Zum Inhalt der Seite

Die vergessene Welt

Harvest Moon x Yu-Gi-Oh
von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Prolog

✔️ Prolog

Anfangs war alles von blendendem Weiß umhüllt, ein Zustand vollkommener Unwissenheit. Doch nach und nach begann ein sanftes, gelbliches Flackern aufzuschimmern, als würden die Schleier der Dunkelheit gelüftet. Dieses Licht drang beharrlich in das Bewusstsein vor, begleitet von einem schwachen, aber stetig intensiver werdenden Hauch von Salz in der Luft.

Langsam kehrte das Gefühl, einen eigenen Körper zu besitzen, zurück. Es war ein merkwürdiges, fast fremdartiges Empfinden der Schwerelosigkeit, das allmählich einer plötzlichen Schwere wich. Als würde ein unsichtbares Gewicht, so massiv wie pures Stahl, auf den Körper drücken.

Ein beständiges Geräusch begann in den Ohren des ohnmächtigen Körpers zu klingen. Ein sanftes Plätschern, gefolgt von dem dumpfen, beruhigenden Rauschen der Wellen. Mit einem mühsamen Aufbäumen öffneten sich endlich ihre Augen, und sie erlangte Kontrolle über ihre Sinne.

Sie betrachtete ihre Hand, die friedlich auf dem feinen Sand ruhte. Die Blässe und Erschöpfung ihrer Haut sprach von den Strapazen, die sie durchlitten hatte. Nach einigen Augenblicken des Blinzelns versuchte sie, ihren Kopf zu heben, suchte bewusst nach der zweiten Hand. Erst dann konnte sie einen festen Halt finden.

Es erforderte noch immer eine gewisse Anstrengung, den Unterkörper zu erheben und sich aufrecht hinzusetzen. Ein Gefühl der Leere durchzog ihren Körper, als hätten ihre Beine jede Verbindung zur Realität verloren, und sie fühlte sich, als schwebe sie auf Luft.

Schwerfällig atmete sie aus. Wo befand sie sich? Anfangs wagte sie nicht mehr, als auf das ruhige Meer vor ihr zu starren, das sich friedlich unter der aufgehenden Sonne erstreckte. Für einige kostbare Sekunden fesselte dieser Anblick sie mehr als die drängende Notwendigkeit, die Ungewissheit zu enthüllen.

Die gleißenden Strahlen der aufsteigenden Sonne, in ihren lebendigen Farben von Orange, Rot und Gelb, spiegelten sich auf der Oberfläche des grün-bläulichen Meeres wider. Der Horizont bot ein ständig wechselndes Farbenspiel, während die Sonne langsam ihren Aufstieg vollzog. Ein Bild von erhabener Harmonie, welche sie in ihren noch schläfrigen Körper aufzusaugen schien.

Allmählich ließ sie die Augenlider sinken, um noch mehr von der Kraft der Sonnenstrahlen in sich aufzunehmen, bevor sie sich entschloss, ihre Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen. Ihr Nacken fühlte sich an, als wäre er aus steifem Gummi, doch ihre neugierigen Augen wanderten bereits nach links, auf der Suche nach Antworten in dieser unbekannten Welt.

Friends of Mineral Town

Friends of Mineral Town
 

Vor ihr erstreckte sich ein apokalyptisches Szenario des Schreckens. Inmitten des sanften Sandes lagen leblose Körper, als ob sie von den Wellen des Schicksals verschlungen worden wären. Menschliche Körper, einst voller Leben und Energie, nun in einem endlosen Schlaf versunken. Einige von ihnen waren so tief im Sand begraben, dass sie beinahe mit ihm zu verschmelzen schienen, als hätten sie sich der gnadenlosen Natur ergeben.

Die Stille war überwältigend, so tief und bedrückend wie der eisige Griff des Todes selbst. Keiner der Körper regte sich, kein Atemzug, kein leises Wispern. Die Szenerie war von einem makabren Frieden durchzogen, der das Herz mit einer Mischung aus Trauer und Furcht füllte.

Die aufkommende Unsicherheit und Angst schnürten ihr die Kehle zu, und sie fühlte sich gefangen, als hätte das Schicksal sie in diesem Albtraum gefangen gehalten. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, und sie schienen im Takt ihres rasenden Herzschlags zu pulsen. Die düsteren Gedanken spielten sich vor ihr ab wie ein verstörender Albtraum, während sie sich fragte, ob sie allein in dieser schrecklichen Realität gefangen war. Konnte es wirklich sein? Waren sie alle... tot?

Der junge Mann stand vor dem Badezimmerspiegel und bürstete sich gerade die Zähne. Der klare Strahl kalten Wassers aus dem Hahn belebte sein Gesicht, während er sich in dem schlichten weißen Schlafanzug wohlfühlte. Seine dunkelbraunen, kurz geschnittenen Haare standen in Borsten auf seinem Kopf. Es war ein gewöhnlicher Morgen, und er führte die Routinehandlungen beinahe mechanisch aus.

Sein Blick fiel fast zufällig aus dem Badezimmerfenster auf die morgendliche Szenerie. Doch was sich ihm dort bot, ließ ihn die Zahnpasta fast verschlucken. Ein schreckliches Bild entfaltete sich vor seinen Augen. Am Strand, der normalerweise von der Ruhe des Morgens erfüllt war, saß ein junges Mädchen inmitten des weichen Sandes. Ihr erschöpftes, bleiches Gesicht und die verängstigten Augen stachen sofort ins Auge.

Es war nicht allein die Tatsache, dass sie am Strand war, sondern die Art und Weise, wie sie da saß, die ihn zutiefst alarmierte. Ihr Blick wirkte verloren, verängstigt, als hätte sie etwas Unvorstellbares erlebt. Ihre Schultern zitterten leicht, und sie schien in einem Zustand des Schocks gefangen zu sein, der sie von der Realität abschnitt.

Das Mädchen schien so verletzlich und hilflos in dieser bizarren Situation, dass der junge Mann keine Sekunde zögerte. Die Dringlichkeit des Moments trieb ihn an, und er wusste, dass er sofort handeln musste, um herauszufinden, was geschehen war und ihr zu helfen.

Als er zu der Gestrandeten eilte, wurde ihm sofort bewusst, wie zutiefst schockiert sie war. Ihr Körper zuckte unwillkürlich zusammen, und es schien, als ob sie sich vor etwas Grauenvollem schützen wollte. Sie saß reglos im Sand, ihre Knie waren leicht angezogen, und ihre Arme lagen schlaff auf ihrem Schoß. Ihre Augen waren von einem Tränenschleier verschleiert, der ihre Sicht auf die Welt trübte und die Farben der Umgebung verblasste.

Ihr Atem ging flach und unregelmäßig, als würde sie versuchen, sich vor der unvorstellbaren Realität zu verstecken. Ihr Gesicht wirkte wie das einer Verlorenen, die in die Dunkelheit gestürzt war. Ein leises, beinahe unhörbares Wimmern entkam ihren Lippen, als sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

Der junge Mann setzte sich vorsichtig neben sie, seine Hände ruhten sanft auf ihren Schultern, als ob er sie vor weiterem Unheil bewahren wollte. "Hey! Junges Fräulein, alles in Ordnung?" fragte er, seine Besorgnis war deutlich in seiner Stimme spürbar. Er ergriff sie leicht an den Schultern und drehte sie zu sich, in der Hoffnung, ihren Blick zu fangen. "Hallo?" Seine Worte waren ruhig und beruhigend, aber auch entschlossen, ihr aus diesem düsteren Zustand herauszuhelfen.

Die Gestrandete wisperte kaum hörbar, ihre Stimme bebte vor Angst, als sie die verstörende Frage stellte: "Sind sie...alle tot?" Der brünette Mann überblickte die scheinbare Totenstille um sie herum und erkannte, dass sie sich in einem Zustand des Schocks befand, der sie von der schrecklichen Realität abschottete.

Der brünette Mann überblickte das scheinbare Totengelage, während die junge Frau immer noch in einem Zustand des Schocks verharrte. Sein Gesichtsausdruck war ein Spiegelbild seiner inneren Entschlossenheit, dieser rätselhaften Tragödie auf den Grund zu gehen.

"Wir müssen herausfinden, was hier geschehen ist," sagte er sanft, während er ihr half, auf ihre wackeligen Beine zu gelangen. Er ermutigte sie beharrlich, während sie einen inneren Kampf mit sich selbst führte. Die junge Frau wollte nicht akzeptieren, dass diese Menschen vor ihnen tot sein könnten. In ihr loderte eine Entschlossenheit auf, dem Tod seine Opfer abzuringen, und sie wusste, dass sie handeln musste.

"Du schaust da drüben!" wies der Mann an und schubste sie leicht in Richtung eines der anderen Gestrandeten. Trotz ihrer eigenen Verwirrung stolperte sie gedankenlos auf ihn zu und setzte sich neben einen der leblosen Körper. Mit zittrigen Händen begann sie, an ihm zu rütteln. "Mister! Mister!! Können Sie mich hören?" Ihre Stimme bebte vor Entschlossenheit, und sie weigerte sich, den Glauben an das Leben in ihnen aufzugeben.

"Wacht doch auf!! Ihr müsst aufstehen!!" schrie sie aus Leibeskräften, ihre Worte durchzogen die Stille wie ein verzweifelter Appell an das Leben selbst.

Langsam aber sicher füllte sich der Strand mit Menschen, die aus den umliegenden Strandlokalen und von der anderen Seite der Strandpromenade herbei eilten. Die Tragödie wurde allmählich offenkundig. Ein Schiffsbruch hatte diese Menschen in diese Albtraumwelt gespült, und die Worte "Überlebende" und "Opfer" verloren ihre klare Bedeutung, während die Realität immer schrecklicher wurde.

Popuri, mit ihren lebhaften roten Haaren und den fröhlichen grünen Augen, tauchte auf den Stufen des Strandes auf, als hätte sie die Farben des Sommers in sich aufgesogen. Ihr strahlendes Lächeln war ansteckend, und ihre Energie schien nie zu erlöschen. Sie trug ein buntes, sommerliches Kleid, das zu ihrer fröhlichen Persönlichkeit passte, und ihre Locken tanzten im Wind, als sie die Situation auf dem Strand erblickte.

Kai hingegen kam eilig aus seinem Strandlokal, mit einer Lässigkeit und einem Charme, die ihn auszeichneten. Seine braunen Haare waren zerzaust, als hätte er gerade erst aus dem Bett gefunden, aber sein unbeschwertes Lächeln zeigte, dass er mit der Ruhe und Gelassenheit eines Surflehrers durchs Leben ging. Er trug eine leichte Strandbekleidung und schien stets bereit zu sein, die Menschen in seiner Umgebung zu unterstützen.

Während sich die Menschen um sie herum langsam aus ihrer Starre zu erwecken schienen, war Popuris aufgeregte und kümmernde Natur unübersehbar. Kai hingegen handelte mit einer selbstverständlichen Entschlossenheit, als würde er den Strand und seine Gäste schützen, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.

„Schnell, Popuri! Ruf Elli und den Doktor an!", wies Kai sie an und machte sich daran, dem Einkäufer Zack und dem Fischer Greg zur Hand zu gehen.

Greg, der Fischer, war ein kräftiger Mann mit einer robusten Statur. Seine wettergegerbte Haut und das salzige Wasser in seinem Haar zeugten von unzähligen Stunden auf See. Sein ernsthafter Blick und die tiefe Verbundenheit zur Natur spiegelten sich in seinem Ausdruck wider. Greg trug typischerweise Fischerkleidung, bestehend aus einer abgenutzten Hose und einem verwaschenen Hemd, das von der harten Arbeit auf dem Wasser zeugte. Sein fester Händedruck und seine ruhige Art vermittelten Vertrauen und Entschlossenheit.

Zack, der Einkäufer des Dorfes, hatte ein freundliches und offenes Lächeln, das die Herzen der Dorfbewohner eroberte. Mit seinen wachen Augen und der fröhlichen Ausstrahlung wirkte er immer wie der nette Nachbar von nebenan. Zack war stets in Bewegung. Seine lockere Art und seine Bereitschaft zu helfen, machten ihn zu einem beliebten und vertrauenswürdigen Händler im Dorf.

Es war Zack, der Einkäufer des Dorfes, der als erster auf das Mädchen aufmerksam wurde. Seine freundliche und offene Natur veranlasste ihn, sofort zu handeln, als er Nanali im Sand sah. Mit seinen wachen Augen und der fröhlichen Ausstrahlung wirkte er immer wie der nette Nachbar von nebenan, der sich um das Wohl der Dorfbewohner sorgte. Als er das junge Mädchen inmitten der strandenden Menschen entdeckte, war seine Bereitschaft zu helfen und seine lockere Art unübersehbar.

Zack zögerte keinen Moment, als er auf Nanali zustürzte und versuchte, ihr zu helfen. Sein freundliches Lächeln und seine herzliche Art machten es Nanali leichter, sich ihm anzuvertrauen. In dieser verwirrenden und beängstigenden Situation war es Zack, der eine Verbindung herstellte, die von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft geprägt war, und der den Anstoß gab, die anderen Gestrandeten zu wecken und sich um sie zu kümmern.

"Mädchen. Wie heißt du?" fragte er mit einem besorgten Blick.

Nanali zögerte einen Moment, bevor sie lauter sprach. "Nanali, Sir! Mein Name ist Nanali!" Zack nickte anerkennend und wies sie weiter an. "Hallo Nanali, ich bin Zack. Schau mal da! Da liegt noch einer. Ich mach da drüben weiter."

Das Mädchen sprang auf und lief zu der Person, die sich als zwei entpuppte. Ein junger Mann in ihrem Alter mit brünettem Haar, groß und imposant, lag dort. Die zweite Person, ebenfalls männlich, war deutlich kleiner und hatte langes schwarzes Haar.

Nanali versuchte, den jüngeren aus dem Griff des Älteren zu lösen, um besser an ihn heranzukommen. Doch der Griff des Mannes verstärkte sich. Bei näherer Betrachtung dämmerte es Nanali, wer die beiden sein könnten.

"Hey! Hey, du!! Komm schon! Wach auf!", rief sie verzweifelt und versuchte, sie beide zu rütteln. Zunächst schien es, als ob sie nicht reagieren würden, doch als sie den jüngeren Mann aus dem Griff des Älteren lösen wollte, verstärkte sich der Griff des Brünetten.

Nanali erkannte sofort, wer die beiden Männer waren. Seto Kaiba, CEO einer großen Firma und immer Beschützer seines kleinen Bruders Mokuba, hatte diesen fest umschlungen, um ihn vor jeglichem Schaden zu bewahren. Die Entschlossenheit, Mokuba zu schützen, spiegelte sich in Setos entschlossenem Griff und seiner besorgten Miene wider. Sein dunkelblaues Hemd und der Ausdruck der Verantwortung auf seinem Gesicht vermittelten den Eindruck eines Mannes, der in jeder Situation die Kontrolle behielt.

Mokuba, der jüngere Bruder, war von Setos Schutz umgeben, sein Kopf ruhte auf Setos Schulter, und seine dunklen, langen Haare bildeten einen Kontrast zu Setos blauem Hemd. Sein jugendliches Gesicht und seine geschlossenen Augen zeigten die Verletzlichkeit eines jungen Mannes, der immer von seinem Bruder beschützt worden war.

Nanalis Augen füllten sich mit Tränen, als sie den Anblick der beiden Geschwister sah, die eng miteinander verbunden waren und in dieser lebensbedrohlichen Situation zusammenhielten. Sie verstand, wie wichtig ihre Rufe waren, um sie aus dieser schrecklichen Ohnmacht zu wecken.

„Seto, Mokuba!“

Um sie herum erwachten nun auch andere Menschen aus ihrer Totenstarre, und die Szenerie auf dem Strand wurde immer surrealer und voller Unklarheiten, als die unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Figuren aus verschiedenen Welten langsam ins Leben zurückkehrten.

Seine Gesichtsmuskeln zogen sich etwas zusammen, dann öffnete er langsam seine Augen und erhob sich ebenso schwermütig wie Nanali zuvor.

Als Seto aus seiner Ohnmacht erwachte, war seine Welt für einen Moment ein wirres Durcheinander von Geräuschen und unklaren Bildern. Doch dann wurde ihm mit einem Schlag bewusst, dass er auf dem Sand lag und sein kleiner Bruder Mokuba unter ihm war. Ein Gefühl von Panik durchzuckte ihn, und er war mit einem Mal hellwach.

"Mokuba!", entfuhr es ihm, seine Stimme voller Sorge und Besorgnis, während er begann, seinen jüngeren Bruder zu rütteln. "Mokuba! Wach schon auf, Kleiner!"

Seto war sofort klar, dass sie sich in einer gefährlichen Situation befanden, und sein Instinkt als großer Bruder übernahm die Kontrolle. Er rüttelte seinen Bruder sanft, aber entschlossen, und versuchte, ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken.

Nanali sah, wie eng die Bindung zwischen den beiden Geschwistern war, und konnte die Erleichterung in ihren Gesichtern spüren, als Mokuba allmählich zu Bewusstsein kam. "Seto-nii-san...", flüsterte der jüngere, und Seto fand Trost in diesen Worten.

"Gott sei Dank", murmelte Nanali leise, bevor sie aufstand, um zu überblicken, wie auch die anderen nach und nach zu sich kamen. In diesem Moment hatte Seto Kaiba nur Augen für seinen kleinen Bruder, und die Welt um sie herum verschwand vorübergehend in der Bedeutungslosigkeit.

"Was ist denn nur passiert...", murmelte Nanali mehr zu sich selbst.

Seto, der sich langsam sammelte, schloss die Augen für einen Moment, um sich an die Ereignisse vor dem Unfall zu erinnern. In seinen Gedanken sah er ein Schiff in der Ferne auftauchen, das als winziger Punkt am Horizont begann. Doch mit jeder Minute, die verging, wurde es größer und näher, bis sie schließlich auf Kollisionskurs waren. Das andere Schiff näherte sich unaufhaltsam, und Seto konnte die unheilvolle Bedrohung förmlich spüren, als es immer näher kam und schließlich in einem gewaltigen Aufprall mit ihrem Schiff kollidierte. Der Zusammenstoß war von einem ohrenbetäubenden Krachen begleitet.

Die Kollision brach das Schiff in zwei Teile. Das Wasser strömte mit einer unbarmherzigen Wucht in den Riss des Schiffes und zog es nach unten. Seto kämpfte verzweifelt gegen den Sog an, der das Schiff unaufhaltsam in die Tiefe riss. Das Wasser umspülte ihn, und er konnte fühlen, wie die Strömung an seinen Beinen zerrte, während er sich mühsam aufrecht hielt.

In diesem Moment war sein einziger Gedanke, seinen kleinen Bruder Mokuba zu retten. Mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Verzweiflung streckte er seine Hand aus und griff nach Mokubas Hand. Die Wellen tobten um sie herum, und Seto zog Mokuba zu sich, in seine schützenden Arme.

Die Welt schien für einen Augenblick stillzustehen, während Seto und Mokuba sich inmitten des aufgewühlten Wassers aneinander klammerten. Seto fühlte das Herz seines Bruders heftig schlagen und wusste, dass sie nur noch sich selbst hatten. In dieser lebensbedrohlichen Situation war Seto bereit, alles zu tun, um Mokuba zu schützen und sie beide am Leben zu erhalten.

Als Seto seine Augen wieder öffnete, war die Erinnerung an den Zusammenstoß so lebhaft in seinem Gedächtnis. "Es waren zwei Schiffe. Das eine auf dem ihr wart und das auf dem wir waren."

Nanali wirkte verwirrt. "Zwei? Ich weiß von nichts. Ich hab ...geschlafen. Tief und fest."

Mokuba, dem Seto auf die Beine geholfen hatte, fügte hinzu: "Doch da waren zwei Schiffe. Wir wurden von einem gewaltigen Unwetter überrascht und sind aufs weite Meer hinausgetrieben worden, als euer Schiff am Horizont erst kurz zu sehen war und dann plötzlich war es bedrohlich nah..."

Die Gruppe versuchte, die Details der Situation zu klären.

Alex, der Dorfdoktor, eilte zusammen mit Elli zum Strand, als sie von der Ankunft der Neuankömmlinge erfuhren.

Er war ein erfahrener und freundlicher Arzt, der stets bereit war, anderen in Not zu helfen. Er trug eine weiße Arztkittel und eine stets präsente Brille, die seine ernsthafte Haltung unterstrich.

Elli ist eine hübsche junge Frau mit kurzen braunen Haaren. Sie trägt ein schlichtes Kleid und hat ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Elli arbeitet als Krankenschwester im Dorf und ist bekannt für ihre Fürsorglichkeit und ihr Mitgefühl.

Alex‘ Gesicht zeugte von Konzentration, als er sich den Gestrandeten näherte und begann, sie zu untersuchen. Unterdessen wurden heiße Getränke an die verängstigten Menschen verteilt, um sie zu beruhigen und aufzuwärmen. Clair, die Farmerin aus dem Dorf, reichte Nanali ein heißes Getränk.

Clair ist eine Farmerin im Dorf und hat langes, blondes Haar. Sie trägt meist praktische Arbeitskleidung, die von der Feldarbeit gezeichnet ist. Trotz ihrer robusten Erscheinung hat sie ein warmes und mitfühlendes Wesen.

Nanali nahm das heiße Getränk dankbar entgegen und spürte, wie die wohltuende Wärme sie durchströmte. Sie lächelte Clair dankbar an und begann, mit ihr zu sprechen. Die Farmerin hörte aufmerksam zu und beteiligte sich an ihrem Gespräch.

Aus der Unterhaltung aller beteiligten ergab sich folgendes Szenario, welches von Clair zusammengefasst wurde: „Also Nanali und ihre Oberschulklasse eines Gymnasiums aus Deutschland fuhren während ihres Abschlussjahres auf einer Fähre in Spanien zwischen Inselgruppe und Festland, während zur gleichen Zeit ein Passagierschiff in Japan zu den Osagawara- Inseln fährt. Beide Orte liegen mehrere tausend Kilometer voneinander entfernt. Als ein Sturm aufzieht, beide Schiffe aufs Meer rauszieht. Keine gefühlten zehn Minuten später kollidieren beide Schiffe…“

Seto stand da, seine Stirn in tiefe Falten gezogen, während er den Bericht von Clair über die Ereignisse aufmerksam verfolgte. Die Beschreibung, wie die beiden Schiffe aus verschiedenen Teilen der Welt kamen und dann kollidierten.

„Das ist unglaubwürdig und nebenbei bemerkt komplett unmöglich!“, protestierte er.

In seinem Inneren tobte ein Kampf zwischen dem, was er für möglich und unmöglich hielt. Als erfolgreicher Geschäftsmann und CEO eines großen Unternehmens war Seto Kaiba es gewohnt, in der Welt der Fakten und der Logik zu leben. Doch jetzt, an diesem fremden Ort, musste er sich mit einer Realität auseinandersetzen, die seine Vorstellungskraft überstieg.

Tief in seinem Inneren wusste er, dass "unmöglich" nicht immer gleichbedeutend mit "unmöglich" war. Er hatte in seinem Leben schon oft Dinge erreicht, die andere für unmöglich gehalten hatten. Das Schicksal spielte oft seine eigenen Rätsel, und Seto hatte gelernt, dass es Dinge gab, die er nicht vollständig kontrollieren konnte.

Während er mit diesen Gedanken kämpfte, wurde ihm klar, dass die Tatsache, dass er hier war, bereits bewies, dass etwas Außergewöhnliches und Unerklärliches geschehen war. Das Schicksal hatte einmal mehr sein Spiel mit ihm gespielt, und er musste sich der neuen Realität stellen, auch wenn sie unglaublich schien.

Theodore, der Bürgermeister von Mineralstadt, betrat die Szene mit einem eindrucksvollen Auftritt. Sein markantestes Merkmal, der übergroße Zylinderhut, war bereits von Weitem sichtbar. Dieser Zylinder war ein leuchtendes Rot und wirkte fast schon majestätisch auf seinem Kopf. Seine Kleidung folgte dem gleichen Farbschema, mit einem tiefroten Anzug und einer dazu passenden Weste. Ein schicker Schnurrbart zierte sein freundliches Gesicht und unterstrich seine Würde.

Sein Blick wanderte von einem Gesicht zum anderen, während er die Aufmerksamkeit der Gestrandeten auf sich zog. "Meine lieben Neuankömmlinge, ich sehe, dass ihr euch noch immer in Erstaunen und Verwirrung befindet. Aber lasst mich euch versichern, dass die Dinge, von denen ihr berichtet, hier nicht wirklich sonderbar klingen eine Sorge, mein Freund. Aber lasst mich euch die Geschichte unserer Insel erzählen. Diese Insel lebt von den Menschen, die hier stranden und ein neues Leben beginnen. Sie bringen neues Wissen und neue Fähigkeiten mit sich, und so entwickelte sich unsere Gesellschaft. Jetzt seid auch ihr Teil davon.“

Seto, immer noch skeptisch, wagte es zu widersprechen: "Das ist lächerlich. Ich habe nicht vor, hier zu bleiben. Ich werde einen Weg finden, diese Insel zu verlassen."

Theodore seufzte leicht und antwortete ruhig: "Ich verstehe deine Sorge, mein Freund. Aber die Wahrheit ist, dass es unmöglich ist, diese Insel zu verlassen."

„Ich bin ganz sicher nicht dein Freund. Und welcher Ort soll das sein, der inmitten der Globalisierung unerkannt und unmöglich zu verlassen ist?“

Nanali, die den Worten des Bürgermeisters aufmerksam zugehört hatte, drängte sich eine Vorstellung auf. Dass sie möglicherweise gestorben und gleichzeitig nicht gestorben waren. Als wären sie in einer Zwischenwelt die physikalisch getrennt von ihrer Welt lag. Eine Ebene vor dem endgültigen Tod. Sie fragte sich, ob sie sich in einer Art Limbo zwischen Leben und der Welt, die sie kannten, befanden.

Theodore lächelte erneut und fuhr fort: "Ihr seid willkommen in der vergessenen Welt. Hier leben Menschen wie wir, die einst von anderen Orten an die Küsten gespült wurden."

Seto, immer noch unbeirrt, sagte: "Das ändert nichts. Ich werde einen Weg finden, von dieser Insel zu verschwinden."

Theodore schüttelte bedauernd den Kopf und erklärte: "Ich fürchte, das könnt ihr nicht mehr beeinflussen. Diese Insel wird euer neues Zuhause sein, so wie es für uns alle geworden ist."

Die Gestrandeten konnten die Worte des Bürgermeisters kaum fassen, während sie sich allmählich mit der Tatsache abfinden mussten, dass sie in dieser rätselhaften Zwischenwelt gefangen waren, in der die Regeln der Realität neu geschrieben wurden.

Der Doktor näherte sich Seto mit einem besorgten Blick und begann: "Seto, ich würde gerne sicherstellen, dass du und dein Bruder in Ordnung sind. Es ist wichtig, nach einem solchen Vorfall eure Gesundheit zu überprüfen."

Seto, immer noch von der Ungewissheit und den merkwürdigen Ereignissen überwältigt, erwiderte mit einem Hauch von Verärgerung: "Mir geht es gut. Ich brauche das nicht."

Der Doktor seufzte und verstand Setos Sturheit. Er ging weiter und ließ den missgelaunten Kaiba alleine.

Nanali konnte die Anspannung zwischen Seto und dem Doktor spüren und beschloss, das Gespräch auf eine andere Ebene zu lenken. "Entschuldigung", wandte sie sich an Theodore. "Wie kann ich dir helfen, mein Kind?"

„Gibt es noch mehr Strände, an denen Leute angespühlt worden sein könnten…?“

Nanalis Frage führte zu einer wichtigen Information. Sie erfuhr, dass es noch andere Überlebende geben könnte und dass Nachrichten von der ganzen Insel eintrafen. Dies brachte Hoffnung und Erleichterung für Nanali und die Kaibabrüder.

Der Pater und der Bürgermeister diskutierten, wie sie eine Namenliste der Überlebenden erstellen könnten, und Nanali war dankbar für diese Initiative. Sie sehnte sich danach zu erfahren, ob ihre Freunde und Klassenkameraden ebenfalls überlebt hatten.

Mokuba machte sich Sorgen um Joey und die anderen, während Seto schwieg und seine eigenen Gedanken behielt.

Insgesamt zeigte dieser Abschnitt die Spannungen und Unsicherheiten der Gruppe nach dem Schiffsunglück, aber auch die Hoffnung auf Rettung und das Wiedersehen mit den anderen Überlebenden.

The Thrift Shop & The Fermentation Breakthrough

The Thrift Shop & The Fermentation Breakthrough
 

03.September YYY1

Im Gasthof, einem geschäftigen Ort, der normalerweise für Mahlzeiten und Übernachtungen diente, hatte sich die Szenerie drastisch verändert. Inmitten der unerwarteten Notlage waren zwei der Gästeräume in hastig eingerichtete Umkleideräume für Jungen und Mädchen umgewandelt worden. Die Wände dieser Räume waren mit einfachen Vorhängen abgetrennt, die als provisorische Umkleidekabinen dienten. Innerhalb dieser Räume stapelten sich Sammelbehälter mit sauberer, aber schlichter Kleidung. Die Auswahl reichte von Hemden und Hosen bis hin zu einfachen Kleidern, alle sorgfältig sortiert, um den Bedürfnissen derjenigen gerecht zu werden, die ihre eigenen Kleider in den Stürmen des Unbekannten verloren hatten.

Im großen Restaurantbereich des Gasthofs, der normalerweise für gesellige Mahlzeiten und Unterhaltung genutzt wurde, hatte sich die Atmosphäre in ein Zentrum der Gemeinschaftshilfe verwandelt. Auf langen Tischen waren kostenlos Getränke wie Wasser, Saft und Tee sowie einfache, aber nahrhafte Mahlzeiten platziert. Die warme Suppe und die frisch gebackenen Brote spendeten Trost und Nahrung für die müden und besorgten Neuankömmlinge.

Ein markantes Merkmal im Gasthof war das große Plakat, das an der Wand hing. Auf diesem Plakat waren die Namen derjenigen aufgeführt, die bisher überlebt hatten. Die Namen waren in sorgfältig geschriebener Handschrift verzeichnet und mit Datum und Uhrzeit versehen. Es war eine beruhigende Gewissheit, dass bisher niemand aus der Gemeinschaft vermisst wurde.

Die Wand des Gasthofs war auch mit verschiedenen Jobgesuchen und Auftragsangeboten geschmückt. Ein bunter Mix von Papieren, auf denen die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Bewohner aufgeführt waren. Ein Holzschnitzer suchte nach frischem Holz, ein Fischer bot seine Dienste an, und eine Gruppe von Jugendlichen bot an, bei der Reparatur von Gebäuden zu helfen. Es war ein Ort der Zusammenarbeit und Solidarität, wo die Bewohner alles taten, um die neu angekommenen Gäste willkommen zu heißen und ihre eigenen Ressourcen und Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.

Dorfbewohner gingen geschäftig umher, beantworteten Fragen besorgter Neuankömmlinge und boten ihre Hilfe an. Die Gemeinschaft war entschlossen, in dieser ungewissen Zeit zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu unterstützen, und der Gasthof war das pulsierende Herz dieses Zusammenhalts, ein Ort der Hoffnung und Solidarität inmitten der Ungewissheit.

Setos Ausdruck als er den Umkleideraum in Gasthof verließ war unzufrieden. Er fand es schwer, sich in dieser Umgebung wohlzufühlen.

Seine Kleidung entsprach nicht dem gewohnten Lebensstil. Er hatte sich in ein einfaches Hemd und eine Hose gekleidet. Sein sonst so gepflegter Look war nun staubig und zerknittert. Dennoch strahlte er immer noch eine gewisse Eleganz aus.

Mokuba trug ein einfaches T-Shirt und eine Jeans. Sein junges Gesicht wirkte in diesem rustikalen Outfit beinahe kindlich. Er schaute sich neugierig um und versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. "Seto, wir müssen uns anpassen, bis wir von dieser Insel wegkommen", sagte er leise zu seinem Bruder.

Seto Kaiba seufzte und nickte zustimmend. "Du hast recht, Mokuba. Aber vergiss nicht, dass unser Ziel ist, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden und zu unserem gewohnten Lebensstil zurückzukehren."

Die beiden Brüder betraten den großen Restaurantbereich des Gasthofs. Sie hielten Ausschau nach möglichen Informationen, die ihnen bei ihrer bevorstehenden Herausforderung helfen könnten, diese ungewohnte Umgebung zu überleben und einen Weg von der Insel zu finden, als Nanali zu ihnen stieß. Nanali schritt die Treppe in den unteren Bereich des Gasthofs hinunter, und ihr unangenehm enges und auffälliges Outfit aus einem weißen und blauen Rüschenkleid und einem Korsett brachte sie in Verlegenheit. Das Kleid war deutlich overdressed für die einfache Umgebung des Gasthofs, und sie konnte das leise Gemurmel und die abfälligen Blicke ihrer Klassenkameraden förmlich spüren.

Ihre Klassenkameraden, die größtenteils in bequemen und schlichten Outfits gekleidet waren, starrten sie an und flüsterten hinter vorgehaltener Hand. Einige lachten offen über ihre unangemessene Kleidung. Nanali fühlte sich unwohl und versuchte, ihre Unsicherheit zu verbergen, indem sie nervös an ihrem Kleid herumzupfte.

Die Bemerkungen ihrer Mitschüler schienen ihr Selbstbewusstsein weiter zu untergraben, und sie konnte sich nicht gut zur Wehr setzen. Ihre Wangen färbten sich vor Scham, als sie den Blicken und Kommentaren ausgesetzt war. In ihrer Verlegenheit suchte sie Zuflucht in der Nähe von Seto und Mokuba, in der Hoffnung, dass die Anwesenheit der Kaiba-Brüder ihr etwas Ruhe und Unterstützung bieten würde.

Sie fühlte sich unsicher und verletzlich in dieser unangenehmen Situation, aber sie hoffte, dass sie sich zumindest in der Nähe von Seto und Mokuba vor den unangenehmen ¬¬-Kommentaren und Blicken ihrer Mitschüler schützen könnte.

Seto Kaiba hatte wenig Geduld für Unannehmlichkeiten, besonders wenn sie von Spötteleien und Unhöflichkeiten seitens ihrer Klassenkameraden begleitet wurden. Als er und Mokuba Nanali die Treppe hinunterkommen sahen, bemerkte er die abfälligen Blicke und Kommentare ihrer Mitschüler. Obwohl er nicht für humorvolle Scherze bekannt war, konnte er nicht umhin, leicht zu schmunzeln, als er das auffällige Outfit von Nanali sah. Dennoch war ihm bewusst, dass Nanali sich in dieser Situation unwohl fühlte.

Mokuba hingegen fand Nanalis Outfit süß und schien die Situation weniger ernst zu nehmen. Er bemerkte Setos Schmunzeln und konnte die Anspannung in der Luft spüren. Trotzdem zeigte er Verständnis für Nanali und lächelte sie aufmunternd an.

Seto Kaiba, der oft die Schwächeren beschützte und eine natürliche Autorität ausstrahlte, konnte nicht tatenlos zusehen, wie Nanali unter den Blicken und Kommentaren ihrer Mitschüler litt. Er trat einen Schritt vor, und seine Miene wurde ernster. Er rief laut genug, damit alle es hören konnten: "Habt ihr ein Problem?" Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er bereit war, sich gegenüber den Spöttereien der Mitschüler zu behaupten.

Mokuba schloss sich seinem Bruder an und stand an Nanalis Seite. "Das ist ja mal sowas von niedlich. Ha ha. Ich schätze sowas trägst du normalerweise nicht?", fragte er zuckersüß.

Die Klassenkameraden waren von der Entschlossenheit der Kaiba-Brüder überrascht und hielten inne. Es wurde klar, dass sie es nicht zuließen, dass jemand in ihrer Nähe ohne Grund schikaniert wurde. Die unangenehmen Blicke und Kommentare verstummten, und Nanali konnte etwas aufatmen.

"Nein, Mokuba." antwortete Nanali. "Im Gegenteil, leider bin ich es absolut gewohnt Sachen zu tragen, die meinen Charakter nich widerspiegeln. Meine Mutter ist da sehr ... wie soll ich sagen - autoritär?- gewesen...", antwortete Nanali.

Seto Kaiba und Mokuba hörten aufmerksam zu, als Nanali von ihrer Mutter und den Erwartungen sprach, die auf ihr lasteten. Seto konnte nachvollziehen, wie belastend es sein konnte, sich ständig den Erwartungen anderer beugen zu müssen. Er sagte: "Man sollte immer das tun, was zu einem passt und was einen glücklich macht. Die Meinung anderer sollte dich nicht daran hindern, du selbst zu sein."

Mokuba nickte zustimmend und fügte hinzu: "Genau, Nanali. Jeder sollte die Freiheit haben, seine eigenen Interessen zu verfolgen." Er sah zu Seto und fragte dann: "Apropo. Seto, wo möchtest du jetzt hingehen?"

Seto überlegte einen Moment und antwortete: "Ich würde gerne in den Elektrofachhandel gehen und sehen, was an Technik verfügbar ist."

„Ich würde gerne in die Bibliothek gehen und recherchieren. Es gibt einige Dinge, die mich interessieren."

Mokuba lächelte und schlug vor: "Ich begleite Nanali, wenn es für dich okay ist, Nii-san. Ich würde mich bei dir eh‘ nur zu Tode langweilen. Außerdem klingt Bibliothek nach einigen nützlichen Informationen. Wir können uns später wieder hier treffen und unsere Erfahrungen teilen."

Seto stimmte zu, und sie machten sich auf den Weg.

Er betrat den örtlichen Supermarkt in Mineralstadt, einen kleinen, gemütlichen Laden, der von Jeff geführt wurde. Die Regale waren mit verschiedenen Waren gefüllt, von frischem Gemüse bis hin zu Haushaltsartikeln. Die warme Atmosphäre des Ladens lud zum Verweilen ein.

Jeff, der schüchterne Besitzer des Ladens, stand an der Kasse und rangierte einige Lebensmittel für Zack, einen anderen Dorfbewohner, der sich gerade anschrieb. Seto bemerkte, wie Zack die Gelegenheit nutzte, um auf Jeffs Nachsicht zu setzen und notierte, was er wollte, ohne direkt zu bezahlen.

Als Zack den Laden verließ, betrat Sasha, Jeffs Frau, den Supermarkt und sah ihn missbilligend an. Sie war eine energische Frau und übernahm oft die Rolle des "Bösewichts", wenn es darum ging, Geld einzutreiben. „Hast du schon wieder etwas rausgegeben ohne Geld zu kassieren?“, tadelte sie ihren Mann. „Ich gehe und hole das Geld für die Waren, die gekauft wurden, gib mir den Zettel.“ Jeff seufzte.

Sasha warf Jeff einen strengen Blick zu und tadelte ihn: "Hast du schon wieder etwas rausgegeben ohne Geld zu kassieren?"

Jeff seufzte und antwortete zögerlich: "Ja, Sasha."

Sasha seufzte ihrerseits und schüttelte den Kopf. "Jeff, das können wir uns nicht leisten. Ich gehe und hole das Geld für die Waren, die gekauft wurden. Gib mir den Zettel."

Jeff reichte seiner Frau den Zettel und sagte leise: "Es tut mir leid, Sasha. Ich weiß, du hast recht."

Sasha nickte, bevor sie den Laden verließ, um das Geld einzutreiben. In dieser unangenehmen Stille versuchte Jeff, seine Bauchschmerzen zu ignorieren. Schließlich drängte Sasha ihn, sich ein Beispiel an seinem Bruder Michael zu nehmen, der normalerweise den Laden führte.

"Michael würde sich das nicht gefallen lassen, Jeff. Du musst lernen, dich durchzusetzen, wenn du diesen Laden erfolgreich führen willst."

Während Sasha ihm Ratschläge gab, hörte Jeff aufmerksam zu, aber seine Gedanken schweiften ab. Die Anwesenheit von Seto Kaiba im Laden und die unangenehme Situation hatten ihn aus der Fassung gebracht. Er fühlte sich unwohl und wünschte sich, dass Sasha bald zurückkommen würde.

In diesem Moment fühlte sich Jeff wohl in einem Dilemma gefangen. Er war von Natur aus schüchtern und sanftmütig, was es ihm schwer machte, sich gegenüber den Dorfbewohnern durchzusetzen, insbesondere gegenüber denjenigen, die versuchten, ihre Einkäufe aufzuschreiben, anstatt sofort zu bezahlen.

Die Tadel von Sasha, seiner energischen Frau, lasteten schwer auf ihm. Er sehnte sich danach, ihr gerecht zu werden und seinen Laden erfolgreich zu führen, aber seine innere Zurückhaltung und sein Wunsch, es allen recht zu machen, standen ihm oft im Weg.

Als er den Zettel mit den aufgeschriebenen Waren an Sasha übergab, fühlte er sich hilflos und ein wenig entmutigt. Er wollte nicht, dass sie enttäuscht von ihm war, aber es schien, als könnte er nie die Balance finden zwischen seinem natürlichen Wesen und den Anforderungen, die an ihn als Ladenbesitzer gestellt wurden. Es war ein ständiger Kampf für ihn, seine Gefühle der Unsicherheit und des Zweifels zu überwinden.

Sie machte sich auf den Weg, um Zack zur Rede zu stellen und das Geld einzufordern.

Seto Kaiba betrachtete Jeffs Interaktion mit Sasha mit einer Mischung aus Frustration und Gleichgültigkeit. Er sah, wie Sasha ihren Mann tadelte und sich um die finanziellen Angelegenheiten des Ladens kümmerte, und das schien ihn zu irritieren. Seto war es gewohnt, Dinge selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht von anderen abhängig zu machen. Die Vorstellung, dass Jeff sich nicht durchsetzen konnte und seine Frau die finanzielle Verantwortung übernehmen musste, stieß bei Seto auf Unverständnis.

Jeff war zu nachgiebig und schwach, um einen Laden effizient zu führen. Da Seto aber kein Interesse daran hatte, sich in die Angelegenheiten der Dorfbewohner einzumischen, inspizierte er stattdessen die Elektronikgeräte im Laden.

Duke, ein weiterer Dorfbewohner, kam herein und versuchte, Jeff ebenfalls anzuschreiben. Er bemerkte Setos abfälligen Blick und fragte in genervtem Ton: "Ist etwas nicht in Ordnung?", doch Setos eiskalter Blick ließen ihm die Adern gefrieren.

Die Ladenglocke klingelte, als die Tür sich öffnete, und Karen trat heraus. Sie war eine junge Frau in ihren Zwanzigern, mit langen, kastanienbraunen Haaren, die sie zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden hatte. Ihre braunen Augen strahlten Entschlossenheit aus, und sie trug ein einfaches, aber praktisches Outfit, das zu ihrer selbstbewussten Persönlichkeit passte.

Karen war in etwa von durchschnittlicher Größe und schlank gebaut. Ihr Gesicht zeigte Entschlossenheit und Unnachgiebigkeit, ähnlich wie ihre Mutter Sasha. Als sie Duke dabei erwischte, wie er ohne zu bezahlen den Laden verlassen wollte, zog sie die Augenbrauen zusammen und trat mit entschlossenem Schritt auf ihn zu. „Du solltest bezahlen, wenn du etwas kaufst.“

Duke fühlte sich ertappt und schämte sich für seinen Versuch, sich den Einkauf zu erschleichen. Er senkte den Blick und griff schnell nach seinem Geldbeutel, um das fällige Geld an Karen zu übergeben. Währenddessen blieb Jeff, Karens Vater, wortlos und anscheinend in Gedanken versunken an der Kasse stehen, ohne sich in die Angelegenheit einzumischen. Die Szene wirkte gespannt und ein wenig unangenehm, da Karen und Sasha sich nicht scheuten, sich durchzusetzen, wenn es um Geld ging.

Während Duke geht, betritt Sasha erneut den Laden. Beide Frauen treten an die Kasse und legen das Geld auf dem Tresen ab. Karen, die ihrer Mutter sehr ähnlich sah, sprach ihn mit energischer Stimme an: "Dad, du musst wirklich mehr Durchsetzungsvermögen zeigen. Es kann nicht sein, dass die Leute hier ständig Waren mitnehmen und später bezahlen."

Sasha stimmte ihrer Tochter zu und fügte hinzu: "Karen hat recht, Jeff. Du musst lernen, härter zu sein. Dein Bruder Michael würde das nicht zulassen."

Jeff seufzte und fühlte sich von den beiden Frauen in die Mangel genommen. "Ich weiß, ihr habt recht. Es ist nur manchmal so schwer."

Karen legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter und sagte: "Wir wissen, dass es schwer ist, Dad, aber du schaffst das. Wir sind ja hier, um dir zu helfen."

Sasha nickte zustimmend und lächelte ihren Mann an. Jeff fühlte sich von ihrer Unterstützung etwas aufgemuntert, auch wenn er wusste, dass er noch viel lernen musste, um den Laden erfolgreich zu führen.

Seto musste es sich verkneifen eine Augenbraue zu heben. Er hatte nicht viel übrig für derlei Schwäche. Plötzlich hörte man einen lauten Knall aus dem Hinterzimmer, gefolgt von einer Rauchwolke. Die Explosion hatte das ruhige Ambiente des Supermarkts jäh unterbrochen.

Sasha seufzte frustriert. „Michael ist zuverlässig und anständig. Aber seine Tochter…“

Anna hatte dieses besorgniserregende Hobby, ständig Dinge zu erfinden und dabei oft für Chaos zu sorgen. Was würde sie diesmal sagen?

Aus der Rauchwolke im Hinterzimmer trat Anna hervor, ihr Gesicht leicht verschmiert von Ruß und Asche. Sie grinste schelmisch und meinte: "Oops, da ist wohl etwas schiefgegangen. Keine Sorge, ich kriege das wieder hin."

Seto konnte nur den Kopf schütteln.

„Mein Fehler lag darin, dass ich die Berechnungen für die Strömungsdynamik nicht präzise genug durchgeführt habe. Man muss wirklich darauf achten, wie die Flüssigkeiten sich in einem solchen System bewegen, um Turbulenzen zu verhindern und die mechanische Stabilität zu gewährleisten. Aber das ist natürlich nur ein kleines Problem."

Seto wurde hellhörig. Und wandte sich dem Mädchen mit blondem Pferdeschwanz zu.

Anna überlegte einen Moment und fuhr fort: "Um das Problem zu lösen, werde ich die Strömungsrichtung der Flüssigkeiten in der Maschine neu kalibrieren und die Geschwindigkeiten der einzelnen Komponenten anpassen. Außerdem werde ich die Materialien überprüfen, um sicherzustellen, dass sie den Belastungen standhalten. Es ist eine komplexe Aufgabe, aber ich bin zuversichtlich, dass ich es schaffen werde."

Karen schaute besorgt auf die Rauchwolke und tadelte Anna vorsichtig: "Anna, du solltest wirklich vorsichtiger sein und deine Finger von solch gefährlichen Experimenten lassen, bevor du den Laden in Schutt und Asche legst."

Anna lächelte und erklärte: "Keine Sorge, Karen, ich bin fast fertig. Diesmal wird alles gutgehen, wirklich!" Anna erklärte enthusiastisch: "Die Fermentiermaschine, die ich entwickle, verkürzt die Fermentierzeit erheblich. Normalerweise würde die Herstellung von Käse Wochen dauern, aber mit diesem Gerät können wir es in wenigen Tagen erledigen. Außerdem ist die Maschine äußerst effizient und spart Ressourcen, was gut für die Umwelt ist. Und nicht zu vergessen, die Qualität des Käses wird deutlich verbessert."

Karen schüttelte den Kopf und meinte: "Wozu so etwas machen? Auf dem Land hatten wir immer Zeit, Anna."

„Diese Anna ist offensichtlich äußerst begabt und innovativ. Ihre Erfindung könnte tatsächlich einen großen Unterschied in der Landwirtschaft machen. Die Effizienzsteigerung und die Qualitätsverbesserung könnten sich positiv auf die Wirtschaft von Mineralstadt auswirken. Ich sollte mir diese Fermentiermaschine genauer ansehen…“, überlegte Seto.

Seto Kaiba überlegt kurz und macht dann einen Vorschlag, um Anna bei ihrer Erfindung zu unterstützen: "Um ein besseres Ergebnis zu erzielen, könnte es hilfreich sein, einige Prinzipien der Automatisierung und präzisen Temperaturkontrolle einzusetzen. Hast du Sensoren und Computersteuerungen hinzugefügt, um den Fermentierprozess zu optimieren? Das würde die Qualität weiter steigern und die Produktionszeit verkürzen.“

Anna sah nachdenklich aus, als sie Seto gegenüberstand. "Ich habe tatsächlich über einen mechanischen Ansatz nachgedacht, um die Fermentiermaschine zu optimieren. Ich dachte daran, Sensoren und eine automatische Steuerungseinheit hinzuzufügen, um den Fermentierprozess präziser zu überwachen und zu steuern. Das Problem ist, ich habe begrenzte Erfahrung in der Programmierung und im Elektronikdesign."

"Und wie wäre es, wenn ich meine handwerklichen Fähigkeiten anbiete, um die notwendigen Anpassungen vorzunehmen? Ich könnte Ihnen mein Know-how im Maschinenbau zur Verfügung stellen, um sämtliche möglichen Optimierungen umzusetzen. Im Gegenzug dazu leihst du mir ein Paar deiner Materialien zum Bau einer Funkkommunikation nach außen."

Anna dachte einen Moment nach und nickte schließlich. "Du kannst mich gerne unterstützen. Sicher kannst du dafür auch ein eigenes Gerät zusammenbauen, aber ich will dir keine Hoffnungen machen. Eine Funkkommunikation nach außen ist hier unmöglich."

The Charming Library of Mineral Town

✔️The Charming Library of Mineral Town
 

03.September YYY1

Die Bibliothek von Mineralstadt ist ein charmantes Gebäude im Herzen der Stadt. Sie wurde mit viel Liebe zum Detail gestaltet und strahlt eine einladende Atmosphäre aus. Das Gebäude selbst ist zweistöckig und hat eine traditionelle Architektur, die gut in das ländliche Ambiente von Mineralstadt passt.

Die Fassade der Bibliothek ist aus warmem Holz gefertigt und mit Fenstern in verschiedenen Formen und Größen versehen, die viel Tageslicht hereinlassen. Die Fenster sind mit hübschen Gardinen verziert und verleihen dem Gebäude einen gemütlichen und heimeligen Touch.

Über dem Eingang der Bibliothek prangt ein Schild mit dem Namen "Mineralstadt Bibliothek" in kunstvoller Schrift. Die Tür ist aus massivem Holz gefertigt und mit einem alten, aber gut gepflegten Türklopfer versehen.

Der Eingangsbereich ist mit Blumenkästen dekoriert, die je nach Jahreszeit mit farbenfrohen Blumen bepflanzt sind. Eine kleine Steintreppe führt zum Eingang, und auf der Veranda stehen bequeme Holzstühle und Tische, auf denen die Besucher Bücher lesen oder sich entspannen können.

Insgesamt strahlt die Bibliothek von Mineralstadt eine herzliche und einladende Atmosphäre aus, die Leseratten und Forscher gleichermaßen anlockt. Es ist ein ruhiger und inspirierender Ort, um Wissen zu erwerben und in die Welt der Bücher einzutauchen.

„Du wolltest wohl nicht in den Super Markt?“,fragte Nanali neugierig nach.

"Weißt du, Nanali, mein großer Bruder kann manchmal ziemlich in seine Arbeit vertieft sein. Er ignoriert dann alles um sich herum."

"Oh, das habe ich bei ihm schon bemerkt. Er kann wirklich in seiner eigenen Welt sein."

Nanali und Mokuba lenkten in den kleinen Vorgarten der Bibliothek ein. Das Holz der Blumenkästen hatte im Laufe der Jahre eine warme, honigbraune Patina entwickelt und zeigte feine Risse, die von den jahrelangen Wechseln der Jahreszeiten erzählten.

Die Blumenkästen selbst waren ein einzigartiges Kunstwerk aus der Natur, denn sie hatten sich im Laufe der Zeit harmonisch mit der Umgebung verbunden. Wilde Blumenranken hatten sich um sie gewunden und hingen in malerischen Bögen herunter. Zarte Blüten in allen Farben des Regenbogens öffneten sich, um das Herz jedes Betrachters zu berühren.

Es war ein idyllischer Ort, der ein tiefes Gefühl der Ruhe und des Friedens vermittelte. Diese Naturpracht war etwas, das Menschen in der Stadt selten zu Gesicht bekamen, und es erinnerte Nanali und Mokuba daran, wie wichtig es war, sich mit der Schönheit der Natur zu verbinden und innezuhalten, um sie zu genießen.

Die Erde in den Kästen hatte eine fruchtbare, erdige Farbe, und die Blumen darin blühten in kräftigen Farben. Es war ein Anblick, der die beiden Stadtkinder innehalten ließ. Nanali dachte daran, wie weit entfernt sie von der Hektik der Stadt und ihrem gewohnten Lebensstil waren. Ihre Gedanken wanderten zu den einfachen Freuden des Landlebens.

Während Nanali die Blumen betrachtete, bemerkte sie eine süße Gartenfigur.

Er war klein und zierlich. Sein Körper war von einem zarten Grün umhüllt, als wäre er aus lebendigen Pflanzen gefertigt. Seine Augen leuchteten in einem warmen, freundlichen Glanz und strahlten eine Art magischer Aura aus.

Der Erntewichtel trug einen winzigen grünen Hut auf seinem Kopf, der mit einer Blume verziert war. Sein Outfit bestand aus einem Blatt als Umhang und einem kleinen Lendenschurz aus bunten Blütenblättern. In seinen Händen hielt er eine klein Gießkanne, als würde er gerade den Blumen im Garten Wasser geben.

Seine Anwesenheit strahlte eine unbeschwerte Freude aus, und sein Lächeln war ansteckend. Als Nanali ihn erblickten, fühlte sie sich von seiner niedlichen Erscheinung und seiner fröhlichen Ausstrahlung angezogen. Doch bevor sie sich richtig darüber freuen konnten, verschwand der Erntewichtel plötzlich in einem funkelnden Glitzern, als wäre er nie da gewesen. Nanali konnte es kaum glauben und stellte sich kurz in Frage, ob sie sich das gerade eingebildet hatte.

Nanali stolperte gedanklich über diesen seltsamen Vorfall. Mokuba, der ihre Verwirrung bemerkte, fragte: "Ist alles in Ordnung, Nanali?"

Nachdenkliches Kopfschütteln war die Antwort. „Es ist nichts.“, entschied sie.

Das würde er ihr eh‘ nicht glauben.

Der seltsame Vorfall mit dem Erntewichtel hinterließ in Nanali eine subtile, kaum wahrnehmbare Veränderung. Es war, als ob ein leiser Ruf nach ihr drang, ein Hauch von etwas Unerklärlichem, das in der Ferne lockte. Diese vage Ahnung flüsterte ihr zu, dass es hier mehr gab, als sie bisher angenommen hatte. Dennoch gab sie sich diesem Ruf noch nicht gänzlich hin, sie zögerte, die Verbindung vollständig anzuerkennen. Es war wie ein verschwommenes Bild, das sich langsam vor ihr entfaltete.

Ein leiser Ruf aus frühen Kindheitstagen drang in ihr Bewusstsein. Es schien auf sie zu warten – War es ein "Es" oder eher ein "Sie"? Die Antwort darauf blieb vorerst im Nebel der Ungewissheit verborgen, und Nanali konnte nur erahnen, dass eine wichtige Aufgabe auf sie wartete. Es fühlte sich an, als ob eine lange vergessene Verbindung aus ihrer Kindheit wiedererweckt wurde.

Nanali und Mokuba standen vor der großen Eichentür der Mineralstadt Bibliothek. Der Griff war aus glänzendem Gold gefertigt und strahlte eine gewisse Majestät aus. Es war ein Moment der Andacht, in dem die beiden vor dieser eindrucksvollen Schwelle zur Welt des Wissens standen.

Nanali und Mokuba standen vor der beeindruckenden Eichentür der Mineralstadt Bibliothek. Der massive Griff, glänzend und majestätisch in seinem goldenen Glanz, zog ihre Blicke unwiderstehlich an und schien sie förmlich einzuladen, die Schwelle zu überschreiten und die Geheimnisse zu ergründen, die in den stillen Räumen auf sie warteten. Die Tür selbst schien ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten zu sein.

Ihre Eiche wies eine faszinierende Masserung auf, als ob die Jahresringe jedes Buches, das jemals in der Bibliothek gelesen wurde, in ihrem Holz verewigt waren. Die Spuren der Zeit waren unübersehbar, mit kleinen Rissen und Verfärbungen, die von Jahrzehnten des Gebrauchs und der Witterung zeugten.

Nanali legten ihre Hand auf den goldenen Griff der Tür. Sie spürte, denn Wiederstand, der von der schweren Tür ausging und stemmte ihr Körpergewicht dagegen, um die schwere Eichentür zu öffnen. Mit einem leisen Knarren gab die Tür schließlich nach.

Die Szene im Inneren war erfüllt von einem sanften, gedämpften Licht, das von den zahlreichen Lampen und Fenstern hereinfiel. Die Regale voller Bücher erstreckten sich bis zur Decke und waren mit Staub bedeckt, der die Zeichen der Zeit zeigte. Es roch nach alten Büchern und Geschichte, nach einem Ort, an dem die Zeit stillzustehen schien.

In der Mitte des Raumes erstreckte sich eine große Treppe, die in den zweiten Stock führte. Diese majestätische Treppe war ein Kunstwerk für sich. Sie bestand aus poliertem Eichenholz mit kunstvollen Verzierungen entlang des Geländers. Die Stufen waren breit und robust, und ihre Oberfläche zeigte Spuren von Jahrzehnten des Auf- und Absteigens.

Der zweite Stock war auf einem Innenbalkon errichtet, der sich um den gesamten Raum erstreckte. Von dort oben hatte man einen atemberaubenden Blick auf die Bibliothek und konnte die endlosen Reihen von Büchern bewundern, die bis zum Horizont zu reichen schienen.

In der Mitte des Raumen, etwas entfernt von ihrem Tresen, ein paar Schritte von der Treppe entfernt, die in den zweiten Stock führte, stand eine zierliche Gestalt. Sie trug ein einfaches, aber charmantes Kleid in dunklem Blau. Ihr schwarzes Haar war in einem tiefen Zopf zusammengebunden und eine Brille saß auf ihrer Nase. Sie hatte die Hände um ein Buch gelegt, gedankenversunken murmelte sie etwas vor sich hin: "Hier war nichts als Unkraut."

Sie schlug das Buch auf und notierte einige Zeilen. „Was schreibst du denn da?“, fragte Mokuba und riss sie aus ihren Gedanken.

Als Mokuba sie ansprach, zuckte sie zusammen. Ihre Hände zitterten kurz, und beinahe wäre ihr das Buch aus den Händen gefallen. Ihr Blick schoss zu Mokuba, und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. Ein leichtes Erröten stieg ihr ins Gesicht, und sie schien für einen Moment sprachlos zu sein, bevor sie stammelte: "Oh, entschuldigt. Ich habe euch gar nicht bemerkt."

„Gute Tag. Mein Name ist Nanali. Ich und mein Freund Mokuba sind hier, weil wir uns etwas schlau lesen wollen, wäre das in Ordnung?“

Mary die sich wieder etwas beruhigt hatte, stellte sich vor: „Mein Name ist Mary. Ich bin die Bibliothekarin hier. Einst war diese Bücherei hier nur dafür da, die Bücher, die mein Vater über die Pflanzen auf der Insel schrieb, aufzubewahren. Aber plötzlich begann jeder sein Wissen aufzuschreiben, damit es erhalten bliebe. Ich dachte, es würde nicht schaden ebenfalls etwas zu schreiben. Ihr könnt natürlich alles andere lesen, wenn ihr wollt.“

Nanali schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln, war sie doch selber Hobbyautorin und konnte sich gänzlich in ihren Geschichten verlieren. „Sag, wo finde ich … Ah, ich brauche so viel. Kann ich dich denn mit all dem belästigen. Ich würde mich in dieser großen Bibliothek tot suchen.“, begann sie nachdenklich .Mokuba sah sie mit großen Augen an. „Um Gottes willen, was willst du denn alles lesen?“

„Eh, also ich brauche viele verschiedene Bücher über Botanik. Von den Feldfrüchten, über die Sammelkräuter bis hin zu ihrer Verarbeitung. Dann eine Sammlung von Zeitungsberichten über die letzten Jahre hinweg, wenn ihr so was habt und schlussendlich Bücher die allgemein umfassen, was es zu den verschiedenen Dörfern der Insel zu wissen gibt.“, zählte Nanali auf.

Ihr fielen noch gut ein Dutzend weitere Themen ein, aber es wäre sicher nicht gut zu viel durcheinander zu lernen. Sie würde es langsam angehen. Mokuba indes, fragte sich ob es eine so gute Idee war ihr Gesellschaft zu leisten.

„Was ist denn, kleiner Kaiba? Ich dachte du wolltest Vorarbeit leisten, für die Zeit in der dein Bruder verzweifelt, weil es keinen Weg zurück gibt.“

Mokuba atmete tief durch. „Na, dann los. Ich bin doch schon Feuer und Flamme, wann wollen wir denn endlich anfangen?“

Mary in ihrer zierlichen Gestalt trug, Werke zusammen, bei denen sowohl das Pergament schon alt und zerfleddert war, als auch neuere von der hiesigen Generation. Sie legte eine erstaunliche Menge von Lektüre vor Nanali und Mokuba aus. Diese Bücher umfassten mindestens tausend Seiten und schienen ein Gewicht von Kilogramm zu haben. Das Wissen, das in diesen alten Schriften steckte, wäre nicht an einem Nachmittag gelesen.

Mary rüstete die beiden mit einer Vielzahl von Blättern und mindestens drei Kugelschreibern für jeden aus. Es war offensichtlich, dass sie vorhatten, bis heute Abend eine beträchtliche Menge an Informationen zu sammeln und niederzuschreiben. Die Kugelschreiber fühlten sich in ihren Händen fast schon zu leicht an im Vergleich zu dem, was sie vor sich hatten, und dennoch waren sie bereit, sich dieser Wissensreise zu stellen.

„Oh, im Rathaus der Zwillingsdörfer findet in einem Monat ein Musikfest statt. Interessiert dich so was?“, fragte Mokuba. „Ich liebe Musik. Bei so was wäre ich echt gerne dabei.“

Mokuba hatte sich dran gemacht herauszuschreiben Welche Dörfer es in der Vergessenen Welt gab und welche Besonderheiten sie hatten unter anderem Feste. „Hier gibt es auch eine Bibliothek, beziehungsweise zwei. Sie befinden sich in den Rathäusern von sowohl Konohana als auch Bluebell. Was hast du schon alles?“

Nanali überlegte kurz. „Ich habe mir die verschiedenen Pflanzen rausgeschrieben, die in den verschiedenen Jahreszeiten wachsen. Manche Pflanzen werden nur in bestimmten Regionen kultiviert. Die Zucht ist von etlichen ineinandergreifenden Faktoren abhängig. Jedes Dorf zeichnet sich dahingehend mit ihrer eigenen Spezifikation aus.“

1. „Es gibt mehrere kleine Dörfer auf der Insel.“, unterbrach Mokuba. „Wir sind hier in Mineralstadt. Mineralstadt ist eher ein grundständiges Dorf ist, mit vielen eher gewöhnlichen Sachen. Sie haben eben nicht viel Auswahl. Aber das ist auch richtig so, denn anstatt sich auf den Luxus und die variablen zu konzentrieren, konzentriert man sich hier auf das aller nötigste und versorgt damit einen Großteil der ganzen Insel. Außerdem ist hier die einzige größere Bibliothek und in ihr befindet sich das größte angesammelte Wissen der Insel. Und zu guter Letzt hat man hier den besten Zugang zum sogenannten Mutterhügel, dem schönsten, grünstes Berg hier. Er beherbergt noch viele unerforschte Pflanzen und auf ihr steht eine Zeder, die da schon seit es die Dörfer gibt, steht. Und manche behaupten, sie könne sprechen.“, der letzte Teil kostete Mokuba einen Lacher.

Nanali jedoch erinnerte das lediglich an ihre Begegnung in Vorgarten.
 

2. Castanet liegt am westlichsten Punkt der Insel und dort gibt es eine angesehene Schneiderei und gute Schmiede, auf die das Dorf stolz ist. Ihre Erze beziehen die Schmiede aus zwei verschiedenen Mienen. Der Ganasch und der Galatomine. Die Mienen seien zumindest gefährlicher als die in Mineralstadt, weil es verschiedene Arten von Gasen in ihnen gibt, die nicht unbedingt gesund sind. Deswegen steigen nur erfahrene Minenforscher hinein. Besagte Forscher sind außerdem auch der Stolz von Castanet. Man sagt der Mutterbaum, das zu Hause der Erntegöttin wurzle dort. Neben der Vielzahl an Erzen hat man sich hier auf das Färben von Kleidung, der Gewinnung von Salzen und der Herstellung von Parfüms und anderen Waschutensilien spezifiziert, die aus natürlichen Salzen gewonnen werden können.

3. Die Zwillingsdörfer haben die wenigste Bevölkerung auf der Insel. Blue Bell, welches sich auf Tierhaltung spezialisiert hat. Dort werden unter anderem Pferde trainiert.

4. Konohana ist im asiatischen Stil erbaut und spezialisiert sich, wie der Name schon sagt auf Pflanzen. Die Dörfer lieben Blumenfeste und beschenken sich gerne. Außerdem haben sie eine wirklich romantische Ader was das betrifft. Viermal in jeder Jahreszeit konkurrieren sie in den Kategorien Salat, Suppe, Hauptgerichte und Nachspeisen um die kulinarische Vorherrschaft.

5. Echo Dorf ist ein sehr kulturelles Dorf. Dort wird Bildhauerei betrieben, man schreibt viele Bücher, die ihren Weg in die Bibliothek in der wir gerade sitzen finden und sie sind musikalisch. Dort gibt es den besten Kosmetikshop auf der Insel. Und der einzige Zeitungsverlag befindet sich auch dort. Dort scheint die Kräuterzucht und der Honig her gewonnen zu werden.

6. Zuletzt das Vergiss – mein – nicht – Tal, in welchem die bislang besten Feuerwerkskörper zusammengebastelt wurden und der beste Dünger hergestellt wird. Außerdem verfügen sie über die besten Möglichkeiten Fische zu fangen, da ein Wasserfall die besten Fische mitbringt. Und in unmittelbarer nähe gibt es die bisher einzigen Archäologischen Ausgrabungsstätte. Das dürfen wir meinem Bruder nicht sagen, so was hasst er, weißt du? In jedem Fall scheinen hier unteranderem ziemlich rare Früchte und Gemüse sorten kultiviert zu werden.“, schloss Mokuba erst mal.

„Ok, cut. Damit ich mir was merken kann. Um es mal zusammen zu fassen. Mineralstadt kümmert sich um die Grundernährung, Castanet liefert Erze und Salze, die Zwillingsdörfer züchten spezielle Tiere und Pflanzen. Echo Dorf ist sehr kulturell und hat die einzige Presse. Sie haben Imkereien und Kräuter. und das Vergiss – mein – nicht – Tal verfügt über super Möglichkeiten im Fischfang und Kreuzen außergewöhnliche Pflanzen. Hab ich das soweit alles richtig?“, fasst Nanali bündig nochmal zusammen.

„Japp. Soweit alles klar. Wie die Unterschiede in der Pflanzenhaltung und -zucht jetzt genau sind, hast du bestimmt besser durchblickt.“

„Ja, aber puh. Okay, dass sollte ja kein Problem sein. Das wird schon.“, ermutigte sich die Blonde. „Lernst du das gerade auswendig?“, fragte der junge Kaiba verblüfft.

Nanali stimmte zu: "Ja, natürlich. Was sonst?" Mokuba runzelte leicht die Stirn und fragte, wozu er dass dann alles aufschrieb. Nanali erwiderte jedoch, dass es noch nützlich wäre und er es so besser verinnerlichte. "Bedenke, dass es immer mehr wird, nicht weniger. Also gebe ich von Anfang an mein Bestes."

Mokuba nickte zustimmend und sagte: "Du hast ja recht. Also, weiter? Es fehlen noch zwei Dörfer." Nanali lächelte und ermutigte ihn: "Ja, schieß los, Mokuba."
 

7. „Dann wäre da noch Eichbaumhausen, die bekannt und beliebt sind für ihre Bazare. An verschiedenen Ständen kann man da seine Ware anbieten und andere Waren ersteigern. Da kommt in der Regel immer was Gescheites raus und die meisten freuen sich immer auf den nächsten Basar oder Flohmarkt. Außerdem haben sie die größte Obstplantage. Hier werden die meisten Weine hergestellt. Darüberhinaus werden hier Töpferwaren hergestellt.

8. Sonnenscheindorf erreicht man, indem man über den größten Berg der Insel wandert und bislang 211 gezählten Ebenen um Erz abzutragen, das eine hohe Qualität aufweist. Es gibt hier zwei Wasserfälle und die weiteste mit dem Boot zu befahrende Fläche. Außerdem noch unberührte Wildnis, wo Indigene Völker ähnliche Inselbewohner nach ältester Kultur leben. Das war es. Du bist dran.“

„Wahnsinn. Die sind alle so interessant, dass ich sie alle anschauen und kennen lernen möchte. Wer sagt denn das wir hierbleiben müssen, weil wir hier gestrandet sind?“

„Wow, wenn wir in der Schule was lernen sollten oder Referate von irgendwelchen Orten in der Welt halten mussten, fand ich das langweilig. Aber das hier wird die Gemeinschaft, in der wir leben werden und irgendwie ist es was anderes, wenn man was von Orten in unmittelbarer Nähe lernt, die überschaubarer sind und was mit dir zu tun haben, als wie wenn es um solche geht die Kilometer weit weg sind, die du höchstens mal zum Urlaub erreichst und deren Kultur im Alltag nichts mit dir zu tun hat.“

„Stimmt, Mokuba. Bei den meisten Kulturen willst du dann nicht mal, dass sie was mit uns zu tun haben.“ Da musste ihr der Wuschel recht geben. Bei manchen wollte man das echt nicht.

„Ok, ich bin dran!“

Nanali versuchte jetzt erst mal so unkompliziert wie irgendwie möglich zu erklären welche Anbaupflanzen es auf der Insel genau gab und welche man wo her bekam und zu was sie weiter verarbeitet werden konnten. Auch das dafür allerlei verschiedener Maschinen gebraucht wurde.

„Wow, dass klingt aber nicht so, als ob man die Samen in die Erde drücken würde und sie dann mal bisschen mit Wasser bespritzt. Also man muss den richtigen Boden für die Pflanzen wählen, den Dünger, wenn man mit dem arbeitet, das Wetter muss stimmen und manche bringen ohne weiter Verarbeitung, die aufwendig ist, nicht mal ausreichend Geld ein? Klingt hart.“

„Ist es auch. Du darfst zum Beispiel nicht immer Pflanzen anbauen, die dem Boden viele Nährstoffe entziehen, sonst geht er kaputt.“

„Das hatten wir in der Schule!“, erinnerte sich nun Mokuba. „Ich hab immer gedacht, dass brauche ich nie... Das ist Agrarwirtschaft richtig?“ Nanali nickte.

„Glaube schon. So wirklich interessiert hat mich das vorher auch nie.“ Die beiden lachten, ehe sie beschlossen noch etwas mehr zu recherchieren um den Tag voll aus zu kosten. Wenn möglich, dann wollten sie nach Konohana und dem Musikfestival beiwohnen und die nächsten Bibliotheken durchstöbern.

„Aber nur hinzugehen und nichts mitnehmen zu können ist doch doof. Wir müssen auch was Geld haben. Nur wie kommen wir da ran?“ Nanali dachte kurz nach. „Vielleicht ergibt sich da eine Möglichkeit. Überlasse das mir.“

Der jüngere schüttelte den Kopf. „Nein, wir haben uns was zusammen vorgenommen!“

Nanali kniff die Augen zusammen, als hätte sie auf eine saure Pflaume gebissen. „Dein Bruder bringt mich um!“

„Komm schon, sei kein Frosch!“, protestierte der Wuschelkopf und zeigte ihr einen Schmollmund. Nanali kostete das einen Seufzer.

„Ich konnte noch nie gut den Mund halten. Also gut. Ich werde heute Abend auf den Mutterhügel gehen. Da sind die meisten Heilkräuter auf der ganzen Insel und nach dem heutigen Tag wird die Klinik so was brauchen. Es ist doch Herbst, also Sammelzeit.“

Mokuba war von diesem Einfall begeistert. „Okay. Ich werde meinen Bruder fragen. Wenn er ja sagt, treffen wir uns heute Abend am Wasserfall nahe der heißen Quelle!“

Nanali nickte, obwohl sie wusste, dass Mokuba ihn nie und nimmer fragen würde. Die Antwort wäre nein. Aber wenn er kommen wollte, dann kam er eh.

The Warmth of the Barsch Tavern

✔️The Warmth of the Barsch Tavern
 

03.September YYY1

In der zwischen Zeit war Seto wirklich über seinen Apparaten verzweifelt und hätte ihn am liebsten in der Gegend herumgeworfen. Er hatte ihn in einwandfreien Zustand gebracht. Er hatte sich sogar Einzelteile geliehen, weil er sich so sicher gewesen war und nun hatte er die Antwort Schwarz auf Weiß. Sie saßen hier fest. Magnetwellen, Störfelder und ein Mangel an Empfang hatten seine Frustration über die rückständige Technologie verstärkt. Doch während er die begrenzten Kommunikationsmittel und die scheinbare Unmöglichkeit, Nachrichten nach außen zu übertragen, in Gedanken zusammenfasste, dämmerte ihm etwas.

"Naturphänomene", überlegte er leise. Die Insel schien von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, aber das bedeutete nicht zwangsläufig, dass die gesamte Technologie auf der Insel stillstehen musste. Ein Gedanke formte sich in seinem Geist: Wenn die äußeren Einflüsse die Kommunikation nach außen blockierten, gab es immer noch Raum für Verbesserungen innerhalb der Insel.

Seine Ingenieurseele erwachte. Seto konnte sich vorstellen, wie er die Kommunikationsinfrastruktur der Insel optimierte, um eine bessere interne Vernetzung zu schaffen. Das bedeutete, moderne Kommunikationstechnologien einzuführen, die von den Naturphänomenen weniger beeinflusst wurden. Breitbandinternet, drahtlose Netzwerke, und vielleicht sogar speziell abgeschirmte Antennen, die die Störfelder minimierten.

Darüber hinaus konnte er die Einführung von Enterprise Resource Planning (ERP)-Systemen in Betracht ziehen, um die Geschäftsprozesse der Insel zu rationalisieren und effizienter zu gestalten. Die Verwaltung von Ressourcen, Finanzen und Logistik könnte verbessert werden, was die Lebensqualität der Bewohner erhöhen würde.

Computertechnologien und Softwareanwendungen könnten in Bildungseinrichtungen, dem Gesundheitswesen und in der Wirtschaft Einzug halten, um die Produktivität und das allgemeine Wissen der Bevölkerung zu steigern.

Seto erkannte, dass er als bemerkenswerter Ingenieur auf der Insel eine bedeutende Rolle spielen konnte. Er würde sich auf die interne Verbesserung konzentrieren und gleichzeitig die Isolation der Insel respektieren. Die Naturphänomene mochten die Außenwelt fernhalten, aber sie konnten nicht den Fortschritt auf der Insel stoppen. Mit dieser Entschlossenheit begann Seto, Pläne zu schmieden, wie er die Technologie und die Lebensbedingungen auf der Insel weiterentwickeln konnte.

Er würde nicht von den Dorfbewohnern abhängig sein. Während er nachdachte, kam ihm eine junge Frau aus der Kellerei entgegen, Manna. „Hallo, du bist doch bestimmt der große Bruder von Mokuba?“, quatschte sie drauf los.

Seto zog die Augenbraue hoch. Mit wem hat der Kleine nur wieder alles gequatscht? „Und wer sind sie?“, fragte er unterkühlt. „Oh mei, der Kleine ist herzallerliebst. Du hältst aber wohl nicht viel von einer freundlichen aufgeschlossenen Art. Also ich war gerade bei Nina und ihrem Mann Basil. Nina hat dem Kleinen und seiner Begleitung etwas zu essen und zu trinken gemacht, weil sie so fleißig waren-“

Was machte der Wuschel denn? Eigentlich machte sich Seto Gedanken, wenn er immer so leicht klammerte. Aber jetzt, wo er weiß, dass er hier fest saß, da konnte es ihm ja auch egal sein, an wem sein Bruder klammerte.

„Sie haben ja so viel auswendig gelernt.“, es schien nicht so, als würde die Frau irgendwann bald aufhören zu reden. Vorgestellt hatte sie sich auch nicht…

Am Ende der Straße sieht er Mokuba gerade aus der riesigen Tür heraus spazieren mit einem Stapel Bücher in den Händen. „War eine gute Idee. Wenn wir morgen schon unterwegs sind, dann können wir abends auch lernen. Wir gehen ja nicht sofort wieder hierhin, wäre ja ne Plagerei.“, meinte er.

„Wohin soll es denn gehen?“, fragte Seto. Hielt sein Bruder es nicht mal für nötig ihm Bescheid zu sagen oder ihn zu fragen, bevor er was mit einer „Freundin“ plante.

„Nanali will Clair auf der River Ranch helfen und so Geld verdienen. Die ist am Flussgrundstück. Wir werden morgen in den Bergen spazieren gehen und Kräuter sammeln. Dann können wir nämlich auch selbst mal Informationen einholen und deswegen nehmen wir Lernutensilien mit. Hier arbeiten die jungen Menschen außerdem schon von klein auf überall mit. Weil ich dachte, dass wir vielleicht im Gasthof Barsch einkehren, wollte ich dort anfragen, ob ich aushelfen kann. Oder hast du schon eine Nachricht verschicken können?“

Seto glaubte sich verhört zu haben. Mokuba und freiwillig etwas lernen und arbeiten? Sowas interessierte ihn doch sonst nicht? Aber war wohl besser so. Immerhin würden sie ja hier bleiben...

„Warum guckst du so?“, fragte Mokuba seinen Bruder. „Nein… ich konnte keine Nachricht absetzen…“, gestand Seto. Mokuba und Nanali schien das eher weniger zu tangieren. Sie hatten bereits ihre eigenen Pläne. Aber etwas arbeiten in einer Gastronomie und Kräutersammeln in der Natur könnten für seinen Bruder nicht unbedingt verkehrt sein.

Am späteren Abend - In der Gaststätte war Ruhe eingekehrt.

Die Gaststätte Barsch ist ein gemütlicher Ort, der in warmen Farbtönen dekoriert ist. Holztische und -stühle verleihen dem Raum eine rustikale Note. Über der Theke hängen alte Gemälde, die die ländliche Idylle der Umgebung darstellen. Die Atmosphäre in der Gaststätte ist herzlich und einladend, mit dem Klang von gedämpften Gesprächen und fröhlichem Gelächter, der sich im Raum ausbreitet.

An einem der Tische in der Ecke sitzt Duke, ein Stammgast, der gerne tief ins Glas schaut. Seto erinnerte sich an den Zechepreller. Hier ließ er also all abendlich sein Geld. Er unterhält sich mit seinem besten Freund Doug, der hinter der Theke steht und die Getränke zubereitet. Die beiden Teilen Erinnerungen und lachen über alte Geschichten. Der Bürgermeister und Harris sitzen an einem Tisch in der Nähe und diskutieren über Angelegenheiten der Stadt. Die neue Situation warf einige neue Herausforderungen auf. Gotz der Holzfäller war mit Joe und Kurt gekommen, um mit ihnen über anstehende Renovierungsarbeiten zu diskutieren.

An einem anderen Tisch sitzt Saibara mit seinem Enkel Gray. Sie tauschen Tipps und Tricks über die Kunst des Töpferns aus. Cliff, der im Gasthof wohnt, hat sich zu ihnen gesellt.

Die Gerüche von frisch zubereitetem Essen steigen aus der Küche auf, während die Gäste ihre Mahlzeiten genießen. Die Gespräche drehen sich um Landwirtschaft, Handwerk, Freundschaften und die Abenteuer des täglichen Lebens in den umliegenden Dörfern.

In der Gaststätte Barsch herrscht eine warme und freundliche Atmosphäre, in der die Dörfler zusammenkommen, um ihre Erfahrungen und Geschichten zu teilen. Es ist ein Ort, an dem man sich wie zuhause fühlen kann und an dem die Bande zwischen den Dorfbewohnern gestärkt werden.

Zack und Won tauschten ihre Geschäftsmethoden aus. Seto lauschte zwischen zwei Löffeln Suppe dem zweiten Zechpreller sowie dem Halsabschneider. Seto wunderte sich, wie die Insel bei so viel Mangel an Fachwissen bisher überleben konnte. Jemand mit Sachverstand könnte hier problemlos Fuß fassen, die Konkurrenz ist quasi nicht existent.

Während Zack ein bodenständiger Handelsmann zu sein schien, ist Won ein fragwürdiger Händler, der oft zwielichtige Geschäfte betreibt. Dennoch haben sie eine gemeinsame Leidenschaft für den Handel und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus.

Zack, mit einem freundlichen Lächeln, beginnt das Gespräch: "Won, ich habe bemerkt, dass du immer wieder diese seltsamen und exotischen Waren ins Dorf bringst. Wie findest du eigentlich diese Dinge, die du verkaufst?" Won, mit einem verschmitzten Grinsen, antwortet: "Oh, Zack, mein Freund, ich habe meine Quellen. Manchmal stolpere ich über seltene Funde, und manchmal muss man etwas kreativer sein, um das zu bekommen, was die Leute wollen."

Zack runzelt die Stirn, aber er ist neugierig: "Kreativer?“ Won lacht leicht: "Nun, du könntest es so nennen. Manchmal muss man das Risiko eingehen und an entlegene Orte reisen, um seltene Schätze zu finden. Aber ich sorge immer dafür, dass sich das am Ende auszahlt."

Zack nickt und überlegt: "Ich bewundere deinen Unternehmergeist, Won." Die beiden setzen ihr Gespräch fort, tauschen Tipps über Geschäftsstrategien aus und ermutigen sich gegenseitig in ihren jeweiligen Unternehmungen. Obwohl ihre Herangehensweisen sehr unterschiedlich sind, haben Zack und Won eine respektvolle Beziehung aufgebaut und teilen ihre Erfahrungen, um ihren Geschäftserfolg zu maximieren.

Ann übernimmt die Bedienung der Gäste. Mit einem selbstbewussten Lächeln auf den Lippen navigiert sie geschickt zwischen den vielen Tischen hin und her. Ihre Bewegungen sind geschmeidig und geübt, als würde sie überall gleichzeitig sein.

In einer Hand balanciert sie eine Tablette mit Bierkrügen, die sich leicht hin und her bewegen, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten. Die andere Hand ist geschickt beladen mit Tellern voll köstlicher Mahlzeiten. Die Bierkrüge sind gefüllt bis zum Rand, und die Gäste freuen sich über die prompte Bedienung.

Auf ihrem Unterarm stapeln sich leere Gläser und Teller, die sie vorsichtig balanciert, ohne dass auch nur ein einziges herunterfällt. Mit jeder Runde, die sie macht, sammelt sie das benutzte Geschirr ein, um es in der Küche abzugeben.

Die Kellnerin bewegt sich mühelos zwischen den Tischen, jongliert mit Tabletten voller Bierkrüge und Mahlzeiten, bedient die Gäste mit einem charmanten Lächeln und sorgt dafür, dass niemand lange auf seine Bestellung warten muss.

Gwen arbeitet in der Küche und hilft bei der Zubereitung der Mahlzeiten. Sie ist eine begabte Köchin und zaubert leckere Gerichte, die die Gäste begeistern.

Während Ann und Gwen arbeiten, plaudern sie auch mit den Gästen und hören deren Geschichten aufmerksam zu. Sie schaffen es, eine warme und einladende Atmosphäre in der Gaststätte zu schaffen, in der sich die Gäste wohlfühlen und gerne wiederkommen.

Die Bar ist an diesem Abend bis zum Rand gefüllt, da nicht nur die Stammkundschaft, sondern auch rund 30 Schiffbrüchige hierhergekommen sind, um sich nach einem ereignisreichen Tag zu stärken. Die Geräuschkulisse in der Gaststätte ist lebhaft, und das Gemurmel der Gespräche vermengt sich mit dem Klirren von Geschirr und Besteck. Die Gäste finden sich an den Tischen und an der Theke ein, während sie auf ihre Bestellungen warten.

Die Schiffbrüchigen sind dankbar für die Coupons, die ihnen für die kommenden Tage warme Mahlzeiten garantieren. Diese Coupons sind ihre Hoffnung auf eine Mahlzeit und geben ihnen die Möglichkeit, sich zu stärken, während sie Arbeit suchen. Viele von ihnen haben einen anstrengenden Tag hinter sich. Die Gaststätte Barsch bietet ihnen einen Ort der Zuflucht und eine Möglichkeit, sich zu erholen.

Die Atmosphäre in der Bar ist warm und unterstützend, da die Dorfbewohner die Gestrandeten willkommen heißen und Gespräche führen, um mehr über ihre Geschichten und Pläne für die Zukunft zu erfahren. Während die Gäste ihre Mahlzeiten genießen, ist die Gaststätte Barsch an diesem Abend nicht nur ein Ort des Genusses, sondern auch ein Ort der Solidarität und der Unterstützung für diejenigen, die in Not sind.

„Nanali hätte auch kommen sollen…“, überlegte Mokuba laut, bevor sie sich auf den Weg, in ihre Zimmer machten. Die Gaststätte hatte bereits genug Helfer, wodurch Mokuba sich morgen nach einem neuen Job umsehen musste. Seto würde morgen mit Anna nach Freiwilligen suchen, die ihre Fermentiermaschine die nächsten Tage testen.

In ihrem Zimmer angekommen, ließ sich Mokuba ins Bett fallen. „Ach, Seto.“, begann Mokuba. „Es war schön sich alle Spiele leisten zu können. Einen eigenen Freizeitpark zu besitzen und das war mein Traum, aber hätte mich damals jemand gefragt, ob ich meinen Bruder dafür eintauschen würde, hätte ich nein gesagt.“

Seto sah verwundert zu ihm. Mokuba indes sah durch das Fenster in den Sternenhimmel und dachte an diese Zeit zurück. „Jetzt ist alles weg. Ich habe unseren Freizeitpark geliebt und auch mein Leben dort, bis auf den Punkt, dass du wirklich manchmal alles vergessen konntest. Ich kann nicht mal sagen, dass ich traurig bin. Traurig Roland nicht mehr wieder sehen zu können. Traurig das Grab unserer Eltern nie wieder mit Blumen schmücken zu können. Aber das macht mir nichts. Du bist hier bei mir und wir können uns etwas Neues aufbauen, das uns gehört. Und dieses Mal muss keiner Angst haben, dass die Leute sich uns nur nähern, weil wir Geld haben oder sie uns fernbleiben, weil Gozaburo unser Stiefvater ist. Hier sind wir den Fluch der Vergangenheit endlich los und bekommen eine Zukunft.“

Seto wusste nicht, was er sagen sollte. Es war doch sein Traum, sein Lebensziel gewesen.

Um dass alles zu erreichen, hat Seto gearbeitet. Woche für Woche. Tag für Tag. Er war doch für Mokuba da gewesen, oder? Er hat ihn aus Pegasus, aus Mareks und aus Dartz Händen befreit…

„Mir reicht eine Zukunft mit dir weißt du... Ich- ich...“

Was nur war es was den kleinen Mann so bedrückte? Was war es, weswegen Mokuba plötzlich so dachte. „Ich hasse mich dafür, dass du dein Lachen verloren hast, Seto!“ Mokuba hatte sich umgedreht und ihn mit Tränen erfüllten Augen angesehen.

Er sagte dies nicht zum ersten mal. Mokuba sagte das, als Noah ihm die Bilder der Vergangenheit zeigte. Dinge wie „Früher war aber doch alles noch schön, da hast du wenigstens noch gelacht und mich Moki-chan genannt“ und später beim Battle City Finale dann..., „Yugi hat vollkommen recht, du bist zerfressen von Hass, das bist nicht du, Seto“.

Seto ließ diese Worte auf sich einwirken und erinnerte sich wie es war mit den anderen zu kämpfen. Gegen Dartz und gegen Bakura im alten Ägypten. Wie es war wieder jemandem zu vertrauen. Wieso nur war es auf einmal so leicht für ihn.

Sein Stiefvater lehrte ihm so was sei Schwäche und er ließ es nie zu, doch jetzt war es so anders. Es wirkte einfach auf ihn ein. Kam so plötzlich über ihn. Die Worte seines kleinen Bruders waren so verdammt richtig.

„Ich wäre lieber ein Bauer, dort wo noch Licht ist. Also ein Pharao in der Dunkelheit.“, flüsterte er. „Wie bitte?“, fragte Mokuba ihn. „Ich hab es dir nie erzählt. Aber als wir nach Ägypten fuhren und in dieses antike Gestein von einer Tafel gezogen wurden, da gab es einen 5000 Jahre alten Seto und das hat er gesagt.“

„Dann bring ihn in die Zukunft!“, forderte Mokuba auf.

Seto sah zu Boden. Dann schmunzelte er, bevor er einmal anfing leise zu Lachen. Mokuba sah ihn irritiert und mehr als verwirrt an. „S-seto?“

„Ich kann mich nicht erinnern, wann mein Kopf zuletzt so frei war. Alles könnte eine Chance, eine Möglichkeit oder eine Inspiration sein.“, Seto musste es anerkennen.

Sein Bruder mochte Jung sein, aber nicht dumm. Seto hatte mit 12 Gozaburo Kaiba herausgefordert und später seine Firma übernommen. Mokuba, er war jetzt 14. Er war alles, aber nicht dumm.

„Dann sehen wir zu, dass wir unseren Aufenthalt hier entsprechend gestalten.“

99% Unveiled – Whispers of a Chosen Path

99% Unveiled – Whispers of a Chosen Path
 

Di., 03.September YYY1

Die Farbpalette in Clairs kleinen Holzhütte ist von natürlichen Holztönen und warmen Farben geprägt, die eine entspannte und einladende Atmosphäre schaffen.

Ihr kleines zuhause spiegelt die Einfachheit des Landlebens wider. Es ist bescheiden, gerade ausreichend gedämmt, um den Elementen zu trotzen. Der Boden besteht aus rustikalen Holzdielen, die eine natürliche und warme Atmosphäre schaffen. Die Hütte erstreckt sich über etwa 30 Quadratmeter und ist perfekt auf Clairs Bedürfnisse zugeschnitten.

In der kleinen Stube findet man nur das Nötigste. Eine einfache Küche nimmt einen Teil des Raumes ein, mit einem Herd, einem Waschbecken und einer kleinen Anrichte für die Zubereitung von Mahlzeiten. Ein einfacher Esstisch mit zwei Stühlen steht in der Mitte des Raumes.

Ein Bett, umgeben von Vorhängen für ein Minimum an Privatsphäre, nimmt eine Ecke des Raumes ein. Es ist schlicht, aber gemütlich, mit einem einfachen Holzrahmen und einer bequemen Matratze. Ein Bücherregal mit einer Sammlung von Büchern, darunter Anleitungen zur Landwirtschaft und Pflanzenzucht, zeigt Clairs Interesse an Pflanzen und Natur.

Auf dem Boden neben dem Bett hat Claire einen Schlafsack ausgebreitet. Dieser blieb jedoch unberührt.

Eine junge Frau sitzt spät in den Abendstunden gebeugt über dem Tisch, wo nur noch ein schwaches Licht durch die Fenster drang. Ihre Hände bewegten sich geschickt und zielstrebig, als sie die Nähte der Kleidungsstücke auftrennte und die Stoffe sorgfältig zerlegte.

Das lange schwarze Kleid, das an eine Nonne erinnerte, wurde zu einem schwarzen, hohen Faltenrock umgearbeitet, der nur bis zu den Knien reichte. Das hellgrüne Kleid mit dem Dirndle wurde in ein trägerloses, armfreies Top verwandelt. Der weiße Unterrock diente als Basis für ein weißes Neckholder-Top. Der grüne Rock wurde zu einem taillierten kurzen Rock umgestaltet. Die graue Latzhose wurde von ihrem oberen Teil getrennt und zu einer enganliegenden, hellgrauen Hose umfunktioniert. Die Risse in der Hose wurden absichtlich ausgefranst, um einen modernen Look zu erzeugen. Das lilane Kleid und die Reste der Latzhose wurden zu einem praktischen Rucksack verarbeitet, wobei der verbliebene Jeansstoff als Basis diente und der lilafarbene Stoff mit der unbedruckten Seite verwendet wurde. Aus den übrigen Stoffresten entstand eine kleine Kulturtasche für unterwegs.

Die junge Frau in Clairs Stube zeigte eine beeindruckende handwerkliche Geschicklichkeit und Kreativität. Das Umnähen der vier Kleidungsstücke mag einige Stunden gedauert haben, aber das Ergebnis ihrer Arbeit war bemerkenswert. Die umgestalteten Kleidungsstücke und Accessoires waren nicht nur funktional, sondern auch stilvoll und einzigartig.

Mitten in der Nacht ertönte ein hoher, unangenehmer Quietschton, als der Stuhl in der Stube zurückgeschoben wurde. Clair blinzelte verschlafen und richtete sich langsam auf, um einen Blick auf Nanalis Schaffungen zu werfen. Die neue Garderobe, die Nanali angefertigt hatte, umfasste eine enganliegende graue Jeans, zwei neue Röcke, zwei moderne Tops und ein weißes Hemd. Alles wirkte zeitgemäß und stilvoll, einschließlich des Dirndl-Tops, das Nanali nun über den schwarzen Faltenrock hielt.
 

Clair konnte ein zufriedenes Lächeln auf Nanalis Gesicht erkennen, während sie sich ausstreckte und sich langsam aufrichtete. Ihre Schultern schmerzten von der harten Arbeit, aber das Ergebnis ihrer nächtlichen Näharbeit war beeindruckend. Die Verwandlung der Kleidungsstücke und die Kreativität, die in jedem Stück steckte, brachten ein Lächeln auf Clairs Gesicht. Es war ein Zeugnis für Nanalis handwerkliche Fähigkeiten und ihre Hingabe, selbst aus einfachsten Materialien etwas Besonderes zu schaffen.

Zusammen mit dem Kleid, welches sie heute bekommen hatte und ihren Klamotten die sie gewaschen wieder gekriegt hatte, hatte sie Wäsche für 5 Tage, dass musste erst mal reichen. Sie könnte sich nach und nach eine Garderobe aufbauen.

Der weiße Baumwollpullover mit Dekoknöpfen und der gepolsterte taillierte Blazer in braun, würden bestimmt auch ausgezeichnet zu dem schwarzen Faltenrock oder der grauen Hose passen.

Sie verstaute alles zusammen in den Korb zurück. Sie würde später einen geeigneteren Platz dafür finden.

„Geh endlich schlafen, du bist morgen sonst nicht ausgeruht. Es ist schon nach 1 Uhr.“

Morgen würde ein anstrengender Tag auf der Farm auf sie warten und viele neue Eindrücke…
 

04.September YYY1

Am nächsten Morgen erwachte Nanali früh mit den ersten Sonnenstrahlen. Der Tag versprach viele neue Abenteuer auf der Farm von Clair. Sie stand auf und zog sich eines ihrer neuen Outfits an, bevor sie sich auf den Weg nach draußen machte.

Die Vögel beginnen zu singen. Clair hat Nanali bereits gezeigt, wie man sich um die Hühner und Pflanzen kümmert, und sie hat ihr einige Grundlagen zur Hühnerpflege beigebracht:

Clair hat Nanali gezeigt, wie man die Hühner füttert und das Hühnerhaus sauber hält. Sie betonte die Bedeutung von regelmäßigem Füttern und Wasserwechseln. Außerdem hat sie Nanali beigebracht, wie man die Eier sammelt und prüft, ob sie frisch sind.

Ein paar der frischgesammelten Eier wurden auch zugleich mit einigen frischen Zutaten aus dem Garten zu einem leckeren Bauernfrühstück. Zucchini, Tomaten, Paprika und einige Spinatblätter. Nanali erkannte beim Frühstück, was ihr das Stadtleben vorgemacht hatte. Die frischen Zutaten hatten einen gänzlich anderen Geschmack… Selbst wenn sie von dieser Insel kämen, würde sie nirgends anders mehr essen wollen.

Nach dem Frühstück ging es auch schon los. Die Äcker mussten versorgt werden.

Die Pflanzen müssen richtig gedüngt und bewässert werden. Clair erklärt ihr die verschiedenen Arten von Düngemitteln und wie sie auf die Bedürfnisse verschiedener Pflanzen abgestimmt sind.

Damit die Pflanzen immer genügend Wasser haben, muss der Gehalt an Bodenfeuchtigkeit regelmäßig überwacht werden… Nanali nutzt diese Gelegenheit, um Clair alles erdenklich Mögliche über Methoden zu befragen, die man nutzt, um Böden auf ihre Fruchtbarkeit zu testen. Sie hat einiges dazu gelesen und will die verschiedenen Methoden austesten. Sie lässt sich zu Nährstoffen im Boden und Wechselkulturen beraten, die dem Boden weniger Nährstoffe entziehen.

Es dauert nicht lange und Nanali spürt ihre Beine nicht mehr, als sie auf Knien das Unkraut aus den Feldern entfernt, während Clair sie anweist.

„Ich werde dringend mehr Sport machen müssen. Morgenfrüh fange ich an und renne jeden Morgen, noch vor dem Frühstück, am Waldrand entlang. Und abends dann einmal eine Runde in die Stadt!“, entschied Nanali als sie sich rückwärts auf den Hintern fallen ließ, um ihren Beinen etwas Entspannung zu gönnen. Sie verstand nicht, wie Clair so lange in der Hocke sitzen konnte. „Gute Idee. Jamie würde dich jetzt sicher auslachen.“

„Jamie?“, hakte Nanali nach.

Clairs Augenbrauen zogen sich sanft zusammen und ein Hauch von Unbehagen schien in der Luft zu liegen. In ihrer Verunsicherung biss sie sich leicht auf die Lippe. Ihre Stirn glättete sich allmählich, als sie versuchte, die unangenehme Situation zu entschärfen, und sie schien für einen Moment in ihren Gedanken zu versinken.

„Besser du lernst Jamie selber kennen. Manchmal denke ich sie sieht auf mich herab, weil sie diesen wertenden Blick hat. Aber eigentlich kenne ich sie gar nicht so gut, also sollte ich mir die Bewertungen auch einfach sparen.“, gab Clair zu und sah kurze Zeit bedrückt zu Boden. Nanali wollte sie aufmuntern, als sie etwas sagte:

„Es ist, als hätte sie eine besondere Verbindung zur Erntegöttin, obwohl sie nie wirklich darüber spricht. Jamie ist entschlossen, die Göttin vor ihrem tragischen Schicksal als Statue zu bewahren, und das treibt sie an, selbst wenn sie manchmal etwas schroff wirken kann."

„Die Erntegöttin?“, wiederholte Nanali.

In einem Moment der Unachtsamkeit hatte Clair sorglos über die Erntegöttin, die Erntewichtel und ihr Schicksal gesprochen. Als sie Nanalis Worte hörte, durchzuckte sie ein plötzliches Erschrecken. Ihre Augen weiteten sich, und sie sah Nanali erschrocken an, als hätte sie etwas Unglaubliches preisgegeben. Ein Hauch von Schuld und Bedauern legte sich auf ihr Gesicht, und sie senkte den Blick, als könnte sie ihre Worte wieder einfangen. Claire wollte offensichtlich nicht weiter darüber sprechen und hoffte, dass Nanali es vergessen würde. „Siehst du sie auch? Erntewichtel meine ich?“

Nanali würde nicht lockerlassen. Sie erinnerte sich an den Gartenzwerg vor der Bibliothek.

„Wie? Also… Ich… Früher glaubte jeder an sie… Aber mittlerweile scheinen die meisten zu denken, dass es ein Mythos ist…“, gab Clair zu. In ihrem Gesicht verzeichnete sich allmählich ein roter Schimmer.

„Aber kannst du sie sehen?“, fragte Nanali erneut. Sie drängte sich ihr auf. Würde nicht nachgeben.

Als Clair hochsah, sah sie das Nanalis Augen sich auf sie fokussiert haben. Es traf sie ein konzentrierter Blick. Ihre sonst so sanften blau grauen Iris glühte nun plötzlich in einer Entschlossenheit, wie Clair es nur selten sah. Sie sah in diese Augen wie in ein Meer, welches sie nun einsog. Ein klares, ungetrübtes Meer ohne jegliche Unsicherheit. Sie würde sie nicht täuschen.

„Du kannst sie sehen.“, entwich es Clair fast wie ferngescheuert, als Nanalis Blick plötzlich auf Clairs Beine schoss. Clair hockte auf dem Feld. Ihre rechte Hand war in der Bewegung des Unkrautzupfens eingeschlafen. In ihrer Hand hielt sie noch das grüne Bündel. Doch jetzt, wo sie sie zu sich auf den Schoß zog, konnte Nanali es deutlich und unverschwommen wahrnehmen. „Hallo.“, entwich es Nanali nun und es formte sich ein sanftes Lächeln. In ihren Augen bildeten sich Tränen, als sie das kleine Wesen, kaum größer als Clairs Schenkel breit waren. „Hallo.“, erwiderte das kleine grüne Wesen.
 

„Mein Name ist Nanali und wie heißt du?“

„Forest.“, antwortete der kleine Wichtel und Nanali reichte ihm die Hand. „Hallo, Forest. Auf gute zusammen Arbeit. Was muss ich tun, um euch zu helfen?“

In ihrer Seele bäumte sich etwas auf. Ein Gefühl, wie sie es am Tag zuvor hatte, nur stärker. Etwas wollte aus ihr herausbrechen. Etwas lag in ihren Ohren. Als würde sie es Hören. Jemand rief nach ihr.

„Wie kann ich sie treffen?“

Clair sah zunächst etwas verunsichert zu Forest. Da hatte sie also die ganze Zeit hingesehen.

„Leider wird die Erntegöttin immer schwächer. Ihr Körper ist fossilisiert. Aber ihr Geist ist noch da. Wir wissen nicht, wie wir sie entsteinern können. Aber wen sie braucht, den wird sie zu sich rufen. Ihre Seele wohnt in den Seen und Bächen und kann von überall zu dir sprechen.“

„Ich verstehe… Dann werde ich warten…“

„Auf jeden Fall wissen wir jetzt, dass du bald zu uns stoßen wirst.“, verkündigte Clair. Was dazu führt das Nanali sie fragen ansieht.

„Jeder der irgendwann die Begegnung mit den Erntewichteln hatte, wurde über kurz über lang einer von den Ranchern. Also, nicht jeder Rancher kann sie sehen, aber die die sie sehen können, sind alle welche. Macht das Sinn?“

„Ja. Vollkommen. Es macht jetzt eine Menge mehr Sinn als vorher.“, gab sie geistesabwesend zu. Clair wusste nicht, ob sie es verstand, aber sie entschied nicht nachzuhaken.

„Jedenfalls ist Jamie der Meinung, dass wir Rancher zu schwach sind. Und dass, um die Erntegöttin zu retten wir stärker werden müssten…“

„Wie stärker?“

„Es heißt es gibt ein Lied aus 100 Zeilen, dass den Fluch brechen könnten. Aber diese sind überall auf der Insel verstreut und wir konnten bisher nur 99 finden. Der letzte fehlt seit nun drei Jahren und taucht nicht auf. Außerdem ist nicht klar, in welche Reihenfolge sie gehören.“

Auf Nanalis Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus. „Ein Lied, sagst du?“

Clair sah sie etwas verduzt an. Ja, ein Lied- Die Erntegöttin hat vor drei Jahren zuletzt zu einem von uns gesprochen. Zu Jamie… Und ihm gesagt, dass wir die Zeilen finden müssten.“

„Darf ich sie sehen? Die 99 Zeilen?“

Clair nickte. Ich zeige sie dir nach dem Mittagessen. Was wir allerdings verpassen, wenn wir nicht bald fertig werden.“, überlegte Clair laut.

Anschließend werden die organischen Abfälle gesammelt und in einen Komposthaufen verwandelt. Clair erklärt die Vorteile des Kompostierens für die Bodenqualität und wie man den Kompost später als natürlichen Dünger verwenden kann.

Nanali ist kein sonderlich großer Fan von all den Insekten, die sich im Erdreich bewegen und scheinbar Boten gesunder Natur sind, aber es nutzte ja alles nichts.

Es war gerade mal 11:30, als Nanali sich bereits so fühlte, als würde sie Tagelang am Stück arbeiten.

Während des gesamten Vormittags machte sich Seto mit Ann auf den Weg, eine Fermentiermaschine zu testen und über weitere landwirtschaftliche Maschinen zu sprechen, die in Zukunft auf der Farm benötigt werden könnten. In fragekommende Höfe waren die Blauhimmel Ranch von Hank und Blue, die Starling Ranch von Tim und Bob, die Beach Ranch von Stainer und die Jamie Ranch. Da letztere über eine Stunde Fußmarsch von der Stadtmitte entfernt lag, begnügte sich Seto zu Beginn damit die ersten drei abzulaufen und die Anforderungen an die Lebensmittelverarbeitung und Konservierung aufzunehmen. Gegen Mittag besteht sein Produktportfolio aus Pasteurisieren, Homogenisieren und Fermentieren mit seinem Know- How war es nicht schwer die Qualität und Effizienz erheblich zu steigern. Das Interesse der Arbeiter war sehr groß in diesem Gebiet, da nun mehr Menschen versorgt werden müssten und es immer weniger Menschen zur Landwirtschaft zog. Die fehlende Technologisierung in diesem Bereich machte die Arbeit nicht unwesentlich schwerer.

Seto stand vor der Fermentiermaschine auf der Blauhimmel Ranch und war in Gedanken versunken. Er begann, die Maschine auseinanderzunehmen. Hanks Schultern zuckten unkontrolliert zusammen und seine Augen weiteten sich, als er Seto dabei beobachtete, wie er begann, die Fermentiermaschine auseinanderzunehmen.

Seine Hände, die zuvor ruhig ineinandergelegt waren, begannen nervös zu zittern, und er faltete sie unentwegt auf und zu. Sein Atem wurde flacher, und er atmete schneller, als ob er befürchtete, dass etwas Schlimmes passieren könnte.

Hank versuchte, seine aufkommende Panik zu unterdrücken, indem er tief durchatmete und sich fest auf den Boden starrte. Doch seine Unruhe und Sorge waren deutlich spürbar, und seine Körperreaktion verriet seine innere Aufregung.

Hank zögerte einen Moment, bis er ein lautes Knacken hörte. Das schwere Metal ließ sich echt schlecht voneinander lösen. "Seto, sei vorsichtig! Bitte mach sie nicht kaputt. Das ist unsere einzige Fermentiermaschine, und wir sind auf sie angewiesen."

Seto, der leicht verärgert über diese Aussage war und das Gefühl hatte, dass Hank ihn mit Ann verglich, antwortete etwas schroffer als beabsichtigt: "Ich habe Geräte entwickelt, die Gedanken als Hologramme mit Bildern über eine Reichweite von über 100 Metern ausgeben können. Da werde ich es wohl schaffen, dieses Ding wieder zusammen zu bauen."

Hank schluckte und fühlte sich unbehaglich. Er hatte nicht erwartet, eine solche Reaktion von Seto zu bekommen. Während Seto die Maschine weiter analysierte, stand Hank nervös von einem Bein auf das andere, seine ineinander gelegten Hände bewegten sich unruhig hin und her.

„Konnten diese Bilder Menschen ernähren?“, fragte er skeptisch.

Seto sah genervt von dem Gerät auf. Seine Augenbraue zuckte bedrohlich, aber er sagte nichts.

Die Spannung zwischen den beiden war spürbar, sein angekratztes Ego machte es ihm schwer. Angesichts der Tatsache, dass er neue Kunden gewinnen wollte, hielt er sich aber zurück. Er versicherte Hank nochmals: "Ich werde nichts kaputt machen."

Mokuba war zunächst etwas planlos am Stadtrand entlang geschlendert. Als er einen Streit zwischen Rick und Popuri mitbekam.

„Rick, du bist so ein IDIOT!“

Die Worte hallen in Mokubas Ohren wider, als er sich überrascht umdreht. Sein Blick fällt auf eine junge Frau mit langen, rosafarbenen Haaren, die in einer Sekunde zur nächsten an ihm vorbei stürmt. Ihr Gesicht, von den Tränen benetzt, blitzt nur für einen flüchtigen Moment auf, während sie an ihm vorbeirauscht. Eine einzelne Träne gleitet über ihre Wange. Ihre rosafarbenen Haare streifen sanft über Mokubas Wange, als ihre Füße den Boden berühren und sie beinahe über einen im Weg liegenden Stein stolpert.

Die Brücke, über die sie hinweg in den Wald stürmt, erstreckt sich über einen rauschenden Fluss, dessen Wasser glitzernd im Tageslicht funkelt. Dort bleibt sein Blick hängen.

Mokuba blinzelt etwas verblüfft. Als er bemerkt, dass sich ein Mann ihm nähert. Seine Brust hebt und senkt sich in einem verzweifelten Versuch, wieder Luft zu bekommen, während sein Gesicht von Erschöpfung gezeichnet ist. Die Luft in seinen Lungen brennt wie ein loderndes Feuer, und er stützt seine zitternden Hände auf seinen Knien ab.

"Rick nehme ich an.", begrüßte Mokuba ihn.

Rick spürt ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube, als ihm bewusstwird, dass sie nicht allein waren. Die Tatsache, dass jemand eine sehr persönliche Situation zwischen ihm und Popuri miterlebt hat, bringt ihn in Verlegenheit. „Tut mir leid, dass du das gesehen hast.“

Mokuba winkte ab: „Schon gut. Ist war passiert?“

"Popuri hat eines unserer Hühner vergessen zurück in den Stall zu bringen.“, beginnt er zu erklären. „In der Nacht wurde es von einem Wolf gerissen.“

Mokubas Blick huscht besorgt zum Wald, als er das Wort "Wölfe" hört. Als Stadtkind ist die Vorstellung von Wölfen in unmittelbarer Nähe beunruhigend und fremd für ihn.

„Also habe ich sie gerügt. Vielleicht war ich zu streng…Sie hatte eine besondere Verbindung zu diesem Huhn.", reflektierte der Blonde, bevor er sich schlussendlich erhob. Wieder zu Atem gekommen, hob er seinen Zeigefinger an. Das Verständnis verschwand aus seiner Stimme. „Aber sie muss endlich lernen, dass diese Hühner hier nicht unsere Haustiere sind. Sie werden gezüchtet, um Eier zu legen und letztendlich als Nahrung für die Menschen hier zu dienen. Wir können uns nicht zu sehr an sie klammern."

„Muss man sich sorgen machen, wegen Wölfen in der Nähe?“, fragte der Wuschelkopf.

"Natürlich!“, begehrte Rick auf. „In einer Geflügelfarm kann die Gefahr von Wölfen ein ernsthaftes Problem darstellen. Wölfe sind Raubtiere und können leicht in das Gehege eindringen, besonders wenn es nicht ausreichend gesichert ist. Sobald sie in die Nähe der Hühner gelangen, stellen sie eine Bedrohung für die gesamte Herde dar.“

„Ich meinte eigentlich… Jetzt und hier. Und weil das Mädchen von Eben in den Wald gerannt ist.“

Rick schüttelte den Kopf und erklärte: "Wölfe sind in der Regel scheu und meiden den Kontakt mit Menschen. Die meisten Wolfssichtungen in der Nähe finden nachts statt, wenn die Wölfe auf Nahrungssuche sind. Tagsüber ziehen sie sich in ihre Rückzugsorte zurück."

Mokuba atmete beruhigt auf. Aber er sollte Nanali informieren. Immerhin wollten sie heute Nachmittag ja auch in den Wald…

„Willst du ihr nicht nach? Findest du sie jetzt noch wieder?“

Rick überlegte einen Moment und antwortete dann: "Popuri ist wahrscheinlich zur heißen Quelle gerannt, die ist nicht weit von hier. Du kannst hier über die Brücke und der Weg führt dich direkt zu ihr. Ich habe allerding noch einige Arbeit zu erledigen. Kannst du vielleicht nach ihr sehen."

„Eigentlich…“, überlegte er, dann hat er die zündende Idee. „Wenn du so viel Arbeit hast, denkst du dann, ich könnte als Aushilfe bei euch anfangen?“

Rick sieht zunächst verwirrt zu Mokuba, willigt aber schließlich ein. „Die Idee ist gar nicht schlecht…“

„Alles klar, dann bis gleich.“, jubelte Mokuba und war schneller über der Brücke in den Wald verschwunden, als Rick schauen konnte. Bevor er es sich noch anders überlegt. Die Angst vor Wölfen war wie weggeblasen…

Einige Zeit später.

Nanali und Clair sind gerade auf dem Weg in die Brasch bar, weil sie sich dort zum Mittag mit Mokuba verabredet hat. Unterwegs komme sie an einem kleinen Feld vorbei, auf dem eine alte kleine und dem Verfall nahen Holzhütte vorbei. „War das mal eine Farm?“, fragte Clair. „Ja, richtig. Aber hier wohnt schon lange keiner mehr, schau mal das Grundstück ist nicht besonders groß.“ „Nicht besonders groß… steht es zum Verkauf?“ „Das Grundstück kostet 5000G. Um das Haus so weit zu renovieren, dass es wieder bewohnbar wird, sind sicherlich noch mal rund das doppelte von Nöten. Damit es dann winterfest ist… Ich denke bei insgesamt 30.000G bist du sicherlich dabei.“, überlegte Clair. „Den Weg von mir zum Mutterhügel hoch entlanggehend, finden sich aber weitaus größere Flächen, die erschlossen werden können.“

Während des Gesprächs über das Grundstück in der Stadt ermutigt Clair Nanali, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse in der Landwirtschaft weiterzuentwickeln und vielleicht die Herausforderung anzunehmen, die brachliegende Farm wiederzubeleben. Nanali denkt darüber nach und spürt die Faszination für die Möglichkeit, eine eigene Farm zu betreiben. Aber vor allem brauchte sie einen eigenen Platz für Pflanzenexperimente.

Unveiling Shadows of the Past

Unveiling Shadows of the Past
 

04.September YYY1

Die Brasch Bar war an diesem sonnigen Mittag gut besucht, und der Geräuschpegel im Inneren war lebendig, aber nicht überwältigend laut. Das gedämpfte Gemurmel der Gäste mischte sich mit dem Klirren von Gläsern und Besteck. Das warme Sonnenlicht drang durch die Fenster und tauchte den Raum in ein sanftes, einladendes Glühen.

In einer gemütlichen Ecke saßen Mokuba, Seto und Anna an einem langen Holztisch. Nanali und Clair kamen soeben dazu, als die Bedienung auch schon die Menükarten brachte und ihre Getränkewünsche aufnahm.

Mokuba schilderte Seto und Anna gerade seinen bisherigen Tag. Mit leuchtenden Augen und wild gestikulierend erzählte er von Popuri und Rick.

Mit einem Lächeln blätterte Nanali durch die Menükarte und ließ sich Zeit, um die Gerichte in Ruhe auszuwählen.

Nanali fühlte sich wohl in der Gesellschaft der beiden Brüder und Clair. Die Stimmung war locker, die Gespräche lebendig, das Lachen ansteckend. Auch wenn einer nie mit lachte.

Seto saß mit leicht verschränkten Armen da und beobachtete die anderen. Er wirkte in seiner Art und Haltung immer selbstsicher. Es waren diese kleinen Aspekte, die Nanali auffielen und von denen sie sich gerne etwas abschneiden würde.

Clair kam nicht umhin Nanalis Fortschritte in der Landwirtschaft hervorzuheben. Sie lobte ihre neue Helferin für ihre schnelle Auffassungsgabe und ihre Neugierde.

Ebendiese zeichnete sich indes als stille Zuhörerin aus. Verlegen drehte sie ihr leicht errötetes Gesicht aus dem Fenster. Noch mehr von diesem Süßholzgeraspel und sie hätte Clair den Mund zu gehalten.

Während das Essen serviert wurde, begann Anna aufgeregt von ihrem Tag mit Seto zu erzählen. Ihr Blick leuchtete vor Begeisterung und sie konnte kaum die Aufregung in ihrer Stimme verbergen.

"Also, ihr werdet es nicht glauben", begann sie. "Ich habe heute so viel von Seto gelernt! Es ist einfach unglaublich, wie gut er in allem ist. Zuerst haben wir uns die neuen landwirtschaftlichen Maschinen angesehen. Ich konnte nicht fassen, wie viel er darüber weiß. Er erklärte mir jede Funktion und wie man sie am effizientesten einsetzt. Es war, als würde er eine völlig neue Welt für mich öffnen."

Ihre Augen glänzten vor Bewunderung, während sie das Erzählte mit lebhaften Gestiken untermauerte, um ihre Begeisterung auszudrücken. Seto indes nippte unberührt an seinem Wasser.

„Eigentlich.“, begann Nanali. „Können wir das schon glauben.“

Nanali schmunzelte etwas, dann holte sie Luft. „Von dem Mann, der eine ganze Waffenindustrie zerlegt, eine Spielefirma daraus entwickelt und es sich zum Ziel gemacht hat mit Hochtechnologie die kindlichen Wünsche von Spaß und Spiel zu verwirklichen- dem Mann der Gedanken hologrammisiert- von dem erwarte ich so einiges. Zum Beispiel eine Bewässerungsmaschine, einen Saatguttrockner und einen Roboter mit vier Armen, der düngt, kompostiert und Unkraut jätet. Den vierten Arm braucht er, um unterwegs meine Leiche mitzunehmen, wenn ich vor Erschöpfung den Boden dünge.“

Setos Mundwinkel zuckte kurz zu einem Grinsen. Und auch wenn es kaum hinter dem Wasserglas zu sehen war- Mokuba hatte es genau gesehen.

„Was wirklich?“, fragte Anna fasziniert und die beiden kamen ins Gespräch.

Doch dann konnte man das vertraute Gemurmel der anderen Gäste im Hintergrund vernehmen. Gegenüber saß eine Gruppe von drei jungen Männern an einem Nachbartisch. Sie hatten eine raue, überhebliche Ausstrahlung und schienen mit ihrem lauten und respektlosen Gespräch die Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen. Sie warfen absichtlich Bemerkungen in Richtung des Tisches der fünf Freunde.

„Boah, ey, Nanali, pass mal auf, dass du nicht auf deiner Schleimspur ausrutschst!" Die anderen beiden lachten laut. Ihre Bemerkungen waren vulgär und unhöflich. Offensichtlich ein plumper Versuch Nanali in Verruf zu bringen. Die Worte hallten durch den Raum, und einige Gäste wandten sich neugierig zu der Gruppe um. „Wundert dich das echt bei ihr? Wodurch zeichnet sie sich denn sonst aus?“ „Hast eigentlich recht. Laut, Inhaltlos. Kannst uns eigentlich echt mal damit verschonen.“

Seto verzog keine Miene und trank gelassen von seinem Wasser. Er schien solche Provokationen gewohnt zu sein. Mokuba runzelte leicht die Stirn, aber er war klug genug, nicht auf die Sticheleien einzugehen. Nanali aber machte ihm sorgen. Sie hatte die Augen geschlossen und ließ keine lesbare Mimik zu. Konnte sie es ausblenden?

Sich über ihre geschmacklosen Bemerkungen amüsierend, setzten sie ihre Unterhaltung fort. Die drei Männer sprachen absichtlich laut, damit auch die anderen Gäste im Lokal etwas davon mitbekamen. „Die ist doch total in Kaiba verknallt. Hat ja nicht lange gedauert, bis sie sich an Seto rangeschmissen hat.“

Ein älterer Herr an einem der Nachbartische seufzte hörbar und schüttelte den Kopf über die Unhöflichkeit der jungen Männer. Eine Gruppe von Freundinnen am Tisch nebenan tuschelte und warf den jungen Männern abfällige Blicke zu.

Clair und Mokuba tauschten besorgte Blicke aus, während sie die Situation beobachteten. Seto behielt seine ruhige Fassung bei und konzentrierte sich weiter auf sein Essen.

„Aber ihr Anspruch hat sich verbessert.“, grunzt einer. „Schlampe vom Dienst.“

Nanali erhob sich von ihrem Stuhl.

„Ist was?“, fragte einer unterm Kauen und sah Nanali belustigt an, während sie sich zu ihrem Tisch begab. „Hey, kein Grund herzukommen. Ich hab kein Interesse an dir. Pff.“, antwortete einer der Männer abfällig.

„Verknallt? Kannst du das nicht auseinanderhalten? Liebe und Bewunderung? Natürlich nicht. Wen würdest du schon bewundern? Ganz offensichtlich weißt du ja bestens über alles Bescheid.“, konterte sie.

Ihr Blick war emotionslos. Ihre Stimme tonlos. Als hätte sie jegliches Gefühl aus ihrem Körper verbannt. „Wer schenkt dir schon glauben?“

„Jeder glaubt das.“, entgegnete er.

„Jeder glaubt, was?“, hinterfragte sie. „Wer ist denn in deiner Welt „jeder“? Ich bin genauso unbefleckt wie ein weißes Tuch, nur weil du mit Dreck wirfst, macht es mich nicht schmutzig.“, entgegnete sie.

„Du und unschuldig? Das ist es ja wohl, was hier keiner glauben kann.“, erwiderte er.

„Ich glaube ich bin einer von zwei, die es ganz genau wissen. Was du wüsstest, wenn mehr als Stroh in deinem Hirn wäre.“

„Dann lügt er?“

„Ja. Tut er. Die Beziehung ist über 4 Jahre her. Ich war 14. Und das ihr sowas glauben könnt ist erschreckend. Dann seid ihr nicht besonders bewandert auf diesem Gebiet.“

„Aber du hattest doch selbst erzählt, dass da ständig wer war?“, hakten sie wie ungläubig nach.

„Ich sagte ich habe Freunde? Kann sein. Ich hatte eine Menge außerhalb der Schule, aber keine Beziehung mehr nach ihm.“

„Und davor?“

„Ich hatte Freunde. Aber nicht, dass was ihr andeutet.“

„Aber ihr wart zusammen. Wieso würde er auf so eine Art lügen?“

„Er sagt euch, ich wäre ihm zu viel gewesen. Zu fordernd? Zu wild? Und ihr bezieht das auf Sex?“ Nanali setzte ein siegessicheres Lächeln auf. „Bedürftig, oder was? Tut mir Leid, aber ich steh nicht zur Verfügung. Meine Ansprüche sind seitdem gestiegen.“

Nanali bezog sich bewusst auf ihre Worte. Nun endlich schien die Schwere der Atmosphäre abzunehmen.

„Okay…“, ist alles, was sie noch hörte, als sie gehen wollte. Ihre Hand ging zu ihrem Stuhl, auf dem sie ihre Jacke griff. Und sich ihren Rucksack über die Schulter warf.

„Einen Moment noch“, erklang eine Stimme von einem entfernteren Tisch. Eine Person aus dem Dorf saß dort an einem vereinzelten Tisch. Sie hatte bisher still dagesessen, unauffällig in einer Nische hinter einem kleinen Fensterplatz, aber jetzt war ihre Stimme deutlich zu hören – nicht laut, sondern messerscharf.

„Derlei Spott wollen wir in unserem Dorf nicht. Das gehört nicht in diese Stadt und wie wir hier miteinander umgehen.“

Einige nickten – leise Zustimmung.

„Aber ehrlich gesagt…“, fuhr sie fort, „gilt das für alle Extreme. Nicht nur für vulgäre Sprüche, sondern auch für dieses ganze Gerede über Maschinen, Roboter mit vier Armen und High-Tech-Zauber. Diese ganzen Spielereien… sie mögen ja beeindruckend wirken, dort wo ihr herkommt. Aber hier bei uns… da schätzen wir noch andere Dinge. Einfachheit. Vertrautheit. Und ein Miteinander, das nicht wie ein Geschäftsmodell klingt. Wenn du hier nicht anecken willst, rate ich dir das bleiben zu lassen.“

„Wer ist das?“, fragte Nanali an Clair gewandt.

„Jamie.“, gab Clair zurück und senkte ihren Blick ab.

Nanali erinnerte sich an ihre Unterhaltung von heute morgen.

„Besser du lernst Jamie selber kennen. Manchmal denke ich sie sieht auf mich herab […]. Es ist, als hätte sie eine besondere Verbindung zur Erntegöttin[…], selbst wenn sie manchmal etwas schroff wirken kann."

„Und du?“, Jamie wandte sich an Clair. „Du lässt zu, dass sie darüber sprechen alles zu modernisieren. Noch weiter weg von dem herkömmlichen Weg… Es ist mir unklar, wieso du eine von uns bist, Clair.“

Clair biss sich auf die Lippe. In ihr sprangen die Tränen bei diesen Worten ins Gesicht. Im nächsten Moment flackerte die Luft neben ihr leicht – ein leiser Windzug ging durch das Fenster, obwohl es geschlossen war.

Forest war da.

Kein Wort verließ seine Lippen. Er streichelte ihr sachte über den Arm, sein Blick ruhte auf Jamie, als prüfe er, ob sie gesehen hatte, was sie angerichtet hatte.

„Das reicht.“

Nanalis Stimme war ruhig, aber sie schnitt durch den Raum wie der erste kalte Wind vor einem Sturm.

Einige Gäste hielten inne, das Klirren von Besteck verstummte.

„Niemand hier will, dass ihr eure Wurzeln verliert. Ich am allerwenigsten. Was ihr hier habt – diese Art, miteinander zu leben, füreinander zu sorgen – das ist groß. Kostbar. Und ja, schützenswert.“

Nanali legte eine kurze Pause ein, dann fuhr sie fort – ihre Stimme nun wärmer, aber bestimmt:

„Aber wenn du glaubst, dass wir diese Werte dadurch untergraben, dass wir etwas Neues hinzufügen oder Dinge effizienter gestalten wollen, dann untergräbst du eure Werte in Wahrheit selbst.

Du traust uns nicht zu Verantwortung zu übernehmen. Du glaubst, wir könnten nicht zwischen Entwicklung und Zerstörung unterscheiden.

Du hast Angst vor etwas, das du weder gesehen noch verstanden hast – und lehnst es im selben Atemzug ab.

Ist das Gang und Gäbe in diesem Dorf? Dass man das Fremde nicht mal anhört, bevor man es ablehnt? Dass man nicht nachfragt, sondern verurteilt? Ist das Vertrauen in diesem Dorf dann doch so schwach, dass du Clair zurechtweisen musst, weil sie die Offenheit besitzt mich nicht direkt im Ansatz abzulehnen?“

Ein leiser Wind zog durch die halb geöffneten Fenster. Es war, als würde die Luft selbst den Atem anhalten.

„Das sagt vielleicht weniger über mich aus als über dich.“

Ein Moment verging, in dem nichts geschah. Dann hob Jamie leicht das Kinn. Ihre Stimme war leiser als zuvor, aber umso schärfer in ihrer Klarheit.

„Du redest schön, das kann man dir nicht absprechen. Aber ehrlich gesagt... klingt das alles ziemlich theoretisch.“

Sie verschränkte die Arme, die Ellenbogen auf dem Tisch abgestützt, die Augen fest auf Nanali gerichtet.

„Versteh mich nicht falsch – deine Worte über Verantwortung, über Balance und das Miteinander – das klingt gut. Vielleicht zu gut. Aber ich sehe vor mir eine Frau, die vor nicht mal zwei Tagen hier angekommen ist, ohne auch nur ansatzweise etwas mit Landwirtschaft am Hut gehabt zu haben.“

Sie ließ die Worte in den Raum fallen wie kleine Steine, nicht schwer, aber unangenehm zu übergehen.

„Du sprichst von der Balance der Insel, als hättest du je erlebt, wie es ist, sie zu bewahren. Wie es ist, früh aufzustehen, um einen kranken Boden zu retten. Wie es ist, wenn ein ganzer Ertrag vom Wetter davongetragen wird. Du redest von Effizienz, als wär’s ein Ziel – wir leben hier nicht in Zielvorgaben, wir leben im Rhythmus. Und ich frage mich, wie jemand, der vorher wahrscheinlich noch nicht mal selbst eine Schaufel in der Hand gehalten hat, plötzlich wissen will, wie man unsere Welt weiterentwickelt, ohne sie zu gefährden.“

Einige Gäste sahen sich an, flüsterten, jemand räusperte sich. Jamie beugte sich leicht vor, nicht konfrontativ, sondern fast nachdenklich.

„Versteh mich nicht falsch – ich bin nicht gegen Wandel. Aber ich bin gegen falsche Versprechen. Und gegen große Worte, die keine Wurzeln haben.“

Ein leises Summen lag in der Luft.

Forrest flog zwischen ihnen hindurch – klein, grün, kaum mehr als ein Hauch von Licht in Bewegung. Die meisten bemerkten ihn nicht, nahmen ihn vielleicht als schillernde Reflexion der Sonne wahr. Nur Nanalis Blick folgte ihm – still, zart und vollkommen losgelöst von dem, was gerade gesagt worden war.

Einige dachten, Nanali würde die Augen verdrehen, als wolle sie der Diskussion entkommen. Aber dann folgten ihre Pupillen einer fließenden, tänzelnden Bewegung durch die Luft – zu leicht, zu zielgerichtet, um Zufall zu sein.

„Ich sehe grün.“, sagte sie leise.

Jamie verstummte. Für einen winzigen Moment war ihr Gesicht wie eingefroren – weder Spott noch Zweifel, sondern ein leerer Blick, der sich mit ungläubigem Staunen füllte.

Jamie verschlug es die Sprache.

Was sollte man sagen, wenn eine Fremde das sieht, was man selbst seit Jahren nur mit Hingabe, Demut und Arbeit empfangen durfte?

Sie sagte nichts. Konnte nichts sagen.

„Es liegt nicht am fehlenden Respekt.“

Ihre Stimme war ruhig, aber sie trug nun einen anderen Ton – weniger Verteidigung, mehr Entscheidung.

„Es geht nicht darum, dass ich euch oder das Leben hier nicht wertschätze. Im Gegenteil. Ich weiß, was es bedeutet, etwas bewahren zu wollen.“

Sie wandte sich nun direkt an Jamie.

„Aber bevor ich mir sagen lasse, was ich kann oder nicht kann – was ich darf oder nicht darf – finde ich es doch lieber selbst heraus. Denn eines habe ich gelernt: Menschen, die nicht versuchen, etwas zu verändern, sagen oft, dass es nicht geht.“

Sie machte eine kurze Pause, dann sprach sie leiser – fast nach innen gewandt, aber doch so, dass alle sie hören konnten.

„Es hat mir mal jemand gesagt, dass man den Krieg nicht einfach besiegen kann. Dass es Dinge gibt, die man nicht ändern kann, weil sie zu groß sind. Zu mächtig. Unverrückbar. Nur… dieser Satz kam von einem Menschen, der es nie versucht hat.“

Nanali ließ ihren Blick durch den Raum schweifen – bis er bei Seto Kaiba landete.

„Und dann trifft man jemanden, der viel zu jung die Verantwortung für eine Waffenindustrie übernehmen musste – und sie in eine Welt verwandelt hat, in der Kinder spielen dürfen. In der man Gedanken sehen kann. In der der Himmel auf einmal greifbar wird.“

Sie atmete kurz ein, und man merkte, dass sie nicht sprach, um zu beeindrucken – sondern weil es für sie Wahrheit war.

„Wenn ich sehe, was er geschafft hat – gegen jeden Widerstand, gegen alle Wahrscheinlichkeiten – dann fällt es mir ehrlich gesagt schwer, irgendeine Herausforderung für zu groß zu halten. Auch die hier nicht.“

Ein feines Lächeln berührte ihre Lippen – nicht überheblich, sondern ruhig und beinahe zärtlich.

„Ich werde es ausprobieren. Und dann kannst du – oder wer auch immer – immer noch bewerten, ob es funktioniert hat. Aber ich werde mich nicht im Vorfeld kleinmachen, nur damit andere sich sicher fühlen.“

Sie machte eine kurze Pause in der sie zu den Proleten von zuvor schaut.

Dann wandte sie sich zu Seto, um ihn direkt anzusprechen.

„Was ich empfinde, ist Bewunderung. Und zwar in einer Größe, wie ich sie selten gefühlt habe. Und ja – dazu steh ich. Das ist in meinem Leben verankert. Das hat mir in Momenten Mut gegeben, in denen ich mich selbst für unfähig gehalten habe. Es hat mir geholfen, Dinge zu wagen, die ich mir nie zugetraut hätte. Und es hat mich geprägt. Und wenn manche das für Verliebtheit halten:

Ich will nichts besitzen. Ich will nichts gewinnen. Ich will nur, dass etwas Großes in dieser Welt bleibt. Weil es mir Hoffnung macht. Es ist Schade, dass ich nie mehr Gelegenheit bekommen werde, für dich zu arbeiten.“

Seto saß still. Seine Haltung hatte sich nicht verändert. Die Arme waren locker vor ihm verschränkt, der Blick ruhig, beinahe ausdruckslos. Für einen Moment hätte man denken können, ihre Worte seien an ihm abgeprallt wie Regen an Glas.

Doch dann geschah etwas. Etwas Kleines. Fast Unsichtbares.

Sein Blick hielt ihren.

Ein Atemzug lang war da etwas in seinen Augen, das Mokuba selten sah. Keine Rührung. Keine Ergriffenheit. Sondern Respekt.

Er senkte leicht das Kinn. Kein Nicken – kein Ja.

Sein Blick glitt nicht von ihr weg. Nicht sofort. Er hielt ihn noch einen Moment, als wollte er die Worte, die sie gerade gesagt hatte, irgendwo in sich ablegen – nicht auf einer rationalen Ebene, sondern tiefer.

Dann – kaum wahrnehmbar – ein Zucken an seinen Mundwinkeln. Nicht spöttisch, nicht überlegen. Sondern fast… erleichtert.

Als er schließlich sprach, war seine Stimme ruhig. Klar. Aber leiser als sonst.

„Dann… hast du mehr begriffen als die meisten.“

Das war alles. Kein Lob. Kein Bekenntnis. Aber wer ihn kannte, wusste:

Das war bei Seto Kaiba mehr als eine Geste.

Das war eine Annäherung.

Nicht in Worten. In Haltung.

Und in einem Respekt, den er selten offen zeigte – aber niemals verschenkte.

Ein Lächeln legte sich auf Nanalis Lippen. Zart, kaum sichtbar – und doch voll spürbarer Wärme. Es war nicht viel. Es war eigentlich gar nichts. Aber für sie bedeutete es alles.

Nicht, weil Seto etwas Großes gesagt hätte. Sondern weil er etwas Kleines nicht zurückgenommen hatte. Weil er ihr Blick standgehalten hatte. Weil er nicht gegangen war. Und das reichte.

Für einen Moment hielt sie noch inne – in diesem stillen Glück, das keine Worte brauchte.

Dann wandte sie sich ab.

Ohne Eile, ohne Aufregung, als hätte sie gerade nichts Besonderes gesagt. Sie trat an den Tresen und sah den Koch an – der sie verwundert musterte, aber nichts sagte.

„Danke fürs Essen“, sagte sie einfach.

Ihre Stimme war ruhig. Frei. Kein Zittern mehr.

Und während im Hintergrund noch die letzten Blicke zwischen Seto und Jamie glommen, war Nanali schon wieder ganz da – in der Gegenwart, im Gasthof, in ihrer Entscheidung.

Sie hatte gesagt, was sie sagen wollte. Und das genügte.

„Du hast kaum gegessen. Iss doch auf. Du hattest einen anstrengenden Tag hinter dir.“, sagte Gwen besorgt, die zu ihrem Tisch kam. „Soll ich es dir einpacken.“ Ihre verständnisvollen Augen ruhten auf Nanali als wollte sie sie damit aufmuntern.

„Danke. Aber ich bin satt geworden.“ Ihre Worte hatten die gewünschte Wirkung.

Dann wollte sie die Situation hinter sich lassen. Und trat durch die Tür.

„Warte, ich komme mit.“, rief Mokuba und aß die letzten Löffel von seinem Teller.

„Mokuba schling nicht so.“, ermahnte Seto ihn, als Nanali schon an der Tür stand. Er sprang vom Stuhl auf und lief ihr flink hinterher, als sie durch die Tür verschwand.

„Wir sehen uns heute Abend, Seto.“

Auch Clair machte sich auf die Brasch Bar zu verlassen. Doch zuvor wandte sie sich Jamie noch einmal zu.

„Du schätzt sie falsch ein, Jamie.“

Jamie sah auf, doch Clair fuhr ohne eine Unterbrechung zuzulassen fort.

„Sie hat gestern den ganzen Tag mit Mokuba in der Bibliothek verbracht. Jedes Buch, das auch nur im Entferntesten mit Landwirtschaft zu tun hatte, hat sie durchgearbeitet. Abends hat sie einen Stapel davon zu mir getragen, und in der Nacht hat sie bis tief in die Dunkelheit Kleidung aus Stoffresten genäht. Und trotzdem war sie heute früh zur Arbeit da – pünktlich, still und hat durchgezogen bis zum Ende. Jetzt geht sie noch sammeln.“

Seto war mit Anna der letzte der vom Tisch aufstand um zu gehen, aber zuvor hielt er an einem Tisch an.

„Anstatt Gerüchte zu befeuern, dass jemand angeblich mit Männern schläft, solltet ihr besser schnell erwachsen werden. Weil niemand kommt, um euch zu retten.“, entgegnete Seto der nun aufgestanden war. „Ihr scheint zu glauben, dass es irgendjemanden gibt, dem Erfolg zufliegt oder zumindest, dass Frauen sich Erfolg anders erarbeiten. Ihr seid ignorante unterentwickelte Affen, die sich unter zur Hilfe nahmen von Sexismus und falschen Anschuldigungen versuchen Gehör zu verschaffen.“

Seto hatte nicht geglaubt, dass er eine Bezeichnung wie unterentwickelter Affe mal bei anderen Menschen außer Joey gebrauchen würde und nun gab es plötzlich drei davon. Joey war ein Affe, für wahr, aber einer mit moralischem Kompass.

„Maden sind nützlicher als ihr.“, setzte er nach.

100% Unveiled – Be who you truly are.

100% Unveiled – Be who you truly are.
 

04.September YYY1
 

Vor dem Gasthof schloss Mokuba schnellen Schrittes zu Nanali auf

„Nanali! Alles in Ordnung?“, hakte er nach. Doch Nanali antwortete nicht. Sie war damit beschäftigt ihre Maske wieder zu finden. Niemand durfte sie so sehen. Langsam wandte sie ihren Kopf in die entgegengesetzte Richtung und kämpfte die Tränen runter, die Mokuba nicht sehen sollte und besah sich die Steine.

Der Weg vor ihr führte über eine gewundene Strecke aus handgemeißelten Natursteinen, die sorgfältig angeordnet waren, um eine raue und robuste Oberfläche zu bilden. Diese Steine, vom Wetter gezeichnet, waren gleichmäßig platziert und schufen einen festen und ebenen Gehweg. Ihre unregelmäßigen Formen und Größen verliehen dem Pfad ein authentisches und rustikales Erscheinungsbild, das sich nahtlos in die umgebende natürliche Schönheit einfügte.

Während sie dem mäandernden Weg folgte, bemerkte sie gelegentlich Grasbüschel oder kleine Pflanzen, die zwischen den Steinen sprießten. Ein Zeichen für die Hartnäckigkeit der Natur, die sich ihren Platz zwischen den von Menschenhand geschaffenen Steinen zurückholte.

„Nanali, willst du vielleicht gar nicht mehr gehen?“ Mokuba ahnte, dass es ihr nicht gut ging.

„Nanali ist etwas? Bitte, auch wenn wir uns kaum kennen. Wenn was sein sollte, sag es ruhig. Du bist doch auch immer so freundlich zu mir.“

Nanali schreckte aus ihren Gedanken und wandte sich ihm zu. Mokuba sah an einer Stelle auf ihrer Lippe, dass sie dicker war als der Rest. Sie hatte sich um die Tränen zu unterdrücken drauf gebissen. Ein noch leichter silbriger Schimmer hielt ihre vermutlich sonst so schönen azurblauen Augen gefangen. „Freundlich?“, fragte sie ungläubig.

Innerlich sammelte sich eine unerklärliche Wut an. „Ich und freundlich? Meinst du nicht, du kennst mich zu wenig, um das zu sagen. Ich bin nicht freundlich...“

Mokuba verstand nicht, was der Anlass gewesen sein könnte, dass sie das nun sagte.

„Na ja. Ich finde es schon nett, dass du, obwohl wir uns nicht kennen, Zeit mit mir verbringst. Du wolltest, dass ich meinen Bruder vorher frage, ob ich mit dir eine Wanderschaft unternehmen darf. Es hätte dir egal sein können. Aber du hast halt verantwortungsvoll gehandelt. Das macht echt nicht jeder. Die meisten hätten einfach- Nein- gesagt, um sich da gar nicht erst drauf einzulassen.“

Nanali wandte ihren Blick wieder ab. „Vielleicht glaubte ich auch nur, wir kämen hier doch weg und ich hätte was davon gerade zu dir nett zu sein.“

Das dachte sie nicht! Also warum sagte sie es dann? Warum machte sie sich selbst schlecht? Aber dieser Junge, er dachte fälschlicherweise, dass sie nett wäre. Er durfte ihr einfach nicht zu viel vertrauen. Sie würde es enttäuschen...

„Geht es noch um das, was im Gasthof passiert ist? Daran dachte ich keine Sekunde lang. Ich sag dir was. Auch wenn es Seto vielleicht nicht viel bedeutet haben mag, aber mir ist es aufgefallen. Du hast nicht sein Geld und seinen Erfolg in den Vordergrund gestellt, sondern seine Taten. Du hast ihn als einen Mann dargestellt, der in unserer Welt gegen den Krieg gekämpft hat, und dem es ein Ziel war Spaß in die Welt zurückzubringen. Denn genau das macht ihn aus. Die wenigsten erkennen das in meinem Bruder. Ich finde dich sehr freundlich. Und diesen Typen da eben, hätte ich echt gerne meine Meinung gesagt. Es erkennt ein Blinder, dass du keine Sch- Lampe bist!“

„Oder es war Berechnung. Um ihn zu beeindrucken.“, entgegnete Nanali.

„Na gut. Ich finde aber trotzdem, dass du freundlich bist. Auch wenn du das von dir selber nicht denkst und mir scheinbar auch ausreden willst. Immerhin, du bist ja hier und willst mich auch augenscheinlich vor dir warnen. Ich glaube lediglich, dass du zu hohe Erwartungen an dich stellst. Magst du dich nicht, Nanali?“

Die Blonde sah ins Wasser unter der Brücke, dass fröhlich vor sich her glitzerte.

„Nicht wirklich. Jamie hatte außerdem auch nicht unrecht. So schön die Insel auch ist. Wenn so traurige Menschen auf ihr leben, geht sie irgendwann kaputt. Und gerade, da war ich der Anlass für diese Eskapade.“

Mokuba dachte kurz darüber nach. „Und gerade deswegen bist du nett. Sie hätte dich nicht auch noch anmachen müssen. Du unterstellst ihr nicht mal was böses, sondern nimmst sie ernst. Nanali, du bist so gutherzig!“

Verblüfft sah Nanali ihn an. „Echt?“

„Ja, schon. Ich sehe das so, vor noch gar nicht so langer Zeit waren du und ich total engagiert neues dazuzulernen. In der Zwischenzeit haben andere lamentiert, wie furchtbar alles ist! Wenn man euphorisch ist und ein Ziel verfolgt, dann gibt es zwei Möglichkeiten auf Situationen wie eben zu reagieren. Versuchen sie damit anzustecken oder sie ignorieren... Ich finde du solltest deine unbeschwerte Art, die du mir gestern noch entgegengebracht hast, behalten. Wie du auf Jamie reagiert hast, fand ich stark. Wirklich. “

In einer Welt von trauernden Leuten, die alle damit beschäftigt sind, ihre Maske zu wahren und ihre Trauer nicht zu zeigen, verliert sich irgendwann die ehrliche Anteilnahme, die Liebe und die Hoffnung. Denn es stirbt die Ehrlichkeit. Es ist nahezu unmöglich in einer solchen Welt selbst glücklich zu sein. Also bleibt mit dieser Welt unterzugehen oder sie zu ändern.

„Ich kann es nicht beschreiben. Aber du machst mir Hoffnung. Wenn ich sie für mich behielte, dann hätte ich ein schlechtes Gewissen, also will ich es so oft teilen, wie es geht. Damit es mehr wird.“, gab Nanali zu.

„Denk nur nicht zu hoch von mir. Ich bin verdammt schwach… und deprimierend.“, gab sie dennoch zu.

Eine kurze Pause stellt sich ein, in der sie still nebeneinanderher laufen.

Bis an den Rand des Mutterhügels.

„Na gut. Gehen wir. Leider hat selbst Glück ein Hindernis. Sogar in dieser Welt. Also lass uns ein paar tolle Sachen finden und verkaufen.“, sagte sie, als sie mit einem Satz den Erdboden des Waldweges betrat.

„Kannst du glauben, Nanali, dass ich mir über Geld in meinem ganzen Leben noch nie Gedanken gemacht habe. Bis jetzt?“, fragte Mokuba worüber die Blonde leicht lachen musste.

„Ehm, nein, nicht wirklich. Ich meine, Geld... du hattest doch kaum welches, oder?“

Nun mussten sie beide aber laut loslachen, bevor sie sich dran machten den Wanderweg entlang zu marschieren.

Nach einigen Stunden des stetigen Aufstiegs, in denen der Pfad immer steiler geworden war und ihre Gespräche mehr und mehr in ein erschöpftes Schweigen übergingen, hellte sich Mokubas Stimme plötzlich auf:

„Schau mal, wir sind auf der Hälfte!“, rief er begeistert, als er den Sonnensee erblickte.

Nanali holte tief Luft und durchforstete ihre Notizen, die sie sorgfältig in ihrer Tasche verstaut hatte.

„Mhm. Da hinten ist der Wald, von dem Basil erzählt hatte, wo es gute Kräuterplätze gibt. Also, da hin oder zu der vermeintlich sprechenden Zeder!?“, fragte sie.

„Hm. Vielleicht... Wow, schau mal, da sind Trauben!!!“, platzte es aus Mokuba heraus, und schon war er wieder unterwegs.

„Hehe, gut, dass er mitgekommen ist“, murmelte Nanali erschöpft. „Ich wäre jetzt eingeschlafen, so kaputt bin ich. Aber mit ihm geht das nicht.“

„Nanali! Du hast das doch alles auswendig gelernt. Wozu ist das da gut?“, rief Mokuba ihr zu, bevor er schon wieder von etwas Neuem abgelenkt wurde.

„Hey, Nanali, schau mal!“ Die beiden kamen aus dem Sammeln von Pilzen, Hülsenfrüchten und Kräutern gar nicht mehr heraus.

„Weiter oben sind bestimmt noch mehr!“, rief Mokuba, während er voller Eifer auf eine ältere Holzbrücke zulief, die sich über den tosenden Wasserfall spannte. Das Wasser donnerte in die Tiefe, feiner Sprühnebel hing in der Luft und legte sich kühl auf ihre Haut.

Nanali blieb wie angewurzelt stehen. Ihre Augen hefteten sich an die schmalen Planken, die unter Mokubas Gewicht ächzten.

Die Brücke schwankte leicht im Wind. Die Planken vor ihr zogen sich wie ein schmaler, endlos langer Pfad über den Abgrund.

In Wirklichkeit war die Brücke solide gebaut – breite Balken, dicke Seile, kaum ein Wanken –, doch vor Nanalis innerem Auge verschwamm das alles zu etwas Brüchigem, Beängstigendem.

„Ist die nicht etwas morsch!?“, jammerte sie. Ein Unbehagen kroch ihr den Rücken hinauf.

Nanali schüttelte den Kopf. Ihr Blick glitt unweigerlich in die Tiefe, wo das Wasser in donnernden Schwällen hinabstürzte. Allein der Gedanke, einen Schritt auf das Holz zu setzen, ließ ihre Knie weich werden. Für sie sah jedes Plankenstück aus, als könnte es im nächsten Moment nachgeben – auch wenn sie wusste, dass es nur ihre Angst war, die ihr diese Bilder vorgaukelte.

Mokuba indes lachte unbekümmert, schon fast auf der Hälfte, und drehte sich zu ihr um: „Komm schon, Nanali! Der Ausblick ist der Hammer!“

Sie jedoch trat unsicher von einem Fuß auf den anderen. Unter ihr rauschte das Wasser so laut, dass ihr Herzschlag sich kaum davon unterscheiden ließ. Sollte sie es wirklich wagen? Ein einziger Fehltritt – und der Abgrund wartete gierig.

Mokuba war schon längst auf der anderen Seite und bog, ohne sich umzusehen, in den nächsten Pfad ab. Sein Lachen verklang hinter den Bäumen, und zurück blieb nur das Tosen des Wasserfalls.

Nanali stand allein vor der Brücke. Ihr Herz schlug schneller, je länger sie den Blick über die Planken schweifen ließ.

Zögerlich setzte sie einen Fuß auf die Brücke. Sofort zog sie das andere Bein nach und ging in die Knie, um der schwindelerregenden Höhe irgendwie zu entkommen. Mit einer hastigen Bewegung griff sie nach dem seitlichen Seil, klammerte sich daran fest, so sehr, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Doch kaum, dass sie hinuntersah, erstarrte sie – die Tiefe riss ihren Blick unweigerlich mit sich.

Schluckend wandte sie sich ab, drehte den Kopf zur anderen Seite, wo der Sonnensee schimmerte. Dorthin, sagte sie sich, musste sie schauen. Nur dorthin. Mit stockendem Atem zog sie sich seitwärts an dem Seil entlang, tastete sich Schritt für Schritt vorwärts, als müsste sie die Brücke mehr erfühlen als sehen.

Mokuba war verstummt. Er rief ihr nichts zu, lachte nicht – er war längst fort. Eine plötzliche Unruhe durchfuhr sie: Was, wenn ihm etwas passierte und sie zögerte hier noch? Es wird nichts sein, aber sie hatte die Verantwortung!

Sie holte tief Luft, schloss kurz die Augen und zwang ihre Beine, sich durchzustrecken. Mit einem festen Schritt drückte sie sich von den Planken ab, den Blick starr auf den See geheftet, und ging voran. Jeder Schritt fühlte sich an, als koste er doppelt so viel Kraft wie der gesamte Aufstieg zuvor.

Sie musste standhaft bleiben!

Jeder Atemzug zog sie tiefer ins Nichts. Halb gebeugt, die Finger an das Seil gekrallt, stand sie etwa in der Mitte. Als sie kaum noch unterscheiden konnte, was von außen kam und was in ihr selbst tobte.

Und dann – plötzlich – eine andere Schwingung. Ein Laut, der nicht vom Wasser, nicht vom Wind herrührte. Es war kein Geräusch, das ihre Ohren traf, sondern etwas, das sich zwischen ihre Gedanken schob, wie ein Flüstern, das nirgendwo begann und nirgendwo endete.

Sie spürte die Anwesenheit, ohne sie sehen zu können. Eine fremde, leise Dringlichkeit, die in ihr nachhallte.

„Bitte … helft dem Mutterbaum.“

Nanali schnappte nach Luft. Ihre Knie gaben fast nach, sie drückte sich fester gegen das Seil, um Halt zu finden. Der Mutterbaum … das Wort hing in ihr, wie eine Saite, die plötzlich zum Klingen gebracht worden war. Sie hatte es noch nie gehört, und doch war es, als hätte es schon immer in ihr geschlummert.

Der See glitzerte neben ihr, unwirklich schön, als würde das Wasser selbst auf das Echo reagieren. Für einen Augenblick vergaß sie ihre Angst – nicht, weil die Tiefe verschwunden wäre, sondern weil etwas Größeres, Unfassbares, ihre Aufmerksamkeit forderte.

„Wo bleibst du denn?“, rief Mokuba ihr zu. Plötzlich war er am Ende der Brücke wieder in ihrem Sichtfeld aufgetaucht. In der Hand einen Blumenstrauß aus Rotzauberblumen.

„Mit denen machte man doch diesen Tee, oder?“

„Medizin.“, entgegnete Nanali und Mokuba erinnerte sich wieder.

„Also sind sie zu was gut. Dachte ich mir doch. Aber sag mal, wo sind denn die bitte selten, die wachsen hier doch überall.“, entgegnete er mit einem Blick zur Seite.

„Mokuba, die sind ja auch größtenteils blau, wir brauchen nur rote.“

Mokuba seufzte, bevor er wieder aus ihrem Blickwinkel verschwand.

Nanali blinzelte. Noch immer klammerte sie sich an das Seil. Das Flüstern in ihrem Inneren war verklungen, doch das Echo hallte weiter, wie ein leiser Ton, den nur sie hören konnte. „Der Mutterbaum …“, murmelte sie, fast unbewusst.

Dann hob sie den Kopf.

Mokuba war ungeduldig mit seinen Blumen im Arm, lebendig, voller Energie. Und sie selbst, die Ältere, die Verantwortung hatte? Sie konnte nicht hier stehen bleiben, halb auf der Brücke, halb in ihrer Angst.

Sie atmete tief ein, so tief, dass ihre Brust sich spannte, und richtete sich langsam auf.

Schritt für Schritt schob sie ihre zittrigen Knie von der Seite weg in die Mitte der Planken, richtete den Blick nach vorn. Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich weiter.

Jeder Schritt ein Befehl.

Noch ein Schritt. Und noch einer.

Als sie endlich den festen Boden erreichte, erschlafften ihre Muskeln in Erleichterung und Erschöpfung. Ihre Finger ließen das Seil los, und die Haut an ihren Handflächen war gerötet von der Anspannung.

„Zurück nehmen wir den Weg um den Sonnensee herum!“, murmelte sie mehr zu sich selbst.

Ihr blick wanderte über den Teppich aus blau und roten Zauberblumen, in denen sich Mokuba rückwärts ins Gras fallen ließ. Er besah sich den weiten, nahezu wolkenlosen Himmel, der sich ewig weit erstreckte. Die Luft hier oben war so frisch. Und schmeckte nach endlos viel Energie. Wie würde er je wieder diesen Tag vergessen.

„Hey, der Erdboden ist viel zu kalt, du holst dir was!“, ermahnte Nanali ihn. Und setzte sich auf einen Baumstumpf, der seitlich im Gras lag und sie einzuladen schien.

„Machen wir Pause.“, beschloss sie. Ihre Stimme kaum ein Hauchen.

Für die beiden verging die Zeit kaum merklich.

Der zauberhaft süßliche Duft der vielen Herbstblumen strömte in ihre Sinne und löste dort ein anhaltendes Gefühl von Wohlbefinden und Zufriedenheit aus.

Nanali saß auf dem Baumstumpf, den Rücken gerade, die Hände im Schoß, und versuchte zur Ruhe zu kommen. Ihr Herz schlug noch immer schneller, als sie es wollte.

Die Minuten verstrichen. Nur das Zwitschern einzelner Vögel und das leise Rascheln im nahen Wald begleiteten die beiden. Ein fast schwereloser Frieden lag über der Lichtung.

Nanali blickte über die sanften Hügel hinweg. Am Horizont spannte sich der Himmel in klarstem Blau, doch ihr Blick blieb nie lange an einem Punkt haften. Etwas an der Luft änderte sich. So fein, dass sie es zunächst nicht benennen konnte.

Zwischen den Halmen und Blumen zu ihren Füßen begann sich ein dünner Schleier zu regen. Zuerst kaum mehr als ein Dunst, der sich mit dem Atem der Erde zu vermischen schien. Er kroch behutsam über den Boden, legte sich sanft um die Stängel der Blumen, bis deren Farben zu verschwimmen begannen.

Nanali merkte es nicht. Sie atmete tief ein und ihre Lider wurden schwer. Der süßliche Duft der Herbstblumen füllte ihre Sinne, mischte sich mit etwas Kühlem, das sie nicht zuordnen konnte.

Noch einmal ließ sie den Blick über die Landschaft schweifen. Alles war friedlich. Zu friedlich. Der Nebel schlich sich lautlos weiter, umspielte ihre Stiefel, sickerte über die Lichtung. Ein Teil von ihr wollte die Augen offenhalten, doch ein anderer Teil, tiefer in ihr, ließ sich treiben, als würde das Bewusstsein selbst sanft von dieser nebeligen Hand gestreichelt.

Sie blinzelte, die Umrisse der Hügel begannen zu verschwimmen. Ihr Kopf neigte sich ein Stück zur Seite. Und langsam, ganz langsam, begann sie, in etwas anderes hinüberzugleiten.

Ein Schimmer durchzog die Leere. Weißer Nebel umhüllte Nanali, dicht und sanft zugleich, so dass sie weder den Boden noch den Himmel ausmachen konnte. Sie wusste nicht, ob sie lag oder stand, ob sie träumte oder wachte.

„E…s… ist… an…e… her…“

Die Worte waren kaum mehr als ein Wispern, das sich zwischen ihre Gedanken legte. Sie fröstelte, schloss die Augen fester, als könnte sie dadurch wacher werden. Wer ist da? dachte sie, fast erschrocken. Bin ich eingeschlafen?

„Es ist …“

Die Stimme brach ab, dann setzte sie wieder an, klarer als zuvor: „… schon lange her.“

Nanali hielt den Atem an. Diesmal war sie sich sicher. Da sprach jemand zu ihr.

„Lange her?“ flüsterte sie in die Leere.

„Sehr lange.“, hallte es zurück.

Und plötzlich war da ein Gefühl, ein Ahnen, von wem diese Stimme kommen musste. Nebel formte sich, und aus ihm schälte sich eine Gestalt – groß, mächtig, unbewegt.

Eine Zeder.

Ihr Stamm ragte hoch auf wie eine lebendige Säule, von einer Rinde überzogen, die wie gefurchte Runen wirkte: tiefe, dunkle Rillen, durchzogen von silbrigem Schimmer, als hätte die Zeit selbst ihre Spuren in sie gebrannt. Die Äste breiteten sich weit aus, kräftig und verzweigt wie die Arme eines Giganten, die den Himmel umfassen wollten.

Zwischen ihnen hingen dichte Büschel von Nadeln, dunkelgrün, von einem fast samtigen Glanz, durchzogen von winzigen Tropfen, die wie Kristalle im diffusen Licht funkelten. Manche Zweige senkten sich würdevoll nach unten, andere reckten sich trotzig aufwärts, als trotzten sie Wind und Sturm seit Jahrhunderten.

Ein harziger Duft schwebte in der Luft, warm und würzig, als hätte der Baum selbst den Atem der Erde gespeichert. Unter seinen Wurzeln schien der Nebel zu beben, als stünde er auf einem unsichtbaren Fundament, tiefer und fester als jeder Stein.

Er wirkte nicht einfach gepflanzt, nicht gewachsen, sondern gesetzt – wie eine alte Wahrheit, die schon immer hier war. Alles an ihm sprach von Alter und Kraft, von Beständigkeit und einem Wissen, das weit jenseits der Menschenzeit lag.

Nanali spürte, wie sie unwillkürlich den Kopf neigte, als hätte ihre Seele selbst erkannt, dass dies nicht nur ein Baum war.

„Gefällt dir die Melodie der Natur?“ hallte es von ihr her. Nicht in ihren Ohren, sondern in ihrem Innersten.

Nanali ließ ihre Lider sinken. Sie lauschte. Dem Rauschen des Sees, dem Wispern des Windes, dem Rascheln ferner Äste, dem fernen Ruf einer Eule. Und auch dem sanften Atem der Wiesen, den sie tief in sich aufnahm.

„Sehr sogar“, antwortete sie leise, fast ehrfürchtig, und drückte all dies in ihr Herz.

„Das ist schön.“

„Liebe Zeder“, wagte sie zu fragen, „sag mir eins: warum kann ich deine Stimme hören? Warum sehe ich, was andere nicht sehen?“

„Weil du bist, was du bist.“

Die Antwort war einfach, beinahe rätselhaft. Nanali runzelte die Stirn, auch wenn sie nicht wusste, ob die Zeder sie wirklich sehen konnte.

„Du bist du. Und deine Begabung wächst aus dem, was dir in die Wiege gelegt wurde – und aus dem, wonach du dich sehnst.“

„Veranlagungen … und Wünsche?“

„Ja. Bist du nicht diejenige, die sich stets viele Gedanken macht – über sich, über andere? Bist du nicht gewissenhaft und ehrlich? Und trägst du nicht in dir den Ehrgeiz, Ziele zu erreichen. Den Wunsch, ein Leben zu schaffen, das schöner, friedlicher, freundlicher ist? Dein Herz träumt noch, Kind. Und darum kannst du solche Stimmen hören. Doch sei gewiss: du bist nicht allein. Der Wind erzählt mir von anderen auf dieser Insel. Von jenen, die die Erntegöttin suchen und ihr Bestes geben.“

Nanali lauschte den Worten der Zeder. Zum ersten Mal fühlte sie, dass niemand im Dorf sie auslachen würde, weil sie an die alten Legenden glaubte. Vielleicht sollte sie die anderen wirklich suchen …

„Und doch …“ Ihre Stimme zitterte. „Was unterscheidet mich von Mokuba? Er könnte all das sicher viel besser.“

„Dein Herz hat längst entschieden. Dein Weg ist deiner. Und er führt dich dorthin, wohin du ihn trägst.“

Nanali horchte in sich hinein. Es stimmt, sie hatte sich entschieden…

„… Ich will die natürliche Schönheit dieser Insel erhalten. Pflanzen anbauen, … Ein Teil von ihr werden. Ich brauche mein altes Leben nicht…“

„Weil du dich für diesen Weg entschieden hast. Kannst du uns hören. Viele konnten es einst. Doch es werden weniger. Immer weniger Menschen sehen die Schönheit dieser Insel. Sie klammern sich an die Schatten der Vergangenheit – und vergessen, was sie haben.“

Nanali nickte langsam. Sie verstand. „Nein … so bin ich nicht. Ich habe zwei Menschen dort draußen ein Versprechen gegeben. Dass ich immer mein Bestes geben werde. Und das kann ich nicht, wenn ich nur trauere und aufgebe. Ich will das Schönste aus meinem Leben herausholen. Und ich kann es nur, wenn ich andere mitziehe.“

Das Wispern der Zeder wurde tiefer, und das Rascheln ihrer Äste klang wie ein leises, herzliches Lachen.

„Nanali!“, rief Mokubas kindliche Stimme und riss sie aus ihren Gedanken. „Lass uns zurückgehen, bevor es dunkel wird! Die Sonne geht gleich unter!!“

Als die ersten rötlichen Strahlen den Himmel färbten, hob Nanali den Blick. Mokuba stand bereits auf dem vorgegebenen Pfad, die Hände in die Luft geworfen, und wartete auf sie. Er winkte überschwänglich, so ungeduldig wie ein Kind – na ja, vielleicht war er ja auch eins.

Langsam richtete Nanali sich auf. Sie spürte noch den Nachhall der Begegnung in sich, den Nebel, die Stimme der Zeder, und die Ruhe, die ihr Herz nun füllte. Sie wendete sich ein Stück zur Seite, ließ den Baumstumpf hinter sich und schritt zwischen den Bäumen hindurch. Der Wind strich ihr sanft über die Haare, flüsterte durch das Geäst, als wolle er ihr den Weg weisen.

Zielsicher trat sie in einen kleinen Hain, in dessen Zentrum die mächtige Zeder stand. Die Äste ragten hoch und weit, wie die Arme einer alten Freundin. Und im sanften Licht, das durch die Nadeln fiel, schien der Baum Nanali zu begrüßen. Als hätte die Zeder gewusst, dass sie kommen würde.

Nanali trat an den Stamm heran. Mit zögerlicher Ehrfurcht ließ sie die Fingerspitzen über die tiefen Rillen der Rinde gleiten, spürte jede Kerbe, jede Furche. Ihre Hand folgte einem bestimmten Einschnitt, den sie instinktiv spürte – und dort, verborgen, lag ein kleines Stück Papier. Bewahrt vor der Zeit, Wind und Wetter, als hätte es nur darauf gewartet, von ihr gefunden zu werden.

Mokuba, der ihr aus einiger Entfernung gefolgt war, trat nun näher. Sein Blick ruhte auf dem Papier, das Nanali vorsichtig aus der Furche nahm. Darauf, in klarer, fast leuchtender Schrift, stand:

„Be who you truly are.“

„Was ist das?“, fragte Mokuba neugierig.

„Vielen Dank, meine liebe Zeder. Du hast mich an etwas sehr Wichtiges erinnert. Ich habe mir jetzt ein Ziel gesetzt und dieses werde ich auch mit Sicherheit erreichen.“, dachte sie sich in Gedanken und verneigte sich vor der hundert Jahren alten sprechenden Zeder.

Nanali hob den Blick, ihre Augen funkelten. Sie hielt das Papier fest in den Händen und sagte leise: „Das … ist der fehlende Teil.“ Sie wandte sich ab, bereit, weiterzugehen, ohne auf weitere Fragen einzugehen.

Zurück auf der Blumenwiese hievte Nanali ihren Rucksack hoch.

„Soll ich dir den abnehmen?“, bot Mokuba nach einem Blick auf Nanalis Tasche an. Sie war kugelrund und ging kaum noch zu und an den Seiten hingen die Trauben raus. „Ach was, warum du dir nur immer Sorgen machst!“, winkte sie strahlend und unbekümmert ab. Die Schmerzen in ihrer Schulter vergrub sie einfach irgendwo in ihrem Bewusstsein zu den ganzen anderen unwichtigen Dingen. In nächster Zeit würde es nicht leichter werden.

Sie hatte sich was vorgenommen und das würde sie auch erreichen. Da lohnte es nicht, sich über solcherlei belanglosem Dinge zu beschweren.

„Du bist gerade echt froh! Vorhin warst du noch so besorgt. Willst du mir jetzt nicht mal sagen, was passiert ist?“

„Ich war traurig, weil ich zwei mir seeeehr wichtige Menschen in der Welt da draußen zurückgelassen habe, deren Wunsch es immer war, zu sehen wie ich alle meine Probleme bewältige und dabei mein Lächeln beibehalte. Das war immer ihr einziges Anliegen. Deswegen war ich bestürzt und traurig, aber mir ist in der Zwischenzeit wieder eingefallen, dass ich, auch wenn sie es nicht sehen, weiter daran arbeiten muss, damit all ihre Bemühungen nicht umsonst waren. Auch dann, wenn sie es vielleicht nie erfahren werden!“

Das verstand Mokuba und er war eigentlich erleichtert, dass sie auch Menschen wie die zwei hatte. Das war vermutlich dasselbe, wie für ihn Seto zu haben.

„Das ist cool. Nicht das du sie nicht mehr damit erfreuen kannst, aber dass du so robust gegenüber Problemen bist. Ein kleines Tief zu haben und es nicht mehr überspielen zu können, ist ja nicht schlimm. Das ist ohnehin ungesund. Aber sich dann aufzurappeln und sich zu sagen ‚weiter geht es‘, das ist besonders!“, entgegnete Mokuba.

Nanali musste schmunzeln. Sie hatte es doch gar nicht alleine geschafft. „Aber du warst doch da!“, lachte sie und dachte auch an die liebe Zeder. Und sie begannen mit dem Abstieg.

Der Weg, der ihnen am frühen Nachmittag noch wie ein endloses Hindernis erschien, zog sich nun wie eine kurze Passage unter ihren Füßen dahin. Ihre Schritte waren flink, kraftvoll. Die Schwerkraft half ihnen, den Berg hinabzugleiten. Die Rucksäcke auf ihren Schultern wogen noch immer, doch sie schienen plötzlich leichter, als hätten die mühsamen Stunden des Aufstiegs ihnen das Gewicht vertraut gemacht.

Die Beine mussten arbeiten, jede Bewegung kontrolliert. Die Knie knickten unwillkürlich leicht ein und immer wieder mussten sie bremsen, um das Gleichgewicht zu halten. Ihre Hände fanden Halt an Ästen und Wurzeln, doch sie zögerten kaum. Sie sahen nicht mehr nach links oder rechts, hielten nicht an, um Kräuter oder Pilze zu sammeln. Alles, was zählte, war der Weg nach unten.

In einem Bruchteil der Zeit, die der Aufstieg verschlungen hatte, erreichten sie das Tal. Der Sonnenuntergang breitete sich über den Hügeln aus, die Baumwipfel leuchteten in feurigen Gelb- und Rottönen, als würde die Welt selbst den Abschluss des Tages feiern. Nanali und Mokuba hielten kurz inne, nur um den Moment in sich aufzunehmen – dann setzten sie ihren Weg fort, den restlichen Abstieg fast wie überfliegend, die Müdigkeit des Aufstiegs wie weggeblasen.

„Ich finde es schön wie unser Ziel vor dem Sonnenaufgang liegt und aussieht wie die Offenbarung selbst.“, bemerkte Nanali, die den restlichen Weg ins Tal hinunterblickte. Sie waren bald da.

Am Ende des Waldweges, wo die Bäume im Sonnenuntergang raschelten, war die Szene wie aus einem romantischen Gemälde entsprungen. Die Sonne, die gerade über den Bergkamm glitt, verschickte ihre letzten Strahlen wie eine zärtliche Liebkosung über die weite Landschaft. Die bunten Bäume standen in voller Pracht da, als wollten sie den Betrachter in eine Welt der Träume und Romantik entführen.

Doch inmitten dieses malerischen Sonnenuntergangs über dem Tal tauchte Seto Kaiba auf. Sein mürrischer Blick durchdrang die Idylle wie ein dunkler Schatten. Die Arme vor der Brust verschränkt, strahlte er eine raue, unnahbare Autorität aus und die hereinbrechende Nacht schien seinen Unmut nur noch zu verstärken. Die feurigen Farben der Bäume, die Sonne, die gerade unterging – all das kontrastierte scharf mit seiner angespannten Haltung.

Mokuba aber bemerkte es kaum. Mit einem überschwänglichen Lächeln rannte er auf Seto zu, völlig unbeeindruckt von der finsteren Aura, die ihn umgab. Ehe jemand reagieren konnte, umarmte er ihn zur Begrüßung, sprühend vor Freude und Energie, als sei die Welt immer noch ein Spielplatz.

Nanali hingegen spürte jedes Detail. Den verkniffenen Kiefer, die geraden Schultern, die angespannte Stirn. Sie sah die Sorge, die hinter dem strengen Blick lag, die Verantwortung, die Seto unbewusst trug. Ein älterer Bruder, der sich permanent Sorgen machte – um das Wohl des jüngeren Bruders, um Sicherheit, um alles, was er nicht kontrollieren konnte. Sie verstand sofort, was ihn bewegte, welche Last auf seinen Schultern lag.

„Seto“, rief Mokuba fröhlich, seine Stimme hell und unbeschwert. Seto seufzte leise, eine Mischung aus Erschöpfung und stillem Ärger, während Nanali sich einen Moment sammelte.

„Tut mir leid. Ich weiß genau, wie du dich jetzt fühlst. Passiert nie wieder. Das war mein Fehler.“, sagte Nanali mit ernstem Blick, eine Mischung aus Entschuldigung und Anerkennung der Verantwortung, die Seto trug.

Mokuba runzelte die Stirn. „Was meinst du?“

„Tust du … ja?“, hakte Seto säuerlich nach.

Nanali atmete tief durch, bevor sie antwortete. „Ich hatte zwei Schwestern – die jüngere gerade mal ein Jahr älter als Mokuba. Ich weiß, wie es ist.“

In ständiger Sorge, sich verantwortlich zu fühlen, jeden Schritt im Blick zu haben. Ich kenne dieses Gefühl, dachte Nanali.

Sie schaute Seto direkt an, ihre Stimme fest und leise zugleich: „Das kannst du jetzt vielleicht nicht verstehen, Mokuba. Und vielleicht solltest du es auch nicht. Denn wenn du es tätest, würden alle Bemühungen umsonst sein. Du sollst ja unbeschwert, wie du bist, aufwachsen können.“

Seto entspannte einen Moment, seine Augen suchten Nanalis. „Du verstehst es also wirklich.“

„Ja“, flüsterte sie, „ich verstehe. Ich weiß, was du alles auf dich nimmst. Das ist Verantwortung. Und das ist etwas, das man nicht leicht nachvollziehen kann, bis man selbst einmal in dieser Position ist.“

Seto nickte knapp, die Härte auf seinem Gesicht löste sich ein wenig. „Belassen wir es dabei. Komm, Mokuba.“

Es würde wenig Sinn machen, dass vor Mokuba auszutragen.

„Huh?“ Mokuba blickte zwischen ihnen hin und her, sichtlich verwirrt, doch seine Neugier hielt ihn nicht lange auf. Seto wandte sich dem Waldweg in Richtung Stadt zu, entschlossen und ruhig, den jüngeren Bruder beschützend im Blick.

Nanali hingegen atmete tief durch. „Ich nehme diesen Weg. Er führt zu Clairs Farm.“ Sie winkte Mokuba zum Abschied. „Bis morgen!“ Mokuba grinste und nickte, unbeschwert, noch immer nicht ganz fassend, was gerade zwischen den beiden geschehen war.

Echoes of a Magical Melody – True to the Heart

✔️ Echoes of a Magical Melody – True to the Heart
 

04.September YYY1

Die Sonne war untergegangen und die rosafarbenen Blütenkleider schimmerten hell unter dem Licht des Vollmonds als Nanali sich aufmachen wollte, das letzte Stück hinter sich zu bringen.

„Nanali, komm zu mir.“

Erschrocken blickte die Blondine auf und erblickte ein buntes Licht, dass ihr von oben entgegen leuchtete. Es war in pastellfarben getränkt und wundersam weich zu den Augen. Ihr strömten viele verschiedenen große Bläschen entgegen- wie Seifenblasen. Im Licht verborgen lag eine Stimme, die nach ihr rief.

„Hast du mich hierhergebracht? Rufst du nach mir?“, fragte sie, bevor sie bereit war die letzten Schritte hinaufzugehen, um dem oder der zu begegnen, die sie gerufen hatte.

In der unberührten Natur, umgeben von der majestätischen Pracht des Wasserfalls, der in den Fluss mündete, thronte eine göttliche Erscheinung von atemberaubender Schönheit. Ihre Haut schimmerte, wie pures Elfenbein im sanften Licht des Mondes, während ihr langes, grünes Haar in sanften Wellen über ihre zierlichen Schultern fiel. Diese grünen Haarsträhnen wirkten wie die feinen Ranken der Pflanzenwelt selbst, in sanften Zöpfen geflochten und mit bunten Blüten verziert.

Ihr Blick, tief und geheimnisvoll wie der Wald in der Dämmerung, verriet eine tiefe Weisheit und Verbindung zur Natur. Die Augen, von einem funkelnden Smaragdgrün, schienen das Geheimnis des Lebens selbst zu kennen.

Die Göttin saß anmutig am Ufer des Bergsees, ihre zierliche Gestalt von einem leichten, elfenhaften Gewand umhüllt. Das Kleid schimmerte in den Farben des Waldes und verschmolz förmlich mit der umgebenden Natur. Über ihren Schultern thronten die Blumen des Waldes, als ob die Flora selbst ihre Schönheit schmückte.

In ihren Händen hielt sie eine Harfe, geschnitzt aus dem Holz der uralten Bäume. Ihre Finger strichen zärtlich über die Saiten und die Melodie, die sie spielte, schien die Geheimnisse der Natur und die Harmonie des Universums selbst zu offenbaren.

Die Göttin der Natur und des Wassers, so schien es, war eins mit ihrer Umgebung, eine lebendige Verkörperung der Erde selbst. Ihr Anblick erfüllte die Herzen derjenigen, die sie sahen, mit Ehrfurcht und Staunen über die Schönheit und Mystik der Natur.

„Bist du, - hast du mich gerufen?“, stammelte Nanali. Die Harfe beiseitelegend sah die Gestalt zu der Blonden.

„Ich habe auf dich gewartet. Ich bin die Erntegöttin und ich habe dich gerufen mir zu helfen.“

Nanali sah verwundert zu dem Geschöpf, durch das das Wasser hindurch fiel, als hätte sie keinen Körper.

„Du-“, setzte Nanali an.

„Meine Kraft geht zu Ende. Die Menschen hier haben es schwer. Über die Jahre hat der Mutterbaum gelitten und ist schlussendlich gestorben. Und mit ihm versiegt auch meine Lebensquelle. Selbst wenn mein Körper zurückkommt… Den Zeichen der Zeit zu trotzen wird nicht einfach… Ich habe euch, die ihr in Not wart und sonst gestorben wärt, hierhergebracht. Doch die Menschen hier sind unglücklich und verlieren allmählich ihr Lächeln. Man sieht es nicht allen an, aber wenn ihr Lächeln verschwindet, dann wird der Mutterbaum und diese Insel langsam sterben.“

Nanali glaubte nicht, was diese Frau ihr da sagte.

„Wie soll ich Menschen glücklich machen? Ich weiß doch gar nicht wie das geht? Ich bin doch selbst nicht glücklich! Ich bitte dich!!“

„Nanali, in deinem Herzen ist alles dafür Nötige enthalten. Liebe, Hoffnung, Freundlichkeit.“

„Das habe ich schon vor langer Zeit verloren!“

„Unter all diesen Menschen habe ich es gesehen. Das Licht in deinem Herzen. Es ist unverkennbar da.“

Mit diesen Worten verschwand die Erntegöttin und mit ihr das heimische, harmonische und friedliche pastellfarbene Licht.

„Nun warte doch, wie soll ich denn bloß...ich kann doch nicht.“

Nanali lief auf die Stelle zu, an der sie eben noch gesessen hatte, als sie einen Eingang hinter dem Wasserfall erkannte. Sie wollte hindurchschreiten als ein gleisend weißes Licht sie erfasste.

Als Nanali sich umdrehte war der Wald und der Wasserfall verschwunden.

In der geheimnisvollen Tiefe eines unterirdischen Steinbruchs erstreckte sich eine düstere Szenerie, die von einem dichten Moosteppich bedeckt war. Das Moos, von einem tiefen Grün, schien das Erzählen von uralten Geschichten zu verbergen und jeden Stein und jede Ecke dieses verborgenen Ortes zu umarmen.

Inmitten dieser unterirdischen Welt ragte ein massiver Felsbrocken auf, von wildem, natürlichem Charme. Er schien der König dieser unterirdischen Domäne zu sein, von Moos bedeckt und von der Zeit gezeichnet. Die Felswand wirkte, als hätte sie Jahrhunderte der Stille und des Geheimnisses erlebt.

Und auf diesem erhabenen Felsblock, in einer versteinerten, leblosen Pose, stand die Erntegöttin, einstige Beschützerin der Fruchtbarkeit und des Wachstums. Ihr Körper schien aus grauem Stein gemeißelt, und ihre Züge waren eingefroren in einem Ausdruck von majestätischer Ruhe.

Die versteinerte Göttin trug ein langes Gewand, das über ihren Körper fiel wie Wasser, und ihr Haar, aus Stein gemeißelt, bildete sanfte Wellen über ihre Schultern. In ihren Händen hielt sie eine urnenförmige Vase, ein Symbol der Fülle und des Überflusses, doch sie war leer, als ob die Quelle der Lebenskraft versiegt wäre.

Um die Göttin herum schien die Stille des Untergrunds zu herrschen, nur durchbrochen von leisen Tropfen, die von der Decke fielen und das Moos sanft benetzten. Die Szenerie strahlte eine Aura der Vergänglichkeit aus, als ob die Zeit hier stillgestanden hatte und die Göttin für immer im Stein verweilen würde.

Der Anblick dieses unterirdischen Schreins war sowohl faszinierend als auch melancholisch. Eine Erinnerung an eine längst vergangene Ära, in der die Göttin über die Ernte und das Wachstum der Welt wachte, nun jedoch in Stein gefangen und von der Welt der Lebenden getrennt.

„Wirst du mir helfen?“, hallte die Stimme der Göttin durch den Raum. Ihre Stimme klang würdevoll angesichts dieser unverkennbar düsteren Situation.

Nanali griff sich instinktiv an die Kehle. Ihre Kehle brannte, als wäre jemand mit Schmirgelpapier an ihr entlang geschleift. Die Stimme die sie vor langer Zeit zu Ruhe betete…

Nanali würde sie aus ihrem langen Schlaf erwecken. Und so stimmte sie den ersten Ton an.

To protect the Island, our home so dear,

Our beloved shore, let's hold it near.
 

Stay true to your heart,

Find solace here,

In the island's loving arms,

Let oceans serenade fill your ear.
 

Beneath the palm trees' gentle sway,

The sun above, the sands at play,

The ocean's whispers in my ear,

Said, "Live in love, cast out your fear."
 

Beneath the azure sky so wide,

Where island's beauty meets the tide,

I found a truth not to deny,

In nature's arms, I learned to fly.
 

In every sunrise's golden hue,

In fragrant blooms and morning dew,

I found a love so pure and deep,

Beneath the starlit, moonlit night.
 

With every breath, with every sigh,

In nature's wonder, we'll reach for the sky,

So let's be stewards of this precious land

In nature's care, we'll make our stand,
 

With fireflies' gentle, dancing light,

I found a joy that's pure and true,

In nature's heart, I found you too.

So let us dance beneath the sky,
 

Seto und Mokuba befanden sich auf ihrem Rückweg und überquerten gerade die Brücke, während der glitzernde Fluss unter ihnen im sanften Mondlicht schimmerte. Die bunten Herbstblätter, die die Brücke säumten, tanzten in der Luft, als ob sie von unsichtbaren Händen gehoben wurden und im Mondschein leuchteten. Die ganze Szene wirkte beinahe märchenhaft, als die Glühwürmchen am Wegesrand emporstiegen und den Himmel mit ihren glänzenden Lichtern verzierten.

Plötzlich hörten sie eine Stimme, die ein Lied sang, so zart und schön, dass es die Herzen der Brüder berührte. Die Töne schienen von überall her zu kommen und füllten die Nacht mit Magie. Die Blätter wirbelten um sie herum, als ob sie im Takt der Musik tanzten.

Mokuba lächelte und flüsterte zu Seto: "Das muss Nanalis Stimme sein, ganz sicher."

Seto blickte nachdenklich, bevor er antwortete: "Ich weiß es nicht, Mokuba."

Aber Mokuba war überzeugt. "Nein, das ist Nanalis Stimme. Ich erkenne sie überall. Sie hat es geschafft, die Erntegöttin zu befreien."

Seto wollte noch nicht so ganz daran glauben. Aber konnte er sich nach all seinen Erfahrungen noch davor verschließen?

Die beiden standen auf der Brücke und lauschten dem zauberhaften Gesang, während die bunten Blätter um sie herum weiter tanzten und die Glühwürmchen ihren funkelnden Aufstieg in den sternenklaren Himmel fortsetzten. Es schien, als hätte Nanali mit ihrer Musik und ihrem Gesang die ganze Insel in einen verzauberten Traum verwandelt.
 

When darkness falls, and shadows play,

In nature's grace, we'll find our way,

With open hearts, we'll travel far,

In nature's world, like a shooting star.
 

And in the end, when skies are clear,

So take a step, follow the star,

Be who you truly are.
 

In this island's beauty, you and I,

With nature as our guiding star,

We'll be true to ourselves, no matter how far.

Among the hills and valleys wide,
 

Where nature's secrets do reside,

I found a peace, serene and pure,

Beneath the canopy of green,

Where sunlight filters through the scene.
 

In every leaf, a whispered sigh,

In nature's dance, we reach high,

With every heartbeat, we're in tune,

In nature's rhythm, under the moon.
 

As the seasons change, and time goes by,

In nature's rhythm, we'll laugh and cry,

Beneath the colors, vivid and bold,

In nature's story, a tale unfolds.
 

With gratitude in our hearts, we'll explore,

The wonders of nature, forevermore.

In every moment, near and far,

Let them be who they truly are.
 

So let us sing out their song,

In nature's chorus, we all belong,

With every sunrise, a brand new start,

And when you're lost, and feeling small,

In nature's embrace, you'll stand tall
 

I found a grace, here and there,

In nature's love, love we share.

So when you're lost, and feeling low,

Just listen close to nature's song,

You'll find the place where you belong.
 

Es war, als ob die Natur selbst auf die Stimme der Musik reagierte, und die Welt um sie herum erwachte zum Leben.

Erst begann das graue Steingewand der Göttin, sich in zarte Blütenblätter zu verwandeln, die sanft im Untergrundwind schaukelten. Diese Blütenblätter nahmen die Farben des Waldes an, von zartem Rosa bis zu tiefem Violett, und strömten in alle Richtungen, als ob sie von unsichtbaren Bienen getragen würden.

Die versteinerten Haarsträhnen der Göttin entfalteten sich zu einem Wirbel von grünen Ranken und Blättern, die sich in alle Richtungen schlängelten und die Dunkelheit des Steinbruchs mit Leben erfüllten. Winzige Glühwürmchen tanzten um die Ranken herum, und ihre zarten Lichter malten leuchtende Muster in die Luft.

Die urnenförmige Vase in den Händen der Göttin füllte sich langsam mit klarem, glänzendem Wasser, das von unsichtbaren Quellen zu sprudeln schien. Das Wasser glitzerte im Mondlicht und reflektierte die Sterne am Himmel.

Die Augen der Göttin, einst steinern und reglos, öffneten sich langsam und strahlten ein lebendiges Smaragdgrün aus. Ein Hauch von Leben kehrte in ihren Blick zurück, und sie schien die Welt um sich herum wahrzunehmen.

Die Melodie, die Nanali spielte, schien die Natur selbst zu erwecken. Pflanzen brachen aus dem Moos hervor und rankten sich die Felswände empor, als ob sie nach dem Licht des Mondes greifen würden. Vögel begannen zu singen und ihre Lieder füllten die Luft mit süßen Klängen.

Die Erde bebte sanft, als ob sie in einem harmonischen Rhythmus mitschwingen würde. Die gesamte Szenerie pulsierte im Einklang mit der Musik und es schien, als ob die Göttin und die Natur selbst in einem wundersamen Tanz der Wiederbelebung vereint waren.

Schließlich löste sich die letzte Spur der Versteinerung von der Göttin und sie trat lebendig und strahlend in die Welt zurück. Ihr Gewand schimmerte in den Farben des Waldes und ihre Haare waren ein lebendiges Grün.

Nanali und die Göttin standen sich gegenüber und ein Lächeln der Dankbarkeit und des Wunders lag auf ihren Gesichtern. Die Natur um sie herum schien in freudiger Ekstase zu sein und die Welt des Steinbruchs erstrahlte in neuer Pracht und Leben.

Es war ein atemberaubendes Spektakel, das zeigte, wie die Musik und die Verbindung zur Natur Wunder vollbringen konnten und Nanali und die Erntegöttin hatten gemeinsam die Magie der Natur wiederhergestellt.

Als die Erntegöttin, nun in ihrer vollständigen Pracht, die letzten Klänge ihrer Dankbarkeit ausstrahlte, begann sich die urnenförmige Vase, die sie in den Händen hielt, in etwas Magisches zu verwandeln. Ein schimmernder Glanz umhüllte sie und der Krug selbst schien lebendig zu werden. Die Umrisse eines winzigen Wesens wurden sichtbar, während der Krug sich in einen funkelnden Ball aus Licht verwandelte.

Inmitten dieses glühenden Lichtballs formten sich die Konturen eines Erntewichtels. Das Licht pulsierte und mit jedem Puls wurde der Wichtel deutlicher sichtbar. Seine Gestalt war klein und zierlich, mit glänzenden Augen, die voller Neugier und Freude auf die Welt blickten.

Mit einem letzten Aufblitzen des Lichts wurde der Erntewichtel vollständig geboren und schwebte in den Armen der Erntegöttin. Seine Flügel, wie aus zarten Blütenblättern geformt, schimmerten im Mondlicht und sein winziges Gewand war in den Farben von Nanalis Augen gehalten. Blau mit einem Hauch von grau.

Die Erntegöttin lächelte sanft, während sie den Erntewichtel in ihren Armen hielt. Dann begann sie sich langsam aufzulösen. Ihre Erscheinung verschwand allmählich, bis nur noch das sanfte Glühen des Lichtballs übrigblieb. Ihre Stimme, leise und melodisch, klang in der Ferne.

"Nanali, ich werde immer hier sein, um dir beizustehen."

Die Erntegöttin verschwand schließlich vollständig, aber ihr Versprechen blieb in der Luft hängen und Nanali konnte spüren, dass sie in der Ferne über sie wachte.

Zurück blieb der kleine Erntewichtel, der mit seinen glänzenden Flügeln wie ein leuchtender Ball dort hin und her flatterte, wo die Erntegöttin eben noch gestanden hatte. Er schien voller Energie und Freude zu sein und umkreiste Nanali, bevor er sich schließlich auf ihren Schultern niederließ.

Mit einem schüchternen Lächeln stellte er sich vor. "Ich bin Finn, ein Erntewichtel, und ich bin gekommen, um dir das Farmen beizubringen. Die Natur hat uns auserwählt, um diese Insel und ihre Menschen zu unterstützen. Gemeinsam werden wir für die Fruchtbarkeit des Landes sorgen und die Herzen der Menschen mit Freude erfüllen."

Nanali spürte, dass sie eine wichtige Aufgabe übernommen hatte und sie lächelte Finn dankbar zu. Zusammen würden sie das Land pflegen und die Lebensfreude zurückbringen, die die Insel so dringend brauchte.

Nanali lächelte Finn, den Erntewichtel, herzlich an und begrüßte ihn mit den Worten: "Willkommen, Finn! Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit und darauf, das Land wieder zum Blühen zu bringen."

Finn erwiderte das Lächeln und nickte freudig. "Ich bin bereit, dir alles beizubringen, was du wissen musst, um eine erfolgreiche Farmerin zu sein."

Plötzlich umhüllte sie beide ein helles, weißes Licht und sie spürten, wie sie sich von ihrem aktuellen Ort wegbewegten. Als das Licht nachließ, fanden sie sich vor dem majestätischen Wasserfall wieder.

Nanali schaute sich um und fühlte die Energie der Natur um sie herum. Sie wusste, dass dies der Anfang ihres Abenteuers war, um die Insel wieder zum Leben zu erwecken und die Freude in die Herzen der Menschen zurückzubringen. Mit Finn an ihrer Seite fühlte sie sich bereit, diese Herausforderung anzunehmen und die Schönheit der Natur zu bewahren.

Plötzlich tauchten Jamie und Clair aus dem Schatten auf und stürmten auf Nanali zu. Ihre Blicke waren misstrauisch und sie schienen fest entschlossen, Antworten von ihr zu bekommen.

"Hast du die Erntegöttin befreit?", fragte Jamie ungläubig.

Clair musterte Nanali einmal von oben bis unten.

Nanali tat zunächst so, als wisse sie nicht, wovon sie sprachen. Aber als Clair erwähnte, dass ihre Stimme auf der ganzen Insel gehört wurde, fuhr sie erschrocken auf. "WAAAS?!" Ihr Gesicht verriet ihre Scham und Verlegenheit. Offensichtlich hatten alle Bewohner der Insel ihre schreckliche Gesangseinlage gehört.

Die beiden schienen jedoch nicht wütend zu sein, sondern eher erleichtert. Clair strahlte vor Freude: „Jetzt zweifelt bestimmt keiner mehr an der Erntegöttin.“

Nur Jamie wirkte etwas skeptischer.

Sie warf Nanali einen prüfenden Blick zu, während sie sagte: "Menschen sind immer misstrauisch. Ich entschuldige mich für meine anfängliche Schroffheit, Nanali."

Jamie schaute zu Finn, dem Erntewichtel, der neben Nanali flatterte und fuhr fort. "Ich erkenne dich als eine von uns an. Du hast die Erntegöttin befreit und das ist ein Grund zur Freude."

Dann wollten sie wissen, wie Nanali das Rätsel gelöst hatte. Nanali lächelte und begann, die Geschichte zu erzählen, wie sie die Hinweise gefunden und die Erntegöttin befreit hatte. Jamie und Clair hörten gespannt zu, während sie die Details hervorhob, die ihr geholfen hatten, das Rätsel zu lösen.

„Das war einfach. Auf den Zettel waren Ziffern in unterschiedlichen Farben. Blau, grün, grau und schwarz. Die erste Ziffer gab an, in welchem Vers der Kategorie es sich wiederfinden würde. Und die Farbe gehörte zur Kategorie. So ließen sich die Strophen rekonstruieren. Blieb nur noch übrig in welcher Reihenfolge die einzelnen Strophen gehörten. Das wurde im Text selbst verraten. Die erste Strophe beschreibt das Ufer (Shore) als zentrales Thema. Die zwei Verse weisen darauf hin, dass zwei Stophen aus Kategorie blau, also Wasser folgen. Dann kommt in Strophe 4 der Übergang von Wasser zum Himmel. Sie beschreibt die Gezeiten und den Himmel als Teil dieses Übergangs.

Strophe 5 beginnt mit dem Sonnenaufgang und legt die Reihenfolge für die nächsten Strophen fest. Strophe 7 erwähnt Glühwürmchen als Boten der Liebe, die vor dem Sternenhimmel auftreten. In Strophe 8 wird das Folgen einer Sternschnuppe beschrieben. Was zu Strophe 9 führt, die drei Verse hat und auf drei zusammengehörende Strophen hinweist. Strophe 10-12 beschreiben Erdlandschaften, Wälder und Bäume. Hier wird das Thema Erde eingeführt. Die letzten vier Strophen beginnen mit den Jahreszeiten und die Entfaltung einer Geschichte mit jeweils 4 Versen und enden mit der Aufforderung genau hin zu hören und mit zu singen in jeweils 5 Versen. Achso, und den fehlende Schnipsel hat mir die alte Zeder gegeben.“, erzählte Nanali fröhlich und hielt ihnen einen Zettel entgegen.

Be who you truly are.
 

05.September YYY1
 

Am nächsten Tag saß Mokuba auf seinem Stuhl in der Brasch Bar über den Tisch gebeugt und belagerte Nanali mit Fragen. Seine Neugier schien keine Grenzen zu kennen. Er fragte unermüdlich: "Hast du die Erntegöttin befreit? Das gestern war die Zeder, richtig? Sie hat mit dir gesprochen, ich hätte es wissen müssen. Wie war sie so, die Göttin meine ich? Deine Stimme war echt der Wahnsinn."

Nanali schwieg beharrlich und nippte an ihrem Glas bis Mokuba es ihr abnahm und auf den Tisch stellte.

"Sei weniger aufdringlich, Mokuba.", ermahnte Seto ihn empört.

Nanali seufzte leise. Wieder einmal schien sie die gesamte Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben und sie fühlte sich unwohl in dieser Situation. Dennoch blieb sie stumm.

Finn, der kleine Erntewichtel, saß neben ihr auf dem Tisch und wippte hin und her. Nur die auserwählten Farmer konnten ihn sehen, aber die Blicke der Umstehenden verrieten sofort, wer dazu gehörte und wer nicht.

"Er wird nicht nachgeben", flüsterte Finn leise zu Nanali.

"Vermutlich nicht", gab Nanali zu, immer noch mit einem leichten Seufzen in der Stimme.

Mokuba ließ jedoch nicht locker. "Was hast du gesagt?", fragte er hellhörig.

Nanali antwortete knapp: "Nichts."

Mokuba schmollte und sagte: "Ich habe gehört, dass du etwas gesagt hast."

Seto griff ein und ermahnte ihn: "Mokuba."

Schließlich ließ Mokuba sich in seinem Stuhl zurückfallen und schmollte weiter. "Ich weiß, dass ich recht habe", murmelte er trotzig vor sich hin.

An Apprentice of the Harvest Sprite

An Apprentice of the Harvest Sprite
 

08.September YYY1

Der Duft des Herbstes lag in der Luft. Eine Mischung aus feuchter Erde, verrottendem Laub und dem süßen Aroma reifer Äpfel.

Blätter bedeckten den Boden in einer knisternden Schicht. Die kahlen Äste der Bäume erstreckten sich in den Nebel hinein und wirkten wie filigrane Silhouetten gegen das trübe Hintergrundbild.

Der Nebel hing dicht über der Erde und schuf eine geheimnisvolle Atmosphäre,

Ein sanfter Nebelschleier hing über den Feldern und Wäldern, als würde die Landschaft mit ihren Konturen der Bäume und Hügeln in einen zarten Schleier gehüllt werden. Die Geräusche der Natur waren gedämpft, als ob die Welt den Atem anhielt. Nur gelegentlich hörte man das leise Rascheln der Tiere, die sich durch den Nebel bewegten, und das entfernte Rufen der Vögel, die sich in der Undurchsichtigkeit des Nebels verirrten.

Die Morgendämmerung im Herbst war eine Zeit des Übergangs, in der die Natur sich langsam auf den kommenden Winter vorbereitete. Und doch strahlte sie eine unvergleichliche Schönheit und Ruhe aus.

Der Tau perlte von den Ästen und jeder einzelne Tropfen glitzerte wie ein winziges Diamantjuwel im diffusen Licht, das durch den Nebel und die Bäume drang. Der Tau war wie eine leise Erinnerung an die kühle Nacht, die sich auf die Welt gesenkt hatte.

Die Äste der Bäume waren mit diesen kostbaren Tröpfchen bedeckt, als ob sie in der Dunkelheit der Nacht leise geweint hätten und nun ihre Tränen in der Morgendämmerung preisgaben. Der Tau schien sich wie zarte Perlen an den Zweigen festzuklammern, bevor er sich schließlich löste und in einem langsamen, fast schwerelosen Tanz zu Boden fiel.

Jeder Tropfen glänzte in einem klaren, silbernen Glanz, der das herbstliche Farbenspiel der Blätter und des Laubs um ihn herum reflektierte. Es war, als ob die Natur selbst ihre Schönheit und ihren Reichtum in diesen winzigen Wasserperlen eingefangen hätte.

In der morgendlichen Stille saß eine junge Frau in einem alten, knorrigen Baum, der sich in der Mitte eines kleinen Bienenhains erhob.

Ihr hellblondes Haar fiel in sanften Wellen über ihre Schultern. Es fing die Strahlen auf, als wären sie für sie allein bestimmt. In diesem zauberhaften Licht schimmerte es, als ob es sich in ein Meer aus flüssigem Gold verwandelt hätte.

Ihre blau-grauen Augen blickten konzentriert auf ihre Hände, während sie ihre Aufmerksamkeit auf die Bienenstöcke richtet, die vor ihr standen. Sie dürften ihr bei ihrer Arbeit nicht ins Gesicht fallen. Mit ruhiger Hand tastete sie sich durch das dichte Geäst und schob vorsichtig den lockeren Rindenspalt beiseite, der den Eingang zum natürlichen Bienenstock bildete und begann, die Waben zu inspizieren.

Mit einem schmalen Messer löste sie behutsam ein Stück der Waben aus der moosüberzogenen Höhlung. Die Bienen wichen nur zögerlich zurück, nicht feindselig – als würden sie ihre Absicht verstehen. Anschließend begann sie das Bienenwachs sorgfältig zu ernten. Sie wusste, dass sie dieses natürliche Material später für die Herstellung von Kerzen und anderen handgefertigten Gegenständen verwenden würde.

Die Bienen schwirrten sanft um sie herum, als ob sie ihre Anwesenheit akzeptierten und vertrauten. Jemand ohne den Segen der Erntegöttin wäre längst gestochen worden. Mehrmals.

Die Waben waren mit goldenem Honig gefüllt, der im diffusen Licht des Nebels funkelte. Die junge Frau entnahm behutsam die Waben, während sie darauf achtete, die Bienen nicht zu stören.

Mit einem zufriedenen Seufzer hauchte sie leise "geschafft" in den morgendlichen Wald. Die Aufgabe, das kostbare Bienenwachs zu ernten und sicher zu verstauen, war erfolgreich abgeschlossen, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Der Duft des frischen Bienenwachses hing in der Luft und vermischte sich mit den herbstlichen Aromen um sie herum.

Sie schwang sich mit einer geschmeidigen Rückwärtsrolle hinab, als wäre sie eine Blätterflocke, die sanft vom Baum gefallen war. Ihr Abstieg war von einer beinahe schwebenden Anmut geprägt. Ihre Bewegungen fließend und sicher. Der Erdboden empfing sie mit einem leisen Rascheln und sie landete so leicht und anmutig wie ein Blatt, das von einem Baum fällt.

Sie trug ein elegantes, viktorianisch inspiriertes Kleid in einem tiefen Schwarz, das perfekt mit der herbstlichen Umgebung harmonierte. Das Kleid war mit feinen Rüschen und Lagen verziert, die seinem Design eine romantische Note verliehen. Um ihren Hals war ein langer, rostrot gefärbter Schal locker gebunden, der an die warmen Farben des Herbstlaubs erinnerte und gleichzeitig Kontrast zu ihrem dunklen Kleid bot.

Ihre Beine waren von einer dunkelbraunen, durchlässigen Strumpfhose bedeckt, die bis zu einem eleganten Violett reichte. Diese Strumpfhose fügte eine subtile Eleganz hinzu und verlieh dem Gesamtbild eine herbstliche Note. Auf ihren Füßen trug sie braune Stiefel mit flachen Sohlen, die für Bergwanderungen geeignet waren und bis über einen Großteil ihrer Waden reichten. Diese Stiefel waren sowohl praktisch als auch stilvoll und verliehen ihr ein robustes und gleichzeitig elegantes Erscheinungsbild.

In der frühen Morgendämmerung des Herbstes enthüllte sich eine zauberhafte Landschaft, die die Sinne betörte. Der Himmel zeigte sich in einem zarten Farbenspiel aus blassen Orangen und Rosatönen, während die Sterne noch schwach am Firmament glänzten, als würden sie sich nur widerwillig vom Nachthimmel verabschieden.

Die kühle Herbstluft trug den Duft von frischem Laub und Erde, der die Sinne belebte und eine Ahnung von Veränderung und Erneuerung mit sich brachte.

Der Boden war mit einer Teppich aus herabgefallenen Blättern bedeckt, die bei jedem Schritt ein leises Knistern erzeugten. In der Ferne hörte man das leise Rufen von Vögeln, die sich auf ihre morgendliche Suche nach Nahrung begaben, während die Welt langsam aus ihrem Schlaf erwachte.

Der Boden war von einer Decke aus leuchtend violetten Lupinen überzogen.

Zwischen den Wurzeln der majestätischen Bäume blühten bezaubernde Blumen, die eine zauberhafte Atmosphäre in der herbstlichen Landschaft schufen. Die Kelche dieser Blumen waren vorwiegend in einem tiefen Blau gehalten, das die Farbe des Himmels an einem klaren Herbsttag widerspiegelte. Ein sanfter, beruhigender Farbton, der die Sinne betörte.

Gelegentlich mischte sich ein von Rot verzauberter Blumenkelche unter sie. Als wäre die Natur selbst damit beschäftigt, ihr eigenes Gemälde zu malen. Sie wirkten wie kleine Edelsteine, die sich mutig in das blaue Farbspektrum mischten und einen Hauch von Leidenschaft und Vitalität in die Szene brachten.

Inmitten des Waldhains stand ein violetter Rucksack, der in der sanften Herbstsonne erstrahlte. Der Rucksack leuchtete wie ein Juwel im Wald. Sein violettes Gewebe strahlte eine mysteriöse Eleganz aus, die sich perfekt in die umgebende Natur einfügte.

Neben dem Rucksack stand ein Korb, der bis zum Rand mit Weidenreben, Ramie und frischen Herbstkräutern gefüllt war. Die Weidenreben hatten eine warme, goldene Farbe und fügten sich harmonisch in den Korb ein, während die Ramiefasern wie Silberfäden schimmerten. Die frischen Herbstkräuter, darunter Lavendel, Kamille, Rosmarin und andere duftende Gewächse, verströmten einen betörenden Duft und füllten die Luft mit ihrem Aroma.

Die Sonnenstrahlen schienen wie ein sakraler Segen auf diesen Anblick niederzugehen, als die junge Frau den violetten Rucksack anhob.

Ein kleiner blau-grauer Erntewichtel von bezaubernder Anmut und sprühender Energie, umtanzte die Frau, die auf der Lichtung stand. Mit seinen zarten, durchsichtigen Flügeln schwebte der Erntewichtel leicht über den Boden und wirbelte um die Frau herum. Sein Gesicht strahlte vor Lebensfreude und seine Augen funkelten wie zwei glänzende Edelsteine. In seinen Händen hielt er ein kleines Bündel von frisch geernteten Herbstkräutern und Blumen. Seine Kleidung schimmerte in den Farben des Himmels und des Morgentaus. Ein zartes Spiel aus Blau und Grau, das perfekt zur herbstlichen Kulisse passte.

Der Erntewichtel tanzte in verspielten, wirbelnden Bewegungen und schien die Frau dazu zu ermutigen, ihre Ernte zu feiern. Er schien ein Meister des Tanzes zu sein, seine Flügel bewegten sich in leichten, verspielten Bewegungen, die wie eine Melodie in der Luft wirkten. Sein federleichter Körper umschwirrte die zierliche Gestalt des Mädchens wie ein Glühwürmchen. Ihr ganz eigenes Glühwürmchen.

Die junge Frau konnte nicht anders, als verzaubert zu sein. Er war ein Botschafter der Natur, der ihr zeigte, wie tief die Verbindung zwischen Menschen und Umwelt sein konnte. Ihr Mentor auf jeder morgendlichen Wanderung durch den Wald. Während sie den Rucksack und den Korb in die Arme nahm, lächelte sie dem kleinen Wichtel zu.

Gemeinsam machten sich Nanali und Finn auf den Weg, während sie den Pfad zurück zum Waldweg einschlugen. Der Erntewichtel schwebte neben ihr, seine zarten Flügel leicht schimmernd im Sonnenlicht, und strahlte eine Energie aus, die ansteckend war.

Voll beladen mit dem violetten Rucksack und dem Korb. Auf ihren Hüften die Seitentasche voll Bienenwachs. Der Waldweg unter ihren Füßen raschelte.

Ein kleiner Bach schlängelte sich durch die Landschaft, das plätschernde Wasser ein beruhigendes Hintergrundgeräusch, das die Sinne betörte. Die spiegelglatte Oberfläche des Baches fing die Reflexion des Himmels und der umliegenden Natur ein, was ein fast magisches Gefühl der Verbindung zwischen Himmel und Erde erzeugte.

Eine Landschaft, die die Seele berührte und die Sinne belebte. Eine sinnliche Oase der Schönheit und Ruhe.

Jeden Morgen, noch lange bevor Clair erwachte, begab sich Nanali auf ihr morgendliches Training. Ihr Ziel war der Berg, der majestätisch über ihrem Zuhause aufragte. Mit einem festen Schritt begann sie den Aufstieg, der gleichzeitig zu einem Ritual und einer Quelle der Inspiration geworden war.

Nanalis Training war ein intensiver und energiegeladener Aufstieg den Berg hinauf. Während sie den Berg hinaufjoggte, nahm sie die Umgebung in sich auf. Die kühle Morgenluft füllte ihre Lungen und die Geräusche des Waldes um sie herum begleiteten sie. Der Gesang der Vögel, das Rascheln der Blätter und das Murmeln eines nahegelegenen Baches waren ihre morgendliche Symphonie.

Nanali sammelte unterwegs Materialien für ihre allabendlichen Bastelarbeiten. Sie griff geschickt nach Zweigen, Blättern, Moos und anderen natürlichen Schätzen, die sie in ihrem Korb trug. Diese Materialien würden später in ihre kunstvollen Kreationen einfließen und ihre handwerkliche Geschicklichkeit zum Ausdruck bringen.

Wenn sie den Gipfel des Berges erreichte, hielt sie einen Moment inne, um die atemberaubende Aussicht zu genießen. Die Morgensonne erhob sich am Horizont und das Tal unter ihr erstrahlte im goldenen Licht. Es war ein Moment der Ruhe und des Staunens, bevor sie sich auf den Rückweg machte.

Ihr morgendliches Training war nicht nur körperlich anspruchsvoll, sondern auch eine spirituelle Verbindung zur Natur. Es half ihr, ihre Sinne zu schärfen und Inspiration für ihre Kunst zu finden. Jeden Morgen kehrte sie mit einem Gefühl der Erfüllung nach Hause zurück und stürzte sich zugleich in die Farmarbeit an Clairs Hof.

Nach einem stärkenden Frühstück begaben sich Nanali und Clair gemeinsam auf die Felder, um die Pflege der Äcker zu übernehmen. Nanali konnte sich noch gut an die Zeiten erinnern, als sie morgens nie frühstücken konnte. Doch seit sie ihr morgendliches Training begonnen hatte, hatte sich das geändert. Das Training hatte nicht nur ihren Körper gestärkt, sondern auch ihren Appetit zurückgebracht.

Nanali und Clair arbeiteten Hand in Hand, als wären sie ein eingespieltes Team. Ihre Hände berührten die Erde mit Sorgfalt, während sie die Pflanzen begutachteten und sicherstellten, dass sie genug Wasser hatten und frei von Unkraut waren. Nanalis Geschick im Umgang mit den Pflanzen war bewundernswert und sie wusste, wie man sie liebevoll pflegte, um ihre volle Pracht zu entfalten.

Clair staunte jeden vorübergehenden Tag mehr über Nanalis schnelle Auffassungsgabe.

Die beiden Frauen unterhielten sich leise, während sie arbeiteten und teilten Geschichten und Lachen. Es war eine Zeit der Gemeinschaft und des Austauschs, während sie Seite an Seite durch die Äcker gingen.

Jeden Mittag, seit ihrer Strandung auf der Insel, versammelten sich Seto, Mokuba und Sie in der Brasch Bar, um gemeinsam zu Mittag zu essen. Mit der Zeit war die Bar deutlich voller geworden. Die meisten der gestrandeten Menschen auf der Insel suchten ihren Weg zur größten Handelsstadt, die als Ziel für ihre Rettung und ihren Neuanfang galt.

In der Brasch Bar hatten sie einen Ort der Gemeinschaft gefunden. Tische und Stühle waren dicht besetzt und das Murmeln von Gesprächen und das Klappern von Geschirr erfüllten den Raum. Die gestrandeten Menschen, die sich hier versammelten, teilten Geschichten, Hoffnungen und die Herausforderungen ihres neuen Lebens auf der Insel.

Seto, Mokuba und Sie saßen an ihrem Stammplatz und genossen ihre Mahlzeit. Es war ein Moment der Entspannung und des Zusammenhalts inmitten der turbulenten Umstände, die sie auf der Insel erlebten. Sie tauschten Erlebnisse aus, hörten den Geschichten der anderen zu und fanden Trost in der Gemeinschaft, die sie aufgebaut hatten.

Die Brasch Bar war zu einem Symbol der Hoffnung und des Zusammenhalts geworden. Ein Ort, an dem die gestrandeten Menschen sich auf ihren Weg in die Handelsstadt vorbereiteten und die Herausforderungen der Insel gemeinsam meisterten. Jeden Mittag versammelten sie sich hier, um ein Stück Normalität und Gemeinschaft inmitten ihrer ungewissen Lage zu finden.

Nanali saß seitlich der Fensterseite in der Brasch Bar und genoss ihr Mittagessen inmitten des geschäftigen Treibens. Draußen konnte sie das wogende Grün der Insel sehen, während drinnen die gestrandeten Menschen miteinander sprachen und aßen.

Ihr Blick fiel zufällig auf Finn, der am Tischrand saß und nervös mit den Beinen wackelte. Es schien, als ob er in Gedanken versunken war und sein unruhiges Beinewippen verriet eine gewisse Anspannung.

Dann bemerkte Nanali im Spiegel des Fensters einen Seitenblick von Seto, der unauffällig, aber aufmerksam schien. Ihr Interesse geweckt, fragte sie, ohne ihre zögerliche Haltung zu zeigen: "Ist etwas an der Tischkante?" Sie versuchte, ihre Frage so beiläufig wie möglich klingen zu lassen.

Seto, der kurzzeitig überrascht schien, blickte auf die Tischkante und dann wieder zu ihr. Seine Antwort war schlicht und ohne viel Emotion: "Nein." Er wandte seinen Blick ab und schien sein Interesse an der Tischkante verloren zu haben.

Nanali konnte nicht umhin sich zu fragen, auf was Setos Blick wirklich gerichtet gewesen war. Ihr Gespräch war kurz, aber es hinterließ eine gewisse Neugier und ein Gefühl der Verwunderung über die verborgenen Gedanken und Beobachtungen, die zwischen den gestrandeten Menschen in der Brasch Bar stattfanden.

Mokuba und Nanali verbrachten jeden Nachmittag zusammen und wechselten ab zwischen Besuchen in der Bibliothek und Spaziergängen durch den Wald. "Heute wäre wieder die Bibliothek dran. Morgen steht also wieder ein Spaziergang durch den Wald an.“, bemerkte Mokuba.

„Jup.“, machte Nanali.

Moonwatch - Under the Starlit Bridge

Moonwatch - Under the Starlit Bridge
 

08. September YYY1
 

Die Brasch Bar war in sanftes, warmes Licht getaucht. Von draußen war das gelegentliche Rauschen des Windes zu hören, der die ersten vertrockneten Blätter gegen die Fenster wehte. Drinnen klirrten Gläser, Stimmen vermischten sich.
 

Mokuba starrte in sein halbvolles Glas Limonade.

„Heute wäre eigentlich Bibliothekstag“, murmelte er vor sich hin, fast beiläufig.

Am Nachbartisch beugten sich zwei ältere Männer über ihre Gläser und sprachen leise, aber deutlich genug, dass Mokuba ein paar Wortfetzen aufschnappen konnte.

„... und die besten Sichtverhältnisse heute Nacht. Der Himmel soll klar bleiben – perfekt für die Mondschau.“

„Und die Aussicht von der Bergspitze aus. Das ganze Tal leuchtet...“

Mokuba blinzelte.

Mondschau. Heute?

Sein Blick hob sich. Für einen Moment vergaß er sogar, dass Nanali gerade mit der Kellnerin sprach.

Heute war das Mondschau-Festival.

„Hey!“, rief er auf einmal lebhaft. „Wusstet ihr, dass heute das Mondschau-Festival ist?“

Seto hob langsam den Blick von seinem dampfenden Kaffee. Nanali sah überrascht zwischen den beiden hin und her.

Mokuba grinste breit, aufgeregt wie ein Kind mit einer neuen Idee.

„Lasst uns da hin! Noch heute Abend. Wenn wir über Nacht den Berg hinauf gehen, sind wir rechtzeitig da, um den Aufgang zu sehen.“

Setos Blick verfinsterte sich kaum merklich. Er stellte seine Tasse mit einem leisen Klick auf den Tisch und sah Mokuba direkt an.

„Mokuba“, begann er ruhig, aber mit einer Schärfe in der Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Du willst also im Dunkeln, auf nassem Laub, mit halbem Proviant und schlechter Sicht einen ungesicherten Bergpfad gehen.“

Er lehnte sich leicht vor, die Arme auf der Tischplatte verschränkt.

„Hast du auch nur einmal wirklich darüber nachgedacht, was passiert, wenn du abrutschst? Wenn du dich verläufst? Wenn einer von uns sich verletzt – mitten in der Nacht, ohne Hilfe, ohne Empfang?“

Ein Moment Schweigen. Dann sprach er leiser, fast schon bitter:

„Abenteuer klingt immer nur so lange romantisch, bis du nachts in der Kälte sitzt und hoffst, dass niemand unterkühlt.“
 

Mokuba war voller Begeisterung für die Idee und versuchte, Nanali und Seto von der spontanen Reise zu überzeugen. Er glaubte fest daran, dass es eine unvergessliche Erfahrung werden würde. Der klare Himmel, die goldenen Blätter, das Licht des Mondes, das die Bergpfade silbern färbt.

Seto runzelte die Stirn und härtete seinen Blick. „Das ist viel zu gefährlich. Wir klettern bestimmt nicht nachts über den Berg.“ Seine Stimme blieb ruhig, aber deutlich. „Der Wind wird schärfer, das Laub rutschig und es ist Herbst. Die Dunkelheit kommt schnell. Wir wissen nicht, was uns erwartet.“, widerholte er noch einmal.

Mokuba, der nach wie vor von der Idee überzeugt war, ließ sich nicht beirren.

„Der Mond sieht bestimmt atemberaubend aus!“
 

„Es geht nicht um das Festival selbst, Mokuba“, sagte er ruhig, „sondern um den Weg dorthin. Eine nächtliche Wanderung über den Berg birgt zu viele Risiken. Die Wege sind unbeleuchtet, steil und es ist kalt. Unsere Sicherheit steht an erster Stelle.“

Mokuba senkte kurz den Blick und verstand Setos Bedenken. Aber das flackernde Bild vom Mond über Mineralstadt ließ ihn nicht los.

Die Diskussion verlief ruhig, aber fest.

„Ich verstehe deine Sorge, Seto. Wirklich. Aber das ist nicht einfach irgendein Spaziergang. Das ist die Mondschau. Die kommt nur einmal im Jahr und außer uns machen das bestimmt auch andere.“

Seto sah ihn lange an. Dann wiederholte er leise, fast schon trocken:

„Es geht mir nicht darum, dir etwas zu verbieten. Ich will nur, dass wir lebendig ankommen. Vielleicht muss es nicht die Bergspitze sein.“

„Mokuba, du solltest verstehen, dass Seto hier nicht einfach ein Spielverderber sein will“, mischte sich Nanali ein, bevor die Spannung zu groß wurde. Ihre Stimme war sanft, aber bestimmt.

„Er mag dein Bruder sein, aber im Moment übernimmt er die Rolle eines Vaters. Und das tut er nicht aus Prinzip, sondern weil er sich wirklich sorgt. Diese Verantwortung nimmt er ernst. Und ich denke, du solltest das sehen.“
 

Seto atmete langsam aus und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die Diskussion mit Mokuba hatte sich im Kreis gedreht und obwohl er seine Argumente klar gemacht hatte, konnte er sehen, dass sein Bruder gedanklich immer noch auf dem Berg unterwegs war. Auf dem Weg zum Festival, durch das Dunkel, ohne Rücksicht auf Gefahren.

Nanali bemerkte die Erschöpfung in Setos Gesicht. Sie legte sanft eine Hand auf den Tisch, ihre Stimme ruhig und vermittelnd:

„Mokuba, ich verstehe wirklich, wie wichtig dir das Mondschau-Festival ist. Und ich weiß, Seto geht es nicht darum, dir etwas zu verwehren. Er macht sich Sorgen, weil ihm deine Sicherheit am Herzen liegt.“

Sie sah ihn an. „Aber vielleicht gibt es einen Mittelweg. Etwas, das euch beiden gerecht wird.“

Mokuba sah zwischen ihnen hin und her. Er zögerte.

„Ich will ja keine Dummheiten machen“, sagte er schließlich. „Aber ich will das Festival nicht verpassen.“

Er presste die Lippen zusammen, überlegte.

Dann sah Nanali auf, ein Finger an der Unterlippe, und sprach langsam:

„Wenn der Aufstieg bei Tageslicht sicherer ist... warum übernachten wir nicht einfach auf dem Berg? Auf halber Strecke vielleicht? Dann müssen wir nicht im Dunkeln gehen und verpassen den Mondaufgang trotzdem nicht.“

Seto verzog kaum merklich das Gesicht. Seine Stimme blieb ruhig, aber trocken:

„Campen auf dem Berg – bei sinkenden Temperaturen, mit Wind und Wildtieren. Das ist kein Spaziergang.“

„Aber besser als nachts über schmale Pfade zu stolpern, oder?“, entgegnete Mokuba, sichtbar hoffnungsvoll. „Was, wenn wir morgen früh aufbrechen, den Tag über steigen und dann oben ein Lager aufschlagen? Dann können wir den Abend dort verbringen und am nächsten Tag gemütlich zurückgehen.“

Nanali nickte zustimmend.

„Wir könnten uns vorbereiten. Warme Kleidung, genug Proviant. Und wenn wir vorsichtig sind...“ Sie sah zu Seto. „...ist es machbar.“

Seto schwieg einen Moment. Sein Blick ging zum Fenster hinaus in den dunkler werdenden Abend. Schließlich sagte er langsam:

„Das würde zumindest einige der Risiken reduzieren.“

Sein Ton blieb reserviert, aber es war keine kategorische Ablehnung mehr.

Dann, fast sachlich:

„Gut. Aber nur unter Bedingungen:

Erstens: Wir brechen früh auf, um genug Zeit für den Aufstieg zu haben.

Zweitens: Wir machen ein sicheres Lager. Feuerstelle, Windschutz, trockener Boden.

Drittens: Essen wird verschlossen verstaut. Keine Reste, kein offener Müll.

Und viertens: Wenn das Wetter kippt, brechen wir ab. Ohne Diskussion.“

Er sah Mokuba direkt an.

„Das ist kein Abenteuerurlaub. Wenn wir das machen, dann vorbereitet. Und verantwortungsvoll.“

Mokuba grinste erleichtert. „Abgemacht!“

„Dann sollten wir sicher sein. Tiere nähern sich eine Gruppe von Menschen in dieser Region eher selten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Konflikten zwischen Wanderern und Tieren kommt, ist äußerst gering. Ich bin mir sicher, dass die Dorfbewohner das bestätigen können.“, erklärte Nanali.

Mokuba pflichtete Nanali bei. „Stimmt. Außerdem geht Nanali jeden früh auf den Hügel.“

„Der Aufstieg dauert zwischen zwei und drei Stunden bei normaler Schrittgeschwindigkeit. Er kann länger dauern, je nachdem welche Umwege man in Betracht ziehen will. 17:30 beginnt die Sonne unterzugehen, das heißt wir würden hier um spätestens 15:00 losmachen. Eher früher. Also gerade noch genug Zeit, um sich vorzubereiten. Ich kann uns Bentos machen.“ fasste Nanali zusammen.

Unter einem schweren Seufzen gab Seto schlussendlich nach. Ein Seitenblick von ihm ließ Nanali allerdings leicht erschaudern. In diesem Blick spiegelte sich ein Hauch von Unbehagen und ein Anflug von Unzufriedenheit wider. Es war, als ob Seto deutlich machte, dass er nicht ganz glücklich darüber war, wie sehr Nanali sich in die Planung eingemischt hatte. Dennoch hatte er zugestimmt. Und das war ein wichtiger Schritt in Richtung ihrer geplanten Übernachtung auf dem Berg.

Als Mokuba für einen kurzen Moment in Richtung Toilette verschwunden war, setzte sie das Gespräch mit Seto fort. Sie spürte, dass eine Entschuldigung angebracht war, nachdem sie sich so stark in die Planung eingemischt hatte.

Leise und respektvoll sagte sie: "Seto, es tut mir Leid, wenn ich dich verärgert habe. Es war nicht meine Absicht, dich zu übergehen."

Seto wandte seinen Blick ab und winkte leicht ab. "Es macht keinen Sinn, jetzt darüber zu streiten.", antwortete er schließlich. Obwohl er immer noch unzufrieden mit ihrer Einmischung war, schien er bereit zu sein, die Sache ruhen zu lassen, da sie nun eine Lösung gefunden hatten. „Ich habe doch nachgegeben. Kein weiterer Redebedarf.“

Nanali nickte und respektierte seine Entscheidung, das Thema nicht weiter zu vertiefen. Sie wusste, dass sie in Zukunft besser darauf achten sollte, wie stark sie sich in Angelegenheiten einbrachte, die Seto betrafen.

08. September YYY1 14:45

Nanali stand in Clair's gemütlicher Hüttenküche, während das Morgenlicht durch die kleinen, rustikalen Fenster strömte. Der Duft von frisch gebrühtem Tee erfüllte die Luft, während sie geschäftig die Verpflegung für ihre bevorstehende Wanderung vorbereitet. Seto und Mokuba teilten sich die Verantwortung für das Zelt und das Lagerfeuer. Es war eine gut ausgewogene Arbeitsteilung und Nanali war entschlossen sicherzustellen, dass sie eine köstliche und nahrhafte Mahlzeit für ihre bevorstehende Reise hatten.

In einer aus Bambus geflochtenen Box verstaut sie die sorgfältig zubereiteten Kräutersandwiches. Frisches Gemüse wie Zucchini, Tomaten, Radiesschen und Paprika wurden in kunstvollen Formen geschnitten und um die Sandwiches trapiert.

In einer Bambus-Holzbox wurden in drei Bereichen unterschiedliche Kunstwerke gezaubert. In den beiden kleineren Abschnitten befindet sich eine bunte Mischung aus Beeren auf der einen Seite und panierten Garnelen auf der anderen Seite. Kleine Soßenbehälter sind bereit, um die Garnelen noch köstlicher zu machen. Im großen Abschnitt befinden sich Onigiri in Form von Kirschblüten und kleinen Bienen, die wie Mini-Sushirollen aussehen. Die zarte rosa Farbe der Onigiri und die liebevoll gestalteten Bienen verleihen dieser Box eine besondere Eleganz.

Daneben standen zwei weitere Holzboxen, die ähnlich gestaltet waren. Nur der Reisabschnitt unterschied sich von Box zu Box. Mokuba hat einen kleinen Bären bekommen, der einen fiesen Kürbis hält. Eine kindliche Note.

Für Seto entschied sie sich für normal geformte Onigiri in verschiedenen Farben.

Nanali erhob sich langsam von ihrer mühevollen Arbeit, wobei sie ihren Rücken gerade streckte und ein erleichtertes Seufzen von sich gab. Die Zeit, die sie damit verbracht hatte, die Rattan-Geflechtbox und die Bambus-Holzbox, die sie am Vorabend in beeindruckender Handwerkskunst erstellt hat, mit köstlichen Leckereien zu füllen und sie kunstvoll zu gestalten, hatten ihren Tribut gefordert.

Ihr Blick wanderte über die sorgfältig zubereiteten Mahlzeiten in den Boxen und ein Lächeln der Zufriedenheit breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Mit einer sanften Bewegung strich sie sich eine lose Strähne ihres Haares aus dem Gesicht und fixierte sie hinter ihrem Ohr. Die Liebe zum Detail und die Hingabe, die sie in die Zubereitung der Mahlzeiten gesteckt hatte, zeigten sich in jeder einzelnen Box.

Clair schlich leise von hinten heran und ließ ihren Blick neugierig über die kunstvoll gefüllten Boxen schweifen. Ihr leises Herantreten hatte Nanali zunächst nicht bemerkt, da sie so vertieft in ihre Arbeit gewesen war. Die Köchin war in ihrer eigenen kleinen Welt aus kulinarischer Kreativität versunken.

Sie liebte die Momente, in denen Nanali ihre Magie in der Küche wirken ließ. Die Boxen waren wie Schatztruhen gefüllt mit kulinarischen Schätzen, die darauf warteten, entdeckt und genossen zu werden.

Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„He, eine interessante Wahl die du da getroffen hast. Besonders diese Box da.“ sagte Clair schelmisch und sah Nanali aus lächelnden Augen mit einem neckenden Blick an. "Was mag das wohl ausdrücken?", fragte sie grinsend und deutete auf die Box mit den unterschiedlich farbenen Onigiri, während sie die Lippen verspielt zu einem vielsagenden Lächeln aufeinanderpresste.

„Ich weiß nicht, was du meinst!“, entgegnete Nanali schnell. Leicht errötend vor Überraschung und Verlegenheit, begann sie hastig, die Boxen zu schließen und in ihrer Tasche zu verstauen. Sie konnte Clairs neckenden Tonfall nicht überhören und spürte, wie sich ein Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete. "Ich dachte, es wäre nett, ein wenig Farbe und Fröhlichkeit in unsere Mahlzeit zu bringen."

Clair lachte leise und trat einen Schritt näher. "Na gut, ich bin gespannt, wie sich diese Experimente auf alle Beteiligten auswirken. Erzähl‘s mir, ja?“, zwinkerte sie Nanali zu und fuhr fort, sie aufzuziehen.

„Da gibt es nichts. Du bildest dir was ein.“, antwortete sie hastig und machte sich zum Gehen auf.

Hastig trat sie auf die Tür zu, entschlossen dieser peinlichen Situation zu entkommen. Als sie die Tür öffnete und hochsah, stand Seto Kaiba plötzlich direkt vor ihr. Im Begriff anzuklopfen. Die plötzliche Nähe und die Überraschung ließen Nanali schockiert zusammenfahren. Ihr Herz schien für einen Moment stillzustehen und sie erstarrte förmlich wie Eis am Stiel.

Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung und sie starrte Seto an, unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen. Die Situation war so unerwartet und ungewohnt, dass sie sich fühlte, als wäre sie in der Zeit eingefroren. Nanali konnte den Blick nicht von Seto abwenden, der genauso überrascht schien wie sie. Es war, als ob die Welt für einen Augenblick den Atem anhielt, während die beiden sich in dieser unerwarteten Begegnung gegenüberstanden.

Nanali kämpfte innerlich gegen die aufsteigende Röte in ihren Wangen an. Sie versuchte verzweifelt, nicht rot zu werden und in ihrem Inneren führte sie einen stillen Überredungsversuch an sich selbst. "Bleib ruhig, bleib ruhig", flüsterte sie leise in ihrem Kopf. Sie zwang sich, ihre Gesichtszüge zu kontrollieren und nichts weiter an sich merken zu lassen als ein flüchtiges Erröten ihrer Wangen für einen kurzen Moment.

Ihr Herzschlag schien lauter in ihren Ohren zu pochen und sie spürte, wie sich die Wärme in ihrem Gesicht ausbreitete. Doch Nanali kämpfte gegen diese unerwünschte Reaktion an und zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie senkte den Blick leicht und versuchte, ihre Gedanken zu sammeln, bevor sie etwas sagte oder tat, dass die ohnehin schon seltsame Situation noch komplizierter machen würde.

"Bist du fertig?" Seto's Frage durchbrach die angespannte Stille und sein Blick schien geradewegs an Nanali vorbei zu Clair zu streifen, die noch in der Küche stand. In ihrem Gesicht konnte er das breite Grinsen nicht übersehen, das von einem Ohr zum anderen reichte und welches sie vergeblich unter ihren Händen zu verstecken versuchte. Es gab alles her, was sie dachte.

Nanali spürte, wie sich die Peinlichkeit der Situation weiter steigerte. Ihr Herz raste. Bemüht, ihre Stimme ruhig zu halten, antwortete sie: "Ja, ich bin fertig." Ihre Worte klangen vielleicht gelassen, aber innerlich fühlte sie sich wie auf glühenden Kohlen. Sie konnte nur hoffen, dass Seto die Aufregung in ihrer Stimme nicht bemerken würde.

Seto seufzte innerlich, während er die beiden Mädchen beobachtete. Es war offensichtlich, was sie zu verbergen versuchten. Ihre Mimik und Gestik legte alles offen und präsentierte es wie auf einem Silbertablett… Er schüttelte leicht den Kopf und dachte bei sich: "Frauen..." Es war nicht das erste Mal, dass er sich mit solchen Situationen auseinandersetzen musste und er war es gewohnt, die Geheimnisse und Emotionen der Menschen zu durchschauen. Dennoch entschied er sich dafür, nicht weiter nachzuhaken und ließ die Sache auf sich beruhen.

Mokuba trat hinter Seto in Nanalis Sichtfeld und brach die Anspannung mit seiner fröhlichen Stimme: "Klasse, dann kann's ja losgehen." In dem Moment verschwand die Anspannung bei Nanali mit sofortiger Wirkung. Sie löste sich von Setos Blick und wandte sich entspannt Mokuba zu. Seto wurde zu einem stillen Begleiter, während Clair sie verabschiedete.

Gemeinsam bestiegen sie den weichen Erdboden des Mutterhügels bis sie schließlich auf halber Höhe den Sonnensee erreichten. Hier blieben sie stehen und beobachteten, wie die Nacht langsam über ihnen hereinbrach. Der Abendhimmel wurde von purpurroten und orangefarbenen Strahlen durchzogen, während die ersten Sterne am Firmament erschienen.

Inmitten des Schilfs am Ufer des Sees begannen die Glühwürmchen ihren bezaubernden Tanz. Ihre sanften, leuchtenden Punkte erfüllten die Luft und es fühlte sich an, als ob die Sterne selbst auf die Erde herabgekommen wären. Ein „Glühwürmchen“ tanzte besonders engagiert und schwebte wie ein kleiner Feuergeist durch die Dunkelheit. Sein Licht war intensiver und sein Flugmuster komplexer als das der anderen. Es wirkte beinahe so, als würde es eine geheime Botschaft in seinem Tanz übermitteln.

Nanali und ihre Begleiter genossen diesen magischen Moment, während sie dem faszinierenden Schauspiel der Glühwürmchen beiwohnten.

Nanali konnte nicht anders, als über Finns Flugeinlagen zu schmunzeln. Sein lebhafter Tanz und seine Freude am Spiel erinnerten sie daran, wie wichtig es war, die einfachen Freuden des Lebens zu schätzen. Nachdem Finn seine Showeinlage beendet hatte, streckte sie ihre Hand aus und lud die Glühwürmchen ein, ihren Tanz um sie und ihre beiden Begleiter fortzusetzen.

Die kleinen Lichter schienen auf ihre Einladung zu reagieren und sammelten sich nun um Nanali, Seto und Mokuba. Es war, als ob sie die drei in ihren geheimnisvollen Tanz einbezogen und eine Verbindung zwischen der Natur und den Menschen herstellten. Der Zauber dieser Momente ließ Nanalis Herz höherschlagen und sie spürte eine tiefe Verbundenheit mit der Welt um sie herum.

Mokubas Gesichtsausdruck war ein Bild des Erstaunens, als er die Glühwürmchen um Nanali herumtanzen sah. Seine Kinnlade schien fast herunterzufallen und seine Augen waren weit geöffnet vor Verblüffung. "Zufall", antwortete Nanali bescheiden, während sie die Hand offen über dem speziellen „Glühwürmchen“ hielt. Mokuba schien ihr diese Erklärung nicht ganz abzukaufen, aber er sagte vorerst nichts weiter. Seto hingegen blickte aus dem Augenwinkel auf sie herab. Sie und diesen ganz speziellen Freund.

Seto verfolgte den Tanz der Glühwürmchen, der sich langsam in Richtung Himmel ausbreitete. Schließlich brach er das Schweigen und sagte: "Kommt, wir wollen das Zelt vor Einbruch der Nacht aufbauen. Wir sind spät dran." Mit diesen Worten lenkte er die Aufmerksamkeit zurück auf die Wanderung und die drei setzten ihren Weg zum Mutterhügel fort, begleitet vom sanften Leuchten der Glühwürmchen.
 

Mokuba eilte über die schmale Brücke, mit dieser jugendlichen Begeisterung, die typisch für ihn war. Seine Schritte waren leicht und schnell, als er voranstürmte. Seto folgte ihm, mit einem besorgten Blick auf seinem Gesicht.

"Mokuba, sei vorsichtig!", ermahnte er seinen jüngeren Bruder, während er ihm langsam hinterherging.

Als er die Mitte der Brücke erreichte, bemerkte Seto, dass Nanali stehen geblieben war. Ihr Blick war auf den majestätischen Wasserfall gerichtet, der tief in die Schlucht hinabstürzte. Ihre Unsicherheit war in ihren Augen zu sehen und sie schien von der imposanten Naturgewalt des Wassers fasziniert und gleichzeitig verängstigt zu sein.

Seto dachte einen Moment lang nach. War Nanali nicht bereits zuvor an diesem Ort mit Mokuba gewesen. Ja, sie waren schon einmal hier gewesen.

„Wie bist du das letzte Mal über die Brücke gekommen?“, hakte er tonlos nach.

„Als ältere, darf ich nicht unsicher sein.“, flüsterte Nanali leise, bevor sie sich an Seto wandte. „Geh schon vor. Ich komme direkt nach.“

Ein leichtes Unbehagen durchzog ihn bei dem Gedanken, sie unsicher zurückzulassen.

Er wandte sich langsam ab und begann, über die Brücke zu gehen, aber er konnte sich nicht dazu bringen, weiter als ein paar Schritte zu gehen. Er drehte sich um und sah Nanali an, die jetzt allein auf der Brücke stand.

Er konnte sie nicht allein zurücklassen. Auch wenn sie sich noch nicht so nahestanden, sie war wichtig für Mokuba.

Seine Schritte waren entschlossen, als er zu ihr trat.

Seto trat näher zu Nanali. "Alles in Ordnung?", fragte er besorgt. Nanali wandte ihren Blick von dem Wasserfall ab und nickte leicht. "Es ist einfach so beeindruckend. Aber es macht mir auch ein wenig Angst.", gab sie zu.

Seto sprach leise: "Gib mir deine Hand.“

Sie wusste, dass Seto keinen Widerspruch duldete.

Ihre Unsicherheiten und Ängste verblassten vor dieser unerschütterlichen Gewissheit. Zögerlich legte sie ihre Hand in Setos.
 

Seto ging langsam rückwärts, Schritt für Schritt. Die Planken der Brücke im Blick, doch sein Augenmerk ruhte auf Nanali. Fest umschloss er ihre Hand, als wolle er ihr mit seiner bloßen Gegenwart die Furcht nehmen.

Nanali wagte kaum zu atmen. Ihr Herz schlug schneller. Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Sie konnte sich diesem Blick nicht entziehen. Doch je länger sie in seine Augen sah, desto klarer wurde ihr: Da war nichts. Keine Wärme, kein Funkeln, das ein Gefühl verraten hätte. Seine Augen waren kühl, sachlich, unerschütterlich – einzig auf das Ziel gerichtet, sie sicher hinüberzubringen.

Es kann nicht sein, dachte sie fieberhaft. Wir kennen uns erst seit gestern. Es ergibt keinen Sinn. Er… er empfindet nichts. Und doch spürte sie selbst dieses Flattern, diese aufkeimende Sehnsucht, die sie nicht bändigen konnte.

Seto hingegen nahm jede Nuance in ihrem Gesicht wahr. Ihre Blässe, die leichte Unsicherheit in den Bewegungen, der zarte Körper, der jederzeit ins Wanken geraten könnte. Sie wirkte zerbrechlich – zu zerbrechlich. Er durfte nicht zulassen, dass etwas geschah. Nicht jetzt, nicht hier. Sein Handeln war rein pragmatisch, von nüchterner Sorge getragen.

Und dennoch … er sah, wie ihre Wangen sich röteten, wie ihr Blick glasig wurde, wie sie diesen Moment intensiver empfand, als er es jemals beabsichtigt hatte. Ein unangenehmes Ziehen regte sich in ihm. Etwas, das er sofort abtat, tief hinunterschob, dorthin, wo es ihn nicht behelligen konnte.

Er war hier, um sie sicher ans andere Ende der Brücke zu bringen. Nicht mehr, nicht weniger.
 

Nanali trat zögerlich auf festen Boden, als ihre Hand aus Setos sinkender Hand glitt. Ein erleichtertes Gefühl des Aufatmens durchströmte sie, als sie wieder festen Untergrund unter ihren Füßen spürte. Sie hatte die Brücke überquert und obwohl es nur für einen kurzen Moment gewesen war, fühlte es sich an, als hätte sie eine bedeutende Hürde genommen.

Gleichzeitig konnte sie jedoch ein enttäuschtes Gefühl nicht leugnen, dass dieser besondere Moment nun zu Ende ging.

Ihm hat es nichts bedeutet., ermahnte sie sich selbst, bereit jedes noch so winzige aufkommende Gefühl zu erdrücken.
 

Aus der Entfernung betrachtete Nanali Seto und Mokuba, die sich angeregt unterhielten, während sie selbst still in ihrer Ecke verharrte. Sie spürte, wie sich in ihrem Herzen eine unsichtbare Ecke bildete, weit hinten, an einen Ort, den sie nur selten aufsuchte. In dieser Ecke bewahrte sie den Moment auf, den sie gerade mit Seto geteilt hatte.

Sie verschloss diese Ecke fest und beschloss, sie nur für sich selbst zu bewahren.

Es fühlte sich an wie etwas, das nie sein durfte.

Und so blieb es ein Geheimnis, eine düstere Sehnsucht, die sie still in sich trug, während sie weiterhin in die Ferne blickte und sich fragte, ob es jemals eine Zeit geben würde, in der diese Hoffnung ans Licht kommen könnte.

Während die Sonne tief über dem Bergkamm steht und sich dem Horizont nähert, wird die Szene am Mutterhügel ist in ein zartes Violett getaucht. Der Himmel ist mit sanften lila und violetten Tönen gemalt, die die Atmosphäre in eine magische Stimmung tauchen. Die letzten Strahlen der Sonne streifen den Bergkamm entlang, als würden sie den Schleier der Nacht wie eine Decke über ihr Gesicht ziehen.

Nanali, Mokuba und Seto stehen am Gipfel des Hügels und genießen den atemberaubenden Anblick. Ein einzelnes Glühwürmchen scheint ihnen geblieben zu sein, fast als würde es die Gruppe begleiten. Nur das Mokuba es nicht mehr wahrzunehmen schien. Auch wurde sein Licht immer weicher, bis es vor Setos Augen verschwand. Durch zusammengekniffene Augen versuchte er es zu fixieren, während es vor Nanalis Lächeln seine Glühkraft verlor. Fast als wäre es nicht mehr da. Aber etwas blieb. Vor Nanalis Augen legte sich ein vom Tag erschöpfter Erntewichtel in ihrer Tasche schlafen, nachdem sie die Essensboxen herausgenommen hatte.

Die Szene strahlt Ruhe und Schönheit aus, während die Natur ihr Abendkleid präsentiert. Es ist ein Moment der Magie und des Staunens, der die drei Freunde in seinen Bann zieht und sie daran erinnert, wie wunderbar die Welt um sie herum ist.

Nanali trat über die weite Wiese, deren Blüten im diffusen violetten Licht blau strahlten. Die zarten Blumen leuchteten fast wie Sterne auf der Erde und tauchten die Umgebung in ein märchenhaftes Glühen. Schließlich erreichte sie eine majestätische Zeder, deren dunkles, raues Holz im sanften Licht des Abendhimmels schimmerte.

Sie legte ihre Hand auf die raue Rinde der Zeder und spürte die Kraft und Ruhe, die von diesem jahrhundertealten Baum ausging. Ein Gefühl der Verbundenheit durchströmte sie, als ob sie eine tiefe Verbindung zur Natur und zur Welt um sie herum spürte. Nanali atmete tief ein und genoss diesen Moment der Stille und Einheit mit der Natur, bevor sie sich wieder dem Geschehen um das Zelt zuwandte.

Während Nanali dort stand und die Zeder berührte, schien es, als würde die Natur selbst mit ihr sprechen. Ein sanfter Wind strich über ihre Haut und die Blütenblätter wirbelten um sie herum, als ob sie sich in leisen Flüstern mit ihr verständigen wollten. In diesem Moment fühlte es sich an, als ob die Zeder und die Natur selbst versuchten, sie zu trösten und ihr Kraft zu geben.

Die Worte der Zeder waren nicht hörbar, aber sie spürte die Botschaft in ihrem Herzen. Es war ein Gefühl der Verbundenheit und des Trostes, dass sie in diesem Augenblick dringend gebraucht hatte. Die Natur schien ihr zu sagen, dass sie nicht allein war, dass sie Teil eines größeren Ganzen war, und dass sie die Kraft hatte, jede Herausforderung zu meistern.

Nanali lächelte, als sie sich von der Zeder löste und sich wieder dem Zeltaufbau zuwandte. In ihrem Inneren fühlte sie sich gestärkt und ermutigt, bereit für das Abenteuer, das vor ihnen lag.

Die Gedanken der Zeder waren voller Geheimnisse und Andeutungen. "Vielleicht, aber nur vielleicht..." Es war, als würde die Zeder ihr eine verheißungsvolle Botschaft überbringen, eine Ahnung von etwas Großem, das in der Zukunft auf sie wartete, etwas, das über ihr derzeitiges Schicksal hinausging.

Die Zeder flüsterte leise zu sich selbst und zur Natur, während Nanali sich mit Bedauern von ihr löste. Nanali konnte ihre Worte an diesem Abend nicht hören und die Zeder schien in ihrem eigenen Gespräch mit der Natur versunken zu sein. Es war, als würden die beiden miteinander kommunizieren, aber Nanali blieb ein stummer Beobachter dieser mystischen Verbindung.

Als Nanali sich von der Zeder abwandte, konnte sie das leise Weinen der Natur spüren. Die Blumen neigten ihre Köpfe und die Blätter der Bäume flüsterten traurig. Es war, als ob die Natur selbst um ihre Freundin trauerte. Als wäre Nanali für etwas Größeres und vielleicht sogar tragisches bestimmt.

Es war, als ob sie auf eine Reise geschickt wurde, deren Ausgang ungewiss war, aber von großer Bedeutung sein würde. Mit einem letzten Blick auf die Zeder und ein leises Versprechen in ihrem Herzen setzte sie ihren Weg fort, bereit, das Abenteuer anzunehmen, das vor ihr lag.

Mit einem letzten, liebevollen Blick auf die Zeder und einem Gefühl der Dankbarkeit für den Trost, den sie erhalten hatte, setzte Nanali ihren Weg fort.

Die drei Freunde saßen eng um das wärmende Feuer herum, das Seto mit geschickten Händen entzündet hatte. Das flackernde Feuer tauchte ihre Gesichter in ein sanftes, warmes Licht und ließ ihre Umgebung im Dunkeln verschwinden. Die Hitze des Feuers brach die kühle Herbstluft und schuf eine gemütliche Atmosphäre, die sie umarmte.

Die Sterne begannen am klaren Nachthimmel zu funkeln und der Mond schickte sein silbernes Licht herab. Die umliegenden Wälder und Berge erstreckten sich in die Dunkelheit und in der Ferne konnte man das leise Rauschen eines Baches hören.

Die Knistergeräusche des Feuers und das leise Zirpen der Grillen füllten die Stille zwischen den Freunden.

Mokuba sah Nanali über die Schulter, als sie ihre Bento Box öffnet. Seine Augen weiteten sich vor Begeisterung, als er die kunstvoll geformten Kirschblüten und die niedlichen Bienen sah, die auf den Reisklößen thronten. Mit einem begeisterten Lächeln betrachtete er die Details und konnte nicht aufhören, die Sorgfalt und Kreativität zu bewundern, die in diese Mahlzeit geflossen waren.

"Wow, Nanali, das sieht unglaublich aus!", rief Mokuba aus. "Die Kirschblüten und Bienen sind dir echt gut gelungen."

"Es hat Spaß gemacht, sie zu gestalten. Ich freue mich, dass sie dir gefallen."

Hastig öffnet er seine Bento Box. Doch inmitten seiner Begeisterung über das liebevolle Arrangement überkam ihn auch ein flüchtiger Gedanke. "Sie betrachtet mich als Kind", schoss es ihm durch den Kopf.

Nur flüchtig verzogen sich seine Mundwinkel zu einem kleinen Schmollmund. Es schien, als wäre er kurzzeitig überrascht oder enttäuscht über etwas. Doch dieser Ausdruck verschwand rasch und er lächelte wieder, um Nanali keine Enttäuschung zu zeigen.

Er wollte Nanali nicht enttäuschen oder Sorgen bereiten. Mit derselben Begeisterung, die er bei ihrem Bento hatte, stürzte er sich auf sein Essen. Es war eine Geste der Anerkennung für Nanalis Mühe und Kreativität und er wollte sicherstellen, dass sie sich über seine Reaktion freute.

Nanali die seinen flüchtigen Gesichtsausdruck bemerkte, wollte sich vergewissern, ob es ihm wirklich gefiel. Doch Mokuba lenkte sie aus dieser Situation, indem er sich an Seto wandte.

Hektisch fragte er, was Nanali ihm gemacht hätte und lehnte sich über sein Bento. „Was hast du bekommen, Aniki?“ Beim Anblick der bunten Onigiri brach er in herzhaftes Lachen aus.

"Nanali, was willst du denn damit ausdrücken?"

Finn, der eben noch ein friedliches Lächeln zeigte, als ob er von angenehmen Träumen erfüllt wäre, dessen winzigen Hände sanft gefaltet waren, verzog das Gesicht sich von der unerwarteten Lautstärke gestört. Er wühlte sich in Nanalis Rucksack hin und her und murmelte sich schlussendlich tief in den Rucksack hinein.

„Ich weiß nicht, was ihr meint!“, verteidigt sich Nanali und drehte sich von den beiden Kaiba Brüdern weg. Ihr Gesicht leuchtete im Lichtkegel des Feuers. „Ihr?“, hauchte Seto leise und besah sich die Onigiri.

Ein gelbes Onigiri stach hervor, dessen Algenblatt wie schwarze Haare aussahen und ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem der Anwesenden verlieh- Mokuba. Neben ihm befand sich ein pinkes und rundes Onigiri. Beide hatten fröhliche Smiley-Gesichter und versprühten sofort gute Laune. Ein blaues Onigiri mit einem grummeligen Gesicht saß daneben. Es war, als versuchten die anderen es vergebens aufzumuntern. Ein kleiner Zettel hing seitlich aus der Bento-Box und trug die einfache Aufforderung: "Smile."

Im flackernden Licht des Feuers konnte man einen kurzen Moment lang erkennen, wie Setos Mundwinkel sich leicht nach oben zogen, als er Nanalis kreatives Bento bemerkte. Doch bevor sich dieser flüchtige Ausdruck weiter entfalten konnte, rief Mokuba aufgeregt: "Jetzt hast du es verpasst!" Seto wandte seinen Blick ab.

„Der Mond ist echt schön-.“, stammelte Nanali leise.

Precision and Pressure – Even Small Can Matter

Precision and Pressure – Even Small Can Matter
 

23.September YYY1
 

Die Schmiede lag am Rande des Dorfes, nur wenige Meter von Clairs Farm. Ihr massiver Steinbau war von der Zeit gezeichnet – Moos und Efeu krochen über die grauen Mauern, und der Rauch, der aus dem Schornstein quoll, verriet die unaufhörliche Arbeit im Inneren. Hämmer donnerten auf Ambosse und ihr Klang rollte in wiederkehrenden Echos durch die Halle. Das Zischen des Metalls verfing sich in den Wänden und ließ ein dumpfes Raunen zurück, das die Luft schwer machte.“

Beim Betreten der Schmiede umfing einen sofort die Wärme des Feuers und der Geruch von geschmolzenem Metall und Holz. Das Licht war schummrig, durchbrochen von den flimmernden Reflexen der Flammen und dem Aufblitzen heller Funken, die in den Augen brannten.

Überall lagen Werkzeuge – Hämmer, Zangen, Feilen – ordentlich aufgereiht oder in Gebrauch.

An der Wand gegenüber dem Eingang standen Hochöfen, ein imposantes Gebilde aus Eisen und Ziegeln. Daneben zwei Glasöfen. Kleiner, aber nicht weniger beeindruckend, mit einem sanften, orangefarbenen Schimmer, der die Werkstatt in ein warmes Licht tauchte.

In der Mitte der Schmiede stand ein massiver Arbeitstisch. Auf diesem Tisch lagen Zeichnungen und Skizzen – Entwürfe für eine Saatgutmaschine, die effizienter arbeiten sollte als alle bisherigen Modelle.

Er hatte die Saatgutmaschine bereits in ihrer ersten Woche auf der Insel besichtigt. Das Modell stammte von der Jamie Ranch. Sie war defekt und wurde zur Reparatur in die Schmiede geliefert. Jamie hatte Seto direkt angesprochen, wenn er was von sich hielt, würde er sie reparieren können. Er arbeitete nun seit zwei Wochen daran. Ihre Funktionsweise war ihm klar. Er wusste, dass sie verbessert werden konnte. Die bisherige Methode – flach auf Blechen. Die Luft-Zirkulation im Inneren war unregelmäßig, an manchen Stellen stieg die Hitze schneller. Das führte zu ungleichmäßigem trocknen und damit zu Qualitätsverlust.

Seine Idee war einfach, aber präzise: ein Rotations-Trommeltrockner, inspiriert von modernen industriellen Anlagen, bei denen die Trommel kontinuierlich rotiert, die Samen sanft mischt und die erwärmte Umgebungsluft gleichmäßig verteilt. Die Wärme würde durch ein Wärmepumpensystem optimiert: Die Luftfeuchtigkeit würde entzogen und wieder zurückgeführt, ohne zusätzliche Energie zu verschwenden. Damit könnte die Maschine effizienter arbeiten und gleichzeitig die Qualität der Samen verbessern.

Doch das eigentliche Highlight seiner Idee war die akustische Überwachung: Statt nur die Temperatur zu messen, wollte er ein System einbauen, das den Klang der Samen analysiert. Feuchte Samen erzeugen dumpfe, tiefe Töne, trockene Samen helle, klare Töne. Über Mikrofone oder Schallwandler könnte er genau bestimmen, wann die Samen optimal getrocknet sind – eine Art „akustische Feuchtigkeitsmessung“.

Um alles zu steuern, plante Seto eine Bedieneinheit außen an der Maschine, die die Messwerte der Sensoren auswertete und gegebenenfalls die Luftzirkulation über die Trommel beeinflusste. So konnte er die Trocknung in Echtzeit überwachen und bei Bedarf manuell eingreifen.

Mit der Skizze vor sich begann er, die Leitbleche und Umlenkungen für die Luftstromführung zu planen. Jedes kleine Teil musste exakt sitzen, damit die warme Luft gleichmäßig Aufstieg und das Saatgut gleichmäßig erreichte. Die Bedieneinheit würde ihm nicht nur die aktuellen Temperaturen anzeigen, sondern auch die Möglichkeit geben, den Luftstrom gezielt zu regulieren – eine kleine, aber effiziente Verbesserung der alten Maschine.

Kaiba überprüfte noch einmal die Biegung der Halterung, justierte die Bohrlöcher, die das Mikrofon genau auf Höhe der Trommelöffnung bringen würden. Ein falscher Winkel, und die akustische Messung würde ungenau sein. Ein leiser Kratzer der Feile auf dem Metall, ein prüfender Blick – Präzision war alles. Er wusste, dass jede kleinste Veränderung den Unterschied ausmachte

Wenn Jamie sie nicht zurücknahm und auch sonst keiner, würde er die Schrottkosten sowie das Material selbst zahlen. Und er musste sie neben seiner Arbeit in der Schmiede fertigen. Da er nach Output bezahlt wurde, konnte er sich keine Fehler leisten. Im Moment hielten sie sein geringer Wochenlohn und Mokubas Aushilfsjobs über Wasser.

Der kleine Arbeitete auf der Geflügelfarm, wenn auch nur zeitweise und verkaufte die Sammelwaren aus seinen Ausflügen mit Nanali. Er hatte ein Jobangebot, dass Anna ihm vermittelte, dass er zeitweise annahm, wenn er freie Spitzen hatte - Regale einräumen. Er wusste ohnehin nicht, was er mit seiner Zeit anfangen sollte, wenn Seto stundenlang von früh bis spät in der Schmiede hockte.

Seto missfiel, dass sein kleiner 14 Jahre alter Bruder mehr zu ihrem Auskommen beitrug als er. Aber er konnte es ihm nicht verbieten und kannte auch keine Alternativen… Zu seiner Erleichterung schien es dem Wuschel nichts auszumachen. Er hatte Spaß an seinen Arbeiten und mochte die Leute, mit denen er arbeitete.

Leider ist durch ihren Zeitplan mittlerweile das gemeinsame Mittagsessen ausgefallen, wodurch Seto Mokuba nur noch abends vor dem zu Bett gehen zu Gesicht bekam. Und manchmal nicht mal das. Viel Unterschied im Vergleich zu früher, wo er Nächtelang in der Kaiba Corp. verbracht hat, war nicht mehr geblieben…

Er müsste schnell Grund fassen und seine Einnahmen verbessern, damit sich etwas änderte.

Die Sonne stand bereits hoch oben, als der schwere Kupfer-Klingelklang der Schmiedetür erklingt. Nanalis Herz schlägt leise und gleichmäßig. Ihre Augen leuchten im warmen Licht des Glutfegers. Schlagartig wird die geschäftige Werkstatt zur Bühne für ihren Auftritt.

Hitze schlägt ihr entgegen, der Geruch von Kohle, Öl und nassem Lehm. Funken stieben am linken Feuer, wo Tai einen Barren wendet; am rechten Tisch dreht Saibara eine glühende Glaskugel am Eisen, ruhig wie ein Uhrwerk. Zwei Meister, eine Werkstatt.

Nanali räuspert sich, stellt den Fuß über die Schwelle, hält trotzdem nicht an.

„Hallo. Ich bin Nanali—wie besprochen.“

Saibara hebt nur kurz den Blick, die Stange dreht sich weiter in seiner Hand. Ein knappes Nicken.

„Hab’ dich erwartet.“

Tai stellt den Barren ab, wischt die Finger an der Lederschürze. Keine schroffe Stirn, eher eine, die gerade rechnet.

„Bevor du loslegst: Hier ist’s laut, schwer und heiß. Der Stab zieht, das Glas reißt, das Metall beißt. Bist du sicher, dass du das willst?“

Die Worte sind nüchtern, fast vorsichtig.

„Bin ich“, sagt sie. Ihre Stimme ist fester, als sie sich fühlt.

Saibara lächelt schief.

„Wer was lernen will, lernt’s am besten mit den Händen. Wenn’s nicht deins ist, merkst du’s selbst. Wir lassen dich probieren.“

Am hinteren Amboss beugt sich ein Bursche vor, wirft einen Blick, den sie kennt, bevor sie ihn richtig gesehen hat. Einer ihrer früheren Klassenkameraden. Er atmet hörbar aus. Dieses genervte Seufzen, das früher schon alles kommentierte.

„Das kann ja nix werden“, murmelt er—nicht einmal laut, aber gerade so, dass es reicht.

Nanali fängt seinen Blick aus dem Augenwinkel und lässt ihn im selben Atemzug wieder fallen. Nicht heute.

Neben ihm zuckt ein zweiter Lehrling—jünger vielleicht, japanisch—mit den Schultern.

„Warum?“, fragt er leise, an niemand Bestimmten. „Sie will’s versuchen.“

Ein paar Schritte weiter erkennt sie Seto über etwas gebeugt, das in seinen Händen Form annimmt—eine Klinge? Ein Griff? Etwas im Zwischenstadium, glatt und sachlich. Er hört mit einem Ohr zu, als sei das Gespräch ein Radio im Nebenzimmer. Er sieht nicht her.

Verdammt. Nanali spürt, wie die Hitze unter der Haut einen zweiten Puls setzt. Was macht er hier? Sie richtet sich unwillkürlich auf, zieht die Schultern zurück, als könnte Haltung das Zittern in den Fingern überspielen.

Ohne Umschweife greift Saibara neben sich, zieht einen leeren Holzgriff hervor und hält ihn ihr hin.

Tai ergänzt, immer noch sachlich:

„Und wenn’s zu schwer wird, sag’s. Nicht aus Stolz den Arm ruinieren.“

„Schon gut“, sagt Nanali, legt die Hand an das Holz, spürt das Gewicht der Stange über den Handballen in den Rücken laufen. Sie zählt innerlich—eins, zwei, drei—und tritt in den Takt von Saibaras Drehung. Der Raum ordnet sich um das Schimmern, die Funken, den dumpfen Takt vom Amboss. Das Seufzen irgendwo hinten verliert an Schärfe.

Aus dem Augenwinkel wieder Seto—kein Blick, nur eine kaum hörbare Bewegung, Metall auf Holz. Vielleicht hat er doch zugehört. Vielleicht auch nicht.

Nanali konzentriert sich. Der Rand der Glaskugel will nach unten fließen, zäh wie Honig.

„So ist’s gut“, sagt Saibara ruhig. „Lass es dich führen.“

Nanalis Hände zittern kaum merklich, doch der Griff wird von Sekunde zu Sekunde vertrauter. Die Glaspfeife läuft schwer in ihren Handflächen, die Hitze schlägt ihr gegen das Gesicht, und sie beißt die Zähne zusammen, um im gleichen Takt wie Saibara zu drehen. Ein gleichmäßiger Rhythmus, so selbstverständlich, dass er ihr vorkommt wie ein Atem, den man erst lernen muss.

Saibara nickt kaum sichtbar.

„Gut. Jetzt merk dir das Gewicht.“

Tai tritt näher, verschränkt die Arme. Sein Blick hängt an ihren Handgelenken, ob sie standhält, ob sie das Eisen nicht aus der Bahn geraten lässt. Noch sagt er nichts.

Dann löst Saibara den Stab aus dem Ofen, holt eine kleine Portion Glas heraus. Das Material glüht wie Honig, zäh, leuchtend, schwer.

„Jetzt fassen wir’s zusammen. Dreh, ich führe.“

Das Eisen wandert in Nanalis Hände, schwerer jetzt, lebendig fast. Das Glas zieht nach unten, will fließen, und sie muss das Gewicht ausgleichen. Die Wärme strahlt durch den Griff, bis in ihre Unterarme. Ein kurzer Moment, in dem sie denkt, es entgleitet ihr – doch Saibaras Hand liegt noch am Ende der Stange, korrigiert kaum spürbar, lenkt, bis der Takt wieder stimmt.

„Atme“, murmelt er. „Im Takt.“

Tai neigt den Kopf. Sein Blick ist schärfer, prüfend, aber er schweigt.

Dann der nächste Schritt. Saibara setzt das Rohr an seine Lippen. „Schau hin.“ Ein kurzer, fester Atemstoß – das Glas wölbt sich minimal, ein glühender Bläschenansatz.

Er nimmt das Rohr von den Lippen, reicht es ihr. „Dein Zug.“

Nanali schluckt trocken. Die Hitze, das Gewicht, die Blicke von allen Seiten. Doch sie setzt die Lippen an, spürt das kühle Metall gegen den Mund. Tief einatmen. Ausatmen – aber diesmal nicht in die Welt, sondern hinein, in das Rohr, in das Glas.

Die Luft drückt gegen ihre Lunge zurück, ein Widerstand, als bliese sie gegen eine Wand. Es brennt in der Brust, die Wangen straffen sich, die Lippen pressen sich enger. Sekundenlang kämpft sie gegen das Gefühl, dass nichts geschieht. Dann – ganz leicht – gibt das Glas nach. Eine winzige Ausbuchtung wächst an der Kugel, kaum größer als ein Daumennagel, doch sichtbar.

Sie nimmt die Lippen ab, japst nach Luft. Die Brust pocht, als hätte sie einen Sprint gemacht. Schweiß brennt auf der Stirn.

„Ha“, macht Saibara, fast unmerklich. Ein kleines Geräusch, das klingt wie Anerkennung.

Tai blinzelt, die Stirn noch gefurcht, doch er sagt leise: „Sie spürt’s. Die meisten pusten sich wund, bis sie blau anlaufen, bevor was passiert. Aber sie hat’s gleich erwischt.“

Nanali starrt auf die kleine, unförmige Blase im Glas, die glimmt wie ein Herzschlag. Kein Schmuckstück, kein Behälter – aber ein Anfang, ein Beweis.

Sie wischt sich mit dem Ärmel über die Stirn, atmet scharf ein. „Noch mal“, sagt sie, fast trotzig, und setzt das Rohr wieder an.

Nanali spürte, wie das kleine Bläschen unter ihrem Atem zu wachsen begann. Es war noch wackelig, nicht perfekt rund, eine winzige Delle zog sich über die Oberfläche. Die Hälfte klar wie Kristall, die andere milchig und fast opak. Sie zog den Atem zurück, die Lippen von der Glaspfeife hebend, und sah das kleine, leuchtende Etwas schimmern.

Saibara beugte sich vor, legte einen kurzen Blick auf das Bläschen, dann griff er zu einer kleinen Zange. Ohne ein Wort zu verlieren, trennte er die Kugel mit einem leichten Schlag vom Rohr ab. Das Bläschen rollte nicht weit, glühte noch zart in seinem Licht, und Nanali spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Warum…?“ begann sie, doch Saibara hatte sich schon wieder zurückgezogen, nickte nur knapp in ihre Richtung und schritt zum Kühlofen. Die Kugel glitt vorsichtig hinein, das sanfte Glühen wich langsam der Kühle des Metalls. Nanali verstand nicht, warum er sie weglegte, aber sie sagte nichts.

Während Tai weiterhin neben ihr stand, das Blasrohr in der Hand, lehnte sich Nanali in die Konzentration, lernte das Gewicht, den Atem, den Takt. Saibara verschwand in einer Ecke der Werkstatt, und sie wusste nur, dass er beschäftigt war. Draußen hätte sie wahrscheinlich gewartet, aber hier, inmitten der Hitze und des Glühens, war jede Minute ein Moment des Lernens.

Nanali wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah auf die kleine Blase in ihrer Hand. Noch ein Versuch. Diesmal hielt sie das Rohr fester, spürte die Schwerkraft, den Widerstand des Glases, und Tai, der immer dicht danebenstand, korrigierte nur minimal ihre Haltung, ließ sie aber selbst atmen, selbst drehen.

Die ersten Versuche waren holprig. Mal zog sich das Glas zu dünn, mal wurde es zu dick und unregelmäßig. Eine Blase platzte bereits, bevor sie richtig rund war. Sie schaffte kleine, unförmige Tropfen, die eher wie halbfertige Skulpturen aussahen als Behälter, und jedes Mal spürte sie, wie das Rohr in den Handflächen schwerer oder leichter schien, je nachdem, wie geschickt sie den Atem lenkte.

Tai blieb die ganze Zeit bei ihr, hielt das Rohr am Ende fest, wenn sie sich zu weit hinauslehnte oder das Glas zu schwer wurde, so dass sie lernte, das Gewicht auszubalancieren, die Bewegung zu einem rhythmischen Atem zu machen. Jedes Mal, wenn sie dachte, die Blase würde ihr entgleiten, spürte sie die beruhigende Präsenz, den stillen Halt, und wagte es erneut.

Nach einer Weile konnte sie schon erkennen, wie sich das Glas unter ihrem Atem verhielt. Sie lernte, wie man das Material zwischen den Heißöfen kurz „entspannt“, wie man es erneut erwärmt, um weiterzuarbeiten, und wie man kleine Bläschen gezielt vergrößert oder glättet. Sie machte kleine, unförmige Mini-Kugeln, die eher wie Vorstufen von Behältern wirkten, halb dick, halb dünn, jede anders. Manche fast milchig, andere klar. Manchmal mit winzigen Dellen, manchmal leicht schief. Und doch trugen sie den Anfang von Form und Volumen in sich.

Stück für Stück merkte sie, dass all dies kein Zufall war. Jede unförmige Kugel, jede kleine Explosion, jedes Mal, wenn sie das Glas wieder einschmolz, um von vorn zu beginnen, brachte sie ihrem Ziel näher: einem echten Behälter, der irgendwann eigenständig stehen, halten und verschlossen werden konnte.

Ohne dass sie es wirklich bemerkte, blieb Tai. So wuchs ihre Sicherheit, ihr Rhythmus, ihre Fähigkeit, die Blasen zu führen, und jede unförmige Mini-Kugel wurde ein kleiner, leuchtender Schritt auf dem Weg zu dem ersten richtigen Behälter.

Erst Stunden später, als die Mittagszeit hereinbrach, trat Saibara leise an sie heran. In seiner Hand hielt er ein kleines Metallgestell. Fein gearbeitet, filigran verschlungene Drähte, ein perfekter Glasperlenkäfig, der an einer einfachen Kette hing. Darin lag die kleine, unregelmäßige Kugel, die sie anfangs nur mit staunendem Blick betrachtet hatte.

„Dein Anfang“, sagte er leise, ohne weitere Erklärung. „Heb es auf, damit du nie vergisst, wie alles begann.“

Nanali nahm den Käfig vorsichtig in die Hand. Die Glasperle darin wirkte wie ein Herzschlag. Unvollkommen, lebendig, und doch vollkommen in dem Moment, in dem sie geschaffen wurde.

„Vielen lieben Dank!“ platzte es aus ihr heraus, und sie drückte das kleine Schmuckstück fast ehrfürchtig an sich.

Gerade kamen Tim und Gray herein. Beide trugen schwere Rucksäcke, vollgepackt mit Werkzeugen und Rohstoffen, auf dem Weg von der Mine zurück. Sie stellten ihre Lasten ab, strafften die Schultern und gingen am Tisch vorbei, an dem die beiden anderen Lehrlinge gerade ihr Mittagessen genossen, und schlängelten sich zielsicher zu den Meistern, die um Nanali standen.

Gray war der Erste, der den Blick auf den Glasperlenkäfig warf. „Dein erstes Stück?“ fragte er, ein leicht anerkennender Unterton in der Stimme, überrascht über die kleine, leuchtende Kugel darin.

Tim nickte, die Augen leicht zusammengekniffen. „Heute erst angefangen? Die meisten schaffen den ganzen Tag nicht einmal eine kleine Blase.“

Saibara, wie immer ruhig, ließ nur ein Schmunzeln über seine Lippen huschen und ging weiter, ohne ein Wort zu verlieren.

Gray zog unwillkürlich die Schultern hoch. „Wenn mein Großvater schmunzelt…“, murmelte er, halb zu sich selbst, halb zu Tim, „…musst du wirklich begabt sein. Freut mich, dich hier zu haben.“

Die beiden Lehrlinge, die gerade noch ihr Mittagessen genossen hatten, warfen Nanali nun einen skeptischen Blick zu. Einer von ihnen verzog die Lippen leicht, als könnte er die unerwartete Aufmerksamkeit kaum fassen. Ein Hauch von Konkurrenz lag in der Luft, obwohl Nanali und sie in völlig verschiedenen Bereichen arbeiteten.

Seto jedoch beachtete die Szene kaum. Vertieft in seine Arbeit, die Hände geschäftig, Augen fokussiert, wirkte er wie in einer anderen Welt – unberührt von Lärm, Neid oder Lob.

Nanali spürte, wie ihr Herz noch immer ein bisschen schneller schlug. Die Freude in der Brust pulsierte. Ihr erstes eigenes Stück, festgehalten in diesem kleinen Glasperlenkäfig, war mehr als nur ein Anfang. Es war ein kleiner Beweis dafür, dass sie hierher gehörte und dass jeder Schritt, jede Stunde Übung, jede unförmige Mini-Kugel sie ein Stück weitergebracht hatte.

Seto saß gebeugt über der Mikrofonhalterung, die winzigen Schrauben in der Nähe der Trommel justierend. Seine langen Finger drückten gegen das Metall und rutschten immer wieder ab. Mit jedem misslungenen Versuch stieg sein Puls ein wenig, seine Atmung wurde kürzer, die Schultern spannten sich. Er atmete tief ein und ließ die Luft langsam, fast kontrolliert wieder entweichen – ein kräftiges, angestrengtes Ausatmen, das ihm half, die steigende Frustration unter Kontrolle zu halten.

Von hinten hörte er leise Schritte. Das kaum merkliche Scharren auf dem Holzfußboden.

Ein scharfer Stich von Reizbarkeit durchzuckte ihn. Gerade in solchen Momenten, wenn jede Handbewegung millimetergenau sitzen muss, wollte er keinen Besuch, keine Ablenkung, nicht einmal einen Atemzug neben sich. „Nicht jetzt…“, dachte er, die Augen auf die winzigen Schrauben fixiert, den Kopf leicht gesenkt. Sein ganzer Körper spannte sich an, eine fast greifbare Abwehrhaltung, die er instinktiv einnahm.

Nanali spürte die Luft der Anspannung, wie eine dicke Mauer, die er um sich zog. Etwas in der Art, wie Setos Schultern gespannt waren, wie seine Hände über den winzigen Bauteilen zitterten, ließ sie innehalten.

Sie konnte die Spannung förmlich fühlen – die Anspannung zwischen Frust und Konzentration.

Er sendete die Botschaft: „Komm nicht zu mir, lass mich in Ruhe.“ Nanali nahm die Botschaft auf, spürte sie in der eigenen Brust, und bewegte sich vorsichtig weiter, fast wie ein scheues Tier, das sich einem größeren, unberechenbaren Wesen nähert. Jeder Schritt war bedacht, leise, um keinen falschen Ton zu erzeugen.

Die Hände leicht erhoben, setzte sie einen Versuch an: „Willst du, dass ich dir helfe?“, begann sie vorsichtig.

Kaiba ließ ein frustriertes Schnauben hören, drehte den Kopf kaum, seine Augen funkelten vor Konzentration.

„Ich hab kleine Finger. Und bin gut im Auffädeln.“

Nach einem Moment der Überlegung griff er die kleinen Dichtungen, die er selbst kaum richtig greifen konnte, und schob sie wortlos zu ihr rüber. „Die müssen hier drauf.“

Nanali nickte, ihre kleinen Hände griffen blitzschnell die Gummiringe und schob sie präzise zwischen Mikrofonhalterung und Metallplatte. Sie fixierte sie, legte sie genau dort, wo die Feinarbeit nötig war. Seto beobachtete sie nur aus dem Augenwinkel. Das war schneller, als er angenommen hatte.

Nachdem sie die letzten Dichtungen eingesetzt hatte, lehnte sie sich leicht zurück und warf ihm einen seitlichen Blick zu. „Wenn ich noch helfen soll, sag Bescheid. Sonst gehe ich wieder, damit du ungestört schrauben kannst.“

Kaiba ließ die Feile einen Moment ruhen.

Der Schraubenschlüssel wirkte geradezu lächerlich groß im Vergleich zur winzigen Schraube. Und die Feile half ihm auch nicht weiter. Ein leises, kontrolliertes Ausatmen entwich ihm. „Kleine Finger werden hier nichts ausrichten.“
 

„Das wirst du nicht wissen, bis du es versuchst, oder?“
 

Seto hob nur eine Augenbraue. „Na gut, dann versuch‘s“
 

Nanali lächelte fast unmerklich, griff nach einem kleinen, dünnen Metallplättchen, das zufällig auf dem Tisch lag. Es war gerade breit genug, um in die feine Rille der Schraube zu passen. Mit den Fingerspitzen, präzise und sicher, setzte sie das Plättchen an und begann, die Schraube vorsichtig zu drehen.
 

Setos große Finger wären sofort abgerutscht, doch Nanali manövrierte das Mini-Werkzeug, als wäre es selbstverständlich.
 

„Siehst du?“, sagte sie leise, ohne den Blick von der Schraube zu lösen, „manchmal geht’s auch ohne den großen Schraubenschlüssel.“

Die Schraube saß schließlich fest, und Seto konnte nur einen kurzen Blick auf sie werfen, dann ein knappes Nicken. Ein kleiner Teil seiner angespannten Stirn glättete sich, während er die Präzision ihrer Hände betrachtete. „Effizient…“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu ihr.
 

„Plan. Do. Check. Act.“, murmelte sie fast beiläufig, während sie die Dichtung noch schnell einsetzte und die Schraube endgültig fixierte. Der Deming-Kreis war wichtiger Bestandteil von der japanischen Unternehmensphilosophie Kaizen. Und ausgerechnet sie musste ihn daran erinnern.

Seto verzog den Mund leicht – ein halb belustigtes, halb irritiertes Grinsen. Dass sie die Methodik kannte und so elegant auf seine Arbeit bezog, überraschte ihn.
 

Seine Augenbraue zog sich hoch, und er blinzelte einmal, fast unmerklich. „…Interessant“, sagte er knapp, mehr zu sich selbst als zu ihr.

Nanali zuckte nur mit den Schultern, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Seto musste innerlich zugeben, dass es ein ziemlich cleverer Kommentar war – und irgendwie hatte sie ihn erwischt.
 

„Danke.“, murmelte er. Ein Wort, dass er nicht oft benutzte. Aber doch, wenn es angemessen war.
 

„Vergiss nicht, was zu essen.“, erinnerte Nanali ihn beiläufig, bevor sie ihn mit sich alleine ließ.

Fruits of Labor- The Grape Kernel Chronicles

Fruits of Labor- The Grape Kernel Chronicles
 

Sa, 28.September YYY1
 

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als die Arbeit auf Claires Feld in vollem Gange war. Zwischen den Reihen von Gemüse und Kräutern zupften Claire und Nanali geduldig das Unkraut, während die Erde unter ihren Händen nachgab und den Duft von Sommer und Arbeit verströmte.
 

Von der Landstraße her näherte sich ein Wagen. Räder knarrten, Eisen quietschte, und das Pferd schnaubte, während die Ladefläche hoch bepackt war mit frischem Trester von den Obstplantagen. Ein herber, fruchtiger Geruch wehte herüber, noch bevor der Wagen hielt.
 

Claire richtete sich auf, die Hand über die Stirn gelegt. „Ah, da kommt der Trester für den Kompost,“ stellte sie fest.

„Trester?“ fragte Nanali neugierig und wischte sich die Erde von den Händen.

Claire nickte. „Die Reste von der Kelterei und den Obstplantagen – zerquetschte Schalen, Kerne, Stiele. Was von der Verarbeitung übrigbleibt. Wir lagern ihn und mischen ihn später unter den Kompost. Gibt eine gute Grundlage für fruchtbare Erde.“

Noch während sie sprach, wurde der herbe, fruchtige Geruch stärker und der Wagen hielt am Feldrand.

Nanali hob nun aufgeregt den Kopf. „Ist da auch Trester von der Kellerei dabei?“ fragte sie voller Erwartung, kaum dass der Lieferant vom Bock gesprungen war.
 

Der Mann, dessen Gesicht vom Wetter gegerbt und von einem breiten Lächeln gezeichnet war, lachte leise. „Zum größten Teil sogar. Die liefern reichlich in dieser Saison.“

„Und die Fässer?“ hakte Nanali nach, ihre Stimme vor Aufregung ein wenig höher als gewöhnlich. „Sind sie schon vermischt, oder sind sie noch getrennt?“

„Getrennt, wie immer,“ erklärte der Lieferant gelassen und wies auf die schweren Holzfässer. „Jeder Hof, jede Kellerei hat seine eigenen Fässer.“
 

Nanalis Augen leuchteten. Sie wandte sich an Claire, fast kindlich vor Freude. „Bitte, Clair. Überlass mir den Trester von der Kellerei.“
 

Claire trat näher an den Wagen und ließ den Blick über die Ladefläche schweifen. Die Fässer standen dicht an dicht, randvoll. „Diesmal war die Ernte besonders reich,“ stellte sie fest. „Vor allem die Kellerei hat große Mengen geschickt.“ Einen Moment überlegte sie, dann nickte sie. „Wenn du konkrete Pläne dafür hast, kannst du dir gern einen Teil davon sichern.“
 

Nanali klatschte begeistert in die Hände. „Abgemacht!“ rief sie, und noch ehe jemand reagieren konnte, kletterte sie mit dem Lieferanten auf die Ladefläche. Gemeinsam begannen sie, die schweren Fässer abzuladen.
 

Mit dumpfem Poltern rollten sie in Claires kühlen Lagerraum, wo der kräftige Duft von Trauben, Äpfeln und vergorenem Obst die Luft erfüllte.
 

Als der letzte Trester sicher verstaut war, klopfte der Lieferant sich die Hände ab. „Dann will ich mich mal wieder auf den Heimweg machen,“ sagte er und schwang sich auf seine Kutsche.
 

Kaum war er außer Sichtweite, begann Nanali das Niesen. Sie hatte es sich bis eben verkniffen, doch nun rann ihr die Nase. Sie rannte ins Haus und kam kurz darauf wieder heraus, ein Taschentuch an der Nase, und murmelte: „Verdammte Pferdeallergie!“
 

Claire, die noch im Lagerraum stand, trat einen Schritt näher. Sie musterte Nanali mit leicht gerunzelter Stirn und einem Hauch Sorge in den Augen. Dann ließ sie ein müdes Lächeln über ihr Gesicht huschen, das sie immer aufsetzte, wenn jemand ihr leidtat – sanft, verständnisvoll, ein bisschen mitleidig, aber nicht herablassend. „Immer noch so tapfer wie eh und je,“ murmelte sie leise, mehr zu sich selbst als zu Nanali.
 

Nanali wischte sich noch schnell die Nase und trat wieder ins Lager, wo die Fässer mit Trester auf sie warteten. Claire trat neben sie und klopfte leicht auf das erste Fass.
 

„Gut, Nanali. Dann sag an, was du machen willst.“

„Wir legen ihn auf die Ablage hier“, entgegnete Nanali und deutete auf eine Wanne, die sie in der Ecke stand. Clair benutzte sie zum Wäschewaschen.
 

Vorsichtig kippten sie das erste Fass und ließ den fruchtigen Trester hinein gleiten. Der herbe Geruch stieg ihr in die Nase.
 

„Jetzt gießen wir ein bisschen Wasser darüber.“, erklärte sie und sah zu wie die Kerne nach unten sanken, während das Fruchtfleisch oben schwamm.
 

„Ich schöpfe das Fruchtfleisch ab und gebe es auf den Kompost. Die Kerne sammeln wir auf und trocknen sie später.“
 

Claire stand daneben, nickte zufrieden und gab nur gelegentlich kurze Hinweise: „Nicht zu viel Wasser auf einmal, sonst wird alles matschig. Und die Kerne schön auseinanderziehen, damit nichts hängenbleibt.“
 

Mo., 30.September YYY1
 

Zwei Tage später waren Claire und Nanali endlich fertig. Acht Fässer Trester später – oder wie Nanali sie nannte: „die Apokalypse der Kerne“ – stapelten sich die Trockenkörbe mit den kleinen, harten Überresten.
 

Gerade saßen sie am Frühstückstisch, an dem Nanali sich streckte und resigniert seufzte

„Acht Fässer in zwei Tagen zu verarbeiten… das ist quasi ein Sportevent.“

Claire schmunzelte, die Hände in die Hüften gestützt. „Sport? Ich nenne es eher Folter. Aber hey, wir haben es überlebt. Das mach ich aber sicher nie wieder. Wenn du je wieder Traubenkerne separieren möchtest, lass dir von Seto was bauen.“, seufzte sie.
 

Nanali warf einen Blick auf die leeren Fässer und dann auf das Trockenmaterial. „Überlebt… ja. Aber meine Finger… fühlen sich an, als hätte ich sie in Traubensaft mariniert und vergessen. Für immer.“
 

Claire lachte leise. „Willkommen in der Welt der Landwirtschaft. Hier werden Helden nicht gefeiert – sie haben nur klebrige Hände und einen komischen Geruch an den Haaren.“
 

Nanali grinste schief. „Na toll. Nur Schweiß, Staub und Traubentrester.“
 

Nanali drehte sich um und blickte auf die Ablage voller trockener Kerne. „Apropo Seto, da hast du mich gerade auf eine Idee gebracht. Wie weit mag er wohl mit dem Trockner gekommen sein?“ murmelte sie leise.
 

Der Geruch von Kohle, Metall und geschmolzenem Eisen schlug ihr entgegen – vertraut, warm, beruhigend.

Seto saß an der Trommel des Saatguttrockners, gebeugt über den letzten Feinschliff. Funken vom Amboss tanzten auf dem Boden, während er die Mikrofonhalterung justierte. Nanali trat vorsichtig näher.
 

„Seto…“, begann sie leise, „der Trockner… ist er… fertig?“

Seto hob den Blick kaum merklich und in seiner Stimme lag ein Hauch von Stolz: „Fast. Nur noch die letzten Schrauben. Dann kann ich mit der Testreihe beginnen.“

Nanali ließ die Finger sanft über die Kante der Trommel gleiten und prüfte, wie stabil alles saß. „Apropos Testreihe… Ich könnte dir Saatgut bringen, dass du für deine Prüfungen brauchst. Ich organisiere Transport und alles selber, wenn du zwei Durchläufe mit Traubenkernen machst.“
 

Seto runzelte die Stirn, die Hände noch am Werkzeug. „Traubenkerne? Ich hatte an Standardproben gedacht – Getreide, Bohnen, Krautsamen.“
 

„No deal? Du würdest es mir ersparen, dass ich 2-3 Wochen warten muss, bevor ich mit dem Ölpressen beginnen kann.“
 

Seto ließ einen Finger über die Trommelkante gleiten, als würde er den Gewichtsunterschied spüren. „Größer, härter, dichter… und fetthaltiger. Das bedeutet: Sie reagieren langsamer auf die Wärme, geben anders auf die Luftzirkulation Rückmeldung. Akustisch wird die Messung nicht so eindeutig sein, wie bei den normalen Samen. Aber…“ Er hob die Schultern leicht. „Für Ölpressen musst du die Kerne nicht keimen lassen. Es geht nur ums Trocknen, nicht um die Keimfähigkeit. Also prinzipiell sollte der Trommelprozess funktionieren, solange du die Menge pro Durchlauf begrenzt und die Temperatur etwas anpasst.“
 

Seto dachte kurz nach. „Bevor wir überhaupt über Traubenkerne sprechen, muss ich die normalen Testreihen durchführen. Ich brauche die Funktionsweise genau dokumentiert – wie sich Feuchtigkeit, Luftzirkulation und Trommeldrehung bei den üblichen Samen verhalten. Nur so kann ich sicherstellen, dass der Trockner zuverlässig läuft.“
 

Nanali nickte langsam. „Welche Samen genau?“

„Getreide, Bohnen, Kräuter,“ erklärte er sachlich. „Jeweils in 50-Kilogramm-Portionen, möglichst unterschiedliche Sorten. Ich brauche zwischen 20 und 30 Durchläufe für die Kalibrierung, die Kontrolle der Messwerte und die Wiederholbarkeit genau einzuschätzen. Ein Durchlauf dauert bei normalem Saatgut etwa vier Stunden, inklusive Aufheizen, Rotation und Abkühlphase.“
 

Er deutete auf die Trommel. „Wenn du die Traubenkerne in die Testreihe einführen willst, dann erst, nachdem ich die Standardproben komplett durchgeführt habe. Also nicht vor Ende nächster Woche. Dann weiß ich genau, wie der Trockner arbeitet und kann die Parameter für die größeren, dichteren Kerne anpassen, ohne dass die Dokumentation verfälscht wird.“
 

Nanali überlegte kurz. „Also organisier ich dir alles Saatgut für deine Standardtests, du führst die Reihe durch, und dann darf ich die Traubenkerne in zwei Durchläufen einfügen?“
 

Seto nickte, sachlich.

Wenn sie mir die Arbeit abnimmt – Transport, Portionierung, Lagerung –, würde mir das viel Arbeit ersparen. Den Prototypen habe ich nur, weil er defekt war und Jamie ihn vor Mitte Oktober nicht brauchte. Jamie ist nicht der Typ, der Hightech-Spielereien will oder viel Rumexperimentieren würde. Sie nach den Samen zu fragen, würde ihm nur Diskussionen aufhalsen. Er hatte kaum Spielraum. Wenn ich mich jetzt um alles selbst kümmern müsste, wären die zwei Wochen ein Risiko. Kosten, Material, Zeit – alles auf meiner Rechnung.

Es war möglich ihn wieder in einen Ursprungszustand zurück zu bauen, sonst müsste er Jamie den Saatguttrockner auch noch erstatten. Aber all die Arbeitsstunden und Materialkosten wären für nichts gewesen.
 

Er ließ die Gedanken kurz schweifen, fast ein Abwägen, bevor er sich wieder der Trommel zuwandte.
 

Wenn ich sie helfen lasse, erspare ich mir Zeit und Ärger und sie liefert mir einen Testfall, der tatsächlich interessant ist. Traubenkerne. Nicht Standard, aber genau das, was meine akustische Überwachung testen könnte – dichter, größer, andere Konsistenz. Ein zusätzlicher Zweig, der meiner Maschine nützen könnte, langfristig. … Es wäre von Vorteil.
 

Nanali schluckte ihre kleine Enttäuschung hinunter, dass sie noch warten musste, bevor die Traubenkerne in den Trockner konnten. Gleichzeitig wusste sie, dass es sinnvoll war, Seto zu helfen. Sie konnte beobachten, wie die Maschine funktionierte, und prüfen, ob so ein Gerät für ihre eigenen Projekte interessant wäre. Außerdem gab ihr die Wartezeit die Gelegenheit, ihre Glasbläser-Fähigkeiten weiter auszubauen.
 

„Okay“, sagte sie schließlich und lächelte leicht, „ich kümmere mich um alles für deine Testreihe. Die Traubenkerne kommen dann als kleine Extra-Charge.“
 

Seto nickte knapp, kehrte aber sofort zu den Schrauben zurück. Sie nimmt mir Arbeit ab, ohne dass ich fragen muss. Jamie bleibt ungestört, die Dokumentation sauber, die Maschine unter Kontrolle. Und ich bekomme ein zusätzliches Experiment, das ich sonst nicht eingeplant hätte. Gut so., fasste er noch mal zusammen. Langsam wich der Stress einem Funken Erleichterung.
 

Er brauchte nur einen funktionierenden Prototyp, um Kundschaft und Aufträge zu generieren!
 

Zwei Wochen warten – das war nicht ideal. Aber vielleicht war es genau die Gelegenheit, die sie brauchte, um sich selbst weiterzubringen. Und vielleicht, dachte sie heimlich, war es auch genau das, was Seto gerade brauchte: die Unterstützung, die er nie offen einfordern würde, die aber alles ein bisschen leichter machte.
 

Fr, 11. Oktober YYY1
 

Die zwei Wochen vergingen wie im Flug – zumindest für Nanali. Sie hatte sich zu ihrer sonstigen Arbeit auf der Farm, in der Glaserei und dem Sammeln auf dem Berg nun auch um den Transport, die Portionierung und die Lagerung des Saatguts gekümmert, während Seto unermüdlich an seinem Trockner arbeitete. Jeden Tag waren Tests gelaufen: Getreide, Bohnen, Kräuter – jeder Standardfall wurde mehrfach durch die Trommel geschickt, aufgeheizt, gedreht, abgekühlt, dokumentiert.
 

Für Seto waren die Tage intensiver Konzentration eine Mischung aus Stress und Befriedigung. Er hatte zunächst jeden Standardfall mehrfach wiederholen müssen, um sicherzugehen, dass die Messwerte stabil und wiederholbar waren. Immer wieder drehte er Schrauben nach, justierte Lüftung und Trommelrotation, überprüfte die Temperaturkurven und machte kleine Anpassungen an der Luftzirkulation. Nach einigen Tagen fiel die Routine leichter, und der anfängliche Druck wich langsam einer gewissen Erleichterung – alles lief planmäßig, die Dokumentation war vollständig, die Protokolle sauber. Er wusste nun, dass er ausliefern können würde.
 

Am Donnerstag vor dem heutigen Freitag schließlich stand die Prüfung der Traubenkerne auf dem Plan. Seto musste dafür ein paar kleine Justierungen vornehmen: etwas höhere Temperaturen, langsamere Trommelrotation, um der größeren, dichteren und fetthaltigeren Konsistenz der Kerne gerecht zu werden. Außerdem führte er einen Standarddurchlauf erneut durch, um sicherzugehen, dass die Maschine für beide Anwendungsfälle zuverlässig funktionierte. Nanali half, die Portionen vorzubereiten und überwachte den Ablauf – alles klappte ohne größere Probleme.
 

Jetzt, am Freitag, war der zweite Durchlauf mit den Traubenkernen dran. Seto beobachtete konzentriert die Trommel, die Lüftung, die Feuchtigkeitsanzeige. Die Kerne bewegten sich wie geplant, die Messwerte stimmten, das Trocknen verlief gleichmäßig. Als er die Trommel anhielt und das Ergebnis prüfte, konnte er endlich durchatmen.
 

Beide Testfälle – Standard und Traubenkerne – waren abgeschlossen, die Maschine funktionierte einwandfrei. Ein spürbares Lächeln huschte über sein Gesicht, als die Anspannung der letzten Wochen von ihm abfiel.
 

Nanali trat neben ihn, die Augen gespannt auf das Ergebnis gerichtet. „Sieht gut aus“, murmelte sie zufrieden. Seto nickte, lehnte sich zurück und ließ sich einen Moment lang aufatmen. Nun war der Prototyp einsatzbereit.
 

Nanali wischte sorgfältig die Trommel des Saatguttrockners sauber, das Tuch quietschte leicht über das Metall, während Seto sie zwischen zwei Zeilen der Dokumentation aus dem Augenwinkel beobachtete. Die Sonne fiel durch das Fenster, und der Geruch von Metall und leichtem Öl lag in der Luft. Nanali knetete nach dem Putzen die Handballen – ein Reflex, die Hände ein wenig zu lockern.
 

Seto hob den Kopf und musterte sie einen Moment lang. „Schwielen an den Händen?“ fragte er. „Vom Glasblasen oder von der Arbeit auf der Farm?“
 

Nanali schüttelte den Kopf, ein leicht müdes Lächeln auf den Lippen. „Nee… das ist diese unendlich, unglaublich unhandlich blöde Kaltpresse“, erklärte sie. „Gestern habe ich den ganzen Tag die Traubenkerne gepresst, die wir getrocknet haben. Mein Handgelenk schreit geradezu danach, dass jemand ein bisschen Mitleid hat.“
 

Setos Augen weiteten sich plötzlich, ein untypischer Ausdruck für den sonst so kühl wirkenden Mann. Ohne ein Wort zu verlieren, trat er einen Schritt auf Nanali zu.
 

Ihr blieb keine Reaktionszeit, als Setos Hände sich bestimmt um ihre Handgelenke legten. Mit einem festen, aber nicht unangenehm fühlenden Griff, drehte er ihre Handflächen zu sich. Sein Blick fuhr über jede Rötung, jede kleine aufgerissene Stelle.
 

Nanalis Herz schlug einen Moment lang wild gegen ihre Rippen. Sie hatte niemals erwartet, dass Seto, so distanziert und sachlich wie er sonst war, ihr so nahe kommen würde. Dass er sie berühren würde. Dass er einfach auf eigene Initiative die Hände eines anderen Menschen halten würde – ihre Hände.
 

Ein prickelnder Schock durchfuhr sie, und für einen Moment vergaß sie sogar, zu atmen.
 

„Welche… unhandlich blöde Kaltpresse benutzt du denn?“ fragte er, die Stimme tiefer als gewöhnlich, die Besorgnis spürbar. Sein Blick haftete auf den wunden Stellen, auf den geröteten Handballen, auf die kleinen, teilweise aufgerissenen Hautpartien.
 

Nanali musste schlucken, spürte die Wärme seiner Hände, den festen, ruhigen Druck, der sie gleichzeitig beruhigte und aus der Fassung brachte.
 

Sie hob die Hand leicht, als wolle sie die Berührung zurückziehen – aber Seto hielt sie sanft, fast zwingend, sodass sie unwillkürlich noch näher rückte.
 

Sein sonst so kontrolliertes Gesicht verriet einen Hauch von Schock. Nanali spürte das leichte Zittern ihrer eigenen Finger, als der intensive Blick auf ihr lastete, gleichzeitig warm und durchdringend.
 

„Unglaublich…“, murmelte er schließlich. „Bring mir diese Kaltpresse. Bevor du auf die Idee kommst die heutigen 50kg Kerne auch so zu pressen. Wie willst du mit den Händen sonst deiner Arbeit nachgehen!“, es war mehr ein Vorwurf als eine Frage.
 

Nanali nickte stumm, noch immer von dem kurzen, unerwarteten, aber intensiven Moment überwältigt. Ein kleiner Funke von Wärme breitete sich in ihrer Brust aus, und ein zaghaftes, unwillkürliches Lächeln huschte über ihre Lippen.
 

Sie hatte nicht geglaubt, dass er selbst reagieren würde, dass er Initiative zeigen würde – und doch war er hier, direkt bei ihr, berührte sie, und zeigte echte Besorgnis.
 

„Bin schon unterwegs!“, antwortete sie und machte sich auf den Weg, die Handpresse zu holen.
 

Das wird Mokuba gar nicht passen. Er erzählt mir was, wenn er das mit kriegt. Da darf ich mir dann was anhören!, ärgerte sich Seto insgeheim. Wieso hatte er nicht früher darüber nachgedacht, wie sie diese Kerne pressen wollte. Es war nicht seine Aufgabe auf sie aufzupassen. Wieso konnte sie dass denn auch nicht selbst! Es würde ihn einen Sch*** interessieren, wenn Mokuba sie nicht so mögen würde… und sie so engagiert bei der Arbeit war… und mindestens genauso viel Arbeiten würde wie er… und nützlich war…
 

Seto erwischte sich dabei, viel zu lange und intensiv darüber nachgedacht zu haben, als es förderlich war, als in diesem Moment Jamie die Schmiede betrat.
 

Als Nanali zurückkehrte, hielt sie die Handpresse in der einen, die vorbereiteten Kerne in der anderen Hand – und bemerkte sofort, dass der Saatguttrockner verschwunden war. „Oh… schon ausgeliefert? Schon weg? Das ging jetzt aber schnell.“
 

Seto nickte, die Schultern leicht entspannt. In Gedanken ließ er die letzten Wochen Revue passieren: Reparatur an der alten Saatgutmaschine, die zahllosen Tests, Justierungen, Dokumentationen – und jetzt die Lieferung des Prototyps. Die Effizienzsteigerung, die sauberen Messergebnisse, die getrockneten Traubenkerne – all das hatte einen Wert. Nicht direkt auf Nachfrage, sondern als Grundlage, um künftige Kunden und Aufträge zu gewinnen.
 

Er rechnete leise nach. Gewinn im Wert von zwei Monatsgehältern. Zusätzlich zum Gehalt von letztem Monat. Damit hatte er eine solide Basis für zukünftige Prototypen, Experimente und Forschungsprojekte geschaffen. Jamie’s Zufriedenheit würde sich erst zeigen, wenn die Saatgutmaschine länger im Einsatz war – aber die Grundlage stimmte. Ein kleines Lächeln huschte über Setos Gesicht, und ein Funken Erleichterung breitete sich in ihm aus.
 

Dann besah er Nanali und streckte die Hand aus: „Zeig mir dieses unheilvolle Werkzeug!“, befahl er mit Blick auf das andere Tischende. Dort standen der erste geglückte 50ml Behälter und die erste 200ml Flasche mit Holzschraubverschluss.
 

Er hatte eine Schwäche für hart arbeitende Menschen.

Scales of Glass – Threads of Memory

Scales of Glass – Threads of Memory
 

Do., 24. Oktober YYY1

Nanali saß am Tisch. Der dünne Draht schimmerte matt im Licht der Lampe.

Eine Perle nach der anderen glitt auf das Metallstück – und jedes Mal war es ein kleiner Kampf. Der Draht war störrisch, zu dünn, um sich leicht führen zu lassen, und doch gerade dick genug, um sich gegen jede winzige Öse zu sträuben. Nanali hielt die Luft an, wenn sie das Ende hindurchzwingen wollte, und jedes Mal, wenn sie knapp danebenstieß, brannte die Geduld in ihren Fingerspitzen. Es war wie ein endloses Spiel mit einem Nadelöhr, das nie stillhielt.

Stunde um Stunde saß sie so, die Augen fest auf die durchsichtigen, bläulich schimmernden Perlen geheftet. Jede einzelne musste gezähmt, gebändigt, eingereiht werden. Es war eine Arbeit, die nur in absoluter Stille möglich war, mit einer Ruhe, die beinahe an Trance grenzte. Wer ungeduldig wurde, scheiterte – und Nanali wusste, dass die Gestalt, die unter ihren Händen entstand, keine Hast verzieh.

Und doch, je länger sie fädelte, desto klarer zeigte sich ein Muster. Linien, die nicht nur schön waren, sondern etwas Scharfes, Mächtiges andeuteten. Ein Wesen aus Glas und Draht, das sich Schuppe für Schuppe formte, als wäre es nur eingefroren und wartete auf den Augenblick, in dem es wieder zu Atem kommen würde.

Nanali hatte keine Anleitung, kein Bild, an dem sie sich hätte orientieren können. Alles musste aus dem Gedächtnis entstehen, und jedes Mal, wenn sich eine Reihe verdrehte oder eine Form zu unförmig wurde, blieb ihr nichts anderes übrig, als die Perlen wieder hinuntergleiten zu lassen. Es war ein ständiges Vor und Zurück, ein mühseliges Suchen nach der richtigen Spannung im Draht, nach dem Rhythmus, der sich nie ganz einstellen wollte.

Und während sie die winzigen Glasstücke neu aufreihte, stieß etwas an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Keine klare Erinnerung, kein Bild, das sie willkommen hieß – es war eher ein hartnäckiges Klopfen von innen, ein Schatten, der nicht stillstehen wollte. Sie versuchte, ihn wegzuschieben, sich ganz auf das störrische Drahtende und die winzigen Öffnungen der Perlen zu konzentrieren. Doch je stärker sie drängte, desto mehr drängte es zurück.

Ein Flackern, ein Fetzen: Wolle, Maschen, die ewig gleiche Bewegung von Stricknadeln. Das alte Muster, das sie längst vergessen wollte. Sie biss die Zähne zusammen, zwang die Perle durch die Öse, als könne sie das Bild damit zerschneiden. Aber die Erinnerung war wie eine Mücke, die im Dunkeln ums Ohr kreist – je heftiger man sie vertreiben will, desto näher summt sie.

„Nicht jetzt,“ dachte Nanali, als das Gefühl plötzlich schwer auf ihre Hände fiel. Der Frust nahm Gestalt an, legte sich wie ein Gewicht auf ihre Finger, als wolle er die Arbeit an sich reißen, das Glas und den Draht durcheinanderwirbeln. Es war, als ob die Vergangenheit nicht nur in ihrem Kopf spukte, sondern direkt mitmischen wollte – eine unsichtbare Kraft, die ihr die Kontrolle entreißen wollte.

Sie atmete scharf durch, zwang ihre Hände, still zu bleiben, Perle für Perle zu führen. Doch innerlich tobte der Kampf: ein Ringen darum, nicht alte Laster über ihre Gegenwart bestimmen zu lassen, nicht wieder dieselbe Spirale aus Hingabe und Schmerz zu betreten. Und je mehr sie sich wehrte, desto deutlicher wurde es: Diese Erinnerungen waren keine leisen Mahnungen. Es waren Warnungen, die schrien.

Drei Wochen voller Geduld, voller Hingabe, in der Hoffnung, etwas Weiches, Wärmendes zu schaffen. Und als sie es ihm übergab, hatte er nur gesagt, er fühle sich erdrückt. Wenig später hatte er die Beziehung mit einem Bild beendet, das sie bis heute verfolgte: Der Schal sei keine Umarmung, sondern eine Schlinge, die sich langsam um seinen Hals zog und zuzog, bis er keine Luft mehr bekam.

Es war ein Satz gewesen, der sie zerbrochen hatte. Jede Stunde an den Nadeln, jede Masche, jede Hoffnung war in diesem einen Moment erstickt. Und doch, während sie jetzt hier saß, die Perlen in die Fingerkuppen grabend, das störrische Drahtende durch winzige Öffnungen zwingend, fragte sie sich, ob sie wieder denselben Fehler machte.

Ob sie erneut all ihre Geduld, ihre Zeit, ihr Herzblut in etwas legte, das am Ende nicht Dankbarkeit, sondern Flucht hervorrufen würde. Vielleicht, dachte sie, war sie dazu verdammt: Dinge zu erschaffen, die mehr Last als Geschenk waren. Und trotzdem konnte sie die Finger nicht stillhalten.

Denn jede Perle, die sie auffädelte, brachte sie dem Bild, das in ihrem Inneren brannte, ein Stück näher. Auch wenn sie wusste, dass es gefährlich war.

Die Perlen waren nicht irgendein Fund aus einer Schachtel. Es waren winzige Tropfen aus geschmolzenem Glas, die Nanali selbst in der Hitze der Glaserei geformt hatte. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie den Atem anhielt, als das rotglühende Material an der Spitze der Pfeife tanzte, bis es durchsichtig wurde wie gefrorenes Wasser. Manche Stücke hatten ein fast unsichtbares Blau angenommen, so hell, dass sie im richtigen Winkel kaum von Eis zu unterscheiden waren.

Jetzt reihten sie sich auf dem Draht aneinander, wirkten wie Schuppen, die sich eng an eng legten, und formten etwas Kühles, Uraltes, das schon beim Entstehen einen Blick hatte – einen Blick, der so kalt war, dass er durch Mark und Bein ging. Nanali wusste, dass es kein Schmuckstück werden würde. Dieses Werk trug bereits einen eigenen Willen in sich.

Vielleicht hatte Nanali längst eine Verbindung zu dem, was da unter ihren Händen erwachte – eine Verbindung, die sie weder gewollt noch je erbeten hatte. Es fühlte sich an, als hätte sie schon immer mit diesem Blick gelebt, tief in ihren Träumen, in ihrem Innersten, ohne je die Worte dafür zu finden. Sie verstand nicht, warum sie es tat, warum sie ihm ausgerechnet dieses Symbol übergeben wollte. Doch irgendetwas darin war unabwendbar, als wäre es weniger ein Geschenk, sondern vielmehr ein Bekenntnis.

Und während ihre Finger weiterfädelten, kam es ihr vor, als erschüfe sie sich selbst.

Seitdem du den Käfig für mich geöffnet hast, ist meine Seele frei und auf der Suche nach dir, als wäre es der einzige Weg für mich,..,ging es ihr durch den Kopf, doch auch dieser Gedanke wurde verdrängt.

Wieso nur tat sie das? Er würde es nicht einmal brauchen… Es würde in einer Ecke verschwinden. Vielleicht warf er es weg, nachdem sie es übergeben hatte…

„Du bist schon wieder stumm wie ein Fisch“, sagte Claire von der Couch aus.

Nanali zuckte zusammen, lächelte gequält. „Ich… konzentriere mich nur.“

Claire lachte leise. „Auf Seto, oder?“

Nanali erstarrte, doch sie nickte nicht. Stattdessen drückte sie die Perlen fester aneinander. „Nur ein Geschenk. Für… irgendjemanden.“
 

Die Braschbar war an diesem Abend in warmes, gedämpftes Licht getaucht. Das Knistern von Gesprächen und das gedämpfte Klirren von Besteck mischten sich mit dem Duft von gebratenem Fisch und frisch gebackenem Brot. In einer der hinteren Nischen saßen Mokuba und Seto, zwei Teller vor sich, halb gegessen, halb vergessen.

Mokuba stochert mit der Gabel in seinem Essen, schaut immer wieder zu seinem Bruder hinüber. „Seto... morgen möchte ich unbedingt etwas mit dir machen.“ Seine Stimme klingt fast bittend, aber auch fest entschlossen. „Du gehst morgen unbedingt mit mir Mittag essen. Keine Ausreden!“
 

Seto hebt kaum merklich den Blick, die eisblaue Ruhe in seinen Augen bleibt unverändert. Dann legte er das Besteck beiseite, als müsse er für diese Diskussion beide Hände frei haben. Er seufzte leise, runzelte die Stirn, sein Blick wich kurz nach draußen ab, wo die Laternenlichter auf dem Asphalt flimmerten.
 

„Ich habe… vielleicht was vor.“

Er spricht nüchtern, fast mechanisch, als sei das schon längst entschieden.
 

Doch Mokuba lässt nicht locker.

„Ach komm schon!“ Mokuba verschränkte die Arme, ließ aber das Grinsen nicht weichen, das in seinen Augen fast mehr leuchtete als auf seinen Lippen. „Du kannst mir nicht absagen. Morgen ist wichtig.“

„Für dich vielleicht“, murmelte Seto und nahm einen Schluck Wasser, als wolle er sich dahinter verstecken. Geburtstage hatten für ihn schon lange an Bedeutung verloren. Es war wie ein leises Ticken der Uhr, das ihn daran erinnerte, wie schnell Zeit verging. Er sah keinen Grund, den Tag herauszuheben, und schon gar nicht, ihn zu feiern.
 

Mokuba lehnte sich etwas nach vorne. „Einmal im Jahr, Seto. Nur dieser Tag. Ich will nicht, dass du ihn einfach wie jeden anderen vergisst.“

Ein kaum wahrnehmbares Zucken geht über Setos Gesicht, eine Mischung aus Genervtheit und vielleicht auch einem Anflug von Wehmut. „Es ist nur ein Datum, Mokuba. Mehr nicht.“
 

Mokuba aber wusste, dass es anders war. Für ihn war der 25. Oktober kein gewöhnlicher Tag. Es war der Tag, an dem er seinem Bruder danken konnte, allein schon dafür, dass er da war. Und selbst wenn Seto es nie laut sagte – Mokuba war sich sicher, dass irgendwo tief unter der kühlen Fassade dieser Tag für ihn nicht ganz bedeutungslos blieb.
 

„Bitte, Seto.“ Mokubas Stimme wurde weicher, fast flehend. „Nur eine Stunde. Ich will einfach, dass wir den Tag zusammen verbringen. Du bist mein Bruder. Das ist mir wichtig.“
 

Einen Moment lang herrschte Stille zwischen ihnen, unterbrochen nur vom Murmeln der Gäste und dem Knarren der Holzdielen. Schließlich hob Seto langsam den Blick und begegnete Mokubas Augen.
 

Ein leises, kaum merkliches Lächeln zuckte über seine Lippen.

„Na gut“, gab er widerwillig nach. „Es ist ohnehin ein Freitag und ich hab Überstunden, die ich absetzen kann,…“
 

Mokuba lehnte sich zurück, grinste triumphierend und schob seinen Teller nun doch etwas näher zu sich. „Mehr brauche ich nicht.“

Und während Seto wieder zum Besteck griff, spürte er, dass dieser Kompromiss für Mokuba mehr bedeutete, als er selbst je zugeben würde.
 

Fr., 25. Oktober YYY1

Nanali stand am Brennofen in einem weißen Baumwollkleid, welches sie unter dem schwarzen Latzhosenrock verbarg, den sie wie eine Schürze trug. Die Hand vergraben tief in ihrer Rocktasche, in der sie das Perlentier festhielt.

Die Hitze des Ofens legte sich warm auf ihre Wangen, während ihr Blick unablässig zu Seto wanderte.

Er arbeitete konzentriert an einem glühenden Stück Metall – Nanali konnte es nicht genau erkennen. Er beugte sich darüber, die Stirn leicht gerunzelt, die Haare fielen ihm ins Gesicht, und jedes Mal, wenn er sie zurückstrich, fiel Nanali auf, wie sie starrte. Er hielt den Hammer fest, ließ ihn auf das Material niederprasseln, hob es wieder an, prüfte, wie es sich formte, fast mechanisch, und doch mit einer Präzision, die Nanali den Atem stocken ließ.

Sie wollte einen Schritt nach vorne machen, ihm das Perlentier geben, das Geschenk, das sie so lange vorbereitet hatte. Ihre Finger krallten sich um die Kette in der Tasche, als würde sie darin Mut sammeln. Sie suchte den richtigen Moment, als Seto sich leicht aufrichtete, einen Moment des Aufatmens zwischen den Schlägen, die Stirn etwas entspannt.

Vielleicht war jetzt der richtige Augenblick, dachte Nanali. Doch in genau diesem Moment trat ein Ausbilder an ihn heran und rief ihn zu einer Übung.

Nanali atmete leise aus. Das Perlentier in ihrer Tasche fühlte sich schwerer an als zuvor, als trüge es nicht nur Glas und Draht, sondern auch ihre Geduld. Sie konnte nur zuschauen, wie er sich entfernte, noch immer tief in seine Arbeit versunken.

Nanali spürte plötzlich, wie Blicke über ihren Rücken glitten. Aus den Augenwinkeln sah sie wie zwei Auszubildende, die in einer Ecke der Werkstatt standen, tuschelten. Sie warfen immer wieder verstohlene Blicke in ihre Richtung.

Nanali spürte das leichte Brennen auf ihren Wangen, aber sie ließ sich nichts anmerken. Die Perlen in ihrer Tasche schienen noch schwerer zu werden. Sie richtete ihren Blick auf das glühende Glas vor ihr.

Konzentrier dich!, ermahnte sie sich.

Die tuschelnden Stimmen verschwammen zu einem fernen Hintergrundrauschen. Hier, zwischen Feuer und Glas, gehörte nur ihre Arbeit – alles andere konnte warten.

Gegen Mittag bot sich Nanali ein ungewöhnliches Bild. Seto räumte gerade seine Sachen weg – ungewöhnlich früh für ihn, die Schmiede schon so früh zu verlassen.

Seto sah auf, als Mokuba die Schmiede betrat. Er seufzte leise. Er hatte ihn in der Vergangenheit zu oft versetzt. Da sollte es ihn nicht wundern. Es war der Beweis seiner Nachlässigkeit gegenüber Mokuba, dass er hier war.

Es war das erste Mal, dass er die Schmiede betrat. Neugierig wanderten seine Augen durch den Raum: die glühenden Brennöfen, die Werkbänke, die verstreuten Werkzeuge, und schließlich blieb sein Blick an Nanali hängen.

„Du hättest nicht kommen müssen.“, lenkte Seto die Aufmerksamkeit Mokubas auf sich.

Sein Gesicht hellte sich auf, als er bemerkte, dass Seto es geschafft hatte, den Mittag für ihn freizuschaufeln.

Nanali stand unbeweglich am Brennofen, ihr Blick fest auf das glühende Glas gerichtet, doch als ihre Augen Mokubas trafen, wollte sie sich schnell abwenden.

„Hey“, rief Mokuba freundlich und trat näher, „hast du nicht auch Lust auf Mittag?“

Der Versuch seines Bruders, die Situation aufzubauschen, ließ Setos Stirn leicht runzeln.

„Ich… nein, danke. Ich muss noch…“ Nanali zögerte, suchte nach einer glaubhaften Ausrede, während ihre Finger unruhig über das Glas strichen.

Seto ließ den Blick langsam über den Tisch gleiten. Statt der sonst so vielen sorgfältig gefertigten Flaschen, die man zu dieser Tageszeit erwarten konnte, standen nur halb so viele da.

Immer wieder wurde er durch das Klirren aus meiner Arbeit gerissen, weil Nanali verformtes Glas zerbrochen und erneut einschmelzen musste.

„Du bist heute schon den ganzen Tag so unproduktiv.“

Er deutete auf die verstreuten Glasscherben auf dem Boden. „Wenn du hier bleibst, tust du dir noch was.“

Nanali wich seinem Blick aus, spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie wollte etwas sagen, doch Setos ruhige, sachliche Stimme hielt sie in Schach.

Mokuba neigte den Kopf besorgt. „Geht es dir nicht gut? Schlecht geschlafen?“

Nanali spürte, wie ihre Haltung nachgab. Leise nickte sie. „Irgendwie schon.“, gab sie zu.

Eher gar nicht., dachte sie und legte die heutige Arbeit beiseite. Heute war genug.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte Seto sich zum Ausgang und wartete, dass sie ihm folgte. Mokuba hüpfte aufgeregt neben ihm her, das Gesicht voller Vorfreude auf den gemeinsamen Mittag.

Nanali atmete tief durch, griff nach dem Rand ihres Latzrocks. Sie nahm den Anhänger un verstaute ihn in ihrer Tasche, bevor sie den Latzrock an einen Hacken hängte. Dann schloss sie sich den beiden an. Für den Moment war alles andere vergessen: das zerbrochene Glas, die unvollendeten Perlen, die Hitze des Brennofens – nur der Weg aus der Schmiede hinaus, in den Mittag, zählte.

Die Brasch Bar war um diese Stunde immer voll besetzt. Gwen trat mit dem Bestellblock an den Tisch, doch diesmal richtete sie sich direkt an Mokuba.

„Übrigens, deine Bestellung vom Café Karlsen ist angekommen. Sie haben die Operatorte bestätigt, Lieferung für heute Abend. Wir richten dir hier eine exklusive Sitzecke her, mit frischer Aufdeckung – nur für euch.“

Mokuba strahlte. „Danke, Gwen.“

Gwen nickte zufrieden, machte eine kurze Notiz auf ihrem Block und fügte hinzu: „Die Sitzecke wird ab 19 Uhr für euch reserviert sein. Kerzen, frische Decken, alles so, wie du’s bestellt hast.“

„Großartig.“ Mokuba warf einen kurzen Blick zu Seto, der unbewegt sein Glas anhob.

Ein viel zu großer Aufriss für ein bisschen Kuchen.

Er nahm einen Schluck Wasser, als wolle er den Gedanken hinunterspülen, und ließ Mokubas Euphorie unkommentiert. Wieso musste sein Bruder sich nur so viel Mühe für ihn geben. Sollte er sein Geld doch für sinnvolleres ausgeben, wenn er schon arbeiten musste.

Es war sicher nicht Mokubas Ansinnen gewesen, dass Seto sich darüber schlecht fühlte. Aber Seto wusste schier nicht, was er fühlen sollte, und so fühlte er einfach gar nichts. Zumindest waren es Nanalis Schlussfolgerungen.

Ihr Blick huschte kurz zu Seto, der sich gerade die Serviette glattstrich, als habe er die Bemerkung gar nicht gehört.

Nanali legte die Hände um ihr Glas, als könnte sie sich daran festhalten. Ihr Blick blieb starr auf die schimmernde Wasseroberfläche gerichtet. Sie spürte Setos Nähe wie einen Schatten – und tat alles, um seine Augen nicht zu suchen.

„Du machst dir wirklich Mühe“, sagte Gwen, als sie das Tablett auf den Tisch stellte. „So viel Einsatz für einen Geburtstag sieht man nicht oft.“

Mokuba grinste nur. „Das ist es wert.“

Seto hob kaum merklich eine Augenbraue, sein Gesicht blieb jedoch unbewegt.

Nanali hörte das leise Schaben des Bestecks, fühlte das Gewicht der Worte, und versuchte, sich auf ihren Teller zu konzentrieren. Doch ihr Magen war eng, und jeder Bissen wollte schwerer werden, je länger sie dort saß.

Gwen unterhielt sich währenddessen mit Mokuba, fragte nach der Arbeit, lachte über eine Bemerkung. Und zwischendurch wandte sie sich auch an Seto, beinahe beiläufig:

„Schön, dich mal mittags hier zu sehen. Ich dachte schon, du gehörst zur Einrichtung der Schmiede.“

„Manchmal mache ich eine Ausnahme“, erwiderte Seto trocken, ohne den Blick heben zu müssen.

Nanali hielt die Luft an. Sie wusste nicht, ob sie dankbar oder beklommen darüber war, wie er sich nicht anmerken ließ, dass er längst bemerkt hatte, wie sie sich am Tisch verhielt – still, bemüht, unauffällig.

Mokuba aber war zufrieden. Für ihn war allein die Tatsache, dass Seto hier saß, dass er Zeit gab, ein kleiner Sieg.

Seto legte das Besteck beiseite, die Serviette ordentlich neben den Teller. „Ich habe nachmittags noch eine Verabredung. Ich sollte los.“

Mokuba stieß ein hörbares Seufzen aus und ließ den Kopf für einen Moment hängen. „Natürlich… immer was anderes.“ Doch dann richtete er sich wieder auf, sein Blick entschlossen. „Aber um 19 Uhr bist du hier. Keine Ausreden, Seto.“

Seto hielt dem Blick seines Bruders stand, die gewohnte Kühle in den Augen. Einen Augenblick lang wirkte es, als wolle er widersprechen – dann nickte er knapp. „Um 19 Uhr.“

„Gut.“ Mokuba versuchte ein Grinsen, doch es klang eher wie eine Mahnung, als er hinzufügte: „Vergiss nicht, das ist mir wichtig.“

Seto nahm den Mantel über die Lehne, zog ihn in einer geübten Bewegung über die Schultern und wandte sich zum Gehen. Nanali senkte den Blick, als sein Schatten kurz über sie fiel, und hörte, wie die Tür hinter ihm zufiel.

Mokuba blies die Luft aus. „Manchmal frage ich mich, ob er noch weiß, dass es noch was anderes gibt, als Arbeit.“

Er machte einen Schmollmund. Einen Moment noch starrte er zur Tür, dann wandte er sich an Nanali. Sein Gesicht hellte sich wieder ein wenig auf, bemüht, die Stimmung nicht hängen zu lassen.

„Und du, Nanali? Hast du noch was vor heute Nachmittag?“

Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern, die Finger um ihr Glas gelegt. „Ich… hatte überlegt, vielleicht in die Bibliothek zu gehen.“

„Bibliothek?“ Mokuba legte den Kopf leicht schief, neugierig. „Schon wieder ein neues Projekt?“

Nanali lächelte schwach. „Eher ein altes. Ich wollte ein paar Sachen nachschlagen…“ Sie wich seinem Blick aus, als wäre die Erklärung zu vage, aber mehr wollte sie nicht preisgeben.

Mokuba nickte verständnisvoll, trommelte mit den Fingern leicht auf die Tischkante. „Klingt gut. Kann ich mir mit dir die Zeit totschlagen?“

„Sicher. Wenn du magst… aber langweilig wird es bestimmt. Ich sitze meistens stundenlang zwischen den Regalen.“

Mokuba grinste und zuckte mit den Schultern. „Na und? Ich kann mir auch ein Buch schnappen. Oder dich nerven, bis du mich rauswirfst. Ist ja nicht das erste Mal.“

Nanali nickte, während sie den schmalen Wasserrand im Glas mit dem Finger nachfuhr.

Between Dust and Light - A World in Pages

Between Dust and Light - A World in Pages
 

Fr., 25. Oktober YXX1

Die Bibliothek lag im Halbdunkel, die Sonne fiel nur gedämpft durch die hohen Fenster und ließ Staubkörnchen wie winzige, schwebende Insekten tanzen. Zwischen den schmalen Gängen war es still, nur das leise Rascheln von Papier und das entfernte Klicken einer Uhr an der Wand unterbrach die Ruhe.

Die alte Holzleiter knarrte leise, als Mokuba eine Sprosse nach der anderen erklomm. Er stellte sich halb seitlich hin, balancierte locker mit einem Fuß auf der unteren Stufe und dem anderen etwas höher, so dass er bequem an die oberen Regale reichen konnte. Mit einer Hand hielt er sich nur lose am seitlichen Rahmen fest.

Er ließ den Blick die Regale entlangwandern, ohne wirklich nach etwas Bestimmtem zu suchen. Schließlich streckte er eine Hand aus und zog ein Buch hervor, irgendeines, dessen Rücken von einer dicken Staubschicht überzogen war. Schon beim Herausziehen rieselten graue Körnchen von der Kante, und als er den Band ganz aus der Reihe löste, wirbelte eine kleine Wolke auf.

Der Staub hing kurz in der Luft, als hätte jemand Rauch in den stillen Raum geblasen. Mokuba verzog das Gesicht, blinzelte heftig – dann musste er erst husten, ein trockenes, kratziges Husten, das er kaum unterdrücken konnte. Und ehe er sich versah, kitzelte es in seiner Nase, und ein lautes Niesen hallte zwischen den Regalen wider.

Verlegen hielt er sich die Hand vor den Mund, das Buch noch immer in der anderen Hand, und warf einen schnellen Blick nach unten, ob jemand ihn gehört hatte. Nanali aber schien so vertieft in ihre Suche, dass sie nur kurz den Kopf hob, bevor sie sich wieder ihren Notizen zuwandte.

Der Computer surrte leise, ein dünnes, unruhiges Brummen, das von Zeit zu Zeit von einem dumpfen Rattern der Festplatte unterbrochen wurde. Der Bildschirm flackerte in einem fahlen Grau, die Schrift darauf kantig und unsauber, als wäre sie aus winzigen Blöcken zusammengesetzt.

Nanali saß dicht davor, die Schultern leicht nach vorne gerollt, als wolle sie das Bild mit ihrer Nähe klarer machen. Ihre Finger bewegten sich langsam über die großen, abgewetzten Tasten. Jeder Anschlag war schwerfällig, ein sattes „Klack“, das in der stillen Bibliothek lauter wirkte, als es sollte. Ab und zu verhakte sich eine Taste, und sie musste sie mit einem zweiten, festen Druck ganz herunterdrücken, damit der Buchstabe erschien.

Die Maus daneben lag träge wie ein Stein. Wenn Nanali sie bewegte, zögerte der Cursor einen Herzschlag lang, bevor er den Befehl nachvollzog. Sie biss sich leicht auf die Unterlippe, während sie die kleine Kugel unter der Maus unbewusst mit der Handfläche vor- und zurückschob, um sie wieder gängig zu machen.

Auf dem flimmernden Bildschirm erschienen schließlich die Einträge der Bibliothek – Titel, die in nüchternen Listen aufgereiht waren. Nanali beugte sich noch näher, zog den kleinen Notizzettel hervor und begann, mit ihrer krakeligen Schrift einzelne Namen aufzuschreiben. Ihr Stift kratzte leise über das Papier, während sie zwischendurch mit einer Handfläche die Stirn abstützte, als brauche sie die zusätzliche Ruhe, um konzentriert zu bleiben.

Immer wieder hielt sie inne, las die Titel noch einmal, verglich Nummern, schrieb gewissenhaft weiter. Es war kein hastiges Notieren, eher eine stille Hingabe, als würde sie für jeden Eintrag einen Moment verweilen, ihn prüfen, bevor er in die kleine Liste aufgenommen wurde.

Einmal schien die Maschine fast einzufrieren – der Bildschirm blieb starr, das kleine Symbol drehte sich endlos. Nanali wartete, atmete langsam durch, trommelte leicht mit dem Stift auf den Tisch. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, bis das Bild sich endlich erneuerte und die nächste Reihe an Büchern erschien.

Als sie den letzten Titel notiert hatte, legte sie den Stift sorgsam beiseite. Für einen Moment hielt sie den Zettel in der Hand, betrachtete die krummen Buchstaben, als sei es ein Schatzstück, und schob ihn dann in die Tasche ihres Kleides. Erst dann stand sie auf, strich sich das Haar aus dem Gesicht und wandte sich den Regalen zu.

Mokuba hatte sich auf der Leiter niedergelassen, die an das massive Regal geschoben war. Er hielt ein in Leder gebundenes Buch aufgeschlagen vor sich, die Seiten graubraun vom Alter. Doch die Worte verschwammen vor seinen Augen – er las nicht. Eigentlich tat er nur so. Von seinem Platz konnte er Nanali gut beobachten, unauffällig, aus dem Augenwinkel.

Sie bewegte sich langsam zwischen den Regalen, als folge sie einer unsichtbaren Spur. In der Hand hielt sie den kleinen Zettel mit den krakelig notierten Titeln, die sie zuvor am Computer herausgesucht hatte. Mokuba hatte gesehen, wie sie sich minutenlang durch das störrische Gerät gekämpft hatte – die flimmernde Röhre, die schwerfällige Maus, die klappernden Tasten. Alles wirkte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Nanali war ganz versunken darin gewesen, als müsse sie mit jeder Eingabe gegen eine unsichtbare Mauer ankämpfen.

Jetzt tastete sie mit dem Blick die schmalen Blechschildchen an den Regalen ab, verglich die Buchstaben mit den Zeilen auf ihrem Zettel. Ihre Finger strichen ab und zu über die rauen Buchrücken.

Von oben konnte Mokuba sehen, wie ernst sie wirkte, fast angespannt, als hinge von jedem Band etwas ab, das er nicht verstand. Er schob das alte Buch auf seinem Schoß etwas höher, tat so, als läse er, und beobachtete, wie sie sich ein Stückchen tiefer in die Gänge hineinwagte.

Mit den vier ausgewählten Büchern im Arm ging Nanali tiefer in die Gänge hinein, dorthin, wo kaum jemand störte. Der Teppich unter ihren Schritten dämpfte jedes Geräusch, und nur das Rascheln der Seiten verriet, dass irgendwo in der Ferne noch andere Leser saßen.

Zwischen zwei hohen Regalen ließ sie sich auf den Boden nieder, setzte sich in den Schatten der mächtigen Holzrücken. Sie schlug die Beine an und bettete eines der Bücher auf ihre angewinkelten Knie. Die anderen legte sie ordentlich neben sich, als warteten sie auf ihren Einsatz.

Mit geduldigen Fingern blätterte sie die vergilbten Seiten durch, bis sie an der Stelle angelangt war, die sie gesucht hatte. Ihre Augen huschten über die Zeilen, blieben hängen, lasen noch einmal, prüfend. Dann griff sie in ihre Umhängetasche und zog ein dickes, in Leder gebundenes Buch hervor. Das Cover war schlicht, aber die Seiten darin strahlten unberührte Helligkeit aus, bereit, gefüllt zu werden.

Sie öffnete es, legte den Stift bereit und begann, Wort für Wort die Passage zu übertragen. Jeder Buchstabe war sorgfältig gesetzt, als wolle sie nicht nur den Inhalt, sondern auch die Ruhe des Moments bewahren.

Immer wieder hob sie den Blick, verglich gewissenhaft, ob sie auch keine Zeile übersprang, bevor sie weiterschrieb.

Um sie herum stand die Welt still. Nur das hohe Regal zu ihrer Linken, das Regal zu ihrer Rechten und der schmale Korridor, in dem sie saß – als wäre dies für den Moment ihr ganzes Universum.

Während Nanali die Worte Zeile für Zeile in ihr Blankobuch übertrug, schob sich eine alte Vertrautheit in ihr Herz. Diese Gänge, der Geruch nach Papier und Staub, das gedämpfte Licht – all das war ihr jahrelang ein Zufluchtsort gewesen.

Sie erinnerte sich daran, wie sie nach der Schule in die Bibliothek ging, Tag für Tag, mit der Tasche über der Schulter und der festen Absicht, nicht heimzugehen. Sie verbrachte die Nachmittage zwischen den Regalen, blätterte wahllos in Geschichtsbänden, verschlang Romane, verharrte in Enzyklopädien, bis die Lampen über ihr zu flackern begannen und der Hausmeister den Schlüssel ins Schloss drehte. Erst wenn nichts mehr übrigblieb, stieg sie in den letzten Bus – müde, aber erleichtert, jede Stunde hinausgezögert zu haben.

Zu Hause wartete nichts Gutes. Dort schwärzte ihre Mutter mit dicker Tinte die Seiten der Bücher ihrer Schwestern, wenn sie glaubte, „Unkeusches“ darin entdeckt zu haben. Sie bestand darauf, dass die Mädchen lange Röcke trugen, die Haare zu Zöpfen geflochten – als sei jeder offene Strähnenflug schon ein Makel. Nanali hatte sich in dieser Welt nie wiedergefunden.

Dieser Starrsinn war nicht immer da gewesen. Erst mit dem neuen Mann an der Seite ihrer Mutter hatte er begonnen. Plötzlich war alles, was bisher normal schien, „falsch“, „sündig“, „gefährlich für die Seele“. Ein Leben, das sie gekannt hatte, wurde umgeschrieben, als hätte man es unter ein kaltes, fremdes Gesetz gezwungen.

Nanali sah noch das selbstzufriedene Lächeln dieses Mannes, das falsche Leuchten in den Augen. Ein Wolf im Schafspelz – so empfand sie ihn. Ein Mensch, der seine Macht nicht durch Güte, sondern durch Drohung ausübte, und das im Namen eines Gottes, an den er selbst nie glaubte. Er war ein Heuchler, der hinter jedem Verbot seine eigene Gier versteckte.

Ihre Mutter hatte das nicht gesehen. Oder wollte es nicht sehen. Sie redete von Tugend und Gehorsam, während sie selbst blind der Stimme eines Mannes folgte, der nur nahm.

Nanali dagegen hatte ihm nie geglaubt. Weder an seine Worte noch an die frommen Fassaden, die sie zu Hause umgaben. Wenn es so etwas wie einen Gott gab, dann wohnte er nicht in diesen vier Wänden, nicht in den geschwärzten Büchern, nicht in den Röcken und Zöpfen.

Vielleicht, dachte sie, hatte sie deshalb so viel lernen können. Weil sie jeden Abend so lange dortgeblieben war, bis nichts mehr übrigblieb, außer Wissen, Worte und Stille. Und weil sie zu Hause keine Sekunde länger bleiben wollte als nötig.

Nanali hielt den Stift über das Papier geneigt, als sie sich ein wenig weiter nach vorn beugte. Das Buch auf ihren Knien rückte näher an ihr Gesicht, und in dieser Haltung kam sie ihren eigenen Achseln so nahe, dass sie unweigerlich den Geruch wahrnahm.

Er traf sie unvermittelt. Der scharfe Ton von getrocknetem Schweiß, überlagert von der rußigen Schwere der Schmiede, die sich am Vormittag in ihre Kleidung gefressen hatte. Unter all dem hing noch der säuerlich-warme Rest von Rauch, den sie selbst kaum mehr bemerkt hatte, so sehr gehörte er inzwischen zu ihrem Alltag.

Doch jetzt, in der stillen, staubigen Luft der Bibliothek, drängte er sich ihr ungeschminkt auf.

Ein brennender Stich fuhr ihr in die Augen. Tränen stiegen auf – nicht vom Gestank, sondern vor Scham. Scheiße. Sie hatte so eben neben Mokuba und Seto gesessen, hatte mit ihnen gegessen, geredet, und keiner hatte etwas gesagt. Vielleicht hatten sie es bemerkt. Vielleicht hatten sie es nicht bemerkt und nur höflich geschwiegen.

Normalerweise wäre sie nach der Schmiede nach Hause gegangen, hätte geduscht, den Rauch, den Schweiß, all das abgewaschen, bevor sie sich hierher wagte. Doch Mokubas spontane Einladung hatte sie überrumpelt, und sie war mitgegangen, ohne nachzudenken.

Jetzt kroch ihr der Gedanke in jede Ritze, nagte an ihr, machte ihre Finger zittrig, während sie weiter über das Papier schrieb. Jede Zeile verschwamm, weil sie sich nur noch vorstellen konnte, wie der Geruch sie verraten hatte.

Mit einem dumpfen Seufzer legte Nanali das offene Buch behutsam auf den Boden und räumte ihre Unterlagen vom Schoß. Das Leder ihres Blankobuchs strich sie glatt, als wollte sie es für einen Moment entschuldigen, dass sie es allein ließ. Dann sammelte sie alles mit geübten Griffen auf, presste es an sich und erhob sich.

Ihre Schritte hallten kaum, als sie den Gang hinabging, hinaus aus der Reihe und in Richtung der kleinen Toiletten im hinteren Teil der Bibliothek. Dort war es kühl, die Fliesen alt und leicht gesprungen, der Spiegel über dem Waschbecken stumpf vor Schlieren.

Nanali stellte ihre Tasche ab, öffnete den Reißverschluss und zog hastig die Wechselwäsche heraus – eine Gewohnheit, die sie sich längst angeeignet hatte. Zuerst beugte sie sich über das Waschbecken, ließ kaltes Wasser in ihre Hände laufen und presste es gegen Gesicht und Achseln. Tropfen liefen an ihrem Hals hinab, dunkelten den Stoff ihres alten Oberteils. Mit einem zerknitterten Taschentuch aus ihrer Tasche trocknete sie die Haut notdürftig, strich Schweiß und Geruch fort, so gut es ging.

Dann streifte sie die getragene Kleidung ab und zog sich um. Zuerst die schwarze Strumpfhose, die sie straff über ihre Beine zog. Dann den karierten Rock, ein Stück, das sie aus einem herrenlosen Baumwollhemd genäht hatte, das sie in einer Sammelbox gefunden hatte. Zuletzt den schwarzen Pullover, schlicht, weich, schützend wie eine zweite Haut.

Als sie sich vorbeugte, um den Saum des Pullovers zurechtzuzupfen, rutschte etwas Kleines aus ihrer Tasche und klirrte leise auf den Boden. Nanali hielt inne. Auf den kalten Fliesen lag ihr Perlentier.

Als sei es ein Wesen, das sich selbst in Erinnerung brachte. Dann bückte sie sich, hob es vorsichtig auf und hielt es in der Handfläche, als müsse sie prüfen, ob es noch ganz war.

Langsam steckte sie es zurück in die Tasche, atmete tief durch und blickte in den stumpfen Spiegel.

Sie beugte sich noch einmal zum Spiegel und hob vorsichtig einen Arm. Ihr Gesicht verzog sich, als sie prüfend roch. Sauberer als zuvor, aber der Nachhall des Vormittags hing immer noch an ihr.

Mit einem leisen Schnauben griff sie in ihrer Tasche nach einem kleinen Fläschchen. Der Verschluss war ein einfacher Korken, den sie sorgfältig umwickelt hatte, damit nichts auslief.

Es war kein Parfüm im klassischen Sinn. Nanali hatte das Mittel selbst angesetzt: die herbe Würze von Fichtenharz vermischte sich mit der spritzigen Leichtigkeit von Zitronengras.

Sie zog den Korken, betupfte die Fingerspitzen mit der Flüssigkeit und strich sie sanft unter ihre Arme, über die Schlüsselbeine, sogar ein wenig an die Handgelenke. Ein frischer Duft stieg auf. Es war nicht aufdringlich, eher belebend, reinigend, wie ein Windhauch, der Rauch und Schweiß forttrug.

Noch einmal hob sie den Arm, prüfte den Duft, ließ ihn an ihrer Nase vorbeiziehen. Zufrieden nickte sie – das Mittel wirkte. Sie steckte das kleine Fläschchen wieder zurück in die Tasche, tief zwischen das Leder ihres Blankobuchs und den Stoff des Ersatzrocks.

Dann richtete sie sich auf, strich den Pullover glatt und atmete tief durch. Für einen Moment fühlte sie sich wieder so, als könne sie sich zeigen – frisch, sauber, bereit, zurück zu den Regalen zu gehen, ohne dass die Erinnerung an den Vormittag sie überwältigte.

Mokuba schob das alte, ledergebundene Buch vorsichtig zurück in das Regal, hörte das leise Klacken, als es auf den Platz zurückglitt. Die Leiter knarrte unter seinem Gewicht, als er hinabstieg, Schritt für Schritt, bis seine Füße den Teppich im Gang berührten. Langsam machte er sich auf den Weg zu Nanalis Sachen. Die ordentlich gestapelten Bücher lagen unbeaufsichtigt im Gang.

Dort, ein Stück weiter, stand ein junger Mann, der sich zwischen den Regalen bewegte. Sein Blick wanderte suchend über die Buchrücken, die Finger glitten über die rauen Kanten. Doch kurz blieb er hängen, genau auf Nanalis Lederbuch. Seine Augen verengten sich für einen Moment, und Mokuba spürte den Anflug von Unruhe.

„Manche Dinge ändern sich nie“, murmelte der junge Mann, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem.

Mokuba zog stumm eine Augenbraue hoch, ließ den Kommentar unbeantwortet. Der Mann fuhr fort, seine Stimme ruhig, aber durchdringend: „Im Unterricht war sie immer abgelenkt. Hat Bücher gelesen oder selbst welche geschrieben. Antworten auf Fragen kamen apathisch und desinteressiert. Sie hatte da immer ihre eigene Welt, in der sie versinken konnte. Irgendwann haben die Jungs aus der Klasse dieses Buch in die Finger gekriegt. Seiten rausgerissen, anatomische Merkmale reingezeichnet und... kriggelkragel...“

„Das ist ja mal so gar nicht nett…“ Mokubas Stimme klang ruhig, doch sein Blick verfinsterte sich, die Lippen zu einem dünnen Strich gepresst. Die Hände ballten sich leicht, als er den Ärger unter Kontrolle zu halten versuchte.

„Nein…“, erwiderte der junge Mann, ohne den Blick vom Buch zu wenden. „Es war echt nicht nett. Aber Nanali hat vor anderen nie… sie hat nie Gefühle gezeigt…“

Mokuba beobachtete ihn still. Die Worte hallten kurz im Gang nach, ein Echo zwischen den hohen Regalen. Er spürte die Erinnerung an die ungestörte Konzentration, die Nanali in diesen Gängen gefunden hatte. Das Lederbuch in ihrem Besitz wurde in diesem Moment mehr als nur ein Objekt – es war ein Zeichen ihrer stillen Stärke, ihrer eigenen Welt, gegen die selbst respektlose Blicke und verbale Kommentare nichts auszurichten hatten.

Er trat einen Schritt näher zu Nanalis Sachen, stellte sich schützend davor, die Hände locker an den Seiten. Sein Blick blieb auf dem jungen Mann, aufmerksam, wachsam, als wolle er jede Bewegung registrieren, die Nanalis private Welt bedrohen könnte.

Nanali bog vorsichtig in den schmalen Gang ein. Sie blieb abrupt stehen, als sie die vertraute Gestalt am Ende des Gangs erkannte. „Joachim“, sagte sie leise, fast beiläufig, und ein Hauch von Überraschung lag in ihrer Stimme.

Der junge Mann drehte den Kopf, erkannte sie sofort, und nickte. „Nanali“, erwiderte er ruhig, die Stimme klar und unverstellt. „Wie ich sehe, hast du dich in dieser Welt nicht verändert. Du siehst gut aus.“

Nanali schenkte ihm ein müdes Lächeln, das eher ein stilles Anerkennen als echte Freude ausdrückte. „Danke“, murmelte sie. „Aber ist das in deinen Augen was Gutes?“

Joachim musterte sie langsam von unten nach oben, seine Augen unverstellt und aufmerksam. „Auch wenn du immer distanziert wirkst“, sagte er, „mit dir war zumindest immer eine nette Unterhaltung möglich. Das ist mir lieber.“

Nun lächelte Nanali etwas freundlicher, die Müdigkeit in ihrem Gesicht verblasste für einen Moment. „Hm. Die Unterhaltungen waren nett.“

Der junge Mann nickte, ein leichtes, fast schelmisches Grinsen auf den Lippen, und wandte sich dann zum Gehen. Bevor er verschwand, warf er einen Blick auf Mokuba, der noch immer schützend vor Nanalis Sachen stand. Er grinste kurz in Mokubas Richtung, ein stilles Spiel zwischen den beiden, das Mokuba einen Moment lang verunsicherte. Dann verschwand Joachim aus dem Gang, die Schritte hallten leise über den alten Teppich.

Mokuba wandte sich an Nanali, die sich wieder ihrer Bücher zuwandte, und runzelte die Stirn. „Wer ist das?“

„Ein alter Klassenkamerad“, antwortete sie, die Stimme ruhig, fast nachdenklich. „Er ist ganz okay. Keiner derer, die haltlose Gerüchte verbreiten oder…“

Nanali hatte den Satz unvollendet gelassen, als hätte sie es sich just in diesem Moment anders überlegt.

„Oder fremdes Eigentum nicht wertschätzen?“ Mokuba vollendete den Satz für sie, seine Stimme fest, sein Blick scharf, als er den leisen Schatten von Traurigkeit in ihren Augen bemerkte.

Nanali blickte überrascht auf, nickte langsam. „Ja. Genau“, flüsterte sie, und für einen Moment schien die Erinnerung, die diese Begegnung geweckt hatte, zwischen den beiden im Gang zu schweben.

Mokuba schob einen Schritt näher zu Nanali, ließ sich vorsichtig neben ihr auf den Teppich fallen. Er nahm eines der Bücher, die sie zuvor sorgfältig gestapelt hatte, öffnete es auf einer der mittleren Seiten und blätterte langsam durch die vergilbten Blätter.

„Was genau interessiert dich dieses Mal?“, fragte er leise, die Neugier in seiner Stimme spürbar, doch ohne die ruhige Konzentration Nanalis zu stören.

Er ließ den Blick über eine der Seiten gleiten, hielt inne und las stumm einen Satz: „Die Blätter sollten vorsichtig an einem kühlen, trockenen Ort ausgebreitet werden, damit sich Aroma und Farbe langsam entfalten können, ohne dass die Feuchtigkeit verloren geht.“

Die Beschreibung hatte etwas Beruhigendes, fast Meditatives. Das Buch handelte von der Trocknung von Pflanzen, von den feinen Regeln, welche Mischungen sich besonders gut für Tees eigneten – welche Blätter miteinander harmonierten, welche Kräuter ihren Geschmack und ihre Wirkung gegenseitig verstärkten. Mokuba ließ seine Finger über die Seiten gleiten, als wollte er die beschriebenen Texturen und Düfte spüren, während Nanali daneben saß, den Stift in der Hand, bereit, ihr eigenes Wissen weiter zu vertiefen.

„Ich will einen kosten, du teilst doch mit mir, oder?“ fragte er nach, ohne den Satz aus den Augen zu verlieren.

Joachim drückte die schwere Holztür der Bibliothek auf. Sie schwang mit einem leisen Quietschen nach außen, und ein kühler Windstoß wehte ihm entgegen. Er zog die Schultern hoch und schlug die Hände übereinander, ein schwacher Versuch, die Wärme zu bewahren, die der Tag noch hinterlassen hatte.

Manche Dinge ändern sich nie, dachte er. Sie sitzt immer noch auf dem Boden in irgendeinem Flur, irgendwo, wo sie möglichst keiner sieht – als wäre es besser als am Tisch.

Er blieb kurz stehen, betrachtete den flimmernden Lichtschein aus der Bibliothek hinter sich, und ein kleines, belustigtes Lächeln huschte über sein Gesicht. Es sieht dich doch sowieso immer irgendjemand. Das fällt doch viel mehr auf, als wenn du dich an einen Tisch setzt…

Er schüttelte den Kopf, aber die Belustigung blieb. Mit einem letzten Atemzug des kühlen Windes setzte er seinen Weg fort, die Bibliothek hinter sich lassend, während die feinen Geräusche des alten Gebäudes langsam in der Ferne verblassten.

A Field of Responsibility - Mirror of myself

A Field of Responsibility - Mirror of myself
 

Fr., 25. Oktober YXX1

Seto hatte den langen Aufstieg hinter sich gebracht. Die Stadt lag nun weit unter ihm, nur noch ein verschwommenes Netz aus Straßen und Dächern. Er hatte den Mutterhügel erklommen, die letzten Meter waren steil und die Beine schwer, doch mit jedem Schritt spürte er die Anspannung abfallen. Oben angekommen, hielt er kurz inne, atmete tief die kühle Herbstluft ein und ließ den Blick schweifen.
 

Vor ihm öffnete sich Jamies Ranch in ihrer vollen Weite. Die Felder dehnten sich ohne Unterbrechung vor ihm aus. Kahles, geerntetes Land, zog sich in sanften Wellen bis zum Horizont. Keine Grenze störte den Blick – die Erde verschwand scheinbar in der Ferne, und selbst die entferntesten Hügel wirkten zum Greifen nah und doch unendlich weit entfernt. Überall lag die Ruhe des Herbstes:
 

Die Erde war aufgewühlt, und vereinzelte Stoppeln ragten aus dem Boden, als wollten sie noch ein letztes Mal an den Sommer erinnern. Kleine Hügel von abgeernteten Pflanzen lagen verstreut zwischen den Reihen, und einzelne Vögel pickten noch die letzten Körner auf. Ein leichter Wind zog über die Felder, wirbelte trockene Blätter auf und ließ sie über den Boden tanzen.
 

Seto ließ den Blick weiter über das Land gleiten. Er konnte die sanften Hügel sehen, die in der Ferne in den Wald übergingen, und die alten Zäune, die sich wie graue Linien durch die Felder zogen. In den Scheunen und Ställen regte sich noch Leben: Rinder stampften, Pferde wieherten leise, und aus der Ferne war das leise Dröhnen von Maschinen zu hören, die für den Winter vorbereitet wurden. Die Ranch wirkte auf einmal riesig, aber auch heimelig, ein Ort, an dem die Natur noch das Tempo vorgab und der Mensch mit ihr arbeitete.
 

Es war, als habe die Landschaft ihn willkommen geheißen – ein weiter, stiller Ort, der nach Arbeit roch, nach Erde, nach Holz und Heu, und nach dem letzten Atemzug des Herbstes, bevor der Winter alles stilllegte.
 

Das Licht des späten Oktobers wirft lange Schatten über das Land, und ein leichter Wind wirbelt trockene Blätter und Staubfäden auf. Ende Oktober, dachte Seto, wird hier noch gearbeitet, auch wenn die Felder kahl sind. Das Land muss winterfest gemacht werden: Zäune repariert, Maschinen gewartet, Heu und Futtervorräte ergänzt. Die Tiere brauchen Aufmerksamkeit, Ställe werden gesäubert, der Boden gepflegt, sodass im Frühling alles bereit ist, wieder neu zu wachsen.
 

Doch die Landschaft wirkt ruhig, fast ein wenig verlassen, …
 

Seto trat auf den Stall zu, aus dem Licht durch die offene Tür auf den Hof fiel. Ein leises Rascheln war zu hören, unterbrochen vom Heulen des Herbstwinds, der durch die offenen Durchgänge zwischen den Gebäuden jagte und die Luft beißend kalt machte. Schon bevor er die Tür erreichte, spürte er den Wind, der wie ein Messer durch die Kleidung drang, und er zog die Jacke enger um sich.

Vorsichtig öffnete er die Tür. Sofort schlug ihm die Mischung aus Wärme, Tiergeruch und feuchtem Heu entgegen. Der Stall war beleuchtet von einer einzelnen Lampe, die ein gelbes, ruhiges Licht auf die Fläche warf. Auf dem Boden lag verstreutes Heu, teilweise von den Tieren zertrampelt, teilweise vom Futter gefallen. Die Stiefel hinterließen Spuren in der weichen Erde, die von draußen hereingetragen worden war und die sich jetzt mit dem Heu mischte.

Seto ging langsam hinein, achtete auf jeden Schritt. Unter dem Heu knackten vereinzelt trockene Halme, und ab und zu raschelte etwas, als ob ein Tier sich bewegt hätte. Der Geruch der Tiere war intensiv, erdig, warm, eine Mischung aus Rind und Pferd, vermischt mit feuchtem Stroh und der leichten Süße von altem Heu. Die Kälte von draußen drang nur in Böen durch die Ritzen, doch sie ließ die Luft im Stall noch spürbarer werden – ein ständiges Wechselspiel zwischen der milden Wärme im Inneren und den scharfen, kalten Luftstößen, die durch die Öffnungen zwischen den Stallwänden pfiffen.

Seto blieb stehen, lauschte dem Rascheln, dem leisen Scharren der Tiere, und atmete tief ein. Jeder Atemzug trug den Geruch des Stalls in seine Lungen.
 

Sein Blick glitt über die Liege- und Fressplätze der Tiere, die ordentlich nebeneinander aufgereiht waren. An einer der Boxen blieb er hängen. Jamie stand dort, die junge Farmerin, konzentriert bei der Arbeit. In der Hand hielt sie eine schwere Heugabel.
 

Mit gebeugtem Rücken stach sie die Gabel in den Heuhaufen, wuchtete die Ballen aus dem Stallboden und hob sie mit einem kräftigen, fließenden Schwung in die Futtertröge.
 

Seto beobachtete die Kombination aus roher Kraft und filigraner Bewegung. Es war ein seltsames, faszinierendes Paradox: Eine junge Frau, so zart gebaut, verrichtete die Arbeit, die sonst nur kräftigen Männern zugetraut würde. Das Heu raschelte bei jeder Bewegung, kleine Halme fielen zu Boden.
 

Jamie stemmte die Heuballen in die Tröge. Jeder Griff, jeder Stoß war schwer, das Gewicht in den Armen, die Spannung in den Schultern und Rücken spürte sie in jeder Faser. Ihre Muskeln zogen sich an und entspannten sich wieder, doch es war kein leichter Rhythmus – es war ein ständiges Überreden: Überreden der Beine, der Arme, des Rückens, noch einmal zu heben, noch einmal zu wuchten, noch ein Ballen ins Futter zu bugsieren.
 

Es war schon weit nach Nachmittag. Seit fünf Uhr morgens war sie auf den Beinen, hatte Ställe gefüttert, Zäune überprüft, Maschinen geputzt und Tiere versorgt. Müdigkeit wollte sich einschleichen, doch sie kontrollierte ihren Atem, atmete ruhig, gleichmäßig, als könne sie so die Erschöpfung austricksen. Jede Bewegung musste sitzen, jeder Handgriff bedacht sein.
 

Eine Pause? Die konnte sie sich nicht leisten. Wenn sie jetzt innehielt, würde sie die Arbeit des Tages nicht schaffen. Also beugte sie sich wieder, stach die Gabel in das Heu, wuchtete den Ballen aus dem Stand nach oben, platzierte ihn in den Trögen.
 

Nachdem der letzte Heuballen in den Trögen lag, strich Jamie sich mit dem Handgelenk über die Stirn, um den Schweiß wegzuwischen.
 

Sie kannte das Brennen zu gut: Wie es zuerst heiß und stechend auf der Hornhaut lag, wie die Augen reflexartig tränten, als wollten sie den Schmerz wegspülen, und wie es dann, wenn man zu spät reagierte, unter den Lidern scharf und beißend nachhallte. Ein einziger Tropfen, und man musste den Kopf zurückwerfen, blinzeln, die Stirn runzeln, die Arbeit für ein paar Sekunden unterbrechen…
 

Sie atmete tief und lange ein. Spürte die wohlige Erleichterung, die sich nach all der Arbeit breit machte. Die Anspannung in ihren Muskeln ließ langsam nach, als sie die schwere Heugabel wieder an ihren Platz zurückstellte.
 

Gerade wollte sie den Stall verlassen, den Rücken noch leicht gebeugt, die Beine müde vom langen Tag, als ihr Blick auf die Tür fiel. Dort stand Seto. Sein Erscheinen ließ sie kurz innehalten – ein unerwarteter Moment, …
 

Jamie straffte die Schultern, ließ die letzten Spuren der Anstrengung von ihrem Körper gleiten, als wären sie nie dagewesen. Seto beobachtete sie still aus der Tür. Sein Gesicht zeigte keine Regung, doch innerlich registrierte er jedes Detail: die Art, wie sie die Kontrolle über ihre Erschöpfung behielt, wie sie jede Schwäche hinter einem präzisen Atemzug und einer festen Haltung verbarg. Es war offensichtlich, dass sie sich selbst disziplinierte, jeden Impuls, nachzulassen, sofort wieder unterdrückte.
 

Seto konnte diesen Impuls verstehen. Jeder, der gewohnt war, die eigene Kraft zu steuern, kannte das Bedürfnis, Schwäche nicht zu zeigen. Und doch… etwas in ihm rebellierte gegen diese Einsicht. Seto spürte, dass er nun, da er es bei ihr sah, diese Haltung nicht einfach als Stärke akzeptieren konnte. Etwas daran schien ihm widersinnig, beinahe falsch, obwohl er genau wusste, warum sie so handelte.
 

Er erkannte sich selbst in ihr. Die gleiche unbarmherzige Kontrolle, die gleiche Selbstdisziplin, die eigene Erschöpfung nicht zuzugeben – ein Spiegel, den er nicht einfach ignorieren konnte. Und je länger er sie ansah, desto klarer wurde ihm, dass er, obwohl er verstand, was sie tat, nicht umhin kam, das Verstecken der eigenen Schwäche als etwas zutiefst menschliches, ja fast Verletzliches zu sehen – etwas, das ihn irritierend stark anzog.
 

„Du bist allein?“ fragte Seto leise, die Hände locker an den Seiten, sein Blick unverwandt auf sie gerichtet.
 

Jamie nickte. „Ja… die Erntehelfer brauche ich nicht mehr. Die Felder sind abgeerntet.“ Ihre Stimme war ruhig, sachlich, jeder Satz präzise. Es lag keine Bitterkeit darin, nur eine nüchterne Feststellung.
 

Seto zögerte einen Moment, dann fragte er: „Und deine Familie? Wo sind deine Eltern?“
 

Jamie atmete kurz ein, die Augen auf den Boden gerichtet. „Mein Vater… er war Fischer. Er starb bei einem Unwetter auf hoher See, noch bevor ich geboren wurde. Meine Mutter… sie starb kurz nach meiner Geburt an einer Krankheit.“ Sie hob den Blick, ihr Gesicht ruhig, ohne Anklage, ohne Wehmut, aber klar in der Stimme. „Mein Großvater hat mich aufgezogen. Er starb vor zwei Monaten, im Alter von 84, während der Arbeit – Schlaganfall auf dem Feld.“
 

Seto spürte, wie sich eine unerwartete Wärme in seiner Brust regte. Ein kleines Ziehen, das er kaum zuordnen konnte. Er wollte nicht, dass es sich regt, nicht jetzt, nicht in diesem Moment. Und doch… er sah sie, diese junge Frau, die trotz allem stand, die trotz der Einsamkeit die Arbeit ihres Großvaters übernommen hatte, ohne dass sie klagte, ohne dass sie sich verlor.
 

Jamie machte eine kurze Pause, dann setzte sie nach, die Stimme fest und bestimmt: „Aber seine Arbeit war niemals umsonst. Ich werde ab jetzt die Farm leiten.“
 

Seto bemerkte, wie sich ihre Schultern leicht streckten, die Haltung erneut straff wurde. In ihren Augen lag kein Stolz, wie er es bei manch anderem erlebt hätte, sondern ein ruhiges Verantwortungsbewusstsein, eine Entschlossenheit, die aus Pflichtbewusstsein und Liebe entstand. Sie dachte an das, was zu tun war, nicht an das, was verloren war.
 

Seto beobachtete sie und spürte, wie etwas in ihm unruhig wurde – ein Echo, das er längst vergessen glaubte. Er erkannte die gleiche Härte, die gleiche Entschlossenheit, die er selbst in sich entwickelt hatte, als er noch ein Kind war. Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen, keine Fehler zeigen dürfen – damals wie heute war es ein einziger, klarer, unverhandelbarer Kodex. Aber er hatte Mokuba. Immer jemanden, der hinter ihm stand, jemanden, der ihn brauchte, jemanden, für den er stark sein konnte. Jamie hatte niemanden.
 

Der Gedanke stach ihn. Er wollte es nicht fühlen, doch die Realität brannte sich ein: Dieses Mädchen, diese junge Frau, trug alles alleine. Keine Familie, keine Hilfe, kein „Mokuba“, der sie stützte. Sie war vollkommen auf sich gestellt und doch… so kontrolliert, so diszipliniert, dass sie keine Spur von Schwäche zeigte. Seto spürte eine seltsame Mischung aus Bewunderung und Wut – Wut über die Ungerechtigkeit, dass sie niemanden hatte, der ihr Rückhalt gab, Bewunderung für die unerschütterliche Stärke, die sie daraus machte.
 

Er merkte, wie sein Herz schneller schlug, ein Gefühl, das er sich nie eingestehen würde. Nicht für irgendjemanden. Nicht hier. Nicht jetzt. Aber die Vorstellung, dass sie allein durch diese Verantwortung ging, wie er es einst mit Mokuba getan hatte, ließ ihn… verletzlich erscheinen, innerlich. Eine Mischung aus Mitgefühl, Respekt und… etwas, das gefährlich nahe an persönlicher Betroffenheit war.
 

Seto Kaiba, der Mann, der sich sonst nie jemandem verpflichtet fühlte, der nichts zugab, dass ihm Schwäche zeigte, erkannte in Jamie sein eigenes Spiegelbild. Nur dass sie keine Schulter hatte, auf die sie sich stützen konnte.
 

„Ich… verstehe,“ sagte Seto schließlich, die Stimme ungewöhnlich leise für ihn. Nicht mitleidig, eher nachdenklich, als müsse er sich selbst daran erinnern, wie es war, so jung und verantwortlich zu sein. „Du hast viel durchgemacht.“
 

Jamie nickte, ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, nicht übertrieben, nicht theatralisch. „Ja. Aber es ist meine Aufgabe, und ich weiß, dass es weitergeht. Das ist alles, was zählt.“

Seto blieb einen Moment still, beobachtete sie, die zierliche, aber unerschütterliche Figur, und spürte ein merkwürdiges Gefühl von Anerkennung, Bewunderung und fast Vertrautheit. Sie war wie er, dachte er – gezwungen, Verantwortung zu tragen, und doch nicht gebrochen, sondern geformt von ihr.
 

Er verstand nun besser ihre Haltung, die sie Nanali und ihm gegenüber in der Brasch Bar angenommen hatte. Die harte Arbeit am Hof war alles was sie kannte. Es war wofür ihr Großvater gestorben war. Für sie mussten Nanalis Darstellungen … furchtbar geklungen haben.
 

Während Jamie voranging und die Tür zur Werkstatt öffnete, blieb Seto einen Moment stehen. Sein Blick wanderte noch einmal über sie und er nahm Details wahr, die ihm vorher nicht bewusst aufgefallen waren. Die Proportionen ihres Körpers, die noch nicht die definitive Fülle einer erwachsenen Frau hatten, die feinen, schlanken Glieder, die Hände, die trotz der Arbeit zierlich blieben. Die Haut an ihrem Hals war noch weich, unverbraucht, die Gesichtszüge zart und rund, Augen groß und wachsam, der Ausdruck konzentriert, aber unverbraucht von Jahren voller Erfahrung.

Seto runzelte die Stirn und fragte leise, mehr um die Vorstellung zu prüfen als aus Neugier: „Wie alt bist du?“

„Vierzehn.“

Die Zahl traf ihn wie ein Schlag. Vierzehn. Diese „Frau“, die so souverän und diszipliniert die schweren Heuballen gestemmt, den Stall geleitet und Verantwortung übernommen hatte – sie war gerade einmal so alt wie sein kleiner Bruder Mokuba. Plötzlich erschien alles, was er bei ihr gesehen hatte – die Kraft, die Entschlossenheit, das ruhige Pflichtbewusstsein – in einem völlig neuen Licht. Sie war noch ein Kind.

Seto stand still, das Gewicht der Erkenntnis in seinen Augen, innerlich eine Mischung aus Überraschung, Respekt und… einer ungewohnten, fast schockierenden Sorge. Alles, was er bisher als erwachsene Stärke eingeschätzt hatte, war in Wirklichkeit jugendliche Anstrengung, die über sich hinauswuchs. Ein Gefühl, das er selten zuließ, drängte sich in ihm hervor: die Verantwortung für jemanden zu spüren, der noch so jung war, und doch bereits so vieles alleine trug.

Sie traten in die Werkstatt, und sofort umfing sie das besondere Licht des späten Nachmittags. Durch die hohen, schmalen Fenster fiel es punktuell herein, tauchte den Raum in schmale, rötlich-goldene Lichtkegel, die sich flüssig über Boden und Wände zogen. Dort, wo das Licht traf, leuchteten Oberflächen warm, glänzten die Metallteile der Maschinen in sanften Reflexen, während die Schatten dazwischen tief und kontrastreich wirkten.

Alles außerhalb der Lichtkegel versank in Dämmerung oder fast schwarzer Dunkelheit, die Ecken und Nischen blieben in kühlen, bläulich-dunklen Tönen. Die Schatten waren hart, doch nicht undurchdringlich – ein wenig Streulicht auf Wänden und Decke ließ die Übergänge weich erscheinen, wie eine stille Abstufung zwischen Licht und Dunkelheit.

Seto ließ den Blick durch den Raum schweifen. Die Mischung aus Wärme und Kühle, Licht und Schatten, schuf eine eigentümliche Ruhe. Jede Maschine, jede Ecke, jedes Werkzeug wirkte auf einmal bedeutend, als trüge der Raum selbst die Geschichte der Arbeit, die hier geleistet worden war. Und mittendrin bewegte sich Jamie, sicher, konzentriert, beinahe verschmolzen mit dem Licht, das ihre zierliche Gestalt umspielte, während die Dunkelheit die Stille des Raumes umarmte.

In der Ecke surrte leise eine kleine Wassermühle, die Wasser aus dem nahegelegenen Bach in zusätzliche Energie für die Maschinen umwandelte. Der Raum war gefüllt mit Gerätschaften: neben der neuen Saatgutmaschine standen alte Dreschmaschinen, Trennvorrichtungen, Förderbänder und Werkzeuge, deren Metall matt geworden war.

„Früher hat es mich nicht gestört, dass einige der Maschinen nicht mehr ihre volle Leistung bringen“, sagte sie beiläufig, während sie eine kleine Schraube an der Saatgutmaschine überprüfte. „Wir benutzen die Maschinen, bis sie an Altersschwäche sterben. Ist ressourcenschonender. Sie haben ohnehin nicht die Kapazität, den gesamten Weizen, den wir anbauen, sofort zu dreschen.“

Seto beobachtete sie, die Art, wie sie jede Bewegung sicher ausführte, die Ruhe, mit der sie die Geräte bediente.

Jamie fuhr fort, nachdenklicher jetzt: „Mein Opa hat noch einiges von Hand gedroschen. Früher war das üblich – der Weizen wurde auf dem Dreschplatz mit Dreschflegeln bearbeitet, Körner vom Halm getrennt. Aber jetzt… muss ich wohl etwas umdenken. Es wäre gut, wenn der gesamte Weizen verarbeitet werden könnte und nicht erst zur Weiterverarbeitung verkauft oder als Futter für die Tiere genutzt werden müsste.“

Seto nickte stumm. Die Worte klangen pragmatisch, nüchtern, aber gleichzeitig spürte er die Last, die sie selbst trug, und den Willen, die Arbeit des Großvaters fortzuführen – nicht halbherzig, nicht auf Kompromiss, sondern so, dass die Farm nachhaltig und effizient weiterbestehen konnte.

Seto ließ den Blick noch einmal durch die Werkstatt gleiten, über die Maschinen, die Werkzeuge und schließlich über Jamie. Bisher war für ihn alles Geschäft, alles Markt, alles Mittel zum Zweck – ein Weg, Macht zu sichern, Geld zu verdienen, seine eigene Existenz zu festigen. Doch hier, in diesem Raum, mit dieser jungen Frau, die allein eine ganze Farm führte, fühlte er plötzlich Verantwortung, die nichts mit Profit zu tun hatte.

Er erkannte, wie groß die Herausforderung war: Die Farm hielt nach allem, was er nun wusste, über 50 % des Nahrungsmarktes in dieser Stadt. Eine enorme Leistung – und noch erstaunlicher, dass eine Vierzehnjährige sich dieser Verantwortung stellte. Seto spürte Respekt, tief und ehrlich, aber auch einen Hauch von Sorge. Hier konnte er helfen, ohne sich selbst zu schaden – ein Privileg, das ihm selten begegnete.

Seine Gedanken gingen weiter, wie ein Schachzug, den er sorgfältig abwog: Er würde angemessene Preise machen, fair und respektvoll, nicht, um ihr Großvatervermögen auszubeuten, sondern um die Arbeit zu würdigen, die sie fortführte. Er erkannte, dass dies mehr war als Marktdenken – es war eine Chance, etwas für jemanden zu tun, der es verdient hatte. Und merkwürdigerweise fühlte sich diese Möglichkeit weder als Schwäche noch als Ablenkung an. Sie fühlte sich richtig an.

Vielleicht war es ungewöhnlich für ihn, dass er so empfand – doch wer Seto Kaiba kannte, wusste, dass er auf seine Art immer half, wenn es notwendig war. Manchmal überraschend, manchmal unbemerkt, aber nie aus Mitleid. Und jetzt stand er hier, bereit, die Farm zu unterstützen, bereit, Verantwortung zu übernehmen, nicht für sich, sondern für Jamie. Ein Gedanke, der in ihm unerwartet Wärme auslöste, ruhig, kontrolliert – und dennoch ein Stück weit menschlich.

Seto überlegte kurz, dann fragte er präzise: „Wie viel Zeit steht mir zur Verfügung. Wir wollen ja nicht, dass die Ernte vorher schlecht wird.“

Jamie blickte zu den Maschinen, dann auf ihn, sachlich wie immer. „In spätestens einer Woche muss ich eine Entscheidung treffen. Wie viel Prozent der Ernte ich als Futter an die Farmen gebe oder zur Weiterverarbeitung in die Mühlen. Ziel ist es möglichst viel selbst zu verarbeiten, um den Ertrag zu steigern. Die kosten der Maschinenwartung sollte nicht den gesamten Ertrag auffressen. Eine zusätzliche Maschine wäre auch denkbar… Aber die würde sich vermutlich erst mit der nächsten Ernte rentieren.“

Sie fuhr fort, fast beiläufig, aber mit deutlicher Bestimmtheit: „Innerhalb von sieben Tagen müssen wir einen Plan haben. Danach darf nichts mehr aufgeschoben werden, sonst riskieren wir Verluste.“

Seto nickte, die Situation klar vor Augen. Es gab zwei Optionen: entweder die Effizienz der bestehenden Maschinen maximieren oder eine größere, parallele Verarbeitungslinie planen. In beiden Fällen war Handeln innerhalb der kommenden Woche unerlässlich, um das Erntegut zu sichern.

Seto ließ die Informationen auf sich wirken und formte in Gedanken einen klaren Plan. Die Aufgabe war simpel in der Theorie, aber komplex in der Umsetzung: Maximale Verarbeitung des vorhandenen Weizens bei minimalen Kosten, Abwägung zwischen Wartung der alten Maschinen und Investition in neue Anlagen, ohne den Ertrag zu schmälern. Effizienz steigern, Durchsatz optimieren, Deckungsbeitrag maximieren – klassische betriebswirtschaftliche Grundsätze.

Parallel dazu musste er die technische Seite betrachten: Maschinenleistung prüfen, Engpässe identifizieren, mögliche Verbesserungen implementieren oder zusätzliche Anlagen planen. Eine Ingenieursaufgabe, die Präzision, Logik und strategisches Denken verlangte.

„Du hast den richtigen gefragt!“
 

Vor der Bibliothek hielten Nanali und Mokuba kurz inne. Die Herbstluft war kühl, die Blätter wirbelten in kleinen Strudeln um ihre Füße. „Bis später“, sagte Nanali, ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen. Mokuba nickte, die Hände in den Taschen. „Pass auf dich auf“, erwiderte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. Dann wandte er sich um und machte sich auf den Weg zurück zur Brasch Bar.

Mokuba hatte lange überlegt, wie er den Tag gestalten konnte. Er hatte eine Torte bestellt, die ins Restaurant geliefert werden sollte, wo er sie gleich mit Seto teilen wollte. Es war ihm sehr wichtig, dass sein Bruder diesen Moment wahrnahm. Schon so oft hatte er versucht, für Seto da zu sein, Unterstützung zu zeigen, und war gescheitert: durch Arbeit, Verpflichtungen oder Setos Unnachgiebigkeit. Ein leises Ziehen der Skepsis blieb. Würde es heute wirklich gelingen? Würde Seto es überhaupt bemerken? Gleichzeitig spürte er die Verantwortung, nicht nur für Seto, sondern auch für Nanali ein Auge zu haben. Sie war ehrgeizig, manchmal ein Workaholic, und Mokuba wollte sicherstellen, dass sie sich nicht überlastete – wie er es bei Seto schon so oft erlebt hatte.

Shadows and Silver Light - Whispers of the Twilight

Shadows and Silver Light - Whispers of the Twilight
 

Fr, 25. Oktober YXXX1

Die Ranch lag hinter ihm. Die Erinnerung an Jamie noch frisch – Als Seto den Mutterhügel wieder hinabstieg. Ihre Entschlossenheit, die Verantwortung, die sie alleine trug, hatte ihm deutlich gezeigt, wie viel er an Mokuba hatte. Ein kleiner Bruder, so stark und gleichzeitig verletzlich – jemand, für den er Verantwortung übernehmen konnte, jemand, dessen Anwesenheit ihn mehr berührte, als er zugeben würde. Die Schritte den Berg hinunter gingen schneller, der Eifer, rechtzeitig in der Stadt zu sein, trieb ihn voran.

Vor ihm breitete sich das Tal aus, die Stadt lag noch in weiter Ferne. Seto war sich bewusst, dass der Weg noch lang war. Die Sonne neigte sich, die Schatten wurden länger, es war ein Wettlauf gegen die Dämmerung. In der Ferne verklingen die Töne der Kirchturmglocke - dünn, fast zerbrechlich, wie ein leiser Ruf, der den Berg hinaufgetragen wird. Jeder Schlag ist verzögert und hallt gedämpft durch die Luft. Eine entfernte Ahnung von Metall, ein vages Schwingen, das über die Täler schwebt.

Die Sonne steht tief über dem Bergkamm, ein letzter goldener Schein, der sich wie flüssiges Licht über die Grate legt.

Was eben noch wie ein kostbarer Teppich aus warmen Farben erschien- wurde zunehmend von der Dunkelheit verschlungen. Wie ein geschmeidiger Jäger. Das Licht, das einmal sanft über das Tal gesegelt war, rennt nun voraus, gejagt von der Nacht. Die letzten Sonnenstrahlen flackern über Felder und Dächer, tanzen noch einen Augenblick auf Flüssen und Straßen, ehe der Schatten sie verschlingt.

Ich sollte mich beeilen., schnellte es durch Setos Gedanken. Er musste eine befestigte Straße mit Beleuchtung erreichen, bevor ihm die Nacht jegliche Sicht raubte.

Zu Hause angekommen, legte Nanali die Bücher auf den tiefen Tisch neben der Couch ab – ihrem Schlafplatz, wenn sie nicht auf dem Stuhl am Esstisch über ihrer Lektüre oder Arbeit eingeschlafen war. Unter dem Couchtisch waren ihre Stoffreste, Skizzen und entworfenen Kleidungsstücke verstaut, die sich in kleinen Kisten und Taschen stapelten.

Claire sah sich kurz um. Die Stube war klein, fast winzig, und minimalistisch eingerichtet. Ein schlichtes Sofa, ein niedriger Tisch, ein paar Regale an der Wand, mehr passte hier neben ihrem Bett und einer Singleküche nicht hinein. Sie selbst hatte noch nicht viel, die Farmerin hatte erst vor kurzem begonnen und hatte sich bisher mit dem Nötigsten eingerichtet.

Doch mit Nanali hier wurde der Raum zunehmend enger. Überall stapelten sich Näharbeiten, Glasflaschen mit selbsthergestelltem Shampoo oder Cremes, die gerade getestet wurden, Parfums, Kerzen – und die ersten geflochtenen Körbe aus Weiden und Schilf, die sie Anfang September gesammelt hatte und die nun endlich trocken waren.

Kleine Explosionen von Kreativität in einem Haus, das dafür kaum Platz bot. Trotzdem spürte Claire eine leise Wärme in sich. Trotz der Enge und der Unordnung war sie froh, dass Nanali hier war.

Jemand, der so engagiert, zielstrebig und gleichzeitig lebendig war, verlieh dem kleinen Haus einen neuen Puls. Es war eng, es war chaotisch, aber es war auch voller Leben – und das war mehr wert als jede perfekte Ordnung.

In der kleinen Küche stand Claire in ihrer Küchenschürze, konzentriert bei der Arbeit. Sie kochte die letzten Äpfel zu Mus zusammen. An den Wandschränken hingen Bündel von Kräutern zum Trocknen. Die ganze Küche war voll davon. Nanali selbst hatte weitere Kräuter sorgfältig auf Papier ausgebreitet auf die Schränke gelegt. Bald würde sie alle zu duftenden Teemischungen zusammenstellen.

„Draußen ist es echt kalt.“, bemerkte Claire.

Ihr Haus verfügte noch über kein eigenes Bad. Sanitäranlagen waren Luxus und teuer, und mit dem Herbst und dem nahenden Winter wollte auch niemand sein warmes, trautes Heim renovieren lassen. Claire und Nanali benutzten daher die Toilette im Nachbarhaus. Claires Bruder wohnte dort – Stainer.

Zum Waschen gab es hinter dem Haus einen Brunnen, und ein Ofuro, ein hölzernes Fassbad, das über einem Feuer erhitzt wurde. Doch dafür war es heute Abend zu spät.

„Vielleicht gehst du noch einmal in die heißen Quellen?“, schlug Claire vor. „Nach einer Woche harter Arbeit fühlt es sich an, als würde alles Schlechte von der Haut abfallen, und zurück bleibt nur dieses wohltuende Gefühl von Frische und Leichtigkeit.“

Nanali warf einen Blick auf die Uhr, als plötzlich die Glocke ertönt. Erst ist es nur ein ferner Schlag, dann noch einer – klar, metallisch, durchdringend. Die Kirche liegt auf der anderen Seite der Stadt, und doch dringt der Ton über die Dächer, schneidend wie ein heller Pfeil durch das Summen der Straßen, kurz und bestimmt, jeder Schlag ein Ruf durch die Stadt. Für einen Moment ist alles Still, bevor der nächste Glockenschlag erklingt.

Sechs Uhr.

Die Quellen lagen nur einen kleinen Fußmarsch entfernt, direkt neben der Farm von Claire und Stainer, am Fuß des Mutterhügels. Schon der Weg dorthin, zwischen Feldern und Wiesen, war ein kurzer Ausflug aus dem Alltag.

Eine kleine Treppe aus Naturstein führte Nanali behutsam nach oben, hinein in ein verborgenes Tal, das von der Welt abgeschottet zu sein schien. Hier, in diesem Bambushein, lag die heiße Quelle, eingebettet zwischen großen Felsen und umgeben von dichtem Grün. Das tobende Wasser eines Wasserfalls stürzte nicht weit entfernt in einen Fluss, und sein beständiges Rauschen gehörte untrennbar zu diesem Ort – eine Art natürlicher Klangteppich, der die heiße Quelle wie eine Oase erscheinen ließ.

Für Nanali war dies ein besonderer Ort. Hier, hatte sie zum allerersten Mal die Erntegöttin getroffen. Während der Dampf der Quelle über die Steine zog , verlor sich die kühle Herbstluft in dem warmen Nebel.

Vor der Quelle stand eine kleine Hütte, wo man sich ungestört umziehen konnte.

Nanali öffnete die Tür zur kleinen Hütte und trat ein. Der Raum war winzig – kaum mehr als ein schmaler Korridor aus morsch wirkendem Holz. Es gab keine Fenster, nur die Tür auf der gegenüberliegenden Wand, die hinaus zur heißen Quelle führte. Der Boden knarrte leise unter ihren Schritten.

Im Raum selbst stand nur eine einfache Holzbank, ein paar Haken an der Wand für Kleidung und eine kleine Ablage für die Schuhe. Wer die Arme ausstreckte, konnte fast die gesamte Länge des Raums abmessen, so eng war er. Es war ein Ort, der zum schnellen Umziehen gedacht war, nicht für Komfort oder Bewegungsfreiheit.

Langsam, fast vorsichtig, begann Nanali, sich auszuziehen. Jeder Schritt schien den Raum noch ein Stück enger zu machen, während der muffige Duft von altem Holz und getrockneter Feuchtigkeit in der Luft hing. Trotz der Enge spürte sie eine Art Ruhe, einen kleinen Rückzugsort zwischen der Kälte draußen und der Wärme, die sie gleich erwarten würde.

Nanali öffnete die Tür auf der gegenüberliegenden Wand, und plötzlich war es, als würde sie direkt in die Quelle treten. Vor ihr lag ein enger Pfad aus festgetretener Erde, nur von einigen hölzernen Trittbrettern unterbrochen, die über die feuchte Oberfläche führten. Nach ein oder zwei vorsichtigen Stufen stand sie bereits in der Quelle. Langsam stieg sie tiefer hinein.

Natürliche Steine ragten aus dem Wasser – rund, glatt und perfekt geformt, nicht scharfkantig. Es schien fast, als gehörten sie von Anfang an hierher.

Sie ließ sich auf einen der größeren Steine sinken, spürte, wie er ihren Körper stützte. Langsam lehnte sie sich zurück, legte den Nacken entspannt auf einen flacheren, stabilen Stein und ließ ihren Kopf sanft zwischen die Steine sinken. Der Dampf legte sich wie ein Schleier über die Haut, und für einen Moment schien alles von der Welt draußen zu verschwinden. Sie fühlte sich getragen und geborgen, als wäre die Quelle selbst eine Art sanfter Zufluchtsort, der sie umhüllte und hielt.

Das Wasser war warm, mineralisch, eine sanfte Umarmung für Körper und Geist, während das Geräusch des Wasserfalls die Gedanken wie eine Melodie trug. Hier, in dieser Oase, schien die Zeit langsamer zu fließen, und die Welt draußen wirkte weit weg.

Eine Art sanfte Umarmung, die sofort die Muskeln entspannte und die Gedanken klären ließ.

Neben den großen, festen Steinen, die das Wasser einfingen, sorgte ein sorgfältig aufgestellter Paravent aus Bambus als zusätzlicher Sichtschutz.

Als Nanali ihre Augen wieder öffnete, sah sie direkt neben dem Pfad, hinter der kleinen Umziehstube, ragte eine schlichte Duschvorrichtung aus dem Boden. Befestigt an der Wand, der Umkleide. Hier konnte man sich nach dem Bad abspülen oder mit etwas Seife reinigen. Über der Tür hing eine große gelbe Leuchte, die alles um sie herum in güldenes Licht tauchte. So viel hatte sie der Umkleidekabine gar nicht zugetraut.

Seto kämpfte sich weiter die dunkle Straße hinunter, der Dunst der Quelle und die spärlichen Laternen an Claires Farm waren die einzigen Lichtpunkte in der herbstlichen Nacht. Jeder Schritt musste sitzen, der Boden war rutschig, bedeckt von feuchtem Laub und losem Kies.

Wie um alles in der Welt stieg Nanali diesen Berg jeden Morgen auf und ab, ohne sich das Genick zu brechen?, dachte er.

An Tagen, an denen sie Claire nicht half, war sie sogar noch vor ihm in der Schmiede… Die Vorstellung brachte ihn kurz zum Schmunzeln, trotz der Vorsicht, die jeder Schritt erforderte.

Der Wind trug das entfernte Rauschen des Wasserfalls zu ihm herüber, und der Geruch von feuchter Erde vermischte sich mit der kühlen Abendluft. Seto spürte, wie die Dunkelheit dichter wurde.

Er sah kaum noch seine Hand vor Augen.

Aus der Ferne entdeckte Seto einen Lichtpunkt, der über der Quelle schwebte – den Wasserfall hinauf tanzte und große Bögen flog. Es flackerte leicht im Dunkel – fast wie ein Glühwürmchen. Für einen Moment blieb Seto stehen, beobachtete dieses winzige, lebendige Licht, und verweilte einen kleinen Augenblick.

Dann setzte er seinen Weg fort, Schritt für Schritt durch die rutschige Dunkelheit.

Einige Minuten später erreichte er eine Weggabelung. Rechts führte der Pfad zur Holzfällerhütte, geradeaus zu Claires Farm, und links wand sich die Natursteintreppe hinauf zum Wasserfall.

Seto blieb an der Weggabelung stehen. Die Treppen hinauf drang Gesang zu ihm herüber. Jemand sang – ein japanisches Lied, doch die Silben waren nicht alle richtig ausgesprochen. Gerade so, dass er den Inhalt erkennen konnte, ohne dass es vollkommen klar war.

Die Stimme kam ihm vertraut vor, vertraut genug, dass eine Ahnung durch seinen Kopf schoss, wer es sein könnte.

Er lauschte noch einen Moment, ließ die Stimme auf sich wirken, bevor er vorsichtig einen weiteren Schritt machte. Ob Mokuba wohl recht behalten würde? War sie es am Ende, deren Stimme über der ganzen Insel erklungen ist? Noch hatte Seto keine Erklärung dafür.
 

Plötzlich raschelte es dicht am Paravent. Nanalis Augen weiteten sich, als ein kleines Eichhörnchen aus dem Gebüsch hervorschoss und flink über die glatten Steine an der heißen Quelle sprang. Das Tier wirbelte wie ein winziger Schatten durch den Dampf, jede Bewegung voller Energie und Unberechenbarkeit.

Nanali zuckte zusammen, ein kleiner Schrei entwich ihr. Reflexartig sprang sie auf, machte einige hastige Schritte zurück und landete fast bis zu den Knien im warmen Wasser der Quelle. Der Dampf umhüllte sie wie ein weiches, schützendes Tuch, während das Eichhörnchen nach einem kurzen Moment der Verwirrung im Gebüsch verschwand.

Noch immer leicht zitternd, atmete sie tief durch, ihre Hände im Wasser, das die Wärme des Tages trug, und konnte sich schließlich ein leises Lachen nicht verkneifen.
 

Als Seto die letzte Stufe der Natursteintreppe erreichte, verstummte der Gesang plötzlich. Ein leises Plätschern drang an sein Ohr, gefolgt von einem schrillen Aufschrei. Ohne nachzudenken trat er näher an den Paravent heran.

Im Paravent gab es einen kleinen Spalt. Dort, im dampfenden Wasser, kochten die Farmer aus der Stadt alltäglich ihre Eier in einem Netz aus Seil – ein typisches Bild für das japanische onsen tamago.

Durch diesen kleinen Spalt konnte er einen Blick auf die heiße Quelle erhaschen. Mitten im dampfenden Wasser saß eine Gestalt, die sich nun langsam erhob.

Wie ein sanfter Schleier, fiel das silberne Licht des Mondes diffus über die Quelle. Der Nebel teilte sich langsam, das silberne Mondlicht zeichnete feine Linien in den Dunst.

Mit jedem Atemzug, den der Wind über das Wasser trug, wurde die Sicht klarer. Die Konturen, eben noch verschwommen im Nebel verborgen, traten deutlicher hervor: die glatten Rundungen der Steine, das leichte Kräuseln der Wasseroberfläche – und die Gestalt selbst, deren Umrisse sich nun vom Dampf lösten.

Der Nebel, zuvor ein wallender Schleier, schien vom Licht selbst durchdrungen zu sein. Einzelne Schwaden glitten wie seidene Bahnen davon, und Seto konnte sehen, wie sich die Linien der Schultern, der Nacken und die Haltung der Gestalt im silbernen Glanz abzeichneten – zart und doch unübersehbar.

Nicht mehr nur eine schemenhafte Silhouette, sondern ein lebendiges Bild. Ihr Körper schimmerte, als ob er vom Wasser selbst getragen würde. Tropfen perlten von der Haut und glitten über ihre Schultern zurück in die Quelle, während der Dampf sie in ein sanftes Leuchten hüllte.

Setos Atem stockte. Das war nicht für seine Augen bestimmt – zu intim, zu schön, zu fragil. Reflexartig wich er zurück und trat hastig hinter den Paravent. Sein Herz schlug schneller, als hätte die Nacht selbst ihn ertappt.

Doch das Bild blieb vor seinem inneren Auge bestehen.

Ein Wassertropfen, der sich seine Bahn durch wohlgeformte Wölbungen in die tiefen liegenden Zonen, entlang des Rippenbogens und des Bauchnabels davonmacht.

Hinter dem Paravent verharrte Seto, eine Hand an die Stirn gedrückt, als wollte er damit das eben gesehene Bild fortdrücken. Der kühle Druck seiner Finger half ihm kaum – zu deutlich brannte sich die Szene in seine Gedanken ein.

Er atmete tief durch, zwang sich, den Blick innerlich abzuwenden, doch je stärker er sich dagegen stemmte, desto klarer trat es hervor.

Ein bitteres Lächeln huschte über seine Lippen. Er wusste, dass seine Bemühungen nicht so ernst waren, wie er sie gern hätte. Auch wenn er es sich selbst nicht eingestehen wollte. Trag doch ein Handtuch, Frau.

Ein leises Rascheln zieht ihn aus seinen Gedanken. Der Gedanke sich einfach davon zu stellen, behagte ihm nicht. Auch würde er ein lächerliches Bild abgeben, wenn Nanali ihn dabei sah.

Einige Minuten vergingen, als er Nanali erblickte, wie sie aus der Umkleide kam.

Ein warmer Pyjama schmiegte sich an ihre Haut, die Haare lagen in einem Handtuch verschlungen. Noch den Duft der Quelle in der Nase, blieb sie abrupt stehen.

Ihre Augen weiteten sich. „S–Seto?“ stammelte sie, die Stimme unsicher, als könne sie nicht glauben, ihn hier zu sehen.

Er erwiderte ihren Blick ruhig. Die Arme verschränkt vor seinem Oberkörper.

„Der Herbst ist kalt“, sagte er mit kühler Sachlichkeit. „Du solltest nicht draußen stehen bleiben.“

„W–was machst du hier?“ fragte sie schließlich, immer noch fassungslos.

„Ich habe dich singen hören. Dein japanisch musst du noch üben.“

In Nanalis Gesicht huschte ein unkontrollierbarer Wechsel. Hitze stieg in ihr auf, als hätte der Mond selbst sie ertappt. Hastig stützte sie an ihm vorbei zur Treppe. Doch kurz bevor sie sich wirklich davonmachte, hielt sie inne. Sie drehte sich um – und mit einem entschlossenen Schritt kam sie wieder auf ihn zu.

Seto sah sie an, bemüht kontrolliert, die Miene unbewegt. Nanali griff mit der einen Hand in ihre Hosentasche, die andere packte seine Hand, drehte die Handfläche nach oben. Er beobachtete ihre Geste mit einem Anflug von Missmut, fast widerstrebend.

Dann legte sie ihm etwas in die Hand. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“, platzte es aus ihr heraus – lauter, als sie es beabsichtigt hatte, die Worte halb verschluckt, halb hervorgestoßen. Sie wagte es nicht, ihm ins Gesicht zu sehen.

Im nächsten Augenblick drehte sie sich um und stürmte davon, den Treppenpfad hinab. Ein winziges Glühwürmchen flackerte auf, folgte ihr flatternd wie ein vertrauter Begleiter, bis sie im Dunkel verschwand.
 

Kurz vor neunzehn Uhr öffnete sich die Tür der Brasch Bar. Ein warmer Schwall aus Stimmen, Gelächter und dem würzigen Duft von Rauch und gebratenem Fleisch schlug Seto entgegen. Für einen Augenblick blieb er im Eingang stehen, bis seine Augen sich an das dämmrige Licht gewöhnt hatten.

Mokuba saß an einem der kleinen Tische, den Kopf in die Hand gestützt, den Blick schon eine Weile starr auf die Tür gerichtet. Kaum dass er seinen Bruder sah, richtete er sich auf. Seine Miene erhellte sich spürbar – eine Mischung aus Erleichterung und Freude, die er kaum verbergen konnte.

Seto trat zu ihm, ließ sich mit der ihm eigenen, kontrollierten Ruhe nieder. Doch bevor er sich setzte, zog er etwas aus der Hosentasche – ein kleines, schimmerndes Objekt, das im matten Licht der Bar aufblitzte.

„Was ist das?“ fragte Mokuba, verwundert, als er das ungewöhnliche Stück sah.

Seto legte es auf den Tisch.

Aus Perlen in weißen und blauen schimmernden Perlen kunstvoll auf Angelschnur aufgefädelt. Der Körper bestand aus winzigen, dicht aneinandergelegten Perlen, die Schuppen gleich anmuteten. Der lange Schweif, die Flügel und die Augen – zwei kleinere, strahlend blaue Perlen – gaben dem Drachen einen eisigen Blick, der unverkennbar an den Weißen Drachen erinnerte.

Die zarten Fäden hielten das Kunstwerk zusammen, als wäre es aus Licht und Frost gewebt. Es wirkte gleichzeitig fragil und stolz – ein kleiner, stummer Wächter.

Caught in Restraint – Affection in Disguise

Caught in Restraint – Affection in Disguise
 

Sa., 26. Oktober YXX1

Das erste Licht schleicht durch die halbgeöffneten Vorhänge. Claire öffnet die Augen, noch benommen vom Schlaf. Sie blinzelte verschlafen in den noch grauen Morgen. Ein müdes Gähnen, die Hand noch halb vor den Mund gelegt. Die ersten Sonnenstrahlen tasteten sich zaghaft durch die Ritzen der Vorhänge und malten schmale, warme Streifen auf den Boden. Sie ließ die Decke schwer über die Schulter gleiten und streckte sich mit einem tiefen, noch müden Ruck.
 

Den Rücken durchdrückend, die Glieder lang und langsam, als wollte sie den Schlaf aus jedem Muskel treiben. Sie setzt sich vorsichtig auf die Bettkante, die Füße berühren den kühlen Boden.
 

Ein leises Knarren der Dielen. Einen Moment verharrt sie. Lauschte auf das leise Knarzen der Dielen unter ihrem Gewicht. Dann stand sie auf, bewegte sich langsam und bedacht über das Parkett. Sie achtete darauf, die knirschenden Bretter zu vermeiden.
 

Die Küche war winzig, kaum mehr als ein schmaler Streifen zwischen Wand und Fenster. Alles war auf engem Raum zusammengequetscht: der kleine Herd, der winzige Kühlschrank, ein Spülbecken, in dem das Wasser beim kleinsten Abflussgeräusch gluckernd verschwand.
 

Über allem hingen die Wandschränke, niedrig, alt, die Türen etwas verzogen, sodass sie beim Öffnen leicht quietschten.
 

Claire öffnete einen der oberen Schränke. In der kleinen Küchenzeile standen zwischen den Gläsern für das Essen ihre Zahnputzbecher.
 

Sie nimmt einen Zahnputzbecher in die Hand, schnappt sich die Zahnbürste und wirft einen Blick zurück.
 

Nanali liegt noch auf dem Sofa, zusammengerollt unter der Decke. Drüber gezogen bis über die Ohren. Sie drehte sich von einer Seite auf die andere, immer noch erschöpft von der schlaflosen Nacht, während das Morgenlicht sanft ihr Gesicht streifte.
 

Claire lächelte leicht, beobachtete sie einen Moment, bevor sie sich selbst dem Tag zuwandte.
 

Es war nach acht Uhr, als Nanali sich endlich aufraffte. Claire war längst wieder auf den Feldern, frei und ungestört. Heute brauchte sie Nanali nicht. Also wollte diese ihre Glasblasekunst weiter ausbauen.
 

Vorsichtig trat sie zwischen die Stapel von Büchern auf den Boden. Viel freie Fläche blieb nicht mehr übrig. Und mit jedem Tag wurden es mehr Dinge, mit denen sie die kleine Fläche überlagerte. Das Chaos erinnerte sie daran, dass sie dringend handeln musste. Es grenzte an ein kleines Wunder, dass Claire bisher noch nichts gesagt hatte.
 

Seufzend schleppte sie sich zum Waschbecken und Griff nach ihrem Zahnputzbecher. Einen Spiegel gab es nicht, nur das Fenster, das das matte Licht des Vormittags ins Zimmer ließ. Nanali beugte sich vor, betrachtete sich selbst in der Glasfläche.
 

Es musste sich etwas ändern.
 

Eine Viertelstunde später betrat Nanali die Werkstatt. Wie so oft war auch Seto nicht fern. Er saß am großen Tisch, den Kopf gesenkt, die Hände beschäftigt, vertieft in etwas, das nach einem neuen Projekt aussah – vielleicht das, das er gestern noch begonnen hatte.

Nanalis Blick blieb an seinem Schlüsselbund hängen, das neben der Brieftasche auf dem Tisch lag. Und daran, was daran hing: der kleine weiße Drache aus Perlen, den sie ihm gestern in die Hand gedrückt hatte.

Zu sehen, dass er ihn befestigt hatte, dass er ihn so beiläufig und doch sichtbar auf dem Tisch liegen ließ… machte sie für einen Moment regungslos.

Öffentlich für jeden sichtbar, na ja, fast – Samstag hin oder her, außer den Meistern war ohnehin niemand da, der es hätte sehen können.

Ein kühler Luftzug durchströmte die Werkstatt, als Nanali die Tür öffnete. Seto hob den Blick, folgte dem Geräusch, und sah zu ihr hinüber. Sie stand regungslos in der Stube, die Hände locker an den Seiten, die Schultern leicht gespannt. Gerade wollte sie den Blick abwenden.

„Morgen“, sagte sie hastig, die Stimme etwas zu schnell.

Doch bevor sie ihm wieder entwischen konnte, erhob sich Seto von der Bank. Es war ein kleines Kunststück, fast ein Balanceakt: Die Bänke und der Tisch standen eng beieinander. Kein leichter Ausstieg wie von einem Stuhl, kein Platz, um sich einfach zurückzulehnen. Ein schnelles Aufstehen war hier beinahe unmöglich.

Er musste das Gewicht nach vorn verlagern, die Knie leicht beugen, die Füße vorsichtig auf dem Boden ausrichten. Schließlich stand er ihr aufrecht gegenüber. Nanali hatte innegehalten und ihm zugesehen. Sie hasste diese Bank. Zu Mittag, wenn sie daran saß und aß, reichte oft schon eine abrupt aufstehender Mitazubi und sie kippte fast.

Doch Seto… selbst beim Rauswinden wirkte alles an ihm mühelos, kontrolliert, beinahe elegant. Kein Zittern, kein Stolpern, kein hastiges Abstützen.

„Ich sagte zwar, dass du nicht so lange in der kalten Herbstluft stehen bleiben solltest… aber du hättest mir wenigstens noch die Zeit lassen können, mich zu bedanken“, erklärte er fast beiläufig. Ihr Blick suchte kurz den Boden, bevor sie wieder zu ihm aufsah. Er sah sie direkt an, kühl und durchdringend, als wollte er jede Regung in ihr lesen.

„Uhm…“ Nanali schluckte, spürte sofort das kleine Brennen im Hals. „Du… musst das nicht behalten, wenn es dir zu… kitschig ist.“ Schon beim Aussprechen hasste sie sich selbst dafür, die Worte so unbeholfen gewählt zu haben.

Seto zog eine Augenbraue hoch, die Ecke seines Mundes zuckte kaum merklich, während er den kleinen weißen Drachen aus Glasperlen betrachtete, der neben seinen Schlüsseln auf dem Tisch lag.

Ich weiß, wie viel Mühe darin gesteckt haben muss. Das Muster, das Auffädeln… Ich erinnere mich daran, wie sie die kleinen Muttern aufgenommen hatte, die ich kaum zu fassen bekam…Aber das hier ist etwas anderes. Entweder ist sie sehr begabt oder sie muss annähernd daran verzweifelt sein.

Nanali spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Das Bild ihres Ex-Freunds mit rotem Schal, das plötzlich wieder in ihrem Kopf auftauchte… Der Moment erschien ihr zu lang. Aber sie konnte nicht entkommen. Wieso sagte er nicht endlich etwas.

„…Das ist gut gearbeitet“, sagte er schließlich, seine Stimme ruhig, fast kalt, aber mit einem Hauch von Respekt.

Nanali spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte.

Seto sah sie kurz an, dann wieder auf den Drachen. „Ich behalte es. Es ist… gut.“

Einige Minuten herrschte Stille zwischen Ihnen beiden. Ein Moment in dem Nanalis Gedanken sich überschlugen und sie nicht wusste, ob sie das tatsächlich gehört hatte.

Dann setzte er nach, leise, fast beiläufig: „Ich sammle keine Perlenfiguren.“ Er hielt inne, bevor er weitersprach, als wolle er den Satz nicht unnötig hart klingen lassen. „Also… Danke. Aber du musst dir keine solche Mühe mehr für mich machen.“

Nanali schluckte. Es fühlte sich an wie ein kleiner Stich – ein unsichtbarer Riss, der durch den kurzen Moment der Freude lief. Sie zwang sich, den Blick nicht abzuwenden, doch ihre Finger verkrampften sich leicht an der Naht ihres Mantels.

Und doch… war da ein Unterschied. Er hatte es nicht zurückgegeben. Es war in keiner Ecke verschwunden. Er trug es bei sich. Er hatte es behalten.

Und doch hatte sie dieses Gefühl, dass sie zu viel war. Das sie wieder erdrückend war.

„Zu viel? Ich wollte nicht aufdringlich sein…“

„Das bist du nicht.“, entgegnete Seto. Seine Stimme war bestimmt. Hart. Und dennoch war das, was er sagte, nicht negativ. Er wies sie zurück, aber ohne ihr etwas vorzuwerfen.

Nanali spürte wie sie sich an dem Bild ihres Ex-Freundes aufhing.

„Ich will nur keinerlei Verpflichtung eingehen. Ich weiß nicht mal wann du Geburtstag hast und halte rein gar nichts von dieser Tradition des gegenseitigen Schenkens. Ich nehme schon für Mokuba Rücksicht darauf. Ich will dir nichts schuldig bleiben. Also mach dir diese Mühe nicht.“, sprach er mit sachlicher Stimme und begann sich abzuwenden.

„Du schuldest mir nichts!“, erwiderte Nanali schnell. „Ich-.“

„Du hast das gemacht ohne eine Erwartungshaltung?“, hakte Seto skeptisch nach. Seine Stimme klang missmutig. Ein wenig Vorwurfsvoll. Als hielte er das kaum für wahrscheinlich.

Nanali wollte nicht lügen. Sie konnte es nicht abstreiten.

„Meine Erwartung war, dass wir die Beziehung, die wir jetzt haben irgendwie aufrechterhalten. Geschäftlich und sachlich von mir aus. Und ich verheimliche nicht die Tatsache, dass ich dich mag. Ist das ein Problem für dich?“, fragte sie ernst geradeheraus.

Seto schaute sie verblüfft über den schnellen Wechsel ihrer Persönlichkeit an. So war das also. Forderte man sie heraus, konnte sie in einem Augenblick vom scheuen Reh zu dem hier werden. Ein scharfer Blick traf ihn, beobachte jeglicher seiner Mimik.

Oder schützte sie sich nur damit?

„Für mich ist das kein Problem. Ich habe eher bedenken, dass es das für dich wird. Weil von mir nicht viel kommen wird.“

Nanali schluckte ihre Enttäuschung runter und blickte ihn tief in seine unverrückbar starren eiskalten Augen.

„Nein. Ich erwartete nicht einmal ein Danke, oder dass du ihn behältst. Du hast mir schon mehr gegeben, als ich erwartet hatte. Das ist kein Problem für mich.“, gab sie zu und hing den Mantel an die Garderobe. Bereit sich wieder ihrer Arbeit zu widmen.

„Wieso hast du es dann gemacht?“, hakte Seto erneut ein.

„Weil ich es wollte. Und weil ich dir eine nette Geste zu Teil werden lassen wollte. Man weiß doch niemals im Voraus, wie etwas ausgeht. Ich erwarte grundsätzlich nicht, dass etwas zurückkommt. Das habe ich früh gelernt.“

Seto schwieg. Nach außen hin schien er beruhigt, ließ es auf sich beruhen. Doch etwas nagte an ihm. Er war keine Verpflichtung eingegangen – und genau so sollte es sein. Trotzdem… gefiel ihm nicht, wie sie jetzt auf ihn wirkte. Zu still, zu kontrolliert. Sicherlich fühlte sie sich schlecht. Das war nicht seine Absicht gewesen. Aber es war besser so. Besser, wenn sie sich keine Hoffnungen machte, die er ohnehin nicht erfüllen konnte.

Dafür hatte er weder Zeit noch Nerven. Zuneigung – in welcher Form auch immer – kam ihm gerade mehr als ungelegen. Seine Sekretärinnen hatte er entlassen, wenn sie ihm ungefragt Kaffee brachten, wenn ihre Röcke zu kurz waren oder sie ihm einen Blick zuwarfen, der zu viel verriet. Das hier war anders. Nanali war subtiler. Sie wich seinen Blicken aus, vermied es, Aufmerksamkeit zu fordern. Eher schien sie sich unwohl, wenn er sie direkt ansah.

Er konnte nicht klar benennen, was das war. War es Zuneigung? Freundschaft? Eine Schwäche? Er war sich nicht sicher, wie er ihre Gesten deuten sollte. Unwillkürlich fiel sein Blick noch einmal auf den kleinen weißen Drachen aus Perlen, der neben seinen Schlüsseln lag.

So etwas machte man doch nicht ohne Absicht… Oder irrte er sich?

The Subtle Art of Placement – Because We Care

The Subtle Art of Placement – Because We Care
 

Do., 31 Oktober YYY1

Die Morgensonne war gerade über die Dächer Mineral Towns geklettert, und Mokuba Kaiba hockte auf dem Holzfußboden des Supermarktes, die Hände in einer Kiste voller Waren. Der Laden war noch leer – die Türen öffneten offiziell erst in einer halben Stunde –, doch Mokuba räumte bereits die neuen Lieferungen in die Regale.

Seine Finger glitten über Gläser und Papierverpackungen. Einige Produkte kamen ihm fremd vor. Flaschen aus Glas, sorgfältig gefüllt mit Shampoos, Cremes und Lippenbalsam oder Spülmittel, harte Castile Seifen, in raues, braunes Papier gewickelt, verziert mit Kamillenblüten oder Lavendel, Bambuskästchen mit gepresstem Pulver zum Herstellen von Badekugeln und feine Papiertütchen mit losem Tee, die auf den ersten Blick wertiger wirkten als das meiste andere.

Er zog eine Seife aus der Kiste und studierte das Logo. Die geschwungenen Buchstaben „Aelis“ wirkten elegant. Das „e“ war kunstvoll geformt wie ein grünes Blatt. Über dem Schriftzug schwebte die schwarze Silhouette einer Figur, die an Alice aus den alten Geschichten erinnerte.

Eine andere Schreibweise für Alice? Mokuba runzelte die Stirn. Es erinnert mich an eine Kosmetikmarke… Aber welche? Irgendetwas mit Wellenmustern… Ich komm nicht drauf.

Er legte die Seife zurück, betrachtete die anderen Produkte und zog vorsichtig Schlüsse.

In dieser Welt gab es keine großen Handelsketten. Die Läden waren privat, boten an, was gerade verfügbar war, und bestellten auf Nachfrage. Die meisten dieser Produkte wurden von Frauen aus der Nachbarschaft hergestellt, die ihre Bezirke versorgten. Hier galt das Abrufprinzip – kein Push-Marketing, keine Massenproduktion.

Es muss jemand sein, der mit uns gestrandet ist.

Mokuba griff nach einem Glas Shampoo, drehte es in der Hand und analysierte die Strategie:

Glas- und Papierverpackungen sind günstig, umweltfreundlich und unkompliziert. Produkte, die leicht selbst herzustellen wären, aber mit einem fertigen Finish. Shampoos und Cremes waren hochwertig und hochpreisig, dafür aber in kleiner Stückzahl – ein vorsichtiger Test im Markt. Castile Seife und Scrub-Produkte sind günstiger, aber auf breite Masse ausgelegt. Tee verkaufte sich sowieso immer.

Mokuba überlegte scharf, wie die Kalkulation hinter diesem Sortiment wohl aussah.

Die Zielgruppe sind Menschen, die keine Zeit hatten, selbst herzustellen. Die Preisstrategie sind hochwertige Produkte hochpreisig aber in geringer Stückzahl anzubieten. Für die breitere Masse sind die günstigeren Produkte, um maximale Abdeckung bei minimalem Risiko zu gewährleisten.

Es musste jemand sein, der noch keine Kundschaft für sich gefunden hat, den er privat bedienen kann.

Das ist clever gemacht.

Mokuba konnte sich gut vorstellen, wie viel Überlegung hinter diesem Sortiment steckte – von der Positionierung bis zur Materialwahl. Wer auch immer hinter „Aelis“ stand, hatte verstanden, wie man Produkte in einem Markt platzierte, der noch stark lokal und handwerklich geprägt war.

Mokuba griff nach einer der feinen Papiertütchen mit losem Tee. Das Papier fühlte sich angenehm stabil an, kaum vergleichbar mit den rauen Seifenverpackungen. Er drehte die Tüte vorsichtig in seinen Händen, be-trachtete das Etikett und die losen durchscheinenden Blätter. Der Duft stieg leicht auf – eine Mischung aus getrockneten Kräutern, fast schon beruhigend.

Ihn erinnerte das an den Tag in der Bibliothek mit Nanali. Sie hatten stundenlang zwischen den alten Regalen gesessen, bücherweise über Teemischungen recherchiert und unzählige Rezepturen abgeschrieben, Notizen in die Ränder gekritzelt, Mischungen ausprobiert, wieder verworfen, neue Kombinationen getestet.

Er drückte das Tütchen leicht, prüfte die Konsistenz der Blätter. So einfach verpackt… und doch so viel Wissen dahinter. Wenn ich diese Mischung in der richtigen Zielgruppe platziere, könnte es sich fast von selbst verkaufen. Mokuba schüttelte leicht den Kopf, ein winziges Lächeln auf den Lippen.

Es kann nur Nanali sein. Niemand sonst hätte die Kreativität, das Wissen über Mischungen und die Liebe zum Detail, um „Aelis“ so zu gestalten.

Kurz verharrte er, ließ die Schultern zurücksinken und ließ seinen Blick durch den noch leeren Supermarkt schweifen. Die Regale, die Fensterfront, die Lichter über den Gängen – alles wirkte wie eine leere Leinwand, bereit, gestaltet zu werden.

Langsam bewegte er sich auf den kleinen Holztisch zu. Strich mit einer Hand über das raue Holz und ließ seine Augen über ihn gleiten. Seine Stirn legte sich in Falten. Er überlegte einen Moment. Schaute noch mal über die Ladenfläche. Prüfte aus allen Blickwinkeln die Position. Schließlich richtete er ihn so aus, dass der Tisch den perfekten Platz im Eingangsbereich einnahm.

Dann griff er nach den ersten Produkten. Mit Bedacht hob er Glasflaschen, Seifen und Teetüten auf, setzte sie vorsichtig auf den Tisch. Mit geübten Bewegungen griff er die Glasflaschen, Cremes und Lippenbalsame. Jedes Stück wurde gedreht, angehoben, minimal verschoben – so, dass das Logo, die Farben und die Textur sofort auffielen. Die Höhenunterschiede in den Produkten gut ausgenutzt.

Die Seifen legte er in kleinen, leicht versetzten Stapeln aus, die Blütenblätter und Lavendelzweige nach vorne gerichtet, sodass die Farben die Aufmerksamkeit fesselten. Die Bambuskästchen mit dem Badekugel-Pulver setzte er in einem kleinen Pyramidenmuster, leicht schräg, damit jedes einzelne sichtbar war. Die Teetüten stellte er zu einem harmonischen Cluster zusammen, das den Blick von allen Seiten auf sich zog.

Die Reihen waren nicht nur geordnet, sie erzählten eine kleine Geschichte: Hochwertige Glasprodukte vorne, Seifen und Pulver daneben, Tee elegant zu einem Blickfang gruppiert.

Jede Linie, jeder Stapel, jede Position war bewusst gewählt – eine Mischung aus Optik, psychologischer Wirkung und Kaufanreiz. Wer hier durch die Gänge ging, würde automatisch von den Augen auf das Sortiment geführt, die Hochwertigkeit der Produkte erkennen und neugierig werden.

Mokuba trat einen Schritt zurück, musterte seine Arbeit noch einmal. Alles war bedacht platziert, so dass der Eingangsbereich nun wie ein kleiner, inszenierter Schaufensterbereich wirkte. Wer den Laden betrat, würde sofort von diesem Arrangement angezogen werden – ein unaufdringlicher, aber unwiderstehlicher Blickfang.

Perfekt… Nanali hätte das stolz gemacht. Mokuba lächelte leicht. Sein schelmisches Grinsen verriet, wie zufrieden er mit dieser kleinen Marketing-Performance war.

Diese Welt mochte abgeschieden sein, aber die Prinzipien, die er kannte, funktionierten auch hier.

Er richtete sich auf, räumte die letzten Kisten weg und warf einen Blick durch die noch leeren Gänge. Bald würden die Dorfbewohner kommen, um ihre Einkäufe zu erledigen.

Bevor er den Laden endgültig verließ, blieb Mokuba noch einen Moment stehen. Sein Blick fiel auf den Be-reich unter dem Thresen, wo ein unscheinbares Blankobuch lag – ein Buch, das alle Ein- und Ausgaben des Tages verzeichnete. Ein kurzer, flüchtiger Gedanke huschte durch seinen Kopf: Ich habe eigentlich kein Recht, das zu sehen…

Er spürte das leichte Ziehen in der Brust. Als Aushilfe hatte er keine Befugnis, in die Finanzen des Ladens einzusehen. Ihm wurde bereits so viel Vertrauen zu teil, dass er allein gelassen wurde. Einmal hatte er beim Monatsabschluss geholfen. Was nicht automatisch hieß, dass er die Bücher einsehen durfte, wann er wollte.

Es war ein Eingriff in Nanalis Privatsphäre. Dennoch konnte er die Neugier nicht ganz unterdrücken. Lang-sam und leise ging er ein paar Schritte durch den Verkaufsraum, ließ seinen Blick über die Regale schweifen, als wolle er sicherstellen, dass niemand ihn beobachtete. Dann lauschte er unauffällig in Richtung der privaten Räume hinter der Verkaufsfläche – keine Stimmen, keine Geräusche. Allein.

Mit einem kleinen, fast entschuldigenden Seufzer griff er nach dem Buch. Seine Finger zitterten kaum merklich, als er die Seiten aufschlug . Zeile für Zeile überflog er die Einträge: Verkaufte Produkte, kleine Notizen zu Lagerungskosten, kalkulierter Gewinn für den Laden. Natürlich konnte er nicht erkennen, wie viel Nanali für Verpackung oder zugekaufte Zutaten ausgegeben hatte – aber er bekam ein Gefühl für die Größenordnung der Marge, für das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag, wenn er wusste, für wie viel sie ihre Produkte an den Laden verkauft hatte.
 

Produkt Preis/Stück (G) Stück verkauft Einnahmen (G)

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Handseife 10 20 200

Badekugel/ 7 12 84

-kristalle/-salze

Tee 10 300 3000

Shampoo 80 10 800

Creme 70 10 700

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Gesamteinnahmen: 4784
 

Mokuba lehnte sich leicht zurück, das Buch wieder halb geschlossen haltend, und betrachtete den Raum noch einmal.

Wenn ich den Prozentsatz für Handelsübliche Verpackungen abziehe, komme ich auf einen Gewinn ohne Verpackung von ca. 2800 G. Wenn ich davon ausgehe, dass sie das Material alles aus ihren Wanderungen hat, hat sie nahe zu keine Herstellungskosten, die davon abgehen würden. Es müsste annähernd ihr Gewinn sein. Keine Ahnung, ob das im Verhältnis zum Aufwand steht, aber das ist in etwa das Doppelte, zu dem was ich als Aushilfe im Laden und der Geflügel Farm zusammen bekomme. Und sie spart definitiv an Kosten, da sie bei Claire wohnt., fasste Mokuba zusammen.

Mokuba geht zur Garderobe. Seine Schritte hallen leise über den Holzboden des Ladens. Mit einer routinierten Bewegung zieht er die Jacke von ihrem Haken, schüttelt sie einmal leicht aus und wirft sie sich über die Schultern. Die Ärmel gleiten fast wie von selbst über seine Arme, und der Stoff legt sich bequem um seinen Oberkörper. Einen Moment hält er inne.

Karen tritt aus den privaten Räumen auf die Verkaufsfläche, die Schritte leicht und ruhig. Ihr Blick fällt sofort auf Mokuba, der sich gerade bereit macht, zu gehen. „Willst du schon gehen?“ fragt sie freundlich, ihre Stimme trägt ein leises Lächeln. Mokuba nickt nur, kurz und knapp.

Dann richtet Karen ihren Blick über die Ladenfläche. Ihr Blick bleibt an Mokubas kleinem Kunstwerk hängen – die liebevoll arrangierten Produkte, die subtilen Details, die Harmonie der Farben. Ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. „Das hast du wirklich schön gemacht,“ sagt sie, ihre Stimme voll Anerkennung, während sie noch einen Moment stehenbleibt, um jedes Detail zu würdigen.

Bevor Mokuba zur Tür geht, erinnert sie ihn noch: „Dreh bitte das Schild an der Tür auf ‚Open ‘, bevor du gehst.“ Sie lächelt dabei und fügt hinzu: „Und einen schönen Tag auf der Geflügelfarm!“

„Danke.“, gab er zurück. Dann greift er nach der Tür, drückt sie auf und tritt hinaus in die kühle Luft. Mit einer knappen Geste flippt er das Ladenschild um.

Auf dem Weg zur Geflügelfarm schossen ihm noch einige Gedanken durch den Kopf.

Seto kann seine Maschinen zwar teuer verkaufen und seine Einnahmen sind deshalb höher, aber er hat auch hohe Ausgaben für Material und muss Rücklagen bilden, weil er ein großes Risiko trägt. Es ist außerdem deutlich schwieriger Absatz zu finden und der Eingang ist nicht so regelmäßig. Außerdem ist die Herstellung und Reparatur dieser Maschinen zeitaufwendig, sodass er weniger „freie Mittel“ aus seinem Einkommen zur Verfügung hat. Also obwohl Seto insgesamt mehr verdient, ist sein tatsächlicher, frei verfügbarer Gewinn nicht so hoch, wie es auf den ersten Blick scheint. Wenn sich ihre Produkte absetzen und sie einen Markt dafür findet, steckt sie Seto und mich in die Tasche. Und da ist noch nicht berücksichtigt, dass sie in der Schmiede und auf Claires Farm auch noch verdient.

Nanali hockt auf dem Boden in Claires Haus und sortiert sorgfältig ihre Sachen. Für ihre improvisierte Ordnung nutzt sie die frei gewordenen Obstkisten, in denen zuvor die Äpfel aus der Ernte gelagert hatten. Claire hatte die meisten Äpfel bereits zu Apfelmus verarbeitet und größtenteils weiterverkauft. Ein paar übrig gebliebene Früchte waren für den Eigenverbrauch reserviert und standen in der Werkstatt in den Regalen, bis sie gebraucht würden.

Nanali hat einige alte und schon leicht morsche Obstkisten zu einem kleinen Kleiderschrank gestapelt, vor den sie einen Vorhang gezogen hat. Darin verstaut sie den Rest ihres Materials. Nicht verarbeitete Weide und Schilf hat sie zusammengebunden und daneben aufgestellt. Die Körbe stapeln sich ordentlich übereinander, während sich die Kerzen hintereinander in den Obstkisten aufreihen. In anderen Kisten lagern Fläschchen mit Traubenkernöl, von denen sie genügend Vorrat hat, um auch in den kommenden Monaten Mineralstadt mit ihren Produkten zu versorgen, falls die Nachfrage positiv bleibt.

Endlich Ordnung, dachte Nanali und atmete erleichtert aus.

Auf dem kleinen Couchtisch standen noch zwei kleine Stoffbeutel mit den Keksen, die sie fürs Kürbisfest gebacken hatte. Einer war für Mokuba, der andere für Seto gedacht. Doch Nanali machte sich nichts vor – wahrscheinlich würde sie sich nicht dazu durchringen, ihm tatsächlich welche zu schenken. Außerdem war es schließlich das Kürbisfest, und zu diesem Anlass verschenkte man Süßes an Kinder. Das würde ihm vermutlich gar nicht gefallen.

Gegen Mittag wollte Nanali rüber in die Schmiede. Sie stand vor dem Fenster und betrachtete ihr Spiegelbild im Glas, während sie ihre langen Haare zu einem großen Dutt drehte. Sie wickelte ihr Haar zusammen, bis es festsaß, als sie das polternde Stampfen der Räder von Pferdekutschen über den Kopfsteinpflasterweg vor dem Haus, hörte. Das Geräusch hallte in der ruhigen Straße wider, jedes Metallrad schlug rhythmisch auf die Pflastersteine, und das klappernde Geklapper der Kutschenkästen unterstrich die Bewegung der Tiere.

Draußen konnte sie Mokuba erkennen, der gerade von der Kutsche sprang. Genau darauf hatte Nanali noch gewartet, bevor sie selbst losmachen wollte. Heute lieferte die Geflügelfarm das Futtergetreide für die Hühner an Claires Farm – und auf gar keinen Fall würde Nanali zulassen, dass Mokuba das allein erledigte. Selbst wenn Rick und Claire mithelfen würden, wusste sie, dass der junge Mann sich überengagieren und mehr tun würde, als gut für ihn war. Schließlich schleppte er bereits die schweren Kisten für den Supermarkt, und Seto hasste es mit jeder Faser seines Körpers, wenn er sich dabei überanstrengte.

Das wäre ja noch schöner, dachte Nanali, wenn er sich in so jungem Alter schon den Rücken ruiniert. Außer-dem hatte sie so die Gelegenheit, ihm die Kekse zu geben – ein kleiner Bonus für seine Mühen.

Hastig huschte Nanali nach draußen, wo sie erst einmal nießen musste. Claire und Mokuba versuchten sie noch von der Kutsche fernzuhalten, aber vergebens. „Scheiß Pferdeallergie!“, murmelte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen. Claire seufzte und schüttelte den Kopf. „Du bist mir echt eine.“ Immer machte sie sich Sorgen um alle anderen, aber um sich selbst kümmerte sie sich kaum.

„Streck mal die Hand aus“, sagte Nanali als alles verladen war und hielt den kleinen Stoffbeutel zwischen Daumen und Zeigefinger. Mokuba tat wie geheißen, seine Handfläche geöffnet und leicht nach oben geneigt. Vorsichtig ließ Nanali den Beutel in seine Hand fallen. Er landete mit einem leichten Plumps und bewegte sich kaum, sodass der Inhalt – die frisch gebackenen Kekse – sicher in seiner Hand blieb. Nanali sah kurz zu, wie er den Beutel ergriff, die Finger umschlossen den Stoff, und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Mokuba lächelte kurz und sagte leise: „Danke, Nanali.“ Seine Stimme war ruhig, doch innerlich seufzte er, als ihm wieder einmal bewusst wurde, dass Nanali ihn wohl immer nur als Kind sehen würde. Ein leiser Seufzer entwich ihm, fast unmerklich, während er den Beutel mit den Keksen fest in der Hand wiegte.

Nanali fragte mit abgebrochener Stimme: „Willst du den… für Seto auch gleich mitnehmen?“ Dabei wich ihr Blick verlegen zur Seite, und sie wippte leicht auf den Füßen hin und her, weil sie nicht so recht wusste, wie sie sich verhalten sollte.

Mokuba schaute sie kurz an und fragte ruhig: „Willst du heute nicht in die Schmiede?“ Bevor Nanali antworten konnte, meldete sich Claire zu Wort: „Doch, genau jetzt.“ Nanali sah Claire daraufhin mit schmollenden Wangen an – ein Versuch, böse zu schauen, bei dem Claire jedes Mal beinahe in schallendes Gelächter aus-brach. Sie hätte ihn doch eh nicht belügen können.

„Na, dann siehst du ihn ja“, antwortete Mokuba knapp, nickte Nanali kurz zu und verabschiedete sich, bevor er sich wieder der Arbeit zuwandte.

Jetzt war es Nanali, die innerlich seufzte. Sie packte die Kekse sorgfältig ein und machte sich auf den Weg Richtung Schmiede.

Seto saß über Stift und Papier gebeugt, ganz in eine neue Idee versunken. Fast die gesamte letzte Woche hatte er auf Jamies Ranch verbracht – warum musste er ausgerechnet heute hier sein? Es wäre doch so viel einfacher gewesen, die Kekse direkt Mokuba mitzugeben, ohne dass Nanali sich selbst in diese verlegene Lage bringen musste.

Sorgsam überprüfte er ein Blech, das er wohl zuvor selbst zusammen gefräst hatte.

Es war einfacher gewesen, die Saatgutmaschine direkt vor Ort zu haben und daran zu arbeiten.

Doch nun hatte er Jamie ein komplettes Konzept vorgelegt, mit dem er ihre Kosten senken und ihren Gewinn optimieren konnte, doch die Maschinen standen hoch oben auf einem Berg – und sie waren in Betrieb.

Wenn die Teile, die er hier schmiedete, nicht passten, würde er den ganzen Weg vergeblich den Berg hinauf- und wieder hinuntersteigen. Ein frustrierender Gedanke, der ihn dazu brachte, jedes Maß, jede Kante noch sorgfältiger zu überprüfen.

Sollte seine Optimierung diesmal denselben Erfolg erzielen wie bereits bei der Saatgutmaschine, würde Jamie eine weitere Maschine in Auftrag geben. Die Materialkosten übernähme sie, während die gebräuchlichsten Bauteile bereits so gefertigt würden, dass Seto sich ausschließlich auf seine individuellen Anpassungen konzentrieren konnte.

Gerade wollte Seto nach seinem Werkzeug greifen. Blind streckte er die Hand zur Seite – doch statt kaltem Metall streifte seine Handfläche über weichen Stoff. Irritiert drehte er den Kopf und entdeckte einen kleinen Stoffbeutel. Sein Blick wanderte durch die Schmiede, bis er an Nanali hängenblieb, die ihn mit einem verschmitzten Lächeln ansah.

„Wofür?“, fragte er misstrauisch.

„Heute ist Kürbisfest“, erklärte Nanali mit einem Achselzucken.

Seto stieß ein leises Seufzen aus. „Sag bloß, hier gibt es solche Bräuche auch.“

Im Kalender hatte er schon das Sternenlichtfest entdeckt – wo andere Weihnachten feiern würden…

„Ist das nicht nur was für Kinder?“, mischte sich Tim ein, einer der Enkelsöhne von Meister Tai, der neugierig aus der Ecke herüberschaute.

Seto schob die Augenbrauen zusammen und richtete seinen Blick wieder auf Nanali. „Für Kinder?“

„Na ja“, begann sie, „ich hab für Claire, Mokuba und mich gebacken. Die waren übrig.“

„Und da gab es nicht genug Kinder, die du hättest beschenken können?“, hakte Seto nach, der Tonfall eher prüfend als wirklich interessiert.

Nanalis Lächeln wich einem spitzbübischen Funkeln. „Dann hätte ich keine so herrlich sinnfreie Diskussion führen können, mit der ich deine wertvolle Zeit verschwende. Ein einfaches Danke wäre übrigens effizienter gewesen, als zu hinterfragen, warum ich Dinge tue, die ich eben so tue.“ Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen.

Oh nein, jetzt wird er bestimmt sauer…, dachte sie, als sie aus seiner Richtung nur ein knappes, beinahe widerwilliges „Danke.“ vernahm.

„Gerne!“ Ihre gute Laune kehrte im selben Moment zurück, und mit federndem Schritt machte sich Nanali an die Arbeit.

Dawn over the Sun Lake - The Leap into the Unknown

Dawn over the Sun Lake - The Leap into the Unknown
 

Do., 7. November YYY1 – 5:30 Uhr

Die Landschaft lag noch im Halbdunkel. Die Sonne hatte die schwere Decke der Nacht noch nicht zurückgeschlagen, während blasse Lichtschimmer die Berge in gedämpfte, kühle grau-blaue Dämmerungstöne tauchten.

Der Wald am Fuß des Berges schlief unter einem Schleier aus Nebel und Raureif. Zwischen den kahlen Bäumen huschten die Schatten der Wildtiere, während vereinzelte Vogelrufe durch die feuchte Luft drangen.

Auf den ersten Anhöhen berührte ein blasses Licht die Spitzen der Kiefern, als wollten die Sonnenstrahlen zaghaft den Gipfel erkunden, doch im Tal blieb es noch still. Der Duft von feuchtem Laub und Moos hing schwer in der Luft, und jedes Knacken eines Zweigs hallte unheimlich durch das stille Unterholz.

Nanali stapfte vorsichtig durch das dichte Waldstück nahe des Sonnensees. Unter ihren Stiefeln knackten die gefallenen Blätter. Die Feuchtigkeit des Morgens zog in ihre Schuhe, während sie sich vorsichtig zwischen den moosbewachsenen Baumstämmen hindurchschob. Ihre Augen wanderten langsam von einer Pflanze zur nächsten, immer auf der Suche nach den Kräutern, die sie sammeln wollte.

Brennnesseln ragten in kleinen Büscheln aus dem Waldboden. Sie kniete sich nieder, spürte den feuchten Boden unter den Knien und achtete darauf, nicht über die feinen Brennhaare zu streichen. Mit den Fingerspitzen prüfte sie die Blätter: sie waren tiefgrün, gezahnt und frisch. Vorsichtig schnitt sie einige Stängel ab, schüttelte den leichten Tau ab und legte sie behutsam in ihr Leinentuch. Brennnesseln würden später für Salate oder als Sud für heilende Tees verwendet werden; reich an Eisen und Vitaminen, besonders gut für die Blutbildung.

Als sie aufblickte, entdeckte sie zwischen den Farnen den Giersch, dessen gezackte Blätter im schattigen Licht glänzten. Nanali bewegte sich langsam, prüfte, dass sie nur die kräftigen, gesunden Blätter pflückte, und zog sie vorsichtig aus der Erde. Die Wurzelstücke ignorierte sie, damit die Pflanze weiterwachsen konnte. Giersch war vielseitig einsetzbar: als Salat, Pesto oder Tee. Seine entwässernden und entgiftenden Eigenschaften wusste sie sehr zu schätzen. Die Blätter wickelte sie ein, schüttelte das überschüssige Laub ab und steckte sie in ihr Bündel.

Weiter vorne sah sie die ersten Löwenzahnblätter. Jung, ohne braune Flecken oder Tierfraß. Für den Tee waren vor allem die Blätter wichtig, gut für die Verdauung und die Leber, aber auch als Salatwürze verwendbar. Sie legte die Blätter vorsichtig zusammen, sodass sie nicht zerknitterten, und wandte sich dann dem nächsten Fund zu.

Mit jedem Schritt stieg sie den sanft ansteigenden Pfad am Mutterhügel hinauf. Bald würde sie die steinernen Klippen und schroffen Kletterfassaden erreichen, die sie bisher nur aus der Ferne bewundert, aber nie erklommen hatte. Auf den schmalen Vorsprüngen, zwischen Moos und Gestein, wuchsen die Kräuter, nach denen sie suchte.

Leuchtend rote Hagebutten an einem strauchartigen Gebüsch: prall, rot und fest, ohne Fäulnis oder Löcher. Sie zog ihre Handschuhe über die Hände, um sich die Finger vor den kleinen Dornen zu schützen. Hagebutten waren reich an Vitamin C, perfekt für heilende Tees, Marmeladen oder als Pulver für Lotionen und Cremes. Vorsichtig schnitt sie einige Zweige ab, hielt die Früchte wie einen Schatz in der Hand.

Schließlich, als sie weiter entlang der steinernen Fassade durch das Unterholz stapfte, fiel ihr Blick auf die leuchtend orangen Beeren des Sanddorns, die hoch in den Ästen eines kleinen Strauchs hingen. Nanali stand einen Moment da, schaute nach oben und prüfte die Umgebung, bevor sie sich an einem stabilen Ast hoch schwang. Der Strauch trug viele Dornen, also griff sie vorsichtig und balancierte auf einem dickeren Ast, bis sie nahe genug war.

Bevor sie die Beeren pflückte, untersuchte sie sie genau. Sanddorn ließ sich nur allzu schnell mit dem giftigen Feuerdorn oder der Ölweide verwechseln. Sanddorn war orange, saftig und in kleinen Trauben angeordnet, während Feuerdorn deutlich spitzer, glänzender und rötlich war, oft mit kleineren, festeren Beeren. Die Ölweide dagegen hatte länglichere, grünliche Beeren, die nicht so saftig wirkten. Nanalis Finger strichen über die silbrigen Blätter des Strauchs. „Na endlich! Sanddorn!“ Zufrieden pflückte sie vorsichtig die Sanddornbeeren, spürte den leichten Widerstand, wenn sie sie abstreifte, und legte sie in ihr Tuch. Sanddorn würde später als Vitamin-C-reiches Pulver, Öl oder für Tees dienen, gut gegen Erkältungen und zur Stärkung der Abwehrkräfte.

Häufig war Sanddorn auch Bestandteil für Cremes, Salben oder Lotionen. Zufrieden legte Nanali die letzten Beeren in ihr Tuch und richtete ihren Blick auf den unteren Teil des Strauchs. Ein kleiner, kräftiger Trieb schien perfekt zu sein – gerade jung genug, um sich zu einem Steckling eignen zu lassen, ohne den Strauch zu schwächen. Vorsichtig löste sie den Ast vom Strauch, achtete darauf, die silbrigen Blätter nicht zu zerquetschen, und prüfte, dass die unteren Blätter entfernt wurden, damit die zukünftigen Wurzeln Platz hätten.

Um den Steckling bis nach Hause zu transportieren, wickelte sie ihn in ein leicht feuchtes Leinentuch, das sie vorher an einem kleinen Bach im Wald angefeuchtet hatte. Das Tuch sollte die Rinde und Blätter vor dem Austrocknen schützen, während der Ast sanft eingewickelt blieb. In ihrem Korb war genug Platz, sodass der Steckling nicht zerdrückt wurde und die Beeren unversehrt blieben.

Zuhause würde sie den Ast sofort in einen Topfkübel mit feuchter Erde setzen, an einen hellen, aber nicht sonnigen Platz stellen und vorsichtig gießen. In der Wärme der Wohnung konnte er in den nächsten Wochen Wurzeln schlagen, bevor er im Frühjahr in einen größeren Kübel oder in den Garten umgesetzt werden würde.

Nanali ließ sich einen Moment auf dem Ast nieder, die Beine vorsichtig angewinkelt, sodass sie das Gleichgewicht halten konnte, als es plötzlich dicht neben ihr zu rascheln begann.

Ein kleiner Vogel stieß sich aus dem Gebüsch ab, nur wenige Meter von ihr entfernt. Dabei wirbelten die schon brüchigen Herbstblätter, die zaghaft an den Ästen hingen, wie ein goldbrauner Regen auf. Sie wirbelten auf, schwebten im schwachen Dämmerlicht und landeten langsam wieder auf dem Boden. Nanali erstarrte. Nur ein flüchtiger Schatten schoss nach oben, strebte zwischen Ästen hindurch, bevor sie die Bewegung mit bloßem Auge einordnen konnte. Dann, zwischen den Baumkronen hindurch, erkannte sie ihn: der Vogel breitete seine Flügel aus und begann über dem Sonnensee zu zirkeln, seine Flügel mal kräftig ausschlagend, mal flatternd und unkontrolliert.

Etwas an seinem Flug wirkte seltsam, untypisch. Nanali folgte jeder Bewegung mit gespanntem Blick, ihr Herz schlug schneller. Und dann – ein kleiner, plötzlicher Ruck. Der Vogel verlor das Gleichgewicht und stürzte, die Flügel hilflos schlagend, hinab Richtung Wasser.

Nanali richtete sich hastig auf, die Hand klamm um den rauen Stamm gekrallt. Ein Zittern lief durch ihre Arme, als sie vorsichtig auf dem Ast einen Schritt nach vorn machte, hin zu einem schmalen Vorsprung an der Felswand. Ihr Magen zog sich zusammen – Höhenangst . Jeder Schritt auf dem schmalen Stein fühlte sich an, als könnte er ihr den Halt rauben. Doch die Neugier trieb sie weiter. Langsam, fast zögerlich, schürfte sie sich über den Vorsprung, die Fingerspitzen suchten Halt an kleinen Unebenheiten im Gestein.

Dann sah sie es: Über der kleinen Insel im Sonnensee lag der Vogel, zusammengesunken. Die Insel war still, verlassen, nur von den letzten Strahlen der Dämmerung berührt. Dort, wo normalerweise niemand im November hinkam, verbarg sich die Wintermine – ein Ort, der erst betreten wurde, wenn das Eis den See fest umschloss. Und nun lag der kleine Vogel dort.

Ein plötzliches Flackern im Augenwinkel ließ Nanali zusammenzucken. Ein kleiner Lichtkegel glitt durch die Dämmerung, schwebte direkt zu ihr hin – Finn. Sein Körper in warmes, goldenes Licht getaucht, wirbelte besorgt um sie herum. „Nanali!“, piepste er aufgeregt, „Die Insel ist gefährlich!“

Nanali richtete sich auf, das Herz noch immer klopfend von dem Absturz des Vogels. „Gefährlich?“, fragte sie, während ihr Blick zur Insel am Sonnensee schweifte.

Finn schwebte ein Stück zurück, seine kleinen Flügel zitterten, als er erklärte: „Die Blütenpollen… oder besser gesagt, der Abrieb aus der Mine unter der Insel, ist giftig. Im November ist er besonders stark. Wer sich unvorsichtig nähert, kann sehr krank werden.“

Nanali schluckte, doch dann huschte ein entschlossener Ausdruck über ihr Gesicht. Sie konnte den kleinen Vogel nicht einfach hilflos lassen. „Ich muss ihn retten“, murmelte sie.

Nanali atmete tief durch und tastete vorsichtig den rauen Vorsprung entlang. Vor ihr erstreckte sich die kleine Insel im Sonnensee, nur wenige Meter entfernt, und darauf ragte ein großer, alter Baum empor. Seine Äste wucherten weit, einige streiften fast die steile Felswand, als wollten sie die Wand selbst umarmen.

Vorsichtig setzte Nanali einen Fuß auf einen der stärkeren Äste, der stabil genug schien, ihr Gewicht zu tragen. Mit der anderen Hand griff sie nach einem Ast, der ihr Halt bot, und stützte sich ab. Ihr Herz schlug heftig, jeder Muskel angespannt, während sie sich vorsichtig vorwärts schob. Das Geäst ächzte leise unter ihrem Gewicht, Blätter raschelten, und kleine Zweige knackten, doch der Ast hielt.

Der Weg war riskant, die Höhe erschreckend, doch Nanali wusste, dass jeder Moment zählte. Mit konzentriertem Blick und vorsichtigen Bewegungen tastete sie sich weiter durch das dichte Geäst.

Plötzlich knackte etwas unter ihrem Gewicht. Ein Ast brach leise, und Nanali spürte, wie ihr Herz kurz in die Kehle sprang. Sie schrie nicht, atmete tief ein und spürte Finns Lichtkegel zitternd neben sich: „Sei vorsichtig!“, rief er.

Trotz der Angst, trotz der Warnung, wusste Nanali, dass sie keine andere Wahl hatte. Mit zitternden Beinen und klammer Hand am Stamm schob sie sich vorsichtig weiter, jeden Schritt genau abwägend, bis sie einen besseren Blick auf die Insel bekam. Dort lag der kleine Vogel, zusammengesunken auf den Steinen, als hätte er keine Kraft mehr, sich zu rühren.

Ein stechender Schmerz schoss Nanali plötzlich in den Brustkorb, als sie sich bereit machte, den Sprung zu wagen. Finn schwebte dicht neben ihr, seine leuchtende Gestalt wogte leicht im kühlen Morgenlicht. Besorgt blickte er sie an, doch Nanali nickte nur, die Zähne zusammengebissen. Sie glitt vorsichtig am Stamm entlang, bis sie mit ausgestreckter Hand fast den See darunter erreichte.

Schnell befeuchtete sie ihr Tuch am kalten Wasser, die Finger leicht zitternd, bevor sie in ihre Tasche griff. Darin lag ein kleines Kästchen mit selbstgemachten Aromastoffen: eine Tinktur mit Spitzwegerich, eine mit Hirtentäschel, eine mit Kamille. Nanali hatte sie auf ihren Erkundungstouren gesammelt, wegen ihrer teilweisen entgiftenden und entzündungshemmenden Wirkung – oft genug hatten sie schon kleine Notfälle erleichtert. Hastig rieb sie das Tuch damit ein, ließ die Kräuterstoffe in den Stoff einziehen, bevor sie einen Finger in den goldenen Tropfen Honig tauchte. Auf der Insel nannten sie es „Royal Jelly“ – eine besondere Art Honig, den man als Rezeptzutat für Bodigizer kannte. Er sollte die Ausdauer stärken, beleben und vorbeugend wirken. Sie strich ihn sorgfältig über das Tuch, die Sekunden drängten.

Mit dem Tuch vor dem Mund und einem Tropfen Spitzwegerich, den sie hastig einnahm, sprang Nanali auf den stärkeren Ast, schob sich vorsichtig durch das dichte Geäst der Insel und erreichte schließlich den kleinen Vogel. Er lag zusammengesunken zwischen Blättern, die Federn vom Giftstaub leicht verklebt. Nanali hob ihn vorsichtig auf, spürte das zarte Gewicht und die anfällige Struktur seines Körpers. Vögel waren extrem empfindlich für Gift – ihre Lunge arbeitete so effizient, dass schon kleinste Mengen Toxine schwere Symptome auslösen konnten.

Sie eilte mit ihm zum weitesten Ende der Insel, direkt ans Wasser, schob das Tuch in ihre Hosentasche und rubbelte sanft seine Federn mit den Händen, um Gift und Pollen zu lösen.

Der kleine Vogel in Nanalis Händen war noch jung, kaum größer als eine Amsel. Sein Gefieder war überwiegend braun mit hellen, cremefarbenen Sprenkeln, die entlang der Flügel und des Rückens wie feine Pinselstriche angeordnet waren. Die Brust war heller, fast weiß, und die Federn leicht zerzaust vom Absturz und den giftigen Pollen, doch die Augen funkelten schwach.

Seine Flügel waren noch kurz, kaum ausgebildet, und die Krallen winzig, doch Nanali spürte die Kraft, die in ihnen schlummerte. Die Bewegungen des Vogels waren vorsichtig, ungeschickt, aber voller Potential.

Finn schwebte dicht neben ihr aufgeregt hin und her. „Das… das ist ein junger Bergschattenadler“, piepste er, während er die Flügelform, die Zeichnung des Gefieders und die Haltung des kleinen Vogels musterte. „Noch ist er klein, aber …“, seine Stimme zitterte vor Aufregung, „ er kann später so groß werden, dass seine Schwingen eine Person tragen können . Ein seltener Vogel, Nanali, besonders für unsere Seenregion.“

Nanali betrachtete das zarte Tier in ihren Händen, spürte seine winzige Kraft. Immer wieder tauchte sie Wasser auf die Federn, ließ es über die zarten Flügel laufen und massierte vorsichtig Brust und Rücken. Der Vogel zitterte zunächst schwach, die Bewegungen zaghaft, doch die Druckmassage erleichterte die Atmung und half, das Gift aus den feinen Luftsäcken zu verteilen und die Belastung zu verringern.

Nanali gab keine Sekunde auf. Nach einigen quälend langen Minuten begann der kleine Vogel stärker zu zappeln, öffnete den Schnabel, flatterte die Flügel und fand wieder Kraft. Schließlich sprang er aus ihrer Hand, schlug kräftig mit den Flügeln und stürmte davon, hoch in die Lüfte über dem Sonnensee zurück in das Dickicht. Nanali sank erschöpft auf die Knie. „Das nächste Mal meidest du diesen Ort.“, murmelte sie erleichtert.

Nanalis Augen wanderten über die kleine Insel. Es war eine schmale Landzunge, umgeben von dem dunklen, kalten Wasser des Sonnensees, und die Baumkrone, die sie gerade benutzt hatte, ragte wie ein schützender Baldachin darüber. Doch der Blick auf den Rückweg ließ sie schlucken: Der Ast, über den sie gekommen war, war gebrochen und konnte ihr Gewicht nicht mehr tragen. Ein Rückweg über das Geäst schied also aus.

Schwimmen war keine Option. Der See selbst wirkte ruhig auf der Oberfläche, doch dort, wo das Wasser aus dem Berg austrat, bildete sich ein schmaler, wilder Strom, der in einen steilen Wasserfall stürzte. Das Wasser schäumte, wirbelte um Felsen und Brocken, die aus der Tiefe ragten, und die Strömung zog alles mit sich, was ihr zu nahe kam. Selbst geübte Schwimmer wären hier keine Chance gewesen; die Kälte und die plötzlichen Sogkräfte des Wassers konnten einen sofort in die Tiefe reißen.

Nanali sah die Tücken genau: der Wasserfall war nicht einfach nur ein rauschender Abhang, sondern ein Sammelpunkt für umgestürzte Äste, Treibholz und scharfe Steine, die das Wasser wie eine Barriere formten. Selbst wenn sie einen Moment unachtsam würde, könnte sie von der Strömung erfasst und gegen das Gestein gedrückt werden.

Die Insel selbst wirkte klein, fast schutzlos zwischen dem See und dem tosenden Wasserfall. Nanali wusste, dass jeder weitere Schritt durchdacht und schnell zugleich erfolgen musste, wenn sie selbst wieder von der Insel gelangen wollte.

Mokuba hatte ihr von der Wintermine erzählt. Und ihren seltenen Erzen.

Orichalcum war eines der wertvollsten: ein metallisches Erz, das sich leicht schmieden ließ, dabei aber härter war als gewöhnlicher Stahl. Werkzeuge aus Orichalcum schnitten schärfer, hielten länger und waren nahezu unverwüstlich – perfekt, um Erntewerkzeuge zu verbessern oder Klingen herzustellen, die auch härteste Materialien ohne großen Verschleiß durchdringen konnten.

Mythril hingegen war leichter als Stahl, fast wie Silber, und doch unglaublich stabil. Werkzeuge und Waffen daraus waren nicht nur langlebig, sondern auch handlicher, da sie weniger Gewicht trugen. Ein Mythril-Erntehaken oder eine Spitzhacke konnte den ganzen Tag über benutzt werden, ohne dass die Arme ermüdeten.

Dann gab es noch Adamantit – ein Erz, das fast unzerstörbar war und außergewöhnlich hart, aber schwer zu bearbeiten. Es eignete sich besonders für Maschinenbau: Zahnräder, Hebel, Rahmen – alles, was unter enormem Druck oder hoher Belastung stand, profitierte von diesem Erz. Mokuba hatte erklärt, dass Maschinen, die Teile aus Adamantit enthielten, deutlich langlebiger waren und fast unverwüstlich im Betrieb.

Alle drei Metalle waren extrem selten und sehr teuer. Aber hier waren die meisten Funde der Insel notiert. Doch die giftigen Pollen, die Enge der Höhlen und die unerforschten Abgründe hielten die meisten fern. Nur wer genau wusste, was ihn erwartete, konnte die Schätze sicher erreichen.

Tief unter der Insel und der steilen Felswand befanden sich aber nicht nur enge Gänge. „Die Tropfsteinhöhlen.“, murmelte Nanali.

Es gab einen unterirdischen Tropfsteingang, der irgendwann in einen kleinen Bach führte. Dieser Bach verband sich weiter unten mit dem See in der Mondscheinhöhle: Die Quelle der Erntegöttin.

„Also gibt es doch einen Weg“, murmelte sie leise zu sich selbst.

Nanali zog das Tuch aus ihrer Hosentasche und drückte es fest an Mund und Nase. Ein kühler Hauch aus der Mine schlug ihr entgegen, schwer und feucht, und sofort spürte sie den bitteren Duft der Pflanzen und Mineralien, die hier aus den Wänden stiegen. Vor ihr klaffte der Schlund der Höhle, tiefschwarz und bedrohlich.

„Du musst aufpassen“, warnte Finn, seine kleinen Finger krallten sich unwillkürlich an ihrem Rücken fest. Scheu lugte er über ihre Schulter, seine winzigen Augen spiegelten das Dunkel. Dann schluckte er, nahm all seinen Mut zusammen und schwebte hinein, sein Lichtkegel glühte warm und beständig und schnitt einen schmalen Strahl durch die Dunkelheit.

„Der Segen der Erntegöttin schützt mich. Ich führe dich“, piepste er mutig.

Nanali folgte, die Füße vorsichtig auf den unebenen Boden setzend. Jeder Schritt musste bedacht sein – ein Fehltritt, ein scharfkantiger Stein, eine offene Wunde, und es könnte ihr Todesurteil sein. Die Wände der Mine waren rau, scharf und unregelmäßig. Kaum eine Stelle, an der sie sich abstützen konnte. Tief in der Höhle konnte sie nur noch Finns schimmernden Kegel folgen. Jeder Atemzug war erfüllt von dem stechenden Geruch der Mineralien und dem feinen Staub der Blütenabriebe. Nanali spürte die Kälte an ihren Händen und Fingern, während sie tiefer in die Höhle vordrang, die Sinne angespannt.

Ihre Bewegung selbst wird zum einzigen Maßstab: links, rechts, vorwärts, Schritt für Schritt. Ihr Atem, das Pochen ihres Herzens, das leichte Echo ihrer Schritte – das sind die einzigen „Marker“ für ihr Dasein.

Es entsteht ein merkwürdiger Zustand. Sie kann nicht mehr sagen, ob sie seit einer halben Stunde oder seit mehreren Stunden unterwegs ist. Alles ist nur der fortlaufende Rhythmus ihrer Schritte. Ein Tunnel ohne Anfang und Ende, ein Raum, der zeitlos scheint.

Der Geist wird fokussiert, fast hypnotisch, nur auf die unmittelbare Bewegung. Alles, was bleibt, ist der Weg vor ihr und das unaufhörliche Gehen.

Irgendwann spürte Nanali nur noch eine merkwürdige Taubheit in ihrem Körper. Das Kratzen in der Lunge schien verschwunden, als hätte die Mine selbst die Sinneseindrücke verschluckt. Selbst ihre Gelenke fühlten sich unnatürlich leicht an, die Muskeln wie gelähmt, aber gleichzeitig schwebend, als könne sie jeden Moment in die Luft gehoben werden.

Eine Erinnerung aus ihrer Schulzeit schoss ihr durch den Kopf: Im Unterricht hatte der Lehrer eine Geschichte über einen jungen Mann erzählt, der zu hoch geflogen war und über den Sauerstoffmangel, der ihn befiel. Die Symptome waren merkwürdig widersprüchlich: Erst wurde alles schwer, die Lungen brannten. Dann, wenn der Sauerstoffmangel anhielt, fühlte man sich plötzlich leicht, fast frei, als würde man sich von der eigenen Schwerkraft lösen. Eine Art entrücktes Schweben inmitten der eigenen Taubheit.

Nanali erinnerte sich, dass man in solchen Momenten die Kontrolle behalten musste, sonst konnte der Körper plötzlich zusammenbrechen. Die Mine schien ihr genau dieses Gefühl zu geben: jede Bewegung wurde mühsam, gleichzeitig schien alles in ihr leicht zu werden, fast schwerelos. Sie musste ruhig bleiben, die Konzentration bewahren – jeder unüberlegte Schritt konnte sie stolpern lassen, jeder Atemzug, den sie nicht bewusst steuerte, brachte Gefahr.

Und so ging sie weiter, Schritt für Schritt, während Finns Lichtkegel vor ihr den Weg durch die endlose Dunkelheit zeigte, und Nanali gleichzeitig spürte, wie die Welt um sie herum und ihr eigener Körper in seltsamer, fast schwebender Taubheit verschwammen.

When the Trail Ends — Consumed by Silence

When the Trail Ends — Consumed by Silence
 

Do., 7. November YYY1 – 11:30 Uhr

Claire saß auf der hölzernen Bank vor dem Haus, die Hände fest in ihrem Schoß verschränkt. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel, doch die Wärme drang kaum durch die kühle Novemberluft . Seit dem frühen Morgen wartete sie auf Nanali, die eigentlich längst vom Mutterhügel zurück sein sollte. Sechs Stunden waren vergangen, und in ihrem Bauch zog sich ein unruhiges Gefühl zusammen.

Der Tisch für das Frühstück war noch unberührt. Der Duft von frischem Brot und Kräutertees lag kaum in der Luft, nur das Rascheln der Blätter und das gelegentliche Muhen der Kühe begleiteten ihre ungeduldigen Gedanken. Claire hatte nichts hinter bekommen. Sie hatte die morgendliche Routine mehr schlecht als Recht hinter sich gebracht. So abgelenkt war sie. Forest flatterte unruhig neben ihr. „Finn ist ja bei ihr…“, tröstete er sie. Claire war nervös, ihre Augen huschten immer wieder zum Pfad hinauf, den Nanali genommen hatte. Normalerweise war sie noch vor dem Frühstück zurück, und jetzt begann das Warten unerträglich zu wirken.

„Claire?“ Eine vertraute Stimme ließ sie zusammenzucken. Stainer trat neben sie, die Stirn in Sorgenfalten gelegt. „Was ist los? Du siehst nicht gut aus, …“ Ihr Bruder sah abwechselnd zu Claire und Forest. In ihm stieg ein ungutes Gefühl auf.

Claire atmete tief ein, die Kehle trocken. „Nanali… sie ist frühmorgens auf den Mutterhügel gegangen. Wie nahezu jeden Morgen. Nur ist sie dieses Mal seitdem nicht zurückgekommen. Normalerweise wäre sie schon längst hier oder in der Schmiede, aber… nichts.“

Stainer zog die Stirn noch tiefer zusammen. „Seit dem frühen Morgen? Du meinst… sie ist weg?“

Claire nickte, die Finger verkrampft ineinander verschränkt. „Ich weiß nicht, was passiert ist. Sechs Stunden sind vergangen, und niemand hat sie gesehen. Ich… ich mache mir Sorgen.“

Die Stille zwischen den beiden wurde nur durch das leise Knacken des Holzes unter den Schritten eines vorbeieilenden Ferkels unterbrochen. Stainer schob die Hände in die Hosentaschen und sah Claire fest an. „Dann müssen wir nach ihr sehen!“

Stainer stand auf, hob die Hand zum Mund und ließ einen klaren Pfiff durch die Luft nach oben schnellen. Der Ton stieg hoch, geradewegs in den Himmel,

Wenige Sekunden später erschien hoch oben am Himmel ein kleiner, dunkler Punkt, der zunächst nur wie ein winziger Fleck wirkte. Langsam wuchs er, wurde deutlicher, und Claire erkannte die geschmeidige Silhouette der Eule, die ihre Flugbahn geschickt korrigierte. Sie zog einen eleganten Bogen nach unten, die Flügel weit ausgebreitet, während sie lautlos durch die kühle Luft glitt. Mit erstaunlicher Präzision landete sie schließlich auf Stainers ausgestrecktem Arm, die Krallen griffen sanft um das Leder, während der leichte Wind ihre Federn kräuselte.

Die Eule schien den Ernst der Lage zu spüren, blinzelte kurz und drehte den Kopf, bereit, jeden Befehl auszuführen.

„Ich geb Jamie und Basil Bescheid“, sagte Stainer, während er die Eule beruhigend streichelte. „Du gehst in die Schmiede und schaust, ob sie inzwischen dort ist. Es sähe ihr nicht ähnlich, so einfach ohne ein Wort. Aber man weiß ja nie…“

Claire nickte, ihre Sorgen noch immer in den Augen. „Dann lass uns keinen Moment verlieren.“

Mokuba schlenderte gemütlich über den schmalen Erdpfad, der die Poultry Farm von Rick und Popuri mit Claires Farm verband. In der Hand hielt er ein kleines Bento, sorgfältig verpackt, bereit, es gleich mit Seto in der Schmiede zu teilen. Mittagessen mit Seto – solche Momente gab es viel zu selten, und Mokuba hatte sich schon darauf gefreut.

Doch noch bevor er das Haus von Claire erreicht hatte, schoss sie an ihm vorbei, so schnell, dass er keinen Gruß oder eine Geste erhielt. Kein „Hallo“, kein Nicken, nichts. Ihr Gesicht verriet sofort, dass etwas geschehen war: Sorgenfalten, die Augen weit geöffnet, die Schritte hastig und zielgerichtet.

Mokuba blieb kurz stehen, das Bento halb erhoben, und studierte sie einen Moment lang. Dann fasste er eine Entscheidung. Ohne weiteres zögern, begann er, ihr hinterherzulaufen, den Pfad entlang, die schnellen Schritte seiner Verfolgerin aufnehmend. Irgendetwas stimmte nicht.

Seto saß in der Schmiede, vertieft in die Arbeit an einigen Bauteilen, die er vorsichtig zusammensetzte. Funken sprangen kaum merklich vom Metall, und das rhythmische Klirren der Werkzeuge füllte den Raum.

Als ein lauter Knall ihn aus seiner Arbeit riss.

Die Tür zur Schmiede war aufgeflogen und Claire stolperte keuchend hinein, die Augen weit aufgerissen, das Gesicht von Sorge gezeichnet. Mokuba trat hinter ihr ein, die Stirn gerunzelt, während er sie fragend ansah.

Claires Lippen begannen zu beben, als ihre Augen hastig den Raum absuchten. Tränen sammelten sich und glitzerten in ihren Augen, …

Saibara, der gerade aus einem Nebenzimmer trat, kam sofort auf sie zu. „Was ist passiert, Kind?“

Claire rang nach Luft, die Worte stockten zwischen den Schluchzern. Ihre Stimme zitterte, als sie endlich zu sprechen versuchte. „Sie… sie ist nicht hier… Nanali… sie ist…“

„Wo ist sie?“, fragte Mokuba angespannt, die Augen weit geöffnet, die Finger unruhig an seinem Bento zupfend.

„Nicht hier…“, bemerkte Claire leise und sank erschöpft auf einen Hocker, die Schultern zusammengefallen. „Sie ist weg… nicht zurückgekommen…“

Mokuba trat einen Schritt näher, sein Blick zwischen Claire und der Schmiedewerkstatt hin- und herwandernd, als suchte er nach einem Anhaltspunkt. „Was meinst du… seit wann?“

Claire hob die Hand, wischte sich hastig die Tränen aus den Augen. „Seit dem frühen Morgen… auf dem Mutterhügel. Sie hätte längst zurück sein müssen… und jetzt… nichts.“

Seto, der bisher still an seinem Werkstück gesessen hatte, legte das Metallwerkzeug beiseite. Seine Stirn zog sich in Falten, die Muskeln in seinem Kiefer spannten sich.

„Gehen wir, Mokuba.“, forderte Seto ihn knapp auf. Ohne ein weiteres Wort trat er an Claire vorbei und griff nach seinem Mantel, der ordentlich an einem Garderobenhaken hing.

Mokuba blieb zunächst wie angewurzelt stehen, die Augen groß vor Erstaunen. Seto, sonst so ruhig und kontrolliert,– handelte sofort.

Er macht sich Sorgen. Das macht er nicht nur für mich., dachte Mokuba leise zu sich selbst, während Sorge und Überraschung in ihm kämpften.

Ohne zu zögern, nickte er und folgte Seto, die Schritte schneller werdend, bereit, Nanali zu finden.

Nanali lag reglos auf dem feuchten Boden der Tropfsteinhöhle. Ihre Sinne waren benebelt, verschwommen – nur schemenhaft nahm sie Finns leuchtende Gestalt wahr, die leicht über ihr schwebte. „Nanali! Nanali!“, rief er immer wieder, die Stimme dringend und besorgt, doch in ihrem Kopf wirbelten nur unklare Eindrücke durcheinander.

Wasser tropfte stetig von der Höhlendecke auf ihre Haut, kühl und beruhigend zugleich. Langsam glitt ihr Bewusstsein zurück. Als sie die Augen öffnete, war Finn beruhigt, seine warmen Lichtstrahlen flackerten sanft um sie herum. „Wir haben es geschafft“, flüsterte er. „Die riskanteren Ebenen liegen hinter uns. Hier unten ist es sicher – keine Pollen mehr.“

Nanalis Blick wanderte über den Boden und blieb auf einer kleinen, unscheinbaren Pflanze neben ihr liegen. Vorsichtig streckte sie die Hand aus, doch Finn schwebte sofort dazwischen. „Fass sie nicht an!“, warnte er.

Nanali spürte einen stechenden Schmerz in ihrer Hand. Erst jetzt fiel ihr Blick darauf – ihre Hand war in ein kleines, grobes Tuch gewickelt, die Finger leicht gebogen. Das Tuch war feucht und trug die Spuren von Wasser und Erde, aber es hielt die Verletzung sicher zusammen.

„Was… was ist passiert?“, flüsterte sie, während ihre Finger vorsichtig das Tuch berührten.

„Du bist abgerutscht und hast nach ihr gegriffen“, erklärte Finn sanft. „Zum Glück sind nur die grünen Teile dieser Pflanze berührt worden. Nicht so giftig wie der Abrieb der blauen Blüten.“

Nanali dachte nach, ihre Erinnerung blieb lückenhaft. Sie hatte keine blauen Blüten gesehen. „Dann… war die Blütezeit schon vorbei?“

Finn nickte erleichtert. „Ja. Der Winter wird wohl bald Einzug halten, früher als sonst in diesem Jahr.“

„Man musste auch Glück haben.“, murmelte Nanali und richtete sich etwas auf.

Behutsam hob Nanali die kleine grüne Pflanze auf, dieses Mal jedoch umwickelte sie sie vorsichtig mit einem Stück Tuch, das sie aus ihrem Beutel zog. Ihre Finger berührten die Blätter nicht direkt – die Pflanze war giftig, und sie wollte kein Risiko eingehen. Mit dem schützenden Tuch in der Hand legte sie das Gewächs behutsam in ihren Beutel, achtete darauf, dass die Blätter nicht gequetscht wurden und alles sicher verstaut war.

Ihre Finger zitterten leicht, nicht nur wegen des Schmerzes in der Hand, sondern auch wegen der Anspannung, die noch immer in ihr nachhallte. Sie betrachtete das Gewächs einen Moment länger, die feinen Adern der Blätter im schwachen Licht der Höhle funkelten sanft.

„Vielleicht kann ich sie kultivieren oder zumindest ein Gegengift daraus entwickeln.“, murmelte Nanali leise. „Man weiß nie, wozu etwas gut sein könnte, bevor man es erforscht.“

Nanali dachte an all die Pflanzen, die ihr bisher begegnet waren: giftig und gefährlich, aber mit Potenzial, Medizin oder nützliche Substanzen hervorzubringen, wenn man wusste, wie man sie handhabte. Eisenhut und Fingerhut kamen ihr in den Sinn – tödlich, wenn man unvorsichtig war, doch in kultivierter Form berechenbar und sogar nützlich für Heilzwecke.

Finn schwebte dicht neben ihr, seine warmen Lichtstrahlen spielten über die Höhlenwände und tauchten alles in einen beruhigenden Schimmer. Nanali spürte die Verantwortung, die mit dem Fund einherging, aber auch eine seltsame Zuversicht. Mit Bedacht hatte sie die Pflanze gesichert – ein kleiner Sieg inmitten der Gefahren der Mine. Vielleicht würde sie eines Tages verstehen, wozu genau sie gut war.

Sie setzte einen Fuß vor den anderen, bereit, die Mine endlich zu verlassen.

Nanali setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Als ihr Schuh gegen ein Stück Geröll stieß. Es kippte zur Seite, schwerer als sie vermutet hatte, und ein stechender Schmerz schoss augenblicklich durch ihre Zehen. Sie sog scharf die Luft ein, Tränen schossen ihr unwillkürlich in die Augen.

„Ah…!“ entfuhr es ihr, während sie sich an der feuchten Höhlenwand abstützte.

Finn schwebte sofort näher, sein Licht wurde heller, als er sich das Geröll ansah. „Nanali… warte…“ Seine Stimme bekam einen anderen Klang, erstaunt und ehrfürchtig zugleich. „Adamantit. Dieses Erz ist extrem wertvoll.“

Nanali biss die Zähne zusammen, hielt den schmerzenden Fuß leicht in der Luft und schloss für einen Moment die Augen. „Schmerz… lass nach…“ Sie öffnete sie wieder, sah auf den dunklen, kantigen Brocken vor ihr. „Der Brocken ist groß…Der ist besser wertvoll. Ich leide doch nicht für umsonst. Irgendwie muss man sich ja für diese Eskapade belohnen.“

Finn nickte nur stumm. Nanali kniete sich langsam hin, zog das Tuch aus ihrem Beutel und umschloss den Stein damit, um ihn sicher zu verstauen. Mit beiden Händen wuchtete sie den Brocken in ihren Rucksack, der sofort spürbar schwerer wurde.

Als sie den Rucksack schulterte, kroch ein dumpfes Gefühl in ihr hoch – eine Mischung aus Beklemmung und stiller Angst. Diese Höhlen waren tief, das Licht war schwach, und die Stille drückte schwer auf ihre Gedanken. Für einen Moment beschlich sie das Gefühl, dass sie hier unten vielleicht nie wieder herauskommen würde…

Finn schwebte dicht neben ihr, sein Licht warm, aber schwach. „Wir schaffen das“, sagte er leise, doch Nanali spürte, wie ernst sein Ton war.
 

Seto und Mokuba stapften durch den lehmigen Boden auf Jamies Ranch. Es war niemand zu sehen – die Ranch wirkte still, fast verlassen.

Sie tauschten Blicke aus, als sie Stimmen hinter sich hörten. Jamie und Basil kamen auf den Pfad, beide atmeten schwer, aber bestimmt. „Wir haben Stainers Nachricht erhalten“, erklärte Jamie, ohne zu zögern. „Sobald wir von Nanalis Verschwinden erfahren haben, sind wir sofort aufgebrochen.“

„Keine Spur von ihr“, fügte Basil hinzu, die Stirn gerunzelt, die Augen suchten die Umgebung ab.

„Doch Terry, der Wildhüter, hat ihre Fährte aufgenommen“, sagte Jamie nachdenklich. „Er konnte sie bis zur steilen Steinwand am Sonnensee verfolgen. Wir sind gerade auf dem Weg dorthin.“

Seto nickte knapp, der Blick ernst. „Dann sollten wir uns beeilen.“

Mokuba folgte dicht hinter ihm, die Schultern angespannt, die Augen aufmerksam auf jede Bewegung um sie herum gerichtet. Ohne ein Wort schlossen sie sich Jamie und Basil an, die Schritte im schlammigen Boden klatschten rhythmisch, während sie sich der steilen Felswand näherten, wo Nanali spuren aufhörten.

Die Gruppe bewegte sich schnell, aber vorsichtig. Die Angst um Nanali lag schwer in der Luft, jeder Blick in die Landschaft suchte nach einem Hinweis – irgendetwas, das sie zu ihr führen konnte. Der Sonnensee lag still und dunkel vor ihnen, und die steilen Klippen am anderen Ufer warfen lange Schatten über das Wasser.

Terry wartete bereits am Fuß der steilen Felswand, die Hände fest in den Taschen vergraben. Die Spuren endeten abrupt hier, im weichen Lehmboden am Ufer. Jamie sah sich vorsichtig um, das Auge suchend nach einem Hinweis.

„Sanddorn…“, entwich es Mokuba leise, als er die silbrig glänzenden Blätter der Sträucher erkannte.

Jamie blickte ihn nachdenklich an. „Sanddorn hat eng beieinander wachsende, silbrige Blätter. Nanali hat genau dieses Gewächs gesucht.“ Ihre Augen glitten die Sträucher entlang, suchend nach jeder kleinen Unregelmäßigkeit.

„Du meinst, sie hat sich hier auf einen Ast geschwungen, um zu ernten?“, grübelte Terry, die Hände an den Gürtel gestützt.

„Da sie hier nicht irgendwo im Laub liegt, nehme ich an, sie ist nicht abgestürzt“, bemerkte Seto trocken, die Stirn in Falten.

„Aber… wo könnte sie hin sein?“, fragte Terry, seine Stimme verriet Sorge.

„Es gibt eigentlich nur einen Weg, das herauszufinden“, entgegnete Jamie knapp, ohne den Blick vom Geäst zu lösen. Bevor jemand reagieren konnte, schwang sie sich mit geübten Bewegungen auf einen Ast.

„Jamie, gute Güte! Pass auf, Kind!“, riefen Basil und Terry gleichzeitig, die Stimmen voll Besorgnis.

Seto sah ihr sorgenvoll nach. „Sowas macht Nanali wirklich jeden Morgen?“, fragte er Mokuba leise, die Augen auf Jamies schlanke Gestalt gerichtet.

„Jepp“, antwortete dieser knapp, die Stirn ebenfalls in Sorge gezogen.

Seto dachte kurz daran, was sein Bruder wohl machte, wenn er sie ab und zu begleitete, und spürte ein kurzes Ziehen im Magen. Jamies Augen verfolgten die Äste, tasteten sich über das Geäst, suchten nach feinen Rissen und nach Hinweisen darauf, wo Nanali entlanggeschlichen sein könnte.

„Jamie, bist du denn des Wahnsinns?“, rief Basil besorgt, seine Stimme überschlug sich leicht, als sie auf den Vorsprung der Felswand trat.

Jamie blieb einen Moment stehen und blickte in die Ferne. Ihre Augen blieben am abgebrochenen Ast auf der kleinen Sonnensee-Insel hängen. „Sie ist in der Wintermine. Oder… sie ist in den See gefallen“, sagte sie nüchtern. Die Worte hingen schwer in der Luft und jagten den Anwesenden einen Schauer über den Rücken.

„Bist du sicher?“, fragte Terry, seine Stimme leiser und angespannt.

„Kein Zweifel“, erwiderte Jamie sachlich. „Der Ast, der hinüberführt, ist gebrochen. Er hängt zwar noch, aber nicht genug, um sicher zu passieren. Ich glaube wirklich, sie ist in der Wintermine.“

„Die Wintermine ist zu dieser Zeit tödlich!“, fuhr es Basil entsetzt heraus, sein Gesicht verzogen, als würde er die Gefahr gerade vor Augen haben.

„Die Höhle wimmelt von giftigen Dämpfen, die durch den Abrieb von Crystal Blue entstehen.“

Seto und Mokuba tauschten einen kurzen Blick, während Jamie aufmerksam lauschte.

„Und was nun?“, fragte Mokuba.

Er trat einen Schritt zurück, betrachtete die schroffe Felswand und den dunklen See, der sich darunter ausbreitete.

Setos Augen waren auf die Strömung des Wasserfalls gerichtet, die unaufhörlich ins Tal stürzte. „Wir können so nicht weitermachen. Es gibt keinen sicheren Weg, direkt dorthin zu gelangen“, stellte er fest.

Jamie nickte, die Hände noch am Ast festhaltend, während sie die Lage überdachte. „Wir müssen zuerst abrücken und uns beraten. Jeder falsche Schritt könnte uns in die Strömung reißen.“

„Die Strömung ist tückisch, selbst für erfahrene Schwimmer. Aber… vielleicht könnten wir ein Boot nutzen, um überzusetzen – unter bestimmten Bedingungen. Wenn wir den Wind, die Strömung und den Winkel genau beachten, könnte es funktionieren.“, schlug Terry vor.

„Unter bestimmten Bedingungen…“ Mokubas Stimme klang skeptisch, aber er nickte.
 

Die Tropfsteinhöhle öffnete sich vor Nanali wie ein gewaltiger, stiller Dom. Über ihr hingen spitze Stalaktiten, an deren Enden Wassertropfen glitzerten, ehe sie mit einem dumpfen Plopp in den unterirdischen See fielen. Das Echo hallte von den Wänden wider, vermischte sich mit dem gleichmäßigen Tropfen und ließ die Stille noch tiefer wirken.

Nanali blieb am Ufer stehen. Der Rucksack lastete schwer auf ihren Schultern. Eigentlich war er nicht übermäßig gefüllt – Kräuter, Verbandszeug, ein paar kleine Funde. Und doch spürte sie das Gewicht wie eine bleierne Hand im Rücken. Besonders der Brocken Adamantit drückte unangenehm gegen ihr Kreuzbein. Sollte ich ihn hierlassen? Der Gedanke nagte an ihr.

Langsam glitt sie an den Rand des Wassers, das in schwacher Finsternis nur ein schwarzer Spiegel war. Vorsichtig ließ sie ihre Finger eintauchen – es war eiskalt, bissig wie die Winterluft über dem Sonnensee.

Finn schwebte über der Wasserfläche, sein Lichtkegel zeichnete matte Kreise auf das dunkle Nass. „Ich sehe nach“, sagte er knapp, bevor er ohne weiteres Zögern ins Wasser eintauchte. Ein fahles Schimmern breitete sich unter der Oberfläche aus, dann verschwand er in der Tiefe.

Nanali blieb zurück, das Herz klopfte ihr gegen die Rippen.

Was, wenn verbunden nur bedeutet, dass das Wasser irgendwo unterirdisch durch Spalten fließt? Was, wenn es keinen Durchgang gibt, durch den ich hindurch kann?

Ihre Hände zitterten leicht, während sie den Rucksack absetzte. Sekunden dehnten sich zu Minuten. Sie kniete am Rand, den Blick ins dunkle Wasser geheftet, als würde sie mit bloßer Willenskraft Finns Rückkehr erzwingen.

Dann, endlich, brach ein Licht wieder durch die Oberfläche. Finn schwebte keuchend hinaus, das helle Glimmen seiner Gestalt flackerte kurz, bevor er sich fing. „Es gibt einen Tunnel“, erklärte er hastig. „Schmal… sehr eng. Aber man kommt hindurch.“

Nanalis Atem stockte. Eng. Kein Zurück. Nur geradeaus. Sie schluckte schwer, schulterte den Rucksack erneut und trat ins Wasser. Die Kälte schnitt sofort durch ihre Kleidung, ließ sie erschaudern. „Na dann…“, murmelte sie tonlos.

Das Wasser war eiskalt, als Nanali vorsichtig hineinging. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und der Rucksack zog unangenehm an ihren Schultern. Finn glitt dicht über der Oberfläche neben ihr, sein schwacher Lichtschein spiegelte sich auf den Wellen.

Mit kräftigen Zügen schwamm sie hinaus, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Der dunkle See wirkte grenzenlos, nur die Felswand am anderen Ende gab ihr ein Ziel. Das gleichmäßige Geräusch ihrer Atemzüge hallte seltsam in der Stille wider, während ihre Arme durchs Wasser glitten.

Endlich erreichte sie den Fuß der Wand. Das Gestein ragte schwarz und glatt über ihr auf, glitschig von Algen und Tropfwasser. Sie klammerte sich an einen Vorsprung, keuchte ein paar Mal tief durch und wischte sich die nassen Haare aus dem Gesicht.

Finn tauchte neben ihr unter, verschwand in der Dunkelheit. Nanali wartete, ihre Finger verkrampft am Felsen.

Nanali presste die Handflächen gegen den kalten Felsen und schloss die Augen. Sie zwang ihre Lunge, sich zu füllen, so tief, bis es in den Rippen brannte. Noch einmal sog sie Luft ein, scharf und hastig, ließ sie wieder entweichen, dann erneut – tiefer. Es war, als wolle sie die gesamte Höhle in sich einsaugen, die Luft in jede kleinste Kammer ihrer Brust zwängen.

Ihre Schultern hoben und senkten sich heftig, der Brustkorb spannte, jeder Atemzug vibrierte in ihren Schläfen. Das muss reichen. Es muss.

Dann hielt sie die Luft an, schloss den Mund fest, drückte sich vom glitschigen Felsen ab und ließ sich ins Dunkel des Wassers gleiten.

Die Welt verwandelte sich augenblicklich in Finsternis. Nur Finns schwacher Lichtkegel vor ihr zeigte den Weg. Das Wasser presste sich schwer gegen ihre Brust, ihre Bewegungen wurden langsamer. Schon nach wenigen Zügen verlor sie jedes Gefühl für Zeit und Richtung.

Der Tunnel zeichnete sich vor ihr ab – ein schmaler, schwarzer Schlund. Kaum Platz, die Arme auszustrecken. Sie zog die Schultern eng an den Körper, schob sich Zug um Zug mit den Händen und Füßen vorwärts.

Keine Angst. Nicht nachdenken. Nur vorwärts. Sie wiederholte die Worte im Kopf, wie ein Mantra.

Finns Licht flackerte vor ihr, war mal größer, mal kleiner, je nach Kurve des Ganges. Nanali fühlte, wie die Panik in ihr aufstieg. Es gab keinen Platz, umzukehren. Kein Luftloch, nur kaltes Gestein über ihr.

Ihr Brustkorb spannte sich, die Lunge flehte um Sauerstoff. Gleich… nur noch ein Stück… Ihre Gedanken waren nur noch Fetzen.

Dann – endlich – öffnete sich der Tunnel. Vor ihr lag Dunkelheit, als das Wasser in eine größere Kammer floss. Mit letzter Kraft machte sie ein paar kräftige Züge nach oben.

Die Oberfläche brach über ihr auf, und sie sog gierig Luft ein, während ihre Arme sie mühsam über die Wasseroberfläche hielten. Jeder Atemzug brannte, doch er füllte sie mit einer beinahe schmerzhaften Erleichterung.

Finn wartete dicht neben ihr, sein Licht spiegelte sich in den Tropfen, die von den Felswänden der Grotte perlten. „Du hast es geschafft“, sagte er leise.

Der Anblick verschlug ihr für einen Moment den Atem aufs Neue.

Die Erntegöttinen Grote…, dachte Nanali. Über ihr ragten Wände aus schwarzem Felsen empor, glatt und steil wie Kliffe. Sie verschwanden hoch oben in der Dunkelheit, wo kein Ausgang zu sehen war. Doch an ihren Flanken wuchs dichtes Moos, das in einem unheimlichen Grün schimmerte und den Raum in geisterhaftes Licht tauchte. Jeder Tropfen, der von den Wänden perlte, glühte für den Bruchteil einer Sekunde auf, bevor er im Wasser verschwand.

In der Mitte des unterirdischen Sees erhob sich ein gewaltiges Podest aus Stein, fast wie ein Altar, kantig und alt, als hätte er seit Jahrhunderten dort gestanden. Die Oberfläche wirkte trocken, aber ringsum spiegelte sich das grüne Schimmern im Wasser und ließ ihn noch massiver wirken.

Nanali schwamm keuchend darauf zu. Ihre Arme zitterten, der Rucksack hing schwer an ihr, zog sie fast wieder unter. Mit letzter Kraft packte sie die Kante des Podests. Kaltes Wasser rann an ihren Armen herab, während sie versuchte, sich hinaufzuziehen.

Das Gestein war glitschig, als wäre es mit einer feinen Schicht aus Algen oder Moos überzogen. Ihre Finger rutschten immer wieder ab, die Nägel kratzten erfolglos über den Stein. Sie stemmte die Füße gegen die Wand, drückte sich hoch – und glitt im nächsten Augenblick wieder ins Wasser zurück.

Keuchend klammerte sie sich an die Kante, das Gesicht ans raue Gestein gedrückt. Ihr Atem ging stoßweise. Ein Ausstieg an den Wänden war unmöglich, und selbst das Podest bot keinen Halt zum Hochklettern.

Fürs Erste blieb ihr nichts, außer sich festzuhalten, doch sie fühlte, wie die Kraft aus ihren Armen wich, das Zittern in ihren Muskeln stärker wurde.

„Halte durch…“ Finns Licht flackerte dicht neben ihr. Dann hörte sie seine Stimme, warm und dringend zugleich: „Ich hole Hilfe. Warte auf mich, Nanali.“

Der kleine Lichtkegel löste sich von ihr, glitt rasch in die Dunkelheit davon, bis nur noch das fahle Glimmen des Mooses die Höhle erhellte. Ein grünlicher Schimmer, der sie wie in einen Schleier hüllte.

Ihre Augenlider wurden schwer.

Der Griff löste sich.

Die Welt verschwamm.

Farben und Formen zerflossen ineinander.

Sie hörte wie ihr Atem immer flacher wurde.

Dann ließ sie los.

Langsam, beinahe schwerelos, sank sie zurück in den schwarzen See. Das Wasser nahm sie auf wie in einer kalten Umarmung, sanft und erbarmungslos zugleich.

Ihr Bewusstsein glitt einfach fort, entrissen, still und lautlos. Von fern – jenseits dessen, was sie noch wahrnehmen konnte – schien das Wasser sie tiefer zu ziehen, als wollte es sie für immer verschlingen.

Instinktiv öffnete sie den Mund, um zu atmen und erwartete zugleich den brennenden Schmerz, das scharfe Eindringen des Wassers in ihre Brust.

Nanali sank tiefer, langsam, als wäre sie schwerelos. Das Wasser legte sich kalt und schweigend um sie, ein schwarzer Mantel, der sie hinabzog. Ihr Atem war fort, die Brust leer, der Körper längst aufgegeben.

Doch in der Dunkelheit ihres Bewusstseins – dort, wo schon kein Gedanke mehr war – klang eine Stimme. Sanft, hell, wie das ferne Anschlagen einer Glocke.

Oje, oje… das war wohl zu viel.

Die Worte hallten in ihr nach, nicht wie etwas, das sie hörte, sondern wie ein Gedanke, der ihr von außen eingeflüstert wurde.

Kaum mehr als ein Lichtfaden, ein winziges Leuchten in der endlosen Schwärze, umarmte ihren Körper als der kalte Seeboden sie empfangen wollte. Er glitt näher, umspielte sie, kaum greifbar, fast wie das Flirren von Irrlichtern am Rande eines Traums. Einen Augenblick lang hüllte das Licht sie ein, sanft und unaufdringlich, bevor es ebenso still wieder erlosch.

Silent Struggle - Frail but Unbroken

Silent Struggle - Frail but Unbroken
 

Do., 7. November YYY1 – 13:15 Uhr

Mokuba, Seto, Jamie und Basil hatten sich an einem Zusammenfluss der Bäche versammelt, wo mehrere Wasserläufe aus dem Mutterhügel zusammenflossen. Die Ströme waren unberechenbar, mal ruhig, mal schnell und drängend.
 

Seto blickte nach oben, wo der Sonnensee in der Ferne wie ein glitzerndes Band zwischen den Felsen lag. Mokuba stand neben ihm, die Hände angespannt an den Seiten, jeder Muskel bereit, sofort zu reagieren. Die Sorge um Nanali lag schwer in der Luft.
 

„Wenn wir das Boot hier entlang tragen, kommen wir dem See näher“, sagte Jamie und deutete auf das kleine Holzboot, das Terry gerade ans Ufer schob. „Dann haben wir wenigstens eine Chance, sicher rüberzukommen.“
 

Basil runzelte die Stirn. „Die Strömungen sind stark, und der Boden hier ist glitschig. Selbst mit einem Boot wird es nicht einfach.“
 

Von einem kleinen Pfad stromaufwärts trat Terry hervor. „Ich habe das Boot dort am Ufer festgemacht. Wir können es gemeinsam zum Sonnensee tragen. Unter diesen Bedingungen ist es die einzige Möglichkeit, Nanali zu erreichen.“
 

Seto nickte, die Stirn immer noch angespannt. „Dann machen wir das. Keine Zeit zu verlieren.“
 

Als sie das Boot gerade vom Ufer auf den Hauptweg rollten, fiel Jamies Blick in den Himmel. Über ihnen kreiste Stainers Falke und ließ laute Rufe ertönen, als wolle er auf sich aufmerksam machen.
 

Sie stieß einen scharfen Pfiff hervor und streckte den Arm aus. Augenblicke später stürzte der Falke hinab und landete geschickt auf ihrem ausgestreckten Unterarm. An seinem Fußgelenk befestigt- eine kleine Lederkapsel, in der eine sorgfältig gefaltete Notiz steckte.
 

Mit leicht zitternden Händen zog Jamie die Nachricht hervor und begann zu lesen. „Gray und Tim haben Nanali auf ihrer täglichen Runde in der Mondscheinmine auf einer der unteren Ebenen bewusstlos aufgefunden. Sie sind auf dem Weg ins Krankenhaus.“
 

Für einen Moment atmete die Gruppe erleichtert auf. Die Spannung fiel ein Stück weit von ihren Schultern, doch die Besorgnis blieb: Nanalis Zustand sei ernst, stand auf der Notiz.
 

„Wie… wie konnte sie überhaupt in die Mondscheinmine gelangen?“, murmelte Basil besorgt.
 

„Die Tropfsteinhöhle im Sonnensee ist mit der Grote in der Mondscheinmine verbunden. Aber kaum jemand schafft es, so tief hinabzusteigen.“, erklärte Jamie. Dann machte sie eine beiläufige Handbewegung. „Vergesst es. Nichts im Vergleich zu den Minen in Sonnenscheindorf. Die hat Mindestens viermal so viele Ebenen.“
 

Mokuba atmete tief ein, während er die Worte auf sich wirken ließ. „Aber Nanali ist keine erfahrene Minengängerin.“
 

Die Gruppe schwieg.
 

***
 

Zuerst ist da nur Dunkelheit. Kein Traum, keine Bilder – eher ein tiefes, schweres Schweben. Dann dringt etwas durch, kaum spürbar: ein fernes Piepen, regelmäßig, wie ein Herzschlag aus Metall.

Ihre Lider sind schwer wie Blei. Als sie versucht, sie zu heben, brennt das Licht dahinter schmerzhaft, weiß und kalt. Es fühlt sich an, als hätte sie jahrhundertelang geschlafen, als müsste sie jeden Muskel ihres Körpers erst wiederfinden.

Langsam setzt ein Bewusstsein ein: der Geruch von Desinfektionsmittel, die kühle Schwere der Laken, das trockene Kratzen in der Kehle. Ihre Finger wollen sich bewegen, aber sie gehorchen nur zögerlich, zittrig, wie fremde Glieder.

Ein Rauschen in den Ohren mischt sich mit Stimmen – dumpf, unverständlich, als kämen sie durch Wasser. Einzelne Worte schälen sich heraus, bruchstückhaft: „…Nanali…? Hörst du mich?“

Nanali lag auf dem Bett, die Decke locker über ihre Schultern gezogen. Ihr Körper wirkte kleiner, fast zerbrechlich in dem weiten, hellen Raum. Die Haut ihrer Hände war blass, fast durchscheinend, die dünnen Adern darunter zart wie blaue Fäden.

Mokuba, der neben dem Bett stand, bemerkte sofort die Veränderung. Die Muskeln in ihren Armen waren erschlafft, ihr Griff schwach, und selbst ein leichter Versuch, den Kopf zu heben, ließ sie zittern. „Nanali…“, flüsterte er, die Stimme schwer vor Sorge.

Claire strich behutsam über Nanalis schmalen, kraftlosen Hände.

Jamie hingegen betrachtete die Haltung. Die Schultern sanken leicht nach vorn, die dünnen Beine unter der Decke wirkten kraftlos. „Sie sieht… kleiner aus, als ich sie in Erinnerung hatte“, murmelte sie leise.

Die blasse Haut, das schwache Zittern, die eingefallenen Wangen – all die Zeichen eines Körpers, der hart gearbeitet hatte, um die Krise zu überstehen.

Nanali hob langsam einen Finger.

Trotz allem, trotz der Müdigkeit, der Blässe, der körperlichen Schwäche – sie war nicht gebrochen.

Ihr Herz stolpert, als sie begreift, dass jemand da ist. Mit einem Ruck atmet sie ein, zu tief, und die Lunge rebelliert, als hätte sie verlernt, wie Luft sich anfühlt. Ein Husten, schwach und dennoch schmerzhaft, bricht aus ihr hervor.

Dann, langsam, wagt sie es, die Augen einen Spalt zu öffnen. Die Welt verschwimmt, verschwimmt wieder, bis sich Umrisse abzeichnen. Eine glatte Decke, so weiß, dass sie fast blendete. Minutenlang konnte sie nichts anderes tun, als starr hinaufzusehen. Ihre Gedanken waren leer, nur ein dumpfes Dröhnen in ihrem Kopf füllte die Stille.

Dann Stimmen. Gedämpft, von irgendwo neben ihr. Zuerst unverständlich, wie durch Wasser. Doch eine löste sich klarer heraus. Mokuba.

„Hey…“ Seine Stimme war sanft, gleichzeitig angespannt. „Ich glaube, sie ist wach geworden.“

Ein weiterer Laut folgte, leichter, fast erleichtert. Jamie. „Endlich… sie hat die Augen auf.“

Mit einem Ruck kehrte Wärme zurück in ihre Finger, als ob der Körper sich erinnerte, dass er ihr gehörte. Schwer atmend schaffte sie es, den Kopf ein Stück zu drehen. Ein verschwommener Umriss tauchte auf, dann noch einer – die Silhouetten klärten sich allmählich.

Claire saß auf der einen Seite des Bettes, die Hände ineinander gefaltet, als würde sie beten. Jamie stand dicht daneben, den Blick gespannt auf Nanali gerichtet. Und auf der anderen Seite erkannte sie Mokuba, neben ihm Seto, beide mit ernster Miene, doch in den Augen lag etwas, das sie kaum deuten konnte – Sorge, aber auch Erleichterung.

Nanali versuchte, sich aufzusetzen. Ihre Arme zitterten, als wären sie wochenlang nicht benutzt worden. Mokuba beugte sich sofort vor, um sie zu stützen.

Die Stimmen um sie herum wurden deutlicher, die Gesichter schärfer, und langsam begann ihr Geist, Schritt für Schritt zur Wirklichkeit zurückzufinden.

Martha stand an ihrem kleinen Visitenwagen, den sie routiniert neben das Bett gezogen hatte. Zwischen Fieberthermometer, Blutdruckmanschette und den sauber sortierten Instrumenten lag ihr Klemmbrett, auf dem sie die Werte notierte.

Sie ließ den Blick über den Monitor wandern und schob die Lippen ein wenig zusammen. „Die Werte schwanken noch,“ sagte sie leise, mehr als Beobachtung, denn als Vorwurf. Ihr Ton blieb sachlich, aber in ihrem Blick lag Sorge.

Dann atmete sie aus und sprach, fast wie im kurzen Bericht an sich selbst: „Es handelt sich eindeutig um ein Kontaktgift – vermutlich über die Haut aufgenommen. Außerdem sind geringe Mengen Pollen in die Atemwege gelangt. Das hat eine asthmatische Reaktion ausgelöst und zu einer zeitweisen Atemlähmung geführt.“

Sie legte den Stift kurz beiseite und hob den Kopf, als würde sie noch einmal Revue passieren lassen, was Nanali getan hatte. „Du hast dich immerhin geschützt,“ fügte sie an, diesmal mit einem Hauch Anerkennung in der Stimme. „Das feuchte Tuch aus Spitzwegerich, Hirtentäschel und Kamille war kein schlechter Einfall. Und die innerlich eingenommenen Anteile … ja, das hat wahrscheinlich die schlimmste Wirkung abgefangen.“

Ein kleines, kaum sichtbares Nicken begleitete ihre Worte. „Dein Körper hat reagiert – schwach, aber zielgerichtet. Ohne diese Schutzmaßnahmen hätten wir hier ein ganz anderes Bild.“

Ihre Stirn legte sich in Falten. „Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.“

Sie tippte mit dem Kugelschreiber auf die Spalte. „Der TSH-Wert ist deutlich erhöht. Das zeigt mir, dass dein Körper praktisch keinen Schilddrüsenhormonspiegel mehr hat. Er läuft im Notbetrieb – das ist gefährlich.“

Nanali schlug die Augen nieder, bevor sie leise antwortete: „Das wundert mich nicht. Ich habe gar keine Schilddrüse mehr.“

Marthas Kopf fuhr hoch. „Gar keine?“

„Nein,“ erklärte Nanali mit stockender Stimme. „Vor meiner Ankunft hier… wurde sie entfernt. Ich hatte Morbus Basedow.“

Marthas Blick verriet, dass ihr der Name fremd war. Nanali fuhr fort. „Das ist eine Autoimmunerkrankung. Der Körper greift dabei die Schilddrüse an, sie produziert unkontrolliert zu viele Hormone. Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche…“

Nanali atmete flach ein, ehe sie sprach. „Ich habe jahrelang Thiamazol nehmen müssen. Immer wieder, bis schließlich meine Leberwerte so hoch waren, dass der Arzt mir keine Tabletten mehr verschreiben durfte. Mein Körper hätte das nicht mehr ausgehalten.“

Sie wandte den Blick ab, als müsse sie die Erinnerung von sich fernhalten. „Der Blutdruck, der Puls – alles war ständig viel zu hoch. Die Ärzte haben gesagt, ich hätte ein Schlaganfallrisiko von beinahe achtzig Prozent. Einer meinte sogar, ich hätte vielleicht noch drei Monate, wenn ich nichts unternehme.“

Ihre Stimme wurde leiser. „Darum haben sie mir die Schilddrüse entfernt. Es war das Einzige, was meine Überlebenschance erhöhen konnte.“

Die Worte hingen einen Moment in der Luft, bevor die Wirkung sich entlud.

Jamie stand reglos da, die Kiefer heruntergeklappt, die Augen weit aufgerissen. Ein schweres Schlucken ließ erkennen, dass sie noch immer versuchte, die Realität zu verarbeiten.

Claire wirkte ähnlich betroffen. Ihre Stirn war gerunzelt, die Hände zitterten leicht, als wollte sie die Fassung bewahren, während die Information langsam sickerte.

Mokuba wich einen Schritt zurück, als hätte er einen Schlag gespürt. „…Wieso hast du nie etwas gesagt?“ fragte er tonlos, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Ungläubigkeit färbte jedes Wort. „Ich kann es mir gar nicht vorstellen… wie du das durchgestanden hast.“

Seto Kaiba hingegen stand aufrecht, die Schultern zurück. Sein Blick war scharf, fast unnachgiebig. Für einen Moment schien er zu überlegen, wie sie weitermachen konnte, als sei nichts gewesen. Worte hatte er nicht sofort. Setos Stirn legte sich kurz in Falten, und ein Ausdruck von stummer Anerkennung huschte über sein Gesicht: er begriff nicht, wie sie das leisten konnte, und das beeindruckte ihn mehr, als er zugeben würde.

Ein schwerer Atemzug durchzog den Raum. Die Stille war drückend, jeder Blick der Gruppe wanderte zwischen Nanali und den jeweils eigenen Gedanken – ungläubig, betroffen.

Martha blätterte in den Unterlagen, nickte knapp und murmelte: „Natürlich… ohne Schilddrüse muss man dauerhaft Substitutionspräparate nehmen.“

Nanali nickte. „Mir wurde gesagt, dass mein körpereigenes Hormon noch eine Weile ausreicht, bis es langsam abfällt. Die erste Kontrolluntersuchung war noch unauffällig.“

„Das mag sein,“ erwiderte Martha, „aber in so einer Phase muss man engmaschig kontrollieren – wöchentlich, wenn nicht öfter. Der Wert hier ist lebensgefährlich niedrig. Kein Wunder, dass du kaum Kraft hast.“

Sie sah wieder auf die Blutwerte und runzelte erneut die Stirn. „Und dieser Eisenwert… der ist alarmierend niedrig. Das passt nicht zusammen.“

Nanali zögerte, doch dann sagte sie leise: „Seit der Operation blute ich stärker. Meine Tage kommen teilweise schon nach zehn Tagen wieder… und sie dauern länger.“

Marthas Gesicht verlor für einen Moment jede professionelle Maske. „Und damit bist du nicht zu einem Arzt gegangen?“

Nanali senkte den Blick. „Nein. Ich dachte, es legt sich vielleicht wieder.“

Martha schüttelte ungläubig den Kopf, presste die Lippen zusammen und schob den Wagen ein Stück zur Seite, als müsse sie Bewegung in ihre Empörung bringen. „Das ist kein kleiner Nebeneffekt, Nanali. Das ist ein Alarmsignal. Mit solchen Blutverlusten riskierst du dein Leben.“

Nanali atmete tief ein. „Alles in allem… ging es mir gut,“ sagte sie ruhig. „Wäre da nicht der Ausflug gewesen…“

Martha schnaubte hörbar. „Unter diesen Umständen wohl gut, dass du zusammengebrochen bist. Wie hätten wir sonst von diesem Untragbaren Zustand erfahren.“

Jamie runzelte die Stirn und trat vor. „Aber… wieso bist du dann überhaupt zur Wintermine gegangen?“

Sie zog die Tasche hervor und zeigte das darin liegende glänzende Material. „Ich habe hier Adamantit gefunden.“

Claire horchte auf, die Augen geweitet. Jamie schnalzte mit der Zunge. „Das ist mehrere hunderttausend G wert!“ Sie blickte Nanali eindringlich an. „Bist du deswegen in die Minen gegangen?“

Mokuba zuckte zusammen und schüttelte den Kopf. „Adamantit ist das beste Material für langlebige Maschinen. Wertvoll ja, aber nicht zum Spaß. Du hättest dich wirklich in Gefahr begeben…“

Setos Blick verfinsterte sich, die Augen schmal, die Kiefer gespannt. „Du konntest doch unmöglich…“

„Das hat nichts mit mir zu tun, oder?“ fügte er scharf hinzu.

Nanali winkte ab, die Schultern leicht zuckend. „Nein. Ich habe einen Vogel über der Mine abstürzen sehen. Ich dachte, er sei verletzt. Nachdem ich ihn reanimieren konnte, konnte ich nicht auf demselben Weg zurückgehen. Ich wusste nur noch, dass November die Blütezeit von Crystal Blue fast vorbei ist und habe gehofft, der Weg sei machbar.“

Ein Moment der Stille folgte. Jamie und Mokuba tauschten Blicke aus, Claire schien die Geschichte noch einmal innerlich zu verarbeiten.

Seto Kaibas Blick verfinsterte sich, die Augen eng zusammengekniffen. „Ein Vogel?“ raunte er. „Du hast dein Leben für ein… Tier aufs Spiel gesetzt?“ Seine Stimme war leise, aber eisig, die Worte wie Schläge.

Nanali blieb zunächst stumm, spürte die Härte in seinem Ton, konnte sich keinen Einwand leisten.

Seto trat einen Schritt näher, die Schultern angespannt. „Ein Vogel kann niemals so viel wert sein wie dein eigenes Leben!“, fuhr er schließlich laut dazwischen. Seine Faust ballte sich fast unmerklich. „Und so wie du damit umgehst… scheint es dir nicht einmal besonders wichtig zu sein!“

Nanali senkte den Blick, atmete dann tief durch. „Danke, Seto…“, sagte sie schließlich leise, doch mit einem kleinen Lächeln. „Ich bin froh, dass dir mein Wohlergehen etwas bedeutet. Dass du dir Sorgen machst.“

Seto schnaubte hörbar und drehte sich dann abrupt zu Mokuba. „Komm, wir gehen.“

Mokuba zögerte einen Moment, hin- und hergerissen zwischen Sorge um Nanali und dem Respekt vor Setos Anweisung. Seine Augen flogen noch einmal zu ihr, dann seufzte er leise.

Er wandte sich zu Nanali, die noch immer ruhig auf dem Bett saß. Seine Stimme war sanft, fast wie ein Flüstern: „Pass gut auf dich auf, okay? Ich… will, dass du dich erholst.“

Ein kleines, warmes Lächeln huschte über Nanalis Gesicht. „Danke, Mokuba. Ich weiß, dass zu schätzen.“

Dann nickte er Seto kurz zu, holte tief Luft und folgte seinem Bruder aus dem Raum.

Nanali betrachtete den Adamantit in Jamies Hand und schmunzelte leise.

„Wenn du wieder in die Minen willst,“ begann sie, „könnte ich dir jemanden vorstellen. Die Minengänger, die ich kenne, sind die besten der Insel. Einmal losgeschickt, könnten sie Millionen an Adamantit nach Sonnenscheindorf bringen. Aber… die Minen sind gefährlich.“

Nanali lächelte leicht. „Danke, das Angebot nehme ich gerne an. Aber ich wäre im Moment eher daran interessiert, jemanden kennenzulernen, der Pflanzen zuverlässig kultivieren kann.“,erklärte sie. „Ich habe eine Crystal Blue aus der Mine mitgebracht.“

Jamie legte den glänzenden Adamantit vorsichtig auf die Bettkante, um Platz zu schaffen. Dann griff sie in den Rucksack und zog die Crystal Blue, noch in ihrem Stofftuch, vorsichtig hervor.

Am Beistelltisch neben dem Bett stand bereits ein Glas und eine Wasserflasche. Jamie nahm das Glas in die Hand. Da es falsch herumstand, drehte sie es um und füllte Wasser hinein. Sie ließ die Pflanze sanft in das Glas gleiten. Vorsichtig nahm sie das Glas anschließend auf und stellte es weiter weg auf die Kommode, sodass Nanali nicht daran stoßen konnte.

Martha zuckte zusammen, als sie die Pflanze sah, die Nanali aus der Mine mitgebracht hatte. Ein leichtes Schaudern lief ihr über den Rücken – die Tatsache, dass Nanali eine giftige Pflanze aus einer Mine geholt hatte, machte ihr sichtlich Sorgen.

Nanali bemerkte den Schreck, lächelte leicht und nickte. „Ich weiß, dass es riskant war… aber ich wollte diese Pflanze sichern.“

Jamie lehnte sich zurück, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen.

Claire meldete sich zu Wort. „Ich kenne jemanden, die sehr gut ist beim Pflanzenzüchten. Die besten wohnen zwar in Konohana, aber die Rancherin im Vergissmeinnicht-Tal – Jill – ist exzellent.“

Jamie hob eine Augenbraue. „Jill? Ist sie nicht eher auf das Veredeln von Bäumen spezialisiert?“

„Ja,“ erklärte Claire, „aber sie hat große Erfahrung im Kreuzungsanbau und zieht Mischkulturen erfolgreich. Selbst wenn die Blüte schon abgefallen ist, kann sie oft aus den verbleibenden Stängeln oder Samen neue Pflanzen ziehen. Jill kann solche Chancen erkennen und sie nutzen.“

Nanali nickte langsam. „Dann könnte ich also tatsächlich aus dieser einen abgeblühten Crystal Blue noch etwas Neues ziehen.“

„Ja,“ bestätigte Claire. „Es ist schwierig, aber machbar.“

Nanali lächelte sanft, diesmal voller leiser Hoffnung. „Dann werde ich es versuchen. Ich will sehen, was aus ihr wird.“

Martha zog kurz die Stirn kraus, dachte einen Moment nach, bevor sie sprach. „Es gibt einen Arzt im Vergissmeinnicht-Tal, der durchaus einige Kernkompetenzen besitzt“, begann sie bedachtsam. „Vielleicht hat er auch ein paar Ideen, welche Therapie jetzt für dich die beste wäre, Nanali.“

Sie hob die Hände leicht, um Missverständnisse zu vermeiden. „Natürlich will ich nicht sagen, dass Dr. Alex hier keine Expertise in dem Bereich besitzt. Aber aufgrund der sehr komplexen Situation, in der du dich befindest – vor allem mit der Verletzung an deinem Handgelenk – könnte es sinnvoll sein, einen kurzen Abstecher ins Vergissmeinnicht-Tal zu machen.“

Martha nickte leicht, als würde sie ihre eigenen Worte nochmals abwägen. „Besonders da der Arzt dort auf Vergiftungen spezialisiert ist, könnte er dir wertvolle Hinweise geben – zusätzlich zu den Behandlungen, die du hier erhalten könntest.“

„Das Vergissmeinnicht- Tal also. Das ist doch gar nicht mal so weit entfernt.“

„Stimmt.“, merkte Jamie an. „Du kannst mit einem Fischerboot mitfahren und wärst in etwas über einer Stunde da. Mit einem motorisierten vielleicht sogar etwas schneller. Oder du fährst 3 Stunden mit dem Bus von der Bushaltestelle am Ortsausgang hinter der Kirche.“

Nanali nickte. Sie hatte schon gehört, dass es auf der Insel motorisierte Fahrzeuge gab, wenngleich nur wenige. Die meisten waren für die Landwirtschaft reserviert – für Farmer, die mehrere Hektar Land bewirtschafteten, oder für Transportaufgaben. Ein paar motorisierte Boote dienten dem Güterverkehr über Flüsse und das Meer, um die Dörfer der Insel miteinander zu verbinden.

Auf dem Festland gab es einige wenige Strecken für Landfahrzeuge: vereinzelte Busse, ein Schienenverkehrssystem, aber Fahrzeuge für den Privatgebrauch waren extrem selten. Berichte erzählten von Motorrädern in Olivingen – doch das war eher eine Ausnahme, und inselübergreifend kaum üblich.

„Vergissmeinnicht -Tal. Ich wollte ohnehin bald die Dörfer etwas auskundschaften. Jetzt weiß ich, wo ich anfange.“

On the Move – Renewable Ride

On the Move – Renewable Ride
 

Fr., 8. November YYY1

Der Morgen danach empfing sie mit kühler Luft. Sie biss sanft auf die Haut, ließ die Finger frösteln, während sich ein dünner Nebel über den Waldrand legte. Blätter trieben über den schmalen Weg zum Busbahnhof, raschelten in wirbelnden Kreisen, bevor sie sich unter dem Windschutz mit dem kleinen Dach sammelten. Dort, wo sich die wenigen Wartenden niederlassen konnten, hatte der Wind sie zu einem raschelnden Teppich zusammengekehrt.
 

Der Busbahnhof lag abgeschieden hinter der alten Dorfkirche. Abseits, fast vergessen, als wolle man den Verkehr vom Herzen des Dorfes fernhalten. Über den schiefen Bänken wölbte sich das Dach aus Holz und Wellblech, darunter hatte der Herbst seine Spuren hinterlassen.
 

Nanali zog die Decke ein Stück enger um ihre Schultern, während sie mit Claire nebeneinander auf der Bank saß. Der Geruch von feuchter Erde und Laub hing in der Luft. Über ihnen hingen noch vereinzelte braune Kastanienblätter, und am Boden schimmerten die glatten Schalen von Maronen.
 

Claire bückte sich im Vorübergehen, hob zwei auf und ließ sie in ihre Tasche gleiten. „Vielleicht können wir die später rösten,“ sagte sie leise, ein winziges Lächeln auf den Lippen. Nanali nickte, griff ebenfalls nach einer Marone, drehte sie nachdenklich in den Fingern.
 

„Stainer übernimmt deine Arbeiten am Hof?“ begann Nanali, den Blick auf den Weg gerichtet, der ins Dorf zurückführte. „Er hat einfach sofort zugesagt. Ohne zu zögern.“, bejahte Claire.
 

Nanali schmunzelte schwach. „Du kannst dich glücklich schätzen. Ein Bruder, auf den du dich so verlassen kannst, ist bewundernswert.“
 

Claire sah sie an, überrascht über den ernsten Ton.
 

„Es stimmt,“ gab sie zu. „Ich kann mich immer auf meinen großen Bruder verlassen. Seit unsere Eltern früh gestorben sind, war er nicht nur Bruder, sondern auch Vormund. Ich hätte mir niemand Besseren wünschen können.“
 

Claires Augen wurden weich, sie atmete leise aus. „Und Jamie?“
 

Nanali senkte den Blick, ließ die Marone langsam in ihrer Hand kreisen. „Jamie tut mir leid. Sie hat niemanden, der so etwas für sie wäre.“ Doch gleich darauf winkte sie ab. „Aber manchmal… manchmal ist es vielleicht auch besser, keine Geschwister zu haben, als solche, die sich ständig einmischen.“
 

Claire drehte den Kopf zu ihr, ein Schatten huschte über ihr Gesicht. „Hattest du erzählt…“
 

Nanali zögerte, dann schloss sie für einen Moment die Augen, als müsse sie Kraft sammeln, um weiterzusprechen. „Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der meine Brüder auch versucht haben, die Rolle der Aufpasser zu übernehmen,“ sagte sie leise. „Aber nicht so, wie man es sich wünscht. Sie machten mir unsinnige Vorgaben, kontrollierten jeden Schritt und mischten sich sogar in meine Beziehungen ein. Als wäre ich nicht fähig, selbst zu entscheiden.“
 

Ihre Stimme wurde ein Hauch härter, fast brüchig. „Sie taten immer so, als würden sie mich beschützen. Aber in Wahrheit konnte ich mich nie darauf verlassen, dass sie etwas Sinnvolles tun.“

Claire schwieg, sah sie nur an. Traurigkeit lag in ihrem Blick, vielleicht auch ein stilles Mitgefühl, das sich nicht in Worte fassen ließ. Zwischen ihnen wehte der Wind, spielte mit den trockenen Blättern, ließ sie auf den Asphalt tanzen, als wollten sie das Schweigen füllen.
 

Der Bus ließ noch auf sich warten. Und während sie nebeneinander saßen, schien es, als würde das leise Knacken der Maronenschalen in Claires Tasche lauter klingen als alles, was zwischen ihnen ungesagt blieb.
 

***

Die Straße schlängelte sich durch den Wald, ein schmales Band aus Asphalt und Schotter, das von herbstlichen Farben eingerahmt war. Die Bäume standen dicht, ihr Laub war längst in gelb-rote Flammen übergegangen und nun schon zur Hälfte gefallen. Am Straßenrand türmten sich nasse Blätter, die im Fahrtwind aufwirbelten, wenn ein Fahrzeug vorbeizog.
 

Der Wald war stiller als im Sommer, nur hin und wieder knackte es im Unterholz. Rehe ließen sich um diese Zeit oft blicken, wenn sie die Böschung hinaufwechselten, und wer hier zu schnell fuhr, riskierte eine Kollision. Ein altes Schild mit dem verblassten Warnsymbol „Wildwechsel“ erinnerte die Fahrer daran, doch kaum jemand hielt sich an die Mahnung.
 

An diesem Morgen preschte ein kleiner Bus die gewundene Strecke entlang. Er war irgendwo zwischen Van und Transporter – nicht groß, nicht klein, mit einer Karosserie, die mehr Zweckmäßigkeit als Eleganz ausstrahlte. Das Motorengeräusch schnitt durch die feuchte Luft, brummte tief, während die Reifen über Geröllstücke polterten.
 

Mit Schwung nahm das Gefährt die Kurven, als wären sie Teil einer Rennstrecke, schaukelte über Unebenheiten und schien die enge Straße für sich allein zu beanspruchen. Nebelschwaden hingen zwischen den Bäumen, und wenn das Fahrzeug hindurchschoss, zerteilte es sie wie graue Schleier.
 

Der junge Mann war am Anfang des Erwachsenwerdens, und doch trug er bereits das Gesicht eines Älteren: ein dichter Vollbart umrahmte Kinn und Mund, dicke Augenbrauen legten sich wie kräftige Schatten über seine Augen. Er wirkte, als hätte die Jugend ihn noch nicht ganz losgelassen, die Männlichkeit ihn aber schon eingeholt.
 

Er saß in einem Sessel, der gleichzeitig Fahrersitz und Schlafplatz war. Rückte er die Lehne zurück, konnte er darin übernachten, eingerollt wie in einem provisorischen Bett. Das Gefährt selbst war mehr als ein Wagen – es war sein Zuhause. Irgendwo zwischen Van und Kleinbus gebaut, bot es Platz für wenige Passagiersitze und dahinter eine freie Fläche, wo Kisten mit Gurten verzurrt werden konnten. Ein Fahrzeug für kleine Transporte, aber für ihn war es alles: Lebensraum, Arbeit, Bewegungsfreiheit.
 

Hinter dem Fahrersitz, seitlich in die Verkleidung geschraubt, summte ein kleiner Kühlschrank. Er war nicht größer als eine Holzkiste, gerade genug, um ein paar Flaschen Wasser, etwas Käse und Brot zu verstauen – einfache Vorräte, die ihm das Gefühl von Sicherheit gaben.
 

Mit beiden Händen am Steuer lenkte er das Gefährt über die gerölligen Straßen, als wäre er Rennfahrer. Jeder Schlaglochschubser ließ ihn in seinem Sitz wippen, während die Reifen über Steine polterten.
 

Das Fahrzeug ächzte, doch er brachte es in einem Tempo über die Anhöhen, das jedem Beifahrer den Atem geraubt hätte. Ein Blick auf die Uhr: 8:17. Zwei Minuten zu spät.

„Ach, was soll's,“ murmelte er und zuckte mit den Schultern. Meistens stand ja doch niemand an der Haltestelle, wenn er kam.
 

Das Brummen des Motors war zuerst nur ein fernes Grollen, das sich aus Richtung des Waldes näherte. Bald schon schob sich das Fahrzeug ins Blickfeld: ein gedrungener, kantiger Kleinbus, dessen Blech an den Seiten vom Staub der Straße stumpf geworden war. Die Frontscheibe spiegelte das fahle Novemberlicht, und in den Reifen steckte der Schotter der letzten Kurve wie kleine graue Splitter.
 

Je näher der Bus kam, desto stärker vibrierte der Boden unter den Füßen der beiden Mädchen. Nanali spürte das leichte Zittern in der Bank, auf der sie saß.
 

In der Ferne, dort wo die Straße aus dem Wald hervorbog und an der Dorfkirche vorbei ins Freie trat, entdeckte der Busfahrer zwei Gestalten.
 

Kaum zu glauben. Gerade heute, wo er verspätet war, hatte tatsächlich jemand auf ihn gewartet.

„Na klar,“ murmelte er und schnalzte mit der Zunge, halb belustigt, halb genervt. „Immer dann, wenn man zu spät ist.“
 

Er legte den Fuß auf die Bremse, ließ den Wagen sanft ausrollen. Die Karosserie ächzte leise, während das Gefährt über den letzten Schotter holperte und die Geschwindigkeit verlor.
 

Mit einem tiefen Knurren rollte er vor die Haltestelle. Die Bremsen quietschten, nicht unangenehm, aber altvertraut, als hätten sie schon viele Jahre ihren Dienst getan. Der Wagen kam direkt vor ihnen zum Stehen, die Motorhaube vibrierte noch ein wenig nach. Ein Hauch von Abgas und feuchtem Laub mischte sich in die Luft.
 

Für einen Moment war es still. Nur das Summen des Motors und das leise Knacken der aufgewirbelten Blätter um sie herum. Dann klickte innen ein Riegel, und die Tür bereitete sich zum Öffnen.
 

Die Fahrertür klappte nach außen, ein metallisches Knarren, das in der stillen Novemberluft kurz nachhallte. Ein paar schmale Stufen trennten die beiden Mädchen vom Innenraum des Busses. Clairezögerte nicht, stieg zuerst ein. Mit geübter Hand klickte sie die Münzen in die kleine Blechbüchse, die der Fahrer ihr hinhielt. Es klirrte leise, dann stieg Claire an ihm vorbei weiter nach hinten, wo die Sitze für die Fahrgäste warteten.
 

Nanali folgte ihr, trat vorsichtig die Stufen hinauf. Auch sie ließ die Münzen klimpernd in die Büchse fallen. Doch anders als Claireließ sie den Blick nicht gleich nach vorne richten. Ihre Augen glitten über das Armaturenbrett – und blieben hängen.
 

In einer Ecke, direkt beim Lenkrad, hatten sich kleine, gehäkelte Figuren aufgetürmt. Ein grüner Dino mit runden Knopfaugen, daneben ein roter Giftpilz mit weißen Punkten.
 

Daneben, auf der Ablage, lag eine kleine Konsole, etwas kantig, an den Rändern schon abgenutzt.
 

Der Fahrer bemerkte ihren Blick. Seine dunklen Augenbrauen zogen sich leicht zusammen, dann lächelte er mit einem Anflug von Stolz. „Kennst du Mairu Kart?“ fragte er.
 

„Nein,“ antwortete sie schließlich leise. „Aber sieht gut aus. Gefällt mir.“
 

Der junge Mann nickte langsam, sah sie ein paar Sekunden zu lang an. Dann, knapp: „Cool.“

Nanali trat weiter nach hinten, wo Clairebereits Platz genommen hatte. Sie ließ sich neben sie fallen, den Blick noch immer etwas nachdenklich, als habe sie eine Spur verloren.
 

„Was war?“ fragte Clair, ihre Stimme vorsichtig.
 

Nanali schüttelte den Kopf, unsicher. „Ich dachte, ich kenne ihn,“ murmelte sie. „Kam mir irgendwie bekannt vor. Aber… ich hab mich wohl geirrt.“ Ein leises Lächeln huschte über ihre Lippen. „Komisch…“
 

Der Bus rumpelte eine gute Weile in die falsche Richtung, weg vom Waldrand, hinein in ein kleines Seitental. Der Fahrer brachte Kisten aus dem Laderaum, band sie ab und stellte sie an der Hintertür eines Ladens ab. Klar, dachte Nanali, wovon sollte er sonst leben? Von den paar Gästen, die gelegentlich pendelten?
 

Sie stand auf, trat an die offene Tür und bot ihre Hilfe an. Für einen Moment musterte er sie, sein Blick glitt auf ihre bandagierte Hand. Dann schüttelte er knapp den Kopf. „Lass nur.“

Sein Ton war nicht hart, eher bestimmt, aber auch mit einem Rest Fürsorge. Nanali nickte und trat zurück, während er die Kisten allein ablud.
 

Erst dann setzte sich der Bus in Bewegung, diesmal in die richtige Richtung. Nanali hatte den Platz am Fenster. Sie legte die Stirn gegen das Glas, spürte die kühle Vibration, während draußen die Landschaft vorbeizog.
 

Die Wälder standen bunt im Novemberlicht, rostrot und goldgelb, doch die meisten Blätter hatten den Zweigen schon Lebewohl gesagt. Zwischen den kahlen Ästen wurden auf einmal die vielen Nester sichtbar, die man im Sommer nie erahnt hätte – kleine Kugeln, sorgsam verwoben, als ob jede von ihnen eine eigene Geschichte trüge.
 

Nanali lächelte still. So viele Vögel, so viele Leben, die in diesen Wäldern verborgen waren. Sie konnte kaum anders, als sich zu fragen, wohin all diese gefiederten Bewohner zogen, wenn der Winter kam.
 

„Claire?“ fragte sie leise, ohne den Blick vom Fenster zu lösen. „Wo fliegen die Vögel hier eigentlich hin, wenn es kalt wird?“
 

Claire blinzelte, sah sie an, als wäre die Frage beinahe kindlich. „Na, auf die Tierinsel bei Sonnenscheindorf,“ sagte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel zuließ.
 

Nanali nickte langsam, ihre Augen weiteten sich kurz, als hätte sich ein kleines Rätsel gelöst. Natürlich. Die Welt hier kannte kein fernes Land jenseits des Meeres, keine Kontinente hinter dem Horizont. Wohin also sollten die Vögel fliegen, wenn nicht dorthin?
 

Sie ließ den Blick noch einmal über die Karte wandern, die in ihren Gedanken aufstieg. Sonnenscheindorf lag im Norden. Unwillkürlich musste sie lächeln. Die Vögel zogen also nach Norden.
 

Nach gut anderthalb Stunden Fahrt rollte der Wagen in eine kleine Haltebucht. Der Motor brummte nach, während der Fahrer den Gang herausnahm. Mit einer beiläufigen Bewegung zog er ein Sandwich aus der Seitentasche und legte es sich auf den Schoß. Seine freie Hand griff nach der Konsole, die über ein Kabel mit der Elektrik des Wagens verbunden war.
 

Mit einem Klick klippste er das Gerät ein. Sofort flackerte der kleine Bildschirm auf, und bunte Figuren rasten über eine Rennstrecke. Nanali hob neugierig den Kopf über die Lehne. Kleine Fahrzeuge überholten sich, warfen mit seltsamen Gegenständen, die den Gegner ins Straucheln brachten. Sie blinzelte. Interessant sah das schon aus – aber was sie noch mehr verblüffte, war die Tatsache, dass es hier überhaupt so etwas wie Konsolen gab.
 

„So was gibt’s hier?“ murmelte sie.
 

Der Fahrer grinste, schob einen Bissen Sandwich zur Seite und sprach mit voller Selbstverständlichkeit: „Na klar. Daryl baut manchmal so Zeug. Wenn er mal was nicht mehr braucht oder ausprobiert hat, verschenkt er’s einfach. Ganz nützlicher Typ, wenn er will. Schon ein interessanter Mensch.“
 

Clairehob die Augenbrauen, sichtlich irritiert. „Daryl? Du meinst doch nicht den Daryl? Der kuh-hassende Kauz, der immer seine fragwürdigen Experimente macht?“ Ein leichtes Schaudern durchlief sie, und sie rieb sich über die Arme, als ob allein der Gedanke Gänsehaut machte.
 

Der Fahrer zuckte mit den Schultern. „Ja, der. Er ist halt… der Wissenschaftler im Tal. Immer mit seinen Gedanken bei irgendwelchen Forschungen. Meistens findest du ihn in seinem Labor, oder wie er den Hang hochläuft – Richtung Wasserfall, gegenüber vom Ausgrabungsgelände. Er hat so eine Schwäche für Flora. Manchmal steht er einfach am Flussufer und starrt hinüber, als ob er sie von weitem bewachen müsste.“
 

Er nahm einen weiteren Bissen, sprach dann etwas leiser, fast mit Respekt: „Energie, das ist sein Ding. Er probiert ständig, neue Wege zu finden, um Energiequellen anzuzapfen – Wind, Wasser, Sonne, was auch immer er gerade spannend findet. Er sagt, er will irgendwann das ganze Vergessene Tal mit eigener Energie versorgen. Klingt verrückt, aber… ich glaub, er ist näher dran, als viele meinen.“
 

Nanali lehnte sich zurück, der Blick noch immer an der Konsole. Verrückt oder nicht – dass jemand hier so etwas erfinden konnte, faszinierte sie mehr, als Clairejemals verstehen würde.
 

Claire zog eine Grimasse, als hätte sie gerade in eine saure Zitrone gebissen. Ihre Augen funkelten skeptisch, die Lippen pressten sich zusammen. Solche Spielereien waren in der Vergessenen Welt offenbar nicht üblich. Sie schien nicht viel von diesem Daryl oder seinen Experimenten zu halten.
 

Nanali hingegen blickte interessiert, beinahe fasziniert. „Erneuerbare Energien?“ fragte sie, die Wasserflasche gerade zum Mund geführt. Sie wusste, dass der Strom auf der Insel größtenteils von Windmühlen und Wasserrädern erzeugt wurde. Doch diese Versorgung war unzuverlässig; Heizungen und Feuerstellen liefen weiterhin mit Holz und Kohle. Noch reichte das aus. Aber Nanali dachte an ihre eigene Welt, wo Energieversorgung längst ein drängendes Thema geworden war.
 

Klimawandel, steigende Temperaturen, die Eisschmelze in den Polargebieten, die immer häufigeren Stürme – alles zwang die Menschheit, nach nachhaltigen Alternativen zu suchen. Wind- und Solarenergie waren längst ausgebaut, Biogasanlagen und experimentelle Konzepte wie Algenkraftwerke wurden erprobt.
 

Claire winkte ab. „Er versucht irgendwelche komischen Geräte, die Sonnenenergie umwandeln sollen. Total abwegig.“
 

Nanali lächelte, prostete beiläufig in ihre Wasserflasche. „Ja, bescheuert, oder?“ Doch als sie Claire ansah, erkannte sie Verwunderung in ihrem Blick – diesmal wirkte es fast so, als hätte sie etwas Kindisches gesagt.
 

„Was?“ fragte Claire irritiert.
 

„Eigentlich…“, begann Nanali, „haben wir in unserer Welt schon einiges geschafft. Solarenergie ist die am weitesten verbreitete Quelle. Auf den Dächern privater Häuser wird sie installiert. Jeder kann Strom erzeugen und teilweise ins Netz einspeisen. Sogar kleine Haushalte produzieren damit genug, um die Grundversorgung zu decken.“
 

Clairestarrte sie ungläubig an. „Wie jetzt?“
 

Der Fahrer, der bisher ruhig geschaut hatte, meldete sich: „Mit Algen?“
 

„Algen?“ hakte Nanali nach, die Augen leicht gerundet.
 

Er nickte. „Daryl experimentiert mit einer speziellen Art, bei der die Photosynthese von Mikroalgen genutzt wird. Die Algen erzeugen Elektronen, die in winzigen Brennstoffzellen zu Strom umgesetzt werden.“
 

Nanali nickte nachdenklich. „Ah, ja, so etwas kenne ich. Es gibt ähnliche Ansätze, aber der erzeugte Strom ist bisher sehr gering. Man denkt daran, dies in Gewächshäusern zu installieren, wo die Algen gleichzeitig CO₂ aufnehmen und Licht nutzen. Aber um einen Haushalt zuverlässig zu versorgen, reicht es noch nicht.“
 

Sie drehte den Kopf leicht zum Fenster, um die bunten Herbstblätter zu betrachten, dann fuhr sie fort: „Herkömmliche Solaranlagen dagegen sind deutlich effizienter. Die Paneele wandeln Sonnenlicht direkt in Strom um, die Technik ist ausgereift, langlebig, und auf den Dächern unserer Städte installiert. Selbst bei bewölktem Himmel liefern sie noch Energie, und mit Batteriespeichern kann man den Überschuss für die Nacht sichern.“
 

Claire schnaubte leise. „Hört sich alles ziemlich kompliziert an.“
 

„Ist es auch,“ antwortete Nanali, „aber faszinierend. Und es zeigt, wie man mit Geduld und Experimentierfreude die Ressourcen der Natur nutzen kann.“
 

Der Fahrer drückte auf einen kleinen Knopf an der Seite der Konsole. Das bunte Rennen auf dem Display stoppte, die Fahrzeuge standen reglos auf der virtuellen Strecke. Er lehnte sich leicht zurück, die Augen auf Nanali gerichtet. „Weißt du eigentlich, wie das funktioniert?“
 

Nanalis Blick schweifte in Gedanken ab. Solaranlagen… wie waren die noch einmal gebaut? Sie kniff die Augen zusammen und kramte in ihrer Erinnerung. Paneele, Halbleiter, ja… irgendetwas mit Kobalt und Silizium. Minen.
 

Langsam begann sich ein Bild zu formen. „Es geht wohl so: Die Sonne regt Elektronen in Silizium an… die fließen durch Kontakte, werden in Batterien gespeichert, und dann kann man sie nutzen…“ murmelte sie, immer noch ein wenig unsicher, aber zufrieden, dass sie die Funktionsweise grob rekonstruieren konnte. Ihre Finger trommelten leicht auf das Armaturenbrett.
 

„Verglichen damit sind Daryls Algen-Experimente… nun ja, nett gedacht, aber die Energieausbeute ist winzig. In unseren Gewächshäusern versucht man, sie gleichzeitig für CO₂-Reduktion und Stromgewinnung zu nutzen. Praktisch funktioniert es noch nicht für den Hausgebrauch, höchstens als Ergänzung. Aber es ist spannend zu sehen, wie verschiedene Ansätze nebeneinander existieren. Manche funktionieren sofort, andere brauchen Geduld und Forschung.“, überlegte der junge Mann.
 

Sie ließ die Worte in sich nachklingen, während draußen die bunten Blätter vorbeizogen. Die Welt hier war anders, aber die Technik, die sie kannte, schien in ihren Gedanken fast universell. Nanali spürte ein leises Kribbeln der Faszination – so viele Ideen, so viele Möglichkeiten, selbst in einem kleinen Bus, auf dem Weg durch den Novemberwald.
 

Nanali lehnte sich zurück und ließ ihren Blick noch einmal über die Konsole schweifen, dann schweiften ihre Gedanken unwillkürlich zu Seto. Wie er wohl auf so etwas reagieren würde? Sie lächelte leicht und murmelte zu sich selbst: „Eigentlich kenne ich jemanden, der noch viel bedeutendere Dinge entwickelt hat. Wenn ich wieder in Mineralstadt bin, könnte ich ihn fragen, ob er ein paar Ideen beisteuern kann.“
 

Claire, die neben ihr saß, musste unwillkürlich schmunzeln. „Klar, fragst du ihn das,“ sagte sie mit einem vielsagenden Unterton.
 

Nanali drehte den Kopf scharf zu ihr. „Ich sag doch gar nichts,“ entgegnete Claire und hob die Hände, als wolle sie sich verteidigen, ein leicht panisches Lächeln auf den Lippen. „Hey, ich hab doch gar nichts gesagt!“
 

Der Fahrer, der bisher still beobachtet hatte, ließ ein kleines Lächeln erkennen. „Interessant,“ murmelte er und legte Konsole und Beutel beiseite.
 

Mit einer routinierten Bewegung legte er den Gang ein, und der Bus setzte seine Fahrt wieder fort. Die Straße vor ihnen schlängelte sich durch den herbstlich gefärbten Wald, die bunten Blätter wirbelten im Fahrtwind. Stille legte sich über die Kabine, nur unterbrochen vom leisen Brummen des Motors und dem gelegentlichen Klicken der Münzen in der Büchse.
 

Nanali lehnte sich zurück, ihre Gedanken noch immer halb bei der Technik, halb bei Seto und den Möglichkeiten, die sie nach ihrer Rückkehr erwarten würden. Claire dagegen beobachtete sie skeptisch, aber ein kleines, amüsiertes Lächeln verriet, dass sie den Gedankengang ihrer Freundin zumindest teilweise nachvollziehen konnte.
 

Langsam veränderte sich die Landschaft. Der dichte Mischwald wich auf, und einzelne Ginkgobäume und Ahornbäume traten hervor. Ihre Blätter waren markant: die Fächerform der Ginkgo, die tief eingeschnittenen, leuchtend roten und gelben Ahornblätter. Nanali betrachtete sie fasziniert. Sie mochte ihre Form, das filigrane Muster, das sie so einzigartig machte. Ein leises Rascheln begleitete das Vorbeiziehen der Blätter im Fahrtwind, während der Bus sich weiter dem Vergissmeinnicht-Tal näherte.
 

Schließlich rollte der Wagen langsam in eine kleine Haltebucht, die Bushaltestelle ragte kaum sichtbar am Waldrand hervor. Die Fahrt hatte ihr Ziel erreicht. Claire und Nanali griffen nach ihren Taschen, bereit, auszusteigen.
 

Bevor sie die Stufen hinabstiegen, lehnte sich der Fahrer leicht aus seinem Sitz und lächelte. „Ach, übrigens… ich heiße Richie,“ sagte er. Seine Stimme war ruhig, freundlich, fast einladend. „Wenn ihr wollt, könnt ihr bei Daryl im Labor vorbeischauen. Er ist meistens da. Ich selbst habe dort auch ein paar meiner Basteleien liegen.“
 

Nanali hob neugierig die Augen. „Echt?“
 

Richie nickte. „Ja. Ein interessanter Typ. Kommt vorbei, schaut euch um – aber seid vorsichtig, er experimentiert viel.“
 

Mit einem letzten Blick und einem leichten Winken öffneten Claire und Nanali die Tür. Die kühle Novemberluft schlug ihnen entgegen, gemischt mit dem Duft von feuchtem Laub. Sie stiegen aus, die Stiefel auf dem Kies knirschend, bereit, das Tal zu betreten und vielleicht schon bald Daryls geheimnisvolles Labor zu erkunden.
 

***
 

Nach einer langen Fahrt öffnete Richie schließlich die schwere Tür zu Daryls Labor. Ein knappes „Hallo“ entwich ihm, während er eintrat. Die Luft war warm, ein leichter Duft von Metall und Papier lag darin. Daryl murmelte nur ein leichtes „Hallo“ zurück, den Blick auf die verstreuten Zeichnungen und Papiere vor sich gerichtet, tief in Gedanken versunken.
 

Richie ließ sich auf das große Sofa sinken. Es gab nach, tief, umhüllt von einer Vielzahl weicher Kissen. Er zog eine Baumwoll-Decke über die Beine, lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen. Dann schaltete er die kleine Konsole ein, die neben ihm stand, und begann, beiläufig zu erzählen: „Ich habe interessante Frauen kennengelernt. Eine hat mir ziemlich viel über Solarenergie erzählt.“
 

Daryl murmelte etwas Unverständliches, seine Stirn legte sich in Falten. Schließlich blickte er auf, skeptisch: „Frauen? Das wird nichts. Interessiert mich nicht.“
 

Richie grinste, während eine kleine Katze sich auf seinem Schoß zusammenrollte. „Du und deine Flora,“ gab er trocken zurück.
 

„Wie auch immer,“ fuhr Richie fort, „ich habe sie eingeladen, hierher zu kommen.“
 

Daryl hob den Kopf, sah ihn missmutig an, dann seufzte er schwer. Seine Augen wanderten wieder zu den Papieren. Richie erzählte weiter, ein wenig von dem, was Nanali ihm berichtet hatte – die Experimente, die Beobachtungen, die Ansätze, die sie kannte.
 

Richie lehnte sich zurück, die Katze noch immer auf dem Schoß, und ließ Nanalis Worte nachklingen. „Sie meinte, dass in ihrer Welt manche Paneele Glas oder Linsen nutzen, um das Sonnenlicht besser zu bündeln. Vielleicht fehlt dir so etwas an deinem Aufbau,“ zitierte er beiläufig.

Daryl hob den Kopf, seine Stirn legte sich in Falten. Skeptisch blickte er von Richie zu einem seiner Versuchsstationen hinüber. Die kleine Testzelle lag auf dem Tisch, kaum Stromausbeute, noch weniger als bei seinem gescheiterten Algenexperiment. Die Messwerte hatten ihn nie überzeugt, aber die Neugier hatte ihn immer wieder zurückkehren lassen.
 

Er stand abrupt auf, ein leises „Hm“ murmelnd, und verließ den Raum. Hinter ihm blieb Richie sitzen, die Katze schnurrte leise. Daryl tauchte kurz darauf wieder auf, ein kleines Objekt in den Händen. Es war eine seiner früheren Testzellen, die er schon vor Wochen verworfen hatte. Bisher war sie ineffizient gewesen – das Licht war zu streuend, die Halbleiterflächen falsch ausgerichtet, das Reflektionsmanagement fehlerhaft.
 

Mit schnellen Schritten steuerte er das „Regal“ an, das mehr einer Mischung aus Kuriositätenladen und Lagerhalle glich: Überall standen Kästen, Kartons, Kisten und lose Stapel von Metallrahmen, Glasplatten, alten Motoren, Rohren, bunten Drähten, winzigen Schrauben, Linsen und halb zusammengebauten Geräten. Zwischen all dem Chaos lag fast alles, was Daryl in den letzten Jahren gesammelt hatte. Hier und da hing eine verstaubte Glaskugel von der Decke, ein alter Ventilator drehte sich langsam, und ein kleiner Aufsteller voller winziger Anti-Reflex-Gläser wackelte gefährlich auf der Kante.
 

Daryl griff zielgerichtet nach einem der Glasplatten, ein dünnes Anti-Reflex-Glas, das er irgendwo zwischen den unzähligen Dingen gefunden hatte. Vorsichtig legte er es auf die Testzelle, justierte die Position, überprüfte noch einmal die Ausrichtung der Halbleiter, und legte die Kontakte wieder an.
 

Das Licht fiel nun gebündelt auf die Halbleiterschicht, kaum ein Streuverlust mehr. Schon beim ersten Messvorgang kletterten die Werte deutlich nach oben. Daryl lehnte sich kurz zurück, die Augen auf das Display gerichtet, und ein seltenes, zufrieden stummes Lächeln huschte über sein Gesicht. Richie beobachtete ihn still, die Katze auf dem Schoß schnurrte weiter, als wüsste sie, dass gerade etwas Interessantes geschah.
 

Dann trug er die Zelle hinaus, hinaus ins Sonnenlicht. Draußen war das Licht klar und hell, perfekt, um die Halbleiter zu aktivieren. Alternativ hätte er die Zelle auch direkt ans Fenster stellen können, aber Daryl wollte den Effekt ungestört messen.
 

Schon beim ersten Messvorgang kletterten die Werte deutlich nach oben. Das Licht fiel nun gebündelt auf die Halbleiterschicht, kaum ein Streuverlust mehr. Daryl lehnte sich kurz zurück, die Augen auf das Display gerichtet.
 

Als Daryl nicht sofort zurückkam, wird Richie neugierig.
 

Mit der Absicht Daryl zu folgen und die Testzelle selbst zu begutachten, beugte er sich vorsichtig nach vorne, bereit, aufzustehen. Dabei schob er die Katze leicht an, damit sie von seinem Schoß huschte. Die kleine Katze, eine schlanke, mit schwarzem Fell, fauchte empört. In einem blitzschnellen Reflex schnellte ihre Pfote vor – und traf Richies Nase.
 

„Autsch!“ Richie sprang leicht zusammen und im Reflex schob er die Katze vom Schoß. Sie landete auf den Kissen neben dem Sofa, der Schwanz aufgestellt, die Ohren zurückgelegt, die Augen eng zusammengekniffen, und fauchte leise, als wollte sie sagen: „So lässt man sich nicht anstupsen!“
 

„Verflucht noch mal!“ fluchte er und rieb sich die brennende Nasenspitze.
 

Sofort spürte er, wie warmes Blut seine Finger benetzte. In Panik sammelte sich das Blut in seinen Händen, tropfte leicht auf die Kissen und er stand auf, um ein Tuch zu holen.
 

„Mann, bist du zickig…“, fauchte er die Katze an. Dann schüttelte er leicht den Kopf, richtete sich vorsichtig auf und machte sich auf den Weg, um Daryl nach draußen zu folgen.

The Mentor is Not a Bad Doc – But Dr. Baddoch

The Mentor is Not a Bad Doc – But Dr. Baddoch
 

Fr., 8. November YYY1

Nanali und Claire stapften durch das raschelnde Laub, das unter ihren Stiefeln leise knackte. Der kühle Novemberwind trieb einzelne braune Blätter über den schmalen Waldweg, der zu einem kleinen, unscheinbaren Holzhaus führte. Eine kleine private Klinik, eingebettet zwischen alten Bäumen, deren kahles Geäst im grauen Licht des Morgens schimmerte.

Die Tür schwang nach außen auf, quietschte leise und ließ sie in einen kleinen Eingangsbereich treten. Drinnen roch es nach warmem Holz und Desinfektionsmittel, die Mischung war eigenartig, aber beruhi-gend. Eine kleine Fußmatte lag am Eingang; Nanali und Claire streiften ihre Schuhe ab, scharrten den restlichen Dreck vom Laub ab, bevor sie vorsichtig die Stufen hinter sich ließen.

Der Raum war schlicht eingerichtet: ein kleiner Empfangstresen, einige Stühle, ein Regal mit Akten und medizinischen Utensilien. An der Wand hing ein altes Schild mit dem Logo der Klinik, leicht verblasst, doch noch gut erkennbar.

Dann fiel ihr Blick auf ihn. Ein älterer Mann stand etwas abseits, halb im Schatten. Sein Rücken war bucklig, doch seine Präsenz wirkte auf merkwürdige Weise solide. Eine tiefe Narbe zog sich über sein lin-kes Auge, das Auge selbst war glasig, starrte sie unverwandt an, als könnte er mehr sehen, als er preisgab.

Sein rechter Blick jedoch war scharf, aufmerksam und bewegte sich ruhig über die beiden Mädchen, als würde er ihre Absichten sofort einschätzen. Er trat einen Schritt vor, der lange Mantel, den er trug, ra-schelte leise. „Hallo.“, sagte er mit ruhiger, tiefer Stimme, die zugleich ein Hauch von Strenge trug.

Nanali und Claire tauschten einen Blick, unsicher, wie sie reagieren sollten.

„Ihr seid sicher, dass ihr euch nicht verlaufen habt?“ fuhr der Mann fort, ohne zu lächeln, aber sein Ton war mehr neugierig als vorwurfsvoll. Nanali nickte zaghaft, während Claire die Tür hinter sich schloss und die Riegel einrasteten.

Draußen wehte der Wind weiter durch die kahlen Bäume, trieb das Laub über den Weg. Drinnen jedoch herrschte eine fast gespannte Stille, die nur vom leisen Ticken einer alten Standuhr unterbrochen wurde.

Claire trat vor, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Hallo, ich bin Claire, und das ist Nanali.“

Dr. Baddoch nickte kurz, musterte die beiden ruhig. Dann neigte er den Kopf leicht und sagte mit tiefer, klarer Stimme: „Freut mich, euch kennenzulernen. Ich bin Dr. Baddoch.“

Nanali konnte nicht anders, als innerlich zu denken: Nur das „h“ macht den Unterschied zu „Bad Doc“. Hoffentlich ist er kein schlechter Arzt. Immerhin war er ihr empfohlen worden, und Claire schien Vertrauen in ihn zu haben.

Claire blickte kurz auf Nanalis bandagierte Hand, als wollte sie etwas sagen, doch der Arzt trat bereits auf sie zu. Nanali hatte erwartet, dass er grob oder ungeduldig wäre – ein Mann mit einer tiefen Narbe über dem linken Auge und einem Glasauge wirkte einschüchternd. Doch stattdessen legte Dr. Baddoch seine Hand vorsichtig um ihr Handgelenk, drehte es behutsam und prüfte ihre Beweglichkeit. Es war ein sanftes, kontrolliertes Abtasten, das Vertrauen vermittelte, statt Angst.

Dann ging er in eines der Zimmer und deutete den beiden, ihm zu folgen. Nanali folgte, das Herz leicht schneller schlagend, und setzte sich auf den einfachen Holzstuhl, den er ihr zeigte. Claire blieb dicht ne-ben ihr stehen, aufmerksam und bereit, jede Bewegung zu unterstützen.

Der Raum war klein, schlicht, sauber – ein Hauch von Holz und Desinfektionsmittel lag in der Luft. Drau-ßen wirbelte der Novemberwind das Laub über den Waldboden, während drinnen eine konzentrierte Ruhe herrschte, die nur von leisen Atemzügen und dem Knistern der Heizung unterbrochen wurde.

Dr. Baddoch musterte Nanali aufmerksam. Sein Blick blieb nicht nur an der Bandage an ihrem Handge-lenk hängen, sondern wanderte über den Rest ihres Körpers. Sie war zu dünn, die Wangen blass, die Au-gen müde, als hätten sie schon lange nicht mehr richtig geruht. Jede Bewegung wirkte leicht erschöpft, als trüge sie eine Last, die man ihr sofort ansah.

Claire reichte ihm einen Brief. Dr. Baddoch öffnete ihn ohne Hast, ließ seinen Blick über die Zeilen glei-ten, prüfte jede Zahl, jede Anmerkung sorgfältig. Nanali folgte seinem Blick, die Spannung in ihrem eige-nen Körper wuchs, doch der Arzt zeigte keine Regung, kein Anzeichen von Überraschung oder Besorgnis – als hätte er schon alles erwartet.

Eisen zu niedrig… Schilddrüsenwerte katastrophal… unbehandelte Unterfunktion nach Entfernung der Schilddrüse… starker Blutverlust durch entgleisten Zyklus… Vergiftung von Handgelenk und Atemwegen, erst gestern…

Er ging alles ruhig durch, als sei jeder Punkt ein Baustein, den er sorgsam sortierte. Nanali erwartete, dass er irgendetwas sagen, irgendeine Reaktion zeigen würde – ein Stirnrunzeln, ein tiefer Seufzer, eine Mah-nung. Doch Dr. Baddoch verriet nichts. Keine Emotion, keine Anteilnahme, nichts, was auf seine Gedan-ken schließen ließ.

Sein Glasauge schien sie direkt zu durchbohren, während das andere Auge kühl und analytisch blieb. Nanali fühlte sich gleichzeitig beobachtet und sicher – merkwürdig beruhigt von der Präzision, die der Mann ausstrahlte.

Sie merkte, wie die Spannung in ihr wuchs, wartete auf ein Urteil, ein Wort, ein Urteil, das sie beruhigen oder erschrecken könnte. Aber Dr. Baddoch ließ ihr keinen Einblick. Er war ruhig, konzentriert, beinahe unnahbar. Nur die Bewegung seiner Finger, als er den Brief wieder zusammenfaltete, zeigte, dass er jeden Punkt genau verstanden hatte.

Dr. Baddoch setzte sich auf einen kleinen Hocker mit Rollen und rollte langsam auf Nanali zu. Mit geüb-ten, ruhigen Bewegungen löste er die Bandage, Schicht für Schicht, vom Handgelenk. Sein Blick war aufmerksam, analytisch, während er das verletzte Gelenk vorsichtig in seiner Hand drehte.

Auf der Haut zeichnete sich der Abdruck der Pflanze deutlich ab, wie sie sich in das Gewebe geätzt hatte. Die Rötung war intensiv, die Schwellung deutlich spürbar, und winzige Bläschen deuteten auf die lokale Vergiftung hin. Typische Zeichen: leichte Hautüberwärmung, Druckempfindlichkeit, punktuelle Reizun-gen, eventuell beginnende Entzündung.

Nanalis Atem ging schwer, flach und angestrengt, wie bei einer beginnenden Lungenentzündung. Jeder Zug schien Kraft zu kosten, ihre Brust hob und senkte sich mühsam. Dr. Baddoch machte einige Notizen auf einem kleinen Klemmbrett, während er jeden Punkt in Ruhe abarbeitete, ohne Hektik, mit einer Präzi-sion, die Nanali gleichzeitig beruhigte und faszinierte.

Dann stand er auf und ging zu einem weißen Wandschrank. Mit routinierter Bewegung öffnete er die Tü-ren und holte mehrere Gläser hervor. Eines enthielt getrocknete Eukalyptusblätter, ein anderes Lavendel-blüten, ein drittes eine Mischung aus Thymian, Salbei und ein wenig Fenchelsamen. Jedes Kraut hatte seine Wirkung: Eukalyptus gegen Atemwegsreizungen, Lavendel zur Beruhigung, Thymian und Salbei zur Schleimlösung und Fenchel zur Unterstützung der Bronchien.

Nanali beobachtete aufmerksam, wie er die Kräuter schichtete, die richtige Mischung wählte und die Wir-kung der einzelnen Pflanzen einschätzte.

Jeder Handgriff, jeder Zug des Tuchs über die Schüssel war bedacht, als wüsste er genau, welche Wirkung er erzielen wollte.

Er stellte eine mittelgroße Holzschüssel auf einen kleinen Tisch. Vorsichtig schichtete er die Kräuter hin-ein und goss heißes Wasser darüber. Der aufsteigende Dampf war aromatisch, würzig, leicht scharf und beruhigend zugleich. Dann nahm er ein sauberes Baumwolltuch. Er forderte Nanali auf sich darüber zu hängen, bevor er das Baumwolltuch über ihren Kopf warf, sodass Nanali den Dampf inhalieren konnte, ohne dass er entwich.

„Atme tief ein, langsam… lass den Dampf in die Lungen ziehen“, sagte er ruhig, während Nanali sich vorbeugte. Der warme Kräuterduft stieg in ihre Nase, der Eukalyptus brannte leicht in der Kehle, Thymian und Salbei schmeichelten den Atemwegen.

Nanali spürte, wie der warme Dampf ihre Brust leicht entlastete, wie sich die Atemzüge etwas tiefer zo-gen.

Während Nanali tief den Kräuterdampf inhalierte, nutzte Dr. Baddoch die Zeit, um eine Salbe gegen die aufkommende Entzündung ihres Handgelenks herzustellen. Mit ruhigen, geübten Bewegungen griff er verschiedene Gläser und Tiegel aus dem Schrank, mischte Tinkturen und Öle, rührte, prüfte die Konsis-tenz und den Duft. Es war eine präzise, fast meditative Arbeit, bei der jede Bewegung bedacht war.

Nebenbei fragte er beiläufig: „Wie bist du an Crystal Blue gekommen?“

Nanali zuckte zusammen. Claire war ebenfalls überrascht – der Arzt hatte die Pflanze sofort erkannt, ohne dass sie etwas erklärt hatten. Dr. Baddoch ließ sich davon jedoch nicht beirren und begann, sachlich zu erläutern:

„Crystal Blue ist hochgiftig, wenn man sie nicht richtig handhabt. Die Blüten enthalten sogenannte blau-alkaloide, organische Moleküle, die in Verbindung mit Licht fluoreszieren – ähnlich wie bestimmte Pilze, die luciferine enthalten. Das erzeugt den leuchtenden Effekt, den man sonst nur bei biolumineszenten Pilzen findet.“

Er deutete auf Nanalis Handgelenk. „Die Pollen sind extrem fein und können die Atemwege lähmen – sie wirken wie ein neurotoxischer Reizstoff, der die Bronchien verkrampft. Die grünen Stängel enthalten phy-totoxische Harze, die in die Haut eindringen, dort chemische Reizungen auslösen und Bläschen bilden. Genau das sehen wir hier: Rötung, Schwellung, punktuelle Bläschen – typische Zeichen einer lokalen Vergiftung.“

Seine Hand bewegte sich weiter über die Salbenmischung, während er die Zutaten prüfte. „Die roten Früchte der Pflanze enthalten cyanogenetische Glycoside in niedriger Konzentration. Sie sind süß und ess-bar, aber bei zu hoher Dosis giftig. Medizinisch genutzt – verdünnt – wirken sie schleimlösend und leicht antibakteriell. Interessanterweise hatte man versucht, diese Wirkstoffe gegen Erkältungen und Blasenent-zündungen einzusetzen.“

Er hob ein kleines Stück Blüte zwischen Daumen und Zeigefinger. „Das bläuliche Leuchten kommt von flavonoidähnlichen Anthozyaninen, die in der Zelle mit Mineralionen reagieren. Lichtaktiviert erzeugen sie das typische, fast magische Leuchten.“

Claire sah dabei zu, wie Dr. Baddoch die Salbe fertigstellte, die giftige Wirkstoffe neutralisierte. Jedes Öl, jede Pflanze, jede Substanz hatte seinen Zweck. Währenddessen atmete Nanali den heißen Kräuterdampf ein.

Ihre Freundin stand neben ihr. Streichelte ihr sanft über die Schultern.

„Es gab Ansätze, sie zu kultivieren, aber weil sie so schwer zugänglich ist, verliefen diese Versuche stets im Nichts.“

Nachdem Dr. Baddoch die Salbe fertig angerührt hatte, füllte er sie sorgfältig in einen kleinen, beschrifte-ten Glasbehälter. Mit ruhigen Fingern verschloss er den Deckel, schrieb Nanalis Namen und den Verwen-dungszweck darauf – „lokale Behandlung gegen Entzündung, Crystal Blue-Pollen“ sowie Verfallsdatum – und legte das Gefäß beiseite.

Dann wandte er sich einem weiteren Schrank zu, griff nach getrockneten Kräutern und Wurzeln. „Wir kümmern uns auch um den Zyklus“, murmelte er beiläufig, als wolle er die Bedeutung der Mischung nicht überbetonen. Er wog Mönchspfeffer, Schafgarbe und Fenchelsamen ab und füllte sie in kleine Pa-piertütchen. Eine kleine Menge davon gab er in ein Teeei, dass er in eine Tontasse fallen ließ.

Er goss heißes Wasser darüber und ließ die Mischung einige Minuten ziehen. „Der Tee lindert Krämpfe, reguliert den Zyklus und hat einen leichten Einfluss auf den Eisprung. In der richtigen Dosierung wirkt er unterstützend, nicht aggressiv. Historisch wurde Mönchspfeffer sogar eingesetzt, um Fruchtbarkeit und Zyklus gezielt zu beeinflussen – ähnlich einer milden Empfängnisverhütung.“

Nanali hob ihren Kopf und das Baumwolltuch fiel ihr in den Nacken.

Nanali roch den Kräuterdampf. Sie fragte neugierig: „Und die Wirkung? Wie genau beeinflusst das den Eisprung?“

„Mönchspfeffer wirkt auf die Hypophyse, reguliert die Hormonproduktion und kann den Eisprung leicht verzögern. Schafgarbe unterstützt die Gebärmutterschleimhaut und lindert Krämpfe, Fenchel entspannt und wirkt sanft auf den Hormonhaushalt. Zusammengenommen ergibt das eine altmodische, aber wirksa-me Unterstützung bei Zyklusstörungen.“

Er reichte den Tee in einem kleinen Tonbecher, der noch leicht vom heißen Dampf waberte. Nanali nahm vorsichtig einen Schluck und spürte, wie Wärme und Kräuter langsam die Körpermitte durchströmten, Krämpfe etwas nachließen. Ihr Blick wanderte zu Dr. Baddoch.

Der Name ist schwer irreführend, dachte Nanali.

Claire beobachtete sie skeptisch, aber gleichzeitig beeindruckt. Nanali konnte nicht anders, als sich zu fra-gen, wie viel altes Wissen in solchen einfachen, natürlichen Mitteln noch verborgen lag – und wie ge-schickt jemand wie Dr. Baddoch es mit seiner Erfahrung kombinieren konnte, um Heilung zu ermögli-chen.

„Haben Sie dieses Wissen über Crystal Blue… die Salben, die Tees… aus Büchern? Oder etwas, das ich mir auch ausleihen könnte?“, wollte Nanali wissen.

Dr. Baddoch nickte langsam, ein verschmitztes Funkeln in den Glasaugen. „Ein Teil stammt aus alten Texten, ein anderer Teil aus Erfahrung. Manches habe ich selbst herausgefunden, manches wurde über Generationen weitergegeben.“

Er griff zu einer kleinen, braunen Papiertüte, schlug sie auf und begann sorgfältig, alles hineinzulegen: den Glasbehälter mit der Salbe, das kleine Teetütchen für die Zyklusunterstützung und einige handliche Hefte und Bücher, deren Seiten vergilbt und die Kanten abgewetzt waren. Titel wie „Kräuterkunde für Heilküns-te“, „Vergessene Pflanzen des Tals“ und kleine Notizhefte mit eigenhändigen Skizzen und Anmerkungen fanden ihren Platz.

„Hier,“ sagte er, „alles, was du brauchst, um die Salben und Tees korrekt zu verwenden. Und ja, ich habe auch etwas für die Schilddrüse vorbereitet.“

Dr. Baddoch zog ein kleines, abgenutztes Glas aus seinem Schrank, in dem das getrocknete Schilddrüsen-pulver aufbewahrt wurde. Daneben lagen winzige Kapseln, bereits vorsichtig mit dem Pulver gefüllt, jede kaum größer als ein Reiskorn. Er legte beides auf den Tisch vor Nanali.

„Das hier,“ begann er mit ruhiger, fast ernster Stimme, „ist reines Schilddrüsenpulver. Enthält die Hormo-ne, die dein Körper dringend braucht. Wenn alles perfekt dosiert wird, ersetzt es das fehlende T3 und T4.“ Er zeigte auf die Kapseln. „Die Kapseln sind praktische Portionen, aber sie sind unterdosiert, um auf Nummer sicher zu gehen. Ein kleines bisschen zu viel, und dein Herz oder dein Stoffwechsel reagiert hef-tig. Ein kleines bisschen zu wenig, und die Unterfunktion bleibt bestehen.“

Nanali blickte neugierig, aber auch ein wenig besorgt. Dr. Baddoch fuhr fort:

„Das Problem ist die Abmessung. Jedes Tier, jede Drüse ist ein bisschen anders. Du musst engmaschig kontrolliert werden, Blutwerte, Puls, Temperatur, Müdigkeit… alles. Und du musst selbst auf Warnzei-chen achten: Herzrasen, Zittern, Schwindel.“

Nanali nickte langsam. „Verstanden. Ich werde vorsichtig sein.“

Dr. Baddoch faltete die Tüte vorsichtig zusammen, so dass nichts herausfiel, und reichte sie ihr. „Hier hast du alles, um dich selbst zu versorgen. Mit Sorgfalt angewendet, sollte es helfen. Aber vergiss nicht: Be-obachte dich gut. Bei schwerwiegenden Problemen komm wieder her.“

Nanali nahm die Tüte entgegen, spürte ihr Gewicht.

Jill – Cultivating Wonders

Jill – Cultivating Wonders
 

Fr., 8. November YYY1

Nanali und Claire blieben am Eingang des Hofes stehen. Vor ihnen breitete sich die Farm aus wie ein kleines Königreich, eingebettet zwischen sanften, grünen Hügeln.
 

Im Herzen des Hofes eine große Doppelscheune, deren hölzerne Tore fast ehrfürchtig knarrten, als der Wind daran rüttelte. Daneben schloss sich eine Werkstatt an, in der Metall blitzte und alte Maschinen leise knarrten, als hätten sie ihr eigenes Gedächtnis.
 

Anders als die Blockhütte oder die Werkstatt war sie nicht aus Holz, sondern aus Ziegeln errichtet, deren kräftiges Rot nur hier und da noch durchschimmerte. Der Bau war vollständig weiß verputzt worden, doch die Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen.
 

An vielen Stellen hatte sich der Putz gelöst: kleine Risse zogen sich wie Adern über die Fläche, ganze Platten bröckelten ab und gaben den Blick frei auf das raue Mauerwerk darunter. Manche Stellen schimmerten matt-rot, wo die nackten Ziegel hervorlugten, während andere Flächen noch rein und glatt im Licht glänzten. So entstand ein unregelmäßiges Muster – ein Flickenteppich aus Weiß und Erde, aus Glätte und Bruchstücken.
 

Das Holz der Umzäunungen glänzte dunkel vom Regen der letzten Nacht, und irgendwo in der Ferne rief eine Kuh mit tiefer Stimme.
 

Aus der Blockhütte, die gleich am Eingang stand, trat ein alter Mann. Sein Rücken war gebeugt, die Schultern breit, aber von jahrzehntelanger Arbeit gezeichnet. Seine Hände waren rau wie die Rinde eines Baumes, und die Augen blickten klar und wach. Takakura war sein Name – und jeder im Tal kannte ihn.
 

„Hallo Claire. Und du bist sicher Nanali.,“ sagte er mit einer Stimme, die zugleich hart wie Stein und warm wie ein Ofen klang.

„Ja- Ja, genau. Hallo.“, platzte es aus Nanali heraus und streckte ihm eine Hand entgegen.

„Kommt, ich führe euch herum.“, bot er ihnen an, nachdem er Claire zur Begrüßung in den Arm genommen hatte.
 

Gegenüber der Scheune, nahe seiner Hütte erhob sich eine alte Doppelmühle mit breiten Flügeln, deren Schatten über das Lagerhaus fiel, das dicht an ihr stand. Zwischen Scheune und Mühle führte ein schmaler Weg hindurch – und dort lag Jills kleines Haus. Es war schlicht, fast genauso groß wie Claires Zuhause, mit einem schrägen Dach und Fenstern, in denen Kräuter zum Trocknen hingen. Sie war nicht zu Hause.
 

Nanali blieb einen Moment stehen und sog die Luft ein. Sie roch nach Stroh, nach Erde, nach frischem Holz. Neben der Blockhütte entdeckte sie ein kleines Gemüse- und Kräuterbeet, ordentlich in Reihen gepflanzt.
 

Takakura blieb vor dem schmalen, rechteckigen Beet stehen. Der Boden war dunkel, feucht vom Tau des Morgens, und zwischen den Reihen wuchsen Kräuter, Wurzeln und späte Gemüsearten. Er beugte sich vorsichtig hinab und strich mit seiner Hand über die Pflanzen.
 

„Das hier,“ begann er, „Hier zeigt sich, ob man verstanden hat, wie Pflanzen zusammenleben können.“
 

Er zeigte auf eine Reihe Petersilie neben Karotten. „Karotten und Zwiebeln zum Beispiel – sie beschützen sich gegenseitig. Die Zwiebel hält die Karottenfliege fern, die Karotte wiederum hält Schädlinge von der Zwiebel ab. Mischt man sie, ist jede Pflanze stärker, als wenn sie allein stünde.“
 

Er wandte sich den jungen Frauen zu und lächelte kurz. „So ist es bei vielen Nachbarn im Beet: Bohnen neben Mais, Kräuter neben Kohl. Wenn man die Natur arbeiten lässt, helfen sich die Pflanzen von selbst.“
 

Nanali kniete sich hin und betrachtete die verschiedenen Farben, die aus der Erde sprießten.
 

Er deutete auf eine kleine Ansammlung violetter und gelber Wurzeln. „Manche Dinge trotzen der kälte. Karotten. Ihre Farbe, Form und Geschmack wurden durch ständigen neu kombinieren bestimmter Merkmale aus der Ur-Karotte gezüchtet.
 

„Ur-Karotte?“ hakte Nanali nach.
 

„Die ursprüngliche Karotte war in ihrer Wildform violett, mit dünnen, weißlichen Wurzeln und holzigem Geschmack. Sie war eigentlich nicht sehr essbar. Sie enthielt aber essbare Teile, war lagerfähig und im Winter verfügbar. Also wurde sie immer wieder ausgesät. Besonders die mit den besten Eigenschaften. Das heißt die, die etwas größer, süßer oder weicher waren, bekamen den Vorrang. Durch natürliche Mutation entstand dann irgendwann die gelbe Karotte. Man musste gezielt pflanzen mit hohem Carotinoidgehalt auswählen und kreuzen, um orange Karotten und somit den süßeren Geschmack und den Enthaltenen Vitamin A Gehalt stabil zu etablieren.“
 

„Es gibt gezüchtete Sorten – Baldrian mit gleichmäßigen Wurzeln, Kamille mit doppelt so vielen Ölen, sogar Echinacea, die extra viele Immunstoffe bilden.“
 

Er sah die beiden prüfend an. „Jede Pflanze hat ihre Geschichte. Manche sind gezähmt worden, um weniger giftig zu sein. Kartoffeln mit weniger Solanin, Mandeln ohne Bitterstoffe, Cassava ohne Blausäure. Andere wie Fingerhut oder Digitalis bleiben gefährlich, wenn man sie falsch nutzt – aber richtig angebaut, können sie Leben retten.“
 

Nanali ging neben dem Beet in die Hocke und ließ die Finger über die dunkle Erde gleiten. Während Takakura sprach, wanderte ihr Blick von den bunten Karotten zu den kräftigen Kräutern. Irgendetwas regte sich in ihrem Kopf – ein alter Gedanke, eine Erinnerung an den Unterrich.
 

Die ersten Pflanzen zeigen oft die gewünschten Merkmale, z. B. perfekte Form und guter Geschmack. Wenn man sie kreuzt, sehen sie zunächst die gewünschten Eigenschaften, aber wenn man sie untereinander aussäst, spalten sich die Merkmale wieder auf. Einige Pflanzen mit perfekter Form, aber schlechtem Geschmack, einige mit gutem Geschmack, aber unregelmäßiger Form und andere mit beidem oder mit gar keinem der gewünschten Merkmale. Man muss die Pflanzen mit den gewünschten Merkmalen mehrmals kreuzen, damit diese sich etablieren, insbesondere wenn es mehr als zwei Eigenschaften sein sollen., erinnerte sie sich.
 

„Mendel…“ flüsterte sie kaum hörbar.
 

Claire sah sie fragend an, doch Nanali fuhr leise fort: „Die Mendelschen Gesetze. Er hat beschrieben, wie sich Eigenschaften vererben – wie bei den Erbsen, die gelb oder grün waren.“
 

„Unter anderem entstehen so ganz neu Arten wie zum Beispiel bei der Beerenkreuzung. Johannisbeere und Stachelbeere ergeben die neue Jostabeere. Brombeer und Himbeerkreuzungen haben unterschiedliche Nachkommen wie Taybeere, Loganbeere oder die Boysenbeere. Hier hat man Farbe, Aroma, Fruchtgröße, Krankheitsresistenz kombiniert – jede Kreuzung ergab neue Kombinationen, die sich dann stabilisieren ließen.“, erklärte Takakura weiter.
 

Takakura trat langsam durch das Beet, seine Hände berührten behutsam die Blätter und Zweige der Sträucher.
 

„Seht ihr,“ begann er, während er eine späte Jostabeere vom Strauch pflückte, „jede Pflanze trägt ihre eigenen Merkmale. Geschmack, Größe, Farbe – das alles sind Eigenschaften, die sich züchten und kombinieren lassen.“
 

Er hielt die kleine, dunkelrote Beere hoch. „Probiert.“
 

Nanali nahm die Beere, biss vorsichtig hinein und spürte die Mischung aus Süße und leichter Säure. „Ah, das ist intensiver als Johannisbeeren,“ murmelte sie.
 

„Genau,“ nickte Takakura. „Wenn wir diese Beeren kreuzen, können wir Eigenschaften wie diese gezielt verbinden – Süße von hier, Aroma von dort.“ Er griff weiter zu einem kleinen Strauch, an dem vereinzelte Boysenbeeren hingen, tiefschwarz und glänzend. „Diese hier reifen spät. Schaut, wie sich die Aromen unterscheiden.“
 

Claire probierte die Boysenbeere und schob die Augen zusammen. „Fast wie Brombeere, aber noch etwas weicher.“
 

Takakura lächelte leicht. „Jede Kreuzung ist ein Experiment. Manche Früchte tragen die gewünschte Kombination, andere nicht. Man muss auswählen, wieder kreuzen – genau wie bei den Karotten.“
 

„Oder Erbsen.“, murmelte Nanali.
 

„Stimmt! Gutes Beispiel!“, pflichtete Takakura bei. Nanali lächelte müde.
 

Nanali und Claire kauten nachdenklich. Jede Beere schmeckte anders, und doch erkannte Nanali plötzlich das Muster: Uniformität, Spaltung, Neukombination – alles sichtbar in Geschmack, Farbe und Form der Früchte.
 

In ihrem Inneren formte sich eine Art Aha-Moment. Das, was in der Schule so theoretisch und trocken gewirkt hatte, stand hier plötzlich lebendig vor ihr. Hätte ihr alter Biologielehrer aus der achten Klasse doch mal lieber Beeren in den Unterricht mitgenommen. Sie hätte es jedenfalls besser verstanden.
 

Claire runzelte die Stirn. „Ich werde denke ich meine Samen weiterhin kaufen…“, entgegnete Claire mit einer entschuldigenden Geste in Richtung Takakura. „Aber du scheinst etwas verstanden zu haben.“, fragte sie Nanali. Diese nickte.
 

„Vielleicht zum ersten Mal richtig. Hier sieht man, dass es nicht nur um Regeln geht… sondern um das Geduldsspiel mit der Natur.“
 

Gleich hinter dem Beet gackerten Hühner, die vorwitzig den Kopf aus ihrem Stall streckten.
 

„Seht ihr dort?“ Takakura wies mit seiner schwieligen Hand daran vorbei auf den nächsten Acker. „Das ist unser Getreidefeld – winterhart gezüchtet.“
 

Beete, Felder, Hühnerstall – Sie reihten sich wie Wächter entlang der Wege auf, flankierten das Herzstück des Hofes: die große Weide.
 

Sie lag im Zentrum, ein weites, sattgrünes Feld und auf ihm tummelten sich die Kühe.
 

Claire stieß Nanali mit dem Ellbogen an. „Schau mal, wie viele verschiedene Arten!“
 

Da waren die schwarz-weiß gefleckten Milchkühe, braunes Vieh mit tiefem Blick, groß gewachsene Fleckviecher. Daneben weideten mächtige Büffel, deren Hörner wie Kronen wirkten, und Kühe mit marmorierter roter Zeichnung. Am auffälligsten jedoch waren die Hochlandrinder – starke Kühe mit langem Fell, braun und weiß gescheckt, oft mit einem markanten weißen Karomuster auf der Stirn. Auch ganz schwarze Kühe standen zwischen ihnen, ihre Augen glänzten geheimnisvoll im Licht.
 

Die Herde bewegte sich träge, doch friedlich, und ihr Summen und Muhen wirkte wie ein lebendiges Lied des Hofes.
 

„Nicht nur Pflanzen werden gezüchtet,“ erklärte Takakura weiter, während seine Schritte über den weichen Boden gingen. „Auch Tiere werden gezielt ausgewählt, um bestimmte Eigenschaften zu verstärken.“
 

Nanali hörte aufmerksam zu. „Wie… Hunde?“ fragte sie.
 

„Ja, genau. Pferde, Hunde – Tiere, bei denen der Mensch durch Auswahl bestimmte Eigenschaften fördern wollte: Geschwindigkeit, Stärke, Temperament, Ausdauer.“
 

Nanali dachte kurz an Katzen. Woher kamen in dieser Welt Katzen, fragte sie sich. Aber vermutlich gab es Löwen oder andere Wildkatzen auf der Tierinsel, aus denen sie hätten entstehen können… Sie schüttelte den Gedanken ab und lauschte Takakura weiter.
 

Dieser blieb kurz stehen und blickte über die große Weide, auf der die Kühe friedlich grasten. „Und natürlich auch Kühe. Bei Kühen“, erklärte er, „wählt man Merkmale wie Milchleistung, Widerstandsfähigkeit und Temperament aus. Es geht darum, dass die Tiere gesund bleiben, gut gedeihen und dem Menschen nützen, ohne dass man sie überlastet.“
 

Er ging zu einer Gruppe Braunvieh-Kühe, die neugierig den Kopf hoben, und zeigte auf einige Exemplare. „Seht diese hier? Sie geben besonders viel Milch und sind robust gegen kalte Winter. Die Züchter haben über viele Generationen darauf geachtet, dass nur die Tiere mit den gewünschten Eigenschaften zur Zucht kommen.“
 

„Und die anderen?“ fragte Claire.
 

„Die anderen werden ausgesondert oder für andere Zwecke verwendet – zum Beispiel als Arbeitstiere. Es ist ein fortlaufender Prozess der Auswahl, genau wie bei den Pflanzen.“

Nanali beobachtete die Kühe still, wie jede ihre eigene Form und Farbe hatte: die Marmorierten, die Schwarz-Weißen, die Hochlandkühe mit ihrem auffälligen Stirnkaro. Sie erkannte, dass genau wie bei den Karotten oder Beeren jede Eigenschaft bewusst gesteuert werden konnte, wenn man nur geduldig und klug auswählte.
 

Takakura lächelte, als er die Mädchen ansah. „Die Regeln der Natur gelten überall. Ob Pflanze oder Tier – wer versteht, wie Merkmale vererbt werden, kann das Beste aus ihnen herausholen.“
 

Während Takakura weiter sprach, spürte Nanali, wie sich eine Art Unbehagen in ihr ausbreitete. Pflanzen, ja – sie verstand, dass man Karotten oder Beeren auswählen konnte, um bestimmte Eigenschaften zu fördern. Aber Tiere?
 

Sie stellte sich vor, dass sie selbst einen Partner auswählen müsste – nicht nach Zuneigung, sondern nach Kriterien wie Stärke, Ausdauer oder Talent. Ein kaltes, berechnetes Prinzip, das ihr das Herz schwer machte.
 

Vielleicht dachten Tiere anders. Vielleicht spürten sie, wen sie liebten oder wozu sie sich hingezogen fühlten. Aber Nanali wollte nicht, dass jemand für sie bestimmte Entscheidungen traf – dass jemand ihr Leben nach Leistungsmerkmalen sortierte.
 

Nanali schüttelte den Gedanken ab, ohne ihn ganz loszulassen. Sie mochte die Pflanzenwelt – hier war Auswahl etwas Greifbares, beobachtbares, fast harmlos. Bei Tieren aber fühlte es sich… anders an. Zu persönlich. Zu groß. Zu entscheidend.
 

Nanalis Blick huschte über die weite Weide, während sie mit Takakura Schritt hielt. Ihre Augen blieben an einem riesigen Baum hängen, der sich majestätisch gegen den Himmel abhob. Ein dicker, knorriger Stamm, Äste, die sich wie Arme weit ausbreiteten.
 

Takakura folgte ihrem Blick und nickte. „Ja. Genau da gehen wir hin. Züchtungen gibt es überall. Und unsere Spezialisierung liegt ja auch mehr auf Bäumen.“ Er ging voraus und führte sie zu dem zentralen Baum in einer kleinen Plantage, in der verschiedene Obstbäume in Reihen standen.
 

Nanali blieb stehen und runzelte die Stirn. „Spinn ich, oder… wachsen an dem Baum unterschiedliche Obstsorten?“
 

Takakura musste breit grinsen. „Nein, du siehst richtig. Das ist ein veredelter Baum.“
 

Er erklärte, während sie näher traten: „Beim Veredeln nehmen wir sogenannte Edelreiser – junge Triebe einer besonders guten Sorte – und befestigen sie mit Wachs oder speziellen Bindetechniken an einem Ast eines anderen Baums. Der Ast trägt weiterhin die Genetik des Mutterbaums, blüht und wächst weiter. So kann ein einziger Baum mehrere Sorten tragen.“
 

Nanali runzelte die Stirn. „Warum macht man das?“
 

„Weil Obstbäume lange brauchen, um reife Früchte zu tragen. Ein Pfirsichbaum kann Jahre benötigen, bevor die ersten Früchte essbar sind. Durch Veredeln kann man die gewünschte Sorte schneller nutzen, und der Baum trägt zuverlässig Früchte dieser Sorte.“
 

Takakura deutete auf die Äste des großen Baumes. „Schau, wir haben hier so etwas wie einen Multifruit-Baum. Verschiedene Sorten können am selben Baum wachsen: Grapefruit-Arten wie Orange und Pampelmuse, Clementinen, die Kreuzungen aus Mandarine und Orange sind, Pomelos aus Pampelmuse und Grapefruit, Kalamansi aus Mandarine und Kumquat. Auch Zitronen und Limetten kann man an einem Baum kombinieren – mit der richtigen Veredelung.“
 

Nanali berührte vorsichtig eine Frucht. „Also kann ein Baum mehrere genetische Linien gleichzeitig tragen?“
 

„Genau. Und manchmal nutzt man dabei auch den sogenannten Heterosiseffekt.“
 

Takakura lächelte. „Wenn zwei Sorten gekreuzt werden, kann die Nachkommenschaft stärker, robuster oder ertragreicher sein als die Eltern – man sagt, sie profitieren von hybrid vigor. Ein bisschen so wie bei Multifruit-Bäumen: jede Kombination kann Vorteile bringen, sei es Geschmack, Widerstandsfähigkeit oder Wachstum.“
 

Nanali staunte. Die Äste bogen sich schwer von Früchten, jede sah anders aus, jede hatte ihren eigenen Farbton, ihre eigene Form. Es war, als ob die Natur in einem einzigen Baum alle Möglichkeiten der Züchtung zusammengefasst hätte.
 

Nanali runzelte die Stirn und blickte neugierig auf die bunten Früchte, die an den Ästen hingen. „Aber… trägt der Baum dann das ganze Jahr über Früchte? Schließlich haben die Sorten doch unterschiedliche Saisonzeiten.“
 

Takakura nickte verständnisvoll. „Nicht das ganze Jahr über, nein. Jede Sorte blüht zu ihrer eigenen Zeit und trägt zu ihrer jeweiligen Saison Früchte. Aber durch die Kombination verschiedener Sorten am selben Baum kann man die Fruchtproduktion deutlich verlängern – im Idealfall von Frühling bis Herbst. Es ist also kein permanenter Obststrom, aber es deckt einen viel längeren Zeitraum ab, als ein einziger Baum mit nur einer Sorte je könnte.“
 

Er zeigte auf einen Ast mit Orangen und einen anderen mit Mandarinen. „Siehst du? Die Orangen blühten etwas später, die Mandarinen früher. Wenn man geschickt kombiniert, hat man fast durchgängig Früchte, ohne dass der Baum selbst das ganze Jahr über ununterbrochen blühen müsste.“
 

Nanali nickte langsam, ihre Augen verfolgten die verschiedenen Früchte. „Ah, also ist es wie eine Art Staffelbetrieb – jede Sorte arbeitet in ihrer Zeit, aber zusammen geben sie länger Früchte.“
 

„Genau,“ bestätigte Takakura. „Und wenn man noch dazu auf Resistenz, Geschmack oder Wuchsstärke achtet, kann man einen Baum haben, der nicht nur lange trägt, sondern auch qualitativ hochwertige Früchte liefert.“
 

Nanali lächelte leicht, während ihr Blick wieder über die Plantage glitt. Es war faszinierend – und doch… ein bisschen unheimlich, wie sehr der Mensch hier alles orchestrierte.
 

Nanali trat noch einen Schritt näher an den Baum heran, ihre Finger streiften vorsichtig über einen Zweig. „Wie viele verschiedene Sorten sind auf diesem Baum eigentlich veredelt?“ fragte sie, halb neugierig, halb skeptisch.
 

Takakura lächelte breit, als wollte er sie ein kleines Geheimnis teilhaben lassen. „Derzeit… dreiunddreißig… nein, vierunddreißig… ach, verdammt, zählen wir lieber richtig: 36 Sorten.“
 

Nanali musste überrascht schlucken. Dreiunddreißig… nein, sechsunddreißig! Ihr Blick wanderte erneut über den mächtigen Baum, der seine Äste schwer mit Früchten in allen Formen, Farben und Größen trug.
 

„36?“ flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu Takakura. „Das ist… ein schönes Kunstprojekt, wenn auch etwas… erstaunlich.“
 

Takakura nickte nur, seine Augen funkelten leicht. „Ja. Ein bisschen wie ein lebendes Puzzle. Jede Sorte ist ein kleines Stück Arbeit, Geduld und Planung. Zusammen bilden sie ein Ganzes – stabil, produktiv und dennoch abwechslungsreich.“
 

Nanalis Blick wanderte über die dichten Äste des Baumes, als ihr plötzlich etwas Seltsames auffiel. Zwischen den bekannten Früchten hing eine Frucht, deren Form und Oberfläche sie irritierte: unregelmäßig, fingerartig gewachsen, knallorange-gelb und fast wie kleine Blütenstände nebeneinander.
 

„Was… ist das?“ flüsterte sie.
 

Takakura trat neben sie, folgte ihrem Blick und lächelte. „Das ist eine Zitrone.“
 

„Zitrone?“, wiederholte sie und sah ihn ungläubig an. Claire schmunzelte.
 

„Ja, ungewöhnlich, nicht wahr?“ Takakura nickte. „Trotzdem ist es eine Zitrone – eine alte Sorte, deren Frucht sich so verästelt und duftet stark nach Zitronenschale.“
 

Nanali starrte ihn ungläubig an. „Eine Zitrone kann so aussehen? Wirklich?“
 

Takakura lachte leise. „Ja, wirklich. Willst du probieren?“
 

Er ging zum nahegelegenen Schuppen, holte eine Leiter und stellte sie neben den Baum. Geschickt kletterte er hinauf, pflückte die reife Zitrone und kletterte wieder herunter. Die Frucht war überraschend schwer für ihre Größe und strahlte einen intensiven Zitronenduft aus. Mit einem Taschenmesser schnitt er eine Scheibe ab. Dann noch eine.
 

„Hier, kostet mal,“ sagte er und hielt Nanali und Claire je eine hin.
 

Nanali nahm sie vorsichtig in die Hände, drehte sie einen Moment, schnupperte und musste fast lachen. „Unglaublich… das riecht wie Zitronen, aber sieht aus wie ein Alien.“
 

Takakura nickte zufrieden. „Die Natur kann sehr kreativ sein. Und genau darum experimentieren wir mit Veredelungen und Kreuzungen – um Überraschungen wie diese zu erhalten, Geschmack zu bewahren und den Ertrag zu steigern.“
 

Schließlich bissen beide hinein und ein intensiver Duft und Geschmack entfalteten sich sofort: süß, fruchtig, mit der typischen, erfrischend-sauren Zitronennote, die ihr die Zunge prickeln ließ. Sie blinzelte überrascht, als hätte sie etwas Unerwartetes erlebt.
 

„Wow…“ murmelte Claire, die Augen weit geöffnet. „So… unglaublich… wie kann etwas, das so seltsam aussieht, so gut schmecken?“, fragte Nanali und sah skeptisch zu Claire, die scheinbar dasselbe dachte.
 

Takakura nickte zufrieden. „Das ist genau das Besondere an manchen alten Sorten und Veredelungen. Das Aussehen täuscht oft, aber der Geschmack kann dich völlig überraschen.“

Nanali drehte die Frucht noch einmal in ihren Händen, riechte daran und biss ein weiteres Stück ab. Jeder Bissen brachte eine neue Nuance des Aromas hervor, und für einen Moment vergaß sie die Seltsamkeit der Form. Nur der Geschmack zählte, intensiv und klar. Sie schaute Takakura an und musste lächeln. „Okay, das… das ist wirklich erstaunlich.“
 

Takakura deutete auf die Sonne, die schon tief am Horizont stand. „Es wird Zeit, dass wir zurückgehen. Jill müsste bald von der Farm kommen.“
 

Nanali und Claire nickten, und gemeinsam folgten sie Takakura den gewundenen Weg entlang, vorbei an den Beeten, über die Weiden und zurück zur kleinen Hütte. Die letzten Sonnenstrahlen ließen den großen Baum und die Plantage in warmes Licht tauchen.
 

Als sie die Hütte erreichten, kam Jill gerade über den Hof geschritten. Ihre hellblauen Jeans waren abgefranst, so dass man die Jahre des Tragens erkennen konnte. Darüber trug sie ein weißes Hemd, auf dem ein orangener Hundekopf prangte. Dazu hatte sie einen orangenen Jersey übergezogen – weich, leicht und locker geschnitten.
 

Ihre braunen Haare hatte sie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihr markantes Merkmal war und sofort auffiel, wenn man sie sah. Trotz der langen Arbeitstage wirkte sie lebendig und aufmerksam, als sie die drei bemerkte.
 

Takakura nickte ihr zu. „Da bist du ja. Ich habe Nanali und Claire den Hof gezeigt – und sogar ein paar Überraschungen am Baum entdeckt.“ Er hob die Zitrone zum Gruß.
 

Jill lächelte leicht, der Pferdeschwanz schwang bei der Bewegung. „Ah, wunderbar. Ich hoffe, ihr hattet genug Zeit, alles zu sehen. Kommt rein, es wird langsam kühl.“ Sie trat auf die Tür zu und drehte den Schlüssel im Schloss um, während Takakura sich verabschiedete.
 

Nanali blieb einen Moment stehen, die Augen auf Jill gerichtet, während diese noch die Hütte betrat. Sie wusste nicht genau, was sie erwartet hatte – vielleicht eine ältere, strenge Frau, die über jeden Handgriff auf dem Hof wachte, oder jemand, der in allen Pflanzen eine Art übernatürliches Wissen trug.
 

Aber Jill war in ihrem und Claires Alter. Ihre Bewegungen waren locker, ihr Lächeln freundlich, und dennoch wirkte sie kompetent und sicher in allem, was sie tat. Nanali fragte sich unwillkürlich: War sie wirklich so begabt in der Pflanzenzucht, wie Takakura es beschrieben hatte.
 

Sie ließ den Blick über die Beete schweifen, die bunten Pflanzen, die Kräuter und Gemüsesorten. Alles wirkte gepflegt, durchdacht und ausgewählt. Und doch… sie hatte nirgends am Hof Kreuzungen von Blumen gesehen, nicht einmal in der üppigen Vielfalt der Beete. Keine sichtbaren Experimente, keine ungewöhnlichen Hybriden wie die Multifruit-Bäume oder die ungewöhnlichen Früchte.
 

Nanali zog die Stirn kraus. Ein leiser Zweifel mischte sich in ihre Gedanken. Es war faszinierend, all diese Pflanzen zu sehen, die Früchte zu kosten und die Zusammenhänge zu verstehen. Aber gleichzeitig fragte sie sich: Wie viel von der Perfektion hier war wirklich Jills Werk – und wie viel der unsichtbaren Hand anderer Helfer?
 

Sie schüttelte den Gedanken leicht ab, trat näher an die Hütte und folgte Jill ins Innere, bereit, mehr zu entdecken, auch wenn sie noch nicht genau wusste, was sie erwartete.
 

Die Hütte war klein, gemütlich, fast spartanisch eingerichtet: ein Bett, ein Nachttisch, ein kleiner Fernseher und eine kompakte Singleküche, die Claires sehr ähnelte. Alles wirkte funktional, wie das Anfangsset eines heranwachsenden Farmers. In der Raummitte stand ein runder Tisch, der den Kern des kleinen Zuhauses bildete.
 

„Ich koche uns was Leckeres aus den Pilzen, die wir gefunden haben,“ sagte Jill mit einem leichten Lächeln, während sie einige Exemplare auf den Tisch legte. „Muss sie sowieso zum Trocknen vorbereiten, also kann ich gleich eine Pilzsuppe daraus machen – frisch, kräftig und nahrhaft.“
 

Nanali konnte nicht anders, als sich zu wundern. Wie kann jemand so erfolgreich nur in einer so kleinen Hütte wohnen? Ihr Blick verriet Staunen und Verwunderung, und Jill bemerkte es sofort. „Die Farm gehörte bis vor einem halben Jahr meinem Vater. Er hat sich sich zur Ruhe gesetzt, kurz darauf ist er leider verstorben.“
 

„Takakura war sein bester Freund. Nach seinem Tod ist er hier auf die Farm gezogen – in das alte Haus meiner Eltern. Also habe ich mir diese kleine Hütte hingestellt, weil ich hier unabhängig arbeiten kann.“
 

Nanali nickte, doch ihr Blick schweifte wieder in die Ferne. Sie hatte bemerkt, dass auf der Insel viele Eltern verstorben waren – Jamies, Claires, Jills. Kriegen die Eltern so spät Kinder, oder liegt es an etwas anderem?
 

„Wieso sterben hier so viele Menschen so Jung?“, hakte sie nach. „Ich weiß nicht, ob es wirklich so viele sind, oder ob sich die Erntegöttin gezielt Waisenkinder aussucht, die sie segnet.“, überlegte Jill laut.
 

Nanali bleib der Mund offen stehen. „Du bist-.“
 

„Na, klar. Was hast du denn gedacht?“, hakte Claire überrascht nach.
 

Ja, was hatte sie sich gedacht?
 

„Es ist eine Mischung aus allem,“ erklärte sie leise, während sie weiter die Pilze vorbereitete. „Harte Arbeit, gesundheitliche Probleme, oft nicht die beste medizinische Versorgung… dazu die Unfälle in gefährlichen Berufen, wie beim Bergbau oder beim Fischen, wenn das Wetter plötzlich umschlägt. Alles zusammen macht, dass Eltern die Kinder nicht lange sehen können.“
 

Nanali nickte nachdenklich. Es war still im Raum, nur das leise Rascheln der Pilze war zu hören. Die kleine Hütte wirkte plötzlich wie ein Zufluchtsort – ein Ort, an dem Leben, Arbeit und Erinnerung miteinander verwoben waren.
 

Sie war ja genau so. Sie hatte keine Eltern mehr. Schon bevor sie hierher kam…
 

Claire griff in ihren Rucksack und zog vorsichtig ein kleines Reagenzglas hervor, das in zerknittertes Papier gewickelt war. Es hatte die ganze Zeit in einer schmalen Seitentasche des Rucksacks gesteckt. Nanali betrachtete, wie Claire das Glas vorsichtig in der Hand hielt.
 

„Hier,“ sagte Jill, während sie ein kleines, selbstgebasteltes Gestell aus Holz und Draht auf den Tisch stellte – eine Halterung, in die das Reagenzglas genau passte. „So kann es stehen, ohne umzufallen.“
 

Claire stellte das Reagenzglas hinein. Nanali sah genau hin: Von der Blüte war nichts mehr zu erkennen, nur der Stiel ragte darin. Die Blüte war bereits abgefallen. Der Stiel wirkte frisch und fest, grünlich durchzogen von kleinen Adern und Knotenpunkten, an denen winzige Triebe oder Knospenansätze erkennbar waren.
 

Jill drehte das Gestell vorsichtig und besah sich den Stiel. „Siehst du, Nanali? Nur weil die Blüte weg ist, heißt das nicht, dass die Pflanze nicht züchtbar ist. Die Meristemzellen im Stiel, die lebendigen Gewebe in den Knotenpunkten, enthalten das genetische Material, das wir brauchen. Hier kann eine neue Pflanze entstehen, wenn wir es kultivieren.“
 

Nanali beugte sich neugierig vor. Sie konnte die kleinen Knotenpunkte erkennen, sah die frische Feuchtigkeit des Stiels und verstand langsam, wie der Stiel trotz fehlender Blüte eine neue Pflanze hervorbringen konnte.
 

„Es ist fast, als ob die Blume selbst verschwunden ist, aber ihr Erbgut lebt hier weiter,“ flüsterte sie.

Jill nickte. „Genau. Deshalb ist jeder Stiel, der vital und gesund ist, ein wertvoller Ausgangspunkt für Züchtung. Die Blüte mag verloren sein, doch der Stiel trägt alles, was wir brauchen, um eine neue Crystal Blue heranzuziehen. Was ist also das Ziel der Züchtung?“
 

Nanali überlegte kurz. „Ich möchte, dass die Leuchtkraft der Pflanze erhalten bleibt. Sie soll nicht nur in dunklen Orten wachsen. Außerdem möchte ich, dass der Giftanteil so weit reduziert wird, dass die Beeren, die an der Pflanze wachsen. Und der Pollenflug darf nicht so giftig sein, weil er die Atmung lähmt.“
 

Jill zog ein Buch aus einem kleinen Bücherregal und breitete es vor sich aus. „Also, wir haben hier ein paar Kandidaten, die wir für Züchtungen in Betracht ziehen können,“ begann sie.
 

„Da ist zum Beispiel die Trick Blue. Ihre Zellen transportieren besonders viel Pigment, dadurch kann eine Blüte eine intensives blaue entwickeln – genau das, was viele Leute bei speziellen Pflanzen suchen. Ich habe sie mit einer weißen Rose gekreuzt, dadurch entstand eine blaue Rose, die im Herbst und Anfang Winter blühen konnte. Echt cool.“ Sie blätterte um.
 

„Dann gibt es die Upseed Flower. Schwer zu finden, aber unglaublich wertvoll. Wenn man sie mit einem Samen kreuzt, kann man die Qualität des Saatguts erhöhen – ideal, wenn ihr das Maximum aus euren Pflanzen herausholen wollt. Sie sind wesentlich Resistenter gegen Wetterveränderungen und Krankheiten.“, sie blätterte erneut um.
 

„Die Sage Soil wiederum ist praktisch: Hybrid- und Spezialpflanzen sind oft wählerisch beim Boden. Wenn ihr sie mit einem Samen Sage Soil kombiniert, könnt ihr eure Blume in beliebigem Boden anbauen, statt auf das beste Feld angewiesen zu sein.“
 

„Es kommen also mehrere Blumen in Frage. Anhand des Erbguts im Stiel, der Vitalität der Knotenpunkte und des Leitgewebes lässt sich erkennen, welche Kombination am besten geeignet ist. Mehrere Züchtungsdurchgänge sind nötig, um Leuchtkraft, geringe Toxizität, medizinische Nutzbarkeit und Bodenflexibilität gleichzeitig zu erreichen. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen, Geduld ist hier genauso wichtig wie Wissen. Das größte Risiko bei eurer Züchtung ist… dass ihr im Prinzip nur eine Pflanze habt. Nur diesen einen Stiel. Das bedeutet, dass wir begrenzt viele Versuche haben, und jeder Fehlversuch kann entscheidend sein.“
 

Nanali runzelte die Stirn. „Also ist die Erfolgschance gar nicht so hoch?“
 

Jill nickte langsam. „Genau. Es ist kompliziert, weil wir mit einem einzigen Ausgangsmaterial arbeiten. Jede Kreuzung, jede Kultivierung muss sorgfältig durchgeführt werden, sonst verlieren wir wertvolles genetisches Material. Trotzdem… ich würde es auf jeden Fall probieren. Manchmal lohnt sich ein Risiko, wenn das Ziel es wert ist.“
 

Nanali sah den Stiel noch einmal an. „Ohne Risiko, kein Erfolg.“

Watching from Corners - Eavesdroppers in the Morning

Watching from Corners - Eavesdroppers in the Morning
 

Sa., 9. November YYY1

Nanali blinzelte und streckte sich langsam, als die ersten Sonnenstrahlen durch das kleine Fenster fielen. Der Raum war winzig, kaum größer als ein kleines Wohnzimmer, vielleicht weniger als 30 Quadratmeter, und alles war sorgfältig arrangiert. Jill hatte den runden Tisch an die Wand.
 

geschoben, um Platz zu schaffen, und das Bett in die Mitte gestellt – ein quadratisches 2×2-Meter-Modell, das nun überraschend geräumig wirkte, obwohl es drei junge Frauen beherbergte.
 

Die drei lagen eng nebeneinander, die Schultern leicht aneinandergeschmiegt. Nanali spürte die Wärme von Claire zu ihrer linken und Jill zu ihrer rechten Seite. Trotz der Enge war es gemütlich; jede von ihnen hatte gerade genug Platz, um sich auszustrecken, ohne die andere zu sehr zu stören.
 

„Wow… das ist enger als ich dachte,“ murmelte Nanali leise, mehr zu sich selbst. Claire kicherte leise, und Jill drehte sich zu ihnen und lächelte verschmitzt.
 

„Wir sind jung, schlank und flexibel“, meinte Jill und zog die Decke ein wenig höher. „Wenn man sich ein bisschen anpasst, geht das problemlos.“
 

Nanali schloss die Augen kurz wieder und ließ den Kopf auf dem Kissen sinken. Sie konnte den leichten Druck spüren, wo ihre Ellenbogen an den Rücken von Claire stießen, aber es störte sie kaum. Es war fast wie ein kleines Lagerabenteuer – beengt, warm, aber sicher.
 

Als die Sonne weiter stieg, begannen die Mädchen sich langsam zu räkeln und zu gähnen, jede auf ihre Weise.
 

Langsam streckte sich Nanali, blinzelte und setzte sich auf die Bettkante. Claire gähnte herzhaft und rieb sich die Augen, während Jill bereits aufstand und zum kleinen Kommodenschrank trat. Sie öffnete die Schubladen, suchte kurz und zog schließlich ein bequemes Shirt und eine locker geschnittene Hose heraus.
 

Claire und Nanali kramten gleichzeitig in ihren Rucksäcken und zogen ihre Kleidung hervor.
 

„Wie wär’s, wenn wir zum Frühstück ins Lei-Over Inn gehen?“ schlug Jill plötzlich vor, ihre Kleidung überwerfend und sich dabei die Haare aus dem Gesicht streifend.

„Lei-Over Inn?“ fragte Claire neugierig. „Was bedeutet das eigentlich?“
 

Jill grinste leicht. „Der Name kommt von der früheren Besitzerin, Lei. Ihr Name bedeutet wohl eigentlich sowas wie Blume. Sie hat das Gasthaus an ihren Sohn und seine Frau übergeben. ‚Lei‘ klingt wie ‚lay‘ – sich niederlegen, entspannen. Deshalb Lei- Over Inn. Es ist nicht weit, und wir können den Morgen genießen, bevor wir unsere Pläne in die Tat umsetzen.“
 

Claire steckte ihre letzten Sachen weg, Nanali zog ihre Schuhe an, und Jill griff nach einer leichten Jacke. Gemeinsam traten sie aus der kleinen Hütte in das frische Morgenlicht, bereit für ihren ersten Spaziergang zum Lei-Over Inn.
 

Das Ziel für den heutigen Tag war es eine Trick Blue und eine Sage Soil zu finden, beide hatten Saison. Die Upseed Flower hingegen – die galt als purer Zufallsfund, ein Geschenk des Schicksals.
 

Nachdem sie sich angezogen hatten, wirkten die drei Mädchen so unterschiedlich wie ihre Persönlichkeiten.
 

Jill hatte sich für ein schlichtes, aber praktisches Outfit entschieden: eine graue Jeans und dazu ein weißes, langärmliges Oberteil mit dünnen braunen Streifen. Ihre Kleidung war bequem und unaufgeregt, perfekt, um sich frei zu bewegen und für alles gewappnet zu sein, was der Tag bringen mochte. Darüber zog sie eine braune Daunenjacke, die sie warm und wetterfest machte.
 

Claire, die bekannt dafür war, fast nie ohne Karomuster unterwegs zu sein, blieb ihrem Stil treu. Über ein weißes T-Shirt trug sie ein lang geschnittenes, langärmliges Hemd im Karomuster, gehalten in Lila, Beige und Weiß. Dazu kombinierte sie eine schwarze Strumpfhose und einen kurzen Jeansrock. Das Ganze wirkte wie eine Mischung aus lässig und verspielt, ein bisschen robust, aber dennoch mit einem Hauch von Individualität. Bevor sie das Haus verließ, warf sie sich noch ihren weißen Mantel über, was ihrem Look einen unerwartet eleganten Rahmen gab.
 

Nanali hingegen stach sofort hervor. Sie hatte sich ein Outfit gewählt, das elegant und auffällig zugleich war: einen karamellbraunen, gerippten Rollkragenpullover, in einen hoch sitzenden Rock mit beige-braunem Karomuster gesteckt, an der Taille mit einem feinen Band gebunden. Darüber legte sie einen hellen Camel-Mantel, der ihr einen selbstbewussten Auftritt verlieh. Dazu trug sie Wildleder-Overkneestiefel in Braun und eine kleine gesteppt wirkende Schultertasche mit Lederdetails. Eine lange Kette, kleine Ohrstecker und eine dunkle Sonnenbrille rundeten ihr Erscheinungsbild ab.
 

So standen sie nun zusammen – Jill in ihrer praktischen Schlichtheit, Claire in ihrem vertrauten Karo-Stil, und Nanali, die aussah, als sei sie direkt aus einer Modezeitschrift entsprungen.
 

Das Lei-Over war nur einige wenige Minuten von Jills Ranch entfernt. Das Gebäude ist in der Form einer kleinen Pagode errichtet. Die grauen, geschwungenen Dächer stapelten sich übereinander, jede Spitze elegant nach oben gebogen, wie es für traditionelle chinesische Architektur typisch ist. Die Wände waren weiß verputzt, glatt und schlicht. Die Holzrahmen der vorstehende Elemente trugen ein kräftiges rot. Wodurch sie sich deutlich von den weißen Flächen abhoben. Die goldenen Ornamente in Türen, Fenstern und entlang der Dachkanten glänzten in filigranen, floralen und wellenartigen Reliefs. Von den Dachvorsprüngen hängen rote Laternen mit goldenen Mustern, die abends ein warmes Licht spenden. Diese Laternen unterstreichen den festlichen, gastfreundlichen Charakter des Gasthauses.
 

Innen wirkte das Inn wie ein festlicher Saal, wenn auch klein und vertraut. Rote Holzsäulen trugen die Decke, deren Balken von vergoldeten Ornamentmustern durchzogen waren. Über Lou’s Theke hing ein prunkvolles, filigran gearbeitetes Ornamentpaneel, das im Licht der kleinen roten Laternen von der Decke schimmerte. Die Wände waren mit dunklen Paneelen verkleidet, in die sich wiederkehrende chinesische Muster eingeschnitten hatten – Spiralen, Schlüssel- und Rautenformen. Dazwischen hingen Teppiche in Rot und Gold, gewebt mit traditionellen Mustern, und Bilder, deren Rahmen selbst kleine Kunstwerke golden gefasster Ornamentik waren.
 

Die Holzböden knarrten unter ihren Schritten, getragen von dem Muster der alten Planken.
 

Im Eingangsbereich standen kleine Tische mit Sitzbänken. Kissen und Decken in warmen Farben luden zum Verweilen ein. Wer wollte, konnte hier eine Kleinigkeit zu sich nehmen, während das Buffet und der eigentliche Speisesaal hinter der Theke lagen. Eine durchgehende Wand trennte den Eingangsbereich vollständig vom Speisesaal. Vor dieser Wand war die Rezeption aufgebaut, die zugleich als Theke diente – hier wurden Gäste begrüßt und Bestellungen entgegengenommen, während hinter der Wand der Essensraum verborgen blieb. Man hörte das Stimmengewirr, was sich zu einem Summen vermischte.
 

Nanali mochte keinen Trubel und suchte gern ruhige Orte. Umso mehr freute sie sich über die Möglichkeit, im kleinen Vorsaal am Fenster Platz zu nehmen. Dort konnte sie ungestört eine Kleinigkeit essen, verborgen vor den anderen Gästen, während das leise Summen des Gasthauses nur gedämpft zu ihr drang.
 

Lou stand hinter der Rezeption und winkte. „Guten Morgen, Jill!“, rief sie freundlich, ihre Stimme hell und einladend. „Das morgendliche Buffet im Speisesaal ist eröffnet.“ Jill lächelte überschwänglich zurück, ihre Augen leuchteten.
 

„Danke, Lou! Dann lassen wir es uns mal gut gehen.“
 

Als Jill und Nanali durch den Durchgang traten, öffnete sich vor ihnen der Speisesaal des Lei-Over Inn in seiner ganzen Pracht. Das warme Licht fiel weich auf den Raum und spiegelte sich in den vergoldeten Ornamentmustern an den Wänden. Der Duft von gedämpftem Teig, geröstetem Sesam und süßem Bohnenmus lag in der Luft.
 

Die Tische waren in zwei Reihen entlang der Fenster aufgestellt, schlicht aus dunklem Holz, mit kleinen roten Tischdecken und bambusfarbenen Servierkörbchen als Dekoration. In der Mitte des Raumes verlief der Buffetbereich.
 

Nanali ließ ihren Blick flüchtig durch den Saal schweifen und blieb kurz an ein paar vertrauten Gesichtern hängen. In dem Moment veränderte sich ihre Haltung – ihr Blick glitt zu Boden, die Schultern sanken ein, als wolle sie sich unsichtbar machen.
 

Jill bemerkte es sofort. Sie drehte sich zu ihr, runzelte leicht die Stirn und legte den Kopf fragend zur Seite.
 

Clair, trat einen halben Schritt näher. Sachte ließ sie ihren Zeigefinger unter Nanalis Kinn gleiten. Mit einer leichten, fast prüfenden Bewegung hob sie ihr Kinn an, bis sich ihre Blicke trafen.
 

Einen Moment lang herrschte Stille zwischen ihnen, bis Jill schließlich erleichtert lächelte. Nanali atmete tief durch, richtete sich auf und straffte die Schultern – ihr Blick war wieder ruhig, gesammelt, und ein Hauch von Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück.
 

Nanali spürte, wie sich die Enge in ihrer Brust löste. Der Druck, der sie so lange gefangen hielt, wich langsam, als Jill und Claire an ihrer Seite standen. Ihre Schultern richteten sich, die vertraute Haltung kehrte zurück. Erst nach einigen Atemzügen fand sie wieder Ruhe in ihrem Inneren – und mit ihr kam der Atem zurück.

Entlang des langen Tisches reihten sich Bambusbehälter aneinander, aus denen zarter Dampf aufstieg. Der Duft von frisch gedämpften Baozi hing in der Luft – süß, würzig, herzhaft, je nach Füllung. Jede Schale versprach einen anderen Geschmack, und gemeinsam bildeten sie ein leises Fest aus Wärme und Aromen.
 

Jede für sich suchte etwas aus dem Buffet und zusammen stellten sie ein buntes Gedeck zusammen. Gyoza, gefüllt mit gedämpften Gemüse und verschiedenen Dips, frittierte Brotsticks – Dou Jiang- mit Sojamilchdip. Daneben lagen Jianbing, wrapartige Rollen gefüllt mit Gemüse.
 

Für den morgendlichen Start gab es Congee, eine leichte Reissuppe, dampfend in kleinen Schälchen serviert.
 

Ein besonders auffälliger Bereich des Buffets war der Tisch für die Molekularküche: Auf kleinen Löffeln lagen filigran arrangierte Häppchen – Reisnudeln mit winzigen Gemüsestücken, hauchdünn geschnittener Fisch, der leicht glitzerte, winzige Perlen aus Sojasauce und Limette, die auf der Zunge zerplatzten, und kleine Schaumkissen aus Tofu oder Sesam. Alles war kunstvoll garniert, als wäre jedes Häppchen ein kleines Kunstwerk.
 

Nicht zu vergessen waren die chinesischen Desserts: Süße Leckereien wie Litschis, cremiger Milchpudding mit frischem Obstsalat, gebackene Banane im Teigmantel und Luo Mai Chi, die Nanali an Mochi erinnerte, in verschiedenen Varianten – Matcha, Schoko, Erdbeere, manche mit Mangofüllung, andere mit schwarzem Sesam. Die Desserts waren so angerichtet, dass man kaum wusste, wo man zuerst zugreifen sollte.
 

Das Buffet wirkte wie ein farbenfrohes, lebendiges Panorama chinesischer Frühstückskultur, bei dem jedes Detail – von den Bambuskörbchen über die goldenen Muster an den Thekenrändern bis hin zu den kunstvollen Molekular-Häppchen – mit Bedacht arrangiert war.
 

Claire und Jill schürften langsam durch den langen Flur zurück in den Eingangsbereich. Jill entgingen die verstohlenen Blicke der anderen nicht.
 

Fragend sah sie zu Claire, die nach kurzem Zögern leise erklärte, dass in der Brashbar etwas Schlimmes passiert war – etwas, das niemand hätte erleben sollen. Der Gedanke allein ließ Claire erschaudern. Selbst Jamie war aufgebracht.
 

Jill konnte sich noch kein klares Bild machen, oder vielleicht wollte sie es gar nicht. Eine Erinnerung blitzte auf – an den ersten Abend hier, als ein paar Männer Muffy bedrängt hatten. Ekelhaft.
 

Claire nickte nur, vielsagend.
 

In Jill stieg eine Welle von Wut und Entschlossenheit auf. Sie ballte die Fäuste, richtete sich auf. Ihr Gesicht spannte sich, als müsse sie Bitterkeit hinunterschlucken. Dann atmete sie tief durch, ließ die Schultern sinken – und zwang die Wut, sich in Entschlossenheit zu verwandeln.
 

Indes stand Nanali mit einer Schale Sojamilchpudding in der Hand und ließ den Blick über die Molekularküche gleiten. Zwischen gläsernen Kolben und leise zischenden Apparaturen hing ein feiner Duft von Zucker und geröstetem Sesam in der Luft.
 

Da spürte sie, wie sich jemand von hinten näherte – kaum hörbare Schritte, ein Schatten, der sich in ihrem Blickfeld verschob. Instinktiv wollte sie zur Seite treten, noch ehe sie sich umdrehte.

Dann hörte sie eine Stimme hinter sich. Ein junger Mann hatte sie angesprochen.
 

„Du siehst nicht gut aus,“ meinte der junge Mann hinter ihr.
 

Nanali erstarrte kurz. Doch dann erkannte sie die Stimme – Joachim. Sofort wich ein Teil der Anspannung aus ihren Schultern. Langsam wandte sie sich ihm zu, blinzelte gegen das helle Licht der Küche.
 

Joachim kratzte sich verlegen am Kopf, als er ihren Blick bemerkte. „Also, nein – ich meine… du siehst gut aus. Nur irgendwie… nicht gesund.“
 

Ein schiefes Lächeln huschte über Nanalis Gesicht, halb amüsiert, halb überrascht von seiner unbeholfenen Sorge.
 

Ein Pfiff hallte aus einer der Ecken des großen Saals. Joachim verdrehte genervt die Augen und schüttelte den Kopf.
 

Nanali erwiderte seinen Blick mit einem müden Lächeln.
 

„Ich war unterwegs,“ begann sie leise. „Ein Ausflug in eine der Minen – eine der schwersten, die es hier gibt.“
 

Ihre Stimme klang matter, als sie weitersprach. „Ich habe dort eine Pflanze gefunden. Eine seltene Art, mit besonderen Eigenschaften. Ich wollte sehen, ob ich sie kultivieren kann… deshalb bin ich hier.“
 

Sie hielt kurz inne, dann fügte sie hinzu: „Und… ich habe auch ein Stück Adamantit gefunden.“
 

Joachim riss überrascht die Augen auf. „Adamantit? Das ist ja unglaublich!“ Ein anerkennendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Damit bist du erstmal versorgt.“
 

Noch während er sprach, näherten sich von hinten zwei Gestalten – Henning und Aiden.
 

Nanali nickte zustimmend. Joachim sah sie einen Moment lang an und fragte dann: „Und… wie geht es Mokuba?“
 

Aiden zog die Augenbrauen hoch. „Der kleine Bruder von Kaiba?“ fragte er neugierig, hellhörig geworden.
 

Henning richtete den Blick auf Nanali. „Habt ihr… irgendwie miteinander zu tun?“
 

Nanali zögerte kurz, dann erklärte sie mit ruhiger Stimme, wie ihre Verbindung zu Mokuba war, während die anderen gespannt zuhörten.
 

***
 

Am Rande des Frühstücksbereichs saßen zwei junge Männer an einem kleinen Tisch, Teller und Tassen vor sich, während der Duft von frisch gebrühtem Kaffee durch den Raum zog. Sie unterhielten sich leise, ihre Bewegungen entspannt, die Schultern locker. Plötzlich fingen ihre Ohren bestimmte Worte auf: „Mokuba“ und „Kaiba“. Ihre Blicke trafen sich kurz, ein stilles Erkennen in den Augen. Beide verharrten für einen Moment und lauschten der jungen Frau bei ihrer Ausführung.
 

„Mokuba ist ein Freund. Wir haben viel zusammen unternommen – Recherchen in der Bibliothek, Sammeln im Wald… der Umgang war immer freundlich.“
 

Sie machte eine kleine Pause, ihr Blick wanderte abwesend in den Raum. „Seto… na ja, eben Seto. Wortkarg. Eher der Beobachter.“ Sie atmete schwer aus. „Man sieht ihn ja eigentlich nur auf der Arbeit.“
 

Einer der jungen Männer hielt die Tasse Kaffee in der Hand, den Blick auf Nanali gerichtet, während sie Seto beschrieb. Seine Lippen berührten den Rand der Tasse, und er hob sie gerade an, um einen Schluck zu nehmen – da erfasste ihn ein Satz über Setos wortkarges, beobachtendes Wesen so sehr, dass er sich plötzlich verschluckte.
 

Er hustete kurz, ruckartig, seine Augen weiteten sich überrascht. Der andere warf ihm einen schnellen, besorgten Blick zu. „Yugi, alles okay?“, fragte der weißhaarige besorgt. „Ja, alles bestens, Bakura.“, gab Yugi zurück während Yugi hastig schluckte, leicht rot im Gesicht.
 

Er lehnte sich leicht vor, ein erleichtertes Lächeln auf den Lippen. „Hm… gut zu wissen, dass sie sich nach allem nicht verändert haben. Ich hatte ein bisschen Sorge, wie die Insel sie geprägt hat.“, flüsterte er Bakura zu.
 

Aiden neigte neugierig den Kopf. „Und wo arbeitest du?“
 

„In der Glaserei,“ antwortete Nanali. „Ich blase Glasgefäße und einfaches Geschirr selbst. Was ich im Wald sammle, verarbeite ich zu leichten Alltagsprodukten – Cremes, Shampoos, Ölauszüge… die lassen sich gut verkaufen.“
 

„Und Seto?“ fragte Henning.
 

„Er ist meistens in der Schmiede. Wartet Maschinen, optimiert sie, verdient Geld für seine Dienstleistungen.“
 

„Mich überrascht es nicht, dass Seto noch genauso ist. Er war schon immer jemand, der still beobachtet, aber zuverlässig bleibt.“, flüsterte Bakura zurück

Yugi grinste leicht. „Es tut gut zu hören, dass es ihnen beiden gut geht.“
 

„Aber um Hilfe bitten? Nie. Einmal habe ich ihm minutenlang zugesehen, wie er Muttern auflegen musste… geht mit seinen großen Händen einfach schlecht.“, setzte Nanali ihren Bericht fort.
 

Joachim nickte sofort verständnisvoll. „Das kenne ich von meiner Arbeit.“
 

Nanali fuhr fort, ihre Stimme wurde etwas ruhiger, aber bestimmter. „Irgendwann konnte ich nicht mehr zusehen, wie er immer angespannter und frustrierter wurde. Aber denk nicht, dass er jemals fragen würde… Dabei sind meine kleinen Bastelfinger prädestiniert für diese Arbeiten.“ Sie stellte ihre Schale ab, hob die Hände vor die Brust, die Handrücken zu ihr gewandt, und tippelte leicht mit den Fingern – eine kleine, selbstbewusste Geste, die ihre Fertigkeit und Fingerfertigkeit unterstrich. „Jetzt helfe ich halt ungefragt.“
 

„Ungefragt… das zeigt, dass sie nicht nur aufmerksam ist, sondern auch Verantwortung übernimmt. Sie respektiert Setos Art, aber sie sieht, wo er Hilfe braucht, und handelt – ohne zu zögern. Das ist… stark. Aber ist es auch schwer für sie? Ich wette, es kostet sie etwas, immer diejenige zu sein, die das ausgleicht.“
 

Er beobachtete, wie Nanali dabei eine leichte Geste mit den Fingern machte, fast verspielt, aber selbstbewusst. Jede Bewegung, jeder kleine Ausdruck sprach von Kompetenz, Routine und der stillen Geduld, die sie offenbar im Alltag bewahrte.
 

„Sie wirkt so ruhig, fast gelassen… aber es gibt so viel, das unter der Oberfläche brodelt. Ich kann es sehen – in ihrem Blick, in der Art, wie sie die Worte wählt. Sie ist stark, klar in ihren Entscheidungen, aber… Ich hoffe, sie merkt, wie beeindruckend das ist.“
 

Er ließ den Blick noch einmal über sie gleiten, registrierte die Eleganz in ihrem Auftritt, die ruhige, aber bestimmte Stimme, die Gewissheit in jeder Bewegung. Und obwohl sie ihm vielleicht völlig fremd war, erinnerte er sie an jemanden...
 

„Glaubst du, dass Seto weiß, was er an ihr hat?“
 

Bakuras Stimme riss Yugi aus seinen Gedanken und augenblicklich wurde er aus seiner Gedankenwelt gerissen. „Ich glaube, Seto merkt es… auf seine Art. Er ist nicht jemand, der es laut ausspricht oder zeigt, wie sehr er andere schätzt. Aber ich bin mir sicher, dass er ihre Hilfe und ihre Fürsorge sehr ernst nimmt. Er würde es wahrscheinlich nicht sagen, nicht jetzt, nicht so direkt… aber sie wirkt nicht wie jemand, der sich davon unterkriegen lässt.“
 

„Und wo arbeitest du, dass du das kennst?“, fragte Nanali an Joachim gerichtet.
 

Joachim lächelte, ein wenig verlegen. „Wir sitzen häufig zu dritt bei Daryl. Der hatte ein paar echt coole Ansätze für innovative Ideen… und er hatte Spiele.“ Er zuckte mit den Schultern.
 

„Jemand mit Setos Wissen… das wäre echt eine Hilfe.“, überlegte Henning.
 

Nanali erinnerte sich an den Namen Daryl. „Ach, stimmt! Richie hatte mich dorthin eingeladen“, bemerkte sie beiläufig.
 

Joachim sah sie überrascht an. „Du kennst Richie schon? Wirklich?“
 

„Ja, wir hatten uns vorgenommen, morgen in der Werkstatt vorbeizuschauen“, erklärte Nanali. „Heute schaffe ich es aber nicht. Seto habe ich gestern noch geschrieben. Bestimmt wird sein Interesse geweckt.“
 

Henning und Aiden tauschten skeptische Blicke. „Und du glaubst wirklich, dass er dich so ernst nehmen würde, wenn euer Verhältnis nicht so gut ist?“
 

Nanali zuckte nur mit den Schultern. „Ach, keine Sorge. Ich habe immer noch einen Adamant. Er kann sein wie er will, intelligent und berechnend. Im Moment habe ich gute Karten. Und wenn es nicht sein soll… muss Mokuba ihn eben bequatschen. Wäre ja nicht das erste Mal.“
 

Yugi und Bakura beobachten die Szene aus der Ferne.
 

Yugi runzelte leicht die Stirn, doch ein warmes Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Jemand, der Seto Anweisungen gibt… das ist ungewöhnlich. Aber… es gibt keine Situation, in der er nicht doch irgendwie ausgeholfen hat. Nanali scheint genau zu wissen, wie sie ihn erreicht.“
 

Bakura nickte, die Hände gefaltet auf dem Tisch. „Ja, stimmt. Aber diese Nanali… sie ist schon eine Marke für sich. Keine Angst vor Seto und seinem Kopf. Man kann nicht leugnen, dass sie weiß, wie man die Situation zu ihrem Vorteil nutzt.“
 

Während Nanali noch mit Joachim, Aiden und Henning sprach, trat Jill an sie heran, die Augen freundlich, aber leicht besorgt.
 

„Nanali, du fehlst ja schon eine Weile am Tisch, alles in Ordnung?“, bemerkte Jill leise.
 

Nanali lächelte verlegen, ein leichtes Erröten stieg ihr ins Gesicht. „Oh, entschuldige, Jill. Ich wollte nur kurz…“ Sie griff nach ihrer Schale Sojamilchpudding und hob sie vorsichtig auf. „Ich muss mich erst mal verabschieden. Bis morgen vielleicht.“, verabschiedete sie sich von den drei Männern, die sie freundlich verabschieden.
 

„Waren die nett?“, fragte Jill, während sie an ihren Platz gingen.
 

„Ja, mit denen habe ich früher Schach gespielt.“, erklärte Nanali und winkte ab.
 

Yugi, der ihre Worte aufschnappte, grübelte leicht: Schach spielt sie also auch.

Guiding Currents – The Inner Compass

Guiding Currents – The Inner Compass
 

Sa., 9. November YYY1

Claire hatte für sie drei Getränke bestellt. Der Tisch war reich gedeckt – Schalen, Teller und kleine Körbchen mit dampfenden Speisen, in der Mitte ein Krug mit hellem Tee und ein paar Tassen aus feinem Porzellan. Jill versuchte sich gerade an einem der dünnen, gefüllten Wraps, während Claire sich wie gewohnt ein süßes Frühstück zusammengestellt hatte: Joghurt, frische Früchte, ein paar Stücke Granola.
 

Nanali hingegen hatte sich für eine leichte Schale Congee entschieden – schlicht, mild, kaum gewürzt. Sie rührte langsam in dem Reisbrei, als würde sie jeden Löffel abwägen.

Claire beobachtete sie einen Moment lang schweigend. Dann legte sie ihren Löffel ab, verschränkte die Arme und neigte den Kopf leicht.
 

„Sag mal, Nanali… ist das wirklich alles, was du frühstückst?“ Ihre Stimme klang zunächst beiläufig, doch ein leiser Unterton ließ keinen Zweifel an ihrer Besorgnis.
 

Nanali hob kurz den Blick, dann senkte sie ihn wieder auf die Schale. „Ich mag’s nicht so schwer am Morgen,“ murmelte sie.
 

Claire schnaubte leise, zog eine Augenbraue hoch. „Nicht so schwer, hm? Nanali, du wiegst gerade mal achtundvierzig Komma sieben Kilo – bei einer Größe von eins neunundsechzig. Das ist nicht nicht schwer, das ist fast nicht vorhanden!“
 

Sie lehnte sich leicht vor, die Ellenbogen auf dem Tisch. „Du brauchst Energie, nicht nur Flüssigkeit und Luft. Kein Wunder, dass du manchmal aussiehst, als würde dich ein Windstoß wegpusten.“
 

Nanali errötete leicht, drehte den Löffel in ihrer Schale. „Ich… fühl mich doch ganz gut,“ versuchte sie leise zu verteidigen.
 

Claire seufzte, dann lächelte sie, dieses typische Lächeln, das irgendwo zwischen Fürsorge und Tadel lag. „Ich weiß, du fühlst dich gut. Aber das heißt nicht, dass dein Körper es genauso sieht.“
 

In diesem Moment stellte der Kellner drei Getränke auf den Tisch. Ein hellgrüner Saft für Jill, ein pinkfarbenes Beerengetränk für Claire – und ein blassgelbes Glas für Nanali.
 

„Ingwer-Minze,“ erklärte Claire zufrieden und schob das Glas zu Nanali.
 

Nanali beäugte das Getränk skeptisch, als wäre es eine Prüfung. Vorsichtig nahm sie einen kleinen Schluck – kaum hatte die Flüssigkeit ihre Zunge berührt, verzog sie das Gesicht. Der Geschmack war scharf, beißend, mit einer unangenehmen Wärme, die ihr den Hals hinaufstieg.
 

Jill brach in schallendes Lachen aus. „Claire! Du bist so gemein!“, rief sie, noch während sie grinste. „Du wusstest doch bestimmt, dass Nanali Ingwer nicht besonders mag!“
 

Claire hob beide Hände, als wolle sie sich verteidigen, lachte aber selbst hell auf. „Was denn? Es ist gesund! Ingwer wärmt von innen, stärkt den Kreislauf, regt die Durchblutung an – und Minze hilft gegen die Übelkeit, falls sie mal wieder zu wenig isst.“
 

„Also im Grunde willst du sie vergiften, nur mit Absicht gesund?“ Jill grinste breit und beugte sich zu Nanali. „Trink’s lieber in kleinen Schlucken, bevor sie dir noch Zitronensaft und Chili reinmischt.“
 

Claire schüttelte lachend den Kopf. „Wart’s nur ab – in zwei Tagen wirst du mir danken, Nanali. Dann hast du wenigstens ein bisschen Farbe im Gesicht.“
 

Nanali lächelte verlegen, nahm das Glas wieder in die Hand und seufzte leise. „Wenn du’s sagst…“ Dann nippte sie vorsichtig erneut, das Gesicht leicht verzogen, während Jill sich kaum das Lachen verkneifen konnte.
 

Claire lehnte sich zurück, zufrieden mit ihrer „medizinischen Intervention“, während draußen die Sonne weiter über den Fensterrand stieg und das warme Licht auf den Tisch fiel.
 

Nanali wusste schon gar nicht mehr, wann sie zuletzt einen so entspannten Morgen erlebt hatte. Der Duft von gedämpftem Teig, süßem Bohnenmus und frischem Tee lag in der Luft, während das leise Stimmengewirr aus dem Speisesaal wie ein ferner Summton an ihr vorbeizog.
 

Sie sah auf, als Claire ihr einen der dampfenden Baozi auf den Teller schob. „Süße Bohnenfüllung“, sagte Claire mit einem warmen Lächeln. „Das solltest du probieren. Ist leichter, als es aussieht.“
 

Nanali zögerte einen Moment, dann nahm sie den kleinen, weichen Teigball vorsichtig in die Hand. Der Dampf stieg in feinen Schwaden auf, der Duft war ungewohnt süß und angenehm. Sie biss zögerlich hinein – und ihre Augen weiteten sich leicht.
 

„Hm… das ist tatsächlich gut,“ murmelte sie leise. Ein fast kindliches Staunen schwang in ihrer Stimme mit, als hätte sie vergessen, wie sich einfache Dinge anfühlen konnten.
 

Claire grinste zufrieden und lehnte sich etwas zurück, sichtlich erfreut, dass Nanali wenigstens etwas mehr aß.
 

Jill hingegen saß ihr gegenüber, die Stirn leicht gerunzelt, die Lippen ineinander gepresst. Sie beobachtete die Szene still, die Art, wie Claire Nanali zurechtwies, dann wieder umsorgte, fast wie eine große Schwester. Es war ein vertrauter, fast zärtlicher Umgang – einer, der Jill für einen Moment aus der Distanz ließ.
 

Sie rührte gedankenverloren in ihrem Getränk, der Löffel klirrte leise gegen das Glas. Schließlich hob sie den Blick und lächelte schmal.
 

„Ihr zwei kommt ja inzwischen richtig gut miteinander aus,“ meinte sie, halb neckend, halb prüfend.
 

Claire blickte auf, überrascht, dann lachte sie kurz. „Wäre ja schlimm, wenn nicht. Ich mag’s halt, wenn jemand mal auf sie aufpasst. Nanali ist so still, da muss man manchmal einfach handeln.“
 

„Ja… handeln,“ wiederholte Jill, den Ton kaum merklich gedehnt. Ihre Augen glitten kurz zu Nanali, die sich gerade den Rest des Baozi auf der Zunge zergehen ließ und den Blick gesenkt hielt.
 

Einen Moment herrschte eine feine, unausgesprochene Spannung am Tisch – nichts Offenes, nichts Feindseliges, nur das leise Ziehen zwischen Sorge, Fürsorge und Besitzanspruch. Dann löste Jill sie mit einem kleinen Seufzen auf, griff nach einem weiteren Wrap und grinste gespielt:
 

„Na schön. Solange Claire nicht anfängt, dir auch noch Vitamine nach Kalorienplan zuzuteilen, ist ja alles gut.“
 

Claire lachte hell, Nanali schüttelte leicht den Kopf, das Lächeln kaum verbergend. Für einen flüchtigen Augenblick war alles leicht, fast unbeschwert – als läge der Schatten der letzten Tage weit, weit hinter ihnen.
 

„Das nicht!“, beschwichtigte Claire sofort und hob abwehrend eine Hand, während sie mit der anderen in ihre Tasche griff. Ein leises Rascheln, dann zog sie eine kleine Stofftüte hervor, ordentlich zusammengebunden. „Aber wir haben hier noch ein paar Medikamente und Mittel, die du nehmen musst.“
 

Nanali blinzelte irritiert. „Mittel?“
 

„Ja,“ erwiderte Claire mit gespieltem Ernst, während sie die Tüte öffnete und sorgfältig kleine Döschen und Tuben auf den Tisch stellte. „Vitamine, Salben, die Creme für deine Hände – du erinnerst dich?“
 

Bevor Nanali etwas erwidern konnte, nahm Claire ihre rechte Hand und legte sie in ihre eigene. Ihre Finger waren warm und sicher, ihre Bewegungen präzise. Sie schraubte eine kleine Tube auf, drückte etwas von der hellen Creme auf Nanalis Handrücken und begann, sie sanft zu verreiben.
 

„Mist,“ entfuhr es ihr leise. „Ich soll doch die Schilddrüsenhormone vor dem Essen nehmen.“
 

Sie griff nach ihrer kleinen Pillendose, öffnete sie geübt, und nahm eine der Kapseln heraus. Ohne viel Aufhebens schraubte sie den Deckel ab, ließ das Pulver auf einen Löffel Congee und führte sie ruhig zum Mund und schluckte ihn hinunter.
 

Claire seufzte halb belustigt, halb tadelnd. „Wenigstens machst du’s jetzt. Wenn du’s noch zehn Minuten später gemerkt hättest, hättest du wieder behauptet, dass das Frühstück schuld ist, falls du müde wirst.“
 

Nanali grinste schmal. „Ich merk’s mir fürs nächste Mal.“
 

Lou kam mit federnden Schritten an den Tisch, ein hohes Glas in der Hand.
 

„Nanali, das ist für dich,“ sagte Lou mit einem freundlichen Lächeln und stellte das Glas vor ihr ab. „Ein kleiner Morgen-Booster – frisch gemixt! Ich dachte, du könntest etwas brauchen, das dich ein bisschen auf Trab bringt.“
 

Nanali sah auf das Glas, der Duft war ungewöhnlich – erdig, herb, mit einem feinen säuerlichen Stich, der sofort wach machte.
 

Nanali sah misstrauisch auf das Getränk. „Was ist denn drin?“ fragte sie vorsichtig.
 

„Ich hab was Saisonales gemixt: Rote Bete, Spinat, Cranberry, Bitterorange und ein paar frische Löwenzahnblätter. Ein echter Eisen-Kick.“, zählte Lou auf. Und versicherte sie, dass Claire sie genausten instruiert hat, wogegen Nanali allergisch ist.
 

Zögerlich nahm Nanali einen Schluck. Der Geschmack war kräftig.
 

„Das schmeckt… besser, als ich erwartet habe,“ meinte sie schließlich leise, den Blick auf das Glas gerichtet.
 

Lou lächelte zufrieden. „Rote Bete und Spinat liefern Eisen, Cranberry hilft den Nieren, Bitterorange pusht den Kreislauf, und Löwenzahn reinigt das Blut. Das alles zusammen sorgt dafür, dass du dich nicht mehr so müde fühlst.“
 

Nanali nahm noch einen Schluck. „Danke, Lou,“ sagte sie leise.
 

„Gern. Und wenn du magst, kann ich dir später noch eine Variante mit etwas mehr Spinat machen – das stabilisiert den Eisenwert noch besser.“
 

Nanali nickte nur und lächelte, bevor sie das Glas wieder an die Lippen führte.
 

Claire beobachtete, wie Nanali das Glas langsam leerte, und verschränkte schließlich die Arme. „Weißt du,“ begann sie mit diesem bestimmten Unterton, der unweigerlich eine kleine Ansprache ankündigte, „wenn du nicht möchtest, dass ich eines Tages vor Sorge einfach umkippe, solltest du wirklich anfangen, etwas besser auf dich zu achten.“
 

Nanali hob kurz den Blick, überrascht, aber ohne ein Wort zu sagen.
 

„Ich meine es ernst,“ fuhr Claire fort, ihr Blick weich, aber fest. „Wenn du irgendwann wieder ausziehst oder tagelang unterwegs bist – ich stelle mir jedes Mal vor, wie du halb tot in irgendeiner Mine liegst. Blass, mit leerem Blick, und sagst: ‚Ich bin okay, Claire‘ – während du wahrscheinlich kaum noch stehen kannst.“
 

Jill, die gerade an ihrem Wrap kaute, verschluckte sich fast.
 

„Aber ehrlich – du hast nur diesen einen Körper. Wenn du dich nicht um ihn kümmerst, wer soll’s dann tun?“, fuhr Claire fort.
 

Nanali senkte den Blick auf ihr Glas, das letzte bisschen Smoothie glitt langsam am Rand hinab. Ein schwaches, aber ehrliches Lächeln zeigte sich in ihrem Gesicht. „Ich weiß,“ sagte sie leise. „Ich versuch’s ja.“
 

„Gut,“ erwiderte Claire, sich zufrieden zurücklehnend. „Dann kann ich vielleicht doch noch ein paar Jahre länger leben – ohne Herzinfarkt, weil du dich wieder übernommen hast.“
 

Jetzt musste auch Nanali lachen. Es war ein leises, warmes Lachen, das kurz zwischen ihnen aufblitzte wie ein Sonnenstrahl durch Nebel. „Na gut,“ gab sie sich geschlagen, „ich will ja nicht, dass du meinetwegen irgendwann umkippst.“
 

Claire grinste zufrieden, während Jill nur den Kopf schüttelte und murmelte: „Endlich mal Einsicht.“
 

Nanali sah zu Claire hinüber, das Lächeln blieb, wurde aber nachdenklicher. „Ich bin das einfach nicht gewohnt,“ sagte sie leise, fast entschuldigend. „Dass sich jemand so kümmert.“
 

Claire legte den Kopf leicht schief, und für einen Moment war ihre sonst so lebhafte Miene still.

„Dann gewöhn dich besser dran,“ meinte sie schließlich sanft. „Weil du das jetzt nicht mehr loswirst.“
 

Nanali sah sie an – und in ihren Augen lag ein stilles, aufrichtiges Dankeschön. Kein großes Wort, kein pathetischer Moment, nur ein ehrliches, kleines Nicken. Sie wusste, dass Claire es verstand.
 

Und für einen Augenblick war der Tisch still. Nur das leise Klirren von Geschirr und das Murmeln anderer Gäste drang an ihre Ohren – während zwischen den dreien etwas unausgesprochen Warmes blieb.
 

Nanali ließ den Blick aus dem Fenster des Lei-Over Inn wandern. Vor dem Gasthof erstreckte sich eine weite Blumenwiese, die sich sanft im Morgenwind wiegte. Die Blüten leuchteten in kräftigem Rot und sattem Blau, ein lebendiger Teppich, der den herbstlichen Morgen zum Strahlen brachte.
 

Ihr Blick blieb an einer bestimmten Stelle hängen, und sie erkannte sofort das markante Merkmal, das ihr vertraut war: zweifarbige Blüten, die sich an einem einzigen Stiel vereinten. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Die Trick Blue wächst hier ja wie Unkraut,“ bemerkte sie, leise, fast für sich selbst.
 

Jill, die neben ihr stand, folgte Nanalis Blick. „Ja, die Wiese ist perfekt dafür. Kaum zu übersehen, und sie liebt das Sonnenlicht.“
 

Nanali drehte sich etwas zu ihr um, die Stirn leicht gerunzelt. „Und die Upseed Flower und die Sage Soil? Wo sollen wir die suchen?“
 

Jill zeigte mit der Hand über die Wiese hinaus. „Wir gehen zur Quelle hinter meiner Ranch. Da gibt es einen kleinen Flusslauf, und entlang des Ufers wachsen einige Sage Soil. Die Upseed Flower ist etwas seltener, aber wir haben dort auch schon ein paar Stellen entdeckt, wo sie sich gut versteckt hält.“
 

Nanali nickte, ihr Blick wanderte wieder über die Wiese. „Gut,“ sagte sie leise. „Dann haben wir einen Plan.“
 

Jill lächelte und klopfte ihr leicht auf die Schulter. „Perfekt. Dann nichts wie los, bevor die Sonne zu hochsteigt.“
 

***
 

Sie folgten dem geschwungenen Lauf des Flusses, der sich sanft durch das Tal zog. Der Pfad führte flussaufwärts. Nanali hielt eine der Trick Blue zwischen den Fingern, drehte sie langsam, so dass das Licht über die zwei unterschiedlich farbigen Blüten glitt. Das tiefe Blau und das helle Rot schimmerten in der Sonne, während der Stiel sich leicht in ihrer Hand bewegte.
 

Ihr Blick glitt über das Wasser, das klar wie Glas dahinströmte. Sie blickte über flache Steine und moosbewachsene Böschungen, während das leise Murmeln des Wassers sie begleitete.
 

Nanali blieb nach wenigen Schritten stehen.
 

Das Flussbett war so klar, dass sie bis auf den Grund sehen konnte. Noch nie hatte sie Wasser gesehen, das so durchsichtig war. Es schien, als wäre der Fluss aus flüssigem Glas, ruhig und tief zugleich. Sonnenstrahlen brachen sich auf der Oberfläche, tanzten in flirrenden Mustern über die Steine darunter.
 

„Das ist unglaublich…“ flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Es war, als würde sie in ein lebendiges Aquarium blicken – ein kleiner Mikrokosmos, in dem alles miteinander verwoben war.
 

Zwischen den rund geschliffenen Steinen bewegten sich grüne, schmale Blätter in der Strömung. Kleine Luftblasen hafteten an den Blättern, glänzten wie winzige Perlen im Licht.
 

„Was sind das für Pflanzen?“, fragte Nanali gespannt und kniete sich etwas näher ans Ufer.
 

Jill folgte ihrem Blick, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Sie zeigte auf eine Stelle, an der feine, fadenartige Blätter sich sanft im Wasser bewegten. „Das dort ist Tausendblatt. Es wächst nur in klaren, ruhigen Abschnitten des Flusses – wenn du das siehst, weißt du, dass das Wasser sauber und nährstoffarm ist.“
 

Sie deutete etwas weiter flussaufwärts auf einen dunkleren Fleck, der sich an einem Stein festhielt. „Das hier ist Quellmoos. Es liebt kaltes, sauerstoffreiches Wasser und klammert sich an die Steine, wo die Strömung stärker ist. Wenn das gedeiht, ist das immer ein gutes Zeichen – das bedeutet, der Fluss ist lebendig.“
 

Dann zeigte sie auf einen hellgrünen Schimmer im seichteren Wasser. „Hier drüben – die Wasserpest. Die sorgt mit dafür, dass der Fluss genug Sauerstoff hat. Sie reinigt das Wasser, indem sie überschüssige Stoffe aufnimmt.“
 

Zum Schluss zeigte sie auf einige feine, kerzenartige Stängel, die aus der Strömung ragten. „Und die da, das ist Tannenwedel. Die wachsen nur dort, wo das Wasser klar genug ist, dass das Licht bis auf den Grund kommt. Wenn du siehst, dass sie sich so kräftig grün färben, weißt du, dass der Fluss gesund ist.“
 

Nanali folgte Jills Handbewegungen, fasziniert von der stillen Welt unter der Wasseroberfläche. Alles dort unten wirkte in Bewegung, doch vollkommen im Gleichgewicht.
 

Dann sah sie Fische. Viele. Dutzende kleine Silberlinge huschten durch das klare Wasser, blitzten auf wie Münzen. Dazwischen schwammen größere, gemächlichere Arten: Forellen, kleine Felchen und ein paar prächtig gefärbte Bachsaiblinge. Eine Aalgattung – wohl ein Flussaaltier – schob sich lautlos zwischen den Steinen hindurch.
 

„Ich habe noch nie so viele Fische auf einmal gesehen,“ sagte Nanali leise, ihr Blick folgte einer Gruppe winziger Jungfische, die gegen die Strömung ankämpften.
 

Claire lächelte stolz. „Das Vergissmeinnicht-Tal ist für seine Fischzucht bekannt,“ erklärte sie. „Hier wird sehr viel Wert auf nachhaltige Aquakultur gelegt. Alles ist miteinander verbunden – das Wasser, die Pflanzen, die Tiere.“
 

„Ach ja,“ erinnerte sich Nanali, während sie weitergingen. „Feuerwerkskörper, archäologische Ausgrabungen, Fischzucht, Gemüsevielfalt… und, wie ich gelernt habe, auch Obstvielfalt.“
 

Claire nickte zustimmend.
 

„Und,“ fügte Jill hinzu, „den besten Dünger der ganzen Insel.“
 

Jill deutete flussabwärts. „Siehst du dort die kleinen Käfige im Wasser?“ Nanali folgte ihrem Blick und erkannte die filigranen Gitter, in denen sich Fische zwischen Wasserpflanzen und Steinen bewegten. „Das ist eine Flusszucht. Die Tiere bleiben hier im natürlichen Fluss, aber wir haben sie kontrolliert in den Käfigen, damit wir sie gut versorgen können.“
 

Nanali nickte fasziniert, beobachtete, wie das klare Wasser durch die Gitter floss, die Pflanzen sanft im Strom wiegten.
 

„Der Vorteil?“ Jill beugte sich leicht vor, um Nanali deutlicher ins Gesicht zu sehen. „Die Fische wachsen gesund, ohne dass wir künstliche Filter oder Becken brauchen. Die Strömung sorgt für frisches, sauerstoffreiches Wasser, und die Tiere bleiben kräftig. Außerdem sammeln wir beim Reinigen der Gitter den Schlamm, die Algen und Reste – das nennen wir Flussgold.“
 

Sie lächelte verschmitzt. „Das wird auf unseren Feldern als Dünger genutzt. Stickstoff, Mineralstoffe, alles natürlich. Nichts geht verloren.“
 

Claire, die ein Stück weiter stand, nickte zustimmend. „Jill arbeitet eng mit der Zucht zusammen. Der Dünger ist besonders wertvoll für unsere Felder – die Pflanzen gedeihen darauf wie verrückt. Alles hängt hier zusammen: Fluss, Fische, Felder.“
 

Nanali ließ ihren Blick noch einmal über die glänzenden Fischkörper gleiten, die durch die Gitter glitten. Sie erkannte, wie sorgfältig alles aufeinander abgestimmt war. Alles hier im Tal schien in einem harmonischen Kreislauf zu stehen, und Jill war das verbindende Element, das dafür sorgte, dass Natur und Handwerk im Gleichgewicht blieben.
 

Sie blieb kurz stehen, deutete auf eine Stelle im Wasser. „Siehst du das? Wenn sich die Saiblinge und Forellen hier wohlfühlen, dann weißt du, dass das ganze Ökosystem gesund ist.“
 

Nanali folgte ihrem Blick. „Das ist faszinierend,“ sagte sie leise. „Alles wirkt… im Gleichgewicht.“
 

„Genau das,“ erwiderte Jill. „Hier im Tal achtet jeder darauf, dass es so bleibt. Wir nehmen nur, was wir brauchen – und geben etwas zurück.“
 

Nanali sah noch einmal in das glasklare Wasser. Für einen Augenblick glaubte sie, das sanfte Pulsieren des Flusses zu spüren – als würde das ganze Tal atmen.
 

Jill blieb am Ufer stehen, hob die Hand und zeigte auf das Wasser, in dem sich die Fische in glitzernden Schwärmen bewegten. „Die meisten von ihnen sind Teil unserer Zuchtprogramme,“ erklärte sie. „Forellen, Felchen, Saiblinge, und weiter unten im Fluss leben sogar ein paar Aale. Wir verarbeiten sie auf ganz verschiedene Arten – je nach Saison und Fang.“
 

Sie deutete auf die Forellen, die unter der Oberfläche blitzten. „Aus denen machen wir ein feines Sashimi, ganz frisch, hauchdünn geschnitten. Manchmal servieren wir sie in der Isakura-Art – das ist eine Präsentation, bei der der Fisch so angerichtet wird, dass er aussieht, als würde er noch leben. Eine alte Handwerksform, die zeigen soll, wie frisch und rein das Fleisch ist. Nicht jeder mag das, aber es ist eine Kunst, die hier noch gepflegt wird.“
 

Nanali sah sie leicht überrascht an, während Jill weitersprach: „Aus den Saiblingen machen wir oft Räucherfilets oder eine Suppe mit Miso und frischen Kräutern. Die Aale – Unagi – sind eine echte Spezialität. Mariniert, gegrillt, karamellisiert mit einer würzigen Soße… das ist das Beste, was du an einem kalten Herbstabend bekommen kannst.“
 

Claire grinste. „Und du hast den Fischrogen vergessen.“
 

„Stimmt,“ lachte Jill. „Der wird gesalzen und leicht getrocknet – wir nennen ihn ‚Flusskaviar‘. Wird zu besonderen Anlässen serviert, meist mit etwas Reiswein oder Kräutertee.“
 

Nanali lächelte, noch immer den Blick auf die glitzernden Körper im klaren Wasser gerichtet. Der Gedanke, dass aus diesem stillen, reinen Fluss so viel Leben, Nahrung und Kunst entstehen konnte, hatte etwas beinahe Ehrfurchtgebietendes.
 

Während sie dem leisen Rauschen des Wassers lauschte, erinnerte sich Nanali an eine Vorlesung, die ihr damals endlos trocken vorgekommen war – die Bewertung von Gewässern nach dem Saprobienindex. Damals hatte sie Zahlen, Tabellen und lateinische Namen auswendig gelernt, ohne sich je vorstellen zu können, dass sie eines Tages an einem Fluss stehen würde, der genau das verkörperte, was dort beschrieben wurde.
 

Sie ging die Skala in Gedanken durch – von stark verschmutzt bis fast vollkommen rein. Und hier, im Vergissmeinnicht-Tal, stand sie nun an einem Wasser, das wohl kaum sauberer sein konnte. Wasserpest, Quellmoos, Tannenwedel – alles Indikatoren für ein oligosaprobes, beinahe ideales Ökosystem.
 

Ein leichtes, beinahe ungläubiges Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Nie hätte sie gedacht, dass all das Gelernte einmal so greifbar werden würde. Kein Diagramm, keine Laborprobe – sondern echtes, lebendiges Wasser, klar bis auf den Grund, pulsierend vor Leben.
 

Vielleicht wäre es sinnvoll das ein oder andere an Wissen noch Mal aufzufrischen.
 

***
 

Sie folgten dem Fluss weiter aufwärts, bis das klare Wasser hinter ihnen nur noch durch das Rascheln der Blätter erkennbar war. Bald öffnete sich der Wald, und der Weg, der sich durch das Unterholz schlängelte, war unter einer dicken Laubschicht verborgen. Novemberlicht fiel schräg durch die kahlen Äste, tanzte auf dem Boden und ließ die Farbtöne von Braun, Gold und vereinzeltem Grün leuchten.
 

Zwischen den Bäumen entdeckte Nanali kleine Teppiche aus Moos, in denen sich vereinzelt Klee und winterharte Blüten hielten. Auf einem besonders feuchten Fleck nahe am Fluss bemerkte sie die ersten Exemplare der Sage Soil: niedrige, gedrungene Pflanzen mit silbrig-grünen Blättern, die sich wie kleine Schilde in den Herbstwind streckten. Kleine, zartblaue Blüten, kaum größer als ihre Fingernägel. Sie schienen fast zu leuchten zwischen den letzten Herbstgräsern. Nanali blieb stehen, drehte die Blume vorsichtig zwischen ihren Fingern.
 

Während sie die kleinen Blüten pflückte und zu den Trick Blue packte, unterhielten sich Jill und Claire leise miteinander, ihre Stimmen ein gedämpftes Murmeln zwischen den Bäumen.
 

Nanali nahm einzelne Worte auf – beiläufige Hinweise auf das, was sie am Fluss gefunden hatten, die Planung der weiteren Schritte. Doch plötzlich spürte sie, wie ihr innerer Kompass sie weiterzog.
 

Sie spürte ein leises Ziehen in ihrer Brust – ein unerklärliches Gefühl, als würde etwas in der Ferne rufen.
 

Nanali fröstelte plötzlich. Ein seltsames, unangenehmes Kribbeln kroch ihren Rücken hinauf, als würde jemand einen ungewollten Mantel über sie legen. Sie wollte ihn abschütteln, doch er haftete an ihr, drängte sie weiter hinein. Das Gefühl schob sie, schob sie, und obwohl sie dagegen ankämpfte, gab sie schließlich nach. Sie drehte sich ein wenig, schob die Arme, bis der Druck für einen Moment nachließ. Dann hörte sie auf, zu kämpfen. Da lang, dachte sie instinktiv und trat ein paar Schritte tiefer ins Waldinnere.
 

Der Wald lichtete sich, die kahlen Bäume ließen die Vormittagssonne ungehindert auf den Boden fallen. Und doch fühlte es sich an, als verengte sich ihre Sicht. Nanali ging, beinahe tranceartig, die Füße schienen einem eigenen, geheimen Rufen zu folgen. Ein leises Déjà-vu kroch in ihr hoch, Erinnerungen an die Kindheit, an Momente, in denen sie unbewusst durch Räume oder Flure schritt. Schlafwandle ich? Verdammt, ich bin doch wach, dachte sie und versuchte, ihr Bewusstsein zurückzuerlangen. Es schlug fehl, immer wieder, bis eine Hand sanft ihre Schulter berührte.
 

„Nanali, hast du uns nicht gehört?“ Claire stand hinter ihr, die Stimme ruhig, aber bestimmt. Nanali erschrak, erwachte vollständig, antwortete jedoch nicht. Sie registrierte nur den leichten Zug an ihrem Ärmel, verspielt, wie ein Kind, das sie einlud, weiterzugehen.
 

Jill trat näher, deutete mit einem leichten Lächeln in den Wald innere. „Weiter hinten im Wald liegt die Quelle der Erntegöttin hier im Vergissmeinnicht-Tal. Sie liegt in der Nähe des Zuhauses einiger kleinen Erntewichtel.“
 

Nanali blinzelte verwirrt. „Ihr Zuhause?“
 

„Ja“, erklärte Jill, „die Wichtel leben in Baumstümpfen. Winzige Küchen, Möbel, alles wie bei Menschen, nur kleiner. Kaum zu unterscheiden, wenn man nicht genau hinsieht.“ Sie beugte sich leicht vor, als wolle sie Nanalis Verwunderung teilen. „Dort wachsen auch Pilze, die im Dunkeln leuchten. Und der Teich bei der Quelle – nachts leuchtet er sanft, gesäumt von weißen Blüten, die das ganze Jahr über dort stehen.“
 

Das Gefühl des Ziehens war noch da, ein leises, unerklärliches Drängen, das sie zugleich faszinierte und erschauern ließ.
 

„Aber Erntewichtel kann ich sehen“, murmelte Nanali leise.
 

Claire nickte. „Ja, wir können sie auch sehen.“
 

„Nur gerade ist keiner da!“, entgegnete Nanali, ein wenig verwirrt.
 

Beide Frauen bestätigten das, doch ihre Blicke blieben fragend auf Nanali gerichtet. Irgendetwas stimmte nicht – das unbestimmte Ziehen, das sie so plötzlich erfasst hatte, schien sie nicht loszulassen. Ein Gefühl von Beklemmung kroch in ihr hoch, und sie schloss die Augen, um ihm zu entkommen.
 

Um sie herum begann sich die Welt zu drehen, wie eine Nadel auf einem Kompass, die keinen festen Norden findet. Schwindel überkam sie, ihr wurde leicht übel. Nanali versuchte, sich zu entspannen, die Atmung zu kontrollieren, doch das Drängen hörte nicht auf.
 

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Claire besorgt.
 

Widerspenstig schüttelte Nanali den Kopf, ihre Stimme blieb in ihrem Bewusstsein gefangen. Sie wusste, dass es nicht aufhören würde, solange sie den Ursprung des Gefühls nicht fand.
 

Dann atmete sie tief durch, spürte, wie das Ziehen stärker, klarer wurde, und öffnete die Augen. Ohne ein Wort trat sie zielstrebig an Jill vorbei. Sie wusste nicht, was sie suchte oder warum, aber das Ziehen war klar, bestimmt, und unwiderstehlich.
 

Jill bemerkte die Veränderung sofort – die leichte Spannung in Nanalis Haltung, die Zielstrebigkeit in ihrem Schritt. Claire schielte kurz zu Jill, und wortlos folgten beide ihr, ließen Abstand, aber verloren Nanali nicht aus den Augen.
 

Sie ließ sich nicht aufhalten, ging direkt zu einem alten Baum, dessen knorriger Stamm im Novemberlicht golden schimmerte. Ohne es zu hinterfragen, kniete sie nieder.
 

„Ich weiß es nicht“, sagte Nanali unsicher. „Aber… wie sieht eine Upseed Flower eigentlich aus, wenn sie gerade erst aus der Erde kommt?“
 

Jill schob die Stirn in eine skeptische Falte, blickte Nanali einen Moment lang ungläubig an, dann trat sie näher. Vor ihren Füßen lugte eine kleine Jungpflanze aus dem harten, November-braunen Erdboden. Die zarten Blätter waren noch feucht vom Morgentau.
 

Jill kniete sich vorsichtig hin. „Hm… das könnte…“, murmelte sie und ließ ihren Finger sanft über die winzigen Blätter gleiten. Sie prüfte die Form: die charakteristischen schmalen Blättchen, leicht gezähnt, und der erste Hauch von der leuchtend blauen Blütenfarbe, die noch im Keim verborgen lag.
 

Dann beugte sie sich noch näher, betrachtete die zarte Knospe zwischen Daumen und Zeigefinger. „Ja, das ist sie“, bestätigte sie schließlich. „Die Blätter haben genau die typische Anordnung, und der Stängel… gerade so robust, dass sie aus dem Boden sprießen kann. Upseed Flower.“
 

Nanali sah fasziniert zu, wie Jill die kleine Pflanze vorsichtig aus der Erde hob. Mit der Mini-Schaufel hob sie die Upseed Flower behutsam aus dem harten, braunen Erdboden, dabei achtete sie darauf, die winzigen Wurzeln nicht zu beschädigen.
 

Die Pflanze zitterte leicht, als sie sie in ihre Hand nahm, doch Jill hielt sie sanft, wie ein zerbrechliches Kunstwerk.
 

In einem kleinen, mit Moos ausgelegten Tontopf bereitete sie die Erde vor. Sie schob das Moos leicht zur Seite, setzte die Pflanze mittig in den Topf und füllte vorsichtig lockere Erde um die Wurzeln. Ihre Finger bewegten sich ruhig, präzise, streichelten die Blätter und drückten die Erde sanft an, bis die Upseed Flower stabil stand, ohne gequetscht zu werden.
 

„So“, murmelte Jill leise, zufrieden, während sie den Topf leicht anhob und das Moos wieder vorsichtig über die Erde legte. „Jetzt bist du bereit für die Reise.“
 

Nanali beobachtete jede Bewegung, fasziniert von der Sorgfalt, mit der Jill die kleine Pflanze behandelte.
 


 

„Man erkennt sie schon im allerersten Stadium“, erklärte Jill leise, „wenn man weiß, worauf man achten muss. Kaum aus der Erde, und doch unverkennbar.“
 

Claire beobachtete Nanali ganz genau, die Stirn leicht gerunzelt, die Lippen zusammengepresst, als würde sie jedes Detail in sich aufnehmen. Sie dachte angestrengt nach, das Auge unablässig auf Nanalis Bewegungen gerichtet.
 

Nanali bemerkte den intensiven Blick und wandte sich unwillkürlich zu ihr um – ein kleiner Schreck fuhr durch sie. Claire starrte sie einen Moment lang an, so scharf und durchdringend, dass Nanali das Gefühl bekam, sie könnte in ihrem Innersten lesen. Dann aber winkte Claire ab, und der Blick verlor die Schärfe. Es war nicht Wut, eher konzentrierte Aufmerksamkeit, wie die einer Forscherin, die ein Rätsel zu lösen versucht.
 

Wie… wusste ich überhaupt, wo ich hin muss? fragte sich Nanali innerlich. Sie hatte keine Erklärung, kein Wort, das dieses Ziehen oder die Richtung, der sie gefolgt war, beschreiben konnte.

Jill tauschte einen kurzen Blick mit Claire aus, ein stilles Nicken, das mehr sagte als Worte. Dann meinte Jill leise: „Vielleicht wäre es eine gute Idee, einmal nach Castanet zu gehen und Angela und ihren Freund aufzusuchen.“
 

Nanali runzelte die Stirn. „…Angela? Castanet? Wer?“ Ihre Stimme verriet die Verwirrung, die in ihr aufstieg. Sie verstand nicht, was Jill und Claire meinten, und das leichte Ziehen in ihrer Brust schien sie noch weiter in Fragezeichen zu hüllen.
 

Claire lächelte kurz, aber nur flüchtig, und wandte sich dann wieder Nanali zu, als wolle sie die Gedanken der jungen Frau nicht zu sehr durcheinanderbringen. Nanali spürte, dass etwas unausgesprochen blieb, eine Ahnung, die sie nicht greifen konnte, während Jill den Topf mit der Upseed Flower vorsichtig in den Händen hielt.

Drawn Into the Night - The Thief in Her Heart

Drawn Into the Night - The Thief in Her Heart
 

Sa., 9. November YYY1

Die Sonne stand hoch am Firmament und warf warme Strahlen auf die herbstlich gefärbte Landschaft: braune, goldene und rote Blätter tanzten im Wind, während das Moos und einige immergrüne Nadelbäume ein sattes Grün ins Bild setzten.
 

Nanali blieb stehen und hob den Blick. Ihre Augen folgten dem Wasser, das sich weiter nach oben schlängelte, bis sie an einen schmalen, rauschenden Wasserfall stießen. Das Wasser stürzte aus der Höhe in die Tiefe, spritzte fein vernebelte Tropfen in die Luft, die in der Sonne funkelten wie kleine Diamanten.
 

„Sieh da rüber, Nanali“, sagte Jill und deutete auf den Flusslauf oberhalb des Wasserfalls. „Dort oben liegt das Windmühlendorf.“
 

Nanali trat an den Baum heran. Die Äste hingen tief, der Stamm wirkte stabil, verwurzelt und stark. Sie legte ihre Hände um den dickeren Ast, der über ihrem Kopf hinwegragte, griff herum und spürte das Gewicht, das sich schwer in ihre Handflächen legte.
 

Ein unangenehmes Ziehen durchfuhr ihre rechte Hand, das Gift der letzten Berührung brannte noch leicht in der Haut. Sie atmete tief ein, ließ die Luft langsam wieder entweichen und spürte, wie der Schmerz sich allmählich legte. Mit jedem Atemzug gewöhnte sie sich ein wenig mehr daran, lernte, ihn als Begleiter statt als Hindernis zu akzeptieren.
 

Sie griff erneut, ihre Finger suchten Halt, und begann seitlich den Ast hinaufzulaufen. Die Beine schlang sie um den Ast, zog sich hoch, drehte den Körper wie ein Koala, der sich an seinem Ast entlanghangelt. Noch vor drei Tagen hätte sie sich mit einem einzigen Schwung um die Hüfte hochgezogen, nun war jeder Griff eine konzentrierte Anstrengung.
 

Ast für Ast nahm sie die Hindernisse, bis sie eine Höhe erreichte, von der aus sie den Fluss aufwärts überblicken konnte. Am Horizont konnte sie das Windmühlendorf erahnen, klein, aber deutlich zwischen den sanften Hügeln und den fließenden Wassern des Flusses eingebettet. Die Dörfer lagen nicht besonders weit auseinander; das entfernteste Dorf war gerade einmal drei Tage von Mineralstadt entfernt. Nanali dachte, dass es ideal für Wochentrips wäre, um die Dörfer nacheinander kennenzulernen.
 

Sie lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm, ließ den Novemberwind um sich spielen und genoss das sanfte Schaukeln des Astes unter ihrem Gewicht. Plötzlich spürte sie, wie der Baum leicht erzitterte. Instinktiv schlang sie die Arme hinter dem Rücken um den Stamm und blickte nach unten, wo Jill und Claire sich den Baum hochschwangen. Ein breites Grinsen huschte über Nanalis Gesicht.
 

Für einen Moment ließ sie die Augen schließen und erinnerte sich daran, wie sehr sie sich immer eine Frauenfreundschaft wie diese gewünscht hatte: Klamotten ausleihen und tauschen, gemeinsame Interessen teilen und – vor allem – dieselbe verrückte Energie spüren. Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre ihre Freundin unten am Boden gestanden, die Stirn gerunzelt, und hätte sie ermahnt, wie gefährlich das doch war.
 

Es war in der sechsten Klasse gewesen, dass Nanali sich zuletzt auf einen Baum geschwungen hatte – viel zu lange her. Doch jetzt, auf dieser Insel, fühlte sich die Baumkrone wieder wie ihr Zuhause an. Sie liebte den Blick von unten in die Äste, das Lichtspiel der Sonne, das zwischen Blättern und Zweigen tanzte, das leise Rascheln des Windes, der durch das Geäst strich. Heute hatte sie Freunde, die den Unfug mitmachten – die den Baum, das Spiel und das Abenteuer genauso genossen wie sie selbst.
 

„Das überrascht mich jetzt doch“, gab Nanali zu. Dass Claire sich einen Baum hochschwang, hätte sie sich bisher nicht vorstellen können. Bei Jill wunderte sie das weniger – Jill war immerhin eine Orchardist.
 

Claire schmunzelte. „Das sollte es aber nicht“, sagte sie. „Wir wurden doch alle aus einem bestimmten Grund ausgesucht. Jeder von uns ist naturverbunden – da gehört so etwas einfach dazu.“
 

Eine Zeitlang unterhielten sich Claire und Nanali darüber, was sie tun würden, wenn sie wieder zurück in Mineralstadt waren. Nanali überlegte, dass sie auf ihren Spaziergängen durch den Wald öfter Gespräche der Dorfbewohner aus Knospendorf aufgeschnappt hatte – einem Teil von Mineralstadt, der sich direkt an die Stadt anschloss. Das kleine Dorf lag fußläufig auf dem Mutterhügel und war so nah, dass man es leicht in den Alltag der Stadt integrieren konnte. Nicht zuletzt hatte sie mitbekommen, dass der Ententeich gekippt war. Bisher hatte sie dem keine große Bedeutung zugemessen; es gab ohnehin genügend Gewässer auf dem Mutterhügel mit seinen unzähligen Quellen und Flussläufen, und der Sonnensee bot ebenfalls ein schönes Ausflugsziel.
 

Doch nun, nach dem Gespräch über die Fischzucht, war ihr Interesse an Aquakultur neu geweckt. Sie begann, Pläne zu schmieden, sich den Fluss einmal genauer anzusehen – und überhaupt hatte sie Knospendorf nie richtig erkundet. Seto war viel häufiger dort unterwegs, und Jamies Ranch lag am äußeren Rand des Dorfes, sodass Nanali bisher nur selten Anlässe gehabt hatte, tiefer einzutauchen.

„Weißt du“, sagte Claire schließlich, „du könntest ja überlegen, einen Fischereischein zu machen. Du hast ja schon ein gewisses Grundlagenwissen, und den Rest könnten Jill und ich dir sicher beibringen. So ein Test ist schnell gemacht, und dann könntest du legal angeln lernen.“
 

Nanali nickte nachdenklich. Das klang nach einem Plan, der nicht nur spannend war, sondern ihr auch die Möglichkeit gab, ihre frisch entdeckte Neugier auf den Fluss und die Fischzucht praktisch umzusetzen.
 

Es war unerlässlich, sich als Selbstversorger gesund zu ernähren, und die Möglichkeit, selbst angeln zu können, würde ihr eine ganze Reihe neuer Chancen eröffnen.
 

Sie erzählten so hin und her, bis Nanali bemerkte, dass Jill schon eine Weile nichts mehr gesagt hatte. Als sie ihrem Blick folgte, entdeckte sie in der Ferne eine Gruppe Zelte vor einem Höhleneingang am anderen Ufer.
 

„Ah, die Ausgrabungsstätte?“, fragte Nanali neugierig.
 

Jill schien aus ihren Gedanken gerissen. Ihre Stimme war plötzlich leise, ein kaum hörbares Flüstern, das ihre sonst so selbstbewusste Art verdrängte. „Skye wird heute Abend dort auftauchen…“
 

Sie zögerte, suchte nach den richtigen Worten, während ihr Blick kurz zum Boden glitt und dann wieder in die Ferne schweifte, als würde sie innerlich abwägen, wie viel sie sagen konnte. Ihre Schultern waren angespannt, die Hände ruhig, aber irgendwie verschlossen.
 

Nanali spürte instinktiv, dass etwas anders war. Die Leichtigkeit, mit der Jill sonst sprach, fehlte; stattdessen lag eine fast greifbare Spannung in ihrer Stimme. Claire beobachtete die feinen Bewegungen – das Zupfen an einem Ärmel, das kurzzeitige Wegdrehen des Blicks – und erkannte, dass etwas Jill beschäftigte, etwas, das sie noch nicht teilte.
 

Nanali legte den Kopf leicht schräg, beobachtete Jill aus den Augenwinkeln. „Alles okay bei dir?“ fragte sie vorsichtig. Ihre Stimme war leise, fast prüfend, wie um Jill nicht unter Druck zu setzen.
 

Jill fuhr kurz mit der Hand durch ihr Haar, nickte dann nur knapp. „Ja, ja… alles gut“, murmelte sie, doch das Flüstern klang unsicherer, als sie es beabsichtigte.
 

Claire hob eine Augenbraue, verschränkte die Arme und ließ ihren Blick über Jill wandern. „Hm“, machte sie nur, ein Laut voller Beobachtung.
 

Jill wich nicht zurück, aber sie atmete tief durch, die Spannung in ihren Schultern kaum verbergend. „Ich denke nur über heute Abend nach“, gab sie zu, die Worte sorgfältig gewählt, ihre Stimme weich, fast flüsternd.
 

Nanali spürte ein Ziehen in der Brust – instinktiv wusste sie, dass Jill von jemandem sprach, der ihr wichtig war. Nicht Freundschaft wichtig, etwas anderes. Doch sie wagte nicht, nachzufragen. Stattdessen nickte sie leicht und hielt Jills Blick, als wollte sie sagen: „Okay, ich sehe dich.“
 

Ein Moment der Stille breitete sich aus, nur das leise Rauschen des Flusses drang an ihre Ohren.
 

Jill seufzte leise, als würde sie sich erst sammeln müssen, bevor sie sprach. Der Laut wirkte schwer, getragen von Gedanken, die sie eine Weile mit sich herumgetragen hatte.
 

„Ich hatte… eine seltsame Begegnung“, begann sie schließlich, die Stimme ruhig, aber mit einem Ton, der Nanali sofort aufhorchen ließ. Claire richtete sich etwas auf, legte die Arme abwartend in den Schoß.
 

„Seit einiger Zeit treibt ein Dieb sein Unwesen“, fuhr Jill fort. „Zuerst ist er in die Westernvilla eingebrochen. Niemand wurde verletzt, aber… er hat ein Buch gestohlen. Kein Geld, kein Schmuck – nur dieses eine Buch.“
 

„Ein Buch?“ fragte Nanali ungläubig. „Was für eines?“
 

Jill zuckte die Schultern. „Niemand weiß es genau. Irgendetwas Altes, Wertvolles, sagen sie. Und gestern…“ Sie hielt kurz inne, ihr Blick glitt zum Fluss hinunter, als wollte sie vermeiden, ihre Gedanken offen zu zeigen. „Gestern war ich in der Mondscheinbar, um für uns einen Platz zu reservieren. Da hörte ich es – sie sprachen von ihm. Von Skye.“
 

Der Name hing in der Luft, schwebte zwischen ihnen wie ein leiser Schatten. Claire hob eine Augenbraue. „Skye?“
 

„Er kündigt seine Taten immer an. Aber niemand kann ihn aufhalten. Und… irgendwie…“ – Jill hielt kurz inne – „…kann ich nicht glauben, dass er einfach nur ein Dieb ist.“
 

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, voller Nachdenklichkeit – und etwas darin ließ Nanali spüren, dass Jill mehr wusste, als sie sagen wollte.
 

***

Einen Tag zuvor - Fr., 08. November YYY1

Der Mond stand bereits hoch am Firmament, ein blasses Auge über der stillen Stadt. Der Weg zur Bar war in Nebel gehüllt, der sich zwischen den Häusern sammelte wie ein lebendiger Atem. Motten taumelten um das schwache Licht, und ab und zu quietschte ein Fensterladen im Wind. Jill erinnerte sich, wie sie den Weg entlanggeschlendert war, die Nachtluft kalt auf der Haut, bis sie vor der Bar stehen blieb.
 

Jill zog den Mantel enger um die Schultern und stieß die Tür auf. Ein warmer Luftzug empfing sie, erfüllt vom Duft nach poliertem Holz, süßem Wein und dem feinen Rauch der Öllampen.
 

Im Inneren herrschte dieses sanfte, gedämpfte Licht, das der Bar ihren Namen gab – romantisch, fast verträumt. Schatten flossen über die Wände, flackerten über Regale voller Flaschen. Das Klirren von Gläsern und das dumpfe Schaben von Stühlen erfüllte den Raum, gedämpft und vertraut.
 

Muffy summte leise vor sich hin, während sie die Tische abwischte, das Tuch rhythmisch über die Holzplatten gleiten ließ. Griffin stand hinter der Theke, füllte konzentriert die Regale auf, sein Ärmel leicht hochgekrempelt, die Bewegungen ruhig und geübt.
 

„Du bist früh dran, Jill“, meinte er beiläufig, ohne aufzusehen. Das leise Klingen einer Flasche, die ins Regal rutschte, begleitete seine Worte.
 

„Ich wollte noch einen Tisch reservieren“, erwiderte sie. Ihre Stimme war ruhig, aber in ihren Augen lag ein Glanz, der nicht nur vom Lampenlicht herrührte.
 

„Für dich ist hier immer Platz“, rief Muffy lachend, während sie den letzten Tisch abwischte.
 

Dann fiel ein Windstoß gegen die Fenster. Das Licht der Laterne draußen flackerte stärker, und ein Schatten glitt kurz über die Eingangstür.
 

Jill hob unwillkürlich den Kopf. Etwas an der Bewegung ließ sie innehalten.
 

Griffin wischte sich die Hände an einem Tuch ab und drehte sich zu Jill. „Übrigens“, begann er, die Stimme ruhig, aber gedämpft, „bevor du kamst, kam ein Bote vorbei. Hat eine Nachricht abgegeben.“
 

Einen Moment lang fiel kein weiteres Wort. Nur das leise Ticken der Uhr über dem Regal und das ferne Knacken im Ofen füllten den Raum.
 

„Skye?“ fragte Jill schließlich, kaum hörbar. Griffin zog ein zerknittertes Stück Papier unter der Theke hervor. „Er kündigt wohl wieder etwas an. Heute Nacht. Hier in der Gegend.“
 

Jills Finger zögerten, bevor sie den Zettel nahm. Sie faltete ihn auf, doch bevor sie den Text lesen konnte, hob Muffy abrupt den Kopf.
 

„Moment mal… riecht ihr das?“ fragte sie, die Stirn leicht gerunzelt. Griffin drehte sich um, schnupperte. Ein feiner Duft lag in der Luft, schlich sich durch die Ritzen der alten Tür – warm, würzig, verführerisch. „Curry?“ murmelte er überrascht.
 

„Ja!“ Muffy ging zum Fenster, wischte mit dem Ärmel den leichten Beschlag fort und beugte sich hinaus. „Das kommt von draußen. Und es riecht… unglaublich gut.“
 

Der Nebel draußen schien dichter geworden zu sein. Der Duft wehte erneut herein – stärker, fast zu süß, als wollte er die Sinne betäuben.
 

Jill stand noch immer mit dem Zettel in der Hand. Ihr Herz schlug schneller. „Das ist kein Zufall“, murmelte sie.
 

Der Curry-Duft zog wie ein Köder durch den Raum, stärker jetzt. Sie tastete mit den Augen zum Eingang, spürte die Stille zwischen ihnen. Etwas in ihrem Innern wollte sie antreiben zu sehen, was draußen war – doch ihre Beine weigerten sich zu gehen.
 

Griffin legte das Tuch beiseite und trat neben Muffy ans Fenster. Der würzige Geruch drang nun deutlicher herein – warm, tröstlich und doch seltsam fehl am Platz in dieser nebligen Nacht.
 

„Verdammt“, murmelte Griffin, „das riecht, als würde direkt vor der Tür jemand kochen.“
 

Muffy lachte leise. „Mitten in der Nacht? Vielleicht hat jemand eine Straßenküche eröffnet.“ Sie sah kurz zu Jill, die noch immer mit dem Zettel in der Hand dastand, dann wieder nach draußen.
 

„Ich geh mal schauen.“, entschied Griffin und griff nach seiner Weste.
 

„Ich komme mit.“, entschied Muffy. „Wird eh gleich Zeit zum Öffnen. Schauen wir also schnell.“
 

Sie zogen ihre Jacken über, Muffy warf sich ein Tuch um die Schultern. Als sie die Tür öffneten, strömte der Duft ihnen entgegen, dichter, süßlich und würzig zugleich. Der Nebel glitt durch die offene Tür, kroch wie lebendig über den Boden der Bar.
 

„Bleib du ruhig hier, Jill“, rief Griffin über die Schulter. „Wir sind gleich wieder da.“
 

„Schon gut“, antwortete sie automatisch, doch ihre Stimme klang abwesend.
 

Die Tür fiel ins Schloss, und das Klicken hallte laut in der plötzlichen Stille nach. Nun war sie allein.
 

Das Licht der Öllampen flackerte, als würde ein unsichtbarer Wind durch den Raum ziehen. Die Schatten an den Wänden bewegten sich sachte, fast wie in einem Atemrhythmus. Jill stand reglos da, den Zettel immer noch in der Hand, das Herz pochte spürbar in ihrer Brust.
 

Draußen verklangen die Schritte von Griffin und Muffy, bis nichts mehr blieb als das leise Knacken des Ofens und das Rauschen des Nebels, der gegen die Fenster drückte.
 

Ein dumpfes Geräusch ließ sie auffahren – vielleicht nur der Wind, vielleicht auch nicht. Sie drehte sich langsam zur Tür um.
 

Die Bar war ruhig. Nur das Ticken der Wanduhr, und das Licht kam durch die Fenster über den Tresen, als die Tür aufging.
 

Im Türrahmen zeichnete sich die Silhouette eines Mannes ab, dessen Haltung so selbstverständlich wirkte, als gehöre ihm die Welt. Sein Haar schimmerte im schwachen Licht wie geschmolzenes Silber, jeder Strahl, der ihn traf, schien sich an ihm zu brechen. Als er eintrat, fiel der Schein der Lampe auf seine Augen – ein helles, klares Grün, das in der Dunkelheit fast leuchtete. Sie hatten etwas Unwirkliches, wie das flüchtige Aufblitzen von Licht auf Wasser – ruhig und doch voller Tiefe.
 

Er trug ein Hemd mit auffälligem Muster, das in der Bewegung leise raschelte, dazu weinrote Hosen, die seinem schlanken Körper eine gewisse Lässigkeit gaben. Er bewegte sich lautlos, geschmeidig, fast tänzerisch – jeder Schritt schien Teil einer Choreografie, die nur er kannte.
 

„Ah… da bist du also“, sagte er, und seine Stimme war ruhig, weich und dennoch von einer Art Selbstgewissheit durchzogen, die Jill kurz den Atem nahm. „Ich wusste, dass wir uns wiedersehen würden. Es war… Schicksal.“
 

Sein Lächeln war kaum mehr als ein Hauch, aber es trug diese unheimliche Mischung aus Charme und Berechnung – als wüsste er genau, welche Wirkung er hatte.
 

Jill spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Etwas in seiner Gegenwart zog sie an, wie ein unsichtbarer Faden, der sich um ihre Brust legte.
 

„Vielleicht hast du recht,“ erwiderte sie schließlich. „Es scheint wirklich Schicksal zu sein.“
 

Sein Lächeln vertiefte sich. Es war, als hätte sie damit ein unsichtbares Spiel eröffnet, eines, das er seit langem beherrschte – und das er nun genoss.
 

„Oh?“ Er trat einen Schritt näher, und der Duft seines Parfüms – etwas Frisches, mit einer kaum greifbaren Note von Rauch – füllte den Raum. „Das freut mich zu hören. Vor allem, wenn eine so bezaubernde junge Frau das Schicksal auf meiner Seite sieht.“
 

Jill hätte lachen können, wenn da nicht dieses Gefühl gewesen wäre, dass er jedes Wort genau so meinte.
 

Skye trat näher, sein Blick kurz auf ihr verweilend, bevor er sich abwandte – als hätte er längst entschieden, dass sie keine Bedrohung war, sondern Teil der Szenerie, die er für sich beanspruchen durfte.
 

„Ich würde mich ja gern länger mit dir unterhalten,“ sagte er mit einem leichten Lächeln, das irgendwo zwischen Entschuldigung und Spiel lag, „aber… die Zeit drängt.“
 

Mit fließender Bewegung ging er an ihr vorbei. Jill folgte ihm mit den Augen, jeder Schritt von ihm war lautlos, kontrolliert, beinahe zu elegant für diesen Ort. Er wirkte, als gehöre er nicht in diese Bar – und gleichzeitig, als würde sie ihm in diesem Moment allein gehören.
 

Er blieb vor der Theke stehen, ließ den Blick über die Regale schweifen. Dann hob er die Hand, ließ die Finger sacht über die Flaschenhälse gleiten – eine beiläufige, aber präzise Bewegung, als wüsste er genau, wonach er suchte. Seine Fingerspitzen zeichneten eine Spur über Glas und Holz, bis er schließlich eine Flasche herauszog. Sie schimmerte bernsteinfarben im Lampenlicht.
 

Jill wollte ihn aufhalten - doch ihr Körper gehorchte ihr nicht.

Ein seltsamer Druck legte sich auf sie, schwer und unsichtbar, wie eine unsichtbare Hand, die sie auf den Boden nagelte. Ihre Beine fühlten sich plötzlich bleiern an, ihre Finger taub.
 

Ihr Atem ging flach, aber ihre Augen blieben auf ihn gerichtet.
 

Skye bemerkte sie, drehte sich halb um. Ein Schatten von Zufriedenheit glitt über sein Gesicht.
 

„Ich bitte um Verzeihung,“ sagte er ruhig, als hätte er ihre Gedanken erraten.
 

Seine Stimme klang nicht spöttisch – eher sanft, fast bedauernd. Und doch lag darin etwas, das sie nicht greifen konnte.
 

Er legte den Kopf leicht schief, das silbrige Haar glitt über seine Stirn, und in seinen grünen Augen flackerte ein Licht, das sie frösteln ließ.
 

Jill spürte, wie ihre Stimme sich endlich löste, als hätte der unsichtbare Druck für einen Atemzug nachgelassen.
 

„Warum tust du das?“ fragte sie leise. „Warum… stiehlst du?“
 

Skye hielt in der Bewegung inne. Die Flasche in seiner Hand schimmerte im Licht, doch er sah sie nicht an – betrachtete stattdessen das Etikett, als läge darin eine tiefere Wahrheit verborgen.
 

Dann hob er leicht die Schultern, ein beiläufiges, fast gleichgültiges Zucken.

„Wer weiß?“ antwortete er, ohne sie anzusehen.
 

Das Lächeln, das seine Lippen streifte, war weder kalt noch freundlich – es war das Lächeln eines Menschen, der mehr weiß, als er zeigen will.
 

„Macht dir das Spaß?“ fragte Jill, und diesmal klang in ihrer Stimme mehr Trotz als Furcht.
 

Er drehte sich zu ihr um, sein Blick traf sie direkt.

Für einen Moment funkelten seine hellgrünen Augen im warmen Licht der Bar, so klar und lebendig, dass sie das Gefühl hatte, in ihnen könnte man sich verirren.
 

„Vielleicht tut es das,“ sagte er leise, „vielleicht auch nicht.“
 

Er trat einen Schritt näher, neigte leicht den Kopf. „Aber das ist doch das Schöne an Rätseln, findest du nicht? Sie verlieren ihren Reiz, sobald man sie löst.“
 

Dann stellte er die Flasche behutsam auf den Tresen zurück, wie jemand, der nie wirklich vorhatte, etwas mitzunehmen.
 

„Ich sollte gehen,“ murmelte er, als wäre es eine Entschuldigung. „Die Nacht wartet nicht.“
 

Er drehte sich zur Tür. Jill konnte nichts tun – sie sah ihm einfach nach.
 

Skye hatte bereits die Hand auf der Türklinke, als er innehielt. Etwas ließ ihn zögern.
 

Jill stand reglos da, das schwache Licht der Lampen spielte über ihr Gesicht. In ihren Augen spiegelte sich der Schimmer der Nacht – Neugier, Unruhe, Faszination.

Er trat einen halben Schritt zurück, gerade so weit, dass sich ihre Blicke wieder fanden.
 

Und dann geschah etwas, das Jill nicht vergessen sollte: Er sah sie an. Direkt. Offen.
 

Kein flüchtiger Blick, kein charmantes Spiel – sondern ein Moment, der still und unendlich wirkte.
 

Seine hellgrünen Augen glühten wie Tau im Mondlicht, klar, tief, und doch unergründlich.
 

Ein feines, fast verschmitztes Lächeln zuckte über seine Lippen.
 

„Weißt du,“ sagte er leise, „vielleicht wirst du irgendwann all deine Antworten bekommen.“

Er hielt kurz inne, als wolle er sicherstellen, dass sie jedes Wort hörte. „Wenn du mich fangen kannst.“
 

Ein Windstoß drang durch die Tür, der Nebel wogte hinein und löschte fast das Licht der Lampen. Für einen Moment schien sein Umriss darin zu verschwimmen, als wäre er selbst Teil der Nacht.
 

„Dann,“ fügte er hinzu, kaum hörbar, „werde ich dir alles erzählen, was du wissen willst.“
 

Er lächelte noch einmal – dieses Lächeln, das zwischen Versprechen und Provokation lag – und trat hinaus.
 

Als er die Tür öffnete, fiel kaltes Mondlicht in den Raum, und für einen flüchtigen Moment schien es, als löste er sich darin auf – als wäre er nie wirklich da gewesen.
 

Die Tür schloss sich hinter ihm, und der Nebel schluckte den Rest seines Schrittes. Zurück blieb der Duft von Gewürzen, Regen und kaltem Eisen blieb wie ein flüchtiger Schatten zurück.
 

Jill blieb zurück, unfähig, den Blick von der Tür zu lösen.
 

Einige Sekunden vergingen, als sich die Tür erneut öffnete.
 

Jill fuhr erschrocken zusammen – ihr Herz setzte einen Schlag aus. Für einen winzigen Augenblick glaubte sie, er sei zurückgekehrt. Ein Teil von ihr, tief drinnen, hoffte es sogar.
 

Doch statt der vertrauten Silhouette im Mondlicht traten Griffin und Muffy in die Bar. Der kalte Nebel folgte ihnen kurz, bevor die Tür sich wieder schloss und die Wärme des Raums zurückkehrte.
 

Griffin balancierte einen dampfenden Topf in den Händen.

„Puh“, brummte er, „das war vielleicht eine Nummer. Kaum zu glauben, was man da draußen einfach so herumstehen lässt.“
 

Jill blinzelte verwirrt. „Was… habt ihr da?“
 

„Curry!“ rief Muffy begeistert, während sie sich den Schal vom Hals wickelte. „Ein ganzer Topf, einfach so draußen auf dem Geländer vor der Bar! Und es riecht fantastisch.“
 

Der würzige Duft breitete sich sofort im Raum aus – warm, süßlich, vertraut. Jill fühlte, wie sich ihr Magen leicht zusammenzog. Das war sein Duft.
 

„Wir haben uns umgesehen“, erklärte Griffin, während er den Topf vorsichtig auf die Theke stellte. „Aber da war niemand. Nur der Nebel. Keine Spuren.“
 

Muffy hängte ihren Mantel an die Garderobe und sah sich suchend um. „Wer stellt denn bitte so etwas einfach hin und verschwindet? Es war… seltsam.“
 

Jill stand still hinter der Theke, ihre Hände fest an der Holzplatte. Ihre Stimme klang leise, fast zögerlich. „Er war hier.“
 

Beide drehten sich zu ihr um. „Wer?“ fragte Muffy, die Stirn gerunzelt.
 

„Skye,“ sagte Jill. „Der Phantomdieb.“
 

Muffys Augen wurden groß. „Was?! Der Phantomdieb war hier?“
 

Sie stürmte an die Regale, ließ den Blick hektisch über die Flaschenreihen huschen. „Hat er was gestohlen?“
 

Jill nickte schwach. „Ja. Eine Flasche. Ich konnte ihn nicht aufhalten.“
 

Muffy folgte der Lücke im Regal mit dem Finger, bis sie innehielt. Ihr Gesicht veränderte sich, und sie seufzte tief. „Natürlich… der Okuhattan.“
 

Griffin trat näher, legte Jill beruhigend eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme war ruhig, fast väterlich.
 

„Ist schon gut. Hauptsache, dir geht’s gut.“
 

„Aber ich…“ Jills Stimme zitterte. „Ich hätte etwas tun sollen…“
 

Griffin schüttelte den Kopf. „Nein. Das hätten wir nie von dir erwartet.“
 

Muffy nickte zustimmend, auch wenn sie immer noch nervös auf die Regale starrte.
 

„Na toll. Ein Dieb, der kocht und dann unseren besten Schnaps klaut. Der Typ hat Stil, das muss man ihm lassen. Charmant.“
 

Jill sah auf den Topf Curry, der in feinem Dampf glühte.
 

Der Duft erinnerte sie an den Moment, als er sie angesehen hatte – an seine Worte, die immer noch in ihrem Inneren nachklangen: Wenn du mich fangen kannst…
 

Sie lächelte kaum merklich. Vielleicht war das Schicksal wirklich nicht zu Ende.
 

***

Zurück in der Gegenwart - Sa., 9. November YYY1

„Es geht die Tür auf. Ganz ruhig. Und er kommt herein – als wäre er ein Stammgast. In diesem Moment wusste ich wer er war.“, erzählte Jill.
 

Nanali hielt unwillkürlich den Atem an. „Er? Du meinst Skye?“ fragte sie leise.
 

Jill nickte kaum merklich. „Ja. Er hatte diesen… seltsamen Blick. Selbstbewusst, aber ruhig. Kein Mensch, der sich versteckt. Er ging direkt auf die Bar zu.“
 

Sie sprach leise, fast so, als rede sie zu sich selbst. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Faszination und Vorsicht, als hätte diese Begegnung mehr in ihr ausgelöst, als sie zugeben wollte.
 

Nanali beugte sich vor, die Augen weit offen. „Und? Was hat er gemacht?“
 

„Er hat den Okuhattan geklaut.“, seufzte Jill.
 

„Und du standest einfach da?“
 

„So ungefähr.“ Jill strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ihr Ton war ruhig, aber etwas in ihrer Stimme vibrierte leicht – eine Spannung, die die anderen spürten, auch wenn sie sie nicht einordnen konnten.
 

Sie hielt kurz inne.
 

Jill nickte kaum merklich. „Er trug keine Maske. Keine Kapuze. Nur dieses selbstsichere Lächeln. Ich wollte mich ihm in den Weg stellen“, sagte Jill leise, fast tonlos. „Das war mein erster Gedanke. Ich meine… er war ein Dieb. Ich hätte ihn aufhalten sollen.“
 

Sie schwieg, und für einen Moment war nur das ferne Rauschen des Flusses zu hören.
 

Sie hielt kurz inne, und die Luft um sie schien schwerer zu werden, als sie weitersprach. „Aber… als er näherkam, konnte ich mich nicht bewegen. Es war, als würde etwas in mir sagen: Bleib stehen.“
 

Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie einen Gedanken loswerden. „Ich weiß, wie das klingt. Aber da war… etwas. Eine Art Schimmer, ein Gefühl in der Luft – wie wenn Magie durch den Raum zieht. Ich hab es gespürt, bis in die Fingerspitzen. Selbst der Segen der Erntegöttin hat mich davor nicht schützen können.“
 

Claire und Nanali sahen sie an, stumm, aber beide spürten es: die Art, wie Jill sprach, war anders. Da war keine Übertreibung, kein Versuch, spannend zu klingen – nur ehrliche Verwunderung.
 

„Und dann?“ fragte Claire schließlich, leise, fast ehrfürchtig.
 

„Dann ist er an mir vorbeigegangen“, flüsterte Jill.
 

Nanali starrte Jill entsetzt an. „Etwas, das der Magie der Erntegöttin trotzt?“ fragte sie ungläubig. „Das kann doch nicht sein.“
 

Claire und Jill tauschten einen kurzen Blick – ein stilles Einverständnis zwischen denen, die mehr wussten, als sie zugeben mochten.
 

„Es klingt verrückt, ich weiß“, begann Claire ruhig. „Aber… auf der Insel gibt es auch noch andere Magie.“
 

„Hexerei“, fügte Jill leise hinzu. Das Wort hing schwer zwischen ihnen, als würde es allein durch seinen Klang die Luft verdichten.
 

Nanali blinzelte. „Hexerei? Ihr meint… echte Magie? Nicht die Gaben der Göttin?“
 

„Nicht dieselbe Art“, erklärte Claire, die Hände locker auf den Knien. „Die meisten halten es für Aberglauben. Geschichten, die man sich am Feuer erzählt. Aber diejenigen, die den Segen der Erntegöttin spüren können…“ – sie warf Jill einen kurzen Seitenblick zu – „…die begegnen ihr meist früher oder später. Die meisten sind harmlos. Aber es gibt auch jene, die zu einer Menge Unfug fähig sind.“
 

Nanali schwieg. Ihre Finger spielten gedankenverloren an einem Stück Rinde, das sie vom Baum gelöst hatte. „Ich dachte immer, das seien nur Geschichten. So was wie... Märchen.“
 

„Manchmal sind Märchen nur Erinnerungen, die zu alt geworden sind“, sagte Claire leise.
 

Für einen Moment sagte niemand etwas. Der Wind rauschte durch die Äste, und irgendwo unten gluckerte das Wasser über Steine – vertraut und doch fremd.
 

Nanali spürte eine Gänsehaut, nicht aus Furcht, sondern aus dieser ehrfürchtigen Ahnung, dass ihre Welt größer war, als sie gedacht hatte.
 

Jill lächelte schwach. „Die meisten nehmen es gar nicht so ernst. Haben sich ablenken lassen von einem Topf Curry, den er draußen stehen gelassen hat.“, sagte sie stattdessen und schüttelte leicht den Kopf. „Griffin und Muffy schon gar nicht. Griffin meinte, das sei alles nur Angeberei – und Muffy fand es eher... charmant.“
 

Claire grinste. „Typisch Muffy.“
 

„Ist es noch stehlen oder ein Tauschhandelt?“, grübbelte Nanali.
 

„Guter Einwand… Der Topf Curry hat mehr eingebracht, als es die ganze Flasche Okuhattan getan hätte… Die Gäste waren beeindruckt…“, schmunzelte Jill. Lou hat es mir heute Morgen erzählt. Auch…dass er heute Abend bei der Ausgrabungsstätte auftauchen soll. Es heißt, er hat angekündigt, dort etwas stehlen zu wollen.“
 

„Ein echter Kaito Kid!“ platzte Nanali begeistert heraus. Ihre Augen leuchteten, und sie klatschte fast in die Hände. „Wie aufregend ist das denn bitte? Ein Dieb, der seine Coups vorher ankündigt – das ist doch wie in einem Krimi!...“
 

Nanali saß mit leuchtenden Augen da, als Jill ihre Geschichte beendete. Ihre Begeisterung war kaum zu bremsen, und sie rutschte fast auf dem Ast nach vorne, als könnte sie so jedes Wort besser greifen.
 

„Ein echter Phantomdieb! Das ist ja unglaublich!“ Sie lachte, das Herz voller Abenteuerlust.
 

Jill nickte nur, etwas verlegen. Sie hatte nicht erwartet, dass die Erinnerung sich beim Erzählen wieder so echt anfühlen würde.
 

Nanali strahlte. „Dann weiß ich ja, wo ich heute Abend hingehe. Kann ich meine Reservierung für die Bar noch stornieren?“
 

Claire sah sie fragend an. „Wie meinst du das?“
 

„Na, zur Ausgrabungsstätte natürlich!“ sagte Nanali begeistert. „Wenn Skye sich dort blicken lässt – wer weiß, was man zu sehen bekommt!“

Jill blinzelte überrascht. „Moment – du willst dahin?“
 

Nanali grinste verschmitzt.
 

Jill starrte sie an. „Du meinst das ernst?“
 

„Aber klar!“ erwiderte Nanali unerschrocken. „So eine Gelegenheit bekomme ich nicht noch einmal. Außerdem… die Ausgrabungsstätte sieht von hier oben wirklich spannend aus.“ Sie zeigte flussaufwärts, wo das helle Zeltgewebe im Sonnenlicht schimmerte.
 

Jill öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch die Worte blieben aus. Etwas in Nanalis Begeisterung war so ansteckend, dass sie sich selbst dabei ertappte, wie sie kurz an denselben Gedanken glaubte – dass es vielleicht wirklich Schicksal war.
 

Claire schmunzelte leise und zog sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Na, wenn wir zusammen gehen,“ sagte sie, „wird schon nichts passieren.“
 

Nanali lachte, und sogar Jill konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Doch tief in ihr regte sich ein flüchtiger Schatten – ein leises, kaum greifbares Gefühl, dass diese Nacht anders werden würde, als sie alle ahnten.

Whispers in the Clay - The Secret Interpreter

Whispers in the Clay - The Secret Interpreter
 

Sa., 9. November YYY1

Jills Wohnung war klein. An der unteren Wand befand sich die Eingangstür, mittig positioniert, davor eine kleine Fußmatte, auf der in klaren Buchstaben „WELCOME“ stand. Links im Raum stand das ausge-zogene Bett, die Kopfenden gegen die Wand gelehnt. Diese wurde über dem Bett von zwei großen Fens-tern mit Vorhängen davor unterbrochen.

Auf beiden Seiten neben dem Bett war ein kleiner Raum geblieben. Auf der Seite der Tür befand sich ein kleiner freier Raum, in dem ein rechteckiger Korb stand, stabil und geschlossen, auf dem eine kleine Lam-pe ruhte. Auf der gegenüberliegenden Seite, links vom Bett, war der Raum so eingerichtet, dass ein Nacht-tisch seinen Platz fand – allerdings nicht direkt am Bett, sondern mit dem Rücken zur gegenüberliegenden Wand.

Die obere Wand des Raums, also die Wand gegenüber der Eingangstür, war in verschiedene Funktionsbe-reiche gegliedert. Neben dem kleinen Nachttisch ein langes, tiefes Bücherregal. Direkt daran anschließend eine kleine Kommode, die sowohl Bücher als auch Körbe mit allerlei Utensilien aufnahm. Auf ihrer Ober-fläche ruhte ein Fernseher. Eine Zimmerpflanze und ein Korb, der als Mülleimer diente, unterbrachen die Fläche und leiteten zur Küchenzeile über, die rechts an dieser Wand stand. Sie war schlicht und funktio-nal, mit Spüle, Arbeitsfläche und Herd.

Auf der rechten Seite des Raumes trennte ein Fenster die Küchenzeile vom Rest. Daneben befand sich eine kleine Kommode, in der Jill ihre Klamotten aufbewahrte. Auf ihr standen Gels, Kleidung und Kosme-tik organisiert nebeneinander. Daneben - ein großer, langer Standspiegel und in der Ecke zur Eingangstür stand ein niedriger Tisch mit einem Sitzkissen, das an die japanische Art der Bodensitzmöbel erinnerte – einfach, praktisch und zugleich gemütlich.

Im Zentrum des Raums zieht ein runder kleiner Tisch, an dem gegessen werden konnte.

Der Boden war hell, vermutlich Holz oder Laminat, und verband alle Elemente zu einer harmonischen Einheit - kompakt wie ein Studio-Apartment, aber mit genügend Liebe zum Detail, um Gemütlichkeit auszustrahlen. Hier lebt man, arbeitet man, ruht man – alles auf engem, aber einladendem Raum vereint.

Claire stand in der oberen rechten Ecke des Raumes. Die Ärmel hochgekrempelt, eine Hand am Löffel, mit dem sie prüfend durch eine Schüssel rührte. Im Kühlschrank hatte sie das Wenige gefunden, das es gab – ein Stück Käse, etwas Brot, ein paar Kräuter, ein Rest Suppe. Aus diesen Kleinigkeiten wollte sie etwas machen, das reichte, um die Kälte der Nacht zu vertreiben.

Die Küche erinnerte sie an ihre Eigene. Ein kleiner Minikühlschrank neben dem ein kleines Waschbecken und zur Wand hin - ein schmaler Unterschrank mit Platz für zwei Kochfelder. Die Pfannen hingen an Ha-ken an der Wand. Darüber zwei Holzregalböden mit Schüsseln, einem einzigen Krug mit Kochlöffeln und ähnlichem, einige wenigen Teller und Tassen. Eine davon fasste das gesamte Besteck. Darunter ein Zahn-putzbecher mit Jills Zahnbürste. Ganz wie daheim., dachte sich Claire mit einem Schmunzeln.

Das sie und Nanali mit ihren Koffern angerückt waren, machte den Raum noch beengter, als er ohnehin schon war. Aber auch zu dritt, konnte man hier noch zurechtkommen.

Nanali stand ein Stück entfernt, am Bett gelehnt, in der Hocke. Die Hände locker in den Taschen. Sie ließ den Blick über die Regalbretter schweifen, wo Bücher in ungleichen Reihen standen, ihre Rücken abge-griffen, der Staub fein auf den oberen Kanten. Es war eine stille Neugier, die sie dazu brachte, eines her-auszuziehen, den Daumen zwischen die Seiten zu legen. So ging sie Buch für Buch durch, bis sie fand, was sie suchte:

In der Pflanzenwelt entscheidet die Blüte über die Weitergabe der Gene. Die weibliche Pflanze trägt auf ihrer Narbe die Möglichkeit, Samen zu entwickeln, wenn sie Pollen empfängt. Die männliche Pflanze produziert Pollen in den Staubblättern. Um gezielt neue Kreuzungen zu schaffen, kann der Gärtner den Pollen vorsichtig mit einem Pinsel aufnehmen und auf die Narbe der weiblichen Blüte auftragen. Auf diese Weise verbinden sich die genetischen Eigenschaften beider Eltern, und aus der bestäubten Blüte kann eine Frucht oder ein Samenkapsel entstehen, aus der neue Pflanzen hervorgehen.

Jill saß an dem niedrigen Tisch neben dem Spiegel, den Blick versonnen auf ihre Hände gerichtet.

Die Luft war ruhig. Nur Claires leises Rühren im Topf, Nanalis umblätternde Finger, Jills Atem. Nichts drängte.

Dann, nach einem Moment, stand Nanali auf, das Buch in der Hand, und trat zu Jill hinüber. Sie beugte sich leicht über ihre Schulter, das Haar streifte Jills Arm. Der Spiegel fing für einen Augenblick beide ein.

Auf dem Tisch stand die Crystal Blue still in ihrem Glas, die Wurzeln sanken schwer ins klare Wasser. Neben ihr Sage Soil und Trick Blue. Eingetopft - jede Blüte geöffnet, bereit, ihre Gene zu empfangen.
 

Upseed war noch zu jung, ein grünes Bündel in einem kleinen Topf, welches noch keine Blüten trug. Gestern hatte sie einen Teil der Pollen von Crystal Blue vorsichtig in ein kleines Tütchen gelegt, tief in den Kühlschrank gestellt, für genau diesen Moment.
 

Nun jedoch nahm sie einen Pinsel zwischen Daumen und Zeigefinger, um die restlichen Pollen der Crystal Blue zu verteilen. Zuerst streifte sie die Borsten über die Staubblätter der Crystal Blue, die noch leuchtend goldenen Körnchen klebten an den Borsten. Vorsichtig klopfte sie überschüssigen Staub ab, damit nichts verklumpte. Dann neigte sie sich über Sage Soil. Die Narbe der Blüte schimmerte wie feiner Morgentau. Sie berührte sie leicht mit dem Pinsel, tupfte in kleinen, gleichmäßigen Bewegungen, bis sie spürte, dass der Pollen haften blieb.
 

Mit einem sanften Schwung ging sie weiter zu Trick Blue. Den Pinsel nicht säubern, sondern die restlichen Körnchen von Sage Soil vorsichtig auf der Narbe verteilen. Wieder ein vorsichtiges Tupfen, ein leichtes Streichen entlang der feinen Rillen der Narbe, bis die Pollen wie winzige Sterne darauf lagen.
 

Sie richtete den Blick auf Upseed und seufzte leise. Noch keine Blüte, noch keine Narbe. Geduldig würde sie warten.
 

Als sie fertig war, stellte sie die Crystal Blue zurück ins Glas. Die Pflanze schien fast zu wissen, dass ihre Aufgabe erfüllt war. Sage Soil und Trick Blue standen nun ruhig da, bereit, aus der Berührung die ersten Samenansätze hervorzubringen. Sie legte den Pinsel zur Seite, wischte vorsichtig über ihre Finger, und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht – der Anfang neuer Kreuzungen war gemacht.
 

„Es kann nun ein bis zwei Wochen dauern, bis die reifen Samen bereit zur Aussaat sind. Und anschließend noch mal sechs bis acht Wochen, in denen der Sämling herauswächst, bis er blühfähig ist. In zwei bis drei Monaten wissen wir, ob die Kreuzung funktioniert hat. Damit sie alle Eigenschaften besitzt, die du dir wünschst, müssen mehrere Kreuzungen stattfinden. Takakura hat es ja erklärt.“
 

Nanali seufzte. „Das ist eine ganz schön lange Zeit. Aber ja klar. Ich verstehe. Sie zu kultivieren, wird echt lange dauern… Und es ist nicht mal gesagt, ob es überhaupt funktioniert. Ich bin total ungeduldig.“
 

Jill belächelte sie und legte den Finger sanft auf die Tonränder, hinter denen Sage Soil und Trick Blue in ihren Töpfen standen. „Ungeduld ist bei Pflanzen keine Hilfe“, sagte sie leise.
 

Claire stellte den Löffel beiseite und drehte sich zu ihnen um. Der Duft der Suppe – würzig, warm – breitete sich im kleinen Raum aus. „Essen ist fertig“, sagte sie und stellte drei dampfende Schalen auf den runden Tisch. „Zeit für Abendessen“, meinte Claire, mit einem leisen Lächeln. „Danach brechen wir auf zu unserem nächtlichen Date unter Sternen.“, frohlockte sie in ihrer für sie üblichen unbekümmerten Art.
 

„So könnte man es nennen“, erwiderte Jill trocken, doch in ihrem Blick blitzte etwas wie Vorfreude auf. Sie stand langsam auf, nahm die Schüssel entgegen. „Mein Schicksal wartet auf mich.“, murmelte sie leise.
 

***
 

Der Abend legte sich sanft über das Vergissmeinnicht-Tal. Das Licht der sinkenden Sonne färbte die Felder in goldene Töne, und über dem kleinen Wasserfall glitzerte der feine Nebel, der sich jeden Abend dort bildete. Aus der Ferne war das leise Schlagen eines Hammers zu hören — das rhythmische Geräusch der Ausgrabungsstätte.
 

Yugi wischte sich den Schweiß von der Stirn und beugte sich über den Fund, den er gerade freigelegt hatte: ein Stück bemaltes Tonfragment, kaum größer als seine Handfläche. Die Farben waren erstaunlich gut erhalten — blasse Linien, die eine Frau mit einer Ähre in der Hand zeigten.
 

„Vielleicht gehört das zu den Tafeln, die wir gestern gefunden haben,“ meinte er leise.
 

Bakura, der auf einem umgestürzten Holzkasten saß und seine Fundnotizen durchging, hob den Blick. „Möglich. Oder es ist wieder eines dieser Bruchstücke, die zu gar nichts passen.“ Er trat näher, strich sich den Staub von der Hose und beugte sich über das Tuch, auf dem sie ihre bisherigen Funde sortiert hatten. Dutzende Scherben lagen darauf, jede sorgsam beschriftet. Vorsichtig drehte er das neue Stück in den Händen. Die Bruchkante war scharf, aber das Material fühlte sich glatt an, fast warm. Ein zarter Abdruck verlief über die Oberfläche – vielleicht ein altes Muster, vielleicht nur eine Spur der Zeit.
 

„Wir sollten für heute Schluss machen,“ sagte Bakura. „Es ist schon zu dunkel, und bei Lampenlicht übersieht man zu viel.“
 

Yugi nickte. Sein Blick wanderte über die verstreuten Teile, über das bereits zusammengesetzte Stück, das so still und unvollständig dalag. Irgendetwas an dem Anblick berührte ihn – dieses Gefühl, dass alles einmal ein Ganzes gewesen war, bevor es zerbrach.
 

Er wusste nicht, warum, aber ein vertrautes Echo regte sich in ihm – leise, kaum greifbar.

„Ja,“ murmelte er schließlich. Dann verließen sie zusammen die Ausgrabungsstätte mit ihren neuen Funden.
 

Ein Windstoß wehte den Duft von frischer Erde und feuchtem Gras herüber. Über den Hügeln begannen die ersten Lichter der Häuser zu glimmen — das Tal bereitete sich auf die Nacht vor. Von hier oben konnte man fast das ganze Dorf sehen: die schmalen Wege, die kleinen Felder, die Scheune am Flussufer.
 

„Ich finde es seltsam,“ murmelte Yugi. „Vor zwei Monaten sind wir hier angeschwemmt worden. Und jetzt… fühlt sich dieser Ort fast wie Zuhause an.“
 

Bakura antwortete nachdenklich: „Vielleicht, weil die Insel uns nicht einfach zufällig hierhergebracht hat.“
 

„Vergissmeinnicht,“ sagte Yugi lächelnd.
 

„Passender könnte es kaum sein,“ antwortete Bakura leise.
 

Für einen Moment standen sie schweigend da. Das Rauschen des Wasserfalls mischte sich mit dem Summen der Insekten, und in der Luft lag etwas, das sich nur schwer beschreiben ließ — eine leise Erwartung, als würde die Erde selbst atmen und auf etwas warten.
 

Bakura legte schließlich die Hand auf Yugis Schulter. „Wenn dieser Ort wirklich die Spuren einer alten Zivilisation birgt… dann will ich wissen, warum sie verschwunden ist. Und was sie zurückgelassen haben.“
 

Yugi nickte. „Vielleicht finden wir es gemeinsam heraus.“
 

Das Tal versank langsam im Mondlicht. Über ihnen funkelten die ersten Sterne, und das Vergissmeinnicht-Tal schien in einem stillen, silbrigen Atemzug zu erwachen.
 

***
 

Jill, Claire und Nanali traten in das Zelt. Der Stoff knisterte leise, als sie die Plane hinter sich schlossen, und sofort umfing sie der vertraute Geruch von Erde, altem Holz und leichten Rauchspuren. Klapptische standen auf der linken Seite, vollgestellt mit Fundstücken, sorgfältig nummerierten Scherben, Notizblöcken, Pinseln und kleinen Boxen. Dazwischen lagen lose Papiere, Werkzeuge und ein Sandwich.
 

Rechts waren die Feldlagerbetten aufgereiht, aufgerollte Schlafsäcke lagen ordentlich am Fußende, als hätte jemand gerade die Nacht geplant. Ein sanftes, warmes Licht kam von mehreren Öllampen, die an Haken und Stangen hingen, und warf flackernde Schatten über die Tische und ihre Gesichter.
 

In der Mitte des Zeltes stand ein kleiner Metallofen. Auf ihm glühte die Kohle, die Hitze wärmte den Raum auf. Ein Kessel mit Wasser stand darauf und über dem Rand ragten zwei Tassen, jede mit einem Teeei vorbereitet. Das warme Aroma von Kräutern und Tee mischte sich mit dem staubigen Duft der Fundstücke und brachte eine seltsame, heimelige Ruhe in das Zelt.
 

Jill trat als Erste ins Zelt, sie hielt die Plane für Claire und Nanali auf.. „Guten Abend, Carter,“ sagte sie, die Stimme ruhig, freundlich und klar. Dann wandte sie sich leicht zur Seite: „Und hallo, Flora.“
 

Flora war die Assistentin von Carter, aber ebenso unermüdlich wie ihr Chef bei der täglichen Arbeit in der Ausgrabungsstätte. Ihr langes, lockiges blondes Haar war zu einem tiefen Zopf gebunden, das Grün eines einfachen Tuchs durchzog die Strähnen und hielt sie aus dem Gesicht. Sie trug ein leicht staubiges, beiges Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, robuste Hosen, die genügend Taschen für Notizen und kleine Werkzeuge boten, und abgetragene Lederstiefel, die jedem unebenen Gelände standhielten. An der Hüfte hing eine kleine Tasche mit Pinseln, Messern und Lupen – alles griffbereit, stets bereit für einen spannenden Fund.
 

Carter wirkte wie der klassische Archäologe, dessen Leben vom Feld und von Geschichte geprägt war. Er trug eine einfache, aber robuste Feldjacke über einem Hemd, die Ärmel ebenfalls hochgekrempelt. Seine Hosen waren praktisch, abgenutzt, und seine Stiefel zeigten deutliche Gebrauchsspuren. Das kantige Gesicht war von tiefen Falten und Linien geprägt – deutliche Zeichen eines Lebens voller Arbeit. Er war wohl Mitte fünfzig. Starke Augenbrauen betonten den konzentrierten Ausdruck, unter dem kantigen Stirnbein blitzten wache, neugierige Augen hinter einer schlichten Brille hervor. Sein Haar fiel in den Nacken, an den Seiten hingen die tiefen Koteletten, die sein markantes Profil noch schärfer wirken ließen. Jeder Blick und jede Bewegung strahlte Autorität und Erfahrung aus, aber auch die Leidenschaft für das, was unter der Erde verborgen lag.
 

Flora beugte sich über den Kessel, prüfte vorsichtig die Temperatur des Wassers und nickte zufrieden, während Carter über eine Reihe von Scherben streichelte und dabei leise die Positionen überprüfte.
 

„Perfekt,“ murmelte Flora, als sie das Wasser in die Tassen goss. Der Raum war still, abgesehen vom leisen Knistern der Glut, dem gelegentlichen Klappern eines Messers gegen das Brett und dem leisen Blubbern des Tees im Kessel.
 

Der feine Staub der Fundstücke wirbelte leicht in der warmen Luft des Zeltes auf, als Carter den Pinsel behutsam zur Seite legte.. Dann wandte er sich den drei Frauen zu, seine Augen hinter der Brille fest auf Jill gerichtet. „Also gut,“ begann er, die Stimme ruhig, aber durchdringend. „Was gibt es?“
 

Wir haben von Skyes Nachricht gehört.“, erklärte Jill mit heiserer Stimme.
 

Der ältere Mann runzelte die Stirn und rümpfte leicht die Nase. Dann zog er einen kleinen Zettel aus der Tasche und schob ihn ihr zu.
 

„Heute Abend um Mitternacht werde ich die Tonscherben stehlen.“
 

Ein kurzes Zucken seiner Augenbrauen zeigte, dass er die Situation ernst nahm. Dann atmete er einmal tief ein, die Hände auf die Hüften gestützt. „Ich habe schon Pläne, den Dieb zu fangen. Niemand entkommt mir in meinem Lager.“
 

Er wandte sich kurz zu Flora, die still neben ihm stand und aufmerksam die Szene verfolgte. „Wir müssen alles vorbereiten –Ich will jeden Winkel im Blick haben. Skyes wird nicht wissen, was ihn erwartet.“ Flora nickte.
 

Claire und Nanali tauschten einen kurzen Blick, als würden sie spüren, dass die Nacht mehr als nur Routine bereithalten würde.

Nanali trat neugierig an den Klapptisch mit den Fundstücken heran. Ihre Finger zogen sich unwillkürlich zurück, als wollte sie sie nicht berühren — nicht aus Scheu, sondern aus Respekt vor der Geschichte, die in jedem Fragment ruhte. Ihre Augen glitten über die sorgfältig nummerierten Scherben, über das geordnete Durcheinander von Notizblättern, Pinseln, Boxen und Werkzeugen.
 

Für andere wäre das hier nur ein Haufen alter Steine gewesen, Staub und Krümel, langweilige Reste einer fernen Zeit. Aber für Nanali - schon früher, als sie noch jünger war, hatte sie stundenlang in Museen verbracht, während ihre Freunde ungeduldig die Füße scharrten und nach dem Ausgang riefen. Sie liebte es, die alten Geschichten zu erspüren — die Wege, die Menschen gegangen waren, die Hände, die diese Dinge berührt hatten. Jede Kerbe, jede Absplitterung, jede verblasste Farbe erzählte von Leben, das längst vorbei war, aber in den Objekten weiterlebte.
 

Sie fühlte sich hier mehr zuhause als auf jeder Party oder in jedem Klassenzimmer voller lauter, ungeduldiger Mitschüler. Die alten Dinge sprachen mit ihr auf eine Weise, die niemand sonst verstand. Ein leises Kribbeln lief ihr über die Arme, als sie vorsichtig über die Kanten eines Tonstücks strich, dessen Muster fast verblasst war. Ihre Finger folgten den Linien, und in ihrer Vorstellung lebten die Menschen hinter diesen Gegenständen noch einmal auf, flüsterten Geschichten, die seit Jahrhunderten verschollen schienen.
 

Ein leises Rascheln durchbrach die Stille im Zelt, ein Knarren von Stoff und Holz, das sofort die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Bakura hielt ihn auf, damit Yugi eintreten konnte. In seinen Händen balancierte er eine Mulde, gefüllt mit frisch geborgenen Tonscherben, noch warm vom Aushub und leicht mit Erde verstaubt.
 

Für einen Moment stockten sie, über die drei Ankömmlinge. Stumm verharrten sie einen Moment, ließen ihre Blicke über die Szene gleiten. Unter all den Gesichtern fiel ihnen eine Person besonders auf. Nanali. Sie stand etwas abseits, die Hände locker am Klapptisch, ihre Augen glänzten, als sie die Fundstücke überflog.
 

Stumm besahen sie sich die Frau, die sie zum ersten Mal am Frühstückstisch gesehen hatten.
 

Nanali hob den Kopf, als ob sie die Blicke spürte, und ihre Augen trafen die der beiden Männer.
 

„Es wird kalt.“, meinte sie knapp und forderte die Männer somit auf einzutreten. Dann trat Yugi vorsichtig einen Schritt nach vorn, neben sie, die Mulde in den Händen. Mit geübten Bewegungen stellte er sie auf dem Tisch ab. Er hob den Rand, ließ die ersten Tonscherben sanft hineingleiten, und öffnete die Mulde vollständig.
 

Yugi begann, die frischen Scherben zu sortieren. Jede Scherbe wurde behutsam auf dem Tisch platziert, den Blick auf Form und Farbe gerichtet, sie leicht drehend, prüfend, abgleichend mit den vorherigen Funden. Nanali stand daneben und beobachtete sein Tun über seine Igelfrisur in den vielen verschiedenen Farben. Waren die gefärbt?
 

Kein Wort fiel, nur das leise Klappern der Scherben und das gedämpfte Licht der Öllampen begleiteten ihre Bewegung.
 

Nanali verharrte über den Fundstücken, die Hände dicht über den Tonscherben, ohne sie zu berühren. Ihr Atem war ruhig, aber ihre Schultern leicht angespannt, als würde sie sich innerlich bemühen, die Versuchung zu unterdrücken, die Scherben sofort in die Hand zu nehmen. Ihr Blick wanderte von Fragment zu Fragment, die Augen glänzend vor konzentrierter Spannung, die Knie leicht gebeugt, als wollte ihr Körper ihr Verlangen, sie zu greifen, zurückhalten.

Claire bemerkte die Anspannung. Sie trat einen Schritt näher, legte eine Hand leicht auf Nanalis Rücken und fragte sanft: „Nanali?“
 

Nanali stockte, ihr Kopf senkte sich einen Moment, als wüsste sie nicht, wie sie antworten sollte. Die Worte wollten nicht über die Lippen kommen. Claire lächelte und drängte sie leise: „Na komm schon, sag es einfach.“
 

Yugi sah erwartungsvoll zu ihr hinüber. Nanali atmete tief ein und murmelte schließlich: „Ich… ich kann die Scherben zusammensetzen.“
 

Ein Raunen ging durchs Zelt. Die Frauen am Tisch blickten überrascht auf, Carter zog die Augenbrauen hoch und fragte knapp: „Wie?“
 

„Ich sitze seit Wochen daran, die einzelnen Teile auf den Krug zu setzen und festzukleben. Das dauert einfach ewig.“, warf Flora aufbrausend ein.
 

Nanali erinnerte sich an das Gefühl, das sie als Kind gehabt hatte, wenn sie in einen Beutel mit Zetteln griff — beim Wichteln oder wenn in der Schule Referate ausgelost wurden. War sie die Erste, zog sie immer das, was sie haben wollte. Dieses Gefühl war jetzt wieder da: eine Mischung aus Vorfreude und sicherer Intuition. Sie schwieg, die Hände leicht geöffnet, die Finger noch nicht die Scherbe berührend.
 

Jill sah fragend zu Carter, der nachdenklich abwog, was zu tun war. Schließlich sagte er knapp: „Mach nichts kaputt, Mädchen.“
 

Langsam machte Nanali einen Schritt rückwärts. Verstand es als Aufforderung, sich zunächst zurückzuhalten. Doch Claire schob sie sanft von hinten an und flüsterte: „Also gut. Setzen wir das zusammen.“
 

„Uhm…“, machte Nanali, ihre Finger leicht zitternd. „Ich geb dir die Stücke, du musst sie sauber machen. Ich sag dir nur, wo sie hinmüssen“, sagte sie an Yugi gewandt. Dieser nickte bloß. Nanali sah ihn nicht an.
 

„Ich bin übrigens Yugi.“ Ein behutsamer Versuch das Eis zu brechen.
 

„Ich weiß, wer du bist“, sagte sie nur knapp, ohne den Blick zu heben, als wollte sie ihn gar nicht wahrnehmen. Claire beobachtete die beiden, sprang gedanklich zwischen ihnen hin und her. „Alles in Ordnung?“, fragte sie vorsichtig an Nanali gewandt.
 

„Ja“, kam die kurze Antwort, und sie hielt Yugi die erste Scherbe hin. Für ihn sah es aus, als hätte sie wahllos eines herausgegriffen, doch Nanali platzierte es vorsichtig an den Rand des Krugs, nahtlos einfügte, was Flora zuvor vorbereitet hatte.
 

„Sie gehört hier hin.“, erklärte sie nüchtern und hielt es ihm erneut hin.
 

Yugi staunte, nahm die Scherbe vorsichtig entgegen, die Augen groß vor Überraschung. Bakura beobachtete die Szene aus der Entfernung, die Arme verschränkt: „Interessant. Das kann sie also auch…“, dachte er. „Wem bist du da nur begegnet, Seto?“

The Spell is Broken – Crystal Blue of the Past

The Spell is Broken – Crystal Blue of the Past
 

Sa., 9. November YYY1

Im Schein der Öllampen wirkten die Scherben wie kleine Inseln aus vergangener Zeit, gebettet in Staub und warmes Licht. Auf dem Klapptisch lag der Krug bald vollendet — Ringe aus beige-brauner Erde, stel-lenweise noch feucht vom Leim, dazwischen Flächen von verblasster Farbe und feine, gezogene Linien, die eine Geschichte in Register teilten. Nanali und Yugi arbeiteten schweigend. Es war kein routiniöses Schweigen; es hatte die Schwere einer unausgesprochenen Übereinkunft, die sich zwischen zwei Men-schen gebildet hatte: Nanali, die Anleitung und Blick offensichtlich nicht suchte, und Yugi, der geduldig den Anweisungen folgte, die aus ihren Händen kamen.

Nanali kniete dicht am Tisch, der Rücken angespannt, die Stirn fast bis zur Kante geneigt. Ihre Finger bewegten sich mit der Präzision einer alten, vertrauten Geste — ein Abtasten der Bruchkanten, ein leiser Vergleich der Farbstreifen, ein vorsichtiges Einlegen, so sanft, als würde sie gerade eine lebendige Haut zusammensetzen. Sie sprach nicht, sah nicht auf. Ihre Augen hingen stattdessen am Ton, an den Linien, die für sie lauter waren als Worte; in ihnen lag eine Art Wachsamkeit, die nichts anderes duldete.

Yugi stand neben ihr, die Hände ebenfalls staubig, gelegentlich ein Tuch oder eine Bürste reichend, wenn sie kurz die Position ihrer Finger andeutete. Er hob die Scherbe, reinigte den Rand, reichte sie zurück. Wenn Nanali den Finger leicht hob oder auf eine Stelle deutete, fasste er sie, setzte sie, drückte sie an. Ihre Zusammenarbeit war ein stilles Gespräch aus Berührungen und Blicken zu den Objekten — ein Takt, in dem sie die Verbindung herstellen konnten, ohne den Abstand zwischen ihnen zu verringern.

Doch die Stille begann, schwerer zu werden. Sie zog einen schmalen Faden durch das Zelt, spannte sich über Köpfe und Lampen. Man hörte plötzlich jede kleinste Bewegung deutlicher: das leise Atmen, das Kratzen eines Pinsels, das gelegentliche Klirren, wenn eine Scherbe gegen die Holzplatte stieß. Yugi press-te eine dünne Leimschicht auf einen Riss und hielt dann inne. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, ein kaum merkliches Zeichen von Unsicherheit. Schließlich atmete er aus, noch bevor er sprach, als wollte er sich Mut machen.

„Hast du...“ begann er leise, seine Stimme klang klein in der warmen Luft. „Habe ich etwas getan? Oder… ist irgendetwas passiert, dass du nicht mit mir sprichst?“ Sein Blick suchte kurz ihren Schatten, glitt dann zur Seite, weil Nanali unbewegt blieb.

Die Frage war kaum ausgesprochen, da senkten sich die Köpfe im Zelt ein wenig. Flora stoppte in der Be-wegung, Carter legte die Bruchstücke beiseite, Jill nahm ihren Blick von den Notizen. Claire spürte das Unbehagen wie ein kaltes Blatt, das über die Flamme schlug; sie glitt von ihrem Platz auf und trat näher. Nanali hielt an, die Scherbe zwischen Daumen und Zeigefinger noch immer erhoben — sie stockte, nicht aus Verlegenheit, sondern weil die Spannung sich in ihren Bewegungen festsetzte.

Claire beugte sich ohne Hast vor, stellte sich zwischen Nanali und Yugi, hockte sich auf die Fersen, so dass ihre Knie den stillen Raum teilten. Sie legte keine Hand auf Nanali; allein ihre Präsenz wirkte wie ein kleiner, beruhigender Damm. Nanali atmete, kaum merklich, und die Linie zwischen ihren Augen glättete sich. Claire lächelte, ein offenes, unaufdringliches Lächeln. Während sie sich den Krug besah. Er erinnerte nun mehr an eine Vase.

Nanali zog die Schultern zurück. „Du hast nichts getan. Es gibt keinen Grund für dich, dich schlecht zu fühlen. Ich möchte mich nur auf die Scherben konzentrieren.“ Sie senkte die Hand wieder und deutete mit dem Ellenbogen auf den Krug.

Jill hob die Augenbrauen, skeptisch, und entfernte sich langsam von Flora und Carter, die jetzt wieder damit beschäftigt waren, Scherben zu nummerieren. Jill trat näher, weil der Blick sie reizte, nicht aus Neugierde an der Spannung, sondern am Objekt selbst — an dem Krug. Claire sah auf und fragte leise in die Runde: „Ist euch eigentlich klar, was hier erzählt wird?“

Nanali hielt genau jene Scherbe in der Hand, die Yugi zuvor gefunden hatte: eine Frau, gemalt mit einem schwachen Ocker, in der Gestik unverkennbar eine Ähre haltend. Sie legte sie an die Stelle, an der sie hin-gehörte — hoch, am Beginn der Erzählung — und drehte den Krug vorsichtig, so dass die Lampe das Bild in wechselnden Schatten spielen ließ. Die Malerei war in Registern angeordnet, die oberen Felder durch Linien getrennt von den unteren; die Szenerie entfaltete sich von oben nach unten wie ein herabfließender Erzählfaden.

„Sieht so aus, als beginne es hier oben,“ flüsterte Nanali, mehr zu sich selbst als zu den anderen, und dann klarer: „Die Menschen sind krank. Sie liegen flach oder stützen sich auf Stäbe. Die Felder sind kahl — man sieht nur welkende Pflanzen.“ Sie schob die Scherbe noch mal in die Fuge, als würde das Bild dann lauter sprechen. „Dann beten sie an einer Quelle, die Linien um die Quelle sind wie Atem oder Dampf. Aus der Quelle tritt eine Frau — sie ist die, die die Ähre hält; sie bringt... Ernte.“ Ihre Finger folgten den Figuren, zeigten auf die Reihen unterhalb.

Claire kniete neben ihr, die Hände vorsichtig im Schoß gefaltet. „Die Erntegöttin?“ fragte sie, und in ihrer Stimme lag eine Mischung aus staunender Zurückhaltung und professioneller Neugier.

„Ja,“ sagte Nanali knapp. „Sie tritt aus der Quelle, gießt offenbar etwas aus einem Krug oder streut — es ist nicht ganz klar — und überall beginnen Pflanzen zu sprießen.“ Sie machte eine Geste, die das Aufste-hen andeutete, dann fuhr sie fort, leiser, als würde sie eine andere Reihe lesen: „Weiter unten sieht man drei Männer, die in eine dunkle Öffnung schreiten. Sie tragen Körbe, vielleicht Stäbe, einer hält etwas, das wie eine Fackel aussieht.“ Ihre Stimme wurde noch flacher, konzentrierter. „Die Öffnung ist im Gestein. Die Linien darüber könnten Rauch oder Licht sein — es ist schwer zu sagen. Auf den ersten Blick würde man sagen: sie gehen in eine Ausgrabung, in ein Heiligtum. Oder-…“

Ein kurzes, überraschtes Geräusch kam von Carter; Bakura, der in der Nähe gestanden hatte, runzelte die Stirn. Jill lehnte sich näher, Atem an Atem mit dem Tongefäß, ihre Augen suchten das Bild. Nanali drehte den Krug weiter, bis sie zu der unteren Scheibe kam: das Medaillon am Boden, in dessen Mitte ein Rund-zeichen mit fünf radialen Ausläufern gezeichnet war. Es wirkte gleichzeitig organisch und geometrisch — eine Blume, vielleicht, aber nicht auf die übliche Weise.

Die Scherbe vorsichtig drehend, beobachtet Nanali ein Symbol. Eine Blüte, oder etwas, das wie eine Blüte gedacht ist. Es ist nicht sofort als solche erkennbar — eher wie ein Kristall, dessen Blätter spiralförmig enden. Vielleicht steht es für Heilung, vielleicht für eine besondere Pflanze. Könnte es sein…?, in ihren Gedanken versunken, merkte sie nicht, dass sie in ihrer Erzählung abbrach.

Jill beugte sich so weit vor, dass ihre Nasenspitze beinahe die warme Tonoberfläche berührte. „Die Linien da unten,“ murmelte sie, „können leicht missverstanden werden. Wenn man nicht weiß, dass es eine Mine war…“ Sie stoppte, weil sie spürte, dass sie zu weit vorgreifen würde.
 

Ein Moment der Stille folgte, aber es war kein unbehagliches Schweigen mehr; es war ein gemeinsames Innehalten, in dem jeder die Möglichkeit einer Entdeckung roch. Die Öllampen warfen längere Schatten, das Teekesselchen pfiff leise, irgendwo in der Nähe raschelte ein Notizblatt. Yugi ließ die Hände sinken und trat einen kleinen Schritt zurück, seine Unsicherheit gemildert durch das, was Nanali ausgesprochen hatte — auch wenn er noch immer nicht wirklich verstanden hatte, warum sie ihn vorhin abgewiesen hat-te.

Claire richtete sich auf, wischte sich mit der Hand einen Staubfetzen vom Knie. „Das sollten wir fotogra-fieren, dokumentieren,“ sagte sie, aber das Funkeln in ihren Augen verriet, dass sie innerlich bereits die Bedeutung abwog. „Wenn das wirklich sagt, dass sie Heilmittel in der Tiefe suchten…“

Nanali hob den Kopf, ihre Augen trafen Claires, und für einen kurzen, flüchtigen Moment schien es, als würden beide denselben Gedanken teilen. Kein Wort wurde gesprochen, kein Atemzug verriet ihre Über-einstimmung — und doch lag ein stilles Einvernehmen zwischen ihnen, das stärker war als jede verbale Erklärung. Claire neigte leicht den Kopf, ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen, das die Spannung löste, bevor sie gemeinsam den Blick auf Jill richteten.

Als könne sie kaum fassen, was sie sah, riss sie die Augen weit auf. „Glaubt ihr—?“ begann sie, doch der Satz blieb unvollendet. Ein lautes Klirren durchbrach die Stille, Metall traf auf Metall, und das Geräusch hallte scharf durch das Zelt. Unwillkürlich wandten sich alle Blicke zur Uhr an der Wand: 00:01. Mitter-nacht.

Carter fuhr hoch, die Augen blitzten hinter der Brille. „Dieser miese Dieb!“ rief er, die Stimme scharf und voller Entschlossenheit. „Er versucht, die wertvollen Funde aus unserem Lager zu entwenden!“ Ohne ein weiteres Wort sprang er auf, die schweren Stiefel schlugen auf den Boden, und er machte sich eiligen Schrittes auf den Weg hinaus. Flora folgte sofort, flink und zielstrebig, dicht gefolgt von Yugi und Bakura, die keine Sekunde zögerten, ihnen zu folgen.

Die drei Frauen blieben zurück, von der plötzlichen Bewegung beinahe erstarrt. Sie tauschten Blicke, die sich unausgesprochen über die Arbeit am Krug, das Geräusch der Scherben und die nun fehlende Auf-merksamkeit für die Umgebung spannten. Jill richtete ihren Blick wieder auf die Vase, die immer noch im Zentrum des Tisches thronte, und ein unbestimmtes Gefühl kroch ihr den Rücken hoch.

„Scherben, oder?“ fragte sie schließlich, die Stimme leise, fast mehr zu sich selbst als zu den anderen.

„So stand es in der Notiz,“ antwortete Claire nüchtern, die Augen nicht vom Krug nehmend.

Die Sekunden dehnten sich in quälender Länge. Das Zelt war wieder still, nur der leichte Atem der Frauen und das Flackern der Lampen begleiteten den Moment. Dann schob sich der Zelteingang zur Seite, und eine Präsenz trat ein, die die Luft augenblicklich veränderte. Ein Lächeln glitt über die Lippen der Person, als hätte sie die Szene schon erwartet.

„Welch freudiger Empfang,“ stellte er fest, die Stimme gelassen, die Augen auf die drei Frauen gerichtet, die nun auf der Matte standen. Skye selbst. Sein Blick glitt von Nanali zu Claire, dann zu Jill, die die Vase immer noch wie ein Heiligtum betrachtete. In seinem Auftreten lag ein Hauch von Selbstsicherheit, bei-nahe Provokation — und die Frauen spürten sofort, dass nichts hier zufällig geschah.

Skye trat näher, die Hände locker an den Seiten, ein selbstsicheres Lächeln auf den Lippen. „Ihr habt mir viel Arbeit erspart,“ erklärte er ruhig, fast beiläufig. „Den Krug muss ich nun mitnehmen.“

Er bewegte sich gemächlich an Claire und Jill vorbei, die instinktiv die Position am Zelteingang einnah-men, um ihn aufzuhalten. Doch noch bevor sie ihn greifen konnten, spürten sie etwas Eigenartiges. Ein unsichtbares Gewicht legte sich auf ihre Glieder, begann leise, aber bestimmt, jede Bewegung einzu-schränken. Es war, als würden unsichtbare Fäden ihre Körper halten, straff gespannt, ohne zu schneiden oder zu schmerzen. Die Beine weigerten sich, den gewohnten Schritt auszuführen, als gehörten sie nicht mehr zu ihnen.

Es war nicht schmerzhaft. Es war kein körperlicher Angriff. Dennoch war jede Bewegung plötzlich fremd, fremdbestimmt. Ein merkwürdiger Widerstand durchströmte ihre Muskeln, fest und unnachgiebig, der den Willen ihres Körpers übertraf. Sie waren wie in einer seltsamen Trance gefangen, nur noch Zeugen ihres eigenen Unvermögens.

„Claire, kannst du—?“ flüsterte Jill, die Stimme klein und überrascht, während ihr Blick panisch über die festgehaltenen Glieder glitt.

„Nein,“ antwortete Claire leise, ein Schmunzeln umspielte ihre Lippen, das zugleich Erstaunen und ein gewisses Amüsement ausdrückte. „Jetzt verstehe ich genau, was du meintest.“

Skye drehte sich einen Moment zu ihnen, seine Augen entschuldigend, die Hände leicht erhoben. „Es bereitet mir wahrlich keine Freude, euch das anzutun, aber ich muss—“ Er bewegte sich weiter, schlängel-te sich zwischen den beiden Frauen hindurch, die völlig unbeweglich blieben, unfähig, auch nur einen Schritt nach vorne zu setzen.

Plötzlich schnellte Nanalis Arm hoch, blitzschnell, als hätte er seine eigene Zeitlinie. Die Hand legte sich schützend vor die Vase, die Scherben in ihrer Mitte. „Versuch es gar nicht erst!“ Ihre Stimme hallte durch das Zelt, scharf und klar, so dass selbst die Lampenflamme kurz zu flackern schien.

Ein Moment der Betäubung trat ein. Jill und Claire stießen gleichzeitig erschrockene Laute aus: „Nanali!?“

Skye stoppte, der Ausdruck auf seinem Gesicht wandelte sich: Überraschung, Verwunderung, eine Spur Verblüffung. Doch das schockierte Staunen wich schnell einem süffisanten Lächeln, das die Spannung auf eine fast arrogante Art durchbrach.

„So wie du die Scherben zusammengesetzt hast,“ gab er zu, die Stimme ruhig, aber voller Anerkennung, „hatte ich bereits eine Ahnung.“ Seine Augen glitten über Nanalis Haltung, die Hand auf den Krug, bereit, die Kontrolle zu behalten.

Dann erklangen von draußen Schritte, deutlich und schneller, begleitet von dem leisen Klappern von Werkzeugen oder Ausrüstungsgegenständen auf dem Boden. Skye richtete den Blick nach außen, ein leichtes Zucken im Lächeln. „Sieht so aus, als müsse ich für heute den Rückzug antreten.“

Er drehte sich, glitt fast lautlos an Claire und Jill vorbei, ohne dass sie sich rühren konnten. Nanali senkte langsam den Arm, ließ die Spannung in ihrem Körper nach. Die unsichtbare Last verschwand ebenso plötzlich, wie sie gekommen war. Die Luft im Zelt fühlte sich plötzlich wieder normal an, das Lampen-licht fiel wieder gleichmäßig auf die Scherben, den Krug, und die drei Frauen atmeten tief durch.

Jill schluckte, die Augen noch immer auf Skye gerichtet. „Das war…“ Sie schüttelte den Kopf, unfähig, einen passenden Ausdruck zu finden.

Claire nickte nur, die Stirn leicht gerunzelt, während sie sich wieder aufrichtete. „Zu viel für nur einen Augenblick.“

Nanali jedoch blieb einen Moment lang bei der Vase stehen, die Augen fest auf Skye gerichtet, selbst als er sich entfernte. Sie spürte das Nachbeben der Kraft, die sie gerade gebannt hatte, und ein leises, vorsichti-ges Schmunzeln huschte über ihr Gesicht, während Skye in der Nacht verschwand.

Sowie Skye das Zelt verließ, zog ein leichter Luftzug hinter ihm her. Ein kleines Stück Papier löste tanzte fast schwerelos durch die warme Lampebeleuchtung. Es wirbelte einmal, zweimal, ehe es sanft zu Boden glitt.

Das kleine Stück Papier legte sich vor Jill’s Füße, leicht und knitterig. Ohne nachzudenken, bückte sie sich in die Hocke, die Knie fast am Boden, und ihre Finger hoben das Blatt behutsam auf. Die Öllampen war-fen flackernde Schatten auf ihre Hände, und der Staub auf dem Boden schimmerte in der warmen Luft.

Claire stand einen Schritt entfernt, beobachtete Jill schweigend, ihre Augen folgten jeder Bewegung. Das Papier kurz zwischen Daumen und Zeigefinger rotierend, huschte Jills Blick über die Notizen, nur flüch-tig, doch gerade genug, um den Kern zu erfassen. Es war, als würde sie ein Muster erkennen, ohne dass ein Wort darüber fiel, als würde ein flüchtiges Verständnis in ihr aufblitzen.

Dann faltete sie das Papier sorgfältig, die Kanten präzise übereinanderlegend, fast rituell, und steckte es in die Hosentasche ihrer Hose. Kein Laut begleitete die Bewegung, nur ein leiser Stoffrascheln. Ihre Augen trafen Claires für einen Moment; kein Wort wurde gewechselt, kein Atem verriet die Spannung. Ein stilles Einverständnis lag zwischen ihnen, ein Verständnis, das tiefer ging als Sprache. Jill richtete sich langsam wieder auf, das kleine Geheimnis sicher bei sich verwahrt, und der Moment verflog, bevor jemand ihn greifen konnte.

Noch bevor die anderen das Zelt wieder betreten konnten, wandte sich Nanali an Jill und Claire.

Ihre Stimme war ruhig, aber in ihrem Blick lag eine kalte Klarheit. „Die Menschen gingen in die Erde, um etwas zu holen,“ sagte sie. „Im Bild heißt es: sie suchen Heilmittel. Was genau sie gefunden haben, muss man herausfinden. Das Symbol... es könnte für die Pflanze stehen, die Heilung brachte.“ Sie legte die Hand eine Sekunde auf den Krug, als wolle sie die gesamte Szene noch einmal fühlen. Dann entfernte sie die Hand wieder, und ihr Gesicht nahm die gewohnt konzentrierte Leere an, die sie schützte.

„Glaubt ihr auch, dass hier die Wintermine gemeint ist. Diese Blume weist doch Ähnlichkeit mit Crystal Blue auf.“

Jill und Claire nickten kaum merklich, als der Eingang sich erneut öffnete und die anderen zurück ins Zelt traten.

Fragments of a Hidden Remedy: A Looming Tragedy

Fragments of a Hidden Remedy: A Looming Tragedy
 

So., 10. November YYY1

Claire und Nanali saßen gemeinsam am runden Tisch, der das Zentrum von Jills kleiner Hütte bildete. Die Lampe in der Mitte warf warmes Licht auf die verstreuten Fotos der Vase, die sie zuvor aufgenommen hatten. Beide beugten sich über die Bilder, die Risse, Register und das geheimnisvolle Symbol am Boden zeigten.

„Siehst du das hier?“ Nanali deutete auf das letzte Zeichen, ein filigranes Muster aus fünf radialen Ausläu-fern, das sich im Licht wie ein Kristall schimmernd zu entfalten schien. „Die Form… es sieht aus wie eine Blüte, aber auch wie ein Kristall.“

Claire nickte, ihre Finger folgten den Konturen auf dem Foto. „Ja… das muss die Crystal Blue sein. Alles passt: die Blattform, die Kristallstruktur der Blätter, die Art, wie sie gezeichnet ist. Niemand malt eine solche Blume einfach so.“

Nanali lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Warum haben wir dann keine Notiz bekommen? Dass Skye die Crystal Blue stehlen will?“

Gerade in diesem Moment trat Jill durch die Tür. Claire zögerte, dann wagte sie eine Vermutung: „Viel-leicht wartet er, bis Jill sie kultiviert hat. Das ist vermutlich der schwierigste Teil – und für ihn die wert-vollste Gelegenheit.“

Jill beugte sich über die Fotos, ihre Stirn leicht gerunzelt. „Da er die Vase nicht stehlen konnte, weiß er vielleicht nicht, dass er nach Crystal Blue suchen sollte. Er kennt ihren Inhalt nur ungefähr.“ Sie schwieg zunächst, dann legte sie einen Zettel zwischen die Bilder. Nanali und Claire beugten sich vor, um den Inhalt zu sehen.

„Skye hat seinen nächsten Coup angekündigt,“ sagte Jill leise. „Heute Nacht will er nach Westas Gemüse-plantage – er möchte die Samen der Mist Blue stehlen.“

„Mist Blue?“ Nanali hob eine Augenbraue.

Jill nickte. „Ja. Es handelt sich um eine blaue Blume, die in Castanet wächst. Sie bevorzugt kältere Regio-nen, vor allem im Herbst. Ihr Blau ist leuchtend, beinahe intensiv, und der Honig, den die Bienen daraus produzieren, wird oft als Royal Jelly bezeichnet. Dieser Honig hat stark heilende Eigenschaften und wird in verschiedenen medizinischen Anwendungen genutzt.“

„Westa soll diese Blume für Angela kultivieren, um sie widerstandsfähiger zu machen. Aktuell verwelken fast 80 % der Pflanzen, die sie anpflanzt. Deshalb ist diese Pflanze so wertvoll.“

Nanali nickte langsam, ihre Augen auf den Zettel gerichtet. „Verstehe… Crystal Blue und Mist Blue ha-ben also einige Gemeinsamkeiten. Beide sind selten, beide haben eine besondere Wirkung.“

Claire schüttelte den Kopf, aber mit einem entschlossenen Ausdruck. „Dennoch bin ich überzeugt, dass die Blume auf der Vase Crystal Blue ist. Mist Blue hat keinerlei Verbindung zu diesem Artefakt.“

„Also eine Verwechslung?“, murmelte Nanali.

„Scheint so.“, gab Jill zu.

„Aber warum sucht Skye nach einer blauen Blume mit heilender Wirkung? Zumal die heilende Wirkung der Crystal Blue bislang nur Theorie ist.“ Vielleicht war es gar nicht die Blume selbst, überlegte Nanali, sondern etwas anderes, das er zu finden hoffte.
 

Jill hingegen wusste mehr. Sie griff in ihre Hosentasche und zog den zerknitterten Zettel hervor, der ihr zuvor vor die Füße geweht worden war. „Das ist ein Teil dessen, was er aus der Western Villa gestohlen hat“, erklärte sie ruhig. „Es ist ein Auszug aus Romanas Krankenakte.“
 

Nanali und Claire beugten sich über die Notizen. Die Eintragungen wirkten auf den ersten Blick banal, doch bei genauerem Hinsehen ergaben sich überraschende Zusammenhänge. Atembeschwerden, ständiger Husten, stechende Gelenkschmerzen… Die Symptome erinnerten sie an Dr. Baddochs Erklärung. Nanali kramte in der Tüte die er ihr mitgegeben hatte, nach den Erkenntnissen, die es zu Crystal Blue bisher gab.
 

Beide nickten unmerklich – als sie feststellten, dass die Symptome genau die Beschwerden abdeckten, gegen die die Früchte der Crystal Blue helfen sollten.
 

„Also…“, murmelte Claire, „wenn Skye gezielt danach sucht, könnte er versuchen, etwas zu behandeln oder herzustellen, wofür normale Mittel nicht ausreichen.“
 

Nanali legte den Finger auf eine der Aufzeichnungen und sah Claire ernst an. „Schwere Gelenkschmerzen, die nur langsam oder kaum behandelbar sind… Vielleicht etwas wie rheumatoide Arthritis oder eine besonders aggressive Form von Autoimmunarthritis? Die typischen Mittel greifen kaum, aber die Crystal Blue könnte hier ihre Wirkung entfalten.“
 

Claire nickte. „Genau. Und wenn man bedenkt, dass die Wirkung der Crystal Blue bislang theoretisch ist… Irgendjemand könnte daran sterben, oder zumindest schwer krank werden, ...“
 

Nanali lehnte sich zurück, die Stirn in Falten. „Dann ist es kein Zufall, dass er zuerst die Vase stehlen wollte...“
 

Jill schloss kurz die Augen, bevor sie Claire eine entscheidende Frage stellte. „Wieso sollte Skye in die Western Villa einbrechen, anstatt einfach danach zu fragen? Wen kennen wir, der mit Romana zerstritten ist und der diese Medizin dringend gebrauchen könnte?“
 

Claire nickte entschieden. „Natürlich. Romanas Cousin Regis wohnt in Sonnenscheindorf. Er und Romana sind seit ihrer Kindheit zerstritten. Er könnte sie nicht einfach fragen… Außerdem, nach den Informationen, die wir von Mark, einem ihrer bekannten Farmer aus dem Sonnenscheindorf, haben, verlässt Sabrina kaum das Haus. Regis hält sie wie eine Prinzessin in einer Burg. Früher einmal hat Vaughn Interesse an ihr gezeigt – das war, bevor er Chelsea näher gekommen war.“
 

Nanali runzelte die Stirn. „Wer ist Chelsea?“
 

Claire lächelte leicht. „Chelsea ist Farmerin im Sonnenscheindorf. Sie, Mark und Lily sind die besten Minenforscher, die die Insel zu bieten hat. Jamie wollte sie dir bald vorstellen.“
 

Nanali nickte, langsam die Zusammenhänge verstehend. „Okay… also Vaughn hatte Interesse an Sabrina und ist jetzt Chelseas Freund?“
 

„Ehemann trifft es besser“, korrigierte Jill. „Aber was viel entscheidender ist: Skye ist Vaughns Bruder. Daher könnte er wirklich nach einem Heilmittel für Sabrina suchen.“
 

Nanali legte die Stirn in Falten. „Und was hat das nun mit Mark, Chelsea und äh…“
 

„Lily?“, ergänzte Claire.
 

„Ja, Lily – zu tun?“, beendete Nanali ihre Frage.
 

„Nichts“, sagte Jill knapp. „Er ist nur derjenige, der Sabrinas Zustand mir gegenüber in Briefen erwähnt hat. Sonst hätte ich diese Verbindung jetzt nicht schlagen können.“
 

„Da sie in derselben Familie sind, liegt es nahe, dass sie dieselbe Krankheit haben. Das ergibt Sinn.“ Claire sah die anderen ernst an. „Skye hört von seinem Bruder, dass Sabrina schwer krank ist. Und irgendwie bekommt er heraus, dass Romana vermutlich an derselben Krankheit litt.“

„Also bricht er in die Western Villa ein, um die Krankenakte zu stehlen – in der Hoffnung, Hinweise auf eine mögliche Heilung zu finden“, fuhr Nanali fort.

„Er findet aber nur Indizien“, ergänzte Jill nachdenklich. „In der Akte steht, dass das Heilmittel aus der Erde geborgen wurde. Er muss gedacht haben, damit seien die archäologischen Grabstätten gemeint.“

Sie schwieg kurz, dann hob sie leicht den Blick. „Und als er uns über ein Heilmittel sprechen hört, glaubt er, die Vase könnte der Schlüssel sein – also versucht er, sie zu stehlen.“

„Und irgendwie versteht er, dass die Symbole auf eine blaue Blume hindeuten...“ Claire runzelte die Stirn. „Er bringt das mit der Mist Blue in Verbindung? Schon ein bisschen weit hergeholt, findest du nicht?“

Jill zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Für uns vielleicht. Aber jemand ohne botanische Kenntnisse sieht nur die Farbe – und die heilende Wirkung des Honigs, die allgemein bekannt ist.“

Nanali legte die Arme auf den Tisch. „Er will also die falsche Blume stehlen… Aber es gäbe doch einfachere Wege, an Royal Jelly zu kommen.“

„Vielleicht ist er längst an seine Grenze gestoßen…“ Jills Stimme wurde leiser. „Deshalb der Okahattan nach dem ersten Einbruch.“

„Für seine Nerven, meinst du?“ Claire hob eine Augenbraue, das ernste Gespräch für einen Moment auflockernd. „Ich hätte da auch zu Whiskey gegriffen.“

Ein kurzes, trockenes Lächeln huschte über Nanalis Lippen, ehe wieder Stille einkehrte.

„Aber das hieße, dass – egal, ob sein Raubzug dieses Mal Erfolg hatte oder nicht…“, begann Nanali langsam.

„…es ist die falsche Blume“, beendete Jill leise.

„Und die richtige muss erst kultiviert werden, damit sie überhaupt ihre Wirkung entfalten kann. Was bisher noch niemandem gelungen ist“, fügte Nanali hinzu.

Jill schluckte und zog den Zettel aus der Krankenakte näher heran. Ihr Finger glitt über eine handgeschriebene Passage. „Hier – nach der Einnahme der Medikamente hatte Romana mehrere Wochen lang starke Symptome einer Vergiftung. Fieber, Schwäche, Schwindel… doch dann, plötzlich, war sie gesund. Als wäre es ein Wunder. Und die Schmerzen – völlig verschwunden.“

Nanali schüttelte den Kopf ungläubig. „Das ist doch irrsinnig. Welche Krankheit verschwindet, wenn man das Mittel nur eine bestimmte Zeit nimmt? Rheuma oder Arthritis sicher nicht…“

Sie sah Jill fragend an, doch diese schwieg. Ihr Blick blieb auf der Akte haften – und irgendwo tief in ihr regte sich das Gefühl, dass die Antwort etwas war, das Romana nie hätte überleben dürfen.

Jill schob die Krankenakte langsam von sich, als habe sie eben eine unsichtbare Grenze überschritten. „Wir drehen uns im Kreis“, sagte sie leise. „All das – Romanas Symptome, Skyes Einbruch, die Hinweise in der Akte – das ist zu viel Zufall. Wir brauchen jemanden, der sich wirklich damit auskennt.“

Nanali nickte zustimmend. „Dr. Baddoch.“

Jill sah kurz auf. „Er war Romanas behandelnder Arzt…“

„Eben deshalb“, unterbrach Claire. „Wenn jemand bestätigen kann, ob unsere Theorie Bestand hat, dann er.“

Ein stilles Einverständnis lag zwischen ihnen. Jill faltete die Papiere sorgfältig zusammen, Nanali griff nach den Fotos, und Claire löschte das Licht der Lampe. Draußen lag die Abendluft schwer über den Bäumen, als sie die kleine Hütte verließen.
 

***
 

Die Klinik von Dr. Baddoch war in den frühen Morgenstunden fast still. Der Geruch von Desinfektionsmitteln mischte sich mit dem kühlen Duft von Metall und Papier.

„Herein“, erklang die tiefe Stimme des Arztes.

Die Tür öffnete sich, und Claire, Nanali und Jill traten ein. Der Geruch nach antiseptischer Lösung und Papier empfing sie sofort – kühl, steril, vertraut.

Dr. Baddoch erhob sich von seinem Schreibtisch, als sein Blick auf Nanali fiel.

„Wie kann ich dir heute helfen. Hast du schon eine Verbesserung deines Zustandes bemerkt? Wobei, solche Dinge brauchen Zeit…“

Nanali richtete sich auf, erwiderte den Blick ruhig. „Danke, es geht mir besser. Aber… heute geht es nicht um mich.“

Ein kurzer Moment der Stille, in dem der Arzt spürte, dass sie das ernst meinte. Dann trat Jill einen Schritt vor, hielt ihm ein sorgfältig gefaltetes, leicht vergilbtes Stück Papier hin.

„Wir sind wegen dieses Dokuments hier,“ sagte sie leise.

Dr. Baddoch nahm das Blatt entgegen – seine Stirn legte sich in Falten. Mit geübten Fingern glättete er es auf dem Tisch, die Augen wanderten über die Schrift, über die Zahlen, über den Namen in der Kopfzeile. Ein kaum hörbares Einatmen.

„Das…“ Er sah auf. „Das ist meine Handschrift.“ Ein Anflug von Fassungslosigkeit mischte sich in seine Stimme. „Das ist Teil von Romanas Krankheitsakte. Wie… wie sind Sie da herangekommen?“

Jill erwiderte seinen Blick ruhig, beinahe sachlich. „Es ist eines der Dokumente, die Skye aus der Western Villa gestohlen hat. Wir glauben, dass er auf der Suche nach einem Heilmittel war – oder nach dem, was er dafür hält. Vermutlich für Sabrina.“

Dr. Baddochs Augen verengten sich, während er das Papier erneut betrachtete. „Ich verstehe…“

Jill atmete tief ein und begann, ruhig und präzise die Lage zu erklären – von der Vase, den Symbolen, der Vermutung um die Crystal Blue, bis hin zu Skyes Einbrüchen. Während sie sprach, verschränkte Nanali die Arme, Claire trat neben sie, beide beobachteten, wie sich in Dr. Baddochs Gesicht langsam der Ausdruck wandelte – von Überraschung zu konzentriertem Ernst.
 

Er breitete einige seiner eigenen Unterlagen auf dem Schreibtisch aus und begann sie aufmerksam zu studieren. Während er las, herrschte im Raum gespannte Stille, nur das leise Rascheln der Seiten war zu hören.

Nach einigen Minuten lehnte er sich zurück, legte die Brille ab und sah die drei nacheinander an.

„Ich denke, ich kann Ihre Vermutung bestätigen“, begann er ruhig. „Alles deutet auf eine chronische Schwermetallvergiftung hin – vermutlich durch langfristigen Kontakt mit kontaminierten Mineralien oder Staubpartikeln. Regis Familie arbeitet in der Mine.“

Claire nickte. „Ja. Schon seit Generationen. Und er selbst prüft die Qualität der Erze. Sabrina unterstützt ihn dabei als seine Assistentin.“

„Das erklärt vieles“, meinte der Doktor. „Jemand mit einem schwachen Immunsystem, der regelmäßig Staub aus Metalladern einatmet oder Proben analysiert, kann leicht erkranken. Die Metalle lagern sich im Gewebe ab, besonders in Lunge und Gelenken. Anfangs äußert sich das wie eine Entzündung, später als bleibende Schädigung.“

Nanali sah betroffen aus. „Und Romana?“

Er nickte langsam. „Auch sie war lange Zeit solchen Partikeln ausgesetzt. Ich fand damals Hinweise auf erhöhte Metallwerte im Blut. Ich erinnere mich noch gut – wir konnten kaum erklären, warum sich ihr Zustand plötzlich verbesserte.“

Er blätterte in seinen alten Notizen, lächelte schwach. „Solche Spontanheilungen sind selten, aber sie kommen vor. Der Körper schafft es manchmal, durch eine Art Schockreaktion die Metalle auszuscheiden – oder etwas, das sie ausgleicht, wirkt wie ein Katalysator.“

„Die Crystal Blue“, murmelte Jill.

„Wenn Ihre Theorie stimmt, dann könnte diese Pflanze Substanzen enthalten, die an körpereigene Hormone oder Entzündungshemmer erinnern. Romana bekam damals Cortison, um die Symptome zu lindern. Cortisol selbst kommt in Pflanzen nicht vor, das wissen Sie. Aber es gibt Pflanzen – Adaptogene nennt man sie – die Einfluss auf den Cortisolspiegel nehmen. Ashwagandha, Rosenwurz, Süßholz... sie helfen dem Körper, mit Stress umzugehen, den Hormonhaushalt zu regulieren und Entzündungen zu hemmen.“

Er sah Jill ernst an. „Wenn Crystal Blue sowohl cortisonähnliche Wirkstoffe enthält als auch adaptogene Eigenschaften, dann wäre das eine außergewöhnliche Kombination. In der richtigen Dosierung könnte sie die Vergiftungsfolgen nicht nur stoppen, sondern den Körper zugleich stabilisieren.“

Claire runzelte die Stirn. „Und in der falschen Dosierung?“

„Vergiftung, Organversagen, im schlimmsten Fall Tod“, antwortete Dr.Baddoch schlicht. „Das würde auch Romanas anfängliche Symptome erklären. Sie war schlicht an der Schwelle zwischen Gift und Heilung.“

Nanali atmete tief aus. „Und Skye weiß das nicht… Er jagt also einem Mittel hinterher, das ihn – oder Sabrina – genauso gut töten könnte.“

Baddoch nickte langsam. „Wissen und Verzweiflung sind selten gute Partner.“

Ein Moment der Stille folgte. Nur der ferne Klang eines vorbeifahrenden Wagens drang durch das offene Fenster. Jill sah hinaus, die Hand noch immer auf den Unterlagen.

„Dann wissen wir, was auf dem Spiel steht“, sagte sie leise. „Und dass wir Skye aufhalten müssen – bevor er es ausprobiert.“

„Wenn das alles stimmt,“ fragte Nanali leise, „dann fehlt uns noch eine entscheidende Antwort: Wie ist Romana damals überhaupt an die Crystal Blue gekommen?“

Der Doktor griff nach seiner Tasse, dachte kurz nach. „Ich erinnere mich,“ begann er, „dass sie die Pflanze nie selbst erwähnt hat. Aber jemand in ihrem Umfeld muss sie ihr besorgt haben. Damals war ihr Gesundheitszustand kritisch – sie konnte kaum noch laufen. Ich weiß, dass Sebastian…“ Er stockte und hob kurz den Blick, als suche er in der Erinnerung nach den richtigen Worten.

„Sebastian, ihr heutiger Butler, war zu jener Zeit noch Minenarbeiter im Familienunternehmen. Als Romana krank wurde, kümmerte er sich um sie – Tag und Nacht. Niemand hatte damit gerechnet, dass sie überlebt. Nach ihrer Genesung bestand sie darauf, ihn in den Haushalt aufzunehmen. Von da an war er ihr persönlicher Begleiter.“

Claire hob leicht die Augenbrauen. „Also jemand, der Zugang zu den Minen und zu Romana hatte. Er könnte wissen, woher sie die Crystal Blue bekommen hat.“

„Ganz genau,“ bestätigte er. „Wenn irgendjemand eine Erklärung dafür hat, dann er.“

Nanali nickte nachdenklich. „Das heißt… Sebastian ist der Schlüssel.“

Jill zog das Dokument aus Dr. Baddochs Händen, faltete es sorgfältig zusammen und steckte es wieder in ihre Tasche. „Dann wissen wir, wohin wir als Nächstes müssen.“

Ein kurzer Blick zwischen den drei Frauen genügte – kein weiteres Wort war nötig. In ihren Gesichtern lag Entschlossenheit, aber auch ein Hauch von Vorsicht.

Claire stand als Erste auf. „Wir gehen zur Western Villa. Romana und Sebastian werden uns Rede und Antwort stehen müssen.“

Während sie die Klinik verließen und der Wind die letzten Blätter des Tages über den Pfad trieb, schwieg Nanali länger als sonst. Ihre Gedanken ließen sich nicht bändigen – sie schwirrten, wie die Blätter im Wind, chaotisch und unruhig.

Wenn sich alles so zusammenfügte, wie sie es vermuteten… dann war die Wahrheit grausam. Es gab kein funktionierendes Heilmittel. Kein sicheres. Kein ohne Folgen. Crystal Blue war kein Segen, sondern ein zweischneidiges Schwert – Heilung um den Preis von Vergiftung, Erlösung im Tausch gegen Verfall.

Nanali spürte, wie sich ein kalter Knoten in ihrer Brust zusammenzog. Wenn Sebastian keine unerwartete Wendung brachte, keine vergessene Information, keinen neuen Ansatz… dann hing die Zukunft einer Frau – vielleicht sogar mehrerer – allein von Jill ab. Von ihrer Fähigkeit, das Unmögliche zu vollbringen.

Diese Pflanze, die niemand zuvor zu zähmen vermocht hatte, sollte nun durch Jills Hände zu einer dienlichen Nutzpflanze werden. Etwas, das Leben rettete, statt sie zu zerstören.

Nanali sah kurz zu Jill hinüber, die schweigend vor ihr ging, entschlossen, aber in sich gekehrt. Der Abendhimmel färbte sich langsam kupferrot, und für einen Augenblick fragte sie sich, ob das Leuchten darin Hoffnung war – oder nur das letzte Licht, bevor die Dunkelheit kam.

Allmählich glaubte sie nicht ein Mal mehr, dass sie diese Pflanze rein zufällig gefunden hatte…

Der Weg zur Western Villa führte durch die schmalen, von hohen Bäumen gesäumten Pfade am Rand des Dorfes.

Nanali blieb einen Moment zurück, als Claire und Jill schon einige Meter voraus waren. Ein kurzer Gedanke durchzuckte sie – ein leises Ziehen, das sie aus der Grübelei riss. Sie erinnerte sich, dass sie eigentlich noch eine Verabredung mit Daryl hatte. Der Gedanke traf sie unerwartet, fast schuldbewusst.

Sie holte die beiden ein und legte Claire eine Hand auf die Schulter. „Ich werde euch gleich nachkommen“, sagte sie ruhig. „Ich bin heute noch bei Daryl verabredet, dass hatte ich glatt vergessen. Geht ihr schon zur Villa und findet heraus, was ihr könnt. Trefft mich dort, sobald ihr etwas erfahrt.“

Claire nickte, ohne zu fragen – sie kannte Nanali gut genug, um zu wissen, dass sie ihr Wort hielt. Jill warf ihr einen kurzen, prüfenden Blick zu, dann nickte auch sie.

„In Ordnung“, sagte Jill. „Wir treffen uns später bei Daryl. Wenn wir Glück haben, wissen wir bis dahin mehr.“

Nanali lächelte knapp, fast entschuldigend, und wandte sich auf dem schmalen Pfad nach Süden, während Claire und Jill weiter in Richtung Westen gingen, wo am Horizont schon die Umrisse der Western Villa im letzten Abendlicht aufragten – groß, still und von einer unbehaglichen Aura umgeben.

A Servant’s Devotion - Nothing went for nothing

A Servant’s Devotion - Nothing went for nothing
 

So., 10. November YYY1

Das große Tor der Western Villa ragte vor ihnen auf - schweres schwarzes Metall. Die kunstvoll ineinander geschwungenen Ornamente warfen lange Schatten auf den Vorhof.

Claire und Jill schritten durch das große Tor. Ein leiser Wind ließ die Spitzen sachte klirren, als sie es hinter sich schlossen.

In der Mitte des Vorhofs plätscherte ein Springbrunnen, dessen Wasser kleine Lichtreflexe auf das Steinpflaster warf.

Der Vorhof erstreckte sich weit vor ihnen, in der Mitte plätscherte ein Springbrunnen, dessen Wasser in der späten Nachmittagssonne silbrig glänzte. Die beiden Frauen gingen langsam voran, ihre Schritte hallten leise auf dem Steinpflaster. Erst nachdem sie am Brunnen vorbeigekommen waren, näherten sie sich dem Eingang der Villa.

Das Gebäude erhob sich zweistöckig vor ihnen, beeindruckend und doch irgendwie abweisend. Über dem Hauseingang prangte ein runder Erker, flankiert von zwei massiven Rundsäulen, die das gemauerte Geländer des Podests trugen. Claire ließ ihren Blick über die Fassade gleiten: Zehn Gauben mit Tonnengewölben, jedes mit einem zweiflügeligen Fensterelement und Stuckverzierungen, sowie zwei bodentiefe Gauben mit Zwerchgiebeln, Stuckkränzen und runden Fenstern im Giebel.

Das Dach war mit Biberschwänzen in Kronendeckung gedeckt, die Sonnenstrahlen ließen die Ziegel in warmen Rottönen glühen. Unten öffnete sich ein großzügiger Wohn- und Essbereich, sichtbar durch ein vierflügeliges Fensterelement, darüber ein Balkon mit ebenfalls kunstvoll gemauertem Geländer. Die Fenster waren mit innenliegenden Sprossen versehen, teilweise geschmückt mit Fensterläden, die im Wind leicht knarrten.

Jill blieb kurz stehen und ließ den Blick über die Villa schweifen, während Claire die Stufen zum Podest hinauftrat. „Beeindruckend… und trotzdem wirkt es wie eine Festung,“ murmelte sie. Jill nickte nur, die Hand leicht auf die Brüstung legend. „Alles hier schreit nach Geheimnissen.“

Mit einem letzten Blick auf den Springbrunnen traten sie durch die schweren Türen ins Innere der Western Villa.

Die Tür schwang mit einem leisen Quietschen auf. Vor ihnen erstreckte sich ein breiter, roter Teppich, der sich sanft die Treppen hinaufzog und sich an beiden Seiten in die Obergeschosse verzweigte. Die Villa wirkte still, fast ehrfürchtig, während Jill und Claire zunächst das Untergeschoss musterten. Ihr Blick glitt von einer Seite zur anderen, bis er an einem älteren Herrn hängen blieb.

Er stand leicht gebeugt über einer dekorativen Säule, auf der ein Blumengesteck arrangiert wurde. Sein Haar war in einer eleganten, historischen Art frisiert: leicht gewellt, nach hinten gezogen, mit einem kleinen Lockenkranz über den Ohren – eine Frisur, wie sie zu Zeiten von Mozart üblich war, ordentlich, gepflegt und fast schon aristokratisch wirkend.

Er trug ein makelloses weißes Hemd unter einer grünen Wollweste, dazu eine schlichte Stoffhose, die in sauberen, glänzenden Lederschuhen endete. Jeder Handgriff beim Platzieren der Blumen wirkte bedacht und ruhig, als ob er eine jahrzehntelange Routine ausübte.

Claire und Jill hielten respektvoll Abstand, beobachteten den Mann still, während die leisen Geräusche der Villa sie umgaben.

Sebastian hob langsam den Blick von dem Blumengesteck, und seine Augen verengten sich leicht, als er die beiden Frauen bemerkte. Mit ruhiger, aber aufmerksamer Haltung trat er einen Schritt vor und neigte leicht den Kopf. „Was führt Sie zu mir?“ fragte er, die Stimme getragen von der Ruhe eines Mannes, der sein Leben lang Autorität und Geduld geübt hatte.

Jill antwortete nicht sofort. Stattdessen streckte sie ihm wortlos den Zettel entgegen. Geduldig beobachtete sie, wie Sebastian ihn entgegennahm, behutsam auffaltete und die Schrift sorgfältig studierte. Für einen Moment zog sich seine Stirn in feine Falten, dann legte er den Zettel beiseite und nickte. „Ihr bringt zurück, was der Dieb entwendet hat. Herzlichen Dank.“

Jill trat einen Schritt näher. „Wir hätten einige Fragen zu diesem Dokument.“

Sebastian nickte erneut, ohne ein Wort zu verlieren, und machte eine Geste, die sie aufforderte, ihm zu folgen. Er führte sie in einen großen Saal, dessen Dimensionen den Eindruck von Monumentalität vermittelten. In der Mitte stand ein altes Sofa, die geschwungene Lehne mit goldenem Samt überzogen und verziert mit einem auffälligen Blumenmuster. Vor dem Sofa thronte ein kleiner Glastisch in goldenem Rahmen, der das Licht des Raumes in feinen Reflexen brach.

„Bitte nehmen Sie Platz und warten Sie einen Augenblick“, sagte Sebastian und ließ die Frauen auf den Polstern Platz nehmen.

Jill und Claire ließen ihren Blick durch den viel zu großen Raum schweifen. Die Decke schien mehrere Stockwerke hoch, die Wände waren mit schweren Vorhängen und alten Gemälden geschmückt, die ein Jahrhundert an Geschichte zu erzählen schienen. Alles wirkte gleichermaßen prunkvoll und überwältigend, als habe der Raum die Zeit selbst eingefangen, während sie in seiner Mitte auf Antworten warteten.

Einige Minuten nachdem Sebastian verschwunden war, um die Herrin des Hauses über ihren Besuch zu informieren, oder so dachten die beiden Frauen zumindest: Jill und Claire saßen stumm auf dem Sofa, die Hände locker im Schoß gefaltet. Die Zeit schien stillzustehen, während die gewaltigen Dimensionen des Raumes jede noch so kleine Bewegung verstärkten.

„Hier müsste doch…“, begann Claire leise, doch sie brach abrupt ab, als ein winziges Geräusch wie ein Flüstern von den hohen Wänden zurückkehrte.

Ein kurzes Schmunzeln huschte über ihr Gesicht, und Jill musste leise lachen. Das Echo hallte erneut durch die gewaltigen Mauern, als wollte der Raum selbst ihre leisen Geräusche verspottend zurückwerfen.

„Viel zu kahl… und viel zu hoch“, murmelte Claire schließlich, während sie sich umsah. „Hier könnte man eine Oper singen.“

Jill nickte, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. Selbst in der ernsten Situation wirkte der Saal wie eine Bühne, auf der ihre Stimmen klein und verloren schienen, während der Raum sie unvermittelt vervielfachte.

Erneut kehrte Stille ein, bis das Geräusch von Rollen über den marmornen Boden zu ihnen drang. Viel zu laut, als würde jeder Schritt von den Wänden zurückgeworfen. Schon von weitem konnten sie die Bewegung hören, bevor er den Raum betrat.

Sebastian schob einen kleinen Servierwagen aus Glas mit goldener Umrahmung hinein, der perfekt zum Glastisch passte. Darauf war ein Tee-Service aus feinstem Porzellan drapiert, jede Tasse und Kanne glänzte im Licht, als gehöre sie in ein Museum.

„Nanali hätte das Gefallen“, bemerkte Claire leise und ließ den Blick über das sorgfältige Arrangement gleiten.

Sebastian begann ohne ein Wort, den Damen Tee einzuschenken, jeder Handgriff präzise, beinahe meditativ. „Die Herrin des Hauses wird Sie bald empfangen“, verkündete er trocken, seine Stimme ruhig, kontrolliert – besonders redselig war er nie gewesen.

Die Stille kehrte zurück, nur unterbrochen vom leisen Klirren des Porzellans, während Claire und Jill die fast schon zeremonielle Routine beobachteten. Sebastian schien jede Bewegung zu kalkulieren, als wüsste er genau, wie viel Aufmerksamkeit jede Geste verdiente.

Einige Minuten verstrichen in schweigendem Teetrinken, gelegentlichen Schlucken und Griffen in die Keksdose. Sebastian stand stumm hinter dem gegenüberliegenden Sofa, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und bewachte den leeren Platz, auf dem seine Herrin jede Minute erscheinen würde.

Sein Blick schweifte kaum von der leeren Polsterung, als wollte er sicherstellen, dass niemand diesen Platz unbefugt betrat. Die Ruhe im Raum war fast greifbar, nur unterbrochen vom leisen Klirren des Porzellans und dem Rascheln der Kekspackung. Jede Bewegung wirkte wie ein Signal, dass der Moment des Eintreffens bald nahte, und Claire und Jill spürten die erwartungsvolle Spannung, die Sebastian selbst wie eine unsichtbare Grenze im Raum aufrechterhielt.

Plötzlich erhob sich ein leises, aber markantes Geräusch – das rhythmische Klacken eines Stocks, das durch den weiten Saal hallte. Claire und Jill hielten den Atem an. Ihre Blicke wanderten automatisch zur Tür, gebannt von der Bewegung am Eingang.

Langsam trat eine ältere Dame ins Licht des Raumes. Sie war Ende achtzig, doch ihre Präsenz füllte den Saal sofort. Ihr Haar war schneeweiß, voll und in eleganten Locken frisiert, die leicht über die Schultern fielen. Was zunächst wie ein Gehstock schien, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein zart rosafarbener Regenschirm, den sie mit einer selbstverständlichen Eleganz in der Hand hielt.

Ihr Gewand erinnerte den, der sie kannte, an die opulente Mode des frühen 19. Jahrhunderts in London: ein bodenlanges Kleid aus feiner Seide in gedecktem Pastellton, dessen hoher Kragen und zarte Spitzenapplikationen die Schultern und den Ausschnitt zierten. Die Taille war mit einer schmalen Schärpe betont, der Rock weit ausgestellt und mit filigranen Stickereien versehen. Kleine, verzierte Knöpfe und zarte Bänder rundeten das elegante Ensemble ab, während leichte Rüschen an Ärmeln und Saum dem Kleid eine anmutige Bewegung verliehen.

Mit jedem Schritt, den sie machte, klang der Schirm wie ein leiser Taktgeber, der die Aufmerksamkeit der beiden Besucher fesselte. Ihre Augen funkelten unter den gelockten Strähnen hervor, scharf und wach, obwohl die Jahre sie gezeichnet hatten. Sie schritt langsam, aber selbstbewusst, auf den Platz zu, den Sebastian bewachte, und der Saal schien mit jedem ihrer Schritte noch stiller zu werden.

Romana ließ sich mit einer eleganten Bewegung auf dem bewachten Platz vor Sebastian nieder. Kaum hatte sie sich gesetzt, trat Sebastian schweigend um das Sofa herum, hielt den Servierwagen fest und goss ihr eine dampfende Tasse Tee ein, sorgfältig bis zum Rand. Mit dem leisen Klirren der Porzellankanne und dem Duft von frisch aufgebrühtem Tee füllte sich der Raum für einen Moment mit einer heimeligen Wärme.

Romana nahm die Tasse entgegen, ihre Finger umschlossen die goldenen Henkel, an denen sie die Tasse zum Mund führte. Sie nickte leicht, ein winziges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich danke Ihnen, dass Sie mir mein Schriftstück zurückgebracht haben,“ begann sie, ihre Stimme klar und wohlklingend, zugleich aber durchzogen von einer kaum verhohlenen Skepsis.

Doch ihre Augen funkelten, als ob sie sofort bemerkte, dass etwas Merkwürdiges an der ganzen Situation war. „Dennoch… ich kann nicht umhin, dies als… ungewöhnlich zu empfinden,“ fügte sie hinzu, während sie Claire und Jill direkt ansah.

Mit einem strengen, aber zugleich entzückenden Tonfall fuhr sie fort: „Ich bitte Sie daher, mir die Sachlage zu schildern.“ Die Worte hatten eine seltsame Mischung aus Vorwurf und aufrichtiger Neugierde, die die beiden jungen Frauen gleichermaßen faszinierte und irritierte.

Claire und Jill tauschten einen kurzen Blick. Der Ausdruck in Romanas Gesicht war gleichzeitig streng und warm, fast freundlich. Ihre Augen funkelten wissend, doch die Lippen waren zu einem kaum merklichen Lächeln gekrümmt. Es war dieser Zwiespalt zwischen Strenge und Charme, der die beiden kurz innehalten ließ: Waren sie beschuldigt? Oder einfach nur aufgefordert, zu erklären?

Jill konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen, während Claire die Stirn runzelte. Es war, als würde Romanas Blick und Tonfall sie auf subtile Weise testen: die Mischung aus strenger Autorität und liebenswürdiger Neugier ließ sie gleichzeitig auf der Hut sein.

Jill atmete einmal tief durch, setzte sich aufrecht hin und begann ruhig zu erklären: „Es geht um dieses Dokument, das Skye aus Ihrer Villa entwendet hat. Wir brachten es zurück, weil wir vermuteten, dass es Hinweise auf eine Heilpflanze enthält, die für bestimmte Erkrankungen von entscheidender Bedeutung ist.“

Sie machte eine kleine Pause, ließ den Blick über Romana schweifen, bevor sie fortfuhr: „Wir wollten verstehen, warum gerade dieses Schriftstück für ihn von Interesse war – und welche Konsequenzen seine Handlungen haben könnten.“

Mit einigen wenigen Worten versuchte Jill den Hergang allem Erlebten und ihrer Theorie zu schildern.

Am Ende von Jills Ausführung zog Romana die Lippen zusammen und ein leichter Funken Empörung blitzte in ihren Augen auf. „Mein Cousin… dieser Regis“, murmelte sie, während ihre Finger die Tasse umklammerten, „immer stur, uneinsichtig… und unfähig, um Hilfe zu bitten.“

Für Romana ergab plötzlich alles einen schrecklich klaren Sinn.

„Es liegt ihm im Blut zu glauben, er könnte die Welt um sich herum allein beherrschen.“

Claire und Jill tauschten einen kurzen Blick, während Romana fortfuhr. „Ich hatte bereits eine Vermutung, warum gerade dieses Schriftstück für den Dieb interessant sein könnte. Aber die Verbindung zu Skye fehlte mir. Nun… nachdem ich gehört habe, was über meine Nichte erzählt wurde, ergibt plötzlich alles einen Sinn.“

Sie schüttelte leicht den Kopf, ein Hauch von Empörung in der Stimme. „Dass Regis mich nicht einmal um Rat ersucht, wenn es um das Leben seiner Tochter geht… es ist typisch für ihn. Aber nun, da ich weiß, welche Informationen weitergegeben wurden, bin ich überzeugt, dass es genau so ist, wie ihr sagt.“

Jill nickte vorsichtig, Claire lehnte sich leicht vor, fasziniert von der Klarheit, mit der Romana die Zusammenhänge offenbarte. Romana ließ keinen Zweifel daran, dass ihre Theorie schlüssig war. „Für mich ergibt alles nur allzu viel Sinn“, sagte sie leise, aber bestimmt.

Claire räusperte sich leicht und trat einen Schritt vor. „Madame,“ begann sie, ihre Stimme ruhig, „wir haben Dr. Baddoch aufgesucht, um ihn über unsere Theorie zu informieren.“ Sie deutete auf die Aktenmappe, die sie bei sich trug, „Es geht um das sogenannte Wundermittel – wir glauben, dass es sich um die Crystal Blue handelt.“

Während sie sprach, breiteten sie und Jill die Fotos der Vase auf dem Tisch aus. Die Bilder lagen nebeneinander, zeigten die Risse, Register und das geheimnisvolle Symbol am Boden. Claire ließ ihren Finger über die Konturen eines der Fotos gleiten und deutete auf das filigrane Muster. „Wir vermuten, dass dieses Symbol genau auf diese Pflanze hinweist – die Blattform, die Kristallstruktur der Blätter… alles passt.“

Romana beugte sich leicht vor, die Augen aufmerksam auf die Fotos gerichtet.

„Wir wollten Ihre Einschätzung hören – ob unsere Theorie stichhaltig ist, und ob Sie uns sagen können, ob diese Pflanze tatsächlich das leisten kann, was wir vermuten. Dr. Baddoch hat uns erklärt, dass es wahrscheinlich ist, aber äußerst gefährlich in ihrer Anwendung. Sie jedoch wurden geheilt. Gibt es eine sichere Methode die Wirkstoffe der Crystal Blue zu dosieren?“

Romana ließ einen leisen Seufzer hören und legte die Hände auf den Tisch.nFür einen Moment schien sie die Bilder und Jills Worte noch wirken zu lassen, die Stirn leicht in Falten gelegt. Ihr Blick wanderte zu Sebastian, der hinter seiner Fassade eine ähnlich nachdenkliche Geste zeigte, als würde er ein längst vergangenes Ereignis in seinem Kopf noch einmal durchleben. Claire und Jill tauschten unsichere Blicke, während die beiden älteren Herrschaften für einen Augenblick in einer stillen Verständigung verharrten.

Schließlich begann Romana, ihre Stimme leise, aber klar: „Nun, da ihr mir das alles erzählt habt, wird mir einiges klarer, was damals geschehen ist…“ Sie machte eine kurze Pause, atmete tief ein und fuhr fort: „Aber leider habe ich schlechte Nachrichten.“

Claire und Jill rückten ein wenig näher, gespannt und zugleich angespannt.

„Damals war Sebastian noch Minenarbeiter,“ begann Romana, die Worte sorgfältig wählend. „Er war in der Wintermine tätig, als er von meinem Zustand erfuhr. Er wusste, dass meine Zeit begrenzt war, und eilte sofort, um meine letzten Momente an meinem Krankenbett zu verbringen. Er handelte aus reiner Loyalität und Freundschaft, in der Gewissheit, dass ich nicht überleben würde.“

Ihre Stimme wurde leiser, eindringlicher: „Ich selbst hatte damals schwerste Vergiftungssymptome, die wir damals dem Cortisol zugeschrieben hatten. Und dann… gesunde ich. Plötzlich, fast wie ein Wunder. Damals schrieb man es einer spontanen Heilung zu, ohne jegliche Erklärung.“

Sie blickte Sebastian direkt an, der kaum merklich nickte, als wüsste er, wovon sie sprach. „Doch heute weiß ich, dass die Reste auf Sebastians Kleidung vermutlich der ausschlaggebende Grund für meine Genesung waren.“ Sie ließ die Information einen Moment wirken, dann fuhr sie fort: „Das bedeutet, Claire… Jill… die Heilung war reiner Zufall. Es gibt keine Möglichkeit, die Wirkstoffe der Crystal Blue zu dosieren, und keinen konkreten Beweis dafür, dass sie tatsächlich leisten kann, was wir uns von ihr versprechen.“

Ein schweres Schweigen senkte sich über den Saal. Claire ließ den Blick über Romana und Sebastian wandern, die Erkenntnis langsam in ihr sickerte. Was sie bis jetzt als mögliche Lösung betrachtet hatten, war nichts weiter als ein zufälliges, beinahe unmöglich wiederholbares Ereignis gewesen. Die Crystal Blue war keine zuverlässige Heilpflanze – ihre Wirkung unberechenbar, ihr Einsatz potenziell gefährlich.

Romana lehnte sich leicht zurück, die Hände gefaltet. „Ich weiß leider von keinem sicheren Weg, wie Sabrina geholfen werden kann.“

Claire legte die Fotos der Vase zurück auf den Tisch und richtete sich auf. „Auch wenn wir wissen, dass die Heilung von Romana reiner Zufall war, deuten die Indizien doch darauf hin, dass die Crystal Blue in jedem Fall die potenziellen Wirkstoffe enthält, um genau diese Effekte hervorzurufen.“

Jill nickte langsam, die Stirn in Falten gelegt. „Dann hat Skye tatsächlich die falsche Blume entdeckt.“ Sie sprach die Worte leise aus – „die falsche…“ – und blieb abrupt stehen. Sie starrte auf den Boden, ihre Gedanken kreisten um die Tragweite dessen, was sie gerade gesagt hatte.

Nach einem Moment des Schweigens seufzte sie und stand auf. „Entschuldigt meine Unhöflichkeit, aber wir müssen jetzt sofort aufbrechen.“

Claire erhob sich ebenfalls und stellte sich neben Jill. „Komm, wir müssen Nanali einsammeln. Dann geht es zu Westas Farm.“

Jill nickte, ein entschlossener Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Es wird Zeit, diesem Dieb ein wenig Nachhilfe in Pflanzenkunde zukommen zu lassen, bevor noch jemand zu Schaden kommt.“

A Test of Growth – Embracing Chaos

A Test of Growth – Embracing Chaos
 

So., 10.November YXXX1

Nanali erreichte das Forschungszentrum von Daryl, als die Sonne bereits tief am Himmel stand und ihr Licht die silbernen Wände des Gebäudes sanft glitzern ließ. Vor dem Eingang waren mehrere Aufbauten zu sehen, die sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen.
 

Auf einem kleinen, robusten Tisch stand ein Solarpaneel, das ihr sofort vertraut vorkam. Die glatte Oberfläche reflektierte das Licht wie das Panel, das sie aus ihrer eigenen Welt kannte. Dünne Leitungen führten von dem Paneel in eine kleine, kompakte Apparatur, die offenbar den erzeugten Strom sammelte und speicherte. Nanali konnte erkennen, dass es sich um eine klassische, aber effizient wirkende Solarstromanlage handelte: Sonnenlicht fiel auf die Photovoltaik-Zellen, Elektronen begannen zu fließen, und der Apparat summte leise vor sich hin.
 

Doch neben diesem vertrauten Anblick stand etwas völlig Neues: Ein riesiger Aufbau aus mehreren gläsernen, zylindrischen Behältern, die wie überdimensionale Reagenzgläser wirkten. Sie waren in einem stabilen Metallgestell miteinander verbunden, Rohre und Schläuche verbanden die Behälter zu einer komplexen Einheit. Jedes Glasfass war mehrere Meter hoch und vollständig mit einem grünlichen Material ausgefüllt, das zunächst unscheinbar wirkte. Nanali brauchte einige Minuten, um es richtig einordnen zu können: Es waren Algen, die sich dicht an der Innenfläche des Glases ausgebreitet hatten, jede Oberfläche nahezu vollständig bedeckt.
 

Die Vorrichtung wirkte zugleich fragil und überwältigend. Lichtstrahlen fielen durch das Glas und ließen die Algen in sattem Smaragdgrün leuchten. Kleine Blasen stiegen in den Flüssigkeiten auf, die an den Wänden entlangzogen, und Nanali erkannte den rhythmischen Puls der Photosynthese. Leitungen und Kabel führten die Energie aus dem chemischen Prozess zu einer zentralen Steuerungseinheit, die offenbar den erzeugten Strom sammelte. Jeder Zylinder war nicht nur ein Laborapparat, sondern ein lebendes Kraftwerk: die Algen wandelten Sonnenlicht und Nährstoffe in elektrische Energie um, und Nanali konnte förmlich die Energie spüren, die in den Schläuchen pulsierte.
 

Nanali trat einen Schritt näher und ließ ihren Blick über die gesamte Vorrichtung schweifen. Die grünliche Masse schien gleichzeitig lebendig und kontrolliert, wie ein riesiges Ökosystem, das auf das kleinste Lichtsignal reagierte. Sie erkannte, dass hier ein komplett anderes Prinzip als beim Solarpaneel angewendet wurde.
 

Ein leises Rascheln ließ Nanali zusammenzucken, und eine dünne, kratzige Stimme durchbrach die Stille. „Was machen Sie an meinen Aufbauten?“
 

Sie drehte sich erschrocken um und erblickte einen Mann, der wie aus einem Skizzenbuch für exzentrische Wissenschaftler zu stammen schien. Dünn wie ein Windstoß, die Knochen deutlich sichtbar unter der Haut, zerzaustes Haar, das in alle Richtungen stand. Er trug eine schwarze Hose, ein langes weißes Hemd, das über ihm wie ein Laborkittel hing, und eine rote Krawatte, die wie ein Farbtupfer zwischen dem Weiß und Schwarz wirkte.
 

Nanali machte einen Schritt zurück, das Herz klopfte schneller. „E-Entschuldigung… Ich… Richie hatte mich eingeladen. Ich erwartete Aiden, Henning und Joachim hier zu sehen…“ Ihre Stimme war leise, etwas unsicher, während sie versuchte, die Situation zu erklären.
 

Daryl trat einen Schritt näher, die Augen verengten sich, und er musterte sie von Kopf bis Fuß. Nanali spürte seinen prüfenden Blick, der jeden Zentimeter ihres Auftretens zu erfassen schien. Sie bemerkte, wie er innehielt, als er ihr Outfit registrierte: schwarze Strumpfhose, braune hohe Stiefel, kurzer brauner Rock, darüber ein weiter weißer Pullover, unter dem der Camel-Mantel nur knapp Platz fand.
 

Daryl ließ Nanali nicht aus den Augen, sein schmaler Körper wirkte fast noch dünner neben den riesigen Apparaturen. Er schien kaum zu glauben, dass diese junge Frau diejenige war, von der Richie sich eine Idee zu seinen Anlagen erhofft hatte. Ein abschätziger Laut entwich ihm, fast wie ein unterdrücktes Schnauben.
 

„Nanali, oder?“ sagte er schließlich, knapp, ohne dass ein Lächeln seine scharfen Züge erreichte. „Die anderen sind drin. Sie erwarten dich schon.“
 

Seine Augen glitten über sie hinweg, kaum mehr als eine beiläufige Prüfung, und Nanali spürte, dass er ihr kaum Beachtung schenkte. Kein Interesse an der jungen Dame, nur die unausweichliche Pflicht, sie hereinzulassen — ein Ding, das ihm Zeit stehlen würde, mehr nicht.
 

Er machte keinen Schritt, der auf Freundlichkeit hindeutete, keine Geste der Höflichkeit. Nur diese nüchterne, distanzierte Präsenz, die klar machte, dass jede Ablenkung von seinen Anlagen für ihn eine lästige Unterbrechung war. Nanali trat einen kleinen Schritt vor, unsicher, aber bemüht, nicht weiter aufzufallen. Daryl wandte sich ab, ohne ein weiteres Wort, und ließ ihr stumm den Weg ins Gebäude.
 

Als Nanali eintrat, saßen die Jungs auf dem tief eingesunkenen Sofa, einer hatte sich auf einen Sitzsack geworfen. Sie spielten eines ihrer Spiele, völlig in die Ablenkung vertieft.
 

Nach einigen Sekunden bemerkte Joachim sie, sprang vom Sofa auf und grüßte: „Hey, Nanali!“ Sofort pausierten die anderen Jungs das Spiel, und alle applaudierten, um sie willkommen zu heißen. Nanali war einen Moment lang sichtlich verwirrt und trat unsicher einen Schritt zurück.

„Was ist los?“ fragte Joachim, als er ihre Reaktion bemerkte.
 

„Ich… bin es nicht gewohnt, so begrüßt zu werden“, murmelte sie, etwas verlegen.
 

Joachim betrachtete sie einen Augenblick. „Du meinst, du bist es nicht gewohnt, dass jemand das nicht abschätzig meint?“ Nanali nickte.
 

„Gut, siehst du aus“, bemerkte er beiläufig.

„Danke“, sagte sie leise. Und machte eine kleine Drehung zu Show.
 

„Heute bin ich leider etwas kurz angebunden“, erklärte sie, „ich habe noch einen Termin, möchte mir aber gerne die Pläne anschauen, die ich Seto vorstellen wollte.“ Sie warf einen skeptischen Blick zu Daryl, der weiterhin regungslos vor ein Paar Skizzen stand. „Es scheint nur so, als wäre ich hier nicht ganz willkommen.“
 

Daryl wandte sich langsam zu Nanali, die Arme verschränkt, die Augen eng zusammengekniffen. „Ehrlich gesagt“, begann er trocken, „ich habe nichts von dem geglaubt, was Joachim und die anderen mir von Seto erzählt haben. Hologramme, dieser ganze… Schnick Schnack. Klingt wie ein Spinner.“ Sein Blick glitt über Nanali, als wolle er prüfen, wie sie reagieren würde. „Ich wüsste nicht, warum ich so jemandem meine Pläne anvertrauen sollte.“
 

Nanali zog schwer die Luft ein, die Worte trafen sie wie ein unerwarteter Schlag. Neben ihr hob Aiden die Hand, wollte noch intervenieren. „Es ist vielleicht keine gute Idee, Seto…“ begann er, doch es war bereits zu spät.
 

„Ach wirklich?“ Nanali fuhr übertrieben gereizt auf. „Auch ohne Ihre Ansätze wäre Seto in der Lage gewesen, eine normale Solarpaneele zu bauen!“ Ihre Stimme schwang vor Nachdruck, jeder Satz gespickt mit einem Hauch von Trotz. „Ich hatte vielmehr Interesse an Ihrer Algenvariante. Die wollte ich in meine Pläne für ein Gewächshaus mit Anbindung an die Aquaponik integrieren.“ Sie machte eine kurze Pause, um sicherzugehen, dass ihre Worte ankamen. „So könnte ich Synergieeffekte erzielen, wie wir sie hier im Vergissmeinnicht-Tal hatten. Die Pflanzen, die ich kultiviere, würden enorm davon profitieren, in einer Umgebung zu gedeihen, die kontrolliert auf ihre Bedürfnisse angepasst wird.“
 

Daryl musterte sie weiter, die scharfen Gesichtszüge kaum verändert, doch ein leichtes Zucken in der Stirn verriet, dass er zumindest die Richtung ihrer Gedanken registriert hatte. Nanali spürte die Spannung in der Luft, wusste aber, dass sie ihre Position verteidigen musste: Sie war hier, um ernsthafte Pläne zu besprechen, nicht um sich kleinreden zu lassen.
 

„Von einem Ansatz hätten wir profitiert“, sagte Nanali leise, die Stimme fest, „vor allem zeittechnisch, wo uns die doch fehlt. Aber wenn es sein muss, muss es ohne gehen.“
 

Daryl hob eine Augenbraue. „Welche Pflanze ist das, die so spezifische Bedingungen benötigt?“
 

Nanali stockte einen Moment, unsicher, ob sie so sensible Informationen wirklich preisgeben sollte. Doch Daryl hielt ihrem Blick stand, unbeirrt, forschend. Ihr Blick wanderte über die Plakate an der Wand, auf denen Skizzen, Diagramme und Berechnungen zu seinen Aufbauten prangten. Ein leichtes Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. Sie schloss die Augen, und wie auswendig gelernt, wiederholte sie akribisch alle Informationen, die sich auf den Plakaten befanden, Schritt für Schritt, detailliert und präzise.
 

„Hast du… gerade?“ Daryl begann überrascht, ehe sie antworten konnte.
 

Plötzlich spürte sie eine sanfte Berührung an ihrem Arm. Ein leises Kitzeln stieg ihr in die Nase, und ehe sie reagieren konnte, überkam sie ein Niesanfall, den sie kaum unterdrücken konnte. Gleichzeitig fiel ihr Blick auf eine schwarze Katze, die sich geschmeidig um ihre Beine schlang und ihren Schwanz wie eine weiche Schleife um sie legte, als wolle sie sie unauffällig berühren und ihr Nähe schenken.
 

„Mist, Katze…!“ entfuhr es Nanali zwischen zwei Niesern.
 

Joachim schüttelte leicht den Kopf, besorgt: „Allergisch?“
 

Nanali nickte knapp, noch ein wenig irritiert.
 

„Es dauert bei mir nie lange, etwas zu lernen, was mich interessiert“, erklärte sie schließlich, als sie sich wieder gefasst hatte. „Ich wollte hier ein praktisches Anwendungsbeispiel für Ihre Forschungen bieten – eine Bühne für Ihren Erfolg.“
 

Daryl runzelte die Stirn, skeptisch. „Und die finanziellen Mittel dafür? Ich bezweifle, dass du das stemmen kannst.“
 

Nanali lächelte knapp. „Da irren Sie sich. Die Zeit ist knapp, ja, aber für einen kleinen Aufbau innerhalb der nächsten drei Wochen reichen meine Mittel aus.“ Sie machte eine kurze Pause, ließ die Worte wirken. „Innerhalb der nächsten Woche werde ich das Konzept mit Seto ausarbeiten. Meine einzige Sorge ist, ob er seine Zeit zwischen meinem Projekt und dem Auftrag von Jamie aufteilen kann.“
 

Plötzlich schlug die Tür auf, und alle im Raum zuckten zusammen. Jill und Claire stolperten völlig außer Atem herein, die Haare wirr, die Kleidung verrutscht vom schnellen Lauf. Nanali ließ einen kurzen Blick über die beiden schweifen und grinste leicht.
 

„Ihr seid früher als erwartet. Seid ihr hierher gerannt?“ fragte sie amüsiert.
 

„Keine Zeit“, keuchte Jill und ließ sich auf einen der Sitzsäcke fallen.
 

Claire atmete schwer, sammelte sich - dann schloss sie die Tür hinter sich und erklärte: „Die Heilung von Romana durch die Crystal Blue… das war ein reiner Zufall. Nicht wiederholbar.“
 

Nanali nickte leicht. „Das hatte ich in etwa erwartet.“
 

Aus Daryl, der bisher ruhig neben den Apparaturen gestanden hatte, platzte es plötzlich erstaunt heraus: „Crystal Blue? Die willst du kultivieren? Du bekommst nicht mal einen Steckling, um sie zu züchten—“
 

„Den hab ich doch schon längst“, unterbrach Nanali ihn, die Stimme fest. „Die Samen haben wir in etwa drei Wochen. Aber Crystal Blue wächst nur unter bestimmten Bedingungen, die nachzuahmen durchaus herausfordernd ist.“
 

Jill fasste sich an den Kopf, das Ausmaß der Aufgabe auf sich wirken lassend. „Darüber wollte ich mir noch gar keine Gedanken machen…“, murmelte sie, die Stirn in Falten. Doch dann hob sie den Blick, entschlossen. „Im Moment hängt wirklich alles davon ab, dass wir diese Pflanze züchten. Es ist das einzige Heilmittel.“
 

Nanali nickte, das Gewicht der Verantwortung deutlich spürbar, während sie sich zu Daryl umdrehte, bereit, ihn durch die nächsten Schritte zu führen.
 

Nanali drehte sich zu Daryl und begann, ihre Idee zu erklären. „Mein Plan ist, die Crystal Blue unter kontrollierten Bedingungen nachzuzüchten, damit sie optimal wächst. Ich stelle mir einen abschließbaren Glaskasten vor, in dem Temperatur, Licht und Luftfeuchtigkeit genau reguliert werden.“
 

Sie deutete mit der Hand, als würde sie die Wände des Kastens skizzieren. „Das Licht soll diffundiert und gedämpft sein, fast wie in einer Höhle. Mit getönten Gläsern könnte ich testen, wie unterschiedliche Lichtintensitäten die Photosynthese beeinflussen – ähnlich wie ich es damals in der Schule mit Algen ausprobiert habe. Blau getöntes Glas reduziert die Lichtintensität und lässt überwiegend Blauanteile durch, dass simuliert natürliche Höhlenbedingungen. Pflanzen, die an Höhlen angepasst sind, kommen mit wenig, gedämpftem Licht besser zurecht, und zu viel helles, direktes Licht kann Stress verursachen. Außerdem reduziert das blaue Glas wärme durch Sonnenlicht und die kühlen Bedingungen bleiben stabil.“
 

Daryl runzelte die Stirn, doch Nanali fuhr fort: „Die Pflanzen sollen nebeneinander stehen, damit alle vergleichbaren Bedingungen haben. Die Temperatur bleibt konstant kühl, die Luftfeuchtigkeit hoch. So könnten wir herausfinden, unter welchen Bedingungen die Crystal Blue am besten gedeiht.“
 

Sie erklärte die geplante Testreihe:

1. Lichtvariationen durch unterschiedliche Tönungen der Glasabdeckungen.

2. Temperaturkontrolle über ein Kühlsystem, konstant kühl gehalten.

3. Hohe Luftfeuchtigkeit für optimales Pflanzenwachstum.

4. Vergleichbare Substrate und Nährstoffmengen für alle Pflanzen.

5. Regelmäßige Beobachtungen, um Wachstum, Blattentwicklung und Photosyntheseraten zu dokumentieren.
 

„Ich möchte damit die besten Bedingungen für die Crystal Blue herausfinden und eine Grundlage schaffen, um sie erfolgreich zu kultivieren. Wenn wir Messwerte haben, erhöhen wir unsere Chance in einem Zweitversuch.“, schloss Nanali. Ihr Blick ruhte kurz auf Daryl, gespannt auf seine Reaktion.
 

Jill atmete erleichtert aus, als sie merkte, dass Nanali genau wusste, was sie tat. „Du hast mir nicht erzählt, dass sie was davon versteht.“, beschwerte sie sich bei Claire.
 

Diese konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Du machst das nicht alleine, Jill“, sagte sie. „Du kennst Seto noch nicht. Der rüstet Jamies Maschinenpark gerade auf, indem er die Effizienz steigert. Er hat die Saatgutmaschine schon zehnmal so effizient gemacht im Vergleich zu den herkömmlichen Saatgutrocknern, die es auf der Insel gab.“
 

Jill lehnte sich zurück und schien sich endlich etwas zu entspannen.
 

Richie, der bisher still danebengestanden hatte, runzelte die Stirn und fragte: „Wieso ist das so wichtig?“
 

Nanali begann ruhig: „Wenn unsere Vermutung stimmt…“
 

„Stirbt jemand, wenn wir dieses Heilmittel nicht herstellen können. Und aktuell ist es unmöglich, die Wirkstoffe richtig zu dosieren. So ist die Pflanze vor allem tödlich“, beendete Jill den Satz, ihre Stimme fest.
 

Augenblickliche Stille senkte sich über den Raum. Nur das leise Rascheln der Blätter, die Daryl sorgfältig sortierte, war zu hören. Dann wandte er sich zu Nanali, musterte sie kurz, und drückte ihr schließlich seine Unterlagen in die Hand.

Daryl ließ die Unterlagen noch einen Moment in Nanalis Händen ruhen, dann musterte er sie mit einem durchdringenden Blick. „Theorie ist das eine“, begann er, die Stimme kühl und messerscharf, „aber ich will sehen, dass du nicht nur schönreden kannst.“
 

Er lehnte sich leicht zurück, die Arme verschränkt. „Beweis mir, dass du in der Lage bist, die Crystal Blue unter diesen Bedingungen tatsächlich zum Wachsen zu bringen. Ich habe keine Geduld für Konzepte, die nur gut klingen.“
 

Nanali spürte, wie ihr Herz einen Schlag schneller ging, aber ihr Blick blieb ruhig, bestimmt. „Dann werde ich das tun“, sagte sie leise, aber fest. „Ich zeige Ihnen, dass die Pflanze unter kontrollierten Bedingungen gedeihen kann.“
 

Die Spannung im Raum war spürbar. Nanali nahm die Herausforderung an – nicht aus Trotz, sondern weil sie genau wusste, dass dies der einzige Weg war, ihr Vorhaben glaubhaft zu machen und das Heilmittel für die, die es brauchten, möglich zu machen.
 

Jill hievte sich langsam aus dem Sitzsack, die Haare noch leicht zerzaust und die Stirn glänzend vom schnellen Lauf. „Entschuldigt den kurzen Besuch“, keuchte sie, „wir haben wirklich keine Zeit mehr. Es ist Zeit, einen Dieb zu fangen.“
 

Die umstehenden Anwesenden sahen sie mit ungläubigen Augen an, die Überraschung deutlich in ihren Gesichtern. Claire schmunzelte und erklärte gelassen: „Es ist Jills Absicht, diesem Phantomdieb eine Nachhilfestunde in Pflanzenkunde zu erteilen.“
 

Nanali brach daraufhin in lautes Lachen aus, das den Raum erfüllte, bis ein plötzliches Niesen sie zwang, kurz innezuhalten. „Ist das wirklich, was du machen willst?“ fragte sie, immer noch kichernd, ihre Augen glänzend vor Belustigung.
 

Jill drehte sich zu ihr, die Wangen glühend rot, und nickte entschlossen. „Japp. Ganz genau! Los, gehen wir!“
 

Mit diesen Worten bewegte sie sich auf die Tür zu, gefolgt von Claire, während Nanali noch einmal schmunzelnd den Kopf schüttelte und die beiden vor sich sah.
 

Beim Gehen warf Nanali noch einmal einen Blick über die Schulter zu Richie und den anderen. „Die Narbe auf der Nase ist aber neu“, bemerkte sie beiläufig.
 

Richie verzog das Gesicht, gespielt genervt, und warf einen Blick auf die schwarze Katze, die nun gemütlich vor sich hinschnurrte und sich scheinbar in aller Ruhe um ihre eigene Welt kümmerte.
 

Nanalis Blick folgte seinem, doch kaum hatte sie die Katze wahrgenommen, überkam sie erneut ein Niesen. Sie wischte sich kurz die Nase und murmelte: „Das nächste Mal bringe ich ein Allergiemittel mit und… mehr Zeit.“
 

Mit diesen Worten drehte sie sich endgültig um und ging weiter, während die Gruppe noch einen Moment stumm den Ausgang betrachtete.
 

Die Männer ließen sich zurück in ihre gemütlichen Polster sinken, bereit, das Spiel wieder aufzunehmen.
 

„Sie hat immer P.S.…“, bemerkte Aiden und schüttelte lachend den Kopf, als von draußen Nanalis Stimme noch einmal zu ihnen Drang: „Das nächste Mal, lasst ihr mich mitspielen!“
 

Ein leises Lachen ging durch den Raum, während die Jungs sich gegenseitig ansahen und die Runde mit einem Schmunzeln fortsetzten.
 

„Lieber nicht“, murmelte Joachim und lehnte sich zurück. Aiden grinste belustigt. „Hast du immer noch ein Trauma?“
 

„Dass du wieder verlierst, wie beim Schach“, ergänzte Henning mit einem schelmischen Lächeln.
 

Richie schmunzelte leise in sich hinein. „Klingt spannend“, bemerkte er, während die anderen weiter lachten und das Spiel langsam wieder aufnahmen.

(H)owl over the fields - Protect the Mist Blue

(H)owl over the fields - Protect the Mist Blue
 

So., 10.November YXXX1

Die Gruppe der drei Frauen stapfte durch das weiche Gras, das unter ihren Schritten leicht nachgab. Nanali folgte dicht hinter Jill, die vorneweg ging, und konnte die Anspannung in den hastigen Schritten der anderen spüren.
 

„Wartet mal…“ Nanali blieb kurz stehen, um Luft zu holen. „Schlägt Skye nicht normalerweise erst um Mitternacht zu?“

Jill warf einen Blick über die Schulter, ein schelmisches Grinsen auf den Lippen. „Ja.“
 

„Und… was genau wollt ihr so lange machen, dass ihr euch so beeilen müsst?“ Nanali hob eine Augenbraue, während sie dem schmalen Trampelpfad folgte.
 

Jill schnaubte, strich sich ein paar Haare aus der Stirn und ging weiter. „Erst Abendessen. Dann eine kurze Mütze Schlaf. Ich kann nicht jede Nacht bis zwei Uhr wach bleiben und dann um sechs wieder aufstehen.“
 

Claire seufzte tief neben ihr, die Hände in den Taschen vergraben. Nanali konnte ihre Gedanken fast spüren: eine Mischung aus Resignation und Amüsement.
 

„Ihr so etwas zu erklären… hat keinen Sinn. Gesunder Menschenverstand ist für sie fremd.“, scherzte Claire. Ein wenig meinte sie es ernst.
 

Nanali zog einen Schmollmund. „Hey.“
 

„Ich nehme es zurück, sobald du deine Tabletten eigenständig uns regelmäßig nimmst und 3 mal am Tag eine Mahlzeit isst, ausreichend trinkst und dein Schlaf mindestens 8 Stunden nicht unterschreitet.“, entschied Claire.
 

„Und rund 10 Kilo mehr wiegst.“, ergänzte Jill.
 

Mit einem leichten Kopfschütteln setzte Nanali ihren Schritt fort, den Blick auf die dunkler werdende Landschaft gerichtet.
 

So., 10.November YXXX1 23:00
 

Der späte Novemberabend lag schwer über dem Land. Nebelschwaden schwebten über den Feldern, und der Frost funkelte leise auf den Gräsern, als wollte er jeden Atemzug der Nacht sichtbar machen. Die Bäume warfen lange, zitternde Schatten auf den schmalen Weg, der zur Vestas Farm führte, und das matte Licht der Laternen am Wegesrand tauchte alles in ein warmes, aber gespenstisches Glühen.
 

Nanali, Claire und Jill gingen vorsichtig hintereinander, ihre Atemwolken vermischten sich mit der kühlen Luft. Unter ihren Schritten knackte das gefrorene Laub.
 

Jede von ihnen spürte die Mischung aus Vorfreude und Anspannung, die durch die kühle Nachtluft zog. Die Farm lag noch vor ihnen, ein Lichtpunkt in der Dunkelheit, und hinter den Zäunen schien sich schon etwas zu regen.
 

Die Reihen der Farm waren akkurat angelegt, doch die Nacht gab den klaren Linien einen geheimnisvollen Schleier. Zwischen den Feldern schimmerten die letzten rote Beete und späten Rosenkohlköpfe schwach im Mondlicht, und hier und da ragten noch vereinzelt späte Kürbisse aus dem frostigen Boden. Die Erde war feucht und kühl, und der Duft von Herbstlaub und winterlicher Frische lag schwer in der Luft.
 

Kohlrabi und späten Karotten schimmerten sanft im Licht der Laternen und des schwachen Mondscheins. In der dunklen Nacht wirkten die Blätter leicht bläulich, als hätten sie einen dünnen Hauch Frost übergezogen, der das Silber des Lichts aufnahm und in sanfte Schimmer verwandelte. Die Pflanzen neigten sich unter dem leisen Nachtwind, ihre Blätter raschelten sachte.
 

Sie stapften an dem Zaun entlang zum Haupthaus.
 

Sie traten an die Tür des Hauses heran. Die Fensterläden waren fest verschlossen, nur ein schmaler Spalt ließ schwaches Licht nach draußen fließen, das wie ein flackernder Faden in der dunklen Nacht wirkte. Der Wind heulte leise durch die kahlen Äste der umstehenden Bäume, und ein kalter Schauer kroch Nanali den Rücken hinauf.
 

Plötzlich raschelte es laut in der Nähe, und der knorrige Ast eines alten Baumes schlug gegen die Hauswand. Ein schwarzer Schatten sprang über das Holz, wuchs auf zu einer unheimlichen, drohenden Gestalt, die sich scheinbar nach ihr ausstreckte. Nanali wich erschrocken zurück.
 

Doch schon im nächsten Moment sah sie, wie sich die Quelle ihres Schreckens bewegte: Eine große Eule schwang sich lautlos in die Luft, die Flügel ausgebreitet, die Augen wie glühende Monde. Der Schatten, der so bedrohlich gewirkt hatte, löste sich in der blassen Mondnacht auf, und nur das leise Rascheln der Blätter erinnerte daran, dass die Natur selbst in dieser stillen, dunklen Stunde lebendig war.
 

Nanali atmete tief durch, während Claire und Jill vorsichtig neben ihr standen.
 

Jill trat einen Schritt vor und legte behutsam die Hand auf die schwere Holztür. Ein leises, langgezogenes Knarren hallte durch die stille Nacht, als sie sie langsam aufstieß. Sofort strömte warme, würzige Luft aus dem Inneren nach draußen und hüllte die drei in einen fast verführerischen Duft von Kaminrauch und getrockneten Kräutern.
 

Die Kälte der Novembernacht, die ihnen zuvor in die Knochen gezogen war, wich allmählich von ihren Gliedern. Die frostige Anspannung, die Nanali noch immer wie einen starren Mantel umhüllte, begann zu schmelzen, als ihre Nasen den vertrauten, heimeligen Geruch aufsogen und ihre Muskeln sich langsam entspannten. Die Tür stand nun halb offen, ein warmes Licht fiel auf die Schwelle und schien wie ein stiller Wink, hineinzugehen.
 

Claire und Nanali traten an Jill vorbei und schlüpften ins warme Innere des Hauses. Vesta, die bereits auf sie wartete, hob den Kopf und begrüßte die beiden mit einem freundlichen Nicken, während sie ihre Mäntel ablegten und sich im Licht der Laternen umsahen. Jill blieb einen Moment stehen, die Hand noch an der Tür, und ließ ihren Blick in den dunklen Himmel über dem Haus wandern.
 

Dort kreiste die Eule, lautlos und majestätisch, ihre Flügel gegen das Schimmern des Mondes ausgebreitet. Ein Pfiff durchbrach die Nacht – leise, fast vom Tosen des Windes verschluckt, doch Jill nahm ihn schärfer wahr als alles andere. Vaughn war ein begnadeter Falkner gewesen, dachte sie, und von seinem jüngeren Bruder erwartete sie nicht weniger.
 

Sie sah noch einmal ins Haus, wo die anderen bereits ihre Mäntel abgelegt hatten, sich unterhielten und sich in der warmen Luft einrichteten. Worte wollte Jill keine verlieren. Mit einem letzten Blick auf die schwebende Silhouette der Eule schob sie die Tür langsam zu.
 

Vesta schnaubte vor Zorn. „Heute Nacht kriegt dieser feige Dieb, was er verdient!“

Marlin war skeptisch. „Du bist aber ziemlich wütend…“

„Das kannst du laut sagen! Dieser Schurke hat es auf meine Mist Blue abgesehen. Angela hat sie mir extra mit einigem Samen zugeschickt, dass ich sie für die hiesigen Bedingungen kultivieren kann. Ich werde alles tun, um sie zu beschützen!“ entgegnete Vesta entschlossen.
 

***
 

Skyes hockte reglos auf einem Ast, sein Blick durch das dichte Geäst der Bäume gerichtet. Sein weiß-silbernes Haar fing das Licht und schimmerte im kühlen Schein wie flüssiges Silber. Einzelne Strähnen glitten sanft über seine Schultern, mal hell, mal in kühlen Blau- und Silbertönen getaucht, und ließen ihn fast wie ein flüchtiges Gespenst zwischen den Bäumen wirken.
 

Die Äste warfen zitternde Schatten auf den Boden, und die kalte Luft trug das Rascheln der Blätter zu ihm. Auf seinem Unterarm ruhte der Greifvogel, die scharfen Krallen in das Lederband gekrallt, das ihn hielt. Die Eule bewegte ihren Kopf, als spüre sie die angespannte Erwartung ihres Meisters, und die dunkel funkelnden Augen Skye’s ruhten unverwandt auf der Szene vor dem Haupthaus.
 

Dort standen Vesta, Marlin, Claire und Celia in einer lockeren Formation, doch angespannt wie eine gespannte Feder. Vesta wirkte besonders entschlossen, die Arme verschränkt, den Blick scharf auf die Felder gerichtet, als wollte sie jeden Schritt eines möglichen Eindringlings vorhersehen. Die Laternen warfen warme Lichtkegel auf ihre Gesichter, die im Kontrast zur dunklen Umrahmung der Felder fast überirdisch wirkten.
 

Draußen vor dem Farmhaus überlegte Celia. „Vielleicht sollten wir eine Strategie haben, schließlich ist die Farm riesig.“
 

„Stimmt“, nickte Marlin. „Wir teilen uns in Zweiergruppen auf, verstecken uns an verschiedenen Stellen und dann überraschen wir ihn.“
 

Vesta nickte zustimmend. „Gut, also Celia und Marlin, ihr nehmt dieses Feld.“.

Vesta weist zu einem der oberen Felder. „Claire und ich verstecken uns im gegenüberliegenden. Dann warten wir ab.“
 

„Also gut.“, flüsterte Skye leise, nur für sich selbst.
 

***
 

Ein leises Kichern, kaum mehr als ein Flüstern durchdrang die Nacht – verspielt, selbstsicher, unpassend in dieser angespannten Dunkelheit. Aus den Schatten zwischen den Feldern löste sich eine Gestalt, als hätte die Nacht sie freigegeben. Skye trat ins Licht der Laternen, sein Blick glitt zuerst über Vesta, dann blieb er einen Moment zu lang auf Claire liegen, ehe sich ein schelmisches Lächeln auf sein Gesicht legte.
 

„Also“, sagte er ruhig, beinahe amüsiert, „ihr wolltet mich heute Nacht überfallen?“ Vestas Zorn entlud sich sofort. Ohne zu zögern, stürmte sie einen Schritt nach vorn, die Fäuste geballt, die Stimme scharf wie ein Peitschenhieb. „STOPP, DIEB! Du kommst mir nicht an mein Gemüse!“
 

Skye wich keinen Zentimeter zurück. Stattdessen neigte er leicht den Kopf, musterte sie mit einem Blick, der eher bewundernd als erschrocken wirkte. „Hehe…“, murmelte er, „lass nicht zu, dass roher Zorn dir deine Schönheit raubt.“
 

Für einen Augenblick war Vesta sprachlos. Die Worte trafen sie unerwartet, mischten sich mit ihrer Wut und ließen sie ins Leere greifen. „Du… du… du…!“ brachte sie schließlich hervor, vor Ärger bebend, während Skye noch immer lächelte – ruhig, selbstsicher, als hätte er die Kontrolle über diesen Moment längst an sich gerissen.
 

Claire trat hinzu. „Bitte, hör auf zu stehlen!“

„Sorgt ihr euch etwa um mich? Keine Sorge, es ist noch nicht Zeit, erwischt zu werden.“
 

Vesta versuchte sich zu bewegen, doch plötzlich schien ihre Kraft nachzulassen. „Was… passiert hier? Ich kann mich nicht rühren…“
 

„Hehe, ich bin noch nicht am richtigen Ort. Zeit zu verschwinden.“ Skye nutzte den Moment und huschte ins nächste Feld.“
 

Celia und Marlin rannten ihm hinterher, sobald sie ihn ausfindig machen konnten.

„Scheint, ich bin heute besonders beliebt“, bemerkte Skye, ohne sich umzusehen.

„H-Halt, Dieb!“ rief Celia und versuchte ihn aufzuhalten.

„Umgeben von so schönen Damen zu sein… scheint mein Fluch zu sein“, entgegnete Skye und wich geschickt aus.
 

„He, mach dich vom Acker, Schönling.“, forderte Marlin ihn heraus.

Skyes Gesicht verzog sich, als hätte er auf eine saure Zitrone gebissen. „Feh. Ich lasse mich nicht von einem Mann fangen! Wo bleibt da die Romantik?“
 

Als Celia plötzlich spürte, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. „…Ich… kann mich nicht rühren…“

„Was?“, entwich es Marlin verwirrt. Der die Verfolgung abrupt abbrach, um Celia nicht alleine zurückzulassen.
 

„Bald wirst du dich wieder bewegen können“, sagte Skye mit einem schelmischen Lächeln und war schon verschwunden, bevor jemand reagieren konnte.
 

Die Nacht kehrte wieder zur Ruhe zurück. Nur die Laternen warfen ihr Licht über die Felder, während die vier zurückblieben – ratlos, aber auch ein wenig fasziniert von diesem geheimnisvollen Phantomdieb.
 

„Es wirkt also nur bei Frauen. Deshalb die Köder – sowohl im Gasthof als auch bei der Mine.“
 

Mit diesen Worten ließ Jill den Vorhang des Lagerhauses zufallen. Der schwere Stoff senkte sich lautlos und schnitt den schmalen Lichtstreifen von draußen ab, der eben noch hereingefallen war. Sie lehnte sich gegen die raue Holzwand, spürte die Kälte des Holzes durch den Mantel, während draußen der Wind leise an den Brettern zerrte.
 

Nanali hatte sich auf eine alte Holzkiste gesetzt, die Hände ineinander verschränkt. Neben ihr flackerte eine kleine Öllampe und tauchte den Raum in ein warmes, aber schwaches Licht. Die Schatten krochen an den Wänden entlang, verzerrten Kisten, Werkzeuge und Balken zu fremden Formen, als lausche das Lagerhaus selbst ihrem Gespräch.
 

Nanali hob den Blick, ihre Stimme gedämpft. „Glaubst du, er findet uns hier?“ Skepsis lag in ihrem Ton, gemischt mit einer leisen Nervosität, die sie nicht ganz verbergen konnte.
 

Jill antwortete nicht sofort. Ihr Blick wanderte über die dunklen Ecken des Raumes, blieb kurz am flackernden Lampenlicht hängen. „Wenn nicht“, sagte sie schließlich ruhig, „wird das mit dem Einfangen tatsächlich schwierig.“
 

Für einen Moment herrschte Stille. Nur das leise Knacken des Lampendochts und das ferne Heulen des Windes drangen an ihre Ohren, während draußen irgendwo zwischen den Feldern und Bäumen jemand lauschend wartete – oder vielleicht längst näher war, als sie ahnten.
 

Das weiche Licht der kleinen Öllampe schimmerte auf den Blättern der eingetopften Blume neben Nanali. Das Warten war zu einem Geduldsspiel geworden. Minute um Minute verstrich, und die Stille begann an Jills Nerven zu zerren wie kalte Finger.
 

Nanali war es, die die Veränderung zuerst bemerkte. Ein feiner Schleier kroch durch den Türspalt, kaum sichtbar, eher ein Zittern in der Luft als wirklicher Rauch. Die kalte Nachtluft drängte herein und traf auf die warme, stehende Luft des Lagerhauses. Für einen Moment vermischten sie sich, wirbelten träge umeinander, bevor sich der Dunst langsam im Raum ausbreitete.

Mit ihm kam ein Geruch. Nicht stark, nicht aufdringlich — eher süßlich und trocken, mit einer herben Note darunter. Getrockneter Baldrian, erkannte Nanali, dazu ein Hauch von Schlafmohn und etwas Bitteres, vielleicht Beifuß. Kräuter, die beruhigten, die Gedanken verlangsamten, die Lider schwer machten.
 

Jill schmunzelte leise, ohne den Blick von der Tür zu nehmen. „Er weiß, dass du immun bist gegen seine Magie“, sagte sie ruhig. „Also versucht er es auf anderem Weg.“
 

Nanali reagierte sofort. Sie ging in die Hocke und zog ein kleines Tuch aus ihrer Tasche, das bereits feucht war — nicht nur mit Wasser, sondern mit einem Aufguss aus Minze und Rosmarin. Sie presste es sich vor Mund und Nase, atmete flach und kontrolliert. Gleichzeitig schob sie sich ein paar Blätter Engelwurz zwischen die Zähne und kaute langsam darauf. Der bittere Geschmack zog durch ihren Mund, brannte leicht auf der Zunge, hielt den Kopf klar und wach.
 

Jill öffnete das kleine Fenster einen Spalt, ließ es kippen. Kalte, frische Nachtluft strömte herein, verdrängte den süßlichen Dunst, ließ die Lampe kurz flackern. Die Schatten an den Wänden zogen sich zurück, als hätten sie ihren Halt verloren.
 

Für einen Moment war alles still. Nur das leise Rauschen des Windes, das ferne Schlagen von Flügeln — und das sichere Gefühl, dass sie gesehen wurden.
 

Jill schwankte plötzlich. Ein leises, abgehacktes Ausatmen entwich ihr, dann gaben ihre Knie nach. Sie sackte an der Holzwand entlang zu Boden, der Rücken rutschte über die rauen Bretter, bis sie reglos liegen blieb. Ihr Kopf fiel zur Seite, die Augen geschlossen, als hätte der süßliche Dunst sie endgültig eingeholt.
 

Im selben Moment veränderte sich das Licht. Der schmale Streifen unter der Tür verdunkelte sich, als sich ein Schatten darüberlegte — langgezogen, verzerrt, eindeutig menschlich. Er bewegte sich langsam, prüfend, und Nanali trat instinktiv einen Schritt zurück. Ihr Atem ging flach, das Tuch noch immer vor Mund und Nase, während ihr Blick auf den Türspalt gerichtet blieb.
 

Die Tür öffnete sich lautlos. Zuerst glitt nur ein Stück Nacht ins Lagerhaus, dann trat die Eule herein. Ihre Flügel schlugen kaum hörbar, als sie auf einem Balken landete. An ihrem Bein war ein kleines Fläschchen befestigt, mit Schnüren sorgfältig fixiert — darin schimmerten getrocknete Kräuter. Der Duft war derselbe wie zuvor, doch die Eule schien unberührt davon. Ihre Sinne waren scharf, ihr Körper immun gegen die einschläfernden Wirkungen, die für Menschen bestimmt waren.
 

Erst dann trat Skye ein. Vorsichtig, fast respektvoll, als würde er den Raum erst lesen wollen, bevor er ihn betrat. Sein Blick fiel kurz auf Jill am Boden, prüfend, dann wanderte er weiter — bis er bei Nanali hängen blieb.
 

Sie stand neben der eingetopften Blume, reglos, aufrecht. Kein Zögern, kein Ausweichen. Sie hielt seinem Blick stand, ruhig und wach, während das Licht der Öllampe ihre Gesichter halb in Schatten tauchte.
 

Für einen langen Augenblick sagte keiner von beiden etwas. Die Nacht hielt den Atem an.
 

Langsam senkte Nanali das Tuch von ihrem Mund. Die Luft im Raum war inzwischen klarer, kühl und scharf, doch der Nachhall des Kräuterdufts lag noch immer wie eine Erinnerung zwischen ihnen. Skye betrachtete sie einen Moment lang, dann ließ er hörbar die Luft aus den Lungen entweichen.
 

„Ungünstig“, bemerkte er trocken.
 

Er hob eine Hand, als würde er einen misslungenen Plan beiseitewischen. „Ich hatte gehofft, dich damit außer Gefecht zu setzen. Wenigstens für ein paar Minuten.“ Ein schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht, mehr Einsicht als Spott.
 

Hinter ihm regte sich etwas. Holz knarrte leise, als Jill sich aufrichtete. Sie stand nun aufrecht hinter Skye, den Rücken gerade, den Blick ruhig — und blockierte den Weg nach draußen, ohne ein Wort zu sagen.
 

„Das hat dann wohl nicht geklappt wie es sollte“, sagte sie nüchtern. Im Türrahmen erschien Claire, die Arme locker verschränkt, als hätte sie dort die ganze Zeit gestanden. Skye warf einen Blick von einer zur anderen, dann fragte er, beinahe beiläufig: „Und die anderen? Vesta. Marlin. Celia.“
 

Claire zuckte mit den Schultern. „Was soll mit denen sein?“
 

Nanali trat einen Schritt vor, beugte sich zu der eingetopften Blume hinab und hob sie vorsichtig an. Sie hielt sie Skye hin, die Blätter im Lampenlicht ruhig und unversehrt. „Die kannst du haben“, sagte sie sachlich. „Obwohl Vesta das vermutlich nicht besonders toll fände.“
 

Einen Moment zögerte sie, dann fügte sie hinzu: „Aber ich würde sie nicht Sabrina geben. Die Pflanze, die du suchst, ist es nämlich nicht.“
 

Skye sah sie an, erst irritiert, dann zunehmend aufmerksam. Sein Blick glitt von der Blume zu Nanali, als versuche er, die Bedeutung hinter ihren Worten zu erfassen.
 

„Ihr habt also… alles herausgefunden“, sagte er schließlich leise.

Forget-me-not - A Wonderful Life

Forget-me-not - A Wonderful Life
 

Mo., 11.November YXXX1
 

Die Sonne stand tief am Himmel, tauchte den Strand in warmes Gold und ließ das Wasser sanft glitzern. Am kleinen Hafen hatten sich alle versammelt: Rumina, Sebastian und Lumina standen dicht beieinander, während die kleine Yacht von Will sanft am Steg schaukelte. Möwen kreisten über ihnen, und das leise Plätschern der Wellen gegen das Holz des Piers vermischte sich mit ihrem lebhaften Gespräch.
 

Will stand lässig neben seiner Yacht, die Hände locker in den Taschen, das Gesicht von einem milden Lächeln erhellt. „Ich wollte mich noch einmal bei dir entschuldigen, Rumina“, sagte er, ernst, aber freundlich. „Für Skyes unorthodoxe Methoden. Ich… nun ja, ich habe ihn selbst geschickt.“
 

Rumina nickte, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Ich verstehe. Es ist schon in Ordnung.“
 

Lumina konnte ihr Glück kaum verbergen. „Und ich habe Will wieder gesehen!“, platzte sie heraus, die Augen leuchteten vor Freude. „Ich bin so glücklich! Wirklich!“ Sie strahlte von einem Ohr zum anderen, und ihre Begeisterung wirkte ansteckend. Dann grinste sie schelmisch: „Und ich spiele jederzeit gerne wieder Fangen mit Skye… er kann ruhig öfter vorbeigeschickt werden, zum Spielen.“
 

Will hob eine Augenbraue, musste schmunzeln und schüttelte leicht den Kopf. „Hm… ich werde das im Hinterkopf behalten“, antwortete er trocken, aber das Lächeln auf seinen Lippen verriet, dass er die Aussage durchaus amüsant fand.
 

Sebastian stand leicht abseits, beobachtete das Zusammenspiel der Gruppe und ließ ein leises Lachen entweichen. Die Atmosphäre war entspannt, fast vertraut, während die sanfte Brise vom Meer herüberwehte und den Duft von Salz und Holz mit sich brachte. Die Sonne stieg langsam auf, tauchte die Szene in ein warmes, beruhigendes Licht, und für einen Moment schien die Welt stillzustehen – nur die Stimmen der Freunde, das sanfte Schaukeln der Yacht und das Plätschern des Wassers füllten den Hafen.
 

Abseits vom Trubel am Hafen standen Muffy und Griffin zusammen, leicht zurückgesetzt auf den warmen Sand, ihre Blicke konzentriert auf die kleine Gruppe, die sich zum Pier bewegte. Griffin verschränkte die Arme, die Stirn leicht gerunzelt, während Muffy neugierig neben ihm auf und ab wippte, die Hände in den Taschen ihres leichten Mantels vergraben. Sie beobachteten, wie Claire, Nanali und Jill Skye mit sicherem Griff begleiteten, jeder Schritt wohlüberlegt, die Körpersprache der drei Frauen ruhig, aber bestimmt.
 

Nicht weit entfernt hatten Carter und Flora ebenfalls Stellung bezogen, ein kleines Stück näher an den Hafen, aber dennoch unauffällig. Flora lehnte sich leicht gegen einen Pfosten, die Arme verschränkt, und folgte jedem Detail der Szene mit scharfem Blick. Carter, die Hände locker in den Hosentaschen, schien sich auf jeden Moment vorzubereiten, als wollte er sofort eingreifen, sollte die Situation eskalieren.
 

Ein Lächeln huschte über Muffys Gesicht, als sie sich schließlich aufraffte. „Hey, Skye!“, rief sie fröhlich, ohne Eile in ihrem Ton. „Ich wollte mich noch bei dir bedanken… für das Curry! Es war fantastisch – genau das, was wir heute Abend gebraucht haben, jetzt wo der Winter heranrollt. Die Kunden im Café waren total begeistert, alle haben geschwärmt!“
 

Griffin, der neben ihr stand, seufzte kurz, konnte sich dann aber ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. „Hm… ja, ich muss zugeben, das Curry war richtig gut.“, meinte er, die Arme verschränkt.
 

Muffy nickte eifrig, die Augen voller Freude. „Du bist im Mondschein-Café jederzeit willkommen, um zu kochen!“
 

Nanali biss sich auf die Unterlippe, um das Kichern zu unterdrücken, doch als ihr Blick zu Jill und Claire wanderte, konnte sie die vergeblichen Versuche der beiden, ernst zu bleiben, nicht übersehen. Ein leises, unkontrolliertes Lachen entwich ihr, das sich sofort zu einem fröhlichen Kichern steigerte.

Carter ließ den Kopf hängen, die Schultern sanken kraftlos nach vorn, als wolle er die Schwere des Moments auf sich nehmen. „Wollt ihr ihn wirklich alle mit so… freudiger Stimmung verabschieden?“ fragte er leise, ein Hauch von Zweifel in der Stimme. „War ich etwa der Einzige, der wütend war?“
 

Flora legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, ihre Stimme sanft, aber bestimmt. „Na na“, sagte sie lächelnd. „Denk daran, wir haben einen unglaublichen Fund gemacht – einen, den wir ohne Nanali nie so schnell hätten zusammenfügen können. Und schließlich… gestohlen wurde nichts. Das zählt doch auch.“

Carter nickte langsam, die Anspannung in seinen Schultern ließ ein wenig nach, während ein schwaches Lächeln seine Lippen streifte.
 

Als sie am Pier ankamen, wandte sich Jill an Will, die Stimme klar und mit einem leichten Schmunzeln: „Der Gefangene wird überstellt.“
 

Nanali konnte sich ein neugieriges Nachhaken nicht verkneifen. „Wirst du Skye nicht vermissen, wenn er das Vergiss-mein-nicht-Tal verlässt?“
 

Jill errötete schlagartig und funkelte Nanali an. „Also…“, begann sie empört, doch ihre Worte wurden von einem leisen, fast schelmischen Kichern von Skye unterbrochen. Jill holte tief Luft, die Augen voller Wärme.
 

„Ich werde jede Nacht nach dir Ausschau halten. Nächte ohne dich werden einsam.“, antwortete er ohne auch nur den leisen Anschein von Scham in seiner Stimme.
 

Jill sah ihn überrascht an, für einen Moment sprachlos, die Augen weit vor Staunen, während ein zartes Lächeln ihre Lippen umspielte. Die Hitze in ihren Wangen wuchs ein wenig, doch sie ließ sich nicht beirren. „Sonnenscheindorf… ist auch nicht sooo weit weg… Vielleicht sollte ich Chelsea mal wieder besuchen.“
 

Die umstehenden konnten ihre Heiterkeit nicht länger verbergen. Lumina kicherte leise hinter ihrer Hand, ihre Augen funkelten vor Vergnügen. Sebastian musste unwillkürlich schmunzeln und schüttelte leicht den Kopf, als hätte er genau solche Momente vorausgesehen.
 

Auch Will konnte sich ein leises, amüsiertes Lächeln nicht verkneifen, während er Skye beobachtete, der völlig sprachlos dastand.
 

Nanali, die den Moment zuvor noch neugierig ausgelöst hatte, musste nun selbst laut auflachen, und Jill warf ihr ein halb empörtes, halb belustigtes Funkeln zu.
 

Überall mischte sich das leise Kichern und Schmunzeln zu einer warmen, fröhlichen Atmosphäre, die den Pier in ein sanftes, herzliches Licht tauchte.
 

***
 

Am Horizont schrumpfte das Boot allmählich, bis es nur noch ein winziger Punkt auf dem glitzernden Wasser war und schließlich ganz hinter dem leichten Dunst der Morgendämmerung verschwand. Die Sonne stand tief, warf lange Schatten über den Pier, und eine sanfte Brise trug den salzigen Duft des Meeres heran.
 

Die Freundinnen waren bereits an der Bushaltestelle, bereit für den Abschied. Jill trat vor, nahm Claire zunächst in die Arme, ein warmes Lächeln auf den Lippen. „Ich kann unser nächstes Wiedersehen kaum noch erwarten.“ Dann wandte sie sich Nanali zu. „Es war wirklich schön, dich kennenzulernen und dich als einer der ersten in der Farmer-Gemeinschaft begrüßen zu dürfen. Deine Fähigkeit… sie ist etwas, das dich weit bringen könnte.“

Jill seufzte leise, als sie weitersprach, die Gedanken in Worte gegossen, die gleichzeitig Rat und Warnung waren. „Wenn du Sonnenscheindorf einmal besuchst, sprich unbedingt mit Chelsea. Die Hexenprinzessin könnte dir einiges erklären, was dir sonst verborgen bliebe. Und auch in Castanet… dort solltest du den Zauberer oder die Sumpfhexe aufsuchen. Sie haben Wissen, das dir helfen kann.“

Sie schaute kurz auf. In den dichten Wald, durch den sie alsbald nach Mineralstadt zurückfahren würden. „Oh, und in den Zwillingsdörfern… da gibt es Gerüchte über ein Oracle. Es könnte nützlich sein, wenn du mehr über deine Gabe erfahren willst.“
 

Ein leises Lächeln spielte um Jills Lippen, während sie abschließend nickte, beinahe als würde sie ihre eigenen Worte noch einmal für sich zusammenfassen. „Ich hoffe, wir sehen uns wieder, Nanali.“
 

„Ganz bestimmt sogar.“, versprach Nanali.
 

Ein sanftes, gleichmäßiges Rollen durchbrach die Stille, das leise Knarren der Reifen auf dem Boden hallte in kleinen Intervallen. Die Räder bewegten sich gemächlich, zogen jede Umdrehung in die Länge, als wollten sie den Moment festhalten. Ein vereinzeltes Blatt knirschte unter ihnen, fast unbedeutend, während der Bus langsam, bedächtig, vor ihnen zum Stehen kam. Die Tür öffnete sich sacht, und der vertraute Fahrer, Richie, lehnte sich leicht hinaus, sein Lächeln ruhig und warm, als wollte er den Abschied nur noch ein wenig hinauszögern.
 

„Darf ich euch mitnehmen?“, fragte er, und obwohl die Worte freundlich klangen, lag ein leiser Unterton darin, der mehr von Zurückhalten als von Einladung erzählte. Fast so, als wollte er die Frage nur aus Höflichkeit stellen, während er insgeheim hoffte, dass sie noch einen Moment länger blieben.
 

„Awww.“, entwich es den drei Frauen. Richie zog einen leichten Schmollmund. „Ich lass euch auch hier.“
 

Claire grinste. „Lieber nicht. Nanali muss zurück. Sie sehnt sich schon seit Tagen nach einem bestimmten jemand.“
 

Ein gedehnter Moment, in dem Nanali ihren Kopf zu Claire drehte.
 

„Rache ist bittersüß.“, erinnerte Jill sie, woraufhin Nanali den Mundwinkel schief zieht. „Ja, ja. Aber es ist die Wahrheit. Nur das ich Mokki fast noch mehr vermisse!“, gab Nanali zu, was Claire ein Lachen kostet. „Und du such dir einen Freund.“, setzte Nanali nach.
 

„Ähh, jetzt steht dem nächst erstmal die Hochzeit meines Bruders an. Ich hab noch Zeit.“, winkte Claire ab, bevor sie Jill ein letztes Mal drückte und den Bus betrat.
 

Nanali und Jill sahen sich noch eine Weile an. „Achte auf dich. Claire macht sich sonst nur rund um die Uhr sorgen!“, mahnte Jill freundlich.
 

„Stimmt. Ich vergesse immer wieder, dass es tatsächlich Menschen gibt, denen ich hier etwas bedeute, …“, gab Nanali zu.
 

„Das solltest du nicht. Es werden eher mehr denn weniger.“, kicherte Jill, was Nanali zum Abschied einige Tränen in die Augen trieb.
 

„Ach, du…!“, begann Jill, bevor sie Nanali abrupt in ihre Arme zog. „Wir sehen uns.“, verabschiedete sich Nanali, bevor auch sie den Bus bestieg. Die schwere Tasche mit allen Mitbringsel hineinhievend. Darunter etliche Edelreiser – ein Pflanzenabschnitt, ein kleiner triebenartiger Steckling von einer ausgewachsenen, hochwertigen Pflanze, der dazu verwendet wird jüngere Bäume zu veredeln, damit sie früher Früchte tragen können-, sowie ein kleines Zitronenbäumchen. Ein Hybridbäumchen, dass auch Limetten trug und unterschiedliche Zitronensorten unter anderem Buddhas Hand, wie Nanali sie jetzt nannte.
 

Die Tür schwang geräuschvoll zu und Jill sah zu wie der kleine Bus in einem Rondel wendete und seine fahrt aufnahm in Richtung Mineralstadt.
 

***
 

Jill öffnete die Tür und trat in ihr kleines Zuhause. Der Raum wirkte seltsam weit, fast leer. Vor ihr breiteten sich die Bilder aus…
 

Vor wenigen Stunden hatten sie noch zu dritt mit Skye am Tisch gesessen, Pläne finalisiert, Notizen verglichen und über die Kultivierung von Crystal Blue diskutiert. Der Raum war für sie zu viert winzig gewesen, überfüllt von Koffern, Tüten, Setzlingen und Samen. Die Archäologische Vase, die Notizen, das ausgezogene Bett – alles wirkte jetzt geordnet, aufgeräumt, und für einen Moment erschien ihr ihr Zuhause größer als je zuvor. Jill ließ den Blick über das Arrangement schweifen, ihre Augen verweilten auf jedem Detail, und ein leises Seufzen entwich ihr. Ihr Herz war schwer, erfüllt von einer bittersüßen Mischung aus Zufriedenheit, Nostalgie und dem leisen Schmerz des Abschieds.
 

Auf dem runden Tisch thronte die Mist Blue. Ihr Blick blieb auf den kleinen Proben der Mist Blue hängen, deren leuchtende Farben und feiner Duft sie schon immer fasziniert hatten.
 

Crystal Blue barg ein Problem: ihre giftigen Alkaloide, die man nicht einfach ignorieren konnte.
 

Was wäre, wenn sie die Mist Blue einbeziehen würde? Die Pflanze war für ihr intensives Aroma bekannt, ihre Ester- und Terpenmoleküle konnten chemisch mit den Giftstoffen reagieren – vielleicht könnten sie die Toxine der Crystal Blue binden oder neutralisieren…
 

Langsam zog sie die Tür hinter sich zu. Sie griff nach einem kleinen Pinsel und den Samen der Crystal Blue. Vorsichtig trug sie den Pollen auf die Stempel der Mist Blue, ihre Gedanken bei den Möglichkeiten, bei den zahllosen Experimenten, die noch vor ihr lagen. Jede Kreuzung war ein Schritt ins Unbekannte, ein Spiel mit Chemie und Natur, aber auch eine Chance, etwas vollkommen Neues zu erschaffen – eine Pflanze, die nicht nur schön und aromatisch war, sondern auch sicher und einzigartig.
 

In ihrem Herzen spürte sie die Aufregung, die Ruhe und die Verantwortung zugleich, während sie die Samen auf den Tisch legte und für einen Moment die Ergebnisse ihrer Arbeit in Gedanken bereits aufblühen sah. In drei bis vier Wochen würde sie Samen von Kreuzungen der Crystal Blue und vier verschiedenen Blumen haben und der eigentliche Part des Kultivierens begann. Wäre irgendeine Kreuzung lebensfähig?

Between Lanes and Glances - Strikes, Scents, and Schemes

Zwischen Bahnen und Blicken - Strikes, Düfte und Pläne
 

Mi, 13. November YXXX1
 

Die Luft unten im Keller war schwer, gesättigt von Bier, Parfüm und dieser süßlich-fettigen Wärme, die aus alten Polstern steigt. Neonröhren flackerten über den Bahnen, ein grünliches Licht legte sich über Gesichter, Gläser und den glänzenden Kunststoff der Kugeln.
 

Nanali stand ein wenig abseits, die Bowlingkugel in den Händen, viel zu schwer, zu glatt. Die Musik war zu laut, das Lachen zu vertraut. Alte Klassenkameraden, dicht gedrängt an den Tischen, ihre Stimmen schwollen an wie Wellen. Sie spürte die Blicke, kaum merklich, aber stechend — die Art von Aufmerksamkeit, die sich wie eine zweite Haut anlegt.
 

„Komm, Nanali, jetzt zeig mal, was du kannst!“ rief jemand, und das Gelächter folgte, zu freundlich, um ehrlich zu sein.

Sie atmete flach, ging ein paar Schritte vor, schwang den Arm – und die Kugel rollte, taumelte, und fiel dann in die Rille. Ein dumpfer Schlag, dann Stille, dann wieder dieses Lachen, dieses Klatschen, das nichts mit Freude zu tun hatte.
 

Nanali lächelte dünn. Die Bahn blinkte, die Pins stellten sich neu auf, und sie fragte sich, warum sie überhaupt gekommen war. Die Kugel war kaum in der Rille verschwunden, da begann schon wieder das Raunen. Ein paar halblaute Kommentare, verhaltenes Lachen. Nanali stand noch einen Moment dort vorn, reglos, als müsse sie die Bahn anstarren, um das Geräusch des Rollens loszuwerden. Dann drehte sie sich um.
 

Seto trat unwillkürlich zur Seite, als sie zurückkam. Zwischen den Sitzpolstern blieb kaum Platz — die alten Kunstlederbänke standen dicht an der Bahn, klebrig vom Bier, ein abgewetztes Rot, das im Neonlicht schmutzig schimmerte. Überall Gläser, leere Flaschen, eine Schüssel mit kalten Pommes. Nanali kam auf sie zu, die Schultern leicht eingezogen, den Blick gesenkt. Ihr Haar fiel ihr ins Gesicht. Sie wirkte kleiner als noch vor einer Stunde, als sie angekommen war.
 

Der Geruch traf ihn noch bevor sie an ihm vorbeiging. Nanali versuchte, möglichst wenig Raum einzunehmen. Sie schob sich zwischen den Sitzpolstern hindurch, an Seto vorbei, so nah, dass ihr Ärmel fast seinen Arm streifte.
 

Nicht das schwere Parfüm der anderen Frauen im Raum, nicht Bier, nicht Rauch. Etwas Helles. Sauber. Frisch. Ein Shampoo vielleicht. Zitrus — aber nicht scharf wie Zitrone. Weicher. Mandarine?, dachte er plötzlich.
 

Oder etwas, das daran erinnerte: süß, warm, beinahe sonnig. Der Duft blieb für einen Sekundenbruchteil in der stickigen Kellerluft stehen, als hätte er sich verirrt. Zwischen Bierdunst und Fritteusenfett wirkte er fehl am Platz, fast zerbrechlich. Seto sah unwillkürlich zu ihr hinüber.
 

Mokuba es ihm erzählt, beiläufig, wie Mokuba Dinge eben erzählte, wenn er begeistert war. Nanali hatte eine eigene kleine Marke aufgebaut. Erfolgreich sogar. Parfüm, Kosmetik — irgendetwas in dieser Richtung. Seto hatte damals nur halb zugehört, während er über einem Konzept brütete. Aber ein Detail war hängen geblieben.

Die Behälter.Sie hatte darauf bestanden, sie selbst zu entwickeln. Zu blasen, zu formen, eigene Designs. Mokuba hatte es fast bewundernd erklärt, während Seto nur knapp genickt hatte.
 

Jetzt ergab es plötzlich Sinn. Verpackung war teuer. Herstellung, Formenbau, Glas, Lagerung. Allein das machte den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust. Also entwickelte sie ihre eigenen. Effizient.
 

Seto ließ den Blick kurz zu ihr hinüberwandern. Nanali setzte sich an das Ende der Bank, als würde sie hoffen, dort übersehen zu werden. Ihr Haar fiel ihr wieder ins Gesicht, und sie strich es hastig zurück, ohne aufzublicken. Das dünne Lächeln von eben war verschwunden. Jetzt wirkte sie still, zusammengezogen, als hätte das Gelächter von der Bahn etwas in ihr verschoben.
 

Sie hat kein Selbstbewusstsein., dachte er, während er sich setzte.
 

Menschen arbeiteten so, wenn sie etwas aufbauen wollten, das mehr war als ein Hobby. Und wenn Mokuba mit seinem Gespür für Marketing recht hatte — wovon Seto stillschweigend ausging — dann war der Rest eigentlich nur noch eine logische Konsequenz. Ein gutes Produkt verkaufte sich.
 

Ein gutes Produkt, das außerdem so roch, blieb im Gedächtnis. Sein Blick glitt wieder zur Bahn zurück. In einem überfüllten Keller, der nach Bier, Fett und abgestandener Luft roch, war es bemerkenswert, dass ein einzelner Duft überhaupt auffiel. Noch bemerkenswerter war, dass er ihn sich gemerkt hatte.
 

Und seltsamerweise war es genau das, was ihm am deutlichsten im Gedächtnis blieb.
 

Er wandte den Blick zur Anzeigetafel.
 

Runde 7 von 10:
 

• Eve – 89. Präzise, aber schwankend.

• Stainer – 107. Laut, unberechenbar, dafür erstaunlich treffsicher.

• Claire – 64.

• Nanali – 63.

• Mokuba – 122. Konzentriert, aber unruhig.

• Seto – 138 Punkte. Zwei Strikes hintereinander, dann ein Spare.
 

Ein einziger Punkt trennte die letzten beiden, aber das machte keinen Unterschied. Seto sah kurz zu Nanali hinüber. Sie hatte die Hände im Schoß verschränkt, die Augen auf das dunkle Holz der Bahn gerichtet. Als Mokuba seinen Wurf vorbereitete, zuckte sie kaum. Nur ihr Kiefer spannte sich kurz. „Noch drei Runden“, murmelte Seto. Nicht laut, eher für sich selbst.

Die Pins stellten sich neu auf, das mechanische Rattern füllte den Raum — gleichmäßig, gleichgültig.
 

Nanali hatte sich gerade wieder hingesetzt, das Gewicht der Bowlingkugel noch in den Händen, als ein Schatten sich über die Sitzgarnitur beugte. Ein Mann, breitschultrig - sein Atem roch nach Bier und Pfefferminz.
 

Er stützte sich mit einem Arm auf der Rückenlehne neben ihr ab, lehnte sich ein Stück zu ihr hinunter.

„Na, Nanali… immer noch am Üben?“, sagte er. Die Stimme zu laut, das Lächeln zu breit. Ein paar Lacher von der anderen Seite der Bank.

Nanali spürte, wie die Wärme in ihrem Gesicht aufstieg. Sie zwang sich, nicht hochzusehen. Ihre Finger zupften an der Naht der Hose. Ich spiel nur zum Spaß“, murmelte sie. Die Worte kaum hörbar, eher ein Rückzug in sich selbst als eine Antwort.
 

Er grinste, hielt es wohl für kokett. „Klar, klar“, sagte er, und seine Stimme wurde weicher, vertraulicher. „Du warst schon immer die Bescheidene.“

Er blieb noch einen Herzschlag zu nah, ehe er sich wieder aufrichtete.
 

Seto, der die Situation beobachtet hatte, den leichten Schwung des Oberkörpers, das Nach-vorne-Beugen, das viel zu lange Verweilen, verbarg ein schmunzeln hinter seiner auch sonst so uninterpretierbaren Fassade.
 

Er erkannte die Geste, die Absicht dahinter, sofort. Kein Spott. Kein bloßes Necken. Das war das Spiel eines Mannes, der suchte, wie weit er gehen konnte. Nanali schien es anders zu lesen.

Sie kauerte sich ein, zog die Schultern zusammen, als wäre sie beschämt worden. Kein Abwehrblick, kein Widerwort. Sie verstand den Angriff nicht als Flirt, sondern als Demütigung.
 

Seto sah dem anderen nach, wie er sich lachend wieder zu den anderen gesellte, und dann zu Nanali. Ihr Gesicht war starr, reglos, als hielte sie den Atem an. Er lehnte sich zurück, die Arme locker verschränkt.

Ein leichtes, kaum merkliches Schmunzeln zuckte ihm über die Lippen.

Nicht über sie — eher über die Verwirrung zwischen beiden.

Wie oft Menschen sich gegenseitig verfehlten, dachte er, obwohl sie nur eine Handbreit voneinander entfernt waren.

Die Anzeige blinkte. Nächster Wurf: Seto.
 

Er erhob sich ohne Hast. Die Stimmen hinter ihm ebbten ein wenig ab. Er nahm eine Kugel aus der Rückführung — dunkelblau, glänzend, schwer. Seine Finger glitten routiniert in die Bohrungen. Ein kurzer Blick auf die Bahn, auf die Pins, die unter der Neonröhre fast weiß glühten. Dann setzte er sich in Bewegung.
 

Vier Schritte. Ruhig. Gleichmäßig. Präzise. Im letzten Moment glitt sein linker Fuß nach vorn, sein Körper senkte sich minimal, der rechte Arm schwang nach hinten und dann in einem sauberen Bogen nach vorn. Kein Ruck, keine Unsicherheit — nur eine fließende Bewegung, fast elegant.
 

Die Kugel löste sich von seiner Hand.Sie rollte sofort schnell, gerade, mit einem leichten, kontrollierten Drall. Das Geräusch ihres Laufes war ein tiefes, sattes Rollen über das Holz, gleichmäßig wie ein Herzschlag. Für einen Moment schien die Zeit langsamer zu werden. Dann traf sie.
 

Ein harter, voller Einschlag. Die Pins explodierten auseinander — ein trockenes Krachen, Holz auf Kunststoff, ein heller Schlag gegen die Rückwand. Strike.
 

Ein paar Köpfe hoben sich gleichzeitig.

Selbst die Gespräche an den anderen Tischen stockten kurz. Seto blieb noch einen Moment in seiner Abschlussbewegung stehen, der Arm ausgestreckt, der Körper leicht nach vorn geneigt — eine Pose, die eher aus Gewohnheit als aus Absicht entstand. Dann richtete er sich auf, als wäre nichts Besonderes geschehen. Hinter ihm ratterte bereits die Anzeige. Die Punkte sprangen nach oben.
 

Runde 8 von 10:

• Eve – 89

• Stainer – 107

• Claire – 64

• Nanali – 63

• Mokuba – 142

• Seto – 168
 

Sein vorheriger Strike wurde mit dem neuen Wurf verrechnet — die Anzeige blinkte kurz, als der Bonus hinzugerechnet wurde. Zehn zusätzliche Punkte glitten lautlos in seine Gesamtzahl. Mokuba pfiff leise durch die Zähne. „Okay, das war unfair“, sagte er halb lachend und schüttelte den Kopf, während er sich wieder in die Bank sinken ließ.
 

Stainer stieß ein kurzes, anerkennendes Grunzen aus.

„Nicht schlecht.“ Claire klatschte einmal kurz, etwas verspätet, eher überrascht als begeistert, während Eve den Mund zu einem schiefen Lächeln verzog. „Show-off.“
 

Seto reagierte auf keinen der Kommentare. Er nahm die Kugel nicht einmal wieder auf. Sein Blick glitt nur kurz über die Bahn, als würde er überprüfen, ob alles korrekt gezählt worden war.
 

Ein kleines Lächeln zuckte über Nanalis Gesicht. Es war kein lautes, kein offenes Lächeln. Eher ein Reflex. Kurz. Warm. Doch kaum war es da, versuchte sie es schon zu verbergen.
 

Sie senkte den Kopf, strich sich hastig eine Haarsträhne hinter das Ohr, als hätte sie plötzlich etwas sehr Wichtiges an ihrem Ärmel entdeckt. Die Mundwinkel glätteten sich wieder, viel zu schnell.
 

Niemand sollte es bemerken. Und dennoch: Mokuba grinste zuerst. Dieses breite, sofortige Grinsen, das er nie lange zurückhalten konnte. Sein Blick wanderte zwischen Seto und Nanali hin und her, als hätte er gerade ein besonders interessantes Detail entdeckt.
 

Stainer hob eine Augenbraue. Sein Blick blieb einen Moment länger auf Nanali hängen als nötig. Claire legte den Kopf leicht schief, ihr Blick war neugierig, fast prüfend. Eve dagegen lächelte dünn, ein wissender Ausdruck in den Augen.
 

Nanali spürte es. Diese Blicke. Wie kleine, unsichtbare Nadeln.
 

Sie zog die Schultern ein wenig ein, als würde sie hoffen, dass niemand mehr hinsah. Ihre Hände verschränkten sich wieder im Schoß, fest ineinander. Doch das kurze Lächeln, das sie hatte verstecken wollen, hing noch immer wie ein Nachhall im Raum. Und seltsamerweise war es deutlicher gewesen als jeder Jubel.
 

Die letzten Runden liefen, und die Geräusche der Kugeln über die Bahnen füllten die stickige Kellerluft. Zwischendurch versuchte die Gruppe, die Spannung mit Gesprächen zu überbrücken. Nanali hatte gerade von ihrem Ausflug ins Vergiss-mein-nicht-Tal erzählt, von den bunten Blüten, den flüsternden Bächen, von Momenten, die eigentlich niemand sonst nachvollziehen konnte.
 

Stainer lehnte sich zurück, ein breites, leicht schiefes Grinsen auf den Lippen. „Immer der Selbe“, murmelte er, die Augen auf die Bahn gerichtet, als erinnerte er sich an Skye. „Das Curry hätte ich auch jederzeit bevorzugt.“ Sein Tonfall war halb ernst, halb neckisch, und Nanali konnte ein kleines Schmunzeln nicht unterdrücken.
 

Die Passage über Skyes besondere Fähigkeit und Nanalis Immunität ließen sie außen vor. Nur Stainer schien das irgendwie zu ahnen. Immer wieder glitt sein Blick kurz zu Nanali, als wollte er etwas in ihrem Verhalten entziffern. Es war subtil, kaum merklich, doch Nanali spürte die Aufmerksamkeit.
 

Eve, die neben ihm saß, zwackte ihn immer wieder in die Seite. Jedes Mal zuckte Stainer leicht zusammen, und Nanali musste das kleine, unwillkürliche Lächeln unterdrücken, das sich auf ihrem Gesicht breitmachen wollte.
 

„Schön zu wissen, wo Bakura und Yugi gerade stecken. Und dass es ihnen gut geht.“, bemerkte Mokuba.

Seto machte nur einen desinteressierten Laut.
 

Um die Aufmerksamkeit von ihrem inneren Aufruhr abzulenken, begann Nanali, von ihrem neuen Testaufbau zu erzählen, den sie sich überlegt hatte. Sie sprach von Parametern, Kontrollgruppen und den kleinen Experimenten, die sie durchführen wollte. Ihre Stimme war ruhig, sachlich, doch das Funkeln in ihren Augen ließ erkennen, dass sie die Idee selbst faszinierte.
 

Claire schüttelte leicht den Kopf. „Ich verstehe nicht so richtig, was du damit bezweckst“, gestand sie. Ihre Stimme war sanft, nicht kritisierend, aber Nanalis Herz setzte für einen Moment aus. Waren ihre Ansätze wirklich so falsch? Hatte sie etwas übersehen, das so offensichtlich war, dass nur sie es nicht bemerkte?
 

Mokuba lehnte sich lässig zurück und nickte nur, als wollte er sagen: „Alles gut, du hast den Plan.“ Doch Nanali spürte trotzdem dieses kleine Ziehen der Unsicherheit. Die Worte der anderen, die Blicke, das Schmunzeln von Stainer, das neugierige Kopfschütteln von Claire — alles wirkte wie ein leises Echo ihrer eigenen Zweifel.
 

„Also, im Prinzip läuft es darauf hinaus, dass wir…“ Nanali begann erneut, versuchte die Erklärung zu vereinfachen, ihre Unsicherheit in logische Schritte zu fassen. Ihre Stimme war leise, fast scheu, doch klar genug, dass die anderen zuhören konnten.
 

Seto lehnte sich leicht nach vorn, die Arme locker auf der Rückenlehne der Bank verschränkt. Seine Stimme war ruhig, fast analytisch, aber nicht streng.

„Wenn ich dich richtig verstehe, willst du herausfinden, bei welcher Temperatur die F1-Pflanzen – die ihr aus der Höhlenblume gezogen und gekreuzt habt – am besten wachsen, und wie viel Licht sie brauchen.“
 

Nanali nickte: „Ja… genau. Ich möchte sehen, wie sie auf unterschiedliche Bedingungen reagieren, um später gezielter weiterkreuzen zu können.“
 

Seto überlegte kurz, die Stirn leicht gerunzelt. „Grundsätzlich ist das sinnvoll. Lichtfarbe und Intensität, Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind Standardparameter. Ich würde außerdem überlegen, den Boden bzw. Nährmedium zu variieren – unterschiedliche Mineralstoffe oder organische Zusätze können überraschende Effekte auf Wachstum und Resistenz zeigen. Auch die Lichtdauer pro Tag könnte interessant sein – nicht nur die Farbe, sondern wie lange sie beleuchtet werden. Und vielleicht noch Feuchtigkeit im Substrat, um zu sehen, wie die Pflanzen auf Trockenperioden reagieren.“
 

Er lehnte sich zurück, seine Augen ruhig auf sie gerichtet. „Wenn du das sauber protokollierst, könntest du wirklich ziemlich genaue Rückschlüsse ziehen. Dein Ansatz ist also gar nicht schlecht, im Gegenteil. Man könnte ihn noch erweitern: Temperaturgradienten, unterschiedliche CO₂-Konzentrationen oder sogar leichte Schattierungen durch Filterfolien. Aber alles Schritt für Schritt – du willst ja erst die Grundparameter verstehen.“
 

Nanali blinzelte, und ein kleines Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. Es war kein triumphierendes Lächeln, eher das kurze Aufleuchten von Erleichterung: Jemand verstand den Sinn ihrer Versuche, und noch besser – jemand ergänzte die Idee mit sinnvollen Parametern.
 

„Vier F1-Pflanzen, jede aus einer Kreuzung mit der Höhlenblume…“ Er zählt kurz im Kopf: „Wenn du für jede Pflanze zum Beispiel 3 Temperaturstufen, 3 Lichtfarben und 3 Lichtintensitäten testen willst, wären das schon 3 × 3 × 3 = 27 Varianten pro Pflanze. Vier Pflanzen = 108 Proben nur für Temperatur/Lichtkombinationen. Dann kommt noch Luftfeuchtigkeit und Bewässerung dazu, die multipliziert werden… schnell sind wir bei mehreren Hundert Proben.“
 

Er nickt nachdenklich. „Das ist machbar, aber nicht trivial. Wenn du wirklich jeden Parameter systematisch testen willst, müsstest du priorisieren: Welche Faktoren sind wahrscheinlich entscheidend? Temperatur und Lichtfarbe vermutlich am wichtigsten. Das hast du bereits erkannt. Luftfeuchtigkeit könnte man konstant halten, Bewässerung standardisieren. Sonst verlierst du dich in der Komplexität.“
 

Seto lehnt sich vor: „Wenn du von jeder F1-Pflanze die besten Eigenschaften weiterkreuzt, kannst du schrittweise die F2-Generation testen. Jede F2-Kreuzung wird dann noch einmal die wichtigsten Parameter durchlaufen. Ziel ist es ja, die idealen Merkmale zu kombinieren, bis du eine Pflanze hast, die alles vereint: Leuchtkraft, Farbe, Duft, Resistenz und Anpassungsfähigkeit.“
 

Er sieht Nanali an: „Ich finde die Idee gut. Sie ist sauber gedacht. Die Herausforderung liegt nur darin, die Experimentanzahl zu reduzieren, sodass du wirklich Rückschlüsse ziehen kannst, ohne dass du 500 kleine Glasbehälter im Kühlschrank stehen hast.“
 

Nanali legte die Hände vor Seto ineinander, ihre Finger verschränkt, die Schultern leicht nach vorn gebeugt. Ihre Stimme war ruhig, aber fest: „Also… kannst du die Testbehälter konstruieren, inklusive des Kühlsystems?“
 

Seto zog kurz die Stirn kraus, überlegte. Dann nickte er langsam. „Ein einfacher Kühlschrank könnte dafür herhalten. Du brauchst mich dafür eigentlich nicht unbedingt. Das getönte Glas… das kannst du selbst blasen. Ich kann dir vernünftige Ideen zu Dimensionen und Aufbau geben, aber der eigentliche Verdienst liegt bei dir und dem Züchten der Pflanze.“
 

Er ließ den Blick kurz über Nanali wandern. „Ich könnte mir vorstellen, die Messwerte mit dir auszuwerten. Das Projekt klingt spannend genug, um es ein wenig zu steuern… und Mokuba würde mir sowieso nicht erlauben, mich rauszuhalten.“, merkte er mit einem Seitenblick auf Mokuba an. Der ein schelmisches Grinsen aufgesetzt hatte.
 

Nanali nickte: „Das ist nicht das einzige. Es gibt die beiden Photovoltaik-Systeme, die Daryl und sein Team gerade analysieren… die könnten unsere Versorgung sichern.“
 

Seto richtete die Augen auf. Sein Interesse war geweckt, tatsächlich. „Ein Besuch dort wäre gar nicht so schlecht. Nimm Ann mit.“, schlug sie vor. Er zog eine Augenbraue, halb überrascht, halb amüsiert. „Klingt nach etwas, das ich mir anschauen kann.“
 

Seine Gedanken schweiften kurz ab. Menschen, die auf der Insel wirklich etwas vom Ingenieurswesen verstanden, waren rar. Wenn er künftig nicht alles selbst erledigen wollte, war es extrem wertvoll, solche Kontakte zu haben. Mokuba, der das bemerkt hatte, schmunzelte. „Hey, du hast sein Interesse erfolgreich geweckt.“ Nanali strahlte kurz auf, sichtbar stolz.
 

„Reicht dir ein Adamant als Bezahlung aus?“, fragte sie, die Stimme sicher und forsch.
 

Seto sah sie leicht perplex an. Er hatte nicht mit einer Bezahlung gerechnet. „Hast du deinen mal schätzen lassen? Der war ziemlich groß!“, warf Claire ein.
 

„Nicht direkt,“, antwortete Nanali, „aber im Listing von Mühlendorf habe ich gesehen, dass vergleichbare Stücke zwischen 200.000 und 280.000 gehandelt werden.“
 

Seto räusperte sich, ein leichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen. „Nanali, du hast echt kein Gefühl für Marktwirtschaft.“
 

Sie schüttelte den Kopf, ganz und gar selbstbewusst. „Das würde ich nicht sagen. Wissen kann man schlecht beziffern. Und außer dir traue ich niemandem zu, dieses Projekt zu steuern. Angenommen, die Blume kann kultiviert werden – etwas, das Profis über Jahrtausende nicht geschafft haben – dann ist es sicherlich keine Pflanze, die außerhalb eines Gewächshauses wächst. Ihr Erhalt ist medizinisch wichtig. Wie viele Blumen getrocknet ein Medikament ergeben, kann man jetzt auch noch nicht sagen! Der Testaufbau ist nur der erste Schritt. Für größere Dimensionen brauchen wir Strom und Wasser. Ich kürze es ab: Du bist für mich in diesem Projekt unerlässlich.“
 

Claire zog überrascht die Augenbraue hoch. Nanali, die sich zuvor noch zurückhaltend gezeigt hatte, sprach jetzt völlig direkt, sicher und entschlossen. Seto selbst war nicht überrascht – nach ihrem Gespräch in der Schmiede an seinem Geburtstag wusste er, dass Nanali sich stark machen konnte, für etwas, dass sie wollte. Und sie hatte nicht unrecht.
 

„Gut“, sagte er schließlich. „Ich nehm den Adamantit und lege ein Budget fest, dass wir für dieses Projekt nutzen.“
 

Ein kleiner, zufriedener Ausdruck huschte über Nanalis Gesicht. Für Seto war das Business damit praktisch angelaufen: Mit Jamie und Nanali hatte er zwei gut zahlende Kundinnen, konnte beratend tätig sein und gleichzeitig genug Zeit für Prototypen einplanen, die er nun sogar mit Adamantit zu den leistungsfähigsten auf der Insel ausstatten konnte.
 

Mittlerweile waren die letzten Runden auch um. Endergebnisse:
 

• Seto – 226

• Mokuba – 182

• Stainer – 148

• Eve – 119

• Claire – 85

• Nanali – 63

The Forgotten Farm - Land of Quiet Possibilities

Die vergessene Farm - Ein Land voll Möglichkeiten
 

Fr., 16.November YXXX1
 

Nanali schlurfte über den Boden, dicht hinter Terry.
 

Noch vor wenigen Tagen wäre sie nie nach Knospendorf abgebogen, wenn sie zum Mutterhügel wanderte. Oft hatte sie von oben auf das Dorf hinabgesehen, wo sich die kleinen Häuser dicht aneinanderreihten. Knospendorf lag nur einen kurzen Fußmarsch von Mineralstadt entfernt, und viele betrachteten es schlicht als Ortsteil der größeren Hauptstadt.
 

Als sie schließlich einmal Zeit gefunden hatte, war sie zufällig Zeugin eines Gesprächs zweier Nachbarn geworden. Sie hatten sich über den Teich nahe dem Paradies-Obstgarten unterhalten – einen beliebten Ententeich, an dem die Bewohner von Knospendorf gern spazieren gingen und die Tiere fütterten.
 

Die beiden Rentner lehnten damals am Zaun zwischen ihren Grundstücken. Zwischen ihnen dampfte eine Kaffeetasse, während ein dumpfer, leicht fauliger Geruch in der Luft hing. Der Teich lag einige hundert Meter entfernt, doch der Wind trug die Spur herüber.
 

Rentnerin 1: „Also, das stinkt doch neuerdings. Riecht wie … wie nasser Hund mit faulen Eiern.“

Rentner 2: „Mir ist das auch aufgefallen. Seit zwei, drei Tagen. Gestern hab ich abends gelüftet und dachte, einer hätte den Kompost umgekippt.“

Beide blickten in Richtung des Teichs. Eine Weile sagte keiner etwas.

Rentnerin 1: „Wäre schade drum. War immer ein schöner Ort zum Sitzen.“
 

Nun betrachtete Nanali ihre Stiefel, die in den lehmigen Boden einsanken, während sie Terry folgte. Sie trug eine Windjacke, Wanderschuhe und hielt ein altes Notizbuch in der Hand.
 

„Die Enten sind weg. Komplett. Die ganze Gruppe“, erklärte Terry. „Ich sehe sie jetzt unten am Mühlgraben, zwei Kilometer flussabwärts.“
 

Nanali blätterte in ihrem Notizbuch. „Sie waren doch jahrelang hier. Sie haben sogar gebrütet. Warum sollten sie plötzlich umziehen?“
 

Terry seufzte. „Ich hab’s erst auf Hunde geschoben. Oder auf Menschen. Aber dann hab ich mir den Teich genauer angesehen. Der Rand … der Boden ist tot. Algen ohne Ende. Und riechen tut’s wie – na ja, du merkst es ja. Wenn die Tiere schon fliehen, ist es meist spät. Vielleicht zu spät.“
 

Nanali dachte einen Moment nach. Jetzt ist Schnelligkeit gefragt. Sobald das öffentlich wird, ist jede ruhige Untersuchung hinfällig. Wenn der Marktpreis fällt, kauft es vielleicht jemand anderes.

Sie schloss kurz die Augen und nickte entschlossen.
 

Sie ging zielstrebig auf den Teich zu. Kniete sich in dem hohen, leicht feuchten Gras am Ufer des kleinen Teichs. Ihre Ellbogen stützte sie überkreuzt auf dem Boden ab, vornübergebeugt über einem leicht zerfledderten Buch. Die Seiten waren voll mit handschriftlichen Notizen, Diagrammen und Merksätzen. Konzentriert blätterte sie zurück zur Doppelseite über aquatische Ökosysteme.
 

Bioindikatoren, Eutrophierung, Saprobienindex, Detritusfauna..., Sie murmelte leise mit, ließ das Gelesene langsam wieder ins Gedächtnis einsickern. Dann klappte sie das Buch zu, atmete tief durch und richtete sich auf. Ihre Stiefel sanken leise schmatzend ins sumpfige Ufergelände, als sie sich näher an das Wasser wagte. Der Teich lag still. Träge. Die Oberfläche war grünstichig, an manchen Stellen schimmerte ein öliger Film. Kein Plätschern, keine Bewegung. Keine Libellen. Kein Froschquaken. Es roch dumpf, irgendwie faulig.
 

Nanali kniete sich an einer flachen Stelle hin, füllte mit Bedacht ein kleines Probenfläschchen mit Wasser und hielt es ins Licht. Der Inhalt war trüb, mit kleinen grünbraunen Flocken, die langsam darin auf- und abtrieben. Sie verzog leicht das Gesicht. Dann begann sie systematisch ihre Untersuchung. Zuerst suchte sie mit einem feinen Kescher und einer Lupe im Flachwasserbereich nach Kleinstlebewesen. Sie durchkämmte vorsichtig das Bodensediment, spülte es durch ein Sieb, untersuchte dann den Rückstand.
 

„Keine Köcherfliegenlarven... keine Eintagsfliegen...“, murmelte sie. „Keine Schnecken, keine Kleinkrebse. Aber... jede Menge Zuckmückenlarven.“ Sie notierte ihre Beobachtungen in ihrem Notizblock. ‚Saprobienindex: etwa 3,8. Klassifizierung: polysaprob – stark belastet.‘ Anschließend entnahm sie eine kleine Probe vom Bodenschlamm im Wasser, streifte ihn mit einer Pipette auf einen Objektträger.
 

Sie zückte ein Feldmikroskop. Fast ausschließlich Bakterienflocken und lange grüne Fadenalgen füllten das Sichtfeld. ‚Keine tierische Detritusfauna mehr. Ein deutliches Zeichen: Sauerstoffmangel.‘ Sie öffnete das kleine Messkit, welches sie von Basil bekommen hatte: Teststreifen, Tropfreaktionen, Farbskalen:
 

• Nitrat: deutlich erhöht, weit über dem Grenzwert.

• Phosphat: Werte in gefährlichem Bereich, fast „explodiert“, wie sie es für sich formulierte.

• Sauerstoffgehalt: stark erniedrigt – kaum messbar.

• pH-Wert: leicht alkalisch, bei 8,3.
 

Sie schüttelte den Kopf. Eutrophierung eindeutig. Keine Zirkulation, keine natürliche Durchmischung des Wassers.
 

„Der Teich ist... tot“, sagte sie leise. Und obwohl sie es eigentlich schon wusste, klang es traurig, das laut auszusprechen. Es könnte sich lohnen ein Zertifikat von Basil ausstellen zu lassen. Mit einem kleinen Bohrstock stach sie in die Erde knapp oberhalb des Ufers. Der Widerstand war weich, die Schichten gleichmäßig. Als sie den Bohrkern herauszog, glänzte das Material rötlich und fettig im Licht. „Wow...“, flüsterte sie.
 

„Das ist richtig fetter Lehm.“ Sie zerdrückte etwas davon zwischen Daumen und Zeigefinger. ‚Homogen, fein, plastisch. Kein Sand, kein Kies. Tonanteil sicher bei 60 %.‘ Sie klappte das Heft zu und wattete aus dem Schlamm. Sie blickte hinauf in den hellen Himmel. Und dann war da wieder Stille. Kein Summen, kein Schwirren. Nur Wind in den Halmen. ‚Was nun. Der Lehm könnte den Wert in die Höhe treiben…‘ Das wäre genau so ungünstig. Dann könnte sie sich ihr Vorhaben nicht mehr leisten… Jetzt war Verhandlungsgeschick gefragt.
 

Neben dem kleinen Teich stand eine Scheune. Als Nanali sich die Scheune zum ersten Mal wirklich in Ruhe betrachtet, steht sie eine Weile einfach nur davor. Alles wirkt still, als hätte der Ort lange darauf gewartet, dass wieder jemand kommt.
 

Die Scheune ist größer, als sie auf den ersten Blick gedacht hatte. Kein einfacher Bretterschuppen, sondern ein altes, solides Wirtschaftsgebäude – gebaut in einer Zeit, in der Häuser noch für Generationen errichtet wurden.

Die Außenwände bestehen aus Fachwerk. Dicke, dunkle Eichenbalken bilden ein Raster aus senkrechten Ständern, Riegeln und schrägen Streben. Die Hölzer sind grau geworden vom Wetter und von Jahrzehnten Wind und Regen glatt poliert, aber sie wirken immer noch massiv.
 

Zwischen den Balken liegen die alten Gefache. Sie sind weiß verputzt, der Kalkputz uneben und stellenweise abgeplatzt. Wo der Putz fehlt, sieht man das Material darunter: eine Mischung aus Lehm, Stroh und Tierwolle, die früher zur Dämmung in das Geflecht aus Holzruten gedrückt wurde. An manchen Stellen quellen einzelne Strohhalme aus dem Lehm, und die Wolle hat sich in kleinen grauen Büscheln zusammengezogen.

Trotz der Jahre ist das Fachwerk erstaunlich gut erhalten. Es ist nicht schief und nicht auseinandergezogen. Nur der Sockelbereich zeigt, wie sehr das Gebäude über die Jahrzehnte langsam nachgegeben hat.
 

Die Scheune ist in den Boden gesunken.
 

Der Boden rundherum liegt inzwischen fast einen Meter höher als ursprünglich. Man erkennt es daran, dass die unteren Balken des Fachwerks teilweise schon nahe am Erdreich sitzen. Früher muss hier ein niedriger Steinsockel gewesen sein – Feldsteine und grober Mörtel –, doch jetzt schaut davon nur noch ein schmaler Streifen hervor.
 

Der Lehmboden hat das Gebäude langsam aufgenommen, als hätte er es Stück für Stück in sich hineingezogen.

Trotzdem wirkt die Scheune stabil.
 

An der langen Vorderseite gibt es eine breite Öffnung, in der früher große Holztore gehangen haben. Die Tore sind noch da, aber eines hängt schief in den alten Eisenscharnieren. Das Holz ist rau und dunkel, mit langen Spalten vom Austrocknen. Wenn der Wind durchfährt, bewegt sich das Tor ganz leicht und knarrt dumpf.
 

Über der Tür läuft ein dicker Querbalken, der das Gewicht der oberen Wand trägt. Er ist aus einem einzigen Stück Eiche, so breit wie Nanalis Oberschenkel. In solchen Balken erkennt man sofort, dass sie aus einer anderen Bauzeit stammen – langsam gewachsene Bäume, dichtes Holz, schwer wie Stein.
 

Das Dach ist der einzige Teil, der wirklich gelitten hat. Die Scheune hat ein hohes Satteldach, mit alten Tonziegeln gedeckt. Viele Ziegel sind noch da, aber zwischen ihnen klaffen dunkle Lücken. An zwei Stellen ist das Dach sogar teilweise eingestürzt. Dort sind die Dachlatten gebrochen, und Regen hat über Jahre hinweg hineinfallen können.
 

Durch die Löcher wachsen inzwischen dünne Birkenzweige und trockenes Gras. Wenn der Wind durch die offenen Stellen fährt, hört man das Dach leicht arbeiten. Trotzdem stehen die Dachbalken noch. Drinnen erkennt Nanali schnell, warum.
 

Die Konstruktion ist alt, aber klug gebaut. Die Last des Daches ruht auf mehreren inneren Stützpfosten. Diese stehen in zwei Reihen entlang der Scheunenlänge. Jeder Pfosten ist ein dicker, grob behauener Stamm, unten leicht verbreitert, oben mit einer Zapfenverbindung in einen Querbalken eingelassen.
 

Diese Querbalken tragen wiederum die langen Deckenbalken, die quer durch die Scheune laufen. Von dort steigt das Dachgerüst weiter nach oben. Es ist ein einfaches, aber stabiles System:

Pfosten → Querbalken → Dachbalken.
 

Nanali bleibt eine Weile zwischen diesen Pfeilern stehen und schaut nach oben. Trotz der Löcher im Dach wirkt das Gerüst erstaunlich ruhig. Die Balken haben sich über die Jahre gesetzt, aber sie hängen nicht durch.

Wenn man sie anschaut, kann man sich gut vorstellen, dass ein Zimmermann vor hundert Jahren hier gestanden hat und genau wusste, wie viel Gewicht diese Hölzer tragen können.
 

Der Boden im Inneren besteht aus alten Holzdielen, die irgendwann über die ursprüngliche Erde gelegt wurden. Viele davon sind schon lose oder gebrochen. Zwischen den Brettern sieht man dunklen Lehmboden.

In der Mitte der Scheune hat sich der Boden etwas abgesenkt. Wahrscheinlich genau dort, wo das Gebäude im Laufe der Zeit in den Boden gesackt ist.
 

Der Raum selbst ist hoch – höher, als man es von außen erwartet. Bis zu den großen Deckenbalken sind es bestimmt vier Meter, und darüber steigt das Dach noch einmal steil an. Selbst mit einem später abgesenkten Boden würde hier noch genug Höhe bleiben, um zu wohnen.
 

Nanali geht einmal langsam um das Gebäude herum. Die Rückseite der Scheune zeigt stärkeres Alter. Der Putz ist hier weiter abgefallen, und an einigen Stellen hat sich der Lehm aus den Gefachen gelöst. Doch das Fachwerk selbst steht gerade.

Am Teichufer steht das Gras dicht und hoch, und das Wasser reicht fast bis an den Sockel der Scheune. Der Teich wirkt alt – vielleicht genauso alt wie das Gebäude.
 

Es ist einer dieser Orte, bei denen man spürt, dass hier lange gearbeitet wurde. Dass Tiere hier standen, Wagen unter dem Dach Schutz fanden und Menschen durch diese Türen gegangen sind. Und obwohl das Dach Löcher hat und das Gelände die Scheune langsam verschluckt hat, steht sie immer noch da.
 

Nicht als Ruine. Eher wie ein müdes, aber standhaftes Gebäude, das nur darauf wartet, dass sich wieder jemand um es kümmert.
 

„Wer hat hier früher gelebt?“, fragt sie schließlich. „Die Scheune… die sieht aus, als hätte sie einmal zu etwas Größerem gehört.“
 

Terry lächelt ein wenig, als hätte er genau diese Frage erwartet. „Hat sie auch“, sagt er. „Das war früher alles Land von Jamies Familie.“
 

Nanali runzelt leicht die Stirn. „Jamie?“
 

„Vor… ich weiß nicht genau. Vier, vielleicht fünf Generationen. Damals war das keine kleine Farm wie heute. Das war eine richtige Ranch.“
 

Nanali schüttelte den Kopf. Sie fand Jamies Ranch jetzt auch nicht klein.
 

Er deutet mit einer vagen Handbewegung über die Felder.
 

„Das Land ging früher von hier drüben bis fast zum Waldkamm hinter deinem Teich. Alles Weide. Kühe, ein paar Pferde, manchmal auch Schafe. Die Familie war groß. Brüder, Cousins, Onkel – alle haben zusammen gearbeitet.“
 

Nanali versucht sich vorzustellen, wie es einmal ausgesehen haben muss. „Und jetzt ist sie alleine…“, nuschelte sie.
 

„Das hier war der Hauptstall. Da standen im Winter die Tiere. Heu oben im Dach, unten Futtergang. Deswegen ist das Gebäude auch so hoch gebaut.“
 

Er macht eine kurze Pause, als würde er in der Erinnerung ein Stück zurückgehen.
 

„Früher lag der Boden dort übrigens tiefer“, fügt er hinzu.
 

Nanali hebt den Kopf. „Tie¬fer?“
 

„Das Gelände“, erklärt Terry. „Der Boden rund um die Scheune. Als sie gebaut wurde, lag der Sockel bestimmt einen halben Meter höher über dem Boden als heute.“
 

Nanali denkt sofort an die Balken, die sie gesehen hat, fast schon am Erdreich.
 

„Warum ist sie dann eingesunken?“
 

Terry hebt eine kleine Schraube auf und dreht sie gedankenverloren zwischen den Fingern. „Lehm“, sagt er schließlich. „Und Wasser.“
 

Er zeigt mit dem Kinn in Richtung ihres Grundstücks. „Der Teich ist älter als die Scheune. Wahrscheinlich haben sie ihn sogar extra angelegt, um Wasser für das Vieh zu haben. Der Boden dort ist schwerer Lehmboden. Wenn er nass wird, wird er weich. Wenn er wieder trocknet, setzt er sich.“
 

Nanali nickt langsam. „Und das Gebäude ist einfach… abgesackt?“
 

„Nicht auf einmal“, sagt Terry. „Ganz langsam. Über Jahrzehnte.“
 

Er hebt die Hand ein paar Zentimeter und senkt sie dann wieder. „Ein bisschen im Frühjahr, wenn alles voll Wasser war. Ein bisschen wieder im Herbst. Der Boden hat nachgegeben, der Sockel hat sich gesetzt. So etwas passiert bei alten Gebäuden öfter, wenn sie keine tiefen Fundamente haben.“
 

Nanali denkt an den Sockel aus Feldsteinen. „Aber die Scheune steht noch ziemlich gerade“, sagt sie.
 

„Eben“, antwortet Terry. „Das ist der wichtige Punkt. Das Gebäude ist nicht einseitig abgesackt. Es ist mehr oder weniger gleichmäßig nach unten gegangen. Das ist der Unterschied zwischen einem Problem und… na ja, einer alten Scheune.“
 

Nanali schaut ihn aufmerksam an. „Meinst du… sie sinkt weiter ein?“
 

Terry schaut sie einen Moment lang an, als würde er nachdenken. Dann schüttelt er langsam den Kopf.

„Wahrscheinlich nicht.“
 

„Warum?“
 

Er hebt einen kleinen Stein vom Boden auf und hält ihn hoch. „Boden setzt sich nicht ewig“, sagt er. „Am Anfang, wenn ein Gebäude neu ist, drückt das Gewicht den Boden zusammen. Besonders bei Lehm. Aber irgendwann ist der Boden so verdichtet, dass er kaum noch nachgibt.“ Er legt den Stein wieder ab.
 

„Die Scheune steht da seit… was, hundert Jahren? Vielleicht mehr. Wenn sie noch einsinken wollte, hätte sie das längst getan.“
 

Nanali denkt darüber nach. „Also hat sie ihren… endgültigen Platz gefunden?“
 

Terry nickt leicht. „So ungefähr.“ Dann grinst er schief. „Solange du nicht anfängst, direkt unter den Außenwänden zu graben, wird sie dir wahrscheinlich noch lange stehen bleiben.“

Nanali muss unwillkürlich lächeln.
 

In ihrem Kopf hat sie längst angefangen zu planen.
 

Nanalis Blick wanderte weiter über das Gelände.
 

Das Gras bewegte sich im Wind wie eine träge Welle, und für einen Moment sah alles einfach nur leer aus – alte Weidefläche, ein paar Büsche, der dunkle Rand des Teiches. Doch dann blieb ihr Blick an etwas hängen.

Ein kleines Gebäude.
 

Es stand ein Stück entfernt, halb von hohem Gras und verwilderten Pflanzen umgeben. Aus der Entfernung wirkte es zuerst wie ein einfacher Schuppen, vielleicht nur ein alter Geräteschrank, der irgendwann vergessen worden war. Doch je länger sie hinsah, desto mehr Details erkannte sie. „Was ist das dort drüben?“, fragte sie schließlich und zeigte hinüber.
 

Der Bau bestand aus zwei Teilen. Der erste Teil war tatsächlich ein kleiner Schuppen. Die Wände waren aus alten Naturstein gemauert, dunkelrot, an vielen Stellen schon schwarz verfärbt von Regen und Zeit. Das Dach war mit grauen Tonziegeln gedeckt – oder besser gesagt: es war einmal damit gedeckt gewesen.
 

Viele der Ziegel lagen noch, aber auf ihnen hatte sich ein dicker Teppich aus Moos gebildet. Das Grün zog sich über die Dachfläche wie eine weiche Decke. Zwischen den Ziegeln wuchsen sogar kleine Ringpflanzen und niedrige Wildkräuter, die ihre Wurzeln in den Ritzen festgesetzt hatten.
 

An mehreren Stellen fehlten die Ziegel ganz. Dort ragten nur noch die alten Dachlatten hervor. Der Schuppen selbst war nicht besonders groß. Nanali schätzte vielleicht zwanzig Quadratmeter Grundfläche – groß genug, um Werkzeuge zu lagern, einen Hobelbank hineinzustellen oder vielleicht früher einmal Wagenräder zu reparieren. Genau die Art von Handwerksschuppen, wie sie auf alten Höfen oft neben Stall oder Scheune standen.
 

Doch das eigentlich Auffällige war der zweite Teil. Direkt an den Schuppen angebaut stand ein kleines viktorianisches Gewächshaus. Die Konstruktion bestand aus weiß gestrichenen Holzrahmen, die einmal elegant und filigran gewesen sein mussten. Das Dach lief in mehreren schmalen Glasflächen zusammen, getragen von dünnen Streben, die fast dekorativ wirkten.
 

Oder zumindest hatten sie das einmal. Heute war vieles davon zerstört. Viele der Glasscheiben fehlten völlig. Andere waren zersplittert. Einige hingen noch in den Rahmen, gesprungen wie gefrorenes Eis, während die meisten Scherben längst auf dem Boden lagen. Zwischen den Holzstreben hatten sich Gras, Disteln und junge Birken angesiedelt.
 

Der Wind konnte ungehindert durch das Gerippe des Gewächshauses streichen. Trotzdem ließ sich seine ursprüngliche Form noch gut erkennen. Es war klein, vielleicht zehn Quadratmeter groß, kaum mehr als ein Wintergarten für Pflanzen. Genau groß genug, um Gemüse vorzuziehen oder empfindliche Kräuter zu ziehen.

Nanali stellte sich kurz vor, wie es früher ausgesehen haben musste.
 

Saubere Glasscheiben. Wärme unter dem Glasdach. Tomatenpflanzen an Schnüren. Vielleicht ein paar Zitrussträucher in Kübeln. Jetzt lagen nur noch Scherben zwischen Unkraut. Sie kniff leicht die Augen zusammen, um die Struktur besser zu erkennen. Das Holzgerüst war erstaunlich stabil geblieben. Einige der Streben waren verwittert, aber die Grundkonstruktion stand noch.
 

„Ein Gewächshaus…“, murmelte sie leise. Dann wanderte ihr Blick wieder zum Schuppen daneben. „Vielleicht 30 Quadratmeter zusammen.“
 

Nanali verschränkte langsam die Arme und betrachtete das Gebäude eine Weile schweigend.
 

Nanali griff in die Seitentasche ihrer Jacke und zog eine gefaltete Karte hervor. Das Papier war schon weich an den Kanten, von häufigem Auf- und Zuklappen leicht gewellt. Sie entfaltete es vorsichtig auf dem Deckel ihres Notizbuchs.
 

Die Fläche rund um den Teich war darauf in mehrere klare Segmente unterteilt. Dünne Linien zogen sich über die Karte, als hätte jemand das Land mit einem Lineal sauber in Stücke geschnitten. Die einzelnen Felder waren grün eingefärbt. Frei verkäuflich.
 

Nanali ließ den Finger langsam über die Karte wandern und begann zu zählen. „Eins… zwei… drei…“
 

Zwischen dem Rand von Knospendorf und dem kleinen Waldstreifen am Hang lagen fünf, vielleicht sechs Segmente. Jedes war ungefähr gleich groß, aber nicht ganz identisch geschnitten.
 

Die Preise variierten je nach Lage. Ein Segment am Hang war günstiger – steiler Boden ließ sich schlechter bewirtschaften. Flaches Land dagegen war teurer. Und Grundstücke mit Zugang zu fließendem Wasser waren noch einmal wertvoller.
 

Nanali kniff die Augen zusammen und versuchte, das Gelände vor sich mit der Karte in Einklang zu bringen.

Der Teich… die Scheune… der kleine Schuppen mit dem Gewächshaus… Sie drehte die Karte ein Stück. „Moment…“
 

Ihr Finger glitt über eine der Linien. In diesem Moment trat Terry neben sie. Er beugte sich leicht vor und sah über ihre Schulter. „Zeig mal.“
 

Nanali tippte auf einen Punkt. „Der Teich müsste ungefähr hier liegen, oder?“
 

Terry runzelte die Stirn und blickte hinaus über das Land, dann wieder auf die Karte. Seine Augen wanderten langsam zwischen den Orientierungspunkten hin und her – der Scheune, dem Teichufer, der alten Baumgruppe weiter hinten. Er hob schließlich die Hand und tippte ein Stück neben ihre Markierung. „Nicht ganz. Eher hier.“
 

Nanali zog eine Augenbraue hoch. „Sicher?“
 

Terry nickte langsam. „Die Scheune steht ungefähr auf dieser Linie. Und der Teich liegt direkt daneben.“

Er fuhr mit dem Finger über die Karte und folgte der Grenzlinie eines Segments. „Dann müsste…“ Er stoppte.

Sein Finger ruhte genau auf einem Feld.
 

Nanali spürte, wie sich ein kleines, kaum sichtbares Lächeln auf ihrem Gesicht bildete. Die Scheune lag auf dem Selben Segment wie der kleine Schuppen mit dem Gewächshaus.
 

Sie senkte den Blick, damit Terry ihr Grinsen nicht bemerkte. Neben der Segmentnummer stand ein Preis.

8000 G.
 

Terry hingegen schien plötzlich in Gedanken zu versinken. Er kratzte sich am Kinn und sah wieder zum Teich hinüber. Der Wind strich über die grünliche Wasseroberfläche, ohne eine einzige Bewegung von Tieren hervorzurufen. „Hm…“, murmelte er.
 

Nanali hob den Kopf. „Was?“ Terry antwortete zunächst nicht. Er blickte noch einmal über das Gelände, als würde er etwas abwägen. Dann sagte er langsam: „Wenn Basil wirklich ein Gutachten schreibt…“ Nanali schwieg. „…und bestätigt, dass der Teich gekippt ist.“ Er seufzte leise. Sein Blick wanderte kurz in Richtung des Dorfes. „Der Geruch ist jetzt schon nicht mehr zumutbar. Wenn das schlimmer wird, stehen bald die halben Rentner aus Knospendorf beim Bürgermeister im Büro.“ Er verschränkte die Arme und dachte weiter laut.
 

„Eigentlich müsste man jemanden finden, der sich darum kümmert. Den Teich saniert. Das Wasser wieder in Bewegung bringt.“ Er sah wieder auf die Karte.
 

Guter Lehm., Das Wort hallte noch in ihrem Kopf nach, seit sie den Bohrkern zwischen den Fingern zerdrückt hatte. Diese rötliche, schwere Masse. Fein, homogen, plastisch. Genau die Art Material, aus der man Ziegel, Keramik oder dichte Abdichtungen herstellen konnte.
 

Der Tonanteil musste hoch sein. Sehr hoch. Sie wusste genau, was das bedeutete. Wenn Basil ein gründliches Gutachten machte und jemand wirklich anfing, den Teich auszubaggern, würde früher oder später jemand merken, was dort im Boden steckte. Dann wäre es kein wertloses, stinkendes Wasserloch mehr, sondern eine brauchbare Rohstoffquelle. Der Preis könnte steigen.
 

Nanali spürte, wie sich ihr Magen leicht zusammenzog. Sie hob den Blick kurz zum Teich. Die Oberfläche lag immer noch unbewegt da, grünstichig, mit diesem öligen Film, der im Wind kaum reagierte. Der Geruch lag schwer in der Luft. Selbst wenn der Lehm wertvoll war…Der Teich war trotzdem ein Problem. Der Abtransport von Schlamm kostete Geld. Viel Geld.
 

„Der Bürgermeister geht bestimmt noch was runter mit dem Preis für eine aufstrebende junge Frau, die sich für den Bestand der Bergschattenadler einsetzte.“
 

Nanali sah verwundert zu ihm, als das Rufen eines Vogels, der über ihnen kreiste, ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. „Ist das!?“
 

„Sie haben ein gutes Gedächtnis und sind durchaus loyal. Diese Vögel sind schwer zu bändigen, aber diese Hürde hast du ja schon genommen. Du solltest das Falknern lernen. Diese Vögel können Erzadern aufspüren und größere Lasten tragen.“
 

Nanali schwieg.

The Linchpin – Unseen Assistance

Der Schlüsselpunkt – Unsichtbare Unterstützung
 

Fr., 22. November YXXX1

Seto Kaiba saß auf der harten Holzbank vor der Schmiede und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Der Tag war lang gewesen, sein Rücken schmerzte, und in seinen Händen hatte sich bereits eine feine Schicht Schwielen gebildet. Das Leben hier in Mineralstadt war rau, ganz anders als das, was er gewohnt war.
 

Die Währung dieses Ortes – Gold – war für ihn immer noch ungewohnt. Es fühlte sich an, als würde ihm das Geld durch die Finger rinnen. Die Preise waren brutal.
 

Seto störte es, dass sie sich gerade so durchkämpften. Er hasste es, sich einschränken zu müssen, keine Reserven zu haben, keinen Weg, um nach vorne zu kommen. Es war ihm zuwider, dass sein Bruder arbeiten musste, um sie über Wasser zu halten.
 

Kleidung war besonders teuer, nicht weil es an Stoff mangelte, sondern weil alles von Hand hergestellt wurde. Seto und Mokuba liefen noch in gespendeten Sachen herum, die aus der Spendenbox stammten oder von den Dorfbewohnern weitergegeben worden waren. Und so sehr er es hasste, es zuzugeben – das musste sich ändern. Die Ausgaben fraßen fast alles auf.
 

Das Geld für sein Business konnte er nicht anrühren, da er es investieren musste, um sein eigenes Gewerbe nach und nach aufzuziehen. Und viel Zeit die Woche ließ ihm sein Ausbildungsjob nicht für diese Tätigkeiten.
 

Er stand auf und straffte die Schultern. Nein. Das konnte nicht ewig so weitergehen. Wenn er schon in dieser fremden Welt gestrandet war, würde er hier nicht als einfacher Arbeiter enden. Er würde einen Weg finden, um aufzusteigen. Er konnte sich nicht damit abfinden, nur ein einfacher Arbeiter zu sein. Dass sie von Spenden lebten, anstatt sich selbst mit würdiger Kleidung auszustatten, war in seinen Augen inakzeptabel. Aber solange er sich mit Hammer und Amboss abmühte, anstatt an etwas Größerem zu arbeiten, würde sich nichts daran ändern.
 

Er hatte immer geglaubt, dass harte Arbeit einen weiterbrachte – dass, wenn man klug genug plante, man jedes System zu seinem Vorteil nutzen konnte. Doch hier? Hier war es, als würde er mit bloßen Händen gegen eine Mauer schlagen.
 

Der Auftrag von Jamie brachte ihn immerhin noch zusätzliches Geld ein. Aber die Kosten für Material und Dienstleistungen waren enorm. Der tatsächliche Gewinn war noch nicht ausreichend, um sich selbstständig zu machen und sie beide über die Runden zu bringen.
 

Und das Geld aus dem Adamant war zweckgebunden.
 

Er dachte zurück an den gestrigen Tag.
 


 

Do., 21 November YXXX1
 

Er stand mit verschränkten Armen im Rathaus von Mineralstadt. Die Luft war abgestanden, das Holz der alten Möbel roch leicht modrig, und die Beamten hinter ihren dicken Schreibpulten schienen sich so wenig zu bewegen wie die verstaubten Regale voller Akten. Er war hier, um eine Chance zu bekommen. Einen Kredit.
 

„Ihr wollt also Geld leihen?“ Der Beamte, ein älterer Mann mit Halbglatze und Hornbrille, musterte Seto mit gerunzelter Stirn. Seine Stimme war weder abweisend noch ermutigend – nur skeptisch. „Das ist … nun ja, eher unüblich. Wir vergeben keine Kredite im eigentlichen Sinne.“
 

Seto unterdrückte ein genervtes Schnauben. Natürlich war es unüblich. Diese Welt war primitiv, was Finanzwesen anging. Die Bauern wirtschafteten mit dem, was sie hatten, kauften und verkauften auf dem Markt, aber Schulden? Investitionen? Daran dachte hier niemand.
 

„Ich will kein Geschenk“, erklärte Seto ruhig, aber bestimmt. „Ich will eine Investition. Eine Möglichkeit, meine Arbeit zu finanzieren. Wenn ihr mir Materialkosten für den ersten Prototyp stellt, garantiere ich, dass ihr euer Geld zurückbekommt.“
 

Der Beamte legte die Hände ineinander. „Und wieso sollte das Dorf in euch investieren?“
 

Seto ballte die Fäuste. Weil ich der Einzige bin, der dieses Dorf aus seiner Steinzeit reißen könnte. , dachte er. Weil er wusste, wie Maschinen effizienter liefen. Wie man Zeit und Arbeitskraft sparte. Wie man das Leben hier einfacher machen konnte. Aber das sagten Worte nicht aus.
 

„Ich habe Ideen, wie man die bestehenden Maschinen effizienter machen kann – auf den Höfen, in der Schmiede, in der Holzverarbeitung. Ich kenne Prinzipien, von denen ihr nicht einmal gehört habt. Aber um sie umzusetzen, brauche ich Spezialteile, die ich beauftragen muss. Und das ist nicht günstig. Derzeit arbeite ich in der Schmiede – um sie selbst zu fertigen, dass dauert in Summe aber zu lange.“
 

„Hm.“ Der Beamte wirkte nachdenklich, aber nicht überzeugt. „Und warum soll das Dorf dafür zahlen? Warum kauft kein Bauer euch eure Ideen ab?“
 

Seto biss die Zähne zusammen. Weil niemand ihm vertraute. Dafür waren die Kosten zu hoch. Und auf Jamies Ranch tat er schon alles, was er konnte.
 

Für die Leute hier war ihr Hof ihre Existenz. Ihre Maschinen waren alles, was sie hatten, um ihr Überleben zu sichern. Und sie sollten ausgerechnet ihm vertrauen? Einem Fremden, der aus dem Nichts aufgetaucht war und behauptete, es besser zu wissen?
 

Es war zum Verzweifeln. „Wenn ihr so überzeugt seid, dass eure Maschinen besser sind … warum baut ihr dann nicht einfach eine und verkauft sie?“
 

„Weil ich mir nicht einmal das verdammte Material leisten kann!“ Setos Geduld war am Ende. Er atmete tief durch, beruhigte sich, und fuhr ruhiger fort: „Ich brauche Rohstoffe. Eisen, Holz, Werkzeuge. Das es funktioniert, könnt ihr euch auf Jamies Ranch ansehen.“
 

Fr., 22. November YXXX1
 

Das matte Licht der Esse flackerte über die ausgebreiteten Zeichnungen, ließ die Linien der Pläne kurz aufglühen und wieder im Schatten verschwinden. Sein Blick glitt langsam über die Blätter.
 

Zuerst die Fotografien. Die Realität. Eine alte Scheune. Massiv gebaut. Fachwerk, das über Jahrzehnte Wind und Wetter getragen hatte. Doch das Gebäude war eingesunken. Der Lehmboden hatte es langsam verschluckt. Die unteren Balken saßen fast im Erdreich, und daneben lag dieser träge, modrige Teich, dessen Wasser still und grünstichig wirkte.
 

Kaibas Augen verengten sich leicht. Dann wandte er sich den Zeichnungen zu, die daneben lagen. Zeichnungen von Rachel und ein Stempel vom Rebeccas Designs aus Echostadt. Die Scheune sollte bleiben — zumindest ihr Gerüst. Aber alles andere würde sich verändern. Die Pläne zeigten ein zweistöckiges Landhaus, das aus dem alten Stall entstehen sollte. Das Fundament sollte freigelegt und unterkellert werden. Neue Tragstrukturen, Drainagen, Betonfundamente unter den alten Eichenpfosten. Alles sauber berechnet.
 

Die Grundrisse lagen präzise daneben. Sanitärleitungen.

Elektroinstallation. Heizsystem. Abwasserführung. Nichts daran wirkte improvisiert. Die Terrasse zog sich wie eine breite Holzplattform aus der ehemaligen Scheunentoröffnung hinaus zum Wasser. Große Fensterflächen sollten dort entstehen, wo einst das schwere Scheunentor hing. Licht, viel Licht.
 

Kaibas Blick wanderte weiter zum Teich. Die nächste Zeichnung zeigte das Gelände von oben. Der alte, abgestorbene Teich war in den Plänen vollständig ausgehoben worden. Der Schlamm entfernt. Der Grund neu modelliert. An seiner Stelle entstand ein langgestrecktes Wasserbecken, in zwei Bereiche geteilt. Der erste Abschnitt war eine natürliche Schwimmbahn. Kein rechteckiger Pool, sondern ein organisch geformtes Wasserband, eingefasst von großen Findlingen, Schilf und flachen Uferzonen. Das Wasser sollte durch ein biologisches Filtersystem zirkulieren — Kieszonen, Wasserpflanzen, versteckte Einläufe. Der zweite Abschnitt war deutlich tiefer. Ein Forellenteich. Klares, kühles Wasser, durchströmt von einer kleinen Zirkulationsanlage. Steine, Schattenbereiche, ein kontrollierter Zulauf. Genau die Art von Becken, in dem Forellen tatsächlich leben konnten.
 

Kaiba schwieg. Sein Blick blieb einen Moment auf der Schnittzeichnung hängen. Die Linien waren ruhig gezogen. Keine überflüssigen Notizen. Alles strukturiert. Dann glitt sein Blick zu den letzten Plänen.
 

Das zweite Projekt. Ein kleines Gebäude. Die Fotos zeigten einen alten Schuppen aus Naturstein mit einem halb zerfallenen viktorianischen Gewächshaus, das daran angebaut war. Die Glasflächen waren größtenteils zerbrochen, die weißen Holzstreben verwittert, zwischen ihnen wuchsen Disteln und Gras.
 

Doch die Entwurfszeichnungen zeigten etwas anderes. Ein kleines Haus. Dreißig Quadratmeter. Der ehemalige Schuppen – vollständig aus Naturstein gemauert – hatte neue Fensteröffnungen erhalten. Große Gitterfenster, deren weißen Holzstreben sich über die Glasflächen zogen. Sie passten erstaunlich gut zu dem alten Mauerwerk.
 

Zwischen ihnen lag eine massive Haustür aus Holz, mit klassischen Kassettenfeldern. In ihrem oberen Teil saß ein kleines Gitterfenster, das das Licht durch ein dekoratives Holzmuster brach.
 

Der Innenraum war einfach gehalten. Ein einziger Raum von etwa zwanzig Quadratmetern. Eine kleine Küchenzeile entlang einer Wand. Ein Tisch. Ein Bett. Eine Ein-Zimmer-Wohnung.
 

Doch der eigentliche Blickfang lag daneben. Das viktorianische Gewächshaus war nicht abgerissen worden. Die Konstruktion blieb erhalten. Der untere Teil bestand weiterhin aus den alten Natursteinen, etwa hüfthoch gemauert. Darüber begann die typische viktorianische Glasstruktur – schmale Holzstreben, die große Glasflächen hielten.

Doch in dem Entwurf waren einige dieser Flächen mit Holz verkleidet worden. Helle Bretter, sauber eingesetzt zwischen die Rahmen. Eine der kurzen Seiten fasste ein großes Fenster, das weit nach außen ging und den Raum mit Licht füllte. Ein Badezimmer.
 

Die Glasflächen ließen das Tageslicht hineinfallen, während die Holzverkleidungen Privatsphäre schufen. Eine Badewanne war in der Zeichnung eingezeichnet. Eine holzbefeuerte Wanne. Draußen ein Lehmofen.
 

Nanali trat an Seto Kaiba vorbei, ohne ihn direkt anzusehen. Ihre Schritte waren leise auf dem Steinboden der Schmiede. Erst als sie neben dem Tisch stand, legte sie vorsichtig die Hand auf einen der Pläne und zog ihn ein Stück näher zu sich heran.
 

Ihr Blick blieb sofort bei den Fensterzeichnungen hängen. Den ganzen Tag hatte sie an den Scheiben dafür gearbeitet. Mit einem Finger strich sie über die Skizze des Holzgitters. Das Fenster bestand nicht aus einer großen Scheibe – das wäre mit der alten Technik gar nicht möglich gewesen. Stattdessen war der Rahmen aus massivem Holz gefertigt, in dem ein regelmäßiges Gitter aus schmalen Stegen eingelassen war.
 

Jedes Feld dieses Gitters hielt eine kleine Glasscheibe. Sechs bis acht Stück pro Fenster, je nach Breite. Die einzelnen Scheiben waren ungefähr 18 Zentimeter breit und etwa 20 Zentimeter hoch sein. Größer wäre riskant. Beim traditionellen Glasblasen entstanden zunächst runde Glasplatten – sogenannte Butzenscheiben oder Zylinder-Gläser – die später aufgeschnitten und flachgedrückt wurden. Dabei blieb das Glas nie vollkommen gleichmäßig. Zu große Stücke brachen leicht beim Abkühlen.
 

Die Holzstreben waren ebenfalls nicht nur Dekoration. Sie waren notwendig. Ohne Metallrahmen mussten die kleinen Glasscheiben direkt im Holz gehalten werden. Eine dünne Nut im Holzrahmen fasste die Scheiben ein, und von außen wurde eine schmale Holzleiste dagegengesetzt. Alles Holz. Kein Metall. Genau so, wie Fenster über viele Jahrhunderte gebaut worden waren. Da sie die Kälte nicht gut draußen hielten, wurden zwei vollständige Fenster hintereinander eingebaut.
 

Kaiba konnte sehen, dass Nanali sich erstaunlich genau an historischen Vorbildern orientierte. Diese Art Fenster war typisch für Häuser aus dem späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit, etwa vom 15. bis zum 17. Jahrhundert. Damals war Glas noch teuer und schwierig herzustellen, weshalb große Scheiben kaum existierten. Stattdessen setzte man viele kleine Stücke zusammen.
 

„Ein geübter Lehrling schafft vielleicht drei bis vier Scheiben pro Stunde, wenn alles reibungslos läuft, inklusive Abkühlen, Glätten und Einpassen. Bei 72 Scheiben, die für ein dreiteiliges doppeltes Flügelfenster und drei einfache doppelte Fenster benötigt werden, ist er 18 - 20 Stunden beschäftigt.“
 

Sein Blick wanderte zu Nanali, die so ruhig und konzentriert neben ihm stand. Und sie hat noch nie Fenstergläser geblasen. Noch nicht einmal annähernd. Wenn ein geübter Lehrling fast drei Arbeitstage nonstop bräuchte… wie lange sollte Nanali dann dafür brauchen? Zwei Wochen? Einen Monat?
 

„Gibt die Saibara echt schon solche Projekte?“, fragte er.
 

„Muss er. Es ist mein Projekt. Und ich kann mir keinen der Lehrlinge leisten, deswegen blase ich die Scheiben nach meiner regulären Arbeitszeit und nachdem ich die Behälter für mein Gewerbe geblasen habe.“, erklärte sie.
 

„Wie konntest du dir solche Zeichnungen leisten?“, fragte er ehrlich überrascht.
 

Nanali lächelte leicht, als sie Kaiba den Brief reichte.

„Die Zeichnungen stammen von Rachel. Sie ist Farmerin in Echostadt und Mitglied des Farmerverbunds. Ich habe ihr ein paar Briefe geschrieben, um einige andere bekannte Bauern auf deine Saatgutmaschine aufmerksam zu machen – vor allem auf die Trocknung der Traubenkerne. Alison, die Schwägerin von Rachel, lebt in Eichbaumhausen, war sehr beeindruckt und hat sich bei Rachel gemeldet. Als Gegenleistung dafür das ich mich dafür einsetze, dass du ihren Auftrag annimmst, hat Rachel mir diese Entwürfe erstellt, und Rebecca hat sie nur noch freigegeben. Du hast also auf eine Art indirekt dafür bezahlt.“
 

Sie deutete auf den Stapel Briefe. Den Seto etwas skeptisch entgegen nahm.

„Hier sind Anfragen von Alison, die gerne Traubenkerne trocknen lassen und gleich pressen möchte, und von Yuka aus Olivingen, die möchte, dass du ihre Ölpresse für Oliven überprüfst – falls du das übernehmen willst. Jill hat auch Interesse gezeigt, verschiedene Öle aus ihrem Obst zu pressen.“
 

Seto Kaiba ließ die Briefe einen Moment in der Hand liegen und sah Nanali kurz an. Seine Stirn war noch leicht gerunzelt, doch seine Stimme war ruhig:

„Du hast also… für mich geworben.“

Er nickte nur leicht, ohne zu lächeln.

„Danke. Schätze ich.“
 

Dann wandte er sich wieder den Plänen zu, seine Augen blitzten kurz vor Nachdenken. Er wirkte nicht überrascht im überschwänglichen Sinn – eher in einem stillen, inneren Anerkennen der Tatsache.
 

„Es könnte sinnvoll sein sich erst an Yuka in Olivingen zu wenden. Auf dem Grundstück der Geschwister, Yuka und Eiji, gibt es drei Mineneingänge. Dort wird das meiste Erz der Insel abgetragen. Sie hat Zugang zu sehr günstigem Material. Und es gibt in Olivingen die besten Kafféebohnen.“
 

„Hat Mokuba dir geholfen? Oder woher hattest du Details zu meinen Prototypen. Sie werden sich doch nicht ausschließlich auf dein Wort verlassen?“
 

Nanali zuckte leicht mit den Schultern und ein leichtes, verschmitztes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Er war nicht unbeteiligt… aber vordergründig geht es mir eigentlich um meine eigenen Pläne fürs nächste Jahr. Ich wollte sowieso die Städte bereisen, die Insel kennenlernen… das hatten wir uns am Anfang zusammen überlegt.“
 

Sie wischte sich eine lose Strähne aus der Stirn und begann, mehr vor sich hin als zu Kaiba zu sprechen: „Also dachte ich mir, wenn Mokuba sowieso einen guten Vorwand braucht, dass der große Bruder ihn gehen lässt… warum nicht gleich zusammen gehen? Außerdem… Kaffee und Oliven, die Yuka hat, werden in so vielen modernen Cremes und Shampoos verwendet. Man könnte sie testen, Rezepte ausprobieren, Kontakte knüpfen… und nebenbei die besten Bohnen und das günstigste Erz sichern.“
 

Kaiba schüttelte nur ungläubig den Kopf, die Arme verschränkt. Er konnte nicht fassen, wie mühelos Nanali all diese Überlegungen in einen Plan verwob – Marketing, Forschung, Reisevorbereitung und sogar Materialbeschaffung – während sie gleichzeitig so unbeschwert wirkte, als würde sie einfach plaudern.
 

„Ach ja. Jamie hat auch geholfen. Und Claire. Und Stainer…“, zählte Nanali auf.
 

Olivingen. Eichbaumhausen. Echostadt. Vergiss-mein-nicht-Tal Namen von Orten, die ihm vor wenigen Wochen noch nichts bedeutet hätten – und nun lagen hier Anfragen aus drei verschiedenen Städten.
 

Er hatte dafür nichts getan. Keine Reisen. Keine Gespräche. Keine Verhandlungen.
 

Er hatte Maschinen gebaut. Skizzen angefertigt. Probleme analysiert.
 

Der Rest…
 

Sein Blick wanderte langsam zu Nanali, die bereits wieder über den Plänen stand, als wäre nichts Besonderes geschehen. Sie hatte die Kontakte geknüpft.

Die Briefe geschrieben. Vertrauen aufgebaut. Während er versuchte, dieses Dorf mit Logik zu überzeugen, hatte sie längst begonnen, das Netz zu knüpfen, das seine Arbeit überhaupt erst sichtbar machte.
 

Er hatte immer geglaubt, dass Systeme aus Zahlen, Ressourcen und Effizienz bestanden. Wenn eine Idee besser war, setzte sie sich durch. Das war die einzige Logik, die in seiner Welt zählte. Hier funktionierte es anders. Ideen allein bewegten nichts.

Menschen taten es.
 

Sie drängte sich nicht in den Vordergrund. Sie sprach selten von großen Plänen. Aber während andere noch über Möglichkeiten nachdachten, hatte sie bereits drei Schritte weiter geplant — und niemand bemerkte es, bis die Ergebnisse plötzlich auf dem Tisch lagen. Seto musste widerwillig anerkennen, dass das… beeindruckend war.
 

Ohne sie hätte er weiterhin versucht, irgendeinen Bauern hier im Dorf zu überzeugen, seine Maschinen zu testen. Stattdessen warteten jetzt bereits neue Aufträge. Seto atmete leise aus.
 

Vielleicht… dachte er langsam, vielleicht war sie genau das fehlende Zahnrad in diesem System.

Nailing the Future - From Ruin to Refuge

Die Zukunft einschlagen - Von der Ruine zur Zuflucht
 

Sonntag, 24. November YXXX1
 

Der Morgen war kalt genug, dass jeder Atemzug als weißer Nebel in der Luft hing. Über dem alten Gewächshaus lag der bleiche Himmel des späten Herbstes. Nanali zog die Schultern ihres Mantels enger zusammen und betrachtete noch einmal den Stapel Bretter, der am Rand des Grundstücks lag. Woody hatte sie am frühen Morgen geliefert. Frisches Holz, grob gehobelt, noch mit dem harzigen Geruch von Nadelholz.
 

Neben ihr stand Mokuba und betrachtete das halb zerfallene Gewächshaus mit sichtlicher Skepsis. „Du willst wirklich… das hier retten?“ fragte er schließlich. Sein Blick wanderte über die weißen Holzstreben der viktorianischen Konstruktion. Viele der Glasscheiben fehlten bereits. Andere waren gesprungen oder milchig geworden. Zwischen den Natursteinen wuchsen Disteln, und irgendwo hatte sich sogar ein Büschel Gras durch eine Fuge gedrückt.
 

Nanali nickte ruhig. „Das Gerüst ist stabil“, sagte sie. „Und die Mauer unten ist noch gut. Es wäre Verschwendung, alles abzureißen.“
 

Stainer lehnte eine der Leitern gegen die Wand und warf einen prüfenden Blick nach oben. „Die Hälfte der Scheiben fehlt sowieso“, meinte er trocken. „Wenn wir Bretter einsetzen, statt neue zu machen, spart die Zeit. Passt auf beim Rausklopfen der restlichen Glasscheiben.“
 

Claire hatte bereits begonnen, die ersten Nägel aus einer kleinen Holzkiste zu sortieren. Ihre Finger waren rot vor Kälte, aber sie arbeitete mit der gewohnten, ruhigen Routine. „Und es hält die Wärme besser drin“, ergänzte sie.
 

Nanali nickte erneut. „Genau.“
 

Sie hob ein Brett an und hielt es probeweise gegen eine der offenen Glasflächen zwischen den Holzstreben. Es passte erstaunlich gut. Die Konstruktion des Gewächshauses bestand aus einem regelmäßigen Raster aus schmalen Holzrahmen. Ursprünglich hatten darin einzelne Glasscheiben gesessen. Nun würde ein Dreiviertel dieser Flächen geschlossen werden. Nicht vollständig. Nur genug, um den Raum vor Wind zu schützen. „Das Fichtenholz passt eigentlich ganz gut zu dem Naturstein. Fast unnötig es hinterher weiß zu streichen.“
 

Stainer reichte ihr den Hammer. „Also gut“, sagte er. „Fangen wir an.“ Der erste Nagel traf mit einem klaren Schlag das Holz. Klang. Der Ton hallte kurz über das Grundstück.
 

„Der erste Nagel sitzt.“, bemerkte Nanali und gab den Hammer an Stainer zurück. Sie hielt das Brett fest, während Stainer die Nägel einschlug. Zwei oben, zwei unten. Das Holz zog sich fest gegen die alten Streben der Konstruktion. Noch ein Schlag. Dann noch einer. Das erste Brett saß.
 

Mokuba hielt das nächste Brett bereit. „Seto würde jetzt wahrscheinlich irgendwas über Energieeffizienz sagen“, meinte er.
 

Stainer schnaubte leise. „Das Wort kennt hier niemand.“
 

Der Junge grinste nur. „Ich schon.“ Das nächste Brett wurde angesetzt. Hammer. Nagel. Holz. Mit jedem Schlag wurde das alte Gewächshaus ein Stück weniger Ruine und ein Stück mehr Gebäude.
 

„Ich auch“, entgegnete Nanali ruhig. „Deshalb wird es von innen auch nicht so bleiben.“
 

Stainer setzte gerade einen Nagel an und hielt kurz inne. „Nicht?“

Nanali schüttelte leicht den Kopf. „Die Bretter schließen erst einmal nur die offenen Felder. Von innen kommt noch eine Dämmung davor.“ Sie deutete auf die Wandfläche zwischen den Streben. „Erst eine Lage Stroh. Das hält die Luft. Dann Schafswolle, die Claire mir besorgt hat. Und darauf Lehm. Der trocknet langsam, aber er speichert Wärme.“ Nanali fuhr mit der Hand über das frisch angenagelte Brett. „Zum Schluss kommt ein Kalkputz darüber. Weiß. Der weist Wasser ab, damit die Wände im Bad nicht durchfeuchten.“
 

Stainer setzte den Hammer wieder an. Klang.„ Klingt nach viel Arbeit“, murmelte er.
 

„Ist es auch.“, gab Nanali zu.
 

Mokuba betrachtete die Wand und versuchte sich den fertigen Raum vorzustellen. „Und die Fenster?“
 

Nanali griff nach dem Rahmen der ersten Seite der Fensters, der noch an der Wand lehnte. „Doppelt.“
 

Der Junge zog eine Augenbraue hoch. „Doppelt?“
 

„Zwei Fenster hintereinander.“ Sie zeigte auf die Öffnung. „Das äußere hält Wind und Regen ab. Das innere sorgt dafür, dass die warme Luft im Raum bleibt.“ Sie machte eine kleine Pause. „Sonst zieht es hier später wie Hechtsuppe. Doppelt verglast ist ja nicht.“
 

Stainer schlug den nächsten Nagel ein. Hammer. Klang. Nanali stellte das nächste Brett bereit.
 

„Die Wärme kommt später aus zwei Quellen. Die Badewanne bekommt einen kleinen Ofen. So wie bei einem Hot Tub.“
 

„Ah.“ Mokuba nickte sofort. „Also Wasser von außen beheizen.“
 

„Drinnen ein kleiner Kaminofen.“ Nanali sprach weiter, während sie ein weiteres Brett ausrichtete. „Der Boden wird auch komplett neu gemacht. Er wird ersetzt durch einen mit Fußbodenheizung, die zukünftig über einen Heizstab im Wasserpuffer erwärmt wird. Der erhitzt das Wasser direkt für die Rohre.“
 

Mokuba sah durch die halb offene Tür nach drinnen.
 

Die alten Holzdielen waren dunkel geworden, viele verzogen, einige sogar gebrochen. Zwischen den Brettern lagen schmale Spalten, durch die man direkt die Erde darunter sehen konnte.
 

„Die kommen alle raus. Dann wird der Boden darunter ausgegraben. Mit der Schaufel. Etwa dreißig bis vierzig Zentimeter.“
 

Mokuba zog die Augenbrauen hoch. „Das ist eine Menge Erde.“
 

„Ja.“ Nanali zuckte leicht mit den Schultern. „Aber sonst passt der Aufbau später nicht.“
 

Claire trat neben sie und sah ebenfalls hinein. „Was kommt danach?“
 

„Ganz unten kommt zuerst eine Schicht Kies oder Schotter. Die sorgt dafür, dass Wasser ablaufen kann. Darauf kommt Kalkbeton. Das wird die eigentliche Bodenplatte. Anschließend folgt eine dünne Schicht Sand oder Lehm, um alles auszugleichen. Darin liegen später die Wasserrohre. Wenn warmes Wasser durch die Rohre läuft, erwärmt sich der Beton. Der speichert die Wärme. Und darüber kommt dann der Holzboden.“
 

Der Junge steckte die Hände in die Taschen seiner Jacke und nickte anerkennend.
 

„Weißt du, was das Verrückte ist?“, grinste Mokuba. „Von außen sieht das immer noch aus wie ein halb verfallenes Gewächshaus. „Aber innen wird es wahrscheinlich komfortabler als die Hälfte der Häuser in Mineralstadt.“
 

Klang. Der nächste Nagel verschwand im Holz. Nach einer Weile begann die Struktur sich sichtbar zu verändern. Dort, wo vorher nur leere Rahmen gewesen waren, saßen nun helle Holzbretter. Zwischen ihnen blieben die Glasfelder offen, durch die das matte Herbstlicht fiel. Ein Rhythmus stellte sich ein.
 

Mokuba reichte die Bretter. Stainer nagelte. Claire arbeitete oben entlang der Dachschräge. Nanali kontrollierte die Abstände und richtete die Bretter aus. Der Geruch von Holz und kalter Erde lag in der Luft.
 

„Das wird von außen auch Hammer aussehen, wart’ s nur ab.“
 

Gegen Mittag war die erste Wand fast vollständig geschlossen. Nanali trat ein paar Schritte zurück und betrachtete das Ergebnis.
 

Gemeinsam hoben sie zuerst den äußeren Fensterrahmen in die vorbereitete Öffnung. Das Kniestockfenster war aus massivem Holz gebaut, das Gitter darin hielt die kleinen, leicht unregelmäßigen Glasscheiben, die Nanali in den vergangenen Tagen selbst geblasen hatte. Das Glas war nicht vollkommen klar; feine Wellen und kleine Einschlüsse brachen das Licht und ließen es weich über Stein und Holz wandern.
 

Der Rahmen passte genau zwischen die alten Streben der Gewächshauskonstruktion. Stainer hielt ihn von außen in Position, während Nanali von innen die ersten Nägel setzte. Mit festen Hammerschlägen zog sich das Holz gegen die Balken der Konstruktion.
 

Anschließend begann sie, die schmalen Spalten zwischen Rahmen und Holzstreben abzudichten. Aus einem Eimer nahm sie eine feuchte Mischung aus Lehm und zerriebenen Pflanzenfasern und drückte sie sorgfältig in jede Ritze. Der Lehm verschloss die Fugen, während die Fasern verhinderten, dass das Material beim Trocknen riss.
 

Doch damit war die Arbeit noch nicht beendet.
 

Nachdem die äußere Abdichtung saß, setzte Nanali von innen einen zweiten, etwas kleineren Fensterrahmen in die Öffnung. Zwischen beiden Fenstern blieb ein schmaler Luftraum – kaum eine Handbreit tief. Dieser Zwischenraum würde später die Wärme im Raum halten. Der äußere Rahmen hielt Wind und Regen ab, während das innere Fenster verhinderte, dass die warme Luft direkt an die kalte Scheibe gelangte.
 

Auch der zweite Rahmen wurde mit Nägeln fixiert und mit Lehm sorgfältig in den Übergängen abgedichtet. Zum Schluss nagelten sie schmale Holzleisten über die Kanten der Rahmen, die alles fest an seinen Platz pressten und die Abdichtung vor Wetter schützten.
 

Als Nanali schließlich einen Schritt zurücktrat, saßen beide Fenster fest in der Wand. Zwischen den Scheiben ruhte eine schmale Schicht stiller Luft, und durch die leicht welligen Gläser fiel das matte Novemberlicht in den Raum. Zum ersten Mal seit Jahren war diese Öffnung wieder vollständig geschlossen.
 

„Wie überleben Menschen, die das hier Hauptberuflich machen. In einer anderen Welt würde man dafür vielleicht eine Stunde brauchen.“
 

Stainer sah zu ihr auf. „Für ein Fenster?“
 

Nanali nickte leicht. „Ein Metallrahmen. Doppelverglaste Scheiben. Alles schon vormontiert.“ Sie machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als würde sie etwas in eine Öffnung schieben. „Man setzt es in die Wand, richtet es aus und füllt die Fugen mit Bauschaum.“
 

Stainer hielt kurz inne. „Metall? Du willst mir sagen, dass man Holz – das nachwächst und sich über Generationen erneuern lässt – einfach durch Metall ersetzt, das man aus der Erde reißen muss und das sich über Jahrzehnte oder länger nicht ersetzt? Und was ist Bauschaum?“
 

Nanali grinste schief. „Ein Material, das sich ausdehnt und jede Ritze dicht macht“, erklärte Nanali. „Danach schneidet man den Rest ab und setzt eine Blende darüber.“
 

„Und hier…“, ergänzte Mokuba. „Hier bläst du erst das Glas selbst. Baust den Holzrahmen Rahmen. Sehr aufwendige Konstruktion. Du setzt jedes kleine Stück Glas einzeln ein. Danach kommt das äußere Fenster in die Öffnung… und dann noch ein zweites dahinter.“
 

Es waren drei Stunden vergangen… In denen sie das Fenster fixierten und abwechselnd Mittag aßen…
 

Sie sah noch einmal auf das Fenster, durch das das matte Novemberlicht fiel. „Manchmal vermisse ich Dinge wie passgenaue Metallrahmen…“ sagte sie ruhig. „Oder Schrauben, die alle exakt gleich sind.“
 

Mokuba grinste. „Und Bauschaum.“
 

Nanali lachte leise. „Ja. Bauschaum“
 

Sie klopfte leicht gegen den Holzrahmen. „Aber …“
 

Die Mischung aus Glas und Holz wirkte überraschend harmonisch. Die hellen Bretter ergänzten den Naturstein des Sockels, während Nanali sich vorstellte, wie der Fensterrahmen nach dem Weißstreichen noch sanft hervortrat. Das regelmäßige Raster der Konstruktion hielt alles zusammen und verlieh dem alten Gewächshaus neue Ordnung. Es sah… geplant aus.
 

Vor ihrem inneren Auge formte sich das fertige kleine Häuschen. Naturstein belassene Wand auf der einen Seite kombiniert mit dem warmen, rotbraunen Ziegeldach. Zwei kleine Schornsteine ragen charmant in den Himmel, - Abzugshaube über dem Herd auf der einen Seite des Hauses. Esse des Hot Tub auf der anderen, während die hölzerne Eingangstür mit elegantem Bogen und filigranen Details einlädt, einzutreten. Große Fenster rahmen den Innenraum ein, der durch sanftes Licht erleuchtet wird, und die stilvollen Laternen an der Fassade verleihen der Hütte einen einladenden, gemütlichen Glanz. Kletterpflanzen und Blumenbögen umschmeicheln das Haus, als hätte es schon immer hier inmitten der Natur gestanden.
 

Ein lautes in die Hände klatschen lässt Nanali aus ihrem Tagtraum erwachen. „Kommt, das ist ein dreiteiliges Doppelfenster. Wenn wir vor der Abenddämmerung fertig werden wollen, dürfen wie für die anderen Fenster nicht auch so lange brauchen!“, ermahnt Claire. Sie bläst warme Luft zwischen ihre gefrorenen Hände. Ein leichtes Taubheitsgefühl hat sich ausgebreitet und ein feines Kribbeln zieht durch ihre nervösen Finger.
 

Die Gruppe nickte zustimmend.
 

Mi., 27. November YXXX1 – Spaziergang an der Flussseite von Knospendorf
 

Mokuba schlenderte langsam den gewundenen Weg entlang, der die Flussseite von Knospendorf säumte. Seit Montag hatte er keine Zeit mehr gehabt, an Nanalis kleinem neuen zu Hause zu arbeiten; seine Arbeit hatte ihn vollständig in Anspruch genommen. Unterwegs ließ er seinen Blick über das Wasser schweifen, das im matten Novemberlicht leise glitzerte, und die kahlen Bäume, deren Äste wie schwache Finger in den grauen Himmel ragten.
 

Von Claire hatte er erfahren, dass Nanali die letzten Abende nach ihrer Schicht in der Schmiede noch weiter gearbeitet hatte. Mit einer kleinen Öllampe – die, wie sie ihm erklärte, je nach Größe und Docht mehrere Stunden brennen konnte – hatte sie zusammen mit Stainer unermüdlich an der Dämmung, am Innen- und Außenputz gearbeitet. X Stunden lang, so hatte Claire geschätzt, war sie nach Sonnenuntergang unterwegs gewesen, während andere längst zu Hause waren. Mokuba hatte gestaunt, hatte aber nicht geahnt, wie groß das Engagement der jungen Frau tatsächlich war.
 

Als er die Biegung des Weges erreichte, tauchte das Häuschen vor ihm auf. Schon von außen wirkte es beeindruckend: Die hellen Holzbretter waren weiß verputzt worden und die Fensterrahmen strahlten in einem hellen weiß. Sie fügten sich perfekt zu den Natursteinmauern.

Stainer hantierte gerade an den letzten Fenstern, seine Bewegungen ruhig, geübt, während draußen die Lehrlinge Kurt und Joe sich bereits an der Vorbereitung des Bodens zu schaffen machten.
 

Mokuba blieb stehen, eine Hand locker in der Tasche seiner Jacke vergraben, und betrachtete das kleine Gebäude. Ein leises Staunen stieg in ihm auf. „So… schnell?“ murmelte er für sich selbst. In nur wenigen Tagen war nicht nur das Gerüst stabilisiert, sondern auch Dämmung und Putz aufgebracht. Alles neben ihren eigentlichen Tätigkeiten. Nanali hatte wohl bereits Anschluss im Dorf gefunden. Ohne freiwillige Helfer konnte er sich nicht vorstellen, dass sie das alles bezahlen konnte.
 

Überall hatte sie helfende Hände organisiert, hatte klare Anweisungen gegeben und sich Respekt verschafft – ohne, dass er es überhaupt bemerkt hatte.
 

Er konnte nicht umhin, ein anerkennendes Lächeln auf den Lippen zu haben. Die Kombination aus Entschlossenheit, Können und dem leisen Charme, der offensichtlich auch im Dorf Wirkung zeigte, überraschte ihn immer wieder. Mokuba spürte ein wachsendes Gefühl von Stolz, aber auch von Ehrfurcht: In so kurzer Zeit hatte Nanali hier mehr erreicht, als er in Wochen vermocht hätte.
 

Langsam setzte er seinen Weg fort, diesmal etwas schneller, um sich dem Geschehen am Häuschen anzuschließen. Er konnte es kaum erwarten, zu sehen, wie sie das letzte Stück Boden vorbereiteten, und war gespannt darauf, selbst wieder mit anzupacken.
 

Seto würde er von all dem nichts erzählen. Sollte er sie doch weiter unterschätzen! Es war ihm jedes Mal ein eigenes Vergnügen ihn brüten zu sehen, wenn Nanali ihn überraschte und er zählte die Tage, bis sein älterer Bruder merkte, dass diese doch sehr von ihm abweichende Persönlichkeit teilweise sogar schnellere Erfolge erzielte, als er es vermochte.
 

*
 

Claire näherte sich leise der kleinen Holzhütte am Rande des Waldes. Der Morgennebel hing noch in der Luft und tauchte die Umgebung in ein sanftes Licht. Als sie die Tür der Hütte öffnete, drang das leise Zirpen der Vögel und das Rauschen der Bäume herein.

Ihr Blick fiel auf den alten Holztisch in der Mitte des Raums. Dort, auf der glatten Oberfläche, lag Nanali, tief und fest schlafend. Die letzten Strahlen des Morgensonnenscheins drangen durch das Fenster und tauchten die Szene in ein warmes Licht. Ihr Kopf ruhte auf einem Stapel Notizen und Entwürfen, die über den Tisch verstreut waren. Claire konnte sehen, dass sie über ihrem neuesten Design eingeschlafen war und hatte es noch nicht übers Herz gebracht sie zu wecken.

Langsam näherte sich Claire dem Tisch und ließ ihren Blick im Raum umherschweifen. Die Produkte, die Nanali in ihrer Schlafenszeit umgaben, waren ein Spiegelbild ihrer handwerklichen Fähigkeiten und ihrer Liebe zur Natur.

Da waren die handgefertigten Kleidungsstücke, fein aus Hanf und Leinen gewebt, in sanften Erdtönen und lebendigen Farben. Ein Stapel Körbe aus Jute und Kork, kunstvoll geflochten, wartete darauf, mit frischen Ernteerzeugnissen gefüllt zu werden. Auf einem Regal standen Kerzen aus Bienenwachs, jede ein kleines Meisterwerk für sich.

In Claires Regal stapelten hausgemachten Kräuterseifen und Cremes, sorgfältig in handbemalten Behältern verpackt. Claire konnte den Duft von Lavendel, Kamille und anderen Naturaromen in der Luft spüren. Es gab sogar eine Auswahl an Schmuckstücken aus Muscheln, die an einer Schnur hingen, bereit, das Schönste der Meere zu präsentieren.

Die Teeabteilung war eine wunderbare Sammlung von Erinnerungen. "Der Mitternachts-Jasmin" lag in seinem eleganten schwarzen Beutel und erinnerte an sternenklare Nächte im Wald, in denen der Duft von Jasminblüten die Luft erfüllte. Daneben glänzte die "Goldene Sonnenuntergangs-Mischung" in ihrem funkelnden, goldenen Beutel und rief warme Sommerabende am Lagerfeuer in Erinnerung. Der "Smaragdgrüne Kräutertee" brachte die Frische des Waldes und das Grün der Blätter direkt in Claires Wohnzimmer.

Die Parfumflaschen auf dem Regal waren wie kostbare Schätze. "Die Rubinrose" thronte in ihrer leuchtend roten Flasche und erinnerte an die Leidenschaft und die Blüte der Liebe. Daneben glitzerte "Das Saphirmeer" in seiner ozeanblauen Flasche und weckte Erinnerungen an stille Meeresstrände und das Rauschen der Wellen. "Der Diamanttraum" in seiner klaren Glasflasche strahlte Reinheit und Eleganz aus und erinnerte daran, dass die schönsten Schätze oft in der Klarheit des Augenblicks zu finden waren.

Die Pflegeprodukte in kleinen Spendertuben fanden ebenfalls ihren Platz auf dem Regal. Das "Morgentau-Shampoo" ruhte in einer zarten, grünen Tube und verströmte den erfrischenden Duft von Morgentau, der Claires Haar und Seele gleichermaßen berührte. Der "Rosenblüten-Conditioner" stand auf einem kleinen Holztablett und versprühte den zarten Duft von Rosen, der Claires Herz erwärmte. Die "Lavendel-Lotion" ruhte in einer kleinen Porzellanschale und brachte sie mitten in ein duftendes Lavendelfeld.

Diese Produkte auf Claires Regal waren nicht nur handgefertigte Schätze, sondern auch Erinnerungen an die tiefe Freundschaft zwischen ihr und Nanali. Jedes Mal, wenn Claire ihre Augen über diese Produkte schweifen ließ, fühlte sie sich von der Natur umarmt und von der Liebe ihrer Freundin umgeben. Sie waren Symbole für die Schönheit der Natur und die Bedeutung der Handwerkskunst in ihrem Leben.

Claire konnte nicht anders, als lächelnd auf die schlafende Nanali zu blicken. Die Szene war eine Hommage an die Kreativität, die Naturverbundenheit und die Liebe zur Handwerkskunst, die in ihrer Freundin steckte. Mit einem sanften Seufzen beschloss sie, Nanali nicht zu wecken und stattdessen leise die Hütte zu verlassen, um sie in ihrer Ruhe zu lassen. Sie würde noch eine Gelegenheit finden Nanali zu sagen, dass Greta ihr einen Brief geschickt hatte. Der Brief, der ihre gemeinsame Zeit in Mineralstadt befristete.

A Fleeting Glance - Café Terrace at Night

A Fleeting Glance - Café Terrace at Night
 

Fr., 29. November YXXX1
 

Der Herbst neigte sich seinem Ende. Nanali hatte einen ertragreichen November. Ihre Produkte fanden in Mineralstadt reißenden Absatz. Ihre durchschnittlichen Monatsgewinne der letzten beiden Monate lagen bei 2.700 G alleine durch ihre Produktpalette.

Nun warteten Körbe und Kerzen, die sie mit eigenen Händen gefertigt hatte, darauf, neue Besitzer zu finden. Der Basar in Briesendorf schien ihr dafür ideal: Jeden Samstag verwandelte sich die Stadt in einen pulsierenden Handelsplatz, und gerade gegen Ende der Saison war es besonders voll. Die Menschen drängten sich durch die Straßen, was perfekt für Waren wie Körbe war, die kein Verfallsdatum kannten. Und so hatte sie sich auf eine kleine Reise begeben. Ihre Ersparnisse hatte sie alle in das Grundstück und die äußere Verkleidung ihres neuen zu Hause gesteckt. Jetzt würde sie sich etwas für das innere Mobiliar verdienen, denn noch konnte sie Claire nicht verlassen. Eine Küche mochte her. Ein Bett. Und ein Kaminofen, um den Winter zu überstehen. Auch eine Badewanne musste her. Zu den heißen Quellen war es von ihrem neuen zu Hause nun doch zu weit, um sich hauptsächlich dort zu waschen.

In einem weißen Baumwollkleid, über dem sie einen hellen Vanille-Mantel geschlungen hatte, lehnte sie sich über die Reling des Schiffs. Sie hatte es der Natur gleichtun wollen.

Das kleine Passagierschiff glitt den Fluss hinab, dessen Wasser silbrig im schwachen Winterlicht schimmerte.

Um sie herum erstreckte sich die Landschaft soweit das Auge reichte in ein unendliches Weiß aus Pulverschnee. Der Frost funkelte wie tausend winzige Diamanten, die in der Sonne blitzten, und zwischen kahlen Laubbäumen ragten Fichten und Tannen hervor.

Jede Nadel und jeder Zweig von einem feinen, glitzernden Mantel aus Frost überzogen, während durch das weiße Kleid der Winterstarre noch ein Hauch von Türkis und Grün hindurchblitzte, als sei die Zeit um sie herum stehen geblieben. Nanali streckte die Hand aus, als wollte sie die Fichte zwischen ihren Fingern ausmessen. Vor ihrem inneren Auge griff sie nach dem Baum und stellte sich vor, wie er sich in ihrer Hand anfühlen würde – wie ein einzelner, riesiger Kristall, hart und glänzend. Es war, als könnte er beim leisesten Druck in tausend winzige Splitter zerbrechen.

Den Fluss hinab, der sich wie ein silbernes Band durch die weiße Weite schlängelte, kam sie dem Tal näher und hinter Nanali verschwanden die Schneefelder und Wälder, die sich zuvor über Hügel und Ebenen erstreckt hatten. Immer deutlicher erhoben sich links und rechts die Kliffe, steil und eindrucksvoll zu einem natürlichen Windkanal, der die Luft in einem leisen, rauen Lied mit sich trug. Hierher verdankte Briesendorf seinen Namen: „Briese“ – der stetige Wind, der über die Wiesen und Auen fegte, und „Dorf“ – die Siedlung, die sich seit jeher den Wind zunutze machte, sei es für Windmühlen oder spätere Windkraftanlagen.

Die Sonne erreichte die Hänge lange, sodass hier normalerweise selbst im späten November die Schneeschmelze nur langsam begann.

Nicht dieses Jahr.

Während das Schiff flussabwärts glitt, konnte Nanali die ersten Windmühlen erkennen, die sich im Tal ausbreiteten. Ihr rhythmisches Drehen wirkte wie ein stiller Taktgeber für die Stadt, die langsam am Flussufer auftauchte.

Die Wasserstraße führte sie direkt auf die Anlegestelle zu, die am Fuße eines steilen Kliffs lag. Der Wind spielte in Nanalis Haaren, als wollte er sie persönlich in Briesendorf willkommen heißen.

Es hatte fast den ganzen Tag gedauert, mit der kleinen Fähre von Mineralstadt aus hierher zu gelangen. Nun endlich beobachtete sie, wie das Schiff langsam auf die Anlegestelle zu glitt. Der Kapitän lenkte es vorsichtig gegen den leichten Flussstrom, sodass das Boot sanft über das glitzernde Wasser dahinschwebte. Nanali konnte sehen, wie ein Besatzungsmitglied ein dickes Tau über die Reling warf, welches ein anderer am Steg geschickt auffing. Mit geübten Handgriffen zogen sie die Leine straff und befestigten sie an einem Poller, dann wiederholten sie den Vorgang mit einem zweiten Tau, sodass die Fähre sicher und stabil am Steg lag. Leicht stieß die Bordwand gegen das Holz, ein leises Klopfen hallte über das Wasser, während das Schiff sanft schwankte und zum Stillstand kam.

Nanali sah, wie die Klappbrücke aufgestellt wurde. Langsam setzte sie einen Fuß auf das Holz und spürte das leichte Nachschwingen der Rampe unter ihren Schuhen. Sie kehrte kurz aufs Schiff zurück, um im nächsten Moment mit einer Schubkarre, die sie hinter sich herzog, an Land zu treten.

Am Ufer blieb sie kurz stehen. Sie betrachtete die Karte, die die Stadt und ihre Umgebung zeigte und studierte die Wege, die sie von der Anlegestelle zum Basar führen würden.

An der ersten Weggabelung führte ein leicht ansteigender Kopfsteinpflasterweg zu einem abgelegenen Hof, während ein anderer tiefer ins Tal zu einer hölzernen Brücke führte.

Auf der anderen Uferseite öffnete sich die zweite Weggabelung. Der Weg flussaufwärts führte in den Wald gegenüber der Anlegestelle. Flussabwärts findet sich nach wenigen Minuten Fußweg ein kleiner, runder Pflasterplatz an einer steinernen Brücke, die wenn man sie überquerte in die Stadtmitte führte.

Der Straße folgend führte der Weg schließlich zur zweiten Holzbrücke. Wenn man diese überquerte befand sich der Gasthof unmittelbar dahinter.

Nanali atmete tief die kalte Winterluft ein und machte sich auf den Weg. Ihre Schubkarre knirschte im Schnee, während sie vorsichtig den hartgetretener Erdpfad hinaufging.

Hier und da hatten sie vereiste Pfützen gebildet. Glatt und tückisch für unachtsame Wanderer.

Nanali hörte, wie sie unter den Rädern der Schubkarre mit einem leisen Knacken zerbarsten, sobald sie darüberfuhr.

Die Schubkarre war unhandlich auf dem verschneiten Pfad, und immer wieder musste sie anhalten. Während ihrer Pausen entdeckte sie am Wegrand vereinzelte Kräuter wie Lavendel und Minze, die zwischen Schnee und frostigen Gräsern hervorblitzten. Schließlich stellte sie die Karre an der Straßenseite ab, stapfte durch den tiefen Schnee und ließ sich vorsichtig auf den Boden sinken.

Sie hockte sich hin, schob den Saum ihres weißen Wollkleides zwischen die Beine, um sich nicht den Schnee auf das Kleid zu ziehen, und begann, die Kräuter sorgfältig zu pflücken. Die Nadeln des Pulverschnees glitzerten auf den Blättern, während Nanali ihre Hände in der kalten Winterluft bewegte, konzentriert und behutsam zugleich.

Als Nanali einen flüchtigen Eindruck von Beobachtung wahrnahm, suchte ihr Blick über den verschneiten Weg und die Wiesen hinweg einen Ursprung für ihr Unbehagen.

Dort stand ein Mann. Soweit sie es einschätzen konnte, war er nicht sehr viel größer als sie selbst. Seine braunen Haare waren hinten zu einem Zopf gebunden, er trug einen abgetragenen Mantel, einen roten Schal und abgenutztes Schuhwerk. In den Händen hielt er eine Farbpalette, vor sich eine Staffelei.

Das Dorf breitete sich hinter ihm aus, in sanften Winterfarben, still unter den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Nanali verweilte einen Moment, betrachtete den Künstler und dachte, dass dieser Anblick – der junge Mann vor dem Dorf, getrennt von ihr nur durch den Fluss – ein perfektes Motiv für eines dieser Bilder wäre. Diese Werke waren meist in Schwarz- und Grautönen gehalten, während nur ein einzelnes Detail farbig hervorgehoben wurde. Die bekanntesten Beispiele kannte sie: London in Grau mit dem roten Doppeldeckerbus, oder die Frau in Paris mit dem roten Regenschirm.

Nanali richtete sich auf, ging zu ihrer Schubkarre und legte die gesammelten Kräuter vorsichtig hinein. Dann zog sie sie ein Stück weiter über den verschneiten Weg, vorsichtig darauf bedacht, dass die Räder nicht über die gefrorenen Pfützen rutschten. Ihre Neugier wuchs mit jedem Schritt – sie wollte sehen, was der junge Mann dort in der Ferne malte, welche Farben auf seiner Palette lagen und welche Szene er vor sich auf der Staffelei festhielt.

Vorsichtig schob Nanali die Schubkarre ein Stück weiter, dann ließ sie sie stehen, um sich langsam von hinten anzuschleichen und einen Blick auf das Werk des jungen Mannes zu erhaschen.

Er stand konzentriert vor seiner Staffelei, die Palette in der Hand, und ließ die Pinsel über die Leinwand tanzen.

Ihr Stockte der Atem beim Anblick des Gemäldes. Mit offenstehendem Mund hebt sie den Blick und sieht auf das Dorf ihr gegenüber, die sich mit einem Mal in den Vordergrund stellte.

Die Häuser erhoben sich dicht an dicht, teils in der eleganten Strenge der Renaissance, teils in der robusten, zeitlosen Form der Romanik. Runde Bögen und massive Steinmauern wechselten sich ab mit filigranen Fensterfassaden, verzierten Giebeln und kunstvoll geschnitzten Türrahmen. Die Fassaden waren in leuchtenden, kräftigen Farben gehalten. Balkone mit schmiedeeisernen Geländern, kleine Erkerfenster und verwinkelte Dachformen gaben der Stadt einen lebendigen Rhythmus.

Zwischen den Häuserreihen wanden sich schmale Gassen, gepflastert und mit vereinzelten Laternen gesäumt, die im Abendlicht sanft glühten. Über allem spannte sich der Himmel in den Farben des nahenden Abends.

Am gegenüberliegenden Ufer lag das Café, dass sich der Künstler als Motiv ausgesucht hatte. Es stand direkt am Ufer, leicht erhöht, so dass die Lichter vom Gastraum sich im Wasser spiegelten. Die Terrasse war von kleinen, runden Tischen gesäumt, an denen einzelne Gäste in Abendkleidung saßen und leise miteinander sprachen. Zarte Laternen warfen ein warmes, gelbliches Licht auf die Pflastersteine, das im Kontrast zum tiefblauen Nachthimmel fast zu leuchten schien.

Die Fassade des Gebäudes war in einem warmen Ocker gehalten, mit dunkelgrünen Fensterläden, die geöffnet die hell erleuchteten Fensterrahmen freigaben. Ein Schild mit geschwungenen Buchstaben hing über der Eingangstür, während der Rauch von den Schornsteinen sanft in den Himmel stieg. Das Café wirkte einladend und lebendig, trotz der winterlichen Kälte.

Der junge Mann auf der Staffelei fing all dies auf seiner Leinwand ein.

„Caféterrasse bei Nacht“, platzte es aus Nanali heraus.

Der junge Mann zuckte zusammen, der Pinsel stoppte abrupt in der Luft. Fast hätte er sich vermalt. Er drehte sich erschrocken zu ihr um, die Augen weit aufgerissen, als hätte sie ihn aus einem Traum gerissen. Seine Lippen formten Worte, die nicht über ein hilfloses Stammeln hinauskamen, und für einen Moment wirkte er wie jemand, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Nanali lächelte, kaum merklich, fast so, als wolle sie seine Verwirrung auffangen, und stellte dann mit entwaffnender Direktheit ihre Frage:

„Kennst du Vincent van Gogh?“

Gabriel blinzelte. Einmal. Zweimal. Sein Blick glitt an ihr vorbei, als suchte er zwischen den Bäumen, ob dort irgendwo ein Dritter stand, den sie meinte. Schließlich sah er sie wieder an, ratlos, Stirn und Augenbrauen in Falten gelegt. Es war der Ausdruck eines Menschen, der unbedingt höflich bleiben wollte, aber sich an keinem Hinweis festhalten konnte.

„Vincent…?“ wiederholte er zögernd, als koste er das fremde Wort auf der Zunge.

Dann schüttelte er langsam den Kopf, ein Anflug von Bedauern in seiner Stimme:

„Nein… tut mir leid. Ich fürchte, da kann ich dir nicht weiterhelfen.“

Er wartete, fast angespannt, ob sie ihm jetzt eine Erklärung abverlangen würde. Doch Nanali winkte nur leicht ab. Ihre Stimme war ruhig, beinahe unnahbar:

„Es ist nicht von Bedeutung.“

Er runzelte die Stirn noch tiefer, verwirrt von der Gelassenheit, mit der sie die Frage wieder von sich wischte. Für ihn war es eine Unhöflichkeit, nicht mehr darauf einzugehen – und doch lag in ihrer Haltung eine Selbstverständlichkeit, die ihn verstummen ließ.

Nanali trat einen Schritt näher, so dass er instinktiv den Atem anhielt. Sie streckte die Hand aus, als wolle sie mit einer Geste die Spannung zerschneiden, und stellte sich vor:

„Ich heiße Nanali. Und du?“

Gabriel sah auf ihre Hand, dann in ihr Gesicht. Einen Herzschlag lang schien er abzuwägen, ob er vertrauen konnte. Schließlich atmete er hörbar durch und sagte, etwas schüchtern, aber fest genug:

„Gabriel.“

Nanali lächelte. „Also… Caféterrasse bei Nacht von Gabriel.“

Der Name gefiel Gabriel, doch er konnte nicht leugnen, dass ihn diese junge Frau irritierte. Ihre Worte, ihr Lächeln, die Art, wie sie ihn ansah.

Nanali legte den Kopf leicht schräg und deutete mit einer kaum merklichen Geste auf das Bild. „Ist es für jemanden bestimmt?“

Gabriel schüttelte den Kopf. „Nein. Ich male einfach… so.“ Er zuckte die Schultern, als sei das alles, was es dazu zu sagen gab. „Wenn mir ein Bild besonders gelingt, bringe ich es auf den Basar. Manchmal bekomme ich auch Aufträge, aber meistens male ich, weil es mir Freude macht.“

Sie musterte ihn nachdenklich, dann nickte sie, als hätte sie eine Entscheidung getroffen. „Dann lege es bitte für mich zurück. Ich komme morgen wieder und hole es ab – Caféterrasse bei Nacht von Gabriel.“ Ein leichtes Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. „Ich wollte schon immer einen van Gogh besitzen.“

Gabriel blinzelte verwirrt. „Van… wer?“

Er suchte in seinem Gedächtnis, doch da war nichts – kein Maler, kein Fremder, nicht einmal ein Kunde, der je so geheißen hätte.

Nanali sah sein Stirnrunzeln, und statt sich zu erklären, lachte sie leise. Sie amüsierte sich über seine Ratlosigkeit, ja, sie hatte genau damit gerechnet. Er konnte den Namen nicht kennen. Und doch, je länger sie das Bild betrachtete, desto deutlicher schien es ihr, als halte sie ein Werk in Händen, das auch in ihrer Welt hätte entstehen können. Die Qualität, die Tiefe, die vertraute Farbigkeit – es war, als wäre ein Stück der Kunst, die sie so sehr vermisst hatte, hierher gefolgt.

Mit einem Grinsen auf den Lippen verabschiedete sie sich von dem Künstler und zog ihren Karren durch den Schnee in Richtung Gasthof. Gabriel folgte ihr Blick, bis ihre Gestalt im Weiß verschwand. Einen Augenblick länger verharrte er, dann drehte er sich um und sah auf die Stelle im Schnee, auf der sie eben noch gesessen hatte – ein flüchtiges Zeugnis ihrer Anwesenheit.

Langsam breitete sich auch auf seinem Gesicht ein Grinsen aus. Er hob das Bild von der Staffelei und stellte es vorsichtig neben sich zum Trocknen. Dann griff er nach einer neuen Leinwand.

Es wurde früh dunkel in diesen Tagen, doch das matte Licht der Straßenlaterne reichte aus. In ihrem Schein begann er erneut zu malen – als könne er diesen Moment, den sie hinterlassen hatte, in Farben bannen.

Under the Luminous Chandelier - The Inn of Timeless Charm

Under the Luminous Chandelier - The Inn of Timeless Charm
 

Fr., 29. November YXXX1

Nanali überquerte die Holzplanken der Brücke, die zum Gasthof führte. Das Knarren unter ihren Schuhen war fast das einzige Geräusch, begleitet vom leisen Rauschen des Flusses unter ihr. Auf der Brücke lag kaum noch Schnee – nur vereinzelte Flockenreste glitzerten in der Morgenkühle.

Am Ende der Brücke begann der kleine Pflasterweg, der direkt am Gasthof vorbeiführte. Sofort fielen ihr die unzähligen Fußspuren auf, die den Weg durchzogen. Händler hatten sich schon früh auf den Weg gemacht, ihre Waren beladen, um für das morgige Schauspiel auf dem Basar vorbereitet zu sein.
 

Der Gasthof Sonnenwald selbst ragte am Pflasterweg empor, ein zweistöckiges Gebäude in strahlendem Weiß, das durch seine sanft abgerundeten Erker links und rechts und vorspringenden Fassadenpartien sofort ins Auge fiel.

Die Fenster waren oben leicht gerundet, eingefasst von einem zierlichen Ziegelmuster, und weiße Sprossen bildeten ein feines Gitter. Dazu passten die tiefgrünen Fensterläden, die geöffnet die hellen Räume dahinter freigaben. Unter jedem Fenster prangten üppige Blumenkästen, aus denen Blumen in leuchtenden Farben heraushingen und dem Gebäude Wärme verliehen.

Die doppelflügelige Holztür in der Mitte wirkte einladend und robust zugleich, ebenfalls mit einem Gittermuster verziert. Über ihr hing eine alte runde Außenleuchte, flankiert von zwei kleineren Messinglaternen, die den Eingang in weiches Licht tauchten. An den Seiten der Tür stützten dekorative Holzstreben die Fassade und verliehen ihr eine gewisse Stärke, ohne den filigranen, charmanten Eindruck zu stören.

Das massive, grüne Dach setzte dem Gebäude einen harmonischen Abschluss auf.

Nanali drückte die große, schwere Holztür auf. Sie war so massiv, dass es einen kleinen Kraftakt erforderte, doch schließlich öffnete sie sich mit einem tiefen Knarren. Ein Schwall warmer Luft empfing sie, begleitet vom leisen Duft nach Holz und alten Teppichen. Schon der erste Blick ließ sie kurz innehalten: Vor ihr erstreckte sich ein riesiger, zweigeteilter Raum.

Direkt vor dem Eingang zog sich ein üppiger lila Teppich über den Boden und wandte sich in geschwungenen Bahnen hinauf zur Treppe. Die Stufen führten auf einen kleinen, halbgeschossigen Absatz, an dem sich die Treppe elegant nach links und rechts verzweigte. Die Holzgeländer waren in einem satten Braun gehalten, das sich harmonisch vom Lilaton des Teppichs und dem vanillefarbenen Ton der Wände abhob. Zwei große Zimmerpflanzen flankierten die Treppe und gaben dem Eingang zusätzliche Lebendigkeit.

Auf der linken Seite des Raumes luden weiße Sofas mit kleinen rosa Blütenmustern und niedrige Tische zum Verweilen ein. Über ihnen hing ein monumentales Gemälde von Briesendorfs Bergkette, dessen majestätische Gipfel die Blicke fesselten. Kleine Stehlampen und Ziertische mit winzigen Lämpchen verstreuten ein sanftes Licht und ließen den Raum trotz seiner Größe einladend wirken.

Auf der rechten Seite stand ein imposanter Tresen aus dunklem Holz. Gleich daneben war eine kleine Sitzecke mit demselben Blümchenmuster. In der Mitte ein kleiner Tisch, an dem Gäste Platz nehmen konnten, um sich kurz auszuruhen oder den Ausblick auf den Hauptraum zu genießen.

Der Raum wirkte auf Nanali gleichzeitig majestätisch und heimelig.

Sie schiebt die Karre hinein und stellt sie direkt neben der Tür ab.

Mit leisen Schritten löst sie sich von ihr und geht weiter in die Mitte des Raumes. Dort bleibt sie stehen, während sich der Raum weit über ihr öffnet.

Ihr Blick wandert nach oben, wo die Treppe sich zu einem umlaufenden Innenbalkon erhebt. Wie ein hölzernes Band legt sich das braune Geländer um die obere Etage, rahmt den offenen Saal darunter ein und lässt dazwischen den freien Blick zu den Türen, die in die Schlafräume führen. Über all dem, genau im Zentrum, hängt ein gewaltiger Kronleuchter, dessen Kristalle im schimmernden Licht glitzern und die Blicke unweigerlich fesseln.

„Schick.“, entfuhr es Nanali.

Dann schlurften ihre Schuhe entlang des lila Teppichs auf den weißen Mamorboden und hin zum Tresen. Dahinter erhob sich Stuart, ein älterer Mann mit grauen Schläfen, der sogleich seine Brille auf der Nase zurechtrückte.

Mit einem prüfenden Blick über den Rand der Gläser fragte er trocken:

„Willkommen im Hotel Sonnenwand. Mein Name ist Stuart. Und wer bist du?“

Stuart wirkte mit seinen siebzig, vielleicht achtzig Jahren noch erstaunlich aufrecht. Sein lichtes, weißes Haar war streng nach hinten gekämmt und fiel lang bis in den Nacken. Ein dichter Oberlippenbart – ein traditioneller Schneuzer – rahmte sein Gesicht, während eine runde Brille mit kleinen Gläsern seine wachen Augen betonte. Er trug eine weite, braune Hose mit Hosenträgern über einem warmen, gelben Pullover, auf dessen Brust ein grünes vierblättriges Kleeblatt eingestickt war. Die Kombination aus gedeckten und lebhaften Farben verlieh ihm trotz des Alters einen lebendigen, fast eigenwilligen Charme.

„Nanali.“, erwiderte sie. „Aus Mineralstadt. Ich habe ein Zimmer reserviert.“

Nachnamen waren auf dieser Insel nicht üblich. Keiner hatte welche. Als sie im Melderegister aufgenommen wurden, hatte sie ihn einfach weggelassen. Manche bestanden ja auf ihre Nachnamen. Sie nicht.

Stuart schlug das schwere Gästebuch auf – ein Lederband mit abgegriffenen Kanten, die Seiten voll mit schwungvoller Handschrift. Eine kleine Tintenfeder lag griffbereit daneben.

Er fuhr die Seiten in seinem Buch mit den Fingern entlang, bis er den richtigen Eintrag darin gefunden hatte. Anschließend schob er das Buch über den Tresen zu ihr.

„Bitte eine Unterschrift für unser Gästebuch.“, erklärte er und hielt ihr zugleich die Feder entgegen.

Nanali legte zögernd die Finger um die Feder. Es war das erste Mal, dass sie solch ein Schreibgerät in der Hand hielt, und sie musste es in den Fingern drehen, bis es einigermaßen richtig lag. Ein Schmunzeln huschte ihr über die Lippen, ehe sie den Versuch wagte. Mit hörbarem Kratzen zog die Feder ihre schwankenden Buchstaben über das Papier – ungelenk, aber lesbar.

In ihrer Welt wäre es ein Relikt aus einer anderen Zeit. Doch Stuart hielt stur an diesem alten Brauch fest, und Nanali gefiel das. Es war, als würde er seinen Gästen nicht nur einen Platz im Gästebuch geben, sondern auch ein Stück Vergangenheit. Diese kleine Eigenheit verlieh dem ganzen Ort seinen Charm. Als wäre er nicht nur eine Herberge, sondern ein Ort, an dem die Zeit langsamer verging.

„Gut.“, murmelte Stuart und tippte mit dem Finger neben ihren Namen. „Dann bräuchte ich nur noch die Zahlung.“

Nanali nickte und griff in ihre Tasche. Rasch zog sie ihr selbstgemachtes Portemonnaie hervor – ein Stück Handarbeit in hellem Vanilleton. Es schloss mit einem silbernen Druckknopf, und im Inneren war es mit Stoff ausgekleidet: ein feines Muster aus winzigen weißen Blüten an hauchdünnen Stängeln. Die Wände bestanden aus Kork, der sauber mit dem Stoff überzogen wurde. Es gab zwei offene Fächer sowie ein drittes, das mit einem kleinen Reißverschluss verschlossen war. An der Seite hing ein Perlentier – ein Seepferdchen in leicht goldenem und weißem Schimmer, mit zwei tiefdunkelblauen Augen, die im Licht fast lebendig wirkten.

Mit geübter Hand zählte sie die Münzen und legte sie auf den Tresen.

Stuart nahm sie wortlos entgegen, drehte sich dann um und trat an die Vitrine hinter sich.

Eine hohe Glasvitrine, eingefasst in einen geschwungenen, goldfarbenen Rahmen, dessen Linien sich kunstvoll ineinander wanden. Der Glanz war nicht grell, sondern gedämpft – wie altes Blattgold, das über die Jahre an Würde gewonnen hatte.

Dort hingen die Zimmerschlüssel ordentlich aufgereiht, doch viele Haken waren leer – kaum ein Zimmer frei in diesen Tagen. Der Basar am Ende der Saison hatte das Haus bis auf den letzten Platz gefüllt.

Zum Glück, dachte Nanali, hatte sie rechtzeitig vorreserviert.

Stuart fand den richtigen Schlüssel, löste ihn vom Haken und legte ihn auf den Tresen. „Und hier ist ihr Schlüssel. Meine liebe Frau, führt sie zu ihrem Zimmer.“

Seine Stimme klang geschäftsmäßig, doch ein Hauch von Anerkennung blitzte in seinem Blick, als er ihre improvisierte Geldbörse noch einmal streifte, ehe er sich wieder seinem Buch zuwandte.

Nanali freute sich innerlich über diese doch sehr unterschwellige Geste. Jemand der Handwerkskunst schätz., dachte sie sich.

Aus einem der hinteren Zimmer, trat eine ältere Frau hervor.

Sonia stand ihm zur Seite, ebenfalls würdevoll und mit einer Art nostalgischer Eleganz, die an vergangene Zeiten erinnerte. Ihre weißen, lockigen Haare fielen mittellang um ihr Gesicht. Sie trug ein langes, pinkes Kleid, dessen Rock in Lamellenfalten fiel. Die langen Ärmel endeten in weißen Rüschen am Handgelenk, und über dem Kleid trug sie eine Schürze, welche in weißen Rüschen ihre Hüfte abwärts fielen. Schwer hing eine silberne Kette um ihren Hals, das große Medaillon bereits leicht angelaufen, mit dunklen Oxidationsstellen – ein Accessoire, das gleichzeitig Wohlstand und Geschichte verriet.

In ihrer Erscheinung lag Wärme, Fürsorge und die stillen Versprechen von Tee, frisch gebackenem Kuchen und einem offenen Ohr. Schon beim ersten Blick konnte Nanali gar nicht anders, als sie sofort ins Herz zu schließen.

Nanali eilte schnellen Schrittes zurück zur Schubkarre, die noch neben der schweren Eingangstür stand. Mit einem leisen Poltern griff sie nach ihrer Handtasche, die halb unter einer gefalteten Decke hervorschaute. Während sie sie herauszog, drehte sie sich um und blickte in den Saal.

„Kann ich die Karre hier stehen lassen?“, fragte sie unsicher. Inmitten der weißen Sofas, der edlen Teppiche und des gläsernen Kronleuchters wirkte das schlichte Gefährt wie ein Fremdkörper – grob, unförmig, fehl am Platz.

Sonia trat einen Schritt hervor, legte dabei den Kopf sanft zur Seite, als würde sie kurz abwägen. Ein mildes Lächeln huschte über ihr Gesicht, dann sagte sie in ihrer warmen, mütterlichen Art:

„Weißt du was, mein Kind – stell sie doch zur Windmühle. Sie gehört zum Hof, und Greta hat sicher nichts dagegen. Dort steht sie sicherer und fügt sich besser ein.“

Nanali nickte dankbar. „Das klingt gut.“ Sie schob die Tasche über ihre Schulter, legte sie kurz auf einem der Sofas ab, um die Hände frei zu haben, und atmete tief durch. Dann sah sie Sonia noch einmal an, lächelte und verabschiedete sich: „Ich bin gleich wieder da.“

Mit schnellen Schritten verschwand sie zur Tür hinaus, während die Karre leise über die Pflastersteine rumpelte.

Stuart trat näher an Sonia heran, als Nanali durch die Tür verschwunden war. Sein Blick glitt zu der Tasche, die sie auf dem Sofa zurückgelassen hatte.
 

Es war eine Reisetasche – nicht klein, sondern erstaunlich geräumig –, und schon auf den ersten Blick sah man, dass sie selbstgenäht war. Der Stoff bestand aus zahllosen Flicken, die in zarten Vanille- und Weißtönen zusammengesetzt waren. Dazwischen fanden sich Punkte, vereinzelt Streifen und kleine Rosanuancen, die das Ganze lebendig machten. Trotz der Vielfalt wirkte es nicht zufällig, sondern wie ein gewolltes Muster.

Die Nähte waren sauber geführt, die Oberfläche leicht gepolstert, was der Tasche etwas Weiches, Einladendes gab. Sie schloss mit einem langen Reißverschluss, der sich elegant über den oberen Rand zog. An einer der Seiten war ein weiterer, kleinerer Reißverschluss eingenäht – eine praktische Ergänzung, fast unscheinbar zwischen den beiden Trägern.

Diese Träger selbst setzten mit ihrem satten Pinkton einen fröhlichen Kontrast.

Da sie prall gefüllt war, konnte man ihr Innenleben begutachten. Genau wie bei ihrem Portemonnaie war das Futter aus demselben hellen Stoff vernäht – zarte weiße Blüten auf hauchdünnen Stängeln.

„Ich frage mich, ob Nanali sich über ein paar davon freuen würde“, murmelte Sonia, halb zu sich selbst, halb zu Stuart.

„Ich sehe doch nicht mehr so gut…“, seufzte sie leise. „Und ständig finde ich meinen Fingerhut oder meine Brille nicht. Vielleicht ist es Zeit, meine kleine Sammlung einer talentierten jungen Frau zu übergeben.“

Stuart beugte sich vor. „Das ist ein beachtlich schönes Stück“, sagte er anerkennend, seine Stimme von ehrlicher Bewunderung getragen. „Sie würde sich sicher freuen“, sagte er. „Du hast immer so ein gutes Auge für besondere Muster.“

Als Nanali das Hotel wieder betrat, stand Stuart ruhig hinter dem Tresen, die Hände auf dem dunklen Holz abgestützt, seine Brille leicht nach unten geschoben. Sein Blick glitt kurz über die Rückkehrerin, dann wandte er sich wieder einem kleinen Stapel Papiere zu, ohne weiter einzugreifen.

Nanali trat an Sonia heran, die ihr leicht zur Seite entgegenkam. Mit geübten, fast mühelosen Bewegungen hob sie ihre Tasche über die Schulter.

„Wollen wir dann?“, fragte Sonia munter.

Nanali nickte knapp.

Ohne zu zögern drehte sich Sonia um und ging voran.

Nanali folgte Sonia über den lila Teppich die Treppe hinauf.

Oben angekommen, führte Sonia sie über den hölzernen Innenbalkon. Hinter jeder Tür, die sie passierten, konnte Nanali die Ruhe der Gästezimmer erahnen.

„Hier entlang“, sagte Sonia schließlich und hielt vor einer Tür an. Sie öffnete sie mit einem kleinen Schlüsselbund, der an einer Kette um ihre Hand hing. „Dein Reich für die nächsten Tage.“

Sonia öffnete die Tür zu Nanalis Zimmer, und ein sanftes Licht fiel über die Schwelle. Es war ein rundes Erkerzimmer, dessen runde Fensterfront mit einem feinen Gittermuster geschmückt war. Davor hing ein großer, weißer Vorhang, fast durchsichtig, der im Mondlicht sanft schimmerte und das Zimmer in ein mildes, silbernes Licht tauchte.

Sonia betätigte den Lichtschalter, und ein warmes, beruhigendes Licht erfüllte den Raum. Vor den Fenstern stand ein rundes Bett mit makellos weißen Laken, perfekt drapiert. Daneben war ein kleiner Stuhl und ein runder Tisch, auf dem Nanali ihre Tasche abstellen konnte.

Zu der Seite führte eine schmale Tür in ein kleines Bad. Es war kompakt, aber elegant eingerichtet: eine Dusche, eine Toilette und ein Waschbecken, alles sorgfältig angeordnet und mit stilvollen Details versehen.

Nanalis Augen leuchteten, und ein begeistertes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Das ist ja wundervoll!“, rief sie aus, ihre Stimme erfüllt von ehrlicher Freude.



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu dieser Fanfic (17)
[1] [2]
/ 2

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2026-05-25T09:57:04+00:00 25.05.2026 11:57
Skye: "Ok, ich kann Nanali nicht mit Worten kontrollieren. Dann bleibt nur noch betäuben."
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2026-05-24T09:22:16+00:00 24.05.2026 11:22
Daryl liest sich wirklich wie eine Referenz an Doc Brown oder an Rick aus "Rick and Morty".
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2026-05-24T09:02:59+00:00 24.05.2026 11:02
Wahrscheinlich nicht die Auflösung auf die Nanali gehofft hat. Mal schauen wie es weitergeht.
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2026-05-24T07:45:23+00:00 24.05.2026 09:45
Das entwickelt sich immer mehr zu einer Detektivgeschichte. Bin gespannt, wo das hinführt.
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2026-05-24T07:20:37+00:00 24.05.2026 09:20
Für jeden Kerl, der in der Lage ist Frauen nur durch seinen Charme zu kontrollieren, gibt es eine Nanali, die immun dagegen ist.
Und scheinbar ist die Nebenquest wohl doch Teil der Hauptquest.
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2026-05-24T06:59:12+00:00 24.05.2026 08:59
Ich finde es interessant, dass hier ein Handlungsstrang drinnen ist, bei dem für ein paar Monate scheinbar nichts passieren soll. Häufig kommt ein Zeitsprung, aber hier heißt es "ok, Zeit für ein paar Nebenquests".
Auch witzig, wie Nanali an eine Ausgrabungsstätte kommt, wo Archäologen am Werk sind, die das ganze schon länger machen und sie so "ich zeig euch mal wie man es richtig macht". ㅋㅋㅋ

PS auf Wunsch der Autorin: Omg, Yugi mentioned. :O
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2026-05-23T10:49:13+00:00 23.05.2026 12:49
Interessantes Konzept. Ein Phantomdieb, der Curry als Waffe einsetzt. Kein Wunder, dass Nanali im Fangirl-Modus ist.
Antwort von:  DreamingAngel
23.05.2026 19:48
Kaito - Kid Allert!!! X)
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2026-05-22T21:35:59+00:00 22.05.2026 23:35
Ich mag am Anfang des Kapitels wie Nanali charakterisiert wird, aber auch wie nochmal deutlich wird, was für ein toller Support Claire ist.
Die fachlichen Erklärungen zwischendrin sind wieder super detailreich, was ich sehr schätze, auch wenn ich da hin und wieder den Faden verliere.
Zum Ende hin packt es mich wieder, als Nanali die Upseed Flower findet. Ich bin gespannt, wo das hinfühft.
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2026-03-05T16:56:59+00:00 05.03.2026 17:56
Das Lei Over klingt nach einem Laden, den ich selber gern aufsuchen würde. Und ich mag das Wortspiel hinter dem Namen. :)
Außerdem wieder einige Vorlagen für Cosplays und mal eine Auflösung, wo Yugi in der Geschichte ist. Irgendwo musste er ja stecken.
Ich freue mich bereits auf den Part, wenn Nanali zu Daryl kommt.
Von:  KweenLizzieAndTheGizzyWiz
2025-08-24T12:43:21+00:00 24.08.2025 14:43
Riesen Respekt davor, wie gut und detailliert du Szenerien beschreiben kannst.Riesen Respekt davor, wie gut und detailliert du Szenerien beschreiben kannst. Die Story hat bisher eine riesige Sogwirkung für mich.


Zurück