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Min eryd ar i aearon

New fate
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo, liebe Leser! :)

Ich habe schon ein neues Kapitel für euch! Heute hab ich wie wild geschrieben, die Wörter sind nur so aus meinen Fingern geflossen – komisches Bild in meinem Kopf xD
Ich hoffe, es wird nicht langweilig, aber ich wollte erklären, inwiefern ich die Timeline verändert hab und an welchem Punkt die Geschichte nun spielt. Dabei bin ich gern ausführlich, damit alles irgendwie logisch ist! :) Ich hoffe, alles macht Sinn! Also, viel Spaß beim Lesen! :D Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo, liebe Leser! :)
Und schon geht es wieder weiter! Das Kapitel ist länger geworden, als ich dachte, aber die Worte kamen wie von alleine! Es ist zwar immer noch vieles offen und mysteriös, doch ich hoffe, dass es weiter spannend für euch bleibt! Wenn Fragen bestehen, nur her damit!
Ansonsten, viel Spaß bei der Lektüre! :) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo, liebe Leser! :)
Da bin ich wieder, mit einem neuen Kapitel. Es ist nicht ganz so lang wie das davor, aber dafür wieder spannend, hoffe ich! Bei der Gelegenheit möchte ich allen Review-Schreibern danken, da ich durch euch noch einen weiteren Ansporn zum Schreiben bekomme! :)
Viel Spaß also beim Lesen! :D Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo und willkommen zu einem neuen Kapitel!
Langsam aber sicher macht sich die Geschichte selbstständig, hab ich so das Gefühl! Eigentlich wollte ich schon weiter sein, aber es schleichen sie immer wieder Details beim Schreiben ein, die erzählt werden wollen. Da kann ich nichts dagegen tun! ;P Und falls ihr langsam genug von Briuwen habt: Kíli kommt auch wieder ;)
Habt viel Spaß beim Lesen! :D Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo! :)
Ein neues Kapitel ist endlich am Start! Eigentlich war es gestern schon fertig, doch ich hatte keine Zeit, weil mein neuer Laptop angekommen ist :) Die Tastatur ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, ich hoffe, damit komme ich gut beim Schreiben voran!
Also dann, viel Vergnügen mit dem neuen Kapitel! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo ihr Lieben! :)
Dieses Kapitel hat leider etwas länger auf sich warten lassen! Es ist mal wieder etwas ruhiger, aber ich hoffe, es gefällt euch trotzdem!
Bis dann! <3 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallihallo!
Leider hatte ich keine Zeit, das Kapitel eher hochzuladen! Dafür schreibe ich schon an Kapitel 9, was aber länger dauern kann, da ich da irgendwie nicht voran komme… Außerdem hoffe ich, dass mir bei den nun folgenden Zeilen die Fans eines bestimmten Charas nicht böse sein werden ;)
Viel Spaß! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Halli hallo!
Vielen Dank, dass ihr reinschaut! Puh, dieses Update hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert! Irgendwie ist mir diese Zwischensequenz super schwer gefallen, vielleicht, weil ich eigentlich lieber über die wichtigen Sachen schreiben will ;) Naja, ich bin diesmal nicht so ganz zufrieden, aber ich hoffe, es gefällt euch!
Viel Spaß beim Lesen und bis bald! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Tadaa :)
Kaum zu glauben, es geht weiter! Nachdem ich die ersten Kapitel eins nach dem anderen rausgehauen hab, hat dieses hier eine gefühlte Ewigkeit gedauert (grad seh ich, dass ich das gleiche über Kapitel 9 geschrieben hab xD). Ich hoffe ihr mögt das Kapitel, es stellt das Ende des ersten Teiles der Geschichte dar. Vielleicht bin ich bei einigen Charakteren zu weit gegangen, was ihre Darstellung angeht (z.B. Thorin) aber es ist während dem Schreiben einfach so passiert. Natürlich hoffe ich, dass es euch trotzdem gefällt! Und was ich noch klären wollte, jetzt, nachdem auch der 3. Hobbit im Kino war: Tauriel kommt in meiner Timeline nicht vor, denn wie gesagt, Peter Jackson macht was er will, also mache ich es auch ;)
Viel Spaß! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo und willkommen zurück bei MEAIA :)
Danke für 1000 Klicks auf meine Geschichte, ich hab mich wahnsinnig gefreut und war dadurch auch angespornt, ein neues Kapitel niederzuschreiben! Ich bin zwar nicht so ganz zufrieden, denn das Kapitel schien mir nicht ganz rund zu sein, aber ich freue mich schon, die nächsten Szenen zu schreiben :D
Ich hoffe, ihr habt Spaß!
Bis bald, Bettyna Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Liebe Leser,
schön, dass ihr wieder reinschaut! Mir ging dieses Kapitel doch relativ leicht von der Hand, auch wenn ich die ganzen Beschreibungen, die darin vorkommen, etwas mühsam fand. Ich hoffe, sie sind einigermaßen realistisch, denn ich habe mir die Szenen vom Düsterwald aus dem 2ten Hobbit nicht nochmal angesehen! Jetzt bin ich selber gespannt auf das nächste Kapitel, denn meistens ergibt sich die genaue Story für mich immer erst beim Schreiben ;)
Viel Spaß und bis dann! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallihallo, liebe Leser!
Entschuldigung für die laaaange Pause! Irgendwie fiel es mir sehr schwer, dieses Kapitel aufzuschreiben, einfach weil es hier so viele Optionen für die weitere Gestaltung gab. Außerdem diente das Kapitel eher zur Überbrückung der Zeit und geht mir meist nicht so leicht von der Hand… ^^‘ Dazu kommt noch, dass ich momentan recht wenig Zeit zum Schreiben habe. Ich hoffe, dass euch das nicht vergrault, wenn die Abstände beim Hochladen manchmal so groß sind!
Viel Spaß und bis dann! Komplett anzeigen

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agar | Blut

„Zwerge!“

„Elben!“
 

Gleichzeitig hallten die Rufe durch das Tal und das Echo der Stimmen ließ fälschlicherweise vermuten, dass es sich um einige Personen mehr handelte, als es der Wahrheit entsprach. Schwerter wurden gezückt, Bogen gespannt. Wachsame Augen begegneten einander und musterten sich. Tatsächlich waren es auf jeder Seite nur genau vier Individuen. Doch das machte die Situation nicht weniger bedrohlich.
 

Es war ein milder Tag im Frühling und es begann bereits zu dämmern, weswegen das Licht golden über das Land flutete. Selbst in den Eisenbergen bemerkte man schon, wie der Winter sich zurückzog und die Wärme das Land zurückeroberte. Zwar waren die Gipfel der Bergkette immer noch mit Schnee bedeckt, doch dies würde sich selbst im Sommer nicht ändern. Der unveränderte Anblick war für manches Geschöpf tröstlich, andere hatten für diese höchsten Höhen nichts übrig. Ein Jeder bemerkte jedoch das neue zarte Grün, dass auf den Bäumen und dem hier üblich kargen Boden spross, und freute sich daran. Das leise Rauschen und Gurgeln, welches der Fluss Carnen auf seinem Weg gen Süden verursachte, war gut zu hören, denn er führte bereits das erste Wasser des tauenden Schnees mit sich. Das angeschwollene Flussbett bildete mit seinen rostroten Fluten einen ungewöhnlichen Kontrast zu den sich entwickelnden frischen Farben des Frühlings, umso tückischer gestalteten sich die verborgenen Strömungen, die einen unachtsamen Wanderer bei seiner Durchquerung erbarmungslos mit sich reißen würden.
 

Die kleinen Gruppen waren jedoch nicht zum ersten Mal hier unterwegs. Sie kannten den Weg, und wenn es einen Grund gab, den Fluss zu überqueren, dann wussten sie, welche Stellen dafür geeignet waren. Meistens jedoch brauchte man nicht das Ufer zu wechseln, denn die schmale Straße war gut gepflegt, da sie eine wichtige Handelsroute in diesem Teil von Mittelerde darstellte. Sie zog sich parallel mit dem Flusslauf dahin, denn dies war auf natürliche Weise auch die kürzeste Strecke zwischen den beiden Bestimmungsorten. Am hochgelegenen Ufer, gesäumt von Bäumen und kleineren Felsen, verlief der von unzähligen Füßen festgetretene Weg und auch heute schien es hier regen Verkehr zu geben.
 

„Lasst uns passieren“, sprach eine hochgewachsene Gestalt mit langen dunklen Haaren. In seinen Worten lag kein Groll, seiner Stimme war zu entnehmen, dass er nichts anderes wollte, als seinen Weg fortzusetzen. Seine Gefährten waren allesamt von großem, schlanken Wuchs. Es waren zwei Männer und zwei Frauen in Begleitung von zwei Pferden ohne übermäßige Bewaffnung. Sie wirkten nicht bedrohlich – aus der Sichtweise der anderen Partie verhielt es sich anders. Die vier Männer waren in dicke, robuste Kleidung gehüllt, als wären sie direkt vom Gipfel der Eisenberge herabgestiegen. Sie waren ein paar Köpfe kleiner als die Anderen, ihre fellbesetzten Mäntel verstärkten den Größenunterschied nur noch. Jeder von ihnen hatte eine Waffe gezogen: Dolche, eine Axt und einen kurzen Bogen. Es war zu spüren, dass sie losstürmen würden, sollte auch nur einer ihrer Gegenüber einen Mucks machen, jedenfalls konnte man das von ihren grimmig verzogenen, bebarteten Mündern ablesen.
 

"Gebt die Straße frei", sagte ein Anderer aus der Gruppe der großen Gestalten mit nun hörbarer Ungeduld. Der Weg an dieser Stelle war eng, es war also unmöglich, einfach aneinander vorbeizugehen. Die Anspannung schien sich auf die Tiere der Reisenden zu übertragen; die Pferde begannen zu tänzeln, als ob sie diesen Ort lieber verlassen wollten. Bei den Anderen stieß der strengere Ton jedoch nur gegen eine eiserne Mauer und sie machten keine Anstalten, auch nur einen Fuß breit zur Seite zu weichen.
 

"Ihr befindet Euch auf der Handelsroute zu den Eisenbergen. Ganz bestimmt habt 'Ihr' nicht das Sagen hier", entgegnete schließlich einer der kleineren Wesen und grinste dabei verschmitzt. Er sah sich im Recht, außerdem gab es ihm Genugtuung, eine Zurückweisung gegen eben diese Leute auszusprechen. Entgegen der milden Temperaturen hatte sich die Stimmung plötzlich sehr verkühlt und das wegen einer Banalität - wenn es nach dem Sinn der Großen ging.
 

"Diese Straße führt auch bis an das Meer von Rhûn. Eure territorialen Ansprüche also sind vollkommen hinfällig", bekam er sogleich zur Antwort. Seine Miene verfinsterte sich wieder. Sie drehten sich durch diese Anschuldigungen nur im Kreis. Sie? Ja, Elben auf der einen, Zwerge auf der anderen Seite.
 

Niemand brauchte eine Erklärung dafür, was es mit diesen Anfeindungen auf sich hatte. Zwischen Elben und Zwergen gab es schon seit dem Ersten Zeitalter Zwiste und Konflikte, die über die Jahrhunderte hinweg zu diesem gegenseitigen Misstrauen bis hin zu Hass führten. Oft war es so, dass die Beteiligten nicht einmal wussten, warum sie sich nicht ausstehen konnten, doch die Geschichten über Kämpfe und Kriege wurden von Generation zu Generation weiter getragen und lebten dadurch fort. So war es auch hier; die Angehörigen beider Gruppen waren sich selber noch nie begegnet und trotzdem waren sie sich sofort unsympathisch. So bemerkten sie kaum, dass sich die Dämmerung immer weiter über das Tal ausbreitete und sie den Zeitpunkt, ein geeignetes Lager für die Nacht zu finden, schon längst verpasst hatten. Doch in diesem Moment war es auch nebensächlich, denn so erhaben und stolz, intelligent und an sich friedliebend die Angehörigen beider Völker waren, niemand wollte sich voreilig die Blöße geben.
 

Plötzlich ging alles so schnell, dass später niemand mehr sagen konnte, was wirklich geschah. Einer der Elben zog ein Kurzschwert aus seinem Gürtel hervor und noch bevor alle realisierten, dass es bereits intensiv blau schimmerte, brach es mit lautem Gebrüll über ihnen ein. Eine Meute von fahlen, entstellten Gestalten brach aus dem dichten Gebüsch oberhalb des Weges und fiel über die Reisenden her. Der Angriff war so überraschend, dass alle für einen Moment wie versteinert dastanden.
 

"Orks!", schrie eine Elbin, doch ihr Warnruf kam zu spät, denn die Kreaturen hatten die Gruppe bereits erreicht. Ein Elb und ein Zwerg gingen chancenlos zu Boden. Endlich fiel die Starre von ihren Kameraden ab und ein wildes Handgemenge entstand. Zahlenmäßig waren die Orks überlegen, denn es waren nur noch sechs Elben und Zwerge übrig. Doch diese waren nicht nur einfache Wanderer, jeder von ihnen konnte sich auch als Krieger behaupten. Die Waffen, die sie zuvor gegen einander gerichtet hatten, metzelten nun die Orks nieder. Das Brüllen der abscheulichen Kreaturen sowie Kampf- und Schmerzensschreie vermischten sich zu einer grausamen Dissonanz. Blut tränkte den Boden, welches aus den Wunden der Lebenden und auch der Toten floss und so die Straße in das Gegenstück des roten Flusses verwandelte. Eines der elbischen Pferde ging durch, strauchelte und stürzte die steile Böschung hinunter. Die Fluten des Carnen rissen es mit, doch niemand hatte nur einen einzigen Gedanken frei, um sich darum zu kümmern.
 

Und es sah schlecht aus. So gut sich die Elben und Zwerge auch wehrten, sie konnten nicht länger standhalten. Es war ein Rätsel, warum ihnen gerade hier jemand aufgelauert hatte, an einer Stelle, die denkbar schlecht zu verteidigen war. Oder vielleicht war gerade das der Grund? Doch auch für diese Überlegung war keine Zeit. Der vorletzte Zwerg fiel, der vorletzte Elb steckte einen tödlichen Streich ein. Nur noch Zwei der ursprünglichen Gruppen waren übrig und ihre Überlebenschancen waren angesichts der noch starken Orks gleich null. Da fasste die übriggebliebene Elbin einen Entschluss. Mit einer fließenden Bewegung schwang sie sich auf das verbliebene Pferd, dass trotz Panik noch nicht geflohen war und trieb es mit ihren Fersen und einem lauten Befehl an, zu laufen. Das Tier machte einen gewaltigen Satz, rammte dabei einige der Orks und im letzten Moment, bevor es wie ein Pfeil aus dem Gemetzel ausbrach, bückte sich die Reiterin, packte den letzten von Feinden umzingelten Zwerg am Kragen und wuchtete ihn vor sich auf den Sattel. Schleunigst griff sie nach den Zügeln ihres Tieres, um es unter Kontrolle zu bringen und lenkte es weiter den Weg entlang, fort von dem Ort, an dem ihrer Kameraden grausam ihr Leben lassen mussten.

nogoth | Zwerg

Es kitzelte an seiner Nase. Es war unangenehm kalt. Es wiederholte sich in einem steten Rhythmus. Es war so lästig und sollte endlich aufhören.
 

Doch er war so, so müde. Er wollte doch nur schlafen – war nicht einmal das ihm vergönnt? Seine Glieder fühlten sich an wie Steine, die gerade tief aus einem Berg geschlagen wurden, schwer und ausgekühlt. Keinen klaren Gedanken konnte er fassen, immer wieder entglitt ihm der Fokus auf die Realität, sodass selbst das störende Gefühl ihn nicht an der Oberfläche des Bewusstseins festhalten konnte.
 

Also schlief er weiter – oder war er gar ohnmächtig? So oder so verging die Zeit unaufhaltsam, bis die Erschöpfung ihn schließlich aus ihren Fängen entließ. Das Kitzeln an seiner Nase wurde von einem Moment auf den anderen so unerträglich, dass ein heftiger Nieser seinen ganzen Körper durchschüttelte und ihn regelrecht in eine aufrechte Position katapultierte. Der gezwungene Wechsel vom Liegen zum Sitzen brachte die Welt um ihn herum zum Rotieren. Sofort wurde ihm speiübel und er japste hilflos nach Luft, um wieder Herr seiner Sinne zu werden. Ein paar Augenblicke verharrte er regungslos, da er befürchtete, dass jede auch nur klitzekleine Bewegung ihn wieder vollkommen außer Gefecht setzen würde.
 

Nach kurzer Zeit spürte er es wieder, dieses unerwünschte Gefühl, diesmal auf seinem Kopf. Vorsichtig wagte er es, seinen Blick nach oben zu richten.
 

„Ah, so ein Mist!“, fluchte er, als ihm einige Wassertropfen in die Augen fielen, die aus der Decke sickerten. Das Wasser war ihm vorhin auch auf die Nase getropft und hatte ihn dadurch gekitzelt. Mit eindeutigem Missfallen verzog er seinen Mund und stemmte die Füße in den Boden, um ein wenig von der undichten Stelle weg zu rutschen. Plötzlich durchzuckte ein scharfer Schmerz seinen Knöchel, und als wäre dies ein Weckruf für all seine anderen Körperteile, begann jeder einzelne seiner Muskeln und Knochen wehzutun - jedenfalls fühlte es sich so an. Nur mit Mühe konnte er ein abgespanntes Stöhnen unterdrücken. Da sah er zum ersten Mal wirklich auf und der Anblick ließ ihn die körperliche Pein fast wieder vergessen.
 

Er befand sich in einer flachen Höhle, die nur aus Erde bestand. Einzig und allein hielten dicke, dicht verzweigte Wurzeln eines nahe wachsenden Baumes den Hohlraum intakt. Die Decke schien stabil zu sein und bis auf ein paar kleine Lecks war es trocken. Dies war ein Glücksfall, denn durch den schmalen Eingang des Unterschlupfs konnte man sehen, dass es draußen in Strömen regnete. Dass man das prasselnde Wasser nicht hörte, war dem Erdboden zu verdanken, der alle Geräusche schluckte. Außerdem war die Öffnung nach draußen so schmal, dass man nur bäuchlings hätte hineinrobben können. Er konnte sich jedoch nicht erinnern, dass er etwas dergleichen getan hätte, geschweige denn, wie er überhaupt hier hinein gekommen war - tatsächlich wusste er gar nicht, wo er überhaupt war.
 

Doch am deutlichsten nahm er die andere Gestalt wahr, die kaum einen Steinwurf weit von ihm weg lag. Er war nicht alleine hier.
 

Er konnte sich erinnern. Ja, langsam kam die Erinnerung zurück, an das, was vermutlich die Ursache für seinen schmerzenden Körper war. Es hatte einen Kampf gegeben, einen schrecklichen Kampf gegen blutrünstige Orks, in den sie völlig nichtsahnend hinein gestolpert waren. Der Tag hatte versprochen, ruhig zu werden. Er und seine Kameraden waren lediglich auf Patrouille gewesen. Zwar hatte er, wie viele andere Zwerge auch, gehofft, dass die verheerende Schlacht am Erebor elf Jahre zuvor ihnen endlich Ruhe und Frieden bringen würde, doch das war nur eine naive Vorstellung gewesen. Die Mächte, die sich damals zusammengebraut hatten, waren nur ein Vorgeschmack dessen gewesen, was sich nun immer deutlicher anbahnte.
 

Kurz wurde er wütend. Er wäre niemals hier gelandet, wenn... wenn... Ein Gefühl, hin- und hergerissen zu sein, überfiel ihn. So viel hatte sich geändert, nachdem sie die Schlacht der fünf Heere für sich entschieden hatten. Sie hatten ihre Heimat zurückerobert, sie konnten ihr rechtmäßiges Erbe antreten, Thorin konnte es antreten. Sein Onkel war endlich dort angekommen, wo er immer sein wollte und war nun König unter dem Berge. Ein unermesslicher Reichtum lag ihnen zu Füßen, es mangelte ihnen an nichts mehr. Sie mussten nicht mehr durch die Wildnis ziehen und sich allen möglichen Gefahren aussetzen. Ihre Zukunft war gesichert und sie waren glücklich. Ja, die meisten waren glücklich. Und er? Er war zwiegespalten. Er war der Neffe des Königs. Da Thorin kinderlos war, würde Fíli, sein Bruder, einmal der Thronfolger sein, und auch er selber kam als Erbe in Frage, falls das Undenkbare passieren sollte.
 

Ja, sein Name war Kíli und er war alles andere als glücklich. Vorbei waren die wilden Zeiten, die Zeiten voller Spaß, Abenteuer und in Freiheit, die er zusammen mit seinem Bruder erleben durfte. Zwar hatten sie früher nicht wenige, nicht ungefährliche Hürden zu überwinden gehabt, doch so hatte sich das pure Leben angefühlt. Strotzend vor Lachen, einem unzerstörbaren Gefühl der Zusammengehörigkeit, beseelt von dem Glauben an ein Ziel und der Hoffnung, dass sie noch mehr Glück und Zufriedenheit erwartete. Nichts würde sie trennen, hatten sich die Brüder geschworen. Doch was war jetzt? Fíli war durch seine neue Rolle als Thronerbe an den Erebor gebunden. Aus dem Vagabund war ein Prinz geworden, für den es sich nicht mehr schickte, durch die Wälder zu streifen und Mutproben zu veranstalten. Das bedeutete nicht, das Kíli seinen Bruder weniger liebte, doch die Situation hatte sich einfach geändert.
 

Und er selber? Sein Onkel hatte gedacht, er würde ihm einen Gefallen tun, wenn er ihn in eine hohe Position beförderte und ihm damit wichtige Aufgaben übertrug. Nun, vielleicht hatte er damit nicht unrecht, doch machte er seinen Neffen ausgerechnet zu dem, was für ihn die teuflische Ausgeburt der Langeweile war: Einem Politiker. Kíli wurde zum königlichen Diplomaten ernannt. Er sollte sich um die Beziehungen des Reiches mit wichtigen Verbündeten kümmern. Doch es war abzusehen, dass Thorin damit nicht die Menschen oder Elbenvölker meinte oder ihn in die große weite Welt entsandte, nein, er wurde in die Eisenberge geschickt, zu König Dáin II., dem Vetter von Thorin. Dass sie Dáin zu großem Dank verpflichtet waren, mochte niemand zu verleugnen, denn nur durch die Hilfe seiner Armee war es gelungen, das Heer der Orks und der Wargen vernichtend zu schlagen. Dáin hatte Kíli äußerst freundlich bei sich aufgenommen und ließ ihm alle Freiheiten, die er nur haben wollte, wofür er ihm sehr dankbar war. So hatte er wenigstens hier nicht allzu viele Pflichten und konnte sich aussuchen, was er tun wollte.
 

Um den Bergen und den Eisenhallen zu entfliehen, schloss er sich oftmals den Patrouillen an, die von Dáin durch das Umland der Eisenberge geschickt wurden. Unterwegs zu sein erfüllte ihn mit Freude, anders als in geschlossenen Räumen zu sitzen und den Palavern von hohen Beamten und Würdenträgern zuzuhören. Andererseits... Wäre er in den Bergen geblieben, wäre ihm das hier auch erspart geblieben - was immer noch auf ihn zukommen würde.
 

Denn unweit von ihm lag eine Elbenfrau auf dem Boden. Sie regte sich nicht, nur ihr sich hebender und senkender Brustkorb ließ Kíli erkennen, dass sie noch am Leben war. Ihr Kopf war ihm abgewandt, sodass er ihr Gesicht nicht sehen konnte, außerdem war es sowieso zu dunkel in der Höhle, um irgendwelche Details wahrzunehmen. Er konnte sich auch nicht mehr wirklich an sie erinnern. Der dem Kampf mit den Orks vorangegangene Streit mit der Gruppe von Elben, denen sie begegnet waren, hatte ihn nur halbherzig interessiert. Er wusste, dass es nur Drohgebärden waren, die sie sich entgegengebracht hatten. Echte Handgreiflichkeiten hätten sich die Zwerge nicht erlaubt, außerdem wären ein paar gereizte Worte noch lange kein triftiger Grund dafür gewesen. Hatte Dáin nicht auch befohlen, nur zu beobachten und nicht zu kämpfen? Die Zeiten waren zu gefährlich, als dass man sich kopflos in eine Auseinandersetzung stürzen sollte. Doch dann waren sie überrascht worden. Kíli hatte seine Kameraden zu Boden gehen sehen, ebenso die Elben. Schließlich wusste er nur noch, wie er hochgehoben wurde, wie die Welt sich gedreht hatte - und dass er nun hier aufgewacht war.
 

Vorsichtig tastete Kíli seinen linken Knöchel ab, dort, wo es ihn vorher so geschmerzt hatte. Äußerlich konnte er keine Verletzung fühlen, doch schon eine kleine Bewegung ließ ihn den stechenden Schmerz wieder spüren. Wahrscheinlich hatte er sich den Fuß verstaucht. Doch ansonsten schien er keine Wunden davongetragen zu haben. Seine Begleiter hatten ihn geschützt, soviel stand wohl fest, ansonsten gäbe es ihn nicht mehr an einem Stück... Hatte die Elbin ihn gerettet und hierher gebracht? Auch sie war oberflächlich wohl unbeschadet davongekommen, überhaupt sah sie gar nicht so aus, als hätte sie vor kurzem einen Kampf ausgefochten. Ihre Kleidung war allenfalls staubig, alles andere als dreckstarrend und blutbespritzt, wie die von Kíli. Ihr Haar wirkte glatt und seidig, seines war verklebt und durcheinander und er konnte es sich kaum mit den Fingern aus der Stirn kämmen, ohne an einem Knoten hängen zu bleiben und sich ein Büschel Haar auszureißen. Doch das war wohl die Eigenschaft der Elben, immer auszusehen, wie frisch aus dem Ei gepellt. Ein wenig abfällig schnaubte der junge Zwerg. Mit so einer Eigenart konnten die Elben ja nur hochnäsig und unnahbar sein...
 

Auf einmal hörte er draußen etwas, das anders klang, als das monotone Prasseln des Regens. Da waren... ein Röcheln, ein Knurren, schwere Schritte. Waren das etwas die Orks? Verfolgten sie sie? Kílis Puls beschleunigte sich. Sie hatten ihre Fährte aufgenommen und waren dem Weg gefolgt, auf dem sie von dem Kampf geflohen waren. Wie konnten sie sie finden? Oder war es nur Zufall, dass sie hier vorbei kamen? So gut es ging versuchte er, sich aufzurichten. Seine Hand griff wie automatisch an seine Hüfte, um den Dolch zu ziehen, den er immer bei sich trug. Doch er fasste ins Leere. Wahrscheinlich hatte er seine Waffe im Kampf oder auf der Flucht verloren. Verärgert biss er sich auf die Lippe und schluckte schwer. An Ruhe war jetzt nicht mehr zu denken. Was, wenn die Orks sie hier finden würden? Sie waren unbewaffnet und erschöpft... Die einzige Hoffnung war die Elbin. Vielleicht hatte sie noch irgendwelches Kampfgerät bei sich!
 

So leise Kíli konnte, rutschte er über den Boden zu der Elbenfrau. Er streckte seine Hand aus, um sie an der Schulter zu berühren, zögerte einen Moment und packte dann zu. Nicht gerade behutsam schüttelte er sie, doch es war keine Zeit, jemanden sanft zu wecken. Da setzte sie sich plötzlich ruckartig auf, schneller, als Kíli es vorausahnen konnte, und er erschrak so sehr, dass er zurückzuckte und mit dem Kopf gegen die Decke stieß. Staub und kleine Erdbrocken rieselten herab und mit großen Augen starrte er die Elbin an, die ihren Blick ebenso wachsam auf ihn gerichtet hatte. Kurz musterte sie ihn, dann legte sie einen Finger an ihre Lippen, als ob sie dem Zwerg bedeuten wollte, still zu sein. Schließlich drehte sie sich geschwind um, sodass sie auf Händen und Knien da kauerte, den Körper gespannt und der Blick determiniert, so, als hätte sie nicht noch vor ein paar Augenblicken geschlafen. Und kaum hatte sich Kíli versehen, da war sie schon los gehuscht und geschickt durch den schmalen Eingang der Höhle verschwunden. Nur noch die warme Erde, dort wo sie gelegen hatte, sagte ihm, dass sie nicht nur ein Hirngespinst, sondern tatsächlich hier gewesen war.

elleth | Elbin

Vom Himmel rieselte es auf sie herab, doch sie spürte die Nässe kaum. Es war, als perlte der Regen von ihr ab, als ob sie einen Schutz über sich hatte, der unsichtbar war. Doch sie war nicht unsichtbar und deshalb war sie Jägerin und Gejagte zugleich.
 

Die dicken Tropfen, die die Wolken ausschütteten, verwandelten die Umgebung in eine Klangwelt, die reichhaltiger nicht sein konnte. Je nachdem, wo sie auftragen, entstand ein neuer Ton. Er spielte auf Blättern, Holz, Stein, Wasser und Erde seine unendliche Melodie. In den Ohren der Elbin klang es wie eine gewaltige Symphonie, das großartige Werk eines begnadeten Komponisten: Der Natur. Doch sie vernahm auch die Missklänge, die sich in die Geräuschkulisse mischten: Regentropfen auf Metall, Lederrüstung und Fell. Genau diese Dissonanzen machte sie sich zunutze, indem sie ihnen vorausging und deren Verursacher von der engen Erdhöhle weglockte.
 

Sie war so lange unterwegs, bis sie sich sicher war, dass sie die Orks und ihre Wargen weit genug weggeführt hatte, sodass sie ihre Fährte nicht wieder aufnehmen würden. Es war zwar mittlerweile vollkommen dunkel und es regnete in Strömen, doch die Wargen hatten einen ausgezeichneten Geruchssinn, durch den sie selbst den kleinsten Hauch einer Spur aufnehmen konnten. Die Elbin war sich zwar nicht vollkommen sicher, doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie sie in ihrem Versteck gefunden hätten, war nicht unerheblich gewesen. Dort wären sie den bösen Kreaturen völlig ausgeliefert gewesen, denn außer einem Jagdmesser und ihren bloßen Fäusten war ihr nichts geblieben, mit dem sie sich hätte verteidigen können. Also wollte sie nur sicher gehen.
 

Sie beschloss, den Rückweg hoch über dem Boden zu bestreiten, weswegen sie geschwind einen Baum erklomm und von Ast zu Ast lief. Dabei vermied sie es, direkt die gleiche Strecke zu nehmen und den Weg der Orks zu kreuzen. Während sie zurücklief, wurde sie ein wenig nachdenklich. Sie konnte fast nicht glauben, dass es ein Zufall war, dass man ihnen aufgelauert hatte. Die Frage war nur, ob sie hinter ihnen oder hinter den Zwergen her gewesen waren. Es gab mehrere, wenngleich nicht sehr starke Motive, die sich die Elbin vorstellen konnte.
 

Einerseits hätten sie sich einfach an den Zwergen rächen wollen. Ein Vergeltungsakt war eigentlich relativ plausibel. Orks waren im Grunde nicht besonders intelligent, jedenfalls die nicht, die einfache Krieger waren. Zwar waren seit der großen Schlacht am Erebor schon ein paar Jahre vergangen, doch streiften immer wieder - oder auch immer noch - Gruppen von Orks durch das nahe Umland, Orks, die auf eigene Faust losgezogen waren und versuchten, sich irgendwie zu bereichern. So simpel diese Kreaturen gestrickt waren, sie hatten auch ihren Stolz. Wahrscheinlich hatten sie den Zwergen die Schmach der Niederlage nie verziehen. Deshalb hatten sie, als sie auf die kleine Gruppe gestoßen waren, beschlossen, ihnen den Garaus zu machen. Womöglich versprachen sich die Orks dabei auch, Waffen, Rüstung und Vorräte zu erbeuten.
 

Genau das konnte jedoch auch der Grund sein, weswegen sie die Elben verfolgt hatten. Sie waren zwar nur eine kleine Schar gewesen, doch sie waren Händler mit einer kostbaren Fracht. Genauer gesagt, hatte ihre Gruppe aus zwei Kaufleuten und zwei Wachen bestanden. Ihr Ziel waren die Eisenberge gewesen und vielleicht wären sie auch weiter bis zum Einsamen Berg gezogen, wenn sie noch Waren gehabt hätten. Da kam der Elbin in den Sinn, dass ein weiterer Trupp zeitgleich mit ihnen in Richtung Düsterwald aufgebrochen war. Ging es ihnen gut? Sie wollten sich gegebenenfalls am Erebor treffen und dann wieder gemeinsam heimwärts ziehen, doch dies würde wohl nicht mehr geschehen. Die junge Elbenfrau wurde von Schwermut erfasst. So hatte sie sich diese Unternehmung nicht vorgestellt. So oft war alles gut gegangen. Die Handelsstraßen waren eigentlich sicher und es hatte lange keine Übergriffe gegeben. Und jetzt? Doch es war wahr, man konnte nicht verleugnen, dass etwas im Gange war, dass eine dunkle Macht immer weiter an Stärke gewann. Selbst in ihrem Heimatland sah man voller Besorgnis in den Westen, wo sich weit entfernt in der alten Feste von Dol Guldur etwas zusammenbraute, was man nicht auszusprechen wagte. Vielleicht hatte das einen Einfluss auf alles Böse, sodass selbst harmlose Gestalten zu ernstzunehmenden Gefahren wurden.
 

Die Elbin sprang von Ast zu Ast, immer lauschend, ob sich nicht doch noch jemand in der Nähe befand, der ihnen unangenehm werden konnte. Aber sie hörte nichts, außer dem beruhigenden Rauschen des Regens, doch trotzdem blieb sie vorsichtig, da man nie wissen konnte, was da im Dickicht lauerte. So gut es ging beeilte sie sich, um zu ihrem vorherigen Versteck zurückzukehren. Dort wartete vielleicht jemand auf sie - das vermutete sie jedenfalls, außer, der Zwerg war dümmer als sie dachte. Doch es war nicht einfach, die genaue Stelle wiederzufinden. Sie befand sich in direkter Nähe des Flusses, nur ein paar Schritte vom Weg entfernt, doch sie war gut getarnt. Das Erdloch war kaum zu sehen, in der Dunkelheit und durch den leichten Schleier des Regens war der Eingang auch bei genauerer Betrachtung fast unsichtbar. Wie die Elbin ihn gefunden hatte? Das Glück war auf ihrer Seite gewesen, anders konnte es sie nicht ausdrücken. Und auch ihr Gedächtnis funktionierte gut, denn sie fand schnell wieder dorthin.
 

Am Rand des Weges angekommen, wo sich die Bäume lichteten, kletterte sie unmittelbar über dem Versteck wieder herab zu Boden, blickte sich für einen Moment um und ließ sich wieder auf alle Viere nieder, um in die Höhle zu kriechen, wo sie völlige Schwärze erwartete. Denn obwohl es draußen Nacht war, war die Welt trotzdem noch erfüllt von einem sanften Glühen, das einem das Gefühl gab, nicht alleine zu sein. Und jetzt – jetzt war sie wirklich nicht mehr alleine. Es dauerte einen Augenblick, bis ihre Augen sich an die neue Umgebung gewöhnt hatten und das wenige schummrige Licht, dass von draußen herein kam, nutzen konnten. Da sah die Elbin ihn, den Zwerg. Er hatte sich nicht vom Fleck bewegt.
 

„Ich bin es nur“, sagte die Elbin vorsichtshalber, um sich vor einem Angriff zu schützen, falls der Zwerg dachte, sie wäre ein Feind. Doch er bewegte sich auch jetzt nicht, sondern beobachtete die Zurückgekehrte nur. Sie setzte sich an eine Stelle hin, die hoch genug war, sodass sie nicht mit allzu krummen Rücken verweilen musste und nahm sich einen Moment Zeit, um ihre Kleidung zu richten. Sie war letztendlich doch nass geworden, denn selbst elbische Gewirke konnte so einem Regenguss nicht standhalten. Ihr Haar fasste sie im Nacken zusammen und drückte das Wasser heraus. Sie spürte jetzt schon, wie kalt der feuchte Stoff auf ihrer Haut war und dass es keine angenehme Nacht werden würde.
 

„Wer ist 'ich'?“, fragte der Zwerg plötzlich und veranlasste die Elbin dadurch, aufzublicken. Seine Augen ruhten aufmerksam bei ihr, als versuchte er, sie nur durch seinen Blick einzuschätzen. Sie hatte vorhin schon, während sie davon geritten waren, erstaunt überlegt, dass dieser Zwerg nicht ganz das typische Aussehen seines Volkes hatte, da ihm ein wichtiges Merkmal fehlte: Der ausgeprägte Bart. Das belustigte sie ein wenig, denn er konnte bei nicht näherer Betrachtung auch als zu klein geratenes Exemplar eines Menschen durchgehen. Auch jetzt war sie überrascht über seine Frage. Sie hatte nicht erwartet, dass er sich so schnell nach ihr erkundigen würde.
 

„Mein Name ist Briuwen. Das Land von Dorwinion ist meine Heimat“, entgegnete sie und deutete mit ihrem Kopf eine leichte Verbeugung an. Sie hatte zuvor noch nie mit einem Zwerg geredet, weshalb sie aus Neugierde nicht zögerte, ihm zu antworten. Der Landstrich, in dem sie lebte, war in den vergangenen Jahrhunderten so gut wie nie Schauplatz von Kriegen und Schlachten gewesen, auch hatte sich die dortige Bevölkerung nie in die Belange anderer Völker eingemischt. Es war eine friedliche Gegend in Mittelerde, die hauptsächlich landwirtschaftlich geprägt war, doch trotzdem über großen Reichtum und Fortschritt verfügte. In den letzten Jahren hatte man jedoch auch dort gespürt, dass der Einfluss des sich anbahnenden Schreckens sich selbst in die abgelegensten Ecken des Kontinents erstreckte. Das hatte die Bevölkerung und vor allem die wenigen Krieger, die dort lebten, in Alarmbereitschaft versetzt
 

„Nun denn, Briuwen, ich danke Euch, dass Ihr mir das Leben gerettet habt. Ich bin Kíli, von den Eisenbergen“, erwiderte der Zwerg schließlich und beugte ebenso sein Haupt. Obwohl die Elbin vorhin schon überrascht gewesen war, war sie nun erst recht verblüfft, dass konnte er auch an ihrem Gesicht ablesen. Sie hatte bisher lediglich Geschichten gehört, die Zwerge als grob, ungehobelt, unordentlich und taktlos umschrieben hatten. Dieser hier schien ganz anders zu sein. Briuwen musste plötzlich lachen. Es war ein erleichterndes Gefühl, das zu tun, nach der ganzen Anspannung, die diese Situation mit sich brachte. Das führte jedoch nur dazu, dass der Zwerg sie verunsichert ansah. Sie konnte es ihm nicht verübeln.
 

„Es freut mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen, Kíli. Verzeiht mir, aber darf ich Euch eine plumpe Frage stellen?“, wollte Briuwen wissen, wobei ein Lächeln ihre Lippen zierte. Der Zwerg wirkte immer noch skeptisch. Er wusste nicht, was er von ihrer Direktheit halten sollte, doch kurz darauf nickte er.
 

„Seid Ihr tatsächlich ein Zwerg? Ihr könntet ein Prinz sein, wenn ich Euch an Euren gewandten Worten messen müsste“, sagte sie völlig unverblümt und ließ Kíli dadurch noch mehr stutzen. Er glaubte ihr, dass sie keine Ahnung und keine Vorurteile hatte, doch sie hatte, was seine Herkunft betraf, zugleich Unrecht und Recht. Denn er war ein waschechter Zwerg, doch auch von königlichem Blute. Doch er hatte nicht vor, sie so schnell davon zu unterrichten, obwohl er sogar ein wenig beeindruckt von ihr war. Sie war gewieft, hatte Mut und schien sich nicht für etwas Besseres zu halten. Ja, sie war völlig neutral eingestellt und hatte keine Vorurteile gegen Zwerge, so wie die Mitglieder andere Elbenvölker...
 

„Ihr habt insofern recht, dass sich viele in mir täuschen. Doch erzählt, was habt Ihr da draußen getan? Habt Ihr gegen die Orks gekämpft?“, erkundigte er sich, denn einerseits brannte ihm diese Frage auf der Zunge, andererseits wollte er vom vorherigen Thema ablenken. Briuwen schüttelte den Kopf, als sie auf seine Worte einging und ihm erklärte, dass sie versucht hatte, die Kreaturen auf eine falsche Spur zu lenken.
 

"Seid Ihr verletzt?", fragte Briuwen schließlich, nachdem sie ihre Geschichte beendet hatte. Sie hatte bemerkt, dass der Zwerg sein linkes Bein auffällig gerade nach vorne ausgestreckt hielt. Normalerweise war das keine bequeme Position, die man einnahm, wenn man auf dem Boden saß. Als Kíli seinen Blick senkte und einen Moment nach einer Antwort suchte, wusste Briuwen, dass sie recht hatte. Er zeigte das typische Verhalten eines stolzen Kriegers, der wegen einer Kleinigkeit kein Aufhebens um sich machen wollte. Die Elbin rückte ein wenig näher und streckte dabei ihre Hand aus. Als Kíli ihre Absicht erkannte, hob er seinen Kopf wieder und ihre Augen begegneten sich für einen Moment.
 

"Wenn Ihr erlaubt, dann kann ich-" Weiter kam sie nicht. Ohne Vorwarnung brach die Decke der Höhle in einer Explosion aus Dreck und Staub über ihnen ein. Briuwen hörte sich entsetzt schreien, auch Kíli brüllte alarmiert etwas, doch die Elbin konnte es nicht verstehen. Plötzlich war die Luft erfüllt von barbarischen Orklauten und dem Fauchen rasender Wargen. Briuwen konnte nichts sehen. Das Chaos war zu groß. Regen prasselte ihr ins Gesicht, sie wurde gepackt und zur Seite geschleudert. Auch Kíli war völlig überrumpelt und von einem Augenblick auf den Anderen komplett orientierungslos. Ein Schlag traf seine Hüfte, das Sirren eines Pfeils und der scharfe Lufthauch an seiner Wange sagte ihm, dass er nur knapp einem fatalen Treffer entgangen war. Dreck spritzte ihm ins Gesicht und er blinzelte heftig, um bloß nichts in die Augen zu bekommen. Da war ein Ork über ihm. Er stieß sein Schwert auf Kíli herab, doch dieser rollte sich seitlich weg und rammte seine Füße gegen die Schienbeine der hässlichen Kreatur, um sie zu Fall zu bringen. Das war zu viel für seinen verstauchten Knöchel und er johlte vor Schmerz. Doch er konnte sich nicht ausruhen und schonen, nicht jetzt.
 

Briuwen bohrte ihren Ellenbogen in das Gesicht des Orks, der sich auf sie geworfen hatte. Nur mit Mühe konnte sie sich ihn vom Leib halten und gleichzeitig nach dem Messer tasten, welches an ihrem Gürtel befestigt war. Zum Glück bekam sie es schnell zu fassen und jagte es ihrem Widersacher mitten in die Brust. Sofort sackte dieser regungslos über ihr zusammen und es brauchte einiges an Kraft, den schweren abscheulichen Körper von sich herunter zu bekommen. Schnell versuchte sie, auf die Füße zu kommen und sich einen Überblick zu verschaffen. Es waren noch drei Orks und zwei Wargen übrig. Anscheinend war Briuwen vorhin nicht vorsichtig genug gewesen und hatte so nicht bemerkt, dass sie selber in eine Falle geraten war. Wütend schloss sie ihren Griff noch fester um ihr Jagdmesser. Als sie sah, dass deiner der Orks, der einen Warg ritt, auf sie zusprang, positionierte sie sich seitlich, holte weit aus und schleuderte ihr Messer direkt in den weit aufgerissenen Rachen des Raubtieres. Mit einem ohrenbetäubenden Heulen ging das riesige Tier zu Boden und riss seinen Reiter mit sich. Die Elbin nutzte die Gelegenheit. Sie lief auf den sich windenden und zuckenden Warg zu, umrundete ihn, fand den halb begrabenen Ork und versetzte ihm mit ihrem Stiefel einen harten Stoß gegen den Kopf, sodass auch er schlaff liegen blieb. Danach bückte sie sich und nahm ihm seine Waffe ab. Es war ein Schwert aus einer Orkschmiede und ließ Briuwen bis ist Mark erschaudern. Das Gefühl, es in der Hand zu halten, war widerwärtig, weil eine unbekannte, dunkle Aura von ihm ausging. Doch sie hatte keine andere Wahl. Wenn sie lebend von hier weg kommen wollte, dann musste sie es benutzen. Bevor sie wieder losstürmte, hob sie den Kopf, um einen schrillen Pfiff auszustoßen, dann stürzte sie sich in den Kampf.
 

Auch Kíli hatte seinem Gegner das Schwert entrissen. Der Ork war jedoch immer noch nicht außer Gefecht gesetzt. Er wollte seine Waffe wieder haben. Doch Kíli hatte weder die Absicht, sie ihm zurückzugeben, noch diesen Kampf zu verlieren. Denn trotz der Tatsache, dass er nun ein Würdenträger mit hohem Amt war, war er ein Krieger und würde auch ein Krieger bleiben. Denn das war seine Natur. Als er nach festem Stand auf dem durchweichten Boden suchte, spürte er seinen pochenden Knöchel wieder umso mehr. Mit leichter Nervosität versuchte er, ein Gefühl für das kurze Schwert zu bekommen, das seltsam fremd in seiner Hand lag. Wie sehr wünschte Kíli sich in diesem Moment seinen Bogen herbei, denn er war sich sicher, dass er damit den Kampf hätte schneller entscheiden können. Er war durch seine Gedanken so abgelenkt, dass er den Moment beinahe verpasste, als der Ork ihn angriff. Doch Kíli war durch die Situation so angespannt, dass sein Schwerthieb eine unglaubliche Wucht entwickelte und seinen Gegner regelrecht aufspießte. Mit einem Ruck zog der die Waffe wieder aus dem Toten heraus und wappnete sich für einen neuen Angriff.
 

Aus seinem Augenwinkel sah der die Elbin, Briuwen. Durch einen Hechtsprung rettete sie sich vor den Klauen des letzten Warges und rannte, kaum auf den Füßen, wieder weiter. Ihr Blick fand Kíli und sie änderte ihre Richtung, um zu ihm zu kommen.
 

„Die letzten Zwei und ihr Vieh schaffen wir noch!,“, rief er ihr mit einem zuversichtlichen Grinsen entgegen. Briuwen wollte ihm glauben. Sie konnte in seinen Augen eine feurige Determiniertheit erkennen, die ihm zusammen mit seinen fast freudig verzogenen Lippen, ein wahrhaft verwegenes und gleichzeitig heldenhaftes Aussehen verlieh. Auch sie wollte ihm ein Lächeln entgegenbringen, doch es erstarb mitten auf ihrem Gesicht, als sie sah, wie hinter Kíli ein neuer Trupp Orks auf ihren Wargen durch das Gebüsch auf sie zu jagte.
 

„Kíli, Vorsicht!“, rief sie warnend und ihre Stimme bebte voller Grauen. Aus Kílis Zügen wich alle Farbe. Er drehte sich um, und als er einen Schritt zurück stolperte, spürte er den Rücken der Elbin, die sich ebenso mit ihrer Rückseite an ihn drückte. Sie saßen in der Falle, eingekesselt von Orks und ihren blutrünstigen Reittieren. Mit so vielen Gegnern konnten sie alleine es nicht aufnehmen. Der Regen hatte immer noch nicht aufgehört und es war bitterkalt geworden, doch nur zu deutlich spürten die Elbin und der Zwerg die Hitze und den rasenden Puls des gegenseitig Anderen. Und es tat gut, zu wissen, dass man nicht alleine war. Was nutzte es ihnen jedoch, wenn die Situation ausweglos erschien? Da brüllte einer der Orks etwas, was keiner der Beiden verstand und nur einen Moment später sahen sie sich mit einem Dutzend blitzender Pfeilspitzen konfrontiert.
 

„Runter auf den Boden, Briuwen, runter!“, hörte die Elbin Kílis dringlichen Befehl. Plötzlich wusste sie nicht, wie ihr geschah, als der Zwerg sie mit sich nach unten riss. Sehnen vibrierten, Pfeile zischten durch die Luft – und Kíli schrie, nicht nur zur Warnung, sondern voller Schmerzen. Briuwen stimmte mit ein, als die entsetzliche Erkenntnis sie durchflutete, dass der Zwerg sich schützend über sie geworfen hatte. Sie brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass er von mehreren Geschossen getroffen worden sein musste. Warum? Warum hatte er sie beschützt? Die Sorge und die Gewissensbisse, die sie durchfluteten, ließen ihre Knie weich werden. Sollte es so enden? Das durfte nicht sein! Das dreckige Lachen der Orks war in ihren Ohren wie blanker Hohn.
 

„Kíli!“, rief sie angsterfüllt, einfach, um seinen Namen noch einmal zu sagen. Sie wusste nicht, was mehr wehtat, ihr Herz oder die Gewissheit, dass auch sie sterben würde. Sie hatte plötzlich keine Kraft mehr zu kämpfen. Der Zwerg hatte ihr mit seiner Gegenwart und seinem Lächeln positive Gedanken vermittelt, doch nun würde er das Opfer dieser abscheulichen Orks werden... Ein lautes Wiehern ertönte und zerriss die unheilvolle Szenerie. Briuwen hob den Blick und war wie vor den Kopf gestoßen. Natürlich! Sie hatte nach ihrem Pferd gerufen! Die Orks kreischten, als das edle Tier in gestrecktem Galopp den Weg entlang fegte und dabei die Aufmerksamkeit der Kreaturen auf sich zog. Das gab der Elbin neuen Mut. Sie stemmte sich nach oben. Sie hörte, wie Kíli durch die Bewegung qualvoll stöhnte, doch er musste für einen Augenblick durchhalten. Erneut stieß sie ihren Pfiff aus, das Zeichen für ihr Pferd. Es machte blitzschnell kehrt, trabte zu seiner Herrin, die sich unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte sich und den Zwerg auf den Rücken des Tieres zog. Für die Orks ging alles viel zu schnell. Nur ihre verwirrten Blicke folgten ihnen.
 

„Lauf, Gwaloth, lauf!“, trieb Briuwen das Pferd an. Sie ließ ihrem Tier die Führung und die Entscheidung über die Richtung des Weges, während sie Kíli an sich drückte, damit er nicht herunterfiel und allzu sehr hin und her geworfen wurde. Sie wollte bloß fort von hier, fort von den Orks. Plötzlich zuckte Kíli und begann zu zittern. Seine Augenlider flatterten, als er seinen Kopf nach oben reckte und wieder entfloh seiner Kehle ein langgezogenes, schwaches Stöhnen.
 

„Jetzt habe ich Dir das Leben gerettet... Wir sind also quitt...“, waren seine letzten Worte, bevor er seine Augen schloss und in ihren Armen erschlaffte. Und so ritten sie in die Nacht, ohne Ziel vor Augen, nur mit der Angst im Nacken, darüber, was noch geschehen würde...

orod | Berg

Es wurde langsam hell und die Regenwolken lichteten sich. Der nasse Vorhang fiel und stattdessen breitete sich sanfter Nebel über dem Flusstal aus. Es war ruhig, so, als ob die Welt noch schlief und noch niemals etwas Böses erfahren hätte. Nur das Getrappel von Hufen war zu hören und der stete Rhythmus brachte eine gewisse Dringlichkeit mit sich.
 

Das Pferd, welches den immer steiler werdenden Weg entlang galoppierte, war von edlem Blut. Ein Hengst aus den Ställen von Ilanin. Die Stadt war das Tor zu Dorwinion, einem blühenden Land am Ufer des Sees von Rhûn, geprägt von sanften Hügeln und fruchtbarem Boden, einzigartig in ganz Mittelerde. Denn nur dort gediehen die kräftigen Reben der feinsten Weinsorten, die auf dem ganzen Kontinent zu finden waren. Die Bewohner waren Meister der Kelterei, doch gingen ihre Fertigkeiten weit darüber hinaus. Neben der Riddermark, deren Pferdezucht ihresgleichen suchte, hielten auch sie sich edle Pferde, die dazu fähig waren, weite Strecken hinter sich zu legen und gleichzeitig schwere Waren zu transportieren.
 

Jenes Pferd, welches so in Eile war, war kein reines Lasttier und das war auch gut so. Sein Fell war weiß, wurde jedoch von braunen Tupfen gesprenkelt, Tupfen, die wie eine prächtige Ansammlung von Blütenköpfen wirkten. Daher hatte der Hengst auch seinen Namen: Gwaloth. Sein Heimatstall lag jedoch weit entfernt. Der Weg, den er so tapfer bestritt, war ihm unbekannt, doch sein Instinkt sagte ihm, dass er weiter laufen musste. Dort gab es keine Orks, jedenfalls waren sie noch nicht so weit vorgedrungen, da andere Wesen dieses Gebiet bewachten und verteidigten. Seine beiden Reiter würden dort vorläufig sicher sein und es sollte auch nicht mehr lange dauern, bis das Tier sein Ziel finden würde.
 

Plötzlich ertönten laute Fanfaren und die einfache Tonabfolge brach sich an den blanken Felswänden des sich auftürmenden Gebirges in vielfachem Echo. Der tiefe, vibrierende Ton eines Signalhorns holte Briuwen aus ihrem erschöpften Halbschlaf. Das monotone Auf und Ab ihres gleichmäßig galoppierenden Pferdes hatte sie eingelullt und in eine unruhige Trance versetzt. Ihre Augenlider waren schwer, als sie versuchte, nach vorne zu blicken und etwas genaues zu erkennen. Die Elbin hatte während des Ritts verbissen versucht, wach zu bleiben, um nach den Orks Ausschau zu halten, falls sie sie verfolgen sollten, denn sie waren nach ihrer Flucht noch verwundbarer als sonst schon, ohne Kraft und ohne Waffen. Doch diesen Kampf hatte sie hoffnungslos verloren. Das Versteckspiel und das Gefecht hatten sie zu sehr verausgabt und der Schlaf war so, so verlockend. Nur für ein paar Augenblicke, nur kurz, ganz ganz kurz...
 

Briuwen schreckte auf. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust, als sich der Schall einer schmetternden Trompete regelrecht in ihr Ohr bohrte und jegliche Müdigkeit mit einem Mal vertrieb. Wo war sie? Ihre Hand suchte die Mähne ihres Pferdes, einfach, um sich an etwas Vertrautem festzuhalten. Mit einem Mal wurde das Tier langsamer und als die Elbin ihren Blick nach vorne richtete, erkannte sie auch warum. In der nun schon fortgeschrittenen Dämmerung konnte sie sehen, wie sich ein mächtiges Felsmassiv vor ihr bis hin zu den Wolken streckte, sodass sie den Himmel kaum mehr sehen konnte. Säulen und Pfeiler waren in den Stein gemeißelt, Fenster und Zinnen waren von Meisterhand zu einer kunstvollen Fassade geformt, die gleichzeitig gut getarnt und doch verschwenderisch auffällig war. Briuwens Augen wurden groß, denn sie hatte so etwas meisterhaftes und monumentales noch nie gesehen. Ihr Pferd folgte einer langen Biegung und da ragte plötzlich ein Tor vor ihr auf, links und rechts flankiert von riesigen Statuen, die das Antlitz gekrönter Häupter abbildeten. Die Statur und die Gesichtszüge der steinernen Gestalten wiesen nur auf eines hin: Zwerge.
 

Kaum hatte die Elbin diesen Gedanken vollendet, da öffnete sich das gigantische gusseiserne Tor und eine Meute Zwerge stürmte auf sie los. Im Nu war sie umzingelt. Unzählige Waffen konfrontierten sie. Sie spürte, wie sich Speerspitzen warnend in ihre Arme und Beine bohrten, wie Schwert- und Axtschneiden an ihren ledernen Stiefeln schabten. Auf der Balustrade über dem Tor erschienen weitere Zwerge, die mit ihren scharfen Armbrüsten auf sie zielten. Und während die kleinen Krieger wild durcheinander brüllten, sodass sie kein einziges Wort erraten konnte, begriff sie, dass sie bis jetzt unglaubliches Glück gehabt hatte. Die Dämmerung hatte sie geschützt, sonst wäre sie schon längst von Bolzen durchlöchert worden, als sie in die Reichweite der steinernen Festung gekommen war. Ihr Pferd bäumte sich auf, trieb die Zwerg zurück, doch Briuwen versuchte, es wieder zu beruhigen.
 

„Keine falsche Bewegung mehr, Eindringling, wenn Euch das Leben lieb ist!“, drang eine tief grollende Stimme zu ihr durch. Jemand redete mit ihr, in einer Sprache, die auch sie verstand. Sie erkannte nicht, wer von den bebarteten Gestalten mit ihr redete, denn sie waren alle schwer gepanzert, sodass die Elbin nur die dunklen Schlitze der Helmvisiere sah. Langsam sickerte es in ihren Verstand. Gwaloth hatte sie in die Eisenberge gebracht! Ihr Pferd hatte sie mitten in ein Zwergenreich geführt. Eigentlich gab es keinen besseren Ort – oder?
 

„Haltet ein! Ich bringe Euch einen Verwundeten! Es ist einer von euch! Ihr müsst ihm helfen, sonst stirbt er!“, schrie sie mit aller Kraft gegen die grölende Meute von Zwergen an. In ihrer Kehle hatte sich eine Übelkeit festgesetzt, die sich nicht mehr vertreiben ließ. Briuwen war verzweifelt und sie bangte darum, dass ihre Worte erhört wurden. Schlagartig wurden die Krieger leiser und es war deutlich zu sehen, wie sie stutzten. Es war unübersehbar, dass sie jemanden bei sich auf dem Rücken des Pferdes hatte. Bruiwen hatte versucht, möglichst wenig darüber nachzudenken, was geschehen würde, wenn sie nicht rechtzeitig Hilfe fand. Ob sie sich von alleine dazu entschieden hätte, in die Eisenberge zu reiten, wenn sie bei vollem Verstand gewesen wäre? Sie wusste es nicht, doch ihr war jetzt klar, dass sie vorsichtig sein musste, bei allem, was sie von nun an sagte und tat, da nicht alle Zwergen einer Elbin gegenüber neutral eingestellt waren. Da hörte sie, wie die Krieger aufgeregt zu murmeln begannen, als sie begriffen, was ihre Worte bedeuteten.
 

„Ist das nicht-“

„Das ist doch-“

„Woher hat sie-“

„Wie kam sie-“

„Meister Kíli!“

„Es ist Kíli!“

„Prinz Kíli!“, riefen sie, und immer mehr der Wachen schienen ihn zu erkennen.
 

„Was habt Ihr mit ihm gemacht?“, brüllte jemand und Andere stimmten wütend mit ein. Erleichterung und Furcht tauchten die Elbin in ein beängstigendes Wechselbad der Gefühle. Die Stimmung unter den Zwergen schwankte gefährlich schnell von einer Emotion zur Anderen. Sie wollte nicht wissen, was geschah, wenn sich eine wütende Horde Zwerge auf die stürzte. Auch ihr Pferd würde sie dann nicht mehr retten können. Briuwen öffnete ihre Lippen, um etwas zu sagen, doch das musste sie nicht mehr.
 

„Das sind orkische Pfeile! Bringt sie herein, schnell! Gebt das Tor frei!“, donnerte der selbe Zwerg, der vorhin als Erster in der gemeinen Sprache mit ihr gesprochen hatte. Niemand schien sich ihm widersetzten zu wollen, denn obwohl die Elbin befürchtete, dass niemand sich bewegen würde, wichen die Krieger zurück und öffneten eine Gasse, die den Weg weiter führte. Ein Zwerg, der größer war als alle Anderen, riss die Zügel von Gwaloth Halfter an sich und lief voran, sodass das Pferd ihm in lockerem Trab folgte. Briuwen konnte nichts weiter tun, als ruhig sitzen zu bleiben und den Grund, warum sie hier war, sicher festzuhalten: Kíli. Sie konnte spüren, dass er noch flach atmete, doch wie lange würde er noch durchhalten? Sie wusste nicht einmal, wie tief seine Wunden waren oder ob die Pfeile lebenswichtige Organe getroffen hatten. Erst jetzt ließ sie es wieder zu, sich um ihn zu Sorgen und sofort schien ihr ein unsichtbarer Druck auf ihrem Brustkorb die Luft zum atmen zu nehmen. Dabei wusste sie gar nicht, warum ihr plötzlich so viel daran lag, einen eigentlich Fremden zu retten. Doch Kíli war schwer verletzt. Und das ihretwegen, denn er hatte sie mit seinem Körper vor den todbringenden Geschossen beschützt. Sie konnte nichts für ihn tun, außer ihn zu einem Ort zu bringen, wo man ihn heilen konnte. Was mit ihr geschah, war ihr in diesem Moment egal, doch mit der Schuld, eine gute Seele auf dem Gewissen zu haben, konnte sie nicht existieren.
 

Doch da näherten sie sich schon dem Eingang zum Zwergenreich. Die Elbin erblickte die große dunkle Öffnung, die jeden, der zwischen den Pfeilern hindurch ging, zu verschlingen schien. Die Schwärze, die hier plötzlich vor ihr auftauchte, ließ sie ein wenig schaudern. Eigentlich war ihr bewusst, dass Zwerge unter der Erde lebten, doch war sie alles andere als vorbereitet, auf das, was ihr bevorstand. Briuwen schloss für einen Moment ihre Augen, als sie irgendwann unter dem mächtigen steinernen Torbogen hindurch ritten, begleitet von neuen dröhnenden, durchdringenden Fanfaren, die wohl eine verschlüsselte Botschaft transportierten. Ein wenig war sie froh darüber, denn so verschwamm die Grenze zwischen ihrem eigenen inneren Zittern und dem markerschütternden Signal ihrer endgültigen Ankunft. Die Elbin merkte, wie es dunkel um sie herum wurde und wartete noch einen Augenblick ab, bevor sie ihre Lider wieder öffnete. Erst war es ihr sehr unheimlich, weil sie nur Schwärze um sich sah, doch schon im nächsten Moment bemerkte sie schon, wie sie sich an die Dunkelheit gewöhnte und es immer besser wurde. Sie hob ihren Kopf und blickte in die Höhe, wo es scheinbar keine Decke gab - das Licht der Fackeln, welches den Bodenbereich erleuchtete, reichte lange nicht soweit. Es erstaunte sie, wie luftig der Eingangsbereich bereits wirkte; wie mochte es dann im Inneren des Berges sein?
 

Zu viele Eindrücke prasselten auf Briuwen nieder, so wie die Regentropfen des gestrigen Abends. Sie passierten noch ein paar mehr Hallen, allesamt mit hohen Decken und mächtigen Säulen, dann blieben sie plötzlich stehen und die Elbin wurde von einigen Zwergen von ihrem Pferd gezerrt. Sie wehrte sich nicht, als sie sie auf die Knie zwangen, ihre Kleidung nach Waffen durchsuchten und ihre Handgelenke hinter ihrem Rücken fesselten. Sie konnte nur beobachteten, wie sie auch Kíli vorsichtig von Rücken des großen Tieres hinunter hoben und ihn behutsam auf eine eilig herbeigeschaffte Trage betteten. Die Orkpfeile steckten immer noch in seinem Körper, da Briuwen es nicht gewagt hatte, sie zu entfernen und dadurch die Wunden noch größer zu machen. Sie mussten ihn deswegen auf den Bauch legen. Die Stimmen der Zwerge, die ihn untersuchten und versorgten, klangen sehr aufgeregt, doch Briuwen konnte auch ihre Worte nicht verstehen. Da trat der große Zwerg an sie heran. Er trug schwere Rüstung, doch sein Umhang, der über seinen Schultern drapiert war, machte einen kostbaren Eindruck. Als er den Helm von seinem Kopf zog, kam ein halblanger, sauber geflochtener Bart und rote, gelockte Haare zum Vorschein. Seine Gesichtszüge waren streng, aber er hatte etwas herrschaftliches an sich.
 

"Erklärt Euch! Wer seid Ihr, woher kommt Ihr, und was ist geschehen?", wollte er wissen und es war deutlich zu vernehmen, dass er kein Geschwafel, sondern Fakten hören wollte. Dabei war Briuwen nicht einmal klar, wie er ihr gegenüber eingestellt war, denn die kleinen dunklen Augen zeigten keinerlei Emotion.
 

"Mein Name ist Briuwen, ich stamme aus Dorwinion. Ich begleitete zwei Kaufleute, die mit ihren Waren auf dem Weg hierher in die Eisenberge waren. Orks griffen uns an, als wir einer Gruppe von Zwergen begegneten. Kíli und ich waren die einzigen Überlebenden. Dann wurden wir ein zweites Mal überfallen und-", erläuterte sie fieberhaft, doch mit einigermaßen fester Stimme. Sie versuchte, sich so kurz wie möglich zu halten, als der große Zwerg ihre Erklärung mit einer schroffen Handbewegung unterbrach.
 

"Genug. Bringt sie weg!", befahl er den Wachen, welche die Elbin links und rechts flankierten. Grob rissen sie sie nach oben auf ihre Füße und zerrten sie weg, in eine andere Richtung als die Träger, die im selben Moment die Bahre hoch hoben und eilig davon trugen.
 

"Wartet! Kíli! Ihr müsst ihm helfen!", rief Briuwen, die nicht wusste wie ihr geschah, und wiederholte erneut ihre dringende Bitte. Doch niemand beachtete sie mehr. Auch der große Zwerg hatte sich abgewandt. Für einen Augenblick stieg Wut in ihr hoch und sie wand sich mit einem unerwartet kräftigen Ruck im eisernen Griff ihrer Bewacher. Diese brüllten etwas und sofort waren wieder mehr Krieger um sie herum, um sie mit ihren Waffen im Zaum zu halten. Die Elbin rang nach Luft, als ihr Verstand sie dazu zwang, sich zu beruhigen. Die Zwerge würden sich schon um Kíli kümmern, doch es machte sie zornig, dass sie abgeführt wurde wie eine Verbrecherin, ohne irgendwelche Anklagen oder Erklärungen. Und was war mit ihrem Pferd Gwaloth, ihrem treuen Begleiter? Doch in ihrem Inneren wusste sie, dass es vergebliche Mühen sein würden, Fragen zu stellen. Die Erkenntnis nahm langsam aber sicher von ihr Besitz: Egal, was sie getan hatte, sie war ein Eindringling, eine Fremde und nun auch eine Gefangene. Noch einmal richtete Briuwen ihren Blick nach oben, doch sie sah nur nacktes Gestein und Dunkelheit. Würde sie den Himmel je wiedersehen? Sie wusste es nicht.

aran | König

Es war ruhig, zu ruhig. Die Stille war so durchdringend, dass sie in den Ohren der Elbin fast wieder zu laut war. Sie war es gewohnt, immer etwas zu hören, und sei es nur das Säuseln des Windes oder das Rauschen des Blätter, leise Tierlaute oder das unterschwellige, unerklärliche, lebendige Summen, welches von Allem ausging, was existierte. Sie wusste nicht, was es war, doch es war da. Doch hier… Ja, manchmal konnte Briuwen es hören, aber nur selten. Was anderes hatte sie auch nicht zu tun, außer zu warten und zu lauschen.
 

Sie wusste nicht genau, wie viele Tage vergingen, da sie hier nicht sehen konnte, wann es draußen hell und wieder dunkel wurde, denn es gab keine Fenster. Wie denn auch? Über ihr türmte sich eine dicke Schicht Felsgestein, denn sie befand sich weit unter der Erdoberfläche, in der Tiefe eines mächtigen Gebirges. Nur der Rhythmus der wechselnden Wachen und ihr eigenes Zeitgefühl sagten ihr, dass es etwa fünf Tage waren, die sie nun schon hier im Verlies des Königreichs der Eisenberge verbrachte.
 

Anfangs hatte in ihr noch wütend gebrodelt, als man sie hergebracht und eingesperrt hatte. Niemand sprach mit ihr, und wenn sie Stimmen hörte, dann waren es nur gemurmelte Worte in der Sprache der Zwerge. Briuwen fühlte sich ungerecht behandelt, denn sie hatte doch nichts böses im Sinn. Doch auch das konnte sie niemandem erklären, denn wenn jemand zu ihrer Zelle kam, dann schob derjenige nur ein Tablett mit einem großen Becher Wasser und etwas zu essen durch eine winzige Öffnung zwischen den Gittern, und verschwand anschließend sofort wieder. Doch schließlich hatte sie sich damit abgefunden, hier zu sein. Vielleicht hatte sie es auch nicht anders verdient. Sie war naiv gewesen, wenn sie gedacht hatte, dass man sie mit offenen Armen empfangen würde, nur weil sie einen Verletzten brachte. Sie war deshalb trotzdem immer noch eine Elbin und wie jedes Kind wusste, waren Elben und Zwerge schon seit dem Ersten Zeitalter irgendwie miteinander verfeindet. Ob die Zwerge der Eisenberge auch in einen gegenwärtigen Disput mit Elben verwickelt waren, wusste Briuwen nicht, doch seit der Schlacht der fünf Heere und der vorhergegangenen Ereignissen waren die Verhältnisse zwischen den Zwergen aus Durins Linie und den Elben des Waldland reiches unter König Thranduil äußerst unklar und prekär. Aber dass Briuwen, die eigentlich weit weg von hier lebte, einmal zwischen die Fronten gelangen würde, hätte sie nie auch nur ansatzweise erwartet.
 

Sie hörte Schritte vor ihrer Zelle, doch sie achtete nur halbherzig darauf. Es war in den letzten Tagen oft vorgekommen, dass jemand an der massiven Eisentür vorbei ging, um einen Blick auf sie zu werfen, ohne stehen zu bleiben. Es musste einer Sensation gleich kommen, dass eine Elbin hier im Verlies saß und niemand wollte sich diesen Anblick entgehen lassen. Doch Briuwen störte sich nicht daran. Sie wurde zwar nicht sonderlich gut behandelt, aber auch nicht schlecht. Sie ließen sie nicht hungern und das mit einer dicken Schicht Stroh aufgeschüttete Lager bot eine den Umständen entsprechend bequeme Schlafgelegenheit. Nur eines lastete die ganze Zeit über auf ihrer Seele: Die Unwissenheit über die Situation, in der sie hier schmoren musste.
 

Da stoppten die Schritte vor ihrer Gefängnistür und schienen zu verharren. Unberührt davon griff Briuwen nach dem Becher mit Wasser, der noch von ihrer letzten Essensration stammte und nahm langsam einen Schluck. Erst, als sie das Klimpern eines großen Schlüsselbundes hörte, und das Geräusch unglaublich laut durch den Gefängnistrakt hallte, blickte sie auf. Sie sah in das Gesicht des großen Zwerges, der vor ein paar Tagen befohlen hatte, sie hier hin zu bringen. Sie wusste nicht, wer er eigentlich war, doch sie ging davon aus, dass er entweder der Hauptmann der Wache oder vielleicht auch ein Mitglied der Königsfamilie war.
 

"Steht auf", sagte er bestimmt und öffnete gleichzeitig das Verlies. Briuwen blickte ihn für einen Moment an, ohne sich zu bewegen, denn sie war schon in einer gewissen Weise überrascht, dass nun doch etwas geschehen würde, nach der Zeit des endlosen Wartens. Doch dann kam sie schließlich auf ihre Beine, bevor der Zwerg es sich noch anders überlegte und wieder ging. Kaum stand sie aufrecht, kamen zwei weitere Wachen hinzu, betraten ihre Zelle und fesselten ihre Hände erneut hinter ihrem Rücken, wohl damit sie keine Chance hatte, sich eine Waffe zu greifen und damit zu fliehen. Als ob sie jemals Anstalten gemacht hätte, dies tun zu wollen.
 

"Folgt mir", sprach der große Zwerg wieder und machte kehrt. Briuwen hatte keine andere Wahl, doch jetzt, da es soweit war und endlich etwas geschah, konnte sie kaum erwarten, zu sehen, wohin man sie bringen wollte. So heftete sie sich an die Fersen des Zwerges, gespannt darauf, was sie nun erwartete.
 

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Die größte Halle, die in das Herz der Eisenberge gemeißelt worden war, war zugleich auch der Thronsaal von Dáin II., dem König des Gebirges. Dafür, dass er so ein großes und mächtiges Reich sein Eigen nannte, gab es im ganzen Höhlensystem nur wenig Prunk. Eben nur jener Thronsaal war mit einigem wenigem Schmuck verziert. Denn wie der Name der Berge schon vermuten ließ, war das dort abgebaute Gestein reich an Erzen, vorwiegend an Eisen. Deswegen waren die Zwerge dieses Reiches zwar mit ausgezeichneten Rüstungen und Waffen ausgestattet und hatten eine Schmiede mit hervorragendem Ruf, doch der schillernde Reichtum, für den der Erebor bekannt war, blieb dem hiesigen Volk verwehrt. Doch das machte die Bewohner nicht weniger stolz, denn ihr Heer und ihre Wehrhaftigkeit waren in fast jedem Winkel von Mittelerde bekannt und berüchtigt.
 

Mitten in der Halle, auf einem steinernen Podest, welches mehrere Stufen in die Höhe ragte, thronte die beeindruckende Gestalt von König Dáin. Sein grau melierter Bart und sein Haar waren lang, teilweise zu akkuraten Zöpfen geflochten und mit silbernen Spangen verziert und auf seiner Stirn trug er eine mit Edelsteinen besetzte Krone. Er war einen Mantel gehüllt, dessen pelzbesetzter Hermelinkragen seinen Kopf zusätzlich wie eine weiße Wolke umrahmte. Der Mantel wurde von einer Brosche zusammengehalten, die der Machart der Krone ähnelte. Sein königliches Ornat war ebenfalls aus kostbaren Stoffen gemacht und der silberne Gürtel um seinen Bauch rundete die erhabene Erscheinung zusätzlich ab. Er zog wahrlich alle Blicke auf sich, denn so schlicht seine Hallen gebaut waren, so stärker wirkte seine majestätische Präsenz auf den ganzen Raum.
 

Der große Zwerg führte Briuwen zum Thron, der von der Leibgarde des Königs umstellt war, sodass niemand mit böser Absicht auch nur in die Nähe von Dáin gelangen würde. Das Herz der Elbin pochte vor Nervosität schneller, seitdem sie den Zwergenkönig erblickt hatte. So sehr sie auch versuchte, für sich selber herauszufinden, was ihr nun bevorstehen würde, sie verwarf jedes Szenario wieder. Es war einfach alles möglich. Vielleicht würde sie begnadigt werden, vielleicht würde aber auch das Schlimmste eintreten. Die Ungewissheit machte sie fast wahnsinnig und ihr war übel, obwohl sie nur wenig gegessen hatte.
 

„Kniet vor dem König nieder, Elbin!“, befahl der Anführer ihrer Eskorte und Briuwen wusste nicht, ob sie erleichtert sein sollte, dass sie sie nicht einfach zu Boden stießen oder ob sie sich gedemütigt fühlen sollte, da sie als Gefangene alles tun musste, was man ihr sagte. Denn das machte sie auch. Es hatte keinen Sinn, zu rebellieren. Wenn sie kooperierte, dann würde vielleicht alles möglichst schnell vonstatten gehen gehen. Deshalb ließ sie sich auf ihre Knie herab und beugte demütig ihr Haupt.
 

„So, so, das ist sie also, die Elbin“, erklang eine Stimme wie Donnergrollen, tief und dröhnend, doch mit einer gewissen Wärme, einem Klang, der Briuwen überraschte. Doch sie hielt ihren Kopf weiterhin gesenkt.
 

„Ja, Majestät“, antwortete sie deshalb nur. Sie vernahm das Rascheln von schweren Stoffen und das Stapfen von Lederschuhen, als der König sich erhob und hörbar die Stufen herunterstieg, um näher zu kommen. Er verharrte ein paar Fuß weit weg von ihr entfernt, sodass sie in ihrer gebeugten Haltung nur seine mit Metall beschlagenen Stiefel sehen konnte. Ob er etwas in der Hand hielt – ein Zepter, ein Schwert, eine Axt – konnte sie nicht erkennen.
 

„Steht auf, ich will Euer Gesicht sehen“, befahl er plötzlich, was die Elbin sehr verwirrte. Eigentlich war es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie sich in einer Situation befand, in der sie so sehr verunsicherte, wie diese. Nicht einmal ein Gefecht gegen Orks konnte sie völlig aus der Fassung bringen, da sie wusste, dass sie sich auf ihre Fertigkeiten und ihr Kampfgeschick verlassen konnte und die nötige Kraft und des Wendigkeit hatte, siegreich hervorzugehen. Sie war zur Kriegerin ausgebildet worden, sie hatte einen verantwortungsvollen Platz in der Garde von Ilanin, musste die Stadt beschützen, sowohl auch die Kaufleute, die ihre Waren zu anderen Orten und Völkern bringen wollten. Sie führte ein selbstbestimmtes Leben und selbst in der Zelle hatte sie noch gedacht, wenigstens einen Faden in der Hand zu halten. Doch jetzt, als sie sich aufrichtete und ihren Blick auf den Zwergenkönig richtete, der zwei Köpfe kleiner war als sie, kam sie sich trotzdem winzig und hilflos vor. Die Augen des Mannes waren so grau wie das Eisen, welches seine Bergarbeiter aus dem Felsen holten und schienen sie regelrecht wie eine Spitzhacke zu durchbohren.
 

"Sehr gut. Ich sehe, dass Ihr Euch Gedanken zu Eurer Lage macht, Elbin. Briuwen ist Euer Name, nicht wahr? Wie alt seit Ihr?", fragte er mit einem leicht neugierigen Unterton in der Stimme und schon wieder überrumpelte dieser Satz die Angesprochene so sehr, dass sie für einen Moment nur ihre Lippen öffnete, ohne etwas zu sagen. Warum wollte er das wissen? Machte es ihm Spaß, sie hinzuhalten und zu verhöhnen, bevor er seine wahren Absichten verkündete?
 

"Ich zähle 772 Jahre, Eure Majestät", antwortete sie schlussendlich wahrheitsgemäß. Dáin ließ ein lautes Lachen ertönen, ein erheitertes Lachen, welches die ganze Halle zu erfüllen schien. Briuwen wäre fast zusammengezuckt, weil auch diese Reaktion sie wieder erschreckte. Ja, schon wieder! Nicht nur war sie verunsichert, sondern auch in einem fort überrascht. Der Zwergenkönig machte mit ihr, was er wollte. Und da sie ihr Verhalten darauf nicht verbergen konnte, weil sie diese heftigen Emotionen von ihr einfach nicht kannte, amüsierte sie ihn dadurch nur noch mehr.
 

"Ein elbischer Jungspund also! Und trotzdem so alt, dass es zum Zeitpunkt Eurer Geburt noch lange dauern sollte, bis das Reich der Eisenberge durch meinen Großvater Grór gegründet wurde. Seid Ihr eine Untergebene von König Thranduil?", lautete seine neue Frage, die wieder in eine ganz andere Richtung führte, sodass Briuwen beschloss, gar nicht darüber nachzudenken, was er damit bezweckte, sondern einfach zu antworten.
 

"Nein, Majestät, die einzige Verbindung, die mein Volk zu dem Waldland reich hat, ist das dortige Verlangen nach unserem Wein", erwiderte sie und erntete dafür eine erneute Salve von Lachern, die dem König entwichen. Die Elbin sah ihn sich etwas genauer an. Sein Gesicht sprach von einem schon fortgeschrittenen Alter, doch die Fältchen, die rings um seine Augen sichtbar waren, schienen nicht vom Zahn der Zeit zu stammen, sondern rührten wohl daher, dass er viel und gerne lachte.
 

"Hört euch das an, sie hat Witz! Schön, sehr schön! Was meinst du dazu, Darin? Nun, Ihr müsst wissen, dass Ihr es ihm zu verdanken habt, dass Ihr hier steht und nicht schon an der Klamm beim Eingang zu diesem Reich erschossen wurdet. Er ist mein Enkel", gab Dáin gut gelaunt preis. Erneut eine Flut von zu vielen Informationen! Der große Zwerg an ihrer Seite, der auch den Befehl gegeben hatte, sie durch das Tor zu lassen, war des Königs Enkel. Warum fragte er ihn nach einer Meinung zu ihrer sarkastischen Antwort?
 

"Halt, es reicht! Findet ihr nicht, dass es genug ist?", ertönte plötzlich eine andere Stimme und deren Klang jagte einen Schauer durch Briuwens Körper. Ruckartig wandte sie ihren Kopf in die Richtung, aus der die Worte kamen, sodass ihr Haar durch die Luft wehte. Da war er. Kíli! Dass sie ihn hier sah, kam einem Wunder gleich. Er kam aus dem Schatten einer nahen Säule hervor und er stützte sich auf seiner linken Seite an einem kunstvoll geschnitzten Krückstock ab. Sein linker Fuß war mit einem dicken Gips versehen, doch ansonsten wirkte er ganz normal - und quicklebendig.
 

Ja, Kíli war wieder auf den Beinen und als er langsam näher kam, hatte er ein leicht kribbliges Gefühl in der Magengegend. Dass er sich versteckt hatte, war von Dáin so geplant gewesen, damit er sich erst einmal selber ein Bild von der Elbin machen konnte und sie dabei vollkommen unvoreingenommen war. Das hatte er auch geschafft. Briuwen sah irgendwie verloren aus und noch etwas war besonders. Kíli hatte schon viele Elben gesehen. Er war damals auf ihrem Weg zur Zurückeroberung des Erebor in Imladris gewesen und natürlich kannte er die Bewohner des Düsterwaldes, mit denen er sogar Seite an Seite in der Schlacht der fünf Heere gekämpft hatte. Und immer, immer hatten die Elben ausgesehen, als frisch gewaschen und gestriegelt, in jeder erdenklichen Situation. Doch Briuwen? Er hatte sie eigentlich noch nie richtig im hellen Lichtschein und in voller Größe gesehen. Damals, in der Höhle, in der sie sich versteckt hatten, hatte er sie kurz gemustert und festgestellt, dass auch sie die Makellosigkeit ihres Volkes besaß. Jetzt jedoch war all das verschwunden, was dem Zwerg sagte, dass auch die elbische Magie Grenzen hatte. Was nach den vielen Kämpfen und fünf Tagen Gefangenschaft eigentlich kein Wunder war. Briuwen war mit getrocknetem Blut und Schmutz bedeckt, ihre Kleidung zerknittert und abgenutzt. Ihr hellbraunes Haar war strähnig und matt, ihre Haltung resigniert und erschöpft. Doch ihre blauen Augen funkelten und als er merkte, wie ihr Blick ihn traf und sie ihn erkannte, da wurde ihr Glanz noch stärker.
 

"Kíli, Ihr... Ihr seid wohlauf", stammelte Briuwen leise, sodass ihre Worte fast nicht zu zu hören waren. Als die Erleichterung sie übermannte, war es fast so, als wollten ihre Knie nachgeben. All ihre Sorgen hatten sich nicht bewahrheitet. Ihre Mühen und das Wagnis, hierher zu kommen, waren nicht umsonst gewesen. Da lachte Dáin wieder und das lenkte die Aufmerksamkeit der Elbin wieder ab.
 

"Du hast recht, Kíli, die ganze Fragerei ist nicht nett von mir, doch wann hat man schon die Gelegenheit, eine Elbin ein wenig aus der Fassung zu bringen? Also, Darin?", entgegnete der König doch tatsächlich mit einem vergnügten Zwinkern und wandte sich erneut an seinen Enkel, der auf einmal nickte und sich hinter Briuwen stellte. Sie atmete tief ein, da sie schon das Schlimmste befürchtete, doch sie spürte nur, wie plötzlich an ihren Fesseln gezogen und die Seile entfernt wurden.
 

"Ihr gebt mich frei?", fragte sie entgeistert und drückte ihre Hände sofort vorne an ihre Brust, um wie mechanisch ihre wunden Handgelenke zu reiben. Da trat Darin wieder vor.
 

"Denkt ja nicht, Ihr wäret keine Gefangene mehr. Ich habe nur beschlossen, dass von Euch keine Gefahr ausgeht. Außerdem solltet Ihr es nicht wagen, König Dáins Gastfreundschaft in Frage zu stellen und abzuschlagen", antwortete der Enkel des Königs ein wenig schroff, sodass Briuwen sofort wieder verstummte. Sie wurde aus der Situation einfach nicht schlau. Sie wurde also als harmlos eingestuft, war in ihrer Freiheit jedoch beschränkt. Was bedeutete das? Dass sie sich innerhalb des Königreiches bewegen durfte, wohin sie wollte, jedoch nicht darüber hinaus? Sie blickte zu Dáin, doch der hatte sich bereits umgedreht, um zu seinem Thron zurückzukehren, deshalb schaute sie zurück zu Kíli. Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf, die sie ihm stellen wollte. Doch sie war immer noch so verunsichert, dass sie es nicht wagte, sich von der Stelle zu bewegen. Stattdessen machte Kíli ein paar Schritte vorwärts in ihre Richtung, doch da begann Dáin wieder zu reden, der wieder auf dem Podest Platz genommen hatte.
 

"Sodenn, holt die Frauen. Sie sollen sich um die Elbin kümmern", befahl er einem der Leibwachen, die nahe bei ihm standen und dieser marschierte sofort davon. Keiner sagte mehr etwas. Briuwen und Kíli sahen sich für einen Moment an, Darin schien vorsichtshalber in der Nähe der Elbin zu bleiben, falls sie es sich doch noch anders überlegen und fliehen sollte, und Dáin begann, eine heitere Melodie zu summen und dabei etwas von einem silbernen Teller zu essen, welcher ihm von einem Diener vorgesetzt wurde. Doch es dauerte nicht lange, bis neue Schritte die Ankunft weiterer Personen ankündigten.
 

„Hier sind sie“, verkündete der Wachmann und trat zur Seite. Er gab den Blick frei auf drei Zwergenfrauen.
 

"Gut, nehmt die Elbin mit. Ihr wisst, was ihr zu tun habt", kommandierte der König und die drei Frauen nickten folgsam. Sie kamen mit schnellen Schritten und neugierigen Blicken näher und wiesen wortlos mit ihren Händen in die entgegengesetzte Richtung, aus der sie gekommen waren. Briuwen wollte wissen, was sie denn mit ihr vorhatten, doch auf eine ungeduldige Geste von Darin hin, setzte sie sich in Bewegung, ohne die Unternehmung mit ihren Fragen aufzuhalten. Eine Zwergin lief voraus, die Anderen gingen hinter ihr her. Sie kamen genau an Kíli vorbei, der der eigenartigen Truppe mit seinen Blicken folgte, bis sie die Halle durch einen dunklen Durchgang verließen.

mereth | Fest

Sie gingen. Und gingen. Und das ein ganzes Stück. Der Weg führte teilweise abwärts, dann wieder nach oben und schließlich viele Treppenstufen in die Tiefe. Irgendwann verlor Briuwen die Orientierung. Die Ausmaße des Zwergenreiches unter den Eisenbergen war schier unbegreiflich, doch die Zwergenfrauen kannten sich bestens aus. Das war auch nicht verwunderlich, wenn sie hier aufgewachsen waren und diese Strecke vielleicht jeden Tag hinter sich brachten. Jedenfalls kamen sie an vielen weiteren Hallen vorbei, von denen keine so groß war, wie der Thronsaal. Des öfteren passierten sie breite Brücken, die über endlos tiefe Gräben führten, und es gab auch Treppenhäuser, die unzählige Stockwerke miteinander verbanden. Immer wieder trafen sie auf ihrem Weg auf andere Zwerge. So gut wie jeder, der ihnen entgegen kam, schaute ihnen neugierig nach. Es wunderte Briuwen ein wenig, dass sie von niemandem beschimpft oder gar angegriffen wurde. Anscheinend hatte sich herumgesprochen, dass sich eine Elbin unter dem Berge befand und sie keinerlei Gefahr darstellte.
 

Irgendwann konnte Briuwen es nicht mehr aushalten. Keiner schien wirklich Interesse daran zu haben, ihr wirklich zu sagen, was nun mit ihr geschehen sollte, oder es traute sich niemand, mit ihr zu sprechen. Vielleicht hatte es ihnen jemand schlicht und einfach verboten? Sie vermutete, dass es sogar Letzteres war, denn gerade die Zwergenfrauen hielten ihre Köpfe auffällig zu Boden gerichtet.
 

„Entschuldigt bitte, aber dürft ihr mit mir reden? Wohin bringt ihr mich?“, frage sie letztendlich, um wenigstens eine Antwort auf die vielen Fragen zu bekommen, die in ihrem Kopf herum schwirrten. Die Zwergin, die den kleinen Tross anführte, hielt kurz inne und blieb stehen, um sich zu Briuwen umzudrehen und diese zu mustern. Auch die Elbin ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und nahm ihre Gegenüber ebenfalls kurz in Augenschein. Das auffälligste Merkmal, welches einem Betrachter, der nicht zum Zwergenvolk gehörte, sofort auffiel, war der Bart, den die kleine Frau trug. Sie hatte ein rundliches Gesicht, dessen Form durch ihren Kotelettenbart noch mehr betont wurde. Ihr Kinn war frei von jeglicher Behaarung, doch es gab auch andere Beispiele, wie manch andere ihnen entgegenkommende Zwergenfrau demonstrierten, die Backen- und Kinnbärte trugen. Die Haarpracht war bei weiblichen Zwergen wohl etwas variabler und der Wuchs nicht ganz so ausgeprägt und üppig wie bei den Männern. Trotzdem war es für Briuwen ein ungewohnter Anblick - andersherum mussten die Zwergenfrauen wohl genauso denken. Des weiteren hatte die führende Zwergin eine Frisur aus geflochtenen und hochgesteckten Haaren und ein langes erdfarbenes Gewand an, das eher bei zweckmäßigen Anlässen getragen wurde. Rein äußerlich konnte die Elbin deshalb nicht feststellen, welche Profession die Frau inne hatte. Diese schüttelte ihren Kopf, als sie ihre Inspizierung beendet hatte: Das Ergebnis schien ihr überhaupt nicht zuzusagen.
 

"Natürlich dürfen wir mit Euch reden, Ihr seid doch keine Aussätzige… Obwohl, Euer Äußeres hat sicher schon bessere Zeiten gesehen", sprach sie, doch in ihrer Stimme schwang gutmütiger Spott mit.
 

"Ich habe mir Elben eigentlich ganz anders vorgestellt, die Legenden besagen, dass sie-", platzte es aus einer der anderen Zwerginnen heraus, als lag ihr diese Aussage schon die ganze Zeit auf der Zunge. Die Beiden wirkten jünger und hatten auch nur einen leichten Bartflaum als die Zwergin, die zumindest in ihrer kleinen Runde das Sagen hatte und auch prompt den Zwischenruf unterbrach.
 

"Still, Róia, ich habe dir doch gesagt, dass du nicht so viel plappern sollst! Und jetzt weiter! Wir müssen bis heute Abend fertig sein!", sprach sie und es klang endgültig. Dabei hatte sie doch immer noch nicht Bruiwens Frage beantwortet!
 

"Aber, mit was 'fertig', gnädige Frau Zwergin-", wollte sie beharrlich und geknickt nachhaken, doch sie wurde nur mit einem Lachen abgespeist. Es hinterließ sie sprachlos. Warum lachten alle nur, wenn sie etwas sagte?
 

"Nur Geduld, verehrte Elbin, wir sind gleich da. Und ob ich gnädig sein werde, müssen wir noch abwarten", war die letzte Antwort der Zwergenfrau, aus der deutlich zu hören war, dass es ihr Spaß machte, zweideutige Behauptungen fallen zu lassen. Mit einem lauten Seufzen gab Briuwen schließlich auf und folgte der Zwergin einfach, als diese den Weg schließlich fortsetzte. Sie hörte, wie die beiden Zwergenmädchen leise hinter ihrem Rücken kicherten. Eigentlich konnte es doch nichts schlimmes sein, was sie erwartete, oder? Dafür waren alle viel zu gut gelaunt. Eigentlich hatte sie gedacht, Zwerge waren immerzu grimmig und humorlos, weil sie doch in ihren dunklen Höhlen hockten und nichts anderes taten, als sich immer tiefer in den Stein zu graben. Aber zumindest das Volk, dass die Eisenberge bewohnte, schien eine fröhliche Gemeinschaft zu sein.
 

Es dauerte für Briuwen viel zu lange, doch irgendwann, nachdem der Weg sie stetig nach unten führte, kamen sie an einem Ort an, wo es nicht mehr weiterging. Mehrere eiserne Türen waren in die Felswand eingelassen, sodass die Elbin fast dachte, dass sie wieder in einer Art Kerker angekommen waren. Die ältere Zwergin ging voran, öffnete eine der Türen und machte eine einladende Handbewegung.
 

„Bitte sehr, hier erwartet Euch größte Annehmlichkeit der Eisenberge“, sprach sie mit Stolz in der Stimme, und schon bevor Briuwen nur sehen konnte, was sie erwartete, hörte sie es bereits: Gurgelndes Wasser. Sie ging voran und betrat, bemessen an den anderen Höhlen, einen relativ kleinen Raum, in dem ein tiefes Becken in den Boden gemeißelt worden war. Aus einer Öffnung in der Wand sprudelte dampfendes Wasser und zwar reichlich davon, und füllte das Becken bis zum Rand. Ein Überlauf verhinderte, dass der Raum geflutet wurde, indem das überschüssige Wasser in eine Felsspalte floss.
 

„Das ist eine heiße Quelle“, erkannte die Elbin mit verblüffter Miene und erntete dafür ein beflissenes Nicken.
 

„So ist es! Der Berg schenkt uns zwar keine Edelsteine, dafür aber wunderbar heißes Badewasser. Nun aber los, legt Eure Kleidung ab, Róia und Elin werden sie mitnehmen und sehen, ob davon noch etwas zu retten ist. Und hier habt ihr ein Stück Seife. Lasst Euch für euer Bad Zeit. Bis ich wieder da bin, solltet Ihr aber fertig sein“, ordnete die ältere Zwergin an. Dabei lagen die Blicke der drei Zwerginnen erwartungsvoll auf Briuwen, als ob sie nur darauf warteten, dass sie sich auszog. Über Nacktheit und Schamgefühl schienen sie sich nicht viele Gedanken zu machen, und obwohl sich Briuwen ein wenig gehetzt fühlte, wollte sie nun endlich etwas mehr Informationen haben.
 

„Wartet! Ihr behandelt mich so gut – warum? Ich verstehe nicht, was die Absichten des Königs sind. Ihr sprecht die ganze Zeit in Rätseln. Ich bin eine Fremde und vielleicht eine Gefahr, die ihr nicht richtig einschätzen könnt. Warum tut ihr das für mich?“, appellierte sie an die Zwergenfrauen und setzte darauf, durch ihre ehrlichen Worte endlich erhört zu werden. Sie wollte damit zwar nicht sagen, dass sie es sich anders wünschte und wieder in ihre Zelle zurück wollte, doch es beschäftigte sie ohne Ende. Der Blick der älteren Zwergin, der Aufgrund der erneuten Unterbrechung einen strengen Zug angenommen hatte, wurde wieder etwas weicher.
 

„Nun, wir sollen Euch wieder gesellschaftsfähig aussehen lassen, denn ihr werdet heute Abend an dem großen Festessen für Prinz Kíli teilnehmen. Das ist eine große Ehre. Und macht Euch keine Sorgen, Ihr habt mit Eurer Tat Mut und Respekt bewiesen, der König schätzt das sehr“, sagte sie, doch diese Antwort beruhigte Briuwen in keinster Weise. Es wühlte sie sogar noch mehr auf.
 

„Prinz? Ist Kíli ein Prinz?“, fragte sie nach, denn sie hatte schon bei ihrer Ankunft in den Eisenbergen, als sie den verletzten Zwerg gebracht hatte, gehört, wie einige Krieger ihn so genannt hatten. Da war selbst der Fakt, dass es ein Fest geben sollte, in diesem Moment nebensächlich. Nun war es an den Zwerginnen, ungläubig zu schauen, als ob es eine Schande wäre, das nicht zu wissen.
 

„Natürlich ist er das! Zwar kein Prinz der Eisenberge, doch dafür ein Prinz vom Erebor!“, rief die junge Zwergin namens Elin mit Euphorie, als sie die Gelegenheit ergriff und etwas sagte, was die Elbin anscheinend nicht wusste. Da begann die ältere Zwergin zu schimpfen, dass sie sich hier nicht mit Geplauder aufhalten sollten, da dafür ein Andermal auch noch Zeit war. Briuwen sollte endlich ins Wasser steigen, um sich Blut und Dreck vom Körper zu waschen. Um auch bloß nicht mehr unterbrochen zu werden, wurden die Zwergenmädchen nach draußen geschickt. Sie würden Briuwens Kleidung ein wenig später holen, sie sollte die Sachen einfach an der Tür liegen lassen. Was die ältere Zwergin selber vorhatte, sagte sie nicht, doch auch sie verschwand mit den beiden Anderen, sodass Briuwen schließlich ganz alleine war.
 

Das alles musste sie erst einmal sacken lassen. So ruhig und unspektakulär es in ihrem Verlies gewesen war, umso turbulenter hatten sich die vergangenen Augenblicke gestaltet, als müssten sich die langweiligen und die aufwühlenden Momente die Waage halten. Für eine Weile schien Briuwen nun eine Auszeit zu bekommen. Jetzt konnte sie endlich ihre Gedanken ordnen. Und wie sollte dies besser gelingen, als bei einem entspannenden Bad? Rasch entledigte sie sich ihrer vor Schmutz ganz starrer Kleidung und ließ sich dann in das warme Nass gleiten. Ein wohliger Seufzer entfloh ihren Lippen, denn das Wasser tat ihren verspannten Muskeln so gut. Und weil sie sowieso nichts anderes tun konnte, tauchte sie ab und ließ sich von der Wärme einhüllen, wie eine liebevolle Umarmung, durch die man alles andere vergessen konnte, was einen betrübte.
 

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Ein Fest, welches von Zwergen ausgerichtet wurde, war immer eine ausgelassene Feier, bei der an Nichts gespart wurde. Vor allem nicht an Essen und Getränken. Gute Laune kam meist von ganz alleine auf, wenn ein alter Krieger anfing, eine derbe Geschichte zu erzählen oder jemand eines der vielen Lieder anstimmte, die zur Kultur der Zwergenvölker dazu gehörten. Eigentlich gab es zu allem ein Lied. Natürlich handelten sie von Schlachten und ruhmreichen Taten, von heldenhaften Persönlichkeiten und Königen, manchmal auch von besonderen Orten. Auch besondere Waffen und Schmuckstücke wurden besungen, sowie andere Objekte, die wertvoll genug waren, dass ihnen eine Vertonung zuteil wurde. Doch auch banale Dinge und Begebenheiten konnten zu einem Lied gedichtet werden, das Wetter oder Tiere oder ein liebgewonnener Gegenstand. Außerdem gab es keine Stimmung, die nicht durch eine Melodie ausgedrückt werden konnte, ob Trauer, Freude, Sehnsucht oder Missmut.
 

Mit Abstand am beliebtesten waren jedoch Trinklieder – und natürlich Loblieder auf den König. Die Trinklieder aber kannte jeder, und was hob die Stimmung mehr, als ein Lied, welches aus allen Mündern schallte, die an einem Tisch versammelt waren? Normalerweise gehörte Kíli zu denjenigen, die enthusiastisch einstimmten, sobald ihnen die Melodie bekannt war. Doch heute, obwohl es ein Fest zu seinen Ehern war, konnte er nicht recht entspannen und die Atmosphäre genießen. Er saß an einer langen Tafel, einer von vielen, die im großen Thronsaal aufgestellt worden waren und sein Platz war zur Rechten des Königs, bei dessen Söhnen, Töchtern und Enkeln. Fleißige Hände hatten alles für den Abend und das feierliche Essen vorbereitet. Der Tisch war festlich gedeckt worden und die Speisen, die man aufgetragen hatte, dufteten alle köstlich. Kíli hatte auch Hunger, nur eine Sache trübte seinen Appetit: Der Wein. Es war kein billiges Gesöff, nein, ganz im Gegenteil. Doch er befand es als nicht rechtens, dass er ausgeschenkt wurde, besonders deswegen, weil die 'Spenderin' nicht anwesend war.
 

Er hatte neben sich einen freien Platz und er wusste, wem dieser zugedacht war. Briuwen, der Elbin. Er war neugierig, was sie mit ihr gemacht hatten. König Dáin hatte manchmal einen sehr gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor, so, als wäre er ein verschlagener kleiner Junge. Er machte gern ein großes Geheimnis um alles und tat dann verschwörerisch und mit überzeugend gespieltem Ernst. Das Kind im Manne. Das wurde nur zu deutlich, als er Kíli überschwänglich zuprostete und ihm dabei zuzwinkerte. Ach, hier war alles so anders als dort, wo Kíli eigentlich beheimatet war. Die Verwandtschaftslinie der regierenden Familien der Eisenberge und des Erebor reichte fast fünfhundert auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück, doch hatten sich zwei völlig verschiedene Völker daraus entwickelt. Zwar waren die Zwerge, die den Einsamen Berg bewohnten, im Grunde ihres Herzens ebenfalls gutherzige Leute, doch generell waren sie eher unterkühlt. Allzu deutlich bemerkte Kíli dies an seinem Onkel, König Thorin. Er war ein Mann, der für sein Reich brannte, doch er war finster und verbissen. Natürlich hatte er große Strapazen und Risiken in Kauf genommen, um sein rechtmäßiges Königreich zurückzuerobern, doch hatte der Sieg sein Herz nicht öffnen können. Thorin wirkte immerzu angespannt und auch, wenn Kíli seinen Onkel liebte, da war immer ein Fünkchen Angst vor dem kriegerischen Mann, das niemals verschwand.
 

Hier war es eben anders. Vielleicht war Kíli noch nicht allzu lange hier, um sich völlig daran zu gewöhnen, weswegen er sich in einer Art schwebendem Zustand zwischen den beiden Partien befand. Loyalität empfand er für beide Könige, doch konnte er sich nicht so recht entscheiden, was für ihn selber der beste Ort war. Überhaupt, er war nachdenklicher und ernsthafter geworden. Wahrscheinlich war es die neue Sesshaftigkeit und seine neue Position. Er war ein Prinz, Zweiter in der Thronfolge. Das unbeschwerte 'in den Tag hinein'-Leben war vorbei, denn mit der wichtigen Stellung kam auch Verantwortung, eine Verantwortung, die er bis dato nur für sich selber getragen hatte. Deswegen auch die Ausflüge, die der mit der Wache der Eisenberge unternommen hatte. Weil er draußen in der Wildnis so tun konnte, als wäre er ein einfacher Soldat ohne Privilegien. Und gerade das hatte ihm das größte Abenteuer seit der Schlacht der fünf Heere beschert.
 

Da ging ein Raunen durch die Reihen der Festgäste und die Lieder und das Essen verebbten für eine kurze Zeit. Der letzte noch fehlende Gast kam, der Ehrengast des Abends. Und obwohl die Halle durch die vielen Fackeln schon hell genug beleuchtet wurde, begannen die Lichter erst jetzt richtig zu scheinen.
 

Briuwen war vollkommen gewandelt. Es bestand kein Vergleich mehr zu der niedergeschlagenen Gestalt, die Kíli noch zur späten Mittagszeit gesehen hatte. Sie wirkte um einiges anmutiger und wohlgelaunter, was ihm der Ausdruck ihres makellosen Gesichtes und ihrer geraden Haltung verriet. Ihr langes Haar fiel seidig und glänzend auf ihren Rücken herab und nicht die kleinste Spur zeugte mehr von dem blutigen und schmutzigen Kampf, den sie hinter sich hatte. Was die meisten anwesenden Zwergen wohl auf den ersten Blick sahen, Kíli jedoch erst kurz danach erkannte, war ihr Gewand. Es war aus dunkelgrünem Samt, dem typischen Stoff, der für edle zwergische Kleidung benutzt wurde. Das Kleid ging bis zum Boden und hatte an jedem Saum eine hübsche, aber einfache gestickte Borte, doch es war ihr ein wenig zu groß, weswegen sie um ihre Taille einen ledernen Gürtel trug. Außerdem, und das war eigentlich das Witzige an ihrem Erscheinungsbild, hatte sie einen grauen Mantel um ihre Schultern, der jedoch schon in der Höhe ihrer Kniekehlen endete. Er war ihr also viel zu kurz und das entlockte dem einen oder anderen ein amüsiertes Kichern, weil es ihrem erhabenen elbischen Erscheinungsbild etwas Normales verlieh.
 

„Seid willkommen, Briuwen, Elbin aus Dorwinion“, rief König Dáin laut, sodass ihn fast jeder hören konnte. Kíli bemerkte, dass Briuwen von Gléda begleitet und angeführt wurde, der älteren Zwergin, die so etwas wie die oberste Hausdame des Königreiches war. Ihr oblag die Organisation und Kontrolle der Bediensteten, die sich um den König und die Mitglieder der Königsfamilie kümmerten, doch sie nahm auch andere wichtige Aufgaben wahr, wie die Betreuung wichtiger Gäste. Ihr war wohl auferlegt worden, die Elbin wieder vorzeigbar zu machen – und das war ihr auch gelungen. Gléda brachte Briuwen an den Tisch von Dáin, der die Zwergen mit einem zufriedenen Nicken wieder entließ. Dann breitete er die Arme aus.
 

„Welch strahlendes Juwel an meiner bescheidenen Tafel! Setzt Euch“, sprach er und war anscheinend bester Laune. Briuwen nickte und kam an Kílis Seite. Dort war ein Stuhl mit Sitzkissen bereitgestellt, doch da dieser für Zwergenmaßstäbe gebaut war und die Elbin darauf nie bequem Platz gehabt hätte, schob sie den Stuhl zurück, nahm das Kissen, legte es auf den Boden und kniete sich dann vor dem Tisch nieder. Das bewirkte, dass sie plötzlich kaum größer als die meisten anderen Gäste war, sondern plötzlich auch auf Augenhöhe mit Kíli saß. Sie blickte auf den silbernen Teller, das silberne Besteck und die üppig beladenen Servierplatten und zog belustigt die Augenbrauen hoch.
 

„Und ich dachte, das Bad wäre kostenlos gewesen“, meinte sie, griff dabei nach ihrem mit einer dunkelroten Flüssigkeit gefüllten Becher und schwenkte diesen. Es war der Wein Dorwinions. Ein paar Flaschen davon hatte ihr Pferd geladen gehabt. Die Zwerge mussten die Satteltaschen durchsucht und die wertvolle Handelsgut dort gefunden haben. Eigentlich war die Ware sowieso für das Königreich der Eisenberge bestimmt gewesen, doch hatten die Kaufleute erhofft, dafür gutes Geld zu bekommen. Doch jetzt hatten die Zwerge den Wein beschlagnahmt. König Dáin lachte schallend.
 

„Ihr habt genau meine Kragenweite, Elbin! Doch diese Kriegsbeute konnten wir uns nicht entgehen lassen, wenn Ihr versteht, was ich meine“, entgegnete er, doch tatsächlich war seine Aussage mit zweierlei Bedeutung behaftet. Doch genau das wollte er anscheinend sagen, denn sogleich fasste er auch nach seinem Becher und hielt diesen in die Höhe, um Briuwen und allen Anderen zuzuprosten. Alle Gäste am Tisch des Königs taten es ihnen gleich und schon erschallte das nächste Trinklied: Ein Hoch auf den Spender des himmlisch Trankes! So waren alle für einen Moment abgelenkt, sodass Kíli seine Chance nutzte und sich zu Briuwen lehnte.
 

„Es tut mir Leid, dass Ihr das alles über Euch ergehen lassen müsst. Aber der König meint es nicht böse“, sagte er zu ihr und meinte es auch ehrlich. Er hatte mitbekommen, wie anfangs alle sehr misstrauisch ihr gegenüber gewesen waren, doch zum Glück waren sie so besonnen gewesen und hatten Briuwen nicht sofort gerichtet. Erst, als Kíli wieder auf den Beinen gewesen war und alles, was passiert war, hatte erklären können, hatte sich ihre Meinung über die Elbin geändert – und zwar nur über sie. Denn ein freundlich Exemplar bedeutete nicht gleich, dass ihre ganze Sippe ebenso eingestellt war.
 

„Das ist mir mittlerweile bewusst, sonst würde ich hier nicht so ruhig sitzen. Es ist alles in Ordnung“, gab Briuwen zurück und er sah, wie dabei ein Lächeln ihre Lippen umspielte. Sie saß so nahe bei ihm, dass er den Duft der Seife riechen konnte, die sie benutzt haben musste, außerdem war da wieder die besondere Aura, die von ihr ausging, die er auch schon in der Höhle, in der sie zum Schutz vor den Orks und dem Regen untergekommen waren, wahrgenommen hatte. Wahrscheinlich war das die elbische Magie, die sie regelrecht ausstrahlte. Da merkte Kíli plötzlich, dass er sie schon viel zu lange anstarrte und senkte den Blick wieder. Kurz entstand eine unbehagliche Stille zwischen ihnen.
 

„Kíli, bitte erzählt mir, was geschehen ist, nachdem wir hier in den Eisenbergen ankamen. Ihr seid schwer verletzt gewesen und ich dachte schon, dass Ihr es nicht schaffen würdet...“, sagte Briuwen nach einer Weile und sie wurde dabei etwas leiser, denn es war ein Gespräch, welches nur sie Beide etwas anging. Ihre Stimme hatte eine leicht betrübte Nuance, als ob sie sich die Schuld für seinen damaligen Zustand gab. Doch nicht sie, sondern die Orks hatten ihn verwundet. Als er seinen Kopf hob und ihren blauen Augen mit einem Blick begegnete, der ihr versichern sollte, dass sie mit ihren Befürchtungen unrecht hatte, unterbrach ein lautes Klatschen die Atmosphäre, sodass der ganze Saal erneut verstummte. König Dáin war von seinem Platz aufgestanden und er hielt erneut seinen Becher mit Wein in der Hand.
 

„So wollen wir uns nun alle erheben und gemeinsam die Gläser leeren, zur Feier der Genesung von Prinz Kíli, zum Dank an die Elbin Briuwen und zum Gedenken an die tapferen Kameraden, die ihr Leben im Kampf gegen die Orks lassen mussten!“, rief er überschwänglich und klang dabei schon ein wenig beschwipst, sodass er gerade noch fehlerfrei die Worte sprechen und sein Gleichgewicht halten konnte, als er sein Trinkgefäß mit großer Geste durch die Luft schwang. Für Briuwen war es kein Wunder, dass es ihm so erging, denn bereits ein paar Schlücke zu viel des dorwinion'schen Weines und er entfaltete sogleich seine berauschende Wirkung. Sie und Kíli taten es allen gleich und tranken aus ihrem Becher. Dabei merkten sie Beide, wie alle Blicke auf ihnen lagen. Doch die Leute waren neugierig und die explizite Nennung ihrer Namen bescherte ihnen große Aufmerksamkeit.
 

Langsam setzten sich alle wieder und die Luft der Halle wurde zurückerobert von dem Gerede, Geschnatter und Gegröhle der Menge. Die Feier war fröhlich und ausgelassen, so, wie eine Feier unter Zwergen sein sollte. Doch es gab zwei Gäste, die waren mit ihren Gedanken ganz woanders. Die Höflichkeit gebot es, dass Briuwen etwas von den köstlichen angebotenen Speisen aß und sie hatte auch Hunger, nach all den Tagen, in denen sie nur die zwar sättigende, jedoch einfache Kost in ihrer Zelle gegessen hatte. Auch Kíli langte zu, einfach, um sich zu beschäftigen, da er sonst nicht wohin wusste, mit seinen Händen und seinem Blick. Doch nach einiger Zeit wurde die Spannung einfach zu groß und die Elbin war die Erste, die es nicht mehr aushalten konnte.
 

„Gibt es einen Ort, an dem wir in Ruhe reden können?“, fragte sie, während sie sich ihren Mund mit einer Serviette abtupfte und Kíli rügte sich innerlich, weil er nicht früher darauf gekommen war.
 

„Lasst das nur meine Sorge sein“, erwiderte er zuversichtlich, denn er hatte da schon eine Idee. Er brauchte nur noch einen Vorwand, doch dieser würde ihm auch schon noch einfallen. Deswegen nickte er unauffällig, als würde er in Gedanken den Geschmack seines Essens würdigen und wartete schließlich ab, bis sich eine günstige Gelegenheit ergab.

peth | Wort

Der Berg schien zu schlafen. Es war so ruhig, dass man seinen eigenen Atem unverhältnismäßig laut hören konnte. Nur ab und zu wurden fröhliches Gelächter und hingebungsvoller Gesang mit einem Luftzug zu den beiden Personen getragen, die sich langsam aber sicher von der ausgelassenen Gesellschaft entfernten.
 

Kíli hatte sich entschuldigt, unter dem Vorwand, kurz austreten zu müssen. Briuwen hatte etwas abgewartet und dann verkündet, dass sie sich die Ahnengalerie ansehen wollte, die sie in einem Gang auf dem Weg zum Thronsaal entdeckt hatte. Das war nicht gelogen, sie fand es wirklich interessant, die Antlitze alter Könige zu betrachten, ihre Darstellung und das damit verbundene Charakterbild zu interpretieren. Doch das konnte sie vielleicht noch ein Andermal tun, außerdem schien sich keiner wirklich darum zu kümmern, als sie aufstand und ging, denn jeder war mit seinem Essen beschäftigt und bereits ein wenig angetrunken. Vorsichtshalber hielt Briuwen den angekündigten Kurs ein, begab sich dann jedoch durch den Schatten der mächtigen Säulen, die die Decke trugen, in die Richtung, in die Kíli verschwunden war. Schnell traf sie ihn auch wieder und ließ sich von ihm weiter durch den Berg führen.
 

Briuwen fühlte sich leicht, als ob eine sehr schwere Last von ihren Schultern abgefallen war. Endlich konnte sie die Ungewissheit vergessen, die sie geplagt hatte. Nun wusste sie endlich, woran sie war. Zwar wurde ihr gesagt, dass sie den Berg nicht verlassen durfte, doch sie vermutete stark, dass es einfach eine Vorsichtsmaßnahme war, um sie noch ein wenig hier zu behalten. Trotzdem würde sie das Risiko nicht eingehen und sich einfach davonmachen, denn obwohl sie nun alle sehr höflich behandelten, brodelten bei dem ein oder anderen sicher noch unterschwellige Feindseligkeiten. Außerdem gab es hier noch einige Dinge, die sie gerne klären wollte.
 

Sie blickte sich um, doch es gab nicht viel zu sehen. Hier und da zweigte eine Tür von den Gängen ab, die sie durchliefen, dann passierten sie eine leere Halle und stiegen viele Treppen hinauf. Für Briuwen wirkte alles gleich. Das Einzige, was sie wirklich sicher erkennen konnte, war, dass sie immer weiter nach oben gingen. Alles andere verschwamm in ihrer Erinnerung. Hätte Kíli jetzt vor, sie zurück zum Festsaal zu schicken, würde sie sich hoffnungslos verirren. Nach einer Weile ergriff sie abermals das erste Wort.
 

"Wohin gehen wir? Kennt Ihr Euch hier auch wirklich aus?", fragte sie, weil sie sich langsam wirklich wunderte. Eigentlich hatte sie vorhin nur gemeint, dass sie besser einen Ort finden sollte, wo es nicht so laut und gedrängt war, damit sie sich ungezwungen unterhalten konnten, doch Kíli schien mit ihr gleich eine große Reise durch den ganzen unternehmen zu wollten. Die Frage wirkte vielleicht ein wenig neckisch, doch sie war sich sicher, dass der Zwerg es ihr nicht übel nehmen würde.
 

"Aber sicher tue ich das. Wir sind auch gleich da. Doch, Briuwen, ich habe eine Bitte: Lasst die förmliche Anrede sein. Es ist mir unangenehm, immer so hochtrabend angesprochen zu werden", erwiderte Kíli mit kurzem Zögern. Er konnte nicht einschätzen, wie Briuwen auf sein Anliegen reagieren würde. Er hoffte, dass sie sich nicht gekränkt fühlen würde, denn so manch einer würde darauf bestehen, einen gewissen Abstand zu wahren, indem man sich in einem Gespräch mit dem nötigen Respekt entgegentrat. Jemandem das 'Du' anzubieten war auch eine Art Vertrauensbeweis. Doch ob ein Elb genau das Gleiche darunter verstand?
 

"Wenn Du es so möchtet, gern, Kíli. Aber nur, wenn auch Du die Förmlichkeiten ablegst. Doch bist Du nicht ein Prinz? Da sollte es für Dich nichts besonderes sein", sagte Briuwen mit einem Lächeln, welches den Zwerg erleichtert aufatmen ließ. Sie nahm also sein Angebot an. Er wusste nicht warum, doch er glaubte, dass es ihnen Beiden helfen würde, die Situation etwas besser zu meistern.
 

"Das ist nur ein Titel, den ich die meiste Zeit meines Lebens nie getragen habe. Ich glaube, ich werde mich nie daran gewöhnen", antwortete er mit einem geschnaubten Lachen, das ein wenig zu bitter klang, als es eigentlich sein sollte. Briuwen wusste darauf nichts zu sagen, denn sie wollte nicht taktlos wirken, indem sie nachbohrte, was ihn denn daran so störte. Doch er nickte ihr auch lächelnd zu, als Zeichen, dass er ihr 'Du' ebenfalls dankend annahm. Sie gingen weiter, ohne für eine Weile etwas zu sagen. Die meisten Gänge waren nur schwach beleuchtet, jetzt, da sich fast alle Bewohner des Berges beim großen Festessen befanden. Wann ihnen wohl auffallen würde, dass die zwei Ehrengäste des Abends abhanden gekommen waren? Da kamen sie ein einer Treppe an, die zu einer Festwand führte und dort vor einer steinernen Tür endete. Kíli machte eine auffordernde Geste.
 

„Dort hinauf“, wies er die Elbin an und hatte dabei ein verschmitztes Funkeln in seinem Blick, so, als wäre seine Stimmung schon wieder in etwas heiteres umgeschlagen. Briuwen wunderte sich, denn es schien so, als hätte er etwas Besonderes geplant. Sie wollte den Spaß nicht verderben, weswegen sie ihren Rock raffte und sich auf den Aufstieg machte. Dabei bemerkte sie, wie Kílis Augen ihre Robe musterten. Es musste ihn wahrlich verwundern, was sie denn da trug.
 

"Das Kleid wurde innerhalb weniger Stunden extra für mich genäht, hat mir die Zwergen erzählt, die mich vorhin hergebracht hat. Einen längeren Mantel konnten sie in der kurzen Zeit jedoch nicht auftreiben", redete Briuwen einfach drauf los, nur um etwas zu sagen und die Unsicherheit des Augenblicks zu vertreiben. Es war ihr selber ein Rätsel gewesen, wie sie es geschafft hatten, in einer so kurzen Zeit ein Gewandt für sie zu nähen, außerdem war sie verblüfft, dass man sich überhaupt die Mühe für sie gemacht hatte. Es kam noch dazu, dass sie das Kleid, obwohl es nicht ihrem üblichen Kleidungsstil entsprach, selber auch noch äußerst ansprechend fand. Wahrscheinlich lag das aber daran, dass sie hier unter Zwergen weilte und durch ihre Robe einfach hierher passte.
 

„Vielleicht wird ein kurzer Mantel jetzt Mode. Davon abgesehen, bin ich mir sicher, dass Du alles tragen kannst. So, hier sind wir“, sagte Kíli, doch bevor Briuwen auf seine schelmischen Worte reagieren konnte, war er schon an ihr vorbei getreten und zog die schwere Tür auf. Was Briuwen dahinter erblickte, hinterließ sie erst sprachlos, dann jedoch wurde sie von einer Freude erfüllt, die ihren ganzen Körper durchströmte.
 

„Oh, das… Das ist wunderschön..“, flüsterte sie und ging ein paar Schritte nach vorne, um sich an die niedrige Balustrade zu stellen, um den besten Blick auf die Szenerie vor sich zu haben. Sie war draußen! Kíli hatte sie zu einem schmalen Ausstieg gebracht, zu einem kleinen Balkon, der an einer steilen Felswand angebracht war und einen Blick hoch oben vom Berg ermöglichte. Es wehte ein kühler Wind, doch die frische Luft war in diesem Moment berauschender als ein Schluck des dorwinion'schen Weines. Briuwen lenkte ihren Blick nach oben und hatte so plötzlich das ganze Firmament in seiner schönsten Pracht vor sich: Gesprenkelt mit abertausenden von Sternen und einer Mondsichel, die wie aus purem Silber gegossen zu sein schien. Vor ein paar Tagen, als sie in das Verlies gesperrt worden war, hatte sie noch gebangt, ob sie den Himmel jemals wiedersehen würde. Jetzt schien er sich dafür in seiner ganzen Schönheit vor ihr zu präsentieren, völlig klar und unendlich weit - fast.
 

„Das Flachland ist wohl heute leider bewölkt, sonst könntest Du vielleicht auch bis nach Dorwinion sehen“, sprach Kíli ein wenig atemlos, als er neben sie getreten war und ebenfalls in die Ferne blickte. Briuwen war überrascht, dass sie sich so weit oben befanden. Im Inneren des Berges hatte sie immer den Eindruck, tief unter vielen Gesteinsschichten zu sein, dabei schien sich das Königreich tatsächlich im ausgehöhlten Gebirge zu befinden, nicht allzu weit von der Oberfläche entfernt. Ein leises Ächzen lenkte ihren Blick vom Nachthimmel ab. Kíli hatte sich auf einer in den Stein gemeißelten Bank niedergelassen und die Elbin bemerkte erst jetzt die Schweißperlen, die sein Gesicht herab liefen. Er hatte sich überanstrengt. Auch realisierte sie erst in diesem Moment, dass er seinen Krückstock gar nicht mit sich führte, obwohl sein Fuß immer noch eingegipst war. Für einen Augenblick starrte sie ihn nur an, denn sie fühlte kurz wieder die alte Sorge und die Schuldgefühle heiß in sich hochsteigen. Mit einem Seufzen ging Briuwen neben ihm in die Hocke und nahm den Saum ihres weiten Ärmels, um damit seine Stirn abzutupfen. Der Zwerg sah sie dabei erschrocken an, als ob ihm die Nähe nicht angenehm wäre. Dabei hatte er doch darauf bestanden, dass sie sich ab jetzt duzten…
 

"Du hättest sagen sollen, dass so ein langer Weg Dir Schmerzen bereitet. Ein Nebenraum hätte für ein Gespräch doch genügt", meinte sie mit mildem Tadel in der Stimme. Dieser Zwerg war einfach unglaublich. Er hatte die ganze Zeit verborgen, dass ihn sein Fuß quälte, und er war sogar noch zu Scherzen aufgelegt gewesen. Es musste ihn ärgern, dass sie seine nun seine Schwäche sah; wahrscheinlich war er deshalb so verschreckt. Briuwen konnte sehen, wie er hart schluckte und um seine Worte rang.
 

"Ich habe mir gedacht, es würde Dir eine Freude machen. Wer weiß, vielleicht hätte Dir sonst niemand erlaubt, hierher zu kommen, besonders nicht in nüchternem Zustand", war seine Antwort und er spielte die ganze Sache schon wieder mit einer witzelnden Behauptung herunter. Die Elbin schüttelte resigniert den Kopf. Es hatte keinen Sinn, ihm etwas vorzuhalten, was schon geschehen war. Dafür blickte sie ihn lange an. Das Licht des Mondes war sehr hell und spiegelte sich in seinen braunen Augen, die seine Müdigkeit nicht verbergen konnten. Dadurch, dass sein Bart kurz geschoren war, kaschierte er auch nicht das verwegene Grinsen, welches nur durch seine Schmerzen getrübt wurde. Auch sein langes gewelltes braunes Haar, ohne Zöpfe oder Schmuck, trug wahrlich nicht zum Aussehen eines typischen Prinzen bei, doch allein seine stolze Haltung, sein Durchhaltevermögen und seine Tapferkeit zeichneten ihn als jemand Besonderen aus. Und so war es an Briuwen, leise zu lachen, während sie ihre Augen wieder niederschlug und eine Hand auf Kílis verbundenen Fuß legte, da er mit seinen Worten und seiner Tat ihr Herz erwärmte.
 

"Die Heiler hier werden nicht erfreut sein, wenn Du Dich überanstrengst. Leider habe ich keine Bewandtnis in Heilkunst, deshalb würde ich sagen, dass Du dich jetzt ausruhst und die Zeit nutzt, mir zu erzählen, warum Du wieder so quicklebendig bist", schlug sie vor, denn sie sah, dass es endlich eine günstige Gelegenheit war, die ganze Wahrheit zu erfahren, ohne unterbrochen zu werden. Kíli atmete tief ein, schmunzelte und gab sich geschlagen. Er dachte sich schon, dass sie nicht locker lassen würde - doch warum sollte sie es auch nicht erfahren. Schließlich hatte er ihr doch sein Leben zu verdanken, auch wenn er gedacht hätte, ihres gerettet zu haben.
 

"Ich glaube, dass sich das Einige gefragt haben, warum ich noch lebte, als Du mich hierher brachtest. Meine Wunden waren sehr schlimm. Ein Pfeil hat meine Schulter fast durchbohrt, sodass ich meinen Arm immer noch nicht richtig bewegen kann. Sonst waren es zwar nur Fleischwunden, die jedoch umso mehr bluteten, nachdem sie die Pfeile entfernt hatten. Aber ich war drei Tage lang ohnmächtig, weswegen ich davon kaum etwas mitbekommen habe", erzählte er schließlich und ließ dabei langsam seine linke Schulter kreisen. Da verstand Briuwen plötzlich, warum er seinen Krückstock nicht benutzte: Er hätte ihn zwar gebraucht, um seine linke Seite zu stützen, doch durch seine Verletzung machte den Gebrauch trotz seines lädierten Fußes nicht unbedingt angenehm.
 

"Zum Glück waren es keine vergifteten Pfeile gewesen, sonst hätte ich es sicher nicht überlebt. Und wie ich mir den Fuß gebrochen habe, weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich als ich einen dieser Holzköpfe getreten habe", fuhr Kíli fort und grinste leicht dabei. Er war im Moment ein ganz schöner Invalide. Auch die ungewöhnlichsten Abenteuer zog er an, denn wer konnte schon behaupten, gegen so viele Orks gekämpft zu haben, wie er? Auch von einer Elbin gerettet zu werden, war wohl alles Andere als alltäglich. Dazu war sie auch noch so herzlich zu ihm - ob sie wohl zu jedem so war?
 

"Ja, das Glück war wohl auf Deiner Seite, denn immer mehr Orks tragen Morgul-Klingen und Pfeile. Irgendetwas schreckliches ist im Gange, aber die hier herumziehenden Kreaturen profitieren davon anscheinend noch nicht. Es bleibt abzuwarten, wie lange es noch so friedlich bleibt", pflichtete Briuwen ihm bei und konnte nicht verhindern, ihren Gedanken zu der Situation freien Lauf zu lassen. Es war wahrlich kein schönes Gesprächsthema und auch unpassend für einen Abend wie diesen. Sie sollten fröhlich sein und dankbar, dass es ihnen nach den schwierigen Kämpfen gut ging. Im Moment war es auch noch ruhig und indem sie die ernsten Themen diskutierten, machten sie es auch nicht besser.
 

"Entschuldige bitte, ich wollte nicht darüber reden, es ist nur-", begann sie demutsvoll, als Kíli auf ihre Worte hin Nichts sagte. Doch er unterbrach sie.
 

"Es ist einfach da, nicht wahr? Man kann es einfach nicht ignorieren. Das ist schon in Ordnung. Was gedenkst Du nun eigentlich zu tun?", fragte er, um wieder über etwas anderes zu sprechen. Er fühlte sich in diesem Augenblick sehr wohl, obwohl es hier in dieser Höhe an der frischen Luft doch recht kühl war. Es ging aber nicht um die Temperatur, sondern einfach um das simple, ungezwungene Beisammensitzen und das Gespräch mit der Elbin, die ihm eigentlich immer noch fremd war, weil sie sich ja gar nicht wirklich kannten. Und doch war es so, als wären sie schon seit langer Zeit miteinander vertraut.
 

"Ich weiß es nicht, es liegt aber auch nicht in meiner Hand. Ich denke, ich werde auf König Dáins Wohlwollen hoffen müssen, wenn ich wieder nach Hause zurückkehren will. Was hast Du den Leuten eigentlich erzählt, dass sie mich behandeln, wie eine von ihnen?", wollte sie wiederum wissen, dankbar für die erneute Ablenkung. Eigentlich wollte sie nicht über das nachdenken, was in den nächsten Tagen auf sie warten würde. Sie musste sich damit auseinandersetzten und ausloten, wie sehr ihr der König und vor allem sein Enkel wirklich vertrauten. Dass sie sie in ihre Mitte aufnahmen und an einem Fest teilnehmen ließen war zwar sehr großzügig, doch konnten sie dies auch als Grund nehmen, sie nicht wieder laufen zu lassen: Sie konnte durch den tieferen Einblick in des Leben unter dem Berg zu einer Gefahr werden, sollte sie das Erlebte und ihre Eindrücke den falschen Leuten preisgeben.
 

"Nichts als die Wahrheit. Dass Du mich mitgenommen hast, obwohl kaum Zeit gewesen war, Dein eigenes Leben zu retten. Dass Du mich versteckt und versucht hast, die Orks von uns wegzulocken. Dass Du Seite an Seite mit mir gekämpft und mir nie das Gefühl gegeben hast, Dir verfeindet und eine Last zu sein. Was Du selber gesagt hast, hat natürlich auch dazu beigetragen, dass man Dir vertraut", antwortete Kíli und Briuwen war sich nicht sicher, ob sie verlegen sein sollte, oder ob sie aufgrund ihrer vorherigen Gedanken noch unruhiger werden musste. Doch all ihr Missmut löste sich in Luft auf, als hätte es ihn nie gegeben und das war Kíli zu verdanken. Er hatte einfach eine besondere Art, die Dinge mit ein paar Worten und einem Blick vergessen zu machen. Außer einem 'Danke' wusste sie im Moment nichts zu sagen und setzte sich schließlich an seine Seite. Gemeinsam betrachteten sie den Sternenhimmel und lauschten dem leisen säuseln des Windes. Es war friedlich und es schien durch die Abgeschiedenheit und Weite, als würde die Zeit langsamer werden und stehenbleiben, sodass nichts Böses mehr entstehen und die Welt ihren Frieden behalten konnte.
 

Doch als eine Weile später andere Geräusche an ihre Ohren drangen, blickten sich die Elbin und der Zwerg wieder mit Argwohn an. Kurz darauf war ihnen klar, was es war: Schritte. Schnelle laute Schritte, als wäre jemand in Eile. Und sie kamen immer näher. Man hatte sie also ausgespürt. Da stürzte ein Zwerg durch die Tür und konnte gerade noch anhalten, bevor er über das Geländer des schmalen Balkons prallte. Er war völlig außer Atem.
 

"Endlich… Endlich habe ich Euch gefunden, Prinz Kíli!", schnaufte er und schien dabei sehr erleichtert zu sein. Er gehörte zur Wache des Berges, das konnte Briuwen an seiner leichten Rüstung erkennen. Kíli runzelte die Stirn.
 

"Was ist los? Ich verschwinde schon nicht", antwortete er irritiert. Was wollte man denn so plötzlich von ihm? Man hatte auf sein Wohl angestoßen, das war das Wichtigste bei einem Fest. Sonst war an diesem Abend nichts geplant gewesen - oder etwa doch?
 

"König Dáin schickt nach Euch. Ihr und die Elbin sollen unverzüglich zu ihm kommen!", entgegnete die Wache wieder und seine Stimme überschlug sich fast, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Immer wieder blickte er von Kíli zu Briuwen und wieder zurück, als konnte er es kaum erwarten, wieder vom Fleck zu kommen.
 

"Was um alles Welt ist geschehen?", hakte Kíli nach, denn die Panikmache ging ihm auf die Nerven. Wenn es nicht gerade ein Angriff auf den Berg war, gab es nichts, worüber man sich so aufregen musste.
 

"Ein Rabe von König Thorin, Eures Onkels, kam gerade an. Es schient etwas mit Euch zu tun zu haben. König Dáin ist deswegen sehr übel gelaunt", ließ sich der Wache entlocken, bevor er mit hastigen Gesten die Elbin und den Zwergenprinz zum Aufbruch scheuchte. Noch während Briuwen rätselte, was das alles zu bedeuten hatte, schwante Kíli wegen der Nennung seines Onkels schon Übles. Zwar konnte er sich auch nicht vorstellen, was es denn so Dringliches gab, doch er hoffte, dass es keine schlimmen Neuigkeiten aus seiner Heimat gab.
 

„Gut, dann bringt uns zurück“, entschied er, auch, wenn es eigentlich nichts zu entscheiden gab. Dáin würde ihn schon darüber aufklären, was da vor sich ging. Mit einem entschuldigenden Blick zu Briuwen, die sich der Situation wortlos fügte, machten sie sich schließlich auf den Weg zurück, ohne dass sie wussten, was sie wirklich erwartete.

helch | Kälte

Im Gegensatz zum langen Aufstieg, gestaltete sich der Rückweg vom Aussichtspunkt hoch oben auf dem Berg äußerst kurzweilig. Es ging meistens bergab, außerdem benutzte die Wache, die den kleinen Trupp anführte, eine andere Strecke, als die, die Kíli und Briuwen genommen hatten, einen Schleichweg, den wohl nur die Bediensteten des Königs kannten, um schnell von einem Ort zum Anderen zu gelangen. So ging es schneller, auch wenn Kíli durch seinen eingegipsten Fuß nicht ganz so geschwind gehen konnte.
 

Egal, was Kíli nun erwartete, das Fest schien es nicht beeinflusst zu haben. Je näher sie wieder dem Thronsaal kamen, desto lauter erklangen die Stimmen und die Gesänge der feiernden Zwerge. Doch kurz bevor sie die Halle wieder betraten, bog der Wachmann ab und führte sie so in einen Nebenraum, welches wohl für gewöhnlich als Lager für die vielen Tische und Stühle diente, die nun jedoch im Saal aufgebaut worden waren. Dort saß, auf einem Hocker, der gerade nicht in Gebrauch war, König Dáin. Er war vornüber gebeugt und rieb sich mit beiden Händen die Schläfen, als würde er an Kopfschmerzen leiden. Als er das Kommen weiterer Personen bemerkte, hob er seinen Kopf. Seine Augen waren enge Schlitze, als er seinen Schützling fixierte.
 

"Kíli, komm näher", sagte er und seine Stimme klang kühl. Briuwen sah nur, wie dieser mit steinerner Miene zum König ging und erst stehen blieb, als er nahe bei ihm stand. Dáin griff in seine Manteltasche und holte von dort zwei kleine aufgerollte Schriftstücke hervor. Eines davon drückte er Kíli in die Hand.
 

"Lies das. Laut, damit die Elbin es auch hört", befahl er. Sein Tonfall war unergründlich und Kíli fühlte sich dabei unwohl. Meistens merkte man, wenn der König flunkerte und mit Absicht so tat, als wäre er erzürnt, um sich selber dadurch zu unterhalten, indem er später über die erschrockenen Gesichter der Anderen lachte. Doch jetzt war es anders. Er strahlte tiefen Ernst aus, sowie eine große Verstimmung. Kíli fragte sich abermals, was denn geschehen war, doch hatte er die Antwort darauf nicht direkt vor den Augen? Er musste nur lesen.
 

"Nun denn… 'Daín, verehrter Vetter, Deine Nachricht hat mich nicht sonderlich glücklich gestimmt. Ich bin Dir zwar dankbar, dass Du dich gleich am mich gewandt hast, doch vielleicht hättest Du die Sache lieber für Dich behalten. Dís war außer sich, als sie gehört hat, in welche Schwierigkeiten Kíli geraten ist. Ich war so großzügig und habe ihn zu Dir als Diplomat geschickt. Ich denke, dass Du weißt, dass ich nichts anderes erwartet habe, als dass Du ihn wie deinen Sohn behandelst und ihn wie einen Augapfel hütest. Stattdessen muss ich lesen, dass Du ihn durch die Wildnis streifen lässt wie einen gewöhnlichen Vagabunden, wo er sich mit Orks und Elbengesindel herumschlägt. Genau das sollte seine Position verhindern, denn der Junge ist immer noch ein unreifer Kindskopf. Dass er glimpflich davongekommen ist, ist auch Dein Glück, Dáin. Ich bin zutiefst enttäuscht. Du wirst Kíli unverzüglich wieder zum Erebor zurückschicken. Und die Elbin mit ihm. Ich hoffe, Du lässt sie nicht in Deinen Hallen herumschnüffeln, so wie du meinen Neffen zu einem Landstreicher verkommen lässt. Ich rate Dir, sie festzunehmen und ihr weiteres Schicksal mir zu überlassen. Das ist keine Bitte. Sollte sie nicht mit Kíli am Einsamen Berg ankommen, wird mich das alles Andere als mild stimmen. Und ob wieder einen Botschafter in die Eisenberge kommt, bleibt auch noch offen. Mit Hochachtung, Thorin'", las Kíli vor und seine Stimme verlor mit jedem Wort an Kraft und Fassung. Er ließ seine Arme sinken und konnte nicht glauben, was er da gerade gelesen hatte. Ein Blick zu Dáin zeigte ihm, dass dieser seine Reaktion genau beobachtete.
 

"Ich glaube, Du kannst Dir denken, dass dieser Brief nicht für Eure Ohren bestimmt war. Ich wollte ihn Euch trotzdem nicht vorenthalten. Denn ich habe ein reines Gewissen", sagte er, doch die Lesung des Briefes hinterließ ihn trotzdem zähneknirschend. Kíli war immer noch sprachlos, als er die von seinem Onkel geschriebenen Zeilen noch einmal überflog. Die Grußformeln klangen wie blanker Hohn und die unterschwelligen Beschuldigungen waren deutlich. Doch das machte alles keinen Sinn!
 

"Das… Das ist… Wie kann mein Onkel nur so etwas behaupten? Dáin, ich wollte Euch nicht in Schwierigkeiten bringen! Dass wisst Ihr doch, oder? Thorin kann Euch nicht für etwas in Rechenschaft ziehen, das eigentlich gar nicht existiert!", appellierte Kíli an seinen Gönner, der ihn hier so freundlich aufgenommen hatte. Dáin hatte ihm hier alle Annehmlichkeiten ermöglicht, die er nur hatte haben wollen. Und es war Kílis eigene Entscheidung gewesen, die Wachen auf ihrer Patrouille zu begleiten. Entgegen Thorins Behauptung war er 'kein' Kind mehr und konnte vorzüglich auf sich selber aufpassen, was er seiner Meinung bei der großen Schlacht der Fünf Heere und auch schon davor bewiesen hatte. Deshalb konnte er sich einfach nicht erklären, was in seinen Onkel gefahren war, dass er seinen Vetter Dáin, einen ebenbürtigen König, so sehr beleidigte. Auch Kíli fühlte sich durch das mangelnde Vertrauen zutiefst gekränkt. Und Briuwen? Er drehte sich zu ihr und sah, wie ihr leerer Blick in die Ferne gerichtet war.
 

"Ich weiß. Auf dich bin ich nicht wütend, Kíli, denn wie ich finde, ist es normal für einen jungen Zwerg, seinen eigenen Weg zu gehen und das Leben mit allem, was es bereithält, auszukosten. Doch Thorin hat dies selber nicht erlebt, da sein Vater und sein Großvater schon machtgierige Querköpfe waren. Anscheinend aber hat er nicht daraus gelernt: Und so bedauerlich es auch ist, Ihr seid wahrscheinlich der ausschlaggebende Punkt für seine überschäumende Reaktion, Briuwen. Wenn es einen Zwerg in Mittelerde gibt, der seine Meinung über die Elben niemals ändern wird, dann ist es Thorin", sprach der König und wirkte schon wieder ein wenig resigniert. Nein, eingeschüchtert war er wahrlich nicht, denn auch, wenn sein Vetter ihm mit Konsequenzen drohte, hatte er ihm noch lange nichts zu sagen. Denn ohne Dáin und das Einschreiten seiner Truppen bei der großen Schlacht, könnte sich Thorin heute nicht das nennen, was er nun war: Ein König.
 

"Ja, ihr habt Recht, Dáin. Hörst Du, Briuwen, mein Onkel überschätzt seine Befugnisse und hat nicht nachgedacht, als er den Brief geschrieben hat. Du musst Dir deswegen keine Sorgen machen. Er wird Dir nichts antun", wandte sich auch Kíli an die Elbin. Sie nickte nur, doch sie lächelte dabei nicht und sah ihn auch nicht an. Der Keil, der sich plötzlich zwischen sie schob, war deutlich zu spüren und es tat Kíli auf seltsame Art und Weise weh. Doch er verstand, dass sie verängstigt und zugleich wütend sein musste, weil sie plötzlich wieder in Dinge hineingezogen wurde, die sie nicht zu verantworten hatte. Sie hatte immer nur Gutes im Sinn gehabt und wurde nun abermals dafür bestraft. Und all das war Kílis Schuld. Sie machte einen Schritt nach hinten und wandte sich dann halb ab. Sie blickte über ihre Schulter, nur um zu sehen, wie die beiden Ausgänge des Raumes von mehreren Wachen versperrt worden waren.
 

"Es tut mir Leid, aber in diesem Punkt kann ich Thorin nur Folge leisten. Ihr werdet mit Kíli die Eisenberge verlassen und zum Erebor reisen müssen. Auch wenn mich die Drohung meines Vetters zwar ärgert, doch nicht weiter beunruhigt, will ich ihn trotzdem nicht provozieren. Wer weiß, was er sonst noch ausheckt", sagte Dáin mit beschwichtigender Stimme, der natürlich auch bemerkte, dass die Elbin in diesem Moment am liebsten davongelaufen wäre. In Kíli jedoch brodelte es und er fühlte sie wie zweigeteilt. Es war furchtbar, zu hören, wie jemand schlecht über seinen Onkel sprach, da er schon immer eine Art Vaterersatz für ihn gewesen war, doch andererseits spürte Kíli gerade so einen Zorn auf ihn, wie er es noch nie gefühlt hatte. Er konnte einfach nichts mehr sagen, obwohl die Worte nur so aus ihm heraussprudeln wollten, denn vielleicht würde er bereuen, was da aus seinem Mund kommen würde.
 

„Es wäre am Besten, wenn ihr gleich morgen früh aufbrecht. Je eher die Angelegenheit geklärt wird, desto besser. Für euch und auch für mich“, sagte Dáin und klang dabei sehr widerwillig. Er hatte Kíli gern bei sich gehabt und auch die Gesellschaft der Elbin hatte ihn merklich erfreut, daraus hatte er großherzige, fröhliche Dáin kein Geheimnis gemacht. Doch mit seinen Worten war die ganze Angelegenheit schlussendlich besiegelt. Es gab kein Zurück mehr, sosehr man auch einen Ausweg finden wollte.
 

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Nur der flackernde Schein eines Kerzenlichtes erleuchtete das Zimmer. Es war ein Raum, der mit einfachen Möbeln ausgestattet war und doch all das bot, was man für ein bescheidenes Leben brauchte. Für einen Zwerg war dieses Zimmer wohl ein heimeliges kleines Refugium, denn das Leben in den Eisenbergen war unbeschwert und sicher. Was musste sich ein Bergarbeiter, ein Schmied, ein Bediensteter oder ein Wächter auch sorgen?
 

Für die Frau, die auf dem Bett lag, war das Ruhemöbel jedoch zu klein. Doch es machte ihr nichts aus, da sie sich zusammengerollt hatte, als wollte sie alles um sich herum ausblenden. Sie hatte in dieser Nacht kein Auge zu getan und nun war es sicher gleich soweit, dass sie wieder aufstehen musste. Viel zu viele Dinge waren ihr durch den Kopf gegangen, die sie nicht hatten schlafen lassen. Eine Frage war am hartnäckigsten: Womit hatte sie dies verdient? In den letzten Tagen hatte sie mehr Höhen und Tiefen erlebt, als ihr ganzes Leben davor. Ihr Dasein war bisher ziemlich ereignislos gewesen, bemessen an den letzten Geschehnissen, doch zog sie in diesem Moment die Gleichförmigkeit vor; lieber hätte sie sich gelangweilt, als vor dieser neuen unerwarteten Reise zu stehen.
 

Briuwen hatte die Augen geschlossen, obwohl es sowieso fast dunkel um sie war. Die Kerze war fast abgebrannt, denn sie hatte die ganze Nacht über geleuchtet. Nachdem man sie hierher gebracht hatte, hatte jemand das Licht angezündet, vielleicht, damit sie nicht erschrak, wenn sie einnickte und dann in vollkommener Dunkelheit aufwachte. In ihrer Zelle war es nie völlig dunkel gewesen, da die diensthabenden Wächter auch irgendetwas sehen mussten.
 

Dass sie sie nicht wieder ins Verlies gebracht hatten, war eine wirklich nette Geste gewesen. Das Bett war eigentlich ganz bequem und das Zimmer war angenehm warm. Wer angeordnet hatte, ihr diesen Luxus zu gönnen, wusste die Elbin nicht, doch vielleicht wollte derjenige, dass sie noch einmal etwas Angenehmes erleben sollte, bevor sie wieder ins Ungewisse gestürzt wurde. Ja, das was ihr bevorstand war alles Andere als gewiss. Dabei hatte Briuwen gehofft, bald nach Hause zurückkehren zu können. Nach Hause. Der Gedanke daran erweckte ein Gefühl der Wärme in ihr, doch diese Wärme tat unendlich weh, denn sie war zu diesem Zeitpunkt in eine unerreichbare Ferne gerückt. Vor kurzem hatte sie um den Anblick des Himmels gebangt, jetzt musste sie um die seichten Hügel und das grüne Meer der Weinreben von Dorwinion fürchten.
 

Die Worte, die Kíli aus dem Brief von König Thorin verlesen hatten, hatten sie bis Tief ins Mark erschüttert. Die Feindseligkeit bescherte ihr auch jetzt noch eine Gänsehaut und sie rieb über ihre Arme, um sich zu wärmen, obwohl es gar nicht kalt war. Sie drückte ihr Gesicht in die weichen Laken und ballte ihre Hände um den Stoff zu Fäusten. Sie fühlte sich ohnmächtig, leer und gleichzeitig zum bersten voll mit ängstlichen Gedanken. Ihre Beine wollten laufen und waren doch auch wie gelähmt. Ihre Situation schien ausweglos. Man würde sie zum Erebor bringen und eines war jetzt schon klar: So gut wie hier würde es ihr nicht ergehen.
 

Ein Klopfen an der Tür riss Briuwen aus ihren Reflektionen, in denen sie sich selber bemitleidete. Nein, es durfte noch nicht so weit sein, schrie es in ihrem Inneren und sie rollte sich noch mehr ein, als wollte sie sich unsichtbar machen. Doch die Tür öffnete sich auch ohne ihre Erlaubnis.
 

"Tut nicht so, als würdet Ihr schlafen. Hier, ich habe Euch etwas mitgebracht", sprach jemand und die Elbin erkannte die Stimme. Es war die Zwergin, die sie auch zu den heißen Quellen gebracht hatte. Gléda war ihr Name, das hatte sie ihr verraten, als sie dann gemeinsam zum Festsaal gegangen waren. Da es Briuwen weniger Konzentration kostete, sich zu fügen, als weiter die Schlafende zu spielen, drehte sie sich um und blinzelte gegen das Licht, welches vom Gang kam. Sie sah die Silhouette der Zwergenfrau, die etwas in ihren Armen trug.
 

"Das sind Eure alten Sachen. Nach dem Waschen waren sie fast wieder wie Neu. Ich dachte, Ihr würdet froh sein, sie wiederzuhaben. Viel Glück", sagte die Zwergin und legte den Wäschestapel auf einen Stuhl, der neben der Tür stand. Sie verharrte einen Augenblick, in dem sie die Elbin mit einem aufmunternden Lächeln bedachte und ließ Briuwen somit wieder alleine. Damit sie sich umziehen konnte, musste sie schließlich von ihrem Bett aufstehen, doch sie tat es unendlich langsam. Dabei schien ihr Körper fast wie alleine zu funktionieren. Denn obwohl sie alles andere als erpicht darauf war, sich für das Kommende bereit zu machen, wollte sie lieber fertig sein, bevor noch jemand kam und sie dazu zwang, ihre Kleidung anzulegen. Also schlüpfte sie in ihre lederne Hose, streifte ihre Tunika über und legte ihren langen rostroten Mantel an. Den ihr vertrauten Stoff auf ihrer Haut zu fühlen, gab ihr irgendwie Kraft und sie legte die Arme um sich selber, als wollte sie das Gefühl festhalten. Es erinnerte sie daran, was sie war: Eine stolze Elbin, die immer ehrenhaft handelte, egal was sie tat. Sie hatte nie etwas Böses im Sinn gehabt, wurde nun jedoch dafür bestraft. Aber den Versuch, sie einzuschüchtern, würde sie nicht an sich heran lassen. Denn wenn sie aus dem simplen Akt des Anlegens ihrer Garderobe neuen Antrieb schöpfen konnte, dann waren ihre Lebensgeister noch nicht verschwunden.
 

Als sich nur einige wenige Momente später abermals die Tür öffnete, gerade rechtzeitig, nachdem sie fertig war, konnten die Wachen, die sie abholten, eine aufrecht stehende Elbin sehen, die ihren zurück gewonnenen Willen und Standhaftigkeit ausstrahlte. Ohne irgendwelche Worte zu wechseln, führten sie Briuwen abermals durch die weiten Gänge der Eisenberge, nun jedoch zum allerletzten Mal. Doch die Elbin spürte keinen Wehmut. Sie brachten sie zu der Halle, in der sie erstmals auf Darin getroffen war. Dort hatte er sie nach ihrer Ankunft ausgefragt und dann ins Verlies bringen lassen. Nun wollte sie niemand mehr einsperren. Im Gegenteil, sie wollten sie wieder loswerden.
 

Als sie die Halle betraten - Briuwen, auf jeder Seite von einem Wachmann abgeschirmt - sah die Elbin, wie Darin einen Stallburschen mit einer schroffen Geste wieder wegschicken wollte. Der Stalljunge führte ein Pferd an den Zügeln, ein Tier, welches Briuwen überall erkannt hätte.
 

"Wartet, haltet ein! Lasst Gwaloth hier!", rief sie, sodass sich alle Köpfe zu ihr drehten und auch ihr Pferd wieherte, als es ihre Stimme hörte. Briuwen wollte schneller gehen, doch die Wachen um sie herum erlaubten es nicht. Deshalb kam der Tross nur langsam bei den Zwergen an, die sich versammelt hatten. Briuwen sah Pferde, Last- und Reittiere, sie sah Taschen mit Proviant und Säcke mit Ausrüstung. Es war ein undurchsichtiges Chaos, denn viel zu viele Leute rannten durcheinander, um die letzten Vorbereitungen für die bevorstehende Reise zu treffen. Aus der Menge stach König Dáin hervor, denn mit seiner kostbaren Kleidung war er überall gleich zu erkennen. Neben ihm stand Kíli, außerdem konnte die Elbin das Zwergenmädchen namens Róia entdecken. Doch bevor sich Briuwen weiter umsehen konnte, kam Darin auf sie zu. Seine strenge Miene wirkte noch etwas angespannter, als sie es in Erinnerung hatte.
 

"Ihr habt das nicht zu entscheiden, Elbin. Ihr bekommt das Pferd, dass wir Euch zuteilen", wies er sie schroff ab, doch selbst das feindseligste Wort konnte Briuwen nicht abwimmeln.
 

"Nein, bitte, lasst mir mein Pferd! Das ist alles, was ich mir wünsche. Ich werde mich sonst allem fügen, das verspreche ich. Ich will keine Schwierigkeiten bereiten, wo eigentlich keine sind. Wegen mir soll keine Feindschaft zwischen zwei Königreichen entstehen", appellierte die Elbin an den Enkel des Königs, doch sie musste gar nicht auf sein mildes Urteil hoffen, da König Dáin das Wort ergriff.
 

"So soll es sein, gebt ihr das Tier zurück. Für ihre Körpergröße ist das Pferd die bessere Wahl, anders als unsere Ponys", befahl er und da war schon wieder so etwas wie Schalk in seiner Stimme, als ob er sich bildlich vorstellen würde, wie die große Elbin auf einem kleinen Pony aufsaß. Darin schien darüber nicht glücklich zu sein, doch Briuwen beachtete ihn nicht weiter, da sie dem König mit einem dankbaren Nicken ihre Verbundenheit ausdrückte. Mehr gab es für den Moment wohl nicht zu sagen, denn so ziemlich jeder war damit beschäftigt, Dinge in Taschen zu stopfen, die Ponys zu beladen, oder seine Waffen und seine Rüstung zu inspizieren - ja, es sollten wohl auch eine Menge Wachen mit auf die Reise gehen, um die Gruppe unterwegs zu beschützen. Denn unter ihnen waren ein Prinz und eine wichtige Gefangene, es war also von höchster Priorität, dass alles glimpflich verlief.
 

Apropos Prinz, Briuwen konnte Kíli nicht ansehen. Sie wusste nicht, was es war, doch irgendetwas betrübte sie zutiefst, wenn sie an ihn dachte. Vielleicht war es, weil sie plötzlich anders von der ganzen Situation dachte. Davor hatte sie niemandem die Schuld an ihrer Lage gegeben, weil sie selber Kíli aus freien Stücken mit sich genommen hatte und dann nur von den Zwergen eingesperrt worden war, weil sie ihm hatte helfen wollen. Nun jedoch... Sie fühlte sich betrogen. Denn obwohl sie sich ihrem Schicksal fügte, ohne sich zu wehren, hatte niemand versucht, sie davor zu bewahren. Vielleicht hatte sie dies von Kíli erwartet. Vielleicht hatte sie erwartet, dass er zu König Dáin sagte, er würde nicht zulassen, dass sie weiter in die Sache hineingezogen wurde, weil sie unschuldig war. Doch auch er hatte nicht widersprochen, als der König ihnen zum Aufbruch geraten hatte. Wahrscheinlich war ihm das einfach nichts wert und er rettete lieber seine eigene Haut, als vor seinem Onkel, dem König vom Erebor, in Ungnade zu fallen. Doch vielleicht waren ihre Anschuldigungen auch ungerechtfertigt. Briuwen wusste es nicht, aber das schreckliche Gefühl blieb.
 

So ließ sie sich einfach weiter treiben. Man führte sie zu ihrem Pferd. Briuwen war überglücklich, Gwaloth wieder bei sich zu haben. Róia kam zu ihr, um ihr einen Reisemantel zu überreichen. Er war zwar wieder recht kurz für sie, doch hoch zu Ross würde er ausreichen, um sie zu wärmen. Briuwen sah der Zwergin etwas verwundert hinterher, als diese schließlich auch zu einem Pony ging und aufsaß. Kam sie etwa mit? Das Zwergenmädchen war bei ihrer ersten Begegnung ziemlich vorlaut gewesen, nun schien sie jedoch in Gedanken versunken zu sein – und wirkte auch nicht besonders glücklich. Plötzlich kam etwas Ruhe in die Reisegruppe, als die Zwerge, die nur beim Beladen der Tiere geholfen hatte, davon gingen und alle, die der Reise beiwohnen würden, auf ihre Ponys stiegen. Natürlich war Kíli unter ihnen, aber auch Darin schien sie zu begleiten. Ansonsten sah Briuwen nur Zwerge, deren Gesichter ihr nicht bekannt waren. Schließlich erhob König Dáin das Wort.
 

„Nun denn, möget ihr eine gute Reise haben und wohlbehalten am Erebor ankommen. Es wäre mir eine Freude, wenn wir uns eines Tages unter einem besseren Stern wiedersehen, Briuwen, Elbin aus Dorwinion“, sagte er formvollendet, doch die Angesprochene hatte nur ein höfliches Nicken für ihn übrig, da sie zumindest in diesem Moment keinen gleichartigen Wunsch verspürte. Von den Anderen hatte er sich anscheinend schon eher verabschiedet, weil er Briuwens Schweigen einfach so hinnahm, sich umdrehte und ging.
 

„Auf jetzt, formiert euch und seid immerzu wachsam. Alle auf mein Kommando, los!“, rief Darin, der wohl die Führung des Unternehmens inne hatte und trieb sein Pony an. In gemächlichem Tempo folgten ihm die anderen Mitglieder der Gruppe, bis sie zu dem großen gusseisernen Tor ankamen, welches aus dem Berg hinausführte. Und so waren der blaue Himmel und die morgendliche Sonne leider kein Zeichen von wiedergewonnener Freiheit, sondern drückte nur noch mehr auf Briuwens Gemüt.

dim | Trübsinn

Ein außenstehender Beobachter würde eine wirklich seltsame Reisegruppe sehen. Die kleine Reiterschar bahnte sich ihren Weg durch das schroffe Gelände der Bergausläufer des Eisengebirges. Der Weg, der von diesem Zwergenreich bis zum Erebor führte, war gut befestigt, doch gingen von den Steilhängen der Felswände immer wieder Steinlawinen ab, die auch die Straße nicht verschonten. Zum Glück versperrte kein großer Brocken den Weg, weswegen sie nur auf kleinere Stolpersteine achten mussten. Das Seltsamste an der Gruppe waren natürlich die Reiter. Für sich alleine wirkte keiner von ihnen besonders auffällig, doch zusammen boten sie ein nicht alltägliches Bild. Eine Person, die in der Mitte ritt, war sehr groß und auch ihr edles Pferd hatte ein beachtliches Stockmaß. Sie war umringt von kleineren Gestalten auf gedrungenen, robusten Ponys, allesamt in leichte Rüstung gehüllt und ebenfalls leicht bewaffnet. Vor ihr ritten ein paar Zwerge in edler Kleidung, hinter ihr waren noch ein paar Gestalten, die weder Rüstung noch Waffen trugen.
 

Es war um die Mittagszeit, denn die Sonne stand hoch am Himmel, da machten sie eine Rast. Mittlerweile hatten sie das Flachland erreicht, sodass die Eisenberge zu einer kleinen Erhebung am Horizont geschrumpft waren. Alle stiegen von ihren Reittieren und eine kleine Gruppe der Wachen baute einen einfachen Pavillon aus Eisenstangen und leichtem Stoff auf, der sie vor der Hitze schützen sollte. Für ihren Rastplatz hatten sie eine Wiese auserkoren, die von ein paar Bäumen flankiert wurden und die deshalb auch ein wenig Sichtschutz boten – wenn ihnen überhaupt jemand mit seinen Blicken gefolgt war. Dort konnten auch die Pferde grasen und sich ein wenig erholen. Auch Briuwen saß ab und sie sah wie Róia, das Zwergenmädchen, sofort zu ihr kam.
 

„Bitte gebt mir euren Mantel, ich hoffe, es war Euch damit nicht zu warm“, sagte sie, ohne die Elbin dabei anzusehen. Briuwen war es schon zu Anfang ihrer Reise seltsam vorgekommen, dass sie Zwergin mitkommen sollte, doch so langsam beschlich sie eine Ahnung.
 

„Nein, es war bisher recht angenehm. Aber wenn mir zu warm gewesen wäre, hätte ich den Mantel schon selber ausgezogen“, antwortete sie, während sie den dicken Stoff von ihren Schultern streifte und Róia überreichte. Als diese nach dem Kleidungsstück greifen und es an sich nehmen wollte, ließ Briuwen aber nicht los, sodass die Zwergin überrascht aufblickte. Der Elbin fiel sofort das Traurige in ihrem Blick auf und dass sie Angst hatte, etwas falsch gemacht zu haben.
 

„Bitte sag mir, Róia, warum bist auch Du auf der Reise mit dabei?“, fragte sie und ließ den Mantel schließlich los. Die Angesprochene nahm ihn schnell an sich und faltete ihn langsam und sorgfältig zusammen, als ob sie einen Grund brauchte, sich anderweitig zu beschäftigen. Die Frage schien sie noch mehr zu betrüben.
 

„Nun, das-“, begann sie, doch als ein paar Wachen zu den beiden Frauen kamen und sie zum fertig aufgestellten Pavillon führen wollten, musste sie innehalten. Das großzügige Zelt mit hohem Dach war wirklich zu einer kleinen, gemütlichen Oase geworden. In einer aus herumliegenden Steinen aufgeschichteten Feuerstelle war bereits ein Feuer entzündet worden und die rundherum ausgelegten Sitzkissen luden dazu ein sich zu setzen. Ein Zwerg, der aussah wie ein Koch, bereitete eilig eine Mahlzeit vor. Briuwen wunderte sich, wie schnell die Zwerge es geschafft hatten, das alles zu koordinieren und zu bauen. Vielleicht waren sie darin geübt, denn sie begleiteten sich auch den König oder andere Würdenträger, wenn sie reisten. Denn auch jetzt waren wichtige Personen unter ihnen: Darin, der Hauptmann der Wache, war ein Enkel von König Dáin – zwar kein direkter Thronfolger, denn er war der Sohn von einer von Dáins Töchtern – und Kíli, der Neffe von König Thorin und Zweiter in der Thronfolge. Und dies bedurfte natürlich besonderer Sicherheitsvorkehrungen, egal, ob man die Situation als harmlos oder gefährlich einstufte.
 

„Setzt Euch, Briuwen. Möchtet Ihr etwas trinken?“, fragte Róia aufmerksam und wich der Elbin kaum von der Seite. Fast kam Briuwen sich ebenfalls wie eine Edelfrau vor, so zuvorkommend wurde sie von dem Zwergenmädchen behandelt, doch sie wusste natürlich, dass es eigentlich ganz anders war. Sie war im Moment eine Gefangene und ob sich so schnell etwas an ihrer Situation ändern wollte, war dahingestellt. Jedenfalls nahm sie Platz und nickte auf die Frage. Eigentlich wollte sie sich nicht bemuttern lassen, denn es gab dafür keinen Grund, doch bevor sie sich korrigieren und Róia zurückrufen konnte, trafen ihre Augen die von Kíli, der sich gegenüber von ihr, auf der anderen Seite der Feuerstelle niedergelassen hatte. Seit dem gestrigen Abend hatten sie kein Wort mehr miteinander geredet. Bisher gab es auch keinen Anlass, daran etwas zu ändern. Doch der determinierte Ausdruck in seinem Blick ließ sie innerlich erschaudern. An was dachte er? Was hatte er im Sinn? Er schien nicht böse auf sie zu sein, weil sie ihn ignorierte. Das verwirrte die Elbin, doch sie wurde wieder abgelenkt, als Róia zurückkehrte und ihr einen Becher mit Wasser reichte. Innerlich dankbar über die Zerstreuung nickte sie ihr erneut zu.
 

„Vielen Dank, aber Du musst mich nicht bedienen. Bist Du nur deswegen hier?“, griff sie ihre Frage von vorhin auf und lieferte gleich ihre konkrete Annahme, damit die Zwergin nicht wieder ausweichen konnte. Und genau damit schien sie ins Schwarze getroffen zu haben. Róia ließ sich auch auf ein Kissen neben Briuwen nieder und faltete die Hände in ihrem Schoß.
 

„Meisterin Gléda hat mich damit beauftragt, um Euer Wohl zu sorgen. Sie sagte, dass Ihr jemanden braucht, der Euch in der Gruppe von Männern beisteht“, erklärte sie schließlich und das brachte Briuwen zum Lachen. Gerade hatte sie noch gedacht, dass sie nichts würde aufheitern können, doch ein einfacher Satz vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Róias erschrockenes Gesicht sagte ihr, dass auch sie nicht gedacht hatte, damit etwas Witziges zu sagen. Wohlmöglich dachte sie eher, etwas falsch gemacht zu haben.
 

„Ich habe schon gegen eine Horde Orks gekämpft, deshalb traue ich mir auch zu, mich unter ein paar Zwergen zu behaupten. Aber es ist sehr nett, dass ihr euch alle um mich kümmert“, meinte die Elbin und lächelte dem Zwergenmädchen dankbar zu. Sie meinte es ehrlich, denn das Gefühl, dass sich jemand um sie bemühte, tat ihr einfach gut. Zwar schien dies Róia noch ein wenig mehr zu irritieren, doch gleichzeitig entspannte sie sich auch etwas mehr.
 

„Es tut mir Leid, dass ich damals zu Euch gesagt habe, ich würde mir eine Elbin ganz anders vorstellen. Ich habe nicht bedacht, was Ihr alles erlebt habt. Doch jetzt weiß ich, dass die alten Geschichten wahr sind“, sagte sie kleinlaut und blinzelte verlegen in Briuwens Richtung. Das Gespräch heiterte sie irgendwie auf. Es handelte sich nicht um politische Verhandlungen, um ernsthafte Themen und böse Worte. Diese Dinge hatte Briuwen in den letzten Tagen zu genüge gehört.
 

„Mache Dir keine Gedanken darüber. Du schienst bisher noch keine Elben gesehen zu haben, nicht wahr?“, wollte sie im Gegenzug wissen und bemerkte, wie Róia tief errötete. Die Antwort darauf schien ihr unangenehm zu sein.
 

„Nun, ich… Ehrlich gesagt, ich habe die Eisenberge bis heute noch nie verlassen. Ihr seid die erste Elbin, der ich begegnen durfte“, kam es leise von ihr und plötzlich verstand Briuwen alles, das seltsame Verhalten des Zwergenmädchens und ihre Schüchternheit. Wenn es ihre erste Reise war, die sie von Zuhause wegführte, dann war es kein Wunder, dass sie nervös war und sich unwohl fühlte. Bisher hatte sie die Sicherheit ihrer vertrauten Umgebung genossen und musste plötzlich an so einer wichtigen Unternehmung teilnehmen. Und als Briuwen zusätzlich noch klar wurde, dass Róia wohl höchstens 50 Jahre alt war, was in Zwergenjahren wohl gerade einem frühen Jugendalter entsprach, fühlte sie noch mehr mit ihr mit, da diese Zeit für einen Elben kaum mehr als ein Wimpernschlag war. Für das Zwergenmädchen musste sie einem Methusalem gleichkommen, deshalb war die Situation noch viel seltsamer für sie.
 

„Dann hoffe ich, dass ich deine Erwartungen nicht enttäuschen werde“, entgegnete Briuwen leichthin, um Róia wieder etwas aufzumuntern. Das kleine Lächeln und die großen Augen, die daraufhin Róias Gesicht zierten, ließen Briuwen für einen Moment vergessen, durch welche Umstände sie hier war und wohin ihre Reise sie noch führen sollte. Der laue Wind und der Geruch der ersten Frühlingsblüten, die sachte Wärme der Sonnenstrahlen und des Gezwitscher von Vögeln, die Gesellschaft der jungen Zwergen Róia, dies alles erschuf eine perfekte und doch zerbrechliche Illusion von Frieden und Glück.
 

Doch die Ruhe dauerte nicht ewig. Sie bekamen vom Koch eine einfache Mahlzeit aus gebratenem Fleisch und über dem Feuer geröstetem Brot serviert und es war keine Zeit, es sich ausgiebig schmecken zu lassen. Die Teller wurden zwar nicht hastig, aber zügig geleert und noch bevor die Letzten aufgegessen hatten, wurde schon wieder gepackt. Darin, der beim Mittagessen kurz vergessen zu haben schien, dass er sich auf einer wichtigen Mission befand, lief nun wieder unruhig auf und ab und koordinierte die Wachen. Die Ponys wurden wieder von der Weide geholt, Kochgeschirr, Besteck, Teller und Becher, Verpflegung und Sitzkissen wurden gepackt und die Spuren ihres Aufenthalts beseitigt. Schließlich wurde auch der Pavillon abgebaut, sodass kaum mehr sichtbar war, dass hier jemals jemand gewesen war.
 

Kein Wunder, dass sie in Eile waren. Von den Eisenbergen erreichte man den Erebor in etwa vier Tagesreisen zu Pferd, lange genug, wenn man bedachte, dass sie nicht nur zum Spaß unterwegs waren und Gefahren auf sie lauern konnten. Da es zwischen den beiden Königreichen einen regen Handelsverkehr gab, war die Strecke für reisende Zwerge auch entsprechend präpariert. Jeden Tag hatten sie immer ein besonderes Ziel, welches sie erreichen mussten, egal ob es schon dunkel wurde, oder nicht. Denn auf freiem Feld wollte niemand kampieren, weshalb sie die Höhlen und Unterschlupfe nutzten, die extra dafür auserkoren worden waren und eine sichere Herberge boten.
 

Generell verlief die Reise ereignislos - zum Glück. Wären sie von Orks angegriffen worden, hätte Briuwen nicht gewusst, auf welcher Seite sie hätte stehen sollen: Auf der Seite der Zwerge, um sie zu beschützen, denn eigentlich hatten sie sie gut behandelt, oder auf ihrer eigenen Seite, um das Chaos eines Kampfes zu nutzen und zu fliehen. Sie würde sich dann aber alleine bis nach Dorwinion durchschlagen müssen - ob das jedoch gut gehen würde? Sie und ihre Kameraden hatten auch gedacht, dass der Handelsweg bis zu den Eisenbergen sicher wäre, doch sie hatten sich verschätzt. Briuwen empfand ein gewisses Maß an Scham, dass sie in den letzten Tagen kaum einen Gedanken an ihre Kameraden verschwendet hatte. Ursprünglich war sie mit drei anderen Elben unterwegs gewesen. Sie und ein weiteres Mitglied der Garde von Ilanin hatten die Aufgabe gehabt, zwei Kaufleute auf der Handelsroute zu begleiten und zu beschützen. Was das letztere anging, hatte Briuwen auf ganzer Linie versagt. Darüber hinaus hatte sie den Toten nicht einmal gedacht - doch warum hätte sie auch den Tod Anderer beklagen sollen, da sie doch selber hatte befürchten müssen, ihr eigenes Leben zu verlieren?
 

Die Reise zum Erebor war für die Elbin größtenteils geprägt von Selbstreflexion und Leere. Einerseits konnte sie nicht aufhören, über ihre Situation nachzudenken, andererseits führten ihre Überlegungen immer wieder ins Nichts, weil sie natürlich nicht voraussehen konnte, was wirklich geschehen würde. Alles was sie tun konnte, war nach vorne zu blicken und die Landschaft zu betrachten. Róia, das Zwergenmädchen, war die einzige Person, mit der Briuwen redete, denn auch sonst schien die Stimmung angespannt zu sein. Als am Nachmittag des dritten Tages ihrer Reise der Einsame Berg am Horizont auftauchte, würde die Elbin für einen Moment von dem dringenden Bedürfnis zur Flucht erfasst. Dieser Gipfel, die schneebedeckte Spitze, die wie ein Mahnmahl mitten im flachen Land thronte, hatte erst etwas sehr Bedrohliches an sich.
 

Das ebene Gelände erlaubte auch einen weitläufigen Blick über die gesamte Landschaft und versetzte Briuwen in ein widersinniges Staunen. Denn das was sie sah, erinnerte sie ein wenig an ihre Heimat. Zu den Füßen des Erebor lag ein großer See, tiefblau und spiegelglatt, und auch eine prunkvolle Stadt war zu erkennen. Der Vergleich mit Dorwinion und dem See von Rhûn, der an seinem Ostufer ebenfalls von Bergen gesäumt wurde, fiel da nicht schwer, mit dem Unterschied, dass sich der See von Rhûn so weit wie ein Meer erstreckte. Doch Briuwen wollte nicht so sehr darüber nachdenken, denn ihr Zuhause war nicht hier, sondern weit, weit entfernt, und es tat weh, nicht zu wissen, ob sie je wieder dorthin zurückkehren würde.
 

Die Sonne hatten ihren Höchststand des vierten Tages bereits verlassen, da begegnete die Reisegruppe einer Delegation von Zwergen, die in kostbare Rüstungen gehüllt waren. Zweifelsohne handelte es sich dabei um Abgesandte vom erebor. Anscheinend hatten sie bereits auf ihre Ankunft gewartet. Darin, der Anführer ihrer Gemeinschaft, schien darüber nicht sehr erfreut zu sein, doch er fügte sich wortlos, als ein augenscheinlich ranghoher Soldat den Oberbefehl an sich nahm und die anderen Wachen einen abschirmenden Ring um die Gruppe aus den Eisenbergen bildete. Briuwen spürte die Anspannung, die da plötzlich aufkeimte, denn eine freundliche Begrüßung unter Verbündeten sah anders aus.
 

Plötzlich war auch ganz deutlich, dass sie sich wieder in einem von Zwergen bewohnten Gebiet befanden. Die nun erneut aufsteigenden Wege waren befestigt, die Felsen waren teilweise kunstvoll behauen und Gelände und Balustraden, die die Straße sicherten, stammten von begabten Handwerkern. Unter anderen Umständen hätte die Elbin das alles vielleicht bewundert, doch nun klammerte sie sich lediglich an die Mähne ihres Pferdes Gwaloth, dessen Wärme sie von einem ganzheitlichen Schaudern bewahrte. Denn da war es, das große Tor, der Eingang zum Erebor, den Einsamen Berg und mächtigen Königreich. Ein nur flüchtiger Blick sagte Briuwen, dass das Portal zwar eher klein war, jedoch riesig wirkte, weil es in eine mächtige Fassade eingebettet war und somit einen furchteinflößenden und fast bedrohlichen Eindruck erweckte. Auch die beiden Statuen, die die Pforte flankierten, waren durch ihre riesigen Ausmaße und grimmigen Gesichtsausdrücke sehr einschüchternd. Potentielle Feinde sollten wohl allein durch den Anblick abgeschreckt waren. Bei Briuwen war das gelungen, nur konnte sie nicht entkommen.
 

„Fürchtet Euch nicht“, sagte Roía, die an der Seite der Elbin ritt, doch ihre Augen waren groß, ängstlich und sie klang selber auch nicht sehr überzeugt. Briuwen wusste, dass die Zwergin es nur gut meinte, doch es vermittelte ihr keinen Trost, schon gar nicht hier, von Angesicht zu Angesicht mit diesem Schicksalsort. Und schließlich, nach der langen, monotonen Reise, ging alles sehr schnell.
 

Sie ritten über eine flach ansteigende Rampe hinauf zum Eingangstor und wurde hindurchgeschleust, ohne stehen bleiben zu müssen. In der dahinter folgenden Halle, die groß, weitläufig und durch die zahlreichen Fenster des Portals hell erleuchtet war. Obwohl Briuwen dachte, alle Zwergenreiche mussten gleich aussehen, gab es hier einen gravierenden Unterschied: Gold. Alles war voller Gold. Die Wände und Säulen, der Fußboden, selbst Zinnen und Erker waren mit Einlegearbeiten verziert oder gar vergoldet. Ein kostbarer Schein und ein immerwährendes Funkeln durchzogen jeden nur ersichtlichen Winkel der großen Halle. Und es schien auch kaum massive Mauern zu geben. Stattdessen durchzogen mächtige Säulen, Brücken und beinahe frei schwebende Stege und Treppen den unendlich wirkenden Raum. Nicht nur für die Elbin schien der Anblick überraschend und fesselnd zu sein, auch die Zwerge aus den Eisenbergen, deren Heim nur geschmückt wurde durch den Schmuck, den talentierte Bildhauer in den blanken Felsen schlugen, waren erfüllt von großem Staunen.
 

"Vorwärts, Ihr werdet bereits erwartet", grollte einer der Soldaten vom Erebor und kaum dass Briuwen sich umdrehen konnte, wurden sie bereits getrennt. Die Wachen aus den Eisenbergen, der Koch und Róia, deren Gesichtsausdruck gleichzeitig Unbehagen und Verzückung zeigte, wurden seitlich weggeführt. Zurück blieben Kíli, Darin und Briuwen. Die Elbin wurde grob aufgefordert, von ihrem Pferd zu steigen, welches ebenfalls sofort weggebracht wurde. Es blieb ihr kaum Zeit, den Gedanken zu formen, sich darüber zu echauffieren, da spürte sie schon die Speerspitzen in ihrem Rücken, Waffen, mit denen man sie in Schach halten wollte und als sie nach unten blickte, begegnete sie den Augen der Zwerge, die sie mit ihren Lanzen bedrohten. Es waren andere Blicke, so sehr anders, als jene, die ihr in den Eisenbergen begegnet waren. Briuwen schauderte. Sie spürte deutlich die Ablehnung und das Verachten, die sie ihr entgegenbrachten. Natürlich, sie befand sich hier unter dem Einsamen Berge. Die hiesigen Zwerge hatten noch nie auch nur ein Fünkchen Toleranz gegenüber den Elben gefühlt, nach alldem, was in der Vergangenheit zwischen den beiden Völkern geschehen war. Und der jetzige Herrscher dieses Reiches würde wohl auch nie etwas daran ändern wollen.
 

Briuwen hob erneut den Kopf, diesmal in aufsässiger Absicht. Sie straffte ihre Schultern und versuchte, jegliche Emotionen aus ihren Gesichtszügen zu verbannen, denn sie stellte sich darauf ein, nicht nur das pflichtbewusste Misstrauen wie das von Darin zu spüren zu bekommen. Da sah sie, wie Kíli sich zu ihr umdrehte und ihr zuzwinkerte. Ihr Atem stockte kurz, denn seine Geste verwunderte sie zutiefst. Was wollte er ihr damit sagen? Jedenfalls munterte es sie nicht auf, sondern betrübte sie noch mehr, weswegen sie die Augen abwandte, um ihre mühsam aufgebaute Fassade aufrechterhalten zu können. Und so erblickte sie es auch. Schon aus der Ferne konnte sie ein Leuchten erkennen, einen noch winzigen Schein, so hell und schillernd, wie sie es noch nie gesehen hatte. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde es, und auch die Umrisse eines mächtigen Throns kamen zum Vorschein. Es dauerte nicht lange, da erreichten sie einen Ort, der nach oben und unten und zu den Seiten so weit und unendlich groß anmutete, dass die Begriffe 'Raum' oder 'Halle' ihm nicht gleich kamen. Eine Plattform beherbergte den Thron, der an einer gewaltigen, von der sonst freitragenden Decke bis zur schwarzen Tiefe reichenden Säule angebracht war. Dort saß ein Zwerg in einer nachtblauen Robe und einem schweren schwarzen Mantel, geschmückt mit goldenen Borten und kostbarem Pelz. Er hatte eine edle Krone auf seinem von schwarzen Haaren eingerahmten Haupt und sein Blick und sein Mund, verborgen unter einem halblangen schwarzen Bart waren grimmig. Das alles erkannte Briuwen nur am Rande, denn sie war wie gefesselt von dem Anblick des funkelnden Steines, der über dem Herrschersitz angebracht war und dessen Schönheit alles überstrahlte. Und wenn es das Letzte war, was sie jemals in diesem Leben sehen sollte, dann würde die Erinnerung an das reine Licht ihr Leid mildern.
 

„Onkel Thorin“, rief Kíli und ging mit schnellen Schritten voraus zum Thron. Ja, dort saß er, der König des Einsamen Berges und seine Augen strahlten bitterböse Ernsthaftigkeit aus. Er sah zu seinem Neffen, als dieser näher kam und eine kurze Verbeugung machte, so, als wäre ihm diese Begrüßung schon in Fleisch und Blut übergegangen.
 

„Hör mich an, ich muss mit Dir reden, Onkel Thorin“, sagte er zwar bittend, aber bestimmt. Seine Stimme war laut und schien den ganzen Raum zu füllen. So, wie er zu Thorin ging, schien er fest entschlossen zu sein, irgendetwas zu tun. Die Augen des Königs lagen vor einen Moment auf dem jüngeren Zwerg, doch dieser konnte die Aufmerksamkeit seines Onkels nicht lange bei sich behalten.
 

„Wachen, bringt ihn weg“, sprach Thorin und sofort waren ein paar Leibgarden zur Stelle, die Kíli links und rechts am Arm fassten. Briuwen konnte sehen, wie entsetzt Kíli seinen Onkel ansah.
 

„Thorin, Du wirst mich auf der Stelle frei lassen! Hast Du gehört, ich will mit dir reden!“, brüllte er beinahe. Man sah ihm nur allzu deutlich an, wie wütend er war und dass er seinen Zorn kaum zügeln konnte, darüber, wie sein Onkel mit ihm umsprang. Doch es ließ den König unbeeindruckt.
 

„Deine Mutter Dís wartet bereits auf dich. Wir werden uns später unterhalten“, waren seine endgültigen Worte, die er mit einer schroffen Handbewegung unterstrich, woraufhin die Wachen Kíli wegbrachten, der sich vergeblich jedoch zu wehren versuchte. Auf Briuwens Armen breitete sich eine fast schmerzhafte Gänsehaut aus, denn Thorins Stimme war so tief und ruhig und zugleich berechnend, dass es ihr noch schwerfiel, ebenfalls besonnen zu bleiben.
 

„Und nun zu Euch, Elbin“, sagte Thorin und als Briuwen heiß und kalt gleichzeitig wurde, wünschte sie sich, niemals in diese Situation geraten zu sein. Nur der Blick auf den außergewöhnlichen Edelstein über dem Thron gab ihre seltsamerweise die Kraft, still zu bleiben und dadurch zu verhindern, von den Waffen der sie umgebenden Wachen aufgespießt zu werden, und der Dinge zu harren, die da noch kommen würden.

amarth | Schicksal

Alles so bekannt und trotzdem so fremd. Ein komisches Gefühl, welches eine ungewohnte Hilflosigkeit verursachte. Als würde man in einem fremden Körper stecken, mit seinem eigenen unruhigen Geist. Für einen Moment verschlug es ihm die Sprache, weil er so viele Dinge gleichzeitig sagen wollte. Schimpfen, rufen, toben – beschwichtigen, verteidigen, bestärken. Die Emotionen kämpften miteinander, doch alle waren gleich stark, sodass keine die Überhand gewinnen und schließlich zum Ausbruch kommen konnte.
 

Kíli fühlte sich wie betäubt, sodass er kurzzeitig sogar die Wachen vergaß, die ihn nur mit Mühe wegschafften. War das wirklich gerade geschehen, oder träumte er nur? Nein, er hatte Thorin, seinen Onkel, wirklich erlebt. Und das auf eine Weise, die er bis zuletzt als undenkbar erachtet hatte. Bis zur Ankunft am Erebor hatte Kíli geglaubt, dass der Brief, den Thorin an Dáin geschickt hatte, nur ein Missverständnis war, dass die Worte, die er geschrieben hatte, nur als leere Drohung gegolten hatten. Thorin hatte stark und unnahbar wirken wollen, unnachgiebig und streng denen gegenüber, die dachten, sie könnten seine Wünsche und Befehle auf die leichte Schulter nehmen. Deswegen hatte Kíli auch gehofft, mit seinem Onkel noch einmal Reden zu können, bevor er irgendein vorschnelles Urteil fällte. Er und sein Bruder Fíli hatten doch immer ein gutes Verhältnis zu ihrem Onkel gehabt, oder?
 

Doch das Bild war in tausend Scherben zerbrochen und jeder einzelne Splitter löste in Kíli einen anderen Gedanken aus. Er musste sie ordnen und zwar schnell, denn wenn er nicht handelte, wer konnte dann schon wissen, was passieren würde? Da hörte er ein Scheppern und aufgebrachte Stimmen und wachte so wieder aus seiner Starre auf. Sich windend, mit ein paar kräftigen Rucken, versuchte er, sich zu befreien. Er musste zurück, um Schlimmeres zu verhindern! Er konnte das Schicksal nicht machen lassen, was es wollte, nicht dieses Mal! Doch die Wachen hielten ihn nach wie vor eisern fest. Er blickte zu ihnen auf und ihm wurde bewusst, dass er die beiden Zwerge kannte. Doch Thorins Anweisung machte sie zu Fremden.
 

Der Weg, den sie einschlugen, war Kíli natürlich bestens bekannt und je weiter sie gingen desto vertrauter wurde ihm die Umgebung. Wenn der Begriff für eine Behausung unter Tage zulässig war, dann konnte man diesen Teil des Berges als privaten Wohnflügel bezeichnen. Denn dort befanden sich die Gemächer der wichtigsten Personen des Reiches. Ach, hatte Kíli seine eigenen Räume geliebt. Damals, nachdem sie den Erebor zurückerobert hatten, war dieser Ort etwas ganz Besonderes für ihn gewesen, denn er war offiziell zu einem Prinzen geworden, der den Anspruch auf edle, großräumige Zimmer und jeden erdenklichen Luxus hatte. Nach all den gefährlichen Abenteuern, die er, sein Bruder, sein Onkel und die Gemeinschaft der Zwerge hatten durchmachen müssen, waren sie alle wie betrunken gewesen von dem Gefühl des Sieges und des Glücks. Eine Zeit lang erlebte er die schönsten Tage seines Lebens, ohne Sorgen und zufriedengestellt durch Alles, was man sich nur wünschen konnte. Doch nach und nach wurde der Überfluss zu einer Bürde. Sie hatten das alles nicht umsonst bekommen. Viele Zwerge hatten in den Kämpfen und der großen Schlacht ihr Leben gelassen und die, die überlebt hatten, und nach einigen Wochen aus dem Nebelgebirge zurück zum Erebor, zurück in ihre Heimat kamen, erwarteten, dass auch sie nun ein gesichertes Leben unter der Führung einer starken Hand haben würden. Man wurde nicht zu einem König gekrönt und hatte dadurch bis ans Ende seiner Tage ausgesorgt. Nein, die Schwierigkeiten fingen dann erst richtig an.
 

Wirtschaftlich stand das Königreich trotz seines enormen Reichtums nach Smaugs jahrelanger Belagerung und nach der Schlacht der Fünf Heere an einem absoluten Nullpunkt, es musste von ganz unten an wieder aufgebaut werden, denn die Zwerge konnten sich ja nicht vom Gold ernähren. Handelsverträge und Bündnisse mussten geschlossen werden, doch auch Kleinigkeiten waren von Nöten, um den Erebor wieder auf Vordermann zu bringen. Werkstätten mussten mit Arbeitern gefüllt werden, die Schäden des Krieges und durch den Drachen mussten beseitigt und zerstörte Teile des Berges wieder neu aufgebaut werden. Das alles musste Thorin koordinieren und da das alleine nicht zu schaffen gewesen war, hatte er Fíli, seinen Erben, voll in diese Aufgaben mit eingebunden. Und Kíli? Er war zu den Eisenbergen geschickt worden, um die diplomatischen Beziehungen zu Dáin zu festigen – wo wir wieder beim Anfang der ganzen Geschichte angekommen wären. Hatte sich Thorin ausgemalt, dass der von ihm so heiß ersehnte Thron auch so viele Lasten mit sich bringen würde? Kíli wusste es nicht, doch die Veränderung, die der Zwergenkönig mitgemacht hatte, verriet vieles.
 

Es war, als erwartete man bereits seine Ankunft. Kaum gerieten sie in das Blickfeld des jeweils anderen, sah Kíli bereits, wie Fíli auf ihn zu lief. Sein Blick war überaus besorgt, doch eine schnelle Musterung schien ihm zu genügen, sodass sein ernster Gesichtsausdruck einem erleichterten Lächeln wich.
 

„Bruder! Du bist wohlauf“, sagte er beruhigt und legte seine Hände auf die Schultern des jüngeren Zwerges. Danach blickte er zu den Wachen.
 

„Ihr könnt ihn jetzt loslassen“, waren seine Worte, die etwas schärfer klangen, als es hätte sein müssen.
 

„Aber König Thorin hat-“, begann einer von ihnen zu reden, doch Fílis Kopfschütteln brachte ihn zum Schweigen. Der ältere der beiden Brüder trug sein wahrhaft hoheitliches Antlitz nicht zu unrecht. Er hatte sich in den letzten Jahren von einem abenteuerlustigen Kämpfer zu einem würdigen Kronprinzen gewandelt, und es waren nicht nur seine Gesichtszüge, sondern sein ganzes Auftreten und sein Gerechtigkeitssinn, die den blonden Zwerg zu einer Respektsperson gemacht hatten.
 

„Ich übernehme ab jetzt die Verantwortung. Ihr könnt gehen. Kíli wird schon nicht weglaufen“, sprach er mit einem ermahnenden Seitenblick zu seinem Bruder, was den Jüngeren ernsthaft verwunderte. Doch als die Wachen ihn endlich freigaben, war er mehr als dankbar, denn durch die Gegend geschoben und geschubst zu werden, empfand er alles andere als angenehm. Es herrschte Schweigen, bis die Wächter endlich gegangen und außer Hörweite waren.
 

„Sag mal, was soll das alles? Jeder glaubt, mich bevormunden zu müssen! Außerdem werde ich wie ein Schwerverbrecher behandelt! Ich verstehe das nicht“, wandte sich Kíli an Fíli, der jedoch nur mit den Schultern zuckte und seinem Bruder bedeutete, mit ihm zu kommen. Durfte nun auch niemand seine Fragen beantworten? Kíli war nicht wütend, denn auf Fíli konnte er einfach nicht böse sein, jedoch war er unendlich verwirrt, weswegen er Fíli ohne Widerworte folgte. Er wollte nur wissen, was hier vor sich ging und es würde sich nur länger hinziehen, wenn er einen Streit anzetteln würde. Deshalb war es sicher auch besser, wenn er die nächste Begegnung schnell hinter sich brachte: Das Treffen mit seiner Mutter.
 

Ihre Gemächer waren nicht weit weg, sie brauchten nur dem Gang zu folgen. Fíli klopfte an und öffnete ohne Zögern die Tür, als war es keine Überraschung, dass sie nun kommen würden. Und da saß sie auch schon. Der großzügige Raum, eine Art Wohnzimmer, bestach durch eine beschauliche Ausstattung an hölzernen Möbeln, Truhen und Schränken. Der Boden war mit bunten Teppichen ausgelegt und ein Feuer brannte im Kamin, welcher mit einem ausgeklügelten Rauchfang ausgestattet war, sodass es im Zimmer kaum nach den glühenden Holzscheiten roch. Dort war auch der Lieblingsplatz von Dís, in einem gemütlichen Sessel. Meistens fand man sie mit einem Buch im Schoß, seltener mit Nähzeug in der Hand. In diesem Moment hatte sie keine Beschäftigung, ihr Blick war nur starr auf die Tür gerichtet. Schnell stand sie auf, als sie ihre Söhne hereinkommen sah, sodass der edle Stoff ihrer Röcke nur so raschelte.
 

„Kíli, zum Glück!“, rief sie und umarmte ihren jüngeren Sohn, der sich dabei ein wenig unwohl fühlte. Doch er wurde auch ungeduldig. Er war langsam genug mit der ganzen Bemutterung. Dies hier war keine heitere Familienzusammenführung. Eigentlich wollte Kíli gar nicht hier sein.
 

„Mutter, es reicht! Jetzt beantwortet ihr mir mal eine Frage! Warum hat Onkel Thorin mich zurückgeholt? Ist es ernsthaft wegen dieser… dieser Lappalie?“, fragte er aufgebracht, schälte sich aus der festen Umarmung und begann, im Raum auf und ab zu laufen.
 

„Du humpelst ja! Setz Dich sofort hin!“, rief Dís unbeeindruckt und aufgebracht und zwang Kíli, sich auf einer Bank niederzulassen. Er konnte und wollte sich nicht wehren, weswegen er nur resigniert seufzte und in einer hilflosen Geste die Arme ausbreitete.
 

„Das tut nichts zur Sache! Ich bin bei einem Kampf ein wenig verletzt worden, na und? Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine Wunde davongetragen habe. Ich habe es überlebt, das ist doch die Hauptsache! Und das habe ich einer Elbin zu verdanken, einer Elbin, mit der Thorin gerade wer weiß was anstellt! Ich bin kein Kind mehr, doch alle glauben, dass ich nicht auf mich selbst aufpassen und entscheiden kann, was für mich am besten ist!“, sagte er mit Nachdruck, denn das war es, was ihn schon die ganze Zeit über wurmte. Niemand nahm ihn ernst, jeder wollte ihm seine Entscheidungen abnehmen. Das hatte er langsam satt. Die tiefe Stille, die sich im Zimmer daraufhin ausbreitete, sprach wiederum Bände. Anscheinend hatte niemand mit so einem Ausbruch gerechnet. Fíli blickte zuerst erstaunt, dann amüsiert und auch ein wenig anerkennend drein. Auch Dís war zunächst überrascht, dann sah man ihr an, dass sie die Worte ihres Sohnes verletzt hatten.
 

„Aber wir meinen es ja nur gut mit Dir! Auch Thorin will Dich doch nur in Sicherheit wissen. Deine Versetzung in die Eisenberge war eine schlechte Entscheidung. Er sagt, die Leute mit denen Du Dich umgibst, haben keinen guten Einfluss auf Dich“, sprach sie, doch mit ihren Worten bewirkte sie genau das Gegenteil von dem, was sie wohl beabsichtigt hatte.
 

„Ach, darum geht es, ja? Es geht gar nicht um mich, es geht um die Elbin! Braucht Thorin mal wieder einen Grund, seinen kindischen Hass auf die Elben auszuleben? Ich fasse es nicht!“, rief Kíli aufgewühlt, denn seine Mutter hatte mit ihrer Aussage seine Wut neu geschürt. Erneut sprang er auf, diesmal fest entschlossen, sich nicht nochmal aufhalten zu lassen und rauschte zur Tür, so schnell er konnte. Er musste zu Briuwen zurück und seine Onkel zur Not anders als mit Worten mitteilen, was Sache war. Dís rang erschrocken nach Luft, doch da stellte sich Fíli in den Weg seines Bruders. Sein Gesicht zeigte, dass nicht weichen würde.
 

„Kíli, sei vernünftig! Ziehe du nicht auch noch Thorins Zorn auf dich“, raunte er, so leise, dass eigentlich nur Kíli es verstehen konnte. Die Reaktion des Älteren machte Kíli im ersten Moment rasend, da er nicht verstehen konnte, warum Fíli ihren Onkel verteidigte. Doch dann sickerten die Worte erst in ihn ein und er stutzte. Ein Blick in die Augen seines Bruders offenbarte ihm, dass hinter der strengen Attitüde noch etwas anderes lauerte.
 

„‘Nicht auch noch ich‘? Was bedeutet das?“, fragte er ebenso leise zurück, doch er wusste, dass er keine Antwort bekommen würde. Jedenfalls nicht jetzt, da ihre Mutter anwesend war. Kurz herrschte Stille, dann entspannte sich Fíli wieder und verzog das Gesicht.
 

„Uh, Bruderherz, Du riechst wie uralter Haufen dreckiger Wäsche. Ich denke, ein Bad wird Dir nicht schaden. Mutter, ich begleite Kíli. Die Erfrischung nach der langen Reise wird ihm sicherlich guttun“, meinte der blonde Zwerg, zwinkerte neckisch und wedelte mit der Hand vor seiner Nase rum, als könnte er den imaginären Gestank damit vertreiben. Er nickte Dís zu, zum Abschied und wohl auch, damit sie sich keine Sorgen machte. Ihre erschrockene Miene jedoch blieb, das konnte Kíli noch sehen, bevor sein älterer Bruder ihn aus der Tür schob und ihn fortbrachte. Ein wenig hilflos blickte er in die entgegengesetzte Richtung, die Richtung, aus der er vorhin gekommen war, dort, wo man zu Thorins Thronsaal gelangte. Denn abermals wusste er nicht, was er tun sollte, denn Fílis Worte hatten ihn mehr verwirrt, als er sich eingestehen wollte.
 

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Das Öffnen ihrer Augen schien unendlich viel Kraft zu benötigen. Fast konnte sie diese nicht aufbringen. Fast wollte sie das auch nicht. Sie hatte geschlafen, tief geschlafen, denn sie war so erschöpft, als hätte ihr jemand all ihre Energie geraubt. Doch als sie glaubte, sich genug konzentriert und angestrengt zu haben, um ihre Lider zu öffnen, konnte sie keinen Unterschied feststellen. Es war stockfinster um sie herum, so oder so. Außerdem war es kalt. Die Erkenntnis, dass sie fror, kam nur schleichend, so als würde ihr Tastsinn auch noch tief schlummern. Mit ihrem erwachenden Bewusstsein kam auch die Erinnerung zurück, dies jedoch war die einzige Sache, die sie nicht zurückerlangen wollte. Allein das Wissen, dass sie hier war, in diesem kalten, dunklen Loch, war überaus schmerzhaft und erniedrigend. Was würde dann mit ihr geschehen, wenn sie sich die ganze Schmach ins Gedächtnis zurück rief?
 

Die Finsternis hatte einen gewissen Trost. Es war wahrscheinlich besser, wenn sie nichts sehen konnte, sodass ihr ihr eigener Anblick erspart blieb. So konnte sie wenigstens das ausblenden. Was den Rest anbelangte: Sie hoffte, es würde schnell gehen. Je schneller es vorbei war, desto weniger war es ihr auferlegt, mit sich selber zu kämpfen und sich zu bemitleiden. Und so nahm sie die Schwärze um sich herum auf und fiel erneut in einen leichten, kräftezehrenden Schlaf, der ihr keine Ruhe brachte. Mehr konnte sie auch nicht tun. Ihr Körper fühlte sich taub an und jede kleinste Bewegung tat weh, das spürte sie, wenn sie bei Bewusstsein war. Deswegen war die Ohnmacht die bessere Wahl für sie.
 

Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging. Sie hatte keinen Hunger oder Durst, was bedeutete, dass sie entweder noch nicht lange hier lag, oder dass sich ihr Körper schon damit abgefunden hatte, nichts Essbares zu bekommen. War es andererseits nicht auch egal? Es gab eigentlich keinen Zweifel daran, dass sie schon tot war. Jedenfalls in den Gedanken jener, die sie gekannt hatten. Wie viele Tage waren vergangen, nach dem schrecklichen Überfall der Orks? Sie wusste es nicht, aber sie war sich sicher, dass keiner ihrer damaligen Kameraden damit rechnete, sie lebendig wieder zu sehen. Dabei war sie doch eine ausgezeichnete Kämpferin und gehörte zur Garde von Ilanin, einer Gruppe von stolzen Kriegern, die sich geschworen hatten, ihr wunderschönes Reich Dorwinion zu beschützen.
 

Dorwinion. Die Erinnerung an ihre grüne, hügelige, friedliche Heimat war zu viel. Schmerzhaft und heiß durchfuhr es sie und das Gefühl überraschte sie so sehr, dass sie es nicht mehr unterdrücken konnte. Ihre Augen begannen zu brennen, als sich Tränen in ihnen sammelten und ihre Wimpern benetzten und ihre Finger krallten sich in den staubigen Boden. Sie konnte nicht so einfach aufgeben, sie konnte sich nicht damit abfinden, hier in einem Verlies ohne eine Spur Sonnenlicht ihrem Ende entgegen zu sehen. Doch es lag nicht in ihrer Macht. Es lag allein in Thorins Hand was mit ihr, der Elbin Briuwen, passieren würde.
 

Der Gefühlsausbruch machte ihr noch stärker bewusst, dass sie fürchterlich schwach war, denn sie konnte noch nicht einmal richtig weinen. Die Trauer hatte sie wieder so ermüdet, dass sie erneut in einen leichten Schlummer fiel, der jedoch jäh unterbrochen wurde, als ein Geräusch an ihr Ohr drang. Bisher war nur Stille um sie herum gewesen, eine tiefe, undurchdringliche Stille, die keinen Laut und keinen Ton an sie herangetragen hatte. So schien es umso deutlicher, als in der Ferne ein Schlurfen ertönte und immer lauter wurde. Träge hob Briuwen den Kopf, obwohl ihre Gedanken nicht verarbeiten konnten, was das bedeuten sollte. Warum kam jemand hierher zu ihr? Dieser Ort war doch prädestiniert dafür, jemanden zu vergessen und sich selbst zu überlassen, ein Loch tief in der Erde, aus dem weder verzweifelte Schreie, noch der Gestank der Verwesung nach oben gelangen würden…
 

Und plötzlich, obwohl Briuwen geglaubt hatte, nie wieder etwas sehen zu dürfen, wurde es immer heller. Der flackernde Feuerschein einer Laterne näherte sich, gemeinsam mit dem Klang von gedämpften Schritten. Jemand kam näher, jemand kam zu ihr – warum?, fragte sie sich abermals. Was wollte man noch von ihr, wenn sie doch sowieso schon dem Tode geweiht war, wenn alle darauf aus waren, sie tot zu sehen? Briuwen hob den Kopf vom Boden und die Bewegung fühlte sich unsicher und fiebrig an. Vielleicht war es auch eine Halluzination, vielleicht gaukelte sie sich selber vor, mit dem letzten Funken Hoffnung, der in ihr übrig geblieben war, dass jemand kam um sie zu retten. Vielleicht war es eine ganz bestimmte Person, an die sie dachte, den mit niemandem sonst hier würde sie so ein Vertrauen verbinden. Sie lächelte plötzlich, als das Bild eines Gesichtes vor ihr in der Dunkelheit auftauchte – und zuckte zusammen, als sie auf einmal ein heller Lichtschein blendete. Gequält stöhnend schloss sie ihre Augen, denn die unerwartete Helligkeit tat fast körperlich weh. Sie hatte so lange kein Licht gesehen, deshalb war der helle Schein beinahe unerträglich. Doch er bewegte sich nicht weg. Er verharrte und auch die Schritte waren verklungen. Übrig war nur das Geräusch eines unterdrückt keuchenden Atems.
 

Eine gefühlte Ewigkeit dauerte es, bis die tanzenden Funken vor ihrem Sichtfeld verschwunden waren und Briuwen ihre Lider wieder öffnen konnte. Doch selbst jetzt noch war das Licht der Kerze eine Qual für ihren Kopf. Die Neugier aber siegte und als sie sich sammelte und ihren Blick fokussierte, erkannte sie eine Gestalt – deren Gesicht sie abermals zusammen zucken ließ. Sie kannte das Antlitz nicht, doch mit einem Mal war ihr sehr unwohl zumute. Es war das runde Gesicht einer Zwergenfrau, bebartet und vornehm frisiert, reich mit Schmuck behangen, eine Tochter von Königen. Von Grund auf war sie wohl eine großmütige Dame, das sah man an den Runzeln um ihre Augen und ihre Mundwinkel. Doch ihre Züge hatten in diesem Moment etwas Strenges, Abschätziges und Ablehnendes, mit einem Hauch von Sorge, der natürlich nicht der Elbin galt. Und ihre Augen, ihre Augen erinnerten Briuwen an einen anderen Zwerg, an jemanden, mit dem sie nichts Gutes verband…
 

Briuwen wollte etwas sagen, doch ihre Kehle, ihr Mund und ihre Lippen waren zu trocken, um auch nur einen Laut zu formen. Außerdem wusste sie nicht, was sie hätte sagen sollen. Selbst in dieser ausweglosen Situation konnte sie fühlen, dass die Zwergenfrau nicht gekommen war, um ihr etwas Gutes zu tun. Der musternde Blick, mit dem sie bedacht wurde, erweckte ein sehr unangenehmes Gefühl in ihr. Doch noch ein andere Gefühl breitete sich in der Elbin aus, tief von ihrem Inneren kam es hervor: Ohnmacht. Es war, als hätte das Heben ihres Kopfes und die Konzentration ihrer Gedanken die letzten Reserven ihrer Lebensenergie endgültig verbraucht. Das Licht wurde plötzlich immer schwächer, obwohl die Flamme in der Laterne weiterhin kraftvoll brannte. Verzweifelt versuchte Briuwen, ihre Augen weiter zu öffnen, doch sie hatte auf einmal keinen Einfluss mehr auf ihre Sehkraft. Es wurde immer dunkler, und auch als ihr Kopf immer tiefer gen Boden sank, konnte sie nichts dagegen tun. Ja, sie konnte plötzlich ihre Gliedmaßen nicht mehr spüren. Diese Tatsache versetzte sie in helle Alarmbereitschaft, als ihre Gedanken mit Panik überflutet wurden und ihr Geist sich ein letztes Mal protestierend aufbäumte.
 

„Das… Licht…“, flüsterte sie, gepresst, aber deutlich. Die Zwergenfrau sah, wie die Elbin endgültig zusammensackte und regungslos liegen blieb. Der Anblick erschütterte sie irgendwie, doch sie wollte es nicht an sich heranlassen. Vielleicht war es jetzt besser so, dachte sie bei sich und raffte ihr Röcke, um mit grimmiger Miene schnell wieder emporzusteigen aus diesem dunklen, kalten Verlies, wo es noch nie Hoffnung gegeben hatte.
 

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„Man, wir verpassen gerade echt was.“
 

„Was denn?“
 

„Na, die Gesichter der Elben, wenn der König ihnen das ganz spezielle Geschenk überreicht! Du weißt schon.“
 

„Haha! Verdammt, dass wir heute nicht im Thronsaal eingeteilt sind! Was meinst Du, sollen wir-“
 

Normalerweise interessierten ihn die Gespräche anderer nicht, doch plötzlich spitzte Kíli die Ohren und es durchfuhr ihn mit einem Mal heiß und kalt, so, wie ein Bad in Eiswasser und in glühendem Metall zugleich. Denn er hatte ein Wort gehört, ein Wort, welches ihn wohl bis zum Ende seines Lebens verfolgen würde: Elben.
 

Drei Tage waren nach seiner Ankunft vergangen. Drei Tage verbrachte Kíli bereits hier im Erebor und er hatte seitdem keine Ruhe gefunden. Er erkannte seine Heimat nicht wieder, vielleicht, weil er sie nun nach seinem Aufenthalt in den Eisenbergen, mit anderen Augen sah. Auch schien jeder, der er bisher gekannt hatte, zu einem Fremden geworden zu sein. Alle waren freundlich zu ihm, ohne Zweifel, doch wenn er Fragen stellte, wurden Münder stumm und Augen wandten sich ab. Alte Freunde und Weggefährten konnten ihm auch nicht helfen - oder wollten sie es nicht? In einigen Gesichtern sah Kíli Bedauern, bei anderen mischte sich Verachtung dazu. Dabei wollte er doch nur Gerechtigkeit; war es da nicht egal, für wen er dafür einstand?
 

Natürlich hatte er auch selber gesucht nach ihr, nach Briuwen, in jedem Verlies von dem er wusste, in jedem Versteck, welches ihm einfiel. Er konnte einfach nicht wegsehen, er konnte sie nicht im Stich lassen. Auch, wenn es ihm von allen Seiten her eingetrichtert wurde, dass er vergessen sollte. Er sollte besser vergessen, was geschehen war, um nicht völlig in Ungnade zu fallen. Nicht nur bei Thorin, sondern auch bei allen anderen Zwergen, die von der Geschichte Wind bekommen hatten. Hier im Erebor gab es nur wenige, die verstehen konnten, dass er mit einer Elbin sympathisierte, egal, ob sie sein Leben gerettet hatte oder nicht. Die, die mit ihm mitfühlten, konnte er an einer Hand abzählen und auch all diese machten sich um sein Seelenheil sorgen.
 

Er saß zusammen mit seinem Bruder Fíli beim Mittagessen. Außer den Brüdern waren nur wenig andere Zwerge anwesend, denn die Mitglieder der Königsfamilie und weitere hohe Würdenträger aßen für sich alleine – auch eine von Thorins Neuerungen. Konnte er die Blicke der anderen Zwerge nicht ertragen, die ihn durchbohrten auf der Suche nach einem Funken Wärme in seinen Zügen? Denn da war nichts mehr. Der Thorin von früher war verschwunden. Zurückgeblieben war jemand, der ihm äußerlich zwar sehr ähnlich sah, sonst aber nicht mehr mit ihm gemeinsam hatte. Noch einmal hatte Kíli versucht, mit seinem Onkel zu reden, doch vergebens. Es schien so, als wäre Kíli nur noch Luft für ihn. So wusste der junge Zwerg plötzlich nicht mehr, was ihn mehr schockierte: Dass er komplett ignoriert wurde, oder dass Thorin zu einem herzlosen Monster geworden war.
 

Kíli sprang wie vom Blitz getroffen auf. Er sah, wie er seinen Teller dabei mitriss, wie dieser im hohen Bogen durch die Luft flog und auch wie sein Trinkbecher durch den Ruck umkippte und seinen Inhalt über den Tisch verteilte. Doch die Sauerei war ihm egal. Er stürzte an den beiden schnatternden Wachen vorbei und war schon durch die Tür gerannt, ehe er seinen Bruder warnend nach ihm rufen hörte. Er durfte keine Zeit verlieren, wenn er noch etwas tun wollte. Er musste etwas beweisen, sich selber und seinem Onkel: Dass es immer etwas gab, um das es sich zu kämpfen lohnte, dass es keine starren Muster und Denkweisen gab, dass man nicht die Augen verschließen durfte und sich öffnen sollte, für die, die man als schützenswert betrachtete, dass nicht die Menge des Goldes wichtig war, sondern die Größe des Herzens. Die Kälte hatte Kíli auch schon beinahe in Besitz genommen, doch er wollte es nicht zulassen. Und auch Thorin musste noch fähig sein, den Schatten, von dem sein Geist besessen war, zu bekämpfen und wieder klar zu sehen. Denn so sehr Kíli seinen Onkel in diesem Moment auch verachtete, die Hoffnung für diesen einst so großmütigen, noblen, mitreißenden Zwerg hatte er noch nicht ganz verloren.
 

Die Wachen sahen ihn kommen und auch Kíli hatte sie nicht übersehen. Doch er würde sich nicht aufhalten lassen, nicht dieses Mal. Er erblickte in den Augen der Wächter, dass sie erkannten, was er beabsichtigte und das verblüffte sie wohl so, dass sie zu spät reagierten. Kíli jedoch wappnete sich gegen den Widerstand und den Aufprall - es schepperte laut, als zwei der Wachen zu Boden gingen, weil Kíli sie einfach mit seiner Seite gerammt hatte, um den Weg frei zu machen. Ohne auf das schmerzerfüllte Stöhnen, die warnenden Rufe und seine eigene schmerzende Schulter zu achten, lief er weiter, so schnell ihn seine Füße trugen, denn er kannte den Weg wie im Schalf.. Und er lief und lief und ließ sich von niemandem stoppen, bis er seinem Ziel angekommen war.
 

Da breitete sich die große Halle vor seinen Augen aus - und seine Beine versagten ihm auf einmal ihren Dienst. Er blieb stehen. Er war noch nicht weit gekommen. Zu seiner Linken war der Thron, doch die zuvor aufgeschreckten Wachen bewegten sich plötzlich auch nicht mehr. Vielleicht, weil sie sahen, dass das, was Kíli wiederum sah, keines Eingreifen mehr bedurfte.
 

Kílis Augen weiteten sich, als er die unübersehbaren Elben erblickte, die sich auf dem Steg zur königlichen Plattform befanden, jedoch dem Thron bereits ihren Rücken zugewandt hatten. Es waren Vier an der Zahl, in edle Gewänder gekleidet, umgeben mit dem typischen Glanz dieses außergewöhnlichen Volkes. Und sie hatten in ihrer Mitte ein nur allzu markantes Pferd, ein Tier, welches Kíli nicht unbekannt war. Und das Tier hatte eine schwere Last auf seinem Rücken. Der junge Zwerg taumelte einen Schritt zurück, da es sich anfühlte, als würde der Boden unter ihm beben - dabei war es er selbst, der erzitterte.
 

Das Pferd trug einen leblosen Körper, ein Körper gekleidet in einen roten Mantel, dessen Stoff staubbedeckt und zerschlissen war. Braunes langes Haar hing matt über den Kopf der Gestalt, sodass ihr Gesicht nicht zu sehen war, doch die fahle Haut einer herabbaumelnden Hand, war ein deutliches Zeichen dafür, wie es um die Person bestellt war. Doch die gravierendste Eigenschaft, oder aber das Fehlen jener, war die Schrecklichste: Kein Funken des Abglanzes, der ihr Geleit umgab, war ihr mehr zuteil. Da war keine Aura mehr, kein sanftes, und doch inniges Leuchten, welches einen auf wunderliche Weise erwärmte, wenn man das holde Antlitz nur ansah. Lag nicht sogar ein wenig Dunkelheit über ihr, wie ein durchsichtiges Seidentuch, kalt und unheilkündend?
 

Kíli wollte es nicht wahrhaben, obwohl er es vor seinen eigenen Augen sah. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Der Hengst war Gwaloth, mit dem blütenartig gescheckten Fell. Es hatte ihm ein paar Mal das Leben gerettet, zusammen mit seiner Begleiterin, der er immer treu ergeben gewesen war - wie nun auch im Tode. Kíli atmete ein, doch er schien keine Luft zu bekommen, sodass er tief und keuchend schnaufen musste, um nicht umzukippen. Das durfte nicht sein. Er hätte nicht einmal in einem schlimmen Albtraum gewagt, diesen Ausgang der Geschichte in Betracht zu ziehen. Erneut stolperte er zurück, und als er seinen Mund aufmachte, um etwas zu sagen, waren seine Lippen trocken und wie betäubt. Er konnte nur zusehen, wie der Tross der Elben langsam immer weiter ging und wie sie von bewaffneten Wachen Richtung Ausgang dirigiert wurden.
 

Es dauerte, bis sie letztendlich aus seinem Blickfeld verschwunden waren, doch genau so lange dauerte es, bis die Wahrheit tatsächlich in Kíli einsickerte. Briuwen. Er würde sie nie mehr wiedersehen, denn sie war tot. Er war angewidert von sich selbst, als er daran dachte, dass er die letzten Tage lang oft dagesessen war, gegessen und getrunken und gelacht hatte, und völlig blauäugig gewesen war, was Briuwens Schicksal anging. Zwar hatte er versucht, sie aufzuspüren, aber vergeblich. Er hatte sie deshalb in einem geheimen Kerker vermutet. Unter strenger Beobachtung, doch unter ähnlichen Bedingungen wie damals in Dáins Verlies. Aber nein, er hatte sich völlig getäuscht – und er hatte sich auch in seinem Onkel getäuscht, so sehr, dass Kíli nicht fassen konnte, das so etwas möglich war.
 

Dabei wusste er gar nicht genau, warum es ihn so schockierte, dass die Elbin tot war. Er hatte sie nicht wirklich gut gekannt, es war nur eine überschaubare Anzahl an Tagen vergangen, seitdem er sie getroffen hatte. Doch er hatte sie gemocht. Sie hatte mehr als nur guten Willen gezeigt, als sie ihn gerettet hatte, als sie in Dáins Hallen ausgeharrt und an die Gutmütigkeit der Zwerge geglaubt hatte, als sie IHM trotz des niederschmetternden Briefes vertraut hatte, dass alles gut ausgehen würde. Doch dafür hatte Briuwen bezahlt und das tat Kíli sehr weh. Er hätte sie besser kennen lernen wollen, denn sie hatte ihn fasziniert. Ihr Wesen und ihre Aura waren so rein, ihre Augen waren so klar und hatten ihn irgendwie angezogen – doch all das war nun Vergangenheit. Musste es wirklich so enden?
 

Kíli drehte seinen Kopf in Richtung Thron und da sah er ihn auch sitzen: Thorin, der König unter dem Berge. Was war das für ein Mann? Wie konnte er sich nur König nennen? Bei seinem Anblick empfand Kíli nur eines: Eisige Kälte.
 

"Was hast Du getan? Wie konntest Du nur...", sagte er, doch es war nicht mehr als ein Flüstern. Doch selbst dieses Flüstern klang scharf und anklagend und es erreichte den mühelos, für dessen Ohren die Worte bestimmt waren. Doch Thorin sah seinen Neffen nicht an, als dieser schließlich seinen Blick abwandte und langsam fort ging, weil er nicht mehr hier sein konnte und wollte. Nein, er war viel zu schockiert und gelähmt, um etwas anderes zu tun, etwas, was Thorin vielleicht noch Genugtuung gegeben hätte. Nur eines wusste Kíli ganz genau: Dass nichts wieder so sein würde, wir früher. Und genau deswegen wollte er seinen Onkel für lange, lange Zeit nicht wiedersehen.

hûd | Versammlung

Die Jahre zogen ins Land. Finsternis breitete sich aus. Schlimme Befürchtungen wurden Wirklichkeit. All das verursacht Angst und Schrecken. Doch einige wenige Völker wehrten sich noch gegen die Macht der Dunkelheit, die in Mordor wieder auflebte.
 

Doch nicht nur im weit entfernten Mordor braute sich etwas Unsägliches zusammen. Auch in anderen Teilen Mittelerdes ließ sich die dunkle Präsenz nicht endgültig vertreiben. Selbst der Weiße Rat, der Zusammenschluss der mächtigsten Personen dieses Kontinents, konnte nicht verhindern, dass sich mitten im Düsterwald, auf einer dunklen Feste, die Diener des Bösen niederließen: Dol Guldur. Ein Name, dessen Klang allein schon jedermann erzittern ließ.
 

Besonders ein Königreich war durch die unmittelbare Nähe der dunklen Feste und durch deren verseuchten Schatten bedroht: König Thranduils Reich. Heerscharen von Riesenspinnen, Wargen und Fledermäusen durchstreiften den einst blühenden, grünen Wald, vergifteten die Erde und ließen Bäume und Blumen sterben. Doch auch die Bewohner des Waldes mussten um ihr Leben fürchten, denn Mordors Schergen verschonten niemanden. Thranduil aber wollte dies nicht einfach so geschehen lassen. Er fürchtete Mordor wegen der zwar siegreichen, aber verheerenden Schlacht auf der Dagorlad, doch vor den neuen, grausamen Bedrohungen konnte er seine Augen nicht verschließen. Er musste handeln. Da sich jedoch nicht nur der Düsterwald, sondern auch viele andere nahe gelegenen Reiche in Reichweite von Dol Guldur befanden, die ebenfalls vom dunklen Schatten heimgesucht wurden, schickte er seine Boten aus, um einen Rat zusammen zu rufen, ein Rat, der über die Zukunft von Rhovanion entscheiden sollte.
 

So strömten dieser Tage Abgesandte aus allen benachbarten Landen in den Düsterwald, Elben und Menschen vieler verschiedener Stämme zugleich, dorthin, wo die Auswirkungen der Besetzung Dol Guldurs am deutlichsten zu sehen und zu spüren waren. Doch Thranduils Hallen waren sicher, so konnte der Rat in Sicherheit zusammenkommen.
 

Und ja, es waren auch Zwerge unter den Geladenen, Zwerge vom Reich des Einsamen Berges, obwohl niemand ernsthaft geglaubt hatte, dass sie die Einladung annehmen würden, denn man hatte in den letzten Jahren nur spärlich Nachrichten von diesem Zwergenreich gehört. Besonders zu den Elben des Waldlandreiches hatten die Bewohner des Erebor nie ein gutes Verhältnis gehabt. Doch ging es bei der Versammlung nicht um die Zukunft der ganzen Welt? Denn ja, so war es und das spürte selbst ein gewisser König, dessen Geist die meiste Zeit von anderen Dingen besessen war. So sandte er eine kleine Abordnung seines Königreiches in das Elbenreich, diejenigen jedoch, die er gesendet hatte, ließen die Anderen meinen, dass Thorin die Sache sehr ernst nahm: Seine beiden Neffen und Thronfolger Fíli und Kíli waren gekommen, um sich anzuhören, was all die Hohen Herrschaften zu sagen hatten.
 

Fíli betrachtete seinen Bruder mit Besorgnis, während sie die schmalen Stege und Brücken entlang gingen, die durch König Thranduils Reich führten. Natürlich war es ihm aufgefallen, dass Kíli seit längerer Zeit nicht mehr derselbe war. Zwar hatten sie sich alle verändert, nachdem sie den Erebor wieder zurückerobert hatten, doch besonders Kíli hatte in den letzten Jahren irgendetwas sehr zu schaffen gemacht. Der ältere der Beiden konnte sich teilweise auch denken, warum das so war, obwohl er nicht wirklich im Bilde war, worum es genau ging. Kíli hatte sich ihm nicht anvertraut und auch das war für Fíli mehr als merkwürdig. Hatte Kíli das Vertrauen zu ihm auch verloren?
 

Fíli seufzte und zog dadurch Kílis Blicke auf sich. Wie lange war es her, dass die Beiden gemeinsam unterwegs gewesen waren? Die Gelegenheiten waren rar gestreut gewesen, denn ihre Pflichten banden sie sehr an ihr Zuhause. Kíli war nach den Geschehnissen in den Eisenbergen im Erebor geblieben. Seine Aufgabe als Diplomat war einem anderen Zwerg zugefallen. Doch es war ihm einerlei, denn Politik war nie sein Steckenpferd gewesen. Beinahe drei Jahre waren nun schon vergangen, nachdem… Nun, Kíli wollte nicht darüber nachdenken, obwohl es jetzt gerade schwer für ihn war, hier, unter all den Elben, nicht darüber zu grübeln. Die Entscheidung, dass gerade er ins Waldlandreich hat reisen sollen, hatte ihn einerseits überrascht, andererseits auch wieder nicht. Eigentlich hatte er gedacht, dass sein Onkel ihn von Elben jedweden Volkes fernhalten wollte, doch es gab wohl niemanden, der diese Aufgabe sonst hätte übernehmen wollen – denn Zwerge waren ja bekanntermaßen sehr eigen und starrköpfig, wenn sie sich einmal eine Meinung gebildet hatten. Nun, er jedenfalls genoss die Zeit, die er alleine mit seinem Bruder verbringen konnte, ohne die achtsamen Blicke seiner Mutter, die er beinahe permanent in seinem Nacken spürte. Denn auch sie schien seit einer Weile mehr als ein wachsames Auge auf ihn zu haben.
 

Die eigentliche Versammlung würde erst in zwei Tagen stattfinden, sobald alle eingeladenen Gäste eingetroffen waren. Die Brüder waren selber erst vor wenigen Stunden angekommen. Die vier Wachen, die sie auf dem Weg vom Erebor bis zu Thranduils Hallen begleitet hatten, waren in die ihnen zugewiesenen Unterkünfte verschwunden, um sich auszuruhen. Anscheinend war ihnen der Aufenthalt bei den Elben alles andere als genehm, das war nicht schwer zu erraten gewesen, für Fíli jedenfalls, weswegen sie sich wohl lieber zurückgezogen hatten. Doch Befehl war Befehl, und die Bewachung und der Schutz der Neffen des Königs war für die Zwerge eine ernstzunehmende Aufgabe, egal, wohin sie diese auch führte. Was Fíli anging: Seine Meinung über Elben waren gespalten. Er war, wie die meisten Angehörigen seines Volkes, geprägt von den Geschichten, die seit Generationen über den Zwist zwischen Zwergen und Elben kursierten und schon den Kindern erzählt wurden. Doch nicht nur das. Gerade an diesem Ort, in Thranduils Hallen, waren er und seine Gefährten auf dem Weg zur Rückeroberung des Erebors gefangen genommen und eingesperrt worden. Man hatte sie nicht besonders gut behandelt und das nahm Fíli dem König sehr übel. Andererseits hätten sie ihre Heimat nie wiedergewinnen können, wären Thranduil und sein Elbenheer nicht gewesen, egal, wie die Ausgangslage vor dem Angriff der Orks auch ausgesehen hatte. Schließlich waren durch die Verhandlungen über den Arkenstein alle Parteien, die an der Schlacht der Fünf Heere teilgenommen hatten, reich entlohnt worden und so hatte sich ein tief ruhender Frieden eingestellt, denn jeder hatte mehr Güter und Schätze bekommen, als sie sich je ausgemalt hätten. So behelligte niemand mehr den Anderen. Sollte man nicht also die Vergangenheit ruhen lassen und froh sein, dass alles glimpflich ausgegangen war?
 

Ach ja, da war noch etwas anderes, weswegen Fíli sich ein wenig schuldig und unwohl fühlte, wenn er an Elben dachte: Wegen Kíli. Wie gesagt, er wusste nicht genau, was einige Jahre zuvor passiert war, doch in groben Zügen war es ihm schon bekannt. Sein Bruder hatte sich wohl während seines Aufenthaltes in den Eisenbergen mit einer Elbin angefreundet, doch sein Onkel Thorin hatte sie, obwohl sie sich nichts hatte zu Schulden kommen lassen, dem sicheren Tod preisgegeben. Ersteres hatte Fíli sich selber zusammengereimt, denn warum war das Ereignis Kíli so nahe gegangen, dass zwischen ihm und Thorin eine gewaltige Eiszeit herrschte? Letzteres hatte er von ein paar Wachen erfahren, die er ein wenig bestochen hatte, damit sie es ihm erzählten. Es war zu der Zeit nämlich ein Handelstrupp von Elben aus einem entfernten Reich gekommen, um ihre Waren am Hofe anzubieten. Thorin hatte ihnen den Leichnam postwendend mitgegeben - aus Schadenfreude oder reiner Bosheit, darüber wollte Fíli gar nicht nachdenken. Kíli jedenfalls hatte das mitangesehen und seither kein Wort mehr mit seinem Onkel geredet. Er war daraufhin in eine Art Apathie gefallen, die er nur schwer und langsam hatte überwinden können. Fíli hatte so gut er konnte versucht, seinen Bruder aufzumuntern und ihn auf andere Gedanken zu bringen, indem er mit ihm auf die Jagd ging, Feste arrangierte und so viel Zeit wie möglich mit ihm verbrachte.
 

Plötzlich ertönte ein leises Kichern in der Ferne. Nach einiger Zeit erklang es erneut und danach noch einmal. Fíli und Kíli achteten zuerst nicht darauf, doch als es sich wiederholte und immer näher kam, wechselten die Brüder einen vielsagenden Blick und drehten sich ruckartig um.
 

"Wer ist da? Wir wissen, dass Ihr uns schon eine Weile lang folgt", sprach Fíli und wappnete sich für das, was kommen würde. Lauerte ihnen ein feindlich gesinnter Elb auf? Wollte man sie wieder gefangen nehmen? Es war ja durchaus auch bekannt, dass die Elben des Düsterwales nicht viel von Zwergen hielten. Der ältere der beiden Brüder musste unwillkürlich auf seinen letzten unangenehmen Aufenthalt im Düsterwald denken, doch er staunte nicht schlecht, als er anstelle einer auf ihn gerichteten Waffe zwei Paar große Augen sah, die ihnen entgegenblickten. Es waren zwei dünne Gestalten, zweifelsohne spitzohrig, die eine groß wie ein junger Baum, die andere... Mit einem erschrockenen Satz suchte die andere Gestalt Schutz hinter dem Großen und linste trotzdem neugierig hinter dessen Rücken hervor.
 

Auch Kíli wusste nicht, was er von dem Bild vor sich halten sollte. Er senkte seine Hand, die wie automatisch an seinen Gürtel gefahren war, um sein Messer zu ziehen, welches er jedoch mit all seinen anderen Waffen vor Betreten von Thranduils Hallen hatte abgeben müssen. Auch er hatte etwas ganz anderes erwartet, bevor er sich umgewandt hatte, um sich gemeinsam mit seinem Bruder gegen eine hinterhältige Attacke zu verteidigen. Stattdessen sah er... das da.
 

"Wer seid ihr?", fragte er unverwandt, weil sein Gefühl ihm sagte, dass von den Gestalten keine Gefahr ausging. Der Große erweckte den Eindruck, als wollte er seine Worte sicher wählen, bevor er sie aussprach, weswegen für einige Momente eine unsichere Stille herrschte. Er sah kurz nach links und rechts, bemerkte, dass sich sonst niemand auf demselben Weg befand und räusperte sich leise.
 

"Werte Herren, es tut mir Leid, wenn wir euch erschreckt haben. Ich bin Fiondir, Herendirs Sohn, und das ist meine Schwester Faendis. Wir haben keine bösen Absichten", antwortete der Elb und sprach langsam, als ob er bezweifelte, dass er seine Sätze richtig aufsagen würde. Plötzlich kam die Elbin hervor, als hätte sie all ihre Scheu verloren und näherte sich den immer noch erstaunten Zwergen. Sie und ihr Bruder hatten lange dunkelbraune Haare und steingraue Augen und die typische, sanft leuchtende Aura der Elben umgab sie. Als sie so dicht bei Fíli und Kíli war, dass ein ausgestreckter Arm sie berühren konnte, bemerkten die Beiden, dass die Elbin sogar noch ein Stück kleiner war, als sie selber. Nachdenklich legte Faendis ihren Kopf schief.
 

"Fiondir, ich habe noch nie Elbenkinder mit Bärten gesehen", sagte sie, erst mit ernster Miene, dann begann sie wieder verlegen zu kichern und sauste mit leichten Schritten um die Benannten herum, um sie zu mustern, sodass ihr hellgrünes Gewand nur so um ihre Beine wehte. Auch auf Kílis Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, ein Lächeln, wie es Fíli bei seinem Bruder schon sehr lange nicht gesehen hatte, und das frappierte ihn zutiefst.
 

"Kein Wunder, dass es so ist, denn wir sind weder Elben, noch Kinder", antwortet Kíli und in seiner Stimme lag gutmütiger Spott. Seine Erklärung ließ die Schritte der Elbin stoppen. Ihre Augen wurden groß und spiegelten ihre Verwirrung wieder. Hilfesuchend sah sie zu ihrem Bruder.
 

"Der Herr spricht die Wahrheit, Faendis. Erinnerst Du Dich nicht an die Geschichte, die Mutter Dir einmal vorgelesen hat? Über Aule, den großen Schmied, der die sieben Stammesväter der Zwerge erschuf, die dann in steinernen Hallen tief unter der Erde schliefen, bis ihre Zeit des Erwachens gekommen war?", erklärte Fiondir und er schien stolz darüber zu sein, die Geschichte wiedergeben und seine Schwester belehren zu können. Während die kleine Elbin zu verstehen schien und eifrig nickte, wechselten die Zwergenbrüder erneut einen Blick. So vieles erschien ihnen wunderlich an dieser Begegnung. Da war die kleine Faendis. Waren Elben normalerweise nicht hochgewachsen? Ihr Bruder entsprach von seiner Statur zwar den Vorstellungen, doch wirkten Beide ein wenig naiv und unsicher, was vielleicht die Erklärung für die Körpergröße lieferte. Außerdem schienen sie vollkommen unvoreingenommen zu sein, was die Konfrontation mit fremden Völkern, und ganz besonders mit Zwergen anging. Fiondirs Worten war zu entnehmen, dass sie nicht einmal etwas über die jüngsten Geschehnisse wussten, sondern nur die Legende um ihre Erschaffung kannten.
 

„Ja, das ist richtig, wir sind Zwerge. Mein Name ist Kíli, und das ist mein Bruder Fíli. Zu euren Diensten!“, sagte er feierlich und die Beiden verbeugten sich zusammen, „Bitte verzeiht mir meine Neugier, aber verratet mir, wie alt ihr seid“, sprach Kíli schließlich, denn das war seine eigentliche Frage. Er hatte so etwas erheiterndes schon lange nicht mehr gesehen, erheiternd auf eine ganz besondere Weise, denn es schien, als wurde ihm leicht ums Herz.
 

„Ich zähle 96 Jahre, mein Herr, und meine Schwester-“
 

„Und ich bin 31 Jahre alt“, rief die kleine Elbin aus und unterbrach damit ihren Bruder. Sie wiederum machte einen kleinen Knicks, so, wie sie es vielleicht bei anderen abgeschaut hatte und kicherte wieder, bevor sie fortfuhr, „Werdet ihr nicht größer? Ist das bei den Zwergen so?“ Sie wich einen Schritt zur Seite und blickte betreten zu Boden, als sie bemerkte, dass ihr Bruder sie ärgerlich ansah und sagte, dass man nicht so unhöflich mit Gästen sprach. Doch Fíli und Kíli waren nicht böse deswegen und es entwickelte sich ein kurzes Gespräch unter ihnen, in dem sie sich gegenseitig erklärten, wie es mit den Größenverhältnissen bestellt war. So stellte sich heraus, dass Fiondir und Fíli genau gleich alt waren, mit dem Unterschied, dass der Zwerg schon lange erwachsen war, der Elb jedoch gerade erst als ausgewachsen galt. Faendis wiederum war noch ein Kind und diese Phase dauerte bei den Elben länger, da auch ihre Lebensspanne um einiges länger war. Als den Zwergenbrüdern klar wurde, welch eine behütete Kindheit die Elbengeschwister führten, ohne das Wissen von Kriegen und all dem Dunkeln in der Welt, erkannten sie, dass dies wohl der Quell der unglaublich reinen Aura sein musste, die sie auch in späteren Jahren umgab. Denn so trübte nicht ihre eigene Wahrnehmung von der Welt und sie waren frei von allen bösen Gedanken.
 

„Wir sind unterwegs zu König Thranduil, um ihm unsere Aufwartung zu machen“, sagte Fíli nach einer Weile und er sah Fiondir nicken.
 

„Wir können euch den Weg zeigen, werte Herren“, sagte er und auch Faendis strahlte, um den Vorschlag ihres Bruders zu unterstützen. Die Zwerge nahmen das Angebot gern an, sodass die Elben sich an die Spitze setzten, um den kleinen Trupp anzuführen.
 

Während sie unterwegs waren, hatten die Zwerge genug Zeit, um ihre Blicke schweifen zu lassen, und diesmal waren sie nicht geblendet von Angst und Wut, wie bei ihrem ersten Besuch im Düsterwald. Sie wandten ihre Köpfe nach links und rechts, oben und unten, denn überall gab es etwas Neues zu sehen. Der Sitz des Königs war ein unterirdisches Höhlensystem, welches sich in die große prunkvolle Haupthalle und viele kleinere Höhlen gliederte, die weit verzweigt in den Wald hineinführten. Das Schöne an dieser Behausung war der Schutz, den sie bot, und gleichzeitig war es die Architektur. Obwohl es Höhlen waren, bekam man nie den Eindruck von drückenden Wänden und finsterer Atmosphäre, denn die Tunnel und Hallen waren nicht allzu tief unter der Erde, sodass die hohe Decke von Luft- und Lichtschächten durchzogen war, damit es innen immer hell und frisch war. Getragen wurde die Konstruktion von kunstvoll gearbeiteten Säulen, die den Eindruck von mächtigen Bäumen und Wurzeln vermittelten. Außerdem beleuchteten Lampen und Fackeln die Umgebung, sodass es niemals düster war - anders, als der Name 'Düsterwald' es vermittelte. Filigrane Brücken verbanden viele luftige Plattformen, die sich auf mehreren Ebenen erstreckten, und einen gar herrschaftlichen Anblick boten. Außerdem bahnte sich der Waldfluss seinen Weg mitten durch die große Haupthalle, die belebt wurde durch das fröhliche Plätschern des Wassers, sowie durch Musik und Gesang, die immer zur Unterhaltung des Königs erklangen.
 

Kíli gefiel es hier sehr. Er empfand es zwar als seltsam, dass es in Thranduils Hallen wegen der unterirdischen Bauweise durchaus Ähnlichkeiten zu zwergischer Architektur gab, doch waren die Unterschiede umso prägnanter. Alle Formen waren immerzu rund, wogegen Zwerge gern kantig bauten. Elbische Ornamente waren geschwungen und miteinander verschlungen, alles war darauf ausgelegt, die weichen Formen der Natur nachzubilden. Doch sie wurde nicht nur nachgeahmt, es wurde ihr auch Platz gelassen, denn immer wieder schlängelten sich Wurzeln über Stock und Stein und manchmal dienten sie auch als Brücke über eine kleine Schlucht. Außerdem zog sich ein grüner Teppich aus Moos entlang des Flusses über die angrenzenden Felsen. So hatte die Atmosphäre etwas durchweg positives, trotz der bedrohlichen Lage, in der sich der Düsterwald befand. Denn auch der Glanz, der die Elben selber umgab, schien über allem zu liegen.
 

Je näher sie der Haupthalle kamen, desto mehr Personen begegneten ihnen. Die Augen, die man auf sie richtete, waren zahlreich. Obwohl sich nun Elben und Menschen mischten, Angehörige verschiedener Reiche aus Süd, Ost und West, waren die Zwerge ein kleiner, aber ganz spezieller Beitrag zur Masse. Es war jedoch keine Feindseligkeit zu spüren, weder in Blicken noch in Gesten. Vielleicht war dies wirklich den Elbenkindern zu verdanken, die die Zwergenbrüder begleiteten, denn Fiondir und Faendis hatten dazu beigetragen, dass die Laune von Fíli und Kíli erheblich besser war als bei ihrer Ankunft in Thranduils Hallen, und das schienen die Personen um sie herum zu spüren. Vielleicht erinnerten sich auch alle an den Ausgang der großen Schlacht und an den Frieden danach, sodass sie von Zwergen nichts Böses mehr erwarteten. Doch vielleicht lag es aber auch besonders daran, dass niemand einen Feind hier im Inneren der ehrwürdigen Hallen sah, sondern dass aller Zorn nach draußen gerichtet war. Denn in ihrer Absicht, sich gegen Saurons dunkle Mächte zu stellen, waren sie vereinigt zu einer Streitmacht, die keine Trennung von Völkern und Rassen kannte.
 

Fiondir und Faendis schienen großen Spaß zu haben, durch die Menge zu Wandern und die vielen fremden Gesichter zu betrachten. Der untere Bereich am Fuße der Haupthalle war für die Versammlung zu einem Ort der Begegnung geworden. Säulen und Geländer waren geschmückt worden, als ob ein großes Fest gefeiert werden würde. Zahlreiche helle Lichter hingen von Decken und Brücken herab und ließen ihr freundliches Licht auf die Umgebung scheinen. Überall gab es Sitzgelegenheiten, die dazu einluden, zu angeregten Gesprächen und Diskussionen zusammen zu kommen. In der Luft lag der angenehme Duft von Blüten und von erlesenen Speisen, die für die Gäste bereitgestellt worden waren. Es fehlte an nichts. Doch trotz der üppigen Dekoration und der positiven Aura der Umgebung, lag eine gewisse Ernsthaftigkeit in der Luft, die jeden dazu veranlasste, zwar angeregt zu plaudern, doch nicht den Sinn und Zweck dieses Treffens zu vergessen.
 

Dann erblicken die Zwerge noch etwas. Weiter in der Ferne, auf einer weiteren höheren Ebene, befand sich ein auffälliges Gebilde auf einem aufgetürmten Steinsockel, gekrönt von einer filigranen Installation, die wie ein mächtiges, viel verzweigtes Geweih einen stattlichen Hirsches wirkte. Der helle Schein eines besonders dicken Lichtstrahls schwebte darüber wie ein hauchdünner Schleier und machte deutlich, dass sich dort etwas ganz Besonderes aufhielt. Fíli und Kíli hatten diesen Ort bei ihrem ersten Aufenthalt im Düsterwald nicht gesehen, nur ihr Onkel Thorin. Denn nur er war damals zu Thranduil, dem Elbenkönig gebracht worden – und nichts anderes war diese Stätte, als der Herrschersitz. Aus der Entfernung konnte man nicht sehen, ob dort in diesem Moment gerade jemand weilte, doch die Präsenz des Schirmherrn dieser Versammlung war deutlich über allem zu spüren.
 

Plötzlich kam ein Elb geradewegs auf sie zu. Er war groß, wie alle anderen Angehörigen seines Volkes, doch er hatte etwas an sich, was ihn noch größer erscheinen ließ. Sein Haar war dunkelbraun wie Ebenholz und seine Augen waren wachsam. Außerdem trug er eine leichte goldene Rüstung, anders als die Gäste, die meistens in edle Festgewänder gekleidet waren. Das Schwert, welches für jeden sichtbar an der Seite des Elbs hing, machte deutlich, dass er zur Wache gehörte, die bei der Versammlung für Ruhe und einen ungestörten Ablauf sorgen sollte.
 

"Vater!", rief Faendis freudig aus und rannte dem Elb lachend entgegen. Ihr Bruder Fiondir hingegen blieb stehen und kniff unheilvoll die Lippen zusammen. Man konnte glauben, dass er nicht ganz darauf erpicht war, seinem Vater hier und jetzt zu begegnen - und er sollte Recht behalten. Der große Elb schien nicht überrascht zu sein, seine Kinder hier zu sehen, doch war er darüber wohl auch nicht glücklich. Er ließ es geschehen, dass seine Tochter ihn um den Bauch umarmte und legte ihr behutsam seine Hand auf den Kopf, doch sein Blick wurde streng.
 

„Fiondir, Faendis, was tut ihr hier? Habe ich euch nicht geboten, zu Hause zu bleiben?“, sprach er und seine Stimme war tief und melodisch, sodass selbst die Schelte aus seinem Mund mild und gütig klang. Die Elbenkinder schienen trotzdem betrübt zu sein.
 

„Aber wir haben so ein schönes Fest noch nie gesehen! Und Freunde gefunden haben wir auch!“, rief Faendis hoffnungsvoll aus und erst jetzt bemerkte ihr Vater die beiden Zwerge, die hinter dem großen Fiondir gegangen waren. Stumm betrachtete er sie für eine Weile, dann deutete er eine leichte Verbeugung an.
 

„Seid gegrüßt, Söhne aus der Linie Durins, Prinzen des einsamen Berges. Mein Name ist Herendir, und mir obliegt es, zusammen mit den anderen Wachen für die Sicherheit aller Gäste zu sorgen. Ich hoffe, meine Kinder haben euch nicht belästigt“, sagte er höflich. Kíli und Fíli verneinten natürlich, denn sie hätten sich keine bessere Begrüßung vorstellen können. Gemeinsam gingen sie weiter und Herendir hatte ihnen einiges zu erzählen, über die Ehrengäste und ihr Gefolge, über die derzeitige Situation im Düsterwald und über den Ablauf des Ratstreffens. Nicht nur die Zwergenbrüder hörten interessiert zu, auch die Elbenkinder lauschten gebannt, denn vor allem für die kleine Faendis waren die Erzählungen neu. Doch es sollte nicht bei ihrem friedlichen Spaziergang bleiben.
 

Der vibrierende Signalton eines lauten Horns überdeckte plötzlich alle Stimmen und ließ die Menge schweigend zurück. Für einen Moment wusste niemand, was das zu bedeuten hatte und ein aufgeregtes Murmeln erhob sich nach einer Weile. Fíli und Kíli sahen sich verdutzt und besorgt an, und auch Herendir ließ seinen Blick alarmiert schweifen. Doch da waren schon Schritte und Schreie aus der Ferne zu hören, die immer näher kamen und auch ihre Rufe wurden immer lauter, bis ihre Worte zu verstehen waren.
 

„An das Südtor! Alle freiwilligen Krieger zum Südtor! Die Spinnen greifen an! Eine Reisegruppe aus Rohan ist in Gefahr!“, schallte es zu ihnen herüber und schon sahen sie eine Einheit goldglänzender und in Grün gekleideter Gestalten an sich vorbei jagen, Schwerter und Bögen in der Hand und in größter Eile. Es waren Wachen und andere Kämpfer des Waldlandreiches und von überall sah man Elben und Männer, die sich von ihren Plätzen lösten und sich dem Trupp anschlossen, obwohl sie, die Gäste, unbewaffnet waren. Plötzlich war alles in heller Aufruhr. Furcht und Zorn schwappte gleichermaßen über alle Personen hinweg, denn jeder empfand durch die neue Nachricht etwas anderes. Doch eines hatten alle gemeinsam: Mit einem Angriff, einem hinterlistigen Hinterhalt auf die Angehörigen des Rates, schien niemand gerechnet zu haben, obwohl die Sicherheitsmaßnahmen für die Versammlung hoch angesetzt worden waren. Hatten die bösen Mächte gespürt, dass man ihnen etwas entgegensetzen wollte? Wollten sie nun versuchen, die Formierung der Gemeinschaft schon im Keim zu ersticken, bevor sich zusammenkommen und dadurch noch stärker werden konnten? Doch sie unterschätzten den Geist, den Willen und die Kraft, die sich hier im Düsterwald versammelt hatte!
 

„Was passiert hier?“, rief Faendis und drückte sich ängstlich an ihren Vater. Sie zitterte und der Schreck war ihr ins Gesicht und die feuchten Augen geschrieben. Kíli sah sie an und ein kalter Schauer durchlief ihn, als er daran dachte, dass sie zuvor noch nie etwas Böses erlebt hatte. Was musste in ihr vorgehen? Ihre Welt war bisher immer friedlich und unangetastet gewesen und sie war noch ein Kind, welches frei von jeglichen Sorgen und Nöten aufwachsen sollte. Doch es war zu spät, sie hatte den Schrecken gespürt, den auch alle anderen nach Verkündung der Nachricht gespürt hatten. Kíli verspürte plötzlich eine brennende Wut, denn diese Ungerechtigkeit, die der kleinen Elbin wiederfuhr, hatte sie nicht verdient, noch nicht jetzt!
 

„Kümmere Dich nicht, mein Kind, es ist nichts geschehen! Fiondir, bringe Deine Schwester auf dem schnellsten Weg nach Hause und wartet dann, bis es wieder Entwarnung gibt!“, befahl Herendir seinem Sohn, nachdem er seine Tochter aufmunternd gedrückt hatte. Faendis sah immer noch unschlüssig aus und zögerte, den tröstlichen Platz in der Nähe ihres Vaters aufzugeben, doch sie blickte auf, als Kíli sich zu ihr stellte.
 

„Hab keine Angst! Hier bist Du sicher, denn wir alle werden Dich beschützen!“, sagte er mit einem breiten zuversichtlichen Grinsen und auch Fíli stimmte mit ein, obwohl er seinen Bruder zuvor einige Momente lang verwundert gemustert hatte. Welch ein Wandel, der sich bei dem jüngeren Zwerg vollzog! Fíli hatte ihn schon lange nicht mehr so euphorisch und voller Tatendrang gesehen! Dabei ging es um einen Angriff von dunklen gefährlichen Kreaturen, der nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Doch die feinen Züge der kleinen Elbin, die sich auf Kílis Worte hin aufhellten, waren Ansporn genug, sich der Bedrohung entgegenzustellen.
 

„Genau so soll es sein. Faendis, Fiondir, geht nun! Und ihr, Zwerge, kommt mit mir, wenn euer Mut groß genug ist. Ich werde schon passende Waffen für euch finden“, wandte sich Herendir schließlich an die Brüder. Kíli blickte den Elbenkindern nach, bis sie in der aufgewühlten Menge verschwanden, dann nickte er. Ja, er würde nicht zögern, für die Verteidigung dieses so schönen und idyllischen Ortes für den Frieden zu kämpfen. Mit Fíli an seiner Seite fühlte er sich stark und außerdem waren sie nicht hierhergekommen, um nur leere Worte zu sprechen! So liefen sie los, wieder weg von der Haupthalle, nun jedoch in eine andere Richtung, dorthin, wo der Angriff sich abspielte, um sich den widerlichen Spinnen entgegenzuwerfen und ihnen zu zeigen, dass mit ihnen nicht zu spaßen war!

maeth| Kampf

Der Klang von lauten Schritten schallte durch Gänge und Gewölbe. Schatten tanzten und huschten über Säulen und Wände. Die Musik war verklungen, sodass nur noch das Rauschen des Waldflusses erfüllte die Luft. Es war plötzlich ruhig geworden, doch nicht im Sinne von Stille, sondern auf eine andere Art. Denn es brach kein Chaos aus in Thranduils Hallen, als verkündet wurde, dass es einen Angriff auf das Südtor gab. Hofdamen, Würdenträger und Bedienstete zogen sich zurück in ihre Behausungen und sichere Höhlen und nur Krieger und Kampfwillige blieben zurück. Sie alle strömten geordnet und ohne Panik, geführt von ortskundigen Wachen, zum Ort des Geschehens.
 

Niemand konnte so schnell die persönlichen Waffen der Gäste herbeischaffen, die sich am Kampf beteiligen wollten. Doch man hatte dafür alles hergebracht, was in den Waffenkammern der Schutzwache des Düsterwaldes gefunden worden konnte und das war reichlich. Menschen und Elben aus anderen Reichen wurden nach ihren Vorlieben ausgestattet und so hatte Herendir, der zur Wache des Königs gehörte, auch zwei Kurzschwerter aufgetrieben, die für die Zwerge Fíli und Kíli angenehm zu tragen waren. Es fand sich auch eine Axt, die niemand haben wollte, derer Fíli sich jedoch gern bediente, und ein kompakter Bogen wanderte in Kílis Hände, der durchaus geschickt mit dieser Waffe umgehen konnte. Herendir schien mit seinem Werk zufrieden zu sein, doch er runzelte die Stirn, während er die Zwergenbrüder betrachtete.
 

„Ich weiß sehr wohl, dass Ihr der Thronfolger des Erebor seid, Meister Fíli. Deshalb zögere ich, Euch und Euren Bruder in diesen Kampf zu führen. Es mag euch vielleicht nichtig erscheinen, dieser Angriff der Spinnen, doch sie sind listig und haben unsichtbare Waffen, die gefährlicher sind als ihre Netze und Giftzähne“, mahnte er und es war ihm anzumerken, dass er das nicht nur in formeller Absicht sagte. Fíli, der sich durch die Worte respektiert und zur Gemeinschaft zugehörig fühlte, schlug sich mit der Faust an die Brust.
 

„Sorgt Euch nicht, wir haben die Spinnen schon einmal bekämpft. Deshalb wissen wir, was uns erwartet. Außerdem sind wir nicht hier her gekommen, um Muße zu tun, denn es wird keinen Frieden geben, wenn wir uns verschanzen und nur dabei zusehen, wie sich die dunklen Mächte ausbreiten“, sprach der blonde Zwerg und seine Worte schienen sich nicht nur auf die derzeitige Lage, sondern auch auf die Situation des Einsamen Berges zu beziehen, denn dort stand das Leben schon seit einiger Zeit still. Herendir nickte daraufhin wohlwollend und auch Kíli war beeindruckt von der kurzen, aber eindringlichen Rede seines älteren Bruders. Er fühlte genau so, doch er hatte verlernt und vergessen, was es hieß, mit starkem Willen voranzugehen, um anderen ein Vorbild zu sein, sich nicht unterkriegen zu lassen und vor allem, sich selbst treu zu bleiben. So festigte sich Kílis Griff um seine Waffen und er folgte dem Elb und Fíli, als sie losrannten, um sich unter die Krieger zu mischen, die darauf warteten, aus dem Tor gelassen zu werden.
 

Da erschallte erneut das Signalhorn und die Flügel des Tores begannen sich zu öffnen. Plötzlich fühlte Kíli sich von Adrenalin durchströmt und das Gefühl seines pochenden Herzens und seinen kribbelnden Händen und Füßen war mehr als angenehm. Zu lange hatte er kaum etwas anderes gefühlt als Zorn und Kälte, doch die Spannung und Aufregung brachte eine ungewöhnliche Wärme mit sich. Sie erinnerte ihn an die Zeit vor der Zurückeroberung des Erebor, einer rauen und schwierigen, aber doch herzlichen, hoffnungsvollen Zeit. Es war das gute Gefühl, für etwas einzustehen, etwas Sinnvolles zu tun und sein eigenes Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Er sah die großen Gestalten von Menschen und Elben an sich vorbeiziehen, er schaute in determinierte Gesichter und wurde vom reflektierenden Licht blanker Waffen geblendet, doch er spürte keine Angst aufgrund des bevorstehenden Kampfes.
 

Er und Fíli sahen sich an und es brauchte keine Worte, damit sie sich gemeinsam der Menge anschlossen. Kaum hatten sie einen Schritt durch die Mauern von Thranduils Fürstensitz getan, umfing die kühle, unheilvolle Luft des Düsterwaldes jeden einzelnen der Krieger und ließ sie unweigerlich stocken. Der Wandel der Umgebung war so drastisch, dass es einen Moment dauerte, bis man sich wieder daran gewöhnte und seinen Mut neu aufbaute. Tatsache blieb, dass sie alle durch diesen finsteren Wald gekommen waren, um zu der Versammlung in Thranduils Hallen zu gelangen, doch die dort vorherrschende behagliche und friedliche Aura hatten sie nur allzu schnell und gern als selbstverständlich angenommen.
 

Die Tore zum Elbenreich schlossen sich wieder hinter ihnen und das machte ihnen allen klar, dass es jetzt wirklich ernst wurde. Eine merkwürdige Stille breitete sich aus, als jeder auf verräterische Geräusche zu horchen versuchte. Doch da war nichts. Ein leichter Wind wehte leise pfeifend durch das Geäst der Bäume und als Fíli und Kíli nach oben blickten, wurde ihnen erneut klar, warum der Wald diesen schrecklichen Namen erhalten hatte. Es war durchdringend dunkel, obwohl es eigentlich erst Nachmittag sein durfte, doch die Kronen der Bäume waren zu einem dichten, ja undurchdringlichen Teppich verwoben, durch den nicht mal der klare Lichtstrahl einer kräftigen Sommersonne scheinen könnte. Doch so dicht die Äste auch waren, sie wirkten mickrig und krumm. Auch die Stämme und die Rinde der Bäume selber wirkten kränklich. Die alten Gehölze, die hier wohl schon seit vielen hundert Jahren standen, waren zwar noch von geradem Wuchs, so, wie zu ihrer besten Zeit, doch sie hatten Risse, sahen vertrocknet aus und waren mit Pilzen und Flechten überwuchert. Zwischen den alten Bäumen reckten sich auch neue Schösslinge empor, doch sie hatten noch nie das Glück gehabt, je den blauen Himmel zu sehen. Deswegen wuchsen sie schief und verkümmert dahin, sollten sie einen Platz gefunden haben, im Boden Halt zu finden. Denn das war die nächste katastrophale Erkenntnis: Es schien kaum mehr fruchtbare Erde zu geben. Der Boden bestand nur noch aus Fels und knorrigen Wurzeln, die sich vergeblich ausbreiteten, um nach Nahrung und festem Stand zu suchen.
 

All das hatten Fíli und Kíli schon bei ihrem ersten Aufenthalt im Wald gesehen, doch war es ihnen erstens nicht so sehr bewusst geworden, und zweitens waren sie damals anderweitig beschäftigt gewesen. Nun jedoch erblickten sie Herendir, der sich auf einen Stein gestellt hatte und gut sichtbar sein Schwert hob, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen.
 

"Schnell, Gefährten, wir müssen uns beeilen. Die Ruhe kann nur eines bedeuten: Die Spinnen bereiten ein Festmahl vor!", sagte er mit bedeckter Stimme, um durch laute Worte kein unnötiges Interesse bei den dunklen Waldbewohnern zu wecken. Doch alle hörten ihn und jeder war sogleich darauf erpicht, einen Überraschungsangriff zu starten. Kíli konnte sich gleichermaßen denken, was passiert war, denn er und seine Freunde waren selber einmal Gefangene der Spinnen gewesen und die Erinnerung daran war alles andere als angenehm. Deshalb wusste er, dass sie schnell handeln mussten.
 

Sie waren eine Gruppe von ungefähr vierzig Kriegern, weshalb sie eigentlich alles andere als unauffällig waren. Doch der Ort des Geschehens konnte nicht weit sein. Man konnte aber nicht weit sehen, denn ein seltsamer wabernder Nebel hing über dem Boden, sodass ihre Sichtweite beschränkt war. Schritt für Schritt schoben sie sich vor, um einiges vorsichtiger als zuvor, denn der sterbende Wald hatte eine einschüchternde Ausstrahlung, die in jedem ein beklemmendes Gefühl hinterließ, aber gleichzeitig jedem die Notwendigkeit dieses Treffens deutlich machte: Denn so konnte es nicht weitergehen, nicht nur mit diesem Ort, sondern mit jedem Landstrich dieses Kontinents. Wenn die dunklen Schatten weiter um sich greifen sollten und Wiesen und Wälder, Berge und Täler, die Heimatländer der verschiedenen Völker vergiften würden, dann waren die Tage von Mittelerde gezählt. Und niemand hier wollte das zulassen.
 

Sie schlichen dahin und schienen alle beinahe ihren Atem anzuhalten, zum Zerreißen gespannt wie ein elbischer Langbogen. Schon das leiseste Knacken eines Astes unter den Füßen der Krieger ließ einen Jeden zusammenzucken. Von den Ankömmlingen aus Rohan war keine Spur zu sehen. Auch die Waldlandelben, die den Elbenweg dieser Tage zu Sicherheit der Gäste bewachten, waren wie vom Erdboden verschluckt. Kílis Herz schlug hart gegen seine Brust. Er wagte es kaum, zu schlucken, um bloß nicht abgelenkt zu sein. Unaufhörlich wandte er seinen Kopf von einer Seite zur anderen, damit ihm ja nichts entging. Ihm war kalt, obwohl er spürte, wie die Haare in seinem Nacken durch heißen Schweiß an seiner Haut klebten. Schon zum gefühlt hundertsten Mal drückte er den Griff des kurzen Schwertes, denn die Waffe fühlte sich gut unter seinen Fingern an. Es war, als hätte sie das Gewicht einer Feder und ihre silberne Klinge war so blank und makellos, dass man glauben konnte, sie wäre noch nie in einen Kampf gezogen. Doch die abgegriffenen Lederriemen, die um das Heft des Schwertes gewickelt waren, erzählten eine andere Geschichte. Kíli wusste automatisch, dass die Waffe schon viele gute Dienste geleistet hatte, bisher jedoch noch nie ihren wahren Herrn gefunden hatte. Ihn würde sie bestimmt nicht enttäuschen, dessen war der Zwerg sich sicher. Seiner Augen folgten der scharfen, erhobenen, mit Gravuren veredelten Klinge, bis zu deren Spitze – und er erstarrte mitten in einem Schritt.
 

„Halt! Kíli, was ist?“, zischte Fíli, der bemerkt hatte, dass sein Bruder neben ihm stehen geblieben war. Er befürchtete, dass die Personen, die hinter ihnen gingen, sie aufgrund ihrer minderen Körpergröße überrennen könnten, doch er machte sich umsonst Sorgen. Auch die anderen Krieger wurden langsamer, denn sie schienen etwas zu bemerken, was Fíli bisher entgangen war. Kílis Augen waren aufgerissen, als er seinen Arm hob, um nach oben zu deuten, ohne seinen Blick abzuwenden.
 

„Sie sind über uns“, flüsterte er und sein älterer Bruder verstand sofort. Innerlich schalt Fíli sich dafür, dass er früher nicht daran gedacht hatte, denn es machte plötzlich alles einen Sinn. Langsam legte auch er seinen Kopf nach hinten und er erschauderte, als er über ein Dutzend weiß schimmernder Kokons sah, die von den Ästen der Bäume hingen und träge hin und her pendelten. Es war also doch schon so weit gekommen! Die Spinnen hatten ihre Beute überwältigt und eingewickelt und sie völlig hilflos ihrem Schicksal überlassen, welches da der sichere Tod war! Doch die Kokons waren noch prall, was bedeutete, dass ihr Inhalt noch lebte und nicht bereits ausgesaugt worden war.
 

Und eine weitere Erkenntnis lief durch die Gruppe der Krieger. Einer begriff es schnell, einer langsamer, doch sie kamen schließlich alle zu demselben Schluss: Die Tatsache, dass die Spinnen ihren Fang einsam hängen ließen, konnte nur bedeuten, dass sie noch mehr Beute gewittert hatten. Das konnten entweder sie selber sein, oder-
 

„lhingril!“ Köpfe drehten sich hastig herum, als eine dröhnende Stimme ertönte, die laut das elbische Wort für Spinne rief. Doch die Stimme kam von weiter weg, aus östlicher Richtung, abseits des Weges, auf dem sie sich befanden. In den Gesichtern der Krieger spiegelte sich Verwirrung und Unentschlossenheit, denn sie Situation hatte sich plötzlich verändert, wie es keiner erwartet hatte. Sie waren auf einen Kampf vorbereitet gewesen, doch die Spinnen hatten sich wohl verzogen. Herendir, der sich als Anführer des kleinen Heeres herauskristallisierte, sprach einige Befehle, die Fíli und Kíli nicht verstanden und winkte alle gleichzeitig zu sich.
 

„Folgt mir!“, rief er und stürmte schon leichtfüßig voraus, als würde er Stock und Stein an jedem Flecken kennen. Einige Elben, die ihrer Rüstung nach zu urteilen zu den Wachen von König Thranduil gehörten, blieben zurück und begannen mit ihren Pfeilen und Bögen auf die Spinnfäden zu zielen, mit denen die Kokons aufgehängt waren, um die Gefangenen zu befreien. Sie scheinen zu wissen, was sie da taten, weswegen sich die Anderen gemeinsam Herendir anschlossen. Ihr Ziel war eindeutig: Die Kampfgeräusche wiesen ihnen den Weg, dem sie folgen mussten. So ging es über dicke Wurzeln, über gräuliches Moos und Unkraut, über große Findlinge, die ihnen das Weiterkommen erschweren wollten. Doch jetzt, da die Krieger die Spinnen ausgemacht hatten und wussten, dass diese mit jemandem kämpften, die ihre Hilfe gebrauchen konnten, ließen sie sich von Nichts aufhalten.
 

Ganz in der Nähe ertönte auf einmal ein Rascheln und ein Zischen - und kaum hatte Kíli seinen Kopf herumgerissen, sauste schon eine Salve von Pfeilen an ihm vorbei. Ihr Ziel war eine riesige Spinne, die plötzlich in atemberaubender Geschwindigkeit auf sie zu gekrabbelt kam. Der Anblick lähmte für einen Augenblick die Beine des Zwerges, obwohl er so einer Kreatur schon einmal gegenüber gestanden war. Doch es war keine Aussicht, an die man sich so einfach gewöhnen konnte. Acht behaarte Beine, ein aufgedunsener Körper, mächtige Kieferklauen und schleimige Taster, riesige dunkle Augen - und ein fürchterlicher Gestank nach ätzendem Gift und Verwesung, sodass nicht nur die Augen, sondern auch die Nase sich wünschten, weit, weit weg zu sein. Das Tier bäumte sich auf, als die Pfeile es in den Thorax trafen und das hochfrequente Quieken, welches es ausstieß, machte allen endgültig bewusst, dass es jetzt erst richtig losging; denn nun war jedem klar, Mensch, Elb, Zwerg und sogar auch den dunklen Geschöpfen, dass der Überlebenskampf begann.
 

Kíli schüttelte heftig seinen Kopf und atmete mit einem forschen Stoß aus. Er musste auf der Hut bleiben und durfte nicht mehr allzu viel nachdenken! Die Elben hatten die Spinne viel eher bemerkt als er, denn bevor er auch nur mit einem Muskel gezuckt hatte, hatten sie schon zum Angriff angesetzt. Lange würde er nicht auf den Beinen stehen, wenn er sich weiterhin so unachtsam und träge verhielt. Er wollte schon loslaufen, so wie einige der Menschenkrieger es getan hatten, um die angeschlagene Spinne zu erledigen, da fühlte er sich gepackt und sah überraschend in das Gesicht seines Bruders. Er hielt ihn fest an den Schultern und seine Miene war todernst.
 

"Mach ja, dass Du hier heil wieder rauskommst! Versprich es mir!", rief Fíli mit einer Mischung von Drohung und Furcht in der Stimme, als ob er sich nicht entscheiden konnte, was er seinem Bruder anraten sollte. Kíli fühlte, wie Fílis Hände zitterten und war darüber mehr als überrascht. Sie hatten schon weitaus gefährlichere Situationen und Schlachten durchlebt und sie kannten die Fähigkeiten des jeweils anderen – und vertrauten einander. Daran konnte die unnötige Besorgnis seines Bruders nicht liegen. Da kam Kíli ein anderer Gedanke und dieser trübte seine Laune ein wenig: Vielleicht hatten seine Mutter Dís und möglicherweise auch Thorin dem blonden Zwerg eingebläut, er sollte auf seinen jüngeren Bruder aufpassen, und das auf so übertrieben strenge Weise, dass Fíli nicht anders konnte, als sein Wort zu halten. Kíli war für einen Moment wütend, denn es ging ihm gegen den Strich, dass seine Mutter und sein Onkel ihn nicht mehr für zurechnungsfähig hielten. Der Einzige, der nämlich nicht mehr richtig beieinander war, war Thorin. Und seine Mutter ließ sich von dieser Verrücktheit irgendwie anstecken. Früher war sie anders gewesen. So hatte sie ihre Söhne zwar mit einem weinenden Auge auf die große Reise gehen lassen, doch damals hatte sie ihnen vertraut, dass alles gut gehen würde. Jetzt aber ließ Kíli das alles mit einem schnaubenden Lachen hinter sich. Er war weit weg vom Erebor und egal was passierte, es würde mit Stolz und Zuversicht geschehen.
 

"Natürlich! Das Gleiche gilt aber auch für Dich", erwiderte der Jüngere der Beiden und zwinkerte Fíli dabei zu. Er dauerte einen Moment, doch Fíli schien sich schnell wieder zu entspannen, sodass auch seinen Mund ein Grinsen zierte. Noch einmal packte er zu und schüttete seinen Bruder neckisch.
 

„Gut, dann wie in alten Zeiten?“, fragte er und als Kíli bejahte, fühlten sie sich für einen Augenblick wirklich um Jahre zurückversetzt, auch wenn die Situation wirklich nicht die Beste war, um sich an unbeschwerte Tage zu erinnern. Und schon einen Atemzug später brandete das Dunkel gegen sie wie eine Flutwelle gegen die Steilküste des Meeres, doch genauso wie die Felsen hielten sie stand. Rücken an Rücken kämpften die beiden Zwerge, als wie aus dem Nichts eine Armee von Spinnen aus ihren Verstecken an die Oberfläche kam und die Krieger regelrecht überrannten. Niemand hatte sagen können, wie viele der dunkeln Kreaturen zu ihrem Angriff an den Rand von König Thranduils Reich gekommen waren, doch es hätten auch weniger oder mehr sein können; der bloße Anblick der haarigen Körper und der nadelspitzen Giftzähne ließ jeden mindestens einmal bereuen, überhaupt einen Schritt aus den sicheren Hallen des Elbenkönigs getan zu haben. Doch es war keine Zeit, sich diesen Gedanken hinzugeben. Menschen, Elben und Zwerge hatten jeweils nur zwei Arme und zwei Beine, die ohne Rüstung und Waffen nicht halb so wehrhaft waren wie die gelenkigen, mit Chitin gepanzerten Gliedmaßen der Spinnentiere. Doch indem sich Fíli und Kíli gegenseitig Rückendeckung gaben, waren auch sie gefährliche Gegner. Fíli benutze sein Schwert und seine Axt mit einer Geschicklichkeit, die nur ein Zwerg gleichzeitig mit diesen beiden Waffen aufbringen konnte. Reihenweise fielen ihm Beine zum Opfer, wenn sich eine Spinne zu nahe an ihn heranwagte, denn die scharfen Klingen sausten nur so vernichtend herab. Kíli bediente sich abwechselnd seines Schwertes und seines Bogens, denn so konnte er, wenn er eine Kreatur mit einem gut gezielten Hieb vertrieben hatte, die Nächste, weiter entfernte, mit einem Pfeil auf Abstand halten.
 

Während die Brüder auf diese Weise eher an einer Stelle blieben und sich nur im Kreis drehten, war das Geschehen um sie herum wie ein heilloses Durcheinander. Doch keine Formation konnte den Spinnen standhalten, die sich perfekt an ihren Lebensraum angepasst hatten. Sie konnten aus jeder Himmelsrichtung angreifen, außerdem kletterten sie die Bäume hoch und sprangen dann auf ihre Opfer herab. Bisher hielten sich die Kämpfer zwar gut und hatten bereits schon ein paar Erfolge erzielt, doch die Situation besserte sich nicht merklich. Auch nach einer Weile schien niemand die Oberhand gewinnen zu können, auch als die Elbenkrieger, die sich um die eingesponnenen Gefangenen gekümmert hatten, wieder zu der Gruppe dazu stießen. Verwunderlicher Weise war immer noch nichts von den anderen Kämpfern zu sehen, deren Stimmen sie vorhin gehört hatten.
 

Ein lautes Fauchen ließ Fíli und Kíli gleichzeitig nach oben blicken. Plötzlich hatten sich über ihnen mindestens ein Dutzend Spinnen gesammelt; die tatsächliche Anzahl war wegen der Dunkelheit und der vielen Beine kaum auszumachen. Doch gleichzeitig näherten sich auch auf dem Boden mehrere der Kreaturen. Da ertönte ein schriller hoher Ton und als ob sie sich abgesprochen hätten, gingen alle Spinnen gleichzeitig auf sie los. Menschen, Elben und Zwerge versuchten, sich zu sammeln und die Tiere zurückzuschlagen, doch sie hatten keine Chance. Die Spinnen versuchten, sie auseinander zu treiben, denn nur, wenn sie vereinzelt waren, gaben sie leichte Beute ab. Mehrere kleinere Tiere pflügten durch die Menge hindurch. Diejenigen, die von den dunkeln Geschöpfen gerammt wurden, gingen zu Boden oder wurden zur Seite geschleudert. Angsterfüllt sprangen die Krieger davon, nur, um von weiteren Spinnen abgefangen und eingekreist zu werden. Das Blatt hatte sich schneller gewendet, als man bis Drei zählen konnte. Es sah nicht gut aus.
 

Kaum hatte Fíli sich versehen, da war er von Kíli getrennt. Das, was er so unbedingt hatte vermeiden wollen, war eingetreten. Hektisch suchend drehte er sich um seine Achse, doch alles was er sah waren Elben und Menschen in schimmernde Rüstungen, die mit riesigen behaarten Tieren kämpften. Doch nirgends war ein Zwerg zu sehen. Fílis Herz schlug schneller. Er hatte seiner Mutter tatsächlich versprechen müssen, Kíli nicht aus den Augen zu lassen. Sie hatte ihm nicht mit Konsequenzen gedroht, doch der Ton ihrer Stimme hatte ihn irritiert. Sie schien nicht damit einverstanden gewesen zu sein, dass Kíli mit ihm in den Düsterwald reiste, doch Thorin hatte es so gewollt und auf die Bitte seiner Schwester keinen Wert gelegt – weshalb Fíli die Kinderfrau spielen sollte, für jemanden, der absolut kein Kind mehr war. Plötzlich nahm Fíli sich eine Sache vor: Er würde Kíli endlich ganz direkt darüber fragen, was Sache war, damit dieses unerträgliche Rätselraten und das Jonglieren der Sympathien irgendwann ein Ende hatte! Doch dafür musste er seinen Bruder wiederfinden und zwar unversehrt.
 

Plötzlich stellte sich eine Spinne in seinen Weg und richtete sich bedrohlich auf. Todbringende, vor Gift triefende Kieferklauen schoben sich in sein Gesichtsfeld – damit war nicht zu spaßen! Es blieb Fíli nicht übrig, als seine Beine in die Hand zu nehmen und den Rückzug anzutreten. Er musste den Vorteil seiner geringeren Körpergröße ausnutzen und hatte auch schon etwas im Blick. So schnell er konnte rannte er los und tauchte unter einer abstehenden Wurzel hindurch, die die Spinne hoffentlich für einen Moment aufhalten und ihm ein wenig Vorsprung geben würde. Jetzt wünschte er sich einen Bogen zur Hand, doch den besaß er nicht. Wenigstens ging sein Plan auf. Obwohl die Spinne wendig war und das Hindernis leicht überwand, verlor sie bei seiner Verfolgung ein paar kostbare Momente. Fíli stellte sich entschlossen hin, suchte eine gute Standposition, holte aus und schleuderte dem hartnäckigen Vieh seine Axt entgegen, damit die scharfe Schneide ihm ja den Schädel spalten würde. Doch unglaublicher Weise schaffte es die Spinne, der Waffe auszuweichen, sodass sie an ihr vorbei flog und stattdessen zitternd in einen Baum einschlug. Der Zwerg fror auf der Stelle ein. Das konnte nicht sein! Das Tier war zu schnell, er konnte es nicht treffen. Er hatte zwar noch sein Schwert, doch wie sollte er es einsetzen, wenn es sein Ziel nie treffen würde? Das Kreischen der Spinne weckte Fíli wieder aus seiner Starre und ihm fiel nichts anderes ein, als Reißaus zu nehmen. Seine Füße flogen regelrecht über den Boden und er hatte keinen Moment Zeit über seinen Weg und seine Richtung nachzudenken.
 

Eine Nebelwand zog vor ihm auf und Fíli tauchte in sie hinein. Der Untergrund unter seinen Sohlen änderte sich, er wurde weicher, denn er lief plötzlich über feuchte Erde. Doch es kümmerte ihn nicht, er wollte nur weg. Plötzlich klatschte ihm etwas ins Gesicht und erschrocken blieb er wieder stehen. Außer Atem griff er sich an die Stirn. Etwas Klebriges haftete an seiner Haut und er bekam es fast nicht von seinen Augen los. Als er es jedoch schaffte und seine Finger betrachtete, sah er, dass es aus feinen weiße Fäden bestand, die zu einem Netz verwoben waren. Er hob seinen Blick und realisierte, dass es kein Nebel war, der ihn umgab, sondern Spinnennetze. Da wurde dem Zwerg plötzlich klar, dass er durch die Flucht seine Lage nicht verbessert, sondern noch verschlimmert hatte. Sein Herz rutschte ihm sprichwörtlich in die Hose. Er hatte sich von seinen Kammeraden entfernt und war in ein Nest der Riesenspinnen geraten. Erneut erstarrte er, diesmal, weil ihm bewusst war, dass er sich nicht mehr bewegen durfte. Denn jeder einzelne Faden, den er berühren würde, könnte ihn verraten. Fíli brach in Schweiß aus. Er saß in einer Zwickmühle sondergleichen.
 

Sein Blut rauschte in seinen Ohren, als er vorsichtig einen Blick nach oben riskierte. Er hörte ein leises Rascheln, obwohl er sich nicht entscheiden konnte, ob es sich nicht nur um seinen rasselnden Atem handelte. Doch er irrte sich nicht: Über ihm krabbelten kleinere Ausgaben der Spinnen über die Netze, schienen ihn aber bisher noch nicht entdeckt zu haben. Eine Kinderstube. Beinahe hätte Fíli gestöhnt, weil er nicht fassen konnte, in was für eine Lage er sich bugsiert hatte. Feige geflohen war er, anstatt seinen Mut zusammenzunehmen und die üble Kreatur von sich aus anzugreifen und zu erledigen. Wo war sein Zwergenstolz geblieben? Vielleicht hatte er schon viel zu lange nicht mehr gekämpft und sich faul auf den Lorbeeren ihrer großen Sieges gerastet. Doch lange Zeit, um sich auszuruhen und nachzudenken, war ihm nicht beschieden. Die Spinne hatte sich nämlich nicht abhängen lassen. Kreischend, als wäre sie empört darüber, dass er in die Nähe des Spinnennachwuchses gekommen war, sprang sie auf Fíli zu. Er warf sich nach vorne, in der Hoffnung, dass die Netze nicht allzu dicht waren. Tatsächlich hatte er recht, denn kaum hatte er zwei Schritte gemacht, brach er durch ins Freie – doch die wenigen Fäden, die sich dadurch um ihn gewickelt hatten, waren so klebrig und fest, dass sie seine Arme an seinen Körper hefteten. Zappelnd und sich windend versuchte er, sich zu befreien, doch es half gar nichts. Nein, er verstrickte sich sogar noch mehr in der klebrigen Spinnenseide. So lag er da, zusammengeschnürt wie ein Paket und konnte sich nicht rühren.
 

Er hörte, wie die Spinne auf ihn zu kam, wie ihre vielen Beine rhythmisch dumpf auf dem aufgeweichten Boden trommelten. Die paarig angeordneten Augen betrachteten ihn gierig, während die Kieferklauen gegeneinander schabten, in Vorfreude auf ihr bevorstehendes Mahl. Sollte so Fílis Ende aussehen? Vor nichts anderes fürchtete er sich so sehr, wie vor einem langsamen Dahinsiechen, gelähmt durch Gift, welches sein Inneres nach und nach zersetzte! Nein, das durfte nicht sein! Da meinte Fíli einen hellen Lichtstrahl zu sehen, der von der Seite herangeschossen kam und die Spinne über ihm durchdrang, wie ein heißes Messer, welches mühelos durch Butter glitt. Lautlos, wie vor Panik verstummt, wich das abscheuliche Tier zurück, begann zu zucken und fiel schließlich kraftlos zu Boden, von wo es niemals mehr aufstehen sollte. Es wurde plötzlich hell um den Zwerg herum, ein sanftes Leuchten wie das eines vollen Mondes. Das Gefühl von Ruhe und Frieden schien ihn zu durchfließen und er spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel.
 

"lhingril!", hörte er erneut jemanden sagen, diesmal ganz nahe. Mehrere schemenhafte Gestalten brausten an ihm vorbei, in die Richtung der noch lebenden und kämpfenden Spinnen. Das Licht jedoch blieb, und als Fíli den Willen aufbringen konnte, um den Blick zu heben, da wurden seine Augen geschmeichelt von einer schimmernden Silhouette, die neben ihm stand und sich über ihn beugte. Es war eine hochgewachsene, schlanke Gestalt, gekleidet in golden glänzendes Gewirke, und sie hielt ein langes Schwert mit schmaler Klinge in der Hand, dessen Schneide ein Licht reflektierte, welches nicht von dieser Welt zu kommen schien. Die Gestalt streckte ihre Finger nach ihm aus und durchtrennte mit ihrer Waffe die Spinnfäden, die sich so einschnürend um seinen Körper gewickelt hatten. Plötzlich konnte Fíli wieder richtig atmen und als er sehnsüchtig Luft holte, war seine Kehle so trocken, dass ein Hustenanfall ihn durchschüttelte. Keuchend setzte er sich mühsam auf, doch die Gestalt neben ihm vermittelte wohltuenden Trost, wie auch immer sie dies vollbringen konnte. Nach einer Weile ging es Fíli wieder besser, und als er nach oben schaute, war da ein noch stärkeres Leuchten, welches ihm die Sicht auf das Gesicht der Person verwehrte. Er wollte etwas sagen, doch die Gestalt kam ihm zuvor.
 

"Sorge Dich nicht, es ist bald vorbei. Gemeinsam werden wir das Dunkel zurückdrängen", sprach eine samtene, weibliche Stimme, der Fíli sofort Glauben schenkte, denn wie konnte er etwas Gegenteiliges annehmen in der Gegenwart dieses heilsamen Lichtes? Er bemerkte, wie vom Hals seiner Retterin eine kunstvoll gearbeitete Kette hing, ein Schmuckstück von außergewöhnlicher Schönheit, mit einem milchig-blauen schimmernden Stein, der mit feinstem Silber eingerahmt und verflochten war. Fíli wusste nicht warum, doch der Anblick erweckte eine Ehrfurcht in ihm, die ihn in kalte und heiße Schauer tauchte.
 

"Gleich ist jemand bei Dir", fuhr die Gestalt sanft fort, und schon richtete sie sich auf, raffte ihr Gewand und eilte mit schnellen, geschmeidigen Schritten davon. Mit reichlich verwirrter Miene sah der blonde Zwerg ihr hinterher, wie sie zwischen den Bäumen verschwand, ihr Schwert zum nächsten fatalen Streich erhoben.
 

„Fíli!“, rief jemand und kaum war er wieder alleine, da sprang Kíli plötzlich hinter einem niedrigen Gestrüpp hervor, heftig nach Luft schnappend und rot im Gesicht. Als er seinen Bruder sah, fiel ihm ein sehr großer Stein vom Herzen. Denn obwohl er sich vorhin über die übertriebene Sorge von Fíli gewundert hatte, war es ihm nicht anders ergangen, als er bemerkt hatte, dass von dem Blonden auf einmal jede Spur gefehlt hatte. Jetzt kniete er sich neben ihn und umarmte ihn kräftig. Zusammen blickten sie auf die tote Spinne, die unweit von ihnen entfernt auf dem Boden lag.
 

„Es war sehr knapp. Aber es wurde mir großes Glück zuteil“, sagte Fíli mit völlig erschöpfter Stimme. Es hätte wirklich ganz anders ausgehen können, doch dass er nun wieder bei seinem Bruder war, machte alles ungeschehen – fast alles, denn das Licht, das würde er nie wieder vergessen.

naeth | Kummer

Kíli lag da und er wurde nicht satt, seinen Blick schweifen zu lassen. Er und sein Bruder hatten gemeinsam ein Zimmer zugewiesen bekommen, in dem sie sich ausruhen und wieder frisch machen konnten. Man hatte sie hierher geführt und sich entschuldigt, ihnen keine getrennten Gemächer anbieten zu können. Doch die Kapazitäten der Gästezimmer in Thranduils Hallen befanden sich wegen der Versammlung an ihrem Limit und niemand sollte benachteiligt werden. Die Zwerge waren sofort einverstanden gewesen, denn sie waren doch Brüder und Vertraute, weswegen es keine Befangenheiten zwischen ihnen gab. Hätten sie gewusst, was auf sie wartete, hätten sie sicherlich noch schneller zugestimmt.
 

Das Zimmer war für sich allein schon ein kleiner Saal, wie eine geräumige Wohnhöhle. Durch die Eingangstür trat man in den weitläufigen Hauptraum, in den durch einen kreisrunden Lichtschacht an der Decke das letzte Licht des Tages fiel. Die Wände waren mit Stoffbahnen abgehängt und vermittelten so eine wohlige, gemütliche Atmosphäre. Ein Feuer in der Mitte des Raumes wärmte die Luft und gemütliche Kissen luden dazu ein, die Seele baumeln zu lassen und ein Buch aus den großen Regalen zu lesen. Ein paar gepolsterte Diwane standen an den Seiten, der steinerne, mit eingelassenen Mosaiken verzierte Boden war mit Teppichen und Fellen ausgelegt. Durch einen Vorhang abgeteilt fand man den eigentlichen Ruhebereich, der von einem großen weißen Bett dominiert wurde, welches mit seidenen Laken und vielen samtigen Kissen ausgestattet war. Unzählige Kerzenleuchter und Lampen rundeten die behagliche Atmosphäre ab.
 

Kílis Staunen schien nicht enden zu wollen. In diesem Gemach hätten noch einige Zwerge mehr Platz gehabt, mehr als genug Platz. Die Unterschiede zu den Wohnungen im Erebor waren so mannigfaltig, dass man kaum alle aufzählen konnte. Hier war alles hell, man schien gleich besser atmen zu können. Die Zimmer im Einsamen Berg hatten wiederum keine Fenster, keinen Zugang zu natürlichem Licht. Hier war die Decke außerordentlich hoch, die Zwerge in Kílis Heimat fühlten sich jedoch in engen Behausungen wohler, auch wenn sie riesige, nicht enden wollende Hallen bauten. Außerdem hatte dieses Zimmer so viele filigrane und wertvolle Möbel aus edlen Materialien, dass man eher geneigt war, sie zu schonen, anstatt sich jauchzend auf die Polster zu werfen. Doch genau dort lag Kíli gerade.
 

Er hatte es sich auf dem herrlich weichen Bett gemütlich gemacht, nachdem er sich von Dreck, Schweiß und Blut befreit und gesäubert hatte. Das wenige Gepäck, welches sie mit hierher gebracht hatten, war auf ihr Zimmer getragen worden, sodass Kíli sich auch hatte umziehen können. Der Kampf mit den Spinnen war nicht ungerührt an ihm vorbei gezogen, obwohl alles einigermaßen glimpflich ausgegangen war. Ein paar Gäste aus Rohan, die von den dunklen Kreaturen überwältigt und eingewickelt worden waren, hatten durch das Spinnengift Lähmungserscheinungen, ihnen war übel und schwindelig. Bei einigen würde es noch eine Weile dauern, bis sie sich erholt hatten und an der Versammlung von König Thranduil teilnehmen konnten. Beim Kampf hatte sich nur wenige Elben und Menschen verletzt und die Versorgung der Verwundeten ging zügig voran, da es nicht die ersten Wunden dieser Art gewesen waren, die die Heiler zu versorgen gehabt hatten.
 

Kíli selber war mit dem Schrecken davon gekommen. Als Fíli in dem ganzen Chaos plötzlich verschwunden gewesen war, war dem Jüngeren mehr als nur mulmig geworden. Doch er hatte anfangs keine Möglichkeit gehabt, nach seinem Bruder zu suchen. Der Kampf hatte es nicht zugelassen, auch nur für einen Moment die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Die Spinnen waren plötzlich überall gewesen. Kíli konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wie viele er zurückgeschlagen hatte, wie oft er hatte ausweichen müssen, wie oft ihm ein anderer Krieger den Hals gerettet hatte. Erst, als der Angriff abgeflaut war und mehrere der abscheulichen Viecher zur Strecke gebracht worden waren, hatte er sich von den Anderen lösen und nach seinem Bruder Ausschau halten können. Eigentlich war dies ein hoffnungsloses Unterfangen, da Fíli überall hin hätte abgedrängt werden können. Doch irgendetwas schien Kíli in die richtige Richtung geführt zu haben.
 

Er erschauderte, als er daran dachte. Es war so wie ein kalter und warmer Hauch zugleich gewesen, so, dass sich einem die Härchen im Nacken aufrichteten. Instinktiv hatten ihn plötzlich seine Füße zu dem Ort getragen, nachdem er gesucht hatte. Er wusste nicht, was es gewesen war, das ihn geleitet hatte, doch bei einer Sache war er sich sicher: Es hatte auch seinen Bruder gerettet. Er glaubte, dass Fíli mindestens etwas Ähnliches gefühlt hatte, denn er hatte einen seltsam verklärten Ausdruck in seinen Augen gehabt, als Kíli ihn gefunden hatte.
 

Das Zimmer hatte auch einen Waschraum mit einem großen hölzernen Zuber, der auf Wunsch mit heißem Wasser gefüllt werden konnte, und einem steinernen Waschbecken, in welches man das erfrischende Nass aus einer nebenstehenden Karaffe füllen konnte. Sie hatten kein ausgiebiges Bad geplant, das konnten sie später noch tun, jetzt aber reichte es vollkommen aus, sich ein wenig zu säubern. Fíli hatte es Kíli nachgetan und kam frisch gekleidet und sichtlich entspannt aus dem Waschraum hervor.
 

Doch nicht nur Ruhe strahlte Fíli aus. Da war noch etwas anderes in seinem Blick, als er zu Kíli schaute. Es war eine Art stiller Determiniertheit, die nur Fíli so ausdrücken konnte. Zuweilen konnte dieser Gesichtsausdruck einem Mut machen, wenn man in einer verzwickten Lage feststeckte, es konnte einem aber auch bange werden, wenn die vorhin beschriebene Situation nicht vorlag. Kíli setzte sich auf und schluckte. Ihr wurde bewusst, dass die Aufmerksamkeit seines Bruders gerade ihm ganz allein galt und dies machte den Jüngeren irgendwie ein wenig nervös.
 

„Hast Du Dich erholt, Kíli?“, fragte Fíli, während er sich näherte und schließlich neben seinem Bruder auf dem Bett platznahm. Der Jüngere starrte zuerst auf seine Hände, dann drehte er seinen Kopf und hob seine Mundwinkel zu einem kläglichen Lächeln. Er wirkte klein und eingeschüchtert. Fíli hatte ein ungezwungenes Gespräch beginnen wollen, doch Kíli hatte den Braten anscheinend gerochen und würde sich sicherlich nicht mehr in eine belanglose Unterhaltung verwickeln lassen. Deshalb hatte es auch keinen Sinn, um den heißen Brei herum zu reden. Mit einem Seufzen sammelte sich Fíli, um endlich das zu sagen, was ihm schon seit längerem auf der Seele lag.
 

„Kíli, Du weißt selber, dass Du Dich in letzter Zeit sehr verändert hast. Du hast mit mir darüber nicht reden wollen und ich akzeptiere das auch. Aber es ist erst ein paar Stunden her, dass wir hier im Düsterwald angekommen sind und plötzlich bist Du wieder ganz anders, so aufgeschlossen, so heiter! Ich verstehe nicht, was in Dir vorgeht, aber ich will es verstehen! Wir waren uns immer sehr nah und ich möchte nicht riskieren, dass wir uns voneinander entfernen. Es gibt keinen Grund, der mich je gegen Dich stellen könnte, doch wenn Du schweigst, dann weiß ich nicht, auf welcher Seite ich stehen soll", sprach Fíli schließlich und er wählte seine Worte genau, weil er glaubte, mit saloppen Aussagen nicht weit zu kommen. Sein kindsköpfiger, lebenslustiger Bruder war nämlich zu einem ernsten Mann geworden, dessen ständiger Begleiter das Nachdenken war. Je mehr er sich in sich kehrte, desto schwieriger würde es sein, den alten Kíli wieder zurückzuholen. Deshalb war Fíli determiniert, ihm jetzt endlich die Wahrheit zu entlocken, damit er sie nicht mehr allein mit sich herum tragen musste. Doch der Jüngere schwieg und sein Blick war abwesend, als befände er sich in seinen Gedanken in einer anderen Welt. Doch Fíli wollte immer noch nicht aufgeben.
 

"Bitte, rede mit mir", sagte er sanft und sein Ton schien Kíli aus seinen Grübeleien zu wecken. Er hob seinen Kopf und fixierte wahllos einen Punkt auf der weiß behangenen Wand. Sein Mund öffnete sich, schloss sich wieder und er atmete tief ein.
 

"Briuwen", sagte er plötzlich und nur dieses eine Wort war voll beladen mit Traurigkeit, Schuld und einem Sehnen, wie es Fíli völlig unbekannt war. Sein Gesicht war von ehrlicher Verwunderung überschattet, denn obwohl er gehofft hatte, dass Kíli reden würde, überraschte ihn die Aussage doch.
 

"Wer ist das?", fragte Fíli nach, um nicht das Risiko einzugehen, dass sein Bruder wieder verstummte. Doch der Damm war plötzlich gebrochen. Kílis Schultern hingen nach unten, sein Rücken war gebeugt, als würde eine schwere Last auf ihm liegen.
 

"Das war der Name der Elbin. Du weißt schon, die Elbin, die mich bei der Rückkehr aus den Eisenbergen begleitete", erklärte er und es wirkte so, als würde er sich gleichzeitig gern daran erinnern und sich ebenso gegen die Erinnerung sträuben.
 

"Ja, ich habe ein paar Gerüchte gehört, doch die Wachen reden viel, wenn der Tag lang ist", gab Fíli zurück, während er immer noch hoffte, nur nichts Falsches zu sagen, was seinen Bruder verstummen lassen würde. Doch Kíli schüttelte nur den Kopf.
 

"Nicht viele haben sie gesehen, wohl nur diejenigen, die sie weggesperrt haben, ein paar Diensthabende und natürlich Thorin. Niemand hat mir aber gesagt, wo sie sie gefangen gehalten hatten, doch ich hätte damals so gern noch einmal mit ihr gesprochen", erzählte der Jüngere weiter. Fíli musste Acht geben, die Zusammenhänge richtig zu verstehen, denn Kíli war mit der Hälfte seines Bewusstseins nicht im Hier und Jetzt, sondern in seiner eigenen Gedankenwelt. Doch der blonde Zwerg fand es diesmal sehr leicht, an die Worte anzuknüpfen.
 

"Ist das der Grund, warum du unserem Onkel so grollst?", fragte er sachte nach. Thorin war zwar eher nicht das Gesprächsthema, welchem sich Kíli in diesem Moment widmen wollte, doch dies war eines der vielen Dinge, die Fíli nicht verstand. Er sah, wie sich in Kílis Gesicht etwas veränderte, denn sein erst abwesender Blick wurde nun hart und angriffslustig.
 

"Thorin... Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Ich bin so wütend auf ihn, weil er schwach ist. Zu schwach, als an etwas anderes zu denken, als an sein verdammtes Gold und den vermaledeiten Arkenstein. Und ich bin so wütend, weil ich weiß, dass er früher nicht so war. Er hätte früher nie so ein vorschnelles Urteil gefällt! Er hätte dem Wort seiner Vertrauten gelauscht und ihre Bitten wertgeschätzt! Doch jetzt hat er seinen Schatz mit Blut besudelt und es schien ihm auch noch Spaß gemacht zu haben. Fíli! Er hat Briuwen in den Kerkern sterben lassen! Sie hat ihm nichts getan, sie war nur freundlich zu mir! Sie hat mir mehrmals das Leben gerettet und wollte nichts Böses. Das hat selbst Dáin erkannt. Sie war nicht mal aus dem Volke der Elben, die damals in die Geschehnisse um den Erebor verwickelt gewesen waren. Trotzdem hat er in ihr nur eine spitzohrige Person gesehen und seinen Hass an ihr ausgelebt!", rief er bebend, doch nur einen Augenblick später fiel er wieder in sich zusammen, verzagt und verbittert, "Doch nicht nur ihn trifft Schuld. Auch ich bin dafür verantwortlich, dass sie leiden musste. Das schmerzt am meisten, weißt Du? Ich hätte niemals zulassen sollen, dass sie zum Erebor kommt, nicht nach dem Brief, den Thorin an Dáin geschrieben hat! Doch ich war zu gutgläubig. Während wir auf der Reise nach Hause gewesen waren, hätte ich ihr die Flucht ermöglichen sollen, ich Trottel. Doch dann hätte ich sie wohlmöglich nie wieder gesehen... Tja, es hat nichts geändert. Ich habe sie so oder so verloren“, endete Kíli und es war als hätte er sich durch seinen Monolog völlig verausgabt.
 

Stille breitete sich zwischen den Brüdern aus. Fíli fiel das Schlucken schwer, denn sein Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. Wie sollte er das alles so schnell verdauen? Es war so viel Unausgesprochenes in Kílis Worten, was den Älteren nur allzu sehr verwirrte. Es machte ihn aber auch tief betroffen, nun so direkt von der Zerrissenheit seines Bruders zu hören – und auch zu sehen, denn das Gesicht des Jüngeren sprach Bände. Alles, war er die ganzen Jahre über zurückgehalten hatte, spiegelte sich nun in seinen Zügen wieder, ein Wechselbad von Zorn, Hilflosigkeit und Trauer. Fíli wusste nicht, mit so vielen Emotionen umzugehen, denn es war erstens selten und zweitens lange her, dass er mit so etwas konfrontiert gewesen war. Sollte er seinen Bruder umarmen, um ihn zu trösten? Oder sollte er ihm sagen, dass… dass… Es gab eigentlich keine Worte der Ermunterung. Trotzdem, Fíli hatte das Bedürfnis, etwas zu sagen, einfach nur, um diese furchtbare Stille zu durchbrechen. Er holte Luft, setzte an und – es klopfte an die Tür.
 

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Einige Zeit später war Fíli wieder unter Leuten. Ein Diener hatte ihn und seinen Bruder abholen wollen, da König Thranduil wegen der jüngsten, erschreckenden Ereignisse die erste Sitzung des Rates vorgezogen hatte. Zwar war jedem klar, dass die auserkorenen Mitglieder der Versammlung zu diesem Zeitpunkt nicht vollständig waren, da es ein paar Verletzte gab, doch es konnte sich auch jeder denken, dass es wichtiger war, klärende Worte auszutauschen, um die Gemüter zu beruhigen und das Gefühl von Sicherheit wiederherzustellen.
 

Fíli war jedoch alleine unterwegs, denn er hatte Kíli nahegelegt, sich besser etwas auszuruhen. Es war eine tiefe Erschöpfung von dem Jüngeren ausgegangen, die sich auch in seinem Gesicht deutlich wie ein steinernes Relief abgezeichnet hatte. Deshalb hätte es auch keinen Sinn gemacht, dass Kíli an der Versammlung teilnahm, wenn er nicht die Kraft hatte, überhaupt zuzuhören. Des Weiteren war Fíli insgeheim auch froh gewesen, für eine Weile zu entkommen. So sehr er Kíli auch helfen wollte, seine Last zu tragen, sie war für den Älteren in diesem Moment einfach zu schwer. Zu viele widersprüchliche Dinge liefen ihm durch den Kopf und auch seine Loyalität zu einigen Personen war heftig ins Wanken geraten. Auch ihm setzte das sehr zu, weshalb ihm in diesem Moment ein wenig Abstand guttat.
 

Als Fíli die steinerne Plattform betrat, sah er, dass er zu den Letzten gehörte, auf die man noch wartete. Für die Versammlung war ein anderer Ort ausgewählt worden, ein Ort, der etwas mehr Platz bot, als Thranduils erhöhter Herrschersitz. Hier sah es aus wie ein Pavillon mit einem Dach aus jungen, leuchtend grünen Blättern und es waren Bänke aus weißem Holz in einem Kreis angeordnet und mit Kissen gepolstert, sodass man auch für längere Zeit bequem dort sitzen konnte. Viele Plätze waren schon belegt und die dort sitzenden Elbin und Menschen unterhielten sich angeregt. Als Fíli näher kam, blickte hier und da jemand auf und nickte ihm zu.
 

Plötzlich hörte der Zwerg von der Seite Schritte auf sich zukommen und ein verhaltenes Lachen drang an sein Ohr. Er wandte seinen Kopf um und sah eine junge Elbin auf ihn zukommen. Er erkannte sie, denn er hatte sie erst heute kennen gelernt, doch er war erstaunt, sie hier zu sehen.
 

„Faendis, wie kommt es, dass Du hier bist?“, wollte Fíli wissen. Das Mädchen baute sich vor ihm auf, mit straffen und stolz gespannten Schultern. Auf ihrem Gesicht breitete sich ein strahlendes Lächeln aus.
 

„Mein Vater hat es mir erlaubt, Herr Fíli. Weil mein Bruder und ich Euch zuvor so gut gefühlt haben, durfte ich nun auch anderen Gästen den Weg zeigen“, erklärte sie. Da sie nun hier herum stand, bedeutete wohl, dass ihre Aufgabe erledigt war. Sie schien sehr glücklich zu sein. Die Angst, die sie vorhin während des Angriffs der Spinnen ergriffen hatte, wirkte wie weggeblasen. Doch das war auch gut so, denn sie würden noch genug Zeit haben, sich über das Böse und Schlechte in der Welt Gedanken zu machen.
 

Gleich neben der Stelle, an der sie standen, gab es eine freie Bank. Dorthin setzte Fíli sich, da er sonst niemanden kannte, zu dem er sich gesellen wollte. Überhaupt kam er sich ohne seinen Bruder zwischen all den großen Elben und Menschen etwas verloren vor, doch es war richtig gewesen, Kíli zurückzulassen, damit er sich schonte. Faendis schien zu erkennen, dass er sich Gedanken über etwas machte, doch sie fragte nicht nach. Stattdessen streckte sie ihren Arm aus und zeigte mit ihrer Hand auf die gegenüberliegende Seite des Sitzkreises. Fíli folgte der Geste mit seinen Augen, und entdeckte so, dass es auf der Plattform ein kleines Podest gab, welches sich zwischen dem Mittelpunkt und der Stirnseite des Versammlungsortes befand. Dort, auf einem reich verzierten Polsterhocker, hatte König Thranduil bereits Platz genommen, da die Ratssitzung bald beginnen sollte. Doch er war nicht alleine. Am Fuße des Podests stand eine weitere Person, mit der er sich aufmerksam unterhielt. Fíli konnte den König und seinen Gesprächspartner im Profil sehen – falsch, er konnte eigentlich nur das Gesicht des Königs sehen, denn die Züge der anderen Gestalt waren wieder mit diesem seltsamen Leuchten überdeckt. Beinahe überraschte dies Fíli nicht, denn ihm wurde bewusst, dass der König des Waldlandreiches mit der Elbin sprach, die ihm vor ein paar Stunden vor der Spinne gerettet hatte. Natürlich hatte der Zwergenprinz sie nicht vergessen. Sie trug immer noch dasselbe edle goldene Kleid und an einem Gürtel um ihre Hüften hing das lange Schwert. An ihrem Hals war auch deutlich die außergewöhnliche Kette zu sehen, doch diesmal war sie zu weit entfernt, als das Fíli hätte Details erkennen können. Trotzdem überfiel ihn eine gewisse Aufregung, da er erkannte, dass sie eine wichtige Person sein musste, und dass nicht nur wegen ihrer gesellschaftlichen Position, sondern wegen dieser besonderen Aura, die sie umgab – übrigens hatte er sich auch noch nicht für ihre Hilfe bedankt, fiel ihm siedend heiß ein. Und außerdem fand er sehr seltsam, dass er nicht in der Lage war, ihr Gesicht zu erkennen, auch wenn er versuchte, sie direkt anzusehen. Deshalb wandte sich der Zwerg an Faendis, die immer noch neben ihm stand. Doch auch sie blickte nun wie gebannt nach vorne, zu König Thranduil und seinem Gast. Das machte Fíli stutzig.
 

„Was siehst Du?“, fragte er leise, fast wie zu sich selbst, und befürchtete, dass seine Worte nicht an das Ohr der jungen Elbin gedrungen waren. Doch seine Sorge war unbegründet.
 

„Zwei Sterne, deren Strahlen miteinander konkurrieren. Der ältere Stern hat einen großen Reichtum an Weisheit und Erhabenheit angesammelt und dies gibt ihm die Kraft, so brillant zu leuchten. Er weiß, dass ihn viele dafür anbeten, doch auch er kann nicht leugnen, dass die Helligkeit des jungen Sterns aus einer Quelle schöpft, die hier auf Erden nichts Vergleichbares findet“, sprach Faendis und ihre Stimme wirkte entrückt, als sie dies sagte. Dann aber blinzelte sie und redete wieder ganz normal weiter: „Ich durfte sie hierher zur Versammlung begleiten. Sie kommt aus einem anderen Elbenreich und war sehr freundlich zu mir. Sie scheint eine Kriegerin und Gelehrte gleichzeitig zu sein, aber ihr Gesicht ist viel milder als das von König Thranduil.“ Faendis senkte ihre Stimme und kicherte leise, als sie dies sagte, doch ihre letzte Bemerkung fand bei Fíli kaum Gehör. Der Fakt, dass die kleine Elbin das Antlitz der Anderen sehen konnte, irritierte ihn – und führte schließlich zu seiner nächsten Frage.
 

„Wer ist sie? Weißt Du das?“, fragte er, während ihm sein Herz urplötzlich bis zum Hals schlug. Warum er so aufgewühlt war? Vielleicht hatte er eine heimliche Ahnung, wie auch immer so etwas möglich sein konnte.
 

„Ich kenne ihren Namen nicht. Und auch, wo sie genau herkommt, weiß ich nicht, Herr Fíli“, antwortete das Elbenmädchen. Fíli horchte und hörte zwar die Worte, doch es war, als würde auf einmal das Echo einer anderen Stimme zu ihm hallen, ein Echo von weit, weit weg. Und das Echo sagte etwas anderes. Es dauerte einige Momente, bis er etwas verstehen konnte, doch als es in sein Bewusstsein vorgedrungen war, erstarrte er wie zu Stein – und plötzlich schien die Welt um ihn herum zu verblassen. Das Elbenmädchen sah ihn verwirrt an.
 

„Was habt Ihr?“, fragte sie. Doch Fíli konnte ihr nicht antworten. Er blickte wie gebannt nach vorne. Plötzlich schien sich in seiner Erinnerung ein Schleier zu lüften. Das Gesicht der Elbin, welches er damals wie von einem Lichtschein verhüllt gesehen hatte, schien nun ungetrübt und deutlich vor seinem inneren Auge aufzutauchen. Doch nicht nur in seinen Gedanken war die Trübung verschwunden. Glasklar sah er plötzlich, wie ihre Lippen sich bewegten, während sie sprach, wie ihre Augenlieder sich schlossen und wieder öffneten, wie ihre Mundwinkel sich nach oben kräuselten, als sie lächelte. Und das Licht schien sie nun nicht mehr zu verdecken, sondern direkt aus ihr zu scheinen.
 

Er drehte sich um und ließ alles stehen und liegen, denn er rannte los, als wäre eine Horde Orks hinter ihm her. Auch interessierte es ihn nicht, ob sich jemand darüber echauffieren würde, dass er die kurz bevorstehende Versammlung wieder verließ. Faendis hatte er ebenfalls vergessen, denn plötzlich gab es nur eine bestimmte Person, die sein Denken bewohnte: Kíli. Er musste ihn sehen, er musste mit ihm sprechen. Er musste ihm etwas erzählen und von ihm erfahren, ob das, was er gerade gesehen und vernommen hatte, nur Zufall war, oder nicht. Deshalb sauste er in Windeseile den Weg zurück, den er erst vor kurzem erst gegangen war. Er achtete nicht auf Andere, die ihm verwirrt nachsahen, als er in Windeseile zu dem Gemach zurückkehrte, welches er und sein Bruder sich teilten. Ohne zu klopfen öffnete er die Tür und machte einen Schritt in den großen Raum hinein – doch er war leer. Mit schweren Atemzügen und sinkendem Herzen stürmte Fíli vom Badezimmer zum Schlafbereich, aber das Zimmer war verlassen. Kíli war fort.
 

--
 

Ein glatter, perfekt gerundeter Kieselstein fiel im hohen Bogen ins Wasser. Und ein Zweiter. Und ein Dritter. Doch hier im Düsterwald klang selbst diese aus Trotz und Groll durchgeführte Geste nicht wie ein ärgerliches Plumpsen, sondern eher wie ein liebliches Plätschern. Völlig unberührt von der Störung säuselte der seichte Strom auf seinem Weg durch das stetig nach unten führende Flussbett, bis er hinter Biegungen, Windungen und Bäumen außer Sichtweite geriet.
 

Kíli seufzte und warf einen weiteren Stein nach unten, nur um erneut zu beobachten, wie das aufgewühlte Wasser in kristallklare Tropfen in die Höhe stieg und dabei das letzte Licht des Tages schimmernd brach, nur um Momente später wieder mit seinem Element zu verschmelzen. Auf eine seltsame Weise faszinierte dieses kleine Schauspiel den Zwerg, weil er sich darin wiedererkannte. Auch er fühlte sich wiederholt herausgerissen aus seiner inneren Ruhe und seinem eigentlich einfachem Leben. Angefangen mit der abenteuerlichen Reise zum Erebor, den vielen Erlebnissen, Gefahren und Kämpfen, hin zur siegreichen Schlacht und seiner neuen Aufgabe in den Eisenbergen, bis zu dieser einen so besonderen Begegnung und deren jäher Verlust. Seitdem wusste er nicht mehr, wo er eigentlich hingehörte. Er war ein Zwerg und gehörte zu seinem Volk, so, wie die einzelnen Tropfen zum Wasser gehörten. Doch er fühlte sich immer wieder isoliert - und dabei war das wohl nicht einmal die Schuld von Anderen. Kíli fühlte sich einfach grundverschieden. Er konnte sich nicht damit zufrieden geben, was für jeden anderen Zwerg die größte Genugtuung war. Das Leben unter dem Berg war für ihn eintönig und perspektivlos. Es warteten immer nur dieselben Aufgaben auf ihn. Es war dunkel und bedrückend. Und außerdem gab es dort - und auch in den Eisenbergen - niemanden, der ihn verstehen wollte, seinen Bruder nicht mit eingerechnet.
 

Apropos Bruder... Fíli war eigentlich keine Schuld zuzuschreiben, denn die Einforderung der Wahrheit war ein notwendiger und schon lange überfälliger Schritt gewesen, trotzdem fühlte Kíli sich eigenartigerweise ein wenig verletzt. Er hatte sein tiefstes Inneres nach außen krempeln müssen und das hatte einiges an Kraft und Mut gekostet. Kíli war nicht verärgert, doch einfach nur geschafft. An Schlaf war für ihn aber nicht zu denken gewesen - deshalb weilte er jetzt hier.
 

Während sein Bruder den vielen Reden bei der Versammlung zuhören würde, hatte der Jüngere der Beiden sich dazu entschieden, das Zimmer zu verlassen und draußen ein wenig Ablenkung zu finden. Ihr Gemach war ein wunderschöner Ort, doch die Stille und die Schlichtheit dort ließen viel Raum für verwirrende Gedanken. Kíli brauchte die Einsamkeit, doch sein Geist brauchte Abwechslung. Und genau deshalb saß er nun draußen.
 

Es mochte unglaublich erscheinen, doch es war schwer, im Waldlandreich einen Platz zu finden, an dem man für sich allein sein konnte. Die elbischen Bewohner schienen sehr gerne ausgiebige Spaziergänge zu machen, denn überall war jemand unterwegs. Sie schlenderten gleichermaßen alleine und in kleinen Gruppen über die Wege und Brücken und verbreiteten dabei eine Ruhe und Abgeklärtheit, dass man fast denken konnte, sie wandelten in Trance umher. Um ihnen und dadurch eventuell aufkommende Fragen zu vermeiden, hatte Kíli die befestigten Straßen verlassen und war am Rande des Flusses die Böschung hinabgestiegen. So hatte er einen Ort gefunden, der ihn zwar vor anderen Blicken schützte, ihm jedoch trotzdem einen guten Ausblick auf die Umgebung gab.
 

Hier, auf einem großen Felsbrocken, saß der Zwerg nun schon seit geraumer Zeit. Das leise Rauschen des Flusses hielt seine Gedanken davor ab, auf Wanderung zu gehen. Er konnte die dahinschreitenden Elben beobachten und hin und wieder bekam er ein Eichhörnchen oder einen kleinen Vogel zu Gesicht. Er bemerkte, wie nach und nach immer weniger Gestalten vorbei kamen und vermutete deshalb, dass es schon spät am Abend sein musste. Es wurde auch immer dämmriger, und als die Sonne scheinbar vollkommen untergegangen war, entflammten wie von Zauberhand immer mehr Lichter, welche die Gegend in ein schummriges, mysteriöses Leuchten tauchte. Kíli wusste nicht, wie viel Zeit verging, während er einfach dasaß und nichts tat. Auch hatte er keine Ahnung, wie lange die Versammlung dauern würde und was Fíli tun würde, wenn er zurückkam und sah, dass sein Bruder fort war. Doch diese Überlegungen fanden nur sehr weit hinten im Kopf des Jüngeren statt.
 

Plötzlich drang ein lieblicher Gesang an Kílis Ohr. Er klang noch fern, doch die Stimmen kamen immer näher. Es dauerte noch eine Weile, bis er die Worte verstehen konnte, die da besungen wurden, doch auch als die Verse klar und deutlich tönten, waren sie für ihn fremd. Es war die elbische Sprache, der er nicht mächtig war, doch er musste sie nicht übersetzen, um von der Melodie ergriffen zu werden. Mit einem Mal schien das Herz des Zwerges schneller zu schlagen; gleichzeitig hielt er gespannt die Luft an, nur um zu verhindern, dass das leise Geräusch seines Atems auch nur einen Ton des Gesangs überdeckte. Denn es war ein wunderschönes Lied mit einer tiefgreifenden Sehnsucht, mit dem Gefühl einer unendlichen Suche, die niemals zu Ende gehen würde. Und doch gab es in den Noten Hoffnung, als wäre jemandem diese Suche bereits geglückt, sodass niemand verzagen musste. Es waren mehrere Personen, die ihre Stimme erhoben hatten und diese schienen plötzlich genau oberhalb von Kíli am Fluss entlang zu wandern. Der Weg führte über eine steinerne Brücke über den Fluss und nach und nach kamen die Personen in Kílis Sichtfeld. Langsam, fast gleich einer Prozession, schritten sie über den Bogen aus Stein. Ihre langen rotbraunen Mäntel schleiften hinter ihnen über den Boden, in ihren Händen trugen sie milchig weiße Gläser, in deren Inneren helle Lichter flackerten.
 

Es waren vier elbische Gestalten und die Kapuzen ihrer Mäntel verdeckten ihre Gesichter. In ihrer Mitte befand sich jedoch noch eine andere Gestalt. Es war ebenso eine Elbin, doch ihr Gewand war aus kostbarem, goldenem Stoff gewirkt. Ihre hellbraunen Haare reichten bis zur Mitte ihres Rückens. Sie war groß und ihre Haltung war erhaben. Sie musste eine ranghohe Stellung innehaben, denn die Waffe, die sie an ihrer Seite trug, war meisterlich verarbeitet und geschmückt. All das konnte Kíli sehen. Was er nicht sehen konnte, war das Gesicht der Elbin, da ein seltsamer Glanz über ihrem Haupt zu liegen schien. Er runzelte die Stirn, denn er hatte noch nie so etwas gesehen. Doch nicht nur der Zwerg stutzte, sondern auch die kleine Gruppe oben auf der Brücke. Die Elbin hob die Hand, wodurch ihre Begleiter stehen blieben, und reckte ihren Kopf ein wenig in die Höhe. Da drehte sich plötzlich um, genau in Kílis Richtung. Eben jener zuckte zurück. Hatte sie etwa bemerkt, dass er sie beobachtet hatte?
 

Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden und entdeckte, dass sie eine lange Kette um den Hals trug. Der Anhänger war ein milchig-blau schimmernder Edelstein, der in Ranken und Schlingen aus feinstem Silber eingefasst war. Der Stein hatte etwas Besonderes an sich, welches sich mit Worten nicht beschreiben ließ, ähnlich wie der Arkenstein und doch völlig anders. Und Kíli war sich sicher, dass er es sich nicht eingebildet hatte, als das Juwel für einen Moment zu leuchten begonnen hatte. Dies verwirrte ihn noch mehr. Doch warum war er überhaupt so aufgewühlt? Er konnte es sich nicht erklären. Die Situation hatte doch nichts Außergewöhnliches an sich, oder etwa doch? Doch das war nicht alles. Plötzlich geschah wieder etwas. Der leuchtende Nebel über dem Gesicht der Elbin hob sich, sodass ihre Blicke unmittelbar aufeinandertrafen – und die Welt stand plötzlich Kopf.
 

Kíli erstarrte. Ihm wurde gleichzeitig siedend heiß und eiskalt zumute. War er in einem Traum gefangen? Halluzinierte er? Gab irgendeine dunkle Macht ihm eine Vision ein, um ihn tief zu verletzen? Ihm war auf einmal übel und es strömte im selben Moment so eine absonderliche Kraft in ihn, dass er sich beinahe auseinandergerissen fühlte. Seine Beine bewegten sich von selber und er stolperte fieberhaft los, obwohl er seine Augen nicht auf den Weg zurück, weg aus dem Tal des Flusses, sondern weiter nach oben zu der Elbin gerichtet waren. Seine Gedanken schäumten über, alles Grübeln war vergessen.
 

Er stürzte immer wieder und rutschte aus, doch irgendwann schaffte er es, wieder auf den befestigten Pfad zu kommen. Die Elben beobachteten ihn unentwegt, während er schwer nach Luft ringend zu der kleinen Gruppe lief, ohne sich eine Pause zu gönnen. Erst, als er nur noch wenige Fuß von ihnen entfernt war, blieb er stehen, denn es war, als hielte ihn eine unsichtbare Barriere davon ab, noch näher zu kommen. Aber das kümmerte ihn nicht. Er konnte nicht glauben, was – wen – er da sah. Er streckte seine zitternde Hand aus und seine Finger griffen in die Luft.
 

„Bei allem, was mir lieb und teuer ist… Bist Du es? Briuwen?“, fragte er mit erstickter Stimme und wagte kaum, den Namen auszusprechen. Doch er hegte keinen Zweifel, sie musste es sein, denn er würde sie immer wiedererkennen, egal, wie lange es her war, dass er sie zuletzt gesehen hatte, egal, wie sehr er versucht hatte, nicht mehr an sie zu denken. Doch die erhoffte Reaktion blieb aus. Die Elbin blickte ihn weiter an, mit diesem sanften, betörenden Ausdruck ihrer blauen Augen, ihr Lächeln aber war nur schmal.
 

„Ja, so lautet mein Name. Doch wer seid Ihr, Herr Zwerg?“, fragte sie und ließ so die kopfstehende Welt in tausende Splitter zerbrechen.



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Kommentare zu dieser Fanfic (7)

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Von:  Aibera
2015-11-03T12:53:16+00:00 03.11.2015 13:53
Ein riesen Kompliment!
Die Geschichte gefällt mir bis jetzt richtig gut und ich verstehe nicht, wieso es nur so wenige Kommentare dafür gibt. Dein Schreibstil ist flüssig und ausschmückend, du bringst gerade genug Hintergrundinformationen mit um das Ganze sehr spannend zu gestalten und beschreibst die Umgebung und Personen sehr liebevoll. Ich bin schwer beeindruckt :)
Die Kapitel sind bis jetzt alle sehr gut und das letzte natürlich ein starker Cliffhanger! Zu gerne würde ich weiterlesen und hoffe, du hast nicht die Motivation und Lust am Schreiben verloren...
Super Geschichte!

lg
Aibera
Antwort von:  Bettyna
04.11.2015 09:03
Uiii, vielen vielen Dank für Deinen Kommentar! :D
Ich freue mich so sehr, dass Dir meine Geschichte gefällt, das macht mich richtig stolz! Ich würde wirklich gern weiterschreiben, leider hab ich beruflich so viel zu schreiben, dass ich mich abends grad nicht allzu gern mit der Tastatur beschäftigen mag... Ideen sind eigentlich genug vorhanden, vielleicht finde ich in der Vorweihnachtszeit wieder etwas Zeit!
Dein Kommentar hat mir wieder Mut gemacht, nochmals vielen Dank dafür! :)
Antwort von:  Aibera
09.12.2015 11:37
Ich würde mich sehr drüber freuen!
Ich schaue fast täglich rein, ob ein neues Kapitel da ist - es wird sehnsüchtig erwartet :)
Von:  Feyana
2015-03-18T11:35:44+00:00 18.03.2015 12:35
Du schreibst soooooooooo toll... ich bin total begeistert und hoffe, dass ich bald weiter lesen darf. Bitte enttäusche mich nicht.

Bisher finde ich alle Charaktere sehr gut und passend... Thorin ist mir auch nicht zu böse. Tief verwurzelter Hass nimmt halt manchmal wirklich unschöne Formen an unter denen Unschuldige leiden müssen. Ich hoffe es geht bald weiter.

LG
Feyana
Von:  Nudeln
2015-01-30T19:02:12+00:00 30.01.2015 20:02
Nice Fortsetzung... Habe mich sehr darüber gefreut, auch über deine nette Antwort. Bis jetzt bist du die einzige Person die auf meine Kommentare antwortet ;-)

LG und viel Spaß beim weiter schreiben,
Nudel
Antwort von:  Bettyna
31.01.2015 16:25
Yay, toll wieder von dir zu hören :D
Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich über jede Rückmeldung, egal ob lang oder kurz, deshalb schreib ich auch gern zurück! Ich hoffe, du bleibst auch weiterhin dabei! :)
Von:  Nudeln
2015-01-21T20:31:07+00:00 21.01.2015 21:31
Echt coole Ff! Bin eben erst drauf gestoßen...ginde sue super! Mir gefällt dein Schreibstil, spannend und mitreißend. Weiter so- freu mich drauf
Lg Nudel
Antwort von:  Bettyna
22.01.2015 10:05
Klasse, vielen Dank für dein Feedback! Ich bemühe mich, bald ein neues Kapitel hochzuladen :)
Von:  BlackArrow
2014-10-06T17:05:27+00:00 06.10.2014 19:05
Ich kann Ithildin nur zustimmen! Du hast einen lockeren und angenehm lesbaren Schreibstil! Gute Idee übrigens, Kili zum Diplomaten zu machen und in die Eisenberge zu schicken; hört sich plausibel an.
Ich finds ja mal toll, eine ff zu lesen, in der Kili eine Zukunft als lebendiger Zwerg hat ;).
Am Anfang von Thorins Brief hab ich schon einen Schreck bekommen und mich gewundert, warum der so unhöflich formuliert war, das passt nämlich eigentlich nicht zu dem Thorin, den wir - bisher (!!!) - aus den Filmen kennen ( im Buch ist das dann wieder was anderes. Das solltest Du unbedingt mal lesen, ist empfehlenswert. Tolkien vom feinsten, aber verhältnismäßig leicht zu lesen :)). - Egal, ich komm ins Labern- Punkt ist, das ich erleichtert war, dass die anderen Charas das auch so gesehen haben und sich darüber geärgert haben. Also ist Thorins porträtierung bisher doch ganz gut gelungen und er wirkt eigentlich "normal" bis auf seine extrem schlechte Laune. Auf den Grund dafür bin ich ja mal gespannt. Er hat nämlich ein bisschen arg über reagiert, um das nur als Sorge um seinen Neffen und Elbenhass zu kaschieren. Bin gespannt wie Kilis Bogen ;) wie dene Fortsetzung aussieht.
Eine klitzekleine Fragehab ich allerdings noch. Hat der Name Briuwen eine Bedeutung? Im Sindarin Lexikon steht nur das "wen" soviel wie "Frau" bedeutet... hat "Briu" auch eine Bedeutung?
Briuwen ist auf jeden Fall ein gewöhnungsbedürftiger, aber dennoch schöner und (akustisch) passender Name der dein Eindruck von Stärke vermittelt,

LG BlackArrow
Antwort von:  Bettyna
10.10.2014 11:58
Yay, ein Kommentar auf meine FF :D Vielen Dank, ich hab mich sehr gefreut!
Puh, ich dachte schon, ich mache Thorin zu böse ^^' Jedenfalls versuche ich in so einem Fall immer, das auch logisch zu begründen, wie das mit Kilis neuer Aufgabe und so! Freut mich, dass die Idee gut ankommt :D
Hach, jetzt hast du mich erwischt xD Noralerweise versuche ich, so realistisch wie möglich zu bleiben, das gilt auch für Namen. Bei Briuwen hab ich mich von dem Klang hinreißen lassen, das heißt im Klartext: Die Vorsilbe Briu gibt es nicht ^^' Die (fiktive) Bedeutung hab ich mir auch noch nicht überlegt!

LG Bettyna
Von:  Ithildin
2014-08-11T15:18:37+00:00 11.08.2014 17:18
hmmm ein interessanter anfang...und eine schöne ausgefeilte schreibweise.
ich für meinen teil hab nix zu meckern. ^^
also zumindest von dem was ich bisher gelesen habe. D:
der spannungsbogen wird zudem ordentlich aufgebaut..und auch erhalten.
alles in allem ein gelungener start...
sehr schön weiter so. ^^
kili ist im normalfall zwar nicht unbedingt mein persönlicher favorit, aber das sehe ich in dem fall jetzt nicht als hindernis an. ^^
egal trotzdem ein gelungener auftakt.
gruß ithildin



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