Der Umzug
„So, das war die letzte Kiste! Ich schau gleich noch einmal nach, ob ich nicht noch was vergessen habe und gebe dem Vermieter den Schlüssel, dann können wir los“, meinte Greg, während er die Tür des Transporters schloss, den er gemietet hatte. Er strich sich den Schweiß von der Stirn und atmete kurz durch. John hatte ihm geholfen die Kisten aus seiner Wohnung zu schleppen, die er schon seit Tagen immer wieder befüllt hatte. Er zupfte an seinem verschwitzten Sweater und nahm das erleichterte Stöhnen von Sherlock wahr, der gegen die Fahrertür des weißen Transporters gelehnt stand und sein Handy jetzt in seine Manteltasche schob.
„Du hättest uns auch helfen können, dann wären wir schneller gewesen!“, kommentierte John das Verhalten seines Freundes.
„Ich helfe euch doch, ich fahre den Transporter für meinen zukünftigen Schwager, das muss reichen!“, bestimmte der Detektiv widerwillig.
John rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf.
„Schon gut, ging ja auch so recht schnell.“
„Ich verstehe ohnehin nicht, warum du so viele Dinge mitnimmst. Mycroft ist komplett eingerichtet.“ Sherlock schloss zu ihnen auf und blickte Greg an.
„Mag sein, aber ich bin ein eigenständiger Mensch und ich habe nun mal Dinge die mir gehören und die ich mitnehmen möchte.“ Ein Grinsen stahl sich auf Gregs Gesicht. „Außerdem, gibt es da etwas, mit dem Mycroft nicht dienen kann und was nur ich besitze.“
„Was sollte das sein?“ Sherlock blickte ihn ungläubig an.
„Meine Uniform!“ Greg drehte sich um, ließ die beiden zurück und ging nach oben in die Wohnung, die er bereits möbliert angemietet hatte. Er hatte nach seiner Scheidung nicht wirklich viel mitgenommen, außer seiner Kleidung, einigen Erinnerungsstücken und ein paar DVDs und was ihm sonst noch so gehört hatte.
Als er oben ankam, sah er noch einmal alle Schränke durch, ging noch einmal ins Bad und Schlafzimmer. Es war alles leer. Gut, dann konnte er endlich los und Greg freute sich bereits die heutige Nacht bei Mycroft zu verbringen. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er zum Sofa blickte und daran dachte, wie sie sich dort das erste Mal geküsst hatten. Er hatte mittlerweile viele schöne Erinnerungen, die er mit Mycroft teilte und er hoffte, dass diesen noch viele weitere Folgen würden.
Sein Vermieter, der im gleichen Haus wohnte, klopfte leise an seine Tür. Greg drehte sich zu ihm und klärte noch die letzten offenen Fragen, dann übergab er ihm seine Hausschlüssel und verließ das Mietshaus.
„So, los geht’s!“, meinte Greg und lächelte glücklich. Sherlock rollte die Augen und sie stiegen vorne ein.
„Warum hat mein Bruder eigentlich keinen seiner Lakaien geschickt, damit er dir hilft?“
„Weil ich das nicht wollte. Zugegeben, es erforderte einiges an Überzeugungsarbeit, aber letztendlich hab ich ihn überredet.“ Der DI schmunzelte. Jetzt wusste er auch, wie John Sherlock oft zu Dingen bekam, wenn dieser mal wieder nicht wollte wie er.
Sherlock lenkte den Transporter geschickt durch die Straßen Londons, bis zum Haus seines Bruders. Dort parkte er ihn direkt vor dessen Haustüre und sprang auch schon kurz darauf aus dem Wagen.
„Ich hoffe er ist nicht da“, grummelte Sherlock missmutig.
„Da muss ich dich enttäuschen, Bruderherz.“ Mycroft blickte zu Sherlock und der stöhnte genervt.
„Mir bleibt auch nichts erspart! Warum hast du dann deinem Verlobten nicht beim Umzug geholfen?“
„Die Sicherheit der britischen Bevölkerung war leider wichtiger.“
„Wenn du es sagst ...“ Sherlock ging an seinem Bruder vorbei in dessen Haus und verschwand direkt zielstrebig im Esszimmer. Dort ließ er sich auf einem der Stühle nieder und zog sein Handy aus der Tasche.
Mycroft blickte ihm resigniert nach und schüttelte den Kopf, doch dann blickte er zu Greg und sein Lächeln wurde sanfter. Greg nahm gerade eine Kiste aus dem Transporter. Er trug einen grauen Sweater, der schon einige Jahre auf dem Buckel hatte und eine zerschlissene Jeans. Er sah gut aus und er schien glücklich zu wirken.
„Hey Hun. Alles klar?“, wollte Greg leise wissen und küsste Mycroft. Er hatte ihn heute noch gar nicht gesehen und stellte wieder mal fest, wie sehr er ihn vermisst hatte.
„Jetzt ja“, antwortete Mycroft und machte seinem Verlobten Platz. „Wie viele Dinge hast du mitgebracht?“
„Hauptsächlich Anziehsachen und noch ein bisschen Kleinkram.“
„Gut, die Kleidung kannst du ins Schlafzimmer bringen und die anderen Dinge … nun wir werden sicher einen Platz finden. Edward kann euch helfen“, bestimmte Mycroft.
„Moment, was meinst du mit wir werden sicher einen Platz finden?“ Greg war stehen geblieben.
„Ich dachte an den Dachboden oder den Keller.“
Greg schob seine Augenbrauen nach oben, spitzte dann die Lippen sah Mycroft eindringlich an.
„Das heißt, du willst meine Sachen nicht irgendwo im Haus sehen, sondern verbannst sie lieber auf den Dachboden?“
„Nun, wie dir aufgefallen sein müsste, bin ich bereits komplett eingerichtet und ...“
„Nein, schmink dir das gerade mal wieder ab. Ich lasse mich noch darauf ein, dass einiges auf den Dachboden kann, aber meine DVDs, CDs, Papiere und ein paar Bilder und so … die kommen nicht dahin.“
„Aber ...“
„Dann werde ich meine Uniform auch auf den Dachboden verbannen!“, drohte Greg ernst und Mycroft schluckte. Er presste die Lippen zusammen und erwiderte den Blick aus den braunen Augen seines Partners.
„Nun gut, du hast gewonnen. Ich werde wohl mit einigen Dingen leben müssen.“
„Wenn du die Uniform wieder an mir sehen willst, ja!“
„Unbedingt! Inspector ...“ Mycroft lächelte jetzt wieder.
„Bist du krank?!“, kam es dann fragend von Sherlock, der von der kurzen Diskussion angelockt worden war.
„Nein Sherlock, in einer Partnerschaft muss man eben auch mal Kompromisse eingehen. Ich denke, John pflichtet mir da bei“, erwiderte Mycroft.
„Das tut er definitiv und wenn du jetzt nicht deinen Hintern bewegst und uns beim Ausladen hilfst, schenke ich deinen Eltern morgen Abend beim Essen Karten für ein Musical, dass du dann mit ihnen besuchen darfst!“, drohte John und Sherlocks Augen verengten sich.
„Das wagst du nicht!“, erwiderte Sherlock ernst.
„Und ob ich das wage. Bin mir sicher, ich finde noch was in naher Zukunft. Was läuft gerade so?“, hakte John in Gregs Richtung nach.
„Ich glaube Evita oder so was …“
„Also schön ...“, knurrte Sherlock sichtlich ärgerlich.
„Tja Bruder, wer steht jetzt unter dem Pantoffel?“ Mycroft lächelte süffisant.
„Ich helfe, aber unter einer Bedingung!“ Sherlock warf seinem Bruder einen mörderischen Blick zu.
„Und die wäre?“, kam es genervt von John.
„Mein Bruder hilft auch!“ Und jetzt grinste Sherlock süffisant und verließ das Haus wieder, um sich eine Kiste aus dem Transporter zu schnappen.
„Das wäre nur fair“, bestätigte Greg und nickte.
„Was?! Ich?!“ Mycroft blickte ungläubig zu seinem Partner.
„Ja! Du! Na los, zu fünft sind wir schnell fertig, wenn Edward mithilft.“
„Ich ziehe es vor, mich im Fitnessraum körperlich zu betätigen, aber doch nicht ...“ „Dann lässt du das heute mal ausfallen und hilfst. Na komm, bringt dich nicht um. Außerdem könnte es sich für dich lohnen … vielleicht ziehe ich die Uniform dann für dich an.“ Greg grinste siegessicher, als er das Funkeln in Mycrofts Augen wahrnahm. Er hatte gewonnen! Ha, so schwer war das doch gar nicht!
Eine gute Stunde später hatten sie es dann geschafft und saßen anschließend im Esszimmer zusammen. Mycrofts Hausangestellter hatte Tee für sie gekocht.
„Also habt ihr jetzt schon einen festen Termin?“, hakte John nach.
„Ja, der 19. Juli wird es sein“, antwortete Mycroft und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
„Das ist erst in 10 Monaten! Warum müssen wir dann Morgen schon mit unseren Eltern essen gehen?!“, beschwerte sich Sherlock. Aus der Nummer kam er wohl nicht mehr raus.
„Weil man das nun mal tut. Ich kann es ihnen wohl schlecht einen Tag vorher sagen“, erwiderte Mycroft ruhig. „Ich weiß, dass du auf solche Gepflogenheiten keinen Wert legst, aber eine Hochzeit meinerseits erfordert auch viel Planung. Schließlich kann ich nicht einfach durchbrennen.“
„Leider … mittlerweile wäre mir das wirklich lieber“, seufzte Greg. „Vor allem, weil ich es meinen Eltern auch noch sagen muss. Ich hab jetzt schon Bauchweh, wenn ich daran denke.“
„Sie wissen es noch nicht?“, hakte John nach und Greg schüttelte den Kopf.
„Sie wissen, dass ich wieder vergeben bin und sie freuen schon drauf „sie“ nächstes Wochenende kennenzulernen ...“
„Steck Mycroft in ein Kleid und sie werden den Unterschied kaum bemerken!“, scherzte Sherlock und lachte, als sein Bruder ihn finster anblickte. John lachte leise und sogar Greg konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Sehr witzig, wie immer.“ Kam es kühl von Mycroft und er griff nach seiner Tasse mit Tee.
„Keine Sorge Hun, ich mag dich lieber mit Hemd und Hose … besonders wegen der Hosenträger“, flüsterte Greg ihm zu. Mycroft nickte nur und blickte Sherlock an.
„Weißt du, lieber Bruder, ich habe da noch das ein oder andere Foto von dir, in dem du so gar nicht männliche Kleidung trägst. Ich erinnere mich daran, dass du im Schultheater mal die weibliche Hauptrolle spielen musstest und zwar in ...“
„Wag es ja nicht!“, unterbrach Sherlock ihn und stand auf.
„Du hast im Schultheater mitgespielt?“, kam es überrascht von John und er blickte seinen Partner interessiert an.
„Ja!“, kam es gepresst zwischen seinen Lippen hervor. „Weil mein Bruder mich einfach angemeldet hat und keiner mir glaubte, dass ich es nicht selbst war! Mutter meinte nur, ich dürfe mich nicht vor der Verantwortung drücken! Und diese dämliche Lehrerin, die das organisierte, fand wohl, dass ich perfekt in die Hauptrolle passen würde!!“, zischte Sherlock.
„Welches Stück war es?“, hakte Greg nach.
„Ja, was war es denn? Ist doch nicht schlimm, du warst ein Kind damals“, meinte John.
Mycroft grinste nur diabolisch und öffnete seinen Mund. „Nein!“, herrschte Sherlock ihn wieder an.
„Er war ...“
„MYCROFT!“
„Nun schön, sag es deinem Doktor lieber selbst. Wo wir gerade dabei sind, wie lange gedenkt ihr noch zu bleiben?“, hakte Mycroft nach.
„Wir gehen! Jetzt!“, knurrte Sherlock, der gar nicht so erfreut darüber war, dass sein Bruder seine Kindheitstraumata ausplauderte.
Greg musste lachen und auch John erhob sich lachend.
„Also eins muss ich sagen, es wird sicher nie langweilig mit euch“, erklärte der Arzt.
„Danke für eure Hilfe“, meinte Greg und stand ebenfalls auf. Er brachte John noch zur Tür. Sherlock saß bereits in dem Transporter und wartete trotzig auf seinen Partner.
„War kein Problem. Habe gerne geholfen. Also, dann bis Morgen?“
„Ja, sollen wir euch abholen?“
„Nein, Sherlock wird sicher bis zur letzten Minute vor seiner Familie drücken.“
„Okay, dann treffen wir uns da. Alles klar.“
Sie verabschiedeten sich noch kurz und nachdem die beiden gefahren waren, schloss Greg die Haustüre. Er atmete tief durch. Jetzt war es offiziell. Er wohnte bei Mycroft. Er würde sich auch beim Yard noch ummelden müssen. Das alles war schon ein wenig komisch für ihn, wenn er ehrlich war. Er wusste, er liebte Mycroft. Er liebte ihn sehr und genauso bedingungslos, wie dieser ihn liebte. Trotzdem war es etwas anderes, das alles auszuleben, wenn sie alleine waren oder es offen zu zeigen.
„Alles in Ordnung?“, hakte Mycroft nach. Greg blinzelte kurz und blickte dann zu seinem Partner. „Ist ungewohnt, nicht wahr? Wenn es dann plötzlich so offiziell ist.“
„Schon, ja.“
„Bereust du den Schritt?“
„Nein, auf keinen Fall. Ich bin froh, dass wir zusammen sind und ich ab jetzt hier wohne. Es ist nur so ungewohnt und ich hab keine Ahnung, wie mein Umfeld reagieren wird, verstehst du?“
„Du hast Angst davor“, stellte Mycroft fest und Greg nickte.
„Verständlich, aber trau den Menschen ein wenig mehr zu. Ich meine, ich weiß dass es immer wieder Personen geben wird, welche die Art Beziehung die wir pflegen verurteilen, aber ...“
„Das sagt sich so leicht. Mycroft, ich bin Polizist. Weißt du, das ist ähnlich wie mit Fußballern, das sind alles 'harte Kerle' und keine Homos ...“ Greg verdrehte die Augen und winkte dann ab. „Aber ich liebe dich und ich stehe zu dir, egal was andere sagen werden.“
„Gut und sollte sich unsere Beziehung negativ auswirken, in irgendeiner Hinsicht, lass es mich wissen. Ich werde mich darum kümmern!“, bestimmte er ernst. Greg erwiderte den Blick aus Mycrofts blauen Augen, die er so sehr liebte.
„Manchmal machst du mir ein wenig Angst, mit solchen Äußerungen ...“, seufzte Greg, lachte dann aber.
Mycroft kommentierte das nicht weiter, sondern legte seine Hände an Gregs Wangen und küsste ihn sanft.
„Ich werde mal duschen. Musst du noch arbeiten?“, hakte Greg nach.
„Ein wenig ja. Da ich ja Kisten schleppen musste ...“ Mycroft ließ den letzten Teil des Satzes unausgesprochen.
„Schade. Ich hätte gerne mit dir geduscht“, meinte Greg und Mycroft seufzte ergeben.
„Ich auch. Aber ich habe noch dringende Angelegenheiten zu klären, ich kann wirklich nicht. Allerdings, habe ich mir den Abend freigehalten.“
„Wow, gleich zwei Abende hintereinander!“ Greg lachte leise und küsste seinen Partner. „Falls du es dir doch noch überlegst, weißt du ja wo du mich findest.“
Danach drehte er sich um und ging nach oben. Er musste ja auch noch auspacken, aber erst einmal duschen! Er roch nach Schweiß und das mochte er nicht. Seine Kleider konnte er dann immer noch einräumen.
Doch als er das Schlafzimmer betrat, dass er mit Mycroft ab jetzt teilte, stellte er überrascht fest, dass Edward das schon erledigt hatte. Dieser schloss nämlich gerade die Tür zu Mycrofts begehbarem Kleiderschrank.
„Mr. Holmes bat mich schon mal Ihre Kleidung einzuräumen. Ich habe alles von Ihnen auf die rechte Seite geräumt. Ich denke, Sie werden sich zurechtfinden. Benötigen Sie sonst noch Hilfe?“
„Nein, Danke! Oh Gott, daran muss ich mich erst gewöhnen. Ich meine, ich kann meine Sachen auch selbst ...“
„Es ist meine Aufgabe, mich um solche Dinge zu kümmern. Dafür werde ich bezahlt und das sogar ziemlich gut, also kein Grund für ein schlechtes Gewissen“, meinte Edward freundlich und verließ dann das Schlafzimmer.
„Das sagt sich so leicht … na ja, wird schon werden ...“
tbc
Immer noch einsam
Nachdem Greg geduscht hatte, sortierte er ein paar Sachen aus, die man getrost auf dem Dachboden verstauen konnte. Andere Dinge, wie ein Foto seiner Eltern und seine ganzen Papiere, DVDs sowie CDs würde er sicher nicht auf dem Dachboden lagern. Irgendwo würde er sicher einen Platz finden. Das musste er noch einmal mit Mycroft bereden.
Als er fertig war, verließ er das Schlafzimmer und ging nach unten. Dort traf er auf Mycrofts Hausangestellten.
„Edward, richtig?“, hakte er nach und der Mann nickte.
„Benötigen Sie etwas, Inspector?“
„Können Sie mich nicht einfach Greg nennen?“
„Nein, das gehört sich nicht, Sir.“
„Na schön …“ Greg seufzte schwer. Daran musste er sich definitiv noch gewöhnen!! „Ich kenn mich ja noch nicht so wirklich hier aus, wo finde ich Mycroft?“
„Mr. Holmes ist in seinem Arbeitszimmer, ich zeige Ihnen den Weg, bitte hier entlang“, bat er freundlich und ging vor.
Sie erreichten eine dunkle Holztür und Edward klopfte.
„Ja?!“, rief Mycroft von drinnen und sein Angestellter öffnete die Tür.
„Bitte sehr Inspector.“
„Danke. Hey … ähm … hast du kurz Zeit?“
„Natürlich. Danke Edward“, meinte Mycroft.
„Immer zu Diensten.“ Danach ließ er die beiden allein.
„Was gibt es?“, wollte Mycroft wissen und schloss die Akte, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
„Ist es notwendig, dass er alles für mich macht?“
„Du meinst Edward?“
„Ja … ich komm mir dabei blöd vor. Das bin ich nicht gewohnt.“
„Du wirst es noch zu schätzen wissen, wenn du nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommst und bereits gekocht ist, deine Wäsche gewaschen wird, ein Feuer im Kamin brennt und du dich nicht nach dem Essen auch noch um den Abwasch kümmern musst.“
„Na ja, ich weiß nicht … egal, ich wollte eigentlich nur fragen, ob du nicht irgendwo einen kleinen Raum hast, den ich für meinen Kram nutzen könnte. Hab ja auch einige Unterlagen, die ich unterbringen müsste … Versicherungspapiere und so ...“
„Das wird sich einrichten lassen. Ich werde Edward anweisen. Ach ja, wegen heute Abend ..:“ Mycroft wurde ernster und atmete tief durch. „Ich muss noch einmal weg.“
In Greg machte sich Enttäuschung breit. Er hatte gehofft, dass sie den Abend zusammen verbringen konnten.
„Es tut mir leid, aber es kam etwas dazwischen. Der Termin könnte auch bis in den späten Abend dauern. Du wirst wohl ohne mich auskommen müssen. Edward kann dir etwas zu Essen kochen, sag ihm einfach, was du möchtest.“
Greg ließ sich frustriert auf einen der Stühle vor Mycrofts Schreibtisch fallen.
„Ich hatte mir das anders vorgestellt, wenn ich ehrlich bin.“
„Denkst du ich nicht? Aber es gibt Dinge, die nicht mal ich beeinflussen kann.“
„Das weiß ich doch und dafür hab ich Verständnis, aber es ist alles so neu. Ich hab keine Ahnung, was ich hier machen könnte, wenn du weg bist.“
Mycroft blickte ihn überrascht an. „Wieso nicht?“
„Na, ich kenn mich nicht mal aus in deinem Haus. Bis auf das Schlafzimmer und das Esszimmer hab ich noch nicht viel gesehen. Ich weiß nicht mal, ob du einen Fernseher hast.“
„Selbstverständlich. Außerdem eine recht gut sortierte Bibliothek, mit jeder Menge Bücher. Ein Fitnesszimmer, einige ...“ „Das ist es nicht. Ich hatte eigentlich gedacht, dass du mir alles zeigst. Nicht dein Angestellter. Und ich will auch nicht, dass er etwas für mich kocht. Ich möchte selbst kochen! Zumindest ab und an … wenn ich frei habe. Ich … fühl mich irgendwie Fehl am Platz.“
Mycroft schürzte die Lippen, stand auf und trat um den Schreibtisch herum. Er lehnte sich jetzt gegen seinen Tisch, griff nach Gregs Hand und blickte ihm in die Augen. „Bist du nicht. Du bist genau da, wo du sein solltest. Bei mir. Es tut mir wirklich leid, wenn du diesen Eindruck hast. Dem ist nicht so. Du wohnst jetzt hier. Du darfst dich frei bewegen und alles im Haus nutzen, wonach dir auch ist. Sogar den Herd. Edward weiß das und er akzeptiert das auch, mach dir keine Sorgen.“
„Sicher? Ich … meine, ich komm mir nur vor wie ein Anhängsel ...“
„Greg, du wirst mich heiraten. Du bist hier ab jetzt genauso zu Hause wie ich.“
„Okay … tut mir leid. Ist eben ungewohnt. Ich komm aus so einfachen Verhältnissen, ich bin einen Butler und diesen ganzen Schnickschnack nicht gewohnt.“
„Du gewöhnst dich daran.“
„Na schön, dann will ich dich nicht länger dabei stören die Welt zu retten.“
„Wenn es nur so wäre ...“, seufzte Mycroft und wartete bis Greg aufgestanden war. Dann blickte er ihm in die Augen. „Du weißt, dass ich dich liebe, nicht wahr?“
Greg schluckte kurz. So deutlich sagte Mycroft das selten. Nicht mal nach seinem Antrag. Dann nickte Greg und lächelte. „Ich liebe dich auch“, erwiderte er und zog Mycroft zu einem kurzen Kuss hinunter. „Dann bis später, Hun.“
„Bis später.“
Mycroft blickte seinem Partner nach und schob nachdenklich seine Hände in die Hosentaschen. Dass Greg sich so fühlte, hatte er nicht geahnt. Für ihn war das alles schon so normal, dass er sich darüber keine Gedanken mehr machte. Er war froh, dass er sich um solche Dinge wie Haushalt, Essen und Einkauf keine Gedanken machen musste. Allerdings war das für Greg sicher eine Umstellung. Immerhin war er es gewohnt, alles selbst zu erledigen.
Das Klingeln seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken und er stieß sich vom Schreibtisch ab. Als er sah wer ihn anrief, rollte er mit den Augen. Heute Abend würde er sicher mit Kopfschmerzen ins Bett fallen.
Greg war unterdessen dabei Mycrofts und jetzt wohl auch sein Heim zu erkunden. Den Fitnessraum hatte er schnell ausgemacht. Gar nicht mal schlecht, konnte er sich vielleicht auch mal wieder etwas in Form bringen. Nach der OP hatte er nicht viel trainiert. Die Bibliothek war wirklich riesig, wie Greg feststellte und als er sich die Titel anschaute musste er schmunzeln. Mycroft hatte offenbar ein Faible für Kriminalromane. Gut, da würde er sicher auch was finden, das ihm gefiel. Er nahm einen heraus und las sich die Inhaltsangabe durch. Klang interessant.
Er setzte sich anschließend mit dem Buch auf einen der bequemen Sessel und begann zu lesen.
Es wurde schon dunkel, als es leise an der Tür klopfte. Greg hatte schon knapp 100 Seiten geschafft, als er aufblickte.
„Sir, entschuldigen Sie die Störung. Möchten Sie vielleicht etwas Essen oder Trinken?“, hakte Edward fürsorglich nach.
„Ähm … also …“ Greg warf einen Blick auf die Wanduhr, die im Zimmer stand. Es war bereits nach 20 Uhr! „Essen wäre sicher nicht verkehrt, aber ich koche und Sie leisten mir Gesellschaft!“, bestimmte Greg ernst. Er klappte das Buch zu und legte es auf den kleinen Beistelltisch neben sich.
„Was? Aber …“
„Keine Widerrede. Ich kann gut kochen und ich will nicht alleine essen!“
Edward sah etwas verunsichert aus.
„Ich werde doch dafür bezahlt, dass ich ...“
„Ich koche gerne. Ist eine Art Hobby von mir, also keine Arbeit für mich. In Ordnung?“
„Ich weiß nicht ob Mr. Holmes ...“
„Lassen Sie das mal meine Sorge sein. Na los. Zeigen Sie mir die Küche“, bestimmte Greg.
Edward gab sich geschlagen und zeigte Greg die Küche und wo er was fand. Der gut gefüllte Kühlschrank gab einiges her und Greg wusste ziemlich schnell, was er kochen würde. Eine gute Stunde später saß er mit Edward am Küchentisch, bei einem Bier und einer Portion Tortellini in einer Champignon-Brokoli-Rahmsoße.
„Wie lange arbeiten Sie schon für Mycroft?“, wollte Greg wissen.
„Nächsten Monat 6 Jahre.“
„Wow. Arbeiten Sie gerne hier?“
„Ja. Er ist ein guter Vorgesetzter und er zahlt mir mehr als er müsste.“
„Und Sie haben kein Problem mit mir?“
„Sie sind der Verlobte von Mr. Holmes und ich bin ihm loyal gegenüber, also ...“
„Das habe ich nicht gefragt. Ich meine Sie arbeiten für ihn und dass ich jetzt hier bin, na ja ...“
„Ist gut so. Er hat auch etwas in seinem Leben verdient, das ihn glücklich macht“, erklärte Edward leise und griff nach seinem Tee.
„Hat das nicht jeder verdient?“
„Selbstverständlich. Doch Mr. Holmes hatte, seit ich ihn kenne, nichts anderes als seine Arbeit. Das ist weder gesund noch gut.“
„Das stimmt. Sie sorgen sich um ihn?“
„Natürlich. Das ist meine Aufgabe. Ich darf Ihnen ein Kompliment machen. Diese Nudeln schmecken hervorragend!“, erklärte Edward.
„Danke. Ich sagte ja, ich kann kochen.“ Greg grinste kurz. „Und wenn ich frei habe, werde ich das öfter machen. Gewöhnen Sie sich lieber dran. Ich muss mich ja auch an so einiges gewöhnen. Ich bin ja eher etwas einfacherer gestrickt.“
„Darf ich Sie etwas fragen Inspector?“, hakte Edward dann nach.
„Klar immer raus damit.“
„Wie ist es Polizist zu sein?“
Greg schob seine Augenbrauen nach oben. „Das interessiert Sie?“
„Ja. Als ich klein war wollte ich immer zur Polizei. Allerdings hätte ich es mit meinem Herzfehler und meinem Asthma nicht durch die Ausbildung geschafft.“
„Oh … das … tut mir leid. Ist ja schrecklich!“
„Ach, ich kann damit gut leben und ich habe einen anständigen Job, aber nun ja … erzählen Sie mir ein wenig was?“, hakte er nach und blickte ihn erwartungsvoll an.
„Was wollen Sie denn wissen?“, erwiderte Greg und leerte sein Bier. Edward wollte schon aufspringen. „Schön sitzen bleiben, ich hab zwei gesunde Beine!“
Sie redeten noch eine ganze Weile und erst gegen 22:30 Uhr legte Greg sich ins Bett. Er seufzte schwer, als er auf die verwaiste Betthälfte blickte. Er hatte gehofft Mycroft wenigstens noch zu sehen, aber leider war ihm das wohl nicht vergönnt. Allerdings war er jetzt auch müde. Der Tag war anstrengend gewesen und am nächsten Morgen musste er wieder früh raus. Er hatte nur den heutigen Tag wegen dem Umzug freigenommen.
Trotz der Müdigkeit konnte er nicht einschlafen. Jetzt wohnte er bei Mycroft und sah ihn trotzdem nicht! Schlimmer noch, er lag in diesem riesigen Bett, in dem großen Schlafzimmer seines Verlobten und fühlte sich einsam. Er vermisste ihn und wenn er ehrlich war, hatte er sich seine erste Nacht hier anders vorgestellt.
Es war kurz nach 0 Uhr, als Mycroft endlich aus seinem Wagen stieg. Als er die Tür aufschloss, kam Edward ihm schon entgegen.
„Guten Abend Sir“, begrüßte er ihn direkt.
„Guten Abend Edward.“ Mycroft stellte seinen Aktenkoffer ab und reichte seinen Schirm an seinen Angestellten. Als dieser den Regenschirm verstaut hatte, half er ihm aus dem Mantel. „Bringen Sie mir bitte ein Wasser und zwei Aspirin ins Arbeitszimmer.“
„Selbstverständlich“, erklärte er, während er den Mantel ordentlich an die Garderobe hängte. Mycroft nickte nur und schnappte sich wieder seinen Aktenkoffer, um diesen in sein Arbeitszimmer zu bringen. Arbeiten würde er nicht mehr, dazu war er viel zu übermüdet von den endlosen und zähen Diskussionen, die ihm Kopfschmerzen bereitet hatten.
Keine Minute später klopfte Edward an die Tür seines Vorgesetzten und stellte gleich darauf ein kleines Tablett, auf dem ein Glas mit Wasser stand und zwei Aspirin lagen, auf dem Schreibtisch ab.
„Wie war sein erster Tag hier?“, hakte Mycroft leise nach. Er vermutete, dass Greg schon schlief, immerhin musste er am nächsten Morgen wieder früh raus.
„Ungewohnt“, erwiderte Edward.
Mycroft blickte ihn fragend an, während er die Schmerztabletten schluckte und mit dem Wasser hinunterspülte.
„Er hat gekocht und ich musste mit ihm essen“, gestand er und schluckte. Offensichtlich war ihm das vor seinem Vorgesetzten jetzt doch etwas unangenehm. „Sir, ich weiß, dass es normal meine Aufgabe ist, aber er hat darauf bestanden!“
„Sie müssen sich nicht rechtfertigen Edward, schließlich kenne ich meinen Verlobten. Er kann sehr bestimmend sein.“ Mycroft lächelte kurz. „Ich denke wir werden uns alle an diese neue Situation gewöhnen müssen.“
Edward nickte und schien erleichtert, dass Mycroft ihm das nicht übel nahm.
„Brauchen Sie mich heute noch?“, hakte Edward dann nach.
„Nein. Danke. Ich werde mich jetzt auch schlafen legen.“
„Dann gute Nacht Sir.“
„Gute Nacht Edward.“
Mycroft machte sich auf den Weg nach oben in sein Schlafzimmer. Er öffnete so leise wie möglich die Tür und trat dann ein. Als er die Tür wieder schließen wollte, wurde eine Nachttischlampe eingeschaltet.
„Hey, du kommst spät“, seufzte Greg leise.
„Ich weiß ...“, kam es betroffen von Mycroft und er trat an das Bett heran. „Ich hoffe, du hattest einen besseren Tag als ich.“
„Mit Sicherheit.“
Er setzte sich aufs Bett und öffnete seine Schuhe, um aus diesen zu schlüpfen. Greg kroch unter seiner Bettdecke hervor und zu Mycroft hinüber. Er hauchte sanfte Küsse in den Nacken seines Partners und begann dessen Schultern zu massieren. Mycroft seufzte genießerisch und schloss die Augen.
„Ich bin froh, dass du endlich da bist. Ich hab dich vermisst“, erklärte Greg leise und küsste erneut die warme Haut unterhalb von Mycrofts Haaransatz.
„Das hört sich jetzt sicher klischeehaft an und du hast das von deiner Exfrau tausendmal gehört, aber ich habe starke Kopfschmerzen“, seufzte Mycroft leise und rieb sich seine Nasenwurzel.
„So verspannt wie du bist, ist das kein Wunder“, kam es lediglich von Greg und er massierte ihn weiter. „Zieh dein Hemd aus und ich massiere dich noch ein wenig“, schlug er vor.
„Du bist nicht böse?“
„Keine Sorge. Ich weiß doch, wie verrückt du nach mir bist. Ist ja auch nicht so, als würde unser letztes Mal 3 Monate zurück liegen. Im Übrigen, Mr. Holmes, würde ich es gerne wieder in Ihrer großen Badewanne mit Ihnen treiben.“
„Zugegeben, das war sehr … anregend“, stimmte Mycroft lächelnd zu.
„Und befriedigend. Also, na los. Zieh dich aus und ich tu dir noch was Gutes.“
Mycroft kam der Aufforderung seines Partners nach und legte sich anschließend mit nacktem Oberkörper auf den Bauch. Greg hatte unterdessen aus dem angrenzenden Bad die Bodylotion genommen und setzte sich dann rittlings auf Mycrofts Kehrseite.
„Hm, keine schlechte Position …“, seufzte Greg leise, während er die Creme etwas anwärmte und dann begann seinen Partner zu massieren. Dieser seufzte genüsslich und schloss die Augen. Das tat wirklich gut! Vor allem nach diesem unsäglichen Meeting.
„Ich spüre, dass dir das auch gefällt.“
„Sorry, ich kann nichts dafür, wenn so ein heißer Kerl wie du unter mir liegt.“
Mycroft musste leise lachen und genoss warmem Hände seines Verlobten, die seine Schultern, seinen Nacken und auch seinen Rücken mal fester und mal sanfte bearbeiteten.
„Weißt du, nicht jeder würde das so sehen.“
„Was? Das du heiß bist?“
„Ja.“
„Wer das nicht sieht, hat keine Ahnung. Basta!“, sagte Greg und lächelte.
„Nun ja, du hast das selbst auch mal gedacht.“
„Stimmt schon, aber das hat sich geändert. Oh Gott und wie sich das geändert hat.“
„Ja, das spüre ich sehr deutlich.“ Mycroft schmunzelte und streckte sich dann etwas. „Lass uns schlafen. Du musste Morgen doch früh raus.“
„Leider! Und ich muss mich noch ummelden und ich dachte, dass ich die Einladungen für meine Kollegen schon mal mitnehme oder findest du es noch zu früh dafür? Vielleicht sollte ich noch warten. Noch nicht mal meine Eltern wissen es!“ Greg kletterte von Mycroft runter, stellte die Lotion auf seinen Nachttisch und machte es sich wieder gemütlich. Er kuschelte sich gleich an seinen Partner und schloss die Augen.
„Das wird schon und wenn du bereit dazu bist, nimm sie ruhig mit. Ich meine, deine Eltern besuchen wir doch nächstes Wochenende und die werden wohl kaum Kontakt zu deinen Kollegen haben oder?“
„Nein, das nicht … aber das macht mich schon nervös. Besonders was mein Dad sagen wird. Egal, lass uns schlafen.“
„Es ist nicht egal, wenn es dich bedrückt.“
Greg richtete sich etwas auf und küsste Mycroft sanft. „Danke.“
Danach löschte er das Licht und kuschelte sich fest an seinen Partner. Jetzt konnte er auch endlich einschlafen.
tbc
Zwischen Outing und heißer Dusche
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Essen mit den Schwiegereltern
Als sie das Restaurant erreichten, war Greg unbestritten nervös. Seine Hände schwitzten leicht und auch wenn Mycroft ihm versicherte, dass seine Eltern kein Problem damit hatten, dass er ihnen einen Verlobten vorstellte und keine Verlobte, war es schon komisch.
„Guten Abend, entschuldigt bitte die Verspätung“, bat Mycroft gleich, als sie an dem Tisch ankamen, an dem seine Eltern bereits saßen.
„Ach Mike, es sind doch nur 10 Minuten gewesen.“
„Mycroft! Mutter, ich bitte dich!“, kam es gepresst über seine Lippen, während er zuließ, dass sie ihn kurz drückte. Sein Vater stand ebenfalls auf und drückte ihn kurz. Mycroft ließ das über sich ergehen und wandte sich dann zu Greg um.
„Mutter, Vater das ist Greg Lestrade, mein Verlobter“, erklärte er förmlich und Greg lächelte ein wenig unsicher. „Greg das sind meine Eltern.“
„Guten Abend. Mrs. und Mr. Holmes“, begrüßte er die beiden und reichte ihnen seine Hand.
„Ich bitte Sie! Nennen Sie mich Violet und mein Mann heißt Siger. Sie werden unser Schwiegersohn, da dürfen Sie uns schon mit Vornamen anreden“, erklärte sie direkt, lächelte freundlich und schüttelte dann die Hand des Detectives.
„Okay … danke.“
„Wofür denn? Wir haben zu danken, immerhin machen Sie unseren Sohn glücklich. Wir hatten nicht mehr daran geglaubt, dass er es noch einmal wagen würde“, erklärte Siger freundlich und Greg atmete erleichtert auf. John hatte Recht, die beiden waren ganz normal und wirklich sehr nett.
Mycroft rollte über die Aussage seines Vaters nur die Augen und ließ sich dann am Tisch nieder.
„Hast du schon etwas von deinem Bruder gehört?“, hakte seine Mutter nach.
„Du kennst ihn doch, er wird sich, mit größter Wahrscheinlichkeit, um genau 45 Minuten verspäten“, kam es ungerührt von Mycroft. „Habt ihr schon etwas zu Trinken bestellt?“
„Ja, Wasser und eine Flasche Shiraz“, antwortete sein Vater.
„Gut, möchtest du auch Wein?“, wandte Mycroft sich an Greg.
„Nein, ich denke ich nehme ein Bier … also, wenn das okay ist?“
„Selbstverständlich, warum sollte es da nicht sein?“ Mycroft blickte ihn fragend an.
„Gute Idee Greg. Sie gefallen mir. Ich glaub ich nehme auch ein Bier!“, erklärte Siger.
„Was wird dann aus dem Wein?“, hakte Violet nach.
„Ach, Sherlock hilft euch sicher dabei.“
„Gut, wie du meinst. Ansonsten wirst du mir ins Bett helfen müssen.“
„Mit dem größten Vergnügen.“ Siger zwinkerte ihr zu und Violet lachte leise.
„Okay, diese überdrehte Libido liegt eindeutig in eurer Familie“, flüsterte Greg Mycroft leise ins Ohr, da seine Schwiegereltern gerade mit sich beschäftigt waren.
„Irgendwoher muss ich es ja haben, nicht wahr? Aber tu nicht so, als wärst du anders“, erklärte Mycroft ebenso leise.
Als der Kellner den Wein brachte bestellten sie noch zwei Bier und warteten auf Sherlock und John. Mycroft sollte Recht behalten, die beiden kamen eine geschlagene Dreiviertelstunde zu spät, was John sichtlich peinlich war und Sherlock offensichtlich nicht wirklich interessierte. Er begrüßte seine Eltern ebenfalls mit einer kurzen Umarmung und ließ sich dann auf einen der beiden freien Stühle fallen.
„Wie habt ihr euch überhaupt kennengelernt?“, fragte Violet dann an ihren älteren Sohn gewandt.
„Greg ist Detective Inspector bei Scotland Yard und rettete mir das Leben“, erklärte Mycorft.
„Du warst in Gefahr?! Und das sagst du uns nicht mal?!“, kam es bestürzt von ihr.
„Nur für wenige Sekunden, dann landete Graham auf ihm und verdrehte ihm den Kopf. Ende der Geschichte“, erklärte Sherlock und fing sich einen missbilligenden Blick von seinem Bruder ein.
„Ich sollte ihm eine Auszeichnung übergeben. Ein Auftragskiller hatte es wohl auf den Kollegen abgesehen, der es eigentlich hätte tun sollen. Da dieser aber verhindert war und ich ihm noch einen Gefallen schuldete, übernahm ich diese Aufgabe.“
„Ja und dieser Depp dachte Mycroft wäre sein eigentliches Opfer. Ich hab nur die Waffe gesehen und mich auf ihn gestürzt. Mit schmerzhaftem Ende ...“
„Er fing sich eine Kugel für mich ein“, beendete Mycroft die Ausführung seines Verlobten und lächelte diesen liebevoll an. „Ohne ihn, würde ich wohl nicht hier sitzen.“
„Unkraut vergeht nicht, Mycroft!“, neckte Sherlock. „AU!!“, machte er dann im nächsten Moment. „Warum trittst du mich?!“, zischte er in Johns Richtung, sah dann dessen mahnenden Blick und schnaubte nur.
„Hast ihn gut ihm Griff John“, stellte Siger lachend fest.
„Ich gebe mir Mühe. Immer klappt es leider nicht … andererseits, möchte ich das auch nicht. Dann wäre er nicht mehr er selbst“, erklärte John und blickte Sherlock jetzt ein wenig milder gestimmt an. Dieser verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust.
„Könntet ihr mir einen Gefallen tun?“, kam es dann leise von Greg.
„Welchen?“, hakte Mycroft gleich nach.
„Bitte, streitet euch heute einmal nicht. Einen Abend werdet ihr doch auch ohne eure albernen, kindischen Beleidigungen auskommen, oder? Ich meine, wir sitzen hier mit deinen Eltern Mycroft und wir wollten unsere Verlobung mit ihnen feiern. Und Sherlock, ja ich weiß, dass du hierauf keine Lust hast, aber ein Abend … ein paar Stunden, wirst du doch wohl mal erwachsen sein können.“
„Ich stimme Ihnen voll und ganz zu!“ Violet nickte zur Unterstreichung ihrer Worte.
„An mir soll es nicht liegen“, gab Mycroft nach und Sherlock schnaubte nur.
„Sherlock, bitte!“, bat Greg eindringlich.
„Ich versuch's!“
„Danke!“, antwortete der Inspector und atmete erleichtert aus.
Es funktionierte tatsächlich, zumindest so lange bis das Essen an den Tisch kam. Sherlock äußerte sich mal wieder in Bezug auf Mycrofts Diät, doch dieses Mal kam Greg ihm zuvor.
„Keine Sorge Sherlock, er braucht die Diät jetzt nicht mehr. Sex ist besser als Sport!“, kam es trocken über seine Lippen, allerdings wurde ihm dann wieder bewusst, dass er das im Beisein seiner Schwiegereltern gesagt hatte und schluckte kurz, als alle Anwesenden ihn mit großen Augen anblickten.
„Tschuldigung. Nicht das richtige Thema, was?“
„Ach was, wie du heute schon treffend festgestellt hast, wir sind bereits verlobt und jedem hier ist klar, dass wir nicht nur Händchenhalten.“ Mycroft schmunzelte amüsiert. „Aber um zum Thema zurück zu kommen, wann gedenkt ihr denn etwas gegen den Umstand der wilden Ehe zu tun?“
„Wir?!“, kam es von Sherlock. „Ich brauche keinen Trauschein, auf dem steht, dass ich zu John gehöre!“, erklärte er entschieden.
„Warum nicht?“, hakte Violet nach. „Es wäre doch schön.“
„Es liegt nicht nur an Sherlock … ich will auch nicht. Was wir haben ist gut so, wie es ist“, erklärte auch John. „Tut mir leid.“
„Kein Grund sich zu entschuldigen. Jeder sollte so leben und glücklich sein, wie er es sich wünscht, nicht wahr Liebes?“, erklärte Siger.
„Natürlich, du hast Recht. Was ist mit ihren Eltern, Greg? Sie freuen sich doch sicher auch schon.“
„Ehrlich gesagt … nein. Sie wissen es noch gar nicht. Nächstes Wochenende fahren wir hin. Sie wohnen in Birmhingham und sind der festen Überzeugung, dass sie meine Freundin kennenlernen. Ich konnte es ihnen am Telefon nicht sagen und … ich hab etwas Angst davor.“
„Sie wissen also nicht, dass Sie mit einem Mann zusammen sind?“, hakte Violet nach.
„Nein. Ich war ja auch lange Zeit mit einer Frau verheiratet. Zugegeben, die mochten sie nicht, weil sie mich nicht gut behandelt hat“, antwortete er leise.
„Klingt nach keiner schönen Zeit.“
„Nein, war es auch nicht … na ja, anfangs schon. Doch dann … sie hat mich, keine Ahnung wie oft, betrogen. Irgendwann hab ich dann einen Schlussstrich darunter gezogen. Als Mycroft dann begann mir Avancen zu machen, wollte ich erst nicht. Ich hab steif und fest behauptet, nicht schwul zu sein. Tja und jetzt? Ich könnte nicht glücklicher sein.“
„Ich hab es dir ja gesagt, du wolltest mir nicht glauben. Mycroft bekommt immer was er will“, erklärte Sherlock und grinste kurz, als er an das Gespräch im Krankenhaus zurück dachte.
„Ja, wobei mir das anfangs echt unangenehm war. Er war ganz schön … aufdringlich.“
„Mike!“, kam es tadelnd von Violet.
„Was denn Mutter?! Wäre ich nicht so penetrant gewesen, wäre ich jetzt unglücklich verliebt und nicht verlobt.“
„Im Krieg und der Liebe ist alles erlaubt! Wisst ihr, als wir noch jünger waren und noch nicht verheiratet und ich Violet den Hof gemacht hab, hab ich auch so manchen Trick angewandt.“
„Ja, ja … jetzt kommt wieder die Taschentuchstory ...“, stöhnte Sherlock und rollte mit den Augen.
„Taschentuchstory?“ Greg und John blickten fragend.
„Ja, Siger und ich … wir hatten uns getrennt und irgendwann stand er dann vor meiner Tür und hielt mir ein feuchtes Taschentuch entgegen. Er sagte mir, er hätte die ganze Nacht geheult und deshalb wäre es jetzt so nass … ich war naiv genug ihm zu glauben. Dabei hat er es nur unter den Wasserhahn gehalten!“
„Manche muss man eben zu ihrem Glück zwingen“, rechtfertigte sich Siger. „Und bereut hast du es ja nie oder?“
„Nein, das hab ich nicht. Niemals.“
„Moment mal … das kommt mir bekannt vor ...“, meinte John dann leise und blickte Sherlock mit zusammengekniffenen Augen an.
„Ist der Wein schon leer, ich glaube wir bestellen uns lieber noch eine Flasche oder?“, lenkte Sherlock vom Thema ab.
„Du hast mich damals auch reingelegt, nicht wahr?“
„Wo steckt nur der Kellner?“
„Sherlock?!“
„Herrgott ja. Du hast mich erwischt, aber es hat doch funktioniert! Also können wir das Thema jetzt lassen? Ich wusste eben nicht, wie ich dich sonst überzeugen konnte! Ich bin nicht gut in diesen Dingen!“, grummelte Sherlock in seinen nicht vorhandenen Bart und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du hast allen Ernstes den gleichen Trick abgezogen wie dein Vater? Dir hätte doch klar sein müssen, dass das sicher irgendwann rauskommt.“ Greg musste lachen.
„Und? Ich wusste ja, dass es bei meiner Mutter funktioniert hat. Warum nicht auf bewährte Dinge setzten?“
„Brüderchen über die Liebe musst du noch so einiges lernen, wie mir scheint“, seufzte Mycroft und musste selbst lachen. Sherlock war in diesen Dingen wirklich schlecht.
„Ich kann eben nicht in allem perfekt sein!“
„Du bist perfekt, jedenfalls für mich!“, wandte John dann ein.
„Du bist nicht böse?“
„Warum sollte ich? Dein Vater hat Recht, manche muss man zu ihrem Glück zwingen. Heute bräuchtest du kein nasses Taschentuch mehr, um mich zu überzeugen.“
„Herzallerliebst“, kam es aufgesetzt von Mycroft und er leerte sein Weinglas.
„Mike!“, kam es wieder tadelnd von Violet.
„Ich heiße immer noch Mycroft und darauf bestehe ich, solange du auch Sherlock mit vollem Namen ansprichst!“, erwiderte er etwas genervt. Greg musste schon schmunzeln.
„Wie sollte ich denn Sherlock bitte abkürzen?“, seufzte Violet.
„Du könntest ihn ja Sherly nennen“, schlug Mycroft vor.
„Untersteht euch!“, warf Sherlock direkt ein.
Alle am Tisch mussten jetzt lachen und sogar Sherlock schaffte es nicht ein schmales Grinsen zu unterdrücken. „Nicht witzig!“, kommentierte er.
Der restliche Abend verging wie im Flug und Greg genoss es sehr einige Geschichten aus der Kindheit der Brüder zu hören. Violet schien gerne darüber zu reden und Siger warf auch oft die ein oder andere Anekdote ein. Sherlock und Mycroft fanden das nicht wirklich komisch und Greg verstand, warum John gerne mit seinen Schwiegereltern zusammen war, im Gegensatz zu Sherlock.
„Also, wenn Ihre Eltern es wissen Greg, wäre es doch schön wenn wir mal ein Familienessen veranstalten würden. Mycroft hat ja genug Platz in seinem Haus“, schlug Violet vor. „Ich würde sie gerne kennenlernen.“
„Danke, dass du einfach so über mein Haus verfügst Mutter!“ Mycroft atmete genervt durch.
„Ich dachte es ist jetzt unser Zuhause?“
„...“ Mycroft schloss seinen Mund wieder und rollte mit den Augen.
„Wir melden uns auf jeden Fall. Danke für den schönen Abend“, verabschiedete sich Greg von Violet und Siger mit einer kurzen Umarmung.
„Sie sind wirklich sehr nett und ich bin froh, dass Sie meinem Sohn so gut tun. Er hat es verdient“, flüsterte Violet leise in Gregs Ohr und blickte anschließend lächelnd in Gregs braune Augen.
Greg lächelte nur und nickte.
Als sie endlich in Mycrofts Wagen saßen, atmete Greg erleichtert aus und schloss die Augen. Es war spät geworden, er hatte viel zu viel gegessen und spürte auch das Bier, das er getrunken hatte. Zwar war er weit davon entfernt betrunken zu sein, aber ein wenig angeheitert war er in jedem Fall.
„Gut, dass mich keiner meiner Kollegen so sieht … ich würde wohl etliche Weltbilder zerstören“, seufzte Mycroft leise und blickte dann ernst zu Greg.
„Und das findest du schlimm?“
„Nein. Du hast bei meinen Eltern einen guten Eindruck hinterlassen.“
„Das war nicht schwer, sie sind nett.“
„Hast du nicht erwartet, was?“
„Ich war schon sehr nervös, wenn ich ehrlich bin. John sagte zwar, dass sie normal sind … aber dass sie so normal sind, hätte ich nicht erwartet.“
„Bei solchen Söhnen wie Sherlock und mir.“
„Ja.“
„Obwohl es nicht gerade schmeichelhaft ist, kann ich das sehr gut nachvollziehen.“
„Aber weißt du, was am besten war?“
„Was denn?“
„Du und Sherlock. Ich glaube, dein Bruder hatte wenig zu lachen als Kind, was? So wie ihr euch heute Abend verhalten habt, wart ihr sicher auch früher.“
Mycroft atmete tief durch und spielte mit dem Regenschirm, den er in Händen hielt.
„Ich muss zugeben, meinen Bruder zu ärgern tat damals genauso gut, wie heute.“
„Trotzdem liebt ihr euch.“
„Du erwartest hoffentlich keine Antwort darauf.“ Mycroft zog seine Augenbrauen zusammen. „Er ist mein Bruder, nicht mehr und nicht weniger. Wenn er mich braucht, helfe ich ihm. Brauche ich ihn, hilft er mir, zwar meist nur unter Protest, aber er tut es. Niemand kann sich seine Familie aussuchen.“
„Du liebst ihn“, stellte Greg wieder fest. „Und er dich, auch wenn ihr es vermutlich niemals zugeben und zeigen würdet.“
„Du weißt, wer der einzige Mensch ist, dem ich zeige, dass ich ihn liebe. Allen anderen begegne ich mit dem nötigen Respekt. Nun, in Sherlocks Fall mal mehr, mal weniger.“
Greg erwiderte darauf nichts mehr, sondern legte einfach seine Hand auf den Oberschenkel seines Verlobten. Auch wenn er es wusste, so war es immer wieder schön zu hören, welche Rolle er in Mycrofts Leben spielte. Er war gespannt wie das Zusammentreffen mit seinen Eltern wohl verlaufen würde. Seine Mutter hatte darauf bestanden, dass sie eine Nacht blieben und das nicht im Hotel. Sie wollte schließlich ihre „Schwiegertochter“ kennenlernen. Das diese nur so gar nicht weiblich war, wusste sie noch nicht.
Die kommende Woche würde sich sicher wie Kaugummi ziehen. Greg hätte es am liebsten ewig aufgeschoben oder direkt hinter sich gebracht. Zu wissen, dass er noch 7 Tage warten musste, machte ihn wahnsinnig!
tbc
Mycrofts süße Rache
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Zu Besuch bei den Eltern
„Nein, ich fahre. Wir brauchen deinen Fahrer nicht. Dann sind wir flexibler, falls … na ja, falls sie damit nicht umgehen können und wir doch noch in ein Hotel ausweichen oder wieder nach Hause wollen. Wir können deinen Fahrer nicht zwei Tage draußen im Auto sitzen lassen, für alle Fälle.“
„Er könnte in ein Hotel gehen“, kam es schlicht von Mycroft, der gerade den Koffer schloss, den sie gemeinsam gepackt hatten.
Sie waren fast startklar, um nach Birmingham zu fahren und Greg wurde zunehmend nervöser. „Ich mein es ernst, du hast eben beim Frühstück zweimal deinen Kaffee verschüttet. Willst du, dass wir heil dort ankommen oder nicht?“
„Selbstverständlich, aber das krieg ich schon hin. Hab doch etwas vertrauen in mich!“, grummelte Greg, drehte sich um stieß sich den Kopf an der offenen Schranktür. „Scheiße!“, fluchte er leise.
„Herrje … Greg“, kam es besorgt von Mycroft und er trat auf seinen Partner zu. „Zeig mal. Nicht so schlimm, das wird wieder.“
„Nicht so schlimm? Das tut verdammt weh!“, zischte Greg und ließ sich frustriert aufs Bett fallen. „Heute ist einfach nicht mein Tag, vielleicht sollten wir das ganze absagen.“
„Und dann? Irgendwann musst du es ihnen wohl sagen. Ich kann zwar nicht dafür garantieren, aber ich schätze, dass die Presse auch ziemlich interessiert an unserer Verlobung und Hochzeit sein wird. Willst du, dass sie es so erfahren?“, hakte Mycroft nach.
„Natürlich nicht!! Das hab ich doch nur so daher gesagt ...“, grummelte der Inspector und rieb sich seine rechte Augenbraue, die er sich eben angeschlagen hatte. „Es ist für mich eben nicht so einfach wie für dich. Die rechnen damit, dass ich eine Frau mitbringe!“
„Warum hast du sie dann nicht aufgeklärt?“, hakte Mycroft nach und setzte sich neben seinen Verlobten.
„Ich wollte das nicht am Telefon … weißt du, ich will sehen wie sie reagieren. Das geht eben nicht übers Telefon … und irgendwie hat es sich auch nicht ergeben“, antwortete Greg leise und lehnte seinen Kopf gegen Mycrofts Schulter. „Was mach ich nur, wenn sie es nicht akzeptieren? Es sind doch meine Eltern.“
„Schätzt du sie denn so ein?“, wollte Mycroft wissen und griff nach Gregs Hand.
„Ehrlich gesagt, hab ich keine Ahnung. Ich weiß, dass sie nicht homophob sind, aber wenns das eigene Kind betrifft … ich weiß es nicht und mir ist schon richtig schlecht!“, seufzte er leise.
„Dann lassen wir uns fahren. Okay? Dann musst du dich nicht ...“ „Nein, das Fahren würde mich ablenken. Es macht mir wirklich nichts aus.“
„Sicher?“
„Ja.“
„Na schön. Wenn das dein Wunsch ist“, gab Mycroft nach und zuckte mit den Schultern.
„Eins sollst du wissen, egal wie sie reagieren, ich werde mich nicht von dir trennen. Niemals. Es würde mir zwar viel ausmachen, aber dich zu verlieren wäre noch schlimmer.“
„Soweit sind wir ja noch nicht, also hör auf dir darüber jetzt schon Gedanken zu machen“, meinte Mycroft und hauchte einen Kuss auf seine Lippen. „Sollen wir?“
„Ja. Auf geht’s ...“, seufzte Greg und schnappte sich den kleinen Koffer. Sie verließen ihr gemeinsames Schlafzimmer und verabschiedeten sich unten von Edward, bevor sie aus dem Haus traten. Mycroft erklärte seinem Fahrer, dass sie ihn nicht brauchten und Greg fahren würde und dann ging es auch schon los.
Als Greg den Wagen vor dem Haus seiner Eltern parkte, atmete er tief durch. Sein Magen schien ein einziger Knoten zu sein. Dabei war er ein erwachsener Mann Ende 40! Er hatte sein Leben im Griff, einen Menschen an seiner Seite, der ihn liebte. Wo war das Problem?? Aber letztendlich war er auch immer noch das Kind seiner Eltern und so fühlte er sich gerade.
Greg zog die Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg dann aus. Mycroft tat es ihm gleich. Viel gesprochen hatten Sie nicht auf der Fahrt, aber das verwunderte keinen. Es war unübersehbar, dass dieses Thema Greg schwer im Magen lag und Mycroft hatte dafür Verständnis.
Sie gingen über den kurzen Kiesweg, der von der Straße zum Haus von Gregs Eltern führte. Sie wohnten am Stadtrand von Birmingham, in einer ruhigen Gegend.
„Okay … dann wollen wir mal ...“, seufzte er leise und betätigte die Klingel. Er atmete erneut durch und schloss kurz die Augen. Die Nervosität stieg ins Unermessliche. Was würden seine Eltern sagen?!
Die Tür wurde geöffnet und Greg lächelte seine Mutter an. „Hi Mum“, begrüßte er sie.
„Greg! Wie schön, dass du es geschafft hast!“, erklärte sie und strahlte ihn regelrecht an. Sie umarmte ihn gleich darauf. Mycroft hielt sich erst mal im Hintergrund.
„Wo ist Dad?“, hakte er nach, als er sich von ihr löste.
„Im Wohnzimmer“, erwiderte sie und blickte dann zu Mycroft. Ihr Blick wurde fragend. „Hast du nicht gesagt, du bringst deine Freundin mit?“, wollte sie wissen.
„Erkläre ich euch gleich. Dürfen wir reinkommen?“
„Selbstverständlich. Bitte“, bat sie die beiden hinein.
Mit pochendem Herzen ging Greg vor und zielstrebig zum Wohnzimmer. Er klopfte kurz gegen das weiße Holz des Türrahmens und sein Vater blickte auf. Gleich stand er aus seinem Sessel auf und ging auf seinen Sohn zu.
„Greg!“
„Hey Dad“, erwiderte Greg leise und schloss auch seinen Vater in die Arme. Sie sahen sich nicht allzu oft, weshalb seine Eltern sich natürlich sehr freuten.
„Und, wo ist deine Freundin?“, wollte auch sein alter Herr wissen.
„Ähm, ja es gibt da etwas das ich euch sagen muss ...“, begann Greg dann leise und leckte sich über die Lippen. „Setzt euch doch. Bitte ...“, bat er dann. Er hatte keinen wirklichen Plan, wo er anfangen sollte.
„Wer ist das?“, wollte Gregs Vater wissen und deutete auf Mycroft.
„Will ich euch ja erklären. Bitte, setzt euch!“, kam es jetzt eindringlicher von Greg und er deutete auf die Sessel. Er selbst setzte sich aufs Sofa und blickte dann Mycroft auffordernd an. „Du auch, bitte.“
Mycroft, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, fühlte sich noch etwas Fehl am Platz. Er war es nicht gewohnt, einfach still zu sein und nichts zu sagen. Im Normalfall hätte er jetzt schon die Initiative ergriffen und sich selbst vorgestellt. Er hasste es, wenn die Höflichkeitsformeln nicht eingehalten wurden, aber das hier war Gregs Angelegenheit. Er konnte und wollte sich jetzt nicht einmischen. Das musste sein Partner regeln, wie er es für richtig hielt. Daher setzte er sich neben Greg und nickte ihm nur aufmunternd zu.
„Also, was ist jetzt mit deiner Freundin?“, wollte seine Mutter wieder wissen.
„Ja und wer ist der Mann da?“ Sein Vater blickte fragend.
„Zunächst einmal, ich habe keine Freundin“, gestand Greg leise.
„Aber du hast doch am Telefon gesagt, dass du wieder vergeben bist“, erklärte sie.
„Oder du hast dich mal wieder verhört. Wäre ja nicht das erste Mal!“, kam es ein wenig tadelnd von seinem Vater.
„Nein, hat sie nicht. Sie hat richtig gehört. Mum, Dad … das ist Mycroft Holmes, mein … Freund. Ich meine, Verlobter“, stammelte Greg leise und knetete nervös seine Hände.
Seine Eltern starrten ihn einige Augenblicke nur entgeistert dann, blickten dann zu Mycroft und dann wieder zu ihrem Sohn.
„Was!?“, entfuhr es dann seinem Vater.
„Mycroft ist mein Verlobter und wir werden im Juli heiraten. Am 19. um genau zu sein“, erklärte Greg und zog eine Einladungskarte aus seiner Jackentasche. Er legte sie auf den Couchtisch und blickte seine Eltern dann wieder an.
„Aber du sagtest doch was von einer Freundin ...“, flüsterte seine Mutter perplex.
„Nein Mum, ich sagte nur, dass ich wieder jemanden habe. Ich habe nie gesagt, es wäre eine Frau.“
„Und auch nicht, dass es ein Mann ist!“, erklärte sie und stand auf. „Ich brauch … frische Luft.“
„Matty! Warte doch ...“, sein Vater war aufgestanden, doch Gregs Mutter war schon aus dem Zimmer gestürmt.
„Es tut mir leid“, erklärte Greg leise.
„Du hättest uns wenigstens vorwarnen können! Du weißt doch, dass deine Mutter ein schwaches Herz hat!“, tadelte er ihn und stand ebenfalls auf. „Ich werde mal nach ihr sehen. Falls ihr was trinken wollt, du weißt ja sicher noch wo du alles findest.“ Danach verließ auch sein Vater das Wohnzimmer.
„Das lief doch gar nicht mal schlecht“, meinte Mycroft dann leise.
„Nicht schlecht?! Ich finde, es ist ein Desaster. Hast du gesehen, wie sie mich angesehen hat?!“ Greg schüttelte den Kopf.
„Natürlich, weil sie geschockt ist. Schau doch nur, wie lange du selbst gebraucht hast, dir klar darüber zu werden, dass du mich willst. Du hat es ihnen gerade gesagt, sie brauchen sicher etwas Zeit, das zu verdauen.“
„Und was wenn nicht?“
„Dann werden wir das auch irgendwie schaffen. Es sei denn, du willst die Verlobung lösen.“
„Niemals! Das hab ich doch schon gesagt, bevor wir losgefahren sind.“
„Gut, dann schaffen wir das schon. Warte erst einmal ab. Sie wollte nur an die frische Luft.“
„Dad hat mich überrascht, ich hätte eher damit gerechnet, dass er ein Problem damit hat.“
„Du weißt doch noch nicht, ob sie ein Problem damit hat.“
„Keine Ahnung … willst du was trinken? Ich könnte uns Tee machen“, schlug Greg vor.
„Nein Danke, ich denke wir warten erst einmal, hm?“ Mycroft blickte ihn fragend an und ergriff dann seine Hand. Er strich mit dem Daumen über den Handrücken seines Partners. „Das wird schon, da bin ich mir sicher.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil ich, genauso wie mein Bruder, sehr gut beobachte und es einfach weiß. Vertrau mir!“, bat Mycroft leise und lächelte aufmunternd.
Nach knapp 15 Minuten betraten seine Eltern wieder das Wohnzimmer und seine Mutter nahm auf dem Sessel Platz, auf dem sie eben schon gegessen hatte. Gregs Dad ging zur Bar und holte eine Flasche mit Whisky heraus, ebenso wie vier Gläser.
„Mum … es tut mir leid“, entschuldigte Greg sich.
„Was denn, dass du es mir nicht gesagt hast oder dass du plötzlich mit einem Mann zusammen bist?“, hakte sie leise nach.
Gregs Vater schenkte in die vier Gläser jeweils ein wenig von dem Whisky ein und verteilte sie dann auf dem Tisch.
„Dass ich es dir nicht gesagt habe. Dass ich mit einem Mann zusammen bin, dafür werde ich mich nicht entschuldigen, denn ich liebe ihn und er macht mich glücklich.“
Gregs Mutter schluckte hart und nahm das Glas vor sich in die Hand.
„Ich verstehe das nicht, du warst doch immer nur mit Frauen zusammen“, meinte sie dann leise.
„Ja, ich weiß und glaub mir, ich hab selbst auch gebraucht, um damit fertig zu werden … aber nach meiner Ehe und dem ganzen Mist, den ich da erlebt habe, da hatte ich die Nase voll von Beziehungen. Ich wollte gar nicht mehr und dann kam Mycroft.“
Mycroft lächelte nur und drückte die Hand seines Partners, die er immer noch hielt.
„Wie haben Sie das geschafft?“, wollte Gregs Dad wissen und wandte sich zum ersten Mal an Mycroft.
„Mit Geduld, Hingabe und ein wenig Penetranz.“
„Ein wenig? Du warst sehr penetrant, Hun!“, meinte Greg und musste lachen. Er berichtete seinen Eltern kurz wie alles begonnen hatte. Dass sie sich schon einige Zeit kannten, dass er ihm das das Leben gerettet hatte und wie Mycroft ihn umsorgt hatte.
„Ich hab irgendwann dann festgestellt, dass es schön war, dass sich jemand um mich sorgte. Das war ich nicht gewohnt. Na ja, außer von dir Mum.“
„Schlimmer als dieses Biest kann er wohl nicht sein, was?“, lenkte sie ein.
„Er ist das Beste, was mir passieren konnte. Er macht mich glücklich.“
„Und ihr seid schon verlobt?“ Sein Dad trank jetzt einen Schluck von seinem Whisky.
„Ja, ich hab ihn gefragt. Ich bin so oft dienstlich eingespannt und er hat auch einen stressigen Job … wir haben uns kaum gesehen und da hab ich beschlossen, ihn zu fragen.“
„Hättet ihr nicht einfach so erst mal zusammen ziehen können?“, wollte sie wissen.
Greg atmete tief durch, war aber ein wenig erleichtert. Das lief besser, als er erwartet hatte.
„Nein, nicht bei Mycrofts Gesellschaftsstand … er ist nicht irgendwer.“
„Ach? Wer ist er denn?“, wollte sein Dad wissen.
„Um es mit den Worten seines Bruders auszudrücken, er ist quasi die britische Regierung und noch so manches andere.“
„Aha. Ich dachte immer der Premierminister wäre quasi unsere Regierung“, erwiderte sein Vater.
„Nur bedingt.“ Mycroft lächelte schmal.
„Aber warum hat man von Ihnen dann noch nichts gehört? Wenn Sie so viel Einfluss haben?“, wollte Gregs Mutter wissen.
„Gerade deshalb habe ich so viel Einfluss. Ich agiere lieber im Hintergrund. Das Rampenlicht überlasse ich anderen. Darum kennt mich glücklicherweise nicht die halbe Welt, was von Vorteil ist, wenn man mit den Geheimdiensten eng zusammenarbeitet.“
„Und was genau wollen Sie dann von Greg? Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, es ist nur so … wir sind einfache Leute, aber nicht dumm. Sie stehen doch gesellschaftlich etliche Klassen über uns und über ihm.“
Mycroft nickte zustimmend. „So gesehen mag das zutreffen, aber was haben Gesellschaftsschichten mit der Liebe zu tun?“ Er atmete tief durch und wollte weitersprechen, als Greg ihn unterbrach.
„Wisst ihr, Mycroft ist ein besonderer Mensch. Es ist ein Privileg, der eine Mensch zu sein, den er so sehr an sich heranlässt und ich genieße das. Ich liebe ihn. Das ist alles, was ihr wissen müsst. Ich bitte euch nicht, dass zu verstehen, aber es zu akzeptieren. Ich bin ein erwachsener Mann und durchaus in der Lage zu entscheiden, was ich möchte und was nicht. Alles was ich will ist ihn glücklich machen, weil mich das auch glücklich macht.“
„Haben wir denn eine Wahl?“, hakte sein Vater nach.
„Sicher habt ihr die. Entweder ihr akzeptiert es und feiert unsere Hochzeit mit uns oder ihr akzeptiert es nicht. Heiraten werde ich ihn dennoch.“
„Dann bleibt uns keine Wahl, denn als Eltern dürfen wir wohl kaum auf deiner Hochzeit fehlen“, kam es dann von seiner Mutter und sie griff nach der Hand ihres Mannes. „Ich meine, die Hoffnung auf Enkel haben wir ohnehin aufgegeben.“
Greg schürzte die Lippen und atmete durch. Er hasste dieses Thema.
„Wäre es euch lieber, ich hätte mit ihr Kinder bekommen, die jetzt bei ihr und ihrem neuen Macker leben würden? Die sie mir, mit größter Wahrscheinlichkeit, vorenthalten würde und für die ich auch noch zahlen müsste, obwohl ich nicht mal sicher sein könnte, dass sie wirklich von mir sind?!“
„Greg!“ Mycroft blickte ihn ernst an. Greg erwiderte den Blick und schnaubte nur. Dann stand er auf und ging zum Fenster.
„Nein, Hun. Dieses Thema ist schon seit Jahren ein rotes Tuch für mich, du hast ja keine Ahnung wie viele unzählige Diskussionen ich darüber schon mit ihnen geführt habe!“ Greg schüttelte entschieden den Kopf. „Vielleicht war es auch einfach ein Fehler herzukommen. Egal welchen Partner ich habe, es ist nie richtig. Keiner ist wirklich gut genug für euch ...“
„So ist das doch nicht … Greg, es tut mir leid“, meinte seine Mutter dann und stand auf. „Ich hab nicht darüber nachgedacht. Aber du musst zugeben, dass wir bei ihr Recht hatten. Sie war nicht gut genug für dich.“
„Das weiß ich mittlerweile auch. Hinterher ist man immer schlauer … ich hab schon genug Jahre an diese Frau vergeudet … noch einmal passiert mir das nicht, denn ich habe jetzt den richtigen Partner an meiner Seite.“
„Wenn er für dich okay ist, ist er es auch für uns“, meinte sie dann leise und legte eine Hand auf Gregs Oberarm. Dieser seufzte tief, rieb sich kurz die Augen und umarmte seine Mutter dann.
„Sorry Mum, ich wollte auch nicht so aus der Haut fahren ...“, flüsterte er dann und drückte sie. „Aber er bedeutet mir wirklich sehr viel und ich bin glücklich.“
Mycroft atmete erleichtert aus und lächelte kurz, bevor er sich vorbeugte und einen Schluck von dem Whisky trank, den Gregs Vater ihnen ausgeschenkt hatte.
„Na gut, ich werde dann mal das Essen vorbereiten“, erklärte sie und löste sich von Greg. „Hatte vor dein Lieblingsessen zu kochen.“
„Hattest du es nur vor oder kochst du es für mich?“ Greg blickte sie fragend an und sie begann zu lachen.
„Natürlich koche ich es für dich. Hilfst du mir?“
Greg nickte. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Es war raus und offenbar schienen sie es wirklich zu akzeptieren, auch wenn sie sicher noch etwas brauchten, um das alles zu verarbeiten.
„Kommt ihr mit in die Küche?“, wollte Greg dann wissen und blickte zu Mycroft und seinem Dad.
„Nein, ich denke dein Vater hat noch einige Fragen zu meiner Person, die ihn brennend interessieren. Ich komme schon klar“, erklärte Mycroft und lächelte schmal, als er das verdutzte Gesicht von Gregs Dad sah.
„Versuch erst gar nicht irgendwas vor ihm zu verheimlichen, er findet es raus … er ist ein Meister im Beobachten. Wobei … du solltest mal seinen Bruder erleben, der ist noch be...“ „Wie bitte?!“, kam es etwas pikiert von Mycroft, der ihn jetzt mit großen Augen anblickte. „Ähm Mum … los in die Küche. Ich hab Kohldampf ...“, meinte Greg und kratzte sich verlegen am Hintergrund. Mycroft schob eine Augenbraue nach oben und blickte seinem Verlobten nach, der gerade durch die Tür verschwand.
„Bevor ich Ihre Fragen beantworte, würden Sie mir verraten, wie Sie heißen? Ich denke nicht, dass ich Sie mit 'Dad' ansprechen sollte, wie Greg es tut“, kam es von Mycroft.
„Nein, sicher nicht. Ich heiße Arthur. Meine Frau Mathilda, aber sie mag diesen Namen nicht besonders.“
„Daher das Matty, verstehe. Ist es in Ordnung wenn ich Sie mit Arthur anspreche?“
„Na klar, immerhin werden sie ja wohl in einigen Monaten mein Schwiegersohn sein.“ Arthur trank einen Schluck von seinem Whisky und blickte auf Mycrofts Glas. „Auch noch einen?“
„Gerne. Er ist gut“, antwortete Mycroft und richtete sich etwas auf, um Arthur sein Glas über den Tisch zu schieben, damit dieser nachfüllen konnte.
„Nehmen Sie es meiner Frau nicht übel, sie hat sich immer Enkel gewünscht … aber na ja, selbst wenn Sie eine Frau wären … langsam wäre es dafür eh zu spät.“
„Es bestünde immer noch die Möglichkeit einer Adoption, allerdings bin nicht nur ich beruflich immer sehr eingespannt. Wir haben so schon wenig Zeit für uns, von daher denke ich nicht, dass sich das jemals bei uns ergeben wird.“ Mycroft nahm dankend das Glas wieder an und trank einen Schluck. „Also, was möchten Sie wissen? Ich schicke gleich vorweg, dass ich nicht gerade der offenste Mensch bin, aber da Greg mein Ehemann wird und Sie damit ja auch zu meiner Familie zählen werden, sehe ich ein, dass ich sicherlich ein wenig was von mir preisgeben muss.“
„Zu Ihrer Familie?“
„Selbstredend. Ist das nicht selbstverständlich? Meine Eltern brennen schon darauf Sie beide kennenzulernen.“
„Nein, selbstverständlich ist das nicht. Als Greg noch verheiratet war, haben wir ihn noch weniger gesehen, als jetzt.“ Arthur rollte mit den Augen. „Matty und seine Frau kamen nicht wirklich gut miteinander aus.“
„Verständlich. Für mich diese infernale Person auch ein rotes Tuch. Ich begreife nicht, wie man einen Mann wie Greg so schamlos hintergehen kann.“
„Darauf trinken wir!“, meinte Arthur und hob sein Glas. Er stieß kurz mit Mycroft an und trank einen Schluck. „Er hatte wirklich kein Glück in seiner Ehe.“
„Das wird ihm mit mir nicht passieren, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“
„Nun, leider kenne ich Sie noch nicht gut genug, um zu wissen wie viel Ihr Wort bedeutet.“
„Wenn ich etwas verspreche, halte ich es auch. Aber das werden Sie sicher noch selbst sehen.“
Arthur nickte und blickte Mycroft dann eine Weile an.
„Ihre Eltern wissen es also schon?“
„Ja. Es war … einfacher, da sie seit meiner Pubertät wissen, dass ich beiden Geschlechtern nicht abgeneigt war.“
„Das heißt, Sie sind nicht schwul?“
„Nein. Ich habe nie einen Unterschied gemacht, ob mir eine Frau gefallen hat oder ein Mann. Ich finde auch, dass das Geschlecht diesbezüglich weniger eine Rolle spielt, als der Mensch, der dahinter steckt. Allerdings ...“ Mycroft atmete tief durch und schürzte die Lippen. „War ich seit Jahren nicht mehr mit Frauen zusammen.“
„Also doch eher schwul?“
„Nein. Es ist kompliziert“, erklärte Mycroft und strich mit seinen schlanken Fingern über die Armlehne der Couch.
„Daher auch der Ring an ihrem Finger? Sie können nicht loslassen.“
Mycroft schob überrascht die Augenbrauen nach oben.
„Ich kann auch gut beobachten. Was denken Sie woher Greg sein Talent als Polizist hat. Ein goldener Ring, an ihrer rechten Hand. Ein Ehering, wie mir scheint. Oder irre ich mich?“
„Nein. Mitnichten.“
„Weiß Greg das?“
„Was?“
„Dass Sie verheiratet waren?“
„Ja.“
„Und es macht ihm nichts aus, dass Sie immer noch den Ring tragen?“, wollte Arthur wissen.
„Nein.“
„Warum? Mich würde das stören, wenn mein Partner oder meine Partnerin noch den Ring, der verflossenen Liebe am Finger tragen würde.“
„So ist das nicht ...“
„Dann sagen Sie mir, wie es ist. Wissen Sie, ich kenne Sie nicht. Mein Sohn will Sie heiraten und ich möchte etwas über den Mann wissen, der ihm so den Kopf verdreht hat, dass er jetzt plötzlich auf Männer steht.“
Mycroft presste die Lippen aufeinander.
„Selbstverständlich akzeptieren wir Gregs Entscheidung, aber wenn Sie möchten, dass wir Sie als Person akzeptieren, dann will ich verdammt noch mal wissen, mit wem ich es zu tun habe!“, erklärte er ernst und Mycroft musste unwillkürlich lachen.
„Er hat viel von Ihnen, wissen Sie das?“ Doch dann wurde er wieder ernst. „Also Greg weiß, dass ich verheiratet war und ...“ „Du musst ihm das nicht sagen!“ Mycroft blickte überrascht auf und sah Greg in der Tür. „Wollte nur mal sehen, ob ihr noch lebt. Dad, das ist kein schönes Thema und ...“ „Es ist gut Greg, wirklich. Ich komme schon klar“, versicherte Mycroft eindringlich.
„Na schön … wenn was ist, ich bin in der Küche.“
„Nein bleib, bitte. Wie ich schon sagte, bevor er mich unterbrach, ich war verheiratet und das ist lange her. Dass ich nicht loslassen kann, mag zutreffen, auch wenn ich es mittlerweile verarbeitet habe. Sie war die einzige Frau, die ich je geliebt habe und je lieben werde.“
„Will heißen? Dass Sie Greg nicht so lieben können wie sie?“
Mycroft schnaubte kurz und schüttelte den Kopf.
„Nein, das heißt es nicht. Wie ich schon gesagt, sie war die einzige Frau. Ich muss wohl etwas weiter ausholen, damit Sie mich verstehen. Ich war jung, ich war verliebt. Sehr sogar. Wir haben früh geheiratet. Wir waren glücklich, hatten sogar ein recht einfaches Leben, was man sich bei meinem heutigen Stil wohl kaum vorzustellen vermag. Wie dem auch sei, ich hatte gerade die Uni beendet, wir wollten eine Familie gründen. Sie war …“ Mycroft schluckte kurz und Greg setzte sich neben ihn. Er griff nach Mycrofts Hand und lächelte ihn ermutigend an. Er wusste, dass diese Geschichte nicht leicht für seinen Partner war, aber irgendwie war er froh, dass Mycroft sie erzählte. Er kannte auch nicht wirklich viele Details und er hatte Mycroft auch nicht dazu gedrängt sie ihm zu erzählen.
„Sie war auf dem Weg zu mir. Wir wollten uns treffen, um uns gemeinsam eine Wohnung anzusehen. Sie nahm die U-Bahn und … es war eine Bombe. Ein Terroranschlag. Auch wenn sie nicht im Zentrum der Explosion war, sie kam uns Leben. Bei der Autopsie stellte man fest, dass sie … bereits im 4. Monat gewesen ist.“
„Oh Gott!“, kam es von Greg und er drückte Mycrofts Hand.
„Ja. Es hat mich schwer getroffen und ich konnte Sie nie wirklich loslassen, das ist wahr. Ich trage daher immer noch meinen Ehering. Allerdings hat es nach ihr nie wieder eine Frau in meinem Leben gegeben. Ich konnte das nicht zulassen. Ich habe mich sogar nach ihrem Tod gegen jegliche Form von Beziehung oder Bindung gewehrt. Ich ließ niemanden an mich heran. Seit über 20 Jahren nicht mehr. Doch dann kam Greg. Wir kannten uns ja schon lange vorher, aber plötzlich war er mir so nahe und ich konnte ihm nicht mehr widerstehen.“ Bei den letzten Worten blickte er Greg an und versuchte ein Lächeln, das ihm nur schwerlich gelang. Diese Geschichte zu erzählen, war ihm schwer gefallen, das konnte Greg deutlich sehen. Mycrofts blaue Augen glänzten verräterisch.
„Wie ich Greg schon mal gesagt habe, zu Beginn unserer Beziehung, wenn ich liebe, dann bedingungslos und so sehr wie ich sie geliebt habe, so sehr liebe ich auch Ihren Sohn“, erklärte Mycroft jetzt in die Richtung von Gregs Vater. „Wenn ich ihn verlieren würde, wäre das auch mein Tod. Ich gebe zu, dass mich das durchaus für meine Feinde angreifbar macht, aber glücklicherweise kennt kaum einer diese Geschichte, außer meiner Familie. Zu der ich Sie auch zähle.“
Arthur schluckte nur und nickte stumm. Dann blinzelte er kurz. „Es tut mir leid. Ich wollte Ihnen auf keinen Fall zu nahe treten. Wirklich! Es ...“
„Es ist in Ordnung. Ich verstehe, dass Sie etwas über mich wissen möchten. Immerhin kennen Sie mich ja nicht. Ich bitte Sie nur um eines, sprechen Sie mich nie wieder auf diese Sache an. Ich habe es erzählt und möchte nicht mehr darüber reden!“, erklärte er ernst und bestimmend.
„Das kann ich verstehen. Es tut mir ehrlich leid.“
„Was ist mit Mum?“, wollte Greg wissen.
„Das überlasse ich dir. Noch einmal werde ich das nicht mehr ...“ Greg küsste ihn sanft und nickte. „Schon gut. Musst du auch nicht. Ich möchte auch nicht, dass du dich noch länger quälst.“
Mycroft nickte und blickte Greg nach, der wieder den Raum verließ. Dann beugte er sich zu seinem Glas und leerte dieses recht zügig, was normalerweise nicht seine Art war, aber in diesem Moment hatte er es nötig.
„Verdammt, ich komme mir gerade richtig blöd vor … es tut mir leid, ich hatte keine Ahnung ...“
„Das haben wie Wenigsten. Wie dem auch sei, jetzt verstehen Sie sicher auch, warum Greg es als Privileg ansieht, mit mir zusammen zu sein. Denn das ist es. Ich bin kein Mensch, der sich anderen einfach so öffnet.“
„Also … genießen wir auch dieses Privileg, ja?“
„Wenn Sie so wollen.“
„Hm!“, machte Arthur nur und schüttelte dann den Kopf. „Sie sind schon ein bemerkenswerter Mann, Mycroft.“
„Danke. Ich weiß natürlich, dass ich Ihren Vorstellungen als Partnerin Ihres Sohnes nicht gerecht werde, aber ich hoffe ...“
„Sie sind perfekt für ihn. Ich hab ja gerade gesehen, wie Sie miteinander umgehen und er liebt Sie. Außerdem glaube ich Ihnen diese Sache mit Ihrer Frau. Wer würde schon so etwas Schreckliches erfinden?“
„Meine Eltern werden das auch gerne bestätigen, wenn Sie noch weitere Referenzen diesbezüglich benötigen.“
„Nein. Brauch ich nicht. Ich hab gesehen, wie Sie reagiert haben. Wenn Sie das nur gespielt hätten, hätten Sie den Oscar verdient ...“ Arthur winkte ab. „Lassen wir das Thema, ich möchte nicht weiter in alten Wunden stochern.“
„Danke“, kam es ehrlich von Mycroft und schob sein Glas wieder über den Tisch, da Arthur zu der Flasche mit Whisky griff.
„Nach dieser Sache ging ich damals in die Politik und habe es mir zur Aufgabe gemacht, möglichst viele dieser Terroranschläge zu verhindern. Es gelingt natürlich nicht immer, aber ich gebe mir Mühe.“
„Erzählen Sie mir etwas darüber?“
„Oh, wenn ich das täte, müsste ich Sie töten lassen“, kam es von Mycroft und er setzte einen seiner diabolischsten Blicke auf.
„Was?!“, kam es jetzt etwas entsetzt von Arthur.
„Das war ein … Scherz. Über meine Arbeit darf ich nicht reden, aber Ihr Sohn hat nicht ganz Unrecht. Ich ziehe bei vielen Dingen die Fäden.“
„Na schön … vielleicht will ich das auch gar nicht wissen. Gott, wenn ich von jeder Bedrohung wüsste, die England bevorsteht, würde ich nicht mehr vor die Tür gehen.“
„Vermutlich nicht. Es gibt viele böse Menschen auf dieser Welt.“
Arthur nickte zustimmend und trank einen Schluck von seinem Whisky.
tbc