Große Vorfreude
1. Große Vorfreude
Makoto seufzte. Gerade hatte er das Zimmer seiner Tochter Hotaru betreten und dieses sah aus wie ein Schlachtfeld. Kleidung, Manga, Stofftiere - alles lag verteilt auf dem Boden. Mitten in diesem Chaos kniete das gesuchte Mädchen neben ihrem Koffer.
„Ähm, Hotaru, könntest du mir das erklären?“, versuchte Makoto vorsichtig, seine Tochter anzusprechen.
„Oh, Papa! Keine Sorge, ich räume das gleich wieder auf! Versprochen!“, kam es sofort von der 10-jährigen zurück.
Versprochen, aha. „Gleich“ kann bei Hotaru übrigens ein Zeitraum zwischen 3 Minuten und nie bedeuten, wobei letzteres eher zu erwarten ist.
„Na gut, aber denk dran: Wir fahren nur für eine Woche weg!“, erinnerte Makoto seinen Spross erneut.
„Ja, ja.“
Der Vater zweier Kinder machte sich schließlich auf den Weg zu seinem Jüngeren. Das Verhalten seiner Tochter konnte er jedoch nur zu gut verstehen. Endlich würden sie zu viert in den Urlaub fahren. Den letzten Urlaub, den sie hatten, waren ihre Flitterwochen und die waren vor 11 Jahren. Damals hatte er Mina seine Liebe geschworen, die ein Jahr später von Hotaru gekrönt worden war. Doch durch seinen Job als Schwimmlehrer hatte die Familie, keine Zeit in den Urlaub zu fahren.
Doch vor einer Woche erlebte die kleine Familie den Schock ihres Lebens. Der Familienvater selber kam abends nachhause und verkündete, dass er bald zeitweise keine Arbeit haben würde. Seiner Frau selber war fast das Herz stehen geblieben, Hotaru verschluckte sich und sogar Sota war still gewesen, was eines Weltwunders glich. Keiner von ihnen hätte in diesem Moment damit gerechnet, dass es sich dabei nur um eine Woche handelte, die zu dem bezahlter Urlaub war! Der größte Traum der Familie sollte endlich wahr werden - eine Kreuzfahrt!
Und eben diese Kreuzfahrt sollte schon in zwei Tagen starten! Auch wenn er sich wahnsinnig freute, lag noch eine Menge Arbeit vor ihm und seiner Frau: Arbeit, Familienleben, Kofferpacken!
Schließlich öffnete er die Tür und trat in das Zimmer seines 1 Jahr alten Sohnes ein. Lächelnd beugte er sich über das Gitterbett, aus welchem gleich ein fröhliches Glucksen ertönte.
„Na ausgeschlafen?“, sprach Makoto seinen Sprössling an, während er ihn behutsam hochhob.
Glucks!
„Du freust dich garantiert auch schon auf den Urlaub, oder?“
Daraufhin gluckste Sota los, als gäbe es kein Halten mehr! Der Vater deutete das mal als „ja“!
Mit seinem Sohn auf dem Arm stellte er sich ans Fenster und schaute verträumt heraus. Sein Blick fiel auf den Kirschbaum, der in ihrem Garten stand. Dieser bekam langsam seine typisch pinkfarbenen Blätter. Schließlich war bald Hanami.
Ohne es zu wollen, machten sich Sorgen in Makotos Kopf breit. Wie ein Schleier legten sich diese über seine Gedanken. Egal wie sehr er es versuchte - Er konnte sie nicht abschütteln.
´Wird das Wetter mitspielen? Wird auch keines der Kinder seekrank?´
Die typischen Sorgen eines Vaters.
Auf dem Weg ins Abenteuer
2. Auf dem Weg ins Abenteuer
Piep! Piep! Piep!
„Schatz, könntest du endlich den Wecker ausmachen?“
Keine Antwort.
„Schatz?“
Keine Antwort.
Genervt drehte Mina sich um. Die andere Betthälfte fand sie zu ihrer Verwunderung leer vor.
„Verdammt, wo ist er?“
Total übermüdet rollte sie durch das Bett und schlug auf den Wecker ein. Der gab keine Ruhe und Mina sah schon die Anzeige in der Zeitung: „Heute morgen starb unser Wecker bei einem tragischen Wandunfall.“ Jedoch gab er endlich auf und verstummte. Eigentlich wollte sie weiterschlafen, bis ihr wieder einfiel, weshalb der Wecker um 4 Uhr nachts klingelte. Heute um 11 Uhr sollte die Kreuzfahrt starten. Da sich nun auch wieder die Vorfreude in ihr breit machte, stieg sie aus dem Bett, um nach ihrem Mann zu suchen.
Lange suchen musste sie nicht, denn kaum hatte sie die Tür geöffnet, stand er vor ihr. Er hatte Hotaru auf dem Arm und deutete ihr mit einem Finger vor dem Mund an, dass sie leise sein sollte.
Damit hatte er auch absolut recht, denn wäre Hotaru wachgeworden, wäre sie sofort zum absoluten Nervenbündel mutiert, das selbst der entspanntesten Person den letzten Nerv raubt. Im Auto würde sie alle 5 Minuten fragen: „Wann sind wir da? - 4 Stunden lang.
Während Makoto seine Tochter zum Auto trug, in das er schon die Koffer geladen hatte, zog Mina sich schnell um. Danach machte sie sich auf den Weg zum Zimmer ihres Sohnes. Auch dieser schlief noch tief und fest. Genau das machte sich die Mutter zu Nutze, denn schnell verfrachtete sie den Kleinen in die Babyschale. So vorsichtig und still wie es nur ging, trug sie diese die Treppe hinunter zum Auto. Nachdem sie die Babyschale im Auto angeschnallt hatte, kontrollierte sie mit ihrem Mann, ob nichts fehlte und alle Fenster geschlossen sind. Sie mussten schnell machen, bevor noch eines der Kinder aufwachte, denn das würde eine Kettenreaktion zur Folge haben, die nicht lange gut gehen würde.
Wacht Hotaru auf, wacht durch die Unruhe auch Sota auf. Und umgekehrt. Da sie nicht wissen, dass sie schon im Auto sind, würden sie sich wundern. Das gibt noch mehr Unruhe. Wenn sie erst richtig wach sind, käme die Vorfreude wieder und „Wann sind wir da?“ unterstützt von freudigem Glucksen würde die ganze Fahrt durchs Auto schallen. Und so sehr sie ihre Kinder auch liebten, wenn die erstmal im Nerv-Modus sind, gibt es auf Seiten der Nerven keine Überlebenden!
Gemeinsam schloss das Ehepaar die Haustür ab, woraufhin sie sich Hand in Hand auf den Weg zum Auto machten. So leise wie möglich stiegen sie ins Auto ein - Makoto als Fahrer und seine Frau auf der Beifahrerseite. Langsam setzte sich das Auto in Bewegung. Der Urlaub konnte starten!
Naja, fast! Denn nach 100m blieb das Auto stehen, der Rückwärtsgang wurde eingelegt und schon kurz darauf stand es wieder am Ausgangspunkt. Kaum war es stehen geblieben, öffnete sich die Beifahrertür. Mina sprang ruckartig heraus, lief zur Haustür und schloss diese schnell auf. Wie von der Tarantel gestochen rannte die Mutter die Treppe hinauf: Ins Zimmer ihres Sohnes. Dort griff sie sich einen Gegenstand und spurtete den ganzen Weg zurück. Treppe runter, Tür zu, abschließen, zum Auto, LEISE die Autotür schließen und erst dann durchatmen! „Hast du es?“, fragte Makoto seine schweratmende Frau.
„Ja.“, japste diese nur.
Nachdem sich ihre Atmung normalisiert hatte, richtete sie wieder das Wort an ihr Gegenüber. Sie musste dringend mehr Sport treiben!
„Wie konnten wir ihn nur vergessen?“, stellte sie nun erstaunt fest.
„Keine Ahnung, aber gut dass es uns noch eingefallen ist. Ohne ihn wäre der Urlaub zur Hölle auf Erden geworden! Unser kleiner Engel hätte ohne Ende nach seiner Droge verlangt.“, antwortete der Gefragte erleichtert.
Gemeint war natürlich Piepsi, das Lieblingsstofftier ihres Sohnes. Piepsi war eine Maus und seit seiner Geburt immer an Sotas Seite und sein bester Freund. Die zwei sind einfach unzertrennlich!
Während Makoto den Motor wieder startete, beugte sich Mina nach hinten zu den Kindern, um zu schauen, ob diese auch brav vor sich hin schlummerten. Dabei legte sie Piepsi vorsichtig zu Sota und lächelte beiden Kindern noch einmal zu, bevor sie sich wieder umdrehte.
„4:32 Uhr. Wir sind voll im Zeitplan.“, stellte Mina erfreut fest.
Das Auto setzte sich erneut in Bewegung. Diesmal fuhr es jedoch ohne weitere Vorkommnisse Richtung Ziel.
Jetzt konnte der Urlaub wirklich losgehen!
Die Ruhe selbst
3. Die Ruhe selbst
„Woah! Das ist ja sooooo riesig!“, rief die kleine Hotaru mit einem Strahlen in den Augen.
„So etwas großes habe ich ja noch nie gesehen!“, fügte sie hinzu und sprang wie ein Flummi am Dock umher. Die Familie war nach langer Autofahrt am Hafen eingetroffen. Schon vom Parkplatz aus hatte man das Kreuzfahrtschiff sehen können!
Makoto und Mina selbst waren noch K.O. von der Fahrt, wohingegen ihre Kinder nur so vor Energie strotzten. Die hatten nämlich wie durch ein Wunder die ganze Zeit geschlafen. Nicht einmal die Eltern konnten sich erklären, wie da möglich gewesen war! Madame Nervenkillerin und Mister Hyperaktiv waren normalerweise die Art von Kindern, die auch mit nur wenigen Stunden Schlaf ohne Probleme hellwach sein konnten. Jetzt wo sie aber ganze 4 Stunden geschlafen hatten, mutierten sie zu reinen Raketen, die vor Vorfreude kaum zu halten waren.
Mittlerweile wurden ihnen die Koffer abgenommen und es wurde nur noch darauf gewartet, dass sie endlich an Board konnten.
Sota, der sich auf Minas Arm befand, verspürte scheinbar das dringende Bedürfnis mit seiner Schwester umherzuhüpfen. Er versuchte, sich ständig aus dem Arm seiner Mutter zu winden. Die ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen und hielt ihn schließlich vor sich.
„Mein lieber, kleiner Sota. Ich weiß, dass du gern mit deiner großen Schwester spielen möchtest. Da du aber leider noch nicht in Papas Schwimmkurs warst, kann ich dir leider auch nicht die Lizenz zum Spielen am Wasser erteilen. Außerdem kannst du, falls du es vergessen hast, nicht einmal richtig laufen. Also lassen wir das lieber, okay?“
Das Glucksen des Angesprochenen verstummte, aber ihr Mann kicherte sich neben ihr ins Fäustchen.
„Hey! Was ist denn daran so witzig? Ich versuche nur unserem Sohn beizubringen, dass er ein wenig zu unerfahren mit Wasser ist, um an einem Dock zu spielen.“, fragte Mina ihren Mann irritiert.
„Nichts, nichts!“, prustete der vor sich hin. „Ich finde es einfach nur süß, wie du ihm das erklärst. Es ist einfach niedlich!“
Ehe sie darauf reagieren konnte, schalte eine Stimme durch die Umgebung:
„Sehr geehrte Damen und Herren an Dock 11, Ihr Schiff ist jetzt bereit. Wir bitten Sie, sich in der Eingangszone zu versammeln!“
Als die Ansage verklungen war, rannte Hotaru sofort zu ihren Eltern.
„Geht es jetzt los? Gehts es jetzt endlich los?“, fragte sie ganz aufgeregt. Dabei hüpfte sie ungeduldig von einem Bein aufs andere.
Makoto wuschelte seiner Tochter durch die Haare und antwortete ruhig: „Ja, meine Maus. Wir können gleich aufs Schiff.“
Ein Grinsen, welches von einem Ohr zum nächsten reichte, machte sich in Hotarus Gesicht breit.
Bevor dies in einer erneuten Energieattacke endete und Hotaru, wie von der Tarantel gestochen, über das ganze Dock rennen würde, richtete ihr Vater erneut das Wort an sie.
„Zuerst müssen wir aber zur Eingangszone. Da werden unsere Tickets und Reisepässe noch einmal überprüft. Das kann noch etwas dauern. Sei nicht traurig, okay?“
Man sah Hotaru die Enttäuschung sofort an: Das Grinsen wurde kleiner und sie antwortete mit etwas gesenktem Kopf.
„Ich bin nicht traurig, aber ich kann einfach nicht mehr warten!“
Im Laufe dieses Satzes nahm ihre Vorfreude wieder akut zu und konnte nur unterbrochen werden, indem ein Wunder passieren würde.
Ohne es zu ahnen, passierte dieses Wunder sogleich.
„Hotaru, möchtest du einen Keks?“, fragte nun Mina ihre Tochter.
Letztere drehte sich blitzschnell zu ihrer Mutter, nickte wild und meinte mit leuchtenden Augen: „Ja, klar!“
Mina gab ihr einen Keks und Hotaru war zufrieden.
„Danke, Mama!“, nuschelte das Mädchen, da sie sich den Keks bereits in den Mund gesteckt hatte.
„Bitte, mein Schatz.“
Kekse - Das Wundermittel schlecht hin! Sie bringen jedes Kind sofort zum Schweigen und lenken es ab!
Energieattacke erfolgreich abgewendet!
„Wir sollten jetzt aber wirklich zur Eingangszone. Schließlich sind wir nicht die Einzigen, die auf das Schiff wollen.“, warf Makoto nun in die Runde.
Seine Frau stimmte ihm zu und suchte die Eingangszone auf dem Geländeplan.
„Ja, hier ist es.“, stellte sie schnell fest und zeigte ihrem Mann den Plan.
„Na dann, auf geht´s!“,
Alle vier hatten sich daraufhin in Bewegung gesetzt und sich ihren Weg zur Eingangszone gebahnt. Naja, alle drei - Sota hatte immerhin die Gesellschaft der Mama-Taxen zur Verfügung. Er hatte sich zudem von der Ermahnung seiner Mutter erholt, was man daran merkte, dass er wieder fröhlich vor sich hin gluckste.
Als sie im besagten Bereich ankamen, traf sie fast der Schlag. Gefühlte 10000 Mensch standen bereits in der Schlage, wobei alle sich fragten, wo diese ganzen Menschen vorher gewesen waren. Das Dock war schließlich fast menschenleer gewesen. Sollte sich die Theorie mit Außerirdischen doch bewahrheitet haben? Waren all diese Menschen heimlich von ihrem Mutterschiff abgesetzt worden?
Bevor die Familie weiter darüber nachdachte, stellten sie sich in die Schlange. Die Eingangszone teilte sich in zwei Bereiche auf. Zuerst stellt man sich einfach an und auf halber Strecke wurden die Tickets kontrolliert. Dann musste man sich erneut anstellen, damit dann kurz vor Schluss die Reisepässe mit den Tickets abgeglichen werden konnte. Ja, das Prinzip war etwas doppelt-gemoppelt. Aber so lange es funktionierte, wollte man nichts gesagt haben.
Im ersten Bereich ging alles relativ schnell - Ticket zeigen und weiter. Deshalb gelangte auch die Familie schnell zur Ticketkontrolle.
Makoto gab dem Kontrolleur die Tickets. Dieser beäugte Hotaru und Sota genau.
„Wie alt ist Ihr Sohn?“, fragte er schließlich.
„Er ist jetzt eineinhalb.“, beantwortete der Vater die Frage wahrheitsgemäß.
„Dann hier entlang, bitte.“
Der Kontrolleur machte einen Schritt zur Seite, um hinter ihm die Absperrung zu öffnen. Ohne zu wissen, was jetzt passieren sollte, folgten sie ihm einfach. Scheinbar durften momentan nur sie diesen Gang benutzen. Nach ein paar Metern kam ihnen ein weiterer Kontrolleur entgegen, der wohl den Platz des anderen einnehmen sollte.
Haben wir irgendwas falsch gemacht? Darf Sota eigentlich noch gar nicht an Board? Zum Himmel, was ist hier los?
Tausende Fragen schossen sowohl Mina als auch Makoto durch den Kopf, auf die sie Antworten wollten. Jetzt!
Sie stoppten schließlich bei einem Schalter, an dem die Reisepässe kontrolliert wurden.
Der Mann, der die ganze Zeit vor ihnen gelaufen war, besprach etwas mit einer Frau, die an diesem Schalter saß. Was es war, das wussten sie nicht.
„Guten Tag. Dürfte ich bitte Ihre Reisepässe sehen?“, wandte sich die Frau nun freundlich an die Eltern.
Wieder übernahm Makoto und gab der Frau, was sie verlangte.
Die Ungewissheit hing bedrückend in der Luft. Auch Hotaru schaute gespannt zu der Kontrolleurin. Momentan wirkte es nicht so, als ob sie heute noch aufs Schiff kommen würden. Konzentriert schaute sich die Frau die Reisepässe an. Das dauerte gefühlt ewig.
Nach 5 langen Minuten drehte sich die Frau wieder zu den Eltern.
„Alles okay, Sie dürfen das Schiff jetzt betreten. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.“, sagte diese nun.
Häh, was? Wie bitte? Makoto kam sich etwas dumm vor und fragte schließlich: „Könnten Sie uns vorher bitte erklären, wieso Ihr Kollege uns aus der Schlange geholt hat?“
„Aber natürlich!“, antwortete diese schmunzelnd. „Speziell für Familien mit Kleinkindern bieten wir an, dass diese bei der Kontrolle Vorrang haben. So bleibt sowohl den Kindern als auch den Eltern eine Menge Stress erspart.“
„Achso. Wir dachten uns schon sonst was! Danke!“, entgegnete Makoto jetzt wieder mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Sehr gern! Ich wünsche Ihnen eine schöne Reise!“
Mit diesem Satz machten sich die vier auf den Weg. Auf den letzten 20 Metern zum Schiff hatten sich links und rechts Besatzungsmitglieder aufgestellt.
Das war wohl die „angemessene Begrüßung“, von der im Katalog die Rede war.
Der Familie war die Freude ins Gesicht geschrieben. Auf den Gesichtern aller lag ein Lächeln.
Mit diesem Lächeln und Herzklopfen taten sie einen Schritt nach dem anderen.
Ihrem Urlaub - ihrem größten Wunsch immer weiter entgegen.
Erste Schritte auf dem Schiff
4. Erste Schritte auf dem Schiff
Kaum hatten sie das Schiff betreten, ging das Chaos auch schon los.
Zuallererst kamen direkt zwei junge Frauen auf sie zu. Zwar trugen beide dieselbe Uniform, aber anderweitig sah man nur Unterschiede: Die erste Frau hatte blonde, glatte Haare, die sie edel zu einem Dutt gesteckt hatte. Die Zweite hingegen ließ ihr braunes, lockiges Haar offen, weshalb sie auf eine bestimmte Weise sympathischer wirkte. Sogar die Augenfarbe der zwei Frauen unterschied sich. Die Augen der Blonden waren blau, fast so blau wie das Meer selbst. Wohingegen ihre Kollegin dunkelbraune Augen besaß, die ebenso fesselnd waren. Beinahe, so hatte man das Gefühl, würde man sich in ihnen verlieren.
Aber auch wenn die Frauen so unterschiedlich waren oder gerade deshalb, gaben sie ein perfektes Team ab. Während die blonde Frau den Eltern die Zimmerkarten und den Boardplan übergab, bekamen die Kinder von der Braunhaarigen ein paar Süßigkeiten. Nachdem der Familie auch hier eine schöne Reise gewünscht wurde, bedankte sie sich und machte sich auf den Weg zu ihrer Kabine.
Obwohl diese nicht weit entfernt lag, nutzten sie den Plan. Dieser zeigte jede Ebene des Schiffes genau - jeden Flur, jede Kabine, jeden Fluchtweg, einfach alles! Erneut wurde allen bewusst, wie groß ihr Zuhause auf Zeit eigentlich war. Es schien, als könnte man niemals in nur einer Woche alle Ecken und Enden erkunden.
Fasziniert schaute Hotaru sich zu allen Seiten um. Der kaminrote Teppich, auf dem sie liefen, wirkte sehr edel und das Mädchen fragte sich, wie viel der wohl gekostet hatte. So hoch wie sie den Preis schätzte, könnte sie sich nicht einmal ihr eigenes Zimmer damit auslegen - von einem Schiff ganz zu schweigen! Die Wände waren weiß und beige ausgekleidet. Dazu kamen noch ein paar goldene Akzente, die in verschiedenen Formen an den Wänden zu finden waren. Auch die Türen hatten dieses Design und glichen sich, wie ein Ei dem anderen.
Mal gingen sie nach rechts, mal nach links. Doch weiterhin reihte sich eine Tür an die nächste. Die Flure schienen unendlich lang zu sein. Immer wieder konnte man irgendwo abbiegen, bis sie letzten Endes bei einer Treppe ankamen. Diese war der einzige Weg aus diesem Flur und nun standen sie ratlos davor.
Makoto drehte die Karte wie wild vor sich hin und her. Mal näher an sein Gesicht, mal weiter weg und doch war ihm seine Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Nachdem er alle möglichen Winkel ausprobiert hatte, fragte er schließlich:
„Weiß irgendjemand, wo wir hier sind?“
Einheitliches Kopfschütteln ging durch die Runde.
„Na prima. Wir befinden uns 15 Minuten an Board eines Schiffes und schon sind wir scheinbar hoffnungslos verloren. Ich sage nur, Familie Tachibana unterwegs!“
Alle fingen wie auf Stichwort an, zu lachen.
Gemeinsam beschloss man schließlich, die Treppe hinaufzugehen und dort zu schauen, wie man weiter vorgeht. Gesagt, getan. Sie schienen sich, in der Nähe des Zentrums zu befinden, weil es plötzlich heller wurde.
„Immer dem Lärm nach!“, befahl Mina.
Auch hier gingen sie wieder kreuz und quer: Links. Links. Rechts. Links. Rechts. Recht. Treppe hoch.
Keiner merkte sich, welchen Weg sie gegangen waren, was neue Probleme hätte bringen können. Aber diesmal sollte sich der Plan, der eigentlich kein Plan war, als hilfreich erweisen. Nach weiteren 10 Minuten fanden die vier endlich zum Zentrum des Schiffes, der Einkaufsmeile. Alle atmeten erleichtert auf. Hier sollte sich doch jemanden finden lassen, der ihnen den Weg zeigen kann. Genau das sollte sich nun bewahrheiten, denn kurze Zeit später begegnete ihnen ein Mann mittleren Alters. Dieser lauschte sichtlich amüsiert der Geschichte der Familie und scheinbar konnte er sich auch keinen Reim darauf machen. Um sicher zu gehen, brachte er die Familie eigenhändig zu ihrer Kabine, die die Nummer 512 trug.
Noch bevor sie die Tür öffneten, bedankten sie sich ausgiebig bei dem Mann, der dann wieder zu seinen eigentlichen Aufgaben zurückkehrte.
Makoto wollte gerade die Zimmerkarte in den für sie vorhergesehenen Schlitz schieben, als Hotaru plötzlich aufschrie:
„STOOOOOPP! Ich will die Tür aufmachen! Bitte! Bitte! Bitte!“
Okay, die Wirkung der Kekse hatte nachgelassen. Aber gut!
„Na schön.“ Mit diesen Worten übergab Makoto die Karte an seine Tochter.
„Danke! Du bist der Beste!“
Ja, jetzt war er wieder der Beste. Aber wehe das gewollte Spielzeug wird nicht gekauft, dann ist alles wieder Pustekuchen!
Völlig überdreht öffnete das Mädchen schließlich die Tür und ging hinein. Auch hier klappte ihr wieder die Kinnlade runter.
„Hotaru, mach den Mund zu. Sonst bleibt das noch so!“, warf ihre Mutter nun in den Raum.
Aber die Kabine war auch toll. Schaute man in die Kabine, blickte man sofort auf ein riesiges Fenster, welches sich über dem elterlichen Bett befand. Rechts davon stand gleich das Kinderbett für den jüngsten der Familie und links befand sich an der Wand ein Bett, das man nach Bedarf ausklappen konnte. Das war für Hotaru. Direkt rechts und links neben der Tür entdeckte man je eine Tür. Die linke führte in Bad und die rechte verbarg einen Kleiderschrank.
Ihr Zuhause auf Zeit war wunderschön. - Das fand jeder!
Doch lange Zeit zum Umschauen hatte die kleine Familie nicht.
Unruhe gemischt mit Freude
5. Unruhe gemischt mit Freude
In der Zeit, die sie umhergeirrt waren, hatten die anderen Passagiere schon alle das Schiff betreten. Kaum hatten sie ihr Zimmer betreten, ging der Alarm für die Notfallübung los. Hotaru erschrak sich so sehr, dass Sota anfing zu weinen. Beide kannten das schließlich nicht und wussten nicht, dass es sich nur um eine Übung handelte. Die Eltern reagierten sofort, in dem sie beruhigend auf ihre Kinder einsprachen. Makoto kümmerte sich um Hotaru, die dann verstand, dass die Situation nichts Gefährliches an sich hatte und durch Mina merkte das auch Sota.
Ruhig halfen Makoto und Mina den Beiden dabei, ihre Rettungswesten anzuziehen. Zu ihrer Überraschung fanden sie sogar eine für den kleinen Sota. Eine Rettungsweste im Miniformat - niedlich! Als Sota sie anhatte, wirkte er noch viel niedlicher - superniedlich! Jetzt nahm Hotaru ihren kleinen Bruder auf den Arm, damit ihre Eltern sich ihre Rettungswesten anziehen konnten.
„So, dann gehen wir mal.“, gab Makoto das Kommando.
Auf den Fluren befanden sich so viele Menschen, dass man schnell den Überblick verlor. Sota kam wieder auf den Arm seiner Mutter und Hotaru klammerte sich an die an Hand ihres Vaters. „Papa, ich hab Angst!“, sagte das Mädchen mit zitternder Stimme.
Ihr Vater lächelt sanft zu ihr hinunter: „Keine Sorge, wie du weißt, ist das alles nur eine Übung.“
„A-aber wieso sind dann alle so hektisch?“ Ihre Stimme versagte langsam und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie war so eine Hektik nicht gewöhnt und es wurde alles zu viel für sie.
Makoto bemerkte sofort, dass seine Tochter sich nicht wohl fühlte. Darum nahm er die 10-jährige auf den Arm und versuchte erneut, sie zu beruhigen. „Es ist alles gut, meine Maus. Alle wollen so schnell wie es geht wieder in ihre Kabine. Bleib einfach ruhig.“
Mit einer Hand strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Immer noch verunsichert nickte sie ihrem Vater zu. Sie klammerte sich weiterhin an ihn und blieb auf seinem Arm, bis sie den Sammelpunkt erreichten. Dort wurde Kabine für Kabine durchgegangen, um zu kontrollieren, ob auch alle anwesend waren. Nachdem alle gute 20 Minuten an Deck standen, wurden sie wieder entlassen.
Um Hotaru nicht noch mehr zu stressen, blieb Makoto noch mit seiner Tochter an Deck und wartete, bis ein Großteil der anderen Passagiere bereits gegangen war. Dann ging er mit Hotaru, die er immer noch an der Hand hatte, wieder Richtung Zimmer. Das Mädchen hatte sich inzwischen etwas beruhigt und lächelte wieder. Sie gingen an vielen Zimmern vorbei, deren Türen nur durch die Nummern auseinander zu halten waren. Die 10-jährige staunte nicht schlecht. Durch die ganzen Menschen waren ihr die Türen vorher nicht aufgefallen. Sie konnte gar nicht glauben, wie viele Türen sich hier aneinander reihten. Schließlich standen sie vor der Tür mit der Nummer 512 - ihrem Zimmer. Makoto wollte gerade klopfen, da öffnete sich schon die Tür. Mina hatte schon auf die zwei gewartet und ließ sie rein. Erst als beide im Zimmer waren, ließ Makoto die Hand seiner Tochter wieder los.
„Was war denn los? Ich hab euch irgendwie aus den Augen verloren!“, meinte Mina beunruhigt, als sie die Tür geschlossen hatte.
„Nichts Schlimmes, Hotaru war nur wegen der Hektik etwas…“, fing Makoto an.
„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!“, hallte es plötzlich durchs ganze Zimmer.
Durch das Schreien ihrer Tochter in Sorge versetzt, drehten sich die Eltern zu ihrer Tochter. Als sie zu ihr schauten, bot sich ihnen ein witziges Bild. Beide Kinder klebten am größten Fenster, das sich direkt am Kopfende des elterlichen Bettes befand.
„Wahnsinn! Wir bewegen uns!“
Schmunzelnd gesellten sich die Eltern zu ihren Kindern. Makoto nahm hinter Hotaru Platz und Mina hob kurz ihren Sohn hoch, setzte sich auf seinen Platz, woraufhin der auf ihrem Schoß landete. Die kleine Familie saß nun gemeinsam am Fenster und schaute dabei zu, wie ihr Kreuzfahrtschiff langsam aus dem Hafen schipperte.
„W-wasser.“
Das Ehepaar und die Tochter rissen gleichzeitig die Augen auf. Die Stimme kannte keiner und jeder wusste, was das bedeutete. Der Blick aller drei fiel ungläubig auf Sota, der immer noch unschuldig aus dem Fenster guckte. Kein Wort. Das mussten sie sich eingebildet haben. Als sie schon aufgegeben hatten, machte er es wieder.
„Wasser!“
Mina umarmten ihren Jüngsten stürmisch.
„Mein Kleiner hat sein erstes Wort gesagt! Ich bin ja so stolz auf dich!“
Was das anging, war Sota ein richtiger Spätzünder. Während seine Schwester bereits mit einem Jahre und einem Monat gesprochen hatte, zeigte ihr Bruder bis heute keinerlei Neigung dazu.
„Auch wenn es nicht Mama war, was ich ihm etwas vorwerfe. Aber da kommst du halt nach deinem Vater!“
Ein herzhaftes Lachen ging durch das Zimmer und jeder merkte, dass der Urlaub wirklich angefangen hatte.
Ein Traum wird wahr
6. Ein Traum wird wahr
Mittlerweile zeigte die Uhr „19:36“ an.
Nachdem sich die Familie im Zimmer eingerichtet hatte, wurde gemeinsam beschlossen, das Schiff etwas zu erkunden.
Und wie sollte es auch anders sein - Nach gerade mal 10 Minuten hatte keiner mehr auch nur die geringste Ahnung, wo man sich eigentlich befand. Irgendwie landeten sie dann im Personalbereich, wo sie auf den netten Mann trafen, der ihnen vor ein paar Stunden schon einmal den Weg gezeigt hatte. Auch der Mann fragte sich, wie man sich trotz Boardplan derartig verlaufen konnte. Erneut zeigte er ihnen den Weg. Diesmal zur Rezeption - dem Ausgangspunkt für so ziemlich alles. Hier hieß es: „Alle Wege führen zur Rezeption!“
Endlich bei der Rezeption angekommen, bedanken sie sich erneut bei ihrem Retter und hofften, dass man ihn mit diesem Hintergrund nie wieder sehen würde.
Immerhin einen Vorteil hatte dieser Ausflug gehabt - Die Familie kannte jetzt mehr Ecken von Schiff als so ziemlich jeder andere Passagier.
Da die Kinder dann über Hunger geklagt hatte, war der nächste Punkt, das Restaurant zu besuchen! Dort ließ man es sich gut gehen. Das Buffet war unfassbar riesig und es gab Gerichte aus aller Welt. Sushi, Nudeln, Pizza und vieles mehr!
Danach brachte man die schläfrigen Kindern wieder ins Zimmer und unfassbarer Weise hatte sich die Familie dabei nicht verlaufen. Makoto und Mina verfrachteten ihre Kinder sofort ins Bett, weil diese auf dem Weg ins Zimmer fast eingeschlafen. Die erste Zeit wachten die Eltern am Bett ihrer Kinder. Sie konnten auch mal richtig friedlich sein. Ein halbe Stunde beobachteten sie die zwei, bis sichergestellt war, dass sie im Land der Träume angekommen waren.
„Und was machen wir jetzt?“, flüsterte Mina ihrem Mann zu.
Der hatte sich schon etwas ausgedacht und nahm seine Frau an der Hand, mit der anderen öffnete er die Kabinentür.
„A-aber die Kinder.“, äußerte seine Frau ihre Bedenken.
„Keine Sorge, die schlafen tief und fest. Außerdem sind wir gleich wieder da.“, beruhigte er sie sofort.
Durch ein Nicken gab sie schließlich ihre Zusage. Gemeinsam gingen sie zur Sicherheit einen Weg, den sie bereits kannten. Ihr Ziel war das Deck, weshalb sie den Notfallweg nahmen. Ohne Umwege gelangten sie an ihr Ziel.
Gerade war am Horizont, ein wunderschöner Sonnenuntergang zu sehen. Dieser färbte nicht nur den Himmel, auch das Wasser glitzerte orangerot. Makoto, der Mina weiterhin an der Hand hatte, lief schnell zum vordersten Punkt des Schiffen. Hier zog er Mina vor sich.
„Jetzt musst du nur noch die Arme ausstrecken. Dann ist dein Titanic-Moment perfekt!“
Seine Frau war so überwältig, dass sie kein Wort rausbrachte. Seit Jahren hegte sie den Wunsch, die berühmte Szene nachzuspielen. Dass Makoto daran gedacht hatte, machte sie unfassbar glücklich.
Bevor sie sich diesen Traum nun erfüllte, fiel Mina ihrem Mann um den Hals.
„Makoto Tachibana, du bist der beste Mann, den man sich wünschen kann!“
„Mina Tachibana geborene Yamamoto, du bist die beste Frau und Mutter, die man sich wünschen kann!“, entgegnete Makoto seiner Frau liebevoll. „Aber wenn du deinen Titanic-Moment haben willst, musste du dich beeilen. Die Sonne geht nicht ewig unter!“
„Ja, ja. Ich mach ja schon!“, scherzte sie mit ihm.
Schnell drehte sie sich in den Armen ihres Liebsten und streckte ihre Arme zur Seite. Makoto nahm seine Frau an der Hüfte und genoss diesen Moment ebenso.
Tief atmete er die mild salzige Brise des Meeres ein.
Dieser Moment war einfach wunderschön, sogar nahezu perfekt.
Er hatte eine fantastische Frau.
Zwei wundervolle Kinder.
Einen super schönen Job.
Innigst hoffte er, dass das noch lange so bleiben würde. Das war sein einziger Wunsch!