diving... more or less.
Sinneseindrücke dringen nur langsam durch die Schwärze. Es ist leise, so furchtbar leise, als hätte ich mein Gehör verloren. Ist das möglich? Was ist passiert? Außerdem ist es kalt um mich herum, frisch irgendwie. Ist das Wind?
Meine Gedanken sind wirr, aber mein Körper fühlt sich leicht an, fast so als würde ich schweben. Nur langsam öffnen sich meine Augen und ich blinzele sofort, weil alles um mich herum düster und leer aussieht, wie ausgestorben. Es ist als sei ich in eine andere Welt eingetaucht. Zudem hängt ein bläulicher Schimmer in der Luft, die eigentlich keine ist. Das wird mir in dem Moment bewusst, in dem ich meinen Kopf hebe und die Wasseroberfläche sehe, durch die das Sonnenlicht glitzert. Nur befinde ich mich auf der verkehrten Seite, denn der sogenannte Wind ist eigentlich Wasser.
Ein Schrei entfährt meiner Kehle, der nicht hörbar sein sollte, jedoch in meinen eigenen Ohren klingt. Im selben Augenblick presse ich beide Hände auf den Mund, um nicht noch mehr von meiner kostbaren Luft zu vergeuden. Die werde ich noch brauchen, wenn ich leben möchte – und ich möchte wirklich gern leben! Leider war ich noch nie gut darin, lange die Luft anzuhalten.
Gleichzeitig wird mir bewusst, dass ich nicht sinke. Viel eher, dass ich absolut still stehe, während der seichte Wellengang sachte an mir zieht und zerrt. Ich paddle mit den Armen, neige den Kopf aber nach unten, um meine Beine anzuschauen. Beine, die nicht da sind, weil sich an ihrer Stelle ein Fischschwanz befindet. Er ist weiß und besitzt einen schwarzen, vertikalen Streifen, der sich in zweiteilt, als er die Flossen erreicht. Er schwingt in einem ruhigen Takt vor und zurück. Das ist der Grund, warum ich nicht untergehe. Meine Flossen halten mich aufrecht.
Bei diesem Gedanken scheint ihre... meine Konzentration zu brechen, denn die Bewegung bricht ab, bis der Abstand zur Wasseroberfläche sich vergrößert, als ich tatsächlich zu sinken beginne. Meine Arme rudern wild im Wasser, meine Flossen schlagen um sich, alles, um nicht komplett unterzugehen und nicht von der Dunkelheit verschlungen zu werden, die sich wie ein Abgrund unter mir auftut. Meine Lungen brennen vom Sauerstoffmangel und mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb.
Irgendwie gelingt es mir mit Hängen und Würgen die Wasseroberfläche zu erreichen. Schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen und meine Lungen schmerzen, als ich die Luft einziehe und mich halb an meiner eigenen Spucke verschlucke. Vielleicht ist es auch am Meerwasser, denn jeder Winkel meines Mundes schmeckt nach Salz.
Mein Blick gleitet über das Wasser, obwohl das Sonnenlicht es schwer macht, viel zu erkennen. Geblendet treibe ich ein wenig vorwärts und visiere das Holzstück an, das nicht weit von mir treibt. Es sieht eher aus wie ein Stück einer Planke, anstatt einem Ast oder anderem natürlichem Holz.
Meine Finger umklammern es, wobei mir mit Erleichterung auffällt, dass ich wenigstens keine Schwimmhäute oder Schuppen habe. Sie wirken auch kein Stück schrumpelig vom Wasser. Nur ein Perlenarmband baumelt an meinem Handgelenk, das aussieht, als sei es aus Algen geknüpft worden. Glücklicherweise trage ich auch mein T-Shirt noch, nur die Flossen sind neu.
Auch mein Kopf sackt auf die Planke, die Wange gegen das splitterige Holz gedrückt. Erschöpfung, die von Panik stammt, gewinnt die Oberhand. Ich bin eine Meerjungfrau, dämmert es mir. Eine verdammte Meerjungfrau. Ist das ein Traum? Nein, das ist unwahrscheinlich, denn ich weiß immer in jedem Traum, dass ich eigentlich noch schlafe und dieses Gefühl fehlt mir hier komplett.
Meine Augen schließen sich, als ich mich zu erinnern versuche. Das Letzte, was mir klar in den Kopf geschossen kommt, ist dass ich Feierabend hatte. Ich habe den gesamten Tag sinnlose Diskussionen mit meinem Kontrollfreak von Chef geführt und war daher froh, dass ich keine weitere Sekunde mehr mit ihm im selben Büro verbringen zu müssen. Es war warm, die Klimaanlage des Autos kaputt und die Ampel ewig rot – und dann... war es passiert. Der Boden hat sich aufgetan und mich verschluckt.
Der Gedanke ist so verrückt, dass mir ein müdes Lachen entfährt. Das klingt wie etwas, was in billigen Filmen passiert, in schlechten Fanfiktions vielleicht auch. Allerdings ist es nicht absurder, als in der Form einer Meerjungfrau aufzuwachen. Sollte ich nicht eigentlich auch in der Lage sein, unter Wasser zu atmen?
Eine Explosion lässt meinen Kopf in die Höhe rucken. Stärkere Wellen bringen die Planke und mich zum Schaukeln, während ferne Schreie an meine Ohren dringen. Es sind die einzigen Geräusche neben dem allgemeinen Wellenrauschen. Ich halte mir eine Hand an die Stirn, um meine Augen von der Sonne abzuschirmen und mich besser umsehen zu können.
Es dauert eine Weile, doch am Ende mache ich zwei Schiffe am Horizont aus. Menschen. Menschen, die mir erklären können, wo ich mich befinde und wie ich überhaupt hierher gekommen bin. Andererseits... will ich mich ihnen als Meerjungfrau überhaupt zeigen? Man sieht man ja oft genug, dass so etwas meistens nicht gut endet und Menschen nicht mit etwas Ungewohntem umgehen können. Eine wirkliche Wahl habe ich aber auch nicht, denn... hier draußen befindet sich nichts anderes. Es befindet sich kein Land in der Nähe, genauso wenig wie andere Meerjungfrauen auffindbar sind, worüber ich jedoch glatt ein wenig froh bin. Das wäre einfach zu viel des Guten.
Bevor ich es mir anders überlegen kann und mich weiter in unnötigen Gedanken verheddere, treibe ich mich auf der Planke und mit meinen Flossen voran. Beide Schiffe sind inzwischen ein gutes Stück näher gekommen und eine zweite Explosion wühlt das Wasser auf.
Ich werde langsamer. Nicht nur, dass ich auf zwei Schiffe treffe, sie scheinen auch noch in eine Art Schlacht verwickelt zu sein, denn das waren eindeutig Kanonenkugeln. Mein Herz schlägt mir schon wieder bis zum Hals und obwohl das Wasser kühl ist, fühle ich mich furchtbar verschwitzt an. Meine Hände verkrampfen sich um die Planke, als ich Angst habe das Bewusstsein zu verlieren und erneut unterzutauchen.
Doch da bleiben meine Augen an den Segeln eines der Schiffe hängen. Sie sind vom Wind aufgebläht und das Frontsegel ist schwarz und trägt ein Bild auf sich, das mir furchtbar bekannt ist. Obwohl ich einen Moment noch den Eindruck habe, bald an einem Herzinfarkt zu sterben, kommt es mir nun fast unvermeintlich vor.
Auf dem Segel befindet sich ein Totenkopfzeichen mit einem roten Hut mit zwei blauen Smileys und Flammen. Das Segel darüber hat das Wort Spade aufgestickt.
„Spade-Piraten...“, murmele ich, nicht ganz sicher, ob ich mir selbst vertrauen kann. Wenn das wirklich die Spade-Piraten sind, dann müsste Ace ihr Captain sein, was wiederum bedeutet, dass ich mich in One Piece befinde. Das würde die Flossen erklären, wenn auch nicht das durch den Boden fallen oder dass eine reale Person in einer fiktiven Welt gelandet ist. Nein, das ist wirklich etwas schwer zu glauben, zu schwer.
Zeitgleich kann ich nicht einfach weiter herumtreiben und es ignorieren, dass sich auf dem Schiff dort vorn ausgerechnet Ace befinden könnte. Ace! Nicht, dass ich das tun könnte, wo die beiden Schiffe doch direkt in meine Richtung unterwegs sind...
Inzwischen kann ich auch ganz genau sehen, dass sich eine Möwe auf der weißen Flagge des anderen Schiffs befindet. Warum überrascht es mich nicht, dass der potenzielle Ace sich mit der Marine anlegt? Meine Augenbrauen verengen sich, als ein Feuerball von dem Piratenschiff zum Marineschiff herüberfliegt und eines der Segel in Flammen steckt.
Ich gleite näher und näher, während das Knallen der Waffen und die Schreie anschwellen, bis ich mir wie in einem Kriegsfilm vorkomme. Die Schiffe sind riesig im Vergleich zu mir und werfen ihre Schatten auf das Meer. Sie würden doch nicht auf mich schießen, oder? Ich bin doch gerade erst dem Ertrinken entkommen! Vielleicht sollte ich mich zurückziehen und warten, bis der Kampf vorbei ist.
Doch ich kann die Haken sehen, die mit Seilen an ihnen geworfen werden und an der Reling von Aces Schiff hängen bleiben. Scheinbar wollen sie den Nahkampf versuchen, da jemand mit Feuerkraft aus der Ferne den Vorteil hat. Irgendeine Seite muss schließlich verlieren, aber ich bin ganz sicher, dass es nicht Aces sein wird – oder etwa doch?
Abermals gehen die Kanonen los. Auf der einen Seite wehrt Feuer sie ab, während auf der anderen ein kräftiger Wind, die Kugel von ihrem Kurs abbringt. Sie platscht ins Wasser und wirbelt es auf. Die Marine hat also auch jemanden, der eine Teufelsfrucht gegessen hat.
Die Schiffe schaukeln, Befehle schallen über beide Decks, ein Schrei gellt durch die Luft, mischt sich mit den anderen Geräuschen.
Meine Augen suchen hastig nach der Quelle, bis sie an jemanden im Wasser hängen bleiben. Er schwimmt direkt neben dem Heck von dem Piratenschiff. Vermutlich ist er bei dem Wellengang über die Reling gefallen, doch es sind die Marinesoldaten, die ihn ebenfalls entdecken und ihre Gewehre nachladen, die mich beunruhigen.
Es ist falsch einfach dem Spektakel zuzuschauen, aber gefährlich sich einzumischen. Ich bin schließlich kein Kämpfer. Ich bin ja nicht einmal eine richtige Meerjungfrau. Trotzdem weiß ich ganz genau, dass Meerjungfrauen die schnellsten Schwimmer sind, die es gibt. Trifft das auch auf mich zu? Ich weiß nicht einmal, ob ich unter Wasser atmen kann, geschweige denn, ob ich mich auf meine Flossen verlassen kann. Was, wenn sie auf halben Weg den Geist aufgeben? Wiederum sollte ich theoretisch dieselbe Kontrolle über sie haben, wie über meine Beine, oder nicht?
Meine Fingernägel krallen sich in das Holz, meine Hände wollen die Planke nur ungern loslassen. Mit einem Ruck stoße ich mich ab, denn langsames Handeln liegt mir nicht, überlegte Entscheidungen genauso wenig.
Ich gehe unter, halte die Luft an, bevor mein Kopf wieder die Oberfläche durchbricht und ich rasant auf die beiden Schiffe zuschwimme. Schnell, immer schneller und schneller. Ich mime die gleichen Bewegungen mit den Flossen, die ich beim Erwachen an mir selbst gesehen habe, vor und zurück, vor und zurück.
Nur im Hintergrund nehme ich wahr, dass die Marinesoldaten mich gesehen haben. Aufgeregte Stimmen gesellen sich zu dem Rauschen in meinen Ohren, die etwas von Meerjungfrauen rufen. Allein ihr Zögern erlaubt es mir, den Piraten rechtzeitig zu erreichen. Ich packe ihn am Kragen seines karierten Hemds und ziehe ihn ruckartig unter Wasser, als die Pistolenkugeln links und rechts von uns einschlagen.
Spade Pirates.
Meine Flossen sind Propeller, die den Piraten und mich mit rasanter Geschwindigkeit in die Tiefen transportieren. OPWiki hat nicht gelogen. Der Gedanke formt sich klar und absurd in meinem Kopf, als die Pistolenkugeln uns jagen, ihre Bahnen links, rechts, vor und hinter uns durch das Wasser ziehen. Doch mit meinen Flossen können sie nicht mithalten, denn Meerjungfrauen sind die schnellsten Schwimmer in dieser Welt.
Obwohl man annehmen sollte, dass es die Schüsse sind, die mich aus der zarten Konzentration reißen, ist es der Pirat. Bewegung kehrt in seinen Körper zurück. Er beginnt zu zappeln und versucht sich zu befreien. Seine Faust kollidiert mit meinem Kinn, so dass ich mir auf die Unterlippe beiße. Mit einem Mal entweicht mir die angehaltene Luft und Wasser dringt in meinen Mund ein, während es sich vor mir rötlich färbt. Ein Stich geht durch meine Unterlippe, die durch das Salzwasser sofort zu brennen beginnt. Wird das Blut Haie anziehen?
Der Takt meiner Flossen kommt durcheinander, bis ich nicht mehr weiß, ob ich sie vor- oder zurückbewegen soll. Wie war noch mal mein Takt? Der verdammte Takt!?
Meine Finger krallen sich weiterhin in das Hemd des Seemanns, als wir verzweifelt gegeneinander ankämpfen. Wir sinken. Diesmal ohne mein Zutun. Es ist wie in einem Déjà-vu-Erlebnis, nur dass ich die gleiche Situation tatsächlich gerade erst erlebt habe. Obendrein habe ich keine Luft mehr übrig, meine Lungen brennen und die schwarzen Punkte vor meinen Augen sind zurück. Eine Hand löst sich von dem Piraten und drückt gegen meinen Mund, als würde das irgendetwas ändern.
Der Abstand zwischen uns wird größer. Dabei kann ich nicht sagen, ob er weg driftet oder ich es bin. Ich senke den Blick, um meine Flossen doch noch unter meine Kontrolle zu bringen. Habe ich mich gedreht? Ich weiß nicht einmal mehr, wo oben und unten ist, nur dass diese dummen Flossen rein gar nichts tun. Die Propeller sind kaputt, denke ich, als sich meine Augen schließen.
Vielleicht sollte ich einfach einen tiefen Atemzug nehmen. Entweder er rettet mich oder er gibt mir den Rest. Ich bin nur diesen einen Atemzug von allem und nichts entfernt, einen einzigen!
Im nächsten Augenblick wird meine Hand gepackt und ich werde mitgezogen, furchtbar langsam im Vergleich zu der vorigen Schnelligkeit. Wir durchstoßen die Oberfläche und fortgewischt ist der Gedanke an den letzten Atemzug, denn ich kann wieder so viel Luft in meine schmerzenden Lungenflügel einziehen, wie ich möchte. Sie müssen heute eine Menge durchmachen, die armen.
Ein Arm, der sich um meinen Brustkorb schlingt, hält mich über Wasser. Nur mühselig drehe ich den Kopf zur Seite und mustere den Piraten, der mich gerettet hat, nachdem ich ihn gerettet und beinahe ertränkt hätte. Wir waren wohl jetzt quitt. Irgendwie. Hoffentlich sah er das genauso wie ich, obwohl seine finstere Miene mir etwas anderes sagt.
„Was für eine Meerjungfrau bist du?“ Es ist eine Frage, aber der Vorwurf ist aus seiner kratzigen und atemlosen Stimme herauszuhören. Sein dunkles Haar klebt an seinen Schläfen und Wangen, vermutlich nicht anders als meins, und eine hässliche Narbe zieht sich quer über seine Wange, die eine Furche in sein bärtiges Gesicht gräbt. „Kannst du nicht schwimmen?“
Ich versuche meinen Lippen ein Lächeln aufzuzwingen, aber mir kriecht nur die Hitze in die Wangen, als ich verzweifelt nach einer Antwort suche, die nicht so peinlich klingt. Erst auf der Suche nach Worten dringen die Kampfgeräusche wieder an meine Ohren oder viel eher das plötzliche Fehlen eben jener.
Wir befinden uns genau zwischen den Schiffen, doch die Marinesoldaten sind fort. Stattdessen lodern Flammen auf dem Schiff, ihre Segel brennen und flammende Löcher klaffen im Schiffsbauch, die sich stetig vergrößern, als Feuer sich an dem Holz nährt. Schreie, diesmal panisch klingende, gellen umher und Rettungsbote werden ins Wasser gelassen. Soldaten springen auf allen Seiten ins Wasser, während andere den Verletzten in die Boote helfen.
Die Spade-Piraten haben gewonnen, dämmert es mir. Wie? Wann? Was ist passiert?
„Was zum Teufel...?“, höre ich den Piraten murmeln, der uns noch immer über Wasser hält. Auch er scheint überrascht, fasst sich jedoch weitaus schneller. „Wie müssen die Gelegenheit nutzen.“ Er spricht nicht mit mir, aber seine Worte zeigen mir auf, was im Moment wichtig ist. Ich habe versucht den Piraten zu retten, was bedeutet, dass ich mir gerade Feinde gemacht habe. Und nur weil der Pirat nett genug gewesen ist, um mich ebenfalls zu retten, bedeutet das nicht, dass wir plötzlich Freunde sind. Ich bin auf mich allein gestellt und befinde mich immer noch mitten im Ozean, weshalb ich unbedingt meine Flossen wieder funktionstüchtig bekommen muss. Ich kann nicht auf ihn angewiesen sein, wenn er mich jeden Moment einfach loslassen und meinem Schicksal überlassen könnte.
Ich schiele über seinen Arm nach unten und visiere die Flossen an, die mir bisher nur Ärger beschert haben. Abgesehen davon, dass sie vorhin auch mein Leben gerettet haben, auf eine verquerte Art und Weise, wenn man das so sehen möchte.
Ich konzentriere mich. Meine Flossen sind meine Beine, sie sind eine Verlängerung meines Körpers und gehorchen mir, wenn ich sie richtig benutze. Ich rufe mir den Takt ins Gedächtnis und bewege sie derartig, vor und zurück, vor und zurück. Wichtig ist ruhig zu bleiben und keine Panik zu schieben.
Tatsächlich funktioniert es. Ich hänge nicht mehr wie ein nasser Kartoffelsack in den Armen des Piraten, sondern halte mich selbst über Wasser. Auch er bemerkt es, denn er lässt von mir ab und ich drehe mich mit vorsichtigen Bewegungen um. So erschöpft wie er aussieht, hätte er uns beide sowieso nicht mehr lange vor dem Ertrinken bewahren können. Er sieht so mitgenommen aus, wie ich mich fühle.
„Ich kann schwimmen. Manchmal zumindest“, gestehe ich. Mein Blick wandert zu dem Piratenschiff hinüber. Der untere Rand der Galionsfigur fehlt, was mich vermuten lässt, dass das Schiff von einer Kanonenkugel gestreift worden ist. Was soll sie überhaupt darstellen? Das habe ich mich oft gefragt. Es sieht aus wie ein Pferd oder ein Esel mit flammender Mähne, dessen Zügel schwere Eisenketten sind, die nun schlapp ins Wasser hängen. Rufe hallen über das Deck des Schiffes und die Piraten machen sich an die Arbeit das Segel des heilen Masts zu setzen, während der hintere auf halber Höhe gesplittert und abgeknickt ist. Die Planke, an der ich mich vorhin festgehalten habe, muss ein Teil eines dieser beiden Schiffe gewesen sein.
„Du musst zum Schiff zurück“, entweicht es mir. Wir müssen zum Schiff, denke ich mir jedoch in Wahrheit.
Es wundert mich sowieso, dass Ace einfach so flieht und das Marineschiff nicht versenkt. Ace flieht nie, weil er zu starrköpfig dafür ist. Vielleicht sind das hier gute Imitatoren und Ace ist gar nicht ihr Captain. Wahrscheinlich ist er gar nicht an Bord und das alles ist doch nur ein dummer Traum. Ein Gehirngespinst, das ein paar One Piece-Elemente mit irgendeiner wahnwitzigen Meerjungfrau-Idee vermischt, die mein Gehirn ausgebrütet hat. Wahrscheinlich drehe ich ab und habe zuvor nur nicht die Anzeichen bemerkt. Die Stimme meines Vaters hallt durch meinen Kopf, der mir schon im jungen Alter gesagt hat, dass der Wahnsinn bei uns in der Familie liegt. Scheinbar ist es kein Scherz gewesen.
Dieser Gedanke ist ernüchternd. Obwohl die Panik vor dem Verrücktwerden und den unzuverlässigen Flossen noch immer unter der Oberfläche lauert, hole ich mit dem Piraten auf, der in meiner Geistesabwesenheit losgeschwommen ist, um sein Schiff zu erreichen.
„Lass mich“, sage ich. Normalerweise fasse ich ungern fremde Menschen an, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen, aber für eine Diskussion ist das der falsche Ort. Augen zu und durch. Meine Arme schlingen sich um seine Schultern, ehe ich das Tempo beschleunige und uns zum Schiff bringe, an dessen Reling sich bereits einige Piraten versammelt haben.
Das Schwimmen klappt nun besser, was wohl daran liegt, dass ich keiner Todesangst ausgesetzt bin. Im Moment befindet sich mein Panikbarometer auf der Ich bin verrückt und jeden Moment wird die letzte Sicherung in meinem Gehirn durchbrennen-Stufe. Mal sehen, wie lange das anhalten wird.
Direkt vor dem Schiff verlangsame ich die Geschwindigkeit, bis wir auf der Stelle treiben. Ja, das geht gut. Die Hoffnung ist doch noch nicht verloren, solange ich ruhig bleibe.
„Was ist passiert?“, ruft ein Pirat zu uns hinunter.
„Wer ist die Meerjungfrau?“, fragt ein anderer und ein allgemeines Gemurmel geht durch die versammelte Mannschaft über uns.
„Ja, und wo kommt sie her?“
„Hat sie dich gerettet oder du sie?“
Die Fragen prasseln nur so auf uns nieder – und wenn ich nicht schon längst rot wie eine Tomate wäre, wäre ich es spätestens jetzt.
Ein braunhaariger Mann, der eine schwarze Mütze trägt, knotet ein Seil an der Reling fest, bevor er es seinem Kameraden zuwirft.
Ich lasse ihn los und er angelt danach. Er bindet eine Schlaufe am unteren Ende, wobei er mehrmals unter Wasser sinkt und wieder auftaucht. Auf die Fragen antwortet er nicht, stattdessen bekomme ich fast den Eindruck, als würde er sie gar nicht hören, was unmöglich ist. Er bugsiert seinen Körper in die Schlaufe hinein, wobei er die Hand in meine Richtung ausstreckt. „Kommst du oder nicht?“
„Huh?“, sage ich und blinzele ihn verwirrt an, denn mein Mund und meine Gesten sind einfach meist schneller, als mein Gehirn arbeitet. Das ist eine Angewohnheit, die mich für andere Menschen furchtbar intelligent aussehen lässt, da bin ich mir sicher.
Der Pirat stößt einen schweren Seufzer aus. „Die Marine wird sich neu organisieren. Wenn sie das getan haben, solltest du nicht mehr hier sein“, erklärt er mir und seine Finger bewegen sich ungeduldig. „Meerjungfrauen können auch aus dem Wasser raus, nicht? Oder ist das nur eine dieser dummen Legenden, die man sich über euch erzählt?“
Ich treibe langsam auf ihn zu, als ich verstehe, was er meint. Er möchte, dass ich mit an Bord komme. Darauf hätte ich ja auch selbst kommen können. Manchmal kann ich nicht fassen, was für eine helle Birne ich doch bin. So etwas schimpft sich dann Collegestudentin.
„Die Flossen von Meerjungfrauen teilen sich, wenn sie ihr dreißigstes Lebensjahr erreichen und sie bekommen Beine“, teile ich ihm mit und stütze mich abermals auf mein durch OPwiki ergattertes Wissen. Ich habe es schließlich oft genug auf der Suche nach irgendwelchen Details für meine Geschichten durchforstet. „Normalerweise besitzen sie so ein Gerät, womit sie Blasen erzeugen können, um sich außerhalb des Wassers ohne Probleme fortzubewegen, aber—“
Den Rest meiner Worte verschlucke ich, als der Pirat mich am Handgelenk packt und zu sich zieht. Er zieht mich in die Schlaufe hinein, ehe seine Mitstreiter uns hochziehen.
Das Seil spannt sich und bleibt unter unseren Armen hängen, der Pirat dicht hinter mir an mich gedrückt. Ja, so habe ich mir das immer vorgestellt, jemanden kennen zu lernen... Mir kommen allerlei Vorstellungen in den Kopf geschossen, was meine Freunde und Familie für ein Gesicht machen, wenn ich ihnen hiervon erzähle. Sie finden meine Patzer immer sehr unterhaltsam, was sie wiederum für mich unterhaltsam machen, im Nachhinein zumindest.
Viele Arme strecken sich nach uns aus und helfen uns über die Reling. Eigentlich bin ich nicht die Person, die gern von so vielen Menschen gleichzeitig angefasst wird, aber ich bin zu müde, um mir komisch dabei vorzukommen. Stattdessen sacke ich auf die Planken des Schiffes, direkt neben mir der Pirat mit der Narbe, während seine Kameraden einen Kreis um uns bilden. Ihre Blicke gehören jedoch ganz allein mir, als der Pirat seine durchnässte Zigarettenschachtel aus der Hosentasche zieht und sie kritisch mustert.
„Alles in Ordnung bei dir, Logan?“, fragt der Mützenträger, der ihm – uns? – das Seil zugeworfen hat. Er trägt eine feine, schwarze Weste über seinem grünen Hemd und sein Gesicht strahlt als einziges Ruhe aus.
Der Pirat, den ich gerettet habe, grunzt bestätigend und steckt die Zigarettenpackung wieder weg. Danach sieht er sich den Dolch an, der in einer silbernen Scheide an seinem Gürtel hängt. Er poliert kurzzeitig die Klinge mit dem unteren und durchaus nassen Rand seines Hemds, obwohl sie auf mich einwandfrei aussieht. Wahrscheinlich ist dieser Logan ein Kämpfer, das würde jedenfalls die Waffe und die Narbe erklären.
Der Mützenträger wendet sich mir zu. „Und was ist mit dir, Miss?“
Mein Mund öffnet sich, um sich wortlos wieder zu schließen. Kein Laut entrinnt meiner Kehle. Was soll ich darauf auch bitteschön antworten? Ist alles in Ordnung bei mir? Ich bin eine Meerjungfrau in der One Piece-Welt. Ich bin kurz davor wie eine Glühbirne durchzubrennen. Selbst wenn ich bei Verstand bin, weiß ich nicht mal, wie ich hier gelandet bin, was los ist oder ob ich meine Familie jemals wiedersehen werde – und er fragt allen Ernstes, ob alles in Ordnung ist?
Kein Muskel zuckt in meinem Gesicht, es sieht genauso verwirrt aus wie zuvor. „Im Moment“, antworte ich mit bebender Stimme und deute ein Nicken an, welches sich auf halbem Weg jedoch verliert. Ich bewege meine Schwanzflosse, die auf eigentlicher Kniehöhe geknickt ist und rechts neben mir liegt. Sie fühlt sich zittrig und schwach an, was an der Anstrengung liegt. Außerdem ist sie weitaus schwerer, als es im Wasser der Fall gewesen ist. Andererseits kann ich im Augenblick nicht dorthin zurück, denn das Segel ist gespannt und trägt uns stetig fort von dem demolierten Marineschiff. Wenigstens hat meine Unterlippe aufgehört zu bluten, obwohl sie leicht angeschwollen ist und beständig pocht.
Der Blick des Mützenträgers liegt noch immer auf meiner Gestalt und er sieht aus, als ob er noch etwas sagen will, als ein erneutes Raunen durch die kleine Meute geht. Sie machen Platz für jemanden, dessen Schritte dumpf auf den Planken klingen.
„Warum hast du mich zurückgehalten, Arash?“ Wut schwimmt in der mir bekannten Stimme mit, die ich schon aus etlichen Animefolgen her kenne. Dabei kann ich nicht sagen, welcher Schock größer ist. Dass sie Ace gehört oder dass ich sie verstehen kann. Es ist seine japanische Stimme, denn wenn ich mal One Piece schaue, sehe ich mir nie den englischen oder deutschen Anime an. Da sind die Synchronsprecher einfach zu lächerlich.
Bedeutet das, dass ich nicht nur Flossen habe, sondern obendrein noch ein eingebautes Übersetzungsgerät? So eines, wie sie bei Star Trek immer bei sich tragen? Oder bin ich einfach eine Robotermeerjungfrau? Ich würde mich nach einem Übersetzungsgerät absuchen, denn der Gedanke ist mir um einiges lieber, aber mein Blick bleibt auf Portgas D. Ace gerichtet.
Seine Schultern sind angespannt und seine Hände zu Fäusten geballt, als er den Mützenträger anvisiert. Sein hellblaues T-Shirt, das ihm offen um die Schultern hängt, beißt sich fürchterlich mit seiner schwarzen Dreiviertelhose, dem orangenen Hut und den gleichfarbigen Accessoires. Er sieht genauso aus wie im Anime, nur lebensechter und irgendwie jung, vor allem jedoch völlig blind, was meine Präsenz angeht. Seine Augen gehören nur dem Mützenträger, den er Arash genannt hat. „Ich hätte sie fertiggemacht, aber stattdessen flüchten wir mit eingezogenem Schwanz!“
Arash betrachtet Ace mit derselben Ruhe, die er zuvor bereits ausgestrahlt hat. „Weil es unnötig gewesen wäre. Du hast ihr Schiff zerstört, Ace. Sie müssen jetzt ohnehin erst mal ihre Wunden lecken. Und wir auch. Unser Schiff hat auch ganz schön etwas abbekommen“, sagt er und dreht danach den Kopf in meine Richtung. „Außerdem haben wir einen Gast an Bord. Sie hat Logan gerettet.“
Ich kann die Worte „mehr oder weniger“ von einem der Jungs im Hintergrund vernehmen, sowie belustigtes Kichern. Doch das Seufzen bleibt mir auf halbem Weg in der Kehle stecken und erschwert mir das Atmen, als Ace sich zu mir umdreht.
Der Zorn ist verpufft und er starrt mich vermutlich genauso verwirrt an, wie ich ihn. Seine Augen wandern zu meinen Flossen hinunter und er studiert sie, als habe er noch nie eine Meerjungfrau gesehen. „Du hast Logan gerettet?“
Kurz huscht sein Blick zu seinem Mitstreiter herüber, der noch immer seinen Dolch poliert, als würde ihm das Salz im Wasser sonst die Klinge verätzen. Scheinbar ist er ein ganz Genauer, was mich wiederum an meinen Chef erinnert.
Ob er sich ärgern wird, wenn ich nicht zur Arbeit erscheine? Bestimmt, obwohl ich nicht sicher bin, ob die Zeit hier genauso schnell vergeht wie in der richtigen Welt. Oder wie lange ich hier bleiben muss oder ob ich überhaupt jemals einen Weg nach Hause finde – außer das spielt sich wirklich alles in meinem Kopf ab und ich bin in Wirklichkeit immer noch im Auto. Vielleicht habe ich gerade einen Nervenzusammenbruch, obwohl ich nicht sagen könnte, was für ein Ereignis in meinem Leben etwas derartig Katastrophales auslösen könnte. Ich habe gedacht, dass ich inzwischen ganz gut zurechtkomme.
Logan nickt auf Aces Frage hin mit grimmigem Gesicht, woraufhin die Feuerfaust sich höflich vor mir verbeugt und mich aus meinen Gedanken holt, die sich ohnehin nur im Kreis drehen.
„Vielen Dank, das war sehr nett von dir“, sagt Ace im ersten Tonfall.
„K-Kein Problem“, erwidere ich und bin froh, dass ich überhaupt ein Wort herausbekomme. „Ich war... gerade in der Nähe. Sozusagen.“
Ein Grinsen erstreckt sich auf Aces Gesicht. „Du bist die erste Meerjungfrau, der wir begegnen. Und dann bist du auch noch so freundlich. Wie heißt du?“
„Alex.“
„Ich bin Ace“, erwidert dieser und stemmt die Hände in die Hüften. „Ich bin der Captain der Spade-Piraten. Es ist nett dich kennen zu lernen.“ Sein Blick gleitet über sein beschädigtes Schiff, doch scheinbar gefällt ihm was er sieht und er bereut nichts. „Also ich finde, dass wir das feiern sollten! Logans Rettung und dein Auftauchen, meine ich. Zusammen mit unserem Sieg über die Marine.“
„Aber das Schiff, Ace...“, mahnt Arash, obwohl seine Stimme fast gänzlich von dem Grölen der Jungs verschluckt wird. „Es braucht eine Reparatur.“
Aber die Sakefässer rollen bereits und die Krüge werden hervorgeholt, während die schrägen Klänge einer Geige die Luft erfüllen und irgendjemand nach dem Smutje schreit. Mein Magen knurrt bei dem Gedanken an Essen, wobei die viel wichtigere Frage ist, wie Sake wohl schmeckt.
on board.
Mein Blick gilt dem Krug in meiner Hand und der hellen Flüssigkeit in seinem Inneren. Der Sake ist schon wieder fast alle. Und obwohl ich wirklich nicht behaupten kann, dass er besonders herausragend schmeckt, überrascht es mich nicht. Ich bin schon immer erstaunlich gut darin gewesen, Gläser und dergleichen zu leeren, ganz gleich des Inhalts. Es kommt einem instinktiven Drang gleich und ich bekomme es kaum noch mit. Hinzu kommt, dass beim ersten Mal eines von Aces Crewmitgliedern vorbeigekommen ist, um mir einen neuen Krug in die Hand zu drücken. Ob ich noch einen vertragen kann, bezweifele ich in aller Ernsthaftigkeit. Nicht, weil ich bereits vollauf betrunken bin, sondern weil ich mich fühle, als ob ich keinen einzigen Schluck mehr zu mir nehmen kann, ohne mich danach übergeben zu müssen.
Ein weiterer Blick gilt der Pfütze in meinem Krug und ich schüttele mich. Die Reaktion stammt nicht von dem süßlich-säurigen Geschmack, sondern allein von der Menge. Ich habe schon Schlimmeres getrunken, unter anderem die heißen Zitronen, wenn ich erkältet bin und die ich nur mit Hängen und Würgen herunterbekomme.
Trotzdem bedarf es einem stählernen Willen meinerseits, um den Krug auf die Planken neben mir zu stellen und zu ignorieren. Musik und schräger Gesang schallen über das Schiff und hinaus auf den stillen Ozean, der eigentlich für seine Unberechenbarkeit bekannt ist. Doch scheinbar sagt die Grandline dieser kleinen Feier zu.
Unerwarteterweise ist es Aces Gesellschaft, die mich gänzlich von meinem Getränk ablenkt. Gerade eben hat er noch mit seiner Mannschaft gefeiert und sich über das Essen hergemacht, welches die Köchin scheinbar aus den Ärmel geschüttelt hat, doch nun schlendert er auf mich zu. Mein Herz hämmert in meiner Brust, aufgrund der Wahrhaftigkeit seiner Person. Wie es möglich ist, dass er sich vor mich hinhocken und mich angrinsen kann, ist mir immer noch ein Rätsel, aber seine Anwesenheit schlichtet diesen Alptraum.
„Trocknet man als Meerjungfrau nach einer Weile eigentlich aus?“, erkundigt er sich – und gegen meinen Willen brennen meine Augenlider und meine Unterlippe bebt. Sind es Freudentränen oder einfach all die Anspannung, die ein Ventil sucht?
„Ich hab keine Ahnung“, erwidere ich und meine Stimme hört sich so zittrig an, wie meine überanstrengte Flosse sich noch immer anfühlt. Auch die Worte klingen nicht so klar, wie ich es gern gehabt hätte. Die allgemeine Wärme hat mein T-Shirt in kurzer Zeit bereits halbwegs getrocknet, aber als meine Finger den schuppigen Fischschwanz berühren, fühlt sich dieser noch immer feucht an. Was bedeutet das? Ob irgendjemand in der One Piece-Welt eine ausführliche Enzyklopädie geschrieben hat, in der jeder Aspekt des Meerjungfrauen-Daseins beschrieben wird? Ob sie es zufällig an Bord haben? Was würde ich nicht alles dafür geben, es in die Finger zu bekommen, um mir einen Sinn aus dem Ganzen zu machen.
Ace nimmt seinen Hut von seinem Kopf und fächelt mir ein wenig Luft ins Gesicht. „Du wirst ganz rot. Bald kommt dir Rauch aus den Ohren, wenn du so weiter machst.“ Sein Grinsen ist zu einem amüsierten Lächeln geschrumpft. „Falls du austrocknest, werfen wir dich einfach über Bord, keine Sorge.“
Bei ihm klingt es nicht einmal gemein, sondern furchtbar einfach und unproblematisch – und nun kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie kullern meine Wangen hinunter und ich kann mich gerade so beherrschen meine Arme nicht nach ihm auszustrecken und ihm um den Hals zu fallen. „Ich bin so froh, dich wirklich zu treffen. Ich hab dich schon auf Papier geliebt, aber jetzt... jetzt bist du echt“, kommt es ohne Vorbehalte über meine Lippen, denn mein Mundwerk kann ich nicht kontrollieren, wenn ich Alkohol intus habe. Der rationale Teil meines Kopf weiß ganz genau, dass das der Grund ist, wieso ich grundsätzlich nicht trinke. Mit Alkohol wird die Welt zu einem emotionalen, traurigen und tränenbeschmierten Ort, an dem ich mich nicht aufhalten möchte.
Doch Ace lässt nur ein kehliges Lachen verlauten. „Logan hat recht. Du bist eine komische Meerjungfrau.“
Ich nicke von ganz allein, denn er hat absolut recht. Ich bin eine komische Meerjungfrau, die keine Ahnung hat, was hier vor sich geht und was überhaupt passiert ist. All das liegt mir auf der Zunge, denn mein Vertrauen zu Ace ist unendlich. Dafür kenne ich ihn bereits zu lange, obwohl er mir zum ersten Mal begegnet. Ich weiß nicht, ob mir das einen Vorteil oder einen Nachteil verschafft.
„Ist das eine Privatparty oder was?“, unterbricht jedoch eine helle Stimme, bevor ich Ace mein Herz ausschütten kann. Sie gehört einer hochgewachsenen Frau, deren schwarzes Haar auf der einen Seite kurz rasiert ist und ihr auf der anderen über die Schulter wallt. Doch es sind die Tätowierungen, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ein Barcode befindet sich an ihrem Kinn und ein Paar Handschellen sind unter ihrem linken Auge eintätowiert. Ihre enge, dunkle Kleidung und ihr stechender Blick runden ihr Aussehen ab, wobei letzterer mir sagt, dass sie mir nicht wohlgesonnen ist.
Ace richtet sich auf und setzt sich seinen Hut wieder auf. „Ah, Miharu!“, sagt er, bevor er sich an mich wendet. „Darf ich vorstellen? Das ist Miharu, die beste Köchin, die es auf der gesamten Grandline gibt! Miharu, das ist Alex. Sie hat Logan gerettet und die Marine von uns abgelenkt.“
„Das hab ich schon gehört...“ Sie trägt zwei Krüge mit sich und reicht mir einen davon, weil es scheinbar als Willkommensgruß auf diesem Schiff gilt, den Passagier abzufüllen.
Ich wische mir mit dem Handrücken über die Wangen, bevor ich den neuen Krug mit dem halbleeren auf die Planken stelle, gerade außer Reichweite, um nicht in Versuchung zu kommen. Miharu hebt eine Augenbraue, doch kommentiert meine Geste nicht.
„Setzen wir sie am nächsten Hafen ab, Ace-kun?“, fragt sie ihren Captain stattdessen, als würde ich ihnen nicht zu Füßen sitzen. „Was willst du mit einer Meerjungfrau, wenn du mich hast?“ Ihre Mundwinkel heben sich zu einem verschmitzten Lächeln, wobei sie mir keinen Blick mehr würdigt.
Ich wünschte, ich wäre bereits über dreißig Jahre alt, denn dann würden sich meine Flossen wenigstens in Beine teilen und ich könnte an Bord herumlaufen. Dann müsste ich wenigstens nicht zu jedem aufschauen, der nicht das Erbarmen hat, sich wie Ace zuvor hinzuknien.
Viel wichtiger jedoch... Ace-kun? Was zum Teufel? Von einer Köchin bei den Spade-Piraten, die Ace so vertraut anspricht, habe ich noch nie gelesen. Andererseits ist auch nicht viel über seine Mannschaft bekannt.
Ace zuckt mit den Schultern. „Ich weiß noch nicht“, sagt er, ehe er davon wandert, als hätte ihn irgendwas abgelenkt. Er steuert die singende Meute an, die auf der Reling sitzt und trinkt.
Miharu und ich sehen ihm nach, bevor die Köchin zu mir umdreht. „Dir ist schon klar, dass wir Piraten sind, oder? Und dass Piraten nicht nett sind. Ich hab gehört, dass Meerjungfrauen in den richtigen Kreisen einen hohen Preis einbringen. Als Trophäen.“
Ihr Grinsen wird breiter, während mein Gesicht wahrscheinlich bleicher und bleicher wird. Genau das habe ich befürchtet. Im Moment bin ich eine Meerjungfrau und als Meerjungfrau muss ich auch wie eine denken, anstatt mich unbefangen an Menschen zu wenden, von denen ich die meisten nicht kenne. Ace kann ich vertrauen, aber den anderen? Miharu? Irgendetwas sagt mir, dass ich sie lieber auf meiner Seite haben möchte.
„Ich persönlich würde zwar nie so weit gehen und Menschenhandel betreiben, aber... es gibt sicher einige. Vielleicht sogar an Bord, wer weiß“, sagt sie, legt jedoch die Stirn in Falten. „Gilt der Handel von Meerjungfrauen überhaupt als Menschenhandel? Vielleicht ist das eines dieser Schlupflöcher in den Gesetzen der—“, mutmaßt sie, wird jedoch von einer Hand auf der Schulter mitten im Satz unterbrochen.
„Hör auf ihr Angst zu machen. Das ist keine große Kunst“, sagt Logan, der mit einem Sakeschälchen in der Hand zu uns hinübergetorkelt ist. Mit einer wegwerfenden Geste zeigt er auf die andere Seite des Schiffs, die von dem Mast verborgen ist. „Dort drüben beginnt gleich ein Wetttrinken.“
Miharu schürzt die Lippen, doch scheinbar hat sie etwas gehört, was ihr gefällt. „Wir sprechen uns später noch, Schätzchen.“ Mit diesen Worten spaziert sie davon.
Logan sackt Sekunden später neben mir gegen die Reling und nur die zwei gesammelten Krüge trennen uns voneinander. Sein Blick ist müde, als er einen Schluck aus seinem Schälchen nimmt und gemütlich die Beine ausstreckt. „Sie will dich nur einschüchtern. Ace gehört ihr. Denkt sie jedenfalls, weswegen eine Meerjungfrau sofort zu ihrer Konkurrenz wird. Ganz egal, dass ihre Schönheit nicht den Legenden entspricht.“
Mein Mund klappt auf, aber kein Ton entkommt meiner Kehle. Seine Worte sind wie ein Schlag ins Gesicht. Sie wischen auch die letzte Traurigkeit fort und hinterlassen nur die Gewissheit, dass das hier doch ein Alptraum sein muss. Ansonsten müsste ich mich nicht von diesem Piraten zwischen den Zeilen beleidigen lassen.
„Aber mit dem Wetttrinken ist sie eine Weile beschäftigt“, fährt Logan unbeirrt fort, bevor ich etwas zu meiner Verteidigung erwidern kann. Zum Beispiel, dass ich durchaus finde, dass ich gut aussehe. „Es gibt niemanden an Bord, der trinkfester als Miharu ist. Generell hab ich noch nie jemand getroffen, der mehr Alkohol zu sich nehmen kann. Das gibt uns genug Zeit, um uns zu unterhalten.“
Ich werde hellhörig. „Unterhalten worüber?“ Wenn sich jemand mit mir unter vier Augen unterhalten möchte, kann ich stets davon ausgehen, dass es keinen guten oder gar netten Hintergrund hat. Augenblicklich schlagen die Alarmglocken in meinem Kopf wieder und mein Herz rast. Vielleicht ist das aber auch der Sake, der mich einfach nur paranoid macht. Im Moment fühle ich mich jedoch sehr nüchtern und auch meine Worte formen sich wieder etwas einfacher. Das kann aber genauso gut Einbildung sein. Ich bin gut darin, mir Dinge so lange einzureden, bis ich sie selbst glaube.
„Weiß nicht“, erwidert Logan, dreht jedoch den Kopf in meine Richtung. Er betrachtet mich mit ausdruckslosem Gesicht, was ihn mit der Narbe auf seine Wange bedrohlich und emotionslos wirken lässt. „Vielleicht darüber, dass nicht all die Geschichten, die ich über Meerjungfrauen gehört habe, falsch sein können, du jedoch keiner einzigen davon entsprichst. Oder dass du dich seltsam ausdrückst.“
Hinter meiner Stirn rattert es, als Logan mir Zeit zum Nachdenken gibt. Was habe ich gesagt? Was war seltsam? Doch meine Erinnerung, was Dialoge betrifft, ist furchtbar verschwommen. Habe ich etwas zu ihm gesagt oder zu jemand anderem, was er aufgeschnappt hat?
Der Schweiß bildet sich bei der anstrengenden Denkarbeit auf meiner Stirn. Aber womöglich ist das auch Logans Blick. Er blinzelt nicht einmal. Ist er ein Roboter? Kein Mensch kann jemanden so lange anstarren ohne wenigstens ein einziges Mal zu blinzeln!
„Du kannst dich nicht erinnern.“ Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung.
Ich antworte Logan mit einem Seufzen. Das ist alles zu viel für meine Nerven. Ace hat wahrscheinlich recht. Irgendwann steigt Rauch aus meinen Ohren auf und mein Kopf explodiert. Wenigstens muss ich mir dann keine Gedanken mehr darum machen, was mit mir passiert ist und wie ich es rückgängig machen kann.
Logan leert sein Schälchen, um sich anschließend ohne Einladung ein bisschen Sake aus dem von Miharu mitgebrachten Krug einzugießen. „Einmal sagst du, dass du nur manchmal schwimmen kannst. Und dann sprichst du über Meerjungfrauen, als gehörst du nicht zu ihnen. Das ist schon ein bisschen merkwürdig, würdest du nicht auch sagen?“ Sein Ton bleibt neutral, doch ich kann das Misstrauen hören, das unter der Oberfläche lauert. Er vertraut mir nicht, was mich fast zum Lachen bringt. Logan tut fast so, als wäre ich diejenige hier, die mit Waffen am Gürtel herumläuft, Narben hat und besonders gefährlich und einschüchternd aussieht. Andererseits kann ich es ihm nicht verübeln. Sie kennen mich nicht und ich benehme mich äußerst seltsam. An ihrer Stelle wäre ich ebenfalls misstrauisch. Doch was soll ich antworten? Was soll ich ihm sagen? Die Wahrheit oder soll ich mir schnell eine Erklärung über meine schwindende Geisteskraft aus dem Ärmel schütteln?
„Du würdest mich für verrückt halten“, antworte ich ihm schlicht und einfach und bin felsenfest der Meinung, dass ich mit dieser Ansicht kaum ehrlicher sein kann.
Doch Logan zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. „Vielleicht tu ich das bereits.“
Ich merke, er gehört zu dieser Sorte Mensch, die mir verbal stets einen Schritt voraus ist und bei dem ich immer den Kürzeren ziehen werde. „So kriegt man Leute zum Reden...“, murmele ich. „Indem man sie beleidigt.“
„Würde ich dich unbedingt zum Reden bringen wollen, hätte ich von vornherein andere Mittel benutzt“, erwidert Logan. „Ich wollte einfach nur sehen, wie du darauf reagierst, wenn dir jemand deine auffällige Art unter die Nase reibt. Jedenfalls wurde dir das Talent der Geheimnistuerei nicht mit in die Wiege gelegt.“
Dazu kann ich nicht mehr viel sagen, denn er hat absolut recht. Ich bin verflucht ehrlich und auffällig, so dass es mich oft genug in Schwierigkeiten bringt.
Ich stoße ein Seufzen aus. „Ich bin keine Meerjungfrau, okay!?“, blaffe ich anschließend. „Von einem Moment auf den anderen bin ich unter Wasser aufgewacht und hatte eine Schwanzflosse. Ich habe keine Ahnung, wie ich hier gelandet bin oder was genau passiert ist.“
„Amnesie also...“, mutmaßt Logan, als sei er eigentlich der Schiffsarzt dieses Kahns und gießt sich mehr von dem Sake aus dem Krug in sein Schälchen. „Vielleicht hast du den Anker eines vorbeifahrenden Bootes auf den Kopf gekriegt.“
Als ich ihn gerade darüber aufklären will, dass man nicht einfach so einen Anker auf den Kopf kriegen und weiterschwimmen kann, streckt er bereits die Hand aus. Er streicht mein rotes Haar beiseite und beäugt mich mit grimmiger Genauigkeit. „Ich seh nichts. Vielleicht hat es auch einen anderen Hintergrund“, sagt er und mir klappt der Mund auf. Die einzige Verletzung – wenn man das denn so nenne kann – ist meine Zunge, die sich immer noch wund anfühlt, weil ich sie mir dank ihm fast abgebissen hätte!
Stimmengewirr lenkt mich ab, bevor auch nur einer meiner Gedanken den Weg aus meinem Mund findet. Ace ist zurück, wird mir bewusst, und er ist nicht allein. Meine Augenbrauen ziehen sich irritiert zusammen, als er mit einigen seiner Männer eine... Badewanne über das Deck schleppt. Die ist doch nicht etwa...?
„Hier, damit du nicht austrocknest!“, sagt Ace, als sie vor mir mitten an Deck steht und sich die Sonne auf dem weißen Porzellan bricht.
„Ich hoffe, jemand kümmert sich um die kaputte Wasserleitung“, wirft Arash ein, der hinter ihnen herschlendert. Auch der Mützenträger, der als Aces Vize-Captain fungiert, trägt ein Sake-Schälchen mit sich herum, wirkt im Gegensatz zu vielen anderen aber komplett nüchtern. Niemand hört ihm zu, ganz besonders nicht Ace – und ich habe das Bild von einem überschwemmenden Badezimmer vor den Augen, in dem Ace die Badewanne mal kurz aus der Wand gerissen hat. Nun gut, sollten wir untergehen, werde ich es zumindest überleben, sollte ich meine Flosse zum Schwimmen überreden können.
„Holt die Eimer. Wir brauchen Wasser“, ruft Ace glucksend aus und eine Schlange wird von der Reling zur Badewanne gebildet. Ein mutiger oder vielleicht einfach verrückter kleiner Kerl bindet ein Seil um seine Hüften und um die Reling, bevor er sich abseilt, um Wasser schöpfen zu können.
Ich kann mir ein prustendes Lachen nicht verkneifen, was mir abermals Tränchen in die Augenwinkel treibt. Oh mein Gott, ich kann nicht glauben, wo ich hier gelandet bin! Alle sind so furchtbar durchgedreht, wie man es nur in der One Piece-Welt sein kann.
Ich kann Logans Blick auf meiner Haut fühlen, aber selbst der misstrauische und grimmige Kämpfer kann mir im Moment keine Bedenken mehr bereiten. Nicht, wenn die Jungs den kleinen Mann mit Ächzen und Würgen über die Reling ziehen und Wasser über den Rand des Eimers in seinen Armen schwappt. Er wird weitergegeben, bevor der Inhalt in die Badewanne gegossen wird.
Ich robbe zur Badewanne hinüber, um mich an ihr hochzuziehen. Der eine Eimer kann nicht einmal annähernd den Boden bedecken. Das wird also noch eine Weile dauern, was jedoch nichts an der Motivation der Mannschaft ändert, die fleißig weiterarbeitet. Dabei könnten sie es viel einfacher haben, in dem sie Wasser aus dem Hahn nehmen oder aus der kaputten Leitung im Badezimmer.
„Das ist der erste Schritt zur Gefangenschaft“, murmelt Miharu neben mir, die einfach aus dem Nichts auftaucht. Vielleicht hat sie sich auch angeschlichen, um mir einen Schrecken einzujagen. Wäre das nicht Aces Idee gewesen, wäre ihr das auch gelungen.
„Wenn du mich erst einmal kennen lernst, wirst du mich mögen“, sage ich zusammenhangslos und setze mein freundlichstes Lächeln auf, von dem ich hoffe, dass es sie blendet und einlullt. Doch Miharus Gesicht verzieht sich nur, bevor sie schnaubt und davon marschiert, noch unbeeindruckter von mir als Logan schon. Dabei habe ich angenommen, dass es da kaum noch eine Steigerung gibt.
„Ein Sturm zieht auf“, verkündet Arash und erhebt zum ersten Mal die Stimme, um über den Tumult an Deck hörbar zu sein.
Erst jetzt bemerke ich, dass die Sonne von einer rasch anrückenden Wolkendecke verdeckt worden ist, grau und unheilvoll. Vielleicht ist es aber auch der aufgefrischte Wind oder die einfache Tatsache, dass wir uns hier auf der Grandline befinden, was so beunruhigend ist. Wir befinden uns auf einem Meer, das von eine Minute auf die andere von strahlendem Sonnenschein zu heftigen Schneefällen wechseln kann. Mir läuft ein Schauer den Rücken hinab. Schnee hat mir gerade noch gefehlt.
Verwunderte Blicke wandern zum Himmel hinauf, bis ein Schrei über das Schiff gellt. Er ist mindestens genauso ominös, wie die Sturmwolken. Meine Finger verkrampfen sich um den Rand der Badewanne, als meine Augen in die angedeutete Richtung des kleinen Mannes wandern, der soeben wieder über die Reling geklettert war.
In der Ferne, gerade auszumachen, befindet sich ein Windtunnel auf dem Wasser. Heftige Regentropfen sind seine Vorboten, die beginnen uns in die Gesichter zu schlagen. Der Wind zerrt an den Segeln, obwohl sie eingerollt sind und der Mast über uns ächzt.
Habe ich mich gerade noch über Schnee beschwert? Ich liebe Schnee. Gib mir Schnee! Alles, nur keinen Tornado!
„Er steuert direkt auf uns zu!“, ruft jemand.
„Lasst uns die Segel ausklappen und abhauen!“, brüllt Miharu und ihre schwarzen Haare schwingen im Wind wie Peitschen.
Arash schüttelt den Kopf, während er mit einer Hand seine Mütze hält und mit der anderen das Sakeschälchen. Schon bald wird er beide Hände brauchen, um sich irgendwo festzuhalten, damit er nicht in die Luft abhebt. Schon bald werden wir alle etwas zum Festhalten brauchen...
„Wenn wir das tun, werden sie reißen und wir gehen nirgendwo mehr hin“, sagt er.
Logan kämpft sich neben mir auf die Beine, als möchte er dem Tornado im Zweikampf strotzen, während ich mich weiter an die Badewanne klammere. Am liebsten möchte ich in sie hineinkrauchen, aber irgendetwas sagt mir, dass mich das auch nicht retten wird.
„Hört mal, er kommt immer näher“, bringe ich mit bebender Stimme hervor und sehe mich nach Ace um. Aber er steht nicht mehr neben uns, sondern hat sich auf die andere Seite des Schiffs begeben und klettert soeben auf die Reling.
„Was hat er vor?“, frage ich und zupfe an Arashs Hemdärmel.
Der Vize richtet seinen Blick auf seinen Captain und jegliche Farbe weicht nach und nach aus seinem gebräunten Gesicht, bis er bleich wie Papier ist. „Er wird doch nicht etwa...!“, presst Arash hervor.
„Oh doch, wird er“, sagt Logan und mir schwand Übles.
Ace holt aus und seine Faust verwandelt sich in Feuer. Den Bruchteil einer Sekunde später fliegt ein Feuerball auf den Tornado zu, dem auch der stärker werdende Regen nichts anhaben kann. Der Feuerball kollidiert mit dem Windtunnel, der Wasser und Dreck herumschleudert, und geht in Flammen auf. Einen Moment ist er ein dunkler Strudel, der uns verschlingen will, im nächsten ist er ein Feuertornado, der sengende Hitze ausstrahlt. Kein Regen fällt mehr. Jeder Tropfen verdunstet, bevor er auf uns niederprasseln kann.
Ich schwitze binnen weniger Momente und ich kann nicht sagen, ob es wegen der Hitze oder der Angst ist, bei lebendigen Leibe zu verbrennen.
a tornado and a train station.
Bestand zuvor schon Gefahr, dass ich als Meerjungfrau austrocknen könnte, dann scheint es nun unausweichlich zu sein. Die zuvor noch feuchte Meerluft ist trocken und brennt. Sie brennt auf der Haut, wie der Tornado es vor uns auf dem Ozean tut.
„Dieser Mistkerl versucht uns mal wieder alle umzubringen, ich sag’s euch“, raunt Logan, der einen Schritt in Aces Richtung setzt, als will er ihn höchstpersönlich von der Brüstung zerren.
„Warte!“, rufe ich aus. Offenbar vernebelt diese Hitze und die Tatsache, dass wir dem Tod praktisch an die Tür klopfen, mein Gehirn. Wieso mische ich mich sonst ein? Sie kennen Ace doch viel länger, vor allem aber besser, als ich. Aber es ist gerade dieser Gedanke, der an mir nagt. Ist das überhaupt wahr?
Ich habe sämtliche Aufmerksamkeit auf mir ruhen. Mein Gesicht fühlt sich gleich noch verschwitzter an und ich muss schlucken, um bei dem Kloß in meinem Hals überhaupt einen Ton herauszubekommen. „Kannst du mich mitnehmen? Also zu Ace rüber?“
„Und warum sollte ich das tun?“, fragt Logan und hebt eine Augenbraue. Sein Gesicht ist verzogen und die Narbe auf seiner Wange verzerrt.
„Weil—“ Doch bevor ich meine ellenlange, wenn schon nicht wasserdichte, Erklärung beginnen kann, fährt Arash mir über den Mund.
„Wir haben keine Zeit für Diskussionen. Falls ihr es nicht bemerkt habt, steuert ein Feuertornado auf uns zu.“ Trotz dieser Worte schafft es der Vize einen relativ ruhigen Eindruck zu machen. Zumindest nimmt er sich die Zeit, um das Sakeschälchen in seiner Hand in einem Zug auszutrinken.
Skeptische Blicke folgen, bis jemand ein „Wir könnten die Meerjungfrau als Zugpferd benutzen, um zu fliehen!“ einwirft.
Ich schnappe empört nach Luft, doch Logan seufzt ergeben und kommt mit schweren Schritten auf mich zu. Seine Schuhsohle verfehlt meine Schwanzflosse nur um einen Zentimeter, aber ich bin felsenfest der Meinung, dass das pure Absicht ist. Bevor ich mich beschweren kann, packt er bereits meinen Arm und legt ihn sich über die Schultern. Im nächsten Moment liegen seine bereits an meinem Rücken und der Beuge meiner Schwimmflosse und er trägt mich über das Deck zu Ace hinüber.
Die Feuerfaust steht noch immer auf der Reling, was bei der Windstille kaum ungefährlicher sein kann. Anders als uns steht Ace der Schweiß nicht auf der Stirn. Aber sein Blick ist finster und stur auf den Tornado gerichtet, dessen Feuer beinahe zu grell ist, um ihn direkt ansehen zu können. Trotzdem ist es einfach zu erkennen, dass er in seiner Größe angeschwollen ist. Nicht, weil der Tornado tatsächlich wächst, sondern weil er uns bereits nähergekommen ist.
„Ace!“, rufe ich aus, als ich sehe, dass seine Hände zu Fäusten geballt sind. Seine Knöchel stehen scharf hervor und er sieht aus, als will er sich dem Tornado entgegen schmeißen und ihn zum direkten Zweikampf auffordern. Nach seiner ersten Aktion, den Tornado in einen Feuertunnel zu verwandeln, traue ich Ace inzwischen so gut wie alles zu.
Auf die Erwähnung seines Namens wirft er jedoch einen Blick über seine Schulter. Sein Gesichtsausdruck ist gehetzt, aber wenigstens weiß ich nun, dass er zuhört. Das ist mehr, als man unter diesen Umständen erwarten kann.
„Ace“, wiederhole ich und ignoriere Logan, der mich festhält und grimmig den Tornado im Auge behält. Die Zeit rieselt mir wie Sand durch die Finger, wenn es nicht bereits zu spät ist, um unserem Untergang zu entkommen. „Hör mir zu! Ich weiß, was du denkst. Ich weiß, dass du denkst, dass du es mit diesem dummen Tornado aufnehmen kannst, aber… aber…“ Ich suche nach den richtigen Worten und schlucke, denn hierfür gibt es keine richtigen Worte. Ich stecke in der One Piece-Welt fest und ein riesiger Feuertornado steuert auf Schiff zu, auf dem ich mich mit Ace befinde. „Du denkst vielleicht, dass es dich zum Feigling macht, wenn du jetzt fliehst, aber das stimmt nicht. Ein Captain zu sein bedeutet nicht immer jedem Kampf zu trotzen und als Gewinner hervorzugehen. Manchmal bedeutet es den Kampf abzubrechen und die Flucht zu ergreifen. Ganz besonders, wenn man eine Mannschaft hat, die auf einen angewiesen ist. Ace, du hast rein gar nichts zu beweisen! Das hier ist kein Feind, es ist eine Naturgewalt. Gegen die kommt niemand an!“ Meine Stimme zittert und ist kratzig, ist kurz davor zu versagen. Irgendwie schaffe ich es jedoch das, was mir auf der Zunge liegt, auszusprechen, laut genug, um über das Zischen und das Knistern des Feuersturms hörbar zu sein.
Ace steht immer noch mit dem Rücken zu uns, still und wie eingefroren.
„Die Kleine hat recht“, presst Logan hervor, als würde es ihm physische Schmerzen zufügen mir zuzustimmen.
Ace stößt ein Schnaufen aus. „Ich weiß.“ Leben kehrt wieder in seinen Körper ein. Er wendet sich mit entschlossenem Ausdruck vom Tornado ab, springt von der Reling hinunter und joggt zum Heck des Schiffs.
„Was hat er vor?“, frage ich, als Logan und ich ihm nachsehen.
Dieser zuckt mit mir in den Armen mit den Schultern. „Das weiß man bei ihm nie so genau…“
Als hätte uns Ace gehört, brüllt er ein „Haltet euch irgendwo fest!“ über das Schiff. Sogleich liegen Proteste in der Luft, doch von diesen lässt sich Ace nicht aufhalten. Der Befehl wird dennoch ausgeführt und die Piraten klammern sich an die Reling oder binden sich mit einem Seil an den Mast.
„Vielleicht sollten wir auch…“, murmele ich, doch da hat Ace bereits das Heck erreicht.
Abermals holt er mit seiner Faust aus und lässt sie entflammen. Sein Feuer ist genauso grell, wie das des Tornados, dessen Helligkeit selbst durch geschlossene Augenlider dringt. Ace richtet den Feuerstrahl schrägt über das Wasser und ein Ruck geht durch das Schiff, welches Logan und mich auf die Planken fallen lässt. Schmerz zuckt durch meinen Körper, als das Schiff sich in Bewegung setzt. Einen Moment bewegen wir uns langsam vorwärts, im nächsten gewinnen wir mehr und mehr an Geschwindigkeit. Wir rutschen über das Deck, bis unsere Rücken gegen die Reling knallen, auf der Ace bis eben noch gestanden hat. Die Luft wird mir aus den Lungen gepresst und Logan entfährt ein Fluchen.
Ich zwinge meine Augen auf und bemerke, dass sich das Schiff gedreht hat. Der Tornado befindet sich hinter uns, hinter dem Heck und Ace, der uns mit seiner Teufelskraft antreibt. Irgendjemand muss das Steuer erreicht haben. Arash vermutlich. Ich kann es mir bei keinem anderen an Bord vorstellen.
„Achtung!“, ruft Logan aus und reißt mich somit aus meinen unsinnigen Gedanken. Die Badewanne, die vor wenigen Minuten noch als meine Rettung dienen sollte, rutscht auf ihrem Porzellanboden über das Deck direkt auf uns zu.
Logan schmeißt sich aus dem Weg. Ich tue es ihm gleich. Schwerfällig rolle ich mich zur Seite, wodurch mich die Badewanne verfehlt. Sie kracht gegen die Reling, lässt sie splittern, schafft es jedoch nicht sie komplett zu durchbrechen, wodurch die Badewanne zum Stillstand kommt. Hoffentlich dreht niemand das Schiff, bete ich im Stillen. Das Letzte, was ich nun gebrauchen kann, ist dass die Badewanne nach links rutscht und mir abermals nachjagt. Das ist nämlich das Gefühl, das ich langsam bekomme. Vielleicht ist es Paranoia, aber komme ich mir vor, als würde ich mich in einer extra abgedrehten Version von Final Destination befinden. Erst ertrinke ich fast, dann will mir die Marine an den Leib, nun der Feuertornado und die Badewanne, die mich zwischen sich und der Reling zerquetschen will. Das ist nicht normal! So viele Unglücke können einem normalen Menschen – oder auch einer stinknormalen Meerjungfrau – nicht an einem Tag passieren. Das ist statistisch einfach unwahrscheinlich.
„Das war knapp“, stößt Logan aus, der sich trotz der rasanten Fahrt aufgerappelt hat und die Badewanne umrundet. Er steht direkt hinter ihr, als das Schiff abrupt zum Stillstand kommt. Die Badewanne wird in die Richtung zurückgeschleudert, aus der sie gekommen ist. Logan schmeißt sich zur Seite, doch da hat ihn dieses Monster bereits am Bein erwischt. Sein Schrei hallt über das Schiff, als er ein weiteres Mal hart auf die Planken fällt. Er dreht sich auf den Rücken und hält sich zischend und fluchend das Schienbein, als er sich von einer Seite zur anderen wälzt. Das muss schmerzen… Mir tut schon alles weh, als ich ihm dabei zuschaue.
Mein Blick wendet sich von ganz allein ab und wandert zu den anderen Piraten hinüber, die sich an der Reling auf der gegenüberliegenden Seite versammeln. Dem heiteren Geschnatter entnehme ich, dass wir den Feuertornado geschickt entkommen sind. Das sagt mir auch das Wetter. Die drückende Hitze weicht und eine Brise weht mir stattdessen um die Nase, die uns nun anstatt von Aces Teufelskraft stetig durch das blaue Nass treibt, das im Moment furchtbar verlockend war. Sprach da die Meerjungfrau aus mir oder einfach die Liebe für den Ozean?
Meine Frage bleibt unbeantwortet, da sich meine Aufmerksamkeit stattdessen dem Schatten zuwendet, der über das Deck auf mich zu kraucht. Ich brauche nicht aufzusehen, um zu wissen, wer sein Besitzer ist. Ich erkenne den Schatten allein an dem Cowboyhut und der Statur und sogleich ergreift wieder eine ganz andere Art der Nervosität von mir Besitz.
Ace bleibt vor Logan stehen, der mit zusammengekniffenen Augen und schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Deck liegt. Sein Atem geht stoßweise und Ace hebt eine Augenbraue, bevor er Logan mit der Fußsohle gegen den Ellenbogen stupst. „Alles okay bei dir?“
Logan öffnet ein Auge, um seinem Captain tränenverschmiert, aber nicht weniger finster anschauen zu können. „Wie würde es dir gehen, wenn dir eine beschissene Badewanne gegen das Schienbein rammt, huh!?“
Ace zieht seinen Hut, der an seinem Bändchen in seinem Nacken hängt, wieder auf den Kopf und sieht sich um. „Wo ist eigentlich die Badewanne hin? Wir müssen sie doch noch zu Ende füllen.“
Als sein Blick in meine Richtung wandert, als wollte er sichergehen, dass ich mich noch an Bord befinde, deute ich auf die andere Seite des Schiffs. Auf halben Weg zur anderen Reling hat ihr der Antrieb gefehlt und sie ist zum endgültigen Stillstand gekommen. Gut, nicht dass wirklich noch jemand verletzt wird. Das möchte ich nur ungern auf meinem Gewissen haben.
Ace folgt meiner Handgeste, ehe er verstehend nickt und Logan umrundet, um auf mich zuzukommen. „Danke, Alex“, murmelt Ace und ich spüre Hitze in mein Gesicht kriechen. Portgas D. Ace bedankt sich bei mir! Doch von der innerlichen Aufregung bemerkt er nichts, dazu ist er zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit den Worten, die ihm offenbar auf der Zunge liegen. Ich kann sein Zögern sehen, ebenso wie die Verlegenheit, die sich mit der vorigen Ernsthaftigkeit vermischt hat. „Du hattest recht. Manchmal…“ Er zögert erneut und sein Blick, der meinen meidet, wandert über meinen Kopf hinweg auf das Meer hinaus, das genauso unberechenbar sein kann, wie ein wütender Ace es ist. „Manchmal geht es mit mir durch und dann habe ich das Gefühl, dass ich etwas verlieren würde, wenn ich jetzt weglaufe und...“ Er stoppt, schüttelt den Kopf und lächelt über sich selbst. „Ich weiß nicht einmal, was ich hier überhaupt labere.“ Ein raues, viel zu künstliches Lachen folgt und es tut mir in der Seele weh es zu hören, denn ich weiß, was es bedeutet. Ace hat mich freundlich auf seinem Schiff aufgenommen und bemüht sich, es mir so angenehm wie möglich zu machen, aber ich bin nicht Teil seiner Mannschaft, nicht seine Vertraute, obwohl er mir doch vertrauen kann. Ich kenne alle seine Geheimnisse, kenne ihn besser als jeder andere auf diesem Schiff, aber all das ändert nichts daran, dass er mich nun mal nicht kennt.
„Schon gut“, erwidere ich, als ich nach einigen Sekunden meine Stimme wiederfinde. „Ich kenn das. Manchmal redet man einfach drauf los und weiß selbst nicht, warum oder auf was man eigentlich hinausmöchte.“ Ein gezwungenes Lächeln zeigt sich auf meinen Lippen und ich winke ab.
Ace nickt, dankbar, bevor er davon marschiert, hinüber zu seiner Crew, die sich an Deck gesammelt hat und etwas Wichtiges zu diskutieren scheint.
„Was ist das?“, schnappe ich auf, als ich die Ohren spitze.
„Eine Insel?“
„Nein, irgendwas anderes. Und was ist das im Wasser?“
„Sind das Schienen? Eisenbahnschienen?“
Eisenbahnschienen? Hinter meiner Stirn beginnt es zu rattern. Sagt mir das etwas? Sollte es mir etwas sagen? Ich habe den Eindruck, dass es mir bekannt vorkommt.
„Wir folgen den Eisenbahnschienen zu dieser merkwürdigen Insel“, ruft Ace aus und ein Jubeln bricht aus. Kaum dass wir dem Feuertornado entkommen sind, scheint jeder ihn vergessen zu haben und bereit für ein neues Abenteuer zu sein.
„Falls ihr keine Augen im Kopf habt“, unterbricht Arash, der genauso fein und ordentlich gekleidet ist wie vor unserer rasanten Fahrt. „Das Schiff hat ganz schönen Schaden von sich getragen. Wir haben Lecks in den unteren Gängen und im Badezimmer, weil jemand der Meinung war, dass es eine gute Idee ist, die Badewanne aus der Wand zu reißen. Nicht zu vergessen, dass die Marine uns ganz schön zugerichtet hat.“
Wie macht der Kerl das bloß, dass er immer so gut aussieht? Das ist die einzige Frage, die mir durch den Kopf geht, als ich zu ihnen hinüberstarre. Sobald eine Brise weht, wenn überhaupt, sind meine Haare bereits durcheinander und ich bin auf der panischen Suche nach einem Haarbürste.
„Wir brauchen einen Schiffszimmermann, damit wir das Schiff nicht verlieren, Ace!“
„Okay, okay… vielleicht wohnt ja jemand auf diesem Insel-Ding, den wir nach dem Weg fragen können“, sagt dieser und Arash marschiert mit einem zustimmenden Laut zum Steuer hinüber. Die restlichen Männer verweilen an der Reling und beobachten die Eisenbahnschienen, die sie entdeckt haben. Unter Wasser? Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor…
„Kannst du mich rübertragen?“, frage ich und wedele mit der Hand in die Richtung der anderen, nachdem ich umständlich zu Logan hinübergerobbt bin. Glücklicherweise bleibe ich von Splittern in meinen Meerjungfrauenflossen verschont.
Logan liegt noch immer auf dem Deck, die Beine inzwischen von sich gestreckt und die Arme vor der Brust verschränkt. Er dreht den Kopf im meine Richtung, um mich zu mustern. „Seit wann bin ich dein Kindermädchen?“
Ich lege den Kopf schief, als ich darüber nachdenke. Das ist eine berechtigte Frage, das muss ich ihm lassen. Im Grunde ist er mir nichts schuldig, denn er hat mich gerettet und mich an Bord gebracht. Er hat mich zu Ace gebracht. Außerdem ist er ein ziemlicher Mistkerl, der mich mit jedem zweiten Wort beleidigt oder so tut, als sei jede Nettigkeit die schlimmste Qual für ihn – und trotzdem fühle ich mich von allen Mitgliedern an Bord bisher am meisten mit ihm verbunden. Nur Ace bildet die Ausnahme, aber dieser ist im Moment unerreichbar für mich.
Ein Zucken meiner Schultern folgt, denn ich habe keine Antwort. Was soll ich dazu sagen? Wenn ich ihm sage, dass es mir etwas bedeutet, dass er bisher am besten über mich Bescheid weiß und mich nicht komplett vor den Kopf gestoßen hat, würde er mich vermutlich auslachen. Daher sage ich gar nichts und sehe ihn nur abwartend ab.
Logan hält meinen Blick, bevor er theatralisch mit den Augen rollt. Anschließend setzt er sich auf, reibt sich sein Schienbein und kommt ächzend auf die Beine. „Dafür hab ich etwas gut bei dir, Meerjungfrau“, sagt er und hebt mich hoch, um mich zu den anderen hinüber zu tragen. Er schiebt sich zwischen den Versammelten hindurch, damit ich einen Blick auf das inselartige Etwas habe, das am Horizont als dunkler Fleck aufgetaucht ist. Zudem kann ich die Schienen sehen, von denen gesprochen wurde. Sie sehen tatsächlich aus wie Eisenbahnschienen, nur dass sie sich wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche befinden. Sie ziehen sich zu der Insel hinüber, die selbst aus der Ferne viel zu klein ist um wirklich eine zu sein, und zeitgleich in die entgegengesetzte Richtung.
Doch all das spielt keine Rolle, denn der Anblick ist wie ein Gedankenblitz und auf einmal weiß ich ganz genau, wo wir sind und auf was wir zusteuern. Mein Herz pocht in meinem Brustkorb, als meine Gedanken sich überschlagen. Das hier sind Eisenbahnschienen, aber nicht irgendwelche Eisenbahnschienen. Wir müssen uns in der Nähe von Water Seven, der Stadt des Wassers befinden. Und das wiederum bedeutet, dass das da vorn die Shift Station ist. Und die Shift Station wird von Kokoro geleitet. Kokoro, die eine (wenn auch eine sehr alte und nicht mehr sonderlich ansehbare) Meerjungfrau ist. Sie kann alle meine Fragen beantworten und mir über das Meerjungfrauendasein erzählen! Vielleicht kann sie mir auch sagen, wie ich meine Beine zurückbekomme und in meine Welt zurückkehren kann - obwohl das vermutlich Hoffnung zu viel ist.
„Dein Mund steht offen. Das lässt dich nicht gerade schlauer aussehen, als du es ohnehin schon tust“, kommentiert Logan unbeeindruckt. Da ich mich noch immer in seinen Armen befinde, sind wir auf Augenhöhe, was der Kämpfer schamlos ausnutzt, um mich mit einem spöttischen Blick zu strafen.
„Das da vorn ist die Shift Station, eine Bahnstation des Seezugs“, informiere ich ihn spitz, denn ab jetzt werde ich mich nicht mehr von Logan provozieren lassen. „Water Seven, die Insel mit den talentiertesten Schiffszimmermännern überhaupt, ist also auch ganz in der Nähe. Wenn jemand in der Lage ist euer Schiff zu retten, dann sind sie es. Vielleicht.“
„Vielleicht? Was soll das nun wieder bedeuten?“, beschwert sich Logan und ich winke ab.
„N-Nichts. Überhaupt nichts.“ Nur, dass ich mich gerade daran erinnere, dass ich mich zeitlich vor dem Enis Lobby Arc befinden muss, wenn Ace noch immer Captain der Spade-Piraten ist. Das bedeutet wiederum, dass CP9 noch immer die Schiffswerkstatt auf Water Seven unterwandert hat. Bedeutet das Ärger? Eigentlich nicht. Die Regierung weiß immerhin nicht, dass Ace Gol D. Rogers Sohn ist. Bisher weiß niemand davon. Niemand außer Ace und mir, was Ace wiederum nicht weiß. Also besteht kein Grund zur Sorge.
Logan setzt mich ab und ich ziehe mich an der Reling hoch, um darüber hinwegspähen zu können. Die Shift Station kommt stetig näher, während wir den Schienen unter der Wasseroberfläche folgen.
„Was ist das da vorn auf den Schienen?“, ruft Ace aus, der sich abermals auf die Reling begeben hat, um seinerseits besser sehen zu können. Angst davor, aus Versehen ins Wasser zu fallen, obwohl er mit seiner Teufelskraft nicht schwimmen kann, hat er keine. Ace hat vor nichts Angst, höchstens vor der Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz. Ich kenne das Gefühl, was ein weiterer Grund ist, warum er mir als fiktiver Charakter so sehr ans Herz gewachsen ist, warum er ein Teil meines Herzens geworden ist.
„Ein Frosch“, erwidere ich mit zusammengezogenen Augenbrauen. Langsam kehren die Erinnerungen an diese Stelle des Mangas zu mir zurück, obwohl es Jahre zurückliegt, dass ich sie gelesen habe. Damals habe ich noch Geld ausgegeben, um mir Mangas zu holen. Zuhause stehen sie immer noch in meinem Regal – und ein Hauch von Sehnsucht erfasst mich bei diesem Gedanken. „Sein Name ist Sumoringer.“ Davon, dass er auf den Seezug wartet, verrate ich nichts. Ich glaube nicht, dass man diesen verrückten Kampffrosch aufhalten kann, die Narben sprechen bereits für sich.
„Witziges Tier…“, ist alles, was Ace sagt. Ein schiefes Lächeln liegt auf seinen Lippen und er winkt dem riesigen Frosch mit einer ausschweifenden Armbewegung zu, als wir an ihm vorbeisegeln. Er folgt uns mit den Augen und legt den Kopf schief, kurzzeitig von seinem Motiv dem Seezug strotzen zu wollen abgelenkt. Er wird überleben und irgendwann werden die Strohhut-Piraten vorbeikommen und dann wird alles anders. Das ist eine Gewissheit, an der ich festhalte.
„Warum hast du feuchte Augen, huh?“, fragt Logan und ich werfe ihm einen irritierten Blick zu. Er steht neben mir und mustert mich ungefragt von der Seite. Auf diesem Schiff – mit diesem Mann an Bord – hat man scheinbar keinerlei Privatsphäre, unerhört!
„Das ist der Fahrtwind. Ich hab empfindliche Augen“, antworte ich ihm und er schnauft spöttisch.
„Oma, Oma, Piraten!“, ruft eine helle Kinderstimme aus. Sie gehört einem kleinen Mädchen, das nicht älter als sechs oder sieben Jahre alt sein kann. Ihr Haar ist grün und zu zwei Zöpfen gebunden und ihr Lächeln ist furchtbar freundlich und einnehmend. Ihr Ausruf lockt ihre Großmutter an, eine rundliche Frau mit ebenso grünem Haar, das ihr lockig den Rücken hinunterwallt. Sie torkelt mit einer Sakeflasche in der Hand aus dem kleinen Schaffnerhaus, das auf der Plattform, die den eigentlichen Bahnhof darstellt, steht. Hinter ihr springt ein Hase her, der ein „Miau“ ausstößt.
„Kokoro und Chimney und sogar Gonbe…“, murmele ich mehr zu mir als zu ihnen, doch die alte Frau schnappt meine Worte auf.
„Kennen wir uns?“, gluckst die alte Frau und beäugt mich mit munterem Interesse. Ihr trüber Blick bleibt an meinen Flossen hängen, die sie durch die Stäbe der Reling erkennen kann. Trotz ihrer schwarz-weißen Farbe scheinen sie doch auffällig zu sein. „Kommst du gerade von der Fischmenscheninsel?“
Abermals an diesem Tag gilt mir jegliche Aufmerksamkeit und ich stocke. Soll ich sie anlügen oder ihr die Wahrheit erzählen? Ich komme mir ein wenig dumm dabei vor, vom Schiff aus meine ganze Geschichte zu ihr hinüber zu brüllen.
„Lasst uns den Anker auswerfen“, verkündet Ace heiter, ehe zwei Männer zogen sogleich los, um seinen Befehl auszuführen. Im nächsten Augenblick wird bereits eine Holzplanke über die Reling gehievt, welche das Schiff mit der Bahnstation verbindet.
Logan hebt mich ungefragt hoch und wir gesellen uns zu Kokoro, ihrer Enkelin und dem niedlichen Hasen mit den Katzengeräuschen.
„Wir sollten Räder an die Badewanne anbringen“, sagt Ace.
Logan schnauft. „Und vielleicht ein Steuer auch noch, was?“
Doch die Feuerfaust überhört den Spott in der Stimme seines Mitstreiters und tippt sich stattdessen nachdenklich mit dem Finger gegen das Kinn. „Das ist gar keine schlechte Idee. Damit bist du dann wirklich mobil. An Land mit der Badewanne und im Wasser mit deinen Flossen. Oder was meinst du, Alex?“
Sein Grinsen ist so breit und strahlend, dass mir jegliche Bedenken im Hals stecken bleiben. Ich schnappe nach Luft wie ein Fisch an Land, was eine unheimlich akkurate Metapher für meine momentane Situation ist. „J-Ja…“, bringe ich mühselig und viel zu atemlos hervor, als Logan mich auf den Planken der kleinen Bahnstation absetzt.
Das Holz ist trotz des Sonnenscheins kühl unter mir. Generell kommt es mir ein bisschen so vor, als sei der Feuertornado nur meiner Fantasie entsprungen, denn nichts erinnert hier mehr an seine Existenz. Alles ist friedlich und die Stimmung der Crew ist festlich angehaucht. Viel wichtiger jedoch: Ich sitze nur einen knappen Meter von einer alten Meerjungfrau entfernt, die vielleicht ihre Schönheit und ihre Manieren eingebüßt hat, aber wenigstens das Wissen besitzt, das ich nun brauche.
„Kokoro…“, beginne ich, bevor mein Blick misstrauisch umherwandert. Doch die kleine Chimney hat die Jungs bereits mit ihrem freudigen Lachen in den Bann gezogen. Einen der Männer führt sie an der Hand, um ihm das Bahnhofshäuschen zu zeigen, andere folgen und witzeln miteinander herum. Wieder andere haben sich um Gonbe versammelt, um dem Hasen noch ein paar mehr katzenähnliche Laute zu entlocken. Ihr Lachen schallt umher, als sie dem Tier hinter den Ohren streichen und das Köpfchen tätscheln. Ace steht ein paar Meter von uns entfernt und beobachtet sie dabei, während Logan mit verschränkten Armen neben seinem Captain steht. Sie haben uns den Rücken zugekehrt und ich rutsche etwas näher zu Kokoro hinüber, als ich den Mut fasse, um mich ihr anzuvertrauen.
„Ich weiß nicht besonders viel über das Meerjungfrauendasein“, gestehe ich und Kokoro mustert mich mit amüsiertem Blick. Sie glaubt mir kein Wort. „Als ich aufgewacht bin, hatte ich auf einmal diese Flossen. Gibt es einen Weg, um sie wieder loszuwerden? Sie sind furchtbar unpraktisch.“
Die alte Frau bricht in schallendes Gelächter aus und verschluckt sich halb an dem Sake, den sie trotzdem dabei zu trinken versucht. „Sieht man es mir immer noch an, dass ich eine Meerjungfrau bin? Schönheit ist ein Fluch, ich sag’s dir, Mädchen!“
Ace und Logan drehen sich zu uns um, das Gesicht des Kämpfers verzogen, als sie Kokoro von Kopf bis Fuß mustern, als könnten sie ihren Ohren nicht trauen. Ich kenne das Gefühl. Mir erging es ganz ähnlich, als ich damals das Manga gelesen habe und Kokoro sich als alte und recht rundliche Meerjungfrau entpuppt hat. Ich kann mich noch an die Gesichter von Zoro, Sanji und Nami erinnern, als Kokoro sie vor dem Ertrinken gerettet hat.
Ein Schmunzeln schafft es auf meine Lippen, aber Logan sieht weniger erfreut über die Tatsache aus, dass ich nicht die einzige Meerjungfrau auf diesem Bahnhof bin. Sicherlich sinkt seine Meinung dem Fischmenschenvolk betreffend immer tiefer und tiefer…
„Du bist auch eine Meerjungfrau?“, erkundigt sich Ace aber nur begeistert. Er schlendert näher zu uns hinüber. „Das ist ja ein richtiges Treffen hier. Und ich dachte immer, dass man Fischmenschen nur selten zu Gesicht bekommt. Alex ist die erste Meerjungfrau, der ich bisher begegnet bin. Jetzt sind es schon zwei.“
Kokoro nickt bestätigend, bevor ihre Augen wieder auf mir liegen. „Mit den Flossen wirst du dich noch eine Weile begnügen müssen. Die teilen sich erst in Beine, wenn du dein dreißigstes Lebensjahr erreichst.“
„Gibt es hier denn keine Schweberinge? Oder irgendetwas, was die Fortbewegung erleichtert? Irgendwas?“ Ich kann das Flehen aus meiner eigenen Stimme heraushören – und es ist mir völlig egal. Sollen sie alle meine Verzweiflung sehen und hören und fühlen, denn ich hab ein ziemlich beschissenes Los gezogen und keine Lust mehr, mich von Logan herumtragen zu lassen. Gut, genau genommen bevorzuge ich das immer noch dem umständlichen Herumkrauchen und den möglichen Holzsplittern, die ich mir dabei zuziehen könnte.
„Die funktionieren nur auf dem Sabaody Archipelago und auf Fishman Island“, plappert Kokoro lapidar und zuckt mit den Schultern, als gebe es Schlimmeres. Für sie vielleicht, aber nicht für mich. Die Hoffnung verlässt mich. Wahrscheinlich brauche ich sie gar nicht erst danach fragen, ob es einen Weg gibt, die Flossen gänzlich loszuwerden. Diese Frau hat kein Mitgefühl und nimmt mich auch nicht ernst.
Meine Hände ballen sich zu Fäusten, doch da taucht Ace direkt neben mir auf. Er sieht zu mir hinunter und tätschelt meine Schulter. „Keine Sorge. Das mit der Badewanne auf Rädern wird funktionierten. Du wirst die coolste Meerjungfrau sein, die es gibt.“
Ich schenke ihm ein Lächeln und nicke, bevor mir etwas einfällt. „Kokoro, kann ich unter Wasser atmen?“
Die alte Frau blinzelt mich über den Kopf ihrer Flasche an. „Warum solltest du unter Wasser nicht atmen können? Wie bist du überhaupt all den Weg von Fishman Island hierher gekommen, wenn du das nicht mal weißt?“ Sie gluckst belustigt. Natürlich hat sie recht, denn die Insel der Fischmenschen befindet sich weit unter dem Ozean. Meerjungfrauen müssen unter Wasser atmen können, anders können sie dort nicht leben. Und warum habe ich überhaupt gefragt? Ich fasse mir an die Stirn. Manchmal bin ich einfach unglaublich dumm. Wieso habe ich mich nicht früher an den East Blue Arc erinnert? An Arlong und seine Mitstreiter. Es hat sogar einen Kampf zwischen Sanji und einem der Fischmenschen im Schwimmbecken des Arlong Parks gegeben – und da hat der Fischmensch unter Wasser sogar geredet!
„I-Ich meine nur… ich habe nicht mal Kiemen“, murmele ich, aber Kokoro antwortet mir mit einem röchelnden Lachen.
„Die zeigen sich, wenn du unter Wasser atmest“, antwortet sie. „Dazu musst du es ausprobieren.“
Ich komme mir dumm vor und senke den Blick auf meine Hände, die im Schoß gebettet sind. Meine Fingerkuppen berühren die Fischschuppen meiner Schwanzflosse. Sie sehen hübsch aus, fühlen sich jedoch rau an. Vielleicht liegt es an dem fehlenden Wasser, aber mir wird bewusst, dass Flossen nicht so sanft und zart sind, wie sie auf den ersten Blick aussehen. Ich bin als Meerjungfrau nicht so zerbrechlich, wie man annehmen mag.
Schritte ertönen auf den Planken und Arash kommt auf uns zu. Er kommt direkt vom Schiff und hat wenigstens das Sakeschälchen abgestellt. Er hat es gegen ein Notizbuch ausgetauscht, in das er beim Laufen schreibt. Seine Mütze hält ihm die Sonne aus den Augen und sein feines Hemd wirkt in dieser Piratenmannschaft fürchterlich fehl am Platz. „Also…“, verkündet er. „Wir haben vier Lecks. Und wir mussten die Wasserpumpe im Bad abschalten, da wo die Badewanne nun fehlt.“ Er schenkt Ace einen vielsagenden Blick, der unschuldig grinsend mit den Schultern zuckt. „Zudem ist das hintere Segel kaputt, die Reling hat etwas abbekommen und auch der hintere Mast hat bereits bessere Zeiten erlebt. Meine Diagnose ist, dass wir dringend eine Reparatur brauchen.“
„So schlimm?“, fragt Ace und sieht zu seinem Schiff hinüber, das vor dem Bahnhof vor Anker liegt. Auch ich kann auf den ersten Blick erkennen, dass es im Kampf gegen die Marine einiges hat einstecken dürfen.
„Du weißt, dass ich über solche Dinge keine Scherze machen würde“, antwortet Arash und ein bedrücktes Schweigen folgt.
„Dann seid ihr hier an der richtigen Stelle“, sagt Kokoro, die ihre Sakeflasche inzwischen geleert hat. Ihre Wangen sind gerötet und ihre Augen wirken noch glasiger als zuvor schon. „Ihr befindet euch auf direktem Kurs nach Water Seven. Da gibt es die besten Schiffszimmermänner.“
„Stimmt, davon hattest du was gesagt“, wirft Logan ein und mustert mich mit offener Skepsis. Der Kämpfer ist schlau genug, um sich zu wundern, woher ich das alles weiß, obwohl ich als Meerjungfrau so ein Versager bin. Wenn es nach Logan geht, leide ich schließlich immer noch an einer Amnesie, die durch einen Anker auf meinem Kopf hervorgerufen wurde. Was für ein Unsinn… Selbst Logan kann nicht allzu lange an diese Geschichte glauben. Irgendwann wird er mich wieder auszufragen versuchen oder mich sogar bei Ace schlecht machen. Zutrauen tu ich es ihm jedenfalls, dabei ist Ace alles, was ich in dieser Welt habe und ich will ihn nicht verlieren, wenn ich schon nicht mehr in meine Welt zurückkehren kann. Im Moment wirkt es jedenfalls hoffnungslos und ich muss mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren.
„Ich kann euch eine Wegbeschreibung geben, damit ihr sicher in Water Seven ankommt.“ Kokoro torkelt davon und zu dem kleinen Häuschen hinüber.
„Water Seven, die Stadt des Wassers“, erklärt Arash, als wir ihr nachsehen. „Ich habe schon über sie gelesen. Sie soll sehr groß sein, eine Art riesiger Springbrunnen und mit verschiedenen Docks.“
„Das ist doch klasse!“, ruft Ace aus und stemmt die Hände in die Hüften. „Klingt, als ob wir da nicht nur eine vernünftige Schiffsreparatur kriegen, sondern auch eine Menge Spaß haben werden.“
„Ich hoffe, wir freuen uns da nicht zu früh…“, entweicht es mir ungewollt und Logan schielt aus den Augenwinkeln zu mir hinüber.
„Was soll das bedeuten?“
„Dass wir nicht zum Vergnügen nach Water Seven segeln, sondern nur um unser Schiff zu retten“, erwidert Arash, so dass mir eine Antwort erspart bleibt.
„Ich frage mich, ob Miharu das Mittagessen schon angefangen hat“, sagt Ace und ein Magenknurren meinerseits folgt. Nach der Feier, dem Sake und dem Feuertornado habe auch ich inzwischen einen Kohldampf.
Kokoro kehrt wenige Minuten mit einem zerknitterten Blatt Papier zurück, welches sie Ace überreicht. Unter seinem Ellenbogen hinweg kann ich das Gekritzel sehen, das Kokoro eine Wegbeschreibung nennt. Ace dreht es hin und her, bevor Arash es ihm aus den Händen nimmt. „Danke, Miss“, sagt er und Kokoro lacht.
„Oh, ein Gentleman. Zu schade, dass du ein paar Jahrzehnte zu jung für mich bist.“
Sein Gesicht errötet, bevor Arash sich räuspert. „Wir… Wir sollten jetzt los. Ace?“
„Richtig. Zeit zum Aufbrechen und um Water Seven unsicher zu machen! Logan, sag den anderen Bescheid“, verkündet Ace und wendet sich mir mit einem Grinsen zu. „Dann wollen wir mal.“ Mit diesen Worten hebt er mich in seine Arme und trägt mich an Bord, gefolgt von Arash, während Logan augenrollend die anderen Crewmitglieder zusammentrommelt. „Haben wir noch Zeit zum Mittagessen, bevor wir Water Seven erreichen?“, räumt Ace noch ein.
Arash stößt ein Seufzen aus. „Ich hab den Eindruck, dass es keine Rolle spielt, wie meine Antwort darauf ausfällt.“
Und in der Ferne versinkt die Sonne langsam hinter dem Horizont und färbt den Himmel und das Meer in orangerote Töne, die als einziges an den Feuertornado erinnern, der uns nach dem Leben getrachtet hat. Doch von all dem bekomme ich reichlich wenig mit, denn mein Arm liegt um Aces Nacken und seine schwarzen Haare kitzeln meine Schulter.
