und ich machen gleichzeitig zwei Schritte zurück. Oh je, hoffentlich haben die uns nicht gesehen!
"Eine Plage, was?" stellt Molldum fest. "Ich wollte diesem Ungeziefer eine kleine Lektion erteilen, aber... nun... war ein bisschen mehr Arbeit als ich gedacht hab... und jetzt seid ihr hier, also..."
"Also~?" will Sira wissen. Im nächsten Augenblick finde ich mich plötzlich nicht mehr auf den Stufen wieder. Eigentlich weiß ich nicht mal mehr, ob ich noch auf dem Boden bin, denn plötzlich packen Molldums kräftige Hände uns und schubsen Ralph, Zandera, Dūs und mich in die Grube voll von Viehzeugs, das uns umbringen will! "Auf sie mit Gebrüll!" ruft er lachend.
Ich schreie, "Du dreckiger-" doch ich muss meine 'dankenden' Worte vertagen, denn schon greift das erste Ungetüm mich an. Ich springe aus dem Weg der Klauen, die mir den Kopf abreißen wollen, während ich versuche, mein Schwert freizubekommen. Mehr Monster sind aber schon auf dem Weg, sodass ich notgedrungen das nächste mit der Schwertscheide schlage und einem anderen den Schwertknauf in seinen knöchernen Bauch ramme. Im nächsten Moment reißt mich eins von ihnen von den Füßen, doch ich rolle mich weg, ehe es auf mich springen kann.
Ich weiß kaum noch, wo oben und unten ist, als ich mich hochkämpfe und augenblicklich wieder zu Boden gerempelt werden. Das Biest schreit siegessicher, ehe sich in just diesem Moment drei Dolche in einer geraden Linie in sein Gesicht rammen. Ich geb dem sterbenden Monster noch einen festen Tritt mit, nur um von sieben weiteren angefallen zu werden. "Danke, Dūs," rufe ich noch, laut genug, dass er es vielleicht sogar mitbekommt, und ziehe endlich mein Schwert, um in derselben Bewegung zwei Ungeheuer zu fällen.
Ich befinde mich inmitten eines Meer aus wackelnden Schultern. Scheiße. Es sind so viele, das schaff ich nie. Es ist zweck-
"Zwecklos!" Etwas segelt durch die Luft. Grade noch rechtzeitig reagiere ich, um nicht unter der zweigeteilten, niederprasselnden Leiche eines Monsters begraben zu werden, und lasse die übrigen, meine Sandalen und Klinge schmecken. "Bei Vas, wer schafft es denn, so ein Vieh in der Mitte auseinanderzuschlagen und dann noch durch die halbe Arena zu werfen?!" zische ich.
Die Antwort zerstückelt Ungeheuer zu allen Seiten, während sie zielstrebig auf mich zurast und schreit, "Zwecklos, zwecklos, zwecklos, zwecklos!" So sehr ich auch Zanderas Hilfe begrüße, sagt mir etwas, dass ich überall sein will, außer nahe der Schneise der Zerstörung, die sie und ihre Klingen in den Schwarm reißen.
Was sie macht, gleicht eher einem Tanz als Fechten. Fast durchgehend dreht sie sich, Angriffe mit einer Klinge parierend, ehe sie all ihren Schwung in einem Streich mit der anderen Waffe herauslässt und die Bewegung prompt in die nächste Drehung fließen lässt. Unsere Blicke treffen sich. Ihre Augen weiten sich und sie will mir etwas zurufen – eine Warnung, wie ich erst verstehe, als sich längst Klauen in meine Seite graben und ein Feuer in meinem Torso entfachen, das sogleich auf den Rest meines Körper überspringt. Und kaum, da es meinen Kopf erreicht, meine Augen mit Weiß flutet – wird alles dunkel.
Das nächste, was ich spüre, ist, dass ich wohl wortwörtlich ins Leben zurückgeworfen bin. Zumindest, wenn ich so merke, wie mein Kopf langsam entzweizubrechen scheint von den ganzen Geräuschen, die sich Nägeln gleich in meinen Kopf hämmern. Klong macht etwas und nur ein schmerzerfüllter Schrei meinerseits kann es übertönen. Was mich nur noch weiter quält. Wenigstens hat es mich bis jetzt von dem Geschmack von Blut und Galle in meinem Mund abgelenkt. Indes ist mein Äußeres durchnässt von Schweiß... und... meinem Blut, vermutlich. Hoffentlich bloß meinem.
Wie wahrscheinlich das jedoch ist, wage ich nicht auszusprechen. Nicht bei der schreienden Ikanerin, die neben mir aufs Ganze geht, und dem schwergewichtigen Kolph, der sich bewegt, als sei er federleicht. Zandera ist langsamer geworden, aber jede ihrer Bewegungen bringt denen den sicheren Tod, die sich trauen heranzukommen. Ihre Kampfesschreie klingen fast nicht mehr menschlich.
"Alles klar?!" ruft Phentos, während er einem der Ungeheuer mit der Faust das Genick zertrümmert. Nachdem Zandera einer anderen Kreatur die Zähne ausgeschlagen hat, und sie im nächsten Moment noch einer das Auge aussticht, fügt sie an, "Wenn ja, dann beweg deinen Arsch und hilf uns! Ralph muss auch gerettet werden!"
Fast rutscht mir heraus, "Würde mich wundern, wenn der so lange durchgehalten hat," aber das ist jetzt wohl nicht angebracht. Nicht, wenn ich grade auf Olphes Schwelle hocke und beten muss, aufstehen zu können. Wie genau, weiß ich nicht, aber irgendwie schaffe ich es tatsächlich zurück auf meine Füße, dem Schmerz in meiner Seite zum Trotz. Wobei... fühlt sich gar nicht so schlimm an, wie ich dachte.
Zandera knirscht, "Wenn du wüsstest, wie teuer die Salbe war, die ich an dir aufgebraucht hab, würdest du 'n bisschen schneller machen." Eventuell wäre Verbluten doch die bessere Wahl gewesen. Ich suche schnell mein Schwert, das fast augenblicklich wieder geschwungen wird. Der bleibende Schwindel schlägt sich in meinem Streich nieder, doch es reicht aus, um das Ungeheuer benommen zurücktaumeln zu lassen, bis Phentos ihm den Schädel einschlägt. Derweil halte ich Ausschau nach Ralph.
Es sind noch immer mehr Monster als ich zählen kann. Und wissen die Götter, wo dieses hinterhältige Schwein Molldum abgeblieben ist. Würde ich nicht seine Erlaubnis brauchen, um ins Heiligtum der Kolph zu kommen, wäre ich ja gar nicht so traurig, wenn diese Ausgeburten ihm auch mal eine Abreibung verpassen würden. Keine gute Lektion für einen Kolph, wenn er sie nicht noch im Sterbebett spürt.
Da erspähe ich Ralph – und Dūs, beide umzingelt wie wir. Und obgleich Prinz Sturmbock in wesentlich besserer Verfassung ist als ich, zieht er dem Kampf vor, sich auf die kleinstmögliche Angriffsfläche zusammenzukauern, während Dūs mit geschwinden Tritten und Faustschlägen austeilt, als hätten die Schattenlosen eine großartige Alternative für ein Rückgrat gefunden.
Mit einem Fingerzeig mache ich Zandera auf die beiden aufmerksam. Sie schreitet sogleich zur Tat und bricht mit einem weiteren enthusiastischen Schrei durch den Ring aus Ungetümen, gefolgt von Phentos und mir, die ihr Rückendeckung geben. Wie im Rausch flaut der Schmerz langsam ab, während ich fast doppelt so gut wie zuvor hören kann. Das kleinste Geräusch reicht aus, um mich herumwirbeln zu lassen und die Monster auf unseren Fersen in Stücke zu schneiden, während Phentos sich um ihre Knochen kümmert und seine eigenen Klauen sprechen lässt.
Dann halten sie plötzlich von uns ab. Ich rechne jede Sekunde mit einem weiteren Angriff, doch nichts! "Wo sind sie hin?"
Da dämmert uns, dass sie sich ein neues Ziel gesucht haben. Wir hören Molldum brüllen, "Weg mit euch Viehzeugs!" Wo kommt der denn plötzlich her?!
Einen Arm zum Himmel erhoben, hält er etwas in seiner Hand umklammert, was die Bestien so anstachelt, dass sie versuchen an seinem Rücken und Bauch hinaufzuklettern. Er schüttelt sich und rammt die Hörner auf seinen Armrücken in ihre Bäuche, während sie ihn anfallen, aber egal, wie man es auch dreht und wendet: er wird das nicht ewig durchhalten. Sein Schuppenpanzer klafft längst offen und sein Gesicht ist mit roten Kratzern überzogen.
So sehr ich es auch hasse, aber "Wir müssen ihm helfen!"
"Wie lästig," ächzt Zandera. Ihr seidenes Haar ist matt, nass von Schweiß und Blut und klebt an ihrer Stirn. In ihren Augen lodert es jedoch noch genauso hell wie zu Beginn des Kampfes. "Bringen wir's zu Ende. Ich zeig dem Möchtegern-Schattenlosen, wie eine echte Maresa das macht."
"Komm mir nicht in die Quere," entgegnet Dūs genauso freundlich.
Sira seufzt, "Toll! Die erste Emotion, die unser Schattenloser erlernt hat, ist Verachtung."
"Das kannst du laut sagen," pflichte ich augenrollend bei, "Los, schauen wir, dass ein paar Monster zwischen ihnen sind, damit sie sich bloß nicht zu nahe kommen."
"Denen zeig ich's...!" keucht Ralph, als selbst er sich bereit macht für den letzten Stoß, indem er einen schweren Stein aufhebt. Molldum ist zum Zentrum der Arena getrieben worden. Er ist fast nicht mehr zu erkennen unter all diesen sandfarbenen Säcken missgestalteten Fleisches und Knochen. Besser wir beeilen uns!
Sie haben uns aber nicht gänzlich vergessen. Wer weiß, von wo, aber kaum bewegen wir uns auf den Boss zu, versperren uns zwanzig von ihnen den Weg – und dies mal sind sie bewaffnet. Einem zweibeinigen Tiger gleich rast eines von ihnen über die Sitzreihen, um auf mich und Ralph loszugehen. Wild schwingt es seinen hölzernen Knüppel nach uns. Ich lass mich zurückfallen, aber nicht weit genug. Der Schlag in die Schulter bringt mich zu Fall und raubt mir kurzzeitig sogar den Atem, während mir mein Schwert entgleitet. Über mir ragt das Ungetüm auf, die Keule erhoben und-
"Nimm das, Ausgeburt!" ruft Ralph und zieht ihm von hinten den Stein über den krachenden Schädel. Heiliger Dreizack... das war knapp! Oh je, und jetzt schulde ich Ralph was!
Aber nicht lange. Während er noch auf den Sitzen steht und stolz seine 'Waffe' umklammert, erspähe ich, wie eins der Viecher ihm in die Kehle beißen will. Aufspringend werfe ich mich in Ralph und drücke ihn aus dem Weg – was damit endet, dass sein Stein und er den Krater hinunterrollen. Ups.
Ich schiebe den Gedanken, dass ich mich dafür später wohl entschuldigen sollte, beiseite, während ich dem wütenden Monster ausweiche, mein Schwert aufhebe und die Spitze von unten in seinen Hals jage. Im selben Moment erhasche ich einen Blick auf Dūs und Zandera, die schon wesentlich näher an Molldum sind und auf doppelt so viel Widerstand treffen. Was wollen diese Viecher bloß vom Boss?!
Obwohl die beiden Ikaner es nie zugeben würden, geben sie ein gutes Duo ab. Jede Bestie, die Zandera nicht mit ihren Klingen zerstückelt, wird von Dūs mit präzisen Tritten und Schlägen außer Gefecht gesetzt. Ich könnte schwören, die berstenden Knochen fast bis hierher zu hören.
Doch selbst so sind sie dem Ansturm nicht ganz gewachsen. Verflucht, Molldum muss sich gedulden, die beiden brauchen meine Hilfe zuerst! Dūs wird am Bein gestriffen, worauf er das Gleichgewicht verliert, während Zandera ihre beiden Klingen überkreuz halten muss, um einem Monster Einhalt zu gebieten, dessen Schwert sicher nie für einen Menschen gedacht war. Ich bin gut fünfzig Schritte entfernt, als sie aus der Parade kommt und die Bestie mit einem Schnitt quer über die Brust erledigt.
Gerade rechtzeitig, um von noch einem Ungeheuer angefallen zu werden. In seinen Händen liegt eine brennende Fackel und Zandera erstarrt mit einem Mal. "Was machst du denn?!" schreie ich. Zwanzig Schritte noch. "Beweg dich, Zandera!" Sie hört mich nicht, reagiert nicht auf das Feuer, das ihr jeden Moment übers Gesicht leckt. Zehn Schritte. Ich werfe mich in ihre Richtung. Bitte, Vas, nur weit genug, dass ich sie aus dem Weg schubsen kann!
Er erhört mich nicht.
Nur drei Schritte von Zandera schlage ich auf dem Boden auf und sehe aus nächster Nähe, wie das Feuer ihre Haarspitzen erfasst und sie – beiseite gestoßen wird. Begleitet vom Klirren ihrer Klingen rollt sie schlaff durch die Reihen der Arena... und wo sie eben noch stand, fängt Dūs grade das Feuer mit seinem Armstulpen ab. Er schreit, als seine Hand in Feuer gehüllt wird, doch irgendwie greift er mit der anderen zu seinem letzten Dolch und rammt ihn ins Herz des Ungetüms. Wie einen Schild drückt hält er es vor sich und stößt seinen brennenden Arm in die Masse der verbliebenen Ungeheuer.
Kein Funke kann übergehen, ehe sie auseinanderspringen und wie ein Rudel getretener Hunde das Weite suchen. Schnell reißt Dūs sich den Stulpen vom Arm und schlägt die restlichen Flammen aus. Zandera liegt derweil noch immer am Boden. Zitternd suchen ihre Finger ihr Gesicht nach irgendwelchen Verbrennungen ab. Sie kann kaum atmen.
"Grundgütiger!" kommt Ralph angerannt, "Zandera, halt durch!"
Hin und her gerissen frage ich, "Was hat sie?!"
Ralph beugt sich über sie und schüttelt sie sanft, während er mich anfährt, "Lass das meine Sorge sein! Ihr zwei müsst dem Boss helfen!"
"Dūs hat mehr als genug getan! Er hat die Flammen abgekriegt, die für Zandera-" Mein Ärger verpufft, als ich endlich begreife. Was letzte Nacht war, als Zandera meine Hand nicht schütteln konnte. Das Feuer! Sie hatte Angst vor dem Feuer! Selbst die kleinste Flamme bereitet ihr mehr Schrecken als den Verfluchten Drei die Klinge von Vas.
"Du hast Recht," sage ich da zu Ralphs und meiner eigenen Überraschung, "Ich überlass sie dir. Tut mir Leid."
"Mach das," stimmt er zu und wirkt dabei einmal wirklich demütig. "Und... hilf deinem Freund. Wir schulden ihm was."
Dūs ist aber längst wieder auf den Beinen. "Ehrensache. Verschieben wir das auf später, wenn wir unsere Mission erfüllt haben. Bereit, Marin?" Er lächelt. "Oder willst du da unten ein Päuschen machen?"
Obwohl ein paar der Schmerzen zurückgekehrt sind, entgegne ich, "Sira würde mir die Hölle heiß machen."
"Ich hab dich auch lieb," bemerkt sie.
Aufmerksam beobachte ich Dūs, während wir zu Phentos und Molldum stoßen. Geht es ihm wirklich gut? Er sollte noch immer ausgelaugt sein von seinem Kampf mit den Harpyien und jetzt hätte er sich fast von seiner rechten Hand verabschieden können, hätte er auch nur eine Sekunde länger gebraucht. Aber er benimmt sich, als sei alles in Butter, schnappt sich mit seiner Rechten sogar ein paar der Messer, welche die Monster dabei hatten. Auch auf seiner Hand zeichnen sich gelbe Pigmentierungen ab wie in seinem Gesicht. Irgendetwas an den Linien scheint vertraut...
Ehe ich darüber aber weiter nachdenken kann, sind wir in Reichweite des Bosses – und des Rests der Kreaturen. Phentos reißt sie von dem anderen Kolph herunter, doch wie Ratten klettern sie von Neuem am Leib des Riesen hoch. Aber nicht mehr lange. Dūs und ich erledigen fix die Biester, um die sich nicht schon Phentos und Molldum selber kümmern. Ich hacke und trete und steche und schwinge, blende die grellen Schreie der Monster aus, bis wir sie endlich weit genug dezimiert haben, dass der klägliche Rest erkennt, etwas im Nachteil zu sein. Die Geräusche, mit denen sie verschwinden, klingen wie leere Drohungen. Den Göttern sei Dank, endlich war's das.
Molldum schmeißt ihnen noch einen Stein nach, seinen Verletzungen zum Trotz breit grinsend. "Haha, was für eine Keilerei!" tönt er stolz, "Gut Arbeit, Leute!"
"Vielleicht habt Ihr jetzt," keuche ich, "wo wir nicht mehr... von einem Haufen Missgeburten... zerfleischt werden... die Güte, uns zu sagen, warum zum Dreizack ihr uns in dieses Monsternest geschmissen habt?!"
Molldum zieht eine peinlich berührte Schnute, als hätte er ernsthaft erwartet, dass ich jetzt mit ihm feiere. "Stimmt, äh... 'tschuldigung. Da ist was mit mir durchgegangen. Ah, bloß wo fang ich am Besten an?"
"Vielleicht damit, was das für Kreaturen waren?" empfiehlt Sira.
Sein schuppiges Gesicht versteinert und seine Zähne knirschen wie bebende Felsen. Die Schultern senkend wählt er seine Worte mit viel Bedacht, "Sie sind... ein düsteres Zeugnis dessen, was vor langer Zeit auf diesem Gipfel geruht hat... und es immer noch tut, wenn auch nur in Teilen. Wir haben uns angewöhnt, sie Kinder des Zackens zu nennen."
Eine Augenbraue hebend frage ich nach, "Die Zacken können Kinder haben?"
"Nun, es lässt sich am ehesten so sagen, dass sie von der Magie des Dreizacks 'geboren' wurden, ja. Aber..." Er zieht scharf die Luft ein, kratzt sich nervös im Nacken. "Die Wahrheit ist... diese Biester teilen ihr Blut mit uns, den Kolph der Hyperionsfest."
Ich starre ihn und Phentos ungläubig an. "Diese Viecher sind mit euch verwandt?!"
"Nicht so ganz," hilft Phentos dem Boss, der beschämt den Kopf senkt. "Ich hab nicht gewusst, dass das die Kinder waren... aber auf der Hyperionsfest hat jedes Kleinkind von ihnen gehört. Der Grund, wieso wir so fest an den Dreizack und den Krieg der Drei glauben ist... weil diese Kreaturen beweisen, dass sie existieren. Sie sind der Fluch, mit dem der Umgedrehte König diesen Gipfel belegt hat an jenem Tag, da er einer der Drei geworden ist."
Je mehr sie erklären, umso verwirrter bin ich. "Warte. Man kann einer der Drei werden?"
"Nicht so verblüffend, wenn man bedenkt, dass das einzige Ziel der Drei ist, die anderen beiden Zacken an sich zu bringen und den Dreizack wiederherzustellen, oder?" wirft Sira ein.
Phentos nickt. "Bestimmt gab's schon unzählige, die selbst den Dreizack in den Händen halten wollten – nur war der Umgedrehte König erfolgreich dabei, einen der Zacken zu rauben." Es läuft mir kalt den Rücken runter. Je mehr ich über den Umgedrehten König herausfinde, umso bedrohlicher erscheint er. Nicht nur hat er die Schattenlosen ausgelöscht und dieses Land ins Chaos gestürzt, sondern auch noch einen der Drei bezwungen, ohne selbst ein Zackenträger zu sein.
"Hier, in dieser Arena, hat er vor anderthalb Jahrhunderten Boss Rokesh getötet und den Zacken beansprucht, den wir Kolph so lange verwahrt haben," fährt Molldum fort, "Und im selben Moment, da sich das Mal des Dreizacks auf seinem Handrücken gezeigt hat, war er überwältigt von der Macht der Göttin... so sehr, dass ein Teil dieser Kraft zurückfloss in das tote Fleisch von Rokesh und aus ihm die Kinder des Zackens schlüpfen ließ. Nervige Biester, die sich ihren kranken Geist mit dem Umgedrehten König teilen und seitdem den Gipfel besetzt haben. Und seit ein paar Wochen scheinen sie sich drastisch vermehrt zu haben und wagen sogar,des Nachts unsere Stadt anzugreifen."
"Das hab ich ja gar nicht gewusst!" ruft Phentos verblüfft, "Ich war nur eine Weile weg, aber dass sowas in der Zwischenzeit passiert ist..."
"Ich wollt's geheim halten. Sie haben keine echte Gefahr dargestellt und sind bloß in kleinen Zahlen runtergekommen... aber ich hatte so ein Bauchgefühl, dass das noch nicht alles war. Und trotzdem waren meine Begleiter und ich nicht vorbereitet auf das hier oben, als wir hergekommen sind."
"Wozu eigentlich?" fragt Sira.
"Um das hier zu holen," erklärt er und hält ein kegelförmiges, rostiges Stück Stahl hoch, das so dick ist wie meine Faust.
"Äh... und was genau ist das?" bohre ich nach.
"Die Spitze von Rokeshs altem Speer, den er im Kampf mit dem Umgedrehten König benutzt hat! Beschmutzt mit dem Blut dieses Hundesohns. Die Priester haben gesagt, dass das genau das Richtige sein wird, um unseren Berg endlich von dieser Plage zu befreien, also kein Wunder, dass die Kinder mich da nicht dran lassen wollten." Ein breites Grinsen stiehlt sich in sein flaches Gesicht. "Aber da ihr sie beschäftigt habt, konnte ich die Speerspitze stibitzen! Jetzt müssen wir sie nur noch der alten Mophlas bringen und sie können mit dem Ritual anfangen. Ich bin euch echt was schuldig!"
"Genau deswegen sind wir hier," erklärt Sira. Gerade da drückt Ralph mich beiseite und fällt ihr ins Wort, "Es war uns eine Ehre, Euch behilflich sein zu dürfen, großer Boss der Kolph! Da alles etwas schnell ging, erlaubt, dass ich mich verspätet vorstelle: Ralph Sturmbock, Sohn von Gordan, dem Fürsten zu Kesselrode. Ich will nicht unverschämt sein-" Der war gut. Und für einen Moment hab ich fast geglaubt, er sei gar kein so übler Kerl. "Doch wir haben einen sehr dringenden Gefallen, um den wir Euch bitten müssen. Wir können die Einzelheiten besprechen, während wir Euch zu Eurer Tochter bringen. Das arme Mädchen war ganz aufgelöst vor Sorge um Euch!"
"Urgh, hab ich mir schon gedacht... und, äh, klar, Prinz Sturmbock, nur raus damit! Ich werd' einem mutigen Krieger wie Euch helfen, wie ich nur kann, haha!" Bei all der Wut, die in mir hochkommt, während dieser Fatzke schon wieder den ganzen Ruhm allein einstreichen will, sehe ich mit einiger Genugtuung, wie Ralph mit einem guten Kolph'schen Schlag auf die Schulter der Länge nach in den Dreck befördert wird. Ja, doch, ich glaube, ich überlasse ihm vorerst die volle Aufmerksamkeit des Bosses. Er hat sie sich redlich verdient.
Da lässt eine Hand auf meiner Schulter mich herumfahren. Zandera! Und es geht ihr wieder gut, puh. "Nicht zu viel grinsen, Kleiner," scherzt sie, während sie an mir vorbeigeht, dem mutigen Krieger aufzuhelfen, während er sich aushustet. Ehe sie aber losgehen, schaut sie noch einmal zu Dūs und schenkt ihm ein dankbares, entschuldigendes Lächeln. Er scheint es jedoch kaum zu bemerken, während er gedankenverloren an seinem rechten Handrücken kratzt...