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If I color my life with you

von

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Die Farbe der Tristesse

If I color my life with you


 

-1-


 

~ Die Farbe der Tristesse ~


 

Der Schlüssel in meiner Hand wiegt schwer. Dabei ist er relativ klein, silberglänzend. Ein einfacher Schlüssel. Es ist auch nicht sein physisches Gewicht, sondern das Mentale dahinter, das negative Gefühl, welches mit seiner Nutzung einhergeht und mich glauben lässt, ich trüge die ganze verkorkste Welt auf meinen Schultern. Dabei bin ich es nur selbst. Ich und meine Fehler.

Das Metall schimmert glatt und neu. Er hat keine Kratzer und keinerlei Verwendungsspuren. Bis vor wenigen Stunden lag er in einem Holzkästchen zwischen Klimbim und Erinnerungen vergangener, aber kaum glücklicherer Zeiten. Ich stoße Luft aus, ehe ich angestrengt einatme, um so viel Sauerstoff wie möglich in meine Lungenflügel zu ziehen. Es fühlt sich an, als wäre es das Einzige in meinem Leben, was ich richtig machen kann, denn alles andere zerfiel vor meinen Augen zu einem Scherbenhaufen. Oft fragte ich mich, ob es ich es hätte erahnen können, ob ich den genauen Moment hätte begreifen können, an dem mein Leben Risse bekam. Denn für mich fühlte es sich ad hoc an. Nicht nur von heute auf morgen. Von jetzt auf gleich. Ich habe es nicht gemerkt. Ich stand alsbald in den kläglichen Resten meines Lebens und spürte die Scherben mit der Schärfe eines Messers in mich eindringen. Seither hat der Schmerz nicht nachgelassen, sondern sich mit der schleichenden Erkenntnis potenziert.

Meine Ehe: vorbei

Meine Firma: bankrott.

Mein Leben: gepfändet.

Meine Ersparnisse sind so gut, wie aufgebraucht und ich bin langsam, aber sicher in Zugzwang. Es ist kaum etwas übrig und deswegen stehe ich nun hier. Vor der Wohnungstür meiner älteren Schwester.
 

Die graue Front der Tür wirkt wenig einladend. Auch das, was sich dahinter verbirgt, setzt die verborgene Dunkelheit vergangener Tage frei, die ich seit einer Weile zu verdrängen versuche. Ich spüre, wie sich der mahnende Schatten von Vorwurf und Schuldzuweisung über mich legt, wie er sich über meine Glieder zieht wie eine niederstreckende Fessel.

Ich erinnere mich gut an den Tag, an dem mir meine Schwester Liana den Schlüssel zu ihrer Wohnung gegeben hat. Ihre Haare saßen besonders streng, waren nach hinten gekämmt und zu einem kompakten Knoten gedreht. Ihre Augen waren eindringlich, messerscharf. Ihre Worte waren harsch. Das kleine Metall wurde in meine Hände gelegt, mit dem beschriebenen unheilvollen Omen eines zukünftigen Scheiterns. Alles in mir sträubt sich ihn zu verwenden. Ich lausche der unbestimmten Stille des Hausflurs. Irgendwo wirbelt ein Ventilator. Die Luft anhaltend, lasse die Geräusche, um mich herum wirken, hoffe auf den unerwarteten Fingerzeig, die Lösung, den Ausweg. Der oft angerufene Leuchtstreifen am Horizont, der mich in ein anderes Leben führt und mich aus dem voranschreitenden Albtraum erwachen lässt.

Nichts.

Auch nach drei Minuten bin ich noch da, genauso pleite und hoffnungslos, wie zu vor. Als ich wieder ausatme, ist das beklemmende Gefühl nicht verschwunden und mir bleibt nichts anderes übrig, als den Schlüssel ins Schloss zu schieben und meinem Schicksal entgegen zu treten.

Metall trifft auf Metall.

Ein Klicken.

Ein letzter Moment, in dem ich darüber nachdenke, wegzulaufen, einen anderen Namen anzunehmen und fortan als Magnus Bane zu leben.

Die Rotation. Ich werde wohl ewig Gabriel Nowak bleiben.

Ein lautes Klacken. Die Tür gibt nach. Es entsteht nur ein kleiner Spalt. Dass sie sich wirklich öffnet, ist eine Erleichterung und gleichzeitig überschwemmt mich das Gefühl, mit Endgültigkeit im eigenen Unvermögen zu ertrinken.
 

Nur zögerlich trete ich ein, atme vorher ein weiteres Mal übertrieben ein. Umzudrehen und wegzulaufen. Wäre weiterhin eine Option. Irgendwohin. Egal wo. Nur weg. Weg von all diesen düsteren Gedanken, fort von den schweren, anklagenden Blicken, die mich schon jetzt strafen, obwohl ich allein bin. Meine Beine weigern sich ihren Dienst zu tun, daher nehme ich Schwung. Ich falle förmlich nach vorn und ziehe automatisch das Führungsbein mit. Zu meiner Überraschung ist es das Linke. Endlich betrete ich die Wohnung. Ich fühle Resignation und das lässt mich weitergehen.

Ehe ich die Tür hinter mir schließe, lausche ich auf Hinweisen, dass unerwarteter Weise doch Liana in der Wohnung ist. Allerdings hätte sie meine Hauruck-Aktion beim Eintreten sicher alarmiert. Aber alles bleibt ruhig. Sie ist tatsächlich nicht daheim und es beruhigt mich. Es schenkt mir noch ein paar Augenblicke des Durchatmens. Ein klein wenig Ruhe, vor dem Sturm.

„Gut“, murmele ich leidenschaftslos. Ich war vorher noch nie hier gewesen. Mein Blick wandert umher, bleibt an dem Garderobenständer hängen und schweift weiter zu zwei gerahmten Bildern mit abstrakten, kalligrafischen Motiven. Der Flur ist im Grunde nur ein Ausläufer des Wohnbereiches, das sich direkt anschließt. Ich schaue zurück zu den gerahmten Bildern und erkenne den Künstler sofort. Die Handschrift ist einzigartig. Ich hatte meiner Schwester den japanischen Künstler vermittelt. Ein junger zurückhaltender Mann, der mit den einfachsten Mitteln die ausdrucksstärksten Bilder fabrizierte, die ich je gesehen habe. Expressiv, kraftvoll und satt. Seine Motive scheinen zu leben und zu dem Betrachter zu sprechen. Für meine Schwester gestaltete er Kompositionen aus Schwarz und Weiß, deren Kraft und Ausdrucksstärke derartig imposant sind, dass sie mich fast sprachlos machen. Sie sind großartig und ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie wertvoll sie sind. Der Künstler zeigte mir damals nur Fotografien von den fertigen Werken und schon diese ließen die Haut an meinen Armen ekstatisch kribbeln. Schlussendlich ziehe ich mir die Jacke von den Schultern, hänge sie an die leeren Garderobenhaken und mit einem letzten Blick auf die wunderschöne Kalligraphie schreite ich voran.
 

Die Wohnung ist nicht besonders groß, aber gebefreudig geschnitten. Viel Glas, sowohl in der Front, als auch in der Wohnung selbst. Die rechte Seite ist mit bodentiefen und deckenhohen Panoramafenstern bestückt, die durch schwere Vorhänge verhangen sind, sodass nur partiell Licht eindringt. Ehe ich meine Inspektion fortsetze, öffne ich die Vorhänge weiter, so dass endlich auch die Helligkeit hineindringt. Als nächstes wende ich mich zur Küche. Ein Großteil ist offengehalten und wird im Hauptbereich durch ein deckenhohes Milchglas getrennt. Es lenkt Licht ins Innere, ohne zu viel preiszugeben. Ich stelle die Tasche mit meinen wenigen Habseligkeiten neben das Sofa und schmökere weiter. So lange Liana noch nicht hier ist, habe ich dazu die Möglichkeit.

Die Einrichtungsgestaltung meiner Schwester ist, - sagen wir es so,- wenig expressiv. Edelstahl. Grautöne, die sich mit Erdtönen vereinen. Es wirkt klar, sauber, eher etwas steril. Es passt zu Liana. Auch sie wirkt eher zurückhaltend und steif. Es gibt keinen Esstisch, sondern nur einen schmalen Glastresen in der Küche, mit grauem Polster auf den langbeinigen Barhockern. Ich wandere zu Spüle, fülle mir ein Glas mit Wasser und lasse als nächstes meine Hand über einen der Stühle gleiten. Das Material fühlt sich seltsam an. Steif, aber nicht stoffig oder glatt. Es ist kein Leder. Sie wirken unbequem, aber vermutlich sind sie ohnehin nie in Benutzung. Liana kocht nicht oder verwendet ihre Küche in irgendeiner sonstigen Weise. Außer es hat mit dem Öffnen einer Flasche Wein zu tun. Es spricht Bände, dass sie statt eines Ofens einen Weinkühlschrank hat.

Meine Finger gleiten über die blitzenden, glatten Oberflächen, während ich das Glas Wasser in kleinen Schlucken leere. Aus der Gewohnheit heraus öffne ich den Kühlschrank. Bis auf ein paar Flaschen Wasser, Senf und einem Glas zuckerreduzierter Kirschmarmelade ist er leer. Nicht unerwartet, aber seltsam traurig. In einem der unteren Schränke finde ich eine elektrische Doppelinduktionsplatte. Kochen wäre demnach möglich.
 

Ich kehre ins Wohnzimmer zurück und mich begleitet die Tristesse in Reinform. Das Ambiente drückt mir auf die Seele. Ich fühle schon jetzt, wie mich die Trübseligkeit in die Knie zwingt. Die Wohnung ist unumwunden farblos, fast leblos. Aber das spiegelt perfekt die Emotionspalette meiner erfolgreichen Schwester wider. Es hat etwas Ironisches, dass es die Kunst war, die mich hierherbrachte.

Mit einem fahrigen Seufzen suche ich das Bad auf, durchquere dabei das Schlafzimmer und treffe auf keinerlei Überraschungen. Es ist sauber, aufgeräumt und unpersönlich. Ich spritze mir Wasser ins Gesicht und neige den Kopf zurück, wodurch einige Tropfen meinen Hals hinablaufen. Ich genieße die Kühle. Sie ist erfrischend, aber es vertreibt die schwermütigen Gedanken nicht, die mein Gemüt gen Jordan ziehen. Wie könnte es auch? Empfindungen sind zu meinem Leidwesen nicht wasserlöslich. Nach dem ich ein kleines Handtuch gefunden habe, kehre ich in die Küche zurück und beginne, die Schränke nach etwas Essbaren zu durchsuchen. Ich finde verschiedene Teesorten und eine seit drei Jahren abgelaufene Dosenhühnersuppe. Der Deckel ist verstaubt und eine Stelle der Dose eingebeult. Ich stelle sie zurück in den Schrank, koche mir stattdessen einen Tee und setze mich damit auf die Couch. Sie federt kein bisschen zurück, scheint unter meinem Gewicht nicht einen Millimeter nachzugeben.

Fernab jeglicher Gemütlichkeit. Ich frage mich, ob die Möbel bereits in der Wohnung gewesen sind, als Liana hier einzog und ob sie sich diese wirklich selbst ausgesucht hat. Mittlerweile sind möblierte Wohnung gang und gebe. Leider. Sie sind dadurch extrem viel teurer. Das Sofa hat denselben Stoff, der auch auf den Küchenhockern ist. Wieder tätscheln meine Finger das eigensinnige Material, während ich am Tee nippe und meinen Gedanken nachhänge. Es gibt viele Dinge, die ich erledigen müsste, zu denen ich mich, aber nicht aufraffen kann. Die Liste wird mit jedem Tag länger und ich sehe nur dabei zu, wie sie mir weiter über den Kopf wächst. Das Alles sind symbolische Sargnägel.

Die Anspannung in meinen Schultern wird schmerzhaft, als würden meine Nackenmuskeln jeden Moment bersten. Ich habe seit Tagen dadurch Kopfschmerzen. Ich sehe umher und bemerke einen Beistelltisch mit einer Oberfläche aus Stein, auf dem eine geöffnete Flasche Wein steht. Bevor ich das Büro verließ, habe ich Liana geschrieben und mein Kommen angekündigt. Sie hat die Nachricht nur gelesen, aber nicht darauf geantwortet. Ich weiß demnach nicht, wann sie nach Hause kommt. Im Grunde weiß ich nicht, ob sie überhaupt in der Stadt ist. Daher bleibt mir nichts anderes übrig, als hier zu sitzen und zu warten.
 

Doch die Stille der Wohnung bringt mich um, auch wenn es nur fünf Minuten waren. Es zerrt an meinen Nerven und am liebsten hätte ich die Diskussion vor einer Stunde hinter mich gebracht. Auch wenn ich sie im Grunde überhaupt nicht führen will.

Die vielen Streitgespräche, ich bereits mein Leben lang mit meiner Schwester führte, erinnere ich als wäre sie gestern gewesen. Ich ging aus keiner einzigen, als Sieger hervor. Ihre Lebenserfahrung war stets ihr stärkstes Argument. Ich solle unbedingt einen Plan B haben, Risiken einkalkulieren und keinesfalls blind vertrauen. Sie war nicht die Einzige, die das sagte und wird nicht die Letzte sein. Auf keinen Fall sollte ich mein gesamtes Geld in eine fixe Idee investieren. Doch, was soll ich sagen, ich habe daran geglaubt. Ich dachte, dass ich das Richtige tue. Wie soll ein Projekt funktionieren, wenn man nicht vollkommen daran festhält? Eine Liebe, die nur von einer Seite gelebt wird, ist keine erfüllende Liebe. So empfand ich es auch bei diesem Projekt. Meine eigene Firma. Meine eigene Fußspur im sandigen Getriebe der Welt.

Ich schließe die Augen und fahre mir resigniert durch die Haare. Ich glaube nach wie vor daran. Mein Abdruck ist lediglich etwas verweht, nicht aber verschwunden.

Es ist das Bedürfnis alle zu richten, welches vorherrscht, nicht das schlechte Gefühl, es komplett zu Asche werden zu lassen. Meine Schwester wird genau diese Motivation nehmen und sie in seinen Grundfesten erschüttern. Schwarz und Weiß. Es gibt für sie, was solche Dinge angeht, keine Grauzone. Entweder man ist erfolgreich oder man hat versagt. Für mich schwebte das schwarze Versagen bereits über der Babykrippe. Doch nichts ist nur schwarz oder nur weiß. Nicht mal die Farbe Schwarz ist gleich schwarz. Wie auch Weiß nicht immer rein und gut heißt. Es ist im gleichen Maß ein Ausdruck der Leere und des Nichts. Die Wirkung von Farben ist facettenreich und vielbedeutend. So kann die Farbe der Liebe im gleichen Atemzug pure Zerstörung bedeuten. Das Leben ist bunt. Meines aber gerade nur grau.
 

Ruckartig setze ich mich auf und stiefele zum Fenster. Die Panoramafenster sind durch die schweren Vorhänge verdeckt und es stört mich, dass sie mich quasi vollständig von der Außenwelt abschirmen. Ich beginne sie mehr zur Seite zu zerren und langsam offenbart sich der Blick auf die städtische Nacht, als ich es endlich schaffe, die dicken Stoffe in ihren Halterungen zu verstauen. Weit kann ich jedoch nicht sehen, denn dicht vor mir baut sich bereits ein weiteres verglastes Hochhaus auf. Die beiden Häuser stoßen in einer Schräge aufeinander, sodass an dieser Stelle eine dunkle Gasse entsteht. Ich schätze die Entfernung zwischen den Häusern auf etwa fünfzehn Meter. Die Mehrheit der gegenüberliegenden Fenster sind, wie Lianas mit dicken Stoffen verdeckt und nur an den Rändern blitzt in einigen Wohnungen Licht hindurch. Da es sich anfühlt, als würde man in den Wohnzimmern der Nachbarn sitzen, kann ich es niemanden verübeln. Dennoch hasse ich Vorhänge. Was bringen mir bodentiefe Fenster, wenn ich das Licht nicht in den Raum lassen kann? Eine grandiose Verschwendung.

Stock für Stock fahre ich die gläsernen Blickfänge ab. Es ist nicht viel los. Überwiegend dunkle, menschenleere Räume. Eine junge Frau, die direkt die Vorhänge zu zieht, als sie das Licht anschaltet. Ich frage mich ein weiteres Mal, warum man in einem Haus mit gigantischen Fenstern lebt, wenn man sie geschlossen und verdunkelt hält. Vermutlich könnte ich diese Frage auch Liana stellen, denn obwohl sie nicht da ist, waren ihre Fenster verdunkelt. Dabei sind heutzutage die Menschen derartig mit sich selbst beschäftigt, dass sich kaum jemand über seine Nachbarn oder den Menschen in seiner direkten Umgebung Gedanken macht. Kaum jemand kennt seine Nachbarn. Vielleicht ein paar Namen, die man im Vorbeigehen am Klingelschild liest. Wir sitzen nur noch vor dem Fernseher, tippen in unsere Laptops oder scrollen in den Handys herum.

Mein Blick wandert zu einem Fenster, in dem ein größerer Spalt zu erkennen ist. Ich sehe die Hälfte eines Gesichts. Ein unförmiges, aufgedunsenes Antlitz, welches durch abwechselnde Fernseherkanäle beleuchtet wird. Ein ungesundes Grün. Ein warmes, aber nichts verbesserndes Orange. Leere, abgelenkte Augen. Ich starre die wächserne Haut an, bis plötzlich in der Etage unterhalb von meiner ein Zimmer erhellt. Ein großer, offener Raum wird erleuchtet und weiter hinten erkenne ich eine Küche mit quietschgrünen Fronten. Die Arbeitsfläche ist dunkel und im Vordergrund erstreckt sich ein Tresen, der anscheinend auch als Tisch funktioniert. Ich zähle drei Barhocker davor, die alle eine andere Form und Farbe haben. Für einen kurzen Moment sehe ich zurück, blinzele in den dunklen Raum, in dem ich stehe und frage mich, wie gut ich an dieser Stelle zu erkennen bin. Meine Gedanken werden durch einen jungen Mann unterbrochen, der mit Briefen in der Hand das gegenüberliegende Wohnzimmer betritt. Er streift sich im Gehen die Schuhe ab, schiebt sie ohne hinzusehen zur Seite und lehnt sich an den Küchentresen. Die Briefe wandern von vorn nach hinten, bis er erneut bei dem ersten ankommt. Diesen öffnet er dann. Trotz der Entfernung kann ich ausmachen, dass der Typ groß sein muss. Er wirkt muskulös, obgleich ich wegen der dunkelbraunen Lederjacke, die er trägt, nicht erkennen kann, ob es vielleicht täuscht. Seine dunklen Haare sind an den Seiten kurz und im Deckhaar etwas länger. Modern frisiert. Er legt die Briefe beiseite, zieht sich die Jacke von den Schultern und streicht sich mühelos durch die Haare. Ich folge interessiert seinen Bewegungen. Wie er die Jacke beim Vorübergehen auf ein beiges Sofa mit verschiedenfarbigen Kissen ablegt, wie er einen Blick in den Kühlschrank wirft und eine Wasserflasche herausholt. Ich beobachte, wie er seinen Kopf nach hinten neigt und dabei die Augen schließt. Wahrscheinlich werde ich Zeuge der ersten Minuten eines wohlverdienten Feierabends oder der letzten Sekunden eines sonst enttäuschenden Tages. Wer weiß. Was ihm wohl durch den Kopf geht?
 

Meine eigene Mühsal umfängt mich erneut mit nervendehnender Intensität. Ich lehne meinen Kopf gegen die kühle Scheibe und schließe für einen Moment die Augen. Was denke ich mir dabei, diesen fremden Mann zu beobachten? Herrje. Dennoch im Grunde ist es einfach. Zerstreuung. Ich suche schlicht nach Ablenkung, irgendwas, was mich aufmuntert. Ein anderes Leben, welches mich mein eigenes für ein paar Minuten vergessen lässt. Wie magnetisiert schaue ich zurück, suche und finde den Kerl erneut. Mittlerweile ist er zur Couch gewechselt und legt dort gewaschene Klamotten auf seinen Knien zusammen. Die ruhigen Bewegungen entspannen mich. Er wechselt mit der frischen Wäsche ins Nebenzimmer, welches ich auf Grund eines Rollos nicht einsehen kann und kommt wenig später wieder zurück. Der gutaussehende Nachbar zieht in einer flüssigen Bewegung das Shirt über den Kopf und als nächstes greifen seine Hände zum Knopf seiner Jeans. Ich zucke zusammen und wende mich abrupt um. ‚Spanner‘, hallt es durch meinen Kopf. Eine Woge der Unruhe und Unsicherheit rollt über mich hinweg. Doch die Neugier ist stärker. ‚Er kann mich nicht sehen. Nicht schlimm, oder?‘, frage ich mich still und drehe mein Gesicht langsam wieder zur Scheibe. Ich linse erst mit einem, dann mit beiden Augen zurück zur anderen Wohnung.

Von Jeans ist er in eine bequeme Stoffhose gewechselt und trägt nun ein schwarzes Muskelshirt. Als er von dem Sofa aufsteht, hält er ein Seil in der Hand. Ich schaue dabei zu, wie er aus einer verdeckten Ecke eine Gymnastikmatte zieht und sie vor dem Fernseher ausbreitet. Geschmeidig beginnt er zu springen. Zunächst mit Schritten, dann beidbeinig. Es sieht elegant und geschmeidig aus, als würde es ihm keine Mühe bereiten. Dann bleibt er hängen, strauchelt und ich unterdrücke ein kurzes Auflachen. Er setzt gleich wieder an, doch irgendwas scheint seinen Fluss unterbrochen zu haben, denn er taumelt erneut und wechselt die Enden des Seils zwischen Händen. Bevor er erneut ansetzt, blickt er auf, schaut eindeutig aus dem Fenster und es wirkt, als sähe er direkt in meine Richtung. Ich weiche zurück, obwohl ich mir sicher bin, dass er mich nicht sehen kann. Trotzdem macht der blutpumpende Muskel in meiner Brust einen feinen Satz und flattert fortan angestachelt. Ein wütender Nachbar ist das letzte, was ich zu den anderen Baustellen gebrauchen kann. Und ich glaube kaum, dass Liana es gutheißen würde. Ich weiche vom Fenster zurück, dass er mich nicht mehr sehen kann und schlendere zurück zu der verwaisten Teetasse. Doch schon im nächsten Moment vernehme ich das Schloss der Wohnungstür.
 

„Um Himmelswillen, Gabriel." Das ist das Erste, was meine Schwester sagt, als sie die Wohnung betritt. Liana ist kein sehr herzlicher Mensch und wird es auch niemals sein. Daher habe ich mit keiner Umarmung, nicht mal mit einem Handschlag gerechnet. Sie lässt ihre schwere Ledertasche voller Akten und Anklagen auf die Kücheninsel fallen, nachdem sie an mir vorbeigerauscht ist und greift nach einem der Weingläser, die an einer Halterung über der Insel montiert sind. Die passende Flasche des trockenen Merlots steht im Wohnzimmer auf dem aus granitbestehenden Beistelltisch. Ich beobachte Liana dabei, wie sie ohne ein weiteres Wort nach der Flasche greift, sie entkorkt und sich unelegant auf die Couch fallen lässt, ehe sie sich einen großen Schwung ins Glas schüttet. Ich warte den ersten Schluck ab, den zweiten, ehe ich es wage, den Mund aufzumachen.

„Hallo Liana“, fange ich einfach an. Hier sind wir also. Ich, siebenundzwanzig Jahre alt, fühle mich wie ein gescholtener Schuljunge. Erst nach dem vierten Schluck bemerke ich, wie sich ihre Körperhaltung verändert, wie sie sich streckt und die Schultern glättet. Nun ist sie wieder ganz Anwältin, statt schwer enttäuschte Schwester.

„Ich wusste es die ganze Zeit, dass du Markes nicht über den Weg trauen kannst." Ja, sie wusste es. Sie ist das stetige, sich wiederholende Echo vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Omen, welches bereits mein gesamtes Leben über mir schwebt, wie eine Gewitterwolke. Sie wusste, dass mich mein bester Freund seit der Schulzeit hintergehen würde. Sie wusste, dass alles, was ich anfasse, dem Untergang geweiht ist. Natürlich.

Liana sieht mich schweigend an. Die kleinen Fältchen um ihre Augen wirken in dem gedämpften Licht tiefer, als ich sie in Erinnerung habe. Auch die an ihrem Mund, die beweisen, dass sie einst wusste, wie man lächelt. Ich habe mich immer gefragt, ob die übertriebene Sorge, die ich ihr bereite, Schuld daran trägt, dass es versiegte. Liana ist fast 15 Jahre älter als ich. Da ich der ungeplante Nachzügler der Familie war, der verhängnisvolle Unfall nach drei gut gewordenen und gewünschten Kindern.

Weiter sagt sie nichts, sondern schüttelt den Kopf, ehe sie erneut das Glas Wein zu ihren Lippen führt. Ihre Haare sind zu einem kunstvollen Gebilde zusammengesteckt, doch man sieht, dass ihr Tag bereits Überstunden macht. Ich wünschte, sie würde einfach mit ihrer Tirade beginnen und die angestaute Wut rauslassen, die sichtbar in ihr brodelt.

„Liana, ich…“, setze ich an, sehe, wie sie mich mit einem Blick straft, der mir Gänsehaut macht und verstumme. Sie nimmt einen weiteren, größeren Schluck Wein und schließt die Augen, um mich und mein Elend auszublenden. Die Hälfte des Glases ist bereits geleert. In ihrem Kopf schreibt sich bereits ein Plädoyer mit unbewiesenen Vermutungen und den Phrasen wissender Vergangenheit. Sie kennt mich, glaubt sie zu mindestens, dabei sah sie stets nur das, was sie sehen wollte und ich habe es nie negiert. Ich hatte auch nie den Mut, ihr das Gegenteil zu beweisen. Sie streicht sich den Rock ihres marineblauen Kostüms glatt, das sich perfekt an ihren schlanken Körper schmiegt und schiebt sich die gelöste Strähne ihres langen, schwarzen Haares mit ihren feinsäuberlich manikürten Fingernägeln zurück. Ich möchte nichts sehnlicher als dieser zerreißenden Spannung entkommen, möchte fliehen und untertauchen, wohlwissend, dass es nichts an meiner Situation ändert. Ich mache das nächstbeste und lasse mich dazu hinreißen, in die fremde Nachbarwohnung zu blicken. Deren Bewohner springt nach wie vor Seil. In schnellen, präzisen Schwüngen. Ich stelle mir seine angespannten Muskeln vor, die sich beim Auf und Ab der Sprünge festigen und bewegen. Es hat etwas Hypnotisches.

„Wie sehr steckst du in Schwierigkeiten?“, stellt Liana endlich die Frage der Fragen. Es zerreißt mich innerlich. Ich zwinge mich dazu, sie anzusehen. Der Blazer gleitet in dem Moment über ihre schmalen Schultern und es kommt ein helles Seidentop zum Vorschein.

„Nicht so sehr, wie du denkst.“ Liana richtet sich auf und durchschreitet das Wohnzimmer, währenddessen blickt sie mich mit ihren kühlen, blauen Augen an.

„Wirklich? Warum bist du dann hier?“, fragt sie berechtigterweise und ich weiß nicht, was ich ihr antworten soll. Meine Kunden sind weg. Ich bin schon eine Weile aus meiner Wohnung geflogen und habe noch immer offene Rechnungen zu begleichen, für die ich aber kein Geld aufbringen kann. Da ich die Firmenräume bis zum Ende des Monats verlassen haben muss, ist auch mein letzter Schlafplatz passé. Es auszusprechen schaffe ich nicht.

„Ich brauche nur etwas für den Übergang“, gestehe ich, sehe ihr wissendes Lächeln. Liana richtet sich die Haare und wendet sich ab, um ins Schlafzimmer zu gehen. Ich folge ihr nicht, sondern bleibe zwischen Couch und Fenster stehen. Aus der Entfernung höre ich, wie sie das Wasser anstellt, wie sich mehrere Schubfächer öffnen und schließen. Mit geöffnetem Haar und in einen schlichten Hausmantel kehrt sie ins Wohnzimmer zurück.
 

„Wie viel Geld brauchst du, um das Chaos zu beseitigen?“ Zu viel. Es ist eine einfache Frage, doch sie macht mir deutlich, wie nichtig ihr meine Belange sind. Sie fragt nicht danach, was ich wirklich brauche. Sie will einfach nur wissen, wie sie weiteren Ärger verhindern und mich schnellstmöglich loswerden kann. Aber ich will ihr Geld nicht, wollte es nie. Was ich will, war nichts weiter als eine Schwester, die mich liebt und schätzt und nicht verteufelt und verurteilt. Sie murrt auffordernd, will mich somit zum Reden bringen. Das hat noch nie gut funktioniert. Je mehr Druck sie mir macht, umso mehr blockiere ich. So war es schon immer, auch wenn es insbesondere kindisch ist. Manche Dynamiken wird man auch im Erwachsenenleben einfach nicht los.

„Ich brauche dein Geld nicht“, flüstere ich Liana zu und sie wendet sich um.

„Nicht? Gabriel, sage mir lieber jetzt, was du alles brauchst, bevor du die Situation durch Inkonsequenz verschlimmerst.“ Ihre Stimme ist mahnend und wenig herzlich. Das hat sie noch nie gekonnt. Sie besitzt kein Mitgefühl, deshalb ist sie Anwältin geworden. Sie ist natürlich extrem erfolgreich. Liana beginnt, in ihrer Handtasche zu kramen und zieht eine Schachtel Zigaretten hervor.

„Ich will dein Geld nicht. Ich möchte…“ Wieder breche ich ab. Es fällt mir so verdammt schwer. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich es wirklich will, was mir auf der Zunge liegt. Aber ich habe keine andere Wahl.

„Was?“, fragt sie ungeduldig und ich schaue dabei zu, wie sie sich eine Zigarette ansteckt. Sie zieht den Rauch ein und paar kleine Schwaden lösen sich von ihren Lippen. Lange behält sie den Rauch im Mund.

„Ich brauche nur einen Platz zum Schlafen. Nur für ein paar Wochen, sodass ich die letzten Termine abwickeln kann.“ Liana mustert mich ausführlich und stößt dabei langsam und kontrolliert den Rauch aus. Den linken Arm schlingt sie sich dabei um die schmale Taille. Den anderen Arm stützt sie darauf ab. Ihre Augen scheinen mich zu durchdringen.

„Was ist mit deiner Wohnung passiert?“

„Musste sie kündigen. Es wären nur ein paar Wochen.“ Ich möchte selbst nur so lange bleiben, wir es absolut nötig ist.

„Ein paar Wochen?“ Ich hasse es, wenn sie meine Sätze nur zu Fragen umformuliert. Das ist kein gutes Zeichen. „Das ist alles?“ Wenn ich könnte, würde ich auf der Stelle gehen und nicht zurücksehen. Ich nicke nur und wandere mit den Augen zurück zum Nachbarhaus.

„Du musst dich arbeitslos melden, Gabriel.“

„Ich weiß“, bestätige ich ohne Umschweife. Jede weitere Ausrede würde meine Chancen bei Liana mindern. Sie mustert mich ausgiebig und ich hasse es. Ich fühle mich blank, in allem entblößt.

„Okay. Ich werde ohnehin ab Freitag für vier Wochen das Land wegen eines äußerst wichtigen Falles verlassen müssen.“ Ich sehe, wie sie den blaugrauen Dunst ausbläst und dann kurz auf die Uhr sieht. Mehr sagt sie nicht dazu, sondern drückt die halbaufgerauchte Zigarette aus.

„Ich habe noch eine Verabredung. Versuch nichts durcheinander zu bringen.“ Damit verschwindet sie aus dem Wohnzimmer und ich vernehme das Rauschen der Dusche. Sie duldet mich, mit eindeutig gesetzter Frist. Vier Wochen. Vier. Okay. Besser als nichts und ihre Abwesenheit macht es fast erträglich.
 

Wenig später schließt sich die Tür, ohne dass ich noch einmal etwas von meiner Schwester höre oder sehe. Einerseits gut, andererseits schlecht. Das Klacken ihrer hohen Schuhe auf dem teuren Parkett sagt mir, dass es möglicherweise eine romantische Verabredung ist. Darüber möchte ich nicht weiter nachdenken. Trotzdem bemitleide ich die unteren Nachbarn, denn sie ist eine gefühlte Ewigkeit mit den Schuhen durch die Wohnung gelaufen, bis sie endlich fertig war.

Als sie weg ist, richte ich mich auf, gehe ins Badezimmer, suche und finde im Spiegelschrank Kopfschmerztabletten. Ich schlucke sie trocken, nehme mir ein weiteres sauberes Handtuch aus dem Schrank und gönne mir eine warme Dusche, ehe ich in die Küche zurückkehre. Ich starte einen letzten Versuch, etwas Essbares auszumachen und werde im Wohnzimmer fündig. In der Kommode zum Flur finde ich eine Ansammlung von Crackern, Salzstangen und Gummibärchen. Bevor ich meine Ausbeute zur Couch trage, hole ich noch eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und ein sauberes Weinglas. Liana hat noch einen letzten Schluck Wein in der Flasche gelassen, den ich mir respektlos, wie ich bin, hinter kippe. Die Gummibärchen sind schon hart, aber das stört mich nicht. Ich lutsche sie. Die Salzstangen habe kein Salz mehr, aber auch das stört mich nicht. Als ich satt bin, falle ich einfach zur Seite und starre aus dem Fenster. Die Couch ist verdammt hart, so hart, dass meine Schulter kein bisschen einsinkt und mein Kopf somit enorm abknickt. Ich taste nach einem der Kissen von der anderen Seite und verhindere, dass ich mir zusätzlich den Hals breche. Ob ich die Nacht überlebe, bleibt dahingestellt.

‚Vier Wochen‘, echot es durch meinen Kopf. Wie, um Himmelswillen, räume ich in vier Wochen auf, was ich jahrelange vermurkst habe? Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Nach ein paar Minuten gebe ich mit Schmerzen im Steißbein auf. Zumindest kann ich, wenn Liana außer Landes ist, ihr Bett beschlagnahmen.
 

Ehe ich mich zum Schlafen fertigmache, suche ich im Schlafzimmer nach einer weiteren Decke und finde sie, ohne unangenehme Entdeckungen zu machen. Mir ist egal, dass sie keinen Bezug hat, als ich sie mir über den Kopf ziehe und auf dem Brett von Sofa Platz nehme. Das Klingeln meines Telefons durchbricht die herbeigeführte Stille. Ich muss nicht auf das Display schauen, um zu wissen, wer es ist. Es ist nicht das erste Mal heute, dass sie versucht, mich zu erreichen und obwohl sich jede Faser meines Körpers dagegen sträubt, gehe ich diesmal ran.

„Wo bist du und wieso gehst du nicht ans Telefon?“, explodiert Kira prompt. Ich stelle mir vor, wie meine stets perfekt gestylte Ex-Frau ihre Augen aufreißt und Feuer speit, wie ein wildgewordener Drache.

„Du weißt schon, dass wir nicht mehr verheiratet sind und ich dir nicht stündlich Bericht erstatten muss?“, erwidere ich unaufgeregt, aber patzig und lasse keinerlei Enthusiasmus hören. Ich bin zu müde.

„Gabriel!“, meckert sie zurück. Ihre Stimme geht angestrengt nach oben.

„Kira!“, gebe ich genauso quietschend Retour. „Was willst du?“ Sie ist die Letzte, mit der ich zurzeit sprechen möchte. Obwohl unsere Scheidung seit Monaten durch ist, wir getrennt leben, haben wir unglücklicherweise noch immer relativ viel Kontakt zueinander. Wir haben viele gemeinsame Freunde und einen ähnlichen Bekanntenkreis. Es bleibt nichts aus. Unser Kontakt nahm zudem wieder zu, als sich bei der Firma der schleichende Untergang ankündigte, da Kira meinte, sich ebenfalls einmischen zu müssen. Sie fühlt sich involviert, weil sie in gewisser Weise beim Aufbau der Firma beteiligt gewesen ist. Noch dazu ist sie mit dem ehemaligen Partner und meinem vormals besten Freund verbrüdert. Markes Buchanan. Früher Freund und einstiger Vertrauter, heute schlimmster Albtraum. Als er merkte, dass es langsam aber sicher bergab ging, hat er sich still und heimlich ausgeklinkt. Wie er es gemacht hat, weiß ich bis heute nicht. Ich stand irgendwann vor der Bankrotterklärung, ohne meinen Partner. Auch die Gründe, warum er es getan hat, blieb er mir bis heute schuldig und schwingt jedes Mal unnütze Reden von Ökonomie und Marktwirtschaft. Ich habe ihm vertraut und viele geschäftliche Dinge in seine Hände gelegt und das war ein Fehler.

„Markes möchte dich sprechen. Persönlich“, erklärt sie. Bei der Erwähnung seines Namens wird mir ganz anders.

„Ach ja? Urkomisch, da er doch seit Wochen nicht auf meine Anrufe reagiert.“

„Falls es dich beruhigt, er hat sich auch bei mir nicht gemeldet“, berichtet sie.

„Ach wirklich.“ Meine Antwort gleicht einem argwöhnischen Brummen. Ich glaube ihr nicht., denn bisher konnte mir keiner beiden glaubhaft weiß machen, dass sie keine Affäre miteinander hatten. Daher wundert es mich sehr, dass Markes sich nicht bei Kira gemeldet haben soll.

„Wo bist du?“, fragt sie seltsam einfühlsam. Ich hasse sie dafür, denn damit besänftigt sie mich, so dass ich meistens nachgebe.

„In der Hölle“, bekenne ich schlicht und ohne das Bedürfnis, das Gespräch weiter auszuführen. „Sag ihm, dass ich mich melde. Ich lege jetzt auf.“ Mein Finger schwebt bereits auf dem roten Telefonhörersymbol.

„Warte!“, ruft sie, sodass ich es auch höre, obwohl ich das Telefon bereits vom Ohr weghalte. Ich knicke ein und fühle mich wie das gefundene Fressen für jeden Hobbypsychologen.

„Wieso?“ Patzig.

„Ich bin ab Freitag in der Stadt, lass uns zusammen etwas essen gehen. Am Samstag.“ Ich schweige. Keine gute Idee. „Gabriel, bitte.“ Mein Widerstand schmilzt.

„Du zahlst.“

Der schwarze Schatten der Veränderung

-2-


 

~ Der schwarze Schatten der Veränderung ~


 

Ich schlafe längst tief und fest, als Liana in der Nacht nach Hause kommt. Am Morgen kämpfe ich mit den Auswirkungen der brettharten Nacht, während sie wieder zur Arbeit geht. Zwischendurch vernehme ich zwar ihre Bewegungen, unternehme aber keinerlei Anstalten, mich bemerkbar zu machen. Nur ein Zettel auf der Kücheninsel teilt mir mit, dass sie nicht vergisst, dass sie mich fortan an der Backe hat. Ich soll mich mit meinem vollständigen Namen beim Pförtner anmelden und bei Bedarf Einkäufe tätigen. Gut, dass ich nun ihre Erlaubnis dazu habe, denke ich sarkastisch und kann mir ein fieses Nachäffen nicht verkneifen, stoppe es aber, als ich das Geld entdecke, welches sie mir dafür hingelegt hat. Ich seufze schwermütig, schicke eine stille Entschuldigung in den Raum und schlürfe demoralisiert ins Badezimmer.
 

Nachdem einer Tasse Tee, erfülle ich Lianas Wunsch melde mich umgehend beim Pförtner. Solche noblen Wohneinheiten, wie der, in dem meine Schwester ihre Eigentumswohnung hat, haben für gewöhnlich einen Haus- und Eingangsdienst. Jemand, der genau beobachtet, welche fremden Leute sich in dem Gebäude herumtreiben und dafür sorgt, dass sie sich in ein Gästebuch eintragen. Gestern wurde ich nicht aufgehalten, als ich durch das Foyer marschierte und in die achte Etage gefahren bin. Ich beschließe trotz alledem der Aufforderung oder eher dem Befehl meiner Schwester Folge zu leisten.

Da ich die Salzstangen und Gummibärchen gestern vollständig vertilgte, bleibt mir nichts anderes übrig als einkaufen zu gehen. Der Pförtner murrt mir irgendwas Unverständliches entgegen, schiebt mir einen abgerissenen Zettel zu, auf dem ich meinen Namen und meine Telefonnummer notiere sowie die Wohnung, der ich zugehörig bin. Das interpretiere ich jedenfalls aus den Geräuschen, die er macht und frage mutiger Weise auch nach dem nächstgelegenen Supermarkt. Ich erahne eine ungefähre Richtung, nach einem fragwürdigen und mannigfaltig interpretierbaren Fingerzeig des Tagesportiers und finde diesen nach einem unnötigen Umweg. Ich ergattere einen hinnehmbaren Grundstock an Lebensmitteln. Brot. Aufstrich. Käse. Marmelade. Gurke und Tomate. Ein paar einfache Fertiggerichte, die sich gut aufbewahren lassen.

Den Rest des Tages verbringe lethargisch auf der Couch. Meine Motivation ist gleich null und immer, wenn ich die Augen schließe, reißt mich das schemenhafte Dunkel tiefer hinab. Die Taubheit meiner Glieder fesselt mich an einen unsichtbaren Stein, der mich schier niederringt. Es fällt mir immer schwerer, meine Augen offen zu halten oder auch nur Motivation aufzubringen. Egal, wofür.

Liana kommt mitten in der Nacht und geht am frühen Morgen. Ich höre lediglich ihre hochhackigen Schuhe auf dem teuren Parkett. Über den möglichen Schaden, den sie damit anrichtet, macht sie sich anscheinend keine Gedanken oder es ist ihr schlicht egal. Mir gehen spontan die Kosten für die Reparaturen durch den Kopf. Für das Abschleifen und Versiegeln. Wann immer Liana an der Couch vorbeikommt, spüre ich ihren Blick auf mir. Sie sagt kein Wort. Sie fragt nicht, wie ich den Tag verbracht habe. Am Morgen erkundigt sie sich nicht, was ich plane. Wahrscheinlich erwartet sie auch nichts. Das Klimpern ihres Schlüssels kündigt mir an, dass sie durch die Tür verschwindet.
 

Am Donnerstagmorgen finde ich einen weiteren Zettel in der Küche, der mich darauf hinweist, dass sie am Abend nicht zurück in die Wohnung kommt und Freitagfrüh ihren Flug nimmt. Wohin weiß ich nicht. Trotzdem befreit es mich von dem niederschmetternden Gewicht auf meiner Brust. Etwas, so weit, dass ich kurz durchatmen kann.

Den Rest des Donnerstags und den Freitag verbringe ich mit Recherche und dem Heranschaffen der notwendigen Unterlagen, die ich mir von den entsprechenden Internetseiten runterlade. Ich ziehe sie auf einen USB-Stick, um sie später im alten Büro ausdrucken zu können. Ich mache das, was möglich ist online, vereinbare Termine und muss lediglich einmal mit einer netten, aber bestimmten Dame von Arbeitsamt sprechen, die mir konkret beschreibt, wohin ich mein Anliegen richten muss und das ich es am besten per Brief mache. So viel zum digitalen Zeitalter.

Am Abend stelle ich mich mit einem warmen Tee in der Hand an das Fenster und starre hinaus. Die Sonne geht gerade unter und taucht den erkennbaren Himmel in Grau mit feinen gelben Akzenten. Manchmal stelle ich mir vor, wie die Farben auf einer Palette gemischt werden. Ich habe selbst keine künstlerische Begabung, aber war seit je her von Kunst fasziniert. Etwas mit seinen eigenen Händen erschaffen, ist besonders. Jeder, der dazu in der Lage ist, ist eine herausragende Schaffung der Natur. Ich nippe einen lauwarmen Schluck meines Kräutertees und schaue raus. Die Farben am Himmel vergehen und das Grau wird dunkler und tiefer. Seit ich in der Wohnung bin, halte ich die Vorhänge offen. Irgendwie beruhigt es mich und es ist mir auch egal, dass man mich theoretisch beobachten könnte. Ich lege meine Hand an die Scheibe, bilde mir für einen kurzen Augenblick ein, die Wärme der schwindenden Sonne zu spüren. Ich atme tief ein und schließe die Augen, intensiviere meine Vorstellung von Wärme und Wohlempfinden und spüre Enttäuschung, als ich meine Augen öffne und jegliche Empfindung dahinschwindet. Ich nehme die Hand wieder runter und mein Blick huscht zu der Reflexion auf dem anderen Gebäude.

An dem gegenüberliegenden Anblick hat sich kaum etwas geändert. Nur Vorhänge und rabenschwarze Räume. Verstecktes Leben. Nur die Wohnung des Fitnesskerls ist halbwegs einsehbar. Schemenhaft erkenne ich die Einrichtung der Wohnung. Der Räume sind dunkel, aber diesmal ist das Rollo des Nebenraums, des Schlafzimmers, hochgezogen. Er scheint nicht daheim zu sein. Würde ich noch arbeiten, wäre ich es auch nicht. Ich war selten vor 19 Uhr zurück und manchmal erst Mitten in der Nacht. Eines der Nach- oder auch Vorteile, die die Vermittlung von Künstlern mit sich brachte. Es gab viele Events, Vernissagen und Ausstellungen. Partys. Vieles am Abend. Dabei sah ich es nie als das wilde Leben. Es war schließlich Arbeit und nicht Vergnügen. Auch meine Ex-Frau sah in den vielen bunten Möglichkeiten, die sich ihr dadurch boten, lange kein Problem, sondern viel mehr eine herausragende Möglichkeit. Kira amüsiert sich gern und ausgelassen. Sie ist ein Partygirl, auch wenn sie stets behauptete, dass es nicht wahr ist. Auch Markes nannte sie einmal das perfekte Party-Accessoires, denn sie sei hübsch anzusehen und durch und durch unterhaltsam. Ich fand es nie sehr schmeichelhaft, Kira scheinbar schon. Vielleicht auch deswegen, weil mir das gesamte Getingle irgendwann zu viel wurde. Ich nahm mit der Zeit immer seltener Einladungen an, hielt mich mehr zurück und widmete mich den individuellen Bedürfnissen unserer Kunden. Während Markes und Kira die repräsentativen Funktionen weiterführten. Das war ein Fehler, denn Markes hatte schon immer einen anderen Fokus.

Ich schließe die Augen und seufze schwermütig, so wie ich es jedes Mal mache, wenn ich mich zurückbesinne und darüber nachdenke, was genau der Moment gewesen sein könnte, an dem alles schieflief. Wieso alles zerbrach. Ob ich es hätte verhindern können?

Keine Antwort. Ich weiß es nicht. Es ist auch zu spät.

Beim erneuten Öffnen der Augen fällt mein Blick sofort zurück zu der nun hellerleuchteten Wohnung gegenüber. Ich lasse aufgeregt die halbvolle Tasse Tee sinken und beuge mich beunruhigend schnell näher an die Scheibe, als würde das meinen Blick hinein verbessern. Genauso fix zucke ich wieder zurück. Was mache ich hier? Mein Gewissen meldet sich auf der Überholspur. Abrupt drehe ich mich vom Fenster weg. Ich leere die Tasse Tee mit einem Zug und stiefele in die Küche, um sie auszuwaschen und meinen Kopf ins Gefrierfach zu schieben, um mich abzukühlen. Doch die Neugier ist stärker. Nach nur wenigen Minute schleiche ich mich zurück ans Fenster, tipple auf Zehenspitzen, als würde es eine Rolle spielen.
 

Diesmal ist er nicht allein. Zwei Frauen sitzen bei ihm in der Küche. Eine auffällig große Brünette, die in einem eleganten grauen Jumpsuit gekleidet ist, spielt an einer auffälligen Kette, während sie sich zu ihm beugt. Die andere Frau ist im Vergleich dazu eher zierlich und blond. Sie trägt Blau. Eine legere Hose und ein flatterndes Top. Sie zirkelt ein leeres Weinglas zwischen ihren schlanken Fingern und stupst mit barem Fuß gegen die Wade des Fitnesstyps. In seinem Gesicht ein Lächeln, während er irgendein Gemüse auf einem Brettchen würfelt und nebenbei zum Schrank deutet, aus dem die Brünette eine Weinflasche nimmt. Ohne ein einziges Wort zu hören, kann ich die lockere, heitere Stimmung ersinnen, sie auf meiner Haut spüren, wie elektrisierende Funken. Alles an den drei Körpern spricht von Wohlempfinden und Freude. Sie lachen und er macht sich daran, eine Flasche Wein zu öffnen, während die Braunhaarige das Zerkleinern übernimmt. Es folgen Töpfe und Pfannen. Sie stoßen mit den nun vollen Gläsern an. Immer wieder kommt es zu leichten Berührungen untereinander. Eine schmale Hand an seinem Arm. Ein kräftiger Arm um schlanke Taillen. Ein offener und unbeschwerter Umgang untereinander. Ihr Unterhaltung wirkt belebt und heiter. Glücklich. Empfindungen, die schon lange keinen Anteil mehr in meinem Leben haben. Die frohgemute Stimmung in der Wohnung fasziniert und bricht mich zu gleich. Im geringen Licht der Straßenlampen reflektiert sich mein Gesicht in der Scheibe und das, was ich sehe, ist Resignation. Zwei Finger bettet ich an meine Lippen. Erst mittig, dann gleiten sie zu den Mundwinkeln, führe sie nach oben, so dass mir eine scheinzufriedene Fratze in der Spiegelung entgegensieht. Ich erkenne mich nicht darin, also führe ich die Mundwinkel abwärts. Gestatten Gabriel Nowak.

Mit einem schnellen Ruck schlage ich mit der flachen Hand gegen die Scheibe. Wieder erfasst mich das zerreißende Gefühl, nichts richtig machen zu können. Es lähmt mich. Ich werfe einen Blick auf die Uhr und schlürfe ins Bad, blicke mich währenddessen in der schattigen Trostlosigkeit der Wohnung um. Selbst die Bettwäsche, die meine Schwester benutzt, ist grau. Sicher teuer. Ägyptische Baumwolle, das Feinste vom Feinen, aber grau. Das Bad hat lediglich ein paar edle, aber schwarze Elemente in den Fliesen. Die Armaturen sind mattschwarz, fühlen sich unter meinen Fingerspitzen rau an. Es ist fremd. Es ist bitter. Ich muss hier raus. Bevor ich ins Bett gehe, schließe ich das erste Mal seit Tagen die Vorhänge, sodass ich plötzlich im tiefen Dunkeln stehe. Die Möbelstücke sind nur noch zu erahnen, als ich mir langsam einen Weg zur Couch tasten muss. Um in Lianas Bett zu wechseln, fehlt mir aktuell die Kraft. Ich muss es erst neu beziehen, mich mit dem Gedanken anfreunden, egal, wie sehr mein Rücken danach schreit, keine weitere Nacht auf der Folterbank verbringen zu müssen.

Ab Morgen. Morgen wird alles anders, ab morgen werde ich es in Angriff nehmen. Ich muss den Schatten verdrängen, der meine Gedanken verdunkelt. Irgendwie.
 

Auch am Samstag verschwindet die Lethargie nicht vollständig, aber ich zwinge mich, buche mir am Vormittag einen Wagen übers Carsharing und fahre in das alte Büro zurück. Am Ende des Monats muss ich die Räume übergeben, dann läuft der Mietvertrag aus und bis dahin muss ich alles ausgeräumt haben, sonst wird das, was zurückbleibt, entsorgt. Viele Möbel und etliche Geräte sind bereits veräußert. Einiges eingelagert. Doch etliches steht noch rum und scheint mich jedes Mal wieder auszulachen.

Es kostet mich mehr Kraft aus dem Wagen auszusteigen, als ich zugeben möchte. Dementsprechend bleibe ich länger im Auto sitzen, als gut für mich ist, denn jede Minute kostet mich zusätzlich Geld. Ich schaue dabei zu, wie der Verkehr an mir vorbeizieht. Ich merke, wie sich mein Herzschlag beschleunigt, wie das Blut durch meine Adern schießt und meine Fingerspitzen schreiend zu pulsieren beginnen. Es ist unangenehm. Ich schlucke schwer, weil sich mein Hals staubtrocken anfühlt. Der Geruch von irgendeinem chemischen Reinigungsmittel erfüllt das Auto und ich möchte mir nicht vorstellen, was in dem Wagen passiert ist, dass ein derartig heftiges Mittel benötigt wurde. Es reizt meine Schleimhäute und verursacht mir zusätzlich Übelkeit. Ekelhaft, aber in diesem Augenblick ist es mir lieber, als das Haus zu betreten, in dem sich das Büro befindet, was Anfang und Ende meiner beruflichen Zukunft mit ansah. Ich kralle meine Finger in das feste Leder des Lenkrads, lasse sie kurz locker, um dann erneut fest zuzugreifen. Das Weiß meiner Knöchel tritt hervor. Ich zwinge mich tief durchzuatmen und steige aus. Beinahe vergesse ich das Carsharing zu beenden.

Beim Öffnen der Tür denke ich automatisch an den Tag zurück, als wir die Räume bezogen haben. Als wir sie das erste Mal betreten haben. Die hoffungsvolle Stimmung, die sich nun in hoffnungslose gewandelt hat. Was ist nur passiert? Die Rollläden sind heruntergezogen und kein Fitzelchen Licht dringt in die Räume. Schwärze. Reine Schwärze. Ich spüre die unsagbare Schwere, die sich auf meinen Körper legt. Ein farbloser Schatten, der sich an mir festzukrallen scheint. Es dauert etwas bis ich einige Umrisse ausmachen kann und betätige den Lichtschalter, doch nichts passiert. Vorsichtig taste ich mich durch das Büro und ziehe die Rollläden des einen Fensters auf, um überhaupt etwas sehen zu können. Der Sicherungskasten im Wirtschaftsraum bestätigt mir, dass die Sicherungen durchgeflogen sind. Ich schalte alle wieder ein und es funktioniert. Zuerst setze ich mich an den Laptop, widme mich den Unterlagen, die ich gestern runtergeladen habe und drucke alles aus. Ich verfasse ein kurzes Anschreiben und verfrachte alles in eine Mappe. Danach falte ich einige der Umzugskartons zusammen und beginne diese zu füllen. Viele der Unterlagen haben eine Aufbewahrungspflicht von zehn Jahren, weshalb ich sie archivieren muss. Bei einer kurzen Pause fällt mir ein gerahmtes Bild in die Hände, welches die filigrane Kalligraphie eines Zitats beinhaltet.

~Die Trennung zwischen dem Denker und dem Gedanken, zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten, zwischen dem Erfahrenden und dem Erfahrenen ist falsch, denn sie sind eins. Krishnamurti. ~ Ich erinnere mich gut an den jungen Künstler, der es angefertigt hat. Er schenkte es mir, als ein Dankeschön.

Nachdem drei Kartons gefüllt sind, setze ich mich einen Moment vor das geöffnete Fenster und starre nach draußen. Ich betrachte einen einsamen, krüppeligen Baum, der auf dem, ausschließlich aus Rasen bestehenden, Parkgrundstück steht. Er sieht, gelinde gesagt, mitleidig aus, trägt kaum Blätter. Seine Rinde ist schwarz. Es wirkt aus, als würde er diesen Winter wahrscheinlich nicht überstehen. Ich reiße mich los, schiebe die Kartons zusammen und gestehe mir ein, dass ich nur zwei gleichzeitig transportieren kann. Zusätzlich stelle ich mit Ernüchterung fest, dass jemand das Auto genommen hat, mit dem ich hergekommen bin. Ich hätte es vorher checken sollen. Seufzend öffne ich die App und suche nach einem geeigneten Ersatz und natürlich ist keines in direkter Nähe. Ich finde einen Wagen in eineinhalb Kilometer Entfernung, betätige eine Reservierung und laufe notgedrungen los.
 

Auf der Hälfte des Weges, als ich einem nahegelegenen Park durchquere, beginnt es zu nieseln. Meine Orientierung ist nicht die beste, also bleibe ich stehen, starre auf die Anzeige meines Telefons. Ich habe nicht viel Zeit, da die Reservierung lediglich ein paar Minuten gültig ist, entscheide ich mich für eine Abkürzung, quer über die Wiese.

„Hey, betreten verboten!', ruft jemand und es stellt sich mir ein junger, in einem grauen Overall gekleideter Mann in den Weg. Darüber trägt er einen schwarzen Hoodie mit locker über den Kopf gezogener Kapuze und einen schwarzen Einwegmundschutz, sodass ich nur seine braungrünen Augen und ein paar Strähnen dunklen Haares erkennen kann.

„Ach ja, wer sagt das?", frage ich irritiert, sehe ich nirgendwo an seiner Kleidung einen Hinweis, dass er zu einem Sicherheitspersonal gehört. Er sieht mehr aus, wie ein Gärtner nicht allein, wegen des Rechens, den er über der Schulter trägt. Ich bin aber trotzdem versucht die Rasenfläche zu verlassen.

„Steht da auf dem kleinen Schild", sagt er schlicht und nickt in die Richtung des besagten Schildes. Ich folge dem Fingerzeig und erkenne einige zusammengefächerte Laubhaufen, aber auch eines der kleinen Schilder, die er meint.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass auf dem Schild stand, dass das keine Hundewiese ist."

„Siehst du, du hast es ignoriert und wärst beinahe in einen Haufen gerannt“, erklärt er trocken und deutet auf einen Blätterberg in unserer direkten Nähe. Seine Stimme ist amüsiert, dabei aber warm und angenehm. Sie sorgt für ein irritierend, fröhliches Flattern in meiner Magengegend, da ich nicht genau weiß, ob es Scham ist oder etwas anderes, was es verursacht.

„Wie bitte?“, gebe ich verdutzt von mir. Ich bin verwirrt, kann mir aber dennoch kein Lachen verkneifen. Wie absurd.

„Okay, der war schlecht, gebe ich zu. Aber du lächelst, ein Erfolg. Man sagt doch, ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag“, erwidert er mit einem Grinsen, was mir allein seine Augen verraten und macht mir Platz.

„Das stimmt wohl“, gestehe ich, schaue auf das Telefon in meiner Hand und muss schnell weiter, „Ich muss wirklich…“ Ich deute in die ungefähre Richtung, in die sich der Wagen befindet und versuche ihm zu verdeutlichen, dass ich weitermuss.

„Klar.“ Er nimmt den Rechen von der Schulter, um seiner Arbeit nachzugehen und hebt seine Hand zum Gruß. Ich erwidere die Geste und setze meinen Weg fort. Ich erreiche das Auto in der letzten Minute der Reservierung und fahre zurück zum Büro. Dort lade ich die Kisten ein und mache mich auf den Rückweg.
 

Mitten im Feierabendverkehr sehe bei Schrittgeschwindigkeit zu, wie sich der Himmel weiter zuzieht und es vollständig zu regnen beginnt. Im prasselnden Regen und den Kartons in den Händen komme ich durchnässt im Foyer an. Der Pförtner, ein älterer Herr mit verwunderlich schwarzem Haar, starrt mich an. Es ist nicht derselbe, wie beim letzten Mal, also ich stelle ich mich kurz vor und weise ihn daraufhin, dass ich bereits offiziell als Gast vermerkt bin. Er findet den provisorischen Zettel seines Vorgängers und tippt mich ins System ein.

Mit einem angestrengten Uff schiebe ich die Fuhre Kartons zum Sofa. Mein Herz hämmert vor Anstrengung. Ich brauche dringend mehr Ausdauer. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie ich mich jetzt fühlen würde, wenn es den Fahrstuhl nicht gäbe. Nicht auszudenken. Ich stemme die Hände in die Seite und sehe aus dem Fenster. Mittlerweile regnet es schauerartig. Dicke Regentropfen prallen gegen das Glas und laufen in stromlinienförmigen Bächen hinab. Irgendwie ist das wie ein ironisches Lachen, als mir einfällt, dass ich mich in mehr als einer Stunde mit meiner Ex-Frau treffen muss. ‘Muss‘ ist etwas hart, ich hätte mich weigern können. Aber ich war nie gut darin, meine eigenen Bedürfnisse durchzusetzen, schon gar nicht bei Kira.

Mein Telefon klingelt und zeigt mir einen unerwarteten Namen an. Zögerlich gehe ich ran.

„Liana, was ist los?“, frage ich irritiert, denn mit ihr habe ich nicht gerechnet.

„Gabriel, ich wurde gerade durch den Hauswart informiert, dass du mit allerhand Umzugskartons erschienen bist?“ Ich stoße seufzend die Luft aus.

„Zwei Kartons, zwei! Sie sind aus dem Büro. Ich mime nicht den Hausbesetzer. Unglaublich. Ist er dein Spion oder was?“, erwidere ich schärfer als gedacht.

„Er steht in der Pflicht, mich zu informieren. Du hast dich doch ordnungsgemäß angemeldet, oder nicht?“, erkundigt sie sich, als würde sie eine Hausaufgabe abfragen, die sie mir gegeben hat.

„Natürlich, aber sein Vorgänger hatte es versäumt mich auch ins System einzutragen.“ Ich habe es brav erledigt, genauso, wie sie es mir befohlen hatte. Ich bin ein braver Umpa-Lumpa. Es halten mich sowieso alle für einen Umpa-Lumpa, dann kann ich dem Bild auch entsprechen, aber selbst kriege ich nicht hin.

„Gut. Kartons aus dem Büro, also. Willst du endlich herausfinden, wie Markes dich übers Ohr gehauen hat? Etwas spät, oder?“, knallt sie mir stichelnd vor den Latz. Ich knurre genervt, halte aber das Telefon etwas weg, so dass sie es nicht hört.

„So einfach ist das nicht.“

„Natürlich ist es das. Du hattest eine Firma und überhaupt keinen Überblick. Dein Teilhaber tanzte dir von vornherein auf der Nase herum. Das grenzt an absoluter Unfähigkeit.“ Ihre Stimme ist noch immer ruhig, fast farblos, doch ich höre das Kitzeln, welches einen Ausraster ankündigt. „Wir haben es dir alle gesagt, aber du wolltest mal wieder nicht hören. Es ist wie diese seltsame Ehegeschichte mit Kira“, fährt sie unbeirrt fort. Ich lasse die Tirade über mich ergehen. Im Grunde ist es eh immer dasselbe Lied. Mal hoch, mal tief. Manchmal in Moll. „Du kannst wirklich froh sein, dass unsere Eltern das nicht mehr miterleben müssen. Du bist ein hoffnungsloser Fall, Gabriel.“ Unsere Eltern. Das ist die letzte Trumpfkarte, die Liana jedes Mal ausspielt, denn sie weiß, wie wenig ich widersprechen kann. Unsere Mutter starb, als ich 10 Jahre alt war und unser Vater fünf Jahre später.

Nichtsdestotrotz stand ich unter der Obhut von Liana. Im Grunde änderte sich nichts, denn so wie mein Vater, war auch Liana kaum da. Ihr Studium nahm viel Zeit in Anspruch. Danach das Staatsexamen. Sie arbeitete bereits nebenher in einer Rechtsanwaltskanzlei. Sie hat alles allein geschafft. Im Gegensatz zu mir. Ich habe gehadert. Erst mit der Entscheidung, das Abitur zu machen. Doch da ich mich für keinen Ausbildungsberuf erwärmen konnte, ging ich weiter zur Schule. Auch bei der Wahl eines Studiums ging es mir nicht besser. Ich wusste nicht, was ich wollte. Ich war nie gut in irgendwas. Es dauerte fast ein Jahr, dann entschied ich mich für Event- und Projektmanagement. Ab dem dritten Semester belegte ich Kurse in Kunstgeschichte und andere künstlerisch angehauchte Seminare. Später auch Literatur und Poetik. So rutschte ich immer weiter in dieses Milieu, welches mich seither nicht losgelassen hat. Kunst fasziniert und Menschen, die sie schaffen sind meine Einhörner.

„Dann ist ja nichts Unerwartetes passiert.“, erwidere ich resigniert, „Ich sorge dafür, dass du bei deiner Heimkehr von keinem meiner Probleme mehr belästigt wirst.“ Ich lege auf. Ich hätte nicht herkommen sollen. Lianas Worte hallen durch meinen Kopf, haften sich an die dunklen Wände und schreien mir von dort erneut entgegen. Unfähig. Wahrscheinlich hat sie recht. Liana hat immer recht.
 

Das Läuten beginnt von neuem und warnt mich vor Kira. Mein schwebender Daumen zuckt zurück. Statt ranzugehen schalte ich es auf Vibration und ich werfe das Telefon einfach auf die Couch, wo es munter brummt. Mit dieser Geräuschuntermalung wandere ich zur Dusche und genieße das warme Wasser auf den angespannten Muskeln. Nach der herrlichen Wasserorgie lösche ich alle Lichter der Wohnung und bleibe mit feuchten Haaren und einem Handtuch in der Hand unschlüssig in der Küche stehen.

Es folgt eine Impulshandlung, wie das Öffnen des Kühlschranks, ohne dass man weiß, was man darin sucht. Auf Tee habe ich keine Lust. Appetit habe ich auch keinen und wenn ich später nichts esse, wird mich meine Ex-Frau misstrauisch. Es würden unangenehme Fragen folgen und darauf habe ich ebenso wenig Lust. Unentschlossen spaziere ich zurück ins Wohnzimmer, direkt zum mit Tropfen benetzten Fenster. Das gegenüberliegende Gebäude scheint mich magisch anzuziehen. Ich lege meine Finger an die kühle Scheibe, streiche über die fliehenden Tropfen, ohne sie zu berühren. Zu meiner Enttäuschung ist das für mich interessante Fenster bis auf das Licht der Dunstabzugshaube in der Küche dunkel. Doch dann geht im Schlafzimmer des Fitnesskerls das Licht an. Ich halte in der Bewegung inne. Ich neige meinen Kopf zur Seite, kneife die Augen zusammen um besser sehen zu können, da der Regen die Sicht einschränkt. Ich beuge mich vor bis meine Nase die Scheibe berührt und weiche zurück.

Was mache ich hier? ‚Es ist nicht richtig‘, schimpft mein Verstand, doch mein Herz sehnt sich nach der heilen, farbenfrohen Scheinwelt, auch wenn es nur diese kurzen beobachteten Momente sind. Durch die Lamellen des Rollos dringt warmes Licht. Meine Nase drückt sich unrühmlich gegen die Scheibe, als ich versuche, irgendwas zu erkennen. Doch dann geht das Metallrollo plötzlich hoch und gibt die Sicht auf zwei muskulöse Beine frei. Er ist es. Er kippt beide Fenster an. Im Hintergrund kann ich das Fußteil des Bettes sehen und bemerke ein weiteres Paar Füße neben der Badezimmertür. Er ist nicht allein. Eine Frau ist bei ihm.

Aufregung kitzelt in meinen Fingerspitzen. Obwohl ich nur ihre Beine und Füße

sehe, kann ich mir gut vorstellen, was gerade dort passiert. Sie schmiegt sich von hinten an ihn. Sie flüstern und er wirbelt sie energisch herum, sodass sie voreinander stehen. Die flirtenden Worte fließen über ihre Lippen wie ein erotisches Trommelfeuer. Wie sich ihre Lippen aufeinander bewegen. Ihre wandernden Hände. Sie steuern aufs Bett zu und landen in der zerwühlten Decke.

Okay, das reicht. Ich würde auch nicht wollen, dass man mich in solch intimen Augenblicken beobachtet. Nun wende ich mich ab. Mein Blick fällt auf mein eigenes trostloses Nachtlager, welches in der Schwärze der Nacht eher einer unbequemen Pritsche gleicht als einer Couch. Sie fühlt sich auch so an. Wieder schiele ich zurück, als wäre ein Magnet in der gegenüberliegenden Wohnung angebracht, der mich dazu zwingt, dorthin zu schauen. Die passenden Fantasien formen sich von ganz allein und ohne mein aktives Zutun. Der muskulöse Körper, wie er sich über sie beugt. Wie er mit den Fingern unsichtbare Linien über ihre Brüste und ihren Bauch malt. Vielleicht ist es eine der Frauen vom letzten Mal? Die Blonde eventuell. Seine schlanken Finger auf deren Körper. Seiner Härte, wie sie sich gegen ihren sündigen Po drückt. Ich spüre das deutliche Kitzeln in meiner unteren Körperhälfte, das leichte Ziehen der Erregung und drehe mich abrupt um.

„Was läuft falsch bei mir?“, hauche ich atemlos. Ich ahne die Antwort und verdränge sie gleich wieder. Es ist zu ernüchternd.
 

Es regnet weiter. Ich höre das stetige Ploppen der Tropfen gegen den Scheiben und auf den Fensterbänken. Ich presse den nackten Rücken gegen das Glas und streiche mir die feuchten Haare zurück. Vielleicht wird ein Kaffee helfen oder eine weitere diesmal kalte Dusche. Besser nicht. Kaffee muss reichen. Ich werfe ein T-Shirt über und tapse in die Küche. Mit einem frischen, aber vermutlich verätzend starkem Kaffee in der Hand öffne ich einen der Aktenkartons. Ich ziehe ihn vor die Couch zu meinen Füßen und sammle eine Handvoll der Unterlagen heraus. Nach jedem Satz huscht mein Blick zurück zum Fenster.

Was sie wohl gerade tun? Noch immer Vorspiel? Oder schon der Hauptgang. STOPP!

„Jetzt ist aber genug. Das geht dich nichts an.“, schelte ich mich laut selbst und klinge weniger resolut, als ich es wollte. Ich bin eigentlich ein sittsamer und unauffälliger Nachbar, ohne seltsame Gaffertendenzen. Normalerweise. Der Mensch beobachtet, das liegt in seiner Natur, nicht wahr? Wir sind neugierig. Viele der wichtigsten Errungenschaften der Menschheit entstammen aus der Beobachtung. Newton und der herabfallende Apfel. Darwin und seine Finken. Verhaltensforschung in der Psychologie.

Ich nippe langsam am Kaffee und nehme mir eine weitere Akte vor, in der Hoffnung, dass das, was darin steht, etwas Ablenkendes ist. Ich durchblättere drei Seiten und nehme nur etwa zehn Prozent wahr. Ehe ich es weiterversuche, lasse ich mich resigniert zurückfallen. Danach zur Seite. Ich drücke mein Gesicht tief in das feste Polster und halte die Luft an. So lange, bis meine Lunge schmerzt und ich heftig einatmen muss. Ermattet drehe ich meinen Kopf zur Seite und schließe die Augen. Was läuft bei mir nur verkehrt? Ohne Antwort atme ich wieder aus und bleibe ermattet liegen.
 

Die Vibrationen an meiner Stirn wecken mich. Fahrig taste ich nach dem Telefon und gehe ran, ohne auf das Display zu schauen.

„Ja“, begrüße ich knapp und gähne laut.

„Wo bist du und was machst du?“ Eine wohlbekannte weibliche Stimme prescht mir entgegen und ich verkneife mir nur knapp das ertappte Raunen. Kurz linse ich auf die Uhr. Es ist kurz vor 19 Uhr. Ich habe unsere Verabredung beinahe verschlafen. Das passiert mir öfter bei Dingen, die ich unbedingt vermeiden möchte.

„In der Karibik, was denkst du, wo ich bin?“, murmele ich und hieve mich hoch. Ich merke den unangenehmen Zug in meinen Oberarmen, als ich es mache und versuche, nicht angestrengt aufzustöhnen. Ich vernehme ein unwirsches Lachen.

„Ich versuche seit einer Stunde, dich zu erreichen.“

„Entschuldige, aber ich habe neuerdings ein Leben außerhalb deiner Reißleine“, kommentiere ich, wieder schnippisch und richte mich auf. Irgendwo in meinem Rücken knackt es. „Was ist so wichtig, dass du es mir nicht in einer Stunde sagen kannst?“ Ich schlürfe Richtung Badezimmer. Mit dem Telefon in der Hand schaue ich in den Spiegel. Meine Haare liegen wirr um meinen Kopf, da sie vor dem Nickerchen nicht vollständig getrocknet waren. Ich sehe zum Fürchten aus. Sie brauchen dringend einen ordentlichen Schnitt. Rasiert bin ich auch nicht. Ich fahre mir über die stoppeligen drei Tage Wangen.

„Ich verspäte mich, aber scheinbar ist es unnötig, dir das zu sagen, denn du hast es wohl vergessen. Wie so oft“, stichelt sie zurück.

„Ich habe es nicht vergessen“, erwidere ich kurz angebunden. Ich habe nie eine Verabredung mit ihr vergessen, maximal verzögert. Es verärgert mich, dass sie solche Dinge behauptet. „Du denkst, du pfeifst und ich komme, aber begreife, dass ich dir gegenüber, keine Verpflichtungen mehr habe.“ Am anderen Ende bleibt es still. Ich warte darauf, dass sie mich wütend durchs Telefon zieht. Doch nichts passiert.

„Verstanden. Dennoch möchte ich dir vorschlagen, dass wir uns 20:30 Uhr im Hanami treffen. Wenn es dir genehm ist.“, schnippt sie zurück. Ich muss mich zusammenreißen, um meine Verärgerung effektiv aufrecht zu halten. Ich stimme zu und lege auf. Der nächste Blick in den Spiegel fühlt sich fremd an. So kenne ich mich nicht. Kira natürlich auch nicht.

Der blassgelbe Schleier der Täuschung

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~ Der blassgelbe Schleier der Täuschung ~


 

Nach einer Rasur fühle ich mich glatt wieder, wie der Mensch, der ich mich anschicke zu sein. Mich motiviert ebenfalls, dass ich vor Kira nicht als gebrochener, verzweifelter Mann auftreten will und mit Bartstoppeln habe ich die Tendenz noch weniger ernstgenommen zu werden, als ohnehin schon.

Beim Outfit belasse ich es bei einer schlichten schwarzen Jeans und einem legeren, anthrazitfarbenen Hemd. Nach mehr Farbe ist mir nicht. Viel Auswahl habe ich nicht mehr und je einfacher desto besser. Zusätzlich will ich Kira weder in die eine noch in die andere Richtung den falschen Eindruck vermitteln. Ein letztes Mal blicke ich in den Spiegel, streiche mir die Haare in Form. Natürlich und unaufgeregt. Styling war nie meine Stärke, im Gegensatz zu Markes, der seit der Schulzeit perfekt sitzende Haare hatte. Ich habe ihn ab und an dafür beneidet, doch irgendwann sah ich ein, dass ich meine Zeit mit besseren Dingen verbringen kann, als stundenlang meine Haare zu striegeln.

Als letztes richte ich mir den Kragen des Hemdes und verlasse das Badezimmer, Ich werfe einen Blick auf die Uhr und suche die Route aus, die ich zum vereinbarten Restaurant mit den Öffentlichen nehmen muss.

‚Es ist nur ein Essen‘, sage ich mir wiederholt, trete aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Unwillkürlich werfe ich einen Blick aus dem Fenster und verharre, achte nicht darauf, dass diesmal das Licht an ist und ich somit gut sichtbar bin. Mein neuestes Beobachtungsobjekt lümmelt auf der Couch. Er trägt ein violettes Shirt und eine schwarze Hose. Seine Füße sind nackt. Sie wippen zu einem mir unbekannten Lied. Nun ist er allein. Während ich zu ihm sehe, ziehe ich mir den Mantel über die Schultern, den ich auf der Couch abgelegt habe. Ich beneide ihn für den ruhigen Abend, denn er genießt. Gut, er hatte die Aktion vorher. Für einen Moment folge ich weiter seinen musizierenden Füßen, dann wende ich mich um und verlasse die Wohnung.
 

Ich bin vor der neu vereinbarten Zeit am Lokal. Es hat sich kaum verändert. In den ersten Jahren unserer Beziehung waren wir oft hier gewesen. Es gibt fantastische japanische Gerichte, nicht nur Ramen oder der Klassiker Sushi, sondern Okonomiyaki, Tempura und Gyoza. Wir haben viel ausprobiert. Viele Erinnerungen geschaffen. Es war unsere glückliche Zeit und das ist auch das, was ich mit diesem Lokal verbinde. Ich bin mir sicher, dass Kira es aus Gewohnheit ausgesucht hat und nicht, weil sie diesen Erinnerungen nachtrauert.

Die Warterei macht mich unruhig und hungrig. Ich denke kurz darüber nach einfach hineinzugehen und mich hinzusetzen. Immerhin ist das kein Date und ich muss meiner Ex-Frau keine Sonderbehandlung zukommen lassen. Nie wieder. Meine Finger beginnen zu schwitzen und ich schiebe sie in die Taschen des Mantels, um es vor mir selbst zu verstecken. Ich habe keine Ahnung, wo die Nervosität herkommt. Es nieselt nach wie vor und die feinen, winzigen Tröpfchen legen sich als federleichte Schicht auf meine Haut. Ich schließe die Augen bis ich näherkommende Schritte höre. Das typische Klackern von hohen Damenschuhen auf Asphalt. Aber eigentlich ist es dieses schrecklich blumige Parfüm, welches vor ihr herschwebt, wie eine penetrante Wolke. Dieses rieche ich zu erst. Erst als sie neben mir steht, öffne ich die Augen und wende mich ihr zu.

Kiras Gesichtsausdruck wechselt von ertappt zu überrascht und zu schmollend, als hätte sie vorgehabt mich zu erschrecken. Wie kindisch und seltsam Kira-like. Ich komme nicht umher, festzustellen, dass sie fantastisch aussieht und ich fühle mich geschmeichelt, dass sie sich trotz unserer komplizierten Vergangenheit Mühe gibt.

Ihre hübschen blauen Augen sind verführerisch Schwarz geschminkt und ein feiner goldgelber Schimmer glänzt auf ihren Augenlidern. So wie früher. Es ist ihr Ausgeh-Makeup. Ich fand schon immer, dass sie mehr ein Silber-Typ ist. Allerdings trägt seit neusten ein Honigblond, was mehr Raum für ihre Liebe für Gold lässt, als das Wasserstoffblond, in dem ich sie kennengelernt habe. Nur noch selten erinnere mich an die Gründe und den Moment, in dem ich mich in sie verliebte, denn öfter wird der Gedanke als gleich davon abgelöst, dass es hinreichend Gründe gab, weshalb es nicht funktionierte. Diesmal bleibt es beim guten Teil. Es macht mich fast etwas traurig, also räuspere ich mich.

„Früher hast du dich gefreut mich zu sehen“, kommentiert sie, während sie mich leicht am Ärmel runterzieht, um mir einen Kuss auf die Wange zu hauchen. Danach reibt sie ihre Lipgloss feuchten Lippen aufeinander, um die Kosmetik neu zu verteilen. Ich hingegen wische mir die Spur direkt mit dem Handrücken davon.

„Früher habe ich das“, bestätige ich geradeheraus und sie blickt schmollend zu mir auf. Ich biete ihr keine Angriffsfläche für Spekulationen und mache ihr auch nichts mehr vor.

„Mach mich nicht zur einzigen Bösen in der Geschichte“, schnorrt sie mit einem kehligen Seufzen und richtet mir den Mantelkragen. Sie hat recht. Die Schuld liegt bei uns beiden. Bei ihr, weil sie uns aufgegeben hat und bei mir, weil ich es zugelassen und ertragen habe, obwohl ich es lange vorher spürte.

„Ich gebe nicht nur dir die Schuld, dass weißt du“, spreche ich aus. Kira lächelt.

„Lass uns reingehen. Es ist ungemütlich hier draußen, nass und kalt und ich habe Hunger“, erklärt sie, nimmt meine Hand und zieht mich mit. Ich lasse es ohne Gegenwehr zu.
 

Im Restaurant weist man uns Plätze zu. Doch als wir an unserer alten Stammnische vorbeikommen und dieser unbesetzt ist, ist Kira nicht mehr davon abzuhalten, sich dort niederzulassen. Es ist kaum einsehbare Nische mit dem Blick durch eines der Seitenfenster. Damals war es genau, dass was wir wollte. Intimität. Abgeschiedenheit. Heute verursacht mir die Vorstellung Unwohlsein, die sich als Kreiseln in meiner Magengegend äußert. Trotzdem widerspreche ich nicht, sondern setze mich ihr gegenüber an den Tisch. Kira entledigt sich im Sitzen ihres Mantels, wirkt dabei etwas unkoordiniert und ich brauche alle Kraft, um mich einzugreifen. Er fällt zur Seite. Darunter trägt sie ein lockergeschnittenes dunkelblaues Wickelkleid, das viel ihres Dekolletés preisgibt. Es umrahmt und präsentiert zudem perfekt die Kette, um ihrem Hals. Ein Stück, dass sie einmal von mir geschenkt bekommen hat. Ein schlichter Tropfen mit eingelassenem zitronengelbem Citrin. Es war unser Fünfjähriges. Außerdem ist es ihr Geburtsstein. Ich dachte, sie würde sie nie wieder anziehen. Es ist seltsam vertraut. Sie zu sehen, bringt manchmal das Gefühl in mir hervor, es zu vermissen. Es ist kurz, aber intensiv. Es wird schnell von der kühlen Wut abgelöst, die ich ebenfalls ununterbrochen mit mir herumtrage. Ich frage mich, was sie mit der Aufmachung bezweckt und bin mir sicher, dass der Abend mit einem Gefallen enden wird. Ich erfülle ihren unausgesprochenen Wunsch und sage ihr, wie gut sie aussieht. Es ist das ewige Spiel, aber ich spiele es mit.

Ihre blassen blauen Augen mustern mich aufmerksam, als wir uns gegenübersitzen und ich hoffe, inständig, dass sie nicht hinter die Fassade blicken wird. Ein Kellner just im richtigen Moment, reicht uns die Karten und wir bestellen warmen Sake für mich und Umeshu für sie.

„Es ist lange her, dass wir zusammen hier waren“, sagt Kira mit einem Schmunzeln, nach dem der Kellner weg ist. Die Karte liegt unbeachtet, aber aufgeschlagen vor ihr. „Wir waren immer gern hier.“ Ein Blick in die Ferne, der Erinnerungen weckt. Auch ich hefte ihn an die Vergangenheit. Ich weiß genau, wann wir das letzte Mal hier waren. Wir waren nicht allein, uns begleitete Markes. Es gab etwas zu feiern, denn ein paar Stunden zuvor hatten wir unsere Firma angemeldet. Wir haben Pläne geschmiedet. Träume geträumt. Den Moment genossen.

Der Geschmack in meinem Mund wird bitter, als ich mich an die gute Stimmung zurückerinnere und an das Vertrauen, was ich damals noch fühlte. In mich selbst und in die Menschen, die mich begleiteten. Es ist kaum etwas davon übrig. Ich bin froh, dass der Kellner erneut das perfekte Timing an den Tag legt und mit unseren Getränken zurückkehrt. Ich greife direkt nach der warmen Karaffe und gieße Sake in das Schälchen vor mir. Ich gönne mir einen Schluck, lasse den strengen Alkohol in meinen Mund gleiten und schließe die Augen.

„Du stößt, also nicht mal mehr mit mir an?“, echauffiert sich Kira unmittelbar. Ich stelle die Schale zurück und fülle sie erneut.

„Doch natürlich. Auf das wir getrennte Wege gehen! Prost!“, feuere ich zurück und trinken erneut.

„Wird es jetzt den ganzen Abend so weitergehen, Gabriel?“ Sie schlägt mit knittrigen Augenbrauen die Karte auf und beugt sich nach vorn. Um Handgelenk schiegt sich ein zartes goldenes Armkettchen, welches ihrem Arm hinabfällt.

„Was hast du denn erwartet?“, frage ich ernsthaft. Das Ganze hier ist mir ein Rätsel.

„Das wir, wie zwei normale Menschen miteinander reden und nicht, dass du mir ununterbrochen passivaggressiv Vorwürfe machst.“ Auch, wenn sie recht hat, verdrehe ich die Augen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir noch irgendwas zu besprechen haben“, gestehe ich ehrlich. Kira sieht auf und das Funkeln in ihrem Blick ist eindeutig. Es erinnert mich an jeden Streit, den wir je hatten und auch an die Leidenschaft, die zwischen uns herrschte. Nicht nur im Bett, sondern auch in den kleinen Momenten. Ich habe ihr genau hier, in diesem Lokal, das Essen mit Stäbchen beigebracht. Ein heilloses Desaster. Unmengen an auseinandergefallenem Sushi. Zerfleddertes Nori. Zerbröckeltes Sashimi. Überall Wasabi. Sie schmecke scharf und salzig. Am Ende schaffte sie es ein einziges Reiskorn aufzuheben und wir wurden lachend rausgeschmissen. Es war ein Wunder, dass wir kein Hausverbot bekamen. Ich lächele unwillkürlich bei der Erinnerung daran.
 

„Du hast zugestimmt mit mir zu essen. Jetzt behandle mich nicht, wie einen unliebsamen Klienten“, gibt sie zum Besten und schenkt mir diesen speziellen Blick. Er geht mir durch Mark und Bein. Er ist, wie plötzliche Wachsen von Frostbeulen überall am Körper.

„Hättest du denn ein Nein akzeptiert? Wenn du etwas willst, dann lässt du nie locker, das weißt du“, kontere ich und sie lehnt sich beleidigt zurück. Sie verschränkt ihre Arme vor der Brust. Dabei schieben sich ihre Brüste nach oben und drücken sich deutlich aus dem Kleid. Ich sehe ihr nur ins Gesicht und als ich auch nach einigen Sekunden meinen Blick nicht nach unten wandern lasse, lässt sie ihre Arme wieder sinken.

„Warum unterstellst du mir unlautere Absichten?“ Ich sehe sie noch immer misstrauisch an.

„Nenn es Erfahrungswerte“, entgegne ich. Kira sieht mich getroffen an.

„Und wenn ich einfach nur ein ruhiges Essen und einen schönen Abend mit meinem hochgeschätzten Ex-Mann möchte“, sagt sie seltsam bedacht und ich spüre, wie sie mich wenig damit einlullt. Ich möchte eigentlich auch, dass wir das können, dass es kein bösartiges Blut zwischen uns gibt, aber es fällt mir schwer. Die Wut ist da, die Enttäuschung schwelt jedes Mal hoch, wenn ich sie sehe, wenn sie lächelt.

„Okay, dann spielen wir eben einen Abend lang glückliche Ex-Eheleute“, bestätige ich und lehne mich zurück. Im Gang sehe bereits, wie der Kellner erneut zu uns kommt und diesmal möchte ich etwas bestellen. Ich entscheide mich für ein warmes Gericht. Yakisoba. Kira nimmt eine Platte mit verschiedenen Maki und Sashimi.
 

„Erzählst du mir, wieso du in der Gegend bist?“, frage ich gesittet und interessiert. Genauso, wie sie es sich gewünscht hat. Kira lebt seit unserer Scheidung allein in unserer ehemaligen gemeinsamen Wohnung. Es ist eine der viele Eigentumswohnungen, die ihr Vater besitzt und sie befindet sich außerhalb der Stadt.

„Ich war auf Tour und habe mit einigen Juweliere gesprochen und Kontakte geknüpft“, berichtet sie schließlich und ich blicke überrascht auf. Meine Ex auf Arbeitssuche? Ist die Welt untergegangen und ich habe es nicht gemerkt? Schon in der Schule hat sie regelmäßig ihren eigenen Schmuck entworfen und auch hergestellt. Perlen. Draht. Vieles mehr. Zu einem Geburtstag bekam sie einst einen einfachen Goldschmiedekurs, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob sie diesen wirklich gemacht hat. Sie verkaufte an Freundinnen und Verwandte. Sie war engagiert, aber nie endgültig entschlossen. Warum habe nie herausbekommen.

„Und?“

„Und, was?“ Kira greift sich ein paar der Knabbereien, die der Kellner zuvor abgestellt hat. Sie legt sie sich zunächst auf die Handfläche und pikt sie dann nacheinander auf.

„Und erfolgreich? Wo genau wird das hinführen?“, erkundige ich mich. Ihre schmalen Schultern zucken nach oben, dabei treten ihre knöchrigen Schlüsselbeine hervor. Mein Blick fällt auf das dunkele Muttermal unter dem rechten Knochen. Es ist ein Leberfleck in Form einer liegenden Erdnuss.

„Eine Dame schien ganz interessiert. Sie sagte, ihr gefiele mein femininer Style.“ Nun schaut sie, wie das 17-jährige Mädchen, welches ich damals kennenlernte. Ihr schlanker Finger zirkelt über den Rand des leeren Bechers. Der lange, künstliche Fingernagel trifft ab und an auf die Keramik und erzeugt ein leises klickendes Geräusch.

„Das ist gut“, erwidere ich einfallslos.

„Sie sagte auch, meine Präsentation sei laienhaft und untergräbt mein Talent.“ Kira klingt, als sie das sagt deutlich angepisst. „Was soll das eigentlich bedeuten? Entweder sie mag meinen Schmuck oder nicht.“ Ich kann mir ein schiefes Grinsen nicht verkneifen, als sie sich frustriert zurücklehnt und mit ihren Armen herumwedelt, wie ein aufgebrachtes Huhn. Ich erinnere mich daran, dass sie schon immer glaubte, dass nicht viel Talent von Nöten wäre, anderen zu überzeugen.

„Das soll heißen, dass es nicht ausreicht, dass du mit deinen hübschen blauen Augen klimperst. Glaubst du, du schnippst und es stehen alle Juweliere der Welt für dich Schlange? Du musst dir erstmal einen Namen machen, vorher interessierst du niemanden. Es ist egal, wie schön deine Stücke sind. Trotzdem musst du sie gut präsentieren, dich und deine Marke natürlich auch.“ Pure Wahrheit. Erneut verschränkt sie die Arme vor der Brust.

„Du klingst, wie mein Vater!“, sagt sie und mich erfasst ein eiskalter Schauer.

„Dein Vater ist ein weiser Mann“, kommentiere ich, den leichten Eisesekel verdrängend. Er hat mich nie wirklich gemocht, geradeso toleriert. Wir sind nie miteinander warm geworden, egal, wie sehr ich mich bemühte. Irgendwann ließ ich es.

„Gut, dann klingst du eben, wie deine Schwester. Liana würde dasselbe sagen.“ Ihr Blick wird giftig und ich muss zugeben, dass ihr Kommentar saß. Den Vergleich mit meiner Schwester zu ziehen, ist mehr als eine Beleidigung für mich. Wir sitzen keine halbe Stunde zusammen und beginnen zu streiten. Das ist der typische Tenor unserer letzten Begegnungen. Ich zweifele daran, dass wir es jemals schaffen werden ein vernünftiges, ruhiges Gespräch zu führen.

„Tut mir leid“, sagt sie unvermittelt, weil sie bemerkt, dass ich mich direkt wieder verschließe. „Das hätte ich nicht sagen sollen. Aber ich hasse es, wenn du mit meinem Vater übereinstimmst.“ Überrascht schaue ich auf. Eine Entschuldigung? Eine ehrliche Reflexion? Das ist nach all den Jahren noch nie passiert. Noch habe ich oft mit ihrem Vater übereingestimmt. Ich greife zu meinem Sakeschälchen. Er ist nur noch lauwarm. Ich mag ihn trotzdem, auch als er sich meinen Hals entlang brennt, ähnlich wie der trockene Wein von Liana.

„Was genau, oder sollte ich sagen, wer lässt dich jetzt Druck ausüben bei der Geschichte?“, erkundige ich mich interessiert und beobachte, wie sie an ihrem Wein nippt.

„Papa hat mich letztens mehr als auffällig zu meinen weiteren Plänen ausgefragt“, gesteht sie, „Er hat nichts Explizites gesagt, aber er sah nicht zufrieden aus.“

„Hat er das? Und du hast nicht gewusst, was du ihm erzählen sollst?“, stichele ich amüsiert. Kiras Beziehung zu ihrem Vater ist kompliziert. Zum einen ist sie seine kleine Prinzessin, aber ab und an, versucht er es doch sie auf einen eigenständigen Pfad zu führen. Das hat dann etwas von Bulldozer. Bisher ist sie von Kurzzeitjob zu Kurzeitjob geschliddert und hielt es nie lange an einer Stelle aus. Erneut beißt sie die Zähne zusammen. Ich gieße mir mehr Sake ein.

„Ideen habe ich, aber natürlich ist nichts davon ausgereift, das habe ich auch der Juwelierin gesagt. Es ist alles noch im Aufbau. Papa verlangt einen Businessplan von mir“, erläutert sie abschließend. Ich nicke verstehend.

„Wird auch Zeit.“ Sich mit ihrem Schmuck selbstständig zu machen, liegt schon lange auf dem Tisch und wir haben schon oft darüber gesprochen. Im Grunde bin ich der Falsche, um ihr Ratschläge zu dem Thema zugeben oder ihr Vorwürfe zu machen. Meine jetzige Situation zeigt, dass ich selbst kein großartiger Businessmensch bin. Kira schnaubt und schluckt diesmal den Inhalt des gesamten Schälchens in einem Rutsch.

„Du brauchst vor allem fertige Kollektionen und einen guten Fotografen, der dir einige Sedcards fertigmacht, so dass du ein Portfolio zusammenstellen kannst“, steuere ich meinen Senf bei und nehme nun selbst ein paar der Knabbereien.

„Markes meint, ich sollte mir dafür professionelle Hilfe suchen, denn sonst wird es nichts.“ Bei der Erwähnung des Namens meines alten Geschäftspartners zucke ich leicht zusammen. Kira dreht den kleinen Keramikbecher zwischen ihren Fingern.

„Warum übernimmt er die Planung nicht für dich? Er hat damit Erfahrung und ihr steht euch doch nahe. Er kennt sicher auch einige Produktfotografen.“, schlage ich. Dabei klinge ich bissiger als gewollt und Kira beugt sich nach vorn. Wissend. Sie war schon immer gut die Nuancen zu lesen. Sie stützt ihre Arme auf den Tisch ab und legt ihre Finger posierend unter ihr Kinn, ohne das es abgestützt wird.

„Der Zynismus steht dir nicht, Gabriel.“ Ich sehe sie schweigend an. Überlegend wende ich meinen Blick ab. Die ganze Miesere hat mich meinen Charme erstickt. Ich weiß es schon seit längerem. Früher lebte ich davon, zu lächeln und zu reden. Im Moment würde ich es nicht einmal schaffen, ein kleines Kind davon zu überzeugen in ein Karussell zu steigen. Das ich lächele ist selten geworden und wenn, dann ist es oft nicht ehrlich, nicht echt.

„Tja, der kam mit dir und Markes einher“, erwidere ich mit dem vollen Bewusstsein, dass sie das verletzten wird.

„Du denkst immer noch, dass ich etwas mit ihm habe, oder?“, schnorrt sie genervt. Kira denkt, ich bin eifersüchtig. Weitgefehlt. Unser Essen kommt und die Frage bleibt im Raum hängen, wie das blecherne Elend, die sie ist. Es ist ein Zwiespalt, der in mir kämpft. Will ich die Wahrheit wirklich erfahren? Der Gedanke, dass sie mich mit meinem besten Freund betrogen hat, verbrennt mich innerlich. Die Gewissheit wurde mich enden. Doch, dass aktuelle Schweben zerstört alles Stück für Stück, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen kann. Was also ist besser?
 

Der Geruch von warmem Gemüse und Soja-Sauce strömt mir entgegen und ich schließe die Augen. Es riecht fantastisch, aber die positive Aufregung, dieses tolle Essen vor mir stehen zu haben, erreicht nicht meinen Magen. Ich greife geistesabwesend zu den beigelegten Stäbchen und versuche das flaue Gefühl zu verdrängen. Es funktioniert nicht. Kira gießt sich Soja- Sauce in das viereckige, flache Schälchen und verdeckt mit der braunen Flüssigkeit das schönen roten Mäandermuster, sowie das japanische Zeichen für Sauce.

„Hast du dich schon bei Markes gemeldet?“, fragt Kira, während sie ihr erstes Sashimi aufnimmt. Ihre Bewegungen sind geschmeidig und sicher. Erneut denke ich an das Stäbchen-Debakel zurück. Erst tunkt sie ihren Maki in den grünen Rettich und danach in die Soja-Sauce.

„Nein.“

„Wieso nicht?“

„Ich hatte keine Zeit.“ Und primär keine Lust oder auch nur den Hauch von Wahnsinn in mir, mich ihm freiwillig auszuliefern. Schnell beginne ich mit meinem Essen, um nicht weiterreden zu müssen. Ich picke zunächst ein Stück Fleisch heraus. Es ist zart und perfekt gewürzt.

„Warum willst du ihn nicht anrufen?“ Sie lässt nicht locker.

„Weil ich nicht mit ihm reden möchte“, kommentiere ich lapidar und verdränge, dass ich wie ein bockiges Kind klinge. Ich fühle mich zu unsicher, um ihm gegenüberzutreten. Alles rund um die Firma ist aktuell viel zu schwammig. Ich wüsste weder wo ich ansetzen, noch wie ich mich verteidige.

„Du wirst es, aber irgendwann müssen“, kontert Kira und schiebt sich ein Maki in den Mund. Danach stapelt sie den gelblich schimmernden Ingwer übereinander und schiebt ihn weg.

„Weiß ich selbst, aber erst, wenn ich weiß, wie er es geschafft hat mich mit dem ganzen Scheiß allein zu lassen.“ Ich hantiere mit den Stäbchen und versuche den brodelnden Ärger herunter zu fahren. Kira beobachtet mich.

„Markes hat mir versichert, dass er dir früh genug mitgeteilt, dass er aussteigt und das es Probleme gibt.“ Er hat es geschafft sie zu täuschen. Wieso wundere ich mich darüber?

„Ja, sicher. Aber hat er dir auch erzählt, dass er einige der Probleme verursacht hat? Markes ist nicht der Heilige, für den du ihn mir gerade verkaufen willst, Kira.“ Sie legt ihre Stäbchen neben den schwarzen, viereckigen Teller und atmet tief ein. „Wann hast du ihn überhaupt getroffen? Am Telefon meintest du noch, du hättest ihn selbst eine Weile nicht gesehen.“

„Gestern.“

„Großartig. Er täuscht dich, genauso wie er mich getäuscht hat und jetzt benutzt er dich gegen mich“, fahre ich aufgebracht fort.

„Er benutzt mich überhaupt nicht. Du spukst Gift und Galle, warum? Markes möchte helfen.“ Aus ihr spricht pure Naivität. Sie streicht sich eine Locke ihres Haares hinter das linke Ohr, doch sie fällt schnell wieder zurück.

„Erst lässt er mich im Stich und jetzt will er plötzlich helfen? Ja, damit er als der heilige Samariter dasteht, der er glaubt zu sein. Markes kann mich mal kreuzweise“, ächze ich ohne Zurückhaltung. Kita schüttelt ungläubig den ihrem Kopf, als wäre meine Reaktion vollkommen befremdlich und an den Haaren herbeigezogen. Bevor sie weiter Verteidigungen hervorbringt, hebe ich meine Hände und stoppe sie. Ich will es nicht hören und greife erneut nach den Stäbchen. Meine Hand ist extrem verkrampft, so dass ich es nicht schaffe, irgendwas zu aufzuheben.

„Da er schon mal hier ist, kannst du dich doch einfach mit ihm treffen“, schlägt sie vor. Die Firma für die Markes mittlerweile arbeitet, hat ihren Hauptsitz hier, aber mehrere kleinere Nebensitze in anderen Städten. Da er direkt eine leitende Position erhielt, war er umgezogen. Was die Tatsache, dass er sich somit noch besser aus allem heraushalten konnte, unterstützte. Er ist, wie ein Feigling abgehauen.

„Wie lange schon?“

„Seit ein paar Wochen, ich weiß nicht genau. Ich habe ihn nicht gefragt und nach dem Grund seiner Rückkehr habe ich auch nicht gefragt. Warum interessiert dich das?“, gibt sie abwehrend von sich.

„Hast recht, es ist egal“, tue ich schlicht ab und lehne mich zurück. Ich ziehe mich innerlich von allem hier zurück. Ihm war alles egal, dann sollte es mir auch egal sein. Doch, dass ist es nicht. Ich fühle mich betrogen, in vielerlei Hinsicht. Ob er nun mit meiner Frau geschlafen oder nicht. Es ist viel mehr als das. Er hat mein Leben zerstört, dabei habe ich ihm vertraut.

Es wird unweigerlich zu einem Treffen kommen müssen, wenn er wieder in der Stadt ist. Vor Wochen habe ich ihn darüber informiert, dass noch einige persönliche Dinge von ihm Büro verblieben sind. Erst letzte Woche habe ich ihm gedroht, dass ich sie entsorge, da ich die Räume leeren muss.

„Du isst gar nicht“, merkt Kira an, „Gabriel, ich mache mir Sorgen. Du schottest dich ab. Du redest mit niemanden. Wir sind zwar getrennt, aber das heißt nicht, dass ich,-“

„Was, Kira? Was erwartet du von mir? Dass ich so tue, als wäre das alles nur halb so wild und das mein Leben gerade nicht in die Brüche geht und Abfluss verschwindet? Mit wem soll ich denn reden? Ich bin allen egal.“ Ich hatte seit der Schulzeit immer nur Markes. Alle anderen Freunde kamen mit der Beziehung zu Kira und sie hat sie auch wieder mitgenommen. Das gerade von ihr aufgenommene Maki fällt auf den Teller zurück. Ein paar Reiskörner lösen sich. Sie atmet tief durch und wir beruhigen uns beide in diesem Moment.

„Du bist mir nicht egal, Gabriel.“ Während sie das sagt, greift sie nach meiner Hand, die verkrampft die Stäbchen hält. Ihre Hand ist warm und ihre Finger sanft. Ich ziehe langsam meine Hand weg und nehme mir stattdessen eine Gabel, die zusätzlich zu den Stäbchen an den Tisch gebracht wurden.

„Kate ist schwanger, habe ich dir das schon erzählt?“, berichtet sie. Ich sehe auf und erkenne ein feines Lächeln auf ihren Lippen, auch wenn sie ihren Kopf nach unten neigt. Kate ist ihre beste Freundin seit der Schulzeit. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihr. Ich glaube Kate ist die einzige Person, die es bedauert hat, dass Kira und ich uns scheiden ließen.

„Schön für sie.“ Es klingt wenig enthusiastisch. Besser geht es gerade nicht. „Natürlich freue ich mich für sie“, kläre ich auf und Kira beginnt erneut zu lächeln.

„Ja, es hat auch lange genug gedauert. Sie hat gar nicht mehr damit gerechnet und plötzlich ist sie schwanger.“ Trotz der Jahre, die wir zusammen gewesen sind, haben wir nie über gemeinsame Kinder gesprochen. Ich glaube fest daran, dass es Glück im Unglück war das kein kleiner unschuldiger Mensch in diese Miesere hineingezogen wurde.

„Sie hat auch nach dir gefragt. Ich denke, sie würde sich freuen, wenn du dich meldest.“ Sie wartet keine Antwort ab, sondern fängt freudig an, über ihr Treffen zu sprechen.
 

Auch für den Rest des Abends klingt Kira erschreckend versöhnlich. Wir sprechen über unsere gemeinsamen Freunde und sie bringt mich auf den neusten Stand. Ab und an, fühlt es sich an, wie früher. Sie flirtet unbewusst, so wie sie es immer macht. Es sind die typischen und mir vertrauten Bewegungen ihrer Hände, ihrer Lippen und das langsam Niederschlagen ihrer langen Wimpern. Sie lächelt auffällig oft und leckt sich dabei über die Lippen. Als sie von der Toilette kommt, hat sie extra neuen Lipgloss aufgetragen. Ich vermeide es zu lange auf ihren Mund zu schauen. Sie hält ihr Wort und zahlt. Es ist die Kreditkarte ihres Vaters. Ich helfe ihr in den Mantel und wir teilen uns ein Taxi, weil sie in die gleiche Richtung fährt, wie ich. Nur etwas weiter. Als ich mich verabschiede und aussteige, kommt sie mir unerwartet hinterher.

„Was wird das?“, erkundige ich mich.

„Ich bin noch nicht müde und will noch nicht nach Haus fahren.“

„Kira.“ Ihr Namen klingt wie eine Warnung, als ich ihn ausstoße. Doch sie lächelt nur süß und hakt sich bei mir ein.

„Meine Mutter fragte letztens nach dir. Sie interessiert sich immer mehr für dich, als für mich.“ Etwas Bitterkeit schwimmt darin. Ihre Eltern sind geschieden und sie hatte nie eine wirklich gute Beziehung zu ihrer Mutter. Ich hingegen schon. Mittlerweile ist mir auch klar, wieso. Wir ähneln uns und wir sind nun beide die Nachtragenden der Beziehungen gewesen. Kira streicht mir den Kragen meines Mantels zu Recht und steht dabei direkt vor mir. Die Straßenleuchte unter der wir stehen, lässt ihre Augen funkeln und färbt sie mehr zu einem grün, als zu dem tiefen Blau, in dem sie sonst Strahlen. Sie beißt sich langsam auf die Unterlippe, so wie sie es schon etliche Mal an diesem Abend gemacht hat und lässt den Kragensaum meiner Jacke nicht los.

„Liana ist nicht da, oder? Wir könnten noch ein Glas Wein zusammentrinken“, schlägt sie vor. Sie blinzelt zur Eingangstür und dann zu mir. Es ist offensichtlich, was sie will. Sex.

„Was soll das hier?“, frage ich sie ruhig.

„Muss ich es wirklich aussprechen? Soll ich es dir zeigen, ist es so lange her bei dir?“, zieht sie mich auf. Ich sehe sie nach diesem Kommentar sprachlos an. Sie war nie von der prüden Sorte und wir hatten einiges an Spaß zusammen, aber derartig offensiv, kenne ich sie nicht.

„Ich denke, du hattest etwas zu viel Pflaumenwein.“

„Ach komm schon?“, meckert sie, der neckende Funken ist noch nicht vollends verschwunden. Sie streicht sich eine Strähne zurück und legt damit ihren schönen, schlanken Hals frei. Früher hätte ich niemals nein gesagt.

„Mein voller Ernst“, versichere ich ihr ein weiteres Mal.

„Da ist doch nichts bei. Wir sind beide erwachsen, wir wissen was wir mögen. Die Nacht ist noch jung. Es könnte unkompliziert sein“, flüstert sie verführerisch, während sie ihre Arme um den Hals legt. Es wäre niemals unkompliziert, niemals leicht. Wir haben zu viel Vergangenheit miteinander. Ihre Fingernägel fahren bedächtig und kalkuliert über die Haut in meinem Nacken, lässt sie angeregt tanzen. Ich finde immer noch, dass sie eine wunderschöne Frau ist, aber die Schatten liegen über ihr, färben sie in die Farben der Enttäuschung, Gleichgültigkeit und Ernüchterung. Ich kann es nicht nicht sehen. Wenn ich sie anblicke, dann sehe ich das Scheitern. Unseres. Meines. Ich lege meine Hand sachte an ihre Schulter und streichele für einen Moment höher, so dass ich ihre Wange streicheln kann. Sie schließt ihre Augen, als mein Daumen über ihre Wangenknochen fährt. Das Öffnen und Schließen der Müllcontainer holt mich zurück, also lasse ich meine Hand sinken und bringe etwas Abstand zwischen mir und Kira. Ich schaue in die dunkele Gasse, in der die Container stehen und erkenne eine große Gestalt, in violettem Shirt. Er ist es. Der Nachbar.
 

Als ob er mein Starren bemerkt, sieht er zu uns und hält in seiner Bewegung inne. Etwas in seinem Blick spricht von Erkennen und ein feines Lächeln bildet sich auf seinen Lippen. Vermutlich begreift er die Situation zwischen mir und Kira, als das, was es nicht ist. Mittlerweile haben Kiras Hände erneut ihren Weg meine Jacke gefunden. Sie schaut mich mit großen blauen Augen an, während mein Blick weiterhin in seine Richtung huscht. Ich schaue beschämt zur Seite, als ich merke, dass auch er den Augenkontakt nicht bricht. Hat er mich erkannt? Hat er mich doch gesehen?

„Ist es ein Ja oder Nein?“, fragt Kira weiterhin im Flirtmodus. Damit hat sie meine volle Aufmerksamkeit zurück. Vor allem da sie sich auf die Zehenspitzen stellt und ihr Gesicht damit direkt vor mir auftaucht. Nur wenig Luft ist zwischen uns. Meint sie es wirklich ernst? „Du fehlst mir“, flüstert sie und unsere Lippen berühren sich hauchzart. Diese Worte geben mir den Rest, zerren die Vernunft zurück, die mir scheinbar abhandengekommen ist. Ich schiebe sie sachte von mir und streiche mir die Haare zurück.

„Sei mir nicht böse, aber das wäre ein großer Fehler“, stelle ich mit all der Strengen klar, die ich aufbringen kann.

„Wieso, bist du gerade mit jemanden zusammen?“, erkundigt sie sich in einem unnachgiebigen Tonfall. Sie wüsste, wenn es so wäre.

„Nein.“ Sie schließt die Lücke zwischen uns mit nur zwei kleinen Schritten.

„Dann spricht, meiner Meinung, nichts gegen ein bisschen Spaß. Wir hatten immer viel Spaß miteinander“, stellt sie unverblümt klar. Ihr Egoismus ist unglaublich. Sie spielt mit dem Verschluss meiner Jacke und öffnet sie.

„Hast du das gestern auch bei Markes versucht und bist gescheitert?“, frage ich bissig, ändere meine Taktik bewusst. Ich höre die Frustration, die aus mir spricht. Ich spüre sie unterschwellig schon den ganzen Abend. Ebenso, wie etwas Eifersucht. Kira stoppt abrupt in ihrer Bewegung und lässt die Hände sinken.

„Du bist ein Arsch, Gabriel.“

„Weißt du, meiner Meinung nach, ist es mein gutes Recht der Arsch zu sein“, erkläre ich und lasse sie stehen. Ich schreite mit festem Schritt durch das Foyer, spüre das Zittern meiner Knie als ich den Fahrstuhl betrete und atme erst beruhigt aus, als sich die Wohnungstür hinter mir schließt.

Der zweifelbehaftete Weg aus dem Blues

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~ Der zweifelbehaftete Weg aus dem Blues ~


 

‚Zynismus steht dir nicht, Gabriel‘, höre ich Kira in meinen Gedanken sagen, als ich mich erschöpft gegen die geschlossene Tür lehne. Von wegen! Er ist das Einzige, was mich im Moment auf den Beinen hält. Er steht mir fantastisch, unbestreitbar und eineindeutig! Ich habe ihn mir verdammt nochmal verdient!

Mein Magen rumort und das nicht wegen des Essens. Leider ich habe kaum etwas runterbekommen, außer den Sake.

Meine charmante und einnehmende Aura ist abhandengekommen. Verstanden! Sie muss es ja wissen. Dass ich nicht lache! Möglicherweise mag etwas Wahrheit darin stecken, doch sie ist nicht verloren, sondern einfach nur vergraben unten den Unmengen an Zweifeln, Wut und Trauer, die sich seit Monaten über mir ergießen wie die heiße Vulkanasche einst Pompeji. Ich wurde betrogen, verlassen und verarscht. Ich darf deprimiert sein. Ich darf zynisch sein! Es ist mein verdammtes Recht!

Um mich selbst zu bestätigen, schlage ich mit beiden Händen heftig gegen die Tür hinter mir. Es knallt laut, echot dumpf. Meine Handflächen zwiebeln vor Schmerz und Unsinn, doch es fühlt sich gut an. Auch wenn gleich darauf die Ernüchterung einsetzt.
 

Ermattet durchquere ich die Wohnung, streife mir die Kleider vom Leib und stelle mich zum zweiten Mal an diesem Abend unter die Dusche. Ich wünschte, ich könnte das gemeinsame Essen einfach von mir abwaschen, es in den Abfluss hinabspülen und es damit in die Vergessenheit schicken. Doch so einfach ist es nicht, ist es nie. Wäre es möglich, hätte es längst jemand in kleine Fläschchen verpackt, etikettiert und vermarktet.

Trotz meines vorangegangenen Motivations- und Rechtfertigungsmonologs spüre ich, wie mich die negativen Gefühle erneut einholen. Wie sie sich über mir ausbreiten wie eine tonnenschwere Decke. Liege ich falsch? Bin ich Kira gegenüber unfair? Möglicherweise.

Aber auch ohne Markes Zutun wäre es zur Scheidung gekommen. Wir haben quasi aneinander vorbei gelebt. Wir hatte je her unsere Differenzen, liefen niemals wirklich im Gleichklang. Für manche ist es das, was die Beziehung benötigt, was ihre Gefühle jedes Mal neuentfacht, aber Kira und ich habe es selten hinbekommen einander zu verstehen, miteinander zu reden und nicht darüber. Es war die richtige Entscheidung, dass wir uns trennten und das wissen wir beide. Es war nicht sehr viel vorhanden, was das Ende unserer Ehe in Frage stellte. Wir haben keine gemeinsamen Kinder. Kaum eigenes Geld. Ein von Kiras Vater verlangter Ehevertrag sicherte uns im Grunde beide ab. Obwohl ihr Vater mich nie leiden konnte, war er fair zu mir. Ich ging mit Nichts in die Ehe und kam mit Nichts heraus.

Status Quo.
 

Nur mit Handtuch kehre ich in die Küche zurück, inspiziere gedankenverloren den Kühlschrank und schließe die Tür in derselben Bewegung wieder. Es ist bloße Gewohnheit, Unruhe und minimaler Appetit. Doch ich weiß nicht worauf und es frustriert mich. Ich habe nicht mal Hunger. Nur ein tiefes Verlangen die Leere in mir zu füllen. Ich weiß nur nicht wie oder womit. Deprimiert stelle ich den Wasserkocher an und präpariere eine Tasse mit einem Teebeutel. Ein Gute-Nacht-Tee, den ich mir beim Einkaufen gegönnt habe. Ich mag den Geschmack und die versprechende Wirkung. Ich lehne mich auf die Mittelinsel und sehe durch das Wohnzimmer hindurch zur Fensterfront. Auch von hier aus kann ich das gegenüberliegende Wohnhaus sehen, jedoch nicht die Wohnung des anderen Mannes, da sie nicht auf derselben Höhe liegt wie Lianas.

‚Er hatte gelächelt‘, geht mir durch den Kopf. Es sah gut aus. Aber warum hat er gelächelt? Hat er bemerkt, dass ich ein übertrieben hohes Interesse daran habe, in seine Wohnung zu stieren wie ein Verrückter? Eher unwahrscheinlich, aber wer weiß.

Um ehrlich zu sein, verstehe ich selbst nicht genau, wieso es mich fasziniert, was meinen Blick jedes Mal wieder in seine Wohnung zieht. Vielleicht ist es derselbe Effekt wie mit dem Fernsehen. Eine fremde Welt. Ein anderes Leben. Eine Ausflucht. Wahrscheinlich hat der Fitnesskerl nur zwei Menschen gesehen, die nah beieinanderstanden und sich seinen Teil gedacht. Das ist sicher alles.

Bevor ich mich mit dem Tee auf die Couch fallen lasse, krame ich in den abgeworfenen Klamotten nach dem Handy. Ich schalte es lautlos, da ich keine Lust habe, in der Nacht von Kiras Anrufen genervt zu werden oder ihren Nachrichten. Ein kurzer Blick sagt mir, dass ich bereits welche habe. Ich möchte es am liebsten nie wieder anstellen. Ich zwinge mich zur Ruhe, konzentriere mich auf meine Atmung und schiebe das Telefon, mit dem Display nach unten auf den Tisch. Weit weg von mir. Der Duft des Kräutertees erreicht mich und ich atme die beruhigenden Dämpfe von Lavendel und Lindenblüte ein. Er hat auch eine Note von Kamille. Der sonderbare Geruch hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Ich mochte es schon in meiner Jugend, aber es weckt nicht nur positive Erinnerungen.
 

Ich war damals sieben Jahre alt und erst ein paar Wochen in der Schule. Ich bat meinen Bruder Nathaniel mir bei einer Aufgabe, die wir für einen Unterricht erledigen sollten, zu helfen. Er weigerte sich, doch ich konnte niemand anderen bitten. Unsere Eltern arbeiteten viel und waren erst spät zu Hause, oft war ich bereits im Bett. Liana studierte und war nie zu Hause. Als ich nach stundenlanger, kindlicher Quengelei seine Geduld überstrapazierte, zerriss er aus Wut mein Lieblingskuscheltier. Ein Plüschelefanten, namens Obi. Ich erinnere mich gut daran, wie ich den Rüssel und zwei der Beine in den Händen hielt, wie weiße Wolle aus den Öffnungen hervorquoll und ich den Schmerz in meinen Gedärmen fühlte. An diesem Abend füllte ich mit Sicherheit ein ganzes Meer mit meinen Tränen. Erst mitten in der Nacht fand mich unsere Mutter weinend im Schrank vor. In meinem Armen hielt ich die Überreste meines zerstörten Plüschgefährten. Sie fragte nicht. Sie nahm mich an die Hand, sammelte sorgsam die Überreste von Obi ein und wir gingen gemeinsam in die Küche. Dort strich sie mir die Tränen von den Wangen und kochte mir einen Tee, der mich stets an die Hustenbonbons erinnerte, die ich bekam, wenn ich krank war. Ich sog den Duft ein, nippte schweigsam, während ich mit den Beinen baumelte, flickte sie in mühsamer Handarbeit mein Kuscheltier zusammen. Ihre sanften, beruhigenden Worte waren Balsam auf meiner enttäuschten Kinderseele. Warme Hände fuhren mir durchs Haar und streichelten die Reste der Traurigkeit davon. Mit jedem Schluck und mit jedem Wort genas ich mehr. Ich brauchte erst zu Bett gehen, als das Kuscheltier wieder vollständig war. Die Reparaturnähte waren kaum zu sehen, doch an der einen Seite und am Hintern hatte er fortan zwei kleine Jeansflicken, die perfekt mit den Fußsohlen harmonierten. In dieser Nacht hielt ich den Elefanten fester als jemals zuvor.

In den Erinnerungen ist das Gesicht meiner Mutter nur verschwommen vorhanden. Es ist lange her und wir haben kaum Fotos, auf denen wir zusammen zu sehen sind. Das gemeinschaftliche Familienleben fand vor mir statt. Meine Geschwister waren allen samt schon zu groß, um sich mit mir zu beschäftigen und meine Eltern sahen es nicht als notwendig, es allein zu tun. Ich war auch nie allein. Aber ich war einsam. Und ich bin es immer noch. Gerade deswegen sehne ich mich nach fürsorglichen Berührungen, nach dem Gefühl von Geborgenheit, das einem normalerweise die Mutter gab. Ich wollte stets nur jemanden an meiner Seite, bei dem ich mich fallen lassen kann, dem ich meine Ängste und Sorgen mitteilen kann. Der mich nimmt, wie ich bin. Der mich versteht. Verlange ich zu viel?
 

Die ruhelose Verzweiflung treibt mich in die Höhe und zur Fensterfront. Es regnet, doch es ist windstill und so trifft nur ab und an ein Regentropfen die Scheibe. Mein Blick wandert auf die Straße, danach instinktiv zur anderen Straßenseite. Die Wohnung, die mich anzieht, ist dunkel und ich spüre den Kitzel der Enttäuschung in mir aufblitzen. Es ist bescheuert und doch frage ich mich augenblicklich, wo er sein könnte, ob er schläft oder noch mal ausgegangen ist. Es ist Samstag. Menschen in unserem Alter würden ausgehen, das Leben genießen, tanzen oder Party machen. Ich bin mir nicht sicher, wann ich das letzte Mal ausgelassen gefeiert habe.

Ich starre eine Weile auf schemenhafte zu erkennende Möbel an, wärme meine Hände an der Teetasse und seufze gegen das Glas, sodass es stetig beschlägt. Ich schreibe dort spiegelverkehrt das Wort ‚Hi‘ hinein und schaue dabei zu, wie es verschwindet. Ich hauche erneut dagegen und es flammt auf. Nach ein, zwei Wiederholungen färbt sich das Licht, welches von der Straße hinaufleuchtet, blau und ein Streifenwagen bleibt in der Kurve stehen. Die Beamten verschwinden schnurstracks im Nachbarhaus, doch das Blaulicht am Wagen rotiert munter weiter. Ich sehe, wie das ungewohnte Licht das Interieur der gegenüberliegenden Wohnungen in eine blaue Fantasiewelt färbt.

Aus dem Augenwinkel heraus bemerke ich eine Bewegung in dem Apartment des sportlichen Nachbarn. Kaum mehr als ein fliehender Schatten im Bereich seines Schalzimmers. Eine richtige Gestalt ist nicht zu erkennen, doch dann schließen sich langsam die Spalten des Rollos und es wird runtergezogen.
 

Unschlüssig setze ich mich zurück auf Couch, lasse mich von der Frustration fluten, genährt von einer unentspannten Leere, die sich auf den Rest meines Körpers ausbreitet. Ich atme tief ein und falle einfach zur Seite, bleibe liegen, wie ein Schluck Wasser. Mein Hals ist unangenehm verdreht, aber die Änderung der Perspektive hat etwas. Ich kann Teile des Himmels sehen, ein paar der Fenster des Nachbargebäudes und ich sehe durch das wechselnde blaue Licht das aufgemalte Begrüßungswort, welches ich vorhin an die Scheibe geschrieben habe, aufleuchten.

„Hi“, lese ich laut vor. Niemand antwortet. Vermutlich sollte ich mich mehr unter Menschen wagen. Solche, die mich nicht mit diesem bestimmten Blick empfangen, wie ihn Kira oder Liana haben, sobald sie mich sehen. Ich will nicht der Loser sein, für den mich alle halten. Aber der Gedanke mich wieder in die Welt zu wagen, setzt auch ein unterschwelliges Furchtgefühl in Gang, dass mir in den letzten Monaten seltsam vertraut geworden ist. Ich frage mich, ob es schon immer da war, ob es mit all den neuen Zweifel lediglich stärker geworden ist oder ob es gänzlich neu ist? Früher war es anders. Seien es Menschen oder Situationen. Ein bisschen Small Talk, hier und da, kein Ding. Den Moment genießen, mit all dem, was er einem schenkt, keine Frage. Ich konnte es. Das Alles. Ich war gut darin. Gesellschaftsfähig, wie man so schön sagt, doch jetzt bin ich mehr Neandertaler, als Bridgerton. Ab und an fühlt es sich an, als hätte ich das nur fantasiert, meine vergangenes Ich geträumt. Ein Traum, aus dem ich grob geweckt wurde. Seufzend ziehe ich auch die Beine auf die Couch, kugele mich ein. Mein Rücken meckert, aber ich schließe nur die Augen. Der Duft des Kräutertees hängt in der Luft, wie eine aromatisierte Wolke und lullt mich stetig weiter ein.
 

‚Gabriel‘.

Mein Name gewispert. Gekeucht. Ich atme langsam aus und fühle, wie weiche Fingerspitzen über meine Brust gleiten, vertraute und doch unverstandenen Zeichen malen. Ich fühle den Kitzel der Erregung in mir tanzen, bis er Funken schlägt. Die helle Stimme flüstert meinen Namen zwischen Küssen und Liebkosungen. Es ist Kira. Das vertraute Gefühl, sie zu spüren, sie zu fühlen, liegt wie Seide über meinen Gedanken. Weich, aber doch kalt und kaum zu spüren. Dennoch strecke ich mich der Berührung entgegen, suche das Feuer und die Hitze. Es fehlt mir und ich gebe mich der träumerischen Liebe hin, nehme mir das, was ich in der Realität ausschlug.

‚Gabriel.‘

Ein tiefes Flüstern. Plötzlich stehe ich in Flammen, als raue Hände in kräftigen Zügen über meinen Körper fahren. Sie gleiten in meine Haare, reiben wissend die richtigen Punkte, um meine Erregung zu steigern. Dunkles Haar fächert sich mir entgegen, als ich an mir hinabsehe. Sein Gesicht presst sich an meinen Unterbauch. Es fühlt sich gut an. Ich strecke mich ihm gierig entgegen und packe seine muskulösen Schultern, als er sich mit firmen Küssen zu meinen Lenden arbeitet. Wie gut es sich anfühlt. Sein Mund, warm und feucht. Erfüllend auf bettelender Haut.

Mein Mund ist trocken als ich japsend die Augen aufschlage. Ich muss mir dreimal über die Lippen lecken, ehe die Spannung nachlässt. Schweratmend streiche ich mir über den verschwitzten Hals, spüre den vibrierenden Puls unter den Fingerspitzen, der mich leise keuchen lässt. Vielleicht hätte ich Kiras Vorschlag offener gegenüberstehen sollen. Durch Sex Anspannung und Frustrationen zu verbrennen, war bisher ein operables Mittel. Doch der Versuch mich daran zu erinnern, mich daran zu erquicken, scheitert. Ob ich es mochte, ihre schönen, festen Brüste zu berühren, ob ich es gern hatte, wenn sie ihre schlanken Beine um meine Hüfte schwang? ‚Sicher‘, denke ich. Die Bilder sind da, aber sie laufen vor meinem inneren Auge ab, wie ein Film, den ich hunderte Mal gesehen habe und der mich nicht mehr überraschen kann. Gewohnheit, ohne Aufregung.

Ich richte mich, strecke meine müden Glieder und blicke zum Schlafzimmer. Eigentlich könnte ich längst in Lianas Bett ziehen können, aber das ist ein Kampf, den ich Sonntag in Angriff nehmen werde. Den Rest der Nacht überstehe ich ohne hitzige Träume.
 

Trotz der hitzigen Nacht bin ich verhältnismäßig früh wach. Es ist dunkel, also bleibe einfach liegen. Mein linker Arm hängt nach unten und meine Finger streichen über den kühlen, groben Parkettboden. Ich fahre die tiefen Einkerbungen entlang, spüre die Unebenheit und die wechselnden Schwünge der Riefen. Keine gleicht der anderen und dennoch verschwimmen sie für unsere Augen zu einer unbeachteten Einheit. Meine Hand gleitet die Couch hinauf. Unter meinen Fingerkuppen fühle ich den rauen Stoff. Ich mag es, Dinge zu ertasten, Strukturen zu erfühlen und Muster zu erahnen. Die groben Nähte kitzeln meine Fingerbeeren, während ich weiter hinauf streiche und irgendwann bei der Decke angelange. Als ich meinen Kopf zur Seite kippe, fällt mein Blick direkt auf die Kartons, durch die ich mich in den nächsten Tagen durcharbeiten sollte. Dem Unwillen frönend greife ich mir das Handy und scrolle eine Weile durch nutzlose Social Media-Post, lese philosophische Beiträge auf Tumblr und lande irgendwann bei simplen Nachrichten. Ich verdattele eine ganze Stunde, ehe ich mich unter Ächzen aufsetze. Normalerweise gehört dieses ständige Prokrastinieren nicht in mein Lebensspektrum und ich wünschte, ich würde endlich wieder nach vorn blicken. Nur muss ich es dafür schaffen, die vergangenen Unbehaglichkeiten abzuschließen. Ich bin Willens, es zu tun.
 

In dem Moment, in dem ich meine Beine auf den Boden setze und das Handy zur Seite packe, bemerke ich das Aufleuchten. Kiras Name erscheint auf dem Display und ich zögere, ranzugehen. ‚Sie ist ein Teil des Aufarbeitungsprozesses‘, sage ich mir, schelte mich für dieses kindliche Trotzen. Endlich mit der Trennung auf einen guten Term zu kommen, ist ein wichtiger Punkt, um ihn voranzutreiben, also gehe ich ran.

„Nowak“, sage ich so neutral wie möglich.

„Warum so förmlich?“, fragt sie verdutzt und ich widerstehe dem Drang, einfach wieder aufs Sofa zu kippen. „Und warum hat es so lange gedauert?“.

„Hast du schon mal den Wochentag gecheckt und die Uhrzeit? Ich habe geschlafen.“ Eine Lüge. Ich bin mir nicht sicher, wann Lügen ein so wesentlicher Bestandteil unserer Beziehung geworden ist. Am schlimmsten ist, dass wir es zur Gewohnheit machen, dass wir ständig die Menschen belügen, die wir lieben. Manchmal, weil wir sie lieben und manchmal, um sie weiter lieben zu können. „Warum rufst du an?“ Nach gestern Abend habe ich nicht so schnell mit einer Reaktion von ihr gerechnet.

„Das gestern war Scheiße von dir“, rückt Kira endlich mit der Sprache raus.

„Zur Kenntnis genommen.“ Meine Ex gibt ein unbefriedigtes Geräusch von sich, eines, welches ich gut kenne, weswegen ich weiß, welches Gesicht sie dazu macht.

„Markes bitte um ein Treffen. Er hat wohl mehrfach versucht, dich zu erreichen, aber seine Anrufe gehen anscheinend direkt auf die Mailbox.“ Was daran liegen möge, dass ich seine Nummer blockiert habe. „Da ich dich gerade erreichen konnte, liegt es wohl nicht am Akku.“

„Nein“, bestätigen ich mehr oder weniger.

„Gabriel, was soll das?“

„Ich darf blockieren, wen ich will und wenn du mich nicht in Ruhe lässt, dann erweitere ich die Liste um deinen Namen“, erwidere ich bissig.

„Das ist sooo kindisch, unfassbar. Egal, Markes erwartet dich heute 15 Uhr im Hauptfirmengebäude A&G-Company.“ Dieses Mal imitiere ich das Geräusch der Unzufriedenheit, welches Kira sonst für sich gepachtet hat. Meines ist vollmundiger, tiefer. Ich kann nicht fassen, dass der Idiot es immer noch schafft mir Vorschriften zu machen. „Du weißt, wo das ist?“, hakt sie nach.

„Ja, ich weiß, wo die sitzen“, gebe ich unwillig zurück. Ich halte nicht hinter dem Berg, wie angepisst ich bin.

„Gut, sei pünktlich“, sagt sie abschließend. Früher haben wir, Markes, Kira und ich, täglich miteinander gesprochen. Mir kommen unwillkürlich die Erinnerungen an unsere freundschaftlichen Zeiten in den Sinn. Es ist wie ein unerwartetes Aufblitzen, dem ein Schauer verschiedener Gefühle folgt. Unser gemeinsamer Schulabschluss. Die Hochzeit. Kira hat wunderschön ausgesehen in ihrem, erstaunlich schlichtem A-Linien-Kleid. Es hatte nur im oberen Bereich dicht gehäkelte Spitze, die ansonsten durchlässig war und einen tiefen V-Ausschnitt, dünne Träger mit kleinen Perlen, die in eine offene Rückenpartie führten. Elfengleich. Zauberhaft. Markes war mein Trauzeuge. Natürlich war er das. Es war eine wunderschöne Herbsthochzeit und obwohl es kühl war, schien am gesamten Tag die Sonne. Nur an diesem Tag. Ein gutes Zeichen sollte man meinen. Es stimmt mich traurig, denn so leicht kann man sich täuschen.

„Kann ich Markes bestätigen, dass du auftauchst?“, fragt sie ungeduldig, als hätte sie mir nicht gerade einen unmissverständlichen Befehl erteilt.

„Ja“, knurre ich lapidar und gehe davon aus, dass unser Gespräch damit beendet ist, doch dann höre ich ihre Stimmer erneut ansetzen.

„Wo warst du mit deinen Gedanken?“, erkundigt sie sich sanft. Kira kennt mich gut genug.

„Was ist mit uns passiert, Kira?“, gebe ich eine matte Gegenfrage, ohne wirklich zu erklären, wo meine Gedanken herkommen. Ich bin nicht willig, es auszuführen und nicht stabil genug, um die Wahrheit zu ergründen. Es kostete mich alle Kraft, diese Frage zu stellen, denn mein Herz verkrampft sich schmerzerfüllt, noch im selben Augenblick, als ich sie stelle. Ich merke, wie es am anderen Ende des Telefons still wird.

„Gabriel, wir haben Fehler gemacht. Gemeinsam“, bekennt sie schlicht. Ohne Vorwurf. Ohne Wut. Nur mit Trauer. „Manchmal reicht es einfach nicht.“ Dass wir es nicht ausreichend versucht haben, lässt sie unausgesprochen. Ich streiche mir kurz durch die schlafgestylten Haare und richte meinen Blick auf die Kisten, die feinsäuberlich gestapelt neben dem Couchtisch stehen.

„Sag Markes, dass ich komme“, entgegne ich endlich. Kurz und knapp.

„Okay“, erwidert sie und ich lege auf. Ich widerstehe dem dumpfen, matten Gefühl in meiner Brust und stehe auf.
 

Nach dem Telefonat verschwinde ich ins Badezimmer und bereite mich auf den Tag vor. Ich liebäugle mit der Dusche, schätze aber ein, dass meine Haut es nicht verkraftet. Stattdessen arbeite ich mich durch Lianas Badeschänke und finde irgendwann eine Lotion, die derartig neutral riecht, dass ich sie problemlos benutzen kann. Panthenol. Aloe vera ist gut, oder? Ich fühle mich danach auf jeden Fall frischer und weniger angespannt, doch der Gedanke an Markes beschäftigt mich weiterhin. Somit versuche ich mich bestmöglich abzulenken. Nach einem simplen Frühstück bestehend aus einem Spiegelei und Toast, nehme ich meine sporadische Schlafsituation in Angriff. Ich entferne nach kurzem Durchatmen den von Liana benutzten Bettbezug und suche in den Schränken nach einer neuen Garnitur. Ich finde es in dem angrenzenden kleinen begehbaren Kleiderschrank, der über und über mit teuren Kostümen und Schuhen vollgestopft ist. Ich ziehe eine Garnitur in einem hellen Blau-Violettton hervor, schnuppere daran, um sicher zu gehen, dass sie nicht muffig riecht und bin zufrieden. Nach dem Aufziehen wirkt das Zimmer gleich etwas frischer. Was ein bisschen Farbe ausmachen kann.

Auch hier herrschen vor allem die Grautöne vor, aber es gibt auch etliche weiße Elemente. Die Farbe der Unschuld im Schlafzimmer. Eine ziemliche Ironie.

Vor dem Bett liegt einer dieser flauschigen, fast fellartig wirkenden Teppiche. So einen hatte sich auch Kira lange gewünscht, aber ich mag das Gefühl nicht an den Füßen. Sie versuchte mich damals mit dem Versprechen nach Sex zu überzeugen, pflanzte Bilder in meinen Kopf, wie sie sich darauf räkelt und streckte, aber jetzt lässt mich die Vorstellung nur schmunzeln. Wir waren jung. Und dumm.

Kopfschüttelnd klaube ich das abgezogene Bettzeug auf, drehe mich zum Bad, als nächstes zum Wohnzimmer und bleibe bedröppelt stehen. Ich kann mich nicht daran erinnern, irgendwo eine Waschmaschine gesehen zu haben. Womöglich besitzt Liana keine oder habe ich sie nur noch nicht gefunden? Ich drücke das Bettzeug fester zusammen, laufe abermals zum Kleiderschrank, ins Bad und stehe letztendlich in der Küche. Keine Waschmaschine. Mit einem lauten Grunzen lasse ich den Stoffball fallen. Wie typisch.

„Wieso sollte sich meine werte Schwester auch mit sowas niederen wie Wäschewaschen abgeben. Viel zu kleinbürgerlich“, meckere ich vor mich her. Mich meines Schicksals ergeben ziehe das Telefon hervor und tippe ‚Waschsalon‘ in den Suchverlauf ein. Ich verorte meine Position und mache mich auf die Suche. Meine eher eingeschränkte Garderobe macht es leider notwendig, regelmäßig zu waschen und wenn ich es nicht hier kann, muss ich wohl oder übel zu einem Waschsalon ausweichen. Nichts, was ich nicht ohnehin schon seit Wochen tue. Danach klaube ich alles zusammen und trage es zurück ins Schlafzimmer, wo ich es sorgfältig und platzsparend zusammenfalte.
 

Mein Blick fällt auf die Kommode und bleibt an dem einzigen Gegenstand hängen, der sich deutlich von dem trostlosen Rest des Interieurs abhebt. Ein Schmuckdöschen. Wieso fiel es mir nicht vorher auf? Es ist puderblau, sticht damit heraus und trägt goldene Füße, die nachträglich an das einfache Holzquadrat rangebastelt wurden. Ich sehe an einigen Stellen noch den Kleber hervor quillen und das lässt mich unweigerlich schmunzeln. Es gehörte unserer Mutter. Ein gemeinsames Geschenk zum Muttertag. Ich nehme es in die Hand und öffne es. In dem einfachen Inneren haben wir dunkelblauen Samtstoff geklebt. Er löst sich schon seit langem an den Ecken. Ansonsten ist es voller Ohrringe, Ohrhänger und ein paar Steckern. Gold und Silber. Es ist kein billiger Modeschmuck. Ich ziehe ein paar Ohrstecker mit einem gigantischen zartblauen Stein hervor und betrachte sie von all seinen Seiten. Ich erkenne die typische 925er Prägung an dem schlanken Steckerhals. Der Stein ist vielleicht ein Aquamarin. Ich bin kein Experte. In der Schule haben wir das im Geologie- und Biologieunterricht kurz angekratzt, aber erst Kiras übertriebene Leidenschaft für Schmuck und deren Herstellung hat letztendlich dafür gesorgt, dass ich mich irgendwann dazu belesen habe. Mineralogie ist faszinierend und eines der vielen Wunderwerke der Natur. Ich hatte immer viel Spaß daran, zu erkunden, welche wunderschönen Dinge die Natur hervorbringt und was wir Menschen im Stande sind, daraus zu kreieren.

Ich finde weitere Schmuckstücke mit ähnlichen Steinen, aber auch mit hellrosafarbenen Quarzen und Jade in verschiedenen Ausführungen. Edel. Anscheinend hat Liana eine Vorliebe für einen eher kühlen Ton, was wiederum sehr passend scheint. Trotzdem hat sie auch etliche rosa- und pinkfarbene Stücke. Pink. Die Farbe der Dominanz und der Distanziertheit. Mit einem Lächeln stelle ich das Kästchen meiner Mutter zurück an seinen Platz. Es berührt mich, dass meine Schwester es aufgehoben hat.
 

In der darunter befindlichen Schublade finde ich einen zusätzlichen Schmuckeinsatz, der doch einige billige Accessoire Preis gibt. Ein einfaches Perlenarmband aus Rocailles und Miyukis, unterbrochen durch einfache, matte Wachsperlen. Dass ich noch immer die Namen der einzelnen Perlenarten kenne, erschreckt mich etwas. Ich lasse den Schmuck durch meine Finger gleiten. Kira hatte diese Armbänder als Geschenke für die weiblichen Gäste unserer Hochzeit angefertigt. Jedes einzeln und per Hand. Einfach, aber leger. Wirklich schön. Die meisten haben sich darüber gefreut. Vor allem Kira. Ich glaube, dass sie als Designerin eine echte Chance hat. Sie muss nur mehr Durchhaltevermögen entwickeln. Am Verschluss befindet sich ein kleines metallisches Fähnchen. Darin eingraviert ist unser Hochzeitsdatum. Nichts weiter. Nur die paar Zahlen. Ich lege es zurück und frage mich, warum meine Schwester es nicht weggeschmissen hat? Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie unsere Hochzeit absurd und unüberlegt fand. Warum hat sie es aufgehoben?

Ich schließe das Schmuckkästchen und lasse mich auf das Bett fallen. Sofort spüre ich, wie ich leicht einsinke. Ein feines Seufzen perlt von meinen Lippen. Es ist Erschöpfung und Komfort gleichermaßen. Im Gegensatz zu dem harten Kissen der Couch ist das Bett eine reine Wohltat. Ich erträume mir schon jetzt eine angenehme Nacht. Es ist eine ganze Weile her, dass ich auf einer richtigen Matratze gelegen habe. Mehrere Wochen lang schlief ich auf der sperrigen Couch im ehemaligen Büro. Sie war kein Brett, wie Lianas Couch eines ist, aber gute nächtliche Ruhe brachte sie mir auch nicht. Ich schließe erneut kurz die Augen, wünschte, ich könnte einfach hier liegen bleiben und alles um mich herum vergessen. Doch das nervtötende Kitzeln, welches mir dauernd zuflüstert, dass ich mein Leben in Ordnung bringen muss, wird stetig lauter. Vor allem in dieser Stille. Ohne es weiter hinauszuzögern, setze mich wieder auf und mache mich an die Arbeit. Seit ein paar Tagen ignoriere ich eine mahnende E-Mail des Insolvenzverwalters, der unbedingt mehr Unterlagen zur Sichtung benötigt. Also setze ich mich in Bewegung.
 

Mit geringfügigem Enthusiasmus ziehe ich mir einen der Kartons heran, breite einige, der sich darin befindenden Dokumente vor mir auf dem Tisch aus. Ich schalte den alten Laptop ein und atme erleichtert aus, als er mir nach einigen Minuten rödeln anzeigt, dass er bereit ist. Ich öffne die W-Lan-Einstellungen und suche danach nach Lianas Router.

Auf einem USB-Stick trage ich ein paar der wichtigsten Sicherungen mit mir rum, der Rest befindet sich in einer angemieteten Cloud. Jedes Mal melden sich die Bauchschmerzen, wenn ich daran denke, dass alles meiner Technik seinem Ablaufdatum täglich näherkommt. Ich öffne eine Exceltabelle mit den Finanzdaten der letzten drei Jahre und greife zu den ersten Unterlagen. Es sind Teile eines Auftrags vom Mai letzten Jahres. Eine Kooperation. Es ging um mehr als tausend Gäste und zwei Künstler. Live-Perfomance und ein fulminantes Catering. Markes hatte die Caterer empfohlen und es dauerte etwas länger, bis ich begriff, dass es die Standardcateringdienste der Firma waren, die ich wenig später angeheuert hatte. Es war das erste Mal, dass ich mich fragte, wie lange er schon zweigleisig fuhr, wie lange er schon wusste, dass unser Schiff sank. Wie lange er glaubte, das mit mir spielen zu können?

Ich mache neben mir auf der Couch einen neuen Stapel und suche nacheinander die dazugehörigen Belege zusammen. Auftragsbestätigungen. Abrechnungen. Auslagen. Kontoauszüge. Die Auflistungen sind unvollständig, also öffne ich den dazugehörigen Ordner im Computer und suchen auch diesen durch. Nach etwa drei Stunden bin ich mit zwei weiteren Aufträgen durch und wenig engagiert, viel mehr dysphorisch. Nichts entspricht meinen Erwartungen, alles ist lückenhaft und jeder Steuerberater würde in Flammen aufgehen. Okay, genaugenommen entspricht es dem, was ich befürchtete und zeigt ein noch wesentlich schlimmeres Bild. Ich bin frustriert und hungrig. Die Papiere aus der Hand fallen zurück auf den Tisch und ich stehe im selben Moment abrupt auf. Mein Blutdruck schwankt, leichter Schwindel setzt ein. Als ich mich wieder fange, gehe ich direkt auf den Kühlschrank zu und starre entgeistert hinein. Mindestens zehn Minuten lang. Letztendlich entscheide ich mich für eine Scheibe Käse, die ich zusammenrolle und langsam genieße. Mit dem letzten Happen wandern meine Gedanken zurück zu Markes und unserem anstehenden Treffen. Mit reichlich innerer Abwehr sehe ich auf die Uhr. Mir bleiben noch ein paar Stunden und damit setze ich mich mit käsetastischer Euphorie zurück an die Unterlagen.
 

Ich richte den Knopf am rechten Hemdärmel, mache das Gleiche schon zum dritten Mal beim Linken. Es ist wie nervöser Tick. Seit ich das erkannt habe, trage ich kaum noch Hemden, denn sie verraten meinen Gemütszustand. Trotzdem kam ich diesmal nicht drum rum. Vor Markes will ich mich keinesfalls blamieren. Ich will kein Mitleid erwecken. Ich will ihm beweisen, wie egal es mir ist, wie egal er mir ist. Auch wenn nichts davon stimmt.

Ein letzter Blick in den Spiegel und ich verlasse die Wohnung. Eine junge Nachbarin steht bereits vor dem Fahrstuhl, als ich dort ankomme und ich grüße sie mit einem freundlichen Nicken. Sie erwidert es mit einem kurzen, zurückhaltenden Lächeln. Auch sie trägt ein Businessoutfit mit typischer Aktentasche. Eine gute Mischung aus klassisch feminin und ein kleines bisschen bieder. Doch eigentlich sind es ihre flachen Schuhe, die sie mit Sicherheit nur trägt, damit sie nicht größer als die Herren ihrer Arbeitsstelle ist, die diesen Eindruck erwecken. Ihre Haare sind kurz, tiefschwarz und bieten einen guten Blick auf ihre langen, aus Perlen aufgezogenen Ohrringe. Die tiefpinken Akzente ihrer Accessoires harmonieren perfekt mit ihrem wunderschönen, dunklen Hautton. Durch und durch makellos. Trotzdem empfinde ich Mitleid, da sie scheinbar an einem Sonntag zur Arbeit muss.

Als der Fahrstuhl eintrifft, stelle ich mich absichtlich nicht hinter sie, sondern mit genügend Abstand leicht vor sie. Der Fahrtstuhl spielt ´Wiseman´ von James Blunt und ich lausche der sanften Stimme des britischen Sängers. Beim Ausstieg schenkt sie mir ein weiteres Lächeln. Und das Danke, welches von ihren Lippen perlt, klingt wie das wunderschöne Alt der Azucena aus Giuseppe Verdis Oper ´ Il trovatore´.

Mit dem Charme und der Arroganz des Pink Panthers

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~ Mit dem Charme und der Arroganz des Pink Panther ~


 

Vor dem Firmenungetüm zu dem mich Markes zitiert hat, halte ich inne. Es ist Sonntag und trotzdem stehe ich hier. So eine Scheiße. Dafür hasse ich Markes gerade noch etwas mehr und das blockiert meine Offenheit zunehmend.

Es ist eine sehr exklusive Adresse. Beste Lage in der Innenstadt, nahe dem Fluss. Das Gebäude ist hoch, so dass ich mir beim Hinaufsehen den Hals verrenke und leise grummelnd massieren muss. Markes macht keine halben Sachen. Er war auch nie zurückhaltend.

Der Eingangsbereich ist von Beete mit imposanten Lavendelsträuchern gesäumt. Ich trete näher, lasse meine Finger durch die bereits verwelkenden Blüten streichen. Der typische Duft entströmt dennoch. Intensiv und vertraut. Lavandula angustifolia 'Loddon Pink' steht auf einem vergessenes Beschriftungsschild, welches beginnt seine Farbe einzubüßen. Rosafarbener Lavendel? Dekadent. Zwischen den einzelnen Sträuchern blühen keine auffälligen Stauden, sondern Kräuter, die selbst ich erkenne, auch wenn ich mich kaum Pflanzenexperte noch Koch nennen kann. Salbei und Thymian. Dazu noch Gräser, mit denen ich mich nicht mehr auskenne. Alles zusammen ist ein wirklich hübscher Anblick und passt sogar nicht zu dem Höllenschlund hinter der Fassade aus Glas und Metall.
 

Ich melde mich brav am Empfang und erhalte die Order in die oberste Etage zufahren. Bereits beim Verlassen des Fahrstuhls sehe ich Markes durch die gläserne Tür hindurch, wie er mit Dokumenten durch die Flure scheitet. Kurze sehe ich mich in dem geräumigen Foyer um, entdecke mehrere Skulpturen eines bekannten Designers und bin weder überrascht, noch verwundert. Es ist reine Zurschaustellung, nichts weiter. Markes Schritte werden lauter und ich kann ihn beim besten Willen nicht mehr ignorieren. Ich wünschte, ich konnte auf dem Absatz lehrt machen und mit wehenden Fahnen abhauen. Doch es gäbe Zeter und Mordio und dafür habe ich ebenso wenig Energie, also ergebe ich mich meinem Schicksal, recke das Haupt und sehe meinen einstigen Freund aufrecht entgegen.

Markes anthrazitfarbener Anzug ist maßgeschneidert, sitzt perfekt und betont die richtigen Stellen, wie seine trainierten Oberschenkel und seinen breiten Schultern. Der edle Stoff betont zu dem seine schlanke Taille. Das dunkele Grau harmoniert ausgesprochen gut mit dem zartpinkfarbenen Hemd und der dazu passenden Krawatte im gleichen Ton samt dunkler Abstufungen. Sie ist gestreift und nicht so enganliegend, wie sie es sein müsste. Er fühlt sich wohl, sicher und das sagt mir nicht nur seine Haltung. Ich schrumpfe wieder etwas mehr zusammen. Markes war schon immer mehr der athletische Typ, der seine Zeit gern beim Sport verbrachte. Er sieht gut aus. Zu gut und er weiß es. Es ist ähnlich, wie bei meiner Schwester. Sie ist vor allem nach außen hin immer perfekt und tadellos. Bei ihr ist es mehr ein Schutzschild. Doch bei Markes ist es ein Zeichen reiner Arroganz. Sein Blick fällt sofort auf mich, als er mit gerunzelter Stirn aufsieht. Er schließt die Akte, lächelt alsbald und kommt auf mich zu. Ich kann nicht verhindern, dass ich in einer winzigen Bewegung zurückweiche. Kaum ein richtiger Schritt, mehr ein Wanken. Ich hoffe inständig, dass er es nicht bemerkt hat.
 

„Gabriel. Schön, dass du es einrichten konntest“, sagt er, mit diesem aalglatten freundlichen Tonfall und deutet der Dame vom Empfang an, dass sie sich nicht um mich kümmern braucht. ‚Einrichten‘, denke ich, als hätte er mir eine Wahl gelassen. Auch das unausgesprochen und implizierte ‚Na endlich‘ überhöre ich geflissentlich. Dieses scheinheilige Lächeln lässt meinen Magen unangenehm kreiseln. Er trägt es mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es ein Accessoire, welches sein Outfit perfektioniert. „Du hast dich schon mal mehr gefreut mich zu sehen“, raunt er gedämpft und ich höre ein wenig Bedauern darin.

„Früher hätte ich auch hier sein wollen.“ Die voranpreschende Wut, die ich bei Kira verspürte, fehlt mir bei ihm. Daher belasse ich es bei dieser Stichelei. Markes macht keine Anstalten seine Unzufriedenheit zu verbergen und lässt ein deutliches Seufzen erklingen. Mit einem Kopfschütteln deutet er in einen der Meetingräume und ich folge ihm. Eine der Sekretärinnen kommt uns entgegen. Sie blickt Markes tief in die Augen, senkt leicht die Lider. Ein Biss auf ihre perfekt geschminkten Lippen macht, die ohnehin aufdringliche Flirterei beinahe unerträglich. Noch nie war mein ehemaliger besten Freund ein Kostverächter. Er war stets ein unerträglich gutaussehender Mann gewesen, hatte früh diese äußerst markanten und prägnante Gesichtszüge, war groß und gutgebaut. Dazu kommen diese stechenden hellen blaugraue Augen, die jeden Blick auf sich ziehen. Ein intensiver, allesverschlingender Blick, der letztendlich nur weitere ungelöste Geheimnisse offenbart. Auch in der Schule war er mit mehr als der Hälfte aller Mädchen unseres Jahrgangs gegangen. Auch wenn er stets behauptet, dass es immer ernst für ihn gewesen sei, ging es selten länger, als von der Straßenecke zur nächsten. Nur Beziehungen, keine Liebeleien, das waren stets seine Worte. Er hat ein sehr eigenes Verständnis von der Bedeutung Beziehungen. Ich sehe dabei zu, wie die Sekretärin auf ihren rosafarbenen High-Heels davon stöckelt und verdrehe unübersehbar die Augen.
 

Wir erreichen einen lichtdurchfluteten Raum, der nur eine einzige undurchlässige Wand aufweist. Auf diese richtet sich der Beamer. Der Rest besteht aus Glas. Unbewusst wandert mein Blick zum Fenster, sehnt sich hinaus. Obwohl dies eines der höheren Gebäudekomplexe ist, ist der weitläufige Blick durch über die Stadt durch weitere Firmengebäude durchbrochen. Dennoch bleibt die Aussicht durchaus beeindruckend.

„Nice, oder?“, ertönt es dicht bei mir. Markes steht hinter mir und lehnt sich ein wenig nach vorn, so dass er ich ihn an meiner Schulter wahrnehme.

„Ist okay“, erwidere mich, versuche ungerührt und kühl zu klingen. „Warum bin ich hier?“ Ich war noch nie sehr gut darin meine Gefühle zu verbergen und sehe deutlich, wie Markes Blick studierend über mein Gesicht flackert. Unangenehm wissend. Verstehend. Ich weiche zurück und bringe ein paar Schritte zwischen uns. Ich werfe einen letzten Blick hinaus, beobachte das ruhige Treiben der fleißigen Bürobienen im Nachbargebäude und bin mir sicher, dass ich das niemals könnte. Die stupide Wiederholung eines Tages hat mich stets ermüdet. Schon in der Schule. Jede Woche das Gleiche. Es war ernüchternd.

Das Geräusch eines hervorgezogenen Stuhls holt mich zurück. Markes nimmt Platz und schlägt Beine geschlagen übereinander. Ich sehe direkt auf die teuren Lederschuhe, die er in meine Richtung streckt.

„Setz dich, bitte“, fordert er mich auf. Ich verstehe nicht, was diese Höflichkeitsscharade soll.

„Etwa ganz ohne Anwälte?“, foppe ich und setze mich mit Abstand zu Markes an den Tisch.

„Könntest du dir einen leisten?“, pariert er und lacht auf. Ich richte mich direkt wieder auf und mache Anstalten zugehen. „Entschuldige, das war…Bitte setz dich, ich will nur mit dir reden und habe Kira Druck machen lassen, weil du mich scheinbar blockiert hast. Ich will keinen Stress, Gab.“ Die Verwendung meines Spitznamens verursacht mir Gänsehaut. „Ich bin seit vier Tagen auf den Beinen und übernachte seit einer Woche jeden Tag in einem anderen Hotel. Es zerrt an den Nerven, weißt du?“

„Bu huu“, gebe ich ungerührt von mir, lasse mich aber auf den Stuhl zurückfallen. Markes fährt sich durch die Haare. Als hätte ich für ihn Mitgefühl übrig. Ich verziehe keine Miene und lasse stattdessen meinen Blick wieder zum Fenster wandern.

„Du fehlst mir“, sagt der Businessmann unerwartet, in die gedehnte Stille hinein. Ich beiße die Zähne zusammen und spüre, wie das dumpfe Pochen in meiner Brust stärker wird. Wie langsam durch meine Venen zu meinen Ohren dröhnt, bis die Stille so laut ist, dass ich es nicht mehr aushalte.

„Warum bin ich hier?“, wiederhole ich.

„Gabriel-“, setzt Markes an, doch ich unterbreche ihn hastig und stehe wieder auf.

„Was beabsichtigst du hier mit? Was willst du von mir? Ich denke, es ist längst offensichtlich, dass du mit mir und all dem nichts mehr zu tun hast, dafür hast du ja rechtzeitig gesorgt. Also, was soll das?“, knalle ich ihm direkt und ohne Scheu entgegen. Er weicht meinem Blick aus und tippt mit der gesamten Hand mehrmals auf die Tischplatte bis es nur die Fingerspitzen sind, die die gläserne Oberfläche berühren. Sie spiegeln sich darin. Erst als ich mich zur Tür wende, sieht er auf.

„Gut, dass du es endlich rauslässt. Sprich alles aus. Es gibt sicher einiges mehr, was du mir sagen willst“, erwidert er, unbeeindruckt von meinem kleinen Ausbruch.

„So viel Zeit haben wir nicht“, zische ich zurück.

„Dann würdest du aber wenigstens mit mir reden und mir nicht feige aus dem Weg gehen“, ächzt er.

„Feige?“, wiederhole ich und mache einen Schritt auf ihn zu.

„Ich möchte helfen, Gabriel.“

„Ist das dein Ernst? Oh heiliger Markes!“, singsange ich, „Dass ich nicht lachen. Dafür ist es längst zu spät.“ Was bildet er sich eigentlich ein? Das kann nur ein übler Scherz sein, doch Markes Blick ist ungewohnt sanft. Grenzte die ganze Situation nicht an maßloser Lächerlichkeit, würde ich ihm seine vorangegangenen Worte glauben. Ich würde ihm sogar abnehme, dass ich ihm fehle.

„Du kannst mich mal, Markes. Ernsthaft“, sage ich stattdessen und gehe erneut auf die Tür zu. Doch bevor ich sie vernünftig öffnen kann, schlägt Markes sie bereits wieder zu. Der heftige Rumms sorgt bei mir für ein Erzittern und im restlichen Büro für ein dumpfes Echo. Seine Hand presst sich gegen das schwere Holz, verhindert, dass ich die Tür öffnen kann. Die andere legt sich gegen meine Schulter. Er dreht mich um, so dass ich mit dem Rücken zur Tür stehe. Gefangen.

„Nicht so schnell, Gab!“ Der Spitzname entfacht nicht zum ersten Mal ein Gewitter in mir. Die Nutzung, wie ein Appell an die guten Erinnerungen. Es ist eine intensive Abfolge aller Empfindung vergangener, gegenwärtiger und vermutlich künftiger Momente, die immer tiefer in einem schwarzen Loch versinken und dort verdorren. Auf einmal spüre ich nichts weiter als Distanz zu ihm, dabei ist er mir so nah, wie schon lange nicht mehr.

Es hat sich in den vergangenen Monaten zwischen uns aufgebaut und gerade ist es das einzige, an das denke kann., was ich fühle. Ich schlage Markes Hand weg, die meine Schulter berührt.

„Ich lasse mich nicht mehr verarschen. Du hast mich lange genug an der Nase herumgeführt.“

„So ist es nicht,-“ Ich lasse ihn das sinnlose Argument nicht beenden.

„DU wusstest von den Problemen und hast mir nichts gesagt“, wettere ich drauflos, stoße meinen Zeigefinger fest gegen seine Brust, „DU hast nicht mit mir geredet. DU warst es, der den Schwanz eingezogen hat und dich davon gemacht, wie ein Feigling.“ Markes packt mein Handgelenkt. Sein Griff ist fest und wütend.

„Verdammt, Gab, dir muss doch klar gewesen sein, dass das nicht ewig funktionieren kann. Alles stagniert, wenn man sich nicht weiterentwickelt. Das ist einfache Markwirtschaft. Der Markt ist gnadenlos und da ist kein Platz für individuelle Kinkerlitzchen“, erklärt er sachlich, aber gewiss spottend.

„Du bist mir den Rücken gefallen, Markes! Du hast mein Vertrauen missbraucht!!“, fauche ich laut und entreiße mich seines Griffs.

„Ach bitte, das ist nicht wahr. Dein Irrglaube ist und war schon immer, dass man von Luft und Liebe leben kann. Gabriel werde erwachsen“, schleudert er mir unverblümt an den Kopf.

„Ich habe diese Firma aufgebaut, weil ich daran geglaubt habe. Ich wollte Künstlern eine Plattform bieten, aber du hast nichts anderes als den Profit gesehen. Du hast das Ideal verkauft, für das wir gestanden haben.“

„Ach komm schon, dir hat es nichts ausgemacht, dass wir gute Einnahmen gehabt haben. Meine innovativen Vermarktungsstrategien haben die Firma gepusht und sie zu dem gemacht, was sie kurzzeitig gewesen ist. Wir hatten einen verdammt guten Ruf und das war nicht deinem blinden Idealismus geschuldet, sondern meinen Fähigkeiten. Doch du wolltest das Potenzial nicht sehen.“ Seine Arroganz ist unbeschreiblich. „Also habe ich die Reißleine gezogen. Das ist alles.“ Ich kann nicht verhindern, dass ich ihn einen Moment lang fassungslos anblicke. Es ist nichts mehr übrig von dem einfühlsamen, phantasievollen Sportenthusiasten, mit dem ich zur Schule gegangen bin, mit dem ich tausende Abende beim Pizza essen und Dummquatschen verbracht habe. Dem ich vertrauen konnte, dem ich all meine Gedanken anvertrauen konnte, seien es Gefühl, Wünsche oder Ängste.

„Du hast mich und die Firma in den Abgrund stürzen lassen. Nichts anderes. Du hast mir glauben gemacht, dass dir genauso viel daran liegt, wie mir, aber dem war nie so und dann überzeugst du Kira auch noch davon, dass dich überhaupt keine Schuld trifft.“

„Das ist nicht wahr, ich wollte dich immer nur unterstützen.“

„Sicher. Ganz uneigennützig. Du hättest es mir einfach sagen können oder dich von Anfang an raushalten können. Ich hätte…“

„Nicht das schon wieder. Blinder Idealismus. Ohne mich wärst du schon nach ein paar Wochen untergegangen, Gabriel!“, knallt er mir vor den Latz.

„Arschloch.“ Erneut mache ich Anstalten mich von ihm zu entfernen und endlich den Meetingraum zu verlassen. Es ist alles gesagt, doch Markes hält mich zurück, in dem er mich heftig mit dem Rücken gegen die Tür presst. Seine Hand umfasst mein Kinn. Fest und unnachgiebig. Er zwingt mich ihn anzusehen. In seinen Augen funkelt die Wut, und ich schrecke vor der intensiven Dominanz zusammen, die sein gesamter Körper ausströmt. Noch nie ist er mich derartig angegangen. Ich kann sehen, wie sich die Vene an Markes Hals hervorhebt. Sie pulsiert unter seiner Haut, während mich seine hellen Augen starr mustern.

„Dir ist klar, dass wir in einem verglasten Raum stehen?“, flüstere ich ihm entgegen. Ich schiele zur Seite, sehe die Sekretärinnen, die vom Empfang aufgesprungen sind und in unsere Richtung schauen. Augenblicklich lässt mein einstiger Freund von mir ab.
 

Markes fährt sich angeregt durch die perfekt gestylten Haare, sorgt für Unordnung. Schon wieder. Er macht sichtbar getroffen eine paar Schritte zurück und hebt abwehrend seine Hände in die Luft. Auf einmal wird sein Blick wieder weich, reuevoll. Es sind die Augen, die ich von damals kenne. Voller Freundschaft und Treue. Die Zeiten, in denen ich ihm das bedingungslos abgekauft habe, sind schon lange vorbei. Er atmet tief ein, ordnet sich dabei seine Manschettenknöpfe. Auch sie sehen teuer aus.

„Bitte, Gabriel, lass uns reden!“, presst hervor, auch wenn er versucht es leicht und locker klingen zu lassen, „Ich möchte dir helfen. Du bist mein Freund und es ist mir wichtig, dass es dir gut geht. Aber scheint es dir nicht gut zu gehen.“ ‚Freunde‘. Meine Hände zittern und erst jetzt lasse ich sie vollständig sinken. Markes lächelt.

„Wie kommst du darauf? Mir geht es nämlich blendet und deswegen verzichte ich nur zu gern auf deine Hilfe.“ Sein Lächeln versiegt und er senkt seinen Blick. Ich habe genug von dieser Farce. Ich taste nach der Türklinge, ehe ich mich an dem anderen Mann vorbeidrücke und durch die Tür verschwinde. Getuschel ertönt aus dem Foyer und ich schenke den gaffenden Ladys nur ein ermattetes Lächeln.

Ohne zurückzublicken, gehe ich schnurstracks zum Fahrstuhl, der zum Glück direkt ankommt. Eine Horde Anzugträger kommen schnellen Schrittes heraus, darunter einige Silberfüchse, die so sehr in einem fachmännischen Businessgespräch verstrickt sind, dass sie mich fast umrennen. Nur ein junger Mann mit hellbraunen Haaren gibt Obacht, bewahrt mich vor der Bodenkollision und entschuldigt sich bei mir mit einem einnehmenden Lächeln. Jemand ruft den Namen Paddock und er wendet sich um, nachdem er sich bei mir verabschiedet hat. Als in die Fahrstuhlkabine trete, sehe ich noch, wie er Markes stehenbleibt.
 

Die Anspannung verlässt meine Schultern erst, als ich das Gebäude hinter mir lasse. Trotzdem dauert es weitere fünf Minuten bis sie sich auf eine angenehme Ebene senken und ich am Fluss ankomme. Der Wind trifft mein Gesicht mit einem kühlen Schlag. Ich brauche es, genau das und schließe die Augen. Der Wind pfeift mir durchs Haar, lässt den Kragen meiner Jacke aufblähen. Ein Jogger in kurzer Hose läuft an mir vorbei und ich spüre einen Schauer allein beim Zusehen. Ich spüre einen kalten Zug an meinen Knöcheln und wünschte ich besäße dickere Schuhe.

Erst nach mehrmaligem Durchatmen schaue ich zurück zu dem Hochhaus hinter mir, hafte meinen Blick direkt an die obere Etage. Was ist nur mit uns geschehen? Früher habe ich mich immer auf Markes verlassen können. Die Enttäuschung sitzt tief, nun, da ich mir sicher bin, dass ich nichts weiter als eine Figur in seinem intriganten Monopoly-Spiel bin. Ich verweile einen Moment länger und machen mich danach gemächlich auf den Rückweg, da auch die Vorstellung in Lianas Wohnung zurückzukehren wenig attraktiv scheint.
 

Ein paar Straßen weiter betrete ich ein lauschiges kleines Eiscafé. Es dürstet mir nach einem starken, sehr starken Kaffee und der italienische Name des Lokals klingt überaus verlockend. Ich suche mir einen Platz am Fenster, streife mir die Jacke von der Schulter und streiche mir über den Nacken. Die Karte verspricht mir eine Auswahl an italienischen Köstlichkeiten. Darunter etliche Gebäcke, aber auch besondere Kaffeesorten. Eine junge Kellnerin, mit silbrigen Haaren, einem Lippenpiercing und einer kunterbunten Schürze fragt nach der Bestellung und ich entscheide mich für einen doppelten Espresso. Freue mich auf das nussige Aroma, welches mir die Sorte verspricht. Dabei hätte ich besser einen Kamillentee bestellt oder einen Tee mit Lavendel, um mich zu beruhigen. Mein Inneres rumort in aller Pracht, als ich mich zurücklehne und in dem hübschen, hellen Café umschauen. Zwei Frauen mit Kinderwagen sitzen an einem Tisch neben mir. Die Müdigkeit in ihren Augen spricht Bände und dennoch strahlen sie etwas aus, was nur liebende Mütter haben können. Ein leises Quietschen dringt aus einem der Wagen. Ein schneller Griff und sie hebt das Kind heraus. Es ist ein Mädchen, mit vielen schwarzen Löckchen, die sich um das zarte Köpfchen kringeln. Sie trägt ein pinkes Kleidchen, mit weißen, wolligen Stricksocken, in die das Muster von Ballerinaschühchen eingestrickt sind. Bezaubernd.

Ich lasse meinen Blick weiter wandern. Das Café ist gut gefüllt, mit Müttern und Kindern. Auch ein paar Väter. Es ist ein Tollhaus und langsam fällt mir der Geräuschpegel auf, aber er ist mir seltsam Willkommen. Wahrscheinlich, weil dadurch die Stimme in meinem Kopf leiser wird.

Es dauert nicht lange und eine andere Bedienung tritt an den Tisch. Ein junger Mann stellt lächelnd den bestellten Espresso und ein Glas Wasser vor mir ab. Auch er trägt eine dieser Schürzen, die nach genauerem Hinsehen aus einzelnen quadratischen Flicken zusammengenäht ist. Sie ziert ein großes eingesticktes D auf Höhe seiner Brust, aber keinen vollständigen Namen. Ich bedanke mich mit einem Lächeln. Er erwidert es, doch ehe er wieder geht, scheint er zu zögern. Es wirkt, als würde er mich etwas fragen wollen, doch dann verschwindet er mit einem kurzen ‚Bon Appetit‘ zurück zu der silberhaarigen Kollegin hinter den Tresen. Er flüstert ihr etwas zu und sie blickt unverwandt zu mir. Ich schaue schnell weg, nehme den ersten Schluck und es ist fantastisch. Das intensive Aroma dunkel gerösteter Bohnen. Er ist nicht herb, was zeigt, dass die Zubereitung vollkommen korrekt war. Ich schließe kurz die Lider, schwelge im aromatischen Augenblick und würde mir den Laden auf jeden Fall warmhalten, wäre er nicht so dicht an der Hölle. Mit einem trägen Seufzen öffne ich die Lider und schaue mich um. Überall sind Eis verschmierte Kindergesichter. Bunte Kleidungsstücke. Helles Lachen. Ich sitze als einziger allein und irgendwie ist es doch etwas seltsam. Oder viel nur offenbarend, denn das schwere Gefühl der Einsamkeit macht sich in mir breit und legt sich mit tosendem Zweifel auf mein Gemüt. Ich bin nicht gern allein und doch lege ich es mir seit Wochen als Strafe selbst auf. Auch jetzt schweift mein Blick zurück aus dem Fenster, in das betongraue Nichts der Straße. Es regnet und das leise Tapp Tapp der Tropfen ist lauter, als das dröhnende Kindergeschrei, um mich herum.
 

Erst, als ein überaus energetisches Mädchen direkt neben meinem Tisch nach vorn fällt und das Eis in ihrer Hand im hohen Bogen zu Boden geht, zieht es mich zurück ins umgebende Chaos. Die Waffel bricht mit einem erstaunlich dröhnenden Knack in zwei. Gleich darauf vernehme ich ein ersticktes Schluchzen, als sich die Kleine aufrappelt. Dann aber vor dem Tisch sitzen bleibt, wie Trauerhaufen. Ich sehe mich um, aber keiner der engagierten Eltern scheint sich zu regen. Mein Mitgefühl zwingt mich zum Handeln. Ich hocke mich mit etwas Abstand zu ihr.

„Hast du dir wehgetan?“, frage ich leise. Sie blickt mit tränenverhangenen Augen auf, aber bisher ist noch keine Träne geflossen. Es dauert einen Augenblick, doch dann schüttelt sie wimmernd den Kopf. Ihr tut nichts weh immer hin. Doch dann deutet sie auf ihr Eis. Ich ziehe eine Serviette vom Tisch und reiche ihr diese. Statt sich die Tränen zu trocknen, greift sie nach dem zerlaufenden Eis. Nun beginnt sie leise zu murmeln, als versuchte sie das Dilemma wegzuwischen. Damit schmilzt mein Herz genauso, wie das Eis vor mir. Ich ziehe mein Portmonee hervor und halte ihr meinen 5-Euroschein hin.

„Hier, kauf dir doch ein Neues, ja?“ Ihre kugelrunden Kinderaugen sehen mich erstaunt und zu gleich ungläubig an. Der Kellner tritt in den Gang. Ich richte mich vorsorglich auf und weiche zurück, bevor er irgendetwas falsch deuten kann.

„Ist alles okay? Etwas passiert?“, fragt er ruhig und irgendwas in seine Stimme lässt meine Ohrläppchen kribbeln. Sie warm, gleichmäßig und trägt dieses besondere Timbre, welches es mir schon immer angetan hat. Meine eigene Stimme ist eher wackelig. Manchmal uneben.

„Ein kleiner Eisunfall. Können sie ihr ein neues Eis geben? Oh und für den Espresso. Danke“, sage ich und gebe dem gutaussehenden Kellner meine letzten beiden Geldscheine. Er schaut auf das kaputte Eis am Boden und ruft seiner Kollegin zu, dass er einen Wischmopp braucht. Der Kellner lächelt mir zu, nimmt das Kind an die Hand und verschwindet zurück zum Tresen. Ich genieße den letzten Schluck Espresso und stecke mir den kleinen beigelegten Keks in die Tasche. Bevor ich gehe, blicke ich kurz zum Tresen. Das Mädchen lächelt, während sie begeistert dabei zu sieht, wie der Kellner ihr eine große Kugel in einen Becher streicht und dann eine Waffel oben draufsetzt. Kindersicher. Es zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.
 

Kühle Luft umfängt mich als ich das Lokal verlasse und ich wünschte mittlerweile, dass ich einen Schal eingepackt hätte. Ich richte den Kragen der Jacke, ziehe ihn enger, so dass die Öffnung kleiner wird und sehe nach links und rechts. Zur U-Bahn geht es nach links und ich schreite los, bis mich eine männliche Stimme zurückhält. Überraschte wende ich mich um und sehe den Kellner auf mich zukommen. Er trägt nur das dünne Hemd seiner Uniform und die kunterbunte Schürze. Keine Jacke.

„Sie bekommen noch Geld zurück“, sagt er, mit einem leichten Keuchen. Er bleibt lächelnd bei mir stehen und reicht mir eine Handvoll Münzen.

„Oh, das war als Trinkgeld gedacht“, erkläre ich und schiebe bedacht die Hand zurück. Der junge Mann blinzelt verblüfft, nickt und steckt die Euromünzen in eine Tasche an der Schürze.

„Danke sehr. Auch für und von der Kleinen!“, erwidert er mit einem weiteren Lächeln. Es ist etwas schief, da er den linken Mundwinkel etwas höher zieht. Dort bildet sich ein leichtes Grübchen.

„Weinende Kinderaugen, die schlimmste Waffe von allen“, erkläre ich verlegen lachend.

„In dem Laden erlangt man eine gewisse Toleranz“, witzelt er. Auch er schmunzelnd und zum ersten Mal fallen mir seine grünen Augen auf. Sie werden zur Pupille hin dunkler. Erst als mich ein Regentropfen direkt auf der Nase trifft, bemerke ich, dass das weiße Hemd, welches er trägt, immer durchsichtiger wird. Er folgt meinem Blick, presst die Lippen aufeinander und ergreift das Wort. „Oh, hier… die Quittung sollten Sie mitnehmen. Beehren Sie uns bald wieder.“ Er pfriemelt sie aus der Schürze heraus und bevor ich sie ablehnen kann, drückt er sie mir in die Hand und joggt zurück ins Café. Ich blicke irritiert auf das Stück Papier. Als ich den Bon umdrehe, zeigt er eine handgeschriebene Notiz. ‚Das Lächeln steht dir.‘ Dazu eine Telefonnummer und der Name Duncan. Ich sehe zurück zum Café und merke, wie eine Horde Ameisen durch meine Gliedmaßen krabbelt. Irgendwann tanzt das Gefühl Polka in meinem Bauch. Der Kerl hat Mut. Ich schnaube amüsiert auf und bin geschmeichelt.
 

Zurück in der Wohnung meiner Schwester gehe ich die Post durch. Ich sortiere die Prospekte und Flyer von den Briefen und arrangiere alles sorgsam zu Stapeln in der Küche. Die Briefe für Liana sind vor allem Rechnungen, die mich nicht weiter interessieren, da ich genug Eigene zu begleichen habe. Die Werbeflyer sortiere ich mir zusammen und blättere sie durch. Etliche Lieferdienste. Entrümplungsfirmen. An- und Verkauf. Ich gehe sie systematisch durch und denke darüber nach, ob ich noch irgendwas besitze, was mir etwas Geld bringen würde. Aber da ist nichts. Ich finde die Ankündigung für ein Nachbarschaftsfest und runzle die Stirn. Mein bisheriger Eindruck ist nicht, dass das hier eine sehr gemeinschaftliche Nachbarschaft besteht, aber vielleicht täusche ich mich. Die Adresse und der Veranstaltungsort ist ein kleines Gemeindezentrum. Nur ein paar Straßen weiter, was mir eine handgemalte Karte auf der Rückseite zeigt. Vielleicht sollte ich… Es ist nicht meine Nachbarschaft. Das ist nicht meine Wohnung. Ich bin nur Gast und eigentlich nicht mal das, denn ein Gast ist erwünscht.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, holen mich Markes Worte wieder ein. Blinder Idealismus. So nannte er es. Hat er Recht? Sind meine Vorstellungen verblendet? Auch Liana sagte mir immer gern, dass ich durch meine naive Art alles Wichtige aus den Augen verliere und im Grunde meinte Markes nichts anderes. Es mag vielleicht sein. Aber Markes hat mich im Stich gelassen. Ich wäre eingeschritten, wenn er mir deutlich gemacht hätte, dass etwas gänzlich schiefläuft. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich mich wirklich auf ihn verlassen habe. Ich habe ihm vertraut. Er war mein Freund und wenn man diesen nicht vertrauen kann, wem dann? Es ist meine eigene Schuld.

Aber heute hat er sich besonders seltsam verhalten. Er war nie jemand, der leicht aus der Haut fährt und doch ist er mich regelrecht angegangen. Ich verstehe nicht warum. Für ihn ist es gut gelaufen. Er hat all das, was er immer wollte und ich muss und will keines seiner Probleme mehr sein.
 

Ich seufze schwermütig und setze mich, mit den bunten Flyern auf die unbequeme Couch. Ein grell pinkfarbener, aber schlicht bedruckter Flyer liegt, oben. Die Farbe ist so prägnant, dass er mir gewissermaßen entgegenschreit und mich zwingt ihn die Hand zunehmen. Ein Kunstevent mit Galerieeröffnung. Mehr steht dort nicht. Keine Information zum Thema oder zum Genre. Mein Interesse ist geweckt und ich lege diesen Flyer zur Seite, so dass ich ihn wiederfinde. Ich sortiere noch nicht letzten Rest, doch währenddessen wandern meine Gedanken zurück zu den geöffneten Kisten, die vor der Couch stehen und obwohl ich die Zeit nutzen und die Prüfung voranbringen müsste, stehe ich auf und greife nach meinem Mantel. Die anhaltende Rastlosigkeit verursacht mir ein stetiges Unwohlsein und hier zu sitzen und in meinem Kummer zu versinken, kommt mir verkehrt vor. Ich kann und will nicht stillsitzen, kein Trübsal blasen. Ich will leben und verlasse erneut die Wohnung.

Der Fahrstuhl spielt diesmal eine nichtssagende Dudelmusik, die einem die Denkfähigkeit verlieren lässt. Im Foyer kommt keine Reaktion vom Pförtner. Ich habe auch keine erwartet und doch frage ich mich, wieso er dort sitzt, wenn er jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeikommen, seinen Kopf in der Zeitschrift vergräbt. Ob er überhaupt bemerkt, was hier vorgeht?
 

Draußen fallen auch die letzten schweren Gedanken von mir ab. Die einsetzende Abenddämmerung färbt den Himmel in ein tiefes, prägnantes Magenta mit Fetzen von Orange und tiefem Rot. Eine seltene Farbkombination. Es ist nichts weiter als die Lichtstreuung, verursacht von in der Atmosphäre schwebenden kleinen Partikeln. Nichts anderes als Verschmutzung. Gleichwohl ist es wunderschön. Besonders sattes Rot entsteht durch vermehrte Wasserpartikel in der Luft. Die zarte Pinkfärbung zeigt, dass es morgen gutes Wetter geben könnte und Sonne. Ich achte nicht darauf wohin ich gehe, weil ich verträumt nach oben starre und stoße prompt mit jemand zusammen.

„Verzeihung“, entfährt es mir erschrocken und ich suche automatisch, nach etwas, was mir Halt bietet, um einen möglichen Sturz abzufedern. Aber uns fehlt es an Schwung, daher bleiben wir leicht verrenkt stehen. Meine Hand fasst nach dem Leder seiner Jacke und ich suche automatisch seinen Blick. in ein irgendwie vertrautes Gesicht.

Der Kerl von gegenüber. Nah und in voller Pracht.

Das Tohuwabohu im grauvioletten Gewand

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~ Das Tohuwabohu im grauvioletten Gewand ~


 

Blau. Azurblau. Wie das reine Pigment. Satt. Herrlich. Wundervoll. Das ist das Erste, was mir durch den Kopf geht, als ich dem Nachbarn von Gegenüber in die Augen schaue. Seine Hände betten sich haltend an meine Schultern und verweilen, während ich das weiche Leder seiner Jacke zwischen den Finger spüre. Auch ich habe mich unbewusst weiter an ihm festgehalten.

„Eile mit Weile, junger Mann“, sagt er schmunzelnd und zieht mich in eine aufrechte Position.

„Oh,… ich…“, stottere ich unvermittelt holprig, „Ich habe nicht aufgepasst. Entschuldigung.“ Ich ziehe erschrocken die Hände zurück, als Scham meine Wangen erhitzt. Das Lächeln im Gesicht meines Gegenübers wird noch einnehmender als es ohnehin schon ist. Er trägt einen grauvioletten Rollkragenpullover unter der Lederjacke, der sich seltsam harmonisch mit seinen herrlichen Augen paart. In der schwarzen, engen Jeans, die seine Beine bedeckt sind Löcher und Verwaschungen, trotzdem wirkt es gediegen und elegant bei ihm. Meine Haut pickelt, bei der Erinnerung an die vergangenen Beobachtungen und der Wiederkehr jedes Bildes, welches meine Fantasie zusätzlich malte.

„Abgelenkt?“, fragt er locker. Immerhin ist er nicht sauer, dass ich ihn beinahe umgerannt habe.

„Ja, von dem Farbenspiel, da oben“, bestätige ich und deute hoch; „Ich weiß, die Straße ist nicht der beste Ort um zu träumen.“

„Ist ja nichts passiert und träumen wir nicht alle, bei einer derartig fantastischen Aussicht“, erwidert er. Ich bin gerade dabei zu nicken, doch er schaut mich an, nicht zum Himmel. Der flatternden Einsicht folgt galoppierende Scham. Ich weiche seinem Blick aus, ehe er die Röte auf meinen Wangen bemerkt. Zu spät, denn ich höre ihn amüsiert lachen und abrupt stoppen, denn als nächstes kommt eine weniger amüsierte Stimme zu unserem heimeligen Gespräch dazu.

„Querido mío, kommst du? Darian, ¡Rápido!“, ertönt es. Eindeutig ruppig. Auch wenn ich glaube, dass der einleitende Teil eine eher vertrauliche Anrede war. Ich bin mir aber nicht sicher. Sprachen waren noch nie meine Stärke und überfordern mich ungemein. Ich folge dem Blick meines Nachbarn zur Tür, wo ein anderer junger Mann mit südländischem Aussehen seinen Kopf durch die Tür des Gebäudes steckt. Ihne habe ich noch nicht gesehen. Er hat eine eher zierliche Statur und ist um einiges kleiner als ich oder mein Gegenüber. Sein kantiges Gesicht spricht von Leidenschaft und Energie, aber die knittrigen Augenbrauen von Wildheit und Explosionskraft.

„Sí, ya voy!“, antwortet mein Nachbar ihm und wendet sich erneut zu mir. „War mir eine Freude. Bis demnächst?“ Ein weiteres Mal ertönt sein Name und man hört die gereizte Dringlichkeit darin. Ich wiederhole ihn automatisch in meinem Kopf, um ihn mir einzuprägen.

Darian. Seine Augen verdrehen sich spielerisch, als er mir zuzwinkert, die Hand zum Gruß hebt und Richtung Eingang schlendert. Ohne die gewünschte Eile. Der Spanier gestikuliert und ich versuche, nicht in ihre Richtung zu starren, kann mir aber den ein oder anderen weiteren Blick nicht verkneifen.

Darian. Nun hat das Objekt meiner voyeuristischen Obsession einen Namen. Nicht nur das. Dieses Lächeln! Diese Augen! Beeindruckend. Verflucht!

Meine Wangen glühen. Ich bemerke es besonders durch die kühle Luft. Ich blicke zum kunterbunten Nachthimmel und spüre den Abendhauch etwas mehr. Es ist wohltuend. Beruhigend. Versprechend. Vielleicht ist es gar nicht so grau, wie es scheint?
 

Ein letztes Mal blicke ich zur Tür. Natürlich sind die beiden längst verschwunden. Ich ziehe meinen Jackenkragen höher und setze mich in Bewegung. Keine Ahnung wohin. Egal wohin. Vielleicht sollte ich auswandern? Es hält mich nichts hier. Gar nichts. Aber auch zum Auswandern braucht man Geld und das besitze ich im Moment nicht. Zudem hat sich meine Kontaktfreudigkeit in ein Mauseloch verkrochen, dabei vermutlich ein Labyrinth entdeckt und nie wieder rausgefunden. Dann ist sie mittendrin elendig verendet. Aber immerhin ist Einsicht der erste Weg zur Besserung. Nicht wahr? So sagt man doch.

Mit einem tiefsitzenden Seufzen biege ich in eine der Seitenstraßen ab, die trotz der späten Stunde angenehm belebt ist. Ich laufe einfach, genieße die anregende kühle Luft und die urbane Geräuschkulisse.

Ich lasse die Szene des kurzen Aufeinandertreffens erneut vor meinem inneren Auge abspielen, sehe das beeindruckende Blau seiner Augen funkeln und ende mit einem Kopfschütteln. Ich habe es stets bewundert, wenn Leute so ungeniert flirten können, leicht und locker, als wäre es Teil ihres Vokabulars. Als hätten sie nie etwas anders getan und würden nicht darüber nachdenken müssen. Es war nicht mal besonders raffiniert oder außergewöhnlich. Trotzdem fühlte es sich eigenartig intensiv an. Das Kribbeln hält sich bis jetzt, entflammt in meinen Fingerspitzen und lässt mich meine Kleidung deutliche spüren. Ein solches Talent ist mir nicht gegeben. Und um ehrlich zu sein, bin selten am empfangenen Ende einer solchen Flirterei. Diesmal passierte es mir gleich zweimal. Was für ein Zufall. Ich denke direkt an den attraktiven Eisverkäufer und auch diese Erinnerungen, an ihn, an sein charmantes Lächeln und dem gutsitzenden weißen Hemd lassen mich schmunzeln.
 

Durch die beschauliche Abendstimmung rollt ein auffälliges Rumpeln und ich bleibe augenblicklich stehen, lehne mich zurück und schaue in die Gasse, an der ich gerade vorbeigekommen bin. Ein Fehler. Schon im nächsten Moment spüre ich, wie ein Schatten, der sich als fester Körper entpuppt, gegen mich schlägt und mich von den Füßen reißt. Ich taumele zusammen mit dem Typen gegen eine der nahestehenden Mülltonnen. Es kracht laut und scheppert, während sich ein dumpfer Schmerz in meiner Hüfte manifestiert. Mein Handy schlüpft aus der Tasche, landet in irgendeiner Ecke und ich verliere den Überblick. Der Typ stößt mich erneut weg, rappelt sich hoch und flüchtet. Ich fühle, dass meine Hand erst gegen etwas Hartes und danach in etwas Weichem gelandet ist, was wiederum mich zum Schimpfen bringt. Als nächstes wird der Kerl von einem anderen zur Seite gezogen und sie laufen davon. Ich rappele mich auf, bemerke ich leichte Schürfwunder an der Seite meiner Hand und sehe dem Typen nach. Was ist gerade passiert? Ich rappele mich auf, ignoriere, was auch immer an meiner Hand ist und stolpere in die Gasse, aus der mir bereits ein älterer Herr mit blutender Stirn entgegenkommt.

Ein Überfall. Zum Glück hat das laute Zusammentreffen auch andere Passanten darauf aufmerksam gemacht. Eine junge Frau kontaktiert die Polizei und ein anderer den Krankenwagen. Es ist ein heftiges Durcheinander und als die Polizei eintrifft, wird es nur schlimmer. Nimmt es denn nie ein Ende?
 

„Nowak, Gabriel. Geboren am 13. Oktober 1996“, wiederhole ich zum dritten Mal im Abstand von wenigen Minuten. Ich nenne Lianas Adresse als meinen aktuellen Wohnsitz. Der alte Polizist, an dessen Schreibtisch ich sitze, ist nicht vollkommen bei der Sache, schafft es aber trotzdem, mir einen eindringlichen Vortrag darüber zu halten, dass meine Ausweispapiere nicht aktuell sind. Er hakt ein weiteres Mal nach, ehe er es geschafft hat, meine Angaben mit den Meldedaten im PC abzugleichen. Auch dort sind sie nicht korrekt, entsprechen aber den Angaben auf meinem ungültigen Ausweis. Obdachlosigkeit ist für Behördengänge nicht unbedingt förderlich.

Im gleichmäßigen Intervall brüllt er dem Betrunkenen hinter mir ein unmissverständliches ‚Ruhe‘ entgegen. Es scheint, dass er danach jedes Mal von vorn anfangen muss. Der Betrunkene lässt sich wenig beeindrucken und ich wünschte, mein Alkoholpegel wäre etwas höher. Der Kopf des Polizisten ist mittlerweile violett und seine Stimme ist gefüllt mit passiver Aggressivität. Ich schiele auf das Namensschild auf seiner Brust und so sehr ich es auch versuche, aber ich kriege den Namen kaum ausgesprochen. Ich schaue daher starr auf den Bildschirm und auf das Formular, welches geöffnet ist.

„Nowak mit W“, berichtige ich und bemerke, wie er genervt nickt. Ich wiederhole die Adresse meiner Schwester abermals und erkläre die aktuelle Situation, dass ich dort nur übergangsweise wohne. Er betrachtet mich mit Misstrauen und übertriebenem Argwohn. Für einen kurzen Moment befürchte ich, dass er zum Hörer greift und bei Liana anruft, nur um sich zu versichern, dass ich kein Hausbesetzer bin. Ja, genaugenommen bin ich obdachlos, und es war mir nie so deutlich, wie jetzt. Ich nenne ihm zusätzlich die Anschrift der Firma, die zu mindestens noch ein paar Wochen unter meinen Namen läuft. Die Post wird auch weiterhin, dorthin verschickt. Das Alles löst großes Unbehagen in mir aus.

„Können Sie die Täter beschreiben?“, fragt mich der Beamte.

„Nicht sehr gut. Ich konnte sie nicht richtig erkennen. Der eine hat mich quasi umgerannt und dann sind sie von mir weggelaufen.“ Dabei sah ich sie auch nur von hinten. Noch dazu kann ich an nichts anderes denken als daran, wo ich ein neues Telefon herbekomme. Bei meinem ist das Display komplett zerbrochen und ich bekomme es auch nicht mehr eingeschaltet. Mein Blick wandert auf die große analoge Uhr an der Wand. Es ist bereits 22 Uhr. Ich bin müde und geschafft, gebe aber mein Bestes, um die Täter zu beschreiben. Der größere der beiden trug eine schwarze Jacke und hellblaue Jeans. Der kleinere war in einem dunklen Hoodie und einer schwarzen Hose gekleidet. Mehr weiß ich nicht.

„Gut, lassen Sie uns das Ganze noch mal durchgehen.“ Wie eine kaputte Schallplatte.

„Das ist ein schlechter Scherz, oder?“, entgegne ich geschafft. Ich bin ausgelaugt und emotional in keinem guten Zustand. Der Kopf des Beamten ist weiterhin einfach nur farbenfroh erleuchtet, während er mich verständnislos anblickt.

„Die haben hier alle Clowns zum Frühstück“, lallt es plötzlich von der Seite, als der Betrunkene in die Ausnüchterungszelle geführt wird. Ich kann ihm nur zustimmen. Der Beamte brüllt ihm etwas weniger Freundliches nach und widmet sich wieder meiner Zeugenaussage. Ich sehnte mir selten so sehr ein Bett herbei.
 

Mein Gehirn fühlt sich nach einer Weile an, wie eine Backpflaume. Schrumpelig, verdorrt und nutzlos. Als ich endlich aus der Befragung entlassen werde und meine Aussage ausreichend notiert ist, stehe ich vor dem nächsten Dilemma. Ich weiß nicht, wo ich bin.

Die Wunde in meiner Handfläche schmerzt. Sie wurde zwar verarztet, aber das Pflaster verhindert nicht, dass ich die Hand andauernd bewege. Mein Handy ist nicht zu gebrauchen und damit keine Hilfe. Ein Taxi kann ich mir nicht leisten. Ich atme tief ein und wieder aus. Es ändert nichts.

Eine Gruppe uniformierter Polizisten kommt die Treppe hinauf. Ich bitte um Hilfe und einer der Kollegen erklärt, wo ich mich befinde. Er verweist mich auf die U-Bahn-Station, die sich ein paar Seitenstraßen entfernt befindet und ich ergebe mich meinem Schicksal.

„Gabriel?“, hält mich eine weibliche Stimme zurück. Ich drehe mich zu dem Polizistengrüppchen um. Mir blicken drei Augenpaare entgegen. Eines gehören zu der jungen Frau, die mich angesprochen hat.

„Verzeihung?“, erkundige ich mich irritiert, „Kennen wir uns?“ Ihre braunen Haare sind zu einem strengen Dutt zusammengebunden und nichts an ihrem Äußeren löst einen Funken bei mir aus.

„Ja, hi, ich bin Jade Wellis, oh, früher Jade Caners. Wir sind zusammen zur Schule gegangen.“ Bei ihren vormaligen Familiennamen klickt es bei mir.

„Jade. Hi. Wow, ja. Wie geht es dir?“, frage ich überrascht. Sie schenkt mir ein blendendes Lächeln und die zuvor harten Züge ihres Gesichts sind vollkommen verschwunden.

„Fantastisch. Ich habe vor zwei Jahren geheiratet und nun ja, bin jetzt bei der Polizei.“ Offensichtlich. Sie strahlt. „Was machst du hier?“

„Oh, ich war vorhin Zeuge eines Überfalls geworden und musste gerade meine Aussage zu Protokoll geben.“

„Oh nein. Geht es dir gut?“, fragt sie besorgt. Ihre Schultern straffen sich. Ich zeige ihr meine verletzte Hand und gebe kurz wieder, was geschehen ist.

„Mein Handy hat es schwerer erwischt.“ Ich ziehe es aus der Tasche und zeige ihr das komplett zersplitterte Display.

„Warte kurz“, sagt sie, joggt auf die Anmeldung zu, wechselt ein paar Worte mit ihren Kollegen und kehrt zurück. Sie hält den Autoschlüssel in der Hand.

„Na komm, ich fahre dich nach Hause.“ Mein Dank ist ihr Gewiss und ich merke, wie ein Teil der Anstrengung von mir abfällt, als ich mich zu ihr in den Wagen setze.
 

Die Fahrt über verfallen wir in Small Talk, berichten Anekdoten aus der Schulzeit und einiges lässt mich das Chaos des heutigen Abends beinahe vergessen. Bis ich meine Hand bewege und der Schmerz einsetzt. Es sind auch Erinnerungen dabei, die ich gern grau gehalten hätte. Jade fragt nicht nach Kira, wahrscheinlich, weil sie die Abwesenheit meines Eherings bemerkt hat. Ich erwische sie mehrfach, wie sie auf meine Finger schielt. Die Polizistin führt die Mehrheit des Gesprächs, nutzt dabei diese einfühlsame Stimme, mit der sie vermutlich auch mit Opfern spricht. Für die Ablenkung und Führung bin ich ihr sehr dankbar, auch für die Sensibilität. Wir bleiben ein Moment länger im Wagen sitzen, als wir ankommen.

„Hier, das ist meine Karte und das ist die Nummer von einer Organisation, die man kontaktieren kann, wenn man Opfer oder Zeuge einer Straftat geworden ist. Falls du mit jemanden reden möchtest.“

„Danke, das ist sehr nett von dir, aber es… mir geht’s gut“, sage ich, bin mir aber in meinem jetzigen Zustand gar nicht sicher. Ich bin einfach nur müde und geschafft. Sie nickt, schaut wissend. Ich fühle mich ertappt.

„Gabriel, es ist schön, dich wiedergetroffen zu haben, auch wenn der Umstand nicht gut war. Vielleicht können wir uns mal auf einen Drink treffen und ein bisschen in Erinnerungen schwelgen? Ich würde mich freuen. Ich bin nicht mehr mit sehr vielen Leuten aus der Schulzeit in Kontakt.“

„Ich auch nicht. Es ist viel passiert. Und ja, ich melde mich. Sobald ich ein neues Handy habe.“ Oder weiß, wie ich es bezahlen soll. Ich verabschiede mich von Jade und steige aus dem Streifenwagen.
 

Im Foyer des Wohnhauses ankommen, teilt mir die Uhr mit, dass es weit nach Mitternacht ist. Ich bin über dem Punkt der hochgradigen Müdigkeit weit hinaus. Die Nervosität und die nervenaufreibende Energie kribbeln förmlich unter der Haut und es scheint unmöglich jetzt ins Bett zugehen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht einschlafen. Ich würde mich hin und her winden und ununterbrochen nachdenken.

Ich entscheide mich dazu, die Treppe statt des Fahrstuhls zu benutzen, um etwas negative Energie loszuwerden, mich weiter auszupowern. Oben angekommen erfüllt mich kaum mehr als Ernüchterung, die mich direkt in die Dusche treibt.

Nur mit einem Handtuch um die Hüfte besorge ich mir aus der Küche ein Glas Wasser und falle auf die Couch. In langsamen Schlucken trinke ich es zur Hälfte aus und betrachte danach, das durchweichte Pflaster auf meiner Handinnenfläche.

Seufzend schließe ich die Augen, sehe prompt den Schatten auf mich zukommen., vernehme die lauten Stimmen. Das Fluchen. Meine Handfläche zuckt und die Wunde zwiebelt. Ich schlage die Augen blitzschnell wieder auf.

„Fuck“, fluche ich leise. Als wäre mein Leben nicht schon anstrengend genug, kommen jetzt auch noch Albträume dazu. Mein Hals pocht deutlich. Als ich mir das Glas Wasser zum Mund führe, schwankt der Restinhalt darin auffällig. Meine Hände zittern. Wäre es voll, würde es kleckern. Das Ereignis vom heutigen Abend haben mich mitgenommen, ohne Zweifel. Ich atme tief ein und stehe von der Couch aus. Ich laufe ein paar Kreise im Wohnzimmer, atme zählend, so wie es mir eine befreundete Psychologin beigebracht hat. Mit einer bestimmten Sekundenanzahl ein, halten und aus. Es dauert, aber es funktioniert. Die einkehrende Ruhe spürend, bleibe ich am Fenster stehen.
 

In der Wohnung des blauäugigen Nachbarn brennt Licht und ich sehe, den sehnigen Südländer, der auf der auf der Couch lümmelt. Er trägt ein Tanktop und Shorts, die seine gutgebräunten Beine zeigen. Er spricht mit jemanden im Bereich der Küche und als nächstes sehe ich Darian, der mit zwei Gläsern Wein zurückkehrt. Auch er trägt nichts weiter als eine lockersitzende Jogginghose, oben rum ist er nackt. Mir entflieht ein leises Zischen.

Was ist das nur? Darian stellt die Weingläser auf dem Tisch ab und beugt sich danach für einen Kuss zu dem anderen Mann. Tief in meinem Bauch beginnt es zu kribbeln. Ich bemerke, wie mein Herz unvermittelt schneller schlägt. Heiß und hart prallt es gegen meinen Brustkorb.

Ich wende mich eilig ab, habe dabei aber so viel Schwung, dass ich fast einen Kreis drehe und praktisch wieder aus dem Fenster schaue. Sie küssen sich weiter. Trotz der Entfernung erahne ich die Leidenschaft, die in ihren Berührungen steckt und beobachte, wie sich der Größere langsam über dem anderen Mann positioniert. Die Hände des Spaniers fahren durch die Haare des anderen. Wie es sich wohl anfühlt?

Okay, es reicht!

Ich muss damit aufhören. Das wird langsam bizarr.

Mit beiden Händen reibe ich mir das Gesicht, bereue es gleich darauf da meine Handfläche schwervoll zwiebelt. Ich verdiene den Schmerz. Danach gehe ich Zähne putzen und falle ins Bett. Die Erschöpfung umfängt mich schnell. Trotzdem kann ich nicht damit aufhören, an die beiden Männer zu denken und an das, was sie gerade tun könnten.

‚Querido mío‘, wiederhole ich mehrmals. ‚Mio.‘ Das würde man doch für seinen Partner verwenden? Geliebten? Freund? Hat er sich nicht vor wenigen Tagen noch mit einer hübschen Brünetten in den Laken gewälzt? Obwohl er mit dem kleinen wütenden Spanier zusammen ist? Anscheinend hat Darian eine eher lockere Definition von Beziehungen. Ein kleiner Teil in mir lässt ein konservatives Tönen voller Prüderie und Fadheit verlauten, aber der andere Teil bewundert die gelebte sexuelle Freiheit. Ich wüsste nicht, ob ich es könnte.

Ob ich es wirklich will. Ich möchte es in eine Beziehung zu sein, mich voll und ganz auf eine Person zu konzentrieren. Auch, wenn ich es scheinbar und für Kira offensichtlich nicht gut hinbekommen habe. Vielleicht ist es Zeit für eine andere Strategie?

In den nächsten zwei Stunden finde ich keine Ruhe, wälze ich mit ununterbrochen herum. Irgendwann bin ich derartig ausgelaugt, dass es nicht mehr schaffe mich umzudrehen.
 

Am Montagmorgen erwache ich mit dem Gefühl kaum geschlafen zu haben, obwohl die Uhr weit nach 10 Uhr anzeigt. Es regnet seit gestern Abend und das Grau des Himmels teilt mir mit, dass es so bald nicht aufhören wird. Mit einem Kaffee und einem leichten Frühstück setze ich mich an einen der Kartons, öffne parallel den Laptop. Ich klicke eine Weile hin und her, sichte dies und das, bis ich mir energisch das Gesicht reibe und endlich eine Liste mache, um halbwegs organisiert zu agieren. Ich brauche Daten, die ich zu den Terminen im Arbeitsamt mitbringen muss. Dich sie sind unvollständig, also versuche ich auf die Cloud zuzugreifen, dir wir damals zu Archivierungszwecken für die Firma eingerichtet haben. Auch nach dem dritten Versuch wird mir der Zugang verweigert. Das Passwort ist inkorrekt.

Eine Stunde später, hänge ich weiterhin am Telefon. Ich wechsele zwischen technischen Support, Kundendienst und Frustration hin und her. Mein Frühstückskaffee steht unangetastet auf der Anrichte, ist mittlerweile kalt.

Ich versuche es erneut und scheitere kläglich. Unsere firmeneigene Datenbank ist unbezwingbar. Ich kann mich nicht einloggen. Mittlerweile geht mir der rote Balken, der mir mitteilt, dass entweder Passwort oder Benutzername nicht stimmen, ernsthaft auf die Nerven.

„Nein. Ich verstehe nicht, was das heißen soll! Wie kann es sein, dass ich keine Zugriffe auf die Server meiner Firma erhalte?“, meckere ich, langsam ungehalten ins Telefon. Es ist mir unbegreiflich. Sie erklärt mir etwas von einer externen Sperrung und der Änderung des Identifikationscodes, den ich benötige, damit das Telefongespräch weitergeführt werden kann. Ich glaube, mittlerweile im falschen Film zu sein.

„Was heißt, die Zugangsberechtigungen wurden geändert? Von wem?“ Als die junge Frau am anderen Ende der Leitung erklärt, dass diese Änderungen intern vorgenommen wurden, schleudere ich einen Aktenstapel vom Tisch. Markes. Er ist der Einzige, der das getan haben kann.

„Nun hören Sie mir gut zu. Ich möchte, dass Sie augenblicklich die Zugänge zurücksetzen und mir den neuen Zugriff mitteilen. Und nein, ich will nicht hören, dass Sie das nicht dürfen. Ich will, dass Sie die Unterlagen aufrufen und dann gebe ich Ihnen die korrekten Daten durch, die Ihnen beweisen, dass ich verdammt noch mal dazu berechtigt bin... Gut, dann geben Sie mir Ihren Vorgesetzten.“ Als die Frau mich in die Warteschleife legt, atme ich tief ein. Ich sehe auf die Sauerei auf dem Küchenboden und zerdrücke fast das Telefon. Markes. In meinem Kopf knurre ich den Namen meines ehemaligen Freundes und schlucke meine Wut herunter, als sich eine nette Männerstimme meldet. Irgendwann nehme ich nur noch dumpf wahr, wie mir die Stimme die gleichen Dinge erklärt, wie die Dame zu vor. Ich möge es zunächst intern abklären oder persönlich vorsprechen. Ich beiße die Zähne zusammen und lege auf.
 

Es fühlt sich an, als kämen die Wände langsam näher, während ich mich darauf konzentrieren muss zu atmen. Hörbar atme ich aus, atme durch die Nase ein und versuche mich an derselben Prozedur, die mir bereits gestern Abend geholfen hat. Diesmal bringt es nichts, mit energischem Schwung trete ich einen der Umzugskartons um, der erst über den kalten Paketboden rutscht und dann wegen Ungleichgewicht auskippt. Etwas des Drucks ist aus meinem Brustkorb verschwunden und ich versuche das entstandene Chaos zu ignorieren. Kurz denke ich darüber nach, eine weitere Kiste daran glauben zu lassen, doch stattdessen greife ich nach dem Festnetztelefon und wähle Markes Nummer. Der erste Versuch ermöglicht mir ein nettes Gespräch mit einer überausfreundlichen, aber schwerhörigen alten Dame.

„Gib mir verdammt noch mal die Zugangsdaten für die verfickte Cloud, Markes“, eröffne ich das Gespräch ohne diese nutzlose Begrüßungsscharade.

„Gabriel? Woar, was ist das für eine Begrüßung“, höre ich ihn sagen. Ich bekomme ebenfalls mit, wie er sich in geringerer Lautstärke bei jemand entschuldigt und danach eine Tür geschlossen wird.

„Meine Aufforderung war doch eindeutig. Also, wie ist das Passwort?“

„Hey hey, komm bitte erstmal runter und erklär mir, was genau du von mir möchtest. Okay?“

„Stell dich nicht dümmer als du bist, Markes. Ich brauche das Passwort für die Cloud, welches durch dich unberechtigterweise geändert wurde. Also.“

„Wieso denkst du, dass ich das veranlasst habe?“ Marke schnaubt, als wäre es völliger Unsinn, überhaupt daran zu denken, dass er es gewesen sein könnte. Doch wer sollte es sonst sein?

„Wer sonst, Markes? Okay, du weißt ganz genau, dass wir… nein, ich…“, berichtige ich schnell, „… Gefahr laufe, weiter in Verschleppung zu geraten, also bitte, mache es nicht noch schwerer.“ Der Insolvenzantrag ist seit Längerem gestellt, doch der Verwalter pocht auf vollständige Unterlagen, ehe er seiner Aufgabe nachgehen kann. Ich setze mich zurück auf die Couch und ziehe den Laptop auf meinen Schoss. In genau diesem Moment höre ich auf der anderen Seite das tiefe Seufzen.

„Okay. Hörst du?“, erkundigt er sich und ich erwidere mit einem tonlosen Ja. „96nbouwcahkanan1013!.“ Er wiederholt es zwei weitere Male, buchstabiert es sorgfältig. „Zufrieden?“ Beim letzten Mal tippe ich es direkt in die Aufforderungszeile der Cloud. Diesmal erhalte ich endlich Zugang und lege auf, ohne ein weiteres Wort zu Markes zu sagen. Das Passwort hinterlege ich zusätzlich in einem dafür vorgesehenen Programm, welches mir damals Markes gezeigt hat und beginne danach die benötigten Unterlagen runterzuladen. Viel ist von meiner Firma nicht mehr übrig. Aber jedes einzelne Dokument gräbt die Enttäuschung tiefer in mein Herz.
 

Statt mich der anbahnenden depressiven Stimmung hinzugeben, sammele ich den Inhalt des umgestoßenen Kartons ein. Mit jeder vergehenden Stunde rutscht meine Laune tiefer und tiefer in den Keller geht. Als mir einige der Portfolios und Entwürfe meiner Künstler in die Hände fallen, verlässt mich der letzte übriggebliebene Funke. Sie sollten eigentlich nicht in dieser Kiste sein. Ich lasse mich ermattet zurückfallen, öffne eine der ersten Mappen. Sie ist von einem jungen Künstler, der durch Upycling wunderschöne Möbel herstellte. Wir entwickelte eine interaktive Ausstellungsidee und fanden viele interessierte Käufer. Erst vor kurzem las ich einen Artikel über ihn in einer Zeitschrift für Wohnaccessoires. Er war ein Erfolg und ein Eintrittstickets zu vielen nachfolgenden Events.

Ich raffe die Papiere grob zusammen und bringe den Stapel schnurstracks nach unten, zu den Mülltonnen in der Seitengasse. Das Hochzuschieben der Klappe ist aufgrund der Papiere nahezu unmöglich. Ich versuche es dennoch, weil ich stur und geschafft bin. Es ist einfach dämlich. Ein paar Zentimeter öffnet sich der blaue Deckel und als ich versuche, den Stapel hineinzuschieben, fällt die Hälfte zu Boden.

„Verdammter Mist“, fluche ich übertrieben laut, reiße den Deckel mit beiden Händen zurück, so dass diesmal die ganze Öffnung nach hinten rollt, nicht nur die kleine vordere Klappe und hocke mich zu den verstreuten Papieren. Der feuchte Boden und der zunehmende Regen erschweren das Aufheben der einzelnen Blätter. Die Skizzen aus dem dünnen Seidenpapier werden durchsichtig. Die alte Probeausdrucke von Arrangements verschmelzen mit dem dunklen Untergrund. Obwohl die Drucke schlecht sind, erkenne ich jeden Einzelnen. Ich klaube einige auf und befördere sie in den Müllschlund. Abermals segeln einige der Blätter daran vorbei.

„Arghn, verdammt. Verdammt. Verdammt“, lasse ich meinen Frust inbrünstig raus, halte die Lautstärke diesmal etwas im Zaum. Meine Wut mindert es nicht, deswegen trete ich voller Wucht gegen den Container. Er rollt zurück und prallt gegen die Wand, kommt wieder ein Stück auf mich zu. Ich bin gezwungen, ein Teil meines Lebens zu entsorgen, quasi wegzuwerfen und kann nichts dagegen tun? Was für eine absolute Scheiße.

Direkt vor meinen Füßen liegt eine Mappe. Ich klaube sie auf. Darin befindet sich, das Portfolio einer Künstlerin. Sie enthält einige Kopien repräsentativer Werke. Lebensläufe. Mit klammen Fingern blättere ich die Mappe durch. In der Mitte steckt eine meiner alten Visitenkarten. Es ist wie Feuer in meinem Inneren, das beginnt zu lodern, zu zerstören und dann in Traurigkeit erlischt. Die Mappe schleudere ich samt Karte in den Müllcontainer oder versuche es, denn durch die Feuchtigkeit verkalkuliere ich den Kraftaufwand und sie patscht nur gegen das Plastik.
 

„Hey hey!“ Nicht schon wieder. „Mal ruhig mit den jungen Pferden. Was wird das, wenn es fertig ist?“, fragt jemand hinter mir und ich bin zu aufgebracht, um jetzt eine Auseinandersetzung zu führen.

„Tut mir leid, ich räume schon auf“, presse ich bemüht ruhig hervor. Trotz innerer Unruhe hocke ich mich hin und verliere prompt den Halt. Der Container, der vorher Opfer meines frustrierten Ausbruchs war, ist nun meine Stütze. Es verhindert aber nicht, dass ich doch auf den Knien lande und die ohnehin schon malträtierte Hand erneut belaste. Sofort merke ich, dass es nass meine Hose hochzieht. Ich pule einige der Papiere zusammen und meckere still vor mich hin. Unwirsch greife ich den Rest der Blätter. Dabei schneide ich mich an einen einem Blatt und zucke zurück. Nimmt es denn kein Ende?

Automatisch wandert die lädierte Stelle zu meinen Lippen und ich fühle das Brennen des messerscharfen Schmerzes. Wieso sind diese winzigen Schnittwunden nur immer die schmerzhaftesten? Das nächste Blatt, nach dem ich gerade greife, wird vorher angehoben und ich sehe verwundert auf. Als ich aufblicke, erkenne ich ein bekanntes Gesicht. Ich verschlucke den nächsten Satz, den ich aussprechen wollte, räuspere mich ungalant. Es ist Darian. Mein Nachbar mit den bezaubernden blauen Augen, die im seltsamen Licht der Gasse fast violett wirken. Mein Puls geht nach oben und trotz der Kälte ist mir plötzlich seltsam warm.

„Hat deine schlechte Laune einen Grund?“, fragt Darian mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Blick zu der leicht demolierten Mülltonne. Immerhin kein Nachbar der sich beschweren will. Er hält einen kleinen Müllbeutel in der Hand und bückt sich nach einem eingeweichten Bild. Darauf ist nicht mehr viel zu erkennen, also lässt er es im Papiercontainer verschwinden. Für seinen Müllbeutel sucht er sich einen anderen Container.

„Wenn ich erst anfange, ständen wir morgen noch hier“, kommentiere ich schlicht und befördere einen weiteren Schwung Papiere in den Müll.

„Wir haben uns einander noch gar nicht offiziell vorgestellt. Ich bin Darian“, verkündet er und hält mir die freie Hand hin. Er lächelt. Ich schmelze innerlich zu einem unförmigen Klumpen und kriege kein Wort heraus. „Und du?“

„Oh! Ja, hi, ich bin Gabriel. Freut mich und tut mir leid wegen eben.“

„Wofür entschuldigst du dich? Die sicherlich, in einigen anderen Städten illegale Aggressionsbewältigung gegenüber Mülltonnen?“, fragt er mich. Ich stoppe mein Starren, sehe zu den Mülltonnen und nicke.

„Oder auch für die Umweltverschmutzung. Wobei für Sachbeschädigung kriegt man mich ohnehin überall dran“, fahre ich fort und deute auf das Elend vor uns.

„Damit könntest du leider recht haben.“ Oh nein.

„Bitte sag mir, dass du kein Polizist bist?“, entflieht mir, ohne groß nachzudenken. Darian lacht. Das ist ein gutes Zeichen, oder? Ich bücke mich erneut und versuche, die restlichen Blätter aufzuheben.

„Nein, ich bin kein Polizist. Nur ein neugieriger Nachbar.“ Beim letzten Teil schaue ich direkt wieder auf. Darian hockt sich zu mir und ich folge ihm mit meinem Blick. Neugieriger Nachbar? Plötzlich hämmert mein Herz lautstark in meiner Brust. Hat er vielleicht doch mitbekommen, dass ich ihn zu meiner täglichen Daily-Soap gemacht habe? Ich frage nicht und Darian führt den Kommentar nicht weiter aus, sondern beginnt mir bei den restlichen hinabgefallenen Papieren zu helfen. Als ich mich aufrichte, knacken meine Knie und ich bemerke die gigantischen feuchten Flecken auf meiner Hose.

„Also, was hat dir nun die Laune verhagelt? Das Date von Samstag schlecht verlaufen?“, fragt er als nächstes, „Ich sah dich mit dieser hübschen blonden Frau und das war eindeutig ein Date, also.“ Jetzt verstehe ich, was er meint. Er hat mich mit Kira gesehen. Wie peinlich. Etwas beschämt schaue ich zur Seite.

„Oh, nein, nein, das war kein Date. Es war mehr ein Was-habe-ich-mir-nur-dabei-gedacht-Moment!“, erkläre ich rasch, etwas überschlagen. Ein angenehmes, tiefes Lachen löst sich aus seiner Kehle und meine Haut prickelt. „Sie ist meine Exfrau.“ Nervös fahre ich mir durch die Haare und schüttle den Kopf. „Keine Ahnung, warum ich das laut gesagt habe. Entschuldige.“

„Nicht doch! So, ist das nun mal. Passiert öfter als man denkt, dass man erst später feststellt, dass einem anderes gefällt oder man anderes vom Leben erwartet. Aus Fehlern lernt man, oder?“, merkt Darian an und berührt kurz aber aufmunternd meinen Oberarm. Ich nicke lediglich. Ich weiß im Moment nicht mehr, was ich eigentlich von meinem Leben erwarte. Oder, was mir gefällt und was nicht. Oder wer.

„Lust auf einen Kaffee? Du wirkst, als bräuchtest du etwas zum Aufwärmen.“ Er deutet auf meine unruhigen Finger, interpretiert es als zittern und danach auch auf die nassen Stellen auf der Hose. Seine Augenbraue hebt sich und ich gestehe, dass sich die herbstlichen Temperaturen bemerkbar machen. Noch dazu bin ich überstürzt runter und trage keine Jacke, weil ich glaubte, dass ich es schnell erledigt bekomme.

„Ist ganz schön kalt geworden. Und danke, aber ich...“, beginne ich meine Ablehnung. Prompt schleicht sich ein Hauch Enttäuschung in seinem Blick und ich gerate ins Straucheln, ehe ich fortfahre, „Ich muss noch arbeiten, weißt du.“ Darian nickt verstehend.

„Schade. Ein anderes Mal?“

„Sicher“, erwidere ich schneller als beabsichtigt und ich mir selbst zugetraut hätte. Mein Magen hüpft wegen des übereifrigen Enthusiasmus und bevor ich rot anlaufen kann, nicke ich ihm zu, deute zur Eingangstür und kehre schnellen Schrittes ins Wohnhaus zurück.

Sand im Getriebe, Sonne im Sinn

- 7 -

~ Sand im Getriebe, Sonne im Sinn ~


 

Zurück in der Wohnung lehne ich mich gegen die Haustür, spüre einen seltsamen Mix aus Aufregung, Spannung und Unruhe durch meine Adern strömen, die meine Fingerspitzen pulsieren lässt. Selbst meine Zehen kribbeln. Vielleicht ist das auch der Vitaminmangel. Ich konzentriere mich aufs Atmen. Langsam ein. Bedächtig aus.

Wieder ein. Wieder aus.

Aus dem Flur dringen plötzlich helles Gelächter und aufgeregten weiblichen Stimmen. Sie unterbrechen meine alberne Meditation, doch meine Gedanken schweifen schnell zurück zu dem vorangegangenen Zusammentreffen mit Darian.

Vielleicht hätte ich seine Einladung annehmen sollen? Möglicherweise würde ich dann besser verstehen, wieso ich derartig stark auf ihn reagiere und mich aufführe, wie ein unerfahrenerer Vollidiot. Er ist nicht der erste attraktive Mann, der mir über den Weg läuft. Er ist auch nicht der Erste, der mich anmacht. Aber er ist der Erste, bei dem ich mich bedürftig fühle.

„Reiß dich zusammen Gabriel“, murmele ich vor mich hin und schließe die Augen. Im Flur sind weiterhin die Stimmen der beiden Frauen zu hören. Ihr Kichern und Giggeln. Sie sprechen über eine Bekanntschaft und es wird auffällig unanständig. Ihre schamlose Freude lässt mich schmunzeln. Trotzdem stoße ich mich von der Tür ab, streiche mir durch die Haare und gehe in die Küche, um nicht weiter zu lauschen.
 

Nach einem Glas Wasser mache ich mich auf die Suche nach einem alten Handy, das ich übergangsweise benutzen könnte. Doch egal, welchen Schrank oder welche Schublade ich öffne, mir schreit nichts weiter als Lianas perfektes, gradliniges Leben entgegen. Alles ist sortiert, teilweise beschriftet, ohne Gebrauchsspuren oder niemals verwendet. Manches wirkt wie die Staffage in Einrichtungsmärkten. Die hohlen Buchrücken und pappigen Multimediageräte. Ich bleibe vor der Kommode im Wohnzimmer sitzen und seufze entgeistert. Nicht zu fassen. Jeder hat doch alte Handys! Nur meine Schwester natürlich nicht. Dabei kann ich mir kaum vorstellen, dass sich Liana die Mühe macht, ihre alten Geräte zu verkaufen. Und nun? Ich bin ratlos. Geld für ein neues habe ich nicht. Ich drehe mich im Sitzen zurück zum Couchtisch, auf dem ich das defekte Handy und auch das Festnetztelefon abgelegt habe. Entgegen jeder Vernunft und Logik, greife ich nach dem Festnetzhörer und wähle ich Kiras Nummer. Bereits nach dem zweiten Ringen geht sie ran.

„Nowak.“ Den Nachnahmen verwendet sie nur, wenn auf ihrem Telefon eine unbekannte Nummer angezeigt wird. Ich wundere mich darüber, dass sie trotzdem rangegangen ist.

„Ebenfalls Nowak, Kira, ich,-“

„Gabriel? Was ist das für eine Nummer und warum ignorierst du meine Anrufe?“ Keine zwei Sekunden und sie fällt mir sofort ins Wort. Manchmal frage ich mich, wie ich es so lange mit ihr ausgehalten habe.

„Ich rufe doch gerade an, oder? Und würdest du mich nicht sofort unterbrechen, dann erkläre ich es dir. Schaffst du das?“ Sie verstummt tatsächlich. „Mein Handy wurde beschädigt und ich kriege es nicht mehr an. Ich rufe über Lianas Festnetznummer an, von der ich dachte, dass du sie gespeichert hast.“

„Wieso sollte ich Lianas Festnetznummer gespeichert haben? Wer hat überhaupt heutzutage noch Festnetz?“, entgegnet sie, „Und wobei wurde dein Handy beschädigt?“

„Ich bin in einen Überfall hineingeraten, - und ja, bei mir ist alles gut. Ich stand nur dem Täter beim Weglaufen im Weg. Dabei ist mein Handy runtergefallen und es haben sich irgendwelche Kontakte gelöst.“ Von dem gesplitterten Display brauche ich nichts sagen. Das wäre reparable. Ich höre, wie sie zischend die Luft einzieht.

„Bist du verletzt?“, fragt Kira ungewohnt besorgt. Etwas, was ich nicht mehr kenne.

„Ich bin okay. Etwas müde, weil ich gestern lange auf dem Polizeirevier saß. Ich habe mich auch nur gemeldet, weil ich dich fragen wollte, ob du mir ein altes Handy leihen kannst.“

„Sicher“, erwidert sie sofort. Ich bin kurz perplex, da mich auf Diskussionen vorbereitet habe.

„Danke. Kannst du es mir zu schicken?“

„Wir können uns treffen, ich bin in der Stadt.“ Sie nennt mir eine Adresse und eine Zeit, dann lege ich auf, ehe Kira weiter nachhaken kann oder nach Markes fragt.
 

Danach trenne ich mich von den klammen Klamotten. Ich koche mir einen Tee, friere mir die Füße ab und setze mich mit Socken und einer Decke auf die Couch. Nach nur ein paar Sekunden schalte ich den Fernseher ein, weil die Stille zu laut wird. Mir fehlt Gesellschaft. Ich sehne mich nach der Nähe zu anderen Menschen. Auch, wenn ich im selben Moment nichts lieber tun würde, als mich einzuschließen und nie wieder rauszukommen. Ich möchte nichts lieber als vergessen und verdrängen. Meine Verantwortungen ignorieren. Gleichwohl vermisse ich es, jemand an meiner Seite zu haben. Ich bin nicht gern allein, war es nie und im Moment durchschwimmt mich die Mutlosigkeit wie ein Strudel reißenden Sandes, der mich tiefer und tiefer hinabsaugt. Ich hätte Darians Einladung einfach annehmen sollen. Dann würde ich jetzt nicht rumjammern, sondern… Ja, was eigentlich?

‚Genug. Es reicht‘, mahnt es in meinem Kopf. Unbewusst bin ich aufgestanden und stehe in Unterwäsche im Wohnzimmer, wie bestellt und nicht abgeholt.

Vorhin habe ich bei der Suche nach einem Ersatzhandy ein paar kleinere Trainingsutensilien in Lianas Schrank gefunden. Hanteln. Bänder. Diese hole ich nun hervor. Darunter ist auch ein simpler Mini-Stepper. Auch den ziehe ich ins Wohnzimmer. Ich positioniere alles auf dem Teppich vor dem Fernseher, zappe mich zu einem Programm, was ich längere Zeit ertrage und trete los.
 

Ich steppe fünfzehn Minuten und wechsele auf den Teppich, mache ein paar Situps und sonstige Übungen, die mir einfallen, weil ich sie irgendwann bei Kiras Übungsvideos gesehen habe. Zwischendurch besorge ich mir etwas Wasser und ein Handtuch. Danach mache ich direkt auf dem Stepper weiter und nehme zusätzlich ein paar der Hanteln dazu, weil sich meine Arme langweilen. Ich halte länger durch, als ich mir zu getraut hätte und auch wenn mein Puls verdeutlicht, dass meine Kondition in katastrophaler Lage ist. Es ist ja nicht so, als hätte mir das nicht der letzte Treppenaufstieg verdeutlicht. Ich wische mir den Schweiß vom Nacken und von der Stirn, während ich langsam ein weiteres Glas Wasser leere. Meine Oberschenkelmuskeln kribbeln und alles fühlt sich warm und angeregt an. Es ist ein gutes Gefühl. Ein fast vergessenes Gefühl. Ich war kein wirklich geborener Sportler. Aber ich war immer ein guter und schneller Schwimmer. Leider hatte sich im Laufe meiner Schulzeit die Möglichkeit, im Schwimmbereich zu sporteln, aufgelöst, als der einzige Trainer, den wir für diesen Bereich hatten, aufgrund eines Infarkts nicht mehr unterrichten konnte. Die Schwimm-AG wurde eingestellt, weil sich kein Ersatz fand und kein Elternteil die vorgegebenen Vorrausetzungen erfüllte. Gelder gab es auch keine. Da war es einfacher, alles einzustellen. Schwimmen habe ich immer sehr gemocht, aber ich war nicht gemacht für Wettkämpfe oder durchgängiges Training.

Die Erinnerungen an unsere Schulzeit ploppen immer wieder Mal auf wie die filmischen Abbildungen alter Filmprojektoren. In einem feinen Sepia, so, als wären mit der Zeit alle Farben verblichen. Ich schwanke zwischen nostalgischem Schwelgen und wütenden Unverständnis, jetzt, seit Markes wieder präsenter geworden ist. Nicht, dass ich es jemals geschafft habe, ihn oder Kira aus meinen Gedanken zu verbannen. Wenngleich die meiste Wut daher rührt, dass es mich immer noch tangiert, welchen Einfluss die beiden auf mein Leben haben. Wie sehr mein Leben mit den beiden verwoben ist, trotz der zerschnittenen Fäden. Es war zu meinem fünfzehnten Geburtstag, als Markes vorschlug, in die Schwimmhalle einzubrechen und ein Wettschwimmen im Mondlicht zu veranstalten. Es war bescheuert und aufregend. Markes schaffte es, die Hintertür mit einem Dietrich aufzubekommen und wir kamen durch die Frauenumkleideräume in den Beckenbereich. Die Stille und das ruhige Wasser waren beeindruckend. Sonst waren wir nur dort, wenn viele andere Menschen anwesend waren, das Wasser umherspritzte und laute Stimmen durch die Räume hallten. Ältere Damen schwimmen ruhige Bahnen in Badehauben, während die aktiven Sportler mit ihren Schwimmbrillen schnelle Runden drehten. Wir entkleideten uns am Beckenrand und sprangen hinein. Es war spaßig, bis plötzlich im Bereich der Bademeister Lichter angingen. Markes packte mich und zog mich an sich heran, bis wir in einer der Eckes des Beckens gepresst die Luft anhielten. Die Aufregung seines Körpers übertrug sich auf mich. Das Geräusch seines rasenden Herzens. Markes Hand lag an meiner Taille. Sie war heiß und immer wieder mahnte er mich an, leise zu sein. Wir nutzten einen ruhigen Moment, zogen uns aus dem Becken, schnappten uns die Klamotten und rannten los. Auf dem Weg durch die Umkleidekabine sahen wir einen der jüngeren Bademeister mit seiner weiblichen Begleitung. Er presste ihre Hände gegen einen der Metallschränke, während seine Hüfte rhythmisch gegen ihren Hintern stieß. Wir erstarrten. Doch zum Glück war Markes irgendwann geistesgegenwärtig genug, um uns beide langsam in eine Nische zu manövrieren, sodass wir das kopulierende Pärchen noch sehen konnten, sie uns aber nur, wenn sie sich umdrehten. Das Verbotene dabei beflügelte beide Seiten. Mein Herz schlug im Rhythmus der animalischen Stöße. Es dauerte ewig, bis Markes und ich uns wirklich losreißen konnten und leise verschwanden. Aufgeregtem Grölen folgte peinlich berührtes Lachen. Das erregende Gefühl begleitete uns den gesamten Weg nach Hause. Ich sprach mehrere Tage lang nicht mit Markes, da ich ihm nicht in die Augen blicken konnte. Etwas später erfuhr ich, dass Markes sich einen Schlüssel für die Schwimmhalle besorgt hatte, da er einen der Mitarbeiter kannte. Es war demnach kein tatsächlicher Einbruch. Er hat also schon damals gelogen. Allerdings wird mir langsam klar, woher meine neuentdeckte Neigung zum Spannen herkommt.
 

Mittlerweile ist es dunkel. In einer Wohnung erkenne ich eine junge Frau, die mit einem Säugling Kreise in den Teppich läuft. Der Typ, der die Vorhänge immer einen Spalt breit offen hat, schaut in die Glotze, denn ich kann sehen, wie das Licht in seinem Zimmer in abwechselnden Rhythmen aufflackert. Ich starre eine Weile auf das wechselnde Farbenspiel. Dann bemerke ich eine Bewegung im Augenwinkel und ein helles Aufblitzen. Reflexartig sehe ich zu der vertrauten Wohnung. Seine Wohnung ist komplett dunkel. Erneut ein Lichtblitz. Den Ursprung kann ich wieder nicht ausmachen, also schaue ich zur Straße. Nichts. Habe ich durch die spontane Trainingseinheit plötzlich Halluzinationen? Kopfschüttelnd schreite ich zur Küche. Ich bereite mir eine Stulle mit Käse vor, die ich vor dem Fernseher vertilge. Nach einer kurzen Dusche falle ich quer ins Bett, leite das Ende meines Tages ein und starre an die Decke, ehe ich mich dazu entschließe, doch noch etwas zu lesen. Ein Roman, denn ich in einer Schublade gefunden habe. Neben den vielen Klassikern, die hier liegen, dass einzige, was aus der heutigen Zeit zu sein scheint. Er hat sogar eine Widmung, was bedeutet, dass meine Schwester die Autorin kannte. Ich hatte Liana nie als jemanden eingeschätzt, der Widmungen in Büchern möchte.

Nach dreißig Seiten, zwei expliziten Erotikszenen verschwimmt das Bild von meiner Schwester noch etwas mehr und ich bin versucht es zur Seite zulegen.

„Ui“, entflieht es mir langgezogen, als die Protagonistin zum wiederholten Male gegen die Wand gedrückt wird und der Typ vor ihr auf die Knie geht. Ich schließe das Buch abrupt, beschaue mir einen Moment lang das Cover und wechsele auf die Rückseite. ‚Sexy und verboten‘, erklärt die Beschreibung. Vielleicht hätte ich das vorher lesen sollen. Die Geschichte einer unmöglichen Liebe. Gefährlich. Wild. Ist es das, was die Leserwelt heute verlangt? Ich bin mir nicht sicher, wann ich mir das letzte Mal selbst einen Roman gekauft und diesen auch gelesen habe. Ich drehe das Buch noch ein paar Mal stirnrunzelnd in den Händen umher, ehe ich es weglege und versuche, einzuschlafen.
 

Es bleibt beim Versuch. Da ich nicht mal sinnlos im Handy rumscrollen kann, nehme ich nach einer Stunde Schlaflosigkeit erneut das Buch zur Hand. Es wird noch absurder. Noch toxischer, als der Einband vermuten lässt und ich lege es mit einem unangenehmen Gefühl in der Magengegend zur Seite. Auch der Rest der Nacht verläuft mehr als bescheiden. Am Morgen erwache ich mit Schmerzen im Nacken und lahmen Oberschenkeln. Meine Hüfte schmückt ein großer blauer Fleck, auf der Seite auf der ich bei dem Zusammenprall mit dem Dieb gefallen war. Schmerzen habe ich nicht, nur wenn ich dagegen drücke. Ich drehe mich murrend ein paar Mal hin und her, erblinzele den seltsamen Roman, welcher mich bis in meine Träume verfolgte. Nach ein paar Minuten schätze ich ein, dass ich aufstehen muss, weil ich sonst den ganzen Tag zu nichts kommen werde. Nach einem Blick auf die kläglichen Möglichkeiten für Frühstück, schmeiße ich den Laptop an und checke die voraussichtlich jämmerliche Summe auf meinem Konto. Scham erfüllt mich, als ich bemerke, dass mir Liana Geld überwiesen hat. Nicht viel, aber es entfacht das Gefühl des Versagens erneut. Dadurch angetrieben, durchforste ich die Stellenanzeigen nach möglichen Jobs. Denn die Vernunft sagt mir, dass ich es nicht länger aufschieben darf. Es ist ernüchternd und mir wird schnell klar, dass ich trotz meiner Ausbildung keine Idee habe, was möglich ist. Die Voraussetzungen, die die Stellen verlangen, erfülle ich nicht annähernd und das dämpft mit jedem weiteren Profil meinen Elan. Wer würde mich einstellen, wo ich es gemanagt habe, eine Firma in den Sand zu setzen? Wobei ich meinen eigentlichen Job, nämlich der Kontakt mit den Klienten und die Planung der Veranstaltung, gut gemeistert habe. Ich bin nur kein Chef, kein Boss und keine wirkliche Führungskraft.

Ich speichere mir einiges ab und gehe danach die benötigten Bewerbungsunterlagen durch. Etliche Anpassungen sind nötig und die Stelle, an der ich erkläre, dass meine eigene Firma nicht mehr existiert, scheint mich auszulachen. Viel mehr Arbeitserfahrung bringe ich nicht mit. Doch es ist meine einzige Möglichkeit. Ich brauche einen Job. Ich brauche ein Einkommen.

Bevor ich den Laptop schließe, suche ich nach der Adresse, die mir Kira gestern genannt hat und komme auf die Internetseite eines kleinen Ladens für Accessoires und NewAge-Vintagekram. Danach kleide ich mich an, ignoriere meinen knurrenden Magen und laufe zum Bus.
 

Ich betrete das Geschäft beinahe pünktlich. Ein Glöckchen kündigt mein Reinkommen an und sofort strömt mir dieser einzigartige Duft entgegen, der in solchen Geschäften gang und gäbe ist. Sandelholz. Irgendwo brennt ein Räucherstäbchen. Sie trägt eine dieser weiten, bunten Hosen, ein weißes Spaghettiträger-Top und einen gigantischen Schal. Sie begrüßt mich, lächelt honigkuchenartig und sieht mich auffordernd an.

„Ich sehe mich erst um.“, erkläre ich. Noch während ich dies ausspreche, sehe ich den blonden Haarschopf Kiras. Ich bahne mir einen Weg zu ihr und sie hebt ihren Blick, als sie Schritte bemerkt, die sich ihr nähern.

„Wieso treffen wir uns gerade hier?“, frage ich meine Exfrau, nach dem sie ihre Begrüßungsplattitüde, mit Küsschen hier und Küsschen da, abgeschlossen hat.

„Lola gibt mir die Möglichkeit, ein paar meiner Schmuckstücke auszustellen. Ich habe sogar schon etwas verkauft und wollte deswegen nachlegen“, berichtet Kira fröhlich, „Und ich dachte, du brauchst einen Tapetenwechsel.“ Sie nimmt einen seidenen Schal in die Hand und streicht mit den Händen darüber. Er hat die Farbe von hellem Bernstein. Es ist nicht unbedingt ihre Farbe, also zeige ich ihr stattdessen einen in sattem Türkis.

„Das mit den Verkäufen ist eine gute Nachricht“, sage ich aufrichtig, ignoriere den Rest und lächele ihr zu. Sie erwidert es. In solchen Momenten weiß ich fast wieder, warum ich mich in sie verliebt hatte.

„Oh, hier!“, sagt Kira und zieht ein Handy aus ihrer Tasche, was mir prompt bekannt vorkommt. Ich nannte es seiner Zeit liebevoll ‚florales Ungetüm‘, denn Kira hatte sich, weil sie keine Hülle fand, die ihr gefiel, das ganze Telefon mit Strasssteinen in Form von Blüten verzieren lassen.

„Ist das dein Ernst? Du hattest nichts Unauffälligeres?“, frage ich bemüht ruhig, als ich das mit Bling-Bling verzierte Monster entgegennehme. Vielleicht wäre keines zu haben, besser, als dieses offen rumtragen zu müssen.

„Nein, tut mir leid. Die anderen Geräte sind komplett hinüber. Das ist das Einzige, was ich nicht wegen Beschädigung ausgetauscht habe.“

„Weißt du, es ist mir ohnehin ein Rätsel, wie du es hinkriegst, dass dauernd dein Display splittert.“

„Mittlerweile habe ich eine Schutzfolie drauf und es funktioniert“, sagt sie, holt prompt ihr Telefon hervor und zeigt es mir.

„Ich weiß, ich habe sie dir da drauf gepfriemelt. Schon vergessen?“, watsche ich zurück, knurriger als beabsichtigt.

„Das ist eine Neue. Die, die du da drauf gemacht, ist an einer Seite schon abgegangen und dann hatte ich da einen kleinen Riss“, berichtet sie mir und zuckt mit den Schultern, als könnte sie sich in keiner Weise erklären, wie das passieren konnte. Ich raune verzweifelt ihren Namen, weiß ganz genau, was die Frau getan hat, um es kaputtzukriegen. Im Laufe unserer Ehe hat sie es geschafft auf drei Handys mit Pfennigabsätzen zutreten, hat zwei in der Badewanne versenkt, eins zwischen U-Bahn und Bahnsteig fallen zu lassen und drei wurden zum Wurfgeschoss. Die Liste ist endlos. Ich schaue mir das mitgebrachte Telefon genauer an und seufze. Ich hole die Chipkarte aus dem Portemonnaie und lege sie ein. Es dauert etwas, bis es anspringt und mir als Hintergrund ein Bild von Kira und mir offenbart. Das Display zeigt eine frühere, gute Zeit, die so weit in der Vergangenheit liegt, dass ich das Gefühl habe, dass es nie passiert ist. Wir sehen glücklich aus, pressen unsere Wangen aneinander und grinsen. Kira trägt diese hässliche, senfgelbe Zipfelmütze, die sie Weihnachten von ihrer Cousine bekommen hatte. Es war schrecklich, denn die Farbe biss sich extrem mit ihrer damals hellblonden Haarfarbe.

„Danke dafür. Brauchst du es wieder?“

„Nicht wirklich“, beschließt sie und legt sich eine der Ketten an den Hals, um zu testen, ob ihr die Größe des Anhängers gefällt, „Aber Moment! Wenn du denkst, du kannst jetzt den Strass abmachen, dann hast du dich geschnitten.“

„Die sitzen so fest, dass ich sie vermutlich nicht mal mit Schlagbohrer abbekäme.“

„Spricht doch für meine bombastischen Fähigkeiten“, entgegnet Kira keck und wackelt mit ihren frisch gemacht Fingernägeln. Auch dafür wurden kleine Strasssteinchen verwendet und sie funkeln auffällig im Licht. Ich streiche mir mit der Hand über den Nacken und Kiras Blick fällt auf die Schramm vom Sturz.

„Alles okay bei dir?“, fragt meine Ex-Frau überraschend.

„Ja, klar“, erwidere ich und wundere mich über die plötzliche Fürsorge. Kira greift nach meiner Hand und begutachtet die Abschürfung, der ich kaum Beachtung schenkte. „Es ist nichts.“ Ich gebe ihr eine erneute Versicherung und ziehe meine Hand zurück.

„Gabriel,-“, setzt sie an, doch ich unterbreche sie.

„Danke für das Handy, ich muss wieder weiter. Ich habe noch zu tun, also… mach´s gut.“ Damit verabschiede ich mich, unnötig voreilig von meiner Ex-Frau und mache ich zurück auf den Weg zu Lianas Wohnung. Genaugenommen bin ich geflohen, dass weiß ich und das weiß auch Kira. Zu meiner Überraschung versucht sie nicht mich zu erreichen und ich kann in Ruhe die überflüssigen Apps, Dateien und sonstigen Erinnerungen auf dem Telefon entfernen.
 

Als ich bei der Rückkehr vom Treffen den Briefkasten im Wohnhaus inspiziere, fallen mir eine Vielzahl an Flyern, Visitenkarten von Kfz-Mechanikern und Prospekte entgegen. Darunter sind etliche Lieferservices für Pizza, Sushi und etwas, was sich Veganer Traum nennt. Was auch immer sich dahinter verbirgt. Die Fahrstuhltür öffnet sich genau in dem Moment, in dem ich davor ankommen und ein älterer Herr tritt heraus. Er mustert mich mit wässrigen, trüben Augen und nickt mir danach zu. Vermutlich hat er überlegt, ob er mich zu irgendeiner anderen Gelegenheit schonmal im Haus gesehen hat oder nicht. Ich erwidere seinen Gruß und stelle mich in die linke Fahrstuhlecke, während er seine Arme hinter dem Rücken verschränkt und Richtung Foyer schlendert. Ich betätige die Taste für den 8. Stock, während mir ein zusammengefalteter Flyer auffällt. Er scheint nicht im herkömmlichen Sinne gedruckt, sondern eher handkopiert. Eine saubere Handschrift auf sonnengelbem Papier lädt zu einem Kunstevent samt Eröffnungsparty ein. In mir regt sich etwas. Leise, aber fein kribbelnd, wie ein schwelender Spannungsaufbau. Eine Sehnsucht, die schon eine Weile simmert und nun plötzlich aktiv zu pulsieren beginnt. Seit des Scheiterns der Firma habe ich Veranstaltungen, wie diese gemieden. Eigentlich Ereignisse jeglicher Art. Ich habe es immer sehr gemocht, neue Kunst oder neue Ideen zu entdecken, Unbekanntes zu sehen und mit Gleichgesinnten ins Gespräch zu kommen. Es fehlt mir. Sehr sogar. Dennoch ist es schmerzhaft.
 

Ich starre den Flyer länger an, werfe Gedanken und Erinnerungen hin und her. Erst nach einer Weile wird mir bewusst, dass ich mit dem Fahrstuhl bereits wieder nach unten fahre. Weder habe ich bemerkt, wie sich die Tür öffnete, noch habe ich das überaus deutliche Ping des Ankommens vernommen. Unten angekommen, stelle ich mich weiter in die Ecke, als ein junger Mann und eine ältere Frau hinzusteigen und den zehnten Stock auswählen. Ich betätige danach meine eigene Etage und versuche den seltsam pikierten Blick der Dame zu ignorieren. Mit einer überfreundlichen Verabschiedung steige ich wirklich aus und erst an der Wohnungstür schaue ich erneut auf den Flyer, den ich umklammere. Er trägt das Datum von heute und ich sehe unwillkürlich auf die Uhr.

In meinem Bauch bildet sich ein aufgeregtes Kribbeln, eine Mischung aus Begeisterung und Vorfreude. Kira hat recht, ich brauche dringend einen Tapetenwechsel, um die mitschwingenden negativen Gedanken, die sich ab und an hervorgraben, verdrängt zu können. Vielleicht ist der Flyer ein Wink des Schicksals? Ein Hinweis. Eine neue Tür. Ein Ausweg aus den anhaltenden Mieseren, die sich mein Leben nennen. Ein Schritt in die Normalität.

Um die aufkommenden Zweifel verstummen springe ich schnell unter die Dusche, föhne mir die Haare und ziehe das sandfarbige Leinenhemd über. Es erinnert mich an Sommer, Sonne und Urlaub. Das ist das, was ich jetzt brauche. Ich richte den Kragen und öffne den oberen Knopf. Ein letztes Mal studiere ich den Flyer, suche den Veranstaltungsort und finde mich eine Stunde später in einem der Szeneviertel wieder, die in den letzten Jahren eine der größten Wandel vollzogen hat. Viele der ehemaligen Industriestandorte wurden sukzessiv von Start-ups und Künstler-Kollektiven übernommen. Vor ein paar Jahren war ich schon einmal mit Kira auf einer Underground-Veranstaltung hier in der Nähe. Es war quasi eine nonstop Live-Performance. Es war ein wilder Ritt, aber ein wirklich schöner Abend.
 

Die Lokation ist genau das, was ich mir vorgestellt habe. Ein altes Fabrikgelände mit einigen ausgebauten Lofts und Großhallen. Der perfekte Ort für die Künstlerszene. Modern, aber charmant verlebt. Für einen Moment fühlt es sich an wie früher und das lässt mich bitterlich schlucken. Mein blinder Idealismus hat dafür gesorgt, dass ich diesen Bestandteil meiner Arbeit über alles andere gestellt habe und dabei die Grundpfeiler einer funktionierenden Firma vergaß. So sehr ich auch versuche, mir einzureden, dass es Markes geschuldet ist, so sehr belüge ich mich auch. Es war genauso mein Fehler.

Beim Betreten kommen mir zwei laut quatschende Pärchen entgegen. In ihren Händen halten sie Fläschchen irgendeines Alkohols, den ich nicht erkenne. Im Treppenhaus kann ich weitere angeregte Gespräche hören und bin doch erleichtert, als ich auf einen Aufsteller stoße, der mir die Galerie ankündigt. Obwohl das Gebäude als auch der Zugang samt Treppe einen alten und rustikalen Eindruck machen, ist der Eingangsbereich modern und gradlinig eingerichtet. Weiße Fliesen und zartsandige Töne an der Wand. Einzelne Kübel aus Paletten, bepflanzt mit Gräsern. Pampasgras. Ich richte meinen Blick nach oben. Eine verspiegelte Decke, die abwechselndes hellblaues und gelbes Licht hinab wirft. An der Garderobe gebe ich meine Jacke ab und nehme mir eines der Informationsheftchen mit, worin ich sofort interessiert blättere. Es enthält erste Informationen zur Künstlergruppe, deren Ansinnen und Motivationen. Es ist sparsam und macht dennoch neugierig. Natur ist eines der Hauptthemen.

Ich beobachte einen Moment das Treiben der anderen Besucher, sehe automatisch wieder an die Decke und die spiegelnde Oberfläche. Es ist ein interessanter Effekt. Jemand mit einem Tablett voller Sektgläser kommt an mir vorbei und erst als ich mir eines davon nehme, geht er weiter. In dem Sekt schwimmen Minzblätter und ich rieche Holunderblüte. Sicher ist der Drink übermäßig süß, daher stelle ich ihn bei der nächsten Gelegenheit weg.
 

Ich bleibe vor einem grob bearbeiteten Holzblock stehen. Nach wie vor sind die Spuren des Waldes zu erkennen. Kleine Flechten, die sich durch die übrig gebliebene Rinde ziehen. Moose, die Hügel bilden. Wie ein mikroskopisches Muster, was bewusst jemand dort eingearbeitet hat. Es ist zauberhaft.

Beim Weitergehen blättere ich in den Informationsheft. Eine Rückkehr zu den Materialien, die uns unsere Erde schenkt. Abstrakte Organic. Solche Broschüren haben immer eine besondere und anheizende Wortwahl. Für die nächste Reihe an Bildern wurde roter Lehm und Ton in verschiedenen Farben verwendet. Es ist reichhaltig und man verspürte beim Betrachten eine tiefe Verbundenheit.

Ich entdecke Collagen und Skulpturen in denen Rinde und mannigfaltiges Holz verarbeitet ist. Jahresringe. Astlöcher. Eine dezente, aber raffinierte Bearbeitung, die oft erst deutlich wird, wenn man sich dem Kunstwerk annähert. Mehrere eindeutige Phallusstatuetten, die tausende kleine Schnitzereien enthalten. Symbole für Natur und Schönheit.
 

Eine Weile betrachte ich eine wild strukturierte Komposition aus verschiedenen Braun- und Sandtönen. Sattes Gelbocker, welches mit zarten Linien leichte Konturen verleiht. Ich bin mir sicher, dass der Künstler neben Farben auch mit Erde, Sand und Gestein gearbeitet hat, welche mit eingemengt, aber auch oberflächlich verwendet wurden. Ich verkneife mir, dichter heranzugehen und meine Finger über die Oberfläche gleiten zu lassen, die Materialien zu erfühlen. Stattdessen mache ich einen Schritt zurück und versuche, vom Detail weg und zur Gesamtkomposition hin zu gehen.

Die grobwirkenden Strukturen verschwimmen zu sorgsam angelegten Pfaden. Sie deuten an, formen hauchzarte Körper, die je nach Neigung und Winkel in Bewegung kommen. Eine innige Vereinigung im Schoß der Natur. Eine wunderbare, dezente Schönheit mit einer intuitiven Sinnlichkeit.

Ein feines Kichern ertönt hinter mir und ich mache automatisch einen Schritt zur Seite, um den Blick freizumachen. Doch die junge Frau hinter mir stellt sich direkt neben mich, streift meinen Arm mit ihrem eigenen. Sie hat pechschwarze Haare, die zu einem sonderartigen und doch beeindruckenden Gebilde zusammengesteckt sind. Zusätzlich sind winzige, gelbe Blumen hineingearbeitet. Sie blickt auf das Bild und ich auf ihr Profil. Dann sieht sie ruckartig zu mir. Ihre blassblauen Augen wirken melancholisch.

„Siehst du ihn, den Sex, oder?“, flüstert sie neckend und ich bekomme Gänsehaut. Die Frage überrascht mich etwas. Ich sehe zurück zum Bild, weiß genau, was sie meint und blicke zurück zu ihr. Mittlerweile kann ich vor dem ganzen Sex, den jeder zu haben scheint, außer mir, nicht mehr entkommen. Also nicke ich lediglich höflich.

„Ich liebe es, das Animalische. Ich will das Natürliche von Erotik und Leidenschaft in meinen Bildern einzufangen!“, äußert sie enthusiastisch. Sie grinst mir aufgeregt entgegen und ihr herzförmiges Gesicht lässt sie plötzlich wesentlich jünger wirken. Auch die kleinen Blümchen in ihrem Haar tragen dazu bei, auch wenn ich die deutlichen Krähenfüße um ihre Augen erkennen kann.

„Ja, das Bild ist äußerst lebhaft“, gestehe ich ein. Während ich das sage, lasse ich meine Augen über die schöne Komposition wandern und lächele. Es belebt sich durch eine hauchzarte Leidenschaft und Finesse, die durch die wohlgeformte Linienführung und der satten Farbgebung keinen Widerspruch erfährt. Es ist wunderbar, weil es auch nach dem zweiten Blick noch überrascht. Kunst ist etwas Wundervolles. Sie gibt Kraft und sie stärkt. Sie beflügelt und sie heilt.
 

Die Künstlerin lächelt mir freudetrunken entgegen und nutze die Gelegenheit, um ihr ein paar Informationen über die Materialien und die Machart zu entlocken. Sie führt mich begeistert zu einigen anderen ihrer Werke, redet pausenlos und hält sich dabei an meinem Ellenbogen fest, als wäre ich ihr abendlicher Begleiter. Alle ihre Bilder durchströmt diese intensive Erotik. Eine natürliche Leidenschaft. Irgendwann wird sie von einem der Servierkräfte zum Eingang gebeten und ich kann mich anderen Kunstwerken widmen. Ich lasse mir Zeit, genieße flüsternde Stille, die immer wieder einsetzt, wenn man sich den Betrachtern der Werke nähert. Sie ist berauschend. Ich fand es schon immer anregend die Leute dabei zu beobachten, wie sie Kunst betrachten. Gefallen, Unverständnis und Ablehnung, all das spiegelt sich in verschiedene Regungen in den Gesichtern und Körpern. In kleinster Mimik oder großer Geste. Ein junges Pärchen neben mir verschränkt die Arne vor der Brust, während sie darüber flüstern, ob die Darstellung etwas Anzügliches ist.

Ich bin etwa in der Mitte angelangt, als meine Aufmerksamkeit auf drei hochformatierte Werke fällt. Der Maler verwendete unterschiedliche Medien. Ölfarbe, aber auch Acryl. Die Texturen und Sattheit unterscheiden sich gravierend. Dezenter Glanz und völlige Naturbelassenheit. Er wurden Pinsel und Spatel verwendet. Doch es ist die Komposition, die mich anzieht. Abgebildet sind zärtliche Farbverläufe mit perfekt abgestimmten Übergängen. Ein Spiel von Licht und Dunkel, nur durch die Abstufungen von Farbe und Struktur. Sanfte, vertikale Linienführung, die einen sonnengeküssten Stamm erahnen lassen, aber auch das tiefgehende Wurzelwerk bedeuten können. Es ist beeindruckend. Ich betrachte es von verschiedenen Winkeln und empfinde tiefe Zuneigung dafür. Als ich ein weiteres Mal die Position ändere, fällt mir der abgesperrte Übergang zu einem Nebenbereich auf. Er ist durch eine große, hölzerne Schiebtür abgetrennt und steht einen handbreiten Spalt offen. Ich schmule hinein. Darin kann ich ein weiteres Kunstwerk entdecken und es ist mit Sicherheit vom gleichen Künstler.

Interessiert versuche ich einen besseren Blick zu erhaschen, aber von meiner Position aus ist kaum etwas zu erkennen.

„Entschuldigung!“, ruft jemand in meiner Richtung. Ich schrecke instinktiv zurück, denn sofort kommt ein großer, bärtiger Mann, mit strengem Schritt auf mich zu. Er ist gekleidet in einem hellgrauen Anzug und hält ein Schreibbrett in seinen Händen. Ich lächele entschuldigend. „Der Zutritt zu den Ateliers ist nur ausgewählten Personen gestattet“, fährt er fort. Hier gibt es also VIPs. Vermutlich die Stammkäufer und typischen Mäzenen.

„Oh, es tut mir leid. Ich bin schon weg“, sage ich schnell und hebe zur Verdeutlichung mit absoluter Friedlichkeit die Hände in die Luft.

„Wie ist Ihr Name?“, fragt er.

„Schon gut, ich stehe nicht auf Ihrer Liste“, erkläre ich wissend, doch der adrett gekleidet Typ sieht mich weiterhin eindringlich an. Ich knicke ein. Natürlich. „Nowak, Gabriel. Und sie werden sehen, es ist wie ich sage…“ Er wandert mit seinen Augen die Liste ab und öffnet danach die Absperrung. Ich verstehe nicht, was hier gerade passiert. Da ich nicht reagiere, hält er mir die Liste hin. Dort, wo sein Daumen verbleibt, steht mein Name schwarz auf weiß, also lächele ich schon wieder entschuldigend, aber ebenso verwirrt. Statt noch länger zu diskutieren, husche ich an ihm vorbei ins Atelier.
 

Niemand sonst ist hier, daher sehe ich mich mit Zurückhaltung ein wenig um. Es gibt mehrere offene Ställe, die jeweils einem anderen Künstler gehören. Überall liegen Utensilien wie Farben, Pinsel und etliche Materialien, die für die Werke verwendet werden. In einem Regal kann ich Gläser voller Steine und Sand in verschiedenen Farben entdecken. Auch sonstige Naturmaterialien, wie ein riesiger Baumstumpf und Astscheiben. Ich kann fast jeden Platz einem der Bilder zu ordnen, die unten ausgestellt sind. Nach einem Überblick kehre ich zu dem Bild zurück, welches mir eben ins Auge gefallen ist. Das Farbspiel ist einnehmend, zieht mich sofort dichter hinein. Ich bekomme Gänsehaut als ich bemerke, dass sich ein herrlicher, dezenter Wandel vollführt, der nur im richtigen Licht gut zu erkennen ist. Eine Seite ist geprägt von hauchzarten Grüntönen. Samtweichen Pastellen. Ein Farbenspiel des Windes. Das ist das Erste, was mir durch den Kopf geht. Ich schließe die Augen, um mir vorzustellen, wie die Farben zu strömen beginnen, fortgetragen vom Wind.

Das Bild verheißt Leben, Sinnlichkeit und das, obwohl es nicht diese klischeehaften Farben bedient. Ich hocke mich hin und lasse meine Augen über die besinnlichen Wogen wandern. Sanfte Schwünge und harmonische Wellen führen den Blick in alle Bereiche des Bildes. Unbewusst strecke ich meine Hand danach aus, folge der Linienführung zum unteren rechten Rand des Bildes. Ich bin nur noch wenige Zentimeter vom Kunstwerk entfernt und muss mich sehr zusammenreißen, es nicht zu berühren. Es hat keine Signatur. Das heißt, dass das Werk noch nicht fertig ist. Ich richte mich wieder auf und gehen einen Schritt zurück, um erneut einen Gesamtblick zu erhalten. Es ist perfekt. Der Gedanke, dass sich daran vielleicht noch etwas ändert, enttäuscht mich fast ein wenig. Ein Bild lebt vom Herzblut seines Künstlers und es wird nie perfekt sein, so lange dieser es nicht als perfekt ansieht. Vielleicht ist es gerade diese Unvollkommenheit, die manche Bilder für mich so anziehend machen. Sie sind, wie das Leben selbst. Denn auch Makel sind liebenswert. Am rechten Rand formuliert sich sattes, festes Grün, als würde der Wind hier auf das sonnengeküsste Blatt eines Baumes treffen. Die feinen Härchen auf meinen Oberarm richten sich auf und schlagen kleine Wellen. Wie warmer Sonnenschein auf nackter Haut. Ich genieße das Gefühl, sauge es sehnsüchtig in mir auf und halte meine Augen für einen Moment geschlossen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Signatur einbetten oder absichtlich hervorstechen lassen soll“, ertönt eine ruhige Männerstimme hinter mir. An sich fremd, aber dennoch seltsam vertraut. Ich weiß, zu wem sie gehört. Ich ziehe meine Hand zurück und wende mich zu Darian um. Sein definierter Oberkörper ist in ein legeres, weißes Hemd gehüllt, statt wie sonst in ein farbenfrohes Shirt. Die oberen zwei Knöpfe stehen offen und umschmeicheln seine Halspartie.

„Wie gefällt es dir?“, fragt er lächelnd, schreitet weiter auf mich zu, um neben mir stehen zu bleiben. Ich komme nicht umher, noch einmal zu dem Bild zu blicken. Einfach um mich kurz zu sammeln. Er ist der Künstler. Damit habe ich nicht gerechnet, denn wenn wir ehrlich sind, sieht er nicht unbedingt aus, wie typischer Künstler. Obwohl das, was ich bei meinen Beobachtungen wahrgenommen habe, durchaus einem Freigeist entspricht. Mein Puls beschleunigt sich, als mir klar wird, dass unbedingt mit dem Spannen aufhören sollte und dass der Flyer nicht durch Zufall in meinem Briefkasten gelandet ist. Darian hat mich hergelockt.

„Es ist atemberaubend“, erwidere ich ehrlich, „Du solltest die Signatur einbetten mit einem lichten Anthrazit, um den Schwung nicht zu brechen.“ Ich deute dabei auf die Stelle, die ich als am passendsten empfinde.

„Gefällt mir“, flüstert er und ich sehe wieder zu ihm. In seinen Händen hält er einen Teller, auf dem drei Schaumküssen stehen. Jede der Schokoladenvarianten ist vertreten. „Hm, lass mich raten. Der hier. Du bist der Typ für dunkle Schokolade.“ Er nimmt den mit dunklem Schokoladenüberzug zwischen zwei Finger und hält ihn mir hin. „Er beißt nicht, Gabriel“, kommentiert er lächelnd und ich nehme, ebenso mit einem Lächeln, das Schaumteilchen an.

Die unbestechliche Finesse der Natur

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~ Die unbestechliche Finesse der Natur ~


 

Meine Knie werden mir weich bei der Art und Weise, wie er meinen Namen ausspricht. Sinnlich, sündig und unbeschreiblich vollmundig. Es zergeht auf der Zunge wie die schmelzende Konsistenz von Eiskonfekt und sorgt für eine prickelnde Eruption in meinem Unterbauch. Die Vene in meinem Hals vibriert schneller, presst sich gierend der Verlockung entgegen. Ich fühle eine Aufregung, die mich durchfließt und die ich lange nicht mehr gespürt habe. Es ist der Kitzel, den ich knochentief vermisse. Selbst die Schokolade des Schaumkusses beginnt, an meinen Fingern zu schmelzen.

„Iss! Er beißt wirklich nicht.“ Ich sehe kurz zur Seite und presse die Lippen aufeinander.

„Vielleicht sollte ich“, murmele ich und schaue zu Darian zurück. Wir sehen uns einen Moment lang an und beginnen kurz darauf giggeln. Er lacht herzhaft und ich leicht beschämt. Es harmoniert. Sein wohlklingender Bariton ist wie eine Sommermelodie. Dämmerndes Sonnenlicht eines langen, warmen Tages. Er steckt sich den Schaumkuss mit Vollmilchschoko in den Mund und weist mich erneut mit einem Blick an, meinen ebenso zu genießen.

„Das ist nicht unbedingt das klassische Vernissage-Essen.“

„Die Hors d'oeuvres werden nur im Salon serviert“, kontert mein Nachbar prätentiös und aufgesetzt. Nur gespielt. „Das hier ist der VIP-Bereich. Nur für besondere Gäste“ Den letzten Teil flüstert er, während er sich zu mir beugt und zwinkert.

„Dann vielen Dank, dass ich hier sein darf.“, sage ich, „Du hast mir den Flyer in den Briefkasten geworfen.“ Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Wer sollte es sonst gewesen sein. Darian nickt und setzt sich auf eine abgewetzte Palette. Er lässt so viel Platz, dass ich gut neben ihn passe. Nun kann ich seinen Duft deutlicher wahrnehmen. Er ist leicht holzig, kombiniert mit einer warmen Fruchtnote.

„Nach unserem Zusammentreffen hinterm Haus habe ich noch eines der Dossier aufgehoben. Dein Nachname stand auch drauf und ich habe gedacht, hey, er steht auf Kunst, was für ein glücklicher Zufall.“ Ein erneutes Lachen perlt mir über die Lippen und ich beiße nun endlich die Haube meiner Süßigkeit ab. Die herbe Schokolade ist eine Wohltat. Es ist eine Weile her, dass ich eine solch süße Leckerei genießen durfte. Ich nasche nicht oft und Süßes ist nicht mein Favorit, aber ab und an mag ich es gern. Gerade jetzt bringt es mir ein kleines Glücksgefühl. Ich setze mich zu Darian auf die Palette. Auch den Waffelteil des Schaumkusses stecke ich mir in den Mund und lecke mir danach die schokolierten Finger sauber.

„Täusche ich mich?“, erkundigt er sich, von der Zurückhaltung keineswegs irritiert, sondern einzig stichelnd. Natürlich hat er recht.

„Ich stehe auf Kunst…ja, das tue ich. Nur,-“

„Nur was?“, hakt er nach. Seine Stimme ist angenehm warm und auffällig weich. Ich zucke lediglich mit den Schultern, da ich plötzlich nicht mehr weiß, was ich eigentlich sagen will. Den Teller mit der letzten Schaumsüßigkeit stellt er auf seinem Oberschenkel ab und balanciert ihn dort gekonnt, während er sich mit beiden Armen zurücklehnt. Sein Blick ist erwartungsvoll, aber nicht bedrängend. Eine seltene Gabe. Darian hat diesen angeborenen, mühelosen Charme eines Dorian Grays.

„Wie lange arbeitest du schon als Künstler?“, frage ich, statt ihm zu antworten und von mir abzulenken.

„Schwer zu sagen. Die Leidenschaft für die Malerei war schon immer da, schätze ich. Seit etwa drei Jahren bin ich Teil dieser Künstlergemeinschaft. Im Moment sind wir zehn Künstler und haben immer wieder temporär Gäste. Augenblicklich arbeiten wir im Einklang mit der Natur. Thematisch und einige auch materiell.“ Einiges davon habe ich bereits auf dem Flyer und auf der Infotafel im Galeriebereich gelesen. Darians Finger streckt sich nach mir aus, stoppt aber wenige Millimeter vor meinem Mundwinkel. Trotzdem fühle ich, wie sich ein leichtes Kitzeln in meiner Magengegend ausbreitet und tanzt.

„Du hast da etwas Schokolade.“

„Oh, danke.“ Schnell streiche ich mir mit Daumen und Zeigefinger über die Lippen, um die Reste der Süßigkeit fortzuwischen.

„Leyka, das rassige Blumenmädchen, sie ist eine unsere Künstlerinnen“, beginnt er, „Sie schwärmte von deiner Analyse. Sie ist danach regelrecht durch die Ausstellung geschwebt.“ Erstaunt schaue ich auf.

„Ach wirklich?“

„Sie ist zurzeit ganz versessen von der sexuellen Energie der Natur und sieht zu jedem eine Verbindung, der auch im Geringsten sehen könnte, was sie sieht. Ich bin der Überzeugung, dass sie Woodstock geliebt hätte“, berichtet er, „Ich glaube auch, sie raucht zu viel Gras, aber psssch…“ Er deutet mir an, darüber Schweigen zu bewahren und lächelt verschmitzt. „Du hast sie sehr glücklich gemacht.“

„War mir eine Freude“, entgegne ich, dann bemerke ich Schritte und schon ist der Name des Künstlers zu hören.

„Darian?“ Der feurige Akzent ist unverkennbar. Wir wenden uns beide in die Richtung und es taucht der Südländer hinter einer der Schiebetüren auf, die die einzelnen Ställe voneinander abtrennt. Mit seinem eher rockigen Outfit, einer löchrigen Jeans und Band-T-Shirt fällt er aus dem Rahmen der Veranstaltung. Seine windgestylten Haare umrahmen ein scharfkantiges Gesicht, welches im dämmrigen Licht der Werkstatt tiefe Schatten wirft. Unwillkürlich springe ich auf, blicke von ihm zu Darian und zurück. Ich fühle mich ertappt, obwohl es im Grunde nichts gab, worin man uns hätte erwischen können. Wir haben nur geredet. Doch der Blick, den mir der Spanier zu wirft, sagt eindeutig etwas anderes. Den Teller mit dem letzten Schaumkuss stellt Darian auf der Palette ab und richtet sich auf.

„Raúl, komm her, darf ich dir Gabriel vorstellen“, macht er uns beide miteinander bekannt. Beinahe unbekümmert, als hätte er die Blicke gar nicht bemerkt. Ich spiele mit, strecke ihm die Hand entgegen, doch der Südländer mustert mich einzig durchdringend und entscheidet, dass ich keiner Begrüßung wert bin. Stattdessen beginnt er Darian in seiner Muttersprache zu traktieren und ignoriert mich gekonnt. Ich verstehe natürlich kein Wort mehr und verspüre wenig Bedürfnis mich in das, was auch immer es ist, hineinziehen zu lassen. Auch Darians Freude und Enthusiasmus entschwindet sichtbar aus seinem Gesicht. Mit stärker werdendem Unwohlsein deute ich dem Künstler an, dass ich mich wieder in den Showroom begebe und ignoriere seine Versuche, mich davon abzuhalten.
 

Die Galerie ist mittlerweile außerordentlich gut besucht. Überall stehen kleinere Gruppen, diskutierend und schwatzend. Als ein Kellner mit Weißwein vorbeikommt, nehme ich mir ein Glas und bin erfreut, dass es sich dabei um einen halbtrockenen Riesling handelt. Ich lasse die feinherbe Flüssigkeit über meine Zunge fließen. Das Glas leert sich schneller als mir lieb ist, doch das war definitiv nötig. Der Alkohol breitet sich in warmen Wellen in mir aus und bettet mich in eine subtile Umarmung der Nichtigkeit. Ich schlendere noch etwas länger durch die Exponate, bin von vielen Bilder wirklich begeistert. Die Künstler sind längst beschäftigt, mit heiteren Diskussionen und ausschweifenden Erklärungen. Ich genieße die Chance in Ruhe vor den Bildern zu stehen und jedes Detail einzusaugen. Als ich mich entschließe, den Abend zu beenden, sehe ich, wie sich Darian durch die Menge schiebt. Er überragt viele der anderen Gäste, sodass er mich kaum sucht, aber sofort findet.

„Hey nochmal, bleib doch noch. Es gibt noch einiges zusehen“, bittet er, als sein Blick auf den Mantel fällt, der über meinem Arm liegt. Trotz meiner vorangegangenen Bestrebung, verhindert der Ausdruck in seinem Gesicht, die Intensität seines Blicks, dass mir die Absage sofort über die Lippen kommt. Stattdessen starre ich ihn einen Moment leicht übertölpelt an und wünschte, ich könnte länger in diese ausdrucksstarken Augen blicken. Die Farbe seiner Iriden scheint in einem Licht einen anderen Ton zu haben. Bevor ich etwas erwidern kann, fegt der Südländer durch die Galerie auf uns zu wie ein Tropensturm und hat diesmal das schwarzhaarige Blumenmädchen im Gepäck. Darian schließt kurz die Augen, sieht aber nicht zu Raúl, als dieser sich nähert, sondern weiter zu mir.

„Du bist ein gefragter Mann“, murmele ich in seine Richtung.

„Ich bin ein geplagter Mann“, gibt er zurück. Ich schenke ihm ein schiefes Grinsen. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Immerhin sind wir nicht mehr allein. Darian räuspert sich, nimmt mir den Mantel aus der Hand und hält ihm mir offen hin, sodass ich hineinschlüpfen kann. „Sei vorsichtig und komm gut nach Hause!“, sagt er höflich und zieht eine Visitenkarte aus der Tasche, „Ach und… du schuldest mir noch einen Kaffee.“ Den letzten Teil flüstert er mir ins Ohr, so dass ich nur ich es höre. Er steckt mir die Karte in die Manteltasche. Damit wendet er sich bereits um, wartet keine Erwiderung ab und schlendert langsam auf die beiden Wartenden zu. Bei ihnen angekommen dreht er sich erneut um und winkt mir zu. Beflügelt löse ich mich aus der peinlichen Starre, erwidere den Gruß kurzangebunden und pralle beim abrupten Abwenden beinahe gegen einen der Kellner, der hinter mir stand. Draußen nehme ich die Visitenkarte raus und hole dabei auch ein paar Zettel hervor. Darunter die Quittung aus dem Café. Erst schaue ich auf die Visitenkarten. Es ist die allgemeines des Künstlerkollektivs, doch zusätzlich ist eine handgeschriebene Nummer darauf. Mein Blick fällt auf die Quittung. Was für eine seltsame Woche. Mit einem leicht euphorischem, aber ermatteten Gefühl kehre ich in Lianas Wohnung zurück.
 

Erschöpft werfe ich mich ins Bett und jage ewig lange dem Kipppunkt des Einschlafens nach, ohne nennenswerten Erfolg. Es ist eine Mischung aus Zweifel, Aufregung und dem alltäglichen Dilemma, welches mich seit geraumer Zeit verfolgt Trotzdem wache ich am Morgen unerwartet früh auf und habe nicht die Muße, länger liegen zu bleiben oder stillzustehen. Ich koche mir einen Kaffee, gieße diesen in einen Thermobecher, den ich bei der Suche nach einem brauchbaren Handy gefunden habe und begebe mich in die Richtung unseres alten Büros. Es gibt noch etliche Unterlagen und sonstige Dinge, die ich einpacken und durchgehen muss. Mir bleibt kaum noch Zeit, um alles auszusortieren und woanders unterzubringen.

Unterwegs stelle ich fest, dass ich mir zwar die ganzen fehlenden Apps, die sonst benutze aufs Handy laden kann, aber bei mindestens der Hälfte keine der Anmeldedaten auswendig kennen. Meine Carsharing-App gehört dazu, also steige ich in den Bus und versuche, mich an das Passwort zu erinnern. Die Fahrt ist umständlich und ich muss in drei verschiedene öffentliche Verkehrsmittel steigen, ehe ich in den Bezirk gelange, in dem sich unser altes Büro befindet. Von der Busstation laufe ich zum Büro und durchquere dabei die schöne kleine Parkanlage. In der Ferne kann ich zwei der Gärtner sehen, die zu den nebeligen Morgenstunden welke Blätter zusammenrechen. Ich versuche verzweifelt im Gehen das korrekte Passwort einzugeben und scheitere. Wieder sagt er mir, dass es nicht korrekt ist und ich habe keinen Plan, was fehlt oder ob es überhaupt die richtige Kombination ist.

„Verdammt.“ Mit einem Seufzen falle ich auf eine der Parkbänke und schließe die Augen. Das ist zum Verrücktwerden. Wieso habe ich es mir nie aufgeschrieben? Oder habe ich es und habe nur vergessen wo? Beides möglich. Alles wahrscheinlich, denn irgendwann habe ich, wie Markes es so schön sagte, den Überblick verloren.
 

Nach einem weiteren Schluck des lauwarmen Kaffees atme ich mehrfach ein und wieder aus. Ich öffne die Augen und es fühlt sich an, als würden die nächsten Minuten in Zeitlupe ablaufen. Ich atme weiter die kühle Luft ein. So früh am Morgen ist es noch frisch und schmeckt sauber. Erst jetzt nehme ich den Herbst in seiner Schönheit wahr. Die aufgehende Sonne hängt tief über den Gebäuden und taucht alles in ein tiefes, dunkles Orange. Das Rascheln der Bäume summt im Wind und mit jedem Windstoß lösen sich weitere Blätter, die zu Boden tanzen. Es ist wie ein Musikstück mit zarten Klängen und sanften Melodien. Selbst die stetigen Stadtgeräusche mindern nicht die Eleganz. Der Geruch von feuchter Erde weht mir entgegen und ich atme tief ein. Zwiebeln und Knollen. Kleinste Samenkörner, die sich tiefer in das Erdreich bohren, werden im Frühjahr keimen und alles zu neuen Leben erwecken. Die Natur ist wundervoll. Etwas Laub weht mir über Schuhe und ich nippe an meinem Thermobecher. An meinem Schuh bleibt ein gelbes Eichenblätter mit sanften, braunen Rändern hängen. Ich bücke mich danach und hebe es am Stängel auf, drehe das Blatt zwischen meinen Fingern. Die Natur malt die schönsten Bilder, verwendet die wunderbarsten Farben. Der Wind streicht durch meine Haare und ich lehne mich auf der Bank zurück, ziehe mein Handy hervor, wodurch die erneut die Zettel aus der Jackentasche rauspurzeln. Ich halte die Quittung vom Café in der Hand und lächele.

„Ein früher Vogel, wie mir scheint. Nice.“ Ich sehe verwundert auf, als ich die Stimme vernehme. Vor mir steht einer der Gärtner, an denen ich eben vorbeigelaufen bin. Er trägt eine schwarze Gesichtsmaske und lehnt an seinem Rechen. „Ich habe gerade an dich gedacht.“

„Verzeihung?“

„Oh wow, war mein Flirt so schlecht?“

„Flirt?“, frage ich überrumpelt.

„Ach warte“, sagt er und streift sich die Maske ab. Darunter offenbart sich ein Gesicht, welches mein Gehirn prickeln lässt, aber ich brauche etwas länger und seinen Fingerzeig auf die Quittung in meiner Hand, bis ich es vollkommen zuordnen kann. Es klickte langsam, aber es klickt und die Puzzleteile setzen sich zusammen.

„Der attraktive Kellner“, babble ich aus, beiße mir wegen des verwendeten Adjektivs prompt auf die Unterlippen. „Du bist hier der Gärtner.“ Mein Gegenüber nickt. Er war es auch mit dem Hundewiesewitz beim letzten Mal, als ich im Büro gewesen bin. Ich schaue auf die Quittung, fahre mit den Augen den feinsäuberlich notierten Namen des jungen Kellners ab. Duncan.

„Duncan“, sage ich nun auch laut.

„Ja. Hi. Du hast die Nummer noch und dich trotzdem nicht gemeldet? Welch Schmach“, kommentiert er, „So viel zu Liebe auf dem ersten Blick.“ Der brünette Mann setzt ein übertrieben getroffenes Gesicht auf und tätschelt sich theatralisch die Brust. Durch den leichten Schock bleibt mir nichts anderes übrig, als beschämt aufzulachen.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll… entschuldige…ich…“, presse ich zwischen mehreren Lachern hervor. Duncan schnaubt skeptisch und schmunzelt danach ebenfalls. Ich fange mich wieder. „Es ist erst ein paar Tage her… ich wollte…“

„Na na, spar dir den Versuch es zu beschönigen“, unterbricht er meine lahme Verteidigungsstrategie amüsiert, „Ich komme damit klar, schon gut.“ Er ist eine Naturgewalt und alles in mir ist positiv angeregt. Statt nach einer weiteren Ausrede zu haschen, strecke ich ihm meine Hand entgegen. „Hi, ich bin Gabriel.“ Bevor er nach meiner Hand greift, zieht er mit den Zähnen den Handschuh aus.

„Hi Gabriel. Ich bin hoch erfreut.“ Seine Hand ist warm und leicht rau. Mein Magen vollführt eine kleine Welle und ich spüre Gänsehaut aufblühen. Trotz der kühlen Luft trägt er nur einen dünnen Pullover, der an den Ärmel sogar hochgekrempelt ist. Der Rest steckt in einer bequemen Arbeitshose in einem typischen Gärtnergrün mit winzigen beigefarbenen Applikationen. Ein Firmenname mit dem Buchstaben W. Mehr erkenne ich nicht. Durch das weiße, langärmlige Hemd, welches er in dem Café getragen hat, ist mir nicht aufgefallen, welch sonnengeküssten Teint er hat. Es fehlt nur der Strohhut und warme Sonnenstrahlen, die sich durch das dichte Dickicht eines Strauches auf seine gebräunte Haut legen, wie ein winziges, warmes Mosaik. Unser Händedruck dauert länger, als gewöhnlich. Als ich es merke, ziehe ich meine Hand leicht errötend zurück. In beschämter Panik drehe ich mich zurück zur Bank und klaube den Kaffeebecher auf. Im Grunde nur, um irgendwas in der Hand zu halten. Duncan beobachtet mich dabei und das Schmunzeln auf seinen Lippen bleibt. Er ist definitiv jünger als ich.

„Arbeitest du hier in der Nähe?“

„Ja. Ähm, eigentlich nein, nicht mehr. Ich löse gerade mein altes Büro auf. Daher irgendwie beides.“ Um Himmelswillen. Möge sich doch der Erdboden öffnen und mich verschlingen. Duncan nickt verstehend. „Entschuldige, ich bin etwas neben der Spur, denn das mache ich nicht sehr oft“, bekunde ich ehrlich und deute zwischen mir und ihm hin und her.

„Small Talk?“, fragt er und spricht dabei die beiden Worte besonders langsam aus. Ich fühle mich schrecklich. „Lass mich raten, du stehst nicht auf Kerle und du bist gerade nur höflich“, nimmt Duncan vorweg, „Schon okay. Es war ein Versuch wert. Es wird etwas dauernd, aber… auch das passiert mir nicht zum ersten Mal.“ Er zieht scharf die Luft ein und drückt sich erneut die Hand gegen die Brust, als hätte er dort echte Schmerzen. Ich finde seinen Mut beflügelnd. Ganz ehrlich.

„Und wie oft funktioniert das?“, frage ich retour und verstehe natürlich, dass er mir ein schlechtes Gewissen machen möchte, auch wenn er es nicht ernst meint. Duncan beißt sich ertappt auf die Unterlippen und hebt kapitulierend die Hände in die Luft.

„Öfter, als ich mir zugestehen will“, gibt er minimal beschämt zu. Ich frage mich unwillkürlich, warum er sich ausgerechnet mich ausgesucht hat, denn mit Sicherheit ist er äußerst beliebt und hat solche Nebenher-Flirts gar nicht nötig. „Aber, wer nicht wagt, dem entgehen viele wunderbare Erlebnisse und die Chance, mit interessanten Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich meine, ich konnte dich zum Lachen bringen und das macht den Tag gleich besser.“ Und wieder vibriert es in meinem Bauch, als würde dort ein Minitornado wüten. Sein expressiver Flirtversuch ist seltsam einnehmend, wenn zugleich überfordernd. Aber ich bin mit jeder Form des Flirtens nicht gewachsen. Ich bin klar aus der Übung. „Weißt du, im Film würde jetzt die Sonne durch die Wolkendecke dringen und du würdest meinem Charme erliegen.“ Mein Mund öffnet sich und ich bin offenkundig sprachlos. „Zu viel?“

„Etwas“, gestehe ich. Wir lachen beide kurz auf.
 

Durch den Morgennebel dringt Duncans gerufener Name und wir wenden uns beide zur Quelle um, ehe ich etwas zurecht stammeln kann. Ein älterer Herr steht etliche Meter von uns entfernt vor einem der Laubhaufen, die sich überall auf den Rasenflächen verteilen. Er trägt im Gegensatz zum Brünetten ein komplettes Arbeitsensemble mit Jacke und Mütze. Er wedelt uns zu oder winkt eher Duncan zu sich heran. Der Gärtner seufzt und signalisiert ihm, dass er in fünf Minuten bei ihm sein wird.

„Die Arbeit ruft“, erklärt er unnötigerweise und zieht eine Schnute. Er macht auch nicht den Eindruck, als spürte er irgendeine Form der Dringlichkeit wieder zu seiner Gartenarbeit zurückzukehren. Stattdessen ist sein Blick ruhig und ein wenig hoffend. Wir sehen uns an. Eine Frage drängt sich auf meine Zunge, spiegelt sich in seinen Augen. Doch keinem von uns perlt von den Lippen. Dann ist der Moment vorbei.

Wieder hallt sein Name zu uns. Diesmal lauter und er zuckt ein wenig zusammen, während ich zu seinem älteren Kollegen blicke, der auf uns zukommt. Duncan atmet zischend ein, packt seinen Rechen und läuft auf den anderen Gärtner zu, ehe er sich ein letztes Mal umdreht.

„Hat mich gefreut, Gabriel.“ Mein Name auf seinen Lippen klingt wir ein Versprechen. „Ich hoffe, wir sehen uns wieder.“

„Das wäre schön“, bestätige ich. Wieder hören wir seinen Namen und diesmal verdreht der Gärtner übertrieben die Augen, winkt mir zum Abschluss und joggt danach auf seinen Kollegen zu. Es entbrennt eine eindeutige Diskussion zwischen den beiden und ich verschwinde langsam Richtung Büro.
 

Der Kaffee in meinem Thermobecher ist mittlerweile weit entfernt von heiß, aber ich bin mit den Gedanken ohnehin woanders, also genehmige ich mir die letzten Schlucke trotzdem. In dem Moment, in dem ich die Tür aufschließe, tritt jemand aus der Anwaltskanzlei, die die Büros neben unseren belegen. Es ist einer der im Namen geführten Anwälte. Sie befassen überwiegend mit Erbrecht und Nachfolgeplanung.

„Ah, Herr Nowak. Es ist eine Weile her, dass ich Sie hier gesehen habe. Wie ist es Ihnen ergangen?“, begrüßt er mich, der einstige Büronachbar und kommt auf mich zu. Er trägt wie immer einen perfekt sitzenden Anzug, allerdings hat er sich diesmal mit der Farbe einen Griff ins Klo geleistet. Ein grauer Schokoladenton, der ihn alt wirken lässt, statt wohlhabend. Es passt nicht zu ihm und seinem käsigen Teint.

„Guten Morgen, Sie scheinen selbst gut beschäftigt. Überstunden am Wochenende?“ Damit weiche ich seiner Frage aus. Ich werde mich nie daran gewöhnen, sagen zu müssen, dass ich das Büro nicht benötige, da es keine Firma mehr gibt. Der Gedanken lässt mich jedes Mal wieder Fiberglas atmen. Der Anwalt lacht gierig, als hätte ich einen Witz gemacht.

„Die Arbeit wird nicht weniger. Davon können Sie sicher ein Lied singen. Immerhin sind sie ebenfalls hier.“ Wieder lässt er ein übertriebenes Lachen ertönen, welches mich niederschmettert, ohne eine solche Intention zu haben.

„Na ja, genaugenommen verkleinern wir uns und lösen dieses Büro auf.“

„Wie unerfreulich zu hören.“ Er ist ehrlich überrascht. Scheinbar ist ihm unsere Abwesenheit nicht aufgefallen und zum Glück wohl auch die Streitereien nicht, die am Ende stattgefunden haben. Wir verabschieden uns voneinander. Er kehrt nach Hause zurück und ich betrete die einst belebten Büroräume.
 

Mein Weg führt mich direkt zur Küche, wo ich noch übriggebliebene Teebeutel finde und den Wasserkocher anstelle. Während ich darauf warte, dass sich das Wasser erhitzt, ziehe ich erneut die Quittung aus der Tasche und hole dabei auch Darians Visitenkarten hervor. Ich starre die beiden Nummer an und schüttele den Kopf. Die Welt ist ein Dorf, so heißt es doch, oder? Verrückt. In der Schule wollte nie jemand mit mir ausgehen und auch im Studium gab es nur wenigen Bekundungen. Nicht mal Kira zu Beginn. Danach war es unnötig, mich mit derartigen Dingen zu beschäftigen. Ich war verheiratet und musste einzig meine Frau bei Laune halten. Fehlgeschlagen, wie man weiß. Vielleicht bin ich für derartige zwischenmenschliche Beziehungen nicht gemacht und sollte Single bleiben. Ich bin beziehungsunfähig, das sagt man doch? Wieso denke ich eigentlich über Beziehungen nach? Es sind nur kleine harmlose Flirts. Nichts weiter. Trotzdem hat es sich gut angefühlt jemandes Interesse zu wecken. Sogar von zweien.

Beide Nummern übertrage ich ins Telefonbuch des Handys. Ich gieße den Tee auf und gehe an die Arbeit. Erst am frühen Nachmittag sehe ich das nächste Mal auf die Uhr und mache mich auf den Rückweg, nachdem ich endlich geschafft habe, die Unterlagen zu finden, die ich brauche und einige für den Müll auszusortieren. Ich packe drei Aktenkartons zusammen und stehe danach erneut vor dem Problem, dass ich die Accountdaten für die App nicht weiß. Ich starte einen letzten Versuch mit den Angaben, die mir als erstes durch den Kopf gehen und… es klappt. Es war das Sonderzeichen. Mit Sicherheit. Ich finde einen Wagen in der Nähe und gehe ihn holen. Als ich im Auto sitze und losfahre, habe ich die Nase bereits gestrichen voll. Der Stadtverkehr macht es kaum besser.
 

Ich parke das geliehene Auto in dem einzigen halbwegs nahen Parkplatz zum Wohnhaus und stehe vor der Herausforderung, die drei Kartons gleichzeitig zu bewegen. Gleichzeitig tragen kann ich sie nicht. Mir bleibt nichts anderes übrigens, als zwei Kisten zu nehmen, ein paar Schritte zu gehen und den letzten Karton nachzuholen. Das Prozedere vollführe ich, bis ich schweißgebadet bei der Auffahrt zum Appartementkomplex ankomme. Automatisch schweift mein Blick zum Nachbargebäude, als ich meinen Rücken strecke und versuche, nicht wie der letzte Tropfen Erschöpfung auszusehen. Ich fürchte, es schlägt knallhart fehl, aber was soll ich tun? Genau in diesem Moment schiebt sich der schlanke Spanier durch die Tür. Er sieht mich, erkennt mich und seine Gesichtszüge werden hart, fast feindselig. Ich weiche seinem Blick fast hektisch aus, beuge mich bereits wieder zu einer der Kisten und hebe diese vom Boden auf. Ich muss es nur bis zum Fahrstuhl schaffen, dann wird alles besser. Das rede ich mir zu mindestens ein.

„¡Hola!, du! Warte Mal…“, ruft der Spanier plötzlich und ich erstarre in meiner Bewegung. Seine feingeschwungenen Augenbrauen kräuseln sich zusammen, bilden ein tiefe Falte über seine Nase, als er auf mich zukommt. Er kaut Kaugummi. Sein schlanker Leib steckt in einer engen Jeans und einem dicken mehrfarbigen Wollpullover.

„Du bist der Kerl aus la galería, ¿no?“, fragt er, um sicherzugehen, dass er sich nicht irrt. Ich wünschte inständig, er würde es. Mein Barometer für böse Vorahnungen schnellt nach oben. Behutsam stelle ich die Kiste zurück auf die anderen und mache unbewusst einen Schritt nach hinten.

„Ja, ich war auch bei der Ausstellung gewesen“, formuliere ich vorsichtig.

„Te voy a dar una hostia que te dejaré la cara como un Picasso.“, sprudelt er drauf los. Ich verstehe natürlich kein Wort. „Was willst du von Darian? ¿Qué quieres de él? Darian es mío.“ Obwohl ich so eine Frage erwartet habe, lässt sie mich erstaunt aufjapsen. Ich stehe nicht auf Konfrontationen, das hat auch während meiner Ehe dafür gesorgt, dass ich ununterbrochen einsteckte, aber selten austeilte. Der Zeiger meines Barometers rutscht langsam in den roten Bereich, was aber mehr dafür sorgt, dass ich schleunigst, das Weite suchen möchte.

„Das ist ein Missverständnis“, beginne ich wahrheitsgemäß und versuche, etwas der Feurigkeit aus dem Gespräch zu nehmen. Ich musste mich noch nie mit einem eifersüchtigen Liebhaber rumplagen. Eine ganz neue Erfahrung. Sonderbar. „Ich war einzig an der Kunstausstellung interessiert.“ Er mustert mich eindringlich und scheint von meiner Aussage wenig befriedigt, noch ist er überzeugt. Der kleinere Mann macht einen Schritt auf mich zu. Ich hingegen vollführe einen zurück und stoße beinahe gehen meinen Kartonstapel. Trotz seiner geringeren Körpergröße macht er den Eindruck, als würde er mich mit Haut und Knochen fressen, wenn ich nicht glaubhaft erkläre, weshalb ich Darian zu nahekommen. Es ist beängstigend. Er schleudert mir weitere Worte auf Spanisch entgegen und obwohl ich keine Ahnung habe, was sie bedeuten, bin ich mir sicher, dass sie höchst beleidigend sind.

„Hey, Hey…stopp, ich verstehe dich nicht…“, versuche ich ihm verständlich zu machen. Als ihn das nicht abhält, atme ich laut ein und wieder aus. Aus dem Augenwinkel heraus bemerke ich Bewegungen und als nächstes taucht Darian hinter dem Spanier auf.

„Raúl, ¿qué tienes en mente?“ Darian packt ihn am Handgelenk und zieht ihn zurück. Raúl presst sogleich die Lippen aufeinander und die aufgeblähten Backen lassen ihn wie einen Hamster aussehen. Sie starren sich einen Moment lang an, dann wandern Darians helle Augen zu mir.

„Ich muss mich für ihn entschuldigen. Er weiß manchmal nicht, wo die Grenze ist.“ Die letzten Worte richten sich mahnend an den anderen Mann und nicht an mich. Raúl antwortet ihm etwas auf Spanisch. Es klingt schnippisch. Darian erwidert etwas, was zu ruhig wirkt, für meine Erwartungen. Scheinbar auch für die des Südländers. Ein leidenschaftliches Wortgefecht entbrennt und ich verspüre das dringende Bedürfnis, mir zwei weitere Arme wachsen zu lassen, damit ich meine drei Kartons auf einmal nehmen kann. Auch wenn ich nichts von dem verstehe, was sie sich an den Kopf schleudern, ist die Intension ist deutlich. Einen Streit erkennt man in jeder Sprache, denn die nonverbalen Zeichen sind unverkennbar.

„Bastardo!“, schleudert der Spanier in Darians Richtung. Etwas, was man in fast jeder Sprache versteht. Ein müdes Lächeln zeichnet sich auf Darians Gesicht ab, als er dem angestachelten Kerl beim Davonrauschen zusieht. Ich allerdings versuche, nicht zu offensichtlich in die Richtung zu starren, in die er verschwunden ist.

„Südländisches Temperament hat auch so seine Nachteile“, erklärt der Nachbar und dreht sich langsam zu mir um. Sein Lächeln wirkt gezwungen und an seinen Augen erkennt man, dass er wenig begeistert ist. „Ich hoffe, er hat dich nicht beleidigt.“

„Vermutlich hat er das, aber ich habe es ohnehin nicht verstanden“, beichte ich. Ein sanftes Lachen entflieht seinen Lippen. Ich setze automatisch mit ein.

„Tut mir echt leid. Wirklich. Seine Eifersucht gerät schnell außer Kontrolle und dann ist er wie ein explodierender Zwergplanet. Im Bett ist das formidabel, aber sonst... na ja.“, äußert Darian und schaut dabei die Kartons an, die zwischen uns stehen. „Ziehst du aus?“ Ich folge seinem Blick, hänge aber gedanklich noch an der Bettäußerung. Es war Absicht, dass er es nebenher fallen ließ, dessen bin ich mir sicher.

„Nein, die sind… das ist nur Arbeit.“ Von den drei möglichen Erklärungen entscheide ich mich für die Lüge. Dass ich im Grunde nicht einmal hier wohne, ist etwas, was er nicht wissen muss. Der dunkelhaarige Künstler nickt verstehend und ich beiße mir dennoch auf die Unterlippe.

„Brauchst du Hilfe beim Tragen?“

„Nein, nicht nötig. Danke“, sage ich schnell. Zu schnell.

„Sicher? Ich bin kein Experte, aber ich wage es zu bezweifeln, dass du die drei Kisten gleichzeitig hochkriegst.“ Passend dazu lässt er seinen Blick zur Straße schweifen und ich bin mir sicher, dass er sich fragt, wie ich es überhaupt soweit geschafft habe.

„Du hast recht. Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mir helfen könntest.“

„Und mir wäre es mir eine Freude“, erwidert er, grinst verschmitzt und greift nach den oberen beiden Kartons. Nach einer kurzen Diskussion schaffe ich es, ihn davon zu überzeugen, dass er nur einen zunehmen braucht.
 

Als wir in den Fahrstuhl steigen, behält Darian die Kiste in der Hand, während ich meine beiden am Boden abstelle.

„Schade, dass du gestern früh gegangen bist. Es fand noch eine Führung durch die Ateliers statt. Es hätte dich sicher interessiert“, berichtet er und sieht mich mit diesen schönen, aufregenden Augen an. Beinahe versinke ich in ihnen. Doch ich schaffe es, mich rechtzeitig loszureißen. „Ich könnte eine private Führung für dich vereinbaren, wenn du magst.“ Während er diesen Vorschlag macht, lehnt er sich dichter zu mir. Unsere Schultern berühren sich. Diesmal trägt er einen anderen Duft als am Abend der Ausstellung. Er ist erdiger, etwas holzig. Eine Kopfnote von Ingwer. Es riecht berauschend. Die Aufzugstür öffnet sich und ich greife hastig die beiden Kartons, um Richtung Wohnung zu entkommen. Er folgt mir unbeirrt und stellt den Karton auf den anderen beiden ab, als ich nach dem Schlüssel suche.
 

In diesem Moment klingelt eines unserer Telefone. Wir greifen beide fast synchron in unsere Taschen. Darian ist schneller und es ist auch seines, welches die Geräusche von sich gibt. Erleichtert seufze ich auf, da mir das Bling-Bling-Layout des Leihhandys wieder einfällt.

„Da hat jemand gemerkt, dass seine Schlüssel noch bei mir liegen“, kommentiert Darian nach dem Blick aufs Display. Er klingt beinahe schadenfroh.

„Du solltest ihn nicht verärgern“, rate ich ihm, wohlwissend, dass Beziehungen eine gewisse Pflege voraussetzen. Was auch immer es ist, was die beiden für eine Verbindung haben. Dass sie Sex miteinander haben, konnte ich ja längst beobachten und er hat es bestätigt.

„Er kommt schon klar. Also, wie sieht es aus? Heute Abend, wir beide?“, fährt er von dem Anruf unbeeindruckt fort, trotz seiner Beziehung und dem Ärger, der ihm dadurch blüht. „Ein Glas Wein und ich führe dich dabei durch die Ateliers?“

„Für deine Künstlerkollegen wäre das okay? Ich meine, die meisten Künstler, die ich kenne, sind sehr eigen, was ihre unfertigen Werke angeht“, gebe ich zu bedenken. Ich bin wahrlich kein Neuling im Umgang mit Künstlern.

„Das stimmt wohl, aber das geht in Ordnung.“ Was so viel heißt wie, ich wäre nicht der Erste.

„Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist“, setze ich die Absage an und erneut beginnt sein Telefon zu singen. Diesmal reagiert er nicht, sondern beugt sich vor und setzt beide Ellenbogen auf der obersten Pappkiste ab. Er verschränkt seine schlanken, trainierten Finger und reibt seine Handflächen aneinander.

„Er hat dich verschreckt, oder?“, gibt er mit einem Raunen von sich und bettet die flache Hand gegen seine linke Wange, „Hör zu, Raúl dramatisiert gern und übertreibt, aber er bellt nur.“

„Dann bist du, der der beißt?“, kontere ich.

„Hin und wieder“, erwidert er mit einem gespielt rauen Tonfall, „Da haben wir etwas gemeinsam, oder.“ Die Vibrationen, die seine Stimme verursacht, tanzen auf meiner Haut wie Blitzlichtgewitter und mein Puls wird zu deren Echo. Sein intensiver Blick verschlimmert die ungewohnten Symptome nur.

„Darian“, setze ich an, doch erneut beginnt das Telefon des Künstlers zu singen. Mit einem Seufzen wendet er seinen Kopf nach vorn kippen, zieht das Gerät aus der Tasche und geht ran.

„Ich bin gleich da.“ Damit legt er auch schon auf und sieht mich unverwandt an. „Es bleibt beim Nein?“

„Ja.“

„Schade“, flüstert er in meine Richtung, „Gabriel.“ Seine Stimme klingt wie Verheißung und purem Verlangen. Mehr sagt er nicht und muss es auch nicht. In meinem Magen startet ein Kribbeln, welches ungewöhnlich lange anhält. Es hält sich im unteren Bereich und simmert verheißungsvoll. Woher kommt das nur? Darian verabschiedet sich mit einem einfachen Handgruß und steigt in den Fahrstuhl.
 

Nachdem ich die drei Kisten in den Flur geschoben habe, bleibe ich an der Tür gelehnt stehen. Nach wie vor hängt mir sein Duft in der Nase. Diese würzige, kräftige Note, die mir eine leichte Gänsehaut verursacht. Habe ich vorschnell entschieden? Hätte ich einfach Ja sagen sollen? Wen juckt es, wenn er ein Filou ist? Mir geht es um die Kunst. Oder? Sofort kommt mir der aufgeregte Spanier in den Sinn. Ich wäre ungern ein Streitpunkt zwischen den beiden, egal wohin sich der Kontakt zwischen mir und Darian hin entwickelt. Trotzdem kitzelt es mich. In meinen Fingern, in meinen Zehen. Sogar in der Nasenspitze.

Mit einem Seufzen stoße ich mich von der Tür ab, gehe Richtung Küche, während ich mein Handy aus der Tasche ziehe und im Kontaktverzeichnis zum Buchstaben D scrolle. Vielleicht sollte ich endlich aus meiner Komfortzone heraustreten. Aber ist Darian dafür wirklich die richtige Wahl? Ich möchte keinen weiteren Ärger zwischen ihm und den feurigen Südländer schüren. Aber zugleich dürstet es mich auch nach der Aufmerksamkeit, die er mir zukommen lässt. Es fühlt sich gut an, das kann ich längst nicht mehr leugnen und die biedere, bittere Existenz, in der ich gerade ertrinke, geht mir auf die Nerven.

Ich will mehr. Was weiß ich nicht genau was, aber ich möchte mein Leben genießen können. Ich möchte später zurückblicken und lächeln können. Im Moment fühle ich nichts als Bedauern und Wut. Das will ich nicht länger fühlen und das zu wissen, ist schon mal ein erster Schritt, oder?

Beschwingt öffne ich den bisher leeren Chatverlauf, streiche mit dem Daumen über glatte Kante des Telefons und atme tief ein. Dann tippe ich Duncan eine Nachricht. Er fühlt sich, wie die sicherere Wahl an, die unkompliziertere.

-Hi. Ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist, aber ich würde mich freuen, wenn wir unser Gespräch von heute Morgen fortsetzen. Vielleicht bei einem Kaffee? Gruß, Gabriel.-

Von süßer Sünde und Orangenbaiser

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~ Von süßer Sünde und Orangenbaiser~


 

Nachdem ich aus dem Bad zurückkehre, falle ich auf die Couch und schließe die Augen. `War es wirklich die richtige Entscheidung?`, attackieren mich meine Zweifel, ohne dass ich einmal voll durchatmen kann. ‚Was, wenn ich es missinterpretiere?‘. Die Welt zu deuten ist gerade nicht meine Stärke. Ich drehe mich von der Seite auf den Rücken, zurück zur Seite. Doch als mein Telefon beginnt, mir The Offspring mit Pretty Fly entgegenzuschreien, rolle ich vor Schreck von der Kante. Ich zweifelte schon immer an Kiras Geschmack, jetzt noch mehr und nachfolgend auch an meinem eigenen. Ich muss dringend den Klingelton ändern. Duncans Name wird auf dem Display angezeigt und statt es weiter langsam heranzuziehen, werfe ich mich fast auf den Tisch, um schneller rangehen zu können. Die schwelende Unsicherheit lässt mich kurz zögern, doch die prickelnde Aufregung lässt mich den Anruf annehmen.

„Hi Gabriel“, begrüßt er mich mit sanfter Stimme, aber leicht atemlos.

„Hey!“, erwidere ich und beiße mir sachte auf die Wange, da ich meiner eigenen Stimme misstraue, nicht vor Aufregung zu zittern, wenn ich mehr sage. Ich höre laute Musik und Stimmen im Hintergrund. Gläser klirren. „Ziemlich viel los bei dir?“

„Ja, warte kurz, bleib bitte dran“ Es folgen Rascheln und gedämpfte Laute. Irgendwas reibt am Soundeingang. Die Musik wird leiser und die Stimmen verschwinden. „Noch da?“

„Natürlich. Du scheinst schwer beschäftigt. Wo bist du?“

„Ehrlich gesagt bin ich bei der Arbeit, aber ich konnte bei deiner Nachricht einfach nicht widerstehen und musste antworten. So schnell wie möglich. Ich war freudig überrascht.“ Er hätte einfach eine Nachricht tippen können. Sein Eifer ist entzückend und neuerlich schleicht sich die Frage ein, wie viel jünger er eigentlich ist. Ich muss ihn das unbedingt fragen. „Wie wäre es heute Abend mit einem Drink?“, schlägt Duncan vor.

„Klingt gut“, bestätige ich, traue meiner Stimme weiterhin nicht über den Weg. Duncan arbeitet bis 21 Uhr in der Bar, die ich im Hintergrund höre. Dark Orange. Wir verabreden uns für das Ende seiner Schicht. Nach dem Auflegen tippe ich den Namen des Etablissements in den Suchverlauf ein. Es ist eine Bar mit angrenzenden Clubbereich, der aber wesentlich später am Abend öffnet. Ob Duncan auch dort tätig ist? Die Bar ist gar nicht weit entfernt und liegt nur ein paar Querstraßen von dem japanischen Restaurant entfernt, in welches Kira und ich früher gern gegangen sind und erst letztens gewesen waren. Ich weiß demnach, wie ich am besten dorthin komme und habe nun noch reichlich Zeit, mich innerlich darauf vorzubereiten. Ich lehne mich zurück und versuche, mich zur Überbrückung der Zeit noch etwas zu entspannen.
 

Zählt das als ein Date? Habe ich ein Date? Statt meine Nerven zu beruhigen, beginnen meine Synapsen zu kreisen und meine Gedanken zu schreien. Ruckartig setze ich mich auf, lege beide Hände flach auf meinen Knien ab. Nein, es ist nur ein harmloses Treffen unter… unter was? Bekannten. Fremden. Ich beginne die knorpeligen Stellen an meinem Knie zu kneten, schiebe meine derangierte linke Kniescheibe ein wenig hin und her. Vielleicht hält Duncan es nur für ein freundliches Treffen. Eine schlichte, platonische Begegnung zweier Menschen, die sich nett finden. Das klingt selbst in meinem Kopf verkehrt, also lande ich eins fix zwei wieder bei Date, was eine weitere Runde Aufregung fabriziert. Ich bin eindeutig vollkommen verkorkst, was zwischenmenschliche Beziehung angeht. Mit einem frustrierten Seufzen greife ich nach der Fernbedienung und schalte die Flimmerkiste ein. Das mehrmalige Durchschalten, ohne etwas Sehenswertes zu finden, macht mir schnell deutlich, warum ich eher selten Fernseher gucke. Nichts als entwürdigende Mischungen aus Trash, Reality und einem Hauch Mord und Totschlag. Oder Nachrichten. Nichts davon ist aktuell das, was ich zur Ablenkung brauche. Ich werfe einen Blick zu den an der Seite stehenden Kartons, seufze und starte die Suche erneut. Ich schalte von CSI zu CIS zu SUV. Ist das nicht ein Automodel? Erst später begreife ich, dass die Serie SVU heißt. Das andere darf also ein Auto bleiben. Die Serien lenken mich tatsächlich eine Weile ab, sodass ich erst wieder auf die Uhr sehe, als die ersten Abendprogramme beginnen. Eine Quizsendung begleitet mein trockenes Abendbrot und ist eine schlechte Entscheidungshilfe bei der Wahl meines Outfits. Doch es lenkt mich ab, lässt mich hin und wieder über anderes grübeln, sodass ich pünktlich und nur als halbes Nervenwrack die Wohnung verlasse. Ich gebe mich der Erkenntnis hin, dass es sich durchaus um ein Rendezvous handeln könnte und werde behutsam versuchen herauszufinden, ob Duncan es ebenso sieht oder ob er mich nur noch als seltsamen Kauz sieht, der Mitleid verdient. Meine Hände schwitzen die ganze Zeit über und ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal etwas wie ein dateähnliches Zusammentreffen hatte.
 

Als ich beim verabredeten Lokal ankomme, hat sich bereits eine kleine Schlange Tanzwütiger gebildet, die jedoch vor dem Eingang der Bar stoppt. Ab 22 Uhr öffnet der Nachtclubbereich und scheinbar hat dieser noch einen eigenen Zugang, also gehe ich guten Gewissens an den Wartenden vorbei. Trotz der Frühe des Abends ist es bereits erstaunlich voll. Es dauert etwas, bis ich mich bis zur Bar durchgekämpft habe. Die Musik ist auch im Barbereich laut und das Licht nur gedämpft. Die Bar besteht aus mehreren Bereichen und verteilt sich über eine komplette Länge des gesamten Etablissements. Zwei junge Frauen bereiten an einem Ende lange Bretter mit Shots vor, die danach auf den dunkelgemaserten Tresen geschoben und durch Kellner verteilt werden. Mein Blick schweift ein paar Mal über den gesamten Barbereich. Ich entdecke den Gesuchten im hinteren Bereich, wo er gekonnt einige Gläser spült.

„Hey, du bist ja schon hier!“, begrüßt mich Duncan, als er mich bemerkt und lehnt sich dichter über den Tresen, damit er nicht schreien muss. Er trägt ein schlichtes, schwarzes Hemd und die dazu passende Hose, über die er eine schwarze Schürze mit Logo geschnürt hat. Seine Haare sind im Gegensatz zu heute Morgen gestylt und an den Seiten leicht zurückgelt. Wahrscheinlich gilt auch das als Uniform. So oder so, sieht er ungemein gut aus.

„Entschuldige, bin etwas zu früh.“ Er wirft einen Blick auf die Uhr und schüttelt den Kopf.

„Kein Ding. Mein Kollege ist gleich zurück, dann eise ich mich los“, flüstert er dieses Versprechen und versiegelt es mit einem Zwinkern.

„Erklärst du mir, weshalb der Laden Dark Orange heißt? Ich meine, abgesehen von dem Offensichtlichen.“ Ich deute auf den riesigen Stapel der Zitrusfrucht hinter ihm, der neben einer Presse positioniert ist.

„Okay, wenn ich das offensichtliche auslasse, dann haben wir eine außerordentlich große Auswahl von Cocktails und Longdrinks, die ein spezifisches Orangenthema präsentieren. Blutorangen-Daiquiri. Wobei ich gleich gestehe, dass wir auch verschiedene Zitrusfrucht-Spezialitäten haben. Dark Citrus klang nur nicht so geil als Name“, witzelt er und deutet auf eine Saftpresse hinter sich, neben der sich tatsächlich einige der verschiedenartigen Südfrüchte stapeln.

„Da ist definitiv etwas dran“, bekräftige ich. Dark Orangen spricht sich wirklich smooth.

„Ich als Laie war der absurden Ansicht, dass eigentlich fast alle Cocktails einen Orangensaftanteil beinhalten?“, gestehe ich. Natürlich fallen mir auch gleich diejenigen ein, die keine Fruchtkomponente haben, wie der Black oder White Russian. Old Fashion. Manhattan. Ich bin kein Freund von Whiskey, aber mein vormaliger Schwiegervater hatte eine gewaltige Sammlung und ich kam nicht um die ein oder andere Verköstigung drumherum.

„Gut erkannt, dass dem nicht so ist. Ich befürchte, deine Wissenslücken können wir nur mit einem intensiven Blick ins Cocktailhandbuch füllen“, antwortet er keck.

„Gibst du Kurse?“

„Ja, ab und an.“

„Was für ein Zufall“, erwidere ich mit gespieltem Erstaunen.

„Ist ein beliebtes Spektakel bei Junggesellen- und Junggesellinnen-Abschieden. Kommt gut an“, berichtet der Barkeeper.

„Glaub ich gern“, kommentiere ich, nicht ohne Hintergedanken. Bei einer Horde feierfreudiger Damen wäre Duncan vermutlich nicht nur als Barkeeper und Cocktaillehrer gewünscht, sondern auch als Stripper.

„Ja, die Damen treiben es wesentlich heftiger als die Herren. Aber genug davon, was darf ich dir mixen?“

„Ähm, -“, setze ich an und breche ab, als käme diese Frage aus dem Nichts. Ich überfliege schnell die Angebote, die auf einer Tafel über der Bar geschrieben sind. Es überfordert mich, eine Entscheidung treffen zu müssen, deshalb nehme ich das, was mir im Gedächtnis geblieben ist. „Der Blutorangen-Daiquiri klingt nicht schlecht.“

„Ausgezeichnete Wahl, bin gleich wieder bei dir.“ Ich nicke und deute ihm an, dass ich zu einem der Stehtische neben der Bar wechsele.
 

Auf dem Weg dorthin beginnt es in meiner Hosentasche zu vibrieren und ich ahne das Schlimmste. Ich hole das bibbernde Handy hervor, an dessen Anblick ich mich niemals gewöhnen werde und drücke den Anruf weg. Für Kira habe ich jetzt keinen Nerv und ich würde auf Grund der lauten Musik eh nichts verstehen. Ich nehme mir vor, sie morgen zurückzurufen, tippe ihr eine entsprechende Nachricht und lege es mit der Front auf dem Tisch ab.

„Wow, das Ding ist ein Statement. Hätte ich das früher gesehen, wäre ich weniger dezent gewesen.“ Duncan taucht unvermittelt neben mir auf und sein Blick fällt natürlich direkt auf die strassbesetzte Ungeheuerlichkeit eines Telefons.

„Ui, was soll ich sagen, das ist eine Leihgabe meiner Ex-Frau. Mein Handy ging kürzlich kaputt und sie ist die Einzige, die ein Interesse daran hat, mich erreichen zu können. Daher… Ich mache mich gerade unheimlich attraktiv, oder?“, plappere ich ertappt und leicht überfordert. Duncan lächelt.

„Du verwirrst mich etwas, aber es wirkt sich nicht negativ auf deine Attraktivität“, flirtet er unbeirrt. Wirklich geschmeidig, das muss ich ihm lassen. Er stellt den Cocktail vor mir ab. Für sich selbst hat er eine schlichte Cola organisiert, was mich vermuten lässt, dass er noch im Dienst ist. Auch die schwarze Schürze um seine Hüfte, aus der ein kleiner Block und ein Stift ragt, sind ein guter Indikator. Er rutscht auf den Stuhl neben mich. Ich greife nach dem typischen Cocktailspitzglas mit dünnem Hals und Trichterförmiger Füllfläche, doch bevor ich einen Schluck nehmen kann, stoppt er mich.

„Moment, der Drink kommt mit einem kleinen Gimmick“, sagt er und deutet auf das Baiser, was neben dem Glas liegt. „Du musst dir vor dem ersten Schluck das Baiser auf die Zunge legen. Dann trinken.“

„Okay, der Cocktail braucht eine Anleitung“, kommentiere ich und mache, was er sagt. Das Baiserstück duftet ebenfalls dezent nach Orange und hat zarte, passend farbige Streifen. Durch das schlechte Licht ist es kaum zu erkennen, aber sofort zu schmecken. Es schmilzt auf der Zunge. Duncan beobachtet mich dabei ganz genau, lächelt und hebt sein Glas. Wir nehmen gemeinsamen einen Schluck aus unseren Getränken und ich muss sage, ich bin begeistert. Das Baiser zerfällt, kitzelt über meine Geschmacksknospen und verbindet sich mit der fein herben Flüssigkeit des Cocktails zu einer perfekten Harmonie. Es ist nicht zu süß. Leicht bitter zu Beginn und doch mündet es in herrlicher Fruchtigkeit.

„Fantastisch!“

„Wirklich?“

„Wirklich.“, bestätige ich und erwidere sein Lächeln. Ich nehme einen weiteren Schluck und blicke ihn eindringlich an. „Okay, ich muss dich etwas fragen. Gärtner, Eisverkäufer und Barkeeper“, zähle ich auf, „Wann schläfst du?“

„Montags und donnerstags.“, erwidert er, ohne zu zögern. Für einen Sekundenbruchteil ist sein Gesichtsausdruck vollkommen ernst, doch dann bildet sein Mund ein breites, volles Grinsen, was seine Augen zu kleinen Halbmonden staucht. Die kurz empfundene Überraschung bettet sich zum Amüsement. Das breite Lächeln steht ihm. „Nein, im Ernst, ich bin ein Vampir. Ich schlafe nicht.“

„Hätte ich natürlich selbst erkennen müssen“, entgegne ich scherzend zurück, spiele mit.

„Es sind nur Teilzeitjobs. Die Landschaftspflegefirma gehört meinem Onkel. Dort helfe ich eher gelegentlich aus und die anderen beiden… na ja, wer wäre nicht gern Eisverkäufer?“

„Hat unbestritten eine gewisse Logik. Aber ist das nicht kräftezerrend drei Jobs zu haben?“, erkundige ich mich. Allein heute war er seit dem Morgengrauen auf den Beinen. Zugegebenermaßen wirkt er, wie das blühende Leben, was unumwunden beeindruckend ist und fürwahr seiner Jugend geschuldet ist.

„Manchmal, aber die meiste Zeit macht es mir Spaß. Ich lerne viele interessante Menschen kennen, führe tolle Gespräche, lerne neue Dinge und es ist so gut wie nie langweilig. Jetzt bin ich dran!“, erklärt er, wartet kurz darauf, dass ich es bestätige. Also nicke ich. „Wieso hast du dich umentschieden?“ Ich bin mir nicht sofort sicher, worauf er anspielt. Doch dann klickt es. Der Gärtner hatte mich vermutlich schon abgehakt, gedacht, dass ich kein Interesse habe. Ich verstehe seine Annahme voll und ganz. Ich begreife den plötzlichen Umschwung bei der Sache selbst nicht vollends. Ich weiß nur, dass es sich kurzzeitig sehr gut angefühlt hat diese Entscheidung getroffen zu haben.

„Eigentlich habe ich es nie nicht gewollt. Ich meine, es passiert mir nicht oft und es ist nur…irgendwie… na ja …“ Ich weiß nicht, wie ich fortfahren soll und bevor ich weiter dummes Zeug stammele, lasse ich es sein. Auf keinen Fall will ich Hoffnungen schüren, die ich nicht erfüllen kann, aber ich möchte genauso wenig in meiner trübseligen Blase verenden. Meine aktuelle Situation ist keineswegs unproblematisch. Sie ist verwirrend und deprimierend. Statt fortzufahren, streiche ich mit dem Finger den schlanken Hals des Glases entlang und presse die Lippen aufeinander als Zeichen meiner Wortkargheit.

„Du hast eine Ex-Frau“, wiederholt Duncan die Erkenntnis von eben. Das ist es nicht. Sie ist nicht der Grund, aus dem ich zögere. Trotzdem nicke ich unweigerlich, denn ist entspricht der Wahrheit. Vielleicht ist es besser, dass er es glaubt? „Trotzdem bist du hier?“

„Das bin ich.“ Mittlerweile umfasse ich das Glas meines Getränks mit Daumen und Zeigefinger und reibe die glatte Oberfläche. Hoch und runter.

„Warum?“, hakt Duncan nach. Seine Stimme ist unbeirrt und sanft. Als gäbe es keine falsche Antwort auf seine Frage. Nur die Wahrheit. Doch ist es so? Ich fixiere die orangerötliche Flüssigkeit. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Ich gehe mit dem Flow, schaue was passiert oder ich bin vollkommen ehrlich mit ihm und nehme uns womöglich die Chance uns besser kennenzulernen. Es wäre bedauerlich. Also was will ich? Ein Abenteuer? Ich bin nicht sehr gut in Abenteuern. Das ist die Wahrheit. Ich will niemanden verletzen und ziehe zu meist den Kürzeren. Erwiesenermaßen.

„Um ganz ehrlich zu sein,-“, setze ich an.

„Duncan!“ Wir werden ungünstiger Weise durch seinen Kollegen unterbrochen. Der Barkeeper entschuldigt sich notgedrungen und ich versichere ihm, dass ich nicht weglaufe. Ich nutze stattdessen die Zeit, um mein Gedanken zu ordnen, denn das ist dringend notwendig.
 

Warum bin ich hier? Was will ich? Spaß? Ablenkung?

Ich habe keine Ahnung. Ich nehme einen weiteren Schluck des köstlichen Cocktails, lecke mir die Reste von der Lippe und bemerke aus dem Augenwinkel heraus, dass sich jemand auf den Stuhl neben mich niederlässt.

„Schon zurück?“, frage ich in der Annahme, dass es Duncan ist, doch als ich einen Blick zur Seite werfe, sitzt dort eine junge Brünette. Unweigerlich wandert mein Blick in ihr üppiges Dekolleté, weil sie es mir fast ins Gesicht drückt. Sie trägt ein paillettenbesetztes, tiefgeschnittenes Oberteil und ihre langen, muskulösen Beine stecken in kurzen, schwarzen Shorts.

„Oh, Verzeihung, aber der Platz ist …“ Sie unterbricht mich, kokett lächelnd.

„Ich bin Kim“, fährt sie fort, meinen angefangenen Hinweis komplett ignorierend. Trotz des schlechten Lichtes fällt mir ihr viel zu starkes Make-up sofort auf. Es lässt sie einige Jahre älter wirken, als sie vermutlich ist.

„Hi Kim, der Platz ist bereits besetzt. Wenn du entschuldigst“, versuche ich es erneut und deute auf Duncans angefangenes Glas Cola. Ich sehe auch, wie sie das nichtalkoholische Getränke mustert und es scheinbar nicht als Bestätigung meiner Geschichte ansieht.

„Aber gerade bist du hier allein.“ Ihre Stimme ist rau. Ich vermute, dass es von den Zigaretten kommt. Die Schachtel drückt sich verräterisch in der Hosentasche ihrer Shorts ab. Langsam beginne ich es auch zu riechen. Der Zigarettengeruch sitzt in ihren Klamotten. Es gibt nichts, was unattraktiver ist als rauchen. Noch abstoßender wird sie dadurch, dass sie mich weiterhin anflirtet, obwohl ich ihr mitgeteilt habe, dass ich in Begleitung bin. Es ist einfach nur unhöflich, doch das scheint sie anders zu sehen.

„Und ich würde das Alleinsein vorziehen.“ Zu meinem Glück hat sie kein Getränk in der Hand, denn ich hätte sicher eine Dusche bekommen. Ohne ein weiteres Wort rutscht sie vom Stuhl und verschwindet in der Menge. Leider bleibt der abgestandene Zigarettengestank zurück, der an ihr haftete wie Kaugummi.

„Miss Wodka-Orange hat ja einen schnellen Abgang hingelegt.“ Duncan taucht neben mir auf, diesmal von der anderen Seite, sodass er sich hinter mir entlang drücken muss, um zu seinem Stuhl zu gelangen. „Wie hast du das geschafft?“, fragt er, als er in die Nähe meines Ohres kommt. Neben meinem Cocktail stellt er einen kleinen Teller mit weiteren hübschen Baisertuffs ab.

„Mit einem gutgemeinten Hinweis“, sage ich.

„Mehr nicht?“

„Mehr nicht.“

„So, so“, kommentiert Duncan und sieht direkt durch die Fassade dieser kleinen Lüge. Genaugenommen war ich ausgesprochen höflich. „Sie ist ein Stammgast und macht gefühlt einfach jeden an. Uns an der Bar sogar mehrfach am Abend.“

„Wenn man auf freie Drinks aus ist, dann steckt eine Gewissen Logik darin, den Barkeeper anzumachen, oder?“ Ich möchte sie keineswegs in Schutz nehmen, aber ich verstehe durchaus die Sinnigkeit dahinter.

„Weitgefehlt, wir würden dadurch viel zu schnell unseren Job verlieren. Deswegen kennt jeder Barkeeper seine Grenzen ganz genau“, gibt er mir zu verstehen, „Du würdest also auch mit dem Barkeeper flirten?“ Für diese Frage nutzt er einen eher neckischen Tonfall. Erst jetzt fällt mir auf, dass er die Schürze ablegt hat. Er ist definitiv im Feierabend.

„Jetzt traue ich es mich nicht mehr, da ich ungern dafür verantwortlich sein will, dass er gefeuert wird“, beklage ich, versuche mir ein Grinsen zu verkneifen.

„Oh, so ein Mist. Das habe ich mir selbst verbaut, oder?“, fragt er.

„Das gilt wohl auch für gratis Eis, oder?“, merke ich an.

„Ah, verdammt.“ Nun grinse ich in voller Blüte, während Duncan angeregt lacht.
 

Zwei Cocktails später sind wir bei einer halben Vorführung seiner Mixkünste angelangt und ich versuche mich auf die schnellen, geschmeidigen Bewegungen zu konzentrieren, die gekonnt die einzelnen Utensilien bewegen. Deren Name er mir zwar mitteilt, ich aber längst wieder vergessen habe. Es ist eine Weile her, dass ich mich derartig amüsierte. Duncan ist großartig. Witzig. Talentiert. Er schüttelt den silbernen Becher, doch diesmal geht beim Öffnen etwas daneben. Mein Gelächter wird streng getadelt. Ich lache nur noch mehr. Als Strafe soll ich die Ingredienzien eines Zombies benennen. Ich scheitere gnadenlos. Er offenbart mir drei verschiedene Rumsorten und ich begreife, warum man sich nach dem Verzehr wie ein Untoter fühlt. Zwischendurch sucht er Körperkontakt. Die Berührungen sind unauffällig. Sein Knie, welches sachte gegen meinen Oberschenkel tippt. Seine Hand auf meiner. Nach dem dritten Cocktail lässt er sie länger verweilen und das ist der Moment, wo sich unsere Blicke eingehender treffen. Es fällt mir schwerer, ihn zu fokussieren.

„Ich denke, du brauchst dringend frische Luft“, bemerkt er zu Recht. Duncan schiebt den angefangenen Cocktail zur Seite und zieht mich sachte vom Stuhl. Den abrupten Schwindel dämpft er, indem er mich an den Schultern festhält. Als ich stabil stehe, greift er sich unsere Jacke. Danach führt er mich durch die Menschenmassen nach draußen. Die Kühle umfängt mich und dennoch habe ich nicht das Gefühl, zu frieren. Der Alkohol hat mich extrem aufgeheizt. Trotzdem lasse ich zu, dass mir Duncan die Jacke überzieht und sogar den Reißverschluss für mich schließt.

„Du bist toll, weißt du das?“, murmele ich, sehe von seinen Händen auf, die den Reißverschlusszipper halten. Die Besorgnis in seinem Blick weicht der Sanftmut. Auch dieses Lächeln, welches zaghaft erblüht wie der Frühling, steht ihm. Ich glaube, ihm steht einfach alles. Denn er ist rundum warm und witzig. Und anregend. Interessant und fürsorglich. Ja, witzig! Ich kann es nicht oft genug erwähnen.

„Und du verwirrst mich, ist dir das klar?“

„Ich verwirre mich selbst“, gebe ich zu, wünschte, mein betrunkenes Hirn hätte einen besseren Filter, aber ich befürchte, das letzte nützliche Update kam vor fünfzehn Jahren.

„Okay, ich glaube dir. Könntest du dann wenigstens aufhören, so attraktiv zu sein? Das würde es einfacher machen.“

„Ich versuch´s“, bekräftige ich und beuge mich weiter vor, sodass sich meine Stirn gegen seine Brust bettet. Es dauert etwas, bis die Bedeutung seiner Worte durchsickern und ich deswegen dümmlich zu grinsen beginne. Duncans Hand legt sich auf meine Schulter, streicht sachte und beruhigend über den rauen Stoff meines Mantels. Meine Augen bleiben geschlossen. Duncan riecht, wie der Sommer. Ist das möglich? Ich spüre seine Wärme tiefer in mich eindringen und sehne mich danach, die Zeit anzuhalten, den Moment festzuhalten.

„War das ein Date?“, frage ich flüsternd. Viel zu behutsam. Da seine Hand das sachte Streicheln einstellt, bin ich mir sicher, dass er es gehört hat. Ich höre sein Seufzen und bewege mich nicht vom Fleck.

„Na komm, ich ruf dir ein Taxi. Du musst dringend ins Bett, bevor du noch etwas tust, was du nachher bereust…“

„Nein, nein… ich kann Bus fahren. Mir geht es gut“, schlurre ich, blinzele müde und schaue die Straßen entlang. Es dauert etwas, bis ich die korrekte Richtung ausmachen kann und träge dort hindeute.

„Du solltest lieber nicht den Bus nehmen“, gibt Duncan zu bedenken, schaut auf die Uhr, als würde er abschätzen können, wie lange ich auf das öffentliche Verkehrsmittel warten werde. „Wir sollten dir wirklich ein Taxi rufen, oder…“

„Ich muss, ich muss. Taxis sind teuer. Geht schon, versprochen“, beschwichtige ich den Gärtner, lege meine Hand an seinen Arm und patte ihn kurz. Ich richte mich auf, weiß nicht hundertprozentig, wie koordiniert es aussieht und straffe meinen Schultern, um ihm zu verdeutlichen, dass es wirklich kein Problem ist. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass ich im betrunkenen Zustand nach Hause finden muss. Während des Studiums war es eine meiner leichtesten Übungen. Duncan wirkt nicht überzeugt, gibt aber letztendlich und widerwillig nach.
 

Die Fahrt zurück in Lianas Wohnung nüchtert mich langsam auf einen Pegel aus, der tolerierbar ist. Auch wenn ich ein paar Mal glaubte, mich gleich übergeben zu müssen, weil der Busfahrer dachte er sei Michael Schuhmacher. Beinahe verpasse ich meinen Ausstieg, doch er hält nochmal an, eher er über die Ampel fährt und lässt mich raus. Ich bedanke mich und wandere zurück zum Apartment. Diesmal spüre ich die Kälte deutlicher und bin froh, dass meine Jacke bereits geschlossen ist.

„Herr Nowak?“, hält mich der Nachtpförtner auf, ehe ich den Knopf zum Fahrstuhl drücken kann. Er richtet sich auf und kommt hinter dem Empfangstresen hervor. In seinen Händen hält er ein braunes Päckchen. „Das wurde heute für Sie abgegeben.“

„Für mich? Nicht für meine Schwester?“ Nirgendwo ist ein Postaufkleber zu sehen, was darauf hinweist, dass es persönlich abgegeben wurde.

„Nein, er sagte für Gabriel Nowak.“ Er? Ich bin zu betrunken, um länger darüber nachzudenken oder gezielter nachzuhaken.

„Okay, danke. Schönen Abend noch“, sage ich stattdessen und nehme das Päckchen entgegen. Der Nachtportier nickt und kehrt zu seinem Sitzplatz zurück. Ich schaffe es endlich in die Kabine und starre während des Aufstiegs ununterbrochen das Päckchen an. Die Neugier packt mich noch bevor ich in der Wohnung ankomme und ehe ich den Schlüssel ins Schloss stecken kann, öffne ich das Klebband und begutachte den Inhalt. Es enthält ein brandneues Telefon und eine kleine Karte, die ich als nächstes öffne.

‚Hab gehört du brauchst dringend ein Neues. M.‘. Dank des in meinem Blut zirkelnden Alkohols dauert es etwas länger, bis die Erkenntnis einsetzt. Markes. Kira muss ihm von den Vorkommnissen berichtet haben, bei dem es kaputt gegangen ist. Ich kann und will mich jetzt nicht damit beschäftigen. Mit einem lauten Seufzen befördere ich die folierte Box auf die Couch und stehe auf. Auf dem Weg zum Schlafzimmer entledige ich mich meiner Klamotten, lasse sie arglos links und rechts fallen, bis ich in Unterwäsche in die Laken falle. Dann bin ich auch schon weggepennt.
 

Ich erwache mit heftigem Trommelwirbel in meinem Kopf, der sich langsam, aber messerscharf durch meine graue Masse arbeitet und in den Körpergliedern ein pochendes Echo erzeugt. Im Grunde weiß ich nicht, wo der Schmerz anfängt und wo es wieder aufhört. Selbst meine kleinen Zehen schmerzen. Der rechte mehr als der linke. Mit einem nur leicht geöffneten linken Auge schaue ich mich um und sehe nur Decke. Bemerke allerdings auch, dass es draußen bereits hell ist. Jetzt im Herbst bedeutet das, das es weit nach acht Uhr sein muss. Das schlechte Gewissen in meinem Hinterkopf kommt nicht gegen den Schmerz an, daher fallen meine Augen einfach wieder zu. Was ist nochmal der Spaß am Alkohol? Wenn ich ehrlich bin, ist keines der Phasen des Alkoholkonsum lohnenswert, um am nächsten Tag das zu rechtfertigen. Und doch fällt man ständig in diesen Kreislauf zurück, in dem man denkt, dass es eine gute Idee sei.

Die Erinnerungen an den gestrigen Abend liegen zunächst im Nebel und nur langsam sowie rückwärts ploppen nach und nach ein paar Bilder auf. Das Päckchen mit dem Handy. Die Busfahrt. Duncans Wärme. Sein Lachen. Das Gefühl, zu lächeln. Schlagartig sind meine Augen geöffnet und ich raufe mich hoch. Mein Körper schreit Nein, doch mein Verstand gibt keine Ruhe mehr. Ich erinnere mich prompt an die Frage, die ich ihm in dem weniger klarem Zustand gestellt habe und bin mir unsicher, wie er auf diese Peinlichkeit reagiert hat. Es ist verschwommen. Vermutlich hat er längst meine Telefonnummer gelöscht und wünscht sich, er hätte sich niemals zurückgemeldet. Ich könnte es verstehen. Ich bin ein hoffnungsloser Idiot, wenn es um solche Dinge geht. Keine Ahnung, ob ich es je konnte. Es bildet sich dieses schwere Gefühl in meiner Magengegend bei dem Gedanken, dass ich es schon nach einem Abend vollends verbockt haben könnte. Was habe ich mir dabei gedacht? Was er wohl über mich denkt? Verdammter Alkohol, ich hätte drauf verzichten und klarer Sinne bleiben müssen. Doch es hat sich wirklich gut angefühlt. Duncans Nähe war eine Wohltat für den Sturm in meinem Inneren. Er hat etwas beruhigend, komfortables. Seine Stimme, weich und angenehm, legte sich wie Balsam über mich. Wie aus einem dieser ASMR-Videos, die mir eine Freundin von Kira empfohlen hat. Auch, wenn der Gedanke an ihn zu gleich die heftigen Winde erneut entfacht und sich das Chaos noch chaotischer anfühlt. Ist das überhaupt möglich? Offensichtlich, denn ich kriege es scheinbar hin. Unter meinem Kopf beginnt es zu vibrieren. Es erinnert mich daran, dass ich einmal einen von Kiras Vibratoren unter ihrem Kopfkissen gefunden haben. Es klang fast genauso. Er hatte sich durch die Bewegung angeschaltet. Nun fällt mir wieder ein, dass ich meiner Ex-Frau gestern Abend zusicherte, anzurufen, sobald ich Zeit habe. Vermutlich ist sie bereits ungeduldig geworden und will mich anschreien. Mit einem lauten Murren ertaste ich das Handy unter dem Kissen, ziehe es hervor. Ich murmele ein ‚Morgen‘, doch zu meiner Überraschung ist es nicht meine Ex-Gattin die ertönt.
 

„Hast du es gekriegt?“, fragt Markes ohne Umschweife und ohne sich mit Begrüßungsfloskeln aufzuhalten. Ich hätte es mir denken müssen. Natürlich weiß ich sofort, was er meint und worum es ihm geht. Ich starre zur Wand vom Wohnzimmer, in dem der Karton mit dem nicht ausgepackten Telefon liegt, was er mir scheinheilig untergejubelt hat. Er will gelobhudelt werden und als Retter der Nation dastehen, wie der strahlende Ritter, als den er sich sieht. Er ist allemal der böse Hexer des Westens.

„Ich brauche deinen Almosen nicht“, gebe ich von mir und streiche mir durch die zerzausten Morgenfrisur. Danach lasse ich mich zurück ins Kissen fallen. Er weiß genau, dass ich nicht rangegangen wäre, hätte ich seinen Namen auf dem Display gesehen.

„Um Himmelswillen, Gabriel, hör auf, ständig um dich zu beißen wie ein tollwütiger Hund. Es ist nur ein fucking Handy. Du brauchst es“, maßregelt er mich, „Ich habe gehört, du musst sonst eines von Kiras Glitzerdingern benutzen und das kannst nicht mal du ernst meinen.“ Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich der Ton seiner Stimmer ändert. Erst hart und aggressiv, dann plötzlich plaudernd. So, wie damals, wenn wir gemeinsam im Schwimmbad abhingen. Damals fand ich es unterhaltsam. Mittlerweile geht es mir nur noch auf die Nerven.

„Nicht mal ich? Was willst du damit sagen?“

„Ach komm, du weißt schon. Du nimmst Dinge hin und steckst ein, ohne jemals für dich einzustehen. Das ist quasi deine Lebensphilosophie.“

„Du kannst mich mal, Markes“, pfeffere ich zurück und lege auf. Das Glitzerding werfe ich ans Fußende des Bettes und drehe mich um. Dieser eingebildete, arrogante Fatzke kann mich mal kreuzweise. Er denkt, er würde mich kennen. Er denkt, er weiß, wie ich ticke. Doch er irrt sich. Sie irren sich alle!

Erinnerungen wie Nebelschwaden im Lavendelhain

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~Erinnerungen wie Nebelschwaden im Lavendelhain~


 

Das ist nicht zum Aushalten. In meinem Kopf setzt sich die Schimpftirade fort, was keineswegs mit dem anhaltenden Kopfschmerz harmoniert. Daher strampele ich ein paar Mal aggressiv mit den Beinen bis ein dumpfer Rumms andeutet, dass ich dabei das Handy zu Boden befördert habe. Ich richte mich auf und krauche zum Ende, wo ich über den Rand hinweg zum Boden blicke. Das rosafarbene Ungetüm liegt Kopfüber und einen halben Meter vom Bett entfernt, sodass ich mit meiner aktuellen Position nicht herankomme. Ich versuche es trotzdem, strecke meine Hand aus und… nichts.

„Fuck!“, fluche ich atemlos. Mit etwas mehr Anstrengung, kann ich es endlich erreichen. Zu meiner Überraschung finde ich beim nächsten Blick auf das Handy eine Nachricht von Duncan vor und merke sofort, wie sich meine Wangen erhitzen. Gleichzeitig beginnt es in meinem Inneren warm zu pulsieren. Es ist eine Mischung aus Scham, Aufregung und ein klitzekleines bisschen Hoffnung. Vielleicht habe ich ihn nicht vollends verprellt und wir können uns erneut treffen. Ich würde es mir wünschen, denn ich hatte viel Spaß mit dem jungen Gärtner und habe es sehr genossen, mich mit dem Barkeeper zu unterhalten.

-Hoffe, du bist gut zu Hause angekommen. Mir wäre es lieber gewesen, du hättest ein Taxi genommen. Gute Nacht, Duncan-, lese ich seine Nachricht. Sie ist vom Abend oder eher frühem Morgen. Nun setzt sich das schlechte Gewissen in mir fest, nagt und höhlt mich aus, weil ich es nicht früher bemerkt habe und er sich vermutlich Sorgen gemacht hat. Trotzdem brauche ich fast eine halbe Stunde, um eine halbwegs vernünftige Antwort zu formulieren, die weder armselig, verzweifelt, noch zu anhänglich klingt. Der Zustand meines Kopfes spielt dabei ebenso eine Rolle, wie die Ohnmacht, die ich empfinde, meine Gefühlslage in Reihe und Glied zu bringen.
 

Nach weiteren Minuten mit wankelmütigen Gemütsregungen erhebe ich mich aus dem Bett, schleppe mich zur Dusche. Das warme Wasser ist ein Segen und ich wünschte, ich könnte den Rest des Tages hier verbringen, ohne Angst haben zu müssen, mich irgendwann aufzulösen. Allerdings würde das auch etliche meiner Probleme lösen. Ich spare mir jede weitere Körperpflege und verlasse unrasiert und mit nassen Füßen das Bad. Die Feuchtigkeit malt Fußspuren auf den hellen Parkettboden.

Ein Blick in meine Taschen offenbart mir, dass ich kaum noch saubere Sache habe. Eine Waschmaschine konnte ich bisher in dieser Wohnung nicht finden, daher gehe ich davon aus, dass es einen Wäschedienst gibt, den man gesondert bezahlen muss. Liana wird ihn für ihre Abwesenheit abbestellt haben. Ich werde mir also einen Waschsalon suchen müssen. Mit einem Seufzen packe ich die wenigen sauberen Klamotten ordentlich auf einen Stuhl und räume die schmutzigen ein. Danach wandere ich zu Lianas begehbaren Kleiderschrank und werfe einen Blick hinein. Der zarte Duft von Lavendel umhüllt mich vollkommen, als ich diesen betrete. Ich inhaliere den Duft und treibe einer Kindheitserinnerung entgegen.

Meine Mutter summte, während die winzigen Parfümperlen ihre Haut trafen. Ich konnte sie nur sehen, weil ich hinter ihr saß und sich das Licht ihres Kosmetiktisches in der zerstäubten Flüssigkeit brach. Nur für einen Moment, dann trafen sie auf ihren blanken Hals und der Duft intensivierte sich. Meine Beine baumelten über den Bettrand und ab und an verursachten sie dieses dumpfe Pochen, wenn ich mit den Hacken gegen den Rahmen stieß. Sie lächelte, als sich die sanfte Note von Lavender de Provence im gesamten Zimmer ausbreitete. Sie sprach von den lilafarbenen Feldern der Provence, wie sie darin tanzte. Sie malte mir Bilder nur mit ihren Worten, mit ihrem Lächeln. Sie liebte Frankreich, daran erinnerte sie sich oft. Vor allem an die weiten Felder voller Lavendel im Sommer.

Ein einziges Mal war sie an diesem Ort und dennoch schien fortan ein Teil ihres Seins dort verblieben zu sein. Damals war sie jung und frei. Ich glaube, dass sie zu dieser Zeit das letzte Mal richtig glücklich war, denn sie trug eine unterschwellige Traurigkeit in sich, die ich in ihren Augen sehen, aber nicht verstehen konnte. Heute ist das anders.

Ich schaue mich um und finde ein paar alte einfache T-Shirts, die sie vermutlich früher zum Trainieren verwendet hat und greife mir eines. Es ist hat violette Säume. Es sitzt eng, ist aber für einen Waschtag nutzbar. Danach verlasse ich den Kleiderschrank und die simmernden Erinnerungen.
 

Mit der letzten sauberen Shorts und dem engen T-Shirt betrete ich die Küche, krame nach einer Tasse und Kaffee. Mit den Gedanken woanders beobachte ich das Wasser beim Kochen und mache alles noch langsamer und unorganisierter als sonst. Ich bin schon auf hundertprozent Leistung kein wirkliches Aushängeschild für optimierte Arbeitsabläufe, aber heute setze ich dem Ganzen die Krone auf. Beim Eingießen des Wassers achte ich nicht darauf, dass der Deckel des Kochers nicht vollständig einrastet. Resultat ist ein riesiger Schwall kochenden Wassers, der zu meinem Glück nur in Form von ein paar Tropfen auf meinen nackten Füßen landet. Es brennt dennoch elendig. Die Tasse wird fröhlich von der Anrichte gespült und landet am Boden. Der Henkel geht flöten und der Rand splittert. Der feuchte Kaffeesatz bildet mit den weißen, glänzenden Scherben und dem sanften Schimmern des Wassers einen wunderbaren Kontrast. Zum Glück legt Liana kaum Wert auf emotionale Erinnerungsstücke, damit bleibt der Scherbenhaufen nur eine von acht Tassen, die vollkommen identisch in Reih und Glied im Schrank stehen.

Ich betrachte das Alltagskunstwerk, fluche leise und suche dann nach Kehrschaufel und Handfeger. Der zweite Versuch mir einen Kaffee zu machen, ist endlich erfolgreich und ich lasse mich mit zwei geschmierten Käsebroten auf der Couch nieder.

Den ersten Schluck des warmen Gebräus zelebriere ich, genieße das herbe Aroma, welches über meine gesamte Zunge wandert und sich an der Zungenwurzel bündelt. Meine Papillen tanzen. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und merke, wie der Schmerz in meinem Kopf und am Fuß minimal nachlässt. Doch da ich gefahrlaufe, wieder einzuschlafen, richte ich mich auf und laufe langsam durch die Wohnung, ehe ich beim Fenster stehen bleibe.

Mein Blick wandert über die zugezogenen Fensterfronten, verweilt bei dem Spalt im vierten Stock, der in der Nacht oft das beleuchtete Gesicht des TV-süchtigen Mannes zeigt. In keiner Wohnung ist Leben, da um diese Uhrzeit alle arbeiten. Ich bleibe bei Darians Wohnung hängen. Wie immer sind die Vorhänge geöffnet. Selbst die Rollos im Schlafzimmer sind nach oben gezogen. Das Bett ist gemacht.

‚Ob er und der laute Spanier sich vertragen haben?‘, frage ich mich still, lehne meinen Kopf gegen die Scheibe, bis ich eine Bewegung im Schlafzimmer wahrnehme. Ich weiche automatisch zurück. Trotzdem sehe ich noch immer deutlich, als Darian mit nacktem Oberkörper aus dem Badezimmer kommt, das Bett umrundet und im Nachtschränkchen kramt. Der klitzekleine Funke Vernunft, dass ich aufhören sollte, ihn zu beobachten, verglüht in der entflammten Neugier. Er holt irgendwas hervor, doch ich kann nicht erkennen, was es ist. Mittlerweile bin ich näher an die Scheibe herangetreten. Ich sehe dabei zu, wie er sich die Haare trocknet und geistesabwesend auf das Etwas in seiner Hand starrt. Die Muskeln in seinem Bauch spannen sich an, seine Brustmuskeln hüpfen. Ich bin mir nicht sicher, ob er das bewusst macht. Darian lässt das Handtuch, welches er zum Haare trocknen verwendet hat, sinken und wirft es aufs Bett. Als nächstes streicht seine kräftige Hand über die deutlichen Wellen und Senken seines trainierten Bauches. Tiefer zu dem schmalen Pfad dunkler Haare, die vom Nabel hinabführen. Ich kann ihn nur erahnen und es lässt mich schlucken. Er trägt lediglich ein Handtuch, löst langsam die Überlappung, die es zusammenhält und blickt plötzlich auf. In meine Richtung. Nach oben. Ich schrecke ad hoc zurück, stolpere rückwärts über den Saum des Teppichs und verkleckere dabei die Hälfte meines Kaffees auf diesem und dem Parkett.

„Fuck“, rufe ich zum wiederholten Male an diesem Tag. Es wird immer besser. Liana wird mich umbringen, wenn ich ihr cleanes zu Hause einsaue. Ich schaue zu den Flecken, zur Küche und zurück durchs Fenster. Diesmal muss er mich gesehen haben. Ich fluche erneut, stelle die Tasse auf dem Tisch ab und eile in die Küche, um einen Lappen zu besorgen.

Meine Gedanken rasen, wechseln unkoordiniert zwischen geeigneten Methoden zur Reinigung und innerer Vorwürfe hin und her.

Er hat mich gesehen, ganz sicher.

Der Schwamm, den ich seit ein paar Tagen benutze, riecht bereits muffig. Daher suche ich einen neuen.

Ich muss unbedingt damit aufhören, in seine Wohnung zu starren wie ein hoffnungsloser Verrückter. Was, wenn Darian mich wirklich gesehen hat?

Wo finde ich einen neuen Schwamm?

Wenn ich ihn sehen kann, dann kann er mich auch sehen. Wie peinlich. Was ist nur los mit mir? Bewaffnet mit stattdessen mit einem Lappen, den ich unter der Spüle gefunden habe und einer Schüssel warmen Wasser kehre ich ins Wohnzimmer zurück. Ich versuche mein Bestes, aber die braunen Flecken verschwindet nicht.

„Natron“, fällt mir plötzlich wieder ein. Irgendwo habe ich gelesen, dass Natron bei derartigen Flecken helfen kann. Ich trolle zurück in die Küche, aber in dieser minimal funktionalen Einrichtung meiner Schwester ist an solche Lebensmittelgruppen nicht zu denken. Abgesehen von Salz und Pfeffer finde ich keine weiteren Gewürze. Auch keinen Zucker. Ich kann von Glück sagen, dass ich meinen Tee und Kaffee ohne jegliche Zusätze mag.
 

Das zaghafte Klopfen an der Tür lässt mich überrascht und gleichzeitig panisch aufschauen. Zunächst glaube ich, mich verhört zu haben, doch es klopft erneut. Diesmal lauter. Was passiert hier? Niemand weiß, dass ich hier bin.

Die Panik wird stärker. Ich rappele mich hoch und merke erst, als ich fast an der Tür bin, dass ich nichts weiter als Shorts und das knappe Shirt meiner Schwester trage. Es klopft abermals und ich bin hin- und hergerissen. Ein erstes Klingeln folgt. Ich schleiche zum Türspion und sehe zunächst nur ein breites Kreuz, da die Person mit dem Rücken zur Tür steht. Als er sich umdreht, erkenne ich Markes sofort. Ich weiche zurück.

„Mist“, stoße ich aus, impulsiver als beabsichtigt und damit wesentlich lauter.

„Gabriel, mach auf.“, folgt es prompt. Er hat mich gehört. Was will er hier?

„Wir kaufen nichts…Auf Wiedersehen.“ Ich gebe diesen dämlichen Spruch von mir und bin mir sicher, dass das die Strafe für den übermäßigen Alkoholkonsum des gestrigen Abends sein muss. Als ob die Kopfschmerzen nicht quälend genug sind.

„Gabriel, mach auf…sei nicht albern.“ Warum nicht? Für ihn bin ich doch der Clown des Jahrhunderts, was also, verbietet mir danach handeln? Markes klopft ein weiteres Mal. Missmutig öffne ich die Tür und sehe zu meinem ehemaligen Schulfreund und Partner, der mit in der Hüfte gestemmter Hand im Türrahmen lehnt. Er richtet sich erst auf, als ich die Tür ausreichend weit öffne.

„Lässt du mich rein?“

„Sag mir erst, was du hier willst“, antworte ich brummend und zeige ihm bewusst, dass seine Anwesenheit keine guten Gefühle in mir weckt. Vor allem nicht nach dem Telefonat vor einer Stunde und dem letzten Zusammentreffen.

„Du hast vorhin einfach aufgelegt“, gibt er als Erklärung von sich. Ich rühre mich nicht, stattdessen funkele ich ihn ungläubig an. Vorhin war das noch die beste Entscheidung des Tages, jetzt zweifele ich daran.

„Und das hieltest du für eine Einladung dafür, dass ich deine Visage lieber live und in Farbe sehen will? Ich glaube, ich war deutlich genug.“

„Wenn du mit ‚deutlich‘ ‚unnötig gemein‘ meinst, dann ja. Ich will nur reden. Bitte lass mich rein“, versucht er es erneut, hebt seine Augenbrauen an, um mich so eindringlicher anblicken zu können.

„Du hast doch alles, was du wolltest. Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?“, gebe ich resigniert von mir.

„Nein, kann ich nicht, weil du mir noch immer etwas bedeutest, auch wenn du es mir nicht glaubst.“

„Du kannst mich mal, Markes“, kontere ich darauf. Auch wenn ich klinge wie eine defekte Schallplatte. Ich mache auf dem Absatz kehrt und kehre in die Wohnung zurück. Die Tür lasse ich aber offen, sodass Markes eintreten kann. Da ich nur in Unterhose gekleidet bin, gehe ich schnell ins Schlafzimmer ziehe die Hose, die ich gestern in der Bar getragen habe, über. Sie riecht eindeutig nach dem Party-Etablissement, leicht nach Rauch und seltsam zuckrig. Doch das ist mir gerade herzlich egal. Ich habe keinen Nerv dafür, mich mit Markes auseinander zu setzen und will es einfach nur schnell hinter mich bringen.
 

Als ich ins Wohnzimmer zurückkehre, schaut Markes sich ungeniert um, lässt seine blaugrauen Iriden über die Einrichtung wandern. Er nimmt eine abstrakte Skulptur von ihrem Platz, dreht sie in seinen Händen umher.

„Ich glaube, eine Ähnliche steht bei uns im Büro. Nur größer“, kommentiert er, „Sie sind von irgendeinem bekannten Designer, oder?“ Die Skulptur ist von Alexander Heil und ich erinnere mich gut an den größeren Gegenpart, der im Foyer des Halsabschneiderunternehmens steht. Mich wundert nicht, dass Markes nichts darüber weiß. Kunst war für ihn stets nur nützliche Prestige. Nie mehr. Alles andere war ihm gleich und ist es noch, daher spare ich mir jeglichen Kommentar und verschränke die Arme vor der Brust. „Liana hat es wirklich nett hier. Wo ist sie?“, fragt er, stellt die Skulptur zurück und wandert weiter.

„Auf Geschäftsreise.“

„Wie praktisch.“ Markes Blick wandert zum Couchtisch, auf dem das unberührte Handy liegt und danach zu den Kaffeeflecken auf dem Teppich. Er runzelt die Stirn, hebt wertend die Augenbraue und ich räuspere mich. „Was willst du hier?“ Ich werde es so oft fragen, bis es ihm aus den Ohren hängt und ich endlich eine Antwort bekomme.

„Du willst es wirklich nicht benutzen?“, erkundigt er sich, statt die Frage zu beantworten. Er geht schnurstracks auf das Sofa zu und lässt sich schamlos darauf fallen, wie der Pascha, der er schon immer war. „Hast du Kaffee?“

„Hast du den Arsch offen?“, kontere ich nonchalant. Markes lacht auf, als wäre es nur ein Scherz. Ich meine es ernst. Er macht ebenso keinerlei Anstalten aufzustehen, sondern schlägt gelassen die Beine übereinander und sieht mich auffordernd an. Markes hatte schon immer das Talent, sich Dinge oder auch Situationen zu eigen zu machen. Und obwohl ich aktuell in der Wohnung leben, fühlt sie sich plötzlich wieder so fremd an wie am ersten Tag meines Ankommens. Markes jedoch fügt sich perfekt ein. Diesmal trägt er keinen Anzug, aber eine elegante Stoffhose und einen Pullover mit garantiertem Kaschmiranteil. Beides im selben tristen Farbensemble wie der Großteil dieser Wohnung. Moderner Style lässt manchmal Kunst vermissen, denn alles ist nur noch gradlinig, klar und minimalistisch. Ein Symptom ununterbrochener Raserei und Schnelllebigkeit. Effizienz und Praktikabilität. Niemand hat mehr Zeit. Niemand hört mehr zu. Es zählt nur noch Geld. Besonders für Markes.
 

„Also Kaffee?“ Markes lehnt sich zurück, breitet beide Arme über die Rückenlehne aus und sieht mich an. Kopfschüttelnd drehe ich ihm den Rücken zu und trotte in die Küche. Ich greife den Wasserkocher und hole als nächstes zwei Tassen aus dem Schrank. Obwohl ich mich nicht zu meinem Jugendfreund umdrehe, spüre ich seinen Blick auf mir. Es kostet mich alle Kraft, mich nicht zu ihm umzudrehen und ihn für dieses arrogante Gehabe anzuschreien. Stattdessen schaufele ich das lose Kaffeepulver in die Tasse und mache ihn extra stark, damit er sich den Magen verdirbt. Es ist kindisch, aber ich wusste mich noch nie vernünftig gegen Markes zu wehren.
 

Nachdem das Wasser kocht, drücke ich Markes die Tasse Kaffee in die Hand und bleibe mit verschränkten Armen vor der Couch stehen. Meinen eigenen habe ich zwar aufgegossen, aber nicht mitgebracht, da ich keine Lust auf einen lauschigen Kaffeeplausch habe. Ich ertrage es nicht. Ich will nicht mit ihm reden. Nicht mal hören, was er zu sagen hat. Seine Entschuldigungen haben keinen Wert. Nichts, was er sagen könnte, würde mich davon überzeugen, dass er auch nur einen Funken ernst meint.

„Du siehst müde aus", sagt Markes nach einem ersten Schluck. Er verzieht nicht das Gesicht, also wirkt es, als würde ihm die Stärke des Gebräus nichts ausmachen. Es ärgert mich, doch ich lasse es mir nicht anmerken. Sicher kommt das Sodbrennen später.

„Was willst du hier?", frage ich stattdessen zum wiederholten Male in den vergangenen Minuten.

„Darf ich, als dein Freun,-“, setzt er an und ich unterbreche ihn direkt.

„Bitte spar es dir. Wir sind keine Freunde mehr, damit das ein für alle Mal klar ist.“ Ich greife mir reflexartig an den Nasenrücken, streiche mit dem Zeigefinger ein paar Mal darüber. Mit einer schnellen Bewegung glätte ich meine Augenbrauen. Auf solche Spielchen habe ich einfach keine Lust mehr und der zurückkehrende Kopfschmerz unterstreicht meine Überzeugung doppelt.

„Gabriel,-“

„Nein, du hast das für uns entschieden, Markes. Nicht ich. Du hast deine Belange über meine gestellt, über unsere gemeinsamen. Du hast mich fallen gelassen und kannst jetzt unmöglich von mir erwarten, dass ich das weglächele und so weiter mache wie zuvor. Bitte, so dämlich kannst nicht mal du sein und glaub mir, dein Charme zieht bei mir schon lange nicht mehr.“ Markes seufzt und ich sehe, wie sich seine Körperhaltung deutlich verändert. Seine Schultern strecke sich und er atmet angestrengt ein, ehe er sich wieder vorbeugt und die Tasse auf dem Couchtisch abstellt.

„Du willst demnach nicht mal meine Entschuldigung hören?"

„Die ganz besonders nicht. Mir ist mittlerweile egal, wieso du hier bist, denn ich will nur noch, dass du gehst. Also bitte!“, fordere ich ihn auf. Seine Entschuldigungen sind nichts weiter als Passagen aus dem Lehrbuch für Marketing und Kommunikation. Kein ehrliches Wort ist darin zu finden.

„Seit wann bist du so bissig und uneinsichtig? Das bist doch nicht du, Gabriel“, merkt mein Jugendfreund an. An seinem Ton erkenne ich, dass ein Teil seiner zur Schau getragenen Selbstgefälligkeit wegbröckelt. Ich schnaufe nur als Antwort.

„Trink den Kaffee aus und geh einfach!“, verlange ich, klinge aber weniger fordernd als ich sollte. Ich höre die Resignation wie einen bemitleidenswerten Regenschauen über mir simmern, was auch Markes bemerkt. Gerade ist es mir egal, ich bin müde, habe Kopfweh, Fußweh und Idiotenweh. Ohne direkt zu antworten, nimmt Markes einen Schluck aus der Tasse. Wieder verzieht er keine Miene.

„Siehst du, das ist das Problem. Du bist einfach zu nett. Es wird immer jemanden geben, dem es ein Leichtes ist, dich zu übertölpeln. So wirst du niemals Erfolg haben.“

„So wie du? War es das, was du wolltest? Mir eine Lektion erteilen? Mission erfüllt. Vielen Dank, jetzt weiß ich Bescheid“, erwidere ich sarkastisch.

„Ich habe dir nie etwas Böses gewollt…“

„Sicher, deswegen ließest du mich offener Brust ins Messer laufen lassen!“, werfe ich ihm lautstark entgegen.

„Ich habe lange genug versucht, die Firma ins Lot zu bringen, aber irgendwann ging es nicht mehr und du hast einfach nicht zugehört. Dein Altruismus war das Messer, in das du dich freiwillig hineingestoßen hast.“

„Sicher, wenn es nach dir gegangen wäre, hätten wir Geldeintreiber, nein, besser noch Schläger, engagieren sollen, um die Rechnungsbeträge einzuholen. Bloß niemanden eine Chance geben.“

„Verdammt noch mal, Gabriel, wir leben in keiner Wünsch-dir-was-Welt. Das ist nun mal das Business. Niemand schenkt einem etwas. Niemand!“ Erneut hebt sich seine Stimme. „Egal, wie sehr man es sich wünscht. Du kannst eine Firma nicht wie ein Wohltätigkeitsevent führen, Gabriel. Ohne Geld und ohne zahlende Kunden bist du am Arsch. Und du bist zu nachsichtig, zu naiv und zu gutgläubig.“ Seine Worte ergießen sich wie brennende Lava über mir. Statt ihm zu antworten, tilge ich die Entfernung zwischen uns, greife die Tasse Kaffee, die er gerade wieder zur Hand genommen hat und entreiße sie ihm.

„Vielleicht hast du recht. Ich gehöre nicht in diese finanzorientierte und korrupte Welt. Ich weiß um meine Fehler, aber der größte war ohnehin, zu glauben, dass ich dir vertrauen kann“, entgegne ich ruhig, „Weißt du so im Nachgang ist mir vollkommen unklar, warum du damals überhaupt zugestimmt hast.“

„Weißt du das wirklich nicht?“, fragt er, klingt fast enttäuscht. Ich schüttele lediglich den Kopf und deute stattdessen zur Tür. Ich habe keine Antworten, auf nichts mehr. Markes richtet sich auf und seufzt. Auf meiner Höhe bleibt er stehen. Ich möchte den Rauswurf gerade verbal wiederholen, da bemerke ich, dass er in die Innentasche seiner Jacke greift. Er holt ein flaches Kästchen hervor und hält es mir hin.

„Nur damit du es weißt, ich war nicht hier, um zu streiten. Happy Birthday.“ Ein weiterer kalter Schauer, der mich trifft. Mein Geburtstag. Als ich nicht nach dem Päckchen greife, drückt er es mir in die freie Hand. Ich halte es ganz automatisch fest, damit es nicht fällt.

„Du warst und wirst mir niemals egal sein, Gabriel. Vielleicht verstehst du irgendwann, warum ich es tun musste.“ Ich schnaube nur. Als hätte er keine Wahl gehabt, doch wir haben immer eine Wahl.
 

Nach ein paar Sekunden höre ich, wie die Tür ins Schloss fällt. Ich starre auf das lächerlich hübsch verpackte Geschenk und wünschte, mir wäre vorher eingefallen, dass heute dieser Tag ist. Dann hätte ich niemals die Tür geöffnet oder das Bett verlassen. Die Verpackung selbst ist dunkelgrau, doch das glänzende Schleifenband ist in einem dunklen Violett gehalten. Ich kann das jetzt nicht und bin fast froh, dass ich bemerke, dass sich mein Telefon regt. Ich klaube es vom Boden auf und mir wird der Name meiner Ex-Frau angezeigt. Kann der Tag noch schlimmer werden? Seufzend gehe ich ran.

„Dir ist klar, dass das an Belästigung grenzt?“, sage ich ohne jegliche Begrüßung und schaffe genau das, was ich bezwecken wollte. Ich stoppe ihre angesetzte Tirade noch bevor sie meinen vollen Namen aussprechen kann. Es bleibt bei einem Gab, gefolgt von einem Schnaufen und meinem vollständigen Namen.

„Du übertreibst maßlos. Wieso bist du überhaupt so schlecht zu erreichen?“, meckert sie in bester Kira-Manier, als sie sich fasst. Mir fallen gleich duzende Gründe dafür ein, eine Handyabstinenz zu begründen. Einer davon trägt ihre vier Buchstaben und in der näheren Erklärung kommt ein Ex vor. Ich spreche es nicht laut aus.

„Du sprichst mit Markes über mich, Kira, das nehme ich dir übel“, konfrontiere ich sie.

„Ach komm schon. Er hat sich nach dir erkundigt, das ist alles. Er fragt immer nach dir, will wissen, ob es dir gut aus“, fährt sie fort.

„Und das fragt er ausgerechnet dich?“, spotte ich.

„Wen sollte er sonst fragen, du schottest dich ja von allen anderen ab. Na jedenfalls, habe ich ihm bei der Gelegenheit von dem Vorfall erzählt und dass dein Telefon kaputt gegangen ist. Er sagt, er kann dir ein gebrauchtes, kaum benutztes geben. Also, wieso nicht? Und ich wollte dir das bereits gestern Abend sagen, aber du gingst nicht ran.“ Mein Schädel dröhnt und ich habe nur noch das Bedürfnis, mich ins Bett zu werfen und mir die Bettdecke über den Kopf zu ziehen. Lasst mich alle in Ruhe.

„Hat er wirklich gesagt, es ist ein gebrauchtes? Das Scheißding ist neu. Er hat es extra gekauft, Kira! Er verhöhnt mich.“, erkundige ich mich ungläubig. Natürlich hat Markes es derartig ausgelegt. Ich blicke zu dem noch eingeschweißten und verpacktem Smartphone.

„Er will dir nur helfen, Gabriel. Du siehst ständig Angriffe, wo keine sind. Wieso regst du dich auf? Sieh es doch als Geburtstagsgeschenk, wenn du keine ‚Almosen‘ willst.“ Sie begreift es einfach nicht und ich bin es leid, mich dauernd vor ihr zu erklären. „Und apropos, Happy Birthday, mein lieber Exgatte.“ Ich beiße die Zähne zusammen, um mir das Seufzen zu verkneifen, welches mein internes Augenrollen verraten würde.

„Wo warst du gestern überhaupt?" Der Klang ihrer Stimme besteht plötzlich aus mehreren Zutaten. Neugier, Argwohn und einer ungewohnten Prise Interesse. Mal was Neues.

„Stell dir vor, ich führe ein eigenes Leben und ich warte nicht darauf, dass sich meine Exgattin meiner erbarmt“, weiche ich der Wahrheit aus, denn irgendwas in mir hindert mich daran, ihr einfach an den Kopf zu werfen, dass ich so etwas wie ein Date hatte. Vielleicht, weil es selbst noch nicht bei mir angekommen ist.

„Ich bitte dich. Fang jetzt nicht so an, du weißt, dass auch ich mir das mit uns nicht so vorgestellt habe. Ich wollte mit dir glücklich werden. Ich wollte es wirklich.“ Leider glaube ich ihr das und wir waren es auch. Nur nicht so lange, wie wir es uns gewünscht haben.

„Du rufst doch nicht nur wegen des Geburtstags an, also?“, fordere ich sie auf, ohne auf das vorangegangene Thema einzugehen. Ich höre, wie sie Luft aus der Nase ausstößt und wie ihre Fingernägel gegen die Rückseite ihres Handys treffen. Es klickt und klackt.

„Okay ja, um ehrlich zu sein, brauche ich deine Hilfe“, rückt Kira nun endlich mit der Sprache raus.

„Ach“, entflieht es mir.

„Hör erst zu, bevor du spottest.“ Ich schweige. Es dauert etwas, bis sie begreift, dass das das Zeichen ist, dass sie fortfahren kann. „Mein Vater setzt den Hammer an und sagte ich muss mit dem Schmuck endlich Nägel mit Köpfen machen, sonst soll ich es für immer vergessen.“ Die ganzen Handwerkermetaphern bringen mich fast zum Lachen. Kira wüsste nicht mal, wie man ein Hammer hält.

„Und?“, frage ich, als sie nicht fortfährt.

„Ich brauche einen richtigen Businessplan, eine Strategie und das alles. Damit ich ihn überzeugt bekomme.“

„Wieso fragst du nicht Markes?“, kommentiere ich prompt. Immerhin erzählt mir jeder, dass er es drauf hat und ich nicht. Er wäre demnach die weitaus bessere Wahl.

„Du weißt, wieso.“

„Ach ja?“, gebe ich schnippisch zurück.

„Ich würde dich bezahlen.“

„Kira“, stoße ich ihren Namen warnend aus. Sie bewegt sich auf gefährliches Terrain.

„Für deine fachliche Expertise. Bitte lass uns wenigstens einmal darüber sprechen. Wenn du danach nein sagst, frage ich nicht wieder.“ Es ist eine schlechte Idee und alles in mir sträubt sich dagegen. Sogar die oberste Schicht meiner Haut. Sie kratzt sich förmlich durch den Stoff meines T-Shirts.

„Hilfst du mir nun?“, bettelt sie ungeduldig. Ich stelle mir vor, wie sie sich auf der Lippe rum beißt und ihre künstlichen Nägel gegen das Telefon tippt. Es ist seltsam, mit einem Menschen derartig vertraut zu ein, all diese Eigenheiten zu kennen und doch zu wissen, dass es keine Bedeutung mehr hat. Ich blicke erneut zu dem quadratischen Geschenk.

„Gabriel, Gab, bitte“, bohrt Kira nach. Die Kurzform meines Namens sagt sie dabei mit einer Sanftheit, die ich ihr nicht mehr zugetraut habe. Ich werde schwach. Ich merke es, weil ich im Kopf bereits beginne, darüber nachzudenken, was ich für den Businessplan benötige.

„Bereite dich vor und ich will nicht ein Wort über deinen Vater oder Markes hören. Nicht ein Wort. Wir sprechen nur über den Businessplan. Verstanden?“

„Verstanden“, versichert sie mir. Ich werde es sowas von bereuen. Wir verabreden uns für morgen Vormittag. Sie möchte mir einen Teil der ersten Kollektion zeigen, damit ich mir ein Bild machen kann. Kiras Stimme ist die ganze Zeit über voller positiver Aufregung. Es ist lange her, dass ich sie derartig begeistert erlebt habe. Mit dem Versprechen, mich noch einmal bei ihr zu melden, lege ich auf. Ich schaue auf das Display und es werden mir mehrere Nachrichten angezeigt.
 

Nachdem ich mir den abgekühlten Kaffee aus der Küche geholt habe, ziehe ich einen der Kartons heran. Ich greife mir einen Schwung Papiere, verteile diese auf dem Tisch und beiße die Zähne zusammen, während mein Magen eine hohle Rolle vollführt. Ich kann das. Mein Elan hält sich natürlich in Grenzen und mein Kopf wiederholt in Dauerschleife, dass ich einfach zurück ins Bett gehen sollte. Der Tag ist ohnehin im Arsch. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass mein Geburtstag zur Fußnote einer ironischen Machtgebärde wird, die ich weder beeinflussen noch verhindern kann. Letztes Jahr war es nicht anders.

In mehreren Hinsichten hat Markes Recht. Ich war und bin naiv. Der Umgang mit dem Papierkram ist nicht das, was ich favorisiere. Damals nicht und auch heute nicht. Und ja, ich war zu nachsichtig, mit mir selbst, mit unseren Kunden und mit so ziemlich jedem, der in meinem Leben aufgetaucht ist. So bin ich nun mal. Ich bin, wie ich bin. Warum ist das mittlerweile für jeden ein Problem.

Mit einem schweren Seufzen blättere ich durch einen Satz Auftragsblätter, die zum größten Teil mit dem Vermerk ´Nicht bezahlt´ versehen sind. Ich habe dies bewusst ignoriert, weil ich auf Gedeih und Verderb weitermachen wollte. Es sollte einfach weiterlaufen. Ist das derartig verwerflich?

Zwischen den Unterlagen lugt ein zusammengefaltetes Blatt. Die Farbe des Papiers unterscheidet sich von den anderen. Es ist leicht vergilbt. Es ist älter. Auf der Oberfläche sind Risse und Falten zu erkennen. Es wurde zusammengeknittert und danach wieder entblättert. Ich ziehe es heraus. Die Worte darauf sind handgeschrieben. Krakelig und mit Tinte, die schon leicht verblasst. Es ist Markes Handschrift. Trotz der Jahre erkenne ich sie sofort.
 

~I held a Jewel in my fingers –

And went to sleep –

The day was warm, and winds were prosy –

I said "Twill keep" –
 

I woke – and chid my honest fingers,

The Gem was gone –

And now, an Amethyst remembrance

Is all I own ~
 

Das Gedicht von Emily Dickinson weckt die langvergessenen Erinnerungen einer gemeinsamen, glücklichen Schulzeit und es verursacht nichts als Schmerz in meiner Brust. Ich ziehe mir Markes Geschenk heran, starre auf das säuberlich gefaltete Geschenkpapier. Ich bin hin und hergerissen, will wissen, was drin ist und im selben Atemzug möchte ich nichts lieber, als es zu nehme und in die hinterste Ecke eines Schrankes zu verfrachten. Es nie wieder sehen müssen. Es einfach vergessen. Trotzdem löse ich die Überlappung an der Seite, sodass sich das Papier löst. Nach dem Öffnen halte ich ein samtenes, schwarzes Kästchen in der Hand. Darin befindet sich eine Krawatte in einem kühlen, lila Farbton. Sie hat ein dezent geprägtes Muster. Sie war eindeutig teuer und würde perfekt zu meinem anthrazitfarbenen Hemd passen, welches ich vor zwei Jahren von Markes geschenkt bekommen habe. Mein Herz macht einen Satz und ich spüre, wie sich langsam mein Hals zuschnürt. Das Atmen fällt mir schwer, als drücke mir die Krawatte die Vene zu. Ich lege das Geschenk zur Seite und springe auf. Ich brauche frische Luft. Schnell streife ich mir ein paar Socken über, die wie alles andere bereits getragen sind.
 

Mit Schlüssel und Jacke verlasse ich die Wohnung. Ich nehme bewusst die Treppe, atme auf jeder Zwischenebene tief ein und wieder aus. Etwa auf der Hälfte des Wegen nach unten fühle ich mich bereits leichter, spüre, wie sich meine Lunge füllt.

Im Foyer biege ich zu den Briefkästen ab. Ich finde mehrere Briefe für Liana. Werbeschreiben. Flyer. Darunter eine Unmenge an Angeboten von Lieferdiensten, die vermutlich einen Blick in Lianas Küche geworfen haben. Anscheinend wissen sie genau, dass die Klientel dieses Wohnhauses nie kocht oder womöglich gar nicht dazu in der Lage ist. Wirklich herausragend sind meine Kochkünste auch nicht, aber meine Nudelgerichte können überzeugen. Fast sofort beginnt mein Magen passend zu knurren. Der Geschmack goldgelber Pasta tanzt über meine Zunge und das Knurren wird noch etwas lauter. Ich schließe den Briefkasten, schiebe die Post in die Innentasche meiner Jacke und verlasse das Gebäude. Ich gehe zielstrebig zu dem kleinen Supermarkt um die Ecke und bleibe bei dem Regal mit der Pasta stehen. Ich würde sie gern selbst machen, aber der Aufwand ist hoch und ich brauche das anheimelnde Wohlfühlgefühl, welches mit dem Nudelgericht einhergeht, schneller. Ich habe immerhin Geburtstag und kann mir etwas gönnen. Ich greife mit einer Hand nach einer Packung Tagliatelle und mit der anderen nach der klassischen Penne.

„Wenn ich einen Vorschlag unterbreiten darf; nimm lieber die Rigatoni von dieser Firma, die sind fast wie selbstgemacht“, ertönt es hinter mir und zur gleichen Zeit taucht eine Packung besagter Rigatoni vor mir auf. Sie hat ein hübsches weinrotes Bändchen am Verschluss. Ich schaue zu der Person, die die Nudeln hält und erblicke Darian. Mein attraktiver Nachbar lächelt und das aggressive Beben in meiner Magengegend wird zu einem prickeligen Simmern.

Der merlotrote Schein der Neugier

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~Der merlotrote Schein der Neugier~


 

„Entschuldige, scheinbar habe ich dich aus einem tiefen Gedanken gerissen“, entgegnet Darian, mein Nachbar, mit einem entspannten Lachen. Er wirkt nicht unbedingt schuldbewusst, eher amüsiert, als er ebenfalls die Produkte im Regal betrachtet. Dafür empfinde ich ein unerwünschtes Beschämen, da ich auf ihn wirken muss, wie ein verschreckter Hase.

„Wenn du damit Unentschlossenheit und das Abwägen über Saucen-Varianten meinst… ja, verstörend tief“, witzele ich großspurig, dabei blieb mir von vornherein nur die Wahlmöglichkeit Alfredo. Ich nehme zwei Sauce zur Hand und wiegen sie in meinen Händen. Mehr zur Show als alles andere. Ich merke, wie mir die Schamesröte auf die Wangen kraucht, mich verrät und scheltet, wie sie sich lachend niederlässt. Vermutlich wird sie sich dort domestizieren und eine permanente Residenz ausrufen. Möge mich der Boden endlich verschlingen.

„Ich wäre immer für Spaghetti Aglio e Olio. Einfach und dennoch vollmundig. Aber eine andere Frage, was hältst du von Lasagne?“

„Lasagne?“, erkundige ich mich verwirrt. Da dieses Gericht eine Vielzahl an Zutaten benötigt, wäre sie aktuell keine kostgünstige Alternative für mich. Aber ich steh drauf. Wer nicht? Mein Nachbar deutet meine Frage als Missverstehen.

„Dieses fantastische, italienische Pastagericht, was von orangen Katzen geliebt wird.“ Mein attraktiver Nachbar entlockt mir damit ein Lachen. Leicht beschämt, aber eindeutig angetan.

„Von einer zu mindestens“, erwidere ich. Wieder weniger brillant. Ich denke, langsam hält er mich für einen Trottel. „Und ja, Lasagne ist auch sehr gut.“

„Sie wird im besten Fall in Gesellschaft genossen“, merkt Darian an. Er zeigt in seinen Korb, der mit den entsprechenden Zutaten für den italienischen Klassiker gefüllt ist und zwei Flaschen Rotwein. Ich begreife, dass es ist nicht nur ein lockeres Pläuschchen ist, sondern ferner eine Einladung. Als gleich frage ich mich, wen er vorher im Sinn hatte oder ob es wirklich reine Spontanität ist.

„Oh, nicht doch… das ist ausgesprochen freundlich, aber ich möchte mich nicht aufdrängen.“ Und noch weniger möchte ich weitere Diskussionen mit dem eifersüchtigen Spanier schüren, falls dieser mitbekommt, dass Darian mich zu sich einlädt.

„Wenn ich dich bitte, ist es keineswegs aufdringlich. Es bestätigt schlicht, dass es ein absolutes Muss ist, italienisches Essen in guter Gesellschaft zu genießen.“

„Ich könnte ein Serienkiller sein“, gebe ich zu bedenken. Ein Spanner bin ich allemal. Keine Ahnung, wo die Gedanken herkommen.

„Ich auch“, erwidert er schlicht, blickt mir tief in die Augen, „Vielleicht einigen wir uns darauf, dass wir es lieber zu einem Rosamunde Pilcher-Film machen, statt zu einem Tatort. Wie klingt das?“ Absurd. Es verschlägt mir nicht zum ersten Mal in den letzten Minuten kurz die Sprache. Also lache ich auf. „Gut, vielleicht überzeugt dich, dass ich ausgesprochen gern koche, aber am liebsten für Gäste. Ich esse ungern allein und du tätest mir einen überaus großen Gefallen.“ Darians beeindruckende Augen fixieren mich erneut und ich vergesse, gleichmäßig zu atmen. „Bitte leiste mir Gesellschaft.“ Das Lächeln, welches die Bitte abrundet, ist einnehmend, unwiderstehlich und ich merke, wie die Hitze von den Wangen meinen Hals hinabklettert. Ich kann es nicht ablehnen. Ist das ein schlechtes Zeichen? Meinem ohnehin pulsierenden Herzschlag wird ein weiterer Stoß versetzt, der das Tempo erhöht. Auch das Bild von ihm im Handtuch, welches uneingeladen durch meine Gedanken huscht, ist wenig hilfreich bei der Aufrechterhaltung meines Widerstandes. Ich halte es für keine gute Idee. Aber ich schlug bereits den Kaffee aus und die Privatführung durch das Atelier. Seine Einladung erneut abzulehnen wäre unhöflich, nicht wahr? Ich bin nicht unhöflich. War ich nie. Im Gegenteil, ich bin äußerst gehorsam. Noch dazu giere ich nach Abwechslung. Alles in mir schreit förmlich danach, nicht in Lianas triste Wohnung zurückkehren zu müssen, nicht an den Geburtstag denken zu müssen oder an die Menschen, die davon wissen.

„Okay, aber nur, wenn ich helfen darf und etwas beisteuern kann“, gebe ich als Kompromiss zum Besten. Ich bin nicht der beste Koch, aber durchaus fähig, wenn ich mich anstrenge.

„Klingt nach einem Deal.“, erwidert er mit warmen Vibrationen in der Stimme. Daraufhin lächelt er gelassen und seine Augen blitzen auf, als wäre er einem unausgesprochenen Ziel nähergekommen. Will ich darüber nachdenken? Besser nicht.
 

Statt meinen Frusteinkauf fortzusetzen, beschließen wir spontan, auch die Zutaten für ein Dessert einzusammeln, um das bevorstehende Mahl abzurunden. Es gehört sich einfach, das finden wir beide. Die Entscheidung fiel schnell und ohne Diskussionen. Pannacotta mit Himbeeren. Eine Nachspeise, die ich häufiger gemacht habe, als mein Eheleben noch existierte und das obwohl meine Ex-Frau sie nie besonders mochte. Kira wollte lieber Tiramisu. Ich wollte immer Frucht, obwohl auch ich ein kleiner Kaffeefanatiker bin, aber das Mascaponedessert ließ mich nie große Freude empfinden. Trotzdem gab ich in den meisten Fällen nach. Vielleicht steht dies sinnbildlich für eines der Hauptprobleme unserer Beziehung. Wir sind offenkundig sehr verschieden und ich konnte mich nie wahrhaftig gegen sie behaupten.

Darian hingegen ist sofort von meinem Vorschlag begeistert und das lässt mich beschämend fröhlich lächeln. Aber nicht nur das, es nimmt mir etwas der simmernden nervösen Energie, die ich entwickle, sobald er in meiner Nähe ist und macht einer unbändigen Neugier Platz. Ich möchte mehr über ihn erfahren, ihn kennenlernen.

Wir kehren gemeinsam ins Wohnquartier zurück und als wir den Weg zu seinem Wohnhaus einschlagen, spüre ich, wie mein Magen zu zwicken beginnt, wie es kribbelt und krabbelt, als hätte jemand eine Ameisenfarm darin zerbrochen.

‚Ich werde seine Wohnung sehen‘, schießt es mir durch den Kopf. Nicht mehr nur aus der Ferne, sondern in echt und real. Aus der Nähe! Meine Schritte stottern, aber zum Glück bemerkt es Darian nicht.

Im Haus gibt es keinen Pförtner. Kein übertriebenes Interieur. Kein überkandidelter Schnickschnack. Stattdessen sind die Briefkästen abgenutzt, haben Dellen und Schrammen. Bei einigen fehlt sogar die Einwurfklappe. Die notierten Nachnamen sind zum Teil unleserlich oder unvollständig. Nichts weiter als bleiche Schatten. Ich lasse meine Augen wandern über die Namen, doch ich weiß nicht, wonach ich suche, denn ich kenne Darians Nachname überhaupt nicht. Alles wirkt etwas verlebt und ich empfinde es als äußerst angenehm.

„Fahrstuhl oder Treppe?“, fragt der Künstler und reißt mich damit aus den Gedanken. Ich gebe mir die Blöße und offenbare meine Unsportlichkeit, gegen die ich eindeutig etwas tun muss. Morgen. Oder Übermorgen.

„In Anbetracht meiner eingebüßten Kondition tendiere ich zur Mechanik“, gestehe ich, deute auf den Fahrstuhl und sehe, wie mich der gutaussehende Künstler auffällig inspizierend mustert. Er spart sich jeden Kommentar und ich bin ihm dankbar dafür. Darian leitet uns zum Fahrstuhl. Die Tür öffnet sich mit einem schlierenden Geräusch und offenbart den Blick in das winzige Innere. Abrupt bereue ich meine aus Faulheit entstandene Entscheidung.

„Lass mich raten, deiner ist größer“, kommentiert er dicht an meinem Ohr und schaut in das Innere der Sardinenbüchse. Ich nicke, die unterschwellige Anspielung nicht aufgreifend. Auch wenn ich merke, wie sich meine Wangen erwärmen. „Dein Wohnhaus ist modernisiert, nicht wahr?“ Auch die Ergänzung macht es nicht besser. Noch dazu ist es nicht mein Wohnhaus, sondern einzig eine temporäre Unterkunft. Dennoch berichtige ich ihn nicht. Nicke stattdessen abermals. Mit dem Einkaufsbeutel und der Hand hält der Künstler die Tür auf, als sie sich aufgrund der Verzögerung zu schließen beginnt.

„Doch lieber die Treppe?“, fragt er hinter mir. Diesmal schüttele ich den Kopf und mache einen Schritt in den Fahrstuhl. Ich lehne mich mit dem Rücken an die rechte Seite, während sich Darian mir gegenüber platziert. Zwischen uns ist kaum mehr als eine Handbreit Platz und ich spüre den Blick des anderen Mannes auf mir, der mich keine Sekunde verlässt, während er mir erklärt, dass er seit fast sieben Jahren hier wohnt. Seither sei nichts an dem Haus gemacht worden. Es sind nur Sekunden und dennoch wird der Raum um uns herum schnell kleiner, weshalb ich sofort die holzige, maskuline Note seines Duftes wahrnehme. Er riecht fantastisch. Der Fahrstuhl setzt sich ruckartig in Bewegung. Mein Herz stolpert. Mein Puls steigt mit jedem Meter, den auch der Fahrstuhl zurücklegt. Er beginnt zu ruckeln, stoppt kurz auf halber Strecke. Ich suche Halt. Die Kabine sackt minimal ab, fährt aber weiter. Den geringen Abstand zwischen mir und Darian überwand ich unbewusst zwischen erstem und zweitem Rucken, als ich gierig nach die Haltestange griff, an der er lehnt. Mein Puls orchestriert ein lautes Kammerspiel, sodass ich die bezifferte Ansage der Etagen nur dumpf höre oder vielleicht sogar halluziniere. Bevor wir endgültig ankommen und sich die Tür öffnet, vollführt die Kabine einen weiteren Hüpfer. Ich steige fluchtartig aus, bringe etwas Entfernung zwischen mir und der Todesfalle. Aber auch zwischen mir und dem Künstler, der besorgniserregend angenehm durftet. Anregend gut. Darian folgt mir mit einem spielerischen, fast wissenden Grinsen und wirkt dabei unangemessen lässig. Frechheit. Ich hoffe inständig, dass er nicht weiß, woran ich in diesem Moment wirklich dachte.

„Du hättest mich warnen können“, entflieht es mir atemlos.

„Und das Schauspiel verpassen? Wo bleibt da der Spaß?“, kontert er amüsiert, „Du verstehst gewiss, weshalb die Meisten danach die Treppe bevorzugen.“ Ich frage mich unwillkürlich, wie oft er diese Scharade vorführt, verdränge den Gedanken aber schnell wieder.

„Nicht überraschend“, gestehe ich ohne weitere Umschweife. Ich versuche, die Hitze in meinem Gesicht unter Kontrolle zu bringen, presse meinen kühlen Handrücken gegen meine Wangen, während ich Darian zu seiner Wohnung folge. Als wir dort ankommen, blicke ich automatisch zum Klingelschild. ‚Weiß‘. Sein voller Name ist also Darian Weiß.

„Was wäre das Leben ohne ein paar Abenteuer, oder?“, kommentiert der Künstler lächelnd, öffnet die Tür. ‚Abenteuer‘, echot mir durch den Kopf. Bin ich wirklich dazu bereit?

Darian vollführt eine Geste der Einladung und ich betrete den Flur seiner Wohnung. Er nimmt mir gentlemanlike die Jacke ab, legt sie über einen Bügel und hängt diesen an eine schlichte Garderobenstange, die schräg zwischen den Wänden angebracht ist. Ein Blick nach unten macht mir bewusst, dass meine Garderobe eigentlich nicht für Besuche ausgelegt ist und hoffe inständig, dass ich keine auffälligen Flecken auf dem Shirt habe. Darian erlaubt mir, die Schuhe anzubehalten, doch ich streife sie von meinen Füßen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob meine Socken die gleiche Farbe haben. Dasselbe macht er mit seinen eigenen und natürlich fällt sein Blick auf meine Füße. Schwarz und dunkelgrau. Er entscheidet sich dazu, es nicht zu bemerken. Mit einem Lächeln führt er mich ins Wohnzimmer, ehe er sich an mir vorbeischiebt und direkt in die offene Küche weitergeht. Ich sehe ihm nach. Jetzt kann ich ihn unbeobachtet mustern und mache es ungeniert. Er trägt einen dunkelblauen Pullover mit beigefarbenem Saum, der sich an seinen trainierten schlanken Körper schmiegt wie eine zweite Haut.
 

Unbeholfen bleibe ich in der Wohnstube zurück, lasse meinen Blick schweifen und spüre eine seltsame Vertrautheit bei dem Anblick der Couch, der Kommode. Der Kissen, die über den Rand des Sofas hervorlugen. Von der erdrückenden Leere, die ich fühlte, als ich Lianas Wohnung betrat, ist nichts zu merken, denn mich umfängt Willkommensein. Fast automatisch wandert mein Blick durchs Fenster zu dem Wohnhaus in dem ich gerade hausiere. Auch von hier kann man in die gegenüberliegenden Wohnungen sehen, aber ich brauche etwas, bis ich meinen Ausgangspunkt gefunden habe. Er könnte mich nur sehen, wenn ich direkt an der Scheibe stehen. Was ich ab und an tue. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen.

„Darf ich dir zunächst etwas zu trinken anbieten? Ich habe so ein magisches Gerät, was dir einen leckeren Latte Macchiato zaubert oder einen perfekten Milchkaffee“, schlägt er vor und ich wende mich erschrocken vom Fenster ab. In meiner Brust wummert es aufgeregt. Er bleibt beim Übergang zur Küche stehen und lehnt sich leger an den Türrahmen.

„Ja, sehr gern. Vielen Dank. Americano oder Espresso, bitte.“ Der gutaussehende Künstler nickt, zögert kurz, ehe er in die Küche zurückkehrt, als wollte er noch etwas hinzufügen. Ich schlendere zu dem Bücherregal in einer vom Fenster abgewandten Ecke des Raumes. Dieses kann ich von den Fenstern aus nicht sehen. Neugierig lese ich die ersten Titel auf den Buchrücken. Es sind Lehrbücher zum Thema Perspektive und Sichtachsen. Acrylmalerei. Aquarell. Studien zur Anatomie. Sogar ein medizinisches Kompendium. Etliche Skizzenbücher, auf denen Jahreszahlen notiert sind und die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Diese interessieren mich am meisten, das sagt mir das auffällige Flattern in meiner Brust. Gleich darauf ziehe ich willkürlich eines hervor. Auf einer der vorderen Seiten ist ein Datum von vor drei Jahren notiert. Es beginnt mit Bleistiftzeichnung von Landschaften. Sie sind grob, fast etwas abstrakt, aber ich erkenne eine einnehmende Energie darin. Lebendigkeit und Schwung. Es folgen Studien von Körpern. Schwere Linien, kantig und doch liegt in ihnen eine einnehmende Spannung. Ich sehe die Bewegung wie kleine Filme in meinem Kopf. Ich ändere die Perspektive ein wenig, schaue flach auf die Zeichnungen und das Motiv ändert sich, die Ecken weichen auf und die lineare Härte wird zur schwungvollen Tiefe. Ich blättere noch etwas weiter und stelle es dann zurück ins Regal. Das typische Röcheln der Kaffeemaschine ertönt und ich nutze die Gelegenheit, um mich weiter umzusehen.
 

Auf der Kommode neben dem Bücherregal stehen kleine Keramikfigurinen und Fotos. Die abgelichteten Personen lächeln, grinsen oder mimen ernste Gesichter. Darunter sind einige Frauen verschiedenen Alters. Zwei ältere Herren und das Bild zwei kleiner Jungen. Vielleicht sechs und vier Jahre alt. Ich nehme es zur Hand. Trotz der Kindlichkeit lässt sich bei einem eine Ähnlichkeit zu Darian feststellen. Es sind die Augen. Ich lege das Bild zurück und sehe stattdessen ein Foto des quirligen Spaniers. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, was dieser zu meinem Besuch hier sagen würde. Er wäre sicherlich nicht erfreut über die Einladung.

„Rául ist verreist, wenn es das ist, worüber du dir Gedanken machst. Das ließ dich vorhin zögern, oder?“, fragt Darian weiter. Wenn es nur das wäre. Ich versuche zu lächeln, doch es fühlt sich mehr nach grimassieren an.

„Oh, ich… nein“, erwidere ich zaghaft, „Okay, ein bisschen. Ich verstehe kein spanisch und seine Tirade beim letzten Mal hat mich getroffen, obwohl ich nicht mal wusste, was er sagt.“ Ich stelle das Bild des Spaniers, welches ich doch zur Hand genommen habe, zurück. Mein Handy vibriert in der Hosentasche, doch ich ignoriere es für meinen eigenen Seelenfrieden. Der Künstler hält mir schmunzelnd einen Espresso in einer hübschen, hellgrünen Tasse samt Untersetzer hin. Ich nehme diese dankend entgegen. „Ich hatte das Gefühl, dass er mich nicht unbedingt leiden kann.“ Darian schnaubt amüsiert auf.

„Leider muss ich das bestätigen. Aber falls es dich beruhigt, so reagiert er auf alle attraktiven Menschen“, erklärt er mit lockerem Tonfall. Ich blicke auf die Crema des Espressos,- feinporig und goldbraun-, und der intensive Duft der Röstung steigt mir in die Nase. Ein angeregter Kitzel zieht sich über meinen Hals und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Darian kehrt in die Küche zurück, um seinen eigenen Kaffee zu holen.

„Das beruhigt mich nicht wirklich“, äußere ich, murmele es mehr zu mir selbst als alles andere und koste einen Schluck des Espressos. Er ist fantastisch. Himmlisch. Perfekt. Vollmundig und kein bisschen bitter. Wie eine gute Tasse sein sollte. Ich nehme einen weiteren Schluck und brumme glücklich. Der erste Augenblick des Tages, an dem ich nicht bereue, aufgestanden zu sein.

„Gut? Ich hätte dich eher für einen Süßen gehalten“, erkundigt er sich, steht auffällig dicht hinter mir, so nah, dass sein Atem über meine Ohrmuschel streicht. Ich spüre auch die Wärme, die von seinem Körper aus geht und die sich langsam auf meinen überträgt. Ich schlucke erst den Kaffee und danach den übergroßen Knoten runter. Darians blaue Augen wandern mein Gesicht ab und das Lächeln zeigt Zufriedenheit. „Was meinst du, womit sollen wir beginnen?“ ‚Beginnen‘, echot durch meinen Kopf und ich brauche einen Moment, bis ich verstehe, worauf er hinauswill und dass es nicht das ist, was ich zugegebenermaßen als erstes ersann.

„Ich denke, die Pannacotta muss etwas länger kalt stehen, bevor wir sie essen können“, formuliere ich zu meiner eigenen Überraschung diesen vollständigen und sinnigen Satz. „Ich habe nichts dagegen, mit dem Dessert zu beginnen.“ Darian zwinkert und grinst. Es entstehen kleine Grübchen auf seinen Wangen. Um zu verhindern, dass ich Unsinn von mir gebe, nippe ich erneut am vorzüglichen Kaffee und lasse mir das Röstaroma auf der Zunge zergehen. Erst nach einem mal Tiefdurchatmen folge ich ihm in die offene Küche. Mein Herz pocht geräuschvoll und heftig in meinem ganzen Leib.
 

Die L-förmige Küchenzeile mit den quietschgrünen Türen ist aufgeräumt, aber sichtbar verlebt. Die robuste Holzarbeitsplatte ist übersäht von Spuren leidenschaftlicher Kocherei, inbrünstiger Schnitte und leichter Verfärbungen und das passt in das Bild, welches mir die Beobachtungen vermittelt haben. Ich bin fast etwas neidisch, denn sie zeigen ein buntes Leben. Ich streiche mit dem Zeigefinger über einen der tieferen Einkerbungen.

„Ich brauche eine neue Arbeitsplatte.“ Wieder taucht Darian hinter mir auf, greift an mir vorbei und öffnet den Hängeschrank. Er zieht mich leicht zurück, sodass ich die nach oben zu öffnende Schranktür nicht gegen den Kopf bekomme. Seine Hand bleibt an meiner Hüfte liegen, während er zwei Metallschüsseln herausnimmt und sie vor mir abstellt. „Was brauchst du noch? Quirl? Schneebesen? Ich habe noch eine Vanilleschote, die wir hineintun könnten.“ Seine spürbare Nähe hinterlässt meinen Kopf für einen Augenblick vollkommen blank. Doch danach setzen prompt die Bilder ein, die ich bei meinen Spannersitzungen aufgesogen habe. Seine Trainingseinheiten. Der Abend mit den beiden Frauen. Rául. Ich halte unabsichtlich die Luft an, während meine Gedanken die Erinnerungen abkreiseln wie ein emotionaler Tornado. Mir wird stetig wärmer, mein Gehirn dagegen langsamer und die Haut in meinem Nacken schwitzt. Es könnte kaum offensichtlicher sein, wie nervös ich bin und wie überfordert.

„Gabriel?“

„Hu? Oh, Topf. Einen Topf, bitte“, presse ich hervor, klinge erschreckend atemlos, „Und ein Glas. Bitte.“ Ich deute ihm zusätzlich die ungefähre Größe des Glases an, welches ich benötig, um darin die Gelatine einzuweichen. Darian nickt bestätigend und verkneift sich zum Glück einen Kommentar zu meinem beschämenden Gestammel. Beides stellt er mit einem Lächeln vor mir ab und widmet sich den Karotten. Er beginnt sie zu schälen, mit schnellen präzisen Bewegungen. Ich würde bereits jetzt die Küche einsauen, denn bei mir fliegen jedes Mal die abgeriebenen Streifen durch die Gegend.

„Machst du das öfter?“, frage ich und fülle das Glas mit kaltem Wasser, um darin die Blattgelatine einzuweichen.

„Kochen? Möhren schälen? Kommt vor, ja.“ Amüsiert und locker.

„Nein, ich meine Kochen mit Fremden.“

„Fremde?“ Er klingt beinahe empört, als er meine Beschreibung wiederholt. „Sind wir das?“

„Sind wir es nicht?“, kontere ich.

„Ich finde, Fremd ist das falsche Wort.“

„Ach ja?“

„Du bist Kunstliebhaber. Ich weiß, wie du deinen Kaffee trinkst. Was brauche ich mehr?“, erklärt er in dieser charmanten Art und Weise, die er von Natur aus verströmt oder zu mindestens bestens trainiert hat. Ich kann froh sein, dass er meine Ex-Frau nicht mit auf die Liste gesetzt hat. Ich öffne die Sahnebecher und gebe sie in den Topf.

„Aber ich weiß kaum etwas über dich“, merke ich an, sehe, wie Darian nickt.

„Was möchtest du wissen? Wir habe jetzt ausreichend Zeit, um uns besser kennenzulernen.“ Er schiebt mir die Vanilleschote auf einem Brettchen zu sowie ein kleines Gemüsemesser. Sein Blick ist auffordernd, offen und ich bin mir sicher, dass er mir alles wahrheitsgemäß beantworten wird. Es ist seltsam.

„Ist Rául dein Lebensgefährte?“, frage ich direkt, weil es das ist, was mir die ganze Zeit auf der Zunge liegt. Darian hält tatsächlich in seiner Bewegung inne. Aber nur kurz. Ich setze das Messer an und halbiere die Vanilleschote.

„Sowas in der Art“, beginnt er, ohne auszuweichen, „Wir haben ein gewisses Arrangement. Dazu musst du wissen, dass er etwa die Hälfte des Jahres in Spanien lebt und ich bin hier.“

„Klingt schwierig“, merke ich an und beginne, das Mark der Schote auszukratzen und in die Sahne zu geben. Darian schiebt mir den Zucker zu, der in einer hübsch bemalten Dose steckt.

„Mag vielleicht sein, aber im Grunde ist es ganz einfach. Unsere Beziehung ist offener Natur. Wir verbringen die Zeit miteinander, die wir haben. Wenn er hier ist, sind wir zusammen, wenn ich dort bin, auch. In der restlichen Zeit steht es uns frei, auch andere kennenzulernen.“ Ob der aufgeregte Spanier wirklich damit einverstanden ist? Ich wage es nach dem letzten Auftritt zu bezweifeln. Ich gebe ein paar Löffel Zucker zur Sahne und versuche ihn in der Flüssigkeit aufzulösen, während Darian beginnt, das Gemüse zu schneiden. „Du kannst dich also entspannen.“

„Ich bin entspannt!“, entgegne ich ad hoc, leider zu enthusiastisch, sodass es unglaubwürdig klingt. Ich bin es nicht. Darian lacht auf. Der Künstler legt das Messer behutsam zur Seite und deutet auf meine Schultern, die auffällig schweben und bald Bekanntschaft mit meinen Ohren machen. Folglich straffe ich sie, sodass sie nach unten wandern. Auch wenn es längst zu spät ist. Er verschränkt locker die Arme vor der Brust.

„Ist es meine Schuld?“

„Ja“, stoße ich unbeabsichtigt schnell aus, unbedacht, wie das für den Künstler klingt. „Entschuldige, es ist nicht so gemeint, wie es gerade rüberkam“, versichere ich ihm gleich darauf und rühre energisch in der Sahne, damit sie nicht anbrennt.

„Schon gut“, versichert er mir. Doch ich habe das dringende Bedürfnis, mich zu erklären.

„In der letzten Zeit lief es nicht sonderlich gut bei mir. Und du bringst mich zusätzlich durcheinander, denn ich weiß nicht, ob du nur nett und nachbarschaftlich bist oder ob …“

„Ich dich verführen will?“, beendet er meinen Satz im amüsierten Tonfall. Ich blicke verdattert auf und merke, wie die Scham meinen Hals hinabrinnt wie flüssige Butter.

„Ich wollte Anflirten sagen, aber ja, das.“ Egal, wie wir es formulieren, es kommt im Grund auf das gleiche hinaus.

„Ist es dir unangenehm, dass ich das wollen könnte? Denn ich flirte eindeutig mit dir und ich hatte bisher das Gefühl, es sei willkommen.“ Ich lache erneut verdutzt auf, als er es unverblümt bestätigt und weiche schnell seinem Blick aus, um mich nicht zu verraten. In meinem Magen ist prompt eine Welle kleiner Ameisen unterwegs und die Worte in meinem Kopf ergeben plötzlich keinen Sinn mehr. „Irre ich mich?“, fragt er und ich weiß nicht, was ich antworten soll. Zum Glück bildet die Sahne endlich Schaum und beginnt zu simmern. Ich richte meine Konzentration darauf und nutze die Gelegenheit, um meine Gedanken zu sortieren. Zu mindestens versuche ich es, wenn auch mit geringfügigem Erfolg. Ich nehme den Topf vom Herd und ziehe das Glas mit der eingeweichten Gelatine heran. Mit Zeigefinger und Daumen greife ich die glibberigen, durchsichtigen Blätter und lasse sie über der Spüle kurz abtropfen, ehe ich sie in den Topf geben und sie langsam darin auflöse. Darian schiebt mir zwei Dessertgläser zu, in die ich die flüssige Masse einfülle. Danach verfrachtet er sie in den Kühlschrank. Als nächstes räume ich die verwendeten Utensilien in die Spüle und als ich mich umdrehe, steht Darian direkt neben mir, sodass ich fast gegen ihn pralle.

„Huh! Entschuldige“, entflieht es mir erschrocken. Darian stellt sicher, dass ich nicht das Gleichgewicht verliere, indem er mich an die Arbeitsplatte schiebt und mich zwischen seinen Armen platziert. Er berührt mich nicht. Aber er ist mir sehr nah. Er riecht fantastisch. Meine Atmung wird schwer, während der blutpumpende Muskel an Fahrt aufnimmt. Darians ausdruckstarke Augen wandern mein Gesicht ab, verweilen an meinen Lippen, ehe er mich direkt anschaut und mich dabei ertappt, dass ich mit einem flackenden Blick dasselbe tue. Meine Antwort. Er irrt sich nicht. Ich spüre die Anziehung zwischen uns beide seit dem ersten Moment. Seit dem ersten Augenblick, selbst als noch Etagen und Treppen und eine Straße zwischen uns lag. Ich weiß nur nicht, wie ich damit umgehen soll.

„Ich bin mir sicher, wir würden viel Spaß zusammen haben.“

„Bestimmt…“, erwidere ich atemlos, dennoch hastig und sehe, wie er verschmitzt grinst.

„Aber?“ Das ist der Moment, in dem ich seinen Avancen einen Riegel vorschieben könnte, es beenden, hier und jetzt. Wieder huscht mein suchender Blick zu seinen Lippen, verrät jeden meiner wirren Gedanken, denn gerade würde ich nichts lieber tun, als alle Zurückhaltungen fallenzulassen. Ob sich seine Lippen so gut anfühlen, wie sie aussehen? Ob die leichten Barstoppeln kitzeln? Die Fantasien laufen aus dem Ruder, als mir die Frage durch den Kopf schießt, wie sie sich wohl an meinem Schwanz anfühlen.

„Das Essen“, presse ich hervor, räuspere mich, während sich Darian aufrichtet und ich mich zur Seite drehe. Um mich abzulenken, greife ich nach der eigentlich leeren Espressotasse, nippe den letzten Tropfen. Meine Zunge sucht gierig danach, prickelt, als die Bitterstoffe über meine Geschmacksknospen tanzen. Darian beobachtet meinen peinlichen Tanz, doch statt mich mit Belustigung zu strafen, vernehme ich ein herausgefordertes Feixen, als würde er nur darauf warten, dass mich die Einsicht trifft. Sie malt sich bereits als Outline zwischen uns. Sichtbar für ihn und mich. Greifbar.

„Wie lief es noch mit der Ausstellung?“, frage ich, kehre auf sichere Wasser zurück, nachdem mich der Ausflug auf den tosenden Ozean schlichtweg überforderte. Auch er scheint es zu bemerken, denn er schiebt mir mit einem Lächeln ein sauberes Gemüsemesser und ein Brettchen zu. Ein Stück Sellerie landet in meinem Blickfeld und ich stelle die Tasse zur Seite.
 

Darian berichtet mir von dem Rest der Ausstellungseröffnung und dass sie viele positive Stimmen einholen konnten. Sogar Begeisterung. Gute Kritiken sind das Ah und Oh. Ich freue mich mit ihm, schiele dabei von Zeit zu Zeit zu Darian, der mit erstaunlicher Präzision die Möhren in winzige Würfel schneidet, sich danach den Zwiebeln widmet. Obwohl ich nur neben ihm stehe, bemerke ich, wie meine Augen zu zwicken beginnen. Ich schniefe leicht. Darian lacht. Wir schnippeln gemeinsam alle Zutaten in die korrekte Form, braten und rühren die benötigte Bolognese zusammen. Es riecht fantastisch. Würzig. Tomatig. Genauso, wie es riechen muss.

Ich habe keine Idee, wie er es getan hat, aber Darian hat es geschafft, während ich die Bolognese hin und her bewegte, eine Béchamel anzurühren. Dass er geübt ist, zeigt sich auch in der Zügigkeit des Schichtens. Sauce. Nudeln. Béchamel. Wieder von vorn. Zu meiner Freude kommentiert er jeden Schritt mit nützlichen Tipps. Ich bin ehrlich beeindruckt und sage es ihm auch.

„Lasagne machst du öfter, oder?“

„Sagen wir so, es ist nicht das erste Mal. Ich habe eine gute Bekannte. Sie ist Chefköchin in einem ausgezeichneten Restaurant und wenn es ihr Business zulässt, dann lädt sie ab und an einige Freunde zum gemeinsamen Kochen ein. Lasagne war eines der Wunschrezepte“, erzählt der Künstler beim Schließen des Ofens. Darian stellt eine Eieruhr auf 30 Minuten und greift nach einer der Weinflaschen.

„Öffnen wir die Flasche Wein, während wir warten?“, fragt er. Ich nicke prompt, wünschte aber mein Vernunftbewusstsein wäre lauter, bestimmter. Meine einstige Trinkfestigkeit hat gelitten, nicht nur wegen des gestrigen Abends und trotzdem lehne ich nicht ab, obwohl ich es besser sollte. Der Restalkohol simmert noch in meinem System, aber auch das ist nicht laut genug. Ich lege die Utensilien in die Spüle und sehe mich nach einem Schwamm um, doch Darian scheucht mich ins Wohnzimmer. Ich gehorche.
 

Das beige Sofa fängt meinen Blick ein, darauf liegen die bunten Kissen, die mir so seltsam vertraut erscheinen. Hier und jetzt erkenne ich sogar, dass sie auch aus verschiedenen Stoffen bestehen. Auf dem Couchtisch liegt eine angebrochene Packung Lakritze, die mich die Stirn runzeln lässt. Nicht mein Fall, aber wer es mag. Ehe ich mich setze, kehre ich zum Bücherregal zurück und beuge mich zu dem Fach mit den Skizzenbüchern. Ich nehme wahllos zwei aus verschiedenen Jahren und mache es mir auf der Couch gemütlich. Jedoch nicht, ohne daran zu denken, wie er sich hier mit Rául vergnügt hat. Ich sitze fast an genau der gleichen Stelle. Unbewusst schweift mein Blick über den Stoff rüber zum Schlafzimmer. Die Tür in den Nebenraum ist nur angelehnt. Es ist nichts zu erkennen und doch weiß ich, dass an der Wand gegenüber der Tür das Bett steht, dass von dort das Badezimmer abgeht, aus dem er schon ein paar Mal nass und nur mit Handtuch rauskam.

„Und, etwas Interessantes entdeckt?“ Ertappt zucke ich zusammen. Mir rutscht eines der Skizzenbücher vom Schoß und es fällt zu Boden.

„Deine Skizzenbücher…“, gestehe ich, „Die… die haben es mir angetan.“ Ich lehne mich schnell vor, um das runtergefallene Buch aufzuheben, rieche dabei die Lakritze und bekomme Gänsehaut. Darian stellt die Gläser auf dem Tisch ab, fällt neben mir auf die Couch, lehnt sich seitlich an und zieht sein Bein hoch. Die Stoffhose spannt sich in seinem Schritt, während der Pullover an seiner Hüfte etwas nach oben rutscht. Er sieht selbst zum Schlafzimmer, also hat er meinen Blick bemerkt. Danach nimmt er das Skizzenbuch vom Tisch, um es aufzuschlagen. Die Seite, die er aufschlägt, gibt Akte preis. Groß gezeichnete Körper in verschiedenen Posen. Männer. Frauen. Jedes Alter.

„Ich kann mit Stolz behaupten, dass ich mittlerweile besser bin. Wobei menschliche Körper seit jeher nicht zu meinen Lieblingsmotiven gehören“, gesteht er und nimmt die Flasche Wein vom Tisch, ehe er fortfährt, „Während des Studiums habe ich viel Akt gezeichnet, weil es erstaunlich leicht war, jemanden zu finden, der sich ausgezogen hat.“ Glaub ich sofort. Die Flasche öffnet sich mit einem Plopp, als er gekonnt den Korken herauslöst.

„Ist das so?“, kommentiere ich amüsiert und brauche keine Phantasie, um es mir vorzustellen. Studenten sind gern mal hemmungslos und viele nutzen jede Gelegenheit, um etwas Geld zu verdienen. Darians Lachen ist wohlklingend. Leicht herb. Es färbt die Atmosphäre des Raums in einen warmen Schein.

„Mittlerweile ist es schwerer und ich habe auch einen höheren Anspruch“, sagt er und schiebt mir ein Glas Wein zu.

„Und was inspiriert dich noch außer nackter Haut?“, erfrage ich, blättere auf die nächste Seite.

„Begegnungen“, antwortet der Künstler, „So, wie diese.“ Ich blicke auf, sehe, wie er es sich gemütlicher macht. Ich spüre die Aufregung in meinen Venen simmern und in meinen Adern pulsieren. Darian hingegen ist entspannt und ganz in seinem Element. Ich beneide ihn dafür und versuche mich von der lockeren Stimmung anzustecken.

„Und du, was hast du studiert? Kunstgeschichte? Irgendwas anderes mit künstlerischem Auge?“, fragt er und schwingt den Inhalt seines Glases in sanften Kreisen, bevor er einen Schluck auf der Zunge zergehen lässt.

„Nein, ich komme ganz langweilig aus dem Eventmanagement. Nicht unbedingt spannend, aber ich war schon immer mehr der Genießer als der Produzent von Kunst, daher war das naheliegender“, gebe ich Preis, „Wie sagt man so schön, ich habe zwei linke Hände, aber ich weiß zu huldigen, was andere Erschaffen können.“ Ich greife ebenfalls nach dem Weinglas und nehme, ohne zuvor daran zu schnuppern, einen größeren Schluck. Die fruchtige Note flattert über meine Zunge und gibt am Gaumen eine feine Herbe preis. Er ist ein wenig zu trocken für meinen Geschmack, aber es wird verhindern, dass ich ihn zu schnell trinke, damit ist es von Vorteil. Nun stelle ich meine Fragen.

Wir sprechen etwas länger über unser Studium. Darian war an einer privaten Kunsthochschule, die er dank eines Stipendiums besuchen konnte. Der Enthusiasmus und die Liebe zur Kunst dringen aus jeder Pore, als er mir von seinem studentischen Leidensweg berichtet. Doch wenn man lächelt, während man von all den Anstrengungen erzählt, dann weiß man, dass es Liebe sein muss. Er wirkte bei verschiedenen Ausstellungen mit, vor und hinter den Kulissen. Wir haben eine gemeinsame Bekannte. Er erwähnt ihren Namen, aber ich gehe nicht weiter darauf ein.

„Hast du deine alten Arbeiten noch?“, erkundige ich mich interessiert. Ich würde sie gern sehen. Alles von ihm. Der gutaussehende Mann mustert mich einnehmend und gönnt sich einen Schluck Wein, ehe er nickt.

„Einige. Wir haben im Atelier einen Lagerbereich und ich habe auch ein Kellerabteil, dem ich aber nur bedingt traue. Du hast ja unseren Fahrstuhl gesehen“, sagt er mit einem Zwinkern.

„Oh ja. Welche Stilrichtung präferierst du? Eure Ausstellung ist ja themenspezifisch und ich kann mir vorstellen, dass bewusst darauf geachtet wurde, dass ihr verschiedene Stilrichtungen und Medien abbildet, um eine vollumfängliche Repräsentation zu erhalten“, frage ich direkt hinterher. Zudem unterscheiden sich die Werke aus der Ausstellungseröffnung vollkommen von den Skizzen und Akten aus den Büchern. Darian zieht scharf die Luft ein und beißt sich auf die Unterlippe, während er sich an die Brust fasst.

„Ow, meine Managerin würde dich lieben“, erklärt Darian, „Weißt du was? Ich sollte sie dir vorstellen.“ Ich lächele verlegen, lege dabei den Kopf schief und fühle mich so oft, wie schon lange nicht mehr, der Sprache unfähig. Stattdessen räuspere ich mich, nehme das Skizzenbuch erneut zur Hand, aber bevor ich es öffnen kann, nimmt es mir Darian ab.

„Ein Geben und Nehmen. Du bist dran, Gabriel! Erzähl mir mehr von dir.“ Die Art, wie er meinen Namen sagt, lässt mich erschaudern. Auf die gute Weise. Ich kann es nicht besser beschreiben, weiß nicht, was es genau ist, was meine Nervenenden tingeln lässt. Es ist einfach so. Möglicherweise ist es das feine Brummen, wenn er das R rollt oder das leicht gezogene L, welches durch diesen Kniff pure Sinnlichkeit erhält. Ich empfand meinen altbackenden Namen noch nie wohlklingender, noch nie besser. Es ist beinahe armselig, wie heftig die Gänsehaut ist, die sich über meine Glieder arbeitet. Wie auffällig mein Atem stockt, als ich in der Erinnerung schwelge und den Klang auf meiner Zunge schmecke. Mit einem wissenden Lächeln streicht der Künstler sich eine perfekt liegende Strähne zurück, denn er weiß ganz genau, was er hier macht. Er ist der Flirt in Reinform, die Versuchung und ja, ich merke immer mehr, wie sehr es mich reizt, dem nachzugeben. Denn ich vermisse es. Ich sehne mich nach dem Gefühl gewollt, begehrt und geliebt zu werden. Leidenschaft zu spüren, wie sie meinen Körper in erregendes Feuer entflammt, wie sie mich mitreißt. Ich bin durstig. In allen Belangen. Gierig nehme ich einen weiteren Schluck des Weins und lecke mir wortesuchend über die Lippen.

„Da gibt es nicht viel zu wissen. Ich bin nur ein Kunstenthusiast, der den Aufguss koffeinhaltiger Bohnen mag“, sage ich letztendlich, lasse meine Wünsche und Sehnsüchte tief vergraben, auch wenn ich in seinem Blick sehe, wie er sie sucht. Darian will keinen Lebenslauf, er will meine Geheimnisse.

„Ach komm, da ist gewiss mehr. Du verkaufst dich unter Wert. Also, wer bist du?"

Ich?

Wer ich bin?

Wenn ich das wüsste.

Der Blick ins rosarote Glas

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~Der Blick ins rosarote Glas ~


 

Wer bin ich? Die Frage pendelt durch meinen Kopf wie ein Gummiball auf Speed. Und doch habe ich keine Antwort darauf. Auch nicht nach gefühlten Minuten, die in Wahrheit nur Sekunden sind, steht keine Lösung parat. Auch die offensichtlichen Dinge wollen mir einfach nicht über die Lippen kommen, egal, wie sehr Darians Augen danach bitten. Fakten, wie die mittelmäßige Leistung im Betreiben von Chaosmanagement, die ich nach den gehäuften Katastrophen erlangt habe und mir zu mindestens dazu verholfen hat, zu überleben. Oder die Tatsache, dass ich ein geschickter Prokrastinator bin im Fach Lebensprozessgestaltung. Umschreiben könnte man es auch als duldsam. Ich bin Minimalist in allen Lebensbereichen, wenn man nicht genauer betrachtet, dass mir nichts anderes übrigbleibt und mein irdischer Besitz zwangsweise in einen Koffer passt.

„Ich weiß es nicht“, gestehe ich meine offenkundige Identitätskrise ein, klinge schwermütiger als ein ungewollter Welpe und weiche aus Scham seinem Blick aus. Um ganz ehrlich zu sein, ist das Einzige, was ich aktuell vorweisen kann, dass ich existiere. Und das ist nicht mal meine eigene Leistung. Der Künstler mustert mich eingehend und ich spüre, wie meine Körpertemperatur unter seinem Blick langsam aber stetig steigt. Wohlgemerkt aus vielerlei Gründen und Erregung ist das geringste Problem davon.

Bevor ich mich noch lächerlicher mache, ertönt der Alarm für die Lasagne. Von einem Nudelgericht gerettet. Eine neue Anekdote, die niemals erzählt werden wird.

„Merk dir, was du sagen wolltest. Ich bin gleich wieder da.“ Irgendwie erbauend, dass er glaubte, ich würde noch etwas Anständiges hervorbringen. Als der Künstler in der Küche verschwindet, kippe ich leicht zur Seite. Ich lausche, höre dabei zu, wie er den Kühlschrank und den Ofen öffnet, vernehme das Rattern des Rostes.

Es ist nichtsdestotrotz surreal, hier zu sein. Gleich ein Essen zu kriegen von einem Mann, den ich kaum kenne und freimütig äußert, dass er mich auf diese gewisse Weise kennenlernen will. Was denke ich mir nur dabei?

„Viel oder wenig?“ Seine plötzliche Frage überrascht mich.

„Was? Entschuldige“, entflieht es mir prompt. Ich schmule über die Lehne hinüber und sehe Darian im Übergang stehen. Er lehnt am Rahmen und schmunzelt. Ich habe wohl die vorangegangene Frage nicht mitbekommen. „Käse. Ich habe dich gefragt wie viel Käse du möchtest. Du magst doch Käse, oder?“, erläutert er amüsiert.

„Oh ja, und je mehr desto besser.“ Alles wird besser mit Käse. Das hat bereits meine Großmutter gesagt.

„Wahre Worte. Du gefällst mir immer besser“, erwidert er schamlos und verschwindet zurück zur Auflaufform. Die Röte auf meinen Wangen flammt heftiger auf und ich rutsche wieder etwas tiefer, drücke mein Gesicht in den Stoff der Couch. Herrje. Obwohl meine Gedanken vor Scham rasen, grinse ich dümmlich. Wie ein verdammter Schuljunge.

Um mich zu sammeln, schließe ich die Augen, richte mich wieder auf und lege meinen Kopf auf der Rückenlehne ab. Mein Magen ist flau. Ob vor Hunger oder Nervosität kann ich nicht bestimmen. Wahrscheinlich beides. Mittlerweile breitet sich der Duft von Tomaten und Gewürzen in der Wohnung aus. Oregano. Thymian. Ein Bukett an Aromen. Vollmundig. Satt. Ich atme tief ein. Ich merke, wie mir bei dem Gedanken daran das Wasser im Mund zusammenläuft und mein Magen leise rumort. Diesmal wirklich aus Hunger. Ich freue mich sehr auf die Lasagne, ist sie doch die erste vollwertige warme Mahlzeit seit Tagen. Und noch dazu erquickt mich die Gesellschaft. Der Tag wendet sich doch noch zum Guten. Vielleicht überstehe ich meinen Geburtstag nach Jahren wieder mit einem Lächeln. ‚Es wäre eine reizende Abwechslung‘, sinniere ich mit geschlossenen Augen und lächle. Dann spüre ich, wie die Polsterung in Schulterhöhe nachgibt und ich reagiere sofort, indem ich aufschrecke. Beim Hochkommen überrascht der Künstler mich, denn auf einmal sind sich unsere Gesichter sehr nah.

„Sehr reizend“, stoße ich überrumpelt die Worte aus, die ich denken wollte und lege weitere Nutzlosigkeiten nach, „Hi!“ Meine Abmilderung wirkt wie der peinliche Versuch, die sie ist. Hi. Ernsthaft? Wow, ich bin erbärmlich. Darian weicht nicht zurück, wirkt zudem kaum von meiner abrupten Bewegung und dem armseligen Kauderwelsch überrascht. Ihm fallen ein paar dunkle Strähnen ins Gesicht und sie rahmen sein ohnehin männliches Gesicht in purer Perfektion. Er ist der Typ aus fast allen Parfümwerbungen. Ich bin mir sicher.

„Hi selbst“, reagiert er schmunzelnd, von meiner eigenartigen Faselei vollkommen unbeeindruckt, „Noch zehn Minuten, dann wäre das Essen fertig. Hast du noch einen Wunsch?“ Mein Mund öffnet und schließlich sich im Sekundenbruchteil. Mir fielen mehrere ein, doch statt sie preiszugeben, schüttele ich brav mit dem Kopf. Darians Blick huscht daraufhin zu den Weingläsern und zurück zu mir. Er flackert zu meinen Lippen, nur kurz, nur einen Augenblick lang. Trotzdem spüre ich das Tingeln meiner Haut durch meinen gesamten Körper wandern. Ich vermeide es, mich zu rühren, wage es kaum zu atmen, denn durch die Nähe strömt mir sein Duft entgegen. Schon im Fahrstuhl war es eine Zumutung für meine Zurückhaltung. Nun ist es kaum besser und wird mit jedem Atemzug schwieriger.

„Ein Glas Wasser vielleicht“, antworte ich. Es kostet mich enorme Anstrengung, um ausreichend Gehirnzellen zu aktivieren. Übrig sind nur noch Reste, die nicht im Wohlgeruch-Matsch versunken sind.

„Gern“ bestätigt der Künstler, verweilt ein klein wenig länger, wohlwissend, was er mir damit antut. Sein Blick wandert, ehe er sich aufrichtet und in die Küche zurückkehrt. Ich lausche, wie er ein Glas hervorholt und es mit Leitungswasser füllt. Erst jetzt atme ich aus, spüre die nervösen Vibrationen aus meiner Brust meinen Hals hinaufklettern wie eine Horde tollwütiger Flummis.

Darian stellt das Glas auf dem Couchtisch ab und gesellt sich zurück zu mir auf das Sofa. Diesmal lässt er weniger Abstand zwischen uns. Sein Oberschenkel trifft auf meinen und die Stelle heizt sich automatisch auf. Mein Bein beginnt zu zittern, also stelle ich den Fuß auf. Sein Arm streckt sich aus und er legt ihn leger hinter mir auf der Rückenlehne ab. Ich spüre, wie sich mein Atem beschleunigt und versuche, mich unauffällig zu beruhigen. Der Künstler positioniert sich so, dass er sich mir zuwendet und stützt sich mit der Hand ab.

„Wie lange seid ihr schon getrennt, du und deine Ex-Frau?“ Die Frage kommt unerwartet. Ich ziehe scharf die Luft ein und weiche seinem Blick aus.

„Ähm, getrennt seit eineinhalb Jahren etwa, geschieden seit vier Monaten.“ Ich antworte ohne weiter herumzudrucksen.

„Kinder?“

„Nein.“

„Wie lange?“ Diesmal zögere ich, da ich nicht genau weiß, worauf es sich bezieht.

„Wir haben uns mit Anfang Zwanzig kennengelernt und vor fünf Jahren geheiratet.“

„Affäre?“

„Wieso willst du das wissen?“

„Ich versuche, dich besser einzuschätzen.“

„Du meinst deine Chancen bei mir“, pariere ich. Diesmal überrasche ich ihn. Ich bemerke, wie sich seinen Pupillen verengen, als sich seine Augen etwas weiten. Er wird vom Alarm des Herdes gerettet. Ich bin mir sicher, dass er es nicht auf sich beruhen lässt. Darian richtet sich langsam auf, streift beim Hochkommen mit der Hand meinen Oberschenkel und nutzt mein Knie minimal, um sich hochzudrücken. Ich bin froh, dass das Zittern erst stärker wird, als er bereits wieder in der Küche verschwunden ist. Mit beiden Händen umfasse ich das wippende Knie und versuche es zu erden. Da dies nicht klappt, wechsele ich die Position, da wir ohnehin näher an den Tisch rutschen müssen. Das Zittern stoppt, als ich den Fuß fest auf den Boden drücke. Ich trinke einen Schluck Wasser, als Darian mit zwei dampfenden Tellern ins Wohnzimmer zurückkehrt. Der Duft wird intensiver und es ist herrlich. Der Künstler stellt die Teller vor mir ab und ich begutachte das essbare Kunstwerk. Er hat die perfekt geschnittenen Stücke mit Petersilie und einem kleinen Salat geniert. Es sieht unglaublich gut aus.

„Wow, wie hübsch. Das sieht unglaublich aus“, lobe ich direkt. Darian reicht mir eine Gabel und einen Löffel und lacht amüsiert auf. „Ich verspüre das dringende Bedürfnis, davon ein Foto zu machen.“ Ich ziehe bereits das Handy hervor, doch als meine Finger den strassbesetzten Rücken streifen, bereue ich es direkt. Es ist zu spät, denn Darian hat das Ungetüm bereits gesehen.

„Ich gestehe, das habe ich nicht erwartet, aber… irgendwie nice.“ Ich habe ein kleines Deja vue. Duncan hat gestern ähnlich reagiert und ich fühle mich gleichermaßen peinlich berührt.

„Meins ging vor ein paar Tagen kaputt. Das ist nur ein Ersatzgerät.“

„Ich ahne von wem.“ Ich schiebe das Handy zurück in die Hosentasche.

„Für gewöhnlich bin ich vom Style eher der klassische Typ.“, bekenne ich und mein Blick fällt fast unwillkürlich auf mein aktuelles Outfit, was im klaren Widerspruch dazu steht.

„Ist das so“, kommentiert der Künstler. Als ich zu ihm sehe, widmet er sich unaufgeregt seinem eigenen Teller und spießt sich eine Ecke der sanft dampfenden Nudelspeise ab. Da ich nichts erwidere, sieht er auf. „Du solltest reinhauen, so lange es warm ist.“ Er lässt sich den ersten Happen schmecken und ich sehe dabei zu, wie sich einige Käsefäden auf seiner Unterlippe absetzen, die vorher werbewirksam zwischen Teller und Gabel hingen.

„Mit vollem Vergnügen“, sage ich, greife nach dem Besteck. Ich stoppe erneut, als ich abermals dem hübsch angerichteten Teller verfalle. Es sieht einfach fantastisch aus und der erste Bissen betätigt mir, dass es auch geschmacklich ein Gedicht ist. Ich schließe meine Augen und fühle das ausgewogene Aroma von Tomate und würzigem Hackfleisch über jeden Bereich meiner Geschmacksknospen tanzen. Die feine Säure der Tomate, die durch die Zugabe von Zucker zur Perfektion erblüht und sich mit der cremigen Béchamelsauce verbindet, ist wie ein wohl besetztes Ballett. Die leichte Note von Muskat hält sich im Hintergrund, unterstreicht die Kombination in Perfektion. Es ist fantastisch und beim zweiten Happen, der größer ausfällt, perlt mir ein zufriedenes Raunen von den Lippen.

„Es ist ein Vergnügen“, höre ich Darian sagen und öffne die Augen. Er hält selbst eine Portion auf der Gabel, ohne sie zu essen und sieht mich an. Ich bin mir unsicher, ob es eine Frage oder eine einfache Feststellung war.

„Es ist vorzüglich. Richtig gut.“, erkläre ich, nehme einen weiteren großen Happen, den ich gebührlich genieße und beginne danach zu plappern: „Es ist eine Weile her, dass ich Lasagne gegessen haben und ich habe sie auch noch nie selbst gemacht. Diese ja eigentlich auch nicht, aber ich war immerhin dabei.“ Ich streiche mir über die Mundwinkel, um etwaige Spuren der Maßlosigkeit zu verwischen. Wenn ich könnte, würde ich in der italienischen Speise baden, mich darin wälzen. Natürlich respektvoll.

„Du hast gut geholfen“, sagt er schmunzelnd, wie man es zu einem Kind sagen würde, was schiefe Stücke schneidet. Ich lache auf.

„Oh ja, ich war eine große Hilfe“, erwidere ich sarkastisch und lache weiter. Ich bin in der Küche nicht vollkommen nutzlos, da ich auch in der Ehe mit Kira eher derjenige war, der kochte, wenn es notwendig war. Aber es waren immer eher einfache und schnelle Gerichte. Nichts Kompliziertes, nichts, wie diese herrliche Lasagne. „Es ist fantastisch.“

„Es ist noch reichlich da, wenn du willst“, sagt er in dem Moment, als ich den vorletzten Bissen vertilge. Ich bin peinlich berührt, wie schnell ich es wegeatmet habe. Selbst der kleine Salat habe ich bis auf die Kresse vertilgt. In jedem anderen Moment hätte ich mich zusammengerissen, allerdings ist mein Anstand ohnehin längst flöten gegangen. Ehe ich selbst aufstehen und mir eine neue Portion holen kann, nimmt mir Darian den Teller ab. Ganz der Gastgeber, wie schon die ganze Zeit über.
 

Ich höre, wie sein Handy klingelt, während er in der Küche meinen Teller auffüllt. Automatisch drehe ich mich zu ihm, sehe, dass er das Display kritisch mustert. In der anderen Hand hält er meinem dampfenden Teller. Darian schüttelt missmutig den Kopf und kehrt zu mir zurück. Seine Gesichtszüge scheinen weniger entspannt als zuvor.

„Alles okay?“ Er reicht mir den Teller. Auch diese Portion sieht vorzüglich aus, wieder hat er mir einen kleinen Salat hindrapiert. Die Kresse hat er weggelassen. Er ist wirklich aufmerksam.

„Ja. Nur ein paar Unstimmigkeiten im Atelier. Ich werde nachher noch mal hinfahren müssen.“

„Habt ihr die Ausstellungsräume permanent bestückt?“, frage ich und mache mich über die zweite Portion her. Normalerweise ändert sich das Angebot in den Galerien kontinuierlich. Ich würde allerdings schon gern einige der Stücke nochmal sehen wollen.

„Erstmal bis Mitte Januar. Danach ist eine Künstlergruppe aus Venedig im Gespräch. Es wird eine Hommage an den Karneval dort. Es wird aber nur eine Kurzinstallation.“, klärt er mich auf, „Ich besorge dir gern Karten.“

„Das wäre großartig.“ Kunst angelehnt an den Karneval in Venedig ist sicher ein Ereignis. Ich mochte schon immer diese wundervoll verzierten, mysteriösen Masken. Sie sind ein Sinnbild der Verführung.

Darians Telefon singt erneut laut los, lässt jedes weitere Wort in unseren Mündern ersterben. Gleich darauf höre ich ihn angestrengt seufzen, während ich mir einen Bissen der Lasagne gönne.

„Vielleicht ist es etwas Ernstes, geh doch ran.“, biete ich an. Meinetwegen muss er sich nicht zurückhalten. Ich nutznieße ohnehin schon viel zu viel seiner Zeit.

„Glaub mir, das ist es nicht.“, versichert er mir und etwas in seinem Tonfall ist eigenartig. Irgendwas sagt mir, dass es vermutlich nicht das Atelier ist, wie er sagt, sondern jemand anderes. Vielleicht ein ganz bestimmter, eher aufgeregter Südländer.

„Entschuldige.“ Ich stecke mir den letzten Happen des köstlichen Mahls in den Mund und richte meinen Blick Richtung Fenster. Es wird bereits dunkel. Auch der Check der Uhr zeigt mir, dass es längst Zeit ist, zu gehen.

„Ich sollte dann auch los. Du hast mir genug deiner Zeit geschenkt“, äußere ich, patte mir mit beiden Händen die Knie und richte mich auf. Ich greife nach dem leeren Teller, um ihn in die Küche zu bringen, doch Darian stoppt mich.

„Bleib noch, ich genieße deine Gesellschaft“, erklärt er ruhig, aber deutlich an. Gerade als Darian das Telefon demonstrativ wegstecken will, beginnt es erneut zu klingeln. Der Künstler seufzt schwer, hält sich diesmal nicht zurück und ich fühle mich in meiner vorigen Annahme bestätigt. Ich schüttele langsam den Kopf. Er folgt mir mit aufmerksamen Augen und erwartungsvoller Anspannung, die mir leichte Gänsehaut verursacht. Ich spüre sie über meinen Hals kitzeln und in meinen Fingerspitzen münden.

„Es ist wird Zeit“, erwidere ich in Eile. Passend dazu beginnt sein Telefon erneut zu klingeln. Da ich stehe, kann ich nun direkt auf das Display blicken und sehe das Antlitz des Spaniers. Dies lässt mich, nach einem kurzen Abstecher zur Küche, wo ich meinen Teller in der Spüle abstelle, Richtung Tür eilen. Ich schlüpfe in die Schuhe. Darian ignoriert den Anruf, folgt mir stattdessen widerstandslos Richtung Tür und hält meine Jacke, sodass ich hineingleiten kann.

„Dank für die Einladung und für das ausgezeichnete Essen“, beginne ich die Verabschiedung. Neben dem Ausgesprochenen danke ich still dafür, dass mein Geburtstag keine gänzliche Katastrophe ist und dass ich eine Weile von dem Drama meines Lebens abgelenkt war. Ich spreche es aber nicht aus. Die Frage, wie ich meine Schuld begleichen kann, liegt mir auf der Zunge, aber auch diese stelle ich nicht. Vielleicht weil ich Angst davor habe, was er mir als Tilgung anbietet. Und dass ich dem nachgeben würde.

„Das nächste Mal fangen wir mit dem Dessert an.“, entgegnet er mit einem Lächeln. Die Pannacotta! Sie ist noch lange nicht stabil. Ich habe sie ganz klar vergessen.

„Oh, die Pannacotta. Sie muss noch mindestens zwei Stunden kalt stehen“, stelle ich arglos fest. Darians linke Augenbraue hüpft. Dann mustert er mich eingehend, presst die Lippen aufeinander, ehe er vielsagend grinst. Erst jetzt sickert es langsam zu mir durch.

„Oh!“, entflieht es mir, meine Wangen färben sich rot. „Ähm… glaubst du mir, dass ich sonst nicht so begriffsstutzig bin?“ Ein letzter Versuch, um meinen Stolz zu verteidigen. Darian lacht und es hängt wie dichter Nebel über uns, lässt den Raum um uns herum leise knistern. „Du genießt das, oder?“

„Ich gestehe, dass ich deine Reaktion äußerst ansprechend finde.“ Immerhin ist er ehrlich und ich kann nicht behaupten, dass er seine Intention nicht klar gemacht hat. Darian lehnt sich gegen den Türrahmen, blockiert damit die Möglichkeit, die Tür zu öffnen.

„Danke für das vorzügliche Essen und deine Gesellschaft“, setze ich erneut an.

„War mir eine außerordentliche Freude“, entgegnet er. Diesmal mit einem Lächeln. Dieses verflixte Lächeln, was mein Gehirn langsam zu Brei werden lässt. Was meine Partikel zum Vibrieren bringt, mich molekular neusortiert. Ich atme tief ein, sammele die wenigen funktionierenden Synapsen zusammen, greife zur Klinke und wende mich leicht von ihm ab. „Warte kurz.“ Darian hält mich zurück, indem er ebenso seine Hand nach der Klinke ausstreckt. Unsere Hände berühren sich, Aufregung durchzuckt mich. Seine Hand verweilt. Ich drehe mich zu ihm um und er fängt direkt meinen Blick auf. Der Künstler greift nach dem Verschluss meiner Jacke, ohne seinen Blick von mir abzuwenden. Diese Augen. Ich versinke in dem Meer von Farbe und Verlangen. Ich versuche es die ganze Zeit über zu leugnen, aber der Mann ist purer Sex. Mit jedem seiner Worte, mit jedem Blick und jedem noch so kleinen Lächeln. Und es springt auf mich über, als pure Erregung, die mich freudig erzittern lässt und zugleich einschüchtert. Er führt die beiden Seiten zusammen und bricht den Augenkontakt erst, als er ihn bis zur Hälfte geschlossen hat. „Es ist recht kalt. Hol dir keinen Schnupfen. Bis dann.“ Ich muss mich vorher räuspern, ehe ich etwas erwidern kann.

„Bis dann“, entgegne ich flüsternd. Damit öffne ich die Tür ein Stück und schiebe mich hindurch.
 

Ich entscheide mich bewusst dazu, die Treppe zu nehmen. Auch wenn sich meine Knie seltsam wackelige anfühlen und ich die Hand die ganze Zeit am Treppenlauf behalte, um nicht abzustürzen. Ich brauche den Moment, um meinen Kopf wieder geradezurücken, um meine Hormone zu disziplinieren und irgendeine Struktur in meine eigenen Moleküle zu bekommen. Gar nicht so einfach, wie ich dank Darian nun schon ein paar Mal feststellen musste. Ist es albern, dass ich mich bei ihm verhalte wie ein schüchterner Teenager? Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal eine solche tiefgreifende, amouröse Spannung empfand. Vor allem für einen Kerl. Aber es ist nicht neu, nur lange her und vergraben. Bevor ich mit Kira zusammenkam, gab es ein paar solcher Momente, mit deutlicher Anziehung zwischen mir und männlichen Exemplaren. Ich war nicht abgeneigt, nur überfordert und zurückhaltend. Da gab es einen Mitschüler aus der Parallelklasse. Er war einer der Leichtathleten unserer Schule, der die besten Voraussetzungen hatte, um Profisportler zu werden. Ich weiß nicht, ob er es geschafft hat.

Und dann war da dieser Moment bei einer der Semester Opening Partys. Sein Name war Jared. Ein angehender Ingenieurbiologe. Er war so leidenschaftlich, wenn es um sein Studium ging. Ich war beeindruckt und wir tranken den gesamten Abend gemeinsam auf einer von Studenten entworfenen Konstruktion, die sowohl Bank, Blumenbeet und Aufbewahrung war. Irgendwann kippten wir ins Blumenbeet hinter uns und betrachtete die Sterne. Ich bin dem nie nachgegangen. Vielleicht war es ein Fehler, denn wenn ich mich getraut hätte, dann würde ich jetzt nicht wie die Jungfrau in Nöten rüberkommen. Verdammt nochmal. Mir wird wärmer, mit jedem Treppenabsatz. Unten angekommen, öffne ich die Jacke und wedele mir Luft unter das T-Shirt, während ich in Lianas Wohnhaus wechsele.
 

Ich widme mich den ignorierten Handynachrichten, während ich auf den Fahrstuhl warte. Es sind mehrere eingetrudelt und ich verspüre einen akuten Unwillen, sie zu öffnen und zu lesen. Nach kurzem Abwägen ziehe ich die Bündelung der Push-Nachrichten nach unten und sehe somit die Namen der Absender. Liana. Nathaniel, mein älterer Bruder. Kira. Hätte ich eine Block-Liste, dann ständen diese drei Namen ganz oben. Plus des einen Namens, den ich nach dem heutigen Morgen nicht mehr aussprechen mag. Kurz bevor der Fahrstuhl eintrifft, gesellt sich die hübsche dunkelhäutige Nachbarin dazu und ich schiebe das Telefon zurück in die Tasche. Wir lächeln uns an, aber sie telefoniert nebenbei, sodass wir nicht ins Gespräch kommen. Sie hält den Flyer mit der Ankündigung des Nachbarschaftsfests und scheint sich eine Begleitung namens Eleen zu organisieren. Noch bevor ich in meiner Etage aussteige, hat sie sich das Date für das Fest organisiert. Beeindruckend. Ich verabschiede mich mit einem Wink und kehre in die Wohnung zurück. Der Schlüssel landet auf der Kommode, die Schuhe in der Ecke samt den Socken. Barfuß schlürfe ich in die Küche und gieße mir ein Glas Wasser ein. Von dort wandert mein Blick direkt zum Nachbargebäude. Von hier aus kann ich nicht in die Wohnung sehen, aber das brauche ich auch nicht, denn sie ist mir frisch in Erinnerung. Genauso wie der Geschmack des Weins, der Geruch von warmen Tomaten und Sommer. Ich hätte Darian nach der Marke seines Parfüms fragen sollen, wobei ich eingestehen müsste, dass es mir gefällt, dass es mich anzieht. Vor allem an ihm.
 

Das klingelnde Festnetztelefon zerrt mich aus meiner Traumblase und ich gehe ran, da ich mir denken kann, wer es ist. Liana. Wer auch sonst.

„Nowak.“

„Auch Nowak“, entgegnet meine Schwester, „Alles Gute zum Geburtstag, Gabriel.“ Sie klingt ein wenig, als würde sie mit einem Klienten telefonieren und vermutlich hat sie sich extra einen Termin gesetzt. Mir hat die Nachricht gereicht und ich bin sicher, dass der Geburtstag nicht der Grund war, warum sie jetzt zusätzlich das Telefon in die Hand nimmt. Da ist noch mehr und es wird mir nicht gefallen.

„Danke Liana“, sage ich kurz und knapp, „Du hattest mir ja schon geschrieben.“ Ich verspüre keinerlei Lust darauf, das Gespräch unnötig in die Länge zu ziehen.

„Ja, wie kommst du mit der Jobsuche voran?“ Nicht mal mein Geburtstag verschont mich vor der bloßen Direktheit dieser Familie. Ich wechsele den Hörer ans andere Ohr und richte mich auf. Beim Fenster bleibe ich stehen und starre einen Moment auf die hektisch befahrene Straße. Es hat erneut begonnen zu regnen und mein Blick wandert.

„Nächste Woche habe ich mehrere Termine… zur weiteren Klärung.“

„Gibt es irgendwas konkretes?“ Ich sehe, wie auch Darian mit dem Telefon am Ohr durch die Räume läuft. Vom Bad zum Wohnzimmer, zur Küche. Im Übergang bleibt er stehen. Er gestikuliert wild und wirkt aufgebracht. Vermutlich telefoniert er mit dem aufbrausenden Spanier. Abermals setzt er sich in Bewegung und bleibt beim Fenster stehen. Der Künstler streicht sich die Haare zurück und er blickt auf. Direkt zu mir.

„Nein.“

„Gabriel.“

„Was willst du von mir hören?“

„Ich wünschte, du würdest die Zeit nutzen und endlich einen Plan entwickeln, wie es weitergehen soll.“

„Warum traust du mir nicht einfach zu, dass ich längst einen habe?“

„Erhelle mich!“, kontert sie prompt. Ich versuche, meinen Ärger wegzuatmen, doch je mehr ich es versuche, um so offensichtlicher wird es

„Danke noch mal für die Geburtstagsgrüße. Ich habe noch zu tun. Bis dann“, presse ich überfreundlich hervor und drücke den Anruf weg. Mein Herz flattert, wild und arrhythmisch. Nicht nur wegen Lianas Misstrauen, sondern auch wegen Darian, der mich womöglich am Fenster gesehen hat.
 

Ich falle zurück auf die Couch, hole das Bling-Bling-Handy hervor und öffne nach und nach die ignorierten Nachrichten. Meine Stimmung ist im Keller, sie können daher nicht viel mehr anrichten. Es sind nichts weiter als belanglose Glückwünsche, wie bereits im Flur vermutet. Sie sind ohne Süßholzgeraspel, ohne Emojis. Völlig blank. Meine Familie weiß nicht, wie man Emotionen vermittelt, also natürlich auch nicht, wie man sie darstellt. Vermutlich ist es gut so, denn sonst wären unsere Chats gefüllt mit Wut-Smileys. Im Chat meines Bruders scrolle ich etwas höher, stoße nach nur fünf Nachrichten bereits auf die Grüße aus dem vergangenen Jahr. Bezeichnend. Es sind sogar die gleichen Worte.

Zuletzt finde ich eine Nachricht von Duncan und seinen Namen zu lesen, versetzt mir ein feines Kribbeln der Verzückung, das gleich darauf in etwas anderes mündet. Scham. Es hat wieder mehrere Stunden gedauert, dass ich ihm antworte und mich erfasst eine Welle des Schuld.

-Wie geht´s dir? Lust, mich morgen auf einen Kaffee zu treffen? Duncan-, lese ich, vernehme die mitschwingende Hoffnung der Nachricht. Das schlechte Gewissen rollt in Wellen bei jeder Wiederholung. Es dröhnt mit Donnergrollen, brandet in meinem allgewärtigen Chaoshafen. Was mache ich nur? Sofort denke ich an den gestrigen Abend, an unsere Verabschiedung. Ich hätte ihn beinahe geküsst. Einfach so. Ich lasse das Handy fallen. Es fällt mir in den Schoß und ich schlage die Hände vors Gesicht.

Es lag am Alkohol und dass Duncan unfassbar charmant ist. Ich habe so viel gelacht. Mit ihm hatte ich viel Spaß und alles in mir schreit danach, es zu wiederholen. Wieder mit ihm zu reden und Zeit zu verbringen. Ich taste nach dem Telefon und antworte ihm unverfänglich. Die Nachricht ist noch im selben Wimpernschlag gelesen und ehe ich reagieren kann, beginnt das Handy in meiner Hand zu singen. Duncan.

„Hi“, melde ich mich überrumpelt. Ich bemerke meinen arrhythmischen Puls auf der Zunge, was meine Begrüßung, so kurz sie auch ist, fast zittern lässt.

„Hi, ich wollte,-“

„Ich muss mich,-“, setzen wir gleichzeitig an, sodass wir uns gegenseitig kaum verstehen. Ich höre ihn schmunzeln. „Entschuldige. Ich stand den halben Tag neben mir und habe deine Nachricht erst jetzt gesehen.“ Ein wenig geschwindelt, aber nicht vollkommen. Ich habe seine Nachricht wirklich nicht bemerkt.

„Schon gut, ich verstehe es. Wie fühlst du dich?“; fragt er und ich lehne mich zurück. Irgendwas in seiner Stimme sorgt dafür, dass ich mich entspanne. Das habe ich schon gestern Abend gemerkt.

„Alt“, entgegne ich auf die Frage. Es ist unbewusst zweideutig. Nur nicht auf die versaute Weise. Duncan lacht kurz auf. Er hat schon gestern den Eindruck gemacht, dass ihn unser Altersunterschied nicht stören würde, aber er hat auch nicht danach gefragt, wie groß er genau ist. Er hätte es besser tun sollen, dann hätte er meine Nummer nach dem gestrigen Abend gelöscht.

„Ach komm, du übertreibst doch.“

„Schön wäre es.“

„Okay, jetzt hast du mich, wie alt bist du?“ Die böse Frage, die nur Anfang Zwanziger bedenkenlos stellen. Also kurz und schmerzlos.

„Achtundzwanzig, halt! Nein, neunundzwanzig.“ Seit heute. Es wird mir wieder schmerzerfüllt bewusst. Ich murmele mein Alter wiederholt vor mich her, als wäre es Heuschnupfen, den ich nicht wegbekomme.

„Du weißt schon, dass das nicht alt ist?“, versichert er mir mit diesem angehauchten, amüsierten Tonfall. „Aber mal ehrlich, wie kommt es, dass du bei deinem eigenen Alter ins Straucheln gerätst?“

„Habe mich noch nicht an die Zahl gewöhnt, passiert, wenn man keine Freude mehr hat, um seinen Geburtstag zu feiern und ihn lieber verdrängt. Irgendwann gibt man nur noch Näherungswerte an.“

„Ja, die typische Mitte bei Zehnerschritten.“

„Sozusagen.“

„Wenn´s dir hilft, ich feiere meinen Geburtstag auch nicht gern.“

„Sagte der Anfang-Zwanziger.“

„Da muss ich dich enttäuschen, ich bin Mittzwanziger und kenne es gut, wenn man sich am Geburtstag nichts sehnlicher wünscht, als in Ruhe gelassen zu werden. Daher werde ich dich jetzt auch nicht fragen, wann dein Geburtstag war, Deal?“

„Deal.“, bestätige ich direkt, lächelnd, „Also, bleibt es beim Kaffee morgen, auch wenn du jetzt weißt, dass ich ein Geburtstagsgrinch bin?“ Duncan lacht erneut auf. Selbst durchs Telefon klingt es vollmundig und frei. Warm und heimelig. Ich fühle mich prompt besser, beruhigter, etwas eingelullt, so als hätte man mir liebevoll den Kopf getätschelt. Ist es seltsam, dass es so ist?

Interessant ist, dass ich, wenn ich mit Duncan spreche, eine weniger nervöse Anspannung fühle, als bei dem Künstler und das obwohl beide gleichermaßen attraktiv und flirtend sind. Jetzt im Vergleich ist es besonders offensichtlich für mich. Scheint es zu mindestens. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass Duncan gerade nicht direkt vor mir steht und daran, dass ich offenkundig nach ein paar Stunden mit Darian abgehärtet bin und kein Rest Schamhaftigkeit übrigblieb. Allerdings ist die simmernde Erregung zurück, die das Telefonat mit meiner Schwester für kurze Zeit im Keim erstickt hatte.

„Die Einladung besteht natürlich weiterhin. Wir könnten uns morgen Mittag am Park treffen.“ Park? Es dauert etwas, bis ich den Park, den er meint, zuordnen kann. Es ist der, der beim alten Büro liegt. Natürlich geht Duncan davon aus, dass ich dort in der Nähe arbeite. Was natürlich vor ein paar Monaten noch zutraf. Mein Inneres vollführt einen Looping des Unbehagens. Ich sehe zu dem Krawattenkästchen mit Markes‘ Geschenk und verspüre ein Gefühlschaos wie nach einer Achterbahnfahrt ohne Sicherheitsbügel.

Vielleicht sollte ich es als Anlass nehmen, morgen noch ein paar Kisten zu packen und die Formulare und Unterlagen auszudrucken, um sie endlich versenden zu können. Nächste Woche stehen die Termine bei den Ämtern an und ich merke bereits jetzt, wie es mir eiskalt den Rücken runterläuft, wenn ich nur daran denke, nicht nur, weil ich Liana davon berichten musste wie einer strengen Lehrerin. Nicht nur das sorgt für Unwohlsein. Allein der Gedanke, dass ich bald Vorstellungsgespräche auf die Reihe bekommen muss, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Wie überzeugt man jemanden, dass man für diesen Job die bestmögliche Wahl ist, wenn man selbst nicht glaubt, dass man es bewerkstelligen kann? Vielleicht war mein Mangel an Selbstwert auch einer der Gründe, warum ich so erpicht darauf war, mich nach dem Studium selbstständig zu machen, mich zu beweisen, ohne dem geschärften Blick eines Vorgesetzten ausgesetzt zu sein. Es ging schief, wie man weiß.

„Gabriel?“

„Entschuldige. Ich bin gerade durchgangen, was ich morgen erledigen muss. Du kannst dir vorstellen, dass ich heute nicht sonderlich produktiv war.“ Wieder eine Halbwahrheit. Eine verkorkste Ausflucht, um nicht sagen zu müssen, dass ich ein arbeitsloses Nichts bin. Vormittags treffe ich Kira und ich habe keine Idee, wie lange es dauern wird. Noch weiß ich, wie gut meine Laune danach ist. Möglicherweise ist ein Termin, den ich vorschieben kann, um gehen zu können, gar keine schlechte Idee? „Ich habe bis 13 Uhr einen Termin, würde das trotzdem gehen?“

„14 Uhr beginnt meine Schicht im Café, aber wir können uns dort treffen, wenn es dich nicht stört“, erklärt er zögerlich.

„Okay“, willige ich ein, klinge aber scheinbar nicht überzeugt, denn Duncan sieht sich genötigt, mich für die Idee zu gewinnen.

„Unser Eis ist vorzüglich. Wir haben auch Sandwiches für den kleinen Hunger und der Kaffee ist hervorragend“, beginnt er anzupreisen. Das mit dem Kaffee kann ich bereits bestätigen.

„Auch die Angestellten sollen sehr zuvorkommend sein, habe ich gehört“, steige ich mit ein.

„Sind sie! Außer der eine da, der spendiert immer Streusel zum Eis, das finden weder die Mütter noch die Geschäftsführung immer gut“, flachst der kellnernde Gärtner weiter.

„Vielleicht sollte er sein Zuckerbusiness nicht vor den Augen der Chefs durchziehen. Wäre klüger.“

„Kluge Entscheidungen werden überbewertet, manchmal sollte man dem Moment folgen“, erklärt Duncan ohne zu zögern. Er murmelt noch etwas von Kinderaugen und Freudenlachen. Nun feixe ich. Insgesamt aber keine schlechte Vorstellung. Oft sind wir viel zu verkopft, zerdenken Momente und uns entgeht einfach der Spaß am Augenblick. Ich bin in der letzten Zeit Profi zu dem Thema.

„Sollte man vielleicht wirklich“, entgegne ich, „Ich habe dir noch gar nicht für den gestrigen Abend gedankt. Ich weiß zwar nicht, ob ich in der Lage wäre, dir einen genießbaren Cocktail zu mixen, aber…vielen Dank. Ich fand es sehr schön und hatte viel Spaß.“

„Nichts zu danken, ich hatte auch viel Spaß mit dir. Und Übung ist das Zauberwort. Ich wäre daher für einen baldigen persönlichen Auffrischungskurs. Ein Intensivtraining, sozusagen.“ In meinem Magen beginnt es zu flattern. Warm und effektvoll. Ist das eine geschickte Art, um ein weiteres Treffen auszumachen?

„Ein Intensivtraining? Wie sähe das aus?“

„Nur wir zwei. Ein Cocktailshaker. Ein paar Ingredienzien. Voilà! Natürlich brauchen wir vorher eine gute Grundlage, also ein Essen, denn wir müssen unsere Kreationen kosten können, wie sonst sollten wir die Qualität prüfen“, skizziert er den Abend überschwänglich, als er hätte er ihn bereits durchgeplant. Es lässt meinen Puls galoppieren, also japse ich leicht auf. Leider hört und missversteht er es. „Entschuldige, ich wollte dich damit nicht unter Druck setzen.“ Seine Stimme klingt auf einmal verunsichert. Das ist das letzte, was ich will.

„Tust du nicht.“ Tut er doch. Irgendwie. Ich wünschte, ich könnte ihm verständlichere Signale senden. Aber ich mag die Vorstellung von ihm und mir beim Cocktailmixen. „Lass uns morgen darüber reden. Ich versuche, gegen Eins am Café zu sein, wäre das okay?“, schlage ich vor.

„Klingt gut“, bestätigt er, „Vergiss nicht, Wasser zu trinken gegen den Kater. Hab noch einen schönen Abend.“

„Du auch“, erwidere ich beinahe flüsternd, es zerrt an mir das schlechte Gewissen, „Ich freue mich auf morgen.“ Plötzlich ist es mir wichtig, dies noch zu sagen. Danach beende ich den Anruf und falle zur Seite, in eine liegende Position. Ich schließe die Augen und atme minutenlange bewusst vor mich hin. Meine Fingerspitzen prickeln und ich reibe sie geistesabwesend mit dem Daumen und seufze schwer auf.

Darian. Duncan.

Ich ziehe den Couchtisch zu mir heran und starte den Laptop. Ich öffne ein neues Dokument. Dabei bleibt es auch. Nach nur wenigen Sekunden weiß ich schon nicht mehr, warum ich es getan habe und was ich eigentlich damit vorhatte.

Was mache ich nur?

Es reicht. Ich mahne mich selbst an, mich zu konzentrieren und vollends nach Duncans Aussage zu handeln. ‚Dem Moment folgen.‘ Und dieser sagt mir, dass ich sowohl Duncan als auch Darian wiedersehen will, die beiden Männer, die aus irgendeinem Grund Interesse an mir haben. Und es spricht nichts dagegen. Ich bin ein passabler Mann, Ende zwanzig und habe den Großteil meines Lebens noch vor mir. Wieso also sollte ich es nicht genießen und

„Mitnehmen, was ich kann!“ Den letzten Teil meiner Gedanken spreche ich laut aus. Erst danach fällt mir auf, dass ich sogar aufgestanden bin und nun planlos umherblicke. Ich schaue an mir hinab und mir fällt siedend heiß ein, dass ich Wäsche waschen muss. „Verdammt!“, rufe ich aus, schlage den Laptop zu und beginne, hektisch die Klamotten zusammenzusammeln, die ich in den kommenden Tagen benötigen könnte. Ich stopfe alles in einen Rucksack und einen Stoffbeutel, den ich in der Flurkommode finde. Zwanzig Minuten später stehe ich in dem naheliegenden Waschsalon und habe Glück, denn es ist relativ leer. Ich stopfe die Wäsche sortiert in zwei Maschinen und falle danach auf die Wartebank. Die Maschinen brauchen fast eineinhalb Stunden. Da ich in meiner Eile nicht daran gedacht habe, mir etwas zur Beschäftigung mitzubringen, schaue ich mich um. Nur zwei weitere Kunden, die schwer mit ihren Telefonen beschäftigt sind und dabei Musik hören. In einer Ecke des Ladens befindet sich ein kleines Regal, in dem Brettspiele und Bücher verstaut sind und erleichtert gehe ich darauf zu. Ich gehe die Bücher durch. Darunter befinden sich keine Meisterwerke. Es ist leichte Literatur. Trivialromane. Kitschige Liebesromane. Ein paar Young Adult-Romane neuerer Generation, bei denen es um heranwachsende Teenager geht. Damit kann ich nichts mehr anfangen. Ich entscheide mich letztendlich für einen offensichtlichen Nackenbeißer, der auf dem Cover eine übertrieben freizügige Frau mit einem muskelbepackten Kerl zeigt, die in einem Rosenbusch stehen. Kopfschüttelnd kehre ich zu meinem Platz zurück und muss feststellen, dass er mich die gesamte Zeit gut ablenkt. Es ist beinahe Mitternacht, als meine Wäsche fertig ist. Die Ladung mit den Kleidungsstücken, die ich morgen brauche, habe ich in den Trockner getan. Den Rest nehme ich feucht mit und hänge diesen später über eine gespannte Schnur im Badezimmer auf.
 

Es dauert etwas, bis ich einschlafe und mich eine ungewöhnlich traumintensive Nacht einholt. Erst sind es nur einzelne Fragmente, aufblitzende Erinnerung der vergangenen Tage, die mich durch den Schlaf begleiten und sich nicht wie Schlaf anfühlen. Doch sie werden intensiver, bis ich völlig darin gefangen bin. Obwohl ich spüre, dass ich träume, kann ich es nicht abschalten.

~Ich halte Markes Krawatte in den Händen, während mich Kira mit überdimensionalem Schmuck behängt und beginnt, mein linkes Bein mit einem breiten rosaroten Samtband zu umwickeln. Hände gleiten über meinen Körper. Meine Schenkel. Meinen Bauch. Meinen Hals. Es sind nicht Kiras. In den Händen halte ich einen Karton mit der Aufschrift ´Zerbrechlich`, vernehme das hitzige Spanisch des quirligen Südländers und stehe plötzlich vor Darians Tür. Sein Postkasten mit dem verschwommenen Namensschild befindet sich direkt neben der Klingel. Ich betätige sie. Es ertönt die Melodie, die bei Kiras und meinem Hochzeitstanz spielte, als mir Duncan die Tür öffnet, mit einem rosafarbenen Cocktail in der Hand. Er lächelt.~.

Ich schrecke auf, falle direkt zurück ins Kissen. Mein Herz schlägt wild. Ich spüre die Vibrationen in Hals und in der Magengegend. Selbst in den Zehen. Was für ein Chaos. Fetzen des Traums blitzen auf, sobald ich die Augen wieder schließe. Ein Blick aufs Handy sagt mir, dass es kurz nach zwei Uhr morgens ist, als mich der seltsame Traum wachrüttelt.

Ich setze mich auf, lasse die städtische Halbdunkelheit auf mich wirken und versuche dabei die Bilder zu vertreiben, indem ich mir das Gesicht reibe. Doch sie sind beständig, fast klebrig und ich schäle mich aus der Decke, weil mir plötzlich furchtbar warm ist. Ich sollte mir morgen das Traumdeutungsbuch von Kira mitnehmen. Damals, als sie es sich kaufte, lachte ich darüber.

Ich taste mich im Stadtdunkeln zur Toilette, trinke danach ein Glas Wasser und krabbele zurück unter die Decke. Diesmal schlafe ich schneller ein, bleibe traumlos. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, erneut geträumt zu haben.

Der Glanz von Patina bei Nacht

- 13 -

~Der Glanz von Patina bei Nacht~


 

Es ist bereits hell, als ich das nächste Mal meine Augen aufschlage. Ich meide den direkten Griff zum Handy, um die Uhrzeit zu checken und drehe mich stattdessen auf den Bauch. Mit einem Raunen drücke ich das Gesicht ins Kissen und meine Morgenerektion in die viel zu unflexible Matratze. Durch meine Adern schwemmt sich die Frustration, nicht nur die sexuelle, sondern die anhaltende, lebensgeimpfte voller Wahn und Stagnation. Es ist Freitag und ich fühle mich noch kein Bisschen klarer, stabiler oder auch nur dem Fortschritt näher. Es scheint, als wäre alles komplizierter geworden. Nun werfe ich doch einen Blick auf die Uhr, aktiviere dabei mein Handydisplay und sehe eine Nachricht von Kira, die mich fragt, ob es okay ist, dass wir uns in unserer ehemaligen gemeinsamen Wohnung treffen. Den Grund nennt sie nicht. Mir fehlt die Motivation, danach zu fragen. Ihre Anfrage ist nur wenige Minuten alt. Ich seufze schwer, lasse meinen Kopf zurück ins Kissen fallen und bin mir nicht sicher, ob ich wirklich aufstehen möchte. Immerhin ist meine Erektion abgeklommen und ich drehe mich zurück auf den Rücken, setze mich auf. Obwohl sich mein Körper und mein Geist noch nicht einig sind, bestätige ich ihre Bitte und starte mit dem Prozess, mich seelisch und moralisch darauf einzustellen, in die Vergangenheit zurückzukehren.

Es ist eine Weile her, dass ich in der Wohnung gewesen bin. Ich bin damals ausgezogen, weil ich verhindern wollte, dass wir uns im Zuge der Trennung weiter zerfleischen und sich damit Einigungen erschweren. Es hat funktioniert. Mehr oder weniger. Ich glaube, Kira nahm es mir Übel, wenngleich sie es nur subtil anmerken ließ. Trotz alledem haben wir unsere Scheidung relativ gesittet überstanden. Wahrscheinlich war das das wahrhaftigste Zeichen dafür, dass nicht mehr genug Gefühl zwischen uns übriggeblieben ist. Leider hatte die überstürzte Entscheidung den Fehler, dass ich zu dem Zeitpunkt überhaupt keine eigene Wohnung hatte und mir einen Plan B zurechtlegen musste, was mich nachfolgend auf der Couch im Büro landen ließ.
 

Kira reagiert auf meine Antwort, doch, statt ihre Rückmeldung zu lesen, schwinge ich die Beine aus dem Bett und begutachte als erstes die Kleidungsstücke, die hoffentlich über Nacht getrocknet sind. Ich habe natürlich nicht daran gedacht, ein paar Boxershorts in den Trockner zu geben und jetzt stehe ich mit leicht feuchter Unterwäsche da. Seufzend stelle ich den Heizkörper an, der zugleich auch ein Handtuchwärmer ist und gehe duschen. Die Rasur lasse ich aus, wende beim Rauskommen mein Boxershorts und koche mir erstmal einen Kaffee, den ich geruhsam in der Küche schlürfe. Schluck für Schluck. Dabei kommt mir erneut der Traum in den Sinn.

Meistens erinnere ich mich nicht wirklich an die Träume, weiß selten, worum es darin ging, wenn ich erwache. Diesmal ist es anders. Die Bilder sind eigenartig deutlich aber so, wie die Abläufe keinerlei Sinn ergeben, herrscht auch in meinem Kopf ein gigantisches großes Chaos. Sollten mir Träume nicht dabei helfen, es zu lichten? Sollten sie mir nicht helfen, es besser zu verstehen?

Der Kaffee wärmt meine Hände. Ich beginne, Ringe in die Oberfläche zu pusten, die schnell zu wabbeligen Wellen werden, während ich meinen Gedanken nachhänge. Nach der Hälfte der Tassen werfe ich einen Blick in den Kühlschrank, aber fühle mich von nichts darin wirklich angezogen, beäuge aber den Käse. Ich begnüge mich mit zwei Scheiben davon, die ich zusammenrolle und mit einer Banane esse. Kein kulinarisches Meisterwerk, aber eine hinnehmbare Grundlage. Ich sollte mir Haferflocken besorgen und mit Mealprep beginnen. Irgendwo hatte ich tatsächlich ein paar Plastikcontainer gesehen, die ich dafür nutzen könnte. Kurzentschlossen suche ich die Schränke ab und finde sie. Drei gleichgroße Boxen. Originalverpackt. Ein Starter-Set. Die leichte Staubschicht sagt mir, dass Liana nichts dagegen hat, wenn ich sie nutze, da sie sie vermutlich längst vergessen hat.

Danach teste ich den Rest Klamotten auf den aktuellen Feuchtegrad und ziehe das an, was am Ehesten als trocken gelten kann. Mit Laptop und kaum überschwänglicher Laune mache ich mich auf den Weg zu Kira.
 

Bei unserem alten Wohnhaus angekommen, öffnet mir das Gespenst meiner vormaligen schlaflosen Nächte die Tür, in einem für Kira erstaunlich legeren Outfit. Sie trägt eine dünne Stoffhose, ein schlichtes Spaghetti-Top und darüber eine Strickjacke mit türkisfarbenen Farbverlauf. Es sieht bequem aus, beinahe zu lässig für meine sonst eher überkandidelte Ex-Frau. Ihre blonde Mähne ist mit einem Stoffband zurückgehalten und sie schlürft an einem leuchtend grünen Smoothie. Skeptisch nehme ich das Gesöff in Augenschein, schaffe es aber nicht, meinen Ekel zu kaschieren.

„Bist du zu den Herbivoren übergelaufen?“, begrüße ich sie. Sie streckt mir eine grünlich gefärbte Zunge entgegen.

„Detoxkur“, erwidert sie schlicht. Ich verziehe den Mund. Kiras streckt ihre Hand aus und streicht mit dem Daumen über meine stoppelige Wange. Ich zucke automatisch zurück und gehe auf Abstand.

„Echt jetzt? Hab dich nicht so! Wir haben früher Körperflüssigkeiten ausgetauscht, da darf ich ja wohl mal deine Wange anfassen“, beschwert sie sich prompt und zu bildhaft für meinen Geschmack. „Bist du zu den Piraten übergelaufen?“

„Darfst du nicht und es ist meine Sache“, gebe ich klar und deutlich zurück, „Lässt du mich endlich rein?“ Sichtbar trotzig macht sie einen Schritt zur Seite und hält mir die Tür auf. Schon im Flur setzt dieses eigenartige Gefühl ein, was ich jedes Mal bekomme, wenn ich unsere vormals gemeinsame Wohnung betrete. Ich reiße mich zusammen, um mich nicht allzu auffällig umzusehen und doch entgeht mir nicht, dass sich kaum etwas verändert hat. Viele der Möbel und Dekorationen haben wir gemeinsam ausgesucht.

Ein Teppich, den wir während eines Urlaubs fanden, liebten und mitnahmen.

Eine Vase, die ich zu unserem ersten Hochzeitstag mit hundert Rosen füllte. Sie ist handgeblasen. Es sind keine Blumen darin, aber ein altes Kuscheltier lugt über den Rand.

„Du siehst müde aus“, sagt Kira, was so viel heißt, dass sie erneut anmerken will, dass ich unrasiert bin. Sie bleibt mit verschränkten Armen neben mir stehen. Ich weiche ihrem Blick aus, da ich sonst beginne, mich zu rechtfertigen.

„Viel zu tun“, entgegne ich kurz und knapp. Meine Ex mustert mich, das bemerke ich aus dem Augenwinkel heraus. Sie sucht nach etwas anderem, was ich ihr nicht zugestehen werde. Statt weiter zu bohren, entfaltet sie ihr Hände und stößt mir eine kleine Box gegen den Arm, welche eben noch durch ihre Strickjacken bedeckten Ellenbogen verdeckt war. Ich starre hinab und atme bewusst gezwungen ein. Ich nehme das Geschenk nicht entgegen, sondern sehe es lediglich an. Kira seufzt.

„Happy Birthday“, flötet sie, zerrt rigoros meinem Arm hoch und stellt es auf meiner Handfläche ab. Die Box ist erstaunlich schwer für die Größe.

„Danke, aber es ist nicht nötig, mir etwas zu schenken.“

„Ich weiß, aber ich wollte es und es ist nur eine Kleinigkeit. Also pack diesen verstopften Gesichtsausdruck wieder ein!“, fordert sie mich auf, stolziert an mir vorbei in die Küche. Ich höre, wie sie Gläser aus dem Schrank nimmt und sie mit Wasser füllt, während ich das Geschenk ansehe, aber nicht auspacke.
 

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, denn es bohrt in zwiespältigen Gefühlen in mir. Eine seltsame Vertrautheit, die ich nun seit Monaten versuche, loszuwerden. Aber auch Ärger, weil ich mir das alles anders gewünscht hätte und gleichermaßen Trauer aus demselben Grund. Ich wünschte, das Wechselbad würde endlich aufhören, aber ich muss wohl noch eine Weile damit leben. Als Kira die Gläser auf dem Couchtisch abstellt und mich erwartungsvoll ansieht, setze ich mich in Bewegung. Statt auf die Couch, setze ich mich auf den Drehsessel und hebe den Deckel der quadratischen Box an. Darin liegt eine kleine Holzfigur. Eine bauchige, niedlich dreinblickende Maus. Was zum…

„Eine Maus?“, frage ich bestürzt auf.

„Eine Ratte.“

„Wie nett.“

„Das ist dein chinesisches Tierkreiszeichen, du Kulturbanause.“ Mein Blick wandert von dem Tierchen zu meiner Ex und wieder zurück.

„Ach echt?“, frage ich skeptisch nach. Das wusste ich nicht.

„Ja, glaub mir ruhig. Das Zeichen unten steht für das Element Feuer. Du bist nach deinem Geburtsjahr nämlich eine Feuerratte.“ Tierkreiszeichen und Detox? Was passiert hier?

„Wie kommst du auf sowas?“, frage ich, weiterhin voller Argwohn. Ich drehe die Figur auf den Kopf, danach auf den Rücken.

„Der neue Freund einer Freundin schnitzt. Sie gehören zu einer Reihe, die er verkauft. Ich fand sie niedlich. Ich bin übrigens ein Tiger“, erklärt sie mit stolzgeschwellter Brust und macht eine wilde Katzentatzen-Geste, die jede Coolness zur Nichte macht. „Ein Erdtiger, aber trotzdem ein Tiger.“

„Aha“, sage ich, ihre Begeisterung nur partiell teilend. Unter hoher Anstrengung verhindere ich es, ein Katzengeräusch zu mimen, was mich eher an Kira erinnert. Kratzen ist auf jeden Fall ihr Ding. Trotz alledem betrachte ich die kleine Nagetierfigur. Ja, sie ist niedlich. Und vollkommen nutzlos. Die Geste erkenne ich ihr trotzdem an. Ich stecke das Tierchen zurück in die Box und greife stattdessen nach einem der bereitgestellten Gläser.

„Fangen wir an?“, fordere ich sie auf, ehe ich einen Schluck Wasser trinke und sie auffordernd anblicke.

„Was ist nur aus dem guten alten Small-Talk geworden?“, entgegnet Kira prompt, leicht affektiert, wie immer.

„Ich bin nicht zum Plaudern hier“, stelle ich klar, „Und ich habe danach noch ein… noch zu tun.“ Ich versuche, bestmöglich das verbale Stolpern zu verstecken, indem ich nach dem Ordner auf dem Tisch greife und ihn mir auf den Schoß ziehe.

„Okay, dann interessieren dich auch die guten Neuigkeiten unserer Freunde nicht?“

„Unserer? Nach der Scheidung hast du all unsere gemeinsamen Freunde eingesackt, schon vergessen?“, gebe ich trocken wieder. Leider ein Klatschspaltenklischee, doch Kira und ich erfüllen es.

„Du übertreibst, das ist nicht wahr. Kate würde sich freuen, von dir zu hören und Thomas auch. Und Mar,-“ Ehe sie diesen einen spezifischen Namen aussprechen kann, stoppe ich sie. Über Markes will ich nichts hören.

„Was sind die guten Neuigkeiten?“

„Ob sie gut sind, weiß ich nicht, aber,-“ Sie macht eine effektvolle Pause. Mit Kiras bester Freundin Kate bin ich immer gut zurechtgekommen. Mit ihrem Mann weniger. Er ist ein unfassbar langweiliger Typ, der nichts als Computer und Zahlen im Kopf hat und damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Jedes Mal, wenn Thomas mir von seinem sesselfurzenden Bürojob erzählte, hat sich das gespielt aufmerksame Lächeln derartig in meinem Gesicht festgefroren, dass ich danach wochenlang Muskelkater hatte. Ich war höflich, mehr auch nicht.

„Kate ist schwanger!“, flüstert Kira plötzlich etwas verschwörerisch.

„Das hast du schon erwähnt.“ Beim letzten Essen hatte sie mir davon erzählt. Meine Reaktion war verhalten und das ist sie auch jetzt.

„Thomas ist wahrscheinlich nicht der Vater“, zieht sie den Gossip nach. Das lässt mich nun doch innehalten und ich blicke meine Ex-Frau überrascht an. So sehr mich der Zahlenjongleur auch langweilt, das hat er nicht verdient.

„Du bist echt schockiert? Wieso? Ich habe nie wirklich verstanden, was sie an ihm fand.“

„Hast du auch oft genug gesagt.“

„Machst du jetzt einen auf Moralapostel? Es ist nicht meine Schuld, dass sie gemerkt hat, wie langweilig er ist.“

„Und wieso trennen sie sich nicht? Wäre doch naheliegender als fremdgehen.“ Ich klinge ungewollt bitter. Sie bemerkt es, denn der Raum füllt sich mit dieser unangenehmen Stille. Wie so oft in der letzten Zeit.
 

Ich räuspere mich, stelle das Glas zurück auf den Tisch. Danach schlage ich langsam mit der flachen Hand auf den Ordner und schlage ihn auf. Es ist ein Vorlagenausdruck eines Portfolios mit einigen Angaben zu ihrer Geschäftsidee, aber es beinhaltet etliche Lücken. Ich blättere es durch und weiß am Ende nicht, ob sie es aus Unwissenheit nicht ausgefüllte oder ob sie nach der Hälfte die Lust verlor. Ich runzele die Stirn und schürze die Lippen, ehe ich bewusst langsam einatme.

„Wirst du die ganze Zeit eine solche Fluppe ziehen?“

„Wo stehen deine Ziele? Stakeholder, Marktanalyse, Strategien, Finanzen, Budge? Hast du dir Gedanken über zielgruppengerechtes Marketing gemacht? Sowas wie Social Media, klassische Medien?“, frage ich und gehe nicht auf ihren Kommentar ein.

„Social Media natürlich. Niemand will mehr Flyer. Zeitschriften sind auch out“, entgegnet sie prompt, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Ihre naive Einstellung finde ich nicht lustig. Ich blättere das Sammelsurium an halbgaren Informationen bei der Zusammenfassung auf, die aus, sage und schreibe, drei Zeilen besteht.

„Es gibt etablierte Marktplattformen, die du nutzen kannst. Die haben auch Marketingmöglichkeiten. Hast du dir darüber Gedanken gemacht? Du schaffst es nicht einmal, eine strukturierte Geschäftsidee darzulegen, Kira.“ Der Vorwurf ist deutlich zu hören, auch wenn ich es gar nicht so meinte.

„Ich mache Schmuck und will ihn verkaufen, was soll ich da darlegen? Ja, ich kenne die Plattformen und das will ich nicht nutzen. Das ist alles Schund.“ Kira lehnt sich gereizt zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und schlägt die Beine übereinander. Sie lässt das obere auffällig wippen und geht mir damit doppelt auf den Keks.

„Kira, das geht nicht. Du kannst nicht einfach sagen ‚Zack‘ und dein Unternehmen läuft. Du brauchst eine Strategie, die sowohl einen Einstieg als auch möglichen Wachstum abdeckt. Du brauchst Vertriebswege, die im besten Fall ausbaubar sind oder zu einer eigeneständigen Lokation führen. Was übrigens erst wirklichen Sinn macht, wenn du dich ein Stückweit etabliert hast und eine Bekanntschaft, einen Kundenstamm aufgebaut hast.“

„Eine Freundin von mir bietet mir an, dass ich in ihrem neuen Geschäft ausstellen kann.“

„Okay, das ist gut, aber was sind die Konditionen? Das kann wohl kaum dein einziger Vertriebsweg sein.“

„Das haben wir noch nicht geklärt und natürlich nicht“, erklärt sie ausweichend, „Ich brauche auch eine eigene Website, aber das geht heutzutage ganz leicht. Dafür gibt es Anbieter.“

„Die Geld kosten und auch das muss in den Businessplan“, sage ich streng. Kira verdreht die funkelnden, blauen Augen. Ich erhebe ich zum Sessel, setze mich zu ihr auf die Couch und ziehe mir den Notizblock heran, der ebenso auf dem Couchtisch liegt. Grob notiere ich die Punkte, die in einen Businessplan gehören, gleiche sie mit den Inhalten des Ordners ab. Anschließend skizziere ich die Möglichkeiten, die ich für Kira realistisch halte, zähle sie ruhig und laut auf. Je mehr ich rede, je dichter lehnt sich Kira wieder zu mir, öffnet ihre stoische Haltung. Es ist stereotyp. Erst ist sie dagegen, egal, worum es geht, egal, welchen Vorschlag ich mache. Aber dann weicht sie auf, oft ohne, dass ich überschwänglich argumentieren musste. Auch zu Beginn unserer Beziehung verhielt es sich derartig und es war jedes Mal ermüdend, aber ich habe es hingenommen und mich untergraben lassen.

Nie wieder!

Sie will meine Hilfe, dann muss sie sie in der Form nehmen, in der ich sie ihr anbiete. Ich atme tief und beruhigend ein, lege den Ordner zur Seite.
 

„Machen wir mit dem Produkt weiter. Was hast du und was ist geplant?“, frage ich meine Ex-Frau. Kira nickt eifrig, greift zu mehreren Holzkisten, die unter dem Tisch abgestellt sind und holt sie hervor. Sie sind bis oben hin mit verschieden großen Plastiktütchen gefüllt, in denen sich kleinere Beutelchen befinden. Sie beginnt, die Schmuckstücke auf dem Tisch auszubreiten. In den Boxen scheint es eine Sortierung zu geben, die vermutlich nur Kira kennt, deswegen braucht es für sie nur wenige Handgriffe und alles ist bereit. Vor mir präsentieren sich nun sechs Tütenberge mit unterschiedlich vielen Exemplaren.

„Es sind aktuell etwa sechs Kollektionen mit jeweils zehn Stücken. Etwa.“ Kira zählt mit runzelnder Stirn alles noch einmal an ihren Fingern ab und nickt, als sie sich sicher ist. Es ist lange her, dass sie mir ihre Entwürfe gezeigt hat und ich verschaffe mir neugierig einen ersten Überblick. Ohrringe, Ohrstecker, Kettenanhänger, einige Ringe. Der erste Eindruck ist feminin, grazil. Hübsch. Ganz Kira.

Die erste Kollektion, die ich mir genauer anschaue, besteht aus Schmetterlingen. Ich kann im ersten Moment nicht erkennen, aus welchem Material sie sind. Ich schüttele einen Kettenanhänger aus der Tüte. Die Oberfläche ist glatt und glänzend, aber mit feinen Äderungen durchzogen, die ein Muster ergeben. In den Flügeln sind Bereiche ausgestanzt, was das gesamte Stück zauberhaft feingliedrig wirken lässt. Nach einem genaueren Blick bin ich der Überzeugung, dass es Metall sein muss.

„Seit wann machst du Metallschmuck?“, frage ich neugierig, bestaune beeindruckt die weiteren Stücke und die saubere Verarbeitung. Dabei drehe ich den Schmetterling-Anhänger behutsam hin und her. Es sind toll aus.

„Erinnerst du an Nancy?“, fragt Kira. Ich muss leider verneinen und schüttele den Kopf. „Sie ist eine Jugendfreundin von Kate, wir haben sie bei ihrer Hochzeit kennengelernt. Sie ist Goldschmiedin und wir haben uns vor ein paar Monaten durch Zufall wiedergetroffen. Wir haben lange gequatscht und ich durfte ihre Werkstatt besuchen.“

„Das ist großartig.“

„Ja, es war faszinierend, aber ich habe gemerkte, dass die richtige Schmuckschmiedekunst nicht meins ist. Zu dreckig, zu laut. Aber sie hat mir noch etwas anderes gezeigt. Metal Clay. Das ist modellierbares Silber, womit man wunderschöne Stücke herstellen kann“, erklärt sie begeistert. Ich sehe den Glanz in ihren blauen Iriden und beginne unwillkürlich zu lächeln. „Es ist ähnlich wie Fimo. Und es gibt so viele tolle Möglichkeiten, damit zu arbeiten.“

„Fimo?“

„Das ist Modelliermasse, die man im Ofen aushärten kann. Die Ohrringe, die ich damals meiner Cousine gemacht habe, erinnerst du dich?“

„Die Spinnen?“ Es war ein Mitbringsel für Halloween.

„Die auch, aber ich meinte das Obst.“ Ich stehe auf dem Schlauch. Obst-Ohrringe? „Ich fand die Idee superduper süß, aber ich finde, das war nichts im Vergleich hierzu.“ Sie nimmt ein anderes Exemplar in die Hand, lässt es aus dem Beutelchen gleiten. Schmetterlingsohrstecker. Sie sind genauso filigran, zeigen aber ein leicht anderes Muster. Zusätzlich greift sie nach dazugehörenden Ringen. „Ich habe jeweils Ohrringe, Kettenanhänger und Ringe gemacht.“

„Wirklich schön“, bestätige ich anerkennend. Kira lächelt. Eines mit glücklicher Scham. „Willst du sie eher als Set verkaufen oder einzeln?“ Beides hätte seine Vor- und Nachteile.

„Ich weiß nicht. Ich denke, die Leute wollen lieber die Wahl haben.“

„Kannst du einzelne Stücke nachproduzieren?“ Kira schiebt ihre Unterlippe hervor, während sie darüber nachdenkt.

„Keine exakte Kopie, aber vielleicht ähnlich“, wägt sie letztendlich ab, „Ich fände es aber besser, wenn es Unikate bleiben.“ Verständlich, aber auch darauf folgen Faktoren, die zu beachten sind, wie kontinuierliche Ausgaben für Fotos und Produktbeschreibungen. Andererseits ließen sich daraus auch überzeugende Verkaufsargumente ableiten. Ich mache mir entsprechende Notizen.

„Bleibst du fortan bei diesem Medium? Früher hattest du mit Perlen gearbeitet, machst du das nicht mehr?“, erkundige ich mich bei ihr und denke dabei an das Armband, welches ich erst vor wenigen Tagen in Lianas Schmuckschatulle fand.

„Das weißt du noch?“ In ihrer Stimme schwingt Verwunderung, aber auch Freude. Ich sehe Kira lächeln, als ich kurz aufblicke.

„Klar erinnere ich mich an die verfluchten Minidinger, die dir vor der Hochzeit viermal ausgekippt sind. Ich kriege jetzt noch Rückenschmerzen, wenn ich daran denke, wie wir mit Taschenlampen den Teppich abgegrast haben.“ Bei der Erinnerung beginnt sie zu lachen, ich ebenso zu schmunzeln.

„Wir hatten ganz schön geflucht“, sinniert sie kichernd, lehnt sich in meine Richtung. Sie nimmt eines der Couchkissen und legt es sich auf den Schoß. „Aber die Armbänden waren sehr gut angekommen!“, fährt sie fort und neigt ihren Kopf, sodass ein paar lose Haarsträhnen über ihren Hals fallen.

„Das ist wahr. Also keine Perlen, okay, lass uns weiter machen.“ Ich ziehe mir den Ordner auf den Schoß und beginne ungeniert, die von Kira hingeklatschten Angaben zu korrigieren oder sie umzuformulieren. Ich versuche zu mindestens den Anschein zu vermitteln, dass darüber nachgedacht wurde, was sie mit ihrer Marke erreichen will. Ich spüre ihren richtenden und gleichzeitig eingeschnappten Blick auf mir, ignoriere ihn und es wird still. Kira greift nach ihrem Wasserglas, nippt geräuschvoll ein paar Mal daran.

„Ich versteh´s nicht!“, äußert sie plötzlich. Kira klingt tatsächlich verwundert, als wäre, was auch immer ihr durch den Kopf geistert, ein Rätsel. Ich versuche, meinen letzten Gedanken zu Papier zu bekommen und gehe daher zunächst nicht auf ihre Bemerkung ein. Ich korrigiere den letzten Satz, um ihn aussagekräftiger zu machen. Zu meiner Verwunderung kommt nichts hinterher.

„Was genau?“, frage ich kurz darauf, blicke erst auf, als auch sie nicht sofort antwortet. Sie beißt sich auf die Unterlippe und starrt mir direkt ins Gesicht. Ich blicke verwundert zurück. „Was?“

„Schon gut. Ich brauche Koffein, möchtest du auch einen Kaffee oder vielleicht einen Tee? Ich habe diesen tollen Englisch Breakfast aus London, den du immer so mochtest“, weicht Kira aus, erhebt sich von der Couch und schlendert zur Küche. Ich blicke ihr verwundert nach. Was meinte sie damit? Was versteht sie nicht? Warum ich ihr helfe, obwohl mir das rein gar nichts bringt? Das verstehe ich selbst nicht. Meine Ex stellt den Wasserkocher an und steckt, meine Antwort abwartend, ihren Kopf durch die Türöffnung.

„Kaffee, bitte. Aber nicht so, wie du ihn trinkst, sondern normal!“, merke ich an. Kira äfft mich mimisch nach und ich verdrehe affektiert die Augen, ehe ich mich erneut den Ausdrucken zuwende.
 

„Wie sieht es mit dem Budget aus?“, frage ich, als sie mit zwei dampfenden Bechern in die Küche zurückkehrt. Kira stößt geräuschvoll die Luft aus, setzt sich erst auf den Sessel, wechselt aber nach wenigen Sekunden zu mir auf die Couch. Eine nervöse Kira ist kein gutes Zeichen. Ich bin mir nicht sicher, ob es einzig am Thema Geld liegt oder an etwas anderem.

„Du hast doch schon mit deinem Vater darüber gesprochen, oder?“, hake ich nach.

„Das habe ich.“

„Und?“

„Er meinte, er will ein Kostenvor-irgendwas...bevor er sein endgültiges Okay gibt und ich brauche diesen Plan da.“ Kira deutet auf den Ordner in meinem Schoß und rollt unnatürlich mit den tiefblauen Augen. Ich kenne es zur Genüge. Den Ton ihrer Stimme, wenn sie Dinge machen muss, die sie nicht will oder einfach nicht versteht, trägt diese besondere Note an Affektiertheit. Ihr Vater ist streng und ein knallharter Geschäftsmann. Er hält sich nicht lange mit Reden auf, sondern will konkrete Angaben und Ergebnisse. Ihr alter Herr ist direkt, unnachgiebig und Fehler zu machen ist unverzeihlich. Auch Kira kann den Vorgaben und Ansprüchen ihres Vaters nicht gerecht werden, aber sie hat den Töchterchen-Bonus, der ihr einen größeren Spielraum einräumt.

„Du brauchst definitiv eine Kostenkalkulation und diese holst du dir am besten bei,-“, breche ich den Satz ab und bemerke, wie sich mein Magen beginnt zu verdrehen, als ich versuche, meine Gedanken zu Ende zu bringen. Es gibt nur eine Person, die ihr dabei wirklich helfen kann. „Du weißt bei wem.“

„Ja, ich weiß und lass das mit deinem Fachchinesisch. Damit hat mich Papa schon zur Genüge genervt. Oh, da fällt mir ein…“, sagt sie und streckt sich nach einem weiteren Stapel auf dem Couchtisch aus. „Die habe ich von meinem Vater bekommen. Eine Bekannte von ihm vertreibt Design-Ladenausstattungen. Sie sind so wunderschön. Ich kann es fast vor mir sehen.“ Wie praktisch. Kira drückt mir die Kataloge in die Hand. Ich überfliege sie unbeeindruckt und frage mich erneut, was ich hier eigentlich mache. Will sie überhaupt eine realistische Einschätzung? Ich zweifle daran, dennoch schaue ich mir das Prospekt an. Auf dem Cover sind ein paar Schmuckständer und sonstige Präsentationsmöglichkeiten abgebildet. Edles Holz. Gute Verarbeitung. Hochwertig. Sicher teuer. Ein anderes Coverbild zeigt Regalsysteme für Ladenflächen. Ebenfalls aus Metall mit Holzelementen. Auch diese gehören einer gewissen Preisklasse an. Ich lege die Kataloge zur Seite und ignoriere Kiras erwartungsfrohen Blick.

Wie kann es sein, dass sie das alles hat und dennoch keinen echten Plan?

Wieso wundere ich mich darüber? Es ist Kira, meine Exfrau, die fast ein halbes Jahr gebraucht hat, um sich für das Hochzeitsthema zu entscheiden. Ich erinnere mich gut an die Stunden der Frustration, als sie ein Winterthema favorisierte. Mit Fake-Schnee, Eisskulpturen und Glühwein. Ich war noch nie ein Freund von Kälte und frostigen Farbtönen. Blau steht mir einfach nicht und die Vorstellung, meine Sommerhochzeit in dieser Art zu verbringen, war fürchterlich, wenn auch nur für einen halben Tag lang.

„Das Alles brauchst du erst, wenn die grundlegenden Dinge geklärt sind. Eine Ladenausstattung ist erst dann sinnvoll, wenn ein Shop oder anteilige Fläche rentabel sind. Das wird eine Weile dauern“, mache ich ihr klar.

„Weißt du, das war schon immer dein Problem. Denk doch mal groß und positiv. Du bist zu fantasielos.“

„Und du wirklichkeitsfern. Kira, das sind Ideen, die du nur mit einem gigantischen Backup und Rücklagen verwirklich kannst. Und glaub mir, das ist nicht das, was dein Vater hiermit bezwecken möchte“, erkläre ich mit ernster Stimme und lege den Ordner effektvoll vor ihr ab. Kira schnauft.

„Was weißt du schon, was mein Vater bezwecken will?“, kontert sie trotzig, zieht die Beine hoch, sodass sie im Schneidersitz neben mir verweilen kann. Sie lehnt sich zurück und weicht meinem Blick aus.

„Er will, dass du ein stabiles Einkommen hast und abgesichert bist. Und dass du auf niemanden angewiesen bist, nicht mal auf ihn.“ Meine knappe und klare Erklärung. „Kannst du ihm schlecht übelnehmen, oder?“, hänge ich mit ran, schüttele den Kopf und widme mich wieder den Notizen. Kira bleibt neben mir sitzen.
 

Irgendwann bemerke ich, wie ihre künstlichen Fingernägel gegen die Keramiktasse tippen. Erst sporadisch, dann im relativen Rhythmus. Ich pausiere das Schreiben, schaue jedoch nicht zu ihr. Trotzdem stoppt das Getippe.

Derweil beginnt sie ungeduldig hin und her zu wippen und ich bemerke, wie das aneinanderreiben der Kleidung immer prägnanter wird. Der grobe Stoff ihrer Hose gibt Geräusche von sich wie Knochen in einem Fleischwolf. Ein kurzes Brummen folgt dem nervtötenden Geraschel, aber sie sagt kein Wort, also fahre ich unbeirrt mit meiner Tätigkeit fort. Immerhin hat sie mich deswegen hierher zitiert.

„Bist du langsam fertig?“, erkundige ich mich bissig, um keinen unangemessenen Spruch hinterherzuschicken. Kira zieht gerade ihre Beine hoch, um sich wieder im Schneidersitz niederzulassen und stoppt mitten in der Bewegung. Ihre bemalten Wimpern flattern auf und nieder und dann führt sie die Positionsänderung vollständig aus.

„Japp“, erwidert sie lapidar und greift nach ihrer Tasse mit Kaffee. Sie nimmt einen Schluck, ich wende mich den Papieren zu. Doch ehe ich erneut ansetzen kann, springt sie auf und tänzelt Richtung Bad. Ich forme die linke Hand zur Faust und beiße mir leicht in die Knöchel. Meine Ex-Frau ist wie ein Sack Flöhe auf Energydrinks.

„Wieso musstest du eigentlich bei Liana unterkommen? Hattest du nicht eine Wohnung in Aussicht, als du ausgezogen warst?“, fragt Kira im Plauderton, als sie zurückkommt. Ich lege erneut den Stift beiseite und seufze leise auf. Mit Schwung fläzt sie sich zurück in die Polster und streicht sich eine blonde Strähne hinter das Ohr.

„Ja, in Aussicht, aber ich habe sie nicht bekommen“, kommentiere ich ruhig und greife selbst nach meinem mittlerweile erkalteten Kaffee. Er ist bitter, aber in diesem Moment passt es seltsamerweise zum angesprochenen Thema. Eine ihrer perfekt gezupften Augenbrauen wandert nach oben, sorgt dafür, dass sich die Symmetrie ihres Gesichts aufweicht.

„Und wieso bist du nicht geblieben?“, fragt sie überrascht.

„Fragst du das wirklich?“, pariere ich diese abstruse Frage. Ich bereue es sogleich, denn ich sollte ihr lieber eine Lüge auftischen.

„Was hast du gemacht, im Büro geschlafen?“, hält sie angestachelt nach. Ich antworte nicht, sondern würge einen weiteren Schluck der braunen Brühe runter. „Ernsthaft? Das ist echt bescheuert, Gabriel!“ Mein Schweigen ist ihr Antwort genug.

„Wie du meinst, aber es ist nicht dein Problem.“ Nicht mehr.

„Natürlich nicht, schon gar nicht, wenn mir mein Ex-Mann zwischen den Zeilen damit mitteilt, dass er mich so unerträglich findet, dass er lieber obdachlos ist“, kommentiert sie mit deutlich zynischem Unterton. Mit einem Seufzen lehne ich mich zurück, lege den Kopf erschöpft auf der Rückenlehne ab und schließe die Augen. Meine Erwiderung halte ich, denn ich versuche einen Weg zu durchdenken, der die Situation nicht eskaliert. Aber ich weiß bereits, dass es egal ist, was ich sage, sie wird es falsch verstehen. Bin ich gegangen, weil ich es nicht ertrug, in ihrer Nähe zu sein? Sicherlich trifft es zu, aber die Wahrheit ist, dass ich die letzten guten Gefühle, die ich für sie hege, in Ehren halten wollte und das gezwungene Zusammenleben hätte alles davon zerstört. Ich neige meinen Kopf in ihre Richtung, öffne die Augen, um zu sehen, dass sie im selben Augenblick ihren Fuß nach mir ausstreckt, um mich damit anzustoßen. Obwohl es nun nicht mehr heimlich oder überraschend ist, zieht sie es dennoch durch. „Wieso?“, bellt sie mir zu. Ich bin noch weniger gewillt, ihr Rede und Antwort zu stehen.

„Können wir bitte nur den Businessplan besprechen?“, entflieht es mir angespannt. Ich möchte dieses Thema tunlichst vermeiden, wobei ich mir nicht sicher bin, warum eigentlich. Es waren nie schlechte Gründe, die mich bestimmte Entscheidungen treffen ließen. Ich wollte nie Unbehagen zwischen uns, produziere ihn aber dennoch ab und an.

„Wieso weichst du aus?“, kontert sie direkt, trifft den Nagel auf den Kopf. Ich möchte schreien oder meine Füße energisch in den Boden stampfen. Stattdessen blase ich die Wangen auf und schlage den Ordner zu.

„Wieso spielt das eine Rolle für dich? Für dich ist alles zur vollen Zufriedenheit und ohne größere Umstellung abgelaufen, kannst du das nicht gutheißen und dir das frömmelnde Interesse verkneifen?“ Da, ich mache es schon wieder. Ich provoziere, ohne es zu wollen oder es zu müssen. Ich weiß nicht, wieso. Doch im Grunde bin ich mir dessen sehr wohl bewusst. Immerhin war es meiner Ex-Frau für viele Monate vollkommen egal, wie meine Situation aussah und sie hatte meinen Auszug lautstark befürwortet.

„Du bist mir nach wie vor wichtig“, insistiert sie. Nicht zum ersten Mal. Auch nicht zum letzten Mal. Ich will es nicht hören!

„Als dein Lakai und Prügelknabe“, erwidere ich und lehne mich auf dem Sofa zurück. Ich schließe die Augen und versuche, die sich anbahnende Tirade auszusitzen, so, wie ich es öfter in unserer Ehe getan habe. Doch statt lautem Traktieren packen mich unerwartet zwei schlanke Hände am Kragen und ziehen mich zur Seite. Kira beugt sich über mich und als ich die Augen öffne, blicken mir ihre funkelnden, blauen Augen entgegen. Ich erkenne Wut darin, aber auch Enttäuschung. Ihre Hände fühle sich kühl an, dort, wo sie auf meine Haut treffen. Dann lässt die Härte ihres Griffes nach, ihr Blick senkt sich, während ein fahriges Seufzen über ihre Lippen flieht.

„Du hast dich verändert. Ich erkenne dich gar nicht mehr wieder. Was ist mit dem alten Gabriel passiert?“, fragt sie mit leiser Stimme. Kein Ärger, keine Wut ist darin zu vernehmen.

„Ich musste es. Was hatte ich für eine Wahl?“, gebe ich retour, ohne zu zögern. Ein Status quo hätte mich vollständig zerstört. Nicht nur die Dinge um mich herum, sondern mich selbst. So weiterzumachen, wie zuvor, war also keine Option.

„Das macht mich traurig“, flüstert sie, lässt ihre Finger wandern, sodass sie mir durch die Haare streicht. Zu zärtlich. Zu vertraut.

„Ist es das, was dich stört? Dass ich unserem alten Leben nicht nachtrauere, wie du es gehofft hast?“, formuliere ich bewusst kränkend, schlucke die bittere Wahrheit, die meine Kehle hinabfließt.
 

Beim Durchqueren des Wohnzimmers fällt mein Blick auf das Bücherregal und dabei ploppt das Traumdeutungsbuch wieder hervor. Ich halte kurz inne, durchdenke die Notwendigkeit und als ich einschätze, dass es mich tatsächlich interessierte, weiche ich vom direkten Weg zur Wohnungstür ab.

„Du hattest ein Buch für Traumdeutungszeug, gibt es das noch?“, frage ich und lasse dabei meine Finger über die Buchrücken einer Reihe gleiten. Es sind überwiegend Kiras Bücher, Liebesromane, die ich nie verstanden haben. Zu kitschig, zu platt. Ich habe ihr zuliebe versucht, ein paar der Romane zu lesen, damit wir darüber reden können. Aber es war einfach nicht meins. Kira greift währenddessen zu einem in einem der oberen Fächer und zieht ein kleineres Buch hervor, als ich es in Erinnerung habe.

„Seit wann stehst du auf esoterischen Kram?“, fragt sie mockend, hält mir das Buch hin und zieht es weg, ehe ich danach greifen kann. Ich atme übertrieben ein, räuspere mich danach lautstark. Ich habe keinen Nerv für derartige Spielchen und sage ihren Namen. Ruhig und entschlossen. Sie starrt mir kämpferisch entgegen, gibt dann aber nach. „Ist ja gut.“

„Danke!“, sage ich, nehme ihr das Buch ab und setze meinen Weg zur Tür fort. Ich schlüpfe in die Schuhe, greife mir die Jacke und schiebe das Buch in die Innentasche. Kira bleibt unerwartet still, während ich mich anziehe. Ich öffne die Tür, halte dann nochmal inne.

„Kira, durchdenke das gut mit dem Plan. Ich glaube, dein Schmuck hat viel Potenzial, also nimm es nicht auf die leichte Schulter, indem du glaubst, dass es schon irgendwie klappt oder dich dein Vater auffängt. Du solltest mittlerweile begriffen haben, dass nichts ‚einfach‘ passiert, alles perfekt wird oder bleibt.“ ‚Vor allem bleibt‘, denke ich mit Bitternis.

„Vergiss nicht deine Maus.“, merkt sie an und schiebt mir das Kästchen mit der Figur zu. Ich greife sie und stecke sie mir in die Jackentasche.

„Ratte meinst du. Mach´s gut, Kira.“ Damit verabschiede ich mich. Erst unten auf der Straße schaue ich auf die Uhr. Das Intermezzo mit meiner Ex hat weniger lange gedauert als erwartet. Was mache ich jetzt?

Zurück in die Wohnung zu fahren wäre sinnfrei, da ich kaum zehn Minuten hätte und wieder losmüsste.
 

Kurzentschlossen setze ich mich Richtung Park in Bewegung. Duncan sagte, er arbeitet vorher dort. Zwei U-Bahnen später ist das Zeitfenster weiterhin groß, also besorge ich Kaffee. Mit zwei To-Go-Bechern stehe ich wenige Minuten später in der Grünanlage. Ich weiß nicht, was ich hier mache. Erst sage ich ihm, dass ich wegen eines Termins kaum Zeit habe und dann tauche ich unangekündigt während seiner Arbeitszeit auf? Ich bin eine Katastrophe und ich sollte mich lieber im Büro verkrümeln. Gerade, als ich mich dorthin auf den Weg machen will, läuft der Grund meiner Anwesenheit mit einer Astschere über die karge Wiese. Wieder trägt er die Latzhose und darüber den grauen Hoodie. Doch statt der Kapuze, hat er eine grüne Mütze auf dem Kopf.

Kurz bevor Duncan bei mir ankommt, zieht er sich die Maske vom Gesicht. Anstatt ihn zu begrüßen oder mich zu erklären, halte ich ihm den Kaffee hin. Er greift nicht direkt danach, zieht sich zunächst den Handschuh aus, wofür er seinen Mund verwendet. Und warum auch immer beginnt es in meinem Bauch zu simmern, als würde man plötzlich tiefer treten als berechnet. Es gleicht einer Welle voller Flattern und Kribbeln. Duncan ist unbestreitbar sexy in seiner Gärtnerkluft und mit diesen kältegetünchten Wangen. Seine warmen Finger berühren meine bei der Übernahme des Bechers und mich erfasst ein weiterer Schwung Flattern und Kribbeln.

„Hey, du bist ja bereits hier? Dein Termin ist schon vorbei?“, erkundigt er sich, drückt die Astschere an einer grasfreien Stelle in den Boden.

„War eine Farce“, entgegne ich, merke, wie sich das schiefe und beschämte Lächeln auf meinen Lippen pflastert, wie ein Spiegel der Unzulänglichkeit. Duncan hebt überrascht die Augenbrauen. Den Becher, den er zum Trinken ansetzt, lässt er sinken und deutet auf die Bank in der Nähe.

„Möchtest du darüber reden?“

„Nein“, entgegne ich schnell, schüttele den Kopf, „Nein, das ist nicht das richtige Thema für…“ Der Versuch, mein striktes Nein zu begründen, misslingt, da ich keine Erklärung finde. Und weil ich auch nicht weiß, wie ich mein vorgezogenes Auftauchen betiteln soll. Überfall. Aufdrängen. Lächerlichkeit. Ich sabotiere mein eigenes Date mit dieser Aktion. Date-Bombing. Dabei weiß ich nicht wirklich, ob das als Date zu zählen ist. Da ich auch nach kurzer Bedenkzeit keine Antwort finde, deute ich zwischen mir und ihm hin und her, als brächte dies ein besseres Verständnis. „Entschuldige den Überfall“, sage ich letztendlich. Duncan betrachtet mich eingehend. Dies hat er schon mal getan, bei unserem Cocktail-Stelldichein und schon damals fühlte es sich an, als könnte er mich mit diesem herrlichen Grün bis ins Mark durchdringen. Es trägt diese stille Intensität, die sich anders anfühlt als bei Darian. Als könnte Duncan jedes Geheimnis aus mir herauskitzeln, ohne ein Wort formulieren zu müssen. Ohne Mühe zu haben, denn ich würde es bereitwillig zulassen.

„Überfall würde ich es nicht nennen. Nur ein überraschender Kaffee vor dem Kaffee-Date“, erklärt Duncan. Er zögerte bei dem Wort Date. Nur einen Wimpernschlag lang, aber ich bemerkte es. Auch bei ihm klingt es, als müsste er den Klang des Wortes erst auf der Zunge testen. Nicht auf eine gute Weise. Es ist meine Schuld, denn ich habe uns in diesen seltsam unangenehmen Zustand gebracht.



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Kommentare zu dieser Fanfic (7)

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Von:  chaos-kao
2016-01-11T16:13:03+00:00 11.01.2016 17:13
Mehr! Ich brauche mehr! Schon wieder eine Geschichte von dir, die einen von Anfang an in ihren Bann schlägt und nicht mehr los lässt! Ich finde es wirklich faszinierend wie du es schaffst Gemälde so zu beschreiben, dass man sie quasi vor dem inneren Auge betrachten kann, als stände man davor. Auch die Charaktere sind sehr vielschichtig und greifbar. Ich freue mich auf alle Fälle schon auf das nächste Kapitel - egal wann das kommt (aber umso früher desto besser :P)


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