♪ Von Tänzen ...
Mein Blick schweifte über die Tanzfläche. Betrachtete die Leiber, die sich im Takt der Musik bewegten. Sie wiegten sich hin und her, oder schüttelten sich zu den Beats, die laut und schrill aus den Boxen drangen. Typisch, für junge Leute. Und ebenso typisch war es, scharfe, alkoholische Getränke zu konsumieren, damit die Hemmschwelle fiel. Von den Drogen, die man auf den Toiletten vertickte, begann ich lieber gar nicht erst zu erzählen. Eigentlich hatte auch ich vorgehabt, mal alle Fünfe gerade sein zu lassen, mich bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen und lallend und schwankend die Heimreise anzutreten, und doch hielt mich etwas zurück.
Wieder besah ich mir die Jugendlichen, die beinahe noch Kinder waren. Doch ab und zu blitzten Gestalten vor meinen Augen auf, die nicht im Mindesten an Teenager erinnerten. Männer, jenseits der Zwanzig, nicht einmal in der Mitte dieser. Ob sie Väter waren? Oder vielleicht sogar schon Großväter? Ich vermochte es nicht sagen, jedoch stieg ein Gefühl des Ekels in mir auf, wenn ich sah, wie jene Herren nach den jungen Körpern lächzten und die Jagd allmählich Aufwind bekam.
Wie ein Wolf auf dem Sprunge beobachtete ich das Mädchen, mit dem ich hergekommen war. Auch sie ließ sich von den Klängen mitreißen, riss die Arme empor oder grölte aus vollem Herzen, was ihre Kehle hergab. Mir gefiel es, dass sie so ausgelassen und für wenige Augenblicke einmal alles um sich herum zu vergessen schien. Ich mochte es, wenn ihr die Hitze in die Wangen schoss, sie sich nicht um den Umstand ihrer Frisur, die nach dem vielen Tanzen bereits in ihrem Nacken klebte, scherte und sich beinahe völlig vergaß und in einen ekstatischen Zustand brachte.
Und obschon sich auch meine Füße im Rhythmus bewegten, würde ich mich an dem Glas in meinen Händen festhalten und ihr jene Momente gönnen.
♪ Von kleinen Triumphen
Wir mochten und achteten einander. Ich würde sie beschützen, bis an das Ende der Welt für sie gehen, und zu meinem Bedauern war sie sich jener Tatsache bewusst. Ob ich es zuließ, dass sie mich ausnutzte? Nun, vielleicht. Doch dem Herzen mochte man keine Ketten anlegen, oder?
Nachdem die letzten Takte verklangen, und ein neues Stück begann, verzog sie ihr hübsches, vom Schweiß nun leicht glänzendes, Gesicht und schüttelte verneinend den Kopf. Ihr Gegenüber, ein Kerl, der mir ganz und gar nicht zusagte, wollte nach ihr greifen, doch sie hob abwehrend die Hände um zu signalisieren, dass ihr Interesse, zumindest an diesem Titel, verloschen war.
Sie kam auf mich zu. Bereitwillig hielt ich ihr das Glas mit sprudelnder, immens gesüßter und koffeinhaltiger Limonade hin.
„Da ist ja gar nichts drin“, rief sie mir zu und lachte. Kratzig, rauchig und ich wusste, dass ich morgenfrüh vielleicht nur ein kehliges Röcheln zu hören bekam. Als Antwort schüttelte ich den Kopf. Ich verstand sehr wohl, dass sie auf den Alkoholgenuss anspielte, den ich mir strikt verbot. Nur in den seltensten Fällen war mir danach, mir, wie es umgangssprachlich hieß, die Kante zu geben und meinen Gehirnzellen einen Abschiedsbrief zuschreiben. Und obwohl ich auf jenes Vergnügen verzichtete, fand dies bei ihr jedoch Zuspruch.
„Du musst mich nachher wieder mitnehmen“, entkam es ihren Lippen, die im bunten Licht der Scheinwerfer dennoch zu glänzen schienen. Ich nickte und vermochte trotz allem nicht zu sagen, was ich mir von diesem Abend erhofft hatte.
„Willst du nicht doch tanzen?“, fragte sie und rückte näher zu mir auf. Ich roch den leichten Schweiß auf ihrer Haut, das leichte, sommerliche Parfum, das sie benutze und den süßen Atem, der mir bei ihren Worten entgegenschlug.
„Also“, hob sie an, „wenn das nächste Lied gespielt wird, kommst du mit!“
Abrupt schien mein Herz sein Tun zu versagen, denn sie griff nach meiner Hand, lauschte konzentriert den Tönen, nickte, und zerrte mich in Richtung Tanzfläche. Kurz hielt ich sie zurück, bedeutete ihr, jenes Gefäß, das mir zurückgegeben hatte, auf den Tresen hinter mir zu stellen, und ließ mich von ihr zwischen die wiegenden Massen ziehen. Abermals schüttelte ich den Kopf, wich Ellenbogen aus, oder Händen, die vor meinem Gesicht herumgewedelt wurden.
Endlich schienen wir einen geeigneten Ort gefunden zu haben, auch wenn ich nicht selten Rücken oder Oberkörper in meinem Kreuz spürte. Noch immer hielt sie meine Hand fest, entließ sich mit einer Drehung von mir und begann von Neuem, sich zu verlieren. Trotz Widerwillens folgte ich ihrem Beispiel und kam nicht umhin, Gefallen daran zu finden. Auch das darauf folgende Lied war mir bekannt, sodass ich grölend und lachend in die Stimme des Interpreten einfiel. Und obwohl auch ich mich an der Ausgelassenheit versuchte, behielt ich das Mädchen vor mir immer im Auge. Dass ich es zuließ, sie allein den gierenden Seelen zu überlassen, erschien mir plötzlich wie ein großer und gewaltiger Fehler. Die Blicke der Männer um uns herum hätten hungriger nicht sein können. Sie jedoch schien es nicht zu bemerken.
♪ und noch größeren Tugenden.
Mit Argusaugen betrachtete ich die Meute, als sie sich für einen letzten Tanz von mir löste und ich ihr gebot, dass sie mich abermals an der Bar antreffen würde, da ich mir dort erhoffte, meinen Durst zu löschen. Nach fünf Liedern und schweißtreibender Tätigkeit, hielt ich es für angebracht, mich dem Spektakel zu entziehen. So amüsant es auch gewesen war, mit der Erschöpfung hatte ich kaum mehr gerechnet. Dennoch überfiel sie mich wie ein Tier und ganz plötzlich waren mir die Lichter zu hell, die Musik zu laut und bei dem Gemurmel um mich herum drohte mein Schädel beinahe zu bersten.
Ein Zupfen am Ärmel meines Hemds ließ mich zusammenfahren. Da stand sie. Ihr Interesse schien jedoch noch immer den Leuten zu gelten, die sich verbogen, wild umher hüpften und schief und schrill den Sängern Konkurrenz zu machen versuchten. Als ihr Blick den meinen fand, hoben sich ihre Mundwinkel zu einem Grinsen an, ehe sie mit den Fingerspitzen unter ihre Augen fuhr, um so die Schwärze ihres verlaufenen Kajals nur noch mehr zu verwischen.
„Oh je“, rief sie gegen den Sturm an Bass- und E-Gitarre an, „ich sehe bestimmt aus, wie eine Eule.“ Doch ihr Lachen strafte ihre Kritik Lüge. Ich schüttelte den Kopf. Auch wenn sie mir ohne Make-up besser gefiel, hatte sie am Abend darauf bestanden. Wortlos kramte ich in den Taschen meiner Jeans nach einem Tuch und reichte es ihr, während sie mir begreiflich machte, in wenigen Augenblicken wieder an meiner Seite zu sein. Ich sah sie in Richtung Toiletten davon eilen. Nach zwei Musikstücken stand sie wieder vor mir. Abermals schob ich ihr ein Glas Cola zu.
„Danke“, entkam es ihr, bevor sie sich die letzten Reste des Getränks mit dem Handrücken von den Lippen wischte. Wieder wandte sie sich von mir ab und betrachtete die Menge, die sich allmählich lichtete.
„Wollen wir gehen?“, ihre Worte hatte ich beinahe nicht vernommen, erst, als sie sich zu mir herumdrehte und ihre Frage wiederholte. Ich prüfte den Ausdruck auf ihrem Gesicht, denn davon schien der weitere Verlauf der Nacht abzuhängen. Würde sie darauf bestehen, hier zu bleiben, so bliebe auch mir wohl nichts anderes übrig. Doch ihre Lider drohten bereits schwerer zu werden und auch hatte ich bemerkt, wie sie ein Gähnen zu unterdrücken versuchte. Ich wusste nicht, wie lange ich schwieg, denn auch sie wirkte nicht mehr sonderlich angetan von dem ganzen Trubel.
„Wollen wir gehen?“, nun war ich es, der diese Frage in den Raum stellte. Ein kurzes, aber um so aussagekräftigeres Nicken folgte.
Entschlossen schob ich sie hinter mich und bahnte uns den Weg in Richtung Garderobe, um unsere Jacken zu erbitten. Sobald wie den Club verließen, schlug uns die Kälte der Nacht ins Gesicht. Mit zitterigen Fingern näselte sie an dem Reißverschluss ihres Parkers herum, ehe das vertraute Ratschen erklang, und ich bedauernd feststellte, ihr nicht mehr behilflich zu sein.
„Kalt“, murmelte sie und hauchte in ihre Hände. Wortlos stimmte ich ihr zu. Doch was wäre der Winter ohne Kälte, Schnee und Eis?
Fast schweigend traten wir den Heimweg an. Beinahe wäre sie auf dem Matsch, der sich schmatzend an die Sohlen unserer Schuhe schmiegte, ausgerutscht, sodass sie hastig nach meinem Arm gegriffen hatte, um nicht gänzlich den Halt zu verlieren und womöglich eine unsanfte Landung zu riskieren. Auch ich geriet ein wenig ins Schlingern, bot ihr jedoch genug Stabilität.
„Danke“, entkam es ihr atemlos und erschrocken, ehe sie sich wieder fing. Ihre Hände jedoch verharrten, bis wir Daheim waren, haltsuchend an meinem Arm.
Als wir in ihre Straße einbogen, überschwemmte mich eine Welle der Angst, des Verlustes. Trennungen fielen mir nie sonderlich leicht, auch wenn wir uns in wenigen Stunden schon wiedersahen.
Einen Dank in meine Richtung murmelnd, vermied sie es jedoch, mir in die Augen zu sehen. Die Heiterkeit des Abends war einem Gefühl der Unbehaglichkeit gewichen.
„Immer wieder gern“, sagte ich und versuchte zu lächeln. Als sie einen Schritt auf mich zu trat und ihre Arme um meine Mitte schlang, keuchte ich überrascht auf. Schweigend klammerte sie sich an mich. Doch als sie mir zum Abschied ihre Lippen darbot, haderte ich mit mir, diese Chance zu ergreifen. Vielleicht war ich ein Narr, dennoch ich würde die Situation nicht ausnutzen.
