Buch 01: Der Beginn einer Legende
Dies ist keine gewöhnliche Geschichte – es ist eine Legende. Genauer gesagt der Beginn einer Legende … Eine Legende über ein junges Mädchen und ihre ganz besondere Reise. Eine Reise, die ihr ihr Schicksal offenbaren wird.
Wir befinden uns auf dem Kontinent Cantha, dem legendären Kaiserreich im Süden dieser Welt mit Namen Tyria … bestehend aus vier unabhängigen Zonen – Kaineng, Hauptstadt Cantha´s und Regierungsposten des Kaisers Kisu; dem Echowald, Heimat der Kurzick und Herrschaftsgebiet des Grafen zu Heltzer; dem Jademeer, Revier der Luxon und Sitz des Ältestenrates; Shing Jea, Insel des Friedens und Verantwortungsbereich von Meister Togo. Und genau auf dieser Insel beginnt dieser Heldenepos, der sich über Kontinente hinwegsetzen und niemals wirklich ein Ende finden wird – jedenfalls solange sich der Zyklus der Nebel weiterdreht!
Die Verteidigerin von Shing Jea
Im Jahr 1072 nach dem Mouvelianischer Kalender, der in ganz Tyria galt – zweihundert Jahre nachdem der Jadewind das Gesicht von Cantha neu gestaltet hatte – war die schöne Elementarmagierin Shikon No Yosei gerade fünfzehn Jahre alt geworden. Es war jedoch nicht nur ihr Äußeres, das faszinierte – unterstrichen von ihren klaren Augen, die einer durch und durch reinen Seele gehörten –, sondern vielmehr das große Potenzial an magischer Energie, welches in ihr schlummerte … Ihre Ausbildung bei Großmeister Vhang war seit wenigen Wochen beendet – Ausbilder Ng hatte ihr die Befähigung sogar mit Auszeichnung überreicht –, da suchte der Leiter des Klosters Shikon No Yosei und ihre Familie im nahegelegenen Dorf Tsumei auf. Die junge Shing Jea lebte dort zusammen mit ihrer Tante Adeptin Bishu und deren Tochter, der Mönchin Seiketsu No Akari. Die beiden waren stärker miteinander verbunden, als es nur durch bloße Blutsverwandtschaft möglich gewesen wäre – sie waren ein Teil voneinander. Über ihren Vater wusste sie nichts und ihre Mutter, Bishu´s Schwester war bei Shikon No Yosei´s Geburt verstorben, ebenso wie Seiketsu No Akari´s Vater Adept Tai. Dieser noch dazu unangekündigte Besuch wunderte die Mädchen schon sehr – es war bislang nur äußerst selten vorgekommen, dass der Ritualist einen ehemaligen Schüler nach dessen Abschluss aufsuchte, auch wenn er stets freundlich zu ihnen gewesen war.
Doch wie immer kam Meister Togo nach einer kurzen Begrüßung gleich zur Sache. „In Tyria … besonders bei uns auf Cantha sind Ereignisse im Gange, die speziellen Einsatz erfordern. Ich komme mit einem Angebot zu jeder von euch. Zunächst zu dir, Seiketsu No Akari … Man hat mir berichtet, du hegst ein außergewöhnliches Interesse an der Geschichte unserer Welt und willst allen Menschen helfen. Ist das korrekt?“
Die braunhaarige Mönchin schluckte angesichts seines ernsten Tonfalls. Doch dann nickte sie entschieden. „So ist es, Meister. Ich will versuchen aus den Ereignissen der Vergangenheit zu lernen und wissen, wie sich Tyria entwickelt hat. Damit ich anderen nicht nur mit meinen heilenden Fähigkeiten helfen kann.“
„Du besitzt wirklich ein gütiges Herz …“, meinte der ältere Mann mit einem sanften Lächeln. „Alle fünf Jahre wird von jedem der drei Kontinente jeweils ein Absolvent beliebiger Klasse ausgewählt, dem die Ehre eines Studium bei den Deldrimor-Zwergen in den Südlichen Zittergipfeln zuteil wird. Sie besitzen von allen Völkern die größte Ansammlung. Und ich habe dich dafür vorgesehen – es steht dir natürlich vollkommen frei, ob du dies annimmst oder ablehnst.“
Wenn ihr jemand gesagt hätte, Meister Togo wolle sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen, hätte sich Seiketsu No Akari alle möglichen Gründe ausgemalt – nur nicht diesen. Ein unbeschreibliches Gefühl von Glück und Stolz flutete durch ihren Körper. Aber anstatt etwas zu erwidern, suchte sie den Blick von Shikon No Yosei.
„Egal wo du bist oder was du tust … ich bin bei dir und du bist bei mir, Sei. Wir werden nie wirklich voneinander getrennt sein“, entgegnete die Rothaarige aufmunternd, denn sie hatte die Gedanken ihrer Cousine sofort erraten.
Den Tränen nahe fiel diese ihr um den Hals. „Danke … Du hast recht – wir sind auf ewig miteinander verbunden. Aber wer passt denn auf dich auf, wenn ich weg bin? Versprich´ mir, dass du nicht wieder irgendwo verläufst.“
„Versprochen … Gib´ du nur dein Bestes, ja? Mach´ mir und Shing Jea bloß keine Schande!“, scherzte die Elementarmagierin nicht weniger melancholisch.
Meister Togo schwieg derweil. Er konnte verstehen, wie schmerzhaft es war von einem wichtigen Familienmitglied getrennt zu sein – er hatte selbst einen Halbbruder in Kaineng, den er kaum zu Gesicht bekam –, darum wartete er geduldig, bis sich Shikon No Yosei von Seiketsu No Akari gelöst und ihm erneut ihre Aufmerksamkeit zugewandt hatte.
„Nun zu dir, Shikon No Yosei – keiner meiner Schüler hat mich in den letzten Jahren so sehr beeindruckt als du … Die Magie ist ungewöhnlich stark in dir. Ich möchte dich daher noch zusätzlich zur >Verteidigerin von Shing Jea< ausbilden! Willst du dich dieser Herausforderung stellen?“, bot er ihr mit stolzer Stimme an.
In Shikon No Yosei´s Kopf ratterte es. Sie benötigte einige Momente, um zu begreifen, was Meister Togo plante – er wollte aus ihr so etwas wie eine Heldin machen; jemand, der für die Sicherheit der Insel verantwortlich war und sich um die Probleme der Bürger kümmerte! Vor ihren Augen erschien ein Bild von ihr, wie sie gegen Monster kämpfte und kleinen Kindern in Not half. Es ging ihr nicht darum gefeiert oder berühmt zu werden – solange sie denken konnte, wollte sie immer nur ihre Heimat beschützen, diesen friedlichen Ort bewahren. Vielleicht als Wächterin oder Adeptin … Nun stand ihr eine zusätzliche Unterweisung bei dem weltweit anerkannten und verehrten Ritualisten Meister Togo in Aussicht! Wie könnte sie da zögern?
„Folge deinem Traum und finde deinen eigenen Weg, Shiko“, flüsterte Seiketsu No Akari ihr so zu, dass nur sie es hören konnte, „und wenn ich mein Studium absolviert habe, kann ich dir sicher helfen. Bis dahin musst du auf mich warten …“
Die Braunhaarige fand stets die richtigen Worte, um sie aufzubauen. Lächelnd neigte die junge Elementarmagierin den Kopf und antwortete feierlich: „Danke für das Vertrauen, das Ihr in mich setzt, Meister Togo. Ich werde Euch nicht enttäuschen!“
Er nickte, während sich die beiden Mädchen erneut lachend und weinend umarmten. „Du bist wirklich genau wie deine Mutter …“ Doch das bekamen die beiden nicht mit und auch der Leiter des Klosters versank für einen Moment in seinen Gedanken …
Es war ein warmer Aprilmorgen. Die immerwährenden Sterne über dem Nahpuiviertel funkelten traulich. Sie erwarteten die Geburt eines kleinen Kindes – Adeptin Kai lag in den Wehen, ihr Geliebter hielt ihr angespannt die Hand.
„Unsere Stunden sind gezählt …“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. „Selbst wenn sie nicht diejenige ist, von der Meister Suun´s Legende handelt. Wir werden uns nicht mehr sehen können … Ich schaffe es nicht. Aber Bishu … Bishu wird dir helfen. Das heißt, Seiketsu bekommt eine kleine Schwester … wie schön.“
Er küsste sie zärtlich auf die Wange. „Was redest du denn da? Es wird alles gut werden, ganz bestimmt!“
Trotz seiner Worte konnte sie die Angst deutlich aus seiner Stimme heraushören. „Verzeih´ mir. Ich will dich … euch nicht verlassen, aber ich …“, gab Kai schwach zurück, der Rest des Satzes ging in einem lauten Schrei unter.
Die Finger seiner freien Hand streichelten über ihr Haar. „Es wird alles gut, ganz bestimmt! Mach´ dir keine Sorgen … halte einfach noch ein bisschen durch! Ich liebe dich, Kai …“
Die Schmerzen in ihrem Unterleib glitten in harten Wellen über sie hinweg. Kalter Schweiß lief ihr über den ganzen Körper und das Blut hatte bereits sämtliche Laken durchtränkt. Dann endlich schallte das erlösende Geschrei eines neugeborenen Mädchens durch die Hütte.
Mit glasigen Augen betrachtete Kai ihre neugeborene Tochter. Der Anblick des kleinen Wesens versetzte ihrem Herzen einen Stich, als ihr Liebster sie ihr in den Arm legte. „Shiko … Shikon No Yosei … dieser Name soll dir Kraft geben und … dich auf deinem Weg leiten.“ Mit ihren blutverschmierten Fingern tastete die Adeptin nach dem herzförmigen Anhänger ihrer silbernen Kette, die sie um den Hals trug. „Und das … soll mein Geschenk an dich sein. Ein Beweis meiner Liebe für dich … Es wird dich beschützen.“ Ihre Lider flatterten. Er spürte, wie das Leben aus ihr heraussickerte und trotz all seiner gefeierten Fähigkeiten war er dennoch machtlos. „Ich glaube ganz fest an unsere Tochter … Bitte, sprich´ noch einmal … die Worte …“
Er hasste diese Worte … trugen sie doch Schuld an dem Unglück, das sie heimsuchte. Aber ihrem letzten Wunsch konnte er nicht widersprechen. „>Ein Mädchen … geboren aus der Liebe zweier Adepten, dem Himmel geschworen. Eine Legende … gesprochen vom Orakel und den Nebeln. Ein Schrecken geboren aus der Vergangenheit, Tod den Menschen des falschen Glaubens, sodass in Qual versinkt die Welt und Feuer allem ein Ende bereitet. Ein Mädchen … geprüft durch unzählige Kämpfe, mit Verbündeten gestärkt. Eine Legende … erfüllt im Angesicht der Zukunft.< In unserer Zeit passt diese Beschreibung nur auf Shiko oder Seiketsu … Ich verspreche dir, das Ministerium wird keine von beiden in die Hände bekommen!“
Seine Geliebte antwortete ihm nicht. Diesmal schlossen sich ihre Augenlider endgültig und ein letzter, ruhiger Atemzug entwich ihren Lippen. Das kleine Mädchen begann zu weinen – sie war alles, was noch von Kai in dieser Welt verblieb … Ihr Vater drückte seine Tochter an sich, während auch seine Tränen sich nicht mehr zurückhalten ließen. Schon jetzt ahnte er, dass nicht Seiketsu No Akari mit Suun´s Legende gemeint war … irgendetwas sagte ihm deutlich, dass es Shikon No Yosei sein würde.
Die Pest Cantha´s
Noch war Shikon No Yosei bei Weitem nicht soweit sich als »Verteidigerin von Shing Jea« zu bezeichnen … doch Meister Togo war sich sicher, dass sie sich diesen Titel eines Tages verdienen würde. Darum unterrichtete er sie nicht nur in der Geschichte Cantha´s, sondern brachte ihr zudem etwas über die beiden anderen Kontinente und Politik bei. In diesem Zusammenhang bestand er darauf, sie seinem guten Freund und Berater Minister Cho vorzustellen, der sich um die Verwaltung von Shing Jea kümmerte. Ihm hatte der Ritualist es zu verdanken, dass das Kloster so unabhängig agieren konnte.
Von dort aus durchquerten Meister und Schülerin das blühende Sunqua-Tal, an welches auch Shikon No Yosei´s Heimatdorf grenzte, zu dem prächtigen Anwesen. Dort angekommen erwartete sie allerdings ein furchtbares Szenario – hinter dem geschlossenen Tor, welches von dem Hauptmann der ministeriellen Wache beaufsichtigt wurde, kämpften die Wächter wie wild gewordene Berserker gegeneinander!
Einer von ihnen rannte auf den Hauptmann zu, seine Schreie vor Verzweiflung verzerrt. „Das ist Wahnsinn, sage ich, Wahnsinn! Etwas Schreckliches ist mit ihnen geschehen! Ich-“
Bevor er den Satz beenden konnte, rammte ihm einer seiner ehemaligen Kameraden ein Schwert so kraftvoll in den Rücken, dass es vorne wieder aus seiner Brust ragte. Der grausame Abblick raubte Shikon No Yosei den Atem. Sie war wie erstarrt … Dies war der erste Mord, den sie mitansehen musste und es war ihr absolut schleierhaft, wie jemand so etwas Abscheuliches tun konnte.
Meister Togo, der sich durch seine jahrelange Erfahrung besser im Griff hatte, sah dem Angreifer mit grimmiger Miene hinter. „Ich sorge mich um Cho … Wer weiß, wie es im Innern des Ministeriums zugeht.“ Als sie nicht auf diese seine Worte reagierte, rüttelte er Shikon No Yosei an der rechten Schulter. „Wir brauchen einen Plan.“
Die Berührung riss die schöne Shing Jea aus ihrer Trance und sie schüttelte ein paar Mal den Kopf, um wieder vollends zur Besinnung zu kommen. Alle Prüfungen, die sie während ihrer Ausbildung absolviert hatte, war nicht hiergegen – dies war eine Prüfung ihrer Entschlossenheit. War ihr Traum nur eine kindische Spinnerei oder besaß Shikon No Yosei tatsächlich die Fähigkeit, für andere einzustehen? Wenn es um Leben und Tod ging … Der Griff um ihren Zauberstab verstärkte sich. „Wir müssen äußerst vorsichtig vorgehen. Dem Anwesen von Minister Cho untersteht eine ganze Kompanie an Wachen und wir wissen weder wie viele davon die Seite gewechselt haben noch warum. Gehen wir durch die Menagerie – dort sollten wir auf weniger Gegenwehr stoßen.“
„Sehr gut, genau wie es von meiner tüchtigen Schülerin erwarte“, erwiderte Meister Togo und öffnete das Tor, ehe er ihr bedeutete vorauszugehen – heute würde er ihr folgen. Selbst in einer solchen Situation dachte er an ihre Ausbildung.
Der Weg, der ihnen eigentlich eine Erleichterung sein sollte, entpuppte sich als allerdings zusätzliches Problem – denn ähnlich wie die Wächter waren auch die Tiere dieser eigenartigen Aggression verfallen. So mussten sich Shikon No Yosei und Meister Togo gegen eine Vielzahl Moas, Warzenschweine, Wölfe, Pirscher, Luchse und sogar Bären aus der erlesenen Sammlung des Ministers behaupten. Atemlos und mit deutlich spürbarer Erschöpfung erreichten sie schließlich das Haupthaus. Durch einen Spalt im Tor lugten sie in den Audienzsaal hinein – dort stand Minister Cho mit leerem Blick. Sonst war niemand zu entdecken.
„Bleib´ hier – falls einer der desertierten Wächter hier eindringt“, meinte Meister Togo. Ihm war nicht entgangen, dass es der Elementarmagierin mit jeder weiteren Sekunde schwerer fiel, ihre Magie zu kanalisieren. Er selbst trat seinem Freund gegenüber, wollte ihn gerade erleichtert begrüßen, als sich die Atmosphäre um sie herum veränderte – etwas Böses lag plötzlich in der Luft.
Shikon No Yosei fuhr erschrocken hoch. „Vorsichtig, Meister!“
Gleichzeitig drang mit einem Mal ein markerschütternder Schrei aus Minister Cho´s Kehle. Er presste die Hände gegen seine Schläfen und sank kraftlos in die Knie. Meister Togo wollte schon an seine Seite eilen, aber etwas hielt ihn zurück … Da veränderte sich der Leib des Politikers. Er wuchs an, wurde unförmig und war nicht mehr länger der Körper eines Menschen – er war grässlich entstellt, wirkte verzerrt. Pusteln, Beulen und Hautfalten spannten sich über die angewachsene Masse, aus dessen Bauch Fangzähne ragten. Angst durchzuckte Shikon No Yosei. Wie hatte aus Minister Cho nur solch eine grauenhafte Kreatur werden können?
„Shikon No Yosei …“, hauchte Meister Togo so leise, dass sie Mühe hatte ihn zu verstehen, „du hältst dich aus diesem Kampf heraus. Das ist meine … Angelegenheit.“ Er schloss für einen Moment die Augen und gestattete sich, daran zu denken, wie sein Freund gewesen war … dass er diese Insel geliebt hatte. Eine Sekunde später schleuderte er dem Wesen eine gebündelte Ladung konzentrierte Blitzenergie entgegen. Damit beendete der Ritualist das unwirkliche Dasein des Monsters … Mit feuchten Augen kniete er sich neben den deformierten Leichnam. „Mögen die Gesandten Eure Seele in die andere Welt hinübertragen … und die Götter Euch Gnade erweisen. Wir sehen uns in den Nebeln wieder, mein alter Freund!“
„Genau das dachte ich auch!“, fuhr Shikon No Yosei ihn plötzlich an – Tränen glitzerten auf ihren Wangen. „Wenn er doch Euer Freund war … Wie konntet Ihr ihn nur … töten?“
Meister Togo richtete sich auf und sah ihr mit festem Blick in die Augen. „Es war sogar mein bester Freund. Genau deshalb habe ich es getan! Wenn dieses Monster entkommen wäre, hätte es Tod und Verwüstung über Shing Jea gebracht … das hätte er nicht gewollt. Niemand verliert freiwillig seine Seele – das Einzige, was wir noch für diejenigen tun können, die dieses Schicksal erleiden müssen, ist, sie von diesem grauenhaften Fluch zu befreien. Glaub´ mir, mein Kind, ich weiß sehr wohl, wie du dich fühlst … Kein Mensch sollte leichtfertig töten – egal aus welchen Gründen. Aber der richtige Weg ist nun einmal nicht immer der einfachste Weg … Bedenke bitte, du wolltest für diese Insel und ihre Bewohner kämpfen … das bedeutet, dass du sämtliche Bedrohungen ausschalten musst! Das wird deine Verantwortung als Verteidigerin von Shing Jea.“
Da war sie wieder – die Frage, ob Shikon No Yosei diesem Vorhaben wirklich gewachsen war. Sie hatte Meister Togo´s Vorschlag begeistert zugestimmt – doch war ihr die Tragweite dieser Position wohl nicht bewusst gewesen. Diese Sache ging über den Überfall eines kleinen Piratenverschlags, um gestohlene Ernte wiederzubeschaffen, deutlich hinaus … Vor Scham über ihr mangelndes Urteilsvermögen lief sie, unterstützt von ihrer Luftmagie, ohne ein weiteres Wort davon. Der Ritualist sah ihr nach, hielt sie jedoch nicht auf – dies war etwas, das er sie nicht lehren konnte. Ihre Füße trugen sie wie von selbst zu ihrem Lieblingsort auf der ganzen Insel – einem bewachsenen Hügelkamm mit einem Wasserfall auf der Panjiang-Halbinsel, südwestlich von Tsumei. Dort legte sie sich ins Gras und beobachtete die Kirschblütenblätter, die auf dem Wasser trieben. Wieder und wieder ging sie Meister Togo´s Worte durch … Minister Cho hätte, wäre er noch bei klarem Verstand gewesen, gewollt, dass ihn jemand aufhielt – um diese Insel und seine Bewohner zu beschützen. Er hatte sein Leben in den Dienst von Shing Jea gestellt … Ja, sie verstand, warum Meister Togo so gehandelt hatte und dennoch verspürte sie eine tiefe Abneigung gegen das Töten.
„Ich will keine Mörderin sein … Ich will nicht selbst zu einem Monster werden“, sagte sie zu selbst und tauchte ihre Finger ins kühle Nass. „Aber … auch ich habe eine Aufgabe zu erfüllen! Meister Togo hat mich erwählt, weil er darauf vertraut, dass ich der Schwere dieser Bürde gerecht werden kann. >Kein Mensch sollte leichtfertig töten – egal aus welchen Gründen.< Und das werde ich auch nicht, niemals! Meine Magie mag zwar zerstörerisch sein … doch kann ich damit auch Leben retten.“
In den folgenden Wochen verbrachten Meister und Schülerin ihre Tage mit dem Durchforsten alter Schriftstücke des Klosters. Denn um den Kampf gegen ihre neuen Feinde aufnehmen zu können, mussten sie erst einmal verstehen, was sie überhaupt waren. Vor allem da sich die inzwischen sogenannte »Pest Cantha´s« rasant über Shing Jea ausbreitete. Weil sie in ihren eigenen Schriften keine Antwort fanden, machten sich die beiden zum Osten der Insel auf – nach Zen Daijun, der größten Bibliothek des gesamten Kontinents. Und mussten mit Schrecken feststellen, dass auch dieses Gelände bereits von den Befallenen überrannt worden war. Es war immer ein schauerlicher Anblick, wie sehr die Krankheit die Gestalt der Geschöpfe und entstellt hatte …
„Mögen die Nebel ihnen gnädig sein …“, murmelte Shikon No Yosei, während sie sich auf ihre magische Energie einstimmte.
Ein stolzes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Ritualisten, dem ihre innerliche Überwindung sofort aufgefallen war. Gemeinsam kämpften sie sich durch die gegnerischen Reihen bis zum Zentrum vor, in dem sie ein besonders mächtiger Befallener erwartete. Genauso wie Meister Togo sie im Kampf gegen Minister Cho darum gebeten hatte, forderte die Elementarmagierin diesmal seine Zurückhaltung … Sie rief die Kraft des Feuers an und ein Flammenregen ging auf die Kreatur nieder, die keine Chance hatte, diesem zu entkommen. Nur ein Häufchen Asche im Wind blieb von ihm zurück … zumindest von der verzerrten Gestalt – die Seele würde Ruhe finden, daran glaubte Shikon No Yosei ganz fest.
Trotz dieses Sieges verschwand, anders als im Anwesen von Minister Cho, die bösartige Aura nicht, die in der Luft lag … im Gegenteil. Auf dem Boden leuchtete ein Ornament auf, welches ihnen einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
„Meister, was … was ist das?“, wollte Shikon No Yosei mit belegter Stimme wissen. „Es … macht mir Angst.“
Mit bleichem Gesicht kniete sich der Ritualist daneben. „Ich hatte ich gehofft, meine Augen würden dieses Symbol nie mehr erblicken. Es ist ein Zeichen des Todes … ein Vorbote seiner Bosheit – das Gildensymbol von Shiro Tagachi!“
„Shi-Shiro Tagachi? Der Mann, der einst das Meer in Jade und den Wald in Stein verwandelte …“, erwiderte sie noch geschockt. Wie alle Canthaner waren Shikon No Yosei und Seiketsu No Akari mit den Sagen aus dem Reich des Drachen aufgewachsen. „Was bedeutet das?“
Der Leiter des Klosters richtete sich wieder auf, sein Blick verschwand in der Ferne. „Das verheißt schlimme Zeiten für Cantha … Wenn sein Symbol erscheint, kann das nur eines bedeuten – Shiro ist auf dem Vormarsch! Er wird das Geisterreich verlassen und unser Land erneut ins Verderben stürzen. Er muss aufgehalten werden!“ Er ging zu ihr, legte die Hand auf ihre Schulter. „Ich frage dich also, Shikon No Yosei, wirst du im Kampf gegen Shiro Tagachi an meiner Seite stehen, um Cantha vor seinen finsteren Plänen zu retten?“
Die Luft blieb ihr im regelrecht im Hals stecken. Im Grunde hatte ihre fortgeschrittene Ausbildung gerade erst begonnen … Und von einer Sekunde zur anderen stand sie nicht mehr dem Ziel gegenüber, ihre Heimat Shing Jea von der Pest zu befreien, sondern stattdessen ganz Cantha! Sie, ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, das über kaum Kampferfahrung verfügte, sollte einen ganzen Kontinent retten?! Ihre Gedanken wanderten zu Seiketsu No Akari, ihrer Tante Bishu und ihrer Mutter, die sicher aus den Nebeln heraus über sie wachte … Jedes Lebewesen wären dem Untergang geweiht, wenn Shiro Tagachi´s Verderbnis über das Reich käme. Cantha, wie sie es kannte, würde aufhören zu existieren. Alles würde ausgelöscht werden! Gleichzeitig verspürte Shikon No Yosei noch eine andere Angst – zu versagen, der Aufgabe nicht gerecht zu werden …
„>Wer kämpft, kann verlieren ... Wer aufgibt, hat schon verloren.<“, rezitierte sie eine von Meister Togo´s berühmtesten Aussagen und presste den herzförmigen Anhängen, welchen sie stets um den Hals trug, fest an ihre Brust. „Ich bin die Verteidigerin von Shing Jea und ich werde kämpfen – koste es, was es wolle!“
Vielleicht war diese Entscheidung der letztendliche Beweis dafür, dass jene Prophezeiung wirklich von ihr handelte … Er hätte sie gern mehr darauf vorbereitet, doch das Schicksal ließ sich nicht auf sich warten. „Wir müssen zum Festland und dem Kaiser von diesen Vorgängen berichten. Ich werde auch Nachricht an Mhenlo von Ascalon schicken, einem ehemaligen Schüler von mir – mit der Bitte, uns zu unterstützen.“
Die junge Shing Jea hatte Meister Togo schon immer bewundert – nun nur noch umso mehr. Er hatte keinen Moment gezögert, sich der übermächtigen Herausforderung zu stellen. „Meister, bitte nennt mich von jetzt an >Shiko< … Dieser Name gibt mir Kraft.“
Perplex starrte der Ritualist seine Schülerin an. Es war genau, wie Kai es sich gewünscht hatte …
Begegnung in der Unterstadt
Kaum waren die beiden in Kaineng angekommen, trennten sich Meister Togo und Shikon No Yosei vorerst – der Ritualist kümmerte sich darum seinen Halbbruder, Kaiser Kisu über die Lage in Kenntnis zu setzen; die Elementarmagierin sammelte in der Zwischenzeit weitere Informationen über Pest, die auf dem Festland ebenfalls ihre Kreise zog, und ungewöhnliche Ereignisse, die auf Aktivitäten von Shiro Tagachi schließen ließen. Viele Bauern und Händler waren bereits von Befallenen attackiert worden, dabei wäre die Bedrohung durch die Straßengilden der Jadebruderschaft und der Am Fah bereits groß genug gewesen – denn trotz den Bemühungen der kaiserlichen Wache blieben die Verstecke dieser Verbrecher unentdeckt, sodass sie die Bewohner der Hauptstadt weiterhin tyrannisieren konnten. Langsam begriff die schöne Shing Jea, dass tatsächliche das gesamte Reich des Drachens einen Verteidiger benötigte … nicht nur ihre Heimatinsel. So fern sie das überhaupt denken durfte, war diese Erkenntnis das einzig wirklich Gute an ihrem Aufbruch.
Etwa eine Woche später traf Shikon No Yosei ihren Meister am Vizunahplatz wieder, welcher der berühmten Assassine Vizu gewidmet war, die maßgeblich an Shiro Tagachi´s einstigen Niederlage beteiligt gewesen sein soll. Ihn begleitete Bruder Mhenlo. Der Mönch war umgehend aus Kryta angereist, um dem Leiter des Klosters beizustehen. Doch statt großer Wiedersehensfreude gab es erst einmal einen heftigen Kampf gegen mehrere Horden unterschiedlichster Befallener zu bestreiten. Bereits in den vergangen Tagen hatte es Shikon No Yosei mit ihnen zu tun bekommen – dennoch durchzuckte sie jedes Mal ein Stechen, wenn einer ihrer Gegner fiel. Gerade weil sie einmal Menschen gewesen waren, die diesem Schicksal nicht hatten anheimfallen wollen … Aber egal wie viele Feinde sie besiegten, der Strom schien nicht abreißen zu wollen. Da schaffte es einer der Befallenen, Meister Togo zu Fall zu bringen – verletzt lag er am Boden. Bruder Mhenlo begann sofort seine Heilgebete über ihn zu sprechen, doch der nächste Angreifer stand bereits über dem Ritualisten.
„MEISTER!“, schrie Shikon No Yosei und beflügelt durch die Geschwindigkeit des Windes stellte sie sich schützend vor ihn.
Panik breitete sich in Meister Togo aus, er mahnte sie zur Flucht – als die Befallenen plötzlich einer nach dem anderen tot zusammenbrachen. Verwirrung breiteten sich unter den drei Verbündeten aus, während die Heilung bei dem Ritualisten einsetzten und sein ehemaliger Schüler ihm beim Aufstehen half. Sofort begann er der Elementarmagierin eine Standpauke über vernachlässigte Verteidigung zu halten, obwohl er ja eigentlich derjenige gewesen war, den der Angriff getroffen hatte – sie wusste, dass er sich einfach nur Sorgen um sie gemacht hatte. Allerdings war er selbst es gewesen, der sie ausgesucht hatte, Cantha´s Bewohner zu beschützen und da gehörte der renommierte Leiter des Klosters von Shing Jea nun einmal dazu. Noch während Meister Togo auf sie einredete, bemerkte die Rothaarige am Rande ihrer Wahrnehmung eine flackernde Aura und sie blickte sich suchend um, konnte jedoch niemanden entdecken. Wer auch immer es gewesen sein mochte, der ihnen zu Hilfe geeilt war, verstand sich darauf, die eigene Anwesenheit zu verschleiern. Neben ihrer Elementarmagie war das Spüren von Energieströmen Shikon No Yosei´s größtes Talent – noch bevor sie ins Kloster eingetreten war, hatte sie bereits über diese Fähigkeit verfügt und je älter sie geworden war, desto gezielter lernte sie vor allem bekannte Auren zu lokalisieren und sogar den Zustand desjenigen daran abzulesen, ebenso wie Charaktereigenschaften und meist auch die Spezies. Dieser kurze Eindruck, den die Elementarmagierin gewinnen konnte, sprach von einer tief verwurzelten Traurigkeit und gleichzeitig großem Mut … eine äußerst interessante Kombination.
Für den Moment galt es indes erst einmal weiter bis zum Eingang der Unterstadt vorzudringen – von dort aus, so hofften die Verbündeten, unbemerkt tiefer in die Stadt vordringen zu können. Jedenfalls war das der Plan gewesen … denn leider waren ihre Anstrengungen alles andere als unentdeckt geblieben. Shiro Tagachi hatte Meister und Schülerin seit deren Ankunft in Kaineng aus dem Geisterreich heraus beobachtet. Um sie davon abzuhalten, seine Rückkehr zu verhindern, übertrat er die Schwelle und schickte die Seelen von Shikon No Yosei, Meister Togo und Bruder Mhenlo in die Nebel, kaum dass sie einen Fuß in die Unterstadt getan hatten und ohne dass die beiden letzteren es hätten verhindern können. Leblos fielen ihre Körper zu Boden.
„Das ist der Preis für Eure Arroganz! Niemand vermag mich aufzuhalten!“, höhnte der vernarbte Assassine, ehe er er ebenso schnell verschwand, wie er aufgetaucht war.
Diese abscheuliche Tat, die allen Gesetzen der Nebel widersprach, blieb den übrigen Gesandten allerdings nicht verborgen. Sie waren die Brücke zwischen Diesseits und Jenseits … verantwortlich für das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod. Wenn jemand aus ihren eigenen Reihen derart eigenmächtig handelte, würde das katastrophale Folgen haben – für Tyria und die Nebel. Mit der Zustimmung der Götter sowie dem spirituellen Oberhaupt der Nebel begab sich der Gesandtenrat ebenfalls zum Ort des Geschehens, um die zu Unrecht vertriebenen Seelen zurück in ihre Körper zu rufen. Anders als ihr Kollege verbargen sie sich jedoch nicht vor den ungeübten Augen der Rothaarigen, die ehrfürchtig vor ihnen auf die Knie sank. Neben Balthasar, Dwayna, Melandru, Grenth und Lyssa verehrten die Canthaner in besonderem Maß die Geister der Nebel … Für gewöhnlich bekam kaum ein Sterblicher sie jemals zu Gesicht.
Da begann Bote Vetaura in einer verzerrten Stimmlage zu sprechen. „Shiro darf sich nicht länger in die Angelegenheiten der Sterblichen einmischen, das werden wir nicht länger dulden!“
„Er vergisst seine Aufgaben als Gesandter …“, bemerkte Emissärin Heleyne, „es ist unsere Pflicht, die Verstorbenen zum Tor der Nebel zu geleiten.“
Kurier Torivos pflichtete ihnen schnaubend bei. „Er ist zu einer Bedrohung geworden.“
„Als Gleichgestellte können wir jedoch nichts gegen ihn unternehmen“, meldete sich Herold Demrikov zu Wort, „anders als Ihr … Wir haben Eure Seelen aus den Nebeln zurückgeholt, das hat seinen Preis. Haltet Shiro auf!“
Die Elementarmagierin hob den Blick und legte die Faust über ihr Herz. „Ich, Shikon No Yosei, Verteidigerin von Shing Jea und Fee der vier Elemente, werde bis zum letzten Atemzug für Cantha kämpfen!“
Bote Vetaura ergriff erneut das Wort. „Doch dafür müsst Ihr alle Weh No Su sein …“ Während seine Stimme verklang, verschwanden die Gesandten vor ihren Augen.
„Weh No Su ... die himmlische Prüfung. Mhenlo und ich kennen sie, wir haben sie bereits vor einigen Jahren abgelegt“, erklärte Meister Togo nostalgisch. Und gleichzeitig klopfte sein Herz wild in seiner Brust – endlich würde Shikon No Yosei ihren Geburtsort sehen, wenn auch ohne es zu wissen … „Meine tapfere Schülerin, auf diesen Teil unserer Reise können wir dich nicht begleiten. Nur diejenigen, die noch nicht näher an den Sternen sind oder dem Himmelsministerium angehören, dürfen das Nahpuiviertel betreten.“
Shikon No Yosei glitt an einer Wand zu Boden – vollkommen erschöpft, hoffnungslos verirrt und absolut ratlos. Wohin war ihre Entschlossenheit, mit der sie zuvor noch den Gesandten gegenübergetreten war? Seit Stunden wanderte sie nun schon durch die verworrenen Gänge der Unterstadt – hier war es schlimmer als in jedem Labyrinth. Immer und immer wieder war sie in eine Sackgasse gelaufen, bis sie nicht mehr hatte sagen können, in welche Richtung sie gehen sollte und aus welcher sie gekommen war. Genau vor solch einer Situation hatte Seiketsu No Akari sie gewarnt … Wenn es eine Fähigkeit gab, über die die schöne Elementarmagierin nicht verfügte, dann gehörte Orientierungssinn auf jeden Fall dazu – insbesondere wenn das Gebiet so verzwickt, unübersichtlich und größtenteils schlichtweg im Dunkel lag wie die Unterstadt, welche Kaineng´s Kanalisation durchzog.
Sie erinnerte sich an ihre Kindheit … Bevor sie und Seiketsu No Akari ihre Ausbildung im Kloster begonnen hatten, waren die beiden Mädchen oft stundenlang – manchmal sogar mehrere Tage – über die Insel gestreift. Anfangs hatte sich Shikon No Yosei gefürchtet ihr Dorf oder das Sunqua-Tal zu verlassen, doch die Braunhaarige hatte sie stets wieder nach Hause geführt. Inzwischen kannte sie jeden Fleck von Shing Jea – hätte selbst mit verbundenen Augen den richtigen Weg gefunden und kannte alle tückischen Stellen. Nicht einmal die Räuber der Purpurschädel-Gilde hatten sie mehr geschreckt – nicht nachdem die Cousinen das Lager vor einem Jahr ihr Lager im Alleingang gestürmt und damit erfolgreich ihre Zwischenprüfung bestanden hatten. Sicherlich würde die junge Mönchin auch den Weg zum Nahpuiviertel finden … Seiketsu No Akari fehlte ihr, nicht nur in dieser Situation. Was hatte sich Shikon No Yosei bloß dabei gedacht, Meister Togo zu begleiten? Sie wusste um ihre eigene Schwäche … Es waren die Menschen, die sie liebte, die sie zu der Person machten, die sie wirklich war – allein war sie dagegen schlichtweg hilflos. Plötzlich spürte die Rothaarige das kühle Metall auf ihrer Brust. Nein, sie war gar nicht allein … ihre Mutter und Seiketsu No Akari waren immer bei ihr!
Und hier war noch jemand … Shikon No Yosei sprang zurück auf die Füße und fixierte einen Punkt in der Dunkelheit. Ihre Augen konnten dort zwar nur Schwärze erblicken, doch fühlte sie deutlich jene Aura, die sie bereits auf dem Vizunahplatz wahrgenommen hatte. „Wer bist du?“ Zur Verdeutlichung deutete sie mit ausgestrecktem Finger in den undurchdringlichen Schatten.
Ein amüsiertes Lachen klang durch die Gänge. Keine Sekunde später erschien unmittelbar vor ihr ein junger Mann. Sie musterte ihn perplex. Sein braunes Haar fiel ihm in kurzen Fransen über die Stirn bis zu den dunklen. Seine untere Gesichtshälfte wurde durch eine schwarze Maske verdeckt und seine restliche Kleidung, die im selben Ton gehalten war und zahlreiche Klingen verbarg, wurde von einem wehenden Mantel abgerundet, auf dessen Innenseite ein Wappen – zwei gekreuzte Äxte – prangte. Es war das Gildenzeichen der Am Fah! Sofort hob Shikon No Yosei ihren Zauberstab.
„Ihr seid sehr aufmerksam …“, entgegnete der Assassine auf ihre Reaktion, „doch von mir müsst Ihr nichts befürchten – sonst hätte ich Euch auf dem Vizunahplatz wohl kaum geholfen. Ich heiße Ohtah … Ohtah Ryutaiyo. Und wie Ihr festgestellt habt, war ich schändlicherweise einst ein Mitglied der Am Fah. Glaubt mir, Ihr könntet ein perfektes Zielobjekt für sie sein – deshalb biete ich Euch für Euer Unterfangen meine Hilfe an.“
Kaum merklich ließ Shikon No Yosei ihre Waffe sinken. Es stimmte, er hatte ihr im letzten Kampf das Leben gerettet … Aber seine Zugehörigkeit zu einer der gefährlichsten Straßengilden in der Geschichte von Kaineng wirkte nicht gerade vertrauenerweckend – selbst wenn er den Mantel verkehrt herum trug. Gleichzeitig spürte sie keinerlei böse Absichten in seiner Präsenz. Die ganze Situation war zu merkwürdig … Er war merkwürdig. Und gleichzeitig auf irgendeine Weise unglaublich faszinierend. Wie kam ein fremder (Ex-)Verbrecher überhaupt auf den Gedanken, ihr beistehen zu wollen? Wusste er überhaupt, auf was er sich da einließ? „Warum sollte ich dir vertrauen?“
Demonstrativ zog er die beiden Dolche aus dem Halfter an seiner Hüfte, überkreuzte die Arme vor der Brust und sagte beinahe in einem ergebenen Tonfall: „Ich schwöre, ich werde Euch mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln beschützen, Shikon No Yosei – wenn nötig auch mit meinem Leben.“ Unter seiner Maske verzogen sich seine Lippen zu einem Grinsen. „Außerdem … scheint es mir so, als bräuchtet Ihr einen Führer.“
Wenn möglich verblüffte Ohtah Ryutaiyo sie damit noch mehr. Obwohl Shikon No Yosei nicht hätte sagen können, was sie mehr erschreckte – dass er sie beschützen wollte oder ihr tiefes Vertrauen zu ihr, gleichwohl dass sie einander nicht kannten … Und so brachte die schöne Shing Jea nicht mehr als ein stummes Nicken zustande.
Die himmlische Prüfung
Es dämmerte bereits, als Shikon No Yosei unter der Führung von Ohtah Ryutaiyo den Zugang zum Nahpuiviertel erreichte. Der verzierte Torbogen sollte ihnen später wie ein Wendepunkt in Erinnerung bleiben … „Danke, dass du mir den Weg gezeigt hast. Jetzt kann ich mich der himmlischen Prüfungen stellen …“
Der ehemalige Am Fah trat in ihr Blickfeld. „Ich bleibe an Eurer Seite. Mein Wort bindet mich – koste es, was es wolle! Solange ich lebe …“
„A-Aber …“, begann sie, schüttelte dann aber den Kopf. „Weißt du, warum ich Weh No Su werden muss?“
Den Blick unentwegt auf die Elementarmagierin gerichtet, zog er die Maske herunter, sodass sie zum ersten Mal wirklich sein Gesicht sehen konnte. „Ja, ich kenne den Grund, warum Ihr und Meister Togo nach Kaineng gekommen seid – Ihr könnt diesen Kampf nicht allein bestreiten … Ich werde nicht zulassen, dass Shiro Tagachi in irgendeiner Weise Hand an Euch legt!“
Wieder war die schöne Shing Jea von seinen Worten verblüfft, errötete sogar. Allerdings ließ es sich nach diesem Zwischenfall am Vizunahplatz nicht leugnen – sie hatten eine Übermacht gegen sich. Selbst mit Bruder Mhenlo wäre es für Shikon No Yosei und Meister Togo immer noch ein schier aussichtsloses Unterfangen … jeder weitere Verbündeten würde ihre Chance verbessern. Vor allem in Anbetracht der unzähligen Befallenen, die Cantha inzwischen bevölkerten. Und wie sie gegen ihren eigentlichen Gegner bestehen sollten, war erst recht so eine Sache.
„Dein Versprechen … ich nehme es an“, erklärte die Rothaarige verlegen, ehe ihr Gesicht einen ernsten Ausdruck annahm, „unter einer Bedingung – leg´ bitte deinen Umhang ab. Ich verstehe, warum du ihn noch immer bei dir trägst … als Zeichen deiner Entschlossenheit und Ermahnung an dich selbst. Deshalb trägst du ihn auch nach innen gekehrt, nicht wahr?“
Seine Augen weiteten sich und er starrte die junge Elementarmagierin an, als wäre sie nicht von dieser Welt … Wie nur hatte sie ihn, einen Meister der Verhüllung in so kurzer Zeit derart durchschauen können?
Shikon No Yosei lächelte in dem Wissen, dass ihr Gefühl sie nicht getäuscht hatte. „Wenn du dich unserem Kampf wirklich anschließen willst … lass´ die Schatten der Vergangenheit hinter dir.“
Ein Schauen überlief Ohtah Ryutaiyo´s Körper. Ja, genau das hatte er sich beim Verlassen der Gilde gewünscht … seine Verbrechen im Namen der Am Fah hinter sich zu lassen und für sie zu sühnen. Dann war er Shikon No Yosei begegnet, die einen weiteren Wunsch in ihm geweckt hatte – sie zu beschützen. Und sie verdiente einen edleren Beschützer als einen flüchtigen Auftragsmörder … für sie wollte er besser sein. Er löste die Schnallen an den Schultern, rollte den Umhang mit den gekreuzten Äxten zu einem Bündel zusammen und befestigte es hinten an seinem Gürtel. „Nur diejenigen, die nach vorne blicken, können für die Zukunft einstehen.“
„So ist es“, bestätigte sie mit einem Augenzwinkern. „Gehen wir, Ohtah! Kommen wir näher an die Sterne, damit wir Shiro endlich ein bisschen Vernunft einbläuen können!“
Er lächelte schief und sie betraten Seite an Seite das Nahpuiviertel. Zwischen einer Ansammlung von Planeten-Modellen machten die beiden Kämpfer einen kleinen Schrein aus, vor dem ein alter Mann mit langem Bart und ausladendem Hut kniete.
Als er sie bemerkte, erhob er sich und sprach mit Ehrfurcht gebietender Stimme. „Ah, ich fragte mich schon, wann Ihr kommen würdet … Mein Name ist Suun, ich bin das Orakel der Nebel.“ Sein Blick schien Shikon No Yoseu zu durchbohren – er spürte, eine Kraft in ihr ruhen, von der sie selbst noch nichts zu ahnen schien … „Und ich weiß, warum Ihr hier seid … Andere haben mich schon um Hilfe ersucht, weitere werden kommen.“ Mit den Armen beschrieb er in der Luft Kreise, während er nacheinander vier stellare Gestalten vor ihnen erschienen ließ. „Die Sterne im Nachthimmel lassen mit ihrem Licht Ebenbilder ihrer selbst auf der Welt entstehen … Kaijun Don, die Kirin – die Verkörperung der Verderbtheit, vom reinen Guten zum reinen Bösen gewandelt. Kuonghsang, der Schildkrötendrache – der ewige Widerspruch, weder dies noch das. Hai Jii, der Phönix – das Pendant des ewigen Feuers, das in der Unterwelt brennt. Und schließlich, von allen am mächtigsten … Tahmu, der Drache – die ständige Mahnung an Grausamkeit, Schmerz und Leid. Ihr müsst die Avatare dieser vier Himmelskörper besiegen, wenn Ihr näher an die Sterne kommen wollt. Nur dann könnt Ihr ins Geisterreich blicken und wirklich gegen Shiro Tagachi kämpfen … Doch seid gewarnt – fallt Ihr unter den Himmlischen, so komme ich Euch nicht zu Hilfe.“ Denn so lautete das Gesetz der Nebel – Suun durfte den Menschen den Weg weisen … doch gehen musste sie ihn aus eigener Kraft. „Versucht Euch an den Sternen … wenn Ihr wollt.“ Er schnippte mit den Fingern und aus den Tierwesen formte sich ein einziges, goldenes Portal. Damit ging der alte Mann davon.
Die beiden Kämpfer tauschten einen entschiedenen Blick. Der Braunhaarige verbarg er sein Gesicht wieder unter Maske und zog blank – es wurde Zeit seinen Worten Taten folgen zu lassen. Kaum waren sie durch das Portal getreten, wurden Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo bereits von einer Pfeilsalve der Sternenwächter begrüßt, die zur Familie der Tengu gehörten und als Leibwache der Himmlischen fungierten. Innerhalb von Sekundenbruchteilen stieß der geschickte Assassine seine Begleiterin zur Seite, sodass sie dem Angriff knapp entgehen konnte. Er selbst ging direkt zum Gegenschlag über. Inzwischen rief die schöne Elementarmagierin ihre magischen Kräfte an, warm pulsierte die Essenz des Feuers durch ihre Adern. Ja, diesem Element fühlte sie sich seit jeher am meisten verbunden … und sie vertraute darauf, dass ihr Zauber sich stets nur gegen jene richten würde, die sie als ihre Gegner betrachtete. Daher ließ Shikon No Yosei einen gewaltigen Feuersturm vom Himmel auf die Sternenwächter herabregnen – in deren Mitte Ohtah Ryutaiyo gegen sie kämpfte. Aber genau wie beabsichtigt, traf ihn kein Einziger der Feuerbälle.
„Du beherrschst deine Dolche wahrlich meisterlich“, lobte die Shing Jea ihren Verbündeten sichtlich beeindruckt.
Verblüfft von dieser Anerkennung blitzte eine leichte Röte an den Rändern seiner Maske heraus. „Danke. Wie gesagt, ich hatte ausgezeichnete und sehr berüchtigte Lehrmeister … Aber Eure Magie sollte man ebenfalls nicht unterschätzen.“
Für einen kurzen Moment sahen die beiden sich einander unter dem traulich funkelnden Sternenhimmel einfach nur die Augen … Bis das erscheinen des Avatars von Kaijun Don sie daran erinnerte, dass sie sich auf einer Mission befanden. Mit ihr rückten neue Sternenwächter an, deren Aufmerksamkeit Ohtah Ryutaiyo auf sich zog. Um die himmlische Kirin, die lediglich aus einer Ansammlung von Licht und Sternen bestand, wollte sich Shikon No Yosei kümmern – immerhin schien ihre Gestalt darauf hinzudeuten, dass physische Angriffe keinerlei Wirkung auf sie haben würden. Die Mundwinkel der Elementarmagierin formten ein Lächeln. Es stimmte … sie könnte Cantha niemals allein retten, das wäre pure Selbstüberschätzung gewesen und hätte vielmehr den Untergang des Kaiserreichs zur Folge – doch auf der anderen Seite war er in einem Kampf wie diesem genauso auf sie angewiesen. Anscheinend brauchten sie wohl einander. In der Zeit, in der die Rothaarigen diesen Gedanken nachgehangen war, hatte sie erneut Magie gesammelt, um ihren vernichtendsten Feuerzauber auf Kaijun Don niederfahren zu lassen – den Meteorenschauer! Dies war nicht nur ihr mächtigster, sondern auch der am schwierigsten zu kontrollierende Zauberspruch, den sie beherrschte … Daher nutzte sie ihn nur, wenn sie genug Zeit hatte, um sich ausreichend fokussieren zu können. Ohne die vollkommene Kontrolle würden die feurigen Gesteinsbrocken alles und jeden im Wirkungsbereich vernichten … So wie den Avatar, welcher schonungslos getroffen wurde.
„Wir sind ein ziemlich gutes Team“, meinte Shikon No Yosei und lächelte ihren Begleiter an.
Ohtah Ryutaiyo wischte seine Klingen an den Ärmeln ab. „Anscheinend. Sehen wir zu, dass wir weiterkommen – wir haben noch nicht einmal die Hälfte hinter uns.“
Ein Analytiker und Stratege … diese Charaktereigenschaften musste sie ihrer inneren Beschreibung des Braunhaarigen also noch hinzufügen. Nichtsdestotrotz hatte er ja recht – der Pfad führte sie vorbei an leerstehenden Hütten, das Nahpuiviertel wirkte beinahe wie eine Geisterstadt. Auf einem freien Platz hatte Kuonghsang eine mittlere Staffel von Sternenwächter um sich versammelt. Jeder einzelne ihrer Bögen bereits zum Schuss gespannt … selbst für den erfahrensten Schattenwandler eine hehre Herausforderung.
Die Sehnen schnallten zurück, der Pfeilhagel flog auf sie zu und Shikon No Yosei rief: „Runter!“
Mehr aus Reflex warf sich Ohtah Ryutaiyo zu Boden und spürte keine Sekunde später eine Feuerwalze über sich hinwegziehen, die sämtliche Geschosse verschluckte. Bevor die Waldläufer eine erneute Salve losschicken konnte, verschwand seine Gestalt in den Schatten und schlitzte einen Gegner nach dem anderen auf – wie Klingen gespickter Wirbelwind fegte er durch den Trupp. Gleichzeitig änderte Shikon No Yosei den Lauf ihres Zaubers, sodass es den Schildkrötendrachen überrollte und auslöschte.
Nachdem der letzte Sternenwächter gefallen war, erschien Ohtah Ryutaiyo wieder an der Seite der Elementarmagierin, die ihm zuzwinkerte. „Damit sind wir quitt!“ Beide hatten sie den anderen davor bewahrt, von Pfeilen aufgespießt zu werden.
„Wie kommt es eigentlich, dass ausgerechnet Ihr Meister Togo begleitet?“, wollte der geschickte Assassine wissen, während sie ihren Weg fortsetzten. „Ich meine, ich sehe Euer Talent … Ihr seid nur ziemlich jung.“
Shikon No Yosei wollte ihm gerade zustimmen, da hielt sie plötzlich inne. Genau genommen war die Prüfung bislang viel zu einfach gewesen … Selbst ohne Ohtah Ryutaiyo´s Hilfe hätte sie es schaffen können, gegen die Himmlischen zu bestehen. Nein, hier ging es bei Weitem nicht nur um das Bezwingen der Avatare – näher an den Sternen zu sein, musste noch mehr bedeuten. Situationen erfassen und einschätzen zu können, wurde ebenfalls geprüft. Ebenso wie die eigene Entschlusskraft. Deshalb all die Sternenwächter … eine zermürbende Kampfflut. Sie mussten weiterhin besonnen bleiben, vorschneller Übermut würde ihre Mission wahrscheinlich zum Scheitern verurteilen.
Rasch teilte sie ihrem neuen Verbündeten ihren Verdacht mit, dessen schiefes Grinsen selbst unter der Maske erkennbar war. „Ich ziehe meine Frage zurück – Meister Togo hat weise gewählt.“
Dennoch erzählte Shikon No Yosei ihm, wie es aus ihrer Sicht dazu gekommen war, dass sie zur Verteidigerin von Shing Jea geworden war – gefühlt lag eine Ewigkeit zwischen diesem Moment und Meister Togo´s Besuch im Dorf Tsumei. Und Seiketsu No Akari hatte sicherlich keine Ahnung, was in ihrer Heimat vor sich ging …
Entgegen Suun´s Aufzählung, aber exakt ihrer Vermutung entsprechend entdeckten sie in einer Senke anstelle des Phönix den Avatar von Tahmu. Der himmlische Drache galt als der stärkste Gegner dieser Prüfung … Schnell versteckten sich die beiden hinter einer der Hütten.
„Ich spüre Elementarmagie von ihm ausgehen. Hast du irgendeine gute Idee?“, fragte Shikon No Yosei leise und schielte um die Ecke.
Ohtah Ryutaiyo stieß einen stummen Fluch aus. „Es wird riskant … Erst schalte ich die Sternenwächter mit meinen Giftpfeilen aus, genau wie die Befallenen auf dem Vizunahplatz, und kundschafte seinen Schwachpunkt aus. Mal schauen, ich Tahmu mit meiner Schattenverschmelzung täuschen kann.“
„Ich lenke ihn ab, damit du freie Bahn hast“, entschied die mutige Shing Jea. „Ich vertraue aber darauf, dass du mich rechtzeitig aus der Schusslinie holst.“
Ohne seine Bestätigung abzuwarten, murmelte sie Worte der Macht, durch die plötzlich ein Schild aus züngelnden Flammen an ihrem linken Arm prangte. Damit ausgerüstet rannte sie rannte Tahmu entgegen. Ohtah Ryutaiyo unterdessen verschmolz mit den Schatten. Hätte sie nicht weiterhin seine Präsenz fühlen können, hätte es den Eindruck erweckt, er wäre von einer Sekunde zur anderen vom Erdboden verschluckt worden … Der stellare Drache schien seine Ausstrahlung tatsächlich nicht zu bemerken oder zumindest nicht dafür zu interessieren – dafür sehr wohl für den anrückenden Störenfried direkt vor ihm, den er sogleich mit einem Feuerblitz bedachte. Die Sternenwächter unterdessen, diesmal mit Schwertern bewaffnet, rückten ebenfalls an – jedoch brach einer nach dem anderen leblos zusammen. Ohtah Ryutaiyo´s Giftpfeile waren absolut tödlich! Mit dem Schild vor ihrem Leib konnte Shikon No Yosei den Angriff zwar abwehren, doch schon durchzogen ihn Risse. Lange würde ihr Zauber Tahmu´s Macht nicht standhalten … Wütend über die fehlgeschlagene Attacke sammelte der himmlische Avatar erneut Energie und stieß einen gewaltigen Feuerstoß aus seinem Maul aus, der die gesamte Gasse erfüllte. Wie in Zeitlupe versetzt betrachtete Shikon No Yosei das Inferno, das auf sie zukam. Ob sie nun dem Element zum Opfer fallen würde, dem sie sich bislang so verbunden gefühlt hatte? Nein, wenn sie schon untergehen sollte, würde sie wenigstens kämpfend sterben! Shikon No Yosei schnippte mit den Fingern und riss die Arme hoch – augenblicklich baute sich vor ihr eine Wasserwand auf. Die Elementarmagierin hatte die Feuchtigkeit aus der Umgebung zu sich gerufen, um sich zu schützen. Zischend krachten Tahmu´s Flammen auf das kühle Nass und erfüllte die Luft mit einem dichten, weißen Schleier.
„Ihr beherrscht also ebenfalls eine exzellente Tarntechnik“, flüsterte es nahe ihrem Ohr. Ohtah Ryutaiyo war hinter ihr erschienen und hob sie vom Boden hoch. „Vielleicht solltet Ihr unseren hitzköpfigen Freund etwas kaltstellen.“
Via Schattenschritt sprang er über das astrale Wesen. Hoch in der Luft schwebend rief Shikon No Yosei erneut das Wasser an und verwandelte jedes einzelne, klitzekleine Tröpfchen innerhalb des Nebels in messerscharfe Eissplitter, die allesamt erbarmungslos auf Tahmu herabregneten … Sanft landete der geschickte Assassine am anderen Ende der Gasse und grinste die Rothaarige an. Dankbar erwiderte Shikon No Yosei seinen Blick – bis ihnen bewusst wurde, dass sie immer noch in seinen Armen lag und sie sich mit wild klopfendem Herzen von ihm löste. Dies lag natürlich nur daran, dass lediglich noch ein Himmlischer übrig war und sich die junge Shing Jea vor ihm am meisten fürchtete … Jedenfalls versuchte Shikon No Yosei sich einzureden, dass dies der Grund für das rasende Gefühl in ihrer Brust war. Denn Hai Jii war ein Mesmer – ein Meister der Illusion und Täuschung, der über die Macht verfügte, die Konzentration eines anderen Zauberwebers zu stören oder im schlimmsten Fall sogar zu versiegeln. Auch Ohtah Ryutaiyo, dem ihre vermeintliche Angst ebenfalls nicht entging, war sich der Gefahr für sie bewusst …
Kaum kam der Phönix in Sicht, stürmte der Braunhaarige auf ihn zu und zog dessen Aufmerksamkeit samt seiner Sternenwächter auf sich. Hai Jii selbst konnte mit seinen Klingen durch seine nicht-materielle Form gewiss keinen Schaden zufügen, aber seine Zauber ablenken durchaus. Selbst der geringste Zweifel an ihm war nun endgültig zum Schweigen gebracht – Shikon No Yosei schickte ein stilles Dankgebet an alle Geister der Nebel, dass sie Ohtah Ryutaiyo zu ihr geführt hatten … und entfesselte einen durchdringenden Kettenblitz, der surrend von Feind zu Feind übersprang. Ja, sie liebte die Feuermagie – das bedeutete allerdings nicht, dass sie die übrigen Elemente weniger beherrschte.
Nachdem ihre Attacke verraucht war, erschien ein neues Portal vor den beiden siegreichen Kämpfern und Suun´s Stimme hallte daraus. „Ich beglückwünsche Euch … Geht mit dem Segen der himmlischen Wesen und bedenkt – schwierige Zeiten erfordern Entschlossenheit und innere Stärke.“
Den Blick zu Boden gerichtet hielt Ohtah Ryutaiyo seiner Begleiterin die Hand entgegen. Lächelnd ergriff Shikon No Yosei sie, was ihn aufschauen ließ. Er spürte die Wärme, die von ihr ausging, verstand auf einmal, warum man sie »Fee der vier Elemente« nannte.
Im Tempel der Helden
Außerhalb des Nahpuiviertels war es dunkle Nacht, nicht einmal das Licht des Vollmondes vermochte die verwinkelten Gassen von Kaineng zu erhellen. Dies bereitete Ohtah Ryutaiyo dennoch keine Schwierigkeiten – seine Fähigkeiten erlaubten es ihm, selbst die dunkelsten Schatten zu durchschauen. Shikon No Yosei konnte nicht mit klassengegebener Nachtsicht glänzen – sie erschuf dafür einfach eine kleine Flamme, die auf ihrer Handfläche schwebte und den Weg für sie erleuchtete. In dem kleinen Außenposten Senji´s Ecke angelangt, spürte die mutige Elementarmagierin schließlich die Anstrengung des vergangenen Tages – erst die Schlacht auf dem Vizunahplatz gegen die Befallenen, dann das Zusammentreffen mit den Gesandten, gefolgt von ihrer Verirrung in der Unterstadt bis hin zum Absolvieren der himmlischen Prüfung. Davon, dass Shiro Tagachi sie und ihre Begleiter im Grunde getötet hatte, einmal ganz abgesehen …
„Du hast es geschafft, mein Kind!“, durchbrach eine vertraute Stimme die Stille der Nacht – Meister Togo eilte ihr, gefolgt von Bruder Mhenlo, entgegen. Sie hatten ihre Rückkehr abgewartet und sich geweigert, zu Bett zu gehen.
Stolz verneigte sich die schöne Shing Jea vor ihnen. „Melde mich aus dem Nahpuiviertel als näher an den Sternen zurück.“ Kurz war der Ritualist versucht, die Arme auszustrecken und sie zu umarmen … Da trat eine weitere Gestalt aus den Schatten heraus. Sofort gingen Meister Togo und Bruder Mhenlo in Habachtstellung, doch Shikon No Yosei hob beschwichtigend die Hände. „Das ist unser neuer Kampfgefährte – Ohtah Ryutaiyo. Wir begegneten uns in der Unterstadt und er hat mir sehr geholfen. Ich weiß nicht, ob ich ohne ihn würdig gewesen wäre, Weh No Su zu werden …“
Während dem Leiter des Kloster vor allem die leicht höhere Tonlage in ihrer Stimme auffiel, betrachtete der Mönch kritisch seine Dolche. „Er ist ein Assassine … Woher wissen wir, dass wir ihm trauen können?“
„Ihr habt sogar noch mehr Grund, mir zu misstrauen, als nur meine Klasse – ich war einst ein Mitglied der Am Fah …“, entgegnete Ohtah Ryutaiyo, woraufhin er einen überraschten Blick der Rothaarigen kassierte – sie selbst hätte seine Herkunft gehütet, doch er hatte sich fest vorgenommen zu dem zu stehen, was er getan hatte. „Um für meine Verbrechen an Cantha zu sühnen, habe ich mich Shikon No Yosei angeschlossen und geschworen, sie zu beschützen.“
Ehe Bruder Mhenlo erneut das Wort ergreifen konnte, sprach Meister Togo. „Nun denn, wie es scheint hast du Shiko ja bereits von dir überzeugen können … Dieser Entscheidung werde ich nicht widersprechen.“
„Danke, Meister“, erwiderte Shikon No Yosei mit demselben strahlenden Lächeln, das er bereits von ihrer Mutter kannte.
Ihr folgendes Gähnen erinnerte alle an die späte Stunde – höchste Zeit für eine gute Portion Schlaf. Allerdings hatten die beiden Männer in der Herberge nur ein Zimmer mit lediglich drei Schlafstätten gebucht …
„Sorgt Euch nicht um mich“, meinte der Assassine, „ich wollte ohnehin Wache halten.“ Im Verlauf seiner Ausbildung war er darauf gedrillt worden, mehrere Tage ohne Pause durchzuhalten – genau das war es auch, was die Am Fah so gefährlich und der kaiserlichen Armee überlegen machte … ihre schier endlose Ausdauer.
Während sich seine neuen Gefährten in die Stube zurückzogen – Shikon No Yosei hatte sich noch bei ihm bedankt und ihm eine gute Nacht gewünscht –, nahm Ohtah Ryutaiyo vor der Zimmertür Platz und lauschte auf die nächtlichen Geräusche. Das Wasser in der Kanalisation floss unermüdlich, ein paar Tiere rannten durch die zahlreichen Gänge auf der Suche nach Nahrung und das gleichmäßige Atmen einer schlafenden Person war zu hören. Er wusste sofort, dass es sich dabei um die Elementarmagierin handelte, die direkt ins Reich der Träume gefallen war … Als er vor einigen Tagen das Gerücht aufgeschnappt hatte, Meister Togo wäre mit seinem persönlichen Schützling wegen der Bedrohung durch Shiro Tagachi nach Kaineng unterwegs, war es ihm nur darum gegangen, die möglichen Pläne seiner früheren Gilde zu vereiteln. Sie sahen im Ausbruch der Pest eine Chance, sich ihrer Feinde zu entledigen und endlich selbst die Macht ergreifen zu können. Aber der heutige Tag hatte alles verändert – wie sie auf dem Vizunahplatz in Gefahr geraten war, hatte er nicht untätig in den Schatten verweilen können … es war fast wie ein körperlicher Zwang gewesen, als hätten ihre schokoladenbraunen Augen einen Zauber auf ihn gewirkt. Und dann dieser kurze Moment, da sie ohne Vorwarnung zusammen mit den anderen beiden zusammengebrochen war, hatte sich wie ein Dolchstoß ins Herz angefühlt. Nein, nicht noch einmal würde er zulassen, dass ihr Shiro Tagachi oder sonst jemand ein Leid antat …
Während Shikon No Yosei sich der himmlischen Prüfung gestellt hatte, waren Meister Togo und Bruder Mhenlo nicht untätig geblieben – gemeinsam hatten die beiden Männer über ihren nächsten Schritt gesprochen. Wenn sie Shiro Tagachi aufhalten wollten, mussten sie zunächst einmal auf der einen Seite in Erfahrung bringen, was genau er vorhatte und zum anderen wie sich der verräterische Assassine besiegen ließ.
Vor zweihundert Jahren war Shiro Tagachi, dessen Gesicht zahlreiche Narben zeigte, der oberste Leibwächter des sechsundzwanzigsten Herrschers von Cantha gewesen. Doch beim jährlichen Erntefest, bei dem Kaiser Angsiyan im Erntetempel, welcher am südlichen Ende des Reichs des Drachens lag, die Geister der Nebel in einem Ritual für ein weiteres Jahr um ihren Schutz und Segen bat, griff sein bis dahin treuester Diener ihn hinterrücks an. Wie ein Berserker schlachtete er sämtliche Tempeldienerinnen ab, bis ihn die Klingen der jungen Assassine Vizu zu Fall brachte … Im Sterben richtete sich Shiro Tagachi noch einmal und sein gequältes Brüllen war, der Sage nach, überall auf dem Kontinent zu hören. Es setzte eine gewaltige Druckwelle – den Jadewind – frei, die das Wasser des Meeres und die Pflanzen des Waldes kristallisieren ließ. Von diesem Tag an war das Leben beiden Fraktionen Kurzick und Luxon vollkommen auf den Kopf gestellt. Auch in Kaineng spürte man die Veränderung – die Stadt verfiel vollends der Armut. Inzwischen wussten sie, dass er zur Strafe dem Gesandtenrat beitreten musste und es für alle Ewigkeit untersagt war, in die Nebel einzugehen. Doch anstatt wie erhofft seine Taten zu bereuen, wenn er tagtäglich dessen Auswirkungen vor Augen geführt bekam, schmiedete Shiro Tagachi im Geheimen Pläne …
In Cantha existierte ein Ort, an dem die Schwelle zwischen den Welten besonders dünn war – hier wurden die großen Helden verehrt, die sich gegen ein Dasein im Paradies entschieden hatten, um den Bürgern ihrer Heimat mit Rat zur Seite stehen zu können. Im Tahnnakai-Tempel wollte Meister Togo mit der Person sprechen, die zuletzt gegen Shiro Tagachi gekämpft hatte … Dort erwartete die kleine Gruppe jedoch etwas, auf das sie kein Gerücht der Welt hätte vorbereiten können – nach seinem letztendlich erfolglosen Eingreifen am Vizunahplatz war ihnen der vernarbte Assassine erneut einen Schritt voraus. Sämtliche Geister standen unter seiner Kontrolle, waren von ihm in Shiro'ken-Konstrukte verwandelt worden, die sie in jeden Raum des Tahnnakai-Tempels samt einer Horde Befallener erwarteten.
In Shikon No Yosei´s Kopf klang unermüdlich die Stimme ihres Mentors. „>Niemand verliert freiwillig seine Seele.<“ Dennoch fiel es ihr ungemein schwer gegen diese Wesen zu kämpfen, welche die ehrwürdigen Geister in sich trugen, die ihr Leben für Cantha gegeben hatten … Aber gerade deshalb gewannen Meister Togo´s Worte noch mehr an Bedeutung – diese Helden hatten niemals aufgegeben, egal welchen Hindernisse sie auch begegnet waren und nun wurden sie von Shiro Tagachi für seine dunklen Zwecke missbraucht, ohne sich allein von ihm befreien zu können. In dem Wunsch, ihnen zu helfen, fasste Shikon No Yosei zunächst neuen Kampfeswillen. Bis sie ausgerechnet der gebundenen Teinai gegenüber trat … Tränen liefen geräuschlos ihre Wangen hinab. Von dem Kampf gegen die Befallenen, der um die Rothaarige herum tobte, nahm sie nichts mehr wahr. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes wie erstarrt …
Teinai war einst genau wie Shikon No Yosei gewesen – eine junge Elementarmagierin aus dem Dorf Tsumei, welche Shing Jea über alles liebte … Zu jener Zeit terrorisierte ein Dämon namens Mang die friedliche Insel, der von einem unerfahren Nekromanten herbeigerufen worden war und selbst von den erfahrensten Zauberwebern nicht mehr gebannt werden konnte. Eines kalten Wintertages fasste das Mädchen einen Plan – sie lockte Mang zum großen See auf der Panjiang-Halbinsel, der zum ersten Mal seit vielen Jahren komplett zugefroren war. Der Dämon folgte ihr … als er sich genau in der Mitte des Sees befand, hob Teinai ihre Hand, woraufhin Feuer vom Himmel regnete und das Eis zum Schmelzen brachte, sodass Mang ins Wasser einbrach. Sofort setzte sie ihren nächsten Befehl hinterher – der See fror erneut und nahm die dämonische Kreatur gefangen, ehe die gebündelte Energie aller vier Elemente ihn zurück in die Unterwelt schickte. Nach einem langen Leben im Dienst Cantha´s wurden ihre Überreste auf ihren Wunsch hin im Tahnnakai-Tempel beigesetzt. Großmeister Vhang hatte ihnen diese Geschichte in einer seiner ersten Unterrichtsstunden erzählt … „Alles ist möglich, wenn man nur genug Mut dazu hat“, hatte er gesagt, um seine Schüler zu bestärken.
Seither war Teinai Shikon No Yosei´s Vorbild; selbst wenn sie an sich zweifelte – so mochte sogar die größte Elementarmagierin in der Geschichte des Reichs des Drachens dieselbe Angst verspürt haben, ihrem Unterfangen nicht gewachsen zu sein und versagen zu können …
„Wenn jemand die Kraft besitzt, Teinai aus Shiro´s Gewalt zu retten, dann Ihr! Ihr tragt denselben Geist in Euch“, drang plötzlich Ohtah Ryutaiyo´s Stimme zu ihr durch. „SHIKO!“
Nie zuvor hatte er sie so genannt … Ein Schauer überlief Shikon No Yosei und sie drehte sich langsam zu ihm um. Im Gegensatz zu ihr war der geschickte Assassine mitten im Kampf. Die Dolche gekreuzt hielt er die Befallenen davon ab, sich ihr zu nähern. Dabei sollte nicht nur er derjenige sein, der sein Versprechen hielt – auch sie hatte etwas geschworen. Bis zum letzten Atemzug für Cantha zu kämpfen …
„Danke“, hauchte die junge Elementarmagierin, obgleich sie sich sicher war, dass er es dennoch verstanden hatte.
Teinai hatte die Magie der vier Elemente gebündelt, um ihren Feind zu bezwingen – Shikon No Yosei wollte es ihr gleichtun, um ihr Vorbild zu befreien. Sie schloss die Augen und faltete die Hände vor der Brust. Die Erde stand für die Verbundenheit zu ihrer Heimat Shing Jea … Die Luft schenkte ihr ihre Lebenskraft … Das Wasser erlaubte es ihr, sich allen Situationen anpassen zu können … Das Feuer verlieh ihr die nötige Entschlossenheit, um ihre Ziele zu erreichen … Die Essenz jedes einzelnen Elements lebte in ihrem ganzen Sein. Ein weißer Schein begann erst Shikon No Yosei´s Körper einzuhüllen, ehe er sich langsam ausbreitete. Als die Welle der Macht Meister Togo, Bruder Mhenlo und Ohtah Ryutaiyo erreichte, heilten nicht nur ihre Schrammen aus dem Kampf, sondern ihre Kraftreserven wurden ebenfalls wieder aufgefüllt. Schließlich erfüllte die ausgesandte Energie den ganzen Raum – samt der gebundenen Teinai. Und mit einem Mal standen sich die beiden Elementarmagierinnen allein im Licht von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
„Shiko … es erfreut mein Herz, dass Shing Jea noch immer solch talentierte und mutige Verteidiger unseres Reichs hervorbringt“, sagte Teinai lächelnd. „Vertrau´ auf deine innere Stärke!“
Andächtig nickte Shikon No Yosei und befand sich schlagartig wieder im Tahnnakai-Tempel zwischen ihren Verbündeten. Teinai´s Geist war verschwunden … Diesmal konnte sich der Ritualist nicht zurückhalten – zu erleichtert und stolz war er in diesem Moment – und zog seine Schülerin an sich, die seine Umarmung glücklich erwiderte. Wenn Meister Togo jemand anderen erwählt hätte, wäre sie Teinai vermutlich niemals begegnet … oder gar Ohtah Ryutaiyo. Shikon No Yosei sah auf, suchte seinen Blick – ohne ihn wäre sie in diesem Kampf verloren gewesen.
Mit einem vermeintlichen Räuspern löste sich der Leiter der Klosters wieder von ihr. „Wir müssen weiter – ich befürchte Vizu könnte ebenfalls unter Shiro´s Einfluss geraten sein. Wenn er es schafft, ihre Verbindung zum Diesseits zu lösen, haben wir keine Möglichkeit mehr, mit ihr in Kontakt zu treten.“
Shikon No Yosei drehte sich zur steinernen Darstellung Teinai´s und verbeugte sich zum Abschied, ehe die Gefährten in den nächsten Raum eilten. Die positive Kraft hatte sogar hier noch ihre Wirkung entfaltet, sodass sie direkt weiter zum Zentrum des Tahnnakai-Tempel eilen konnten. Wie bereits befürchtet, war selbst der letzte, ehrwürdige Geist nicht verschont geblieben. Um dem finsteren Treiben endlich ein Ende zu setzen, stürzten sich Ohtah Ryutaiyo und Shikon No Yosei augenblicklich in den Kampf, während Meister Togo – unterstützt von Bruder Mhenlo – ihnen Rückendeckung gaben und ihnen die Befallenen vom Hals hielten.
Der einstige Am Fah stellte sich Vizu Dolch an Dolch – anders als bei den Shiro´ken-Konstrukten, gegen die er zuvor gekämpft hatte, wirkten ihre Augen nicht stumpf … „Shiko, Vizu leistet Widerstand – sie ist noch nicht verloren!“
Mit geröteten Wangen griff die Elementarmagierin nach der Macht des Feuers und zerstörte das künstliche Gefäß, in das Shiro Tagachi die Seele der Assassine gesperrt hatte, sodass sie wieder ihre ursprüngliche Gestalt annehmen konnte.
Allesamt verneigten sie sich vor ihr und der Leiter des Klosters richtete das Wort an sie. „Verehrteste Vizu … vor zweihundert Jahren, am Tag des Jadewindes, besiegtet Ihr Shiro. Wir möchten von Euch lernen, eben dies zu tun.“
„Meine Klinge war es, die das Kampfglück wendete – doch nicht ich führte den letzten Schlag“, erklärte Vizu bedächtig, woraufhin sie mehrere schockierte Blicke kassierte. „Wenn Ihr Shiro Tagachi wirklich aufhalten wollt, müsst Ihr den Kurzick-Helden Viktor und den Luxon-Champion Archimorus finden …“
Shikon No Yosei warf einen Seitenblick zu ihrem Mentor, der dezent den Kopf schüttelte. Wenn nicht einmal er als Ritualist im Stande dazu war, ihre beiden Seelen aus den Nebeln herbeizurufen, mussten sie ebenfalls noch an diese Welt gebunden sein. „So sagt uns bitte, wie können wir mit ihnen in Verbindung treten?“
„Die Kurzick hüten die Urne ihres Helden mit großem Eifer … Die Luxon ehren ihren Champion, indem sie den Speer mit seinem Geist zwischen den Clans weiterreichen … Sucht diese beiden Artefakte“, erklärte die Assassine und schloss für einen Moment die Augen, als sie an jenen Tag zurückdachte. „Denn habt ihr beide, so können die Geister darin Euch zeigen, wie Shiro … zu besiegen ist.“
Erneut verbeugte sich Meister Togo vor ihr – die anderen folgten seinem Beispiel. „Habt Dank, Vizu. Ich würde mich gerne länger mit Euch unterhalten, aber die Zeit drängt.“
„Keine Sorge, Togo – wir werden noch genug Zeit zum Reden haben …“, flüsterte sie geheimnisvoll, „verlasst Euch darauf.“
Echowald-Erinnerungen
Sie waren weiter bis zur Feste Maatu gezogen, um dort die Nacht zu verbringen – außerdem war sie der letzte Stützpunkt, bevor sich das Pongmei-Tal in den Echowald und das Jademeer teilte. Bei der Quertierwahl bestand die schöne Shing Jea diesmal darauf, sich ein Doppelzimmer mit Ohtah Ryutaiyo zu teilen – damit er seinem Vorsatz nachkommen und sich dennoch ausruhen konnte.
Bevor Bruder Mhenlo, der dem Assassinen weiterhin misstraute, Einspruch einlegen konnte, stimmte Meister Togo der Einteilung zu. Nachdem sie ihre eigene Kammer bezogen hatte, machte der Mönch seinem Ärger dann doch Luft. „Ich finde, Ihr seid zu leichtgläubig, Meister. Sorgt Ihr Euch gar nicht um ihre Sicherheit?“
„Genau genommen ist Shiko´s Wohlergehen das Einzige, an das ich denke – nur deshalb habe ich zur >Verteidigerin von Shing Jea< ernannt … damit ich sie noch ein wenig vorbereiten kann“, entgegnete der Ritualist, dann wurde sein Blick milde. „Du kannst Ohtah nicht die alle Taten seiner früheren Gilde verantwortlich machen – zu jener Zeit war er noch ein Kind. Allerdings hast du wohl recht … ein ehemaliger Am Fah sollte nicht die Verhandlungen mit dem Grafen führen.“
Widerstrebend nickte Bruder Mhenlo. Anschließend legte er sich auf das Lager nahe dem Fenster und sah hinaus. Ein Teil von ihm fürchtete den morgigen Tag … Während seines ersten Besuchs in Cantha hatte Meister Togo ihn zu einem Besuch bei seinem Halbbruder mitgenommen. Kaiser Kisu hatte ihnen von den Heilkünsten der Kurzick-Gräfin Tamina berichtet und organisierte eine Audienz im Haus zu Heltzer, der Hauptstadt des Echowalds. Daraufhin erhielt Bruder Mhenlo die Erlaubnis sein Studium bei ihr fortzusetzen. In den folgenden Wochen lernte der Ascalonier nicht nur Zauber, sie brachte ihm auch etwas über psychische Gesundheit und ihre Lebensart bei … Als schließlich die Zeit gekommen war, dass Meister Togo ihn in Kaineng erwartete, begleiteten Tamina und ihr ältester Sohn Gustav ihn. Doch bevor die kleine Gruppe das Zentrum erreichte, wurde sie vom Am Fah überfallen. Trotz aller neuen Kenntnisse, die der Mönch sich angeeignet hatte, konnte er nicht verhindern, dass die beiden Kurzick starben … Danach war er nie mehr in den Echowald zurückgekehrt, obwohl ihm keinerlei Vorwurf gemacht wurden, und trug er tief in sich einen Hass auf jene Straßengilde, der durch die Begegnung mit Ohtah Ryutaiyo wieder ans Tageslicht trat.
Besagter Assassine versuchte derweil ebenfalls Schlaf zu finden. Seine Gedanken drehten sich um das Mädchen, das nur wenige Meter von ihm entfernt selig schlummerte … obwohl sie wusste, was er war. Denn obgleich Ohtah Ryutaiyo die Gilde verlassen hatte, kaum dass ihm ihre wahre Absichten klar geworden waren, änderte das nichts daran, was er zuvor alles in deren Namen getan hatte. Aber sie hatten seine Verbrechen nicht abgeschreckt … Eigentlich wollte er von dem Moment, da er zum ersten Mal in ihre Augen geblickt hatte, nur ihr Wächter in den Schatten sein – schweigsam, unerkannt. Stattdessen kämpften sie nun Seite an Seite und jede einzelne Sekunde mit ihr hatte sich überdeutlich in sein Gedächtnis gebrannt. Wann hatte er zuletzt ein solches Gefühl verspürt, wie wenn er mit ihr zusammen war, oder hatte er das überhaupt jemals? Nein … es war nicht dasselbe, was er für seinen Ziehvater empfand oder die kindliche Verehrung für die Am Fah.
„Shiko …“, hauchte der Assassine in die Dunkelheit und schloss träumerisch doch noch die Augen.
Nichtsahnend was Meister Togo ihm, Shikon No Yosei und Bruder Mhenlo am nächsten Morgen verkündete. „Im Tahnnakai-Tempel hatten wir Glück … Shiro treibt seine Pläne weiter voran – wir müssen ihm zuvorkommen. Deshalb werden wir und trennen, um die Artefakte zu besorgen! Mhenlo, Ihr wart früher schon ein Gast des Grafen – ich weiß, er schätzt Euch noch immer. Ich selbst werde Rhea aufsuchen. In unserer Jugend waren wir … Freunde. Und Ohtah begleitet mich.“ Der schockierte Blick von Shikon No Yosei wanderte zu dem geschickten Assassinen. Im Grunde waren sie sich gerade erst begegnet – nicht, dass es sich so anfühlte – und schon sollten sie getrennte Wege gehen … Allein seiner strikten Ausbildung war es zu verdanken, dass Ohtah Ryutaiyo nicht die Gesichtszüge entglitten – er war es gewohnt, Befehle auszuführen … ungeachtet, ob diese ihm nicht zusagten – und nichts widerstrebte ihm mehr, als einen halben Kontinent zwischen ihm und der Rothaarigen zu wissen. Die Angst davor, was geschehen könnte, wenn er nicht da war, um sie zu beschützen, erschauderte ihn und verursachte in seiner Brust einen stechenden Schmerz. „Holt eure Sachen – wir brechen umgehend auf.“ Zu sehen, wie seine Entscheidung die schöne Shing Jea mitnahm, setzte dem Ritualisten sichtlich zu … aber er musste sie auch die harten Lektionen lehren, sollte Suun recht behalten.
Folgsam taten die beiden, was er ihnen aufgetragen hatte, und kehrten in ihre Kammer zurück. Kaum war die Tür hinter ihnen zugefallen, zog Ohtah Ryutaiyo Shikon No Yosei an sich. „Bitte, versprich´ mir, dass du auf dich aufpasst, Shiko …“
So von ihm im Arm gehalten zu werden, brachte ihr Herz dazu schneller zu schlagen … Bevor er sie in der Unterstadt gefunden hatte, war sie verzweifelt gewesen. Dieser Hilflosigkeit durfte sie nicht erneut hingeben! „Ich habe meine Ausbildung im Kloster mit Auszeichnung abgeschlossen und du hast selbst gesehen, was meine Magie vermag – es wird mir nichts geschehen.“
Vor den Mauern der Feste Maatu verabschiedeten sich die Paarungen voneinander, ehe sie entschlossen ihr Ziel ins Auge fassten – weder Shikon No Yosei noch Ohtah Ryutaiyo blickten sich mehr um. Je schneller sie die heiligen Artefakte der Fraktionen beschafften, desto schneller würden sie sich wiedersehen …
„Wann wart Ihr zuletzt im Echowald?“, wollte die Elementarmagierin wissen, um sich abzulenken.
Ein Seufzen entrang sich Bruder Mhenlo´s Kehle. Es überraschte ihn nicht, dass sie neugierig war, nachdem Meister Togo diese Andeutung gemacht hatte … „Vor zehn Jahren. Erst habe ich im Kloster von Shing Jea gelernt und anschließend ein paar Monate unter den Kurzick gelebt. Hört zu, sie sind ziemlich … speziell – Traditionen und Etikette stehen an oberster Stelle, daher solltest Ihr es tunlichst vermeiden, Graf zu Heltzer auf irgendeine Weise zu verärgern. Also kein Wort darüber, dass Viktor Shiro gemeinsam mit Archimorus besiegt hätte oder dass Meister Togo und der Assassine gerade auf dem Weg zu den Luxon sind.“
„Sein Name lautet Ohtah Ryutaiyo, falls Euch das entfallen ist, werter Bruder Mhenlo“, erklärte Shikon No Yosei, der sein spitzer Unterton nicht entgangen war. „War das diplomatisch genug?“
Mit hochgezogener Augenbraue marschierte die Shing Jea an dem Mönch vorbei, der von ihrer Schlagfertigkeit sichtlich beeindruckt war. Abgesehen von ihrer Macht, die sie im Tahnnakai-Tempel unter Beweis gestellt hatte, stecke anscheinend noch mehr in ihr, als sich zunächst vermuten ließ … Den Rest des Weges legten die beiden schweigend zurück.
Da Bruder Mhenlo im Vorfeld bereits einen Botenvogel vorausgeschickt hatte, wurden sie am Eingang des Echowaldes bereits von Graf zu Heltzer persönlich und seiner Delegation erwartet. „Es ist lange her, dass wir uns begegnet sind, Mhenlo … zu lange.“
Höflich verneigte er sich vor ihm – und da er sie darum gebeten hatte, tat die Rothaarige es ihm gleich. „In der Tat, Erlaucht, zehn Jahre … Ich bin froh, dass es Euch gut geht.“
„Ich bin ähnlich erfreut“, stimmte Petrov zu Heltzer ihm zu. „Allerdings kenne ich Euch zu gut … dies ist kein einfacher Höflichkeitsbesuch. Warum seid Ihr zu mir gekommen? Und wer ist die junge Dame, die Ihr bei Euch habt?“
Der erfahrene Mönch schluckte schwer – er wusste, was ihre Bitte für die Kurzick bedeutete. „Shikon No Yosei ist eine Schülerin von Meister Togo und eine ausgezeichnete Elementarmagierin. Wir sind gekommen … um von Euch die Urne des heiligen Viktor zu erbitten.“
„Ihr verlangt nicht nach einer Kleinigkeit, das ist Euch sicher bewusst. Wir sprechen immerhin von den verbrannten Überresten unseres größten Helden, der ganz allein Shiro, den Verräter bezwang … Weshalb bittet Ihr uns darum?“, wollte der Adlige verblüfft wissen.
Diplomatie hin oder her – die Zeit drängte. Daher kam Shikon No Yosei dem Mönch mit einer Antwort zuvor. „Weil Shiro Tagachi zurückgekehrt ist!“
Die Gesichter ihrer Gastgeber zeigten Verwunderung, Schock und Zorn, was durchaus verständlich war, wenn man bedachte, dass er Schuld an ihrer Lebenslage trug – selbst wenn die Kurzick die Veränderungen ihrer Heimat mehr als eine göttliche Prüfung betrachteten, setzte ihrem Volk der Krieg gegen die Luxon um die begrenzten Ressourcen dennoch zu …
„Nun, dann war es weise von Euch zu uns zu kommen“, entgegnete Petrov zu Heltzer und winkte eine junge Frau aus seinem Gefolge zu sich.
Bruder Mhenlo´s Augen weiteten sich, als er sie erkannte. Bislang war er nur auf den Grafen selbst fixiert gewesen. „Danika! Ihr … Ihr seid das Ebenbild Eurer Mutter.“
„Habt Dank, mein Freund“, erwiderte die junge Gräfin traurig lächelnd. „Leider ist ihr Tod der Grund, warum wir Euch die Urne nicht einfach so geben können. Damals war ich noch nicht im Stande, ihr Amt zu übernehmen und ohne neue Energie hat der magische Schutz der Kathedrale versagt … Schrecklichen Bestien haben unser Heiligtum erstürmt – dorthin zu gehen, wäre ein großes Risiko.“
Bislang war keine ihrer Missionen einfach gewesen … Aber die Alternative war erst recht keine Option. „Wenn Ihr uns führt, Danika, verspreche ich, dass Euch kein Leid geschehen wird und wir die Kathedrale zurückerobern – dafür erlaubt Ihr uns, die Urne im Kampf gegen Shiro einzusetzen.“
Petrov zu Heltzer klatsche in die Hände. „Mutig gesprochen, junge Dame – mein Volk schätzt ein ein tapferes Herz. Es soll geschehen, wie Ihr vorgeschlagen habt … Möge der Himmel Eurem Unterfangen hold sein.“
Danika zu Heltzer geleitete Shikon No Yosei und Bruder Mhenlo zum Gebiet des Arborsteins, dessen Herzstück die Kathedrale bildete. Das imposante Bauwerk mit seinen zahlreichen Verzierungen reichte bis zu den höchsten Wipfeln der Bäume und ein mystischer Schein drang aus den Buntglasfenstern.
„Spürt Ihr es? Hier noch immer ein Zauber in der Luft … trotz dieser widerwärtigen Kreaturen hat uns Viktor´s Geist nicht verlassen“, meinte die Gräfin mit stolzer Stimme. „Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem meine Mutter – die Wächterin der Kathedrale – mich zum ersten Mal in diese Hallen mitgenommen hat … Sie sagte, eines Tages würde ich ihren Platz einnehmen und das Vermächtnis unserer Familie für zukünftige Generationen erhalten. Danke … Danke, dass Ihr mir helft, ihre Wort endlich wahr werden zu lassen.“ Tränen bahnten sich einen Weg über ihre Wangen.
Ohne sich Gedanken über irgendwelche Protokolle oder Anstandsregeln zu machen, ging Shikon No Yosei zu ihr und umarmte sie. „Als Töchter tragen wir einen Teil von ihnen in uns – sie werden uns nie ganz verlassen, daran glaube ich fest.“ Auf ihren fragenden Blick hin, lächelte die Rothaarige wehmütig. „Meine Mutter schenkte mir das Leben und starb dabei … Ich beneide Euch, um Eure Erinnerungen mit Eurer Mutter – hütet sie wie einen Schatz.“
Lächelnd sahen sich die beiden Mädchen an. Da begriff der Mönch, was ihr Meister in ihr sah … Aber eine andere von Shikon No Yosei´s Fähigkeiten war plötzlich viel mehr gefragt – ringsum aus dem Unterholz näherten sich ihnen eigentümliche Wesen, sogenannte Aufseher. Einst waren sie die Beschützer des Echowaldes gewesen und hatten mit den Kurzick unter der Obhut von Urgoz, dem Wächter der Bäume gelebt … Seit dem Tag des Jadewindes jedoch war der gute Geist einer Verderbnis erlegen, sein Verstand dem Wahnsinn verfallen – nun standen sämtliche beseelten Pflanzen unter dem Befehl, einen jeden Kurzick zu töten.
„Bleibt zurück“, wies die Elementarmagierin ihre Begleiter an.
Da der Nahkampf bekanntlich nicht ihre Stärke war, ließ sie Wälle aus Erde wachsen, um ihre Gegner voneinander zu trennen. Wie vermutet, hielten die naturverbunden Aufseher inne – sie wagten es nicht, das aufgerichtete Stück Waldboden zu beschädigen. Nacheinander nahm sich Shikon No Yosei die Grüppchen mit ihrer Feuermagie vor, wobei sie sehr darauf achtete, dass die Flammen nicht etwa die Umgebung beschädigten …
Als sie es schließlich geschafft hatte, den Platz vor dem Haupttor freizuräumen, zog die Gräfin ein Messer aus der Rocktasche und schnitt sich damit in den Zeigefinger. „Oh, du geheiligtes Blut, das durch meine Adern fließt … öffne dieses Tor und gewähre uns Einlass in die Kathedrale!“ Ein roter Tropfen fiel zu Boden und die massiven Torflügel schwangen langsam auseinander.
Nachdem sie ihre Wunde mit einem Heilgebet geschlossen hatte, betraten die drei Verbündeten die geheiligte Stätte. Das Innere beeindruckte noch mehr – Generationen über Generationen hatten an der Kathedrale gebaut, sie erweitert und in Stand gehalten. Nur die letzten Jahre zeichneten sich durch wuchernde und rankende Pflanzen ab. Neben den weiteren Feinden, die auf sie warteten …
Von einer Balustrade aus deutete Danika zu Heltzer auf einen Altar auf dem die Urne aufgebahrt wurde. „Wenigstens haben die Schutzsiegel des Schreins gehalten!“
Die weiteren Aufsehern bedeuteten allerdings auch einen erneuten Kampf – von der Gräfin mit Schutzgebeten belegt, zog Shikon No Yosei die Aufmerksamkeit des Pulk auf sich. Ein warmes Gefühl, das nichts mit ihrer Feueraffinität zu tun hatte, floss durch ihre Adern. Sie griff danach, breitete die Arme aus und im gesamten Mittelschiff ging ein Feuerregen auf ihre Widersacher nieder. Sprachlos sah die schöne Elementarmagierin auf ihre Hände - ihr Zauber hatte die dreifache Fläche abgedeckt … irgendetwas war mit ihrer Magie geschehen. Ob es mit der Energie zusammenhing, die sie im Tahnnakai-Tempel ausgestoßen hatte?
„Ihr symbolisiert die ganze Hoffnung für Cantha …“, sagte die Kurzick beeindruckt und verneigte sich vor ihr. „Mein Vorfahr wird Euch sicher gewähren lassen. Geht und nehmt die Urne an Euch.“
Lächelnd folgte Shikon No Yosei der Anweisung. Doch kaum war das Artefakt von seinem angestammten Platz entfernt, erzitterten die steinernen Wände wie von einem Erdbeben. Die Erschütterung war so stark, dass die Decke der Kathedrale zu bröckeln begann. Nicht nur die Barriere hatte durch die Abwesenheit der Wächterin gelitten – das ganze Bauwerk war lediglich durch die magische Ausstrahlung der Urne zusammengehalten worden. Schockiert starrte Danika zu Heltzer das einstürzende Vermächtnis ihrer Familie an, Bruder Mhenlo, der bereits am Fuß der Treppe stand, rief ihren Namen. Doch sie war unfähig sich zu rühren … Da löste sich direkt über ihr ein Stein. Erneut konnte der Mönch nichts weiter tun, als zuzusehen, wie nach Tamina zu Heltzer nun auch ihre Tochter vor seinen Augen zu Tode kam … Jedenfalls wenn sie nur zu zweit unterwegs gewesen wären – bevor Danika zu Heltzer von dem Trümmer erschlagen wurde, stoppte Shikon No Yosei seinen Fall durch ihre Erdmagie. Erleichtert atmete die Gräfin auf, als just ein weiteres Stück des Obergeschosses herunterkam – der Ascalonier rettete sich gerade noch durch einen Hechtsprung, was ihn wiederum von den anderen abschnitt.
Durch einen Spalt zwischen dem Schutt hörten seine Gefährtinnen seine Stimme. „Ich komme hier nicht mehr durch. Geht zum Hinterausgang der Kathedrale bringen – wir treffen uns dort.“
Die beiden jungen Frauen nickten sich einander zu und ehe sie zum rechten Seitenschiff eilten. Die Shing Jea festigte die Treppe, ehe sie die Stufen erklommen. Auf dem oberen Absatz stand ein ganzes Geschwader Bogenschützen bereit.
Ihre Pfeile auf sich zukommend sehend, rief Shikon No Yosei´s Innerstes nach dem Assassinen … doch es war nicht seine Stimme, die ihr antwortete. „Legt meine Urne ab!“
Mehr aus Reflex kam sie der Aufforderung nach. Die surrenden der Pfeile prallten von einer blauen Kuppel ab, die plötzlich über ihnen erschienen war. Verblüfft betrachtete die Elementarmagierin das Artefakt, aus dem Viktor selbst zu ihr gesprochen hatte – die Magie darin war alt und mächtig. Vielleicht hatten sie doch eine reelle Chance im Kampf gegen Shiro Tagachi! Zunächst mussten Shikon No Yosei und Danika zu Heltzer erst einmal aus der Kathedrale heraus. Die zurückgeworfenen Geschosse hatten ihnen für den Moment den Weg freigeräumt – indessen stand ihnen das nächste Scharmützel allerdings bereits bevor. Gestärkt durch die Hoffnung, welche die Urne der Rothaarigen geschenkt hatte, konnte sich keiner der Aufseher ihrer flammenden Gegenwehr entziehen. Nur jene, die vor ihr flüchteten, ließ sie unbehelligt davonziehen – treu ihrem Vorsatz folgend, den sie nach dem Tod von Minister Cho gefasst hatte. Nachdem die beiden eine weitere Biegung passiert hatten, gelangten sie endlich ins Atrium und damit ihren Ausgang. Erneut vollzog die Kurzick das Ritual und zu ihrer großen Erleichterung gab das Tor den Weg für sie frei.
Draußen wurden sie von einem höchst nervösen Bruder Mhenlo erwartet. „Ihr habt es geschafft!“
Beiden nickten und Shikon No Yosei präsentierte ihm stolz den Preis dieser Mission. „Shiro sollte sich lieber vor uns in Acht nehmen!“
„Ich bete für Euren Erfolg, Shikon No Yosei“, erklärte Danika zu Heltzer mit einem Knicks.
Ein Grinsen auf dem Gesicht erwiderte die junge Verteidigerin die Geste. „Meine Freunde nennen mich >Shiko<.“
Jademeer-Melancholie
Während Bruder Mhenlo und Shikon No Yosei ihren Teil also bereits erledigt hatten, wurden Meister Togo und Ohtah Ryutaiyo gerade erst von Rhea, einem Mitglied des Ältestenrates nahe des Boreas-Meeresgrundes empfangen. Dort waren mehrere kleinere Zeltlager aufgebaut und es herrschte ein aufgeregtes Treiben.
Von ihrem unangekündigten Besuch war die Angehörige des Schildkröten-Clans mehr als überrascht. „Togo … was für ein Anblick. Ich fragte mich schon, wann du aus deinem selbstgewählten Exil zurückkehren würdest – wie du es in der Enge des stickigen Klosters aushältst, werde ich nie verstehen …“
„Ich nehme an, mein Geist verlangt nicht so nach der Weite des Raumes wie deiner, Rhea“, entgegnete der Ritualist, dem das Zusammentreffen zusehends Unbehagen bereitete.
Die Älteste betrachtete ihn eingehend, besonders sein Gesicht. „Nun, was führt dich den weiten Weg von Shing Jea zu mir … nach so vielen Jahren?“
„Wir brauchen den Speer des Archimorus“, erwiderte Meister Togo, deutlich entschiedener.
Missbilligend verrollte sie die Augen. „Du solltest wissen, dass ich euch den Speer nicht einfach so geben kann – morgen kehrt Zhu Hanuku, der große Krake aus der Tiefe zurück. Was hast du eigentlich in deinem Kloster gelernt?“
Um einen Fluch zu unterdrücken, biss sich der Klosterleiter auf die Lippen. „Wohl nicht genug über die Luxon-Kultur …“
„Offensichtlich. Jedes Jahr kommt Zhu Hanuku wieder, dann findet die Versammlung statt. Die Stärksten von uns kämpfen um das Recht, derjenige zu sein, der den magischen Kraken besiegt und in die Wellen treibt …“, erklärte die Luxon, ehe ihre Stimme einen beinahe melancholischen Klang annahm, „wenn ihr den Speer wirklich wollt, Togo, werden du und dein Begleiter wohl darum kämpfen müssen!“ Ohne seine Reaktion abzuwarten, ging sie davon. Versunken in ihren Erinnerungen …
Hörbar stieß Ohtah Ryutaiyo seinen angehaltenen Atem aus. „Irgendetwas sagt mir, dass sie Euch nicht leiden kann.“
„Lange bevor ich der Leiter des Kloster von Shing Jea wurde, war auch ich jung … und dumm“, antwortete ihm der Ältere, ebenfalls in der Zeit zurückversetzt.
Als der Krieg zwischen Kurzick und Luxon vor fünfzig Jahren auf einem seiner Höhepunkt stand, berief Kaiser Kintah – der Vater von Togo und Kisu – eine Friedensverhandlung ein. Dabei teilte er jedem seiner Söhne die Betreuung einer Fraktion zu … da Kisu der künftige Herrscher wäre, sollte er sich um Graf Harlov zu Heltzer sowie dessen Sohn Petrov zu Heltzer kümmern; die freiheitsliebenden Luxon dagegen, so dachte der Herrscher, hätten mit seinem unehrlichen Sprössling sicherlich keine Probleme – der Älteste Javah reiste mit dem neuesten Ratsmitglied Rhea an. Die junge Frau zeigte schnell ein reges Interesse an dem Ritualisten und heißblütig, wie Halbstarke nun einmal sein konnten, wurde es zwischen ihnen rasch intim. Doch was für ihn nur etwas Spaß gewesen war, hatte ihr weit mehr bedeutet … Letztendlich waren die Verhandlungen zwischen den Vasallengilden kurz darauf gescheitert und der Waffenstillstand endete. Um die Schuld, die er sich selbst daran gab, zu tilgen, hatte er in den folgenden Jahren alles daran gesetzt, wenigstens die Tengu-Krieger zu beidseitiger Zufriedenheit zu beenden. Und als er für eine Mission zeitweise dem Himmelsministerium unterstellt worden war, hatte der Ritualist erst verstanden, was Liebe überhaupt bedeutete …
Nichtsdestotrotz hatten die beiden Gefährten keine andere Wahl, als sich dem Willen der Ältesten zu beugen und sich für das Turnier einzuschreiben. Nachdem der bürokratische Teil erledigt war, organisierte ihnen Meister Togo eines der Zelte für die Nacht, während Ohtah Ryutaiyo einer seiner Spezialität nachging – Feine ausspähen. Für die Luxon mochte es um Ruhm und Ehre gehen … doch für ihre Gruppe stand die Zukunft ganz Cantha´s auf dem Spiel. Verborgen im Schatten schlich er sich durch das Lager und lauschte den Wetteinsätzen. Drei Luxon-Clans würden gegeneinander antreten … der Favorit war gleichzeitig der Gewinner des letzten Jahres und wurde von einer Waldläufer-Kapitänin namens Juno angeführt, zusammen mit deren rechter Hand – einem berüchtigten Feuermagier.
Ohne es zu wollen, drifteten die Gedanken des Assassinen ab. Die Frage, wie es Shikon No Yosei wohl gerade erging, quälte ihn. Dennoch konnte er Meister Togo nicht einfach zurücklassen und in den Echowald marschieren – das würde sie ihm sicher nicht verzeihen, wenn er ihren Mentor im Stich ließ … Seufzend gab er seine Stellung auf und suchte den Ritualist in ihrem zugewiesenen Quartier auf, dem er Bericht erstattete. Ihnen würden sich die verschiedensten Klassen entgegenstellen und zu ihrem Nachteil waren sie nur zu zweit – die Clans dagegen traten mit jeweils fünf Kämpfern an. Außerdem war das Töten der Gegner eindrücklich verboten.
„Für Cantha“, meinte Meister Togo schließlich und erinnerte damit an den Schwur seiner Schülerin.
Erneut übernahm die Besorgnis Ohtah Ryutaiyo´s Gedanken, haftete an ihm und schlich sich sogar bis in seine Träume … Irgendwann im Verlauf der Nacht schreckte er schweißgebadet aus einem seiner Alpträume hoch.
„Verfolgen dich die Schatten der Vergangenheit?“, wollte Meister Togo von ihm wissen, der – ein kleines Kerzenlicht entzündet – in einem Buch las.
Orientierungslos und gefangen zwischen dem grauenhaften Bild in seinem Kopf und der Verwunderung, dass der Ritualist im Gegensatz zu ihm noch wach war, schüttelte der einstige Am Fah mit keuchendem Atem vehement den Kopf. Doch der Anblick der Blutlache, die unter einem gigantischen Felsbrocken heraussickerte, verschwand nicht aus seinen Gedanken …
Da packte ihn der Leiter des Klosters an den Schultern, um ihn wachzurütteln. „Komm´ wieder zu dir, Junge!“
Zitternd starrte Ohtah Ryutaiyo auf seine Hände hinab. „Shi-Shiko … Sie wurde von Trümmern erschlagen, weil sie sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Wenn ich nur bei ihr gewesen wäre, hätte ich sie von da wegholen können …“
Ein sanftes Lächeln schlich sich auf das Gesicht seines Begleiters. Das war also der wahre Grund, warum der Assassine sich ihnen angeschlossen hatte … „Vertraust du Shiko eigentlich gar nicht?“ Perplex hob der Braunhaarige den Kopf – die Verwunderung über diese Frage hatte ihn aus seinen fesselnden Gedanken gerissen. „Ich kenne Shiko seit ihrer Geburt … habe sie aufwachsen sehen und jetzt erlebe ich, wie sie ihr Schicksal erfüllt. Sie würde niemals aufgeben und ihre Prinzipien verraten – daher bin ich mir ganz sicher, dass es ihr gut geht.“ Ja, er war davon überzeugt, es zu spüren, sollte seinem Schützling etwas zugestoßen sein …
Sacht nickte Ohtah Ryutaiyo – tief in seinem Innern fühlte er, dass es nur ein Gespinst seiner Angst gewesen war, das ihn heimgesucht hatte … Shikon No Yodei war am Leben!
Selbige Elementarmagierin sorgte sich im Übrigen nicht minder um ihre Kameraden. Als sie mit Bruder Mhenlo in die Feste Maatu zurückgekehrt war und festgestellt hatte, dass die beiden sich noch im Jademeer befanden, wollte sie sich am liebsten sofort auf den Weg dorthin machen.
Aber der Mönch hielt sie zurück. „Ihr kennt Euch im Jademeer nicht aus – Ihr würdet sie gar nicht erst finden. Außerdem werden sie morgen sicherlich von selbst zu uns stoßen.“
„Im Kloster hat Meister Togo uns gelehrt, auf unser Herz zu hören … Hat er Euch das nicht beigebracht?“, entgegnete die Rothaarige mit hochgezogener Augenbraue und wandte sich zum Gehen, hielt jedoch noch einmal inne. „Ich kenne die Aura von Meister Togo, seit ich ein Kind war und Ohtah´s Ausstrahlung habe ich auf dem Vizunahplatz gespürt, als er sich noch vor uns verborgen hielt – es gibt keinen Ort auf ganz Tyria, an dem ich sie nicht finden würde!“
Ohtah Ryutaiyo´s Miene war entschlossen, seine Dolche geschärft. Sein strategischer Verstand sondierte das gesamte Areal – im Norden stand eine kleine Tribüne für die Ratsmitglieder, zu denen auch Rhea gehörte. In den restlichen Himmelsrichtungen befanden sich so etwas wie Wartebereich, vor dem ein heruntergelassenes Gitter hing und in denen die Gruppierungen zu warten hatten, bis es für die aktuellen Kampfpaarungen geöffnet werden würde. Der Kampfplatz war im Grunde eine runde Arena mit teilweise erhöhten Pfaden – eine gute Ausgangsposition für die beiden Bogenschützen-Champions, gegen die sie antreten mussten. Andererseits wenn ihm ein einfacher Pfeil den Tod bringen könnte, hätte sein Ziehvater definitiv versagt … Aber egal wer sich ihnen alles entgegenstellte, er würde dieses Turnier so rasch wie möglich hinter sich bringen … denn je schneller er das Luxon-Artefakt für ihre Sache gewann und das abgehalfterte Meeresungeheuer vertreiben konnte, desto eher könnten sie sich wieder mit Shikon No Yosei und Bruder Mhenlo zusammenschließen.
Ein junger Mann mit einer roten Tätowierung im Gesicht betrat die Arena und platzierte den begehrten Speer auf einem Podest unterhalb der Zuschauerränge. „Möge unsere jährliche Versammlung der stärksten Kämpfer beginnen … All jene, die mein Clan und ich gleich besiegen werden, grüße ich voll Stolz!“
Seine übertriebene Arroganz entfachte in dem geschickten Assassinen eine unglaubliche Wut – er wusste, dass es sich bei dem Sprecher, um den berüchtigten Argo handelte, den Gewinner der letzten Jahre. Doch dessen Siegessträhne würde mit dem heutigen Tag enden! Kaum hatte er seinen Platz eingenommen, hoben sich zwei der Gitter – wenig überraschend gehörten Ohtah Ryutaiyo und Meister Togo der ersten Runde an … die Luxon wollte die Eindringlinge schnellstmöglich loswerden, die Ehre unter ihresgleichen ausmachen. Ihnen stellte sich der Krebs-Clan unter der Führung des Waldläufer Daeman und seinem älteren Bruder, dem Meereswächter Eli an. Da es sich bei ihnen und ihren Anhängern um reine Kampfklassen handelte, hatten die beiden relativ leichtes Spiel. Wesentlich schwieriger gestaltete sich da die Auseinandersetzung gegen ihre zweite Gegnergruppe – zwar war Aurora ebenfalls eine Waldläuferin, allerdings um einiges geschickter und brachte mit Meereswächterin Gita ihre persönliche Heilerin mit, die der Braunhaarige natürlich zuerst ausschalten wollte. Als er via Schattenschritt unmittelbar vor ihr auftauchte, um ihr seine Dolchknäufe in die Magengegend zu rammen, traf ein Sperrfeuer seine Waffen und schlug ihm diese aus der Hand. Ehe die Luxon einen weiteren Angriff auf Ohtah Ryutaiyo starten konnten, fegte ein Feuerball die Mitglieder des Schlagen-Clan aus dem Ring.
Den Mund offen stehend starrte er den sengenden Flammen hinterher, die sich in der Ferne langsam verflüchtigten. Im Nahpuiviertel war er auf dieselbe Weise gerettet worden … „Shiko!“
„Ich bin hier“, antwortete es hinter seinem Rücken. Beinahe wie in Zeitlupe drehte sich Ohtah Ryutaiyo zu ihr um. Da stand sie neben ihrem Mentor – lächelnd und vor allem unverletzt. Eine Welle der Erleichterung überkam ihn. Abermals verschwand er in die Schatten ab. Fast schon wie bei einem Déjà-vu tauchte der Assassine nur wenige Zentimeter vor der Zauberwirkerin wieder auf und legte eine Hand an ihre Wange – er musste sich einfach vergewissern, dass diese Shikon No Yosei kein Trugbild war … „Ich bin auch froh, dass es dir gut geht und wir wieder vereint sind.“
Perplex starrte er sie an. Erneut schaffte sie es, ihn auch ohne Worte zu verstehen … Die Wiedersehensfreude wurde jedoch jäh unterbrochen – das letzte Gitter hob sich und damit trat der Schildkröten-Clan auf den Plan. Ihr letztes Hindernis auf dem Weg zum Speer des Archimorus!
„Wie ich sehe, habt ihr die anderen Clans besiegt … Doch macht euch keine Hoffnung – ich werde euch die Ehre als Speerträger nicht überlassen“, verkündete Argo selbstsicher.
Dem Zorn nah wirbelte Ohtah Ryutaiyo auf dem Absatz herum, bereit ihm seine Arroganz endlich auszutreiben. Selbst ohne seine beiden Dolche war er auf der einen Seite alles andere als unbewaffnet und zum anderen würden für diesen aufgeblasenen Möchtegern-Piraten selbst seine bloßen Fäusten ausreichen …
Doch die Shing Jea legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn aufzuhalten und ging eigens direkt auf den gegnerischen Elementarmagier zu. „Argo … ich habe bereits viele Gerüchte über dich gehört, der du angeblich mit deinen Flammen das Jademeer zum Schmelzen bringen könntest. Trotzdem kann es ein schwerer Fehler sein, seinen Gegner zu unterschätzen – diese Lektion wirst auch du noch lernen … Mein Name lautet Shikon No Yosei, ich bin Fee der vier Elemente und fordere dich hiermit offiziell zu einem Duell der Magier heraus!“
„Was hätte ich denn davon auf diesen Vorschlag einzugehen?“, gab der Luxon hochmütig zurück, ehe er sie genauer musterte. „Andererseits … du gefällst mir. In Ordnung, ich nehme deine Herausforderung an. Und da ich natürlich als Sieger hervorgehen werde, kannst du dich schon mal auf eine feurig heiße Verabredung mit mir freuen!“
Während in Ohtah Ryutaiyo´s Kopf eine Szenerie aus seinen Tagen als Am Fah ablief – nur eben mit Argo als Opfer –, wagte es Shikon No Yosei nicht, eben jenen Assassinen anzusehen. Selbst wenn derzeit die Rettung des Reichs des Drachen nicht an erster Stelle stünde, könnte sie sich nicht auf Argo einlassen … Unwillkürlich schüttelte die Rothaarige den Kopf. Sie durfte sich jetzt nicht ablenken lassen – entgegen aller Selbstüberschätzung blieb Argo dennoch ein gefährlicher, ernstzunehmender Gegner.
Wie bereits im Aborstein erfüllte dasselbe warme, vertraute Gefühl ihr Inneres. „Du kannst ihn besiegen – ich bin bei dir …“
Tränen stiegen Shikon No Yosei in die Augen. Diese Stimme gehörte Teinai … Die Heldin hatte ihr ihren Segen geschenkt, der sich wie ein schützender Mantel um sie legte. Lächelnd stimmte sich die junge Elementarmagierin auf ihr Lieblingselement ein. Hier hieß es sprichwörtlich »Feuer mit Feuer bekämpfen«! Ihr Gegenüber wiederum interpretierte ihre Kanalisierung als Zeitschinderei und eröffnete den Kampf, indem er den Boden unter ihren Füßen in ein Kohlebecken verwandelte. Es gab allerdings einen guten Grund, warum Shikon No Yosei ihren Beinamen trug – die Handflächen in Richtung Boden zeigend stieß sie einen Schwall warme Luft daraus aus, sodass sie zu schweben begann und in einem Rückwärtssalto außerhalb des Wirkungsbereichs landete.
Im Kloster von Shing Jea hatte sie diese Fertigkeit mehr aus Zufall erworben – wütend über die Niederlage bei einem Zweikampf gegen Großmeister Vhang, hatte sie die Luft unter sich zum Brodeln gebracht und nur wenige Sekunden später die Bodenhaftung verloren; seitdem hatte er sie als »Fee« bezeichnet …
Nebenbei sei erwähnt, dass Ohtah Ryutaiyo noch mehr die Kinnlade herunter fiel, Meister Togo ein stolzes Lächeln auf dem Gesicht trug und Argo mehrfach blinzelte, was nicht allzu lange anhielt und stattdessen eine Salve von Flammengeschossen auslöste. Da Shikon No Yosei unmöglich allen ausweichen konnte, griff sie auf ihren Feuerschild zurück, um sich zu schützen.
Jede weitere Sekunde machte es dem Assassinen schwieriger, nicht in den Kampf einzugreifen … was auch unweigerlich ihre Niederlage bedeutet hätte und das Einzige war, das ihn noch davon abhielt – seine eiserne Selbstbeherrschung, die er durch jahrelange Übung beinahe perfektioniert hatte, verlor in ihrer Gegenwart deutlich an Wirkung.
„Weißt du, warum Shiko das tut? Ich meine, allein gegen Argo zu kämpfen“, wandte sich der Ritualist an ihn, ohne eine Antwort zu erwarten. „Um dir zu beweisen, dass sie genauso bereit ist, dich zu beschützen, riskiert sie alles … In gewisser Weise seid ihr euch unglaublich ähnlich – für eure Ziele würdet ihr beide sogar sterben.“
Ohtah Ryutaiyo sah zwischen Meister Togo und dessen Schützling hin und her. Anscheinend verstand ihr Mentor sie ebenfalls ohne große Erklärungen …
Derweil hatte die mutige Elementarmagierin endlich Argo´s Schwachpunkt entdeckt – einen tödlichen Schwachpunkt, um genau zu sein … er verbrauchte bei weitem zu viel Magie! Ein Duell auf diesem Niveau würde er so nicht mehr lange durchhalten … Und als wolle er ihre Vermutung unbewusst bestätigten, stoppten augenblicklich seine willkürlichen Geschosse.
Doch ließ sie ihm nicht die Zeit, seinen vernichtenden Schlag auszuführen – Shikon No Yosei öffnete sich Teinai´s Geist, um ihre Magie zu lenken, und riss die Arme in die Luft. „Ergib´ dich meinem Meteorenschauer, Argo!“
Ihre mächtige Attacke einzusetzen bot ein gewisses Risiko – den Statuten des Turniers nach durfte schließlich keinem Gegner ernsthaft geschadet werden … Aber als eines der führenden Mitglieder des Schildkröten-Clans war Argo sein Leben wichtiger, als sein Stolz und er wich rückwärts aus dem Ring. Damit war Shikon No Yosei des Duells und sie beendete den feurige Regen.
Ohtah Ryutaiyo wollte zu ihr eilen, doch Argo war schneller. Obendrein gab ihr sogar noch einen Handkuss. „Du bist eine unglaubliche Magierin … Der Kampf gegen dich hat mich stärker gemacht – dafür danke ich dir.“
Die Röte auf ihren Wangen bekräftigte das Missfallen des Assassinen und er ballte knurrend seine Hände zu Fäusten. Bis Shikon No Yosei über das ganze Gesicht grinsend zu ihren beiden Verbündeten zurückkehrte. Sofort verflüchtigte sich sein finsterer Ausdruck, sodass sie seine Reaktion nicht mitbekam.
„Herzlichen Glückwunsch, mein Kind“, sagte Meister Togo und streichelte ihr über den Kopf. „Den Speer des Archimorus zu führen, gebührt dir …“
Unter den grimmigen Blicken des Rats ging die schöne Shing Jea zum Podest und nahm die Waffe des einstigen Luxon-Champions an sich, währenddessen sammelte auch Ohtah Ryutaiyo seine verlorengegangen Klingen wieder ein. Ähnlich wie bei der Urne fühlte die Elementarmagierin die immense Kraft, die dem Artefakt innewohnte … Vizu´s Auftrag war erfüllt – blieb nur noch der Krake. Die drei Verbündeten machten sich in die Richtung auf, die Argo ihnen wies und alsbald gelangten sie zu jenem Krater, der als Boreas-Meeresgrund bekannt war und Zhu Hanuku sich bereits materialisiert hatte. Jedes Jahr formte das magische Geschöpf seinen Körper an dieser Stelle aus der Materie des Jademeers neu – daher wurde der Einschnitt stetig tiefer.
„Ich spiele den Lockvogel – dann hast du freie Bahn, erklärte der geschickte Assassine, wofür er einen besorgten Blick von der jungen Verteidigerin kassierte. „Jetzt ist es wieder meine Aufgabe, dich zu beschützen … und du musst Cantha retten, Shiko.“
Seufzend nickte Shikon No Yosei. Keine Sekunde später verschwamm seine Gestalt vor ihnen und schon war ein kreischender Laut der Kreatur zu vernehmen – Ohtah Ryutaiyo hatte ihm eine Handvoll Giftpfeile in den Leib gejagt und wich mit gekonnten Sprüngen den Schlägen der gepanzerten Tentakel aus.
Während Zhu Hanuku also von diesem Katz-und-Maus-Spiel abgelenkt war, schlich sich die Rothaarige von hinten an ihn heran. „Ich bitte Euch, Archimorus, leiht mir Eure Kraft!“ Damit warf sie den Speer auf den Kraken.
In einer orangefarbenen Explosion zerbarst sein Leib in tausend Splitter und die Luxon waren für einen weiteren Zyklus vor seiner Zerstörungswut sicher.
Seelenströme
Zurück in der Feste Maatu – und sehr zur Überraschung von Bruder Mhenlo, dass Shikon No Yosei den Rest ihrer kleinen Gruppe nicht nur gefunden hatte, sondern sie tatsächlich gebraucht worden war –, setzte sich Meister Togo, unterstützt von dem Mönch, direkt an das Studieren der beiden Artefakte. Als erfahrener Ritualist war er ebenfalls dazu in der Lage, die Geister der beiden Kämpfer zu spüren … Seiner Schülerin verordnete er ein wenig Ruhe, immerhin war sie nicht nur seit Tagen ohne Pause quer über den Kontinent unterwegs - die wahrlich recht junge Shing Jea hatte die Kraft eben jener Seelen kurz nacheinander aktiviert und war zudem noch eine Symbiose mit Teinai eingegangen. Zwar passte ihr die Anweisung ihres Mentors kein bisschen, allerdings musste sie leider gleichzeitig eingestehen, dass es letztlich ja eher kontraproduktiv wäre, wenn sie im Kampf gegen Shiro Tagachi plötzlich schlapp machen würde. Ohtah Ryutaiyo dagegen hatte das genau gegenteilige Problem – während er Shikon No Yosei´s Auszeit ebenso befürwortete, fühlte er sich selbst schon fast überflüssig. Vor den Toren des Nahpuiviertels hatte er ihr versprochen, er würde nicht zulassen, dass ihr Feind ihr Schaden zufügen würde … Nur wie sollte der Assassine dieses Versprechen, wenn er so schwach war, dass sie das Gefühl hatte, diesem widerlichen Argo allein gegenübertreten zu müssen? Wenigstens eines konnte er für die Operation beitragen – nach Aktivitäten von Shiro Tagachi Ausschau halten. Davon abgesehen dachte er über Shikon No Yosei und ihre Meinung bezüglich Argo nach … ihre geröteten Wangen und dass sie ihn nicht davon abgehalten hatte, sie zu berühren. Wahrscheinlich war es anmaßend gewesen zu glauben, er wäre der einzige Mann – außer Meister Togo versteht sich –, dem sie erlauben würde, sich ihr zu nähern. Doch die bloße Vorstellung über die beiden als Paar versetzte ihn in Rage. Jemand wie dieser eingebildete Möchtegern-Pirat durfte einfach nicht ihre Gunst erlangen!
Schnaubend schüttelte der frühere Am Fah den Kopf. In der Gilde hatte er im Grunde nur Befehle und Gehorsam gekannt … für Gefühle – außer vielleicht Stolz oder Selbstsicherheit – war nicht wirklich Platz gewesen. Seine Ausbildung hatte darauf abgezielt, jede andere Empfindung zu unterdrücken. Und dennoch, wenn er so zurückdachte, war er stets ein wenig anders gewesen, als die anderen Mitglieder. Ohtah Ryutaiyo hatte, in gewisser Weise, sogar Gnade walten lassen … etwas, das sein Ziehvater nicht hatte verstehen können. Ob Rien, nachdem er von dem Verrat seines Sohnes gehört hatte, wohl trotz aller Vorsätze wütend geworden war? Ja, Wut, Angst, Freude, Zuneigung … Der Assassine begriff gerade einmal im Ansatz, was all diese Regungen mit ihm machten. Seitdem Shikon No Yosei vor diesen eigentlich erst wenigen Tagen in sein Leben getreten war, hatte sie alles in ihm auf den Kopf gestellt. Und plötzlich musste er anstatt wie eine Kampfmaschine zu funktionieren, sich damit auseinandersetzen ein Mensch zu sein …
Ablenkung von diesem Gedankenkarussell war endlich in Sicht, als Ohtah Ryutaiyo einen Trupp kaiserlicher Soldaten belauschte, die sich über eine Sichtung von Shiro Tagachi im Sunjiang-Bezirk unterhielten. Durch das frühere Geschäftsviertel spannten sich merkwürdige, bläuliche Fäden … Außerdem waren seltsame Monster in der Kanalisation unterwegs – der Beschreibung nach musste es sich dabei erneut um gebundene und verdorbene Geister, den Shiro´ken handeln.
In der Feste Maatu erstattete er Meister Togo Bericht, den die Neuigkeit mehr verwirrte denn erfreute. „Keine einfache Wache meines Bruders hat die himmlische Prüfung abgelegt – sie haben ihn also nicht durch den Schleier der Nebel erblickt … Warum hat er sich ihnen gezeigt?“
„Weil es eine Falle ist, um uns anzulocken … Er weiß sicherlich, warum wir im Tahnnakai-Tempel waren und was Vizu uns geraten hat“, stellte der geschickte Assassine nüchtern fest. „Also haben wir keine andere Wahl, als direkt hineinzutappen.“
Der Ritualist nickte. Nur wenn sie sich darauf einließen, hätten sie eine Chance ihren Feind in seinem eigenen Spiel zu überlisten und seine Pläne zu ihren Gunsten zu durchkreuzen … „Ich verlasse mich auf dich. Wenn etwas … schiefgehen sollte, wirst du dich um Shiko kümmern.“
In einer fließenden Bewegung zog Ohtah Ryutaiyo einen seiner Dolche und ging vor ihm auf die Knie. „Ihr wird nichts geschehen – ich gebe Euch mein Wort.“
Spätestens seit ihrem Ausflug ins Jademeer genoss Ohtah Ryutaiyo die Achtung Meister Togo´s. Er hatte gesehen, wie es um den Assassinen bestellt war – ihm konnte er Shikon No Yosei beruhigt anvertrauen …
Shikon No Yosei war ebenfalls dankbar für die neue Mission – in den vergangenen Tagen war ihr Ohtah Ryutaiyo fast vollständig aus dem Weg gegangen. Ob er sich Vorwürfe machte, dass sie zu ihnen aufgeschlossen hatte und nicht umgekehrt? Aber dafür konnte er ja nichts … Umso enttäuschter musste die Rothaarige feststellen, dass der Assassine als Vorhut und Bote vorausgegangen war, um die kaiserlichen Wachen vom Eingreifen Meister Togo´s zu unterrichten. Daher empfingen diese sie Spalier stehend vor dem Eingang zur Kanalisation.
Respektvoll verneigte sich der Hauptmann. „Es ist uns eine Ehre. Habt Dank für Eure Unterstützung, Meister Togo.“
„Sorgt bitte dafür, dass die Anwohner nicht die Unterstadt betreten“, wies der Klosterleiter die Wachen an. Dann wandte er sich an seine Mitstreiter. „Egal was uns erwartet, wir müssen dieses Gebiet unbedingt vor Schaden bewahren.“
In diesem Moment löste sich eine Gestalt aus den Schatten. „Es sind keine verstreuten Passanten mehr unterwegs.“
Ein finsterer Ausdruck lag über dem Gesicht von Ohtah Ryutaiyo, welcher der Elementarmagierin nicht entging. Allerdings wäre sie nie darauf gekommen, was der Auslöser dafür war – um die Leute, in ihren Häusern zu halten, hatte er einen Auftritt als Am Fah hingelegt, natürlich ohne jemanden zu verletzen … dennoch fühlte es sich eigenartig an, diese Rolle nach ihrem wahren Gesicht auszufüllen und die Menschen in Angst zu versetzen.
„Danke für deinen Einsatz, Ohtah“, entgegnete Meister Togo, der im Gegensatz zu seinem Schützling in das Vorhaben eingeweiht war.
Der Assassine brummte etwas Unverständliches und zog blank – Zeit für die Mission. Bruder Mhenlo war die Urne des heiligen Viktor zugeteilt worden und Shikon No Yosei führte den Speer des Archimorus. Meister Togo folgend stiegen sie in die Kanalisation hinab – schon nach kurzer Zeit entdeckten sie das blau leuchtende Netzwerk, von dem Ohtah Ryutaiyo gehört hatte.
„Das sind Seelenströme“, erklärte der Ritualist, wobei seine Stimme sowohl verängstigt, als auch beeindruckt klang, „ein sehr altes Ritual, mit dem Shiro wohl neue Kräfte sammeln will … Wir können es nur beenden, indem wir jeden einzelnen Kernpunkt zerstören.“
Sie folgten dem Strom und entdeckten alsbald unter einem Energiekern, der von einem Portalgeist sowie einem Shiro´ken beschützt wurde, der sofort auf die Neuankömmling losging. Doch anstatt dessen Ziel trafen seine klingenbesetzten Arme auf zwei blitzende Dolche. Ohne eine Sekunde lang auf die Rückendeckung seiner Gefährten zu warten, schlitzte der Assassine den gebundenen Diener ratzfatz auf. Aber kaum hatte er ihm den Gnadenstoß verpasst, stürmte er bereits auf den Portalgeist zu. Von außen betrachtet, stellte sich die Frage, ob er aus den bisherigen Kämpfen nichts gelernt hatte … denn seine Schneiden glitten widerstandslos durch die astrale Gestalt hindurch und schleuderte ihn zudem mit einer Schockwelle zu Boden. Allerdings konnte sich der Wächter nicht lange an diesem Triumph erfreuen – ein Feuerball der hübschen Shing Jea verbannte ihn aus dieser Welt. Sogleich löste sich der Erste der Seelenströme auf.
Grummelnd sprang Ohtah Ryutaiyo zurück auf die Füße. „Ich hätte diesen mickrigen Wicht auch allein fertigmachen können.“
Verwirrt blinzelnd sah Shikon No Yosei ihn an. Es war ihr völlig schleierhaft, was in ihrem Begleiter vor sich ging. „Ohtah, ist mit dir alles in Ordnung? Wir sind doch ein Team … oder etwa nicht?“
Eine Antwort – wenn man es überhaupt so nennen konnte – kam nicht von Ohtah Ryutaiyo, sondern Meister Togo gab ein überdeutliches Räuspern von sich. Was immer zwischen ihnen stehen mochte, war aktuell zweitrangig … inmitten feindlichen Terrains durften sie sich keine Fehler erlauben. Beiden nickten auf die unausgesprochene Rüge und tatsächlich funktionierte ihre Zusammenarbeit bei den nächsten Gegner wieder wesentlich besser, dennoch blieb die angespannte Stimmung. Fünf weitere Knotenpunkte spürte die kleine Gruppe auf, bis sie schließlich auf einer Freifläche zum Zentrum der Zeremonie gelangten. Dort fanden sie jedoch keinen einfachen Portalgeist vor – Shiro Tagachi selbst schwebte im Lotossitz meditierend in der Energiekugel, zu der der Seelenstrom gehörte.
Sein Anblick entfachte Shikon No Yosei´s Zorn und sie marschierte direkt auf ihn zu. Bei ihrem letzten Aufeinandertreffen unterhalb des Vizunahplatzes war sie noch nicht imstande gewesen, ihn zu erblicken, nun hatte sie endlich ein Bild zum Namen ihres erklärten Feindes. „Shiro Tagachi, wir verlangen augenblicklich Eure Kapitulation gegenüber Cantha! Verlasst diese Welt – für immer!“
Sein höhnisches Lachen hallte durch die Kanalisation. „Ich denke nicht, dass ich dieser Forderung nachkommen werde … Ihr könnt Euch indessen gerne mit meinen Lieblingen beschäftigen!“
Aus dem Boden stieg eine ganze Truppe Shiro´ken-Konstrukte – viel zu nah bei der Elementarmagierin, als dass sie noch hätte ausreichend zurückweichen können. Der Krieger bewegte sich als erster und holte zum Schlag aus. Gleichwohl ging auch dieser Hieb ins Leere … es war, als hätte eine Böe sie urplötzlich erfasst und davongetragen.
„Es tut mir leid, Shiko … Diese Kerle erledigen wir zusammen“, meinte Ohtah Ryutaiyo, als er sie wieder absetzte – via Schattenschritt hatte er sie in Sicherheit gebracht und eilte auf dieselbe Weise zurück an die Kampflinie.
Die Freude, die sie in diesem Moment empfand, rührte nicht nur von ihrem Überleben her … er war ihr zu Hilfe geeilt und wollte wieder mit ihr gemeinsam kämpfen. Allein wäre jeder einzelne von ihnen sie den Shiro´ken sicher unterlegen gewesen – als Team sah das ganze vollkommen anders aus! Bruder Mhenlo aktivierte die schützende der Kraft der Urne, während Shikon No Yosei die Energie des Speers mit ihrer eigenen Magie kombinierte.
Als das letzte Konstrukt fiel, streckte Shiro Tagachi in die Hände in Richtung aus – gleich einem Magneten entriss ihnen eine ungeheure Anziehungskraft die beiden Artefakte. Ein Schrei entrang sich der Kehle der Rothaarigen, als sich seine Finger darum schlossen und die Energiekugel in einer gewaltigen Explosion zerbarst, sodass sie geblendet nur noch seine höhnische Stimme hören konnten. „Die Macht der Urne und des Speers ist vernichtet!“
Das war also in Wahrheit sein Vorhaben gewesen – sie waren ihm tatsächlich auf den Leim gegangen. Der Schock traf Shikon No Yosei bis ins Mark und alles um sie herum wurde schwarz …
Von Verzweiflung und Hoffnung
Drei Tage waren seit den Geschehnissen im Sunjiang-Bezirk vergangen … Drei Tage, in denen Shikon No Yosei kaum ansprechbar gewesen war oder wirklich etwas zu sich genommen hatte. Ihr Bewusstsein versuchte vehement sich vor den Ereignissen zu verschließen … ohne Erfolg. Verzweifelt starrte sie, auf einer Wiese des Pongmei-Tals sitzend, ins Leere. Angst erfüllte ihr Herz und Tränen liefen stumm über ihre Wangen. Zwar hatte Ohtah Ryutaiyo die Artefakte bergen können, aber nicht einmal Meister Togo mit seinen ausgeprägten, ritualistischen Fähigkeiten war es gelungen, ihre Seelen in die Gegenstände zurückzurufen. Sie waren für alle Zeiten in die Nebel eingegangen … das würde jedoch weder den Kurzick noch den Luxon ein Trost sein. Mehr noch – ohne die Hilfe von Viktor und Archimorus war Cantha dem Untergang geweiht … entweder würde die Pest sämtliche Bewohner des Kaiserreichs auslöschen oder Shiro Tagachi das Land vernichten. Die Elementarmagierin hatte auf ganzer Linie versagt und das Vertrauen ihres Mentors zutiefst enttäuscht … zumindest war sie davon fest überzeugt.
Selbst als jemand neben ihr Platz nahm, wandte die Rothaarige demjenigen nicht den Blick zu – zumal allein seine Aura ihn verriet. „Was willst du?“
„Meister Togo schickt mich, um nach dir zu sehen“, antwortete der Assassine und sah ebenfalls in die Ferne.
Seine Worte verletzten Shikon No Yosei mehr, als sie zugeben wollte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich die ganze Zeit über gewünscht, er würde ihr folgen – weil er sich um sie sorgte … weil sie ihm etwas bedeutete. Für sie war Ohtah Ryutaiyo weit mehr als nur ein Kampfgefährte, das wusste die Shing Jea längst. Weder ihre Hochachtung vor dem Klosterleiter noch ihr Respekt für Bruder Mhenlo konnten sich mit den Gefühl vergleichen, das sie für den Braunhaarigen empfand. Dennoch war es der Ritualist gewesen, der ihn ausgesendet hatte … „Du bist also auf seine Order hier …“
Die Traurigkeit in ihrer Stimme versetzte ihm einen Stich. Wieso musste sie ihn nur absichtlich falsch verstehen? „Ich war ohnehin auf dem Weg zu dir … weil ich mir Sorgen um dich mache, Shiko – du hast kaum gegessen noch getrunken oder gar geschlafen.“
„Du schläfst doch auch nicht“, gab die Rothaarige fast schon schnippisch zurück und hatte ihn damit wieder einmal genau durchschaut. Sie sah hinab auf die Feder und das Papier, die seit dem Morgen unberührt neben ihr im Gras lagen. „Ich wollte Sei einen Brief schreiben. Früher waren wir nie voneinander getrennt und jetzt sitzt sie bei den Zwergen in den Südlichen Zittergipfeln, ohne sie geringste Ahnung, was in Cantha derweil vor sich geht …“
Ohtah Ryutaiyo rückte näher an sie heran, legte ihr den Arm um die Schultern und sie lehnte sich gegen ihn. „Du vermisst deine Cousine bestimmt sehr.“
Im Tahnnakai-Tempel war Shikon No Yosei noch so glücklich gewesen, dass er sie auserwählt hatte – wenn er sich in Seiketsu No Akari´s Fall doch nur für jemand anderen entschieden hätte! Dann könnten sie das Ende wenigstens zusammen erleben … „Seiketsu und ich sind wie Schwester aufgewachsen – Bishu hat mich aufgezogen … weil meine Mutter bei meiner Geburt starb.“ Sie deutete auf ihre Kette, die sie zu jeder Zeit trug. „Das ist alles, was ich von ihr habe … Daraus habe ich bislang immer meine Kraft gezogen und ich … ich hatte das Gefühl, geliebt zu werden. Wer mein Vater ist, hat meine Tante mir nie gesagt – vielleicht weiß sie es auch gar nicht.“
„Dann haben wir etwas gemeinsam“, entgegnete der einstige Am Fah und unterdrückte ein melancholisches Lächeln. „Ich wurde als Säugling in den Gassen von Kaineng gefunden und mitgenommen. Früher dachte ich, was für ein Glück ich gehabt hatte … Rien war zwar streng, aber er liebte mich als seinen Sohn – bis zu meinem Verrat versteht sich.“
Mit dem Handrücken wischte sich die Zauberwirkerin über das Gesicht. Die Tränen waren durch seine Nähe versiegt … bei ihm fühlte sie sich geborgen und sicher. „Fehlt er dir?“
Überrascht sah Ohtah Ryutaiyo sie an. Nichts deutete daraufhin, dass sie sich gerade über einen Verbrecher unterhielten … stattdessen fragte sie nur nach seinem Ziehvater. „Ich würde lügen, wenn ich verneine – gleichzeitig kann ich nicht ausblenden, was er vorhat … Damit haben wir beide einen sehr guten Grund, Shiro zur Strecke zu bringen – du musst dafür sorgen, dass Seiketsu eine Heimat hat, in die sie zurückkehren kann … und ich schlage den Am Fah dadurch ein Schnippchen.“
Nun entfuhr der jungen Elementarmagierin ein resigniertes Seufzen. „Ich bitte dich, Ohtah, Viktor und Archimorus können uns jetzt nicht mehr helfen. Glaubst du wirklich, wir könnten Shiro da noch besiegen?“
„Hm, >glauben< ist das falsche Wort, denke ich …“, antwortete er und grinste plötzlich breit, „wir müssen einfach alles daran setzen, dass es so sein wird.“
Sein Optimismus verblüffte Shikon No Yosei, ungeachtet dessen nickte sie zustimmend. Ja, sie wollte noch einmal hoffen – solange ihr Ohtah Ryutaiyo zur Seite stand, durfte sie das Reich des Drachens nicht aufgeben. Diesmal führten nicht die legendären Kämpfer der Fraktionen den Kampf gegen Shiro Tagachi … es lag nun in ihrer Hand das Verderben Cantha´s abwenden! „Ich danke dir, Ohtah, du hast recht. Unser Land hat bereits genug gelitten! Der Jadewind hat alles in Chaos gestürzt – das Meer und der Wald, die zu Stein wurden … sogar Kaineng, in dem sich seitdem die Armut breitgemacht hat. Wir müssen diesen Wahnsinn endgültig beenden!“
Trotz ihrer neu gewonnen Entschlossenheit machte keiner von beiden Anstalten hineinzugehen. Dicht an dicht saßen sie mit verschränkten Fingern da und beobachteten, wie die Sonne langsam immer tiefer sank.
Das Opfer eines Molochs
Am nächsten Morgen brach Meister Togo allein ins Jademeer auf, um dem Ältestenrat die Vorkommnisse zu beichten und ihnen den Speer zurückzugeben. Er rechnete zwar nicht mit Verständnis, doch hielt er zumindest Rhea offen für Verhandlungen … Bruder Mhenlo übernahm diesen Part erneut beim Grafen zu Heltzer und dessen Tochter, die Shikon No Yosei ebenfalls in ihr Herz geschlossen hatte. Auf Geheiß des Ritualisten begleitete Ohtah Ryutaiyo in den Echowald – schien er im Moment doch der Einzige zu sein, der es vermochte, in der Elementarmagierin neue Kraft zu wecken.
Im Haus zu Heltzer knieten die drei Verbündeten vor den Regenten nieder, ehe der Mönch das Wort ergriff. „Verehrter Graf, werte Gräfin … wir kommen mit trauriger Kunde – wir haben eine Schuld auf uns geladen, die nicht mehr zu tilgen ist.“
„Wartet, Bruder Mhenlo, ich muss gestehen … Dieser Kampf ist meine Verantwortung“, unterbrach ihn Shikon No Yosei und erhob sich. „In der Unterstadt des Sunjiang-Bezirks sind meine Gefährten und ich auf Shiro gestoßen. Dort hat er … Er hat die Verbindung des heiligen Viktor zu seiner Urne gekappt. Es gibt kein Wort dafür, wie sehr ich es bereue, das Artefakt nicht ausreichend beschützt zu haben … Wenn Ihr Eure Wut gegen einen Schuldigen richten wollt, so bin ich bereit, jedwede Strafe auf mich zu nehmen.“
Eine gespenstige Stille verbreitete sich im Thronsaal. Wären die Kurzick nicht ohnehin bereits für ihre aristokratische Blässe bekannt, hätte diese Nachricht ihnen vermutlich sämtliche Farbe aus dem Gesicht getrieben.
Noch bevor ihre Gastgeber etwas auf ihr Geständnis erwidern konnten, stellte sich Ohtah Ryutaiyo vor sie – die Faust über seinem Herzen. „Cantha braucht Shiko! Wenn Ihr jemanden zur Rechenschaft ziehen wollt, nehmt mich.“
Shikon No Yosei öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, da ertönte die ehrfurchtgebietende Stimme des Grafen. „Schweigt! Ich wünsche keine weiteren Ratschläge. Ihr habt mein Vertrauen in Euch bis in seine Grundfesten erschüttert und das wertvollste Relikt unserer Fraktion einer unfassbaren Gefahr ausgesetzt … Ob ich Euch alle nun in Urgoz´ Bau werfen lasse oder nur einen von Euch bestrafe – wie Ihr bereits sagtet, Mhenlo, dies ist eine Schuld, die nicht wieder gutzumachen ist!“
„Vater, lasse Gnade walten … ich flehe dich an“, warf Danika zu Heltzer ein. „Bedenkt, Mhenlo ist praktisch einer von uns. Und wenn Ihr jetzt die Allianz mit ihnen brecht, werden die Kurzick unter dem Triumph von Shiro Tagachi größeres Leid erfahren, als durch den Verlust von Viktor's Geist.“
Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. „Meine Tochter hat weise gesprochen … Einst versprach Euch meine Frau dass in ihrem Haus stets ein Platz für Euch sei, Mhenlo – ich werde ihr Andenken nicht durch unnütze Rache schmälern.“ Petrov zu Heltzer machte eine bedeutungsvolle Pause. „Aber da uns der Schutz der Urne von nun an versagt ist, verlange ich, dass Ihr, Shikon No Yosei, und der Assassine, der Euch untersteht, diese Aufgabe übernehmt … Drei Freiwillige haben sich gemeldet, um unserem Volk als Moloche zu dienen – Ihr werdet sie sicher zum Hain der Ewigen Bäume eskortieren und feinen reibungslosen Ablauf des Rituals sorgen.“
Zum Glück stand Bruder Mhenlo in der Gunst der zu Heltzers … Die Gräfin reichte ihr eine Karte, auf der sie die Sammelpunkte der Rekruten eingezeichnet hatte – ihre Mission würde die beiden tief in den Echowald führen. Die Elementarmagierin hätte sich allerdings lieber einen anderen Ausgleich für ihre Schuld gewünscht. Denn Moloche waren doppelt mannshohe, pflanzliche Kreaturen, die von magischen Baumgeistern aus menschlichen Seelen geformt wurden. Die betreffende Person verlor dabei ihr Dasein als Mensch und wurde an einen Mutterbaum gebunden – solange dieser existierte, entstand der Moloch aus dessen Wurzeln immer wieder von Neuem. Das bedeutete, diejenigen, die sie beschützen sollten, würden am Ende trotzdem unweigerlich sterben … nur wegen eines vollkommen sinnlosen Krieges. Am liebsten hätte die junge Shing Jea, dem Herrscher die Wahrheit ins Gesicht geschrien, die Vizu ihnen im Tahnnakai-Tempel offenbart hatte – dass die beide Helden ihre Schneiden gemeinsam gegen Shiro Tagachi erhoben hatten. Stattdessen verabschiedeten sich Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo mit einer kurzen Verbeugung. Zunächst mussten sie sich erst einmal durch das Farntal schlagen, um zum Schrein der heiligen Anjeka zu gelangen – die junge Kurzick hatte einst an Frieden zwischen den Fraktionen geglaubt und solle, den Erzählungen nach, allerdings von einem Luxor mit einem Speerstoß mitten ins Herz getötet worden sein … so stand es jedenfalls auf einer Steintafel, an der die Rothaarige kurz verweilte.
„Glaubst du, sie werden jemals damit aufhören, sich zu bekriegen?“, warf der geschickte Assassine nachdenklich ein.
Eine der Kerzen, die um die Gedenkstätte herum aufgestellt waren, war erloschen. Shikon No Yosei ließ eine kleine Flamme an ihrem Zeigefinger entstehen und entzündete den Docht von neuem. „Hoffnung kann sich zu einem mächtigen Feuer entwickeln – ein gemeinsamer Feind könnte der Anfang sein.“
Verblüfft sah Ohtah Ryutaiyo sie an. In der Unterstadt war er zwar auf ein hilfloses, verzweifeltes Mädchen getroffen … das war indessen lediglich eine Momentaufnahme gewesen – in Wahrheit war Shikon No Yosei eine mutige, gütige, kluge, fähige, junge Frau. Ihr Mentor hatte wahrlich gut gewählt; wenn sie keinen Weg fand, Cantha zu retten, wäre es niemandem vergönnt. „Shiko … ich bleibe bis zum bitteren Ende an deiner Seite.“
Nun war es an ihr, überrascht aufzuschauen. Ihre Lippen formten ein Lächeln und sie griff nach seiner Hand. „Danke. Ich bin so froh, dass wir uns begegnet sind … Ohne dich würde ich das nicht schaffen, Ohtah.“
Sein Mund fühlte sich trocken an, während er sich wieder einmal in ihren schokoladenbraunen Augen verlor. Ganz unwillkürlich rückten ihre Körper näher zusammen. Der Braunhaarige versuchte den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte, herunterzuschlucken – was ihm gleichwohl nicht wirklich gelingen wollte. Mit einem vorgeschobenen Räuspern zog er sich unauffällig zurück. „Wir … sollten uns beeilen. Nicht, dass unsere Schutzbefohlenen noch ohne uns zum Ewigen Hain ziehen.“
„Ga-ganz deiner Meinung“, bestätigte die Elementarmagierin, deren Wangen fast schon glühten. Etwas war zwischen ihnen gewesen, das sie fast schon magisch zueinander hingezogen hatte … Dennoch hatte Ohtah Ryutaiyo ganz recht – ihr Auftrag stand gerade an oberster Stelle. Faktisch erreichten die beiden den ersten Treffpunkt just, als eine Einheit von Urgoz´ Aufsehern auf Klaus aufmerksam geworden war. Via Schattenschritt erschien er vor dem Kurzick und fing den Angriff auf diesen ab, ehe er selbst zum Gegenschlag überging.
Derweil eilte auch Shikon No Yosei zu dem verwunderten Kurzick, der sein Schwert erhoben vor sich hielt. „Wer … oder was seid Ihr? Ich warne Euch, ich bin ein äußerst talentierter Schwertkämpfer!“
„Bitte, entspannt Euch“, sprach die schöne Shing Jea beschwichtigend, „Petrov zu Heltzer schickt uns, um Euch zu geleiten.“ Sie nannte ihren Namen und stellte auch Ohtah Ryutaiyo vor, der gerade die letzten Bogenschütze ironischerweise mit seinen Giftpfeilen ausschaltete.
Der Krieger zog seine Stirn kraus, ließ jedoch seine Waffe sinken. „Ich verstehe. Natürlich weiß unser verehrter Graf um meine herausragenden Fertigkeiten, möchte aber selbstredend, dass ich mich vor dem Ritual schone. Nun gut, ich gestatte Euch, meine Eskorte zu sein.“
„Dieser Trupp wirkte wie ein Patrouille“, bemerkte der ehemalige Am Fah. „Bleibt ein paar Schritte hinter mir.“
Damit setzte sich die kleine Gruppe in Bewegung. Ein Blick auf die Karte hatte dem geschickten Assassinen ausgereicht, um sich problemlos im Drazachdickicht zurecht und den Weg zu Leiber zu finden. Wer auch immer sich die Stelle ausgesucht hatte, wusste entweder nichts von den zahlreichen, beseelten Pflanzen oder wollte sie auf die Probe stellen. Überheblich stürzte Klaus mit gezückter Klinge auf sie zu, doch Ohtah Ryutaiyo reagierte schneller. In Sekundenbruchteilen stieß er den Schwarzhaarigen so kraftvoll zur Seite, sodass dieser nur knapp einer todbringenden Dornensalve entging, und versuchte sich seinerseits als Gärtner. Obwohl ihm die Arroganz des Kurzick gehörig gegen den Strich ging – man könnte fast den Eindruck gewinnen, er wäre mit Argo verwandt –, konnten sie es nicht riskieren, sein Volk noch mehr zu erzürnen.
„Ist alles in Ordnung mit Euch?“, wandte sich Shikon No Yosei unterdessen an Klaus und half ihm auf.
Aufgebracht klopfte er sich den Dreck von der Kleidung. „Nein, ganz und gar nicht! Ich erwarte etwas mehr Respekt von meiner Leibgarde!“
„Ihr scheint die Gefahr, in der Ihr Euch befunden habt, übersehen zu haben. Ohtah hat Euch das Leben gerettet. Ihr solltet ihm vielmehr dankbar sein“, entgegnete die Elementarmagierin schnippisch und hätte dem Kurzick für seine Unverschämtheit am liebsten eine Ohrfeige verpasst.
Da legte besagte Assassine, der nach erfolgreicher Tätigkeit zu ihnen aufgeschlossen hatte, ihr eine Hand auf die Schulter. „Lass´ gut sein, Shiko. Wir sollten uns lieber beeilen … Für Cantha.“
Seufzend nickte die Rothaarige. Wenigstens klebte an seinem Körper nur etwas Pflanzensaft und kein Blut …
Der Pfad führte hinab in eine Talsenke – dort erwartete sie der nächste Freiwillige, Arm in Arm mit seiner Geliebten. „Anya … es ist soweit. Ich bitte Euch, haltet mich in Eurer Erinnerung, aber trauert nicht um mich.“
„Ich liebe Euch, Leiber – Euer mutiges Opfer wird niemals in Vergessenheit geraten, das schwöre ich Euch“, erwiderte die Kurzick und küsste ihn.
Der herzzerreißende Abschied tat Shikon No Yosei in der Seele weh. In dieser Welt würden sie sich niemals mehr wiedersehen – Pflicht konnte also auch den Tod der Liebe bedeuten … Ihr Kopf wanderte langsam von dem Liebespaar vor ihnen zur Seite und traf auf Ohtah Ryutaiyo´s Blick, der ebenfalls betroffen wirkte. Für einen Moment schien die Welt um sie herum still zu stehen …
Es war Leiber, der sie aus ihren Gedanken riss. „Ich bin bereit, mich dem Zauber der Baumbarden zu unterwerfen.“ Beide zuckten zusammen, fingen sich aber rasch wieder und machten sich zum letzten Sammelpunkt auf, der verlassen da lag.
„Shiko, sag mir bitte, dass du eine Aura wahrnehmen kannst“, meinte der Stratege mit trockener Kehle.
Zitternd senkte die Elementarmagierin ihre Lider und konzentrierte sich. Die Auren ihrer Begleiter flammten sofort vor ihrem geistigen Auge auf - sie spürte sogar die kreuchenden und fleuchenden Lebensformen, bis einige hundert Meter weiter eine weitere Präsenz ähnlich derer von Klaus und Leiber ihre Aufmerksamkeit erregte. Erleichtert atmete Shikon No Yosei auf. „Ich hab´ sie!“
Sie übernahm die Führung, folgte ihrem Gefühl. Und tatsächlich – Berta war einfach bereits auf eigene Faust zum Eingang des Ewigen Hains gegangen. Im Stillen sandte die schöne Shing Jea hastig ein Dankgebet an die Geister der Nebel, dass ihr dabei nichts zugestoßen war, während sich die Kurzick lauthals über die Verspätung des Geleits beklagte. Trotzdem hatten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo damit den ersten Teil der Bedingung erfüllt.
Baron Mirek Vasburg, der für die Überwachung des Rituals verantwortlich war, nahm die beiden sowie die drei Freiwilligen in Empfang. „Ich danke Euch für Euren Einsatz. Aber diese dreckigen Luxon sind in unser Territorium eingedrungen!“
„Bitte, hört mich an, mein Herr – die Luxon sind nicht länger die größte Bedrohung für den Echowald. Shiro Tagachi´s Diener und die Befallenen sind auf dem Vormarsch“, erklärte Shikon No Yosei mit ernster Miene. „Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie selbst in dieses Gebiet vordringen.“ Das war genau genommen nicht nur ein Bluff … Aufgrund von Viktor´s und Archimorus´ Rolle bei seinem Kampf gegen Vizu standen ihre Heimaten sicherlich ganz weit oben auf seiner Prioritätenliste.
Der Adlige zog abfällig eine Augenbraue hoch. „Shiro Tagachi? Befallene? Lachhaft!“ Ehe die junge Elementarmagierin ihrer Empörung weiter Luft machen konnte, ertönte die Alarmglocke – jeder Kurzick in der näheren Umgebung wusste, was dieses Zeichen bedeutete und Baron Vasburg bellte seine Befehle. „Schnell, alle Mann auf Position, schützt die Ewigen Bäume! Und Ihr werdet uns, entsprechend der Anweisung seiner Erlaucht, unterstützen!“
Der Satz galt Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo, die einen bedeutungsvollen Blick tauschten. Sie hatten keine andere Wahl, als sich seinem Willen zu beugen … gleichzeitig mussten sie sehr vorsichtig vorgehen – es durfte weder einer der Baumbarden noch ein Luxon bei diesem Kampf etwas zustoßen. Nicht zum ersten Mal wünschte sich die Rothaarige, Seiketsu No Akari wäre bei ihr. Der Ewige Hain war ein kreisrundes Heiligtum, das drei Bäume des ursprünglichen Echowaldes mit seiner Energie speiste – ihnen hatte der Jadewind nichts anhaben können. Inmitten der fast schon schauderhaften Düsternis der restlichen Umgebung schienen die saftgrünen Blätter umso heller zu leuchten. Für Shikon No Yosei war ein solcher Anblick im Grunde nichts besonderes – auf Shing Jea herrschte das blühende Leben. Die Kurzick dagegen erinnerte daran, wie ihre Welt einst gewesen war … und es hoffentlich eines Tages wieder sein würde. In den hohlen Stämmen lebten die sogenannten Baumbarden, die ersten Nachkommen von Urgoz´, die von seinem Einfluss verschont geblieben und daher nicht dem Wahnsinn verfallen waren. Ihr Gesang führte die Verwandlung der Kurzick in Moloche herbei … Klaus, Leiber und Berta reichten sich nacheinander die Hände, ehe jeder von ihnen seinen Platz einnahm. Shikon No Yosei wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel – es gab eben verschiedene Arten, das zu beschützen, was man liebte. Sollte es ihr gelingen, Shiro Tagachi aufzuhalten, wäre sie auch nicht mehr dieselbe, wie diejenige, welche zusammen mit Meister Togo sein Gildensymbol in Zen Daijun entdeckt hatte … Schon jetzt erweckte es Eindruck, als sei seit jenem Tag bereits eine Ewigkeit vergangen.
„Wir müssen uns verteilen“, stellte der geschickte Assassine fest, der sich in der Zwischenzeit mit ihrem Verbündeten beraten hatte, und wies auf die drei Zugänge. „Baron Vasburg, du und ich verteidigen jeweils einen Eingang. Er unterstellt uns auch seine Soldaten.“
Mehr Aufschub blieb ihnen nicht – schon trat die erste Welle der anrückenden Luxon aus dem Unterholz. Flüchtig streifte Ohtah Ryutaiyo ihre Wange, dann verschwand er via Schattenschritt und wies die Kämpfer an, die Ewigen Bäume samt deren Bewohner zu bewachen. Lächelnd tat Shikon No Yosei es ihm gleich. Anschließend setzten sie die ersten Angreifer außer Gefecht – mit ihrer Luftmagie konnte die Elementarmagierin Lähmungserscheinungen hervorrufen und der Braunhaarige verstand sich nicht nur auf tödliche Gifte. Da ertönte ein weiterer Warnruf. Eine Riesenschildkröte, die von Argo´s Clan für die Kriegsführung eingesetzt wurde, rückte an. Ihre Belagerungsartillerie nahm einen der drei Ewigen Bäume ins Visier … Wenn dieser Schuss sein Ziel traf, würde von dem Gewächs nichts mehr übrig bleiben. Und Leiber, der gerade darunter kniete, käme dabei ebenfalls ums Leben – noch war das Ritual nämlich nicht abgeschlossen. Das durfte nicht geschehen! Selbst wenn Shikon No Yosei damit den Zorn des Luxon-Elementarmagiers auf sich zog, wechselte sie zurück zu ihrer Feuermagie. Als Bewohner des Jademeeres war die Belagerungsschildkröte trotz ihres harten Panzers, der sie gegen den meisten physischen Schaden bewahrte, anfällig für Flammen. Das Tier verendete, was den Willen der Luxon noch weiter befeuerte … Die Kurzick-Soldaten eilten der Rothaarigen zu Hilfe. Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Verluste, trotzdem konnte keine Fraktion die Oberhand gewinnen. Plötzlich herrschte überall ein einziges Chaos – als wären Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo direkt in einen Alptraum des Krieges hineingefallen. Die beiden fühlten sich vollkommen machtlos – ihr ganzer Plan, die Verluste zu minimieren, löste sich in Luft auf … Bis rund um den Ewigen Hain herum das Geräusch von Hörnern. Die Kampfhandlungen endeten augenblicklich … Und sie junge Shing Jea traute ihren Augen nicht, Übelkeit kroch aus der Magengegend hoch zu ihrem Hals. Am Rande der Lichtung, in dessen Zentrum die heilige Stätte prangte, war ein Pulk abstruser Wesen erschienen. Ihre Körper waren unförmig, mit Pusteln und Beulen übersät – genau wie prophezeit waren die Befallenen in den Echowald eingedrungen! Nachdem Shiro Tagachi sie ihres Nationalschatzes beraubt hatte, stand nun die Vernichtung dieses Allerheiligste auf der Tagesordnung. Der Anführer der Luxon, der die Gefahr ebenso realisierte, schwenkte die weiße Flagge.
„Rückzug in den Ewigen Hain! Die Befallenen dürfen Euch unter keinen Umständen berühren, sonst geht die Krankheit auch auf Euch über“, schallte die Stimme von Shikon No Yosei über das Schlachtfeld, deren Ruf die Kurzick umgehend Folge leisteten. „Das gilt für alle!“ Etwas zögerlich kamen nun auch die Luxon ihrer Aufforderung nach, wagten es jedoch nicht einzutreten.
„Für den Moment müssen wir unsere Differenzen wohl beiseite legen, wenn wir das hier überleben wollen“, sagte der Anführer der Luxon, der die Friedensfahne hielt.
Alle Blicke richteten sich auf den Baron, dem die Führungsgewalt auf Kurzickseite inne lag. In ihm kämpften der Hass auf die Luxon und sein strategisches Wissen gegeneinander … Schlussendlich siegte die Vernunft. „Bis auf weiteres sind wir Verbündete!“
Diese Entscheidung unterstrich den Ernst der Lage. Keine Zeit für mehr als einen kurzen, mentalen Austausch zwischen Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo in Form eines Nickens – ein Versprechen an den jeweils anderen, vorsichtig zu sein, bevor jeder auf seinen Posten zurückkehrte. Da stürmte bereits der erste Schwall Befallener heran, besonders ein hammerschwingender Krieger stellte eine Bedrohung dar – denn er rannte die schöne Zauberwirkerin einfach über den Haufen. Die Soldaten waren so überrumpelt von der wilden Brutalität, dass sie sich nicht rühren konnte. Dies war ihr erstes Zusammentreffen mit den Opfern der Pest …Den Geistern der Nebel sei dank war ein gewisser, ehemaliger Am Fah nicht so unaufmerksam – der Schlag des Befallenen verlief ins leere, denn er riss seine Begleiterin gerade rechtzeitig mit sich zur Seite, während er gleichzeitig im Flug einen todbringenden Giftpfeil warf.
„Shiko, geht es dir gut?“, fragte Ohtah Ryutaiyo sie besorgt.
Dankbar schenkte Shikon No Yosei ihrem Retter ein strahlendes Lächeln. „Du bist mein Held!“
Er erwiderte ihre Geste und verschwand ebenso schnell wieder, wie er aufgetaucht war. Seine Schnelligkeit erstaunte sie immer wieder und rüttelte ihre neuen Verbündeten wach. Jeder einzelne von ihnen kämpfte verbissen, während der Strom an Feinden nicht abreißen wollte. Unwillkürlich wurden die Angriffe Ohtah Ryutaiyo´s langsam träger und auch der unermüdliche Einsatz ihrer Magie machte sich bei Shikon No Yosei bemerkbar. Eine leichte Erschütterung, die von rieselndem Laub begleitet wurde, ließ die beiden herumfahren. Waren etwa doch Befallene unbemerkt in den Ewigen Hain eingefallen?
„Die Erweckungszeremonie ist abgeschlossen“, verkündete Mirek Vasburg, dessen Schwert durch die Reihen ihrer Gegner schnitt.
Perplex beobachteten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo, wie sich die golemartigen Kreaturen, die durch die Seelen von Klaus, Leiber und Berta bewegt wurden, erhoben. Ihre Bewegungsabläufe wirkten noch etwas unkoordiniert, als die Infanterie der Kurzick in den Kampf eingriff. Gerade rechtzeitig, um sich der letzten, gewaltigen Horde entgegenzustellen. Sie bildeten eine Art Blockade, einen magischen Abwehrring.
„Überlasst das mir“, befahl die schöne Elementarmagierin ihrer erschöpften Einheit und trat hinter die Moloche. Zwar hatte sie ihr eigenes Limit selbst fast erreichte, doch in ihrem Geist erwachte Teinai´s Präsenz – bereit für einen allerletzten Schlag. Gemeinsam wirkten die Shing Jea einen breitgefächerten Meteorenschauer, welcher die Schlacht der gemischten Zwangsallianz endlich ein Ende bereitete. Entkräftet schwankte Shikon No Yosei, ihre Beine wollten sie nicht länger tragen.
Statt auf dem Boden aufzuschlagen, sank sie in die Arme von Ohtah Ryutaiyo, der rechtzeitig auffing. „Diesmal hast du es echt übertrieben.“
„Entschuldige …“, murmelte sie etwas kleinlaut, woraufhin er belustigt den Kopf schüttelte. Erst als der Baron zu ihnen stieß, wurden beide wieder ernst. „Glaubt Ihr uns jetzt?“
Resigniert seufzte der Oberbefehlshaber. „Diesen Beweisen zu meinen Füßen kann ich nur schwer widersprechen. Seid gewiss, wann immer Ihr uns braucht, wird Euch die Kurzick-Armee unterstützen.“
Schatten der Eifersucht
Das Angebot des Barons, die Nacht in seinem Haus zu verbringen, nahmen Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo dankbar an. Es befremdete Mirek Vasburg allerdings, dass sie ohne Bund der Ehe ein gemeinsames Quartier wünschten. Seine Frau Attia Vasburg stellte die These auf, dass Insulaner vermutlich etwas eigentümlicher in ihrem Denken waren … schließlich schickte Meister Togo zur Rettung des Kontinents anstelle einer Armee lediglich ein Mädchen, einen jungen Mann, einen Mönch und sich selbst in den Kampf.
Apropos der Ritualist – seine Unterredung in Cavalon, der Hauptstadt des Jademeeres war ähnlich nervenaufreibenden gewesen, wie das Abenteuer seiner Schützlinge im Ewigen Hain. Er verneigte sich förmlich vor der Ältesten und wappnete sich innerlich bereits für ihr Donnerwetter. „Rhea, es tut mir unsagbar leid – die Seele von Archimorus ist in die Nebel eingegangen … Verlange von mir, was du willst, um den Zorn deines Volkes zu besänftigen.“
„Und wenn ich den Tod deiner Schülerin fordern würde, die meinem Großneffen den Kopf verdreht hat?“, entgegnete sie überraschend ruhig, jedoch mit solch schrecklichen Inhalt, dass es ihm die Gesichtszüge entglitten. Die Luxon unterdessen stellte zwei Becher auf den niedrigen Tisch und goss eine schlammfarbene Brühe hinein – Algentee. „Kein Grund zur Sorge, alter Freund … ich würde dich doch nie dazu zwingen, deine Tochter zu opfern.“
„Woher weißt du das?“, wollte Meister Togo verwundert wissen, während ihm der Schreck noch in den Gliedern steckte.
Auf ihren Wink nahm er Platz, dann legte sie die Stirn in Falten, als wäre seine Frage eine Beleidigung gewesen. „Ich bitte dich, Togo … Als wir uns kennenlernten warst du kaum älter, als sie es jetzt ist, und sie hat unverkennbar deine Augen - ich habe sie in der Arena sofort erkannt.“
Ertappt seufzte der Leiter des Klosters und erzählte ihr die ganze Geschichte - jedenfalls beinahe … die Worte Suun´s klammerte er aus.
„Ich nehme es dir nicht übel, dass du dich in eine andere Frau verliebt hast“, meinte die Schwarzhaarige, nachdem er geendet hatte. „Und was den Speer betrifft – beides war Vorhersehung. Das ändert allerdings nichts daran, dass ihr unbedacht mit unserem wertvollsten Artefakt umgegangen seid … unsere Gesetze verlangen einen Gegenwert.“
Meister Togo nickte. Diesen Brauch der Luxon kannte er … „An was hast du gedacht?“
„Wie du weißt, stamme ich aus dem Schildkröten-Clan“, antwortete die Älteste und ihr Mund formte schiefes Lächeln. Mit dieser vagen Andeutung hatte sie das Gespräch vorerst beendet.
Die Enthüllung folgte erst, als Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo am nächsten Tag zu ihnen stießen. Sehr zum Missfallen des Assassinen befanden sich die Älteren in der Begleitung eines gewissen Elementarmagiers … „Liebste Shiko, es ist mir eine große Freude, dich wiederzusehen.“ Wie bereits in der Arena berührte Argo ihren Handrücken mit seinen Lippen.
„Sind wir nicht wegen einer … Schuld hier?“, unterbrach der Braunhaarige die Annäherung.
Der Champion tat, als würde seine Anwesenheit ihm erst jetzt auffallen. „Ach, du bist ja auch da – wirklich schade, ich hatte so gehofft mit Shiko allein sein zu können … Aber gut, da wir immer wieder Verluste hinnehmen müssen, ist es für uns umso wichtiger, dass möglichst viele Nachkommen unserer Riesenschildkröten heranwachsen können.“ Ihr Nistplatz, genannt Gyala-Brutstätte, lag östlich von Cavalon - dorthin kehrten die Weibchen der gewaltigen Panzertiere zurück, um ihre Eier abzulegen. Sobald die Jungtiere geschlüpft waren, führte ihr Instinkt sie zu einem Archipel des Leviathangruben, das an die Creon-Jademine grenzte. Diese Wanderung wurde jedes Mal von einem Ausfall Kurzick überfallen.
Gab es für die Fraktionen eigentlich überhaupt keine Aufgabe, die nichts mit ihrer Auseinandersetzung zu tun hatte? Shikon No Yosei bezweifelte, dass die Kunde des Waffenstillstandes bereits zu den möglichen Angreifern vorgedrungen war, wenn weder der Argo noch der Ältestenrat Kenntnis davon hatten. In Ohtah Ryutaiyo´s Kopf gingen ähnliche Gedanken ihren Gang - sie wurden nur von Wut über Argo überschattet. Nichtsdestotrotz war ihnen beiden klar, dass sie ein großes Problem hatten …
Per Handzeichen bedeutete Meister Togo seinen Verbündeten – nachdem er sich für einen kurzen Moment entschuldigt hatte – ihm zu folgen. Sie entfernten sich ein paar Schritt, sodass die Luxon ihr Gespräch nicht mitanhören konnten. „Was ist im Echowald geschehen?“
Wie unter Strom gesetzt berichtete Shikon No Yosei ihm von der Forderung des Grafen sowie den Ereignissen im Ewigen Hain – vor allem vom Angriff der Befallenen. „Der einzige Trost ist, dass wir dadurch eine Einstellung der Kampfhandlungen erwirken konnten.“
„Das hilft uns sehr“, beglückwünschte ihr Mentor sie zu dieser Erfolg. „Ich befürchte nämlich, dass sich uns bald eine Armee entgegenstellen wird, der wir allein nicht mehr gewachsen sein werden.“
Für einen Moment herrschte bedrückte Stille, dann meldete sich Ohtah Ryutaiyo zu Wort. „Dieser Möchtegern-Pirat befürchtet einen Angriff der Kurzick … Wenn wir das für uns nutzen, können wir beide Fraktionen auf unsere Seite ziehen.“ Flüsternd erklärte er ihnen seinen Plan und die Shing Jea kam nicht umhin, erneut sein strategisches Geschick zu bewundern.
Argo, dem ebendieser Stratege genauso ein Dorn im Auge war wie umgekehrt, schloss zu ihnen auf. „In einer Stunde beginnt die Mission. Darf ich dir bis dahin die Schönheit meiner Heimat zeigen, liebste Shiko?“ Er bot ihr seinen Arm mit einer leichten Verbeugung an, die ebenso gut von einem aristokratischen Kurzick hätte stammen können.
„Ich … also …“, stammelte die schöne Shing Jea überfordert und sah flehend zu Ohtah Ryutaiyo oder besser gesagt an die Stelle, an der er bis vor wenigen Sekunden noch gestanden hatte. „Ge-gern, Argo. Ich freue mich, mehr über die Luxon-Kultur zu lernen.“
Zum wiederholten Mal, seit sich Meister Togo im Jademeer befand, seufzte er und ein tonloses Murmeln drang aus seiner Kehle. „Das Herz tut Dinge aus Gründen, die der Verstand nicht nachvollziehen kann …“
Ein Trupp des Schildkröten-Clans bewachte die Jungtiere der Riesenschildkröten, als Argo und Shikon No Yosei die Gyala-Brutstätte erreichten. Von Ohtah Ryutaiyo fehlte jedoch jede Spur … Er lag in den Maishang-Hügeln auf der höchsten Astgabel einer Esche. Seine Wut – die man schlichtweg als Eifersucht bezeichnen konnte – war deutlich an seinen geballten Fäusten erkennbar. Die Dolche hatte der geschickte Assassine vorsichtshalber im Halfter gelassen, sonst hätte er nicht dafür garantieren können, dass nicht doch seine dunkle Auftragskiller-Vergangenheit zum Vorschein käme und er sich aufmachen würde, um Argo eine Freifahrtkarte in die Nebel zu spendieren …
„Solltest du nicht lieber an Shiko´s Seite sein, anstelle hier die Aussicht zu genießen, oder hast du vor, sie Argo kampflos zu überlassen?!“, erklang plötzlich eine bekannte Stimme – Meister Togo stand unten am Stamm und wirkte auf gewisse Weise ungehalten. „Ich habe dich bislang nicht für einen Mann gehalten, der einfach aufgibt – vielmehr hatte ich den Eindruck, sie würde dir etwas bedeuten … aber ich glaube, das weißt du selbst am Besten.“
Ertappt starrte Ohtah Ryutaiyo zu dem Ritualisten hinab. „Shiko ist doch bereits auf sein schmalziges Gesülze reingefallen – ich wäre da nur im Weg.“
„Du musst wohl noch eine ganze Menge lernen … Gerade du müsstest verstehen, warum Shiko ihm aktuell nicht offen widerspricht – sie fühlt sich weiterhin verantwortlich für die Entweihung der Nationalschätze“, entgegnete der Klosterleiter kopfschüttelnd, ehe er auf eine Art zu lächeln begann, die dem einstigen Am Fah seltsam vertraut vorkam … darin lagen Stolz und noch etwas, das er nicht in Worte zu fassen vermochte. „Glaub´ mir, wenn ich dir versichere, dass Shiko keinerlei romantische Gefühle für Argo hegt. Natürlich kann sich das jederzeit ändern … vor allem wenn sie so lange mit ihm allein gelassen wird – wie ich von Rhea gehört habe, lässt ihr Großneffe ja trotz seiner Feueraffinität nichts so leicht anbrennen.“
Die Wahrheit seiner Worte traf ihn wie einen Schlag ins Gesicht und er verfluchte sich innerlich für seine Dummheit … Elegant sprang er in einer fließenden Bewegung zu Boden. „Danke … Meister. Ich beeile mich wohl besser, bevor der Tross ohne mich loszieht.“
In der Zwischenzeit betrachtete Argo betrachtete abermals den Stand der Sonne. „Wir müssen los, Shiko, sonst werden die Schildkröten nicht überleben.“
Wer oder was konnte bloß dafür verantwortlich sein, dass Ohtah Ryutaiyo sie im Stich ließ? Dabei hatte er ihr wiederholt das genaue Gegenteil versprochen … Bevor der Elementarmagier sie erneut drängen konnte, erschien der Braunhaarige auf einer kristallisierten Welle. „Entschuldigt … ich hatte etwas zu erledigen.“ Ein Blick in sein Gesicht, über dem ein finsterer Schatten lag, genügte der jungen Shing Jea, um zu wissen, dass er log … Etwas musste in der vergangenen Stunde vorgefallen sein – etwas, das er vor ihr geheim halten wollte. „Wir sollten aufbrechen. Ich übernehme den Schutz der Zugspitze.“
Mit einem zufriedenen Grinsen legte Argo einen Arm um Shikon No Yosei, die sich sogleich von ihm losmachte. „Ich werde mich im mittleren Bereich aufhalten. Dann kannst du uns nach hinten absichern.“
Im Verlauf des Weges sollte sich herausstellen, dass dies ein kluges Vorgehen gewesen war – kaum hatte die Gruppe die Hälfte des Weges hinter sich gelassen, wurden sie tatsächlich von Kurzick angegriffen. Die Nerven bis auf das Äußerste gespannt nahmen die beiden diesen besonderen Kampf auf.
„Argo, bleib´ du bei den Jungtieren!“, wies Shikon No Yosei den Luxon an, der es nicht wagte, ihr zu widersprechen, und rief die Macht des Wassers an, wobei sie auf der spiegelglatten Jade ausrutschte.
Dieses Missgeschick blieb einem der Waldläufer nicht verborgen – er legte einen Pfeil an die Sehne und zielte mit seinem Bogen auf ihre Brust. Ein kehliger Schrei entrann sich ihr, während das Geschoss auf sie zuraste. Starr vor Schreck war Shikon No Yosei unfähig auszuweichen. Zitternd kniff sie angesichts des sicheren Treffers die Augen zu. Wie sehr sie ihre Unfähigkeit in solchen Momenten verabscheute! Allerdings blieb der erwartete Schmerz aus, dafür spürte die Zauberwirkerin eine überaus vertraute Gegenwart – schockiert starrte sie in Ohtah Ryutaiyo´s Gesicht, das wenige Zentimeter über ihrem eigenen schwebte. „OHTAH!“
Er hatte sich über sie geworfen, um das Projektil abzufangen. Einen Wimpernschlag lang zwinkerte der geschickte Assassine ihr zu, ehe in der nächsten Sekunde ein Kinnhaken den Schützen bewusstlos schlug. Seiner Meinung nach, eine viel zu milde Strafe für die Attacke auf Shikon No Yosei – es hatte ihn jedes Quäntchen seiner Selbstbeherrschung gekostet den Waldläufer nicht zu töten.
„Ohtah, du … du bist nicht verletzt? Ich verstehe das nicht … Geht es dir wirklich gut?“, stotterte die schöne Elementarmagierin, als er wieder an ihre Seite zurückgekehrt war.
Ihre Sorge trieb ihm die Röte auf die Wangen. Lächelnd half er ihr hoch. „Der Pfeil ist an meinem Am Fah-Umhang abgeprallt … Aber ich hätte mein Versprechen unter allen Umständen gehalten.“
Zwar hatte Ohtah Ryutaiyo geschworen, sie – wenn nötig unter Einsatz seines Lebens – zu beschützen und diese Bereitschaft auch schon unter Beweis gestellt, doch noch nie war er dadurch so sehr in Gefahr geraten … Sein Einsatz rührte Shikon No Yosei und gleichzeitig schmerzte es sie. Wenn er ihretwegen ums Leben kam, könnte sie das nicht ertragen …
Argo, der die ganze Situation beobachtet hatte, knirschte mit den Zähnen. Wenn er sich nicht beeilte, würde ihm dieser dahergelaufene Straßen-Assassine am Ende noch zuvor kommen! Der Rest der Reise verlief ohne weitere Zwischenfälle – am Leviathangruben angekommen, verließen die kleinen Schildkröten die Gruppe und gingen ihrer Wege. Damit war die Mission allerdings längst zu Ende … die Kurzick waren ihnen heimlich für einen Hinterhalt gefolgt.
Aber Shikon No Yosei reagierte schneller und hielt sich bereit, die Fronten gegebenenfalls durch Magie auf Abstand zu halten. „Hört mich an! Mein Name lautet Shikon No Yosei. Mein Begleiter Ohtah Ryutaiyo und ich sind Gesandte von Meister Togo. Cantha steht am Rand des Untergangs … denn Shiro Tagachi ist zurückgekehrt! Der Echowald wurde bereits von seinen Schergen angegriffen und das Jademeer wird mit Sicherheit auch nicht verschont bleiben.“
Der Assassine trat neben sie und nahm ihre Hand. „Den Kampf gegen den Verräter werden wir selbst führen. Aber die Pest wird erst dann endgültig verschwinden, wenn sämtliche Befallenen und Shiro´ken getötet sind … deshalb flehen wir jeden einzelnen von Euch um Hilfe an, nicht als Kurzick oder Luxon – Cantha ist unser aller Heimat!“
Die Mitglieder der Fraktionen betrachten einander, als sähen sie sich zum ersten Mal. Man merkte ihnen an, dass sie die Möglichkeiten gründlich abwogen … Wie bei Baron Vasburg standen Hass und Überlebenswille im Disput miteinander. Zweihundert Jahre Krieg ließen sich nicht so einfach vergessen – aber wie Shikon No Yosei festgestellt hatte … ein gemeinsamer Feind war zumindest ein Anfang. Nacheinander legten erst die Kurzick ihre Fäuste auf die Brust, dann salutierte ein Luxon nach anderen. Sie hatten ihre Bitte erhöht …
Gerührt verneigte sich die Shikon Jea vor ihnen. „Ich danke Euch für Euer Vertrauen. Seid versichert, Shiro Tagachi wird seine Rückkehr bereuen!“
Jubel belohnte ihre Worte und eine Erinnerung aus ihrer Kindheit durchströmte sie – ohne Mutter und Vater hatte sich die kleine Shing Jea immer nach einem Platz in dieser Welt gesehnt … ein Ort, an den sie gehörte, und eine Aufgabe, die sie erfüllen würde. Kaum dass sie hatte laufen können, half sie den Bewohnern des Dorfs Tsumei so gut, wie sie eben konnte; unterstützte sie beim Tragen von Einkaufen, assistierte bei den Erntearbeiten auf den Feldern, übernahm einfache Botengänge. Ihre Tante hatte Shikon No Yosei oft dafür ausgeschimpft, wenn sie zu spät oder dreckig nach Hause gekommen war. Damals war in ihr der Wunsch gewachsen, immer ihrem eigenen Weg zu folgen … Endlich hatte sie das Gefühl, dieses Ziel aus vollem Herzen zu verfolgen und ihr Schicksal als Heldin zu erfüllen.
Da räusperte sich Argo, was die Rothaarige zusammenzucken ließ. „Shiko, ich muss mit dir unter vier Augen sprechen.“
Sie sah ihn an und nickte langsam. Einem Teil von ihr graute vor dem Gespräch … Um die Leben seiner eingeschworenen Todfeinde zu schützen, hatte sie ihn wissentlich hintergangen und obendrein seine ganze Fraktion gezwungen, sich mit ihnen zu verbünden. Wie hätte er da nicht vor Wut kochen können? Der Elementarmagier führte sie zu einer der Terrassen der Jademine mit einer beeindruckenden Aussicht – hunderte Meter fiel der Bruch vor ihren Füßen in die Tiefe hinab. So viel Schaden der Jadewind auch angerichtet haben mochte, hatte er ebenso diese Schönheit zu verantworten.
„Seit unserem Duell habe ich viel nachgedacht … Du hast mich verändert“, begann Argo und zog damit ihren Blick auf sich. „Shikon No Yosei … ich, Argo, Champion des Schildkröten-Clans, habe mich in dich in verliebt!“
Sie hätte es voraussehen müssen … Argo hatte die ganze Zeit über Andeutungen gemacht. Und auch wenn Shikon No Yosei seine Gefühle nicht erwiderte, schmerzte es sie ihm wehtun zu müssen. „Argo … es tut mir sehr leid. Die Geister der Nebel haben entschieden, dass ich diejenige sein soll, die gegen Shiro Tagachi antreten muss. Außerdem-“
„Außerdem gehört dein Herz bereits einem anderen … Ist es nicht so?“, unterbrach Argo ihre Erklärung. Die plötzliche Rotfärbung ihres Gesichts war ihm Antwort genug und er gab ihr einen zarten Kuss auf die Stirn. „Ich wusste es. Aber auch, wenn ich ihn auf gewisse Weise beneide … er scheint mir doch etwas, sagen wir, schwer von Begriff zu sein.“
Das Lachen, das Shikon No Yosei ihm danach schenkte, würde der Luxon niemals vergessen, denn dieses eine Mal galt es ganz allein Argo …
Eine letzte Chance
Der Assassine hatte Shikon No Yosei nicht darauf angesprochen, was Argo von ihr gewollt hatte. Und die Elementarmagierin hatte nicht vor, Ohtah Ryutaiyo davon zu erzählen. Solange ihre Aufgabe nicht erfüllt war, musste diese Angelegenheit zwischen ihnen warten … Dafür erreichte zu ihrer großen Überraschung Meister Togo den Leviathangruben nur kurze Zeit nach ihnen; er war ihnen auf einem Jadesegler – einem Segelboot, das mithilfe von Windkraft über den Kristallboden glitt – gefolgt. So beeindruckend ihre Leistung mit den Kurzick und Luxon auch war, löste es ihr eigentliches Problem leider überhaupt nicht. Ursprünglich hatten sie von Viktor und Archimorus erfahren wollen, was Shiro Tagachi´s Schwachpunkt war … Da dies nun nicht mehr möglich war, blieb ihnen nur eine letzte Möglichkeit, in die sie all ihre verbliebene Hoffnung legten – neben den beiden Fraktionskämpfern und Vizu gab es noch ein einziges Wesen in Cantha, das bereits zu jener Zeit gelebt hatte … Kuunavang, die weise Drachin und letzte Überlebende ihrer Art. Ihre Heimat waren die inzwischen sogenannten >Verschlafenen Gewässer<, der südlichste Punkt des Kontinents. Dort trafen der Echowald und das Jademeer in einem gewaltigen Strudel aufeinander, der durch die Auswirkungen des Jadewindes ebenfalls erstarrt war. Früher war dieser Ort für den Erntetempel Kuan Jun berühmt gewesen, in den sich der amtierende Kaiser für mehrere Tage eingeschlossen hatte, um unter ständigem Glockengeläut für den guten Ertrag des aktuellen Jahres zu danken und für die kommende Periode zu beten. Hier hatte Shiro Tagachi einst seinen Herrn, den zu beschützen er geschworen hatte, getötet und damit den Jadewind über das Reich gebracht …
Kaum erreichte die kleine Gruppe die Ausläufe des Strudels, bot sich ihnen eine erschreckende Erkenntnis – das gesamte Gebiet wurde von Befallenen belagert.
Der Leiter des Klosters rieb sich nachdenklich über die Stirn. „Jetzt begreife ich auch, warum Mhenlo noch nicht hier eingetroffen ist …“
„Wenn sie bis hierher vorgedrungen sind, muss Kuunavang Shiro´s nächstes Ziel sein!“, schlussfolgerte die schöne Shing Jea schockiert. Gleichzeitig bedeutete das aber auch, dass sie auf der richtigen Fährte waren - überflüssig war schließlich keine seiner Taten gewesen. „Wir müssen sofort handeln.“
Mit dieser Entschlossenheit rückten sie aus und mitten hinein in eine Schlacht. War bereits eine große Schar Befallener bis zum Ewigen Hain vorgedrungen, stellte diese Horde ihre vorherige Gegnerzahl bei weitem in den Schatten. Und sie alle waren einst Canthaner gewesen … Selbst wenn Shiro Tagachi den Besten aller Gründe vorweisen könnte, um die Herrschaft über das Kaiserreich zu beanspruchen, würde ihm Shikon No Yosei diese zahllosen Opfer niemals verzeihen! Eine Emotion, die ihre Feuermagie anheizte – sehr zum Widerstreben von Großmeister Vhang, wäre er zugegen gewesen. Doch mit ihrem Zorn stand die Elementarmagierin nicht auf verlorenem Posten. Kaum hatten sie Kampfstellung bezogen, fegten Ohtah Ryutaiyo´s Dolche wie ein messerscharfer Tornado durch die Reihen ihrer Gegner. Die Kurzick gaben ihm dabei Rückendeckung und Meister Togo samt seiner Schülerin Feuerschutz. Doch irgendetwas an diesen Befallenen waren anders … sie waren stärker, zäher – kein Vergleich zu jenen aus Zen Daijun oder auf dem Vizunahplatz. Einem der Assassinen gelang es, seine Schneiden mit den Klingen des Braunhaarigen zu verkanten. Jeder von ihnen versuchte die Oberhand zu gewinnen.
„Ohtah!“, rief Shikon No Yosei nach ihm und sein Name glich einem Zauber, das ein schiefes Grinsen auf seinem Gesicht auslöste.
Nur eine Sekunde später stürzte die Kreatur zu Boden, ehe sich von hinten Dolche in seinen Leib bohrten. Der einstige Am Fah hatte seine Position mithilfe eines Schattenschritts gewechselt. Als ob er unter dem Blick der Shing Jea einen Zweikampf verlieren würde … Sein Lächeln gefror allerdings umgehend, denn ein riesiger Schatten zog über sie hinweg und verbreitete einen widerlichen Gestank nach Schwefel. Es war Kuunavang, deren Körper eine feuerrote Farbe aufwies – durch Pusteln entstellt ähnelte die Drachin in gewisser Weise den Befallenen. „Shiro hat sie verhext!“
Schockiert betrachteten seine Kampfgefährten das uralte Geschöpf. Der verfluchte Verräter war ihnen schon wieder einen riesigen Schritt voraus …
„Ihr habt es gewagt, hier einzudringen – dafür sollt ihr meinen Zorn zu spüren bekommen!“, sprach Kuunavang mit einer grässlich verzerrten Stimme und öffnete ihr Maul, das von rasiermesserscharfen Fangzähnen eingerahmt wurde, für einen Blitzangriff.
Gleichzeitig stürmte eine weitere Gruppe Befallener auf die Verbündeten zu. Der Assassine ging sofort zum Angriff über – erneut zog er eine tödliche Schneise durch ihre Linien. Derweil hatte die Drachin offensichtlich genug Energie angesammelt und nahm ihr Ziel ins Visier …
„Meister Togo!“, schrie seine Schülerin panisch.
Der dunkle Energiestrahl raste auf ihn zu, ohne eine Möglichkeit zu entkommen. Aber es war nicht der Ritualist davon getroffen wurde … Shikon No Yosei fiel bewusstlos zu Boden, Qualm stieg von ihrem Körper auf. Sie hatte ihre Geschwindigkeit durch Luftmagie erhöht und sich schützend vor ihren Mentor gestellt. Die Macht der Drachin, deren Lebensjahre in Jahrhunderten gezählt wurden, war für ein junges Mädchen von gerade einmal fünfzehn Jahren jedoch viel zu stark gewesen.
Ohtah Ryutaiyo, der gerade dem letzten Befallenen den Gnadenstoß verpasst hatte, drehte sich zu seinen Kameraden um und erfasste die Situation mit seinem strategischen Verstand, während sein Herz einen Moment still zu stehen schien. Das Mädchen, das er um jeden Preis zu beschützen geschworen hatte, lag da wie tot … Sein Blick wurde leer, sein Gang schwankend. Er kniete sich neben sie, ließ achtlos seine Dolche fallen und und nahm stattdessen ihre Hand. Kein Lebenszeichen rührte sich in ihr. „Ich habe mein Versprechen nicht gehalten … Ich habe versagt. Als du mich wirklich gebraucht hast, war ich nicht zur Stelle. Bitte, Shiko – nicht du. Verlass´ mich nicht … Ich brauche dich!“ Zum ersten Mal seit unzähligen Jahren rann eine salzige Flüssigkeit über seine Wangen …
Meister Togo dagegen war wie erstarrt. Nicht der Assassine hatte, so wie er sagte, versagt … die Schuld lag allein beim Klosterleiter. Trotz all des Risikos, das der Kampf gegen Shiro Tagachi bot, hatte er sich eingebildet, mächtig genug zu sein, um sie vor Schaden zu schützen. Nur darum hatte er auch nach Bruder Mhenlo schicken lassen – wenn er doch jetzt an ihrer Seite wäre … Dem Ergrauten war es nicht um seine Verbindung zum Haus zu Heltzer gegangen, sondern einzig zu ihrem Schutz. Weil Shikon No Yosei für ihn das Wichtigste in seinem Leben war … das letzte Stück von seiner geliebten Kai in dieser Welt. Kraftlos sank er in die Knie, unfähig sich länger auf den Beinen zu halten.
Über den mangelnden Erfolg knurrend setzte Kuunavang zu einem erneuten Versuch an. Die schwarzen Blitze durchschnitten surrend die Luft. Sanft streichelte Ohtah Ryutaiyo über die Wange von Shikon No Yosei. Wenn er schon den Tod fand, war er froh, dass er ihr wenigstens unmittelbar in die Nebel folgen würde …
Da strahlte ihr Körper plötzlich ein weißes Licht aus, das sich wie eine Kuppel über die Kämpfer spannte und die finstere Kraft Kuunavang's neutralisierte. Der Ritualist und der Assassine kannten dieses Licht … Unter den perplexen Blicken der beiden Männer öffnete Shikon No Yosei langsam die Augen.
„Shi-Shiko …“, hauchte Ohtah Ryutaiyo ungläubig - hatte er bis eben geglaubt, sie wäre tot.
Die Elementarmagierin setzte sich auf und lächelte. Es galt jedoch nicht ihm, sondern einer Gestalt, die sie in einer schützenden Umarmung hielt und dem Assassinen sowie dem Ritualisten erst in dieser Sekunde auffiel. „Ich danke dir, Teinai.“
Die Heldin erwiderte ihr Lächeln, ehe sie erneut mit ihrem Geist verschmolz, was das ausströmende Licht noch verstärkte.
„Ich verstehe …“, murmelte Meister Togo beeindruckt, „durch die Verbindung zu Teinai lernt Shiko die reine Energie nach ihrem Willen zu nutzen.“ Im Tahnnakai-Tempel hatte es mehr einem Impuls geglichen, denn wirklicher Kontrolle.
Seite an Seite mit Ohtah Ryutaiyo stand Shikon No Yosei auf und sah zur verdorbenen Version der ehrwürdigen Verkörperung des Kaiserreichs, die vergeblich versuchte, gegen den gleißenden Schutzschild anzukommen. In der alten Sprache aus den Anfängen der Geschichtsschreibung des Kontinents, bevor sich tyrianisch als offizielle Amtssprache durchgesetzt hatte, lautete die Bezeichnung ihrer Gattung »Can«. Und »Cantha« bezeichnete die Heimat der Drachen. Diesen heiligen Wesen Schaden zuzufügen, bedeutete den höchstmöglichen Frevel zu begehen … „Zeit, die wahre Kuunavang kennenzulernen!“ Ohtah Ryutaiyo löste seinen Griff, wollte sich zurückziehen, doch die Rothaarige hielt ihn fest. „Ich brauche dich auch …“
Seine Augen weiteten sich. Hatte sie ihn vorhin etwa gehört? Ein warmes Gefühl pumpte durch seine Adern – sicherlich ein Effekt ihrer Magie. Er drückte ihre Hand und legte ihr den freien Arm um die Taille, um sie zu stützen.
Gemeinsam mit Teinai komprimierte Shikon No Yosei die Energie vor ihrem Körper in Form eines Balls, den sie auf Kuunavang lenkten und in einem hellen Schein explodierte.
Als sich alles wieder beruhigt hatte, hockte die Drachin zusammengekauert auf einer kristallinen Welle - ihre Schuppen glitzerten in den verschiedensten Grün- und Blautönen. Erschöpfung war aus ihrer melodischen Stimme herauszuhören. „Durch die Berührung von Shiro Tagachi verkam mein Körper … und mein Geist verfiel dem Wahnsinn. Ihr habt mich von seinem Einfluss befreit – ich schulde Euch meinen Dank.“ Mit schwachem Flügelschlag richtete sich Kuunavang wieder auf. „Leider vermag ich Euch die Frage, die Euch zu mir geführt hat, nicht zu beantworten. Aber ich kann Euch dennoch weiterhelfen – durch unseren Kontakt bekam ich einen Einblick in Shiro Tagachi´s Pläne. Er benötigt nur noch kaiserliches Blut, um sein Ritual zu beenden.“
„Kisu … ich hatte es befürchtet“, entfuhr es Meister Togo tonlos. Entgegen der allgemeinen Annahme hatte sich der Ritualist nicht etwa auf die Insel Shing Jea zurückgezogen, damit er nicht das Ansehen der kaiserlichen Familie in Verruf brachte – sein Bruder wollte ihn durch die Schirmherrschaft eher ihm gleichstellen. Ein Zeichen ihrer tiefen Verbundenheit … „Wir müssen umgehend in den Raisu-Palast!“
Die Drachin knurrte. „Er ist ebenfalls bereits auf dem Weg zum Kaiser … Ich werde Euch auf meinem Rücken dorthin tragen. Aber zuvor, junge Shikon No Yosei, verleihe ich Euch einem Teil meiner Macht.“ Besagte Elementarmagierin verneigte sich ehrfürchtig und ein feuriger Hauch ihres Drachenatems ging über sie hinweg. „Diese Kraft des Himmelssturms ist nur so stark, wie Euer eigener Mut … das ist der Schlüssel zu einem Sieg über den Verräter.“
Sie nickte ernst. Nie hätte sie zu träumen gewagt, einmal über solche Macht zu verfügen … und konnte es sogar jetzt kaum glauben.
Kaiserliches Blut
Es war ein unbeschreibliches Gefühl von einem Drachen getragen über das Land zu segeln … Unter ihnen zog die Landschaft dahin, alles wirkte kleiner und gleichzeitig spürten sie die mystische Kraft Kuunavang´s in jeder ihrer Bewegungen. Doch bevor sie nach Kaineng aufbrechen konnten, musste die Gruppe noch einen Zwischenstopp einlegen, der einiges an Aufsehen erregte, um ihr verbliebenes Mitglied einzusammeln. Dank der Fähigkeit von Shikon No Yosei fanden sie Bruder Mhenlo im Fort Espenwald, das direkt ans Jademeer grenzte, weshalb es früher häufig Ziel von Überfällen der Luxon geworden war. Zumindest für den Moment waren diese Zeiten vorbei – zusammen mit Baron Vasburg und den Clan-Anführern hatte der Mönch dort in den letzten Tagen einen provisorischen Stützpunkt für die neu geschmiedete Allianz eingerichtet. Zudem hatte er bereits eine Garnison Kurzick sowie Luxon – zu denen sogar Gräfin Danika und Argo gehörten – in Richtung Raisu-Palast entsandt.
„Das ist unglaublich! Wie habt Ihr diese Entwicklung nur voraussehen können?“, hakte die junge Elementarmagierin begeistert nach.
Bruder Mhenlo verneigte sich und wies auf den Ritualisten. „Diese Ehre gebührt nicht mir – Meister Togo hat Shiro´s Vorhaben durchschaut.“
Nach all den Vorzeichen war dem Klosterleiter aufgrund seiner langjährigen Studien klar gewesen, was Shiro Tagachi´s oberstes Ziel sein musste – nicht die Rache an den Fraktionen, sondern ein erneuter Angriff auf den Kaiser … Mit dem Mord an dessen Vorfahren hatte der Fluch seinen Anfang genommen, ein weiteres Opfer kaiserlichen Blutes sollte ihn daher negieren. „Ich danke dir, alter Freund – ohne deine Initiative würden wir sicherlich nicht rechtzeitig zum Thronsaal gelangen.“ Genau wie der Erntetempel war das Herzstück des kaiserlichen Refugiums auf geheiligtem Boden errichtet worden. Und dort war sein Bruder gerade im Begriff von Shiro Tagachi attackiert zu werden … Wie oft musste er auf dieser Mission bloß noch um seine geliebte Menschen bangen?
Eilig und gleichzeitig unbehaglich kletterte Bruder Mhenlo auf den Rücken der weisen Drachin. Auf der kurzen Strecke zum Zentrum von Kaineng brachten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo den Mönch über die Ergebnisse in den Verschlafenen Gewässer auf den aktuellen Stand, um ihn von der Höhe abzulenken – mit Erfolg. Die Nahtoderfahrung der Shing Jea schockierte ihn derart, dass er vollkommen vergaß, wo er sich befand. Nur die Landung löste einen spitzen Schrei seinerseits aus, während der Klosterleiter noch aus der Luft absprang und sich sofort an ihr Begrüßungskomitee wandte. Der geschickte Assassine reichte der Rothaarige die Hand und glitt mit ihr über die Schuppen hinab, ehe die beiden, gefolgt von Bruder Mhenlo, der es ebenfalls herunter geschafft hatte, zu ihrem Mentor aufschlossen.
„Shiko!“, riefen Argo und Danika zu Heltzer im Gleichklang.
Erleichtert, dass der Einsatztrupp den Palast erreicht und sogar die Erstversorgung der Torwächter übernommen, die den Einmarsch von Shiro Tagachi samt seiner Armee aus Shiro´ken überlebt hatten, umarmte Shikon No Yosei ihre beiden Verbündeten – ein Schnauben von Ohtah Ryutaiyo erinnerte sie daran, dass er ja nichts über den ihres Gesprächs mit dem Champion des Schildkröten-Clans.
Meister Togo stieß derweil einen Fluch aus, weil ihnen der verräterische Assassine erneut zuvor gekommen war. Von einer Sekunde zur anderen war sein sonst besonnenes Auftreten vollkommen verschwunden.
„Hört mir zu“, sprach seine Schülerin so laut, dass alle sie verstehen konnten, „Meister Togo, Bruder Mhenlo, Ohtah und ich werden auf dem Weg zum Thronsaal so gut es eben geht, unsere Kräfte sparen, damit wir gewappnet sind, wenn wir Shiro Tagachi gegenüberstehen … Wenn es ihm gelingt, den Kaiser zu töten, haben wir auf ganzer Linie versagt und für Cantha wird es kein morgen mehr geben. Ich verlasse mich auf Eure Unterstützung!“ In dieser Situation, da ihr Mentor nicht in der Lage war, ihre Unternehmung zu führen, musste Shikon No Yosei seinen Platz einnehmen – dafür hatte er sie ausgebildet.
Das einst hilflose Mädchen aus der Unterstadt war einer starken Anführerin gewichen, dachte Ohtah Ryutaiyo lächelnd und kniete mit gezogener Waffe nieder. Auch die anderen Kämpfer bekundeten ihre Bereitschaft, der schönen Elementarmagierin in den Kampf zu folgen.
„Ich werde das Tor und die Verwundeten bewachen, falls noch weitere Feinde im Anmarsch sind“, verkündete Kuunavang. „Vergesst nicht, was ich Euch sagte …“
Dankbar für die Unterstützung der Drachin nickte die Rothaarige. Ein Zangenangriff würde ihnen sicher zum Verhängnis werden … Ihrem Befehl nach übernahmen Argo und Gräfin Danika das Kommando über den Einfall in den Palast. Während sich die Fraktionsmitglieder formierten, ging sie mit ihren beiden Gefährten auf Meister Togo zu. Ein unkontrolliertes Zittern überlief seinen Körper. „Wisst Ihr, was mich diese Reise gelehrt hat? Mut bedeutet Angst zu haben … und trotzdem weiterzugehen.“
Unvermittelt hielt der Ritualist inne. Wann war Shikon No Yosei nur so reif, so erwachsen geworden? Seine Unruhe erstarb und das typische Lächeln, wenn er sie betrachtete, kehrte auf seine Lippen zurück. „Ich folge dir, mein Kind.“ Nicht mehr um sie vorzubereiten, sondern weil sie bereit war, diese Verantwortung zu tragen …
Trotz ihres Vorhabens, sich erst einmal zurückzuhalten, stimmte sich die Elementarmagierin auf ihr Lieblingselement ein. Anschließend schloss die kleine Gruppe zum Stoßtrupp auf und sie traten durch das Haupttor zum Raisu-Palast. Bereits im ersten Hof wimmelte es von kriegerischen Konstrukten. Im Affekt wollte Ohtah Ryutaiyo auf sie zustürmen, doch Shikon No Yosei packte ihn am Ärmel fest – beiden fiel es schwer, den Kurzick und Luxon beim Kampf nur zuzusehen. Gräfin Danika sprach unaufhörlich ihre Schutzgebete, um die Kämpfer vor Schaden zu bewahren, und Argo´s Technik hatte sich komplett gewandelt – er feuerte nicht mehr wahllos drauflos, sondern suchte nach Lücken und gab Rückendeckung. Obwohl der Assassine genervt die Augen verdrehte, musste er zugeben, dass der Schildkröten-Champion sich durchaus weiterentwickelt hatte. Nach diesem Scharmützel stellte sich ihnen in einem weiterem Torbogen eine kleine Schwadron an Nekromanten entgegen – die Meister der Todes- und Fluchmagie waren entgegen ihrer geringeren Zahl eine größere Herausforderung. Es war Bruder Mhenlo, der ihren Vorsatz als erster brach und die gegnerischen Verhexungen mit einem heilenden Spruch aufhob. Rasch bereiteten ihnen die verbündeten Fraktionen ein Ende, ehe die Shiro´ken erneut ihre dunkle Zauberkräfte wirken konnten. Im nächsten Raum wurden sie von Waldläufern erwartet.
„Schilde hoch!“, schrie Argo – keine Sekunde später schnellte ein Pfeilhagel von den Sehnen und schlug in die schützenden Platten ein.
Ihr klassengegebener Vorteil gegenüber Elementarmagie rief nun den einstigen Am Fah auf den Plan – wenngleich sie sich selbst ebenfalls Giften bedienten, waren Waldläufer für seine Mischungen dennoch anfällig. Wie ein Schauer aus dem Schatten prasselten die tödlichen Spitzen auf die Feinde nieder und räumten ihnen den Pfad frei, der in einen Saal mit einem künstlichen Bachlauf mündete … genau ins Herrschaftsgebiet der gebundenen Elementarmagier, deren Körper an Drachen erinnerten. Sofort wies Danika zu Heltzer an anzuhalten, während Shikon No Yosei in Gedanken nach Teinai, die ihr die Arme um die Schultern legte.
Ihr blieb lediglich dieser eine Schlag, um der Bedrohung Einhalt zu gebieten. „Meteorenschauer!“ Ein riesiges, schwarzes Loch tat sich über der gesamten Decke auf und glühend heiße Gesteinsbrocken regneten herab. So viel zum Thema mit ihrer Energie haushalten … Schwankend brach Shikon No Yosei den Zauber ab, als sämtliche Shiro´ken in diesem Bereich von ihrem Band ans Diesseits befreit waren. Ohtah Ryutaiyo wollte sie stützen, aber sie schüttelte ihn ab. „Es geht mir gut. Gehen wir weiter.“ Zweifelnde Blicke folgten ihr, als die Shing Jea das Gespräch mit Danika zu Heltzer und Argo suchte.
Auch bei den Fraktionsmitglieder machte sich die Erschöpfung langsam bemerkbar – ihnen steckte der lange Marsch aus dem Echowald und Jademeer bis nach Kaineng noch in den Gliedern.
„Ihr dürft nicht mehr eingreifen“, meinte die Aristokratin in ernstem Tonfall. „Wir mögen angeschlagen sein, sind aber noch lange nicht am Ende unserer Kräfte – sonst hätten wir wohl kaum zweihundert Jahre Krieg gegen diese zähen Luxon überstanden.“
Über dieses eigentümliche Kompliment zog der Elementarmagier eine Augenbraue hoch, dann grinste er breit. „Richtig, schließlich waren wir einst Piraten und haben uns noch nie aufhalten lassen!“ Er stieß einen lauten Pfiff zwischen den Zähnen aus und sofort nahm die Vorhut wieder Haltung an. Gerade rechtzeitig, denn der Ton hatte auch die shiro´kischen Ritualisten von jenseits der Brücke angelockt. Wildes Kampfgeschrei untermauerte ihre Entschlossenheit, den Worten ihrer Anführer gerecht zu werden. Womit Shiro Tagachi auch gerechnet hatte, definitiv nicht mit dem unbeugsamen Willen der Kurzick und Luxon.
„Wenn wir die Brücke überquert haben, kommen wir zum Vorraum des Thronsaals“, informierte der Klosterleiter seine Mitstreiter.
Ihr letztes Hindernis waren gebundene Assassinen – natürlich verließ sich der Verräter zuletzt auf die heimtückischen Fertigkeiten seiner eigenen Klasse.
„Für Shiko!“, kam es erneut gleichzeitig von Argo und Danika zu Heltzer, die diesen letzten Angriff in vorderster Front anführten.
Die klingenbesetzten Arme, welche die Assassinen wie ein vertikales Windrad zum Drehen konnten glich einem Messer gespickten Tornado – nur dass es davon gleich zehn Exemplare gab. Zum Glück beherrschte der Champion des Schildkröten-Clans ebenso wie seine Angebetete nicht bloß Feuermagie und stoppte die todbringenden Rotationen mit Felswänden, die er aus dem Boden wachsen ließ. Nun konnten die Kämpfer den Rest erledigen. Den Weg durch den Palast als »harten Kampf« zu bezeichnen, wäre wohl die Untertreibung des Jahrhunderts gewesen – allein wären Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Meister Togo und Bruder Mhenlo verloren gewesen …
„Ab hier übernehmen wir“, verkündete die Rothaarige und verneigte sich vor der Allianz. „Habt vielen Dank für Euren Einsatz. Ruht Euch nun aus.“
Argo und Danika zu Heltzer sahen ihr bangend nach. Der entscheidende Moment war gekommen – die Reise, die in Minister Cho´s Anwesen ihren Anfang genommen, über Zen Daijun nach Kaineng gegangen war, durch den Echowald und das Jademeer bis hinunter zu den Verschlafenen Gewässern geführt hatte, war auf ihrem Scheideweg angelangt … Welches Schicksal mochte Cantha erwarten – Verderben oder Rettung?
Kaum hatte die kleine Gruppe den Thronsaal betreten, an dessen Kopfende Kaiser Kisu gefesselt vor Shiro Tagachi´s Füßen lag, fiel ein Fallgitter hinter ihnen herunter, das sie vom Stoßtrupp abschnitt. Das hämische Lachen des vernarbten Assassinen empfing sie, gefolgt von einer Schockwelle. Ihre Körper wurden gegen die Gitterstäbe geschleudert, die Luft aus der Brust gepresst. Sie hatten nicht einmal den Hauch einer Chance gehabt, sich zu verteidigen … Schlaff landeten alle vier auf dem Boden, unfähig sich zu bewegen.
Doch der Anblick, wie Shiro Tagachi seine Schwerter über den Kopf hob, um den Herrscher des Reichs des Drachens zu enthaupten, verlieh Meister Togo die Kraft, sich vom Boden hoch zu stemmen. „Ich … komme, Bruder …“
Trotz dessen, dass seine Stimme kaum mehr als ein schwaches Flüstern gewesen war, horchte der Schwarzhaarige auf. „Ihr gehört als auch zur Kaiserfamilie … das kommt mir gelegen. Ihr seid mir längst ein Dorn im Auge!“
Der Unterschied zwischen Ohtah Ryutaiyo und Shiro Tagachi hätte größer nicht sein können und dennoch hatten die Assassinen etwas gemeinsam – beide waren meisterhafte Schattenläufer. Stand der Verräter gerade noch mit erhobenen Waffen über Kaiser Kisu, hatte er im nächsten Moment bereits den gesamten Thronsaal durchquert und sein neues Opfer ins Auge gefasst. Gleichzeitig richtete sich Shikon No Yosei auf. Ihr Blick war verschwommen. Sie blinzelte ein paar Mal benommen, ehe sich ihre Sicht klärte. Erst sah sie nur die blitzende Reflexion der niederfahrenden Klingen, dann war plötzlich alles um sie herum rot. Und eine scharlachrote Flüssigkeit tropfte von den Schneiden, mit denen Shiro Tagachi Meister Togo´s Kehle aufgeschlitzt hatte. Das kaiserliche Erbe vollendete sein Ritual – ein Ritual, das ihn in Welt der Lebenden zurückkehren ließ. Shikon No Yosei starrte den toten Körper ihres Lehrmeisters an, dessen Blut den roten Teppichboden des Raisu-Palastes dunkler färbte. Um seinen kleinen Bruder zu retten, hatte der Ritualist sein Leben gegeben … Nein, es war Shiro Tagachi gewesen, der es ihm genommen hatte – allein seinetwegen war Meister Togo gestorben. Ungezügelte Energie pumpte durch ihre Adern, versuchte ein Rauschen in ihren Ohren. Es war mehr als Wut, mehr als Trauer … Es war purer Hass, den sie verspürte!
Freilich stand sie mit diesem Gefühl nicht auf verlorenem Posten dar – Ohtah Ryutaiyo sprang in eine aufrechte, wenn auch wackelige Position. „Ihr seid unerlaubterweise in diese Welt eingedrungen, habt die Pest verursacht, ehrwürdige Geister zu Euren Sklaven gemacht und unschuldige Menschen getötet, nur um Eure eigene Armee zu stärken. Wir werden Euch nicht länger gewähren lassen!“
Seine Worte wurden lediglich mit einem höhnischen Laut quittierte, wofür der Braunhaarige ihm am liebsten einen saftigen Kinnhaken verpasst hätte. Der ausgestreckte Arm von Shikon No Yosei hinderte ihn jedoch darauf, den vernarbten Assassinen anzugreifen.
Die Elementarmagierin hatte sich ebenfalls zurück auf die Füße gekämpft und ging selbst auf den Verräter zu. „Shiro Tagachi, Euch ist keines Eurer Verbrechen bewusst. Ihr habt Unglück, Verzweiflung und Krieg über dieses Reich gebracht … Deshalb fordere ich, die Fee der vier Elemente und Verteidigerin von Cantha zum Euch Kampf!“
„Keiner von Euch ist meiner Macht gewachsen. Ich bin unbesiegbar! Aber wenn Ihr unbedingt kämpfen wollt … soll es so sein“, erwiderte er arrogant, steckte seine Schwerter allerdings zurück in die Halfter auf seinem Rücken, „in genau vierundzwanzig Stunden hier im Thronsaal, damit Ihr noch ein bisschen Zeit habt, wieder zu Kräften zu kommen und vom Leben zu verabschieden.“
Der letzte Kampf: Verderben oder Rettung?
Obgleich ihnen die Überheblichkeit von Shiro Tagachi deutlichst gegen den Strich ging, akzeptierten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo seine Anordnung. Meister Togo´s Lektionen über strategisches Handeln und Vernunft sollten nicht umsonst gewesen sein … Vor allem da Bruder Mhenlo sich tatsächlich noch nicht von dem Aufprall erholt hatte. Und genau genommen war es weiterhin ihr Auftrag, Kaiser Kisu in Sicherheit zu bringen. Allerdings war der Herrscher es, der die kleine Gruppe in einen geheimen Schutzbunker, verborgen in einer Seitenwand, führte. Dort gab es Vorräte, Schlafplätze, Waschzubehör, Kleidung, und sogar Bücher – kurzum alles, damit die kaiserliche Familie bei einem Notfall vollständig versorgt wäre. Hier konnten sie sich in Ruhe regenerieren. Aber kaum war die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen, brach Shikon No Yosei zusammen. Die Trauer forderte ihren Tribut … Es grenzte schon fast ein Wunder, dass ihre Beine sie überhaupt bis zu diesem Zeitpunkt getragen hatten. Ehe ihr Kopf jedoch auf dem Boden aufschlug, landete sie sanft in Ohtah Ryutaiyo´s Armen, der sie zu einem der Lager trug und behutsam darauf bettete. Anschließend nahm er ihre Hand, hielt sie fest. Was auch immer Shikon No Yosei in ihrem Innern gerade durchmachte, er würde für sie da sein und ihr Halt geben … „Du darfst nicht aufgeben! In den Verschlafenen Gewässern dachte ich wirklich, du wärst tot – wenn es so gewesen wäre … wenn du nicht zu mir zurückgekommen wärst, hätte ich nicht weitermachen können. Doch jetzt spüre ich deinen Puls … Ich weiß, dass du lebst. Bitte, Shiko, verlier´ dich nicht in deinem Geist!“ Er machte eine Pause, schloss die Augen. „Falls Ihr mich hören könnt, Meister, gebt ihr die Kraft wieder aufzuwachen …“
Zu wissen, wie nah an der Wahrheit der Assassine war, hätte ihn vermutlich verzweifeln lassen … Shikon No Yosei schwebte in vollkommener Dunkelheit. Orientierungslos kauerte sie sich zitternd zusammen. Ihr Mentor war tot … Ein stechender Schmerz durchfuhr sie, der sich in einem stummen Schrei entlud.
Da erschien aus dem Nichts heraus vor der Elementarmagierin ein kleiner Lichtpunkt, der stetig größer wurde und schlussendlich die Gestalt von Seiketsu No Akari annahm. „Hallo, Schwesterchen.“
„Sei, bist … bist du es wirklich?“, fragte Shikon No Yosei ungläubig und streckte die Hand nach ihr aus.
Die junge Mönchin schloss ihre Cousine in ihre Arme. „Ja, Shiko … ich habe deinen Ruf gehört. Deine Trauer um Meister Togo überlagert derzeit alles andere in deinem Herzen – sein Verlust von Meister Togo ist ein schwerer Schlag für ganz Cantha. Aber du darfst nicht vergessen, warum du mit ihm zu dieser Reise aufgebrochen bist …“
Vor den beiden erschienen verschiedene Bilder aus der Vergangenheit von Shikon No Yosei. Erinnerungen aus ihrer Kindheit … ihrer Ausbildung im Kloster von Shing Jea … an den Tag, als Meister Togo ins Dorf Tsumei gekommen war … und von ihrer ersten Begegnung mit Ohtah Ryutaiyo.
„Ohtah …“, hauchte die Zauberwirkerin teils traurig, teils voller Sehnsucht. Schlagartig wurde es etwas heller um sie herum, was bei ihr für deutliche Verwirrung sorgte.
Lächelnd beschrieb Seiketsu No Akari mit ihren Armen einen Bogen. Eine weitere Abbildung zeigte, wie Shikon No Yosei wie schlafend dalag und Ohtah Ryutaiyo, der mit verzweifeln Gesichtsausdruck ihre Hand drückte. „Er ist an deiner Seite. Und auch ich werde immer bei dir sein. Du bist nicht allein, Shiko, niemals! Vertreib´ die Finsternis und lass´ dein Licht leuchten … oder Shiro Tagachi wird Cantha endgültig ins Verderben stürzen!“ Langsam verwandelte sich die Braunhaarige in den kleinen Lichtpunkt zurück, sodass nur noch ihre Stimme in der Dunkelheit widerhallte. „Bedenke jedoch, dass dir Meister Togo aus den Nebeln zusieht – genauso wie deine Mutter …“
Die Lider gesenkt atmete Shikon No Yosei tief ein. „Du hast recht, Sei, ich kann nicht aufgeben – auch wenn ich zu gern alles vergessen würde … all diese schrecklichen Bilder, all diese furchtbaren Kämpfe. Ich muss stark sein … für dich … für Ohtah … für Teinai … für Bruder Mhenlo … und besonders für meine Mutter, Meister Togo und alle Geister der Nebel!“ Entschlossen öffnete sie ihre Augen Entschlossen öffnete sie ihre Augen und sah in ein vertrautes Gesicht.
„Shiko!“, rief Ohtah Ryutaiyo erleichtert aus. „Wie fühlst du dich?“
Vorsichtig setzte sich die Elementarmagierin auf. „Es geht mir … besser. Finsternis hielt mein Herz umschlungen – ich wollte nicht mehr kämpfen. Doch meine Schwester hat mich zurück zum Licht geführt … und mir wieder neuen Mut gegeben. Ich werde die Mission, die Meister Togo mir übertragen hat, zu Ende bringen!“
„Ich helfe dir … Ich komme mit dir, wohin du auch gehst!“, entgegnete der geschickte Assassine ernst. Seine Finger lösten sich von ihrer Hand, wanderten zu ihrer Wange. „Shiko, ich muss dir etwas sagen …“ Die Unsicherheit in seiner Stimme verursachte bei Shikon No Yosei eine Gänsehaut. „Der Tod von Meister Togo hat mir gezeigt, wie schnell das Leben komplett auf den Kopf gestellt werden kann … Ich habe mich in dich verliebt, als ich dich das erste Mal gesehen habe und jeder Tag lässt mich dich mehr lieben! Ich weiß, ich bin deiner nicht würdig und meine Schuld wird sich nie ganz begleichen lassen … Alles, was ich will, ist bei dir zu sein und dich zu beschützen.“
Shikon No Yosei sah tief in seine Augen. Er zitterte beinahe. Niemals würde er vor einem Kampf zurückschrecken, aber dieses Geständnis hatte ihm viel abverlangt … Hörbar holte sie Luft, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln über ihren Zügen aus. „In dieser Finsternis hat mir Sei Bilder aus meiner Vergangenheit gezeigt – auch von uns … und auf einmal wich die Dunkelheit. Weißt du, Ohtah, ich bin nicht so mutig, wie ich manchmal scheine. Doch ich hatte mir geschworen, wenn wir den Kampf gegen Shiro überstanden haben, würde ich dir meine Gefühle offenbaren … ich würde dir meine Liebe gestehen! Es ist mir vollkommen egal, wer du einmal warst – ich sehe in dir einen Helden, der sein Leben dafür einsetzt, dieses Land vor einem grauenhaften Schicksal zu bewahren.“
Verblüfft starrte er sie an und näherte sich zaghaft ihrem Gesicht. Bevor sich ihre Lippen berührten, schlossen beide die Augen.
Die folgenden Stunden verbrachten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo in inniger Umarmung zwischen schlafen und wachen. Wenn dies ihr letzter Tag sein sollte, wollten sie nur die Nähe des anderen spüren … Kaiser Kisu war unterdessen betete fast ununterbrochen vor dem kleinen Familienschrein – dass die Gesandten seinen geliebten Halbbruder sicher in die Nebel geleiten würden und die Götter Cantha eine Zukunft schenken mögen.
Nachdem Bruder Mhenlo sich von seiner Benommenheit erholt und seine Verletzungen behandelt hatte, war er ebenfalls ins Gebet vertieft … Bis der Mönch sich irgendwann schlagartig erhob. „Die Frist ist abgelaufen.“
Schweren Herzens löste sich die schöne Elementarmagierin aus der Umarmung ihres Liebsten und trat an die Tür. „Diese Reise hat uns bereits mehrfach auf der Probe gestellt – jetzt wird sich zeigen, ob wir stark genug sind, um die letzte Prüfung zu bestehen … In Gedenken an Meister Togo stellen wir uns Shiro Tagachi in diesem alles entscheidenden Kampf. Für Cantha!“
„Für Cantha!“, bestätigten ihre Mitstreiter und folgten ihr hinaus.
Das Licht der aufziehenden Dämmerung verlieh dem kaiserlichen Refugium eine mystische Aura. Das Fallgitter war noch immer herabgelassen, doch die Kurzick und Luxon waren verschwunden. Wenn es schlecht ausging, mussten ihre Freunde es wenigstens nicht mitansehen. Anders als es ihnen mit dem Tod von Meister Togo ergangen war …
„Ohtah“, sagte Shikon No Yosei monoton, ohne weitere Erklärungen.
Doch der Assassine wusste sofort, was sie von ihm wollte – der erste Schattenschritt teleportierte ihn neben den Leichnam des Ritualisten, der noch immer in seinem eigenen Blut lag, anschließend brachte der Braunhaarige diesen zum Kaiser in den Bunker und nahm vor ihr mit gezückten Dolchen Kampfstellung ein.
„Ihr wollt also wirklich spielen“, meinte Shiro Tagachi höhnisch, ehe er ebenfalls blank zog. „Ihr sollt als Warnung für alle Canthaner sterben! Und mit Euch, Shikon No Yosei, die dasselbe verfluchte Blut geerbt hat, fange ich an!“ Jegliche Farbe wich aus Shikon No Yosei´s Gesicht. Etwa dasselbe Blut wie ihr Mentor? Sollte das bedeuten, er war ihr Vater? Weiter kamen ihre Gedanken nicht, denn der vernarbte Assassine richtete seine überkreuzten Schwerter auf sie. „Grüßt Eure heiß geliebten Geister der Nebel von mir … Shikon No Yosei ist verbannt!“
Manches hatten sie befürchtet, mit vielem hatten sie gerechnet – dies übertraf jedoch ihre schlimmsten Vorstellungen ... Die Rothaarige verschwand spurlos vor den Augen von Ohtah Ryutaiyo und Bruder Mhenlo, von Shiro Tagachi irgendwohin geschickt.
„SHIKO!“, schrie der einstige Am Fah nach dem ersten Schreckmoment fassungslos. „Was habt Ihr mit ihr gemacht?“
Gemächlich stolzierte der Verräter auf ihn zu. „Ich habe sie für immer in die Nebel verbannt – sie irrt nun für alle Zeit dort umher. Nicht tot … nicht lebendig …“
Die aufkommenden Tränen unterdrückend, verstärkte Ohtah Ryutaiyo den Griff um seine Waffen. Er musste ihre Aufgabe zu Ende führen … Innerhalb von Sekundenbruchteilen hallte ein lautes Klirren durch den Saal, als die Klingen der beiden Assassinen aufeinander trafen. Sie standen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber, doch sie waren einander nicht ebenbürtig – mit Leichtigkeit wehrte Shiro Tagachi jeden Angriff ab, was den Zorn seines Gegners zusehends verstärkte.
Bruder Mhenlo sank derweil bedrückt zu Boden. Die Situation erschien ihm hoffnungslos … Meister Togo war tot, Shikon No Yosei in den Nebeln gefangen, Ohtah Ryutaiyo blind vor Rache und er selbst hilflos. In seiner Verzweiflung riss der Mönch die Hände zum Himmel, schickte ein Stoßgebet an die Fünf Götter. Er fragte sich, ob er den falschen Weg gewählt hatte – als Diener Dwayna´s galt es Leben mit Heilmagie zu schützen, als Diener Balthasar´s Leben mit Peinmagie auszuschalten. Er hatte sich entschieden, seiner Mutter zu folgen … Hätte er besser auf seinen Vater hören sollen?
Shiro Tagachi rammte Ohtah Ryutaiyo den Schwertknauf in die Magengegend. Die Wucht zwang ihn in die Knie, gefolgt von kaltem Stahl an seiner Kehle. „Ist das wirklich alles, was ihr zu bieten habt? Ist Cantha in den letzten zweihundert Jahren wirklich so schwach geworden? Ich bin enttäuscht …“
Da zog ein gewaltiger Feuerball knapp über seinen Kopf hinweg, zwang ihn zum Rückzug. „Cantha ist viel stärker, als Ihr glaubt. Ihr werdet die wahre Kraft eines Menschen, die seine Gefühle ihm geben, niemals verstehen, Shiro Tagachi … Ihr seid zu bemitleiden. Aber ich kann Euch nicht verzeihen, was Ihr meiner geliebten Heimat angetan habt!“ Ungläubig starrten die drei Männer die unversehrte Shing Jea an. Zwar hatte Shiro Tagachi sie tatsächlich in die Nebel geschickt, dabei allerdings einen entscheidenden Aspekt vergessen … sie trug den Geist von Teinai in sich – daher war sie nicht wie gewünscht orientierungslos zwischen den Welten verloren gegangen.
„Ich habe Euch anscheinend unterschätzt – Ihr seid gar nicht so ein einfältiges Mädchen, wie ich dachte, und hübsch seid Ihr auch“, erwiderte der frühere Gesandte, die Mundwinkel zu einem Grinsen verzogen. „Ich mache Euch einen Vorschlag – ich werde Cantha nicht vernichten … sondern es stattdessen als neuer Kaiser regieren. Nehmt meine Hand und werdet meine Kaiserin! Dann werde ich sogar Eure Freunde verschonen … und Shing Jea von der Pest befreien. Das ist doch Euer größter Wunsch, nicht wahr?“
Die Elementarmagierin sah zwischen der auffordernden Hand Shiro Tagachi´s und dem flehenden Blick von Ohtah Ryutaiyo hin und her. Für einen kurzen Moment schloss sie Augen und dachte an Meister Togo. Er war kaiserlichen Geblüts, ohne jemals nach der Krone zu streben … nein, ihm war eine eine andere Rolle zugedacht gewesen – eine Rolle, die sie von ihm geerbt hatte. „Ich will Cantha nicht regieren – ich bin dazu bestimmt, dieses Reich zu beschützen … Und mein Ziel werde ich aus eigener Kraft erreichen. Los, Ohtah, bringen wir es zu Ende!“
Via Schattenschritt bewegte er sich hinter Shiro Tagachi und nahm ihn in einen Klammergriff. Der vernarbte Assassine schlug um sich, versuchte sich zu befreien – vergeblich … Ohtah Ryutaiyo wich keinen Deut mehr zurück. Die Hände über ihre Brust gelegt, kniete Shikon No Yosei nieder. Aus ihrem Innern strahlte das vertraute Licht und an der Decke des Thronsaals sammelten sich rötlich schimmernde Gewitterwolken – darin zuckten Blitze, Flammen züngelten hervor, Sterne funkelten, Donner grollte.
Der Widerstand von Shiro Tagachi erstarb. Ein beinahe trauriger Unterton schlich sich in seine Stimme. „Pah … ich wusste es. Liebe ist nur eine Illusion – Macht ist das Einzige, das einen nicht betrügt. Selbst Ihr seid dagegen nicht gefeilt!“
„Nein, Ihr irrt Euch, was Liebe betrifft. Mein Zauber richtet sich lediglich gegen das Böse … Entfessle deine Kraft, oh mächtiger Himmelssturm!“, entgegnete die schöne Elementarmagierin und riss ihre Arme in die Luft, ließ sie die Kraft Kuunavang´s auf ihn niederfahren. Er hatte keinen Möglichkeit diesem Angriff zu entgehen. „Ich kenne den Grund für Euren Hass auf Cantha nicht … selbst wenn, würde ich ihn wahrscheinlich niemals verstehen.“
Als sich der Rauch verzogen hatte, stand Ohtah Ryutaiyo vollkommen unversehrt vor einem Häufchen Asche. Mit Tränen in den Augen fiel Shikon No Yosei ihm um den Hals. Es war endlich vorbei …
„Ihr habt Eure Schuld beglichen …“, erklang die Stimme von Herold Demrikov und vor ihnen erschien der Gesandtenrat. „Und die Welt wieder ins Gleichgewicht gebracht.“
Kurier Torivos senkte sein imposantes Haupt. „Shiro Tagachi gehört nicht länger unserer Gemeinschaft an, sondern wird die Ewigkeit in den tiefsten Tiefen der Unterwelt fristen.“
„Als Belohnung für Euren Einsatz sollt Ihr wissen, dass Togo seinen Platz in den Nebeln gefunden hat“, erklärte Emissär Heleyne mit einem milden Lächeln.
Diese Nachricht erleichterte die drei Verbündeten. Zu jenem Zeitpunkt, da ihm die Klingen von Shiro Tagachi das Leben geraubt hatten, war der Assassine immerhin selbst noch ein Gesandter gewesen … Da war es wahrlich ein Geschenk von ihnen diese Information zu bekommen.
Ihre Gestalten begannen schon wieder zu verblassen, da meldete sich Bote Ventaura noch zu Wort. „Wir werden Euch im Auge behalten … bis wir uns wiedersehen.“
Das Ende einer Reise
Kaiser Kisu bot den drei Helden und ihren Verbündeten an, bis zur feierlichen Beisetzung von Meister Togo im Tahnnakai-Tempel seine Gäste zu sein. Nur Bruder Mhenlo lehnte zum Bedauern aller ab – ihn zog es in seinen eigenen Tempel im Königreich Kryta zurück, um die Ereignisse zu verarbeiten. Betrübt über die Abreise ihres Gefährten, begleiteten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo ihn noch zum Bejunkan-Pier. Dort erwartete ihn eine kaiserliche Dschunke.
Die Elementarmagierin betrachtete ihn mit feuchten Augen, doch der Mönch lächelte sie an. „Es war mir eine Ehre, an Eurer Seite zu kämpfen. Ich bin mir sicher, das kein Abschied für immer – wir werden uns eines Tages wiedersehen.“
„Sichere Winde“, erwiderte der Assassine ehrlich. Er wusste, dass der Tyrianer anfangs weit größerem Misstrauen ihm gegenüber verspürt hatte, als der Ritualist … Dafür gingen die beiden Männer nun in gegenseitigem Respekt auseinander.
„Wartet, bitte …“, hielt Shikon No Yosei ihn zurück, den Blick zu Boden gerichtet. „Hat Meister Togo Euch gegenüber jemals etwas über … seine Familie verlautet? Also außer Kaiser Kisu, meine ich …“
Mit einem tiefen Seufzen, der eigentlich schon Antwort genug war, drehte er sich noch einmal zu ihr um. „Nein. Aber ich kann Euch versichern, dass er Euch wahrlich geliebt hat … Das mag vielleicht kein Beweis sein – aber Ihr selbst sagtet zu mir, er hätte Euch gelehrt, auf Euer Herz zu hören.“
Sie erinnerte sich nur zu gut an dieses Gespräch in der Feste Maatu. Weil Meister Togo und Ohtah Ryutaiyo noch nicht aus dem Jademeer zurückgekehrt waren, beschloss die Shing Jea, ihnen entgegenzugehen. Bruder Mhenlo war von dieser Idee wenig begeistert gewesen - er hatte es für überflüssig gehalten. Anschließend war er regelrecht baff gewesen, dass sie ihre Hilfe tatsächlich gebraucht hatten … zu jenem Zeitpunkt hatte Shikon No Yosei auf ihr Herz gehört und auch jetzt gab es ihr eine eindeutige Antwort auf ihre Frage. „Danke … Passt auf Euch auf.“ Nach einer letzten Verbeugung bestieg der Mönch das Gefährt. Das Paar sah dem Schiff nach, bis es am nordwestlichen Horizont verschwunden war. „Irgendwann würde ich gern mit dir davon segeln …“
„Hm“, machte der Braunhaarige und stapfte in Richtung Zentrum davon.
Sein Verhalten verwirrte Shikon No Yosei, doch schon sie es auf Bruder Mhenlo´s Aufbruch und folgte ihn zurück zum Raisu-Palast. Eine Wache informierte die beiden, dass Kaiser Kisu sie auf dem Göttlichen Pfad empfangen wollte – dieser Ort auf dem Dach des Kaiserpalastes war sonst nur der kaiserlichen Familie für ungezwungene Stunden vorbehalten. Nun wimmelte es dort vor Menschen, unter denen sich viele, bekannte Gesichter befanden.
Suun löste sich als erster von der Menge. „Ich danke Euch, Shikon No Yosei … Euch und Euren Verbündeten. Meine Gesandten haben weise gewählt … Doch seid versichert, Euer Weg ist noch lang.“
Die Elementarmagierin schluckte, dann lächelte sie. „Habt Ihr einen Rat für mich?“
„Es gibt nur eines, das ich Euch mitgeben kann …“, entgegnete das Orakel der Nebel und wies auf die übrigen Anwesenden. „Vertraut auf Euch und auf jene, die Euch vertrauen.“
Ernst nickte sie. Allein hätte sie gegen Shiro Tagachi keine Chance gehabt … Zu ihren wichtigsten Kampfgefährten gehörten die Kurzick und Luxon, die sich zu einem Spalier formierten, sodass der Blick auf Petrov zu Heltzer und Rhea freigegeben wurde. Vor den Oberhäuptern senkten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo ihre Häupter.
Doch Graf zu Heltzer gebot ihnen, sich zu erheben. „Ihr verneigt Euch vor keinem Kurzick, meine Freunde … die Kurzick verneigen sich vor Euch.“
„So ist es. Auch die Luxon beugen vor Euch ihr Haupt“, stimmte die Älteste ihm zu.
Perplex nahmen die beiden wieder eine aufrechte Position ein und beobachteten gebannt, wie die anwesenden Kurzick und Luxon dem Befehl folgten, um ihnen ihren Respekt auszudrücken.
Derweil trat Danika zu Heltzer ebenfalls vor und umarmte die Rothaarige. „Danke für alles, was Ihr für uns getan habt … Ihr seid im Echowald jederzeit willkommen.“
„Genauso wie im Jademeer“, fügte Argo zwinkernd hinzu. „Ich gratuliere dir, Shiko – ich meine … ich gratuliere euch. Ohtah, ich war nicht sehr freundlich zu dir. Nimmst du meine Entschuldigung an?“ Der Luxon-Champion hielt ihm seine Hand hin, welche Ohtah Ryutaiyo ergriff.
Ein Lächeln bildete sich um Shikon No Yosei´s Mundwinkel, doch in ihrer Stimme lag ein besorgter Unterton. „Wie geht es denn jetzt mit den Fraktionen weiter? Der Waffenstillstand hat ja offiziell seine Grundlage verloren …“
„Seid unbesorgt, Shiko, so wie es scheint, teilen wir nicht nur unsere Sympathie für Euch …“, meinte die Gräfin mit einem Seitenblick auf Argo. „Wir werden diesem törichten Krieg endgültig ein Ende zu bereiten.“
Shikon No Yosei versuchte erst gar nicht, die Tränen zu unterdrücken. In einer der ersten Unterrichtsstunden, die Meister Togo gleich zu Beginn ihrer Ausbildung im Kloster von Shing Jea geleitet hatte, war der Krieg zwischen den Fraktionen zur Sprache gekommen – schon damals war es der größte Wunsch ihres Mentors gewesen, dass eines Tages in ganz Cantha Frieden einkehren würde … Wenn Shiro Tagachi´s Plan also etwas Gutes hatte, dann war es diese Allianz.
Noch während sie ihrer Rührung zu kämpfen hatte, ergriff schließlich Kaiser Kisu das Wort. „Shikon No Yosei … Ohtah Ryutaiyo … auf eurer Reise habt ihr allerlei Gefahren erlebt und überstanden. Der Verlust meines Bruders ist ein großes Opfer – dennoch, glaube ich, ihn gut genug zu kennen, um sagen zu können, er könnte nicht stolzer auf einen seiner Schüler sein. Ihr beide habt das beinahe Unmögliche möglich gemacht! Unser Reich steht für immer in Eurer Schuld … Nennt mir Euer Begehr – steht es in meiner Macht, so werde ich ihn erfüllen.“
Ein Freibrief bedeutete unglaubliche Macht … doch Shikon No Yosei hatte den Kampf nicht in Aussicht auf eine Belohnung aufgenommen. Dennoch gab es da einen Wunsch, der ihr auf der Seele brannte … „Ohtah war einst ein Mitglied der Am Fah – bitte, begnadigt ihn, Eure Majestät.“ Die geweiteten Augen des Herrschers starrten sie an. Es stimmte zwar, dass er nicht in einer Vorzeigestätte wie dem Kloster ausgebildet worden war … aber sollten seine Taten der jüngsten Zeit, die der Kaiser gerade noch in den Himmel gelobt hatte, nicht viel mehr zählen? Ihr Blick wanderte zur Seite, um im Gesicht von Ohtah Ryutaiyo dessen Reaktion auf Kaiser Kisu's Verwunderung abzulesen und begriff schlagartig, was ihn so stutzig machte … Der Assassine war urplötzlich wie vom Erdboden verschluckt!
Shikon No Yosei betrachtete das aufgewühlte Wasser des Springbrunnens, der im Herzen des Zentrums von Kaineng. In der gesamten Hauptstadt gab es keine Spur des Assassinen. Es war, als hätte er sich schlichtweg in Luft aufgelöst … als hätte es ihn nie gegeben … als wäre er nur Einbildung gewesen … Heftig schüttelte die Elementarmagierin den Kopf und ging in Gedanken jeden einzelnen Moment durch, den sie zusammen mit ihm erlebt hatte. Zuallererst war da nur dieser Hauch seiner Aura gewesen, während er ihr auf dem Vizunahplatz gegen den Ansturm von Befallenen geholfen hatte. In der Unterstadt hatte sie ihn dadurch aus den Schatten locken können und er hatte seinen Schwur geleistet, den er vor den Toren des Nahpuiviertels sogar noch einmal bekräftigt hatte. Ohne ihn hätte sie die himmlische Prüfung wohl nicht bestanden, geschweige denn die gebundenen Geister im Tahnnakai-Tempel befreien können. Ja, noch bevor sich ihre Wege bei der Feste Maatu getrennt hatten, war aus ihnen ein richtiges Team geworden … Der Wunsch, ihno wiederzusehen, hatte ihr die Kraft verliehen, sämtliche Hindernisse in der Kathedrale zu überwinden und um sich ihm zu beweisen, hatte sie Argo zu einem Duell der Magier herausgefordert. Inzwischen hatte Shikon No Yosei begriffen, dass der Luxon-Champion nicht aufgrund seiner Überheblichkeit ein rotes Tuch für Ohtah Ryutaiyo gewesen war – er war schlichtweg eifersüchtig gewesen, was ihnen in der Kanalisation des Sunjiang-Bezirks beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Dafür hatte er sie im Pongmei-Tal in ihrer Verzweiflung aufgefangen, ihr neue Hoffnung geschenkt … Ehe er nicht nur im Ewigen Hain, sondern auch in der Gyala-Brutstätte jedes Mal rechtzeitig zur Stelle gewesen war, um ihr das Leben zu retten. Auf den Schmerz, den sie ihm durch ihren vermeintlichen Tod in Kuunavang´s Herrschaftsgebiet zugefügt hatte, hätte Shikon No Yosei allerdings gut verzichten können. Und schließlich waren sie in einem Wettlauf gegen die Zeit zum Raisu-Palast geeilt, um Shiro Tagachi aufzuhalten – keine andere ihrer Erinnerungen hatte sie dem Tod von Meister Togo so berührt, wie ihre erste Begegnung. Weil sie ihn liebte … Und Ohtah Ryutaiyo erwiderte diese ihre Gefühle, davon war sie fest überzeugt! Deshalb hatte so oft sein Leben für sie riskiert, deshalb hatte er ihr bei ihrem letzten Angriff vollkommen vertraut. Nur weshalb war er dann so plötzlich vom Göttlichen Pfad verschwunden? Die letzten Tage waren so perfekt gewesen – ein Einblick auf ihr gemeinsames Leben. In seinen Armen fühlte sie sich geborgen … Jetzt erschien es ihr, als würde ihr ein Stück ihres eigenen Selbst fehlen. Die Begegnung mit ihm konnte nicht nur Zufall gewesen sein …
„Die Unterstadt …“, hauchte die Elementarmagierin unvermittelt. Wenn es einen Ort gab, der sie wieder zusammen führen konnte, dann wäre es die Kanalisation.
Beflügelt von ihrer Luftmagie eilte Shikon No Yosei zum nächstgelegenen Zugang zur Unterstadt des Bukdek-Seitenwegs. Es wäre Ironie des Schicksals gewesen, wenn sie in einer der Gassen auf eine Gruppe Am Fah getroffen wäre – doch zum Glück hielt die übermäßige Feierlaune der Bewohner von Kaineng beide Verbrechergilden aktuell in Schach. Die Unterstadt dagegen war noch genauso verwinkelt, kalt und düster wie bei Shikon No Yosei´s erstem Aufenthalt. Ein Schaudern überlief ihren Körper – nicht vor Kälte oder wegen der Dunkelheit … sie hatte Angst, selbst hier erfolglos zu bleiben.
„OHTAH!“, schrie sie und lauschte dem mehrfachen Echo.
Keine Reaktion, kein Geräusch, keine Bewegung … kein Grund aufzugeben. Bekanntlich war Ohtah Ryutaiyo ja ein Meister im Verstecken und der lautlosen Fortbewegung. Um ihn zu finden, gab es für die Elementarmagierin genau zwei Möglichkeiten … Bei der ersten Variante müsste sie die Umgebung mit ihrer magischen Energie fluten, um ihn zu orten – damit wäre es ihm allerdings immer noch möglich, weiterhin vor ihr zu flüchten. Option Nummer zwei wäre vermutlich effektiver, aber dafür wesentlich gefährlicher – sollte sie in ernsthafte Gefahr geraten, würde er sicherlich nicht zusehen … wenn er sich wirklich irgendwo in diesen Gängen aufhielt.
Eine Bewegung in ihrem Augenwinkel nahm ihr die Entscheidung ab, denn der Größe nach konnte es sich dabei nicht um ihren Liebsten handeln. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, während sie die Augen schloss. Auf der Suche nach einem Assassinen traf sie doch noch auf einen Assassinen. Das klingenbesetzte Bein des Befallenen fuhr surrend herab … Doch die Füße der Shing Jea verloren ihre Bodenhaftung, ehe der Schlag sie erreichen konnte. Natürlich wusste Shikon No Yosei sofort, in wessen Armen sie da lag … Sanft setzte Ohtah Ryutaiyo sie in einiger Entfernung wieder ab, die mit stark klopfendem Herzen beobachtete, wie ihr Retter die Befallenen erbarmungslos abschlachtete.
„Du hast mich gerettet“, stellte die Rothaarige überflüssigerweise fest, als er zu ihr zurückkehrte.
Das Gesicht vor Wut verzogen, schlug er neben ihr mit der Faust gegen die Wand. „Als ob ich eine andere Wahl gehabt hätte! Wie konntest du nur, Shiko?!“
„Um dich wiederzusehen“, gab sie schnippisch zurück, bevor die Tränen erneut die Oberhand gewonnen. „Du hast gesagt, du liebst mich … Warum hast du mich dann verlassen, Ohtah?“
Seine Miene nahm denselben Ausdruck an, wie zuvor auf dem Bejunkan-Pier. Sein Verhalten war also gar nicht auf Bruder Mhenlo´s Abreise gemünzt … „Diese Ehrungen im Palast und auf dem Göttlichen Pfad habe ich nicht verdient. Verstehst du es nicht, Shiko? Es war alles nur ein Traum … nichts weiter. Für einen kurzen Moment dachte ich zwar, ich könnte an deiner Seite im Licht stehen und die Schatten meiner Vergangenheit hinter mir lassen. Aber ich bin ein Mörder - nichts kann das jemals sühnen!“
„Du hast nie einen Hehl daraus gemacht, was für ein Leben du geführt hast … und ich habe mich trotzdem in dich verliebt!“, widersprach sie ihm energisch und beschrieb mit ihren Armen einen Bogen. „Es ist deine Entscheidung – akzeptiere deine Vergangenheit und lebe im Licht … oder laufe vor ihr davon und verstecke dich weiterhin im Schatten. Aber sei wenigstens so mutig, es mir ins Gesicht zu sagen!“
Nun konnte man auch in seinen Augenrändern aufsteigende Flüssigkeit erkennen. „Glaubst du, unsere Beziehung hätte in der wirklichen Welt eine Chance? Wenn es nicht nur um den nächsten Kampf, sondern jeden weiteren Tag geht? Und dass mich auch … deine Familie akzeptieren würde?“
Er stellte ihr Ansehen über seine Gefühle … Shikon No Yosei öffnete den Mund und wollte ihm schon versichern, dass Seiketsu No Akari ihn bestimmt ebenfalls in ihr Herz schließen würde, doch da drängte sich ein anderer Gedanke in den Vordergrund. Lächelnd verschränkte sie ihre Finger mit denen des geschickten Assassinen. „Du hast Shiro´s Worte über meine Abstammung auch gehört. Ich möchte es glauben … Das bedeutet, mein Vater hätte uns seinen Segen gegeben.“ Mehr noch - in der Gyala-Brutstätte hatte der Ritualist ihm sogar ins Gewissen geredet, Argo nicht einfach das Feld zu überlassen … Wenn Ohtah Ryutaiyo allerdings wirklich an ihrer Seite bleiben wollte, musste er ein Zeichen setzen – er löste den Umhang von seinem Gürtel und hielt ihn ihr entgegen. Sie ahnte, was er von ihr wollte, zögerte jedoch. „A-aber dein Umhang kann dich im Notfall schützen!“
„Ja. Genau deshalb wird es Zeit, dass ich ihn endgültig ablege – ich habe die Am Fah verlassen und muss endlich lernen, mich auf meine eigenen Fähigkeiten zu verlassen“, erklärte er seine Absicht – er wollte nicht noch einmal eine solche Show wie im Sunjiang-Bezirk abziehen … „Nur dann hat mein Wort wirklich Gewicht.“
Sie spürte seine Entschlossenheit und nickte. In ihrer Handfläche erwachte eine kleine Flamme, in die Ohtah Ryutaiyo den Stoff hielt. Während sich die Überreste seines früheren Selbst in alle Winde verstreuten, beugte sich der Assassine langsam zu ihr herunter. Der folgende Kuss sollte beiden noch lange im Gedächtnis bleiben – er war ein Versprechen …
Mit ihrer Rückkehr nach Shing Jea in Begleitung von Ohtah Ryutaiyo endet Shikon No Yosei´s Reise durch Cantha. Zwischen den Fraktionen würde Frieden einkehren und die Quelle der Pest war ausgelöscht – dennoch würde es wird noch einige Zeit dauern, bis das gesamte Kaiserreich von den Befallenen befreit wäre. Und laut Suun warteten noch weitere Herausforderungen auf die junge Elementarmagierin … Die Seiten vom Buch des Lebens werden kontinuierlich umgeblättert und schon bald wird eine neue Geschichte dieser Legende erzählt werden!
Erzählung 01: Das Schicksal eines Assassinen
Der Unterschied zwischen Fluch und Segen kann bisweilen ein äußerst schmaler Grat sein … Selbst aus den schrecklichsten Erfahrungen kann eine positive Kraft erwachsen, statt dass man daran zugrunde geht. Wie sieht es allerdings aus, wenn man die grauenhafte Wahrheit gar nicht wahrnimmt und glaubt im Recht zu sein? Manipulation ist ein perfides Werkzeug, eine heimtückische Waffe in den Schatten der Dunkelheit … Denn niemand ist von Geburt an gut oder böse – doch ein veränderter Blickwinkel kann die ganze Welt auf den Kopf stellen.
Der Preis der Liebe
Seit Jahren schon litt Kaineng, die Hauptstadt des südlichen Kaiserreichs unter den beiden rivalisierenden Straßengilden – die organisierte Jadebruderschaft und die brutalen Am Fah lieferten sich zum Leidwesen der Bewohner einen erbitterten Krieg, ohne dass die kaiserlichen Wächter ihnen Einhalt zu gebieten vermochten. Doch während die Jadebruderschaft einem gewissen Kodex folgte, erschienen die Machenschaften der Am Fah wesentlich gefährlicher – besonders da sie stets auf der Suche nach neuen Mitgliedern waren, wobei sie nicht einmal vor der größten Grausamkeit zurückschreckten. Obwohl sie dennoch zwischenzeitlich sogar gemeinsame Sache machten und den illegalen Handel vorantrieben, versuchte jede Seite auf seine Weise die Oberhand zu gewinnen, um irgendwann sogar den Kaiser selbst stürzen zu können und die Herrschaft über Cantha an sich zu reißen …
Mit seinem Amtsantritt hatte Kisu auch die kaiserliche Dienerschaft übernommen – allen voran sorgte Koe, die >Stimme des Kaisers< dafür, dass dessen Worte ins Volk getragen wurden, während Te, die >Hand des Kaisers< Aufgaben erledigte, welche der Herrscher nicht selbst ausführen konnte. Sie waren einst noch von Kisu´s Vater auserwählt worden. Eine wichtige Position war allerdings in den vergangenen Jahren unbesetzt geblieben – bei einem versuchten Attentat der Jadebruderschaft hatte Ken sein Leben zum Schutz des Regenten gegeben. Damit hatte die >Klinge des Kaisers< zwar lediglich ihre oberste Pflicht erfüllt, doch für Kintah war damit gleichsam einer seiner engsten Freunde gestorben und er hatte es nicht über sich gebracht, jemand auf diesen Posten zu berufen. So oblag es nun Kisu, eine Wahl zu treffen … Dem Andenken seines Vorgängers folgend erwählte auch er einen Freund, der sich in der kaiserlichen Garde als hervorragender Schwertkämpfer hervorgetan hatte. Neben seinem Halbbruder Togo gab es niemandem, dem Kisu mehr Vertrauen schenkte. Aus diesem Grund nahm Ken wahrlich jeden Einsatz so ernst, als stünde die Zukunft des Reichs des Drachens auf dem Spiel – sogar wenn es dabei aus Sicht anderer nur um die Probleme von ein paar Bauern handelte. Außerdem nahmen auch die Aktivitäten der Am Fah und der Jadebruderschaft auf beunruhigende Weise wieder zu. Als Gegenmaßnahme setzte Ken mehr Wachen für Patrouillen ein und ordnete häufigere Kontrollen der gefährlicheren Bezirke an. An den meisten Tagen führte er diese persönlich an.
„Hauptmann, es sieht alles ruhig aus“, erstattete einer der Wächter Bericht.
Mit wanderndem Blick nickte der Krieger. „Und das ist genau der Grund, warum wir noch wachsamer sein sollten. Es ist zu ruhig … Vergesst nicht, diese Verbrecher lauern in den Schatten. Ihr dürft Euch nie zu sicher sein, sonst überfallen und töten sie Euch innerhalb von wenigen Augenblicken!“
Sein Untergebener salutierte ergeben. Niemand wagte es der Klinge des Kaisers offen zu widersprechen, auch wenn ein Großteil der Wachen diese zusätzlichen Schichten für Verschwendung hielten … Aber nur wenige Sekunden später hallten auf einmal grässliche Schreie durch die Straßen Kaineng´s. Ken und seine Männer rannten, so schnell sie konnten mit gezückten Waffen zum Ort des Geschehens. Eine Gruppe Assassinen aus der Gilde der Am Fah hatte eine Handvoll canthanischer Bauern umzingelt. Kein unbekanntes Bild in dieser Zeit – sie nutzten die Armut der Menschen aus, um sie als neue Mitglieder anzuwerben.
„Uns bekommt ihr nicht!“, rief eine junges Frau, die ihr Haar in zwei, kurzen Zöpfen trug und sich schützend vor die anderen stellte.
Ihre Reaktion überraschte Ken. Normalerweise verhielten sich die Bauern still und waren viel zu besorgt um ihr Leben, als dass sie die Am Fah offen herausgefordert hätten. Doch ließ ihn das nicht in seinem Handeln zögern. Er eröffnete den Angriff und seine Männer schlossen zu ihm auf. Fluchend stob die feindliche Gruppe auseinander, die Flucht gelang jedoch lediglich einem der Assassine – seine Kumpane dagegen erlagen den Schwertern der Wächter.
„Geht es Euch gut?“, wollte Ken von der tapferen Canthanerin wissen.
Ein verlegenes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht – es war ihr etwas peinlich, dass sie sich zwar zur Wehr gesetzt hatte, aber dennoch Hilfe in Anspruch nehmen musste … „Dank Euch, Ihr habt unser Leben gerettet.“
„Ich glaube, diese Widerlinge hätten mit Euch ebenfalls ihre Schwierigkeiten gehabt“, meinte Ken anerkennend. „Darf ich Euren Namen erfahren?“
Die schöne Bäuerin verbeugte sich, ohne die Augen von ihm zu nehmen. „Man nennt mich Chuntao, Herr … Es ist mir eine Ehre, die Klinge des Kaisers kennenlernen, die stets sogar für die ärmsten Bewohner dieses Landes kämpft – Ihr seid ein Volksheld!“
„Seid versichert, dass dies nicht meine Absicht ist … Es geht mir lediglich darum, den Menschen Cantha´s ein möglichst sicheres Leben zu bieten“, entgegnete er ihr mit einem Zwinkern. Anschließend räusperte er sich. „Nun, es freut mich, dass wir rechtzeitig zur Stelle sein konnten. Bitte gebt gut auf Euch Acht und verlasst das Haus nach Anbruch der Nacht nicht mehr.“
Die Wangen eine Spur dunkler gefärbt, versprach sie seiner Bitte nachzukommen. Und Ken versicherte sich, so oft es ihm möglich war, dass es ihr tatsächlich gut ging. Ja, nicht einmal der ergebenste Diener war vor der Liebe gefeit und so wurde ihm zum ersten Mal in seinem Leben etwas wichtiger, als seine Loyalität gegenüber Kisu – eine schwere Sünde, die von den Nebeln nicht ungestraft bleiben würde …
Als Klinge hatte Ken den Schwur geleistet, sein Leben einzig dem Schutz Cantha´s zu widmen … Dazu gehörte ein Zölibat. Mehr als eine zarte Schwärmerei sollte ihm daher nicht vergönnt sein. Mit dem fortwährenden Wechsel der Jahreszeiten bröckelte allerdings seine Selbstbeherrschung – vor allem da Chuntao seine Zuneigung erwiderte.
„Ihr müsst Euch von mir fernhalten, Herr. Ich will nicht, dass Ihr meinetwegen Eure Aufgabe vernachlässigt“, sagte sie leise, „schließlich habe ich mich gerade deswegen in Euch verliebt, weil Ihr für das einfache Volk einsteht …“
Ken löste sich von der Wand der Scheune, in der sich die beiden für diese Unterredung versteckt hatten, und ging zu ihr, sodass sie lediglich ein paar Zentimeter voneinander trennte. „Ihr sprecht frei heraus … Euer Mut hat mich vom ersten Moment an beeindruckt. Selbst wenn ich in Schande versinke – ich kann nicht von Euch ablassen!“
Seine Hand schnellte vor, packte ihren Arm. Die Berührung rief ein Knistern hervor, als hätte das Stroh zu ihren Füßen Feuer gefangen. Ken überwand die letzte Distanz zwischen ihnen und ihre Lippen berührten sich. Nur ein einziger erlösender Kuss hätte es sein sollen … stattdessen trug Chuntao nach dieser Nacht ein Kind unter dem Herzen und das Brechen seines Eids forderte ihren Tribut.
Es gab einen guten Grund, warum es den drei ranghöchsten Beamten des Kaiserreichs verboten war, eine Familie zu gründen – schlichtweg ging es dabei um Aufmerksamkeit. In Gedanken immer noch bei seiner Liebsten bemerkte Ken nicht, dass er auf dem Weg zurück zum Raisu-Palast verfolgt wurde. Als der Krieger um eine Ecke bog, sah er sich einer Gruppe der Jadebruderschaft gegenüber. Entschlossen zog er sein Schwert, bereit es mit ihnen allen gleichzeitig aufzunehmen. Wären nur sie seine Gegner gewesen, hätte er vermutlich eine Chance gehabt … Sein Eifer und seine Unerschrockenheit waren den Straßengilden ein regelrechter Dorn im Auge – so sehr, um sie kurzzeitig zu Verbündeten zu machen. Wie aus dem Nichts heraus seilten sich Anhänger der Am Fah von den Dächern ab und griffen Ken hinterrücks an. Blut tränkte die Straße … erneut verlor eine Klinge des Kaisers ihr Leben.
Die Nachricht über seinen Tod verbreitete sich am darauffolgenden Tag rasch unter dem Volk. Trauer legte sich über die Hauptstadt. Chuntao traf die Kunde am Härtesten – drei Tage lang lag sie in tiefer Bewusstlosigkeit, unfähig die Geschehnisse zu begreifen. In ihren Träumen konnte sie mit Ken glücklich sein. Auch träumte sie von dem Kind, das sie von ihm empfangen hatte. Seine Existenz war es, die die junge Frau wieder erwachen ließ – wäre sie in ihrem komatösen Zustand verblieben, hätte sie es ebenfalls zum Gang in die Nebel verurteilt, noch ehe es das Licht der Welt erblickt hätte.
Im Gegensatz zu Chuntao konnte sich ihre Familie jedoch nicht an dem Geschenk erfreuen, das Ken ihr hinterlassen hatte. Ihr Vater schlug sie nieder und beschimpfte seine Tochter als Dirne, als Hexe – allein ihretwegen war die ehrbare Klinge ermordet worden, weil sie ihn verführt habe. Sie selbst wusste, dass dies der Wahrheit entsprach … Wenn Chuntao und Ken einander nicht begegnet wären, wäre er zweifelsohne noch am Leben. Ein paar wenige Habseligkeiten durfte sie zusammenpacken, ehe ihre Familie sie vor die Tür setzte. Die folgenden Monate als schwierig zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung gewesen … Auf sich allein gestellt, aus ihrem Elternhaus vertrieben und ohne Arbeit blieb Chuntao lediglich das Dasein als Bettlerin übrig, während ihr Bauchumfang zunahm und die Geburt mit jedem weiteren Tag näherrückte. Ungeachtet dessen konnte die Canthanerin ihrer Situation nicht grämen, wenn sie die Bewegungen ihres Kindes spürte. Es würde für immer der Beweis sein, dass sie einander geliebt hatten!
In einer stürmischen Oktobernacht weit nach Mitternacht war kaum ein Geräusch zu vernehmen, außer den hastigen Schritten der jungen Frau, die durch die dunklen Straßen der Stadt schlich. Rechts trug sie eine Laterne und mit dem linken Arm hielt sie ein Bündel fest an sich gedrückt. Sie kannte die Gefahr, welcher sie sich aussetzte, doch noch gab es kein Anzeichen der Am Fah oder der Jadebruderschaft. Im Händlerviertel von Kaineng machte Chuntao schließlich Halt. Während ihr Kind unter ihrem Herzen herangewachsen war, hatte sie sich unzählige Male die Frage gestellt, wie sie für es sorgen sollte und war stets zu demselben Schluss gekommen …
Vorsichtig legte sie ihren Sohn auf der Türschwelle einer wohlhabenden Familie ab. „Verzeih´ mir bitte … Ich wünschte, es gäbe eine andere Lösung, aber das Wichtigste ist, dass es dir gut ergeht.“ Sanft hauchte sie einen Kuss auf seine Stirn. „Lebe wohl … Ohtah.“
Chuntao warf ihm einen letzten, traurigen Blick zu, bevor sie in einer schmalen Gasse verschwand. Nur wenige Augenblicke später war ihr schmerzerfüllter Schrei zu hören, gefolgt von einem höhnischen Lachen zweier Männer, die sich aus dem Schatten lösten.
Einer von ihnen hielt den blutbeschmierten Dolch in Händen. „Was meinst du, Rien, sollen wir ihn zu seiner Mutter in die Nebel schicken?“
„Nein“, widersprach Besagter, während er das Kind abschätzend musterte, „wir nehmen ihn mit in unsere geliebte Gilde … Und vielleicht wird er einst der Schlüssel zum Sieg über diesen dreckigen Abschaum, der unseren Thron beschmutzt.“
Ein Leben für die Gilde
Bevor Ohtah Ryutaiyo richtig laufen oder sprechen konnte, lehrte Rien ihn bereits einen Dolch zu halten. Er wollte seinen Plan, den Junger zur ultimativen Waffe der Gilde zu machen, um jeden Preis in die Tat umsetzen und dafür war das Handwerk eines Assassinen am Besten geeignet – ein lautloser, ruchloser Mörder in den Schatten. Als er alt genug war, absolvierte der Junge die Grundausbildung unter den besten Lehrmeistern der Gilde. Zusätzlich fütterte sein Ziehvater ihn mit ihren idealistischen Lügen über die Regentschaft Cantha´s. Demnach sei es das Kaiserhaus, welches für die Armut des einfachen Volkes verantwortlich wäre … daher war es das langfristige Ziel der Am Fah, das Reich des Drachens von diesem Elend zu befreien.
„Das bedeutet, wir sind Helden“, rief Ohtah Ryutaiyo mit großen Augen aus, „das Schwert in der Dunkelheit, der Schild im Verborgenen!“
Die Euphorie seines Zöglings gefiel Rien durchaus, doch seine moralischen Vorstellungen bereiteten ihm Sorge – andererseits war er noch sehr jung. Wenn bloß nicht zu viel seiner leiblichen Eltern in ihm steckte … Dennoch konnte es sicherlich nicht schaden, die Erziehung in Sachen Strenge und Maßregelung etwas anzuziehen.
So lernte Ohtah Ryutaiyo von diesem Tag an, welche Auswirkungen Eigensinnigkeit mit sich brachte – besonders als sein Adoptivvater zum Anführer der Gilde aufstieg, verlangte er absoluten Gehorsam und immerzu größeren Leistungen von ihm, was Rien beim kleinsten Fehltritt hart bestrafte. Gleichsam glaubte der Braunhaarige fest daran, dass dies nur zu Besten geschah, um ihn stark zu machen und auf die harte Realität außerhalb ihres Verstecks vorzubereiten.
An seinem zwölften Namenstag rief Rien ihn zu sich in die Versammlungshalle. Obwohl die wenigsten Mitglieder ihrer Gemeinschaft zu sehen waren, wusste Ohtah Ryutaiyo, dass die Schatten nur so vor ihnen wimmelten. Vor dem Thron des Gildenmeisters angekommen, kniete er mit gesenktem Blick und preisgegebenem Nacken nieder – ein Zeichen des Respekt, durch das er sein Leben offen in Rien´s Hand legte. „Wie kann ich Euch dienen, werter Vater?“
Ein Flüstern ging durch die Dunkelheit. Natürlich wusste jedermann, dass der junge Assassine von ihm aufgezogen worden war … dennoch schätzten sie es nicht, wenn er ihn in aller Öffentlichkeit auf diese Weise ansprach, als halte er sich für höher gestellt.
„Mein Sohn, heute ist der Tag der Entscheidung gekommen. Willst du offiziell in die Gilde aufgenommen und als vollwertiges Mitglied betrachtet werden?“, fragte sein Mentor feierlich.
Die Brust vor Stolz geschwellt sprach Ohtah Ryutaiyo und sprach mit einer Entschlossenheit, die weit jenseits seines Alters lag: „Ja, ich will den Am Fah mein Leben widmen und Cantha von Tyrannei befreien!“ In einer einzigen, raschen Bewegung, gleich einer aufblitzenden Mondsichel, zog er einen seiner Klingen und schnitt sich damit die Handfläche. Das feine Tropfen des roten Rinnsals untermauerte die Ernsthaftigkeit seines Gelübdes.
Dies war allerdings nur der erste Teil des Aufnahmerituals, daher klatschte Rien einmal laut in die Hände, woraufhin sich jäh ein weiterer Assassine hinter Ohtah Ryutaiyo materialisierte. „Gehst du aus diesem Kampf siegreich hervor, akzeptieren wir dich als einen der unseren … Solltest du indes jedoch verlieren und somit Schande über dich bringen, wirst du sämtliches Ansinnen verlieren.“
„Diese Dolche sind meine besten Freunden geworden – sie haben mich noch nie im Stich gelassen“, stimmte er den Bedingungen zu und erhob sich, um sich zu seinem Gegner umzudrehen.
Tosai war ein paar Jahre älter, als Ohtah Ryutaiyo und genoss den Ruf, sehr zielgerichtet anzugreifen. Rien wollte also nicht bloß seine Stärke und Kampftauglichkeit testen, sondern ebenso sein strategisches Denken. Nun schnell konnte der Braunhaarige auch sein – das Klirren der aufeinanderprallenden Schneiden hallte donnernd von den Wänden wieder. Die Kontrahenten wirbelten auseinander, taxierten sich und stürmten erneut aufeinander zu. Wieder und wieder verhakten sich die Dolche ineinander. Obwohl beide ihr Bestes gaben, schaffte es keiner von ihnen die Oberhand zu erlangen … Da kam Tosai eine neue Idee – mit einem gewaltigen Sprung zog er sich zum anderen Ende der Halle zurück, um Ohtah Ryutaiyo in einem Ansturm zu bezwingen. Die kurze Pause, die nur einen Wimpernschlag andauerte, nutzte Ohtah Ryutaiyo, um zu seinem Ziehvater zu sehen – Rien hatte ihn aufgenommen, sich um ihn gekümmert, ihm ein Zuhause gegeben. Und nun erwartete er von ihm, dass er sich als würdig erwies.
„Ich darf nicht verlieren!“, presste Ohtah Ryutaiyo zwischen den Zähnen hervor.
Flüchtige Schatten umgaben seine Gestalt – schneller als für das menschliche Auge sichtbar, bewegte er sich auf seinen Gegner zu, führte einen Leithandangriff aus und schlug ihm anschließend mit einem gezielten Rückhandschlag die Dolche aus den Fingern. Zum Schluss rammte er Tosai noch den Dolchknauf in die Magengegend, sodass er bewusstlos zusammenklappte. Von nun an war er kein Kind mehr – er war ein ausgebildeter Assassine und Mitglied der Am Fah …
Die Präzision und Hingabe, mit der Ohtah Ryutaiyo gekämpft hatte, machte Rien sprachlos. Dieses Talent durfte unter keinen Umständen verloren gehen! Allerdings hatte sich erneut gezeigt, dass seinem Schützling ein entscheidender Aspekt fehlte … eine grausame Ader war ihm nicht gegeben. Jeder andere hätte einen tödlichen Schlag nachgesetzt – Ohtah Ryutaiyo dagegen hatte nicht einmal darüber nachgedacht, seinen Gegner zu töten. Ein finsteres Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Anführers aus. Es war wohl an der Zeit für einen seinen ersten, richtigen Auftrag … damit der Junge wortwörtlich Blut leckte.
„Heute Nacht sollst du der Gilde huldigen … Ich erwarte, dass du deinen Auftrag zu meiner vollsten Zufriedenheit ausführen wirst“, sprach Rien gebieterisch.
Die Dolche vor der Brust überkreuzt, verneigte Ohtah Ryutaiyo sich. „Jawohl. Was ist mein Ziel?“
Ein selbstzufriedener Ausdruck legte sich über Rien´s Züge. Anscheinend waren seine Mühen nicht vergebens gewesen … „Kuan Kaze – der Windminister beutet mit unsinnigen Steuerverordnungen das Volk aus.“ Und behinderte ihre Schwarzmarktgeschäfte.
Ergeben nickte der geschickte Assassine, dann dematerialisierte sich und schlich durch die Straßen Kaineng´s, hin zu den Ausläufen des Raisu-Palastes. Auf den Mauern patrouillierten Wachen, überall brannten Feuerschalen und Laternen erleuchteten die Wege. Ein tonloser Fluch kam Ohtah Ryutaiyo über die Lippen – hier gab es kaum Schatten, in denen er wandeln konnte. Vor seinem geistigen Auge rief er sich den Lageplan in Erinnerung und da fiel es ihm auf. Wieso hatte er diese Lücke in der Verteidigung nicht sofort bemerkt? Die Palastmauern waren einzig darauf ausgerichtet, Bodenangriffe abzuwehren – mit Feinden aus der Luft rechnete niemand, nicht einmal erhob einer der Soldaten seinen Blick zu den Dächern und dorthin gelangte auch kein Licht … Via Schattenschritt begab er hinauf auf den Dachfirst des höchsten Wachturms. In einer fast schon arroganten Leichtfertigkeit spazierte Ohtah Ryutaiyo ungesehen zum Anwesen des Windministeriums und sprang, ohne ein Geräusch zu verursachen, hinunter auf den prächtig geschmückten Balkon. Mit dem Geld, das in diesem Haus steckte, hätte ein ganzes Viertel der Hauptstadt saniert werden können … Geschickt schob Ohtah Ryutaiyo einen Dolch in den Spalt der Tür und hebelte das Schloss auf. Geräuschlos schlüpfte er in das Gemach, das von einem imposanten Bett eingenommen wurde und in dem Kuan Kaze in tiefem Schlaf lag. Sein Brustkorb hob und senkte sich unter den entspannten Atemzügen. Doch nicht mehr lange – der Windminister würde sein erstes Opfer werden … Warum sollte er ihn auch am Leben lassen? Er besaß Macht – Macht, die Kaineng´s Bewohnern helfen könnte, stattdessen wirtschaftete er die Steuereinnahmen in seine eigene Tasche. Der Minister hatte es nicht anders verdient! Hoffentlich würde sein Nachfolger es besser machen … Die Schneide fing einen Hauch des Mondlichts ein, als er sie herniederstieß. Ebenso lautlos, wie er gekommen war, verschwand Ohtah Ryutaiyo in der Nacht und kehrte in das geheime Versteck der Am Fah zurück. Im großen Saal standen diesmal, deutlich sichtbar, zu beiden Seiten die Mitglieder Spalier – sie alle wünschten dabei zu sein, wenn er dem Gildenmeister seinen Beweis darbrachte.
Gemäß der Tradition legte der junge Assassine die blutverschmierte Klinge vor die Füße seines Adoptivvaters. „Ich präsentiere Euch die Waffe, mit dem ich den Windminister in die Nebel geschickt habe … Daran klebt seines Herzens Blut.“
Das Gesicht seines Mentors strahlte regelrecht. Endlich hatte sein Ziehsohn ein Leben genommen! „Du hast deinen Wert unter Beweis gestellt, mein Sohn, und der Gilde einen großen Dienst erwiesen – dafür sollst du belohnt werden.“ Rien schon den rechten Ärmel seines Gewands nach oben und entblößte damit eine detaillierte Tätowierung seines Drachens, die sich über seinen gesamten Arm zog. „Dies ist ein Zeichen für unser innigstes Ziel – nun sollst auch du diese Ehre tragen!“
Während Ohtah Ryutaiyo in die Kammer des Hautmaler geführt wurde, schmiedete der Anführer der Am Fah bereits seinen nächsten Plan, um die Erziehung seines Schützlings voranzutreiben. Seinen ersten Auftragsmord hatte der Junge gut ausgeführt – die Späher, die Rien ihm nachgeschickt hatte, hatten von einem hohen Maß an Professionalität berichtet, niemand hatte sein Eindringen auf das Palastgelände bemerkt. Vielleicht würde es Ohtah Ryutaiyo eines Tages ja sogar gelingen, in das Gemach des Kaisers höchstselbst einzudringen … Doch im Gegensatz dazu stand immer noch, dass er bei seinem eigenen Eignungstest im Grunde versagt hatte – selbst mit dem errungen Sieg und der offiziellen Aufnahme in die Gilde.
Einige Tage später war das Mal, das unter seine Haut gestochen worden war, verheilt und prangte in der Farbe der undurchdringlichen Finsternis. Der Hautmaler hatte ihm während dem Prozess erklärt, dass sich jede Tätowierung ein wenig voneinander unterschied – sei es durch die Form der Hörner, die Windung des Körpers oder das Muster der Schuppen. Bei ihm war er nicht umhin gekommen trotz ihrer Vorliebe für die Dunkelheit eine Sonne einzuarbeiten – denn in seinem Nachnamen, den Rien ihm gegeben hatte, war das Schriftzeichen für dieses Gestirn enthalten. Ja, so sehr Ohtah Ryutaiyo die Gilde liebte, er war anders als die anderen Mitglieder … Tief in seinem Innern spürte er seit frühester Kindheit einen Wunsch, eine Sehnsucht nach dem Licht des Tages, das so ganz anders war als das kalte Licht des Mondes oder der Sterne. Und nun sollte er darüber entscheiden, ob ein weiterer Anwärter einen Platz in ihrer Gemeinschaft verdiente … so wie er selbst einst geprüft worden war. Auf den ersten Blick machte der junge Bogenschütze, der da eintrat, einen recht passablen Eindruck. Alterstechnisch schien er etwas älter zu sein, als Ohtah Ryutaiyo. Aufmerksam sah er sich um, doch natürlich konnte er den Assassinen in seinem Versteck nicht ausmachen.
Genauso wenig wie Rien, auch wenn dieser von seiner Anwesenheit überzeugt war – schließlich würde sein Ziehsohn es niemals wagen, einen direkten Befehl zu missachten. „Welche Waffe hast du für den Kampf gewählt?“
Der Neuankömmling legte einen Pfeil an die Sehne seines Bogens und antwortete: „Meine Pfeile haben bisher immer ihr Ziel getroffen – nun will ich damit den Am Fah Ehre bereiten!“
Mut hatte er, das musste Ohtah Ryutaiyo freilich zugeben und musterte ihn genauer. Äußerlich schien er auf den ersten Blick ganz ruhig. Nicht einmal seine Hand, mit der er die Sehne hielt, zitterte. Aber da war etwas in seiner Haltung, die Unsicherheit ausdrückte. Unwillkürlich fragte sich Ohtah Ryutaiyo, was ihn dazu bewogen hatte, der Gilde beitreten zu wollen …
„Finden wir heraus, wie ernst es dir mit diesem Vorhaben ist. Ich möchte dir deinen Gegner vorstellen“, sprach Rien und klopfte ungeduldig auf die Stuhllehne. „Ohtah, wir warten.“
Sofort löste dieser die Schattenverschmelzung und landete leichtfüßig inmitten des Saals. Der Waldläufer wirkte perplex, wenigstens lag der Pfeil noch an der Sehne an. Allerdings ließ seine Reaktionszeit sehr zu wünschen übrig – unwürdig, schoss es Ohtah Ryutaiyo durch den Kopf, Schwächlinge hatten in der Gilde nichts verloren und dabei hatte er ihm schon extra ein leichtes Ziel geboten. Zu spät fiel dem jungen Mann ein, warum es bei dieser Prüfung ging. Doch kaum hob er den Arm, um den Bogen zu spannen, traf ihn bereits eine Klinge mitten ins Herz. Leblos kippte sein Körper vorne über. Begeistert applaudierte Rien seinem Schützling, während er sich seine Waffe zurückholte. Dabei fiel sein Blick auf einen Beutel, den sein Opfer am Gürtel trug – darin befanden sich verschiedene Pfeilspitzen, die einen seltsamen Geruch absonderten … Gift. Ein breites Grinsen schlich sich in Ohtah Ryutaiyo´s Züge. Das brachte ihn auf eine Idee, wie er zu ein noch tödlicherer Schatten werden konnte.
Fluch und Segen
Glücklich erwachte Ohtah Ryutaiyo an seinem fünfzehnten Namenstag. Sein Ziehvater hatte ihm am Abend zuvor eine ganz besondere Überraschung angekündigt – eine lebensverändernde Überraschung. Längst hatte sich er sich einen Namen als bester Assassine der Gilde gemacht und selbst die erfahreneren Mitglieder begegneten ihm mit Respekt.
Zur Mittagsstunde klopfte es an der Tür seiner Kammer. Besuch war tatsächlich sehr ungewöhnlich – auf seine Antwort hin trat Rien ein. "Sei mir gegrüßt, mein Sohn, heute wirst du für deine Treue belohnt … Ohtah Ryutaiyo, hiermit ernenne ich dich Kraft meines Amtes als Gildenmeister der Am Fah zum General!“
Ein Schauer überlief den Körper des Braunhaarigen. Insgesamt neun Generäle führten das Kommando über die einzelnen Divisionen und standen im Rang direkt unter Rien. Nie zuvor war ein Mitglied seines jungen Alters in diese Rat befördert worden.
Ergeben fiel Ohtah Ryutaiyo vor ihm auf die Knie. „Vater, ich … Ich bin sprachlos. Habt Dank für Eure Großzügigkeit und diese Ehre!“
„Du hast es verdient – selbst unsere Feinde fürchten sich vor dir“, entgegnete Rien. „Ich habe eine Ratssitzung anberaumt, damit du auf den aktuellen Stand gebracht wirst.“
Nervös folgte Ohtah Ryutaiyo ihm durch das Gewirr aus Gängen. Vor einer Wand hielt Rien an und legte seine Hand darauf, woraufhin sich ein Durchgang öffnete. In dem Raum dahinter befand sich ein Tisch mit zehn Stühlen – acht davon waren bereits besetzt. Rien steuerte den leicht erhöhten Platz an der Stirnseite an und Ohtah Ryutaiyo setzte sich ihm gegenüber an das andere Ende. Nun da alle versammelt waren, legten sie ihre Waffen vor sich den Tisch – der Assassine folgte ihrem Beispiel unter dem wachsamen Blick der übrigen Ratsmitglieder.
„Heute heißen wir nicht nur meinen Sohn willkommen, wir haben auch ein wichtiges Vorhaben zu besprechen“, eröffnete der Anführer das Treffen. „Die Verderbnis breitet sich immer weiter aus, die Bewohner Kaineng´s leben in Angst vor den Befallenen. Aber es reicht noch nicht, um die Herrschaft über Cantha an uns zu reißen … Wir müssen diese Krankheit noch mehr vorantreiben! So sind nicht nur die kaiserlichen Wachen beschäftigt, sondern die Jadebruderschaft hat ebenfalls große Rückschläge zu verzeichnen. Leider wird dabei auch unsere Gilde nicht ohne Schaden bleiben – bis wir eine Möglichkeit finden die Pest zu kontrollieren, müssen wir sie auf herkömmliche Weise übertragen.“
Geschockt krallte Ohtah Ryutaiyo seine Hände an den Stuhllehnen fest. Er war diesen Ungeheuern, die einmal Menschen gewesen und von der sogenannten Pest Cantha´s dahingerafft worden waren, bereits begegnet … Die Leiber der Toten schwollen zu einer undefinierten Masse aus Pusteln und Beulen an. Getrieben von einer unbändigen Gier, alles Leben auszulöschen, streiften die Befallenen umher. Dass Rien die Jadebruderschaft und die Kaisergarde auf diese Weise loswerden wollte, konnte der Braunhaarige ja noch nachvollziehen … Aber die Canthaner dafür in diese Monster zu verwandeln? Und schlimmer noch sogar seine treu ergebenen Gildenmitglieder? Es kostete Ohtah Ryutaiyo seine gesamte Selbstbeherrschung, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten, während sich Anwesenden weiter beratschlagten. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken und er ging jede einzelne Äußerung durch, die Rien ihm gegenüber zu ihrer Sache getätigt hatte. Stets hatte er dem Kaiserhaus die Schuld am Elend der Bevölkerung gegeben, die ungerechte Verteilung der Güter beklagt. Wobei ganz stimmte das nicht – dass die Am Fah regieren sollten, hatte er früher schon erwähnt … Ohtah Ryutaiyo war nur zu geblendet gewesen, um ihre wahren Machenschaften zu durchschauen. Stattdessen hatte er brav im Namen der Gilde etliche – höchstwahrscheinlich unschuldige – Menschen getötet! Diese Schuld würde für den Rest seines Lebens auf ihm lasten … Egal was er auch tun würde, solche Gräueltaten ließen sich nicht ungeschehen machen. Wie hatte er nur so blind sein können? Mit einem Mal brach seine ganze Welt in sich zusammen und Übelkeit stieg in ihm auf. Die Am Fah waren Verbrecher, die ihn von Anfang an manipuliert hatten. All die Jahre hatte er zugelassen, dass sie ihn nach ihren Vorstellungen formten und der Gilde sogar seine ewige Treue geschworen!
Unterdessen beendete Rien ihre Zusammenkunft und ein jeder nahm seine Waffe wieder an sich. Ohtah Ryutaiyo eilte zuerst hinaus – wäre er angesprochen worden, hätte er sich womöglich nicht mehr im Zaum halten können. Es gab nur eine einzige Möglichkeit … er musste fliehen!
„Niemand ist geeigneter vor den Am Fah zu fliehen, als ein Am Fah …“, murmelte Ohtah Ryutaiyo in die Stille der Nacht hinein.
Wie lange war es nun schon her, dass er die Wahrheit über seine einstige Familie herausgefunden hatte? Beinahe drei Jahre lang versteckte er sich vor den Häschern, um ihnen immer mal wieder ein Schnippchen zu schlagen. Damit hielt er sich bloß an sein Gelöbnis – der Gilde sein Leben zu verschreiben und trat für das Wohl von Cantha ein ... lediglich sein Feindbildhatte sich geändert. Darum wachte der geschickte Assassine verborgen auf dem Dach eines Bauernhauses und beobachtete die Straße zu seinen Füßen. Die Am Fah erwarteten in dieser Nacht die Lieferung eines seltenen Artefaktes. Da betrat eine vermummte Gestalt den kleinen Platz.
„Pünktlich seid Ihr, das muss ich Euch lassen“, stellte eine Stimme zufrieden fest, die Ohtah Ryutaiyo bekannt vorkam, „aber habt Ihr auch meine Ware dabei?“
Nichts hatte darauf hingedeutet, dass sich noch jemand in den Schatten verbarg. Zwei Am Fah traten gefolgt von einem Mann, der wie ein Himmelsadept gekleidet war, traten ins schwache Zwielicht. Der Bauer, in dessen Augen die Armut überdeutlich abzulesen war, nickte wiederholt und holte ein Gefäß unter dem Gewand hervor.
„Ah, der Kelch … endlich“, gab er genüsslich von sich, so als zergehe ihm das Wort förmlich auf der Zunge. „Ihr habt Eure Sache gut gemacht … Jetzt will ich Euch dafür belohnen. Trinkt und entfaltet Eure wahre Stärke!“ Er goss eine klare Flüssigkeit in das Gefäß und gab es ihm zurück, von dem ein grüner Dunst aufstieg.
Eine böse Vorahnung überkam Ohtah Ryutaiyo, als er beobachtete, wie der Canthaner zögerlich seine Lippen mit dem Gebräu benetzte. Der Kelch entglitt seinen Händen und er begann sich grauenhaft zu verändern – aus dem Canthaner wurde ein Befallener! Schwankend torkelte er die Straße entlang, auf der Suche nach seinem ersten Opfer … Die Gilde hatte tatsächlich eine Methode gefunden, diese abscheulichen Kreaturen selbständig zu erschaffen!
„Wir sind hier fertig“, meinte der Adept und bückte sich, um das Artefakt aufzuheben. „Lasst uns zur Gilde zurückkehren.“
Ohtah Ryutaiyo´s Augen weiteten sich, als er damit sein Gesicht entblößte. Es war Tosai, den er einst hatte besiegen müssen, um in die Gilde aufgenommen zu werden … Anstatt für die Niederlage gegen ein Kind aus ihren Reihen ausgestoßen worden zu sein, war er scheinbar als Spion eingesetzt worden.
Seiner Anweisung von Tosai folgend, setzten sich die Am Fah in Bewegung. Wenn Ohtah Ryutaiyo sie nicht aufhielt, würden weitere Canthaner durch diesen verfluchten Gegenstand verwandelt werden … Trotz seines Verrates hatte der geschickte Assassine seine Gildenkluft nicht für einen Tag abgelegt – der Umhang schützte zum einen vor physischen Angriffen und verschaffte ihm genügend Ablenkung, um Tosai´s Begleiter mit seinen Giftpfeilen zu treffen. Röchelnd brachen sie innerhalb weniger Sekunden zusammen und erstickten an ihren zugeschwollenen Atemwegen.
„Tja, da waren es erneut nur du und ich, Tosai“, meinte Ohtah Ryutaiyo und zog blank.
Zorn breitete sich auf dem Gesicht des Am Fah aus. „Deinetwegen musste ich in Schande leben, das wirst du mir büßen! Wie unser Anführer wohl reagieren wird, wenn ich ihm den Kopf seines geliebten Ziehsohns bringe?“
Damit hatte Tosai seinen wunden Punkt getroffen. Ohtah Ryutaiyo verachtete Rien für seine Intrige – ungeachtet dessen vermochte er es nicht, ihn zu hassen … Diese Unaufmerksamkeit ausnutzend, setzte Tosai zum Streich an und verpasste ihm eine blutige Schramme auf der Wange, die den Braunhaarigen wachrüttelte. Ein kräftiger Doppelangriff entwaffnete seinen Gegner.
„Ich kann dich nicht am Leben lassen … diesmal nicht“, murmelte der Braunhaarige betrübt, ehe er Tosai die Kehle durchschnitt.
Anschließend verbrannte er die Leichname, damit sie sich nicht erneut erhoben, und warf auch den Kelch in Flammen.
Trotz dieses Rückschlags vermehrten sich die Befallenen immer schneller, während es um die Aktivitäten der Gilde vorerst still wurde – dafür drang ein neues Gerücht an Ohtah Ryutaiyo´s Ohren, das nicht minder seine Aufmerksamkeit erregte. Demnach sei Meister Togo, dessen Namen selbst Rien nur bedächtig aussprach, zusammen in Begleitung eines Mädchens nach Kaineng gekommen. Dabei verließ der eigenbrötlerische Ritualist sonst nie die Ausbildungsstätte, die er auf der Insel Shing Jea leitete … Angeblich untersuche er die lächerliche Vorstellung, der Geist von Shiro Tagachi wäre wiederauferstanden. Wenn dies allerdings dennoch der Wahrheit entsprach, würde nichts die Am Fah daran hindern, sein Vorhaben zu unterstützen und jeden auszulöschen, der sich ihm in dem Weg stellte – ungeachtet ihrer eigenen Ambitionen verehrten sie vor allem Macht. Von dem hinterrücksen Angriff auf seinen Kaiser ganz abgesehen …
Im Zentrum der Hauptstadt nahm Ohtah Ryutaiyo die Spur der Neuankömmlinge auf und folgte ihnen zum Vizunahplatz. Aus seinem Versteck in den Schatten heraus, beobachtete er die kleine Gruppe, die um einen tyrianischen Mönch gewachsen war. Keine schlechte Entscheidung, denn sie liefen auf ihrem Weg einer gewaltigen Schar Befallener in die Arme. Dem geschickten Assassinen entging nicht, dass dem Mädchen das Töten höchst zuwider war … Da hatte er so viel von der Weisheit des Klosterleiters gehört und dann brachte dieser ausgerechnet ein Kind zum Kampfgetümmel mit! Was auch immer Meister Togo sich dabei gedacht hatte, er musste den Preis dafür zahlen – der Klingenarm eines Befallenen zwang ihn zu Boden. Zwar begann der Mönch umgehend ein Heilgebet zu sprechen, doch der nächste Angreifer brachte sich bereits in Position. Schnaubend wandte Ohtah Ryutaiyo den Blick ab. Er verspürte keinerlei Verlangen, ihr aller Ende mitanzusehen … Da ertönte die Stimme des Mädchen, was wie ein zarter Flügelschlag sein Gesicht streifte. Beinahe wie in Trance griffen seine Finger in die Taschen an seinen Oberschenkeln, während sie sich schützend vor ihrem Mentor aufbaute. Seinen Körper gänzlich mit den Schatten verschmolzen, brachte Ohtah Ryutaiyo einen Feind nach dem anderen durch seine Giftpfeile zu Fall. Anschließend zog er sich in eine dunkle Nische zurück. Indes hatte sich Meister Togo erholt und wies seine Schülerin zurecht, die sich jedoch verwirrt umsah … Für den Bruchteil einer Sekunde traf ihr Blick sein Versteck und er erkannte in ihren braunen Augen eine Tiefe, die keineswegs kindlich wirkte. Außerdem hatte sie tatsächlich einen Hauch seiner Aura wahrgenommen – womöglich gab es doch einen guten Grund dafür, dass sie den Leiter des Klosters begleitete.
Die kleine Gruppe zog weiter in Richtung Unterstadt, was Ohtah Ryutaiyo´s Kehle einen stummen Fluch entlockte. Eigentlich hatte er bloß dann eingreifen wollen, wenn die Am Fah etwas gegen sie unternahmen – wobei er sich nicht zum ersten Mal seit seiner Flucht fragte, ob er die Gilde wirklich würde zerschlagen können … Doch nun spürte er noch etwas anderes in sich, ein unangenehmes Stechen in der Brust. Als zöge eine unsichtbare Hand an ihm, trat er hinaus ins ungewohnte Licht. Nichts und niemand sollte diesem Mädchen Schaden zufügen, dafür würde er persönlich Sorge tragen! Selbst wenn er sich dafür selbst mit dem berüchtigsten Assassinen in der Geschichte von Cantha anlegen müsste …
Zu seinem eigenen Glück bekam Ohtah Ryutaiyo nicht mit, wie Besagter aus dem Geisterreich heraus nach dem Leben der drei Widerstandskämpfer griff. Ohne das Eingreifen des Gesandtenrates aus den Nebeln, wäre sein Vorhaben beendet gewesen, noch bevor es überhaupt begonnen hatte. Bis er zu ihnen aufgeschlossen hatte, bekam er lediglich die letzten Fetzen des Gespräches mit – vor ihnen schwebte die durchscheinende Gestalt eines älterer Mann, der sie dazu drängte, sich dem Verräter entgegenzustellen.
Entschlossen ballte die Elementarmagierin ihre Hand über dem Herzen. „Ich, Shikon No Yosei, Verteidigerin von Shing Jea und Fee der vier Elemente, werde bis zum letzten Atemzug für Cantha kämpfen!“
Zur Erwiderung nahm ein anderer Geist den Platz des Sprechers ein. „Doch dafür müsst Ihr alle Weh No Su sein …“
Diesen Begriff hatte nicht nur Ohtah Ryutaiyo noch nie zuvor gehört, Shikon No Yosei erging es ähnlich. Meister Togo und sein Begleiter dagegen hatten die sogenannte himmlische Prüfung allerdings bereits hinter sich gebracht, daher musste seine Schülerin sich allein zum Nahpuiviertel, dem Hoheitsgebiet des Himmelsministeriums aufmachen. Wo sich ein Spion eingeschlichen hatte, konnten sich noch weitere verbergen – ein Grund mehr, dem Mädchen auf den Fersen zu bleiben.
Die Verfolgung bescherrte dem geschickten Assassinen ein gewaltiges Maß an Verwirrung. Vollkommen planlos und vor allem orientierungslos irrte das Mädchen durch die Gänge der Unterstadt – nichts deutete daraufhin, es wäre der übermächtigen Aufgabe gewachsen, sich dem Verräter entgegenzustellen … Sollte ihn sein erster Eindruck von Meister Togo´s Schülerin doch nicht getäuscht haben? Gleichzeitig konnte er sich nicht zurückziehen.
Da hielt Shikon No Yosei plötzlich inne, ihre Augen verengten sich und mit ausgestrecktem Zeigefinger wies sie exakt auf jene Stelle, an der er sich in der Dunkelheit verborgen hielt. „Wer bist du?“
Angesichts dieser vollkommenen Ironie, dass sie ihn trotz ihrer Hilflosigkeit aufgespürt hatte, konnte er ein beinahe belustigtes Lachen nicht vermeiden. Via Schattenschritt erschien er nur wenige Zentimeter vor ihr, woraufhin sie ihn verwundert musterte. Ihm fiel sofort auf, dass ihre Mimik keinerlei Furcht zeigte – obwohl er die Hälfte seines Gesichts unter einer schwarzen Maske verbarg und unzählige Waffen bei sich trug. Erst als sie das Gildensymbol auf dem umgedrehten Umhang erblickte, erhob sie drohend ihren Zauberstab.
„Ihr seid sehr aufmerksam … doch von mir müsst Ihr nichts befürchten – sonst hätte ich Euch auf dem Vizunahplatz wohl kaum geholfen“, lobte der Assassine ihre Reaktion. „Ich heiße Ohtah … Ohtah Ryutaiyo. Und wie Ihr festgestellt habt, war ich schändlicherweise einst ein Mitglied der Am Fah. Glaubt mir, Ihr könntet ein perfektes Zielobjekt für sie sein – deshalb biete ich Euch für Euer Unterfangen meine Hilfe an.“
Ihr Blick wurde forschender. Zweifelsohne wägte sie seine Worte gründlich ab. „Warum sollte ich dir vertrauen?“
In einer fließenden Bewegung zog er seine beiden Hauptdolche aus den Halftern an seiner Hüfte und überkreuze diese vor der Brust. „Ich schwöre, ich werde Euch mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln beschützen, Shikon No Yosei – wenn nötig auch mit meinem Leben.“ Auf ihr ruhte alle Hoffnung Cantha´s, trotz ihres offensichtlich grottenschlechten Orientierungssinns … Ein leicht spöttisches Lächeln zeichnete sich auf seiner Maske ab. „Außerdem … scheint es mir so, als bräuchtet Ihr einen Führer.“
Damit endet Ohtah Ryutaiyo´s Dasein als einsamer Schatten und es beginnt seine Geschichte an der Seite von Shikon No Yosei. Eine Geschichte, die ganz Tyria verändern wird! Denn diese Begegnung zwischen Fluch und Segen war alles andere, als ein Zufall … sondern Schicksal.
Doch liegt es an dem geschickten Assassinen, ob er den notwendigen Mut für ein Leben im Licht besitzt – bekanntlich gibt es schließlich nicht, das einen mehr gefangen halten kann, als eine quälende Vergangenheit …
Buch 02: Legende gegen Prophezeiung
Bande des Schicksals können unter Umständen sehr verworren sein … Selbst die unscheinbarsten Kleinigkeiten geschehen nicht zufällig, sondern bedingen große Ereignisse – wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der schlussendlich zum Sturmregen wird. Ohne eine erste Begegnung kann es kein erneutes Wiedersehen geben … Und so wird die Legende endlich weitererzählt!
Hilferuf
Cantha, das Kaiserreich im Süden Tyria´s war für Außenstehende schon immer ein geheimnisvolles und wundersames Land gewesen. Neben den fünf Göttern betete man dort ebenso zu den ehrwürdigen Geistern der Nebel – den Seelen jener Verstorbenen, die ihre Leben einst zum Schutz des Reichs des Drachen geopfert hatten.
Zwölf Monde waren seit dem Kampf gegen Shiro Tagachi ins Land gezogen - ein Kampf, der einen hohen Preis gefordert hatte ... Um sein Ritual abzuschließen und wieder als Sterblicher unter den Lebenden zu wandeln, hatte Shiro Tagachi kaiserliches Blut vergossen – das Blut von Meister Togo, dem Veteran der schrecklichen Tengu-Kriege, Botschafter seines Halbbruders Kaiser Kisu und Leiter des Klosters von Shing Jea. In dieser Position hatte er eine seiner fähigsten Schülerinnen als Verteidigerin auserwählt. Zwischen Trauer und Heldenmut war es der schönen Elementarmagierin Shikon No Yosei gemeinsam mit dem geschickten Assassinen Ohtah Ryutaiyo und dem tyrianischen Mönch Bruder Mhenlo schlussendlich gelungen, den Verräter seiner gerechten Strafe zuzuführen – ein nie endender Aufenthalt in einem der tiefsten Verliese der Unterwelt … doch trotz ihres Sieges verschwanden die Befallenen, die sich mit der von Shiro Tagachi´s Verderbnis infiziert hatten, nicht einfach.
Shiko No Yosei kniete vor einem kleinen Schrein nahe des Dorfes Tsumei. Auf dem Altar lag ein Amulett, das Meister Togo unter seiner Kleidung getragen hatte und in das ein stilistischer Drache eingraviert worden war – das Wappen der kaiserlichen Familie von Cantha.
Regelmäßig kam sie zu der Gedenkstätte, um zu ihrem verstorbenen Mentor zu sprechen. „Wir machen Fortschritte – seid versichert, Meister, Ohtah und ich werden die Pest ausmerzen!“
„Wie schön, dass du so optimistisch bist“, meinte der Assassine lächelnd, ehe er dieselbe Haltung einnahm. „Allerdings werden wir wohl eine kleine Pause von unserer Jagd auf die Befallenen einlegen müssen …“
Verwundert sah die Rothaarige auf, woraufhin er ihr ein zusammengerolltes Stück Pergament reichte. Das Schreiben stammte von Bruder Mhenlo. „>Meine verehrten Freunde, ich schreibe Euch diesen Brief, um Euch um Eure Hilfe zu ersuchen. Vor knapp vier Jahren wurde Ascalon, das grüne Königreich, in dem ich geboren wurde, von einer einfallenden Armee der blutrünstiger Wesen, den Charr vollkommen zerstört – deshalb flüchtete mein Volk nach Kryta … Dort wurden wir mit offenen Armen empfangen. Doch kaum, dass ich aus Cantha zurückkehrte, wurden wir von einem Aufstand des Weißen Mantels überrascht – sie offenbarten uns ihren blasphemischen Glauben an ihre sogenannten Unsichtbaren Götter an, denen sie sogar Menschenopfer darbringen! Allerdings sind diese Wesen keinesfalls irgendwelche Hirngespinste … Ich habe sie gesehen – vielleicht weil ich durch die himmlische Prüfung näher an den Sternen bin. Eine böse Aura schwebt über Tyria … Deshalb bitte ich Euch, helft mir! Hoffentlich auf bald in Löwenstein, Mhenlo<.“
Entsetzt starrte Shikon No Yosei ihren Liebsten an. „Bei allen Göttern …“
Es bedurfte keinerlei Diskussion oder gar der Frage, ob sie nach Tyria reisen würden, um Bruder Mhenlo zu helfen. Er hatte ihnen im Kampf gegen Shiro Tagachi beigestanden und sein Leben für sie riskiert - es wurde Zeit diesen Gefallen zu erwidern!
Ohtah Ryutaiyo zog sie mit sich auf die Füße. „Ich gehe zu Ausbilder Ng, damit der Kaiser Kenntnis über unsere Abreise erhält. Und dann gehe ich direkt nach Seitung, um uns eine Überfahrt zu organisieren.“
Dankbar nickte die Elementarmagierin. Selbst in dieser ernsten Lage war sie nicht besonders erpicht darauf, sich mit der ehrgeizigen Mönchin und neuer Leiterin des Klosters von Shing Jea auseinanderzusetzen … „Ich packe unsere Sachen und komme nach zum Hafen.“
Flüchtig streifte der Assassine ihre Lippen, ehe er via Schattenschritt vor ihren Augen verschwand. Shikon No Yosei drehte sich noch einmal zu dem Schrein um, den sie durch ihre Magie errichtet hatte. Die Zeit heilte nicht alle Wunden … Der Verlust von Meister Togo hatte ein Loch in ihr Herz gerissen. Von jenem Tag im Raisu-Palast an hatte sie sich an die Vorstellung geklammert, er wäre tatsächlich ihr leiblicher Vater gewesen … gleichzeitig hatte sie die Frage gequält, warum er sich ihr als solcher nicht zu erkennen gegeben hatte. Welchen Grund er auch gehabt haben mochte – es war zu ihrem Besten gewesen, davon war die Elementarmagierin überzeugt.
„Wenn wir zurück sind, werde ich Euch von der Reise erzählen“, sagte sie mit einem traurigen Lächeln und machte sich auf den Weg ins Dorf.
Da die Mädchen inzwischen auf ihren eigenen Beinen standen, hatte ihre Tante Bishu ihren Dienst im Nahpuiviertel unter Suun wiederaufgenommen – dafür war Ohtah Ryutaiyo zu Shikon No Yosei in das Häuschen gezogen. Und von seiner anfänglichen Furcht, nicht gut genug für eine glückliche Zukunft an ihrer Seite zu sein, war kaum mehr etwas übrig …
Über viele Jahre lang hatte die Beziehung zu den anderen Kontinenten gelitten und zusehends abgenommen … Erst der diplomatisches Initiative von Meister Togo war es zu verdanken, dass die Verbundenheit und damit die Kommunikation sowie der Handel mit Tyria wiederhergestellt worden war. Inzwischen legten regelmäßig Schiffe vom Bejunkan-Pier in Richtung Tyria und Elona ab.
Freudig hatten die Hafenarbeiter ihre Helden begrüßt und ihnen unverzüglich eine Kajüte auf der nächsten, ablegenden Dschunke nach Löwenstein angeboten – eine zweiwöchige Überfahrt nach Norden über den Endlosen Ozean und durch die See der Betrübnis, bis sie endlich die florierende Handelsstadt erreichten. Shikon No Yosei hoffte inständig, dass sie nicht bereits zu spät waren – denn dem schlechten Wetter war die Dringlichkeit ihrer Mission herzlich egal gewesen.
Zur selben Zeit überprüfte Bruder Mhenlo zum wiederholten Male den Stand der Sonne. Länger konnte er den Kapitän, den er angeheuert hatte, nicht hinhalten … Schweren Herzens wandte sich der Mönch vom Kai des Handelsviertels ab.
„Verzeiht die Verspätung“, sagte eine weibliche Stimme, die seine Aufmerksamkeit erregte.
Vor ihm stand Ohtah Ryutaiyo, der Shikon No Yosei auf seinen Armen und ihr beider Gepäck auf dem Rücken trug, noch von einem Rest dunklen Schattens umhüllt. Bruder Mhenlo´s Blick glitt an ihm vorbei – in die Bucht lief gerade ein canthanisches Schiff ein. Um ihn abzupassen, hatte der Assassine die verbliebene Strecke mit einem Schattenschritt überbrückt …
Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ihr seid gekommen …“
„Natürlich – nichts könnte uns jemals daran hindern, einem Freund in Not nicht beizustehen“, entgegnete die Elementarmagierin, nachdem ihr Liebster sie abgesetzt hatte. „Was können wir tun?“
Prompt wurde seine Freude vom Zeitdruck wieder eingeholt und er bedeutete seinen Verbündeten ihm zu folgen. „Genau wie Cantha wird auch Tyria von einer weisen Drachin beschützt. Glint hat mir eine Vision geschickt, in der sie mich aufforderte, zu ihr zu kommen … Die Deldrimor bewachen in ihrer Hauptstadt ein mystisches Portal, das zu ihrer Höhle in der Kristallwüste führt.“
Das Reiseziel verursachte bei Shikon No Yosei eine kribbelnde Gänsehaut. Nicht etwa wegen der Kälte, sondern wegen der Aussicht auf ein weiteres Wiedersehen … An jenem Tag, da Meister Togo sie zur >Verteidigerin von Shing Jea< ernannt hatte, hatte er Seiketsu No Akari für ein Studium in den Südlichen Zittergipfeln bei den Deldrimor-Zwerge ausgewählt. Seither lernte die Mönchin bei ihnen. Und nun würde sich Shikon No Yosei in dasselbe Gebiet aufmachen …
Als die Gefährten zum Pier kamen, scharrte der Kapitän bereits mit den Füßen. Er war es nicht gewohnt, dass man ihn warten ließ – doch da es sich bei dem Auftraggeber um den geachteten Leiter des Tempels der Zeitalter handelte, hieß er seine Gäste mit offenen Armen willkommen und ließ umgehend den Anker lichten.
Während Ohtah Ryutaiyo unter Deck ihr Gepäck verstaute, trat Bruder Mhenlo an die Brüstung am Heck der Galeere, gefolgt von Shikon No Yosei. Es versetzte seinem Herzen einen Stich seine neue Heimat zu verlassen … Anders als bei seinem Aufbruch nach Cantha, konnte man diesmal nicht vermuten, was er bei seiner Rückkehr vorfinden würde …
„Ihr habt in Eurem Brief geschrieben, Euer Volk vor den Charr sei nach Kryta geflohen. Würdet Ihr mir noch mehr davon erzählen?“, fragte die Rothaarige vorsichtig und sah ebenfalls zum Festland.
Der Mönch stieß ein schweres Seufzen aus, nickte jedoch. „Ascalon war ein herrliches, grünes Land mit zahlreichen Wäldern und Feldern im Osten Tyria´s … bis zum Tag des Großen Feuers. Eine zehn Meter hohe Steinmauer trennte uns von den Charr aus den Nordländern – hoch gewachsene, katzenartige Bestien, die aufrecht auf zwei Beinen gehen und aus deren Köpfen Hörner ragen. Außerdem beherrschen sie mächtige Magie, wie wir feststellen mussten …“ So war es gewesen – der letzte Tag im Königreich Ascalon wurde weder von Fanfaren noch von Glocken angekündigt … Aber die Überlebenden erinnerten sich später an die milde Brise an einem warmen Morgen, die ihnen während ihrer täglichen Pflichten angenehm durch die Haare geweht war, ehe sie von einem Regen aus Tod und Zerstörung abgelöst wurde. „Die Schamenenkaste unserer Feinde entfesselte einen gewaltigen Energieball, der vom Himmel herabregnete und unsere Heimat mit verseuchten Kristallen verdarb. Von einem Moment auf den anderen verwandelte sich unsere wunderschöne Heimat in ein tristes Ödland … Daraufhin führte mein bester Freund aus Kintertagen, Prinz Rurik eine Schar Flüchtlinge gegen den Willen seines Vaters auf der Suche nach einem neuen Zuhause westwärts. Allerdings erlebte er selbst diesen Moment nicht mehr – in den Nördlichen Zittergipfeln wurden wir von einer Horde Steingipfel angegriffen und Rurik opferte sein Leben, damit wir nach Kryta fliehen konnten. Das war vor vier Jahren … Ich muss um jeden Preis dafür Sorge tragen, dass meine Landsleute nicht erneut ihre Heimat verlieren!“
„Wir werden Tyria ebenso wenig untergehen lassen, wie Cantha – darauf habt Ihr mein Wort!“, bestätigte Shikon No Yosei, der plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoss. „Ach, und bitte, Ihr müsst mich endlich >Shiko< nennen.“
Ein Lächeln umspielte die Mundwinkel von Bruder Mhenlo. Beim Kampf gegen Shiro Tagachi hatte er sie anfangs für ein naives und für die Aufgabe viel zu unerfahrenes Mädchen gehalten – doch sie hatte ihn im Echowald vom Gegenteil überzeugt. Ohne seine Freunde hätte er höchstwahrscheinlich den Untergang seines Landes mitansehen müssen … so gab eine Chance auf Frieden für Tyria. „Ich danke Euch … Shiko, Euch und Ohtah.“
Damit verließ der Mönch das Deck und zog sich in seine Kajüte zurück. Kurz darauf brach bereits die Nacht herein, aber Shikon No Yosei sah weiterhin über das Meer. Der tyrianische Ozean war ganz anders, als jener in ihrer Heimat. Der Blick wurde nicht vom Nebel getrübt, sondern reichte im Licht des Tages bis an den Horizont … Sie fühlte sich frei – unbeschwert, trotz des drohenden Kampfes.
„So wunderschön diese Aussicht auch sein mag – du musst dich ausruhen“, meinte Ohtah Ryutaiyo und legte von hinten beide Arme um sie.
Lächelnd schmiegte die Elementarmagierin ihren Körper enger an ihn und atmete die salzige Meeresluft ein. „Was glaubst du, was uns bevorsteht – ein Bürgerkrieg oder werden wir es mit diesen >Unsichtbaren Göttern< aufnehmen müssen?“
„Ich habe mich mit der Mannschaft unterhalten … Schon bevor die Ascalonier nach Kryta kamen, hatte der >Weiße Mantel< den damaligen König entmachtet und das Land zu einer Theokratie umstrukturiert. Die Nachkommen der Herrscherfamilie gründeten daraufhin die >Glänzende Klinge<, die nun den Widerstand anführt“, berichtete der Assassine ganz in seinem Element als geborener Stratege. „Hab´ keine Angst – solange wir zusammen sind, ist nichts unmöglich …“
Sie drehte sich zu ihm um, ohne sich aus seiner Umarmung zu lösen. „Mit dir an meiner Seite habe ich keine Furcht!“
Weder in ihrer Stimme noch in ihrem Blick lagen der geringste Zweifel. Noch immer konnte der Braunhaarige es an manchen Tagen nicht fassen, dass Shikon No Yosei seine Gefühle erwiderte … Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie.
[B[Die Flammensucher-Prophezeiung
Direkt nach ihrem Einlaufen in den Hafen von Droknar´s Schmiede eskortierte eine Patrouille Deldrimor-Zwerge die drei Verbündeten zum versteckten Portal. Da Bruder Mhenlo derjenige war, der von Glint zu sich gerufen wurde, trat er zuerst durch den schillernden Durchgang – Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo direkt hinter ihm. Das, was sie auf der anderen Seite sahen, raubte ihnen den Atem. Glint´s Höhle war einmalig. Die Elementarmagierin konnte ihren Blick kaum von den unzähligen Kristallen lösen, die das dämmrige Licht in seine Spektralfarben brach. Überall glänzte ein einziges Farbenspiel.
„Deine Augen strahlen noch viel schöner …“, hauchte der Braunhaarige nahe an ihrem Ohr, was ihr die Röte ins Gesicht trieb.
Hand in Hand folgten sie dem Mönch durch den Tunnel bis tief ins Herzstück der Grotte. Dort ruhte der gewaltige, kristalline Leib der hellsichtigen Drachin neben einem Nest, in dem vier durchsichtige Eier lagen.
Ihre Stimme, die von ihren zahlreichen Lebensjahren zeugte, erklang direkt in den Köpfen ihrer Besucher. „Es freut mich, dass Ihr alle zu mir gefunden habt … Ich war mir sicher, Ihr würdet Eure einstigen Kampfgefährten um Hilfe ersuchen, Bruder Mhenlo – denn Ihr seid das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart …“ Das traurigste Kapitel in der Geschichtsschreibung von Tyria handelte von der brutalen Invasion der Charr – doch es hatte nicht mit der Vernichtung von Ascalon geendet. Obwohl die Charr schon immer ein kriegerisches Volk gewesen waren, entsprach dieser blinde Zerstörungswahn keineswegs ihrem Naturell. Die führenden Schamanen waren dem Geflüster >Unsichtbarer Götter< erlegen, die Tyria aus seiner Balance bringen wollten … So hatten sie erst Ascalon angegriffen und waren anschließend in das Inselkönigreich Orr eingefallen, in dem einst Balthasar, Dwayna und Melandru höchstselbst gelebt hatten. Damals hatte der oberste Berater des Königs, Wesir Khilbron eine folgenschwere Entscheidung getroffen ... Im Archiv der Hauptstadt Arah war er auf versteckte Schriftrollen der Götter gestoßen, die dunkle Magie als Gegengewicht zu ihrer Schöpfung enthielten – zusammen mit der Macht des sagenumwobenen Zepters von Orr hatte er einen solch gewaltigen Zauber gewirkt, dass nicht bloß die einfallenden Feinde zum Tode verurteilt wurden … ganz Orr wurde der wortwörtliche Untergang gebracht. „Und nun hat sich der Blick dieser Kreaturen auf Kryta gerichtet – mit dem Weißen Mantel als Werkzeug.“
„Aber warum?“, schluchzte Bruder Mhenlo, der von seiner Verzweiflung überwältigt wurde.
Ein weißer, eiserner Hauch ähnlich einem Seufzen stob aus dem Maul Glint´s. „Sie wollen alles dem Erdboden gleich machen … und diese Welt für sich beanspruchen. Doch nicht einmal ich kann sagen, warum sie es ausgerechnet auf Tyria abgesehen haben.“
„Wir dürfen nicht zulassen, dass ihnen auch noch der Rest der Welt zum Opfer fällt!“, rief Shikon No Yosei aufgebracht aus.
Die Drachin stieß ein zustimmendes Knurren aus, dann mischte sich eine Spur Melancholie in ihre Stimme. „Vor über achthundert Jahren sprach ich die >Flammensucher-Prophezeiung< aus … Eines Tages würde der >Flammensucher< das Zepter von Orr ergreifen und mit dunkler Magie die >Unsichtbaren Götter< bezwingen. Allerdings … wäre er damit gleichzeitig ein noch viel gefährlicherer Gegner – dennoch sollte es Hoffnung geben … Drei auserwählte Kämpfer würden die Kraft besitzen, den Flammensucher aufzuhalten und diesem Land den Frieden wiederzugeben. Tyria kann nur von Euch, Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo, gerettet werden!“
Die beiden Helden sahen sich perplex an. Sie waren nach Tyria gekommen, um ihrem Freund beizustehen – nun stellte sich heraus, dass ihre Rolle in diesem Kampf bereits vor Jahrhunderten geweissagt worden war. Das bedeutete unweigerlich, ihr Sieg über Shiro Tagachi und der Tod von Meister Togo hatten ebenfalls bereits festgestanden … Ein eiskalter Schauer überlief die Elementarmagierin bei der Vorstellung, lediglich ein Spielball mystischer Kräfte zu sein. Ihr Blick wanderte erneut zu ihrem Liebsten. Andererseits war sie seit ihrer ersten Begegnung davon überzeugt gewesen, dass sie einander nicht zufällig über den Weg gelaufen waren. Egal ob Schicksal oder nicht – ihre Anstrengungen und ihre Trauer waren echt gewesen. Selbst wenn sie dazu bestimmt waren, das Ende von Tyria abzuwenden, so mussten sie den Weg dennoch aus eigener Kraft gehen.
„Sagt uns bitte, wer ist der dritte Auserwählte?“, wollte der Assassine sachlich wissen.
Ein tiefes Seufzen hallte durch ihre Gedanken. „Die Zukunft zu kennen ist ein Segen und ein Fluch gleichermaßen … Mehr kann ich Euch nicht sagen, ohne Euch damit von Eurem Pfad abzubringen.“
Tyria stand am Rande der Vernichtung … Nur drei Auserwählte konnten die Welt noch retten – allerdings waren aktuell bloß zwei davon bekannt. Ihren geheimnisvollen Mitstreiter mussten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo laut Glint auf eigene Faust finden. Zunächst wollten sie allerdings einen anderen Verbündeten gewinnen – die Deldrimor-Zwerge. Auf ihrer Flucht in Richtung Kryta hatte Bruder Mhenlo bereits die Großherzigkeit von Jalis Eisenhammer bereits kennengelernt. Zurück in Droknar´s Schmiede führten die Soldaten die kleine Gruppe zum Kriegsrat, denn die Auseinandersetzung mit den Steingipfel-Zwergen begann sich zuzuspitzen. Mit der schmiedeeiserne Krone und dem langen, weißen Bart erfüllte König Jalis genau die optische Vorstellung, die sich die Rothaarige von ihm gemacht hatte, während der weise Ausdruck in seinen Augen und das breite, strahlende Lächeln ihre Hoffnung bestätigten – bei ihm war Seiketsu No Akari gut aufgehoben.
„Willkommen, Willkommen“, begrüßte der Herrscher seine Gäste, „es erleichtert mich, Euch wohlbehalten wiederzusehen, Bruder Mhenlo – meine Kundschafter berichteten mir, die Ascalonier hätten sich gut in Kryta eingelebt.“
Respektvoll verneigte sich der Mönch vor ihm. „Das verdanken wir einzig der Rettung durch Euch. Allerdings wisst Ihr vermutlich bereits, dass wir erneut Eure Hilfe benötigen …“
„Ja … doch bevor wir darüber sprechen, lasst mir einen Moment, um Eure Begleiter in Augenschein zu nehmen“, entgegnete Jalis Eisenhammer und ging auf die Elementarmagierin zu. „Ihr seid Shikon No Yosei … es ist mir eine besondere Freude, Euch kennenzulernen. Seiketsu hat unzählige Male von Euch gesprochen.“
Die Shing Jea neigte ebenfalls ihr Haupt vor ihm, ehe sie zu einer Antwort ansetzte. „Es ist mir eine Ehre, dass Ihr uns empfangt, König Jalis.“ Sie wies auf den Assassinen. „Das ist Ohtah Ryutaiyo – er gehört der Assassinenklasse an und ist mein Beschützer.“
Die beiden Männer reichten einander die Hände zum Kriegergruß. „Wenn Ihr zu Shiko gehört, gehört Ihr auch zu Seiketsu und seid damit ein Freund meines Volkes!“
Die beiden Canthaner sahen den Deldrimor-Zwerge verwundert an. Nicht nur, dass er Shikon No Yosei´s Kosenamen verwendet hatte – aufgrund ihrer Verbindung zu Seiketsu No Akari hatte der Krieger sie bereits in sein Herz geschlossen. Die Mönchin schien zu ihm eine ähnliche Beziehung zu haben, wie es der Elementarmagierin mit Meister Togo ergangen war …
„Bitte, König Jalis, sagt mir, wie geht es Sei?“, erkundigte sich Shikon No Yosei nach ihrer Seelen-Schwester.
Ein kaum merklicher Schatten glitt über das Gesicht von Jalis Eisenhammer. „Sie ist meine fleißigste Studentin und befindet sich zur Zeit auf einer wichtigen Mission. Apropos die Zeit drängt – der >Weiße Mantel< ist wenige Tage vor Euch in den Südlichen Zittergipfeln angekommen. Bei sich hatten diese Fanatiker die Anführerin der Glänzenden Klinge und einige ihrer Getreuen, wahrscheinlich sollen sie den Mursaat geopfert werden.“
„Mursaat?“, wiederholten seine Besucher wie aus einem Mund.
Ein Deldrimor-Zwerg, der einen Bogen über der Schulter trug, löste sich aus der Gruppe von Beratern. „Erlaubt Ihr, mein König?“ Gewogen bedeutete der Monarch Hauptmann Hugo Bronzebart zu sprechen. „Als >Mursaat< bezeichnen wir jene Kreaturen, unter dessen Kontrolle der >Weiße Mantel< steht. Sie sind eine alte Zauberwirker-Rasse, die die Macht des Spektrallichts als Waffe einsetzen und bloß von den Menschen erblickt werden können, deren Geist aufgestiegen ist.“ >Aufstieg< bedeutete sein inneres Auge erweckt zu haben – genau das, was die himmlische Prüfung bewirkt hatte. Es gab allerdings noch andere Möglichkeiten, diesen Zustand zu erreichen. „Ich vermute, sie werden sich am Blutstein versammeln.“
Insgesamt gab es fünf Blutsteine, die durch einen Ausbruch des Vulkans >Abaddon´s Maul< auf der Feuerring-Inselkette über ganz Tyria verteilt waren – es handelte sich dabei um Fragmente eines mächtigen, von Göttern geschaffenen Bannkreis. Wer in der Nähe eines solchen Relikts aus uralter Vergangenheit zu Tode kam, dessen Seele wurde vollständig darin versiegelt und konnte niemals in die Nebel gelangen …
„Wir dürfen die Mitglieder der >Glänzenden Klinge< nicht ihrem Schicksal überlassen“, verkündete Shikon No Yosei entschlossen und sah zu ihrem Liebsten. „Außerdem werden so wir früher oder später den Flammensucher hervorlocken!“
Spektralqual
Die Luft des freien Geländes in den Südlichen Zittergipfeln war schneidend kalt. Im Gegensatz zu den Deldrimor-Zwergen, die sie begleiteten, waren die drei Verbündeten nicht an diese Temperaturen und den Schnee gewöhnt – in Cantha kannte man nicht einmal Schnee, daher waren Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo auf diese Witterungsbedingen auch nicht vorbereitet. Deshalb belegte Bruder Mhenlo sie mit Schutzgebeten, die ihre Körper warm hielten.
Die Späher führten die Kämpfer zu einem Labyrinth aus Eishöhlen. Niemand konnte mehr sagen, wie sie entstanden waren – allerdings wurden einige Abschnitte bereits früher als Gefängniszelle verwendet. Es war beeindruckend, wie die Deldrimor-Zwerge auf den massiven Eisschichten dennoch Spuren herauslesen konnten. Tief im Irrgarten aus Gängen fanden sie schließlich ein Verlies, in dem zwei junge Frauen zusammengekauert auf dem kalten Boden saßen. Ihren Mienen nach zu urteilen, hatten sie bereits alle Hoffnung aufgegeben …
„Tretet zurück“, wies Shikon No Yosei ihre Begleiter an, die ihrer Aufforderung umgehend nachkamen.
Aus ihren Handflächen schickte sie eine reine Hitzewelle ohne züngelnde Flammen in Richtung des Gefängnisses aus. Langsam begann das Eis zu schmelzen. Ohtah Ryutaiyo berührte seine Liebste am Arm und zog blank. Sie nickten einander zu, ehe er die Gitterstäbe mit einer Abfolge präziser Schnitte in sich zusammenbrechen ließ. Anschließend trat er in den niedrigen Hohlraum und hielt den beiden seine Hand entgegen. Die Frauen betrachteten ihn mit einem eigenartigen Blick – irgendwie erleichtert und gleichzeitig schmerzerfüllt. Ein Ausdruck, der dem Assassinen nur allzu vertraut vorkam … Sie konnten nicht fassen, gerettet worden zu sein. Genauso war es ihm ergangen, nach er Shikon No Yosei begegnet war …
Da erschien eine Patrouille des >Weißen Mantels< in dem eisigen Gang. Die Elementarmagierin reagierte sofort - erneut streckte sie ihren Arm aus, doch diesmal erwachte auf der Innenfläche ihrer Hand eine kleine Flamme und sie konzentrierte sich auf die entzündbaren Stoffe ihrer Gegner. Diesen tödlichen Zauber hatte sie durch Teinai´s Unterstützung entwickelt … Kaum hatte Shikon No Yosei den Gedanken zu Ende geführt, verwandelten sich die Fanatiker in lebendige Fackeln. Ja, Feuermagie war eine wahrlich zerstörerische Kunst …
Doch tief in sich trug Shikon No Yosei jene Worte, die Meister Togo einst zu ihr in Minister Cho´s Anwesen gesprochen hatte. „Kein Mensch sollte leichtfertig töten – egal aus welchen Gründen. Aber der richtige Weg ist nun einmal nicht immer der einfachste Weg …“
Wenn sich niemand dieser Verantwortung annahm, müssten unzählige Menschen leiden … Manche mussten eben kämpfen, damit alle frei sein konnten. Wie die Anhängerinnen der >Glänzenden Klinge<. Gefolgt von Ohtah Ryutaiyo krochen sie aus dem Loch, in dem sie gefangen gehalten wurden.
„Wisst Ihr, ob hier noch weitere Mitglieder eingesperrt wurden?“, fragte Shikon No Yosei in die Runde, wobei sie sowohl die Deldrimor-Zwerge als auch die beiden Frauen ansprach.
Die in weiß gekleidete Mönchin mit dem rot goldenen Haar sah sie traurig an. „Nicht mehr. Ich bin Evennia, die Anführerin der >Glänzenden Klinge< … deshalb wollten sie Saidra und mich als letztes hinrichten.“
„Solange Ihr noch lebt, besteht Hoffnung für Kryta … Der >Weiße Mantel< wird seine gerechte Strafe erhalten“, erwiderte die Rothaarige mitfühlend, ehe sie sich an ihren Liebsten wandte. „Du bleibst bei ihnen. Die Deldrimor und ich räumen euch den Weg zum Eissegler frei.“
In seinem Gesicht stand überdeutlich geschrieben, wie sehr ihm dieser Befehl widerstrebte – für ihn gab es nur eine, die er beschützen wollte. Dennoch nickte er mürrisch, was sie zum Schmunzeln brachte.
Diesmal wählten die Deldrimor-Zwerge einen anderen Weg, um das Labyrinth wieder zu verlassen. König Jalis Eisenhammer hatte eines seiner Schiffe bereitstellen lassen, um die geschwächten und möglicherweise verwundeten Gefangenen transportieren zu können. Doch unter dem freien Himmel warteten die nächste Gegner auf die Verbündeten – eine Schar Mursaat kam schwebend auf sie zu. Ihre goldenen Körper reflektierten das Sonnenlicht und die mimiklosen Gesichtsmasken verliehen ihnen eine unnahbare Aura. Shikon No Yosei erstarrte angesichts der Macht, die sie ausstrahlten – jeder, der auch nur einen Hauch davon spüren könnte, musste sie unweigerlich für höhere Wesen halten. Mehr noch, wer ihre einzigartige Magie am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte … Genauso erging es der Elementarmagierin. Nur für den Bruchteil einer Sekunde blickte sie zurück zu Ohtah Ryutaiyo, da wurde ihr Bein von einem stechender Schmerz durchdrungen, der wie ein Kettenblitz ihren gesamten Körper hinaufwanderte und ihr sämtliche Kraft raubte. Einer Ohnmacht nahe, schwankte sie – unfähig sich gegen einen erneuten Angriff der >Spektralqual< zur Wehr zu setzen. Der Assassine stieß einen stummen Fluch aus, ehe er in die Schatten abtauchte und seine Liebste noch im Fallen auffing. Es war ihm unmöglich gewesen, ihrem Wunsch zu entsprechen … niemals hätte er unnötig zusehen können, wie sie von einem Feind niedergestreckt wurde.
Eine der beiden Frauen trat zwischen sie und die Mursaat. „Bringt Evennia von hier weg. Ich vertraue Euch ihr Leben an … Für Kryta gehe ich bis zum bitteren Ende!“
Ohne Ohtah Ryutaiyo´s Antwort abzuwarten, rannte sie den Kreaturen ungeschützt entgegen, brach durch ihre Reihe und zog damit deren gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Umgehend nahmen die Mursaat die Verfolgung auf. Ihre Gefährtin sah ihr schockiert nach und wollte ihr schon folgen, aber die Deldrimor-Zwerge versperrten ihr den Weg. Die Anführerin der >Glänzenden Klinge< eng zwischen sich haltend, eskortierten sie sie, ganz dem Befehl ihres Königs entsprechend, zu dem Eissegler, während der Braunhaarige seine bewusstlose Geliebte trug. Heil auf dem flachen Deck angekommen, lichtete die Mannschaft sofort den Anker und ein kräftiger Wind bäumte das Ballonsegel auf. Erst jetzt fiel Ohtah Ryutaiyo auf, dass die getroffene Stelle an Shikon No Yosei´s Bein nicht nur eine Brandwunde davongetragen hatte, sondern unaufhörlich blutete. Aus mangelnder Alternative riss er er den rechten Ärmel seines Hemds ab und verarztete sie provisorisch.
„Ohtah …“, keuchte die Rothaarige schwach, „ich wollte dich das schon lange einmal fragen … Woher hast du diese Tätowierung?“
Mit flatternden Lidern hob sie die Hand und strich über die schwarzen Linien auf seinem rechten Unterarm, die sich zu einem windenden Drachen zusammenfügten.
Dass sie die Kraft zu sprechen besaß, beruhigte sein aufgewühltes Herz. Shikon No Yosei war seine ganze Welt … „Es ist ein weiteres Überbleibsel meiner Am Fah-Zeit. Mein … Vater erklärte mir einst, diese Male würden unsere Verbundenheit mit Cantha symbolisieren … Unsere Verbundenheit und unser großes Ziel – was dieses große Ziel beinhaltete, habe ich ja erst viel später erfahren.“
Ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Mir gefällt es … es passt zu dir – verschlungen, unergründlich, geheimnisvoll. Und du bist mit Cantha verbunden … als Verteidiger.“
Sprachlos und gerührt von ihrer Sichtweise drückte der geschickte Assassine einen Kuss auf ihren Scheitel.
Gleichzeitig drang das Schluchzen Evennia´s an die Ohren der Helden, die um ihre tote Freundin weinte. „Ich kann es nicht fassen … Saidra ist tot.“ Wut mischte sich in ihre Stimme. „Wenn es die Alte Götter noch gibt, die Ihr Euch von unserem Land abgewendet habt, so hört mich an! Saidra´s Leben war zu kurz – sie hätte nicht sterben sollen. Sie hat sich für mich … für uns … für Tyria geopfert. Die Mursaat werden büßen … Für jeden einzelnen unserer Blutstropfen, die sie vergossen haben. Balthasar sei mein Zeuge! Bis zum bitteren Ende …“
Neben der offenen Wunde hatte die >Spektralqual< eine weitere Nebenwirkung – seit Shikon No Yosei davon getroffen worden war, konnte sie ihre Magie nicht mehr richtig kanalisieren und jeder noch so kleine Zauber kostete sie eine ungeheure Menge Kraft. Es beschämt König Jalis, dass die Elementarmagierin unter seiner Obhut verletzt worden war. Seine Späher hatten nicht vorhersagen können, dass die Mursaat bereits soweit in die Südlichen Zittergipfel vorgedrungen waren. Doch wusste er auch Rat – nicht grundlos galten die Deldrimor-Zwerge als Bewahrer der Geschichte von Tyria, die alles Wissen in ihren gewaltigen Hallen aus Stein gesammelt hatten. Genauso wie jene dunklen Zaubersprüche einst von den Göttern erschaffen worden waren, die zum Untergang von Orr geführt hatten, um das Gleichgewicht der Welt zu bewahren, existierte ein Gegenstück zu den Mursaat … Der Name dieser Zauberwirker-Rasse war längst in Vergessenheit geraten und das Volk beinahe vollständig ausgestorben – ein einziges Wesen, welches in den uralten Schriften als >Seherin< bezeichnet wurde, hauste noch versteckt in den Südlichen Zittergipfeln. Ihr Leben maß sich nicht in Jahren, sondern in Jahrhunderten.
Trotz der lauthalsen Proteste Evennia´s wurde sie von den Deldrimor-Zwergen in ein sicheres Versteck gebracht, um sich auszuholen und ihren Orden neu zu formieren. Für die >Glänzende Klinge< war dieser Kampf zu Ende – aber ihr Einsatz für Kryta stand gerade erst am Anfang. Mindestens ebenso störrisch gab sich Shikon No Yosei – obwohl sie sich mit ihrer Verletzung kaum auf den Beinen halten konnte, lehnte sie es entschieden ab, in der Gesellschaft von König Jalis zu verweilen und ihre Gefährten allein nach der >Seherin< zu lassen. Gleichzeitig kam es für Ohtah Ryutaiyo nicht in Frage, dass sie auf Krücken durch den Schnee humpelte. Wenn er die Elementarmagierin schon nicht umstimmen konnte, so würde er sie wenigstens tragen – mit ledernen Gürteln auf seinen Rücken geschnürt, hatte der Assassine sogar die Hände zum Kämpfen frei.
Allerdings stieß die kleine Gruppe bei ihrer Wanderung seltsamerweise auf keinerlei Gegenwehr – obwohl sich die Eishöhle, in der sich die >Seherin< aufhalten sollten, mitten im Steingipfel-Territorium befand. Noch dazu verbreiteten sich Gerüchte unter den Zwergenvölkern eigentlich sehr rasch … da verwunderte es, dass seine erklärten Feinde den Ehrengästen von Jalis Eisenhammer nicht auflauerten. Doch damit konnte sich die kleine Gruppe nicht beschäftigen – sie mussten die unheimliche, vierarmige Gestalt mit der lederartigen Haut gleich den Flügeln einer Fledermaus von ihrer Sache zu überzeugen.
Die Augen der >Seherin< glühten in einem solch intensiven Blau, dass selbst der Himmel hätte neidisch werden können, als sie – genau wie Glint – ihre Stimme in den Köpfen ihrer Besucher erklingen ließ. „Lange bevor man zum ersten Mal an den Flammensucher dachte, kämpfte mein Volk gegen die Mursaat … Und nun stehen vor mir Menschen, die dasselbe Ziel verfolgen.“
„So ist es“, bestätigte Shikon No Yosei und bedeutete ihrem Liebsten, sie abzusetzen. „Mein Name ist Shikon No Yosei, ich bin die Fee der vier Elemente. Wenn ich Euch meine Begleiter vorstellen darf – Ohtah Ryutaiyo und Bruder Mhenlo. Wir suchen Euch auf, um Eure Unterstützung zu erbitten …“
Die Augenhöhlen ihrer Gegenüber verengten sich. „Ihr seid ein Opfer der >Spektralqual< – ich spüre, wie die Energie der Mursaat durch Euren Körper strömt.“
„Könnt Ihr sie heilen?“, schaltete sich der geschickte Assassine ein, in seiner Stimme lag ein beinahe flehender Unterton.
Die >Seherin< nahm sich Zeit für ihre Antwort. „Vor Äonen verfolgten wir die Mursaat aus einer anderen Dimension nach Tyria, doch unterlagen wir ihnen in diesen Gefilden. Mit letzter Kraft gelang es uns, sie in ihre Welt zurückzuschicken und den Zugang zu versiegeln – bis sie haben eine Möglichkeit fanden, erneut mit Tyria in Verbindung zu treten. Diese mentale Kommunikation mit den Charr machte sie zu den >Unsichtbaren Göttern< … Keiner der Schamanen hatte sie jemals gesehen und haben dennoch jeden ihrer Befehle befolgt. Einschließlich der Sprengung der Versiegelung … Die gewaltige Energie, die dabei frei wurde, ist der wahre Grund für die völlige Zerstörung und jetzige Unfruchtbarkeit von Ascalon.“ Wieder verstummte sie und betrachtete den Braunhaarigen eindringlich. „Ihr wurdet von Jalis Eisenhammer zu mir geschickt, weil mein Volk der natürliche Feind der Mursaat ist … Um das empfindliche Gleichgewicht dieser Welt nicht aus der Waagschale zu bringen, kann ich Euch nur einen Vorteil verschaffen – Ihr müsst entscheiden, ob ich die junge Elementarmagierin heilen oder den Würdigen unter Euch den Schutz der >Imprägnierung< verleihe.“
„Den Würdigen? Meint Ihr etwa die Auserwählten?“, hakte Shikon No Yosei im selben Atemzug mach, indem Ohtah Ryutaiyo seine Antwort gab – er wählte ersteres. Wütend verzog sie das Gesicht und wandte sich erneut an ihre Gastgeberin. „Hört nicht auf ihn – es ist viel wichtiger, die Mursaat zu besiegen und das bedeutet, es darf niemand mehr von ihrer Fertigkeit eingeschränkt werden! Mit Teinai´s Hilfe werde ich meine Magie schon wieder unter Kontrolle bekommen.“
Ehe sich das Paar vollständig in einem Streit verlor, hallte ein eigentümliches Lachen durch ihre Gedanken. „Glint hat wahr gesprochen … Ihr besitzt beide wahrhaft ein reines Herz. Bevor ich meine verbliebene Kraft auf Euch übertrage, wollte ich sicherstellen, dass der Feind meines Volkes endgültig sein Ende finden wird – deshalb habe ich Euch auf die Probe gestellt. Seid unbesorgt, junger Kämpfer, es stimmt zwar, was ich gesagt habe, allerdings werdet Ihr schon sehr bald dem letzten Auserwählten begegnen. Diese Person besitzt nicht nur die Fähigkeit, sich selbst vor der Spektralqual zu schützen, sondern auch diesen Fluch von anderen zu nehmen.“
Langsam schwebte sie auf Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo zu und legte ihnen jeweils eine ihrer vier Hände auf den Kopf. Die Magie der >Seherin< strömte in ihre Körper, bildete einen magischen Schutz um sie herum. Die dadurch entstandene Wärme erinnerte Shikon No Yosei an das Licht, das sie umhüllte, wenn sie sich mit Teinai´s Macht vereinigte.
Ein langersehntes Wiedersehen
In der Hoffnung, dass die >Imprägnierung< im entscheidenden Moment ihr Soll erfüllen würde, kehrten die drei Verbündeten zu >Droknar´s Schmiede< zurück.
„Meine Freunde! Wie schön, dass Ihr zurück seid“, rief Jalis Eisenhammer freudig aus, als sie ihm erneut ihre Aufwartung machten, „Euren lächelnden Gesichtern nach zu urteilen, war Euer Unterfangen erfolgreich. Sehr schön … sehr schön.“
Seine überschwängliche Art brachte Shikon No Yosei zum Schmunzeln. „Ja, von nun an werden wir eine größere Chance gegen unsere Feinde haben.“
„Das ist gut, wirklich gut“, bestätigte der König, dessen Stimmung sich plötzlich veränderte. „Aber bevor Ihr auszieht, erbitte ich Eure Hilfe im Namen des Großen Zwergs!“
Der Große Zwerg war das Götterbild, dem die Deldrimor-Zwerge huldigten und das sie für ihren Erschaffer hielten. Wenn König Jalis sich auf Rubikon berief, handelte es sich um eine wahrlich ernste Angelegenheit … Seine Späher hatten herausgefunden, wohin sich die Steingipfel-Zwerge zurückgezogen hatten. Um Jalis Eisenhammer zu brüskieren hatten sie, angeführt von dessen Vetter Dagnar Steinhaupt, seinen Palast besetzt.
Die Rothaarige hatte sich also nicht getäuscht – es war tatsächlich überaus merkwürdig gewesen, dass ihnen bei ihrer letzten Mission kein einziger, gegnerische Zwerg begegnet war. An seiner Aura konnte sie erkennen, dass es jedoch nicht bloß gekränkter Stolz war, der König Jalis mitnahm …
In seinem Gesicht spiegelten sich Trauer und Schmerz. Zwar schätzte das Zwergenvolk durchaus einen guten Kampf, doch vor allem achteten sie Bindungen und Einigkeit. Dass sich die Fraktion der Steingipfel von ihnen abgespalten hatte, verletzte das Herz des Herrschers – besonders da es der Bruder seines Vaters gewesen war, welcher der Deldrimor-Kultur den Rücken gekehrt hatte. Deshalb war Jalis Eisenhammer bislang stets darauf bedacht gewesen, die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien möglichst gering zu halten – Bruder Mhenlo hatte ihr erzählt, dass es damals am Frosttor des Borialpass kaum Gefallene gegeben hatte … sie hatten die feindlich gesonnen Zwerge lediglich in die Flucht geschlagen. Doch etwas musste vorgefallen sein, das den König zutiefst erschüttert hatte und ihn zum Handeln zwang … obwohl er das Vergießen von Zwergenblut verabscheute.
Den Kopf geneigt legte Shikon No Yosei die geballte Faust über ihr Herz. „Wir werden für Euch kämpfen – ebenso wie Ihr uns Eure Güte entgegengebracht habt, stehen wir Euch bei.“
„Du hast dich kein bisschen geändert, Shiko“, ertönte da eine Stimme im Saal, die der Elementarmagierin nur allzu vertraut war, „aber dein Mut und deine Entschlossenheit erstaunen mich trotzdem immer wieder.“
Beinahe panisch suchten ihre Augen die Halle ab, ohne dass sie die Sprecherin ausmachen konnte. Erst nachdem sich Shikon No Yosei durch einen tiefen Atemzug fokussierte, nahm sie ihre Präsenz in der Nähe des Throns wahr. Wie zur Bestätigung trat ein braunhaariges Mädchen mit stahlblauen Augen hinter dem prächtig verzierten Stuhl hervor – es musste sich bereits vor der Ankunft der kleinen Gruppe dort versteckt haben. Die Augen der Heldin Cantha´s weiteten sich und Tränen stiegen über ihre Augenränder. Auch in denen der jungen Frau, die ihr gegenüber stand, konnte man ein feuchtes Glitzern erkennen. Beide bissen sich auf ihre Unterlippen. Die gebannte Atmosphäre zwischen ihnen war fast greifbar …
Zunächst wunderte sich Ohtah Ryutaiyo über die Reaktion seiner Geliebten, dann allerdings traf ihn schlagartig – dies war Seiketsu No Akari, die Shing Jea für ein Studium bei den Deldrimor-Zwergen verlassen hatte. Nach mehreren bewegungslosen Augenblicken war es Shikon No Yosei, die sich als erstes wieder rührte. Wegen ihrer Verletzung konnte sie ihrer Seelen-Schwester nicht entgegenlaufen, doch dafür breitete sie die Arme aus. Nur einen Wimpernschlag später lagen sie in einer herzzerreißenden Umarmung, während sie die Tränen nicht länger zurückzuhalten vermochten.
„Sei ...“, hauchte die Elementarmagierin überglücklich. Zahllose Worte schwirrten ihr durch den Kopf – tausend Dinge, die sie ihr erzählen wollte, doch nichts davon kam ihr über die Lippen. Auf diesen Moment hatte Shikon No Yosei gewartet, seit sie im Hafen von Seitung das Boot in Richtung Kaineng bestiegen hatten …
Seiketsu No Akari spürte durch die Berührung umso deutlicher die negative Energie im Körper ihrer Seelen-Schwester, die sie zuvor bereits wahrgenommen hatte. „Eine fremde Macht hält dich gefangen.“
Verblüfft schluchzte Shikon No Yosei und wischte sich die salzige Flüssigkeit vom Gesicht. „Ja. Die >Spektralqual< der Mursaat hat mich getroffen und stört seither meinen Magiefluss.“
Wie ein Schwarm aufgescheuchter Bienen sprang die Mönchin auf die Füße und wandte sich an den Assassinen. „Shiko kann nicht richtig laufen, nicht wahr? Bring´ sie bitte in das angrenzende Zimmer, dann behandle ich sie.“
Perplex starrte er die Braunhaarige an - die Worte der >Seherin< im Ohr. „Du kannst sie wirklich heilen?!“
Ohne auf diese Infragestellung ihrer Fähigkeiten einzugehen, verbeugte sich die Mönchin vor König Jalis, ehe sie vorausging. Dennoch war es im Grunde genommen eine berechtigte Frage – denn Bruder Mhenlo war dieses Unterfangen nicht gelungen, weshalb die Rothaarige nicht minder überrascht war. Dann jedoch breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, während Ohtah Ryuohtah sie hochhob - diesmal war ihnen das Schicksal gewogen …
Um die Elementarmagierin zu behandeln, verabreichte die Braunhaarige ihr eine kleine Menge Schlafmittel. Ohtah Ryutaiyo kniete sich neben seine Liebste, um ihre Hand zu halten. Diese Position erinnerte ihn auf schmerzliche Weise an Meister Togo´s Todestag … Langsam löste Seiketsu No Akari unterdessen den behelfsmäßigen Verband an ihrem Bein. Die offene Wunde blutete zwar nicht mehr, wollte aber auch nicht heilen …
„Dein Name ist Ohtah, nicht war?“, richtete die begabte Mönchin das Wort an den Assassinen, der ihre Frage mit einem Nicken quittierte. „Du musst Shiko jetzt gut festhalten – leider bedeutet die Narkose nicht, dass sie keine Schmerzen spüren wird …“ Seiketsu No Akari schloss die Augen und hielt ihre Hände knapp über der Verletzung. „Dwayna, die du mir die Macht der Heilung verliehen hast, ich rufe dich an … Lass´ meine Energie in ihren Körper fließen, auf dass sie gerettet wird – um das Leben zu erhalten, das du ihr geschenkt hast, hilf mir …“
Kleine, blaue Flocken fielen auf die Wunde – gleichzeitig bäumte sich Shikon No Yosei´s Leib auf. Ohtah Ryutaiyo verstärkte seinen Griff und drückte seine Stirn gegen die seiner Geliebten. Er wünschte sich, er könnte das Leid für sie ertragen … Es dauerte einige Minuten, bis auch auf Geheiß des Heilgebets zarte Haut über der Stelle gebildet hatte. Erschöpft sank Seiketsu No Akari zu Boden. Ihr Atem ging keuchend. Trotz der verhältnismäßig kleinen Verletzung war es viel schwieriger gewesen, als sie angenommen hatte, was bedeutete, die Mursaat waren im Grunde noch gefährlicherer Gegner …
Der ehemalige Am Fah hielt ihr seine Hand entgegen, um ihr auf zu helfen. „Seiketsu, ich danke dir! Ohne Shiko wäre alles sinnlos für mich – ich liebe sie mehr, als mein Leben …“
„Ich weiß. Shiko ist etwas besonderes … wertvoller als jeder Schatz“, entgegnete sie lächelnd und ließ sich von ihm auf die Füße ziehen. „Durch meine Verbindung zu Shiko, habe ich das Gefühl, als würde ich dich bereits kennen. Ich bin sehr froh, dass du auf sie Acht gibst …“
Als Shikon No Yosei am nächsten Morgen erwachte, spürte sie zuerst die Finger, die ihre Hand umklammerten. Bei dem Versuch über ihren Schlaf zu wachen, war Ohtah Ryutaiyo selbst eingeschlafen. Der Anblick, der er ihr bot, trieb ihr ein sanftes Lächeln ins Gesicht. In manch stillem Augenblick konnte sie die Liebe, die der geschickte Assassine ihr entgegen brachte, einfach nicht fassen … Im Grunde genommen könnte er wohl jede Frau für sich gewinnen – er war schließlich nicht bloß ein hervorragender Kämpfer, sondern sah obendrein gut aus, war selbstlos und unendlich mutig. Er jedoch wollte nur sie allein … Immer war er an ihrer Seite, gab ihr Kraft und erfüllte ihr jeden Wunsch. Ohne Ohtah Ryutaiyo wäre Shikon No Yosei unter der Last als Verteidigerin zerbrochen … doch so brachte er das hervor, was Meister Togo in ihr gesehen hatte. Dennoch verfluchte sie gleichzeitig ihre Liebe – wieder und wieder riskierte der Assassine sein eigenes Leben, um sie zu beschützen. Egal, wohin sie auch gehen würde, er würde ihr folgen … selbst wenn es seinen Tod bedeuten würde.
Sanft fuhr Shikon No Yosei ihm durch das fransige Haar, das seine Verwegenheit unterstrich. „Du bist vielleicht bereit für mich zu sterben … Aber ich bin nicht bereit, dich sterben zu lassen! Denn was wäre mein Leben ohne dich?“
Sie beugte sich zu ihm herüber und legte ihre Lippen auf seine. Gerade als sich die Elementarmagierin zurückziehen wollte, wurde sie von ihn wieder nach vorne gezogen und das Paar küsste sich erneut. Nirgendwo auf der Welt fühlte sich Shikon No Yosei so wohl, wie in seinen Armen ... Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihre kleine Flucht aus der Realität.
Es war Seiketsu No Akari, die mit einem Lächeln eintrat. „Guten Morgen. Wie fühlst du dich, Schwesterchen?“
Als Antwort schwang Shikon No Yosei die Beine aus dem Bett und erschuf eine kleine Flamme, die um sie herumtanzte. Keine Schmerzen peinigten sie mehr, keine fremde Macht unterband ihren Zauber – Seiketsu No Akari´s Heilgebet hatte seine Arbeit getan. Damit stand der Rückeroberung der Feste Donnerkopf nichts mehr im Wege. Die Deldrimor-Zwerge bewaffneten sich, auch König Jalis Eisenhammer rüstete sich für den Kampf. Bruder Mhenlo übernahm einen Platz in der Nachhut als Heiler – nicht einmal im Traum hätte daran gedacht, in den Tempel der Zeitalter zurückzukehren und seine Verbündeten im Stich zu lassen. Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari bildeten die Spezialeinheit, die ihre Kräfte für den Anführer sparen sollten. Die Reihen der Steingipfel-Zwerge waren zwar stark, doch die Anhänger von Deldrimor kämpften mit eiserner Entschlossenheit. Rasch drangen sie bis zu den Mauern des Palastes vor, der allerdings nichts mit der menschlichen Vorstellung dieses Wortes gemein hatte – das Bollwerk und der Bergfried bestanden aus groben Stein, ungeachtet dessen strahlte die Heimstatt eine gewisse Schönheit aus. Ein Pfeilhagel begrüßte die Deldrimor-Zwerge, die dicht gedrängt und mit erhobenen Schilden zum Tor marschierten. Gleich einem Rammbock prallten sie gegen das eisenverstärkte Holz. Allerdings hatten die Baumeister gute Arbeit geleistet, die selbst der stärksten Belagerung standhalten sollte. Rohe Gewalt konnte ihnen keinen Zugang verschaffen – anders als Magie. Shikon No Yosei trat vor und gebot den Deldrimor-Zwergen, ihr Platz zu verschaffen. Mit einem Schutzgebet belegt, schritt sie auf das Tor zu. Viel zu lange hatte die >Spektralqual< ihre Kraft unter Kontrolle gehalten … Aus ihren Händen schoss eine Feuerwalze, die den Zugang regelrecht niederriss.
Seiketsu No Akari schloss zu ihr auf, den Blick auf den Anführer der Steingipfel inmitten des Innenhofs gerichtet. „Shiko, versprich´ mir, dass Dagnar Steinhaupt die Feste nicht lebend verlassen wird …“ Verwundert warf die Elementarmagierin ihrer Seelen-Schwester einen Seitenblick zu. Ein solcher Wunsch passte so überhaupt nicht zu ihr … „Er ließ den tyrianischen Studenten entführen. Deshalb war ich bei deiner Ankunft unterwegs – um Klerus zu befreien.“
Das war die Seiketsu No Akari, die sie kannte – auch wenn sie selbst nicht im Stande war, einen offenen Kampf zu bestreiten, würde sie niemals jemanden in Not im Stich lassen. Ernst nickte Shikon No Yosei.
„Und wenn wir ihn beseitigen, zerbricht die Steingipfel-Kultur“, meinte Ohtah Ryutaiyo, während er blank zog. „Dann können wir uns endlich die Mursaat vorknöpfen!“
Via Schattenschritt teleportierte er sich direkt vor Dagnar Steinhaupt und tötete dessen Reittier mit einem einzigen Schnitt entlang der Kehle des Eislindwurms. Noch ehe der Steingipfel-Zwerg begriff, was vor sich ging, verwandelte Shikon No Yosei ihn in eine lebendige Fackel. So vielen hatte er Leid zugefügt, unzählige Unschuldige in seinem Fanatismus vom reinen Zwergenblut getötet … selbst vor seiner eigenen Sippe hatte er keinen Halt gemacht, weil sie in Beziehungen zu Menschen standen.
Die Deldrimor-Zwerge jubelten in ihrer Euphorie und trieben die übrigen Anhänger Dragnar´s auf dem Innenhof neben seinem Leichnam zusammen. Keiner von ihnen erweckte den Anschein, sich ergeben zu wollen. Drohend hoben sie ihre Waffen, obwohl sich ihnen keinerlei Aussicht auf Flucht bot. Ehe die Situation in einem Blutbad endete, rief Shikon No Yosei erneut die Magie des Feuers an - erschrocken ließen die Steingipfel-Zwerge synchron ihre Kampfgeräte fallen, deren Metall von einer Sekunde zur anderen glühend heiß geworden war. Augenblicklich stürmten die Schützlinge des Großen Zwergs auf sie zu und legten ihnen Fesseln an. Stolz nahm Jalis Eisenhammer seinen Platz auf dem Thron wieder ein. Die Atmosphäre, die diese Szene ausstrahlte, sprach von Macht und Gerechtigkeit.
Doch diese freudige Stimmung war nicht von Dauer … Ein gewaltiger Blitz durchzuckte die Feste Donnerkopf, welcher sich im großen Innenhof materialisierte. Aus dem bläulichen Licht trat ein Mann, der ein meergrünes Gewand mit langem Mantel und einen großen Zauberstab trug.
Respektvoll neigte der Magier sein Haupt vor der Elementarmagierin und seine Stimme klang beinahe ehrfürchtig. „Ich habe lange auf Euch gewartet, Shikon No Yosei. Ich bin hier, um Euch und Eure Gefährten auf die nächste Etappe Eurer Reise zu führen.“
Sämtliche Blicke richteten sich auf den Fremden. Die magischen Schutzbarrieren der Feste sollten ein solches Eindringen eigentlich verhindern – jedenfalls wenn der Angreifer nicht zufällig zwergischen Blutes war …
„Wer seid Ihr?“, verlangte König Jalis ungehalten zu erfahren.
Es schien, als würde der Neuankömmling erst jetzt die übrigen Anwesenden bemerken. „Verzeiht mir … ich war unhöflich. Wenn ich mich Euch vorstellen darf … mein Name lautet Wesir Khilbron.“
Ein Name aus der Geschichtsschreibung von Tyria … Er war jener königliche Berater, durch dessen dunkler Zaubers ein ganzes Land im Meer versank.
Kritisch beäugte Seiketsu No Akari den Stab in seiner Hand – die Macht, die davon ausging, jagte ihr einen Schauer über den Rücken. „Sagt, Wesir Khilbron, wie habt Ihr es geschafft, dem Untergang von Orr zu entrinnen?“
Erneut zeichnete sich Verwirrung auf den Gesichtern der Umstehenden ab. Nicht grundlos studierte die Mönchin neben klassenspezifischen Inhalten auch die Historie. Unter normalen Umständen konnte er den Untergang den Untergang seines Königreichs nicht überlebt haben … sogar mit der mächtigsten Magie wäre dies schier unmöglich.
Wesir Khilbron begegnet gelassen ihrem ernsten Blick. „Wie Ihr sicher wisst, ist das >Zepter von Orr< das mächtigste, magische Artefakt unserer Welt … Es hat einen Bannkreis errichtet und irgendwann wurde ich an die Küste von Kryta gespült. Seither warte ich darauf, dass sich die Auserwählten zu erkennen geben.“
Die Orrianier waren ein solch gottesfürchtiges Volk gewesen … eigentlich hätte er die fünf Götter für ihre Gnade preisen müssen, aber das hatte er nicht getan.
Die Zweifel von Seiketsu No Akari an seiner Geschichte blieben ihrer Seelen-Schwester nicht verborgen. Nur zu deutlich konnte sie deren Mahnung zur Vorsicht wahrnehmen – nichtsdestotrotz war er merkwürdiger Kunde zu ihnen gekommen. „Was meint Ihr damit, Ihr wolltet uns führen?“
„Die Mursaat wissen, ebenso wie Ihr, von der Flammensucher-Prophezeiung und haben die Südlichen Zittergipfel verlassen“, eröffnete Wesir Khilbron ihnen, „um Euch auf der Feuerring-Inselkette eine Falle zu stellen.“
Feurige Falle
Weder für Ohtah Ryutaiyo noch Seiketsu No Akari war es eine Frage gewesen, ob sie Shikon No Yosei begleiten würden – obwohl Jalis Eisenhammer diese Expedition für reinen Selbstmord hielt.
Doch die Mönchin ließ sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen. „Tyria ist eine zweite Heimat für mich geworden und die Deldrimor sind meine zweite Familie – das lasse ich mir nicht nehmen!“
Trotz ihrer Entschlossenheit fiel es Seiketsu No Akari schwer, an Bord des Hochsee-Schiffes zu gehen, das der König ihnen samt Besatzung zur Verfügung stellte. Sie tauschte einen langen Blick mit dem Deldrimor-Zwerg. Shikon No Yosei legte ihr die Hand auf die Schulter und sie lehnte sich gegen ihre Seelen-Schwester, die ihren Abschiedsschmerz nur zu gut nachvollziehen konnte. Gemeinsam folgten sie Ohtah Ryutaiyo und Bruder Mhenlo an Deck, woraufhin der Anker gelichtet wurde. Die Feuerring-Inselkette lag südlich des Maguuma-Dschungels und westlich des untergegangen Reichs Orr. Ihren Namen verdankte sie den zahlreichen Lavaflüssen und den aktiven Vulkanen. Dort sollten die Auserwählten, laut Wesir Khilbron, den finalen Schlag gegen die Mursaat führen … Die Überfahrt verlief die ersten Tage Tage ruhig, die See war ihnen gewogen – kaum fuhren sie jedoch ins Archipelgewässer ein, gingen glühende Gesteinsbrocken auf sie hernieder, die kreuz und quer durch die Luft sirrten. Rasch eilte Shikon No Yosei zum Bug und riss ihrerseits eine Feuerwand empor, um das Schiff abzuschirmen. Seiketsu No Akari und Bruder Mhenlo sprangen ebenfalls auf – mit ihren Schutzgebeten verteidigten die beiden Mönche die Flanken. Ohtah Ryutaiyo dagegen stand hinter dem Kapität, der das Schiff steuerte, und beobachtete seine Liebste. Zum ersten Mal seit er ihr begegnet war, fühlte er sich nutzlos … Konnte er auch in diesen flammenden Gefilden seinen Schwur halten?
Das >Glutsteinlager<, wie es der Wesir nannte, war der einzige Hafen, den man ansteuern konnte und war vor Jahrzehnten von einer Expeditionsgruppe angelegt worden, die das von Lavagestein überzogene Gelände kartografiert hatten. Ein derber Geruch nach Schwefel schlug entgegen, der ihnen Übelkeit verursachte.
„Oh Dwayna, Herrin des Lebens und des Elements der Luft, ich bitte dich, halte in dieser unwirklichen Umgebung deine schützenden Hände über uns“, flüsterte Seiketsu No Akari und augenblicklich fiel ihnen das Atmen wieder leichter.
Dankbar lächelte Shikon No Yosei sie an. „Du hast wahrlich viel gelernt.“
Es war eines ein Gebet über eine einzelne Person zu sprechen, aber es flächendeckend und dauerhaft aufrecht zu erhalten eine ganz andere – dies ging weit über das Niveau eines Absolventen hinaus … Sobald ihr Studium endete, wäre aus ihr ohne Zweifel eine Meisterin geworden. Bis dahin galt es jedoch zunächst, Tyria vor einem Ende durch die Mursaat und den Flammensucher zu bewahren. Abrupt erstarrte Shikon No Yosei in ihrer Bewegung. Richtig, Glint sagte, er wäre es, der die Zauberwirker bezwingen würde … Und dennoch waren sie nun hier auf dem Feuerring – ein Ort, der perfekt zu seinem Titel passte. Konnten sie das Eintreten der Prophezeiung vielleicht noch verhindern, indem die Auserwählten ihm zuvor kamen? Doch ehe sie sich weiter Gedanken um den Flammensucher machen konnten, wurde die kleine Gruppe von den energetischen Wachtürmen der Mursaat erfasst – Salven von Spektralqual regnete auf sie hernieder. Zwar lag der Schutz der Imprägnierung über Shikon No Yosei sowie Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari schirmte neben sich selbst auch Bruder Mhenlo ab, dennoch blieb es ein mächtiger, magischer Angriff. Einzig Wesir Khilbron war durch die Barriere des Zepters von Orr beinahe unantastbar. Die junge Elementarmagierin schloss ihre Augen, streckte die Arme zu beiden Seiten ihres Körpers aus und rief die Kraft des Feuers an. Inmitten all dieser vulkanischen Aktivitäten fühlte sie einen gewaltigen Anstieg ihrer feurigen Fähigkeit … Der geschickte Assassine lenkte unterdessen die Energiestrahlen mit seinen Klingen in eine andere Richtung ab, um Shikon No Yosei zu schützen, während sich über ihr rot glühende Wolken bildeten. Wenn Ohtah Ryutaiyo es nicht besser wüsste, hätte er glauben können, sie würde erneut Kuunavang´s Fähigkeit des Himmelssturms nutzen. Aber nein, es war ihr Meteorenschauen – der mächtigste Offensivzauber, den Shikon No Yosei … nur sehr viel stärker. In einem donnernden Getöse schlugen in die gesamte Verteidigungslinie der Mursaat lodernde Feldbrocken ein. Sprachlos betrachtete der Braunhaarige seine Liebste und bemerkte plötzlich, dass Seiketsu No Akari ihr, unentwegt vor sich hin murmelnd, die Hände auf die Schultern gelegt hatte. Die Deldrimor-Zwerge verstanden sich demnach nicht bloß auf Heilung und Schutz, sondern ebenfalls auf Verstärkung von Fertigkeiten. Bis das letzte Stück des Walls vollständig zerschlagen war, hielt Shikon No Yosei das Bombardement aufrecht, ehe es versiegte.
Leicht schwankend hielt sie sich an ihrer Seelen-Schwester fest. „Ich darf mich … wiederholen - du warst sehr fleißig.“
„Nachdem ich König Jalis von den meine Beweggründe für das Studium erzählt habe, hat er mir diesen Zauber empfohlen“, meinte die Braunhaarige mit einem ungewohnt stolzen Unterton.
Die beiden lachten, dann begegnete Shikon No Yosei dem Blick des Assassinen, der ihre Umgebung keinen Moment unbeaufsichtigt ließ. „Was ist mit den Mursaat? Sind sie etwa geflohen?“
„Ihr habt sie in ihrer Überheblichkeit schwer getroffen – vergesst nicht, bislang haben Menschen die Mirsaat als Götter verehrt und selbst ohne die Anbetung des >Weißen Mantels< hielten sie sich für eine besondere Rasse von Zauberwirkern. Wir müssen zum >Tor von Komalie< … dort liegt das Zentrum ihrer Energie in dieser Welt – wenn Ihr es zerstört, verlieren die Mursaat ihre Macht“, erklärte der einstige Berater und bedeutete der kleinen Gruppe ihm zu folgen.
Die zahlreichen Lavaströme, die nun den Boden durchzogen, erschwerten ihr Vorankommen zusehends – selbst Seiketsu No Akari´s Schutzgebet konnte sie nicht vollständig vor der Hitze bewahren. Besonders unter der Lederkluft von Ohtah Ryutaiyo sammelte sich das Wasser, daher zog er zumindest die Maske vom Gesicht. Allerdings begegneten ihnen unterwegs keine Mursaat …
Auf einer kreisrunden Plattform, die auf einem Sees aus flüssigem Gestein schwamm ohne selbst zu schmelzen, hielt Wesir Khilbron an. „Dies ist der Vulkan >Abaddon's Maul< … In ihm liegt das Siegel zum >Tor von Komalie<. Es ist der Schlüssel ... Geht und erfüllt eure Pflicht, Auserwählte der Flammensucher-Prophezeiung, dann ist Tyria endgültig von den Mursaat befreit!“
Vorsichtig trat Shikon No Yosei an den Rand des wackeligen Untergrunds und spähte in das eruptierte Magma. Hierbei würde ihr keines der Elemente helfen können – ihre Feuer- und Erdmagie würde schlichtweg verschlungen werden, Wasser oder Luft könnten den Zugang sogar verschließen. „Teinai … ich bitte dich, hilf´mir!“
Keine Reaktion. Verwirrt schloss die Elementarmagierin ihre Augen und betete erneut zu dem ehrwürdigen Geist der Nebel, der in ihren Körper gefahren war. Doch Teinai's Präsenz zeigte sich nicht – als wären sie durch eine undurchdringliche Mauer voneinander abgeschnitten worden. Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari traten an ihre Seite. Bruder Mhenlo dagegen blieb auf Abstand … dies war nicht seine Aufgabe. Diesmal war es kein Unterstützungszauber – Shikon No Yosei spürte die Auren ihrer beiden Gefährten in sich strömen. Unter die reine Macht der Elemente mischten sich Einflüsse von Schatten und Licht. Als die Energie schlussendlich ihr maximales Limit erreicht hatte, sendete Shikon No Yosei sie das gebündelten Lichtstrahl in den Schlund des Vulkans. Die gesamte Inselkette wurde von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert. Gleich einem Geysire schoss aus unzähligen Spalten heiße Lava in Richtung Himmel. Das Siegel bröckelte, bekam Risse. Und in einer gewaltigen Explosion zerriss es vollständig – Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Seiketsu No Akari und Bruder Mhenlo wurden von der Druckwelle gegen die Felswände geschleudert. Benommen beobachteten sie, wie sich der Körper von Wesir Khilbron zu einem gehörnten Wesen mit fledermausartigen Schwingen verzerrte.
In deutlicher Euphorie hielt er sein Zepter hoch, während er langsam emporschwebte. „Es ist vollbracht – die Flammensucher-Prophezeiung hat sich erfüllt! Mit dem Zepter von Orr kontrolliere ich die Titanen und bringe Tyria die völlige Vernichtung!“
Also deshalb hatte Teinai ihr ihre Hilfe versagt … Wesir Khilbron hatte den Untergang von Orr also gar nicht überlebt – die finsteren Zaubersprüche hatte ihn in den Untoten Lich verwandelt. Der Untote Lich war der Flammensucher. Der Flammensucher besaß das Zepter von Orr. Das Zepter von Orr verlieh einem die Macht die Titanen-Armee des Infernos zu kontrollieren. Und die Titanen verhießen das Ende von Tyria …
Im Vorhof der Hölle
Während der Untote Lich vollständig aus ihrer Sicht verschwand, bildete sich ein gewaltiger Leib nach dem anderen aus der flüssigen Lava von >Abaddon´s Maul< – grauenhafte Kreaturen aus den schlimmsten Alpträumen. Und diese mächtigen Dämonen-Konstruckte machten Jagd auf die Mursaat.
Dies verschaffte den erschöpften Auserwählten zumindest eine kleine Verschnaufpause – allen voran Shikon No Yosei, die unter Tränen auf ihre unentwegt zitternden Hände starrte. „Es ist meine Schuld … Ich habe die Titanen befreit!“
„Du hattest keine Ahnung, dass Khilbron uns derart verraten würde“, meinte Seiketsu No Akari und kniete sich neben sie. „Ich habe seiner Geschichte misstraut und kein Wort gesagt … Wenn überhaupt, habe ich diese Situation zu verantworten.“
Die Elementarmagierin schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr Oberkörper ins Schwanken geriet. Augenblicklich war, wie so oft, Ohtah Ryutaiyo an ihrer Seite und zog sie an sich, während er gleichzeitig der Mönchin eine Hand auf die Schulter legte. „Glint´s Prophezeiung hat sich erfüllt … Na und? Wir können ihn aufhalten – genau dafür sind wir doch auserwählt worden. Zusammen können wir es schaffen! Solange wir die Hoffnung auf den Sieg in uns tragen!“ Sanft hauchte er einen Kuss auf den Haaransatz seiner Liebsten. „Shiko, ich liebe dich … und ich werde meine ganze Kraft aufbringen, um dir zu beweisen, dass der Flammensucher und die Titanen nicht das Ende von Tyria einläuten werden!“
Bewundernd betrachtete die Mönchin den Assassinen und erhob sich. „Ja, gemeinsam werden wir einen Weg finden!“
Wer kämpfte, konnte verlieren … aber wer aufgab, hatte bereits verloren. Ja, noch gab es Hoffnung – Glint hatte nicht nur vom Flammensucher gesprochen, sondern auch von den Auserwählten. Mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen ließ sich Shikon No Yosei von dem Braunhaarigen auf die Füße ziehen und spürte plötzlich wieder die Präsenz von Teinai, die sie in einem gleißenden Licht wie ein schützender Mantel umhüllte.
„Was geht hier vor?“, rief die Braunhaarige erschrocken, die dieses Phänomen zum ersten Mal miterlebte.
Mehr noch, als aus ihrem Mund eine Stimme drang, die nicht der Rothaarigen gehörte. „Fürchtet Euch nicht, Seiketsu No Akari, mein Name lautet Teinai. Ich komme mit Rat zu Euch in dieser schweren Stunde … Ihr sprecht wahr, junger Assassine. Das Schicksal hat Euch aus gutem Grund für diese Aufgabe ausgesucht – macht Euch auf zum >Vorhof der Hölle<!“
Der >Vorhof der Hölle< war ein riesiger Vulkan, der sich auf der dritten und gefährlichsten Insel des Feuerrings befand – so ähnlich musste es wohl wirklich in den tiefsten Tiefen der Unterwelt aussehen. An diesen Ort war der Untote Lich gezogen, um seine Armee in alle Teile Tyria´s zu entsenden … Doch Shikon No Yosei spürte noch eine andere, mächtige Aura aus. Bis dorthin mussten sie sich allerdings erst einmal durchschlagen. Zum Glück bestanden die Titanen trotz ihres feurigen Ursprungs aus fester Materie. Damit war für Ohtah Ryutaiyo der Moment gekommen, seine Zweifel von der Überfahrt restlos auszumerzen und er fegte wie der leibhaftige Tod durch die Reihen ihrer Feinde – dank Seiketsu No Akari´s Unterstützung kaum von Erschöpfung gezeichnet.
Anschließend zog die kleine Gruppe weiter durch ein eingefasstes Tal, das zum Eingang einer Höhle führte. Und dieser Eingang wurde von einer Gestalt mit einem flammenden Schwert samt einen roten Mantel bewacht. Bei seinem Anblick erstarrte Bruder Mhenlo – ein Ausdruck tiefer Trauer stand ihm überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Er kannte denjenigen, der sich ihnen in den Weg gestellt hatte. Ebenso untot wie sein Meister …
Dennoch konnte der Mönch es nicht glauben und wankte unter den besorgten Blicken seiner Verbündeten wie in Trance auf den Mann zu. „Bitte … bitte, sagt mir, dass das nicht wahr ist … Das darf nicht wahr sein! Seid … seid Ihr das wirklich? Antwortet mir!“
„Ja, ich bin es, alter Freund … Ich bin Rurik“, erwiderte der Ascalonier gequält, „nein, ich war Rurik. Ich gehöre nicht mehr in die Welt der Lebenden … Verzeiht mir, Mhenlo, ich will nicht gegen Euch kämpfen – aber mir bleibt keine andere Wahl!“
Noch bevor Ohtah Ryutaiyo via Schattenschritt eingreifen konnte, zog Shikon No Yosei ohne nachzudenken einen seiner Dolche und schleuderte diesen zielgenau auf den einstigen Prinzen. Die Klinge versank tief in dessen Brust. Genau an der Stelle, an der früher sein Herz geschlagen hatte – früher, als er noch ein Mensch gewesen war.
Der Mönch eilte zu seinem sterbenden Freund und griff nach dessen Hand, während sein Blick zu der Elementarmagierin wanderte. „Ich … ich danke Euch – Ihr habt mich von ihm erlöst … und meine Seele von der Knechtschaft des Untoten Lich befreit. Jetzt kann ich Euch sagen, was nötig ist, um Tyria zu retten … Ihr müsst ihn auf dem Blutstein besiegen – einzig die Freisetzung dieser Energie wird die Titanen erneut versiegeln können …“
So starb Prinz Rurik I. Von Ascalon, Sohn des König Adelbern erneut – zum Schutz seines Volkes und ganz Tyria.
„Er ist als Mensch gestorben …“, meinte Ohtah Ryutaiyo und legte dem Mönch eine Hand auf die Schulter.
Shikon No Yosei sah unterdessen zu der Höhle. Ein Blutstein – das war also diese seltsame Ausstrahlung, die sie spürte …Es fühlte sich gleichzeitig nach Leben Tod an, vermutlich hielt seine Magie die Inselkette im Gleichgewicht. Sie würde ihren Fehler am >Tor von Komalie< wiedergutmachen … was es auch kosten mochte.
„Vergiss nicht, du bist nicht allein“, meinte Seiketsu No Akari, während die beiden Männer neben sie traten.
Gemeinsam schritt die kleine Gruppe in die Finsternis, welche die Elementarmagierin mit ihren tanzenden Flammen vertrieb. Der Untote Lich erwartete sie bereits, die Arme ausgebreitet, auf einem schimmernden Untergrund, das eindeutig nicht aus Lavagestein bestand …
Sein höhnisches Lachen hallte von Wänden wieder. „Ihr habt einen weiten Weg zurückgelegt, Euch im Kampf bewährt und alle Hindernisse überwunden – aber hier endet eure Glückssträhne!“
Ohne sichtliche Anweisung verteilten sich die Kämpfer rund um den Blutstein.
„Ihr lacht über Dinge, die Ihr nie versehen werdet – genau wie Shiro seid auch Ihr nur zu bemitleiden. Tyria ist zwar nicht meine Heimat … doch wir kämpfen für all diejenigen, die sich Euch nicht selbst in den Weg stellen können“, verkündete Shikon No Yosei entschlossen, „solange auch nur noch in Fünkchen Hoffnung in uns brennt, werden wir weiterkämpfen!“
Damit entbrannte wortwörtlich der Kampf – die Rothaarige rief erneut die hiesigen Mächte an. Der Untote Lich seinerseits erschuf kleine >Seelenstrudel<, welche bei direkter Berührung Energie entzogen. Dolchangriffe seitens Ohtah Ryutaiyo waren dagegen völlig nutzlos, weswegen er Nahkampf mit dem Untoten Lich selbst provozierte – mit den Dornen seiner Schwingen wehrten er die Klingen ab. Bruder Mhenlo und Seiketsu No Akari sprachen unterdessen unaufhörlich Heil- und Schutzgebete, wobei die Braunhaarige zudem ihren Verstärkungszauber wirkte. Als Shikon No Yosei endlich alle »Seelenstrudel« vernichtet hatte, sah sie zum Blutstein – ohne Ohtah Ryutaiyo ein erkennbares Zeichen zu übermitteln, zog dieser sich via Schattenschritt vom Gefecht mit dem Untoten Lich zurück und warf noch im Flug eine Handvoll Giftpfeile auf ihn. Gestützt von Teinai entfesselte die Shing Jea im selben Moment ihre gesamte, kanalisierte Feuermagie … Gleich einem undurchdringlichen Gefängnis legte sich der Zauber um den Untoten Lich. Gleichzeitig begannen die Adern des Blutsteins zu pulsieren und altertümlichen Runen schimmerten in verschiedenen Farben auf dem magischen Untergrund. Der einstige Wesir wand sich und brüllte unmenschlich, während sich die Kuppel immer enger um ihn schloss. Aus den Tiefen von >Abaddon´s Maul< erhob sich das Siegel des >Tors von Komalie< und sog, neben der Lebensenergie jenes Wesens, das einmal als Wesir Khilbron bekannt gewesen war, jeden einzelnen, verbliebenen Titanen in sich ein, ehe es wieder in einem Meer aus Lava verschwand. Diesmal hoffentlich für alle Ewigkeit …
Noch ehe die vier Verbündeten ihren Sieg richtig realisiert hatten, erschütterte abermals ein Erdbeben die Feuerring-Inselkette und in ihren Köpfen eine vertraute Stimme. „Die Schwingen des Schicksals haben gut gewählt … Die Flammensucher-Prophezeiung hat sich erfüllt und die Auserwählten haben ihre Aufgabe erfüllt – Tyria ist gerettet! Doch nun müsst Ihr Euch in Sicherheit bringen …“ Vor ihnen erschien eine exakte Kopie jenes Portals, das sie vor einer gefühlten Ewigkeit von >Droknar´s Schmiede< aus in die Kristallwüste geführt hatte. „Lebt wohl, meine jungen Freunde, bis wir uns eines Tages wiedersehen …“
Glint ahnte es nicht bloß – sie wusste, dass sie den auserwählten Seelen in fernster Zukunft neuerlich begegnen würde.
Nach der extremen Hitze und der stickigen Luft des Feuerrings brachte die eisige Kälte der Südlichen Zittergipfeln die vier Verbündeten ins Schwanken. Vor den Pforten der Handelsstadt erwartete sie König Jalis mit seinem Gefolge – bereits seit Stunden harten die Deldrimor-Zwerge hier in dem festen Glauben an ihre Rückkehr hier aus. Der Jubel, dass ihre unzähligen Gebete an den Großen Zwerg nicht vergebens gewesen waren, war ohrenbetäubend.
Unendlich stolz trat der Herrscher einige Schritte auf die Helden zu und verneigte sich vor ihnen. „Ihr habt etwas vollbracht, was niemandem sonst gelungen wäre – Ihr habt das drohende Unheil abgewendet … Deldrimor dankt Euch! Ganz Tyria dankt Euch!“
Um die Tränen zu unterdrücken, biss sich Seiketsu No Akari auf die Unterlippe. „Leider konnten wir nicht alle retten … All die Opfer des >Weißen Mantels< an die Mursaat und Saidra, die ihr Leben für uns gegeben hat.“
„Sorge dich nicht, mein Kind – sie alle werden den Weg in die Nebel gefunden haben … Behaltet sie in Eurem Herzen und Eurer Erinnerung, dann werden sie nicht umsonst gestorben sein“, meinte Jalis Eisenhammer mitfühlend und klatschte in die Hände. „Um diesem Kampf zu gedenken und Euren Sieg zu feiern, veranstalten wir heute ein großes Fest!“
Augenblicklich kam Bewegung in seinen Hofstaat. Auf ihren Schilden trugen sie die Kämpfer auf den geschmückten Marktplatz. Dort empfing sie nicht nur ein Orchester, sondern auch der leckere Geruch von frisch gegrilltem Braten. Überall waren Bänke und Tisch verteilt, Humpen mit Met oder Bier wurden herumgereicht – in kürzester Zeit herrschte eine ausgelassene Stimmung. Shikon No Yosei, Seiketsu No Akari, Ohtah Ryutaiyo und Bruder Mhenlo nahmen selbstverständlich als Ehrengäste an der Tafel des Königs Platz, der seinen Schreiberling beauftragte, jedes noch so klitzekleine Detail ihrer Erzählung über den Kampf gegen den Untoten Lich niederzuschreiben. In ganz Tyria würden sie die Kunde über die ruhmreichen Helden verbreiten, die nicht nur Cantha gerettet hatten, sondern obendrein auch Tyria.
Bis spät in die Nacht dauerte das Fest an. Es wurde getanzt, gesungen, gegessen und getrunken. Die Trauer und die Freude waren deutlich spürbar. Die Rothaarige verstand inzwischen, warum die Deldrimor diesem Brauch folgten. Es tat gut alles loszulassen … Nach dem ganzen Trubel hatte sie sich etwas abseits gesetzt und beobachtete die Sterne – der Himmel über Tyria zeigte ganz andere Konstellationen, als jener ihres geliebten Canthas. Lächelnd setzte sich Seiketsu No Akari neben sie, den Kopf gegen ihren Arm gelehnt. Das Ende des Kampfes bedeutete auch unweigerlich, dass ihr Abschied näherrückte …
„Noch ehe du nach Shing Jea zurückkehrst, wird es uns gelungen sein, die Pest ein für allemal ausmerzen“, erklärte die Elementarmagierin entschlossen.
Seiketsu No Akari wusste, dass Shikon No Yosei schon von Kindesbeinen an den Traum gehabt hatte, einst eine Heldin zu sein … Gleichzeitig hatte sie furchtbare Angst gehabt – nicht vor den Gefahren selbst, sondern davor zu versagen. Doch inzwischen besaß sie eine solch beeindruckende Entschlusskraft, dagegen hatte sich die Mönchin selbst in den letzten Monaten regelrecht erbärmlich verhalten und die große Chance, die ihr zuteil geworden war, kaum gewürdigt. Damit war nun Schluss – von nun an würde sie sich nicht länger in Selbstmitleid und Heimweh flüchten! Wenn ihre Seelen-Schwester nach all den Schrecken noch den Mut hatte weiterzukämpfen, wollte die Braunhaarige es ihr gleichtun.
Aus ihrem Reisebeutel zog sie ein zusammengeschnürtes Bündel aus Briefkuverts und reichte sie ihrer Cousine. „All diese Briefe habe ich nicht abgeschickt … weil ich mich für meine Schwäche geschämt habe. Du hast so tapfer für Shing Jea gekämpft – aber ich … Ohne König Jalis wäre ich eingeknickt.“
„Egal wo du bist oder was du tust … ich bin bei dir und du bist bei mir, Sei“, rezitierte die Elementarmagierin ihre eigenen Wort von jenem Tag, an dem Meister Togo zu ihnen gekommen war, und zog sie in eine Umarmung, „wir werden nie wirklich voneinander getrennt sein!“
Auf der Überfahrt zurück nach Cantha kämpft Shikon No Yosei´s Herz mit Freude und Trauer. Ein langersehntes Wiedersehen, ein neuerlicher Abschied – ein ewiges Band!
Aber es gibt noch etwas, das die junge Elementarmagierin beschäftigt … Laut der Drachin Glint war es das Schicksal höchstselbst gewesen, welches sie auserwählt hatte bei der Erfüllung der Flammensucher-Prophezeiung zugegen zu sein. Bedeutet das, bereits ihre Begegnung mit Bruder Mhenlo durch die Rückkehr von Shiro Tagachi war gleichwohl Vorsehung gewesen? Und was gibt es noch für eine Bestimmung für sie zu erfüllen? Denn tief in ihrem Innern spürt Shikon No Yosei, dass ihr Weg noch lange nicht zu Ende ist … Zum Glück kann sie auch in Zukunft darauf vertrauen, dass ihr Ohtah Ryutaiyo zur Seite steht. Und eines Tages wird Seiketsu No Akari ebenfalls eine Verteidigerin von Cantha werden.
Erzählung 02: Das Schicksal einer Mönchin
Sich einen Traum zu erfüllen, bedarf unter Umständen auch Opfer und selbst die größte Chance kann einen schmerzlichen Verlust nach sich ziehen … Diese beiden gegen einander abzuwiegen war keine leichte Entscheidung – mehr noch wenn man sich in der fernen Fremde befindet, während die Heimat und seine Liebsten in höchster Gefahr schweben.
In der Ferne
Cantha, Elona und Tyria – die drei Kontinente, deren Kulturen sich so sehr voneinander unterschieden wie ein Wechsel der Jahreszeiten. Nicht nur, dass auf Shing Jea beinahe ewiger Frühling herrschte – auch die uralte Fehde der Fraktionen würde schon sehr bald erste, zarte Knospen des Friedens tragen. Dem Land der goldenen Sonne konnte man mit einem unsagbar heißen Sommer vergleichen, dem gleichzeitig ein Zauber voller Lebensfreude anhaftete. Das Herz der Welt dagegen glich der Wechselhaftigkeit des Herbstes mit einem Hauch von Winterkälte … Dies spiegelte sich besonders in dem riesigen, eisigen Gebirge, welches die beiden Königreiche Ascalon und Kryta voneinander trennte. Dort lag das Herrschaftsgebiet der Zwerge – von ihren Menschen verachtenden Verwandten hinab in den Süden vertrieben, hatte es sich das Volk der Deldrimor schlussendlich zur Aufgabe gemacht, ihr über Jahrhunderte angesammeltes Wissen mit der Welt zu teilen. Alle fünf Jahre wurde jeweils eine Person von den drei Kontinenten für ein Stipendium unter König Jalis auserwählt …
Im südlichen Kaiserreich war dies die Aufgabe des hochdekorierten Meister Togo. Schon lange beobachtete er zwei Mädchen, die im nahegelegenen Dorf des Klosters von Shing Jea wie Schwestern aufwuchsen. Obgleich ihre Begabungen in unterschiedlichen Klassen lagen, teilten beide denselben Traum – die Insel und dessen Bewohner vor Unheil zu beschützen … Um diesem Ziel eines Tages gerecht werden zu können, bot er Shikon No Yosei an, sie unter seine eigenen Fittiche zu nehmen. Der Mönchin dagegen eröffnete er die Möglichkeit, als Studentin in die Südlichen Zittergipfel zu reisen, um dort ihr Wissen zu vertiefen und anschließend ihrer Seelen-Schwester zur Seite stehen zu können. Diese Chance ehrte und ängstigte Seiketsu No Akari gleichermaßen – niemals zuvor hatte sie ihre Insel verlassen, gar das Festland besucht und nun sollte sie für mehrere Jahre auf einem anderen Kontinent leben … Gleichzeitig war die Aussicht, in der größten bekannten Bibliothek mehr über die Geschichte der Welt samt neuer Heiltechniken anderer Regionen lernen zu können, mehr als reizvoll.
Es war die rothaarige Elementarmagierin, in ihr schlussendlich den Mut für eine Entscheidung weckte. „Egal wo du bist oder was du tust … ich bin bei dir und du bist bei mir, Sei. Wir werden nie wirklich voneinander getrennt sein.“
Ja, sie würden auf ewig miteinander verbunden bleiben – nichts könnte das Band zwischen ihnen jemals trennen. Dennoch wäre die Braunhaarige an den Docks von Kaineng niemals an Bord des Schiffes in Richtung Löwenstein gegangen, wenn sie bereits an jenem Tag geahnt hätten, was die Zukunft für die angehende Verteidigerin von Shing Jea bereithielt …
In der Hauptstadt angekommen, wurde sie zusammen mit einem dunkelhäutigen Waldläufer und einem blonden Mönch von einer Eskorte des Königs in Empfang genommen. Zum ersten Mal in ihrem Leben erblickte Seiketsu No Akari das zurückgezogene Volk, das sich neben der Sammlung von Wissen vor allem der Schmiedekunst verschrieben hatte. Auf den Rüstungen der Soldaten waren beinahe geometrische Muster eingraviert – Runen in der Sprache aus dem Foliant des Rubikon, ihrer heiligen Schrift. Im Gegensatz zu den Menschen glaubten sie nicht an die fünf Götter, sondern an den sogenannten Großen Zwerg … Dieses astrale Wesen verkörperte all die Ideale, nach denen die Deldrimor-Zwerge strebten. Passend zum Zweck dieser Reise hatte sich Seiketsu No Akari über ihre Gastgeber in mehreren Büchern belesen.
„Seid mir gegrüßt, junge Studenten“, ergriff einer der Krieger mit einem imposant grauen Bart, in dem erste graue Strähnen prangten, das Wort, „mein Name lautet Brechnar Eisenhammer. Von Stund´ an bis Ihr Eure Abschlussprüfung ablegt oder freiwillig ausscheidet, steht Ihr unter dem Schutze Deldrimors – dies sage ich Euch nicht aus zeremoniellem Anlass … das Zittergipfel-Gebirge birgt unzählige Gefahren. Beginnend mit der schneidenden Kälte, über Bergtrolle und Riesen, bis hin zu den Anhängern des Steingipfels. Daher mahne ich Euch zu äußerster Vorsicht – verlasst auf dem Weg zu unserem Königspalast unter keinen Umständen den Tross!“ Die Steingipfel-Zwerge waren eine xenophobe Gruppierung, die den Menschen eine ewige Blutfehde geschworen hatte und deren Grausamkeit sich selbst gegen ihre eigene Rasse richtete … Ihrer Weltanschauung nach verurteilten sie all jene, die einen anderen Weg beschritten oder sich ihrem Wunschimperium entgegenstellten – allen voran Jalis Eisenhammer und seine Untertanen. „Mein Bruder lässt Euch ein Willkommensgeschenk zukommen … verzauberte Medaillons, die Euch vor dem Erfrieren bewahren.“
Augenblicklichen zogen drei seiner Begleiter eine Kette aus ihren Jackentaschen, an denen ein silberner Anhänger hing, und überreichten diese den Stipendiaten.
Der Elonier betrachtete das Kleinod mit einem abwertenden Blick. „Überleben in der Wildnis ist eine der ersten Lektionen, die man erlernen muss, noch ehe man den ersten Pfeil abschießt.“
„Ich glaube nicht, dass der Herrscher, der uns so großzügig in sein Reich einlädt, um seine Ressourcen mit uns zu teilen, uns brüskieren möchte …“, meinte der Blonde, noch bevor Brechnar die Ehre seines Bruders verteidigen konnte, „aber du musst zugeben, dass dein Körper vorrangig an die Wüste Elona´s gewöhnt ist – solltest du den Zauber trotz dessen nicht benötigen, bleibt es nach wie vor ein Geschenk der begabtesten Handwerker Tyria´s.“
Jabari schnaubte, legte sich jedoch trotzdem die feingliedrige Kette im den Hals. Gleichzeitig umspielte die Mundwinkel von Klerus ein Lächeln, das keinesfalls seinen Triumph ausstrahlte – vielmehr wirkte es erleichtert, als hätte er nicht erwartet, dass seine Worte wirklich Wirkung zeigen würden. Innerlich den Kopf schüttelnd wandte sich Seiketsu No Akari von ihnen ab. Keiner ihrer neuen Kameraden besaß eine Arroganz, die mindestens bis in dessen Heimat reichte und wieder zurück, während der andere über keinen Funken Selbstvertrauen verfügte – das konnte ja noch heiter werden …
Wäre Seiketsu No Akari vom Beruf her Wahrsagerin gewesen, ihre Vorhersage hätte nicht zutreffender sein können … Natürlich hatte sich Jabari nicht an Brechnar´s Anweisung gehalten und war im Morgengrauen auf die Jagd gegangen. Zwar hatte er erfolgreich Beute gemacht, doch gleichzeitig einen Eis-Golem in ihr Lager geführt – das Wesen, das selbst lediglich aus der Umgebung um sie herum bestand und sich daher noch besser tarnen konnte, als jeder Waldläufer, war ihm wenigstens eine Lektion gewesen und er hatte sogar zugelassen, dass die Mönchin die Erfrierung an seinem Arm durch die Berührung der eiskalten Kreatur behandelte. Mit einer Elementarmagierin als Seelen-Schwester kannte sie sich in Sachen Verletzungen durch Elementarmagie sehr gut aus – dabei musste man nicht bloß die Wunde an sich heilen, sondern zudem auch die darin verwobene Magie auflösen.
Wundersamerweise erreichte der Trupp schließlich doch noch die sogenannte >Feste Donnerkopf<, den Herrschersitz des Königs. Nach menschlicher Vorstellung konnte man das Gebäude nicht wirklich als Palast bezeichnen und trotzdem strahlte die Mauer mit den Wachtürmen genau das aus.
„Enttäuscht?“, fragte Brechnar die Braunhaarige, dem ihr Blick nicht entgangen war.
Zu seiner Verwunderung schüttelte sie allerdings den Kopf. „Es ist nur anders – das bedeutet nicht, dass es schlecht ist.“
Ein donnerndes Lachen entwich seiner Kehle. „Das nenn´ ich mal eine Antwort! Der wahre Glanz liegt von dieser Stelle aus ohnehin für das Auge verborgen …“
Wenig später begriff die Mönchin, was der Bruder des Königs damit gemeint hatte – dieser Platz war nicht mehr als ein Innenhof, das Herz des Schlosses lag in unterirdisches Tunneln, Kammern und Sälen. Ein Leben fern vom Licht des Tages … Aber ohne den Hauch von Dunkelheit – jeder einzelne Zentimeter wurde von einem sanften Leuchten erhellt, das aus einigen in die Wand eingelassenen Steinen drang. Nichts in diesen Hallen war natürlichen Ursprungs, alles hatten die Zwerge mit seinen eigenen Händen geschaffen. Seiketsu No Akari staunte über die detailreiche Verzierungen der Fassaden – jene Runen, die sie bereits von den Rüstungen der Krieger kannte und kunstvolle Wandbilder, welche die Geschichte dieses Volkes erzählte. Die erste Abbildung zeigte beispielsweise eine riesige, geisterhafte Gestalt über einer verschneiten Gebirgsgruppe schwebend und mit einem mächtigen Hammer kleine Felsen daraus schlagend. Dies war die Schöpfungslegende der Deldrimor … Der Große Zwerg hatte die ersten seiner Kinder aus dem Gestein des Amborsteins geformt. Weiter berichteten die Malereien von der Errichtung ihrer Festungen, legendären Kriegern – wie etwa Rubikon höchstselbst –, bis hin zur Spaltung ihrer Rasse.
Brechnar führte die Gruppe vor eine Flügeltür aus Bronze. Auf seinen Wink hin öffneten die Wachen die schwere Tür. Vor ihnen erstreckte sich ein reich geschmückter Saal, an dessen Stirnseite ein Podest alle Blicke auf sich zog. Dort thronte ein ein imposant wirkender Zwerg mit einer Plattenpanzer-Rüstung und einer schmiedeeisernen Krone auf dem Kopf, der sich bei ihrem Eintreten von seinem Stuhl erhob.
„Seid mir willkommen“, sprach der Herrscher, dessen Stimme den gesamten Raum erfüllte, „ich bin Jalis Eisenhammer, König der Deldrimor und Beschützer des Zittergipfel-Gebirges, das für die kommende Zeit auch Euch eine Heimat bietet … denn vom heutigen Tag an, Seiketsu No Akari von Shing Jea, Klerus von Kryta und Jabari von Kourna, betrachte ich auch Euch als Teil meines Volkes.“ Der Tonfall, in dem er vor allem den letzten Satz ausgesprochen hatte, ließ keinerlei Zweifel daran, wie ernst ihm diese Angelegenheit war. Seine Ausstrahlung hatte nichts mit jenen dreckigen Kreaturen gemein, als welche die Zwerge in vielen Teilen der Welt hinter vorgehaltener Hand geschimpft wurden – sie waren Schmiede, Baumeister, Krieger, Gelehrte … ein stolzes und mächtiges Volk. Als Zeichen ihrer Ehrerbietung und Dankbarkeit verneigte sich die Braunhaarige tief vor dem König. Klerus folgte augenblicklich ihrem Beispiel und selbst Jabari bekundete seinen Respekt. „Nun, die Reise war anstrengend und Ihr seid sicherlich erschöpft – ruht Euch erst einmal aus. Morgen können wir besprechen, welcher Wissensdurst Euch zu uns geführt hat …“
Grenzenlos
Das Zimmer, welches Seiketsu No Akari seit einigen Wochen bewohnte, sah – abgesehen von einer Handvoll Bücher – noch genauso aus, wie bei ihrem Einzug vor vier Wochen. Es war zwar nicht sehr groß, aber ausreichend. Es gab ein Bett, einen Schreibtisch, einen Stuhl, einen Kleiderschrank und einen Spiegel. Eben eine einfache Studierstube. Die meiste Zeit des Tages verbrachte Seiketsu No Akari ohnehin in der Abgeschiedenheit der riesigen Bibliothek, zwischen den unzähligen Bücherregalen, Schriftrollen und Landkarten. Ihr Interesse bezog sich dabei vor allem auf die Geschichte ihrer Welt und, neben weiteren klassenspezifischen Fähigkeiten, wollte sie mehr über Heilmethoden ohne Magie lernen. Ihre Finger glitten über den Einband jenes Buches, das aus aus ihrem eigenen Besitz stammte. Sie musste es nicht aufschlagen, um sich jede einzelne Seite ins Gedächtnis zu rufen. Alle Pflanzen, Blumen und Blüten darin stammten von Shing Jea … Während ihrer Ausbildung hatte sie es gemeinsam mit Shikon No Yosei zusammengestellt.
Sonst hatte sie lediglich noch die beiden goldenen Armreifen an ihren Handlungsspielraum an persönlichen Dingen mitgenommen. Dieser Schmuck war das Abschiedsgeschenk ihrer Mutter gewesen – einer davon hatte ihr selbst gehört, den anderen hatte ihr Vater bis zu seinem Tod getragen … Bishu hatte ihrer Tochter nie recht erzählen wollen, was genau Tai zugestoßen war – die Erinnerung daran war zu schmerzlich für sie, deshalb hakte Seiketsu No Akari nicht weiter nach. Sie wusste nur, dass beide einst als Adepten dem Himmelsministerium gedient hatten und er bei einem ihrer Aufträge ums Leben gekommen war, als ihre Mutter noch mit ihr schwanger gewesen war. Aber unter welchen Umständen genau, hatte sie für sich behalten … Ein nicht minder großes Geheimnis rangte sich um die Eltern von Shikon No Yosei – weder die Identität noch der Verbleib des Vaters ihrer Nichte waren Bishu jemals über die Lippen gekommen. Trotzdem hatte Seiketsu No Akari nicht einmal ein Wort der Klage aus dem Mund ihrer Seelen-Schwester gehört … Nein, Shikon No Yosei lebte in der Gewissheit, dass der Anhänger um ihrem Hals ein Beweis für die Liebe ihrer Mutter war und das genügte ihr. Obgleich Seiketsu No Akari wenige Tage älter war und sie gerne aufzog, besaß in ihren Augen Shikon No Yosei die größere Stärke – in ihrem unbrechbaren Stolz, stets voranzuschreiten, bewunderte die Braunhaarige sie und wünschte sich, eines Tages über dieselbe Standfestigkeit zu verfügen …
In ihrem Hals bildete sich ein dicker Kloß, während sich Tränen in ihren Augenrändern sammelten. Shing Jea und ihre Familie bedeuteten Seiketsu No Akari alles – wenigstens darin war sie ihrer Cousine schon immer gleich. Ihre Gedanken hatten das Heimweh geweckt … Besonders angesichts der Nachrichten, welche die Händler aus Löwenstein ebenfalls im Gepäck hatten. Bruder Mhenlo, der Leiter des Tempels der Zeitalter war nach Cantha rufen worden, um seinem früheren Lehrmeister beim Kampf gegen eine noch unbekannte Bedrohung zu unterstützen – wenn Meister Togo solche Maßnahmen injizierte, konnte es sich nicht bloß um eine Lappalie wie einen Aufstand der Purpurschädel oder ähnliches handeln. Und das bedeutete unweigerlich, dass sich Shikon No Yosei ebenfalls in akuter Gefahr befand … Bislang hatten sich die Mädchen solchen Herausforderungen stets gemeinsam gestellt, nun jedoch war die Elementarmagierin auf sich allein gestellt.
Die Mönchin zog die Schublade an ihrem Schreibtisch auf und nahm ein Blatt Pergament heraus. Anschließend griff sie nach der Feder. „Liebe Shiko, von dir getrennt zu sein ist noch viel härter, als ich es erwartet habe … Unablässig kommt mir die Frage in den Sinn, ob es ein Fehler war, das Angebot von Meister Togo anzunehmen. Vor allem da du aktuell meine Hilfe brauchen könntest … Aber das ist genau der Punkt, nicht wahr? Es ist eine Prüfung für uns beide. Wir müssen lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Ich will diese Chance nutzen … Ich werde stärker werden, so stark wie du es bist – deshalb bitte, Schwesterchen, gib´ auch du nicht auf! Deine Sei“
Seufzend faltete Seiketsu No Akari den Brief zweimal und legte ihn in die Schublade. Noch konnte sie ihn nicht abschicken … Wenn Shikon No Yosei wirklich mitten in einem Kampf befand, konnte sie keinerlei Ablenkung gebrauchen. Und vielleicht war sie ja gar nicht mehr auf Shing Jea … Nein, eines Tages würde die Braunhaarige ihn und alle folgenden Briefe ihrer Seelen-Schwester zum Lesen geben – bis dahin sollte er ihr selbst ein Zeichen sein.
In den folgenden Monaten versuchte Seiketsu No Akari so gut es ging, ihre Trauer zu verstecken und als Energie in ihre Arbeit zu legen. Jeden Tag brütete sie stundenlang über zahlreichen Schriften. Sie erfuhr von der geheimnisvollen Kristallwüste, las über den Untergang der Königreiche Orr und Ascalon. Überall, wo jene nach Macht strebten, wurde unschuldiges Blut vergossen – doch es gab auch solche, die der Verantwortung würdig waren … Jalis Eisenhammer war einer von ihnen. Schon am ersten Tag hatte die Braunhaarige Güte in seinen Augen erkannt. Ihn umgab eine Aura von Weisheit und Würde, wie sie es zuvor nur von Meister Togo gekannt hatte.
Ein Klopfen an der Tür riss Seiketsu No Akari aus ihren späten Studien. Wer mochte sie zu dieser Zeit noch in ihrem Quartier aufsuchen? Zu ihrer Überraschung wartete ausgerechnet der König vor der Schwelle. Seine Miene zeigte tiefe Besorgnis.
„Was ist geschehen?“, wollte die Mönchin unvermittelt wissen.
Auf seinen fragenden Blick hin, ließ sie ihn eintreten und nahm auf dem Stuhl Platz, sodass sie sich beinahe auf Augenhöhe befanden.
Die Stimme des Zwergs zitterte zwar nicht, besaß allerdings nicht ihre gewohnte Festigkeit. „Ihr wisst bereits von Bruder Mhenlo´s Reise nach Cantha. Ich habe mit mir gerungen, ob ich von den Entwicklungen im Kaiserreich berichten soll oder nicht … aber Ihr habt ein Recht davon zu erfahren.“
Das Reich des Drachen wurde von einer eigentümlichen Krankheit heimgesucht – diese Pest war nicht bloß eine schlichte Seuche, die die Bewohner in Scharen dahinraffte … Nach ihrem Ableben verwandelten sich die Erkrankten in schauerliche Kreaturen aus Eiterbeulen, aufgedunsenen Pusteln und messerscharfen Klauen. Vollkommen dem Wahnsinn anheimgefallen, meuchelten diese Befallenen jedes Lebewesen, das ihnen begegnete, und steckten damit auch ihre Opfer an. So verbreitete sich die Krankheit immer weiter aus … nicht einmal ihre Heimatinsel war davon verschont geblieben.
„Wisst … wisst Ihr etwas über die Verteidigerin von Shing Jea und … den Leiter des Klosters?“, hakte die Braunhaarige geschockt nach.
Das tiefe Seufzen des Herrschers verhieß nichts Gutes … „Unsere Informationen verlieren sich in den Ausläufen des Echowaldes und des Jademeers. Möglicherweise haben sie Unterstützung bei den Fraktionen gesucht, aber eine stichhaltige Antwort kann ich Euch leider nicht geben … Es tut mir sehr leid.“
„Ich danke Euch, dass Ihr zu mir gekommen seid, werter König“, sagte Seiketsu No Akari und neigte das Haupt, „wenn Ihr gestattet, wäre ich nun jedoch gern allein.“
Der Deldrimor nickte knapp, dann verließ er das Zimmer ohne ein weiteres Wort.
Damit war ihre Befürchtung bestätigt – Shikon No Yosei hatte nicht bloß Shing Jea verlassen, sondern schwebte obendrein in großer Gefahr. Und Seiketsu No Akari befand sich mehrere Tausend Fuß von ihr entfernt, unfähig ihr beizustehen … Die Tränen, die sie zuvor noch unterdrückt hatte, brachen sich nun ihren Damm. Gefühlt Stunden später schlief die Braunhaarige vor Erschöpfung an ihrem Schreibtisch ein.
Die Zierkirsche, welche die Tempelanlagen von Shing Jea schmückten, standen wie gewohnt in voller Blüte. Bei jedem Windstoß lösten sich einzelne Blätter und fielen gleich Schneeflocken zu Boden, sodass die grünen Wiesen von einem rosafarbenen Teppich bedeckt waren. Warm fiel das Licht der immerwährenden Frühlingssonne auf ihr Gesicht. Wie oft war Seiketsu No Akari in ihrer Kindheit über die Insel gestreift? Mit jedem Lebensjahr hatte sie einen neuen Fleck erkundet … Doch plötzlich tat sich vor ihren Füßen ein finsterer Abgrund auf, den sie nicht kannte. Langsam dehnte sich die Dunkelheit über den Rand der Schlucht aus, waberte über den Boden und leckte an ihren Beinen, bis sie vollständig davon verschluckt wurde. Im ersten Moment verspürte Seiketsu No Akari eine Welle von Furcht – dann jedoch bemerkte sie, dass sie weiterhin die Hand vor Augen sehen konnte. Von ihrem Körper ging ein Leuchten aus. Und da war noch etwas … Es fühlte sich an, als würde sie die Trauer und den Schmerz von jemand anderem in sich aufnehmen. Eine tiefe Traurigkeit über den Tod von Meister Togo, der im Kampf gegen den Verräter und Auslöser des Jadewindes Shiro Tagachi gefallen war …
„Hallo, Schwesterchen“, sagte Seiketsu No Akari mitfühlend zu der zusammengekauerten Gestalt.
Ungläubig hob Shikon No Yosei den Blick und streckte die Hand nach ihr aus, als könne sie ihren Augen nicht trauen. „Sei, bist … bist du es wirklich?“
Lächelnd legte die Braunhaarige ihr die Arme um die Schultern. „Ja, Shiko … ich habe deinen Ruf gehört. Deine Trauer um Meister Togo überlagert derzeit alles andere in deinem Herzen – sein Verlust ist ein schwerer Schlag für ganz Cantha. Aber du darfst nicht vergessen, warum du mit ihm zu dieser Reise aufgebrochen bist …“
Plötzlich tauchten mehrere Bilder aus Shikon No Yosei's Leben zwischen ihnen auf. Ihre gemeinsame Kindheit … die Zeit im Kloster … jener Tag, an dem der Ritualist zu ihnen ins Dorf Tsumei gekommen war … das Gesicht eines jungen Mannes mit braunen, fransigen Haaren und einer schwarzen Maske …
„Ohtah …“, hauchte die Elementarmagierin schluchzend.
Augenblicklich wich die Finsternis und Seiketsu No Akari vernahm ein neues Gefühl in dem imaginären Raum – es war mehr als nur Hoffnung, die dieser Assassine in ihr weckte. Auf ihren Wink hin teilte sich das Dunkel durch eine weitere Abbildung. Auf einem schlichten Bett in einem rot getäfelten Raum lag Shikon No Yosei mit geschlossenen Augen, während Ohtah Ryutaiyo ihre Hand hielt und vor sich hin murmelte.
„Er ist an deiner Seite. Und auch ich werde immer bei dir sein. Du bist nicht allein, Shiko, niemals! Vertreib´ die Finsternis und lass' dein Licht leuchten … oder Shiro Tagachi wird Cantha endgültig ins Verderben stürzen!“, sprach die Mönchin, während das Bild vor ihren Augen allmählich unscharf wurde. „Bedenke jedoch, dass dir Meister Togo aus den Nebeln zusieht – ebenso wie deine Mutter …“
Ruckartig setzte sich Seiketsu No Akari auf. Es dauerte einige Herzschläge lang, ehe sie sich orientiert hatte. Der Traum war zu Ende … Sie befand sich wieder in der kleinen Kammer unterhalb der Südlichen Zittergipfel. Aber diese Entfernung stand in keinerlei Vergleich zu der Verbindung mit ihrer Seelen-Schwester – dieses Band war schlichtweg grenzenlos.
Wann immer König Jalis es einrichten konnte, leistete er seinen Gästen Gesellschaft und hielt sogar selbst Vorlesungen. Ebenso war er sich nicht zu schade, den Studenten dabei zu helfen, die staubigen Gänge nach einem bestimmten Buch zu durchsuchen oder ihnen Lektüren zu einem bestimmten Thema zusammenzustellen. Außerdem stattete der Mönchin regelmäßig Besuche in ihrem Quartier ab. Nicht aus irgendwelchen anzugleichen Gründen – nachdem der Herrscher ihr die Nachricht über die Zustände in Cantha überbracht hatte, wurde er langsam zu ihrem Vertrauten. Ein Mentor … ähnlich wie Meister Togo es für Shikon No Yosei gewesen war.
Doch diesmal wirkte der Deldrimor-Zwerg viel ernster, als sonst. „Ich wandere häufig durch mein Schloss, musst du wissen … zu jeder erdenkliches Tages- und Nachtzeit. Was soll ich sagen? Die Wände sind zwar aus Stein, aber ich bin trotz meines Alters mit guten Ohren gesegnet … ohne absichtlich lauschen zu wollen. Falls Ihr versteht, wovon ich spreche.“ Ertappt wich Seiketsu No Akari seinem Blick aus. Sie wusste genau, was er gehört hatte – ihr nächtliches Schluchzen. „Du bist anders, als Klerus oder Jabari … und das liegt nicht daran, dass du ein Mädchen bist. Du versuchst zwanghaft, deine Gefühle zu unterdrücken … Es ist Heimweh, das Euch plagt, mein Kind, nicht wahr?“
Das Gesicht in den Händen vergraben nickte die Braunhaarige. Diesmal wollten keine Tränen kommen. Zu schmerzlich war die harte Realität – trotz oder gerade wegen ihrer beständigen Verbindung zu Shikon No Yosei, war ihr bewusst geworden, sie gehörte hier nicht hin. Ihre Heimat war und würde für immer Shing Jea sein … „Egal, ob ich wach bin oder schlafe … Und die Zustände durch die Pest machen es nicht gerade besser – dennoch bin ich froh, darüber Bescheid zu wissen.“
„Das verstehe ich nur zu gut“, bestätigte Jalis Eisenhammer lächelnd, „als Beschützer dieses Landes und eines ganzen Volkes spuken mir ständig Sorgen im Kopf herum. Um nicht von ihnen beherrscht zu werden, suche ich nach Dingen, die mein Herz erfreuen … Deshalb komme ich auch so häufig zu euch in den Unterricht – es befreitet mir Freunde, Euch wachsen zu sehen. Ist das nicht der Grund, warum du dein Zuhause verlassen hast?“
Genau darüber hatte Seiketsu No Akari in ihrem allerersten Brief an ihre Seelen-Schwester geschrieben … Hätte sie ihn damals abgeschickt, wüsste ihre Seelen-Schwester von ihrem Versprechen darin – sie hatte sich vorgenommen, nicht aufzugeben.
Einen tiefen Atemzug nehmend richtete sich die Braunhaarige wieder auf – der König verdiente es, dass sie sich mehr zusammenriss. „Schon bevor meine Schwester Shikon No Yosei und ich unsere Ausbildung begannen, haben wir darüber gesprochen, wie schön es ist, anderen zu helfen. Wir wollten für unsere Heimat und seine Bewohner da sein … Shiko hat den Weg der Elementarmagierin gewählt – sie ist so unglaublich stark, auch wenn sie sich dessen noch nicht ganz bewusst ist. Ich dagegen kann nicht kämpfen – deshalb bin ich Mönchin geworden, um sie mit meinen Gebeten beschützen zu können. Ich möchte um jeden Preis an ihrer Seite stehen! Immer … Aber ich weiß, dafür bin ich noch schlichtweg zu schwach – deshalb kam ich in die Südlichen Zittergipfel.“
Mitfühlend legte er ihr eine Hand auf den Oberschenkel. „Jemand, der einen solch reinen Wunsch in sich trägt, kann jede Stärke entwickeln, die er braucht …“ Damit verließ er das Zimmer wieder, drehte sich im Türrahmen jedoch noch einmal um. „Ihr sagtet, Eure Schwester wäre sich ihrer wahren Kraft nicht bewusst – nun, Ihr ebenfalls nicht, mein Kind … noch nicht.“
Schatten der Liebe
Mit jedem weiteren Tag staunte Seiketsu No Akari mehr darüber, wie viel Wissen die Zwerge über die Jahrhunderte in ihren riesigen Hallen angesammelten hatten. Neben ihren selbstbestimmten Studien gab es sozusagen auch Pflichtveranstaltungen, die sich vorrangig um die Kultur der Deldrimor sowie ihren Kontakt zur Außenwelt drehte. Doch gab es auch Geheimnisse der Welt, die sich durch diese Schriften nicht ergründen ließen – dazu gehörte zum einen das Gefühl von Hass …
Rastlos wanderte Jalis Eisenhammer von einer Seite des Thronsaals zur anderen und wieder zurück, sodass er beinahe eine Furche zog.
Irgendwann ergriff sein Bruder, der ihn zuvor schweigsam beobachtet hatte, das Wort. „Ich möchte Euch nicht zu nahe treten, mein König … Gestattet mir dennoch die Frage, was bedrückt Euch so?“
„Entschuldige, Bruder … es war unhöflich von mir dich so in Ungewissheit zu lassen“, entgegnete der Herrscher seufzend. „Die Steingipfel bereiten mir Sorgen. Unser Vetter hat die Befehlsgewalt übernommen – er will jeden einzelnen von uns auslöschen.“
Brechnar erbleichte sichtlich. „Dagnar?! Das ist übel, Majestät – er kennt keine Gnade. Aber ein offener Krieg würde unzählige Deldrimor das Leben kosten … Und unser Volk schrumpft ohnehin bereits.“
„So ist es. Nur was können wir tun? Dagnar will meinen Thron und damit die Kontrolle über die gesamten Zittergipfel! Ich muss meine Untertanen beschützen, egal um welchen Preis …“, entgegnete Jalis, während seine Fingerspitzen über die Krone auf seinem Haupt strichen.
Im Gegensatz zum Sohn ihres Onkels konnte er diesen brennenden Zorn und die Freude am sinnlosen Töten nicht nachvollziehen … Ebenso rätselhaft blieb die Sache mit der Liebe – sei sie platonisch oder gar körperlich.
So saß Seiketsu No Akari zum wiederholten Mal über einem Brief an ihre geliebte Seelen-Schwester. „Liebe Shiko, morgen jährt sich der Tag, an dem Meister Togo in unser Dorf kam. Niemals hätte ich gedacht, dass uns dieses Jahr solche Turbulenzen bringen würden … Aber jedes Mal, wenn ich erneut ins Schwanken gerate, gibt mir der Gedanke an unser Wiedersehen Kraft. Ich bin so unsagbar glücklich, dass ich dir beistehen konnte, und stolz darauf, dass du trotz allem deinem Weg treu geblieben bist. Darum werde ich als Absolventin der Deldrimor nach Shing Jea zurückzukehren! Bis bald, deine Sei“
Gerade, da Seiketsu No Akari ihre Feder niedergelegt hatte, klopfte es an der Tür. Davon überzeugt, es handle sich bei dem Besucher um Jalis Eisenhammer, öffnete sie lächelnd. Allerdings wartete vor der Schwelle kein Zwerg …
„Gu-Guten Abend, Seiketsu“, grüßte Klerus sie. Ihm war die Anspannung und Nervosität deutlich anzumerken, „darf ich eintreten?“ Es war das erste Mal, dass der Tyrianer sie in ihrer Stube aufsuchte. Sie fragte sich, ob etwas passiert sei, gab aber kommentarlos den Weg frei. Er schaute sich kurz um, bevor er seinen Blick wieder auf sie heftete. Seiketsu No Akari unterdessen lehnte an ihrem Schreibtisch und wartete. „I-Ich muss dir etwas sagen … Ich bin … in dich ver-verliebt …“
Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. „Was … was hast du da eben gesagt?“
„Ich liebe dich, Seiketsu“, wiederholte er, diesmal deutlich entschiedener.
Nie hätte Seiketsu No Akari mit solch einer Entwicklung gerechnet. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und sie schluckte schwer. Noch nie hatte ihr jemand seine Liebe gestanden oder sich überhaupt für sie als Frau interessiert – etwas, das ihr sehr recht gewesen war. Statt in ihrem Zimmer in den Südlichen Zittergipfeln befand sich die Mönchin wieder in jenem Haus auf Shing Jea, in dem sie zusammen mit Shikon No Yosei aufgewachsen war. Obgleich beide Mädchen ohne ihren Vater aufgewachsen waren, hatte Seiketsu No Akari noch ihre Mutter gehabt – allerdings hatte sie so auch gesehen, was der Verlust des Liebsten mit einem Menschen machte … Wie oft war sie des Nachts aufgewacht, weil sie das Schluchzen ihrer Mutter gehört hatte? Bishu war sowohl für ihre leibliche Tochter als auch für ihr Pflegekind am Tage eine gute Mutter gewesen … In der Nacht dagegen war aus ihr ein Häufchen Elend geworden, eine trauernde Witwe ohne Lebensmut. Ohne ihre Aufgabe hätte sie ihrem Leiden inzwischen längst ein Ende bereitet und wäre Tai in die Nebel gefolgt.
Schon genauso lange, wie es ihr innigster Wunsch war, den Bewohnern von Shing Jea zu helfen, fürchtete sich Seiketsu No Akari davor, sich eines Tages ebenfalls zu verlieben. Zwar hatte Shikon No Yosei es nicht ausgesprochen, doch ihr Blick allein hatte Bände gesprochen … Sie liebte Ohtah Ryutaiyo ebenso bedingungslos und endlos – woher die Rothaarige dieses Vertrauen in ihn hernahm, konnte die Mönchin nicht sagen. Es stimmte, sie mochte Klerus … Er war so vollkommen anders, als beispielsweise Jabari. Beide konnten stundenlang nebeneinander in der Bibliothek in ihren Büchern versinken, ohne eine negative Schwingung zwischen ihnen. Aber das war noch lange keine romantische Liebe … falls Seiketsu No Akari überhaupt zu dieser Empfindung fähig war.
Sie wagte es nicht, ihn anzusehen, als sie ihm ihre Antwort mitteilte. „Ich … fühle mich geehrt … wirklich. A-aber ich … ich kann deine Gefühle nicht erwidern. Verzeih´ mir bitte …“
„Du musst dich nicht entschuldigen“, entgegnete Klerus ruhig und verneigte sich, „es war mir einfach nur wichtig dir die Wahrheit zu sagen … Mir tut es leid, sollte ich dir damit zu nahe getreten sein – ich wollte nur, dass du weißt, wie sehr ich dich bewundere …“
Damit verließ er das Zimmer. Kaum fiel die Tür ins Schloss, sank Seiketsu No Akari kraftlos zu Boden. Draußen im Korridor erging es dem Blonden nicht anders – am Türrahmen hinab ging er in die Knie. Im Grunde sollte ihn ihre Antwort nicht überraschen … Hatte er nicht sogar damit gerechnet? Seiketsu No Akari war stets freundlich zu ihm gewesen und hatte ihm geholfen, wenn er mit einem Problem nicht weitergekommen war, aber ansonsten mied sie die anderen Studenten. Dennoch tat es weh – in ihren Augen war absolut kein Zweifel gewesen. Kein Schimmer, weswegen er hoffen konnte …
Mit einem Mal schien Klerus von den fensterlosen Wänden um ihn herum erdrückt zu werden und er brauchte dringend frische Luft. Manchmal kam ihm die >Feste Donnerkopf< wie ein Gefängnis vor – der König hatte ihnen verboten, das Schlossgelände allein zu verlassen, doch in diesem Moment konnte der Mönch einfach nicht anders. Alles war besser, als vor Seiketsu No Akari´s Tür am Boden zu liegen … Sorgsam darauf bedacht von niemandem gesehen zu werden, schlich er sich durch die verwinkelten Gänge bis zu den oberirdischen Räumen, dann trat er hinaus ins Freie. Über ihm spannte sich ein strahlend blauer Himmel, der ihn schmerzlich an ihre Augen erinnerte … Um sich abzulenken, stapfte er durch den Schnee in Richtung Wald. Im Gegensatz zur Bevölkerung von Cantha kannte man in Kryta winterliche Wetterverhältnisse. Niemals würde er die Verwunderung in ihrem Blick vergessen, als sie die Grenze zum Zittergipfel-Gebirge erreicht hatte. Ihre Hand hatte damals nicht vor Kälte gezittert, sondern vor Aufregung. Wie ein kleines Kind hatte sie sie fallenden Eiskristalle mit der Zunge gefangen.
Die Erinnerung endete abrupt, stattdessen fuhr ihm ein gellender Schmerz durch den Schädel und alles um Klerus herum wurde schwarz.
Wütend krallte Jalis Eisenhammer seine Finger in das Stück Pergament. Es gab vieles, das er in seiner Gutmütigkeit hinnehmen konnte – diese Tat dagegen ging eindeutig zu weit. Die Steingipfel schreckten wahrlich vor nichts zurück …
Das Tor zum Thronsaal wurde geöffnet und Seiketsu No Akari trat ein. Sorge zeichnete sich auf ihrer Miene ab. „Verzeiht die Störung, Eure Majestät. Klerus ist heute nicht zum Unterricht erschienen und wir … wir können ihn nicht finden. Er scheint … verschwunden zu sein.“
Der Zwerg sah von dem Schreiben auf. Sein Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen. „Ich muss Euch leider mitteilen … Klerus wurde letzte Nacht von den Steingipfeln entführt. Habt keine Angst, ich werde unseren Freund nicht im Stich lassen – er steht unter dem Schutz der Deldrimor und ein König hat die Pflicht, jedes Mitglied seines Volkes mit seinem Leben zu beschützen.“
Entsetzt starrte die Braunhaarige den Herrscher an. Sie wusste nicht, was sie mehr schockierte – dass er sich für Klerus opfern wollte oder dass Klerus wegen ihr gefangen genommen wurde. Er hatte ihr seine Liebe gestanden und sie ihn abgewiesen … Daraufhin war der Mönch aus der >Feste Donnerkopf< verschwunden – direkt in die Arme ihrer Feinde. In dieser Situation hatte sie nur eine Wahl – dieselbe Entscheidung, die auch Shikon No Yosei an ihrer Stelle treffen würde. Nicht nur für König Jalis …
Rasch verbeugte sich Seiketsu No Akari vor ihm und verließ die Halle, ehe sie weiter zur Waffenkammer eilte. Dort schnappte sie sich einige der Tränke, die die Deldrimor-Zwerge gebraut hatten – für den Fall, dass sie nicht in der Lage wäre, Klerus zu behandeln. Denn sie würde sicherlich nicht zulassen, dass König Jalis sich in die Fänge der Steingipfel begab – das wäre das Ende von Deldrimor … Nein, sie selbst würde losziehen und Klerus zur >Feste Donnerkopf< zurückbringen. Ein Himmelfahrtskommando, das war ihr durchaus bewusst … Daher hätte Seiketsu No Akari zu gern noch einen vielleicht letzten Brief verfasst. Gleichzeitig fürchtete sie sich noch mehr davor, Abschiedsworte für ihre Seelen-Schwester zu finden.
Da ihr aber ohnehin nicht die Zeit blieb, in ihr Gemach zurückzukehren und nach der Schreibfeder zu greifen, verfasste die Mönchin das Schreiben in Gedanken. „Liebe Shiko, noch nie habe ich mir so sehr gewünscht, du könntest bei mir sein, wie am heutigen Tag … Erst vor wenigen Stunden habe ich dir geschrieben, ich würde deinem Beispiel folgen – nun klammere ich mich an deinen Mut, in der Hoffnung er möge auf mich übergehen … um eine Heldin zu werden, wie du es schon immer gewesen bist. Es fällt mir schwer, darüber nachzudenken … Doch wenn ich es nicht einmal dir anvertrauen könnte, wem sonst? Meinetwegen ist Klerus in die Gewalt der Steingipfel geraten. Weil ich seine Liebe nicht erwidern kann … Ich bin dafür verantwortlich, dass er die Feste verlassen hat. Deshalb kann ich nicht zulassen, dass sie ihm etwas antun oder gar König Jalis. Aber du kennst mich, Shiko – ich werde keinen Unschuldigen zurücklassen, niemals! Sonst könnte ich nie mehr an deiner Seite stehen. Nicht als deine Schwester … und schon gar nicht als ebenbürtige Verteidigerin. Ich werde alles dafür tun, um meinen Schwur zu halten! Ich will ehrlich zu dir sein, Schwesterchen – unsere Feinde sind für ihre Grausamkeit bekannt. Es tut mir schrecklich leid … Früher einmal habe ich den Kampf gescheut – von dir habe ich gelernt, dass man manchmal nur beschützen kann, wenn man kämpft. Ich verspreche dir, ich werde nicht aufgeben! Und wenn es mein Schicksal ist, sehen wir uns auf Shing Jea wieder … Ansonsten warte ich in den Nebeln auf dich. Ich liebe dich, Schwesterchen! Deine Sei“
Sollte sie von diesem kleinen Ausflug nicht zurückkehren, würde dieser Brief Shikon No Yosei nicht erreichen … Doch konnte sie darauf vertrauen, dass König Jalis ihr die übrigen Pergamentpapiere aus ihrer Schreibtischschublade zukommen lassen würde.
Ihre Hand schloss sich um die Klinke der Pforte, die nach draußen führte, als hinter ihr eine Stimme erklang. „Wohin des Weges, mein Kind?“ Erschrocken fuhr sie zusammen, ehe sie sich zu dem Sprecher umdrehte. „Glaube mir, es wäre mir eine Freude gewesen, mich für einen meiner Schützling eintauschen zu lassen … Allerdings ist es sehr fraglich, ob sie Klerus dadurch tatsächlich gehen lassen würden. Also werden wir ihn eigenmächtig befreien, im Namen des Großen Zwergs!“
Jalis Eisenhammer hatte in ihr gelesen, wie in einem der tausend Bücher seiner Bibliothek … Ihm war klar gewesen, dass Seiketsu No Akari den Mönch nicht im Stich lassen würde. Sie waren eine Gemeinschaft, Studenten von Deldrimor und füreinander verantwortlich.
„Dann lasst mich diese Mission anführen!“, erwiderte die Mönchin entschieden. Dieser Wunsch war neu für Seiketsu No Akari … Früher hatte stets Shikon No Yosei, trotz ihres schlechten Orientierungssinns, die Ausfälle gegen die Purpurschädel oder andere Halunken der Insel geplant. Um ihrer Seelen-Schwester eines Tages als Verteidigerin auf Augenhöhe zu begegnen, musste sie sich dieser Herausforderung offen stellen … Obendrein konnte Seiketsu No Akari so König Jalis doch noch aus der ganzen Sache heraushalten. „Euer Volk muss Euch in Sicherheit wissen. Außerdem … welche Konsequenz hätte es, wenn Ihr mit einem Trupp Soldaten im Lager der Steingipfel einmarschiert? Es würde Krieg geben …“ Seine Berater hatten diese Bedenken ebenfalls vorgebracht. Und zu groß war die Gefahr einer Falle … Aber durfte er als König seelenruhig abwarten, während seine Untertanen sich in Gefahr begaben? „Vertraut mir, lasst mich für Euch kämpfen – um das zu beschützen, was mir wichtig geworden ist! Für Deldrimor …“
„Ich werde dich begleiten“, meldete sich Jabari zu Wort, der plötzlich hinter dem Herrscher aufgetaucht war. „Er ist schließlich auch mein Kamerad.“
Dankbar lächelte sie den Waldläufer an. Es steckte doch ein guter Kern in ihm …
Seufzend gab sich der Zwerg geschlagen. „Ihr dürft nicht an Euch zweifeln … sonst werdet Ihr scheitern. Die Steingipfel sind gerissen – ich gebe Euch fünf meiner besten Krieger als Eskorte mit. Seid wachsam … und kommt gesund wieder.“
Ergeben verbeugten sich die beiden Studenten.
Jabari´s Fertigkeiten als Fährtenleser waren eine große Erleichterung. Das Wetter war ihrer Sache gnädig gewesen und es hatte keinen Neuschnee gegeben. Die Luft hätte eisig sein sollen … Doch Seiketsu No Akari spürte es nicht – ihre Schutz- und Heilgebete waren noch nie so stark gewesen. So ernst die Lage auch war, vielleicht war ein Feldtest genau das, was ihr Selbstbewusstsein im Moment am Meisten brauchte.
Entschlossen betrachtete die Braunhaarige ihre tapferen Begleiter. „Wir müssen einen Angriff ihrer Soldaten provozieren. Je mehr wir hier herauslocken können, desto einfacher wird es für Jabari und mich ins Innere zu gelangen.“
„Ihr wollt wirklich ohne Geleitschutz gehen?!“, hakte Brechnar ungläubig nach.
Die Mönchin nickte. „So fallen wir weniger auf. Habt keine Furcht – ich glaube an den Schutz Dwayna´s und ich vertraue darauf, dass der Großen Zwerg mit uns ist …“
Geduckt verbargen sich Seiketsu No Akari und Jabari hinter einer Gruppe Felsen, während die Deldrimor-Zwerge mit Kampfgeschrei auf das Lager der Steingipfel zu stürmten. Natürlich hatten diese ihre Konkurrenten längst bemerkt und gingen zum Gegenangriff über. Eine wilde Schlacht nach Zwergenart entbrannte – die Gelegenheit für die beiden Studenten. Ungesehen schlichen sie hinein. Obwohl die Mönchin wahrhaft keine Meisterin im Orten von Auren war – Shikon No Yosei war um Welten geschickten darin –, spürte sie einzelne Lebenslichter. Tief unter ihnen flackerte ein einzelner Funke …
„Wir müssen einen Weg hinunter in die Kerker finden“, flüsterte die Shing Jea ihrem Begleiter zu.
Mit seinem geübten Blick entdeckte der Elonier in dem zwielichtigen Gang einen Treppe, die nach unten führte. Vorsichtig, um nicht in irgendwelche Fallen zu tappen, stiegen sie die grob gezimmerten Stufen hinab. Ein modriger Geruch schlug ihnen entgegen, gräulicher Schleim klebte an den Wänden und überall lagen verstreute Knochen.
„Soll nochmal einer sagen, die >Feste Donnerkopf< würde stinken“, meinte Jabari scherzend.
Der Weg wurde nur vereinzelt von mickrigen Kerzenstummeln beleuchtet. Sie konnten kaum die Hand vor Augen sehen, bis sie um der nächsten Kurve vollkommen von Dunkelheit eingehüllt waren. Da konnte nur noch Magie helfen … Seiketsu No Akari konzentrierte sich auf das Licht in ihrem Innern. Es füllte sie aus, wärmte sie. Und dann schwand die Finsternis – genauso wie bei ihrer letzten Begegnung mit Shikon No Yosei. Perplex starrte Jabari sie an, so etwas hatte er noch nie gesehen.
„Diesen Zauber habe ich selbst entwickelt“, entgegnete sie lächelnd, eine Spur von Stolz in der Stimme.
Da erklang ein verzweifelter Ruf. „Ist … da jemand? Bitte, helft mir … Ich bin hier eingesperrt …“ So schnell sie konnten, sprinteten sie die letzten Treppen hinunter und fanden Klerus, der sich an die Gitterstäbe klammerte. „Seiketsu … Jabari … Ihr seid gekommen, um mich zu retten …“
Wie erleichtert der Blonde auch war, man hörte ihm an, dass er sichtlich geschwächt war. Besorgt berührte die Mönchin seine Hand. Es kam ihr seltsam, ihn bereits am Ende seiner Kräfte zu sehen – seit seiner Entführung war gerade einmal ein ganzer Tag vergangen …
Als ihre Haut jedoch das Eisen streifte, begriff Seiketsu No Akari sofort. „Diese Zelle saugt magische Energie ab!“
„Wie gut, dass man sich beim Überleben in der Wildnis nicht auf Magie verlassen kann, Kleines“, entgegnete der Waldläufer und zog eine Sammlung Dietriche aus dem rechten Stiefel. Damit brach er das Kerkerschloss geschickt auf. Erschöpft hielt sich der Mönch an der Braunhaarigen fest, die ihm einen der Tränke reichte. Farbe kehrte in sein Gesicht zurück und lächelte seine beiden Kameraden dankbar an.
„Die Deldrimor sorgen oben für ein Ablenkungsmanöver, aber wir sollten hier nicht länger als nötig bleiben“, meinte Seiketsu No Akari und sah sich um.
Nur zu gern entfloh Klerus diesem schrecklichen Ort. Er hätte nicht sagen können, was ihm mehr zu schaffen gemacht hatte – sein vampiristisches Gefängnis oder die undurchdringliche Dunkelheit, die erst durch das Erscheinen der Mönchin gebrochen worden war. Auch wenn sie nicht auf dieselbe Weise empfand, hatte sie sich dennoch für ihn in Gefahr begeben … Trotz des Heiltranks konnte sich der Blonde allerdings kaum auf den Beinen halten.
„Ich nehm´ dich Huckepack“, entschied Jabari, während er ihm bereits seinen Rücken anbot.
In dieser Situation blieb kein Platz für Schamgefühl oder gar gekränkte Eitelkeit – verlegen kletterte Klerus auf den Rücken des Waldläufers, drauf bedacht nicht Seiketsu No Akari´s Blick zu begegnen.
Die Mönchin nahm unterdessen einen tiefen Atemzug, um sich zu konzentrieren. Neben heilen und schützen gehörte zu ihrer Klasse noch eine weitere Art von Fertigkeiten … Im Kloster von Shing Jea wäre sie aufgrund ihrer Unfähigkeit in diesem Bereich beinahe durch ihre Ausbildung gefallen – denn um ein Peingebet wirken zu lassen, musste der Anwender die Absicht haben, seinem Gegner damit zu schaden. Genau wie König Jalis all die Jahre hatte Milde walten lassen, hatten sie und ihre Seelen-Schwester ihre Gegner bloß verjagt, anstatt diese ernsthaft zu verletzen oder gar zu töten. Ob ihr diese Nobelheit aber den Weg zurück zur >Feste Donnerkopf< bahnen konnte, war fraglich …
Ohne einen weiteren Mucks machten sich die Studenten ans Erklimmen der Treppenstufen. Durch die erschwerte Bedienung kamen sie deutlich langsamer voran und die Braunhaarige nahm ihr eigenes Herzklopfen so überdeutlich wahr, dass es sie nicht gewundert hätte, wenn die Steingipfel-Zwerge jeden einzelnen Schlag hören würden. Als sie wieder den beleuchteten Teil des Unterschlupfs erreichten, beendete Seiketsu No Akari ihr Dasein als lebendige Fackel – der Zauber hatte eine Menge Kraft verbraucht. Doch noch durften sie sich keine Pause gönnen. Nach drei weiteren Kurven trat die kleine Gruppe endlich hinaus ins Freie. Und wurde dort von den spitzen Speeren der Steingipfel in Empfang genommen …
„Widerstand ist zwecklos“, brummte einer der Soldaten, „lasst von dem Gefangen ab und ergebt Euch!“
Die Augen des Waldläufers suchten nach denen von Seiketsu No Akari, die kaum merklich den Kopf schüttelte und ihre Arme zum Himmel erhob. „Mögen Euch die Götter für Eure Untaten strafen und das heilige Feuer der Unterwelt Eure unreinen Seelen läutern!“ Wie aus dem Nichts fuhren bläulich leuchtende Blitze auf ihre Feinde hinab. Unfähig dem heiligen Licht auszuweichen, fiel einer nach dem anderen leblos zu Boden. „Lauf´, Jabari … rette Klerus …“
Ihrer letzten Magiereserven beraubt, brach auch Seiketsu No Akari zusammen.
Im Bund der Auserwählten
Wie schön und vor allem so einfach es doch wäre, sich fallen zu lassen und allem Unglück dieser zu entfliehen … Ihre Aufgabe hatte sie erfüllt – Jabari und Klerus war sicherlich die Flucht gelungen. Dafür hatte Seiketsu No Akari fast ihre gesamte, magische Energie verbraucht …
Ein brennender Schmerz durchfuhr ihren Kopf, als die Erinnerung an die Mission gänzlich zurückkehrte, und erschrocken riss sie die Augen auf. Sie wusste nicht, wo sich befand – dies war eindeutig nicht ihr Quartier in der >Feste Donnerkopf. Was war geschehen, nachdem das Peingebet seine volle Wirkung entfaltet hatte?
„Endlich seid Ihr wach, mein Kind“, begrüßte König Jalis sie erleichtert.
Dass ausgerechnet er an ihrem Bett saß und über sie wachte, beschämte die Braunhaarige und sie krallte die Finger in das Laken – hatte sie doch trotz ihrer Entschlossenheit, sich zur Anführer zu mustern, schlichtweg versagt. „Vergeht mir, Euer Majestät … Ich konnte die Mission nicht zu Ende führen – ich habe Euch enttäuscht. Aber sagt mir bitte, was ist passiert? Geht es Klerus und Jabari gut?“
„Zunächst einmal muss ich Euch tunlichst widersprechen … Ich bin sehr stolz auf Euch – Ihr habt mehr als ehrenvoll gehandelt“, entgegnete der Herrscher lächelnd. „Ehe Ihr ohnmächtig wurdet, habt Ihr nicht nur die Steingipfel … nun ja, aus dem Weg geräumt, die heilige Energie hat gleichzeitig Eure Begleiter geheilt – so konnte sich Jabari die restlichen Hindernisse bis zur Eskorte kümmern, während Klerus Euch getragen hat. Also ja, es ist alles in Ordnung mit ihnen. Klerus hat sich lang und breit bei mir für seinen Leichtsinn entschuldigt – außerdem macht er sich schreckliche Vorwürfe, weil er Euch in Schwierigkeiten gebracht hat.“
Seiketsu No Akari fühlte, wie ihr Tränen in die Augenränder stiegen. Sie hatte eine solche Angst um ihn gehabt … Und dennoch konnte sie ihm nicht das geben, was er verdiente – obgleich sie es sich in diesem Moment wünschte. Wieso hatte sich Klerus ausgerechnet in ein Mädchen verliebt, dass seine Liebe nicht erwidern konnte? Es war so ungerecht … Um sich abzulenken, setzte sich die Braunhaarige noch immer etwas desorientiert in dem fremden Bett auf und sah sich weiter um. Dies war eindeutig ein von Zwergen bewohnter Raum … „Das ist nicht die >Feste Donnerkopf< … oder?“
Ein trauriger Ausdruck trat in das Gesicht von Jalis Eisenhammer. „Nein, dies ist mein Haus in >Droknar´s Schmiede< … Kurz nachdem Ihr ausgezogen wart, vermerkten unsere Späher weitere Truppenbewegungen der Steingipfel, die Euch den Rückweg abschnitten hätten – ich hatte die Wahl zwischen meinem Palast und meinen Untertanen.“ Eine Gänsehaut breitete sich über Seiketsu No Akari´s Armen aus. Die Hallen seiner Vorfahren waren ihm heilig – dennoch hatte er keinen Moment gezögert, ihretwegen sein Zuhause zu opfern. „Indem Dagnar den Thron besetzt hält, hat er uns tatsächlich den Krieg erklärt! Zusammen mit der Entführer einer meiner Studenten hat er eine Schwelle überschritten, nach der ich keine Gnade mehr walten lassen kann … Nein, diesmal wird er für seine Taten büßen – das schwöre ich im Namen des Großen Zwergs …“ Seiketsu No Akari wusste, wie schwer ihm dieser Schritt gefallen war … Nicht nur wegen seiner eigener Leute, sondern weil er jeden vergossen Tropfen Zwergenblutes bedauerte – vor allem das des Sohns seines eigenen Onkels. Wenn sich die Mönchin vorstellte, eines Tages gegen Shikon No Yosei kämpfen zu müssen, wurde ihr übel. „Seiketsu, Ihr wurdet nicht in das Volk der Deldrimor hineingeboren … deshalb stelle ich es Euch frei, kämpft Ihr in diesem Krieg an unserer Seite … oder kehrt Ihr noch heute nach Cantha zurück?“
Die Mönchin benötigte einige Sekunden, bis sie seine Frage verdaut hatte. Sie könnte wieder nach Hause und rechtzeitig vor den Auswirkungen einer solchen Auseinandersetzung fliehen – im Gegensatz zu den Deldrimor-Zwergen. Ihre Heimstätte wurde seit Jahren bedroht und war ihnen nun vollends genommen worden.
„Ich danke Euch, König Jalis, dass Ihr mir die Wahl lasst“, erwiderte Seiketsu No Akari und hob den Blick. „Shing Jea ist und bleibt für immer meine Heimat. Dort lebt meine Familie, die auf mich wartet … Und das werden sie so lange, bis ich mein Studium hier beendet habe. Ich lasse die Deldrimor nicht im Stich! Inzwischen sind mir auch die Südlichen Zittergipfel ein Zuhause und die Zwerge meine zweite Familie!“
Lächelnd berührte Jalis Eisenhammer ihre Wange. Unendlicher Stolz lag in seinem Blick.
Ein Klopfen lenkte ihre Aufmerksamkeit zur Tür – Brechnar Eisenhammer trat ein. „Dem Großen Zwerg sei Dank, es geht Euch besser! Und das genau zum richtigen Zeitpunkt … Bruder, unsere Gäste sind wieder da.“
Über dem Kopf von Seiketsu No Akari erschien ein imaginäres Fragezeichen, das Jalis Eisenhammer zum Lachen brachte. „Tja, es gab auch eine mehr oder minder erfreuliche Entwicklung, während Ihr bewusstlos wart … Bruder Mhenlo hat uns, in Begleitung mit zweier Verbündeten, um Hilfe gegen die Mursaat gebeten. Und ich bin sicher, sie werden Euch bekannt vorkommen …“
Die Mursaat waren eine mysteriöse Rasse mächtiger Zauberwirker, die einst aus einer anderen Dimension nach Tyria gekommen waren. Da sie lediglich von denjenigen gesehen werden konnten, die man als >aufgestiegen< bezeichnete, wurden sie von den meisten als Stimmen im Nichts wahrgenommen … Es gab nur wenige Individuen, die mit dieser Sicht geboren wurden – Seiketsu No Akari war eine davon –, andere konnten diese Fähigkeit durch spezielle Aufgaben erlernen, wie die himmlische Prüfung im Nahpuiviertel. Auf diese Weise hatten die Mursaat mit ihrem heimlichen Geflüster die Schamanen der Charr nicht bloß dazu gebracht, das Königreich von Ascalon wortwörtlich in Schutt und Asche zu legen – in ihrem Wahn waren diese Bestien aus dem Norden anschließend auch in den inzwischen versunkenen Inselstaat Orr eingefallen. Wo immer sie ihre Machenschaften sponnen, folgte Zerstörung und Tod … Und nun hatte sich ihr Augenmerk auf das letzte, noch verbliebene Land der Menschen gerichtet – Kryta. Dort hatte in den vergangenen Monaten hatte der >Weiße Mantel< endgültig die Herrschaft ergriffen. Es war eine theokratische Organisation, welche die Mursaat als sogenannte >Unsichtbaren Götter< anbetete und ihnen in ihrem Wahn sogar Menschenopfer darbrachten …
Diese Entwicklung hatten die Deldrimor-Zwerge bereits mit kritischen Augen verfolgt, wie König Jalis der Mönchin auf dem Weg zur großen Halle seiner Residenz berichtete.
Um dem Treiben dieser ketzerischen Verschwörung ein Ende zu setzen, war Bruder Mhenlo mit zwei Begleitern durch das Portal in >Droknar´s Schmiede< zur Höhle von der weisen Drachin Glint gereist. Zurück in den Südlichen Zittergipfeln hatte die kleine Gruppe Unterstützung bei den Deldrimor-Zwergen gesucht – genau zu dem jenem Zeitpunkt, da Seiketsu No Akari und Jabari zu ihrer Befreiungsaktion aufgebrochen waren. Durch eine frühere Begegnung bei der Flucht aus dem zerstörten Ascalon kannten sich der Leiter des Tempels der Zeitalter und Jalis Eisenhammer bereits. Aber auch seine rothaarige Verbündete erkannte der Herrscher.
„Shiko ist hier?“, unterbrach Seiketsu No Akari ihn perplex.
Breit grinsend nickte der König. „Zusammen mit ihrem assasinischen Beschützer.“ Trotz seiner Bestätigung konnte die Mönchin es nicht fassen – die Geister der Nebel gewährten ihnen tatsächlich ein erneutes Wiedersehen … „Ich weiß, Ihr habt Euch gerade erst von einem anstrengenden Einsatz erholt, dennoch möchte ich der Bitte meines Freundes gern nachkommen und Euch als Vertreterin der Deldrimor abkommandieren.“
Seiketsu No Akari musste die Lippen zusammenkneifen, um nicht laut loszuprusten. Der König hatte seine Worte so formuliert, als würde sein Vorhaben ihr eine Bürde abverlangen – selbst wenn ihre Magie noch nicht wiederhergestellt gewesen wäre, würde sie der Elementarmagierin beistehen. Nichtsdestotrotz hatte sie ihm ihre Treue geschworen und musste dadurch seinen Befehlen Folge leisten. Nur dass er ihr diesen Herzenswunsch niemals verwehrt hätte … Schmunzelnd neigte die Braunhaarige ihr Haupt. „Wie Ihr befehlt, Eure Majestät ... Aber bevor wir gegen die Mursaat ziehen, erobern wir die >Feste Donnerkopf< zurück! Shiko würde Euch ebenso wenig im Stich lassen, wie ich.“
Das milde und zugleich stolze Lächeln des Königs erwärmte ihr Herz. Gemeinsam mit ihrer Seelen-Schwester war für sie nichts Unmöglich. Egal ob es sich bei ihrem Gegner um den Verräter Dagnar Steinhaupt, irgendwelche Möchtegern-Götter oder, wie die Mönchin noch erfahren sollte, die Titanen aus dem Inferno der gescheiterten Schöpfung und den Flammensucher höchstselbst – den Untoten Lich, der von Anfang an alle Fäden in Händen gehalten hatte – handelte, dem nur die drei Auserwählten Einhalt gebieten konnten … Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari.
Unverhofft kommt oft – so heißt es in einem alten Sprichwort … Sowohl Seiketsu No Akari, als auch Shikon No Yosei hatten nicht damit gerechnet, während des Studiums der Mönchin einen gemeinsamen Kampf zu bestreiten. Aber genau wie in Cantha wäre die Elementarmagierin ohne die Hilfe ihrer Seelen-Schwester und ihres Liebsten unterlegen gewesen. Allein war die Rothaarige keine Heldin …
Dennoch blieb es ein kurzes Wiedersehen. Obgleich Seiketsu No Akari bereits neue Fertigkeiten erlangt hat – wie etwa das Heilen der Spektralqual –, ist sie noch nicht bereit, nach Shing Jea zurückzukehren … Nein, noch ist ihre Zeit nicht gekommen. Als sich die beiden Verteidiger von Löwenstein aus auf den Weg zurück nach Kaineng machen, verbleibt die Braunhaarige in Tyria – genau, wie sie es König Jalis Eisenhammer versprochen hatte. Trotz oder gerade wegen des Bürgerkriegs mit den Steingipfel-Zwergen, aber auch Seiketsu No Akari ist nicht mehr allein – Klerus und Jabari werden gemeinsam mit ihr für Deldrimor einstehen.
Bis das Schicksal die Braunhaarige irgendwann wieder nach Hause führen wird und sie eines Tages voller Stolz an der Seite von Shikon No Yosei stehen wird – ohne ihr in irgendetwas nachzustehen, lediglich auf ihre eigene Weise.
Zwischenspiel 01: Ohtah in Gefahr
Die schwerste Entscheidung
Manche Trauer verschwand auch nach Jahren nicht – manche Lücke war zu groß, um wahrlich geschlossen zu werden. Trotzdem drehte sich die Welt unaufhörlich weiter … Weit über ein Jahr war es bereits her, dass Meister Togo durch den Verräter Shiro Tagachi ermordet worden war. Weiterhin ging Shikon No Yosei jeden Tag zu dem kleinen Schrein nahe des Dorfes Tsumei, den sie ihm dort zu Ehren errichtet hatte – gefertigt demselben Stein, wie das Denkmal im Tahnnakai-Tempel, präsentierte er sein Familienwappen.
Doch nicht nur die Verteidigerin war von ihm verlassen worden … Seit dem Tod des Ritualisten war das Kloster von Shing Jea ohne Leitung dagestanden – ein Zustand, der kurzzeitig von den Großmeistern aufgefangen werden konnte, was aber keine dauerhafte Lösung darstellte. Aus diesem Grund hatten sich sämtliche Großmeister zu einer Versammlung eingefunden, um ein neues Oberhaupt der Bildungsstätte zu wählen. Dies war zu jener Zeit geschehen, da sich die Elementarmagierin zusammen mit dem Assassinen in Tyria aufgehalten hatte – daher waren sie bei ihrer Rückkehr mehr als überrascht, von der frisch ernannten Meisterin Jamei in den Linnok-Hof beordert zu werden – dieser befand sich auf einer Aussichtsplattform über den Mauern des Klosters und beherbergte das Büro des Leiters.
Schon bei ihrem Eintreffen war der Mönchin anzumerken, dass sie von ihrer Reise nicht gerade begeistert war. „Ich verlange zu erfahren, wo Ihr in den vergangenen, vier Monate wart.“
Ganz seiner Rolle als Beschützer treu, trat der Assassine einen Schritt vor. „Ich habe bei Ausbilder Ng eine Nachricht hinterlassen, dass wir in Tyria von einem Freund gebraucht werden.“
„Davon habe ich gehört … Trotzdem dachte ich, Eure Treue gelte unserem Kaiserreich – durch Eure Abwesenheit habt Ihr ganz Cantha gefährdet“, entgegnete Jamei barsch.
Ungerührt von dem Vorwurf ging die Rothaarige an ihr vorbei zu den Porträts sämtlicher, ehemaliger Leiter des Klosters. An letzter Stelle hing ein Mann mit Glatze, ergrautem Ziegenbart und blaugrauen Augen, die von seiner kaiserlichen Abstammung zeigten. Ein Krieger und Diplomat, wie es keinen anderen gab. Jener Ritualist, der für sie wie ein Vater gewesen war … „Das mag sein … Aber es gibt in unserer Welt noch andere, die leiden und nicht für sich selbst eintreten können. Meister Togo hat mich gelehrt, dass Grenzen dabei keine Rolle spielen – als seine frühere Assistentin solltet Ihr diese Haltung von ihm eigentlich kennen.“
Von diesem Tag war das Verhältnis zwischen Shikon No Yosei und Jamei, gelinde gesagt, schwierig. Wann immer die beiden Frauen einander begegneten, lag eine spürbare Spannung in der Luft … Nichtsdestotrotz versuchten sie sich trotzdem, so gut es ihnen möglich war, zusammenzureißen – insbesondere da sich die Leiterin und die Verteidigerin die bisherigen Aufgaben von Meister Togo mehr oder minder teilten. Das Kloster war das Herzstück der Insel und alle Informationen liefen hier zusammen … Damit bildete es den perfekten Stützpunkt. Außerdem hatte Shikon No Yosei den Plan gefasst, die fortgeschrittenen Auszubildenden mit in den Kampf gegen die Befallenen einzubeziehen – allerdings musste Jamei ihrem Vorhaben erst einmal zustimmen … „Ich weiß aus erster Hand, nichts bereitete mehr auf die Realität vor, als praktische Erfahrungen. So sehr ich die hiesige Ausbildung schätze … meine erste, richtige Mission mit Tötungsintention hat mich kalt erwischt.“
Die Schwarzhaarige betrachtete sie abschätzig. Ihr war klar, dass die Elementarmagierin nur aufgrund der Statuen ihre Meinung einholte, nicht aus Respekt oder gar Wertschätzung. „Ein wenig Unterstützung für Euch würde unserer Insel sicherlich gut tun … Wir dürfen keinesfalls eine weitere Ausbreitung riskieren.“
Mit einer knappen Verneigung bedankte sich Shikon No Yosei, ehe sie sich davonmachte – jedes Quäntchen ihrer Selbstbeherrschung aufbringend, ihre Wut zu unterdrücken. Es war der Rothaarigen unbegreiflich, wie Meister Togo mit ihr hatte auskommen können. Andererseits hatte einige der Tengu zu seinen Freunden gezählt und sogar verwundete Feinde versorgt … Weder vertraute noch glaubte Jamei an sie als Verteidigerin. Dabei hatten die Elementarmagierin und der Assassine nicht nur Shiro Tagachi besiegt, sondern selbst den Machenschaften des Untoten Lich – des prophezeiten Flammensucher – ein Ende bereitet.
Bereits wenige Tage später hatte Shikon No Yosei eine kleine Gruppe Schüler ausgewählt, die sie auf Einsätze begleiten durften – einen Nekromantin, einen Ritualistin, einen Mesmer und einen weiteren Elementarmagier, der auf Erdmagie spezialisiert war. Da erreichte das Kloster eine dringende Botschaft aus der Gemeinde Linkei, welche in der Nähe der Haiju-Lagune lag. Dort sollte eine gewaltige Gruppe Befallener rebellieren und die Dorfbewohner in Angst versetzen … Über den schmalen Gebirgspfad Saoshangweg gelangten die Gruppe zum Hafen von Seitung und ging von dort aus durch die verschneiten Jaya-Klippen zur nordöstlich gelegenen Haiju-Lagune. Hätten sie sich dagegen nach Süden gewandt, wären sie im Gebiet von Zen Daijun gelandet.
In der dortigen Bibliothek war damals der Auslöser der Pest auf Shing Jea erschienen … Meister Togo hatte es als Gildensymbol von Shiro Tagachi identifiziert – ein Vorbote seiner Verderbtheit. War es lediglich ein Zufall, dass es ausgerechnet in dieser Gegend einen größeren Ausbruch gegeben hatte, oder steckte mehr dahinter? Denn obwohl Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo Cantha, mit Hilfe von Bruder Mhenlo, vor den finsteren Machenschaften des Verräters bewahrt hatten, war die Krankheit nicht ebenfalls verschwunden … Nein, solange auch noch ein einziger Erkrankter oder gar Befallener im Reich des Drachen wandelte, würde der Terror kein Ende haben. Deshalb benötigten die Verteidiger dringend Hilfe – bereits vor ihrer Reise nach Tyria hatte die Elementarmagierin erneut Kontakt mit Danika zu Heltzer und Argo vom Schildkröten-Clan aufgenommen. Diese beiden waren die neuen Oberhäupter ihrer jeweiligen Fraktion und bereits in Freundschaft mit der Rothaarigen verbunden, daher waren sie deren Bitte, ihre Länder regelmäßig nach Anzeichen von Befall durchkämmen zu lassen, ohne zu zögern nachgekommen. Auch Kaiser Kisu hatte entsprechende Maßnahmen in Form des Ministeriums der Reinheit ergriffen, dessen Mitglieder sogar nach einer Heilung forschten.
Und hier auf Shing Jea wollte Shikon No Yosei so etwas wie einen Einsatztrupp gründen – allerdings waren die Schüler des Klosters keineswegs für einen Alleingang breit, wie die Suche nach den Befallenen ihr deutlich zeigte. Nachdem sie erfolglos das Höhlensystem am Fuß des Gebirges durchforstet hatten, trat die kleine Schar hinaus auf die Felder. Wie Kinder drängten die angehenden Absolventen hinaus und wollten durch das Meer aus Ähren tollen, da stellte sich ihnen der Assassine via Schattenschritt in den Weg.
„Dies könnte feindliches Territorium sein - Ihr dürft nicht unüberlegt handeln oder Euch von Euren Gefühlen zu Unbedarftheit hinreißen lassen“, sagte er im Flüsterton, die Augen wachsam auf die Umgebung gerichtet. „Seht …“
Sein ausgestreckter Zeigefinger deutete auf einen niedrigen Hügel, hinter dem eine Ansammlung Befallener lagerte. Erschrocken über die Tätigkeit ihrer Gegner – dem Verspeisen menschlicher Überreste – wichen die Schüler zurück. Nicht jedes Opfer wurde von der Krankheit dahingerafft, manche verloren bereits zuvor ihr Leben …
Seufzend schüttelte Shikon No Yosei den Kopf. Ihre Schützlinge taten nicht bloß, als wären sie Kinder – sie waren Kinder … Genau wie die Rothaarige es gewesen war, als Meister Togo zu ihr ins Dorf Tsumei gekommen war. Niemand war für etwas Derartiges jemals wahrlich bereit … „Glaubt mir, ich weiß nur zu gut, was es bedeutet, diesen Kreaturen gegenüber zu treten – aber … >Niemand verliert freiwillig seine Seele – das Einzige, was wir noch für diejenigen tun können, die dieses Schicksal erleiden müssen, ist, sie von diesem grauenhaften Fluch zu befreien.<“
Wie immer, wenn die Rothaarige vor einer Herausforderung stand, rief sie sich die Lehren ihres Mentors ins Gedächtnis … Ihm war nicht nur Weisheit gegeben gewesen, sondern auch Güte und Einfühlungsvermögen.
„Nicht zu vergessen war unsere große Heldin hier einst dasselbe wie Ihr – eine einfache Schülerin des Klosters von Shing Jea“, meinte der Braunhaarige schelmisch.
Sie musste sich ein Lachen verkneifen. „Aber nur Dank deiner Hilfe konnte ich all den Gefahr trotzen … Noch eine wichtige Lektion, die Ihr niemals vergessen dürft – allein werdet Ihr unterliegen … doch gemeinsam könnt Ihr siegen!“
Zunächst hatten die Auszubildenden noch verunsichert gewirkt, dann war langsam ein zuversichtliches Lächeln in ihre Züge getreten und einer nach dem machte sich kampfbereit. Auch Ohtah Ryutaiyo zog blank, ehe er sich in den geduckter Haltung unauffällig der feindlichen Gruppierung näherte. Deren Aufmerksamkeit wurde vielmehr von den beiden Elementarmagiern erregt, die ihre Magie kanalisiert, den Hügel betraten. Da brachen bereits die ersten Befallenen zusammen – getroffen von den tödlichen Giftpfeilen des geschickten Assassinen. Augenblicklich verfiel der Rest von ihnen in blinde Raserei und ging zum Angriff über. Für ihren ersten, richtigen Kampf schlugen sich die Schüler, trotz des vorherigen Schreckens, ziemlich gut – keiner von ihnen ergriff die Flucht oder versuchte, sich vor den Bestien zu verstecken. Bis sich der befallene Assassine aus der Gedankenkontrolle des Mesmers befreite und eine seiner rasiermesserscharfen Stelzen auf ihn herabfuhr …
Es hatte tatsächlich einen Grund gegeben, warum Shikon No Yosei zunächst nur Fernkämpfer als Unterstützung angeworben hatte – nicht nur käme so keiner Ohtah Ryutaiyo in die Quere, sondern sie selbst würde sich auf etwa derselben Höhe befinden. Eine Entscheidung, die dem angehenden Absolventen nun das Leben rettete … Die Rothaarige packte den Mesmer am Arm und zog ihn zur Seite, sodass der Hieb ins Leere ging. Jedoch setzte er direkt nach – diesmal mit der Elementarmagierin als Ziel. Die Gedanken noch bei ihrem Schützling, konnte sie sich nicht von der Stelle rühren.
„SHIKO!“, schrie Ohtah Ryutaiyo und warf sich mit einem Hechtsprung als lebender Schutzschild vor seine Liebste.
Blut quoll aus der tiefen Schnittwunde, welche das Ungetüm auf seiner Brust hinterlassen hatte. Der Schock katapultierte Shikon No Yosei zurück in die Gegenwart – in ihrer Wut verbrannte sie den Befallenen in Sekundenschnelle zu einem Häufchen Asche.
Dann brach sie neben ihrem Geliebten in die Knie. Unter Tränen riss sie einen Stoffstreifen von ihrer Kleidung ab und versuchte damit die Blutung der klaffenden Wunde zu stillen, während die Farbe bereits aus seinem Gesicht wich. „Ohtah … Ohtah, bitte, du musst durchhalten!“
„Wir müssen ihn umgehend ins Kloster bringen“, meinte der Elementarmagier und erschuf eine Trage aus Erde.
Früher einmal war das Kloster von Shing Jea ihr Zufluchtsort gewesen, wenn sie es in Bishu´s Nähe nicht mehr ausgehalten hatte. Schon als kleines Mädchen hatte sich Shikon No Yosei auf das Gelände geschlichen, um dem Training der Schüler zuzusehen oder Meister Togo's Vorträgen zuzuhören … Doch nun leitete Jamei die Ausbildungsstätte. Nichts geschah innerhalb dieser Mauern, ohne dass sie davon erfuhr … Wäre Ohtah Ryutaiyo einfach nur in einem Kampf verletzt worden, hätten sie problemlos einen der Heiler aufsuchen können. Eine Verwundung durch einen Erkrankten der Pest Cantha´s dagegen bot ein hohes Risiko, dass derjenige selbst zum Befallenen mutierte – wenn die Mönchin vom Zustand des Assassinen erfuhr, könnte sie laut Gesetz seinen Tod befehligen … Niemals zuvor hatte sich Shikon No Yosei so sehr gewünscht, Seiketsu No Akari wäre bei ihr – nicht bloß, um dem Assassinen zu helfen, sondern um ihr den nötigen Halt zu geben.
Laut alter, tyrianischer Schriften gab es sieben Todsünden der menschlichen Natur – Wut, Gier, Neid, Trägheit, Wollust, Völlerei und Stolz … Auch eine Heldin war insbesondere vor letzterem nicht gefeit. Doch gegen das Leben ihres Geliebten wirkte das bedeutungslos, die Angst tötete jedwedes, andere Gefühl schlichtweg ab. Natürlich hatte der Schüler recht gehabt – ohne Behandlung würde ihr Liebster nicht überleben. Da konnte Shikon No Yosei genauso gut ihr Glück bei der Leiterin des Klosters versuchen …
Die Treppe hinauf zum Linnok-Hof erschien ihr so lang, wie noch nie. Als sie oben ankam, sah Jamei überrascht von ihrem Schreibtisch auf – mehr noch, da die Elementarmagierin vor ihr auf die Knie ging. „Ihr habt keiner Veranlassung, mir zu helfen … dessen mir ich mir vollkommen bewusst. Und dennoch flehe ich Euch an, Meisterin Jamei – Ohtah wurde bei unserem Einsatz von einem Befallenen verwundet. Sein Körper setzt sich vehement gegen die Pest zur Wehr, aber mit jeder Minute wird er schwächer … Helft ihm! Ich … ich kann nicht ohne ihn leben – ich brauche ihn …“
„Erinnert Ihr Euch an meinen zugegeben ruppigen Tonfall bei unserem Gespräch nach Eurem Aufenthalt in Tyria?“, wollte Jamei ungerührt wissen, wartete die Antwort jedoch nicht ab. „Natürlich tut Ihr das … Während Ihr fort wart, hat es einen neuerlichen Ausbruch der Pest auf Shing Jea gegeben. Mein kleiner Bruder Tarei ist dabei gestorben … Weil Ihr nicht hier wart, um die Befallenen aufzuhalten. Also ja, ich hätte wirklich Grund genug, Euch denselben Schmerz zu wünschen … Aber das kann ich nicht – Ihr seid nicht die Einzige, die Meister Togo´s Güte bewundert hat.“ Sie erhob sich und ging zu der Rothaarigen, der sie auffordernd die Hand entgegenstreckte. „Beeilen wir uns, bevor es zu spät ist!!
Ungläubig, dass die Mönchin ihr tatsächlich helfen wollte, ließ sich Shikon No Yosei von ihr zurück auf die Füße ziehen. Gemeinsam eilten die beiden Frauen zur Krankenstation. Bis auf den Elementarmagier hatten sich die übrigen Auszubildenden bereits zurückgezogen – nun verbeugte er sich ebenfalls und verließ das Behandlungszimmer, damit Jamei ungestört ihr Werk tun konnte. Vorsichtig hob sie die Stofffetzen an, um die Wunde zu betrachten. Die Augen geschlossen, hielt die Schwarzhaarige murmelnd ihre Hände darüber. Die Verletzung als solche konnte die Mönchin durch ein Heilgebet schließen. Sorgen bereiteten ihr allerdings die Erreger – sie bezweifelte, dass ihr Schutzgebet ihn davor bewahrte.
„Ich habe getan, was ich konnte … nun liegt es bei den Göttern“, meinte sie schließlich und machte eine kurze Pause, um die Elementarmagierin zu fixieren. „Gerade Euch muss ich nicht erklären, was mit ihm geschieht, sollte er es nicht schaffen. Daher verlasse ich mich darauf, dass Ihr Euren Schwur als Verteidigerin haltet.“
Kaum merklich nickte Shikon No Yosei und trat an das Lager ihres Liebsten, während Jamei hinausging. Sanft streichelte sie über den Arm mit der Drachen-Tätowierung. Es war der Elementarmagierin unmöglich, die grauenhafte Verwandlung von Minister Cho zu vergessen … Dieses Schicksal würde sie Ohtah Ryutaiyo ersparen. Er sollte nicht erneut zu dem werden, was er abgrundtief verachtete. Nein, noch immer verfluchte er sich für seine Zeit bei den Am Fah – für das Monster, das er gewesen war. Gleichzeitig barg exakt dieser Teil seiner Vergangenheit im Moment ihre größte Hoffnung … Einst hatte er ihr erzählt, dass es zu seiner Ausbildung gehört hatte, seinen Körper gegen die meisten Gifte zu immunisieren. Nichts anderes war der Auslöser der Pest …
„Seit jeher war es mein Wunsch, für meine Heimat zu kämpfen. Doch inzwischen wünsche ich mir nichts sehnlicher, als für immer mit dir zusammen zu sein, Ohtah … Hörst du? Du darfst mich nicht verlassen. Ich glaube an dich! Du hast die nötige Kraft, um zu mir zurückkehren …“, sagte sie leise. Ihre Finger wanderten zu dem herzförmigen Anhänger, den sie Tag und Nacht um den Hals trag. Obwohl sie Seiketsu No Akari zweifelsohne als ihre Schwester ansah, hatte Shikon No Yosei aus irgendeinem Grund schon von Kindesbeinen an gewusst, dass Bishu nicht ihre Mutter war … „Mama, ich bitte dich, verweigere ihm den Zutritt zu den Nebeln … Das größte Leid der Welt wäre nichts im Vergleich dazu, ihn zu verlieren.“
Weiter in ihre Gebete versunken, setzte sie sich neben ihn und betrachtete sein Gesicht. Langsam senkte sich ein goldrotes Licht über der Insel. Zunächst war es ihr so vorgekommen, als würde sich die untergehende Sonne auf seinem Gesicht spiegeln … Aber beim genaueren Betrachten stellte die Elementarmagierin fest, dass seine Wangen wieder an Farbe gewonnen. Ein leises Stöhnen verstärkte die aufsteigenden Tränen und schließlich fanden sich ihre Blicke.
„Shiko …“, flüsterte der Braunhaarige erschöpft.
Sie beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn vor Erleichterung auf die Stirn. „Ja, ich bin hier … Ich bin bei dir. Du hast es geschafft …“
„Dann habe ich … meine Aufgabe ein weiteres Mal … erfüllt“, hauchte er, die Mundwinkel leicht zu seinem typisch schiefen Grinsen hochgezogen. „Du … warst diejenige … die mich aus … der Dunkelheit … gerettet hat. Dafür werde ich dich … mein Leben lang lieben … und beschützen. Das verspreche ich dir …“
Ein Schluchzen war ihre einzige Antwort. Einerseits liebte Shikon No Yosei ihn dafür und gleichzeitig hasste sie diesen Zug an ihm … Wenn er ihretwegen wirklich sterben würde, könnte sie das nicht ertragen. Nein, irgendwann wäre sie es, die ihn rettete – egal zu welchem Preis.
Narben erinnern uns an das, was gewesen ist – manche von ihnen tragen wir auf dem Körper, andere auf unseren Seelen und Herzen.
Auch Ohtah Ryutaiyo trägt auf der Brust eine Erinnerung an dieses Ereignis davon – genauso wie Shikon No Yosei … Ihre Zeichnung jedoch verbirgt sich vor einer äußeren Betrachtung, zusammen mit ihrem Entschluss.
Buch 03: Von Legenden, Göttern und Finsternis
Hilfe für die Sonnenspeere
Neben dem südlichen Kaiserreich Cantha und dem zentral gelegenen Großreich Tyria existierte im Osten noch ein weiterer Kontinent dieser Welt. Elona, das Land der goldenen Sonne … Ein Land der Schätze und Reichtümer. Ein Land der Helden. Ein Land, beschützt von seinen Hütern – dem Orden der Sonnenspeere. Doch nun bedrohte ein Schatten das Land. Der Schatten eines alten und vergessenen Feindes. Die Finsternis brach an. Die Zeit der Fünf Götter endete …
Noch wusste man in Cantha und auf Shing Jea nichts von dieser Finsternis und das Leben dort ging seinen gewohnten Gang. Im Kloster wurden neue Schüler aufgenommen und ausgebildet. Im Dorf Tsumei genoss man den Frieden und die Sicherheit, welche durch die Verteidiger gewährleistet waren. Jene Verteidiger waren Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo, die sich zur Zeit auf Wunsch des Kaisers in der Hauptstadt Kaineng aufhielten.
Kaiser Kisu lächelte und sprach: „Ich danke Euch, dass Ihr gekommen seid. Dank Eurer Bemühungen ist das Land von den Befallenen befreit! Ihr macht Eurem Ruf alle Ehre … Leider ist diese meine Freude nicht der einzige Grund für Eurer Kommen. Vor einigen Tagen erreichte ein Schiff unseren Hafen. Es brachte einen Hilferuf mit sich … Ruft die Speermarschall herein!“
Das Tor zum Thronsaal öffnete sich. Eine Frau trat ein, die eine weiße Rüstung und einen Flügelhelm auf dem Kopf trug. Besonders auffällig war ihre dunkle Hautfarbe, welche in Cantha oder Tyria für gewöhnlich nicht vorkamen – nur für Bewohner der östlichen Region war dies ein typisches Merkmal.
„Ich grüße Euch.“, sagte die Frau und verbeugte sich leicht vor Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo, „Mein Name ist Kormir. Ich bin die Anführerin des Ordens der Sonnenspeere.“
Die Elementarmagierin erwiderte die Verbeugung und bat: „Berichtet uns von Eurem Problem.“
„Gerne. Mein Land Elona ist ein vielschichtiges Land. Die vier Zonen, in die es eingeteilt ist, unterscheiden sich sehr. Bisher lebten die Bürgen friedlich nebeneinander. Doch jetzt ist unser Land ist in Gefahr und die Sonnenspeere können es nicht alleine retten. Die Fünf Götter haben sich von uns abgewendet …“, erzählte Kormir mit Trauer in der Stimme, „Deswegen kam ich hierher. Denn selbst in Elona spricht man von Euch und Euren Taten, Shikon No Yosei. Ich bitte Euch, kommt mit mir und helft mir die Finsternis abzuwenden!“
Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo sahen sich an. Sie nickten. Sie konnten niemandem ihre Hilfe verweigern, der so verzweifelt klang.
„Wir werden Euch helfen, Speermarschall Kormir.“, antwortete der Assassine und wandte sich anschließend an den Kaiser, „Seid unbesorgt, Hoheit … Shiko beschütze ich mit meinem Leben!“
Das Schiff legte ab. Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo sahen mit melancholisch wehmütigem Blick zur Küste.
„Unsere dritte, große Reise.“, sagte der Assassine und legte seine Arme um sie.
Sie lehnte sich an seine Brust, bevor sie flüsterte: „Unser dritter Kampf. Aber … solange du bei mir bist, Ohtah … solange du bei mir bist, habe ich keine Angst. Ich werde immer weiterkämpfen.“
Shikon No Yosei drehte sich in seiner Umarmung herum und küsste ihn sanft.
Kormir räusperte sich leise und meinte: „Ich möchte Euch nicht stören, aber ich habe noch eine Aufgabe als Speermarschall zu erledigen. Dürfte ich Euch bitten niederzuknien?“
Lächelnd kamen sie der Aufforderung nach und die Paragon sprach mit geschlossenen Augen: „Ich möchte den Fünf Göttern zwei neue Beschützer Elona´s vorstellen und sie um ihren Segen bitten. Balthasar, Gott des Krieges und des Feuers, verleih´ ihnen deine Stärke … Dwayna, Göttin des Lebens und der Luft, verleih´ ihnen ein Gefühl für ihre Mitmenschen … Grenth, Gott des Todes und des Wasser, verleih´ ihnen ein Gespür für Gerechtigkeit … Melandru, Göttin der Natur und der Erde, verleih ihnen innere Harmonie … Lyssa, Göttin der Schönheit und der Energie, verleih´ ihnen Inspiration im Kampf gegen jene, die sich ihnen und Elona entgegen stellen … Ich, Kormir, Anführerin des Ordens der Sonnenspeere, ernenne Euch, Shikon No Yosei, und Euch, Ohtah Ryutaiyo, zu Sonnenspeer-Kastellanen. Somit habt Ihr Befehlsgewalt über die alle Truppen unseres Ordens.“
Von dieser Ehrung überwältigt, erwiderten sie wie aus einem Mund: „Wir werden Euer Vertrauen nicht enttäuschen. Elona wird nicht von der Finsternis verschlungen werden!“
Es wurde eine lange Fahrt. Über zwei Wochen waren vergangen, seit das Schiff die Küste Cantha´s hinter sich gelassen hatte.
An diesem Morgen rief die Wache im Ausguck endlich: „Land! Land in Sicht! Istan liegt vor uns!“
Istan war die Provinz, in der das Hauptquartier der Sonnenspeere lag. Es war eine Insel, die fast doppelt so groß war wie Shing Jea, aber ebenso voller Wunder steckte. Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo eilten zu Kormir, die bereits im Bug stand. Auf ihrem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Verständlich, wenn man bedachte, wie lange sie ihre Heimat nicht mehr gesehen hatte. Ein neues Land, ein neues Abenteuer, ein neuer Kampf, neue Freunde, neue Verbündete und neue Feinde warteten auf die beiden canthanischen Helden. Doch gemeinsam fühlten sie sich stark genug um diese neue Herausforderung zu meistern.
Ein paar Stunden später legte das Schiff am Sonnenhafen an. Eine junge Frau, die schätzungsweise in etwa dasselbe Alter hatte wie Shikon No Yosei, winkte der Speermarschall eifrig.
„Kormir! Kormir! Es ist etwas schreckliches geschehen! Varesh Ossa´s General Morgahn-“, rief die junge Frau aufgeregt.
Kormir legte ihr die Hände auf die Schultern und sagte: „Beruhige dich, Tahlkora. Was genau ist in meiner Abwesenheit vorgefallen?“
„Varesh hat sich mit Dämonen eingelassen! Sie steht mit dem dunklen Gott im Bunde! Mit Abaddon!“, erklärte Tahlkora kein bisschen ruhiger, „Das Apokryphum wurde erweckt! Morgahn hat den Ältestenrat einberufen! Er fordert in Varesh´s Namen die Bestrafung der Sonnenspeere, weil sie sich gegen die kournischen Soldaten zur Wehr gesetzt haben.“
Mit einer deutlichen Blässe im Gesicht wollte die Paragon wissen: „Wo sind sie? Im Konsulat?“
„Ja. Die Verhandlungen haben vor knapp einer Stunde begonnen. Als ich hörte, dass Euer Schiff gesichtet wurde, kam ich sofort hierher um Euch zu informieren.“, erwiderte die Mönchin.
Das sanfte Lächeln kehrte auf Kormirs Gesicht zurück und sie bestätigte: „Das hast du sehr gut gemacht, Tahlkora. Ich danke dir vielmals.“
Dann wandte sie sich in ernster Stimmlage an ihre Begleiter: „Ich muss meine Sonnenspeere verteidigen und eine Katastrophe verhindern. Würdet Ihr mich begleiten?“
Nun umspielte die Lippen der Elementarmagierin ein Lächeln. Der Assassine wiederum zog lediglich eine Augenbraue nach oben, so als könne er nicht glauben, dass Kormir ihnen wirklich diese Frage stellte.
Aber da ein letzter Funken Zweifel in ihrem Blick blieb, meinte Shikon No Yosei: „Natürlich werden wir mit Euch gehen. Aus diesem Grund sind wir schließlich hierher gekommen. Wir werden Euch helfen Elona und die Sonnenspeere zu retten!“
So eilten sie die Stufen des Piers hinauf, hinein in die Hauptstadt Kamadan und auf direktem Wege zu dem großen, imposanten Gerichtsgebäude. Kraftvoll stieß die Paragon das Tor zum Konsulat auf – drinnen waren vier Männer und eine Frau heftig am Diskutiere, zwei weitere Personen sahen schweigend zu.
„Was geht hier vor, Ältester? Wieso stehen meine Sonnenspeere vor Gericht?“, wollte sie aufgebracht wissen.
Ein Mann, der ebenfalls zur Klasse der Paragone gehörte, antwortete: „Eure Gefolgsleute haben einige absurde und haltlose Anschuldigungen gegen meine Herrin erhoben.“
„Schweigt, General Morgahn! Ich habe nicht mit Euch gesprochen!“, erklärte Kormir beinahe wütend, „Ich weiß aus erster Hand, dass diese Anschuldigungen gegen Varesh Ossa weder absurd noch haltlos sind! Als Anführerin des Ordens der Sonnenspeere verlange ich, dass Kriegsherrin Varesh Ossa zurücktritt und sich einem Urteil des Ältestenrates stellt!“
Ohne Erwiderung oder Einhaltung der Höflichkeit verließ General Morgahn augenblicklich das Konsulat. Er war sichtlich außer sich und würde nach Gandara zurückkehren, einer Stadt in der Provinz Kourna, um dort Kriegsherrin Varesh Ossa zu berichten. Auch Kormir verließ gefolgt von Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Tahlkora und ihren anderen Untergebenen das Konsulat. Sie erteilte den Befehl, alle verfügbaren Sonnenspeere sofort zu versammeln.
Gegen Abend war es soweit. Kormir trat den Sonnenspeeren gegenüber. Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo flankierten sie.
Kormir erhob ihre Stimme für eine Rede an die Mitglieder ihres Ordens: „Ich habe euch etwas wichtiges mitzuteilen. Wir stehen am Rande der Finsternis … Am Rande eines Krieges … Doch wir verkörpern das Licht der Sonne, das über die Dunkelheit und ihre Schatten siegen wird! Ein Sonnenspeer kämpft nie allein! Auf zum Sieg über Varesh Ossa und die Dämonen Abaddon´s!“
„Für Elona!“, schrien die Anwesenden wild durcheinander.
Stolz winkte die Speermarschall vier ausgewählte Sonnenspeere zu sich und sagte: „Freunde, hiermit stelle ich euch die neuen Befehlshaber unseres Ordens vor – Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo, Helden aus dem weit entfernten Cantha. Auf Seiten der Sonnenspeere Dunkoro, unser Meisterstratege … Koss, unser stärkster Kämpfer … Melonni, unsere Fachfrau für Strategie … und Tahlkora, unseren fleißigen Neuzugang, kennt Ihr ja bereits.“
Begegnung mit Varesh Ossa
Am nächsten Morgen betraten Kormir, Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo in Begleitung von Dunkoro erneut das Konsulat, indem der dreiköpfige Ältestenrat bereits versammelt war.
Der Älteste Suhl empfing sie mit den Worten: „Kormir, warum habt Ihr die Sonnenspeere versammelt? Varesh hat Eure Vorwürfe abgestritten und Eure Gefolgsleute aus Kourna verbannt.“
„Das hatte ich befürchtet.“, erwiderte die Paragon, „Ab sofort sind Varesh Ossa und ihre Anhänger Feinde von Elona!“
Dunkoro nickte und erklärte: „Wir müssen nach Gandara segeln und sie aufhalten!“
„Und zwar bevor es zu spät ist! Dabei wären istanische Schiffe sehr hilfreich.“, fügte Kormir hinzu.
Skeptisch meinte der Älteste mit hochgezogener Augenbraue: „Ihr wollt einen Bürgerkrieg beginnen? Zuvor sollten wir der Diplomatie eine Chance geben …“
„Varesh stellt eine Bedrohung für Elona und seine Bürger dar!“, mischte sich Shikon No Yosei plötzlich ein, „Es ist unsere Pflicht als Sonnenspeere, das Land zu schützen!“
„Ihre Pflicht werden meine Sonnenspeere mit oder ohne Eure Hilfe erfüllen, Ältester.“, bestätigte die Speermarschall und legte eine kleine Pause ein, „Wird uns die Istani-Flotte unterstützen?“
Der Älteste Suhl tauschte einen Blick mit seinen beiden Beratern und stimmte schließlich zu: „Ja, das wird sie. Mögen uns die Fünf Götter beistehen!“
Die Überfahrt nach Gandara gelang Dank der istanischen Unterstützung problemlos. Das eigentliche Problem lag jedoch noch vor den Sonnenspeeren. Kormir entschied sich, die Vorhut selbst anzuführen. Koss und ein paar handverlesene Kämpfer begleiteten sie. Ihre Aufgabe bestand darin, die Lage auszukundschaften und der Haupttruppe Bescheid zu geben, die aus Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Dunkoro und der Armee der Sonnenspeere bestand. Tahlkora und Melonni übernahmen die Nachhut, welche dafür Sorge zu tragen hatte, dass die Kournier nicht fliehen konnten. Doch trotz Planung, Ausstattung und Vorbereitung war die Besetzung der Mondfestung ein Schock für die Sonnenspeere. Hunderte Kournier unter Waffen waren bereit zum Kampf. Nach Stunden erreichte die Haupttruppe die Botschaft, Kormir habe Varesh Ossa auf dem großen Platz in der Mitte der Festung umzingelt. Selbstverständlich eilten die Sonnenspeere, unter der Führung von Shikon No Yosei, ihr sofort zur Hilfe.
„Ich danke Euch für Euer Kommen.“, begrüßte die Speermarschall sie und machte eine ausholende Geste, „Sonnenspeere, macht euch bereit! Verschont sie, wenn sie sich ergeben, und jetzt vorwärts!“
Langsam rückten die Kämpfer des Ordens vor und umzingelten Varesh Ossa, samt ihrer Anhänger.
Mit einem triumphierenden Lachen sprach die Kriegsherrin: „Narren! Eure Götter sind schwach … Doch mein Gott verleiht mir Stärke! ABADDON!“
Ein dunkelviolettes Licht leuchtete auf dem Platz auf. Erst jetzt bemerkte die canthanische Elementarmagierin die Abbilder der Götter, die auf dem Platz verteilt waren. Darauf waren Balthasar, Dwayna, Grenth, Melandru, Lyssa und ein weiterer Gott zu sehen. Seine drei Augenpaare blitzten gefährlich. Es war der dunkle Gott, den die Fünf Götter vor Jahrhunderten aus ihren Reihen verbannt hatten, weil er sie mit seinen Anhängern stürzen wollte – Abaddon, der Gott des Wissens und Hüter der Geheimnisse.
Das Lachen der Kriegsherrin stoppte abrupt und sie rief: „Kommt zu mir! Kommt herbei und helft mir, ihr Kreaturen der Qual! Reinigt Elona von diesen widerwärtigen Sonnenspeeren und bereitet den Weg für unseren Herrn!“
Geschockt beobachteten sie, wie Varesh Ossa Abaddon´s Dämonen anrief. Sie stiegen aus dem violetten Licht und materialisierten sich. Nach einem kurzen Orientierungsmoment griffen sie die Sonnenspeere an.
„Rückzug! Rückzug!“, schrie Kormir entsetzt und winkte ihre Untergebenen zu sich, „Hört ihr nicht?! Zieht euch zurück! Rückzug!“
Aber es war bereits zu spät. Während Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo die hintersten Reihen und die Nachhut evakuieren konnten, wurden viele Sonnenspeere, die an vorderster Front gestanden hatten, von den Dämonen getötet oder von den Kourniern gefangen genommen. Tahlkora, Dunkoro und Melonni konnten sich noch retten … Doch Kormir und Koss gehörten zu den Gefangenen.
Der Zufluchtsort der Sonnenspeere
Die überlebenden Sonnenspeere benötigten dringend ein geschütztes Versteck, in dem Varesh Ossa sie nicht finden konnte. Aus diesem Grund arrangierte Melonni ein Treffen mit dem Ältesten Jonah, der in ihrem Heimatdorf Ronjok lebte. Direkt hinter dem kleinen Dorf lag unterirdisch eine große Höhle. Der Zugang war durch Pflanzen und Felsen verborgen. Allerdings wurde die Höhle von einer Horde Insekten belagert. Als Shikon No Yosei davon erfuhr, konnte sie sich ein kleines Lachen nicht verkneifen. Sie und Ohtah Ryutaiyo hatten gegen Befallene, Shiro´ken, Mursaat und Titanen gekämpft, von Shiro Tagachi und dem Untoten Lich einmal ganz abgesehen. Da stellte eine handvoll Ungeziefer nun wirklich kein sonderliches Problem dar … Und nachdem alle Insekten getötet waren, sprudelte wieder frisches, klares Wasser aus der Quelle.
Shikon No Yosei atmete tief ein und sagte: „Das verschafft uns einen Stützpunkt …“
Tahlkora setze sich gemütlich auf eine Brücke und meinte: „Einen Ort zum Ausruhen.“
Dunkoro rief die Sonnenspeere zusammen und bestätigte: „Einen Ort zum Planen.“
Melonni lachte erleichtert und rief: „Einen Ort für den Schlag gegen Varesh!“
Neben dem Stützpunkt und einer Versorgungstation für Verletzte, richteten sie zusätzlich eine Kommandostelle ein. Dort zog Dunkoro alle verfügbaren Sonnenspeere zusammen.
Er wandte sich an Shikon No Yosei und erklärte: „Kormir kann uns im Moment nicht führen. Doch der Orden der Sonnenspeere braucht eine leitende Hand. Sie hat Euch vertraut und Euch für würdig gehalten. Im Namen der Fünf Götter … verkünde ich Eure Ernennung zur neuen Speermarschall!“
Augenblicklich fielen die Sonnenspeere vor ihr auf die Knie, um ihre Treue zu bekunden. Hilflos sah die Elementarmagierin zu Ohtah Ryutaiyo, der ebenfalls niedergekniet war, ihren Blick jedoch erwiderte. Der Assassine nickte ermutigend. Als ob sie es nicht geahnt hätte – er war in den Plan eingeweiht gewesen … Und natürlich hatte er ihm zugestimmt. Shikon No Yosei wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte. Für einen Sieg benötigten sie einen wahren Anführer. Sie war sich nicht sicher, ob sie dieser Aufgabe gerecht werden würde. Doch sie wollte es versuchen.
„Ich danke Euch, Dunkoro … Euch und den Sonnenspeeren.“, erwiderte Shikon No Yosei endlich nach langem Schweigen, „Varesh mag einen ersten Sieg errungen haben, aber die Schlacht um Elona hat gerade erst begonnen. Noch haben wir eine Chance zu gewinnen! Solange wir zusammenhalten und daran glauben, können wir es schaffen … Für Kormir! Für Elona!“
„Für Kormir! Für Elona!“, stimmten die Anwesenden in den Ruf ein.
Einige Tage nach Shikon No Yosei´s Ernennung zur Speermarschall kehrte einer der Späher zurück, welche sie ausgesandt hatte Kormir und Koss zu finden. Sofort wurden Dunkoro, Tahlkora, Melonni und Ohtah Ryutaiyo in die Kommandostelle gerufen.
„Ich habe das Lager der Kournier entdeckt, in dem Koss gefangen gehalten wird!“, berichtete der Späher und zeigte die Position auf einer Karte, „Es liegt in der Arkjok-Bastei … vom Zufluchtsort also in südöstlicher Richtung.“
Shikon No Yosei lächelte erleichtert und erwiderte: „Ich danke dir. Mit dieser Information haben wir die Möglichkeit, Koss und die anderen Sonnenspeere zu befreien. Ohtah, Tahlkora und Melonni, ihr werdet mich begleiten.“
„Jawohl, Speermarschall Shiko!“, antwortete die drei.
Nur Dunkoro widersprach ihr: „Das könnt Ihr nicht tun! Was, wenn Euch etwas zustößt?“
Der Blick der schönen Elementarmagierin wurde ernst, als sie entgegnete: „Dann wird es einen neuen Anführer geben. Ich kann nicht hier bleiben … Denn, wisst Ihr, ich werde niemals einen Befehl erteilen, den ich nicht selbst ausführen würde!“
Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Tahlkora und Melonni schlichen durch die Arkjok-Bastei. Sehr darauf bedacht, sich unauffällig zu bewegen. Den Informationen zufolge wurden Koss und ein paar wenige andere Sonnenspeere in einer kournischen Festung festgehalten. Es war zwar ein Risiko mit nur vier Mann anzurücken, doch die Elementarmagierin baute den Überraschungsmoment. Und ihr Plan sollte aufgehen – ein einziger Sturmangriff genügte, um die Wachen in der Festung zu überrollen. In einem Zweikampf nahm Ohtah Ryutaiyo dem ranghöchsten Offizier den Schlüssel für die Gefängniszellen ab und warf sie seiner Geliebter zu, die daraufhin ihre Verbündeten befreite – Koss sprang vor Freude in die Luft und drückte Shikon No Yosei fest an sich. Sehr zum Missfallen des geschickten Assassinen, der die Szene beobachtete.
„Ich danke Euch von ganzem Herzen. Doch noch sind wir nicht sicher.“, meinte Koss, nachdem er die Umarmung gelöst hatte.
Ohtah Ryutaiyo stellte sich zwischen ihn und Shikon No Yosei und erklärte: „Da du ja nicht auf dem aktuellsten Stand bist, informiere ich dich sehr gerne darüber, dass wir bereits einen Unterschlupf organisiert und ausgestattet haben.“
Die junge Shing Jea bedachte ihren Liebsten mit einem verwunderten Blick. Er selbst übernahm bereits die Führung für die Rückkehr in den Zufluchtsort.
„Habe ich deinen Freund irgendwie verärgert?“, wollte Koss leise von Shikon No Yosei wissen.
Sie seufzte und flüsterte: „Ich glaube, er ist ein bisschen eifersüchtig. Er reagiert manchmal etwas überempfindlich. Weil er mich liebt … und mich nicht verlieren will. Dabei hat er eigentlich gar keinen Grund dazu. Ich liebe ihn … nur ihn. Mehr als alles andere.“
Wie tötet man einen Dämon?
Dunkoro hatte Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo zu einer Besprechung in der Kommandostelle gerufen. Neben ihm und dem befreiten Koss standen noch ein älterer Mann und eine junge Frau an dem den runden Tisch, auf welcher eine Karte von Elona ausgebreitet war.
„Wer sind diese Leute?“, wollte Shikon No Yosei verwundert wissen.
Der Mönch lächelte und antwortete: „Unsere Verbündeten. Dieser Mann nennt sich >Meister der Gerüchte< … Er ist der Leiter des Ordens der Gerüchte, einer geheimen Organisation, die aus Elitespionen besteht und das übernatürlich Böse bekämpft. Und diese Frau-“
„Ist eine Korsarin! Ihr wisst, was die Korsaren Istan angetan haben, Dunkoro! Können wir ihr wirklich vertrauen?“, meldete sich Ohtah Ryutaiyo abrupt zu Wort.
Er hatte die Geschichte auf der Überfahrt von Kormir gehört – die kleineren Dörfer waren kaum einen Mondzyklus lang sicher, wenn nicht die Sonnenspeere diesem Piratenvolk nicht kontinuierlich Einhalt gebot. Die Speermarschall hatte sich zunehmend Sorgen gemacht, was mit den Bewohnern von Istan geschehen würde, wenn sich der Orden nun einem anderen, größeren Gegner zuwandte …
Koss lachte auf und meinte: „Wir brauchen sie. Ihre Schwester weiß, wo Kormir gefangen gehalten wird.“
„Du solltest mich besser kennen, alter Freund.“, ermahnte die Korsarin, „Ich helfe euch, eure Anführerin zu befreien … dafür helft ihr mir, den Schatz zu bergen.“
Der Meister der Gerüchte schüttelte den Kopf und entgegnete: „Es ist wichtiger, dass wir die Dürre aufhalten und zwar bevor der Elon absorbiert wird. Denn dann wäre ganz Elona verloren!“
„Eine schwierige Situation … Wir müssen Kormir retten. Aber … als Sonnenspeere ist es unsere Pflicht, Elona zu schützen.“, erklärte die schöne Elementarmagierin nachdenklich und wandte sich an ihren Geliebten, „Ohtah, ich sage es wirklich nicht gerne …“
Ohtah Ryutaiyo sah sie wehmütig an, während er erwiderte „Ja. Und du weißt, dass mir das ganz und gar nicht gefällt. Ich hasse es, dich allein gehen zu lassen … Wer wird dich beschützen, wenn ich nicht bei dir bin?“
„Mein Orden.“, mischte sich der Meister der Gerüchte ein, „Margrid wird Euch zu Kormir führen. Shikon No Yosei und ich vernichten die Dürre.“
Dunkoro räusperte sich und erklärte: „Danach werden wir Kourna hinter uns lassen müssen … Für einen Krieg stehen uns nicht genügend Mann zur Verfügung. Der Orden der Sonnenspeere ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Wir müssen nach Vaabi … und die dortigen Fürsten von unserer Sache überzeugen, damit sie uns ihre Truppen zur Verfügung stellen.“
Zustimmendes Nicken und getroffenes Schweigen waren die Antwort.
„Kommt Ihr?“, fragte der Meister der Gerüchte die Elementarmagierin einen Moment später.
Sie biss sich auf die Unterlippe, bevor sie mit gedämpfter Stimme antwortete: „Geht schon einmal vor …“
Bis auf Margrid verbeugten sich die Anwesenden vor Shikon No Yosei, bevor sie die Kommandostelle verließen. Als sie allein waren , hob der Assassine seine Hand und legte sie auf ihre Wange, streichelte darüber. Langsam wanderten seine Finger nach oben, über ihre Schläfe zu ihrer Stirn und auf der anderen Seite wieder nach unten. Auch hier verweilte er einen Moment auf ihrer Wange, schließlich berührte ihre Lippen mit seinen.
Zärtlich hauchte Shikon No Yosei in den Kuss hinein: „Das wird nicht mein letzter Kuss an dich gewesen sein … er wird über uns beide wachen. Ich liebe dich, Ohtah …“
Wenn es etwas gab, dass Ohtah Ryutaiyo wirklich hasste, dann waren es Abschiede. Sie fügten ihm größere Schmerzen zu, als es das schärfste Schwert vermochte …
Shikon No Yosei lief in ihrem Quartier auf und ab. Die Truppe unter der Leitung von Ohtah Ryutaiyo war bereits aufgebrochen. Ihr Ziel war Gandara, die Mondfestung. Eine schwere Aufgabe stand ihnen bevor, doch auch die Elementarmagierin würde es nicht einfach haben … Mithilfe des Meisters der Gerüchte sollte sie einen von Abaddon´s Elite-Dämonen vernichten, der das Wasserwerk und damit die Wasserversorgung ganz Elona´s kontrollierte.
Der Meister der Gerüchte betrat lautlos ihr Zelt und fragte: „Seid Ihr bereit?“
„Ich habe bereits gegen etliche Kreaturen gekämpft.“, erwiderte Shikon No Yosei mit zitternder Stimme, „Aber … könnt Ihr mir eine Frage beantworten – wie tötet man einen Dämon?“
Der Nekromant sah sie ruhig an und antwortete: „Auch wenn es Dämonen sind, Ihr dürft nicht vergessen – sie sind ebenso sterblich wie Ihr und ich. Die Dürre gehört zur Familie der Erd-Dämonen und somit ist Eure Blitzmagie sicher am wirkungsvollsten gegen sie. Macht Euch nicht zu viele Gedanken … Glaubt an Euch und wir werden siegreich aus dieser Mission hervorgehen.“
Ein zuversichtliches Lächeln erschien auf ihren Lippen.
Shikon No Yosei, der Meister der Gerüchte und ein paar Akolythen seines Ordens kämpften gegen die Soldaten von Varesh Ossa und die Jünger der Dürre. Der Meister der Gerüchte sollte übrigens Recht behalten. Shikon No Yosei´s Blitze waren wahrlich effektiver als ihre Feuermagie, denn sie hatte beides gegen die Dämonen ausprobiert. Der Kampf führte sie einmal durch das komplette Wasserwerk, bis sie schließlich den großen Wasserfall des Elon erreichten. Dort erwartete sie bereits die Dürre, ein gewaltiges Monster aus Sand, Erde und Abaddon´s Energie. Shikon No Yosei rang nach Luft. Noch nie war sie einem solchen Monstrum gegenüber gestanden.
„Verteilt euch! Kreist die Dürre ein!“, gab der Meister der Gerüchte Anweisung, „Shikon No Yosei, Ihr greift gemeinsam mit mir frontal an. Wir müssen ihre Aufmerksamkeit auf uns lenken.“
Die Elementarmagierin war unfähig etwas zu erwidern. Dieser Plan war der reine Wahnsinn. Ein Angriff des Dämons und sie wären beide tot. Dennoch wich sie nicht zurück, denn sie erinnerte sich an seine Worte vor ihrer Abreise. Sie sollte an sich glauben. Außerdem hatte sie Ohtah Ryutaiyo versprochen, zu ihm zurückzukommen. Sie konnte hier einfach nicht sterben!
Nachdem sich die Kämpfer aufgestellt hatte, erklang die Dürre zischend: „Ihr kommt zu spät … Gerüchte. Ich habe den Elon fast verschlugen. Greift mich ruhig an … Ihr habt keine Chance.“
„Teinai … bitte, steh´ mir bei.“, betete Shikon No Yosei kaum hörbar und streckte ihre Hände in die Höhe, während sie ihre Stimme erhob, „Verdunkle den Himmel! Schicke Wolken, schicke Sturm! Schick´ mir Blitz und Donner!“
Die Wolken zogen sich zusammen, Regen setzte ein, Donner hallte durch das Wasserwerk, Blitze erhellten die Umgebung. Sie sammelten sich direkt über der Dürre und entluden sich in einem alles entscheidenden Angriff. Shikon No Yosei ließ sich, den Meister der Gerüchte und seine Anhänger schweben. Es wäre sicherlich nicht sehr vorteilhaft gewesen, weiterhin im Wasser des Elon stehen zu bleiben, da Wasser bekanntlicherweise Strom und somit auch Blitze leitete.
Erschöpft senkte die schöne Elementarmagierin die Arme und augenblicklich klarte der Himmel über ihnen wieder auf. Die Mission war erfolgreich abgeschlossen.
Ohtah Ryutaiyo war gleichsam erfolgreich in den Zufluchtsort zurückgekehrt. Der einzige Nachteil, der sich daraus ergeben hatte, war, die überlebenden Kournier und somit auch Varesh Ossa wussten, dass die Sonnenspeer nicht vernichtet waren … Seitdem lief er, ähnlich wie Shikon No Yosei zuvor, in der Kommandostelle auf und ab. Angst und Sorge durchzogen seine Gedanken.
Kraftvoll schlug er mit der Faust auf den Tisch und flüsterte mit erstickter Stimme hinzu: „Bitte … bitte, Shiko … Komm´ zu mir zurück …“
„Das wird sie.“, meinte Tahlkora, die unbemerkt die Kommandostelle betreten hatte, „Shiko ist sehr stark … und ihr Wunsch, dich wiederzusehen, wird sie leiten.“
Er richtete sich wieder auf und antwortete: „Ich vergesse immer wieder, dass sie nicht mehr das beinahe naive Mädchen ist, das beschützt werden muss … So war sie am Anfang unserer ersten Reise. Hilflos, unbedacht, übereifrig. Aber niemals schwach … Ich kann nichts dagegen tun. Ohne Shiko wäre mein Leben sinnlos … Sie ist das Licht meines Lebens.“
Im diesem Moment stürmte Koss herein und rief: „Sie sind zurück! Shiko und der Meister der Gerüchte! Kommt! Sie sind draußen bei Dunkoro! Shiko wurde von einem Pfeil getroffen!“
Der letzte Satz schaltete Ohtah Ryutaiyo´s Verstand aus. Er rannte augenblicklich los und stieß dabei den Tisch um, was er jedoch ohne abbremsen ignorierte. Shikon No Yosei saß auf einem Stuhl und legte ihre Hand auf den frischen Verband, den Dunkoro ihr angelegt hatte. Als der Assassine sie erreichte, ging er vor ihr auf die Knie und griff nach ihrer freien Hand, die er an seine Wange drückte. Die Erleichterung, dass sie lebte, war gewaltig.
„Ohtah …“, sagte Shikon No Yosei erfreut, „Ich habe schon gehört – du konntest Kormir befreien. Die Sonnenspeere können also wieder hoffen. Du bist eben mein Held …“
Ohtah Ryutaiyo hob seinen Blick und erwiderte betrübt: „Ja, Kormir hat trotz der schweren Verletzungen überlebt. Sie ist nur ganz knapp der Hinrichtung entgangen … Aber du bist verletzt – ich hätte bei dir sein sollen.“
„Es ist bloß ein kleiner Streifschuss. Unsere Flucht verlief etwas … holprig.“, entgegnete sie ruhig und zog ihn für einen langen Kuss zu sich.
Dunkoro, Koss, Melonni, Tahlkora, Ohtah Ryutaiyo und Shikon No Yosei berieten sich.
Die Elementarmagierin sah auf die Karte von Elona und erklärte: „Morgen brechen Ohtah und ich nach Vaabi auf. Ich werde nur Freiwillige mitnehmen … Niemand ist verpflichtet, mir zu folgen.“
„Du bist eine gute Anführerin. Ich werde dir auch weiterhin folgen.“, antwortete Koss sofort.
Melonni nickte und meinte: „Um mein Dorf zu retten, würde ich alles tun!“
„Vaabi ist meine Heimat … und es wird bald ein Fest stattfinden, auf dem wir die Fürsten treffen können.“, erzählte Tahlkora aufgeregt.
Für einen Augenblick herrschte Stille, dann sagte Dunkoro: „Es fällt mir schwer Kourna zu verlassen … Aber ich werde es tun. Ich muss es tun … Für das Wohl von Elona.“
Der Schwur der Fürsten
In Vaabi übernahm Tahlkora die Wegführung. Sie brachte die Sonnenspeere auf dem kürzesten Weg zum Garten von Seborhin, in welchem das Fest der Lyss stattfinden sollte. Allerdings konnte eine alte Freundin Tahlkora´s Kehanni nur drei Einladungen besorgen – für Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und natürlich die junge Mönchin. Bevor sie den Garten betreten durften, mussten sie ihren Körper und ihren Geist jedoch am Brunnen der Lyss, aus dem geheiligtes Wasser floss, reinigen.
Tahlkora kniete vor dem Quell nieder und betete: „Oh Lyssa, Göttin der Schönheit und der Energie, ich bitte dich … gewähre uns Einlass und sei uns hier in deinem Lande gnädig, auf dass unser Unterfangen siegreich sei!“
Sie übergoss sich selbst und ihre beiden Begleiter mit dem kühlen, klaren Wasser, dessen Magie deutlich spürbar war. Dann betraten sie den Festsaal, an dessen Stirnseite ein Podest mit den Thronen der Fürsten von Vaabi aufgebaut war.
„Ganz links, im roten Gewand … Fürst Ahmtur der Starke. Sein Hauptsitz ist die Zitadelle von Dzagonur. In der Mitte, im blauen Gewand … Fürst Bokka der Prächtige. Sein Palast befindet sich in Makuun die Leuchtende. Und ganz rechts außen, im goldenen Gewand … Fürst Mehtu der Weise. Er lebt in der Bibliothek von Chokhin. Außerdem … ist er mein Vater.“, erklärte Tahlkora und wurde gegen Ende immer leiser.
Perplex sahen Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo zwischen der jungen Mönchin und dem imposanten Fürsten hin und her.
Stotternd stellte die Elementarmagierin die Frage: „Warum … warum hast uns verschwiegen, dass du eine … Prinzessin Vaabi´s bist?“
„Ich … ich wollte nicht, dass ihr einen falschen Eindruck von mir bekommt. Ich wollte, dass ihr mich als die kennenlernt, die ich bin … nicht als das, was ich bin.“, antwortete Tahlkora ehrlich.
Ohtah Ryutaiyo nickte und bestätigte: „Das verstehe ich gut …“
Seine Geliebte schluckte. Die Antwort Tahlkora´s musste ihn ja an sich erinnern. Er wollte auch als »Ohtah Ryutaiyo« gesehen werden und nicht als ehemaliger Am Fah …
„Lasst uns zu den Fürsten gehen. Wir müssen es schaffen, sie zu überzeugen!“, lenkte die Mönchin das Gespräch wieder um, denn auch sie bemerkte den Stimmungswechsel.
Ihre Begleiter nickten zustimmend. Jeder von ihnen übernahm einen der Fürsten. Shikon No Yosei sprach mit Fürst Ahmtur, Ohtah Ryutaiyo mit Fürst Bokka und Tahlkora ging selbstverständlich zu ihrem Vater. Doch die Fürsten zu überzeugen stellte sich als weitaus schwieriger heraus, als sie bisher angenommen hatten. Varesh Ossa war als Kriegsherrin ein Sinnbild von Truppenstärke, immer wieder versuchten sie, ihnen den Ernst der Lage zu erklären.
Plötzlich erschien ein Bote, der Fürst Ahmtur eine Botschaft überreichte: „Verehrte Fürsten, die Monster Vaabi´s bedrohen weiterhin die Städte, es wird mit jedem weiteren Tag gefährlicher für die Bürger. Es wird gebeten, dass Ihr schnellstmöglich Soldaten ausschickt.“
„Dann wird es Zeit, sich zu verabschieden. Wir müssen uns um unsere Truppen kümmern!“, riefen alle drei Fürsten anschließend wie aus einem Mund.
Fürst Mehtu wandte sich erneut an Tahlkora: „Wirst du mich begleiten, meine Tochter?“
„Ich habe andere Pläne, Vater … Ich will für Elona kämpfen.“, antwortete sie leicht ärgerlich, „Mit oder ohne Eure Hilfe!“
Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Du bist ebenso stur wie deine Mutter. Wir werden später noch einmal über dieses Thema sprechen … Im Moment sollst du deinen Willen haben.“
Damit zogen die Fürsten mit ihrem Hofstaat und ihren Wachen ab.
Um das Vertrauen und Unterstützung der Fürsten zu bekommen, stellten sich Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo temporär in ihre Dienste. Zwar hatten ihre Freunde unter den Sonnenspeere ihnen ihre Hilfe angeboten, doch sie hatten abgelehnt. Der Orden musste sich neu formieren, das benötigte Zeit und war ebenso wichtig wie die Fürsten. Davon abgesehen genossen es die beiden Verliebten ein bisschen allein zu sein. Und ihre Mühen sollten sich auszahlen. Nach wenigen Wochen im Dienste der Fürsten wurden sie zu einer Unterredung gerufen.
Sie knieten vor den hohen Herrschaften nieder und Shikon No Yosei ergriff das Worte: „Wir danken Euch für diese Audienz … auch im Namen des Ordens der Sonnenspeere.“
„Die jüngsten Ereignisse zwingen uns zu diesem Schritt.“, erwiderte Fürst Ahmtur, „Wir geben es nicht gerne zu … aber Ihr hattet recht, werte Shikon No Yosei. Ihr habt mich auf dem Fest der Lyss gewarnt und ich wollte Euch nicht glauben. Verzeiht mir bitte … Varesh Ossa hat die Gefängnisse der loyalsten Anhänger Abaddon´s geöffnet. Sie ist damit zu einer Bedrohung für Vaabi und ganz Elona geworden!“
Fürst Mehtu nickte zustimmend und meinte: „Aufgrund der alten Schriften aus der Zeit der Sechs Götter nehmen wir an, dass sie bisher nur einen Bruchteil von Abaddon´s Armee befreit hat. Das bedeutet, sie benötigt eine größere Energiequelle … und diese findet sie einzig in Sebelkeh.“
„Varesh Ossa muss vernichtet werden! Aus diesem Grund werden wir die Sonnenspeere unterstützen!“, endete Fürst Bokka.
Die Elementarmagierin lächelte und antwortete: „Wir müssen uns beeilen … Die Finsternis hat begonnen!“
„Aber noch ist unsere Zeit nicht abgelaufen.“, fügte der Assassine hinzu, als er seiner Geliebte seine Hand auf die Schulter legte, „Wir werden verhindern, dass Varesh Abaddon befreit.“
Kaum waren seine Worte verklungen wurde das Tor aufgeschlagen und die Botin, die herein gestürmt kam, berichtete atemlos: „Lyssa sei Dank! Ich habe Euch gefunden, Shikon No Yosei!Kehanni … Kehanni schickt mich … Sebelkeh … Sebelkeh wird angegriffen … Dämonen … Dämonen sind eingefallen … Sie haben die … die Priester der Lyss brutal … abgeschlachtet … Sie brauchen Eure Hilfe!“
Shikon No Yosei ballte ihre Hände zu Fäusten und sagte: „Jetzt ist Varesh zu weit gegangen! Dafür soll sie büßen! Gehen wir, Ohtah!“
„Unsere Truppen werden Euch begleiten. Ihr habt unseren Schwur als Fürsten von Vaabi!“, erklärte Fürst Ahmtur und die Anführer der fürstlichen Armeen salutierten.
Blasphemie
So schnell es ihnen möglich war, eilten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo mit einem Teil der Truppen zum Schrein von Sebelkeh. Eine kleine Ansammlung von Menschen stand in einiger Entfernung zum Eingang. Die beiden Canthaner erkannten sie sofort – General Morgahn und seine kournischen Soldaten.
Der Paragon ging auf sie zu und sprach mit erhobenen Händen: „Hört mich an! Wir sind nicht länger Eure Feinde, wir gehören nicht mehr zu Varesh´s Truppen … nicht nachdem, was sie getan hat. Ich stamme selbst aus Vaabi und war ein Schüler der Lyssa-Priester. Varesh versprach sie zu schonen, doch sie hat ihr Wort gebrochen. Ihr müsst verstehen, ich kenne Varesh Ossa, seit sie ein Kind war … Sie war immer zielbewusst, klug und stark in ihrem Glauben. Als Dunkelheit sie umgab, blieb ich ihr treu ergeben und führte weiterhin blind ihre Befehle aus … bis es zu spät war. Sie hat diesen heiligen Ort mit Blut besudelt, nur um ihr Ritual zu vollenden! Das Ritual, das Abaddon´s Gefängnis durchbrechen wird … Sie wird bald noch mehr unschuldiges Blut vergießen. Ich muss sie aufhalten … doch dazu brauche ich Eure Hilfe!“
„Ich habe das Gefühl, Ihr sprecht die Wahrheit, Morgahn. Der Schmerz, den man empfindet wenn die eigene Heimat vor dem Untergang steht, kann einen sehr verändern …“, entgegnete Shikon No Yosei, „In Ordnung, kämpfen wir gemeinsam für das Wohl Elona´s!“
Der Schrein von Sebelkeh wimmelte nur so vor Abaddon´s Anhängern, den Margonitern. Sie hatten sich um die »Blasphemie« versammelt, den neuen Elite-Dämon. Anders als die Dürre bestand er nicht aus fester Materie, sondern rein aus dunkler Energie der Qual. Somit wurde ihre Vernichtung wieder die Aufgabe von Shikon No Yosei, während Ohtah Ryutaiyo ihr Rückendeckung gab und die anderen Sonnenspeere kümmerten sich um die Margoniter kümmerten. Die Blasphemie schwang ihre Waffe, zielte auf Shikon No Yosei. Sie riss ihren rechten Arm hoch und ihre Flammenschild wehrte den Angriff ab. Es folgte Schlag auf Schlag. Der geschickte Assassine hielt derweil einen regelrechten Pfeilhagel auf, der sie niederstrecken sollte. Mit einem kräftigen Windhauch stieß die schöne Shing Jea die Blasphemie von sich. Bevor der Dämon die überraschende Wendung wirklich begreifen konnte, konzentrierte Shikon No Yosei bereits ihre Feuermagie. Ihr Meteorenschauer fuhr auf die Blasphemie nieder. Nun galt es noch die Qualen-Risse zu schließen, die Sebelkeh eingenommen hatten. Shikon No Yosei ging zur Mitte des Schreins und breitete ihre Arme aus, ließ ihre positive Energie in die Risse hineinströmen, was diese versiegelte. Auch die Sonnenspeere hatten inzwischen ihre Kämpfe beendet und den Sieg errungen. Staunend beobachteten sie die Elementarmagierin. Ohtah Ryutaiyo schüttelte belustigt den Kopf – egal wie viel Zeit er auch mit ihr verbrachte, sie wurde mit jedem weiteren Tag stärker und stärker.
Zurück am Spiegel von Lyss sprach General Morgahn Shikon No Yosei erneut an: „Dieser Kampf ist gewonnen, doch Varesh ist noch lange nicht besiegt. Sie wird das Ritual abschließen …“
„Wohin geht sie?“, wollte Ohtah Ryutaiyo wissen.
Der Paragon seufzte und erklärte: „Ins Ödland … zum Schlund der Qual. Dort sind die Fesseln von Abaddon´s Gefängnis am schwächsten.“
„Dann folgen wir ihr dorthin.“, erwiderte Shikon No Yosei entschlossen, „Inzwischen ist es kein Befehl mehr meines Kaisers, der mich antreibt … Lasst uns mit Kormir Kontakt aufnehmen. Sie wird wissen wollen, was passiert ist.“
General Morgahn druckste leicht, bevor er sagte: „Ich möchte Euch begleiten. Ich muss meine Schuld gegenüber Elona begleichen!“
Sowohl Shikon No Yosei als auch Ohtah Ryutaiyo erstarrten in ihrer Bewegung. Sie kannten diesen Wortlaut … Es gab eben nicht nur in Cantha Menschen, die Fehler machten. Doch jeder verdiente die Chance, sie wiedergutzumachen … Eine Chance auf ein Leben im Licht.
„Wir zählen auf Eure Hilfe, Morgahn!“, meinte der Assassine entschieden.
Der Weg durch das Ödland
Die Sonnenspeere knieten vor Kormir nieder. Ihre Verletzungen waren soweit verheilt, aber … ihr Augenlicht hatte sie für immer verloren. Dennoch hielten die Mitglieder ihres Ordens zu ihr.
„Ich freue mich, dass Ihr unversehrt zurückgekehrt seid.“, sagte Kormir lächelnd.
Shikon No Yosei trat vor und erzählte: „Es ist uns gelungen, die Fürsten zu überzeugen. Wir haben eines von Varesh´s Ritualen vereitelt, doch … sie ist noch nicht besiegt.“
Gemeinsam mit Ohtah Ryutaiyo berichtete sie von ihrem Plan, die Verfolgung aufzunehmen, und General Morgahn´s Unterstützung.
Als sie geendete hatten, antwortete Kormir nachdenklich: „Ihr habt Euren Auftrag mit Bravour gemeistert. Ich bin sehr stolz, dass Ihr mein Amt übernommen habt, Shikon No Yosei. Und Ihr habt richtig entschieden – wir müssen ebenfalls ins Ödland gelangen. Es geht wohl nicht anders … Ich muss mit einem alten Bekannten sprechen. Palawa Joko ist der einzige, der uns jetzt helfen kann.“
„PALAWA JOKO?!“, rief Tahlkora erschrocken aus, „Ihr sprecht von der Geißel Vaabi´s? Dem Herrscher der Untoten und Verlierer der Schlacht von Jahai? Das kann nicht Euer Ernst sein!“
Wie sich herausstellte, war es Kormir jedoch sehr ernst. Sie führte Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo zum Denkmal der Schlacht von Jahai, das sich in der Nähe des Zufluchtsorts der Sonnenspeere befand. Tahlkora hatte sich strickt geweigert, sie zu begleiten.
„Ich, Kormir, Anführerin des Ordens der Sonnenspeere rufe Euch aus den Tiefen der Unterwelt zurück in die Welt der Sterblichen. Überwindet die Grenze und zeigt Euch mir … Palawa Joko!“, beschwor die Paragon den uralten König.
Vor den drei erschien eine etwa zweieinhalb Meter große Gestalt, deren Haut grau und fahl war, und die mit einer grässlich verzerrten Stimme sprach: „Ihr benötigt also meine Hilfe … Kormir.“
Als die Paragon den Mund für eine Antwort öffnete, drang stattdessen ein grässlicher Schrei daraus hervor. Hinter Kormir war ein Qualen-Riss erschienen, der sie in seinen Sog zog. Von einer Sekunde zur anderen war die Speermarschall verschwunden.
„KORMIR!“, schrien die Sonnenspeere verzweifelt.
Palawa Joko knurrte und erklärte an die Elementarmagierin gerichtet: „Abaddon hat ihre Seele geraubt und sie in sein Reich verschleppt. Aber kommen wir zurück zu den wirklich wichtigen Dingen … Der widerliche Orden der Gerüchte hat mich hier eingesperrt. Kormir hat mich befreit … Ich schulde euch wohl etwas. Also sprecht schnell – warum hat sie mich gerufen?“
Shikon No Yosei ging zitternd zu ihm, nicht aus Furcht … Es war die Trauer um Kormir, die sie zittern ließ. Tränen standen in ihren Augen, Fassungslosigkeit in ihrem Gesicht.
Dennoch riss sie sich zusammen, schluckte und sagte mit ruhiger Stimmlage: „Palawa Joko … Ihr wart einst ein großer König. Wir müssen Euer Land durchqueren … um Varesh Ossa zu stellen. Und zwar lebend.“
Palawa Joko lachte laut auf und antwortete: „Ihr wollt die Nachfahrin dieses verdammten Turai Ossa verfolgen? Tja, da muss ich euch enttäuschen – nur Tote und Dämonen wandeln heil durch die Schwefelebene.“
Diesmal war es wieder Shikon No Yosei, die das Wort ergriff: „Lügt uns nicht an, Palawa Joko! Es heißt, Sterbliche wären bereits in Euer Land eingedrungen. Wie sind sie dorthin gekommen?“
Ihr Gegenüber lachte schallend und meinte geheimnisvoll: „Das war keine Lüge. Sterbliche können nicht durch die Schwefelebene ziehen. Aber unter dem Sand reisen große Würmer. Sie können euch als Reittiere dienen. Doch zeigt ihnen, dass ihr der Herr seid … andernfalls seid ihr Wurmfutter!“
„Wo finden wir diese Würmer?“, wollte der Assassine wissen.
Gespielt ergeben erwiderte Palawa Joko: „Da Ihr mich befreit habt, werde ich euch zu den Junundu führen. Zwei Sonnenspeere werden gegen ihre Königin kämpfen müssen. Überzeugt ihr sie, folgen euch ihre Kinder. Ach, aber erwartet nicht, dass ich euch gegen sie helfen werden.“
Ohtah Ryutaiyo sah Shikon No Yosei an, doch sie schüttelte ihren Kopf und entgegnete: „Dunkoro soll mir helfen diesen Kampf zu gewinnen.“
„Warum darf ich erneut nicht an deiner Seite stehen?“, flüsterte der Assassine kaum hörbar.
Die Elementarmagierin sah zum Himmel und meinte: „Weil ich dir vertraue … Wenn ich wider Erwarten doch unterliegen sollte, wirst du die Sonnenspeere gegen Varesh führen!“
Shikon No Yosei und Dunkoro betraten die Fläche des Plateaus, das nicht von Schwefeldämpfen überzogen war. Sie nahmen Kampfstellung ein.
„Königin der Junundu! Ich, Shikon No Yosei, fordere den Gehorsam Eurer Kinder. Kommt aus Eurer Höhle und stellt Euch mir!“, rief die Elementarmagierin selbstbewusst.
Dunkoro stieß einen erstickten Schrei aus, als die gewaltige Wurm-Königin aus dem schwefligen Sand schoss. Shikon No Yosei schluckte im selben Augenblick wie Ohtah Ryutaiyo. Seine Fäuste zuckten. Er verstand nicht, warum sie Dunkoro und nicht ihn als ihren Partner gewählt hatte – selbst wenn sie wollte, dass er der neue Anführer des Ordens wurde. Warum hatte sie nicht Tahlkora gefragt? Wieso ausgerechnet Dunkoro? Ohtah Ryutaiyo vertraute seinen Fähigkeiten einfach nicht.
Besagter Mönch wirkte Schutzzauber auf Shikon No Yosei, welche nieder kniete und flüsterte: „Oh Teinai … ich weiß, dass du bei mir bist. Aber diesen Kampf muss ich allein bestreiten. Ich darf mich nicht immer auf Ohtah oder dich verlassen … Dieser Kampf ist meine Prüfung. Wenn ich sie nicht bestehe, habe ich gegen Varesh erst recht keine Chance.“
Nachdem sie sich wieder erhoben hatte, ging sie zielsicher auf die Königin zu. Beide Kontrahentinnen bereitete ihren ersten Angriff vor. Das Plateau bot keinerlei Ausweichmöglichkeit, Shikon No Yosei würde unweigerlich von dem Energiestrahl getroffen werden. Nur mit Mühe schafften es Koss und Melonni Ohtah Ryutaiyo festzuhalten, der seiner Geliebten zu Hilfe eilen wollte. Seine Dolche hatte er bereits aus dem Halfter gezogen. Sie streckte ihre Hände nach vorne aus und eine Feuerbrust brach los. Die Flammen wuchsen in die Höhe, es regnete Feuerbälle, Lava bahnte sich seinen Weg durch den Sand. Die Königin der Junundu senkte ihren Kopf. Sie hatte sich ergeben … Sofort rief Shikon No Yosei ihre Magie zurück. Das Feuer verschwand. Es war beinahe so, als hätte es nie einen Kampf auf in der Schwefelebene gegeben.
Auf einen Laut der Junundu erwiderte die junge Frau: „Ich möchte das Ödland mit meinen Begleitern sicher durchqueren. Unser Ziel ist der Schlund der Qual!“
Auf den Befehl ihrer Mutter erschienen einige Sandwürmer. Noch bevor Palawa Joko sie warnen konnte, wurden Morgahn, Koss, Melonni, Dunkoro und Tahlkora verschluckt. Ohtah Ryutaiyo zog Shikon No Yosei an sich, hielt sie einfach nur einen Augenblick fest in seinen Armen. Dann kletterten sie gemeinsam in den letzten Junundu. Es war zwar äußerst unbequem in Innern der Würmer, doch wenigstens würden sie diese Art der Reise überleben.
Eine schwere Entscheidung
Nach vielen Stunden wurden die Sonnenspeere im wahrsten Sinne des Wortes ausgespuckt.
General Morgahn sah sich um und flüsterte ehrfürchtig: „Der Schuld der Qual … Dies ist der Ort, an dem die Fünf Götter einst Abaddon besiegten und sein Gefängnis schufen. Deshalb kann es nur hier endgültig zerstört werden.“
„Verstehe … deshalb will Varesh das Ritual also hier abschließen.“, erwiderte Shikon No Yosei ebenso leise, „Wir müssen verhindern, dass die Welt in Qual versinkt …“
Der Paragon seufzte betrübt und meinte: „Ich denke an Varesh, wie sie war … Sie tat so viel für Kourna, war uns eine gute Anführerin. Dann wurde sie von Abaddon berührt … und meine Herrin verfiel dem Wahnsinn … Ich wasche ihr Andenken wieder rein!“
„Wir werden es jetzt beenden.“, sagte Ohtah Ryutaiyo ermutigend.
Die sieben Sonnenspeere betraten gemeinsam den Schlund der Qual. Im Innern wurden sie bereits von Varesh Ossa und Abaddon´s Dämonen erwartet.
„Ich freue mich, dass Ihr gekommen seid.“, meinte die Kriegsherrin höhnisch lachend, „Sieh an, sieh an … Morgahn, du Verräter, hast also die Seiten gewechselt … Dunkoro, in deinem Alter sollte man sich nicht mehr auf solch eine beschwerrliche Reise machen … Und Koss, ein Krieger ohne jeden Sinn und Verstand. Melonni, du bist so von dir überzeugst, dass du die Realität übersiehst … Ach, Tahlkora, nur ein kleines Kind, das Abenteuerspiele spielt … Keiner von euch stellt eine ernsthafte Bedrohung dar.“
Shikon No Yosei trat vor und sagte: „Es reicht! Morgahn hat mir vieles von dir erzählt, Varesh … wie du früher warst. Ich glaube, die Varesh von damals war mir sehr ähnlich. Aber du bist vom richtigen Weg angekommen. Du stehst kurz davor deine Heimat zu zerstören … das kann ich dir nicht verzeihen!“
„Ah ja … dich hätte fast vergessen – Shikon No Yosei, die neue Anführerin der Sonnenspeere. Es ist mir wahrlich eine Ehre, dass ich diejenige sein darf, die dich töten wird.“, erwiderte Varesh Ossa und lächelte, „Und dein Freund ist auch hier … Ohtah Ryutaiyo, ein schöner, junger Mann wie du sollte eigentlich nicht auf der Seite dieser Verlierer stehen. Schließe dich mir an und du wirst unbesiegbar!“
Der Assassine nahm die Hand seiner Geliebten und antwortete: „Die Macht, von der du sprichst, ist nichts als eine Illusion. Ich werde niemals von Shiko´s Seite weichen! Hörst du? Niemals!“
„Wie Schade … Aber gut, gut. Dann werde ich dich eben vom Gegenteil überzeugen müssen. Spüre die Macht meines Herrn und gib dich ihr hin!“, rief Varesh und schleuderte ihm dunkle Energie aus dem Reich der Qual entgegen.
Shikon No Yosei riss sich los, stieß ihn zur Seite und mit einer Lichtexplosion wurde sie selbst von der Energie Abaddon´s getroffen. Ohtah Ryutaiyo war zu keiner Regung fähig. Mit geweiteten Augen beobachtete er, wie ihr Körper von dunklem Nebel umhüllt wurde und auf Varesh Ossa zuschwebte.
„Ja, ja … die Liebe. Jeder von uns muss eben Opfer bringen …“, machte sie sich über die Tat der Elementarmagierin lustig, „Erhebe dich … Shikon No Yosei, Fee der Dunkelheit!“
Der Nebel lichtete sich. Und Shikon No Yosei war vollkommen verändert. Finstere Flammen wogen um sie herum und sie trug nicht mehr die Seerose im Haar, sondern ein schwarzes Haarband, passend zu ihrem Kleid. Doch das schlimmste waren ihre Augen – ihre glänzenden, tiefbraunen Augen hatten sich in blutrote Löcher verwandelt. Das einzige, das noch daran erinnerte, dass wirklich Shikon No Yosei vor ihnen stand, war die Kette mit dem herzförmigen Anhänger, die sie nach ihrer Geburt von ihrer Mutter Kai bekommen hatte.
„Mein Herr ist Abaddon … Ihr wollt seine Wiederauferstehung verhindern? Das werde ich nicht zulassen. Die Welt soll von Qual getränkt sein und Finsternis die Sonne bedecken! Schließt Euch uns an oder sterbt durch meine Hand!“, rief sie mit grässlich verzerrter Stimme.
Ohtah Ryutaiyo starrte sie durch einen Tränenschleier an. Seine geliebte Shikon No Yosei war nicht mehr sie selbst. Sie war zu einer Dienerin des dunklen Gottes geworden. Von Abaddon berührt, genau wie Varesh Ossa. Und dass nur, um ihn vor diesem Schicksal zu bewahren. Diese Veränderung war seine Schuld … Er hatte seine Pflicht nicht erfüllt, seinen Schwur nicht gehalten – es war seine Aufgabe sie zu beschützen, nicht umgekehrt.
Schwerfällig stand der Assassine vom Boden auf und fragte leise: „Wie können wir sie von Abaddon´s Einfluss befreien, Dunkoro?“
„Indem wir sie töten.“, antwortete der Mönch geknickt.
Tahlkora sah ihn erschrocken an und entgegnete aufgebracht: „Wir können Shiko doch nicht töten! Sie ist unsere Freundin! Sie hat mehrmals ihr Leben für uns und Elona riskiert!“
„Wir haben keine andere Wahl. Wenn wir es schaffen sie zu … verliert Abaddon einen Teil seiner Macht.“, pflichtete Melonni Dunkoro bei.
Ohtah Ryutaiyo sah sie angewidert an und sagte: „Zum Preis von Shiko´s Leben … Weißt du, Melonni, Shiko sieht es als ihre persönliche Aufgabe an, all jenen zu helfen, die ihre Stärke benötigen … Bei mir ist das etwas anders. Mir ist es im Grunde vollkommen egal, was mit Elona geschieht. Ich kämpfe nur für Shiko! Und es ist mir völlig gleichgültig, wen oder was ich töten muss, um sie zu beschützen!“
„Beruhige dich, Ohtah. Wir alle wussten, worauf wir uns einließen.“, erklärte Koss, „Aber du hast recht … genauso wie Dunkoro. Dennoch können wir Shiko nicht einfach so töten. Es liegt jetzt ganz allein bei dir, Ohtah … Aber wenn du sie nicht erreichst … dann werden wir-“
Der Assassine schüttelte den Kopf: „Nein, ich werde es tun. Shiko würde genauso handeln, wenn sie an meiner Stelle wäre. Ich habe es doch eben gesagt – es ist gleichgültig, wen oder was ich töten muss … solange ich Shiko dadurch beschützen kann. Und wenn es keine andere Möglichkeit gibt, soll es so sein. Dann wird Shiko durch meine Waffe sterben!“
Sein Herzschlag verlangsamte sich. Er dachte daran, als er Shikon No Yosei zum ersten Mal auf dem Vizunahplatz gesehen hatte, wie ihre Augen ihn verzaubert hatten. An diesem Tage hatte er sich entschieden, sein Leben unter ihres zu stellen. Heute galt es die Ernsthaftigkeit dieses Entschlusses zu beweisen. Sollte er bei dem Versuch, sie zu erlösen, wirklich scheitern, würde er erst Shikon No Yosei´s Leben und anschließend sein eigenes beenden. Er würde sie nicht allein gehen lassen – sie würden den Weg in die Nebel gemeinsam gehen …
Ohtah Ryutaiyo stellte sich der dunklen Shikon No Yosei mit erhobenen Dolchen gegenüber.
„Du hast dich dazu entschlossen, als erster zu sterben?“, stellte sie höhnisch fest.
Er atmete tief ein und antwortete: „Erinnerst du dich? Ich habe dir einst geschworen, dass ich dich beschützen werde … egal was auch geschehen mag. Ich bitte dich inständig, hör´ mich an …“
„Deine kleine Shiko gibt es nicht mehr. Sie wurde zusammen mit Teinai aus diesem Körper verbannt! Aber die neue Shikon No Yosei ist viel stärker …“, entgegnete die Fee der Dunkelheit.
Die Augen des Assassinen schlossen sich und er erklärte: „Du irrst dich. Niemand ist stärker als meine geliebte Shiko … Nicht Shiro, nicht der Untote Lich, nicht Varesh, nicht Abaddon, vor allem nicht du … Bitte, Shiko, komm´ zu mir zurück … ich flehe dich an! Du bist das Licht, das mich aus der Finsternis geholt hat …“
„Ich werde dir beweisen, dass es sie nicht mehr gibt! Spüre die Macht Abaddon´s!“, rief sie.
Dunkle Energie flog auf Ohtah Ryutaiyo zu, prallte jedoch an einem unsichtbaren Schutzschild ab.
Perplex lauschte er, wie ihm jemand zuflüsterte: „Gib´ sie nicht auf, Ohtah! Die wahre Shiko lebt noch … Rette sie! Befreie sie! Es ist deine Aufgabe … Ich kann jetzt nur noch aus den Nebeln über sie wachen.“
Teinai löste sich von ihm. Sie vertraute auf seine Liebe. Er war Shikon No Yosei´s einzige Chance.
Plötzlich hörte er ihre vertraute Stimme: „Zögere nicht länger, Ohtah! Tu es! Bitte, du musst mich töten … Du hast keine andere Wahl. Ich liebe dich!“
Fassungslos ließ der Assassine seine Waffen fallen, die laut klirrend auf dem Boden aufkamen.
Während er wie in Trance auf sie zu ging, sagte er: „Nein, Shiko. Ich werde es nicht tun, jetzt nicht mehr … Ich werde nicht länger mitansehen, wie Abaddon deinen Körper und deinen Geist gefangen hält. Ich liebe dich, Shiko … Hörst du? Mehr als ich je einen anderen Menschen lieben könnte. Dein Leben ist mir wichtiger, als alles andere!“
Als er direkt vor ihr stand, zog er sie in seine Arme und verschloss ihren Mund mit seinen Lippen.
Nach dem Kuss raunte er ihr ins Ohr: „Du hast die Kraft dich von Abaddon zu befreien … Lass´ dir deine wahre Macht nicht nehmen. Glaub´ an dich … so wie ich an dich glaube!“
Shikon No Yosei durchfuhr ein Ruck. Sie richtete sich kerzengerade auf und rührte sich nicht mehr, doch in ihrem Innern tobte ein Kampf. Die Elementarmagierin kämpfte mit all ihrem Willen gegen die Kontrolle Abaddon´s. Sie wollte um jeden Preis ihre Freiheit zurückerlangen. Er wollte sie als Werkzeug, um die Welt in Qual zu tauchen. Da begann Shikon No Yosei´s Körper zu leuchten … es war das Licht ihrer wahrer Macht, das sie in ihr eigenes Selbst zurückverwandelte. Abaddon´s Einfluss hatte sie vollständig verlassen.
„Ohtah … du warst fantastisch. Ich danke dir …“, hauchte Shikon No Yosei und hob die Hand an seine Wange.
Bereits im nächsten Moment wurden sie beide von einer gewaltigen Druckwelle weg geschleudert.
Varesh´s Ende
Varesh Ossa war wutentbrannt. Erst hatte dieser Assassine Abaddon seine Dienerschaft verweigert und nun nahm er ihm auch noch seine neuste Untergebene.
„Ihr habt es gewagt, euch meinem Herrn zu widersetzen! Ihr habt seine Ehre beschmutzt! Ohtah Ryutaiyo … Shikon No Yosei … das werdet ihr mir büßen!“, rief die Kriegsherrin erbost.
Die beiden Canthaner nickten sich zu und bezogen Kampfstellung. Die anderen Sonnenspeere taten es ihnen gleich.
Koss lachte freudig und sagte: „Ich bin echt froh, dass du es geschafft hast, Ohtah … Und jetzt lasst uns gemeinsam für Elona kämpfen!“
Ohtah Ryutaiyo verdrehte die Augen. Einerseits verstand er, dass sie ihr Land um jeden Preis retten wollten, anderseits war die Entscheidung von Dunkoro und Melonni für ihn unverzeihlich. Doch nun musste er sich auf den Kampf konzentrieren, denn die Derwisch schwang bereits ihre Sense durch die Luft. Und auch die Dämonen näherten sich ihnen.
Shikon No Yosei schloss die Augen und flüsterte kaum hörbar: „Teinai … dein Segen hat mich verlassen. Aber sorge dich nicht … ich kann die Macht in mir endlich selbst kontrollieren. Ich werde dich auch weiterhin stolz machen, das verspreche ich dir! Möge deine Seele in den Nebeln ihren Frieden finden … Eines Tages sehen wir uns dort wieder. Ich danke dir für alles!“
Sie öffnete die Augen, schielte zu ihrem Geliebten hinüber und lächelte leicht. Solange er bei ihr war, konnte sie gar nicht verlieren. Entschlossen gab sie das Zeichen zum Angriff. Der Assassine und der Krieger stürmten auf Varesh zu, verwickelten sie in einen Nahkampf, wobei sie sehr vorsichtig sein mussten, dass sie nicht von ihrer Sense getroffen wurden. Zur selben Zeit konzentrierten sich Shikon No Yosei, General Morgahn und Melonni auf die Dämonen, welche hier im Schuld der Qual auffallend stärker waren, als anderswo. Dennoch gaben die Sonnenspeere und ganz besonders die Elementarmagierin nicht auf. Sie führte die Hände vor ihrer Brust zusammen, sammelte ihre magischen Kräfte. Die folgende Feuersbrunst richtete sich gegen die finsteren Dämonen. Shikon No Yosei´s Verbündete spürten lediglich eine warme Brise. Doch auch Varesh Ossa entging dem Zauber. Allerdings nicht für lange – Shikon No Yosei zauberte einen heftigen Windschlag, der ihr eine unfreundliche Bekanntschaft mit dem Boden bereitete. Noch bevor Varesh sich wieder vollständig aufrichten konnte, ragten Ohtah Ryutaiyo´s Dolch aus ihrem Herzen und mehrere Giftpfeile aus anderen Stellen ihres Körpers – leblos fiel ihr Körper erneut zu Boden und die Sonnenspeere brachen in Jubelschreie aus, welche ihnen jedoch im Halse stecken blieben, als die Erde zu beben begann. Der Leichnam von Varesh Ossa war verschwunden, stattdessen kam eine Gestalt auf sie zu, die einen Kapuzenmantel und einen Speer trug. Ihr Körper war der eines Margoniters und wies zudem drei Augenpaare auf. Die Kriegsherrin war zur wahren Dienerin Abaddon´s geworden!
„Narren!“, schrie sie inbrünstig, „Die Macht meines Gottes ist unendlich! Er hat mir ein neues Leben geschenkt! Ich bin Abaddon´s Schwert und das Zeichen seiner Stärke! Erkennt ihn an, kniet vor ihm nieder!“
Dies bedeutete im Klartext, der Kampf war noch nicht zu Ende. Es gab eine zweite Runde, die, nach Meinung der Sonnenspeere, nicht anders ausgehen würde als die erste.
Shikon No Yosei erhob ihre Stimme: „Diese Macht ist nichts im Vergleich zu dem, was uns Kraft gibt … Mut, Hoffnung, Freundschaft und Liebe!“
„Varesh Ossa, du warst einst eine große Kriegsherrin …“, begann Dunkoro.
Morgahn stand ein paar Schritte von ihnen entfernt und fuhr fort: „Doch dann hat Abaddon dich berührt und du bist ihm verfallen.“
„Du hast unserer Heimat großes Leid zugefügt und die Ehre der Fünf Götter beschmutzt!“, rief Tahlkora sichtlich von ihren Gefühlen geleitet.
Ebenso wütend fügte Melonni hinzu: „Der Mut der Menschen wird nicht von der Welt verschwinden, nur weil ihr die Finsternis über uns herein brechen lasst!“
„Denn die Welt wird nicht in Qual versinken, solange die Hoffnung auf das Gute noch existiert.“, meinte Koss und funkelte sie böse an.
Ohtah legte seinen Arm um Shikon No Yosei´s Taille und sagte: „Du hast vergessen, was Liebe und Freundschaft bedeuten.“
Traurigkeit lag im Blick der Elementarmagierin, als sie erklärte: „Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, was es heißt unter seinem Einfluss zu stehen. Ich konnte mich befreien … Aber du bist bereits zum Dämon geworden. Das einzige, was ich jetzt noch tun kann, ist, dich von deinem Dasein zu erlösen. Leb´ wohl … Mögen die Fünf Götter dir Gnade gewähren!“
Während sie die letzten Worte aussprach, öffnete sie langsam die rechte Hand. Varesh Ossa beobachtete aufmerksam die kleine Flamme in ihrer Hand und ging ein paar Sekunden später in Flammen auf.
Das Reich der Qual
Von Varesh Ossa blieb lediglich ein kleiner Haufen Asche übrig. Niemand konnte diesem Zauber von Shikon No Yosei entkommen … An der Stelle, an der Abaddon´s größte Dienerin gefallen war, entstand einer der Qualen-Risse. Sein Sog war stark – viel stärker, als die Sonnenspeere es bisher gewohnt gewesen waren. Und zu stark, um sich ihm zu entziehen. Jeder einzelne von ihnen wurde von ihm verschlungen. Als sie die Augen wieder öffneten, befanden sie sich offenscheinlich nicht mehr auf Elona … Der Boden unter ihnen schimmerte grünlich. Um sie herum standen verschiedene lilafarbene Türme mit schwarzer Zierde und der Himmel schien nicht mehr vorhanden zu sein, es waren nur graue Nebelschwaden erkennbar.
Auf einmal schrie Dunkoro auf und erklärte angsterfüllt: „Das … das ist … das Reich der Qual! Eine Welt erschaffen von Abaddon´s dunkler Energie, mit dem einzigen Sinn die Seelen der Verstorbenen auf ewig zu quälen. Es ist der Ursprung allen Übels, das sich über Elona verbreitet hat. Wir sind in seiner Finsternis gefangen …“
„Ihr seid doch Sonnenspeere, nicht wahr? Kormir hatte wohl recht, was euch betrifft …“, sprach eine der gepeinigten Seelen sie an, „Eure Anführerin traf vor einiger Zeit hier ein. Sie bat mich euch zu ihr zu schicken, sobald ihr diese Welt betretet. Sie erwartet euch in Jahai in Finsternis … Folgt einfach dem Weg unter euren Füßen.“
Schwerfällig stand Dunkoro auf und sagte: „Wenn Kormir hier ist, müssen wir sofort zu ihr!“
Die Sonnenspeere waren nicht lange unterwegs gewesen, als sie Kormir vor einem Monument für Palawa Joko entdeckten, welches dem in Elona sehr ähnelte.
Dunkoro sprach sie als Erster an: „Kormir … warum seid Ihr hier?“
„Dieses Gebiet ist eine dunkle Kopie unserer Jahai-Klippen, in denen ich gefangen genommen wurde. Es ist eine Welt ganz nach Abaddon´s Vorstellungen … Ich habe zwar mein Augenlicht verloren, doch ich spüre die Qual dafür umso deutlicher. Wenn wir Abaddon nicht aufhalten, macht er aus ganz Elona sein Reich …“, erklärte die Speermarschall traurig.
Shikon No Yosei starrte sie entsetzt an und fragte: „Wie sollen wir uns einem Gott in seinem eigenen Reich entgegen stellen? Bisher ging es nur darum seine Befreiung zu verhindern … aber jetzt … Wie stellt Ihr Euch das vor?“
„Es gibt nur eine Möglichkeit … Wir müssen zum Platz der Sechs Götter und dort um Hilfe bitten!“, antwortete Kormir ohne zu zögern und leitete den Aufbruch ein.
Ohtah Ryutaiyo und Shikon No Yosei fielen etwas zurück, während die Gruppe der Speermarschall folgte.
„Ist das wirklich in Ordnung für dich?“, flüsterte der Assassine so leise wie möglich, „Ich meine, kaum haben wir Kormir gefunden, übernimmt sie gleich wieder die Führung … Dabei warst du diejenige, die uns bis hierher gebracht hat. Du hast den Orden der Sonnenspeere am Leben erhalten, uns durch das Ödland geführt und Varesh getötet!“
Die Elementarmagierin lächelte dankbar und erwiderte: „Keine Sorge, Ohtah. Ich war nur die Vertretung für Kormir. Sie ist die wahre Speermarschall … Außerdem … sollten wir den Kampf gegen Abaddon überleben … kehren wir ohnehin nach Cantha zurück. Und ich hoffe, dass dieser Tag bald kommt. Ich vermisse unsere Heimat …“
„Wir werden Shing Jea wiedersehen, versprochen.“, versicherte er mit einem Handkuss, dann verdüsterte sich seine Miene plötzlich, „Warum hast du mich zur Seite gestoßen, als Varesh die dunkle Energie auf mich geschleudert hat?“
Vollkommen perplex blinzelte sie ein paar Mal, bevor sie antworten konnte: „Um dich zu retten natürlich! Ich konnte nicht zulassen, dass du noch einmal der Dunkelheit verfällst und dir wieder solche Vorwürfe machen würdest … Ach, Ohtah, im Ernst, glaubst du wirklich, ich hätte lange darüber nachgedacht? Ich habe einfach gehandelt.“
„Es ist meine Aufgabe, dich zu beschützen!“, entgegnete er schroff, „Du hättest sterben können, verdammt nochmal!“
Shikon No Yosei stützte die Hände in die Hüften und meinte: „Genauso wie du.“
„Wenn du stirbst, sterbe ich sowieso …“, hauchte er und lächelte traurig.
Sie raufte die Hände, versuchte sich zu beherrschen ihn nicht anzuschreien: „Manchmal denke ich wirklich, du nimmst mich nicht ernst … Ohne dich könnte ich auch nicht weiterleben, Ohtah, begreif´ das endlich! Du hast schon so oft dein Leben für mich riskiert, aber wenn … wenn du wirklich bei dem Versuch, mich zu beschützen, sterben würdest … Ich schwöre dir, ich würde meine gesamte magische Energie dafür verwenden, mich umzubringen!“
„Genau davor habe ich die meiste Angst.“, gab er geknickt zurück.
Im nächsten Moment zog er sie an sich und küsste sie voller Leidenschaft, legte all seine Hingabe und Dankbarkeit hinein. Und der Streit, wenn man es überhaupt so nennen konnte, war vergessen.
Je tiefer die Sonnenspeere in das Reich der Qual vordrangen, desto zahlreicher wurden die Dämonen und die Margoniter. Die Kämpfe wurden immer intensiver, schienen kein Ende zu nehmen.
Shikon No Yosei hatte das Gefühl ein ganzer Tagesmarsch läge bereits hinter ihnen und konfrontierte Kormir mit ihrer Vermutung: „In dieser Dimension herrscht ein anderes Zeitverhältnis, oder?“
„Es ist Euch also aufgefallen … Ja, in unserer Welt wäre bereits mehr als ein Tag vergangen. Hier ist das anders. In dieser Welt gibt es die Zeit nicht ... Und dennoch haben wir nicht genug davon. Mit jeder weiteren Sekunde, die in Elona verstreicht, gewinnt Abaddon weiter an Macht.“, antwortete Kormir ruhig, „Seht dort … Wir haben es geschafft.“
Die Paragon zeigte auf eine Ansammlung von Gebetstempeln. Die Abbildungen dort waren dieselben wie jene, die sie in Gandara bei ihrem ersten Kampf gegen Varesh Ossa, gesehen hatten – Kormir hatte es ja bereits erwähnt, hier wurden die Sechs Götter verehrt.
Die Speermarschall seufzte: „Dieser Tempel stammt aus der Zeit vor Abaddon´s Sturz. Früher stand er an der Küste des Kristallmeeres ... Als Abaddon fiel, zog er ihn mit sich in die Qual. Hier werden wir die Fünf Götter anrufen.“
„Ich werde zum Schrein der Lyss gehen … Sie schützt seit jeher meine Heimat.“, bestimmte Tahlkora.
Dunkoro nickte zustimmend und meinte: „Dann werde werde ich mit Dwayna sprechen.“
„Nur ein wahrer Krieger wird von Balthasar erhört werden!“, rief Koss sehr von sich überzeugt.
Melonni legte ihre Sense ab und murmelte: „Melandru ist Teil der Natur. Genau wie mein Dorf …“
Ohtah Ryutaiyo sah zu Shikon No Yosei und sprach: „Ich bin ein Assassine. Der Tod ist mir so vertraut, wie sonst kaum jemandem … Möge Grenth derselben Ansicht sein!“
Die fünf Sonnenspeere gingen zu den kleinen Schreinen und knieten davor nieder. Shikon No Yosei, Kormir und General Morgahn blieben in der Mitte des Platzes stehen. Nach und nach leuchteten die Abbildungen auf, bildeten einen gleißenden Energiestrahl. Orange für Balthasar´s Champion, blau wie Dwayna´s Avatar, Grenth´s Stimme trat aus dem weißen Licht, für Melandru´s Beobachter gab natürlich ganz naturgetreu grün und aus dem violettfarbenen Licht kam Lyssa´s Genius. Dies waren die Gestalten, die die Götter auf Erden annahmen.
Die Speermarschall verbeugte sich und flehte: „Götter, wir bitten Euch, erhört uns …“
„Wir haben einen weiten Weg zurückgelegt und schreckliche Kämpfe bestritten. Jetzt sind wir im Herz der Qual. Wir müssen Abaddon aufhalten, aber allein sind wir zu schwach.“, berichtete Shikon No Yosei verzweifelt.
Lyssas Genius war es, die antwortete: „Ihr seid nicht allein … Die Götter sehen immer zu.“
Kormir antwortete empört: „Wir sind nur Sterbliche – er ist ein Gott … Wir brauchen Eure Hilfe!“
Wieder ergriff Lyssas Genius das Wort: „Es gab eine Zeit, da die Götter auf Erden wandelten. Jede Errungenschaft war ein Geschenk der Götter. Doch jetzt sind unsere Geschenke in euch … Dwayna lebt in eurem Mitgefühlt, Balthasar in eurer Stärke. Melandru in eurer Harmonie, Grenth in eurer Gerechtigkeit. Und in eurer Inspiration ist Lyssa. Die Göttlichkeit liegt in euch! So geben wir euch unseren Segen, das sollte für diese Aufgabe genügen. Es ist eure Welt – eure Entscheidung … Trefft eine Wahl, die nur ein Sterblicher treffen kann.“
Mit diesem Worten lösten sie die Götter auf und das Licht der Abbildung verschwand.
Fassungslos klagte Kormir: „Unsere Welt, unsere Entscheidung? Ein paar aufmunternde Worte … und wir sollen gegen einen Gott kämpfen?“
„Es muss eine Möglichkeit geben …“, murmelte die Elementarmagierin und dachte an Teinai „Aber was meinte Lyssa bloß mit >eine Wahl, die nur ein Sterblicher treffen kann<?“
Shikon No Yosei stand einsam auf einem Hügel, weit abseits des Lagers der Sonnenspeere. Ihr Blick schweifte über das Land. Hier gab es kein Licht, keine Hoffnung … nur Finsternis. Sie bemerkte nicht, wie sich Ohtah Ryutaiyo zu ihr gesellte. Erst als er ihr eine Hand auf die Schulter legte, zuckte sie zusammen.
„Was machst du hier, Shiko?“, wollte er sanft wissen.
Mit einem Seufzen lehnte sie sich an ihn und flüsterte: „Ich habe zwar gesagt, dass es eine Möglichkeit für uns geben muss, gegen Abaddon zu gewinnen … Doch ich sehe keine. Ich denke immer wieder über die Worte der Götter nach. Es hilfst nichts. Ohtah, ich … ich habe Angst.“
„Wovor fürchtest du dich?“, hakte er nach, während er den Arm um sie legte.
Energisch befreite sie sich wieder aus seinem Griff und erklärte: „Ich habe Angst zu versagen! Shiro, der Untote Licht, selbst Varesh … Alle unsere bisherigen Gegner waren sterblich. Jetzt stehen wir einem Gott gegenüber! Verstehst du nicht, Ohtah? Ich habe seine Macht am eigenen Leib zu spüren bekommen. Er ist zu stark! Und … was ist, wenn ich erneut von ihm berührt werde? Ich halte das nicht noch einmal aus … Zum ersten Mal habe ich tatsächlich den Glauben an unseren Sieg verloren.“
Zitternd ließ sich die hübsche Elementarmagierin zu Boden gleiten. Sie fühlte sich einfach nur noch kraft- und mutlos. Die Qual war kurz davor sie zu brechen.
„Erinnerst du dich noch daran, was ich zu dir gesagt habe, als du unter seiner Kontrolle standest? >Du bist das Licht, das mich aus der Finsternis geholt hat …<“, wiederholte Ohtah Ryutaiyo seine Worte und hielt seiner Geliebten seine Hand hin, „Nimm meine Hand, Shiko, und ich werde diesmal derjenige sein, der dich von der Dunkelheit befreit! Bitte, Shiko … steh´ wieder auf!“
Sie schüttelte den Kopf. Tränen liefen über ihre Wangen.
„Was ist nur aus meiner geliebten Shiko geworden? Meine Shiko hätte sich niemals so unterkriegen lassen. Ich verstehe dich nicht … Als Seiketsu nach Tyria gegangen ist, hast du weitergemacht. Nach dem Tod von Meister Togo, hast du nicht aufgegeben. In der Zeit, in der wir getrennt waren, hast du gekämpft. Nach Kormir´s Entführung, hast du das Kommando über die Sonnenspeere übernommen. Du verkörperst unsere Hoffnungen! Du bist unser aller Licht in dieser Finsternis! Doch du hast dein eigenes Licht zum Erloschen gebracht … Lass´ dies nicht das Ende sein, Shiko. Steh´ auf und kämpfe! Wir brauchen dich!“, versuchte er auf sie einzureden.
Die Worte von Ohtah Ryutaiyo erinnerten Shikon No Yosei an das Gespräch, welches sie nach dem Tod von Meister Togo mit ihrer Seelen-Schwester Seiketsu No Akari geführt hatte. Die junge Mönchin hatte auch von dem Licht in ihrem Innern gesprochen.
„Fürchte dich nicht länger vor Abaddon´s Einfluss. Hier in seinem Reich sind wir ständig seiner dunklen Energie ausgesetzt. Ich werde einen Weg finden, dich vor ihm zu beschützen … Vertrau´ mir!“, flehte der Assassine sie an, „Wir müssen seine Herrschaft über Elona verhindern! Aber ohne dich, sind wir alle verloren. Du bist diejenige, die uns Kraft gibt! Bitte, Shiko …“
Ihr Blick blieb an der Hand hängen, welche er ihr immer noch auffordernd entgegen hielt. Hatten sie wirklich eine Chance Elona von der Qual zu bewahren? Hatte sie selbst die Kraft diesen Kampf zu bestreiten? Entschlossen zog sich an ihm hoch. Wie konnte sie das Wichtigste in ihrem Leben bloß vergessen? Den Mann, der ihr in jeder noch so ausweglosen Situation neuen Mut gab, sie wieder aufrichtete, ihr Sicherheit und Geborgenheit schenke. Mit ihrem geliebten Ohtah Ryutaiyo an ihrer Seite konnte sie niemals unterliegen! Außerdem entsprach es wirklich nicht ihrer Art einfach aufzugeben und tatenlos zuzusehen. Selbst wenn sie eines Tages im Kampf sterben würde, dann mit einem Lächeln auf den Lippen!
Und mit genau solch einem Lächeln sagte Shikon No Yosei: „Ich danke dir, Ohtah … Du hast vollkommen recht. Wenn wir hier versagen, sind nicht nur wir und Elona dem Untergang geweiht, sondern auch Cantha und Tyria … das kann ich nicht zulassen!“
„Nein, das werden wir wirklich nicht zulassen.“, bestätigte Ohtah Ryutaiyo und zog sie in einen intensiven Kuss, der ihr seine Erleichterung und seine Liebe übermitteln sollte.
Leise flüsterte die Elementarmagierin an seinen Lippen: „Du hast mich nie enttäuscht. Du hast deinen Schwur immer gehalten. Verzeih´ mir, dass ich gezweifelt habe … Aber das ist jetzt endgültig vorbei! Dein Glaube an mich hat mir meine Hoffnung und mein Selbstvertrauen zurückgegeben. Es ist Zeit … Lass´ uns diesen Kampf beenden!“
Der Assassine nickte glücklich, bevor er sie erneut küsste.
Die Macht der Geheimnisse
Obwohl sich die Sonnenspeere dazu entschlossen hatten, sich dem dunklen Gott endlich gegenüber zustellen, schluckten sie schwer als dieser Moment schließlich kam. Abaddon war gewaltig. Und dass obwohl sie nur seinen Kopf und seine Arme sehen konnten. Ketten fesselten ihn an einen Abgrund. Sein Gefängnis war zwar schwach, aber immer noch vorhanden.
Schockiert hauchte Kormir: „Habt Ihr einen Plan, Shiko?“
„Ja, das habe ich.“, antwortete sie beinahe grinsend, wurde dann jedoch todernst, „Varesh hat es selbst gesagt – Abaddon hält sich für unbesiegbar … das werden wir uns zunutze machen. Er wird von seiner eigenen Qual verschlungen werden … Wenn wir sein Ego verletzten, wird er selbst angreifbar für die dunkle Energie in seinem Reich. Ich spreche aus Erfahrung … Mich hätte diese Welt auch beinahe zerstört. Doch im Gegensatz zu mir, ist Abaddon allein. Er wird sich nicht davon erholen können, dass Sterbliche über ihn gesiegt haben.“
Ohtah Ryutaiyo, Tahlkora, Koss, General Morgahn, Melonni, Dunkoro und Kormir nickten zustimmend. Sie waren überrascht, wie schnell die junge Elementarmagierin die Schwachstelle des Reichs der Qual und somit die von Abaddon herausgefunden hatte.
Wenige Meter vor Abaddon blieben die Sonnenspeere stehen. Der Gott wand sich in seinen Fesseln, konnte sich allerdings kaum bewegen. Die Frage war nur, wie lange das noch so sein würde. Es war eine unbestreitbare Tatsache, dass die Zeit gegen sie arbeitete.
„Vergesst nicht … dies ist unsere Aufgabe. Denkt daran, warum wir diese Entscheidung getroffen haben.“, sprach Shikon No Yosei entschlossen, „Für die Zukunft … Für die Zukunft unserer Welt!“
Melonni sprach als Nächste: „Für die Hoffnung, dass mein Dorf wieder in Frieden leben kann.“
„Für den Glauben, dass meine Stärke Elona retten kann.“, sagte Koss entschlossen.
Tahlkora schloss die Augen und murmelte: „Für den Mut, sich dem Unbekannten zu stellen.“
„Für das Wissen um die Geheimnisse Elona´s.“, fügte Dunkoro hinzu.
Kormir umklammerte ihren Speer, als sie flüsterte: „Für die Wahrheit, die ans Licht kommt.“
„Für die Ehre, die wiederhergestellt wird.“, meine General Morgahn seufzend.
Ohtah Ryutaiyo lächelte und erklärte: „Für die Freundschaften, die entstanden sind …“
„Und für die Liebe, die uns alle verbindet!“, endete Shikon No Yosei, ebenfalls lächelnd.
Licht umgab die acht Sonnenspeere. Es breitete sich aus, vertrieb die Finsternis und erreichte als letztes Abaddon, der aufgrund seines Gefängnisses nicht zurückweichen konnte. Das Licht hüllte ihn ein. Die Vorstellung Sterblichen zu unterliegen, trieb ihn, wie Shikon No Yosei es vorausgesagt hatte, in den Wahnsinn.
Doch plötzlich gab es eine gewaltige Erschütterung und der Assassine rief: „Abaddon! Er zerbirst!“
„Seine Seele wird in die Qual gezogen, sein Wissen bleiben zurück!“, erwiderte die Paragon erschrocken, „Ich spüre seine ungebändigte Macht. Sie wird uns vernichten, wenn wir sie nicht aufhalten!“
Kormir warf ihren Speer zu Boden und ging langsam auf die geballte Energie zu.
„Was tut Ihr da? Das dürft ihr nicht!“, schrie Dunkoro ihr hinter.
Lächelnd drehte sie sich noch einmal halb um und entgegnete: „Ich kann die Macht eindämmen … das ist das Geschenk der Götter an mich. Ich treffe die Wahl, die nur ein Sterblicher treffen kann!“
Und dann geschah ein Wunder … Kormir nahm die Energie in sich auf. Ihr Körper, ihr Geist, ihre Seele, alles veränderte sich.
Zaghaft machte Ohtah Ryutaiyo einen Schritt auf sie zu und fragte: „Kormir? Seid Ihr das?“
„Nein … Doch … Aber noch viel mehr.“, antwortete die leuchtende Gestalt geheimnisvoll, „Nicht Abaddon, nein. Seine Macht. Sein Wissen. Nicht er … Die Qual ist verschwunden. Es gibt einen neuen Tag. Ich bin die neue Göttin der Wahrheit und Hüterin der Geheimnisse. Ich habe nun viel zu tun … viel instand zu setzen. Ich werde Hilfe brauchen. Doch vorerst habt Ihr eure Welt zurück … Und denkt immer daran – Ihr kämpft nie allein!“
„Wir danken Euch … Kormir, Göttin der Wahrheit … Die Sonnenspeere werde Euch niemals vergessen!“, versicherte Shikon No Yosei ihr und verbeugte sich, „Es war mir eine Ehre an Eurer Seite zu kämpfen!“
„Ich danke Euch. Mir geht es nicht anders … Ich weiß, wir werden uns eines Tages wiedersehen.“, bestätigte die Göttin und hielt ihr eine kleine Flasche entgegen, „Nehmt dies mit Euch. Es ist jene Energie, die in Euren Körper gefahren ist … Sie ist von Eurer Magie durchdrungen. Abaddon konnte sie nicht mehr in sich aufnehmen. Ich bin sicher, sie wird Euch helfen, wenn Ihr sie am dringendsten benötigt … Jetzt wird es Zeit für Euch zurückzukehren.“
Mit einem Wink erschuf Kormir ein Portal, das ihre Verbündeten schweren Herzens durchschritten – als sie ihre Augen nur wenige Sekunden später wieder öffneten, standen sie vor Melonni´s Heimatdorf Ronjok.
Erleichtert streckte sich Shikon No Yosei und sagte: „Damit endet diese Schlacht! Doch eines wird sich wohl niemals ändern … Irgendwann kommt die Zeit des Abschieds.“
„Ihr wollt schon gehen?“, wollte Tahlkora traurig wissen, lächelte dann aber, „Ich möchte dir noch danken, Shiko. Du hast mir gezeigt, was wahrer Mut ist … Du warst uns wirklich eine sehr gute Anführerin. Sollte jemals wieder die Notwendigkeit dazu bestehen … werden dir erneut folgen!“
Ohtah Ryutaiyo lächelte und Shikon No Yosei erwiderte: „Wir werden uns wiedersehen. Einmal Sonnenspeer, immer Sonnenspeer. Ob wir in Elona, Tyria oder Cantha leben … wir kämpfen für dasselbe Ziel!“
Elona, Land der goldenen Sonne ... Ein Land der Schätze und Reichtümer. Ein Land der Helden. Ein Land, beschützt von seinen Hütern, dem Orden der Sonnenspeere. Einst bedrohte ein Schatten das Land. Der Schatten eines alten und vergessenen Feindes. Die Zeit der Fünf Götter endete. Die Finsternis kam ... und ging. Denn auf jede Nacht folgt der Morgen eines neuen Tages ...
Und eine Zeit für ein neues Abenteuer, welches bereits in ihrer Heimat auf Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo wartete, die Helden von Cantha, Tyria und Elona, die zu lebenden Legenden geworden waren!
Zwischenspiel 02: Eine legendäre Nacht
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Buch 04: Die Legenden leben fort
Erschütterungen unter Cantha
Aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben haben sich die Asura, ein kleines Volk von magiekundigen Wesen eine neue Existenz in der Befleckten Küste, südlich des Maguuma-Dschungels in Tyria, aufgebaut. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause sind die Charr nach der völligen Zerstörung Ascalon´s ausgewandert und haben in einem grünen, weitläufigen Gebiet die Charr-Heimat gegründet. Verirrt oder versetzt leben vereinzelt Zwerge aus dem Volk der Deldrimor und der Steingipfel weit, weit oben im Norden, in den Fernen Zittergipfeln. Ein noch völlig unbekanntes Arsenal an Landschaften, Wesen und Überraschungen, die aber schon bald von mutigen Helden entdeckt werden sollen.
Und diese mutigen Helden verweilten auf Geheiß des Kaisers noch einige Tage in Kaineng. Doch die Ruhe endete jäh – die Erde unter Cantha, genauer gesagt unter der Hauptstadt, begann plötzlich zu beben! Shikon No Yosei klammerte sich an Ohtah Ryutaiyo, während die Wände des Palastes heftig wackelten. Sofort eilten sie zu ihrem Herrscher in den Thronsaal.
Kaum war das Erdbeben abgeklungen, stürmte bereits ein Diener herein und erklärte: „Mein Kaiser, es ist etwas furchtbares geschehen! Ein Loch! Ein Loch wurde in der Nähe Eures Palastes entdeckt. Das Himmelsministerium hat seltsame Schwingungen gemessen, die offenbar für die Beben verantwortlich sind. Sie wollen allerdings niemanden hinunter schicken, weil sie es für einfache Arbeiter als zu gefährlich erachten … Sie erwarten Euren Befehl.“
Der Blick des Kaisers wanderte zu Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo.
„Ich kann nicht verlangen, dass Ihr beide Euch nach einer solch langen und schweren Reise erneut in eine solche Mission stürzt.“, sagte er mit gedämpfter Stimme.
Der Assassine lächelte selbstsicher und erwiderte: „Ich glaube, es gäbe kaum etwas, dass uns größere Freude bereiten würde, als Cantha einen erneuten Dienst zu erweisen. Wenn unserem Land Gefahr droht, dann ist es unsere Aufgabe als Verteidiger dagegen anzukämpfen.“
„Du bist ja heute so motiviert, Ohtah …“, lachte seine Geliebte leise, bevor sie sich an den Herrscher wandte, „Egal was dort unten auf uns wartet … Wir werden es aufhalten!“
„Dann tut, was Ihr tun müsst, um Cantha zu beschützen. Möge der große Drache über Euch wachen.“, meinte Kaiser Kisu anerkennend.
Shikon No Yosei spähte über den Rand des Abgrunds. Sie konnte das Ende nicht erkennen. Nur schwarze Dunkelheit. Ohtah Ryutaiyo nahm ihre Hand und drückte sie beruhigend. Sie nickten sich entschlossen zu. Dann sprangen sie gemeinsam hinunter. Die beiden Helden fielen und fielen, fielen mehrere hunderte Meter tief, hörten gar nicht mehr auf zu fallen. Schwindel und Bewusstlosigkeit waren die Folge. Als sie schlussendlich wieder erwachten, sahen sie sich um. Die Elementarmagierin entdeckte einen schmalen Pfad, der durch die unterirdische Höhle führte. Sie konnte Licht sehen und verschiedene Geräusche hören. Gemeinsam gingen sie der Sache auf den Grund. Der Weg brachte sie in einen Raum, in dem viele kleine Wesen hektisch hin und her liefen – es waren Zwerge, Deldrimor-Zerge um genau zu sein.
Der vermeintliche Wortführer rief: „Und findet Vekk! Er muss uns das Portal hier raus öffnen!“
„Was ist hier los?“, wollte Shikon No Yosei mit lauter Stimme wissen, „Seid ihr für die Beben verantwortlich? Über uns liegt eine Stadt!“
Der Zwerg nahm sie in Augenschein, doch jemand anderes erregte seine Aufmerksamkeit: „Vekk! Da bist du ja!“
Ein weiteres Wesen, das nicht sehr menschlich aussah, rannte auf sie zu und berichtete: „Es gibt Ärger, Odgen. Die Zerstörer haben die Zentrale Transferkammer schon überrannt.“
Wütend ballte Odgen seine Hände zu Fäusten, während er erwiderte: „Verdammt! Ohne die Kammer gibt es keinen Weg zurück …“
Vekk überlegte einen Augenblick, dann erklärte er: „Nicht weit von hier ist noch ein Portal. Aber die Zerstörer sind dicht hinter mir gewesen. Wir müssen uns beeilen!“
Odgen sah zu Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo und sagte: „Ihr kommt am besten mit uns. Die Zerstörer unterscheiden nicht zwischen dem, den sie jagen und dem, der sich ihnen in den Weg stellt.“
Bevor sie sich auch nur annähernd äußern konnte, ergriff Vekk erneut das Wort: „Wir haben jetzt keine Zeit für lange Erklärungen! Folgt mir!“
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, rannte er watschelnd davon, dicht gefolgt von Odgen und den restlichen Zwergen. Ein markerschütternder Laut trieb Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo dazu, ihnen ebenfalls zu folgen. Gerade rechtzeitig, denn als sie durch weitere Gänge der unterirdischen Höhle rannten, nahmen diese Zerstörer die Verfolgung auf. Die Elementarmagierin traute ihren Augen kaum. Bei ihrem Anblick kam ihr ein einziges Wort in den Sinn … »Lava«. Doch aus keinem einfachen Magma, sondern aus lebendiger Lava.
Eine kreisrunde Öffnung kam in Sichtweite und Vekk schrie über die Schulter hinweg: „Das ist das Portal! Springt einfach hindurch!“
Er selbst wagte den ersten Sprung. Die anderen folgten ihm und sie landeten in einer fremden Gegend.
„Vekk, sperr´ das Portal!“, gab Odgen Befehle, „Alle andern sichern das Gelände!“
Die Elementarmagierin ging ein paar Schritte auf den Zwerg zu und fragte: „Wo sind wir hier?“
In diesem Moment gab es einen gewaltigen Knall und etwas krachte zusammen.
Vekk rieb sich die Hände und antwortete an Odgens Stelle: „In den Fernen Zittergipfeln … Vor allem weit weg von den Zerstörern.“
„Hier gibt es kaum Zwerge, höchstens Späher oder einsame Exilanten.“, stellte Odgen fest.
Sein Blick schweifte umher. Plötzlich verengten sich seine Augen. In einer Entfernung stand eine Gestalt, deren Körpergröße die eines Menschen weit überragte.
Ohtah Ryutaiyo, der seine Reaktion bemerkt hatte, wollte leise wissen: „Wer … oder was ist das?“
„Man nennt sie die Norn … Groß, stark und äußerst übellaunig. Wir müssen uns den Weg vielleicht freikämpfen.“, erwiderte er daraufhin.
„Euer Freund hat teils recht. Hierher kommen nicht viele Zwerge … oder Menschen.“, mischte sich die kriegerisch wirkende Frau in das Gespräch ein, während sie langsam näher kam, „Ich bin Jora aus dem Volk der Norn … Sucht Ihr die euren?“
Shikon No Yosei nickte und sagte freundlich: „Ja. Könnt Ihr uns sagen, wo wir sie finden, Jora?“
„Die Menschen leben nicht weit von hier in einer Siedlung. Der Nordwind wird Euch führen …“, antwortete die Norn geheimnisvoll.
Die Vierergruppe erreichte ein gewaltiges, glänzendes Bauwerk, das nicht von Menschenhand erbaut zu sein schien. Mehrere Adlerköpfe dienten als Verzierung. Als sie darauf zugehen wollten, wurden sie allerdings plötzlich angegriffen.
Eine Mesmer erschien mit einer Eskorte und verlangte: „Keine Bewegung! Was wollt ihr hier?“
„Wir suchen eine sichere Zuflucht.“, antwortete Shikon No Yosei prompt.
Die junge Frau musterte sie und meinte: „Davon gibt es im Norden nicht viele. Das ist das Auge des Nordens; die Ebon-Vorhut schützt es. Aber viele Kameraden sind unterwegs. Ihr könnt hier bleiben, wenn ihr wollt … Ich bin Hauptmann Langmar´s Stellvertreterin. Mein Name ist Gwen.“
„Ich danke Euch.“, erwiderte Canthanerin mit einer leichten Verbeugung, „Wenn ich Euch meine Begleiter vorstellen darf … Der Zwerg Odgen, der Asura Vekk, der Assassine Ohtah Ryutaiyo und ich bin Shikon No Yosei, Elementarmagierin.“
Gwen führte die Besucher in einen weiten, verspiegelten Saal, in dessen Mitte eine Versenkung mit Wasser eingebaut war.
„Sieht aus wie ein Spähbecken.“, bemerkte Vekk fasziniert.
Die Mesmer nickte und erzählte: „Ja, es ist magisch … Wir können es jedoch nicht aktivieren.“
Ohtah Ryutaiyo legte seiner Geliebten eine Hand auf die Schulter, sah sie auffordern an.
Mit einem leisen Seufzer willigte sie ein: „In Ordnung. Ich versuche es …“
Shikon No Yosei kniete vor dem Becken nieder und murmelte: „Im Namen der vier Elemente … höre meinen Ruf, offenbare dein Geheimnis … und gib dich mir preis …“
Die Wasseroberfläche begann zu leuchten und zeigte das Bild eines wütenden Zerstörers.
„Was … was ist das?“, rief Gwen geschockt.
Der Assassine blickte finster drein, als er erklärte: „Ein Zerstörer. Wir sind ihnen nur knapp entkommen.“
„Und jetzt sind sie auf dem Weg hierher?“, fragte sie verwirrt zurück.
Odgen gab einen knurrenden Laut von sich und sagte: „Die Zerstörer kommen aus den Tiefen von Tyria … Wir brauchen mehr Verbündete! Helft mir, die Norn für diesen Kampf zu gewinnen!“
„Nein, nein.“, widersprach Vekk, während er wild den Kopf schüttelte, „Erstens wissen wir nicht, wie viel vom Portalnetz schon verloren ist. Und zweitens könnte uns das Wissen meines Volkes von Nutzen sein. Wir sollten Verbindung mit ihnen aufnehmen.“
„Beides falsch. Die Ebon-Vorhut braucht dringender Hilfe.“, unterbrach Gwen die aufkommende Diskussion, „Eine große Gruppe unter Hauptmann Langmar unternahm einen Ausfall ins Charr-Gebiet … Sie sind seit Wochen nicht zurück. Und ich befürchte schon das schlimmste. Ich … ich habe das Gefühl Euch vertrauen zu können, Shikon No Yosei. Deshalb bitte … bitte, helft mir meine Kameraden zu finden! Dann wird die Ebon-Vorhut Euch ebenfalls unterstützen.“
„Entscheidet Ihr.“, bestimmte Vekk und sah die Elementarmagierin entschlossen an.
Hilflos wandte sie sich an Ohtah Ryutaiyo, doch der entgegnete: „Du weißt, ich folge überallhin.“
„Gut … ich habe entschieden. Die Zerstörer müssen um jeden Preis aufgehalten werden … und so wie es aussieht, wurde wohl uns diese Aufgabe zuteil. Wenn wir der Ebon-Vorhut helfen, stehen uns am Ende mehr Verbündete zur Verfügung.“, sagte Shikon No Yosei entschlossen, „Gwen, führt uns ins Charr-Gebiet … Lasst uns hoffen, dass es nicht so enden wird wie in Ascalon.“
„Ascalon? Ihr kennt meine Heimat?“, platzte es Gwen überrascht heraus.
Die Elementarmagierin sah sie ebenso perplex an und sagte: „Ein alter Freund hat mir einmal davon erzählt. Ich werde Euch auf dem Weg alles erzählen …“
Die Suche nach der Ebon-Vorhut
Vekk kannte praktischerweise ein Portal, das in die Nähe der Charr-Heimat führte. Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Gwen, Odgen und Vekk schwärmten aus, untersuchten die Gegend. Der kleine Asura fand mit seiner feinen Nase schließlich die Spur vieler Menschen, welche zu einem verkohlten Schlachtfeld führte. Der Gestank der verbrannten Leichen raubte der Elementarmagierin den Atem, Übelkeit stieg in ihr auf.
Gwen stiegen die Tränen in die Augen, sie kniete neben einem eisernen Helm nieder und schluchzte: „Das ist Hauptmann Langmar´s Helm. Die Ebon-Vorhut fiel hier … Diese verdammten Wilden! Sie haben mir wirklich alles genommen … Meine Eltern, meine Heimat, meine Freiheit. Und nun auch noch die Ebon-Vorhut … meine Kameraden, meine Freunde.“
„>Genommen< könnte richtig sein.“, bemerkte Vekk spitzfindig, „Es gibt nicht genug Leichen.“
Shikon No Yosei sah sich um und bestätigte: „Stimmt, Vekk. Das sind nur eine handvoll Leichen. Wie viele Leute hatte Hauptmann Langmar dabei?“
Die Mesmer drehte sich zu ihnen um und meinte: „Etwa vierzig Männer und Frauen. Lieber tot als von den Charr gefangen! Das sollen diese Tiere büßen! Wir müssen ihnen hinterher!“
„Ihr habt Glück.“, erwiderte der Assassine und fuhr mit den Fingern über den Boden, „Auch wenn ich mich mit diesen Charr nicht auskenne … hier wurden Gefangene entlang geschleift.“
Auf dem Pfad durch die grüne Landschaft begegneten sie einzelnen Spähern, die sie geradewegs zum schwer befestigten Lager der Charr führten.
Shikon No Yosei sondierte das Kampfgebiet und flüsterte: „Ohtah, wir haben gegen diese Überzahl keine Chance. Es gibt nur eine Möglichkeit … Du musst sie mithilfe deiner Schattenverschmelzung in kleinen Gruppen herauslocken. Gwen, Vekk, Odgen und ich verstecken uns hinter einem der Hügel und greifen aus dem Hinterhalt heraus an.“
Gesagt, getan. Doch die Unsichtbarkeit, die Ohtah Ryutaiyo durch die Schattenverschmelzung erlangte, endete viel früher als gewöhnlich. Die Charr nahmen ihn prompt ins Visier. Jeder noch verbliebene Gegner ging zum Angriff über. Die Elementarmagierin spürte im ersten Moment nur die lähmende Angst um ihren Liebsten. Im zweiten Moment unbändige Wut auf die Charr. Sie sprang hinter dem Hügel hervor und stellte sich schützend vor den Assassinen.
„Verschwinde, Shiko! Sonst werden sie auch dich töten!“, schrie Ohtah Ryutaiyo sie an – in seiner Stimme konnte man ebenso große Furcht wahrnahmen.
Aber wie nicht anders zu erwarten gewesen war, ging Shikon No Yosei nicht auf seine Forderung ein, sondern entgegnete: „Nein. Wenn wir sterben … dann sterben wir gemeinsam. Ich lass´ dich nicht alleine gehen, niemals!“
Der ehemalige Am Fah stockte, starrte mit leeren Augen vor sich hin. Ihre Worte versetzten ihn nach Elona zurück, als Shikon No Yosei unter dem Einfluss Abaddon´s gestanden hatte. Wenn er darüber nachdachte, dass dieser Augenblick, in dem er bereit gewesen war, sie umzubringen und ihr zu folgen, erst wenige Wochen zurücklag, lief es ihm eiskalt den Rücken runter …
Derweil konzentrierte besagte junge Frau ihre Magie. Nicht wie gewöhnlich ihre übliche Kraft; sie griff nach ihrer wahren Macht. Das Licht strömte aus ihrem Körper, drang in die der Charr ein und löschte ihre Existenz vollständig aus. Erschöpft schwankte Shikon No Yosei zur Seite, was Ohtah Ryutaiyo aus seiner Erinnerung riss und er sie so rechtzeitig festhalten konnte, bevor sie Bekanntschaft mit dem Boden machte.
Nachdem sich Shikon No Yosei wieder einigermaßen erholt hatte, durchsuchten sie das Lager. Doch keine Spur der Ebon-Vorhut. Gwen dagegen fand einen gefangenen Charr und schleuderte ihm ihre Mesmer-Energie entgegen.
Ohtah Ryutaiyo packte sie am Handgelenk und fragte: „Gwen, was tut Ihr da?“
„Meine Arbeit – ich töte Charr.“, antwortete sie gereizt.
Der Charr keuchte und murmelte: „Tapfere, kleine Maus … schließ´ die Tür auf, wenn du wirklich mutig seid.“
Der Assassine hielt sie weiterhin fest, während Shikon No Yosei sich an den Charr wandte: „Wer seid Ihr? Warum seid Ihr hier eingesperrt? Redet … oder ich lass´ sie die Sache beenden.“
„Tötet mich und ihr seht eure Freunde nie wieder.“, erklärte der Charr und richtete sich auf, „Ich bin Brandor Grimmflamm … Die toten Charr waren nicht meine Freunde. Sie haben meinen Trupp und eure Soldaten gefangen genommen. Beide sollen sterben.“
Die Elementarmagierin dachte an ihr Gespräch mit Bruder Mhenlo über die Charr Ascalon´s zurück und fragte: „Gehörten die Charr hier zur Schamanenkaste?“
„Da ist jemand gut informiert …“, erwiderte Brandor, „Mein Trupp widersprach den Schamanen, die uns zur Anbetung falscher Götter führen wollen. Dafür sollen sie gemeinsam mit euren Leuten geopfert werden … Ich brauche euch, um meine Leute zu retten. Ihr braucht mich, um eure zu finden.“
Mit durchdringendem Blick sah Shikon No Yosei ihn an und erklärte: „Ist gut. Ohtah, hol´ ihn da raus … Die Abmachung gilt, Charr, doch ich hab Euch im Auge.“
So führte Brandor Grimmflamm seine neuen Zwangsverbündeten zu einem großen Tor, das in nördlicher Richtung lag und zu einem unterirdischen Bau führte.
„Dies ist der Eingang zum Tempel der Verdammten … zur Kathedrale der Flammen.“, erklärte Brandor und erhob seine Stimme, „Gron! Bonwor! Zeigt eure räudigen Pelze!“
Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich zwei Charr vor ihnen auf und einer der Charr sagte teils ungläubig, teils erfreut: „Brandor, du solltest tot sein!“
„So wollte es der Hierophant … es gelang nicht!“, antwortete er und grinste breit.
Ohtah Ryutaiyo musterte die drei Charr und fragte: „Ist das Euer Trupp, Brandor?“
„Ich bin Gron Grimmklaue. Das ist Bronwor Grimmklinge.“, ergriff der fremde Charr wieder das Wort, „Sied, Mähn, Umber haben ebenfalls überlebt. Die Schamanen haben sie runter gebracht.“
„Wir müssen ihnen hinterher.“, entschied Brandor und wandte sich an die hübsche Elementarmagierin, „Vorerst müsst Ihr mir also noch vertrauen … Wir schaffen es nur gemeinsam!“
In der unterirdische Kathedrale der Flammen folgten sie der Spur eines Charr-Trupps und entdeckten einen gefangenen Charr. Brandor zufolge war es Sied Grimmwalt. Als die Wachen die Eindringlinge bemerkten, gingen sie direkt zum Angriff über. Jedoch nicht sehr erfolgreich. Ohtah Ryutaiyo entwendete dem Gefängniswächter via Schattenschritt blitzschnell den Schlüssel zur Zelle und tötete ihn mit einem einzigen präzisen Dolchstoß. Shikon No Yosei jubelte begeistert. Egal wie oft sie ihn auch kämpfen sah, er ließ ihr Herz immer wieder erneut schneller schlagen.
„Du bist sehr schnell … für einen Menschen.“, bemerkte Sied anerkennend, „Mähn und Umber werden weiter unten festgehalten, Brandor.“
Ein Portal brachte sie tiefer in die Kathedrale hinein und mit einem Mal wurde es kälter.
„Sagtet Ihr nicht, dies sei die Kathedrale der Flammen?“, maulte Gwen mürrisch.
Vekk deutete auf ein Gefängnis aus Eis und antwortete: „Sie haben Energie gefroren … Sehr beeindruckend, das muss selbst ich als Asura zugeben.“
Kaum ausgesprochen entdeckten sie noch einen von Brandor´s Brüdern, Mähn Grimmzunge. Und auch dieses Mal besorgte Ohtah Ryutaiyo den Schlüssel zur Freiheit des Charr. Doch da Mähn von auffallend mehr Gegnern bewacht wurde, unterstützten die anderen ihn tatkräftig. Selbst Brandor als Waldläufer und Sied als Ritualist schalteten sich in den Kampf ein.
Mähn bedankte sich und erklärte: „Sie wollten aus meiner Hinrichtung ein Spektakel machen. Das ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum ich nicht schon längst tot bin. Die Wächter meinten, Umber sei bei den brennenden Bäumen.“
Nachdem sie ein weiteres Portal durchschritten hatten, waren sie von Bäumen umringt, deren Kronen wirklich in Flammen standen. Es war unerträglich heiß und die Sicht vor ihren Augen verschwommen. Ganz in der Nähe wurde ein Charr mit strahlend weißem Fell von mehreren bösartig wirkenden Charr umringt – Umber Grimmherz. Gemeinsam entschieden die Verbündeten diese Rettungsmission zügig hinter sich zu bringen und Brandor´s Trupp somit wieder zu vereinen.
Brandor stellte sich Shikon No Yosei gegenüber und sagte anerkennend: „Ihr habt meinen Trupp befreit … Die Abmachung gilt – ich halte sie ein.“
„Die Charr kennen also Ehre … Im Ernst, Brandor, ich habe nicht daran gezweifelt.“, erwiderte sie lächelnd, „Wo wird die Ebon-Vorhut gefangen gehalten?“
Der Charr sah sie ernst an und antwortete: „Im Süden … im Sacnoth-Tal. Dort liegt die Festung des Hierophanten. Das wird ein hartes Stück Arbeit. Selbst mit der Hilfe meiner Brüder.“
Mit diesem neuen Ziel vor Augen, verließen sie die Kathedrale der Flammen so schnell, wie nur irgendwie möglich. Es war wahrlich kein Ort, an dem sie länger als nötig verweilen wollten.
Die Verbündeten versammelten sich auf einer Klippe, von der aus man die Festung gut in Augenschein nehmen konnte.
„Das ist sie … die Festung des Hierophanten Brandseele. Er ist der amtierende Anführer der Schamanenkaste.“, erklärte Brandor grimmig, „Ganz im Westen stehen Wachtürme und sichern den Weg durch die Hintertür. Dann ist da noch das Haupttor – schwer befestigt, mit Wehr-Verschlingern davor. Eure Leute befinden sich mit Sicherheit im Zentrum der Festung.“
Ohtah Ryutaiyo sah auf die Festung hinab und wollte abschätzend wissen: „Wie kommen wir rein?“
„Haupttor.“, knurrte der Charr, „Die Wehr-Verschlinger sind gut um Leute abzuschrecken, schlecht für die Verteidigung. Mein Trupp wird sich um sie kümmern.“
Gwen entwich ein skeptischer Laut und sie fragte herausfordernd: „Und wer garantiert uns, dass Ihr uns nicht an diesen Hierophanten ausliefert?“
„Du verstehst uns wirklich nicht, was? Du weißt absolut nichts über mein Volk!“, antwortete Brandor.
Sie verengte ihre Augen zu Schlitzen und zischte: „Ich verstehe genug … Ihr seid Tiere. Wilde Tiere. Ich werde auf Euren Gräbern tanzen!“
Mit einem letzten mörderischen Blick auf Brandor zog sich Gwen vom Hügel zurück. Sie hatte genug von seiner Anwesenheit.
„Furcht zersetzt ihr Herz.“, flüsterte er, „Sie war Gefangene der Charr. Doch jetzt halten ihre Ängste sie gefangen … Bis sie die überwindet, nutzt sie keinem von uns.“
Shikon No Yosei nickt leicht und rief dann wieder ernst: „Es ist Zeit! Retten wir die Ebon-Vorhut!“
Während sich Brandor´s Trupp um die Bedienung der Wehr-Verschlinger kümmerte, drangen Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Gwen, Vekk, Odgen und Brandor mit einem Sturmangriff in das Innere der Festung ein. Die gegnerischen Charr zogen sich in einer Linie zusammen. Die folgenden Ereignisse waren kein einfacher Kampf mehr, sondern ein einziges Gemetzel, an dem besonders die Mesmer, der Assassine und Brandor voranging beteiligt waren. Derweil entdeckte die Elementarmagierin, dass Gwen´s Leute wirklich im Zentrum, in einer Art Grube festgehalten wurden. Und als der Hierophant schließlich akzeptierte, dass seine Charr keine Chance gegen diese geballte Entschlossenheit hatten, ließ er eine handvoll Zerstörer auf sie los. Doch anstatt gegen Shikon No Yosei und die anderen zu kämpfen, wanden sie sich den Charr zu und schlachteten diese brutal ab.
„Das ist unsere Chance!“, schrie Shikon No Yosei.
Ein Frontalangriff auf die geringe Zahl der Zerstörern, führte der jungen Canthanerin vor Augen, mit was für einem Gegner sie es zu tun hatten. Die Zerstörer waren immun gegen ihre Feuerangriffe, was sie nicht wirklich überraschte. In Elona hatte der Meister der Gerüchte ihr vor dem Kampf gegen die Dürre erklärt, dass sie sich immer auf die Schwächen der einzelnen Wesen konzentrieren sollte. Und wie sich herausstellte, konnten die Zerstörer ihre Wassermagie ganz und gar nicht ausstehen. Trotzdem gehörten sie zu den stärksten Gegnern, mit denen sie es jemals zu tun gehabt hatte. Ohtah Ryutaiyo tötete den letzten Zerstörer und Gwen zerstörte das Tor, hinter dem ihre Kameraden gefangen waren. Erleichtert ließ Shikon No Yosei ihre magische Energie fallen.
Sie ging zu Brandor und sagte dankbar: „Ohne Euch und Euren Trupp hätten wir die Ebon-Vorhut nicht befreien können.“
„Mag sein …“, erwiderte Brandor und warf einen Blick zu seinen Brüdern, „Den Charr steht eine schwere Zeit bevor. Auch wenn ihr Anführer tot ist … Kampflos verschwinden die Schamanen nicht. Vielleicht kehre ich zurück, doch vorerst kämpfe ich weiter an deiner Seite.“
Lächelnd antwortete die Elementarmagierin: „Das freut mich. Das freut mich wirklich, Brandor … Wir können Eure Kraft und Euer Wissen sicher brauchen.“
Gwen unterbrach das Gespräch mit ihrem Auftauchen, das Brandor mit einer hochgezogenen Augenbraue kommentierte.
„Eine gute Tat kann Eurer Volk nicht retten, Mörder!“, fauchte sie wütend, „Eins sollt Ihr wissen … Ich mag Euch nicht. Ich verzeihe Euch nicht. Vor allem fürchte ich Euch nicht. Ich hasse Euch – das ist ein Unterschied!“
Nach ihrer Rückkehr ins Auge des Nordens setzte sich Odgen mit Hauptmann Langmar zusammen und besprach mit ihr die Vorgehensweise im Krieg gegen die Zerstörer. Die Ebon-Vorhut wollte sich nicht nur für die Hilfe bedanken, sondern auch ihre toten Kameraden rächen. Währenddessen hielten sich Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo in der verspiegelten Halle mit dem Spähbecken auf.
„Ich frage mich, ob sich Kaiser Kisu wohl um uns sorgt …“, fragte sie in die Stille hinein.
Der Assassine zog sie näher an sich und antwortete: „Ja, wir sind schließlich einfach verschwunden. Aber denk´ daran, was er zu uns vor unserer Abreise gesagt hat … >Dann tut, was Ihr tun müsst, um Cantha zu beschützen.<“
„Und für die Sicherheit Cantha´s müssen wir hier aktiv werden. Wenn wir warten, bis die Zerstörer unser Land angreifen, ist es zu spät.“, erwiderte die Elementarmagierin.
Er streichelte über ihren Arm und sagte: „Wir können die anderen auch nicht einfach im Stich lassen … So wie sie uns brauchen, brauchen wir sie. Es ist beinahe wie im Kampf gegen Shiro. Allein können wir nicht gegen diese Armee bestehen … In dieser Hinsicht sind sogar wir machtlos.“
„Mit der Unterstützung der Ebon-Vorhut haben eine solide Grundlage. Als nächstes stehen die Norn auf unserer Liste … und anschließend die Asura. Wir müssen es schaffen, sie alle von unserem Vorhaben zu überzeugen …“, meinte Shikon No Yosei und lachte prustend, „Anderseits haben wir es auch geschafft, dass Gwen weiterhin Brandor´s Gegenwart erträgt.“
Ohtah Ryutaiyo wandte seinen Blick ab und wollte leise wissen: „Du magst diesen Charr wohl sehr?“
„Während der Überfahrt nach Tyria habe ich mich lange mit Bruder Mhenlo über die Zerstörung seiner Heimat unterhalten. Er hat die Charr als blutrünstige Wesen beschrieben … Brandor ist anders. Er ist seinem Trupp ein guter Anführer. Dafür bewundere ich ihn … nicht mehr und nicht weniger.“, antwortete Shikon No Yosei ehrlich, „Wir können froh sein, dass er uns zur Seite steht.“
Lächelnd drehte sie sich zu ihrem Geliebten um und küsste ihn. Ohtah Ryutaiyo ließ alle Anspannung fallen, erwiderte den Kuss und legte seine Hände auf ihre Taille. Seine aufkeimende Eifersucht war vergessen.
Fluch und Ehre der Norn
Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Vekk, Odgen, Gwen und Brandor ließen das Augen des Nordens erneut hinter sich. Ihr Ziel war die große Nornfestung, die einige Stunden entfernt lag. Die Elementarmagierin fragte sich, ob sie Jora dort wiedersehen würden. Auf ihrem Weg wurden sie von einer scheußlichen Bestie angegriffen. Sie ähnelte einem großen Bären, hatte weißes Fell, stahlblaue Augen und spitze Eiszapfen im Rücken stecken. Doch bevor die Verbündeten angreifen konnten, floh sie.
„Ich grüße dich, Shikon No Yosei. Und euch, die ihr sie begleitet.“, sagte Jora und trat näher, „Ich muss mit euch sprechen. Über dieses Ungetüm … gegen das ihr gekämpft habt.“
Mit überraschtem Blick meinte Shikon No Yosei: „Wer oder was ist dieses Wesen, Jora? Ihr scheint einiges darüber zu wissen. Das sehe ich an Eurem Blick …“
„Du hast recht … Ich weiß nur zu viel, fürchte ich.“, antwortete die Norn seufzend, „Ich will euch meine Geschichte erzählen … Mein Bruder und ich waren beide Jäger. Eines Tages verfolgten wir Beute am Drakkar-See, den unser Volk sonst meidet. Dort fanden wir etwas … Etwas lag in der Luft. Etwas altes … sehr alt und mächtig. Ich weiß nicht, was uns damals berührte, aber seine Kraft verzerrte uns fast. Ich widerstand der Macht und wurde verflucht. Das Wilde entfloh mir – ich kann nicht mehr zur Bärin werden … Mein Bruder griff nach der Macht und zerbrach. Er wurde verwandelt. Gegen ihn … gegen den Nornbären … habt ihr gekämpft. Jetzt überfällt Svanir unsere Siedlungen. Er weicht mir aus, doch ich folge ihm … Ich wusste nicht mehr weiter und bat die Große Bärin um Rat. Sie will, dass ihr mir helft.“
„Wir sollen helfen, Euren Bruder zu finden?“, schaltete sich Ohtah Ryutaiyo in das Gespräch ein.
Doch Jora widersprach ihm: „Nein. Ihr sollt mir helfen, ihn zu töten!“
Nach ihrer Zustimmung erzählte Jora ihnen vom Schrein des Wolfsgeistes, zu dem sie die kleine Gruppe führte, um den Segen des Geistes der Wildnis zu erbitten.
Die Norn kniete davor nieder und sprach: „Großer Wolfsgeist … wir bitten dich um Hilfe. Wir müssen gegen den Nornbären kämpfen … Bitte, zeige uns, wo er sich befindet.“
Nach einer Weile stieg ein strahlendes, blaues Licht empor und wies Richtung Nordwesten. Jora erhob sich und gemeinsam folgten sie dem Licht.
„Zeige dich, Svanir! Stelle dich mir zum Kampf … Oder hast du Angst vor deiner eigenen Schwester?“, rief Jora lauthals.
Ein fürchterlicher Laut erfüllte die schneebedeckte Lichtung und wenige Meter vor ihnen erschien ihr Bruder in Gestalt des Nornbären. Er knurrte, seine stahlblauen Augen funkelten. Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo eilten an Jora´s Seite, um ihr beizustehen. Vekk, Odgen, Brandor und Gwen reagierten ebenfalls und eröffneten den Kampf. Jora zog ihr goldenes Schwert und wehrte damit die Prankenhiebe des Nornbären ab. Der Assassine ließ seine Dolche ausnahmsweise einmal in ihren Halftern und warf nur seine Pfeile, die mit einem lähmenden Gift ausgestattet waren – er war inzwischen ein wahrer Meister vom Mischen der verschiedenen Substanzen. Als das Gift dann zu wirken begann, sank der Nornbär kraftlos in sich zusammen. Knurrend kauerte er am Boden.
„Ich muss es beenden …“, entschied Jora und sah ihren Gegner durchdringend an, „Du bist immer noch mein Bruder, Svanir. Es ist meine Verantwortung … Verzeih´ mir!“
Mit einem lauten Kampfschrei rammte sie ihm das Schwert in die Brust und damit genau in sein Herz, das augenblicklich aufhörte zu schlagen.
Leise flüsterte Shikon No Yosei: „Jora … Ihr habt mein Mitgefühl.“
„Es konnte nur auf diese Weise enden.“, sagte die Norn, deren Körper von der geisterhaften Form eines Bären umgeben war, „Der Fluch ist gebrochen … für mich und Svanir, glaube ich. Ihr habt mir geholfen, ich werde euch helfen.“
Odgen nickte: „Wir müssen die Norn zum Kampf gegen die Zerstörer zusammenrufen!“
„Mein Wort habt wenig Gewicht, fürchte ich. Das Blut meines Bruders klebt an mir. Aber … Olaf, der Siebte aus Olaf´s Linie genießt viel Ansehen.“, erklärte Jora, „Ich jedoch muss Egil aufsuchen, der bei den Flammen erzählt, und den Namen meiner Sippe reinwaschen. Er war ein alter Freund meines Vaters … Er kann mir sagen, was ich tun muss, um meine Ehre wiederherzustellen.“
Shikon No Yosei berührte ihren Arm und entgegnete: „Ihr seid nicht allein. Wir helfen Euch mit Eurer Last. Wir stehen Euch zur Seite.“
„Ich danke dir … Ihr habt den Geist eines Norn, Shikon No Yosei. Unsere Freundschaft macht mich stolz.“, erwiderte Jora lächelnd.
Sie lächelte ebenfalls und meinte: „Meine Freunde nennen mich >Shiko<.“
Der Deldrimor war schlechter Laune, weil Shikon No Yosei entschieden hatte, zunächst zu Egil zu gehen, bevor sie mit Olaf sprachen. Jora ignorierte seine gemurmelten Wiederworte und führte ihre Verbündeten schweigsam nach Egils Heim.
„Egil … es freut mich, dich wiederzusehen.“, begrüßte sie ihren Bekannten und umarmte ihn, „Ich muss erneut mit der Großen Bärin in Kontakt treten … Der Fluch ist gebrochen. Ich will den Namen meiner Sippe reinwaschen. Hilfst du mir dabei?“
Der ältere Norn lächelte herzlich, dann antwortete er: „Natürlich, meine Kleine. Es tut mir Leid um deinen Bruder … Aber es ist schön, dich von diesem schrecklichen Fluch befreit zu sehen. Folgt mir zum Schrein.“
Der Norn lief voraus, während Shikon No Yosei zu Jora ging und fragte: „Jora, kannst du mir erklären, was es mit der Großen Bären, dem Wolfsgeist und dem Rabengeist auf sich hat?“
„Es freut mich, dass du dich für die Gebräuche meines Volkes interessiert. Anders als die Menschen beten wir nicht die Sechs Götter an, sondern die Geister der Wildnis. Die Große Bärin verleiht uns Stärke … Der Wolfsgeist steht für unsere Ausdauer … Der Rabengeist schenkt uns Weisheit …“, erklärte Jora, „Es gibt auch Norn, die sich einem von ihnen besonders verschrieben haben. Egil und ich gehören ebenfalls dazu – wir habe der Großen Bärin unsere ewige Treue geschworen. Ach, und Olaf fühlt sich am meisten mit dem Geist des Raben verbunden. Sein treuster Begleiter ist sogar ein Rabe.“
Die Elementarmagierin nickte interessiert und meinte: „Ich glaube, ich kann die Denkweisen der verschiedenen Völker inzwischen etwas nachvollziehen.“
„Das Gefühl habe ich auch.“, stimmte Jora lächelnd zu, während sie zügig vorankamen.
Der Schrein der Großen Bärin bestand aus einem kreisrunden Feld, das mit zahlreichen Ornamenten geschmückt war. Inmitten dieses Feldes brannte eine Flamme. Es war keine gewöhnliche Flamme, die Magie war deutlich spürbar. Die sieben Verbündeten und Egil knieten zeremoniell nieder.
Der Norn machte eine weit ausholende Handbewegung und sprach: „Ich bitte die Bärin um Segen. Ich bitte die Bärin um Mut. Ich bitte die Bärin um Stärke. Nenne der Bärin deinen Namen und dein Anliegen …“
„Ich bin Jora aus dem Geschlechte Björn´s.“, erwiderte Jora, „Mein Bruder Svanir irrte sich schwer. Ich will dein Namen meiner Sippe reinwaschen.“
Mit geschlossenen Augen erklärte Egil: „Der Name deiner Sippe gilt wieder, wenn du deren Heimstätte zurückgewinnst. Wasche deine Sünden rein … Blut wäscht Blut.“
„Blut wäscht Blut.“, bestätigte Jora nickend.
Er öffnete seine Augen wieder und riet ihr: „Geh´ auf der Spur der Großen Bärin … Nimm ihr Geschenk an … Du weißt, was du zu tun hast. Blut wäscht Blut.“
„Blut wäscht Blut.“, wiederholte Jora abermals, „Ich verstehe … Hab´ Dank, Egil.“
Ohtah Ryutaiyo sah verständnislos drein und fragte: „Ihr versteht? Könntet Ihr uns einweihen?“
„Blut wäscht Blut.“, sagte sie zum dritten Mal und zeigte zum Horizont, „Der Name meiner Sippe wird rein, wenn ich ihr Land zurückerobere … Dieses Land liegt im Osten und wurde von Charr eingenommen. Sie müssen sterben!“
„Charr töten? Wir sind dabei!“, rief Gwen sofort erfreut.
Das Land von Jora´s Familie war weitläufig, flach und strahlend weiß. Es wäre ein sehr idyllischer Ort gewesen, wären die Charr nicht gewesen. Erbarmungslos griffen Jora und ihre Freunde an. Der Schnee färbte sich rot, schmolz durch die Wärme des Blutes. Nun verstand Shikon No Yosei warum Egil dieses Ritual als »Blut wäscht Blut« bezeichnet hatte. Doch plötzlich schrie die schöne Elementarmagierin erschrocken auf. Ohtah Ryutaiyo wirbelte herum und sah mit Schrecken, wie seine Geliebte am Boden lag. Ein Charr hielt drohend seine Axt über ihren Körper. Via Schattenschritt rannte er zu ihr und stieß den Charr zur Seite, dabei warf er zusätzlich einen seiner tödlichen Giftpfeile, der mitten ins Herz des Feindes traf.
Erleichterte warf sich Shikon No Yosei in seine Arme und sagte: „Du hast mich gerettet, mein Held!“
„Und du hast meinem Leben einen Sinn gegeben …“, flüsterte der Assassine, bevor er ihr einen flüchtigen Kuss gab und in den Kampf zurückkehrte.
Nachdem die Schlacht beendet war, rief sogleich Gwen erfreut: „Das fühlte sich gut an!“
Der Schnee war inzwischen zu einem roten, kalten Fluss geworden, dessen Anblick Shikon No Yosei einen Schauer über den Rücken jagte. Sie tötete niemals leichtfertig oder gar mit Freude – jedes einzelne Leben, welches sie auslöschte, versetzte ihrem Herzen einen kleinen Stich und geschah einzig im Namen ihrer Mission als Verteidigerin von Cantha. Sie mochte die Mesmer, aber sie konnte ihre Begeisterung einfach nicht nachvollziehen.
Die schöne Shing Jea räusperte sich leise, ging zu Jora und wollte mitfühlend wissen: „Alles in Ordnung bei dir?“
„Ja.“, antwortete sie und legte eine Hand über ihr Herz, „Ich spüre es … Die Große Bärin ist zufrieden mit unserem Werk … Ich halte mein Wort.“
Odgen sah sie argwöhnisch an und fragte: „Und was ist mit den anderen Norn?“
„Das entscheidet jeder für sich selbst.“, meinte Jora nüchtern.
Er ballte die Hände zu Fäusten und rief beinahe wütend: „Versteht Ihr nicht? Wir haben nicht die Zeit, um eine Armee Norn für Norn aufzustellen!“
„Norn brauchen keine Armeen. Wir kämpfen allein, wie jeder wahre Krieger. Das Übereinkommen für diesen Kampf bestand nur auf Wunsch der Großen Bärin.“, erwiderte die Norn, „Ich rede mit meinen Landsleuten … Aber ob sie helfen, ist ihre Entscheidung … nicht meine. Norn sind einfach nicht wie Zwerge, Menschen oder gar Asura.“
Odgen ging davon, während er murmelte: „Der Große Zwerg steh´ mir bei!“
Shikon No Yosei sah ihm nach und erklärte: „Weißt du, er ist nur besorgt um sein Volk … Doch ich glaube, ich verstehe, was du meinst.“
„Und deswegen führst du, Shiko.“, stimmte Jora mit einem stolzen Lächeln zu.
Olafsheim lag in einem tief verschneiten Gebiet. Der wütende Schneesturm war daher nicht gerade förderlich für ein schnelles Weiterkommen. Selbst Shikon No Yosei konnte nicht viel ausrichten, da der beißende Wind und der kalte Schnee ihre Konzentration behinderten. Als der Sturm schließlich nachließ, fanden sie sich auf einer weiten Lichtung wieder. Ein gewaltiger, leicht bekleideter Norn mit einer Axt stellte sich ihnen in den Weg. Doch bevor sie sich ihm auch nur annähernd vorstellen konnten, wobei er Jora mit einem anerkennenden Nicken bedachte, wurde die Gruppe von einer Horde Zerstörer angegriffen. Durch die vereinten Kräfte gewannen sie den Kampf verhältnismäßig schnell. Sowohl Shikon No Yosei, als auch Ohtah Ryutaiyo war aufgefallen, dass ihre Anzahl wesentlich größer war, als sie es bisher gewohnt gewesen waren.
„Was waren das für Dinger?“, fragte der Norn mürrisch.
Jora, die direkt neben den Canthanern stand, flüsterte ihr zu: „Das ist Olaf Olafson.“
Die Elementarmagierin nickte leicht und antwortete Olaf: „Man nennt sie Zerstörer. Wegen ihnen kamen wir zu Euch, Olaf. Wir wollten Euch vor dieser Gefahr warnen.“
„Das ist der Norden. Gefahren gehören hier zum täglichen Leben.“, erwiderte er grimmig.
Vekk schüttelte resigniert den Kopf: „Ich fürchte, das ist mehr als eine schlichte Gefahr. Ihre Zahl lässt mich annehmen, dass irgendwo ein aktives Portal ist – eines, das zur Zentralen Transferkammer führt, die von den Zerstören erobert wurde.“
„Pah! Wenn sie vor meiner Tür erscheinen, begrüße ich sie mit der Axt!“, entgegnete Olaf lachend.
Jora räusperte sich und erklärte: „Meine Freunde wollten sagen, die Zerstörer würden eine harte Jagd liefern.“
„Warum sagen sie das nicht gleich? Dann kommt. Auf zum Kampf gegen sie!“, rief Olaf begeistert.
Und schon ließ Olaf drei seiner stärksten Nornkrieger antreten. Sogar ein junges Mädchen war unter ihnen.
„Das ist meine Tochter Olrun Olafsdottir.“, meinte er auf ihren fragenden Blick hin.
Vekk unterbrach die kleine Vorstellung und führte die Gruppe in ein verzweigtes Tunnellabyrinth, welches nur so von Zerstörern wimmelte. Die Norn, die Menschen, der Zwerg, der Asura und der Charr kämpften Seite an Seite. Es war, wenn man von den Gegnern einmal absah, ein wunderschönes Bild der Zusammenarbeit verschiedenster Völker. Der Kampf war erbittert, doch dann blieb Olaf auf einmal stehen und richtete seinen Blick auf ein Tor.
„Hinter diesem Tor liegt ein Schrein des Rabengeistes … Wir müssen ihm huldigen, bevor wir weitergehen. Vielleicht steht er uns dann auch bei der Jagd auf die Zerstörer bei.“, meinte er.
Ohtah Ryutaiyo begleitete ihn. Der Schrein strahlte ein ruhiges, weißes Licht aus, vor dem die beiden Männer niederknieten.
„Ich, Olaf Olafson, ermesse mich zu dir zu sprechen …“, hallte seine Stimme durch den Raum, „Oh großer Geist des Raben erhöre mich. Schenke meinen Begleitern und mir deine Weisheit, um diese Jagd zu bestehen und erfolgreich abzuschließen …“
Das Licht verstärkte sich, erfüllte plötzlich nicht nur den Raum mit dem Schrein, sondern auch die Gänge, in denen ihre Verbündeten gegen die Zerstörer kämpften. Der Segen des Rabengeistes umgab sie. Es war Zeit die Jagd zu beenden, wie die Norn so schön sagten. Olaf und Ohtah Ryutaiyo rannten im Eiltempo hinaus und mischten sich wieder in den Kampf ein, der sie langsam den Tunnel entlang führte. Am Ende des Weges leuchtete eine kreisrunde Öffnung, die nicht nur Odgen und Vekk bekannt vorkam – es war ein aktives Portal.
„Das ist das Portal zur Zentralen Transferkammer!“, sagte der Asura aufgeregt, „Wir müssen es verschließen, sonst wird der Strom an Zerstörern nie abreißen! Los jetzt! Beeilung, Beeilung!“
Der Assassine stellte sich schützend vor Shikon No Yosei. Sie schloss die Augen. Als sie ihre Arme ausbreitete, befreite sie die konzentrierte Energie. Mit einem Knall, der Vekk´s Sprengung am Anfang ihrer Reise bei weitem übertönte, krachte das Portal in sich zusammen und begrub ein paar letzte Zerstörer unter sich. Alles, was von ihm zurückblieb, war schwarze Leere. Vekk war sichtlich beeindruckt von Shikon No Yosei´s Fähigkeiten. Und es war nun wahrlich nicht leicht einen Asura zu beeindrucken.
Kampfvorbereitungen
Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo saßen mit ihren Verbündeten zusammen, denen sich auch Olaf und seine Norn angeschlossen hatten, um einen Plan zu entwickeln den Kampf – Pardon, die Jagd fortzuführen.
Odgen sah sie einen nach dem anderen an und sagte: „Hauptmann Langmar hat und die Unterstützung der besten Männer und Frauen der Ebon-Vorhut zugesichert. Aber-“
„Ich weiß, worauf Ihr hinaus wollt, Odgen.“, unterbrach ihn die Elementarmagierin, „Wir müssen uns erst einmal zum Portal durchkämpfen, das uns zur Zentralen Transferkammer führt … Ich bin davon überzeugt, dass es nicht gerade spärlich bewacht sein wird.“
Ihr Geliebter nickte zustimmend: „Das bedeutet, wir müssen uns in zwei Gruppen aufteilen. Der größere Trupp wird die Spezialeinheit eskortieren, welche sich einzig um die Zerstörer in der Kammern wird.“
„So ist es …“, stimmte sie ihm zu, „Ich werde diese Spezialeinheit selbst anführen. An meiner Seite wünsche ich mir dich, Ohtah … hinzukommend Odgen, Vekk, Gwen, Brandor und Jora. Die restlichen Norn unterstützen bitte die Ebon-Vorhut.“
„Meine Tochter und ich werden diese Jagd sicher genießen!“, behauptete Olaf lachend.
Jora lächelte wissend und meinte: „Egil wird uns ebenfalls helfen. Er möchte euch danken, dass ihr mich von dem Fluch befreit habt.“
Brandor räusperte sich und erklärte: „Mein Trupp wird sich uns ebenfalls anschließen.“
Ohtah Ryutaiyo faltete die Hände, sein Blick wanderte umher.
„Was ist mit dir?“, wollte Shikon No Yosei verwirrt von ihm wissen.
Er sah sich an und entgegnete: „Wir haben zwar jetzt eine gute Strategie … Ich bezweifle jedoch, dass diese Anzahl an Kämpfern gegen die Streitmacht der Zerstörer ausreichen wird. Wir wissen nicht, wie zahlreich die Armee der Zerstörer wirklich ist und … ob sie sich nicht noch vermehren.“
Odgen stimmte ihm zu: „Da gebe ich Euch recht.“
„Ich kenne deinen König, kleiner Zwerg.“, meinte Olaf plötzlich und zog damit die Aufmerksamkeit aller Anwesender auf sich, „Ich kann ihm Nachricht schicken … Genügt das?“
Der Zwerg starrte ihn fassungslos an, während er atemlos hauchte: „Ja. Ja, das genügt.“
„Danke, Olaf. Und während Jalis Eisenhammer mit den Deldrimor anrückt, gehen wir zu den Asura.“, entschied die Canthanerin und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Vekk, „Was meint Ihr, Vekk, wie wird Euer Volk gegen die Zerstörer vorgehen wollen?“
Vekk kratzte sich am Hinterkopf, bevor er antwortete: „So wie ich sie kenne, werden sie Golems bauen wollen … Dafür müssen wir Ratsführer Mamp in Rata Sum aufsuchen.“
„Dann werden Ohtah, Vekk, Odgen und ich nach Rata Sum gehen.“, erklärte Shikon No Yosei entschieden, „Gwen, du kümmerst dich um die Aufstellung der Ebon-Vorhut. Brandor, Ihr zieht Euren Trupp zusammen und bereitet Euch entsprechend vor. Jora, Ihr empfangt die Norn, die sich uns möglicherweise noch anschließen, und wartet auf die Ankunft von König Jalis. Alle einverstanden?“
Die Anwesenden nickten. Olaf pfiff zweimal zwischen den Zähnen hindurch und streckte seinen rechten Arm aus, auf dem auch bald ein pechschwarzer Rabe mit klaren Augen landete. Der Norn band einen kleinen Zettel an seinem Bein fest und ließ ihn wieder fliegen. Damit waren die Vorbereitungen zum Kampf gegen die Zerstörer abgeschlossen. Die Menschen, die Norn und die Charr waren bereit, die Zwerge verständigt und die Asura bereits fest eingeplant. Die Konfrontation würde also nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Eigenheiten der Asura
Vekk führte Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Odgen durch ein Netz aus Portalen, das sie in seine Heimat brachte, die Grüne Kaskade. Als sie das letzte Portal verließen, platzen sie mitten in eine Versammlung der Asura, bei der lauthals und wild durcheinander diskutiert wurde.
„Typisch.“, flüsterte Vekk, „Bring´ drei Asura zusammen und ihr habt vier Meinungen.“
Ein alter Asura räusperte sich und erhob seine Stimme: „Hört her! Das reicht! Die dringendste Sorge sind die Zerstörer. Wir verbinden unsere Talente und versammeln die besten Köpfe … Oola ist am geschicktesten beim Bau einer mobilen Zauberplattform. Auch Gadd brauchen wir. Keiner von uns weiß mehr über die Speicherung mystischer Energie. Und, Vekk, Eure Arbeit mit Portalen prädestiniert Euch für die Ätherkuplungen.“
„Vergesst es, Mamp!“, entgegnete er störrisch, „Wenn Gadd mitmacht, dann ohne mich. Mit dem alten Kauz arbeite ich nicht! Nehmt eben Renk. Er ist fähig und hatte keine … Erlebnisse mit Gadd.“
Ratsführer Mamp seufzte, bevor er meinte: „In Ordnung. Wie Ihr wollt, Vekk. Wir brauchen Gadd, aber niemand weiß, wo er ist.“
„Ich weiß, wo er sich aufhält.“, erklang eine fremde, weibliche Stimme und eine schöne, junge Frau gesellte sich zu ihnen, „Mein Name ist Livia … Ich gehöre der Glänzenden Klinge an. Wir haben für ihn gearbeitet.“
Shikon No Yosei starrte sie im ersten Moment sprachlos an, dann riss sie sich jedoch zusammen und sagte: „Ihr seid von der Glänzenden Klinge? Wisst Ihr, wie es Evennia geht?“
„Es überrascht mich jemandem zu begegnen, der unsere Anführerin kennt … und der noch dazu nicht tyrianischen Blutes ist.“, antwortete die Nekromantin, „Es geht ihr den Umständen entsprechend. Auch ohne die Mursaat verschwindet der Weiße Mantel nicht.“
Die Elementarmagierin nickte und erwiderte: „Verstehe. Würdet Ihr uns bitte zu Gadd führen?“
Livia nickte ebenfalls. Shikon No Yosei lächelte und sah zu Ohtah Ryutaiyo, der sie allerdings gar nicht wahrzunehmen schien. Sein Blick klebe beinahe an der rot gekleideten Frau. Wütend drehte sie sich von ihm weg und verschränkte die Arme. Vekk bedachte das ganze mit einem fragenden Gesichtsausdruck.
„Gadd untersucht den einen ortsansässigen Blutstein. Wir haben ihm dabei geholfen, doch er ist noch nicht fertig. Die einzige Möglichkeit ihn für Euch zu gewinnen ist, Euch dieser Exkursion anzuschließen.“, erzählte Livia und führte sie zu seiner Forschungsstation.
Dort wurde sie sogleich von Gadd begrüßt: „Livia … es freut mich, dass Ihr zurück seid. Wie ich sehe, seit Ihr nicht allein. Wer sind diese Leute?“
„Meine Verstärkung. Sie werden uns bei der Suche nach dem Blutstein behilflich sein.“, antwortete Livia verführerisch, „Außerdem soll ich Euch eine Nachricht von Ratsführer Mamp überbringen. Er wünscht, dass Ihr Euch bei dem bevorstehenden Kampf beteiligt. Er braucht Euer Wissen.“
Gadd seufzte resigniert: „Gut, gut … wenn es denn sein muss. Aber zuvor will ich, dass meine Arbeit sauber erledigt wird. Und richtig. Und schnell. Ich sehr Euch an, Vekk … Hört Ihr zu? Ich will keine Missgeschicke. Und keine Wiederworte. Fragen? Nein … Dann los.“
„Hab´ ich es nicht gesagt? Er ist in richtiges Ekel.“, murrte Vekk leise.
Sie betraten eine unterirdische Höhle und Gadd erklärte ihnen, was zu tun war. Sie suchten nach drei gravierten Inschriften, die sie benötigten, um zum Blutstein zu gelangen. Sie kämpften sich tief in die unterirdische Höhle hinein. Der Blutstein, welcher viele hundert Meter unter der Erdoberfläche verborgen lag, wurde von widerlichen Monstern verteidigt, gegen die sie kämpfen mussten. Plötzlich wurden Livia und Shikon No Yosei aus dem Hinterhalt heraus angegriffen – und Ohtah Ryutaiyo war wie erstarrt. Er hatte die ganze Zeit über schon zwischen den beiden Frauen hin und her gesehen. Nun stand er wie angewurzelt da. Was sollte er tun? Dabei hatte er Shikon No Yosei doch verdammt nochmal geschworen, sie zu beschützen. Doch warum hatte er dann so ein eigenartiges Gefühl, seit Livia aufgetaucht war? Etwas stimmte nicht mit ihm. Wem sollte er zu Hilfe eilen? Über seine eigenen Gedankengänge erschrocken, schrie er qualvoll auf. Im selben Augenblick stieß Vekk Shikon No Yosei zur Seite und rettete sie damit vor dem tödlichen Keulenhieb des Monsters. Livia wurde derweil von Gadd im Kampf unterstützt. Der Assassine atmete schwer – für einen kurzen Moment hatte er geglaubt, sie zu verlieren … einzig wegen seiner Unfähigkeit.
„Alles in Ordnung bei Euch?“, wollte Vekk von ihr wissen.
Die Elementarmagierin nickte: „Ja. Ja … alles gut, Vekk. Geht … geht mit den anderen schon einmal vor. Ohtah und ich kommen gleich nach.“
Etwas verwirrt stimmte der Asura zu und beeilte sich Gadd und Livia zu folgen.
Shikon No Yosei´s trauriger Blick war für den Assassinen unerträglich, als sie ihn ansprach: „Sag´ mir die Wahrheit, Ohtah. Ich habe gesehen, wie du sie ansiehst … wie du eben gezögert hast. So kenne ich dich nicht – mit einem Schattenschritt wäre es dir ein leichtes gewesen einzugreifen. Und dein Schrei … Er sprach Bände. Sag´ mir, warum du so verzweifelt bist … Antworte mir! Hast … hast du Gefühle für Livia?“
„Ich … Ich … Ich weiß es nicht.“. stotterte Ohtah Ryutaiyo, unfähig wirklich zu begreifen.
Sie biss sich auf die Lippen und erwiderte mit schmerzverzerrter Stimme: „Dann … gebe ich dir die Chance es herauszufinden. Ohtah Ryutaiyo … hiermit entlasse ich, Shikon No Yosei, dich allen Versprechen, Schwüren und sonstigen Banden, die dich an mich binden. Gehe deinen eigenen, freien Weg … und finde dein Glück, auf welche Art und Weise auch immer …“
Bevor Ohtah Ryutaiyo den Mund öffnen konnte, um etwas zu antworten, drangen Gadd´s Worte zu ihnen: „Wo bleiben diese Nichtsnutze? Bin ich hier denn nur von Unfähigkeit umringt?“
Wortlos wandte sich Shikon No Yosei von ihm ab und folgte dem Weg. Dabei versuchte sie die Tränen wegzublinzeln, was ihr nicht ganz gelang. Niemals zuvor hatte sie an seinen Gefühlen zweifeln müssen … Nun stand mit einem Mal ihre ganze Welt auf dem Kopf. Trotzdem galt es eine Mission hinter such zu bringen – diese Lande durften nicht aufgrund eines gebrochenen Herzens untergehen!
Gemeinsam tötete die Gruppe die letzten Ungeheuer, die sich um den pulsierenden Blutstein versammelt hatten. Auf eben solch einem Stein hatte die Elementarmagierin gegen den Untoten Lich getötet … Diese Gesteinsart vermochte es, uralte Magie zu speichern. Gadd leckte sich bereits begierig über die Lippen.
Er rieb seine Hände aneinander und erklärte: „Ich muss die Essenz des Steins extrahieren … Vekk, bringt mir eine Kanope!“
Vekk nahm einen Kristall aus der Tasche, doch Gadd schrie: „Kanope! Nicht Kristall, Idiot!“
„Wenn wir ihn nicht bräuchten, würde ich ihn von einer Brücke stoßen …“, murmelte er daraufhin vor sich hin.
Livia hielt die Kanope in ihren Armen und sagte: „Wenn Ihr die Essenz des Blutsteins extrahiert, könnte mich das umbringen … Ein Kristall wäre sicherer.“
„Holt doch einen der anderen Menschen, wenn Ihr Angst habt! Nur haltet mich nicht auf!“, forderte der alte Asura gehässig, „Ätherkristalle gibt es nicht umsonst. Ein Mensch ist da billiger!“
Zornig stand die Nekromantin auf und entgegnete: „So denkt Ihr also über mein Volk? Es hat keinerlei Wert für Euch? Es gab schon … Zwischenfälle. Andere müssen für Eure Hast bezahlen. Das ist falsch … Ihr liegt falsch. Ich mache nicht mehr mit. Es tut mir leid …“
Sie schlenderte davon und Odgen folgte ihr. Wahrscheinlich wollte er nun auch noch die Glänzende Klinge rekrutieren. Ein Teil von Shikon No Yosei konnte sie verstehen … Wer wollte schon aus solch einem lächerlichen Grund sterben? Andererseits gefährdete das natürlich ihre Aufgabe – denn Gadd entschloss sich, die Kanope kurzerhand einfach selbst zu benutzen. Hastig schickte die Rothaarige einen Schwall ihrer Macht aus, um die Energieverbindung zu stabilisieren.
Vekk musterte sie erneut und sagte: „Eure Fähigkeiten sind ungewöhnlich für einen Menschen … Und eigentlich musstet Ihr das nur wegen seiner Arroganz tun. Schließt sich uns bestimmt auch nur an, weil wir ohne ihn sicher verloren wären.“
„Widerwillig oder nicht, Vekk – es stimmt, dass wir ihn brauchen. Und ich bin froh, wenn ich eine Magieexplosion eines solches Ausmaßes verhindern konnte … So hatte es wenigstens ein gutes, hier gewesen zu sein.“, meinte Shikon No Yosei an den kleinen Asura gewandt, „Jetzt bleiben noch Oola und Renk. Wir müssen uns beeilen.“
Vekk sah sie an und antwortete: „Ich schlage vor wir teilen uns auf. Renk übernehmen Ohtah und-“
„Odgen.“, unterbrach sie ihn mit einem Lächeln, „Sehr gute Idee, Vekk. Dann kümmern wir beide uns um Oola.“
Während sie sprach, ignorierte sie die erschrockenen Blicke des Assassinen. Sie wusste um sein schlechtes Gewissen, sie konnte es ihm ansehen … und dennoch ertrug sie seine Nähe im Augenblick nicht länger. Eifersucht war etwas neues für sie … Sonst war stets er derjenige gewesen, der überempfindlich reagiert hatte.
Seufzend gab sich Vekk geschlagen: „In Ordnung … Um Renk mache ich mir keinerlei Sorgen. Er ist aufgeweckt und hilfsbereit. Oola hingegen … Sie ist brillant auf ihrem Gebiet und ziemlich eigen. Deshalb lasst mich besser reden, Shikon No Yosei.“
„Lasst uns jetzt aufbrechen.“, sagte Odgen energisch, „Die Zeit drängt …“
Vekk öffnete das Portal, das ins Innere von Oola´s Labor führte, und übernahm sogleich die Führung. Vor ihnen lag ein Raum voller einsatzbereiter Golems. Der Asura aktivierte einen von ihnen durch einen kleinen Knopf. Es überraschte Shikon No Yosei, dass Vekk nicht nur ein einmaliges Talent im Umgang mit Portalen besaß, sondern er auch in anderen, asurischen Bereichen durchaus Kenntnissen besaß. Während sie diesen Gedanken nachging, aktivierten sich die anderen Golems von allein. Allerdings waren sie nun nicht länger freundlich gesonnen und griffen an. Durch die Unterstützung ihres Golems kämpften sich die beiden voran. Vekk war nicht zum ersten Mal in Oola´s Labor. Ihre Fallen waren für ihn nichts neues – zu ihrem großen Glück.
Vekk zeigte auf einen Ätherkristall und erklärte: „Nehmt ihn vom Schlüsselbord und bringt ihn zum anderen am Ende des Tunnels. Er deaktiviert die Fallen in diesem Bereich.“
Die Elementarmagierin tat wie geheißen. Der Asura sollte recht behalten. So konnten sie den Weg ungehindert zum nächsten Raum fortsetzen. Doch auch dieser Raum war nicht zu unterschätzen – aus den Wänden schossen Flammenpfeile, die kein geregeltes Muster erkennen ließen, sodass ein Ausweichen unmöglich war. Shikon No Yosei ließ ihren Blick sinken. Sie seufzte und wünschte sich, Ohtah Ryutaiyo wäre in diesem Moment an ihrer Seite … Er könnte sie sicher per Schattenschritt hindurch bringen. Sein Mantel würde sie vor den Geschossenen beschützen. Ihre Trennung tat weh … Wie hatte es nur soweit kommen können? Sie brauchte ihn doch … Er gab ihr Kraft, Mut und Hoffnung. Ohne ihn war sie nicht die Heldin, als die sie gefeiert wurde. Ohne ihn war sie nur eine halbwegs talentierte Magierin. Aber so durfte sie nicht denken! Ohtah Ryutaiyo war nicht bei ihr … und das aus einem bestimmten Grund. Diesmal hatte nicht Meister Togo darauf gedrängt … Gut, in Elona war der Vorschlag ebenfalls von ihr gekommen, allerdings um Kormir noch rechtzeitig zu Hilfe zu eilen. Sie hätte diesmal genauso gut mit ihm gehen können …
„Seht doch!“, rief Vekk plötzlich erfreut aus und machte sie auf einen gewaltigen Golem aufmerksam, der langsam auf sie zukam, „Das ist ein Verteidigungs-Golem. Sein Schutzschild wird uns schützen. Bleibt dicht bei mir, Shikon No Yosei, und verlasst auf keinen Fall den magischen Kreis!“
Mit einem Nicken bestätigte Shikon No Yosei ihm, dass sie verstanden hatte. So ließen die beiden eine weitere Etappe auf dem Weg zu Oola hinter sich. Und stellten sich mutig der nächsten entgegen, die bereits im letzten Raum auf sie wartete. Denn ein übergroßer, schwarz-goldener Golem versperrte ihnen den Weg.
„Ein unzerstörbarer Golem …“, meinte Vekk nachdenklich und sah sich beinahe hektisch um, dann richtete er leise das Wort an seine Begleiterin, „Ich lenke ihn ab. Mit normalen Zaubern oder Angriffen kommen wir hier nicht weiter. Sehr Ihr das leuchtende Gerät dort? Nehmt diese Flux-Matrix und ladet sie dort auf. Ihre Energie wird den Golem vernichten können.“
Er reichte ihr einen Gestand, durch den Magie floss. Wieder nickte die Elementarmagierin, was Vekk erwiderte und machte sich an ein provisorisches Ablenkungsmanöver. Währenddessen schlich sich Shikon No Yosei zum magischen Lager und legte die Flux-Matrix darauf. Ein Piepen deutete daraufhin, dass der Prozess beendet war. Sie nahm den Gegenstand wieder an sich und ließ ihn in der Nähe des Golems fallen. Mit jeder neuen Aufladung wurde der unzerstörbare Golem schwächer und schwächer.
„Jetzt werden wir Oola gegenübertreten. Und denkt daran, lasst mich mit ihr reden.“, mahnte Vekk sie und ging auf eine weibliche Asura zu, der an einem Golem herum schraubte, „Seid gegrüßt, weise und kunstfertige Oola, Herrin des magischen Antriebs.“
Oola wischte sich die Hände an der Hose ab und erwiderte: „Spart Euch die Mühe, Vekk. Was wollt Ihr von mir?“
„Ratsführer Mamp schickt mich zu Euch. Wir brauchen Euren Sachverstand für ein großes Projekt zum Wohle aller Asura.“, entgegnete Vekk überschwänglich.
Oola lachte auf: „Pah! Ich hab hier Zuflucht vor allen Asura gesucht!“
„Tja, Vekk, Ihr hattet wohl recht … Sie ist wirklich nicht geeignet.“, schaltete sich Shikon No Yosei ein und wandte sich an Oola, „Vekk erzählte, dass ältere Asura oft nachlassen, dass Eure Fähigkeiten gelitten haben könnten …“
Oola zog ein grimmiges Gesicht und meinte: „Was soll das heißen? Einen besseren Golemanten als mich gibt es nicht!“
„Gut möglich. Doch wenn Ihr fürchtet die Aufgabe sei zu groß …“, begann die Elementarmagierin.
Oola winkte ab und sagte entschlossen: „Ich fürchte keine Aufgabe! Lasst mich nur schnell zusammenpacken … Euch zeig´ ich es! >Gelitten<? Frechheit!“
„Gut gemacht.“, flüsterte Vekk anerkennend.
Shikon No Yosei lächelte zufrieden und ihre Gedanken schweiften erneut zu Ohtah Ryutaiyo. Ob er Renk inzwischen wohl schon nach Rata Sum gebracht hatte? Dachte er ebenso an sie, genau wie sie an ihn? Oder galten seine Gedanken Livia? Sie schüttelte leicht den Kopf. So schwer es auch war, das zu akzeptieren, die Zukunft ihrer Beziehung lag nicht in ihren Händen. Er allein konnte entscheiden, wem sein Herz gehörte. Und irgendwann musste sich Shikon No Yosei seiner Entscheidung stellen müssen …
Was du liebst, lass´ frei ...
Ohtah Ryutaiyo ballte seine Hände wütend zu Fäusten. Er hatte sich zurückgezogen, um in aller Ruhe seinen Frust auf sich selbst rauszulassen. Mit einem gezielten Schlag schlug er gegen den Stamm des Baumes, welcher ihm am nächsten stand. Auch wenn der Baum nichts für seine Dummheit, Feigheit oder wie er sein Verhalten sonst noch bezeichnen wollte, konnte. Es war nicht zu leugnen – er hatte einen Fehler gemacht. Einen riesigen und furchtbaren Fehler, den er einfach nicht nachvollziehen konnte. Wieder und wieder ging er alles gedanklich durch.
„Ich liebe Shiko doch … mehr alles andere auf der Welt, mehr als mein Leben. Und dennoch habe ich gezögert, als sie in Gefahr war. Ich habe meinen Schwur nicht gehalten … Hätte Vekk sie nicht zur Seite gestoßen, wäre … Nein, nicht Shiko. Was war nur los mit mir? War es wirklich wegen Livia? Ja … Nein … Ich weiß es einfach nicht! Sie hat meinen Blick bei ihrem ersten Erscheinen gefesselt. Dabei gehört mein Herz, mein ganzes Dasein gehören allein Shiko … Zum ersten Mal in meinem Leben … bin ich der Unsicherheit verfallen. Mein Körper war wie gelähmt. Ich habe noch nie zuvor gezögert … Nicht während meiner Arbeit als Am Fah, nicht auf unserer Reise gegen Shiro, dem Untoten Lich oder Abaddon. Dort unten in der Blutsteinhöhle war das anders. Meine Gedanken überschlugen sich förmlich … Alles in mir spielte verrückt. Genauso wie jetzt.“, flüsterte der Assassine vor sich hin, ehe ein entschlossener Ausdruck in sein Gesicht trat, „Es reicht! Es gibt nur eine einzige Person für mich … Shiko. Die Sechs Götter seien meine Zeugen – hiermit erhebe ich einen neuen Schwur, da ich aus jenem anderen entlassen wurde … Ich, Ohtah Ryutaiyo, schwöre am heutigen Tag bei meinem Leben, meiner Seele und meinem Geist, dass ich auf ewig Shikon No Yosei´s getreuer Schatten sein werde, der sie vor allem Schaden bewahren wird! Niemals wieder soll mein Herz von Zweifel ergriffen werden … Ich unterstelle mich ihr mit allem, was ich war, was ich bin, was ich sein werde!“
Renk und Gadd hatten bereits die Vorbereitungen zum Bau der Golems getroffen. Die Ätherkupplungen waren hergestellt, die Energie darin eingespeist. Als die beiden Asura eine letzte Kontrolle durchführten, öffnete sich das Portal in der Hauptstadt Rata Sum und drei Gestalten traten daraus hervor. Es waren Vekk, Oola und Shikon No Yosei … Ohtah Ryutaiyo atmete sichtlich erleichtert auf. Sie war unverletzt! Der Gedanke daran, wie sie in Elona durch einen Streifschuss der Kournier verwundert vor ihm gesessen hatte, versetzte seinem Herzen einen Stich. Am liebsten wäre er auf sie zugestürmt und hätte sie in seine Arme geschlossen … doch er wusste, dass er sie zutiefst verletzt hatte. Mit langsamen, aber beständigen Schritten näherte er sich der Elementarmagierin, welche zusammen mit Vekk von Ratsführer Mamp für ihren Erfolg beglückwünscht wurde. Dieses Zugeständnis wurde allerdings alsbald von einem genervten Gadd unterbrochen, der endlich die Arbeit hinter sich bringen wollte – darum verschwanden die Asura, die für das Projekt G.O.L.E.M – Geführter Operant Lebender Entfesselter Magie – zuständig waren.
In der Zwischenzeit war Ohtah Ryutaiyo nur noch wenige Schritte von seiner Geliebten entfernt und sprach sie mit brüchiger Stimme an: „Shiko, ich … bin froh, dass du unversehrt bist. Und … und ich … Es tut mir leid. Ich … habe an meinen Gefühlen für dich gezweifelt.“
Ruhig erwiderte Shikon No Yosei seinen flehenden Blick. Sie versteckte die Gefühle, die sein Auftauchen in ihr ausgelöst hatten und seine Worte in ihr entflammten, denn sie wollte hören, was er ihr zu sagen hatte.
Er schluckte schwer, bevor er erneut das Wort ergreifen konnte: „Ich kann mir selbst nicht vergeben. Aber ich bitte dich … glaub´mir, du bist das eichtigste für mich, Shiko! Du richtest mich jedes Mal wieder auf, gibst mir Mut und Kraft. Wann immer ich dich brauche, bist du bei mir … Shiko, ich liebe dich! Vom ersten Moment an bis zu meinem letztem Atemzug und selbst darüber hinaus … werde ich immer nur dich lieben.“
„Weißt du, Ohtah, es gibt ein Sprichwort in Tyria … >Was du liebst, lass´ frei … Kommt es zu dir zurück, gehört es dir – für immer.<“, antwortete die schöne Elementarmagierin leise und sah ihm dabei weiterhin in die Augen.
Der Assassine nahm ihre Hand, als er bestätigte: „Und das tue ich! Ich verspreche es dir, Shiko! Bitte … vertrau´ mir.“
Er konnte den festen, durchdringenden Blick seiner Gegenüber nicht mehr ertragen und wandte sich ab. Wieso sollte sie ihm glauben? Er hatte sie zu sehr verletzt … Es war endgültig vorbei. Derweil huschte ein liebevolles Lächeln über das Gesicht von Shikon No Yosei, welches Ohtah Ryutaiyo nicht sehen konnte. Als er schließlich den Blick doch wieder hob, um dem unvermeidlichen Ende entgegen zu sehen, das er befürchtete, legte sie die Arme um seinen Nacken und küsste ihn leidenschaftlich.
Von Golems, Zerstörern und Verlust
Oola arbeitete härter als jemals zuvor. Die Golems mussten gegen die Zerstörer bestehen können, das bedeutete zusätzliche Rüstung und Kraft. Keine leichte Aufgabe für die Golemantin, aber auch keine unmögliche, wie sie fand – zumindest nicht für sie. Was Livia betraf, sie war direkt nach dem Streit mit Gadd verschwunden – damit auch Odgen´s Vorstellung auf ein Heer krytanischer Soldaten. Und Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo, die in einer tiefen Umarmung versunken waren und etwas abseits von dem Getümmel des Bauplatzes saßen, konnten Vekk´s und Gadd´s laute Streitigkeiten deutlich hören, welche sie mit einem Seufzen und einem Kopfschütteln quittierten.
„Seht Euch meine Berechnungen an!“, forderte Vekk den kauzigen Asura auf.
Höhnisch erwiderte Gadd: „Ich brauche Eure Berechnung nicht! Ich weiß, es wird klappen!“
„Ich teile Eure Zuversicht nicht … und die anderen auch nicht!“, gab der Portal-Experte zurück.
Die Elementarmagierin löste sich widerstrebend von ihrem Liebsten und fragte genervt: „Worum geht es denn jetzt schon wieder?“
Gadd zeigte mit einer Kralle auf Vekk und meinte: „Der Kerl erzählt mir, ich wüsste nicht, wie man eine Kristallreihe formatiert.“
„Eine Kristall- … was?“, warf der Assassine dazwischen.
„Ich versuche zu sagen, dass eine serielle Anordnung viel gefährlicher ist, als eine parallele.“, entgegnete Vekk mit einem einem bösen Blick auf Gadd, „Ihr überlastet die Magiebegrenzer!“
Wütend unterbrach Shikon No Yosei ihn: „Seid still! Alle beide! Es reicht endgültig! Wenn wir etwas gegen die Zerstörer ausrichten wollen, müssen wir zusammenarbeiten! Also Schluss mit dem ewigen Gezanke – sagt mir lieber, wie weit Oola ist.“
„Fast fertig.“, antwortete Vekk kleinlaut, „Unser störrischer Freund hier muss noch mehr Energie in den Kristallen sammeln und sie anschließend in die Golems leiten.“
In diesem Moment, rannte ein Asura durch das Tor von Rata Sum und rief hektisch: „Die Zerstörer! Die Zerstörer kommen! Horden von ihnen!“
„Wir müssen sie aufhalten, bis die Golems fertig sind.“, entschied Ohtah Ryutaiyo und zog blank.
Shikon No Yosei nickte zustimmend: „Ja. Vekk, werdet Ihr uns begleiten?“
Der Asura sah Gadd fragend an, doch dieser murmelte bloß: „Geht schon, geht. Hier seid Ihr mir nur im Weg.“
„Denkt dran … parallel, nicht seriell.“, flüsterte er ebenso leise und schloss sich seinen Verbündeten an, die sich auf den Weg zu den Zerstörern machten.
Der Asura, der die Zerstörer entdeckt hatte, führte Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Odgen und Vekk zu deren Lager. Und obwohl die Zahl der Zerstörer noch gewaltiger war, als bei ihrem letzten Kampf, stellten sie sich ihnen mutig entgegen. Vereint hatte sie einen Chance. Die Zerstörer bemerkten die Eindringlinge schon sehr bald und bezogen Stellung. Ihr Angriff verlief diesmal wesentlich geordneter. Sonst hatten die einzelnen Zerstörer planlos und ohne Rücksicht auf ihre Mitstreiter gekämpft. Aber im Gegensatz zu ihren Gegnern waren sie noch nicht ganz aufeinander eingestellt und so behinderten sich die Zerstörer manchmal gegenseitig. Es flogen stetig Giftpfeile, Feuerbälle, Blitze und Lava umher. Keine Seite ließ nach. Dann wurde der Kampflärm auf einmal von einem anderen Geräusch überlagert. Es war das Zischen der Brennöfen. Die Golems waren fertiggestellt! Oola hatte die Befehle und Koordination für den Angriff auf die Zerstörer bereits eingegeben. Die Golems leisteten hervorragende Arbeit und als der letzte Zerstörer fiel, brachen sie in Jubel aus.
„Das war ein guter Kampf!“, rief Odgen erfreut.
Der Zwerg hatte zum ersten Mal wieder Hoffnung auf ein gutes Ende. Seine Arbeit, Verbündete um sich zu scharen, war doch noch erfolgreich gewesen. König Jalis würde sicher sehr stolz auf ihn sein, wenn er davon erfuhr.
Vekk nickte auf Odgen´s Bemerkung: „Ohne die Golems wäre er härter geworden.“
„Gadd und Oola haben das genau rechtzeitig hinbekommen.“, bestätigte Ohtah Ryutaiyo beeindruckt.
Sie lachten über ihren Erfolg, als Oola erschien und mit langsamen Schritten auf Vekk zuging.
Ihre Stimme schien bedrückt und schwer: „Vekk … hört mir zu, es geht um Gadd. Er … er wollte den letzten Golem noch stärker machen. Es gab eine Explosion. Er ist tot … Es tut mir leid.“
Alle Farbe wich aus dem Gesicht des kleinen Asura. Seine Augen erstarrten. Tiefes Schluchzen entrungen sich seiner Kehle, während er auf die Knie sank. Alle Kraft schien aus seinem Körper gewichen zu sein. Seine Tränen benetzten den Boden unter ihm.
Shikon No Yosei wechselte einen verständnislosen Blick mit Ohtah Ryutaiyo und meinte dann leise: „Ich verstehe nicht … Vekk, was ist mit Euch? Ich dachte … Ihr hasstet einander? Ihr habt doch ständig nur gestritten … Euch gegenseitig beleidigt …“
Oola sah sie mit einem gemischten Mienenspiel an und erwiderte: „Manchmal streiten Vater und Sohn … Das bedeutet nicht, dass sie sich hassen.“
Viele Asura, darunter auch Ratsführer Mamp, Oola, Renk und natürlich Vekk sowie Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Odgen versammelten sich zur Trauerfeier auf einer Hängebrücke, die vor einen Wasserfall gespannt war. Gadds Asche wurde in einer Urne verwahrt, welche sein Sohn in Händen hielt.
„Mein Vater glaubte an die Ewige Alchemie. Wir sind alle Teil einer großen Gleichung.“, sprach Vekk und, als er die Asche bedächtig ins Wasser schüttete, „Und so übergeben wir Gadd´s Hülle der großen Gleichung. Seine Asche kehrt ins Universum zurück … doch sein Wissen bleibt bei uns.“
Shikon No Yosei legte ihm eine Hand auf die Schulter, während sie murmelte: „Vekk, es tut uns allen leid … Wir sind für Euch da.“
„Er starb, wie er lebte … Sein Ziel im Kopf, die Folgen außer Acht.“, sagte Vekk schluchzend, „Ich habe versucht, ihn zu warnen … Er wollte einfach nicht hören, dieser alte Sturrkopf.“
Ohtah Ryutaiyo legte ihm eine Hand auf die andere Schulter und erwiderte: „Ich verstehe Euch sehr gut, Vekk … Jeder möchte diejenigen beschützen, die er liebt.“
„Denkt daran, wir verdanken ihm einen großen Sieg.“, erklärte Odgen stolz.
Vekk sah in das Wasser, das die Asche fortspülte, und flüsterte schwach: „Ich weiß nicht, wie viele solcher Siege ich verkrafte …“
Die kleine Gruppe verweilte noch drei weitere Tage in Rata Sum. Shikon No Yosei hatte sich deswegen lauthals mit Odgen gestritten. Er wies andauernd auf ihre knapp bemessene Zeit hin. Sie wollte Vekk die Zeit geben, sich in aller Stille von seinem Vater zu verabschieden. Sie war mit ihm sogar in seinem Labor gewesen. An dem Ort, an dem Vekk aufgewachsen war … Am Morgen des vierten Tages saß der Asura an einem Fluss außerhalb von Rata Sum und dachte nach. Auch wenn er es öfters behauptet hatte, in Wahrheit hatte er Gadd nie gehasst. Er war zwar nicht gerade ein »Vorzeige-Vater« gewesen, aber auf seine Art hatte er Vekk geliebt. So wie er ihn auch …
Er bemerkte Shikon No Yosei erst, als diese sich neben ihn setzte und ihn ansprach: „Vekk, ich … Ich weiß, dass Ihr noch immer um Euren Vater trauert. Wie könnte es auch anders sein … Ich … ich kenne das Gefühl eine geliebte Person im Kampf zu verlieren.“
„Wirklich?“, fragte er überrascht, „Wen?“
Ihr Blick richtete sich auf das ruhige Wasser und sie antwortete: „Meinen Meister … Ohne ihn wäre ich heute nicht die Elementarmagierin, die ich bin. Nur durch seine Führung konnte ich die Stärke entwickeln, die ich heute besitze. Er hat mich geführt … Der Gedanke an seine Lehren lässt mich weitermachen, egal wie ausweglos es manchmal auch scheinen mag. Und … na ja, für mich ist … war er mein Vater.“
„Was ist passiert?“, hakte der Asura nach, „Das heißt … wenn ich Euch diese Frage stellen darf.“
Ein kleines Lächeln legte sich auf ihre Züge, bevor sie erwiderte: „Ich habe gelernt mit dem Schmerz umzugehen … Sein Tod liegt inzwischen mehr als drei Jahre zurück. Wir haben damals für meine Heimat gekämpft. Unser Gegner war ein Geist aus den Nebeln … Um wieder unter den Sterblichen wandeln zu können, hat er meinen Meister getötet. Oder besser gesagt geopfert. Sein Tod ließ mich alle Hoffnung verlieren …“
„Und wie …“, begann Vekk, verstummte aber gleich wieder.
Shikon No Yosei schloss die Augen und erklärte: „Eine Person, der mir sehr am Herzen liegt, hat mich aus der Finsternis der Trauer gerettet … Sie hat mir neuen Mut geschenkt … mir mein Ziel und den Grund, aus dem ich kämpfe, wieder vor Augen geführt. Und so schwer es auch ist, Vekk … dasselbe müsst Ihr jetzt auch tun. Denkt an unsere Mission, an Euer Volk … und an alle anderen, denen wir helfen müssen. Wir kämpfen für das Ende der Zerstörer …“
„Wir kämpfen für das Ende der Zerstörer …“, wiederholte der Asura leise, „Mein Vater ist gestorben, damit wir eine starke Waffe im Kampf gegen sie haben. Dieser Einsatz darf nicht umsonst gewesen sein … Ich danke Euch … Shiko.“
Sie sah ihn überrascht an und lächelte dann.
Die Macht des Großen Zwerges
Auch wenn der größte Kampf noch vor ihnen lag, sahen Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Vekk und Odgen so aus, als hätten sie die Zerstörer bereits geschlagen. Stolz betraten sie zusammen mit Oola, die drei ihrer besten Golems mitgenommen hatte, das Augen des Nordens. Sofort fiel Gwen der Elementarmagierin um den Hals. Sie hatte sich wirklich Sorgen gemacht. Jora und Brandor hatten ebenfalls ungeduldig auf ihre Rückkehr gewartet.
„Da seid ihr ja.“, begrüßte der Charr sie, „Wir befürchteten schon, euch sei etwas zugestoßen.“
Der Assassine schaute zu Boden und meinte: „Es gab … eine kleine Verzögerung. Aber jetzt sind wir ja da. Ist alles bereit?“
„Die Einheiten sind formiert … Olaf, seine Tochter und Egil vertreten die Seite der Norn. Brandor´s Trupp hat das Gelände im Auge. Die Ebon-Vorhut ist gerüstet.“, erzählte Jora lächelnd, „Und Jalis Eisenhammer ist vor zwei Tagen mit seiner Armee eingetroffen.“
Shikon No Yosei konnte sich einen verdutzten Gesichtsausdruck nicht verkneifen. Wenn König Jalis wirklich mit all seinen Soldaten angerückt war, war dann auch Seiketsu No Akari unter ihnen? So schändlich es auch war, diese Möglichkeit hatte sie bisher noch gar nicht in Betracht gezogen. Ihr Herz begann freudig schneller zu schlagen.
„Shiko?“, riss Vekk sie aus ihren Gedanken.
Sie lächelte ihn an und nickte: „Oola, ich würde Euch bitten, in der Zwischenzeit die Golems umzuprogrammieren. Ohtah, Gwen, Vekk, Odgen, Jora, Brandor, wir sollten den König nicht länger warten lassen. Lasst uns gehen, meine Freunde!“
Ohtah Ryutaiyo fiel auf, dass seine Geliebte vor Tatendrang nur so sprühte. Ihr war sicher derselbe Gedanke wie ihm gekommen. Sie freute sich auf ein mögliches Wiedersehen … Und er glaubte, dass ihre Versöhnung ein weiterer Faktor für ihre gute Laune war. Schwäche war menschlich … auch für eine Heldin wie sie. Doch er liebste es, wenn Shikon No Yosei´s starke Seite ihre Taten bestimmte. Als sie den Blick bemerkte, mit dem er sie beobachtete, breitete sich ein glückliches Lächeln auf ihren Zügen aus. Sie konnte nicht sagen, wie froh sie war, ihn wiederzuhaben!
In der Nähe des Auges des Nordens hatten die Deldrimor-Zwerge ihren Stützpunkt errichtet. Es hatte den König schon sehr überrascht, Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo zusammen mit seinem getreuen Diener zu sehen.
Aber es erleichterte ihn ungemein und er bat freundlich: „Erhebt Euch … und berichtet mir.“
„Als ich hier ankam, habe ich sofort damit begonnen eine Armee auszuheben.“, erklärte Odgen und wies auf seine Verbündeten, „Das hier ist meine Armee, mein König! Gemeinsam haben wir viele Zerstörer getötet. Verzeiht, dass es nicht noch mehr Kämpfer sind …“
Der König jedoch schüttelte den Kopf: „Ich habe Euch nichts zu verzeihen, Odgen Steinheiler. Ich habe Euch zu danken, mehr als Ihr Euch denken könnt. Denn nicht auf die Größe einer Armee kommt es an, sondern auf die Stärke ihrer Herzen … Und Ihr habt die stärksten Krieger überhaupt versammelt … besonders meine alten Freunden.“
Perplex starrten die anderen die beiden Canthaner an, als Shikon No Yosei erwiderte: „Danke für das Kompliment, König Jalis … Es tut gut, Euch wohlbehalten wiederzusehen.“
Ein warmes Lächeln strahlte ihnen entgegen und er antwortete: „Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ich hätte nicht gedacht, dass mir noch einmal die Ehre zuteil werden würde, an Eurer Seite zu kämpfen, Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo.“
Die hübsche Elementarmagierin schmunzelte verlegen und sagte etwas leiser: „Wenn Ihr mir die Frage gestattet, König … Ist Seiketsu mit Euch gekommen?“
„Also, jetzt mal ehrlich … Du hast dich wirklich kein bisschen geändert, Shiko. Aber dein Mut und deine Entschlossenheit erstaunen mich trotzdem immer wieder.“, erklang eine helle Stimme, gefolgt von einem erfreuten Kichern.
Shikon No Yosei blieb die Luft im Hals stecken. Sie hatte sich also wirklich Jalis´ Armee angeschlossen! Langsam drehte sich die Rothaarige um und schaute in das strahlende Gesicht von Seiketsu No Akari, welche mit ausgebreiteten Armen hinter ihr stand. Die Augen der beiden jungen Frauen füllten sich wieder mit Tränen, als sie sich fest umarmten.
Kaum hörbar schluchzte die Jüngere: „Du bist hier …“
„Natürlich … Oder glaubst du, ich würde mir die Chance entgehen lassen, mein kleines Schwesterchen in ihrem schwersten Kampf zu unterstützen?“, entgegnete die junge Mönchin und streichelte ihr beruhigend über das Haar, „Schlimm genug, dass ich dir in Elona nicht beistehen konnte. Was machst du aber auch immer für Sachen? Legst dich mit einem Gott an … Und dann noch in seinem eigenen Reich! Weißt du eigentlich, wie schockiert ich war, als Tyria die Nachricht erreichte, die überlebenden Sonnenspeere wären einfach so verschwunden? Ich hatte solche Angst um dich, Shiko …“
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, bevor sie erklärte: „Ich bin so glücklich, Sei …“
„Und ich erst …“, murmelte Seiketsu No Akari und wandte sich dann mit kräftiger Stimme an König Jalis, „Mein König … ich habe eine Bitte an Euch, die mir sehr am Herzen liegt.“
„Was ist dein Anliegen, mein Kind?“, wollte der König freundlich wissen.
Seiketsu No Yosei löste sich von ihrer Seelen-Schwester, kniete vor ihm nieder und antwortete: „Es ist über drei Jahre her, seit ich mein Studium in den Reihen der Deldrimor aufgenommen habe. In dieser Zeit habe ich mehr gelernt, als ich jemals zu träumen gewagt hätte … In wenigen Wochen würde meine Abschlussprüfung stattfinden. Doch … ich möchte Euch bitten, diesen unseren Kampf gegen die Zerstörer als meine Abschlussprüfung anzuerkennen. Ich möchte mich nicht noch einmal von Shiko trennen müssen … Ich wünsche mir nach Shing Jea zurückzukehren!“
Ihr Blick war fest und entschlossen. Der des Königs nachdenklich und sogar etwas traurig.
„Nun, mein Kind, du weißt, wie gerne ich dich auch in Zukunft in unseren Reihen gesehen hätte … Aber ich habe längst aufgehört zu zählen, wie oft ich diesen Wunsch von dir vernommen habe. Nicht nur aus deinem Mund … deine Augen haben ihn mir vor allem anderen verraten.“, erwiderte Jalis Eisenhammer, „Du bist eine ausgezeichnete Mönchin geworden, hast uns mit deinem Liebreiz und deiner Warmherzigkeit verzaubert … Es fällt mir sehr schwer, dir deinem Anliegen nachzugeben …“
Er klatschte zweimal in die Hände und sofort erschien ein Deldrimor neben ihm, der ein rotes Kissen trug, auf dem ein blaugrünes Gewand lag. Verwundert stand Seiketsu No Akari auf.
„Jeder meiner Absolventen erhält am Ende seines Studiums ein magisches Ornat von mir.“, sprach der König weiter und überreichte ihr das Gewand, „Ich wusste, wenn wir diesen Kampf gewinnen würde, würde ich dich nicht länger halten können, mein Kind. Deshalb habe ich es mitbringen lassen … Es soll dir im Kampf die Kraft und Weisheit der Deldrimor schenken. Auf dass uns der Große Zwerg zum Sieg führen wird!“
Gerührt und sprachlos hielt Seiketsu No Akari die Kleidung in Händen, die ganz dem Stil und der Tradition der Deldrimor entsprach. Neue Tränen rollten über ihre Wangen, als sie entgegen jedem Protokoll oder Etikette Jalis Eisenhammer fest umarmte.
Ein Räuspern zog die Aufmerksamkeit aller auf Vekk, der ebenfalls etwas in Händen hielt und erklärte: „Im Namen der Asura darf ich dir, Shiko, auch etwas überreichen. Dieses Gewand wurde von den besten Zauberwebern und Technikern meines Volkes hergestellt. Die Runen darauf werden dir zusätzliche Magie verleihen … Außerdem schützt es gut vor Feuerattacken.“
Baff starrte Shikon No Yosei den kleinen Asura an. Ohtah Ryutaiyo grinste bei ihrem Anblick und gab ihr einen kleinen Schubser. Das Gewand war in rot und silber gehalten. Das Material kannte sie nicht. Aber die darin eingewobene Magie war deutlich spürbar. Shikon No Yosei und Seiketsu No Akari sahen sich an. Sie lachten. Dann zogen sie sich zurück, um ihre neue Kleidung anzulegen.
Die acht Verbündeten standen versammelt in der Halle mit dem Spähbecken. Wenn sie gegen den Kern der Zerstörer-Armee kämpfen wollten, mussten sie wissen, wo sie sich aufhielten. Die Zentrale Transferkammer war bisher nur eine vage Vermutung. Sie brauchten Gewissheit. Shikon No Yosei kniete mit geschlossenen Augen nieder und konzentrierte sich. Wie beim ersten Mal ließ sie sich von ihrer Frage durchströmen. Als sie die Augen öffnete, erschien ein Bild. Es war ein gewaltiges Wesen, das aus derselben Lava bestand wie die anderen Zerstörer. Nur dass dieser viel, viel größer war und auch wesentlich stärker, mächtiger zu sein schien. Das letzte, was sie sahen, war eine Art Statue, welche wohl einen Drachen darstellen sollte.
„Sie scheinen einen ziemlich hässlichen Anführer zu haben.“, vermutete Gwen.
Odgen biss sich schockiert auf die Lippe und flüsterte: „Wie ich befürchtet hatte … Das Ende kommt wahrhaftig!“
„Wie meint Ihr das, Odgen?“, wollte Shikon No Yosei daraufhin wissen.
Er blickte die Anwesenden ernst an und erklärte: „Dieses Wesen ist der >Große Zerstörer<. Laut Foliant des Rubikon, der heiligen Schrift der Deldrimor, tragen der Große Zwerg und der Große Zerstörer einen letzten Kampf aus … Und danach gibt es die Zwerge nicht mehr. Sieg oder Niederlage … die Zeit der Zwerge ist vorbei. Die Frage ist nur … ist dann auch Euer aller Ende gekommen?“
„Das ist schrecklich!“, rief Seiketsu No Akari aus, „Das darf nicht geschehen!“
Shikon No Yosei legte beruhigend einen Arm um ihre Schultern und sagte: „Hab´ keine Angst … Wir lassen nicht zu, dass diese Welt untergeht. Wir werden für unsere Zukunft kämpfen!“
„Ich weiß, wo sich der Große Zerstörer aufhält.“, meldete sich Vekk zu Wort.
Die Mönchin umarmte ihre Cousine und erwiderte: „Danke, Shiko … Ich vertraue deinem Wort.“
„Ich weiß, wo sich der Große Zerstörer aufhält.“, wiederholte Vekk.
Ohtah Ryutaiyo nickte und fügte hinzu: „Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wo sich der Große Zerstörer aufhält.“
„So hört mir doch endlich zu! Ich kenne diesen Ort!“, rief Vekk aufbrausend.
Perplex starrte die Elementarmagierin ihn an und fragte: „Ihr wisst es, Vekk? Woher?“
„Ich war an der Konstruktion der Zentralen Transferkammer beteiligt.“, antwortete der Asura, „An die Kammer grenzt eine Höhle. Die Höhle, die uns das Spähgerät gezeigt hat! Ich habe die Drachenstatue wiedererkannt. Sie verströmt eine besondere Art von Magie. Deshalb haben wir auch die Kammer dort gebaut … Ich habe mich seit meiner ersten Begegnung mit den Zerstörern gefragt, warum mir ihre Magiesignatur so bekannt vorkam. Die Zerstörer verströmen dieselbe Energie wie diese Statue!“
Seiketsu No Akari legte sich erschrocken ihre Hände auf den Mund, Ohtah Ryutaiyo zog überrascht die Augenbrauen nach oben und Shikon No Yosei entgegnete: „Das bedeutet … die Zerstörer wurden dort erschaffen. Erschaffen von ihrem Meister, dem Großen Zerstörer.“
Um den Lehren des Folianten zu entsprechen und um Tyria vor der Invasion der Zerstörer zu schützen, führte Jalis Eisenhammer mit seinen engsten Beratern und stärksten Zauberern ein Ritual durch, welches den Deldrimor die Macht des Großen Zwergs verlieh.
„Das Ritual ist fast beendet.“, bemerkte Shikon No Yosei leise, „Ist alles bereit?“
Oola zeigte hinter sich und sagte: „Ich habe die Matrixreihe der Golems umstrukturiert. Jetzt könnt sogar Ihr als Mensch sie benutzen.“
„Das ist … beruhigend.“, grinste Ohtah Ryutaiyo, bevor er sich an Odgen wandte, „Werdet Ihr den Ritus auch vollziehen?“
Der Zwerg schüttelte und meinte mit einem seltsamen Unterton in der Stimme: „Nein, ich nicht. Wer sich dem Ritus unterzieht, wird an Körper und Geist verändert … Ich möchte lieber ich selbst bleiben.“
Seiketsu No Akari starrte gebannt auf das Volk der Deldrimor. Ein weißer Nebel, der sich über sie gelegt hatte, verzog sich. Der König und seine Untertanen waren nicht wiederzuerkennen. Ihre Körper waren nicht länger aus Fleisch und Blut, sonst aus einem grünlichen Gestein.
„Der Große Zwerg ist mit uns!“, rief Jalis Eisenhammer euphorisch, „Die letzte Schlacht steht bevor … Großer Zerstörer gegen Großer Zwerg! Denn jetzt sind wir alle der Große Zwerg!“
Die Jubelschreie der Zwerge waren laut, hallten durch die weite Halle.
„Es ist soweit …“, kam es synchron von den drei Canthanern.
Kurz darauf öffnete Vekk ein Portal, dass die Streitmacht in die Nähe der Zentralen Transferkammer führte. Die Aufgabe, den Weg freizuräumen übernahm ab hier, ganz nach Shikon No Yosei´s Planung, die Hauptgruppe, bestehend aus der Ebon-Vorhut, den Golems und den Norn. Die Zwerge hatten es sich in den Kopf gesetzt, allein gegen die Zerstörer in der Kammer zu kämpfen. Sie wollten diesen Feiglingen, die sich vor ihnen versteckten, bestrafen. Die Spezialeinheit, Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Seiketsu No Akari, Vekk, Odgen, Gwen, Jora und Brandor sollte ihre Kräfte für den Großen Zerstörer aufsparen. Doch der Weg durch die Tiefen war gefährlich und sehr tückisch. Die Zerstörer hatten daraus ihr Territorium gemacht. Überall lagerten ihre Horden, verborgen sich Fallen und warteten neue Gefahren. Aber die strukturierte Streitmacht von Shikon No Yosei war vorbereitet – sie waren ihnen zahlenmäßig ebenbürtig und vor allem strategisch standen sie ihnen in nichts nach.
Als sie endlich in die Zentrale Transferkammer gelangten, erschrak die Gruppe. Es war noch viel schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatten. Die Zerstörer hätten die Kammer in ein gewaltiges Nest verwandelt. Bevor sich die drei Canthaner auch nur ansatzweise mit den anderen beraten konnten, stürmten die Deldrimor bereits los und entfesselten einen Kampf, der alles andere in den Schatten stellte. Zu mächtig war die Gegenwehr der Zerstörer, sodass sogar die Spezialeinheit an ihre Grenzen gehen musste. Die erschöpften Kämpfer der Haupttruppe konnten nichts mehr tun, nicht einmal die stolzen Norn waren mehr in der Lage, ihre Verbündeten zu unterstützen. Diese Schlacht sollte ihnen wahrlich alles abverlangen. Ein Sieg war praktisch unmöglich … Doch es wäre nicht das erste Mal, dass Shikon No Yosei etwas unmögliches möglich gemacht hätte. Seiketsu No Akari kümmerte sich einzig, um den Schutz der Elementarmagierin und des Assassinen, auch wenn es ihr schwerfiel, Jalis Eisenhammer und seine Leute zu ignorieren, wusste sie, dass sie keine andere Wahl hatte. Aber so sehr sich ihre Seite versuchte zu wehren, die Flut an Zerstörern riss nicht ab. Immer neue Gegner erschienen und kreisten sie schließlich ein. Die junge Mönchin zitterte. Die Übermacht war zu groß. Die Gegenwehr wurde schwächer. Bald würde ihre Linie fallen und alle würden sterben.
„Gib´ nicht auf, Sei!“, rief Shikon No Yosei, die ihre Reaktion bemerkt hatte, , „Noch ist es nicht vorbei … Und sollten wir wirklich unterliegen, habe ich keine Angst vor dem Tod. Nicht solange wir zusammen sind!“
Ja, sie durfte nicht aufgeben. Sie musste an die Stärke ihrer Verbündeten glauben. An die ihrer Verbündeten und an ihre eigene.
Langsam kniete Seiketsu No Akari inmitten des Kampffeldes nieder und flüsterte mit geschlossenen Augen: „Im Namen der Göttin Dwayna … im Namen Deldrimors … im Namen des Reichs der Drachen … ich rufe euch an, ihr Mächte der Erde und des Himmels ... kommt zu uns, verleiht uns eure Kräfte … helft uns in diesem Kampf, auf dass wir euer Reich auch in Zukunft verteidigen können!“
Es war wie ein Wunder. Im Körper von Seiketsu No Akari konzentrierte sich eine Unmenge an Energie verschiedenster Arten. Sie breitete die Arme aus und eine Welle positiver Energie fegte über ihre Verbündeten hinweg, heilte ihre Verletzungen und stärkte sie. Mit dieser neuen Kraft wagten sie einen Durchbruch.
„Wir haben sie zurückgedrängt!“, sagte Jalis Eisenhammer stolz.
Odgen sah ihn an und meinte: „Doch die Zerstörer formieren sich neu.“
„Das macht nichts! Wir sind Stein! Wir widerstehen all ihren Attacken!“, erwiderte der König standhaft und ging zu seinen Deldrimor-Zwergen.
Shikon No Yosei flüsterte leise, dass der Herrscher sie nicht hören konnte: „Nun sehe ich, was Ihr mit >an Körper und Geist verändert< meintet.“
„Ich erkenne König Jalis nicht mehr wieder.“, stimmte auch Seiketsu No Akari traurig zu, „Er hätte früher nie so rücksichtslos gehandelt … Er ist zu allem entschlossen. Für ihn gibt es jetzt nur noch Sieg … oder Tod.“
Seufzend rieb Odgen sich über die Augen und meinte: „Ja … aber die zahlreichen Zerstörer agieren inzwischen wie ein Wesen.“
„Das ist es!“, rief Gwen aus, „Was, wenn sie ein Wesen sind? Ich meine … die Macht des Großen Zwergs ist doch mit Jalis Eisenhammer und seinen Leuten verbunden. Was, wenn der Große Zerstörer auch mit seiner Armee verbunden ist?“
Shikon No Yosei starrte sie an und hauchte baff: „Das heißt, wenn der Große Zerstörer stirbt …“
„Bricht Chaos aus und die Deldrimor haben eine Chance!“, beendete die Braunhaarige den Satz.
Vekk überlegte kurz und gab zu Bedenken: „Das wird riskant … sehr riskant. Selbst mit der Macht ihres Großen Hokuspokus werden die Zwerge nicht lange durchhalten.“
„Dann lasst die Golems hier.“, schlug Ohtah Ryutaiyo vor.
Mit einem Nicken antwortete der Asura: „Klingt nach einen guten Plan. Die Höhle des Großen Zerstörers ist nicht weit. Eine kleine Gruppe könnte unbemerkt hinein gelangen ...“
„Worauf warten wir dann noch?“, fragte Seiketsu No Akari lächelnd.
Shikon No Yosei schaute einen nach dem anderen an und entgegnete entschlossen: „Dann ist es entschieden. Ohtah, Seiketsu, Vekk, Odgen, Gwen, Brandor, Jora … das wird unser letzter Kampf!“
Die lebenden Legenden
Vor ihnen erstreckte sich ein gigantisches Meer aus Lava, Flammen und Gestein. Das war die Höhle des Großen Zerstörers, der selbst im hintersten Ende auf einer Erhöhung thronte. Die Kampfgefährten konnten ihren Augen nicht trauen. Sein Körper glich der Größe von minndestens zehn Zerstörern zusammen, die jeweils Mannshoch waren. Von seiner Macht, welche deutlich spürbar war, einmal ganz abgesehen. Die komplette Zerstörer-Armee gehorchte seinem Willen. Es wäre gelogen gewesen, wenn sie in diesem Moment behauptet hätten, keine Angst zu haben. Das wusste auch Shikon No Yosei.
„Angst zu haben, ist keine Schande …“, flüsterte sie ihren Verbündeten zu, „Aber aufzugeben. Zusammen sind wir stark! Wir dürfen nur nicht vergessen, wofür wie kämpfen …“
Bevor die anderen ein zustimmendes Nicken geben konnten, erklang eine dunkle Stimme in ihren Köpfen: „Ihr habt also den Weg in meine Höhle gefunden … Ich bin beeindruckt von eurem Widerstand, den ihr meinen Truppen geleistet habt. Ich glaube, ich habe euch zu Anfang etwas unterschätzt … Mein Fehler. Doch das ist jetzt vorbei … denn nun steht ihr mir gegenüber!“
„Und du glaubst wirklich, dass uns das aufhalten wird, dich zu besiegen?“, ergriff Ohtah Ryutaiyo mutig das Wort, „Wir werden nicht aufgeben! Niemals! Egal wie gering unsere Chance auch ist … wir werden kämpfen!“
Überrascht sah seine Geliebte ihn an. Sie wusste zwar, dass er einen großen Kampfgeist hatte und auch immer alles gab, aber so vollkommen entschlossen, hatte sie ihn noch nie erlebt.
Der Große Zerstörer ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken und sagte nachhallend: „Ihr habt es nicht anders gewollt … Ihr wisst nicht, wem ihr gegenüber steht. Ich werde keine Gnade kennen! Für keinen von euch!“
„Wir wissen nicht, wem wir gegenüber stehen? Weißt du es denn? Weißt du, gegen welche vereinte Kraft du kämpfen wirst?“, stellte Seiketsu No Akari die Gegenfrage, „Unsere Fähigkeit Gefühle zu zeigen, ist unsere Stärke und deine Schwäche! Du bist nichts weiter als tote Materie!“
Wut durchströmte die braunhaarige Mönchin. Noch nie hatte sie eine solche Wut verspürt. Sie legte diese Gefühlsreaktion in ihre Schutzgebete, die sie anschließend über ihre Freunde legte, um sie vor dem Feuer und der Hitze zu bewahren. Die Hand von Ohtah Ryutaiyo zitterte. Nicht weil er zögerte oder gar Angst um sein eigenes Leben hatte. Er fürchtete um das Mädchen, dem sein Herz gehörte – an diesem Tag würde sich alles entscheiden und es würde all ihre ganze zur Verfügung stehende Kraft benötigen. Shikon No Yosei griff nach ihrer wahrer Macht, der reinen Energie. Ihre Feuermagie würde gegen den Großen Zerstörer nicht funktionieren und die anderen Elemente waren gegen einen solchen Feind einfach zu schwach. Langsam machte sie den ersten Schritt auf ihn zu. Es war ihre Aufgabe als Anführerin den Kampf zu beginnen. Ein Grollen erfüllte die Höhle, ließ sie erzittern. Felsbrocken lösten sich, stürzten herab. Lava spritze umher.
Wieder sprach der Zerstörer Zerstörer zu ihnen: „Ich habe es euch gewarnt … Ihr habt keine Ahnung, wie groß meine Macht ist … Ein einziger Gedanke von mir kann euch alle auf der Stelle auslöschen! Aber … das würde mir nicht ausreichend Genugtuung verschaffen. Erst werde ich euch töten und danach werde ich die ganze Welt beherrschen! Niemand kann mich aufhalten … Meine Macht ist grenzenlos! Meine Macht ist unendlich!“
Die schöne Elementarmagierin stieß einen missbilligenden Laut aus. Bescheidenheit war wohl wahrlich keine Stärke der Zerstörer. Selbstvertrauen in allen Ehren, aber das ging zu weit. Jemand, der allein war, niemanden auf seiner Seite hatte, der besaß keine wahre Stärke, der war schwach. Zu schwach, um es sich einzugestehen.
Sie schloss die Augen und rief machtvoll: „Die Ebon-Vorhut glaubt daran, dass die Opfer der vergangenen Zeit nicht umsonst waren. Die Norn freuen sich, dass so starke Krieger aus dieser Schlacht hervorgegangen sind. Die Deldrimor und die Asura haben die Hoffnung, endlich wieder ungestört in ihrem Reich leben zu können. Wir, die wir hier vor dir stehen, haben einen Grund diesen Kampf auszufechten … Dieser Glaube, diese Freude, diese Hoffnung … all unsere Gründe und unsere Gefühle fließen in meinen Körper und verleihen mir Energie … Energie, die wahrhaft unendlich ist!“
Eine Aura aus Licht umhüllte Shikon No Yosei und wuchs immer mehr an, breitete sich aus.
Der Große Zerstörer zischte entgeistert: „Ich verstehe das nicht. Wie kann das sein? Vor einem Moment warst du nicht einmal annähernd so stark … Du warst nichts weiter, als ein schwacher Mensch!“
„Du wirst es auch nie verstehen … Du hast niemanden, der dein Herz berührt. Ich habe Familie, Freunde, Verbündete … Sie verlassen sich auf mich. Sie sind davon überzeugt, dass ich sie zum Sieg führe … Und ich habe nicht vor, sie zu enttäuschen!“, entgegnete sie erst an ihn gerichtet und wandte sie anschließend an ihren Geliebten, „Ohtah, erinnerst du dich noch an Kormir´s Worte? Was meinst du … ist jetzt der Zeitpunkt, an dem ich sie am dringendsten benötige?“
„Die Flasche mit Abaddon´s Energie …“, hauchte Ohtah Ryutaiyo geschockt und nickte dann, „Mir würde kein passenderer Zeitpunkt einfallen – zeig´ ihm deine ganze Kraft, Shiko!“
Sie zauberten ein kleines Fläschchen hervor. Die magische Essenz darin pulsierte. Shikon No Yosei konzentrierte sich darauf, verband sie mit der Energie, die durch ihren Körper strömte – die darauffolgende Druckwelle vergrößerte die Aura um sie herum, schleuderte ihre Verbündete von ihr.
„Deine Macht mag zwar unendlich sein … Doch nun besitze ich eine Energie, die jenseits der Unendlichkeit liegt!“, schrie die Elementarmagierin und befreite auf einen Schlag die ganze Energie aus ihrem Körper.
Gwen hatte recht. Mit dem Tod ihres Meisters verschwand die einigende Kraft der Zerstörer. Jalis Eisenhammer und seine Zwerge verfolgten sie in die Tiefen Tyria´s. Es war ein Tag der Wunder. Ein Tag für die Zukunft. Ein Tag der lebenden Legenden! Aber das Ende ihrer Reise warf auch einen Schatten auf ihren Erfolg. Shikon No Yosei hatte für diesen Sieg den Zugang zur Magie verloren … doch nach zahlreichen Untersuchungen waren sich die Asura sicher, dass dies nur ein vorübergehender Zustand sei – allerdings würde sie wahrscheinlich nie mehr auf ihr einstiges Level kommen. Und der Abschied von ihren neuen Freunden kam unaufhaltsam näher.
„Es wird Zeit.“, erklärte Shikon No Yosei mit gemischten Gefühlen, „Ohtah, Seiketsu und ich kehren in unsere Heimat zurück … Jetzt da ich die beiden wieder an meiner Seite habe, kann ich vielleicht endlich etwas Ruhe finden. Ich würde es mir zumindest wünschen …“
Vekk reichte ihr seine Hand und sagte: „Ich bin froh, Euch kennen gelernt zu haben, Shiko … Ich habe viel von Euch gelernt. Ihr seid von nun an eine Vertraute der Asura … Vergesst das nicht! Und zum Zeichen dafür, habe ich noch ein Geschenk für Euch.“
Er überreichte ihr einen Gegenstand, der wie ein einfacher Zylinder aus Metall aussah, und fügte hinzu: „Das ist ein tragbares Portal … Es ist einzigartig. Ich selbst habe es höchstpersönlich nur für Euch konstruiert. Wenn Ihr den Namen eines Ortes laut aussprecht, wird es Euch dorthin bringen. Und wenn Euch jemand begleiten möchte, muss derjenige Euch einfach nur berühren.“
Tränen stiegen Shikon No Yosei Tränen in die Augen. Sie kniete sich hin und umarmte Vekk.
Dann stand sie auf und meinte an die anderen gewandt: „Gwen, ich werde dich vermissen. Irgendwann sehen wir uns wieder … Ich möchte auch dir und deinem Volk danken, Jora. Wann immer du wieder unsere Hilfe braucht, ruf´ nach uns … Dasselbe gilt für Euch, Brandor. Wir schulden Euch so großen Dank … Und Euch habe ich ebenfalls zu danken, Odgen. Was habt Ihr jetzt vor? Jetzt da die Deldrimor verschwunden sind …“
„Ich werde Vekk in die Befleckte Küste begleiten.“, antwortete der Zwerg und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, „Ich wünsche Euch alles Gute, Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari. Lebt wohl … und habt Dank für Eure Unterstützung!“
Als letzter meldete sich auch Brandor zu Wort: „Du bist ein ziemlich ungewöhnlicher Mensch … und eine gute Anführerin. Halte dir das immer vor Augen – jedes unserer Völker respektiert und schätzt dich!“
Die Tränen ließen sich nicht länger zurückhalten. Wortlos hielt Ohtah Ryutaiyo sie fest, wofür sie sehr dankbar war. Sie hatte auf dieser Reise so vieles von den Zwergen, den Asura, den Menschen des Nordens und den Charr gelernt. Diese Erfahrungen konnte ihr niemand mehr nehmen.
Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari sind durch diesen Sieg wahrhaftig zu lebenden Legenden geworden. Überall in Tyria, in Elona und natürlich auch in Cantha verbreiten sich die Geschichten über sie. Nun können sie auch endlich ihre Aufgabe als Verteidiger von Cantha übernehmen. Doch würde diese Zeit des Friedens wirklich von Dauer sein?
Niemand kann sagen, was die Zukunft bringen wird oder wann das Ende kommt … Neue Gefahren, neue Gegner und neuen Herausforderung wird es immer geben. Solange es das Gute gibt, existiert auch das Böse. Ohne Schwäche gibt es keine Stärke. Ohne Hass, keine Liebe. Ohne gestern, kein heute und kein morgen … Und so leben die Legenden fort.
Zwischenspiel 03: Eine Legende zum Wintertag
Das Juwel der vier Seeles
Erst wenige Wochen waren unsere Helden von ihrer Schlacht zurückgekehrt, da neigte sich das Jahr des tyrianischen Kalenders bereits dem Ende entgegen und überall hielt Grenth´s eisiger Winter Einzug … Wirklich überall? Nein, denn in Cantha hatte es noch nie geschneit – nicht ohne Magie.
Und so blieb Shikon No Yosei´s Wunsch nach einer eisigen Schneelandschaft unerfüllt. Denn ihre magischen Kräfte hatten sich von dem gewaltigen Zauber gegen den Großen Zerstörer noch nicht wieder erholt und es blieb die quälende Frage, ob sie überhaupt zurückkehren würden … trotz der Diagnose der kundigen Asura.
„Shiko, wach´ auf! Wir müssen los.“, rüttelte Ohtah Ryutaiyo sie früh am Morgen aus dem Schlaf.
Die schöne Elementarmagierin rieb sich verschlafen über die Augen, doch ihre jahrelangen Abenteuer ließen sie dennoch aufhorchen. Doch anstelle einer Antwort, zog er ihr nur die Bettdecke vom Leib und ein Frösteln überlief Shikon No Yosei.
„Hier, zieh´ das an.“, verlangte er ungewohnt autoritär.
Der Braunhaarige hatte seiner Angebeteten dicke Winterkleidung hingelegt – allein dass er sich an ihren Kleiderschrank getraut hatte, verschlug ihr schon die Sprache. Innerlich zuckte Shikon No Yosei die Achseln; immerhin ging es hier um Ohtah Ryutaiyo – er hatte für alles einen Beweggrund.
„Aber ins Bad darf ich schon noch, oder?“, neckte sie ihn.
Er lächelte schief und hauchte nahe an ihren Lippen: „Wenn du dich beeilst …“
Zu nah. Er war ihr zu nahe, als dass sie es einfach ignorieren oder sich abwenden konnte – ihre Arme schlangen sich wie von selbst um seinen Nacken und zogen ihn zu einem leidenschaftlichen Kuss auf sie. Bei niemand anderen konnte sich Ohtah Ryutaiyo derart fallen lassen … für den Moment alles vergessen und es galt nur zu genießen. Aber heute schafften es nicht einmal die Lippen von Shikon No Yosei, ihn vollkommen die Fassung verlieren zu lassen und er entzog sich ihrem süßes Spiel.
„Bei den Göttern …“, gab er etwas atemlos von sich, „Ich warte draußen auf dich.“
Der geschickte Assassine verschwand im Schatten. Selbst in seinem jetzigen Leben war er manchmal für die harte Ausbildung und seine dadurch erlangte, eiserne Selbstbeherrschung unglaublich dankbar.
Knapp eine halbe Stunde später kam Shikon No Yosei in voller Montur zu ihm hinaus – sie trug eine dicke Strumpfhose, gefütterte Stiefel, ein Kleid aus Wolle und darüber noch einen Mantel; Schal, Mütze und Handschuhe hatte sie in eine kleine Umhängetasche gestopft. Nun bemerkte die junge Shing Jea, dass ihr Liebster ähnlich angezogen war und zu seinen Füßen stand ein voll gepackter Rucksack.
„Sagst du mir jetzt endlich, was eigentlich los ist?“, fragte Shikon No Yosei ungeduldig.
Ohtah Ryutaiyo griff in seine Jackentasche und holte einen silbernen Gegenstand heraus, der sich noch nicht allzu langem in ihrer beider Besitz befand – es war ein von Vekk geschaffenes, mobiles Portal, das einen überallhin bringen konnte, sofern man nur den Namen des Ortes aussprechen konnte. Der Asura hatte es der Rothaarigen als Zeichen der Ehrerbietung und Freundschaft vor deren Abreise geschenkt.
Aufgeregt ergriff sie Ohtah Ryutaiyo´s Arm und hörte, wie er leise sagte: „D´Alessio-Küste.“
Die Küste lag nahe Löwenstein im Herzen Kryta´s. Der große Fluss, der unterirdisch ins Meer von Orr floss, war komplett zugefroren. Shikon No Yosei staunte und bewunderte diesen einzigartig funkelnden Anblick. Beinahe zärtlich fing sie die kleinen Schneeflocken auf, die vom Himmel fielen und in ihrer warmen Hand sofort schmolzen.
Zögerlich trat der geschickte Assassine an ihre Seite und meinte: „Ich will dir alle deine Wünsche erfüllen … und für immer mit dir zusammen sein.“
„Damit erfüllst du mir meinen größten Wunsch!“, entgegnete sie lachend, während sie sich an seine Brust kuschelte.
Er drückte sie fest an sich. Es war ein Wunder, dass sie ihm die Geschichte mit Livia wirklich verziehen hatte, ihn auch weiterhin an seiner Seite haben wollte. Um die aufsteigende Melancholie zu verscheuchen, löste er sich von Shikon No Yosei und packte die eigentliche Überraschung aus seinem Rucksack aus – zwei Paar Schlittschuhe.
„Nein, wirklich? Du … Echt jetzt?“, bekam sie vor Freude kaum ein vernünftiges Wort heraus.
Seit langem schon wollte sie Schlittschuh laufen zu lernen – das Problem dabei war, dass es durch die milden Winter in Cantha im Grunde niemand konnte. Ohtah Ryutaiyo hielt eine solche Kleinigkeit natürlich nicht auf – kurzerhand war er per Portalnetz nach Löwenstein gedüst, hatte das mit Kufen versehene Schuhwerk gekauft und damit geübt. Stolz hielt er ihr das Schuhwerk mit den glänzenden Kufen hin und erklärte ihr, wie sie diese binden und zuschnallen musste. Wenige Minuten später stand Shikon No Yosei, noch etwas wacklig auf den Beinen und gestürzt von Ohtah Ryutaiyo, auf dem Eis. Zaghaft machte sie die ersten Schritte mit einem wohliges Glücksgefühl.
„Halte dich gerade, die Fußspitzen müssen leicht nach außen zeigen und immer abwechselnd abstoßen.“, meinte der geschickte Assassine lächelnd, „Stell´ dir vor, du würdest einfach dahinschweben …“
Selbst wenn sie es nicht in ihrem Namen tragen würde, für ihn war sie stets eine starke, anmutige und wunderschöne Fee, die ihn verzaubert hatte. Glanzvoller als jeder Engel … Er ließ ihre Hände los und entfernte sich ein Stück von ihr. Zuerst etwas panisch begann die junge Elementarmagierin zu schwanken, bis sie eine tiefe Ruhe empfing. Sie wusste, Ohtah Ryutaiyo würde sie niemals fallen lassen … es konnte ihr nichts geschehen. Er war ihr Beschützer, der sie über alle Maßen liebte und jede Herausforderung annahm – deshalb wollte sie ihn auf gar keinen Fall enttäuschen! Shikon No Yosei nahm Haltung an und plötzlich war es ganz einfach. Sie flog förmlich über das Eis. Ohtah Ryutaiyo staunte nicht schlecht – er hatte Stunden und Tage gebraucht, um mit den Schlittschuhen klarzukommen. Lachend fuhr er seiner Geliebten hinterher und gemeinsam drehten sie viele Runden auf der gefrorenen Oberfläche, bis ihr Magen schließlich lauthals protestierte – immerhin hatten sie noch kein Frühstück gehabt. Doch auch daran hatte der gewitzte Assassine natürlich gedacht und belegte Brote, Obst sowie Getränke eingepackt.
„Das ist ja ein kleiner Zauberrucksack! Und das hast du alles allein gemacht?“, staunte Shikon No Yosei über die Auswahl.
Etwas schuldbewusst schüttelte er den Kopf: „Seiketsu hat mir geholfen, bevor sie zum Kloster aufgebrochen ist.“
Seit der braunhaarige Mönchin nach Meister Togo´s Willen das Amt der Leiterin des Klosters von Shing Jea übertragen worden war, verbrachte sie dort fast vierundzwanzig Stunden.
„Wusstest du, dass die Zeit des Wintertages in Elona und Tyria ganz groß gefeiert wird?“, fragte Ohtah Ryutaiyo und zog ein Päckchen heraus, „Man beschenkt zum Beispiel auch seine Liebe …“
Shikon No Yosei schaute ihn überrascht an. Für gewöhnlich hängte er sich nicht an materielles – Ausflüge wie dieser Tag oder wenn dann Liebesbotschaften und Blumen. Zaghaft nahm sie dem Gegenstand entgegen und befreite ihn aus dem Papier. Es war ein Buch, auf dessen Einband eine violett schimmernde Kugel abgebildet war.
„Die Legende des Shikon No Tama …“, las sie ehrfürchtig den Titel.
Ihr Blick wanderte zu Ohtah Ryutaiyo, als dieser erklärte: „Es ist ein altes, canthanisches Märchen über ein Juwel, das durch den Kampf von Menschen und Dämonen entstanden ist. Deshalb kann es sowohl gute, als auch böse Energie ausstrahlen – je nach Eigenschaften seines Besitzers … Wird derjenige von Gier, Neid, Ignoranz und Hass getrieben, wird das Shikon No Tama unrein. Herrschen dagegen Mut, Freundschaft, Weisheit und Liebe im Herzen desjenigen, bleibt es rein.“
„Woher hast du das?“, hauchte Shikon No Yosei gerührt.
Ohtah Ryutaiyo atmete tief ein, bevor er antwortete: „Von Seiketsu. Sie hat es in der geheimen Bibliothek des Klosters gefunden … Es gehörte Meister Togo. Vielleicht ein weiterer Hinweis, dass deine Theorie der Wahrheit entspricht. Ich … ich hatte mich schon länger gefragt, was die vier Seelen sind.“
Shikon No Yosei nickte. Das hatte sie ebenfalls getan – doch niemand konnte ihr darauf antworten, nicht einmal ihre Tante Bishu. Und bei ihrem Meister war es ihr nie in den Sinn gekommen … Vor allem da Shiro ihn bereits getötet hatte, als er von ihren Blutsbanden gesprochen hatte.
„Ich danke dir, Ohtah … das bedeutet mir wirklich unglaublich viel!“, antwortete sie, nachdem sie Minuten lang geschwiegen hatte.
Den Abend verbrachten Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo mit leicht schmerzenden Beinen in Löwenstein – natürlich waren sie nach der Pause noch einmal auf das Eis zurückgekehrt. Überall sah man wunderbare Dekorationen zu Ehren des Wintertages – Zuckerstangen, Geschenke, Tannenbäume.
Als der Wind auffrischte begann der Assassine zu niesen und sie fragte ihn besorgt: „Hast du dich etwa erkältet?“
„Mir ist nur ein bisschen kalt. Erinnert mich an die Zeit in den Zittergipfeln.“, gab er mit beruhigender Stimme zurück.
Ohne darüber nachzudenken streckte Shikon No Yosei die Arme zu beiden Seiten ihres Körpers aus und schloss für einige Sekunden die Augen. Langsam erwärmte sich die Luft um sie herum.
„Shi-Shiko, du … du kannst wieder zaubern?“, stammelte der Braunhaarige geschockt.
Nicht minder überrascht realisierte die Shing Jea, was sie so eben getan hatte und starrte ihre Hände an. Ein kleiner Feuerball tanzte um ihre Finger, gefolgt von einem Wassertropfen und einem Kieselstein, die von einer Windböe davongeweht wurden. Tränen liefen über Shikon No Yosei´s Gesicht und sie sank auf die Knie. Die Magie der vier Elemente strömte durch ihre Adern!
„Shiko?“, sprach Ohtah Ryutaiyo sie vorsichtig an.
Ergriffen blickte sie zu ihm auf und fiel ihm vor Freude mit solcher Wucht um den Hals, dass beide im Schnee lachend landeten.
Ihre Strafe hat endlich ein Ende gefunden! Und auch wenn es eine furchtbare Qual gewesen ist, so würde Shikon No Yosei dennoch jedes Mal erneut dieselbe Entscheidung treffen … Obwohl ihr ein Leben vollkommen abgeschnitten von ihren magischen Kräften so sinnlos erschient.
Was ist schon eine Elementarmagierin, die nicht zaubern kann? Allein wäre sie sicher verrückt geworden … doch Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari werden ihr stets beistehen – es gibt schließlich nicht nur eine Art von Magie … Mut, Freundschaft, Weisheit und Liebe gehören ebenfalls dazu. Besonders wenn man nach dem Juwel der vier Seelen benannt wurde …
Zwischenspiel 04: Shiko und das Drachenfest
Alles nur Show?
„Ist das wirklich wahr?“, fragte Shikon No Yosei aufgeregt.
Sie, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari waren zu Kaiser Kisu bestellt worden, weil er sie um einen persönlichen Gefallen bitten wollte. Nicht nur die schöne Elementarmagierin war darüber begeistert, auch die junge Mönchin und der geschickte Assassine empfanden es als große Ehre.
Der Herrscher nickte lächelnd: „Ja, meine Liebe. In diesem Jahr werdet ihr, die größten Helden Cantha´s an den Showkämpfen zu Ehren unseres Landes und der Macht der Drachen teilnehmen. Gebt euer Bestes!“
Die Verteidiger von Cantha legten ihre Hände über ihre Herzen. Sie würden ihn nicht enttäuschen.
Die erste Aufgabe galt es in der Provinz Kinya zu bestehen. Shikon No Yosei und ihre beiden Gefährten sollten die Yetis besiegen, welche angeblich von einem fremden Monster aufgeschreckt worden waren, und anschließend die Kreatur vernichten.
„Wie gut, dass wir gemeinsam hierher gekommen sind.“, rezitierte Shikon No Yosei ihre vorgegebene Textpassage, „Sie sind verrückt geworden und greifen die Einheimischen an! Wir müssen uns beeilen und dem ein Ende bereiten, bevor es noch mehr Verluste gibt!“
Währenddessen belegte Seiketsu No Akari die Schaulustigen, die sich im Tal versammelt hatten, um der Instanziierung beizuwohnen, mit einem Schutzgebet – nur für den Fall, dass die Yeti wirklich auf die Zuschauer anstatt auf die Helden Cantha´s losgingen. Ohtah Ryutaiyo brachte sich via Schattenschritt in die richtige Position. Applaus folgte seinem Einsatz. Ein eigenartiges Gefühl breitete sich in ihm aus. Er war es nicht gewohnt, unbeteiligte Zuschauer bei seinen Kämpfen zu haben. Gemeinsam mit seiner Geliebten schaltete er alle Yetis in Sekundenschnelle aus.
Seiketsu No Akari nickte anerkennend über ihren Sieg: „Das war der letzte. Doch jetzt müssen wir die Höhle am Tormaat-Pass untersuchen. Irgendetwas treibt diese Viecher in den Wahnsinn und es wird langsam Zeit, dass wir diesem rätselhaften Rätsel auf den Grund gehen.“
Wie eh und je ging die Elementarmagierin als Anführerin voran. Vorsichtig schlichen sie voran, die Zuschauer folgten ihnen. In der Höhle entdeckten sie ein Wesen, welches nicht in Cantha beheimatet war.
„Ein Dämon!“, rief Shikon No Yosei aus und schluckte mit Mühe den Kloß hinunter, der in ihrem Hals aufgetaucht war – der Schrecken des Reichs der Qual saß einfach zu tief, um ihn zu vergessen.
Eine Feuerwalze brach aus ihrem Körper hervor, stärker als beabsichtigt, und verbrannte die Kreatur.
„Du hattest recht, Shiko … Es war ein Dämon. Keiner aus dem Reich der Qual, aber …“, meinte Ohtah Ryutaiyo, führte den Gedanken jedoch nicht zu Ende, „Wir müssen herausfinden, woher sie kommen … und was sie in Cantha wollen.“
Auf dem Rückweg gingen die drei lebenden Legenden durch die verschneiten Berge des Sunqua-Tals. Plötzlich blieb Seiketsu No Akari wie angewurzelt stehen. Kommentarlos rannte sie los. Am Schrein der Maat blieb sie schließlich stehen. Ein Priester ging dort auf und ab, auf und ab.
Er wiederholte ständig dieselben Worte wie ein Mantra: „Es kam aus der Finsternis … Warum ist nur mir die Flucht gelungen? Diese schrecklichen Bilder! Diese Bilder … Hilfe! Helft mir!“
„Er leidet unter einer Verhexung.“, erklärte die Mönchin ihren verwunderten Begleitern, „Sie zeigt ihm eine schreckliche Illusion von Tod und Qual.“
Ein entschlossener Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht. Dafür war sie nach Tyria gegangen, aus diesem Grund hatte sie all die Jahre studiert. Sie konzentrierte ihre Kräfte und flüsterte die heilenden Worte, die ihn erretten konnten.
„Ihr habt mich befreit!“, sprach der Priester und verneigte sich respektvoll.
Seiketsu No Akari erwiderte die Geste. Es gab für sie kein schöneres Gefühl, als anderen zu helfen.
Als Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari unter Jubel ins Kloster zurückkehrten, erwartete sie bereits die nächste Katastrophe. Eine Gruppe Purperschädel-Söldner, welche auf Shing Jea ihr Unwesen trieben, waren aus ihrem Lager geflohen und suchten Schutz.
„Was ist geschehen?“, wollte die Elementarmagierin sofort wissen.
Die Kapitänin der Purpurschädel trat vor und erklärte: „Wir gingen dem … üblichen Treiben in unserem Lager nach, als es plötzlich stockfinster über uns wurde. Und … eine Bestie mitten unter uns erschien. Einfach so. Sie … tötete einige meiner Männer. Ich befahl zwar sofort den Rückzug, aber … viele ließen in dem Gewimmel ihr Leben. Deshalb sind wir hier. Wir können nicht nach Hause zurück, solange diese … Kreatur dort mordet.“
„Wieso sollten wir euch helfen?“, wollte der einstige Am Fah herausfordernd wissen.
Shikon No Yosei legte ihm eine Hand auf den Arm und sagte: „Bitte, Ohtah. Hier geht es nicht mehr um … Taschendiebstähle oder gestohlenes Vieh. Es geht um die Sicherheit von Shing Jea.“
Der Widerstand in Ohtah Ryutaiyo´s Gesicht erstarb. Er wusste nur zu gut, dass es keinen Sinn hatte diese Diskussion fortzuführen. Nicht, wenn es um Shing Jea ging.
„Gehen wir.“, murmelte er daher und wurde von einem Kuss seiner Liebsten dafür belohnt.
Es war genauso wie Shikon No Yosei es befürchtet hatte – das Wesen im Lager der Purpurschädel gehörte zur selben Spezies wie jenes in der Provinz Kinya. Und höchstwahrscheinlich ging auch der Angriff auf den Schrein der Maat auf ihr Konto. Sie schüttelte den Kopf. Was dachte sie da eigentlich? Sie hatte schon viel zu oft mit wirklichen Bedrohungen zu tun gehabt, dass sie sich davon in den Bann ziehen ließ. Das war alles doch nur Teil der Showeinlage für das Drachenfest.
„Shiko?“, sprach ihr Geliebter sie an und riss sie damit aus ihrer Erinnerung an den Kampf.
Inzwischen war ein weiterer »Hilferuf« eingetroffen. Diesmal von der Panjiang-Halbinsel, aus dem Dorf Kaitan. Das Dorf lag ganz in der Nähe ihres Schreins, den sie für Meister Togo errichtet und vor kurzem zu Ehren Teinai´s erweitert hatte. Eine ganze Legion Naga war aus der Raiyan-Höhle, ihrer Heimat und Geburtsstätte, ausgebrochen.
„Verteilt euch!“, rief Shikon No Yosei ihren Freunden zu, „Es sind zu viele, wir können sie nicht nacheinander besiegen. Das würde die Dorfbewohner in Gefahr bringen!“
Die beiden nickten und strömten aus. Doch die Naga schienen es genau auf den Schrein abgesehen zu haben. So stellte sich die Elementarmagierin schützend davor und wehrte mit ihrem Flammen-Schild jeden Versuch ab. So schafften sie es zu dritt, das ganze Dorf vor Schaden zu bewahren.
„Es muss einen Grund geben, warum diese … Viecher aus ihrer Höhle gekrochen sind.“, meinte Seiketsu No Akari angewidert, nachdem alle Naga besiegt waren.
Shikon No Yosei sah nachdenklich aus und stimmte zu: „Stimmt. Vielleicht finden wir so auch heraus, woher diese Monster kommen.“
Aus der Raiyan-Höhle strömte dunkle Energie. Die jungen Frauen erschauderten und ihnen knickten sogar die Beine weg. So gewaltig war der Einfluss der Finsternis auf ihre Körper. Es dauerte eine ganze Weile, bevor sie sich wieder bewegen konnten.
„Ich gehe alleine hinein.“, entschied Ohtah Ryutaiyo.
Die Elementarmagierin kämpfte sich hoch und sagte schwach: „Nein … ich lasse dich nicht im Stich. Sei, sprich ein Schutzgebet über uns.“
Ihre Seelen-Schwester konzentrierte das Licht ihrer Kräfte. Lautlos flüsterte sie die Worte und der Schutz des Zaubers legte sich über die drei Verteidiger. Im Innern der Höhle wimmelte es nur so vor dieser seltsamen, unbekannten Kreaturen. Und es wurden immer mehr.
„Es ist ein Portal!“, rief Shikon No Yosei und deutete auf einen Riss in der Luft, „Lenkt ihr sie ab! Ich … kümmere mich darum.“
Besorgt schaute Ohtah Ryutaiyo sie an, befolgte aber ihre Anweisung. Sie schloss die Augen und sammelte sich. Dank Vekk hatte sie bereits Erfahrungen mit Portalen, auch wenn ihre diese Art von Zauber immer noch etwas unheimlich, befremdlich war. Es war kein Feuer, kein Blitz, keine Erde und kein Wasser, was Shikon No Yosei in dieser Sekunde entfesselte. Es war reine Magie – der Zusammenschluss aller vier Elemente, aus der jede Art von Energie geboren wurde.
Am Abend stand der Höhepunkt des Drachenfestes auf dem Programm – der Besuch des Kaisers im Kloster von Shing Jea. Die Schüler, die Bewohner, die Großmeister und die drei Verteidiger hatten sich vor der weißen Treppe versammelt, um den Herrscher willkommen zu heißen. Gerade als der Kaiser die Stufen herabschritt und die Menge in Jubel ausbrach, kam Jamei keuchend angerannt und warf sich vor Kisu auf den Boden.
„Mein Herr, bitte vergebt mir!“, fehlte sie ihn an, „Es tut mir unendlich leid … aber die Showkämpfe konnten in diesem Jahr nicht stattfinden. Verzeiht mir … Ich habe es zu spät erfahren. Die Schausteller sind krank geworden.“
Mit verständnislosen Mienen traten die lebenden Legenden vor und Shikon No Yosei sagte: „Was redet Ihr da? Wir haben doch gegen die Monster gekämpft.“
Jetzt war es an Jamei verwirrt zu schauen. Da dämmerte es der Elementarmagierin langsam – deshalb hatten sich diese Kämpfe so echt angefühlt und ihr ganzes Können war gefragt gewesen.
„Dann … war das also nicht alles nur Show …“, hauchte sie ungläubig.
Kaiser Kisu, der die seltsame Szene verfolgt hatte, sprach: „Lasst uns dieses Missverständnis später bereinigen. Gehen wir für den Moment zum angenehmen Teil der Festlichkeiten über!“
Er erhob seine Stimme und breitete seine Arme aus: „Bürger! Die Geschichte unseres Landes birgt zahlreiche Katastrophen und viele wagemutige Helden, die ihr Leben dem Schutze Cantha´s verschrieben haben. Ebenso wie jene, die hier vor euch stehen! Gedenken wir nun ihnen und unserer Vorfahren … Denn vor zweihundert Jahren starrte Kaiser Hanjai auf ein zerbrochenes Cantha. Er flehte die Geister der Nebel um Rat an, einen Weg zu finden, der sein Volk wieder vereinen möge. Seine Gebete wurden in der Gestalt eines riesigen, himmlischen Drachens erhöht, der aus dem Himmel herniederstieß und ihm versicherte, Cantha würde wieder auferstehen. Mein Vorgänger fasste neuen Mut und führte Cantha in neue, ruhmreiche Zeiten! Zu Ehren des himmlischen Drachen begehen wir jedes Jahr dieses Fest und beten dafür, dass Cantha auch in Zukunft im Licht der Sterne erstrahlen möge! So bitte ich dich, oh himmlischer Drache, Wappentier unseres großen und geliebten Reiches, das über uns wacht, geleite und beschütze uns!“
Über ihren Köpfen begannen die Sterne heller zu leuchten. Sie formten die Konturen eines mächtigen Drachens. Für einen Moment sah es sogar so aus, als würde er nicken. Shikon No Yosei, welche im Arm von Ohtah Ryutaiyo lehnte, grinste. Ja, es gab einen Drachen, der über sie wachte – und sie hatte schon einmal gegen ihn kämpfen dürfen. Oder zumindest gegen den Avatar von Tahmu.
In den darauffolgenden Tagen stellte sich heraus, dass die Monster, gegen die Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari gekämpft hatte, wirklich echt gewesen waren. Es waren nicht wie sonst nur verkleidete Schauersteller oder dressierte Tiere gewesen. Und um ehrlich zu sein, überraschte es keinen der drei Verteidiger von Cantha und Shing Jea. Sie hatten schon immer gewusst, dass ihre Arbeit niemals enden würde …
Buch 05: Das Ende der Legenden?
Teinai´s Zeichen
Ohtah Ryutaiyo erwachte am frühen Morgen. Ein wohliger Schauer ließ ihn zusammenzucken, als er an die vergangene Nacht dachte.
„Shiko … ich liebe dich …“, flüsterte er, aber seine Hand fasste ins Leere, „ Shiko? Wo bist du?“
Der Assassine ging in die Küche, dort saß bereits Seiketsu No Akari am Frühstückstisch.
„Sie hat bereits vor Sonnenaufgang das Haus verlassen.“, erklang die Stimme der Mönchin beinahe monoton.
Verblüfft sah Ohtah Ryutaiyo sie an und fragte: „Weißt du, wo sie hingegangen ist?“
„Du weißt genauso gut wie ich, dass es nur einen Ort gibt, den Shiko so früh aufsuchen würde …“, antwortete Seiketsu No Akari melancholisch, „Ohtah, du solltest sie-“
Doch der einstige Am Fah hörte ihr nicht weiter zu und stürmte zur Tür hinaus.
„Ach, Ohtah … Du kannst sie nicht zwingen. Es ist viel geschehen zwischen euch … vielleicht zu viel.“, flüsterte sie vor sich hin und stand auf.
Ohtah Ryutaiyo lief über die Felder. Dann blieb er abrupt stehen, sah hoch zur Sonne.
„Ich war ein Idiot. Schlimmer noch … ein Vollidiot! Ich war viel zu oft und viel zu lang im Auftrag des Kaisers unterwegs. Dabei wollte ich Shiko nie mehr allein lassen! Ich habe sie verletzt … Aber das wird heute alles ein Ende haben. Heute ist es soweit!“, flüsterte er fest entschlossen.
Als er weiterging, entdeckte er sie auf Knien vor ihrem Schrein, den Shikon No Yosei nach Meister Togo´s Tod erbaut und nachdem Teinai´s Seele ihren Körper verlassen hatte, für ihre treue Freundin erweitert hatte.
„Meister Togo … ich wünschte, Ihr könntet mir raten. Teinai … ich brauche Kraft, um meine Entscheidung treffen zu können. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll … Ich liebe Ohtah! Ich liebe ihn mehr, als alles andere auf dieser Welt und darüber hinaus. Doch er lässt mich immer wieder allein … Er glaubt, ich wüsste nicht, was er tut. Aber ich sehe es tief in seinen Augen …“, bete Shikon No Yosei, „Ich bitte euch … schickt mir ein Zeichen! Helft mir …“
Die rotharrige Shing Jea wurde von gleißendem Licht eingehüllt und eine vertraute Stimme erklang über ihr: „Meine liebe Shiko, ich habe zwar deinen Körper verlassen und bin in die Nebel zurückgekehrt … aber ich werde immer bei dir sein! Und auch wenn du inzwischen sogar deine wahre Macht entdeckt hast … ist da irgendwo in deinem Innern noch das leicht naive Mädchen, das vor so langer Zeit zum Kampf gegen Shiro Tagachi aufgebrochen ist. Du hast mich um Hilfe, um Rat gebeten … dir ein Zeichen von mir gewünscht, auf dass du die richtige Entscheidung getroffen hast – du weißt im Grunde selbst, dass du sie bereits getroffen hast. Darum … solltest du dich umdrehen und deinen Gefühlen einfach freien Lauf lassen!“
Shikon No Yosei´s Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihrer Anweisung folgte. Auf dem Feldhügel hinter ihr stand Ohtah Ryutaiyo und schaute ihr in die Augen. Er ging langsam auf sie zu, bis er schließlich wenige Zentimeter vor ihr stehenblieb.
„Du hast jedes Wort gehört, nicht wahr?“, fragte sie zaghaft.
Ohtah Ryutaiyo hielt ihr seine Hand hin und nickte. Sie nahm seine Hand und er kniete nieder.
„Shiko … bitte, hör´mich an.“, begann Ohtah Ryutaiyo etwas zaghaft, „Damals … als ich von deiner Ankunft in Kaineng erfuhr, habe ich mich sofort auf die Suche nach dir gemacht. Es hieß Meister Togo käme mit seiner persönlichen Schülerin in die Hauptstadt, weil uns etwas Schreckliches bevorstünde … Ich befürchtete, du könntest ins Visier der Am Fah geraten … Schließlich hatte dich Meister Togo auserwählt, um dieses bevorstehende Übel abzuwenden – Grund genug für meine ehemalige Gilde dich zu töten. Aber dann … dann habe ich dich auf dem Vizunahplatz gesehen … wie du Meister Togo mit deinem Leben beschützt hast. Und ich sah in dein Gesicht … Deine Augen hielten mich von ersten Moment an gefangen … Auch jetzt noch. Diese Augen, wie geschmolzene Schokolade … Von diesem Tag an gab es für mich nur noch einen einzigen Lebensinhalt … dich zu beschützen! Während unserer Reise durch Cantha wurden meine anfänglichen Empfindungen zu echten Gefühlen. Noch bevor wir uns bei der Feste Maatu trennten, war ich mir meiner Liebe zu dir bewusst … Zu dieser Zeit habe ich mir selbst geschworen, dir meine Gefühle zugestehen, wenn wir Shiro besiegt hätten.“
Die Hand von Shikon No yosei zitterte, während die Tränen stumm ihre Wangen hinabrannen.
„Und ich danke den Geistern der Nebel und den Sechs Göttern, dass du meine Liebe erwiderst. Doch … in den vergangen Monaten habe ich dich allein gelassen … Dafür möchte ich dich um Verzeihung bitten … Shiko … ich liebe dich! Nie könnte ich eine andere so lieben, wie dich liebe!“, erklärte Ohtah Ryutaiyo und hielt ihre Hand fester, „Shiko … Shikon No Yosei … Verteidigerin von Cantha und Shing Jea … Retterin von Tyria und Elona … Vernichterin der Zerstörer und Vertraute der Asura … ich, Ohtah Ryutaiyo, bitte dich … werde meine Frau!“
Die schöne Elementarmagierin sank langsam neben ihn auf die Erde, ihre Stirn berührte beinahe seine, als sie antwortete: „Noch vor wenigen Stunden hätte ich nicht gewusst, was ich dir auf diese Frage geantwortet hätte … Doch du hast Teinai´s Worte ebenso gehört wie ich. Es stimmt … ich habe meine Entscheidung vor langer Zeit getroffen. Ja! Ja, ich will! Ich will deine Frau werden und mein Leben mit dir verbringen, Ohtah!“
Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und flüsterte: „Ich lass´ dich nie wieder los, Shiko … Das verspreche ich dir! Nie wieder …“
So hielt Ohtah Ryutaiyo hielt sie fest in seinen Armen, während sie sich zärtlich küssten.
Kurz darauf scherzte der gewiefte Assassine: „Wir sollten gehen – sonst feiert Seiketsu noch ohne uns.“
Auf Shikon No Yosei´s Gesicht trat ein verwirrter Ausdruck und sie fragte: „Feiern? Seiketsu weiß doch nichts von unserer Verlobung. Oder?“
„Sag´ nicht du … Hast du es vergessen? Heute ist dein Geburtstag, Shiko!“, erwiderte er lächelnd.
Sie begann schallend zu lachen. Das habe ich wirklich vergessen! Ohtah Ryutaiyo legte Shikon No Yosei die Hände auf die Augen, kurz bevor das Dorf Tsumei in Sichtweite kam. Seiketsu No Akari wartete bereits. Und sie war nicht allein.
„Ich nehme jetzt die Hände runter, Shiko … Du darfst die Augen öffnen.“, flüsterte Ohtah Ryutaiyo.
Shikon No Yosei tat wie geheißen und wurde vom Sonnenlicht geblendet. Sie blinzelte ein paar mal, bevor sie klarsehen konnte. Doch was sie vor sich sah, kam ihr vor wie ein Traum und trieb ihr erneut Tränen in die Augen – außer ihrer Seelen-Schwester standen da noch ihre Tante Adeptin Bishu, Bruder Mhenlo, Tahlkora, Koss, Melonni, Gwen, Jora, Vekk und Odgen vor einem kleinen Pavillon.
„Wir wünschen dir alles Gute zum Geburtstag, Shiko!“, erklang es aus ihren Mündern.
Die Elementarmagierin stand ihnen sprachlos gegenüber und antwortete dann langsam: „Das … das ist ja unglaublich … Seid ihr alle wegen mir gekommen? Danke! Danke! Danke!“
„Ohtah und ich dachten, du würdest deine Freunde sicher gerne wiedersehen wollen. Deshalb hat er dein tragbares Portal … entwendet.“, erwiderte Seiketsu No Akari lächelnd.
Darüber lachte der tyrianische Mönch: „Ohtah würde eben alles tun, um Shiko glücklich zu machen.“
Tahlkora ging auf Shikon No Yosei zu und sagte: „Shiko, es ist so schön dich wiederzusehen. Elona ist wieder hergestellt, das haben wir dir zu verdanken! Alle Seelen der Menschen, Tiere und Pflanzen, die von Abaddon berührt wurden, sind geläutert. Und Dunkuro wurde zum neuen Speermarschall ernannt – Morgahn ist seine rechte Hand, deshalb konnten sie leider nicht mitkommen.“
„Ich freu´ mich so für euch.“, meinte Shikon No Yosei überglücklich.
Gwen kam als nächstes, nachdem sich Tahlkora zurückgezogen hatte und erzählte: „Ich weiß, das klingt jetzt seltsam, aber … ich soll dich von Brandor und seinem Trupp grüßen. Sie wünschen dir alles Gute. Auch die Ebon-Vorhut sendet durch mich ihre Grüße.“
Shikon No Yosei umarmte sie und entgegnete: „Ich bin froh, dass du hier bist, Gwen. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, nach allem was geschehen ist.“
„Ich weiß inzwischen, dass Brandor und viele andere Charr … anders sind. Aber die Anhänger der Schamanenkaste werden ihre gerechte Strafe erhalten!“, bemerkte die junge Mesmer entschlossen.
„Wenigstens ist der Krieg gegen die Zerstörer beendet.“, meldete sich Odgen zu Wort, „Jalis und seine Zwerge haben wohl ganze Arbeit geleistet.“
Vekk nickte zustimmend und fügte hinzu: „Die Asura haben das Portalnetzwerk wieder für sich. Na ja … wenn man Odgen nicht mitzählt. Die Asura werden Euch für immer dankbar sein, Shiko.“
„Auch ich bin euch zu Dank verpflichtet … euch allen.“, antwortete Shikon No Yosei und sprach nun lauter, „Ohne Unterstützung hätte Shiro den Kampf gewonnen und Cantha wäre ins Verderben gestürzt … Auch im Kampf gegen den Lich hatte ich Hilfe, ohne die ich unterlegen gewesen wäre. Und mit den richtigen Verbündeten wird alles möglich, sogar einen Gott zu stürzen. Der letzte Kampf war dennoch der schwerste von allen. Nur durch Energie, jenseits der Unendlichkeit, die mir durch Freundschaft und Liebe verliehen wurde, konnte der Kampf gewonnen werden … Ich werde all meine Kampfgefährten für immer in meinem Herzen behalten … Auch wenn wir weit von einander entfernt leben, wir bleiben verbunden! Ohne jene, die mich auch meinem Weg begleitet haben, wäre ich nicht die Shikon No Yosei geworden, die ich heute bin. Kein Wort könnte ausdrücken, wie sehr ich euch allen dafür danke!“
Ohtah Ryutaiyo legte ihr eine Hand auf die Schulter und widersprach lächelnd: „Du bist nicht die einzige, die zu danken hat … Ich glaube, ich spreche für jeden einzelnen, wenn ich dir sage … Du hast unser Leben geprägt, verändert und bereichert! Dafür lieben wir dich … Und wann immer du uns brauchst, werden wir an deiner Seite sein!“
Zurück in die Vergangenheit
Ohtah Ryutaiyo hatte ein ungutes Gefühl, als er die Küche am nächsten Morgen betrat. Shikon No Yosei und Seiketsu No Akari schliefen noch, die Feier hatte immerhin bis weit in die Nacht hinein gedauert. Aber etwas stimmte hier einfach nicht … Sein Blick schweifte umher. Seiner Kehle wäre beinahe ein Schrei entfahren, doch er hatte gelernt, sich zu beherrschen. In einem der Holzbalken steckte ein silberner Dolch, der eine Nachricht befestigte. Allein der Dolch selbst verriet ihm, von wem das Schreiben stammte. Sie hatten ihn also gefunden … Ein melancholischer Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Einst war er der beste Assassine in der Geschichte der Am Fah gewesen, doch nun gab es anscheinend einen noch besseren. Wütend riss Ohtah Ryutaiyo das Schreiben von der Wand ab.
„Niemand ist geeigneter vor den Am Fah zu fliehen, als ein Am Fah …“, flüsterte er, wie einst vor so vielen Jahr, als er die Gilde verlassen hatte, und sah auf das Schreiben, „Aber … es ist wohl auch niemand fähiger einen Am Fah zu jagen, als die Am Fah.“
Er spürte die tobende Wut in sich und las leise für sich die Nachricht: „Sehr geehrte Shikon No Yosei, unserem Kenntnisstand nach lebt Ihr mit dem Verräter Ohtah Ryutaiyo zusammen im Dorf Tsumei, hier in diesem behaglichen, kleinen Haus … Eine Tatsache, die unsere hochgeschätzte Gilde natürlich keinesfalls dulden kann! Demnach werdet Ihr verstehen, dass Ihr zum Schutz Eurer restlichen Familie und auch zu Eurer eigenen Sicherheit diese Verbindung mit sofortiger Wirkung lösen müsst … Ihr werdet sicher einen tiefen Widerwillen gegen diese Forderung verspüren … aus Eurer Lage vielleicht sogar verständlich – aber wie bereits erwähnt, solltet Ihr auch an den Rest Eurer Familie denken. Wenn Ihr bereit seid uns von Eurer Trennung zu überzeugen, trefft uns in drei Tagen an den Docks von Kaineng. Allein. Um Punkt Mitternacht. Andernfalls … werden wir Eurem Dorf einen Besuch abstatten. Gezeichnet, Rien, Gildenmeister der Am Fah.“
Ohtah Ryutaiyo zerknitterte den Brief zwischen seinen Fingern. Er kannte die Methoden seiner ehemaligen Gilde. Psychologische Kriegsführung war nur eines ihrer Mittel. Doch das schlimmste an der ganzen Sache war, dass sie die Möglichkeit besaßen ihre Drohungen wahrzumachen. Der ausgezeichnete Assassine wusste auch, was sie wirklich beabsichtigten – sie wollten nicht Shikon No Yosei. Die Verteidigerin von Cantha und Shing Jea genoss ihren Ruf nicht grundlos. Nein, sie wollten etwas anderes … jemand anderen. Sie wollten ihn – ihn, Ohtah Ryutaiyo, der die Gilde verlassen und verraten hatte. Die Zeit des Weglaufens, des Versteckens war vorbei. Er musste gehen. Auch wenn er seinen Schwur damit erneut brechen würde …
„Nein, ich breche ihn nicht.“, flüsterte er bestimmt, „Ich habe geschworen Shiko vor allem Unheil zu bewahren … Nur wenn ich gehe, kann ich ihr Leben weiterhin schützen. Auch wenn ich ihr dafür das Herz brechen muss … Hauptsache sie ist am Leben. Das ist alles, was zählt! Verzeih´ mir, Shiko … Ich habe keine andere Wahl. Ich muss dich verlassen … für immer.“
Dieser Abschied würde ihr beider Herz zerreißen …
Die Sterne strahlten in einem seltsamen Licht in dieser Nacht. Ohtah Ryutaiyo´s Schritte wurden vom Geräusch der Wellen überlagert.
Er spürte die Anwesenheit mehrerer Personen und rief laut: „Ihr habt diesen Brief nur deshalb an Shiko geschrieben, weil Ihr mich wollt. Also, gut … Hier bin ich!“
Ein Lachen erklang und jemand sagte: „Man merkt, dass du von den besten unserer Gilde ausgebildet wurdest … Ohtah Ryutaiyo!“
„Ja. Pläne zu durchschauen war und ist noch heute mein tägliches Geschäft.“, antwortete der geschickte Assassine, „Euer Ziel ist erreicht … Ich werde mich fügen! Deshalb lasst meine Familie und meine Freunde in Ruhe! Sie haben nichts mit meinem Verrat zu tun.“
„Obwohl du unsere Gilde verlassen hast, bist du eine Legende unter den Am Fah … Sie verehren dich.“, erklärte ein Mann, der etwas jünger war als Ohtah Ryutaiyo und plötzlich vor ihm auftauchte, „Doch in Wahrheit bist du nur ein liebeskranker Trottel!“
Weitere Gestalten lösten sich aus den Schatten und umzingelten Ohtah Ryutaiyo. Er wehrte sich nicht gegen sie. Solange er sich fügte, wäre Shikon No Yosei in Sicherheit … Ihr Leben war weitaus ihm wichtiger, als seine Freiheit.
Seiketsu No Akari hielt Shikon No Yosei fest in ihren Armen. Ihre Seelen-Schwester konnte sich nicht länger aus eigener Kraft auf den Beinen halten. Sie presste den Brief zitternd an sich.
Immer und immer wieder wanderten ihre Augen über die wenigen Zeilen, die Ohtah Ryutaiyo ihr hinterlassen hatte: „An Shikon No Yosei, die Verteidigerin von Cantha und Shing Jea … Wenn du diese Zeilen liest, bin ich bereits nach Kaineng zurückgekehrt. Ich verlasse dich und kehre nie mehr zurück! Niemand kann ändern, was er wirklich ist. Ohtah Ryutaiyo, Assassine der Am Fah.“
„Ich bin für dich da, Shiko … Sei stark.“, flüsterte Seiketsu No Akari und streichelte ihr über das Haar, „Du musst ihn vergessen … Er hat seine Wahl getroffen und sich der Finsternis hingegeben.“
Shikon No Yosei schluchzte und erwiderte: „Wie kannst du nur so etwas sagen, Sei? Ich liebe Ohtah! Müsste ich mich zwischen ihm und Cantha entscheiden … Ich könnte ihn niemals verlassen. Ich kann und ich werde Ohtah nicht aufgeben, Seiketsu. Selbst wenn …“
Sie brach ab. Zu groß war der Schmerz, den sie in ihrem Herzen spürte. Sie konnte einfach nicht glauben, dass ihr Geliebter in seine Gilde zurückgekehrt war. Erneut richtete sie ihren Blick auf den Brief, sah auf die letzten Worte.
Leise fand sie ihre Stimme wieder: „Ohtah Ryutaiyo, Assassine der Am Fah … Aber … was ist das?! Sei, siehst du das? Die Tinte ist verlaufen. Wie von Wasser …“
„Lass´ mal sehen.“, entgegnete Seiketsu No Akari und betrachtete die Stelle genauer, „Du … du hast recht. Shiko … Weißt du, was das heißt? Ohtah hat geweint, als er den Brief geschrieben hat!“
Shikon No Yosei starrte gebannt auf die verlaufene Tinte und flüsterte: „Ohtah hat diesen Brief nicht aus freien Stücken geschrieben. Er muss einen Grund gehabt haben … Ich muss sofort nach Kaineng – ich werde Ohtah finden!“
Ohtah Ryutaiyo betrat das Versteck der Am Fah. Den Blick hielt er gesenkt. Er fühlte sich wie in die Vergangenheit zurückversetzt … Vor so vielen Jahren hatte er der Gilde, seinem Zuhause den Rücken gekehrt. Wieder hier zu sein, fühlte sich seltsam an. Wie der Verrat eines Verrates …
„Es freut mich, dich wiederzusehen.“, sagte eine Stimme gespielt freundlich, „Ich hatte gehofft, es nicht so weit kommen lassen zu müssen … Ich dachte, du hättest es inzwischen selbst verstanden. Niemand kann ändern, was er wirklich ist. Und du bist mein Sohn, ein Assassine ersten Ranges … einer unserer Generäle, ein wahrer Am Fah. Es ist deine Bestimmung!“
Der junge Mann erwiderte den Blick des Mannes ernst und meinte: „Ihr solltet daran denken, dass ich mich nicht grundlos hierher bringen ließ, Meister. Seit jenem Tag, an dem ich ein Teil dieser Gilde wurde, ist der Tod mein täglicher Begleiter gewesen. Er hat keinen Schrecken für mich …“
„Und was ist mit deiner Shikon No Yosei … dieser Verteidigerin von Cantha?“, erklärte er, „Sie mag ja mächtig sein … Aber hätte sie auch gegen unsere gesamte Gilde eine Chance?“
Er ballte wütend die Hände zu Fäusten und entgegnete: „In einem fairen Kampf würde sie Euch und Eure zweitklassigen Gildenanhänger vernichten … Sie ist die größte Elementarmagierin, die je in Cantha gelebt hat! Tötet mich, wenn Ihr wollt, aber lasst Shiko aus der Sache heraus!“
„Ja, ja … doch Fairness ist bekanntlich nicht gerade unsere Stärke, nicht wahr Deshalb lässt du dich lieber einsperren.“, bemerkte Rien listig, „Mein Sohn, ich bin sicher, du hast unsere … Taten auch weiterhin verfolgt. Du kennst unsere Macht. Bald schon werden wir den Kaiser stürzen … Und dafür brauchen wir dich! Es liegt an dir … Wenn du dich uns anschließt, verschone ich diese kleine Göre. Aber … wer würde sie beschützen, wenn du tot bist?“
Rien wollte ihn lebend … Es war von Anfang an sein Plan gewesen, ihn wieder in die Gilde zu locken. Ohtah Ryutaiyo schloss für einen Moment die Augen. War es wirklich sein Schicksal immer diejenigen verraten zu müssen, die er liebte? Wenn er Cantha gegenüber treu blieb, würden die Am Fah Shikon No Yosei erbarmungslos jagen … schloss er sich ihnen dagegen beim Putsch an, hätte sie eine Chance zu überleben. Lieber versank er in Schande, als sie in Gefahr zu bringen.
„In Ordnung …“, antwortete Ohtah Ryutaiyo nach einer gefühlten Ewigkeit, „Mein Leben gegen das von Shiko. Schwört mir, dass ihr niemand etwas antun wird! Dann … werde ich wieder in Eure Dienste treten … Vater.“
In diesem Augenblick wurde das Hauptquartier von einer gewaltigen Explosion erschüttert. Rien klammerte sich an seinem Thron fest, Ohtah Ryutaiyo ging in die Knie. Und aus dem entstandenen Qualm traten zwei Gestalten. Nach und nach erkannte man, dass es sich um zwei junge Frauen handelte. Der geschickte Assassine schnappte erschrocken nach Luft – er hätte allein ihre Silhouette unter Tausenden erkannt.
„Ich werde das nicht zulassen!“, erklang die Stimme der schönen Elementarmagierin, „Ohtah gehört nicht zu den Am Fah … Auch jemand, der die Schatten manipuliert und im Verborgenen kämpft, kann im Licht leben! Mein Name ist Shikon No Yosei. Ich bin die Verteidigerin von Cantha und Shing Jea! Und ich werde Ohtah ein für alle Mal aus euren Fängen befreien!“
Rien brach in schallendes Gelächter und er meinte prustend: „Das ist ja wunderbar! Um ihren Geliebten zu retten, begibt sich die große Heldin sogar in das Versteck unsrer geliebten Gilde!“
„Verschwinde von hier! Du störst eine wichtige Zeremonie!“, zischte Ohtah Ryutaiyo, wobei er versuchte die Furcht in seiner Stimme zu unterdrücken, „Meine Entscheidung ist endgültig!“
Ein kleines Lächeln schlich sich auf ihre Züge, während sie langsam auf ihn zu ging und zärtlich erwiderte: „Ich gebe dir einen Tipp – wenn du das nächste Mal einen Abschiedsbrief schreibst … achte, dass keine deiner Tränen darauf fällt. Dann wirkst du vielleicht überzeugend, Ohtah.“
„Shiko, ich …“, begann er leise, doch bevor er weitersprechen konnte, sah er etwas aufblitzen.
Der Assassine stieß Shikon No Yosei zur Seite, drehte sich um und blockte den Dolch mit seiner Waffe in Sekundenschnelle ab.
Sein Ziehvater knurrte wütend: „Damit hast du deine Entscheidung getroffen! Ich wollte dich wieder zur Vernunft bringen, aber anscheinend hat dich diese widerliche Gutmensch-Krankheit bereits vollkommen infiziert. So sei es … ich habe dich damals dein Leben gerettet … darum werde ich es jetzt auch beenden! Mach dich bereit, mein Sohn!“
Ein entsetzter Laut drang aus Shikon No Yosei´s Kehle und sie flehte ihren Geliebten an: „Bitte, tu das nicht! Lass´ uns einfach von hier verschwinden! Bitte, Ohtah!“
„Ich kann nicht Shiko … diesmal nicht.“, widersprach Ohtah Ryutaiyo und zog zur Untermalung seiner Worte blank, „Dies ist mein Kampf! Ich muss mich meiner Vergangenheit stellen und darf nicht länger vor ihr fliehen – sonst werde ich nie wirklich frei sein! Als ich dich traf, dachte ich, ich könnte sie hinter mir lassen. Aber … ich habe mich selbst belogen. Durch dich habe ich endlich den Mut gefunden, den ich brauche. Danke, Shiko …“
Ihre Tränen machten sich selbstständig. Tief in ihr drinnen fühlte es sich wie ein Abschied an. Zum ersten Mal seit sie Ohtah Ryutaiyo kannte, befürchtete sie, er würde nicht zurückkehren. Noch nie hatte Shikon No Yosei solch eine Angst verspürt. Ihr ganzer Körper zitterte. Seiketsu No Akari stand ihr tapfer zur Seite und stützte sie.
Ohtah Ryutaiyo eröffnete den Kampf mit einem Frontalangriff. Er sprang hoch in die Luft, zielte auf die Brust seines Gegners. Die Dolchpaare knallten mit Wut aufeinander. Das Klirren hallte von den Wänden wieder. Sie ließen sich keine Atempausen. Der Assassine führte schnelle, präzise Stöße. Sein Ziehvater parierte mit weit ausholenden Bewegungen und täuschte mehrmals an. Sie studierten die Bewegungen des Gegenüber. Doch Ohtah Ryutaiyo war der erste, der eine Schwachstelle fand – er schnellte mit rechts vor, daraufhin verkanteten sich die beiden Dolche miteinander, als sein Gegner den Schlag abwehren wollte. Der Jüngere lächelte nicht, obwohl sein Plan aufging. Rien hatte ihn in der Gosse aufgelesen, ihm ein Zuhause und einen Namen gegeben – er war sein Vater! Und dennoch konnte er ihn nicht gehen lassen … Früher oder später hatte es so enden müssen – nicht nur wegen ihm selbst … als Verteidiger war es seine Pflicht, Cantha zu schützen. Und die Am Fah stellten seit jeher eine Bedrohung für Kaineng dar.
„Als ich ein Kind war, habe ich dich und die Gilde geliebt.“, murmelte Ohtah Ryutaiyo kaum hörbar, „Finde Frieden in den Nebeln …“
Damit ließ er die Waffe seiner Zweihand fallen und nahm einen seiner Giftpfeile aus der Innenseite seines Mantels. Trauer lag in seinem Blick. Der kleine Pfeil traf mitten in Rien´s Herz und mit dem Tod ihres Anführers wurde auch das Ende der Am Fah eingeläutet. Im selben Moment stürmte nämlich die kaiserliche Armee das Versteck. Shikon No Yosei und Seiketsu No Akari lächelten erleichtert – Kaiser Kisu hatte ihre Nachricht erhalten.
Schwankend ging Ohtah Ryutaiyo auf seine Geliebte zu. Wenige Meter von ihr entfernt, brach er zusammen. Die Elementarmagierin rannte erschrocken zu ihm und hielt ihn in ihren Armen.
„Ich bin so froh, dass du gekommen bist … Shiko, ich liebe dich.“, flüsterte er schwach.
Sie streichelte ihm sanft über die Stirn. Der psychische Stress hatte ihm alle Kraft geraubt. Seiketsu No Akari räusperte sich leise und berührte anschließend seinen Körper mit ihren Handflächen, warmes Licht sprang auf ihn über. Die positive Energie schickte Ohtah Ryutaiyo in einen erholsamen Schlaf. Dankend lächelte Shikon No Yosei und gab ihrem Liebsten einen Kuss auf die Stirn. Sie konnte nicht sagen, wie froh sie war, ihn wiederzuhaben!
„Mach so etwas niemals wieder, Ohtah … Für mich gibt es keine größere Qual, als von dir getrennt zu sein. Ich stehe jede Gefahr mit dir gemeinsam durch … nur verlass´ mich nie wieder.“, raunte sie ihm zu, „Aus Vergangenheit wird Gegenwart … Aus Gegenwart wird Zukunft … Es ist mir egal, wer du warst. Oder was andere in dir sehen … Ich kenne dich besser, als jeder andere. Und ich wünsche mir jeden Tag und jede Nacht an deiner Seite zu verbringen.“
Ein Traum wird wahr
Seiketsu No Akari klatschte begeistert in die Hände und schwärmte: „Du siehst traumhaft aus, Shiko! Wenn du Pech hast, fällt Ohtah vor dem Schrein in Ohnmacht.“
Sie lachten ausgelassen. Shikon No Yosei atmete tief ein und schaute in den Spiegel. Eine junge Frau in einem weißen Kleid lächelte sie an. Heute war der Tag, auf den sie schon so lange gewartet hatte – der schönste Tag in ihrem Leben!
Die Mönchin seufzte gerührt und fragte: „Hast du alles bei dir, Schwesterchen?“
„>Alt, wie die Welt< … ist die Kette, die mir meine Mutter vor vielen Jahren geschenkt hat und die ich immer um den Hals trage. >Blau, wie die Treu´< … sind meine Ohrringe.“, zählte Shikon No Yosei auf und lächelte verlegen, „>Wie der Tag so neu< … sind mein Hochzeitskleid und der Schleier. Aber-“
Ihre Seelen-Schwester unterbrach sie mit einem Räuspern und nahm zwei goldene Armreifen aus einer Schatulle heraus, die sonst selbst immer trug.
Sie ging zurück zu Shikon No Yosei und sagte: „Mein größter Schatz … das einzige, was ich von meinem Vater besitze. Doch heute sollen sie >geborgt, wie das Leben< … für dich sein!“
„Sei, du … Das kann ich nicht annehmen.“, flüsterte die schöne Elementarmagierin gebannt.
Doch Seiketsu No Akari legte ihr die Armreifen an und antwortete sanft: „Heute ist der Tag, an dem meine kleine Schwester heiratet. Dies ist dein Tag! Und ich werde an deiner Seite sein … um dir alles Glück zu wünschen.“
Ohtah Ryutaiyo stand vor Bruder Mhenlo, der die Trauung vollziehen würde. Er zitterte leicht. Die Hochzeit fand auf einem Hügel in der Nähe des Dorfs Tsumei statt. Direkt vor Shikon No Yosei´s Schrein. An dem Ort, wo er um ihre Hand angehalten hatte … und wo Meister Togo sowie Teinai ebenfalls bei ihnen sein würden. Das Glockenspiel setzte ein und die Gäste verstummten augenblicklich. Der Assassine schluckte, langsam drehte er sich um und sah seine Braut, die von Kaiser Kisu höchstselbst über die grüne Wiese geführt wurde, während Seiketsu No Akari rote Blütenblätter vor sie auf den Weg streute. Sein Blick weitete sich, wurde beinahe verklärt, so berauscht war er allein von ihrem Anblick … Shikon No Yosei trug ein langes, weißes Kleid, das ihre Haut strahlen ließ. In ihrem Haar war wie üblich die Shing Jea-Seerose befestigt und ein weißer Schleier zierte sie. In Händen hielt sie einen Strauß roter Rosen – ihre Lieblingsblumen.
Der Herrscher deutete eine Verneigung vor ihm an und sagte: „Hiermit überreiche ich dir die Hand von Shikon No Yosei … der Schülerin meines geliebten Bruders, der Verteidigerin meines Reiches. Ich vertraue darauf, dass Ihr sie glücklich machen und beschützen werdet …“
„Und wenn ich mein Leben dafür geben müsste!“, erwiderte er und nahm ihre Hand in seine.
Das Glockenspiel verklang und Bruder Mhenlo erhob stolz seine Stimme: „Cantha sah nie zuvor ein Paar, wie jenes, das hier vor mir steht … Ein Paar, dem solch schwere Prüfungen auferlegt wurden und das sich so oft ihre Liebe bewiesen hat. Es erfüllt mich mit großer Freude diesen Tag, diese Zeremonie miterleben zu dürfen. Ich weiß, auch in den Nebeln wacht man über euch … Und so frage ich dich, Ohtah Ryutaiyo … möchtest du Shiko zu deiner Frau nehmen?“
Ohtah Ryutaiyo wendete ihr seinen Blick zu und sagte: „Meine über alles geliebte Shiko … ich kann mir nichts schöneres vorstellen, als die Gewissheit, dass du mich liebst … Die Liebe deines Herzens leuchtet heller, als jedes Licht. Ich verspreche dir, dieses Licht zu beschützen … auf dass es Cantha und ganz Tyria auch weiterhin erhellen wird! Meine Antwort lautet ja … Ja, ich will dich zu meiner Frau nehmen!“
Bruder Mhenlo lächelte zufrieden und fuhr fort: „Ich frage nun dich, Shikon No Yosei … möchtest du Ohtah zu deinem Mann nehmen?“
Shikon No Yosei schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und antwortete: „Ohtah, mein Held … seit vielen Jahren bist du an meiner Seite, seit vielen Jahren kämpfen wir gemeinsam, seit vielen Jahren setzt du dein Leben ein, um mich zu beschützen. Du bist derjenige, der mir Halt und Sicherheit gibt. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dir heute mein Jawort zu geben … Ja, ich will dich zum Mann nehmen!“
Der tyrianische Mönch erhob die Hände und sprach: „Wir alle sind Zeugen dieser einzigartigen Liebe geworden. Wir haben euch auf eurem Weg begleitet … haben mit euch gekämpft, gehofft und gelitten. Ihr habt jedes Hindernis überwunden und wahre Liebe bewiesen. Darum erkläre ich, Mhenlo, euch hiermit im Namen der Sechs Götter zu Mann und Frau! Ohtah, du darfst die Braut jetzt küssen …“
Das ließ sich der geschickte Assassine nicht zweimal sagen. Shikon No Yosei schloss die Augen und Ohtah Ryutaiyo küsste sie zärtlich. Von den Hochzeitsgästen erklang begeisterter Applaus, Seiketsu No Akari´s Augen füllten sich mit Tränen. Hastig wischte sie sich über das Gesicht. Es wurde Zeit für die ganz besondere Überraschung – sie zog eine Flöte aus der Tasche und entlockte ihr eine liebevolle Melodie.
Ohtah Ryutaiyo zwinkerte ihr verschwörerisch zu und begann zu singen: „Ich fühl´ wie du … Ja, es ist soweit. Für immer du … in alle Ewigkeit. Ich fühl´ wie du … Und will dich fühlen. Ich hör´ dir zu. Auch ohne Worte kann ich dich versteh´n. Du wirst seh´n. Denn bist du da, geht die Sonne auf. Und ich geh´ wie auf Wolken – und werd´ es immer tun. Ich fühl´ wie du … Ein Abenteuer. In mir brennt … ein neues Feuer. Ich gebe zu … Zärtlichkeit war vor dir nur ein Wort. Nicht mehr. Ich mag dich sehr. Und bist du nicht da, hört mein Herz auf zu schlagen – und wird es nie mehr tun!“
„Ich fühl´ wie du … Du bist mein Leben. Für immer du … es wird niemals anders sein. Ich hör´ dir zu. Auch ohne Worte kann ich dich versteh´n. Du wirst seh´n. Denn bist du nicht da, bricht der Himmel zusammen. Geht ein Sturm durch mein Blut. Steht die Erde in Flammen – und wird es immer tun!“, stimmte Shikon No Yosei in das Lied ein, was ihrem Ehemann ein erstauntes Gesicht verpasste, „Steht der Himmel in Flammen. Geht ein Sturm durch mein Blut. Steht die Erde in Flammen – und wird es immer tun!
Er hatte keine Ahnung gehabt, dass die junge Mönchin einen Teil mit ihr einstudiert hatte.
Die Legende von Shikon No Yosei
Als sich die Sonne dem Horizont entgegen neigte, spürte Shikon No Yosei plötzlich eine starke Aura auf sich zukommen und verbeugte sich tief vor Suun, dem Orakel der Nebel.
„Ihr braucht Euch nicht vor mir zu verneigen … Ich bin gekommen, weil es an der Zeit ist, Euch etwas sehr bedeutsames mitzuteilen.“, erklärte Suun und sah sie mit wachsamen Augen an, „Gehen wir zu Eurem Ehemann und Eurer Cousine. Ich will, dass sie es auch hören …“
Suun ging voraus, Shikon No Yosei folgte ihm. Seiketsu No Akari und Ohtah Ryutaiyo verbeugten sich ebenfalls vor ihm.
„Shiko …“, meinte er wieder an Shikon No Yosei gewandt, „Ihr wisst, dass man die Identität Eures Vaters vor Euch geheim hält … Aber den Grund dafür kennt Ihr nicht. Hört mir gut zu … dann werdet Ihr verstehen, warum manches so gekommen ist, wie es ist. >Ein Mädchen … geboren aus der Liebe zweier Adepten, dem Himmel geschworen. Eine Legende … gesprochen vom Orakel und den Nebeln. Ein Schrecken geboren aus der Vergangenheit, Tod den Menschen des falschen Glaubens, sodass in Qual versinkt die Welt und Feuer allem ein Ende bereitet. Ein Mädchen … geprüft durch unzählige Kämpfe, mit Verbündeten gestärkt. Eine Legende … erfüllt im Angesicht der Zukunft. Mit der Kraft der Elemente, die ihr zu eigen sind, wird sie den Mut, die Kraft und den Willen finden, um ihren eigenen Wegen zu gehen, den selbst ein Leben nicht beenden kann.
Shikon No Yosei starrte Suun an und flüsterte: „Das … das ist eine Legende, die Ihr über mein Leben vorausgesagt habt?“
„Ja, so ist es. Um es etwas verständlicher auszudrücken …“, antwortete er, „Ihr seid die Tochter zweier Himmels-Adepten, die sich liebten … Eure Eltern lernten sich kennen, während sie mir im Nahpuiviertel dienten … dort wurdet Ihr geboren. Nachdem ich diese Worte ausgesprochen hatte … nun, es entstand ein reges Interesse an der prophezeiten Heldin. Und manche Minister wollte Euch gerne … nach eigenem Ermessen formen, daher hat dein Vater mich angefleht, ihn und Kai nicht zu verraten … Er wollte dich ohne diesen Einfluss aufwachsen sehen – du solltest frei entscheiden, ob du dich Shiro Tagachi, den Untoten Lich, Abaddon und den Großen Zerstörer stellst … Eure Reisen mit Ohtah und Seiketsu haben Euch wichtige Dinge gelehrt … Durch Eure Erlebnisse und den Wesen, denen Ihr begegnet seid, konntet Ihr die wahre Kraft der vier Elemente in Eurem Innern erwecken … die reine Magie. Heute lüftet sich das Geheimnis um >die Legende von Shikon No Yosei< für Euch. Glaubt mir, Euer Weg ist noch lange nicht zu Ende … Ich sehe, dass Euch noch vieles bevorsteht. Und ich weiß, Ihr tragt alles notwendige bereits in Euch. Darum kann ich Euch nur dasselbe raten, wie bereits auf dem Göttlichen Pfad … >Vertraut auf Euch und auf jene, die Euch vertrauen.<“
Die drei lebenden Legenden waren sprachlos. Sie tauschten einen raschen Blickwechsel. Sie wussten nicht, was sie davon halten sollten. Suun´s Vertrauen in sie war zwar rührend, doch seine Worte bedeuten auch neue Herausforderungen.
Und eine Frage blieb offen: „Wer … wer ist mein Vater?“
„Ich glaube, Ihr kennt die Antwort bereits … Shiro hat darüber gesprochen, nicht wahr?“, entgegnete Sunn, „Ihr wolltet ihm damals schon glauben. Ändert es wirklich etwas, wenn ich Euch nun antworte?“
Die rothaarige Shing Jea schüttelte den Kopf. Für sie würde stets nur einer ihr Vater sein … Meister Togo.
Ein erster Schritt in die Zukunft
Shikon No Yosei lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Die Hand auf den rundlichen Bauch gelegt. Sie presste die Lippen aufeinander, unterdrückte ein Stöhnen.
„Ruhig. Ganz ruhig, Shiko … Du bist stark.“, flüsterte Seiketsu No Akari und legte ihr ein nasses Tuch auf die Stirn, „Du schaffst das!“
Kaum hatte sie ausgesprochen, bäumte sich Shikon No Yosei unter den Schmerzen auf und brachte mit Mühe hervor: „Wo ist … Ohtah? Ohtah … bitte …“
„Ich bin hier, meine geliebte Shiko, ich bin hier.“, antwortete er sofort und griff nach ihrer Hand.
Seiketsu No Akari legte ihrer Cousine die Hand auf den gewölbten Bauch und murmelte: „Es wird Zeit … Ich werde jetzt damit beginnen, die Geburt einzuleiten. Denk´ immer daran, wir lassen dich nicht allein, Shiko … Ohtah und ich sind bei dir!“
Sie nickte und schrie im nächsten Augenblick bereits wieder auf. Ihr Kopf wirbelte von einer Seite zur anderen, das Tuch fiel zu Boden. Der Griff um Ohtah Ryutaiyo´s Hand verstärkte sich. Er erschrak, als sich das weiße Laken, auf dem sie lag, langsam dunkelrot färbte. Der Blutfluss ließ ihn schlucken und zwang ihn den Blick wieder auf ihr Gesicht zu richten. Die junge Mönchin legte mit geschlossenen Augen eine Hand über Shikon No Yosei´s Herz, es schlug viel zu schnell. Es würde gefährlich für sie und ihre Kinder werden, wenn sie sich nicht beeilten … Der Körper der Elementarmagierin hatte sich die ganze Schwangerschaft über immer wieder dagegen gesträubt, so als wolle irgendeine Macht diese Geburt verhindern.
Entschlossen sprach Seiketsu No Akari: „Ich rufe die Kräfte der Heilung und des Schutzes an. Oh gütige Göttin des Lebens … Dwayna, erhöre mein Flehen … Schenke ihr Ruhe, auf dass die Kindern unter ihrem Herzen leben können … Gewähre ihnen das Licht dieser Welt erblicken zu dürfen …“
Shikon No Yosei wurde spürbar ruhiger. Ihre Augen blieben geschlossen. Ihre Hand, die sich an Ohtah Ryutaiyo klammerte, lockerte sich. Dennoch wurde ihre Haut mit jeder weiteren Sekunde blasser. Der Blutverlust war einfach zu groß.
„Teinai, ich spreche an Shiko´s Stelle zu dir … Bitte, steh´ ihr bei an diesem schweren Tag.“, flüsterte Ohtah Ryutaiyo kaum hörbar, „Ich liebe sie so sehr … Ich brauche sie! Ohne sie könnte ich nicht weiterleben. Bitte … hilf´ deinem Schützling. Lass´ sie noch kein Teil der Nebel werden!“
Viele Stunden später lag Shikon No Yosei noch immer bewusstlos auf dem Rücken. Doch die Zeit des Bangens war vorüber … Ihre Haut hatte wieder einen gesunden Farbton angenommen. Ihr Herz und ihr Atem waren ruhig. Anders als bei Ohtah Ryutaiyo – sein Gesicht war bleich vor Angst, gleichzeitig zierte aber auch ein stolzes Lächeln seine Lippen. In seinen Armen lag ein kleines, weißes Bündel, in das ein neugeborenes Mädchen eingewickelt war. Seine Tochter … Ein leises Stöhnen war zu hören und er wirbelte herum. Langsam erwachte Shikon No Yosei. Sie blinzelte einige Male, bevor sie Seiketsu No Akari und Ohtah Ryutaiyo klar erkennen konnte.
Versuchte vergeblich sich aufzurichten und hauchte: „Geht es … ihnen gut?“
Seiketsu No Akari hielt ebenfalls ein Lakenbündel im Arm und erklärte: „Ja … du hast zwei gesunde Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen.“
„Ryukii No Mai, unsere Tochter …“, erklärte Ohtah Ryutaiyo und streichelte seiner Frau über die Stirn.
Shikon No Yosei lächelte schwach und flüsterte: „Unser Sohn, Yoso No Koshi …“
Ein weiterer Teil der »Legende von Shikon No Yosei« hat sich erfüllt! Sie besitzt nun nicht nur die tiefe Verbindung zu Seiketsu No Akari, die wie eine Schwester für sie ist, und die unendliche Liebe zu ihrem Ehemann Ohtah Ryutaiyo, sondern hat auch der nächsten Generation von Helden in Gestalt von Yoso No Koshi und Ryukii No Mai das Leben geschenkt.
Ihre Geschichte, ihr Leben, ihre Abenteuer werden weder in Cantha, noch in Tyria oder in Elona jemals vergessen werden. Denn eine wahre Legende endet nie … Nicht solange es Menschen gibt, die sich an sie erinnern! Und so gehen Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari der Zukunft der Legenden entgegen …
Zwischenspiel 05: Verantwortungen für Seiketsu
Von verstrichenen und genutzten Chancen
Seiketsu No Akari betrat den Linnok-Hof. Jamei hatte sie zu sich gerufen. Für gewöhnlich gingen sich die beiden Mönchinnen eigentlich eher aus dem Weg – es herrschte allgemein ein schwieriges Verhältnis zwischen Verteidigern und Leitung des Klosters. Darum fragte sich Seiketsu No Akari natürlich, was Jamei wohl ausgerechnet jetzt von ihr wollte.
Jamei stand vor dem gigantischen Tempelwächter, der die beiden wichtigsten spirituellen Orte Cantha´s symbolisch miteinander verband, und begrüßte sie: „Seid gegrüßt … Seiketsu.“
„Meisterin Jamei.“, erwiderte Seiketsu No Akari mit einem höflichen Nicken, „Was kann ich für Euch tun?“
Sie drehte sich zu ihr um, während sie antwortete: „Es geht nicht darum, was Ihr tun sollt … sondern um etwas, das ich tun muss … schon längst hätte tun müssen. Wie Ihr wisst, bin ich zum Tod von Meister Togo seine Assistentin gewesen … darum lag es nahe, dass ich seine Nachfolge antrat. Niemand hat sich darüber gewundert … nicht einmal Shikon No Yosei. Aber ich bin nicht diejenige, die er sich auf diesem Posten vorgestellt hat … Nein, es war sein Wunsch, dass Ihr, Seiketsu No Akari, sein Amt fortführt.“
„A-Aber … ich bin doch Verteidigerin!“, widersprach Seiketsu No Akari und schüttelte ungläubig den Kopf, „Endlich kann ich mit Shiko und Ohtah zusammen für unsere Heimat kämpfen! Ich bin so lange fort gewesen … Entschuldigt, Meisterin Jamei, darüber muss ich erst einmal nachdenken.“
Sie wandte sich um zum Gehen, doch Jamei hielt sie auf: „Nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht … Solltet Ihr irgendwann soweit sein, werde ich widerspruchslos zurücktreten.“
Tränen stiegen in Seiketsu No Akari´s Augen auf und sie rannte davon, aus dem Kloster hinaus ins Sunqua-Tal. Dort blieb sie atemlos gegen die Außenwand gelehnt stehen. Was sollte sie bloß denken? Natürlich fühlte sie sich geehrt, dass Meister Togo ihr diese große Verantwortung hatte übertragen wollen … auf der anderen Seite war sie nach Tyria gegangen, um mit Shikon No Yosei für Cantha kämpfen zu können. Sie wollte nicht, dass die Verteidiger auseinanderbrachen – so wie damals fast der Fall gewesen wäre, bevor Ohtah Ryutaiyo die Elementarmagierin um ihre Hand gebeten hatte. Die Mönchin sank auf die Wiese. Verzweiflung und Erschöpfung beherrschten ihre Gedanken. Shikon No Yosei würde sie sicher ermutigen das Amt zu übernehmen … Aber Seiketsu No Akari wusste einfach nicht, ob sie das überhaupt wollte – sie gehörte doch an die Seite der anderen beiden lebenden Legenden!
So in ihren Gedanken versunken bemerkte sie nicht, wie sich ihr ein Fremder näherte. Ein Tyrianer mit kurzem blonden Haar und stahlblauen Augen, der auf der Suche nach ihr gewesen war.
„Als ich das letzte Mal so gedankenverloren war, wurde ich entführt und habe ein von dir angeführtes Rettungskommando in eine ziemliche gefährliche Lage gebracht.“, sprach der Mönch Seiketsu No Akari an, deren Kopf sofort hochfuhr.
Ihre Augen weiteten sich, ihr Mund wurde trocken, sodass sie Mühe hatten seinen Namen auszusprechen: „Klerus …“
„Hallo, Seiketsu. Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, nicht wahr?“, erwiderte er und stellte sich ihr genau gegenüber, „König Jalis und du … ihr seid einfach so verschwunden, während Jabari und ich auf einem Auftrag waren. Wir haben nie wieder etwas von euch gehört … nur diese vage Nachricht und die verlassene Feste Donnerkopf. Später verbreitete sich in Tyria die Kunde, die Deldrimor seien in den Tiefen verschwunden. Ich … ich dachte so lange, du seist tot.“
Seiketsu No Akari schluckte schwer. Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Nach dem Kampf gegen den Großen Zerstörer und seine Kinder war sie froh gewesen, wieder mit Shikon No Yosei vereint zu sein und in ihre Heimat zurückkehren zu können, dass sie Klerus und Jabari, die König Jalis nicht begleitet hatten, vollkommen vergessen hatte. Und mit der Zeit hatte sie es schändlicherweise immer mehr verdrängt …
Klerus, der ihre Gefühlsregung genau beobachtet hatte, fuhr indessen fort: „Bis ich vor ein paar Wochen auf einer großen Versammlung jemandem begegnet bin, der mir von drei lebenden Legenden erzählte … Helden von Cantha, die unglaubliches vollbracht hätten. Eine wunderschöne Elementarmagierin, ein überaus geschickte Assassine und … eine begabte Mönchin, die einst in Tyria studiert hatte. Ich dachte, ich träume, als Bruder Mhenlo mir deinen Namen nannte.“
„Und dann bist du extra hierher gekommen?“, flüsterte sie ungläubig.
Ein freudloses Lachen verließ seine Kehle und er meinte: „Du verstehst mich wirklich nicht, Seiketsu. Ich musste es selbst … mit eigenen Augen sehen, dass es dir gut geht. Ich konnte es einfach nicht glauben. Nach all den Jahren …“
Die Braunhaarige musste den Blick abwenden, sie konnte ihm nicht länger in die Augen sehen – während sie ihn restlos aus ihren Gedanken verbannt hatte, hatte er sich Sorgen um sie gemacht und getrauert. Seiketsu No Akari war aufgesprungen, bevor sie überhaupt wusste, was sie tun wollte. Sie gab einfach dem Impuls nach und rannte davon. Alles in ihr zog sich vor Schmerz zusammen, als Klerus ihr nachrief. Nein, nein, nein, sie durfte ihn nicht an sich heranlassen! Nicht noch mehr Entscheidungen, die sie treffen sollte, ohne es zu wollen. Sie war glücklich gewesen – als Verteidigerin von Cantha, ohne Leitung des Klosters und ohne Wiedersehen mit Klerus … zumindest bislang.
Shikon No Yosei hielt Seiketsu No Akari ganz fest. Sie war ins Dorf Tsumei gestürmt und hatte sich ihrer Seelen-Schwester in die Arme geworfen. Der Grund für ihre Tränen kannte die Elementarmagierin allerdings noch nicht. Sie war noch nicht in der Lage gewesen es ihr zu erzählen.
„So habe ich dich noch nie gesehen …“, meinte Shikon No Yosei leise, „Was ist denn nur passiert?“
Die Mönchin richtete sich halb auf, wischte sich über das Gesicht und antwortete schniefend: „Zu viel … Ach, Shiko, erst hat mir Jamei die Leitung des Klosters angeboten und dann-“
„Moment! Jamei hat – was bitte?“, unterbrach die Rothaarige sie, wobei ihr der Mund regelrecht offenstand.
Seiketsu No Akari holte noch einmal tief Luft, bevor sie ihr alles über Meister Togos Wunsch erzählte. Anschließend berichtete sie ihr von der bewegenden Begegnung mit Klerus.
„Klerus?“, wiederholte die Elementarmagierin und verstand endlich, „Du hast ihn damals abgewiesen, weil du zurück nach Shing Jea wolltest. Obwohl du mehr für ihn übrig hattest, als du dir eingestehen wolltest … Und, was hast du jetzt vor?“
Sie antwortete nicht. Wenn sie es nur wüsste … Die Ausgangssituation hatte sich schließlich nicht geändert – Shing Jea war das Wichtigste in ihrem Leben und sie konnte ihn doch nicht bitten hierzubleiben ohne Garantie, dass ihre Gefühle für ihn ausreichten …
Die nächsten zwei Tage verbrachte Seiketsu No Akari hinter verschlossener Tür in ihrem gemeinsamen Haus. Um nicht völlig wahnsinnig zu werden, kümmerte sie sich um Yoso No Koshi und Ryukii No Mai, während Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo einen Auftrag auf der Panjiang-Halbinsel erledigten. Ein seliges Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie den Zwillingen beim Schlafen zusah. Seit ihrer Geburt war das Dorf so voller Leben. Kinder waren einfach wundervoll! Und Kinder brauchten eine Zukunft … Sie wusste nur zu gut, wie viele Waisen das Kloster von Shing Jea beherbergte. Es war mehr als nur ein Ausbildungsort – es war vielmehr eine Zuflucht. Eine Zuflucht, über die jemand die Verantwortung übernehmen musste!
„Verantwortung …“, murmelte Seiketsu No Akari vor sich hin, „Ich darf vor der Verantwortung nicht immer wieder davonlaufen. Ich sollte mich ihr stellen … Ich muss es. Für Meister Togo´s Vertrauen. Für ihre Heimat Shing Jea. Und für all jene, denen das Kloster eine Hoffnung war!“
Sie sagte ihrer Mutter Bescheid, damit sie nach den Zwillingen sah. Denn Seiketsu No Akari hatte etwas zu erledigen!
Der Wind frischte auf. Das grüne Gras wiegte sich zum Rhythmus der Natur. Und mitten in dieser friedlichen Atmosphäre des Sunqua-Tals hörte Seiketsu No Akari auf ihrem Weg zum Kloster plötzlich ein Geräusch, das so gar nicht dazu passte – den Schrei eines Kleinkindes. Sofort ging sie darauf zu und entdeckte unter einem der Bäume ein weißes Bündel liegen. Die Mönchin schlug sich die Hände vor den Mund. Ein Säugling lag darin eingewickelt. Weinend und ganz allein.
Sie nahm das Kind auf den Arm, schaukelte es beruhigend und sagte zu ihm: „Hab´ keine Angst … Jetzt wird alles wieder gut.“
Das Weinen des Mädchens verstummte. Sie suchte mit den Augen nach ihr und lachte. Alle Trauer, aller Hunger war vergessen. Da waren nur noch die warme Aura und das freundliche Gesicht, die sie einhüllten. In Seiketsu No Akari erwachte beim Klang dieses Lachens etwas völlig Neues … Sie liebte die Zwillinge als Kinder von Shikon No Yosei, doch zum ersten Mal konnte sie sich vorstellen, selbst ein Kind zu haben … Es war nicht nur, dass dieses Baby offenbar niemanden hatte, der sich um sie kümmern konnte. Da war noch mehr – wahre Muttergefühle beschlagnahmten Seiketsu No Akari´s Herz und sie drückte das Mädchen an ihre Brust.
„Toki …“, kam es über Lippen, ohne dass sie groß darüber nachdachte, „Toki No Kibo.“
Plötzlich passte alles zusammen. Sie wollte Hoffnung und eine Zukunft schenken. Sie hatte keine Angst mehr – sie konnte sämtliche Verantwortungen schultern. Doch es gab außer der Leitung des Klosters noch eine Angelegenheit, um die sie sich kümmern musste … Und dieser jemand, der damit in Verbindung stand, trat zu genau diesem Zeitpunkt durch das Tor des Klosters und beobachtete, wie Seiketsu No Akari das Kind an sich drückte. Nun glaubte er zu begreifen, warum sie nie Kontakt nach Tyria aufgenommen hatte … Hier in Shing Jea führte sie ein glückliches Leben. Und er störte dabei nur. Doch wenigstens wollte er sich diesmal von ihr verabschieden.
Seiketsu No Akari, die sein Lebenslicht näherkommen spürte, hauchte: „Klerus … ich-“
„Ich weiß.“, meinte er und hob die Hand, um sie vom Weitersprechen anzuhalten, „Du hast ein Kind … Und wirst die Leiterin des Klosters sein. Ich kann dich nicht zwingen, meine Gefühle zu erwidern, ich will es auch gar nicht, niemals, weder damals noch heute. Ich wollte dich nur wiedersehen … wissen, dass es dir gut geht. Aber … weißt du, was ich mir dennoch wünsche? Dass wir uns irgendwann wieder begegnen, in den Nebeln oder gar in einem anderen Leben … und ich dann eine echte Chance bei dir bekomme. Es tut mir leid … vergiss´ einfach, was ich gesagt habe, Seiketsu. Leb´ wohl … und pass´ auf dich … auf euch auf.“
Damit wandte Klerus sich ab und es ward das letzte Mal, dass Seiketsu No Akari ihn sah. Würde man sie später einmal fragen, warum sie ihm nicht nachgerufen hatte, sie hätte keine Antwort darauf. Ob es an Toki No Kibo lag oder an der Verantwortung für das Kloster, wusste sie nicht. Nur eines … sie wollte ihn nicht noch einmal so verletzen. Vielleicht war dies sogar der Grund, warum sie geschwiegen hatte … Doch tief in ihrem Herzen wünschte sie sich dasselbe wie Klerus. Ob in den Nebeln oder einem anderen Leben, irgendwann würden sie sich wiedersehen und dann würden sie vielleicht doch noch gemeinsam glücklich werden!
Mit dieser Entschlossenheit tritt Seiketsu No Akari die Verantwortung als Leiterin des Klosters von Shing Jea an. Gleichzeitig bleibt sie ein Mitglied der Verteidiger von Cantha und der drei lebenden Legenden.
Was aus ihrem Wunsch wird, den sie mit Klerus teilt und selbst vor Shikon No Yosei verborgen hält, kann nur die Zukunft zeigen …
Buch 06: Die Zukunft der Legenden
Der Zukunft entgegen
Es war früh am Morgen. Shikon No Yosei und Seiketsu No Akari saßen auf einer Wiese vor dem Dorf Tsumei. Und dachten an einen ganz bestimmten Tag zurück.
„Es ist heute genau zwanzig Jahren her.“, meinte die Elementarmagierin nostalgisch, „Dieser Tag hat damals unser aller Leben verändert. Meister Togo hat mich zur Verteidigerin von Shing Jea gemacht und …“
„Und ich habe mich auf mein Studium vorbereitet, dass ich dank ihm absolvieren durfte.“, fuhr Seiketsu No Akari fort, „Manchmal glaube ich, jeder Schritt, den wir getan haben, seit Meister Togo zu uns kam, wurde vom Schicksal gelenkt … um uns dahin zu bringen, wo wir jetzt sind.“
Shikon No Yosei nickte zustimmend: „Ich weiß genau, was du meinst. Die Fähigkeiten, die du durch dein Studium erhalten hast, und deine Liebe zu Shing Jea haben dich schließlich zur Leiterin des Klosters bestimmt. Etwas, das du mehr als verdient hast, Seiketsu …“
„Danke, Shiko.“, erwiderte sie lächelnd, „Aber nicht nur bei mir war das Schicksal im Spiel. Bei dir war es doch genauso …“
Die Verteidigerin von Cantha sah sie verwirrte an und fragte: „Wie meinst du das?“
„Für Shing Jea hast du Cantha vor Shiro´s Verderben gerettet … Und im Verlauf dieses Kampfes hast du dich in Ohtah verliebt.“, erklärte Seiketsu No Akari lächelnd.
Nun lachte Shikon No Yosei: „Ja … ja, das habe ich, das habe ich wirklich. Und seine Liebe hat mir unzählige Male das Leben gerettet … Nicht nur im Kampf gegen Shiro. Auch im Kampf gegen den Untoten Lich, Abaddon und den Großen Zerstörer. Ohtah war immer an meiner Seite!“
„Je länger ich darüber nachdenke … Das Schicksal war uns wirklich gewogen.“, murmelte Seiketsu No Akari nachdenklich, „Und nun machen unsere Kinder ihren Abschluss.“
Shikon No Yosei schloss die Augen und flüsterte: „Eigentlich überrascht es mich gar nicht. Ryukii hat den Weg einer Assassine gewählt … Yoso hat sich dazu entschieden Elementarmagier zu werden …“
„Und Toki hat sich bereits als Mönchin bewiesen …“, fügte Seiketsu No Akari hinzu und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Ihre Seelen-Schwester legte ihr eine Hand auf die Schulter und sagte: „Sie ist zwar nicht deine leibliche Tochter ist … doch sie ist dir sehr ähnlich. Du hast ihr auch nicht grundlos den Namen >Toki No Kibo< gegeben.“
„Noch ein schicksalhafter Moment …“, schwelgte Seiketsu No Akari in Erinnerungen, „Wir haben wirklich unser Glück gefunden, Shiko …“
Shikon No Yosei erhob sich und bestätigte: „An jenem Tag begann unser Weg in die Zukunft … Jetzt sind unsere Kinder an der Reihe. Komm´ … sie warten sicher bereits auf uns.“
Im Hof des Klosters von Shing Jea wurde der Abschluss der diesjährigen Absolventen gefeiert – Großmeister, Schüler, Schaulustige, Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari versammelten sich.
„Ihr, meine ehrenwerten Absolventen, habt eure Ausbildung beendet, so wie viele Tausende vor euch. Doch eines dürft ihr nie vergessen … jeder von euch ist etwas besonderes! Ihr seid Kinder Cantha´s! Ihr seid die Zukunft unseres Landes! “, sprach die Leiterin des Klosters und lächelte stolz, „Eure Großmeistern werden euch nach und nach aufrufen. Die Urkunden, die ihr von ihnen erhaltet, befähigen euch für alle Zeit in eurer Klasse tätig zu sein!“
Großmeister Zhan rief die Krieger zu sich. Danach folgten die Waldläufer, die zu Großmeister Greico gingen. Die Nekromanten, die von Großmeisterin Kuju ausgebildet worden waren, kamen als drittes dran. Die Mesmer hängten sich an und gingen zu Großmeister Kaa.
Großmeisterin Amara, die als Mönchin tätig war, rief: „Toki No Kibo … ich gratuliere dir. Du bist eine qualifizierte Mönchin!“
Toki No Kibo verbeugte sich vor ihr und sie überreichte ihr die Auszeichnung. Danach wandte sie sich ihrer Ziehmutter zu, sie strahlte. Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo beobachteten derweil wie Großmeister Vhang vortrat.
Der Elementarmagier sagte lächelnd: „Yoso No Koshi … du bist ein wahrlich mächtiger Elementarmagier! Ich beglückwünsche dich.“
Yoso No Koshi ging zu ihm. Auch er nahm das Schreiben mit einer Verbeugung entgegen. Doch er musste sich nicht umdrehen, um in das Gesicht seiner Mutter zu blicken. Er konnte ihren Stolz und ihre Freude sichtlich spüren. Genauso wie die Anspannung von Ohtah Ryutaiyo, als die Großmeisterin der Assassinen Vhang ablöste.
Großmeisterin Lee schaute seine Tochter an und erklärte ausdrucksstark: „Du bist eine wahre Assassine! Ich bin stolz auf dich … Ryukii No Mai.“
Sie unternahm einen Schattenschritt und nahm gleichzeitig die Qualifikation an. Anschließend wirbelte sie herum und sah, wie ihr Vater Tränen in den Augen hatte – ein größeres Geschenk konnte er ihr nicht machen! Damit hatten es Toki No Kibo, Yoso No Koshi und Ryukii No Mai geschafft. Der erste Schritt auf dem Weg in ihre Zukunft war getan …
Meister und Schülerin
Ein halbes Jahr war vergangen seit dem Abschluss von Yoso No Koshi, Ryukii No Mai und Toki No Kibo vergangen. Eine friedliche Zeit … die wieder einmal enden sollte. Seiketsu No Akari betrat das Kloster mit sehr ernstem Gesichtsausdruck.
„Seiketsu … was ist denn passiert?“, wollte Shikon No Yosei besorgt wissen.
Die Mönchin antwortete seufzend: „Ich war eben einige Schüler besuchen. Sie … sie sind erkrankt.“
„Wenn … wenn du sagst >erkrankt<, dann … dann meinst du doch nicht etwas …“, unterbrach Ohtah Ryutaiyo sie, schaffte es aber nicht weiterzusprechen.
Sie schüttelte den Kopf: „Nein. Zum Glück ist es nicht die Pest … aber es scheint trotzdem äußerst gefährlich zu sein. Sie haben hohes Fieber und sind nicht bei Bewusstsein. Das Schlimmste jedoch ist, dass sie bereits andere Dorfbewohner angesteckt haben. Wir müssen etwas unternehmen! Shing Jea darf keiner Epidemie zum Opfer fallen!“
„Wir müssen herausfinden, was vor sich geht!“, entschied Shikon No Yosei entschlossen.
Leise Schritten näherten sich den drei und eine weise Stimme erklang: „Ihr seid die einzige, die sich gegen diese Krankheit zur Wehr setzen kann … Shiko.“
Sie wirbelten herum. Vor ihnen stand Suun, das Orakel der Nebel. Das letzte Mal hatten sie ihn auf der Hochzeit von Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo gesehen. Seitdem hatte er noch zurückgezogener gelebt als zuvor.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht fuhr er fort: „Es erfüllt mich mit großer Freude, Euch wiederzusehen … Die Geister der Nebel haben mich nicht ohne Grund zu Euch zurückgeführt. Ich hatte eine Vision, die Euch und diese mysteriöse Krankheit betraf.“
„Ihr wisst, was diese Erkrankung ist?!“, hakte der Assassine überrascht nach.
Suun schloss die Augen und sprach: „>Aus Ruhe und Frieden wird erneuter Kampf … Die Schülerin folgt des Meister´s Tat. Und was einst gewesen war, wird neue Gegenwart. Wenn die Krankheit kehrt zurück zu beiden, treten sie aus dem geöffneten Tor … um zu Erfüllen ihren Schwur nach Jahren<!“
„Dann muss ich sofort zum Tahnnakai-Tempel.“, schlussfolgerte Shikon No Yosei leise.
Shikon No Yosei kniete vor dem Denkmal nieder, welches Kaiser Kisu einst für seinen Halbbruder hatte bauen lassen, und murmelte: „Ich bitte Euch, verlasst die Nebel und tretet in diese Welt über. Folgt meinem Ruf … bitte, Meister Togo, kommt zu mir!“
Langsam nahm der Geist Meister Togos vor ihr Gestalt an.
Tränen traten in die Augen der mächtigen Elementarmagier, als sie sagte: „Ich bin so froh, Euch zu sehen! Ich brauche dringend Eure Hilfe, Meister. Die Bewohner Shing Jea´s wurden von einer Krankheit befallen … Sie zeigt sich durch Fieber und Bewusstlosigkeit. Wir machen uns große Sorgen! Suun erzählte mir von einer seiner Visionen und schickte mich zu Euch …“
Seine ehemalige Schülerin rezitierte die Worte des Orakels der Nebel, während sich auf dem Gesicht des Ritualisten ein gequälter Ausdruck breitmachte.
„Ich verstehe. Leider …“, erwiderte er, nachdem sie geendet hatte, „Diese Symptome, von denen du berichtet hast … so hat es schon einmal begonnen. Das ist sehr lange her …“
Daraufhin wollte Shikon No Yosei verständnislos wissen: „Wovon sprecht Ihr?“
„Von der Zeit der Tengu-Kriege …“, antwortete Meister Togo mit trauriger Stimme, „Damals fielen die Canthaner vor allem einem Krankheitsbild zum Opfer, das man in der späteren Geschichtsschreibung nur noch die >Tengu-Krankheit< nannte. Denn sie waren davon zuerst infiziert und haben die Krankheit auf die Menschen übertragen. Es gab viele Wortführer, die die Tengu deshalb ausrotten wollten … Das war der Beginn der großen Tengu-Kriege. Ich selbst konnte schließlich das Friedensabkommen aushandeln. Denn nicht alle Tengu wollten mit Krieg antworten. Der Stamm der Angchu, die noch heute mit uns Frieden halten, waren bereit dem Abkommen unter bestimmten Bedingungen zuzustimmen. So darf auch heute noch kein Unbefugter ihr Land betreten … Anders ist es mit dem Stamm der Sensali, die am liebsten alle Menschen Cantha´s auslöschen würden.“
Seine Schülerin dachte einen Augenblick nach, bevor sie zusammenfasste: „Die Menschen und die Tengu haben also wegen einer Epidemie Krieg geführt … Und diese Krankheit, die damals für so viele Todesopfer gesorgt hat, ist jetzt wieder ausgebrochen?“
„So ist es.“, bestätigte der Ritualist, „Es gibt da allerdings noch etwas, das du wissen solltest … Die Anführer der Tengu, die gegen die Menschen gekämpft haben, wurde allesamt ermordet. Doch zuvor haben sie Rache geschworen … Eines Tages würden sie zurückzukommen und das Land von den Menschen befreien.“
Die Augen von Shikon No Yosei weiteten sich und sie erwiderte: „Suun´s Prophezeiung … Das bedeutet … die kriegerischen Tengu werden aus den Nebeln wiederkehren!“
„Ja … Wenn du Krankheit bei beiden Völkern wieder ausbricht.“, ergänzte er ihre Schlussfolgerung, „Du musst dich beeilen, Shiko … Shing Jea braucht dich erneut!“
Shikon No Yosei zögerte noch einen kurzen Moment. Jetzt da sie Meister Togo nach all den Jahren wieder gegeben über stehen konnte, brannte ihr eine Frage auf der Zunge … Doch er hatte recht – jede Sekunde war kostbar. So verbeugte sie sich tief vor ihm und verließ den Geist des Mannes, der höchstwahrscheinlich ihr Vater war …
Die Armee der Untoten
Die Elementarmagierin berichtete Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari von der Situation, in der sie sich befanden und bald befinden würden. Es war unklar, ob sie die Rückkehr der verstorbenen Tengu verhindern konnten. Darum mussten sie sich darauf vorbereiten zu kämpfen – Shikon No Yosei musste zu den Angchu, darum übernahm Ohtah Ryutaiyo die Kriegsvorbereitungen. Und Seiketsu No Akari suchte nach einem Heilmittel gegen die Krankheit. Wie zu erwarten gewesen war, wollten sich natürlich auch ihre Kinder nützlich machen – Yoso No Koshi und Ryukii No Mai halfen ihrem Vater, Toki No Kibo ging ihrer Ziehmutter zur Hand.
Als sich Shikon No Yosei dem Dorf Adlerhorst näherte, wurde sie von zwei ihrer Wächter aufgehalten.
„Wer seid Ihr? Was wollt Ihr hier?“, wollte einer von ihnen wissen.
Mit eiserner Entschlossenheit antwortete sie: „Mein Name ist Shikon No Yosei. Ich bin hier, um mit eurer Anführerin zu sprechen.“
„Was willst du von ihr?“, fragte der andere skeptisch nach.
Die Shing Jea blieb ernst und meinte: „Das werde ich nur mit ihr persönlich besprechen.“
„Mutig seid Ihr …“, bemerkte eine neue Stimme und die Wächter gingen in die Knie, „Ich erkenne Euch … Ihr seid Meister Togos Schülerin, die einst gegen Shiro Tagachi gekämpft und gesiegt hat. Damit habt Ihr auch uns Tengu gerettet.“
Soar Ehrenklaue gab ihr einen Wink ihr zu folgen: „Die Angelegenheit, die Euch zu mir führt, sollten wir in meiner Hütte vertiefen.“
Ein Lächeln breitete sich auf Shikon No Yoseis Gesicht aus. Der Anfang war gemacht. Wenn die Botschaft auch durchaus besser hätte sein können …
„Das darf nicht wahr sein!“, rief Soar Ehrenklaue erzürnt, nachdem Shikon No Yosei ihr alles erklärt hatte, „Jetzt verstehe ich. Mein Sohn … Er ist eines der ersten Opfer gewesen.“
Traurig entgegnete Shikon No Yosei: „Dann hat es bei den Tengu also auch begonnen … Suun hatte wirklich recht. Ich hätte es gern verhindert …“
„Ihr seid wahrhaftig eine Schülerin Meister Togo´s.“, lobte die Tengu sie, „Ich habe ihm vertraut, darum vertraue ich Euch ebenso. Die Tengu stehen Euch zur Seite. Vielleicht finden wir gemeinsam ein Gegenmittel für diese Krankheit.“
Shikon No Yosei nickte dankbar: „Meine Schwester ist bereits auf der Suche nach einem Heilmittel. Ich bete zu den Sechs Göttern, dass sie Erfolg hat …“
Ein Warnruf unterbrach das Gespräch der beiden unterschiedlichen Frauen. Soar Ehrenklaue stürmte als erste aus der Hütte, Shikon No Yosei folgte ihr. Was sie sahen, versetzte sie in Angst und Schrecken – in der Nähe des Adlerhorstes war ein dunkles Portal erschienen … Ein Portal aus der Unterwelt, dem Teil der Nebel, in den die bösen Seelen verbannt wurden. Doch das schreckliche war eben das, was aus dem Portal strömte – eine Armee untoter Tengu versammelte sich, bereit Shing Jea ein für alle Mal dem Erdboden gleichzumachen und die Menschheit auszulöschen!
Währenddessen reiste Ohtah Ryutaiyo mit Hilfe des tragbaren Portals quer durch die Lande. Er suchte all ihre früheren Verbündeten auf und brachte sie nach Shing Jea. Nur zu gern nahmen sie die Chance wahr, sich bei Shikon No Yosei zu revanchieren … Bruder Mhenlo war selbstverständlich als Vertreter Tyria´s mit seinen engsten Freunden erschienen. Aus Elona waren Tahlkora, Dunkoro, Koss und Melonni aufmarschiert. Natürlich hatten auch Vekk, Odgen, Jora, Gwen und Brandor ihre Heimat verlassen, um ihnen zu helfen und hatten sogar Freiwillige ihrer Völker mitgebracht. Genauso wie Danika und Argo, die neuen Oberhäupter der Kurzick und der Luxon. Selbst Kuunavang war dem Ruf gefolgt. Und der Kaiser hatte fünfzig seiner besten Männer und Frauen antreten lassen. Yoso No Koshi und Ryukii No Mai hatten von ihrem Vater den Auftrag erhalten, sich um die verbliebenen Klosterschüler zu kümmern, die nicht von der Krankheit befallen waren. Den Abschlussstudenten wurde gestattet, am Kampf teilzunehmen. Die übrigen wurden von den beiden in die Hauptstadt von Kaineng gebracht. In Shing Jea wären sie nirgends sicher gewesen. Als sie zurück waren, nahm Ohtah Ryutaiyo das Portal wieder an sich. Sorge durchzuckte seine Gedanken. Shikon No Yosei war schon viel zu lange fort … Selbst wenn die Verhandlungen mit den Tengu sich hingezogen hätten, so lange konnte es nicht dauern. Der Assassine befürchtete, dass etwas geschehen war. Er übertrug es seinen Kindern, ihre Freunde und Verbündeten in den Quartieren des Klosters unterzubringen. Er selbst würde zu seiner Geliebten eilen.
Soar´s Schwert beschrieb blitzende Bögen. Doch wann immer sie glaubte, einen Feind niedergestreckt zu haben, schlossen sich dessen Wunden und er stand erneut auf. Bei den anderen Tengu sah es nicht anders aus. Nur die Körper, die Shikon No Yosei zu Asche verbrannte, waren endgültig vernichtet. Doch der ständige Einsatz ihrer Magie hinterließ seine Spuren … normalerweise löste die Elementarmagierin ihren Zauber auf, sobald der Gegner besiegt oder getötet war. Durch die vollständige Verbrennung büßte sie das doppelte Maß an Energie ein.
Das Schwinden ihrer Kräfte blieb auch der Anführerin der Tengu nicht verborgen, sodass sie rief: „Zieht euch zurück!“
Erleichtert kamen ihre Krieger der Anweisung nach. Offenbar hatten sie bloß auf diese Erlösung gewartet. Shikon No Yosei und Soar Ehrenklaue blieben bis zum Schluss auf dem Schlachtfeld. Mit einem letzten Aufbäumen ihrer magischen Kräfte riss die Elementarmagierin eine Feuerwand hoch, welche die feindlichen Tengu am Näherkommen hinderte. Im selben Moment, da sie vor Erschöpfung zusammenbrach, tauchte Ohtah Ryutaiyo neben ihr auf. Er hatte sich gewünscht, an den Ort zu gelangen, an dem sich seine Geliebte aufhielt – so konnte er sie wieder einmal gerade noch rechtzeitig auffangen, bevor sie zu Boden fiel.
„Keine Zeit für Erklärungen!“, blaffte er, „Schnell! Alle sollen sich aneinander festhalten.“
Verwirrt blinzelte die Tengu, dann nickte sie. Augenblicklich kamen ihre Untertanen der Aufforderung nach und Soar berührte Ohtah Ryutaiyos Rücken. Der Assassine zögerte keine Sekunde. In einer schwarzen Wolke verschwanden sie und die Feuerwand brach in sich zusammen.
Ratsversammlung
Wenn es nach Ohtah Ryutaiyo gegangen wäre, hätte Shikon No Yosei für die nächsten drei Tage keinesfalls das Bett verlassen. Aber so viel Zeit blieb ihnen nicht. Stattdessen rief sie all ihre Freunde zu einer Ratsversammlung zusammen. Seiketsu No Akari, Bruder Mhenlo und Danika sowie Toki No Kibo, Yoso No Koshi und Ryuukii No Mai nahmen nicht daran teil. Sie mussten die Erkrankten versorgen. Dafür aber Soar Ehrenklaue.
„Ich danke euch, dass ihr alle gekommen seid. Ich weiß nicht, wie wir allein siegen könnten.“, begann Shikon No Yosei.
Tahlkora lächelte und meinte: „Ich habe dir doch gesagt, dass wir dir jederzeit wieder folgen würden, Shiko. Wobei … ich gehofft hatte, dass es nicht notwendig sein würde.“
„Ach was!“, rief Koss aus, „Einmal Sonnenspeer, immer Sonnenspeer!“
Melonni gab ihm Konter: „Nur dass wir euch diesmal helfen.“
„Danke, Freunde …“, erwiderte die Elementarmagierin und wurde schlagartig todernst, „Vor wenigen Stunden habe ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit unserem neuen Feind gemacht. Zusammen mit den Angchu-Tengu habe ich gegen sie gekämpft … Normale Waffen können nichts gegen sie ausrichten. Man muss ihre Körper vollständig zerstören.“
Ein Lachen hallte auf der freien Fläche wieder, auf der sie sich versammelt hatten: „Na, da ist unsere Feuermagie ja genau das richtige Mittel für diese Typen, meine liebste Shiko.“
Nur die Ernsthaftigkeit der Lage und der nahende Krieg ließen Ohtah Ryutaiyo ruhig genug bleiben, seine Wut hinunterschlucken. Argo war schon immer ein rotes Tuch für ihn gewesen. Das hatte sich in all den Jahren nicht geändert.
„Das stimmt, Argo.“, bestätigte Shikon No Yosei, „Allerdings befinden sich in unseren Reihen zu wenig Feuermagier, um sich allein auf diese Methode zu verlassen. Wir müssen überlegen, mit welchen Methoden man die Untoten noch austreiben könnte.“
Nun herrschte betretenes Schweigen. Jeder Einzelne von ihnen grübelte über die Informationen nach, die ihnen zur Verfügung standen, und suchte darin nach einer Lösung.
„Die heilige Kraft mancher Mönche vermag Untote auszutreiben.“, bemerkte Dunkoro nach einer Weile.
Vekk´s Blick verengte sich und er sagte: „Du sagtest, diese Viecher wären aus einem Portal gekommen … Vielleicht könnte ich ein Portal öffnen, das sie wieder zurückschickt.“
„Dann sollten wir uns aufteilen.“, schlug Odgen vor.
Jora zog ihr Schwert mit den Worten: „Wer mit einer Waffe umgehen kann, soll neben mir an vorderster Front kämpfen!“
„Meine Brüder und ich schließen uns dir an!“, stimmte Brandor begeistert zu.
Shikon No Yosei schwieg noch einen Moment, bevor sie erwiderte: „In Ordnung … Jora, ich übertrage dir die Befehlsgewalt über die Kampftruppe. Brandor, du unterstützt sie dabei. Egal, mit welchen Mitteln wir die Untoten auch vertreiben, ihr musst sie uns vom Leib halten! Und du, Vekk, kümmerst dich bitte mit deinen Asura um den Zugang eines Portals. Vergiss nicht, es muss in die Tiefen der Unterwelt führen. Odgen und Dunkoro, setzt euch bitte mit den Mönchen der Abschlussklasse des Klosters in Verbindung. Sucht nach Mönchen, die bereit sind, ihre Kräfte für den Kampf einzusetzen.“
„Die Ebon-Vorhut kümmert sich um die Verpflegung und Versorgung der Kämpfer.“, meldete sich Gwen zu Wort, „Ein Krieg kann einen bis an seine Grenzen treiben.“
Die uralte Drachin schlug mit den Flügeln und sprach: „So gut ihr euch auch vorbereitet, es wird ein harter Kampf werden. Ich sehe Shing Jea am Rand der Vernichtung stehen … Eine falsche Entscheidung könnte unser Ende sein.“
„Ich weiß …“, antwortete Shikon No Yosei zur Überraschung aller, „Die Begegnung mit ihnen, hat es mir deutlich gezeigt … Wir sind zahlenmäßig weit in der Unterzahl. Aber ich lasse meine Heimat nicht untergehen! Jeden einzelnen meiner Kämpfe habe ich zum Schutz Shing Jea´s bestritten … und jedes Mal hat mir der Gedanke daran Kraft gegeben. Ich werde auch diesmal nicht aufgeben! Gemeinsam können wir siegen! Daran glaube ich fest …“
Zustimmende Rufe erklangen. Shikon No Yosei´s Worte hatten sie wahrlich berührt.
Sorgen einer Anführerin
Im Westen Shing Jea´s hatte die Armee der untoten Tengu inzwischen vollzählig die Unterwelt verlassen. Was Soar Ehrenklaue und Shikon No Yosei gesehen hatten, war nur ein Bruchteil der Streitmacht gewesen. Die unterschiedlichen Stämme hatten sich fein säuberlich in Legionen aufgeteilt. Zweitausend Untote gegen nicht einmal zweihundert Kämpfer für Shing Jea. Einige der Zivilisten, einfache Bauern und Viehhirten hatten sich trotz Protestes von Shikon No Yosei ihrer Einheit angeschlossen. Aber schlussendlich hatte sie sich von dem herausragendsten aller Argumente breitschlagen lassen – sie durfte anderen nicht jenes Recht nehmen, welches für sie selbst immer die Antriebskraft gewesen war … der Wunsch ihre Heimat zu schützen, für Shing Jea zu kämpfen. Die übrigen Bewohner, vorrangig die Kinder, Frauen und Alten waren, wie die anderen Schüler des Klosters, nach Kaineng gebracht worden. So konnten sie weder den Tengu zum Opfer fallen, noch behinderten sie den Kampf.
Shikon No Yosei stand vor ihrem Schrein, den sie Meister Togo und Teinai gewidmet hatte. Doch sie bete nicht. Meister Togo hatte ihr im Tahnnakai-Tempel alles erzählt, was er wusste. Und Teinai konnte ihr nicht mehr raten, als das sie selbst bereits wusste. Die Kraft lag in ihr. Sie musste sich auf ihre Freunde und Verbündeten verlassen … Trotzdem hatte die Rothaarige Angst. Eine solch schreckliche Angst hatte sie noch nie zuvor verspürt. Nicht als Shiro Tagachi zurückgekehrt war … nicht als sie die Titanen befreit hatte … nicht im Reich der Qual … nicht im Kampf gegen die Zerstörer …
„Ich wusste, ich würde dich hier finden.“, sagte eine bekannte Stimme hinter ihr.
Sie drehte sich um und sah in das Gesicht ihres Mannes. Ohtah Ryutaiyo war längst nicht mehr der reumütige Assassine, dem sie in der Unterstadt begegnet war. Er war viel reifer geworden, markanter. Neben dem Mann, der er geworden war, erkannte sie gleichzeitig immer noch etwas von demjenigen in ihm, in den sie sich verliebt und der sie in jedem ihrer Kämpfe beschützt hatte. Selbst jetzt noch, nach all der langen Zeit konnte Shikon No Yosei kaum aussprechen, wie dankbar sie ihm war.
„Ich habe Angst …“, gab sie offen zu, „Dies ist unser erster offener Krieg. Es gibt keinen grausamen Anführer, den wir aufhalten müssen. Es keinen Shiro, der mir Befallene oder Shiro´ken entgegenschickt; keinen Lich, der mich gegen Mursaat oder Titanen kämpfen lässt; kein Abaddon, der von Dämonen oder Kourniern begleitet wird; keinen Großen Zerstörer, dessen Brut sich zusehends vermehrt. Diesmal ist jeder Gegner unser Feind, um den wir uns kümmern müssen. Wir stehen einer leibhaftigen Armee auf Augenhöhe gegenüber …“
Ohtah Ryutaiyo legte beruhigend den Arm um sie, bevor er entgegnete: „Wir haben zwar noch keinen offenen Krieg bestritten … aber wir haben bereits Armeen bezwungen. Oder glaubst du all die Befallenen, Dämonen und Zerstörer, die wir getötet haben, waren weniger zahlreich? Du bist nicht allein … Wir sind bei dir. Wir folgen dir.“
„Ja … und dennoch werde ich dieses Gefühl nicht los.“, antwortete Shikon No Yosei schwer besorgt, „Ich befürchtete, dieser Krieg wird schlimmer als alles, was wir je erlebt haben. Etwas tief in meinem Innern sagt mir, wir werden dieses Mal mehr, als nur unser Leben einsetzen müssen, wenn wir Shing Jea retten wollen.“
Der Assassine zwang sie ihn anzusehen und erklärte: „Ich bin zu allem bereit. Solange du nur an meiner Seite bist, Shiko … Selbst den Tod oder schlimmere Schicksale fürchte ich nicht!“
Er beugte sich leicht zu ihr herunter, um sie zu küssen. Noch während sie den Kuss erwiderte, fragte sie sich, was wohl geschehen würde, wenn sie irgendwann nicht mehr bei ihm sein könnte … Wenn dieser Kampf nicht ihn oder einen ihrer anderen Verbündeten forderte, sondern ihr Leben.
Provinz Kinya fällt
Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo hatten ihre Armee durch das Sunqua-Tal, über das Gelände der ehemaligen Menagerie von Minister Cho bis hin in die Provinz Kinya geführt, in welcher die untoten Tengu lagerten. Der Adlerhorst war nicht mehr wiederzuerkennen. Aus dem hellen Dorf war eine verbrannte, zerstörte Ruine geworden. Soar Ehrenklaue erschauderte, Wut flammte in ihr auf. Sie hatten es gewagt, ihre Heimat anzugreifen, das sollten sie ihr büßen! Auf Geheiß von Shikon No Yosei verteilten sich die einzelnen Trupps. Jora und Brandor verteilten ihre Männer und Frauen an vorderster Front – die Norn hielten sich links, die Charr rechts, die Tengu flankierten sie, in der Mitte mischten sich die Ebon-Vorhut, die kaiserlichen Wachen, die Kurzick, die Luxon und die Bewohner Shing Jea´s, samt der Klosterschüler. Hinter ihnen folgten die Pein-Mönche unter Dunkoro´s Aufsicht. Verstärkt wurden sie von den ausgewählten Magiern, welche das Feuer beherrschten. Yoso No Koshi war einer von ihnen. Vekk und seine Asura arbeitete unterdessen weiterhin an dem Portal. Doch um ehrlich zu sein, wussten sie bereits, dass sie es für diese Schlacht nicht rechtzeitig schaffen würden. Zu knifflig war die Berechnung des Zielortes in der Unterwelt, selbst nach asurischem Maßstab.
Auf einem erhöhten Hügel hinter der Armee standen Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo. Sie verschafften sich gerade einen Überblick über die Aufstellung. Soweit war alles bereit. Und das keine Sekunde zu spät. Denn die beiden lebenden Legenden konnten erkennen, dass die Linien der Feinde vom anderen Ende des Tals bereits auf sie zukamen. Sie tauschten einen langen, intensiven Blick. All ihre Liebe zueinander, die Erinnerung an ihre vergangenen Abenteuer und der Wunsch auch in Zukunft miteinander zu leben lagen darin. Dann nickte die Elementarmagierin und der Assassine unternahm einen Schattenschritt zur Front, direkt neben seine Tochter. Sie waren beide nicht davon abzubringen gewesen, in der ersten Reihe zu kämpfen. Ohtah Ryutaiyo atmete tief durch. Von dieser Position aus konnte er die Kraft der Feinde einschätzen und sie auf Abstand zu den Zauberern halten, um seine Geliebte am Besten beschützen zu können – das war das einzige, was für ihn zählte. Mit jedem Herzschlag, mit jedem Atemzug kamen die Feinde näher. Die Kämpfer Shing Jea´s waren angespannt. Ihre Gefühlen teilten sich in Furcht, Schrecken und freudige Erwartung.
„Für Shing Jea! Für Shiko!“, brüllte Ohtah Ryutaiyo regelrecht und stürmte als erster auf die gegnerischen Tengu zu.
Die anderen Kämpfer stimmten in seinen Kampfschrei mit ein und folgten ihm mit erhobenen Waffen. In einem ohrenbetäubenden Lärm krachten sie aufeinander. Schwerter wirbelten, Pfeile surrten, Äxte wurden geschwungen, Dolche platziert, Speeren geworfen. In den hinteren Reihen konzentrierten die Mönche und Elementarmagier ihre Energie. Sie fassten sich an den Händen, schlossen ihre Augen und murmelten lautlos die Worte, welche die magischen Kräfte bannten. Es dauerte eine Weile, bis ihre Zauber wirken. Doch plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Glühende Gesteinsbrocken regnete, weiße Blitze schlugen überall auf dem Feld ein. Die heilige und flammende Magie hatte sich vereinigt. Die Körper der Untoten wurden versengt. Asche war das Einzige, was von ihnen übrig blieb. Im ersten Moment schöpfte Shikon No Yosei Hoffnung, aber als sie ihren Blick schweifen ließ, schluckte sie. Die Lücken, welche die Gefallenen hinterlassen hatten, waren schon wieder geschlossen. Es nahmen noch nicht einmal alle Gegner an der Schlacht teil. Dagegen kämpften bereits alle ihre verfügbaren Einheiten. Bislang – zumindest soweit sie es einschätzen konnte – gab es noch keine Verluste. Die folgenden Minuten und Stunden waren pure Qual. Sowohl für die Kämpfer, welche an der Front ihr ganzes Können einsetzten, um die Untoten auf Distanz zu halten, als auch für die Zauberer, die im Hintergrund ihre Magie woben und auf ihre Feinde niederfahren ließen. Es gab keine Verschnaufpause, kein Ende war in Sicht. Die gegnerische Zahl schien nicht zu schrumpfen, auf der anderen Seite sah es diesbezüglich inzwischen wesentlich schlechter aus. Shikon No Yosei´s Befürchtung hatte sich bestätigt – sie waren schlichtweg zu wenige, um diese Schlacht für sich entscheiden zu können. Ohne Vekk´s Portal, welches die gegnerischen Tengu zurück in die Unterwelt verbannen würde, hatten sie keine Chance. Vor allem nicht in dem Zustand, in dem sie sich nun befanden. Ihre Reihen waren zu erschöpft. Also tat Shikon No Yosei als einzig Vernünftige, was sie als Anführerin tun konnte.
„Rückzug“, schrie sie mit durch Magie verstärkter Stimme, „Rückzug!“
Der letzte Stützpunkt
Die nächsten Wochen waren das schlimmste, was Shikon No Yosei jemals erlebt hatte. Tag für Tag hatten ihre Verbündeten gegen die Untoten gekämpft. Erfolglos … Sie wurden immer weiter zurückgedrängt. Bis sie sich ins Kloster als letzten Stützpunkt zurückziehen mussten. Das Gelände, das sie zurückließen, war – in einem Wort gesagt – zerstört. Kaum etwas erinnerte noch an die einstige Schönheit Shing Jea´s – die Schönheit, welche Shikon No Yosei und Seiketsu No Akari so sehr liebten und für die sie so oft gekämpft hatten. Auf Ohtah Ryutaiyo´s Bitte hin, hatte die Mönchin ihren Posten bei den erkrankten Schülern verlassen, um ihrer Seelen-Schwester beizustehen. Auf eine Art, wie er es niemals können würde. Sie nahm Shikon No Yosei in den Arm und beide weinten an der Schulter der anderen. Tränen wie die wunderbaren Qi-Wasserfälle ihrer Heimat.
„Shing Jea wird wieder aufleben!“, flüsterte Seiketsu No Akari beruhigend ihr ins Ohr, „Ihre Schönheit kommt von den Menschen, die hier leben. Solange wir noch am Leben sind, ist es auch diese Insel …“
Die Elementarmagierin nickte mit einem schwachen Lächeln. Das Kloster verschaffte ihnen ein bisschen Zeit. Es einzunehmen würde dauern. Die magischen Barrieren, welche es schützte, würden die Untoten erst einmal abschrecken. Damit bekamen die Asura die notwendige Zeit, weiter an dem Portal zu arbeiten. Und die übrigen Kämpfer konnten sich etwas ausruhen, neue Kräfte schöpfen.
Ein gewaltiges Beben riss Shikon No Yosei aus dem Schlaf. Durch die Veränderung der magischen Wellen in der Luft wusste sie sofort, was das Beben verursacht hatte – die Barrieren, welche das Kloster schützten, waren gelöst, gewaltsam. Ohtah Ryutaiyo, der neben ihr gelegen hatte, konnte an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, was geschehen war. Ohne ein Wort verschwand er via Schattenschritt. Die Elementarmagierin eilte derweil ins Nachbarzimmer. Es war leer. Wieder eine Nacht, in der Seiketsu No Akari keine Ruhe gefunden hatte. Sie rannte weiter. Diesmal war die Krankenstation ihr Ziel. Dort fand sie die Mönchin … inmitten der Lager, auf denen sie erkranken Schüler ruhten. In den vergangenen Tagen waren immer mehr Schüler und Tengu der Krankheit zum Opfer gefallen, was ihre Reihen sichtlich gelichtet hatte.
„Sie kommen.“, stellte Seiketsu No Akri in die Stille hinein fest.
Als Leiterin des Klosters war sie gewesen, welche die Kontrolle über die Barrieren inne hatte. Gab es einen Angriff war sie die erste, die es wusste.
Shikon No Yosei nickte, obwohl es viel zu dunkel war, um gesehen zu werden, und antwortete: „Wir können uns nirgends mehr zurückziehen. Wenn das Kloster fällt, fällt Shing Jea. Hier entscheidet sich alles …“
„Warum bist du nicht ehrlich zu mir, Shiko?“, wollte ihre Cousine wissen.
Ihre Gegenüber senkte den Kopf, bevor sie erklärte: „Du hast recht. Wenigstens dir sollte ich es sagen … Wir können diesen Krieg so nicht gewinnen. Die untoten Tengu sind zu stark. Die Asura haben das Portal nicht fertig stellen können. Aber …“
„Aber?“, hakte sie nach, nachdem Shikon No Yosei verstummt war.
Sie lächelte leicht, als sie fortfuhr: „In den vielen Jahren, die vergangen sind, seit Meister Togo mich zur Verteidigerin von Shing Jea machte, war ich in vielen gefährlichen Situationen und habe schon häufig beinahe mein Leben verloren. Aber … wenn ich schon sterben muss, dann bin ich froh, dass ich gemeinsam mit meiner Heimat untergehe!“
„So sehe ich das auch.“, stimmte Seiketsu No Akari ihr zu.
Im selben Augenblick ertönte der Hall der Glocke des Klosters. Ohtah Ryutaiyo schlug Alarm. Die Zeit war um, Shikon No Yosei musste gehen.
„Wir sehen uns in den Nebeln!“, sprachen beide Frauen in einem Atemzug.
Schneller als gedacht, waren alle verfügbaren Kämpfer auf dem Hof des Klosters erschienen. Angst stand in ihren Gesichtern geschrieben. Eine Angst, welche Shikon No Yosei kannte und teilte. Nicht nur in diesem Moment, ihr war es in ihrem ersten, großen Kampf nicht anders gegangen. Damals wäre sie ohne Ohtah Ryutaiyo verloren gewesen. So wie jetzt.
„Bereit?“, fragte sie den Assassinen, der zuverlässig an ihrer Seite stand.
Er nahm ihre Hand und flüsterte: „Bereit, wenn du es bist!“
Im Stillen dankte sie ihm für seine Nähe, dann traten beide vor ihre Armee. Sie mussten die Worte nicht ausspreche. Jeder Einzelne von ihnen wusste, was ihnen bevorstand. Einige bissen sich auf die Lippen, um ihre Tränen zu unterdrücken, andere blicken ihr ernst entgegen. Selbst wenn sie es ihnen jetzt anbieten würde, keiner würde Shing Jea verlassen. Zu stark fühlten sie sich Shikon No Yosei gegenüber verbunden. Zu sehr war dieser Kampf zu ihrem Kampf geworden. Daher nickte die Elementarmagierin nur und die Tore zum Kloster von Shing Jea öffneten sie.
Während des Kampfes verlor Shikon No Yosei jedes Zeitgefühl. Einmal schien die Zeit zu rasen, danach wieder stillzustehen. Die sanften Sonnenstrahlen der Morgendämmerung waren nicht zu sehen. Eine Aura dunkler Energie, welche von den Untoten ausging, verhüllte den Himmel. Die grellen Laute rissen nicht ab. Kampfgebrüll mischte sich mit Schmerzensschreien. Shikon No Yosei schloss die Augen. Tränen rollten über ihre Wangen. Es gab nur eine Möglichkeit, Shing Jea zu retten … eine geringe, allerletzte Chance. Sie hatte es schon einmal getan. Damals im Kampf gegen den Großen Zerstörer hatte sie die Energie ihrer Familie, Freunde und Verbündeten in ihren Körper geleitet und als reine Magie freigesetzt. Diese Tat hatte ihre Magie für immer beschädigt. Sie wusste nicht, was diesmal mit ihr geschehen würde … Doch tief in ihrem Innern lag noch die Befürchtung, welche sie vor Beginn des Krieges hatte … dass es sie mehr kosten würde, als nur ihr Leben. Um sie herum war alles still. Sie hörte nicht mehr die gellenden Rufe, panischen Schreie oder den durchdringenden Kampflärm. Ihre Konzentration erfüllte ihren ganzen Körper. Sie sah nicht länger mit den Augen. Sie spürte jeden einzelnen mit ihrem Herzen, erkannte ihre Auren. Ihre Magie pulsierte. Die anderen bemerkten die Veränderung und hielten abrupt inne. Selbst die Untoten senkten ihre Waffen, sodass sich der Kampf einstellte. Shikon No Yosei breitete ihre Arme aus. Die Kraft der Kämpfer strömte in ihre Richtung, drang in sie ein. Als die Energie eines jeden bei ihr war, legte sie die Arme auf ihren Oberkörper. Sie kanalisierte die Macht nicht zu einem Angriff, wie sie es beim Großen Zerstörer im Norden getan hatte, stattdessen riss sie nach endlosen Sekunden die Arme wieder auseinander und schickte damit eine mächtige Welle aus reinster Energie aus. Diese Welle erfüllte zunächst das Kloster, bevor sie sich über ganz Shing Jea ausbreitete. Jeder untote Tengu, der mit der Energie in Berührung kam, erlosch … wurde vom Angesicht der Insel getilgt. Keiner konnte entkommen, keiner widerstehen. Doch damit nicht genug – die Menschen und Tengu, welche von der seltsamen Krankheit befallen waren, wurden durch die Energie geheilt! Und Shikon No Yosei fiel leblos auf den kalten, harten Steinboden.
An der Grenze zu den Nebeln
Als Shikon No Yosei die Augen nach einer gefühlten Ewigkeit wieder öffnete, blendete sie das weiße Licht, welches sie umgab. Sie blinzelte ein paar Mal, bevor sie sich umsah. Es war kein greifbarer Ort. Und mit Sicherheit nicht Cantha. Von einer Sekunde zur anderen stand plötzlich Meister Togo vor ihr.
„Sei gegrüßt, meine Schülerin.“, sprach er und machte eine weitreichende Handbewegung, „Du befindest dich hier an der Grenze zu den Nebeln. Dein letzter Zauber … Er war für deinen Körper und deine Seele einfach zu stark.“
Die Elementarmagierin schluckte, bevor sie beklommen fragte: „Heißt das, ich … ich bin tot?“
„Nicht ganz.“, widersprach er mit sanfter Stimme, „Die Gesandten geben dir die Wahl. Willst du die leichteste Möglichkeit gehen und Frieden finden? Oder … wählst du den harten Weg und kämpfst dich zurück in die Welt der Sterblichen?“
Verwirrt hakte sie nach: „Wie meint Ihr das, Meister? Soll … soll ich mich etwa entscheiden, ob ich leben oder sterben möchte?“
„So ist es, Shiko.“, antwortete der Ritualist, „Doch bevor du deine Entscheidung triffst, möchte ich dir noch etwas sagen … In der Geschichte von Cantha, Tyria und Elona gab es immer wieder Menschen, die den Kampf gegen das Böse zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben. Du bist eine dieser Helden … In der Welt der Menschen giltst du als lebende Legende. Nur … wenn du zurückkehrst, werden diese Zeiten endgültig hinter dir liegen.“
Die Elementarmagierin dachte an den Krieg gegen die Untoten und wollte zaghaft wissen: „Meister, könnt Ihr mir eine Frage beantworten? Ich … Bin ich der Auslöser für all die Kämpfe? Waren es meine Kräfte, die das Böse angezogen haben? Wurden meine Familie und meine Freunde etwa meinetwegen verletzt?“
Meister Togo lachte leise und erklärte: „Nein, du bist nicht die Ursache für ihr Erscheinen … Weißt du, Shiko, man kann das Böse bekämpfen, man kann es sogar besiegen … doch man kann es niemals auslöschen. Es ist ein Kampf, der nie wirklich gewonnen werden kann … und dennoch immer wieder ausgefochten werden muss. Bist du bereit, dieser Gefahr als einfacher Mensch gegenüber zu treten?“
Erst jetzt verstand Shikon No Yosei, was Meister Togo ihr vermitteln wollte. Die Erkenntnis versetzte ihr einen Schlag, sie sank in die Knie. Alles hatte sie erwartet – aber dass ihre Magie für immer erloschen sein sollte, das konnte sie nicht glauben! Sie wollte es nicht glauben … Sie war eine Elementarmagierin. Die Elemente waren ihr Leben. Das Feuer war ihre Stärke, die Erde ihr Schutz, die Luft ihre Entschlossenheit und das Wasser ihre Klarheit. Ohne die Elemente war sie nichts. Sie wäre nicht länger Shikon No Yosei, die Fee der vier Elemente …
„Ist … ist das wirklich unumgänglich?“, fragte sie gebrochen.
Meister Togo half ihr aufzustehen, während er antwortete: „Ich verstehe deine Trauer. Weißt du … alles hat seinen Preis.“
„Kurz gesagt, mit meiner Magie habe ich für die Rettung Shing Jea´s bezahlt …“, meinte Shikon No Yosei – unwissend, ob sie traurig oder wütend sein sollte.
Der Ritualist nickte: „Vergiss´ nicht, du hast Tausenden von Menschen, Tieren und anderen Wesen das Leben gerettet. Und das nicht nur einmal …“
„Ich verstehe.“, erwiderte sie knapp, bevor sie den Blick hob, „Ich habe mich entschieden. Ich weiß, was ich getan habe … und ich bin bereit den Preis für meine Taten zu bezahlen. Darum bitte ich Euch um Verzeihung, Meister … Ich kann Euch in den Nebeln noch keine Gesellschaft leisten. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als Ohtah, Seiketsu, Yoso, Ryukii und Toki wiederzusehen … Ich möchte helfen Shing Jea wiederaufzubauen. Selbst … selbst, wenn ich dies ohne Magie tun muss.“
Er lächelte und entgegnete stolz: „Du brauchst dich nicht zu erklären, mein Kind … Ich wusste, du würdest dich so entscheiden.“
„Was das angeht … bevor ich gehe muss ich Euch noch etwas fragen. Es geht um eine Aussage, die Shiro damals bei unserem letztem Kampf gemacht hat.“, meinte Shikon No Yosei und sah ihn fest an, „Er sagte, Ihr wärt … mein Vater. Ist das wirklich wahr?“
Meister Togo nickte sacht, dann erklärte er: „Ich habe dem Himmelsministerium nicht sehr lange gedient. Bei einem Routineauftrag wurde unser Team von der Jadebruderschaft überfallen … und Adept Tai, Seiketsu´s Vater … hat mir damals gerettet und ist dabei gestorben. Doch meine Zeit im Nahpuiviertel hat mir das größte Geschenk meines Lebens gemacht – ich habe nie eine andere Frau geliebt, als deine Mutter … Es stimmt, ich bin dein Vater, Shiko.“
Tränen sammelten sich in den Augen der schönen Shing Jea und sie fragte kaum hörbar: „Warum habt Ihr … Warum hast du es mir damals nicht gesagt?“
„Solange du Schülerin im Kloster warst, wollte ich es dir nicht sagen … Suun´s Prophezeiung war der Grund, warum ich dich überhaupt vor den Ministern versteckt habe … warum du bei Bishu aufgewachsen bist. Kai und ich wollten nicht, dass sie in dir eine … Waffe sehen.“, gestand Meister Togo mit einem Seufzen, „Danach … Aus demselben Grund hast du mir diese Frage nicht bereits im Tahnnakai-Tempel gestellt.“
Sie biss sich auf die Unterlippe, versuchte sich zu sammeln, bevor sie erwiderte: „Jetzt fällt es mir umso schwerer zurückzukehren. Aber ich habe deine Lehren nicht vergessen … >Der richtige Weg ist nun einmal nicht immer der einfachste Weg …< Nicht wahr?“
„So ist es … meine geliebte Tochter. Und eines Tages werden wir uns hier wiedersehen. Solange werde ich über dich wachen.“, versprach er ihr lächelnd.
Shikon No Yosei küsste ihn zum Abschied auf die Wange. Dann wandte sie sich von ihm ab, lief in die entgegengesetzte Richtung. Zurück ins Leben.
Gemeinsamer Wiederaufbau
Zuerst spürte Shikon No Yosei wieder das Gewicht ihres Körpers. Sie lag auf etwas weichem. Ein Bett. Als nächstes hörte sie Stimmen, die sie nicht erkannte.
„Was hat sie nur? Warum wacht sie nicht auf?“, wollte ein Mann besorgt wissen.
Eine sanfte Frauenstimme erwiderte: „Es … es sieht so aus, als stünde sie auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Du darfst nicht vergessen, dass es ein Zauber war, der sie in diesen Zustand versetzt hat, und keine Wunde … Aber was mit ihr geschehen wird, das weiß ich nicht.“
„Können wir irgendetwas tun?“, hakte er nach.
Die Frau zögerte, bevor sie antwortete: „Ich habe versucht sie mit Heil- und Schutzgebeten zu belegen, ohne Erfolg. Wir können nur warten …“
Jemand ergriff Shikon No Yosei´s Hand und der Mann flüsterte ihr zu: „Warum tust du mir das an? Wie oft muss ich noch um dein Leben bangen? Sag´ mir, warum können wir kein normales Leben führen, Shiko?“
Der Klang ihres Namens erweckte ihr Bewusstsein vollständig. Plötzlich fragte sie sich, warum sie beiden Stimmen nicht schon zuvor erkannt hatte – Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari.
„Weil das Schicksal uns zu Helden bestimmt hat, Ohtah …“, sagte Shikon No Yosei, während sie langsam die Augen öffnete.
Ohtah Ryutaiyo riss die Augen auf. Seiketsu No Akari kam in ihr Blickfeld. Shikon No Yosei lächelte. Hier gehörte sie hin. Zu ihrer Familie. In ihre Heimat. Ihre Zeit war noch nicht gekommen, ihre Reise in die Nebel musste noch warten.
In den folgenden Wochen, gar Monaten halfen alle Verbündeten beim Wiederaufbau der zerstörten Teile Shing Jea´s. Keiner von Shikon No Yosei´s alten Freunden wollte die Insel verlassen, ehe nicht alles erledigt war. Einzig Danika und Argo konnten ihre Fraktionen nicht länger alleinlassen, was ihnen ein ziemlich schlechtes Gewissen bereitete. Tahlkora lachte herzlich auf Shikon No Yosei´s Frage, ob sie nicht nach Hause zu ihren Fürstenpflichten zurück müsse, und meinte, es täte ihrem Vater sicher gut, wenn er mal wieder auf sie warten müsse. Koss und Melonni wussten, dass in Kourna gerade die Dürre herrschte, da war es ohnehin besser, wenn ihr Dorf weniger hungrige und vor allem durstige Mäuler zu versorgen hätte. Bei Dunkoro war es ähnlich, auch wenn die Trockenheit auf Istan nicht ganz so schlimm ausfiel, wie auf dem Festland. Mhenlo blieb ebenfalls mit seinen Freunden – es wäre ihm wie Verrat vorgekommen Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo im Stich zu lassen. Vekk, Brandor, Jora und Gwen konnten sich den anderen dieser Meinung nur anschließen – ihrem Mann Keiran Thackeray hatte sie von Anfang an gesagt, sie würde erst zurückkommen, wenn sie Angelegenheit vollständig aus der Welt geschafft wäre und als Soldat der Ebon-Vorhut wusste er, dass so etwas länger dauern konnte. Hier waren sie momentan nützlicher als in ihrer Heimat. Für Shikon No Yosei selbst wurde diese Zeit zu einer weiteren Prüfung. Immer wieder hob sie aus Reflex die Arme und wollte einen Zauber weben. Doch die Energie, die sonst stets gegenwärtig gewesen war, schwieg. Kein Fünkchen Magie floss mehr durch ihren Körper. Sie war wirklich nur noch ein ganz gewöhnlicher Mensch … Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten – Shikon No Yosei hatte sich durch den Verlust ihrer magischen Kräfte verändert. Zwar war da noch ihre ausgelassene Lebensfreude, aber gleichzeitig lag etwas trauriges in ihrem Blick. Viele Stunden des Tages verbrachte sie damit zu den Sechs Göttern, Meister Togo und Teinai zu beten. Was sie ihnen in diesen Zwiegesprächen mitteilte, behielt sie allerdings für sich …
Als der Sommer in Shing Jea einzog, hellte sich Shikon No Yoseis Miene mit jedem weiteren Tag wieder auf. Denn der sechzehnte Geburtstag von Yoso No Koshi und Ryukii No Mai stand an. Und zusammen mit Toki No Kibo hatten sie einen Entschluss gefasst, den sie ihren Eltern an diesem Tag unterbreiten wollten.
„Es gibt da etwas, das wir euch sagen müssen.“, begann Yoso No Koshi, „Dieser Krieg hat uns etwas wichtiges gezeigt …“
Ryukii No Mai löste ihren Bruder ab: „Wir wissen jetzt, dass wir nicht annähernd so stark sind, wie ihr es seid – geschweige denn bereit eine solche Verantwortung zu tragen. Darum wollen wir mehr lernen. Mehr … als wir es hier könnten.“
„Wir wurden unser ganzes Leben von euch beschützt. Dafür danken wir euch sehr … aber es ist an der Zeit, dass wir für uns selbst aktiv zu werden. Sonst werden wir nie wissen, ob wir würdig sind für Cantha zu kämpfen.“, fuhr Toki No Kibo ernst fort.
Die drei lebenden Legenden tauschten Blicke. Dann ein stummes Nicken, bevor sie wieder zu ihren Kindern sahen.
Shikon No Yosei ergriff schließlich das Wort: „Wenn wir euch richtig verstanden haben, möchtet ihr also Shing Jea verlassen, um eure Fähigkeiten zu verbessern.“
„So ist es, Mama …“, bestätigte ihr Sohn verlegen, „Ich … ich will stark genug werden, um diejenigen beschützen zu können, die ich liebe. Ein genauso mächtiger Elementarmagier wie du es gewesen bist … Darum möchte ich bei einem ebenso talentierten Magier lernen.“
Die Vergangenheitsform war ihr nicht entgangen, doch sie ignorierte es dezent und kombinierte stattdessen: „Du meinst Argo, nicht wahr?“
„Was?“, rief Ohtah Ryutaiyo aus, „Dieser … dieser eingebildete Emporkömmling soll meinen Sohn unterrichten?“
Seine Frau legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm und fragte scherzhaft: „Bist du etwa immer noch eifersüchtig auf ihn?“
Sie lachte und Seiketsu No Akari stimmte mit ein, bis Toki No Kibo sagte: „Und ich habe Gräfin Danika gebeten, mich im Bereich der Schutzgebete zu unterrichten.“
Die Mönchin musterte ihre Ziehtochter, bevor sie antwortete: „Ich kann es dir nicht verdenken … Immerhin habe auch ich Shing Jea verlassen, um zu studieren.“
„Und was ist mit dir, Ryukii?“, wollte der Assassine von seiner Tochter wissen.
Sie erwiderte seinen durchdringenden Blick, während sie erklärte: „Der Kaiser hat mir dasselbe Angebot gemacht, wie dir einst. Ich werde Teil seiner geheimen Spezialeinheit und als kaiserlicher Schattendiener für ihn arbeiten.“
„Ihr habt euch das anscheinend gründlich überlegt.“, bemerkte Shikon No Yosei und schloss für einen Moment die Augen, „Ich verstehe, warum ihr gehen wollt … Auf einer Reise lernt man mehr, als man sich vorstellen kann. Trotzdem … habe ich zwei Bedingungen.“
„Bedingungen?“, entfuhr es den drei verwundert.
Sie nickte mit ernstem Gesichtsausdruck: „Ryukii, du wirst im Auftrag des Kaisers häufig mit anderen zusammenarbeiten und anders als zu unserer Zeit existieren die berüchtigsten Straßengilde in der Geschichte von Kaineng nicht mehr … darum hast du meine Erlaubnis zu gehen. Bei Toki und dir, Yoso, sieht die Lage etwas anders aus. Der Echowald und das Jademeer sind sehr gefährlich … Ihr wärt zwar in der Obhut der Kurzick und der Luxon, aber ich möchte dennoch, dass ihr gemeinsam reist. Ich bin sicher, ihr könnt von beiden Fraktionen einiges lernen. Und nun zu meiner zweiten Bedingung … Ihr habt ein Jahr Zeit. Dann kehrt ihr nach Shing Jea zurück und wählt den Weg, den ihr für richtig erachtet … Glaubt mir, wenn es soweit ist, werdet ihr mich verstehen.“
Yoso No Koshi, Ryukii No Mai und Toki No Kibo konnten kaum glauben, dass sie wirklich die Erlaubnis für ihr Vorhaben bekommen hatten. Sie nickten zum Zeichen, dass sie die Bedingungen verstanden hatten. Nun blieb ihnen also ein Jahr, um zu lernen, um stärker zu werden und um ihren eigenen Weg zu finden …
Schattendiener Ryukii
Während Ryukii No Mai durch die Nacht schlich, dachte sie zum wiederholten Mal daran, warum sie hier in Kaineng als Schattendiener arbeitete – der Krieg gegen die untoten Tengu hatte ihr, ihrem Bruder Yoso No Koshi und Toki No Kibo gezeigt, dass viel zu schwach waren und es ihnen an Erfahrungen fehlte, um als Kämpfer für Cantha einzustehen. Natürlich wünschten sich Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari, dass ihre Kinder das Amt der Verteidiger von Cantha übernahmen … Aber waren sie dieser Verantwortung auch gewachsen? Solange sie unter dem Schutz ihrer Eltern standen, konnten sie es einfach nicht herausfinden. Darum hatte Yoso No Koshi vor ins Jademeer zu gehen und von Argo zu lernen. Toki No Kibo wollte sich auf dem Gebiet der Schutzgebete von Gräfin Danika weiterbilden lassen. Und Ryukii No Mai hatte das Angebot von Kaiser Kisu angenommen. Inzwischen stand sie seit fast sechs Wochen in seinem Dienst und er erwartete regelmäßig ihren Bericht über die Aufträge, mit denen sie betraut war. So auch in dieser Nacht. Es war eine anstrengende Woche gewesen … wenigstens keine Attentate. Die Menschen lebten in Frieden; die Am Fah und die Jadebruderschaft waren zerschlagen, die Kurzick und die Luxon hatten ein dauerhaftes Bündnis geschmiedet. Und dennoch blieb die Herrschaft über Cantha ein hartes Geschäft. Sie hatte zwischendurch auch mal frei gehabt, um sich zu erholen – als Kaiser hatte man diesen Luxus nicht.
Plötzlich musste Ryukii No Mai schmunzeln. Eigentlich kam ja Yoso No Koshi eher nach ihrer Mutter, aber Shikon No Yosei hatte einmal gesagt, sie wolle Cantha nicht regieren, sondern es nur beschützen … In solchen Momenten war die Assassine besonders stolz die Tochter zweier Helden zu sein – obwohl andererseits von ihr erwartet wurde genauso glorreich zu handeln. Sie seufzte resigniert und sprang auf das untere Dach des Palastes. Es war fast Mitternacht. Und so wie die Nacht ihr Ende noch nicht gefunden hatte, stand auch ihre Entscheidung noch aus.
„Da bist du ja wieder.“, bemerkte eine Stimme, „Warst du bei meinem Vater?“
Ryukii No Mai´s Blick huschte umher. Wie hatte das nur passieren können? Sie befand sich vollkommen unverhüllt im Schein des Vollmondes. Da entdeckte sie auf einmal eine Silhouette, die aus einem geöffneten Fenster lehnte. Er wartete auf ihre Reaktion. Sie blieb still stehen, verharrte bewegungslos und von einer Sekunde zur anderen verschwamm ihre Gestalt. Zwar konnte die Assassine bei solcher Helligkeit nicht wirklich mit den Schatten verschmelzen – das hätte nicht einmal ihr Vater fertig gebracht –, doch so war sie wenigstens nicht mehr deutlich zu erkennen. Der junge Mann zog sich vom Fenster zurück. Offenbar hatte er aufgegeben. Ryukii No Mai hätte nun ganz leicht verschwinden können, aber etwas hielt sie zurück. Und so unternahm sie einen Schattenschritt und landete genau auf dem Fenstersims.
„Du bist also doch gekommen …“, flüsterte er überrascht.
Ein Lächeln huschte über Ryukii No Mais Gesicht und sie erwiderte: „Du hast mich entdeckt. Das ist noch nicht vielen gelungen.“
„Ich habe dich schon öfters gesehen. Aber ich wusste, mein Vater würde mir nichts über dich erzählen.“, gestand er.
Völlig überrumpelt hauchte Ryukii No Mai: „Du bist … der Sohn des Kaisers …“
Es war mehr Aussage als Frage gewesen. Sie kannte niemanden, der etwas über den Spross des Kaisergeschlechtes wusste – nicht einmal Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo.
Ihr Gegenüber wandte den Blick ab und meinte betrübt: „Ja. Und ich bin ein Gefangener. Du bist die erste Person von außerhalb des Palastes, mit der ich rede … Wenn ich mich vorstellen darf, mein Name lautet Koichi.“
„Ryukii.“, antwortete die Assassine knapp, mehr traute sie sich nicht zu verraten.
Koichi´s Gesicht leuchtete derweil auf – er hatte eine Idee – und fragte: „Würdest du mir etwas über die Welt dort draußen erzählen? Nichts von dem ganzen Mist, den ich aus Büchern lernen soll. Ich will etwas über das wirkliche Leben wissen!“
Ryukii No Mai dachte eine Weile nach. Sie wollte ihm diesen kleinen Wunsch erfüllen … Darum begann sie die Geschichten über Shing Jea, Kaineng, den Echowald und das Jademeer zu erzählen, welche ihre Eltern ihr von Kindesbeinen an berichtet hatten. Zwar reichte eine Nacht für all die spannenden Abenteuer nicht aus – wobei sich Ryukii No Mai sorgfältig davor hütete die Namen Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo oder gar der ihrer Gegner auszusprechen –, trotzdem kehrte sie jede Nacht wieder und schon bald waren aus ihnen richtig gute Freunde geworden, wenn nicht sogar mehr als das …
Bis der Tag des Abschieds gekommen war … Nicht weil Kaiser Kisu von ihren Treffen erfahren und sie ihr verboten hatte – sie glaubte sogar, er wisse ganz genau in welcher Beziehung sie zu seinem Sohn stand. Nein, die Zeit war ihr Feind. Das Jahr war vorüber, ihre Entscheidung getroffen. Doch Ryukii No Mai hatte härter mit sich gerungen als sie jemals für möglich gehalten hätte. Wegen ihm. Als Schattendiener wäre es ihr möglich gewesen, weiterhin in Koichi´s Nähe zu sein. Im Amt der Verteidigerin von Cantha dagegen durfte sie ihn nicht mehr wiedersehen … Als Kaiser hatte er eine Stellung zu wahren – sie konnte dann nur noch eine einfache Untergebene für ihn sein. So oder so – sie konnten nie eine gemeinsame Zukunft haben.
An diesem Abend hatte das Gespräch mit Kaiser Kisu wesentlich länger gedauert, die Nacht neigte sich bereits dem Ende entgegen. Für den Herrscher war sie wahrlich die Tochter von Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo. In ihren eigenen Augen hatte sie sich noch immer nicht richtig bewährt – sie war noch lange nicht die Heldin, die sie sein wollte … Ein weiterer Grund, warum sie nach Shing Jea zurückkehren musste. Aber Ryukii No Mai kannte auch endlich die Sehnsucht nach Zuhause. Und den tiefen Wunsch dieses Zuhause zu beschützen – genauso wie ihr Vater ihn einst durch ihre Mutter gelernt hatte. Trotz voran geschrittener Stunde versetzte es ihr einen Stich, dass Koichi bereits schlief. Schon in der nächsten Sekunde dachte sie wieder anders – vielleicht war es besser, wenn sie einfach mit den letzten Schatten der Nacht flüchtete.
„Ich werde dich nie vergessen, Koichi …“, flüsterte sie und beugte sich tiefer zu ihm herunter, um mit ihren Lippen seine Wange zu streifen, „Hiermit versiegle ich die Gefühle für dich in meinem Herzen!“
Gerade als sie sich wieder dem Fenster zuwenden wollte, griff er nach ihrer Hand und hielt sie fest.
„Wolltest du wirklich einfach so verschwinden?“, fragte Koichi mit traurigem Unterton.
Ryukii No Mai befreite sich von ihm und meinte: „Ich gehe zurück nach Hause. Das Jahr als Schattendiener war sehr wichtig für mich … aber ich gehöre nicht hierher. Es gibt eine Aufgabe, die ich zu erfüllen habe. Genauso wie du … Du bist der Sohn des Kaiser.“
„Was sagt das schon darüber aus, wer wir wirklich sind?“, gab Koichi nachdrücklich zurück und lächelte dann, „Ich habe mich vom ersten Moment an in dich verliebt, Ryukii!“
Sie ballte die Hände zu Fäusten, während sie zwischen den Zähnen hervor presste: „Koichi, bitte … Glaubst du mir fällt das alles leicht? Ich reise morgen früh ab, Ende der Diskussion.“
„Dann haben wir aber immer noch heute Nacht, oder?“, meinte er schelmisch und hielt sie mit seinen warmen, grünen Augen gefangen.
In einer einzigen, fließenden Bewegung überbrückte er den Abstand zwischen ihnen. Seine Leidenschaft raubte ihr beinahe den Verstand. Sie hatte nie davon zu träumen gewagt, ihm jemals nahe sein zu können und gab sie dem Gefühl vollkommen hin. Selbst die dunkelste Nacht konnte ihr Herz nicht vor dem Strahlen der Sterne verschließen … Und für diese eine Nacht war Koichi nicht länger der Kaiser und Ryukii No Mai keine Kämpferin für Cantha mehr. Sie waren nur noch ein Mann und eine Frau, die sich liebten! Und wie sie sich liebten. Die Assassine hatte aufgehört zu zählen, wie oft er sie mit seinen zärtlichen Berührungen und Bewegungen an den Rand des Wahnsinns trieb. Wieder und wieder vereinten sie sich, bis die Morgendämmerung unaufhaltsam bevorstand. Koichi´s Kopf ruhte auf ihrer Brust und sie streichelte ihm durch das abstehende, tiefschwarze Haar.
Bevor er in den Schlaf dämmerte, murmelte er noch: „Ich bin der zukünftige Kaiser … Nur dir kann ich nichts befehlen. Aber ich bitte dich … komm´ irgendwann zu mir zurück. Glaub´ mir, Ryukii, ein Wort von dir … und ich lege meine Krone sofort nieder.“
Ryukii No Mai küsste ihn auf die Stirn. Tiefe Dankbarkeit durchströmte sie. Ja, nur ein Wort und sie könnte mit Koichi zusammen sein. Ohne Versteckspiel, für den Rest ihres Lebens glücklich vereint. So wie Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo.
Sie öffnete den Mund, wollte ihr Glück hinausschreien, aber es waren andere Worte, die ihn verließen: „Unser Reich braucht dich … Wer soll es führen, wenn nicht du? Du wirst ein wunderbarer Kaiser werden, Koichi. Alle werden dich verehren … und lieben. Genauso wie ich es tue.“
Jede Silbe schnitt ihr eine Wunde ins Herz – für das Wohle Cantha´s. Zum ersten Mal verstand Ryukii No Mai den Schmerz, den ihre Eltern unzählige Male durchlitten hatten. Es war nicht der Ruhm, der einen Helden ausmachte, viel mehr bedeutete es, sein eigenes Interesse zurückzustellen, um das richtige zu tun. Shikon No Yosei hatte einmal gesagt, jeder Mensch käme in seinem Leben irgendwann einmal an Punkte, an denen er sich entscheiden müsse und es keinen Mittelweg gab. So wie jetzt … Geräuschlos traten die Tränen über ihre Augenränder. Koichi war inzwischen fest eingeschlafen. Die Assassine stahl sich noch ein paar wenige Momente der Zweisamkeit, bevor sie vollkommen ungesehen durch sein Zimmerfenster hinaussprang – unwissend, dass sie von nun an einen Jungen kaiserlichen Geblüts unter dem Herzen tragen würde …
Von Stärke und Liebe
Ganz Gentleman-like hatte der Elementarmagier Toki No Kibo den Vortritt gelassen. Darum standen die beiden im Haus zu Heltzer vor dem Oberhaupt der Kurzick.
Gräfin Danika hieß sie in ihrer Mitte herzlich willkommen: „Es ist mir eine besondere Ehre und eine persönliche Freude die Kinder meiner lieben Freunde und größten Helden Cantha´s unterrichten zu dürfen! Toki und Yoso, ihr habt mein Wort, ich werde alles dafür tun, damit ihr euch im Echowald wie zu Hause fühlt.“
Toki No Kibo und Yoso No Koshi neigten die Köpfe. Sie schmunzelten. Shikon No Yosei hatte ihnen bereits von dem überschwänglichen Eifer Danika´s berichtet.
„Wir hätten eine Bitte an Euch …“, meinte der Elementarmagier darum plötzlich wieder ernst, „Es stimmt, wir sind die Kinder der drei lebenden Legenden … aber bitte behandelt uns deshalb nicht bevorzugt.“
Danika blinzelte überrascht, dann lächelte sie sanft und antwortete: „Ich verstehe. Ich kenne diesen Blick … So wie ihr habe ich mich früher auch mal gefühlt. Alle haben in mir nur die Tochter ihres Oberhaupts gesehen … In Ordnung, ich berücksichtige euer Anliegen.“
„Habt vielen Dank, Gräfin! Wir werden Eure Erwartungen sicher nicht enttäuschen und den Kurzick alle Ehre machen!“, bestätigte die Mönchin voller Eifer.
Dieser Eifer wurde in den folgenden Monaten allerdings auf eine harte Probe gestellt – Danika forderte sie, bis weit über ihre Grenzen hinauszugehen. Ungeahnte Kraftreserven brachen aus ihr hervor. Und Yoso No Koshi lernte mehr über die Kontrolle der Erde – damit kam er seinem Ziel, alle vier Elemente perfekt beherrschen zu können, einen großen Schritt näher. Schon bald konnte er das gesamte Arsenal des Echowaldes im Kampf zu seinem Vorteil nutzen, während Toki No Kibo ihm Rückendeckung gab. So wurde aus den beiden schnell ein eingespieltes Team. Kein Wunder also, dass die Gräfin am Ende des Halbjahres nicht nur Toki No Kibo prüfen wollte, sondern Yoso No Koshi sollte ebenfalls daran teilnehmen.
„Ich habe mit den Stammhaltern der fünf Häuser gesprochen … und sie zu einem Turnier eingeladen.“, erklärte Danika, „Ihr, Toki und Yoso, tretet als unabhängige Teilnehmer an. Geht ihr als Gewinner hervor, habt ihr bestanden.“
Toki No Kibo biss sich auf die Unterlippe, bevor sie fragte: „Und wenn wir durchfallen?“
„Ich glaube an euch. Ihr könnt gewinnen!“, entgegnete die Kurzick lächelnd, „Ich sehe in euch denselben Kampfgeist, den ich bereits von Shiko und Ohtah kenne … Wenn ihr euch genauso bedingungslos vertrauen könnt, werden die Vertreter der Häuser keine Chance haben! Ich meine natürlich, sie werden sich sehr anstrengen müssen. Ach ja … für das Haus zu Heltzer wird übrigens mein Sohn Darius antreten. Ich bin gespannt zu sehen, wie du dich gegen ihn schlagen wirst, Toki. Mögen die Sechs Götter uns wohl gesonnen sein!“
Sie standen vor dem Tor, das in die Kampfarena des Echowaldes führte. In wenigen Minuten würde das Turnier der Häuser und damit ihre Prüfung bei den Kurzick beginnen.
„Hast du Angst?“, wollte Yoso No Koshi von seiner Partnerin wissen.
Toki No Kibo griff nach seiner Hand, traute sich aber nicht ihn anzusehen, als sie erwiderte: „Nein, eigentlich nicht … Wir können es schaffen. Zusammen … Und danke, dass du mir so geholfen hast. Es war ja mein Wunsch hier zu lernen … und auch, wenn Shiko wollte, dass du mit kommst-“
„Ehrlich gesagt, wollte dich auch ohne ihren Wunsch begleiten.“, unterbrach der Elementarmagier sie und zwinkerte schelmisch, „Sonst hätte ich mich die ganze Zeit nur um dich gesorgt.“
Röte schoss ihr Gesicht und sie erwiderte etwas kleinlaut: „Und … was ist mit Ryukii? Machst du dir um sie keine Sorgen? Ich meine, sie doch deine Schwester … und stet dir näher, als sonst irgendjemand.“
Er drückte ihre Hand stärker und antwortete: „Es stimmt, Ryukii ist meine Schwester … und klar frage ich mich, ob sie allein in Kaineng zurechtkommt … aber das heißt nicht, dass sie die einzige ist, die mir etwas bedeutet.“
Bevor Toki No Kibo noch etwas anderes sagen oder tun konnte, ertönte das Signal zum Start des Turniers. Das Tor öffnete sich und gab den Blick auf ein kreisrundes Gelände frei. Ringsherum standen versteinerte Bäume, die nur vereinzeltes Zwielicht hindurch ließen. Ihr erster Gegner waren die Waldläufer aus dem Haus Lutgardis, die sich mit Melandru verbunden fühlten und wunderbare Musik komponierten, von der Natur selbst inspiriert. Yoso No Koshi lief hinaus ins Gelände. Die Waldläufer positionierten sich zwischen den Bäumen, manche kletterten sogar auf die Äste und bezogen dort Stellung. Von allen Seiten blitzen ihm schussbereite Pfeilspitzen entgegen. Da umgab ihn der kühle Hauch des Schutzgeistes. Yoso No Koshi lächelte leicht. Es wurde Zeit Toki No Kibo seine Stärke und Zuverlässigkeit zu beweisen. Er kanalisierte die Energie der Erde, zog die Kraft aus den uralten Bäumen – ein Trick, für dessen Entwicklung die Kurzick etliche Jahrzehnte benötigt hatten. Überall auf dem Platz schossen kleine Steine umher, sodass man sie mit bloßem Auge kaum noch erkennen konnte. Jedes Geschoss zog die Pfeile und Bögen der Waldläufer mehr in Mitleidenschaft. Bis sie schließlich in Holzspänen in ich zusammenfielen.
„Der Kampf ist beendet!“, rief der Schiedsrichter, ein Krieger aus der kaiserlichen Armee, der extra wegen des Wettkampfes in den Echowald gekommen war, damit es unter den Häusern keine Streitigkeiten gab, „Die Shing Jea-Kämpfer haben gewonnen!“
Toki No Kibo warf sich Yoso No Koshi an den Hals und umarmte ihn vor Freude. Er hielt sie einen Moment fest, bevor die Euphorie der beiden wieder etwas abebbte und sie sich verlegen ansahen.
Auch aus dem folgenden Kampf gegen die Durheim-Nekromanten gingen sie siegreich hervor. Die Mesmer von Brauer traten erst gar nicht an – Lyssa konnte man nur mit der Schönheit eines Erfolges ehren und den konnten sie diesmal nicht erringen. Mit den Kriegern aus dem Hause Vasburg hatten sie schon mehr Probleme, doch sie unterlagen letztendlich ebenfalls. Blieb nur noch das Haus zu Heltzer. Darius, Sohn Danika´s und bekanntester Mönch des Echowaldes, stand ihnen nun gegenüber.
Yoso No Koshi wollte das Finale eröffnen, doch Toki No Toki hielt ihn auf: „Warte, Yoso … Du hast bereits gezeigt, was du gelernt hast. Ich wollte meine Fähigkeiten im Echowald verbessern. Deshalb muss ich es diesmal allein schaffen … Darius ist mein Gegner!“
Dem Elementarmagier stand sprichwörtlich der Mund offen. Sie schritt an ihm vorbei und bezog in der Mitte der Kampffläche Stellung. In Gedanken betete sie zu Dwayna, der Göttin des Lebens und bat Seiketsu No Akari um Kraft. Sie wollte, dass ihre Ziehmutter stolz auf sie war. Entschlossen öffnete Toki No Kibo ihre Augen und Darius warf einen Speer aus Licht, der auf sie zuraste. Doch die junge Mönchin war vorbereitet – eine Aegis baute sich vor ihr auf, welche den Angriff abblockte. So ging es eine Weile hin und her. Peingebet prallte auf Schutzgebet. Darius und Toki No Kibo führten eine besondere Art von Kampf aus – derjenige mit dem schwächeren Willen würde verlieren! Der Kurzick spürte, wie seine Energie langsam zu schwinden begann, darum nutzte er seine gesamten verbliebenen Kraftreserven für einen letzten Zauber – den Strahl des Urteils. Der Schutzgeist war dem nicht gewachsen und Toki No Kibo brach unter der gewaltigen Säule aus Peinmagie in die Knie, als sich ein goldener Schein über sie legte. Mit jeder weiteren Sekunde wurde der Strahl des Urteils zunehmend schwächer. Beide Mönche kauerten am Boden, keiner verfügte mehr über ein Fünkchen Magie.
„Wage es nicht aufzugeben, Toki!“, schrie Yoso No Koshi, „Ich glaube an dich! Und Tante Seiketsu tut es auch!“
Darius versuchte verzweifelt sich hochzukämpfen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht.
Der Schiedsrichter betrachtete die Situation kritisch und meinte: „Da keiner der beiden Kontrahenten mehr aufzustehen kann, erkläre ich dieses Turnier mit einem Unentschieden für beendet.“
„Noch … nicht.“, hauchte Toki No Kibo erschöpft und stand – wie durch ein Wunder – aufrecht im Kampfring.
Durch diesen Kampf gegen Darius hatte Toki No Kibo erkannt, dass es für Mönche noch andere Möglichkeiten gab jemanden zu beschützen, als nur aus dem Hintergrund heraus zu heilen und zu unterstützen. Sie wollte lernen für sich und andere selbst einzustehen – mit Peingebeten. Anders als im vergangenen halben Jahr trainierten Yoso No Koshi und Toki No Kibo diesmal nicht gemeinsam, sie sahen sich allgemein nur noch selten. Argo´s Ziel war, dass der junge Elementarmagier die Verbindung von Feuer, Wasser, Erde, Luft und deren Verstärkung durch die arkane Energie beherrschen lernte. Das merkwürdigste hierbei waren allerdings seine Methoden – er band den jungen Elementarmagier in allerlei seltsame Aufgaben ein, wie die Zurückeroberung eines Schiffs von den Geächteten, Ausrottung von Naga, Kappas und Yetis. Es wirkte fast so, als wolle das Oberhaupt der Luxon ihn für die Arbeit seiner Fraktion ausnutzen, doch Yoso No Koshi glaubte an die Worte seiner Mutter, Argo hätte zwar eine etwas exzentrische Art, man könne sich jedoch vollkommen auf ihn verlassen. Viel schlimmer als unter seinen Missionen litt Yoso No Koshi unter der Trennung von Toki No Kibo, der es nicht anders ging. Sie standen beide jeden Abend an ihren Fenstern und träumten voneinander. Ohne die Gefühle und Gedanken des anderen zu kennen …
Yoso No Koshi stand auf einem Plateau, bereit Argo in einem Duell der Elementarmagier gegenüberzutreten. Doch er erschien nicht allein – Toki No Kibo begleitete den Luxon. Eine unbändige Wut stieg in ihm auf. Was hatte sie mit ihm zu schaffen? Ihm ging sie seit Monaten aus dem Weg, aber mit Argo verbrachte sie offensichtlich ihre Freizeit!
„Yoso.“, nickte Argo ihm zu, „Es ist Zeit, deine Fähigkeiten auf die Probe zu stellen …“
Der Jüngere erwiderte seinen Blick ernst. Toki No Kibo schwieg sich aus, suchte allerdings mit ihren Augen seine Aufmerksamkeit. Etwas lag in ihnen, das Yoso No Koshi noch nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Innerlich winkte er ab, er musste sich auf Argo konzentrieren und alles auspacken, was in ihm steckte. Flammen umhüllten seine rechte Hand, links bildeten sich Wassertropfen, Wind wehte um ihn herum und wirbelten Blätter mit sich. Der Luxon dagegen zeigte keine Anzeichen von Kanalisierung, was Yoso No Koshi nur noch wütender machte. Doch als er den ersten Zauber weben wollte, erzitterten die Jadewellen unter ihren Füßen und alle drei stürzten. Eine grässliche, gigantische Kreatur mit unzähligen Beinen und Fangarmen baute sich vor ihnen auf und nahm ausgerechnet Toki No Kibo ins Visier. Yoso No Koshi rappelte sich auf und warf sich gegen das Monstrum. Gesteinsbrocken schlugen auf ihn ein, Windböen drückten ihn gen Boden, Flammenzungen krochen seinen widerlichen Körper entlang, feiner Nebel blendete ihn – alle vier Elemente wirkten auf ihn ein und entfesselten reine Energie, die das ganze Plateau durchflutete.
Nachdem sich das Licht verzogen hatte, eilte er an Toki No Kibo´s Seite und half ihr auf, dann wandte sie sich bereits an Argo: „Gehörte das etwa auch zu deinem Plan?“
Der Luxon schüttelte den Kopf: „Das war ein … Leviathan. Glaub´ mir, ich hätte nie für möglich gehalten, dass ein Wesen aus der Tiefe an die Oberfläche gelangen kann.“
„Und was sollte das mit dem Plan?“, wollte Yoso No Koshi verständnislos wissen.
Ein beinahe melancholischer Ausdruck trat auf Argos Gesicht, als er erklärte: „Yoso, du ähnelst so sehr deiner Mutter … doch ich sehe auch deinen Vater in dir. Ich wusste, du würdest wütend werden, wenn ich zusammen mit Toki zu unserem Kampf auftauchen würde. Ohtah hat damals genauso reagiert … Ich wollte, dass du ohne Skrupel alles aus dir herausholst. Nun besteht keine Notwendigkeit mehr gegen dich zu kämpfen. Ich habe vor Jahren gegen Shiko verloren … Und du bist stärker, als sie es damals war. Vielleicht wirst du irgendwann sogar mächtiger sein, als sie es jemals gewesen ist. Deine Eltern können wirklich stolz auf dich sein! Allerdings solltest du nicht denselben Fehler machen, wie sie …“
Er sah zu Toki No Kibo und Yoso No Koshi verstand. Damit zog sich Argo zurück, seine Arbeit war getan. Die beiden Shing Jea setzten sich auf eine steinerne Welle. Anspannung lag elektrisierend in der Luft.
„Ich … habe dich vermisst, Yoso.“, gestand die Mönchin verlegen, „In den letzten Monaten … wollte ich zu einer Frau werden, die stark genug ist, um an deiner Seite stehen zu können.“
Überraschung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab und er erwiderte ernst: „Du bist stark! Deine Herzlichkeit und deine Hilfsbereitschaft sind bewundernswert … Vielleicht hätte ich dir das einfach schon früher sagen sollen. Toki, ich will, dass du bei mir bleibst!“
Er griff nach ihrer Hand und legte sie auf seine Brust – genau auf die Stelle, wo sein Herz in einem schnellen Rhythmus schlug. Ein Schauer fuhr durch Toki No Kibo. Warum nur hatten sie die ganze Zeit aneinander vorbei geredet? Sie lächelte und nickte dann. Yoso No Koshi wartete keine Sekunde länger, sondern küsste sie einfach.
Die neuen Verteidiger von Cantha
So war das Jahr für Yoso No Koshi, Toki No Kibo und Ryukii No Mai wie im Flug vergangen … und genau wie prophezeit, ergab die Frist nun auch für sie einen Sinn. Dagegen hatten Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari regelrecht die Tage bis zu ihrer Rückkehr gezählt. Das Schiff aus Kaineng hatte bei Sonnenaufgang am Hafen von Seitung angelegt. Es war früh und ruhig, als drei Personen den großen Innenhof des Klosters von Shing Jea betraten. Sie wirkten reifer, fast schon erwachsen. Die naiven Züge waren aus ihren Gesichtern verschwunden. Zwölf ereignisreiche Monate lagen hinter ihnen. Während der Elementarmagier und die Mönchin das erste halbe Jahr von den Kurzick unterrichtet worden waren und anschließend unter den Luxon gelebt hatten, war aus der Assassine ein berüchtigter Schattendiener geworden.
Wie jeden Morgen machte Seiketsu No Akari in Begleitung von Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo ihren Rundgang über das Klostergelände. Die drei lebenden Legenden blieben wie erstarrt stehen, als sie ihre Kinder in der Mitte des Platzes erkannten. Freudentränen bildeten sich in den Augen aller Anwesenden. Ungestüm rannten sie aufeinander zu und schlossen sich herzergreifend in die Arme.
Viele Stunden lang berichteten Yoso No Koshi, Ryukii No Mai und Toki No Kibo von ihrem Abenteuer in der Ferne. Sie prahlten sogar ein bisschen. Und natürlich war die Vertrautheit zwischen dem Elementarmagier und der Mönchin besonders Shikon No Yosei und Seiketsu No Akari aufgefallen. Als das Gespräch auf dieses Thema gekommen war, hatte sie sich deutliche Mühe geben müssen, sich nichts anmerken zu lassen – der Trennungsschmerz nagte an ihr.
Am späten Nachmittag, nachdem sich alle etwas ausgeruht hatten, wurde Shikon No Yosei sehr ernst: „Yoso, Ryukii, Toki … der Zeitpunkt ist gekommen. Ihr wisst, welche Frage ich euch stellen will … Welchen Weg wollt ihr gehen?“
Darüber hatten die drei während der Überfahrt bereits gesprochen – und eine einstimmige Entscheidung getroffen: „Wir werden unsere ganze Kraft und jedes Fünkchen Leben, das in uns steckt, einsetzen, um Cantha und Shing Jea zu beschützen!“
„Dann folgt uns.“, entgegneten die drei lebenden Legenden.
Shikon No Yosei führte ihre Tochter aus dem Dorf hinaus ins freie Feld. Vor ihrem Schrein blieb sie stehen und bedeutete Ryukii No Mai sich neben sie zu setzen.
„Du weißt sicher, wie viel mir dieser Ort bedeutet. Ich habe dir und Yoso erzählt, dieser Ort sei eine Gedenkstätte für meinen getöteten Meister …“, begann sie mit leiser Stimme ihre Erzählung, „Aber einige Jahre nachdem ich den Schrein angelegt hatte, habe ich ihn erweitert … Es gibt etwas, das ich euch in den all den Jahren verschwiegen habe. In meinem Körper lebte eine Zeit lang auch der Geist einer anderen Elementarmagierin. Ihr Name war Teinai … Sie hat ihr Leben dem Schutze Canthas gewidmet. Nach ihrem Tod wurde sie im Tahnnakai-Tempel beigesetzt. Dort bin ich ihr begegnet … Und sie gab mir ihren Segen. Teinai war es, die mir die Kraft gegeben hat meine wahre Stärke zu finden. Während des Kampf gegen Abaddon´s Dienerin Varesh hat Teinai meinen Körper verlassen. Doch sie ist immer bei mir … Und ich weiß, sie wird auch dich beschützen. Dich … und das Kind, das unter ihrem Herzen heranwächst.“
Ein warmer Lichtstrahl ergoss sich über die beiden Frauen. Ryukii No Mai hatte hörbar nach Luft geschnappt und sich beinahe panisch die Hand auf den Bauch gelegt. Keinerlei Wölbung war zu erkennen.
„Wenn du dich genügend konzentrierst, wirst du es ebenfalls spüren … Seiketsu und ich haben es von der ersten Sekunde unseres Wiedersehens an bemerkt. Ich frage nicht, was in Kaineng geschehen ist, das du uns nicht erzählt hast. Du bist meine Tochter … und ich freue mich schon jetzt auf mein Enkelkind.“, antwortete Shikon No Yosei auf ihre unausgesprochene Frage, „Aber ich habe dich nicht nur hierher gebracht, um dir das zu sagen. Ich werde nie vergessen, wie mich Meister Togo einst auf meinen Weg geführt … Doch mein Dasein als Verteidigerin endet am heutigen Tag. Denn Ohtah, Seiketsu und ich legen die Zukunft unserer Heimat nun in eure Hände. Ihr, unsere Kinder, seid die neuen Verteidiger von Cantha!“
Während der letzten Worte löste Shikon No Yosei die silberne Kette von ihrem Hals und legte sie Ryukii No Mai um. So wie sie den herzförmigen Anhänger als Säugling einst von ihrer Mutter bekommen hatte, gab sie ihn nun an ihre Tochter weiter, die sie nur sprachlos anstarren konnte.
Ohtah Ryutaiyo stand wortlos inmitten der Unterstadt. Genau an der Stelle, wo er Shikon No Yosei vor so vielen Jahren zum ersten Mal gegenüber getreten war. Yoso No Koshi hielt sich hinter ihm und wartete ebenso schweigsam.
„Hier habe ich deiner Mutter versprochen, sie auf ewig mit meinem Leben zu beschützen … Ich habe meinen Schwur gehalten.“, brach der Assassine die Stille, „Eigentlich hatte meine Schuld gegenüber Cantha wieder gut machen wollen … aber in Wahrheit habe ich nur für Shiko gekämpft. Weil sie ein Teil dieses Landes ist, habe ich alles riskiert … Bis Shing Jea dann wirklich zu meiner Heimat wurde. Deshalb wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass sie auch in Zukunft in Sicherheit ist … Ich vertraue dir, Yoso. Und ich weiß, du wirst Ryukii und Toki genauso beschützen, wie ich Shiko beschützt habe. Darum legen Shiko, Seiketsu und ich die Zukunft unserer Heimat nun in eure Hände. Ihr, unsere Kinder, seid die neuen Verteidiger von Cantha!“
Er legte ihm aufmunternd die Hand auf die Schulter. Ein stolzes Lächeln zierte sein Gesicht.
Seiketsu No Akari saß mit Toki No Kibo vor den Toren des Klosters von Shing Jea.
Die Leiterin des Klosters seufzte, bevor sie sagte: „Es gibt Nächte, in denen ich noch immer davon träume, wie ich dich hier gefunden habe, Toki … Du lagst in ein weißes Leinenbündel eingewickelt unter einem Baum. Es tut mir Leid, dass ich bis heute nicht herausgefunden habe, wer deine leiblichen Eltern sind … Aber glaub´ mir, ich habe dich vom ersten Moment an geliebt!“
Die junge Mönchin kuschelte sich enger an sie und antwortete: „Ich weiß, Mama, ich weiß. Und liebe dich auch! Du hast mich zwar nicht zur Welt gebracht … aber du hast mir mein Leben geschenkt! Zusammen mit Tante Shiko, Onkel Ohtah, Schwester Ryukii und … Yoso.“
„Du hast dich schon immer geweigert Yoso als deinen >Bruder< zu bezeichnen … Es freut mich, dass du glücklich bist und ihr zueinander gefunden habt.“, meinte Seiketsu No Akari mit einem Lächeln auf den Lippen, „Weißt du, obwohl ich so lange in Tyria studiert habe, kam für mich meine Liebe zu Shing Jea … und später natürlich zu dir stets an erster Stelle. Darum möchte ich dir einen Rat mitgeben, den du niemals vergessen darfst … Jede Entscheidungen zieht Konsequenzen mit sich. Und damit legen Shiko, Ohtah und ich die Zukunft unserer Heimat nun in eure Hände. Ihr, unsere Kinder, seid die neuen Verteidiger von Cantha!“
Sie streichelte Toki No Kibo sachte über die Wange und genossen gemeinsam den angenehmen Wind, der durch das Sunqua-Tal wehte.
Sie wussten, dass dieser Tag einst kommen würde … Dieser Tag, an dem eine neue Generation das Amt der Verteidiger von Cantha übernehmen würde. Umso stolzer waren die lebenden Legenden, ihre eigenen Kinder mit dieser Aufgabe betraut zu wissen. So geht das Leben von Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Seiketsu No Akari, Yoso No Koshi, Ryukii No Mai und Toki No Kibo weiter den Weg durch die Zukunft … Eine Zukunft, die neue Legenden hervorbringen wird. Denn gleichsam mit dem Ende dieser Erzählung wird ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Helden Cantha´s aufgeschlagen – die Kinder der Legenden!
Buch 07: Die Kinder der Legenden
In den Tiefen der Unterwelt
In den tiefsten Tiefen der Unterwelt, in den entlegensten Verliesen wurden die stärksten und bösartigsten Wesen aus der gesamten Geschichtsschreibung der drei Kontinente dieser Welt gefangen gehalten – Shiro Tagachi, der Untote Lich, Abaddon, der Große Zerstörer. Seit Jahrzehnten Gefangene ihrer eigenen abscheulichen Gedanken, sonnen sie auf Rache. Rache an der Person, welche für dieses ihr Schicksal verantwortlich war. Jene Elementarmagierin, die das unmögliche vollbracht und sie bezwungen hatte. Und wäre die Zeit nicht sogar ein Feind der Götter selbst, ihre Gefängnisse hätten für alle Ewigkeit bestanden. Doch so wie der Friede in Tyria einzog, ließ auch die Vorsicht der Sechs Götter nach. Diese Nachlässigkeit zusammen mit ihrer unbändigen Wut schwächte die Fesseln der Gefängnisse. Shiro Tagachi, der Untote Lich, Abaddon und der Große Zerstörer spürten die Veränderung und steigerten ihre Bemühungen auszubrechen. Stück für Stück zerschlugen sie die Banne, Schutzmauern und Gitterstäbe. Nichts hätte sie mehr aufhalten können zu fliehen. Sie waren frei, frei und entschlossener denn je wollten sie ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Und genauso wie sie es für vollkommen undenkbar gehalten hatten, dass ein kleines Menschlein sie besiegte, taten sie etwas ebenso Unvorstellbares – sie schlossen sich zusammen!
„Ich werde sie büßen lassen! Sie, die meine Regentschaft verhinderte und mich hierher verbannte!“, knurrte Shiro Tagachi und sah dabei ihr Antlitz vor seinem inneren Auge.
Der Untote Lich nickte zustimmend: „Ja … mein Vorhaben war so perfekt! Die angebliche Retterin, die für den Untergang der Welt verantwortlich ist und daran zerbricht!“
„Es ist dieser Junge an ihrer Seite, der ihr diese Kraft gibt.“, erklärte Abaddon mit nachhallender Stimme, während er daran dachte, wie er sie von seinem Einfluss befreit hatte.
Zischend entgegnete der Große Zerstörer: „Sie sind alle dem Tode geweiht! Die ganze widerliche, menschliche Brut!“
„Wir werden dich vernichten!“, schrien sie donnernd und schossen aus der Unterwelt hinaus, „Dich und deine Freunde! Fürchte unsere Rache, Shikon No Yosei!“
Besagte Shing Jea wurde in diesem Augenblick aus ihren Träumen gerissen. Angstschweiß stand auf ihrer Stirn. Ein starker, wallender Drang in ihrem Innern zwang sie zum Aufstehen. Leise schlich sie aus dem Raum, um ihren Mann nicht zu wecken. Sie verließ das Haus und nahm die Straße, welche aus dem Dorf hinausführte. Direkt zu ihrem Schrein.
„Shiko … hörst du mich? Shiko …“, erklang eine warme, vertraute Stimme wie aus weiter Ferne.
Shikon No Yosei riss die Augen auf und rief: „TEINAI! Ich bin hier! Wo bist du?“
„Ich kann meinen Geist nicht materialisieren … aber ich muss dich warnen, Shiko!“, erklärte die Elementarmagierin ernst, „Shiro Tagachi, der Untote Lich, Abaddon und der Große Zerstörer sind aus der Unterwelt ausgebrochen! Sie sind auf dem Weg nach Shing Jea … Ich weiß nicht, wann sie euch erreichen werden. Sie wollen dich vernichten!“
Von einer Sekunde zur anderen verschwand Teinai´s Aura wieder, die Verbindung mit den Nebeln war abgerissen. Shikon No Yosei schauderte, Schmerz griff nach ihrer Brust, Tränen traten in ihre Augen. All ihre besiegten Feinde waren aus ihren Gefängnissen geflohen?! Ihre Beine gaben nach, zitternd sank sie zu Boden. Obwohl Teinai so schwach gewesen war, hatte sie alles gegeben. Aber sie konnte nicht kämpfen … nicht mehr. Nicht seit dem Ende des zweiten Tengu-Krieges. Und das Amt der Verteidiger ruhte auf den Schultern ihrer Kinder – Yoso No Koshi, Ryukii No Mai, Toki No Kibo. Eine neue Woge der Angst überwältigte sie. Sie wusste, was es bedeutet diesen Gegnern gegenüberzustehen.
Elterliche Pflicht
Noch bevor Ohtah Ryutaiyo ihre Abwesenheit bemerkt hatte, war Shikon No Yosei zurück. Früher wäre ihm das nie passiert. Wenn sie unterwegs gewesen waren, hatte er selbst im Schlaf stets über sie gewacht. Kein Überraschungsangriff hatte ihn unvorbereitet getroffen.
„Was ist los?“, murmelte der Assassine verschlafen, als sie ihn weckte.
An jedem anderen Tag hätte Shikon No Yosei über seine Sorglosigkeit gelacht. Er hatte sich in der ganzen Zeit wirklich an das friedliche Leben eines einfachen Canthaners gewöhnt – wenn man vom Unterricht im Kloster einmal absah. Zu lange hatte es keinen Ernstfall mehr gegeben. Die fehlende Reaktion seiner Frau veranlasste Ohtah Ryutaiyo dazu sich kerzengerade aufzusetzen und sie aufmerksam zu mustern.
„Was ist los?“, fragte er noch einmal, diesmal hellwach.
Mit schwacher, brüchiger Stimme antwortete Shikon No Yosei: „Ruf´ alle zusammen. Ich habe euch etwas mitzuteilen …“
Sorge durchflutete seine Gedanken. Doch er wagte es nicht zu zögern. In der nächsten Sekunde war er bereits via Schattenschritt verschwunden.
Während Seiketsu No Akari schweigsam am Tisch saß, Ohtah Ryutaiyo rastlos auf und ab lief, sahen Yoso No Koshi, Ryukii No Mai und Toki No Kibo sie erwartungsvoll an. Shikon No Yosei hatte beinahe eine Viertelstunde nur geschwiegen.
„Teinai hat heute Morgen zu mir gesprochen …“, sagte sie schließlich in die Stille hinein, „Shiro Tagachi, der Untote Lich, Abaddon und der Große Zerstörer sind auf dem Weg hierher.“
Ohtah Ryutaiyo verharrte mitten in der Bewegung. Seiketsu No Akari starrte sie entsetzt an. Die drei Verteidiger stießen einen erschrockenen Laut aus. Sie kannten alle Geschichten über die Kämpfe ihrer Eltern, den lebenden Legenden.
Der Assassine fand als erster seine Stimme wieder: „Das heißt, wir müssen uns vorbereiten … Dies wird unser schwerster Kampf!“
Shikon No Yosei schüttelte jedoch den Kopf und widersprach ihm: „Es ist nicht unser Kampf, Ohtah. Nicht wir haben die Aufgabe Cantha zu beschützen …“
„Sollen Yoso, Ryukii und Toki etwa allein kämpfen? Wir reden hier von unseren schlimmsten Feinden! Hast du vergessen, wie viel Kraft es uns gekostet hat, sie zu besiegen? Und wir hatten nur jeweils einen Gegner!“, fuhr er sie wütend an, „Was wird zum Beispiel aus Ryukichi, wenn ihnen etwas zustößt?“
Ryukichi – der Sohn von Ryukii No Mai und Kaiser Kisu´s Erben Koichi, den sie während ihres Aufenthalts in Kaineng als Schattendiener kennen- und lieben gelernt hatte … Und knapp neun Monate, nachdem sie die Nacht des Abschieds gemeinsam verbracht hatten, war ein kleiner Junge mit seinem rabenschwarzen Haar und ihren dunklen Augen zur Welt gekommen.
Sie ignorierte den Stich in ihrem Herzen, den sein Zorn in ihr auslöste, und antwortete: „Nein … weder habe ich auch nur einen unserer Kämpfe vergessen, noch werde ich einfach tatenlos zusehen. Ich werde alles tun, was mir möglich ist, um ihnen zu helfen! Ich glaube an sie … Ich vertraue ihnen. Mehr kann ich nicht tun. Diesmal nicht … Oder hast du vergessen, dass ich über keinerlei Magie verfüge? Glaub´ mir, wenn ich könnte … wenn ich könnte, würde ich mich ihnen selbst stellen. Ich würde mich ihnen sogar opfern, um ihre Rache zu stillen – denn ich bin diejenige, die sie wollen! Aber … sie werden sich damit nicht zufrieden geben. Wenn sie nicht aufgehalten werden, sind Cantha, Tyria und Elona für immer verloren!“
Einsetzen spiegelte sich auf den Gesichtern von Yoso No Koshi, Ryukii No Mai und Toki No Kibo – Ohtah Ryutaiyo stand der Mund offen; er konnte nicht glauben, was sie ihm an den Kopf geworfen hatte.
Gerade als er widersprechen wollte, ergriff Seiketsu No Akari das Wort: „Ich bin derselben Ansicht, wie Shiko … Unsere Zeit ist vorbei. Außerdem … es ist die Pflicht der Eltern ihren Kindern zu vertrauen und an sie zu glauben!“
Wütend ballte der Assassine seine Hände zu Fäusten. Dann packte er Ryukii No Mai am Arm und zog sie hinter sich her nach draußen – zum Training.
Shikon No Yosei versuchte den Kontakt zu Teinai wiederherzustellen. Ohne Erfolg. Es war, als würde etwas den Zugang zu den Nebeln verhindern, blockieren. Sie hoffte, ihrer Freundin ging es gut … Ob ihr Geist durch die große Anstrengung Schaden genommen hatte?
Aber es gab außer ihr noch jemanden, der Rat suchte – Yoso No Koshi. Er setzte sich neben seine Mutter und holte tief Luft.
„Wie kann ich den bevorstehenden Kampf gewinnen?“, fragte er leise.
Ohne ihn anzusehen, erwiderte sie: „Du wirst eine Möglichkeit finden … zusammen mit Ryukii und Toki.“
„Aber ich weiß einfach nicht, was ich tun soll! Verstehst du nicht? Ich muss euch alle beschützen!“, rief er, „Sag´ mir, was soll ich tun? Bitte!“
Doch sie schüttelte betrübt den Kopf: „Das kann ich nicht … Selbst wenn ich es wollte. Ihr müsst euren eigenen Weg finden! Nichts geschieht zweimal auf dieselbe Weise.“
„Du hast sie schon einmal besiegt! Warum kannst du mich nicht trainieren, wie Vater Ryukii? Warum willst mir nicht helfen?“, schrie er beinahe.
Die Shing Jea gab sich ruhig und erklärte: „Ich verstehe deine Verzweiflung, Yoso … Mir erging es all die Jahre nicht anders. Ganz am Anfang meiner Reise habe ich mitangesehen, wie Meister Togo seinen besten Freund tötete … Ich habe es nicht verstanden. Durch die Pest war aus Minister Cho zwar ein Monster geworden, aber … Ich habe damals eine sehr wichtige Lektion gelernt, mein Sohn. Es gibt Dinge, die notwendig sind … Dinge, die wir nicht immer nachvollziehen können. Und für den Kampf, der euch bevorsteht, ist es notwendig, dass ihr selbst eine Möglichkeit findet. Ihr könnt es schaffen … gemeinsam!“
Yoso No Koshi´s Wut verrauchte. Plötzlich begriff er, worauf sie hinaus wollte und was seine Tante am Morgen gemeint hatte. Sie mussten nicht kämpfen. Sie vertrauten wirklich darauf, dass Toki No Kibo, Ryukii No Mai und er es schaffen würden. Sie glaubten von ganzem Herzen daran! Nur seinem Vater fehlte diese Überzeugung … Sein Training bewies, dass er der Meinung war, Ryukii No Mais Fähigkeiten würden noch nicht ausreichen, um den Kampf zu überstehen.
„Glaubst du … glaubst du, dass Vater das auch noch so sehen wird?“, wollte er etwas kleinlaut wissen – er schämte sie für die Vorwürfe, die er seiner Mutter gemacht hatte.
Die Heldin seufzte schwer und erklärte: „Ohtah war … und ist manchmal etwas halsstarrig. Wenn er sich in etwas verrannt hat, fällt es ihm oft schwer, einen anderen Blickwinkel einzunehmen … Aber ich glaube auch er wird bald erkennen, was Seiketsu und ich bereits wissen. Ihr drei seit schon längst keine Kinder mehr … Ihr seit genauso bereit und stark, wie wir es einst waren. Vielleicht seid ihr uns sogar überlegen …“
„Woher willst du das wissen?“, hakte Yoso No Koshi nach und plötzlich fiel ihm ein, dass Argo etwas ähnliches gesagt hatte, „Wie kannst du dir so sicher sein?“
Jetzt lachte Shikon No Yosei laut auf und antwortete: „Weil ich gesehen habe, wie sehr ihr dieses Land liebt … Und wie stark deine Gefühle zu Toki und Ryukii sind. Weißt du, der Wunsch etwas oder jemanden zu beschützen, den man liebt, verleiht einem unglaublich viel Kraft!“
Er nickte. Zum ersten Mal in seinem Leben glaubte er, die Botschaft ihrer Worte wirklich verstehen zu haben. Und gleichzeitig hatte er noch etwas viel wertvolleres von ihr bekommen – Selbstvertrauen.
Rache gegen Liebe: die Entscheidung
Jeden Tag betete Shikon No Yosei viele Stunden vor ihrem Schrein zu Teinai. Verzweifelt versuchte sie mit ihr in Kontakt zu treten. Irgendwann – es dämmerte gerade – spürte sie einen schwachen Ruf, eine sanfte Berührung ihrer Seele. Sie öffnete ihren Geist und ließ die leisen Worte in sich widerhallen. Im Stillen dankte sie ihrer Freundin. Allein hätte sie es nie geschafft, Teinai zu erreichen. Zwar hatte sie sich ein paar vereinzelte Ritualisten-Fertigkeiten ihres Vaters abgeschaut, aber diese waren ebenfalls mit dem Rest ihrer magischen Kräfte versiegt.
„Es ist soweit, nicht wahr?“, ertönte die Stimme von Ohtah Ryutaiyo hinter ihr.
Shikon No Yosei stand auf, ein sachtes Nicken ihres Kopfes genügte als Antwort. Gefolgt von einem erleichterten Seufzen, als sich die ihr wohl bekannten, starken Arme um ihre Schultern legten und an seine Brust zogen. Lächelnd nahm sie sein Friedensangebot an und entspannte sich. Lange, viel zu lange war er ihr nicht mehr so nah gewesen – weder körperlich, noch emotional.
„Ich liebe dich …“, hauchte er ihr ins Ohr, „Verzeih´ meine Sturheit. Du hattest Recht … Ich konnte Ryukii nicht ein einziges Mal besiegen. Sie ist viel stärker, als ich.“
Eine angenehme Wärme breitete sich in Körper aus. Sie beugte ihren Kopf leicht zur Seite, sodass sie in das Gesicht ihres Mannes sehen konnte.
„Sie weiß, wofür sie kämpft … Sie will ihren Vater nicht enttäuschen und gibt deshalb ihr bestes.“, flüsterte Shikon No Yosei, „Unsere Kinder haben mehr von dir, als man vermuten könnte …“
Ohtah Ryutaiyo´s Augen waren voller Zuneigung für sie, welche er in einen langen, sinnlichen Kuss legte.
Die Tiere hatten sich verzogen. Ein Mantel des Schweigens lag über dem Sunqua-Tal. Anspannung erfüllte die Luft – die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Die drei Verteidiger standen auf der Anhöhe vor dem Eingang zum Kloster von Shing Jea. Hier auf dieser Insel war alles, was ihnen etwas bedeutete. Ihre Heimat, ihre Familie, ihre Freunde. Ihr Blick war starr auf die Ebene vor ihnen gerichtet. Der Boden vibrierte. Ein lauter Knall. Ein helles Licht. Dann standen sie da – Shiro Tagachi, der Untote Lich, Abaddon und der Große Zerstörer. Trotz aller Geschichten erschraken Ryukii No Mai und Toki No Kibo sichtlich der Gefahr. Nur Yoso No Koshi blieb ruhig. Er wusste, seine Mutter war jedem einzelnen schon einmal gegenüber gestanden. Und hatte sie besiegt.
„Wo finden wir Shikon No Yosei?“, knurrte Shiro mit drohendem Unterton in der Stimme.
Der junge Elementarmagier trat entschieden einen Schritt vor und antwortete: „Nicht sie ist euer Gegner … wir sind es!“
„Lachhaft, Junge!“, höhnte Abaddon, dessen Stimme direkt in ihren Köpfen zu hören war, „Wieso sollten wir uns mit euch aufhalten?“
Yoso No Koshi blieb ernst, die Worte kamen klar über seine Lippen: „Weil ich ihr Sohn bin! Wir haben von ihr die Aufgabe übertragen bekommen, Cantha und Shing Jea zu beschützen!“
Shiro spukte aus. Daher war ihm dieser Junge so bekannt vorgekommen. Dieselben Augen, dasselbe Haar. Er war das Ebenbild der Frau, die ihn verschmäht hatte. Bittere Wut kochte in ihm hoch – wenn sie sich anders entschieden hätte, könnte er der Vater dieses Kindes sein. Doch stattdessen trug es die Gene dieses schwächlichen Am Fah-Abschaums in sich.
Das hemmungslose Lachen des Untoten Lich, Abaddon und des Großen Zerstörers riss Shiro aus seinen Gedanken. Er verstand sie nur zu gut, blieb aber trotzdem stumm. Es war eine lächerliche Vorstellung, ein anderer Sterblicher könne an Shikon No Yosei heranreichen, könne es ihr gleichtun und sie alle besiegen. Noch dazu gleichzeitig … Aber dieser Blick, mit der er sie ansah – genauso hatte Shikon No Yosei ihn bei ihrem letzten Angriff angesehen. Eine solche Entschlossenheit war gefährlich. Selbst für sie.
Der Untote Lich, der Shiro´s Besorgnis nicht mitbekommen hatte, sendete mit einem kräftigen Flügelschlag einen Energiestoß aus, welcher direkt auf Yoso No Koshi zuhielt. Die Wucht des Treffers schleuderte ihn zu Boden. Sie würden mühelos getötet werden, wenn er nicht sofort etwas unternahm. Fieberhaft suchte er nach einer Lösung. Es gab niemanden, der ihnen helfen konnte. Sie waren auf sich allein gestellt. Er dachte an seine Mutter. Wie oft war sie in einer so ausweglosen Situation gewesen? Unzählige Male … Dennoch hatte sie niemals aufgegeben. Und mit jedem Kampf war sie stärker geworden. Weil sie ihr Ziel nicht aus den Augen verloren hatte!
Es durchfuhr ihn wie ein Blitz. Plötzlich erinnerte er sich wieder an die Worte, die sie ihm mitgegeben hatte, als er beschlossen hatte, Elementarmagier zu werden.
„Wenn Erde, Feuer, Luft und Wasser sich vereinen, entsteht reine Magie. Aber … es gibt noch zwei weitere Elemente, die unsere Welt im Gleichgewicht halten … Licht und Dunkelheit. Aus ihnen erwächst eine viel gefährlichere Energie. Das Chaos …“, erklärte Shikon No Yosei ernst, „Als Elementarmagier kannst du diese Verbindung steuern. Du darfst es nie vergessen, mein Sohn … Kein Zauberwirker sollte seine Kräfte leichtfertig einsetzen. Wer über solche Macht verfügt, unterliegt auch der Pflicht diese mit Bedacht einzusetzen!“
Yoso No Koshi stand auf. Er wusste nun, was zu tun war.
„Du kommst also nicht nur nach deiner Mutter …“, flüsterte Shiro kaum hörbar, bevor seine Stimme erstarkte, „Sondern hast auch die Angewohnheit deines widerwärtigen Vaters nie zu wissen, wann man besser liegen bleiben sollte!“
Er nickte bestimmt: „Ich habe eben, genau wie er, einen Grund zu kämpfen. Um diejenigen zu beschützen, die ich liebe, setze ich mein Leben ein!“
„YOSO!“, riefen Ryukii No Mai und Toki No Kibo erschrocken.
Er sah sie durchdringend an, während er sagte: „Hört mir zu, es gibt nur eine Chance sie zu besiegen ... Wir müssen noch stärker werden, als es unsere Eltern waren!“
„A-Aber wie … wie soll das gehen?“, wollte die Mönchin wissen.
Entschlossen ergriff er ihre Hand und die seiner Schwester. Die Berührung reichte aus, um ihnen seinen Plan zu vermitteln. Es war ihre Verbindung, die sein Vorhaben zum Erfolg führen würde – genauso wie Shikon No Yosei gesagt hatte, nur gemeinsam konnten sie es schaffen! Mit geschlossenen Augen beschwor Yoso No Koshi die Elemente Erde, Feuer, Luft und Wasser, Ryukii No Mai bediente sich ihrer Verbindung zu den Schatten, um die Dunkelheit herbeizurufen und Toki No Kibo setzte ihr heilendes Licht frei. Alle sechs Mächte vereinten sich unter dem Willen des Elementarmagiers zu einer Kraft jenseits von Magie und Chaos. Ein Wirbel aus allen Farben des Regenbogens, gespickt von weiß und schwarz. Es kostete all seine Konzentration und Kanalisierungsfähigkeiten, um die gewaltige Energie so gut es ging unter Kontrolle zu halten. Und als er seine Gegner wieder ins Visier nahm, schoss sie ihnen so schnell entgegen, dass man nur noch die Explosion mitbekam. Eine Schockwelle schwappte über die Insel hinweg, streifte fast den ganzen Kontinent. Anders als beim letzten Mal wurden die Seelen von Shiro Tagachi, des Untote Lichs, Abaddon und des Großen Zerstörers – oder das, was von ihnen übrig war – nicht in die Unterwelt verbannt, sondern vollends ausgelöscht. Es blieb nichts – außer der bloßen Erinnerung an ihre einstige Existenz – von ihnen übrig. Niemals wieder würde eine Bedrohung von ihnen ausgehen ... weder für Cantha, noch für Tyria oder Elona! Yoso No Koshi, Ryukii No Mai und Toki No Kibo hatten beendet, was ihre Eltern, die drei lebenden Legenden, begonnen hatten.
Von Vater und Sohn
Yoso No Koshi öffnete die Augen. Er brauchte einen Moment bis er wieder wusste, was geschehen war. Der Kampf gegen Shiro Tagachi, den Untoten Lich, Abaddon und den Großen Zerstörer … irgendwie hatten sie es geschafft. Nur … wo waren Toki No Kibo und Ryukii No Mai? Er setzte sich auf, ließ den Blick durch das Zimmer wandern. Jemand hatte ihn nach Hause, in sein eigenes Bett gebracht. Ein warmes Gefühl stieg in ihm auf. Im Kreis seiner Familie, hier im Dorf Tsumei fühlte er sich am wohlsten.
Auf einmal bemerkte er ein fremdes Gewicht auf seiner Decke – Shikon No Yosei lag auf den Armen und schlief. Sie war nicht von seiner Seite gewichen. Dankbar lächelte der Elementarmagier.
Vorsichtig stieg er aus dem Bett, doch seine Mutter bemerkte es dennoch: „Du bist wach … wie schön.“
„Ja, es kommt mir alles wie ein Traum vor …“, erwiderte er leicht verlegen, „Wie lange habe ich denn geschlafen?“
Shikon No Yosei stiegen die Tränen in die Augen, als sie antwortete: „Vier Tage. Seiketsu sagte, der Zauber hätte deine Magie erschöpft und wir sollten uns keine Sorgen machen. Ich bin so erleichtert, dass es dir gut geht, Yoso! Die Energie war so stark … Kaum jemand hätte sie gänzlich kontrollieren können. Na ja … gerade ich dürfte dir deswegen eigentlich keinen Vorwurf machen.“
Er umarmte seine Mutter herzlich. Sie war in den vergangenen Tagen wegen ihm »tausend Tode« gestorben.
„Ich habe das getan, was du auch getan hättest … Für Shing Jea. Für meine Familie.“, meinte er und zog die Schultern hoch, „Sind Toki und Ryukii auch wohlauf?“
Sie zögerte erst, dann erklärte sie: „Sie sind im Kloster bei Seiketsu.“
Yoso No Koshi wusste sofort, dass seine Mutter ihm etwas verschwieg, was ihn nur noch besorgter machte. Wenn Shikon No Yosei etwas nicht über die Lippen kam, musste es sehr schwerwiegend sein …
Yoso No Koshi lief den Pfad entlang, der vom Dorf Tsumei ins Kloster führte. Keuchend spurtete er die Treppen zum Linnok-Hof hinauf. Das lange Liegen forderte seinen Tribut. Toki No Kibo stand umringt von Seiketsu No Akari, Ryukii No Mai und Ohtah Ryutaiyo. Der dreijährige Ryukichi schaute sie aufgeregt an, tänzelte unruhig auf der Stelle – aufgeweckt und neugierig, das zeichnete das jüngste Mitglied der Familie aus, wie keinen zweiten.
„Kann mir endlich jemand erklären, was hier los ist?“, fragte Yoso No Koshi, als er in Begleitung von Shikon No Yosei das Ende der Stufen erreicht hatte.
Seiketsu No Akari ignorierte seine Forderung, sondern wandte sich stattdessen an ihre Seelen-Schwester: „Shiko, du spürst es doch sicher ebenfalls, nicht wahr?“
„Ja, es besteht kein Zweifel mehr.“, bestätigte die rothaarige Shing Jea, „Toki trägt eine zweite Lebensenergie in sich. Ein Mädchen … etwas älter als ein Monat, würde ich sagen.“
Scheu suchte Toki No Kibo den Blick von Yoso No Koshi. Er regte sich nicht, starrte sie nur sprachlos an.
Es war Ryukichi – was nicht sehr überraschend war –, der die Anspannung brach: „Ein Mädchen? Dann werde ich ihr Beschützer! Und wenn wir erwachsen sind, heiraten wir!“
Die Anwesenden sahen sich kurz an, bevor sie in schallendes Gelächter ausbrachen. Sogar die werdende Mutter, obwohl ihr Yoso No Koshis Reaktion – oder besser gesagt seine fehlende Reaktion – zu schaffen machte. Er blieb weiterhin stumm. Er bewunderte den Mut und das Verantwortungsbewusstsein seines Neffen. Gleichzeitig fragte er sich, warum ihn diese Begeisterung nicht erfasst hatte …
Yoso No Koshi wusste nicht, wohin er laufen sollte. Überall schien der falsche Ort zu sein, nirgends kam er zur Ruhe. Irgendwann landete er am Hafen von Seitung. Das Rauschen des Meeres zog ihn an und er setzte sich an den entlegensten Kai, wo ihn niemand beobachten konnte. Über dem canthanischen Meer hing stets eine undurchdringliche Nebelwand. So fühlte sich der Elementarmagier im Moment … Alles war wie verhüllt, unwirklich. Seine Gedanken kamen auf keinen Nenner, seine Gefühle waren wie betäubt. Toki No Kibo erwartete ein Kind von ihm … seine Tochter. Er wurde Vater! Und er bekam diese Information einfach nicht auf die Reihe.
„So etwas ist nicht einfach zu akzeptieren, oder?“, meinte Ohtah Ryutaiyo, der wie aus dem Nichts auf einmal neben ihm stand, „Hat ganz schön gedauert, bis ich dich gefunden habe.“
Sein Sohn antwortete nicht. Was hätte er auch sagen sollen?
Der Assassine holte hörbar Luft, dann fuhr er fort: „Ich weiß, warum du dich zurückgezogen hast.“
„Ach ja?“, gab Yoso No Koshi äußerst patzig zurück.
Mit hochgezogener Augenbraue entgegnete Ohtah Ryutaiyo: „Schon vergessen? Ich habe schließlich auch zwei Kinder. Ich kenne die Ängste eines Vaters zu genüge … Als Shiko mir sagte, sie wäre schwanger, hatte ich das Gefühl allen Boden unter den Füßen zu verlieren.“
„Warum?“, wollte sein Sohn kleinlaut wissen – er ärgerte sich schon wieder über seinen Ausbruch.
Er setzte sich neben ihn, richtete den Blick ebenfalls zum Meer hinaus und schob seinen rechten Ärmel nach oben, sodass das Drachen-Tattoo aus seiner Zeit als Am Fah sichtbar wurde. Er hatte einst schreckliche Dinge getan … Und welches Kind wollte schon einen Mörder, einen Verräter zum Vater? Nur wegen Shikon No Yosei hatte er es geschafft – wegen ihrer Liebe konnte er sich vergeben, musste sich nicht mehr selbst hassen.
„>Deine Unsicherheit ist nichts, wofür du dich schämen müsstest. Es zeigt vielmehr, dass du die Situation, die Verantwortung ernst nimmst …<“, erklärte Ohtah Ryutaiyo und grinste, „Ich gebe es zu, diese Worte stammen von Shiko. Ich hatte mich fast eine Woche lang verkrochen, dann hat sie mir ordentlich den Kopf gewachsen – ich glaube, ihr Gebrüll hat ganz Shing Jea gehört.“
Yoso No Koshi schluckte, bevor er erwiderte: „Wolltest … wolltest du uns denn trotzdem? Trotz deiner … Angst?“
Der Assassine legte ihm eine Hand auf die Schulter und zog ihn näher an sich heran. Das genügte ihm als Antwort. Er war so dumm gewesen, die Liebe seines Vaters in Frage zu stellen. Es tat gut, mit ihm zu sprechen … meist hatte er sich ja eher um Ryukii No Mai gekümmert. Wobei … nein, ganz so stimmte das auch wieder nicht. Yoso No Koshi selbst war ihm viel zu oft aus dem Weg gegangen. Weil er befürchtet hatte, dass Ohtah Ryutaiyo seine Schwester mehr liebte, als ihn …
Yoso No Koshi klopfte an Toki No Kibo´s Zimmertür und öffnete sie einen Spalt breit. Seine Liebste saß auf dem Fensterbrett und sah ihn an. Etwas Trauriges lag in ihrem Blick. Zum ersten Mal hatte er sie wirklich verletzt.
„Toki …“, begann er unsicher, „Ich … Es tut mir leid. Ich hätte an deiner Seite bleiben müssen. Stattdessen habe ich nur an mich selbst gedacht …“
Die Mönchin stand auf, während sie entgegnete: „Ich wusste es schon länger. Ich habe von ihr … geträumt. Vielleicht bin ich ja diejenige, die einen Fehler gemacht hat.“
Er beugte sich zu ihr herunter und küsste sie, anschließend flüsterte er: „Ich liebe dich, Toki … Und ich liebe auch unser Kind … Wir gehören zusammen – für immer!“
Die Wahrheit kommt ans Licht
Toki No Kibo und Yoso No Koshi hatten ihrer Tochter den Namen »Chiyo« gegeben – als Zeichen ihrer ewigen Liebe. Ebenso unendlich war aber auch Ryukichi´s Beschützerinstinkt. Und als ihr erster Geburtstag kurz bevorstand, war fast das ganze Dorf wie aus dem Häuschen. Diese Aufregung nahm noch mehr Überhand, nachdem ein Bote aus Kaineng den Besuch des neuen Kaisers angekündigt hatte – wobei die meisten bis dato nicht einmal gewusst hatten, dass der abgedankte Kisu überhaupt einen Sohn hatte. Ryukii No Mai gehörte da zu den wenigen Ausnahmen … Es verging kein Tag, an dem sie nicht an Koichi dachte. Vor allem jetzt, da sie sich unweigerlich begegnen mussten. Das allein wäre schon schlimm genug gewesen … Aber dazu noch Ryukichi? Sein Kind … Sie konnte es ihm nicht länger verschweigen. Er hatte begonnen Fragen zu stellen, wollte etwas über seinen Vater erfahren …
Was sie und auch sonst niemand nicht ahnte – Koichi befand sich bereits auf der Insel! Er war am Morgen mit einem gewöhnlichen Schiff angenommen, um sich unerkannt auf Shing Jea bewegen zu können. Er wollte die Orte sehen, von denen er so viel gehört und gelesen hatte. Und so kam es, wie es kommen musste – Koichi wandte sich vom Kloster aus nach Westen, direkt in Richtung des Dorfs Tsumei.
„Wer bist du denn?“, fragte ihn dort ein kleiner Junge, der auf den Wiesen spielte.
Der Ritualist wollte gerade antworten, da rief jemand den Jungen: „Ryukichi, was machst du hier? Ich dachte, du wolltest auf Chiyo aufpassen.“
Eine schlanke, junge Frau mit rotem Haar und Dolchen in den Halftern kam auf sie zu. Schock spiegelte sich auf ihrem Gesicht, als sie Koichi erkannte. Wie betäubt flüsterte er ihren Namen. Klar hatte er sich gewünscht, sie zu treffen, aber dass es so bald passieren würde und derart zufällig … damit hatte er wirklich nicht gerechnet.
„Ach, du kennst meine Mama?“, fragte Ryukichi vergnügt und verbeugte sich, „Tut mir ja leid, ich muss jetzt los – bevor meine kleine Chiyo anfängt zu weinen, weil ich sie so lange allein lasse. Auf Wiedersehen!“
Der Junge rannte ins Dorf, wo er bereits von einer Toki No Kibo erwartet wurde. Ryukii No Mai´s Blick klebte dagegen regelrecht an ihrem Gegenüber. Mehrere Minuten herrschte Schweigen zwischen ihnen. Keiner regte sich, bewegte auch nur einen winzigen Muskel.
Dennoch war die Assassine, die als Erste wieder sprach: „Sein Name ist Ryukichi … Er wird dieses Jahr fünf.“
Fünf Jahre. Koichi blinzelte ein paar Mal – genauso lange war es her, dass sie ihn verlassen hatte und da begriff er.
„Ja … er ist dein Sohn.“, kommentierte sie seinen Gesichtsausdruck sehr nüchtern.
Es war, als würde er aus allen Wolken fallen. Nie, niemals hätte er damit gerechnet, dass sie in jener Nacht ein Kind vom ihm empfangen hatte.
„Bist du deshalb nicht zurückgekommen?“, wollte Koichi mit Schmerz in der Stimme wissen.
Sie nickte, dann schüttelte sie wiederum den Kopf und antwortete: „Teilweise, ja und nein. Ich habe dir doch damals gesagt, ich hätte eine Pflicht zu erfüllen … Mein voller Name lautet Ryukii No Mai, ich bin die Tochter der legendären Helden Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo. Und gehöre der zweiten Generation der Verteidigern von Cantha an.“
„Das ändert nichts daran, dass ich dich immer noch liebe!“, erwiderte er ernst, „Ich lass´ dich nicht noch einmal gehen, Ryukii … Diesmal werde ich um dich kämpfen! Um dich … und Ryukichi.“
Schneller, als dass Ryukii No Mai sich dagegen hätte wehren können, zog er sie an sich und presste seine Lippen auf ihre. Brennende Leidenschaft pumpte durch ihre Körper. Ihre Arme bewegten sich fast wie von allein, umfingen sie noch enger. Die Sekunden flogen nur so an ihnen vorbei, bis Koichi den Kuss irgendwann beendete und sie unentwegt anschaute.
Da riss ihn ein weiterer Neuankömmling aus dem Konzept.
„Ryukii, ich habe überall nach dir gesucht. Wir müssen die Ankunft des Kaisers vorbereiten!“, tadelte sie der Elementarmagier.
Ryukii No Mai räusperte sich leicht und wies auf ihren Gegenüber: „Was das betrifft … Darf ich vorstellen? Koichi, Sohn des Kisu. Und das ist mein Bruder – Yoso No Koshi, ebenfalls ein Verteidiger von Cantha.“
Dem Rothaarigen stand der Mund offen. Als er sich wieder besonnen hatte, musterte er seinen Gegenüber und staunte noch mehr. Koichi wusste, warum er sich so benahm und zog sich von ihnen zurück. Er musste erst einmal damit klar kommen, dass er von einer Sekunde zur anderen erstens Ryukii No Mai wiedergesehen und zweitens einen Sohn hatte.
„Er ist Ryukichi´s Vater.“, stellte Yoso No Koshi fest, nachdem er außer Hörweite war, „Ich kenne dich, Ryukii … Und ich habe Augen im Kopf. Er ist ihm beinahe wie aus dem Gesicht geschnitten!“
Ryukii No Mai nickte nur. Diese Begegnung hatte ihr alle Kraft geraubt.
Koichi hatte die Nacht im Kloster verbracht. Nun saß er auf der Wiese vor dem Dorf Tsumei, wo er seinem Sohn gestern zum ersten Mal begegnet war. Und wieder wollte das Schicksal sie zusammenführen. Diesmal wirkte er allerdings verändert.
„Ich habe eine Frage.“, sagte Ryukichi irgendwann nach langem Schweigen, „Warum kommst du erst jetzt? Du bist doch mein Papa! Mama hat es mir vorhin erzählt …“
Unsicher erwiderte Koichi seinen Blick. Er hatte absolut keine Antwort parat – er wollte Ryukii No Mai nicht die Schuld geben, schließlich war er ihr auch nie nach Shing Jea gefolgt, obwohl er so viele Male kurz davor gewesen war …
„Weißt du, Ryukichi, dein Vater ist sehr beschäftigt.“, erklärte Ryukii No Mai, die hinter einem Baum hervortrat, „Er kämpft genauso für ein friedliches Cantha, wie Yoso, Toki und ich.“
Ryukichi´s Augen wurden groß – er war hellauf begeistert – und erwiderte: „Oh toll! Wenn ich groß bin, werde ich auch ein Held! Aber vorher muss ich noch eine Ausbildung im Kloster machen … dabei bin ich so schon stark!“
Ein Lachen entfuhr Koichi und auch Ryukii No Mai lächelte, denn sie kannte die Wunsch-Klasse ihres Sohnes bereits – Ritualist. Genauso wie fast alle Mitglieder der kaiserlichen Familie …
Und wieder ward es Liebe
Es war kalt. Eiskalt und neblig. In der vergangenen Nacht war der erste Schnee gefallen. Für Chiyo war es bereits der elfte Winter, den sie erlebte. Nur dass er in diesem Jahr viel früher über die Insel hereingebrochen war, als zumeist üblich. Bald würde sie ihre Ausbildung beginnen. Ryukichi seufzte. Er fror leicht, doch er kümmerte sich nicht darum. Er hatte sich seinen Umhang übergeworfen und wanderte über das Klostergelände. Sein Ziel war der Linnok-Hof, dessen Stufen unter dem Schnee verschwunden waren. Alles wirkte so unberührt, in völliger Harmonie. Nur er widersprach diesem vollkommenen Bild. Er hatte einfach herkommen müssen. An diesen Ort … und obwohl er damals noch ein kleines Kind gewesen war, hatte sich dieser eine Tag regelrecht in sein Gedächtnis gebrannt – der Tag, an dem Toki No Kibo´s Schwangerschaft verkündet worden war. Er wollte alles für Chiyo sein, sie beschützen und lieben. Nur auf welche Art? Als Kind war ihm die Antwort ganz leicht gefallen … heute nicht mehr. Nicht seit seinem gestrigen Gespräch mit ihr …
Er war von einem Auftrag in Kaitan zurück. Ein paar Banditen hatten wieder einmal Ärger gemacht und weil alle drei Verteidiger auf Mission waren, hatte er sich darum gekümmert. Zum Glück hatte er seine Ritualisten-Befähigung bereits in der Tasche. Besonders da er davon konnte, dass Ryukii No Mai anschließend noch seinen Vater aufsuchen würde, der – was sein Sohn natürlich nicht wusste – stets das höchste Fenster des Palast offenließ und sich entgegen jedes Protokolls und Tradition weigerte, eine Frau oder Konkubine zu wählen. Denn sein Herz gehörte einem flüchtigen Schatten in der Nacht ...
„Tut mir leid, es hat etwas länger gedauert.“, entschuldigte er sich bei Chiyo, die in der Zwischenzeit gekocht hatte, „Dafür hab ich jetzt den Rest des Tages nur Zeit für dich. Auf welches Spiel hast du denn heute Lust?“
Sie ließ den Kochlöffel in den Topf fallen. Ein Zittern durchlief sie, Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Was ist los?“, wollte Ryukichi verständnislos wissen.
Chiyo wirbelte zu ihm herum und fuhr ihn an: „Du siehst mich immer nur als kleines Mädchen, was? Es ist dir vollkommen egal, wie ich mich dabei fühle! Du hast es immer noch nicht begriffen, oder, Kichi? Ich will nicht deine Schwester oder eine Freundin sein … Ich wünsche mir, dass du mich als Frau liebst!“
Natürlich liebte er sie … Sie bedeutete ihm unendlich viel. Aber in welcher Rolle?
Ryukichi schlug gegen das Treppengeländer. Um diese Frage beantworten zu können, musste er sich seinen Gefühlen mit allen Konsequenzen stellen. Warum jetzt? Hätte sie mit ihrem Geständnis nicht noch ein paar Jahre warten können? Er war wirklich feige! Dagegen war Chiyo unglaublich mutig gewesen … Wenn er sich weiterhin so anstellte, verdiente er ihre Liebe gar nicht.
„Es ist schon seltsam … Unsere Familie scheint immer wieder in dieselben Muster zu fallen. Wir alle scheinen irgendeinen besonderen Ort aufzusuchen, wenn wir Probleme haben …“, meinte Seiketsu No Akari leicht amüsiert, die auf den ersten Treppenabsatz getreten war, „Du hast dich mit Chiyo gestritten.“
Es war eine reine Feststellung gewesen. Sie war schon immer die Beobachterin der Familie gewesen. Und deshalb stand sie auch gleichzeitig als Kummerkasten zur Verfügung. Der Ritualist nickte. Es konnte nicht sicher schaden, wenn er seiner Großmutter davon erzählte.
„Ich verstehe.“, sagte sie, nachdem er geendet hatte, „Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich dir so früh offenbart, da gebe ich dir Recht … aber hast du mal darüber nachgedacht, warum sie es getan hat?“
Er musste den Blick abwenden, als er antwortete: „Sie hat mir vorgeworfen, ich würde sie wie ein kleines Kind behandeln. Ich weiß nicht … ja, vielleicht habe ich wirklich nicht richtig wahrgenommen, wie reif sie geworden ist. Sie ist das eertvollste in meinem Leben! Ich will doch nur … ich will, dass sie glücklich ist. Ich möchte für sie da sein, sie beschützen …“
„Endlich warst du ehrlich …“, schluchzte Chiyo, die alles mitangehört hatte.
Überrascht starrte Ryukichi sie an. Wieder standen Tränen in ihren Augen, doch diesmal vor Freude und sie warf sich ihm in die Arme.
Zur selben Zeit diskutierte der Rest der Familie ein ganz anderes Thema.
„Glaubst du nicht, es wird langsam Zeit, ihm die Wahrheit zu sagen?“, fragte Shikon No Yosei.
Ryukii No Mai wanderte bereits seit mehreren Minuten durch das Zimmer. Sie hatte einfach keine Ahnung, wie sie es ihrem Sohn beibringen sollte, dass sein Vater Cantha regierte.
„Ich werde es ihm sagen!“, entschied Koichi, „Er muss es erfahren … und entscheiden, ob er mein Erbe eines Tages weiterführen will.“
„Ist das deine einzige Sorge?“, gab die Assassine hitzig zurück.
Ein melancholischer Ausdruck trat in sein Gesicht, als er erwiderte: „Keinem anderem Thronfolger wurde jemals die Wahl gewährt. Sonst hätte ich niemals nach der Krone gegriffen … nicht nachdem ich dich kennengelernt hatte. Aber Ryukichi soll frei wählen, ohne Zwang!“
„Was soll ich wählen?“, wollte besagter Ritualist wissen.
Ohne Vorwarnung standen er, Chiyo und Seiketsu No Akari plötzlich ebenfalls im Raum.
„Das Leben, welches du führen willst …“, antwortete sein Vater, wieder gefasst, „Aber zuvor … hör´ mir zu, mein Sohn … ich bin nicht die Art von Kämpfer, wie du denkst. Meine Schlachten lassen sich nicht mit Schwert oder Stab austragen … Ich bin der vierunddreißigste Kaiser von Cantha!“
Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Keiner der Anwesenden tat auch nur einen Atemzug, jeder blickte gespannt zu Ryukichi und wartete auf seine Reaktion.
Doch er lächelte und erklärte: „Ich weiß … Es ist schon einige Zeit her, da wollte ich unbedingt sehen, was für ein Leben mein Papa führt, wenn er nicht bei uns sein kann. Darum bin ich dir nach Kaineng gefolgt, Mama.“
„Warum hast du nichts gesagt?“, hauchte Ryukii No Mai wie erschlagen.
Er zögerte kurz, dann wandte er sich an Koichi: „Ich wollte es aus deinem Mund hören, wenn … wenn ich wirklich würdig wäre, dein Sohn zu sein und du es überhaupt in Betracht ziehen würdest, ich könne irgendwann deinen Platz einnehmen …“
Der Kaiser ging auf ihn zu, drückte ihn an sich und flüsterte: „Als ich in deinem Alter war, hätte ich mir nicht vorstellen können, ein Kind zu haben … Vor allem keines, auf das ich so stolz sein könnte, wie auf dich, Ryukichi! Es stimmt, wir sind keine Vorzeige-Familie … aber ich bin unglaublich froh, dich als Sohn haben zu dürfen!“
Das Leben ist nicht perfekt … aber es ist schön. Mit all seinen Höhen und Tiefen, Wendungen, Änderungen und unvorhersehbaren Ereignissen. Und es geht immer weiter – denn das Leben endet niemals!
So werden Ryukichi als neuer Kaiser und Chiyo, seine Frau und Beraterin, das Reich des Drachens auf ihre ganz eigene Art prägen … Nicht zu vergessen, dass Koichi ohne die Bürde der Krone endlich frei für seine einzige Liebe sein wird. Und natürlich gibt es auch noch Aufgaben für Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari, die geschworen haben, ihr Dasein für immer in den Dienst Cantha´s zu stellen. Die Unterstützung von Yoso No Koshi, Ryukii No Mai und Toki No Kibo ist ihnen dabei ebenfalls gewiss – denn einmal Verteidiger, immer Verteidiger!
Erzählung 04: Das Schicksal einer Kaiserin
Traditionen sind wichtig … Allerdings ändern sich die Zeiten. Was sagt es über einen aus, ob man als Mann oder Frau geboren wurde? Seit jeher saßen die männlichen Erben auf dem Drachenthron von Cantha … Doch dem fünfundvierzigsten Kaiser wird eine Tochter geboren – Amaterasu Aiko.
Lang lebe die Kaiserin!
In Cantha herrschte Frieden … Nachdem es jahrelang unter den Befallenen, grausamen Straßengilden sowie dem Zwist zwischen den Kurzick und Luxon gelitten hatte. Die grauenhaften Wesen, welche durch die Pest verwandelt wurden, waren von den ersten Generation der Verteidiger des Reichs vernichtet worden. Auch die Am Fah wurden von ihnen zerschlagen – ohne diesen Feind konnten die kaiserlichen Truppen die Jadebruderschaft ebenfalls ausheben. Und durch ihre zunächst nur kurzfristige Verbindung im Kampf gegen den Verräter Shiro Tagachi – und einem kleinen Führungswechsel – beendeten selbst die verfeindeten Fraktionen ihre sinnlose Auseinandersetzung dauerhaft. Nichtsdestotrotz blieb es ein harter Job, Kaiser zu sein … Koteiro Ryukichi, Sohn von Koichi und Ryukii, Enkel von Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo, saß als dreiunddreißigster Herrscher auf dem Thron des Reichs des Drachens, an der Seite seine Frau Chiyo Yumecho, Tochter von Yoso No Koshi und Toki No Kibo, Enkelin von Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari. Eine solche Familie voller Helden konnte eine Bürde sein … jedoch genauso ein Ziel. So gab es für die junge Prinzessin Amaterasu Aiko nur einen einzigen Ort auf ganz Tyria, an dem sie sich würde ausbilden lassen – im Kloster von Shing Jea. Schon als kleines Mädchen hatte Amaterasu Aiko den Wachen des Palastes beziehungsweise den Anwärtern bei ihrem Training zugeschaut, besonders wenn sie ihrer Mutter wieder einmal entfliehen wollte. Später dann hatte sie es sogar gewagt – voranging wenn ihre Eltern in irgendwelchen Staatsangelegenheiten unterwegs waren –, sich hinunterzuschleichen und die Waffen selbst einmal die Hand zu nehmen. Obwohl ihre Eltern und der Großteil ihrer Familie zu den Zauberwirkern gehörte, spürte Amaterasu Aiko in sich nicht das Gefühl der lebendigen Magie … Stattdessen faszinierte sie die unglaubliche Vegetation der Natur, wie etwa auf Shing Jea. Und als ihre Großmutter Toki No Kibo ihr einmal erzählte, dass es auch unzählige Pflanzen mit Heilwirkungen gab, las Amaterasu Aiko in der kaiserlichen Bibliothek etliche Bücher über die verschiedenen Wirkungsweisen. Und da sie gleichzeitig ein gutes Geschick im Zielen zeigte, fiel ihr die Wahl ihres Weges sichtlich leicht. Im ersten Moment sah sich das Kaiserpaar verwundert an, bevor sie lächelten, als sie ihre Tochter mit Pfeil und Bogen erblickten. Wie alle Eltern standen sie im Innenhof und verfolgten, die Neulinge bei ihrem Eintrittsritual – von ein paar Ausnahmen ahnte niemand, dass sich die Herrscher unter ihnen befanden … dies war Amaterasu Aiko´s ausdrücklicher Wunsch gewesen. Ihr ganzes Leben hatte bislang nur aus dem Beobachten anderer und Bücher lesen bestanden … Wie sollte sie regieren und Entscheidungen zum Wohl von Cantha treffen, wenn sie gar nicht wusste, wie es in der Welt außerhalb des Palastes zuging? Ein Problem, welches ihr Großvater Koteiro Koichi nur zu gut gekannt hatte – bei ihrem Treffen war Ryukii No Mai die erste Person, die ich zum Hofstaat gehörte, mit der er sprach, und von der er sich wünschte, mehr über die Welt außerhalb des Raisu-Palastes zu erfahren.
„Deine Großmutter war eine hervorragende Spurenleserin … das hatte sie von ihrem Vater. Wir sind stolz auf dich, hörst du?“, schwelgte Koteiro Ryukichi später stolz.
Amaterasu Aiko´s Griff um ihre Waffe verstärkte sich, ehe sie erzählte: „Hier im Kloster kann ich ein ganz normales Mädchen sein. Ich … bin noch nicht bereit, Kaiserin zu sein.“
Chiyo Yumecho wollte etwas erwidern, doch ihr Mann kam ihr zu vor: „Meine Mutter und mein Vater sind sich eigentlich nur ganz zufällig begegnet … oder auch nicht, wer weiß das schon. Für ihn war der Palast beinahe ein … Gefängnis, eine solche Erfahrung wollten wir dir ersparen. Aber vielleicht hättest du noch mehr Freiraum gebraucht – Chiyo und ich sind schließlich auf Shing Jea aufgewachsen. Das Blut der hiesigen Helden fließt durch deine Adern! Ich bin sicher, es wird dich leiten … Vertrau´ deinem Gespür, kleine Kirschblüte.“
„Danke, Papa.“, antwortete Amaterasu Aiko gerührt, „Mama … verstehst du mich denn auch?“
Die Ritualistin unterdrückte ein Lachen: „Ryukichi hat schon recht – ich wollte aus dir eine perfekte Prinzessin … basteln. Dabei war das vollkommen unnötig. Aus dir wird einmal eine großartige Kaiserin werden, da bin ich ganz sicher … nicht wegen irgendeinem Protokoll, sondern wegen dem, was in dir steckt. Du bist unsere Tochter und wir lieben dich, genauso wie du bist!“
Die angehende Waldläuferin fiel ihren Eltern in die Arme und sie umarmten einander ganz fest.
Die Großmeister und Toki No Kibo´s Nachfolger, der Leiter des Klosters von Shing Jea wussten natürlich, wen sie da unterrichteten – vor den Schülern jedoch wurde ihre Identität auch in den Jahren ihrer Ausbildung geheimgehalten. Doch einen Aspekt hatte Amaterasu Aiko bei der Äußerung ihres Wunsches nicht bedacht – zwar konnte sie ihnen gegenüber über schon sie selbst sein, allerdings ja wiederum trotzdem nicht vollkommen ehrlich … daher konnte sie genauso wenig jemanden wirklich an sich heranlassen. Eine Freundschaft, die auf einer Lüge aufgebaut wurde, konnte nicht bestand haben … Was sie dagegen sehr genoss, war die Zeit mit ihrer Familie – ihren Urgroßeltern Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari, ihren Großeltern Yoso No Koshi, Toki No Kibo, Ryukii No Mai und Koteiro Koichi. Letzterer war ja bekanntlich vor ihrem Vater der Kaiser von Cantha gewesen …
Bei ihm suchte sie Rat: „Opa … warum durfte es bislang in unserem Reich keine Kaiserin geben? Ich meine, was ist so falsch daran, kein Mann zu sein?“
Koteiro Koichi schwieg einige Zeit, bevor er antwortete: „Warum wurden Generationen von Thronfolgern vor ihrer Krönung vor der Welt versteckt? Es tut mir leid, kleine Kirschblüte – ich weiß nicht aus welchen Gründen diese für uns so sinnlos erscheinenden Traditionen ins Leben gerufen worden sind. Andererseits hätte Shiro Tagachi geahnt, dass es mich gibt … hätte er es vielleicht ebenso sehr auf mein Leben abgesehen. Oder hätte Shiko´s Vater verschont … Irgendwann hielt irgendjemand diese Dinge richtig, für unser Land.“
Diese Antwort konnte Amaterasu Aiko sogar in gewissem Maße sogar nachvollziehen … Aber die Zeiten veränderten sich doch, oder nicht? Koteiro Ryukichi hatte sie nicht irgendwo eingesperrt … natürlich, es war ihr ebenfalls nicht gestattet gewesen, allein durch Kaineng zu wandern.
„Niemand kann die Erwartungen von allen erfüllen … Was ist mit dir? Wünschst du dir nicht auch etwas – vom Volk respektiert zu werden zum Beispiel?“, meldete sich auf einmal Shikon No Yosei zu Wort, die gerade eintrat, „Es geht nicht darum, was andere in dir sehen … du selbst musst entscheiden, wer du sein willst.“
Die angehende Waldläuferin umarmte die Älteste Shing Jea´s. Zu ihr hatte sie besondere Verbindung … Während bei ihren Eltern beispielsweise nur das braune Haar von Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari durch gekommen war, hatte Amaterasu Aiko wieder ihr Rot geerbt, was beide sehr stolz machte.
„Man hat immer die Wahl … und Respekt erwächst nur aus Taten. Habe ich dir schon mal vom Volk der Norn in den Fernen Zittergipfeln erzählt?“, fuhr die ehemalige Elementarmagierin fort.
Amaterasu Aiko liebte die Geschichten ihrer Familie, die Erzählungen ihrer Heldentaten … Drachen, Götter, fremde Wesen und einzigartige Orte, gefährliche und fantastische Abenteuer – sie schienen alles erlebt zu haben. Die Norn kannte sie bereits, weil sie schon vom Großen Zerstörer gehört hatte. Dennoch wollte die Rothaarige wissen, warum ihre Urgroßmutter gerade jetzt von ihnen sprach.
„Die Norn sind … Krieger. Und damit meine ich nicht die Klasse – für sie liegt Ehre im Kampf. Ihr Stolz geht ihnen über alles – egal ob Mann oder Frau. Sie glauben, sich den Geistern der Wildnis und ihren Ahnen als würdig erweisen zu müssen. Stärke bedeutet weit mehr, als nur körperliche Kraft oder magische Energie.“, berichtete sie in Gedanken bei ihrer Freundin Jora.
Wie lange hatte sich die Norn allein gequält, ehe sie Hilfe angenommen hatte? Und dann auch nur auf Geheiß der Großen Bärin … Die Schmach ihres Bruder hatte auf ihr gelastet – nur das Blut ihrer Feinde wusch ihr eigenes wieder rein, stellte den Namen ihrer Sippe wieder her. Die Norn mussten ihre Charakterstärke unter Beweis stellen … Dasselbe stand Amaterasu Aiko bevor, wenn sie als Kaiserin akzeptiert werden wollte – vielleicht, wahrscheinlich noch mehr als ein Sohn. Doch der Grundgedanke stimmte schon … Eigentlich war es vollkommen egal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte – einzig die Taten zählten. Mit diesem Elan setzte Aiko ihre Ausbildung fort und verdiente sich das Ansehen des Klosters.
Als vollwertige Waldläuferin, die ihre Klassenbefähigung samt Auszeichnung in Händen hielt, hatte sich eines jedoch immer noch nicht geändert – Amaterasu Aiko fürchtete sich davor, den Thron zu besteigen … aus Angst die an sie gerichteten Erwartungen nicht erfüllen zu können. Daher suchte sie erneut die Weisheit ihrer Urgroßmutter Shikon No Yosei.
„Mit dem Ende deiner Ausbildung hast du erst den ersten Schritt gemacht.“, meinte sie sanft, „Und glaube mir, ich hätte mir danach auch mehr Zeit gewünscht, um … mich auf meine Rolle vorzubereiten.“
Amaterasu Aiko nickte, hakte jedoch nach: „Trotzdem hast du dich deiner Aufgabe gestellt … Wie hast du das geschafft?“
„Mit gerade einmal fünfzehn Jahren dem Kloster entwachsen gewesen und schon war meine ganze Welt in Gefahr – tatsächlich gibt es auf deine Frage eine simple Antwort … Ich war niemals allein. Mein Meister … mein Vater war bei mir und kurz darauf bin ich ja deinem Urgroßvater begegnet. Er hat mir die notwendige Kraft gegeben und mich wieder aufgerichtet, wenn ich gezweifelt habe.“, antwortete Shikon No Yosei und schloss träumerisch die Augen beim Gedanken daran.
Gerührt, dennoch frustriert entgegnete ihre Urenkelin: „Aber ich werde allein auf dem Thron sitzen!“
„Physisch, ja. Das bedeutet allerdings nicht, dass du alleine sein wirst – Aiko, du brauchst Leute um dich, denen du vollkommen vertraust … die ehrlich zu dir sind, obwohl du der nächste Regent bist. Nichts auf der Welt ist wichtiger, als Menschen um sich zu haben, die einen um seiner selbst willen achten.“, erklärte die ehemalige Elementarmagierin, während sie einen kleinen, silbernen Gegenstand aus der Tasche zog, „Wie gesagt, du befindest dich noch ganz am Anfang und musst deinen Weg erst noch finden … Dieses tragbare Portal kann dir vielleicht dabei helfen – es bringt dich an jeden Ort, dessen Namen du aussprichst … Mein Rat wäre, geh´ in die Bjora-Sümpfe zu Svanja Eystinsdottir. Sie ist die Tochter meiner Gefährtin Jora und ich bin sicher, du kannst einiges von ihrem Volk lernen.“
Zunächst konnte die Waldläuferin ihre Urgroßmutter nur wortlos anstarren, dann fiel sie ihr um den Hals. Insgeheim hatte sich Amaterasu Aiko gewünscht, die Norn kennenzulernen, seit sie ihr zu Beginn ihrer Ausbildung von ihnen erzählt hatte. Nur wie hätte sie zu ihnen gelangen sollen? Eine Schiffsreise nach Löwenstein wäre ja noch gut vonstatten gegangen, vielleicht sogar noch bis zur Grenze der Nördlichen Zittergipfel. Doch ohne Führer hätte sich die junge Thronanwärterin niemals durch die eisige Tundra schlagen können und wäre darüber hinaus noch vor allem an ihrem Zielort angekommen. Dieses Geschenk dagegen änderte alles – man hätte diesen Stab zwar für ein einfaches Stück Metall halten können … nichts außergewöhnliches, vielleicht ein nicht verwendeter Dolchgriff oder etwas vergleichbares; jedoch weit gefehlt … In ganz Tyria gab es kaum etwas vergleichbareres – ein tragbares Portal, entwickelt von von einem grandiosen Asura namens Vekk, einem weiteren Verbündeten ihrer Urgroßeltern und seine Anerkennung an Shikon No Yosei für ihre außergewöhnliche Freundschaft. Jahrelang wurde es sicher von ihr verwahrt – nun hatte sie es an Amaterasu Aiko weitergegeben.
Bevor sie sich bedanken konnte, fügte die Älteste noch hinzu: „Mach´ dir wegen Ryukichi und Chiyo keine Gedanken – Ryukii hat bereits mit ihnen gesprochen. Jeder muss sich irgendwann aufmachen in die große, weite Welt … Eltern müssen nur lernen, dass das auch für ihre Kind gilt.“
Und es zeigte tatsächlich Wirkung, dass die Assassine ihrem Sohn ins Gedächtnis rief, dass sie sich nur als Schattendiener in den künftigen Kaiser hatte verlieben können … weil sie Shing Jea verlassen hatte, um eigene Erfahrungen zu sammeln. Ebenso wie die Eltern seiner Frau. Außerdem wurde Amaterasu Aiko ja auch nicht zu irgendwelchen Fremden geschickt oder gar in die Wildnis – die Fernen Zittergipfel mochten zwar kein entspannter Urlaubsort sein, aber ohne Zerstörer würde sie sich mit ihren klassengegebenen Fähigkeiten schon zu helfen wissen.
Schnee – wohin sie auch sah lag über allem eine weiße Decke. Ein Anblick, der ihr als gebürtige Canthanerin noch nicht untergekommen war. Falls es im Reich des Drachens überhaupt schneite, waren es nur wenige Flocken. Amaterasu Aiko richtete ihren Umhang, ehe sie an der Holzhütte klopfte, vor der sie gelandet war. Noch immer konnte ein Teil von ihr es nicht fassen, wirklich hier zu sein … Ihre Mutter hatte sich bemüht, dennoch waren einige Tränen über ihre Augenränder getreten. Etwas beherrschter war ihr Vater gewesen – er hatte sie angelächelt und ihr versichert, dass aus ihr einmal eine wundervolle Kaiserin werden würde. Die Tür wurde geöffnet, was sie zurück in die Gegenwart riss – vor ihr stand eine Frau mit langem, blonden Haar, die fast doppelt so groß war, wie Amaterasu Aiko selbst.
„Seid gegrüßt, Svenja Eystinsdottir. Ich bin Amaterasu Aiko. Habt vielen Dank, dass ich bei Euch unterkommen und von euch lernen darf.“, sagte die Rothaarige mit einer leichten Verbeugung.
Als kleines Mädchen hatte man ihr beibringen sollen, dass eine Hoheit oder Majestät sich nicht vor anderen zu verneigen hätte … daran gehalten hatte sie sich jedoch nie – wenn jemand ihren Respekt verdiente, wollte sie diesen auch bekunden!
Die Norn musterte sie eindringlich und wartete, bis die Waldläuferin sie wieder ansah, ehe sie deren rechten Unterarm zum Kriegergruß ergriff und sagte: „Unsere Vorfahren waren Freunde – wir werden diese Tradition weiterführen. Sei willkommen in meiner Heimstatt!“
Glücklich trat Amaterasu Aiko ein und schaute sich um. Ein großer Wohnbereich mit einem prasselnden Feuer, das gleichsam als Kochstelle diente, fiel ihr zuerst auf – es wirkte gemütlich mit den vielen Fellen. An den Wänden hingen Kohlezeichnungen.
Ihrem Blick folgend erklärte Svanja: „Die hat alle mein Sohn Joras gezeichnet. Er ist gerade noch unterwegs.“
Die beiden setzten sich an das Feuer und unterhielten sich; Svanja plante sie zusammen mit ihrem Sohn nach Nornweise zu trainieren – um ihr Selbstbewusstsein weiter zu stärken. Irgendwann ging die Tür erneut auf – ein junger Mann, ebenfalls blond, mit leichten Bartstoppeln trat ein. Im ersten Moment verwunderte ihn Amaterasu Aiko´s Anwesenheit, dann fiel ihm ein, was die Unbekannte hier zu suchen hatte …
„Willst du unseren Gast nicht begrüßen?“, brummte Svanja verärgert.
Joras zog die Schultern und entgegnete: „Das hast du sicher schon zu Genüge getan. Sie weiß sicher auch bereits meinen Namen. Also, was sollte ich da noch hinzufügen?“
Der Norn wartete eine mögliche Antwort seiner Mutter nicht ab, sondern begab sich durch den Flur in sein Zimmer. Sie seufzte resigniert – seit sein Vater sie verlassen hatte, hörte er einfach noch weniger auf ihre Worte …
„Er ist ein Hitzkopf …“, meinte die Blonde entschuldigend, „Er glaubt, er müsse sich gegen alles und jeden beweisen. Das ist ein Teil jedes Norn, aber … er leidet, weil er sich zu sehr mit anderen vergleicht – statt zu akzeptieren, was ihm gegeben ist, zermürbt ihn der Wunsch, anders sein zu wollen.“
Amaterasu Aiko schloss für einen Moment die Augen, ehe sie erwiderte: „Das verstehe ich wirklich sehr gut … Ich werde die erste weibliche Kaiserin in der Geschichte Cantha´s sein – als männlicher Nachkomme wäre vieles wohl leichter gewesen … Meine Urgroßmutter hat mich immer bestärkt, stolz darauf zu sein, was und besonders wer ich bin.“
„Meine Mutter hat oft von ihr gesprochen … als einzige menschliche Norn, die ihr je begegnet wäre. Andererseits verstand sie ebenso die Denkweise der Asura, Zwerge und selbst Charr.“, erzählte Svanja voller Bewunderung.
Keine von beiden hatte bemerkt, dass Joras sie bis zu diesem Zeitpunkt belauschte. Er ballte seine Hände zu Fäusten. Ja, manches wäre sicher leichter, wenn man so sein könnte, wie man es sich wünschte … Zu oft war er dem Spott seiner Gleichaltrigen ausgesetzt, weil seine Körpergröße etwas unterdurchschnittlich war. Machte ihn das automatisch zu seinem schlechten Jäger, einem schwächlichen Norn? Es hatte ihm absolut nicht gepasst, einen Menschen bei sich aufzunehmen – nicht weil er selbst etwas gegen ihre Rasse oder gar gegen Amaterasu Aiko persönlich etwas hatte, sondern weil er den anderen nicht noch mehr Anlass geben wollte über ihn zu lachen … Nun saß in seinem Heim allerdings ein Mädchen, das denselben Schmerz kannte …
„Im Schießen muss ich dich jedenfalls nicht mehr trainieren … Du bist sehr gut ausgebildet. Aber was ist mit dem Überleben in der Wildnis? Wenn es nicht nur um dein eigenes Leben geht – wenn die Jäger nicht mit Beute zurückkehren, muss ihre Heimstatt Hunger leiden … Eine falsche oder fahrlässige Entscheidung kann weite Kreise ziehen.“, meinte Svanja ernst.
Selbiges galt für die Entscheidung eines Herrschers … bei einem Fehler musste das Volk leiden – daher wollte Amaterasu Aiko wissen: „Wie vermeidet ihr das?“
„Wir jagen im Rudel. Erfahrenere Jäger geben ihr Wissen an die nächste Generation weiter.“, antwortete die Norn und schoss ebenfalls einen Pfeil punktgenau ins Ziel, „Natürlich stellen wir uns besonderen Gegnern allein – wenn es um die Ehre geht. Aber keiner von uns käme jemals auf die Idee, das Überleben seiner Sippe leichtfertig zu riskieren.“
Auf ihre Situation bezogen bedeutete dies also – genau, wie Shikon No Yosei ihr geraten hatte – sie brauchte Berater mit speziellen Fachgebieten an ihrer Seite, denen sie vertraute … keine pathetischen Minister, die ihr eigenes Süppchen kochten und zuallererst an ihren eigenen Profit dachten. Ihr Großvater und ihr Vater hatten schon einiges im Himmelsministerium umgekrempelt – sie würde noch weiter gehen.
Entsprechend dieses Gesprächs war es Joras´ und Amaterasu Aiko´s nächste Aufgabe, auf Beutezug zu gehen – nichts großes und trotz Svanja´s Worte jeder für sich, um zu testen, wie beide auf sich allein gestellt klar kamen. In den letzten Wochen hatte keiner der anderen Jäger von irgendwelchen Wurmsichtungen oder sonst einer wirklichen Gefahr gesprochen, da konnte sie diese Entscheidung guten Gewissens verantworten. Joras und Amaterasu Aiko wandten sich in unterschiedliche Richtungen. Da es sie gleichzeitig verstärkt nach Spuren Ausschau halten musste, hatte sie sich für einen kürzeren Bogen mit kleinerer Reichweite entschieden und trug ein Jagdmesser am Gürtel. In dieser Gegend trugen die meisten Tiere ein weißes Fell für optimale Tarnung. Svanja hatte ihr geraten, besonders unter Bäumen oder Büschen nach kahl gefressen Stellen zu suchen. Amaterasu Aiko wurde recht schnell fündig, im feinen Schnee entdeckte sie sogar die passenden Pfotenabdrücke. Eine Gruppe von Wildkaninchen musste hier gewesen sein … Eilig folgte sie ihnen und gelangte direkt zu einem Hügel mit ihrem Bau. Auf diesen kletterte die Waldläuferin und stampfte mehrfach fest auf, was die Langohren herausscheuchte. Auf diese Art erlegte Amaterasu Aiko insgesamt sechs Kaninchen, anschließend schoss sie noch zwei große Wühlmäuse. Zufrieden machte sich die Rothaarige auf den Rückweg. Ein eigenartiger Laut ließ sie innehalten – er war nicht direkt bedrohlich gewesen … sondern eher schmerzerfüllt und eindeutig von einem Tier. Sie machte sich auf die Suche nach dem Ursprung. Vor einer Höhle blieb sie stehen. Noch einmal erklang das gequälte Knurren. Mit dem Bogen über der Schulter und dem Messer in der Hand ging Amaterasu Aiko hinein. Dort entdeckte sie einen verletzten, schwarzen Wolf. Für gewöhnlich lag sein Jagdgebiet weiter östlich, wo die Tundra einer grünen Landschaft wich – wahrscheinlich war er von seinem Rudel verstoßen oder getrennt worden und bei seinen hiesigen, weißen Verwandten nicht gut angekommen.
Amaterasu Aiko ging in die Hocke und flüsterte: „Es wird alles wieder gut, hörst du? Ich will dir helfen …“
Der Wolf hob die Lider und blickte sie aus rubinroten Augen an. Sie holte hörbar Luft. In ihnen lag unheimliche Intelligenz und Wärme … Vorsichtig kam sie näher, während sie eine Salbe und Verbandsmaterial aus der Tasche nahm. Um ihn von den Schmerzen abzulenken, legte sie ihm die Wühlmäuse und zwei Kaninchen zum Fressen hin, über die er sich sofort hermachte. Und Amaterasu Aiko machte sich ans Werk. Die Bisse waren nicht bis zu den Knochen durchgedrungen, doch ihre Vielzahl hatte ihn so geschwächt, dass er nicht mehr jagen konnte …
„Jetzt wird es dir bald besser gehen. Ich komme morgen wieder und bringe dir etwas zu fressen – ruh´ dich bis dahin aus.“, erklärte Amaterasu Aiko in dem festen Glauben, er würde jedes Wort verstehen.
So kehrte sie zu Jora´s Heimstatt zurück. Svanja und wenig überraschend Joras erwarteten sie bereits.
Letzterer zeigte triumphierend auf seine eigene Beute – einen Bison –, kaum dass er die vier verbliebenen Wildkaninchen sah und rief: „Ich wusste, ich würde gewinnen!“
Da traf ihn die Hand seiner Mutter im Gesicht, dass er taumelte, und sie blaffte: „Du bist vor allem ein Narr! Dein ganzes Leben lang bist du hier im Gelände unterwegs und findest dich daher natürlich besser zurecht – Aiko dagegen ist erst wenige Wochen bei uns und war dennoch erfolgreich … Die wichtigste Lektion hast du noch immer nicht gelernt. Es stimmt, ein Norn ist stark und stolz, wir kämpfen allein – aber nie nur für sich allein. Wir helfen einander, sonst würden selbst wir in dieser Gegend nicht überleben! Fang' endlich an Verantwortung zu tragen!“
Er starrte sie an, konnte ihr jedoch nicht widersprechen. Das Leben in den Fernen Zittergipfeln war kein Spiel … Bislang hatte er alles seiner Mutter überlassen – natürlich hatte er bereits mehrfach gejagt, allerdings nur zum Zeitvertreib. Sein Blick fiel auf Amaterasu Aiko, die ihn unverwandt ansah – es lag kein Mitleid darin … das hätte ihn fertiggemacht, auch kein Ärger … nur Verständnis. Klar, Svanja hatte ihr ja alles erzählt. Ohne eine Antwort verließ er die Hütte.
Beinahe zwei ganze Wochen vergingen, ehe sich Joras wieder blicken ließ. Tage, die Amaterasu Aiko damit verbrachte, den verwundeten Wolf zu versorgen. Täglich brachte sie ihm frisches Fleisch und täglich ging es ihm besser. An dem Tag, an dem Joras zurückkehren sollte, nahm die Waldläuferin die Verbände endgültig ab – der Rest würde ohne sie verheilen.
„Von nun an kommst du wieder ohne mich zurecht.“, erklärte sie ihm mit einer Spur Traurigkeit in der Stimme, „Pass´ gut auf dich auf und geh´ den Norn aus dem Weg!“
Amaterasu Aiko hatte den Höhleneingang noch nicht erreicht, da stupste der Wolf ihre Hand mit seiner Schnauze an. Als sich ihre Blicke daraufhin treffen, scheinen sich ihre Seele miteinander zu verbinden …
Gerührt davon, dass er sie als Alphatier gewählt hatte, streichelte Amaterasu Aiko ihn zwischen den Ohren und sagte: „Es freut mich, dich kennenzulernen, Susanoo.“
Zur Bestätigung heulte Susanoo auf, was sie zum Lachen brachte. Ebenfalls zum Lachen zumute war Svanja, als die beiden bei der Heimstatt ankamen.
„Der Wolfsgeist erfüllt dich, Aiko – sein Segen hat euch zusammen geführt.“, sprach sie und kniete vor Susanoo nieder.
Ein weiterer Neuankömmling trat zu ihnen und meinte mit hochgezogenen Augenbrauen: „Kaum drei Monde in den Fernen Zittergipfeln und schon fast eine echte Norn!“
„Joras!“, riefen die beiden Frauen wie aus einem Mund.
Joras ging zu seiner Mutter, reichte ihr die Hand und sie erhob sich. Stumm tauschten sie sich aus, schließlich schüttelte Svanja den Kopf und umarmte ihren Sohn. Anschließend zog sie sich in die Hütte zurück.
Vorsichtig fragte Amaterasu Aiko: „Wo … warst du die ganze Zeit?“
„Bei meinem Onkel in Gunnar´s Feste. Unter anderem deswegen …“, antwortete der Blonde und überreichte ihr ein verschnürtes Päckchen.
Darin befand sich eine Waldläufer-Rüstung aus weißem Wildleder und schwarzem Fellbesatz, verziert mit Ornamenten und Runen der Norn.
„Der Sommer ist vorbei. Von nun an wird es kälter – Segen hin oder her, dein Körper würde zu Grunde gehen.“, brummte er, um seine Verlegenheit zu überspielen, „Trage sie mit Stolz – die verwendeten Materialien stammen alle von Tieren, die ich selbst erlegt habe.“
Vollkommen überwältigt blinzelte sie einige Mal, bevor die Rothaarige euphorisch entgegnete: „Oh, ich danke dir, Joras, diese Rüstung ist fantastisch! Es ist mir eine sehr große Ehre!“
Seine Wangen brannten, jedoch nicht vor Kälte …
Ein Jahr verging, indem der Mond zwölf Zyklen absolvierte … eigentlich ein langer Zeitraum – allerdings nicht, wenn man diesen in einem fremden Land verbrachte, um neues zu lernen und zu sich selbst zu finden. So kam der Tag von Amaterasu Aiko´s Abschied von den Fernen Zittergipfeln, Svanja und Joras … Etwas, das ihr sehr schwer fiel. Genauso wie den beiden Norn.
Vor der Hütte hatte sie sich alle versammelt – Amaterasu Aiko berührte den Jadestein auf ihrer Stirn, das Symbol ihrer hohen Geburt und sagte: „Ich danke euch von Herzen – ich habe es endlich verstanden. Es geht nicht darum, mich zu beweisen, weil ich als Mädchen geboren wurde … ich muss mich um meiner selbst beweisen. Vielen, vielen Dank!“
„Du bist in unserer Heimstatt jederzeit willkommen, meine Schwester.“, entgegnete Svanja und statt einer typischen Verabschiedung umarmte sie die Waldläuferin, die daraufhin eine Träne verdrückte, „Und du passt gut auf sie auf, ja, Susanoo?“
Ein zustimmendes Heulen kam von ihn. Inzwischen ahnte Amaterasu Aiko, dass ihre Urgroßmutter eben auf einen solchen Ausgang gehofft hatte. Svanja sah die Welt auf eigene Weise – einerseits so wie alle Norn und andererseits wie es eben nur »Svanja Eystinsdottir« konnte … einzig von ihr hatte sie diese Lektion lernen können – egal ob Kaiser oder Kaiserin … es ging nur um den Menschen. Hinzu kam ihre beinahe schicksalhafte Begegnung mit Susanoo – Tier oder nicht, nie mehr würde sie sich einsam fühlen müssen. Ein Gefühl, vor dem sie sich bislang immer am meisten gefürchtet hatte … Apropos Gefühle – Joras sah betreten zu Boden. Wie nach seiner Rückkehr ließ Svanja die beiden allein, nachdem sie Amaterasu Aiko noch einmal angelächelt und den Wolf gekrault hatte.
„Ich werde unsere Wettstreite vermissen.“, meinte sie scherzend.
Er gluckste und bestätigte: „Du konntest es mit einem Norn aufnehmen – da schaffst du alles!“
Da beugte er sich plötzlich zu ihr herunter und küsste sie … und sie erwiderte seinen Kuss.
„Das musste ich tun … einmal wenigstens.“, hauchte er nahe ihren Lippen, ehe er diese erneut mit seinen berührte.
Kurz wünschte sich Amaterasu Aiko alles könnte anders sein – sie würde nicht Kaiserin werden, er wäre nicht als Norn geboren worden … aber dann hätte sie wohl nicht so für ihn empfunden. Und dennoch gab es für sie keine Zukunft, das wussten beide … Sie verharrte noch einen Moment länger in seinen Armen, dann trat die Rothaarige von ihm zurück. Selbst dass sie ihn jetzt verlassen musste, würde eines nicht mehr ändern, sich nie mehr ändern – Joras hatte sie einen Mensch als gleichwertig anerkannt! Ohne ein bewusstes Kommando rannte Susanoo an die Seite seiner Herrin und sie legte eine Hand auf seinen Rücken.
„Danke … Leb´ wohl!“, flüsterte Amaterasu Aiko gerührt, während sie den silbernen Stab aus der Tasche zog, der sie zu ihm gebracht hatte, „Stadt Kaineng.“
Ein Sog erfasste beide, ihnen wurde schwarz vor Augen. Nur Sekunden später drang bereits der lebhafte Trubel an ihre Ohren und sie standen am Springbrunnen inmitten des Handelsviertels der Hauptstadt. Es war merkwürdig in diese vollkommen andere Welt zurückzukehren – früher war ihr Kaineng sicher nicht zu eng vorgekommen. Klar, die Stadt war stets recht besiedelt und die Gebäudekomplexe ragten teilweise übereinander, aber das war der Charme der Hauptstadt. Nun dagegen sehnte sich Amaterasu Aiko sofort wieder nach der weiten, schneebedeckten Landschaft … unwillkürlich musste sie lächeln. Joras würde garantiert die Augenbrauen hochziehen und die Stirn kräuseln, würde sie ihm davon erzählen können. Dabei konnte sie ihm nicht einmal wirklich einen Brief schicken … Eine Welle von Melancholie überrollte die Waldläuferin. Da schubste sie Susanoo mit der Schnauze an und sie kraulte seine Ohren.
„Ja, das hier ist mein wahres Zuhause. Ich bin die Tochter des Kaisers … seine Nachfolgerin. Und ich bin glücklich, dass du mir zur Seite stehst!“, meinte sie ernst.
Seine rubinroten Augen funkelten, als ahnte er, was an anderer Stelle der Stadt vor sich ging … denn Koteiro Ryukichi saß mit seinen Ministern zusammen, die wild auf ihn einredeten. Sein Vater hatte bereits begonnen, Ordnung in die korrupten Ministerien zu bringen – er selbst hatte die vier Ministerien vollständig aufgelöst und neue Positionen geschaffen.
Einer der Berater erhob sich, was die anderen verstummen ließ, und sagte ernst: „Bislang war Prinzessin Aiko der einzig mögliche Thronfolger … daher hätten wir uns irgendwie damit abgefunden. Doch nun habt Ihr, Eure Majestät, einen männlichen Nachkommen!“
Während Amaterasu Aiko nämlich ein Jahr unter Norn gelebt hatte, war ihre Mutter überraschenderweise erneut in freudiger Erwartung gewesen … und diesmal hatte sie einem kleinen Prinzen das Leben geschenkt. Ein männlicher Nachkomme, dessen Existenz nun Amaterasu Aiko´s kompletten Anspruch auf die Erbfolge in Frage stellte …
Der Ritualist allerdings wurde darüber äußerst ungehalten: „Meine Tochter wird Kaiserin werden … Mein Vater, Kaiser Koichi empfand, mich als würdig, ihm nachzufolgen. Und ich sehe Aiko als nächste Herrscherin.“
„Das entspricht einfach nicht den Traditionen!“, begehrte ein anderer auf, „Sie ist eine Frau und-“
Endgültig vom Zorn gepackt, schlug Koteiro Ryukichi die flachen Hände auf den Tisch und blaffte regelrecht: „Ich möchte die Herren Minister höflichst daran erinnern, dass alle Bewohner Cantha´s es explizit einer Frau zu verdanken haben, überhaupt noch am Leben zu sein – unter Shiro Tagachi wäre unser Reich vernichtet worden! Für gewöhnlich bin ich dankbar für Ihrer aller Rat … doch dies ist ein Kaisertum und hier herrscht einzig meine Befehlsgewalt! Ich habe bei meiner Krönung geschworen, stets zum Wohl von Cantha zu handeln – und damit werde ich heute sicherlich nicht aufhören!“
Im Palast erwarteten Amaterasu Aiko demnach zwei schockierende Nachrichten – wobei die vollkommene Freude über ihren kleinen Bruder Tsukuyomi Toya alles andere in den Schatten stellte. Vom ersten Augenblick an liebte sie ihn von ganzem Herzen.
„Du wirst stolz auf deine große Schwester sein, das verspreche ich dir … Ich werde nicht klein beigeben.“, flüsterte sie, während er in ihren Armen schlief, „Aber dafür muss ich erneut fort … Es gibt nur ein einziges Wesen, das mir meine Frage beantworten kann.“
Ihr Vater war lautlos eingetreten und sagte verständnisvoll: „Ich bin glücklich … zu was für einer selbstbewussten, jungen Frau du herangewachsen bist. Sorge dich nicht – wenn ich meine Krone übergebe, dann nur an dich, kleine Kirschblüte.“
Dankbar umarmte sie Koteiro Ryukichi, wobei sie ihm vorsichtig Tsukuyomi Toya übergab.
„Ich lasse Susanoo bei euch. Er wird Toya beschützen.“, erklärte Amaterasu Aiko und hauchten beiden jeweils einen Kuss auf die Wange.
Einst hatten sich ihre Großeltern auf den Weg an jenen Ort gemacht … sich dafür einmal komplett durch den ganzen Echowald geschlagen, bis zur südlichsten Spitze des Jademeeres … Die Waldläuferin dagegen brauchte natürlich nur wenige Sekunden, in denen sie das tragbare Portal an den Fuß des Erntetempels in den Verschlafenen Gewässern brachte. Dies war einst ein hochheiliger Ort gewesen … Jedes Jahr hatte der amtierende Kaiser mit seinem Gefolge zu den Geistern der Nebeln gebetet, um für eine erfolgreiche Ernte zu bitten. Vor knapp dreihundert Jahren fand diese Tradition ein Ende … am Tag des »Jadewindes«, der das Antlitz Cantha´s für immer verändert hatte. Ihr Atem ging schneller, während sie die Stufen erklomm.
Im Herzstück des Tempels angekommen, kniete Amaterasu Aiko nieder und sprach ehrfürchtig: „Oh, weise Drachin … ich ersuche Euch um Rat. Wie kann ich all jene von mir überzeugen, die gegen mich als Kaiserin sind?“
Kuunavang sah prüfend auf sie herab, bevor sie entgegnete: „Ich wusste, Ihr würdet eines Tages mit dieser Frage zu mir kommen … Um einen Weg in die Zukunft zu finden, muss man sich erst mit der Vergangenheit auseinander setzen – Euren Urgroßeltern gelang es, Shiro Tagachi aufzuhalten und Eure Großeltern vernichteten ihn endgültig. Doch noch immer bleibt die Frage offen, warum all dies geschehen musste … Niemand außer Shiro Tagachi selbst weiß, weshalb der kaiserliche Leibwächter – des Kaisers getreuester Diener – sich gegen seinen Herrn wandte … Wollte er die bislang ununterbrochene kaiserliche Thronfolge durchtrennen und sich selbst zum Kaiser krönen? Wollte er sich dafür rächen, nicht in die Hauptfamilie geboren worden zu sein? Wollte er womöglich eine Art der Macht an sich reißen, die Historiker nicht mehr nachvollziehen können? Oder hatte es gar einen völlig anderen Grund? Hört mir zu, Amaterasu Aiko, Tochter des Koteiro Ryukichi, Nachfahrin der lebenden Legende Shikon No Yosei … in Euch fließt dasselbe Blut, wie in seinen Adern – deshalb kann ich Euch in jene Zeit zurückzuschicken, damit Ihr die Geschehnisse mit eigenen Augen erblicken könnt. Und vielleicht findet Ihr so auch die Antwort, nach der Ihr sucht … Doch seid gewarnt – Shiro Tagachi selbst darf Euch unter keinen Umständen sehen!“
Cantha hatte sich diesem Versprechen nie ganz erholt … das Reich verdiente zumindest die Wahrheit – daher erhob sie sich entschlossen und antwortete: „Ich werde alles dafür tun, um mein Versprechen an Toya zu halten!“
„Nun denn … Shiro Tagachi wuchs ursprünglich in ärmlich in den Gassen Kaineng´s auf, weil seine Blutlinie jedoch bis zu einer der Konkubinen des ersten Kaisers Kaineng Tah zurückreichten, gestatte man ihm eine Ausbildung im Kloster von Shing Jea. Nachdem er seine Assassinen-Befähigung in Händen hielt, schloss er sich der kaiserlichen Garde an und machte sich unter ihnen einen Namen, woraufhin er zum Leibwächter des sechsundzwanzigsten Herrschers von Cantha, Kaiser Angsiyan befördert wurde. Bis zu jenem schicksalhaften Tag galt er als loyal dem Kaiserreich gegenüber … Wandelt nun auf seinen Spuren und lasst Euch nicht vom Zorn blenden.“, erklärte Kuunavang und schlug mit ihren Flügeln, woraufhin sich ein magischer Kreis um Amaterasu Aiko bildete.
Sie fiel, gar minutenlang. Schließlich prallte sie auf dem kalten Boden auf. Ihre Finger streiften über den Untergrund, der ihr seltsam vertraut vorkam – sie war in einer kleinen Gasse der Hauptstadt gelandet! Sofort schossen ihr die Worte von Kuunavang in den Kopf – sie sprang auf die Füße, drückte sich gegen die Hauswand und verbarg ihr Gesicht hinter einer Maske. Nur wenige Wimpernschläge später passierte eine hochgewachsene Gestalt die Stelle, an der sich die Waldläuferin verbarg – als Assassine wäre es ihr wahrscheinlich noch besser gelungen, doch zum Glück gehörte Tarnung auch zur Ausbildung ihrer Klasse. Und der junge Shiro Tagachi, dessen Gesicht noch nicht von Narben überzogen war, schien von irgendetwas abgelenkt zu sein … Er sah sich mehrfach um, beobachtete die Bewohner bei ihrer Arbeit. Es lag eine gewisse Melancholie in seinem Blick ... Er griff in seine Tasche, holte einige Goldmünzen heraus und warf sie den Kindern zu, die sich regelrecht darauf stürzten – alle, bis auf ein Mädchen.
„Wie lautet dein Name, Kleine?“, wollte der Assassine von ihr wissen.
Ihre Augen wirkten kalt für ein Kind, genauso wie ihre Stimme: „Vizu.“
Verblüfft horchte Amaterasu Aiko auf. Laut der Legende war sie es gewesen, die es dem Kurzick Viktor und dem Luxon Archemorus ermöglicht hatte, den Verräter zur Strecke zu bringen …
„Ich bin Shiro Tagachi. Sage mir, Vizu … möchtest du mit mir kommen und von mir das kämpfen lernen?“, gab er unverwandt zurück.
Vizu wunderte sich über dieses Angebot nicht weniger, als die versteckte Prinzessin.
„Mir hat einmal eine Wahrsagerin prophezeit, ich würde irgendwann einem Kind begegnen, das mein Schicksal bestimmen würde …“, erklärte er freundlicher und reichte ihr eine Hand, „Und dass ich dieses Kind erkennen würde, sobald es mir begegnen würde. Ich bin wohl endlich fündig geworden.“
Wenn irgendetwas so überhaupt nicht in das Profil von »Shiro Tagachi, dem Verräter« passte, war es genau diese Situation – er nahm ein Kind von der Straße bei sich auf … nur wegen der haltlosen Prophezeiung einer Wahrsagerin? Natürlich hatte er danach nach etwas gesucht … vielleicht war es ihr Blick gewesen. So oder so konnte die Rothaarige kaum fassen, was sie mitangesehen hatte – noch völlig unwissend, wie wahr jene Worte jedoch werden würden …
Kaum dass Vizu sich von ihm hatte aufhelfen lassen, änderte sich die Szenerie um sie herum. Zwar waren sie noch immer Kaineng, doch etwas hatte sich verändert – beziehungsweise jemand oder besser gesagt beide. Vizu musste nun ungefähr im selben Alter sein, wie Amaterasu Aiko und vollführte gerade einen perfekten Schattenschritt, durch den sie einen ganzen Trupp Am Fah in Sekunden mit ihren Dolchen tötete. Richtig, sie war ja ebenfalls unter die Assassinen gegangen …
„Du könntest mich wirklich noch übertreffen … Durch deine Wendigkeit teilst du nicht meine Schwäche. Ich bin sehr stolz auf dich, meine Schülerin – nun gibt es nichts mehr, das ich dir noch beibringen könnte.“, lobte Shiro Tagachi sie, der nun exakt den Beschreibungen ihrer Familie entsprach.
Vizu grinste breit, doch widersprach sie ihm: „Meine Fähigkeiten verdanke ich allein Euch, Meister! Vom Kaiser einmal abgesehen, seid Ihr der einzige Mann, den ich respektiere und … verehre.“
Währenddessen trat sie näher an ihn heran und fuhr mit den Händen über seine Arme, bis hoch zu seinem Nacken.
Shiro Tagachi wandte den Blick von ihr ab und meinte gequält: „Mein Gesicht … Stößt es dich nicht ab?“
„Fragt Ihr mich das wirklich? Ihr seid der begnadeteste Assassine ganz Cantha´s und Leibwächter seiner Majestät – jede Eurer Narben ist eine Auszeichnung, ein Beweis Eures Mutes.“, antwortete Vizu vollkommen überzeugt und überwand den letzten Abstand zwischen ihnen.
Erst zögerte Shiro Tagachi noch, dann erwiderte er den Druck ihrer Lippen und drückte sie fest an sich. Eigentlich wäre es nun angebracht gewesen, wegzusehen – aber Amaterasu Aiko hatte nur diese eine Chance, um das Geheimnis zu lüften, da durfte sie nicht zufällig etwas verpassen. Und tatsächlich entdeckte sie plötzlich jemanden, der die beiden ebenso verborgen beobachtete …
„Davon darf niemand erfahren …“, flüsterte der Assassine, ohne die Umarmung zu lösen, „Geh´ jetzt und erstatte Bericht. Ich komme später nach in den Palast.“
Sie nickte, sah ihm jedoch weiterhin fest in die Augen. Auch Shiro Tagachi machte trotz seiner Worte keine Anstalten, sie gehen zu lassen … stattdessen küssten sie einander noch einmal, diesmal leidenschaftlicher. Nun musste die Waldläuferin doch für einen Moment die Augen schließen und gestattete sich, kurz an Joras zu denken. Hastig schüttelte sie den Kopf, konzentrierte sich wieder auf das Geschehen – Vizu war bereits verschwunden. Da trat die Frau aus ihrem Versteck, die die Szene ebenfalls verfolgt hatte.
„Sieht so aus, als hättet Ihr das Kind Eures Schicksals gefunden …“, sprach sie mit mysteriöser Stimme, „Mehr noch … Ihr habt Euch sogar in dieses Mädchen verliebt.“
Der Schwarzhaarige ballte die Hände zu Fäusten – offensichtlich ärgerte er sich über seine Unaufmerksamkeit – und knurrte: „Was wollt Ihr von mir?“
„Ich will gar nichts von Euch – doch das Schicksal hat seine Pläne mit Euch, Shiro Tagachi … Ihr seid zu großem bestimmt! In Euren Adern fließt kaiserliches Blut …“, sinnierte sie.
Für ihn und Amaterasu Aiko war dies keine neue Information – doch irgendwie erschien diese Wahrsagerin ihr unheimlich.
Ihre Augen funkelten wild, als sie weitersprach: „Ihr seid ein treuer Diener, nicht wahr? Aber der Kaiser weiß Eure Dienste nicht zu schätzen. Im Gegenteil – Ihr seid ihm lästig … Er ist eifersüchtig, wie beliebt Ihr beim Volk seid. Er plant Euren Tod! Hört meine Worte … noch ehe das Jahr verstrichen ist, wird der Kaiser auf Eurem Grab tanzen!“
„Schweigt, einfältiges Weib!“, schrie Shiro Tagachi sie an und zog seine Schwerter, die er wie Dolche führte.
„Hört meine Worte … noch ehe das Jahr verstrichen ist …“, murmelte sie, während sie sich rückwärts von ihm entfernte.
Am liebsten wäre Amaterasu Aiko der Fremden gefolgt, als der Ort erneut wechselte.
Ein Schaudern überlief Amaterasu Aiko … Sie wusste, was ihr nun bevorstand – eine prächtige Schar kaiserlicher Soldaten, Kurzick und Luxon mit präsentierten Schwertern hatte sich vor dem Tor des Erntetempels versammelt; an der Spitze der Prozession wandelte der Kaiser, gefolgt von Shiro Tagachi. Hinter ihm kamen die Ritualistinnen, welche die Zeremonie begleiteten, sowie etliche Bannerträger, die am Eingang verharrten. Während ihrer Ausbildung hatte sie einmal eingesperrte Feldhasen befreien sollen, ehe diese von den Kappas des Sunqua-Tals verschlungen wurden … Ähnlich kam ihr nun der Assassine vor – einerseits wie ein im Käfig gefangenes Tier, andererseits wie eine zutiefst ausgehungerte Bestie … Was er zuletzt noch als dummes Gerede abgetan hatte, trieb ihn nun allmählich in den Wahnsinn. Ein Aspekt, der sein Verbrecher zwar bei weitem nicht schmälerte … allerdings trug die merkwürdige Wahrsagerin mindestens genauso viel Schuld daran. Der Kaiser, die Ritualistinnen und Shiro Tagachi knieten sich im Innern des Tempels vor den Altar. Es kostete die Rothaarige jedes Quäntchen ihrer Selbstbeherrschung, um nicht aufzubegehren – Kuunavang hatte sie gewarnt … und all dies war bereits vor langer Zeit geschehen, nichts würde daran etwas ändern können, auch nicht ihr Eingreifen. Kaiser Angsiyan versank im Gebet an die Geister der Nebel … und Shiro Tagachi zog seine Klingen. In einer einzigen Sekunde tötete er damit seinen Herren, dessen Seele er entgegen er seinen klassengegebenen Fähigkeiten absorbierte.
„Ich verfluche Euch! Für alles, was Ihr den Bewohnern von Kaineng angetan habt!“, schrie Shiro Tagachi plötzlich wieder vollkommen klar, „Ihr habt Euch von ihnen abgewendet und sie ausgebeutet, wegen Euch steht die Stadt kurz vor dem Zerfall … Doch Euer Blut fließt auch durch meine Adern – deshalb werde ich der neue Kaiser!“
Seine Worte riefen den Wahn zurück auf den Plan – in einem Wirbel aus Hieben tötete er die Ritualistinnen. Nur eine von ihnen konnte fliehen, wenn auch nur kurzzeitig … Sie läutete die gewaltige Glocke als Alarmzeichen, da stand Shiro Tagachi bereits hinter ihr und rammte ihr die Schneiden in das Rückgrat; ihr lebloser Körper stürzte in die Tiefe … Doch ihre letzte Tat war nicht vergebens gewesen – Viktor und Archemorus stürmten mit ihren Kriegern das Heiligtum; man mochte sich gar nicht vorstellen, dass ihre Fraktionen einander zwei Jahrhunderte lang gegenseitig abgeschlachtet hatten, nur weil sie die Ehre für ihre Seite hatten beanspruchen wollen, anstatt wie ihre Ahnen Seite an Seite zu kämpfen. Schockiert darüber, was sich hier ereignet hatte, forderten sie den Schwarzhaarigen heraus. Keiner ihrer Leute war Shiro Tagachi gewachsen, alle fielen sie unter ihm … bis nur noch eben jene Anführer der beiden Fraktionen übrig waren. Gerade da er sich ihnen zuwenden wollte, blitzten zwei Dolche auf, die ihn entwaffneten und eine schlanke Frau mit violettem Haar landete nach ihrem präzisen Salto hinter ihm. Die Krankheit seines Geistes schien vergessen … pure Qual beherrschte ihn bei ihrem Anblick. Amaterasu Aiko stiegen Tränen in die Augen. Es war Vizu – seine Schülerin … seine Geliebte … die einzige Person, die seinen Schwachpunkt kannte, hatte das Land über ihr Herz gestellt … Aber in ihrem Gesicht spiegelte sich derselbe Schmerz.
„Ich werde unser Geheimnis mit ins Grab nehmen …“, hauchte Vizu kaum hörbar und eine Hand wanderte zu ihrem Bauch, der eine minimale Wölbung zeigte.
Es stimmte … ihre Nachfahrinnen leiteten noch heute eine der berühmtesten Assassinen-Gilden von Cantha – da erschien es nur naheliegend, dass Vizu ein Kind gehabt hatte … ein Kind von Shiro Tagachi! Viktor und Archemorus, die sie nicht gehört hatten, ergriffen seine Schwerter. Er selbst konnte den Blick einfach nicht von ihr abwenden … Die Angriffe des Kurzick und des Luxon trafen ihn. Wut entbrannt entfesselte er die Energie – das, was das Land eigentlich hätte erneuern sollen, verdarb nun das Reich …
Mit Shiro Tagachi´s Tod endete die Verbindung zu seinem Blut … damit auch Amaterasu Aiko´s Ausflug in die Vergangenheit. Heiße Tränen rannen über ihre Wangen. Ja, es war nicht alles richtig gewesen … aber im Grund hatte er nur das Beste für die Bürger gewollt – deshalb auch die Goldmünzen. Nur vor geistigem Wahnsinn konnte sich niemand wappnen … Und der »Jadewind« kam nicht allein von Machtgier, wie überliefert worden war oder weil er sich als Assassine an der Seele des Kaisers vergangenen hatte … hinzu kam Vizu´s Verrat – selbst wenn sie ehrenvoll hatte handeln wollen und ihr Land schützen wollte.
Kuunavang schwebte über ihr und sagte: „Es war Sunn, der damals die Erschütterung im Gefüge der Welten spürte … Shiro Tagachi´s Seele konnte, durfte nicht in die Nebel eingehen – als Strafe für sein Vergehen überstellte das Orakel der Nebel ihn dem Gesandtenrat, damit er Cantha auf ewig diene …“
„Ja. Bis er seiner Aufgabe eines Tages nicht mehr nachkam und in die Welt der Sterblichen zurückkehren wollte … um Kaiser zu werden. Er wollte seine Aufgabe beenden … nur statt sich auf seine eigentliche Motivation zu berufen, überließ er sich endgültig dem Wahnsinn … Ich bin mit dieser Geschichte aufgewachsen – immer und immer wieder wollte ich von dem Kampf gegen ihn hören.“, fuhr die Waldläuferin fort und wischte sich über das Gesicht, „Habt Dank, oh große Drachin. Die Wahrheit ändert nicht, was geschehen ist … Dafür weiß ich nun, was zu tun ist - ich gelobe die Fehler meiner Vorfahren wiedergutzumachen!“
Das mythische Geschöpf wirkte zufrieden. Nachdem sie sich zum Abschied verneigt hatte, ergriff Amaterasu Aiko erneut das kleine Portal – ihr Ziel war allerdings noch nicht der Raisu-Palast. In den Weiten der Unterstadt verbarg sich der sagenumwobene Tahnnakai-Tempel, die Gedenkstätte von Cantha´s größten Helden … Hier versammelten jene ruhmreichen Geister, die noch etwas in dieser Welt festhielt. Shikon No Yosei hatte ihr von diesem Ort erzählt, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war … Damals hatte sie sich wieder einmal gewünscht eine Geschichte von ihrer Urgroßmutter zu hören – ihr lauschte Amaterasu am liebsten, wenn sie von den unzähligen Abenteuern berichtete.
„Es gibt etwas, das du noch nicht über mich weißt, kleine Kirschblüte – einst lebte in meinem Körper noch der Geist einer anderen Elementarmagierin. Ihr Name war Teinai … Zu jener Zeit, da Shiro Tagachi die Nebel verlassen und wieder sterblich werden wollte, überfiel er den Tahnnakai-Tempel, die Ruhestätte vieler canthanischer Helden. Mein Vater, Bruder Mhenlo, Ohtah und ich hatten uns auf den Weg dorthin gemacht, um mit der Assassine Vizu zu sprechen – der Überlieferung nach war sie maßgeblich an Shiro´s Scheitern beteiligt gewesen. Als wir am unterirdischen Tempel ankamen, war Shiro bereits dort … und hatte von den meisten Geistern Besitz ergriffen. Mit ihnen wollte er seine Armee verstärken. Unter den in sogenannte Shiro´ken Verwandelte befand sie auch Teinai.“, schilderte die Älteste von Shing Jea und schwelgte in der Erinnerung, „Möchtest du hören, wodurch sie berühmt wurde?“
Die Augen von Amaterasu Aiko wurden groß und sie rief: „Oh ja! Bitte, erzähl´ weiter! Und wie sie in deinem Körper kam und was jetzt mit ihr ist und was aus eurer Mission wurde!“
Shikon No Yosei lächelte und fuhr fort: „Also gut … Teinai war ebenfalls Schülerin im Kloster von Shing Jea. Vor bald zweihundert Jahren suchte ein Dämon namens Mang die Insel heim … Jahrelang terrorisierte er das Land, trotz aller Anstrengungen der führenden Krieger und Magier Cantha´s. Eines Wintertages ging Teinai, damals eben noch eine junge Schülerin, zu ihrem Großmeister und legte ihm einen Plan vor. Bereits am nächsten Tag wurde Mang von Teinai selbst zum Ufer eines großen Sees gelockt, dessen Oberfläche fest gefroren war. Sie lief auf das Eis hinaus und Mang folgte ihr. Als sich der Dämon genau in der Mitte des Sees befand, hob Teinai ihre Hände gen Himmel – Feuer regnete auf ihn herab und brachte das Eis unter ihm zum Schmelzen. Er brach in den eiskalten See ein; sogleich ließ Teinai das Wasser wieder gefrieren und Mang war gefangen. Blitze und Felsblöcke beendeten daraufhin die Aufgabe, die einzig Teinai hatte bewältigen können. Nach einem langen und erfolgreichen Leben als Elementarmagierin wurde Teinai im Tahnnakai-Tempel beigesetzt … Doch die Angst um ihre geliebte Heimat fesselte ihren Geist an das Diesseits. So bin ich ihr begegnet … Es war mir eine Qual zu sehen, wie jemand, der mir derart ähnlich war, von dem Verräter Shiro Tagachi verdorben worden war. Damals wäre ich fast vor lauter Verzweiflung zusammengebrochen – dein Urgroßvater hat mich daran erinnert, warum ich überhaupt an jenen Ort gekommen war … um meine Heimat zu schützen, weil ich die >Verteidigerin von Shing Jea< war. Meine Magie konnte Teinai schließlich erlösen ... und sie vereinte sich mit meinem Körper. Zunächst bemerkte ich ihre Gegenwart gar nicht … Stattdessen befreiten wir die übrigen Geister und Vizu von seinem Einfluss. Eine lange Zeit half mir Teinai die schlummernden Kräfte in meinem Innern zu kontrollieren, bis … eine andere, eine dunkle Macht sie aus meinem Körper vertrieb. Aber wenigstens konnte sie endlich in die Nebel eingehen – Teinai war sich sicher, dass wir Cantha und besonders Shing Jea mit allen Mitteln beschützen würden.“
„Und das habt ihr!“, entgegnete die Prinzessin, die beinahe vor Stolz platze, „Du hast sogar deine magischen Kräfte geopfert! Und Oma Ryukii fast ihre Liebe zu Opa Koichi!“
Die lebende Legende nickte zustimmend: „Eines habe ich auf meinen Reisen gelernt, Aiko … Nichts geschieht ohne Grund – manchmal erkennen wir ihn nur nicht sofort.“
Da hatte Amaterasu Aiko also zum ersten Mal von Vizu gehört … Und in der letzten Kammer des Tahnnakai-Tempels kniete sie vor dem steinernen Abbild eben jener Assassine nieder … Dem Ruf folgend erschien vor ihr Vizu. Die künftige Kaiserin holte tief Luft und berichtete ihr von ihrem Einblick in Shiro Tagachi´s Erinnerungen.
Ein Schatten legte sich über das Antlitz von Vizu, als sie meinte: „Dann wisst Ihr um die ganze Tragweite meiner Sünde …“
„Ihr kennt meine Urgroßeltern … Während ihrer Mission in Elona wurde Shiko von einer dunklen Macht ergriffen und verwandelt – Ohtah wusste, es gäbe nur eine Möglichkeit … und wenn sie zu Tode kommen sollte, so nur durch seine eigene Hand. Letztendlich konnte sie befreit werden, unter anderem Dank Teinai, die ebenfalls früher hier ruhte. Ich mache Euch keinen Vorwurf, Vizu … es mag Sünde und Verrat an Eurer Liebe gewesen sein … trotzdem bedauere ich nur, dass Ihr überhaupt so etwas durchmachen musstet.“, entgegnete sie mitfühlend.
Vizu nickte und Trauer hallte in ihrer Stimme: „Es hat mir das Herz zerrissen … Und vielleicht habe ich durch mein Eingreifen noch mehr Leid verursacht.“
„Deshalb konntet Ihr nicht in die Nebel eingehen …“, schlussfolgerte die Rothaarige, „Diese Möglichkeit lässt sich nicht von der Hand weisen, doch es gibt etwas, von dem Ihr keine Ahnung habt …“
Die Assassine horchte auf – mit Schrecken lauschte sie ihrem Bericht über die eigentümliche Wahrsagerin und schließlich sagte Amaterasu Aiko: „Nicht vor Liebe gequält, verfiel er dem Wahnsinn … sondern aus Zweifel und Furcht. Shiro hat mit sich gerungen – aber diese Aussicht und das Elend der Bevölkerung, gegen das der Kaiser nichts unternommen hatte … sind verantwortlich für seine Tat.“
Eine Welle der Erleichterung überflutete Vizu – jahrhundertelang hatte sie sich Vorwürfe gemacht, sich selbst die Schuld am »Jadewind« gegeben. Ein Leuchten erfüllte ihre Gestalt und plötzlich löste sich die Assassine auf.
Ein Lächeln erschien auf Amaterasu Aiko´s Lippen, weil sie sofort wusste, was mit ihr geschah: „Ihr habt es verdient in die Nebel zu gehen …“
Leider würde sie sogar an diesem Ort ihrem Geliebten niemals mehr begegnen können … Einmal war es ihr vergönnt gewesen, ihn wiederzusehen – als er den Tahnnakai-Tempel angegriffen und von ihr hatte Besitz ergreifen wollen … Damals waren sie sich für einen kurzen Moment wieder nah gewesen. Ein Moment für die Ewigkeit …
Amaterasu Aiko fühlte sich erleichtert – diesmal hatte sie das Portal nicht benutzt, sondern war zu Fuß ins Zentrum von Kaineng zurückgekehrt. Unterwegs hatte sie mit den Bürgern gesprochen und eine harte Erkenntnis traf sie … die meisten von ihnen verbrachten ihr ganzes Leben in der Hauptstadt, ohne dem Kaiser jemals begegnet zu sein geschweige denn, dass ihre Probleme ihm berichtet wurden. Daher wuchs in ihr die Idee einer festen Audienzzeit einmal im Monat, damit die Bewohner von Kaineng und Shing Jea ihr ihre Anliegen vortragen konnten. Der ursprüngliche Wunsch von Shiro Tagachi war es einfach nur gewesen, die Lebensumstände der kleinen Leute zu verbessern – und genau dies wollte sich Amaterasu Aiko zur Aufgabe machen; dem Volk mehr Stimme zu geben, war dabei ein wichtiger Punkt. Zu lange war ihr Herrscher von ihnen abgeschottet gewesen … Dennoch waren viele voll des Lobes für ihren Vater und ihren Großvater – ihr Kampf gegen die korrupten Minister war sogar bis zum Volk durchgedrungen. Es bestätigte sie in ihrem Vorhaben, ihren Beraterstab auch für Bürgerliche zu öffnen. Von all diesen Eindrücken und Planen erzählte Amaterasu Aiko nach ihrer Rückkehr ihrem Vater. Koteiro Ryukichi hörte ihr aufmerksam zu und als sie geendet hatte, klatschte er einmal in die Hände, worauf sofort sein Obersthofmeister erschien.
„Eure Majestät, was kann ich für Euch tun?“, fragte der Diener höflich.
Unter dem verwirrten Blick seiner Tochter verkündete der Ritualist: „Trefft alle notwendigen Vorbereitungen für die Krönung meiner Nachfolgerin.“
Lächelnd verbeugte sich der Mann und eilte davon. Die Prinzessin war sprachlos, kein Wort kam ihr über die Lippen.
„Du bist bereit, Aiko! Du sprühst vor Begeisterung für dieses Amt und wirst uns in die Zukunft führen.“, meinte er unsagbar stolz.
Sie nickte nur. Zum ersten Mal fühlte sie sich so … vollkommen willig ihren Platz als Kaiserin von Cantha einzunehmen – das hatte sie jenen zu verdanken, die sie zu diesem Punkt geführt hatten …
Die Dienerschaft leistete unglaubliche Arbeit – binnen eines Mondes konnte die Feierlichkeit stattfinden. Es blieben lediglich ein paar Punkte auf der Gästeliste zu klären … Nur wen sollte Amaterasu Aiko um Rat bitten, wen konnte sie um Rat bitten? Im Grunde sollte sie Svanja zu diesem besonderen Tag einladen … und Joras. Auf der einen Seite wünschte sie sich natürlich, ihn wiederzusehen … auf der anderen Seite wäre es nur für eine solch kurze Zeit … und das Ergebnis blieb dasselbe – ein Norn und ein Mensch konnten nicht zusammen sein. Sie hatten sich voneinander verabschiedet … Jede weitere Begegnung würde beide nur unnötig verletzen. Als Kaiserin musste sie harte Entscheidungen treffen ... dies war ihre Feuerprobe …
Zu den schließlich geladenen Gästen gehörten – neben ihrer Familie – das Orakel der Nebel Suun, die Oberhäupter der Kurzick und Luxon, der Leiter und die Großmeister des Klosters von Shing Jea, Königin Salma von Kryta sowie der Speermarschall der Sonnenspeere. Und selbstredend Kuunavang … der Inbegriff des Reichs des Drachens. In ihr Krönungsgewand gehüllt, betrachtete sich Amaterasu Aiko im Spiegel. Seit ihrer Kindheit war sie darauf vorbereitet worden …
„Du bist wunderschön, kleine Kirschblüte …“, sagte Chiyo Yumecho und legte eine Hand um ihre Schulter, „Es tut mir leid – ich hätte von Anfang an darin vertrauen müssen, dass du deinen eigenen Weg gehst.“
Glücklich lehnte sie sich gegen ihre Mutter. Es gäbe nichts, was sie ihr verzeihen müsste … sie verdankte ihr so vieles.
„Es ist Zeit … Deine Zeit ist gekommen.“, erinnerte sie ihre Tochter.
Amaterasu Aiko folgte ihr in den Thronsaal, in dem sich alle versammelt hatten. Die Wachen standen mit gezogen Schwertern Spalier – genau wie damals am Erntetempel. Anders als sonst saß ihr Vater nicht auf dem leuchtend roten Thron mit dem goldenen Drachenkopf – er stand daneben und hielt ihr die Hand mit der Indigene der Macht entgegen. Chiyo Yumecho trat an seine Seite, um den Weg für sie freizugeben … Sie kam seiner Aufforderung nach – nahm den Platz ein, den er bislang inne hatte.
„Amaterasu Aiko … schwört Ihr am heutigen Tag Cantha mit all Eurer Kraft und Weisheit zu beschützen?“, stellte Koteiro Ryukichi die alles entscheidende Frage.
Nach einem tiefen Atemzug antwortete sie: „So wahr ich die Tochter zahlreicher, unglaublicher Helden bin … schwöre ich stets nur zu Cantha´s Wohl zu handeln!“
Unter tosendem Applaus zog der Ritualist den Siegelring vom Finger und steckte ihn seiner Tochter an. Kuunavang ließ ein ohrenbetäubendes Brüllen erklingen und Suun schloss die Augen zum Gebet an die Geister der Nebel. Entgegen jedes Protokolls erhoben sich Shikon No Yosei, Seiketsu No Akari, Ohtah Ryutaiyo, Ryukii No Mai, Toki No Kibo und Yoso No Koshi von ihren Stühlen und eilten – mehr oder weniger aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters – zu Amaterasu Aiko, um die neue Kaiserin zu umarmen.
„Und, Eure Majestät, habt Ihr schon Pläne, wer in Zukunft an Eurer Seite sein soll?“, flüsterte ihr Koteiro Ryukichi lachend zu.
Ihr Blick wanderte zum Rand des Podestes, dort stand eine goldene Wiege, vor der ein schwarzer Wolf ruhte.
„Da muss sich erst einmal jemand finden, der es mit Susanoo aufnehmen will.“, scherzte Amaterasu Aiko erst, dann wurde sie ernst, „Außerdem … kann mir Toya auf den Thron folgen.“
Männer allein haben kein Monopol auf Stärke … und Stärke bedeutet nicht reine Körperkraft - Mut, Freundlichkeit, Vergebung, Opferbereitschaft und Weitsicht zeugen weit mehr davon. Der Mut, sich auf eine Reise zu begeben … die Freundlichkeit anderer zu gewinnen und ihnen zu Teil werden zu lassen … trotz aller Vorurteile und hässlicher Gefühle Vergebung zu üben … selbst ihre Gefühle hinter der Pflicht anzustellen, sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren … und dabei stets ihr Volk im Blick behalten zu wollen … all das hat Amaterasu Aiko unter Beweis gestellt – eine wahre Herrscherin, die Wort hält.
Zwischenspiel 06: Die neuen, legendären Gesandten
Ein Leben im Dienste Cantha´s
„Erzählt uns noch eine Geschichte! Bitte, bitte!“, rief eines der Kinder, „Erzählt uns, wie Ihr damals gegen Shiro Tagachi gekämpft habt!“
„Nein, erzählt uns lieber von den anderen Ländern, die Ihr bereist habt!“, widersprach ein anderes.
Die Älteste lachte. Es war jedes Mal dasselbe, wenn sie ins Kloster kam. Die Kinder wollten immer wieder Geschichten über ihre Kämpfe hören, die inzwischen schon so lange zurücklagen. Dabei verdankte sie den Umstand dieser neugierigen Kinder ihrer eigenen Familie zu verdanken. Toki No Kibo hatte den Plan ihrer Mutter von einem angeschlossenen Kinderheim umgesetzt. Denn trotz der friedlichen Zeit gab es weiterhin unzählige Waisenkinder auf Shing Jea. Hier fanden sie ein liebevolles Zuhause und neue Hoffnung.
„Mal sehen … wie wäre es denn, wenn ich euch erzähle, warum ich als junges Mädchen den Weg der Elementarmagierin beschritten habe?“, fragte Shikon No Yosei freundlich.
Die Kinder jubelten vor Begeisterung, setzten sich artig in einen Halbkreis und die Shing Jea entfachte ein kleines Feuer in Mitten ihrer trauten Runde. Es war keine Magie, die sie verwendete, sondern ein simpler Zaubertrick. Doch sie hatte keine andere Wahl – um den Kindern eine Freude zu machen, tat sie zumindest so, als hätte sie noch ein Fünkchen ihrer magischen Kräfte.
Sie räusperte sie und begann ihre Erzählung: „Es ist viele Jahre her, aber ich erinnere mich noch genau an diesen Tag … Ich war damals gerade einmal elf Jahre alt und stand kurz vor meinem Eintritt in das Kloster. Das Studium der Klassen braucht seine Zeit, das lernt man nicht von heute auf morgen, müsst ihr wissen. Doch ich hatte keine Ahnung, welchen Weg ich wählen sollte … Sollte ich als Waldläuferin mit dem Bogen schießen, mir einen Namen als Meisterin der Illusion machen oder wie der große Ritualist Togo mit der Geisterwelt in Verbindung treten?“
Shikon No Yosei machte eine Pause – was ihr Vater wohl davon gehalten hätte, wenn sie seinem Beispiel gefolgt wäre? – und ließ ihre Worte wirken, bevor sie weitersprach: „Ratlos lief ich aus dem Dorf Tsumei hinaus ins Sunqua-Tal. Ich wanderte viele Stunden umher … bis es schließlich Abend wurde und die Sonne unterging. Ich kam gerade an den südlichsten Punkt des Tals, zum Schrein der vier Elemente … Und als ich dort stand und über das Meer schaute, welches sich so stark von dem feuerroten Himmel abhob, frischte der Wind auf. Er verwehte den Sand, sodass er um mich zu tanzen schien … In diesem Moment wurde es mir bewusst. Diese Zusammenkunft von Feuer, Wasser, Luft und Erde brachte mich zu meiner Entscheidung Elementarmagierin zu werden. Und glaubt mir, ich habe meinen Entschluss nie bereut!“
Ein tosender Applaus und freudige Rufe brachen los. Die Kinder sprangen von ihren Plätzen auf, tanzten über den Platz.
„So, jetzt wird es aber Zeit nach Hause zu gehen.“, rief die einstige Elementarmagierin sie zur Ordnung.
Die Kleinen verabschiedeten sich widerwillig, leisteten aber wortlos Folge. Erschöpft streckte Shikon No Yosei ihre Glieder. Wenn sie daran dachte, wie viele Meilen dieser Körper auf ihren Reisen zurückgelegt hatte … jetzt schmerzte beinahe jede Bewegung. Sie war zu alt geworden, nächstes Jahr hätte sie ihr Jahrhundert vollendet. Dennoch war es ihr eine Freude zu sehen, wie Generation auf Generation heranwuchs. Sogar Chiyo und Ryukichi, ihre Enkel, hatten bereits eigene Enkel – und ihre Tochter Aiko war die erste Kaiserin gewesen, die den den Thron Cantha´s bestiegen hatte.
„Na, hast du wieder die Kinderherzen höher schlagen lassen?“, wollte eine ihr sehr vertraute Stimme wissen.
Shikon No Yosei wandte sich um und erwiderte lächelnd: „Bald ist mein Repertoire an Abenteuern endgültig aufgebraucht … Aber es ist schön zu sehen, wie unsere Geschichten auf diese Art lebendig bleiben. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dieses Wissen verloren ginge.“
„Dann sollte es dich freuen zu hören, dass Seiketsu fertig ist.“, erwiderte Ohtah Ryutaiyo prompt.
Die Shing Jea machte große Augen. Seiketsu No Akari hatte über Jahre hinweg die Erlebnisse der drei lebenden Legenden und ihrer Kinder aufgeschrieben. Es waren mehrere hundert Seiten geworden, eine Episode spannender als die andere. Natürlich hatten Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo, Yoso No Koshi, Ryukii No Mai und Toki No Kibo daran mitgewirkt – vor allem da die Mönchin nicht bei jedem Kampf dabei gewesen war. Und endlich war es soweit!
Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo trafen vor dem Eingang zum Kloster von Shing Jea auf Seiketsu No Akari. Es schien, als hätte sie die beiden bereits erwartet. Und keine Sekunde später, wussten sie auch, warum. Hinter ihr standen die vier Gesandten der Nebel, welche ihnen einst beim Kampf gegen Shiro Tagachi geholfen hatten.
„Seid gegrüßt … Wir wussten … wir würden uns eines Tages … wiedersehen.“, begrüßte sie Bote Vetaura mit seiner gewohnt langsamen Art zu sprechen.
Kurier Torivos war der Nächste, der sprach: „So ist es. Aber wie bei unserer ersten Begegnung haben wir auch diesmal eine Bitte an Euch.“
„Shikon No Yosei, Seiketsu No Akari, Ohtah Ryutaiyo … Ihr habt viele unglaubliche Dinge in dieser Welt verbracht und Euer ganzes Leben dem Schutze Cantha´s gewidmet.“, sprach Emissärin Heleyne.
Nun übernahm Herold Demrikov: „Aus diesem Grund möchte der Gesandten-Rat Euch aufnehmen.“
Die drei lebenden Legenden schnappten nach Luft. Seit Jahrhunderten hatte der Gesandten-Rat keine neuen Mitglieder angeworben. Geschweige denn jemals darum gebeten.
Die Elementarmagierin trat vor und antwortete: „Das ist eine überaus große Ehre. Und ich weiß, dass meine Zeit ohnehin abgelaufen ist … Für Cantha bin ich bereit alles zu geben!“
„Wo auch immer du hingehen wirst, ich werde an deiner Seite stehen.“, bestätigte ihr Mann und zwinkerte ihr zu.
Nur Seiketsu No Akari sah zögerlich zu Boden.
„Wie entscheidet Ihr Euch?“, wollte Kurier Torivos von ihr wissen.
Sie schloss die Augen, während sie antwortete: „Ich liebe das Leben als Mensch … und den Frieden. Doch meine Heimat liebe ich mehr! Deshalb ja, ich schließe mich meinen Gefährten an.“
„Dann erwarten wir eEuch hier bei Sonnenuntergang wieder.“, informierte sie Emissärin Heleyne.
Mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme fügte Herold Demrikov hinzu: „Bis dahin habt ihr Zeit, euch zu verabschieden …“
„Ein Geschenk … das normalerweise nicht vergönnt ist.“, meinte Bote Vetaura ehrfürchtig, bevor sie ins Geisterreich zurückkehrten.
„Das Buch über unsere Geschichte ist vollendet. Wir werden es in der geheimen Bibliothek des Klosters hinterlegen, die nur dem amtierenden Leiter zugänglich ist …“, erklärte Seiketsu No Akari im Kreise ihrer Familie, „Somit ist auch unsere letzte Aufgabe erfüllt.“
„Wovon redest du da?“, wollte Ryukii No Mai verständnislos wissen.
Shikon No Yosei legte ihrer Tochter eine Hand auf die Schulter und antwortete: „Niemand lebt ewig. Nicht einmal Legenden … Es ist unser Lebensinhalt für Cantha zu kämpfen. Aber … in diesem Leben können wir das nicht mehr.“
„Die Gesandten nehmen uns in ihre Reihen auf … So können wir unseren Dienst gegenüber Cantha wieder aufnehmen.“, fuhr Ohtah Ryutaiyo fort.
Yoso No Koshi verzog keine Miene, als er daraufhin feststellte: „Also wollt ihr uns verlassen.“
„Wir wollen mit euch gehen!“, meldete sich Toki No Kibo zu Wort.
Ihre Ziehmutter lächelte sanft, schüttelte jedoch den Kopf: „Eure Zeit ist noch ganz nicht gekommen. Ihr werdet hier gebraucht.“
„Und wir brauchen euch!“, gab die Assassine schnippisch zurück.
Damit war wieder einmal bewiesen, wie ähnlich sie ihrem Vater doch war, dachte Shikon No Yosei, bevor sie erwiderte: „Darum werden wir auch aus den Nebeln über euch wachen … Glaub´ mir, wir werden immer bei euch sein und eines Tages sehen wir uns dort wieder.“
Der Blick der Elementarmagierin wanderte zu ihrem Sohn, er nickte entschieden. Yoso No Koshi war stets vernünftiger gewesen, als seine Schwester. Er verstand seine Mutter. Und es war schließlich nichts neues, dass die drei lebenden Legenden jederzeit ihr Leben für Cantha geben würden. Genauso wie ihre Kinder. Und deren Kindeskinder. Dieses Erbe würde ihre Blutlinie für alle Zeit weitergeben …
„Ihr seid also bereit.“, bemerkte Emissärin Heleyne anerkennend.
Und so sprach Bote Vetaura wieder in seiner unverkennbaren Gemütlichkeit: „Um als Gesandte zu erwachen … müsst Ihr ruhelos nach dem Tod sein. Und natürlich … bedarf es unserem … Einverständnis.“
„Mit >ruhelos< meint Ihr, dass wir keines natürlichen Todes sterben dürfen, nicht wahr?“, hakte die weise Elementarmagierin nach.
Herold Demrikov lachte daraufhin höhnisch: „Ihr seid schlauer, als Ihr ausseht. So ist es, wie wir müsst ihr von jemanden getötet werden … oder euch selbst das Leben nehmen.“
Die drei lebenden Legenden sahen sich an. Besonders Ohtah Ryutaiyo schluckte schwer. Es hatte schon einmal die Situation gegeben, in der er sich dazu gezwungen fühlte, Shikon No Yosei töten zu müssen und ihr anschließend durch eigene Hand zu folgen … Damals war er sich so sicher gewesen – heute wusste er nicht, ob er es wirklich hätte tun können.
Seine Geliebte ahnte, woran er dachte und schüttelte den Kopf. Sie wollte ihm oder Seiketsu No Akari ebenso wenig etwas antun, wie er ihr. Lieber beendete sie ihr Dasein selbst. Auch die dritte der Ältesten war dieser Ansicht. Mord war etwas Abscheuliches, egal gegen wen er sich richtete – nur wenn es keine andere Möglichkeit gab, um zum Gesandten-Rat zu gehören, richtete sie diese Schuld lieber gegen ihr eigenes Leben.
Wie auf ein stummes Kommando, ging alles plötzlich blitzschnell. Ohtah Ryutaiyo zog einen seiner Dolche und schnitt sich die Kehle durch, Seiketsu No Akari unterbrach mit einer Handbewegung den Lebensfluss in ihrem Herzen und Shikon No Yosei befreite ihre gesamte magische Energie, leblos fielen ihre Körper ins Gras.
Nur wenige Augenblicke später erschienen drei Geister am Ort des Geschehens, die nur für diejenigen sichtbar waren, die selbst aus den Nebeln stammten oder die heilige Prüfung Weh No Su bestanden hatten – doch sie hatten nicht mehr die Gestalt, in der sie gestorben waren. Stattdessen standen sie in ihrem jugendlichen Aussehen als Verteidiger von Cantha dar.
„Als Gesandter nimmt eure Seele die Form an, die ihr in eurem Herzen tragt … Dies ist euer wahres Ich und wird euch fortan bis in alle Ewigkeit begleiten.“, erklärte Kurier Torivos.
So begann die Ära der Gesandten Späher Ohtah, Heilerin Seiketsu und Botschafterin Shiko, die von nun an viele unzählige Jahre im Dienste der Nebel stehen werden.
Was sie jedoch niemals erfahren würden, ist, dass ihre Kinder ihnen an jenem Tag ins Sunqua-Tal gefolgt waren und ihre sterblichen Überreste ins Kloster von Shing Jea gebracht hatten. Und dort werden sie wohl bis heute verehrt …
Buch 08: Die Rückkehr der Legenden
Die Wiedergeburt der Legenden
Unzählige Jahre lagen zurück, seit Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari Cantha, Tyria und Elona von den finsteren Bedrohungen durch Shiro Tagachi, den Untoten Lich, Abaddon und den Großen Zerstörer befreit und sie ihr Dasein als Gesandte in den Nebeln angetreten hatten. Doch die Welt, wie die lebenden Legenden sie gekannt hatten, hatte sich im Laufe der Zeit verändert – fünf der allmächtigen Alt-Drachen aus den Anfängen der Geschichtsschreibung Tyria´s waren erwacht, der erste von ihnen ja sogar noch zu ihren Lebzeiten, und hatten die Herrschaft über den gesamten Kontinent an sich gerissen. Die freien Völker waren von ihrer Macht unterworfen worden. Sie hatten die Kriege verloren und lebten seitdem in ständiger Angst, vertrieben aus ihrer einstigen Heimat. Selbst Elona und Cantha waren nicht verschont geblieben. Die untote Armee des stärksten Drachens kontrollierte den Zugang zur Meerenge von Malchor, damit war jeder Kontakt zwischen den Tyrianern und den Canthanern abgebrochen. Für die Elonier sah es nicht besser aus – dort lieferten sich die Auferstandenen einen Krieg gegen die Untergebenen des gefürchteten Palawa Joko, der die Bevölkerung nach und nach versklavt hatte. Es gab keine Rettung … Nirgends sah man ein Fünkchen Hoffnung. Dunkelheit beherrschte die Gedanken der Menschen, Norn, Asura, Charr und Sylvari, welche vor noch gar nicht so langer Zeit vom Blassen Baum in der Arborbucht geboren worden waren. Und Shikon No Yosei musste tatenlos zusehen, unfähig irgendetwas gegen die Alt-Drachen unternehmen zu können – zumindest solange sie in den Nebeln lebte. Also rief sie den Gesandten-Rat zusammen, zu dem auch Seira gehörte, Suun´s Nachfolgerin und neues Orakel.
„Ich habe eine Bitte vorzutragen …“, begann die Elementarmagierin entschieden, „Als die Drachen einer nach dem anderen erwachten, habe ich darauf vertraut, jemand würde sich erheben … die Kraft besitzen, sich ihnen entgegen zu stellen. Doch seit der letzte Widerstand zerschlagen wurde, scheint alles verloren zu sein. Ich habe es euch nie erzählt … aber als der erste Drache erschien, habe ich auf Shing Jea einen Hauch der Macht des Großen Zerstörers gespürt, dabei war er von unseren Kindern endgültig vernichtet worden. Ich hatte Angst … Ich habe versucht mir einzureden, ich hätte mich geirrt. Als die Drachenverderbnis der anderen Drachen aktiv wurde, gab es in meinen Augen keinen Zweifel mehr … Die Energie des Feuerdrachen ist fast identisch mit jener der Zerstörer, weil sie seine seine Brut waren!“
Teils erschrocken, teils verständnislos wollte Seira wissen: „Um was wollt Ihr uns nach dieser … Ausführung bitten, Shiko?“
„Ich habe gegen den Großen Zerstörer gekämpft … Shiro Tagachi, den Untoten Lich und sogar Abaddon in die Unterwelt verbannt. Es gibt niemanden mehr, der den Kampf gegen die Drachen aufnehmen will … deshalb werde ich es tun! Ich wünsche, dass meine Seele in Tyria wiedergeboren wird!“, antwortete die Gesandte entschlossener denn je.
Die Gesandten starrten sie sprachlos an, während die Norn entgegnete: „Ich kann Eure Gefühle gut nachvollziehen … Mein Volk ist schließlich ebenfalls von den Auswirkungen betroffen. Aber Ihr müsst verstehen, dass wir diesen Eingriff in die Geschicke der Welt nicht allein entscheiden können. Diese Entscheidung können nur die Sechs Götter allein treffen.“
Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari begleiteten Shikon No Yosei zum heiligen Tempel, in dem die Götter ihren Sitz hatten. Dort brachte sie ihr Anliegen erneut vor.
„Nicht nur Ihr, auch wir beobachten den Zustand unserer Welt mit Schrecken.“, ergriff Balthasar, der Gott des Kampfes und des Feuers, zuerst das Wort, „Ihre unendliche Tapferkeit wird die Menschen und die anderen Völker diesmal nicht retten.“
Dwayna stimmte ihrem Gefährten zu: „Alles Leben wird ausgelöscht werden, wenn die Drachen nicht aufgehalten werden … Aber wie? Sie sind so unglaublich stark. Selbst wir scheuen die Auseinandersetzung mit ihnen.“
Auch der eiskalte Gott des Todes wirkte traurig: „Die Unterwelt war noch nie so voller unschuldiger Seelen erfüllt …“
„Diese Aufgabe kann nur jemand übernehmen, der bereits große Schlachten geschlagen … und beinahe unmögliches vollbracht hat.“, meinte Lyssa wissend.
Melandru, die friedlichste Natur unter den Göttern, nickte zustimmend: „Und in ihr schlummert die Macht der vier Elemente. Bedenkt, dass sie es sind, welche Magie überhaupt erst ermöglichen!“
„Shiko … Shikon No Yosei, ich weiß um deine Taten, die du zu Lebzeiten geleistet hast. Aber dieses Mal wird der Kampf härter sein. Die Drachen sind so etwas wie das Urgestein Tyria´s. Sie sind weitaus mächtiger, als eine gefallene Gottheit …“, sprach Kormir, die Göttin der Wahrheit und Hüterin der Geheimnisse.
Die Gesandte erwiderte den Blick der Göttin unverwandt und antwortete: „Ja, Kormir … dessen bin ich mir bewusst. Trotzdem muss ich es wenigstens versuchen! Ich will nicht glauben, dass das Ende unserer Welt bevorsteht! Ich kann einfach nicht länger nur zuschauen. So gering meine Chance auch sein mag, ich werde kämpfen!“
„Mutig gesprochen … Du hast dich nicht verändert.“, bemerkte die einstige Sonnenspeer, „In Ordnung, so sei es! Du wirst wiedergeboren … Unter einer Bedingung.“
Neugierig wollte die Elementarmagierin wissen: „Welche, Kormir?“
„Ich werde dich begleiten.“, mischte sich Ohtah Ryutaiyo in das Gespräch ein.
Sie wirbelte zu ihrem Liebsten herum, Schrecken standen ihr ins Gesicht geschrieben – es war eine Sache ihr eigenes Leben erneut für Tyria einzusetzen, aber seines? Er hatte sich schon unzählige Male für sie in Gefahr begeben. Nicht in noch einem Leben …
Kormir, die ihre Gedanken erraten hatte, erklärte: „Er kann nicht anders, Shiko … Es ist seine Bestimmung an deiner Seite zu sein, sein Schwur an uns bindet ihn. Vergiss´ nicht, allein kannst du nicht bestehen … Du wirst seine Hilfe brauchen. Die Liebe wird euch stark machen.“
„Ein Sonnenspeer und ein Verteidiger kämpft eben nie allein.“, scherzte der Assassine.
Shikon No Yosei fiel ihm um den Hals. Es gefiel ihr zwar immer noch nicht, doch tief in ihrem Herzen war sie erleichtert. Mit ihm zusammen konnte sie nicht unterliegen.
Seiketsu No Akari, die bislang nur still am Rande gestanden hatte, fiel auf die Knie und sagte: „Ich möchte Shiko ebenfalls begleiten! Wir sind die drei lebenden Legenden, wir gehören zusammen!“
Die Elementarmagierin biss sich auf die Unterlippe. Bei Ohtah Ryutaiyo hätte sie es sich ja denken, aber jetzt auch noch Seiketsu No Akari? Innerlich schallte sie sich eine Närrin – würde sie nicht genau dasselbe tun, wenn die Mönchin diese Entscheidung getroffen hätte? Manchmal war sie so auf den Assassinen fixiert, dass sie ihre Seelen-Schwester beinahe außer Acht ließ. Hastig wischte sich Shikon No Yosei mit dem Arm über das Gesicht. Dann ging sie zu Seiketsu No Akari und reichte ihr die Hand, um sie wieder auf die Füße zu ziehen.
Ohtah Ryutaiyo griff nach ihrer anderen Hand und gemeinsam wandten sie sich an die Götter: „In Gedenken an die Nebel und im Namen der Sechs Götter … wir werden die Drachen besiegen!“
In den letzten beiden Jahrhunderten war Ascalon vollständig zur Heimat der Charr geworden, gebrandmarkt durch den Drachen Kralkatorrik zog sich eine gewaltige Schneise durch das Gebiet bis hin zur Kristallwüste. Die Norn, welche von Jormag aus dem hohen Norden vertrieben worden waren, hatten in den Südlichen Zittergipfeln neue Jagdreviere erschlossen; von den Zwergen fehlte seit den Tagen des Großen Zerstörers jede Spur. Die Befleckten Küste wurde nach wie vor von den Asura bevölkert; die Sylvari, das jüngste Volk Tyria´s, lebte dort mit ihnen in friedvoller Nachbarschaft. Die Menschen hatten sich aus allen Teilen der Welt in Kryta zusammengerottet, doch nichts war mehr wie einst – den Tempel der Zeitalter gab es nicht mehr, Löwenstein war großteils überflutet und die Königin regierte von der neuen Hauptstadt Götterfels aus, welche im Nordwesten des Landes an der Küste der Göttlichkeit lag. In diese Stadt wurden Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari in Gestalt eines Säuglings geschickt. Jeder von ihnen an einen anderen Platz, jeden erwartete ein anderes Leben … bis das Schicksal sie eines Tages wieder vereinen würde. So wurde Shikon No Yosei von Fürstin Gwynith aufgenommen, deren eigenes Kind nur wenige Tage zuvor verstorben war. Sie erhielt eine erstklassige Ausbildung zur Elementarmagierin und wuchs wie eine adlige Dame auf. Ihr bester Freund wurde Faren, der später den Fürstentitel seines Vaters erbte. Aber Lady Shikon wäre nicht die wiedergeborene Shikon No Yosei gewesen, wenn sie sich nicht auch in diesem Leben für jene eingesetzt hätte, die Hilfe brauchten – sei es gegen Banditen, wilde Tiere oder sonstigen Gefahren. Dafür wurde sie von den Bürgern der Stadt verehrt und geliebt; sogar die Seraphen-Wache brachte ihr ein großes Maß an Respekt gegenüber. Seiketsu No Akari dagegen lebte zehn Jahre lang als einfache Bauerntochter im Dorf Shaemoor, welches an Götterfels grenzte. Dort arbeitete sie auf den Feldern, half den Fischern und ging schließlich zu den Seraphen, wo sie als erste Schülerin von Hauptmann Logan Thackeray den Weg einer Wächterin beschritt. Für Ohtah Ryutaiyo wurde es zu einem wahrhaftigen Déjà-vu – ihn fanden zwielichtige Gestalten in den Schatten einer Gasse. Wie bereits im letzten Leben wurden die Dolche seine favorisierten Waffen, aber diesmal erlernte er zusätzlich noch den Umgang mit Pistolen und meisterte auch alle anderen Gesichtspunkte eines waschechten Diebes, wie das Stehlen und die Schattenschritte.
Von Bestimmung und Wahrheit
Fünfzehn Jahre nach der Wiedergeburt der drei einstigen Legenden stand Shikon Feenseele, wie sie sich selbst nannte, vor einer schweren Entscheidung … Sie hielt ein Foto in Händen, welches sie gemeinsam mit ihrer Mutter und Fürst Faren zeigte. Wenn sie es jetzt in den Beutel packte, gab es kein Zurück mehr … Nichts würde ihre Entscheidung mehr ändern können. Doch wollte sie das überhaupt? Ihr ganzes Leben lang hatte die Elementarmagierin Geschichten über die Alt-Drachen und deren Herrschaft gehört, wie sie die fünf großen Völker Tyria´s tyrannisierten und von der Hoffnungslosigkeit, die seit der Zerschlagung der »Klinge des Schicksals« herrschte, jener letzten Widerstandsgruppe bestehend aus dem Menschen Logan Thackeray, dem Charr Rytlock Brimstone, der Norn Eir Stegalkin mit ihrem treuen Wolfsgefährten Garm, der Sylvari Caithe und den beiden Asura Zojja und Snaff, letzterer im Kampf gestorben. Wie war Shikon Feenseele eigentlich auf die wahnwitzige Idee gekommen es diesen Helden gleichzutun? Nur wegen diesem Traum, den sie in der Nacht des ersten Tages ihrer Ausbildung gehabt hatte …
Sie schwebte in völliger Dunkelheit, konnte nicht vorwärts, nicht rückwärts, nicht nach oben, nicht nach unten. Sie war gefangen und konnte nichts dagegen tun.
„Shiko …“, sagte eine Stimme ihren Kosenamen, „Erinnerst du dich an mich?“
Erinnern? An wen sollte sie sich erinnern? Wem gehörte diese Stimme?
„Verstehe … Es hätte mich gewundert, wenn sie anders entschieden hätten.“, stellte die Stimme fest und warf damit nur noch mehr Fragen auf, „Aber ich muss trotzdem mit dir sprechen, Shiko … Du weißt, wer Tyria bedroht und alle Wesen in Angst leben lässt, nicht wahr?“
Sie antwortete ganz automatisch, ohne darüber nachzudenken: „Die Drachen.“
„Ich will dir zeigen, mit wem du es zu tun hast.“, erklärte sie und nacheinander erschienen fünf Bilder, „Primordus, der Feuerdrache … Jormag, der Luftdrache … Kralkatorrik, der Erddrache … Mélyten, der Wasserdrache … Und schließlich Zhaitan, der Drache des Todes.“
Bei jedem einzelnen lief es Shikon Feenseele eiskalt den Rücken herunter. Zwar hatte sie die Namen der Drachen schon früher des öfteren gehört oder gelesen, doch sie zu sehen war etwas völlig anderes …
„Nun verstehst du sicher, warum bisher jeder Versuch gescheitert ist.“, meinte die Stimme beinahe traurig, „Und genauso verstehe ich deine Angst … Hör´ mir zu, Shiko, es gibt einen Grund, warum ich sie ausgerechnet dir zeige – eines Tages wird es deine Bestimmung sein, den Kampf gegen die Drachen wiederaufzunehmen!“
Im letzten Traum war ihr die Stimme wieder erschienen … Der Zeitpunkt gegen die Alt-Drachen zu kämpfen war gekommen! Nur sie konnte das Ende von Tyria noch verhindern. Darum hatte Shikon Feenseele nicht anders gekonnt, als die für sie wertvollsten Dinge in einen Beutel zu packen und ihre Abreise vorzubereiten. Nur das Foto war noch übrig. Sollte sie sich wirklich von diesem Traum leiten lassen? Vielleicht war es ja nur eine Einbildung gewesen, geboren aus ihrer Trauer über das Leid der verschiedenen Völker … Das wäre immerhin logischer, als eine wildfremde Stimme, die des Nachts zu ihr sprach. Aber stimmte das überhaupt, war ihr diese Stimme wirklich fremd? Sie hatte Shikon Feenseele immerhin gefragt, ob sie sich an sie erinnerte. Und so verrückt es auch klang, sie konnte nicht leugnen, dass sie eine tiefe Vertrautheit gegenüber der Sprecherin empfand, so als würden sie sich schon ewig kennen … Entschlossen packte sie das Foto in ihren Beutel und zog ihn zu.
Ihre Mutter hielt sich zu dieser Tageszeit meist im Garten des Herrenhauses auf. Deshalb suchte Shikon Feenseele dort zuerst nach ihr. Fürstin Gwynith saß tatsächlich auf der Bank unter ihrem geliebten Apfelbaum und las in einem Buch. Als sie aufsah, bemerkte sie sofort das Bündel, welches ihre Tochter über der Schulter trug, und legte ihre Lektüre zur Seite.
„Mutter …“, begann die rothaarige Elementarmagierin und atmete noch einmal tief durch, „Ich werde Götterfels verlassen. Noch heute. Denn … es gibt etwas, das ich tun muss.“
Gwynith schaute weniger überrascht drein, als erwartet, und erwiderte: „Ich wusste, dieser Tag würde irgendwann kommen. Dieser Tag, an dem du die Wahrheit erfahren musst … und vor dem ich mich immer gefürchtet habe.“
„Wovon sprichst du?“, gab Shikon Feenseele verständnislos zurück.
Sie lächelte freudlos, bevor sie antwortete: „Das Kind, das ich unter dem Herzen getragen habe, wurde tot geboren. Nur wenige Tage später habe ich dich genau hier, unter den Wurzeln dieses Baumes gefunden … ganz allein. Ich habe dich vom ersten Moment an geliebt, auch wenn … wenn ich nicht deine leibliche Mutter bin.“
Der Schlag traf Shikon Feenseele völlig unvorbereitet. Sie hatte mit einem tränenreichen Abschied, vielleicht sogar mit Wut seitens ihrer Mutter gerechnet, aber nicht damit … Sie sank an Ort und Stelle in die Knie. Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf. Doch sie mussten warten!
„Es tut mir so leid, Shiko …“, schluchzte Fürstin Gwynith, „Verzeih´ mir!“
Die Elementarmagierin zwang sich wieder aufzustehen, legte die Arme um ihre Mutter und erwiderte: „Nur weil ich nicht deine leibliche Tochter bin, ändert das nichts an der Tatsache, dass du meine Mutter bist! Du hast mich aufgezogen und mich auf meinen Weg geführt … Dafür bin ich dir unendlich dankbar!“
Die Torwächter warfen ihr einen überraschten Blick zu, besannen sich jedoch schnell wieder. Sie konnte es ihnen nicht verdenken. Es war sicher sehr ungewöhnlich die Tochter einer Fürstin ohne adlige Kleidung, sondern mit einem Reisebündel und Magiergewand zu sehen.
Während sie hindurchschritt, flüsterte Shikon Feenseele so leise, dass sie niemand hören konnte: „Die Herrschaft der Drachen hat das Leben für die Völker Tyria´s verändert … Seit die Klinge des Schicksals aufgelöst wurde, hat es niemand mehr gewagt, sich ihnen entgegenzustellen. Aber wir dürfen nicht aufgeben! Wir müssen Widerstand leisten … Ich muss kämpfen – für diejenigen, die es selbst nicht können und die zu mir aufsehen. Es ist meine Verantwortung, meine Pflicht!“
Doch in dem kleinen Dorf Shaemoor, das am Fuße von Götterfels lag, wartete eine böse Überraschung auf die schöne Elementarmagierin. Dorfbewohner schrien durcheinander, Soldaten versuchten sie zu evakuieren. Wie durch Zufall bekam Shikon Feenseele mit, wie einer von ihnen der Kommandantin erzählte, der Hauptmann fordere Verstärkung für die Festung an. Ohne nachzudenken rannte los nach Nordosten. Das Szenario schockte Shikon Feenseele. Die Seraphen kämpften verbittert gegen eine ganze Armee Tamini-Zentauren, die sie regelrecht zu überrennen drohten. Ihre Starre wich allerdings sehr schnell der Konzentration und sie rief die vier Elemente an. Feuer regnete vom Himmel, Eis machte die Gegner bewegungsunfähig, Stürme schlugen Breschen in die Reihen der Feinde, Erdspalten taten sich auf. Ein Zentaur nach dem anderen fiel unter ihren Zaubern. So kämpfte sie sich bis zu Logan Thackeray durch, seines Zeichens treuester Diener Ihrer Majestät Königin Jennah. Während der ganzen Zeit behielt er den Überblick über seine Kameraden – ihm war Shikon Feenseele natürlich sofort sofort aufgefallen –, dementsprechend plante er den Gegenschlag. Sie war ihrerseits von ihm ebenso beeindruckt – genauso musste ein wahrer Anführer sein. Sie hatte in Götterfels zwar bereits unzählige Gerüchte gehört, besonders ihr Kindheitsfreund Fürst Faren war immer auf dem neuesten Stand, was Klatsch und Tratsch anging, und mit Seraphen zu tun gehabt, aber zum ersten Mal stand Shikon Feenseele ihm leibhaftig gegenüber. Von ihrer Schwärmerei für den Helden etwas zu sehr abgelenkt, bemerkte sie nicht, wie sich ihr zwei weitere Zentauren-Waldläufer von hinten näherten und bereits Pfeile an ihre Sehnen gelegt hatten. Auch von dem flüchtigen Schatten, der an ihr vorbeizog, bekam sie nichts mit. Erst das schmerzhafte Röcheln erregte Shikon Feenseele´s Aufmerksamkeit, gerade als die Halbwesen mit klaffenden Wunden an den Kehlen zusammenbrachen.
„Wir haben es geschafft! Der Angriff ist abgewehrt!“, verkündete der Wächter nur wenig später und ging auf sie zu, „Ich hörte, Ihr verfügt über große Kräfte … doch es zu erleben hat mich mehr als verblüfft, Lady Shikon. Nein, ich sollte Euch wohl eher die >Heldin von Shaemoor< nennen. Ich stehe in Eurer Schuld … Ohne Euer Eingreifen wäre das Dorf verloren gewesen. Und meine Seraphen dazu.“
Vor Freude über dieses Kompliment wurde Shikon Feenseele leicht rot um die Nasenspitze, während sie antwortete: „Wie ohne Euch, Hauptmann Thackeray. Es war mir eine Ehre an Eurer Seite zu kämpfen.“
„Hoffentlich nicht zum letzten Mal.“, entgegnete Logan lächelnd, „Kryta und die Königin können immer starke Verbündete gebrauchen.“
Sollte sie ihm von ihren Plänen erzählen? Schließlich war er ein Mitglied der Klinge des Schicksals gewesen … Nein, sie konnte es ihm nicht sagen. Sie wusste nicht, unter welchen Voraussetzungen sich die Gilde aufgelöst hatte. Schlimmstenfalls wollte er sie dann davon abhalten und das konnte sie nicht riskieren.
Darum erwiderte sie sein Lächeln und meinte: „Ich werde nie aufhören für meine Heimat zu kämpfen. Egal wohin mein Weg mich führen wird …“
„Das ist sehr nobel von Euch. Ich verstehe, warum die Bürger Euch verehren.“, sagte er anerkennend, „Aber nun muss ich Euch leider verlassen … Die Königin erwartet meinen Bericht. Heldin von Shaemoor, Ihr habt den aufrichtigen Dank aller Seraphen! Solltet Ihr jemals unsere Hilfe benötigen, werden wir Euch zur Seite stehen.“
Shikon Feenseele ahnte in diesem Moment noch nicht, dass sie irgendwann wirklich auf dieses Angebot würde zurückgreifen müssen …
Der Drachen Schatten und ein Licht der Hoffnung
Mit der Hilfe von Shikon Feenseele hatten die Seraphen den Angriff der Zentauren nicht nur abgewehrt, sondern die Gegner sogar zurückgedrängt. Doch die neue Sicherheit war trügerisch und Shikon Feenseele lief direkt in einen Hinterhalt; unzählige Zentauren umzingelten sie, kreisten sie immer enger ein.
„Ko-kommt mir nicht zu nahe!“, rief sie nervös, „Ich … ich bin die Heldin von Shaemoor!“
Ein besonders großer Zentaur trat vor und erwiderte höhnisch: „Nur dass du diesmal keine Seraphen oder den ach so tollen Hauptmann Thackeray an deiner Seite hast! Ich sehe hier nur ein kleines, hilfloses Mädchen!“
Als ob sie das in diesem Moment nicht selber wüsste … Angst lähmte ihre Konzentration, schwächte ihre Kontrolle über die vier Elemente. Es war das erste Mal, dass sie außerhalb der Stadtmauern allein einer ernsthaften Gefahr gegenüberstand. Was war sie nur für eine Närrin gewesen! Wenn sie bereits gegen eine Schar Zentauren verlor, wie sollte sie es dann erst mit den Drachen aufnehmen?
„Dilettanten.“, kam eine Stimme von irgendwoher.
Bevor sich auch nur ein Zentaur bewegen konnte, schallte ein Klirren über die Lichtung und der erste Gegner brach röchelnd zusammen. Shikon Feenseele schlug die Hände vor den Mund – die beiden Waldläufer in der Festung waren durch dieselbe Wunde gestorben. Der flüchtige Schatten brachte noch drei weiteren den Tod, dann rief der Anführer – jener, der Shikon Feenseele bedroht hatte – zum Rückzug. Voller Erleichterung atmete die schöne Elementarmagierin auf. Bis sich hinter ihr eine kühle Aura manifestierte. Irgendwoher kannte sie die Energie. Fast wie diese Stimme aus ihren Träumen … Die ganze Szene schien ihr beinahe wie ein längst vergessener Traum. Nur langsam drehte sich Shikon Feenseele um. Der junge Mann war ein Stück größer als sie, dunkle Haare hingen ihm in Fransen ins Gesicht, welches großteils von einer braunen Maske verdeckt wurde, passend zum Rest seiner Kleidung. Nur in seine Augen konnte sie ungehindert sehen …
„Sind … sind wir uns schon einmal … begegnet?“, hauchte Shikon Feenseele, ohne dass sie die Worte hatte aussprechen wollen.
Der Dieb deutete eine leichte Verbeugung an und antwortete: „Nein, nicht wirklich. Mein Name ist Ohtah … Ohtah Shadowdragon. Und ich biete Euch hiermit meine Dienste zum Schutze Eures Lebens an, Lady Shikon Feenseele.“
„Wo-woher kennst du mich?“, wollte sie von ihm wissen, „Und warum willst du mir helfen?“
Er zog seine Maske herunter, sodass ein Lächeln darunter sichtbar wurde, bevor er erwiderte: „Ihr solltet wissen, dass Ihr auf den Straßen von Götterfels keine Unbekanntheit seid … nicht nur bei den Bauern und Kaufleuten. Ich weiß, warum Ihr die Stadt verlassen habt … Ihr könnt diesen Kampf nicht allein bestreiten. Allerdings hätte ich auch nicht erwartet, dass eine adlige Dame, die wie Ihr eine solch gute Ausbildung erhalten hat, hier draußen so schnell in Bedrängnis geraten würde.“
Machte er sich gerade über sie lustig? Shikon Feenseele verstand nicht, was dieser Ohtah Shadowdragon eigentlich von ihr wollte.
„Wenn Ihr mich fragt, so habt Ihr auf dem Weg von Götterfels hierher etwas verloren.“, fuhr Ohtah Shadowdragon nach der Pause fort, „Ich habe schon früher Gerüchte über Euch gehört … wie Ihr einfachen Leuten das Leben gerettet habt. Seid Ihr nicht auch deshalb zu dieser Reise aufgebrochen – um denjenigen zu helfen, die von den Drachen unterdrückt werden? >Nur diejenigen, die mutig genug sind, sich dem Kampf überhaupt erst zu stellen, können ihn verlieren.<“
Sie riss ihre Augen auf, starrte ihn sprachlos an. Diese Wahrheit ließ sich nicht leugnen, sie war einfach nur feige gewesen und hatte ihr Ziel aus den Augen verloren. Wenn niemand etwas unternahm, würden auch noch künftige Generationen unter den Drachen leiden – nur weil sie es nicht einmal versucht hätte? Das durfte nicht sein. Sie wollte nicht mehr davonlaufen. Doch der Wunsch allein genügte nicht – sie musste sich der Herausforderung auch wirklich stellen. Mit allen Gefahren und Erfahrungen, die dazugehörten.
Shikon Feenseele richtete sich gerade auf und sprach entschlossen: „Nie wieder … Ich werde niemals wieder so schwach sein und mich unterkriegen lassen! Und … ich möchte dich bitten, mich zu begleiten, Ohtah.“
Ohtah Shadowdragon hatte ihr den Rücken gekehrt, darum konnte sie die Röte auf seinen Wangen nicht sehen. Zu mehr als einem stummen Nicken war er nicht im Stande. In Gedanken formte er das Versprechen nicht mehr von ihrer Seite zu weichen, solange sie ihn nicht von sich wies. Er würde sie beschützen! Seine Ehre allein unterschied ihn von dem Pack, das ansonsten durch die Gassen von Götterfeld streifte – durch nichts anderes konnte er sich beweisen. Einzig sein Wort zu halten, sich daran gebunden zu fühlen.
Überglücklich ergriff Shikon Feenseele seine Hand. Sie fühlte, dass sie nicht nur ihren Kampfgeist gefunden hatte – sondern vor allem einen Gefährten.
„Jemand folgt uns.“, stellte Ohtah Shadowdragon ruhig fest, gerade als die Dämmerung anbrach.
Sofort wollte sich Shikon Feenseele umdrehen, doch der flinke Dieb drückte ihre Hand und fesselte damit ihre Aufmerksamkeit.
Sie verstand und flüsterte zurück: „Weißt du, wer … oder was es ist?“
„Auf jeden Fall kein Zentaur, der noch nicht genug hat … Ich würde sagen, es ist ein Mensch.“, schätzte er, ließ ihre Hand jedoch nicht los.
Mit Mühe zwang sie ihre Verlegenheit nieder und antwortete: „Dann sollten wir wohl herausfinden, was unser Verfolger will.“
An einer geschützten Stelle in Salma´s Heide bauten Shikon Feenseele und Ohtah Shadowdragon ihr Nachtlager auf. Zum einen wollten sie die Berge nicht in der Nacht durchqueren, zum anderen würde entweder die Kälte den Fremden herauslocken oder die Dunkelheit ihn in Sicherheit wiegen, sodass er unvorsichtig wurde. Nachdem die beiden ihr Abendessen beendet hatten, breiteten sie schweigend ihre Decken aus und warteten. Es dauerte nicht lange, da näherte ich ihnen eine starke Aura. Schneller als für das sterbliche Auge sichtbar, verschwand der Dieb mit Hilfe eines Schattenschritts und tauchte nur wenige Sekunden später wieder auf, diesmal allerdings in Begleitung. Es war ein junges Mädchen – keinesfalls älter als Shikon Feenseele oder Ohtah Shadowdragon.
„Wer bist du?“, wollte er mit anklagender Stimme wissen.
Shikon Feenseele schritt sofort ein: „Warte, Ohtah! Siehst du nicht, was für eine Rüstung sie trägt? Sie ist eine Seraphine aus Götterfels.“
Die junge Wächterin nickte und erklärte: „So ist es, Lady Shikon. Mein Name ist Seiketsu Lichtsegen. Ich komme im Auftrag von Fürstin Gwynith. Sie befahl, einer der besten Gardisten solle Euch folgen, um Euch zu beschützen. Und so meldete ich mich freiwillig.“
Es überraschte die Adlige nicht im Geringsten, dass ihre Mutter eine solche Maßnahme eingeleitet hatte. Sie musterte Seiketsu Lichtsegen. Ihre Augen strahlten eine immense Wärme aus und sprachen von großer Tapferkeit.
„Es freut mich dich kennenzulernen, Seiketsu. Willkommen in unserer Gemeinschaft!“, begrüßte Shikon Feenseele sie und überraschte damit nicht nur die Wächterin, „Und bitte nenn´ mich einfach nur >Shiko<, das tun alle meine Freunde.“
Seiketsu Lichtsegen lächelte dankbar. Sie mochte die Elementarmagierin auf Anhieb. Allerdings bedurfte es ihrer größten Überredungskunst, bis sich die Wächterin endlich schlafen legen wollte, dafür aber augenblicklich einschlief – die Verfolgung hatte an ihren Kräften gezehrt. Shikon Feenseele setzte sich unterdessen neben Ohtah Shadowdragon ans Feuer, der die Neue sehr genau im Auge behielt.
„Warum bist du so feindselig gegenüber Seiketsu?“, fragte sie verständnislos.
Ohne sie anzusehen, stellte der Dieb mürrisch seine Gegenfrage: „Warum bist so vertrauensselig?“
„Ja, es stimmt … Ich weiß nicht warum, aber ich spüre eine tiefe Vertrautheit ihr gegenüber. So geht es mir übrigens auch bei dir …“, erwiderte die Elementarmagierin beinahe träumerisch, „Jetzt mal im Ernst – siehst du wirklich etwas Niederträchtiges in ihr?“
Darauf konnte er nicht anders, als sich geschlagen zu geben: „Nein. Aber damit eines klar ist – ich bin dein Beschützer!“
Shikon Feenseele lächelte in sich hinein. Dann küsste sie ihn auf die Wange.
„Danke, Ohtah …“, hauchte sie und zog sich ebenfalls zurück.
Ohtah Shadowdragon legte seine Hand auf die Stelle, an der ihre Lippen ihn berührt hatten, während auch auf seinem Gesicht ein Lächeln erschien.
Feuertaufe
Seit Seiketsu Lichtsegen zu Shikon Feenseele und Ohtah Shadowdragon gestoßen war, suchten sie überall nach neuen Informationen über die Aktivitäten der Drachen. Ihr Ziel war Löwenstein – die Hafenstadt war berühmt für ihren Klatsch über alle möglichen Ereignisse in Tyria. Um weiteren Auseinandersetzungen mit den Zentauren aus dem Weg zu gehen, wollten sie den Weg durch die Steinbohrungskammern zum Tal des Reisenden nehmen, welches genau zum Eingang von Löwenstein führte. Der geschickte Dieb führte die beiden Frauen durch die Tunnel immer tiefer unter die Erde. Shikon Feenseele folgte ihm bedenkenlos und Seiketsu Lichtsegen folgte ihr. Gerade als die schöne Elementarmagierin wieder einmal damit beschäftigt war, Ohtah Shadowdragon´s Vorgehensweise zu bewundern, begann die Erde zu beben. Der Boden und die Wände wackelten, Felsbrocken stürzten herunter. Shikon Feenseele stieß Seiketsu Lichtsegen zur Seite, da brach auch schon das Gestein unter ihr weg und noch bevor sie sich irgendwo hätte festhalten oder ihr irgendjemand hätte helfen können, stürzte sie ins Bodenlose.
„SHIKO!“, schrie Ohtah Shadowdragon, ohne sich bewusst zu sein, dass er sie zum ersten Mal so nannte.
Auch die junge Wächterin schrie entsetzt. Sie hasteten zum Rand des Abgrund, konnten jedoch kein Ende erkennen. In ihren Gesichtern spiegelte sich derselbe Ausdruck – sie hatten beide vollkommen in ihrer Aufgabe versagt!
Shikon Feenseele fiel und fiel, hörte gar nicht mehr auf zu fallen. Viele unzählige Meter tief. Hinab in die Tiefen Tyria´s. Mühsam konzentrierte sie ihre Magie, versuchte die Kontrolle über die Luft zu sich zu rufen. Im letzten Moment, bevor sie unten aufschlagen konnte, gelang es ihr eine Art Luftpolster zu errichten, das sie auffing, sodass sie zumindest halbwegs sanft landete. Ihr war schlecht, als sie sich aufrichtete und umsah. Lava schoss um sie herum in die Höhe, die Hitze war unbeschreiblich – Shikon Feenseele war buchstäblich in einem Flammeninferno gelandet. Wie gut, dass das Feuer ihr vertrautestes Element war und sie sich zu schützen wusste. Schnell wob sie einen Zauber, der sie abschirmte.
„Willkommen in meinem Reich.“, dröhnte eine tiefe Tiefe in ihren Gedanken, „Ich habe nicht oft Besuch … du wirst daher verstehen, dass ich erfahren möchte, was du hier zu suchen hast.“
Ihre Augen weiteten sich erschrocken. Was sie für eine harmlose Gesteinsformation gehalten hatte, war in Wahrheit ein lebendiges Wesen. Schlimmer noch – es war ein Alt-Drache! Genauer gesagt der Feuerdrache Primordus, der vor über zweihundertfünfzig Jahren als erster von ihnen erwacht war. Sprachlos starrte sie ihn an. Seine Macht loderte so gewaltig, dass ihr Körper ungewollt zitterte. Selbst jeder Nicht-Magier hätte die gewaltige Präsenz nicht ignorieren können. Niemals zuvor hatte die Elementarmagierin solche Angst verspürt. Diese uralte Magie, die sie drohte herauszufordern … Mit einem Mal begriff sie, warum jeder Widerstand gegen die Alt-Drachen gescheitert war.
„Es ist merkwürdig … Deine Aura ähnelt jenem Mädchen.“, meinte Primordus, nachdem Shikon Feenseele mehrere Minuten eisern geschwiegen hatte, „Und dennoch bist du so viel schwächer als sie … Bleibt noch die Frage zu klären, was mache ich jetzt mit dir?“
Am liebsten hätte Shikon Feenseele die Sechs Götter um Hilfe angefleht. Doch war es nicht so, dass sie sich von Tyria abgewendet hatten? Wenn selbst die Götter nichts gegen die Drachen unternehmen konnten, wie sollte dann jemand wie sie, ein gewöhnlicher Sterblicher den Kampf gegen diese Wesen aufnehmen?
„Ich denke, du hast Glück, Menschenkind.“, fuhr der Feuerdrache fort, „Im Gegensatz zu meinem Bruder Zhaitan hege ich kein Vergnügen gegenüber sinnlosem Töten … zumindest meistens. Dieses eine Mal sei dir unverdiente Gnade gewährt!“
Primordus breitete die Schwingen seiner Flügel aus. Ein Lufthauch streifte Shikon Feenseele und sie erschien wieder unversehrt in den Steinbohrung-Kammern, wo Ohtah Ryutaiyo sie gerade noch rechtzeitig auffangen konnte, bevor sie bewusstlos zu Boden sank.
Shikon Feenseele schien zu schweben. Dunkelheit umhüllte sie. Sie ahnte, was kommen würde.
„Shiko …“, erklang die gewohnt warme, weibliche Stimme, „Du bist Primordus begegnet … hast seine Macht gespürt. Aber deine eigene Kraft und die deiner Verbündeten scheinst du vollkommen zu übersehen. Willst du wirklich wieder zweifeln?“
In Shikon Feenseele kämpften tatsächlich Verzweiflung und Hoffnung gegeneinander. Sie hatte sich so fest vorgenommen nicht mehr zu schwanken, den Kampf um jeden Preis aufzunehmen …
„Tyria ist nicht verloren.“, sprach die Unbekannte sanft, „Du bist weit mehr, als du glaubst … Du trägst alles in dir, was du brauchst! Mehr Mut, als sonst jemand aufbringen könnte. Du darfst nur nicht vergessen, wofür du kämpfst … und wer treu an deiner Seite steht.“
Sie schloss für einen Moment ihre Augen, bevor sie erwiderte: „Ja, Ohtah und Seiketsu wollen mir beistehen … damit die Menschen und alle anderen Völker gerettet werden.“
„So ist es.“, stimmte sie ihr nachdrücklich zu, „Und auch Elona … und Cantha würden irgendwann noch mehr von Zerstörungswut der Drachen heimgesucht werden.“
Cantha. Der Name des südlichen Kaiserreiches löste etwas in ihr aus, hallte in ihr wieder. Da war eine gewisse Verbundenheit, dabei wusste sie nicht einmal viel über den entfernten Kontinent.
„Es gibt jemand, der dir helfen kann. Sie weiß, was du tun musst, um gegen die Drachen bestehen zu können.“, kam es nach einer Pause von der Stimme, „Nimmst du die Herausforderung an, bist du bereit deinen Weg weiterzugehen?“
Shikon Feenseele öffnete den Mund, schloss ihn jedoch sofort wieder. Sie war Primordus gegenüber gestanden, hatte seine lodernde Präsenz gespürt. Noch konnte sie sich aus der ganzen Geschichte zurückziehen, es einem anderen überlassen. Doch würde es überhaupt jemand geben, der ihren Platz einnahm? Vielleicht Ohtah Shadowdragon … Nein, allein konnte er nichts ausrichten. Sie wollte auch gar nicht, dass er sich allein in diese Gefahr begab.
„Nun … wie lautet deine Entscheidung?“, wollte sie von ihr wissen.
Die Elementarmagierin fokussierte ihren Blick, als sie sagte: „Keiner der drei Kontinente soll länger unter den Drachen leiden. Wohin muss ich gehen?“
„Finde den Geist von Glint in der Kristallwüste.“, erklärte ihr die Stimme voller Stolz.
Sie wollte Shikon Feenseele schon aus dem Traum entlassen, da hielt diese sie zurück: „Warte, bitte! Wer bist du? Sag´ es mir …“
„Irgendwann wirst du dich an meinen Namen erinnern.“, erwiderte sie geheimnisvoll und verschwand mit einem hellen Lachen.
Keine Sekunde später erwachte Shikon Feenseele aus ihrem Traum und sie setzte sich sofort ruckartig auf. Die Worte klangen ihr noch in den Ohren.
„Shiko? Wie geht es dir?“, riss Ohtah Shadowdragon sie aus ihren Gedanken.
Er saß neben ihr, hatte über ihren Schlaf gewacht. Ein kleines Lagerfeuer brannte und um sie herum standen einige Bäume; das bedeutete sie waren ganz in der Nähe von Löwenstein. Ohtah Shadowdragon musste sie den ganzen Weg hierher getragen haben. Seiketsu Lichtsegen konnte sie nirgends entdecken.
„Wo ist Seiketsu?“, wollte sie wissen.
Er sah sie besorgt an und antwortete: „Sie ist vorausgegangen, um sich mit den Wachen von Löwenstein zu treffen. Aber ist wirklich alles in Ordnung mit dir?“
Die Elementarmagierin nickte kaum merklich, dann erklärte sie: „Wir müssen zur Prophetin Glint.“
„Glint?“, wiederholte er vollkommen verständnislos, „Und dein Absturz? Was ist passiert?“
Ohne ihn anzusehen erwiderte sie: „Ich kann mich an nichts mehr erinnern … Ich weiß nicht, wie ich wieder an die Oberfläche gekommen bin.“
Es tat ihr weh ihn so anzulügen, doch die Wahrheit wollte ihr einfach nicht über die Lippen kommen. Sie konnte ihm nicht sagen, wie schwach sie sich gefühlt und dass sie beinahe erneut gezögert hatte. Er sollte nicht schlecht von ihr denken. Daher wandte sie sich schnell an die Erzählung von ihrem Traum – beinahe erwartete sie, er würde sie auslachen, aber der Dieb schaute noch ernster drein als sonst.
„Das könnte unsere Chance sein … Es ist vielleicht die einzige Möglichkeit herauszufinden, was wir gegen die Drachen unternehmen können. Wir sollten den Versuch wagen – die Sagen um Glint reichen beinahe genauso lang zurück, wie jene der Drachen. Auch wenn es ziemlich schwierig werden wird dorthin zu kommen …“, meinte er nachdenklich.
Überrascht fragte Shikon Feenseele: „Dann bleibst du bei mir?“
„Shiko …“, hauchte er ihren Namen, während er ihre linke Wange berührte, „Bei den Sechs, ich schwöre, ich beschütze dich mit meinem Leben! Für immer … Ich werde dich niemals verlassen, hörst du? Wohin du auch gehst.“
Die Rothaarige fiel ihm um den Hals und Ohtah Shadowdragon drückte sie fest an sich.
Portalistin Ganda
Auch wenn ihr genaues Ziel nun feststand, ergab sich eine große Schwierigkeit – die Kristallwüste wurde von einem der Alt-Drachen besetzt. Das bedeutete, sie konnten nicht einfach dort einmarschieren – blieb nur der Weg durch ein Portal. Und dafür benötigten sie einen Führer.
„Warum willst du mich nicht mitnehmen?“, wollte Shikon Feenseele beinahe beleidigt wissen.
Ohtah Shadowdragon zwang sich zur Ruhe und wiederholte seine Erklärung: „Weil wir keine gewöhnliche Reise buchen. Ich muss jemand aus dem Untergrund ausfindig machen – das ist kein Ort für eine adlige Dame wie dich. Außerdem musst du hier auf Seiketsu warten. Und schonen solltest du dich auch noch etwas …“
Die schöne Elementarmagierin wurde rot um die Nase. Er machte sich Sorgen um sie …
„Aber pass´ bitte auf, ja? Ich … schaffe das nicht ohne dich.“, bat sie, während ihr Blick zu Boden gerichtet war.
Er hob sanft ihr Kinn an und sagte: „Und wenn es das letzte ist, was ich tue … Ich komme zu dir zurück, versprochen!“
Im Untermarkt von Löwenstein wurden alle Geschäfte abgewickelt, die nicht an die Öffentlichkeit dringen sollten. Dies war das Zuhause von Piraten, Schmugglern, Obdachlosen und sonstigem Gesindel. Also war Ohtah Shadowdragon hier genau richtig. Es war auch nicht sein erster Besuch auf dem Schwarzmarkt; er hatte bereits früher illegale Güter von hier nach Götterfels gebracht. Er ging an die Bar, bestellte sich ein Bier und lauschte den Gesprächen der anderen Besuchern.
„Wisst ihr etwas über einen Portalführer?“, fragte er niemand bestimmten.
Der Barkeeper sah ihn überrascht an und hakte sofort nach: „Wollt Ihr etwa eine Reise unternehmen, Fremder?“
„Ja … aber das Ziel … nun sagen wir, es bedarf einem großen Maß an Mut. Ich kann keinen feigen Geschäftsmann gebrauchen, der nur Urlaubsorte ansteuert.“, antwortete er lachend.
Sein Gegenüber trocknete weiter Gläser ab, dann zeigte er plötzlich auf einen Tisch in eine Ecke, an dem ein kleines Wesen saß, und erklärte: „Das ist Ganda. Sie ist eine Asura … Glaubt mir, Ihr findet hier unten keine geschicktere Portalistin. Ganda ist etwas ganz besonderes … Sie kennt das Portalnetz besser, als jeder andere Führer und bringt Euch überallhin, wo Ihr wollt.“
„Klingt perfekt.“, bestätigte der geschickte Dieb, bevor er dem Barkeeper zwei zusätzliche Goldstücke zuwarf.
Keine Sekunde später verschwand er in den Schatten und tauchte direkt neben der Asura wieder auf.
„Wer seid Ihr?“, wollte sie mit einer piepsigen Stimme von ihm wissen.
Ohtah Shadowdragon zog seine Maske vom Gesicht und erwiderte: „Jemand, der eine Mission zu erfüllen hat.“
„Und wohin soll ich Euch bringen, damit Ihr diese … Mission erfüllen kannst?“, fragte sie weiter.
Sein Blick wurde ernst, als er antwortete: „Meine beiden Begleiterinnen und ich müssen unbemerkt in die Kristallwüste gelangen. Ihr wisst sicher, wer dieses Gebiet kontrolliert … Darum sagt es mir besser gleich, ob Ihr Euch diesen Auftrag zutraut.“
Ganda begann haltlos zu lachen. Es traten ihr schon Tränen in die Augen und ihr Bauch tat weh, als sie sich nach einer Weile langsam wieder beruhigte.
„Man hat es Euch doch sicher gesagt … sonst hättet Ihr mich gar nicht erst angesprochen.“, meinte sie belustigt, „Es gibt keinen Ort in Tyria, an den ich Euch nicht bringen könnte. Allerdings-“
Nun war es an Ohtah Shadowdragon zu lachen und auf ihren fragenden Blick hin erklärte er: „Wenn die Bezahlung ein Problem wäre, hätte ich Euch wohl gar nicht erst aufgesucht. Ich weiß, was ich verlange … Haltet Ihr mich wirklich für so bescheuert?“
„Nein. Es hätte mich tatsächlich sehr überrascht, wenn Ihr zu der Sorte hirnloser Dummköpfe gehören würdest, die hier sonst so herumlaufen. Natürlich seid Ihr bei weitem nicht so schlau wie eine Asura, aber das wäre ja auch zu viel verlangt.“, berichtete Ganda und erhob sich von ihrem Platz, „Ich habe noch einige Dinge vorzubereiten. Wir treffen uns nach Einbruch der Nacht auf dem Marktplatz.“
Kurz vor Beginn der Dämmerung brachen Ohtah Shadowdragon, Shikon Feenseele und Seiketsu Lichtsegen aus ihrem Versteck auf. Der Weg nach Löwenstein war zwar nicht weit, dafür standen beinahe überall Wachen der Löwengarde – darum hatte die junge Wächterin den ganzen Tag über ihre Patrouillenwege ausspioniert – und kontrollierten jeden, der die Stadt betreten wollte. Doch Ohtah Shadowdragon wäre kein richtiger Dieb, wenn er nicht an ihnen vorbeigekommen wäre.
„Haltet euch gut an mir fest.“, flüsterte er und sah Shikon Feenseele an, „Vertrau´ mir …“
Er verschmolz mit den Schatten und zog sie mit sich. Die beiden Frauen spürten einen kalten Hauch, danach umfing sie völlige Dunkelheit. Nur wenige Sekunden später war alles vorbei und sie standen mitten auf einem großen Platz.
„Das wäre geschafft. Ich kann einfach nicht glauben, dass die Wachen immer noch keinen Schutz gegen Schattenschritte haben.“, meinte der Dieb mit einer Spur Selbstzufriedenheit in der Stimme.
Shikon Feenseele lachte amüsiert und entgegnete: „Du bist eben mein Held.“
Hätte Ohtah Shadowdragon nicht wie gewöhnlich seine Maske getragen und wäre es nicht so dunkel gewesen, hätte die schöne Elementarmagierin sicher die Röte auf seinen Wangen gesehen.
„Ihr seid also gekommen.“, stellte ein kleines Wesen fest, das einen Kapuzenmantel trug.
Der Dieb nickte und wies auf seine Begleiterinnen: „Das sind Shikon Feenseele und Seiketsu Lichtsegen. Darf ich euch unsere Führerin vorstellen? Portalistin Ganda.“
Shikon Feenseele lächelte sie freundlich an und verbeugte sich leicht vor ihr. Die Asura schaute sie überrascht an, offenbar war solch eine Behandlung nicht gewohnt.
Seiketsu Lichtsegen räusperte sich leicht, bevor sie sagte: „Wir müssen uns beeilen. Um Mitternacht kommt eine Patrouille an den Portalen vorbei. Bis dahin müssen wir verschwunden sein.“
„Ihr habt recht.“, stimmte Ganda ihr zu und ging voraus.
Vorsichtig schlichen die drei Verbündeten hinter ihr her. Weg von dem belebteren Teil der Stadt, am Hafen vorbei zum anderen Ende. Dort befanden sich die Portalstationen Löwenstein´s, die über Nacht nicht in Betrieb waren. Zumindest schien es so.
„Einer der Zuständigen gehört zu Bort´s Piraten. Er stellt das letzte Portal immer so ein, dass es sich erst kurz vor Mitternacht vollständig abschaltet, so bekommen die Wachen nichts mit und der Schwarzmarkt floriert.“, erklärte Ganda leise.
Sie drückte einen der unzähligen Knöpfe und das Portal erwachte zum Leben. Anschließend gab sie die neuen Koordinaten ein.
„Die Verbindung ist hergestellt. Wir können starten.“, meinte sie und wandte um, „Ich gehe voraus, ihr folgt mir im Abstand von genau drei Sekunden.“
Die Asura trat durch das Portal, Shikon Feenseele zählte die drei Sekunden runter und gemeinsam schritten sie hindurch. Als sie die Augen wieder öffneten, war der Boden mit Sand bedeckt, überall lagen Felsbrocken und zerbrochene Kristalle herum. Und hinter ihnen erstreckte sich das Ende einer gewaltigen Schneise, die viele tausend Kilometer betrug – der Drachenbrand. Am oberen Ende der Flammenkamm-Steppe beginnend durchzog sie ganz Ascalon bis zum Rand der Kristallwüste. Und Schuld daran trug Kralkatorrik, der Erddrache. Sein Drachenodem hatte dieses Gebiet verflucht …
Mit Mühe riss sich Shikon Feenseele von dem bizarren Anblick los und wandte sich lächelnd an Ganda: „Danke, dass du uns hierher gebracht hast. Du bist wirklich eine ausgezeichnete Portalführerin. Kannst du hier bitte auf uns warten?“
Die kleine Asura nickte zustimmend. Sie mochte die Elementarmagierin irgendwie. Und noch mehr mochte sie es, gelobt zu werden. Besonders von jemanden, von dem ein solche Energie ausging.
Der Weg durch die eingestürzten Deckensteine, gebrochenen Säulen und zerbröckelten Felsen war trostlos. Nichts erinnerte mehr an die einst prachtvolle Drachenhöhle, von der in alten Büchern geschrieben stand. Mit dem Tod ihrer Herrin hatte dieser Ort seine Magie verloren.
„Wir müssen weiter rein.“, meinte die Elementarmagierin, „Ich spüre eine schwache Aktivität.“
Vorsichtig arbeiteten sie sich durch das gefährliche Labyrinth von Steinen, Felsen und sonstigen Hindernissen – Shikon Feenseele´s Macht über die vier Elemente zahlte sich wieder einmal aus, das musste Ohtah Shadowdragon neidlos zugeben. Trotzdem dauerte es mehreren Stunden, bis sie endlich das innere Heiligtum erreichten, welches als einziges verschont geblieben war. Ein sanftes Licht ging von dem kristallklaren Boden aus und ließ alles verwaschen aussehen.
„Ihr seid gekommen … Ich habe Euch erwartet, Shikon Feenseele, Seiketsu Lichtsegen und Ohtah Shadowdragon.“, erklang eine machtvolle Stimme und vor ihnen erschien der Kopf eines Drachens, eingehüllt von etwas, das einem magischen Zirkel ähnelte.
Zum Zeichen ihres Respekts senkten die drei Kämpfer ihre Häupter.
„Wir dürfen uns nicht mit Höflichkeiten aufhalten, junge Freunde. Mein ehemaliger Meister könnte jederzeit meine Anwesenheit spüren.“, fuhr sie fort, „Ich weiß, warum Ihr hier seid. Doch zunächst – kennt Ihr die Geschichte der >Klinge des Schicksals<?“
Seiketsu Lichtsegen nickte – ihr Lehrmeister Logan hatte ihr alles erzählt – und berichtete: „Die Klinge des Schicksals war eine Gilde, welche den Kampf gegen die Drachen aufnehmen wollte. Ihre Mitglieder bestanden aus den großen Völkern Tyria´s – Menschen, Asura, Norn, Charr und Sylvari. Aber eines Tages brach die Gemeinschaft auseinander, weil Hauptmann Thackeray die Gruppe verließ, um seiner Königin zu Hilfe zu eilen … In Folge dessen wurde Snaff, einer der beiden Asura getötet.“
„So ist es.“, sprach Glint, „Ich wollte sie gegen Kralkatorrik unterstützen … doch mein Schöpfer hat mich mit seinen Klauen zerfetzt, bevor ich ihnen die nötigen Informationen weitergeben konnte.“
Ohtah Shadowdragon starrte die Drachin entsetzt an und wiederholte: „Euer Schöpfer?“
„Ja … mein Kristallkörper wurde einst von Kralkatorrik erschaffen.“, erklärte sie und kehrte anschließend zum eigentlichen Thema zurück, „Es gibt einen Grund, warum ich die Klinge des Schicksals ausgewählt habe …“
Doch Shikon Feenseele unterbrach sie: „Wegen der Verbrüderung der verschiedenen Völker.“
„Korrekt.“, stimmte sie der Elementarmagierin anerkennend zu, „Ein einzelnes Volk hat keine Chance gegen die überwältigende Kraft der Drachen … Aber gemeinsam können sie einen Weg finden, sich zu behaupten. Shikon Feenseele, Seiketsu Lichtsegen und Ohtah Ryutaiyo, es ist Eure Aufgabe, den Kampf wiederaufzunehmen und dafür braucht auch Ihr Verbündete aus den anderen Völkern!“
Sie nickten entschlossen. Endlich hatte ihre Reise eine genaue Richtung bekommen.
„Es gibt noch etwas, das Ihr tun müsst …“, meinte Glint und richtete ihre Augen genau auf Shikon Feenseele, „Zhaitan, der Drache des Todes kann nur durch die Energie bezwungen werden, aus der alles Leben und alle Magie entspringt – die vier Elemente Feuer, Luft, Erde, Wasser … Ich weiß, was Ihr nun denken mögt, junge Elementarmagierin, doch Eure Macht über die Elemente wird dafür nicht ausreichen.“
Wie auf Stichwort erschien eine Truhe vor Shikon Feenseele. In der Truhe lagen vier durchsichtige Eier aus Kristall, welche ungefähr die Größe einer menschlichen Faust hatten.
„Das ist alles, was von meinem Dasein übriggeblieben ist … Sie sind leer, kein Leben ist mehr in ihnen. Sie werden die Seelen von Primordus, Jormag, Kralkatorrik und Mélyten extrahieren und zu Elementarjuwelen werden.“, informierte Glint sie und plötzlich konnte nur noch Shikon Feenseele ihre Stimme hören, „Eines solltet Ihr allerdings noch wissen … Die Juwelen nur zu besitzen genügt nicht – wenn Ihr Zhaitan besiegen wollt, müsst Ihr Eure eigene Schwäche überwinden!“
Das Abbild Glint´s verschwand. Und mit ihr auch der letzte Funken der hiesigen Magie.
„Ihr habt bereits das erste Mitglied Eurer Gemeinschaft gefunden.“, sagte eine piepsige Stimme in die Leere hinein.
Die Elementarmagierin, die Wächterin und der Dieb wirbelten herum. Vor ihnen stand Ganda.
Im Norden
Die kleine Asura bleib eisern bei ihrem Entschluss. Sehr zur Freude ihrer drei Verbündeten; nicht nur weil sie Ganda mochten, ihre Fertigkeiten waren mehr als nützlich – schließlich mussten sie quer durch ganz Tyria reisen.
„Wohin sollen wir als nächstes gehen?“, fragte Ohtah Shadowdragon, nachdem sie wieder sicher in Löwenstein waren.
Shikon Feenseele richtete ihren Blick in die Ferne und antwortete langsam: „Die Charr sind ein sehr schwieriges Volk. Und über die Sylvari weiß ich so gut wie nichts. Suchen wir zuerst die Norn auf.“
Sie nickten zustimmend und Ganda meinte: „Dann auf nach Hoelbrak!“
Das erste, was sie spürte, war die Kälte. Schnee wirbelte um sie herum. Alles erschien wie ein einziger Traum aus Eis. Shikon Feenseele fühlte sich sofort verzaubert. Es gab so viele wundervolle Orte auf der Welt. Orte, die sie nie zuvor gesehen hatte. Orte, die es zu beschützen galt.
„Ähm … Shiko, würdest du vie-vielleicht … deine Magie ei-einsetzen?“, schlotterte Seiketsu Lichtsegen und der Elementarmagierin wurde schlagartig wieder bewusst, dass ihre Gefährten von der Kälte beeinträchtigt wurden.
Schnell wob sie einen Zauber, welcher die Luft um sie herum erwärmte. Damit würde der Schnee unter ihren Füßen nicht schmelzen und sie würden trotzdem nicht erfrieren. Nun hatten auch die anderen Gelegenheit sich umzusehen. Es war erstaunlich, wie bunt gemischt die Wesen auf den Straßen herumliefen. Da waren nicht nur die hünenhaften Norn, sondern auch Charr, Menschen und sogar Asura. Selbst vereinzelte Sylvari. Anscheinend verstanden sich die Völker untereinander besser, als bislang angenommen.
„Ihr seid doch sicher auch wegen des Turniers hier!“, sprach sie einer der Norn an, „Natürlich seid ihr das! Willkommen in Hoelbrak, der Hochburg unserer Gesellschaft! Geht nur, geht, das große Spektakel beginnt gleich!“
Er wies auf eine Arena, welche in der Nähe des zugefrorenen Sees lag. Unzählige Schaulustige waren darum versammelt.
In genau dem Moment, als Shikon Feenseele und ihre Freunde dort eintrafen, verkündete ein Sprecher: „Es ist soweit! Möge der stärkste Norn siegreich vom Platz gehen und gemeinsam mit den Geistern der Wildnis die Schergen des Drachens zurückschlagen!“
Sofort horchten sie auf. Während die Regeln erklärt wurden, verstanden sie vollends. Die Norn hatten dieses Turnier anberaumt, um herauszufinden, welcher Norn die Kraft hatte, sich Jormag und seinen Dienern entgegenzustellen. Der Gewinner sollte die Ehre erhalten gemeinsam mit den vier Geistern der Wildnis, den Gottheiten der Norn auf die Jagd zu gehen. Schon nach den ersten paar Runden kristallisierte sich ein Favorit ganz klar heraus – Ric Bärenklaue. Er gehörte von seinem Körperbau her zwar nicht zu den massigen Norn, bewies dafür aber Köpfchen. Und Kraft hatte er wahrlich genug; seinen letzten Gegner besiegte er mit einem einzigen Faustschlag. Der Jubel der Zuschauer war überwältigend. Sie verehrten ihn und glaubten, er hätte eine reelle Chance sie von Jormag zu befreien. Shikon Feenseele wurde traurig … Kein Kämpfer, egal wie stark er sein mochte, konnte allein etwas gegen die Alt-Drachen ausrichten. Nur gemeinsam konnten sie etwasc gegen ihre Übermacht ausrichten! Unter den ermutigenden Rufen seiner Fans schritt Ric Bärenklaue aus der Arena. Vor dem Zelt des Siegers, indem Bier und köstliche Speisen auf ihn warteten, stand bereits Ohtah Shadowdragon; Shikon Feenseele, Seiketsu Lichtsegen und Ganda schnitten ihm den Rückweg ab. Er war regelrecht von ihnen umzingelt.
„Was wollt ihr von mir?“, brummte er drohend.
Es war die Elementarmagierin, die antwortete: „Wir möchten, dass du dich uns anschließt – uns und unserem Kampf gegen die fünf Drachen.“
„Pah! Ich trete gegen Jormag an. Und zwar allein, wie alle wahren Norn!“, erwiderte Ric Bärenklaue und machte Anstalten den Dieb zur Seite zur stoßen.
Doch Shikon Feenseele´s Stimme hielt ihn zurück: „Diese Statue am See … Sie zeigt eine weibliche Norn und auf einem darunter Schild steht geschrieben >Blut wäscht Blut< – Jora, die sich zu Lebzeiten mit großen Helden zusammengeschlossen hat, um ihren verfluchten Bruder aufzuhalten, nicht wahr?“
„Woher kennt ein Mensch unsere Legenden?“, gab der Norn teils wütend, teils neugierig zurück.
Die junge Adlige ging einige Schritte auf ihn zu, während sie erklärte: „Ich habe in Götterfels viel über die verschiedenen Völker gelesen. Weil ich wissen wollte, wer da draußen in der Welt noch alles unter den Drachen zu leiden hat. Darum habe ich meine Heimat verlassen, aber wir brauchen deine Hilfe, wenn wir-“
„Warte, Shiko. Ich glaube nicht, dass du ihn mit Worten von unserer Sache überzeugen kannst.“, unterbrach Ohtah Shadowdragon sie und wandte sich an den Krieger, „Ric Bärenklaue, ich fordere dich zum Zweikampf! Wir machen eine kleine Wette daraus – wenn ich gewinne, schließt du dich uns an; wenn du gewinnst …“
„Bekomme ich einen Jahresvorrat an Bier!“, beendete er den Satz seines Gegenübers siegessicher.
„Hat er überhaupt eine Chance?“, flüsterte Seiketsu Lichtsegen, die zusammen mit den anderen am Rand des Kampfplatzes stand.
Shikon Feenseele lächelte, als sie erwiderte: „Wenn es einer schafft, dann Ohtah.“
Ohtah Shadowdragon wich gekonnt jedem Schlag und jeder Finte aus. Es war nicht so, dass er sich der Kraft der Schatten bediente. Ganz im Gegenteil – er wusste, er konnte Ric Bärenklaue nur überzeugen, wenn er einen ehrenvollen Kampf bestritt. Darum hatte er seine beiden Dolche als Waffe gegen den mächtigen Zweihänder gewählt und seine Pistolen abgelegt. Schuld an seinen geschickten Ausweichmanövern trug das Turnier – er hatte jeden Kampf des Norn gesehen und kannte dessen Vorgehensweisen. Ric Bärenklaue holte zum erneuten Angriff aus. Diesmal bewegte er sich anders. Offenbar hatte er seinen Schwachpunkt erkannt und seine Taktik geändert. Dieser Umstand bewies, dass wirklich nicht nur Muskeln in ihm steckten. Ohtah Shadowdragon blockte den Hieb mit seinen gekreuzten Dolchen, doch das Gewicht zwang ihn hinunter in eine geduckte Haltung. Unfähig diese Position zu lösen, schaute er für den Bruchteil einer Sekunde zu seinen Verbündeten. Seiketsu Lichtsegen´s und Ganda´s Blick war bittend; sie hatten Angst, er könnte verlieren. Shikon Feenseele dagegen wirkte vollkommen ruhig und lächelte weiterhin; sie glaubte von ganzem Herzen an ihn. Er würde sie sicher nicht enttäuschen! Der Dieb schloss die Augen, sammelte seine Kraftreserven. In einer einzigen, fließenden Bewegung sprang er vom Boden ab – die Wucht riss Ric Bärenklaue das Schwert aus der Hand. Damit stand der Sieger fest.
In seinem Zelt lauschte Ric Bärenklaue der Erzählung von Shikon Feenseele über ihren Auszug aus Götterfeld – wobei sie ihre Träume für sich behielt –, wie sie Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu Lichtsegen begegnet war. Und anschließend von Glint und Ganda´s Entscheidung, sich ihnen anzuschließen.
Nachdem sie fertig war, sagte er: „Ich kenne eine Charr … Sie gehört zur Aschen-Legion. Wir haben vor einiger Zeit zusammen gekämpft. Als unsere Völker ein … Friedensabkommen getroffen haben, auch wenn das nach euren Maßstäben vielleicht etwas anderes ist. Wir töten uns immerhin nicht mehr grundlos. Ich bin sicher, sie wäre interessiert.“
„Trotzdem können wir nicht einfach in ihrer Hauptstadt auftauchen.“, mahnte die Elementarmagierin, „Damit würden wir nur ihren Zorn auf uns ziehen.“
Der Norn überlegte einen Moment, bevor er erklärte: „Der Weg durch den Wanderer Hügel ist unmöglich – die Berge sind nicht zu erklimmen. Ansonsten würde es Wochen dauern, sich durch die Südlichen Zittergipfel nach Ascalon durchzuschlagen.“
„Blödsinn!“, schaltete sich Ganda empört ein, „Was glaubt Ihr eigentlich, warum ich den Titel der >Portalistin< trage?! Ich kann nicht nur durch das Portalnetz führen oder Koordinaten eingeben – ich kann auch vorübergehende Portale erschaffen! Zumindest wenn ich den Ort kenne. Und in Ascalon war ich schon unzählige Male.“
Staunen breitete sich in der Gruppe aus. Bislang hatte keiner von ihnen wirklich mit den Asura zu tun gehabt und wusste daher kaum etwas über deren Fertigkeiten. Da musste selbst Shikon Feenseele passen; es existierten fast mehr Bücher über die Sylvari, als über die kleinen Intelligenzbestien aus der Befleckten Küste.
„Während die kleine Asura ihre Vorbereitungen trifft, werde ich mich von meinen Leuten verabschieden.“, meinte der Norn mit einem seltsamen Unterton in der Stimme, „Seid bis dahin meine Gäste!“
Shikon Feenseele, Ohtah Shadowdragon und Seiketsu Lichtsegen nahmen die Einladung dankend an. Nur Ganda machte sich sofort an die Arbeit – und deshalb konnten die Gruppe nur zwei Tage später zu der atemberaubenden Hauptstadt der Charr aufbrechen, wo sie Ric Bärenklaue direkt zum großen Eingangstor lotste. Dort wurden sie auch gleich mal von einer Handvoll Wachen kontrolliert.
„Ich bin Ric Bärenklaue und will eine alte Kampfgefährtin besuchen. Meine Freunde begleiten mich.“, antwortete der Krieger auf ihre Fragen.
Seltsam genug, dass ein Norn mit Menschen reiste – von der Asura einmal ganz abgesehen –, aber sie auch noch als Freunde zu bezeichnen, auffälliger ging es kaum.
„Wie lautet der Name deiner … Kampfgefährtin?“, hakte der Charr nach, wobei er ihnen das letzte Wort beinahe entgegenspuckte.
Ein Knurren mischte sich in Ric Bärenklaue´s Stimme: „Gwen Grimmpfote.“
Mit einem Mal schlug die Stimmung der Wache um: „Seid willkommen in der Schwarzen Zitadelle! Ihr findet das Zelt der Legionär im Heldenbezirk, im Lager der Aschen-Legion. Nicht zu verfehlen.“
Offenbar hatte sich Gwen Grimmpfote seit ihrer letzten Begegnung einen Namen unter den ihren gemacht, dachte Ric Bärenklaue anerkennend.
Wie der Phönix aus der Asche
Vor einem großen Zelt entdeckte Ric Bärenklaue ein bekanntes Gesicht und rief freudig: „Sporn, alter Junge! Du bist wirklich noch am Leben!“
Ein Charr mit orangebraunem Fell und einer Augenklappe umfasste seinen rechten Arm zum Kriegergruß: „Bei allen Hoch-Legionen, was treibt dich denn nach Ascalon, Ric?“
„Gwen.“, gab er ernst zurück, „Ich bringe ihr jemanden, der unbedingt mit ihr sprechen muss.“
Der Norn wies auf Shikon Feenseele, die interessiert von Klauensporn – wie der Charr richtig hieß – gemustert wurde. Dann drehte er sich um und führte sie ins Innere des Zelts. Auf ihren fragenden Blick hin, erklärte er, Gwen müsse jeden Moment zurückkommen.
„Ah, der Liebling des Tribun kehrt zurück!“, scherzte er, als sie die Zeltwand nur Minuten später erneut zur Seite geschlagen wurde, „Was wollte Brimstone denn diesmal von dir? Übrigens Ric ist mit ein paar Freunden zu Besuch.“
Natürlich hatte die Nekromantin die ungeladenen Gäste sofort bemerkt: „Nun, Kamerad, wenn du hier so plötzlich auftauchst, hat das sicher einen guten Grund.“
„Dein Scharfsinn hat nicht im Geringsten nachgelassen, Kätzchen.“, entgegnete er mit einem kurzen Grinsen, „Es geht um die Drachen.“
Damit war ihm die Aufmerksamkeit von Gwen Grimmpfote und Klauensporn gewiss. Doch anstatt mehr dazuzusagen, überließ er es Shikon Feenseele ihr Anliegen vorzutragen.
„Verstehe … Glint also.“, sagte die Legionär, nachdem eine Weile lang Stille geherrscht hatte, „Ich wünschte, ich könnte euch helfen diese miesen Drecksviecher ordentlich zu verprügeln … Aber mein Tribun hat mir einen neuen Auftrag zugeteilt.“
Shikon Feenseele sprang auf und erklärte entschlossen: „Dann helfen wir Euch damit! Und anschließend könntet Ihr doch mit uns kommen.“
Es dauerte einige Zeit bis Gwen Grimmpfote sich geschlagen gab und ihnen von ihrem Erzeuger erzählte – einem Gladium, ein Charr ohne Trupp. Er war vor Jahren verschwunden und nun wieder in Ascalon gesichtet worden. Ihre Aufgabe war es, ihn ausfindig zu machen und zur Schwarzen Zitadelle zu bringen, damit ihm der Prozess gemacht wurde – die Anklage lautete Verrat an den Hoch-Legionen.
„Ohtah, ich vertraue darauf, dass du Shiko beschützen wirst.“, kam es von Seiketsu Lichtsegen, welche die Arme vor der Brust verschränkt hielt, „Es gibt noch etwas, das ich hier erledigen muss.“
Die Elementarmagierin schaute sie überrascht an, doch sie erwiderte ihren Blick nicht.
Ganda wechselte schnell das Thema: „Ich kümmere mich derweil um unsere Weiterreise. In den Hain, nicht wahr? Und Ihr, Ric, werdet gefälligst nicht von meiner Seite weichen! Diese Horde Charr ist mir nicht ganz geheuer – nichts für ungut.“
Die Nekromantin ignorierte diesen Kommentar und gab Klauensporn unterdessen eine Reihe von Befehlen.
Ohtah Shadowdragon und Gwen Grimmpfote schienen beinahe darum wettzueifern, wer die Spur von Vallus Grimmmähne besser aufnehmen konnte. Sie sprachen mit den Zeugen, die ihn gesehen hatten, alten Bekannten und sogar mit seiner früheren Vorgesetzten, die ihn für seinen Verrat einfach nur noch tot sehen wollte.
Die Adlige hasste Wesen, die ohne weiteres ein Todesurteil fällten, darum versuchte sie sich abzulenken: „Könnt Ihr uns mehr über Euren Vater erzählen, Gwen?“
„Dazu müsst ihr wissen, dass unsere Jungen nicht bei ihren Eltern aufwachsen, sondern im Fahrar erzogen worden, einer Art … Schule, so nennt ihr Menschen es doch.“, meinte die Charr und schnüffelte ein paar Mal, „Ich habe mein ganzes Leben lang nur Gerüchte über Vallus gehört. Und bei weitem keine guten. Für einen Charr ist es die größte Schande seinen Trupp zu verlassen oder verstoßen zu werden. Aber was Vallus getan hat, ist um ein vielfaches schlimmer … Er hat mit der Flammen-Legion gemeinsame Sache gemacht und damit uns alle verkauft!“
In Shikon Feenseele keimte eine schreckliche Vorstellung: „Werdet Ihr … werdet Ihr auch ein Gladium, wenn Ihr mit uns kommt?“
Gwen Grimmpfote schüttelte leicht den Kopf: „Nicht wenn der Tribun, dem ich unterstellt bin, es genehmigt. Früher diente ich unter einem Tribun der Aschen-Legion, heute ist es-“
„Rytlock Brimstone, ehemaliges Mitglied der Klinge des Schicksals.“, schlussfolgerte Ohtah Shadowdragon und warf der Elementarmagierin einen bedeutsamen Blick zu, „Deshalb meinte Euer Freund, Ihr wärt sein Liebling.“
Sie winkte nur ab: „Klaue übertreibt, wie immer. Aber es stimmt, Tribun Brimstone hat mich für sich beansprucht. Manchmal kommt es zwischen den Legionen zu solchen Handeln.“
Zur selben Zeit bekam eben jener Charr ungebetenen Besuch in seiner Kammer – eine junge Frau in silberner Rüstung und mit ernstem Gesichtsausdruck.
„Raus hier! Ich dulde keine Menschen in meiner Nähe!“, bellte er verärgert.
Sein Gehabe beeindruckte sie jedoch nicht im Geringsten: „Mein Name ist Seiketsu Lichtsegen. Ich wurde von Logan Thackeray ausgebildet.“
„Und jetzt schickt dich der Feigling zu mir?“, höhnte der Charr, „Verschwinde! Ich habe weder ihm noch dir etwas zu sagen!“
Die Wächterin bewegte sich keinen Millimeter vom Fleck und entgegnete: „Das mag sein. Dafür habe ich Euch einiges zu sagen! Stellt Euch vor, es wäre jemals die Situation aufgekommen, in der Ihr Euch hättet entscheiden müssen … zwischen Logan und und einem anderen Mitglied der Klinge des Schicksals – wen hättet Ihr gerettet, Rytlock Brimstone? Und wenn Ihr mir jetzt erzählen wollt, Ihr hättet nicht alles für ihn getan, kann Logan mir nur leidtun! Denn als er mir von euch berichtete, sagte er, er würde Euch trotz aller Differenzen noch immer wie einen Bruder lieben!“
Es blieb einen Moment vollkommen still, bevor Seiketsu Lichtsegen hinzufügte: „Ich würde meiner Freundin Shiko bis ans Ende der Welt folgen und mit ihr durch die Hölle gehen, wenn es sein müsste! Sie könnte mir nicht näher stehen, würde dasselbe Blut durch unsere Adern fließen. Denkt darüber nach, Rytlock Brimstone, ob Logan´s Entscheidung wirklich so falsch war, wie Ihr ihm vorwerft … Im Übrigen wollen wir, dass Eure Legionär Gwen Grimmpfote uns beim Kampf gegen die Drachen unterstützt, also wagt es nicht, dem zu widersprechen – denn im Gegensatz zu Eurer Gilde wird unser Team nicht scheitern!“
Mit diesen Worten ließ sie ihn einfach stehen und rauschte aus dem Zimmer.
Die Spur von Vallus führte die kleine Gruppe ins Diessa-Plateau, zu einer Felsspalte. Ohtah Shadowdragon, der diesmal im Vorteil war, verschmolz mit den Schatten und spähte das Lager aus – der Mesmer war allein und es gab nur einen Zugang; eine natürliche Falle. Gwen Grimmpfote ging voraus, der Dieb und die Elementarmagierin hielten sich im Hintergrund; dies war nicht ihre Mission.
„Vallus Grimmmähne, nach dem Gesetz der Hoch-Legionen verhafte ich dich wegen Desertion und Verrat. Leiste bei der Überstellung in die Schwarze Zitadelle keinen Widerstand.“, verkündete die Nekromantin ungerührt.
Ihr Vater lachte überheblich: „Mein eigener Nachwuchs kommt, um mich gefangen zu nehmen? Das ist die Handschrift dieses elenden Brimstone! Na schön, dann zeig´ mal, was du in diesem Fahrar gelernt habt!“
Kämpfe zwischen Norn waren hart, unerbittlich. Doch gegen jene der Charr war das nichts. Sie schlugen wild mit ihren Klauen aufeinander ein, bissen zu, traten nacheinander, knurrten sich gegenseitig an. Hier ging es nicht um Ehre oder Tapferkeit, sondern um reine Stärke. Niemand hätte vermutet, dass sich hier Vater und Tochter gegenüber standen. Irgendwann gelang es Gwen Grimmpfote ihn zu Boden zu ringen und ihm ihre todbringenden Krallen an die Kehle zu halten.
„Ich werde dich nicht töten. Der Tribun wünscht, dich lebend in die Klauen zu bekommen …“, erklärte sie und stand auf, „Aber ich kann nicht zulassen, dass du mir entkommst.“
Mit einem Zauber schickte sie ihn in einen tiefen Schlaf.
„Wollt Ihr es wirklich so enden lassen?“, fragte Shikon Feenseele traurig.
Gwen Grimmpfote kniff die Augen zusammen, dann hakte sie nach: „Wie meinst du das, Mensch?“
„Ihr sagtet, Ihr hättet Euer ganzes Leben lang nur Gerüchte über Euren Vater gehört. Jetzt hättet Ihr die Chance die Wahrheit zu erfahren.“, antwortete sie und biss sich auf die Unterlippe.
Ohtah Shadowdragon zog sie an sich heran. Er wusste, was sie beschäftigte – Fürstin Gwynith war nicht ihre leibliche Mutter. Irgendjemand hatte sie nicht haben wollen, genauso wie ihn und Seiketsu Lichtsegen. Zumindest hatten sie es so erlebt – wie hätten die drei wiedergeborenen Legenden auch ahnen sollen, was in Wirklichkeit geschehen war?
Die Charr schwieg sich derweil eisern aus, konnte die Schuldgefühle jedoch nicht gänzlich abschütteln.
Die Soldaten der Schwarzen Zitadelle sperrten Vallus in eine Zelle. Dabei schrie er unentwegt nach seiner Tochter. Die Nekromantin versuchte verzweifelt wegzuhören, was ihr jedoch einfach nicht gelingen wollte. Nicht nachdem, was Shikon Feenseele ihr an den Kopf geworfen hatte – bei allen drei Hoch-Legionen, sie hatte ja recht! Sie wusste genau, welche Strafe Vallus erwartete. … Wenn sie jetzt nicht zu ihm ging, würde sie die einzige Gelegenheit verstreichen lassen. Darum belegte Gwen Grimmpfote die Wachse mit demselben Schlafzauber wie am Tag zuvor ihren Vater und schlich sich ins Verlies.
„Du wirst mir jetzt die Wahrheit sagen, Vallus, die ganze Wahrheit! Oder ich sorge dafür, dass dein Prozess doch noch ins Wasser fällt.“, knurrte sie und blickte in seine Auge, die ihren so unglaublich ähnlich waren.
Der Mesmer zog die Lefzen hoch und begann zu erzählen: „Vor einigen Jahren wurde ein Mitglied unseres Trupps von der Flammen-Legion verschleppt. Sein Name ist Sesric … Nachdem ich vergebens versucht hatte, unsere Anführerin dazu zu bringen eine Rettungsmission durchzuführen, bin ich desertiert und habe mich bei unseren Feinden eingeschlichen. Ich konnte ihn nicht im Stich lassen! Ich weiß inzwischen, wo sie ihn gefangen halten – Sesric ist noch am Leben! Deshalb bin ich zurückgekommen.“
In Gwen Grimmpfote herrschte ein Kampf. Sie wusste nicht, ob sie Vallus trauen konnte.
„Wenn das Tribunal morgen zusammentritt und sein Urteilt fällt, wird der >Fluch< mein Grab werden.“, fuhr Vallus fort und umklammerte die Gitterstäbe mit seinen Klauen, „Es wäre mir egal, ob ich in Schande sterben müsste … Aber nicht so lange noch Hoffnung für Sesric besteht!“
Der Fluch … die Kampfarena der Schwarzen Zitadelle. Dorthin wurde ein Verurteilter ohne eine einzige Waffe gebracht – je nach schwere seines Verbrechens musste er für eine bestimmte Dauer gegen die bewaffnete Gladiatoren in ihren Rüstungen kämpfen. Wenn er die Zeit überstand, war er frei … Allerdings gelang dies vielleicht einer Handvoll, denen nur eine kurze Frist gesetzt war. Bei Hochverrat würde seine Zeitspanne einen ganzen Tag und die folgende Nacht dauern – das würde Vallus sicher nicht überleben.
Mit Mühe brachte sie die Worte zwischen ihren zusammengepressten Zähnen heraus: „Erwartest du wirklich von mir, dass ich Tribun Brimstone und die gesamte Schwarze Zitadelle hintergehe, indem ich dich laufen lasse?“
„Du bist mir ähnlicher, als du glaubst.“, meinte Vallus, „Ich habe keine Beweise für mein Vorhaben. Du kannst mir trauen … oder nicht. Es ist deine Entscheidung.“
Gwen Grimmpfote dachte an Klauensporn und den Rest ihres Trupps, dann sagte sie: „Ich tue das nicht, weil du mein Vater bist … sondern weil ich genauso handeln würde. Flieh´, Vallus, und rette deinen Freund!“
Sie öffnete das Zellenschloss.
„Ich werde nie vergessen, was du heute getan hast. Ich bin nicht gut im Abschiednehmen, darum mache ich es kurz.“, erklärte Vallus und salutierte vor ihr, „Ich bin wahrhaft stolz darauf, dich als Tochter zu haben.“
Die Nekromantin nahm seinen Unterarm zum Kriegergruß: „Du solltest jetzt verschwinden, bevor wir irgendwelche Aufmerksamkeit auf uns lenken. Auf Wiedersehen … Vater.“
Gwen Grimmpfote betrat das Bluttribun-Quartier und sagte mit gesenktem Haupt: „Tribun, ich will mich stellen. Ich verhalf dem Gefangenen Vallus Grimmmähne zur Flucht.“
„Du musst wahrlich noch viel lernen, Legionär.“, gab Rytlock Brimstone zurück, „Ich weiß genau, was du getan hast. Im Verlies gibt es ein Sprachrohr, das direkt hierher führt. Sag´ mir … was macht einen wahren Anführer aus?“
Sie verstand nicht, worauf er hinauswollte, und schwieg.
„Ein wahrer Anführer hat den Mut das richtige zu tun. Egal wie seine Befehle lauten.“, erklärte der Charr, „Du weißt es nicht, aber dieser Charr, von dem Vallus gesprochen hat … ist dein Onkel, Sesric Grimmauge. Ich hatte früher auch so etwas wie einen Bruder, für den ich fast alles getan hätte.“
Nun wagte sie es ihn anzusehen und meinte: „Darf … darf ich eine Frage stellen, Tribun?“
„Nein. Du erhältst mit sofortiger Wirkung deinen neuen Auftrag.“, entgegnete das ehemalige Mitglied der Klinge des Schicksals, „Zenturio, ich übertrage dir hiermit die Aufgabe im Namen jedes einzelnen Charr in ganz Tyria gegen die fünf Drachen zu kämpfen! Und mach´ mir bloß keine Schande, nur weil ein Mensch den Trupp anführt. Wegtreten!“
Gwen Grimmpfote wusste im ersten Moment kaum, was sie sagen sollte, und erwiderte dann mit einem schelmischen Lächeln: „Verstand, Tribun! Lieber sterbe ich, als dich zu enttäuschen!“
(K)ein Team mit Ull
Die Gruppe um Shikon Feenseele wusste nicht, worüber sie sich mehr wundern sollten – dass Gwen Grimmpfote ihren Vater aus dem Gefängnis befreit hatte oder eher Rytlock Brimstone´s Reaktion darauf. Seiketsu Lichtsegen lächelte darüber; sie hatte den anderen nichts über ihren Besuch bei dem Tribun erzählt, aber sie hoffte, dass er irgendwann über seinen Schatten springen und sich wieder mit Logan Thackeray versöhnen würde.
„Was ist los, Seiketsu?“, riss die schöne Elementarmagierin sie aus ihren Gedanken, „Wir wollen aufbrechen. Ist alles in Ordnung mit dir?“
Seiketsu Lichtsegen nickte hastig. Es hatte keinen Sinn länger über Logan nachzudenken. Als Mitglied der Seraphen-Wache und als Freundin war es ihre Pflicht, Shikon Feenseele zu beschützen!
Im Caledon-Wald öffneten sie wieder ihre Augen. Shikon Feenseele hatte von der Welt der Sylvari gelesen, in der selbst Lampen, Gebäude und alles andere aus lebendigen Pflanzen bestanden. Es war eine faszinierende Art von Magie, ein Wunder des Lebens und damit das genaue Gegenteil der Drachen … Eine Blume fiel ihr besonders auf. Fünf große Blütenblätter in leuchtendem Gelb und Orange lockten sie näher heran. Shikon Feenseele beugte sich weiter herunter und schnupperte an der auffälligen Blume. Sofort durchfuhr sie ein eigenartiger Ruck. Hitze pumpte durch ihren Körper und ihre Beine knickten unter ihrem Gewicht zusammen, so als hätte sie alle Kraft verlassen.
„SHIKO!“, schrie Ohtah Shadowdragon erschrocken und eilte via Schattenschritt an ihre Seite.
Angst durchflutete ihn. Shikon Feenseele hatte bereits das Bewusstsein verloren, er spürte das hohe Fieber. Da hallte plötzlich ein Heulen durch den Wald und aus dem Unterholz sprang ein Wesen, das aussah wie ein Wolf aus Pflanzen.
„Ein Waldhund.“, erklärte Ganda ungerührt, „Ein treuer Begleiter der Sylvari.“
Der Waldhund trottete auf Shikon Feenseele zu und schnupperte an ihr. Ein Knurren entfuhr seiner Kehle, gefolgt von einem erneuten Geheul. Nur wenige Sekunden später trat eine weibliche Sylvari zwischen den Bäumen hervor. Bläuliche Blätter wuchsen aus ihrem dunkelgrünen Rankenkörper – doch am auffälligsten waren die zwei Bögen über ihren Schultern.
„Sie hat die Sporen der Sonnenuntergangsblume eingeatmet.“, stellte die Waldläuferin fest, „Ihr solltet keine Zeit verlieren – das Gift wird sie binnen eines Tages töten. Legt sie sofort auf Tear´s Rücken.“
Ohtah Shadowdragon, den sie damit angesprochen hatte, zögerte erst.
„Und ich dachte, so wie Ihr schaut, bedeute sie Euch etwas.“, spottete sie, woraufhin er tat wie geheißen, „Die Charr sollte in der Lage sein unserer Fährte zu folgen. Los, Tear!“
Genauso schnell wie sie aufgetaucht waren, waren sie auch wieder verschwunden – und Shikon Feenseele mit ihnen die derweil von schrecklich Alpträumen geplagt wurde. So sehr sie sich zu konzentrieren versuchte, die Magie wollte ihr einfach nicht gehorchen. Sie rief nach Ohtah Shadowdragon, Seiketsu Lichtsegen und ihren anderen Freunden. Doch niemand half ihr. Nicht einmal die Stimme aus ihren Träumen sprach zu ihr … Sie wusste nicht, wie lange sie schon in dieser unendlichen Leere gefangen war, hier gab es weder Zeit noch Raum. Irgendwann fühlte Shikon Feenseele endlich wieder die Präsenz der vier Elemente. Das Feuer erfüllte sie mit neuer Kraft, das Wasser schenkte ihr Ruhe, durch die Luft klärten sich ihre Gedanken, von der Erde erhielt sie ihren Lebensmut zurück. Und die arkane Energie, die daraus entstand, ließ sie die Augen öffnen. Über ihr spannte sich ein grünes Blätterdach und sie lag auf etwas Weichem, einem Bett.
„Ihr weilt wirklich noch unter den Lebenden – beeindruckend.“, lobte sie eine Stimme, die sie nicht kannte.
Ein Gesicht erschien in ihrem Blickfeld, es war eine Sylvari.
„Man nennt mich Ull Rosenknospe und dies ist mein Haus. Ihr wurdet durch eine Blume vergiftet, jetzt seid Ihr wieder gesund.“, erklärte sie.
Shikon Feenseele versuchte sich ächzend aufzusetzen und fragte dabei: „Hast du mir geholfen?“
„Die Schriften von Ventari lehren uns, dass jedes Leben wertvoll ist … Zumindest wenn man diese widerlichen Drachen und ihre Brut nicht mitzählt.“, antwortete sie und ein seltsamer Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht, „Aber das Gegenmittel allein hätte nicht ausgereicht. Ihr tragt den Willen zu leben in Euch.“
Die schöne Elementarmagierin schaffte es endlich ihren Körper wieder unter Kontrolle zu bringen und sagte ernst: „Die Drachen … Meine Freunde und ich wollen ihre Herrschaft beenden. Willst du dich uns nicht anschließt, wenn du sie ebenso hasst? Vielleicht bekomme ich dann auch die Chance mich bei dir zu revanchieren.“
Ein Leuchten ging von der Sylvari aus. In diesem Moment stürmten die anderen herein und umringten Shikon Feenseele freudig.
Nachdem Shikon Feenseele etwas gegessen hatte, machten sich die Verbündeten im Wald auf die Suche nach einem Sylvari, der sie begleiten wollte. Wobei die Elementarmagierin weiterhin am liebsten Ull Rosenknospe in ihren Reihen gehabt hätte, die jedoch abgelehnt hatte. Plötzlich hörten sie Schreie von Sylvari und Waldhunden. Ohne lange darüber nachzudenken, rannte die Gruppe zum Ort des Geschehens. »Krieg« war das Wort, welches Shikon Feenseele bei diesem Anblick zuerst in den Sinn kam. Die Sylvari führten Krieg gegeneinander … Auf der einen Seite kämpften jene, die sie aus dem Hain und dessen Umgebung kannten. Auf der anderen waren alle in rot und schwarz gehüllt.
Die Anhänger des Blassen Baums schrien: „Tod dem Alptraum!“
„Nieder mit Ventari!“, hielten die Alptraumhöflinge dagegen.
Da fiel der Elementarmagierin eine Gruppe Feinde auf, die Waldhunde verschiedenen Alters gefangen genommen hatten. Einer von ihnen schaute sie mit großen Augen an.
„Das ist Tear!“, rief Shikon Feenseele aus, „Wir müssen sie retten!“
Keiner wagte es, ihr zu widersprechen, auch wenn sie es für unwahrscheinlich hielten, dass es sich wirklich um Ull Rosenknospe´s Gefährtin handelte. Shikon Feenseele, Seiketsu Lichtsegen und Ohtah Shadowdragon nahmen die Entführer ins Visier, während ihre Freunde den Rest der Gegner angriff. Der Dieb preschte vor, in seiner rechten Hand hielt er einen seiner blitzenden Dolche, mit links feuerte er Pistolenkugeln ab. Die Elementarmagierin vereinte ihre zerstörerische Flamme mit dem reinigenden Feuer der Wächterin und gaben ihm damit Rückendeckung. Die Waldhunde wimmerten; sie fürchteten das heiße Element genauso wie die Sylvari. Doch die beiden wären nicht Shikon Feenseele und Seiketsu Lichtsegen gewesen, hätten sie zugelassen, dass Unschuldige von ihrem Zauber verletzt werden würden – nicht einmal das Gras oder die anderen Pflanzen nahmen Schaden.
„Rückzug!“, brüllte ein Adliger des Alptraumhofs, der den Angriff angeführt hatte.
Die feindlichen Sylvari flüchteten. Es war ihnen nicht gelungen, auch nur einen Gefangen mitzunehmen. Shikon Feenseele und Seiketsu Lichtsegen sahen nach den Waldhunden und befreiten sie von ihren Fesseln. Tear stupste die Retterinnen sanft mit der Schnauze an, um sich bei ihnen zu bedanken.
„Die Drachen sind nicht das einzige, was Tyria bedroht …“, flüsterte Shikon Feenseele kaum hörbar, „Die Banditen, die Inquestur, die Söhne Svannir´s, die Flammen-Legion, der Alptraumhof – dies war nur ein kurzer Auszug des Schreckens. Tyria benötigt mehr Kämpfer, die sich erheben! Wir müssen allen zeigen, dass es nicht unmöglich ist, sich zu wehren!“
Die Sonne ging unter, die Nacht brach herein. Über ihnen blinkten die ersten Sterne. Sie hatten ihr Lager weit weg vom Kampfplatz aufgebaut – ein Kampf gegen den Alptraumhof pro Tag reichte.
Ohtah Shadowdragon schlug mit der Faust auf den Boden und brummte: „Und wieder verstreicht ein Tag, ohne dass wir die fünf Völker versammelt haben!“
„Ihr solltet lieber noch einmal nachzählen.“, widersprach eine Stimme aus dem Geäst.
Shikon Feenseele sah in die Baumwipfel und entdeckte eine Sylvari mit ihrem Tiergefährten auf einem der Äste. Sie trug zwei verschieden große Bögen; einen über jeder Schulter, der Köcher hing an ihrer Hüfte – das Markenzeichen von Ull Rosenknospe.
„Ventari sagt auch >Handle weise, doch handle.<.“, erläuterte die Waldläuferin bedeutungsvoll, „Ich kann meiner Wylden Jagd nicht länger entfliehen. Der Traum offenbarte mir, ich würde eines Tages gegen die Drachen kämpfen. Und … ohne uns hättet Ihr sowieso nicht die geringste Chance!“
Unzählige Blicke flogen im Sekundentakt umher. Dann brach ein lautes Gebrüll los.
„Da fällt mir ein … Meine Schwester Caithe hat die Gilde der Klinge des Schicksals mitbegründet.“, meinte Ull Rosenknospe abschätzend, „Habt Ihr auch einen Namen?“
Shikon Feenseele wollte verneinen, doch die anderen grinsten sich an und riefen: „Team Shiko!“
Das erste Juwel
Shikon Feenseele, Seiketsu Lichtsegen und Ohtah Shadowdragon hatten Glint´s Vorgabe erfüllt – alle großen Völker waren in einem Team vereint. Blieb nur noch die Frage zu klären, welchen Alt-Drachen sie sich zuerst vornehmen sollten, Zhaitan einmal außen vor gelassen. Ric Bärenklaue stimmte natürlich für Jormag, der seine Leute aus ihrer Heimat vertrieben hatte. Gwen Grimmpfote war für Kralkatorrik.
„Shiko ist unsere Anführerin.“, bemerkte Ganda, „Ihr sollt entscheiden.“
Zustimmendes Gemurmel und Nicken folgten, was Shikon Feenseele ganz verlegen machte.
Sie schloss für einen kurzen Moment ihre Augen, bevor sie ihre Entscheidung traf: „Ich habe noch ein paar offene Rechnungen zu begleichen … Zuerst ist Primordus fällig. Und dann ist Kralkatorrik dran.“
„Wieso mit Primordus?“, wollte der geschickte Dieb wissen – Kralkatorrik konnte er ja verstehen, sie wollte Rache für Glint.
Die schöne Elementarmagierin wusste, dass der Zeitpunkt gekommen war … und sie erzählte ihnen alles über ihre Begegnung mit dem Feuerdrachen.
„Warum?“, fragte Ohtah Shadowdragon und ballte die Hände zu Fäusten, „Warum hast du mir nicht gleich gesagt, was passiert ist?“
Der Schmerz in seiner Stimme verletzte Shikon Feenseele und sie antwortete gequält: „Ich hatte Angst … davor wie du mich sehen könntest, wenn du wüsstest, dass ich erneut so schwach gewesen bin. Du hattest mich doch gerade erst vor den Zentauren gerettet …“
„Ich habe dich nie für schwach gehalten.“, entgegnete er, nach einiger Zeit des Schweigens, „Du hast dich immer nur selbst so gesehen … Keiner von uns wäre hier, um in die Fußstapfen der Klinge des Schicksals zu treten. Glint wollte ihre Eier ihnen anvertrauen … jetzt besitzen wir sie, weil du uns zu ihr geführt hast. Ich habe mich dir angeschlossen, weil ich an dich glaube! So wie jeder einzelne von uns. Ohne dich sind wir nichts!“
Shikon Feenseele kämpfte die aufsteigenden Tränen nieder. Sie wollte für ihre Freunde eine starke Anführerin sein!
Shikon Feenseele berührte den steinernen Untergrund und versuchte mit Mühe das Zittern aus ihrem Körper zu verbannen – nie würde sie vergessen, wie sich die Erde unter ihren Füßen geöffnet hatte und sie in Primordus´ Reich gestürzt war. In Ganda´s Gesicht spiegelten sich Angst und Aufregung. Ric Bärenklaue und Gwen Grimmpfote wirkten entschlossen. Ull Rosenknospe schien den Kampf ebenfalls herbeizusehnen. Seiketsu Lichtsegen und Ohtah Shadowdragon schwiegen – auch ihnen jagte dieser Ort noch immer einen Schauer über den Rücken.
„Fasst euch an den Händen und lasst einander nicht los. Wir werden ziemlich tief fallen.“, ordnete die Elementarmagierin an, während sie in der Mitte des Kreises Stellung bezog.
Ein letzter Blick in die Augen ihrer Gefährten und Shikon Feenseele begann die Macht der vier Elemente zu rufen. Aus Feuer und Wasser formte sie einen Schutzschild, Erde und Luft ebneten ihnen den Weg. Der Boden brach auf, Shikon Feenseele drehte sich um ihre eigene Achse und der Fels sauste in die Tiefe. Der pfeifende Wind übertönte jeden Schrei. Irgendwann krachten sie auf das Luftpolster, das die Elementarmagierin erschaffen hatte. Mit großen Augen sahen die Freunde sich um. Wenn es so etwas wie die Hölle gab, musste sie genauso aussehen. Seit Shikon Feenseele´s letztem Aufenthalt hatte sich einiges verändert – die Stärke des Drachens war gestiegen, so viel stand fest.
„Wer wagt es in mein Reich einzudringen?“, erklang es in ihren Köpfen.
Die Freunde ließen sich erschrocken los und öffneten damit den Kreis. Shikon Feenseele trat vor.
„Primordus! Mein Name ist Shikon Feenseele …“, rief sie ihm entgegen und ließ ihre Aura frei strömen, „Dass du mich damals nicht getötet hast, war ein Riesenfehler, für den du heute bezahlen wirst!“
Der Feuerdrache lachte boshaft: „Du bist also trotz meiner Warnung zurückgekommen? Dummes, kleines Mädchen! Und dann hast du auch noch ein paar Freunde mitgebracht, die dir beim Sterben Gesellschaft leisten werden? Wirklich amüsant …“
Ohne ein weiteres Wort schoss Primordus einen Feuerball auf sie ab. Shikon Feenseele riss ihren Flammenschild hoch, doch er war viel zu schwach. Sie schlitterte über den Boden und blieb zu Füßen ihrer Freunde liegen. Zum Glück hatte sie nur leichte Blessuren, ihr Körper war Feuer gewohnt.
„Wir müssen ihn gemeinsam angreifen!“, erinnerte Ganda die Teammitglieder, „Glint hat doch gesagt, dass nur alle fünf Völker zusammen etwas gegen die Drachen ausrichten können!“
Keiner von ihnen ahnte, dass die kleine Asura ebenfalls eine persönliche Sache mit dem feurigen Alt-Drachen zu klären hatte … Dabei ging es nicht einmal so sehr um ihr Volk im Allgemeinen – Primordus´ hatte einst ihre Eltern bei einem Ausfall getötet … und eines ihrer Kru-Mitglieder war ihm bei einem Angriff der Zerstörer zum Opfer gefallen. Wenn Team Shiko hier scheiterte, mussten weitere Verluste erleiden …
Von Ganda ermutigt, stand Shikon Feenseele wieder auf, Ohtah Shadowdragon stützte sie.
„Glaubt ihr wirklich, dass ich und meine Brüder so leicht zu besiegen sind? Uns fürchten sogar diese jämmerlichen Sechs Götter!“, höhnte der Alt-Drache.
Die Gefährten stellen sich in einen Halbkreis um Primordus. Seiketsu Lichtsegen schleuderte ihm einen Schwall heiliger Energie entgegen. Gwen Grimmpfote beschwor eine Schar Untoter herauf, und Ganda bombardierte ihn mit einer Unzahl Minen. Ohtah Shadowdragon und Ric Bärenklaue gingen in Begleitung von Tear zum Frontalangriff über, während Ull Rosenknospe unablässig ihre Pfeile auf ihn abschoss. Shikon Feenseele nahm eines der Kristalleier in die Hand und konzentrierte sich darauf. Es barg kein Leben … also musste es mit neuem Leben gefüllt werden. Die Erkenntnis durchströmte die schöne Elementarmagierin wie ein Adrenalinstoß. Sie umfasste das Kleinod mit beiden Händen und ließ die Magie der vier Elemente hindurch fließen. Aber Primordus durchschaute ihr Spiel und griff Shikon Feenseele erneut an, die sich nicht schützen konnte, ohne den Zauber abzubrechen. Die Flammen rasten auf sie zu. Sie spürte dieselbe Panik in sich aufsteigen, wie bei ihrer ersten Begegnung mit dem Feuer-Drachen.
„Haltet durch!“, rief Ganda und stellte sich schützend vor sie, „Ich werde bestimmt nicht zulassen, dass er ungeschoren davon kommt! Hörst du mich, Lucc?“
Noch während sich die Elementarmagierin fragte, mit wem sie da gesprochen hatte, rief sie den Namen der Asura. Doch Ganda lächelte nur – der Feuerstrahl verschwunden und die Asura hob zufrieden einen Daumen hoch. Sie hatte ein winziges Portal geöffnet, um Shikon Feenseele zu beschützen. Nun reagierte auch endlich das Ei von Glint. Es schwebte in die Luft, auf Augenhöhe mit Primordus. Der Alt-Drache war wie erstarrt; seine Seele löste sich von seinem Körper. Ein helles Leuchten erfüllte die Höhle und blendete die Freunde so sehr, dass sie die Augen zukneifen mussten. Ein zischendes Geräusch erfolgte, dann war auf einmal alles ruhig. Sie wagten es wieder hinzusehen, ihr Blick klebte förmlich an der riesigen, steinernen Statue, die einmal Primordus gewesen war und in sich zusammenfiel – auf dem Boden lag der Kristall, welcher eine flammend rote Farbe angenommen hatte.
„Das erste Juwel …“, hauchte Shikon Feenseele überwältigt.
Rache für Glint
Shikon Feenseele, Seiketsu Lichtsegen, Ohtah Shadowdragon und Ganda kannten den Schrecken des Drachenbrandes, auch Gwen Grimmpfote war der Anblick nicht unbekannt. Doch Ull Rosenknospe und Ric Bärenklaue erblickten ihn zum ersten Mal. Die Alt-Drachen waren wahrhaftig ein Fluch für Tyria! Überall richteten sie Verwüstung an und brachten Trauer über die Bewohner … Der erste von ihnen war bereits gefallen – Shikon Feenseele verwahrte das Drachen-Juwel mit Primordus´ Seele sicher in der Truhe auf.
„Kralkatorrik wird büßen.“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „Ich werde ihm heimzahlen, was er Glint angetan hat!“
Der Dieb nickte grimmig. Ihn juckte es ebenfalls in den Fingern. Seiketsu Lichtsegen ging es nicht viel anders. Ohne Glint´s Hilfe wären sie nie soweit gekommen. Sie wären niemals Team Shiko geworden, hätten sich nicht als Kameraden gefunden. Gwen Grimmpfote bedeutete dieser Kampf aus einem ähnlichen Grund eine ganze Menge – Kralkatorrik´s Odem hatte viele Charr das Leben gekostet. Schlimmer noch, er hatte sie zu seinen Dienern gemacht … Die Nekromantin erinnerte sich genau an die Schreie der gepeinigten Seelen, die der Drachenverderbnis einst zum Opfer gefallen waren. Es stimmte, sie konnte die Geister des Totenreichs ebenfalls zurückrufen und Leichen für sie kämpfen lassen.
„Was? Du hast nekrotische Fähigkeiten?“, hatte Klauensporn sie damals im Fahrar gefragt, „Das ist doch toll! Das heißt, du kannst immer jemanden herbeirufen, der dich beschützt – für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass ich einmal nicht bei dir bin. Und du kannst sogar mit unseren Ahnen in Kontakt treten! Vielleicht sogar mit deinem Vorfahren Brandor Grimmflamm!“
Sie hatte ihn nicht angesehen, sondern ihm genau diese Frage gestellt: „Aber … ist es nicht ein Verbrechen die Ruhe der Toten zu stören? Ich meine … Zhaitan wird dafür verachtet.“
„Doch, es ist eine Sünde …“, antwortete er ernst und zwang sie seinen Blick zu erwidern, „Wenn man es nur tut, um die Verstorbenen zu quälen. Unsere Aufgabe als Soldaten der Hoch-Legionen wird es sein, Leben zu schützen … und wenn ich tot wäre, würde ich mich freuen dabei helfen zu können!“
Team Shiko wanderte stundenlang durch die sengend heiße Kristallwüste. Alles wirkte wie ausgestorben. Hier und da entdeckten sie Ruinen und zerfallene Statuen. Der Zahn der Zeit hatte deutliche Spuren hinterlassen. Am Horizont erhob sich ein Kristallschloss gegen die untergehende Sonne. Kralkatorrik´s Reich … Shikon Feenseele blieb stehen. Auf der Ebene vor ihnen erwartete sie eine Horde seiner kristallinen Ungeheuer.
„Es gibt kein Heilmittel für Drachenverderbnis.“, sagte Ull Rosenknospe, „Für sie gibt es nur den Tod als Rettung vor ihrem Fluch …“
Gwen Grimmpfote ließ die Knöchel ihrer Klauen knacken und erklärte: „Macht, dass ihr hier wegkommt! Überlasst sie mir … Ich kümmere mich schon um diese Möchtegern-Edelsteine!“
Die Elementarmagierin wollte widersprechen, doch der Blick der Charr hielt sie davon ab. Gwen Grimmpfote scherzte nicht – dies sollte ihr Kampf werden.
„Wenn wir mit Kralkatorrik fertig sind, kommen wir dich holen!“, versprach Shikon Feenseele und lief mit den anderen los.
Die Nekromantin lachte amüsiert: „Bis ihr soweit seid, hab´ ich schon alle platt gemacht und komme nach.“
Sie rief so viele Seelen aus der Unterwelt zurück, wie noch nie zuvor. Ihr Trupp zählte auf sie, der Tribun verließ sich auf ihren Sieg, Team Shiko hielt zu ihr. Sie konnte gar nicht verlieren!
In Kralkatorrik´s Palast bestand alles aus Kristall. Eine unheimliche Stille lag in der Luft. Nur die Spiegelungen der Helden bewegten sich, deren Schritte durch die weiten Säle hallten. Der Dunst seines Odems wurde mit jedem weiteren Stockwerk drückender. Seiketsu Lichtsegen schwankte, ging in die Knie. Das Atmen fiel ihr schwer.
„Das Gift ist zu stark.“, stellte Ohtah Shadowdragon fest und zog seine Maske enger.
Shikon Feenseele zauberte für jeden eine Luftblase um den Kopf. Die Seraphine bekam sofort eine gesündere Hautfarbe und sie setzten ihren Weg in den obersten Stock fort. Hier gab es nur eine ebene Fläche. Der Boden war spiegelglatt und ging an den sechs Ecken in gigantische Säulen über, die zu einem Spitzdach zusammenflossen. Der schönen Elementarmagierin traten Tränen in die Augen … so ähnlich musste Glint´s Höhle einmal ausgesehen haben.
„KRALKATORRIK!“, schrie sie den schlafenden Drachen an, „Stell´ dich zum Kampf!“
Sofort kam Bewegung in den schuppigen Haufen, der zusammengerollt in einer Ecke lag. Eine Plattenpanzerung nach der anderen richtete sich. Primordus´ Größe war eindrucksvoll gewesen, doch Kralkatorrik´s ausgefahrener Körper mit seinen unzähligen Stacheln war schlichtweg furchterregend; er nahm beinahe die ganze Fläche ein.
„Wer stört mich?“, sprach Kralkatorrik in ihren Gedanken und ein Schwall fauliger Atem schlug ihnen entgegen, „Widerliches Gesindel … ihr werdet mein Abendessen sein.“
Shikon Feenseele ballte ihre Hände zu Fäusten – normalerweise Ohtah Shadowdragon´s Part – und entgegnete wütend: „Wage es nicht meine Freunde anzurühren! Kralkatorrik … heute wirst du dafür bezahlen, was du Glint angetan hast!“
„Diese Närrin hat mich verraten!“, donnerte der Erddrache, „Meine beste Schöpfung …“
Wenn überhaupt möglich, steigerte sich ihr Zorn sogar noch: „Glint war weit mehr als nur deine Schöpfung! Sie hat für die Zukunft dieser Welt gekämpft! Und ich werde alles dafür tun, um ihre letzte Prophezeiung wahrzumachen!“
Das Ei in der Truhe pulsierte. Kralkatorrik lachte dröhnend, der Boden erbebte und er schlug mit seinem Schwanz aus. Shikon Feenseele wurde an die Wand geschleudert, alle Luft wich aus ihren Lungen. Ohtah Shadowdragon stellte sich schützend vor sie und Team Shiko ging in Angriffsstellung.
Von den Charr einmal abgesehen, verachtete der Alt-Drache insbesondere die Menschen mit ihrer Besessenheit dieses widerwärtigen Gefühls, das sie »Liebe« nannten. So wie dieser mickrige Dieb. Er öffnete sein Maul und hauchte Ohtah Shadowdragon seinen fauligen Atem entgegen.
„Niemand kann meiner Macht widerstehen!“, brüllte Kralkatorrik triumphierend.
Der Dunst verzog sich. Das Gift hatte ein Loch in den Kristallboden gefressen. Von Ohtah Shadowdragon keine Spur! Inzwischen war die schöne Elementarmagierin wieder auf die Beine gekommen. Sie umklammerte Glint´s Geschenk und starrte die Stelle entgeistert an. Sie wollte es einfach nicht glauben. Er war doch viel zu geschickt … Aber hatte Ohtah Shadowdragon nicht bereits bewiesen, dass er für sie sogar sein Leben geben würde? Ihre Hoffnung begann zu bröckeln.
„Dass ausgerechnet ein Drache die Schatten unterschätzt …“, machte sich Ohtah Shadowdragon über Kralkatorrik lustig, während er unversehrt an einer Säule lehnte, „Ich dachte ja eigentlich, ihr wärt etwas schlauer und … eine größere Herausforderung. Aber nachdem Primordus schon so eine Enttäuschung war, sollte es mich nicht wundern, dass ihr alle nicht mehr zu bieten habt.“
Mit seiner Provokation lenkte er den Alt-Drachen von Shikon Feenseele ab und gab gleichzeitig den Startschuss für den Gegenschlag. Seiketsu Lichtsegen, Ric Bärenklaue, Ganda, Ull Rosenknospe und Tear halfen ihm, den Erddrachen zu umzingeln.
„Vergesst mich nicht!“, kam es von Gwen Grimmpfote, welche sich, begleitet von ihrer Armee herbeigerufener Diener, bis hierher geschleppt hatte, „Ach und wenn du dich fragen solltest, wo deine ganzen, schönen Schöpfungen abgeblieben sind – die warten in den Nebeln auf dich!“
Die Charr zeigte mit einer Kralle auf Kralkatorrik und die Geister schwärmten aus. Dann brach sie zusammen; sie hatte unzählige Verletzungen davongetragen. Die Angriffe prasselten nun von allen Seiten auf den Drachen nieder. Selbst seine stahlharten Schuppen konnten nicht allem standhalten.
„Es reicht …“, meinte Shikon Feenseele und warf ihm das Kristallei entgegen, „Das ist für Glint und Gwen!“
Überall aus den Rissen in seiner Panzerung strömte ein braunes Licht – die Energie seiner Seele. Da waren es nur noch zwei Elemente.
Jormag´s Niedergang
Kaum waren sie aus dem Portal Nahe Hoelbrak getreten, verabschiedete sich Ric Bärenklaue von Team Shiko. Er wollte zum Wanderer-Hügel. Dort standen Schreine für die vier, großen Geister der Wildnis. Ihnen wollte er huldigen, um ihren Segen für den Kampf gegen Jormag zu erhalten. Zuerst begab er sich zum Herz des Raben, wo sich die Schamanen Sigrytha und Freygirr um die jungen, geweihten Raben kümmerten.
„Um zu siegen, musst du erst wissen, was du brauchst.“, sprach die Norn geheimnisvoll.
Ric Bärenklaue klopfte mit der rechten Hand gegen seine Brust und antwortete: „Ich brauche Weisheit … Treue … Mut … und Stärke. Darum erbitte ich die Gunst des Raben.“
„Wer sich dem Raben als würdig erweisen will, muss seine Weisheit beweisen und sein Rätsel lösen.“, erklärte der Schamane und kniete vor dem glänzenden Abbild nieder, „Hört die Worte des Rabengeistes … >Mit mir wirst du niemals Vernunft kennen. Ich mache dich blind und lasse dich deinen Gegner töten. Doch mit mir kannst du deinen Kampf nicht gewinnen … Was bin ich?<“
Der Krieger schloss für einen Moment die Augen. Er kannte die Antwort bereits. Aber es fiel ihm schwer sie auszusprechen. Zu wütend war er auf Jormag. Wegen der Vertreibung aus ihrer Heimat, wegen seiner Eltern … und weil diese eingebildete Eisschlange absolut keine Ehre im Leib besaß.
„Der Zorn.“, presste er hervor, während er dem Drang widerstand seine Hände zu Fäusten zu ballen.
Ein schriller Schrei drang aus dem Schnabel des steinernen Raben. Ric Bärenklaue war erhört worden … Sein Weg führte ihn weiter zum Herz des Wolfes, welches für unendliche Treue und Loyalität stand. Er bewunderte seine Kameraden, besonders ihre Anführerin Shikon Feenseele, aber wie ihm auch schon beim Schrein des Raben bewusst war, seine Rachegefühle gegenüber dem Drachen waren sehr stark … Er befürchtete seine Freunde dadurch in Gefahr zu bringen. Um also vom Geist des Wolfes erhört zu werden, sollte er, laut Gamli und Vigmarr, seine Waffe ins reinigende Feuer halten – er tat wie geheißen.
„Nun wird dein Schwert dich stets daran erinnern, deine Kameraden zu beschützen.“, sagten die Schamanen wie aus einem Mund.
Und so ging er – begleitet von Weisheit und Treue – zum dritten Schrein, dem Herzen der Schneeleopardin. Es überraschte Ric Bärenklaue nicht, dass seine Aufgabe diesmal lautete, verstreute Jungtiere zurückzubringen. Die Schneeleopardin verhieß nicht nur Mut und Unabhängigkeit, für die weiblichen Norn stellte sie den Inbegriff der mütterlichen Liebe dar. Er kämpfte gegen wilde Kreaturen, las Spuren und trug die Jungen zurück zu den Schamaninnen, die um sie kümmerten, als wären es ihre eigenen Kinder. Dann dröhnte ein anerkennendes Knurren in seinen Ohren. Der Mut der Schneeleopardin durchströmte ihn … Bevor Ric Bärenklaue das Herz der Bärin betrat, zog er seine Rüstung aus und wusch sich im angrenzenden Fluss. Diesmal lehnte er die Hilfe von Schamanin Freygunn ab – als er noch ein Kind gewesen war, hatte sie zu ihm gesprochen, ihn gesegnet. Er setzte sich vor den Schrein, begann zu meditieren.
„Mein Sohn … ich weiß, was du vorhast. Ich selbst habe einst mit den anderen Geistern der Wildnis gegen ihn gekämpft.“, flüsterte die warme Stimme der Großen Bärin, „Es gibt nichts mehr, was ich dir noch geben könnte … Alle Stärke, die du brauchen wirst, liegt in dir, deinen Freunden und in deinem Herzen. Ich bin stolz auf dich!“
Noch bevor das tiefe Brüllen die Höhle erfüllte, liefen die ersten Tränen seit Jahren über seine Wangen. Für einen Moment nur gestattete er sich, an das Versprechen vor seinem Aufbruch zu denken … Als Norn musste er sich beweisen und einen Wurmkönig zu töten, war noch keiner Erwähnung in irgendwelchen Liedern wert. Davon abgesehen … wer konnte schon sagen, wann sich Jormag entschied sein Territorium zu vergrößern und sich nach den Fernen Zittergipfeln auch noch die Nördlichen und Südlichen Zittergipfel eigen zu machen. Seine Meisterin hatte ihn ihr Wissen über die Drachen gelehrt – Arroganz konnte eine sehr gefährliche Schwäche sein.
Jormag lebte hoch oben im Norden. Die Kälte hier biss sich sogar durch den Wärmezauber von Shikon Feenseele. Nur Ric Bärenklaue schien sie nichts auszumachen – dies war das wahre Land seines Volkes! Und eines Tages würde er sie hierher zurückführen, sobald die Jagd auf die Drachen beendet wäre ...
„Seht mal, diese Statue …“, sagte Seiketsu Lichtsegen und deutete auf die Spitze eines Berges.
Shikon Feenseele folgte ihrem Fingerzeig und sie erschrak fürchterlich: „Das ist keine Statue!“
In dieser Sekunde erwachte der eisige Drache zum Leben, breitete die Flügel aus und erhob sich in die Luft – Jormag. Ric Bärenklaue warf die beiden Frauen zu Boden, damit der Luftdrache sie nicht entdeckte. Da schoss ihm auch schon ein Plan durch den Kopf – die Weisheit des Rabens machte sich bezahlt. Als die anderen ihm zuhörten, erklärte er ihnen, was er vorhatte.
„Aber schaffst du das auch?“, hakte Ohtah Shadowdragon skeptisch nach, „Selbst ich mit meinen Schattenschritten hätte Schwierigkeiten damit.“
Der Norn grinste schief und antwortete: „Die Geister der Wildnis umhüllen mich … Mit den Flügeln des Raben, der Sprungkraft des Wolfes, der Schnelligkeit der Schneeleopardin und der Stärke der Großen Bärin werde ich es schaffen. Ich führe unsere Jagd zum Erfolg!“
Shikon Feenseele nickte zustimmend. Zusammen mit Seiketsu Lichtsegen und Gwen Grimmpfote ging sie in Position, während der Krieger sich eilig auf den Weg machte. Die Elementarmagierin, die Wächterin und die Nekromantin konzentrierten ihre Kräfte, bündelten sich in einer Kugel über ihren Köpfen. Ull Rosenknospe sprang auf einen der vielen Bäume – jederzeit schussbereit. Die Magie schoss als Strahl in die Luft und streifte tatsächlich seinen rechten Flügel, Jormag strauchelte. Er entdeckte die Kämpfer und augenblicklich sprossen verdorbene Eiskreaturen aus dem Schnee. Ohtah Shadowdragon, Ganda und Tear griffen sie an, währenddessen durchbohrte eine Pfeilsalve nach der anderen die Flügel des Drachens. Diesmal stürzte Jormag endgültig ab, raste gen Boden. Und mit einem wilden Kampfschrei sprang Ric Bärenklaue vom höchsten Punkt des Berges auf ihn herab, den Zweihänder voran. Das mächtige Schwert durchtrennte seinen Hals in einem sauberen Schnitt. So sollte er später unter anderem als der »Schrecken Jormag´s« in die Geschichte seines Volkes eingehen … Wie von allein öffnete sich nun die Truhe in Shikon Feenseeles Händen und eines der Eier flog direkt auf Jormag zu, drang in seinen Körper ein und verschlang seine Seele, sodass es in einem strahlenden Orange erstrahlte.
Erlösung des Meeres
Nachdem Team Shiko seinen Sieg ausgiebig gefeiert hatte, saßen sie um ein Lagerfeuer und Shikon Feenseele hielt ihnen beinahe ehrfürchtig die Truhe entgegen. Bereits drei Juwelen lagen darin – Primordus´ rotes Feuer, Kralkatorrik´s grüne Erde, Jormags weiße Luft. Fehlte nur noch eines …
„Weiß eigentlich jemand etwas über … Wie heißt dieser Tiefsee-Drache noch gleich?“, fragte Ric Bärenklaue etwas unbeholfen.
Ganda half ihm grinsend auf die Sprünge: „Mélyten.“
Betretenes Schweigen legte sich über das Lager. Shikon Feenseele, die in Götterfels jedes Buch über die fünf Drachen gelesen hatte, wusste auch nicht mehr als seinen Namen und sein Element.
„Mélyten ist wie Zhaitan im Meer des Leids erwacht. Er war es auch, der die Quaggan und die Krait aus ihren früheren Territorien vertrieben hat. Ansonsten war es stets recht still um ihn.“, erzählte Ull Rosenknospe, ohne den Blick vom Feuer zu lösen.
Die anderen starrten sie mit offenem Mund an, während sie weitersprach: „Unsere Mutter hat vor einigen Jahren Informationen über ihn sammeln lassen. Im Traum erfahren wir alles Wissen, das unser Volk angehäuft hat.“
Damit stand Ull Rosenknospe auf und verschwand in den Baumwipfeln. Während Team Shiko ihr teils perplex, teils besorgt hinterher schaute, legte Tear ihren Kopf auf die Vorderpfoten und schloss die Augen. Sie spürte, dass ihre Herrin jetzt allein sein musste.
Die Waldläuferin rannte über die Äste, brachte möglichst viel Raum zwischen sich und ihre Gefährten. Sie hatte mit diesem Tag gerechnet, es von Anfang an geahnt. Zhaitan war nicht ihre Bestimmung, ihr Schicksal lag nicht in Orr. Warum hatte sie versucht, sich das einzureden? Wegen ihm … natürlich. Sie teilten ihre Gefühle zueinander, doch die Wylde Jagd verband sie vorrangig mit Caithe … Dennoch mochte sie auf jenen Kontinent gelangen, wenn die Waldläuferin ihren Alt-Drachen bezwang – Quest hin oder her, sie würde Team Shiko erst verlassen, wenn Zhaitan seinen Brüdern in der tiefsten Unterwelt Gesellschaft leistete! Erschöpft lehnte sich Ull Rosenknospe schließlich gegen einen Baumstamm. Eigentlich wusste sie es bereits seit dem Kampf gegen Primordus. Oder vielleicht sogar schon länger? Shikon Feenseele hatte es ihr doch erzählt, laut Glint mussten die Völker zusammenarbeiten. Jeder von ihnen war von einem Drachen besonders verletzt oder geprägt worden. In Primordus´ Höhle hatte das Kristallei erst reagiert, als Ganda seinen Angriff auf Shikon Feenseele vereitelt hatte. Bei Kralkatorrik und Jormag war es ähnlich gewesen … Was war mit ihr? Was verband sie mit Mélyten? Der Blasse Baum, der Hain, das gesamte Volk der Sylvari und Waldhunde, ihre ganze Welt, alles Leben bezog sein Wasser aus dem Meer des Leids … Ja, bislang hatte sich Mélyten nicht gerührt. Aber was bedeuteten schon fünfundzwanzig Jahre für einen Alt-Drachen? Die Sylvari nahm ihre beiden Bögen von den Schultern. Sie kannte Mélyten´s Fähigkeiten … und vor allem seine Schwachpunkt. Diesmal würden sie ihr nicht helfen – sie brauchte die magische Kraft ihres Volkes!
Entschlossen kehrte sie zum Lager zurück und sagte: „Ich hoffe, Ihr könnt schwimmen. Sonst habt Ihr ein Problem mit mir mitzuhalten, wenn ich Mélyten´s Unterwasserhöhle stürme.“
„Ull!“, rief Shikon Feenseele und grinste, „Damit ist unser Team ja wieder vollständig.“
Es zeigte sich die Spur eines Lächelns um Ull Rosenknospe´s Lippen. Und wie auf Stichwort sprang Tear sie an, wedelte wild mit dem Schwanz. Die Sylvari streichelte sie glücklich.
Shikon Feenseele legte denselben Zauber über sie wie bereits in Kralkatorrik´s Kristallpalast – so konnten sie problemlos unter Wasser atmen. Selbst Gwen Grimmpfote ergab sich wortlos ihrem Schicksal, obwohl sie Wasser mehr als alles hasste.
„Vergesst nicht, wir werden komplett von seinem Element eingeschlossen sein.“, warnte Ull Rosenknospe, „Macht Euch auf alles gefasst.“
Mit einem entschlossenen Nicken sprangen alle Mitglieder von Team Shiko in die Fluten des Meers des Leids. Mélyten´s Unterwasserhöhle lag zwischen der Klaueninsel, an der Küste von Löwenstein, und der Südlicht-Bucht. Ein riesiges Gebiet, das es nun abzusuchen galt – wenigstens war das Wasser hier nicht von Zhaitan verseucht, wie der Rest der See. Die Stunden flossen nur so dahin. Bis Shikon Feenseele wie erstarrt verharrte. Sie spürte die Aktivität der Drachenjuwelen. Sie riefen nach der vierten Seele … Und die Elementarmagierin wusste auf einmal ganz genau, wo sich Mélyten aufhielt. Verdammt, sie hätte es früher begreifen müssen – das ganze Wasser war von ihm erfüllt, das hatte sie verwirrt. Hastig klärte Shikon Feenseele ihre Freunde auf und führte sie anschließend zu seinem Versteck, Mélyten war jedoch nirgends zu entdecken.
„Er ist hier …“, flüsterte die Elementarmagierin kaum hörbar.
Ull Rosenknospe nickte zustimmend. Das Wasser schäumte, bildete eine Strömung und nahm schließlich die Gestalt eines Drachen an. Nicht genug, dass das Meer von seiner Energie nur so strotzte, es war auch noch ein Teil von ihm – er war das Meer, das Meer war er!
„Ich bin Mélyten … der unangefochtene Herrscher der Meere.“, hallte seine Stimme in ihren Gedanken, „Was wollt ihr von mir? Seid ihr etwa gekommen, um gegen mich zu kämpfen … so wie gegen meine jämmerlichen Brüder?“
Er wusste, dass sie es gewesen waren, die Primordus, Kralkatorrik und Jormag getötet hatten.
„Überrascht? Ich weiß alles über euch … Team Shiko. Jeder Fluss, jeder See, sogar jeder Sumpf steht unter meiner Kontrolle. Ich bin überall in ganz Tyria!“, höhnte er selbstgefällig.
Fassungslosigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben und Ohtah Shadowdragon gab knurrend zurück: „Wieso hast du uns dann nicht aufgehalten?“
„Nennen wir es eine einfache Lösung, diese Schwächlinge loszuwerden.“, erklärte Mélyten und seine Augen leuchteten auf, „Zhaitan ist der einzige, der mir wirklich etwas bedeutet!“
Der Dieb zog seine beiden Dolche und warf sie mit voller Kraft auf Mélyten. Er bewegte sich nicht, versuchte nicht einmal auszuweichen. Die Waffen flogen einfach durch seinen Körper hindurch, ohne ihn zu verletzen. Er bestand tatsächlich vollkommen aus Wasser, kein physischer Angriff konnte ihm etwas anhaben.
„Erhebt euch, meine Diener … vernichtet diese Eindringlinge!“, befahl Mélyten und augenblicklich formten sich riesige Gestalten aus dem Wasser.
Sie ähnelten Kraken – mutierten Kraken, um genau zu sein. Aus jedem Fangarm ragten weitere Auswüchse. Ein gieriges, rundes Maul mit messerscharfen Zähnen versuchte die Mitglieder von Team Shiko einzusaugen.
„Raus hier!“, schrie Shikon Feenseele erschrocken.
Alle folgten ihrem Befehl zum Rückzug und schwammen aus der Höhle. Die Monster blieben dicht hinter ihnen. Draußen vor der Höhle entbrannte ein heftiger Kampf – doch im Gegensatz zu ihrem Meister waren diese Kraken sehr wohl verwundbar. Ull Rosenknospe allerdings hielt sich im Hintergrund, denn sie bereitete einen Zauber vor. Genauso wie Shikon Feenseele. Trotzdem schafften es Seiketsu Lichtsegen, Ohtah Shadowdragon, Ganda, Gwen Grimmpfote, Ric Bärenklaue und Tear die Kreaturen zu besiegen, sodass sie sich wieder in ganz gewöhnliches Wasser verwandelten. Ihr Sieg gab gleichzeitig das Signal für Teil zwei ihres Kampfes. Die Elementarmagierin entfesselte eine gewaltige Feuerwalze, welche direkt auf Mélyten´s Unterwasserhöhle zuraste. Der Wasserdrache flüchtete ins offene Meer – genau wie geplant. Nun ließ die Sylvari der Magie ihres Volkes freien Lauf. Alle Wasserpflanzen begannen zu sprießen und zu wachsen. Sie wickelten sich um den Körper des Alt-Drachens, nahmen ihn gefangen. Aber damit noch nicht genug – sie hoben Mélyten sogar aus dem Wasser heraus an die Oberfläche. Hier entblößte sich die einzige Möglichkeit, ihn zu vernichten – ohne den Kontakt mit Wasser war er vollkommen machtlos! Shikon Feenseele nahm das letzte Ei von Glint aus der Truhe und Mélyten´s ganze Existenz strömte hinein – damit besaßen sie auch das blaue Drachen-Juwel des Wassers.
Im selben Augenblick hörte Ull Rosenknospe eine Stimme, die nur sie wahrnehmen konnte: „Tochter … ich weiß um Euren Sieg über Mélyten und die anderen Drachen. Kommt zu mir in den Hain … und bringt Eure Anführerin zu mir. Ich muss mit ihr sprechen!“
Die Waldläuferin konnte es kaum glauben. Der Mutterbaum rief sie und Team Shiko nach Hause.
Der Preis des Sieges
Ganda nutzte das feste Portal in Löwenstein, um sie in den Hain zu bringen. Überall schwebten noch dieselben Lichter in der Luft, wie beim letzten Mal. Ein wahrhaft magischer Ort … Ull Rosenknsope überließ es Tear ihre Kameraden in ihrem Haus zu führen, während sie sich selbst mit Shikon Feenseele in das größte Heiligtum des Hains begab – in die Omphalos-Kammer, in welcher der Avatar des Blassen Baums über seine Kinder wachte. Sie sah aus wie eine wunderschöne Sylvari, vielleicht eine Orchidee oder eine seltene Rose. Aber vor allem strahlte sie eine Macht aus, die vom Saft des Lebens rührte … alt und mächtig.
„Baummutter, hier bringe ich Euch wie gewünscht Shikon Feenseele. Sie erbittet die Weisheit Eurer Visionen zu hören.“, erklärte die Waldläuferin und kniete ehrfürchtig nieder.
Sie lächelte herzlich, als sie erwiderte: „Ich danke Euch, meine geliebte Tochter. Eure Taten erfüllen mich mit großem Stolz …“
Die Sylvari lächelte, dann zog sie sich taktvoll zurück. Die Worte des Blassen Baums waren einzig und allein für die Ohren der Elementarmagierin bestimmt.
Als sie allein waren, sagte der Avatar: „Kommt bitte näher, Heldin. Ich werde Euch den Weg zu den Antworten weisen, die Ihr so dringend ersucht. Ich kenne Euren Auftrag … und es gibt nur eine Macht in Tyria, die Euch raten kann. Der Traum der Träume … ist ein Spiegel Eurer eigenen Bestimmung und des Wissens dieser Welt. Doch noch nie hat ihn ein Wesen betreten, das nicht mein Kind war.“
„Ich habe keine Angst.“, antwortete Shikon Feenseele entschlossen, „Ich muss wissen, was notwendig ist, um Tyria von Zhaitan zu befreien.“
Der Mutterbaum nickte entschieden: „Aus Euch spricht große Tapferkeit. Aber urteilt nicht zu schnell … Meine Fähigkeiten erlauben es mir, Bruchstücke möglicher Zukünfte zu sehen. Es ist ein Segen und eine Bürde gleichermaßen. Wenn Ihr die Schwelle zum Traum überschreitet, werdet Ihr sie teilen.“
Shikon Feenseele setzte sich zu ihren Füßen und schloss die Augen. Sie musste diesen Schritt gehen, was es auch kosten würde. Die Mutter der Sylvari hob einen ihrer schlanken Arme und berührte die Stirn der mächtigen Elementarmagierin mit einem Finger. Sofort sprang ein Funke des Lichts auf Shikon Feenseele über und sie sank in sich zusammen. Der Traum hatte begonnen … Sie fühlte sich wie ein Baby im Bauch seiner Mutter. Beschützt, geliebt und voller Neugierde. Alles um sie herum war warm und von Licht durchflutet. Sie konnte nicht sprechen, doch sie hörte eine unglaublich vertraute Stimme. Eine Stimme, die untrennbar mit ihrer Seele verwurzelt war …
„Shiko … die Antwort, die du suchst, liegt tief in dir verborgen. Erinnere dich an Glint´s Worte … Zhaitan kann nur von dir besiegt werden. Es ist deine Bestimmung! Aber ohne die Unterstützung deiner Freunde wirst du es dennoch nicht schaffen …“, erzählte die Stimme und Shikon Feenseele glaubte, in ihren Armen zu liegen, „Jeder von uns trägt eine dunkle Seite und Schwächen in sich. Du musst dich der Dunkelheit der Angst stellen und zu einem Leuchtstern der Hoffnung werden. Denk´ darüber nach – ist du dir bewusst, wovor du dich am meisten fürchtest, kann es nicht mehr so leicht gegen dich eingesetzt werden … Wenn du nicht verlieren willst, musst du dich zuerst deiner eigenen Schwäche stellen!“
Die Stimme entließ Shikon Feenseele aus dem Traum. Es waren nur wenige Sekunden vergangen, doch es hatten sich wie Tage oder gar Jahre angefühlt. Ungewollt rannen Tränen über ihre hellen Wangen. Es war nicht direkt Traurigkeit … Melancholie, Verantwortung, Schuld.
Sie war noch etwas benommen, als der Avatar des Blassen Baums wieder zu sprechen begann: „Das ist ungewöhnlich … aber logisch. Für meine Kinder bin ich die wichtigste Existenz in ihrem Leben. Darum ist es meine Stimme, meine Präsenz, die sie im Traum vernehmen … Ihr seid jedoch keine Sylvari, deshalb sprach jemand anderes zu Euch.“
„Ja. Ich kenne diese Stimme … Und ich höre sie nicht zum ersten Mal im Traum.“, sagte Shikon Feenseele leise, verbesserte sich dann aber, „Also ich meine, das, was die Menschen als >träumen< bezeichnen. Habt vielen Dank, dass ich an Eurem Traum teilhaben durfte.“
Das gewogene Lächeln blieb auf ihrem Gesicht und der Mutterbaum fragte: „Welche Frage tauchte in Eurem Traum auf?“
„Wovor ich die größte Angst hätte … Glint prophezeite mir bereits vor einiger Zeit, um Zhaitan besiegen zu können, müsse ich meine eigene Schwäche überwinden.“, flüsterte Shikon Feenseele und schluckte schwer, „Ich kenne nun die Antwort. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe …“
Zum ersten Mal trat Traurigkeit in das Antlitz des Avatars: „Habt Ihr auch die Kraft es zu tun?“
„Habe ich denn eine andere Wahl?“, gab die Elementarmagierin zurück, wobei sie ein Schluchzen unterdrücken musste.
Der Blasse Baum streichelte ihr sanft über die Wange und erklärte: „Ihr werdet immer die Wahl haben … Ihr habt Euch entschieden den ersten Schritt dieses Weges zu beschreiten, als Ihr Eure Heimat Götterfels verlassen habt. Nun habt Ihr erneut die Chance Euch zu entscheiden. Glaubt mir, nichts ist wandelbarer als die Zukunft. Sie ist nicht festgelegt … Jeder Schritt von Euch verändert auch Eure Zukunft. Und die von Tyria.“
„Ich … ich habe Angst, meine Pflicht könnte mich dazu zwingen, jemanden zu verletzten, den ich liebe. Zu wissen, dass ich für das Leid desjenigen verantwortlich wäre, erscheint mir unerträglich.“, gestand Shikon Feenseele, „Wenn ich mich Zhaitan stelle, werde ich meinen Freunden unglaubliche Schmerzen zufügen. Aber … wenn ich es nicht tue, ist jede Hoffnung für Tyria verloren.“
Shikon Feenseele kehrte mit ihren Freunden nach Götterfels zurück, um neue Kräfte zu sammeln – so hatte sie es ihren Freunden zumindest begründet. In Wahrheit wollte sie ihre Heimat ein letztes Mal sehen, bevor sie den alles entscheidenden Kampf mit Zhaitan aufnahm. Die schöne Elementarmagierin zeigte ihren Freunden das Anwesen in der Oberstadt, in dem sie lebte. Fürstin Gwynith erwartete sie bereits ungeduldig.
„Shiko! Du bist wirklich wieder hier … Ich konnte es kaum glauben, als mir berichtete wurde, du seist am Stadttor gesehen worden.“, begrüßte sie ihre Tochter und umarmte sie fest, „Ich hatte solche Angst um dich! All die Zeit … Warum hast du dich nie gemeldet?“
Sie streichelte ihrer Mutter beruhigend über den Rücken, während sie antwortete: „Mir geht es gut, dank meiner Freunde. Wenn ich dir vorstellen darf, Mama … Ohtah Shadowdragon, Seiketsu Lichtsegen, Ganda, Ric Bärenklaue, Gwen Grimmpfote und-“
Mit dem Finger hatte Shikon Feenseele auf die jeweilige Person gezeigt, doch Ull Rosenknospe und Tear fehlten.
„Das hab´ ich ja total vergessen!“, rief sie peinlich berührt aus, „Ull ist eine Sylvari und die halten es nicht in gemauerten Gebäuden aus. Sie ist sicher irgendwo auf dem grünen Platz.“
Die Fürstin lachte und erklärte: „Dann stell´ sie mir morgen vor. Heute Abend feiern wir erst einmal deine Rückkehr und euren Triumph über die Drachen! Glaub´ ja nicht, ich wüsste nicht, was ihr getan gabt. Ich habe schon alles vorbereiten lassen. Hauptmann Thackeray und Fürst Faren kommen übrigens auch. Der Junge hat beinahe einen Luftsprung vor Freude gemacht – in letzter Zeit war er sehr ruhig, hatte gar keine Frauengeschichten mehr.“
Shikon Feenseele nickte lächelnd. Doch Seiketsu Lichtsegen und Ohtah Shadowdragon schauten ernst drein.
Die rothaarige Elementarmagierin war es durch die lange Reise nicht mehr gewohnt so feine Kleider zu tragen. Allgemein fiel es ihr inzwischen schwer, sich wieder wie eine adlige Dame zu verhalten, anstatt wie eine Kämpferin für Tyria.
„Lady Shikon, Fürst Faren erwartet Euch im Hof.“, meldete eine der Dienerinnen.
Sie beeilte sich aus dem Zimmer herauszukommen. Faren gehörte zu dem wenigen, was sie in ihrer Abwesenheit vermisst hatte. Er war ihr bester Freund, seit sie kleine Kinder gewesen waren. Darum freute sie sich ihn endlich wiederzusehen.
„Faren! Wie schön, dass du da bist!“, rief Shikon Feenseele, als sie ihm entgegenlief.
Er nahm ihre Hand zum Kuss und antwortete: „Siehe da, die große Heldin und Bezwingerin der Drachen beehrt mich mit ihrer Anwesenheit.“
„Haha, lästere du nur …“, gab sie neckisch zurück, „Wie ich höre, ist bei dir dagegen Flaute mit neuen Eroberungen. Was ist los, hast du deinen Kampfgeist verloren?“
Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht, als er erwiderte: „So siehst du mich, nicht wahr? Als prahlenden Frauenheld … Na ja, ich sollte dir keinen Vorwurf machen, dass du es nie bemerkt hast. Ich habe es ja selbst erst richtig begriffen, nachdem du fort wart.“
Shikon Feenseele starrte ihn sprachlos an. Sie begriff, worauf Faren hinaus wollte und machte einen halben Schritt zurück. Er liebte sie! Und sie hatte es nicht verstanden, nicht einmal in Erwägung gezogen … Ihre Mutter hatte sie einst zwar scherzeshalber gefragt, ob sie Faren eines Tages heiraten würde, aber sie hatte nicht eine Sekunde ernsthaft darüber nachgedacht. Außerdem gab da es bereits jemanden, dem heimlich ihr Herz gehörte.
„Ich …“, begann Shikon Feenseele und atmete noch einmal tief durch, „Du bist mein bester Freund aus Kindertagen, Faren. Ich vertraue dir … und ich schätze deine Gegenwart. Aber bitte, verlange nicht mehr von mir als die Freundschaft, die ich für dich empfinde.“
Der junge Fürst schloss für einen Moment die Augen, dann antwortete er: „Diplomatisch gesprochen … wie immer. Keine Sorge, ein Edelmann weiß, wann ein Kampf verloren ist.“
Als Shikon Feenseele mit Fürst Faren den großen Saal betrat, waren bereits alle anderen Gäste eingetroffen. Ohtah Shadowdragon stand gegen eine Wand gelehnt und ließ die beiden keinen Moment aus den Augen. Es ging ihm vollkommen gegen den Strich, wie Faren sich so überschwänglich vor ihr verbeugte und sie das anscheinend auch noch lustig fand. Doch dann staunte er regelrecht, als Shikon Feenseele sich plötzlich ihm zuwendete.
„Da dieses Fest zu meinen Ehren stattfindet, gebührt mir der erste Tanz …“, erklärte sie mit einem Zwinkern, „Würdest du mir die Freude erweisen, Ohtah?“
Der Dieb nickte mechanisch – er war zu keinem Wort fähig, zu verzaubert war er von Shikon Feenseele´s Blick, mit dem sie ihn regelrecht fesselte. Die Musik setzte ein und sein Körper bewegte sich wie von selbst. Er hatte gar nicht gewusst, wie leicht es sein konnte, sich von der Melodie tragen zu lassen … Zaghaft erwiderte er das Lächeln seiner Partnerin. Er vergaß alles um sich herum, hörte nur noch die sanften Klänge und sah in ihr Gesicht. Shikon Feenseele ging es nicht anders. Angenehme Wärme floss durch ihren Körper. Sogar der bevorstehende Kampf mit Zhaitan rückte für den Moment in Vergessenheit. Hier in den Armen von Ohtah Shadowdragon fühlte sie sich so unglaublich wohl, sie gehörte zu ihm. Hier gab es nur sie und ihn.
Seiketsu Lichtsegen lächelte selig, als sie ihren Freunden beim Tanzen zuschaute. Sie freute sich riesig – im Grunde waren die Gefühle zwischen Ohtah Shadowdragon und Shikon Feenseele in ihrem Team ein offenes Geheimnis. Nur die beiden selbst schienen es nicht ganz zu begreifen …
„In diesem Kleid seht Ihr aus wie eine adlige Dame.“, sprach sie plötzlich jemand an – Hauptmann Thackeray, der ihr seine Hand entgegen hielt „Darf ich um diesen Tanz bitten, Lady Seiketsu?“
Die Wächterin errötete, reichte ihm aber dennoch – wenn auch zögerlich – ihre Hand. Er hatte sich verändert; dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, seine Haare waren länger geworden. Trotzdem lächelte Logan noch genauso wie sonst und führte sie auf die Tanzfläche. Seiketsu Lichtsegen verlor sich während dem Tanz beinahe in seinem Anblick. Zum ersten Mal konnte sie ihm auf diese Art nahe sein. Nicht beim Training oder während eines Auftrags. Das Herz schlug ihr sprichwörtlich bis zum Hals und raubte ihr schier die Fähigkeit zu klar denken.
„Ich war unendlich erleichtert, als ich hörte, Ihr wärt wieder in Götterfels.“, sagte er in seiner gewohnt ruhigen Art.
Seiketsu Lichtsegen sah ihn überrascht an. Hatte er sich etwa Sorgen um sie gemacht? Natürlich … wie um jeden seiner Seraphen; sie war nichts besonderes für ihn … würde es wohl niemals sein.
„Ich hätte es nicht ertragen, wenn Euch etwas zugestoßen wäre.“, fügte er noch hinzu.
Die Wächterin konnte nicht anders – Stolz breitete sich in ihr aus und sie entgegnete: „Wir waren in vielen schwierigen Situationen … Aber ich hatte einen guten Lehrer.“
Logan musste lachen: „Den müsst Ihr mir bei Gelegenheit mal vorstellen.“
„Ihr seid ihm sehr ähnlich.“, neckte Seiketsu Lichtsegen ihn und die Röte kehrte auf ihre Wangen zurück, „Unglaublich pflichtbewusst, treu … gegenüber seiner Königin, stets auf das Wohl seiner Kameraden bedacht, stark, bedacht.“
Er winkte immer noch lachend ab: „Ihr schmeichelt mir ja.“
„Nein, Hauptmann Thackeray … genau so sehe ich Euch.“, erklärte sie ernst.
Jetzt war es an Logan überrascht drein zu blicken, doch Seiketsu Lichtsegen hielt dem stand. Nur ein einziges Mal sollte er zumindest einen Hauch ihrer Gefühle spüren ...
Das Fest dauerte bis in die späten Abendstunden. Shikon Feenseele wich für keinen weiteren Augenblick mehr von Ohtah Shadowdragon´s Seite. So kam es auch, dass er es war, der sie zu ihrem Schlafgemach begleitete.
„Ich war heute sehr glücklich …“, gestand die Elementarmagierin leise, das Gesicht zu ihrer Zimmertür geneigt, „Alle waren glücklich. Ich will dieses Glück bewahren … um jeden Preis.“
Ohtah Shadowdragon stützte eine Hand an der Tür ab, die andere legte er um ihren Bauch und lehnte den Kopf an ihre linke Schulter. Ihr Duft umwehte ihn, betörte ihn. Sein letzter Widerstand begann zu bröckeln … Schnell löste er sich wieder von Shikon Feenseele und schallte sich innerlich einen Narren. Er durfte nicht schwach werden! Er war nichts weiter als ihr Kampfgefährte, dessen Aufgabe es war, ihr Leben zu schützen … Ein mickriger Dieb aus der Gosse konnte keinen Platz an der Seite einer so edlen Dame haben … Fürstin Gwynith würde ihn auslachen und ihre Tochter für verrückt halten. Shikon Feenseele schmerzte die Abweisung. Zwar kamen keine Tränen, doch das Stechen in ihrer Brust verhöhnte sie dafür umso mehr. Es durfte ja sowieso nicht sein – ihre Bestimmung war es gegen Zhaitan zu kämpfen und Tyria zu retten, sie durfte ihn nicht noch mehr verletzen.
„Gute Nacht, Ohtah. Und … danke für alles.“, verabschiedete sie sich und öffnete die Tür zu ihrem Gemach.
Er sah ihr nach bis der Zugang wieder geschlossen war. Dann rutschte Ohtah Shadowdragon am Türrahmen entlang zu Boden. Genauso wie Shikon Feenseele auf der anderen Seite.
Die Klinge des Schicksals
Drei Tage waren vergangen, seit Team Shiko nach Götterfels gekommen war. Während sich die meisten von ihnen nicht nur erholten – Ric Bärenklaue hatte beispielsweise seine Schwerter zum Schleifen gebracht und Ganda arbeitete an einem Vorrat Mienen –, war Seiketsu Lichtsegen für einen kurzen Besuch in ihr Elternhaus zurückgekehrt. Zwischen Shikon Feenseele und Ohtah Shadowdragon herrschte eine angespannte Stimmung – seit dem Abend des Festes sprachen sie kaum mehr miteinander. Der geschickte Dieb hielt sich zwar immer in ihrer Nähe, blieb aber unbeteiligt. Gerade las sie ein Buch über die Alt-Drachen in ihrer Bibliothek, als ein Diener hereinkam und sie darüber informierte, dass ein Bote sie im Eingangsbereich des Herrenhauses sprechen wolle. Hastig legte sie es beiseite und beeilte sich in die Empfangshalle zu kommen. Der Bote entpuppte sich als Seraph und brachte eine wichtige Botschaft von Logan Thackeray. Shikon Feenseele hatte sich bereits gefragt, wann der Wächter wieder mit ihr Kontakt aufnehmen würde – nun da er wusste, was ihr Team geschafft hatte.
„Lady Shikon, der Hauptmann wünscht Euch und Eure Gefährten heute zur Mittagsstunde in seiner Dienststube zu sehen. Es handelt sich um eine Angelegenheit bezüglich Orr.“, erzählte er mit einer tiefen Verbeugung.
Shikon Feenseele gebot ihm sich wieder aufzurichten und erwiderte: „Ich danke Euch, Soldat. Bitte richtet ihm unsere Zusage aus und begebt Euch vorher noch in meine Küche zur Stärkung.“
Die Wache bedankte sich und zog anschließend ab. An seine Stelle trat nur eine Sekunde später Ohtah Shadowdragon, natürlich hatte er alles mitangehört. Als ob er Shikon Feenseele mit einem Fremden allein lassen würde – selbst in Götterfels gab es genügend Korruption und Verrat, das wusste er als Kind der Straße leider nur zu gut.
„Was Thackeray wohl von uns will?“, fragte er, während sie nach draußen in den Garten gingen.
Die Adlige blieb unvermittelt stehen und antwortete: „Vielleicht verfügt er über weitere Informationen. Etwas, das uns helfen kann … beim Kampf gegen Zhaitan.“
Traurigkeit war in ihrer Stimme mitgeschwappt, etwas das Ohtah Shadowdragon überhaupt nicht ertrug. In dieser Sekunde war ihm alles andere egal – Hauptsache sie fühlte sich besser.
Er streckte die Hand nach ihr aus, zog sie in eine Umarmung und flüsterte: „Hab´ keine Angst. Ich bin bei dir …“
Shikon Feenseele wehrte sich nicht gegen seine Zärtlichkeit, sondern empfing sie von Herzen gerne und antwortete: „Genau deshalb habe ich keine Angst.“
Was die beiden nicht mitbekamen war, dass die anderen Mitglieder von Team Shiko – bis auf Ull und Tear – sie bereits die ganze Zeit über heimlich beobachteten.
„Bei uns im Norden müsste Ohtah einen Kampf auf Leben und Tod austragen, um so eine tolle Frau wie Shiko zu bekommen.“, meinte Ric Bärenklaue und wandte sich an Gwen Grimmpfote, „Bei euch ist es doch ähnlich, oder?“
Die Charr schnurrte leicht, während sie antwortete: „Aber sicher, Kamerad! Das Männchen bekommt erst dann die Chance um das Weibchen zu werben, wenn er sie im Zweikampf besiegt hat. Tja, manchmal kann es eben auch Nachteile haben eine starke Kämpferin zu sein.“
„Sag´ bloß, Sporn hat sich immer noch nicht getraut? Jetzt mal im Ernst, Kätzchen, wie lange seid ihr beiden schon scharf aufeinander?“, meinte der Norn ungläubig.
Gwen Grimmpfote schlug ihm leicht gegen den Arm und sagte: „Ach, halt die Klappe! Aber glaub´ mir, wenn wir diese Schlacht überleben, fordere ich ihn am Ende noch selbst heraus!“
Ganda interessierte sich nicht für diese animalischen Paarungsabläufe und kehrte daher zum eigentlichen Thema zurück: „Was glaubt Ihr, warum rücken sie nicht einfach mit der Wahrheit heraus? Jetzt mal im Ernst, noch offensichtlicher kann es wohl kaum sein.“
„Shiko´s Pflichtbewusstsein lässt sie schweigen … Bevor Zhaitan nicht vernichtet ist, wird sie sich Ohtah nicht offenbaren.“, erwiderte Seiketsu Lichtsegen betrübt, die kurz zuvor ebenfalls zurückgekehrt war, „Und was Ohtah betrifft … Er würde ihr nie zur Last fallen wollen, deshalb versucht er, seine Gefühle vor ihr zu verstecken. Ihr … Standesunterschied ist in den Augen der Leute einfach zu groß. Man kann sich eben nicht aussuchen, in wen man sich verliebt …“
Pünktlich auf den Glockenschlag trafen die Verbündeten bei Logan Thackeray ein. Ull Rosenknospe und Tear hatten sie unterwegs eingesammelt und überredet sich wenigstens kurzzeitig in seiner Stube aufzuhalten, auch wenn es ihnen nicht gerade behagte. Was sie dort erwartete, hätten sie allerdings niemals für möglich gehalten – der Hauptmann der Seraphen-Wache stand umringt von seinen früheren Gildenmitgliedern.
„Das, meine Freunde, ist das glorreiche Team Shiko!“, stellte er sie vor, „Shikon Feenseele, Seiketsu Lichtsegen, Ohtah Shadowdragon, Ganda, Gwen Grimmpfote, Ric Bärenklaue, Ull Rosenknospe und ihre Gefährtin Tear … Und euch darf ich die Klinge des Schicksals vorstellen – Caithe, Eir Stegalkin mit ihrem Begleiter Garm, Zojja und … Rytlock Brimstone.“
Die schöne Elementarmagierin und der geschickte Dieb tauschten verblüffte Blicke. Der jungen Wächterin stand regelrecht der Mund offen und die anderen riefen wild durcheinander.
„Schwester!“, kam es von der Waldläuferin und sie fiel Caithe regelrecht um den Hals, „Es geht Euch gut! Ich hatte Angst, der Alptraum könnte Euch in seinen Bann ziehen.“
Die Erstgeborene der Sylvari lächelte mild, während sie erwiderte: „Beinahe … Aber letztendlich konnte meine Liebe zu Faolain mich nicht die Liebe zu Euch und unserer Mutter vergessen lassen.“
Ric Bärenklaue kniete vor Eir nieder, bevor er das Wort an sie richtete: „Meisterin, ich habe mit meinen Gefährten die Jagd auf Jormag und drei weitere Drachen erfolgreich abgeschlossen. Wir sind endlich frei von seinem Einfluss!“
„Ich bin sehr stolz auf dich, mein junger Schüler!“, bestätigte die Norn und zog ihn auf die Füße.
Der Tribun und Gwen Grimmpfote tauschten den Kriegergruß aus und sie fragte ihn: „Wieso bist du denn hier? Ich dachte, du wolltest nie wieder in die Nähe von Menschen kommen.“
„Tja, Zenturio, ein kleines Mädchen hat mir erklärt, was … >mildernde Umstände< sind.“, antwortete er und nickte Seiketsu Lichtsegen anerkennend zu.
„Ich freue mich Euch wiederzusehen, Zojja.“, begrüßte Ganda die Asura begeistert.
Die Golemantin zeigte die Spur eines Lächelns und meinte: „Ich habe Euch doch gesagt, ich möchte bei Gelegenheit wieder mit Euch zusammenarbeiten. Und siehe da, hier bin ich. Außerdem hätte ich die langweiligen Reden des Arkanen Rats keinen Tag länger ausgehalten – da kam Logan´s Einladung gerade recht.“
Logan räusperte sich peinlich berührt und erklärte dann: „Ich habe meine alten Freunde zusammengerufen, weil ihr vor dem letzten Kampf alles erfahren sollt, was wir über Zhaitan und Orr wissen.“
Team Shiko verstummte sofort. Jeder von ihnen gierte auf Neuigkeiten.
„Nachdem die Menschen-Götter Balthasar, Dwayna und Melandru ihren Sitz in Orr verlassen hatten und in die Nebel aufgestiegen waren, schlossen sich ihre Schützlinge zu Gilden zusammen und führten Kriege gegeneinander.“, begann Eir Stegalkin die Geschichtserzählung.
Die Elementarmagierin nickte: „Damit rissen sie die drei großen Königreiche Kryta, Ascalon und Orr auseinander.“
„Mein Volk nutzte damals diese … Chance und versuchte die Menschen aus Ascalon zu vertreiben. Stattdessen haben sie in einem Anflug von Wahn alles vernichtet und jetzt suchen uns diese widerlichen Geister heim.“, brummte Rytlock Brimstone.
„Aber darum geht es doch gar nicht!“, unterbrach Zojja ihn gereizt, „Um die >Gildenkriege< zu beenden, nutzte ein Mensch namens Wesir Khilbron das sogenannte Zepter von Orr, welches die Macht besitzen soll, Untote zu kontrollieren. Doch dieser Idiot hatte überhaupt keine Ahnung von der Komplexität eines solches Zaubern und so versank Orr im Meer.“
Die Augen von Ohtah Shadowdragon weiteten sich: „Halt, Stopp, Moment! Mit dem Zepter konnte man Untote kontrollieren?! Soll das etwa heißen-“
„Genau.“, klinkte sich Caithe ein, „Wir glauben, Zhaitan ist nur deshalb so stark, weil er die magische Kraft des Zepters absorbiert hat.“
Der Wächter stimmte ihr zu: „Das Zepter lag so viele Jahrhunderte in dem versunkenen Reich, dass seine Macht sogar in die Erde gezogen ist. Zhaitan hat sich den idealen Standort ausgewählt – von den unzähligen Leichen einmal abgesehen.“
„Und je mehr Diener er hat, desto stärker ist er.“, warf die künstlerisch begabte Norn ein.
Rytlock zog sein Schwert und sprach: „Deshalb haben wir – und ich glaube kaum, dass ich das wirklich sage – gemeinsam die Entscheidung getroffen bei der letzten Schlacht an eurer Seite zu stehen!“
„Denn so beeindruckend eure bisherigen Erfolge auch sein mögen, gegen Zhaitan´s ganze Armee habt ihr nicht geringste Chance.“, sagte Zojja, die natürlich das letzte Wort haben musste.
Der wiedervereinten Klinge des Schicksals zu begegnen hatte sie verblüfft, aber dass sie sich ihnen anschließen wollte, haute Team Shiko regelrecht um. Zwei Generationen, die nur existierten, um die Alt-Drachen zu vernichten, schlossen sich zusammen! Für den letzten, großen Kampf. Ein Kampf, der über die Zukunft von Tyria und jedem einzelnen der Anwesenden entscheiden würde …
Vorabend der Entscheidung
Team Shiko und die Klinge des Schicksals hatten ihr Lager nordöstlich von Orr an der Festlandküste zum Meer des Leids aufgeschlagen – die See war ruhiger geworden, seit Mélyten nicht mehr über die Gewässer Tyria´s herrschte. Doch nicht nur die Helden hatten sich dort niedergelassen, um den Kampf gegen Zhaitan voranzutreiben; denn die drei großen Orden Tyria´s – der Orden der Gerüchte, die Wachsamen und die Abtei Durmand – hatten sich zu einem Pakt zusammengeschlossen und bei Meerenge der Verwüstung ein Fort errichtet, von dem aus sie agierten. Shikon Feenseele stand am Rand der Halbkreisbucht. Ganda hatte sie regelrecht zur »Türschwelle von Orr« gebracht. Von hier aus konnte man in der Ferne die Spitze der Insel ausmachen. Die Drachen-Juwelen pulsierten förmlich in der Truhe, welche sie in Händen hielt. Alle Repräsentanten der vier Elemente waren vereint – Primordus, der Feuerdrache … Jormag, der Luftdrache … Kralkatorrik, der Erddrache … und Mélyten, der Wasserdrache … Nun existierte nur noch ein Alt-Drache – Zhaitan, der Drache des Todes. Morgen war es soweit, sie würden in das verlorene Königreich einmarschieren. Und die Elementarmagierin wurde das Gefühl nicht los, dass Zhaitan das bereits wusste … Aber sie konnte einfach nicht bei den anderen sitzen und zum bestimmt hundertsten Mal den Plan durchsprechen – keine Strategie der Welt konnte ihnen in seinem Reich einen Vorteil verschaffen. Es blieb ihnen nur jeden seiner Diener zu töten, den er ihnen entgegenwarf, bis sie vor Zhaitan´s Versteck standen.
Plötzlich trat Seiketsu Lichtsegen an ihre Seite und riss sie aus ihrer Versunkenheit. Sie unterdrückte ihre Enttäuschung, dass es nicht Ohtah Shadowdragon war. Im Grunde hatte sie mit seinem Auftauchen gerechnet, seit sie das Lager verlassen hatte. Warum kam er nicht? Er wich doch sonst nie von ihrer Seite – zumindest nicht für lange.
„Er wollte kommen. Ich habe ihn davon abgehalten, weil ich zuerst mit dir sprechen wollte.“, beantwortete die Wächterin ihre unausgesprochene Frage, „Ich kenne dich inzwischen sehr gut, Shiko. Und ich spüre, dass dich etwas beschäftigt … etwas, über das du nicht einmal mit Ohtah reden willst … oder vielleicht auch nicht kannst.“
Eigentlich sollte es Shikon Feenseele nicht überraschen, dass ihre Freundin sie durchschaut hatte und so erwiderte sie: „Ich kenne den Preis für die Rettung Tyria´s … Glint und der Blasse Baum haben mich auf diesen Weg geführt. Vielleicht ahnst du es ja bereits, ganz sicher sogar. Es gibt kein Zurück mehr für mich. Deshalb möchte ich nicht, dass ihr bei dem Kampf dabei seid … vor allem Ohtah nicht.“
„Wie willst du ihn davon abhalten?“, wollte Seiketsu Lichtsegen wissen.
Ein zartes Lächeln legte sich auf die Lippen der Heldin, als sie erwiderte: „Ein Versprechen … Es gibt keine andere Wahl – ich muss ihm eine Falle stellen.“
„Wirst du … wirst du ihm vorher sagen, dass du ihn liebst?“, hakte ihre Gegenüber weiter nach.
Diesmal schüttelte Shikon Feenseele den Kopf. Wie sollte sie Ohtah Shadowdragon ihre Gefühle offenbaren, wenn sie doch genau wusste, dass sie nicht zusammen sein konnten? Es war ihre Bestimmung Tyria vor den Alt-Drachen zu retten … damit andere glücklich sein konnten. Sie stand zwischen der Zukunft und ihrer Verdammnis, da durfte sie nicht an ihr eigenes Glück denken. Für Tyria, ihre Freunde und alle Wesen, die in dieser Welt lebten …
„Themawechsel. Warum hast du Logan nicht gestanden, was du für ihn empfindest?“, gab sie beinahe provokant zurück, um von sich selbst abzulenken.
Sofort schoss Seiketsu Lichtsegen die Röte ins Gesicht und sie antwortete melancholisch: „Weil er nicht dasselbe für mich fühlt … Sein Herz gehört Königin Jennah, da kann ich nicht mithalten. Trotzdem bin ich froh darüber, in ihn verliebt zu sein … Ich wünsche mir nur, dass er aus ganzem Herzen lachen kann, ohne diese ständige Angst. Und dafür werde ich morgen mit all meiner Kraft kämpfen!“
„Wenn er das hören könnte, würde er dir sicher sofort verfallen.“, lachte Shikon Feenseele und legte einen Arm um ihre Schulter, „Du bist für mich wie eine Schwester, Sei … Vergiss´ das nie.“
Sie nickte, weil es ihr nicht anders ging und darum brachte sie die nächsten Worte nur äußerst schwer über die Lippen: „Wirst du Zhaitan auch wirklich besiegen können?“
Entschlossener denn je antwortete Shikon Feenseele daraufhin: „Solange ihr an mich glaubt, ja.“
„Aber … du wirst nicht …“, begann die Wächterin, brachte den Satz allerdings nicht zu Ende.
Die schöne Elementarmagierin richtete ihren Blick wieder in die Ferne und entgegnete steif: „Du kennst die Antwort.“
Als die Nacht hereinbrach, kehrte Shikon Feenseele zum Lager zurück. Ohtah Shadowdragon saß am Rand und hielt Wache – er hatte auf sie gewartet. Sie nahm neben ihm Platz, lehnte sich gegen seine Brust.
„Ich muss etwas mit dir besprechen, Ohtah.“, sagte die Elementarmagierin so leise, dass nur er sie hören konnte, „Ich werde mich Zhaitan allein stellen … Ich bin diejenige, die über die vier Elemente gebietet. Es ist mein Kampf, seit ich Götterfels zum ersten Mal verlassen habe – alles lief einzig auf diese Begegnung hinaus.“
Entgeistert starrte er sie an, stotterte sogar: „Wa-was redest du da, Shiko? Das … das kann nicht dein Ernst sein! Zhaitan ist viel zu gefährlich! Ich würde mein Leben für dich geben! Lass´ mich dich begleiten! Ich werde dich beschützen!“
„Du beschützt mich am besten, wenn du vor Zhaitan´s Zitadelle die angreifenden Untoten von mir fernhältst. Ich habe die Macht von vier Drachen auf meiner Seite … Ohne seine Diener ist es nur Zhaitan selbst. Du musst mich gehen lassen, Ohtah … Bitte respektiere meinen Wunsch.“, wählte sie ihre Worte mit Bedacht und schluckte anschließend, „Wäre … wäre mir während der Reise etwas zugestoßen, hätte ich dich zum neuen Anführer unseres Teams ernannt. Deshalb … Ohtah, gib´ mir dein Wort – egal was passiert … Tyria braucht eine Zukunft! Wenn du mir das versprichst, werde ich nicht … verlieren.“
Jedes Wort schnitt ihr regelrecht die Luft ab. Sie hatte nicht gelogen, doch es gab diesen feinen Unterschied zwischen »einen Kampf gewinnen« und »aus einem Kampf siegreich zurückzukehren«, den sie ihm wohl weißlich verschwieg.
Ohtah Shadowdragon schloss sie in seine Arme, hielt sie fest an sich gepresst. Er wollte sie nicht allein lassen, unter keinen Umständen. Aber noch weniger wollte er im Wege stehen … Er wusste, sie würde sich nicht aufhalten lassen. Statt ihn anzulügen, hatte sie sich ihm anvertraut …
„Ich glaube an dich, Shiko, von ganzem Herzen! Und ich schwöre dir, Tyria wird nicht untergehen!“, erwiderte er schließlich, doch ein Teil von ihm brach bei diesen Worten.
Shikon Feenseele lächelte. Sie vertraute ihm, er würde sein Wort halten … Wie zum Zeichen des Abschied hob sie den Kopf und gab ihm einen Kuss auf die Wange, nur wenige Millimeter von seinen Lippen entfernt, die sie dennoch niemals schmecken würde.
In dieser Nacht schlief die Elementarmagierin eingehüllt in Ohtah Shadowdragon´s Armen. Wieder schwebte Shikon Feenseele in völliger Dunkelheit und wartete auf die vertraute Stimme.
Und natürlich wurde sie nicht enttäuscht: „Shiko … du hast es wirklich geschafft! Du hast dich mit deinen Freunden gegen die Drachen behaupten können. Nun steht dir nur noch ein letzter Kampf in dieser Welt bevor.“
„Ja. Und ich werde meinen Weg weitergehen … bis zum bitteren Ende. Trotzdem habe ich Angst, große Angst sogar … nicht vor dem Sterben, nein. Ich habe Angst vor dem, was mit Ohtah und den anderen passieren wird …“, erklärte Shikon Feenseele brüchig, dann erstarkte ihre Stimme zunehmend, „Ich habe etwas entscheidendes auf meiner Reise gelernt – es geht nicht darum keine Angst zu haben oder keine Schwäche zu zeigen, sondern ob man wieder aufsteht und sich dem entgegenstellt.“
Zum ersten Mal in ihren Träumen erschien eine Lichtgestalt vor ihr; eine junge Frau mit hochgesteckten Haaren und einem langen Magiergewand, die sprach: „Ich wusste, du würdest diese Lektion wieder lernen … Der Sinn deines Lebens ist es gegen die Drachen zu kämpfen – mit allem, was dich ausmacht! Vertrau darauf … dann wirst du nicht scheitern.“
„Seit du mir das zum ersten Mal gesagt hast, frage ich mich immer wieder, warum gerade ich? Was ist an mir so besonders?“, wollte sie ernst wissen und erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit Primordus, der sie für einen gewöhnlichen Menschen gehalten hatte.
Die junge Frau wirkte traurig, als sie erwiderte: „Es tut mir leid … ich kann es dir nicht sagen. Wenn du die wahre Kraft in dir erweckst, wirst du verstehen … und dann wirst du dich auch endlich an alles erinnern. Erwache, Shiko … bevor es zu spät ist!“
Die Quelle von Orr
Am nächsten Morgen setzten die beiden verbündeten Gruppen Schritt eins ihres Plans in die Tat um – sie kaperten ein Totenschiff Orr´s, um sich der Insel weitgehend unbemerkt nähern zu können. Ull Rosenknospe und Caithe machten es zunächst für Lebende seetüchtig; sie ließen Ranken wachsen, die das Schiff zusammenhielten, und große Blätter, die als Segel dienten. Seiketsu Lichtsegen und Logan Thackeray hielten einen Schutzschild aufrecht, welcher sie für die Untoten unsichtbar machte und gegen mögliche Blindgänger abschirmte. Ganda bewegte Gwen Grimmpfote und Rytlock Brimstone mit ein paar arroganten Aussagen ganz im Stil der Asura an Bord zu gehen – denn Charr waren absolut wasserscheu; Garm und Tear dagegen hatten kein Problem damit, sie bleiben treu bei ihren Herrinnen. Die Norn kümmerten sich um die Steuerung und Shikon Feenseele sorgte für einen günstigen Wind, während Ohtah Shadowdragon bereitstand gegen alles und jeden zu kämpfen. So ausgestattet segelten die zwölf Kämpfer mit ihren beiden Tiergefährten Richtung Orr. Selbst von weitem konnte man erkennen, dass der Kontinent nur so von zahlreichen Untoten wimmelte. Dies war wahrlich die Hochburg von Zhaitan´s Armee! Hier gab es kein Leben, hier herrschte der leibhaftige Tod … An einem großen Küstenstrand gingen Team Shiko und die Klinge des Schicksals schließlich an Land. Laut Caithe, die eine Karte von Orr mitgebracht hatte, handelte es sich um das Gebiet des Wintertotengeläut an der Fluchküste, was sich nicht gerade einladend anhörte. Trotzdem bot dieser Ort eine einzigartige Schönheit, der nicht einmal Zhaitan etwas anhaben konnte – die Jahrhunderte unter dem Meer hatten das Land verändert, überall blitzten regenbogenfarbene Stellen aus chemischen Verbindungen auf und verliehen der Gegend etwas mystisches.
Als Ull Rosenknospe den Blick schweifen ließ, hatte sie ein eigenartiges Gefühl, so als ob etwas nach ihr rufen würde … oder jemand. Tear hüpfte aufgeregt auf und ab, auch sie kannte diese Ausstrahlung. Sie konnte kaum glauben, dass er wirklich hier sein sollte. Die Waldläuferin nahm ihren Langbogen von der rechten Schulter und sie rannten los. Ihre Teammitglieder fragten sich, was wohl geschehen sei – selbst Caithe runzelte verständnislos die Stirn. Auf einem hohen Felsen hielten die beiden Ausschau. In einiger Entfernung kämpften Auferstandene gegen einen Sylvari mit dunkelgrünem Teint und dessen Trupp. Ull Rosenknospe schnappte nach Luft – er war es tatsächlich! Sie legte einen Pfeil an, zielte sorgfältig und schoss. Immer weiter, bis schließlich nur noch die Abscheulichkeit übrig blieb, gegen die der männliche Sylvari kämpfte. Ull Rosenknospe nahm die verbliebenen drei Pfeile aus ihrem Köcher, belegte sie mit einem tödlichen Pflanzengift und ließ sie von der Sehne schnellen. Die Kreatur brach in sich zusammen. Der Schwertkämpfer wirkte verdutzt – erst jetzt bemerkte er die Pfeile und erkannte sie sofort. Seine Augen suchten panisch das Gelände ab, dann entdeckte er Ull Rosenknospe und Tear endlich. Sie sprangen vom Felsen herab und liefen ihm, so schnell sie konnten, entgegen. Die beiden Sylvari sahen sich einfach nur an, sogen den Anblick des anderen in sich auf. Es war viel zu lange her, seit er nach Orr aufgebrochen war … Trahearne, Erstgeborener der Sylvari und Junker der Wylden Jagd.
„ULL!“, schrie Shikon Feenseele, die ihr mit dem Rest der Gruppe eiligst gefolgt war, „Ist alles in Ordnung mit euch?“
Die Waldläuferin winkte knapp. Caithe war nicht minder überrascht als Ull Rosenknospe ihren Bruder zu sehen.
In einem Lager des Pakts – Ull Rosenknospe und Caithe konnten kaum glauben, dass ausgerechnet Trahearne den Zusammenschluss der Orden als Marschall anführte – berichteten Shikon Feenseele und ihre Freunde von ihren Abenteuern und sie erfuhren, dass Trahearne auf der Suche nach der Quelle von Orr sei.
„Der Untergang Zhaitan´s steht kurz bevor … ich spüre es.“, erklärte er und atmete tief durch, „Wir wissen inzwischen, wo sich die Quelle befindet und werden sie reinigen. Damit verliert Zhaitan einen großen Teil seiner Macht, was ihn verwundbarer denn je machen wird.“
Ull Rosenknospe wollte von alledem nichts hören. Sie hatte sich an den Rand des Lagers verzogen und ihre Tiergefährtin in den Schlaf gestreichelt. Nachdem sich alsbald auch die anderen schlafen gelegt hatten, nahm Trahearne neben ihr Platz.
„Die Karte, die Caithe dabei hat, habt Ihr gezeichnet … Wusste sie, dass Ihr hier sein würdet?“, wollte sie von ihm wissen.
Er schüttelte den Kopf: „Seit unserem Abschied hatte ich keinen Kontakt mehr zu einem Sylvari außerhalb des Pakts. Aber ... ich bin glücklich, Euch wiederzusehen. Wir haben uns tatsächlich wiedergefunden … und dabei ist Orr so gewaltig.“
Sie saßen eine Weile schweigend da. Dann sprang Trahearne plötzlich auf und zog Ull Rosenknospe auf die Füße. Er ließ ihre Hand nicht los, während er sie auf einen der Aussichtspunkte führte. Von dort aus konnte man unendlich weit über das Meer des Leids sehen. Im Osten erblickte die Waldläuferin eine steinerne Treppe, auf dessen oberstem Absatz Statuen standen.
„Man nennt es die >Promenade der Götter< … Dort oben, das sind sie, die drei ursprünglichen Götter, die nach Menschen-Glaube Tyria geschaffen haben. Dahinter liegt Arah, die Hauptstadt von Orr … der Ort, an dem sich Zhaitan versteckt hält.“, erklärte Trahearne, wobei man ihm anmerken konnte, dass er nicht gerne darüber sprach.
Ull Rosenknospe wandte sich wieder dem Meer zu und wechselte leise das Thema: „Ihr habt Eure Wylde Jagd also fast beendet.“
Der Sylvari verschränkte seine Finger mit ihren, bevor er bestätigte: „Genauso wie Ihr. Und wenn es soweit ist, werde ich zu unserer Mutter zurückkehren. Ich bin dem Hain lange genug ferngeblieben. Ich … ich habe keinen Grund mehr zu flüchten, nicht seit ich Euch kenne. Ihr seid und bleibt für immer meine Liebe, Ull … Ich will dort mit Euch leben, in unserer Heimat!“
Überraschung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, nur eine Sekunde später wurde Ull Rosenknospe wieder ernst: „Ich würde sterben, um Shiko diese Stufen hinaufzubringen.“
Trahearne nickte, dass hatte er sich bereits gedacht, es änderte jedoch nichts an seinen Gefühlen. So überbrückte er den geringen Abstand, der noch zwischen ihnen geherrscht hatte, und legte seine Lippen auf ihre.
Die Fee der vier Elemente
Der Tag der Entscheidung war gekommen. Innerhalb einer Nacht hatte Zhaitan den Großteil seiner verbliebenen Streitkräfte ins Herz von Orr zurückgerufen. Die Stufen der Promenade der Götter waren gespickt mit Kompanien von Auferstandenen. Team Shiko und die Klinge des Schicksals standen einer Übermacht gegenüber. Dem Alt-Drachen des Todes war damit ein großer Fehler unterlaufen – für Trahearne und einer Handvoll seiner Männer war der Weg nun frei. Sie konnten ungehindert zur Quelle von Orr vordringen und das Ritual beginnen. Die restlicher Kämpfer des Paktes schlossen sich dem Kampf von Shikon Feenseele an. Ull Rosenknospe hatte Trahearne am Morgen hinterher geschaut, als er zum Abschluss seiner Wylden Jagd aufgebrochen war.
„Ull … das nächste Mal sehen wir uns im Hain wieder!“, waren seine Abschiedsworte gewesen.
Mit einem traurigen Lächeln hatte sie geantwortet: „Auf die eine … oder die andere Weise.“
Er hatte nur genickt, ihr Gespräch von letzter Nacht noch in den Ohren. Jeder Sylvari, der sein Leben aushauchte und nicht dem Alptraum verfallen war, kehrte als Blume in die Omphalos-Kammer zurück, um für alle Ewigkeit mit dem Mutterbaum vereint zu sein …
Team Shiko und die Klinge des Schicksals marschierten, geleitet von fast fünfhundert Mann der Paktsoldaten, der Treppe zur Promenade der Götter entgegen. In Shikon Feenseele stieg Freude auf, als sie zu ihren Begleitern sah. Ihre Allianz bestand wirklich aus den fünf großen Völkern Tyria´s – und laut Glint, konnten sie den Krieg so beenden, sie hatten endlich eine reelle Chance. Zhaitan und seine Untoten würden vom Angesicht der Erde verschwinden, die Ordnung wiederhergestellt werden. Doch zuvor stand ihnen noch ein größer Kampf bevor, um den obersten Absatz überhaupt erreichen zu können. Seiketsu Lichtsegen und Logan Thackeray hatten bereits alle Wächter um sich geschart und erschufen einen gewaltigen Schutzschild über ihren Köpfen, der die meisten Geschosse abblockte. Die Waldläufer unter Ull Rosenknospe und Eir Stegalkin starteten bereits eine Gegensalve. Und Ric Bärenklaue führte die übrigen Nahkämpfer an die vorderste Front. Ohtah Shadowdragon fungierte natürlich als Leibwache – und lebendigen Schild – für Shikon Feenseele.
„Egal was es kostet, wir werden Shiko diese Stufen hinauf schaffen!“, rief er gegen den Kampfschrei der Auferstandenen an, die sich wie eine Flutwelle über sie ergossen.
Freund war kaum mehr von Feind zu unterscheiden. Die Magier schlossen ihre Augen – sie richteten ihre Zauber dorthin, wo sie die dunklen Auren spürten. Alles drängte und drängelte. Die Kampftruppe um Team Shiko gewann bereits die ersten Meter für sich. Aber die Masse an Gegnern wurde einfach nicht weniger … Zu viele Reservetruppen warteten noch vor dem Tor nach Arah auf ihren Einsatz. Dort in der Ferne, weit über ihnen erhoben sich die Abbilder von Balthasar, Dwayna und Melandru, die ihnen mit den anderen Göttern aus den Nebeln unfähig zusehen mussten … denn sie hatten auf Orr, ihrer einstigen Hochburg keine Macht mehr.
Kormir, die sich für die Qualen ihrer Freunde verantwortlich fühlte, flüsterte: „>Dwayna lebt in eurem Mitgefühlt, Balthasar in eurer Stärke. Melandru in eurer Harmonie, Grenth in eurer Gerechtigkeit. Und in eurer Inspiration ist Lyssa. Die Göttlichkeit liegt in euch!< Damals habe ich die Worte der Götter nicht verstanden, habe mich darüber aufgeregt. Heute ist das anders … Ihr müsst an euch selbst glauben! Wir Götter können wahrhaft nur für euch beten …“
In Orr schlugen sich Team Shiko und die Klinge des Schicksals gerade auf den vorletzten Treppenabsatz durch – die Paktsoldaten hatten sich gesplittert und auf der gesamten Treppe verteilt, um ihnen den Rücken freizuhalten.
„Geht hinter mich, ich schlage die letzte Bresche!“, schrie Shikon Feenseele.
Ohtah Shadowdragon und Ull Rosenknospe wollten widersprechen, doch die Elementarmagierin webte bereits den Zauber. Sie stürmte von Flammen eingehüllt durch die Linie der orrianischen Armee. Die flüchtenden Auferstandenen wurden so gleich von ihren Gefährten aus dem Weg geräumt. Schwer atmend hob sie den Blick zu den juwelenbesetzten Augen der Statuen. Dieses Land war von ihnen erschaffen worden … Lange bevor Zhaitan ihr Andenken mit seiner Verderbnis beschmutzt hatte. Hinter ihr erklommen Ohtah Shadowdragon, Seiketsu Lichtsegen, Ganda, Gwen Grimmpfote, Ull Rosenknospe, Tear und Ric Bärenklaue den Treppenabsatz. Die Klinge des Schicksals hielt ihnen die nach stürmenden Untoten vom Leib.
Shikon Feenseele wandte sich abrupt zu ihnen um und verkündete: „Ab hier werde ich allein weitergehen. Ihr hindert Zhaitan´s Diener daran in die Stadt einzudringen. Logan und die anderen schaffen das nicht ohne eure Hilfe.“
Ganda war die erste, die ihre Stimme wiederfand: „Und Ihr wollt wirklich so ganz allein gehen? Ohtah könnte dich doch wenigstens begleiten!“
„Nein! Auf gar keinen Fall!“, widersprach sie heftig, „Versteht doch … genau so haben es Glint und der Blasse Baum vorausgesagt.“
Die Sylvari nickte ergeben: „Ich vertraue dem Urteil des Mutterbaums … Und ich weiß, Ihr werdet es schaffen. Ihr seid unsere Anführerin, Shiko!“
„Verpass´ Zhaitan für jeden von uns eine ordentliche Tracht Prügel!“, verlangte der Norn lachend.
Sie zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln, als sie erwiderte: „Mindestens. Ich danke euch für alles, Leute! Ohne euch wäre ich niemals soweit gekommen … wir sind und bleiben ein Team!“
Anschließend wandte sich Shikon Feenseele direkt an Ohtah Shadowdragon und Seiketsu Lichtsegen: „Kennt ihr die Inschrift der Statue, die in Rurikstadt steht? >Ein starkes Herz wird angesichts unüberwindbarer Hindernisse niemals zögern.< Ihr habt mich stark gemacht … Durch euch konnte ich meine Angst bezwingen, meine Schwäche überwinden … Ich werde kämpfen, damit alle frei sein können! Ich stelle mich zwischen das Licht und die Finsternis.“
„Wir sind bei dir.“, versicherte ihr die junge Wächterin, „Du bist nicht allein, Shiko … niemals. Deine Gefühle kann dir nicht einmal Zhaitan nehmen!“
Der geschickte Dieb sah ihr tief in die Augen, legte all seine Liebe hinein und sagte: „Wir werden hier auf dich warten!“
Eine einzelne Träne fand den Weg über ihre Augenränder, als Shikon Feenseele sie verließ. Die Ruinenstadt Arah hatte nichts mehr mit ihrer einstigen Pracht gemein. Kaum ein Stein stand noch auf dem anderen und die Jahrhunderte unter Wasser waren nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Tief im Innern der Heiligen Stadt, in seiner Zitadelle wartete der letzte Alt-Drache bereits auf sie.
„Du bist wirklich zu mir gekommen …“, stellte Zhaitan höhnisch fest, „Ich hätte nicht gedacht, dass du mir gegenüber treten würdest, nachdem du die Kraft meiner Brüder gesehen hast.“
Shikon Feenseele konzentrierte ihre Magie und zauberte die Truhe hervor, die Glint ihr gegeben hatte. Die vier Drachen-Juwelen, welche die extrahierten Seelen von Primordus, Jormag, Kralkatorrik und Mélyten enthielten, begannen zu strahlen und schwebten in die Luft.
Nach einem tiefen Atemzug antwortete sie entschlossen: „Dir wird es nicht anders ergehen als ihnen. Ich werde deine Tyrannei keinen Tag länger zulassen! Tyria hat genug gelitten … weder die Menschen, noch die Asura, die Norn, die Charr oder gar die Sylvari sollen länger in Furcht leben!“
„Warum?“, wollte Zhaitan knurrend wissen, „Wieso interessieren dich all diese niederen Kreaturen, zu deren Volk du nicht einmal gehörst?“
Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und entgegnete: „Ich kämpfe für meine Freunde und alle Bewohner Tyria´s, weil es meine Bestimmung ist! Denn ich bin die Fee der vier Elemente!“
Ein Ruck fuhr durch Shikon Feenseele´s Körper, Bilder rasten an ihr vorbei, doch sie nahm jedes einzelne davon genau wahr. Sie sah eine junge Frau, welche eine Blume im Haar trug, und ihr auf irgendeine Weise ähnelte. Einen Kampf gegen einen Mann mit entstelltem Gesicht. Die Vernichtung eines gehörnten und geflügelten Wesens. Dann den Tod und die Geburt einer Gottheit. Bis es zu einem Drachen aus lebendiger Lava wechselte.
Und plötzlich hörte sie die Stimme von Ohtah Shadowdragon: „Shiko … Shikon No Yosei … Verteidigerin von Cantha und Shing Jea … Retterin von Tyria und Elona … Vernichterin der Zerstörer und Vertraute der Asura … ich, Ohtah Ryutaiyo, bitte dich … werde meine Frau!“
Shiko … Shikon No Yosei, die Fee der vier Elemente. Das war sie … Sie erinnerte sich wieder! Sie war wiedergeboren worden, um gegen die fünf Alt-Drachen zu kämpfen. Sie, die lebende Legende, die Shiro Tagachi, den Untoten Lich, Abaddon und Primordus´ Champion den Großen Zerstörer bezwungen hatte. Gemeinsam mit Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari … Durch das Erwachen ihrer Seele kehrten auch ihre eigentliche Gestalt und ihre magischen Kräfte zurück. Nun war sie sich wieder der wahren Macht bewusst, die in ihr ruhte. Und genauso wie die Stimme es ihr im Traum prophezeit hatte – sie konnte einfach nicht glauben, dass sie Teinai nicht erkannt hatte – wusste sie mit einem Mal auch, wie sie die Energie der Drachenjuwelen nutzen musste.
„Pah! Und wenn schon? Was nutzt dir dein kleiner Zauber? Das ändert nichts an der Tatsache, dass du ein kleines Mädchen bist! Was willst du allein gegen mich ausrichten?“, höhnte der Drache in ihren Gedanken, der ihren Kraftanstieg vor lauter Stolz nicht einmal bemerkt hatte.
Da schwappe eine Welle der Energie über den Kontinent hinweg. Die Verderbnis schmolz aus dem Boden, der Luft, dem Wasser. Die Quelle von Orr floss wieder – Trahearne hatte es geschafft! Der Zeitpunkt war gekommen …
Shikon No Yosei schloss für einen Moment die Augen – vor sich sah sie all ihre Gefährten – und erklärte ruhig: „Ich bin nicht allein – ich spüre die Unterstützung all meiner Freunde in meinem Herzen … Sie geben mir die Kraft, dich zu besiegen. Oh, ihr vier Elemente, hört meinen Ruf im Namen der Sechs Götter – Feuer, Wasser, Erde, Luft!“
Sie breitete die Arme aus und die Elemente gehorchten ihrem Befehl. Vier Lichtsäulen schossen aus den Juwelen in die Höhe – rot, weiß, grün und blau. Genau wie damals, als die Alt-Drachen aus ihrem Schlaf erwacht waren. Damit schloss sich der Kreis.
Erschöpft sanken die Kämpfer zu Boden. Die Stufen waren übersät mit den Überresten der Untoten und obwohl Seiketsu Lichtsegen sich kaum noch auf den Beinen halten konnten, entzündete sie zusammen mit Logan, Zojja und Ganda die Leichenberge. Zu groß war die Gefahr, dass sie sich noch einmal erhoben. Ohtah Shadowdragon beobachtete mit Schrecken, was sich am Himmel über der Hauptstadt abspielte – vier Lichter waren wie aus dem Nichts hinaufgeschossen. Was hatte Shikon Feenseele bloß getan, was ging in der Zitadelle nur vor sich? Ein Angstschauer fuhr ihm über den Rücken. Er hätte niemals von ihrer Seite weichen dürfen! Er war doch ihr Beschützer!
„Die Sechs Götter seien meine Zeugen – hiermit erhebe ich einen neuen Schwur, da ich aus jenem anderen entlassen wurde … Ich, Ohtah Ryutaiyo, schwöre am heutigen Tag bei meinem Leben, meiner Seele und meinem Geist, dass ich auf ewig Shikon No Yosei´s getreuer Schatten sein werde, der sie vor allem Schaden bewahren wird! Niemals wieder soll mein Herz von Zweifel ergriffen werden … Ich unterstelle mich ihr mit allem, was ich war, was ich bin, was ich sein werde!“, hörte der Dieb seine eigene Stimme sagen.
Shikon No Yosei … Die Erinnerung traf ihn wie ein Blitzschlag. Er hatte diesen Schwur vor Jahrhunderten in der Befleckten Küste im Angesicht der Sechs Götter selbst geleistet! Darum hatten sie ihn gemeinsam mit Shikon No Yosei zurück nach Tyria geschickt. Weil seine Seele, sein ganzes Sein mit ihr verbunden war. Hinter sich hörte er schnelle Schritte näherkommen. Es war Seiketsu Lichtsegen, besser gesagt Seiketsu No Akari.
„Egal wo du bist oder was du tust … ich bin bei dir und du bist bei mir, Sei. Wir werden nie wirklich voneinander getrennt sein.“, hatte Shikon No Yosei zu ihr gesagt, als die Mönchin sich entschieden hatte, Shing Jea zu verlassen … und so würde es bis in alle Ewigkeit sein.
Sie nickten sich gegenseitig zu. Keine Sekunde später verschwand der geschickte Assassine via Schattenschritt und erschien in seiner ursprünglichen Gestalt neben seiner Geliebten.
Der Untergang von Orr
Sie spürte seine Präsenz sofort. Es überraschte sie nicht, besonders seit sie ihre Erinnerungen zurück hatte. Er war noch genau derselbe … Nichts hatte sich geändert. Nicht sein Wille, sein Geschick, sein strategisches Denken und vor allem nicht seine Besorgnis um sie. Es blieb ihr selbst nach all diesen unzähligen Jahren noch ein Rätsel, womit sie einen solchen Mann verdient hatte … Doch sie durfte nicht länger warten!
„Im Namen Balthasars rufe ich das Feuer! Heiß und zerstörerisch soll es lodern … Oh Dwayna, mit dir rufe ich die Luft! Als erfrischende Brise und tosenden Tornado … Melandru, Göttin der Natur, ich rufe die Erde! Nährend und beschützend verlasse ich mich auf sie … Und als letztes rufe ich das Element des Grenth, das Wasser! Klar und unberechenbar zugleich … Lyssa, ich bitte dich, schenke mir die magische Energie, um die Kraft der Elemente zu kanalisieren … Auf dass ich durch Euch, Kormir, Göttin der Wahrheit und Hüterin der Geheimnisse, mein Ziel nicht verfehle!“, sprach Shikon No Yosei die Beschwörungsformel, um die Energie auf ein Maximum zu steigern.
Die Lichtsäulen gehorchten ihr und schlossen sich um den Drachen, zogen sich immer enger zusammen. Shikon No Yosei faltete ihre Hände vor der Brust. Aus dem Rot, Orange, Grün und Blau wurde ein Kokon aus gleißendem Licht, der in allen Farben des Regenbogen schimmerte. So eingesperrt konnte sich Zhaitan nicht mehr gegen die positiven Kräfte der vier Elemente zur Wehr setzen … die Kraft des Lebens fraß sich durch seinen Körper, ließ ihn in sich zusammenfallen. Und mit ihm auch seine zerstörerische Macht über Tyria! In einer gewaltigen Explosion verschwand das Licht und die schöne Elementarmagierin sank kraftlos zu Boden – nach dem Ende des Untoten Tengu-Krieges waren ihre Kräfte nicht annähernd so zerschunden gewesen und damals hatte sie ihre magischen Kräfte vollständig eingebüßt. Ohtah Ryutaiyo, der vollkommen perplex zugesehen hatte, eilte an ihre Seite. Er öffnete den Mund, um etwas sagen, doch sein neu erwachtes Selbst begriff augenblicklich, was dieser Sieg sie kostete.
„Ich wusste es … seit ich mit dem Blassen Baum gesprochen habe. Verzeih´ mir, ich hatte keine andere Wahl.“, erklärte sie nach Atem ringend, „Ich liebe dich, Ohtah … immer. Im letzten, in diesem und in jedem weiteren Leben!“
Er wollte schreien, doch kein einziger Laut verließ seine Kehle. Zu geschockt war er von dem, was sich vor seinen Augen abspielte. Shikon No Yosei wurde, aus seinen Armen heraus, von einer unsichtbaren Macht in die Luft gehoben. Tränen traten in ihre Augen, als sie einen letzten Blick auf ihren Geliebten warf. Dies war der Preis dafür, dass sie die Kraft der Elemente so stark beansprucht hatte … Es war das Opfer, welches sie bringen musste, um Tyria zu befreien. Darum gab es nichts, was sie an ihrer Entscheidung bereute. Und mit einem leisen Geräusch, ähnlich wie beim Zerplatzen einer Seifenblase, funkelten dort, wo Shikon No Yosei einen Moment zuvor noch geschwebt hatte, nun nur noch zarte Staubpartikel. Ohtah Ryutaiyo konnte die Augen nicht abwenden. Er hatte sie verloren … endgültig. Er spürte keinen Schmerz mehr, nur Leere. Unzählige Male war sie als Shikon No Yosei und Shikon Feenseele in Gefahr gewesen. Und jetzt war es der Preis für ihren eigenen Zauber gewesen, der ihr das Leben genommen hatte. Ja, sie war tot … Sie, die Verteidigerin von Cantha und Shing Jea, die Retterin von Tyria und Elona, die Vernichterin der Zerstörer und Vertraute der Asura. Sie, seine Frau, die Mutter ihrer gemeinsamen Kinder Yoso No Koshi und Ryukii No Mai. Sie, die dem Beispiel ihres Meisters folgend die Tengu-Kriege ein zweites Mal beendet hatte. Sie, die Gesandte, die wiedergeboren wurde, um die Welt erneut vor der Bedrohung zu befreien. Sie, die Fee der vier Elemente …
„Wenn wir sterben … dann sterben wir gemeinsam. Ich lass´ dich nicht alleine gehen, niemals!“, hatte sie ihm einst in der Charr-Heimat versprochen und jetzt war sie ohne ihn gegangen.
Noch während Ohtah Ryutaiyo diesen Gedanken nachhing, erzitterte die Ruinenstadt. Alles wackelte, schien aus der Balance gekommen zu sein. Ein regelrechter Sturm legte sich über den Kontinent. Orr, welches früher das schönste Königreich Tyria´s gewesen war, begann wieder im Meer zu versinken, weil Zhaitan´s Einfluss gebrochen war! Doch er rührte sich nicht … Was für einen Grund hatte er zu fliehen? Der Sinn seines Lebens existierte nicht mehr. Wieso also weitermachen?
„Unsere Freunde brauchen dich jetzt. Wenn du ihnen nicht hilfst, werden sie mit Orr untergehen … und damit alle Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.“, flüsterte eine vertraute Stimme, die ihm sanft über die Wange streichelte, „Du hast noch nie ein Versprechen gebrochen, Ohtah … Ich warte auf dich und Sei in den Nebeln.“
In diesem Augenblickblick brach die Decke über Ohtah Ryutaiyo in sich zusammen. Mehrere tonnenschwere Steinblöcke fielen zu Boden und schienen den Assassinen unter sich zu begraben – gäbe es da nicht die Kunst des Schattenschrittes. Nur Sekunden später starrten die Mitglieder von Team Shiko und der Klinge des Schicksals Ohtah Ryutaiyo sprachlos an. Ihre Blicke wanderten zwischen ihm und Seiketsu No Akari hin und her. Sie konnten nicht begreifen, was geschehen war, und trotzdem erkannten sie die beiden.
„Fasst euch an den Händen!“, befahl er ohne weitere Erklärung, gerade als die Inseln wieder ein ganzes Stück hinab sanken.
Sie taten, was er von ihnen verlangte – nur Ganda zögerte und fragte: „Was ist mit Shiko?“
Ein schmerzlicher Ausdruck huschte über das Gesicht der Mönchin, als sie antwortete: „Sie hat sich für Tyria geopfert …“
Der Assassine packte die freie Hand der Asura und brachte sie mit einem gewaltigen Schattenmarsch zurück ans Festland. Dabei staunte er über sich selbst – noch nie hatte er so eine weite Strecke zurückgelegt, noch dazu mit so vielen Begleitern! Dementsprechend erschöpft war er zwar, doch seine Freunde und Verbündeten waren in Sicherheit, in Löwenstein. Dort herrschte bereits ein riesiger Tumult – selbst aus dieser Entfernung konnte man den Untergang der Insel deutlich sehen.
„Heißt das die Jagd ist zu Ende?“, wollte Ric Bärenklaue beinahe enttäuscht wissen.
Gwen Grimmpfote gab ihm einen Klaps auf die Schulter und meinte: „Sieht ganz so aus, Kamerad.“
„Aber mit einem bitteren Beigeschmack …“, entgegnete Ull Rosenknospe und sah hoch zum Abendstern, welcher in der Ferne leuchtete, „Ohne Shiko hätte keiner von uns diesen Kampf ernsthaft ausfechten können. Nicht einmal ich.“
Ganda schaute sie erstaunt an, während sie erwiderte: „Und das aus Eurem Mund. Habt Ihr nicht gesagt, Ihr würdet Euch uns nur anschließen, weil wir sonst keine Chance hätten?“
„Das reicht jetzt!“, unterbrach Ohtah Ryutaiyo die ausbrechende Diskussion, „Auch wenn die Drachen weg sind … unsere Aufgabe ist noch nicht beendet!“
Und noch ein Drache!
Da begann die Erde unter ihren Füßen zu beben. Der Assassine kannte das Gefühl – doch diese Erschütterung war weit schlimmer, als jene in Cantha. Die Helden gingen reihum zu Boden, hielten sich aneinander fest.
„Was ist das?“, wollte Ohtah Ryutaiyo erschrocken wissen.
Es war Caithe, die ihm mit Angst in der Stimme antwortete: „Das, meine Freunde … ist ein Drache!“
Die anderen starrten sie voller Entsetzen an. Als Erstgeborene hatte sie bereits das Erwachen zweier Alt-Drachen miterlebt … Das Beben erstarb und eine gelbe Lichtsäule schoss weit in den Himmel hinauf. Es musste eine gewaltige Entfernung zwischen ihnen liegen.
„Wo könnte das sein?“, brummte Rytlock Brimstone übellaunig.
Diesmal ergriff Ganda das Wort: „In dieser Richtung liegt nur der Maguuma-Dschungel.“
„Dann stimmt es also doch …“, meinte der Norn und zog damit die Aufmerksamkeit aller auf sich.
Nur Eir Stegalkin wusste, wovon er sprach, und erklärte: „In unserem Volk erzählte man sich vor uralter Zeit die Sage eines sechsten Drachens, der erst dann aus seinem ewigen Schlaf erwachen würde, wenn seine Brüder den Tod gefunden hätten. Ich … habe es nie geglaubt.“
„Wenn die Norn etwas über diesen Drachen wissen, dann gibt es nur ein Volk, das uns mehr darüber erzählen könnte …“, meinte die braunhaarige Mönchin, während ihr Blick sich nach Südosten richtete, wo irgendwo die Überreste der Feste Donnerkopf lagen.
„Wer?“, riefen die Freunde im Chor.
Seiketsu No Akari warf Ohtah Ryutaiyo einen bedeutungsvollen Blick zu. Seine Gesichtszüge entglitten ihm beinahe – er wusste, an wen sie dachte.
„Die Zwerge.“, hauchten sie wie aus einem Munde.
Shikon No Yosei schlug die Augen auf. Sie wusste sofort, wo sie sich befand – die Energie der Nebel war unverkennbar.
„Du bist wach, das ist gut.“, stellte Seira fest, die gerade den Raum betreten hatte, „Shiko, es gibt da etwas, das ich dir sagen muss, bevor du es von jemand anders erfährst …“
Doch die Elementarmagierin winkte ab: „Ich weiß, ich kann nicht lange hierbleiben. Ich kenne das Gesetz der Nebel, Seira – ich war schließlich einst eine Gesandte … Weil ich die Forderung einer Wiedergeburt gestellt habe, muss meine Seele fortan dem ewigen Zyklus folgen.“
„Ja … Nein, ich meine, noch nicht – deine Reise wird erst weitergehen, wenn Seiketsu und Ohtah wieder bei dir sind. Eure Schicksale sind fest miteinander verbunden.“, erklärte das Orakel und die Rothaarige horchte auf, „Shiko … im Maguuma-Dschungel in Tyria … ist der sechste Drache erwacht. Sein Name ist Mordremoth.“
Sie versuchte die Information zu verarbeiten, konnte es aber nicht. Was auch immer Seira versuchte ihr damit mitzuteilen, es war ein Ding der Unmöglichkeit. Es gab nur fünf Alt-Drachen – Zhaitan, Primordus, Kralkatorrik, Jormag und Mélyten … Und sie alle waren unter ihr gefallen!
In dieser Nacht schlief keiner der Freunde. Das ganze Team Shiko und die Klinge des Schicksals trauerten um ihre gefallene Kameradin … Ohtah Ryutaiyo hatte sich komplett von der Gruppe zurückgezogen. Als Ohtah Shadowdragon wäre seine Trauer groß gewesen – jetzt, da er seine Erinnerungen wieder hatte, war sie nicht in Worte zu fassen. Shikon No Yosei war zum zweitem Mal gestorben … Aber nie zuvor war er ohne sie am Leben gewesen. Zu jeder anderen Zeit wäre er ihr sofort in den Tod gefolgt, diesmal konnte er es nicht – und genau das hatte sie geplant!
„Du musst jetzt stärker werden, als Shiko es gewesen ist.“, meinte Seiketsu No Akari, die lautlos neben ihn getreten war, „Wenn sie an deiner Stelle wäre, wenn sie dich verloren hätte … Sie wäre innerlich zerbrochen, hätte nicht mehr weitermachen können. Aber sie hat darauf vertraut, dass du es kannst! Für sie … um ihre Mission zu beenden.“
Der Assassine sah hoch zu den Sternen, während er erwiderte: „Bevor ich Shiko in diesem Leben kennengelernt habe, habe ich, wie du weißt, auf der Straße gelebt. Nie hätte aus mir etwas werden sollen … Kurz vor meiner ersten Begegnung mit ihr, prophezeite mir eine Hellseherin, ich würde irgendwann ein großer Held werden, müsse dafür aber das größte aller Opfer bringen … Ich dachte, ich müsse sterben. Verstehst du? Ich hätte derjenige sein sollen … nicht Shiko!“
„Shiko hat gewusst, wie der Kampf gegen Zhaitan enden würde. Deshalb wollte sie uns auch nicht dabei haben. Und sie hatte schreckliche Angst davor …“, erklärte die Mönchin leise.
Ohtah Ryutaiyo ballte seine Hände zu Fäusten und sagte wütend: „Warum hat sie mich dann nicht ihren Platz einnehmen lassen? Warum hat sie mich nicht eingeweiht?“
„Sie hatte keine Angst vor dem Tod … Wir sind schließlich bereits gestorben und leben nur für den Kampf gegen die Drachen noch einmal in dieser Welt.“, widersprach sie ihm, „Sie wollte dich nicht verletzten … das war ihre größte Schwäche. Denn genauso wie dir eine Prophezeiung gemacht wurde, hat auch Shiko erfahren, dass sie nur so Tyria retten könne. Nichts und niemand hätte sie davon abhalten können … Sie war genau dieselbe, wie zuvor. Sie hat die Pflicht über ihr Leben gestellt …“
Er schwieg. Ob in diesem oder im vergangenen Leben, Shikon No Yosei hat niemals gezögert, ihr eigenes Dasein einzusetzen, um andere zu retten … das liebte und hasste er gleichermaßen an ihr.
„Logan sagte mal zu mir >Angst und Zweifel machen uns menschlich. Weiterzukämpfen … das macht uns zu Helden!<“, erzählte Seiketsu No Akari und berührte seine Schulter, „Du bist ein Held, Ohtah! Nicht nur in Shiko´s Augen … Unser Team braucht dich! Du bist jetzt unser Anführer.“
Für Seiketsu No Akari stand fest, dass nur ein Zwerg mehr über den ominösen, sechsten Alt-Drachen wissen konnte. Schließlich war es seit jeher ihre Aufgabe gewesen Wissen, Geheimnisse und Schätze zu horten. Das Problem war, die drei einstigen Legenden waren zu Lebzeiten hautnah dabei gewesen, als sie durch ein Ritual die Macht des Großen Zwergs erhalten hatten und den Zerstörern in die Tiefen Tyria´s gefolgt waren. Dennoch konnte Seiketsu No Akari eine einzige, schwache Präsenz von Zwergenaura im Gebiet des Lornar´s Passes ausmachen.
Ohtah Ryutaiyo schwieg sich darüber aus. Keiner der anderen wagte es mehr, ihn auf die Elementarmagierin anzusprechen, seit der Assassine und die Mönchin sie über ihr früheres Leben und ihre Erlebnisse aufgeklärt hatten. Dafür quälte er sich jede Nacht selbst immer wieder mit denselben Fragen und Gedanken. Warum nur hatte sie ihn einfach zurückgelassen, warum war sie ohne ihn in den Tod gegangen? Warum hatte sie ihn so vorgeführt? Mit dem einzigen Mittel, das ihn nun an dieses Leben band … sein Wort. Warum hatte er nicht eher begriffen, was sie vorgehabt hatte? Er hatte kläglich versagt – als ihr Beschützer und Ehemann. Er durfte sie nicht auch noch als ihr Nachfolger enttäuschen … Doch wo sollte er die Kraft dazu finden? Sein Herz war wie tot … Shikon No Yosei war sein Leben. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als seinen Dolch zu ergreifen und sich damit das Leben nehmen zu können. Aber dann könnte er ihr in den Nebeln nicht mehr gegenübertreten, nicht mehr in ihre schokoladenbraunen Augen sehen.
Seiketsu No Akari ging ähnliches durch den Kopf. In der einen Sekunde kamen ihr die Tränen, weil sie sich hatte opfern müssen … Im nächsten Augenblick lächelte, weil sie genau wusste, dass ihre Seelen-Schwester nun aus den Nebeln über sie wachte und dort auf sie wartete.
„Ihr seid sehr tapfer.“, sagte Logan Thackery, als er sich neben sie setzte.
Die Mönchin hatte keine Ahnung, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. Ihr Herz schlug schneller, ihr Erwachen hatte nichts an ihren Gefühlen für ihn geändert … Und obwohl sie auch als Seiketsu Lichtsegen gewusst hatte, dass er ihre Liebe nicht erwiderte, war es nun noch auswegloser – sobald sie ihre Aufgabe hier beendet hatte, kehrte sie in die Nebel zurück. Wieder gewannen ihre Tränen die Oberhand. Sie hatte schon einmal eine unerfüllte Liebe erlebt und jemanden verletzt.
Der Wächter zog ein Taschentuch aus seiner Gewand und reichte es ihr: „Tränen sind kein Zeichen von Schwäche … Trotzdem gefallt Ihr mir mit einem Lächeln besser.“
Seine Worte ließen sie tatsächlich ein wenig schmunzeln und sie traute sich sogar ihren Kopf gegen seine Schulter sinken zu lassen. Sie wünschte, es gäbe jemand, der auch Ohtah Ryutaiyo etwas Trost spenden könnte …
Die Suche nach dem letzten Zwerg gestaltete sich überraschenderweise einfacherer als angenommen, denn Team Shiko bekam unerwartete Hilfe von der Abtei Durmand – Ull Rosenknospe vermutete einen Befehl von Marschall Trahearne und konnte sich ein kurzes Grinsen nicht verkneifen. Einer der Gelehrten führte Team Shiko und die Klinge des Schicksals durch das Portal in Löwenstein zu ihrem Stützpunkt in den Nördlichen Zittergipfeln. Seiketsu No Akari und Ohtah Ryutaiyo stand regelrecht der Mund offen, als sie dem Zwerg begegneten – es war ausgerechnet Odgen Steinheiler!
„Meine alten Freunde!“, begrüßte er sie überschwänglich, „Sagt, wie ist das möglich?“
Die beiden Verteidiger erzählten ihrem alten Verbündeten von ihrer Wiedergeburt und den Kämpfen gegen die fünf Alt-Drachen.
„Ich habe von einer Gruppe junger Helden gehört, die scheinbar unmögliches vollbracht hätte … aber ich habe nie gedacht, dass ihr das sein könntet.“, meinte der steinerne Deldrimor und runzelte dann die Stirn, „Wo ist eigentlich Shiko?“
Die junge Mönchin, die diesen Teil der Geschichte bislang ausgelassen hatte, schluckte schwer, bevor sie antwortete: „In den Nebeln. Sie hat sich geopfert, um Zhaitan besiegen zu können …“
Bevor Odgen etwas darauf erwidern konnte, wechselte Ohtah Ryutaiyo hastig das Thema: „Wie kommt es eigentlich, dass Ihr doch zu Stein geworden seid? Ich dachte, Ihr wolltet das Ritual nicht vollziehen.“
„So ist es.“, bestätigte der Zwerg und schüttelte den Kopf, „Aber nach Vekk´s Tod … hat König Jalis mich dazu gezwungen.“
„Vekk? Der berühmte Portalist?!“, rief Ganda aufgeregt.
Und Seiketsu No Akari wollte gleichzeitig mit einem traurigen Unterton wissen: „Wie geht es König Jalis?“
„Ich weiß es nicht, Seiketsu. Ich stehe nicht in Kontakt mit den wenigen Deldrimor, die noch immer gegen die Zerstörer kämpfen.“, erklärte Odgen und wandte sich an die Asura: „Was Vekk angeht … ja, er war wohl wirklich einer der größten Eures Volkes. Und mein bester Freund.“
Zum ersten Mal seit dem Untergang von Orr erschien die Spur eines Lächelns um Ohtah Ryutaiyos Mundwinkel: „Die Situation der Zwerge könnte sich bald ändern … Ohne Primordus wird die lebenserhaltende Magie der Zerstörer bald schwinden.“
„Das wäre großartig!“, bestätigte Odgen Steinheiler und breitete die Arme aus, „Jetzt erzählt aber endlich mal, warum ihr hier seid.“
Ric Bärenklaue rückte zuerst mit der Sprache heraus: „Was weißt du über den sechsten Drachen?“
„Mein Gefühl hat mich also nicht getrübt … Mordremoth ist tatsächlich erwacht.“, meinte der Zwerg seufzend, „>Im Schatten seiner Brüder erwacht / zum sechsten Mal die Macht. / Erhebt sich aus den Tiefen heraus / das Licht schießt in den Himmel, geradeaus. / Was wird seinen Taten folgen? / Entdeckt sein Geheimnis, ihr Helden, ihr Holden!< Das ist alles, was ich euch dazu sagen kann. Uns wurden nur diese Worte vor Urzeiten von Glint anvertraut …“
Diese Neuigkeit wunderte weder Ohtah Ryutaiyo noch Seiketsu No Akari. Glint´s Prophezeiungen reichten weiter in die Vergangenheit und Zukunft als vorstellbar.
„Das heißt, im Grunde sind wir kein Stück weiter.“, stellte Ull Rosenknospe nüchtern fest.
Zojja winkte ab: „Wen interessiert das schon? Wir wissen, wo er sich befindet!“
„Ich werde euch helfen!“, entschied Odgen, „Es ist mir eine Ehre, erneut an eurer Seite zu stehen.“
Ohtah Ryutaiyo nickte: „Uns geht es genauso. Auf in den Maguuma-Dschungel!“
Shikon No Yosei saß vor Seira´s Weltenspiegel und verfolgte jeden Schritt ihrer Freunde. Es freute sie sehr, dass sich Odgen Steinheiler dem Team angeschlossen hatte. Und sogar die Klinge des Schicksals war bei ihnen geblieben. Nur Ohtah Ryutaiyo machte ihr Sorgen … Vor diesem Spiegel konnte sie seine Gedanken hören, wann immer er sie dachte – und das war ununterbrochen. Nicht einmal nach der Sache mit Abaddon´s Einfluss war er so … verletzt gewesen. Es war ihre Schuld – ihr Trick hatte ihn gebrochen. Für ihn war es eine nie endende Qual, jede einzelne Sekunde. Sie hatte gewusst, was sie ihm damit antat … Und dennoch hatte sie keine andere Wahl gehabt. Zwar war sie zu diesem Zeitpunkt noch Shikon Feenseele gewesen, aber ihre Seele blieb dieselbe – genauso wie seine. Suun, Seira´s Vorgänger hatte ihr einmal erklärt, wenn man sich an etwas nicht erinnern könne, hieße das nicht zwangsläufig, man hätte keine Erinnerungen daran … manchmal seien sie einfach nur verschüttet. Er hatte auch von zwei verschiedenen Gedächtnissen berichtet – dem Körpergedächtnis und dem Gedächtnis der Seele. Shikon No Yosei fragte sich unwillkürlich, ob die Sechs Götter einen solchen Ausgang der Geschehnisse vorausgesehen hatten. Seit ihrer Rückkehr hatte sie noch nicht mit ihnen gesprochen – ohne Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari wollte sie ihnen nicht gegenübertreten.
Doch die beiden einstigen Legenden schlugen sich gerade mit ihren Freunden durch den unerforschten Teil des Maguuma-Dschungels. Ull Rosenknospe, Tear, Eir Stegalkin und Garm kehrten von ihrer Späherrunde zurück.
„Es ist seltsam … Überall herrscht das blühende Leben und die Vegetation ist auf einem sehr hohen Level. Absolut kein Anzeichen von Drachenverderbnis.“, erklärte die Sylvari nachdenklich, „Ob Mordemoth´s Einfluss noch zu gering ist?“
Ganda grübelte eine Weile darüber nach, dann meinte sie: „Das wäre eine Möglichkeit. Seine Auferstehung liegt noch nicht einmal einen Mondzyklus zurück.“
„Aber wenn man bedenkt, dass Primordus seine Diener bereits lange vor seinem Erwachen kontrollieren konnte, erschient das unlogisch.“, widersprach ihr Odgen.
Ric Bärenklaue lachte höhnisch: „Vielleicht versteckt er sich ja, wie ein mickriger Feigling!“
„Immerhin haben wir alle seine Vorgänger plattgemacht. Er wäre gut beraten, vorsichtig zu sein.“, stimmte Gwen Grimmpfote zu.
Doch Ohtah Ryutaiyo widersprach ihr: „Das glaube ich nicht. Er weiß mit Sicherheit, dass auch wir nicht unbesiegbar sind.“
Zum wiederholten Male legte sich Trauer über die Verbündeten.
Es war Logan, der sie wieder wachrüttelte: „Schluss damit, Leute! Was würde Lady Shikon davon halten, wenn sie sehen würde, wie wir uns hier aufführen?“
„Shiko …“, murmelte Seiketsu No Akari, „Sie wollte immer, dass ihre Freunde sie >Shiko< nennen.“
Er nickte zustimmend: „Ja, Shiko … Und ihr seid Team Shiko! Mehr noch, ihr Wille lebt in jedem von uns weiter! Shiko hat an euch geglaubt – sie tut es selbst jetzt noch!“
Ohtah Ryutaiyo´s Augen weiteten sich. So etwas würde Shikon No Yosei auch sagen … Warum fand Logan, an dessen Seite sie nur so kurze Zeit gekämpft hatte, die richtigen Worte, wenn sie doch seit Jahrhunderten seine Frau war? Er hatte sich gehen lassen, war viel zu sehr auf sich selbst fixiert gewesen und hatte dabei vollkommen ihre Gefühle vergessen … Für die Elementarmagierin war es kein Opfer gewesen, sondern ein Geschenk – ein Geschenk an ihre Freunde und alle Bewohner Tyria´s. Und er hatte dieses Geschenk mit Füßen getreten … Schluss damit! Er benahm sich ja schlimmer, als ein winselnder Skritt! Er kannte die Nebel und wusste, dass es Shikon No Yosei gut ging. Was dachte sie bloß von ihm? Sie musste ihn für furchtbar schwach halten. Dabei wollte er gerade für sie stark sein!
„Wir finden Mordremoth und beenden den Kampf gegen die Drachen!“, erklärte der Assassine mit fester Stimme, „Wir kennen bereits den Schrecken seiner Brüder – er soll nicht auch noch die Gelegenheit bekommen, Tyria zu tyrannisieren!“
Dafür erntete er Jubelschreie und Applaus. Ganz Team Shiko wirkte optimistischer und die Klinge des Schicksals war unglaublich stolz auf ihre Schützlinge. Damit marschierte die Allianz mit neuer Entschlossenheit weiter, um das Geheimnis des sechsten Alt-Drachens zu lüften. Der Dschungel war genau so, wie Ull Rosenknospe berichtet hatte – ein Ort voller Leben, ganz im Gegensatz zu Orr. Hier wimmelte es überall von Tieren, Insekten und anderen Lebewesen.
Der Wächter von Tyria
Nach einigen Tagen durchbrachen sie das dichte Gehölz und standen vor einem weiten Tal, das vollkommen von einem runden Nest auf Pflanzen eingenommen wurde.
„Das ist wohl Mordremoth´s Versteck.“, bemerkte Odgen und alle nickten.
Das Herz schlug den verbündeten Kämpfern sprichwörtlich bis zum Hals. Außer seinem Namen wussten sie rein gar nichts über Mordremoth – nicht welche Magie er gebrauchte, ob er bereits Diener oder gar welche Schwäche er hatte.
Vor dem Weltenspiegel sitzend, legte Shikon No Yosei die Hände über ihr Herz und flüsterte: „Seid mutig … Ich weiß, ihr schafft es! Denkt an Glint´s Worte … Mordremoth ist kein gewöhnlicher Drache. Ohtah, Seiketsu … ihr alle, erkennt die Wahrheit! Lasst euren Blick nicht von Hass und Vorurteilen trüben.“
Im Maguuma-Dschungel frischte bei diesen Worten der Wind auf, eine Quelle erwachte zum Leben, aus der Erde sprossen Blumen und die Sonne verstärkte ihren Schein … an diesem Ort wirkten die vier Elemente. Der geschickte Assassine und die junge Mönchin sahen sich überrascht an, in ihren Köpfen hallte derselbe Gedanke – Shikon No Yosei hatte ihnen eine Botschaft geschickt!
„Wie kommen wir da rein?“, wollte Ganda ausnahmsweise ratlos wissen.
Ric Bärenklaue spannte die Muskeln an und antwortete: „Überlasst das nur mir!“
Wie ein Berserker schlug er mit seiner mächtigen Klinge immer wieder auf dieselbe Stelle ein, bis tatsächlich so etwas wie ein Durchgang entstanden war. Team Shiko und die Klinge des Schicksals stürmten hinein, bevor sich der Zugang wieder schließen konnte. Im Innern rankten überall Pflanzen, bildeten Wege und sogar Stufen.
„Wieso sieht das Versteck eines Drachens so aus?“, wunderte sich Ull Rosenknospe mit verärgertem Unterton, „Sie sind voller Leben … genauso wie die Gewächse im Hain. Wie ist das nur möglich?“
Die Nekromantin knurrte: „Glaubst du, er könnte die Magie deines Volkes gestohlen haben? Der Maguuma-Dschungel ist immerhin mit der Befleckten Küste verbunden.“
Niemand antwortete, zu furchtbar war diese Vorstellung.
„Gehen wir weiter … Vielleicht begreifen wir es, wenn wir ihn gefunden haben.“, meinte Seiketsu No Akari.
Der spiralförmige Weg, den sie gewählt hatten, führte mitten ins Herz des Pflanzenknäuels.
„Da seid ihr ja … Willkommen.“, empfing sie eine tiefe Stimme, die von überall zugleich kam.
Der Assassine umfasste seine Dolche fester und erwiderte: „Komm´ raus, Mordremoth! Wir werden deine Spielchen nicht mitmachen, egal was du vorhast!“
Sofort begannen die Wände zu wackeln, alles vorformte sich. In den Helden keimte ein schrecklicher Gedanke – dies war nicht Mordremoth´s Versteck, sondern sein Körper! Sie waren blindlings in seine Falle getappt. Ohtah Ryutaiyo hätte sich selbst ohrfeigen können – welcher richtige Anführer führte sein Team vollkommen planlos in die Höhle des Löwen oder in diesem Fall in die Höhle des Drachens? Nein, noch war es nicht vorbei; sie hatten sich schon öfters in fast ausweglosen Situationen befunden.
Da sprach Mordremoth weiter: „Ich kenne das Leid dieser Welt … Als meine Brüder erwachten, brachten sie Trauer und Qual über Tyria. Aber sie sind nicht die Wurzel des Übels. Seiketsu No Akari und Ohtah Ryutaiyo, ich weiß auch über euch Bescheid … Ihr solltet wissen, dass das Böse niemals vernichtet werden kann! Es wird immer wiederkehren …“
Er wollte etwas erwidern, schwieg aber. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Was würde Shikon No Yosei jetzt tun? Was erwarteten seine Freunde und Verbündeten von ihm?
„Es gibt Mächte in dieser Welt, von denen weder seine Bewohner etwas ahnen noch die Sechs Götter.“, fuhr der Alt-Drache fort, „Eine von ihnen hat die Sylvari erschaffen … und auch mir das Leben geschenkt. Ich bin anders als meine Brüder. Ich sinne nicht auf Zerstörung.“
Diesmal war es Rytlock Brimstone, der nicht an sich halten konnte: „Lächerlich! Ein Drache, der unser Land nicht ins Verderben stürzen will? Was für ein Schwachsinn!
„Aus dir sprechen Verbitterung … und Verzweiflung … Du hast zu viel schlechtes erfahren.“, stellte Mordremoth fest, „Meine Brüder können euch und dieser Welt nichts mehr antun … Aber ihr Ende ist nicht das Ende eures Kampfes! Sei es der Alptraumhof, die Söhne Svannir´s, die Inquestur, die Flammen-Legion oder sonst eine dunkle Organisation … Tyria braucht mehr, als nur eine … oder zwei Generationen von Helden!“
Da dämmerte es Seiketsu No Akari plötzlich, sie kannte nun den Grund für Mordremoth´s Erwachen: „Ich verstehe … >Im Schatten seiner Brüder erwacht / zum sechsten Mal die Macht. / Erhebt sich aus den Tiefen heraus / das Licht schießt in den Himmel, geradeaus. / Was wird seinen Taten folgen? / Entdeckt sein Geheimnis, ihr Helden, ihr Holden!< Du wirst Tyria nicht vernichten – du willst uns beschützen!“
Die Mitglieder von Team Shiko und der Klinge des Schicksals verloren den Boden unter den Füßen und sie standen völlig unversehrt wieder am Rande des Tals. Vor sich Mordremoth, dessen Körper wahrlich aus Pflanzen zu bestehen schien, und sie mit glänzend schwarzen Augen betrachtete. Ull Rosenknospe und Caithe holten hörbar Luft. Sie erkannten die Macht, die von ihm ausging – die Energie des Lebens. Auch Seiketsu No Akari spürte es, ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Nach und nach begriffen alle Helden, was Mordremoth in Wirklichkeit war.
Die Worte kamen einfach so aus Ohtah Ryutaiyos Mund, ohne dass er sie zurückhalten konnte: „Mordremoth … der Drache des Lebens … und Wächter von Tyria!“
Wie zur Bestätigung öffnete der Alt-Drache sein Maul und ein donnerndes Brüllen drang daraus hervor – ein Brüllen, das man in ganz Tyria und darüber hinaus hören konnte; ein Brüllen, das den Beginn eines neuen Zeitalters verkündete. Eine Zeit des Friedens … Da überzog sich der Himmel mit einem gigantischen Regenbogen – die Sechs Götter hatten ihren Segen wieder über ganz Tyria gelegt. Staunend betrachteten die einstigen Legenden ihr Werk. Ohtah Ryutaiyo griff nach Seiketsu No Akari´s Hand und drückte sie leicht. Ihr Auftrag war erfüllt … mehr als das. Von nun an würden andere Helden zusammen mit Mordremoth diese Welt und die verschiedenen Völker beschützen!
Ein eigenartiges Gefühl stieg in den beiden auf, das sie vor Jahrzehnten schon einmal verspürt hatten – der Ruf der Nebel.
„Es ist soweit.“, erklärte Ohtah Ryutaiyo und sah jeden seiner Freunde einzeln an, „Ich weiß, dass Shiko glücklich gewesen ist, euch alle kennenlernen zu dürfen. Und ich schließe mich ihr an … Allein dafür hat sich unsere Wiedergeburt gelohnt. Jetzt ist es an euch über Tyria und die anderen Kontinente zu wachen. Deshalb bitte ich euch zum Abschied, stellt den Kontakt zu Cantha und Elona wieder her! Dort wird die Herrschaft der Drachen auch zu spüren gewesen sein …“
Die kleine Asura hüpfte in die Luft und sagte aufgeregt: „Verlasst Euch auf uns! Ich werde schon irgendwie ein Portal dorthin öffnen.“
„Um eure einstige Heimat zurückzuerobern, würden wir alles geben!“, bestätigte Gwen Grimmpfote.
Ric Bärenklaue klopfte ihm kräftig auf die Schulter, während er versprach: „Ihr werdet bei keinem Volk jemals in Vergessenheit geraten – dafür sorge ich persönlich!“
„Unser Mutterbaum wird all unsere Erinnerungen an Euch an ihre Kinder weitergeben.“, meinte Ull Rosenknospe und Tear heulte traurig.
Ohtah Ryutaiyo lächelte dankbar und richtete seinen Blick auf Odgen Steinheiler, der ihm die Hand reichte.
„Grüß´ Shiko von mir, mein Freund … Auch wenn die Zwerge im Verborgenen hausen, unsere Schriften bestehen fort.“, erklärte der Zwerg und wandte sich an Seiketsu No Akari, welche bislang geschwiegen hatte, „Wenn ich König Jalis treffe, werde ich ihm von unserem Wiedersehen berichten. Auch wenn das Ritual ihn damals verändert hat – er hat dich wie eine Tochter geliebt.“
Tränen traten der jungen Mönchin in die Augen. Und so schwer es ihr fiel, sah sie zur Klinge des Schicksals. Stolz und Ehrerbietung für sie und Ohtah Ryutaiyo stand auf ihren Gesichtern geschrieben. Aber auch Schmerz. Sie waren weit mehr als nur Verbündete, sie waren Freunde geworden. Jeder von ihnen hatte mit seinem Leben für den anderen eingestanden.
Der Assassine legte eine Hand auf ihre Schulter und flüsterte: „Shiko und ich warten auf dich.“
Mit diesen Worten verschwand er aus Tyria, aus seinem zweiten Leben. Doch nur wenige Sekunden später wurde er in den Nebeln von seiner geliebten Shikon No Yosei in die Arme geschlossen, die ihn sehnsüchtig erwartet hatte.
Ohne die Tränen von ihren Wangen zu wischen, trat Seiketsu No Akari Logan gegenüber. Im Stillen fragte sie sich, ob sie nicht doch hierbleiben könne … In der nächsten Sekunde verwarf sie den Gedanken schon wieder. In Götterfels gab es jemanden, zu dem er gehörte. Und auch sie wollte in den Nebeln nach einer bestimmten Seele suchen, die seit fast einer Ewigkeit auf Seiketsu No Akari wartete. Seit sie ihn auf Shing Jea mit Toki No Kibo im Arm gehen ließ …
„Hauptmann Thackeray, ich bin froh, Eure Schülerin gewesen zu sein.“, brachte sie mit Mühe über die Lippen, „Darum wünsche ich mir, dass Ihr glücklich werdet. Sagt Königin Jennah, was Ihr für sie empfindet! Ich bitte Euch … Logan.“
Seine Augen weiteten sich. Sie drehte ihm den Rücken zu, schloss die Augen. Es war gut so … Ihre Aura begann bereits zu flackern, da packte sie jemand am Arm. Überrascht schaute sie noch einmal in das Antlitz des Wächters, der sie an sich heranzog und überraschend küsste.
„Dieser Augenblick gehört ganz allein dir …“, hauchte er gegen ihre Lippen und Seiketsu No Akari löste sich endgültig auf.
Seiketsu Lichtsegen fühlte sofort die Vertrautheit der Nebel und spürte noch Logan´s Druck auf ihren Lippen. Sie lächelte sanft, bevor sie dem »Empfangskomitee« entgegen rannte. Die drei einstigen Legenden hielten sich aneinander fest. Endlich waren sie wieder vereint! Mit jeder weiteren Sekunde löste sie sich mehr von dem Schmerz, den sie in sich verborgen gehalten hatte – hier gehörte sie hin, zu Shikon No Yosei und Ohtah Ryutaiyo!
„Auch wenn ihrkeine Gesandten mehr seid, werden die Nebel immer eure Zuflucht sein … Der Segen der Sechs Götter wird euch in jede Welt begleiten.“, machte Seira auf sich aufmerksam.
Shikon No Yosei löste sich von ihren Lieben und fragte: „Und wir werden uns wirklich in jedem kommenden Leben neu kennenlernen?“
„So ist es, Shiko. Keine Macht wird euch jemals voneinander fernhalten können. Ihr gehört auf ewig zusammen!“, bestätigte das Orakel mit einem Lächeln, „Und es gibt noch jemanden, der dich im nächsten Leben wiedersehen will, Seiketsu …“
Die Mönchin horchte auf und ihre Wangen färbten sich rot … Klerus.
Ohtah Ryutaiyo nahm die Hand seiner Geliebten und sprach: „Ich liebe dich, Shiko. Als Ohtah Shadowdragon konnte ich dir meine Liebe nicht mehr gestehen … Deshalb schwöre ich dir hiermit, egal in welcher Welt wir uns als nächstes begegnen werden, ich werde dich finden! Und dann … möchte ich, dass du wieder meine Frau wirst!“
Könnte sie in den Nebeln weinen, wären wohl unzählige ihrer Tränen geflossen – so hauchte sie nur ihre Antwort: „Ja, das werde ich … immer und immer wieder.“
Lächelnd griff sie mit freien Hand nach Seiketsu No Akari und gemeinsam schlossen die drei einstigen Legenden ihre Augen … in Erwartung ihres nächsten Lebens.
„Macht euch jetzt bereit. Eure Seelen müssen erst einmal zur Ruhe kommen … Ihr habt viel durchgemacht. Schlaft, bis zu eurer nächsten Wiedergeburt.“, sagte die Norn und wirkte den Zauber.
Während Shikon No Yosei´s, Ohtah Ryutaiyo´s und Seiketsu No Akari´s Seelen in einen traumähnlichen Zustand ausharrten, verflogen Tage, Wochen, Monate, gar Jahre – jeder ihrer Freunde hatte seine eigene Bestimmung gefunden, denn der Kampf gegen die Alt-Drachen war für sie nur der Anfang gewesen …
In Götterfels herrschte Königin Jennah weiterhin mit gerechter Hand. Doch ohne Mann an ihrer Seite, alle Avancen hatte sie zurückgewiesen … Trotzdem wuchs ein mutiger, junger Prinz an ihrer Seite heran, der ihren Thron in ferner Zukunft erben würde. Denn Logan Thackeray hatte sein Versprechen gegenüber seiner Schülerin gehalten und Jennah seine wahren Gefühle offenbart. Aber auch wenn sie seine Liebe erwiderte, den Bund konnte sie nicht mit ihm eingehen – die Gesetze Kryta´s verboten einen Ehepartner ohne königliches Geblüt. Dies hielt die beiden allerdings nicht davon ab, heimlich zusammen zu sein. Und obwohl der kleine Keiran nicht ahnte, dass Logan nicht nur sein Lehrmeister war, sondern auch sein Vater, liebte er ihn wie einen solchen.
Rytlock Brimstone, der Logan wieder als Bruder betrachtete, hatte sich den Titel des Khan-Ur erkämpft, des einzig wahren Anführers seines Volkes. Bislang wagte sich kein anderer den Herrscherposten für sich zu beanspruchen – nicht nachdem Rytlock die Flammen-Legion ausgelöscht und damit zahlreiche, treue Anhänger um sich gescharrt hatte.
Zu ihnen gehörte vor allen anderen Gwen Grimmpfote, Pardon Tribun Gwen Grimmpfote. Sie war nach ihrer Rückkehr einstimmig befördert worden. Rytlock Bimstone machte daraufhin Klauensporn darauf aufmerksam, dass die Nekromantin nun ein sehr gefragtes Weibchen sei, schließlich habe sie bei der Rettung Tyria´s mitgewirkt … Daraufhin fasste er sich ein Herz und forderte sie tatsächlich zum Kampf heraus, den er fair und ehrlich gewann. Seitdem stand er als Zenturio und Partner an ihrer Seite.
Mindestens genauso gefragt war Ric Bärenklaue, der große Held, der die Norn in die Fernen Zittergipfel zurückgeführt hatte. Seine Erwählte Kadlin war die uneheliche Tochter von Knut Weißbär, dem Herrscher der Großen Halle von Hoelbrak – obwohl ihre Beziehung nur als einfache Affäre begonnen hatte.
Seine Meisterin Eir Stegalkin dagegen widmete ihr Leben weiterhin ihrer Leidenschaft, der Bildhauerei. So hatte sie drei gigantische Abbilder von Shikon Feenseele, Seiketsu Lichtsegen und Ohtah Shadowdragon geschaffen, welche den Zentralplatz vor dem königlichen Palast zierten. Was Garm anging – Eir hatte ihn in die Wälder entlassen, wo er sich ein eigenes Rudel aufgebaut hatte.
Ihr Zwist mit Zojja war inzwischen längst vergessen. Die zynische Golemantin hatte Snaff´s Labor übernommen, um seine Forschung der gedankengesteuerten Golems weiterzuführen – zusammen mit einigen, jungen Asura, die sie ausbilden wollte.
Unterstützung erhielt sie natürlich von Ganda, die in den Arkanen Rat berufen worden war und ihn tatkräftig aufmischte. Ihr Spezialgebiet waren Verhandlungen mit anderen Völkern. Selbst die starrköpfigsten Asura hatten durch die Erfolge von Team Shiko begriffen, dass Tyria in Zukunft nur bestehen konnte, wenn alle gemeinsam lebten. Und Mordremorth´s Erwachen brachte ihr sogar jenen Asura zurück, an den sie im Geheimen ihr Herz verloren hatte.
Als Widergänger hatte Lucc noch immer eine starke Verbindung zu den Nebeln und konnte die Macht der hiesigen Geister für sich nutzen.
Von einem gemeinsamen Leben mit ihrer Liebsten konnte Caithe nur noch träumen … Sie besuchte jeden Tag die Omphalos-Kammer des Blassen Baums in der Hoffnung dort eine Blume vorzufinden, welche die Seele Faolain´s in sich trug, die durch ihre eigene Hand vom Alptraum erlöst worden war. Nur dass bislang kein Sylvari, der sich einmal von der Baummutter abgewandt hatte, jemals zu ihr zurückgekehrt wäre …
Vor der Heimkehr der großen Helden war Trahearne ein ebenso häufiger Besucher des Mutterbaums gewesen. Dort hatte Ull Rosenknospe ihn im Gebet versunken gefunden und ihm endlich ihre Liebe gestanden. Natürlich blieb Tear trotz des neuen Mitbewohners stets an der Seite ihrer Herrin.
Auch Odgen Steinheiler hatte sich auf die Suche gemacht. Auf die Suche nach Überlebenden seines Volkes … Nachdem Primordus´ Einfluss in den Tiefen von Tyria versiegt war, konnten die Zwerge ihre Waffen endlich ruhen lassen und – entgegen der Prophezeiung aus dem Foliant des Rubikon – weiterexistieren.
Über all diese Geschehnisse wachte Mordremoth als Wächter. Niemals würde er zulassen, dass Tyria noch einmal solche Qualen erleiden musste, wie unter der Herrschaft seiner Brüder … Darum wird er eines Tages gemeinsam mit Team Shiko das Versprechen an Ohtah Ryutaiyo wahrmachen und Cantha und Elona von den finsteren Einflüssen befreien, die sie ins Unglück stürzen wollen!
Von alle dem werden Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari nie etwas erfahren – nur das tiefe Vertrauen in ihre Freunde und Verbündeten Ganda, Ric Bärenklaue, Gwen Grimmpfote, Ull Rosenknospe, Tear, Logan Thackeray, Rytlock Brimstone, Caithe, Eir Stegalkin, Garm, Zojja und Mordremoth lassen sie auf glücklichere Zeiten in Tyria und neue, ruhmreiche Helden hoffen.
Was aus Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari werden wird, ist ungewiss … So werden sie – unter welchem Namen sie auch immer leben werden – dennoch stets dieselben sein und doch nie die Gleichen. Unzählige, fremde Welten und Dimensionen erwarten die drei einstigen Legenden, die niemals wirklich in Vergessenheit geraten werden! So liegt im Kloster von Shing Jea noch heute das Buch über ihre zahlreichen Abenteuer aus ihrem ersten Leben und sei es der Blasse Baum, die Geschichtsschreiber von Götterfels, die Skalden der Norn oder sonst ein Wesen – irgendjemand wird die Geschichte von Team Shiko und ihrem Kampf gegen die fünf Alt-Drachen und des Wächters von Tyria weitertragen … für alle Zeiten! Darum mögen die Sechs Götter und die Geister der Nebel über sie wachen, bis wir uns irgendwann in einer neuen Welt, in einer anderen Dimension wiedersehen …
Erzählung 06: Das Schicksal eines Orakels
Nicht einmal ein Wesen, welches zwischen dem Diesseits und dem Jenseits wandelt, wird ewig leben können … Alles hat einen Anfang und ein Ende – ebenso wie einen Preis.
Orakel Seira
Lange bevor die »Klinge des Schicksals« gegründet worden war und der Erfolg von »Team Shiko« nur in Träumen existierte, hatten die Norn, geleitet von den Geistern der Wildnis und ihrem damals größten Helden Asgeir, sich eine neue Heimat in den Südlichen Zittergipfeln schaffen müssen. Zu jener Zeit bildete sich auch eine fanatische Gruppierung, genannt die Söhne Svannir´s, welche die Drachenverderbnis – vor allem natürlich Jormag´s Eisbrut – nicht als Fluch … sondern vielmehr als Segen betrachteten und den Luftdrachen anbeteten. Mit simpler Propaganda beginnend, wurden sie jedoch schon sehr bald zu einer massiven Bedrohung für das frisch errichtete Hoelbrak. Einige Norn meldeten sich freiwillig, um die Störenfriede aus der Stadt zu jagen … doch ihre Gegenwehr war beträchtlich und der Kampf forderte einen hohen Blutzoll. Unter den Gefallenen befand sich auch Fenris. Aber er war noch mehr, als nur ein tapferer Krieger – der liebende Ehemann von Seira. Seira – die Tochter eines einfachen Fischers und einer Bäuerin, kein Kind großer Helden. Und dennoch hatte besonders dieser Teil ihrer Gesellschaft sie schon seit frühester Kindheit fasziniert. Doch die Vorsehung war ihr im Umgang mit Waffen nicht hold gewesen … weder Schwert, Axt, Hammer noch Pfeil und Bogen oder selbst mickrige Dolche vermochte die junge Norn entsprechend einer jeweiligen Klasse zu führen. Stattdessen war ihr der Pfad der Magie gegeben – Illusion, Täuschung und Verwirrung waren ihr von der Vorsehung gegebenes Spezialgebiet als Mesmer. Nur Fenris war dieser Art von Zauber nicht erlegen … er war ihrer Schönheit, Anmut und Herzlichkeit verfallen. So war es kaum verwunderlich – ehrlich gesagt wunderte es bei aller Anhimmelung wirklich niemanden in der Hauptstadt –, dass er, sobald er die Manneswürde erlangt hatte, bei Seira´s Eltern um ihre Hand anhielt. Noch bevor ihre Vermählung stattgefunden hatte, gehörten ihr Vater und ihre Mutter zu den Opfern der Söhne Svannir´s. Und Opfer war damit wörtlich gemeint – jeden Vollmond töteten sie Jormag zu Ehren eine handvoll Norn am Schrein, welchen sie ihm zu Ehren errichtet hatten. Deshalb hatte sich Fenris dem Kampf gegen sie sofort angeschlossen. Deshalb war auch er gestorben. Deshalb konnte ihm Seira nicht mehr erzählen, dass sie sein Kind unter dem Herzen trug – jener Nachkomme seiner Sippe, der sein größter Wunsch gewesen war … Es stürzte Seira beinahe in Verzweiflung. Schließlich suchte sie Trost im Gebet zur Schneeleopardin, der Schutzpatronin der weiblichen Norn und besonders der Mütter.
So wurde Havroun Nisalla auf sie aufmerksam, nahm sich ihrer Trauer an: „Ich verstehe, wie sehr du leidest … doch bedenke, dein Kind braucht dich! Fenris war ein ehrenhafter Mann – ich bin sicher, er hat den Weg durch die Nebel zur Halle unserer Ahnen gefunden. Dort wird er auf dich und seinen Erben warten.“
Von da an hielt sich Seira beinahe ununterbrochen am Schrein auf. Sie half Nisalla unter anderem beim Versorgen der Schneeleopardenjungen – eine der Hauptaufgaben der Priesterinnen. Mit den Wochen keimte in ihr die Hoffnung und der Wunsch, die Nachfolgerin der Havroun zu werden – denn als solche wäre es ihr möglich, in die Nebel hinüber zu treten und vielleicht konnte sie Fenris dann berichten, dass sich sein größter Wunsch doch noch erfüllen würde. Aber als die Norn Nisalla schließlich darauf ansprach, wurde sie bitter enttäuscht – ein Waisenmädchen namens Arga sollte das Privileg der Schamanenausbildung erhalten.
Wütend warf Seira ihrer Fast-Meisterin vor: „Ich dachte, du würdest meine Unterstützung wertschätzen und ich könnte in deine Fußstapfen treten!“
„Diese Position ist für dich vollkommen undenkbar …“, entgegnete Nisalla ruhig, „Davon abgesehen solltest du wissen, dass es die Schneeleopardin ist, die diese Entscheidung fällt. Ich bin dir dankbar für deine Hilfe und am Schrein wird es auch stets einen Platz für dich geben, doch-“
Ehe sie zu Ende sprechen konnte, nahm Seira weinend Reißaus – sie wollte kein einziges Wort mehr hören. Das Schicksal war grausam genug gewesen, als es ihr ihren Liebsten so früh entrissen hatte. Nun auch noch ihren letzten Rettungsanker, um Fenris noch ein letztes Mal gegenüber zu treten ... Warum eigentlich? Wieso sollte es ihr nur durch Lehren eines Havroun möglich sein, die Nebel lebend zu betreten? Wenn Nisalla sie nicht unterweisen wollte, in Ordnung – Seira würde selbst einen Weg finden! Sie war immerhin eine Norn … Aufgeben war für ihr Volk nun wirklich keine Option. So zog sich Seira täglich an einen entlegenen Ort zurück, um zu meditieren, sich auf die Nebel zu fokussieren. Tage, Wochen, gar Monate zogen an ihr vorbei – dann, etwa einen Mondzyklus vor der Niederkunft, öffnete Seira ihre Augen nicht in der ihr bekannten verschneiten Landschaft. Sie stand auf einer sattgrünen Wiese, auf der die schönsten Blumen in allen Farben blühten. Inmitten dieses Paradieses ragte ein großer Felsen aus dem Boden heraus, auf dem ein Mann mit langem, grauen Bart, eigentümlicher Kleidung und überdimensionalen Hut saß. Die Augen hielt er geschlossen, die flachen Hände ruhten auf seinen Oberschenkeln.
„Willkommen in den Nebeln …“, sagte er, ohne seine Position zu verändern, „Mein Name ist Suun, ich bin das Orakel der Nebel. Was führt Euch hierher? Der Tod umgibt Euch – aber Ihr selbst … seid noch nicht tot.“
Norn knieten vor niemandem, Norn erniedrigten sich nicht, Norn ließen niemals Schwäche die Oberhand ergreifen – dennoch sank Seira zu Boden. Sie hatte es geschafft! Endlich war sie am Ziel ihrer Wünsche angelangt … Oder fast zumindest immerhin müsste sie Fenris erst noch finden.
„Ich bin Seira vom Volk der Norn und suche meinen Mann. Ich will … ich muss ihm etwas mitteilen. Kannst du mir helfen?“, antwortete die Norn wieder etwas gefasster.
Diesmal zeigte Suun´s Gesicht eine Regung – er öffnete die Augen, ging auf sie zu und erklärte: „Es tut mir sehr leid, Kind – den Lebenden ist es nicht gestattet, unter den Geistern zu wandeln. Doch sagt mir, wie seid Ihr überhaupt hierher gelangt?“
Seira schluckte schwer über diese Neuigkeit, ehe sie etwas erwidern konnte: „Dann … dann kannst du ihm vielleicht eine Nachricht von mir überbringen? Du bist schließlich auch hier. Und ich … ich habe Monate trainiert, um mein Ziel zu erreichen. Ich wollte Fenris so unbedingt wiedersehen, um ihm von seinem Sohn zu erzählen, den ich in mir trage.“
„Ihr tragt ein Kind?!“, entfuhr es Suun schockiert, „Sei-Seira, ich … Die Aura des Todes, die Euch umgibt … stammt von Eurem ungeborenen Kind …“
Noch während die Mesmer zu verstehen versuchte, was das Orakel ihr eröffnet hatte, schlug sie die Augen bereits im verschneiten Wanderer-Hügel auf – unter entsetzlichen Schmerzen in ihrem Unterleib. Mühevoll schleppte sich Seira an den einzigen Ort, an dem sie auf Hilfe hoffen konnte – zum Schrein der Schneeleopardin. Doch für ihren Sohn kam jede Hilfe zu spät … es kam still zur Welt.
„Seine Seele hatte ihn verlassen …“, meinte die Havroun mitfühlend, „Seien die Geister der Wildnis ihm gnädig und geben ihm die Gesandten sicheres Geleit in die Nebel …“
Sie war ein Frack. Seit Tagen hatte sie weder gegessen noch getrunken geschweige denn geschlafen. Sie wünschte sich den Tod, sie sehnte ihn sogar herbei! Denn so wäre sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn wiedervereint … Und obwohl Norn weit zäher waren als Menschen, verließ Seira das Bewusstsein. Ohne sie sich darauf konzentriert hatte, erwachte sie auf jener Wiese – erneut stand ihr dort Suun gegenüber.
„Ihr seid zurück … Mein Beileid für Euren Verlust. Es war der Preis für Eure Fähigkeit zum Übertritt. Die Nebel haben seine Seele verzerrt …“, sprach er sie an.
Seira hätte nicht gedacht, dass ihr Schmerz noch größer werden könnte – doch sie hatte nicht nur ihr Kind verloren, sie selbst trug Schuld daran! Sie hatte es zu verantworten, dass Fenris´ Vermächtnis nicht überdauern würde … Deshalb also hatte Nisalla sie als Nachfolgerin abgelehnt – ihr war klar gewesen, was es Seira kosten würde.
„Meine ganze Familie ist bereits in die Halle unserer Ahnen eingegangen … Ich verdiene diese Ehre nun nicht mehr.“, meinte Seira mit verzweifelter Stimme, „Bitte … Was kann ich tun, um zu sühnen?“
Suun schwieg eine Weile, während er auf- und ab lief, schließlich erklärte er: „Das mag Euch jetzt vielleicht makaber erscheinen … aber ich glaube, wir sind uns nicht grundlos begegnet. Hier wird die Astralform oder auch >wahre Form<, die Erscheinungsgestalt der Seele angenommen. Nur dem Orakel ist es möglich in Fleisch und Blut hinüber zu treten – wie Ihr sehen könnt, bin ich ein alter Mann, der die Lebenszeit eines Menschen weit überschritten hat … Für mich ist die Zeit gekommen, einen Nachfolger zu erwählen. Ich spüre bei Euch eine entsprechende Affinität und Faszination für die Gefilde der Nebel.“
Mit allem hätte Seira gerechnet, allerdings nicht mit einem solchen Angebot … Es gab nichts mehr, was sie an ihr altes Leben band. Wäre dies nicht die Chance, die sie sich wünschte? Möglicherweise wäre es ihr sogar vergönnt, einmal Fenris oder gar ihren Sohn zu treffen … Und Suun hatte recht – die Nebel übten eine eigenartige Anziehung auf sie aus.
„Die Geister der Nebel sind voller Freude und Zufriedenheit … doch in ihnen genauso Trauer und Leid. Als künftiges Orakel müsst Ihr alle Facetten kennengelernt haben, um sie richtig deuten zu können …“, fuhr Suun nach dieser kurzen Pause fort.
Seira neigte ihr Haupt vor ihm, während sie antwortete: „Ich danke dir … Meister. Ich verspreche, du wirst deine Wahl nicht bereuen.“
Ein seltenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht und er entgegnete bestätigend: „Keine Sorge, ich werde Euch alles lehren und auf Eure Aufgabe vorbereiten.“
Suun nahm die Kette von seinem Hals ab. Daran hingen mehrere bunten Perlen und in der Mitte prangte eine große, schwarze Kugel. Er legte sie Seira um, die daraufhin kurz verschwand, ehe sie wenige Stunden später wieder auftauchte.
„Durch diesen Stein kann Eure körperliche Gestalt die Nebel betreten und verlassen.“, erklärte das Orakel und begann einen Vortrag über die grundlegenden Aufgaben seiner beziehungsweise ihrer künftigen Position.
Als Orakel der Nebel wäre sie gleich der Führerin dieser Gefilde – gleichzeitig jedoch stand sie nicht über den Gesandten, welche die Seelen geleiteten. Allerdings fiele es ihr zu, in den Bewegungen der Nebel zu lesen … besondere Ereignisse vorherzusehen und den Kern einer Seele zu ergründen. Da Seira eine Mesmerin war, hatte sie einen klassengegebenen Vorteil – sie konnte jede Art von Illusion durchschauen und kannte bereits Wege, die Gedanken von anderen zu erkennen. Manchmal würde sie auch entscheiden müssen, was mit einer Seele geschah – nicht jeder war es wert, in die Nebel einzugehen …
„Das Orakel ist das Zentrum der Nebel … Bei uns fließen alle Aspekte zusammen – wir halten die Nebel im Gleichgewicht.“, beendete Suun seinen Monolog, „Habt Ihr das soweit verstanden?“
Die Rothaarige nickte entschieden. So wie für ihr Volk die Geister der Wildnis alles zusammen- und erhielten, war hier das Orakel das Sinnbild. Suun wirkte zufrieden und führte Seira weiter. Er zeigte ihr jeden Winkel – die friedlichen Gestaden, in denen die Seelen in Ruhe einkehrten; die Zwischendimension, in denen die Geister lebten, die auf der Erde noch etwas zu erledigen hatten; den Bereich, in dem jene Seelen schliefen welche dem ewigen Zyklus folgend auf ihre nächste Wiedergeburt warteten; den Riss des Kummers, in dem des Gottes Balthasar Ewige Krieger gegen die Schattenarmee seines Halbbruders Menzies kämpften; das Grab der altehrwürdigen Könige; die Unterwelt, welche von Grenth regiert wurde, und in der vor allem die schrecklichsten Verbrecher in den tiefsten Tiefen versiegelt wurden sowie die Residenz des Orakels selbst, in der es unter anderem einen gewaltigen Spiegel gab, der seinem Besitzer jeden Ort auf der Welt in Vergangenheit und Gegenwart zu zeigen vermochte. Den Sitz der Sechs Götter dürften sie nur mit ausdrücklicher Erlaubnis sehen – für Seira würde dies der Moment sein, wenn sie einst das Amt von Suun übernehmen würde. Und die Halle der Helden hatte er ihr für den Moment noch vorenthalten, um sie nicht von ihrem Pfad abzubringen …
Die Zeit verflog – so fern man in den Nebeln überhaupt von »Zeit« sprechen konnte. Erst hatte Suun ihr einige Übungen aufgegeben, um ihren Geist zu schulen. Anschließend hatte sie ihm bei seiner Arbeit assistiert.
Bis zu jenem Moment, da er ihr verkündete: „Seira … es ist soweit. Ihr seid bereit für den letzten Schritt, der Euch bemächtigt, meine Nachfolge anzutreten. Ihr müsst >Weh no Su< werden … das bedeutet, Ihr müsst näher an die Sterne kommen und die Avatare von vier Himmelskörpern besiegen! Die Sterne im Nachthimmel lassen mit ihrem Licht Ebenbilder ihrer selbst auf der Welt entstehen … Kaijun Don, die Kirin … die Verkörperung der Verderbtheit, vom reinen Guten zum reinen Bösen gewandelt. Kuonghsang, der Schildkrötendrache … der ewige Widerspruch, weder dies noch das. Hai Jii, der Phönix … das Pendant des ewigen Feuers, das in der Unterwelt brennt. Und schließlich, von allen am mächtigsten … Tahmu, der Drache – die ständige Mahnung an Grausamkeit, Schmerz und Leid. Geht, Seira, mit dem Segen der Nebel!“
Auf einen Wink hin erschien vor ihr ein rundes, goldenes Portal. Mit geballten Fäusten schritt die Norn hindurch – Stolz war die prägnanteste Eigenschaft ihres Volkes und sie hatte nicht vor, diesem Teil ihres Seins auch noch Schande zu bereiten. Sie fand sich unter einem bunten Nachthimmel wieder – Blau-, Rot- und Violetttöne zogen über das Firmament. Verwirrt sah sie sich um und entdeckte das stellare Wesen. Kaijun Don´s Körper bestand lediglich aus einer Ansammlung von Licht und Sternen – was unweigerlich bedeutete, ein physischer Angriff würde keine Wirkung auf sie haben … Zum ersten Mal freute sich Seira sichtlich, dass eine eine der wenigen Magiekundigen der Norn (gewesen) war. Als die Kirin auf Seira aufmerksam wurde, setze sie zu einem wilden Galopp an. Sofort wirkte die Mesmer den Effekt ihres Spiegelbilder-Zaubers, womit sie zwei illusionäre Klone von sich erschuf, welche die Aufmerksamkeit von Kaijun Don auf sich zogen. Gerade, da die Himmlische die beiden erreicht hatte, zerschmetterte sie ihre Abbilder und Kaijun Don unterlag dem Schadens des »Geistigen Wracks«. Zufrieden mit ihrem ersten Sieg ging sie weiter durch das endlose Gelände, in dem sie nirgends anzukommen schien. Was hatte Suun einmal gesagt? »Die Nebel sind alles und nichts – sie haben keinen Anfang und kein Ende. Hier gibt es keine Entfernungen und keine Zeit.« Für einen Moment nur schloss Seira die Augen und erschuf augenblicklich einen Chaosvortex an jener Position, an der Kuonghsang auftauchte – beziehungsweise zu der sie sich hatte hinziehen lassen. Allein durch Willenskraft hatte sie den Ort gewechselt; anscheinend galt dieser Test nicht nur ihren kämpferischen Talenten. Der Schildkrötendrache verlor sich in der wirbelnden Energie und löste sich auf … Die nächste Herausforderung musste sie mit Köpfchen angehen, denn Hai Jii war ebenfalls ein Mesmer. Welche Schwäche ihrer Klasse konnte sie ausnutzen? Ein jede Illusion würde er sofort durchschauen und zerstören … Mesmer waren stark im Geist, doch körperlich schwach! Seira dachte zurück an Hoelbrak, an die große Halle … und deren Waffenkammer. Kaum, dass Hai Jii sich ihr zeigte, ging ein Schauer aus Klingen auf ihn nieder, welche aus einer temporären Öffnung zwischen den Dimensionen regneten. Der Phönix schrie auf in seiner Niederlage. Damit hatte die Rothaarige nur noch einen Gegner vor sich – laut Suun, den stärksten unter ihnen, einen mächtigen Elementarmagier, den Feuer, Blitz, Wasser und Erde gehorchte … Von seiner gewaltigen Gestalt überrascht, erstarrte Seira – Tahmu nutze ihr Zögern für einen Angriff und schleuderte ihr einen Blitzschlag entgegen. Vom der drohenden Gefahr wachgerüttelt, riss sie einen schützen Vorhang hoch, an dem der Zauber abprallte. Stern oder nicht – jedes Wesen im Universum hatte Gefühle und Ängste, selbst schier allmächtige Drachen! Besonnen spurtete Seira los, wich seinen Feuerbällen aus und suchte nach einen geeigneten Position. Normalerweise konnte sie sich gerade einmal für eine einzelne Sekunde unsichtbar machen … doch in den Nebeln existierte Zeit als Gefüge im Grunde ja nicht. Allein das, woran sie glaubte, war hier Wirklichkeit. So verschwand die Mesmer vor Tahmu´s Augen, der aufbrüllte in seinem Zorn und wild um sich feuerte. Unsichtbar hieß jedoch nicht unverwundbar – daher beeilte sich Seira, ihn mit trügerischen Bilder seiner schlimmsten Angst zu belegen. Der Himmlische wand sich, doch krümmte er sich immer mehr zusammen, die Flügel eng an seinen Körper gepresst … Ein solches Wesen fürchtete vor allem anderen einen Käfig … den Verlust seiner Freiheit. Unter diesen seelischen Schmerzen gab er sich geschlagen. Seira hielt sich die Hand vor den Mund, unterdrückte ein Schluchzen – sie hatte es tatsächlich geschafft! Eine goldene Aura legte sich um sie, erfüllte sie mit positiver Kraft und mit einem Mal konnte sie überall am Himmel stellare Geister sehen. Ob es auf der Erde eine Ewigkeit oder nur wenige Minuten gedauert hätte, ehe sie Suun wieder gegenüber stand, hätte Seira nicht sagen können.
Ihr Meister lächelte sie stolz an und applaudierte ihr: „Ich wusste, Ihr wäret würdig meine Nachfolgerin zu werden.“
Von ihrer ersten Begegnung an, trotz aller Verwirrung und Trauer, die sie in sich getragen hatte, war da irgendetwas an ihr, das ihn an eine einstige Heldin Cantha´s erinnerte … Und damit meinte er nicht, ihr vom Feuer geküsstes Haar. In Seira´s Augen lag dieselbe Entschlossenheit, mit der jenes Mädchen ebenfalls gegen die Himmlischen angetreten war …
Und so wurde aus einer gebrochenen Frau das nächste spirituelle Oberhaupt der Nebel, welches noch nicht ahnte, dass dieses neue Leben nicht nur Erfüllung, sondern zudem Glück und eine tiefe Freundschaft mit sich bringen würde – mit eben jener Legende, an die sie Suun erinnert hatte …
Erzählung 07: Das Schicksal eines Studenten
Das Geschick der Götter ist merkwürdig … Manch einen scheinen sie im Stich zu lassen, anderen schenken sie ihre besondere Gunst. Was ist Schicksal, was ist Zufall? Wie viel können die Schöpfer Tyria´s in der Zukunft erahnen?
Hoffnung auf Liebe
Er sah auf und murrte: „Ist auf Tyria schon wieder ein Monat vergangen?“
Der Besucher – ein älterer Mann mit ausladendem Hut von dem Bänder tief über sein Gesicht hingen, sodass man seine Augen kaum erblicken konnte – lächelte melancholisch, ehe er entgegnete: „Nein … und dennoch komme ich heute zu dir. Es ist soweit … die letzte Erinnerung an dich hat Tyria verlassen.“
Ein Brennen erfüllte seine Augen – wäre er noch am Leben gewesen, hätten sich die Tränen nicht mehr zurückhalten lassen. Nicht sein eigenes Schicksal betrauerte er … Als er sich nach seinem Tod geweigert hatte, in die Nebel einzugehen oder dem ewigen Zyklus zu folgen, hatte ihm Suun offenbart, dass sich seine Seele nur so lange in diesem Zwischendasein manifestieren konnte, solange jemand lebte, der sich an ihn erinnerte … Er hatte zu Lebzeiten nicht viele Leben berührt, keine angesehenen Heldentaten vollbracht, wie sein ebenfalls bereits verstorbener Mentor Bruder Mhenlo … Jalis Eisenhammer und seine Deldrimor konnte man nicht mehr wirklich als »lebendig« ansehen, seine Eltern waren früh gestorben, Jabari hatte offenbar auch schon den Weg in diese Welt gefunden … und sie nun ebenfalls. Ihretwegen verspürte er diesen stechenden Schmerz, an der Stelle, wo früher sein Herz geschlagen hatte … Die eine, die er sein Leben lang und darüber hinaus geliebt hatte, ohne dass sie seine Gefühle jemals erwiderte …
„Wie?“, brachte er mühevoll über die Lippen.
Das Orakel setzte sich neben ihn und antwortete: „Du wirst dich auflösen, wie ein-“
„Nein, verdammt!“, unterbrach ihn der einstige Mönch ungehalten, „Wie ist Seiketsu gestorben?“
Im diesem Augenblick begriff Suun. Deshalb hatte er sich für keinen Pfad entschieden … Er hoffte, sie nach dem Tod wiederzusehen – im ewigen Paradies oder in einem anderen Leben … je nachdem was sie gewählt hätte, wäre er ihr gefolgt. Obwohl der Alte zig Lebensspannen überdauert hatte und ihm menschliche Gefühle schon fast vollkommen fremd geworden waren, erfüllte Sunn dennoch die Tragik dieser Entwicklung.
„Shikon No Yosei, Ohtah Ryutaiyo und Seiketsu No Akari haben ihr Leben selbst beendet … um ein Teil des Gesandtenrates werden zu können.“, erklärte er schließlich, „Du … kannst sie nicht mehr treffen, Klerus.“
Es war, als hätte man ihm ein Brett vor den Kopf geknallt. Seine Augen weiteten sich vor Schock, ohne mehr etwas wahrzunehmen. Er hatte jahrelang hier gesessen und gewartet, ohne dass die Zeit ihm etwas bedeutet hätte. Ein Teil von ihm fragte sich, wohin es sie nach dem Tod treiben würde … ein anderer Teil von ihm hatte sich gewünscht, dieser Tag möge niemals kommen und sie würde ewig auf Tyria wandeln. Doch das Schicksal hatte ihm einen weiteren Streich gespielt – sie würde keinen dieser Wege gehe, die ihm angeboten worden waren. Stattdessen opferte sie sogar noch ihr Dasein nach dem Tod ihrem Verantwortungsbewusstsein! Für Seiketsu No Akari würde ihr Dienst an Tyria nie genug sein … alles hatte sie in ihrem Leben aufgegeben, um als Verteidigerin von Cantha an der Seite von Shikon No Yosei stehen zu können. König Jalis hätte sie in seinen Hallen als Ehrenmitglied seiner Sippe aufgenommen … und er hatte ihr sein Herz angeboten. Doch sie hatte beides abgelehnt. Weil sie zurück in ihre Heimat wollte. Und genau genommen trug auch er einen Teil der Schuld – die Ironie am Leben nach dem Tod war, dass es genug Möglichkeiten gab, um zurückzublicken auf das, was man zurückgelassen, verloren hatte. Toki No Kibo, die er als Säugling in ihren Armen gesehen hatte, war ein Findelkind … Seiketsu No Akari hatte sie aufgenommen und von Herzen geliebt, sich jedoch keinem Mann zugewandt. Aber sie konnte das Missverständnis genauso wenig richtigstellen … dies war noch eine Eigenschaft, die Seiketsu No Akari zu etwas ganz besonderem machte – sie hasste es, andere zu verletzten … und nachdem sie ihm scheinbar zweimal das Herz gebrochen hatte, hatte sie es nicht mehr über sich gebracht, ein weiteres Mal zu riskieren. Bruder Mhenlo meinte irgendwann, es bräuchte mindestens zehnmal so lang, sich wieder zusammenzusetzen, als es dauere, zu zerbrechen … und was einmal zerbrochen wäre, würde niemals mehr wieder vollständig ganz werden … Diese Erfahrung hatte Klerus in diese Situation gebracht – er wollte eine richtige Chance bei ihr! Jetzt würde er einfach verschwinden, als hätte er nie existiert …
„Du kannst sie nicht mehr treffen, Klerus.“, wiederholte Suun, „Bis Seiketsu No Akari ihre Position einnimmt, wird es zu spät sein. Dies ist die letzte Gelegenheit … Möchtest du mir noch etwas aus deinem Leben erzählen?“
Wie oft hatte Suun ihn nach seinem Leben gefragt? Wie oft hatte Klerus ihn einfach ignoriert? Ohne es bewusst zu entscheiden, sprudelten nun die Worte aus seinem Mund.
Er wurde in einem kleinen Dorf nahe Löwenstein geboren, als Sohn einfacher Bauern. Das fast schon tropische Klima schenkten ihnen alles, was sie zum Leben benötigten – allerdings zeugte es ebenso von Gefahr. Wie überall auf Tyria mussten sich die Dorfbewohner gegen eine Vielzahl von Monstern zur Wehr setzen, um ihre Felder und Hütten zu beschützen. Doch einmal griff eine gewaltige Horde Skale sein Zuhause an … in Folge dieses Kampfes starben sein Vater und seine Mutter, zu diesem Zeitpunkt war er noch ein Junge gewesen. Er hatte sich hinausgeschlichen, wollte seinen Eltern zusehen – stattdessen sah er sie sterben. In diesem Moment geschah etwas … Nie zuvor hatte sich Magie in ihm geregt, doch als die leblosen Leiber auf dem Boden aufschlugen, ging von seinem eigenen Körper ein pulsierendes Licht aus, das Haut und Haar für einen Krytaner später unnatürlich hell würde erscheinen lassen. Diese heilige Energie vertrieb die nekrotischen Bestien. Die anderen Dorfbewohner starrten ihn an – es kam nur selten vor, dass in einem der ihren magische Kräfte erwachten und wenn dies zugleich noch mit einer derartigen, äußerlichen Veränderung einherging … In den nächsten Tagen brachten sie Klerus, wie er von da an genannt wurde, zum Tempel der Zeitalter, wo der von den dortigen Mönchen ausgebildet wurde und ihm verliehene Kräfte zu kontrollieren lernte. Dort begegnete er später auch Mhenlo von Ascalon, der mit seinem Volk aus dessen zerstörter Heimat nach Kryta geflohen war, und zu so etwas wie seinem Mentor wurde. Diese Begegnung würde Klerus´ Leben für immer verändern – denn Bruder Mhenlo fiel es zu, einen möglichen Studenten für ein Stipendium bei den Deldrimor-Zwergen vorzuschlagen …
„Ihr … Ihr bietet mir diese Chance an?“, gab Klerus überrascht zurück.
Im Tempel gab es viele ausgezeichnete Mönche, in ganz Kryta ohnehin – und ausgerechnet er durfte sie wahrnehmen.
Bruder Mhenlo betrachtete seinen Freund eingehend, ehe er antwortete: „Du hast deinen Platz in dieser Welt noch nicht gefunden … Vielleicht findest du etwas in den Südlichen Zittergipfeln, das dir einen Sinn im Leben gibt.“
Es sollte sich herausstellen, dass der Ascalonier recht behielt – Klerus verliebte sich … in die canthanische Studentin. Seiketsu No Akari kam ihm vor wie ein leibhaftiger Engel … Doch sie legte offensichtlich keinen großen Wert darauf, mit ihm und Jabari, dem elonischen Student Zeit zu verbringen. Stattdessen verschwand sie nach den Vorträgen entweder in ihrer Stube oder setzte ihre Recherchen in den Weiten der Bibliothek fort. Klerus beobachtete sie häufig aus der Ferne und sah den Schmerz in ihren Augen.
Doch es war Jalis Eisenhammer, der einen Zugang zu ihr fand – der junge Mönch hatte sie eigentlich selbst gerade aufsuchen wollen und hörte auf dem Flur seine Worte: „Ich bin ein alter Mann, ich habe viel gesehen in meinem Leben. Du bist anders, als Klerus oder Jabari … und das liegt nicht daran, dass du ein Mädchen bist. Du verbirgst etwas … Du versuchst deine Gefühle zu unterdrücken. Du hast Heimweh, mein Kind, nicht wahr?“
„Ja … egal, ob ich wach bin oder schlafe. Ich habe praktisch mein ganzes Leben in unserem kleinen Dorf verbracht und kenne jeden Zentimeter von Shing Jea. Ich liebe diese Insel! Und … ihre Menschen …“, kam schluchzend Seiketsu No Akari´s Antwort.
Der König der Deldrimor wirkte verständnisvoll: §Ich verstehe … Als Herrscher dieses Landes und eines ganzen Volkes spuken mir ständig Sorgen im Kopf herum. Um nicht von ihnen beherrscht zu werden, suche ich nach Dingen, die mein Herz erfreuen … Deshalb komme ich auch so häufig zu euch in den Unterricht. Es befreitet mir Freunde. Eines möchte ich dich noch fragen, Seiketsu … Warum hast du dich auf das Studium bei uns eingelassen?“
„Schon bevor meine Schwester Shiko … Shikon No Yosei und ich unsere Ausbildung begannen, haben wir darüber gesprochen, wie schön es ist, anderen helfen zu können. Wir wollten nicht alles so hinnehmen, wie es ist … Wir wollten für unsere Heimat und seine Bewohner da sein.“, erklärte die Braunhaarige wieder gefasster, „Shiko hat den Weg der Elementarmagierin gewählt … Sie ist unglaublich stark, auch wenn sie sich dessen noch nicht ganz bewusst ist. Ich dagegen kann nicht kämpfen. Aber ich wollte bei ihr sein! Immer … Deshalb bin ich Mönchin geworden, um sie mit meinen Gebeten zu beschützen! Meister Togo sagte damals, ich sei talentiert … Ich bin nur hier, weil ich so unglaublich schwach bin. Ich muss stärker werden, sonst kann ich Shiko nicht helfen.“
Da wurde sich Klerus bewusst, wie sehr er sich wünschte, sie würde so über ihn sprechen … Seiketsu No Akari hatte etwas in ihm berührt, das kein anderer geschafft hatte – er verehrte Bruder Mhenlo, hatte seine Eltern geliebt, mit Jabari verstand er sich als Kommilitone recht gut und die Deldrimor hatten ihn herzlich aufgenommen … aber nichts davon ließ ihn so fühlen, wie jetzt. Heiß und kalt zur selben Zeit, mit wild schlagendem Herzen, einem Kribbeln unter der Haut und vollkommen euphorisch bei dem Gedanken an sie, grinste Klerus über das ganze Gesicht. Ja, er hatte sich verliebt!
„Jemand, der einen solch aufrechten Wunsch in sich trägt, kann jede Stärke entwickeln, die er braucht … Du sagst, deine Schwester wäre sich ihrer wahren Kraft nicht bewusst? Du ebenfalls nicht, mein Kind … noch nicht.“, sagte Jalis Eisenhammer zum Abschied.
Klerus verbarg sich hastig hinter einer Säule, damit der Zwerg ihn nicht entdeckte. Innerlich stimmte er ihm zu … In Seiketsu No Akari schlummerte etwas ganz besonderes. Aber sie würde ihn mit ihrer Entschlossenheit wahrscheinlich nie beachten, wenn sie die wahre Natur seiner Gefühle nicht kannte! Klerus erwog einen Moment lang, es ihr sofort zu gestehen … dann jedoch kehrte in sein eigenes Quartier zurück. Nach dem aufwühlenden Gespräch über ihre Heimat, fand er es geschmacklos, sich ihr zu offenbaren. Ihre Gedanken sollten erst einmal zur Ruhe kommen …
Eines Abends kehrte Klerus in den Flur zurück, in dem ihr Zimmer lag. Nichts hatte sich zwischen ihnen geändert … Und trotzdem blieb er bei seinem Entschluss. Nachdem er geklopft und von ihr hereingebeten worden war, schweifte sein Blick kurz umher und er räusperte sich.
„Ich muss dir etwas sagen … Ich habe mich in dich verliebt!“, gestand Klerus anschließend.
Mit etwas schwacher Stimme gab sie zurück: „Wie … wie war das?“
„Ich liebe dich, Seiketsu.“, bekräftigte er daher erneut.
Ihre Antwort stand ihr bereits ins Gesicht geschrieben – tja, im Grunde hatte er auch nicht erwartet, dass sie seine Gefühle erwiderte … Nun ja, laut ihr, konnte sie es nicht einmal. Ob es Wunschdenken oder Realität war, konnte Klerus nicht sagen, aber er meinte, Bedauern herauszuhören.
„Es war mir einfach nur wichtig dir die Wahrheit zu sagen … Mir tut es leid, sollte ich dir damit zu nahe getreten sein.“, tat er den Korb ab, „Ich wollte einfach, dass du weißt, wie sehr ich dich bewundere …“
Ihr trauriges Lächeln war mehr Strafe, als Trost … Er ging aus dem Zimmer und sank am Türrahmen auf den Boden. Ja, diese Abfuhr hatte er erwartet und sich dennoch Hoffnung gemacht – so war das mit der Liebe wohl, egal wie aussichtslos es scheinen mochte. Seine Brust zog sich zusammen und er verspürte das Bedürfnis nach frischer Luft. Genau genommen war ihnen das Verlassen der Feste Donnerkopf nach Einbruch der Dunkelheit allerdings verboten … doch darum scherte sich Klerus im Augenblick nicht. Schon kurz darauf sollte er diese Leichtsinnigkeit allerdings bereuen … Klerus wurde gefangen genommen – von den Steingipfeln, dem verfeindeten Clan der Deldrimor und besonders ihrem Anführer Dragnar Steinhaupt wäre es eine Freude seinem Vetter Jalis Eisenhammer einen herben Schlag zu verpassen. Eingesperrt in einer unterirdischen Zelle ahnte er nicht, dass der König auf ihr Vorhaben eingehen wollte, sich gegen den Mönch austauschen zu lassen. Erst der dumpfe Geräusch ausrückender Schritte erweckte wieder Klerus´ Aufmerksamkeit und plötzlich erglomm in der Ferne ein Licht.
Er stürmte zu den Gittern und rief: „Hallo?! Ist da jemand? Bitte, helft mir!“
Wen er auch erwartet hatte – Jabari und Seiketsu No Akari, von welcher der Schein ausging, sicher nicht: „Ihr seid gekommen!“
Die Canthanerin berührte lächelnd seine Hand, während sie erwiderte: „Wir würden doch keinen Kamerad im Stich lassen! Die Deldrimor kämpfen draußen gegen die Steingipfel. Wir sollten uns beeilen und dich hier rausschaffen. Ich weiß nicht, wie lange sie noch durchhalten werden.“
Nachdem Jabari kurzerhand das Schloss geknackt hatte, konnte Klerus nicht anders und drückte Seiketsu No Akari an sich. In dieser undurchdringlichen, kraftraubenden Dunkelheit hatte er befürchtet, sie niemals wiederzusehen … Trotz dieser Erleichterung verlor er das Bewusstsein.
Ein Schwall reiner Energie erfasste ihn. Es war, als wäre es ein Teil von ihm selbst … und gleichzeitig wusste er, dass sie jemand anderem gehörte – Seiketsu No Akari! Er öffnete die Augen und sah sie erschöpft zu sinken. Hastig befreite er sich von Jabari, der ihn auf dem Rücken getragen hatte. Die junge Mönchin hatte ihre Magie aufgebraucht, um die Feinde niederzustrecken. Für ihn hatte sie sich in Gefahr begeben … Es interessierte Klerus nicht, ob der Waldläufer ihn beobachtete, dankbar hauchte er seinen Kuss auf Seiketsu No Akari´s Stirn, ehe er sie vom Boden hochhob. Eine Schar Deldrimor rückte an und eskortierte sie zu Droknar´s Schmiede – die Steingipfel hatten einen Überfall auf die Feste Donnerkopf unternommen und kurzzeitig für sich erobert, doch König Jalis plante bereits den Gegenschlag. Bei ihm entschuldigte sich Klerus lang und breit … Anschließend hatte er ihn samt Jabari losgeschickt, um ihre Feinde auszuspionieren. Aufgrund weiterer Vorfälle hatte es Wochen gedauert, bis er und Seiketsu No Akari über die Geschehnisse hatten sprechen können … Und danach waren sie so etwas wie Freunde gewesen, zumindest bis zu jenem Tag, da die Deldrimor – samt Seiketsu No Akari – in die Fernen Zittergipfel aufgebrochen und nicht mehr zurückgekehrt waren … Er selbst und Jabari waren zu diesem Zeitpunkt unterwegs gewesen – erst waren es nur Wochen gewesen, die sie gewartet hatten, dann Monate. Irgendwann machten sie sich auf den Weg nach Löwenstein … Und so erfuhren die beiden verbliebenen Studenten, dass sämtliche Zwerge zu Stein geworden waren, um gegen ihren Erzfeind, die Zerstörer in den Kampf zu ziehen. Außerdem wurde die Kunde der drei lebenden Legenden laut, die als Verteidiger nach Cantha zurückgekehrt waren. Dort hatte er sie zwar wiedergesehen … doch wie bereits erwähnt, einen tragischen Fehler begangen.
Als er seine Erzählung so endete fühlte sich Klerus leer … Er sah auf seine Hand – sie war durchsichtig geworden. Mit einem letzten Gedanken an Seiketsu schloss er die Augen …
„Wie kann das sein?“, verlangte eine hallende Stimme zu erfahren, „Sprich´, Schwester!"
Eine Frau antwortete, allerdings ebenso ratlos: „Ich weiß es wirklich nicht! Ja, er ist einer meiner Kinder … aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Was meint Ihr dazu, Seira?“
Besagte schwieg, ehe sie erwiderte: „Ratlose Seelen sind mehr oder minder nichts ungewöhnliches – besonders seit dem Erwachen der Drachen. Doch diese Seele war im Grunde genommen bereits erloschen … >Ein Hinweis darauf, dass wir die Nebel nie ganz verstehen werden.< Das hat Suun mir mal gesagt.“
Suun … der alte Mann hatte ihn nach seinem Tod immer wieder aufgesucht, wann immer ein Mondzyklus vergangen war. Und er hatte ihm von Seiketsu No Akari´s Tod erzählt … Klerus riss die Augen auf. Über seinem Gesicht erblickte er acht Gestalten. Sofort ereilte ihn der nächste Schreck – sein Leben lang hatte er zu Dwayna gebetet und nun befand er sich in ihrer Gegenwart und jener der anderen Götter. Und eine hünenhafte Frau mit langem, gelocktem Haar einer ausladenden Tätowierung war ebenfalls zugegen.
Sie sprach ihn an: „Keine Angst, Klerus – du … befindest dich in den Nebeln.“
Er ging das Gespräch noch einmal durch … Die Sechs Götter waren offensichtlich ratlos, wie er noch – oder wieder – existieren konnte.
„Vielleicht verhält es sich mit ihm ähnlich, wie bei Ohtah …“, warf eine Dunkelhäutige mit einem prächtigen, weißen Flügelhelm auf – Kormir, die Göttin Wahrheit, „Sage mir, Klerus, bist du auf irgendeine Weise mit den drei einstigen lebenden Legenden von Tyria verbunden?“
»Legenden« … so hatte man die drei Helden noch zu Lebzeiten betitelt. Wie oft war er nach Löwenstein gegangen, nur um ihrer Geschichte zu lauschen?
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass die Götter ja immer noch auf eine Antwort warteten: „Ich liebe Seiletsu … Nach meinem Tod habe ich auf sie gewartet, aber sie …“
Er brach ab. Wahrscheinlich wussten sie ohnehin, was aus ihren Günstlingen geworden war …
Seira, die sich zu seiner Überraschung als Suun´s Nachfolgerin entpuppte, meinte lächelnd: „Dann ist es der Wille der Nebel … Klerus, Botschafterin Shiko, Späher Ohtah und Heilerin Seiketsu haben den Gesandtenrat verlassen.“
Etwas benommen lauschte er ihrer Geschichte – dass sie auf Tyria wiedergeboren worden waren, um den Kampf gegen die tyrannischen Alt-Drachen aufzunehmen. Ohtah Ryutaiyo hatte einst geschworen, auf ewig Shikon No Yosei zu beschützen – daher hatte er sie begleiten müssen, nicht dass er dies nicht sowieso getan hätte. Und Seiketsu No Akari hatte sich ihr ebenfalls angeschlossen. Klerus schüttelte belustigt den Kopf. Sie hatte sich kein Stück verändert … Seira erklärte ihm, dass das Gesetz der Nebel besagte, wer einmal eine Wiedergeburt durchlaufen hatte, musste für immer diesem Zyklus folgen.
„Deine Seele hat sich anscheinend durch Seiketsu´s Entschluss neu zusammengesetzt … Dir stellt sich erneut die Chance, zu wählen.“, endete das Orakel der Nebel ihren Bericht.
Wären die leibhaftigen Götter Tyria's nicht gerade anwesend gewesen, hätte er sie für verrückt erklärt, ihm diese Wahl überhaupt erst zu eröffnen – als ob seine Antwort nicht klar wäre!
Obwohl er von Seiketsu No Akari abgewiesen worden war, hatte Klerus die Hoffnung nicht aufgegeben – in diesem Leben hatten sie nicht zueinander gefunden … Nun stand ihnen ein unendlich häufiges Wiedersehen in verschiedensten Welten bevor – und er war sich sicher, sich erneut in sie zu verlieben!
Erzählung 08: Das Schicksal einer Asura
Seit Primordus und seine Kinder, die Zerstörer die Tiefen von Tyria kontrollieren, müssen die einst lichtscheuen Asura über Tage leben – in friedlicher Nachbarschaft mit den Sylvari haben sie sich eine neue Heimat geschaffen.
Ein ungewöhnlicher Name
Viele Jahrzehnte waren vergangen seit die Alt-Drachen die Herrschaft über Tyria an sich gerissen hatten. Aus der kleinen Ansammlung von verstreuten Laboren war eine florierende Industrieanlage geworden – eingeteilt in mehrere Ebenen und Bereiche konnte es für Nicht-Asura äußerst schwer werden, sich in Rata Sum zurecht zu finden. Die regierende Instanz – wenn man sie denn überhaupt so nennen konnte – war der Arkane Rat, ein Zusammenschluss von zwölf Asura aus den verschiedenen Kollegs. Neben den ständigen Diskussionen über die Ewige Alchemie gab es genau zwei weitere Problemthemen, die beinahe jedes Mal zur Sprache kamen … die Inquestur, eine abtrünnige Gruppe Wissenschaftler ohne Moralvorstellungen, und die Alt-Drachen, besonders Primordus. Bereits vor dessen Erwachen hatten sie durch seine Kinder gelitten und mussten vor ihnen fliehen. Doch dies bedeutete nicht, dass die Asura ihrer einstigen Heimat vollends den Rücken gekehrt hatten – immer wieder wagten sich Krieger in den feurigen Schlund. Allerdings … kehrte kaum jemand von ihnen zurück. Genauso erging es zwei Asura, die erst vor kurzem Eltern eines Mädchen geworden waren. Statt bei ihrem Vater und ihrer Mutter wuchs die kleine Ganda daher auf der Straße auf. Dabei bekam sie häufig den Spott der Leute zu spüren – und das nur, weil ihr Name anders war als bei den Asura üblich. Für gewöhnlich wählte das spitzohrige Volk kurze Vornamen, bei denen die weiblichen auf einem Vokal endeten und die männlichen mit einem Konsonanten abschlossen. Zwar traf das bei Ganda noch soweit zu – jedoch fehlten ihr zwei gleiche Buchstaben hintereinander. Und sie wusste nicht einmal, warum man sie so genannt hatte … und würde es auch niemals erfahren. Genau deshalb wollte sie sich unter allen Umständen beweisen!
Aber außer ihr selbst sollte es doch noch jemanden geben, der an Ganda und ihre Karriere glaubte – eine ältere Asura namens Zanga. Ihre erste Begegnung war eine der etwas anderen Art … während Ganda sich nämlich lauthals gegen ein paar eingebildete Jungen durchzusetzen versuchte, die sie hänselten, diskutierte Zanga nur wenige Meter entfernt keineswegs leiser mit einem der Wächter, der sie als senil abstempeln und wegbringen sollte. Listig, wie beide nun einmal waren, zündeten sie ohne sich auf irgendeine Weise abzusprechen, zur selben Zeit eine Rauchbombe und nahmen schnell Reißaus – genau in die gleiche Richtung. Draußen auf einem der Plateaus von Rata Sum machten die beiden Fluchtgefährten schließlich offiziell Bekanntschaft.
„Das habt Ihr gerade ziemlich gut hinbekommen. Selbst gebaut, nehme ich an.“, lobte die Alte ihre Aktion.
Ganda freute sich über das Kompliment und antwortete: „Eure war noch besser.“
Es war unüblich für einen Asura das Werk eines anderen höher zu bewerten – für Ganda, die eben so vollkommen anders aufgewachsen war, als die meisten Nachkommen ihres Volkes, bedeutete es lediglich ehrlich zu sein.
„Ich übe schon ein paar Tage länger als Ihr …“, gab sie zurück, „Das war wirklich gut – besonders da Ihr Euch Eure Fertigkeiten überwiegend selbst angeeignet habt, wie man so hört.“
Die junge Asura schwieg. Ihre mangelnde Ausbildung war stets ein wunder Punkt; natürlich kannte sie sich durch die unterschiedlichen Jobs in den Laboren mit vielem aus, doch das ersetzte keinen Lehrmeister.
Zanga, die Ganda´s Gedanken erraten konnte, als würde sie in einem aufgeschlagenen Buch darüber lesen, wandte sich ab und drehte sich nach einigen Schritten noch einmal um, bevor sie ihr zurief: „Was ist? Kommt Ihr jetzt mit? Ich könnte eine tatkräftige Assistentin mit genügend Verstand gebrauchen.“
Mit großen Augen starrte Ganda ihre Gegenüber an. Dann beeilte sie sich Zanga zu folgen. Erst sehr viel später sollte Ganda erfahren, dass Zanga ähnliches durchlebt hatte …
Als die Zeit gekommen war, verließ Ganda das Labor ihrer Lehrmeisterin als ausgebildete Ingenieurin und stellte einen Antrag auf Gründung ihrer eigenen Kru, damit sie beim sogenannten Snaff-Wettbewerb teilnehmen konnte. Jedes Jahr, wenn der Todestag des im Kampf gegenden Alt-Drachen Kralkatorrik gefallenen Golemanten und Teil der legendären Gilde »die Klinge des Schicksals« näher rückte, veranstaltete Zojja, seine letzte Schülerin, zusammen mit einer Jury, bestehend aus Mitgliedern des Arkanen Rates, ihn, um den besten Jungerfinder zu küren. Wie die meisten Asura folgte auch Ganda den Lehren der Ewigen Alchemie – alles in dieser Welt lebe in einem empfindlichen Gleichgewicht zusammen und bedinge sich gegenseitig … wer etwas nehmen will, muss gleichzeitig etwas geben. Kundige konnten dieses Wissen zu ihrem Vorteil nutzen. Kein Wunder also, dass sie in ihrer tiefen Verehrung eine Kru im Kolleg der Synergetik eröffnete – Asura, die in diesem Bereich tätig waren, studierten unter anderem die Muster energiegeladener Formen und galten als außergewöhnlich philosophisch. Ganda´s Team bestand nur aus drei weiteren Asura – üblicherweise schlossen sich fünf Mitglieder zusammen. Das änderte natürlich nichts an ihrem Entschluss mit ihrem Projekt, dem »Unendlichkeitsball« den Preis zu gewinnen. Fast Tag und Nacht saß sie über den Plänen, beauftragte die anderen mit Experimenten und feilte an der perfekten Form, um die Ätherkupplungen und Magieresonanz in Einklang zu bringen … Viel zu schnell war der entscheidende Zeitpunkt gekommen. Nach Dynamik, Statik und Inquestur kamen die Vertreter der Synergetik zuletzt an die Reihe. Ganda präsentierte den Unendlichkeitsball als selbstständig regenerierende Batterie und zog damit das Erstaunen der gesamten Jury auf sich.
„Ihr wagt es!“, rief ein Mitglied der Inquestur empört, „Dieses Gerät wurde von unseren Forschern entwickelt! Ihr habt die Pläne gestohlen!“
Im ersten Moment war Ganda wie vor den Kopf gestoßen, doch sie fing sich alsbald wieder: „Der Unendlichkeitsball ist die Arbeit meiner Kru! Kämpft gegen mich, wenn Ihr etwas anderes behaupten wollt!“
Da mischte dich Zojja plötzlich ein: „Nichts dergleichen wird hier passieren! Dieser Wettbewerb wurde in Gedenken an Snaff ins Leben gerufen – ich lasse nicht zu, dass ihn jemand mit Blut besudelt. Wir vertagen die Verkündung des Siegers, bis ich die Originalpläne gesehen und den wahren Erfinder ehren kann.“
Sofort steckten die Asura die Köpfe zusammen und einer der Assistenten meinte: „Ich könnte schnell zum Labor laufen und sie holen.“
„Gut, geht. Ich bleibe mit unserem Schätzchen hier – der Inquestur kann man nicht trauen. Und Ihr beide folgt unseren Gegnern.“, führte Ganda den Plan zu Ende.
Alle nickten zustimmend und machten sich auf den Weg.
Zojja trat an sie heran und sagte: „Es tut mir leid … Auch wenn ich den Anschuldigungen keineswegs glaube, so muss ich dennoch die Regeln befolgen.“
Ganda konnte ihre Entscheidung nachvollziehen; nicht, dass sie ihr nicht trotzdem gegen den Strich ging. Eine solche Aktion trug genau die dreckige Handschrift der Inquestur – voller Lug und Betrug. Dennoch unternahm der Arkane Rat nichts, um ihre Organisation zu schließen. Es war mit ihnen, wie bei einem zweischneidigen Schwert – ihre Methoden waren widerwärtig und verachtenswert … aber dadurch erzielten sie gleichzeitig unglaubliche Resultate, die vor allem für den Kampf gegen die Alt-Drachen notwendig waren. Nur … welchen Sinn hatte es solche Monster zu bekämpfen, wenn man dadurch selbst zu Monstern wurde?
Kaum war eine Stunde verstrichen, kehrte der Bote der Inquestur zurück – die Arme voller Aufzeichnungen. Ganda und Zojja war gleichermaßen der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Die Anführerin der gegnerischen Kru lachte nur hämisch und präsentierte die Pläne. Während die Jury große Augen machte, musste Ganda einige Male blinzeln, bevor sie begriff, was sie sah – ihre Handschrift, ihre Zeichnungen. Die Inquestur waren noch viel dreister als gedacht – anstatt sie zu kopieren, hatten sie ihre Arbeit einfach gestohlen! Nur dass ihnen dieser Coup diesmal ins eigene Fleisch schnitt …
Als Zojja sie zu den Siegern erklären wollte, trat Ganda ihr in den Weg und verkündete: „Ich kann beweisen, dass diese Unterlagen von mir stammen! Das Papier, welches ich verwende, ist mit einem persönlichen Wasserzeichen versehen. Es ist ein Zitat meiner Lehrmeisterin … >Planung ist etwas für Idioten.<“
Zojja reagierte ehe die Inquestur handeln konnte. Mit einem Luftmagiezauber wehte sie die Blätter in ihre Hände und überprüfte Ganda´s Aussage. In jeder oberen, rechten Ecke fand sie die Worte von Zanga.
„Damit wäre das ja geklärt. Ich verleihe demnach Euch, Ganda, den Titel der >Denkerin<.“, erklärte die Elementarmagierin in der blauen Rüstung, „Und die Inuestur ist sowohl für dieses als auch für das kommende Jahr vom Wettbewerb ausgeschlossen.“
Ganda bedankte sich mit einer Verbeugung bei Zojja, als ihr plötzlich ihre Kru-Mitglieder einfielen, die sie losgeschickt hatte. Augenblicklich hastete sie durch das Tal in Richtung ihres Labors. Einige Meter vor dessen Eingang knieten die beiden Gehilfen, die sie zur Überwachung abgestellt hatte, und schon wollte sie mit einer Schimpftirade beginnen, da entdecke sie den letzten ihres Teams – leblos in einer Blutlache liegend. Ganda´s Knie wurden weich und sie sank ebenfalls zu Boden. Nie zuvor hatte sie gedacht, es wäre derart hart, sich als hellstes Köpfchen von Rata Sum zu behaupten, dass sogar einer ihrer Leute sein Leben lassen müsste …
Nur wenige Wochen, nachdem sie die Asche ihres Kameraden rituell der Ewigen Alchemie übergeben hatten, wartete bereits eine neue Herausforderung auf die Kru. Ein weißhäutiger Asura mit blutroten Augen kam mit einer äußerst sonderbaren Nachricht ins Labor.
„Wiederholt das!“, verlangte die Denkerina geschockt.
Noch einmal las er das Schriftstück vor, welches das Siegel des Arkanen Rates trug: „Hiermit wird Lucc – das bin ich – vom Kolleg der Dynamik zur Synergetik versetzt. Im Zuge dessen soll er der Kru von Ganda zugeteilt werden, um diese wieder aufzufüllen.“
„>Wieder aufzufüllen<?! Ich glaub´ das ja nicht!“, entgegnete die Ingenieurin wütend und schlug mit der Hand auf ihren Schreibtisch.
Lucc schaute sie entschuldigend an, als er fragte: „Ihr … habt einen der Euren verloren?“
Ganda holte tief Luft, um sich zusammenzureißen, und antwortete: „Er wurde umgebracht, von der Inquestur! Erwartet also nicht, dass Ihr offenherzig von uns empfangen werdet – der Verlust ist noch zu frisch.“
Wie zur Unterstreichung ihrer Worte wandte sich Ganda zum Gehen, doch er hielt sie am Arm fest und meinte ernst: „Ihr sollt die Wahrheit über mich wissen. Dieser Wechsel … ist das Urteil, dem ich mich unterwerfen muss, weil … weil ich meine Kru im Stich gelassen habe. Wir unternahmen einen Ausfall in Primordus´ Reich … Als wir von einer Horde Zerstörer angegriffen wurden, bin ich geflohen. Keiner von meinen Leuten hat überlebt. Ihr seht … ich verdiene Eure Freundlichkeit ohnehin nicht.“
Ihr Blick wanderte stumm zu Boden. Was hätte sie darauf erwidern sollen? Zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, was sie denken sollte … Sie verstand den Beschluss vollkommen – nur warum es ausgerechnet ihre Kru sein musste, konnte sie nicht nachvollziehen. Gleichzeitig tat ihr Lucc unglaublich leid – sie fühlte sich ebenfalls schuldig für den Tod in ihren Reihen. Es war ein schreckliches Gefühl … die Trauer, die Scham, das Versagen. Alles Empfindungen, die ihr Volk sonst tunlichst umging. Vielleicht waren die Asura durch all die Schicksalsschläge ja etwas zu arrogant und hartherzig geworden. Ein Grund mehr, ihm trotz allem doch eine Chance zu geben …
Bald zeigte sich, dass Lucc nämlich gar keine Bürde für die Kru war, wie er geglaubt hatte. Vor allem Ganda schätzte seine exzellente Beobachtungsgabe und schlauen Einfälle – mehr noch, weil sie ihm inzwischen nicht sprichwörtlich jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen musste.
Eines Abends, als nur noch Ganda und Lucc im Labor waren, sagte sie plötzlich: „Ihr habt Alpträume.“
Der Rotäugige wusste, dass er es nicht leugnen konnte – sie musste seine Schreie gehört haben –, und erwiderte: „Ja. Sie verfolgen mich, Nacht für Nacht.“
Mit einem Wink bedeutete sie ihm ihr zu folgen. Für heute war die Arbeit zu Ende. Sie schaltete den elektronischen Kamin an und sie setzten sich in die gemütlichen Sessel, die davor standen.
„Ich bin froh, dass Ihr in unser Team gekommen seid. Am Anfang dachte ich, die Kru wäre durch den Verlust >beschädigt< … und ich hatte keine Ahnung, wie ich uns hätte >reparieren< sollen. Aber wie es aussieht, war das eher Eure Aufgabe … und vielleicht können wir dasselbe für Euch tun, wenn Ihr es zulasst. Ist Eure Versetzung wirklich eine Strafe? Oder eher die Möglichkeit zum Neuanfang? Im Kolleg der Dynamik hat sich sicher bereits herumgesprochen, was mit Euch geschehen ist … Synergetik dagegen hatte keine Ahnung und auch ich weiß nur von dem Vorfall, weil Ihr es mir erzählt habt.“, meinte sie und kassierte damit einen perplexen Blick von ihm, „Ich habe mir etwas überlegt … Was haltet Ihr davon, wenn wir für unsere gefallenen Kameraden Gedenktafeln in der Werkstatt aufhängen?“
Seine Kollegen hatten ihn fürchterlich beschimpft, unter ihnen war er ein Geächteter gewesen. Darum hatte er versucht, die Erinnerungen zu verdrängen – ohne Erfolg. Möglicherweise half ihm eine offene Mahnung, um damit fertig zu werden.
Dankbar antwortete Lucc: „Das ist eine gute Idee. Aber … unseren Eltern sollte ebenfalls gedacht werden.“
Nun war es an Ganda ihn verwundert anzusehen und sie entgegnete: „Woher wisst Ihr davon?“
„Ich hätte es Euch schon längst erzählen sollen … es tut mir leid, Ganda. Nicht der Arkane Rat hat die Kru ausgesucht, sondern ich. Weil ich Euch kennenlernen wollte … Euch, deren Eltern bei derselben Mission ums Leben kamen, wie meine.“, erklärte er niedergeschlagen.
Seit Lucc zu ihnen gestoßen war, fragte sich die exzellente Ingenieurin, warum – warum gerade ihr Team? Sollte sie wieder einmal getriezt werden? Nach dem Gewinn des Snaff-Preises erschien dies aber so unwahrscheinlich. Stattdessen war es Lucc selbst gewesen … Sie hatte ihre Eltern nicht gekannt, er dagegen war bereits ein kleiner Junge gewesen. Von einem Tag auf den anderen war seine ganze Welt in sich zusammengebrochen.
„Wie habt Ihr es geschafft … wie seid Ihr danach zurecht gekommen?“, wollte Ganda wissen.
Die Frage verwirrte Lucc – er hätte eher mit Vorwürfen oder ähnlichem gerechnet – und sagte: „Mein Großvater Bronkk hat für mich gesorgt. Er starb, als ich meine Ausbildung begann – wahrscheinlich wäre er ziemlich von mir enttäuscht. Es war eine Dreistigkeit mich Euch ohne Eure Zustimmung derart zu nähern … Wahrscheinlich ist es besser, ich verlasse Rata Sum – endgültig.“
„Wollt Ihr wieder davonlaufen? Wir brauchen Euch – und Ihr braucht uns … Ist es nicht so?“, meinte Ganda leise, „Ich bin die Leiterin dieser Kru, Ihr seid ein Mitglied davon … und ich habe Euch nicht gestattet, Euch aufzugeben – weder jetzt, noch in Zukunft. Ist das klar?“
Lucc konnte nur schwach nicken. Ganda dagegen lächelte. Nach den Lehren der Ewigen Alchemie musste sein Leben mit dem gestalten, was einem gegeben war … Ohne die Ereignisse, die sie durchlebt hatten, wären sie nicht die geworden, die sie nun waren.
Ohne erkennbare Anzeichen drangen einige Tage darauf Zerstörer in ihre Gebiete ein. Jeder kampffähige Asura rüstete seine Golems oder sonstige Waffen und begab sich zu seiner Division – Ganda´s Kru gehörte zu Zojja. Kaum hatten sie in ihren Reihen Stellung bezogen, bemerkte Ganda sein Fehlen und begab sich auf die Suche nach ihm. Zwar verstand sie nicht viel vom Spuren lesen, doch die Zerstörer waren nicht gerade schwer zu finden – und nur dorthin konnte er sich aufgemacht haben. Aus einem breiten Spalt an einer Felswand strömten die Zerstörer ins Freie … sie kamen direkt aus den Tiefen von Tyria, dem Reich von Primordus! Nahe des Zugangs registrierte Ganda eine kleine Bewegung zwischen den Blättern einer großen Farnpflanze. Geduckt schlich sie darauf zu.
Gerade, als Lucc das Versteck verlassen wollte, riss sie ihn zurück und zischte: „Seid Ihr denn verrückt geworden?!“
„Ich will nur verhindern, dass weitere von diesen Monstern an die Oberfläche gelangen können.“, erklärte er so leise, dass nur Ganda ihn hören konnte.
Im Grunde kein schlechter Plan. Sie bedeutete ihm per Fingerzeichen, dass sie ihm helfen würde. In ihrem Rucksack befanden sich allerlei Sprengsätze, die seinen Vorrat ergänzten. Vorsichtig kletterten die beiden Asura an der Seite des Hangs nach oben, außerhalb des Sichtfeldes ihrer Feinde. Unterwegs brachte Ganda bereits kleinere Mienen, während die mächtigeren Bomben bei den Gesteinsmassen über dem Eingang zum Einsatz kamen.
„Verzeiht mir – das ist meine Aufgabe!“, verkündete Lucc entschieden und stieß sie zu Boden.
Auf ihrem Rucksack schlitterte Ganda hinab, bis sie schließlich gegen einen Baumstamm knallte und das Bewusstsein verlor.
Später sollte Ganda erfahren, dass sie Lucc zum letzten Mal gesehen hatte … Stattdessen sollte das, was ihn in seinem Kummer hatte trösten sollen, nun auch an ihn erinnern. Um einer ähnlichen Situation zu entgehen – einen Freund in Not zurückzulassen –, schlug den harten Weg eines Portalisten ein …
In vier langen Jahren eignete sie sich das komplexe Wissen an und tat sich als meisterliche Schülerin hervor. Ihre Lehrer sowie einige ranghohe Asura begegneten ihr nun mit Respekt. Noch ahnte keiner von ihnen, dass Ganda die hohen Erwartungen jäh enttäuschen würde – denn nachdem sie ihre Abschlussprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, packte sie ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammen und verkündete dem Arkanen Rat, sie würde Rata Sum auf unbestimmte Zeit verlassen. Mit Versprechungen lockend, versuchten sie die junge Ingenieurin umzustimmen, aber keines der Argumente brachte ihr Vorhaben ins Wanken.
In Löwenstein machte sich die Denkerin im Untergrund einen Namen – vielleicht mochte dies Schicksal gewesen sein, so kam eines Tages ein junger Dieb auf Ganda zu, um sie für einen Transport in die Kristallwüste anzuwerben. Doch stattdessen schloss sie sich der später als »Team Shiko« bekannten Gruppe an, welche den Kampf gegen die Alt-Drachen wiederaufnahm und dies überaus erfolgreich … nicht nur Primordus, sondern ebenso seine vier Brüder – Zhaitan eingeschlossen – fielen unter dem zweiten Zusammenschluss aller fünf, großen Völker. Und damit erweckten sie den sechsten Alt-Drachen – Mordremorth, den Drachen des Lebens, der jedoch keine Verderbnis über Tyria brachte – sondern die Widergänger zurück ins Leben rief. Unter denen sich auch Lucc befand!
Um Mut zu haben, muss man das Leben schätzen – egal, wie klein oder groß man ist, kann man die Welt auf seine Art beeinflussen. Die Ewige Alchemie lehrt uns, den ewigen Kreislauf des Lebens … Leben wird gegeben, Leben wird genommen – was man daraus macht, liegt an jedem selbst. Ohne den Verlust von Lucc hätte Ganda Rata Sum wohl niemals verlassen und damit hätte Team Shiko ein wichtiges Mitglied gefehlt … und Tyria würde noch heute unter dem Joch der Alt-Drachen stehen.
Erzählung 09: Das Schicksal eines Norn
Die Geister der Wildnis ... die Große Bärin, der Wolf, der Rabe und die Schneeleopardin wachen über die Norn. Doch selbst sie konnten nichts gegen den gefürchteten Jormag und seine Eisbrut unternehmen. Das Volk schreit gerade zu nach einem rettenden Helden ...
Bezwinger und Schrecken
Ein Norn, der noch einige Jahre vom Mannesalter entfernt war, befestigte die Schwertscheide an seinem Gürtel. Mit keiner anderen Waffe fühlte er sich so wohl – das hatte er wohl von seinem Vater, der zu den besten Schwertkämpfern seines Volkes gehörte … Seine Mutter dagegen galt als begabte Heilerin; von ihr hatte er ihre spirituelle Verbundenheit zu den Geistern der Wildnis. Er wollte ein ebenso gefeierter Held werden, wie seine Eltern. Und heute würde er den ersten Schritt auf diesem Weg gehen …
Die Jagdgesellschaft hatte ihm eine Jagd im Wanderer-Hügel genehmigt. Als Debütant durfte er allerdings nur ein einziges Beutetier erlegen, welches anschließend als Opfer dargebracht wurde – und zwar dem Geist, welchem er von nun an die Treue halten wollte. Er schlich durch das Gras, tief in den Wald hinein. Sein Ziel war ein Minotaurus-Bulle. Und deshalb durfte er sich keinen einzigen Fehler erlauben – sie konnten Jäger sogar gegen den Wind riechen. Er zog blank, umkreiste die Minotauren-Herde und stürzte auf eines der Tiere zu. Sein Schwert knallte gegen die wuchtigen Hörner. Das Männchen schnaubte ärgerlich und stemmte die Hufe in den weichen Boden. Der junge Krieger löste den Druck, wich dem Stoß aus und rammte dem Minotauren die Klinge in den Schädel. Stolz schleppte er den Kadaver zum Grawlenfjord, an dem ein Schrein der Großen Bärin lag. Er setzte sich vor das leuchtende Abbild des Geistes und begann zu meditieren, wie seine Mutter es ihn als kleinen Jungen gelehrt hatte.
In Gedanken stellte sich vor: „Mein Name ist Ric Cordinson … Mit meinem Schwert unterstelle ich mich dem Dienst an der Großen Bärin. Möge sie meine Opfergabe akzeptieren und meinen Weg mit ihrer Kraft stärken!“
Da sprach die Große Bärin plötzlich persönlich zu ihm: „Ich habe deine Bitte gehört … Ich beobachte dich, ich kenne dich. Trage den Namen der >Brärenkralle< und ich werde in jedem deiner Schwerthiebe sein!“
Nur wenige Norn hatten jemals die Stimmen der Geister der Wildnis so deutlich wahrgenommen – und meist waren es dann die Hovroun, wenn sie zu ihnen in die Nebel übertraten. Für dieses Zeichen war er gleichzeitig dankbar und es machte ihm Angst. Ric beobachtete den vorbeiziehenden Zug am Schneeherren-Tor. Es kehrte nicht einmal die Hälfte der Krieger von dem Ausfall aus dem Norden zurück. Doch natürlich brachten sie keine Leichen nach Hause … jeder, der von einem Drachen oder seiner Gefolgschaft getötet wurde, erlag ebenfalls der Verderbnis – in diesem Fall verwandelte er sich in Jormag´s Eisbrut. Er sah jedem Jäger ins Gesicht, suchte vergebens nach zwei bestimmten Personen. Weder seine Mutter noch sein Vater gehörten zu den Überlebenden. Und genau das hatte er befürchtet … Seine Eltern waren tot. Nein, schlimmer – sie waren Diener des Drachen geworden. Als ihr Sohn fiel es ihm zu eines Tages auszuziehen, sie zu suchen und vom Fluch Jormag´s zu erlösen. Doch dazu benötigte er jemanden, der ihn nicht nur in der Kriegskunst unterrichtete, sondern ihn auch zu einem richtigen Jäger machte … In Hoelbrak gab es nur eine einzige Person, die ihn verstehen und ausbilden konnte – die Waldläuferin Eir Stegalkin!
„Sag´ das nochmal, Junge.“, entgegnete sie auf seine Ausführung.
Ric Bärenklaue hob demonstrativ das Schwert und erklärte: „Ich möchte dein Schüler werden, damit ich irgendwann meine Eltern jagen kann! Bitte, Eir … es gibt niemanden hier, der so viel über die Drachen weiß, wie du.“
„Selbst wenn – ich bin Bildhauern, keine Babysitterin! Verschwinde aus meiner Heimstätte!“, gab sie aufgebracht zurück, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.
Früher hatte seine Mutter gelacht, wenn er den Dickköpfigen gespielt hatte – in dieser Hinsicht war er seinem Vater sehr ähnlich gewesen. Und auch jetzt würde er seine geerbte Hartnäckigkeit unter Beweis stellen! Er setzte sich neben das Tor, welches zu Eir Stegalkin´s Garten führte, und wollte dort solange ausharren, bis sie ihn aufnahm. Mit der alsbald anbrechenden Nacht kam jene Kälte, die nicht einmal die Norn so einfach wegsteckten. Langsam wurden seine Augenlidern schwer und er war kurz vor dem Einschlafen, da stupste ihn eine feuchte Nase an und goldene Augen musterten ihn – es war Garm, Eir´s schwarzer Wolf und treuester Begleiter.
„Du solltest ihm dankbar sein … Wenn er mich nicht so gedrängt hätte, wärst du morgen nicht mehr aufgewacht.“, meinte die Waldläuferin, als sie Ric Bärenklaue vom Boden hochzog.
Kaum hatten sie die warme Feuerstelle im Haus erreicht, schlief der junge Krieger bereits auf dem Boden ein. Die Norn lächelte melancholisch und gestattete sich für einen winzigen Moment an ihren Sohn Braham zu denken – er lebte bei Freunden seines verstorbenen Vaters, weil sie ihn zurückgelassen hatte, um der Klinge des Schicksals beizutreten. Seitdem hatte sie ihn weder gesehen noch gesprochen, es nicht gewagt nach Klippheim zu gehen. Ihr Blick wanderte zu Garm, der sich neben Ric Bärenklaue gelegt hatte. Es war nicht sein Kratzen an der Tür, welches sie dazu bewegt hatte, den Jungen ins Haus zu holen. Sie konnte nicht noch ein Kind im Stich lassen, das sie brauchte … es genügte, dass Braham leiden musste. Und vielleicht lenkte sie die neue Aufgabe sogar von den Alpträumen über Snaff ab.
„Kaum ein Jäger in Hoelbrak ist dir gewachsen, im Kampf bist du ein sehr gefährlicher Gegner.“, lobte Eir Stegalkin ihren Schüler, als er den letzten Sumpflindwurm niedergestreckt hatte, „Du bist soweit …“
Der junge Mann reinige seine Schwerter mit Schnee, bevor er antwortete: „Heißt das, du erlaubst mir in diesem Jahr die Teilnahme an der Großen Jagd?“
„Ich habe bereits verkündet, dass du meinen Platz einnehmen wirst.“, bestätigte die rothaarige Waldläuferin und berührte ihn an der Schulter, „Aber ich meinte noch etwas anderes … Es wird Zeit, dass deine Eltern die Reise in die Nebel antreten!“
Ric Bärenklaue schaute seine Meisterin verblüfft an – sie hatten in den ganzen Jahren nicht mehr darüber gesprochen; er war davon ausgegangen, dass sie es längst vergessen hätte.
„Aber ich muss dich warnen – diese Kreaturen, die einst deine Eltern waren, sind gefährlich! Wenn es um die Diener eines Drachen geht, kann man nicht vorsichtig genug sein.“, mahnte ihn Eir Stegalkin, „Weißt du schon, wie du sie aufspüren willst?“
Er zögerte nur einen winzigen Augenblick, dann entgegnete er: „Es tut mir Leid, dass ich es dir nie gesagt habe, Meisterin … Wann immer ich allein unterwegs war, habe ich die Spuren von … Cordin und Henja verfolgt, um ihr Versteckt zu lokalisieren. Seit einigen Wochen scharen sie eine Eisbrut-Herde um sich, am Schrein der Jora.“
Seine Knöchel traten weiß hervor, so stark umklammerte Ric Bärenklaue die Griffe der beiden Klingen. Trotz der Entfernung konnte er seine Eltern ganz klar ausmachen – das Schwert seines Vaters und die Halskette seiner Mutter würde er unter Tausenden wiedererkennen. Alles in ihm schrie nach Vergeltung, nach Erlösung … nur Eir´s Gegenwart hielt ihn noch zurück.
„Werden sie mich erkennen?“, fragte der Krieger ernst.
Seine Meisterin wirkte traurig, als sie erklärte: „Nein. Die Drachenverderbnis löscht jede Erinnerung aus … Bei den Söhnen Svannir´s ist es anders, weil sie zwar von Jormag berührt, aber nicht unter seinem Einfluss gestorben sind.“
Ric Bärenklaue nickte grimmig. Vielleicht war das sogar besser – so konnten sie wenigstens in den Nebeln Ruhe finden …
„Garm und ich kümmern uns um die kleinen Fische.“, meinte die Eir und zückte ihren Bogen, „Ich werde das jetzt nur einmal sagen … Ich bin froh und dankbar, dich als Schüler zu haben. Du hast meinem Leben wieder einen wirklichen Sinn gegeben … Du findest es wahrscheinlich unangebracht, gerade heute – du bist mir genauso wichtig, als wärst du mein Sohn.“
Mit diesen Worten im Ohr trat Ric Bärenklaue jenen Wesen gegenüber, die einst seine Eltern gewesen waren, und zog blank.
Erschöpft ließ er sich zwischen die beiden Leichnamen auf die Knie fallen. Tränen stiegen in ihn auf.
„Du führst deine Klauen wahrhaft mit dem Mut meiner Kinder …“, hallte die Präsenz der Großen Bärin durch seinen Geist, „Schäme dich nicht für deine Trauer. Und keine Sorge, Cordin und Helja werden nicht in Vergessenheit geraten – ihre eigene Geschichte und das, was noch vor dir liegt, hat sie zu großen Helden gemacht!“
Die Augen des Kriegers weiteten sich und eine Frage brannte in ihm.
„Es ist nicht unsere Aufgabe unseren Schützlingen ihren Weg vorzugeben oder zu beeinflussen … Lass´ dich von deiner Kraft und deinem eigenen Willen leiten!“, erklärte der Geist.
Ric Bärenklaue konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als Eir ihn mit einer Umarmung aus seiner Starre riss.
Knut Weißbär selbst, Herr der Großen Halle Hoelbrak´s, war es gewesen, der die Beute zum Kampfschauplatz getrieben hatte. Bevor die Jagd beginnen konnte, baten die Schamanen noch um den Segen der Geister der Wildnis – von der Schneeleopardin bekamen sie Schnelligkeit und Anmut verliehen, der Rabe gewährte ihnen Weisheit und Klarheit, im Zeichen des Wolfes sollten sie wie ein Rudel und mit der Stärke der Bärin kämpfen. Dann durften die Teilnehmer endlich die Stufen zum Plateau hinaufsteigen. Mit einem tiefen Grollen schoss Issormir, ein mächtiger Wurm, aus der Erde heraus. Sie fächerten sich in einem zweireihigen Halbkreis vor ihm auf – die Waldläufer und Magier blieben zurück, während die Nahkämpfer auf ihn zustürmten. Ric Bärenklaue schlug eine Salve nach der anderen, während ein Lächeln sein Gesicht zierte – er dachte daran, warum er rechts und links eine scharfe Waffe führte.
„Du hast dich also für das Schwert entschieden … Und dennoch möchtest du von mir, einer Bogenschützin, lernen.“, hatte Eir an seinem ersten Morgen unter ihren Fittichen gesagt, „Sag´ mir, wenn du mit einer Klinge umgehen kannst, warum dann nicht auch mit zwei? In der Wildnis musst du angreifen und dich gleichzeitig verteidigen können – einhändig bist du alles und jedem unterlegen!“
Knut Weißbär hob seinen Bierhumpen und rief stolz: „Ich gratuliere euch herzlich, meine jungen Freunde, von diesem Tag an geltet ihr in den Augen unseres Volkes als vollwertige Mitglieder – ihr seid erwachsen geworden, eure Legende hat begonnen! Mögen die Spielmänner noch viele Liebe über sie dichten – über die Bezwinger von Issormir!“
Ein zustimmendes Grölen tönte durch den Schankraum der Großen Halle. Ric Bärenklaue saß mit den anderen jungen Norn zusammen. Sie prallten, tranken und beglückwünschten sich gegenseitig zu ihrem Erfolg. Eir prostete ihrem Schüler an diesem Abend nur aus der Entfernung zu – die Aufmerksamkeit galt ihm und diese wollte sie mit ihrer Anwesenheit nicht schmälern. Nachdem sich die Älteren zurückgezogen hatten, begann das Unterhaltungsprogramm für die ruhmreichen Jäger. Tänzerinnen, Barden, Musiker – es wurde gelacht, noch mehr getrunken und so ordentlich gefeiert, dass beinahe die Wände wackelten. Eine der Tänzerinnen fiel Ric Bärenklaue besonders auf. Ihr rotbraunes Haar erinnerte ihn an ein loderndes Lagerfeuer in einer kalten Nacht – ihre dunkelblaue Kleidung unterstrich diesen Eindruck noch zusätzlich. Während seine Kumpane weiterhin mit großer Ausdauer ihre Becher leerten, klebte sein Blick an ihr. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen. Und schließlich gab sie ihm einen stummen Wink, ihr zu folgen. Im obersten Stockwerk lagen die Zimmer von Knut Weißbär´s Familie; in den restlichen drei Etagen gab es Quartiere für Würdeträger, Schamanen und andere Gäste – je höher ihr Ansehen, desto weiter oben lag der zugeteilte Raum. Doch das Mädchen führte ihn stattdessen ins Untergeschoss, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass es existiert. Sie lehnte sich an eine der hölzernen Türen und sah ihn erwartungsvoll an.
„Hierher kommt sonst niemand …“, sagte sie leise.
Ric Bärenklaue verstand sofort. Hier wären sie ungestört … nur sie und er, die ganze Nacht. Er biss sich auf die Unterlippe. Durch das Töten von Issormir war er in den Augen seines Volkes nun ein Mann. Und als solcher durfte er das Lager mit einer Frau teilen …
„Wie heißt du?“, fragte er kehlig.
Sie legte den Kopf schief und flüsterte: „Du kannst mich Kadlin nennen, tapferer Bezwinger von Issormir …“
Jemand streichelte ihm über den Kopf. Erst dachte er an seine Mutter … Eir tat so etwas normalerweise nicht. War ihr Geist aus den Nebeln zu ihm gekommen oder spielten ihm seine Erinnerungen einen Streich? Nach und nach wurde es in Ric Bärenklaue´s Kopf klarer – das viele Bier forderte seinen Tribut – und er wurde sich des Gefühls nackter Haut bewusst, da erinnerte er sich an den vergangenen Abend.
„Kadlin?“, kam seine Stimme nur als Krächzen heraus.
Sie lachte glockenhell und erwiderte: „Wer sonst?“
Er setzte sich neben ihr auf, betrachtete sie eingehend. Nicht nur er hatte mit ihr seine erste Nacht verbracht …
„Warum ausgerechnet ich?“, wollte er etwas beschämt wissen, nun da wieder halbwegs klar denken konnte, „Ich meine … ich war nicht der alleinige Held der Großen Jagd. Und für dich war es …“
Kadlin knete ihre Finger und antwortete nach einigem Schweigen: „Du bist mutig und stark … Und dennoch keiner von diesen Kerlen, die sich für unbesiegbar halten. Ich habe dich gestern beim Fest beobachtet – du hast auch geprallt mit eurem Sieg, aber … du hast auch Respekt vor Issormir. Für dich war es kein einfaches … Abschlachten. Ich wusste, ich kann dir vertrauen.“
Ric Bärenklaue legte die Finger unter ihr Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. Ihre Worte drückten genau das aus, was er gefühlt hatte – Respekt vor einem starken Gegner, Ehrfurcht vor dessen Geist und Dankbarkeit durch ihn endlich ein vollwertiger Krieger geworden zu sein. Und so war sein Kuss diesmal nicht stürmisch wie in der letzten Nacht – sondern unglaublich sanft.
Seit über einem Jahr trafen sich Ric Bärenklaue und Kadlin bereits heimlich in einem der unbenutzten Zimmer unter der Großen Halle. Nicht einmal Eir hatte der Krieger die Wahrheit gesagt.
Irgendwann hatte er gefragt: „Kadlin … welche Art von Beziehung haben wir eigentlich? Ist das noch eine harmlose Affäre – oder war es das überhaupt jemals?“
„Ich glaube nicht, dass ich mich dann so wohl fühlen würde. Wie stehst du dazu … zu mir?“, war ihre Antwort gewesen, wobei die Unsicherheit in ihrer Stimme deutlich herausgehört hatte.
Und während er sie fest an sich gedrückt hielt, wollte er ihr diese Zweifel nehmen: „Ich wünsche mir … mehr zwischen uns. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, ein anderer Mann könnte … dich mir wegnehmen.“
Doch dann rückte ein Ereignis näher, welches alles zwischen ihnen änderte – ein Faustkampf-Turnier für die besten Kämpfer und Jäger der Zittergipfel, das ermitteln würde, wer sich mit dem Segen der Geister der Wildnis dem Alt-Drachen Jormag stellen sollte. Natürlich gehörte Ric Bärenklaue zu denjenigen, die sich als erstes für die Teilnahme eintragen ließen – etwas, das Kadlin ganz und gar nicht gefiel.
„Warum willst du unbedingt gegen dieses Monster kämpfen?!“, fuhr sie ihn, „Du wirst sterben, Ric! Ist dir das überhaupt klar? Niemand kann gegen die Drachen gewinnen – schon gar kein einzelner Krieger! War das nicht die Lektion, die du bei der Jagd auf Issormir gelernt hast?!“
Wut stieg in ihm auf und er gab lautstark zurück: „Ich werde mich nicht feige verkriechen, während immer mehr unseres Volkes von diese Bestie versklavt werden!“
„Na schön, wenn du dein Leben einfach so wegwerfen willst. Ich werde dich nicht aufhalten …“, sagte sie verärgert, „Aber erwarte nicht, dass ich dir dabei auch noch anfeuere! Wenn du an dem Turnier teilnimmst … will ich dich nicht mehr sehen.“
Er ballte die Fäuste, sagte aber nichts mehr. Mit einem lauten Knall fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Sein Zorn vernebelte ihm so sehr die Sinne, dass er nicht einmal mehr Kadlin´s Schluchzen hörte.
Nach unzähligen, harten Duellen ging Ric Bärenklaue als Gewinner aus dem Turnier hervor – und schloss sich nur wenige Stunden später einer Gruppe an, welche geführt von Shikon Feenseele die fünf großen Völker Tyria´s vereinen wollte, um gegen alle fünf Alt-Drachen zu ziehen; ihre Argumente … und Kadlin´s Vorwürfe hatten seine Wirkung nicht verfehlt. Allein konnte er nicht bestehen. Während die kleine Asura namens Ganda ihre Weiterreise vorbereitete, musste der Krieger dringend noch einmal mit Kadlin sprechen. Er suchte in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer, doch es war leer; eigentlich nicht weiter überraschend, immerhin hatten sie sich hier gestritten. In seiner schieren Verzweiflung wollte er die Große Bärin um Rat bitten und begab sich zu deren Schrein.
Vor dem Altar kniete bereits jemand – er wollte sich zurückziehen, um gebührenden Abstand zu halten, da sprach die junge Frau: „Ich habe selten zu einem der Geister gebetet … aber er tut es. Er verehrt Euch und würde sogar sterben, um Euch Ehre zu machen und von unserem Volk respektiert zu werden. Ich flehe Euch an – steht ihm bei! Er darf dem Drachen nicht zum Opfer fallen … Ich liebe ihn doch!“
„Und ich liebe dich … Kadlin.“, gestand er, als er von hinten an sie herangetreten war.
Kadlin wirbelte herum, warf sich in seine Arme.
„Ich muss Jormag vernichten … Ich hasse ihn für alles, was er getan hat! Unser Volk musste aus dem Norden vor ihm fliehen, drei Geister der Wildnis wurden von ihm verschlungen und … ich musste meine Eltern töten, weil sie von seiner Verderbnis befallen waren.“, flüsterte er dicht neben ihrem Ohr, „Ich werde nicht scheitern; ich habe Verbündete gefunden und einen Grund, warum ich unter allen Umständen nach Hoelbrak zurückkommen muss – ich will dich zu meiner Frau machen!“
Verwunderung lag in Kadlin´s Blick, dann Traurigkeit und sie offenbarte: „Dazu musst du wissen, wer ich in Wirklichkeit bin … Mein vollständiger Name lautet Kadlin Knutsdottir. Ich bin seine uneheliche Tochter, die er vor der Welt versteckt gehalten hat … Das Untergeschoss der Großen Halle ist mein Quartier.“
Ric Bärenklaue begann hämisch zu lachen: „Dachtest du etwa, das ändere etwas meinem Entschluss? Wenn ich wiederkomme, werde ich nicht mehr der Bezwinger Issormir´s sein, sondern der Schrecken Jormag´s! Und wenn Knut dich mir nicht freiwillig zur Frau geben will, nehme ich dich mir trotzdem … bei den Klauen der Großen Bärin!“
Die Große Bärin lehrt uns auf unsere eigene Kraft zu vertrauen … Wir gehen unseren eigenen Weg, verfolgen bestimmte Ziele. Jeder von uns hat etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt …
Ric Bärenklaue kennt seine Motivation ganz genau – und durch Team Shiko kann er der Held werden, der er sein möchte und den sein Volk so dringend braucht. Denn mit der Unterstützung seiner Freunde und seiner Liebe wird er alles bezwingen, was sich ihm entgegen stellt!
Erzählung 10: Das Schicksal einer Bastard
Wie wäre es wohl, wenn das einzige Verbrechen, das man in seinem ganzen Leben begangen hat, daraus bestünde, geboren worden zu sein? Und dabei werden wir nicht einmal gefragt, ob wir auf die Welt kommen wollen ...
Gefangenschaft und Leidenschaft
Knut Weißbär war ein angesehener Mann in Hoelbrak. Das lag zum einen natürlich an seiner Blutlinie, die direkt auf einen der größten Helden der Norn zurückführte – Asgeir, der ihr Volk im Auftrag der Geister der Wildnis hierher geführt hatte –; dieser Umstand machte Knut zum Herrn der Großen Halle. Aber der Krieger hatte seinen Wert auch auf zahlreichen Jagden und in unzähligen Kämpfen bewiesen. Doch gleichzeitig lag ein dunkler Schatten über seiner Vergangenheit, der mit dem Tod seiner Frau Kirra begonnen hatte … Sie war eine starke Elementarmagierin gewesen und gehörte häufig zu den Ausfallkommandos – denn seit die Drachenverderbnis sich stetig ausbreitete, war es die Aufgabe der Feuermagier die Leichen der Gefallenen zu verbrennen, sodass sie sich nicht wieder erheben konnten. Nicht einmal ihre Schwangerschaft oder die abschließende Geburt der Zwillinge Skarti und Sigfast konnte Kirra über einen längeren Zeitraum davon abhalten, die Züge zu begleiten – sogar gegen Knut´s Willen. Aber einige Wochen später kehrte ihre Unternehmung nicht mehr nach Hoelbrak zurück; die Gegenwehr war einfach zu gewaltig gewesen und Kirra hatte ihre letzten Kräfte eingesetzt, um den kompletten Kampfplatz zu flambieren. Durch diesen Verlust stürzte Knut in ein tiefes Loch – an dessen Tiefpunkt er seine Qualen im Freudenhaus außerhalb der Stadt vergessen wollte. Er ging an den knapp bekleideten Frauen vorbei und suchte nach etwas, das ihn berührte – das flammend rote Haar einer jungen Norn erinnerte ihn daran, wie Kirra gestorben war; verbrannt durch ihren eigenen Zauber, in demselben Feuer wollte er auch vergehen.
„Wie heißt du?“, fragte er leise.
Ihre blauen, katzenartigen Augen musterten ihn – eine Spur des Erkennens huschte über ihr Gesicht – und sie antwortete melodisch: „Lilifa … Und wenn du es wünscht, werde ich dir heute Nacht jeden Wunsch erfüllen.“
Sie erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung von der Bank und streichelte über seine mit Bartstoppeln übersäten Wange, zog ihn so näher an sich heran. Ihr Blick wanderte langsam hinter sich, zu einer der Zimmertüren. Er nickte kaum merklich und gab sich ihr vollkommen hin. Die Nacht brannte sich in sein Gedächtnis. Aber obwohl er nicht aufhören konnte, sich immer schneller und fester in Lilifa zu versenken, fühlte er jede Sekunde den schmerzhaften Stich des Verlustes in seinem Herzen.
Am nächsten Morgen kehrte er in die Große Halle zurück und widmete sich von da an wieder seinen Pflichten als Krieger und Vater. Jedoch geschah etwa ein Jahr später etwas, mit dem er niemals gerechnet hätte und das sein Leben völlig veränderte, komplett aus den Angeln riss – vor dem Portal seines Quartiers lag ein in Windeln eingewickelter Säugling!
Und einem Zettel, der bei ihr lag, las er geschockt: „>Ihr Name ist Kadlin. Kümmere dich gut um deine Tochter …<“
Das war er, sein fleischgewordener Verrat an Kirra; denn er hatte das rote Haar sofort wiedererkannt. Wollte ihn die Geister der Wildnis etwa für seine Untreue verhöhnen?
Aus Angst, Scham oder welchen Gründen auch immer – Knut versteckte Kadlin – von der er sich weigerte, sie als seine Tochter anzuerkennen, geschweige denn als solche anzusehen – vor der Welt im Untergeschoss der Großen Halle. Kaum jemand wusste, dass dieses Stockwerk existierte; darum wurde es zu ihrem Reich. Knut trug einem Schamanen sogar auf, eine Schweigerune in den Boden zu ritzen; angeblich weil das Knarren der Bretter bei Festen inzwischen unerträglich sei. Alles nur, damit niemand sein düsteres Geheimnis entdeckte …
Viele Jahre lebte Kadlin unerkannt, unbemerkt unter der Großen Halle.Als sie jünger gewesen war, hatte Knut ihr des öfteren noch Aufgaben gegeben, die sie bis zu seinem nächsten Besuch zu erledigen hatte – meistens ging es darum, etwas neues zum Anziehen zu nähen oder Gebete rezitieren zu können. Darum war auch das einzige Geschenk, das sie jemals von ihm bekommen hatte, eine Bibliothek mit Werken aller großen Völker. Kein Wunder also, dass Kadlin die Geschichtsschreibung beinahe auswendig beherrschte. Ihre Lieblingsbücher handelten von Liebespaaren. Die endlosen, technischen Bücher der Asura mochte sie dagegen überhaupt nicht, zu trocken. Schließlich war träumen eines der wenigen Dinge, die sie hier in ihrem Gefängnis selbst bestimmend tun konnte … träumen und tanzen! Sie liebte das Tanzen zur festlichen Musik – denn sie konnte zwar niemand hören, aber umgekehrt wirkte der Zauber nicht. Und so schwebte sie durch die Räume, nähte sich wunderschöne Kleider und konnte vergessen, sich fallen lassen, einfach sie selbst sein – wenn auch nur für kurze Zeit …
„Was machst du da?“, donnerte Knut wütend.
Kadlin zuckte erschrocken zusammen, weil sie ihn nicht zuvor nicht bemerkt hatte.
„Ach, lassen wir das … deshalb bin ich nicht gekommen.“, fuhr er immer noch gereizt fort, „Ich habe mich entschieden. Du kannst nicht ewig hier unten sitzen und dich von mir ernähren lassen – deshalb wirst du Sigfast´s Frau! So bist du wenigstens zu etwas nütze … Skarti ist bei den Frauen ja beliebt, um ihn muss ich mir keine Sorgen machen. Aber sein Bruder … nun ja, er hat wohl einen etwas speziellen Geschmack.“
Die junge Norn schlug sich die Hände vor den Mund – Knut wollte sie allen Ernstes mit ihrem Halbbruder verheiraten?!
„A-aber, Vater-“, stotterte sie.
Seine Faust traf die Wand mit einem lauten Knall und er schrie regelrecht: „Ich bin nicht dein Vater! Und wage es ja nie wieder, mir zu widersprechen!“
Damit verließ er das Untergeschoss, in dem nur noch Kadlin´s erstickte Schluchzen zu hören waren.
Die Jahre in Gefangenschaft hatten Kadlin gelehrt, Knut nicht zu verärgern – zumindest nicht wenn sie wollte, dass er sie weiterhin regelmäßig besuchte. Diesmal war sie allerdings ganz froh darüber eine Weile allein zu bleiben. So konnte sie sich ungehindert in die Fantasiewelten ihrer geliebten Bücher flüchten. Wie durch Zufall war ihr an diesem Tag ein Werk über Asgeir in die Hände gefallen, welches mit persönlichen Tagebucheinträgen seinerseits ergänzt worden war.
„>Die Begegnung … Vision … oder wie ich es auch immer nennen soll … Es erscheint mir unmöglich das Wesen der Geister der Wildnis in Worte zu fassen. Ich glaube, selbst wenn ich ein Gelehrter und kein Krieger wäre, würde es mir nicht recht gelingen. Denn kein Begriff scheint für sie angemessen zu sein ... Ich kann nur von mir, von meinen Empfindungen berichten. Nicht eine Sekunde habe ich an ihrer Botschaft gezweifelt! Ich wusste einfach, dass Hoelbrak uns retten würde! Unsere einzige Hoffnung zu überleben war eine Flucht aus den Fernen Zittergipfeln …<“, las Kadlin und spürte wieder einmal Tränen in ihren Augen aufsteigen.
Nur einmal in ihrem Leben hatte sie zu den Geistern gebetet – sie wünschte sich damals von ihrem Vater geliebt zu werden und ein richtiges Zuhause zu haben, kein Versteck. Doch in all der Zeit hatte sich rein gar nichts geändert … Knut´s Hass auf sie war, wenn überhaupt möglich, nur noch mehr gewachsen, je älter Kadlin wurde. Vielleicht war ja einfach zu schwach, um von der Großen Bärin erhört zu werden und es fehlte ihr an der Schläue des Raben, ohne Familie war sie dem Wolf unwürdig und Schneeleopardin verwehrte sich ihr wohl ebenfalls. Trotzdem bewunderte sie Asgeir, ihren Ahnen, und alle anderen ihres Volkes, welche die Geister der Wildnis bedingungslos verehrten.
Einmal im Jahr fand die Große Jagd statt, die sozusagen dem Debüt für junge Jäger und Krieger entsprach. Diesmal war das Ziel des Zugs Issormir gewesen, ein mächtiger Wurmkönig.
Nachdem sie ihn erfolgreich zur Strecke gebracht hatten, zogen die Teilnehmer zur Siegesfeier in die Große Halle, die wie üblich von Knut Weißbär eröffnet wurde: „Ich gratuliere euch herzlich, meine jungen Freunde, von diesem Tag an geltet ihr in den Augen unseres Volkes als vollwertige Mitglieder – ihr seid erwachsen geworden, Eure Legende hat begonnen! Mögen die Spielmänner noch viele Liebe über sie dichten – über die Bezwinger von Issormir!“
Anschließend zog sich der weißhaarige Norn ins oberste Stockwerk, in sein Quartier zurück – dieser Abend gehörte gänzlich der neuen Generation von Helden. Kadlin wartete dennoch zwei weitere Stunden ab, in denen er nicht wieder auftauchte. Sie hatte ein freizügiges, nachtblaues Gewand angelegt und trug die gewellten, feuerroten Haare zu einem hohen Schwanz. Ihre Entscheidung war getroffen – bevor es dazu kam, dass sie sich in die Hände ihres Halbbruders begeben musste, wollte sie wenigstens ein einziges Mal frei sein … Zum ersten Mal seit ihr Vater sie hierher gebracht hatte, verließ sie ihr Reich und begab sich unter andere Norn. Sie mischte sich unter die Tänzerinnen, bewegte sich rhythmisch zur Musik. Niemand bemerkte, dass sie im Grunde nicht zu ihnen gehörte. Während Kadlin so durch den Raum schwebte, fixierte sie einer der Krieger mit seinen Augen. Sie tanzte auf ihn zu, kreiste extravagant mit ihren Hüften und beobachtete seine Reaktion. Er hatte ihr Interesse geweckt … weil ebenso ehrfürchtig von den Geistern der Wildnis gesprochen hatte, wie Asgeir in seinen Texten. Dieser Krieger war anders als die restlichen hirnlosen Idioten, die einfach nur auf alles einschlugen und glaubten, damit ihr Können zu beweisen.
„Ric, die Kleine scheint auf dich zu stehen – worauf wartest du noch? Schnapp´ sie dir endlich, bevor ein anderer kommt!“, rief einer seiner Trinkkumpane, was Kadlin lächeln ließ.
Jetzt kannte sie sogar seinen Namen … Sie kam ihm wieder näher, strich über seine Schulter. Er griff nach ihrer Hand, erhob sich und folgte ihr durch die tanzende Menge. Vor einer Tür abseits des Trubels blieb Kadlin schließlich stehen.
Ihr Blick wurde erwartungsvoll, als sie flüsterte: „Hierher kommt sonst niemand …“
Etwas leuchtete in seinem Gesicht auf. Er hatte verstanden, was sie ihm anbot … was sie wollte.
„Wie heißt du?“, fragte er in heiserer Erregung.
In verführerischer Weise erwiderte sie: „Du kannst mich Kadlin nennen, tapferer Bezwinger von Issomir …“
Ric löste etwas in ihr aus, dass sie nie zuvor für möglich gehalten hätte … Sie hatte geglaubt zu wissen, was Sehnsucht sei – doch nach dieser Nacht verzehrte sie sich regelrecht nach ihm und seiner Nähe. Jeder wache Gedanke und alle Träume drehten sich nur um ihren schwarzhaarigen Geliebten mit den tief grünen Augen. Sie trafen sich weiter heimlich im Untergeschoss der Großen Halle. Ein Jahr zog so ins Land, in dem einzig die anwachsende Machtherrschaft der Alt-Drachen verhinderte, dass Knut Sigfast´s Hochzeit mit Kadlin organisieren konnte.
Während dieser Zeit wollte Ric Bärenklaue einmal von ihr wissen: „Kadlin … welche Art von Beziehung haben wir eigentlich? Ist das noch eine harmlose Affäre – oder war es das überhaupt jemals?“
„Ich glaube nicht, dass ich mich dann so wohl fühlen würde. Wie stehst du dazu … zu mir?“, hatte sie ihm als Gegenfrage gestellt und scheute bereits die Antwort.
Doch der Schwarzhaarige zog sie fest an sich, ehe er entgegnete: „Ich wünsche mir … mehr zwischen uns. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, ein anderer Mann könnte … dich mir wegnehmen.“
Dieser Satz macht Kadlin sowahl glücklich … als auch traurig. Sie hatte es noch nicht gewangt, ihm die Wahrheit über ihre Identität und die Pläne ihres Vaters zu sagen.
Apropos ihr Vater – Kut Weißbär veranstaltete ein Faustkampf-Turnier, um den besten Kämpfer ihres Volkes zu ermitteln, der unterstützt von den vier Geistern der Wildnis hinausziehen und Jormag ein für alle Mal erledigen sollte. Und ausgerechnet Ric Bärenklaue nahm daran nicht nur teil, er gewann sogar! Das freute Kadlin allerdings keineswegs. Sie stritten sich fürchterlich darüber – denn die Norn hatte Angst um ihn. Niemand konnte allein gegen diese Bestien bestehen … Er brauchte Hilfe! Deshalb ging Kadlin zu dem einzigen Ort, wo sie diese erbeten konnte – zum Schrein der Großen Bärin, der Ric Bärenklaue seine ewige Treue geschworen hatte.
„Ich habe selten zu einem der Geister gebetet … aber er tut es. Er verehrt Euch und würde sogar sterben, um Euch Ehre zu machen und von unserem Volk respektiert zu werden.“, sprach sie versunken und bemerkte daher nicht, dass sie belauscht wurde, „Ich flehe Euch an – steht ihm bei! Er darf dem Drachen nicht zum Opfer fallen … Ich liebe ihn doch!“
Eine breitschultrige Gestalt trat hinter sie und sagte: „Und ich liebe dich … Kadlin.“
Kadlin sprang auf, stürzte sich in seine Arme. Ric drückte sie fest an sich und erklärte ihr, warum ihm der Kampf gegen Jormag so viel bedeutete – seine Eltern waren von der Drachenverderbnis verschlungen worden und er hatte sie eigenhändig davon erlöst.
„Ich werde nicht scheitern; ich habe Verbündete gefunden und einen Grund, warum ich unter allen Umständen nach Hoelbrak zurückkommen muss – ich will dich zu meiner Frau machen!“, hauchte er ihr ins Ohr.
Sie starrte ihn erst verwundert, dann traurig an und erwiderte: „Dazu musst du wissen, wer ich in Wirklichkeit bin … Mein vollständiger Name lautet Kadlin Knutsdottir. Ich bin seine uneheliche Tochter, die er vor der Welt versteckt gehalten hat … Das Untergeschoss der Großen Halle ist mein Quartier.“
Ric begann schallend zu lachen: „Dachtest du etwa, das ändere etwas meinem Entschluss? Wenn ich wiederkomme, werde ich nicht mehr der Bezwinger Issormir´s sein, sondern der Schrecken Jormag´s! Und wenn Knut dich mir nicht freiwillig zur Frau geben will, nehme ich dich mir trotzdem … bei den Klauen der Großen Bärin!“
In den folgenden Monaten verbreitete sich die Kunde über die Nachfolger der Gilde der »Klinge des Schicksal« über ganz Tyria. Ob im Maguuma-Dschungel, Ascalon, Kryta oder den Zittergipfeln – überall wurden die Geschichten von »Team Shiko« laut. Kadlin, die sich so oft sie konnte, aus der Großen Halle stahl, um beim Schrein der Großen Bärin für ihren Liebsten zu beten, hörte von den Schamanen, wie Ric Bärenklaue kurzzeitig zurückgekehrt war, um sich auf den Kampf gegen Jormag vorzubereiten. Mit dem Segen der Geister der Wildnis und seinen Kameraden war er vor einiger Zeit in die eisige Tundra aufgebrochen … Und nach Primordus und Kralkatorik war ein weiterer Alt-Drache unter ihnen gefallen. Doch diese Erlösung hatte gleichzeitig eine schattige Seite … Für Knut Weißbär war nun endlich der Moment gekommen, auf den er so viele Jahre hatte warten müssen – er konnte aus dem belastenden Schandfleck einen Gewinn erzielen, indem er Kadlin mit Sigfast verheiratete! Zurück in Hoelbrak wählte Besagte nicht den Weg zur geheimen Hintertür … zum ersten Mal in ihrem Leben schritt sie durch das riesengroße Eingangsportal aus Eichenholz und stieg die Treppe bis ins oberste Stockwerk der Großen Halle hinauf. Die Norn hatten keine Wachposten, trotzdem zögerte Kadlin für einen winzigen Moment – bis ihr Blick auf die Tätowierungen auf ihren Armen fiel. Die weißen, verschnörkelten Linien hatte sie sich nach Ric Bärenklaue´s Aufbruch stechen lassen. Mit einem kräftigen Stoß stieg sie die Tür zum Speicher auf. In der ersten Sekunde wurde Knut sehr blass, dann rot vor Zorn.
„Wie kannst du es wagen hierher zu kommen?! Hinaus! Sofort!“, brüllte er.
Eine nie gekannte Selbstsicherheit überkam Kadlin, als sie antwortete: „Nein, Vater. Ich werde nicht eher gehen, bis du mir zugehört hast.“
„Ich habe eigentlich gedacht, du hättest die Spielregeln verstanden …“, knurrte der alte Norn sichtlich unzufrieden, „Also, was willst du?“
Die Rothaarige holte tief Luft und erklärte ruhig: „Ich weigere mich Sigfast´s Frau zu werden. Es gibt jemanden, den ich liebe … und der mich liebt. Du willst, dass ich heirate, damit ich dir nicht mehr zur Last falle, nicht wahr, Vater? Gut, dein Wunsch soll mir recht sein … Der Name meines Verlobten lautet Ric Bärenklaue.“
„Soll das ein Scherz sein? Wieso sollte ein angesehener Krieger wie er, eine Bastard wie dich zur Frau haben wollen?“, machte sich Knut über sie lustig.
In genau diesem Augenblick öffnete sich die Tür und ein weiterer Besucher trat ein – es war tatsächlich Ric Bärenklaue! Kadlin stiegen die Tränen in die Augen. Wie viele Tage und Nächte hatte sie um sein Leben gebangt, war beinahe daran verzweifelt? Am liebsten hätte sie sich sofort in seine Arme geworfen, aber etwas hielt sie zurück.
Der »Schrecken Jormag´s«, wie ihn die Norn in ihren Erzählungen nannten, verneigte sein Haupt kurz vor Knut und sagte: „Verzeih´ mein ungebetenes Eindringen. Ich möchte dir von dem Erfolg meiner Jagd als Mitglied von Team Shiko berichten … und in der Hoffnung meine Taten genügen, dich um die Hand deiner Tochter bitten.“
Knut starrte den Schwarzhaarigen fassungslos an. Dieser Junge war zu einer bedrohlichen Gefahr geworden … nicht nur durch seine Ausbildung bei Eir Stegalkin war er in aller Munde, warum nur war er nicht wie die anderen Wagemutigen bei dem Versuch gegen Jormag anzutreten ums Leben gekommen? Sollte er jemals nach der Macht der Großen Halle greifen, hätte Skarti keine Chance …
„Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, junger Freund – Kadlin ist bereits versprochen.“, redete er sich hastig heraus.
Ein schiefes Grinsen legte sich auf Ric Bärenklaue´s Gesicht, während er entgegnete: „Um es noch einmal deutlicher zu sagen … Kadlin´s Unschuld gehört mir bereits und ich bin gern bereit, um sie zu kämpfen, wenn du es wünschst!“
Der Herrscher der Großen Halle bedachte seine Tochter mit einem abfälligen Blick. Genau wie ihre Mutter besaß sie keinerlei Ehre und Anstand! Vielleicht sollte er besser froh sein, sie vollends los zu sein … schließlich würde sie so aus seinem Stammbaum verschwinden.
„Du hast gewonnen … unter einer Bedingung.“, antwortete Knut entschieden, „Schwöre mir bei den Geistern der Wildnis, dass ich deine und ihre Visage nie wieder zu Gesicht bekomme!“
Erschrocken packte Kadlin Ric Bärenklaue´s Arm, um ihn davon abzuhalten, sich auf den Handel einzulassen – wenn man es überhaupt so bezeichnen konnte.
„Wenn das der Preis ist, den du für die Frau, die ich liebe, forderst … Trotzdem kannst du mich nicht gänzlich aus Hoelbrak vertreiben – dafür bleiben wir der Großen Halle nach Möglichkeit fern!“
Knut spuckte aus, bevor er nickte. Ric Bärenklaue griff nach Kadlin´s Hand und führte sie hinaus – weg von diesem Mann, der sie so sehr hasste. Hinein in eine glückliche Zukunft an seiner Seite …
Manchmal kommt einem das Leben wie ein Fluch vor … Es hat keinen Sinn, dreht sich nur im Kreis – von einer Qual in das nächste Leiden. Und gleichzeitig kann man nicht loslassen … Wir werden nicht gefragt, ob wir auf die Welt kommen wollen, doch für jeden hält das Leben etwas bereit … eine Aufgabe, eine Begegnung. So stellen wir irgendwann fest, dass das Leben doch auf irgendeine Art schön ist und wir froh sind am Leben zu sein!
Für Kadlin Knutsdottir war das Leben eine Bürde – und sie wusste nicht einmal, warum. Wie muss das sein, wenn ein Vater sein Kind so abgrundtief hassen kann? Leiden im Endeffekt nicht beide darunter? Manchmal braucht es mehr als nur Mut … Freundlichkeit, Mitgefühl … denn Liebe entspringt nicht nur einer einzigen Empfindung.
Erzählung 11: Das Schicksal einer Charr
Seit die Menschen auf Erden wandeln führen sie Krieg gegen die Charr ... Doch die wahre Tragödie spielte sich in Ascalon ab – zuerst verwandelte das Große Feuer das wunderschöne Königreich in Asche, dann verflucht das Feindfeuer die letzten Überlebenden.
Bedeutende Vorfahren
Als Nachfahre des legendären Brandor Grimmflamm und seiner Enkelin Kalla Flammenklinge lastete ein gewisser Erwartungswert auf den Schultern von Vallus Grimmähne. In der Blut-Legion erwies er sich als begabter Gladiator – was er nicht zuletzt seinem Bruder, Kampfgefährten und Truppmitglied Sesric Grimmauge zu verdanken hatte. Beide gehörten zu der Kategorie Charr, welche die Flammen-Schamanen verabscheuten und die unaufhörlichen Auseinandersetzungen mit den Menschen für verschwendete Leben hielten. So kam es, dass Vallus Grimmmähne seiner Tochter einen ganz besonderen, sehr ungewöhnlichen Namen – zumindest aus Sicht seines Volkes – gab … Gwen, benannt nach einer Heldin der Menschen, die als Kind Gefangene der Charr gewesen war und mit ihrem Mann Keiran Thackeray die Leitung der Ebon-Vorhut übernommen hatte, als König Adelberg sie nach Ascalon zurückbeorderte. Wie üblich überließ er sie zur Erziehung jenem Fahrar, in dem auch er und sein Bruder ausgebildet worden waren. Dort sollte aus Gwen und den anderen Jungen eine eingeschworene Kriegsschar werden. Doch stattdessen erwarteten Gwen Jahre voller Spott – denn ihr Vater verließ seinen Trupp, macht sich selbst zu einem ausgestoßenen Gladium! Nur wenige hielten in der Gruppen von gut dreißig jungen Welpen zu ihr – Maverick, Euryale, Winzling, Reeva und vor allem Klauensporn. Den kräftig gebauten Charr mit dem leuchtend orangebraunen Fell, der einem furchterregenden Löwen ähnelte. Ihn hatte Gwen vom ersten Tag an gemocht …
Valus und Sesric hatten sich am Fuß der Treppe von ihr verabschiedet. Von ihrer Mutter wusste sie nicht mehr, als dass sie einen Tag nach dem Wurf verschwunden war. Aber selbst wenn sie das nicht getan hätte – die Ausbildung im Fahrar war unumgänglich … Kein Charr bildete seine Kinder selbst aus. Gwen stieg die erste Stufe hinauf, dann die nächste, immer weiter. Sie wollte eine ebenso anerkannte Soldatin werden, wie es ihr Vater war; jemand, auf den er und ihre Vorfahren stolz sein konnte. Deshalb musste sie jetzt mutig …
„Was ist denn das?“, fragte einer der Welpen, der sie zuerst gesehen hatte, „Ein verängstigtes Kätzchen?“
Sie stand da, eine Hand weiterhin an das Geländer geklammert, den Blick zum Boden gerichtet, vollkommen planlos. Und ja verdammt, die Trennung von ihrer Familie setzte ihr zu!
Der Junge wollte auf sie zugehen, da packte ihn ein anderer und knurrte: „Lass´ sie gefälligst in Ruhe! Wir waren alle mal neu hier – oder hast du schon vergessen, wie du dir in der ersten Nacht die Augen ausgeheult hast?“
Er riss sich von dem jungen Charr los und zog sich zum Rest der Gruppe zurück.
Ihr Retter dagegen hielt Gwen die Pfote entgegen und sagte: „Willkommen, Neuling. Mich nennt man Klauensporn.“
„Gwen.“, antwortete sie und räusperte sich verlegen.
Von diesem Tag an war Klauensporn nicht nur ihr bester Freund gewesen, sondern wollte auch unbedingt ihren Beschützer spielen. Und Gwen begriff, warum das System ihres Volkes so gut funktionierte – ihr Trupp bedeutete ihr alles! Jeder von ihnen war ein Teil ihrer Familie, den sie nicht mehr missen wollte. Blieb nur noch die Frage zu klären, wer den Trupp anführen sollte …
„Ich bin der Stärkste von uns!“, prahlte Maverick, der bereits im Fahrar als exzellenter Krieger galt.
Klauensporn hielt natürlich sofort dagegen: „Als ob ich mir von dir etwas vorschreiben lassen würde – dein Ego ist doch größer als die ganze Schwarze Zitadelle!“
Euryale schüttelte den Kopf: „Wir können keinen von euch beiden Machos gebrauchen.“
„Da muss ich ihr zustimmen.“, meinte Reeva, während sie unablässig mit ihrem Schraubenschlüssel spielte, „Es sollte jemand sein, der uns alle versteht … Versteht das nicht falsch, Leute, ich würde jedem von euch mein Leben blind anvertrauen, aber was strategisches Denken und Taktik angeht, nun ja, sagen wir, da liegen wir nicht alle auf einer Höhe.“
Schließlich machte Winzling, ein kleinwüchsiger Wächter, den entscheidenden Vorschlag, obwohl er für gewöhnlich nicht der hellste zu sein schien: „Ich bin für Gwen.“
„Ich?!“, stieß die Nekromantin überrascht aus, „A-Aber was werden die anderen davon halten?“
Der Waldläufer legte ihr die Hand um die Schulter und lachte: „Was soll uns das schon interessieren? Der Kleine hat ja recht!“
Die weißen Flecken in ihrem Gesicht färbte sich leicht rot, als sie erwiderte: „Danke, Klaue … Ich schwöre euch, ihr könnt euch auf mich verlassen!“
„Also dann, Chef, welcher Legion sollen wir uns morgen anschließen?“, wollte Maverick wissen.
Gwen Grimmpfote schwieg einen Augenblick. Sie musste die Talente aller Mitglieder genau abwiegen, bevor sie eine Entscheidung traf … Reeva wäre natürlich prädestiniert für die Eisen-Legion, aber leider war sie auch die einige. Blut würde Maverick am ehesten zusagen. Trotzdem gab es eine Legion, die keinen von ihnen benachteiligte – Asche.
Als sechsköpfiger Charrtrupp zählten sie zu einer Minderheit, die auf kleine Gruppengröße setzten – doch in der Asche-Legion kam ihnen es ihnen bei Spionage-Aufträge oder Erkundungstouren zugute. Die Erfolgsquote der äschernen Grimm-Kriegsschar lag nach einem Jahr bei vollen einhundert Prozent. Grund genug für Imperator Malice Schwertschatten sie auf Empfehlung von Tribun Torga Wüstengrab trotz ihres jungen Alters mit einer Klasse S-Mission zu betrauen. Gwen Grimmpfote wurde zu ihr in den Imperator-Kern eingeladen – Klauensporn begleitete sie als Sekundant.
„Antreten, Legionär!“, begrüßte sie imposant wirkende Charr, „Ich denke, du bist über die jüngsten Ereignisse im Bilde, was die Verhandlungen zwischen uns und der Königin der Menschen betreffen. Viele ausgezeichnete Soldaten haben die Hoch-Legionen verlassen … und sich der Flammen-Legion angeschlossen, weil sie einen möglichen … Frieden mit den Menschen nicht akzeptieren wollen."
Gwen Grimmpfote senkte den Blick zu Boden. Ihr war aufgefallen, dass wenigen Soldaten durch die Gebiete patrouillierten.
„In einer Woche trifft sich ein Vertreter von Smodur mit einem krytanischen Minister bei der Gipfelspitze, Nahe Ebonfalke.“, fuhr die Imperator fort, „Ich gehe stark davon aus, dass dies kein friedliches Zusammentreffen wird – nicht solange der Aufrührer der Abtrünnigen am Leben ist. Die Mission hat allerhöchste Wichtigkeit! Der Friedensvertrag wird über unser aller Zukunft entscheiden! Ich habe daher sehr gründlich darüber nachgedacht, wen ich damit betrauen könnte … und meine Wahl ist auf dich und deinen Trupp gefallen, Gwen Grimmpfote.“
Ihre leuchtend grünen Augen weiteten sich, Klauensporn sog hörbar die Luft ein.
„Ich würde dir allerdings noch gern einen weiteren Krieger zur Unterstützung mitgeben … Aufgrund der gravierenden Bedrohung durch die Drachen wollen wir nicht nur mit den Menschen Frieden schließen … Es kam auch zu einem Waffenstillstand mit den Norn – und als sichtbares Zeichen einer ernsthaften Zusammenarbeit stellen sie uns einen ihrer Kämpfer zur Verfügung.“, erklärte sie mit undefinierbarem Unterton.
Diese Nachricht überraschte Gwen Grimmpfote. Ihr Volk galt für gewöhnlich als noch kriegerischer als die Norn. Und dann gleich zwei Feinde weniger? Nein … so ganz stimmte das nicht – es gab nur gefährlichere Feinde. Die Alt-Drachen waren das grauenhafteste, was Tyria jemals gesehen hatte!
„Nimmst du den Auftrag an, Legionär?“, fragte Malice Schwertschatten ernst.
Die Charr salutierte mit stolz geschwellter Brust und antwortete: „Ja, Sir! Jawohl, Sir! Wir werden die Verräter zur Strecke bringen und die Vertragsverhandlungen schützen!“
„Das ist die richtige Einstellung! Wirklich, Imperator, sehr interessant Euer Kätzchen.“, polterte eine laute, männliche Stimme in den Raum.
Klauensporn fuhr sofort mit ausgefahrenen Krallen herum, während Gwen Grimmpfote ihn nur ruhig musterte.
„Mein Name ist Ric Bärenklaue! Ich freue mich schon darauf mit euch ein paar Gegner auseinanderzunehmen!“, meinte der Norn mit einem breiten Grinsen.
Gwen Grimmpfote schlug ein zum Kriegergruß und erwiderte: „Ebenso, Kamerad.“
Das gut ausgelegte Portalnetz kam dem Kriegstrupp zugute – von der Schwarzen Zitadelle aus, ging es über Löwenstein nach Götterfels und von dort gelangten sie nach Ebenfalke. In der Hauptstadt der Menschen waren einige vor ihnen zurückgeschreckt, hatten mit großen Augen jeden ihrer Schritte verfolgt. Die Festung der Ebon-Vorhut war dagegen ein ganz anderes Kaliber … Bereits am Portal wurden sie von einer zwanzigköpfigen Einheit in Empfang genommen; jeder von ihnen schwer bewaffnet. Genauso wie die Wachen auf den Wällen und Wehrtürmen. Klauensporn hatte insbesondere Maverick eingeschärft hier kein falsches Wort zu verlieren, wenn er ihnen keinen Kugel- und Pfeilhagel einbringen wollte. Gwen Grimmpfote ging voraus. Ihr Blick wanderte unablässig von einem Soldaten zum nächsten. Hass stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie kannten ihr Volk eben nur von den unablässigen Angriffen und als Mörder ihrer Freunde …
„Ich glaube nicht, dass eine einfache Vertragsunterzeichnung diesen Zorn besänftigen kann … Ihre Herzen brennen vor Wut.“, flüsterte Ric Bärenklaue so leise, dass nur die Nekromantin ihn hören konnte.
Und sie musste ihm recht geben. Es gab nur einen Grund, warum sie ihre Anwesenheit duldeten – weil ihre Königin es befohlen hatte. Der Kommandant von Ebonfalke, Wade Samuelsson war zwar ein großer Befürworter der Friedensverhandlung, aber ob sein Wort genügt hätte? Es hatte ja nicht einmal das Wort der Charr-Imperatoren genügt … und für sie war die Legion, der Trupp wichtiger als das eigene Leben. Wenigstens hatte die Eben-Vorhut ihnen verraten, wo das Lager der Abtrünnigen lag, so konnten sich die Sucherei sparen und den Feind direkt angreifen. Maverick und Ric Bärenklaue wetteiferten darum, wer mehr Gegner platt machte – Reeva, Euryale und Winzling sicherten derweil das Gelände. Gwen Grimmpfote und Klauensporn kümmerten sich den Befehlshaber. Wobei »kümmern« hierbei bedeutete, dass sie von ihm Information bezüglich der Abtrünnigen wollten. Später konnte Gwen Grimmpfote nicht mehr sagen, was diesem Feigling von Charr mehr Angst eingejagt hatte – ihre wütenden Truppmitglieder oder die untoten Diener.
„Tötet mich nicht! Ich sage euch alles, was ihr wissen wollt!“, flehte er jämmerlich, „Unser Anführer heißt Ajax Ambossbrand. Er hält sich in einem Höhlensystem westlich von hier auf – zusammen mit seiner Streitmacht. Sie wollen den krytanischen Minister auf dem Weg zur Gipfelspitze überfallen und die Schuld der Eisen-Legion zuschreiben.“
Die Entscheidung fiel der Nekromantin nicht leicht, doch sie ließ ihn laufen.
„Du weißt, dass er seinen Boss warnen wird, nicht wahr, Kätzchen?“, fragte der Norn-Krieger mit hochgezogener Augenbraue.
Sie seufzte, bevor sie entgegnete: „Ich weiß. Aber er hat doch schon seine Kameraden verloren … das ist Leid genug. Und sollte er sich uns beim Überfall in den Weg stellen, werde ich ihn nicht noch einmal begnadigen!“
Das Versteck zu finden, war für die feinen Nasen der Charr kein Problem – Schießpulver und ein unverkennbarer Geruch, der allen Flammen-Anhängern anhaftete, führte sie auf direktem Weg dorthin.
„Wenn wir da einfach reinmarschieren, sind wir sofort tot.“, bemerkte die Ingenieurin teils erstaunt, teils beeindruckt, „Es ist alles vermint und wahrscheinlich haben sie noch weitere Fallen im Innern.“
Gwen Grimmpfote konzentrierte sich auf die nekrotische Energie und zischte genervt: „Es wird ein Weilchen dauern, bis ich das Gebiet gesäubert habe.“
Um sie herum erschienen plötzlich vier Knochenschrecks, zwei Knochenteufel und ein Fleischgolem. Einen nach dem anderen schickte sie den Durchgang entlang. Ein Feuerwerk an Explosionen ließ das Gestein erbeben. Rasch beschwor sie neue Diener herauf und so arbeiteten sie sich immer weiter, bis der Weg stetig breiter und die Hindernissen weniger wurden.
„Wir nähern uns ihrem Zentrum … Ich spüre eine große Anzahl Auren.“, kam es von der Elementarmagierin.
Nachdem die Nekromantin ihr Kontingent an kontrollierbaren Kreaturen wieder aufgefüllt hatte, schärfte sie ihnen ein: „Vergesst nicht, wir sind eine Einheit!“
Der Charr-Krieger lachte amüsiert: „Du tust grad so, als wären wir erst seit einer Woche im Fahrar, Chef!“
Alle lachten über diesen spitzen Kommentar, bevor der tödliche Ernst wieder in ihre Züge trat und sie ihre Waffen zückten. Die Hitze im Innern der Höhle war beinahe unerträglich – wenn man nicht zur Flammen-Legion gehörte. Das Gestein spie einen unablässigen Strom an Lava aus. Überall klirrte das Metall gezogener Schwerter und Befehle wurden gebellt. Sofort marschierte die erste Welle an Gegnern auf sie zu. Ric Bärenklue richtete mit seinen beiden Schwertern ein wahres Massaker an – es blieb nur ein Haufen zerstückelte Leichen von ihnen zurück. Euryale kümmerte sich um das Entzünden der Überreste; seit Zhaitan´s Aufstieg war das zu einer unausgesprochene Regel geworden.
Plötzlich fächerten sich die Feinde auf, sodass so etwas wie ein Durchgang entstand, und sie gaben den Blick auf einen hochgewachsenen Charr mit braunem Fell frei. Ein dunkles Funkeln lag in seinen Augen.
„Du bist Ajax Ambossbrand, nicht wahr?“, sprach Gwen Grimmpfote ihn an, „Ich hörte, du willst die kleine Party an der Gipfelspitze platzen lassen.“
Ein wütendes Knurren verließ seine Kehle: „Aber vorher werde ich dich und deine kleine Kampftruppe auseinandernehmen, Weib!“
„Das heißt, du stellst dich mir wirklich zum Kampf? Ich hatte schon befürchtet, du würdest deinen Schwanz genauso einziehen wie deine Kumpane, die keinen Mumm haben gegen ein Weibchen anzutreten!“, entgegnete die Nekromantin bissig, dann wandte sie sich an den Norn, „Leih´ mir mal eine Waffen, Kamerad.“
Er warf ihr die Axt eines Gefallenenzu, die sie geschickt auffing und drohend in Ajax Richtung hielt. Er trat ihr mit einem Streitkolben entgegen, der sich gut dafür eignete, scharfe Klingen abzufangen. Dadurch kam Gwen Grimmpfote nicht nah genug an ihn heran, um einen verwundeten Hieb zu landen. Sie war so auf das Geschehen konzentriert, dass sie nicht mehr auf die übrigen Mitglieder der Flammen-Legion achtete, beziehungsweise genug mit Ajax zu tun hatte. Auf einem kleinen Felsvorsprung lauerte ein Bogenschütze und zielte genau auf sie. Der Pfeil surrte, sauste durch die heiße Luft – doch er traf nicht sein ausgewähltes Ziel. Die Legionär wusste im ersten Moment nicht, was geschehen war; jemand hatte sie zur Seite gestoßen und sie war hart auf dem Boden gelandet. Schockiert starrte sie auf jene Stelle, an der sie eben noch gestanden hatte – dort kauerte Klauensporn. Ein Pfeil lag neben ihm auf dem Boden und er ächzte vor Schmerz. Die Spitze hatte sein linkes Auge gestreift. Sein Anblick löste eine unglaubliche Wut in Gwen Grimmpfote aus. Die Axt fiel scheppernd zu Boden. Eine schattige Wolke hüllte die Nekromantin ein, verlieh ihr ein furchteinflößendes Äußeres.
„Ich bin der leibhaftige Tod!“, schrie Gwen Grimmpfote, die in der Spektralform des Todesschleiers auf Ajax Ambossbrand zustürmte.
Mit giftgrünen Klauen zerfetzte sie seine Brust. Unablässig schlug sie auf ihn ein, getrieben von Zorn und Hass. Als sein Herz aufhörte zu schlagen, ließ sie den übrig gebliebenen Fleischklumpen fallen und fuhr die Reihen seiner Anhänger. Nicht einer überlebte ihren Angriff.
„Gwen … hör´ auf! Es ist genug …“, kam es schwach von Klauensporn, der seine Tatze nach ihr ausstreckte.
Seine Stimme drang in ihren Kopf ein, rüttelte sie wach. Der grün-schwarze Nebel verzog sich, Gwen Grimmpfote brach in die Knie und stützte sich schwer auf den Pranken auf. Keuchender Atem und schweißnasses Fell zeugten von ihrer Erschöpfung. Dann verlor sie das Bewusstsein.
Beinahe drei Tage lang schwebte Gwen Grimmpfote zwischen Leben und Tod. Zu nah war sie der Schwelle zu den Nebeln gekommen. Aber auch Klauensporn erholte sich nur langsam – zwar war der Pfeil nicht eingedrungen, doch sein Augenlicht war verloren. Das hinderte ihn allerdings genauso wenig wie den Rest ihres Trupps anm Lager ihrer Legionär zu wachen. Aber es gab noch jemanden, der ungeduldig auf ihre Genesung wartete – Tribun Rytlock Brimstone, eine echte Legende ihres Volkes. Und so kam es, dass sich Gwen Grimmpfote am Morgen des vierten Tages gleich in seinem Quartier meldete.
„Was hältst du von den Aktivitäten der Abtrünnigen?“, wollte die eindrucksvolle Gestalt Rytlock´s als erstes wissen.
Die Nekromantin dachte einen Moment über die Frage nach, bevor sie erklärte: „Sie sind … beunruhigend. Nicht nur dass die Anhänger der Flammen-Legion stetig zahlreicher werden und den greifbaren Frieden mit den Menschen gefährden-“
„Glaubst du denn ernsthaft an diesen Vertrag?“, unterbrach er sie barsch.
So langsam kam sich Gwen Grimmpfote wie in einem Verhör vor, antwortete aber dennoch gewissenhaft: „Nicht an einen lächerlichen Fetzen Papier … sondern an die Idee, die dahintersteckt. Es gibt weit schlimmere Feinde, als Menschen, Geister oder selbst die Verräter aus unseren eigenen Reihen. Versteh´ das nicht falsch, Tribun … Ich höre die Klagen der Toten und trauere um jedes unnötig beendete Leben. Deshalb kann ich einfach nicht verstehen, warum sich jemand gegen ein vereintes Tyria stellt.“
Der Krieger schwieg. Jeder Charr und im Grunde auch jedes andere Volk wusste, was die Klinge des Schicksal, dessen Teil er gewesen war, getan hatte – und beinahe geleistet hätte.
„Viele verschließen den Blick vor den Problemen der Welt und sehen nur sich selbst … Du nicht. Du hast die Bedrohung erkannt … genauso wie ich einst.“, kam es leise von Brimstone und er reichte ihr eine Schriftrolle, welche das Siegel der Asche-Legion trug.
Der Tribun hatte Antrag gestellt, dass Gwen Grimmpfote nicht mehr unter Torga Wüstengrab dienen sollte – stattdessen wollte er ihr Befehlshaber sein! Und Malice Schwertschatten unterstützte diesen Wunsch … damit war es im Grunde bereits beschlossene Sache, ihre Antwort nur noch reine Formalität.
So hätte es zumindest sein sollen, denn Gwen Grimmpfote erwiderte ernst: „Verzeih´ mir, aber ich kann dem momentan nicht zustimmen. Wenn du meine Treue für dich willst, musst du meinen ganzen Trupp verpflichten – ohne sie bin ich nichts!“
Seine roten Augen funkelten bedrohlich, dann brach er in schallendes Gelächter aus: „Du hast wirklich Mumm, Legionär! Das ist gut, sehr gut! Und einer der Gründe, warum ich dich überhaupt erst abgeworben habe.“
Gwen Grimmpfote salutierte ergeben und schwor sich selbst, sein Vertrauen in sie nie zu enttäuschen.
Keiner der beiden hätte sich in diesem Augenblick träumen lassen, dass Gwen Grimmpfote und ihr neu gewonnener Freund Ric Bärenklaue schneller als gedacht Mitglieder eines Teams werden würden, das es mit den fünf Alt-Drachen aufnehmen konnte - dank Shikon Feenseele!
Erzählung 12: Das Schicksal einer Sylvari
Jedem Sylvari schenkt der Traum ein eigenes Schicksal ... zusammen mit den Erinnerungen und Erfahrungen ihres ganzen Volkes. Doch um sich der Wylden Jagd zu stellen, bedarf es mehr, als nur Wissen.
Vom Träumen und Erwachen
Sie spürte die Wärme des Mutterbaums, war mit ihr verbunden, lebte durch sie. Das Wissen der Sylvari strömte durch ihren Körper; die Geschichte Tyria´s, die Entstehung ihres Volkes und die Bedrohung, welche die Welt seit über zweihundert Jahren in ihrem eisernen Griff hält – die Alt-Drachen. Und schließlich senkte sich die letzte Phase des Traums der Träume über sie, welche ihre eigene Persönlichkeit erwachen ließ. Sie stand auf einem Hügel. Über ihr schimmerte der Vollmond als helle Scheibe, Sterne tanzten um ihn herum. Plötzlich schwappte ein gewaltiger Schatten über sie hinweg und zeigte die Silhouette eines Drachens … Fremde Schreie vermischten sich mit ihrer angsterfüllten Stimme. Da griff jemand nach ihrer Hand. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen, aber er war nicht allein – insgesamt drei hochgewachsene Gestalten und ein kleineres Wesen, das sich neben ihr zusammengekauerte, gaben ihr neue Hoffnung.
„Er wird Eure Wylde Jagd sein, wenn die Zeit für Euch gekommen ist.“, sprach die Stimme der Baummutter zu ihr, „Nun, erwachet … Tyria erwartet Euch!“
Die Blüte der blauen Frucht, in der sie geruht hatte, öffnete sich und gebar sie als neuen Setzling in die Welt hinein. Freude und Geborgenheit empfingen sie in der Omphalos-Kammer, dem heiligsten Ort des Hains – hier lebte die Personifikation des Blassen Baums.
„Willkommen, meine geliebte Tochter …“, begrüßte sie der Avatar, „Sprecht, wie ist Euer Name?“
Die Sylvari formte die Antwort in ihren Gedanken, dann fiel ihr ein, dass sie die Worte hier laut aussprechen musste, um verstanden zu werden: „Ull … Ull Rosenknospe.“
Ull Rosenknospe richtete ihren Blick zum Himmel. Ein ebenso schöner Vollmond wie in ihrem Traum erhellte den Himmel, begleitet von unzähligen kleinen Lichtpunkten. Der Zyklus, der Nacht genannt wurde … Sie konnte ihre Freude über diesen einzigartigen Anblick kaum im Zaum halten und so schaffte eine einzige Träne ihrer Selbstbeherrschung zu entfliehen. Kaum dass sie den Boden berührte, wuchs eine Rose empor und offenbarte einen Waldhund-Welpen.
„So etwas habe ich selten gesehen.“, meinte die Baummutter mit einem gütigen Lächeln, „Das Schicksal hat euch zusammengeführt … Ich stelle mich dem nicht in den Weg. Nehmt Tear mit auf Eure Reise und passt gut aufeinander auf!“
Ull Rosenknospe folgte ihrer Erinnerung aus dem Traum zu einer kreisrunden Lichtung im Caledon-Wald, der Zufluchtsort für neu erwachte Sylvari.
Malomedies, die Koryphäe der Nacht und Mitglied des Weisen Rates der zwölf Erstgeborenen, sprach sie an: „Kommt ruhig näher, Setzling. Die Sterne leuchten im Ereignis Eurer Geburt heute besonders hell ... Lasst Euch von ihnen inspirieren, wenn ihr den Weg Eurer Wylden Jagd wählt.“
Er breitete die Arme aus und wies auf acht Sockel, auf denen verschiedene Gegenstände lagen … ein Schwert, ein Bogen, ein Dolch, ein Ankh, eine Miene, ein Knochen, eine Maske und ein Edelstein – ein Symbol für jede Klasse. Ull Rosenknospe streckte die Hand in ihre Richtung aus, augenblicklich begann der Bogen zu glühen. Damit war eine neue Waldläuferin aus dem Volk der Sylvari geboren. Tear, die bislang auf der Schulter ihrer Herrin geschlafen hatte, regte sich und quiekte vergnügt. Ihr schien die Entscheidung auch zu gefallen.
„Ich habe Euch erwartet …“, sagte eine klare Stimme, die ihr vertraut erschien.
Eine schlanke Gestalt löste sich aus den Schatten. Man konnte eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden Sylvari erkennen. Und Ull Rosenknospe wusste aus den Erinnerungen des Traums auch genau, um wen es sich handelte – Caithe, eine der Erstgeborenen und Gründerin der Gilde »die Klinge des Schicksals«.
„Der Blasse Baum prophezeite mir, dass ich Euch irgendwann begegnen würde. Denn Ihr habt dieselbe Wylde Jagd erhalten, wie ich.“, erklärte die Diebin ehrfürchtig.
Von da an war das Schicksal von Ull Rosenknospe und Caithe miteinander verbunden – sie wurden zu wahren Schwestern im Traum.
Caithe brachte Ull Rosenknospe – und natürlich auch Tear – einige Wochen später in der Omphlos-Kammer, weil der Blasse Baum nach ihnen gerufen hatte. Doch dort waren sie nicht die einigen Besucher. Ein männlicher Sylvari mit moosgrünem Teint kniete bereits vor ihrem Avatar.
Die Waldläuferin erkannte ihn von hinten nicht, dafür aber ihre Schwester: „Trahearne! Ihr seid wieder im Hain …“
„Unsere Mutter hat nach mir gerufen …“, entgegnete er ernüchternd, „Und Ihr habt einen neuen Schützling? Es freut mich, dass Ihr wieder jemandem vertraut.“
Sie überging die Anspielung seine Anspielung und erklärte stattdessen: „Meine Schwester Ull … und ihre Gefährtin Tear.“
Trahearne´s Blick weitete sich. Es kam nur äußerst selten vor, dass derselbe Traum zwei oder mehr Sylvari geschenkt wurde. Selbst Ähnlichkeiten bei den Wylden Jagden waren schon besonders. Sein Blick wanderte zwischen den beiden Frauen hin und her.
Ull Rosenknospe verneigte sich respektvoll mit den Worten: „Es ist mir eine Ehre Euch kennenzulernen, Erstgeborener.“
Der Nekromant winkte ab. Er lebte weder im Hain, noch in dessen Nähe – darum galt er in seinem Volk als nicht sehr beliebt und hatte irgendwann angefangen sie ebenso zu meiden. Es war ihm unangenehm plötzlich wieder so höflich behandelt zu werden.
„Meine geliebten Kinder …“, sprach die Baummutter, während sie auf eine leuchtende Blume zu ihren Füßen zeigte, und löste damit die angespannte Situation, „Ich habe eine wichtige Aufgabe für Euch. Es geht um Riannoc … Er starb bei der Ausführung seiner Wylden Jagd, dem Kampf gegen einen mächtigen Lich. Caithe, Trahearne, Ihr erinnert euch sicher, dass ich damals eine Klinge aus meinen eigenen Dornen für ihn erschaffen habe. Doch seit seinem Tod ist es verschwunden … Ich bitte Euch, meine Kinder, zum Wohle ganz Tyria´s, bringt Caladbolg zurück!“
Zweifel lagen in Trahearn´s Stimme: „Aber wie sollen wir das Schwert finden?“
Ein Lächeln schlich sich auf Ull Rosenknospes Gesicht und sie sagte: „Caladbolg trägt die Energien von Riannoc und des Mutterbaums in sich … Das heißt, Tear wird es schaffen, es aufzuspüren!“
Sie gab ein kurzes Jaulen von sich, was von aufgeregtem Schwanzwedeln begleitet wurde. Dann ging sie zu der Blume, welche Riannoc´s Seele in sich barg, und schnüffelte daran. Es dauerte einige Minuten, bis sie anfing zu bellen. Die Waldläuferin nickte zufrieden und nahm ihren Jagdbogen von der Schulter.
Tear folgte der Spur Riannoc´s durch den Caledon-Wald, bis in den Leichenhof-Morast hinein; einem widerlichen Sumpf, der von Untoten nur so wimmelte. Traearne rief seine nekrotischen Diener, Caithe wurde zu einem tödlichen Schatten und Ull Rosenknospe brachte mit jedem Pfeil mindestens einen Tod. Nur die Waldhündin hielt sich aus dem Kampf raus; die Essenz hatte sie zu der Stelle geführt, an der Riannoc einst gefallen war – ein Blatt mit einem leuchtender Ornament markierte den Ort.
„Sie hat es wirklich gefunden …“, staunte Trahearne, nachdem alle Gegner aus dem Weg geräumt waren, „Nicht einmal die Baummutter wusste, wo seine Überreste liegen.“
Caithe streichelte Tear, während sie fragte: „Und Caladbolg?“
Sie schloss die Lider über ihren glänzend schwarzen Augen. Ull Rosenknospe tat es ihr nach, leitete ihre Energie durch das symbiotische Band in ihre Gefährtin, teilte deren Vision von einem Mann.
„Beim Blassen Baum!“, rief sie und brach in die Knie, „Ein Mensch – ein Mensch hat Caladbolg an sich genommen …“
Ihre Schwester stützte sie und antwortete finster: „Riannoc hatte einen menschlichen Knappen gewählt. Ich habe Gerüchte gehört, Waine würde bei Gladiatorenkämpfen nahe Löwenstein stets als Gewinner hervorgehen … Bislang dachte ich, er hätte einfach nur viel von Riannoc gelernt.“
„Dabei missbraucht er die einzige Waffe, die unsere Mutter jemals gefertigt hat!“, pflichtete der Nekromant ihr wütend bei.
Ull Rosenknospe verstärkte den Griff um ihren Bogen, als sie erklärte: „Wir werden ihn nicht davon kommenlassen! Ich habe einen Plan.“
„Schaffst du das auch?“, wollte sich Caithe vergewissern, „Das sind fast fünfhundert Meter.“
Die Waldläuferin grinste schief, bevor sie entgegnete: „Ich verfehle mein Ziel nicht! Und Tear wird das Signal geben, sobald das Ablenkungsmanöver funktioniert hat. Dann schlagen wir zu!“
Mit einem entschiedenen Nicken verschwand die Diebin. Im selben Moment betraten die beiden Krieger die Arena – einer von ihnen war Waine und er trug tatsächlich die gesuchte Waffe auf dem Rücken! Ull Rosenknospe legte sofort einen Pfeil an die Sehne, atmete tief ein und zielte.
Der Schiedsrichter verkündete die Namen der Kontrahenten, als auf einmal ein Tumult unter den Zuschauern losbrach – Geister, Phantome, Knochendiener und andere Ungetüme begannen unter ihnen zu wüten. Trahearne hatte sogar einen Fleischgolem beschworen. Die Menschen stürmten kreischend in alle Himmelsrichtungen davon und Tear´s Heulen hallte durch das Tal. Ull Rosenknospe ließ den Pfeil fliegen, der Waine´s Hinterkopf punktgenau durchbohrte. Caithe legte ihre Tarnung ab, nahm das Klinge des Blassen Baums an sich und zog sich genauso spurlos zurück, wie sie erschienen war.
„Wir haben Euren Auftrag ausgeführt, Mutterbaum.“, verkündete Trahearne und hielt Caladbolg stolz empor, „Aber ohne Ull und Tear hätten wir es nur schwerlich geschafft, wenn überhaupt.“
Der Avatar wirkte erheitert, als sie erwiderte: „Es kommt nicht oft vor, dass Ihr so voller Lob für andere seid, mein geliebter Sohn …“
Er räusperte sich verlegen und legte das Schwert zu ihren Füßen nieder.
„Sein Energielevel ist sehr niedrig. Es wird einige Tage dauern, bis Caladbolg seine wahre Stärke zurückerlangt hat. Doch wie ich Euch kenne, mein Sohn, wollt Ihr nicht im Hain Quartier beziehen, nicht wahr?“, meinte die Baummutter.
Verwirrt erwiderte der Nekromant daraufhin: „Wie meint Ihr das? Ich dachte, Ihr habt mich nur hierher bestellt, um die Klinge zurückzubringen.“
Ein glockenhelles Lachen erklang in der Omphalos-Kammer und sie erklärte voller Zuneigung: „Ich habe Möglichkeiten Eurer Zukunft gesehen. Eines ist sicher … Ihr könnt nicht länger nur studieren. Es wird Zeit für Euch die Feder wegzulegen und das Schwert zu ergreifen, um Eure Wylde Jagd zu erfüllen! Und dieses Schwert soll Caladbolg sein … Es wird Euch gute Dienste leisten und Euch in Orr beschützen.“
Ull Rosenknospe hatte beim Zugang des Caledon-Waldes auf den Erstgeborenen gewartet. Tear war vom Hunger getrieben bereits nach Hause gegangen.
„Verlasst Ihr uns jetzt wieder?“, sprach sie ihn an, „Caithe hat mir von Eurem Quest erzählt … Wisst Ihr, ich habe genau wie sie von einem Drachen geträumt und werde den Hain auch eines Tages verlassen müssen.“
Trahearne horchte auf – ihre Stimme klang so unglaublich traurig, dass er sie trösten wollte: „Ich bleibe noch einige Zeit. Deshalb … ich meine, hättet Ihr Lust morgen etwas mit mir zu unternehmen?“
Sofort hellte sich ihr Gesichtsausdruck auf und so kam es, dass der Erstgeborene sich ihr und Tear auf einer Tour durch den Caledon-Wald anschloss. Ull Rosenknospe setzte wieder ihre Schießkünste unter Beweis, zeigte Trahearne ihre Lieblingsorte und sie veranstalteten sogar ein kleines Wettschwimmen. Zum Abendessen gingen sie in Ull Rosenknospe´s Hütte, die auf einer kleinen Anhöhe nahe der Quetzal-Bucht stand. Anschließend legten sie sich auf das – für das Volk der Sylvari untypische – Flachdach, um den das Farbenspiel des Sonnenuntergangs zu beobachten.
Als die ersten Sternbilder aufblitzten, flüsterte die Waldläuferin: „Ich liebe all die nächtlichen Lichter …“
„Deshalb wollte ich den Tag mit Euch verbringen.“, erwiderte Trahearne, woraufhin sie ihn allerdings nur verständnislos anschaute, „Ich werde in ein Land reisen, in dem es keine Hoffnung gibt … Eine Welt, die Zhaitan frei nach seinem Willen geformt hat – dort regiert in jedem Winkel der Tod. Ihr dagegen sprüht vor Leben! Ich wollte die Welt so sehen, wie Ihr es tut … um daraus Inspiration und Kraft zu schöpfen.“
Ull Rosenknospe richtete ihren Blick wieder zum Firmament, während sie antwortete: „Dann hoffe ich, ich konnte Euch behilflich genug sein.“
„Oh ja …“, bestätigte er und nahm ihre Hand.
Die nächsten Tage flogen regelrecht an ihnen vorbei. Den größten Teil des Tages trainierten Ull Rosenknospe und Tear, während Trahearne Schriftstücke las, die er noch nicht kannte. Abends saßen sie zusammen, aßen gemeinsam und die Bogenschützin löcherte ihren Besucher mit Fragen über die Alt-Drachen.
Eines Morgens verließ die Waldläuferin die Hütte in Begleitung von Tear bereits vor Sonnenaufgang. Sie rannte nur durch den Wald, ohne ein Ziel vor Augen zu haben; sie wollte weder jagen, noch ging es ihr ums Training. Als ihre Beine so sehr schmerzten, dass sie einknickten, sah die Waldhündin sie mit schief gelegtem Kopf an.
„Ich weiß doch selbst nicht, wovor ich davonlaufe!“, begehrte Ull Rosenknospe auf, was jedoch ein vorwurfsvolles Bellen nach sich zog, „Du hast ja recht. Aber was soll ich denn tun?“
Tear machte einige Schritte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Die Sylvari seufzte ergeben und folgte ihr zurück in die Hütte. Dort erwartete sie allerdings ein Anblick, auf den sie absolut nicht vorbereitet war – Trahearne trug Caladbolg auf dem Rücken und eine lederne Tasche hing über seiner Schulter. Im ersten Moment wirkte er überrascht, dann melancholisch.
Ull Rosenknospe schluckte schwer, bevor sie zu sprechen begann: „Es ist soweit … Ihr geht nach Orr.“
„Ja. Und diesmal kehre ich erst zurück, wenn meine Wylde Jagd beendet ist.“, antwortete der Erstgeborene mit einer nie gekannten Entschlossenheit, „Ich habe mich so oft gefragt, warum ausgerechnet ich eine derart unlösbare Aufgabe erhalten habe … Seit ich Euch kenne, denke ich anders darüber. Der Mutterbaum hat uns ausgewählt, weil es nur für uns nicht unmöglich ist! Endlich habe ich Hoffnung – Hoffnung für Orr! Dafür danke ich Euch …“
Ein kurzes Schweigen legte sich über sie. Trahearne hatte recht … Sie musste denselben Mut aufbringen, wie er. Der Mutterbaum vertraute darauf, dass Ull Rosenknospe sich dem Alt-Drachen aus ihrem Traum stellte und bezwang.
Leise fragte sie: „Werde ich Euch wiedersehen, Trahearne?“
Die Worte des Blassen Baums klangen wieder in seinen Ohren, als sie ihm Caladbolg am Morgen gegeben hatte: „Ich sehe eine Veränderung in Euch, mein Sohn … Euer Herz hat sich gewandelt. Und mein Gefühl sagt mir, ihr kennt die Ursache dafür … Ist es nicht so?“
„Selbst wenn unsere Wege uns nicht mehr zueinander führen würden, mein Herz wird es tun.“, antwortete er lächelnd und griff nach der Hand, welche er in jener Nacht gehalten hatte, „Ull … Ihr seid meine Liebe!“
Die Berührung brach viel zu abrupt ab. Sie blinzelte heftig, wollte seinen Namen rufen – doch Trahearne war bereits verschwunden. Ull Rosenknospe bückte sich und drückte die Blätter, welche der kleine Wirbelsturm zurückgelassen hatte, fest an ihre Brust.
Kurz nach Trahearne´s Abreise ließ auch Ull Rosenknospe den Hain hinter sich – doch sie reiste nicht nur mit Tear, sondern wurde ein Teil von »Team Shiko«; welches angeführt von Shikon Feenseele gegen die Alt-Drachen zog. Im Verlauf dieser Reise erfüllte die junge Sylvari ihre Wylde Jagd, indem sie den Wasserdrachen Mélyten bezwang. Sie traf sogar wieder auf Trehearne, genau wie sie es sich gewünscht hatte, als dieser zur Quelle von Orr vordringen wollte. Mit dem Versprechen sich irgendwann und irgendwie gemeinsam im Hain zu leben, trennten sich ihre Wege allerdings erneut. Nachdem der übermächtige Zhaitan durch die Zusammenarbeit von Team Shiko, der Klinge des Schicksals und des vereinten Pakts gefallen war, erwachte jedoch der sechste Alt-Drache im Maguuma-Dschungel. Und als wäre diese Tatsache nicht schrecklich genug, mussten die Verbündeten sein Geheimnis ohne ihre im Kampf gefallene Anführerin lüften und in ihm den Wächter von Tyria erkennen. Während dieser Zeit wusste niemand etwas über den Verbleib der Helden … Waren sie gemeinsam mit Orr untergegangen? Hatten sie sich retten können? Aber warum waren sie dann verschwunden? All diese Fragen bereiteten vor allem dem heimgekehrten Trahearne Kummer. Jeden Tag ging er für viele Stunden in die Omphalos-Kammer, um zum Geist des Blassen Baums zu beten und wartete dort auf ein Zeichen von Ull Rosenknospe – doch weder konnte der Mutterbaum sie spüren noch kehrte ihre Seele als Blume in den Hain zurück.
„Ich wünschte so sehr, Ihr könntet sie in Eurer Vision sehen.“, flüsterte der Nekromant niedergeschlagen.
Ein sanftes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Avatars und sie erwiderte: „Der Traum zeigt mir zwar keine Bilder von Ull … aber ich kann sie dennoch sehen.“
„Wo-Wovon sprecht Ihr?“, wollte er verwirrt wissen.
Sein Blick folgte ihrem Fingerzeig zum Zugang des Heiligtums. Dort stand eine Sylvari mit dunkelblauem Blatthaar … Sie hatte zwei Bögen über den Schultern, der Köcher hing an ihrer Hüfte und sie war in Begleitung eines Waldhundes.
„Ull …“, hauchte der Erstgeborene vollkommen überwältigt.
Sofort kam Bewegung in die Waldläuferin. Sie sprang Trahearne entgegen und drückte sich fest an ihn. Er schloss die Arme um sie, atmete tief ihren Duft nach Wald und Rosen ein.
Ull Rosenknospe löste sich von Trahearne, um vor dem Mutterbaum niederzuknien, und erklärte: „Verehrte Baummutter, ich melde mich von meiner Wylden Jagd zurück …“
Der Blasse Baum hob die Hand, um ihr Einhalt zu gebieten: „Warte, meine geliebte Tochter … Ich war sehr in Sorge um dich und erwarte deinen Bericht mit Spannung. Doch zuvor solltest du Trahearne von deinen Erlebnissen erzählen – die Ungewissheit über dein Schicksal hat ihm viel Schmerz bereitet.“
Dankbarkeit flutete durch Ull Rosenknospe´s Körper und sie verbeugte sich zum Abschied. Kaum hatte sie im Hinausgehen Trahearne´s Hand ergriffen, begann er zu rennen. Sie konnten es beide nicht erwarten, in der Hütte anzukommen, sich auf das Flachdach zu legen und sich gegenseitig von ihren Abenteuern zu berichten.
Liebe ist etwas Reines ... Liebe ist Sehsucht, Erfüllung und auch Schmerz. Liebe heißt zu warten und zu hoffen.
Trahearnes Leben war von dem Fluch, eine scheinbar unmögliche Aufgabe erfüllen zu müssen, belastet. Er mied die Gesellschaft seines Volkes, um nicht ihrem Mitleid ausgesetzt zu sein und niemanden an sich zu binden, den er hätte enttäuschen können. Erst die Begegnung mit Ull Rosenkospe weckte in ihm den Wunsch erfolgreich zu sein ... Denn sie ist seine Liebe!
Erzählung 13: Das Schicksal eines Widergängers
In Tyria macht sich die Herrschaft der Alt-Drachen breit. Es gibt kein Volk, welches nicht unter ihnen zu leiden – so mussten die Asura ihre unterirdische Heimat verlassen und leben in ständiger Bedrohung durch die Zerstörer, die Drachenverderbnis von Primordus … Doch auch in den kleinsten Wesen brennt die Flamme des Widerstandes!
Leben oder sterben
Wer sich in Rata Sum nicht auskannte, mochte sich auf den zahlreichen Etagen, vielfältigen Gassen und schier unzähligen Laboratorien rettungslos verloren. Und über diese Stadt voller Wissensdurst regierte der sogenannte »Arkane Rat« – mehr oder weniger korrupt, mehr oder weniger ernsthaft. Dennoch galt es ihrem Wort zu folgen – selbst wenn sie eine merkwürdige Entscheidung trafen, wie etwa einen Asura aus dem Dynamik-Kolleg herauszunehmen und einer neuen Kru einer anderen Abteilung zuzuweisen. So machte sich Lucc, ein beinahe weißhäutiger Jungspund mit blutroten Augen auf dem Weg zur diesjährigen Gewinnerin des Snaff-Preises. Kaum hatte er sich bei ihr vorgestellt, musste er jedoch bereits an ihrem Titel »Denkerin« zweifeln …
„Wiederholt das!“, verlangte Ganda, seine neue Anführerin in geschockter Tonlage.
Eigentlich hätte Lucc nicht gedacht, dass er in Gegenwart einer als so talentiert geltenden Asura etwas würde zweimal erklären müssen – nichtsdestotrotz verlas er erneut das mitgebrachte Schriftstück vor, welches das Siegel des Arkanen Rates trug: „Hiermit wird Lucc – das bin ich – vom Kolleg der Dynamik zur Synergetik versetzt. Im Zuge dessen soll er der Kru von Ganda zugeteilt werden, um diese wieder aufzufüllen.“
„>Wieder aufzufüllen<?! Ich glaub´ das ja nicht!“, entgegnete die Ingenieurin wütend und schlug mit der Hand auf ihren Schreibtisch.
Der Ausbruch erweckte Mitleid in ihm und er hakte nach: „Ihr … habt einen der Euren verloren?“
Ganda nahm einen tiefen Atemzug, bevor sie erwiderte: „Er wurde umgebracht, von der Inquestur! Erwartet also nicht, dass Ihr offenherzig von uns empfangen werdet – der Verlust ist noch zu frisch.“
Beim diesjährigen Snaff-Wettbewerb, welchen Zojja zu Ehren ihres verstorbenen Lehrmeisters ausrichtete, war es zu einem verhängnisvollen Zwischenfall gekommen – die Inquestur hatte nicht nur behauptet, die Pläne für Ganda´s Unendlichkeitsball entwickelt zu haben … sie waren in ihre Werkstatt eingebrochen, hatten ihren dort verbliebenen Kameraden getötet und die Blauphasen als ihre eigenen ausgegeben. Dieser Teil konnte zwar vereitelt werden, doch außer dem Ausschluss am Wettbewerb hatte diese verdammte Organisation keine Strafe erdulden müssen.
Die Inquenierin wollte bereits zurück an die Arbeit gehen, rief der Tüftler ihr hinterher: „Ihr sollt die Wahrheit über mich wissen. Dieser Wechsel … ist das Urteil, dem ich mich unterwerfen muss, weil … weil ich meine Kru im Stich gelassen habe. Wir unternahmen einen Ausfall in Primordus´ Reich … Als wir von einer Horde Zerstörer angegriffen wurden, bin ich geflohen. Keiner von meinen Leuten hat überlebt. Ihr seht … ich verdiene Eure Freundlichkeit ohnehin nicht.“
Ihre Augen blieben stumm zu Boden gerichtet. Einem Teil von ihm versetzte es einen Stich, dass er sie enttäuschen musste … Was auch immer sie getan hatte, seine Abwesenheit zeigte, sie hatte bei der obersten Instanz ebenfalls kein Stein im Brett. Er kannte die Umstände ja nicht, unter denen ihr Teammitglied gestorben war … Vielleicht musste auch Ganda sich mit Schulgefühlen, Scham, Verachtung herumschlagen …
Doch Lucc bekam keineswegs von den anderen die kalte Schulter gezeigt und erwies sich als das genaue Gegenteil einer Belastung – vor allem Ganda lernte seine klugen Einfälle und genaue Beobachtungsgabe zu schätzen. Allerdings bedeutete die gemeinsame Arbeit in einem Labor, sich gegenseitig selbst von den Seiten kennenzulernen, welche man lieber vergessen würde …
So meinte die Asura eines Abends, als sie mit Lucc allein war: „Ihr habt Alpträume.“
Er erstarrte – konnte er seine Schreie in der Nacht nicht leugnen – und antwortete beinahe zitternd: „Ja. Sie verfolgen mich, Nacht für Nacht.“
Auf einen Wink von ihr, folgte er ihr zu der gemütlichen Sitzecke. Während sie den elektronischen Kamin anstellte, nahm er bereits auf einem der Sessel Platz.
„Ich bin froh, dass Ihr in unser Team gekommen seid. Am Anfang dachte ich, die Kru wäre durch den Verlust >beschädigt< … und ich hatte keine Ahnung, wie ich uns hätte >reparieren< sollen. Aber wie es aussieht, war das eher Eure Aufgabe … und vielleicht können wir dasselbe für Euch tun, wenn Ihr es zulasst. Ist Eure Versetzung wirklich eine Strafe? Oder eher die Möglichkeit zum Neuanfang? Im Kolleg der Dynamik hat sich sicher bereits herumgesprochen, was mit Euch geschehen ist … Synergetik dagegen hatte keine Ahnung und auch ich weiß nur von dem Vorfall, weil Ihr es mir erzählt habt.“, sagte sie, was ihr einen perplexen Blick von ihm einbrachte, „Ich habe mir etwas überlegt … Was haltet Ihr davon, wenn wir für unsere gefallenen Kameraden Gedenktafeln in der Werkstatt aufhängen?“
Die beiden Schlauköpfe waren sich ähnlich … Zu Beginn hatte es sich für sie wie die Rüge des Arkanen Rats angefühlt, ein neueres Triezen trotz des gewonnen Snaff-Preises – inzwischen erschien es ihr eher, wie die kreisende Bestimmung der Ewigen Alchemie. Damit leben, was einem gegeben war … das Beste aus dem machen, was in einem steckte. Ihre ganze Kindheit schmeckte nach dem Spott über ihren Namen … aber in ihrem Volk zählte eigentlich nur Köpfchen. Zumindest wenn es jemanden gab, der einem eine Chance einräumte. Zinga hatte Potenzial in ihr gesehen, würde zu ihrer Lehrmeisterin und nur deshalb konnte Ganda überhaupt erst ihre eigene Kru gründen. Und damit trug sie die Verantwortung für alle Mitglieder.
Durch die Schmach hatte Lucc vergessen, verdrängen wollen – erfolglos. In diesem Labor jedoch galt er nicht länger als Geächteter und möglicherweise half ihm eine offene Mahnung, um damit fertig zu werden.
Dankbar antwortete der junge Tüftler: „Das ist eine gute Idee. Aber … unseren Eltern sollte ebenfalls gedacht werden.“
Ganda´s violette Augen weiteten sich, während sie fragte: „Woher wisst Ihr davon?“
Es ward Zeit für die Wahrheit, aber er schaffte es nicht, sie dabei anzusehen: „Ich hätte es Euch schon längst erzählen sollen … es tut mir leid, Ganda. Nicht der Arkane Rat hat die Kru ausgesucht, sondern ich. Weil ich Euch kennenlernen wollte … Euch, deren Eltern bei derselben Mission ums Leben kamen, wie meine.“
Im Gegensatz zu Ganda, die noch ein Säugling gewesen war, konnte sich Lucc an seine Eltern erinnern … sein ganzes Leben hatte sich plötzlich komplett auf den Kopf gestellt.
„Wie habt Ihr es geschafft … wie seid Ihr danach zurecht gekommen?“, wollte Ganda nach kurzem Schweigen wissen.
Eher hätte er mit Vorwürfen oder gar Wut gerechnet und er brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen, bevor er antwortete: „Mein Großvater Bronkk hat für mich gesorgt. Er starb, als ich meine Ausbildung begann – wahrscheinlich wäre er ziemlich von mir enttäuscht. Es war eine Dreistigkeit mich Euch ohne Eure Zustimmung derart zu nähern … Wahrscheinlich ist es besser, ich verlasse Rata Sum – endgültig.“
„Wollt Ihr wieder davonlaufen? Wir brauchen Euch – und Ihr braucht uns … Ist es nicht so?“, widersprach Ganda leise, aber bestimmt, „Ich bin die Leiterin dieser Kru, Ihr seid ein Mitglied davon … und ich habe Euch nicht gestattet, Euch aufzugeben – weder jetzt, noch inj Zukunft. Ist das klar?“
Lucc schaffte nur ein schwaches Nicken, während die Ingenieurin lächelte.
Lange sollte es bei dieser friedlichen Stimmung allerdings nicht bleiben – ein Großaufgebot der Zerstörer drang in das Gebiet der Asura ein und ein jeder rüstete seine Waffen. Geführt von Zojja übernahm die Kru Ganda´s den Kampf aus mittlerer Distanz. Im Gewimmel bemerkte zunächst niemand, wie sich ein Asura mit beinahe weißem Fell davonstahl. Einmal hatte er gekniffen, einmal hatte er seine Kameraden sterben lassen – sie nicht, selbst wenn er dafür gegen ihren Befehl verstoßen musste! Unbeherrscht, wie Zerstörer nun eben waren, war es ein leichtes für ihn ihre Spuren zurückzuverfolgen. Ein gewaltiger Riss, aus dem glühende Hitze strömte, spaltete einen Felsvorsprung nahe Rata Sum – Lucc wusste, die unterirdischen Tunnel würden genau ins Herz der Tiefen von Tyria führen. Versteckt zwischen den Blättern eines Farnbusches überprüfte der emsige Tüftler seine Ausstattung – Bomben, Mienen, Dynamit. Allerdings hatte er im Wegschleichen weniger mitnehmen können, als wahrscheinlich nötig wäre … Ganz würde er den Zug der Feinde wohl nicht stoppen können.
Innerlich wappnete er sich, als ihn plötzlich jemand am Kragen packte und eine bekannte, piepsige Stimme zischte: „Seid Ihr denn verrückt geworden?!“
Ganda hatte nach ihm gesucht und ihn gefunden. Er kam nicht umhin, zu staunen – seinetwegen hatte sie ihren Posten an Zojja´s Seite verlassen.
„Ich will nur verhindern, dass weitere von diesen Monstern an die Oberfläche gelangen können.“, antwortete er etwas verspätet, dafür ganz leise.
Per Fingerzeig bedeutete die Ingenieurin, dass ihm helfen wolle, und packte einen zweiten Satz Sprengladung aus ihrem Rucksack aus. Ob es ihm schon zuvor durch den Kopf gegangen war oder erst in diesem Moment, hätte Lucc später nicht mehr sagen können – kaum hatten sie außerhalb des Sichtradius der Zerstörer die kleinen Mienen sowie Bomben über dem Eingang angebracht, nutzte Lucc die kurze Pause, die sich zur nächsten Welle bot. Ohne Vorwarnung riss er das verbliebene Material an sich und stieß Ganda den Abhang auf der anderen Seite hinunter, den sie haltlos auf ihrem Rucksack hinab schlitterte und durch den Aufprall gegen einen Baum, das Bewusstsein verlor.
„Verzeiht mir – das ist meine Aufgabe!“, rief er ihr hinterher.
Gesagt, getan … er fiel durch Feuer, Asche und Gestein tief hinab, während seine Gedanken einer einzigen Asura galten: „Ganda … ich laufe nicht mehr davon. Ich habe etwas gefunden, für das es sich lohnt zu kämpfen – vielleicht werdet Ihr mich eines Tages verstehen können. Ich wollte diesen Kampf nicht … aber inzwischen glaube ich nicht mehr daran, dass unser Volk eine Zukunft hat, solange die Drachen Tyria beherrschen. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit miteinander gehabt – Ihr habt mich gerettet! Lebt wohl, bis uns die Ewige Alchemie wieder vereint.“
Wie ein Stein schlug er hart auf einem Felsvorsprung auf, der ihn etwas ausbremste. Noch weiter ging sein Sturz, während er sich an den scharfen Gesteinsbrocken Schnitte, Prellungen und Knochenbrüche zuzog. Irgendwann landete Lucc schon halb tot auf einer kleinen Insel inmitten eines Lavameeres. Die gewaltige Gestalt über ihm konnte er nicht klar ausmachen – doch es gab keinen Zweifel … er befand sich in der Gegenwart von Primordus. Noch einmal gestattete er sich, an Ganda zu denken; ihr Leben zu bewahren, war seinen Tod wert … auch wenn es ihn schmerzte, dass sie erneut jemanden an die Flammen verloren hatte. Vielleicht würde diese seine Entscheidung die Wende im Krieg gegen die Alt-Drachen markieren – hätte Lucc zu geahnt, wie ihre Geschichte weitergehen würde, wäre sein Schicksal sicher anders verlaufen … So verließ er diese Welt auf dieselbe Weise, wie seine Eltern und die von Ganda. Sterben hätte er sich leichter vorgestellt … einfach in den Nebeln wieder aufwachen und weiter ging die Reise im Sinn der Ewigen Alchemie – allerdings nicht für ihn. Sein Geist löste sich nicht von dem Leben, welches er hinter sich lassen sollte … Die verfluchten Alt-Drachen verdienten den Tod, nicht er! Es war nicht so, dass er seine Entscheidungen bereute … gegen Primordus´ Drachenverderbnis zu kämpfen, Ganda zu beschützen – alles würde er genauso wieder tun …
„Wer bist du? Was … bist du?“, hallte es durch die unbekannte Sphäre, in der er schwebte, „Warum gehst du nicht in die Nebel?“
Denn genau das tat seine Seele nicht … Seira, das Orakel der Nebel blieb ratlos und Lucc´s Seele nicht die einzig ruhelose. Alle hatten sie eines gemeinsam – sie waren Opfer der grausamen Alt-Drachen. Während die Jahre in Tyria vergingen, war für sie die Zeit nur an den Berichten der Norn greifbar. Irgendwann erzählte Seira von drei jungen Menschen, welche das Erbe der »Klinge des Schicksals« weiterführen wollten. Eigentlich handelte es sich bei ihnen um keine gewöhnlichen Tyrianer – denn Shikon Feenseele, Ohtah Shadowdragon und Seiketsu Lichtsegen lebten nicht zum ersten Mal für den Kampf um die Freiheit. Lucc bewunderte ihre Entschlossenheit, sich erneut eine solche Bürde aufzulasten – und stockte, als die kleine Gruppe um noch ein weiteres Mitglied wuchs. Ganda hatte sich künftigen »Team Shiko« angeschlossen! Und nachdem sie alle fünf, großen Völker versammelt hatten, machten sich die Kämpfer auf in die Tiefen von Tyria … zu Primordus.
Innerlich flehte er Ganda an, umzudrehen, abzuhauen … während er bereits wusste, dass sie es nicht tun würde – diese flammende Bestie verkörperte den Grund für all ihr Leid. Als Lucc gestorben war, hatte sie seinen Heldenmut gleich übertriebenem Leichtsinn verflucht – inzwischen dachte die Denkerin anders darüber. Zum Glück, denn gegen ihre Gemeinschaft konnte der Feuer-Drache nicht bestehen. In Zukunft sollten seine Brüder dieselbe Niederlage erleben, selbst der mächtigste unter ihnen. An jenem Tag erbebte Tyria zum sechsten Mal auf diese Art, ein Lichtstrahl schoss in den Himmel … kündete vom Erwachen eines weiteren Alt-Drachens!
Und von einer Sekunde zur anderen sprach eine mächtige Stimme zu ihnen, die nicht Seira gehörte: „Habt keine Furcht. Mein Name lautet Mordremorth, ich bin der Drache des Lebens. Doch ich bringe keine Drachenverderbnis über euch … ich schenke euch, die ihr von meinen Brüdern aus dem Leben gerissen wurdet und ihrer Macht dennoch widerstanden habt, eine neue Existenz – als meine Widergänger!“
Hinter ihren Augen blitzte ein gelber Schein auf, ein Sog erfasste Lucc und die anderen. Erst fühlte er die Schwere eines Körpers – ein fast schon ungewohntes Gefühl. Dann sah sich der Tüftler um und erblickte im Tal unter sich liegend die Hochburg des asurischen Intellekts, Rata Sum! Ein Schauer fuhr ihm über den Rücken und er spürte unzählige Leben um sich herum, ebenso hörte er ein fernes Echo … Mit der Zeit würden die Widergänger ihre neuen Kräfte zu kontrollieren lernen – mit den Geistern der Nebel kommunizieren und deren Kräfte für sich nutzen zu können. Für den Moment jedoch verdrängte Lucc diese Empfindungen aus seinem Bewusstsein – es gab nur ein Lebewesen, dessen Gegenwart er wahrnehmen wollte. Sein Körper schien genau derselbe zu sein, wie vor seinem Tod … doch die Bewegungen fielen ihm zu Beginn noch schwer. Als würden die Befehle des Gehirns über Umwege zum Ziel gelangen. Vielleicht nicht unbedient verwunderlich – durch Seira wusste er, dass bereits über fünf Jahre vergangen waren, die er an der Grenze zu den Nebeln verbracht hatte. Während Lucc sich der Hauptstadt näherte, fiel ihm bereits auf, wie fleißig sein Volk währenddessen gewesen war; im Grenzgebiete gab es weitere Laboratorien, neue Portale waren geschaffen worden und er begegnete mehr Angehörigen anderer Rassen. Trotz der leichten Beschwerden fanden seine Füße den Weg selbst ohne seine neuen Fähigkeiten – dieses eine Labor, welches er als sein Zuhause bezeichnete. Dessen Leiterin schraubte mit dem Rücken zu ihm an einem kleinen Gerät herum, das er nicht erkannte. Der Rest dagegen wirkte unverändert – nur die Gedenktafel mit der Aufschrift »LUCC – ein gefallener Freund« kannte er nicht, obwohl der Rotäugige damit rechnen musste. Seine eigene Idee gedachte ihm selbst …
„Ganda.“, sprach er sie an.
Der Klang ihres Namens ließ sie aufschauen. Der Schraubenschlüssel, den sie in Händen hielt, fiel klirrend auf den Laborboden.
Beinahe vergaß die junge Ingenieurin sogar das Atmen, während sie sagte: „Ich träume … das ist unmöglich … Lucc, Ihr … Ihr seid tot …“
Mit einem halbherzigen Lächeln antwortete er: „Ich war es. Aber … dank Euch oder beziehungsweise dem ganzen Team Shiko und Mordremoth bin ich wiedergekehrt. Ihr habt mich schon wieder gerettet!“
Da einem Asura am besten auf vernünftigem Weg beizukommen war, berichtete er ihr von der Grenze zu den Nebeln und Mordremorth´s Odem, der viele Opfer der Alt-Drachen zu neuem Leben erweckt hatte.
„Ich melde mich hiermit von meiner Arbeit, das Tunnelsystem der Zerstörer zu schädigen und ihren Vormarsch aufzuhalten, zurück.“, fügte er schließlich noch hinzu, „Das heißt, wenn mein Posten in Eurer Kru noch frei ist.“
Asura weinten nur sehr selten – hier jedoch quollen die Tränen widerstandslos über Ganda´s Augenränder. Sie hastete ihm entgegen und verpasste ihm einen Schlag auf den Kopf.
„Ihr seid ein Idiot! Eine Schande für alle Asura, dass Ihr so eine dämliche Frage gestellt habt!“, schluchzte sie und man konnte überdeutlich ihre Freude heraushören.
Lucc zog sie an sich und entgegnete: „Ich habe Euch auch sehr vermisst … Ganda, ich will nicht noch einmal gestorben sein, ohne dass Ihr es wisst – ich liebe Euch.“
Ganda dachte daran, wie lächerlich Shikon Feenseele und Ohtah Schattendrache versucht hatten, ihre Gefühle füreinander voreinander verborgen zu halten … damals konnte ihr rationaler Verstand es nicht nachvollziehen, dabei hatte sie selbst ihr Herz zum Schweigen verurteilt.
Doch offenbar hatte ihre Feuer affine Anführerin auf die kleine Asura abgefärbt: „Seid froh, dass Ihr eigens zurückgekommen seid – ich hätte Euch in den Nebeln die Hölle heiß gemacht, wenn ich gehört hätte, dass meine Emotionen auf Gegenseitigkeit beruhen!“
Zunächst starrte er sie perplex an, bevor ein Grinsen auf seinem Gesicht erschien: „Ich glaube, Ihr habt mir viel zu erzählen. Vielleicht am Kamin?“
Ganda lachte über diese kleine Anspielung – dort hatten sie zum ersten Mal offen miteinander gesprochen und sich einander angenähert.
Liebe ist für Asura keine Selbstverständlichkeit … Paarung, Nachwuchs zeugen, den Fortbestand der Art sicher, natürlich – Gefühle spielen dabei häufig eher eine Nebenrolle. Ganda und Lucc jedoch erfahren dieses unglaubliche Glück durch einen Hauch von Schicksal.
Erzählung 14: Das Schicksal einer Luxon und einer Kurzick
Die Alt-Drachen herrschen über den Kontinent Tyria, selbst in Elona und Cantha ist ihre Macht spürbar … Doch die Zeit der Legenden wird wiederkehren!
Das Blut der Legenden
Mehr als fünfhundert Jahre waren seit der größten Katastrophe in der Geschichte von Cantha vergangenen. Einst hatte Shiro Tagachi eine fürchterliche Schockwelle ausgelöst, welche den ganzen Kontinent überzog, überall seine Spuren hinterließ. So wurde das Meer zu Jade und der Wald zu Bernstein. Die Heimat der Luxon und Kurzick war dem Gleichgewicht geraten. Krieg war die Folge – ein Krieg, der Tausende von Opfern forderte … bis zur Rückkehr ihres gemeinsamen Feindes und dem mutigen Einsatz einer Heldin, deren Namen mit Ehrfurcht in den Hallen des Klosters von Shing Jea ausgesprochen wurde. Doch nicht nur die Schatten der Vergangenheit bedrohten in diesen Tagen das Reich des Drachens, sondern auch die Wege der Zukunft … Und Frieden war hier noch nie ein Zustand von Dauer. So geschah zu jener Zeit, als die Auswirkungen des Jadewindes langsam nachließen, dass der rechtmäßige Kaiser von seinem eigenen Vertrauten Usoku vom Thron gestoßen wurde. Sein Machthunger war absolut grenzenlos und er wollte sich sogar den Echowald und das Jademeer untertan machen, welche zwar zum Kaiserreich gehörten, jedoch von ihren eigenen Anführer hatten. Die Bewohner Cantha´s litten unter diesem Depoten – überall wurden Schreie nach neuen Helden laut. Helden, welche den Mut und die Kraft aufbringen konnten, sich gegen Usoku´s gewaltigen Einfluss zu behaupten. Aus allen vier Zonen Cantha´s schloss sich eine Gruppe zusammen, die sich die »Freien von Cantha« nannte. Sie kämpften erbittert gegen die Soldaten des neuen, tyrannischen Herrschers … Doch sie konnten nicht siegen, mussten flüchten. Nur eine Handvoll überlebte die Hetzjagd. Zumindest kurzzeitig – an der Grenze zum Echowald und dem Jademeer, dem Pongmei-Tal schafften es die Häscher des Kaisers die Widerstandskämpfer einzuholen und zu stellen. Eine von ihnen nutzte die Gelegenheit, um zwei Säuglinge zu verstecken … die Zwillingsmädchen Kurotsuki Yumi und Tsukishiro Miyu, denen sie direkt nach ihrer Geburt jeweils einen halben Herzanhänger aus Silber geschenkt hatte. Nachdem sich die Frau von ihren Töchtern mit einem Kuss auf die Stirn voll Trauer verabschiedet hatte, kehrte sie zu ihrem Mann zurück … und ging mit ihm gemeinsam in den Tod. Die beiden Mädchen lagen schlafend im Unterholz. Die Wächter hatten sie nicht bemerkt und zogen ab – ihr Auftrag war erfüllt, der Kaiser würde zufrieden sein. Aber Kurotsuki Yumi und Tsukishiro Miyu blieben dennoch nicht gänzlich unentdeckt – Späher, die das Massaker mitangesehen hatten, retteten sie und nahmen sie mit sich in ihre jeweiligen Fraktionen. Einer ging nach Cavalon, der andere kehrte ins Haus zu Heltzer zurück. So kam es, dass Kurotsuki Yumi ein Leben unter Luxon begann und Tsukishiro Miyu als Kurzick aufwuchs …
Während die Jahre ins Land zogen, wurde es still um den Widerstand gegen die Tyrannei des Kaisers … Die »Freien von Cantha« waren im Grunde nur noch ein Name … Und dennoch erzählten die Menschen immer wieder von jenen mutigen Freiheitskämpfern. Besonders in schweren Zeiten glomm der Funke der Hoffnung in ihren Augen auf … Während die Bewohner von Kaineng mit harten Strafen wie Ausgangssperren oder Auspeitschungen in Schach gehalten wurden, versuchten die Kurzick ihre aristokratisch Ehre beizubehalten und führten die uralten Gepflogenheiten fort. Soweit es ihnen möglich war zumindest – selbst wenn das Grafenamt offiziell außer Kraft gesetzt worden war, trug ihr Oberhaupt weiterhin den Titel. Das Verblassen des Jadewindes dagegen hatte ihre Religion gespalten – während die eine darin eine göttliche Strafe sahen, deuteten andere es als Zeichen eines neuen Zeitalters. Den Luxon fiel es ebenfalls nicht leicht an ihrer Lebensart festzuhalten – mit dem Friedensvertrag war bereits vor zwanzig Dekaden die Piraterie abgeschafft worden … sie hatten sich stattdessen auf Handel spezialisiert. Nun gab es strengste Grenzkontrollen, die hoch besteuert wurden, wenn man sie als einfacher Bürger überqueren wollte – während die Kurzick ihren Nachbarn helfen wollten, hatten die Luxon die Wahl zwischen dem Zorn des Kaisers und dem Hungertod. Allein vom Fischfang, der durch die stetige Verflüssigung des Meeres wieder möglich wurde, konnte das Volk nicht überleben. Flüchten wäre vielleicht eine Option gewesen – nur wohin? Weder Tyria mit seinen Alt-Drachen noch das vor Untoten wimmelnde Elona würden ihnen eine neue Heimat bieten. Und der Schande, jenes Land ihrer Vorfahren aufzugeben, wollte sich kein einziger Luxon ergeben. Schmugglerverstecke zwischen den beiden Fraktionen hatten bislang die größte Katastrophe abgewendet … doch auf Dauer konnte dies kein Leben sein. Daher sollte es nicht weiter überraschen, dass sich auf beiden Seiten neuer Widerstand in Form zweier, jungen Frauen regte – unabhängig voneinander planen sie den langersehnten Putsch gegen Kaiser Usoku. Aber nicht alle sind davon begeistert, dass die schwarzhaarige Luxon-Nekromantin und die blonde Kurzick-Mesmer für die Freiheit Cantha´s und seiner Bewohner sogar sterben würden …
Mikolas, der Kurotsuki Yumi wie seine eigene Tochter aufgezogen hatte, unterdrückte nur mit Mühe seine Tränen, als er ihr zum Abschied eine neu angefertigte Rüstung überreichte. Sogar unter besten Bedingungen erschien es unwahrscheinlich, dass die Widerstandskämpferin noch einmal unbeschadet aus Kaineng zurückkehren würde … Denn Kurotsuki Yumi hatte vor drei Jahren schon einmal das Jademeer verlassen, allerdings erfolglos. Sie dankte ihrem Ziehvater für seine unendliche Liebe und Fürsorge. Nachdem sie sich umgezogen hatte, machte sie sich noch auf die Suche nach dem Sohn ihres Onkels, des Ältesten der Luxon. Einer seiner Freunde schickte die Nekromantin schließlich zum Argo-Hügel im Archipel – seinem Lieblingsplatz, worauf sie eigentlich auch hätte selbst kommen können … hätte sie nicht gehofft, er würde vor ihrem Aufbruch von sich aus zu ihr kommen. Dabei war sie damals ja sogar in einer »Nacht und Nebel«-Aktion spurlos verschwunden …
„Du willst dich also nicht von mir verabschieden?“, sprach sie Symeon an und setzte sich zu ihm.
Ohne sie anzusehen, antwortete er: „Nur wenn du mir versprichst, am Leben zu bleiben.“
Kurotsuki Yumi seufzte tief. Symeon wusste genauso gut wie sie, dass ein solches Versprechen unmöglich war – sie musste kämpfen und würde sich garantiert nicht zurückhalten. Diesmal würde sie es nicht ertragen, versagt abgezogen zu sein …
„Mein Vater wollte dich bei der nächsten Versammlung als neues Mitglied des Rats vorschlagen.“, wechselte der Waldläufer abrupt das Thema.
Die Schwarzhaarige nickte erst, entgegnete jedoch: „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt für Politik geschaffen bin …“
Symeon wollte gerade etwas erwidern, da küsste sie ihn. Kurotsuki Yumi konnte nicht sagen, seit wann sie in ihn verliebt war … Ihm gehörte ihr Herz in Wahrheit – selbst wenn sie ein Schatten über ihren Gefühlen für ihn lag. Sie wollte ihn nicht verletzen … Aber der Aufgabe, die sie begonnen hatte, konnte sie sich ebenso wenig entziehen.
Bei den Kurzick hatte Tsukishiro Miyu ähnliche Pläne … In ihr aristokratisches Gewand gehüllt, welches auf ihren Status als Grafentochter hinwies, wollte sie sich eigentlich auf den Weg machen, als sie eine schreckliche Nachricht erhielt – ihr Adoptivvater, Graf Terrik zu Heltzer hatte einen Schwächeanfall erlitten und war in sein Gemacht gebracht worden. Alles in ihr zog sich schmerzhaft zusammen. Ausgerechnet er, der die Mesmer stets gelehrt hatte, gütig und rechtschaffend zu sein. Wie konnte sie da mitansehen, wie ein Tyrann über ihre Heimat verfügte und Menschen wie Abschaum behandelte? Der Kaiser musste gestürzt werden!
Doch der alte Graf wusste, dass seine Zeit bald gekommen wäre … und so sagte er ihr, als sie das Zimmer betreten hatte: „Hör´ mir gut zu … Ich werde nicht mehr lange leben und du bist mein einziges Kind – von meinem Blut oder nicht, spielt keine Rolle. Du bist ebenso eine Kurzick, wie alle, die in diesem Wald geboren wurden … und du genießt ihr aller Respekt. Ich werde die Zukunft unseres Hauses in deine Hände legen, das ist mein letzter Wunsch.“
Für einen kurzen Moment musste die Blonde ihre Augen schließen, dann antwortete sie: „Verzeih´ mir bitte, Vater – ich kann dir diesen Wunsch nicht erfüllen. Erst muss ich mich meinem Schicksal stellen … Und sollte ich in diesem Kampf mein Leben lassen, wird Selik deinem Namen alle Ehre machen und deinen Platz einnehmen.“
Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern rannte fluchtartig hinaus. Und prallte prombt mit jemanden zusammen, der ihr Vorhaben sofort durchschaute: „Du gehst also trotzdem wirklich …“
Die Mesmer richtete den Blick auf den Großneffen des Grafen. Er trat neben sie, streichelte ihre Wange. Ihr ganzes Leben lang war Selik zu Heltzer an ihrer Seite gewesen – doch im diesem Fall gestattete sie ihm nicht, sie zu begleiten.
Er konnte nicht anders, als sie zu küssen und leise zu flüstern: „Mögen wenigstens meine Gefühle bei dir sein …“
„Und meine bei dir.“, entgegnete sie, „Es tut mir leid. Aber gerade deshalb werde ich nicht länger zulassen, dass die Soldaten dich, Vater oder einen anderen gefangen nehmen oder sogar töten! Und sollte ich wirklich fallen, trete ich alle Privilegien an dich ab.“
Darum hatte sie Selik´s Hilfe strickt abgelehnt … denn auch sie selbst war sich im Klaren darüber, dass es sich hierbei um ein reines Himmelfahrtkommando handelte – und ihr Volk brauchte eine Zukunft.
Wie durch Zufall begegneten sich die beiden Freiheitskämpferinnen an genau der Stelle, an welcher der Echowald und das Jademeer aufeinandertrafen … jenem Ort, an dem sie einst getrennt worden waren. Es waren bereits Gerüchte von einer Fraktion zur anderen vorgedrungen – sie hatten dasselbe Ziel.
„Ich bin Kurotsuki Yumi.“, begann die Nekromantin bestimmt.
Die Augen der Mesmer weiteten sich, dann stellte auch sie sich vor: „Mein Name ist Tsukishiro Miyu.“
Die Mädchen machten einige Schritte aufeinander zu. Bei genauerem Betrachten konnte man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihnen erkennen – von den Namen einmal ganz abgesehen. Und sie trugen den gleichen halben Herzanhänger aus Silber. Zögerlich nahmen sie ihn ab und fügten ihn zusammen. Die Kanten passten genau aufeinander.
Kurotsuki Yumi konnte es kaum glauben und hauchte: „Das heißt, wir sind wirklich Schwestern …“
„Zwillinge.“, bestätigte Tsukishiro Miyu ebenso überwältigt.
Ein Lächeln breitete sich auf ihren beider Gesichtern aus. Ein unglaubliches Glücksgefühl pumpte durch ihre Körper. Keine von ihnen zweifelte auch nur eine Sekunde lang an dieser Wahrheit – sie spürten einfach, dass es stimmte. Und diese Tatsache bedeutete zusätzlich auch doppelten Ärger für den Kaiser.
Kurotsuki Yumi und Tsukishiro Miyu traten im Schutz der Nacht wieder an die Oberfläche. Sie hatten das alte Tunnelsystem benutzt, welches den Freien von Cantha vor Jahren als Versteck gedient hatte. Die Docks von Kaineng lagen vollkommen verlassen dar. Obwohl die Untoten verschwunden waren, gab es nach wie vor keine Nutzung der Seewege … Gerade als die Kurzick und die Luxon weitergehen wollten, wurde alles in ein helles Licht getaucht und die plötzlichen, mechanischen Geräusche klangen unnatürlich laut in der Stille.
„Seht Ihr – ich wusste, ich schaffe es!“, prahlte eine piepsige Stimme, „Die Koordinaten hätten zwar wirklich etwas genauer sein können, aber ich bin eben ein Genie! Hoffentlich werden Shiko und Glint auch einmal ein so brillante Köpfe!“
Jemand antwortete ihr missbilligend: „Ruhe, Ganda! Vielleicht stehen hier irgendwo Wachen!“
Irgendjemand flüsterte noch etwas, das nicht zu verstehen war – zumindest für die Mädchen. Die anderen Neuankömmlinge rollten dagegen leicht mit den Augen; schließlich hatte genau er ihnen in Löwenstein stundenlang von seiner neugeborenen – und leider ebenso nicht anerkannten – Tochter Sarah berichtet … Kurotsuki Yumi bedeutete ihrer Schwester derweil leise zu sein, während sie ein Stück weiterschlichen. Und obwohl das Licht inzwischen genauso schnell wieder verschwunden war, konnte die Nekromantin mit ihrer Nachtsicht glänzen. Auf einer freien Fläche standen sechs Gestalten – jeder von ihnen hatte eine andere Größe und Statur. Und einige davon sahen nicht sehr menschlich aus …
„Schlechte Nachrichten …“, knurrte eine von ihnen, „Wir sind nicht allein.“
Kurotsuki Yumi schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. Was auch immer diese Wesen waren, sie konnten ihren Atem nicht gehört haben! Das war unmöglich …
„Es sind Menschen.“, gab selbige katzengleich von sich, „Zwei junge Frauen, um genau zu sein.“
Eine tiefe, männliche Stimme winkte ab: „Und wenn schon, Kätzchen. Wir haben eine Mission zu erfüllen! Selbst wenn der Kaiser weiß, dass wir kommen – wen interessiert das schon? Die Drachen haben wir auch ohne Überraschungseffekt fertig gemacht! Apropos Überraschung – Kadlin erwartet bereits unser fünftes Kind! Wenn die Havroun recht hat, bekommen Svana, Eirin, Cordin und Björn wieder eine Schwester – dann werde ich endlich meine Mutter Henja ehren!“
„Dann müssen Klaue und ich ja schauen, dass wir aufschließen!“, kam es erneut von dem katzengleichen Wesen, „Vallus und Sesric sind ja bereits im Fahrar, demnächst werden Langmar und Rittersporn ihnen folgen, dann haben wir wieder genug Zeit dafür. Und wenn das mit den Zwillingswürfen so weitergeht, überholen wir euch sogar noch!“
„Haltet jetzt endlich die Klappe!“, meinte ein schlankes Wesen in Frauengestalt mit einem Bogen über jeder Schulter.
Tsukishiro Miyu traute ihren Ohren kaum. Sie nickte Kurotsuki Yumi zu und beide traten sie aus ihrem Versteck. Die Fremden griffen sofort nach ihren Waffen, doch die Zwillinge hoben beschwichtigend die Hände.
„Wartet, bitte!“, sagte die Mesmer, „Wir … wir sind Feinde des Kaisers und wollen heute Nacht einen Putsch-Versuch wagen. Wollt Ihr uns dabei unterstützen, wenn Ihr ebenfalls gegen ihn seid?“
Zu behaupten, die sechs Fremden wären überrascht gewesen, wäre eine völlige Untertreibung gewesen. Der einzige Mensch kam nach einigen Schrecksekunden auf sie zu, musterte die beiden.
Als er zu sprechen begann, war sein Ton warm und freundlich: „Ihr seid wahrlich sehr mutig … Wenn ich mich vorstellen darf – Logan Thackeray, Ritter Ihrer Majestät Königin Jennah von Kryta. Und dies sind meine Freunde die Asura Ganda, die Charr Gwen Grimmpfote, der Norn Ric Bärenklaue, die Sylvari Ull Rosenknospe und ihr Farnhund Tear. Wir sind hier, um dem Reich Cantha die Freiheit zurückzugeben.“
Jetzt war es an Tsukishiro Miyu und Kurotsuki Yumi noch perplexer drein zu schauen. Der Wächter erzählte in Kurzform, dass sie aus Tyria gekommen seien, weil dieser Kontinent sehr wichtig für jemanden aus ihrer Gruppe gewesen sei, der aber bereits verstorben war … Nachdem die Luxon und die Kurzick ebenfalls ihren Standpunkt erläutert hatten, schmiedeten sie gemeinsam einen Schlachtplan.
Vor dem Zugang zum Palast, hielten sie noch einmal inne und Ull Rosenknospe hauchte: „Denkt daran, wir sind hier, um ein letztes Mal >Team Shiko< zu sein …“
„Shiko?“, kam es synchron von Kurotsuki Yumi und Tsukishiro Miyu.
Die kleine Portalistin lächelte melancholisch, als sie erklärte: „Unsere Anführerin … aber sie ist bereits in den Nebeln. Von ihr hat Logan vorhin gesprochen. Shiko … Shikon Feenseele … oder eher Shikon No Yosei … die Fee der vier Elemente, Verteidigerin von Cantha und Shing Jea.“
Sie dachten an ihr erstes Treffen im Pongmei-Tal, als sie ihre Herzanhänger aneinander gehalten hatten. Damals hatten sie nicht an die Inschrift auf der Rückseite gedacht. Erneut führten sie die beiden Hälften zusammen und lasen das eine Wort, das dort stand – »Shiko«. Ehrfürchtig sahen sie von ihrem Anhänger auf. Dann jedoch schüttelten sie beide den Kopf – erst die Arbeit. Später würden sie Ganda und die anderen bitten, ihnen mehr von ihrer Freundin zu erzählen.
Im Palast war es ruhig. Kurotsuki Yumi übernahm beinahe wie selbstverständlich die Führung. Sie wusste genau, wohin sie gehen mussten. Gwen Grimmpfote schickte ihren Schlafzauber über die Wachen, sodass sie sich fast wie bei einem gemütlichen Spaziergang vorkamen. Wären da nicht die übrigen Sicherheitsvorkehrungen gewesen … Tsukishiro Miyu stolperte und betätigte dabei eine der eingebauten Fallen – Pfeile schossen auf sie zu! Ihre Schwester warf sich vor sie und konnte einige abwehren, aber ein Schuss traf sie trotzdem in der Schulter.
„YUMI!“, kreischte die blonde Mesmer.
Die Nekromantin lächelte schwach und meinte: „Ich habe dich gerade erst gefunden … Da werde ich bestimmt nicht zulassen, dich so schnell wieder zu verlieren.“
Logan riss den blutgetränkten Ärmel ab, begutachtete die Wunde. Im Gedanken sprach er zu Seiketsu No Akari, die als »Seiketsu Lichtsegen« seine Schülerin und im Heilen stets viel besser gewesen war, als er selbst. Er brach den Schaft des Pfeils in der Mitte durch, während Tsukishiro Miyu die Schwarzhaarige festhielt, und zog die Spitze auf der anderen Seite ganz heraus. Sofort legte er seine Hand über die verwundete Stelle, die seinem Willen gehorchte und sich langsam schloss. Erleichtert und unsagbar glücklich umarmte Tsukishiro Miyu ihre Zwillingsschwester.
Es war beinahe Mitternacht, als sie endlich den Thronsaal erreichten. Ohtah Ryutaiyo alias Ohtah Shadowdragon hätte sie nun mühelos mit einem einzigen Schattenschritt an ihr Ziel bringen können, denn … der Raisu-Palast war weitaus tückischer als angenommen. Natürlich erwartete sie der Kaiser bereits – doch es war nicht wie erwartetet Usoku, sondern sein Sohn.
„Uchi … du hast die Nachfolge deines Vaters angetreten.“, kam es überraschenderweise von Kurotsuki Yumi.
Alle Augen richteten sich schlagartig auf die junge Luxon.
Der Kaiser lachte hämisch: „Bereust du es jetzt? Tut mir ja leid … ich habe dich belogen.“
„Ich hätte dir niemals vertrauen dürfen!“, knurrte sie wütend, „Diesen Fehler werde ich sicher kein zweites Mal begehen.“
Ihre Freunde und Verbündeten begriffen nicht, was vor sich ging. Da erzählte Kurotsuki Yumi ihnen, dass sie vor knapp drei Jahren schon einmal in den Palast eingedrungen und auf Uchi getroffen sei. Damals habe er ihr versprochen, die Tyrannei seines Vaters beenden – wenn sie zu ihm zurückkam.
„Das du mir wirklich geglaubt hast … Welcher Mann würde schon bei einer wie dir schwach werden? Da müsste man ja jede Nacht haben, du könntest einen im Schlaf umbringen, wie eine Schwarze Witwe!“, machte Uchi sich über Kurotsuki Yumi lustig und warf ihr dann ein Schwert zu.
Kurotsuki Yumi bückte sich, um es aufzuheben, da erstarrte sie mitten in der Bewegung. Innerhalb eines Sekundenbruchteils – fast einem Schattenschritt gleich – war Uchi von seinem Thron auf sie zu gestürmt und hatte ihr seine Waffe in den Bauch gestoßen. Tsukishiro Miyu versuchte zu schreien, während ihr Kopf einfach nicht begreifen wollte, was geschehen war, aber sie hatte keine Kraft dafür. Gwen Grimmpfote eilte sofort an ihre Seite, kniete neben Kurotsuki Yumi nieder. Sie spürt, dass ihre Seele kurz davor war in die Nebel aufzusteigen, doch etwas hielt sie noch zurück … Logan Thackeray zog blank, Ull Rosenknospe legte an und Ganda lud ihr Gewehr. Ric Bärenklaue dagegen ging mit seinem mächtigen Zweihänder direkt auf Uchi los. Er lachte allerdings nur und der Norn prallte an einem Schutzschild ab.
„Eine Aegis!“, rief der tyrianische Wächter.
Tear stupste derweil die schluchzende Mesmer an. Sie reagierte nicht. Da fasste die Waldläuferin einen Plan. Während der Wächter, der Krieger und die Ingenieurin den Kaiser ins Visier nahmen, schnappte sich die Sylvari Tsukishiro Miyu und verschwand mit ihr auf eines der Vordächer, ohne dass Uchi etwas davon mitbekam. Ebenso wenig wie die Kurzick selbst … Sie befand sich in einer Art Schockzustand, nur den leblosen Körper ihrer Schwester vor Augen.
„Miyu!“, versuchte Ull Rosenknospe sie wachzurütteln, „Reißt Euch zusammen! Es ist noch nicht vorbei – oder soll sich Yumi umsonst geopfert haben?“
Da horchte Tsukishiro Miyu auf. Erleichtert erzählte die Waldläuferin ihr von ihrem Plan. Hastig stimmten sie das Timing ab und beobachteten den Kampf ihrer Verbündeten. Sie kamen einfach nicht durch die Aegis, jeder Schlag wurde zurückgeworfen. Die Mesmer holte tief Luft. Sie war nach Kaineng gekommen, um den Kaiser zu töten! Danach würde sie nie wieder dieselbe sein … Doch gab es wirklich einen Unterschied zwischen dem Befehl zum Morden und selbst zu töten? Sie wollte gar nicht wissen, wie viele Leben bereits wegen Uchi und seinem Vater ausgelöscht worden waren. Im Geiste formte sie den Zauber, der die Verzauberung vom Kaiser nehmen und ihn damit angreifbar machte. Tsukishiro Miyu ließ ihn fliegen – laut klirrend splitterte der Schutzschild und der Pfeil der Sylvari durchbohrte Uchi´s Hals. Noch während sein Leichnam zu Boden fiel, rannte die Blonde bereits wieder zurück zu ihrer Schwester. Logan folgte ihr, legte seine Hand auf die Wunde und begann murmelnd zu Dwayna zu beten.
„Unsere Völker sind frei, hörst du?“, sagte Tsukishiro Miyu mit einem unterdrückten Schluchzen, „Wir wollten die anderen doch noch nach Shiko fragen.“
Während der Wächter rezitierte, warfen sich die Mitglieder von Team Shiko einen Blick zu und berichteten, was ihnen am stärksten von der Geschichte ihrer Anführerin in Erinnerung geblieben war. Shikon No Yosei war zusammen mit Seiketsu No Akari aufgewachsen und hatte sich als junge Elementarmagierin aufgemacht, ihre Heimat zu retten. Auf dieser Reise hatte sie ihre große Liebe und treuen Beschützer Ohtah Ryutaiyo kennengelernt. Gemeinsam befreiten sie sogar Tyria und Elona vor dunklen Mächten. Am Ende ihres Lebens beschlossen die »drei lebenden Legenden«, wie sie zu dieser Zeit genannt wurden, als Gesandte weiter ihren Dienst zu tun. Und irgendwann wurden sie als Shikon Feenseele, Ohtah Shadowdragon und Seiketsu Lichtsegen wiedergeboren, um die Welt von den fünf Alt-Drachen zu befreien – zusammen mit ihren Freunden von Team Shiko und der Klinge des Schicksals. Anschließend waren sie in die Nebel zurückgekehrt, um dem ewigen Zyklus aus Wiedergeburt und Tod zu folgen …
Ric Bärenklaue räusperte sich zunächst, ehe er noch zu singen begann: „Wer stark bleibt, wenn der Mut vergeht … wer aufsteht, wenn er fällt … wer weitergeht, wo alles steht – der ist ein wahrer Held, der ist ein wahrer Held! Wer von sich gibt und nicht viel nimmt … wer für das Gute steht … wer weiterkämpft, selbst wenn der Wind, so fest von vorne weht, so fest von vorne weht. Hast nicht lange überlegt – wo ein Wille, da ein Weg! Kommt es hart auf hart, schreitest du zur Tat – hast unsre Herzen berührt. Dein Ruf eilt dir voraus – wir trinken darauf … Ehre, wem Ehre gebührt! Das Herz am rechten Fleck und stets vorneweg … wird dein Mut Legende sein! Dieses Lied gehört nur dir, darum singen wir: >Einer für alle und alle für einen!< Und auch noch in hundert Jahr´n wird man von deinem Mut erfahr´n, du gehst in die Geschichte ein und wirst unsterblich sein und wirst unsterblich sein! Kommt es hart auf hart, schreitest du zur Tat – hast unsre Herzen berührt. Dein Ruf eilt dir voraus – wir trinken darauf … Ehre, wem Ehre gebührt! Das ist ein Heldenlied und nur du hast es verdient. Hast nicht lange überlegt – wo ein Wille, da ein Weg! Kommt es hart auf hart, schreitest du zur Tat – hast unsre Herzen berührt. Dein Ruf eilt dir voraus – wir trinken darauf … Ehre, wem Ehre gebührt! Das Herz am rechten Fleck und stets vorneweg … wird dein Mut Legende sein! Dieses Lied gehört nur dir, darum singen wir: >Einer für alle und alle für einen!<.“
Ganda starrte den Norn perplex an. Gwen Grimmpfote grölte im Jubelschrei. Ull Rosenknospe nickte anerkennend und Logan Thackeray grinste breit. Ausgerechnet von dem harten Kerl ein solches Loblied zu hören, erfüllte ihre Herzen mit Freude – und hätte ihrer Anführerin sicher ebenso sehr gefallen.
Eine eine schwache Stimme antworteten ihr: „Shikon No Yosei war unsere Vorfahrin.“
Alle fuhren erschrocken zu Kurotsuki Yumi herum. Sie hatte sie Augen geöffnet und ein kleines Lächeln zeichnete sich um ihre Lippen ab. Tsukishiro Miyu weinte vor Freude, als sie ihrer Schwester über die kalte Wange streichelte.
„Shiko … unsere Ahnin hat die Kette einst von ihrer Mutter geschenkt bekommen und im Laufe ihres Lebens an ihre Tochter weitergegeben.“, fuhr die Luxon fort, „Seitdem wird der Anhänger immer weiter vererbt … Und irgendwann wurde ihr Name auf die Rückseite eingraviert.“
Die Worte kamen Logan nur schwer über die Lippen: „Hast … hast du Shiko getroffen?“
„Nein, leider nicht. Ich stand an der Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits … Dort bin ich Seira, dem Orakel der Nebel begegnet, die mir sagte >Das Blut der Legenden lebt weiter …<.“, antwortete sie und berührte die Hälfte ihres Anhängers.
Bevor jemand etwas erwidern konnte, öffnete sich das Tor zum Thronsaal und vier Männer in langen Gewändern und prächtigen Hüten traten unterwürfig ein. Sofort ging Team Shiko mit gezückten Waffen in Habachtstellung – immerhin hatten sie gerade erst den Kaiser gestürzt und selbst der schlimmste Tyrann hatte irgendwelche Verbündeten, um seine Macht auszuüben … Und Ushi´s Leichnam lag noch immer in ihrer unmittelbaren Nähe. Doch die Canthaner machten keinerlei Anstalten die Helden anzugreifen – stattdessen sahen sie unglaublich drein.
Einer der Männer, dessen Kleidung in reinem Weiß leuchtete, trat vor und ergriff als erster das Wort: „Verzeiht … seid Ihr für … die Beseitigung der Thronräuber verantwortlich?“
Die Kämpfer entspannten sich. Kurotsuki Yumi, die sich inzwischen aufgesetzt hatte, und Tsukishiro Miyu, die ihre Schwester stützte, neigten im Zuge der Höflichkeit ihre Häupter.
Dann antwortete die Mesmer: „Ja, Usoku wurde von seinem eigenen Sohn und dieser von uns getötet.“
Die vier Männer, die etwas im Hintergrund standen, wirkten nicht sonderlich überrascht und gleichzeitig geschockt. Anscheinend hatte der falsche Kronprinz schon länger den Eindruck erweckt, als wolle er schnellstmöglich selbst den Thron besteigen.
„So schulden wir, die fünf Minister des Reichs des Drachens, Euch Dank, Fremde, die Ihr uns von der Herrschaft dieser Thronräuber befreit habt. Mein Name lautet Hiang, mir untersteht das Ministerium des Friedens.“, stellte er zunächst sich selbst und anschließend seine Kollegen vor – den Minister der Erde Tsuchio, den Minister des Feuers Himon, den Minister des Wassers Mizuro und den Minister des Windes Kazenshi.
Einst waren die vier elementaren Ministerien aufgelöst worden … Man hatte den Beraterstab des Kaisers neu geformt und die Positionen anders besetzt. Mit der Zeit war man jedoch übereingekommen, dass es ein Oberhaupt der Abteilungen brauchte – so waren Erde, Feuer, Wasser und Wind wiederbelebt und Frieden geboren worden. Unter Usoku waren sie zwar nicht gefeuert worden … allerdings zu einfachen Bediensteten degradiert.
„Bitte, nennt mir nun Eure Namen und was Euch zu dieser geschichtsträchtigen Heldentat bewogen hat.“, fügte Hiang noch hinzu.
Ein Zucken ging durch die vier anwesenden Mitglieder von Team Shiko – es war Ull Rosenknospe, die leise antwortete: „Es war der Wunsch unserer Anführerin, in ihrer Heimat möge wieder Frieden einziehen …“
„Wir stammen aus Tyria.“, übernahm Logan und wies zunächst auf besagten Teil der Gruppe, ehe er auf die beiden Schwestern zeigte, „Der Dank gebührt vor allem Yumi und Miyu – sie sind wahre Nachfahrinnen der ersten Verteidiger von Cantha.“
Die fünf Canthaner ihm gegenüber wurden auf einen Schlag blass und fielen zu Boden, gemurmelt vernahmen sie: „Eure kaiserlichen Majestäten …“
Weder die Nekromantin noch die Mesmer wussten, was damit gemeint sein könnte … Da erklärte der Minister des Friedens ihnen, dass die legendäre Shikon No Yosei selbst bereits kaiserliches Blut in sich getragen hatte, zudem war ihr Enkel der Sohn des zweiunddreißigsten Kaisers. Als Nachkommen dieser Linie gebührt der Älteren nun der zurückeroberte Thron von Cantha.
Tsukishiro Miyu sah auf ihren Anhänger und meinte: „Du bist es, Yumi.“
Nun betrachtete die Luxon ebenfalls das Kleinod um ihren Hals – »Shi« war die erste Silbe, das Geburtsrecht der Erstgeborenen … Ihre Schwester hatte recht. Doch konnte sie so etwas? Eine gute Herrscherin sein, ihre Heimat hinter sich lassen … und ihn. Hatte sie ihm gegenüber nicht gerade erst noch ihre Bedenken bezüglich einer solchen Position geäußert? Dann dachte sie wieder an ihre Begegnung mit Seira. Das Orakel der Nebel hatte sofort gewusst, wer sie war … und wessen Familie sie angehörte, welches Blut in ihren Adern floss. Selbst fast dreihundert Jahre später erzählte man sich noch Geschichten über jene Frau, welche den ewigen Krieg zwischen Luxon und Kurzick beendet hatte … die »lebende Legende«, die mehrfach ganz Tyria gerettet hatte. Dieses Vermächtnis ruhte tief in Kurotsuki Yumi … Shikon No Yosei hatte sich ihrer Aufgabe gestellt, diesem Beispiel würde sie folgen!
„Mein Name lautet Kurotsuki Yumi … und ich akzeptiere die Kaiserwürde.“, antwortete die Nekromantin schließlich.
Die Minister strahlten vor Freude und entfernten sich, während sie bereits wild durcheinander redeten, wie sie dem Volk von der frohen Kunde berichten sollten.
Kurotsuki Yumi und Tsukishiro Miyu drehten sich daraufhin wieder zu ihren Verbündeten um, da ergriff die kleine Asura das Wort: „Das würde Shiko gefallen – ihr Erbe wurde weitergegeben. Jetzt ist Cantha wieder in den richtigen Händen!“
„Stimmt.“, bestätigte die ruppige Charr, „In euch schlägt das Herz wahrer Anführer.“
Der Norn nickte ebenfalls: „Nun werden Geschichten über euch die Runde machen.“
„Wir selbst werden sie zu unseren Völkern tragen – in Gedenken an Shiko.“, fügte die geheimnisvolle Sylvari hinzu.
Zuletzt reichte der Wächter ihnen die Hand und sagte: „Und Tyria und Cantha können wieder in Beziehung zueinander treten. Ich bin sicher, Königin Jennah wird euch bald entsprechend benachrichtigen.“
„Das würde mich freuen.“, antwortete Kurotsuki Yumi in ihrer neuen Position, „Auf den Frieden!“
„Ich bin stolz auf dich.“, meinte Tsukishiro Miyu, nachdem die beiden Schwestern Team Shiko verabschiedet hatten, „Du wirst eine großartige Kaiserin sein.“
Sie lehnte sich gegen ihre Schulter, ehe sie entgegnete: „Du könntest diese Funktion genauso gut erfüllen.“
„Mag sein. Aber … ich muss einem anderen Erbe folgen, nein … ich will es so. Luxon wählen ihr nächstes Oberhaupt, nicht wahr? Ich wurde vom Grafen zu Heltzer adoptiert … und werde seine Nachfolgerin sein.“, erklärte die Blonde lächelnd, „Ich bin nicht tot – also geht meine Stellung auch nicht auf Selik über.“
Auf ihren fragenden Blick hin, erzählte Tsukishiro Miyu ihr von ihrem Geliebten. Kurotsuki Yumi öffnete bereits den Mund, schloss ihn allerdings wieder – für den Augenblick brachte sie es nicht fertig von Symeon zu sprechen. Dennoch freute es sie, dass ihre Zwillingsschwester das Glück in der Liebe gefunden hatte. Und in den nächsten beiden Wochen blieb ihr kaum Zeit im Liebeskummer zu schwelgen – eine Krönung bereitete sich nämlich nicht von allein vor. Der Hofschneider fertigte ein Gewand ganz nach ihren Wünschen an, Tsukishiro Miyu kümmerte sich um die Gästeliste sowie Einladungen und das Bankett. Kurotsuki Yumi lernte das kaiserliche Zeremoniell auswendig und nahm sich Zeit, um die Menschen kennenzulernen, die ebenfalls ihr Leben im Palast verbrachten – von den Kammerzofen, über die Köche, bis hin zu den Stalljungen und Knechten. Die Bediensteten wunderten sich zunächst natürlich über dieses Gebaren – schließlich waren sie die Behandlung von Usoku und Uchi gewohnt. So jedoch eroberte Kurotsuki Yumi ihre Herzen im Sturm, jeder ging in die Stadt hinaus und berichtete den Bürgern mit Freude von der neuen Kaiserin. Endlich konnte Kaineng wieder aufatmen – Zhaitan verpeste nicht länger ihre Gewässer, der Usurpator war gestürzt, die Kurzick und die Luxon konnten ihre Beziehungen zueinander samt selbstverständlich der Hauptstadt wiederaufnehmen. Den Gipfel der Euphorie erreichte es, als die Bewohner von Kaineng um den Ursprung von Kurotsuki Yumi´s Geburtsrecht erfuhren – lauthals versammelten sich Scharen von Menschen, jubelten, klatschten. Nervös griff Kurotsuki Yumi nach ihrem Mantel. Früher oder später musste sie ihnen gegenübertreten – ob vor oder nach der offiziellen Krönung war im Grunde vollkommen egal. Sie tauschte einen Blick mit Tsukishiro Miyu, die ihr aufmunternd zuzwinkerte. Dann trat die Nekromantin auf den Balkon hinaus, woraufhin die Rufe der Leute noch lauter wurden.
Hiang trat an ihre Seite, schlug mit einem Stab auf den Bogen, woraufhin sofort Stille einkehrte, und verkündete: „Ich präsentiere dem Volk von Kaineng Ihre kaiserliche Hoheit Kurotsuki Yumi – Nachfahrin von Shikon No Yosei und Tsukuyomi Toya, rechtmäßige Herrscherin über das Reich des Drachens.“
In Cavalon noch hatte sie daran gezweifelt, überhaupt für Politik geschaffen zu sein … nun allerdings, da sie in ihrer neuen Position den Menschen gegenüber stand, für die sie die Verantwortung tragen würde … war da ein Gefühl, das sie erfüllte. Ihre Schwester hatte ihr gesagt, sie wolle tatsächlich das Oberhaupt der Kurzick werden – das konnte sie nachempfinden. Und sie würde ihren Schwur, Cantha und seine Bewohner zu beschützen, mit all ihrer Kraft erfüllen!
Erschöpft betrat Kurotsuki Yumi ihr Gemach. Wie vielen Würdenträgern war sie vorgestellt worden? Sie wusste es nicht … Ihren Ziehvater wiederzusehen hatte sie gefreut, ebenso Tsukishiro Miyu´s Verlobten kennenzulernen – ihrem Adoptivvater dagegen ging es noch immer nicht besser, weshalb die Mesmer noch in dieser Stunde abgereist war. Doch eine Person war nicht zu ihrer Krönung erschienen … Die erneute Begegnung mit Ushi hatte den Scham in ihr neu aufleben lassen – schon damals gehörte ihr Herz eigentlich einem anderen und dennoch hatte sie sich von ihm verführen lassen. Ein Fluch lag ihr auf den Lippen; am liebsten hätte sie seine Leiche wiederauferstehen lassen und noch weitere Male selbst getötet!
„Ich wünsche eine Audienz bei Eurer kaiserlichen Majestät.“, drang eine Stimme vom Fenster zu ihr.
Erst jetzt bemerkte Kurotsuki Yumi, dass es offenstand und sich eine Gestalt gegen die Dunkelheit der Nacht abzeichnete.
„Ihr solltet schnellstmöglich die Sicherheitsvorkehrungen im Palast erhöhen lassen.“, fuhr der junge Mann fort, der sich nun zu erkennen gab.
Die Nekromantin schlug sich die Hände vor den Mund und rief dann aus: „Symeon!“
Kaum zwei Sekunden später fiel sie ihm um den Hals und der Luxon presste sie fest an sich. Ein Teil von ihm hatte geglaubt, sie niemals mehr in den Armen halten zu können … Schon einmal war sie gegangen und er könnte sich ohrfeigen, dass er ihr nicht einfach gefolgt war. Jahrelang hatte Symeon versucht sich erfolglos einzureden, nur eine kleine Schwester oder ähnliches in ihr zu sehen … Natürlich wäre es ein leichtes zu behaupten, ihr Kuss hätte ihn wachgerüttelt – in Wahrheit hatte er längst begriffen, wie viel sie ihm wirklich bedeutete. Und dennoch war zu feige gewesen, sich ihr zu offenbaren …
„Ich liebe dich, Yumi.“, hauchte der Luxon nahe ihrem Ohr.
Ihr Körper versteifte sich. Ja, sie hatte ihn vor ihrem Aufbruch geküsst und er sich nicht dagegen gewehrt … trotzdem hatte sie damit nicht gerechnet.
Dafür gab es ein neues Hindernis, welches Kurotsuki Yumi zur Sprache brachte: „Ich … bin jetzt Kaiserin. Deshalb kann ich nicht zum Jademeer zurückkehren …“
Symeon lachte auf. Etwas an ihr hatte sich verändert – Pflichtbewusstsein schön und gut, aber diese Position war ein ganz anderes Kaliber, wo sie doch die Nominierung des Rates ausgeschlagen hatte.
„Ich lasse dich nicht mehr gehen … Ich bleibe bei dir.“, antwortete Symeon und rückte soweit von Kurotsuki Yumi ab, um ihr ins Gesicht sehen zu können.
Verwunderung spiegelte sich darauf, dann Freude. Und diesmal war er derjenige, der die Initiative ergriff. Es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis im Palast die nächste Feierlichkeit abgehalten werden würde – und zwar eine Doppelhochzeit! Als Titularkaiser würde Symeon Kurotsuki Yumi als erster Berater zur Seite stehen und Selik erhielte dann im Sinne seines Großonkels sogar einen ganz ähnlichen Titel – nämlich Titulargraf.
Bis dahin hatte Tsukishiro Miyu jedoch mit etwas anderem zu kämpfen … Während der gesamten Rückreise hatte sie gewünscht, noch rechtzeitig zu kommen … Die letzten Meilen rannte sie regelrecht – durch das gewaltige Eingangstor, dessen Gruß der Wachen sie im Eifer überging, über den gewaltigen Prunkhof, bis zu den Privatgemächern der Herrscherfamilie. Erst vor der Zimmertür ihres Vaters hielt sie kurz inne, um sich zu sammeln, ehe sie nach einem leisen Klopfen eintrat.
„Miyu, mein geliebtes Kind … du bist zurück.“, sagte er schwach.
Tsukishiro Miyu setzte sich an seine Seite. Sie fühlte sich schuldig, weil sie gegangen war … und wusste gleichzeitig, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Und Terrik zu Heltzer war derselben Ansicht – denn man hatte ihn bereits über alle Einzelheiten informiert.
Trotzdem kamen ihr die Worte nur schwer über die Lippen: „Weißt du, selbst wenn Yumi nicht die Erstgeborene wäre … ich hätte die Kaiserwürde verweigert. Weil es für mich einen anderen Platz gibt.“
„Als meine Frau starb, hatte ich Urgoz angefleht, mich von meinem Leid zu erlösen. Und das hat er getan – er hat mich zu dir geführt. Ich habe dich vom ersten Moment an geliebt!“, meinte er, während sich ein Lächeln über seine Züge legte, „Ich bin unglaublich stolz, dein Vater sein zu dürfen!“
Tränen sammelten sich in ihren Augen und sie gab gerührt zurück: „Und ich bin überglücklich, deine Tochter zu sein …“
Der Graf nahm den Siegelring vom Finger, hielt ihn ihr hin und erklärte: „Von jetzt an bist du Gräfin Tsukishiro Miyu zu Heltzer, das offizielle Oberhaupt dieser Fraktion.“
Ihre Tränen bahnten sich nun vollends ihren Weg, als die Mesmer nach der Herrschaftsinsignie griff und ihren Vater umarmte.
„Ich werde dich nicht enttäuschen!“, schwor sie ihm, ehe er in ihren Armen starb.
Gibt es so etwas wie Schicksal? Kurotsuki Yumi und Tsukishiro Miyu wurden Säuglinge voneinander getrennt und dennoch haben sie sich wiedergefunden … Usoku raubte den Thron von Cantha und doch regiert nun die wahre Erbin als Kaiserin über das Reich des Drachens. Ihre Heimat zu befreien – unausweichliches Schicksal oder freier Wille? So oder so … auch bei Zwillingen muss jeder seinen eigenen Weg gehen – ihre Ahnen jedenfalls wären stolz auf diese beiden neuen Verteidiger! Und so wird das Blut der Legenden weiterleben … bis der Mond vom Himmel fällt …
Buch 09: Die Legenden in einer anderen Welt
Ein neuer Schüler
Lachen und freudiges Gemurmel drangen an die Ohren der sechzehnjährigen Nadeshiko Yosogawa, erste Klasse der Thanca-Oberschule von Tokio. Wie jeden Tag, nachdem die erlösende Schulglocke geläutet hatte, und einen Teil der Schüler in die wohl verdiente Freizeit entließ. Aber eben nur einen Teil – der Teil, zu dem auch sie gehörte. Jene Schüler, die keinem Club beigetreten waren. Anders als ihre Zwillingsschwester, welche sich nach der Schule noch fast jeden Tag freiwillig mit Geschichte auseinandersetzte, zusammen mit ihrem festen Freund Klerus Monko. So war Seiketsu Yosogawa schon immer gewesen. Stets wollte sie allen Dingen auf den Grund gehen, aus dem Tun anderer lernen. Nadeshiko träumte lieber still vor sich hin. So wie heute … Tief in Gedanken versunken lief sie am Sportfeld ihrer Schule vorbei.
„Vorsicht!“, schrie jemand und Nadeshiko schreckte auf.
Ein Fußball flog geradewegs auf sie zu. Nadeshiko starrte ihn an, konnte sich nicht mehr rühren … nur noch die Hände vor ihr Gesicht schlagen. Keine Sekunde später prallte der Ball ab – allerdings nicht an ihr. Sie spähte zwischen ihren Fingern hindurch und erblickte einen Jungen, der sich schützend vor sie gestellt hatte. Seine Arme in Abwehrhaltung erhoben, wie beim Karate.
„Du solltest besser auf dich aufpassen.“, sagte dieselbe Stimme, welche sie zuvor gewarnt hatte.
Die Rothaarige blinzelte ein paar Mal. Der fremde Junge drehte sich halb zu ihr um, lächelte und ging. Nadeshiko war so gebannt, dass sie vollkommen vergaß, sich bei ihm zu bedanken.
Nadeshiko Yosogawa´s Kopf lag auf der Platte ihres Schulpults. Ihre Schwester warf ihr einen irritierten Blick zu; Nadeshiko benahm sich seit gestern äußerst merkwürdig. Seiketsu stupste sie leicht von der Seite an, doch nur ein Seufzer kam als Antwort.
Die Schulglocke läutete und der Lehrer betrat den Raum mit den Worten: „Aufstehen, verbeugen.“
Alle Schüler kamen seiner Aufforderung nach, wobei es bei Nadeshiko eher ein reiner Mechanismus war. Sie war nicht wirklich anwesend, irgendwie ganz weit weg. Nicht dass das etwas neues gewesen wäre, nur die Art … Sonst wirkte sie immer glücklich, wenn sie vor sich hinträumte.
„Ich habe euch einen neuen Mitschüler anzukündigen.“, erklärte der Lehrer, „Tritt ein und stelle dich der Klasse vor.“
Der Neue öffnete die Schiebetür und obwohl Nadeshiko nicht aufschaute, hörte sie ihm dennoch zu: „Mein Name ist Taiyo Ryuohtah.“
Diese Stimme! Nadeshiko fuhr regelrecht hoch. Es war eben jener Junge, der sie gestern Nachmittag vor dem Fußball gerettet hatte. Ryuohtah Taiyo … Ungewöhnlicher Name, dachte sie und gleichzeitig stieg ein warmes Gefühl in ihr auf. Lag es daran, dass sie ihm nicht zum ersten Mal begegnete oder weil er ihr geholfen hatte? Irgendetwas ließ sie eine Verbindung zu ihm spüren …
„Setz´ dich hinter Yosogawa.“, ordnete der Lehrer an und kratzte sich an der Wange, „Die Rothaarige von beiden, meine ich.“
Nadeshiko´s Augen weiteten sich. Ihr Lehrer sprach tatsächlich von dem Platz hinter ihr. Ryuohtah würde hinter ihr sitzen, nur einen Platz entfernt sein. Ganz nah bei ihr. Ryuohtah Taiyo selbst war bereits beim Betreten des Zimmers aufgefallen, dass er in ihrer Klasse gelandet war. Und jetzt sollte er auch noch bei ihr sitzen. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, als er auf dem zugewiesenen Stuhl Platz nahm. Beide sehnten von diesem Moment dem Ende der Stunde entgegen – was Seiketsu nicht verborgen blieb und mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert wurde. Als es dann endlich soweit war, drehte Nadeshiko sofort ihren Stuhl zu seinem Pult um.
Röte legte legte sich auf ihre Wangen, während sie ihn ansprach: „Taiyo-kun, ich-“
„Ohtah.“, unterbrach er sie sanft, „Bitte. Einfach nur Ohtah.“
Sie lächelte zaghaft und erwiderte: „Oh-Ohtah … Und mich nennen meine Freunde >Shiko< …“
„Shiko? Das klingt sehr schön.“, meinte er, was sie noch verlegener machte.
Bevor sie am Ende gar nichts mehr herausbrachte, sagte sie schnell: „Also, wegen gestern … Ich … ich wollte mich noch bei dir bedanken. Du hast mich gerettet!“
„Einer Dame muss man doch zu Hilfe eilen.“, winkte er ab, zwinkerte ihr aber noch zu.
Wieder ertönte die Schulglocke, diesmal verfluchte Nadeshiko sie und für den Rest des Tages fiel es ihr äußerst schwer sich auf den Unterricht zu konzentrieren, denn ihre Gedanken kreisten nur um ein Thema – Ryuohtah Taiyo.
Liebe geht nicht nur durch den Magen
Dieser Tag gehörte zu den wenigen Ausnahmen, an denen Seiketsu Yosogawa einmal nicht ihren Clubaktivitäten nachging und so konnte sie ihre Schwester gleich über Ryuohtah ausfragen.
„Es ist das erste Mal, dass du dich … Wie soll ich sagen? Ernsthaft für einen Jungen interessierst.“, stellte die Braunhaarige auf dem Nachhauseweg fest.
Nadeshiko hatte gewusst, dass dieses Gespräch kommen würde und ergab sich darum lieber gleich ihrem Schicksal: „Ich … Es kommt mir so vor, als wäre ich meinem leibhaftigen Schutzengel begegnet.“
„Und ich glaube, du hast dich total in ihn verknallt!“, lachte Seiketsu.
Sofort schoss Nadeshiko das Blut ins Gesicht und sie gestand leise: „Ich befürchte … du hast recht. Oh Sei-nee, was soll ich jetzt nur tun?“
„Erst mal ruhig bleiben.“, meinte sie beschwichtigend, „Es gibt absolut keinen Grund, warum er sich nicht auch in dich verlieben sollte – du bist wunderschön, klug, ehrlich und-“
Nadeshiko hob die Hand, um sie zu unterbrechen: „Furchtbar ungeschickt! Mal im Ernst – er hat einen Ball für mich abgewehrt, weil ich zu unfähig war … So perfekt, wie du immer sagst, bin ich nicht. Allein bin ich doch total hilflos!“
„Umso besser, Shiko-chan!“, neckte Seiketsu sie und legte ihr einen Arm um die Schulter, „Das scheint ja seinen Beschützerinstinkt zu wecken!“
Die Schwestern lachten. Es tat unheimlich gut mit jemandem reden zu können, der einen wirklich verstand. Seiketsu würde alles für ihre – immerhin ganze sieben Minuten – jüngere Schwester tun.
„Ich werde ihm ein Bento machen!“, rief Nadeshiko plötzlich aus, „Also … jetzt nicht irgendwas mit Herzen oder so …“
Perplex blieb Seiketsu stehen. Es war ihr wirklich absolut ernst mit diesem Ryuohtah …
Sie konnte nicht glauben, dass sie so in ihre Pläne vertieft gewesen war, wie sie Ryuohtah das Bento übergeben wollte, dass sie es gar nicht mitbekommen hatte – er hatte das Klassenzimmer bereits verlassen! Seiketsu sei Dank, dass sie wenigstens jetzt nach ihm suchen konnte. Nadeshiko rannte, so schnell sie konnte, die Stufen hinunter – kein Wunder, dass sie die feuchte Stelle übersah und darauf ausrutschte. Erst kam sie nur ins Straucheln, ruderte wild mit den Armen, dann kippte sie doch nach vorn. Erschrocken kniff sie die Augen zusammen – beinahe ein natürlicher Reflex bei ihr. Da packte jemand ihren Arm und hinderte sie daran vollends zu fallen. Nadeshiko atmete erleichtert auf. Ihre Füße standen wieder fest auf dem Boden.
„Siehst aus, als wäre ich so was wie dein persönlicher Held.“, witzelte ausgerechnet Ryuohtah, „Wo wolltest du denn so eilig hin?“
Mit bleichem Gesicht sah sie ihn an und hauchte: „Zu dir.“
Überraschung zeichnete sich auf seinen Zügen ab. Dieser Ausdruck verstärkte sich noch, als sie ihm das eingepackte Bento entgegen hielt. Unsicher griff er danach, mit einem imaginären Fragezeichen über dem Kopf.
Nadeshiko räusperte sich verlegen und fragte: „Wollen wir zusammen Mittagessen?“
„Unter einer Bedingung …“, erwiderte Ryuohtah schelmisch, „Wir gehen dafür zu deinem Lieblingsort hier. Die Schule ist immer noch neu für mich – aber die überfüllte Mensa würde ich gern tunlichst meiden.“
Um seine Gunst zu erringen, musste sie ihm ihr Herz öffnen – und so brachte sie ihn zu einem abgeschiedenen Teil des Schulgartens. Dort stand ein verlassener Busch wunderschöner Rosen, deren Blätter tiefrot leuchteten und an den Rändern leicht ausfransten.
„Rote Rosen …“, flüsterte Nadeshiko überwältigt, „Meine Lieblingsblumen. Nicht sehr originell, was?“
Ryuohtah kniete vor ihnen nieder, um fast ehrfürchtig über die Blüten zu streicheln.
„Sie passen zu dir, Shiko … In dir lebt dasselbe Feuer wie in ihnen.“, sagte er und lächelte sie an.
Etwas peinlich berührt wechselte sie das Thema: „Lass uns jetzt essen. Die Pause dauert schließlich nicht ewig … Itadakisamasu!“
Während dem Essen schwiegen beide. Aber Nadeshiko beobachtete aus den Augenwinkeln seine Reaktion. Es schmeckte ihm! Ein riesiger Stein fiel ihr vom Herzen.
„Shiko?“, riss Ryuohtah sie aus ihren Gedanken, „Arigato … für das Bento und diesen Ort.“
Dann gab er ihr einen Handkuss.
Rettung in letzter Sekunde
Von da an verbrachten Nadeshiko Yosogawa und Ryuohtah Taiyo jede Mittagspause zusammen vor dem Rosenbusch, selbst als der Herbst Einzug hielt und es langsam jeden Tag ein wenig kälter wurde. Manchmal begleitete er sie sogar nach Hause, wenn Seiketsu entweder mit ihrem Club beschäftigt war oder eine Verabredung mit Klerus hatte – die Zwillingsschwestern schwebten sprichwörtlich auf Wolke sieben. Und diese Euphorie veranlasste Nadeshiko sogar zu einer spontanen Einkaufstour – obwohl Shopping, ganz untypisch für Mädchen in ihrem Alter, eigentlich nicht wirklich ihr Ding war. Aber es ging mit jeder Woche näher an Weihnachten heran und das war eine zusätzliche Motivationsquelle. Nadeshiko liebte die weihnachtliche Dekoration und das Lichtermeer ... Dabei bemerkte sie nicht, wie ihr jemand seit unbestimmter Zeit folgte. Nadeshiko stand an der Ecke einer Gasse und betrachtete staunend das Schaufenster eines Blumenladens. Als sie auf einmal grob am Arm gepackt wurde. Ihr Angreifer zerrte sie in die Dunkelheit des schmalen Weges und presste sie gegen einen kalten Türrahmen aus Stein. Voller Angst starrte das Mädchen ihn an – seine gelben Augen durchbohrten sie, die grässliche Narbe über der rechten Wange brannte sich in ihr Gedächtnis ein.
„Du wirst nicht schreien, verstanden? Sonst könnte ich sehr ungemütlich werden … und das würde uns den Spaß verderben.“, drohte er und legte seine Hand von ihrem Mund unter den Saum ihres Kleides.
Trotz der dicken Strumpfhose stieg bei dieser Berührung die Übelkeit in der Rothaarigen auf und sie rief nach dem einzigen Menschen, an den sie denken konnte: „OHTAH! Hilf mir …“
Er lachte höhnisch und leckte sich über die Lippen, als er erwiderte: „Tja, Süße, nur hört dich hier leider niemand.“
„Sei dir da mal nicht so sicher!“, hallte Ryuohtah´s Stimme durch die Gasse.
Er traf den Fremden mit einem geraden Faustschlag im Gesicht, sodass er rückwärts taumelte, weg von Nadeshiko. An seine Position trat Ryuohtah in Abwehrstellung.
„Ich warne dich! Wage es nicht noch einmal, Shiko zu nahe zu kommen!“, erklärte er wütend.
Er zuckte mit den Schultern und warf ihr eine Kusshand zu. Dann zog er ab. Nadeshiko brach in die Knie, alle Kraft hatte sie verlassen.
„Shiko!“, kam es erschrocken von Ryuohtah und er eilte an ihre Seite, „Komm´, ich bring dich nach Hause …“
Weil er traute ihren Beinen nicht traute, nahm er sie Huckepack – Nadeshiko widersprach nicht einmal.
Ryuohtah war bereits einige Straßen mit ihr auf dem Rücken gegangen, als sie das Wort ergriff: „Du warst schon wieder da, um mich zu retten … Warum, wie?“
„Du hast mich doch gerufen.“, antwortete er gefasster, „Weißt du, da ist die ganze Zeit so ein merkwürdiges Gefühl in mir. Ich muss mich einfach immer wieder vergewissern, dass es dir gut geht. Also laufe ich los … und ich finde dich, jedes Mal. Gomenasai … das hört sich bestimmt ziemlich merkwürdig an – vor allem nach gerade eben.“
Nadeshiko drückte sich enger gegen seine Schulter, als sie flüsterte: „Nicht aus deinem Mund. Arigato, Ohtah … Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn du nicht gekommen wärst.“
Ein Knurren entfuhr ihm: „Daran will ich gar nicht denken!“
Das Haus war leer. Nadeshiko´s Eltern arbeiteten beide ganztags und Seiketsu hatte eine Verabredung mit Klerus. Es gehörte sich zwar nicht, dass zwei so junge Menschen allein zu Hause waren, aber Ryuohtah wollte Nadeshiko unter keinen Umständen allein lassen – lieber bezog er eine Standpauke.
„Du solltest etwas schlafen.“, riet er ihr und deckte sie zu, nachdem Nadeshiko es sich auf der Couch bequem gemacht hatte.
Verlegen versteckte sie sich etwas unter der Decke und fragte leise: „Würdest du … Hältst du bitte meine Hand, bis ich eingeschlafen bin, Ohtah?“
Sofort nahm er ihre Hand in seine, drückte einen Kuss darauf. Das, was geschehen war, hätte nie passieren dürfen – nicht ihr! Es gab kein reineres und schöneres Wesen als Nadeshiko … nicht für ihn. Es dauerte nicht lange und Nadeshiko´s Lider fielen von selbst zu, dabei hatte sie schwören können, es wäre nicht das erste Mal, dass Ryuohtah über ihren Schlaf wachte – was natürlich vollkommener Blödsin war! Während Ryuohtah in ihren Anblick vertieft war, öffnete sich die Haustür mit einem leisen Quietschen. Anschließend trat Seiketsu ins Wohnzimmer.
Ihre Augen weiteten sich und sie wollte umgehend wissen: „Was ist hier vorgefallen?“
Der missbilligende Tonfall entging ihm nicht, doch er konnte es ihr auch nicht verübeln. Knapp berichtete er von dem Überfall auf Nadeshiko. Er musste sich stark beherrschen, um seine Wut unter Kontrolle zu halten. Seiketsu stockte der Atem bei der Erzählung – sie stellte sich das grauenhafte Szenario bildlich vor. Ausgerechnet ihre kleine Schwester!
„Und du warst zufällig zur rechten Zeit am richtigen Ort?“, hakte sie nach.
Mit leichter Röte im Gesicht erklärte er: „Ich hatte ein ungutes Gefühl und habe nach ihr gesucht.“
„Verstehe.“, meinte Seiketsu und sie lächelte wehmütig, „Ich muss dir danken, Taiyo-kun … Shiko ist das wertvollste, was ich habe.“
Ryuohtah erwiderte ihr Lächeln und sagte mehr zu sich selbst: „Ja, Shiko ist ein Schatz … Und diesen Schatz werde ich um jeden Preis beschützen!“
Von arrangierter Verlobung und wahrer Liebe
Nadeshiko, Seiketsu und ihre Eltern saßen im Wohnzimmer und tranken Tee. Die Schwestern unterhielten sich angeregt über die bevorstehenden Prüfungen. Da gebietet ihnen ihr Vater plötzlich zu schweigen.
„Ich habe etwas sehr wichtiges mit dir zu besprechen, Nadeshiko.“, sagte er und legte ein Foto in die Mitte des Tisches, „Dieser junge Mann heißt Rien … Er ist der Sohn eines Bekannten von mir. Vielleicht erinnerst du dich noch daran, damals als ihr beide weggelaufen seid, war er es, der euch vor diesem wilden Köter beschützt und nach Hause gebracht hat. Zur Wiedergutmachung, weil er von dem Tier verletzt wurde und dadurch eine grauenhafte Narbe im Gesicht zurückbehalten hat, verlangt er, dass du seine Frau wirst, Nadeshiko. Lange Zeit hat er in Amerika studiert, nun ist er wieder in Japan und will sein Wort wahrmachen.“
Es war, als höre Nadeshiko diese Informationen als dritte Person. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Abbild des Mannes nehmen. Niemals würde sie es vergessen … Diese gelben Augen und auch die Narbe verfolgten sie in ihren Alpträumen. Dass sie nicht verrückt geworden war, lag einzig und allein an Ryuohtah Taiyo – er rettete sie jede Nacht erneut. Außerdem … wie sollte ihn oder überhaupt irgendeinen anderen heiraten, wenn ihr Herz bereits Ryuohtah gehörte?
„A-aber, Otosama, ist … ist das nicht ein ziemlich hoher Preis?“, fragte Seiketsu mit geschocktem Unterton, „Ich meine, es ist ja nicht Shiko´s Schuld gewesen.“
Sein Blick sprach Bände. Er duldete keinen Widerspruch. Seine Tochter hatte ihm Folge zu leisten.
Doch nicht mit Nadeshiko: „Niemals. Ich werde ihn nicht heiraten … Nicht ihn. Lieber sterbe ich!“
Damit sprang sie von der Couch aus und stürmte aus dem Raum, zur Haustür hinaus. Ihr Vater stand empört auf, schaute ihr nach. Ihre Mutter wirkte erschrocken. Nur Seiketsu blieb ruhig … Sie ahnte, wohin ihre Zwillingsschwester gehen würde. In dieser Situation konnte nur er ihr helfen.
Sie rannte die Straßen entlang, ohne genau zu wissen, wohin ihr Weg eigentlich führte. Sie kannte nur ihr Ziel – die Person, die sie jetzt unbedingt sehen wollte. Unter allen Umständen. Irgendwann hielt sie an, um Luft zu holen. Ihre Brust schmerzte, sie hatte Seitenstechen.
„Ohtah …“, flüsterte sie weinend und sank an der Wand entlang zu Boden.
Jemand trat aus dem Gebäude, vor dem sie zusammengebrochen war, und eine bekannte Stimme rief verwundert: „Shiko! Was machst du denn hier? Was ist passiert?“
Nadeshiko schaute hoch. Da stand er – Ryuohtah, ihr Held, in seinem Karate-Anzug mit dem blauen Gürtel des fünften Kyu. Unwillkürlich musste sie lächeln. Er hatte sie gefunden … wieder einmal.
Er half ihr aufzustehen und meinte: „Ich bring´ dich erst mal rein. Bei mir bist du in Sicherheit – immer, das verspreche ich dir.“
Ryuohtah führte die aufgelöste Nadeshiko in den Trainingsraum des Dojo´s seiner Familie. Wie durch Zufall war sie genau hier gelandet, bei ihm. Rasch goss er einen Tee auf und stellte den Becher auf den Boden. Die Tränen flossen weiterhin über ihre Wangen. Er nahm neben ihr Platz, sofort lehnte sie sich an ihn und Ryuohtah schloss sie fest in die Arme.
Der Tee dampfte bereits nicht mehr, als Nadeshiko schluchzend zu sprechen begann: „Ohtah, ich … ich … Ich liebe dich …“
Ein Schauer schoss durch seinen Körper und er verkrampfte sich spürbar, nur mit Mühe gelang es ihm zu antworten: „Und … warum weinst du dann? Glaubst du etwa … ich … ich würde nicht dasselbe für dich empfinden?“
Sie schüttelte den Kopf, den sie noch immer an seiner Schulter vergraben hatte: „Meine … meine Eltern … Sie haben … Sie wollen mich verheiraten! Rien … Er ist derjenige, der mich …“
Nadeshiko konnte den den Satz nicht beenden. In Ryuohtah kochte die Wut hoch – er wusste auch so, von wem sie sprach.
„Dieses miese Schwein! Ich hatte ihn gewarnt – diesmal mache ich ihn fertig!“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, dann zwang er Nadeshiko, ihn anzusehen, „Keine Angst … Ich lasse nicht zu, dass dieser Kerl dich noch einmal anfasst! Ich würde es nicht ertragen … Weil ich dich auch liebe, Shiko … von ersten Moment an.“
Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Egal was es ihn kostete, Rien würde sie nicht zur Frau bekommen, niemals. Er würde ihren Eltern erzählen, was vorgefallen war … alles tun, was sie von ihm verlangten, solange er nur ihre Tochter lieben durfte. Und dann tat Ryuohtah das, wonach er sich schon so lange sehnte – er küsste Nadeshiko.
Sein bleibt bestehen! Und auch sein Wunsch, dass sie wieder seine Frau wird, soll sich in diesem Leben erfüllen … Nadeshiko Yosogawa und Ryuohtah Taiyo werden um ihre Liebe kämpfen! Natürlich mit der Unterstützung von Seiketsu Yosogawa und Klerus Monko, dessen Seele sich ihnen ebenfalls ewigen Zyklus folgt, um mit seiner Geliebten vereint zu sein. So werden die einstigen Legenden von nun an stets ein ultimatives Happy End erleben …
Buch 10: Die Legenden am Rande des Himmels
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Buch 11: Die Prophetin der Legende
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Buch 12: Die Legende vom Wandel des Herzens
In der Unendlichkeit von Raum und Zeit existieren ebenso viele Dimensionen. Manche von ihnen sind durch Tore miteinander verbunden, andere vollkommen voneinander abgeschottet und dennoch bedingt sich alles gegenseitig. Gleichzeitig erscheint es nicht unwahrscheinlich, zwischen all dem den Überblick zu verlieren und sich zu verirren – aber wenn zwei Wesen wahrhaft füreinander bestimmt sind, können nicht einmal verschiedene Welten sie trennen …
Rückkehr
Avalon – ein abgeschiedener und verdorrter Inselkontinent im Meer von Raum und Zeit, umringt von dichten Nebeln und einem undurchdringlichen Wald, beherrscht von einem gewaltigen Berg inmitten des Herzlandes und bewohnt vom magiebegabten Volk der Elben. Einst jedoch lebten sie gemeinsam mit den Menschen auf der Erde, Seite an Seite in friedlicher Harmonie … Doch irgendwann entbrannte ein Streit zwischen den beiden Rassen, woraufhin die Elben in diese fast vollkommen vergesse Sphäre flohen. Karge Ernten, bedrohliche Kreaturen am Rande der Welt und die schwindende Energie der Dimension machten ihnen das Überleben dort allerdings nicht gerade leicht – Probleme, die der Herrscher, König Torarien nur auf eine Art zu lösen wusste …
Er rief seine drei Söhne zu sich in den Thronsaal, die formvollendet vor ihm niederknieten. „Ihr wisst, warum wir seit Jahrhunderten ein Leben in dieser tristen Einöde fristen müssen … Wir wurden gejagt und vertrieben von den widerlichsten Abscheulichkeiten, die jemals auf Erden wandelten – den verabscheuungswürdigen Menschen! Wir haben damals aus Respekt vor der heiligen Natur den Kampf gegen sie gescheut und sind hierher geflohen … doch diese Welt lässt uns immer weiter ausbluten. Ihr seid mehr oder minder die begabtesten Krieger unseres Volkes, darum entsende ich euch auf die Erde, um sie für uns zurückzuerobern! Kamekle, Hoorgo … Ryuohtah, enttäuscht mich nicht!“
„Jawohl, Vater … Eure Majestät!“, kam es im Gleichklang von ihnen zurück.
Kamekle, der Erstgeborene und damit nächster Anwärter auf den Thron war mit seiner schlaksigen Gestalt der geborene Gelehrte und Stratege. Die Kampfausbildung hatte der Blonde lediglich auf Torarien´s Verlangen hin über sich ergehen lassen – dennoch gehörte er durch »Alfirin«, seine immer weiße Blume zu den besten Rapier-Meistern. Sein jüngster Bruder Hoorgo war das genaue Gegenteil von ihm – er liebte das Kämpfen und stürmte mit seinem mächtigen Zweihänder am Liebsten mitten in die gegnerische Gruppe hinein, die er mit seinem flammend roten Haar meist schon von Weitem in Schrecken versetzte – ihm berichtete es sichtliches Vergnügen auf jene Bestien, die zwischen den Baumstämmen lauerten, Jagd zu machen … genauso wie auf das weibliche Geschlecht. Und Ryuohtah? In den Augen seines Vaters besaß er keinerlei herausragende Fähigkeiten. So war es seit seine Mutter Chunryu bei der Geburt ihres dritten Kindes verstorben und gleichzeitig das Herz seines Vaters erkaltet war … Zwar konnte im Duell kaum jemand gegen seine beiden Langdolche ankommen, aber das genügte Torarien längst nicht – von dem äußeren Makel des Braunhaarigen einmal ganz abgesehen. Die Elben verehrten Perfektion und danach zu streben war ein großer Teil ihrer Kultur. Da passte die Heterochromie von Ryuohtah´s Augen schlichtweg nicht hinein – rechts schwarz, links rot. Seinen Brüdern dagegen war dieser Unterschied herzlich egal, sie respektierten und liebten ihn aus den Tiefsten ihrer Herzen, ebenso umgekehrt.
Aus diesem Grund durchschritten die drei Krieger auch gemeinsam das letzte, verbliebene Portal, das zur Erde führte. Eiskalte Luft schlug ihnen entgegen, fremde Sternbilder leuchteten über ihren Köpfen – die Nacht hatte hier eine ganz andere Gestalt als in Avalon. Und was war bloß mit dem Boden los? Der dunkelgraue, harte Asphalt der Straßenkreuzung war den Elben vollkommen unbekannt. Sie kannten auch keine Elektrizität, wie etwa das Licht der Laternen oder sonst eine moderne Technologie. Wenigstens jegliche Sprache der Menschen Sprache beherrschten sie durch ihre Magie fließend.
„Wo sind denn jetzt diese Würmer?“, keifte Hoorgo schlecht gelaunt. „Meiner Klinge dürstet es nach Blut!“
Zur selben Zeit, in der gleichen Stadt wurde Shiko Yosogawa von einem Alptraum nach den anderen geplagt – mathematische Formeln, Vokabeln, Grammatikregeln, der ganze Schulstoff wirbelte durch ihren Geist. Es war, als liefe sie durch einen nie endenden Tunnel des Lernens …
„Shikon“, rief plötzlich jemand nach ihr - mit ihrem wahren Namen, „Shikon … erwache!“
Die männliche Stimme kam ihr irgendwie bekannt vor, doch konnte Shiko sie partout nicht zu ordnen. Aber die viel wichtigere Frage lautete – woher kannte er bloß ihre geheime Identität? Es sollte niemanden mehr geben, der über das Geheimnis ihrer Abstammung Bescheid wusste …
Mit wild klopfendem Herzen fuhr Shiko aus dem Schlaf hoch, kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn und sie keuchte erschöpft. Alte Magie pumpte durch ihren Körper, verwandelte sie … Hastig sprang Shiko aus dem Bett und stürzte zum Wandspiegel. Das Mädchen ihr gegenüber hatte rotbraunes Haar, das ihr offen über den gesamten Rücken fiel. Ein Edelstein – möglicherweise ein Rubin – prangte auf ihrer Stirn und sie trug ein Kleid, das nicht von Menschenhand gemacht sein konnte. Und obwohl sie wusste, was sie erwarten würde, erschrak Shiko beim Anblick ihrer spitz zulaufenden Ohren – sie war tatsächlich zur Elbe geworden! Gleichsam waren ihre übermenschlichen Sinne erwacht. Sie wirbelte zum Fenster herum. Von irgendwo dort draußen spürte sie weitere magische Präsenzen. Dieser Traum konnte demnach kein Zufall gewesen sein … dasselbe galt für das zu Tage treten ihres elbischen Blutes. Jemand hatte das Erbe ihres Vaters in ihr absichtlich geweckt. Und die Besitzer jener Auren waren der Grund dafür.
Es war definitiv leichtfertig, doch sie konnte nicht anders – sie öffnete das Fenster, sprang leichtfüßig auf das Dach des Nachbarhauses und folgte ihrem Gefühl. Trotz des Zwielichts konnte Shikon dank ihrer Nachtsicht die drei Gestalten, die inmitten einer großen Straßenkreuzung standen, genau erkennen. Neben ihren unterschiedlichen Haarfarben und den außergewöhnlich markanten Gesichtszügen fielen ihr vor allem die verschiedenen Klingen auf. Außerdem gehörten sie ebenfalls eindeutig zum Volk der Elben … Von der genauen Musterung abgelenkt, bemerkte Shikon die zwei herannahenden Personen erst, als sie in den Lichtkegel einer der Straßenlaternen traten. Dafür kam augenblicklich Bewegung in den Kleinsten der Krieger, welcher den mächtigen Zweihänder führte und noch ehe die Rothaarige mit einem Muskel zucken konnte, schlachtete er die beiden Menschen in einem Szenario geboren aus schlimmster Grausamkeit ab. Die Blutlache auf der Straße schimmerte im Schein des fahlen Mondlichts und Shikon stieg die Galle hoch.
„Uruloth …“, trat ein Wort gleich einem Windhauch über ihre Lippen.
Es bedeutete >Feuerblume< und aus dem Nichts heraus materialisierte sich in ihrer linken Hand ein silberner Bogen samt einem Kocher mit weiß gefiederten Pfeilen an ihrer Hüfte. Sie atmete tief durch, dann legte sie eines der Geschosse an und spannte die Sehne. Niemals zuvor ihr ihrem Leben hatte Shikon mit einem Bogen hantiert, doch legte sie all ihr Vertrauen in die Waffe. Der Pfeil schnellte von der Sehne – genau im selben Moment trat der Elb mit den beiden Langdolchen in den Weg, sodass er anstelle des Rothaarigen gestreift wurde. Ein blutiger Striemen zog sich über seine Wange und für den Bruchteil einer Sekunde, der ihren elbischen Sinnen vollkommen genügte, begegneten sich ihre Blicke. Zwei verschiedenfarbige Iriden brannten sich in ihre schokoladenbraune Iris … Zuerst war Shikon von einem merkwürdigen Glühen erfüllt, dann kam die Angst. Seine Erscheinung ließ nicht den geringsten Zweifel zu, dass er ebenfalls zu einem solchen Massaker fähig war, wie sein Begleiter. Es blieb ihr nur die Flucht – die Energie, die sie verändert hatte, verschwand und mit ihr auch Feuerblume, die sich in ihre Seele zurückzog. Einem Mensch könnten sie sicher schwerlich folgen, wenn überhaupt. Doch der Elb war ohnehin viel zu verwundert, um der Rothaarigen hätte folgen zu können.
Hätte Shikon jedoch geahnt, was ihr in der kommenden Zeit bevorstand, hätte sie vielleicht lieber jetzt dem Tod ins Auge geblickt … Ein Zitat, das sie irgendwann einmal aufgeschnappt hatte, besagte >heute leben, morgen kämpfen<. Aber wäre sterben wirklich so schrecklich gewesen, im Vergleich zu den bevorstehenden Ereignissen?
Geschockt berührte Ryuohtah die blutende Stelle an seiner Wange. Ein Woge der Wut schwappte über ihn hinweg, als er auf das Blut an ihren Fingerspitzen anstarrte. Wie lange war es her, seit er das letzte Mal in einem Kampf verwundert worden war? Damals war er noch in der Ausbildung bei seinem Schwertmeister gewesen … Es hatte zwanzig Jahre gedauert, bis er Shiroshin hatte besiegen können und weitere zehn Jahre, um aus einem Duell mit ihm unversehrt hervorzugehen. Dies war einer der Gründe, warum er zwei Klingen führte – Angriff und Verteidigung gleichermaßen. Doch Shiroshin hatte ihn auch gelehrt, sich durch solche Kleinigkeiten nicht aus der Fassung bringen zu lassen … Also ließ er seinen Zorn fallen und sondierte stattdessen die Umgebung. Von einem der Dächer am anderen Ende des grauen Pfades sah ihn eine Elbe mit langem, roten Haar und tiefbraunen Augen an. In Händen hielt sie einen fein gearbeiteten Bogen, der eindeutig durch Magie geschaffen worden war. Ihr Blick brachte seinen ganzen Körper zum Erstarren. Hatte sie ihn etwa aus dieser Entfernung nicht nur mit einem Pfeil getroffen, sondern sogar mit einem Zauber belegt? Obwohl es sich wie eine Ewigkeit angefühlt hatte, dauerte der Moment bloß einen Wimpernschlag lang … dann war sie jäh verschwunden – selbst ihre Präsenz.
„Was ist denn auf einmal mit dir los?“, schnauzte Hoorgo ihn an.
Kamekle packte seinen jüngsten Bruder an der Schulter, um ihn zurückzuhalten. „Es ist erstaunlich, dass ihre Aura so plötzlich verschwunden ist.“
Verkniffen nickte der Braunhaarige, ohne sich von jener Stelle abzuwenden. Hoorgo stürzte sich gelangweilt auf sein Schwert »Dúath«, was in Sindarin so viel wie >Dunkelheit< bedeutete – er war so sehr in seine kaum befriedigte Mordlust versunken gewesen, dass er im Gegensatz zu seinen Brüdern das kurze Aufflackern von fremder Energie nicht wahrgenommen hatte.
„Wir müssen zurück nach Avalon und Vater Bericht erstatten – unser Auftrag sah keine elbische Gegengewehr vor“, entschied der Älteste, dem Ryutaiyo´s Reaktion nicht entgangen war und der sich daher dieselbe, brennende Frage stellte.
Wer mochte dieses Mädchen nur sein? Laut den Aufzeichnungen, die sie als Kinder hatten studieren müssen, gab es keine Elben mehr auf der Erde – ein jeder war unter ihrem Urgroßvater geflüchtet. Ehe der Rothaarige den geringsten Widerstand leisten konnte, öffnete Kamekle bereits das Portal und stieß ihn hinein. Ryuohtah dagegen musste er nicht bitten. Die Brüder hatten den größten Teil ihres Lebens nur zu dritt verbracht und kannten daher jedes Verhaltensmuster der anderen.
Daher stand es außer Diskussion, dass der Kronprinz nach ihrer Rückkehr das Wort an den Herrscher richtete. „Vater … Eure Majestät, es gab Komplikationen. Wir sind auf der Erde nicht nur auf Menschen gestoßen … Eine Frau elbischen Blutes hat uns angegriffen.“
Würden Torarien´s Lebensjahre nicht bereits mehrere Jahrhunderte zählen, wären ihm sämtliche Gesichtszüge entglitten. Dennoch schlich sich Zorn in seine Stimme. „Das kann nicht sein – es gibt keine Elben mehr in jener Welt! Wie könnt ihr euch da so sicher sein?“
Entgegen des Protokolls erhob sich nun Ryuohtah. „Ihre Aura hat sie verraten … Die Ausstrahlung ihrer Magie war eindeutig die unseres Volkes. Ich bitte Euch … ich bin es, der von ihrem Pfeil verwundet wurde – erlaubt mir auf die Erde zurückzukehren und sie persönlich hierher zu schleifen, um diese Schmach zu tilgen.“
Diesmal konnte sich der Schwarzhaarige nicht beherrschen – er donnerte mit der Faust auf die Lehne des Throns. „Natürlich … Wer außer dir könnte derart scheitern?! Aber gut, dein Vorschlag soll mir recht sein – so muss ich deine Visage wenigstens nicht ertragen. Bring´ dieses Miststück zu mir … Wage es nicht, dich erneut erfolglos in meinem Reich blicken zu lassen!“
Die Worte seines Vaters schnitten tiefer, als es jede Klinge vermocht hätte … Wäre Ryuohtah nicht auch der Sohn seiner Mutter – die einzige Person, die Torarien in seinem Leben wohl wirklich jemals geliebt hatte –, hätte der König ihn sicherlich bereits vor Jahrzehnten getötet. So musste er lediglich mit dessen Groll leben … Außerdem schuldete sie allein ihm einen Blutzoll und in dieser einen Hinsicht ähnelte der Braunhaarige Hoorgo – er würde niemand anderem gestatten, sich seiner Beute anzueignen.
Identität
In den folgenden Tagen war Shiko selbst während des Unterrichts vollkommen in ihrer Gedankenwelt versunken, seufzte vor sich hin und kritzelte, ohne hinzusehen, mit dem Bleistift auf ihrem Block herum. Das Zeichnen diente ihr für gewöhnlich zur Entspannung, um abzuschalten. Häufig waren es Szenen aus ihren Träume - fremde Landschaften, die Shiko stets für die Heimat der Elben gehalten hatte. Nur warum sollten drei von ihnen plötzlich auf die Erde kommen und wahrlos Menschen abschlachten? Ob es nach ihrer Begegnung noch weitere Opfer gegeben hatte? Zumindest die Nachrichten hatten von keinen weiteren, zerstückelten Leichen gesprochen … Dieser Fall würde für alle Ewigkeit unaufgeklärt bleiben – es gab niemandem, dem sie die Wahrheit hätte anvertrauen können. Doch wenn sie die elbischen Krieger nicht aufhielt, würden sicherlich erneut Menschen sterben … Nur was konnte sie allein schon ausrichten? Innerhalb einer Nacht hatte sich Shiko´s Leben komplett auf den Kopf gestellt. Sie hatte zwar immer geahnt, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem sie sich mit dem Erbe ihres Vaters würde auseinandersetzen müssen – so hatte sie sich diesen Moment allerdings nicht vorgestellt … Nicht gerade leicht all diese Erlebnisse auf die Reihe zu bekommen. Einerseits wünschte sich Shiko nichts sehnlicher, als nur ein ganz normales Mädchen zu sein – auf der anderen Seite war es ein unbeschreibliches Gefühl gewesen, sich so frei und beinahe schwerelos zu bewegen …
„Was ist in letzter Zeit eigentlich mit dir los, Shiko-chan?“, wollte ihre beste Freundin Seiketsu Fujikawa nach der Schule von ihr wissen. „Sag´ bloß, du hast einen Jungen kennengelernt und mir nichts von ihm erzählt?!“
Richtig, da gab es noch etwas, das ihr nicht aus dem Kopf ging … Dabei hatte die Rothaarige gehofft, das Bummeln durch die Ladenstraße ihres Viertels brächte ein wenig Ablenkung.
Seiketsu wedelte ihr mit der Hand vor dem Gesicht herum. „Hallo? Hörst du mir überhaupt zu?“
„Natürlich nicht!“, entfuhr es Shiko und sie seufzte wieder. „Ich meine – klar, höre ich dir zu, Sei-chan. Und nein, da gibt es niemanden …“ Sie wollte nicht daran denken, dass diese eindrucksvollen Augen des Kriegers mit den zwei Klingen sie selbst in ihren Träumen verfolgten …
Die Antwort schien die Braunhaarige nicht zufrieden zu stellen. „Hm, trotzdem … irgendetwas ist mit dir.“ Erschrocken schlug sie sich die Hände vor den Mund. „Oh nein … Ist es wegen deiner Mutter?“
Schweigend wich Shiko ihrem Blick aus. Der Tod ihrer Mutter Kaira war noch so ein schwieriges Thema – was vor gut einem Jahr lediglich als harmlose Erkältung angefangen hatte, war schlussendlich zu einer tödlichen Lungenentzündung geworden … Da Shiko ansonsten keine anderen Verwandten mehr hatte – über den Verbleib ihres elbischen Vaters wusste sie nichts –, durfte sie seitdem aus Mitleids des älteren Vermieter-Ehepaares mietfrei in der Wohnung bleiben und ihren sonstigen Lebensunterhalt konnte die Rothaarige durch Kaira´s Ersparnisse abdecken. Sollte Seiketsu ruhig glauben, der baldige Todestag ihrer Mutter würde sie mitnehmen …
Da drang auf einmal die Melodie eines Liedes aus dem Geschäft, vor dem sie zum Stehen gekommen waren. Der Sänger erzählte von einem Liebespaar, welches sich nach tausend Jahren endlich wiedersehen konnte, nachdem ihr Feind endlich besiegt war, der ihr Glück überschattet hatte – an jeder Stelle, an der sie sich einst trennten. Tief im Wald begegneten sie sich im Licht des Vollmondes und gemeinsam erfüllten sie so ihr Schicksal. Shiko liebte die Vorstellung des Elbenvolkes über das silberne Mondlicht … Wenn Sterbende den Sinn ihres Lebens erfüllt hatten, wurden sie nicht mehr in ein neues Leben wiedergeboren, sondern gingen ins Mondlicht ein, um dort auf ewig mit ihren Liebsten vereint zu sein. Irgendwie hoffte Shiko, auf diese Art eines Tages ihre Mutter wiederzusehen …
„>Dein wildes Herz kommt nicht zur Ruh´“, wiederholte sie melancholisch. „Wie wahr …“
Seiketsu lächelte mitfühlend und klopfte ihr auf die Schulter. „Es wird besser, Shiko-chan … Du bist doch sonst so optimistisch!“
Kaum merklich nickte Shiko, während das sanfte Lied mit einer Wiederholung des Refrains endete und geschockt erstarrte sie. Erst jetzt war ihr aufgefallen, dass die Worte in Sindarin gesprochen waren … der Sprache der Elben!
Obwohl sie ja das ganze Wochenende dafür Zeit hatten, verabschiedete sie sich mit der halbherzigen Ausrede, ihre Hausaufgaben erledigen zu müssen, von ihrer besten Freundin und machte sich eilig auf den Weg nach Hause. Dort warf Shiko ihre Schultasche gegen eine Wand, sodass sich der gesamte Inhalt quer über dem Boden verteilte. Nicht nur, dass sie sich in eine andere Rasse verhandelt hatte – jetzt konnte sie auch noch eine Sprache sprechen, die sie niemals jemand gelehrt hatte! Langsam sprach sie ein paar einfache Worte aus, die ihr durch den Sinn gingen. Bis es in ein freudloses Lachen überging … War sie nicht schon merkwürdig genug gewesen, auch ohne diese ganze Elben-Nummer?
Kopfschüttelnd bückte sie sich, um ihre Sachen wieder einzusammeln und auf den Schreibtisch zu legen. Vielleicht war der Vorwand, den sie vorgeschoben hatte, gar nicht so abwegig gewesen – nichts konnte sie mehr ablenken, als sich auf Mathematik konzentrieren zu müssen. Kaum hatte Shiko den Block auf einer unbestimmten Seite aufgeschlagen, verkrampften ihre Muskeln erneut. Eine Bleistiftzeichnung starrte ihr entgegen – wild abstehendes Haar, spitze Ohren und unterschiedlich dunkel schraffierte Augen … sogar die blutende Schramme hatte sie in das Bild eingefügt und damit ein genaues Abbild jenes Kriegers geschaffen, den sie verwundet hatte. Wie konnte es sein, dass sie den ganzen Tag über nicht mitbekommen hatte, was für ein Bild da entstanden war? Eine Gänsehaut breitete sich über ihren Armen aus und ihre Fingerspitzen fuhren wie von selbst über die Linien seiner Gesichtszüge.
Wie vom Blitz getroffen sprang Shiko auf und schnappte sich erneut ihre Tasche. Keine drei Sekunden später war sie bereits wieder zur Tür hinaus geeilt - zurück zu jenem Geschäft, aus dem zuvor die elbische Musik gedrungen war. Sie ging hinein und suchte nach der passenden CD - ein goldener Sonnenstrahl leuchtete ihr vom Cover entgegen. Dieser Interpret musste irgendeine Verbindung zu ihrem Vater haben … sonst gab es keine Elben mehr auf der Erde - sie alle waren sie in die andere Welt gegangen.
Nachdem Shiko das Album gekauft und den Laden wieder verlassen hatte, ging sie die Titelliste durch. „Avalon …“
Da knallte sie plötzlich mit voller Wut gegen einen jungen Mann. Einer hastige Entschuldigung auf den Lippen schaute Shiko zu ihm auf. Er war einen ganzen Kopf größer, das braune Haar stand in alle Richtungen ab und seine schwarzen Augen musterten sie, während sich ihre Augenlider mehrmals perplex hoben sowie senken.
„Was hast du da gerade gesagt?“, fragte der Fremde betont langsam, was ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Als sie nicht antwortete, packte er sie am Arm und zog sie ein Stück hinter sich her. „Du kommst mit!“
Endlich erwachte Shiko´s Kampfgeist – ruckartig riss sie sich von ihm los und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Obendrein griff sie in der Tasche nach ihrer Wasserflasche, deren kompletten Inhalt sie über seinem Kopf ausleerte. „Die kleine Abkühlung tut dir sicherlich gut!“
Ryuohtah´s Blick klebte an der Stelle, an der das Mädchen in der Menge verschwunden war. Was war bloß mit dieser Welt los? Erst wurde ausgerechnet er von einer dreisten Elbe durch ihren verfluchten Pfeil verwundet und nun von einem einfachen Menschen gedemütigt! Hinzu kam dieses unmelodische Getuschel der Passanten, während die Sonne langsam unterging. Die herannahende Nacht nagte an ihm – zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich einsam … Dabei hatte Ryutaiyo das Alleinsein niemals gescheut. Dennoch hatte er sich in Avalon stets auf seine Brüder verlassen können, die in Gedanken immer bei ihm waren. Auf der Erde bestand diese mentale Verbindung nicht länger … Er war vollkommen auf sich gestellt. Ihm fehlte jeglicher Anhaltspunkt, um seine Beute aufzuspüren. Was machte er eigentlich hier? Sein Vater hasste ihn ohnehin – Schmach hin oder her … Wenn Ryuohtah einfach dessen Befehl mit Kamekle und Hoorgo zusammen ausgeführt hätte, müsste er sich nun nicht auf so widerliche Weise hilflos vorkommen.
„Es erscheint mir, als wüsstest du nicht, wo du übernachten solltest“, sprach ihn ein glatzköpfiger Mann an und lächelte. „Komm´ mit.“
Er ging an Ryuohtah vorbei, ohne sich zu ihm umzudrehen. Niemals wäre der Elb auf die Idee gekommen, die Hilfe eines Menschen anzunehmen … jedenfalls bevor er sich zwischen den Welten so verloren hatte. Ob es an der Gestalt lag, die Ryuohtah angenommen hatte, um nicht aufzufallen, oder einen anderen Grund hatte – er fühlte sich zu ausgelaugt, um der Versuchung zu widerstehen. Und so folgte er dem Erdling schweigend zu dessen Haus. Nach einer warmen Mahlzeit fiel Ryuohtah erschöpft in das weiche Bett des Gästezimmers, ohne sich weiter Gedanken über seinen Gastgeber zu machen – morgen konnte er seinen Erzfeind immer noch umbringen … Kaum berührte sein Kopf das Kissen, fiel er in einen so tiefen Schlaf wie seit Jahrzehnten nicht mehr, in dessen Träume eine gewisse Rothaarige vorkam.
Ryuohtah rannte auf der Suche nach der Elbe von Dachsims zu Dachsims. Doch abrupt brach die Fährte er, die er verfolgt hatte.
Wütend schlug der Krieger gegen einen steinernen Kamin, sodass ein Abdruck seiner Faust zurückblieb. „Weder magische noch materielle Spuren können einfach so im Nichts verschwinden!“
Frustriert sprang er in eine schmale Gasse hinunter und nahm erneut menschliche Form an. Gleichzeitig weiteten sich seine Augen – die plötzliche Erkenntnis traf Ryuohtah wie ein Schlag ins Gesicht. Die Elbe nutzte denselben Zauber wie er … sie war ebenso eine Gestaltwandlerin!
Ruckartig setzte sich Ryuohtah auf und sah sich verwirrt um. Die Sonne stand hoch im Zenit. Es dauerte einige Momente, ehe seine Erinnerungen an den vorherigen Abend zurückkehrte. Er war bei einem Menschen untergekommen, der ihn in seiner Schwäche bei sich aufgenommen hatte … Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenzucken.
„Ich komme rein“, sagte sein Gastgeber und öffnete lächelnd die Tür. „Ah, ich verstehe … deshalb wirkst du wie nicht von dieser Welt.“
Ein kalter Schauer überlief Ryuohtah, während seine Hände langsam zu seinen Ohren wanderten und die spitzen Enden ertasteten. Der Zauber war im Schlaf verblasst … Hitze der Scham stieg dem Elben ins Gesicht. Lautlos formte er die Worte der Macht. Erstaunen legte sich auf das Gesicht seines Gegenübers.
„Wie geht es jetzt weiter … nachdem Ihr wisst, was ich bin?“, wollte der Braunhaarige wissen, bereit seine beiden Langdolche aus der Zwischendimension heraufzubeschwören.
Der freundliche Ausdruck kehrte auf das Gesicht des Mannes zurück. „Zunächst möchte ich mich vorstellen – mein Name lautet Mhenlo … Taiyo Mhenlo. Und wenn ich ehrlich bin, gibt es für mich keinen Unterschied zwischen gestern und heute.“
„Du … hast keine Angst vor mir?“, gab Ryuohtah ungläubig zurück.
Jetzt lachte Mhenlo. „Wieso sollte ich? Buddha lernt uns, dass jedes Leben kostbar ist … Deine Erscheinung ist nicht entscheidend – was zählt, ist dein Herz.“
Jedes seiner Worte schockte den Braunhaarigen neuerlich. Hatte sein Vater ihn nicht sein ganzes Leben lang gelehrt, was für blutrünstige Bestien die Menschen waren, neben denen sogar Hoorgo harmlos erschien? Natürlich, er musste auf der Hut sein, möglicherweise war dies nur eine List … aber daran glaubte er nicht – Mhenlo schien keinerlei böse Absichten in sich zu tragen. Und wenn er so darüber nachdachte, wäre es nicht allzu verwunderlich, wenn Torarien sie angelogen hätte.
„Nennt mich >Ohtah<“, erwiderte er schließlich. „Ich … möchte mir ein Bild von dem Leben auf der Erde machen.“
Mhenlo musterte ihn genauer und legte die Hand nachdenklich an sein Kinn. „Hmm, ja – das müsste von deinem Äußeren her ungefähr hinkommen … Wenn du wirklich etwas über die Menschen lernen willst, musst du zur Schule gehen. Ich werde einen alten Freund um Hilfe bitten.“
Wiedersehen
„Shikon …“, flüsterte die männliche Stimme erneut ihren wahren Namen. Zusehends veränderte sich die Umgebung um Shiko – war sie zuvor noch in ihrer Schulbank gesessen, saß sie nun auf einer saftgrünen Wiesen zu Füßen eines mächtigen Berges. „Fürchte dich nicht! Ich will dir nichts Böses … Ich besuche dich in deinen Träumen, um dir zu helfen. Nichts ist mehr, wie es war … und Veränderung geschehen nicht mehr Stück für Stück – Äonen sind vergangen, seit Elben diese Welt mit Absicht betreten haben. Du bist ihnen bereits begegnet … Doch weder du noch ich wissen, was sie auf der Erde suchen. Sei vorsichtig, Shikon, dein Leben ist zu wertvoll!“
Das warme Gefühl, das sie bereits bei ihrer ersten Verwandlung verspürt hatte, erfüllte ihren Körper und diesmal benötigte sie keinen Spiegel, um sich ihrer äußeren Erscheinung gewahr zu sein. Die typischen Ohren und der flammende Rubin blitzten zwischen dem längeren Haar hindurch, der blaue Stoff umschmeichelte ihre Gestalt, den Bogen Uruloth trug sie über einer Schulter und der Köcher hing an ihrer Hüfte. Nur ihre Gesichtszüge und ihr Körperbau hatten sich nicht verändert - sie sah immer noch aus, wie Shiko. Sie war beides – nicht ganz menschlich, aber auch keine vollwertige Elbe …
Gleichzeitig war sie der leibhaftige Beweis, dass Elben in dieser Welt gelebt hatten – zumindest einer von ihnen. „Wer … bist du?“
Eine Spur Traurigkeit wehte gleich einer Böe durch die Luft. „Das kann ich dir noch nicht offenbaren … Es wäre zu gefährlich für dich, wenn du zu viel weißt.“
Damit verschwand seine Präsenz – der Traum löste sich auf und Shiko´s Wecker beendete ihren Schlaf. Klarträumen hatte den unschönen Nebeneffekt, dass man sich weniger erholt daraus aufwachte … Gähnend krabbelte Shiko auf dem Bett und machte sich nachdenklich für die Schule fertig. Wenn Elben die Erde tatsächlich so lange Zeit gemieden hatten, wie waren sich dann ihr Vater und ihre Mutter begegnet? Waren die elbischen Krieger deshalb auf die Erde gekommen – um nach ihr zu suchen? All die Grübelei brachte Shiko nicht weiter … Aber wenn sie in ihrer menschlichen Gestalt gefunden würde, würde sie damit auch andere in Gefahr bringen – allen voran Seiketsu. Shiko durchforstete ihr Gehirn und ihr fielen ein Verhüllungszaubers ein, der wenigstens ihre sichtbare Verbindung mit Shikon vor Unwissenden verschleiern würde. Wie ein Mantel umfüllten sie die Worte der Macht. Mit einem halben Lächeln auf dem Gesicht verließ Shiko ihre Wohnung und machte sich auf den Weg zur Schule.
Unterwegs traf sie ihre besagte, beste Freundin und erzählte ihr von der unschönen Begegnung vor dem Musikgeschäft. „Kannst du das glauben?“
„Wie spannend!“, entgegnete die Braunhaarige grinsend. „Vielleicht hast du ihn ja auch mit deiner Schlagfertigkeit beeindruckt und jetzt einen neuen Verehrer?“
Shiko starrte ihre Freundin an, als wäre diese von allen guten Geistern verlassen. „Der Typ hat sie nicht mehr alle! Mein Traumprinz müsste ganz anders sein … höflich, charmant, zärtlich, stark, leidenschaftlich und vor allem super romantisch.“
Ein kleines Lachen entfuhr Seiketsu, während die beiden Mädchen das Gebäude betraten. „Du weißt aber schon, dass wir nicht in einer Romanwelt leben, Shiko-chan?“
„Haha, danke für die Blumen, Sei-chan“, entgegnete die Rothaarige scherzhaft. „Und trotzdem – wenn ich mich jemals verliebe, dann in einen echten Ritter, der mich beschützt und … sich nicht für mich schämt, mich niemals aufgibt.“
Die beiden lachten und setzten sich auf ihre nebeneinanderliegenden Plätze im Klassenzimmer. Kurz darauf betrat bereits ihr Klassenlehrer Togo Morisaki den Raum und die Schüler verneigten sich vor ihm.
„Guten Morgen“, begrüßte er die Klasse, „ich stelle euch heute einen neuen Schüler vor – tritt ein, Taiyo.“
Die Schiebetür öffnete sich noch einmal und Shiko konnte den Bleistift, den sie gerade aus ihrem Mäppchen gezogen hatte, nicht länger halten. Der Junge, der hereinkam, war jener, der sie vergangene Woche in der Stadt belästigt hatte … Sie rammte sich regelrecht die Zähne in die Unterlippe, während er sie mit seinen schwarzen Augen vollkommen perplex anstarrte.
Aber es kam noch schlimmer. „Ich habe bestimmte Schüler gern genau im Blick … Fujikawa, setzen Sie sich auf den freien Platz in der letzten Reihe. Und Taiyo nimmt dann den Tisch neben Yosogawa.“
Die Freundinnen tauschten einen schmerzlichen Blick, doch einer solch direkten Anweisung konnte sich Seiketsu nicht widersetzen. Sie nahm ihre Schultasche und ging nach hinten. Gleichzeitig kam der Braunhaarige auf Shiko zu.
„Es ist mir eine Freude, dich wiederzusehen … Mein Name lautet Ohtah“, sagte er mit einem Lächeln und setzte sich.
Shiko´s Körper bebte und sie starrte ihr Papier beinahe zu Tode, damit die nicht versehentlich in seine Richtung sah. Es machte sie wütend, dass Seiketsu ausgerechnet seinetwegen hatte weichen müssen. Ohtah wiederum wunderte sich über ihre offensichtliche Abneigung – wenn es zwischen ihm und seinen Brüder zu einem Konflikt gekommen war, hatten sie diesen im Duell beigelegt … Und das Mädchen war aus ihrer Auseinandersetzung als Siegerin hervorgegangen, auch wenn er seine Niederlage erst einmal hatte verdauen müssen. Warum er sie dennoch weiterhin eine solche Reaktion bei ihr hervorrief, gab ihm zu denken.
Während diese seltsame Anspannung weiterhin in der Luft lag, ging der Unterricht in seinem gewohnten Gang weiter. Togo rezitierte ein uraltes Gedicht und setzte dessen Interpretation zum Thema für die nächsten Stunden an.
Erst kurz vor Ende der Stunde, meldete sich die Klassensprecherin zu Wort. „Entschuldigung, Morisaki-sensei, wir müssen noch das Ergebnis über die Abstimmung der Klassenfahrt bekanntgeben.“
Auf einen Wink Togo´s hin kam sie nach vorne und schrieb die Daten an die Tafel – mit einigem Abstand machte eine Reise nach Hakone, in ein dortiges Onsen die Runde. Shiko freute sich darüber, sie selbst hatte für dieses Ziel gestimmt – dabei wäre Seiketsu lieber nach Kyoto gefahren. Allerdings trübte sich ihre Euphorie in Anbetracht der Tatsache, dass Ohtah nun ebenfalls an dieser Exkursion teilnehmen würde …
Tatsächlich ließ ein Fauxpas von seiner Seite nicht lange auf sich warten. „Tja, diesmal können wir wohl eher heißes Wasser zusammen genießen.“
Ob sie das Klingeln überhaupt gehört hatte, konnte Shiko im Nachhinein nicht mehr sagen – sie stand auf und stürmte aus dem Klassenzimmer … geradewegs in die Mädchentoilette. Sie verschanzte sich, versuchte ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ihr Leben war ein einziger, riesengroßer Alptraum! Was wollte dieser Perversling nur von ihr? Reichte es nicht, dass sie es mit blutrünstigen Elben zu tun hatte?
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. „Ich glaube, wir sollten reden.“ Zorn ergriff Shiko, als sie die Kabinentür aufriss – Ohtah hatte es allen Ernstes gewagt, ihr hierher zu folgen! „Was ist dein Problem?“
Die Rothaarige wollte ihm am liebsten gehörig die Meinung sagen, dazu kam es jedoch nicht – denn da wurde die Tür zur Toilette geöffnet und eine ziemlich schockiert wirkende Lehrerin stand darin und aufgerechnet Togo.
„Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, dass Sie beide gerade gegen mindestens drei Schulregeln auf einmal verstoßen?“, schnaubte er entsetzt. Er hatte verwundert beobachtet, wie der neue Schüler in die Mädchentoilette gegangen war. „Zum Direktor! Sofort!“
Shiko konnte es nicht fassen. Wie viel Ärger brockte dieser Kerl ihr bloß noch ein? Vielleicht war es doch keine so gute Idee, sich mit ihm anzulegen – wer wusste schon, was ihm einfallen würde, um ihr das Leben zur Hölle zu machen … Sie trotteten ihrem Lehrer zum Büro des Direktors nach, der sich furchtbar echauffierte.
Nach der Schimpftirade des Schulleiters war Shiko an der Reihe, sich zu rechtfertigen. „Das alles ist nur ein Missverständnis … Taiyo-kun ist neu an unserer Schule und hat einfach in der Tür geirrt – ich nehme an, im Eifer der Dringlichkeit hat er nicht auf das entsprechende Kanji geachtet.“
Der Schulleiter mustertet beide eine Zeit lang. „Hm, natürlich … Unsere Schule ist noch sehr ungewohnt für Sie, Taiyo. Belassen wir es dabei, dass Sie mir versprechen, in Zukunft besser Acht zu geben. Sicher kann Yosogawa Ihnen ja dabei helfen, sich hier einzufinden.“
Ohtah nickte beiläufig, sein Blick klebte an Shiko. Dieses Mädchen, von dem er angenommen hatte, sie würde seine Heimat kennen, gab ihm manches Rätsel auf … Davon abgesehen, dass er sich wohl schlichtweg verhört haben musste – wenn er die Gestalt veränderte, konnte er sich nicht länger auf seine scharfen Sinne verlassen –, verstand er wenig von der menschlichen Psyche, um ihr Verhalten deuten zu können. Außerdem hatte Mhenlo ihn bereits davor vorgewarnt, dass Menschen manchmal irrational handelten … Ein Grund mehr sie als Beobachtungsobjekt zu nutzen.
An diesem Abend konnte Shiko nicht einschlafen. Wann immer sie ihre Augen schloss, sah sie das Gesicht von Ohtah vor sich. Dabei würde sie ihn nur allzu gern auf der Stelle aus ihrem Gedächtnis streichen, um nie wieder an ihn denken müssen. Aber es ging nicht … Irgendwann gab sie den Versuch auf und ging zu ihrem Fenster, ließ sich die kalte Brise durch das Haar wehen. Langsam legte sich der Sturm in ihrem Kopf, ihre Gedanken wurden klarer. Fast wie von selbst reagierte ihr Körper auf den Hauch von alter Magie in der Luft und sie nahm elbische Gestalt an.
„Uruloth …“, flüsterte Shikon, „der Kampf ruft uns.“
Von dem silbernen Bogen in ihrer Hand fing ein sanftes Pulsieren aus, ähnlich einem weiteren Herzschlag. Ohne zu zögern sprang die Rothaarige in die Nacht hinaus und folgte der Präsenz, die mit jedem Schritt stärker wurde – es war demnach eine frische Spur. Es war dieselbe Kreuzung, wie beim letzten Mal. Nur standen diesmal lediglich zwei Gestalten im Licht der Straßenlaternen. Dass der Krieger mit den verschiedenfarbigen Augen hier sein würde, hatte sie längst gespürt und neben ihm stand der rothaarige Schlächter. Alles in ihr schrie eine Warnung – zwei waren zwar besser, als drei Gegner … doch ausgerechnet der Kleinere von ihnen war definitiv am Gefährlichsten.
„Bruder“, grüßte der Größere. „Was machst du hier?“ Trotz Anstrengung konnte Shikon auf diese Entfernung selbst in dieser Form nicht jedes Wort verstehen – ihr Vater war wohl wegen irgendetwas wütend auf den Braunhaarigen … Sein Gesicht verfinsterte sich. „Wage dich nicht! Sie gehört mir!“
Ein Schauer überlief Shikon. Sie konnte sich genau vorstellen, von wem die beiden da sprachen … Vorsichtig wagte sie einen weiteren Blick, doch der Rothaarige war wie vom Erdboden verschluckt. Dafür fanden sich erneut ihre Augen, rot und schwarz nahm sie wieder gefangen.
„Da bist du“, meinte er überraschenderweise äußerst sachlich.
Im Nu stand der Krieger vor ihr auf der Brüstung. Shikon wollte den Bogen hochreißen, doch er versetzte ihr einen Tritt gegen den Arm. Klirrend fiel die Waffe zu Boden. Ihr Widerstand kam zum Erliegen – seine übermächtige Kraft lähmte sie fast … Es hätte nicht mehr viel gefehlt und sie wäre vollkommen im Wirbel seiner Aura verloren gewesen, da hielt er ihr eines seiner Schwerter an die Kehle. Der kalte Stahl, der in der Nacht schon fast wie aus Eis wirkte, holte Shikon zurück in die Realität. Ein silberner Blitz zuckte auf, als sie ihm einen Pfeil in den Handrücken stach. Nun machte seine Waffe Bekanntschaft mit dem Boden.
Bevor er seine zweite Klinge auf die Rothaarige richten konnte, warf sie sich zur Seite, um nach Uruloth zu greifen. Ein Gefühl der Vollständigkeit durchströmte sie … Eilig stand sie auf und nahm die einzige Fluchtmöglichkeit – ein Sprung vom Dach. Der winzige Funke menschlichen Denkens in ihr hatte Todesangst. Allerdings ließe ihre elbischen Reflexe sie vollkommen sanft auf dem Asphalt landen und sie rannte die Straße entlang Richtung Stadtpark. Um diese Uhrzeit dürfte sich dort niemand mehr aufhalten, denn sie wollte keine Unschuldigen in Gefahr bringen. Es war wohl die verrückteste, dümmste, wahnwitzigste Idee, die sie jemals gehabt hatte, und zugleich als einziges richtig … Sterben war nicht unbedingt das Schlechteste – vielleicht sah sie dann ihre Mutter wieder oder sie würde endlich als etwas Ganzes wiedergeboren werden. Auf einer großen Wiese, die nur vom Licht des Mondes erhellt wurde, blieb Shikon stehen. Der Bogen ruhte in ihrer linken Hand, rechts hielt sie einen Pfeil.
Da hatte der Braunhaarige sie auch schon eingeholt – während sie sich bemühte, nicht allzu schnell zu atmen, schien ihm der Sprint überhaupt nichts ausgemacht zu haben. „Ich werde dich nicht noch einmal entkommen lassen.“
„Die Erde ist mein zu Hause …“, sagte sie mit überraschend ruhiger Stimme. „Aber was wollen du und deine Brüder hier? Warum tötet ihr unschuldige Menschen?“
Der Griff um seine Langdolche verstärkte sich. Die letzte Frage hatte ihn kalt erwischt. Der Befehl, die Erde zu übernehmen, war vom König von Avalon gekommen – seinem Vater, der ihm sein Leben lang nicht einen Funken jener Freundlichkeit entgegengebracht hatte, wie Mhenlo es getan hatte. Und dennoch ging ihr Volk zugrunde … „Wir haben eine wichtige Mission zu erfüllen!“
Dann stürmte er auf sie zu. Mit Uruloth konnte Shikon den ersten Schlag abblocken, dem folgenden Hieb wich sie aus. So ging es immer weiter – sie wehrte nur ab, kam aber nicht zum Schuss. Wenn physische Angriffe nicht zum Zug kamen, musste sie eben Magie einsetzen. Der Wind frischte auf, braute sich zu einem Sturm zusammen und drängte den Krieger ein paar Schritte zurück, weg von Shikon. Keuchend schnappte sie nach Luft, während er gegen die unsichtbare Wand anlief.
„Ich wurde in diese Welt hineingeboren, obwohl das Blut deines Volkes in mir fließt“, erklärte sie und zielte, den Bogen gespannt, auf seine Brust, „deshalb bitte – verschont die Menschen!“
Doch ihre Finger rührten sich nicht. Der letzte Schuss war ihr leicht gefallen – der Elb mit dem Zweihänder hatte zwei Menschen auf dem Gewissen … von dem Braunhaarigen war ihr dagegen eine solche Tat nicht bekannt. Sie konnte ihnen nicht dieselbe Tat vorwerfen, die sie selbst im Begriff war zu begehen. Das Zögern sprang auch auf ihren Zauber über – Shiko senkte die Waffe und der Elb stieß sie zu Boden, wobei er sich den Handrücken an ihrem Pfeil verletzte. Dennoch lag er, den Unterarm gegen ihre Kehle gepresst, nur einen Wimpernschlag später auf ihr, sein Gesicht nur Zentimeter über ihrem … Noch nie war ihr ein Fremder so nahe gekommen. Ihre Lippen öffneten sich leicht, als ich seinen Geruch einatmete. Die Geschwindigkeit ihres Herzschlages verdoppelte sich, das Blut rauschte ihr in den Ohren. Sie war vollkommen bewegungsunfähig und konnte nicht aufhören, ihm in seine anziehenden Augen zu sehen …
Als der Druck von ihrem Hals verschwand, schnappte Shikon nach Luft. Verständnislos starrte sie den Krieger an, der sich mit einem ähnlichen Gesichtsausdruck von ihr erhob.
„Wa-warum … hast du … mich nicht … getötet?“, stammelte sie zwischen einem Hustenanfall.
Er bückte sich nach seinen Klingen und stieß einen abfälligen Laut aus. „Wenn ich das wüsste …“ Wie sie da so unter ihm gelegen hatte, war ihm ein stechender Schmerz in die Brust gefahren …
„Sag´ mir … deinen Namen“, verlangte Shikon zu erfahren, während sie sich aufsetzte, „ich will wissen, wie du heißt.“
Der Braunhaarige drehte sich zu ihr um. Ein spöttisches Grinsen zierte sein Gesicht. „Ryuohtah.“ Schon in der nächsten Sekunden war er verschwunden.
„Und ich bin Shikon …“, hauchte sie beinahe tonlos in die Nacht.
Wechselspiel
Ryuohtah lag wieder auf ihr. Nur ohne Waffen – überhaupt wirkte seine Pose diesmal nicht bedrohlich und all ihre Furcht war wie weggeblasen. Wie jedes Mal erlag Shikon dem Zauber seiner Augen … Sie konnte nichts dagegen tun, selbst sie es gewollt hätte. Röte lag auf ihren Wangen, verursacht von einem beschleunigten Pochen in ihrer Brust.
„Woran denkst du?“, wollte der Krieger mit rauchiger Stimme wissen, während er ihr zärtlich über das Gesicht streichelte.
Ihr Gehirn schaltete sich endgültig aus. Es interessierte sie im Augenblick nichts anderes, als seine Hände auf ihrer Haut. Es waren Hände, wie Shikon sie noch nie zuvor gefühlt hatte – Schwielen von den Kämpfen mit den beiden Klingen. Ob auch sein restlicher Körper Zeichen seiner Kämpfe davongetragen hatte? Wie gern hätte sie diese möglichen Narben mit den Fingerspitzen nachgefahren und währenddessen Geschichte darüber gehört, woher sie stammten.
„An dich …“, antwortete Shikon lächelnd, „die ganze Zeit über denke ich immer nur an dich.“
Er schenkte ihr ein schelmisches, aufreizendes Lächeln. Seine Lippen nur einen Fingerbreit von ihrem Mund entfernt. Sie hielt die Luft an, bereit es zuzulassen …
Da riss ein ohrenbetäubendes Klingel Shiko aus dem Schlaf. In einem Anfall von Wut schlug sie so lange auf den Wecker ein, bis er endlich verstummte. Mehr erschöpft denn ausgeruht sank sie noch einmal zurück in die Kissen. Was sollte dieser verdammte Traum? Shiko schluchzte, eine Träne stahl sich aus ihren Augenwinkeln. Es war vollkommen verrückt so zu empfinden, das wusste sie … dennoch wollte sich ihr Herzschlag nicht bei der Erinnerung an Ryuohtah nicht beruhigen.
Bevor Shiko der Versuchung, zu Hause zu bleiben, vollständig erlag, zwang sie sich aufzustehen und machte sich für die Schule fertig. Um sich von dem Braunhaarigen abzulenken, malte sie sich stattdessen aus, womit ihr neuer Mitschüler sie wohl als nächstes auf die Palme bringen würde und wie sie dem, viel wichtiger noch, widerstehen konnte.
Jedoch ging ihr Plan nicht gänzlich auf – bei Togo´s Morgenappell wurde er nämlich als entschuldigt genannt. Zwar freute sich Shiko im ersten Moment über die Ruhe, die ihr dadurch vergönnt wäre, doch schon schlich sich wieder Ryuohtah in ihre Tagträume und unwillkürlich fragte sie sich, ob er auch an sie denken musste … Heftig schüttelte die Rothaarige den Kopf, um diesen Gedanken loszuwerden. Diese Gefühle durften schlichtweg nicht sein! Er war ihr Gegner, ein Feind der Menschen und sein Ziel war es, sie tot zu sehen. Auch wenn er sie beim letzten Mal verschont hatte … was es genau genommen alles nur noch schlimmer machte. Er hatte geantwortet, selbst nicht zu verstehen, weshalb er ihr nicht den Gnadenstoß versetzt hatte – dabei war er zuvor ebenso entschlossen gewesen, wie Shikon. Welche Gedanken hatten ihn bloß davon abhalten können? Ein winziger Hoffnungsschimmer in ihrem Hinterkopf glaubte daran, dass er ihr gegenüber ähnlich fühlte – was natürlich absolut lächerlich war.
Während der ganzen Zeit über wanderte ihr Bleistift wieder unaufhörlich über das Papier. Als würde ihr Unterbewusstsein – vergeblich – versuchen, etwas Ordnung in das Chaos in ihren Kopf zu bekommen …
„Yosogawa“, sprach Togo sie zum wiederholten Male an, inzwischen stand er schon vor ihrem Pult, sodass sie zusammenzuckte, „ich gehe davon aus, dass Sie an die Mitschriften für Taiyo denken.“
Shiko schluckte betroffen. Ihre Augen suchten sofort den Blick von Seiketsu, die sich auf Anweisung ihres Klassenlehrers einen anderen Platz hatte suchen müssen – weil Ohtah ihre Stelle eingenommen hatte. Und in ihrer Klasse herrschte die Regel, dass die Mitschüler ihrem fehlenden Tischnachbarn die Hausaufgaben nach Schulschluss vorbeibrachten – jetzt musste es ausrechnet er sein … Die Braunhaarige verkniff sich von ihrem Tisch in der letzten Reihe aus ein Schmunzeln, das bei ihrer Freundin ein tiefes Seufzen auslöste, denn Seiketsu hielt weiterhin an ihrem Kuppelversuch fest. Immerhin hatte Shiko definitiv Ohtah´s Aufmerksamkeit … Dabei reichten Shiko bereits bei weitem die unangebrachten Fantasien über einen gewissen in schwarzes Leder gekleideten Elben – da brauchte sie wahrlich nicht zusätzlich noch die Vorstellung von ihr und Ohtah gemeinsam unter einem Regenschirm. Die Anweisung von Togo dagegen konnte Shiko nicht ignorieren und so fügte sie sich notgedrungen ihrem Schicksal.
In Ohtah´s Kopf ging es ähnlich katastrophal zu, wie bei Shiko. Alle seine Grundsätze, seine Einstellung zu den Elben und Menschen, die Übernahme der Erde – alles war durcheinander geraten. Obwohl es erst wenige Tage waren, hatte sein Leben in dieser Welt alles verändert … Mhenlo, der ihn, ein wildfremdes Wesen vollkommen selbstlos bei sich aufgenommen hatte. Der Umgang miteinander, den er in der Schule und in der Stadt erlebte – so voller Höflichkeit, Respekt, Wertschätzung. Nirgends konnte er die Grausamkeit entdecken, von der Torarien immer gesprochen hatte … Hier fühlte er sich wohl, zum ersten Mal seit seine Mutter Chunryu kurz nach der Geburt von Hoorgo ins Mondlicht gegangen war. Und dann gab es ja auch noch dieses Mädchen, das er am Allerwenigsten verstand und ihn dennoch so faszinierte, gar regelrecht anzog … Aber nicht nur sie beschäftigte ihn unaufhörlich – die Elbe spuckte ebenfalls in seinen Gedanken herum … Während ihres Kampfes hatte es einen Moment gegeben, der in ihm ein fast animalisches Verlangen in ihm ausgelöst hatte. Beinahe hätte er sich vergessen und sie vollkommen besitzen wollen … Da hatte bloß noch eine eiskalte Dusche geholfen! Was ihn wieder an seine erste Begegnung mit Shiko erinnerte … Nie zuvor hatte er eine Auseinandersetzung verloren. Ob der Kampf im Park ein Sieg, eine Niederlage oder milde ausgedrückt vielleicht sogar ein Unentschieden gewesen war, konnte er allerdings nicht sagen. Kraftlos fiel er auf das Bett und rührte sich nicht mehr. Er war schon immer mehr Krieger als Magier gewesen … Es verbrauchte ein deutliches Maß an Energie, die menschliche Gestalt die ganze Zeit über aufrechtzuerhalten. Hinzu kam, dass die Wunde an seiner Hand nicht richtig heilen wollte – dabei war der Pfeil gar nicht vergiftet gewesen. Langsam glitten seine Gedanken in eine traumlose Schwärze über …
Später bekam Ohtah am Rande noch mit, wie Mhenlo bei ihm vorbeischaute und irgendetwas wegen der Schule wissen wollte, doch nur wenige Sekunden später befand sich der Braunhaarige wieder im Tiefschlaf. Erst als sich die Sonne bereits Richtung Abendwinkel neigte, erwachte er gestärkt. Überrascht bemerkte er, dass Mhenlo seine Hand versorgt hatte – ein leichter Mullverband lag darum und er spürte die Salbe darunter. Ein dankbares Lächeln erschien auf seinen Zügen. In diesem Moment läutete es.
Gut gelaunt Ohtah öffnete die Zimmertür und rannte die Treppen hinunter. „Ich gehe an die Tür.“ Er wollte etwas von der Freundlichkeit zurückgeben, die Mhenlo ihm entgegen brachte. Allerdings staunte er nicht schlecht, wer auf der anderen Seite der Haustür auf ihn wartete. „Shiko-chan …“
Die Rothaarige blinzelte ein paar Mal verwirrt. Hatte dieser Kerl auch nur die geringste Ahnung von japanischer Etikette?! „I-Ich …“ Die geschlagenen zehn Minuten, die sie bereits vor dem Klingeln ausgeharrt hatte, hatten offenbar nicht gereicht, um sich genügend zu sammeln. „Gu-Guten Abend, Taiyo-kun, Ich bin hier wegen der Hausaufgaben … und Morisaki-sensei hat mich gebeten, dir das neue Mathematikthema zu erklären. Wir schreiben nächste Woche einen Test darüber.“
Nun war es an Ohtah sie perplex anzusehen. „Das ist sehr nett von dir. Möchtest du nicht erst einmal eintreten?“ Sichtlich nervös nickte sie und folgte seinem Wink.
„Willkommen! Ich bin Taiyo Mhenlo und du bist sicherlich eine Mitschülerin von Ohtah-kun – da hat mein Neffe ja ein Glück“, begrüßte Mhenlo ihren Besuch. Dann sah er den Braunhaarigen vielsagend an. „Apropos hast du dein Zimmer aufgeräumt, bevor du Damenbesuch empfängst?“
Sein Mund klappte auf und er sah seinen Gastgeber an, als wäre dieser von allen guten Geistern verlassen – er scherzte, als wären sie wirklich miteinander verwandt … Bevor Ohtah weiter darüber nachdenken konnte, traf ihn indes der nächste Schock. Die Spuren seiner eigentlichen Identität lagen überall in seinem Zimmer verstreut – die ledernen Rüstungsteile, seine beiden Langdolche »Daeadae«, der Schatten und Schatten sowie »Amlugfae«, die Drachenseele. Rasch blickte er an sich herunter und bekam einen hochroten Kopf. Er, ein Elben-Prinz stand gerade nur in Unterhemd und Boxershorts vor einer Dame … So schnell Ohtah konnte, stürzte er die Treppe hoch. Wenige Minuten später rief der Braunhaarige sie zu sich – zum Glück konnte er seine Sachen auf magische Weise in einer Zwischendimension lagern.
Ohne Mhenlo direkt anzusehen, verbeugte Shiko sich leicht vor ihm. „Danke für die Gastfreundschaft … Ich komme, Taiyo-kun.“
Oben angekommen, musterte sie etwas unbeholfen das Zimmer ihres Mitschülers. Sie hatte nie zuvor das Zimmer eines Jungen betreten, aber es wirkte überraschend ordentlich. Wie es gerade eben noch ausgesehen mochte? Vielleicht hatte er ja irgendwelche Pornoartikel wegräumen müssen.
Verlegen kratzte sich Ohtah an der Wange. Der Umgang mit Frauen war bislang ein Thema gewesen, welches er vorrangig gemieden hatte – Hoorgo war der Frauenheld bei ihnen in der Familie und Kamekle´s einzige Leidenschaft waren ohnehin seine Bücher.
„Ich freue mich über deinen Besuch“, meinte Ohtah lächelnd. „Sollen wir anfangen?“
Hastig stellte er ihr einen Stuhl bereit und bat sie, Platz zu nehmen. Als er sich neben sie setzte, streiften sich ihre Arme. Shiko und Ohtah sahen sich mit großen Augen an. Um die Situation aufzulösen, kramte sie ihren Schulblock aus der Tasche hervor und schlug ihn an einer willkürlichen Stelle auf. Beiden entfuhr ein überraschter Laut. Ein chinesischer Drache mit ausgebreiteten Flügeln war auf das Papier gezeichnet und daneben stand in verschlungen, lateinischen Buchstaben >O-H-T-A-H<! Shiko konnte ihren Blick nicht davon lösen … »Ryu«, der Drache und >Ohtah< – der Name des Elben. Aber wenn man es nur als Bild betrachtete, war darauf bloß der Name ihres Mitschülers zu erkennen, der es gerade genauso fassungslos anstarrte.
„Hast … du das gezeichnet? Würdest du mir gestatten, dieses Kunstwerk zu behalten?“, fragte er so leise, dass sie ihn kaum verstehen konnte – zu gerührt, getroffen war er von dieser Geste. Wie lange war es her, dass er etwas geschenkt bekommen hatte, außer den Strafen seines Vater?
Was sollte Shiko ihm allerdings darauf antworten? Nein, weil es eigentlich für einen feindlichen Elbenkrieger gedacht wäre, der zufällig einen ähnlichen Namen hatte? Innerlich sammelte sie genügend Kraft zum Sprachen, doch ihre Stimme blieb trotzdem schwach. „Wenn es dir gefällt.“
Ohtah spürte ihr Unbehagen – konnte aber wieder einmal nicht sagen, woran es lag. Hatte sie es möglicherweise geheim halten wollen? Oder war es für einen Hexenzauber gemacht worden? Unwahrscheinlich … dafür hatte sie sich zu sehr bemüht, es zu sehr verziert.
Aus einem Impuls heraus, zog er sie in eine kurze Umarmung. „Vielen Dank, Shiko-chan!“
Die neuerliche Nähe verursachte allerdings nicht bloß bei ihr eine Gänsehaut und Ohtah verspürte den beinahe unbändigen Drang, erneut die Hand nach ihr auszustrecken. Doch wieder war es Shiko, welche die Szene abbrach, um sich dem eigentlichen Grund ihres Besuchs zuzuwenden – den Hausaufgaben. Ihre Erklärungen kamen ihr so eilig über die Lippen, die er zwar nicht aus den Augen ließ, aber dennoch oder gerade deswegen kaum mitbekam, wovon genau sie sprach.
„Hast du noch Fragen?“, beendete die Rothaarige ihren Monolog. „Es … ist, äh, schon ziemlich spät. Ich … ich muss nach Hause – Hausaufgaben machen, genau.“
Wollte sie ihn veräppeln?! Was hatten sie denn die vergangen zwei Stunden getan? Eine Welle schlechter Laune schwappte über ihn hinweg und er wusste nicht, was passiert wäre, hätte Mhenlo nicht genau in diesem Augenblick den Kopf zur Tür herein gestreckt.
„Möchtest du mit uns zu Abendessen?“, fragte er höflich.
Bevor Shiko selbst zu einer Antwort ansetzen konnte, kam ihr Ohtah zähneknirschend zuvor. „Nein, sie wollte uns gerade verlassen, weil sie noch etwas zu erledigen hat.“
„Dann bring´ sie wenigstens nach Hause, Ohtah-kun. Ein junges Mädchen sollte zu dieser späten Stunde nicht mehr allein durch die Straßen laufen“, entgegnete sein Gegenüber, wobei dessen Unterton keinen Widerspruch duldete.
Davon abgesehen hatte Mhenlo ja auch recht … Den Weg legten Ohtah und Shiko schweigend zurück, ohne einander zu berühren. Seine Wut war verflogen, doch die Ereignisse beschäftigten ihn weiterhin. Er kannte sich ja nicht einmal mit den Frauen seines Volkes aus … Woher sollte er also wissen, wie er mit einem Menschenmädchen umgehen musste?
„Kommst du morgen wieder zur Schule, Taiyo-kun?“, wollte Shiko irgendwann wissen.
Er hob seine bandagierte Hand und versuchte so wenig wie möglich zu lügen. „Ja … ich bin nur wegen meiner Verletzung zu Hause geblieben. Hat mich irgendwie ziemlich umgehauen.“
Die Rothaarige betrachtete den Verband. Es war dieselbe Stelle, an der sich Ryuohtah mit dem Pfeil geschnitten hatte … Ob er sich sehr verletzt hatte? Derart in ihre Gedanken versunken, stolperte Shiko an einem der Bordsteine. Ohtah´s Arm schoss vor, packte sie am Handgelenk. Er zog sie zurück, dabei verloren beide das Gleichgewicht und sie landete auf seiner Brust auf dem Boden. Ihre Nasenspitzen nur wenige Millimeter voneinander entfernt … Viel zu nahe, um noch klar denken zu können – ihre Blicke klebten aneinander. Plötzlich jedoch, wie aus einem Instinkt heraus, rollte der Braunhaarige mit seiner Begleiterin auf die Seite, sodass sie unter ihm lag – was sie viel zu sehr an die Situation im Stadtpark und ihren Traum mit Ryuohtah erinnerte. Nur eine Sekunde später spürte Ohtah einen stechenden Schmerz in der Schulter – ein Pfeil hatte ihn gestreift … schon wieder. Schnell machte er sich von ihr los und sprang auf die Füße.
„Was stimmt mit dir eigentlich nicht?“, fragte Shiko, von der Zurückweisung verletzt.
Sein Körper spannte sich an, während er in Verteidigungshaltung ging. „Bring´ dich in Sicherheit!“
„A-Aber-“, begann sie, verstummte jedoch sofort wieder. Ein dunkelroter Fleck tränkte sein Oberteil und auf dem Bogen lag ein Pfeil, der mit einer dunklen Eulenfeder besetzt war.
Die Umgebung im Blick behaltend, drehte er sich noch einmal halb zu ihr herum. „Verschwinde!“
Shiko schluckte schwer, dann nickte sie. In ihrer jetzigen Gestalt konnte sie ihm ohnehin nicht helfen – denn dieses Geschoss war eindeutig von Elbenhand gefertigt worden.
Erleichtert, dass die Rothaarige wortwörtlich aus der Schussbahn war, nahm Ohtah seine wahre Form an und beschwor seine beiden Langdolche herauf. Im Stillen dankte er Kamekle dafür, dass sein Bruder ihn regelrecht genötigt hatte, diesen Zauber zu erlernen – Hoorgo dagegen hatte sich strickt geweigert, »Dúath« kam auch nie außerhalb seiner Reichweite … nicht einmal wenn er bei einer Frau lag. Von dem Angreifer fehlte indessen jede Spur, der Pfeil auf dem Asphalt war das einzige Überbleibsel. Eine schwache, magische Präsenz war zwar noch zu spüren … aber nichts, dem man hätte folgen können. Ryuohtah beschloss dennoch die Gegend etwas abzusuchen. Er konnte und wollte nicht glauben, dass die Elbin plötzlich selbst Menschen angriff, hatte sie sich doch bislang als deren Beschützer aufgespielt. Oder war etwa seine Tarnung aufgeflogen? Spekulationen brachten ihn nicht weiter, er brauchte Gewissheit!
Als Shikon, die sich hinter der nächsten Häuserecke verwandelt hatte, zum Schauplatz des Angriffs zurückkehrte, entdeckte sie Ryuohtah, wie dieser in der Ferne verschwand. Kein Ohtah, kein fremder Bogenschütze … Doch seit wann benutzte der Krieger Pfeil und Bogen? Und warum hatte er ihren Mitschüler verschwinden lassen? Hatte er sie etwa enttarnt? Wenn sie es gewesen war, die Ohtah in diese Gefahr gebracht hätte – das würde sie sich niemals verzeihen! In ihr kämpften ihre Elbeninstinkte gegen ihr menschliches Herz … die eine Seite von ihr wollte Ryuohtah folgen und solange auf ihn einprügeln, bis er Ohtah herausgegeben hätte – die andere Hälfte von ihr konnte sich kaum rühren, schrie vor Schmerz und wusste, dass sie zu ihm nach Hause gehen musste, um seinem Onkel irgendwie beizubringen, warum er nicht auf dessen Neffen zu warten brauchte. So oder so, ihre beiden Herzen schienen gebrochen. Erst begann sie für einen Elben zu schwärmen, der die Menschheit angriff und anschließend brachte sie ihren Mitschüler, dem sie sich gerade annäherte, durch eben genau diesen Elben in Gefahr. Als ob sie nicht schon genug Probleme durch die Abstammung gehabt hätte! Und sie stürzte sich in ein regelrechtes Gefühlschaos …
Wie ferngesteuert kehrte sie in menschlicher Gestalt zu Ohtah´s Haus zurück. Mit Tränen überströmtem Gesicht betätigte Shiko die Klingel, die in der nächtlichen Stille unnatürlich laut durch die Straße hallte. Es dauerte mehrere Minuten bis sich die Tür öffnete. Beinahe wäre sie in Ohnmacht gefallen – vor ihr stand Ohtah! Mit nacktem Oberkörper und verbundener Schulter.
Er war mindestens genauso verwirrt. „Shiko-chan? Was machst du denn noch hier?“
Das war das Tröpfchen, welches ihr Fass für diese Nacht zum Überlaufen brachte und dem ein donnernder Knall folgte – Shiko verpasste ihm eine so saftige Ohrfeige, dass ihr die Hand brannte und sich ein roter Abdruck aus fünf Fingern sich auf seiner Wange abbildete. „Warum hab´ ich mir eigentlich Sorgen um dich gemacht? Du bist so ein … Idiot! Ich will nicht mehr von dir wissen, ist das klar?!“ Damit drehte sie ihm den Rücken zu und rauschte davon.
Donnerwetter
Seit einer geschlagenen Woche ging Shiko Ohtah nun schon aus dem Weg, ignorierte alle seine Versuche zur Kontaktaufnahme und stritt Seiketsu´s Theorie, sie würde etwas für ihn empfinden, vehement ab – allerdings konnte sie ihrer besten Freundin auch nicht wirklich erzählen, was genau vorgefallen war und dies war für beide ziemlich unbefriedigend. Wenn Ohtah wenigstens ihr einziges Problem gewesen wäre, wäre das ja noch halbwegs erträglich gewesen – wobei es ihr vollkommen gereicht hätte, wenn lediglich er immer wieder durch meine Gedanken spukte. Nein, da war zudem noch Ryuohtah und nicht zu vergessen der mysteriöse Bogenschütze, die beide wie vom Erdboden verschluckt waren. Jede Nacht wanderte sie durch die Stadt, teils als Elb, manchmal menschlich. Doch es kam zu keiner weiteren Konfrontation. Wie nur sollte sie mit all dem klarkommen? Und nebenbei noch das normale Leben einer Oberschülerin führen mit Unterricht, Hausaufgaben und Tests- Apropos Test … in der letzten halben Stunde hatte Shiko es nicht geschafft auch nur eine der Aufgaben zu bearbeiten – geschweige denn zu lösen. Es war eben jene Arbeit, für die sie gemeinsam mit Ohtah gelernt hatte. Und so kam es, dass sie zum ersten Mal in ihrer kompletten Schulzeit ein leeres Blatt abgab.
Natürlich blieb Togo diese Tatsache nicht verborgen und er bat sie nach der Stunde zu einem Gespräch. „Ich weiß nicht, was ich mit Ihnen machen soll, Yosogawa … Sie waren zwar schon häufig im Unterricht abwesend, aber das? Seit wann interessieren Sie Ihre Noten nicht mehr? Sie hatten schließlich trotz Ihrer Träumerei stets gute Zensuren. Was würde … Ihre Mutter dazu sagen?“ Darauf konnte Shiko nicht antworten – an Kaira hatte sie seit Tagen nicht mehr gedacht … „Um genügend Zeit für die Aufbesserung Ihrer Leistung zu haben, verhänge ich über Sie hiermit eine Ausgangssperre für die Abende der Klassenfahrt. Vielleicht verschafft Ihnen das die Möglichkeit, Prioritäten zu setzen.“
Da kam Ohtah plötzlich zur Tür herein, der von der anderen Seite alles mitangehört hatte – eigentlich hatte er Shiko abfangen wollen. Die Rothaarige wandte sofort den Blick ab, kam aber nicht umhin ihn dabei zu beobachten, wie er den Papierstapel durchsuchte – sehr zu Togo´s Missfallen, der jedoch ebenfalls viel zu perplex für eine zeitnahe Reaktion war.
Bei einem leeren Blatt angekommen, stoppte Ohtah. „Wie Sie sehen, habe ich ebenfalls keine der Aufgaben gelöst – wenn Sie sie bestrafen, Morisaki-sensei, werde ich mich ihr anschließen!“
Die Dreistigkeit seines neuesten Schülers war Togo von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen – vielleicht würde ihm eine solche Konsequenz tatsächlich guttun. Grimmig nickte ihr Lehrer und entließ beide damit.
Gemächlich schlenderte Ohtah nach draußen, doch kaum waren sie außer Hörweite, stellte Shiko ihn bissig zur Rede. „Bist du jetzt vollkommen durchgeknallt? Warum tust du das?“
„Ach, du redest wieder mit mir“, gab der Braunhaarige schief grinsend zurück. „Entschuldige … Aber ich musste dich nun einmal beschützen!“
Ihr klappte der Mund. Es fiel ihr nicht zum ersten Mal auf, dass ihr erster Eindruck von Ohtah wohl komplett daneben gelegen hatte … Was er getan hatte, war unglaublich mutig, kühn – na gut, wahrscheinlich eher tollkühn –, selbstlos und vor allem absolut süß gewesen. Er hatte nicht nur den Streich eingesteckt, sondern ihr obendrein die Flucht ermöglicht. Und dann nicht weitergedacht …
„Wie … wie geht es deiner Schulter?“, fragte sie leise, den Blick zu Boden gewandt.
Seine Finger legten sich unter ihr Kinn, hoben es sanft an. Nun musste sie ihn ansehen musste – obwohl seine Augen denen von Ryuohtah auf gewisse Weise ähnelten, zeigte Ohtah´s Schwärze eine unbekannte Wärme. „Laut Mhenlo wird sie in ein paar Tagen wieder verheilt sein – ein lächerlicher Streifschuss eben. Allerdings gäbe es da etwas, das mich schneller kurieren könnte …“
Genau wie am Abend des Angriffs wehrte sich Shiko nicht länger gegen seine Berührung. Mehr noch – sie wollte von ihm berührt werden, ihm nahe sein. Gleichzeitig sah sie vor sich, wie sich wieder eine Mauer um sie herum aufbaute. Sie konnte ihm nicht vertrauen, sich ihm nicht anvertrauen … Außerdem verdiente Ohtah es nicht, ständig mit einem dahergelaufenen Elben verglichen zu werden. Denn auch wenn sie beiden Völkern angehörte und zwei verschiedene Namen trug, war sie immer noch eine einzige Person, ihr Herz blieb dasselbe – wenn sie Shiko war und auch als Shikon … Mit einem Mal kam sie sich ziemlich schäbig vor. Sie befreite sich von ihm und ging ohne ein weiteres Wort. Am Besten wäre es wohl, wenn sie unter beide einen Schlussstrich ziehen würde! Sie war ohnehin weder eine vollwertige Elbin, noch ein normaler Mensch. Wie könnte sich da überhaupt etwas entwickeln? Irgendwann käme die Wahrheit heraus … Also konnte Shiko sie sich auch gleich aus dem Kopf schlagen – und falls sie sich dort bereits unbemerkt eingenistet hatten – aus ihrem Herzen verbannen!
Am Montagmorgen versammelte sich die gesamte Klasse mit gepackten Koffern, umhängenden Fotoapparaten und einem kleinen Handgepäck auf dem Schulhof. Shiko und Seiketsu hatte sich extra früh verabredet, um noch gemeinsam ein Bento für die Fahrt zusammenzustellen. Zum Schluss fehlte nur noch ein Schüler. Könnten Blicke töten, hätte Togo´s Uhr schon längst den Geist aufgegeben – natürlich handelte es sich dabei um Ohtah, der zehn Minuten nach vereinbarter Zeit im Laufschritt angerannt kam.
„Taiyo – vorbildlich wie immer“, kommentierte ihr Klassenlehrer sein verspätetes Auftauchen sarkastisch.
Ohtah ignorierte ihn und hüpfte regelrecht in den Bus, nachdem er seine Reisetasche dem Fahrer übergeben hatte. Wenngleich er es bereits geahnt hatte, war er etwas enttäuscht, dass Shiko´s beste Freundin den Platz neben ihr eingenommen hatte. Als er an ihnen vorbeigehen wollte, hielt Shiko ihn am Arm fest. Überrascht schaute er auf sie herunter. Verlegen drückte sie ihm eine in einem Tuch gebundene Box in die Hand, das Seiketsu zum Kichern brachte. Sie hatte selbstverständlich mitbekommen, wie Shiko am Morgen nicht nur eine Lunchbox gerichtet hatte.
Mit einem Lächeln auf den Lippen nahm Ohtah in der hintersten Reihe Platz und entdeckte den kleinen Zettel, der unter den Knoten gesteckt war. „>Verzeih´ mir und danke. S<“
Der einzelne Buchstabe ihres Namens war in derselben verzierten Weise dargestellt, wie auf dem Bild, welches sie für ihn gemalt hatte. Als ihm zudem der köstliche Duft des Essens in die Nase stieg, machte sein Herz einen gewaltigen Satz – es war also noch nicht alles verloren!
„Eigentlich müsste ich dir ziemlich böse sein …“, meinte Seiketsu anklagend, woraufhin Shiko einen Seufzer ausstieß, „ich hab´ aufgehört zu zählen, wie oft ich dich nach ihm gefragt habe – du hättest mir sagen können, dass du wirklich auf ihn stehst! Ich versteh´ nämlich absolut nicht, was daran so schlimm sein soll.“
Davon abgesehen, dass Shiko trotzdem ständig an Ryuohtah denken musste und genau genommen zielgenau darauf zusteuerte, sich in zwei Jungs gleichzeitig zu verlieben?! „I-Ich … Selbst wenn, ich will nicht, dass das … tiefer geht, mehr wird. Verstehst du das, Sei-chan?“
Die Braunhaarige schüttelte resigniert den Kopf. „Ehrlich gesagt, Shiko-chan, nein … Und ich glaube, Taiyo-kun sieht das ebenfalls anders.“
Danach verlief die mehrstündige Fahrt auffallend entspannt – viele ihrer Mitschüler hörten Musik über Kopfhörer, lasen in einem Buch oder holten etwas Schlaf nach. Seiketsu lenkte Shiko mit unablässigem Gesprächsstoff über alle möglichen Themen ab. Und dann kam der ländliche Teil Japan´s. Alles war so weit, überall Farben und Pflanzen … Fasziniert sogen die zwei Mädchen den Anblick in sich auf. Genauso wie Ohtah. Solch wunderschöne Natur war er nicht gewohnt … Wie eine Flamme im Wind wurde sein Neid auf die Menschen neu angefacht. Es war ungerecht!
Am späten Nachmittag erreichten sie Hakone. Eine schmale, rote Brücke führte in das Innere der kleinen Stadt, in dessen Zentrum sich mehrere heiße Quellen befanden. Der geordnete Ausstieg, welchen Togo angeordnet hatte, endete in einem furchtbaren Gedränge und Geschubse. Shiko, Seiketsu und Ohtah warteten, bis sich der Bus geleert hatte. Mit einem verschwörerischen Augenzwinkern ließ er den Mädchen den Vortritt. Die Rothaarige rollte gespielt mit den Augen, was ihr ein Grinsen seinerseits einbrachte. Draußen gab Togo die Zimmerverteilung bekannt – Shiko und Seiketsu konnten wie gewünscht zusammenbleiben, Ohtah hatte er mit Absicht das Einzelzimmer zugeteilt – in der Hoffnung, er könne so nicht auch noch andere auf dumme Gedanken bringen. Nachdem alle ihre Zimmer bezogen und zu Abend gegessen hatten, stand die erste Unterrichtsstunde auf dem Plan. Der Besitzer der Herberge leitete nebenbei noch ein Kendo-Dojo und bot ihnen eine kleine Vorführung an. Anschließend durften die Schüler die Utensilien genauer bestaunen und sogar in die Hand nehmen. Interessiert griff Ohtah nach dem Bokken. Es sah nicht so aus, als hätte er noch nie zuvor ein Schwert in Händen gehalten … Doch er hielt es nicht auf Samurai-Art, was Shiko einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. Sie kannte diese Schwerthaltung nur allzu gut … der Winkel der Waffe stimmte genau überein – genauso hielt Ryuohtah seinen rechten Landdolch! Was hatte das nur zu bedeuten?
In dieser Nacht plagten Shiko Alpträume, in denen die Grenze zwischen Ohtah und Ryuohtah vollkommen verschwamm. Einmal saß der Elb neben ihr in der Schule und fragte sie nach der Lösung für eine Aufgabe, dann bedrohte Ohtah sie mit zwei Bokken. Zum Schluss stand Shiko zwischen ihnen und jede Bewegung die der eine ausführte, vollführte der andere genauso – gleich einem Spiegelbild.
Derart mitgenommen schaffte sie es am nächsten Morgen nicht, Ohtah ins Gesicht zusehen … Erst die erlösende Nachricht von Togo, dass sie nach dem Frühstück zum ersten Mal in den Genuss des Onsen kommen konnten, heiterte Shiko wieder auf. Obwohl das Becken mit ihnen allen ziemlich voll war, genossen die beiden Freundinnen das entspannende Bad. Und versuchten dabei so gut es ging, den Geräuschpegel von der anderen Seite der Trennwand zu ignorieren. Ein Kichern entfuhr Shiko, als sie an die klischeehaften Szenen aus Büchern, Filmen oder Serien dachte, wenn die Jungs eine Räuberleiter bildeten oder Löcher in das Bambusholz bohrten, um die Mädchen begaffen zu können – allerdings musste sie nur zwei Minuten entsetzt feststellen, dass das echte Leben keine Ausnahme bildete.
„Lasst mich mal sehen!“, rief eine ihr äußerst bekannte Stimme, die Shiko schnaubten ließ – Ohtah.
Genau in dem Moment, als sein Gesicht über dem Rand der Trennwand erschien, traf ihn bereits das Seifenstück, welches sie mit voller Wucht nach ihm geworfen hatte, und er fiel nach hinten, punktgenau zurück ins Wasser.
Nach dieser Aktion war Shiko die Lust auf weitere Bäder vergangen, zumindest für den Moment. Daher beschloss sie die Gegend ein wenig zu erkunden – hatte sie sich ja extra einen Reiseführer aus der Bücherei ausgeliehen. Sie folgte einer leicht beleuchteten Straße, die ich durch den kleinen Ort schlängelte. In Hakone verschmolz der ländliche Charme mit der modernen Architektur. Es hätte chaotisch, durcheinandergewürfelt wirken können – Shiko allerdings gefiel es hier. Die Präfektur Kanagawa lag nur knapp hundert Kilometer von Tokyo entfernt und dennoch war es hier so anders, als in der Metropole. Die Häuser am Rand standen mit jedem weiteren Meter immer vereinzelter und der Asphaltboden wich einem steileren Trampelpfad, der auf einen bewaldeten Berg hinaufführte. Unterhalb des dichten Gehölz lag der Ashi-See dar wie ein glatter Spiegel, auf dem sich die Wolken abzeichneten. Shiko setzte sich auf eine freie Fläche zwischen den Bäumen, stützte die Ellenbogen auf den Knien ab und schloss die Augen. Der Wind fuhr durch die Äste, toste um sie herum. Für einen kurzen Herzschlag lang war sie versucht, ihre Elben-Gestalt anzunehmen und durch die Gegend zu streifen. Aber sie kannte die Gewohnheiten der hiesigen Menschen nicht, da wäre die Gefahr entdeckt zu werden einfach zu groß. Doch trotz ihrer menschlichen Form konnte Shiko die Präsenz der Elemente spüren ... Es war wie eine sanfte Umarmung und ihr fielen die Augen zu.
„Shikon! Du hast dich mir gegenüber verschlossen … Dabei hättest du schon längst eine Unterrichtsstunde in elbischer Geschichte gebraucht“, hörte sie jenen Fremden aus ihren Träumen sagen und mit einem Mal tauchten verschiedene Bilder vor ihr auf. „Dies ist die Erde … vor über zweitausend Jahren. Damals wandelten Elben frei durch die Lande und lebten mit der Macht dieser Welt in Einklang. Bis eine andere Lebensform die Herrschaft über die Erde an sich gerissen und sie vertrieben hat – die Menschen. Darum sind unsere Vorfahren nach Avalon geflüchtet. In die zerstörte Dimension … verloren im Nebelmeer von Raum und Zeit.“ Avalon?! Sofort schoss Shiko die erste Begegnung mit Ohtah durch den Kopf. Er hatte auf den Namen dieses Landes reagiert! Nein, das konnte nicht sein – wahrscheinlich hatte er sich einfach nur über die fremde Sprache gewundert … „Diese drei Elben-Krieger Kamekle, Ryuohtah und Hoorgo sind die Söhne des amtierenden Königs von Avalon. Sein Name ist Torarien … Und er-“
BUMM! Shiko zuckte zusammen, riss die Augen auf und schrie. Ihre Kleider waren schon vollkommen durchnässt. Donner hallte durch den Himmel, begleitet von einem unglaublich hellen Blitz. Ihr Schrei wollte nicht abbrechen – sie hatte schon immer schreckliche Angst vor Gewittern gehabt und presste sich die Hände auf die Ohren. Es half nichts – hier draußen in der Natur konnte sie dem Schrecken nicht entgehen!
Ausnahmsweise hatte Togo sie mit einer weiteren Unterrichtsstunde verschont, sodass die Schüler ihren ersten, freien Abend in vollen Zügen genießen konnten. Von Ohtah einmal abgesehen – er musste die Zeit ja in seinem Zimmer fristen. Er wollte es sich gerade auf seinem Futon gemütlich machen, da wurde seine Zimmertür aufgerissen und Shiko´s Freundin stürzte kreidebleich herein.
„Shiko-chan ist noch nicht zurück – aber sie würde bei diesem Wetter niemals freiwillig draußen bleiben! Sie hat panische Angst vor Gewittern, es muss ihr etwas zugestoßen sein!“, keuchte Seiketsu atemlos. „Lehrer – genau, wir sollten sofort Morisaki-sensei informieren!“
Sie kämpfte sich zurück auf die Füße, wollte schon wieder hinauseilen – Ohtah jedoch packte sie am Arm. „Wenn du jetzt dieser Witzfigur Bescheid gibst, komme ich hier nicht mehr weg – du musst dafür sorgen, dass ihr Verschwinden unbemerkt bleibt. Wohin wollte sie gehen?“
„Ich weiß es nicht genau. Sich die Umgebung anschauen, glaube ich …“, antwortete sie mit schwacher Stimme. „Bitte, Taiyo-kun … du musst sie finden!“
Der Braunhaarige nickte entschieden, dann schnappte er sich seine Jacke und zog etwas aus deren Innentasche, das er wie einen Schatz hütete – die Zeichnung mit seinem Namen. Einen simplen Suchzauber sollte sogar er hinbekommen … Mit einem letzten Augenzwinkern in Seiketsu´s Richtung kletterte er aus dem Fenster, sprang auf das kleine Vordach knapp darunter. Sofort peitschte ihm der Wind ins Gesicht und der Regen prasselte unaufhörlich auf ihn nieder. Auf der Straße nahm er den Weg, der von der Stadt wegführte – er vertraute einfach darauf, dass sein Gespür ihn etwa in die richtige Richtung führen würde. Noch konnte er es nicht wagen, seine Gestalt zu wechseln und seine magischen Kräfte einsetzen … Erst zwischen dem Schutz der dichten Bäume erlaubte er es sich, als Ryuohtah auf den Plan zu treten. Tonlos flüsterte er ein paar Worte der Macht über dem Blatt Papier und richtete all seine Gedanken auf Shiko. Langsam leuchtete eine Spur auf dem Waldboden auf – sie war tatsächlich hier lang gekommen! Erleichterung durchströmte Ryuohtah und er hastete den Fußabdrücken hinterher, die bis tief in den Wald hineingingen. Und plötzlich vernahm er ihre Präsenz, ihren Geruch. Wenige Schritte weiter lag Shiko eingerollt zwischen zwei Bäumen auf dem Boden. Ryuohtah musste sich mit aller Gewalt bremsen, um nicht sofort zu ihr zu rennen. Noch nie war ihm die Verwandlung so lange vorgekommen …
Als Ohtah eilte er schließlich an ihre Seite, rüttelte sie an der Schulter. „Shiko-chan, komm´ zu dir! Hörst du mich? Reiß´ dich gefälligst zusammen … Bitte!“
In Avalon war er niemals um etwas gebeten worden oder hatte selbst eine Bitte vorgetragen – alles war ein Befehl gewesen. Dieses flehende Wort, das Seiketsu auch ihn gerichtet hatte, war so voller verzweifelter Hoffnung, das es beinahe körperlich schmerzte …
Wie durch einen trüben Schleier drang dumpf eine vertraute Stimme in Shiko's Bewusstsein, rief nach ihr. Langsam kam sie wieder zu sich, fühlte ihre vor Kälte starren Glieder und dass sie jemand in den Armen hielt. Arme, die sie schon einmal gehalten hatten … Ihre Sicht brauchte einige Anläufe, bis sich ein klares Bild ergab – dann waren da seine braunen Haare, seine schwarzen Augen. Viel zu stürmisch für ihren geschwächten Zustand und gleichzeitig wundervoll drückte Ohtah sie so fest an sich, sodass sie seinen beschleunigten Herzschlag an ihrer Brust spüren konnte.
„Ohtah …“, hauchte sie schwach, „du erdrückst mich.“
Lachend löste er die Umarmung, ohne sie ganz loszulassen. „Ach, kein >Taiyo-kun< mehr?“
Nein, darüber waren sie nun definitiv hinaus … Lächelnd zuckte Shiko die Schultern und musste niesen. Ihr war ziemlich kalt. Schnell hängte Ohtah ihr seine Jacke um. Anschließend legte er den Arm unter ihre Beine und hob sie hoch. Die Röte stieg in ihr auf. Nun hatte er sie bereits zum zweiten Mal gerettet … Wer brauchte schon einen Elben-Prinzen? Da war ihr ein ritterlicher Mitschüler mit leicht perverser Ader doch wesentlich lieber.
„Wir müssen Schutz suchen“, meinte der Braunhaarige und stampfte los, „auf dem Weg habe ich eine Höhle gesehen.“
Um sich von ihrer eigenen Unsicherheit abzulenken – vorrangig weil sie selbst nicht wusste, ob es ihr gefiel, von ihm getragen zu werden oder ob sie allein überhaupt hätte gehen können –, wechselte sie rasch zu einer Frage, die sich ihr ebenfalls aufdrängte. „Warum hast du eigentlich nach mir gesucht?“
Ruckartig blieb Ohtah stehen und sah sie verwirrt an. „Glaubst du wirklich, ich hätte auch nur eine Sekunde gezögert, als deine Freundin vollkommen aufgelöst bei mir aufgetaucht ist?“
Shiko wusste nicht, was ihr mehr die Sprache verschlug – sein Geständnis oder die Tatsache, dass er nur wegen ihr gegen seine Ausgangssperre verstoßen hatte. Während Ohtah den unkartierten Weg fortsetzte, verschränkte die Rothaarige ihre Hände hinter seinem Nacken, was er mit einem Lächeln quittierte. Der Unterschlupf, den er zufällig entdeckt hatte, war zwar etwas beengt, aber immerhin trocken und windgeschützt.
Vorsichtig setzte er Shiko ab, dann wandte er sich noch einmal zum Ausgang. „Warte hier, ich bin gleich wieder da.“
„Lass´ mich nicht allein!“, entfuhr es ihr, ehe sie sich zurückhalten konnte.
Ohtah drehte sich halb zu ihr um, wie er es nach dem Angriff getan hatte. „Mach´ dir keine Sorgen, Shiko-chan, selbst wenn du mir erneut verloren gehen würdest, würde ich dich immer wieder finden.“ Damit trat er erneut in den Regen hinaus.
Tränen benetzten Shiko´s Wangen. Anscheinend war es ihr Schicksal, ihr Leben lang verlassen zu werden … Oder etwa nicht? Wenige Minuten später kehrte Ohtah tatsächlich in die Höhle zurück - die Arme voller Zweige. Als er ihr Schluchzen hörte, ließ er es achtlos fallen und zog sie erneut an sich. Die Rothaarige, die ansonsten so taff wirkte, offenbarte ihm ihre Schwäche … Weil er keine Worte fand, fuhr er ihr wiegte er sie stattdessen leicht in seinen Armen. Es war eine reine Impulshandlung – er wusste nicht, wie man jemanden tröstete, aber so hatte seine Mutter ihn als Kind oft im Arm gehalten. Sie klammerte sich an sein Oberteil und weinte all die Tränen, die sie sich in den letzten Wochen versagt hatte. Ohtah streichelte ihr so lange beruhigend über den Rücken, bis sie nur noch vor Kälte zitterte. Sanft löste er sich von ihr und schichtete das Holz auf. Mit zwei Steinen, die er aneinander schlug, erzeugte er ein paar Funken – schon brannte ihr kleines Lagerfeuer. Beeindruckt klatschte Shiko in die Hände. Er drehte mit einem schiefen Lächeln zu ihr um und deutete eine Verbeugung an. Dabei verlor Ohtah sich erneut in der Tiefe ihrer funkelnden, braunen Augen … Wie ferngesteuerte trat er ganz dicht an sie heran, wickelte seinen Finger um eine ihrer nassen Haarsträhnen. Seine Stirn senkte sich gegen ihre und er kämpfte gegen den fast übermenschlichen Drang in seinem Innern an. So hatte er in dieser Welt schon einmal empfunden – als er die Elbe zu Boden gerungen hatte.
Doch die leicht bläuliche Färbung ihrer Lippen fachte seine Selbstbeherrschung an. „Wir müssen aus diesen Klamotten raus, sonst holen wir uns noch den Tod.“ Während Ohtah sich sein Oberteil über den Kopf zog, bedeckte Shiko rasch ihr Gesicht mit den Händen – die Situation war ihr zu peinlich. „Vertrau´ mir … Selbst wenn du es mir nicht glaubst – ich weiß, wie sich ein Edelmann zu benehmen hat.“
Sie nickte zögerlich. Aber Ohtah hatte ihr inzwischen mehr als einmal bewiesen, dass ihr erster Eindruck von ihm falsch gewesen war ... Er setzte sich mit abgewandtem Blick ans Feuer und obwohl es ihn mehr als reizte, drehte er sich nicht um, bis Shiko – nur in Unterwäsche kleidet – neben ihm Platz nahm. Die Stunden flogen dahin, das Gewitter war längst vorbeigezogen. Irgendwann fielen beide vom melodischen Knistern der Flammen die Lider zu …
Enthüllungen
Früh am nächsten Morgen erwachte Shiko – den Kopf an Ohtah´s Schulter gebettet, was eine wohlige Wärme in ihr auslöste. Was wohl ohne seinen heldenhaften Einsatz aus ihr geworden wäre? All ihre Magie hatte ihr in diesem Moment nicht helfen können, die Angst hatte sie vollkommen gelähmt. An seiner Seite verspürte sie dagegen keine Furcht mehr … auch nicht vor der Wahrheit. Ihretwegen war er von dem Pfeil verletzt worden … ihretwegen hatte er sich mit Togo angelegt. Nein, sie konnte ihm ihr Geheimnis wahrlich nicht länger vorenthalten. Dafür waren ihre Gefühle für ihn einfach zu stark. Und um an diesen Empfinden festhalten zu können – um auf Erwiderung zu hoffen –, musste er ihr vollkommenes Selbst kennen.
„Guten Morgen“, brummte Ohtah verschlafen, „hast du gut geschlafen, Shiko-chan?“
Sie nickte und sah zu ihm auf. „Dank dir. Aber jetzt müssen wir … Seiketsu ist sicherlich krank vor Sorge.“
Seufzend stand er auf und reichte ihr ihre inzwischen getrocknete Kleidung, ehe er selbst in seine Sachen schlüpfte. Nur allzu gern hätte sich Ohtah hier weiter vor aller Welt versteckt und die Zweisamkeit mit Shiko genossen … Doch die Braunhaarige war in ihrer Verzweiflung zu ihm gekommen – daher war er es ihr schuldig, Shiko zu ihr zurückzubringen. Hand in Hand schlenderten die beiden den Weg zur Unterkunft entlang, dessen Haupteingang, wie erwartet, verschlossen war. Demnach blieb ihnen eine Kletterpartie zurück über die Mauer leider nicht erspart.
Ohtah nahm Anlauf und fand mit seinen Fingern am obeneren Rand Halt – nachdem er sich selbst hochgezogen hatte, half er Shiko hinauf. Auf der anderen Seite wartete das Becken der heißen Quelle. „Bereit?“
„Bereit, wenn du es bist“, erwiderte sie, ehe ihr noch etwas einfiel. „Jetzt kommst du doch in den Genuss, mit mir baden zu gehen …“
Sie sprang und zog ihn, der sie völlig perplex anstarrte, mit sich. Das Wasser spritzte in alle Richtungen. Obwohl die Temperatur diesmal deutlicher angenehmer war, blieben nasse Klamotten unangenehm. Rasch schwammen sie zum Rand des Beckens und kletterten hinaus, dann schlichen die beiden vorsichtig weiter zu den Schlaftrakts. Vor der Gabelung Richtung Mädchen- und Jungenabteil hielten sie inne. Damit Shiko nicht mehr kneifen konnte, küsste sie Ohtah hastig auf die Wange und rannte, so schnell sie konnte, in ihr Zimmer, in dem Seiketsu ihr Bett mit mehreren Kissen als Alibi ausgestopft hatte und ihr nun erleichtert um den Hals fiel. Währenddessen hatte sich Ohtah nicht von der Stelle gerührt. Vollkommen bewegungsunfähig starrte er in den leeren Flur, seine Gedanken kreisten um Shiko – ihr rötliches Haar, die schokoladenbraunen Augen, der betörende Duft, ihre sinnlichen Lippen. Und schon wieder war seine Wange gebrandmarkt worden – allerdings zog er den Kuss dem Pfeil oder der Ohrfeige deutlich vor … Schlussendlich ging auch er auf sein Zimmer, um sich umzuziehen – ehrlich gesagt verspürte er wenig Lust, Togo seinen triefnassen Zustand mit irgendwelchen Ausreden erklären zu müssen.
Allerdings wurde seine Hoffnung auf ein rasches Wiedersehen bei Unterrichtsbeginn schlagartig zunichte gemacht – denn Seiketsu erschien ohne Shiko. Bislang hatte die Rothaarige es ihrem elbischen Blut zu verdanken gehabt, dass sie nie wirklich krank geworden war. Doch die letzte Nacht war offenbar selbst für ihre magischen Abwehrkräfte zu viel gewesen. Unauffällig reichte die Braunhaarige Ohtah im Vorbeigehen einen Kuvert, das ihre beste Freundin ihr mitgegeben hatte.
Unterhalb der Tischplatte öffnete er den Briefumschlag und las gespannt Shiko's Nachricht. „>Ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Wir treffen uns heute Nachmittag in unserer Höhle. S<“
Eigentlich wäre Ohtah derjenige gewesen, der ihr etwas hätte beichten müssen – weil er ihr die ganze Zeit über etwas vorspielte. Um die Elbe aufspüren und die Menschen studieren wollen. Wie konnte man nur so verlogen sein? Er hatte sie in ihrer Not ja nicht einmal ohne Magie aufspüren können. Hatte er sie nicht gestern noch um ihr Vertrauen gebeten? Weil ihn seine Gefühle übermannt hatten … Es ließ sich nicht leugnen – es war längst kein Spiel mehr für ihn und sie war bei weitem kein bloßes Forschungsobjekt, ganz im Gegenteil … Durch Shiko vergaß er sogar seine Pflicht, seinen Auftrag. Wo sollte das zwischen ihnen bloß hinführen? Torarien würde seine Eroberungspläne sicherlich nicht wegen der Romanze seines verhassten Sohnes mit einer ihrer erklärten Feinde aufgeben … Ob er sich nun weigerte zu kämpfen oder nicht, es lief auf dasselbe hinaus – sie konnten keine gemeinsame Zukunft haben. Und dennoch gab es nichts, das in ihm ein größeres Glücksgefühl auslöste, als wenn er sie lächeln sah oder sie in seinen Armen hielt …
Eine halbe Stunde vor Ende der letzten Unterrichtsstunde stahl Shiko sich davon – sie wollte unbedingt vor Ohtah den ausgemachten Treffpunkt erreichen. Ihre Temperatur war im Schlaf wieder gesunken, dafür stieg die Hitze aufgrund ihres Vorhabens erneut in ihr auf. Der Anblick der Höhle ließ sie schmunzeln. Das Geruch eines zerbrechenden Zweiges erregte Shiko´s Aufmerksamkeit. Für Ohtah war es eigentlich noch viel zu früh … daher kamen auch an seiner statt die beiden Begleiter von Ryuohtah auf sie zu.
„Du bist also dieses widerliche Menschenmädchen, das unserem Bruder derart den Kopf verdreht hat … Da stellt sich mir ernsthaft die Frage, was er an dir findet!“, meinte der Rothaarige zornig.
Sie machte einen halben Schritt rückwärts und stieß gegen die raue Rinde eines Baumes. Wenn er von ihrem Zusammentreffen mit Ryuohtah im Park sprach, bedeutete das unweigerlich, dass ihre Tarnung aufgeflogen war! Aber was hatte sie bloß verraten?
Der Ältere, dem ihr ratloser Gesichtsausdruck nicht entging, tippte seine linke Wange. „Du hast mehrfach dein Zeichen auf ihm hinterlassen – angefangen bei deinem Pfeil … bis hin zu deinem Kuss. Gegen ein solches Indiz hilft nicht einmal mehr der stärkste Zauberglanz.“
Ihr Zauber hatte gewirkt und dennoch war sie durch Magie verraten worden … Aber sie hatte Ryuohtah nicht geküsst – dazu war es nicht einmal im Traum gekommen. Die Erkenntnis traf Shiko wie ein Faustschlag in die Magengegend, sämtliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. Plötzlich ergab alles Sinn. Sie konnte sich nicht zur selben Zeit in zwei Jungen verlieben – irgendwo tief in ihrem Unterbewusstsein hatte sie es bereits geahnt … War es ihr bei dem Schriftzug seines Namens mit dem Drachen zum ersten Mal aufgefallen? Nicht zu vergessen Ohtah´s Reaktion auf Avalon, dem Königreich der Elben und sein Umgang mit dem Bokken. Deshalb führte er auch diese altmodische Sprache. Die Verletzung an seiner Hand, sein schnelles Reaktionsvermögen, sein Mut und seine Augen … ja, alles an ihm waren überdeutliche Zeichen, die sie bislang nicht hatte sehen wollen. Ohtah und Ryuohtah waren ein und dieselbe Person – er war einfach nur ein Elb, der sich in einen Menschen verwandelt hatte!
Kaum eine Sekunde, nachdem sie diesen Gedanken gefasst hatte, erschien Ohtah ebenfalls auf der kleinen Lichtung. Keuchend stützte er die Arme gegen seine Beine. Als er die Energiesignaturen seiner Brüder gespürt hatte, war er sofort losgesprintet, ohne seine Form zu wechseln.
„Ah, da bist du ja endlich“, höhnte Hoorgo in arrogantem Tonfall, „wir haben das Miststück hervorgelockt – jetzt kannst du dich für die Schmach an ihr rächen!“
Ohtah´s Augen weiteten sich vor Schreck, als ihm dämmerte, was sein Bruder da gerade gesagt hatte … Es gab nur eine Person, an der er Rache geschworen hatte.
„Hast du dich denn nie gewundert – habe ich dich nicht an sie erinnert? Oder hast dich ebenso an die Illusion des aufkeimenden Glücks geklammert?“, fragte Shiko. Etwas Trauriges hatte in ihrer Stimme gelegen und sie nahm ihre elbische Form an. Ihr rotes Haar und die Tiefe ihrer Augen … diese magnetische Anziehungskraft, fast wie ein magischer Zwang – deshalb hatte er ihr im Park nichts antun können. „Ja, ich bin Shikon.“
Für einen kurzen Moment schienen seine Brüder vergessen, als wären sie vollkommen allein. Nichts stand mehr zwischen ihnen – keine Lügen, keine Geheimnisse.
Aber der kalte Stahl eines Rapiers an Shikon´s Kehle katapultierte beide schlagartig zurück in die Realität – Kamekle starrte den Braunhaarigen mit wutverzerrter Miene an. „Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich von dir enttäuscht! Hast du alles vergessen? Das Leid unseres Volkes, unsere Hoffnungen und Wünsche? Ich dachte, trotz allem wärst du Vater treuergeben!“
„Von wegen! Egal wie sehr ich mich auch bemüht habe, Vater hat mich nie akzeptiert … Ich habe immer nur die Drecksarbeit für ihn erledigt!“, schnaufte Ohtah abfällig.
Hoorgo packte den Knauf seines Zweihänders fester. Shikon kniff die Augen zusammen. Sie wusste, Ryuohtah war zwar ein äußerst talentierter Schwertkämpfer, aber ob er gegen zwei Elben gleichzeitig bestehen konnte – noch dazu gegen seine Bruder – war fragwürdig.
„Sofort aufhören!“, rief sie entschlossen und erntete dafür drei verwunderte Augenpaare. „Ich werde mich Torarien´s Befehl widerstandslos unterwerfen. Dafür verlange ich, dass er nichts von den Aktivitäten seines Sohnes als Mensch hier auf der Erde erfährt!“ Trotz der drohenden Klinge bewegte sich Ohtah in sekundenschnelle auf sie zu und griff nach ihrem Handgelenk. Ein melancholisches Lächeln umspielte ihre Lippen, als Shikon den Kopf schüttelte. „Ironie des Schicksals … Wir sind genau die Liebesgeschichte, die ich mir immer gewünscht habe – du bist mein strahlender Ritter, der immer da ist, um mich zu retten … Doch nun bin ich an der Reihe!“
Tonlos hauchte sie einen Zauberspruch, der ihn in tiefen Schlaf schicken sollte. Obwohl er sich dagegen wehrte, hatte er in seiner menschlichen Gestalt keine Chance gegen ihre Magie und sank bewusstlos zu Boden. Zuletzt lösten sich seine Finger von ihr …
Kamekle, der die Szene kritisch beäugt hatte, öffnete das Tor nach Avalon und Hoorgo stieß sie grob hinein. Ihren Bruder ließen sie indessen zurück, während sie selbst von dichtem Nebel umhüllt wurden, der in einen dunklen Wald überging. Kaum ein Lichtschein durchdrang die hohen Baumkronen. Von überall her erklangen grässliche Laute, welche Shikon keinem ihr bekannten Tier zuordnen konnte. Bislang hatte sie geglaubt, das Land der Elben müsse förmlich vor Magie sprühen – genau wie in ihren Träumen und Bildern. In Wahrheit wirkte Avalon einfach nur kalt und öde … Ob diese Tatsache etwas mit ihrer Mission auf der Erde zu tun hatte? Wie zur Ablenkung kam das Herrschaftsschloss in Sichtweite. Nach dieser erdrückenden Finsternis zwischen dem Gehölz, schien der weiße Steinbau beinahe von innen heraus zu leuchten. Elegante Spitzdächer schmückten die hohen Türme, kunstvolle Balustraden säumten den zweiten Ring und die Fensterrahmen zeigte feine Schnitzereien. Außerdem entdeckte Shikon überall, wohin sie schaute, Elben in silberner Rüstung und eindrucksvollen Helmen, auf deren Brustpanzern zwei verschlungene Bäume prangten. Es war das Wappen von Avalon – jene beiden Bäume Laurelin und Telperion aus denen die Licht- und Albenalben einst geboren worden waren, hoch oben auf dem Heiligen Berg der Göttin Gäa … Woher Shikon das wusste, konnte sie ebenso wenig sagen, wie weshalb sie fließend Sindarin sprechen konnte.
Ihr Weg führte durch ein hohes Portal, das den Blick auf einen langen Gang freigab, welcher schließlich in einen breiten Saal mündete. Auf einer Erhöhung mit mehreren Stufen standen zwei aus feinstem Silber gearbeitete Throne – einer leer, auf dem anderen Herrschersitz saß ein schwarzhaariger Mann … Torarien, der Vater von Ryuohtah. Sein Blick brannte sich regelrecht in Shikon. Hoorgo trat ihr die Füße weg, sodass sie unsanft auf den Knien landete.
„Dies ist also die Verräterin, von der ihr mir berichtet habt?“, fragte der König an Kamekle gewandt.
Der Kronprinz kniete vor ihm nieder. „Jawohl, Vater. Ryuohtah hat sie uns übergeben …“
Die Lüge war ihm nicht anzumerken, während Shikon´s Herz einen Schlag lang aussetzte. Im Stillen dankte sie dem Blonden für die Erfüllung ihres Wunsches. Seinem anderen Bruder hätte sie zugetraut, dass er Ohtah verraten würde – doch auch er schwieg.
„Dieser Schwächling …“, entgegnete Torarien abfällig. „Dafür wird es mir eine außerordentliche Freude sein, dieses Weib sterben zu sehen! Morgen bei Sonnenaufgang werde ich das Urteil offiziell verkünden … Hoorgo, du weißt, was ich bis dahin von dir erwarte!“
Der Schwertkämpfer packte sie knapp unterhalb ihres Haaransatzes und zerrte sie wie ein Stück Vieh weiter in einen angrenzenden Raum, in dessen Mitte ein hölzerner Pranger aufgebaut war. Daran fesselte er – einen lüsternen Ausdruck auf dem Gesicht – Shikon an ihren Hand- und Fußknöchel mit harten Lederriemen, sodass sie ihm aufrecht gegenüber stand.
„Dann wollen wir mal sehen, was für einen Körper du da unter deinem Kleid versteckst … Irgendeinen Grund muss es ja geben, dass Ryuohtah so scharf auf dich ist, nicht wahr? Wobei ich ja nur zu gern herausfinden würde, wie weit er bei dir schon gekommen ist“, hauchte er dich neben ihrem Ohr.
Shikon schluckte die Galle hinunter, welche ihr die Kehle aufstieg. Und sie hatte Ohtah anfangs für pervers gehalten?! Gegen seinen Bruder war er ja ein echtes Unschuldslamm! Mit einem einzigen Ruck riss Hoorgo ihr den Stoff vom Leib, gefolgt von einem ersten Schlag seiner Faust unterhalb der rechten Brusthälfte. Die Rothaarige krümmte sich vor Schmerz. Schon als Torarien ihm den Befehl gegeben hatte, war ihr klar gewesen, dass er sie nicht einfach nur bewachen sollte … Irgendwann verlor Shikon schließlich jegliche, zeitliche Orientierung – stundenlang prügelte Hoorgo auf sie ein. Jeder Zentimeter ihres Körpers schmerzte und einzig die ledernen Riemen hielten sie noch auf den Beinen, aus eigener Kraft hätte sie es nicht mehr vermocht …
Eines gab es allerdings noch, das Shikon ihrem Peiniger zu sagen hatte, ehe sie vollends das Bewusstsein verlor. „Eigentlich sollte die Magie meines Bogens >Uruloth< verhindern, dass … ich mein Ziel … verfehle. Hätte er dich damals doch nur ins Herz getroffen …“
Verwunderung verzerrte sein Gesicht. Es war also gar nicht ihre Absicht gewesen, seinen Bruder zu verletzen? Vielleicht war sie gar nicht die verräterische Hexe, für die er sie bislang gehalten hatte … In seinen Augen war der Pfeil ein Mordversuch an Ryuohtah gewesen und weil dieser missglückt war, hatte sie sich auf andere Weise an ihn herangemacht, um eine neue Chance für ihr Vorhaben zu bekommen. Solche Schlüsse zu ziehen, war er gelehrt worden, kaum dass er hatte stehen können. Und noch nie hatte er die Denkweise seines Vaters in Frage gestellt. Gut, er behandelte Ryuohtah nicht gerade väterlich … aber bislang hatte Hoorgo dies eher als Erziehungsmethode betrachtet. Konnte Torarien denn wirklich sein eigen Fleisch und Blut hassen? Der Rothaarige ballte erneut die Faust, schlug diesmal jedoch gegen das Holz. Im Grunde hatte er wohl sein ganzes Leben lang die Grausamkeit seines Vaters nicht sehen wollen – nein, vielmehr hatte er ihm in seiner Art sogar noch nachgeeifert. Kamekle war zwar der eigentliche Thronfolger, doch war er mehr Gelehrter denn Regent. Und sein Vater ließ sich keine Vorschriften machen … Warum also sollte er die Erbfolge beachten, wenn der Erstgeborene nicht über die notwendigen Fertigkeiten verfügte? Aufgrund seiner Abneigung Ryuohtah gegenüber, war dieser als gewählter Nachfolger sehr unwahrscheinlich. Blieb nur noch Hoorgo, der sich Torarien gegenüber beweisen konnte … beziehungsweise der sich wie eine Marionette verhalten hatte.
Splitter
Nach dem Tod seiner Mutter hatte Ryuohtah sich gewünscht, er möge aus diesem grauenhaften Alptraum erwachen … Nun erging es ihm ähnlich. Ein kalter Schmerz erfüllte seine Brust, wie ihn keine Waffe dieser oder seiner Welt hätte zufügen können. Sie war fort, verschleppt von seinen eigenen Brüdern – freiwillig, um ihm eine Rückkehr in seine Heimat zu ermöglichen. Doch sie würde er dort nicht wiedersehen … denn für das Attentat auf ein Mitglied der königlichen Familie stand seit jeher die Todesstrafe. Und Torarien gewährte niemals Gnade! Er hatte sie verloren, nicht ausreichend beschützt. Das erste Mädchen, welches ihm wirklich etwas bedeutete … Aber egal wie gering seine Aussicht auch sein mochte - kampflos würde er sie nicht aufgeben!
Es war für Ryuohtah ein eigenartiges Gefühl nach Avalon zurückzukehren. Dies war sein eigentliches Zuhause und gleichzeitig fühlte es sich nicht so an ... Vielleicht sorgten aber auch seine Schulgefühle für dieses Unwohlsein. Auf direktem Weg marschierte er in den Thronsaal. Außer seinem Vater war nur noch Kamekle anwesend – beide hielten den Blick fest auf eine Stelle in der linken Wand gerichtet. Ryuohtah wusste nur zu gut, was sich dort befand … Übelkeit ergriff seinen Magen, als er mithilfe von Magie ebenfalls durch das Gestein blickte. Shikon hing schlaff am Pranger, einzig von den ledernen Fesseln gehalten. Ihr nackter Körper war übersät mit blauen Flecken, an manchen Stellen blutete sie sogar … die deutliche Handschrift von Hoorgo. Torarien hatte ihn schon sehr früh zu seinem liebsten Folterknecht bestimmt.
Ryuohtah´s Hände ballten sich die Fäusten, dennoch sank er auf die Knie. „Ich bitte Euch, Eure Majestät … Ich schwöre zu tun, was immer Ihr von mir verlangt – nur lasst sie am Leben!“
„Interessant … Es gäbe da natürlich eine Möglichkeit, wie sich das Urteil mildern ließe“, meinte der König schmeichlerisch, „wenn die Anklage nicht auf >Hochverrat< lauten würde … ließe sich das Urteil möglicherweise abmildern. Zu schade, dass sie ja ausgerechnet ein Mitglied ein Mitglied der königlichen Familie hinterhältig attackiert hat.“
Entsetzt starrte der Braunhaarige ihn an. Er schlug tatsächlich vor, dass sein eigener Sohn ins Exil ging – in ihrem Volk hieß das, den Wald in die entgegengesetzte Richtung von Schloss »Edhelharn«, den Elbenstein zu verlassen und sich in einem immer währenden Kampf den Bestien des Abgrunds zu stellen. Auch Kamekle konnte kaum glauben, was er da hörte. Den eigen Sohn in den sicheren Tod zu schicken, war selbst für die Verhältnisse seines Vaters grausam. Und das nur, weil Ryuohtah seinen Vorstellungen nicht entsprach. Würde Torarien dasselbe mit ihm tun? Wartete er womöglich nur auf einen passenden Vorwand? Kamekle hatte ihn stets für einen harten Regenten gehalten, der durch den Verlust seiner großen Liebe verbittert geworden war, aber dennoch nur das Beste für sein Volk wollte …
Gern gab Ryuohtah sein Leben, um Shiko zu retten – allerdings kannte er seinen Vater viel zu gut, als dass dieser Wort tatsächlich gehalten hätte. Aus dem Nichts zückte er seine Langdolche und rannte in den angrenzenden Raum. Hoorgo war nirgends zu entdecken. Er verriegelte die Tür, eilte zu der bewusstlosen Shikon und rüttelte sie kräftig. Nur langsam öffnete sie ihre Augen.
„Ohtah …“, krächzte sie schwach.
Ihr Innerstes kreischte auf, denn sie konnte nicht mehr schreien. Warum nur war er gekommen? Das durfte einfach nicht wahr sein! Schon wieder brachte sie ihn in Schwierigkeiten. Eine einzelne Träne rollte über ihre Wange. Obwohl sie nur kurze Zeit getrennt gewesen waren, hatte es sich wie eine Ewigkeit angefühlt … Ihr Geliebter schnitt die Striemen durch und lud sie sich auf den Rücken. Nicht unbedingt die beste Haltung zum Kämpfen … Als hätten sie nur auf dieses Stichwort gewartet, brachen die Soldaten in diesem Moment durch. Fast gleichzeitig barst das Fensterglas – ein fremder, hochgewachsener Elb mit gezücktem Bogen hatte es mit seinem kraftvollen Sprung zerstört. Shikon war nur mäßig bei Bewusstsein, doch spürte sie eine vertraute Aura – es war derjenige, der sie in seinen Träumen besucht hatte!
„Lauf´, Junge! Bring´ sie in Sicherheit!“, forderte er Ryuohtah drängend auf, während die Geschosse bereits von seiner Sehne schnellten.
Länger ließ sich der zweitgeborene Prinz nicht bitten – er hastete ins Freie und weiter über den Schlosshof. Die wenigen Wächter, die noch draußen postiert waren, machte er mit Hilfe einer Klinge kampfunfähig – sie hielten sich zurück, weil er immer noch ein Prinz war. Der Braunhaarige nahm denselben Weg zurück durch den Wald, der direkt zu einer Felsnadel führte. Anders als in der Welt der Menschen konnte in Avalon nur hier durch Portal getreten werden. Doch so leicht sollte ihnen die Flucht nicht gelingen …
Hoorgo hatte damit gerechnet, dass sein Bruder nicht einfach so aufgeben würde und versperrte ihnen, gestützt auf »Dúath« gestützt, den Weg. „Ich wollte schon lange gegen dich kämpfen.“
Ryuohtah nickte ernst. Es wurde wirklich höchste Zeit herauszufinden, wer von ihnen der Stärkere war … Sein Bruder trug nicht ohne Grund den Titel >Erster Kämpfer<. Vorsichtig legte er Shikon auf den Boden. Ihre Lider flatterten vor Erschöpfung.
„Keine Sorge, Shiko-chan … es wird nicht lange dauern“, flüsterte er ihr zu und berührte ihre Stirn mit seinen Lippen.
Hoorgo´s glühender Blick bohrte sich in ihn, sein mächtiger Zweihänder reflektierte das magerer Licht. Mit einem tiefem Atemzug zog auch Ryuohtah blank. Er konnte sich noch genau an den Tag erinnern, an dem er seine Waffe in Auftrag gegeben hatte … sie sollte ihn selbst widerspiegeln. Und der Hofschmied hatte sich für seine Dualität in Form von zwei Langdolchen entschieden – perfekt geeignet für Angriff und Abwehr, wild und elegant zugleich. Genauso unterschiedlich wählte er auch ihre Namen … Von da an waren »Daeadae« und »Amlugfae« beinahe so etwas wie seine besten Freunde geworden. All sein Vertrauen legte er in sie, nie war er enttäuscht worden. Ohne Vorwarnung fegte eine Böe über die beiden Kämpfer hinweg. Nur einen Wimpernschlag später klirrte das Metall wie Donnerhallen über das Gebiet. Alle drei Schneiden flogen in einem silbrig blitzenden Bogen durch die Luft und blieben mit der Spitze voran im Boden stecken. Die Brüder standen mit dem Rücken zueinander, vollkommen regungslos.
„Du hast nicht deine volle Stärke eingesetzt!“, meinte Hoorgo grimmig.
Ryuohtah konnte ein schwaches Lächeln nicht unterdrücken. „Genauso wie du, kleiner Bruder.“
Sie nahmen ihre Klingen wieder an sich und der Braunhaarige lud sich die vollständig ohnmächtige Shikon erneut auf den Rücken, ohne dass die Rothaarige ihn länger aufhielt.
„Du kannst Vater´s Zorn nicht entgehen“, gab der Rothaarige zu bedenken.
Im Weben des Zaubers, warf Ryuohtah einen kurzen Blick zurück. „Da magst du recht behalten – genauso wenig wie du … immerhin hast du mich nicht getötet. Es tut mir unsagbar leid … hättest du nicht Hand an sie gelegt, hättest du uns begleiten können. Leb´ wohl …“
Damit trat er durch das Portal – unwissend, was in Shikon´s Innerem vor sich ging … Mit dem Übertreten der Schwelle zwischen den beiden Welten setzte ihr Herz aus – länger als bloß für einen Augenblick, wie etwa im Thronsaal, und dennoch kürzer, um wirklich lebensbedrohlich zu sein. Jedenfalls für ihren Körper … Für ihre Seele jedoch schien die Zeit just stillzustehen, während das Geräusch von zersplitterndem Glas durch ihren Geist hallten.
Ryuohtah bekam davon unterdessen nichts mit – selbst wenn seine auf Flucht ausgerichteten und überreizten Sinne die Veränderung ihres Herzschlages gespürt hätte, hätte er es einzig auf ihre zahlreichen Verletzungen geschoben. Denn seine Gedanken kreisten einzig um eine sichere Zuflucht. Wo nur könnten sie unterkommen? Mhenlo oder gar ihre Klassenkameraden aufzusuchen kam nicht in Frage. Er durfte diese Menschen nicht länger in Gefahr bringen – vor allem da sie nun wahrlich Torarien´s Zorn auf sich gelenkt hatten und er ihnen sogar seine Truppen hinterher schicken könnte. Schlussendlich entschied sich Ryuohtah in die kleine Höhle zurückzukehren. Sie war zwar kaum zu verteidigen, doch hoffte er, dort würde nicht nach ihnen gesucht wurden – immerhin hatten seine Brüder Shiko in einiger Entfernung davon gestellt. Auf dem Weg versuchte Ryuohtah so gut es ging, seine magische Signatur zu unterdrücken – wenigstens hinterließ er als Elb keine verräterischen Fußspuren. Die Höhle befand sich noch genau in demselben Zustand, wie die beiden sie vor kurzem verlassen hatten. Sogar ein wenig Holz war noch übrig, welches er diesmal wieder mit Hilfe der Feuersteine entzündete, nachdem er Shikon auf das Lager gebettet hatte. Je weniger Magie er benutzte, desto besser …
Wie in einem Mantra versunken, murmelte er dabei kaum hörbar vor sich hin. „Halte durch, Shiko-chan … bitte. Shiko-chan, verzeih´ mir …“ Zuvor hatte er es nicht gewagt, ihre Verletzungen genauer in Augenschein zu nehmen – nun musste er sich vergewissern. Die Hämatome überzogen ihren Körper, wie die Sterne den Nachthimmel … Trotzdem bestätigte sich sein Verdacht, dass sie keinerlei Knochenbrüche davon getragen hatte. Eine ganz andere Sache waren allerdings ihre seelischen Wunden … Ryuohtah konnte nur erahnen, was sein Bruder ihr alles angetan hatte. Mit den Fingerspitzen fuhr er ihr zärtlich über die Wange. Ein Teil von ihm konnte es immer noch nicht fassen, wie blind er gewesen war – beziehungsweise wie er sich nur so vom Zauberglanz hatte täuschen lassen können. „Bleib´ bei mir …“
Doch seine Worte konnten sie nicht erreichen – zusammengekauert saß ein Fragment ihres Geistes in völliger Finsternis, vollkommen orientierungslos. Die Arme um ihren bloßen Körper geschlungen. Das Zittern wollte einfach nicht aufhören. Es war so unglaublich kalt. Was war passiert? Sie konnte sich nicht erinnern, wie ich hierher gekommen war … in dieses endlose Nichts, als wäre sie gefangen. Was war das bloß für ein Ort?
„Deine Innerstes …“, antwortete jemand leise. „Oder sollte ich besser sagen, unser Innerstes?“
Zaghaft öffnete die Rothaarige die Augen. Vor ihr stand ein Mädchen, vom dem ein sanftes Leuchten ausging. Ebenso hochgewachsen wie sie selbst, mit denselben tiefbraunen Augen, aber längerem Haar zwischen dem spitze Ohren hervorlugten.
Beinahe glaubte sie in einen Spiegel zu schauen. „Wer … wer bist du? Und wer bin ich?“
„Ich bin immer da, wo du bist …“, gab die Elbe, wie ihm durch den Kopf schoss, mit einem freundlichen Lächeln zurück. „Hast du mich denn noch nicht erkannt, Shiko?“ >Shiko< – dieser Name kam ihr bekannt vor.
Ein Stich fuhr durch ihren Kopf. Shiko presste die Hände dagegen, versuchte sich dagegen zu wehren. Gesichtslose Gestalten schwirrten vor ihrem Blick, zusammenhanglose Erinnerungen. Alles war so verworren und verdreht und durcheinander und grauenhaft.
Ihr Schrei dröhnte durch die finstere Weite. „Ich will das nicht wissen! Nein, nein, hör´ auf damit! Bitte, hilf mir! SHIKON!“
Sie riss die Augen auf, ihre Pupillen weiteten sich vor Schock und sie blieb schlaff liegen. Bereits im nächsten Moment streichelte ihre Besucherin ihr über den Rücken. >Shikon< … Natürlich! Auch das war ihr Name. Sie waren nicht zwei Seiten von etwas … sondern eines mit zwei Seiten. Zwei Formen, die verschiedener nicht hätten sein können, und dennoch gleich. Was die eine wollte, wollte die andere – was Shiko fühlte, das fühlte Shikon. Sofort begannen ihre Gedanken zur Ruhe zu kommen und sogar das Zittern erstarb vollends.
Langsam setzte sich Shiko auf. „Was ist mit mir … mit uns passiert?“
„Unsere Seele …“, begann mein Ebenbild und rang mit sich, „unsere Seele ist zerborsten. Wegen dem, was … was in Avalon geschehen ist und was wir für Ohtah … Ryuohtah empfinden.“
Plötzlich wirkte Shikon genauso gebrochen, wie Shiko. Ein Wrack … Erst jetzt begann Shiko zu begreifen. Und mit der anfänglichen Erkenntnis kehrte auch die Erinnerung auf äußerst schmerzhafte Weise zurück. Beginnend mit ihrer Abführung, bei der sie ihn zurückgelassen hatte … der Übertritt in die geschändete Welt Avalon … das Gegenüberstehen Torarien´s … die Folter durch Hoorgo … schließlich war er erschienen und hatte sie befreit, alles für sie riskiert, sich gegen seine Familie … sein Volk … seine Heimat gestellt – einzig wegen ihr. Sie konnte nicht erahnen, wie viel Zeit vergangen war – geschweige denn, ob Zeit hier überhaupt existierte. Hier in der Dunkelheit ihrer geborsten Seele regte sich nichts. Es gab kein Ende, keinen Raum, keine Orientierung. Alles, was ihr wichtig war, hatte sie verloren …
„Was willst du tun?“, fragte die Shikon in die Stille hinein. „Wenn wir hier bleiben, werden die Splitter unserer Seele langsam verlöschen. Wir werden nicht wiedergeboren oder gar ins Mondlicht gehen … Wenn wir auf diese Weise verschwinden, wird jede Erinnerung an uns ausgelöscht – jeder, dem wir begegnet sind, wird uns vergessen.“
Ihr zweites Ich horchte auf. „Dann müsste niemand mehr wegen uns leiden. Sei-chan nicht und … er auch nicht. Ohne uns könnte er einfach wieder zu seinem Volk zurückkehren. Ich wünsche mir, dass er glücklich ist … Und wenn ich dafür ausgelöscht werden muss, soll es mir recht sein!“
Die Alternative dagegen würde sie nicht ertragen – ins Leben zurückkehren, sich der Realität stellen, die Wahrheit akzeptieren. Sie wollten nicht zurück, es machte ihnen Angst … Was würde würde Shiko(n) dort erwarten? Es stimmte, sie hatten genug Schaden verursacht – doch wenn Ryuohtah seine Erinnerungen verlor, würde die Invasion der Erde so nicht von neuem beginnen? Er war inzwischen nicht mehr der blutrünstige Elb – so fern er das überhaupt jemals wahrlich gewesen sein mochte –, der an seinem ersten Abend von meinem Pfeil getroffen worden war …
„Meine geliebte Shiko-chan, bitte … komm´ zu mir zurück!“, sagte plötzlich eine Stimme, die nicht der Halbelbe gehörte … sondern Ryuohtah!
Tränen rannen über ihre Wangen. Er liebte sie als Shiko und Shikon gleichermaßen … Ohne es zu merken, setzte sich ihre Seele wieder zusammen. Unbewusst hatte sie ihre Entscheidung bereits getroffen … Selbst wenn Shiko verschwand, änderte das nichts an den Problemen der Realität und sie in Wahrheit wollte nicht, dass Ohtah sie vergaß – selbst wenn sie nicht zusammen sein konnten.
„Es war von Anfang an egal … ob als Elb oder als Mensch – an meinen Gefühlen für ihn ändert das nichts“, gestand sich Shiko endlich ein, „trotzdem kann ich nicht weitermachen, wie bisher … gerade weil ich ihn liebe. Dass er sich für mich gegen Avalon und seine Familie gestellt hat … Ich will so etwas nie mehr erleben! Er wird nicht noch einmal sein Leben für mich riskieren … Lieber ziehe ich all seinen Hass auf mich, anstatt ihn sterben zu lassen. Als ich mich seinen Brüdern ausgeliefert habe, hatte ich sein menschliches Herz nicht bedacht. Dieser Fehler darf mir diesmal nicht passieren …“ Entschlossen nahm sie ihre elbische Gestalt an, streckte den linken Arm aus. „Du bist genauso ein Teil von mir … Ich brauche deine Hilfe – Uruloth!“ Unzählige Splitter sammelten sich um ihre Hand und formten ihren Bogen. „Torarien wird uns jagen. Selbst wenn er uns tötet … Ryuohtah ist nicht mehr derselbe. Er könnte keine Menschen mehr töten und wahrscheinlich würde er nicht einmal zulassen, dass seine Brüder es tun. Er hat als Mensch gelebt! Das verändert unweigerlich … Schließlich gibt es außer uns niemanden, der besser wusste, wie es ist, beiden Völkern anzugehören.“
Als Shikon diesmal die Augen aufschlug, starrte sie an eine steinerne Decke. Der Anblick wirkte auf gewisse Weise vertraut – die Höhle, in der sie mit Ohtah während des Gewitters übernachtet hatte. Das Gewicht ihres Bogens ruhte auf ihrer Brust, welche von ihrer üblichen Gewandung verhüllt war. Vorsichtig setzte sie sich auf – da hörte sie mehrere, dumpfe Aufschläge. Ryuohtah stand gebückt im Eingang, vor ihm ein Haufen Äste. Sein Gesichtsausdruck wandelte von Verwunderung zu so etwas wie Glückseligkeit.
Einen winzigen Augenblick überdachte die Rothaarige ihr Vorhaben, dann spannte sie einen Pfeil in ihren Bogen und zielte auf sein Herz. „Wage es nicht näherzutreten! Diesmal gibt es niemanden, der den Schuss abfangen könnte.“
Abwehrend hob Ryuohtah die Hände, während seine Aufen wild umherwanderten – er suchte fieberhaft nach einer Erklärung für ihr Verhalten. „Ich … ich verstehe nicht. Was ist los mit dir?“
„Vom ersten Moment an waren wir Feinde!“, unterbrach sie ihn scharf. „Im Namen von Uruloth schwöre ich, ich werde König Torarien von seinem Thron stoßen und jeden aus dem Weg räumen, der sich mir dabei entgegen stellt! Als wir das letzte Mal gegeneinander gekämpft haben, hast du mich verschont … heute bezahle ich meine Schuld. Sollten wir uns allerdings noch einmal wiedersehen, werde ich meinen Pfeil nicht wegstecken!“
Damit marschierte sie an ihm vorbei, hinaus aus dem Wald – sie hätte die Verzweiflung in seinem Blick keinen einzigen Augenblick länger ertragen. Sie wusste, wie es sich anfühlte, wenn die eigene Seele zerbrach und sie hatte soeben Ryuohtah´s Herz in winzige Teile zerschmettert …
Schicksal
Vielleicht war es unvernünftig – ganz sicher sogar –, doch Shiko, die wieder ihre ursprüngliche Gestalt angenommen hatte, genügte es bei weitem einen geliebten Menschen zu verletzen … Seiketsu sollte nicht auch noch ihretwegen leiden müssen. Wenigstens verabschieden wollte sie sich von ihrer besten Freundin. Also ging die Rothaarige den erdigen Pfad zurück in Richtung des Onsen. Dieser Ort machte ihr noch schmerzlicher bewusst, was sie soeben getan hatte … Obwohl es ihr bei jedem Atemzug mehr und mehr das Herz zerriss, fühlte sich Ryuohtah mit Sicherheit noch viel elender – er hatte sein Leben für sie riskiert und sie hatte ihn dafür zerstört. Um die Erde vor Torarien zu beschützen … Nur wie sollte ihr dies gelingen, noch dazu allein? Wo zwischen ihm und ihr doch unzählige Wachen standen … Und als König von Avalon war er selbst sicherlich ebenfalls kein leichter Gegner. Gerade, als sie die ersten Dampfschwaden erblicken konnte, fiel ihr eine Gestalt auf, die außerhalb des Scheins einer Laterne an der Außenverkleidung lehnte. Sofort schossen sämtliche Alarmsysteme in ihrem Kopf auf rot – Hoorgo konnte es aufgrund der Größe schon mal nicht sein, doch was Ryuohtah´s älteren Bruder anging, sah die Sache schon ganz anders aus. Allerdings handelte es sich bei dem, der sie da erwartete, auch nicht um Kamekle … sondern um ihren Klassenlehrer!
Dennoch verschwand sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht. „Oh … äh, guten Abend, Morisaki-sensei. Sie fragen sich sicher, was ich hier draußen mache-“
„Außer dich von deiner Flucht aus Avalon zu erholen?“, unterbrach er sie, worauf sich ihre Augen vor Schock weiteten. „Entschuldige … ich hätte es dir gern etwas schonender beigebracht.“ Zur Unterstreichung seiner Worte nahm er die Gestalt eines Elben an. Er trug eine dunkle Lederrüstung, über der Schulter hing ein kurzer Jagdbogen und wie bei ihr selbst der Köcher an der Hüfte. Die spitz zulaufenden Ohren verursachten ihr eine Gänsehaut, während ihr Hirn versuchte, die Informationen zu verarbeiten. „Shikon, mein Name lautet Tetogo … ich bin dein Vater.“
Diese Eröffnung hätte ihr eigentlich den Boden unter den Füßen wegreißen sollen … Doch ihr Blick klebte an seinen Pfeilen, was Shiko einen Schritt zurückweichen und ebenfalls die Verwandlung vollziehen ließ. Genau vor solch einem Geschoss hatte Ohtah sie beschützt. „Du … hättest ihn beinahe umgebracht … Außerdem hast du meine Mutter und mich einfach verlassen!“
„Ich wollte dich nur vor ihm retten … Ich habe seine Täuschungszauber fast von Anfang an durchschaut … und dachte, er wäre eine gefühllose Tötungsmaschine geworden, wie Torarien es gewollt hatte. Doch das stimmt nicht – das habe ich in Avalon begriffen“, versuchte er sich zu erklären und sein Blick wurde melancholisch. „Bitte, Shikon … verzeih´ mir.“
Noch nie hatte jemand ihren Namen so ausgesprochen, voll unerfüllter Sehnsucht. Tränen stiegen ihr in die Augen – ihr Leben lang hatte sie auf ihren Vater verzichten müssen und so warf sie sich ihm in die Arme. Mehrere Minuten lang hielt Tetogo sie ganz dicht an sich gedrückt. Die Halbelbe konnte nicht einschätzen, was merkwürdiger war – ihm plötzlich gegenüber zu stehen oder dass er sich als ihr Lehrer getarnt hatte. Er löste die Umarmung deutete auf das Dach des Onsen. Mit Leichtigkeit erklommen die beiden die Höhe und setzten sich, sodass man sie von der Straße aus nicht mehr entdecken konnte. Zur Sicherheit webte Tetogo zusätzlich einen schützenden Nebelschleier, der sogar ihre Worte schlucken würde. Dann wandte er sich wieder seiner Tochter zu und erzählte ihr von Anfang an, wie es zu dieser verworrenen Situation gekommen war.
Vor vielen Jahren war Tetogo Kommandant der Königlichen Armee von Avalon gewesen. Entgegen Torarien´s Gesetz hatte er sich häufig heimlich als Gestaltwandler in die Welt der Menschen geschlichen, ihre Kulturen sowie Sprachen kennengelernt und erfahren, dass die herrschenden Vorurteile über die Erdlinge vollkommen haltlos waren. Sie waren weder alle gut noch alle böse – ebenso wie die Elben. Über die Zeit wuchs in ihm der Zorn über die Lügen des Königs, der ihre angeblichen Feinde auslöschen wollte. Bereits damals ahnte der Elb, dass er seinen Söhnen eines Tages jenen Befehl erteilen würde … Jedoch erlebte er diesen Tag nicht mehr in seiner alten Position – denn bei einer seiner Rückkehren nach Avalon wurde Tetogo erwischt und vor Gericht gestellt.
Da Shikon selbst gerade erst vor Torarien´s Thron geschleift worden war, konnte sie sich vorstellen, wie der Prozess abgelaufen war … Daher überraschte sie wenig, dass er ihren Vater für seinen Vertrauensbruch zum Tode verurteilt hatte. Doch er war nicht der Einzige, der dem König nicht die Treue hielt – eine Handvoll Soldaten verhalfen ihrem ehemaligen Anführer zur Flucht.
„Das war vor fast zwanzig Jahren …“, meinte er traurig lächelnd. „Da ich das Portal vollkommen planlos geöffnet habe, landete ich orientierungslos in einem Wald. Dort hat mich deine Mutter gefunden … Kaira ahnte, dass ich kein Mensch sein konnte und hat mich dennoch bei sich aufgenommen. So habe ich mich in ihr gütiges Herz verliebt …“ Ein Zittern überkam die Rothaarige – die Liebe ihrer Eltern war nicht gut ausgegangen. „Du hast inzwischen sicherlich bemerkt, dass ich es gewesen bin, der des Nachts im Schlaf zu dir gesprochen hat – diese Fähigkeit nennt sich >Traumgänger<. Und kaum, dass Kaira schwanger von mir war, sprach jemand zu mir auf diese Weise. Es handelte sich dabei um die Mutter unserer Vorfahren, den Alben … die Göttin der Natur, Gäa. Sie bat mich darum, zu ihr zu kommen – auf den Gipfel des höchsten Berges von Avalon … Calbentaen. Auf dem Albenhaupt hat sie einst unsere Welt betreten … und wer den Weg zu ihr bewältigt, der darf ihr in ihrer Funktion als Orakel eine einzige Frage stellen. Seit meinem ersten Besuch auf der Erde hatte mich eine Frage beschäftigt … >Warum hat Torarien den Kontakt zwischen Elben und Menschen verboten?< Ich konnte nicht glauben, dass es nur an der Vertreibung lag. Während der Befragung haben sie mich regelrecht drangsaliert, um herauszufinden, ob ich … etwas mit einer Menschenfrau gehabt hätte. Was Gäa mir anschließend offenbarte, hat mein ganzes Weltbild in Frage gestellt und ist der Grundstein für all meine weiteren Entscheidungen.“
Torarien hatte Gäa am Tag vor seiner Krönung ebenfalls aufgesucht, um von ihr eine Weissagung zu erbitten … Er wollte wissen, wie er sich seinen Thron für alle Ewigkeit sichern könne. Laut der Göttin wäre es eine »Peredhil«, die Tochter eines Elben und eines Menschen, die eines Tages seine Herrschaft beenden würde – denn nicht Torarien gebührte der Thron Avalons … Er vergiftete die Magie der Welt mit seinem Hass.
Eine düstere Ahnung erwachte in Shikon, welche die Übelkeit in ihr hochsteigen ließ, als Tetogo weitersprach. „Einst in solch ferner Vergangenheit, dass das Wissen selbst in unserem Volk verloren ging, war Avalon ein herrliches, grüner Land … Bis einer von Torarien´s Vorgänger die Menschheit verfluchte – dieser Rachedurst wurde seitdem von Generation zu Generation weitergegeben und unsere Welt begann sich zu verändern … Mit jedem Jahr verschluckte das Nebelmeer mehr Land, die Tiere mutierten zu Monstern und wir mussten uns immer weiter in die Region des heiligen Berges zurückziehen – allein Gäa´s Macht hält die Vernichtung dort noch auf. Aber selbst unsere Göttin ist nicht allmächtig! Ich fürchte, das Herzland wird schon bald verschwinden, wenn wir Avalon nicht von dem negativem Einfluss befreien.“
„Das heißt, Avalon braucht einen König, der es wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzusetzen vermag?“, hakte die Rothaarige mit wild klopfendem Herzen nach. Ihre Träume hatten sie also tatsächlich nicht getäuscht …
Ihr Vater nickte ernst. „Genauso ist es … und du musst ihn erwählen! Diese Aufgabe hat Gäa dir zugedacht – um die Welt zu retten, welche sie einst für ihre Kinder erschaffen hat! Deshalb konnte ich nicht bei deiner Mutter … und dir bleiben. Im Gegensatz zu dir, brauche ich unentwegt Magie, um die Gestalt eines Menschen zu halten. Es wäre zu gefährlich gewesen, eine Spur von Energie in Kaira´s Nähe zu hinterlassen. Sie wusste, ich ging, um euch zu beschützen … Aber es ist nicht ein Tag vergangenen, an dem ich euch nicht vermisst hätte! Ich wollte dich wenigstens als Lehrer im Auge behalten … und hatte gehofft, du würdest auf mein Vermächtnis stoßen.“
Fast wie von selbst öffnete sich Shikon´s Mund und leise sang sie jenes Lied, dessen Titel sie vor einer gefühlten Ewigkeit mit Ohtah zusammen geführt hatte. „>Schreite durch die Zeit, mein Holder, zu der Insel im Nebelmeer, wo die mystischen Wesen wohnten, schon von jeher. Zu dem heiligen Berge folg´ mir, der auf alles die Antwort gibt, durch die Wälder der Fabelwesen, komm´ mit mir mit … Nach Avalon, Avalon … wo uns´re Träume wohnen. Nach Avalon, Avalon … wenn der rechtmäßige Herrscher thront. Nach Avalon, Avalon … wo unzählige Blumen für uns blühen. Nach Avalon, Avalon … folge mir ins wahre Avalon! In der Nacht sollst du bei mir liegen, wo uns samtene Luft umweht, auf den Mythen der Macht gebettet, die nie vergeh´n. Mein Held, lass´ uns die Banner setzen, in dem Schloss vom Meer umspült, zu unserem schönen Heim, komm´ mit mir mit … Nach Avalon, Avalon … wo uns´re Träume wohnen. Nach Avalon, Avalon … wenn der rechtmäßige Herrscher thront. Nach Avalon, Avalon … wo unzählige Blumen für uns blühen. Nach Avalon, Avalon … folge mir ins wahre Avalon!<“
Zuvor war es ihr nicht aufgefallen, dass das auf der CD ebenfalls die Stimme aus ihren Träumen gewesen war … Eine neue Woge Tränen drohte die Rothaarige zu überrollen – genau wie ihr Vater hatte sie ihre große Liebe für das höhere Wohl verlassen … nur dass Ryuohtah im Gegensatz zu ihrer Mutter den Grund nicht kannte. Es fühlte sich an, als stünde ihre Seele erneut kurz davor, zu bersten. Sie hatte sich von ihm entfernt, um ihn nicht länger in Gefahr zu bringen und weil sie versucht war, zur Mörderin seines Vaters zu werden … Nun sollte Shikon ihn zum Kampf, zur Herrschaft rekrutieren – nachdem sie gedroht hatte, ihn zu töten. Dies ging weit über einfache Ironie des Schicksals hinaus …
Ein flaues Gefühl erfüllte Shikon bei der Rückkehr nach Avalon. Sie hatte ihrem Vater nicht glauben wollen, dass das Portal nicht bewacht wäre … doch genauso war es. Laut Tetogo hielten sich die Elben nie lange in dieser Gegend auf – zu nah lag der Abgrund in das endlose Nebelmeer, dessen Verlockung schon zu viele gefolgt waren. Seltsame Laute hallten durch die Nacht, die hier ein ganz anderes Gesicht hatte. Ganze drei Monde leuchteten rund am Himmel und ihr unbekannte Sternbilder, wie Dryade, Phönix und Drache wiesen Kundigen – so beispielsweise Tetogo – den Weg. Zuvor war ihr noch nicht bewusst gewesen, wie nützlich seine Kenntnisse als ehemaliger Kommandant für ihr Unterfangen wären. Er kannte sämtliche Wege in und aus dem avalonischen Schloss heraus, vorzugsweise ohne gesehen zu werden. Die Rothaarige dagegen hatte während ihrer Gefangenschaft kaum etwas vom Palast gesehen und die Erinnerungen daran waren durch die Qual ihrer Folter verschleiert … Für einen winzigen Augenblick fragte sie sich, wie wohl Ryuohtah´s Quartier aussehen mochte – sicherlich vollkommen anders als sein menschliches Zimmer. Was Shikon unwillkürlich an Mhenlo erinnerte, bei dem er gewohnt hatte … War dieser Mann etwa auch ein verwandelter Elb? Oder hatte Ryuohtah womöglich sein Gedächtnis mit einem Zauber beeinflusst? Sollte sie nach ihrem Auftrag noch die Möglichkeit dazu haben würde, musste sie dieser Sache genauer auf den Grund gehen … Wobei die »Peredhil« bislang nicht davon ausging, Avalon noch einmal lebend verlassen zu können. Immerhin plante sie, den König zu ermorden … Ein Schauer lief ihr eiskalt den Rücken runter. Würde sie wirklich zu derselben Art Monster werden können?
„Und du bist dir wirklich ganz sicher, dass wir unbemerkt in seinen Schlafsaal gelangen können?“, wollte Shikon sich erneut vergewissern, mehr um sich wieder zu fokussieren. „Ich meine nur, es ist mehr als ein Jahrzehnt seit deinem letzten Aufenthalt vergangenen.“
Ein kleines Lachen entwich ihrem Vater. „Du denkst wie ein Mensch – Elben mögen keine Veränderung. Torarien ist weit über achthundert Jahre alt … und damit hat er vielleicht gerade erst die Hälfte seiner normalen Lebensspanne erreicht. Aber so wie ich ihn kenne, wäre er selbst dann noch zu stur zum Sterben.“
Es hatte kein Vorwurf in seiner Stimme gelegen … trotzdem kam sie sich irgendwie etwas dämlich vor. Auf derartige Gedanken war Shikon während der letzten Wochen gar nicht gekommen … Nächsten Monat wurde sie achtzehn Jahre alt – in manchen Ländern galt man damit bereits als erwachsen. Für Elben bedeutete das allerdings gar nichts … Aber was war mit ihr als Halbelbe? Und wie alt konnte Ryuohtah bloß sein – jünger als Kamekle und älter als Hoorgo, genauer konnte ich es nicht einschätzen.
Die Rothaarige schüttelte den Kopf, um alle Gedanken an ihn zu verdrängen und konzentrierte sich stattdessen wieder auf das Vorhaben, denn schon zeichnete sich die Silhouette der Burg gegen das dunkelblaue Firmament ab. Tetogo mahnte sie zur Vorsicht, da die Wachen natürlich über dieselbe Nachtsicht verfügten. An der Ostseite befand sich ein verborgener Eingang zu dem geheimen Tunnelsystem. Von dort aus konnte man überallhin gelangen. Entschlossen beschwor Shikon »Uruloth« herauf und legte einen Pfeil an die Sehne. Was dieser Angriff auch mit ihr machen würde – schlimmer als eine geborstene Seele zu ertragen, konnte die Last der Schuld nicht sein … Die Gänge waren mit Fackeln beleuchtet, denen die zahlreichen Jahrhunderte – oder Jahrtausende – anhafteten. Dieser Ort war alt … zu alt, um es nach menschlichem Maßstab zu begreifen. Lange bevor die Geschichtsschreibung der Menschen begonnen hatte, hatte diese Dimension voller Magie bereits existiert … Tetogo wirkte im Gegensatz zu seiner Tochter kein bisschen beeindruckt – er war hier aufgewachsen und erklärte ihr bei jeder neuen Gabelung, wohin die Wege führten. Shikon fühlte die Kraft, welche in den unzähligen Steinen lag – diese Festung hatten keine Arbeiter errichtet, alles war von Zauberkundigen geformt worden, für die Ewigkeit gedacht.
Plötzlich hielt Tetogo so abrupt an, dass sie gegen seinen Rücken knallte. Er legte einen Finger an den Mund, dann zeigte er auf eine Treppe, die nach oben führte. Bevor ihr Vater den Fuß auf die unterste Stufe setzte, berührte sie ihn am Arm und schüttelte den Kopf. Gäa hatte sie ausgewählt … darum musste Shikon diesen Teil des Weges allein hinter sich bringen. Beginnend bei den über einhundert Stufen, die sich spiralförmig in ein weit höher liegendes Stockwerk wanden, verborgen von den dicken Mauern. Irgendwann erschien über ihr eine massive Steinplatte, die unverkennbar nicht zur Decke – oder von der anderen Seite zum Boden – gehörte, der Ausgang. Unter großem Kraftaufwand hob die Platte an, was ihr gleichzeitig eine Dusche aus Staub und Dreck bescherte. Weit schlimmer war allerdings das laute Schleifen, als Shikon den Stein zur Seite schob – wahrscheinlich hatte sie gerade das gesamte Schloss auf den Plan gerufen … Aber stattdessen es blieb unnatürlich still. Während sie aus dem Loch kletterte, unterdrückte die Halbelbe das aufkommende Zittern.
„Ich wusste, du würdest mir wieder einen Besuch abstatten“, begrüßte die arrogante Stimme von König Torarien sie.
Durch ein einziges Fingerschnippen leuchteten alle Kerzen im Raum auf. Er saß auf einem fein gearbeiteten Stuhl und im Gegensatz zum letzten Mal betrachtete sie gebannt seine Gestalt. Sein Haar glänzte so schwarz wie der Nachthimmel und seine Augen wirkten unglaublich vertraut – dasselbe Rot wie bei Ryuohtah´s linkem Auge blickte ihr entgegen. Nein, ganz stimmte das nicht ... ihnen fehlte das flammende Leuchten, welches an die Farbe des Sonnenuntergangs erinnerte.
„Wenn Ihr mich erwartet habt … wisst Ihr sicher, warum ich gekommen bin“, entgegnete die »Peredhil« herausfordernd, ehe sie mit dem Pfeil genau auf sein Herz zielte, „entweder Ihr ergebt Euch freiwillig oder ich zwinge Euch abzudanken!“
Torarien lachte nur schallend. „Pah! Und wer soll dann mein Königreich regieren? Meine Frau ist tot. Kamekle hat nicht genug Mumm – da würde Avalon noch schneller untergehen als ohne Herrscher! Und Hoorgo … dieser Berserker würde unser ganzes Volk abschlachten, sobald ihm irgendetwas nicht passt! Von dieser widerlichen Missgeburt Ryuohtah will ich gar nicht erst anfangen … Du siehst, der Thron gehört ganz allein mir!“
Innerhalb eines Sekundenbruchteils zog die Rothaarige »Uruloth« zurück in ihr Inneres und sie verpasste dem Elb eine so heftige Ohrfeige, dass sein Kopf zur Seite flog und alle fünf Finger deutlich auf seiner Wange leuchteten. „Ihr wolltet Eure Söhne formen … dressieren. Ich kenne Kamekle und Hoorgo zu wenig, um über sie zu urteilen. Aber ich kenne Ryuohtah! Als Gegner und Beschützer, als Elb und Mensch … er hat sich von Eurem finsteren Einfluss gelöst – er wird nie mehr Eure Marionette sein! Sein Herz schlägt genauso für unsere beiden Völker, wie das meine. Und allein dafür werde ich ihn immer lieben!“ Sie biss sich kurz auf die Unterlippe. Vor ihrem geistigen Auge erschien das Gesicht von Ryuohtah. Er lächelte sie an. Beinahe hätte Shikon die Hände ausgestreckt, um ihn festzuhalten … Doch das Bild löste sich auf und es waren wieder Torarien´s kalte Seelenspiegel, in die sie blickte. Und trotzdem sah sie nur noch seinen Vater vor sich … nicht mehr den grausamen Herrscher. So sehr Shikon ihn auch hasste, sie konnte ihm nicht das Leben nehmen … Und sei es nur wegen dieser Augen.
Offenbarung
Als die Nacht hereinbrach, zog sich Ryuohtah in die kleine Höhle zurück und kauerte sich darin unter dem hallenden Schmerz in seiner Brust ab zusammen. Die Kälte des steinernen Bodens zog ihm in die Glieder, aber er webte keinen Zauber, um sich zu schützen oder entzündete erneut ein Feuer. In seinem Geist echote unentwegt die Frage nach dem Warum – ihm fiel einfach keine, plausible Erklärung ein. Shiko konnte ihn doch nicht aus heiterem Himmel grundlos hassen, oder? Was nur war während dieser Bewusstlosigkeit mit ihr geschehen? In Avalon war sie noch so erleichtert über sein Kommen gewesen … Waren es irgendwelche seelischen Folgen durch die Folter, welche Shikon durch seinen Vater beziehungsweise jüngeren Bruder erlitten hatte?
Ohne es zu merken, glitt er in einen Traum. Nichts anderes konnte es sein … denn plötzlich leg er mit dem Kopf auf dem Schoß seiner Mutter, die ihm sanft über die Stirn streichelte. Ihr silbernes Haar fiel ihr lang über die Brust, fast bis zu ihm hinunter, und ihre Augen strahlten ebenso blau, wie der schönste Himmel. Wie lange war es her, dass seine Mutter ihn derart gehalten hatte? Weit über eine Hektode … er war noch ein kleiner Junge gewesen, als sie mit dem Gebären ihres dritten Sohns ihr Schicksal erfüllt hatte.
„Du hast mir so gefehlt“, murmelte Ryuohtah und seufzte, „besonders in der letzten Zeit … ein weiblicher Rat wäre hilfreich gewesen.“
Das leise Kichern Chunryu´s aus seiner Erinnerung drang an seine Ohren. Trotz ihrer Ehe mit Torarien war sie stets so voller Lebensfreude gewesen – rückblickend verstand Ryuohtah noch immer nicht, wie sie sich in solch einen kaltherzigen Mann hatte verlieben können … Andererseits wusste er inzwischen aus erster Hand, dass man sich nicht aussuchen konnte, an wen man sein Herz verlor. Und ja, gerade er sollte wohl nicht darüber urteilen … seine Wahl war genau genommen auf eine verräterische Elbe, die ihn noch dazu angegriffen hatte, und die Angehörige einer feindlichen Rasse gefallen.
Anstatt ihm zu antworten, schlug sie ein Schlaflied an, das sie ihm früher häufig vorgesungen hatte. „>Morgenglanz von Tau bedeckt, das Tageslicht in den Blättern versteckt. Sie lebt in uns, in Fels und Wald – bewahrt die Welt, gibt der Erde Gestalt. Du bist in uns, wir sind in dir … Du webst die Welt, bis ans Ende der Zeit. Lausch´ dem Wind, erhör´ die Nacht … Mit jedem Wort, schenke Gäa dir Kraft. Öffne dich – sie nimmt dich auf, ihr Atem trägt deine Seele hinauf! Du webst die Welt, bis ans Ende der Zeit. Spür´ ihr Herz … es schlägt in uns. Das Leben folgt ihrem ewigen Puls …<“
Abrupt öffnete Ryuohtah die Augen und blinzelte gegen das helle Sonnenlicht. Dieser Traum konnte kein Zufall sein … Damals war er noch zu jung gewesen, um die Worte darin zu hinterfragen. Nun jedoch verstand er den Sinn dahinter – Gäa war eine Weltenschöpferin und scheinbar ein Teil der Elben. Diese Erkenntnis widersprach sämtlichen Lehren, die ihnen eingetrichtert worden waren … nicht, dass die Geschichtsschreibung ihres Volkes zu verändern eine unübliche Methode für Torarien gewesen wäre. Oder jedenfalls einen Teil davon … Das Wappen seiner Familie zeigte die beiden Bäume, aus deren goldenen und silbernen Früchten ihre Ahnen geboren worden waren. Der Legende nach waren die Geschwister auf dem höchsten Punkt der Welt gepflanzt worden, damit sie den Gestirnen so nah wie möglich sein konnten.
Er musste schnellstmöglich zurück nach Avalon! Rasch steckte er seine Langdolche in die Halfter an seinem Gürtel, dann trat er hinaus ins Freie. Ein unbefestigtes Portal zu öffnen war für Ungeübte keine leichte Aufgabe. Seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln. Erneut wurde ihm schmerzlich bewusst, wie sehr er sich vor dieser ganzen Sache tatsächlich auf seine Brüder verlassen hatte. Kamekle konnte ohne Probleme überall einen Durchgang zwischen den Welten öffnen – ihm lag das Zaubern … er hatte das magische Talent ihrer Mutter geerbt. Hoorgo dagegen trug bekanntlich dasselbe kriegerische Gemüt in sich wie ihr Vater. Doch was war mit dem Braunhaarigen? Für Ryuohtah hatte es kein Vorbild gegeben, keinen erkennbaren Pfad … Bevor er Shiko begegnet war, hatte er sich im Grunde hinter einer Maske verborgen gehalten. Erst durch sie hatte er sich selbst wirklich kennengelernt … Dies war ein weiterer Grund, warum er jenen Berg im Herzland aufsuchen musste – den »Calbentaen«. Dort gab es etwas, das er unter allen Umständen finden musste!
Unverrichteter Dinge und sichtlich niedergeschlagen suchten Tetogo und Shikon an dem einzig halbwegs sicheren Ort, der ihnen in Avalon einfiel – eine Höhle auf dem Albenhaupt. Sie hatte es nicht über das Herz gebracht, ihrem Vater die volle Wahrheit zu sagen – nur, dass die Mission ein Misserfolg gewesen war … Darum machte er sich alsbald auf den Weg, die Lage auszukundschaften. Nun da Torarien von ihrem Vorhaben wusste, könnte alles Mögliche geschehen.
Derart in ihre Gedanken vertieft, bemerkte die Halbelbe erst, dass sich ihr jemand näherte, als derjenige sprach. „Ich wusste, ich würde dir hier begegnen … Wie versprochen, werde ich dich immer finden!“ Demonstrativ warf er ihr seine Klingen vor die Füße. „Ich habe deine Worte nicht vergessen, Shiko-chan … aber ich werde nicht mehr gegen dich kämpfen. Mein Herz gehört dir ohnehin bereits – dann nimm auch mein Leben!“
Ihr Blick fixierte seine Augen, reagierte nicht auf seine Geste. Wie in Trance kam Shikon langsam auf ihn zu. »Uruloth« verbarg sich in ihrer Seele und selbst »Daeadae« sowie »Amlugfae« passierte sie, bis sie direkt vor ihm stand. Nur noch wenige Zentimeter trennten die beiden, ihr Atem streifte sein Gesicht. Im nächsten Moment senkte Shikon die Augenlider und schon lag der Druck ihrer Lippen auf seinem Mund. Ein Ruck ging durch Ryuohtah´s Körper – kein einziger Muskel bewegte sich mehr, sogar mein Herz setzte diesen einen Schlag lang aus. Genau wie bei ihrem Abschied … jedoch schien er dieses Mal davon nicht zu sterben, sondern zum Leben zu erwachen.
„Ist es wahr – liebst du mich wirklich, mein Holder?“, wollte sie wissen, ohne sich vollends von ihm zu lösen.
Vorsichtig umfasste Ryuohtah ihr Gesicht, ehe er kaum merklich nickte. „Bis zu meinem letzten Atemzug und darüber hinaus …“
Der nächste Kuss war das, was sich beide so lange gewünscht hatten und der sie all den Wahnsinn vergessen machte … Shikon drängte sich dichter an ihn heran, ihre Hände streichelten über seinen Nacken, fuhren durch seine Haare. Ryuohtah indessen umschlang ihren Körper mit seinen Armen, vertrieb jedes bisschen Luft zwischen ihnen. Es interessierte ihn nicht im Geringsten, wie ihr Sinneswandel zustande gekommen war – niemals zuvor hatte er eine Frau derart begehrt! Die Nächte, die er bei einer Elbe gelegen hatte, konnte man an nicht einmal einer Hand abzählen, und keine einzige davon bedeutete ihm etwas, geschweige denn dass er sie wahrlich genossen hatte. Einhundertachtundsechzig Jahre hatten nicht ausgereicht, dass der Prinz jemanden traf, den er wirklich wollte … sogar etwas für denjenigen empfand. Nur bei Shiko(n) war von Beginn an alles anders gewesen. Und genau deshalb würde er um sie kämpfen – nicht für eine gemeinsame Nacht, sondern für jeden weiteren Tag! Ryuohtah leckte mit der Zunge über ihre Lippen. In einem überraschten Keuchen öffnete Shikon ebenfalls den Mund und er nutzte die Gelegenheit, um dort hineinzugleiten. Das Gewicht in seinen Armen wurde größer, Shikon´s Knie wurden weich. Hitze pumpte durch ihre Adern, die Welt schien sich schneller zu drehen.
„Komm´ …“, hauchte sie zwischen zwei Küssen und zog ihn mit sich.
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Oh … schon wieder eine Höhle.“
Ein Stich durchzuckte beide – einerseits erwärmte sie die Erinnerung an ihre Nacht im Wald, allerdings hatte sie ihn dort auch verlassen … Hastig schmiegte sich Shikon wieder an ihn und ihre Finger tasteten nach den Scharnieren, Schnallen sowie Schnürungen seiner ledernen Rüstung, die sie mit elbischer Geschicklichkeit löste. Ein leises Knurren entwich sich seiner Kehle – für gewöhnlich war das Lederrüstung das Lieblingsoutfit des Braunhaarigen … nun wünschte er sich nur eine einfache Hose und ein leichtes Oberteil zu tragen. Armschützer, Beinstulpen, Schulterpolster, Handschuhe, Stiefel fielen zuerst. Anschließend nahm er ihre Lippen begierig erneut in Beschlag und umfasste ihre Brüste. Ein zuckersüßes Stöhnen ihrerseits verstärkte den Druck um die Lendengegend in dem engen Leder. Länger hielt er es darin nun wirklich nicht aus, das Wams samt dem darunterliegenden Hemd folgten in hohem Bogen. Ryuohtah genoss es, wie Shikon ihn musterte … Ihre Wangen glühten förmlich, besonders als ihr Blick tiefer wanderte. Allerdings wollte er in denselben Genuss kommen … Seine Finger fuhren Zoll um Zoll ihre Seitenlinien nach, was sie erzittern ließ, bis der Elb schließlich die Knöpfe ihres Kleides erreichten. Er öffnete den ersten von ihnen, dann küsste er sie. So arbeitete sich Ryuohtah quälend langsam vorwärts – Knopf, Kuss, Knopf, Kuss. Unten angekommen schob er ihr den blauen Stoff von den Schultern, sodass dieser zu Boden fiel. Anders als beim letzten Mal nahm er sich nun Zeit, um sie zu betrachten. Den schmalen Körperbau der Elben gepaart mit dem ausgeprägten Busen, der selbst in dieser Gestalt von dem Menschenblut in ihren Adern sprach. Eine wilde Gier flammte in meiner Brust auf, über der der Schatten seines Zorns lag – er konnte nicht sagen, ob er seinem Bruder die Schändung an ihr jemals würde verzeihen können! Hart presste er seine Lippen auf ihre, zwang sie hinab auf das Lager aus Decken und Moos. Innerlich schwor der Braunhaarige sich, niemand außer ihm sollte sie jemals mehr so sehen oder gar berühren … Shikon erwiderte seinen Kuss mit einer Heftigkeit, die ihn aufstöhnen ließ.
Ihr Mund wanderte über seine Wange zu seinem Hals und auf der anderen Seite wieder hinauf, bis sie über seinem Ohr verharrte. „Ich vertraue dir, Ohtah …“
In seinem Kopf legte sich ein Schalter um … Er war nicht der Einzige, der das hier wollte. Seine Zähne krallten sich in den Stoff der Brustbinde und rissen sie entzwei. Sofort fiel Ryuohtah über ihre Brustwarzen her – eine bearbeitete er mit Daumen und Zeigefinger, an der zweiten machte sich sein Mund zu schaffen. Shikon´s Stimme ging keuchend, verlangte nach mehr. Seine Zunge wanderte weiter, während er die Hand über ihren Bauch gleiten ließ. Kurz sog die »Peredhil« scharf die Luft ein, als er sie zwischen ihren Schenkeln berührte und ihr in einem Ruck das Tuch von ihrer Hüfte herunterriss. Noch einmal legte er meine Finger an jene Stelle, diesmal ohne den störenden Stoff zwischen ihnen. Eine Gänsehaut breitete sich bei ihr aus. Und ihn verzückte die Vorstellung zutiefst, dass all ihre Reaktionen durch ihn hervorgerufen wurden …
„Bitte … lass´ es nicht aufhören …“, bettelte seine Liebste.
Ryuohtah führte seinen Zeigefinger in ihre feuchte Enge ein, streichelte ihr Inneres. Ein lustvoller Schrei klang in seinen Ohren. Ermutigt drang er etwas tiefer und stieß plötzlich auf Widerstand – er musste sich auf die Zunge beißen, um einen Fluch zu unterdrücken. Währenddessen bemerkte Shikon sein Zögern – ihre Hand legte sich um seinen Nacken, zog ihn wieder zu sich herab. Ihr Becken hob sich ihm entgegen und sein Finger bewegte sich weiter in ihr. Mit der anderen Hand zog er seinen Lendenschurz herab. Sein Atem ging noch eine Spur schneller, Schweiß sammelte sich unter dem Ansatz seiner Haare. Das Blut pulsierte beinahe schmerzhaft unterhalb seiner Körpermitte. Er suchte Shikon´s Blick … Sehnsucht und Verlangen lagen darin, trotzdem fürchtete sie sich davor und schloss mit einem Nicken die Augen. Sie spürte, wie sich Ryuohtah erst in Position brachte, gleichzeitig verschränkte er ihre Finger miteinander und stieß in sie. Die Rothaarige schrie mit einem ächtenden Laut auf. Der Schmerz spülte wie eine Welle über sie hinweg, die ebenso schnell abebbte – Ryuohtah´s Lippen ergriffen heiß von ihr Besitz. Sie lächelte, grinste sogar in den Kuss hinein. So stark und unerschrocken er im Kampf sein mochte, hier zeigte er Zärtlichkeit … Die Fülle, die ihr noch etwas ungewohnt vorkam, begann sich zu bewegen. Nachdem er sich fast vollständig aus ihr zurückzogen hatte, folgte ein weiterer Stoß folgte – doch es kam kein Schmerz mehr … stattdessen erwachte ein uralter Instinkt und ihr Körper begann einen ganz neuen Rhythmus, dem sich Ryuohtah nur zu gern anschloss. Der Herzschlag dröhnte in ihren Ohren, Schweiß sammelte sich überall auf ihrer Haut, sie keuchte und stöhnte. Die Muskeln unterhalb von Shikon´s Bauchnabels zuckten unkontrollierbar, als er sich stetig schneller in mir versenkte. Erneut sammelte sich ein Schrei in ihrer Kehle und brach schließlich in seinem Namen heraus. Ryuohtah legte den Kopf auf ihre Brust, sein Geschlecht verschwand langsam aus ihr. Er rollte sich auf die Seite, Shikon fest in den Armen haltend. Sie konnte nicht sagen, wie lange sie einfach nur seine Atmung beobachtete.
Irgendwann strich er ihr die angeklebten Haare aus dem Gesicht. „Shiko-chan … ich verstehe dich nicht. Es gibt keinen Feind, den ich fürchte – aber dass du mich hassen könntest … ja, davor hatte ich wirklich Angst.“
Wie sollte die Rothaarige ihm erklären, was über keinerlei Logik verfügte? Die Gründe, aus denen sie so gehandelt hatte …
Die Tränen kamen ohne ihr Zutun. Sie stand auf, streifte das Kleid wieder über und schloss die Knöpfe mit Hilfe von Magie. „Ich kann dich nicht hassen – niemals. Bevor ich zum Albenhaupt gekommen bin, wollte ich deinen Vater umbringen … doch dieses Reich kann mit Hass nicht gerettet werden. Das Leid darf nicht noch mehr geschürt werden!“
Sie nahm wieder neben ihm Platz und erzählte ihm von Torarien´s Besuch bei Gäa, gefolgt von Tetogo´s Frage und dessen wahrer Identität.
Während er sich selbst ankleidete, schwankte Ryuohtah zwischen der Freude darüber, dass sie ihren Vater wiedergefunden hatte, und dem Entsetzen über die Auswirkungen auf ihre Welt. „Wir vergessen haben, dass Avalon unsere Heimat ist … das Land der Göttin Gäa.“
Mit einem Mal leuchtete ein heller Lichtstrahl in der Höhle auf, sodass beide die Augen zusammenkneifen mussten.
„Ihr habt mich gerufen, mein junger Prinz“, sprach eine weibliche Stimme direkt in ihren Köpfen. Erschrocken starrten sie die Gestalt an, die zwischen ihnen erschienen war. Das braune Haar, das ihr in sanften Wellen über den Rücken bis zum Boden fiel, wurde von einem Kranz aus bunten Blumen gekrönt. Die grünen Augen erinnerten mit den dunklen Einsprengseln an einen tiefen Wald. An Hals, Hand- und Fußknöcheln trug sie zudem noch Bänder mit Türkisen. Ihr weißes Kleid war aus weichem Windleder gearbeitet. Bislang hatte Shikon nie versucht, sich die Göttin der Natur, die Mutter der Alben, das Orakel des Heiligen Berges vorzustellen … Und selbst wenn – es hätte nicht einmal annähernd herangereicht. „Shikon, meine geliebte Tochter, ich bin so glücklich, dir zu begegnen – viele Jahre habe ich mich gesorgt, ob du den Weg zu mir finden würdest. Sage mir, konntest du mit der Prophezeiung über dich umgehen?“
Überrascht horchte Ryuohtah auf. Diesen Teil hatte sie ihm bislang verschwiegen …
„Ihr wisst sicherlich bereits, dass für mich nur einen gibt …“, antwortete Shikon ernst und wandte sich besagtem Elben zu. „Ich erachte dich, Ryuohtah, Prinz von Avalon, zweiter Sohn des amtierenden Königs Torarien und der verstorbenen Königin Chunryu, als wahrhaftigen Regenten dieser Welt! Du bist mutig und stolz, gleichzeitig kennst du Leid und Verdruss … Ein wahrer Herrscher ist nicht nur ein Anführer, sondern ein Freund für sein Volk.“
Der Schock stand ihm überdeutlich ins Gesicht geschrieben – Gäa wiederum applaudierte ihrer Wahl. „Avalon ist die Welt, die ich erschaffen habe, und die Elben, die Kinder meiner Kinder, sind dabei zu sterben. Ich kann absolut nichts dagegen tun … nur zusehen … und hoffen, dass meine Schöpfung gerettet und von dem Fluch des Hasses erlöst wird – der dichte Schleier grausamer Gedanken hat große Trauer verbreitet. Trotzdem bleibt es allein deine Entscheidung, Ryuohtah … du musst bestimmen, welchem Weg du folgen willst.“
Shikon erkannte Tränen in ihren Augen glitzern – ihnen machte der Zustand Avalon´s ja schon zu schaffen, wie musste sich da erst Gäa als Weltenschöpferin fühlen?
Eine ganze Weile schwieg Ryuohtah. Die Freiheit als Mensch hatte ihm gefallen … Wollte diese neue Erfahrung einfach so aufgeben? Sein Blick wanderte zu Shikon, die ihn unentwegt ansah. Gäa hatte sie auserwählt, um den neuen König zu bestimmen, und ihre Wahl war auf ihn gefallen – niemals könnte er sie enttäuschen. „Ich werde Avalon nicht untergehen lassen!“
Ein dankbares Lächeln breitete sich auf Gäa's Zügen aus, ehe sie in demselben gleißenden Licht wieder verschwand.
Königswürde
Diesmal kehrten Ryuohtah, Shikon und Tetogo ohne Heimlichkeit zum Schloss Elbenstein zurück – festen Schrittes marschierten sie direkt auf das Haupttor zu. Die Wachen hoben verdutzt ihre Speere, doch ließen sie ihren Prinzen mit seinen Begleitern passieren. Innerlich kämpfte der Braunhaarige gegen seine Scham an – die Wächter hatten einfach nur ihre Befehle befolgt und dennoch waren seine Klingen beim letzten Mal durch ihr Fleisch geschnitten, dabei waren sie nicht sein Feind … geschweige denn die restlichen Bürger. Es gab nur einen, der seinen Zorn wahrhaft verdiente – sein Vater!
Ihr aller Blick richtete sich auf die zwei Elben, der vor dem Eingang zum Thronsaal Stellung bezogen hatten – einer von ihnen hochgewachsen und so unbewegt wie eine Statue, der andere mit flammend rotem Haar stand gestützt auf seinen Zweihänder. Ein Zittern überkam die Halbelbe. Ihr Körper hatte sich inzwischen zwar von Hoorgo´s Behandlung erholt, ihre Seele jedoch nicht … Die Anwesenheit von Kamekle beunruhigte sie allerdings nicht minder – für einen kurzen Moment spürte die Rothaarige erneut den kühlen Stahl seines Rapiers an der Kehle.
„Willst du mich auch noch zum Zweikampf bitten?“, wollte Ryuohtah mit herausforderndem Unterton wissen, die Hände an seinen Langdolchen.
Der Ältere trat näher, der ernste Gesichtsausdruck verzog sich zu einem halben Lächeln. „Nein. Du kennst mich – ich gehe den Weg des Schwertes nur äußerst ungern. Ich habe es nur Vater zuliebe getan … Das haben wir alle, oder? Versucht Vater´s Liebe zu gewinnen …“
Die Brüder schienen ihr Gespräch auf mentaler Ebene fortzuführen. Der Blonde hatte sein Vorhaben sofort durchschaut und machte keinerlei Anstalten, ihn daran zu hindern. Selbst er konnte die Augen nicht länger vor der Wahrheit verschließen … Mit einem tiefen Seufzen trat er zur Seite.
Hoorgo dagegen rührte sich nicht von der Stelle. „Wirst du mich anschließend ebenfalls töten?“
Die Hände zu Fäusten geballt, fixierten die verschiedenfarbigen Augen seinen jüngeren Bruder. „Nachdem, was du Shiko angetan hast, wollte ich es … Aber ich werde es nicht tun – das heißt allerdings nicht, dass ich dir vergebe!“ Trotz seiner scharfen Worte hielt er ihm den Arm zum Kriegergruß hin. „Wenn es … schlecht für mich ausgeht, bring´ Shiko und Tetogo von hier weg. Damit würdest du es wieder gutmachen …“
Ein unmerkliches Nicken war die Antwort. Anschließend wandte sich der Braunhaarige erneut seiner Liebsten zu. Ob er sich auch ohne sie eines Tages gegen seinen Vater aufgelehnt hätte? Es scherte ihn nicht, wie die Begegnung mit Torarien ausgehen würde – diese Gefühle, die sie in ihm geweckt hatte, wären es wert gewesen. Flüchtig küsste Ryuohtah sie, ehe er sich mit gezogenen Langdolchen auf den Weg machte, der über die Zukunft von Avalon entscheiden würde …
Der Saal wirkte wie ausgestorben – kein Diener oder gar Soldaten waren mehr auf ihren Posten. Wie viele unzählige Male war er über diesen Boden geschritten, um Torarien´s Befehle entgegen zu nehmen oder von ihm gedemütigt zu werden? Jede einzelne der meterhohen Abbildungen an den neun Säulen zu beiden Seiten hatten sie als Kinder auswendig lernen müssen – Helden ihres Volkes und ehemalige Könige. Sogar das einzige Porträt ihrer Familie hing hier, wobei Chunryu zu jenem Zeitpunkt noch mit Hoorgo schwanger gewesen war …
Sein Vater saß dort vollkommen regungslos auf seinem Thron. In ein dunkelblauen Gewand gehüllt und mit einem Reif aus Sternensilber auf dem Haupt – der Herrschaftsinsignie des Elbenvolkes. „Seit dem verfluchten Tag deiner Geburt wusste ich, dieser Augenblick würde irgendwann kommen.“ Aus seiner Stimme sprach die reine Abscheu.
In einer fließenden Bewegung erhob er sich, schlug seinen Mantel zurück und entblößte damit seine Waffen – das schwarze Breitschwert »Moredhel« und den weißen Wappenschild »Caledhel«, welche die Dunkel- sowie Lichtalben repräsentierten … ihre Ahnen. Sofort hob Ryuohtah ebenfalls seine beiden Waffen, mit denen er kurz darauf bereits den ersten Schwertstreich abwehrte. Selbst seinen Schild verwendete Torarien wie eine Art Rammbock. Nun machte sich das jahrzehntelange Training mit Hoorgo und dessen riesiger Klinge bezahlt. Ryuohtah hielt eisern seine Position, verlagerte beständig den Druck der Klingen – durch eine plötzliche Drehung zur Seite verlor der Schwarzhaarige kurzzeitig den Halt, fing sich aber in Sekundenschnelle wieder. Von da an schlug Metall in einem stetigen Rhythmus gegeneinander. In einem kämpferischen Aufschrei schlug Ryuohtah mit gekreuzten Klingen zu und als würde es in Zeitlupe ablaufen, sah er die abgebrochene Spitze von »Moredhel« zu Boden fallen. Geschlagen sank sein Vater in die Knie – so grausam er auch sein konnte … er erkannte, wann er verloren hatte.
„Sag´ mir, wie hast du das geschafft? Du bist doch nur … Du bist …“, murmelte der König verwirrt vor sich hin.
Der Prinz steckte seine Schneiden zurück in die Holster. „Du weißt nicht, wer ich bin – vielleicht weißt du nicht einmal, was ich bin. In mir fließt zwar dein Blut … doch das bedeutet nicht, dass du mich auch nur ansatzweise kennst. Shiko hat mein Herz gewandelt – ihr habe ich es zu verdanken, endlich ich selbst sein zu können!“
Ein freudloses Lachen kam von Torarien und seine Augen suchten auf dem Gemälde seiner verstorbene Frau. „Kein Wunder, dass Chunryu dich so sehr geliebt hat. Sie glaubte fest daran, du mögest mich eines Tages übertreffen … Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, möchte ich dich im Mondlicht wiedersehen, meine Geliebte!“
Ein weißes Licht drang aus Torarien´s Körper, löste seine Gestalt auf und mit einem hellen Klirren fiel die silberne Krone zu Boden. Die Augen seines Sohnes weiteten sich vor Überraschung. Dies war also sein Schicksal gewesen – sich in all dem Hass wieder auf die Gefühle für die eine Person zu besinnen, die er wohl wahrhaftig geliebt hatte ... Die Verbitterung über ihren Tod hatte Torarien so hart werden lassen. Nun da er selbst die Liebe erfahren hatte, konnte er seinem Vater zumindest stückweise zum ersten Mal nachempfinden … Eine einzelne Träne rann aus Ryuohtah´s linkem Auge, das für Torarien so verabscheuungswürdig gewesen war. So verharrte er, bis irgendwann Kamekle und Hoorgo in den Thronsaal gestürmt kamen und ihn aus seiner Starre rissen.
„Er ist in das Mondlicht gegangen … zu unserer Mutter“, antwortete Ryuohtah noch immer etwas benommen, während ihm allmählich auffiel, dass jemand fehlte. „Wo ist Shiko?“
Ein Schatten legte sich über das Gesicht des Ältesten und auch der Jüngste brauchte eine Weile, ehe er endlich mit der Sprache herausrückte. „Sie ist verschwunden – zusammen mit ihrem Vater. Wir waren so auf eure Auren konzentriert. Es … tut mir leid.“
Genauso gut hätte er seinem Bruder mit der Faust ins Gesicht schlagen können.
Kaum war die Aura Torarien´s voll Mordlust aufgeflammt, starrten die beiden Prinzen gebannt auf das hölzerne Tor, Sorge zeichnete sich auf ihren Zügen ab. Auch Tetogo wirkte besorgt – in ihrer Jugend hatte er häufig mit dem Schwarzhaarigen trainiert und kannte daher seine Stärke. Einzig Shikon trug ein Lächeln auf ihren Lippen … allerdings ein trauriges Lächeln. Nicht etwa, weil sie fürchtete Ryuohtah könnte den Kampf gegen seinen Vater verlieren, sie war von seinem Sieg überzeugt. Und anschließend würde er König werden – doch ein jahrhundertelanger Hass verschwand nicht einfach von einem Tag auf den anderen. Da konnte er an seiner Seite nicht die Tochter des Feindbildes gebrauchen … Unauffällig bedeutete Shikon ihrem Vater, ihr zu folgen. Lautlos schlichen sie aus dem Schloss, sodass Kamekle und Hoorgo ihren Weggang nicht bemerkten. Tetogo wunderte sich über ihren Wunsch, zur Erde zurückzukehren, hakte jedoch nicht nach – er ahnte, dass hinter ihrer Flucht kein Heimweh steckte. Noch während die beiden durch das Portal traten, nahmen sie ihre menschlichen Erscheinungsformen an. Gemäß ihrem Willen erschienen sie inmitten des Waldes von Hakone und eilten weiter zum Onsen. Dank eines Zaubers von Tetogo waren weder er noch Shiko seit ihrem Aufbruch nach Avalon vermisst worden. Nun bedurfte es eines weiteren Einsatzes von Magie – um eine Ausrede für Ohtah Taiyo´s Verschwinden in die Köpfe der anderen zu pflanzen. Selbst Seiketsu verfiel der Lüge …
„Dass Taiyo-kun mittendrin von seinen Eltern abgeholt und auf eine andere Schule geschickt wird, verstehe ich nicht. Er war doch noch gar nicht so lange bei uns … Das ist wirklich schade“, meinte sie seufzend, während die Mädchen ihre Sachen packten. „Findest du nicht, Shiko-chan? Ich meine, gerade als ihr … nun ja, angefangen habt, eine Verbindung zueinander aufzubauen und etwas für einander zu empfinden.“
Shiko sah nicht auf, damit ihre beste Freundin nicht die Tränen auf ihren Wangen bemerkte, und wischte sich rasch mit dem Handrücken über das Gesicht, als es an ihrer Tür klopfte.
Auf ihre Antwort hin, trat Togo ein. „In einer Stunde fahren wir.“ Die Mädchen nickte, dennoch verharrte er noch einen Moment länger. „Seien Sie bitte pünktlich.“
Während Seiketsu unauffällig die Augen verrollte, verstand Shiko seinen Wink. Ohtah war bei ihrer Abfahrt zu spät gekommen … Der neuerliche Gedanke an ihn trieb ihr erneut die Tränen in die Augen, doch sie schaffte es kaum merklich den Kopf zu schütteln. Nein, es gab kein Zurück … ihr Auftrag war erfüllt. Allein dafür war sie Ohtah begegnet – um Gäa´s Prophezeiung zu erfüllen. Ob Torarien wohl zur Vernunft gekommen war und sich ergeben hatte oder hatte er ihn töten müssen?
Zum Glück lenkte Seiketsu sie anschließend mit ihrem Resümee über die Klassenfahrt und ihrem eigentlich Wunschort. „Das Wasser war wirklich herrlich, aber mit all den Sehenswürdigkeiten der einstigen, kaiserlichen Hauptstadt kann es nicht mithalten … Hm, vielleicht können wir nach unserem Abschluss ja gemeinsam nach Kyoto fahren. Was meinst du?“
Richtig, Shiko´s Leben ging weiter. Es hatte eine Zeit vor Avalon gegeben und es würde eine Zeit nach Avalon geben. Außerdem war es ihr durch die Geschehnisse vergönnt gewesen, ihren Vater wiederzufinden. An diesen Gedanken klammerte sich sich auf der gesamten Rückfahrt nach Tokio. Daher wartete die Rothaarige nach dem Aussteigen und der Verabschiedung von Seiketsu, etwas abseits bis sich sämtliche Schüler auf den Heimweg gemacht hatten – sie wollte Togo zeigen, wo sie zusammen mit ihrer Mutter gelebt hatte.
Da trat plötzlich eine Gestalt aus dem Schatten der Bäume auf sie zu. „Du weißt doch, ich werde dich immer finden …“
Shiko hatte kaum Zeit zu reagieren, da lagen seine Lippen bereits auf ihren und er zog sie näher an sich heran. In ihrer Brust erwachte eine wohlige Wärme, welche die Trübsal vollkommen auslöschte.
„Oh-Ohtah, was … was machst du hier, warum bist du nicht in Avalon?“, fragte sie nach dem Kuss fassungslos.
Ein mildes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Ohne dich kann ich nicht der König sein, den unsere Welt braucht. Denn all meine Liebe gehört allein dir …“ Wieder sammelten sich Tränen in ihren Augen und sie schluchzte. „Ich kann dich nicht verlassen, dich nicht gehen lassen … niemals. Was du auch tust, nichts wird mich dauerhaft von dir fernhalten – weder eine geborstene Seele noch ein gebrochenes Herz. Ich liebe dich, Shiko-chan!“
Shiko weinte und lachte gleichzeitig. Mit einem Mal kam sie sich schrecklich dumm vor. Hatte nicht genau ihre Liebe bestimmt, dass er ihr Auserwählter war? „Ich habe einen Krieger aus Avalon namens Ryuohtah kennengelernt … sowie den Jungen Ohtah Taiyo. Und in beide habe ich mich verliebt! Von ersten Moment an habe ich mein Herz an dich verloren …“
Kaum hörbar sprach Ohtah ein Wort der Macht und verbarg sie hinter Zauberglanz, ehe er die Gestalt seines elbischen Selbst annahm. Die Rothaarige folgte ihrem Beispiel, während ihr die Verwunderung ins Gesicht geschrieben stand.
Mehr noch, als Ryuohtah vor ihr auf die Knie ging und ihre Hände nahm. „Bleib´ bei mir … für immer – werde meine Frau … meine Königin!“
Shikon sank ebenfalls auf die Knie und nickte. In einer einzigen Bewegung sprang er zurück auf die Füße, hob seine Liebste hoch und wirbelte sie lachend durch die Luft.
Shikon hätte nicht sagen können, wer aufgeregter sein mochte … sie selbst oder Seiketsu. Es hatte einiger Gespräche mit dem neu gegründeten Beraterstab benötigt – Kamekle, Hoorgo und Tetogo waren die ersten, berufenen Mitglieder gewesen. Aber weder Shikon, welche den Wunsch hierfür geäußert hatte, noch Ryuohtah, der ihre Vorstellung ebenfalls teilte, ließen sich umstimmen. Zu lange war ihre einstige Verbindung negativ ausgelegt worden, zu sehr war das künftige Königspaar mit der Erde und den Menschen verbunden … Beide wussten natürlich, dass ihre Welten nicht von heute auf morgen würden zusammen leben können – doch irgendwie, irgendwo mussten sie ja beginnen. Und so waren Seiketsu, der Shiko die Wahrheit etwas schonender beigebracht hatte, und Mhenlo nach Avalon eingeladen worden. Noch vollkommen überwältigt wurden sie direkt in die Vorbereitungen für die große Festlichkeit einbezogen – die Hochzeit von Ryuohtah und Shikon, bei der beide gleichzeitig offiziell gekrönt werden sollten.
Es war für die Rothaarige eine merkwürdige Vorstellung, sich in dieser Position zu sehen, und sie stellte sich ernsthaft die Frage, ob sie der Aufgabe gewachsen wäre. „Ohtah sagte mir, die Krone wäre bereits von der ersten Königin getragen worden …“
„Zerbrich´ dir nicht den Kopf, Shiko-chan. Heute ist dein Hochzeitstag … das ist ein Grund zur Freude“, baute Seiketsu ihre beste Freundin mit einem breiten Lächeln wieder auf. „Im übrigen siehst du bezaubernd aus – Taiyo-kun wird seinen Augen nicht trauen, so schön bist du!“ Rote Edelsteine säumten den Rock, die Schleppe und den Ausschnitt ihres ansonsten strahlend weißen Ballkleides. Ihr Haar war zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur drapiert worden. „Und eine Braut, die bei ihrer Hochzeit die zauberhaften Vier trägt, wird für alle Zeit glücklich sein – >alt wie die Welt< … >blau wie die Treu< … >geborgt wie das Leben< … >wie der Tag so neu< … Als deine beste Freundin ist es an mir, dir etwas zu borgen.“ Sie überreichte ihr einen silbernen Armreif, in den ein kleiner Saphir eingesetzt war.
Tränen benetzten Shikon´s Wangen. als sie ihr gerührt um den Hals fiel. Die übrigen Gäste hatten sich unterdessen bereits im Thronsaal eingefunden. Dort waren mehrere Bankreihen aufgestellt worden, die einen Mittelgang bildeten und der mit rotem Samt ausgelegt zum erhöhten Podest führte. Außerdem schmücken unzählige weiße Rosen und Kerzen den Saal, die Wachen trugen ihre besten Uniformen. Als sanfte Harfenklänge den Raum erfüllten, verstummten sämtliche Gespräche und alle Augen richteten sich zur großen Flügeltür. Zwei Gardisten hatten sie geöffnet, um Ryuohtah Einlass zu gewähren, der in ein mitternachtsblaues Seidengewand gehüllt und in Begleitung seiner Brüder eintrat. Seitlich vor den Stufen blieb er stehen, Hoorgo an seiner Seite, während Kamekle den ersten Absatz erklomm.
„Man könnte meinen, du kippst gleich um“, witzelte der Jüngste so leise, dass nur der Braunhaarige ihn hören konnte.
Diese Annahme war gar nicht so falsch – Ryuohtah hatte wirklich das Gefühl, beinahe den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der Atem stockte ihm, da sich die Tür ein weiteres Mal öffnete … Zuerst kam Seiketsu, die weiße Blütenblätter über den Weg streute. Ihr folgte Mhenlo, der zwei Ringe aus Mondsilber auf einem Kissen hereintrug. Und hinter ihnen trat Tetogo ein, der ihm Shikon entgegenführte. Ihr weißes Kleid ließ sie regelrecht leuchten. Auf ihren Lippen lag ein strahlendes Lächeln, während Seiketsu und Mhenlo Hoorgo gegenüber Stellung bezog. Für einen Moment nahm Ryuohtah nur noch Shikon wahr, der es ganz ähnlich erging, ehe Tetogo nach seinem Arm griff und ihre Hand in seine bettete.
Da begann Kamekle mit klarer Stimme zu sprechen. „Seien wir heute Zeuge dieser Verbindung zweier Seele, die sich trotz aller Hürden für ihre Liebe zueinander entschieden haben … Darf ich um die Zeichen ihres Schwurs bitten?“
Mhenlo kniete vor dem Paar nieder, hielt ihnen die Kleinods entgegen.
Ryuohtah nickte ihm dankbar zu, dann nahm das kleinere Stück. „Am heutigen Tag verspreche ich dir meine ewige Liebe … Mein Herz gehört allein dir – selbst durch Wiedergeburt oder Mondlicht!“ Damit streifte er ihn ihr über den rechten Ringfinger.
Nun war es an Shikon das Wort zu ergreifen. „Du bist derjenige, zu dem ich gehöre, der mich vollständig werden lässt … Niemals wieder werde ich dich verlassen, denn du bist meine einzig wahre Liebe!“
Ihre Finger zitterten, als sie ihm den Ring ansteckte. Noch bevor Kamekle etwas sagen konnte, küssten sie sich bereits unter tosendem Applaus. Glücklich sahen Ryuohtah und Shikon sich an. So lange hatten sie nicht mehr recht an einen derartigen Ausgang glauben können …
Kamekle räusperte sich, um die Aufmerksamkeit der Anwesenden wieder einzufangen. „Seid ihr bereit, ein weiteres Versprechen abzulegen? So nehmt jene Plätze ein, die euch zustehen …“ Hand in Hand stieg das Paar die wenigen Stufen des Podestes empor und setzten sich auf die Throne. "Im Namen unserer Göttin, Weltenschöpferin und Mutter frage ich dich, Ryuohtah, Sohn des Torarien und der Chunryu … und ich frage dich, Shikon, Tochter des Tetogo und der Kaira … wollt ihr feierlich geloben das Reich ohne Willkür gerecht zu regieren?“
Wie aus einem Mund antworteten beide entschlossen: „Wir schwören es!“"
Diesmal trat Hoorgo zu ihnen heran, zwei fein gearbeitete Stirnreifen auf einem bestickten Kissen präsentierend.
„So ernenne ich euch durch Gäa´s Gnaden, Wahl, Verordnung und Sieg hiermit zu König und Königin von Avalon!“, sprach Kamekle, wobei er sie mit den Insignien ihrer Regentschaft schmückte.
Was ist ein Wunder? Diese Frage hätte sich Shiko früher niemals gestellt … Doch ein ein einziger Pfeil hatte ihr Leben für immer verändert. Erst hatte Ryuohtah ihr Herz gestohlen und kurz darauf auch Ohtah – der mysteriöse Kämpfer mit den zwei Langdolchen und ihr frech-fröhlicher Mitschüler. Für diese beiden wollte sie entweder ganz Shikon oder Shiko sein … Aber anstatt sich entscheiden zu müssen, war ein Wunder geschehen!
Ein Wunder kann vieles und für jeden etwas anderes sein … Nichtsdestotrotz ist es stets etwas außergewöhnliches – vielleicht auch etwas, mit dem man schon gar nicht mehr gerechnet oder noch nie in Betracht gezogen hat. Die Liebe zwischen einem Elb und einem Menschen … das Kind, das aus einer solchen Verbindung entsteht … wenn in einem Elb ein menschliches Herz erwacht … wenn Liebe alle Hindernisse überwindet und eine Welt neu entstehen lässt … wenn neues Leben entsteht – wie jene beiden, die Shikon unter ihrem Herzen trägt.
Ach und ganz sicher galt es sogar als Wunder, dass Kamekle aus eigener Motivation zur Erde reiste, um dort die Menschen zu studieren, und Seiketsu näherzukommen …
Buch 13: Die Legende und ihr Krieger
Mehr als ein Jahrhundert war ins Land gezogen, seit unter der Führung von Königin Sgiach auf der Isle of Skype ein House of Night eröffnet worden war. Nun sollte dieser sagenumwobene Ort der Macht das Zuhause einer ganz besonderen Jungvampyrin werden …
Die Energie des Feuers
Nadeshiko Yosogawa spürte den sengend heißen Schmerz in der Mitte ihrer Stirn, als sie gerade auf der Mädchentoilette ihrer Schule die Hände wusch. Sie klammerte sich am Waschbeckenrand fest und versuchte durch mehrfaches Blinzeln wieder ein scharfes Bild zu bekommen, um in den Spiegel schauen zu können. Denn jeder wusste heutzutage, was eine solch plötzliche Reaktion wohl bedeutete … Aus den Augenwinkeln konnte sie einen sich rasch auflösenden Schatten in ihrem Rücken ausmachen, dem sie die Qualen zu verdanken hatte – ein Späher, gezeichnet durch einen zweiten Sichelmond auf einer seiner Handinnenflächen, die er ihr soeben gegen den Kopf gepresst hatte. Wieder versuchte die Schülerin verzweifelt sich zu konzentrieren. Endlich schaffte sie es, ihre Sicht zu klären. Ihr gegenüber stand ein Mädchen mit nicht ganz schulterlangem, rotblondem Haar und braunen Augen. Und dann noch etwas völlig Neues in ihrem Gesicht – der schmale Umriss einer blutroten Mondsichel, das Symbol eines gezeichneten Jungvampyrs.
Vor Erleichterung traten Tränen über ihre Augenränder. „ Oh Nyx … Schutzpatronin der Vampyre, ich danke dir – ich danke dir von ganzem Herzen, dass du meine Gebete erhört hast und mich als dein Kind aus diesem Leben erlöst …“
Die Vampyre waren zwar ein fester Bestandteil der Gesellschaft, aber dennoch so etwas wie eine eigentümliche Subkultur. Im Allgemeinen hielten sich die Menschen von ihnen fern – aus Angst. Der Blutrausch eines erwachsenen Vampyre konnte mitunter tödlich enden, auch wenn es in der heutigen Zeit kaum mehr zu solchen Zwischenfällen kam. Es gab allerdings sogar Menschen, die sich bewusst in die Nähe von Vampyren begaben, zum Beispiel für den Kick durch einen Biss. Nadeshiko dagegen hatte sich in den letzten Jahren aus einem gänzlich anderen Grund für diese Rasse interessiert und des Nachts zur Göttin der Nacht gebetet … um von der Schmach, dem Scham wegzukommen und vor allem ihrem Stiefvater.
Nach dem Tod ihres Vaters hatte ihre Mutter neu geheiratet. Zuerst hatte sich Shiro ihr gegenüber schon fast überfreundlich verhalten, irgendwann war er dann wie zufällig während dem Umziehen in ihr Zimmer gekommen und seitdem hatte er sich ihr immer wieder genähert. Nur zum Äußersten war es bislang noch nicht gekommen ... Und nun konnte Nadeshiko diesem Fluch endlich entkommen! Durch den Beginn eines völlig anderen Lebens … Als anerkannte Rasse galten ebenso ihre Gesetze, wie die Grundrechte. So hatte ein jeder Jungvampyr sich bis Mitternacht in einem der zahlreichen >Houses of Night< einzufinden – es waren Schulen, die einen auf das neue Dasein vorbereiten und durch die Wandlung zum erwachsenen Vampyr geleiten sollte, bei denen nicht nur die Sicheln vollständig ausgefüllt waren, sondern deren Gesichter obendrein von personalisierten Malen geschmückt wurden. Schwankend griff Nadeshiko nach ihrer Schultasche. Die Uhr tickte und es blieb ihr nicht viel Zeit, um ihre Sachen zusammenzupacken … Wenn ihr schon ein Ausweg eröffnet worden war, würde Nadeshiko sicherlich nicht in London verbleiben. Gute zehntausend Kilometer und über zwölf Stunden Autofahrt waren ein geeigneter Sicherheitsabstand … Für ihren College-Aufenthalt würde sie ja kein Geld mehr benötigen, daher konnte sie es ebenso gut für eine alles veränderte Taxifahrt ausgeben. Auf der sagenumwobenen Isle of Skype, unmittelbar vor der Westküste des schottischen Festlands im Atlantik, lag ein abgeschiedenes House of Night mit eigenen Traditionen. Und was noch viel wichtiger war – dort konnte sie ihre Vergangenheit vollständig hinter sich lassen.
Die Kapuze ihrer Jacke tief ins Gesicht gezogen, um weniger aufzufallen und sich gegen das Licht abzuschirmen, eilte Nadeshiko ohne Abmeldung die wenigen Straßen vom Schulgebäude zu ihrem Elternhaus. Ihre Mutter war noch bei der Arbeit … Es schmerzte die Rothaarige, sich nicht persönlich von ihr verabschieden zu können. Egal wie die vergangenen Jahre verlaufen waren, ihretwegen war Nadeshiko auf dieser Welt – weil sie sich in Togo verliebt hatte. Doch weil Kai sich anschließend in Shiro verliebt hatte, musste sie nun fort … Leider war er ausgerechnet an diesem Tag bereits von der Frühschicht zu Hause.
„Warum bist du denn schon zu Hause … Nadeshiko? Hast du mich etwa vermisst?“, begrüßte er sie im Hausflur und streckte die Hand nach ihr aus.
Als Nadeshiko jedoch ihre Kapuze zurückschlug, erstarrte Shiro in seiner Bewegung, während eine hitzige Welle Hitze durch ihre Venen pumpte. „Du weißt, was das ist … Und es bedeutet, dass du mich nie wieder anfassen wirst! Und dass du gut zu meiner Mutter sein wirst, weil ich sonst nämlich nach meiner Wandlung hierher zurückkehren und sie erneut zur Witwe machen werde!“
Die Angst trieb sämtliche Farbe aus seinem Gesicht und er wich einige Schritte rückwärts. Lächelnd verbuchte Nadeshiko verbuchte diese Reaktion gleich einer Zustimmung und eilte in ihr Zimmer. Es gab nur wenig, das sie mitnehmen wollte, um wirklich frei von ihrer Vergangenheit zu sein … Am Hals trug sie eine Kette, die sie einst von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte, und als Andenken an ihren Vater nahm sie den Teddybären vom Bett. Zusammen mit ein paar Kleidungsstücken, ihrer Geldkassette und dem Nötigsten, was ein Mädchen sonst brauchte, steckte sie alles in einen Rucksack. Zum Schluss verfasste sie noch einen kurzen Brief an Kai, den sie auf ihrem Schreibtisch liegen ließ. Dann verließ Nadeshiko das Haus, den Blick voraus gerichtet.
Je näher der Mittelpunkt der Nacht rückte, desto nervöser wurde Nadeshiko. Ihr Atem ging bereits keuchend, ihre Glieder wurden schwer. Dennoch kämpfte sie sich die letzten Meter, die sie nach der Überfahrt mit der Fähre zu Fuß gehen musste, tapfer weiter. Zum Glück wurden Jungvampyre von der Energie eines nahen >House of Night< wie magisch angezogen. Ein überwältigender Anblick bot sich ihr, als sie schlussendlich vor einem imposanten, steinernen Torbogen stand. Ein warmes Kribbeln über sie – ihr Körper nahm bereits die heilende Wirkung dieses Ortes wahr.
Aus der Dunkelheit trat ein männlicher Vampyr, der einen traditionell schottischen Kampfanzug in verschiedenen Brauntönen samt dem einmaligen Akzent dieses Teils von Großbritannien trug. „Ich bin Alasdair, der Beschützer dieses Portal … Wie lautet Euer Name, junge Maid?“
Nadeshiko lächelte über die altertümliche Betitlung, wurde aber sofort wieder ernst. Bei ihren Recherchen hatte sie einiges über die Riten der Vampyre herausgefunden – einer davon beinhaltete, dass man sich mit Eintreten in die nächtliche Welt eigens einen Namen wählen durfte. Niemals mehr musste sie Shiro´s Stimme im Ohr haben, wie er »Nadeshiko« flüsterte …
„Ich heiße Shiko“, antwortete die Rothaarige entschlossen. Es war der Kosename gewesen, mit ihr Vater sie angesprochen hatte … „Ich möchte gern in dieses >House of Night< eintreten.“
Ihr Gegenüber wies auf das Portal. „Dann müsst Ihr Euch dem Urteil der Insel stellen – schafft Ihr es hindurch zu treten, seid Ihr aufgenommen und Skype hat dich akzeptiert.“
Shiko, wie sie nun mit »wahrem« Namen hieß, atmete tief ein. Ihr Blick huschte kurz zu den kleinen Feuerschalen, die ringsherum aufgestellt waren, und ein vertrautes Gefühl durchströmte sie – diesem Teil ihrer Vergangenheit konnte sie also selbst hier nicht entfliehen. Hastig schüttelte die Rothaarige den Gedanken daran ab und schritt durch den Torbogen … Keine Schutzbarriere hielt sie auf oder schadete ihr.
„Unsere Königin wird Euch willkommen heißen“, sagte er mit einer Spur Stolz in der Stimme und ging voraus.
Staunend folgte Shiko ihm – der Bannkreis hatte ein nicht minder beeindruckendes Schloss verborgen, in dem eine alterslose Vampyrin mit silbernem Haar, abgesehen von einer einzelnen hellbraunen Strähne, majestätisch auf einem Thron aus weißen Marmor saß. Einzig an ihrer Aura konnte man die unzähligen Jahrhunderte erkennen, die Sgiach bereits auf dieser Welt wandelte – ansonsten wirkte sie eher zart, beinahe zerbrechlich. Zu ihrer beiden Seiten standen zwei weitere Krieger, die ebenso gekleidet waren, wie Alasdair. Ergeben kniete er vor seiner Herrin nieder und stellte ihr seine Begleiterin vor.
„Shiko … frohes Treffen“, begrüßte Sgiach sie mit der üblichen Grußformel. „Es freut mich, dich auf meiner Insel begrüßen zu dürfen. Ich fühle eine seltsame Kraft … Sag´, mein Kind, weißt du etwas über besondere Fähigkeiten, die in dir ruhen?“
Das Wort »Freak« schoss Shiko durch den Kopf. Musste sie sogar ihr neues Leben von diesen Ereignissen überschattet werden? Jedes Mal, nachdem Shiro sie berührt hatte, hatte sie ihre Hände über eine Kerzenflamme gehalten – ohne sich daran zu verbrennen. Die reinigende Wirkung hatte ihr gut getan, selbst wenn die ausbleibenden Verletzungen sie stutzig gemacht hatten …
„Ja, Eure Majestät. Ich kann aus Feuer … Kraft schöpfen. Das war bereits so, als ich … noch ein Mensch war“, antwortete sie, den Blick zu Boden gerichtet.
Aber Sgiach klatschte begeistert in die Hände. „Wie wunderbar! Es ist selten schon vor der Zeichnung über eine solch starke Affinität zu verfügen.“
Ehe Shiko in ihrer Erleichterung etwas darauf erwidern konnte, öffnete sich das Tor zum Thronsaal erneut und ein Jungvampyr trat ein, der ebenfalls vor der Königin auf die Knie ging. „Ihr habt mich rufen lassen – ich stehe Euch zu Diensten …“
„Danke, dass du so schnell gekommen bist, Ohtah. Ich möchte dir jemanden vorstellen – das ist Shiko, der neuste Schützling unseres Hauses“, meinte die Königin lächelnd.
Ohtah erhob sich und richtete seine Aufmerksamkeit auf Shiko. Sein Blick weitete sich für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er die Faust über sein Herz legte und sich verbeugte – die vampyrische Geste des Respekts. Derweil musterte das Mädchen ihn. Er trug zwei Langdolche an seinen Hüften, seine Kleidung war großteils schwarz, bestand jedoch aus einer gewöhnlichen Jeans und einem Shirt, das braune Haar war fransig, umrahmte sein markantes Gesicht. Und natürlich trug er meine Mondsichel auf der Stirn, in blau.
„Würdest du Shiko bitte herumführen?“, bat Sgiach ihn freundlich – nicht, dass ihr als König jemals eine Bitte abgeschlagen wurde. „Und sie soll unter allen Umständen die Lichtung des Feueropals sehen … Frohes Treffen, frohes Scheiden, frohes Wiedersehen!“
Der junge Kämpfer nickte ernst und bedeutete, ihr ihm zu folgen. Ohne ein Wort lief er aus dem Schloss und wandte sich in Richtung Wald. Auf einer kleinen Licht hielt Ohtah schließlich inne. In dessen Mitte ragte eine Felsnadel in die Luft, aus der ein orangeroter Edelstein gewachsen war. Plötzlich war es, als schrumpfte Shiko´s ganze Welt auf diesen einzigen Punkt zusammen – gerade so groß, wie das ovale Juwel selbst. Von überall her hörte sie es knisternd knacken, wie von einem Lagerfeuer, und kleine Flammen tanzten umher. Hörbar sog die Jungvampyrin die Luft ein.
„Du … kannst sie sehen“, hauchte Ohtah perplex.
Shiko war sich nicht gänzlich darüber im Klaren, ob er es als Frage gemeint hatte oder es eine Feststellung gewesen war. „Das sind Feuergeister, nicht wahr?“
„Ja, Königin Sgiach nennt sie >Hinotama-Seelen<. Außer ihr gibt es nur noch sehr wenige Personen, die die alte Magie der Isle of Skype noch wahrnehmen können … Eine von ihnen ist Seiketsu – du solltest sie kennenlernen.“
Er schlug den Weg zurück zum Schluss sein, betrat es diesmal allerdings durch einen Seiteneingang der Türme. In einer riesigen Bibliothek, deren Regale bis zur Decke reichten, saß eine braunhaarige Vampyrin mit einem verschlungenen Mustern aus Linien über der Stirn und war in unzählige Bücher vertieft. Als Schüler näher traten, richtete die hiesige Geschichtslehrerin ihre klaren, blauen Augen auf sie. Ohtah stellte die beiden einander vor, behielt Shiko´s Fähigkeiten allerdings für sich.
Dennoch bemerkte Seiketsu sofort, dass Shiko dieselbe Gabe mit ihr teilte, und hielt ihr eine offene Handfläche entgegen, auf der ein hellblauer Lichtpunkt zu tanzen begann. „Es ist keine gewöhnliche Affinität zum materiellen Element. Wir beherrschen die magische … Essenz von Luft und Feuer. Jene Energie, welche etwas zu dem macht, was es ist …“
Die Rothaarige verstand sofort, was sie damit meinte – alles hatte ein wahres Innenrestes, das seine Eigenschaft festlegte. Und obwohl sie es noch nicht wussten, würde Seiketsu schon sehr bald nicht nur Shiko´s Mentorin werden, sondern auch deren beste Freundin. Eine Vertraute für die Ewigkeit, die mit Nyx´ Gnaden vor ihnen lag …
Des Schattens Schwur
Auch Ohtah blieb ihr ein steter Begleiter. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Shiko wirkliche Freunde, auf die sie sich verlassen konnte – doch leider war Glück selbst in der nächtlichen Welt nur allzu vergänglich …
In dem vergangenen halben Jahr seit Shiko´s Zeichnung hatte die beiden schon Dutzende Spaziergänge über die Insel unternommen und beinahe jedes Fleckchen erkundet, am liebsten hielt sich die Rothaarige aber wie aktuell in der Nähe des Feueropals auf. Sie unterhielten sich gerade über Professor Mhenlo´s Philosophie-Kurs, in dem es aktuell um die Ethik des Bluttrinkens ging – es war das der höchste Verbrechen ihrer Gesellschaft, dabei einen Menschen zu töten … Durch die Endorphine in ihrem Speichel verfielen sie in eine Art Rausch und wurden somit handlungsunfähig beziehungsweise derart lustvoll stimuliert, dass es unter anderem auch zum Geschlechtsverkehr zwischen den Parteien kommen konnte. Dieser Blutlust konnten auch Vampyre, je nach Zustand, verfallen, weshalb die meisten die sichere Methode durch Spenderblut vorzogen. Ein weiterer Nachtteil, wie bei jeder Sucht, war die Abhängigkeit der Gebissenen – die Prägung. Ein Zustand gleich extremer Verliebtheit und Abhängigkeit, ohne echte Gefühle.
Plötzlich fuhr ein Ruck durch Ohtah´s Leib. Er wurde blass, ein kehliges Husten schüttelte ihn und er brach in die Knie.
„Nein!“, schrie Shiko wie von Sinnen. „Oh Göttin, nein, nicht Ohtah!“
Sie kannte die Symptomatik von ein paar ihrer Mitschüler, welche die ersten Wochen der Untersekunda nicht überlebt hatten. Um jeden, wirklich jeden hatte es ihr leidgetan … Aber warum musste sich ausgerechnet Ohtah´s Körper der Wandlung widersetzen? Er stützte sich mit beiden Händen auf dem Boden ab. Blut lief ihm aus dem Mund, weichte die Erde unter ihnen auf. Shiko hatte ihren Arm um seine Schultern gelegt und weinte. Sie spürte seine Hustenanfälle, das Zittern und Würgen … Gab es etwas Schlimmeres, als hilflos zusehen zu müssen wie jemand starb? Vor allem wenn es sich um jemanden handelte, den man liebte …
Seine Augen suchten ihren Blick. Ein schwaches Lächeln spielte um seine blutverschmierten Lippen. „Shiko … ich … ich bin dankbar, dass … ich dich … Danke, dass ich … dich kennenlernen durfte. Ich-“
Seine Stimme erstarb, ein letzter rasselnder Laut kam aus seiner Kehle. Dann lag er vollkommen entspannt dar. Shiko fuhr die saphirblaue Silhouette auf seiner Stirn nach, die sie nun vielleicht nie zur Gänze ausgefüllt sehen würde …
„Du allein kannst ihm jetzt noch helfen, meine geliebte Tochter der Nacht …“, hallte eine warme, gütige und zugleich mächtige Stimme durch ihren Geist.
Es gab für sie keinen Zweifel, wer da zu ihr gesprochen hatte … Nyx, die Göttin der Natur höchstselbst. Hastig wischte sich die Rothaarige über das Gesicht und kramte in ihrer Tasche. Ihre Finger ertasteten das schmale Armband aus rotem Samt und Leder, welches sie in Sgiach´s Kurs der angewandten Magie beim letzten Vollmond geknüpft hatte. Eilig band sie es um sein rechtes Handgelenk und drehte ihn auf den Rücken. Mit ihren Zähnen ritzte sie sich die Innenseite ihres linken Unterarms auf, ließ das Blut in seinen Mund tropfen – solange es auf freiwilliger Basis geschah, war Blutaustausch zwischen Jungvampyren gestattet. Anschließend schloss Shiko die Finger um das Armband und rief die Energie des Feuers an – die >Hinotama-Seelen< kamen tänzelnd auf die beiden Schüler zu, umkreisten sie.
Vor einiger Zeit hatte sie mit Seiketsu über ihre Affinität gesprochen. „Jedes der fünf Elemente hat zwei Seiten … sowohl belebend, als auch zerstörerisch. Feuer kann alles Lebendige niederbrennen, aber ebenso Wärme und Licht schenken. Früher oder später wirst du lernen, die Essenz nutzbar zu machen.“
Wenn es jemals wirklich einen Augenblick geben sollte, in dem Shiko dieser Fähigkeit bedurfte, dann war dieser nun gekommen!
„Gib´ nicht auf! Bitte …“, flüsterte Shiko flehend, „du darfst mich nicht verlassen!“
Zwar wusste sie nicht, was sie eigentlich tat und ob es Ohtah wirklich retten konnte, aber sie spürte, wie faktisch Kraft aus ihr herausströmte. Bis ihr Geist irgendwann in Schwärze versank …
Shiko erwachte auf der Krankenstation, angeschlossen an eine Infusion und mit hämmernden Kopfschmerzen. Im ersten Moment konnte sie sich nicht daran erinnern, wie sie hierher gekommen war oder aus welchem Grund. Um wieder gänzlich zu Bewusstsein zu kommen, bewegte sie langsam ihre Glieder – doch die Finger ihrer rechten Hand stießen auf Widerstand.
Ihre Augen wanderten über ihren Arm zu besagter Stelle und entdeckte erst ein rotes Armband, ehe sie auch dessen Besitzer wahrnahm. „Ohtah …“ Gleichzeitig traten ihre Erinnerungen an die Ereignisse auf der Lichtung wieder in den Vordergrund. „Du lebst!“
Ruhig erwiderte der Jungvampyr ihren Blick, ein Lächeln auf den Lippen. „Dank dir … Du hast mich zurückgeholt.“
In diesem Moment betrat Sgiach das Zimmer. Eine Aura der Macht hüllte sie wie steter Mantel ein. „Er spricht wahr, mein Kind. Die Essenz des Feuers hat seinen beinahe toten Körper wiederhergestellt …“
Ein fragender Ausdruck trat in die Züge von Shiko, woraufhin die Königin wortlos auf Ohtah's Stirn deutete – sein Mal hatte sich verändert … Es war von saphirblau zu scharlachrot gewandelt, ebenso wie ihr eigenes Zeichen. Einst hatte eine gefallene Hohepriesterin exakt dasselbe versucht, wie die Rothaarige – Jungvampyre, deren Körper die Wandlung abgestoßen hatte, ins Leben zurückzuholen. Die ersten, sogenannten >roten< oder >untoten< Jungvampyre waren vollständig ihrer Menschlichkeit beraubt gewesen und hatten nur die Freude am Töten gekannt. Erst der amtierenden Hohepriesterin aller Vampyre und Oberhaupt des Hohen Rats war es gelungen, eine ihrer Freundinnen aus diesem Zustand zu befreien … Seither kam es vor, dass, genau wie in Shiko´s Fall, ein Jungvampyr bereits bei seiner Zeichnung ein rotes Mal verliehen wurde – es stand für eine tiefere Bindung zum Jenseits, der Anderwelt … jenem Ort, von dem aus Nyx herrschte.
„Ich wünschte, ich könnte euch jetzt ruhen lassen … Aber es gibt etwas, das ihr beide wissen solltet – einzig deine Gabe, Shiko, hält Ohtah in diesem Status. Bis zu seiner Wandlung“, erklärte Sgiach ihnen und deutete auf das Geflecht aus Samt und Leder. „Das heißt, unter der Voraussetzung, dass du eure Verbindung jeden Tag mit neuer Energie speist …“
Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sein Überleben lag allein in ihrer Hand … „Natürlich. Ich bin sicher – genau deshalb hat unsere große Göttin mir diese Kräfte verliehen und mich hierher geführt.“
Stolz lächelte Sgiach ihren Schützling an. Vom ersten Tag an hatte Shiko sie an Zoey Redbird erinnert … Der Glaube und die Magie waren stark in ihr. Nicht einmal Nyx selbst konnte ihren Kindern in diesem Zustand noch so ohne weiteres zu Hilfe eilen – alles musste im Gleichgewicht bleiben … Für eine solche Gabe hatte Shiko in der Vergangenheit schwer gebüßt.
Vielleicht hatte die Königin nun ja endlich die Nachfolgerin gefunden, die sie sich schon so lange wünschte … „Ich glaube, dies ist ein guter Zeitpunkt … Shiko, mein Kind, ich möchte dir hiermit offiziell anbieten, dich zur Hohepriesterin der Nyx auszubilden. Es ist eine große Ehre … und gleichzeitig eine ebenso große Bürde. Denke in Ruhe darüber nach, ehe du dich entscheidest …“
Damit verließ sie den Raum und die beiden Jungvampyre waren wieder allein.
„Shiko“, ergriff Ohtah wieder das Wort, schloss die Augen und vollzog die vampyrische Geste des Respekt. „Im Namen der fünf Elemente und unserer großen Göttin der Nacht … höre meinen Eid. Ich werde von dieser Stunde an bis zu dem Tag, an dem Nyx mich endgültig sich ruft oder du mich aus meinem Schwur entbindest, dein wachender Schatten sein! Ich gebe dir meine Treue, meine Klingen und wenn nötig auch mein Leben, um dich als dein Krieger auf ewig zu beschützen! So frage ich dich, Mylady, nimmst du mein Gelöbnis an?“
Die Zeit schien im wahrsten Sinne des Wortes kurz stillzustehen … Mit offenem Mund starrte sie ihn an, während sich ein eisiger Griff um ihr Herz schloss. Hätte Shiko es nicht besser gewusst, hätte sie das Funkeln in seinen Augen einer Prägungserscheinung zugeschrieben … Doch zwischen Jungvampyren sollte es dazu eigentlich nicht kommen. Nein, aber Ohtah verdankte ihr sein Leben – eine neue Chance auf Unsterblichkeit schien denselben Effekt zu haben. Denn genau das war der Grund, warum er ausgerechnet jetzt ihr schützender Krieger werden wollte … Trotzdem neigte sich ihr Kopf zu einem Nicken.
Die ganze, folgende Woche verblieb Shiko zur Erholung auf der Krankenstation. Es gab zu vieles, über das sie nachdenken musste … Zudem musste sich ihr Körper an die Speisung des Armbands gewöhnen und die Kunde von Ohtah´s Schwur verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Schule, diesem Aufsehen wollte sie noch so lang wie möglich entgehen. Im Gegensatz zu ihr gab es für den Braunhaarigen allerdings keinen Grund, dem Unterricht fernzubleiben – das Band, welches er durch seinen Eid zwischen ihnen auf magische Weise geschmiedet hatte, machte ihn für drohende Gefahr empfänglich und er nahm einen Hauch ihrer Gefühlslage dar. Dennoch gehörte ihre Gedankenwelt immer noch allein Shiko …
Sie schwang die Beine über die Bettkante, zog sich an und machte sich auf den Weg zu den Privatgemächern der Königin. Einer ihrer Zofen bat die Rothaarige zu warten, um ihren Besuch anzukündigen – anschließend führte sie sie in einen der Salons, in dem Sgiach gerade ihren Mitternachtstee zu sich nahm. Die Dienerin servierte Shiko ebenfalls eine Tasse, dann zog sie sich zurück.
„Danke, dass Ihr mich empfangt“, begann Shiko und atmete tief durch. „Ich habe mich entschieden. Es ist meine Verantwortung, die Fähigkeit, die Nyx mir geschenkt hat, für die Vampyr-Gesellschaft einzusetzen. Und … ehrlich gesagt, hat mich Magie schon immer fasziniert! Ich möchte noch mehr lernen und herausfinden, was alles möglich ist …“
Sgiach schenkte ihr ein gütiges Lächeln. „Das war eine Antwort, die einer angehenden Hohepriesterin würdig ist … Ich bin sehr glücklich über deine Entscheidung.“ Die Königin machte eine kurze Pause und trank einen Schluck. „Aber du hast noch mehr auf dem Herzen, nicht wahr, mein Kind?“
Mit einem Seufzen berichtete Shiko ihr, was sie beschäftigte. „Ich weiß einfach nicht, ob sich Ohtah aus den richtigen Gründen dafür entschieden hat, mir den Treueeid als Krieger zu leisten … Und dann noch vor seiner Wandlung – eigentlich sollten sich doch lediglich erwachsene Vampyre auf diese Art binden.“
„Er ist bei weitem nicht der erste Jungvampyr-Krieger und er wird sicherlich nicht der letzte von ihnen gewesen sein. Und was sind »richtige Gründe« überhaupt?“, entgegnete Sgiach, ohne Vorwurf in der Stimme. „Du kennst meine Wachen – sie alle haben sich mir verpflichtet, so ist es in ihrer Familie Tradition seit ich den Thron der Isle of Skype bestiegen habe. Aber … die Wahrheit ist, dass nach dem allgemeinen Verständnis nur einem von ihnen dieser Platz gebührt hätte. Seoras war nicht nur mein eidgebundener Krieger, er war sogar mein vereinigter Wächter … und mein Geliebter.“ »Wächter« waren beinahe so etwas wie Sagengestalten – legendäre Helden, die ihr gesamtes Selbst in den Dienst einer Priesterin stellten. „Letztendlich starb er in dieser Rolle, um mich zu beschützen und ich trauere noch immer um ihn – so Nyx will werden wir eines Tages in der Anderwelt wieder vereint sein … Worauf ich hinaus wollte, ein Krieger zu werden mochte mehr oder weniger von ihm verlangt worden sein, doch den Schritt zum Wächter hat niemand von ihm verlangt.“
Ein kleines Lächeln erschien auf Shiko´s Lippen. Ja, nicht einmal in der Vampyr-Gesellschaft gab es keine Richtlinie, seinem Lebensretter auf irgendeine Art verpflichtet zu sein … Egal welche Gründe Ohtah dazu bewogen hatten, es war sein eigener Wille gewesen.
Dennoch gab es noch einen weiteren Aspekt, der sie interessierte. „Verzeiht meine Neugier, Euer Majestät … Ihr sagtet, Seoras sei Euer Geliebter gewesen – doch Ihr seid nie den Bund miteinander eingegangen.“
„Du bist sehr aufmerksam, junge Priesterin“, meinte die Silberhaarige, der nun etwas Trauriges anhaftete. „Es stimmt, wir haben uns geliebt und trotzdem … Mit einem Wächter zusammen zu sein ist eine schwierige Sache – ein Wächter würde seiner Einen sogar überlebensnotwendiges Blut vollständig überlassen, wenn sie es bräuchte oder es begehren würde. Als Königin war es für mich noch heikler … Ein Mann darf nicht nach meiner Hand verlangen und wenn ich meinen Wächter um etwas gebeten habe … es gibt nichts auf der Welt, das er mir hätte verwehren können – nicht nur weil er mich liebte, sondern wegen des tiefen Zaubers. Deshalb habe ich Seoras niemals nach Zärtlichkeit oder dergleichen gefragt … wann immer er zu mir kam, um mich zu lieben, hatte dies nichts mit seinem Schwur zu tun.“
Aus Dankbar und zum Trost drückte drückte die Rothaarige ihre Hand. So traurig Sgiach´s Geschichte auch sein mochte, sie machte Shiko auch Hoffnung …
Wandlungen aus Liebe
In den vergangenen Monaten war es zur lieben Gewohnheit geworden, dass Shiko und Ohtah Hand in Hand unterwegs waren. Auch wenn die Priesterin in Ausbildung, die seit deren Beginn im Übrigen regelrecht aufblühte, gerne mehr hineininterpretiert hätte, als zwischen ihnen tatsächlich war …
Dann geschah es – gleich einem Déjà-vu … Ohtah berichtete ihr gerade von den mehr als spannenden Themen aus Vampyrsoiologie Vier der Oberprima. Mitten im Satz brach er ab. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich – er blickte ihr mit einer solchen Intensität in die Augen, dass sie ein Kribbeln, ähnlich wie von Alter Magie, überlief. Den Mund zum Sprechen geöffnet, erstarrte der Braunhaarige und fasste sich von Schmerzen erfasst an die Brust. Der Schrei blieb Shiko im Hals stecken und ging in einem erstickten Schluchzen unter. Doch sie durfte jetzt nicht weinen! Mit Mühe kämpfte sie die Tränen nieder, um stattdessen die Essenz des Feuers anzurufen – sämtliche Flammen auf der gesamten Isle of Skype gehorchten ihrem Willen und sandten ihr ihre Energie, die Shiko umgehend an ihren Krieger weiterleitete …
In einem letzten Aufbäumen keuchte er erschöpft, dann war alles vorbei. Ohtah atmete zwar wieder völlig normal, doch gleichzeitig war irgendetwas anders … Wie in Zeitlupe hob er den Kopf. Die Rothaarige schlug sich die Hände vor den Mund. Nicht nur, dass seine Gesichtszüge irgendwie markanter wirkten – die rote Mondsichel war vollständig ausgefüllt! Und auf beiden Seiten prangten Dolche, aus denen Flammen schossen … Vollkommen sprachlos zog Shiko einen kleinen Spiegel aus ihrer Tasche und hielt ihn ihm aufgeklappt entgegen.
„Das ist dein Feuer …“, flüsterte der gewandelte Vampyr nicht minder überwältigt.
In einer fließenden Bewegung zog er sie näher an sich heran und presste seine Lippen auf ihren Mund. Shiko war derart perplex, dass sie den Kuss nicht einmal erwidern konnte, obwohl Flammen ihren Körper scheinbar in Brand gesetzt hatten …
„Ohtah, Ihr müsst nun mit mir kommen“, riss eine unverkennbare Stimme mit unverwechselbarem Akzent sie auseinander – es war Alasdair, der die Rothaarige am Portal in Empfang genommen hatte, „ich werde Euch zur rituellen Reinigung geleiten. Die Göttin erwartet Euch im Tempel …“
Diese Zeremonie war ein heiliger Festakt, welcher jeder Vampyr in der Nacht seiner Wandlung bis zum nächsten Sonnenuntergang beging. Die genauen Einzelheiten wurden vor den Jungvampyren geheimgehalten – einzig die Meditation, bei der Nyx zu einem sprach, war bekannt.
Sanft Ohtah berührte ihre Wange. „Wir treffen uns morgen auf unserer Lichtung …“
Eine einzelne Träne stahl sich nun doch aus ihren Augen, als die beiden Krieger in die Nacht verschwand. Sie selbst machte sich ebenfalls auf den Weg – sie musste dringend mit Seiketsu sprechen.
Wie so oft fand Shiko ihre Mentorin in der ansonsten verwaisten Bibliothek. Erschöpft ließ sie sich auf den Stuhl neben der Braunhaarigen fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Was hat Ohtah angestellt?“, wollte Seiketsu in ihrem typisch analytischen Tonfall wissen, in den sich außerdem eine Spur von Belustigung schlich. „Möchte er nun auch noch in der Anderwelt die Prüfungen zum Wächter absolvieren?“
Ohne ihr Versteck aufzugeben, schüttelte Shiko heftig den Kopf. „Noch viel schlimmer …“
„Oh, dann hat er dir endlich seine Gefühle gestanden?“, hakte die Geschichtslehrerin weiter nach.
Ruckartig ließ Shiko ihre Arme fallen und starrte sie mit offenem Mund an. „Er … er hat mich ge-geküsst … Er hat zuvor nie irgendwelche Anstalten gemacht … Aber was weiß ich schon von der Euphorie der Wandlung … Oder war das etwa als Dank gemeint?“
Ihr Monolog ging noch fünf Minuten so weiter, bis Seiketsu sie schlussendlich stoppte. „Spekulationen werden dich zu keiner Antwort führen – Ohtah allein kann dir sein Verhalten erklären.“
Um ihr nicht nur mit gut gemeinten Ratschlägen zur Seite zu stehen, sondern um ihr auch Trost zu spenden, umarmte Seiketsu ihre Freundin. Sie wusste, dass Shiko den Tag von Ohtah´s Wandlung gleichermaßen herbeigesehnt wie gefürchtet hatte … Obwohl der Kriegereid ein Leben lang verpflichtete, hatte sie Angst, er könnte anders empfinden – es bereuen –, sobald er ihre Gabe nicht mehr zum Überleben benötigte. Sie würde es nicht ertragen, ihn unglücklich zu sehen, und selbst daran zerbrechen … Einem Krieger mochte ein Widerruf seines Schwurs verwehrt sein, aber der Priesterin war es gestattet, einen Krieger aus ihrem Dienst zu entlassen.
Ohne die Unterstützung von Seiketsu wäre Shiko bis zum Sonnenaufgang vor Anspannung vermutlich durchgedreht. Bislang hatte sie es gehasst, dass Jungvampyre durch den ersten Sonnenstrahlen regelrecht das Bewusstsein verloren … diesmal war es eine regelrechte Wohltat gewesen, in die traumlose Schwärze des Schlafs einzutauchen. Augenblicklich kehrte, trotz Seiketsu's Zuspruch, ihre Nervosität zurück. Ohtah war weit mehr für sie als bloß ihr Krieger oder ihr bester Freund … Er hatte ihre verletzte Seele geheilt, ihr den Glauben an sich selbst zurückgegeben. Gerade deshalb fühlte sich die Rothaarige keineswegs bereit, ihm wieder gegenüberzutreten – obwohl die beiden seit ihrer Ankunft auf der Isle of Skype noch nie so lange voneinander getrennt gewesen waren und er ihr fehlte … Wie sehr musste es da schmerzen, sollte er sich tatsächlich von ihr lossagen wollen. Doch egal wie oft Shiko sich diese Frage noch stellen würde, ihre Mentorin würde recht behalten – einzig Ohtah konnte ihr wahrhaft eine Antwort darauf geben.
Selbst mit geschlossenen Augen hätte Shiko den Pfad zur Lichtung des Feueropals gefunden, allein ihr Gespür hätte sie führen können. Unzählige Male waren sie dort gesessen, hatten gelernt, sich unterhalten. Die >Hinotama-Seelen< begrüßten sie wie eine Freundin. Außerhalb der Isle of Skype gab es, laut Sgiach, kaum mehr Orte, an denen die Alte Magie noch aktiv wirkte … Als angehende Priesterin hatte sie gelernt, darauf Einfluss zu nehmen – dafür musste man sich von allen negativen Emotionen lösen, da sich die Energie ansonsten ins Chaos stürzen konnte.
Von dem Braunhaarigen war zunächst nichts zu sehen – für Shiko wenig verwunderlich. Der Vampyr hatte bereits vor seiner Wandlung mit den Schatten verschmelzen können, nun war diese Fähigkeit noch ausgeprägter – Nyx´ Geschenk an ihn, das weit über die allgemeine, vampyristische Fähigkeit der Verschleierung hinausging. Ohtah trat aus der Dunkelheit heraus, als hätte er sich dort aus Nichts heraus materialisiert. Ihr fielen sofort seine neuen Gewänder auf, die denen der Inselwachen entsprachen - allerdings in Grau- und Schwarztönen.
„Ohtah“, sprach sie ihn an, wobei ihre Stimme leicht zitterte.
Innerhalb eines Wimpernschlags hatte er den Abstand zwischen ihnen überwunden, sodass sie sich fast berührten. Erneut war Shiko fasziniert von seinem neuen Tattoo, fuhr die Linien mit den Fingerspitzen nach … Eine Zeichnung, die eigentlich blau hätte sein sollen.
„Dieses Leben verdanke ich dir, Mylady …“, sagte er leise, denn er spürte ihre Sorge über seine Veränderung.
Die Jungvampyrin schluckte schwer. „Ja … und genau vor diesem Moment habe ich mich die ganze Zeit gefürchtet. Ich … ich will dich nicht verlieren! Nur weil du mich jetzt nicht mehr brauchst …“
„Ob als Jungvampyr oder Vampyr … mein Schwur bleibt bestehen. Ich bin dein Krieger – für immer!“, entgegnete Ohtah. Er griff nach ihrer Hand und legte diese an die Stelle, an der früher sein Herz geschlagen hatte. „Willst du wissen, warum ich geschworen habe, dich zu beschützen? Weil ich dich liebe, Shiko – vom ersten Moment an. Ich will alles für dich sein … dein Krieger, dein Wächter, dein Geliebter, dein Gemahl!“
Als Beweis seiner Worte wollte er das Armband von seinem Handgelenk lösen, doch Shiko hielt ihn davon ab. „Nein, warte! Bitte … behalte es. Ich habe es einst für den Jungen gemacht, der mir mein Herz gestohlen hat …“ Auch wenn er inzwischen zum Mann geworden ist.“
Ein brennender Schmerz fuhr durch Shiko´s Kopf. Feuer breitete sich über ihre Stirn aus, legte sich um ihre Augen. Ihr Krieger hielt sie fest, als ihre Beine den Halt verloren … Das Brennen verschwand genauso schnell wieder, wie es über sie hereingebrochen war.
„Shiko, du …“, hauchte Ohtah fassungslos, „du bist ein vollwertiges Kind der Nacht!“
Noch bevor die Rothaarige ihr Spiegelbild sah, kannte sie das Aussehen ihrer Tätowierung genau – ein Meer aus Flammen, das beinahe ein Herz bildete … Shiko mochte ihn vor dem Tode bewahrt haben, doch er hatte an ihrer vorzeitigen Wandlung ebenso Anteil. Die Veränderung, die die Jungvampyre in den zirka vier Jahren nach der Zeichnung durchlaufen, bezog nicht allein auf Physiologie … Bei jenen, die ein rotes Mal auf der Stirn trugen, spielte die Psychologie eine noch größere Rolle – für sie stand stets eine Entscheidung im Raum, die sich in ihrer Zugehörigkeit zu Licht oder Dunkelheit äußerte. Sowohl Ohtah als auch Shiko hatten sich in dafür entschieden, endlich offen zu ihrer Liebe zu stehen. Und Ehrlichkeit war ein Aspekt des Guten, der sich in der Personifikation eines Schwarzen Stiers zeigte … Sgiach hatte Shiko von ihm und seinem finsteren Zwilling, dem Weißen Stier erzählt, der verantwortlich für den Tod von Seoras war. Ja, Glück war keine Selbstverständlichkeit – vor allem nicht in der Unsterblichkeit.
Ehe Shiko ebenfalls für ihre Zeremonie abgeholt wurde, umfasste sie Ohtah´s Gesicht für einen zweiten Kuss. Diesmal verloren sich beide in dem tiefen Gefühl …
Damit beginnt das vampyrische Leben einer legendären Hohepriesterin und der künftigen Königin der Isle of Skype – Shiko, welche nicht nur über die Fähigkeit verfügte, die Energie des Feuer für sich und andere zu nutzen. Sie versammelte auch die Repräsentanten der anderen Elemente, um gemeinsam mit ihnen unzähligen Jungvampyren durch die Wandlung zu helfen … denn dies war der Wille Nxy´, der Göttin der Nacht und ihrer aller Mutter.
Buch 14: Die Legende der Verwunschenen Verliese
Geheimnisse … mächtig und gefährlich zugleich. Um ihnen auf den Grund zu gehen, bedarf es Neugier, Mut und ein Ziel. All dies trägt Nadeshiko Yosogawa bereits in sich – für sie ist Hogwarts mehr als nur eine Schule.[/]
Willkommen in Hogwarts
Auf dem Bahnhof King´s Cross in London herrschte reger Betrieb – Geschäftsleute, Reisende und sonstige Pilger strömten über die Bahnsteige. Beinahe minütlich fuhren neue Züge ab oder trafen ein. Zwischen Gleis neun und zehn herrschte allerdings der größte Andrang. Vor allem an Familien mit Kindern, die alle einen oder sogar mehrere Gepäckwagen bei sich hatten, auf denen sich Koffer und zumeist auch Käfige mit Kröten, Katzen oder Eulen stapelten. Ein Anblick, der sich jedes Jahr am ersten September wiederholte. Denn an diesem Tag begann das neue Schuljahr in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei in Schottland. Allerdings fuhr natürlich keiner der regulären Züge diesen Zielort an – nicht auszudenken wäre ein Muggel, ein Nicht-Magier aus Versehen eingestiegen. Deshalb verbarg sich hier bei der dritten von vier Säulen der Zugang zum geheimen Gleis neun dreiviertel, auf dem pünktlich um elf Uhr der Hogwarts-Express abfahren würde. Eine der neuen Schüler war Nadeshiko Yosogawa. Ihr schulterlanges, leuchtend rotes Haar verwehte wild vom Dampf der Lokomotive. Ihre braunen Augen leuchteten vor Begeisterung. Beim letzten Mal hatte sie nur ihre Schwester begleitet – vor drei, langen Jahren …
„Oneechan … endlich darf ich an jenen Ort … und ich werde dich nicht enttäuschen, das verspreche ich dir.“, murmelte Nadeshiko so leise, dass ihre Eltern sie nicht hören konnten.
Ihr Vater Togo Yosogawa – ein leicht grimmig wirkender Japaner – machte sich gerade auf den Weg, ihr Gepäck aufzugeben. Shirayuki, ihre schneeweiße Schleiereule, warf ihr einen traurigen Blick zu, doch Nadeshiko nickte aufmunternd.
Ihre Mutter Kai Yosogawa, eine Engländerin dagegen kämpfte beim Sprechen mit den Tränen: „Pass´ gut auf dich auf, ja? Hör´ immer auf deine Lehrer. Und schreib´ mir – ob du Freunde gefunden hast, wie der Unterricht ist und wann du uns besuchen kommst. Ja, Shiko?“
Eigentlich bedeutete ihr Name ja »Nelke« und sie liebte ihn sehr, aber diesen besonderen Spitznamen hatte ihre Schwester ihr einst gegeben.
„Es wird alles gut werden, Okasan.“, antwortete die Rothaarige lächelnd und umging damit absichtlich das eigentliche Versprechen, welches sie sich von ihr gewünscht hatte, „Ich muss los.“
Nadeshiko löste die Umarmung ihrer Mutter, als ihr Vater zurückkam. Leicht neigte sie das Haupt vor ihm – ihre japanische Erziehung hatte sie selbst hier in England nicht abgelegt – und er legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Bereite uns keine Schande.“, sagte er mit einem scharfen Unterton.
Sie sah ihn an und entgegnete: „Ich werde mir Mühe geben, Otosama.“
Bevor Nadeshiko in den Zug stieg, drehte sie sich noch einmal um und winkte ihren Eltern zum Abschied. Sie erinnerte sich noch genau an eine Zeit, da die beiden weder Trauer noch Verbitterung auf den Gesichtern getragen hatten. Sie war es gewesen, die traurig, sogar wütend gewesen war – weil Seiketsu ohne sie nach Hogwarts gefahren war … und dass nur, weil sie acht Jahre älter gewesen war. Doch nun war Nadeshiko selbst endlich an der Reihe, mit einem festen Ziel vor Augen!
Ein paar Stunden später entspannte sich Nadeshiko etwas in dem fast leeren Abteil. Weil sie einen Platz ganz am Ende des Zuges gewählt hatte, kam der Servierwagen zu ihr zum Schluss. Sie drängte in den engen Flur und überflog die Auslage, da knallte plötzlich jemand gegen sie, der sie zum Taumeln brachte. Ein Hand packte Nadeshiko am Arm, um sie vor einem Sturz zu bewahren. Der Junge, der sich erst angerempelt hatte und nun festhielt, hatte fransiges, braunes Haar und durchdringend smaragdgrüne Augen.
„Oh, entschuldige.“, meinte er etwas verlegen, wobei er sich mit der freien Hand am Hinterkopf kratzte, „Ich bin wohl ein bisschen aufgeregt. Meine Familie lebt dermaßen abseits von allem, dass ich eigentlich noch fast gar keinen Kontakt zu jemandem hatte, der nicht zu meiner Verwandtschaft gehört.“
Das überraschte sie im Grunde nicht weiter – es gab viele magische Familien, die sich vor der Welt verbargen. Das internationale Statut der Geheimhaltung wurde stetig verschärft, je weiter die Muggel ihre Technologien entwickelten.
Lächelnd erwiderte sie: „Mein Name ist Nadeshiko Yosogawa, aber man nennt mich Shiko. Wenn du möchtest – in meinem Abteil ist noch ein Platz frei.“
„Danke!“, gab der Braunhaarige sichtlich überrascht zurück, „Ich bin Ohtah … Ohtah Shadowdragon. Kennst du eigentlich schon jemand in Hogwarts?“
Ein kaum merklicher Schatten huschte über ihr Gesicht: „Nicht wirklich … das hat sich ja gerade geändert.“
Sie suchten sich eine riesige Menge Süßkram aus und teilten ihre Beute miteinander. Während der gesamten restlichen Zugfahrt unterhielten sie sich über allerlei – bis die einsetzende Dämmerung von einer baldigen Ankunft kündete und sie ihre Umhänge überstreiften.
„Was glaubst du, in welches Haus du eingeteilt wirst?“, fragte Ohtah, nachdem sie sich wieder gesetzt hatten.
Die Rothaarige schwieg kurz, bevor sie knapp entgegnete: „Gryffindor.“
Für das, was vor ihr lag, brauchte sie den Mut von Godric Gryffindor; Seiketsu dagegen war eine Anhängerin Rowena Ravenclaws gewesen.
Ohtah wirkte leicht mitgenommen, als er erklärte: „Ich befürchte, mich wird es wie alle aus meiner Familie nach Slytherin verschlagen. Shiko … selbst wenn wir in unterschiedliche Häuser kommen, können wir doch Freunde sein, oder nicht?“
Ein glockenhelles Lachen drang aus ihrer Kehle: „Natürlich! Was dachtest du denn? Und außerdem ist kein Haus verwerflich – wir können weit mehr sein, als ihr Ruf.“
In diesem Moment geschah es – Ohtah´s Herzschlag erhöhte sich und er errötete. Den Grund dafür würde er aber erst sehr viel später wirklich begreifen …
Kaum waren sie am Bahnhof von Hogsmeade angelangt, rief ein mehr als hünenhafter Mann die Erstklässler zusammen. Er trug einen dicken, braunen Pelzmantel, der ihn so breit wie hoch wirken ließ. Sein Gesicht wurde von zotteligen Haaren auf dem Kopf und von Ohr zu Ohr eingerahmt. Auf einen dicken, roten Wangen lag ein breites Lächeln. Es war Rubeus Hagrid, ein Halbriese, der Hüter der Schlüssel und Ländereien von Hogwarts sowie Professor für Pflege magischer Geschöpfe. Er geleitete die Schüler des ersten Jahrgangs zum Anlageplatz am Schwarzen See, wo sie in kleinen Grüppchen in Boote mit Laternen stiegen. Nadeshiko hielt sich dicht bei Ohtah, damit sie nicht schon jetzt getrennt wurden. So schipperten sie über das Wasser auf das gewaltige Schloss zu, dessen Silhouette sich schwarz gegen das Mondlicht abhob. Kein Wunder, dass sie Hogwarts auf diese Weise zum ersten Mal zu sehen bekamen – es war ein magischer Anblick, der nicht von besonderen Fähigkeiten geschaffen worden, sondern einzig ein Schauspiel der Natur war. Nun begriff Nadeshiko, was Seiketsu ihr hatte begreiflich machen wollte … warum Hogwarts ein so besonderer Ort war, mehr als nur eine Schule. Im Stillen dankte sie den Kami, japanischen Shinto-Göttern dafür, dass sein Vater ins englische Konsulat versetzt worden war – Mahoutokoro befand sich im Innern eines Vulkans und hatte ein vollkommen anderes Schulsystem. Allerdings wäre ihr dort vielleicht mancher Schicksalsschlag erspart geblieben …
Auf der anderen Seite machten sie in einem kleinen Bootshäuschen fest und stiegen zickzackförmige Treppe hinauf zum Eingangsportal, das von selbst aufschwang. Die Wände im Innern waren unglaublich hoch, es gab unzählige Treppen und an jedem Fleckchen hingen Gemälde, die sich bewegten. Nichts zeugte mehr davon, dass das Schloss vor zehn Jahren bei der sogenannten »Schlacht von Hogwarts« fast vollkommen zerstört worden war – damals hatte Harry Potter den finalen Kampf gegen den bösesten aller schwarzen Magier angeführt. Ihre Familie hatte zu diesem Zeitpunkt noch in Japan gelebt, doch selbst dort war die Angst vor Lord Voldemort deutlich spürbar gewesen. Kein Wunder, schließlich war ihre Mutter genau deshalb nach Asien ausgewandert …
„Hinter mir befindet sich die Große Halle; sie ist das Zentrum von Hogwarts, die Speisen werden dort eingenommen und zwischenzeitlich auch als Aufenthaltsraum und für schriftliche Prüfungen genutzt.“, erklärte Hagrid und deutete auf ein weiteres, hölzernes Tor ihrer Rechten, „Aber ich will euch gar nicht damit langweilen – die anderen Schüler sitzen bereits auf ihren Plätzen. Ach, für jedes Haus gibt es einen eigenen Tisch und wenn der Sprechende Hut gewählt hat, setzt ihr euch einfach entsprechend. Um den Rest werden sich dann die Vertrauensschüler kümmern.“
Er kehrte ihnen den Rücken, stieß die Tür auf. Sofort drang Stimmengemurmel an ihre Ohren, welches jäh verstummte. An der Stirnseite stand der Tisch für die Lehrer quer im Raum auf einem Podest. Davor entdeckten die Neuankömmlinge einen Hocker mit einem uralten Filzhut und einen Stuhl. Daneben stand eine ältere Hexe in grüner Robe, in Händen hielt sie ein zusammengerolltes Pergament.
„Ich heiße Sie willkommen in Hogwarts! Wie Sie sicher wissen, gibt es bei uns vier Häuser – Gryffindor, Ravenclaw, Huffelpuff und Slytherin; eines davon wird für die nächsten sieben Jahre Ihre Familie sein.“, berichtete Professor Minerva McGonagall mit schneidender Stimme.
Da begann sich der zerknautschte Hut zu bewegen und zu singen: „Familie und Freunde, das ist fein – große Hexen und Zauberer wollt ihr sein. Als Lernstätte einst erbaut, ich bin schon ganz ergraut, so viel Zeit ist vergangenen, seit im Zeichen der Schlangen, Dachsen, Löwen und auch Raben, die Gründer unterrichtet haben. Wer geht hier ein und aus? Schüler – frisch von zu Haus´. ZAG und UTZ sie bekommen, dabei haben sie noch gar nicht vernommen, Geheimnisse sich noch immer verbergen und Verliese unerkannt beherbergen.“
Nadeshiko erstarrte und hörte nicht mehr, was der Sprechende Hut noch so alles von sich gab – nicht einmal als die ersten Namen aufgerufen wurden, bekam sie es wirklich etwas mit. So unglaublich oft hatte sie in unzähligen Artikeln über die angeblichen Lügengeschichten ihrer Schwester gelesen, weil die Verwunschenen Verliese nicht existierten würden … Tränen standen in ihren Augenrändern. Niemals hatte Nadeshiko daran gezweifelt und damit auf verlorenem Posten gestanden, kaum war sie dagegen in Hogwarts wurde ihr ein erster Hinweis präsentiert!
„Shadowdragon, Ohtah.“, rief die Direktorin, wobei der Klang seines Namens Nadeshiko wieder in die Realität verfrachtete.
Sie erwiderte Ohtah´s Blick und nickte entschieden, um ihre Worte im Zug nochmals zu bekräftigen, was ihn lächeln ließ.
Die Hutkrempe berührte nur für wenige Sekunde sein Haupt, da verkündete er bereits: „Slytherin!“
Ja, so hatte er es bereits geahnt … alle Mitglieder seiner Familie waren im Namen von Salazar Slytherin unterrichtet worden, so sehr er ihre Traditionen auch verabscheute, nun erfüllte er sie ebenfalls … Doch das würde nichts ändern, daran glaubte Nadeshiko fest und auch Ohtah setzte sein Vertrauen darauf!
Da die Schüler alphabetisch nach ihren Nachnamen geordnet waren, musste Nadeshiko bis zum Schluss warten. Sofort brach lautes Getuschel an den Tischen los, nach sie aufgerufen worden war – dabei hatte die ganze Zeit Schweigen geherrscht –, selbst einige der Lehrer steckten die Köpfe zusammen. Nadeshiko biss sich auf die Unterlippe, ballte die Fäuste. Ja, sie war eine Yosogawa … und stolz darauf! So marschierte sie auf Professor McGonagall zu, die ihr unbeeindruckt von der übrigen Reaktion den Sprechenden Hut aufsetzte.
Sofort hörte sie seine nachdenkliche Stimme: „Oh, wieder mal ein ganz schwieriger Kandidat … Tapferkeit, Einfallsreichtum, Hilfsbereitschaft, Intelligenz – ich sehe Eigenschaften aller in dir. Hm, und einen Wunsch … Ich verstehe, es ist dir also ernst. Nun gut – Gryffindor!“
Anders als bei ihren Vorgängern applaudierten die Schüler diesmal nicht. Geschockte Gesichter starrten ihr entgegen. Einsamkeit war für Nadeshiko kein neues Gefühl … Seit drei Jahren kam es ihr so vor, als würde ihr ein Teil fehlen. Ein stummes Seufzen verließ ihre Kehle. Von Ohtah´s wachsamen Blick begleitet, setzte sie sich zu ihren Hausgenossen.
„Willkommen in Gryffindor, schöne Frau!“, begrüßte sie zu aller Überraschung ein junger Mann, der mindestens zwei Jahre älter sein musste, „Ich heiße Argo Turtles.“
Er lächelte charmant und Nadeshiko freute sich über seine Worte, aber gleichzeitig verspürte sie merkwürdigerweise ein schlechtes Gewissen. Daher nickte sie nur knapp. Kurze Zeit später eröffnete Professor McGonegall das Bankett, in dessen Anschluss die Erstklässler von ihren Vertrauensschülern in die jeweiligen Gemeinschaftsräume und dort in ihre Schlafsäle geführt wurden. Immer fünf Mädchen oder Jungen teilten sich einen; doch es gab nur eines, dessen Anblick Nadeshiko´s Herz berührte – ihre Schleiereule saß neben ihrem Bett auf einer Metallstange. Sofort eilte sie zu ihrer gefiederten Freundin und streichelte sie, woraufhin Shirayuki einen wohligen Laut von sich gab. Mit einem Mal fühlte sich Nadeshiko unglaublich erschöpft und fiel mehr ins Bett, als dass sie sich hineinlegte.
Kaum war Nadeshiko am nächsten Morgen zum Frühstück in die Große Halle zurückgekehrt, hielt sie nach Ohtah Ausschau. Da legte ihr jemand von hinten die Hand auf die Schulter. Gesuchter Slytherin stand mit einem leicht verlegenen Lächeln vor ihr, da umarmte sie ihn auch schon stürmisch. Obwohl die beiden einander gerade erst getroffen hatten, kam es ihr – und auch ihm – so vor, als kannten sie sich bereits viele Jahre oder sogar ihr ganzes Leben lang.
„Wie sieht dein Stundenplan für heute aus?“, wollte er interessiert wissen.
Ein Grinsen trat auf ihr Gesicht, als sie antwortete: „Erst Geschichte der Zauberei, dann Kräuterkunde. Wir haben zusammen Verteidigung gegen die dunklen Künste und nach dem Mittagessen sogar noch … Fliegen.“
Der Unterricht in Hogwarts wurde stets in Doppelstunden und von zwei Häusern aus einem Jahrgang zusammen abgehalten. Jeder Lehrer durfte sämtlichen Schülern Hauspunkte verleihen oder natürlich abziehen – und jenes Haus, welches am Ende des Schuljahres die meisten Punkte gesammelt hatte, gewann den Hauspokal.
Nach einer kurzen Verabschiedung setzten sich Nadeshiko und Ohtah schließlich an ihren jeweiligen Tisch, auf denen ein reichhaltiges Frühstück bereitstand. Es war wohl die geschäftigste Zeit und es herrschte von zahlreichen Gesprächen eine ziemlich hohe Lautstärke. Die Rothaarige schottete sich dagegen ab; von dem kleinen Hinweis des Sprechenden Hutes einmal abgesehen, half ihr das nicht dabei ihre Vorgehensweise zu planen, und die übrigen Schüler, welche ohnehin nur verächtliche Vorurteile hegten, interessierten sie ebenfalls nicht. Fast wäre die junge Hexe derart in ihrem Grübeln über die Verliese abgedriftet, dass sie die erste Stunde verpasst hätte! Und ausgerechnet Geschichte der Zauberei … das langweiligste Fach von allen, unterrichtet von einem der Schlossgeister, Professor Cuthbert Binns – einst war er in der Nacht gestorben und am nächsten Morgen trotzdem ganz normal zum Unterricht gegangen. Wenn er nicht gerade einen monotonen Vortrag hielt, hielt er ein Nickerchen – was auch die schlechten Zensuren fast aller Schüler erklären konnte. Nadeshiko erinnerte sich, dass Seiketsu eine der wenigen Ausnahmen gewesen war … Ihr Gehirn hatte schier mühelos sämtliche Jahreszahlen und verdrehten Namen abgespeichert.
Einige ihrer Mitschüler waren bereits eingeschlafen und auch sie überkam ein Anflug von Müdigkeit, da sagte Professor Binns: „Ja, ja, so war das … die vier Gründer haben dieses Schloss komplett selbst erbaut – dennoch gibt es Gerüchte, dass auch andere Kräfte in Hogwarts wirken wie in den Verwunschenen Verliesen, was natürlich vollkommener Unfug ist. Geschichte hält sich einzig an Fakten! Wir sind hier sicher und-“
Sofort fuhr ihr Kopf hoch, doch der Geist beachtete sie gar nicht. Er war mitten im Satz abgebrochen und schlief selig. Das war etwas neues … ihre Macht entstammte einer fremden Quelle. Wenn sie selbst im Unterricht zur Geschichte von Hogwarts erwähnt wurden, würde Nadeshiko in der Bibliothek vielleicht noch mehr herausfinden! Dieser Gedanke beherrschte ihre völlige Aufmerksamkeit – bis sie Ohtah vor dem Klassenzimmer von Verteidigung gegen die dunklen Künste traf.
„Also … ich wollte dich fragen … Shiko, sollen wir zusammen sitzen?“, stammelte der Braunhaarige etwas unbeholfen.
Sie lachte, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit, und nickte zustimmend. Die anderen Schüler wunderten sich sehr darüber – Gryffindor und Slytherin zusammen sah man wirklich nicht jeden Tag. Besonders einer Schülerin passte dieser Umstand ganz und gar nicht – Livia Daggerhood, denn sie selbst hatte ein Auge auf Ohtah geworfen. Professor Ramon Rien ließ sich dagegen davon nicht aus der Ruhe bringen.
„Was bedeutet >Verteidigung gegen die dunklen Künste<?“, begann er mit wanderndem Blick, „Es ist nicht nur der direkte Kampf gegen Schwarze Magier – sondern genauso die indirekte Auseinandersetzung mit den finsteren Kräften in uns selbst. Sie mögen jetzt vielleicht noch zu jung sein, um meine Worte zu verstehen … Jeder von uns besitzt innere Dämonen und wir können jederzeit Gefahr laufen von ihnen übernommen zu werden.“
Bei den meisten Schülern bildete sich nur ein einziges, großes Fragezeichen in ihren Köpfen – anders in Nadeshiko´s und Ohtah´s Fall. Während auch ein kleines Lächeln auf das Gesicht der Gryffindor geschlichen hatte, war der Gesichtsausdruck des Slytherins finster … so als läge ein Schatten darüber, welcher sich für den Rest der Zeit nicht mehr verzog. Stattdessen stürmte Ohtah beim Klingeln regelrecht aus dem Klassenzimmer.
Nach dem Mittagessen, dem der Braunhaarige ferngeblieben war, versammelten sich die Schüler zur ersten Flugstunde auf dem Trainingsgelände. Natürlich war Nadeshiko seine Reaktion nicht verborgen geblieben … Und wäre sie jemand anderes, hätte sie diese wahrscheinlich nicht zu deuten gewusst – Ohtah trug ebenso wie sie ein dunkles Geheimnis mit sich herum.
Allerdings lenkte ein weiteres Problem ihre Aufmerksamkeit auf sich … Ein knorriges Ungetüm mit widerspenstigem Reisig – der Schulbesen, welchen Madame Roland Hooch vor sie abgelegt hatte. Ein kalter Schauer überlief Nadeshiko. Sie fürchtete sich vor dem Fliegen … abzustürzen. Sie besaß keinerlei Vertrauen in diese Art der Fortbewegung.
„Strecken Sie Ihre rechte Hand aus und rufen >auf<“, erklärte die Professorin erwartungsvoll.
Einem einzigen Schüler gelang es, dass der Besen ihm gleich beim allerersten Mal gehorchte – Ohtah. Madam Hooch bedachte ihn mit einem anerkennenden Nicken. Nadeshiko dagegen traute sich noch nicht einmal das Wort laut auszusprechen.
„Du musst keine Angst haben.“, flüsterte jemand hinter ihr – Ohtah war an sie herangetreten, ohne dass sie etwas bemerkt hatte, „Es ist im Grunde genommen ganz leicht und … die Magie kommt ganz allein von dir, nicht aus dem Holz.“
Er nahm ihre Hand, um sie zu positionieren, und Nadeshiko hauchte kaum hörbar: „Auf …“
Trotz der geringen Lautstärke regte sich der Besen, er erhob sich und sie schloss ihre Finger fest um den Stiel. Dankbar drehte sie sich um, doch Ohtah war bereits zu seinem Platz zurückgekehrt und folgte der nächsten Anweisung – sich auf den Besen zu setzen. Die Halbjapanerin wusste, dass sie ganz dringend das Gespräch mit ihm würde suchen müssen …
„Na, muss dir Ohtah immer helfen oder schaffst du mickrige Gryffindor auch mal was selbst?“, kam es provokant von einer andere Slytherin.
Verblüfft starrte sie ihre Gegenüber an. Ihr beinahe schwarzes Haar glänzte rötlich im Sonnenlicht und wenn Nadeshiko es nicht besser gewusst hätte, hätte sie dieses Mädchen niemals auf gerade einmal elf Jahre geschätzt … Von der Anfeindung gegen ihre Person gefiel ihr aber vor allem nicht, wie sie den Namen von Ohtah betont hatte. Und so blieb dies in den kommenden Jahren nicht die einzige Auseinandersetzung zwischen Nadeshiko und Livia.
Jedoch ging Ohtah der jungen Hexe in die nächsten Tagen – mit großer Sicherheit absichtlich – aus dem Weg. Also wartete Nadeshiko nach dem Unterricht täglich an dem Ort, welchen er früher oder später aufsuchen musste – die Bibliothek. Als er eintrat, versperrte sie ihm den Weg … da er ahnte, sie würde keine Ruhe geben, ergab er sich und folgte ihr in einen leeren Gang.
„Freunde müssen einander vertrauen … Aber dafür muss man sich kennen und … aufeinander zugehen. Also … Ohtah, es gibt etwas, das du über mich wissen solltest. Ich … bedeute Ärger. Noch habe ich gegen keine Regel verstoßen – was wirklich ein Wunder ist –, das wird sich wohl sehr schnell ändern und nicht mehr aufhören, bevor ich diese Schule verlasse. Und ich kann noch nicht mal behaupten, dass ich dies mit einem Abschluss tun werde …“, sprach Nadeshiko und setzte sich resigniert auf den Boden, „Hast du schon mal von >Seiketsu Yosogawa, der Lügnerin< gehört? Sie ist meine ältere Schwester … und vor Jahren verschwand sie, irgendwo hier in Hogwarts – auf der Suche nach den sogenannten Verwunschenen Verliesen. Aber ich weiß, dass sie immer noch am Leben ist, ich spüre es einfach! Auch wenn unsere Eltern sie für tot erklärt haben … Ich werde sie eines Tages finden!“
Schweigen legte sich über die beiden. Nadeshiko rechnete damit, dass Ohtah jeden Moment anfangen würde, sie auszulachen oder für verrückt zu erklären.
Doch er berührte ihre Wange, während er entgegnete: „Und ich helfe dir dabei! Dafür sind Freunde schließlich da, nicht wahr? Ich verspreche es dir, Shiko – wir werden es schaffen, zusammen!“
Perplex schaute sie ihn an. Tränen stiegen in ihr auf. Zum ersten Mal seit Seiketsu´s Verschwinden wollte sie jemand unterstützen, glaubte ihr! Es hatte geschmerzt, als ihre Eltern das Zimmer ihrer Schwester leer geräumt hatten … und die Todesanzeige geschaltet worden war … Nun gab es eine Chance für Nadeshiko allen zu beweisen, dass sie unrecht hatten.
„Haben wir schon einen Plan?“, wollte Ohtah wissen.
Sofort wurde Nadeshiko ernst: „Nein, nicht wirklich. Ich habe absolut keine Ahnung, wie sie auf die Verliese gestoßen ist oder was es überhaupt mit ihnen auf sich hat …“
Ein schiefes Grinsen erschien auf Ohtah´s Lippen und erzog Nadeshiko zurück auf sie Füße. Sie verstand sofort, worauf er hinaus wollte – sie hätten eine Menge Arbeit vor sich … Und so kam es, dass Nadeshiko und Ohtah den größten Teil ihrer Freizeit mit der Nase in Büchern verbrachten. Je nach Wetterlage verlagerten sie ihre Studien nach draußen an den Schwarzen See, zeitweise auch in die Große Halle, wenn die Bibliothek zu überfüllt war … oder umgekehrt. Neben den zahlreichen Sticheleien, die sich allesamt auf Seiketsu bezogen, bereitete es Livia weiterhin ein ganz besonderes Vergnügen Nadeshiko herauszufordern und zu sabotieren – bei jeder Gelegenheit warf sie etwa falsche Zutaten in ihren Kessel oder forderte sie zu einem Duell heraus.
„Dieses Mal bist du fällig, Rotschopf! Locomotor Mortis!“, rief Livia und schwang den Zauberstab.
Nadeshiko wich dem Beinklammer-Fluch aus, erwiderte mit einer Ganzkörperklammer. Die Schwarzhaarige fiel bewegungsunfähig sowie erneut geschlagen zu Boden, eine neue Drohung zischend – denn die Gryffindor verlor nie ein Duell. Ab und zu wurden sie allerdings von Lehrern oder Vertrauensschülern erwischt, was Strafarbeiten bedeutete … sprich Zeitverzögerung für die Recherche – Pardon die bislang ohnehin erfolglose Recherche. Bis zu jenem beinahe schicksalhaften Tag, da Nadeshiko auf dem Rückweg vom Polieren im Pokalzimmer wie durch Zufall ein Gespräch zwischen Professor Horace Slughorn und Argus Filch belauschte.
„Wenn ich es Ihnen doch sage – verfluche Bälger, alle samt! Der ganze Korridor ist voll davon und keines meiner Mittel kann es auflösen. Sie müssen einen Trank brauen, der wieder Ordnung macht – und am besten verteilen Sie gleich noch ein wenig Veritaserum unter diesen verfluchten Rotzgören!“, beschwerte sich der schon weit, weit in die Jahre gekommene Hausmeister, während er seine Katze streichelte.
In der Hoffnung nicht entdeckt zu werden, lugte Nadeshiko um die Ecke. Das Gesicht des Meisters der Zaubertränke war unnatürlich blass … und gleichzeitig wirkte es grünlich, so als wäre ihm unsagbar schlecht. Irgendetwas war geschehen, das selbst für die Verhältnisse in Hogwarts nicht normal war … Und sie würde herausfinden, worum es sich dabei handelte! Wie ein Ninja aus den japanischen Sagen schlich sie den beiden Männern hinterher. Filch lief vorbei an seinem Büro, erklomm einen kleineren Treppenaufgang in der Nähe und blieb vor einer Holztür stehen. Professor Slughorn trat hinein, jedoch zog er Klinke hinter sich wieder ins Schloss. Da seine Aufgabe beendet schien, trottete der Hausmeister in Begleitung von Mrs. Norris davon. Die Rothaarige wartete hinter einer Skulptur – es verging wohl mindestens eine halbe Stunde, bis der Meister der Zaubertränke wieder herauskam und für sein Alter recht eilig davon spurtete, in Richtung von Professor McGonegall´s Büro! Da sich sonst niemand hier herumtrieb, kam Nadeshiko aus ihrem Versteck und wollte sich den Korridor ebenfalls ansehen. Eigentlich hätte sie sich ja denken, dass etwas, das für solchen Wirbel sorgte, nicht unverschlossen zurückblieb … Enttäuscht schlurfte sie zu ihrem Gemeinschaftsraum.
Ungefähr zwei Wochen später hatte Nadeshiko diesen ominösen Zwischenfall schon fast wieder vergessen. Langweilig wurde einem in Hogwarts schließlich nur selten.
Bis Professor Flitwick seinen Schüler eröffnete, dass sie einen Zauber lernen würden: „Mit >Alohomora< wird es Ihnen möglich sein, beinahe jedes verschlossene Schloss zu öffnen – von magischen Barrieren einmal abgesehen. Missbrauchen Sie ihn daher nicht!“
Sofort überlegte Nadeshiko, ob sie so wohl in den Korridor gelangen könnte … Doch wenn Professor Slughorn wirklich die Direktorin eingeschaltet hatte, käme sie mit diesem Zauber sicher nicht weit. Wobei … hieß es nicht »probieren geht über studieren«? Ohtah wäre sicher auch dafür, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Und im Grund sollte es ja nicht verboten sein, wenn man für den Unterricht übte …
Falsch gedacht – denn an diesem Abend hielt Professor McGonegall vor dem Abendessen eine kurze Ansprache: „Ich habe eine wichtige Information für Sie – ab sofort ist es Ihnen strickt untersagt, sich dem unbenutzten Korridor im zweiten Stock des Westturmes zu nähern. Ein Verstoß gegen diese neue Schulregel wird hart bestraft!“
Durch die Große Halle schaute Nadeshiko zum Tisch der Slytherins und begegnete Ohtah´s wachsamem Blick. Auf ein kaum merkliches Nicken ihrerseits, weiteten sich seine Augen. Um sich selbst machte er sich eher weniger Sorgen – Nadeshiko war diejenige, die es zu beschützen galt und er würde sein Versprechen halten. Nicht, dass es sie davon abgehalten hätte, wenn er versuchte, es ihr auszureden … Also neigte er ebenfalls zustimmend mit dem Kopf. Die übrigen Schüler bemerkten nichts von diesem stummen Gespräch – nur einer der Lehrer begann die Stirn zu runzeln; es war Professor Rien, dessen Lippen sich langsam zu einem Lächeln verzogen.
Bereits am nächsten Tag nach dem Unterricht schlichen die beiden zur verschlossenen Tür.
„Ich gehe hinein – du wartest hier auf mich. Wenn jemand kommt, klopfst du zweimal an.“, wiederholte Nadeshiko ihren Plan.
Es widerstrebte Ohtah, sie allein gehen zu lassen, trotzdem bestätigte er: „Ja … und wenn du in einer Viertelstunde nicht zurück bist, hol´ ich dich da raus.“
Die Gryffindor wandte sich der Tür zu. Die Stärke eines Zaubers hing vom Willen des Zaubernden ab … Sie dachte an ihre Schwester, die ihr versichert hatte, aus Nadeshiko würde einmal eine großartige Hexe werden. Und mit dieser Entschlossenheit hob sie den Zauberstab, sprach das Wort der Macht. Klickend fuhr das Schloss zurück und die Tür öffnete sich. Die beiden Schüler tauschten noch schnell einen überraschten Blick, dann huschte Nadeshiko in den Korridor. Der Gang lag vollkommen im Dunkeln, kein Fenster war in das Mauerwerk eingelassen.
„Lumos!“, ließ sie die Spitze ihres Stabes aufleuchten und sah sich um.
Zunächst konnte sie nichts ungewöhnliches entdecken … bis irgendetwas weiter hinter den Schein zu reflektieren schien. Langsam ging Nadeshiko darauf zu. Es war eine Ansammlung von bläulichem Eis, welche den Boden und die Wände spickte. Im ersten Impuls wollte sie die Hand danach ausstrecken, hielt jedoch inne und entschied sich stattdessen für einen harmlosen Fluch. Als wolle es sich verteidigen, schwoll das Häufchen ab, welches sie getroffen hatte. Die Rothaarige zuckte zurück und hastete hinaus. Ohtah wollte schon fragen, was vorgefallen sei, da schüttelte sie den Kopf. Sie rannten regelrecht ins Freie und suchten sich ein abgeschiedenes Plätzchen. Dort berichtete Nadeshiko von ihrem eigenartigen Fund.
„Dieses Schloss gilt als einer der sichersten Orte der Welt. Es ergibt keinen Sinn, dass der Korridor erst jetzt verboten worden ist – es sei denn … dieses Eis war bislang gar nicht da, weil aus einem Verwunschenen Verlies stammt! Wer weiß … vielleicht hat deine Anwesenheit es aktiviert; immerhin war deine Schwester die letzte Person, die es betreten hat.“, überlegte Ohtah.
Diese Möglichkeit hatte Nadeshiko noch gar nicht in Betracht gezogen … Jeder Magier verfügte über eine eigene Signatur, etwa wie ein magischer Unterton. Es wäre gut denkbar, dass sich die von Seiketsu und ihr ähnelten.
„Wir brauchen einfach viel mehr Informationen!“, grummelte sie in dem Wissen, beinahe die gesamte Bibliothek auf den Kopf gestellt zu haben.
Ihre Nachforschungen blieben allerdings weiterhin erfolglos und für die Verbotene Abteilung erhielten sie als Erstklässler keinen Zugang. Nadeshiko suchte noch einige Male mehr den Korridor auf, in dem sich das Verwunschene Eis erschreckender Weise stetig ausbreitete. Die Lehrer wirkten verändert … besorgt, doch verschwiegen sie den Schülern, was vor sich ging. Dafür mussten diese sich mit den Prüfungen herumschlagen. Dank Ohtah´s Nachhilfe bestand Nadeshiko sogar den Flugtest, fiel aber in Geschichte der Zauberei wie erwartet durch. In den restlichen Fächern hielten sich beide mittelmäßig bis gut. Der Notenschluss hatte einen schalen Nachgeschmack – die Sommerferien standen vor der Tür. Während sich die anderen auf ihr Zuhause freuten, wurden Ohtah´s Gedanken besonders trübsinnig. Er wusste, er konnte nicht fahren, ohne seiner besten Freundin endlich die Wahrheit zu gestehen … Die Familie Shadowdragon hatte sich bereits vor Jahrhunderten der schwarzen Magie verschrieben – allerdings gehörten sie nicht zur Gefolgschaft des Dunklen Lords. Sein Vater, Shiro Shadowdragon hätte niemals jemanden geduldet, der ihm Befehle erteilt hätte. Bei seiner Geburt war seine Mutter gestorben … doch ihr Anwesen wimmelte von Tanten, Onkeln, Cousinen, Cousins und so weiter. Ohtah war stets ein Außenseiter gewesen und hatte sich geweigert, die dunklen Rituale zu lernen. Und hier nach Hogwarts hatte es nur geschafft, weil er Professor McGonagell einen Brief geschickt und um die Aufnahme gebeten hatte … er hatte seinen Vater als überfürsorglich dargestellt, labil und ein wenig kritisch gegenüber dem Schulsystem – daher war bei ihnen ein sehr überzeugender Brief vor Beginn des Schuljahres angekommen, indem sie sogar einen persönlichen Besuch angeboten hatte. Natürlich wollte Shiro Shadowdragon nicht riskieren, dass ausgerechnet ein Mitglied des ehemaligen Ordens des Phönix vor seiner Haustür stand … und hatte seinem Sohn widerwillig die Zustimmung erteilt.
Nadeshiko hatte während seines gesamten Berichts geschwiegen. Sie ahnte, dass ihn dieselben Sorgen quälten, wie sie … als sie ihm zum ersten Mal von Seiketsu erzählt hatte. Und sie waren ebenso unbegründet.
„Du glaubst jetzt aber nicht ernsthaft, dass das irgendetwas ändert, oder? Ohtah, es ist mir vollkommen egal, was dein Vater ist – für mich zählt nur, wer du bist!“, entgegnete sie lächelnd und nahm seine Hand, „Du bist mein bester Freund … und deshalb musst du mir unbedingt schreiben! Shirayuki vertraut dir – sie wird auf deine Antwort warten, bevor sie zu mir zurückkehrt.“
Er war sprachlos. Ihm war zuvor bereits bewusst geworden, welches Glück ihm die Freundschaft mit Nadeshiko bescherte … Nun da er in die finstere Einsamkeit seiner Familie zurückkehren sollte, noch einmal umso mehr. Er konnte nicht anders, als sie fest zu umarmen. Damit endete Nadeshiko´s und Ohtah´s erstes Jahr in Hogwarts – doch ihr gemeinsames Abenteuer hatte noch gar nicht richtig begonnen …
Das Verlies von Eis und Schnee
Nadeshiko zählte die Tage bis zu ihrer Rückkehr zum Bahnhof King´s Cross. Neben dem ständigen Briefwechsel mit Ohtah, hatte sie sämtliche Schriftstücke von Seiketsu erneut durchforstet. Immer wieder las sie die aufmunternden Worte, die Beschreibungen des wundersamen Hogwarts und … der merkliche Hinweis, dass sie einem großen Geheimnis auf der Spur sei. Jedoch keinerlei Informationen über die Lage oder sonst irgendetwas über die Verwunschenen Verliese. Bislang hatte sie die magische Schatulle, in der Nadeshiko sie aufbewahrte, zu Hause in ihrem Zimmer verborgen gehalten … diesmal lag sie ganz unten in ihren Koffer. So hatte die Rothaarige das Gefühl ihre Schwester wäre bei ihr …
„Hey, Shiko!“, begrüßte sie eine ihr überaus vertraute Stimme am Bahngleis.
Nadeshiko räusperte sich verhalten und wies auf ihre Eltern: „Otosama, Okasan … darf ich euch Ohtah Shadowdragon vorstellen? Er ist mir in Hogwarts ein guter Freund geworden.“
„Deshalb habe ich Shirayuki in den Ferien so selten gesehen.“, sagte ihre Mutter lächelnd, „Danke, dass Sie meine Tochter unterstützen, Ohtah-san.“
Ihr Vater schwieg, neigte jedoch wenigstens leicht sein Haupt. Für den Moment genügte Nadeshiko diese Reaktion. Sie verabschiedete sich von ihnen und stieg mit Ohtah ein. Sie suchten sich wieder eines der unbeliebteren Abteile ganz hinten. Für ein paar Stunden war ihre Mission vergessen …
Jedenfalls bis Professor McGonegall die Schülerschaft erneut ermahnte: „Die Schulordnung ist strickt einzuhalten – vor allem der Wald und der verschlossene Korridor im zweiten Stock des Westturmes dürfen nicht betreten werden.“
Den Rest ihrer Rede ignorierte Nadeshiko so gut es ging, Ohtah dagegen verfolgte die anschließende Auswahl der neuen Erstklässler wie gebannt. Ein blonder Huffelpuff erregte seine Aufmerksamkeit; der Junge wirkte eingeschüchtert, beinahe fehl am Platz. Sein Tisch stand genau zwischen dem der Gryffindors und Slytherins. Als er sich setzte, bemerkte er die Musterung und mit einem zaghaften Lächeln auf dem Gesicht, winkte er. Ohtah jedoch sah zur Seite. Verwirrt hatte Nadeshiko das Schauspiel beobachtet …
Die Antwort darauf erhielt sie nach einigem Herumdrucksen in der Bibliothek: „Er … ist mein Halbbruder. Mein Vater hat seine Mutter früher manchmal … besucht. Zumindest hat er das so formuliert … Den Rest seiner Tirade erspare ich dir.“
Es war nicht das erste Mal, dass er Nadeshiko nicht die brutale Wahrheit an den Kopf schleuderte, sondern ihr nur in abgespeckter Form von seiner Familie berichtete. Nicht dass er an ihrer Loyalität zweifelte … er wollte sie nur vor der Grausamkeit seines Vaters beschützen.
„Weiß dein Bruder von dir? Wie heißt er eigentlich?“, wollte Nadeshiko interessiert wissen.
Ohtah zuckte leicht mit den Schultern, als er antwortete: „Klerus Monko. Ich weiß nicht so genau – wir haben uns nie vorher getroffen. Ich … habe vor ein paar Jahren einen Brief von seiner Mutter an meinen Vater … entgegen genommen und darin war ein Foto von ihm. Deshalb habe ich ihn erkannt.“
Wäre die Situation nicht so grotesk gewesen, hätte Nadeshiko über Ohtah´s Streich gegenüber seinem Vater gelacht – so meinte sie: „Dann musst du es ihm sagen!“
Der Braunhaarige starrte sie an, als wären sie von allen guten Patroni verlassen, und entgegnete leicht spöttisch: „Und ihm die Kunde über die Identität seines großartigen Vaters überbringen? Wer weiß, was ihm erzählt wurde … oder was er sich selbst zusammen gereimt hat. Soll diese Illusion wirklich zerstören?“
„Aber du bist doch nicht dein Vater!“, widersprach sie.
Natürlich hing ihre Hartnäckigkeit mit Seiketsu zusammen … Sie vermisste ihre Schwester an jedem einzelnen Tag und plötzlich hätte Ohtah die Chance, einen kleinen Bruder zu haben – sie konnte nicht nachvollziehen, wie er da zögerte.
„Ich … werde erst mal abwarten. Ihn beobachten – dann sehen wir weiter.“, entschied Ohtah.
Er kannte Nadeshiko inzwischen gut genug, um zu ahnen, dass sie es darauf nicht würde beruhen lassen … Außer sie stürzte sich auf etwas anderes.
„Wir müssen zurück in den Korridor.“, flüsterte der Braunhaarige, während er sich näher zu ihr herüberbeugte, „Am besten sofort.“
Nadeshiko wurde ernst, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Den ganzen Sommer hatte sie sich Gedanken über das Verwunschene Eis gemacht. Natürlich wusste sie, dass Ohtah sie mit der Erwähnung von Klerus ablenken wollte … aber dennoch blieb es Realität – und so klappte Nadeshiko das Buch zu, welches auf magische Weise zurück an seinen Platz flog.
Um Unauffälligkeit bemüht liefen beiden Schüler fröhlich plaudernd durch das Schloss. Ihre Route beinhaltete einige Umwege – nicht zuletzt horchten sie kurz an der Tür zu Filch´s Büro, der drinnen wie üblich Mrs. Norris von seinen Plänen über mögliche Bestrafungen berichtete. Schließlich richtete Nadeshiko ihren Zauberstab auf das Schloss, ließ es magisch aufspringen und huschte hinein. Als sie ihren Lumos-Zauber wirkte, erschrak die Gryffindor – der halbe Gang war während der Sommerferien vom Verwunschenen Eis überwuchert worden. Draußen packte sie Ohtah´s Hand und rannte mit ihm hinaus zum Schwarzen See, wo sie ungestört waren.
„So kann das nicht weitergehen, Ohtah – wir müssen etwas unternehmen! Bevor noch jemand zu schaden kommt.“, schloss Nadeshiko ihren Bericht.
Er stimmte ihr zu, hatte jedoch auch Bedenken: „Aber wie sollen wir das anstellen? Wir müssten den Korridor noch genauer untersuchen können …“
Die Rothaarige schwieg, ihr Blick wanderte über den See. Das Schloss spiegelte sich darin.
Und mit einem Mal kam ihr ein Geistesblitz: „Ob verwunschen oder nicht – Eis kann gegen Feuer nicht bestehen!“
Ohtah blinzelte. Warum waren sie nicht eher darauf gekommen? Im Kopf ging er Band eins des Lehrbuchs der Zaubersprüche durch … keine Elementarzauber.
„Wieder in die Bibliothek?“, fragte Nadeshiko schon beinahe belustigt – wahrscheinlich hatte es in Hogwarts noch nie Schüler gegeben, die so viel Zeit dort verbrachten.
Die Wochen zogen dahin – aus September wurde Oktober, der Oktober wich November und ehe sie sich versahen, standen die ersten geschmückten Tannen in der Großen Halle. Wie bereits im vergangenen Jahr hatte sich Nadeshiko entschieden, über die Ferien bei Ohtah in der Schule zu bleiben – für Japaner war dies ohnehin kein Fest der Familie, sondern der Liebenden und von daher machte es weder ihr noch ihren Eltern etwas aus. Nur eine Handvoll anderer Schüler blieb ebenfalls. Alles wurde lockerer, eine einzige Tafel genügte und die beiden gönnten sich eine kleine Pause von ihrem heimlichen Training. Bei ihren Streifzügen durch den Schnee, flog Shirayuki über ihnen, fing vereinzelt Schneeflocken mit dem Schnabel. Als sie nach einem besonders langen Ausflug, der in einer heftigen Schneeballschlacht geendet hatte, durchgefroren ins Schloss zurückkehrten, hörten sie einen Tumult im Krankenflügel.
Die Tür stand offen und Professor McGonegall´s energische Stimme drang heraus: „Wie konnte es nur soweit kommen? Und wieso nur nach all diesen Jahren?“
„Wer weiß, Minerva … Hoffen wir nur, dass nicht noch mehr diesem Fluch zum Opfer fallen.“, antwortete Madame Poppy Pomfrey in ihrem französischen Akzent.
Nadeshiko und Ohtah starrten sich blass geworden an. Das Eis hatte jemand Schaden zugefügt … die Zeit lief ihnen davon! Anstatt also wie geplant eine Tasse heißen Kakao zu schlürfen, rannten sie wieder hinaus auf das Gelände zum See.
„Incendio!“, rief die Gryffindor und ein dünner Faden aus Flammen schlängelte sich daraus, der verpuffte, noch ehe er das Wasser berührte.
Fast eine Stunde lang versuchten sie sich an dem Zauber. Die Kälte zog ihnen immer tiefer in die Glieder. Dann legte Ohtah seine Hand auf Nadeshiko´s und schüttelte den Kopf. Obwohl sich Protest in ihr breit machte, wusste sie, dass er recht hatte … Für heute hatten sie ihre magischen Kräfte einfach zu erschöpft.
Das neue Jahr brachte weitere Schneefälle – Pflanzenkunde war für unbestimmte Zeit auf Theorie verlegt worden und die Schüler durften das Schloss nicht mehr verlassen, selbst Quidditch wurde ausgesetzt. So gab es für Nadeshiko und Ohtah keine Möglichkeit mehr, ungestört üben zu können; immerhin wollten sie nicht irgendetwas abfackeln. Doch kaum standen die Zwischenzeugnisse vor der Tür, gab es ein weiteres Opfer … Diese Schülerin hatte sich nicht wie jener in den Weihnachtsferien heimlich in den Korridor geschlichen, um dem Grund für das Verbot auf den Grund zu gehen – sie war im Westturm nur zufällig auf so etwas wie einen Splitter getreten und schon überzog das Eis ihren Körper. Natürlich waren Nadeshiko und Ohtah nicht wie angeordnet in ihren Gemeinschaftsräumen geblieben. Der Slytherin, der inzwischen fast sämtliche Geheimgänge auswendig kannte, führte sie zu einem Hohlraum in der Wandvertäfelung des Lehrerzimmers. Alle redeten wild durcheinander – die meisten besorgt, andere wütend.
„Das ist sicher wieder die Schuld von Yosogawa! Sie gehört der Schule verwiesen!“, empörte sich der Lehrer für Muggelkunde.
Nadeshiko schlug sich die Hände vor den Mund. Sie hatte es gewusst … die Blicke waren schon deutlich genug gewesen. Man machte ihre Schwester für die vergangenen Vorfällen verantwortlich, nun war sie an der Reihe.
„Nein.“, ergriff Professor McGonegall das Wort, die ganz ruhig sprach, „In Hogwarts gilt seit jeher >unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist<. Dennoch ist die Gefahr aktuell zu groß … die Schüler müssen nach Hause, bis Hogwarts wieder ein sicherer Ort ist – am besten noch heute!“
Diese Nachricht schockierte noch mehr. Weder Nadeshiko noch Ohtah ahnten, dass Professor McGonegall schon einmal diese Entscheidung getroffen hatte … vor vielen Jahren, als ein Basilisk eine Schülerin in die gefürchtete Kammer des Schreckens entführte. Damals war ein tapferer Gryffindor aktiv geworden, um seine Freundin und die Schule zu retten.
„Überspringen wir also die Testphase …“, flüsterte die Rothaarige kaum hörbar, „Wir müssen sofort in das Verlies!“
Ohtah nickte grimmig. Im Schatten der Gänge schlichen sie in den zweiten Stock des westlichsten Turmes. Nadeshiko öffnete die Korridortür, verharrte jedoch davor. Das Verwunschene Eis war beinahe vollständig verschwunden – wahrscheinlich hatten die Lehrer es zurückgetrieben. Doch genau auf einen der winzigen Splitter trat der Slytherin, als er sich umsah. Zügig breitete es sich über seine Beine
„Lumos Maxima!“, beschwor die Rothaarige einen kraftvollen Lichtstrahl, der vor ihr in der Luft schwebte, „Beweg´ dich nicht, Ohtah … Incendio!“
Das Eis wich vor den Flammen zurück und Ohtah war wieder frei – wenn auch mit einer leicht angesenkten Hose. Nadeshiko setzte schon zu einer Entschuldigung an, aber er winkte ab. Sie hatte ihn gerettet! Und nun wussten sie immerhin, dass ihr Plan soweit schon mal funktionierte … Also wandten sie sich erneut der Spurensuche zu. Wie bei ihrem ersten Besuch gab es nichts außergewöhnliches zu entdecken. Durch ein einziges Buntglasfenster fiel etwas Zwielicht, eine Bank stand darunter. Da erinnerte sich Nadeshiko, dass das Verwunschene Eis sich zuerst an einer Stelle der Wand gesammelt hatte. Zögernd streckte sie den Arm aus, strich über den rauen Stein – er war bitter kalt, was innerhalb dieser Mauern allerdings überall der Fall gewesen wäre.
„>Nichts ist wie es scheint – vor allem in Hogwarts.<“, murmelte die Gryffindor plötzlich und hob wie hypnotisiert den Zauberstab, „Revelio!“
Ein donnerndes Krachen hallte durch die Räumlichkeit; eine Platte fuhr in den Boden, hinter der eine blass blaue Treppe zum Vorschein kam. Nadeshiko und Ohtah stockte der Atem, der kleine Wölkchen bildete. Entschlossen setzte der Braunhaarige einen Fuß auf die unterste Stufe … kein Eis griff auf ihn über.
Er machte noch einen Schritt und stieg beinahe ein gesamtes Geschoss hinauf, ehe er rief: „Alles in Ordnung – wenn man davon absieht, dass wir gerade ein Verwunschenes Verlies gefunden haben.“
Sie folgte ihm. Auf dem oberen Treppenabsatz erstarrte Nadeshiko. Ein gewaltiges Tor aus massivem Eis befand sich dort … der Eingang zum Verlies von Eis und Schnee! Sie tauschten einen Blick, bevor Ohtah den Feuer-Zauber sprach – die bläuliche Schneeflocke, die als Schloss fungiert hatte, schmolz in sich zusammen. In einem Geräusch wie Fingernägel, die über eine Tafel kratzten, schwangen die mächtigen Flügel auf. Ein mit Eiszapfen übersäter Ritter trat zwischen ihnen hervor, das eisige Schwert drohend erhoben. Zunächst jagten Nadeshiko und Ohtah ihm abwechselnd die verschiedensten Flüche auf den Hals, die sie bislang gelernt hatte – jeder einzelne prallte an der kalten Rüstung ab und er kam unaufhörlich näher. »Incendio« traf … doch aufzuhalten oder gar ihn zu besiegen schien er nicht.
Panisch umklammerte Nadeshiko den Arm ihres besten Freundes, der beruhigend erklärte: „Hab´ keine Angst, Shiko … Gemeinsam können wir es schaffen!“
Sofort fühlte sie sich stärker. Solange Ohtah bei ihr war, konnte ihr nichts geschehen – daran glaubte sie fest. Synchron sprachen die beiden Zweitklässler das Wort der Macht. Ihre rot züngelnden Flammen schossen auf den Ritter zu, er versuchte der Hitze zu widerstehen … Zuerst brach die Klinge, anschließend knickten seine Beine ein. Gerade als Nadeshiko dachte, ihre magische Energie gehe zur Neige, löste sich der Eisritter in einem nebligen Dunst auf. Im ersten Moment noch ungläubig, sprangen sie hoch und klatschen sich in einem euphorischen High Five ab.
Weiterhin auf Vorsicht bedacht, wollte Ohtah durch das Tor treten, doch die Gryffindor sagte: „Die Verwunschenen Verliese sind in erster Linie meine Bürde … Sei hat mir diese Aufgabe übertragen.“
Den Zauberstab erhoben trat sie durch das gefrorene Tor, hinter dem ein gleißendes Licht blendend aufleuchtete. Der Raum in Form eines Heptagon barg kaum noch Verwunschenes Eis … vielmehr schien er aus Glas zu bestehen. Und keine Spur von Seiketsu … Dafür zog eine verzierte Säule im Zentrum Nadeshiko beinahe magisch an – sie tippte mit dem Zauberstab dagegen. Die Hülle glitt herab und darin befand sich nichts weiter, als ein zusammengefaltetes Stück Pergament. Neugierig griff die Rothaarige danach, klappte es auseinander. Darauf war fein säuberlich ein Drache gezeichnet.
„Was soll das denn?“, fragte Ohtah, der sich über ihre Schulter beugte.
Nadeshiko kam nicht mehr zum Antworten – das Leuchten an den Wänden erlosch, das Gestein erzitterte und die Flügeltüren begannen sich zu schließen.
„Sofort raus hier!“, schrie Nadeshiko.
In dieser Angelegenheit ließ sich der Slytherin nicht zweimal bitten – er packte ihre Hand und rannte hinaus, die Stufen hinunter, zurück in den verbotenen Korridor. Schnaufend kamen Die beiden dort zum Stehen.
Bevor sie sich allerdings darüber freuen konnten, erklang eine schneidende Stimme: „Was tun Sie denn hier, Miss Yosogawa und Mister Shadowdragon?“
Professor Minerva McGonegall, Professor Fillius Flitwick, Professor Horace Slughorn sowie Professor Ramon Rien starrten sie entsetzt an.
Nadeshiko wurde blass, während Ohtah stammelte: „Wir … Also … Der Fluch … Wir haben ihn gebrochen.“
„In mein Büro!“, wetterte die Hauslehrerin der Gryffindors.
Dort angelangt berichtete Nadeshiko allen Anwesenden, wie ihr bereits letztes Jahr durch das Verbot der Gedanke gekommen war, das Verwunschene Verlies würde sich in besagtem, zweiten Stock befinden und dass sie auf Feuer als Gegenkraft zum Eis gekommen waren. Den Kampf gegen den Eisritter schmälerte sie etwas ab.
„Haben Sie Kontakt zu Ihrer Schwester?“, wollte der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste wissen.
Sie schüttelte den Kopf, ihre Augen wurden feucht. Eineinhalb Jahre hatte sie gehofft, das Lösen dieses Rätsels würde sie Seiketsu näher bringen … stattdessen stand ihr und noch viel schlimmer Ohtah nun vermutlich der Rauswurf aus Hogwarts bevor. Die Direktorin schwieg, ihr Blick ruhte unverwandt auf den beiden Schülern. Man konnte ihr ansehen, dass sie angestrengt nachdachte.
Irgendwann wandte sie sich an den Meister der Zaubertränke: „Mister Shadowdragon ist in Ihrem Haus, Horace … Was halten Sie von einhundert Hauspunkten pro Person und besondere Auszeichnungen für Verdienste um das Wohl der Schule?“
Es war schwer zu sagen, wer verblüffter drein schaute – Nadeshiko, Ohtah oder gar Professor Slughorn, der beinahe zaghaft nickte.
„Wunderbar – also einhundert Punkte für Gryffindor und Slytherin.“, bestätigte sie, bevor ihr Tonfall ernster wurde, „Sie waren sehr leichtsinnig … dennoch komme ich nicht umhin zuzugeben, dass Sie etwas geschafft haben, was die Lehrer nicht vermochten, aber dass mir das nicht noch einmal vorkommt. Und jetzt schleunigst in Ihre Gemeinschaftsräume!“
Immer noch perplex erhoben sich die beiden, verließen das Büro. Um die überraschende Mildtätigkeit von Professor McGonegall folgten sie ihrer Anweisung. Ohtah begleitete Nadeshiko bis zum Porträt der Fetten Dame, die den Zugang zum Gryffindor-Turm bewachte.
„Ist … alles in Ordnung, Shiko? Wir haben zwar keinen Ärger bekommen, aber … über Seiketsu haben wir auch nichts neues erfahren.“, meinte Ohtah besorgt.
Ein trauriges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie entgegnete: „Diese Zeichnung … zeigt Seiketsu´s größte Angst. Und das hat irgendetwas mit dem nächsten Verlies zu tun.“
Innerhalb eines Sekundenbruchteils zog er sie in seine Arme, endlich brachen die zurückgehaltenen Tränen aus ihr heraus.
„Wir finden sie …“, versprach er, während seine Hand beruhigend über ihr Haar streichelte.
Ein paar Tage später, während sie in der Bibliothek gerade für ihre Prüfungen den Stoff aus Zauberkunst wiederholten, kam Ohtah plötzlich ein Gedanke: „Wie bist du eigentlich auf >Revelio< gekommen?“
Nadeshiko stockte in ihrer Arbeit und erklärte lächelnd: „Mir ist eingefallen, was Seiketsu in ihrem letzten Brief geschrieben hat. Es ist fast ein wenig albern … seit jenem Tag trage ich ihn und das Stück Pergament ständig mit mir herum.“
Da ihr Ohtah´s interessierte Miene auffiel, zog sie das Papier aus der Innentasche ihres Umhangs und reichte es ihm.
In säuberlicher Handschrift stand darauf: „>Meine geliebte Shiko, ich weiß, es wird noch einige Jahre dauern, bis du mich verstehen wirst … Aber ich weiß nicht, ob ich dir diese Worte dann noch persönlich sagen kann. Nichts ist, wie es scheint – vor allem in Hogwarts! Vergiss´ das niemals … und verzeih´ mir. In Liebe, Sei<“
„Es ist, als hätte sie gewusst, was mit ihr passieren würde … und dass ich nach ihr suchen würde.“, murmelte die Gryffindor etwas nachdenklich.
Der Slytherin dagegen blieb stumm, las die Zeilen erneut. Dieser eine Satz, der Nadeshiko auf die zündende Idee gebracht hatte, beschäftige ihn.
„>Nichts< …“, wiederholte er und zückte seinen Zauberstab, „Revelio!“
Ihr entsetzter Blick wanderte von Ohtah zu dem Brief, der sich langsam ausdehnte und schließlich als ledernes Notizbuch zwischen ihnen lag. Noch vollkommen sprachlos schlug Nadeshiko es auf.
Nach einer kurzen Widmung »Für das Wohl der Zaubererschaft und die Zukunft meiner kleinen Schwester« kam der erste Eintrag: „>Meine geliebte Shiko, wenn du mein Notizbuch in Händen hältst, hast du bereits mindestens ein Verwunschenes Verlies überwunden. Ich schreibe dies für den Fall, dass mein Unterfangen scheitert – dann wirst du es sein, die es zu Ende bringt! Ich weiß nicht, wie viele genau es von ihnen gibt … drei, vier, fünf oder sogar noch mehr? Im letzten von ihnen soll sich etwas unglaubliches befinden, das die Zaubererwelt auf den Kopf stellen könnte, wenn es in die falschen Hände geraten würde. Die Welt hat genug schwarze Magier gesehen – was auch immer die Verwunschenen Verliese verbergen, es muss unbedingt beschützt werden! Du fragst dich jetzt sicher, warum ich mich überhaupt danach auf die Suche mache, wo sie doch Jahrhunderte geheim gehalten worden waren … und ich frage dich, warst du denn für das erneute Ausbrechen des Fluches verantwortlich? Nein … genauso wenig wie ich. Aber irgendjemand sucht nach den Verliesen. Wann immer ihnen jemand auf die Spur kommt, bricht ein Fluch aus, um denjenigen aufzuhalten. Verzage nicht, Shiko – in dir brennt ein Feuer, mit dem du jedes Hindernis überwinden kannst! Ich liebe dich, kleine Schwester. Deine Sei<“
Nadeshiko´s Kehle war wie ausgetrocknet. Dies war der Hinweis, nachdem sie gesucht hatte … natürlich hatte sie niemals an der Unschuld ihrer Schwester gezweifelt – es war kein eigennütziges Handeln gewesen. Mit zittrigen Fingern blätterte sie weiter.
Der folgende Abschnitt lautete: „>Das nächste Verlies versetzte mich in Angst und Schrecken … Du bist sicher eine Gryffindor geworden, nicht wahr? Doch du wirst mehr als nur ein wenig Mut brauchen … das Wissen, das ich als Ravenclaw schätze, ist ebenso nützlich.<“
„Ist das alles?“, entfuhr es dem Braunhaarigen, woraufhin Nadeshiko den Kopf schüttelte – alles schien rätselhaft formuliert, aber etwas mehr hatte Seiketsu ihnen dennoch hinterlassen.
Sie zog den zweiten Zettel aus ihrem Umhang, legte es daneben und flüsterte: „Danke, Schwesterherz … jetzt wissen wir wenigstens, was uns erwartet.“
Nach dem Frühstück des letzten Schultages wartete Ohtah wie üblich vor der Großen Halle auf Nadeshiko. Alle Zweitklässler hatten keinen Unterricht mehr – dafür Berufsberatung bei den Hauslehrern, um sich für passende Wahlpflichtfächer zu entscheiden – obwohl Nadeshiko ihre Ängste großteils abgelegt hatte, würde aus ihr nie eine große Besenfliegerin werden und sie war erleichtert, den Flugunterricht überstanden zu haben.
„Was wirst du Slughorn nachher erzählen?“, wollte die Gryffindor interessiert wissen.
Der Braunhaarige seufzte: „Meine Zukunftsplanung geht genauso weit wie deine – die Verliese stehen an erster Stelle. Und danach? Wer weiß, wohin es uns verschlägt.“
Nadeshiko blieb unvermittelt stehen und sagte: „Ohtah … du bist mein bester Freund und ohne dich wäre ich mehr als aufgeschmissen – trotzdem hast du immer noch ein eigenes Leben! Was ist mit deinen Träumen? Es reicht schon, dass du es abgelehnt hast, Teil des Quidditch-Teams zu werden.“
Denn genauso war es gewesen – ungefähr zum Halbjahr hatte Nadeshiko zufällig mitgehört, wie Ohtah angesprochen worden war … doch er hatte den Kapitän der Slytherins rigoros vor den Kopf gestoßen.
„Und mein Schwur?“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ihre Stimme klang belegt, als sie gequält erwiderte: „Endet spätestens nach dem letzten Verlies …“
Ohtah stand mit dem Rücken zu ihr, sodass sie den wütenden Gesichtsausdruck nicht hatte sehen können. Ohne ein weiteres Wort marschierte er in Richtung der Kerker davon, zu seinem Gemeinschaftsraum. Vollkommen perplex schaute die Rothaarige ihm nach. So konnte er auch sein, unglaublich bockig, verschlossen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ebenfalls den Gemeinschaftsraum aufzusuchen – ihrer lag bekanntlich im höchsten Turm des Westflügels – und auf das Gespräch zu warten. Dabei ahnte die schöne Rothaarige gar nicht, was in ihm vorgegangen war … Sie hatte es nicht begriffen. Sein eigenes Leben, wie sie es so schön genannt hatte, ergab erst Sinn, seit er ihr begegnet war – wenn Ohtah mit Nadeshiko zusammen war, sah er sich nicht als Spross einer schwarz-magischen Familie … nicht als Schwächling oder nutzlos, was sein Vater ihm ja so gern vorwarf, wenn er mal wieder ein uraltes Ritual absichtlich ruinierte oder er sich weigerte irgendwelche dunklen Zauber auswendig zu lernen. Sie allein ließ ihn die Narben auf seinem Rücken vergessen, von denen er ihr vielleicht eines Tages erzählen würde … Solange würde er die Zeit mit ihr in Hogwarts vollkommen genießen, egal welche Schwierigkeiten die beiden schulisch und in Sachen Verliese auch erwarten möge! Wie sollte er sich da eine Zeit danach vorstellen?
Am frühen Nachmittag suchte Nadeshiko schließlich das Klassenzimmer von Verwandlung auf, nachdem sie einige Stunden ihren trüben Gedanken nachgehangen und sich über sich selbst geärgert hatte. Allerdings zog die Tatsache, dass jemand anderes als ihre Hauslehrerin sie erwartete, ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich.
Verwundert fragte Nadeshiko: „Äh … Professor Rien? Wo ist Professor McGonegall?“
„Ich habe Minerva gebeten, in Ihrem Fall dieses Gespräch übernehmen zu dürfen. Bitte setzen Sie sich, Miss Yosogawa, und erzählen mir, was Ihnen so durch den Kopf geht.“, meinte der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste mit einem herzlichen Lächeln.
Sie tat wie ihr geheißen und sagte: „Ich … Um ehrlich zu sein, habe ich mir noch nicht allzu viele Gedanken über meine Zeit nach Hogwarts gemacht. Wissen Sie, mein Vater arbeitet für das japanisch-magische Konsulat … aber ich denke nicht, dass ein Bürojob etwas für mich wäre.“
„Damit können wir doch schon einmal arbeiten. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten – haben Sie gehört, wie manche Schüler Sie nennen?“, antwortete Professor Rien und redete einfach weiter, ohne ihre Antwort abzuwarten, „>Fluchbrecher< … Das ist allerdings nicht nur einfach eine Bezeichnung für das, was Sie getan haben – es ist ein äußerst angesehener Beruf. Nur hochqualifizierte Hexen und Zauberer bestehen die fünfjährige Ausbildung bei Gringotts und erhalten im Anschluss daran dort eine Anstellung – oder Sie arbeiten, wie ich einst, freiberuflich. Wenn Sie möchten, könnte ich Ihnen ein wenig mehr darüber berichten – falls dies denn für Sie als Beruf in Frage käme.“
Die Gryffindor dachte über diese Aussicht nach. Im Grunde war die Suche nach dem Verlies nicht nur irgendeine Plackerei, eine Bürde für sie gewesen – es hatte ihr auch Spaß gemacht, das Geheimnis zu lüften. Also nickte sie und lauschte seinen Ausführungen. Als Nadeshiko über eine Stunde später den Raum verließ, hatte sie sich entschieden; sollte sie entgegen aller Vermutungen Hogwarts nicht mit einem Rauswurf, sondern einem Zeugnis verlassen, würde sie ein professioneller Fluchbrecher werden! Professor Rien nach waren Arithmantik und Alte Runen damit auf jeden Fall Pflicht bei der Entscheidung ihrer neuen Fächer; Pflege magischer Geschöpfe könnte ebenfalls nützlich sein, sollte sie zum Beispiel auf ein zur Bewachung abgerichtetes Tierwesen stoßen. Diese Gedanken begleiteten sie noch während sie in den Gryffindor-Turm zurückkehrte, um ihre Sachen für die Abreise zu packen. Dann musste die junge Hexe schon wieder zum Abendessen hinunter in die Große Halle, wo Professor McGonegall wenig später ihre Abschlussrede hielt. Und zum zweiten Mal in Folge wehten die Löwenbanner zum Zeichen, dass ihr Haus den diesjährigen Hauspokal gewonnen hatte. Kein Wunder – bei der Punktzahl, die Nadeshiko durch das Brechen des Fluches erhalten hatte; Slytherin lag ganz knapp natürlich auf Platz zwei, da Ohtah dieselbe Belohnung erhalten hatte. Apropos Ohtah – er fehlte das komplette Bankett über. Nadeshiko machte sich Sorgen, doch wen sollte sie nach seinem Verbleib fragen? Von seinem Haus stand er niemandem nahe … Professor Slughorn saß ebenfalls nicht an seinem Platz. Ob sie noch in ihr Gespräch vertieft waren?
Erst am nächsten Tag auf der Heimfahrt sollte sie erfahren, dass Ohtah an einem privaten Abendessen des Meisters der Zaubertränke teilgenommen hatte, die er gelegentlich für ein paar ausgewählte Schüler veranstaltete. Spontan bei der Berufsberatung hatte er ihn eingeladen, noch dazu zu stoßen.
„Ich habe mir Sorgen gemacht …“, gestand die Gryffindor.
Er zog kurz eine Augenbraue hoch und meinte: „Ach, ich hatte eher das Gefühl, als wolltest du mich loswerden.“
Sie biss sich auf die Unterlippe, ehe sie antwortete: „Das stimmt so nicht … Sei ist meine Schwester und ich muss alles riskieren, um sie zu retten – du dagegen hast eine Wahl.“
„Und ich habe sie bereita vor zwei Jahren am ersten September getroffen.“, entgegnete er etwas milder gestimmt, „Erzähl´, was hast du zusammen mit Professor McGonegall für die Zukunft ausgetüftelt?“
Das Lächeln kehrte in ihre Züge zurück, während sie von dem Gespräch berichtete.
„Du bist ja nicht gerade freiwillig zum Fluchbrecher geworden …“, entgegnete Ohtah leise.
Im Stillen dankte sie ihm, dann sagte sie: „Weißt du, ich halte es nicht nur für einen Spitznamen … ich glaube, diese Arbeit würde mir nach Professor Rien´s Ausführungen echt liegen. Durch die Verliese besitze ich ja eine gewisse Vorerfahrung. Natürlich, sähe die Lage anders aus, wäre ich vermutlich nicht darauf gekommen. Jetzt bist du dran!“
„Na ja, es war ja schon von vornherein klar, dass ich unter keinen Umständen das Erbe meiner Familie antreten werde … das kann mein Vater echt vergessen, nie und nimmer werde ich wie er sein – sobald wie möglich bin ich eh weg von da! Manchmal hasse ich es sogar, hier ständig mit diesem Namen angesprochen zu werden, der uns verbindet …“, grummelte der Braunhaarige völlig vom Thema abgekommen.
Sie zog ihn näher an sich und meinte: „In Japan gilt der Drache als heilig – er steht für Glück, Reichtum, Intelligenz, Güte und repräsentiert unter den vier Elementen das Wasser … Deine Familie ist diesem Namen nicht würdig, anders als du – du wirst ihm Ehre machen!“
Ohtah löste die Umarmung nicht, damit sie seine Tränen nicht sehen konnte. Dass sie sein wild klopfendes Herz bemerkte, konnte er dagegen nicht verhindern …
Irrwichte und andere Schreckgespenster
Je tiefer ihre Freundschaft im vergangen Jahr geworden war, desto trostloser machte es die Zeit ohne Ohtah. Zwar hatte er beinahe täglich Briefe geschrieben … Doch kaum, dass Nadeshiko ihn auf dem Bahngleis erspäht hatte, war sie auf ihn zugerannt, um ihn zu umarmen. Vielleicht hätte die hübsche Rothaarige sich das nicht getraut, wenn ihr Vater dabei gewesen wäre, doch er war geschäftlich verreist. Ihre Mutter störte sich nicht daran – sie kannte ihre Tochter einfach zu gut und wusste, dass der junge Mann einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen ausfüllte.
„Ich wünsche euch ein tolles Schuljahr!“, sagte sie zum Abschied mit einem Lächeln, „Pass´ bitte gut auf Shiko auf, Ohtah-san. Lass´ sie nicht allein nach Hogsmeade gehen, ja? Ich habe es nur unter dieser Bedingung erlaubt.“
Ohne auf Nadeshiko´s schockierten Blick zu achten, bestätigte er: „Natürlich, Misses Yosogawa, Sie können sich auf mich verlassen!“
Um keine weitere Peinlichkeit ertragen zu müssen, schnappte Nadeshiko sich ihren Gepäckwagen und winkte zum Abschied. Ohtah folgte ihr, ein Grinsen auf den Lippen. Wenig später war alles verstaut, das Abteil gefunden und die Lokomotive setzte sich dampfend in Bewegung.
Die ersten zwei Monate vergingen ohne irgendwelche Zwischenfälle – besonders die neuen Fächer fesselten ihre Aufmerksamkeit; jedenfalls von Ohtah´s Muggelkunde abgesehen … Er hatte es gewählt, falls er sich als Auror eines Tages inkognito unter Menschen mischen musste – denn auf diesen Beruf waren er und Professor Slughorn während ihres ausführlichen Gesprächs gekommen; natürlich hätte auch für ihn Fluchbrecher nahegelegen, allerdings wollte der Braunhaarige lieber schwarze Magier und Hexen zur Strecke bringen … allen voran seinen Vater. Nadeshiko dagegen war von Arthimantik und Alte Runen unglaublich begeistert, obwohl es gleichzeitig sehr schwierig war. Und Pflege magischer Geschöpfe bei Rubeus Hagrid, der ja zudem noch den Posten des Wildhüters auf den Ländereien inne hatte, faszinierte absolut – wobei manche Kreaturen, die er ihnen in der ersten Stunde vorgestellt hatte, eher fragwürdig wirkten. Während einer Stunde Kräuterkunde, in der sie in Kleingruppen das überwucherte Gewächshaus auf Vordermann bringen sollten, hallte ein Schrei durch das gläserne Klassenzimmer. Professor Pomona Sprout eilte zu der Gryffindor, die geschockt auf eine gigantische Schlange starrte, die sich aus einem Erdhügel heraus schlängelte.
„Der Unterricht ist beendet – gehen Sie sofort in ihre Gemeinschaftsräume!“, befahl die Hauslehrerin von Hufflepuff harsch.
Sofort ließen die Schüler ihre Utensilien fallen, packten in Hast noch ihre Schultaschen und rannten dann hinaus. Auf dem Rückweg zum Schloss redeten alle wild durcheinander – woher die Schlange gekommen war, ob es noch mehr von ihnen gäbe und so weiter.
Doch all ihre Sorgen wurden bereits zu Beginn der nächsten Stunde von Professor Rien beschwichtigt: „Ich habe gehört, sie haben ein … erschreckendes Erlebnis hinter sich. Nun, ich kann sie auf gewisse Weise beruhigen – es handelte sich nicht um eine echte Schlange, sondern um einen Irrwicht. Kann mir jemand sagen, was das ist?“
Eine Ravenclaw meldete sich: „Ein dunkel-magisches Geschöpf, das die Gestalt dessen annimmt, wovor man sich am meisten fürchtet.“
„Sehr gut, zehn Punkte.“, bestätigte er, „Niemand weiß, wie die wahre Gestalt eines Irrwichts aussieht – aber Sie werden schon sehr bald herausfinden, wie er für jeden von Ihnen aussehen wird. Es gibt jedoch einen Zauber, mit dem er sich vertreiben lässt … Das >Riddikulus< allein genügt jedoch nicht; Sie müssen ihm eine Form aufzwingen, über die Sie von Herzen lachen können. Schön, schön … stellen Sie sich bitte in einer Reihe auf und kommen Sie nacheinander mit erhobenem Zauberstab in mein Büro.“
Ramon Rien ging mit dem ersten Schüler voraus und befreite den Irrwicht aus einem alten Holzschrank. Er benötigte mehrere Versuche, bevor sein Zauber anschlug. Anschließend ging er hinaus und der nächste trat ein. So ging es weiter, bis Ohtah schließlich das Büro betrat. In seinem Kopf erschien zunächst ein Bild seines Vaters, wütend und grausam … dann musste der Braunhaarige allerdings an jemand anderen denken. Keine Sekunde später lag ein Mädchen vor ihm auf dem Boden – die Augen starr, das rote Haar mit Blut verklebt … Er wusste, dass sie tot war, weil er sie nicht beschützt hatte. Sein Blick verschleierte von aufsteigenden Tränen.
„Konzentrieren Sie sich, Mister Shadowdragon, das ist nur eine Illusion!“, hörte er die Stimme seines Lehrers wie aus weiter Ferne.
„Riddikulus!“, schrie Ohtah, einen schmerzlichen Unterton in der Stimme, und verwandelte den Irrwicht in tanzende Feuerbälle.
Kein Lachen kam ihm über die Lippen, aber Professor Rien nickte trotzdem, da er die Freude auf seinen Zügen erkannt hatte. Erleichtert wandte sich Ohtah zum Gehen – obwohl er gesehen hatte, wie sich der Irrwicht gewandelt hatte, musste er sich versichern, dass es ihr gut ging. Doch Nadeshiko, die eigentlich direkt hinter ihm gestanden hatte, war verschwunden … Erst beim Klingeln zum Ende der Stunde tauchte sie wieder auf, marschierte stur an ihren Mitschülern vorbei und wartete darauf, dass Professor Rien aus seinem Büro kam.
Ihre Augen klebten auf dem Boden, während sie kleinlaut sagte: „Ich … Es tut mir leid. Ich konnte es nicht ertragen, sie zu sehen … also das, was der Irrwicht mir zeigen würde.“
„Ich mache Ihnen keine Vorwürfe … Die eigene Angst zu überwinden, ist keine leichte Aufgabe. Lassen Sie sich etwas Zeit.“, antwortete er milde, „Wissen Sie, manchmal vergessen Erwachsene – besonders Zauberer – was es bedeutet, in Ihrem Alter zu sein und dennoch schon ein solch schweres Schicksal zu tragen. Wenn Sie jemanden brauchen, dem Sie sich … anvertrauen möchten, ich bin jederzeit für Sie da, Miss Yosogawa.“
Gerührt über sein Verständnis bedankte sich Nadeshiko, ehe sie zu Ohtah eilte. Der Slytherin wirkte erleichtert und zu ihrer Verwunderung schloss er sie wortlos in die Arme – nicht dass er sie nicht des Öfteren umarmte, nur das feuchte Glitzern in seinen Augen hatte sie kalt erwischt.
Von diesem Tag an begegneten auffallend vielen Schülern an den ungewöhnlichsten Orte irgendwelchen Schreckgespenstern, obwohl Irrwichte verborgene, dunkle Plätze schätzten und nicht hell erleuchtete Flure oder belebte Klassenzimmer. Nach dem mindestens zehnten Zwischenfall schlug sich Nadeshiko anklagend an die Stirn und ließ ihr Astronomiebuch dabei fallen – sie hatten in der Bibliothek gerade an ihren Hausaufgaben gearbeitet.
„Was ist los, Shiko? Sinistra´s eigentümliche Aufgaben sind doch nichts neues.“, meinte Ohtah, bei dem der Groschen offenbar noch nicht gefallen war.
Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern: „Das ist der nächste Fluch! All diese merkwürdigen Irrwichte, das ist nicht mehr normal – nicht einmal für Hogwarts. Erinnere dich, was Seiketsu geschrieben hat … >Angst und Schrecken<!“
Nun dämmerte es auch dem Braunhaarigen … und er klatschte sich mit der Hand ebenfalls gegen die Stirn: „Du hast recht – das bedeutet, wir sind in Level zwei. Schon irgendwelche Vermutungen, wo es sich befinden könnte?“
Dies war natürlich eine rhetorische Frage gewesen. Beide dachten seit Ende des letzten Schuljahres darüber nach … Noch konnten sie mit Seiketsu´s Hinweis nichts anfangen. Vergessen war der Aufsatz über die Monde des Merkur – sie sammelten mehrere Bücher über Begegnungen mit Irrwichten ein, sogar ein Buch über die Gewächshäuser, wo der erste von ihnen aufgetaucht war.
Nachdem Nadeshiko und Ohtah am folgenden Montag von Professor Sinistra und Professor Binns Rüge samt Strafarbeiten aufbekommen hatten, weil sie ihre Abgabetermine nicht eingehalten hatten, mussten sie ihre Recherchen auf außerhalb ihrer schulischen Verpflichtungen verschieben; es war ja ein Wunder, dass sie nicht vom Astronomieturm hängen mussten. Währenddessen trafen immer mehr auf ihre schlimmsten Alpträume … und jeden Abend brütete die Gryffindor über dem Eintrag im Notizbuch. Es war merkwürdig, es enthielt sonst nur Informationen über das Verlies von Schnee und Eis sowie über das aktuelle der Angst. Hatte Seiketsu es etwa so verzaubert, dass es erst nach dem Brechen des nächsten Fluches weitere Seiten füllen würde? So sehr es Nadeshiko auch beschäftigte, diesmal klammerte sie sich jedoch an ein anderes Schriftstück, welches bei ihrer Rückkehr in den Schlafsaal auf ihrem Bett gelegen hatte. Shirayuki´s vorwurfsvoller Miene nach zu urteilen, hatte sie es nicht überbracht und einzig ihr Stolz hielt die wunderschöne Schleiereule wohl davon ab, es nicht zu zerfetzen.
Wer auch immer ihr den Brief hatte zukommen lassen, wollte Nadeshiko anscheinend einschüchtern: „>Miss Yosogawa, Ihre Suche wird zusehends schwieriger, nicht wahr? Angst ist nicht greifbar … und genau deshalb sollten Sie sich in Acht nehmen. Stellen Sie sich selbst die Frage, ob Sie bereit dafür sind, was kommen möge! Und was es für alle Beteiligten bedeutet, wenn sie es nicht sind …<“
Nein, bereit war sie nun wirklich nicht – sie hatte es als einzige in ihrem Jahrgang nicht geschafft, ihrem Irrwicht gegenüberzutreten. Diese grauenhafte Vorstellung verfolgte sie dafür bis in ihre Träume … Niemals könnte sich Nadeshiko verzeihen, wenn sie Wirklichkeit werden würde.
Da sich außer ihr noch niemand in den Schlafsaal zurückgezogen hatte, wagte sie es ihre Gedanken mit Shirayuki zu teilen: „Sei … ist schon so lange verschollen. Würde sie mir Vorwürfe machen, weil ich es noch nicht geschafft habe, sie zu retten? Vielleicht ist sie enttäuscht von mir …“
Aufmunternd knabberte das weiß gefiederte Geschöpf an ihrer Hand, die noch immer das Pergament hielt. Mit einem knappen Lächeln dankte Nadeshiko es ihr. Und richtete ihre Gedanken wieder auf die Frage nach dem Urheber …
Als sie erfolglos nach dieser beinahe durchwachten Nacht vollkommen ermattet zum Frühstück geschlurft kam, erhob sich Argo und sagte strahlend: „Hallo, schöne Frau.“
Stirnrunzelnd betrachtete sie den Becher mit Kürbissaft, den er ihr entgegen hielt. Inzwischen war sie seine Annäherungen ja gewohnt, doch etwas an seinem Blick ließ sie innehalten … Dann schüttete die Nadeshiko den Inhalt dennoch die Kehle hinab.
Ein süßlicher Nachgeschmack lag auf ihrer Zunge, während sie säuselte: „Argo … ich muss dir etwas gestehen … Kein Liebestrank der Welt wird mich jemals die Gefühle in meinem Herzen vergessen lassen. Gib´ es endlich auf!“
Sie gab dem geplätteten Argo das Gefäß zurück und setzte sich an den Tisch. Unwillkürlich wanderten ihre Augen zum Tisch der Slytherins, was ihrem ungebetenen Verehrer nicht entging … Ohtah begegnete ihrem Blick mit leicht hochgezogenen Augenbrauen – ihm schmeckte Argo´s Interesse genauso wenig, wie Nadeshiko darauf eingehen wollte. Dennoch mussten sie sich dringend in ihrer Ecke der Bibliothek treffen. Nadeshiko hatte ihm einiges zu berichten …
Allerdings sollten es zwei weitere Tage dauern, bis Nadeshiko und Ohtah endlich Zeit hatten, um ungestört miteinander sprechen zu können. Nämlich während ihres ersten Ausflugs nach Hogsmeade, dem kleinen Zaubererdorf, welches zum einen den Bahnhof des Hogwarts-Expresses beherbergte sowie als einziger Ort im ganzen Vereinigten Königreich ausschließlich von magischen Familien bewohnt wurde. Neben den Läden, die denselben offenherzigen Charme versprühten wie jene in der Winkelgasse, war besonders das Gasthaus »Die Drei Besen« berüchtigt, nicht zuletzt für sein ausgezeichnetes Butterbier. In diesem lauten und sehr vollen Rahmen erzählte die Hexe ihrem besten Freund von dem mysteriösen Brief.
„Ich finde, es klingt ein wenig nach einer Drohung.“, meinte der Slytherin nachdenklich.
Nadeshiko stimmte ihm im Stillen zu. Irgendjemand hatte schon zu Seiketsu´s Zeiten von den Verliesen gewusst … Doch warum fiel den Lehrern nur ihre Detektivarbeit auf?
Fluchend raufte sich der Slytherin die Haare: „Schon klar, warum sie in ihrem Buch keinen Lageplan hinterlassen hat … trotzdem hätte Seiketsu-“
„Oh, Ihr sprecht von Seiketsu Yosogawa, nicht wahr?“, fragte Madame Rosmerta, die Wirtin, welche gerade ihre Bestellung an den Tisch brachte, „Ich erinnere mich gut an sie … einsames, kleines Ding. War häufig ganz allein unterwegs und wurde von anderen Schülern böse beschimpft, trotzdem hatte sie immer ein Lächeln im Gesicht. Sie interessierte sich für alle möglichen Legenden rund um Hogwarts und das Dorf, keine Geschichte war ihr zu schaurig oder gar langweilig und jedes Mal, wenn ich sie gesehen habe, hat sie in ein kleines Büchlein geschrieben. Da fällt mir ein, dass sie einmal irgendwas von Irrwichten in der Bibliothek gefaselt hat … Ihr habt in der Schule gerade sehr viele, nicht wahr?“
Fast hätte sich die Gryffindor an ihrem Getränk verschluckt, was Madame Rosmerta aus ihrem Monolog riss: „Ach, ich wollte Euch nicht langweilen – entschuldigt mich, die anderen Gäste warten.“
Damit schlenderte sie davon.
„Meinst du, der Zugang befindet sich dort?“, sprach Ohtah leise ihren Gedanken aus.
Nadeshiko zog das Notizbuch aus der Falte ihres Umhangs und las den zweiten Eintrag über das Verlies der Angst vor: „>Bücher über Bücher, doch nur eines führt zum Ziel – verzage nicht, Shiko, fürchte dich nicht. Es gibt einen Zauber, der dich leiten kann …<“
Aus den Wochen wurden Monate, das Weihnachtsfest ging und das neue Jahr kam – der Erfolg blieb allerdings aus. Nicht immer konnten sie einfach Regal für Regal die Bibliothek durchforsten, andere Schüler und vor allem Madame Pince waren ihnen dabei sehr im Weg. Schlussendlich schmolz im März bereits der letzte Schnee, als sich die beiden zu ihrem kleinen »Kriegsrat« trafen.
„Es gibt nur einen Teil, den wir noch nicht durchforstet haben … weil wir es nicht dürfen. Wenn sich der Zugang zum Verlies der Angst wirklich in der Bibliothek befindet, dann in der Verbotenen Abteilung!“, meinte Nadeshiko entschieden, „Aber da wir noch keine UTZ-Schüler sind, wird uns kein Lehrer die Erlaubnis ausstellen … Wir bräuchten ein Ablenkungsmanöver für Madame Pince.“
Ohtah schwieg einen Moment, ehe er entgegnete: „Wie sollen wir das anstellen? Wir können nicht beides gleichzeitig machen – und ich werde dich garantiert nicht allein gehen lassen.“
„Hm, im Grunde gibt es niemanden, dem wir vertrauen können, um ihn in die Sache mit hineinzuziehen – außer vielleicht … Wie wäre es mit Klerus?“, verkündete sie ihren Einfall.
Seine Gesichtszüge entgleisten ihm und er fragte: „Fängst du schon wieder damit an? Ich dachte, wirklich das Thema wäre durch … Abgesehen davon – bedeuten Familienbande für dich gleichzeitig eine Vertrauensbasis?“
Schmerz hatte in seiner Stimme gelegen; sie wusste, er spielte damit auf seinen Vater an. Noch heute staunte er, dass sie weiterhin etwas mit ihm zu tun haben wollte – trotz seiner Familiengeschichte.
Plötzlich sprach eine neue Stimme, die beide zusammenzucken ließ: „Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob du es weißt … und mich nicht getraut, dich danach zu fragen.“
Keine Sekunde später trat ein Hufflepuff-Schüler um das Regal herum; das blonde Haar hatte er hinten zurückgebunden … Nadeshiko war ihm bislang nie so nahe gewesen und hatte daher seine verräterischen Augen vorher nicht betrachten können – dasselbe tiefe Grün wie bei Ohtah starrte an ihr vorbei und sie musste sich ein Lächeln verkneifen. Dem Braunhaarige dagegen fehlten bei der Offenheit seines Halbbruders die Worte.
Klerus kratzte sich verlegen am Hinterkopf und sagte: „Ich sollte mich wohl entschuldigen, dass ich euch belauscht habe … und, na ja, das nicht zum ersten Mal. Ich würde euch empfehlen, nächstes Mal den >Muffliato< zu benutzen …“
Während Ohtah stocksteif da saß, erhob sich die Gryffindor und schüttelte ihm die Hand: „Hallo, Klerus. Ich bin Shiko – freut mich, dich kennenzulernen. Und … Ohtah?“
Endlich erwachte er aus seiner Starre, kam ebenfalls zu ihnen und sie erkannte, wie nervös er war, als er sprach: „Ich weiß nicht, was du über mich … oder unseren Vater gehört hast-“
„Schon gut, ich habe die Geschichte von meiner Mutter gehört.“, unterbrach der Jüngere ihn und versuchte zu lächeln, „Allerdings bestimmt das ja nicht, wer wir sind … Bitte, Ohtah – gib´ mir einfach eine Chance!“
Mit der Gesamtsituation überfordert, überschlugen sich Ohtah´s Gedanken – genau deswegen hatte er Klerus im vergangenen Jahr nicht angesprochen. Zwischenmenschliche Beziehungen waren definitiv nicht sein Fachgebiet … Doch konnte, wollte er seinen Halbbruder nun wirklich noch ignorieren? Sein Zögern warf einen Schatten über das Gesicht von Klerus – genau in diesem Moment begriff Ohtah, er fürchtete sich ebenso sehr auf Ablehnung zu stoßen …
„Nur … nur wenn auch ich dir beweisen darf, dass ich nicht wie er bin.“, brach der Slytherin endlich die angespannte Stille.
Nachdem sie Klerus in ihr Vorhaben und dessen Hintergrund eingeweiht hatten, wollte er ihnen unbedingt helfen – sein Herz schlug voll Mitleid für Seiketsu, die nur auf den Erfolg ihrer Unternehmung hoffen konnte … Sie vertraute ihrer kleinen Schwester bedingungslos; er wünschte sich so sehr, Ohtah würde sich ebenso auf ihn verlassen … dass sie richtige Brüder werden würden.
Am letzten Tag der Osterferien lockte die strahlende Sonne selbst die Dauerbesucher der Bibliothek zum Lernen – oder Entspannen – hinaus auf das Gelände. Auf eine solche Gelegenheit hatten Nadeshiko und ihre beiden Verbündeten gewartet. In einem unbeobachteten Moment, in dem sich Irma Pince in der Stille und Schönheit der aufgeräumten Bücherregale verlor, schlich sie sich mit Ohtah zum Eingang der Verbotenen Abteilung, während Klerus seinen Zauberstab zückte und eine Stinkbombe in die entlegene Ecke der Bibliothek schickte. Sofort stürmte die um die Ordnung bemühte Hexe davon.
„Alohomora!“, murmelte die schöne Gryffindor und schlüpfte anschließend mit dem gewitzten Slytherin hinein, während dessen Halbbruder draußen Wache hielt.
Die Verbotene Abteilung unterschied sich optisch erst mal gar nicht vom Rest der Bibliothek. Nur die Titel verrieten ihre weit aus höhere Magie, als der Stand eines Drittklässlers es vermochte. Kurz flammte die Versuchung auf, sich gründlich umzusehen – dann jedoch holte Nadeshiko die Zeichnung des Drachens aus dem ersten Verlies hervor, legte sie auf ihre linke Handfläche und den Zauberstab darauf.
Mit geschlossenen Augen flüsterte sie: „Weise mir den Weg …“
Der Orientierungszauber, welcher den Zauberstab stets nach Norden ausrichtete, ließ ihn diesmal auf ein pechschwarzes Buch ohne Titel zeigen.
„Ich weiß nicht, ob ich bereit bin … und ja, ich habe Angst. Aber ich werde nicht davonlaufen!“, sagte Nadeshiko entschlossen und berührte den Buchrücken.
Die Wand klappte nach vorne auf, gab eine Treppe frei. Ohtah wollte hineingehen, da hielt ihn sie ihn plötzlich zurück. Diesmal wollte … musste sie selbst vorausgehen. Um sich, dem Verlies und vermutlich auch Seiketsu, dass sie dieser Mission gewachsen war.
„Ich bin direkt hinter dir.“, versprach ihr Ohtah, ehe sie den Fuß auf die unterste Stufe setzte.
Sofort schlug die Bücherwand zurück, verschloss den Zugang. Der Braunhaarige schrie, hämmerte mit den Fäusten dagegen, berührte das Buch, sprach dieselben Worte … nichts geschah. Das Bild des Irrwichts erschien vor seinem geistigen Auge und seine Beine versagten ihm den Dienst. Sie würde ganz sicher sterben … und es wäre allein seine Schuld! Er sollte ihr Beschützer sein – stattdessen ließ er sie offenkundig in die Gefahr rennen – wie bescheuert konnte man eigentlich sein?
Auf der anderen Seite ruhte Nadeshiko´s Hand an der hölzernen Vertäfelung. Seine verzweifelten Rufe konnte sie zwar nicht hören, doch wusste sie genau, welche Vorwürfe er sich nun machte. Was sie erwarten mochte, sie musste unbedingt zu ihm zurückkehren!
„Warte auf mich …“, flüsterte die Gryffindor und machte sich mit erhobenem Zauberstab an den Aufstieg.
Solange sie es im Unterricht durchgenommen hatten, war Nadeshiko der Begegnung mit ihrem Irrwicht aus dem Weg gegangen. Weil sie genau gewusst hatte, welche Form er annehmen würde … ihr Blick fiel zuerst auf die braunen Augen, die ein wenig dunkler waren als ihre eigenen und das braune Haar wehte von dem kalten Zug, der durch die Ritzen pfiff. Sie trug nicht die schwarz-blaue Schuluniform eines Ravenclaw, wie es in Hogwarts angemessen gewesen wäre, denn so hatte Nadeshiko ihre Schwester nicht in Erinnerung … Seiketsu trug einen hellblauen Yukata mit weißen Fächern und dunkelblauem Obi. So war sie mit ihrer kleinen Schwester während ihrer letzten Sommerferien, welche sie alle gemeinsam in Japan verbracht hatten, zu einem kleinen Schreinfest gegangen. Damals war sie der achtjährigen Nadeshiko wie eine Prinzessin aus den Sagen vorgekommen …
Doch an ihre Stelle war eine furchterregende Furie getreten, die wilde Beschimpfungen brüllte: „Wie kannst du es wagen, mir noch unter die Augen zu treten? Nachdem du mich einfach im Stich gelassen hast – es ist deine Schuld, dass ich noch immer gefangen bin! Ich habe dir vertraut … aber du hast mich enttäuscht, Shiko. Ich verfluche dich! Du wirst mit mir zusammen hier festsitzen und niemals mehr das Licht des Tages sehen.“
Tränen rannen über die Wangen der Rothaarigen. Professor Rien hatte seine Schüler davor gewarnt, in Panik oder Verzweiflung zu verfallen – einmal nachgegeben, konnte man sich nicht mehr aufraffen, dem Irrwicht entgegen zu treten.
„Oneechan, ich … Erinnerst du dich noch daran, wie du in den Gartenteich gefallen und die Seerose auf dem Kopf hattest? Damals haben wir so gelacht …“, sagte sie mit zitternder Stimme, „Riddikulus!“
Die Kleider klebten nass an ihrem Körper und die Blüte samt grünem Blatt hing Seiketsu ins Gesicht, sodass sie Nadeshiko´s trauriges Lächeln nicht mehr sah. Nichtsdestotrotz hatte sie die Ausgeburt ihrer Angst besiegt. Und damit den Zugang noch einmal geöffnet. Ohtah spurtet die Treppe hinauf – er erreicht sie gerade, als sie vor eine identische Säule trat, wie sie bereits im ersten Verlies gefunden hatten. Darin wurde ein wunderschön gearbeiteter Pfeil mit juwelenbesetzter Spitze aufbewahrt. Bewundernd griff die Gryffindor danach. Sie spürte das Erbeben der Macht, welches vom Brechen des Fluches kündete.
„Du hast es geschafft …“, hauchte Ohtah beinahe ehrfürchtig.
Sie lächelte und meinte: „Nur weil du immer bei mir bist.“
Er nahm ihre Hand und gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg zurück in die Verbotene Abteilung. Lauschend legte der Slytherin ein Ohr an die Tür und klopfte zweimal. Von draußen wurde das Zeichen erwidert. Klerus war auf seinem Posten geblieben und Dank einiger raffinierter Tricks hatte er Madame Pince ferngehalten. Ohtah und Nadeshiko traten hinaus in die Bibliothek, bevor sie zum Innenhof rannten, dicht gefolgt von dem Hufflepuff. Er wollte alles wissen, was passiert und wie das Verwunschene Verlies gewesen war.
In den folgenden Wochen herrschte in den Fluren des Schlosses nur ein einziges Gesprächsthema – Fluchbrecher Nadeshiko Yosogawa hatte ein weiteres Mal zugeschlagen! Obwohl es keinerlei Beweise oder gar Hinweise darauf gab, dass sie involviert gewesen wäre, gab es keinen Zweifel daran.
Und so wunderte sie sich nicht weiter, weil Professor McGonegall sie und Ohtah in ihrem Büro zu sprechen wünschte: „Niemand weiß, von wo aus die Irrwichte über Hogwarts gekommen sind – aber inzwischen sind sie verschwunden. Ich bin sicher, Sie wissen sehr genau, was die Schülerschaft vermutet … und Teile des Lehrkörpers. Hier also noch einmal ein Wort der Warnung und hoffentlich zum letzten Mal – die Verwunschenen Verliese sind gefährlich! Sollte sich eines Tages ein weiterer Fluch zeigen, werden die Lehrer sich darum kümmern.“
Auf ihren Wink wandten sie sich zum Gehen. Da bemerkte Nadeshiko, dass der Sprechende Hut gar nicht schlief, wie es sonst der Fall gewesen wäre – nein, er schaute sie direkt an und schien beinahe anerkennend zu nicken.
Da Professor McGonegall sie von da an besonders im Auge zu behalten schien, warteten die drei bis zu ihrer Fahrt im Hogwarts-Express, um das Notizbuch mit der Pfeilspitze anzustupsen.
Langsam breitete sich Seiketsu´s geschwundene Handschrift über einer weiteren Seite aus: „>Du hast es wieder geschafft, Shiko, ich bin so stolz auf dich! Das ganze Jahr habe ich mir – neben meinen eigenen Recherchen – den Kopf darüber zerbrochen, was du wohl wegen der sehr … hm, mauen Informationen denken wirst. Es tut mir leid, aber ich kann nichts genaueres niederschreiben; es wäre zu gefährlich, sollte es jemand anderes in die Hände bekommen. Ich bin mir sicher, du wirst meine Hinweise dennoch entschlüsseln können. Folge dem Zentauren zum Spinnen-Tor! Und sicher hast du inzwischen herausgefunden, wie dieses Buch funktioniert – je mehr du selbst herausfindest desto weiter gehen meine Ausführungen. Ich glaube ganz fest an dich!<“
Von Acrumantulas, Zentauren und Liebe
Schon so einige Schulregeln waren von Nadeshiko und Ohtah gebrochen worden – noch wussten sie allerdings nicht, dass dies erst der Anfang gewesen war … Ein neues Schuljahr, ein weiteres Verlies und eine Prüfung der ganz anderen Art erwartete die beiden, die im Hogwarts-Express bereits ihre nächsten Schritte planten und versuchten Seiketsu´s eigentümliche Notizen zu entschlüsseln.
„Also eines sag´ ich dir, Shiko – sobald wir Seiketsu gerettet haben, werde ich sie erst mal für ihre kryptische Ausdrucksweise zur Rede stellen.“, scherzte der Braunhaarige, „>Folge dem Zentauren zum Spinnen-Tor!< Ich meine, wovon genau spricht sie denn da – von einem Sternbild, einer Statue oder was? Na ja, wir werden es auf jeden Fall herausfinden und ihr wieder einen Schritt näher kommen …“
Nadeshiko war ebenso ratlos. Dennoch musste sie ein wenig schmunzeln. Ohtah schaffte es stets, ihr neuen Mut zu geben … Und mehr noch – die Rothaarige rückte etwas näher an ihn heran, lehnte den Kopf gegen seine Schulter. In seiner Nähe fühlte sie sich unglaublich wohl – die Ferien waren erneut ein Graus gewesen; natürlich verschwieg Nadeshiko weiterhin eisern die Suche nach ihrer Schwester, sie fürchtete sich vor der Reaktion ihrer Eltern. Sicher wären sie keineswegs begeistert, erneut ihre Tochter in Gefahr zu wissen … Einzig er verstand, was ihr diese Mission bedeutete; nein, ganz stimmte das auch wieder nicht – Klerus öffnete die Abteiltür und reichte ihnen jeweils einen Kesselkuchen mit einem Becher Kürbissaft. Seit er und Ohtah sich einander angenähert hatten – von ihrer Suche nach den Verwunschenen Verliesen hatte er ja auf eigene Faust erfahren –, war der Huffelpuff ein enger Vertrauter geworden. Er kannte diese Sehnsucht aus erster Hand … Es war seltsam gewesen zu seiner Mutter zurückzukehren, ohne ihr von ihm zu erzählen; doch die Brüder hatten es besser gefunden, wenn sie erst einmal nichts davon wusste. Vor allem ihr Vater sollte es nicht erfahren – nicht dass Ohtah ihm überhaupt jemals etwas über die Schule berichtete; ja, nicht einmal von Nadeshiko hatte er Kenntnis. Nun da er endlich wieder bei ihr und Klerus sein konnte, blühte der Braunhaarige geradezu auf, nur hier bei ihnen konnte er er selbst sein – die Ferien hatte er vorrangig damit verbracht, tagelang irgendwie durch Wiesen, Felder und Wälder zu streifen …
Der erste Monat verlief ohne größere Zwischenfälle – von dem Berg Hausaufgaben der Viertklässler und den Vorträgen über die ZAG-Prüfungen einmal absah, die ihnen allerdings erst nächstes Jahr bevorstanden und trotzdem von jedem einzelnen Lehrer erwähnt wurden. Was es mit dem Pfeil auf sich hatte, konnten Nadeshiko, Ohtah und Klerus immer noch nicht sagen. Ihnen war nur der Gedanke über einen möglichen Zusammenhang mit dem Sternzeichen des Schützen gekommen, welcher häufig als Zentauren mit gespanntem Bogen dargestellt wurde; leider gab es nirgendwo im Schloss eine solche Darstellung oder ähnliches. Trotzdem suchte sich die Rothaarige die dazu passende Lektüre aus der Bibliothek und las zumeist vor dem Einschlafen darin, auf der Suche nach Verbindung zu Spinnen.
Während einer Stunde Verwandlung geschah es – die Tür wurde ohne vorher anzuklopfen aufgerissen und ein Vertrauensschüler Gryffindor´s stürmte zu Professor McGonegall ans Pult, die lediglich seine totenbleiche Miene an einer Schimpftirade hinderte.
Stattdessen fragte sie scharf: „Wo?“
„Im rechten Korridor des vierten Stocks.“, kam die Antwort kaum mehr als ein Windhauch.
Nadeshiko drehte es den Magen um, als ihre Hauslehrerin den Unterricht beendete und die Schüler bis zum Beginn der nächsten Stunde in den Gemeinschaftsraum schickte. Im Grunde hatte der Gesichtsausdruck des Fünftklässlers genügt, um ihr begreiflich zu machen, was geschehen war – ein neuer Fluch war in Kraft getreten! Einen kurzen Moment erwog sie, ihnen zu folgen, doch damit würde sie sich nur Ärger einhandeln; mit Ohtah und Klerus konnte sie sich ebenfalls nicht sein treffen, ihr Unterricht lief ja noch; blieben nur ihre üblichen Studien. Im Gemeinschaftsraum hielten sich lediglich einige UTZ-Schüler, die über ihren Hausaufgaben brüteten.
Als Nadeshiko überlegte, welches Buch sie sich vornehmen sollte, hörte sie einen von ihnen sagen: „Professor Hagdrig hat angekündigt, uns das nächste Mal ein kleines Exemplar der Acrumantula-Kolonie aus dem Verbotenen Wald vorzustellen! Kannst du dir das vorstellen? Ich meine, die Biester sind doch vollkommen gefährlich – das Ministerium hat ihnen die höchste Gefahrenstufe verpasst!“
Acrumantula … Etwas klingelte im Hinterkopf der Rothaarigen. Sie ging hinauf in den Schlafsaal und nahm »Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind« von Newt Scamander zur Hand.
Gleich nach dem einleitenden Text fand sie in dem alphabetisch geordneten Buch den entsprechenden Eintrag: „>Die Acrumantula ist eine monströse, achtäugige Riesenspinne, die der menschlichen Sprache mächtig ist. Sie hat ihren Ursprung im dichten Dschungel von Borneo. Auffällige Merkmale sind ihr dichtes, schwarzes Haar, das den ganzen Leib überwuchert, die bis zu drei Meter langen Beine, die Klauen, die ganz eigentümlich klicken, wenn die Acrumantula erregt oder wütend ist, und schließlich ihr giftiges Sekret. Die Acrumantula ist eine Fleischfresserin und bevorzugt große Beutetiere. Ihre Netze spinnt sie als Kuppeln über dem Erdboden. Das Weibchen ist größer als das Männchen und legt in einem Wurf bis zu hundert weiche und weiße Eier, die so groß sind wie Strandbälle. Nach sechs bis acht Wochen Brutzeit schlüpfen die Jungen. Die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe stuft die Eier der Acrumantula als 'Nicht verkäufliche Güter der Klasse A' ein, das heißt, Einfuhr und Verkauf dieser Eier werden mit schweren Strafen geahndet. Dieses Tierwesen ist vermutlich von Zauberern gezüchtet worden, wahrscheinlich, um Behausungen oder Schätze zu bewachen, wie es bei den auf magische Weise geschaffenen Ungeheuern häufig der Fall ist (Der menschlichen Sprache fähigen Tierwesen erlernen diese nur selten von allein; eine Ausnahme ist der Jarvey. Das Verbot experimenteller Zucht trat erst im [Edit] 21. Jahrhundert in Kraft, lange nach der ersten verbürgten Sichtung einer Acrumantula im Jahre 1794.). Trotz ihrer fast menschenähnlichen Intelligenz lässt sich die Acrumantula nicht abrichten und stellt eine große Gefahr für Zauberer und Muggel gleichermaßen dar. Gerüchte, wonach sich eine Kolonie von Acrumantulas in Schottland niedergelassen habe, wurden [Edit] im Jahr 1993 offiziell betätigt.“
Eine Spinne … Und wenn sie sich nicht sehr täuschte, lebten nicht nur Acrumantulas im Verbotenen Wald, sondern dort lag auch irgendwie ein Zentauren-Dorf!
„Also, wie kommen wir am besten dorthin?“, fragte Nadeshiko, als sie am nächsten Tag Ohtah und Klerus geschützt durch den »Muffliato«-Zauber in ihrer Bibliotheksecke alles über ihre Erkenntnis berichtet hatte.
Der Hufflepuff zählte sofort verschiedene Möglichkeiten sowie deren Machbarkeit auf – Professor Hagdrig nach einer Exkursion zu fragen oder gleich Professor McGonegall, sorgten bei ihnen trotz der ernsten Situation für einen kleinen Lachanfall. Außer bei dem gewitzten Slytherin, der eisern schwieg – ihm gefiel es ganz und gar nicht, welche Risiken ein solcher Ausflug für sie mit sich brächte. Nicht dass er nicht mit Gefahren gerechnet hätte …
„Hast du dir das gut überlegt?“, warf Ohtah plötzlich ein, seine Miene zeigte keine Regung.
Sein Halbbruder verstummte und die Gryffindor meinte verwirrt: „Wieso diese Frage? Erde an Ohtah – hier geht es um Sei.“
Diese Antwort wunderte ihn keineswegs, eigentlich ärgerte er sich sogar über seine Worte – als ob seine oder irgendwelche anderen Bedenken Nadeshiko jemals umgestimmt hätten. Nichtsdestotrotz wären die Acrumantulas nicht zwingend das gefährlichste Problem – außer dem übrigen, was im Verbotenen Wald keuchte und fleuchte, machten ihm vor allem die Zentauren Sorgen. Im Allgemeinen verachteten sie die Zauberschaft, die ihr Volk nicht als gleich oder sogar höher gestellt betrachteten. Es würde ziemlich schwierig werden, sie zu überzeugen, ihnen zu helfen … noch dazu sie überhaupt erst mal trotz ihrer erstklassigen, waldläuferischen Fähigkeiten aufzuspüren, ohne vorher aus dem Dickicht von einem ihrer Pfeile erschossen zu werden.
„Immerhin steht >Arania Exumai< im Lehrplan der Viertklässler.“, sagte Ohtah, ohne auf den aktuellen Gesprächspunkt geachtet zu haben, „Du lernst ihn dann einfach, während wir ihn üben, Klerus.“
Nadeshiko sah ihn verdutzt an. Es war nicht zu übersehen gewesen, dass er ihr nicht zugehört hatte – und dennoch hatte er sich mit dem Thema beschäftigt.
Mit dem Thema beschäftigte sich auch der Lehrkörper und so kam, dass Professor McGonegall sämtliche Schüler in der Großen Halle versammeln ließ, um ihnen mitzuteilen: „Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit … Aufgrund der neuerlichen Zwischenfälle haben die Lehrer beschlossen, Ihnen ein wohl gehütetes Geheimnis anzuvertrauen. Hogwarts birgt sechs sogenannte Verwunschene Verliese … Jedes von ihnen trägt einen anderen Fluch in sich – Sie erinnern sich sicher an das sogenannte Verwunschene Eis und diese ganzen merkwürdigen Irrwichte. Niemand weiß heutzutage mehr, warum es die Verliese gibt – nur dass sie aktiv werden, wenn sich ihnen jemand nähert; ich beschwöre daher Sie alle … halten Sie sich von den Verwunschenen Verliesen fern und sollte Ihnen irgendetwas verdächtig vorkommen, scheuen Sie nicht, einen Ihrer Lehrer zu informieren – spielen Sie nicht den Helden, dies ist unsere Aufgabe!“
Besonders zwei Schüler ahnten, dass die Warnung besonders an sie gerichtet war. Zudem horchte Nadeshiko bei der neuen Information auf – endlich wusste sie, mit wie vielen Verliesen sie es zu tun hatten! Und Seiketsu befand sich mit großer Wahrscheinlichkeit im letzten von ihnen, vermutlich gefangen … Gleichsam spürte die schöne Gryffindor einen Stich schlechten Gewissens – es schmerzte Nadeshiko, ihre Hauslehrerin enttäuschen zu müssen; sie mochte die weise Hexe, bewunderte sie sogar. Aber nichts auf der Welt würde sie davon abhalten, weiter nach ihrer Schwester zu suchen! Dennoch beunruhigte sie dieser Fluch mehr, als die vorherigen … Die Betroffenen fielen in einen Schlaf, aus dem sie sich nicht mehr wecken ließen – bislang hatte keine Aktion, Zauber oder eingeflößter Trank geholfen.
Selten hatte in Hogwarts während der Adventszeit ein derart betrübte Stimmung geherrscht … Madame Pomfrey war zusammengebrochen. Jeden verunglückten Zauber hätte sie heilen können, aber der Schlaffluch trieb sie an den Rand ihrer Kräfte und seelischen Belastbarkeit, dabei brachte sie sonst nie etwas aus dem Konzept. Viele Eltern forderten eine Verlegung ihres Kindes in das Sankt Mungo Hospital für magische Krankheiten und Verletzungen, wovon das Krankenhaus zunächst jedoch noch abriet – die Ursache lag innerhalb der Schlossmauern und es war nicht abzusehen, was mit jenen geschehen würde, die sich nicht dort befanden, sobald diese verschwand – allerdings stimmten sie zu, die Verfluchten in einem gesonderten Bereich unterzubringen, sollte sich ihr körperlicher Zustand so weit verschlechtern, dass Lebensgefahr bestand. Zudem rückte ein kleines Team aus Heilern an, um Madame Pomfrey und die betroffenen Schülern zu versorgen.
Häufig trieb sich Nadeshiko in der Nähe des Krankenflügels herum, denn ein Teil von ihr fühlte sich schuldig. Sie war ihre Bestimmung die Flüche der Verwunschenen Verliese zu brechen! Und zur Zeit schien sie einfach nur zu versagen – viele der anderen begannen inzwischen einen ähnlichen Psycho-Terror, wie einst bei Seiketsu. Davon war mit dem Finger auf sie zu zeigen und sie als »Fluchmacher« zu beschimpfen noch das harmloseste.
Einmal hatte Ohtah gehört, wie sie Shirayuki ihre Sorgen anvertraute: „Manchmal habe ich Angst, sie könnten recht haben … dass ich durch meine Anwesenheit ganz Hogwarts in Gefahr bringe. Bislang ist alles noch relativ glimpflich ausgegangen – aber was, wenn eines Tages jemand durch meine Suche ernsthaft zu schaden kommt? Dieser Fluch … ist viel gefährlicher. Wer weiß, wie lange sie diesen Zustand … überstehen.“
„Das lassen wir nicht zu – glaub´ mir, ich werde dir und allen anderen beweisen, dass du nicht der Auslöser für all diese Flüche bist!“, versuchte er sie aufzubauen, doch es half nicht.
Ihr Glaube lag brach. Verzweiflung legte sich über ihre Gedanken … und so kam es, dass sie noch jemand auf ihr Unterfangen ansprach – nach einer Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste, in der Nadeshiko nicht einmal den simpelsten Zauber zustande gebracht hatte, rief Professor Rien sie zu sich in sein Büro.
„Sie können es abstreiten … doch wir beide wissen, dass ganz Hogwarts glaubt, Sie seien gleichsam für das Ausbrechen … und Brechen der Flüche verantwortlich, Miss Yosogawa. Sie haben bei den ersten beiden Verliesen sehr gute Arbeit geleistet – einem künftigen Fluchbrecher würdig. Und dennoch habe ich meine Bedenken, ob Sie es diesmal wieder schaffen werden … Damit bin ich nicht allein, nicht wahr? Vor allem da die Direktorin Ihnen im Nacken sitzt … und mich gebeten hat, eine Lösung zu finden.“, meinte er, nachdem sie sich ihm gegenüber gesetzt hatte.
Professor Rien hatte ihr bereits erzählt, dass er vor seinem Lehramt als Fluchbrecher aktiv gewesen war. Wenn gerade er ihr die Sache nicht recht zutraute, gab es wohl keine Chance mehr für sie …
„Das heute … nun, Ihre magische Energie wird blockiert. In Wahrheit sind Sie viel stärker … und sturer.“, fuhr er lächelnd fort, „Sie werden Ihre Suche nicht einstellen, selbst wenn Sie dafür sämtliche Schulregeln brechen müssten. Aber da auch ich um Ihre Sicherheit besorgt bin, werde ich Sie wenigstens vorbereiten. Natürlich unter der Voraussetzung, dass Sie von mir überhaupt in höherer Magie unterrichtet werden möchten – und was sonst noch zu einem echten Fluchbrecher dazu gehört.“
Perplex starrte Nadeshiko ihren Lehrer an. Er wollte ihr tatsächlich helfen, sie trainieren?
„Was … was ist mit Professor McGonegall? Sie werden sicher Ärger bekommen.“, fand die Rothaarige doch noch ihre Stimme.
Jetzt lachte er richtig: „Gut möglich. Allerdings müssen wir unsere Sitzungen ja nicht mit den Verliesen in Verbindung bringen – ich bin sicher, ich kann Minerva davon überzeugen, wie gut es Ihnen täte, etwas über die … sagen wir, echte Arbeit eines Fluchbrechers zu erfahren und Sie dementsprechend hinsichtlich Ihres Berufswunsches vorzubereiten; schließlich schafft es gerade einmal die Hälfte aller Teilnehmer die Ausbildung abzuschließen.“
Nadeshiko staunte immer mehr und hauchte ungläubig: „Wie kann ich Ihnen jemals dafür danken?“
Er winkte ab, stattdessen schwang er seinen Zauberstab und eine Reihe von Fotografien, Büchern sowie verschiedener Gegenstände kamen aus einem Koffer in der Ecke auf den Schreibtisch geflogen.
„Fangen wir gleich an – was glauben Sie, ist die wichtigste Eigenschaft, über die ein Fluchbrecher verfügen sollte?“, fragte Professor Rien mit strengem Unterton.
Einen kurzen Moment dachte sie darüber nach, wie es ihr während den Prüfungen der Verliese ergangen war und antwortete entschieden: „Konzentriert bleiben zu können … im Angesicht von Gefahr.“
Ihr Gegenüber nickte zufrieden. Anhand der zahlreichen Dinge, die er herbeigezaubert hatte, klärte er sie über die Grundzüge des Berufes auf; auch erzählte er von seinen eigenen Erlebnissen.
„Neben dem ganzen Wissen über Arithmantik und Alte Runen, müssen Sie vor allem in der Lage sein, sich selbst und das Ziel Ihres Auftrages zu beschützen – das setzt natürlich ein hohes Level der Schutzzauber voraus, aber auch den passenden Gegenfluch und -zauber parat zu haben. Niemand wird Ihnen jemals vorher sagen können, mit was Sie es zu tun bekommen werden – magische Rätsel, Feinde, Fallen, Bannkreise … es gibt unzählige Möglichkeiten.“, mahnte der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, „So wie bei den Verliesen …“
Unwillkürlich zuckte Nadeshiko zusammen; vor allem das Verlies von Eis und Schnee hatte ihr durch ihre Unerfahrenheit erhebliche Schwierigkeiten bereitet – allgemein hatte sie mehr Glück gehabt, als alles andere. Vielleicht hätte sie früher, um Hilfe ersuchen sollen …
Es war Nadeshiko unmöglich gewesen, Ohtah nichts von ihrem fast geheimen Fluchbrecher-Training zu erzählen. Allerdings vermied sie es, ihm von Professor Rien vorzuschwärmen – dafür musste ihre Schleiereule Shirayuki herhalten. Es beeindruckte sie ungemein, was er bereits erlebt und erreicht hatte. Je länger sie von ihm Einzelunterricht erhielt, desto sicherer wurde sie, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Und es wurde Zeit, dass sie die ganze Sache wahrhaft ernst anging! Die Spuren führten zum Verbotenen Wald und genau dorthin schlich sie sich bei Abbruch der Dämmerung – zunächst hinaus auf den Innenhof, dann an den Gewächshäusern vorbei. Sie wagte es erst im Schutz der Bäume, das Licht an der Spitze ihres Zauberstabes zu entzünden. Das Dickicht wirkte vollkommen undurchdringlich … einerseits schienen es tausend verschiedene Wege zu sein und gleichzeitig kein einziger.
„Wer seid Ihr, was wollt Ihr hier in diesem Wald, Mensch?“, sprach sie plötzlich eine Gestalt an, welche mit gespannten Bogen direkt auf ihre Brust zielte.
Erstarrt stotterte Nadeshiko: „I-Ihr … Ihr seid ein Zen-Zentaur …“
Er wollte schon da Sehne loslassen, da rief sie: „Bitte, wartet – ich bin auf der Suche nach dem Verwunschenen Verlies! Mein Name lautet Shiko, Nadeshiko Yosogawa.“
Voller Erstaunen ließ der junge Zentaur seine Waffe sinken und fragte: „Yosogawa wie … Seiketsu Yosogawa?“
„Ja, sie ist meine ältere Schwester. Kennt Ihr Sei?“, hakte nun ihrerseits die Rothaarige verwundert nach.
Ein schauerliches Lachen hallte von den Baumstämmen wieder: „Kennen … ist ein wenig milde ausgedrückt. Ich würde fast behaupten, wir wären so etwas wie Freunde gewesen; so fern das zwischen unseren beiden Rassen überhaupt möglich ist – bis sie mich eines Tages verraten hat! Seiketsu Yosogawa ist dafür verantwortlich, dass ich aus meinem Rudel verbannt wurde … Weil sie mir die Insigne des Oberhauptes gestohlen hat … Ihr mögt nicht Eure Schwester sein, doch empfehle ich Euch, mir nicht noch einmal unter die Augen zu treten!“
„Sei soll …“, versuchte sie ihre Gedanken auf die Reihe zu bekommen, „Das … das kann ich nicht glauben; sie hätte doch nie … Was genau war es denn, was sie … was Euch abhanden gekommen ist?“
Grummelnd antwortete der Zentaur: „Ein Pfeil mit juwelenbesetzter Spitze … Er gehörte einst meinem Vater. Als er zu den Sternen ging, war ich noch Fohlen, deshalb ging der Posten an seinen Bruder, bis ich alt genug wäre.“
Nadeshiko traute ihren Ohren kaum; das konnte kein Zufall sein … und so berichtete ihm die schöne Gryffindor von dem Gegenstand, welchen sie aus dem Verlies der Angst erhielt. Das magische Geschöpf starrte sie an, unfähig etwas zu erwidern.
Daher schlug sie ihm einen Handel vor: „Ihr kennt sicher, den Weg zum Verlies des Waldes, nicht wahr? Wenn Ihr mich und meine Freunde ebenfalls dorthin bringt, gehört der Pfeil wieder Euch.“
„Ich habe einst Seiketsu zu jener Stelle geführt …“, kam es recht widerwillig von ihm, da er sich eigentlich geschworen hatte, niemals mehr einem Menschen zu vertrauen … doch die leise Hoffnung, die sich in ihm regte, ließ ihn nicken, „Ich, Torvus Toramason, werde Euch helfen!“
„Ich danke Euch.“, antwortete sie mit einer Verbeugung.
Euphorisch machte sich Nadeshiko auf den Rückweg zum Schloss, was sie leider auch etwas unaufmerksam machte und damit wäre sie fast den patrouillierenden Lehrern in die Arme gelaufen, da legte sich auf einmal von hinten eine Hand über ihren Mund und zog sie in eine dunkle Ecke. Ihr erster Impuls war es, ihrem Angreifer einen Tritt zu verpassen – nur dass es sich gar nicht um einen Angreifer handelte. Alles an ihm war ihr getraut … seine Statur, sein Geruch, selbst seine Finger auf ihrer Haut. Ein flaues Gefühl hatte Ohtah aus dem Bett getrieben – er ahnte, dass Nadeshiko in Schwierigkeiten steckte … wie so häufig nicht grundlos. Ohne ein Wort nahm er ihre Hand, führte sie geschickt und vollkommen unentdeckt durch die dunklen Gänge zurück zum Gryffindor-Gemeinschaftsraum.
„Ohtah …“, flüsterte sie kaum hörbar und gleichzeitig überglücklich, „Wirst du es ebenfalls zurückschaffen, ohne erwischt zu werden?“
Er lehnte sich mit seinem typisch schiefen Grinsen und antwortete: „Die Schatten sind ein Teil von mir, das weißt du doch …“
„Gute Nacht, mein Held.“, sagte Nadeshiko und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Dann kletterte sie unter dem Murren der Fetten Dame durch das Loch hinter dem Porträt in den Turm. Der Slytherin stand noch für einige Minuten wie erstarrt da, während seine Haut unaufhörlich kribbelte.
Am nächsten Tag trafen sich die beiden am Schwarzen See und Nadeshiko brachte ihn auf den neuesten Stand über Torvus sowie den juwelenbesetzten Pfeil. Ärger flammte in Ohtah auf, weil sie ihn nicht in ihre Unternehmung eingeweiht geschweige denn eingebunden hatte.
„Ich verstehe es nicht – warum, Shiko? Das Risiko ist mir doch vollkommen gleichgültig! Ich habe geschworen, dir zu helfen … stets an deiner Seite zu sein.“, meinte er mit abgewandtem Blick.
Sie sah ebenfalls zur Seite und sagte: „Das war dumm, ich weiß … Ich hatte das Gefühl, ich müsste es schaffen, ohne mich ständig auf dich zu verlassen. Ich wollte mir selbst beweisen, auch alleine stark sein zu können … Aber ich habe mich geirrt – ich brauche dich.“
Der geschickte Slytherin setzte sich neben sie, ihr Kopf lehnte sich an seine Schulter und er entgegnete sanft: „Du bist nicht schwach … ganz und gar nicht. Shiko, ich-“
Ohtah brach ab und schaute ihr direkt in die Augen. Für einen kurzen Moment waren sämtliche Verliese vergessen … Bis ein Schrei von Shirayuki sie wieder in die Realität riss; die Schleiereule brachte einen Notizzettel von Klerus. Eine sechsköpfige Gruppe Huffelpuffs war dem Schlaffluch erlegen … Offenbar wurde er stärker, je länger er aktiv war. Und das Schuljahr schlitterte bereits seinem Ende entgegen – jetzt oder nie, wie man so schön sagte.
Die folgenden Stunden verbrachten die drei mit letzten Vorbereitungen – begonnen damit ihre Betten mit Kissen als Doubles auszustatten. Die schwarzen Schuluniformen würden für die perfekte Tarnung in der aufziehenden Dunkelheit bieten … Von ein paar einfachen Tränken abgesehen, gab es nicht wirklich viel, das ihnen einfiel, was noch hätte nützlich sein können, und einen Besen, den sich Ohtah auf den Rücken band, und Nadeshiko hatte Shirayuki hinausgelassen, um sie notfalls schnell zu sich rufen zu können. Da Ohtah von ihnen die feinste Intuition besaß, was das Schleichen anging, fiel ihm die riskanteste Aufgabe zu – zunächst von den Kerkern aus einen Stock nach oben zu gehen und Klerus einzusammeln, anschließend mit diesem gemeinsam hinauf zum Westturm zu steigen. Und dann mussten sie noch alle unentdeckt zum Verbotenen Wald gelangen … Allerdings wäre er sicher kaum ein »Schattendrache«, wenn ihm ein solches Unterfangen nicht gelingen könnte. Die Ausläufe ihres Ziels war ein beliebter Aufenthaltsort von Professor Hagdrig, weswegen der Slytherin in Richtung seiner Hütte lauschte – der aufsteigende Rauch allein hätte ihm nicht genügt … sehr wohl jedoch das Bellen seines Hundes Fang. Der Wildhüter befand sich demnach in seinem trauten Heim und sollte ihnen erst mal nicht in die Quere kommen.
„Die Sterne haben mir bereits von Eurer Ankunft berichtet.“, begrüßte sie die ernste Stimme von Torvus, der bei ihrer Ankunft zwischen den Bäumen hervortrat, „Habt Ihr meinen Pfeil?“
Nadeshiko zog ihn aus der Tasche ihres Umhangs und erklärte: „Ich muss ihn bei mir haben, wenn ich das Verlies betrete – anschließend gebe ich Euch Euren Besitz zurück.“
Der Zentaur nickte, ehe er, gefolgt von den Schülern, die ihre Leuchtzauber aktiviert hatten, tief in den Verbotenen Wald vordrang. Eigentümliche Geräusche begleiteten ihren Weg. Der Braunhaarige ergriff die Hand der schönen Gryffindor, deren Wangen plötzlich heiß wurden, was aufgrund der Dunkelheit allerdings niemand sehen konnte … Außerdem waren sie ziemlich mit der Umgebung beschäftigt – das Areal war nicht gerade für Wanderungen geschaffen. Nachdem sie bereits eine gute Stunde unterwegs gewesen waren, entdeckte Klerus eine Tür, welche sich unter einem dichten Wurzelwerk befand.
„Dies ist der Eingang zum Verlies des Waldes … Seid vorsichtig – ich weiß nicht, was euch drinnen erwarten wird.“, bestätigte Torvus.
Als die drei näher traten, regte sich eine Gestalt in den Wipfeln der Bäume. Erst jetzt bemerkten sie die hauchfeinen Fäden, die sich überall zu gigantischen Netzen zusammensetzten und vier Augenpaare spiegeln sich im Licht, welches von den Zauberstäben ausging – es war tatsächlich eine Acrumantula!
Ihr behaarter Körper glitt auf sie zu und man konnte eine unheilvolle Stimme vernehmen: „Es ist ewig her, dass ich frisches Menschenfleisch genießen konnte … Mit wem fange ich nur an?“
„Wage es nicht, Shiko auch nur zu nahe zu kommen!“, schrie Ohtah und ging sofort in Angriffsposition.
Er kämpfte tapfer gegen das Tierwesen, schleuderte ihr einen Fluch nach dem anderen schleuderte entgegen. Schließlich richtete er »Expelliarmus« gegen die klickenden Zangen und verjagte sie endgültig mit »Arania Exumei«. Vor Erleichterung fiel ihm die hübsche Rothaarige um den Hals, drückte sich an seine Brust. Manchmal verfluchte sie ihn dafür, dass er sich zu ihrem persönlichen Beschützer erklärt hatte … denn was sollte sie nur machen, wenn seine Fähigkeiten eines Tages mal versagen würden? Daran durfte sie im Moment jedoch nicht denken – überhaupt hätte Nadeshiko diesen Gedanken gerne für immer aus ihrem Kopf verbannt. Also löste sie sich von ihm und wandte sich dem Eingang zu. Gemeinsam mit Ohtah und Klerus trat sie ein – drinnen war alles von Pflanzen überwuchert. »Diffindo« schlug ihnen dafür den Weg frei; es war ein Zauber, der fast alles zerschneiden konnte. An ein paar besonders schwierigen Stellen nutzte die Gryffindor sogar ihre Flammen. An ihrem Ziel angekommen, zog Nadeshiko den Pfeil erneut und berührte damit die Säule. Die drei staunten, als sie darin ein kleines, handliches Porträt von Seiketsu und Nadeshiko fanden.
„Das ist Seiketsu? Sie ist wunderschön …“, entfuhr es Klerus, der sich verlegen räusperte, „Äh, ich wollte sagen, ein wunderschönes Bild von euch beiden. Ihr wirkt sehr glücklich.“
Traurigkeit lag in ihrer Stimme, als sie entgegnete: „Das waren wir … Ohne Sei fehlt ein Teil von mir selbst.“
Die Rothaarige warf noch einen Blick zurück, ehe sie sich auf den Rückweg machten und vor dem Verlies von einem ziemlich nervösen Torvus erwartet wurden. Wie vereinbart überreichte sie ihm seinen Stammesschatz.
Er deutete eine leichte Verbeugung an und sprach beinahe ehrfürchtig: „Ich danke Euch – dies wird mein Exil beenden … Wenn die Sterne es wünschen, werden sich unsere Wege erneut kreuzen – Shiko, bis dahin seid gewiss, Ihr besitzt die Freundschaft eines Zentauren.“
„Und jede Menge Ärger!“, donnerte eine ihnen sehr bekannte Stimme.
Kreidebleich fuhren die Schüler herum – vor ihnen stand eine äußerst erboste Professor McGonegall.
„Miss Yosogawa, Mister Shadowdragon, Mister Monko, da das Schuljahr so gut wie zu Ende ist, werden Sie das nächste Schuljahr mit Nachsitzen verbringen – getrennt! Mir fehlen wirklich die Worte … keinerlei Achtung vor den Schulregeln … Abmarsch zurück ins Schloss und in Ihre Schlafsäle!“, befahl die Leiterin von Hogwarts und marschierte voraus.
Das Donnerwetter verrauchte etwas, als die verfluchten Schüler einer nach dem anderen erwachten und relativ schnell wieder auf die Beine kamen. So mussten sich wenige Tage später alle Schüler nach dem Abendessen direkt in ihren jeweiligen Gemeinschaftsräumen einfinden.
Jeder Hauslehrer hielt dort in etwa dieselbe Ansprache: „Der Lehrkörper hat entschieden, die Rettung der verfluchten Schüler mit einem Ball in der Großen Halle zu würdigen. Am letzten Samstag vor den Sommerferien, sprich heute in zwei Wochen – gesittet und ohne dem Ansehen des Hauses Gryffindor zu schaden! Das bedeutet unter anderem, Abendgarderobe ist obligatorisch und ich werde eine Liste mit den Sperrzeiten der verschiedenen Altersstufen aushängen, von denen ich erwarte, dass diese ausnahmslos eingehalten werden. Gibt es noch irgendwelche Fragen?“
Das folgende Stimmengewirr ignorierte Nadeshiko. Sie hatte sich absichtlich in eine Ecke des Raumes verzogen, um dem Blick der Direktorin zu entgehen. Gerade als sie sich dennoch den Besuch des Balls vorstellen wollte, bekam sie unerwartet Gesellschaft.
Argo hielt ihr eine gezauberte Rose entgegen und sagte überheblich: „Nicht einmal die schönste Blume kommt dir gleich – du wirst alle anderen überstrahlen. Mehr noch, wenn du als meine Begleiterin dort erscheinen würdest …“
Es war ja nicht das erste Mal, dass Argo ihr Avancen machte, daher antwortete sie bestimmt: „Dieses Angebot muss ich leider ablehnen. Es tut mir leid, Argo.“
Ohne ihn noch weiter zu Wort kommen zu lassen, eilte sie in den Schlafraum und warf sich auf ihr Bett. Neugierig beäugte Shirayuki dieses seltsame Verhalten.
„Ich könnte es nicht ertragen …“, murmelte die Rothaarige halb zu ihrer schneeweißen Gefährtin, halb in ihr Kissen, „Allein es mir vorzustellen, bringt mich fast um den Verstand! An der Seite eines anderen Mannes … oder schlimmer noch – eine andere bei ihm. Ach, Shirayuki, ich wünsche mir, dass er mich fragt …“
Die Schleiereule schlug mit den Flügeln, als wollte sie Nadeshiko aufmuntern natürlich gab es keinerlei Zweifel, von wem sie gesprochen hatte … Doch genau dieser Besagte ging eben einer solchen Situation mehrfach aus dem Weg. Ohtah machte Nadeshiko keinerlei Andeutung – geschweige denn dass er den Ball ihr gegenüber überhaupt erwähnte. Hätte sie nicht einige Slytherins darüber tuscheln hören, hätte sie gedacht, sie wären von Professor Slughorn erst gar nicht erst informiert worden. Wollte er etwa vor ihr verheimlichen, dass er bereits ein anderes Mädchen gefragt hatte – womöglich sogar Livia? Kaum hatte sich dieses Bild in ihr Gedächtnis gebrannt, mied Nadeshiko die Große Halle so gut es ging und sah beim Essen nicht mehr von ihrem Teller auf. Dem Gemeinschaftsraum und der Bibliothek blieb sie ebenfalls fern; stattdessen verbrachte sie noch mehr Zeit als sonst mit Shirayuki auf Streifzügen um den Schwarzen See. Ein Teil von ihr wollte nicht zugeben, wie sehr sie dieser Umstand verletzte … welche Hoffnungen sie sich noch gemacht hatte.
In Wahrheit waren Nadeshiko´s Wünsche gar nicht so abwegig – nur Ohtah´s mangelndes Selbstvertrauen stand ihnen im Weg. Für ihn gab es keine intelligentere und schönere Hexe auf der Welt, nur wer war er dagegen? Der Abkömmling eines dunklen Zauberers … ein Schatten in der Dunkelheit, ihrer nicht würdig. Er konnte ein Freund für sie sein, ein Beschützer ... solange sie seine Gegenwart wünschte … Und gleichzeitig kam er nicht umhin die Veränderung Nadeshiko´s zu bemerken, seit der Ankündigung der Hauslehrer … wie hätte ihm auch ihr leidender Blick entgehen können. Derselbe Schmerz, den er selbst empfand, wenn er sich Nadeshiko mit einem anderen Mann an ihrer Seite vorstellte. Schließlich ertrug er es nicht länger und nahm die Schreibfeder zur Hand. Anschließend wartete er in der Eulerei auf Shirayuki – keiner anderen hätte er diesen Brief anvertraut.
„Flieg´ zu ihr …“, murmelte er ihr Federkleid kraulte, „Beenden wir diesen Zwist.“
Die Augen der Tytus funkelten verschwörerisch. Bevor Ohtah nach Hogwarts gekommen war, hatte er die Verbindung von manchen Zauberern mit ihren tierischen Gefährten für übertrieben gehalten – Nadeshiko und Shirayuki hatte ihn eines besseren belehrt. So fand die Schleiereule ihre Herrin problemlos am Ufer des Schwarzen Sees sitzend.
„Was bringst du mir denn da, meine Schöne?“, wollte sie verwundert wissen, denn das Kuvert trug weder Absender noch Empfänger.
Kaum hatte sie das Pergament jedoch entfaltet, erkannte Nadeshiko die Handschrift sofort und begann zu lesen: „>Liebste Shiko, verzeih´ mir. Ich bin echt ein ziemlicher Feigling, das weiß ich jetzt – ich habe mich nicht getraut, dich nach dem zu fragen, was ich mir so sehnlich wünsche … und nun da ich endlich diese Zeilen schreibe, befürchte ich, es ist ohnehin zu spät. Doch wenn dem nicht so ist … möchte ich dich bitten, mir die große Ehre zu erweisen, dich zum Ball begleiten zu dürfen. Dein Ohtah“
Nadeshiko hatte viele Schriftstücke von ihm in Händen gehalten – Mitschriften des Unterrichts, Aufsätze ihrer Hausaufgaben, Notizen zu den Verliesen oder auch kurze Nachricht. In keiner davon hatte er diese Anrede verwendet … Dieser Brief war nicht ohne Plan aufgesetzt worden und diese Tatsache berührte ihr Herz, an welches sie das Schreiben fest presste. Seine Schritte waren für ihre Ohren unverwechselbar – davon abgesehen dass Shirayuki bei jedem anderen Alarm geschlagen hätte. Langsam näherte Ohtah sich ihnen, nahm neben ihnen Platz.
„Direkt nachdem Professor McGonegall uns vom Ball berichtet hatte, hat Argo mich zu seiner Begleiterin auserkoren …“, berichtete Nadeshiko, den Blick unverwandt auf den Schwarzen See gerichtet, „Tja, ich habe natürlich abgelehnt – es gibt nur einen Jungen, mit dem ich diesen Abend verbringen möchte … Ohne ihn hätte ich diesen oder überhaupt einen Fluch niemals brechen können.“
Als hätte ihm jemand einen Schockzauber verpasst, starrte er sie perplex an. Sie lächelte und lehnte den Kopf gegen seine Schulter. Wie nur konnte er überhaupt an ihren Gefühlen für ihn zweifeln …
Die restliche Zeit verging, wie im Flug. Und Ohtah war nervös. Gut, genau genommen war das eher die Untertreibung des Jahrtausends. Unruhig lief er vor einer Säule neben dem Treppenaufgang hin und her. Und wenn sie gar nicht kam? Bereits eine Sekunde später schallte er sich einen Idioten … er vertraute Nadeshiko. Sie bedeutete ihm alles … Niemals hätte er es für möglich gehalten, solche Gefühle empfinden zu können.
Plötzlich ließ ihn sein sechster Sinn aufschauen. Ein Schauer lief ihm durch den ganzen Körper. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn ihn jemand gekniffen hätte – Nadeshiko war immer wunderschön, besonders in seinen Augen … doch nun gab sie dem Adjektiv eine völlig neue Dimension. Sie trug ein bodenlanges Kleid im asiatisch geschnitten Stil mit hohen Stehkragen aus einem tiefblauen Satin mit aufgedruckten, silbernen Sternenkonstellationen. Ihr Haar hatte sie zu einem eleganten Knoten hochgesteckt, abgerundet wurde ihre Frisur von einer mit Sternen geschmückten Tiara. Würdevoll schritt sie die Stufen hinab auf ihn zu und musterte dabei auch sein Outfit, bestehend aus einem weinroten Frack mit schwarzer Fliege und passendem Hemd sowie Weste. Als ihr Blick auf die rote Nelke in seiner Knopfleiste fiel, errötete Nadeshiko.
„Mir fehlen die Worte …“, hauchte der Slytherin und hielt ihr seinen Arm hin, „Prinzessin, darf ich Euch hineinführen?“
Sie lächelte ihn strahlend an, während sie sich bei ihm einhakte. Schon unzählige Male hatten sie einander berührt … und dennoch schlug ihr heute das Herz bis zum Hals. Sie wusste es schon lange, aber nie schien der sagenumwobene Moment gekommen. Die Suche nach den Verwunschenen Verliesen hatte im Grunde ihre gesamte Aufmerksamkeit gefordert – als sie nach Hogwarts gekommen war, hätte sie nicht damit gerechnet, jemandem wie Ohtah zu begegnen …
„Alles in Ordnung?“, fragte er leise.
Nadeshiko erwachte aus ihren Tagträumen und antwortete: „Ja, entschuldige. Weißt du, ich musste nur gerade daran denken, dass ich mir mein Leben ohne dich gar nicht vorstellen kann …“
Nun gebührte die verräterische Farbe Ohtah´s Wangen. Bevor er allerdings noch etwas erwidern konnte, erreichten sie den Eingang zur Großen Halle, die nicht mehr wiederzuerkennen war – die Haustische waren verschwunden und an der Stirnseite befand sich die Tanzfläche. Statt den Kerzen schwebten Lichtkugeln durch die Luft. Ohtah und Nadeshiko staunten über die aufwendige Dekoration, die definitiv auf Professor Flitwick´s Konto ging, und setzten sich an einen der runden Tische, auf denen Essen sowie Getränke aufgebaut waren.
In diesem Augenblick begann Professor McGonegall bereits mit ihrer Eröffnungsrede: „Langeweile ist ein Begriff, den Hexen und Zauberer nicht wirklich kennen – vor allem in Hogwarts. Leider kann das Gegenteil davon auch schreckliche Gefahren bergen … Es gleicht einem Wunder, dass wir diesen Abend gemeinsam begehen mit jenen, die dieses Schuljahr dem Schlaffluch erlagen. Daher sei dieser Ball ein Ausdruck der Freude und Mahnung – das Leben ist kostbar und sollte keineswegs leichtfertig riskiert werden, seien die Absichten auch noch so edelmütig.“
Die Rothaarige ahnte, dass dieser letzte Satz ihr galt … Ganz Hogwarts glaubte, die Flüche wären ihretwegen erneut aktiv. Ohtah drückte ihre Hand und Nadeshiko schüttelte kaum merklich den Kopf – dies war nicht die Zeit für trübe Gedanken. Mit einem Wink gab die Direktorin die Tanzfläche frei. Sofort sprangen die beiden auf und bewegten sich rhythmisch zur Musik. Der Großteil der Schüler folgte ihnen. Doch für Nadeshiko und Ohtah war es beinahe so, als wären sie allein im Saal. Die ersten Stunden vergingen wie im Flug und irgendwann zogen sie sich nach draußen zurück, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Unerwartet hielt Ohtah inne, sah zu Boden. Er hatte sich diesen Schritt fest vorgenommen …
„Shiko, es gibt da etwas, das ich dir sagen muss …“, erklärte er bedächtig und suchte den Blick ihrer schokoladenbraunen Augen, „Ich bin in dich verliebt … seit unserer ersten Begegnung!“
Vollkommen überrumpelt von dieser Offenbarung, schlug sich die Hände vor den Mund und Freudentränen liefen ihr über die Wangen. Wann hatte sie angefangen, von diesen Worten zu träumen? Und gleichzeitig sich davor gefürchtet, er könnte sie abweisen …
„Und ich liebe dich, Ohtah … von ganzem Herzen!“, schluchzte sie überglücklich, während sie ihm um den Hals fiel.
Im ersten Moment konnte Ohtah es nicht glauben, dass sie seine Gefühle wirklich erwiderte – eher hätte er damit gerechnet, sie würde ihm erklären, dass sie nur Freunde sein könnten … Um jeden Zweifel auszulöschen, überwand er den Abstand zwischen ihnen und berührte zärtlich ihre Lippen mit seinen. Ihre Arme zogen ihn noch näher an sich heran, sodass er ihren beschleunigten Herzschlag spüren konnte. Er lächelte in den Kuss hinein. Zum ersten Mal seit sie ihre Schwester verloren hatte, fühlte sich Nadeshiko wieder vollkommen lebendig …
Als sie sich etwas voneinander lösten, sah die Rothaarige dieselbe Empfindung auch in seinen Augen und flüsterte: „Sag´ mir, dass das wirklich kein Traum ist …“
Auf seinem Gesicht erschien das schiefe Grinsen, welches maßgeblich mitverantwortlich für ihre Gefühle ihm gegenüber war, als er sie leicht in den Arm zwickte. Unter gespielten Protest ihrerseits, begannen beiden zu lachen und Ohtah hob sie hoch, wirbelte Nadeshiko herum. Er war einfach nur unsagbar glücklich! In seiner Familie hatte er stets nur Disziplin und die Lehren der dunklen Magie zu spüren bekommen – sie befreite ihn von dieser Bürde. Für sie wollte er jemand gutes … besseres sein.
„Ich würde gerne noch einen Tanz wagen … mit meinem Liebsten.“, sagte Nadeshiko zwinkernd.
Elegant verbeugte er sich vor ihr und hielt ihr erneut den Arm hin, um sie wieder hineinzuführen.
Am nächsten Morgen stellte Shirayuki einen weiteren Brief an Nadeshiko zu – allerdings von Professor McGonegall, die sie unverzüglich zu sich ins Büro zitierte.
Die Direktorin erwartete sie an dem gewaltigen Schreibtisch sitzend, die Finger ineinander verschränkt und einem strengem Unterton in der Stimme: „Sie ahnen sicher, was ich Ihnen zu sagen habe, Miss Yosogawa. Es stimmt, ich bin Ihnen in gewisser Weise dankbar dafür, dass Sie erneut einen Fluch gebrochen haben … aber ich habe Ihnen letztes Jahr bereits gesagt, dass meine Mildtätigkeit eine Ausnahme sein wird. Ihre Tapferkeit würde wahrscheinlich selbst Godric Gryffindor mit Stolz erfüllen … doch Ihre Unvernunft und Naivität bringen Dutzende von Schülern in Gefahr! Daher kann ich Ihre Suche nach weiteren Verliesen nicht dulden – stattdessen können Sie Ihre überschüssige Energie beim Nachsitzen verbrauchen und hoffentlich beim Lernen für ihre ZAGs.“
Nadeshiko blinzelte ein paar Mal. Die ältere Hexe wusste, warum sie sich so verbissen voran kämpfte – und dennoch hatte sie die Rotharrige nicht der Schule verwiesen oder zumindest suspendiert, was ihr allerdings durchaus noch blühen konnte, wenn sie ihre nächsten Worte nicht weise wählte.
„Professor, es stimmt, ich bin eine Gryffindor … von ganzem Herzen.“, antwortete Nadeshiko und zog ihren Zauberstab aus der Umhangtasche, „Ebenholz, elfeinviertel Zoll, unnachgiebig und der Kern aus Phönixfeder – er hat mich erwählt … Ich werde das Vertrauen nicht enttäuschen, das in mich gesetzt wird!“
Professor McGonegall nickte nur. Es hatte keine Lüge darin gelegen … jedoch auch keine Zustimmung.
Vertrauensschüler beim Nachsitzen
Wenige Tage bevor Nadeshiko und Ohtah endlich wieder gemeinsam mit Klerus im Hogwarts-Express saßen und Pläne schmiedeten, bekamen die beiden Fünftklässler Briefe von ihren jeweiligen Hauslehrern. Statt der erwarteten Ermahnung bezüglich ihres Nachsitzens oder einer Erinnerung an das bevorstehende Prüfungsjahr, beinhalteten diese ihre Ernennungen zu Vertrauensschülern. Nadeshiko´s Mutter tanzte mit dem Abzeichnen durch die Wohnung und ihr Vater nickte anerkennend. Ohtah dagegen hatte seinem Vater natürlich wie üblich nichts davon erzählt – wahrscheinlich bekäme er ohnehin nur vorgeschlagen, seine neue Macht zu nutzen, um die Erstsemester zu tyrannisieren, anstatt auf sie zu achten … Allerdings stellten sich die Gryffindor sowie der Slytherin dieselbe Frage – warum war die Wahl ausgerechnet auf sie gefallen, wo sie doch selbst für ziemlichen Ärger in der Schule sorgten?
Professor McGonegall hatte wohl scherzeshalber sogar ein P.S. angehängt: „Ich glaube, in der Geschichte von Hogwarts sind Sie die einzigen Vertrauensschüler mit einer derartigen Strafarbeit … Ich weiß, Sie werden Ihre Sache gut machen.“
Ihr Vertrauen ehrte sie … doch brachte es, Nadeshiko nicht von ihrem Ziel ab. Zunächst einmal wollte sie Ohtah davon berichten – die Wochen ohne ihn schmerzten diesmal umso mehr, nun da sie sich einander endlich ihre Liebe gestanden hatten … Neben dem bevorstehenden Nachsitzen, der Prüfungen, ihrer neuen Vertrauensschülerarbeit, dem Fluchbrecher-Unterricht und der Suche nach einem weiteren Verlies ganz zu schweigen, war es jedoch vor allem das erste Jahr, welches sie als richtiges Paar verbringen würden … Manchmal erschien es der Rothaarigen noch immer wie ein Traum – ein Traum, von dem sie kaum zu träumen gewagt hatte.
Und so schwebten die beiden am ersten Schultag erst mal vollkommen auf Wolke sieben – nur abgelenkt von den zahlreichen Vorträgen über die ZAG-Prüfungen wie etwa dem von Professor McGonegall: „Sie wissen sicher, welche Bedeutung diesem Schuljahr für Ihr zukünftiges Leben inne wohnt – da einige Berufe bestimmte UTZ-Noten erfordern, entscheiden die Ergebnisse Ihrer ZAG-Prüfungen, welche Karrieremöglichkeiten Ihnen nach Hogwarts offen stehen. Daher kann ich nur jeden einzelnen von Ihnen beschwören, diese Sache ernstzunehmen – und überdenken Sie noch einmal rechtzeitig, wo Ihre Schwerpunkte liegen.“
Kannte man einen, kannte man alle. Dennoch zumindest ein kleiner Teil von ihr ging ihre Prioritäten für den Beruf des Fluchbrechers durch – als aller erstes Arthmantik und Alte Runen, dann natürlich Verteidigung gegen die dunklen Künste, Verwandlung und Zauberkunst, wobei Pflege magischer Geschöpfe ihr ja ebenfalls hilfreich sein konnte und im Grunde auch Zaubertränke. Bei Ohtah sahen die benötigten Noten nicht sonderlich anders aus. Hinzu kam noch, dass manche Lehrer sogar den höchsten ZAG, anstatt nur bestanden, für ihre UTZ-Klassen verlangten. Es würde eine Art Glücksspiel werden – denn ohne weiterführenden Unterricht, gab es keine Berechtigung in Hogwarts bleiben zu dürfen und damit nicht weiter nach Seiketsu suchen zu können …
Nadeshiko dachte erneut an den Hinweis zum vierten Verlies: „>Ich gratuliere dir … und will dich gleichzeitig warnen – die Verliese werden immer gefährlich, selbst wenn dir das gar nicht so erscheint. Und die nächste Lösung liegt im Fluch selbst versteckt!<“
Bedeutete das sobald sie den Fluch kannte, wusste sie, wo sie nach dem Zugang suchen musste?
Beim abendlichen Festessen fielen sowohl Nadeshiko, als auch Ohtah auf, dass Klerus fehlte – wie auf Kommando erhoben sich beide von ihren Plätzen und traten unter den verwunderten Blicken der restlichen Schülerschaft an den Lehrertisch.
Der Slytherin richtete sich an die Hauslehrerin seines Bruders: „Professor Sprout, verzeihen Sie unsere Unhöflichkeit, nur … wissen Sie, wo Klerus ist?“
Die Meisterin der Pflanzen sah zu ihrem Haus und antwortete: „Mister Monko? Also … nein, es tut mir leid. Sind Sie sicher, dass er nicht irgendwo zwischen den Schülern sitzt?“
Die beiden Vertrauensschüler schüttelten den Kopf. Von der Geschichte mit dem Verliesen einmal abgesehen, war Klerus die Korrektheit in Person – grundlos würde er der Begrüßungsfeier sicher nicht fernbleiben.
Professor McGonegall, die seine Abwesenheit ebenfalls beunruhigte, winke den Fetten Mönch, den Hausgeist von Hufflepuff zu sich: „Ein Schüler wird vermisst – Klerus Monko, viertes Jahr. Bitte, suchen Sie nach ihm und holen sich gern bei den anderen Geistern Unterstützung, diskret. Noch sehe ich keinen Grund, die restlichen Schüler in Panik zu versetzen. Das gilt übrigens auch für Sie, Miss Yosogawa und Mister Shadowdragon, halten Sie diese Situation für den Moment noch geheim. Ich denke, Sie wissen, warum …“
Nadeshiko sah zu Ohtah. Er wirkte blass – Angst hatte ihn ergriffen. Verschwundene Schüler bedeuteten in Hogwarts selten etwas gutes … Sie griff nach seiner Hand und kehrte mit ihm auf ihre Plätze an den Haustischen zurück, wo ihnen jedoch der Appetit vergangen war.
Die Schülerschaft bemerkte nicht, wie die Schulgeister die Nacht damit verbrachten, Klerus auf dem gesamten Gelände zu suchen. Kurz vor Sonnenaufgang alarmierte Peeves die Schulleiterin sowie die übrigen Hauslehrer – schockiert versammelten sie sich auf beim großen Treppenaufgang und betrachteten eines der zahlreichen Porträts, das nicht mehr nur eine einfache, schottische Landschaft zeigte ... ein in einem schwarzen Umgang mit gelben Applikationen gekleideter, blonder, junger Mann hämmerte gegen von innen gegen die Leinwand. Klerus war darin gefangen!
„Wir … haben es hier wohl mit einem neuen Fluch zu tun …“, hauchte Professor McGonegall, wobei sie die Tränen nur mühevoll unterdrücken konnte, „Die Vertrauensschüler sollen alle aus ihren Häusern in den Gemeinschaftsräumen versammeln.“
Und so kam es, dass die vier Hausgeister unter anderem Nadeshiko und Ohtah weckten. Die Botschaft war wie ein Schlag ins Gesicht – der Slytherin wollte am liebsten hinausstürmen und Klerus sehen, doch etwas hielt ihn zurück. Sein Bruder wäre sehr enttäuscht, wenn er die Pflicht seiner Anstecknadel vernachlässigen würde … Von den Lehrern wusste niemand von ihrem verwandtschaftlichen Verhältnis, daher konnten sie darauf keine Rücksicht nehmen. Dabei hätte er sich unbedingt bei ihm entschuldigen müssen … Im Hogwarts-Express hatte es keine Gelegenheit gegeben, da er Nadeshiko nichts von ihrem Streit erzählen wollte. Es war in den Sommerferien gewesen, da Klerus auf die Idee gekommen war, Ohtah könne ihn jetzt doch mal bei sich zu Hause besuchen … und so unter anderem die Mutter seines Halbbruders kennenlernen. Allerdings hatte sich alles in ihm gegen diese Begegnung gesträubt – jene Frau, die ihr Vater nur ausgenutzt und anschließend fallen ließ, konnte für ihn doch nur Abscheu empfinden … und er wollte die Verbindung mit ihm unter keinen Umständen negativ belasten. Natürlich war Klerus entsprechend beleidigt gewesen … In einem kurzen Moment der Schwäche schlug Ohtah die Faust gegen die Wand. Er hätte ihn beschützen müssen, irgendwie … Er war schließlich der Ältere! Egal zu welchem Preis – diesmal ging es nicht nur darum Nadeshiko zu helfen … dieser Fluch musste schnellstmöglich gebrochen werden!
Besagte war zu demselben Schluss wie ihre Hauslehrerin und ihr Liebster gekommen. Die Schüler von Hogwarts schwebten erneut in Gefahr … und sie wusste immer noch nicht, wer anstatt ihrer selbst der »Fluchmacher« sein könnte … Selbst wenn jemand aus Versehen in die Nähe des Verlieses von Eis und Schnee gekommen wäre, ein älterer Schüler zufällig das Buch in der Verbotenen Abteilung berührt und Professor Hagdrig im Verbotenen Wald ausgerechnet auf jene Acrumantula gestoßen wäre … Was könnte so kurz nach Schulbeginn zufällig den nächsten Fluch auslösen? Nein, irgendjemand innerhalb dieser Mauern kannte immer noch Seiketsu´s Geheimnis – alle Standorte und womöglich, was sie bewachten, warum sie existierten … jemand, der Nadeshiko weder behinderte noch unterstützte … und dennoch schien sie beinahe wie eine lebendige Schachfigur zu sein … Dieser grauenhafte Gedanke war ihr in den vergangenen Wochen bereits mehrfach gekommen – dass jemand die Suche nach ihrer Schwester ausnutzte, um die Rothaarige aus dem Weg zu räumen, sobald sie alle Drecksarbeit erledigt hätte …
Nachdem Professor McGonegall den Gryffindors die schreckliche Neuigkeit verkündet hatte, nahm sie Nadeshiko noch zu sich auf die Seite: „Ihren ersten Einsatz als Vertrauensschülerin haben Sie gut gemeistert. Ich hoffe doch sehr, Sie forschen nicht entgegen meiner Anordnung weiter nach den Verwunschenen Verliesen – Sie sollten Ihre verbliebene Zeit in Hogwarts besser dem Studium der Zauberei widmen. Und … sich nicht unnötig in Gefahr bringen. Überlassen Sie die Auswirkungen der Verliese Ihren Lehrern, Miss Yosogawa, und konzentrieren Sie sich auf Ihre Wiederholungen sowie das Nachsitzen – jeden Donnerstag um halb sieben werden Sie sich in der Küche einfinden. Der Zugang befindet sich im ersten Untergeschoss hinter dem Porträt mit dem Stillleben – Sie müssen nur die Birne kitzeln.“
Die Fünftklässlerin nickte. Sie musste dringend mit Professor Rien sprechen, wie es mit der Fluchbrecher-Nachhilfe weitergehen sollte und entgegen dieser Anweisung musste sie den Fluch schnellstmöglich aufheben, um Klerus zu retten! Allerdings sollte sie bald feststellen, dass die Meisterin der Verwandlung ihr mit der zusätzlichen Arbeit sogar einen Gefallen getan hatte – denn als sich Nadeshiko der Anweisung nach in der Küche eingefunden und ein rundlicher Hauself namens Pitts in die Arbeit, die hauptsächlich durch Geschirr spülen bestand, eingewiesen hatte, spitze sie sofort die Ohren. All die vielen Kreaturen, die hier unten arbeiteten, waren ebenso für die Instandhaltung und Ordnung im Schloss verantwortlich, wodurch sie vieles hörten, was zum Beispiel nicht für Schüler bestimmt gewesen wäre.
Eine der Hauselfen, die gerade unweit von ihr entfernt das Porridge mit Waldbeeren für das Frühstück vorbereitete, murmelte vor sich hin: „Es passiert immer wieder und wieder … kein Ende, arme Schüler … Das letzte Verlies müsste gefunden werden! Von dort kommen alle Flüche.“
„Woher weißt du davon?“, entfuhr es Nadeshiko, ehe sie sich beherrschen konnte, „Ach und kochst du die Grütze eigentlich immer? Das ist nämlich mein Lieblingsfrühstück!“
Lob war der Lohn eines Hauselfen, das wusste die junge Gryffindor nur zu gut – Mimi diente ihrer Familie seit vielen Jahren mit großem Eifer und als Kinder hatte es ihnen Spaß gemacht, sie so lange mit Komplimenten zu überhäufen, bis sie schamrot zu ihrer nächsten Aufgabe geflüchtet war.
„Oh, Ciri arbeitet so gern für die Schüler von Hogwarts! Miss Yosogawa´s ältere Schwester hat einmal dasselbe zu Ciri gesagt.“, entgegnete die Hauselfe mit einer tiefen Verbeugung, „Ciri hört immer zu – aber mehr weiß Ciri auch nicht, sehr geheimnisvoll die Verliese sind. Keiner ihren Ursprung kennt. Miss Yosogawa, muss sehr, sehr gut auf sich aufpassen, jawohl!“
Die Sorge ließ Nadeshiko schmunzeln. Zudem erfreute es sie, wieder etwas über Seiketsu´s Schulleben erfahren zu haben – ob ihr Vater davon wohl wusste? Seine beiden Töchter waren eben alles andere als perfekt.
„Danke, Ciri. Wenn … wenn du oder die anderen Hauselfen ganz zufällig etwas über die Verwunschenen Verliese erfahren, könntest du mir dann davon berichten? Damit ich … na ja, damit ich entsprechend auf mich und die anderen Gryffindor Acht geben kann, schließlich bin ich ja Vertrauensschülerin.“, meinte sie weiterhin lächelnd.
Ciri nickte eifrig: „Oh ja, selbstverständlich wird Ciri das tun. Miss Yosogawa ist so ein nettes Mädchen!“
Da musste die Rothaarige ihrer Professorin für die Strafarbeit wirklich dankbar sein. Wäre die Sache nicht so schrecklich, könnte man möglicherweise darüber lachen, auf welch kontroverse Weise Klerus dem entgangen war … Wobei einem Ohtah genauso leid tun konnte – er musste Argus Filch, dem gefühlt uralten, Katzen vernarrten und Schüler hassenden Hausmeister als Hilfskraft zur Hand gehen; was vor allem stundenlanges Polieren im Pokalzimmer beinhaltete. Apropos Klerus – er konnte ebenso wie die sonstigen Gemäldeabbilder von Rahmen zu Rahmen spazieren. Und so erschien er ein paar Tage später im jeweiligen Klassenzimmer, in dem sein Jahrgang unterrichtet wurde. Allerdings bleib der Hufflepuff dabei nicht allein – nach und nach verschluckten die Porträts immer mehr Schüler. An einem weiteren Donnerstag in der Küche wäre Nadeshiko beinahe zusammengebrochen, weil der Küchenchef Pitts den anderen Hauselfen verkündigte, dass bereits siebenundvierzig Schüler nicht mehr an den Mahlzeiten teilnehmen konnten. Von Jahr zu Jahr schienen die Flüche mehr Opfer zu fordern … und niemand vermochte zu sagen, wie sich die Gefangen auf sie auswirken würde. Kurz vor Ende ihrer Schicht kam Ciri in die Küche geeilt. Die Rothaarige hatte sich bereits gewundert, wo ihre geheime Verbündete wohl stecken mochte.
„Ciri hat Neuigkeiten gehört, als Ciri den Kamin im Lehrerzimmer gereinigt hat! Professor McGonegall hat sich mit Professor Rien unterhalten – über den Fluchmacher. Miss Yosogawa wird von vielen verdächtigt, aber nicht von den Professoren! Sagen, sie hätten beim letzten Mal schon den Fehler gemacht, Miss Yosogawa´s Schwester in die Enge zu treiben … und für ihr Verschwinden mitverantwortlich zu sein.“, berichtete das kleine Wesen so leise, dass sie niemand sonst hörte, „Miss Yosogawa muss wirklich sehr, sehr vorsichtig sein! Gefährlich ist die Macht der Verliese, verlockend … ja, ja.“
Nadeshiko drückte kurz ihre Hand, bevor sie erwiderte: „Ja, Ciri, ich weiß … Es muss einen Grund für ihre Existenz geben – etwas, das sie beschützen. Und was es auch sein mag, es darf nicht in falsche Hände geraten!“
„Miss Yosogawa ist eine wahrhafte Gryffindor!“, lobte die Hauselfe sie bewundernd.
Mit einem Lächeln dankte Nadeshiko ihr. Es wurde höchste Zeit für neue Nachforschungen! Und so verbrachte sie die nächsten Nachmittage erneut in der Bibliothek mit Studien über die hiesigen Porträts. Hinzu grübelte die Rothaarige über Seiketsu´s Beschreibung – beim letzten Wort blieb sie hängen. Auf einen Wink ihres Zauberstabs rief Nadeshiko Buchpassagen zu sich, welche sich mit Verstecken in Hogwarts beschäftigten.
„>Es befindet an jenem Ort, an dem alles versteckt ist – wer danach fragen muss, der wird es nie wissen … wer es weiß, für den genügt eine Frage.<“, las sie einen merkwürdigen Absatz, „Wo könnte man denn hier im Schloss >alles< verstecken? Sei … ich weiß einfach nicht, wo ich nach vier Jahren immer noch suchen soll …“
Es sollte angesichts der Umstände nicht recht verwunderlich sein, dass sich auch Ohtah´s Laune stetig verschlechterte – sein Halbbruder von einem Fluch malträtiert, seine Freundin kaum Zeit für ihn … Er selbst war ja neben den zahlreichen Hausaufgaben schon ständig mit seinen Aufgaben als Vertrauensschüler beschäftigt, hinzu kamen die wöchentliche Strafarbeit. Doch für das kommende Wochenende war wieder ein Ausflug nach Hogsmeade angesetzt und er wollte endlich mal ein paar unbeschwerte Stunden mit Nadeshiko verbringen …
Zu früh gefreut, denn einen Tag zuvor eröffnete sie ihm: „Es tut mir total leid – ich hab morgen eine Extrastunde bei Professor Rien. Du weißt ja, ProfessorMcGonegall nach London geflogen und da-“
„Soll das heißen, du verbringst deine Zeit lieber mit ihm?“, unterbrach der Braunhaarige sie wütend, „Warum, Shiko? Was will der Kerl eigentlich ständig allein mit dir?“
Im ersten Moment konnte die Gryffindor nur erstaunt blinzeln, ehe sie sich verteidigte: „Er ist ein Lehrer, verdammt nochmal, und riskiert trotzdem so viel, damit ich Sei finde! Was soll denn jetzt diese Unterstellung? Dabei weiß ich schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht – Fluchbrecher-Training überhaupt mal auf die Reihe bekommen, jede Woche Nachsitzen, wir sind Vertrauensschüler, suchen nach dem Verlies, ach und ZAG-Prüfungen haben wir auch noch vor uns! Ich … ich dachte wirklich, du würdest mich verstehen …“
Ihre Augen wurden feucht und sie wandte sich ab. Vielleicht hätten sie seinen Zorn besänftigt, so stapfte er einfach davon in Richtung Kerker. Zusammengesponnene Bilder von seiner Liebsten und ihrem Möchtegern-Nachhilfelehrer im Kopf.
Nadeshiko dagegen ging hinaus auf das Schlossgelände, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen … nahe der Gewächshäuser setzte sich sich auf die Wiese. Es hatte bereits mehrfach Unstimmigkeiten zwischen ihnen gegeben … doch niemals zuvor war Ohtah mit ihr im Streit auseinander gegangen – es entsprach partout nicht seiner Art. Aber seit sie ein Paar waren, schien alles anders zwischen ihnen. Er liebte sie … war eifersüchtig auf Professor Rien. Und ja, wahrscheinlich trug sie eine Mitschuld an der ganzen Situation. Dass sie den Ärger mit Professor McGonegall am Hals hatte und in Sachen Verlies nicht weiterkam, trug nicht gerade zu einem harmonischen Liebesleben bei.
„Tränen stehen einer solch schönen Frau aber ganz und gar nicht … Wenn du mir verrätst, wer dafür verantwortlich ist, fordere ich denjenigen sofort zu einem Duell heraus und mache ihn in deinem Namen fertig.“, sprach sie jemand an, gewohnt eine Spur zu überheblich.
Die Rothaarige wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und erwiderte: „Was soll das, Argo? Seit Jahren weise ich dich ab, dann sei jetzt gefälligst nicht so nett zu mir!“
Unbeeindruckt setzte er sich neben sie, um sie an sich zu ziehen, was sie geschehen ließ. Argo´s warme Arme trösteten sie.
„Ich kann nicht anders … meine Gefühle für dich sind einfach zu stark. Ich … wünschte, du würdest mir eine Chance geben, dir das zu beweisen, Nadeshiko …“, flüsterte er ihr ins Ohr.
»Nadeshiko« … das waren nicht der Name und die Stimme, die sie hören wollte. Dieser Körper gehörte nicht ihrem Geliebten … Ihn wollte sie in Wahrheit bei sich haben, sich wieder mit ihm vertragen. Hastig löste sie sich von dem verblüfften Argo und stand auf, wandte sich zum Gehen.
Da rief er ihr hinterher: „Ich gebe dich nicht auf!“
Währenddessen erging es Ohtah nicht gerade viel besser. Im Gemeinschaftsraum – genauer gesagt aufgrund Livia´s Aufdringlichkeit – hatte er es nicht mehr ausgehalten und war durch das Schloss gewandert. Ein Teil von ihm wünschte sich, Nadeshiko zu begegnen … und gleichzeitig wusste er, musste er sich zuerst abreagieren. Nur wo? Im Duellierclub würde Ohtah momentan noch aus Versehen einen seiner Mitschüler verletzen und im Klassenzimmer von Verteidigung gegen die dunklen Künste zu üben, kam erst recht nicht in Frage. Als er bereits im siebten Stock angelangt war, lief er vor einem überaus hässlichen Wandteppich, der einen Zauberer sowie zwei Trolle in rosafarbenen Kleidchen zeigte, unruhig hin und her, wie eine eingesperrte Raubkatze. Es musste doch irgendwo eine Möglichkeit geben, seiner Wut unbeschadet Ausdruck zu verleihen! Hogwarts wäre nicht Hogwarts, wenn es nicht unzählige Geheimnisse bergen würde … So erschien in der Wand, vor der Ohtah gerade auf- und abtigerte, mit einem Mal eine seltsam verzierte Tür, die sich klickend öffnete. Ohne dieses Geräusch hätte der Braunhaarige sie wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen – verwirrt betrat er den fremden Raum, der voll gepackt war mit Übungspuppen, beweglichen Zielen, Büchern für Flüche und Gegenflüche. Ohtah staunte nicht schlecht. Von diesem Ort hatte er noch nie etwas gehört. War dies etwa so etwas wie ein geheimer Raum für die Lehrer? Doch wie und warum hatte er dann Zugang dazu erhalten? Als wären seine Gedanken gelesen worden – und das wurden sie, wie Ohtah gleich erfahren sollte –, flog eines der Bücher aus den zahlreichen Regalen auf ihn zu.
Seine Augen wanderten über die aufgeschlagene Seite: „>Der Raum der Wünsche kann jede mögliche Gestalt annehmen, ganz nach den Bedürfnissen desjenigen, der ihn aufsucht. Irgendwo in Hogwarts verborgen, zählt er zu dessen größten Mysterien.< Ich verstehe … Wow, Sei hatte wirklich recht – in Hogwarts ist nichts, wie es scheint.“
Da kam ihm plötzlich eine Idee.
Es war so etwas wie sein sechster Sinn, der ihn zielgenau zu Nadeshiko führte – in der Eulerei hatte sie die Nähe zu Shirayuki gesucht und sie mit Eulenkeksen gefüttert. Ebenso wie er, spürte sie sofort seine Gegenwart.
„Shiko …“, sprach Ohtah sie, was ihr eine sanfte Gänsehaut verursachte, „Ich möchte dir etwas zeigen.“
Die Ernsthaftigkeit in seinem Tonfall ließ die schöne Gryffindor ihren Streit beinahe vergessen, sie nickte und folgte ihm zurück ins Schloss, ohne ein weiteres Wort. Erneut an jener Stelle angelangt, schloss der Braunhaarige die Augen, visualisierte seinen Wunschvorstellung, ehe er dreimal auf- und ablief. Nadeshiko erschrak, als die massive Tür urplötzlich in der Wand erschien. Ohtah lächelte mild und bat sie voranzugehen. Beinahe kam es ihr so vor, ins Freie zu treten – nur der blaue Himmel fehlte; der Boden war mit saftigem Gras bedeckt, an den Seiten entlang standen japanische Zierkirschbäume. Manche der strahlend rosafarbenen Blüten lagen bereits auf der Erde, andere tanzten in der Luft. Wie lange war es her, dass sie einen solchen Anblick erlebt hatte? Ein Jahr vor Seiketsu´s Einschulung in Hogwarts waren ihre Eltern mit ihnen von Japan nach England gezogen … in ein Land, in dem sich diese empfindlichen Pflanzen nicht wohl fühlten.
Nun trat Ohtah in ihr Gesichtsfeld, nahm ihre Hand und sagte: „Dies ist meine Entschuldigung. Verzeih´ mir … Ich war wie von Sinnen aus Verzweiflung über Klerus´ Zustand und vor Eifersucht auf Rien. Weil ich liebe dich, Shiko! Dir allein gehört mein Herz, für immer …“
„Schönheit, Vergänglichkeit und Liebe – die Lektion der Kirschblüte …“, entgegnete sie, während sich eine leichte Röte auf ihre Wangen legte, „Ich war auch nicht gerade fair zu dir. Und natürlich liebe ich dich auch!“
Ihre Augen hielten einander gefangen, bevor sich ihre Lider schlossen und ihre Lippen sich berührten.
Lange lagen die beiden Hand in Hand im Gras und beobachteten, wie die Kirschblüten zu Boden sanken. Irgendwann setzte sich Nadeshiko auf, Sorgen warfen einen Schatten über ihre Züge.
„Diesmal sind wir – und besonders du – mehr von dem Leid des Fluchs betroffen …“, meinte sie schweren Herzens, „Ohtah, hältst du dem Druck dieser Mission in Zukunft wirklich stand?“
Er ergriff erneut ihre Hand, als er antwortete: „Klerus könnte ernsthaften Schaden nehmen, wenn wir ihn nicht befreien … vielleicht sogar sterben. Zum ersten Mal kann ich nachvollziehen, wie du dich die ganze Zeit fühlst – ich habe dir versprochen, dass wir es gemeinsam schaffen werden; ich lasse dich nicht im Stich, niemals!“
Sie lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. Ohne Ohtah hätte die Gryffindor sicher nicht die Kraft, mit all dem fertig zu werden … Und nun brauchte er sie genauso.
Die Monate verflogen – immer wieder ertappte sich Nadeshiko dabei, wie sie manchmal sogar tageweise gar nicht an das Verlies dachte; stattdessen stand Lernen häufig auf der Prioritätenliste, zumindest einige Fächer, andere ignorierte sie vollkommen. Selbst beim Strafdienst ging sie Formeln der Arithmantik durch oder malte mit dem Spülschaum Runen auf die Töpfe. Pitts, der Küchenchef beobachtete ihr Verhalten auf Anweisung der Direktorin.
So geschah es, dass er sie vier Wochen vor Beginn der Prüfungen zu sich rief: „Nadeshiko Yosogawa hat ihren Strafdienst in der Küche abgeleistet … Aber Professor McGonegall warnt sie, sich weiterhin nicht mit den Verwunschenen Verliesen zu beschäftigen, sondern an ihre ZAGs zu denken.“
Verwundert betrachtete sie den rundlichen Hauself, ehe die Gryffindor breit grinste: „Vielleicht handle ich mir ja nochmal Nachsitzen ein – ich bin froh, euch alle kennengelernt zu haben, wo ihr euch doch sonst vor den Schülern versteckt haltet.“
Damit machte Nadeshiko auf dem Absatz und erstarrte. In Hogwarts gab es viele Orte, welche verborgen lagen – die genaue Lage beziehungsweise den Zugang der Gemeinschaftsräume kannten nur die jeweiligen Hausmitglieder … die Küche konnte nur durch einen Trick betreten werden … und ein Raum bot einem alles, was man sich wünschte oder anders gesagt danach fragte … Wie vom Donner gerührt, rannte sie nun zur Tür hinaus – Richtung Eulerei. Vor dem Tür blieb sie nach Luft ringend stehen und rief nach ihrer geliebten Schleiereule.
Da die Gryffindor während ihrer Strafarbeit natürlich keine Schreibutensilien dabei gehabt hatte, erklärte sie: „Du musst Ohtah finden! Es ist sehr dringend – bring´ ihn in den siebten Stock zum Wandteppich. Bitte, Shirayuki, beeil´ dich!“
Einen kurzen Moment starrte das schlaue Tier ihrer Herrin noch in die Augen, ehe sie lautlos davonflog. Nadeshiko biss sich auf die Unterlippe – Shirayuki würde es schaffen! In all den Jahren war auch Ohtah ihr vertraut geworden …
Der Slytherin rannte so schnell, ihn seine Beine trugen. Shirayuki flatterte aufgeregt kreischend vor ihm her, peitschte ihn an. Ein Teil von ihm befürchte bereits das Schlimmste … Keuchend erklomm er die letzten Stufen zum höchsten Stockwerk und sofort warf sich Nadeshiko ihm in die Arme. Erst unfähig die Berührung zu erwidern, presste er sie anschließend nur umso enger an sich.
„Entschuldige, dass du dir Sorgen gemacht hast – aber ich weiß es jetzt!“, sagte die Rothaarige ebenfalls ganz aufgeregt.
Ohtah wusste augenblicklich, wovon sie sprach und beide sahen zur gewebten Abbildungen von »Barnabas dem Bekloppten«, welcher Trollen das Ballett tanzen hatte beibringen wollen … Und nachdem sie sich bei Shirayuki bedankt hatten, die daraufhin zu einem äußerst verdienten Nickerchen aufbrach, gingen die Vertrauensschüler gemeinsam dreimal davor auf und ab.
„Wo ist alles versteckt? Wir brauchen den Ort, an dem alles versteckt ist … Alles, alles, alles!“, murmelte Nadeshiko kaum hörbar.
Als die geheime Tür erschien, meinte der Braunhaarige entschlossen: „Für Seiketsu und Klerus!“
„Für unsere Geschwister!“, bestätigte sie und beide traten ein.
Ohtah kannte den Raum der Wünsche auf zwei Arten, Nadeshiko nur als japanisches Paradies – nun glich er allerdings einer riesigen Abstellkammer voller in Pyramiden ähnlicher Form aufgeschichteten Aschenhaufen … ein Überbleibsel der Schlacht von Hogwarts; hier hatte ein alles verzehrendes Dämonenfeuer gewütet. Ehrfürchtig erhob die Hexe ihren Zauberstab und schickte eine Lichtkugel voran, der sie folgten. Der Raum hatte unglaubliche Maße angenommen, daher dauerte es, bis Ohtah ein Stück Wand auffiel, welches anders als der Rest nur von Staub bedeckt war.
„Aquamenti!“, nutzte Nadeshiko einen Elementarzauber, um die Stelle zu reinigen.
Staunend betrachteten die zwei Schüler das fast Zimmer hohe Porträt eines Drachens, der vor einem verschlossenen Tor angekettet Wache hält.
„Wer stört meine Ruhe?“, fauchte eine Stimme, die nicht menschlich sein konnte – Macht schwang in ihr mit, alte und sehr mächtige Macht.
Mutig, wie ihr Haus es verlangte, trat sie der mystischen Bestie entgegen, welche sie kritisch beäugte, und antwortete: „Ich … ich bin Nadeshiko Yosogawa, das ist mein Begleiter Ohtah Shadowdragon – wir wollen den Fluch brechen, der von diesem Verlies ausgeht.“
„>Yosogawa< … schon wieder? Und ich dachte dieses einfältige Mädchen wäre Lektion genug gewesen.“, brummte der Drache.
Wie aus der Pistole geschossen entgegnete sie: „Was weißt du über Sei?“
„Außer, dass sie mich ebenfalls gestört?“, spottete er und bleckte die messerscharfen Zähne, „Wenn du wirklich den Wunsch hegen solltest, dasselbe Schicksal zu erleiden, musst du mein Rätsel beantworten … >Es gibt nur eines, das einen Drachen bezwingt … ist mächtiger als jede Feste und zerstört jegliches Leben.< Also, junge Hexe, wie lautet deine Antwort?“
Ihr erster Gedanke galt dem Feuer … aber gerade dieses würde den meisten Drachen nichts anhaben. Dafür würde eher das Wasser sprechen, geballt könnte keine Festung ihm standhalten … allerdings nahm es nicht sämtliches Leben, sondern schenkte es. Luft und Erde schloss sie ebenfalls aus – der Tod wäre auch einfach zu leicht als Antwort. Nervosität stieg in der Rothaarigen auf, da legte Ohtah ihr eine Hand auf die Schulter und sofort entspannte sie sich. Richtig, so lange er an ihrer Seite war, konnte sie alles überstehen!
„Die Zeit.“, sagte Nadeshiko entschlossen.
Mit einem quietschenden Geräusch öffnete sich das Tor auf dem Porträt, welches wenig später zur Seite aufschwang und einen dunklen Durchgang freigab. Im Verlies selbst war es stockfinster, was Ohtah mit »Lumos« zu beheben wusste. Ungewöhnlich kam ihnen zum einen die Länge des Weges vor, andererseits dessen Wände starren Abbildungen geplatzt – als wären sie … tot; kein lebendiges Geschnatter der Porträtierten, kein Gewandere. Kälte ergriff Nadeshiko´s Herz; für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie darüber nach umzukehren – hier herrschte nicht die Magie … etwas ganz anderes gab den Verliesen seine Energie … Wenn sich so die Verfluchten fühlen mochten, der Quelle ihres Seins beraubt, verstand sie endlich, warum einige von ihnen nicht nach Hogwarts zurückgekehrt waren … Die Grausamkeit oder besser gesagt Gefahr, sich hierher zu wagen, lag nicht unbedingt in den Gegner, die möglicherweise lauern könnten – sondern darin, sich in diesen fremden Kräften zu verlieren. Warum war ihnen das nur vorher nie so bewusst aufgefallen? Vielleicht weil Klerus zu den Opfern gehörte? Oder wurde diese Ausstrahlung von Mal zu Mal stärker? Ohtah gingen ganz ähnliche Gedanken durch den Kopf. Ein undefinierbarer Ausdruck lag auf seinem Gesicht – die Rothaarige öffnete schon den Mund, um ihn zu ermutigen, da lächelte er. Keine Macht dieser oder jeder anderen Welt würde ihn jemals dazu veranlassen, seine Liebste zu verlassen, im Stich zu lassen! Erleichtert gingen beide weiter und fanden endlich das Herzstück – auch hier starrten leblose Darstellungen sie an. Aus der Innentasche ihres Umhangs zog Nadeshiko das Bild, welches sie und ihre Schwester zeigte, und hielt es vor der sechskantigen Säule hoch, woraufhin diese einen fein gearbeiteten, goldenen Dreizack preisgab.
„Wo sollen wir den denn verstecken?“, meinte Nadeshiko gespielt ernst.
Ohtah begann schallend zu lachen und hauchte einen Kuss auf ihre Lippen.
In den folgenden Stunden fand man sämtliche Schüler an jenen Stellen, an denen sie verschwunden waren – bewusstlos. Professor McGonegall organisierte mit den übrigen Lehrern schnellstmöglich den Abtransport ins Sankt Mungo Hospital. Währenddessen sollten die Vertrauensschüler ihre Häuser beruhigen und ihnen die frohe Kunde überbringen – die beiden heimlichen Helden waren dafür gerade rechtzeitig in ihre Gemeinschaftsräume zurückgekehrt. Erleichtert vernahmen sie bereits am nächsten Tag, die positive Nachricht des Krankenhauses, dass sich keiner der Schüler in Lebensgefahr befand. Der Slytherin konnte nicht verhindern, in die Knie zu sinken und Freudentränen zu vergießen. Doch so sehr sich das Schloss auch in Feierlaune befand – das Ende des Schuljahres stand ins Haus und so tummelte sich die halbe Schülerschaft dicht gedrängt in der Bibliothek, während Nadeshiko und Ohtah ganz gemütlich den Raum der Wünsche zum Lernen bevorzugten, der sämtliche, benötigen Bücher ebenfalls ausspuckte. Erst am Vorabend gönnten sie sich eine romantische Pause – Ciri hatte für das liebende Paar ein paar Kleinigkeiten zubereitet und in einem Picknickkorb verpackt neben Nadeshiko´s Bett gestellt. So lagen sie auf einem Meer von Kissen gebettet, fütterten sich gegenseitig und schwelgten in Plänen für die Zukunft.
„Ich weiß nicht, wie ich nur einen einzigen Tag ohne dich sein soll …“, gestand Ohtah und dachte an die nahenden Sommerferien.
Sie hob den Kopf, um ihn zu küssen, und murmelte: „Ich glaube, es wird Zeit dich meinen Eltern nochmal vorzustellen.“
Verwunderung spiegelte sich auf seinem Gesicht, dann verzogen sich die Lippen zu seinem typischen Grinsen. Diesmal zog er sie an sich.
„Ich liebe dich, Shiko …“, flüsterte der Braunhaarige nahe ihrem Ohr.
Die Jahresabschlussprüfungen waren nicht mit denen für die ZAGs zu vergleichen … In jedem Hauptfach gab es am Morgen eine schriftliche Prüfung von jeweils drei Stunden und nach dem Mittagessen noch einen praktischen Teil, der von einem Mitglied des Zaubereiministeriums abgenommen wurde – abgesehen von Geschichte der Zauberei und Astronomie, dort dauerte die Prüfung ganze vier Stunden, aber ohne Praxisteil. Und genau für diese beiden Fächer hatten Nadeshiko und Ohtah so gut wie überhaupt nichts gelernt. Zaubertränke war ein Fall für sich … die Gryffindor hoffte, dass ihre schriftlichen Ausführungen genügten, um den katastrophalen Plappertrank zumindest weitestgehend wieder auszubügeln. Ähnlich – beziehungsweise genau umgekehrt – war es ihr am vierten Prüfungstag mit Kräuterkunde ergangen; die Fragen hatte sie nur mau beantworten können, dafür schaffte sie einen relativ guten Umgang mit der ihr zugewiesen Fangzähnigen Geranie. Eine der schwersten Prüfung galt es in Verwandlung zu bestehen; unter den wachsamen Augen ihres Prüfers mussten die Fünftklässler ein Säugetier komplett verschwinden und wieder auftauchen lassen. Von Freitag bis Sonntag hatten die Schüler Pause – oder eher noch etwas Zeit zum Lernen. Direkt montags ging es mit Zauberkunst weiter, wobei ihnen diese praktische Prüfung schon fast Spaß machte – ein Ball wurde dabei in die Luft geworfen und sie musste ihn mit »Arresto Momentum« ganz sacht aufkommen lassen, zudem sollten sie ihren beeindruckendsten Zauber vorführen – Nadeshiko beeindruckte den Prüfer mit der perfekten Kontrolle über ihre »Inflamarae«-Flammen. Von den Hauptfächern fehlte nur noch Verteidigung gegen die dunklen Künste, bei dem sie sich am wenigsten Sorgen machten – selbst beim schriftlichen Part; zu zaubern galt es je einen beliebigen Fluch zum Angriff und einen Zauber zur Verteidigung, dessen Schwierigkeitsniveau über die Punktzahl entschied. Das erste, geprüfte Wahlfach war Pflege magischer Geschöpfe und sehr zu ihrer Überraschung hatte Professor Hagrid tatsächlich ein ordentliches Thema zu Stande gebracht – geflügelte Tierwesen, wobei die Schüler ihr Können beim Striegeln sowie Abreiten eines Abraxaner unter Beweis stellen sollten. Danach mussten Nadeshiko und Ohtah in verschiedene Prüfungen – Arithmantik und Alte Runen wurden ebenfalls nur schriftlich geprüft, hierbei strengte sich die Rothaarige besonders an; Ohtah´s Prüfung in Muggelkunde war der fehlenden Priorität zum Opfer gefallen. Nach diesen zwei mörderischen Wochen hätten die Fünftklässler am liebsten erst mal mindestens drei Tage durchgeschlafen … stünde nicht bereits am nächsten Tag die Heimfahrt mit dem Hogwarts-Express auf dem Plan.
Am vorletzten Abend lag der Gemeinschaftsraum in Gryffindor beinahe verlassen dar – die meisten Schüler waren mit Packen beschäftigt und feierten ein letztes Mal für dieses Schuljahr in ihren Schlafsälen. Nur ein einziger Absolvent wartete auf einem der gemütlichen Sessel vor dem prasselnden Kaminfeuer auf die schöne Vertrauensschülerin, deren Amtszeit mit der Rückfahrt nach London enden würde. Als Nadeshiko eintrat, um sich ebenfalls dem Inhalt ihres Koffers zu widmen, erhob er sich und wies auf den Platz neben sich. Sie wusste natürlich, dass er bereits seine UTZ-Prüfungen abgelegt und Hogwarts damit für immer verlassen würde …
„Willst du die verbliebene Zeit nicht lieber mit deinen Freunden nutzen?“, fragte sie und setzte sich.
Argo´s Miene wirkte unergründlich, während er weiterhin in die Flammen starrte: „Du hast meine Gefühle nie richtig ernst genommen, nicht wahr? Vielleicht hätte ich mich dir einfach mehr beweisen müssen … aber wahrscheinlich hätte das auch nichts geändert. Du hast ihn bereits geliebt, bevor du die Mauern dieses Schlosses zum ersten Mal betreten hast … Ist es nicht so?“
„Es tut mir leid, Argo … Ich dachte, wenn ich deiner Annäherung aus dem Weg gehe, würde dich das weniger verletzen und du alsbald das Interesse an mir verlieren – denn ja, ich wusste damals bereits, dass ich sie nicht würde erwidern können, weil mein Herz bereits Ohtah gehörte.“, antwortete die Rothaarige, „Trotzdem bin ich dir dankbar für diese Momente, in denen du für mich da warst. Und ich hoffe … nein, ich weiß, du wirst ein Mädchen finden, das dich ebenso liebt.“
Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und er stand auf, ehe er meinte: „Danke, Nadeshiko. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja in ein paar Jahren bei Gringotts wieder – ich werde dort demnächst die Aufnahmeprüfung zur Fluchbrecherausbildung ablegen.“
„Oh, dann viel Erfolg! Und … wenn es so sein sollte, wie du sagst, nenn´ mich beim nächsten Mal >Shiko< – das tun alle meine Freunde.“, gab die Gryffindor zurück.
Er nickte und stieg die Treppe zu seinem Schlafsaal hinab.
Im Bann der Bande
Nadeshiko hätte nicht sagen können, wie ihre Mutter ihrem Vater die Zustimmung abgerungen hatte – zwei Wochen nach Beginn der Sommerferien hievte Ohtah seinen Schrankkoffer für Hogwarts sowie einen kleinen Trolley durch ihren an das Flonetzwerk angeschlossen Kamin. Entgegen all ihrer Erwartungen durfte er bis zum Schuljahresbeginn bei ihnen wohnen; natürlich im Gästezimmer und mit entsprechendem Benehmen – wenn sie nicht riskieren wollten, dass er wieder nach Hause geschickt würde … Trotzdem waren sie zusammen und das war alles, was zählte!
„Ryu-sama, willkommen zu Hause!“, begrüßte ihn Mimi, die hiesige Hauselfe mit einer tiefen Verbeugung.
Während sie, gefolgt von dem schwebenden Gepäck, davon tribbelte, schaute der Braunhaarige ihr verständnislos hinterher.
Nadeshiko schmunzelte und erklärte: „Mimi hat für jeden von uns Spitznamen – nach ihrer Geburt hat sie Sei als >Tenshi-sama< bezeichnet … das bedeutet Engel. Ich bin in ihren Augen eine Fee, >Yosei-sama< und du eben ein Drache. Otosama nennt sie übrigens >Oyakata-sama<, so nennt man seinen Meister und Okasan ist für sie >Kisaki-sama<, eine Königin.“
Nun umspielte seine Lippen ebenfalls ein Lächeln, als er antwortete: „Das ist auf jeden Fall etwas ganz besonderes. Was Klerus wohl für einen Namen von ihr bekommen würde?“
„Hmm … gute Frage – eine freundliche, höfliche Seele …“, grübelte sie kurz nach, „Ich weiß! >Monku-sama< – schließlich passt es zu seinem Nachnamen und er will ja auch Heiler werden, da passt Mönch sehr gut. Aber jetzt führe ich dich erst einmal herum!“
Noch nie hatte der Slytherin die Zeit außerhalb von Hogwarts so sehr genossen … sonst musste er sich in den dunklen Kammern des Anwesens herumtreiben, ging den anderen Familienmitgliedern aus dem Weg. Nun konnte er die Tage mit seiner Liebsten im Garten verbringen, gemeinsam erarbeiteten sie ihre Hausaufgaben und ihre Mutter freute sich ebenfalls über die Hilfe des jungen Mannes im Haushalt. Nach knapp einem Monat, seit Ohtah bei den Yosogawas eingezogen war, brachte Shirayuki zum Frühstück zwei dicke Briefe.
„Das müssen eure Zeugnisse sein!“, rief Nadeshiko´s Mutter aufgeregt und nahm der Schleiereule den Ballast ab.
Einen davon reichte sie Ohtah, den anderen übergab sie allerdings an ihren Mann. Dieser öffnete ihn und begutachtete die Ergebnisse mit strengem Blick, während Nadeshiko auf die Tischplatte starrte.
„Hm.“, machte er, „Genauso viele ZAGs wie erwartet, aber nur ein >Ohnegleichen< … das ist gerade noch so annehmbar. Ich erwarte bei den UTZs in zwei Jahren etwas mehr Einsatz von dir.“
Die Gryffindor nickte kaum merklich und las nun selbst – sie hatte gehofft, dass Verteidigung gegen die dunklen Künste ihr bestes Fach sein würde; wobei es bei Arithmantik und Alte Runen sicher knapp gewesen war. Dass sie in Geschichte der Zauberei durchgefallen war, überraschte sie natürlich keineswegs, ebenso wenig in Astronomie. Die beiden »Annehmbar« in Kräuterkunde und Zaubertränke bedeuteten, dass sie trotzdem beides in den höheren Klassen nicht mehr belegen würde. Ihr Zaubergrad insgesamt lag bei neun, genauso wie bei Seiketsu. Die Augen ihres Vaters wanderten zu Ohtah, der nun auch sein Kuvert öffnete.
„Zaubertränke, Verwandlung, Zauberkunst, Kräuterkunde und Pflege magischer Geschöpfe >Erwartungen übertroffen<. Und ebenfalls ein >Ohnegleichen< in Verteidigung gegen die dunklen Künste. Puh, alles geschafft!“, berichtete er Nadeshiko, die sofort zu lächeln begann.
Natürlich hatte Ohtah genauso weder bei Professor Binns noch Professor Sinistra bestanden – geschweige denn in Muggelkunde. Togo Yosogawa schnaubte leicht, doch die beiden Fast-Sechstklässler übergingen es – ihre Berufswünsche waren ein Stück realistischer geworden; zumindest falls Professor McGonegall sie nicht doch noch vor ihrem Abschluss vor die Tür setzten würde …
Auf dem Bahnsteig verabschiedete sich Nadeshiko von ihren Eltern und Ohtah bedankte sich herzlich für die Gastfreundschaft. Ihre Mutter zwinkerte kaum merklich. Als die beiden eingestiegen waren, suchten sie nach Klerus – ohne Erfolg. Sofort wurde ihnen unwohl zumute, bis sie endlich in der Großen Halle ankamen und ihn unter den restlichen Hufflepuffs an deren Haustisch erspähten. Wahrscheinlich waren sie irgendwie aneinander vorbei gelaufen … jedenfalls versuchte sein Bruder sich das einzureden. Allerdings blieb der Blonde die komplette Woche auf Distanz … Er mied jene Plätze, an denen sich die drei getroffen hatten und blieb stets von anderen umringt.
Irgendwann hielt es Ohtah aufgrund einer beunruhigenden Neuigkeit nicht mehr aus und fing ihn ab: „Warte, ich muss mit dir reden – Professor Sprout kam gestern auf mich zu. Sie … sie sagte, du würdest dein Nachholungsunterricht vernachlässigen. Klerus, du solltest froh sein, dass die Professoren auf die Idee kamen, mit euch den Stoff von letztem Jahr aufzuarbeiten.“
Deshalb hatten er und Nadeshiko sich bislang zurückgehalten – immerhin stand er nun als Fünftklässler vor seinen ZAG-Prüfungen. Seine Hauslehrerin ahnte zwar immer noch, dass sie sogar verwandt waren – doch hatte sie gehofft, er als sein Freund würde ihm schon ins Gewissen reden.
„Ich soll froh darüber sein? Ist das dein Ernst? Ich war in verdammten Portrait gefangen! Glaub´ mir, es hätte mich viel glücklicher gemacht ganz normal dem Unterricht zu folgen.“, keifte er vollkommen untypisch aggressiv.
Geschockt über seine Worte, wollte er sich erklären: „Wir könnten dir auch helfen, wenn-“
„Ihr?“, unterbrach Klerus ihn verärgert, „Ausgerechnet ihr … Ist diese ganze Situation nicht gerade eure Schuld? Diese widerwärtigen Flüche … alles nur, weil Shiko nach den Verliesen sucht!“
Wie im Affekt verpasste Ohtah seinem Halbbruder eine Ohrfeige und sagte: „Ich verstehe, dass du Angst hast … Diese Flüche sind furchtbar, absolut – aber Shiko ist unschuldig! Sie hat dich und alle anderen gerettet, Klerus! Seit fünf Jahren tut sie nichts anderes, als sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie sie all dem Einhalt gebieten kann. Ja, dieses Gerücht hält sich hartnäckig, Shiko würde die Flüche auslösen – trotzdem ist es einfach nicht wahr und ich dachte, du wüsstest das!“
„Denk´, was du willst … Dich hat sie längst um den Finger gewickelt – du bist ihre Marionette! Ich bin durch mit dem Thema.“, entgegnete er unbeeindruckt und wandte sich ab, „Ach, noch etwas – sprich´ mich erst wieder an, wenn du dich aus ihrem Bann gelöst hast.“
Niedergeschlagen schlurfte der Slytherin zu seiner Verabredung mit Nadeshiko am Ufer des Schwarzen Sees. Sie wollten die Magie des Raums der Wünsche schließlich nicht überstrapazieren – und bevor sie ihn gefunden hatten, war dies einer ihrer Lieblingsorte gewesen. Außerdem genoss es Shirayuki im Freien zu sein.
Als er sich neben die Gryffindor gesetzt hatte, fragte sie: „Hast du Klerus erwischt?“
Ohtah sah auf das Wasser. Die Wahrheit würde ihr hart zusetzen … vor allem da Klerus diese Worte gebraucht hatte. Sein Halbbruder war ihr beider Freund, Vertrauter geworden und nun wollte er nichts mehr mit ihnen zu tun haben …
„Er … er ist ziemlich im Stress. Also das mit der Unterrichtsteilnahme vom Porträt aus hat leider nicht so gut geklappt und jetzt muss er Nachhilfestunden nehmen.“, redete er sich heraus.
Nadeshiko nickte und meinte: „Wir könnten ihm doch auch beim Lernen helfen. So schlecht waren unsere ZAG ja doch nicht!“
„Nein!“, rief er erschrocken aus, wobei der Braunhaarige sich nur mühevoll wieder fangen konnte, „Also, Klerus möchte, dass wir unsere komplette Freizeit für das nächste Verlies nutzen.“
Enthusiastisch holte Nadeshiko das Notizbuch ihrer Schwester hervor und sagte: „Ja, da hat er vermutlich recht … Sicher will er, dass es so wenig Opfer wie möglich gibt. Gut, dann frisch ans Werk! Wo haben wir denn den nächsten Eintrag … >Meine geliebte Shiko, nun da du das hier liest, bist du alt genug, um die Wahrheit zu erfahren … Als ich von den Verwunschenen Verliesen erfuhr, wollte ich diese Macht unter allen Umständen ergründen – ich war blind! All diese Schüler werden nur unnötig in Gefahr gebracht und wer weiß, wie lange ich Hogwarts noch vor ernsthaften Verlusten bewahren kann. Würde nur ich ihr Geheimnis kennen, könnte ich meine Nachforschungen einfach sofort einstellen – aber so ist es nicht, nicht wahr? Bitte, sei sehr vorsichtig, wem du vertraust, Shiko! Der Schatz des letzten Verlieses darf niemals in falsche Hände geraten!< Schon wieder eine Warnung … Wenn ich bedenke, dass Sei ganz allein war …“
„Aber, Shiko, da steht nichts über den neuen Fluch oder sonst was!“, bemerkte Ohtah kritisch, „Ein Dreizack … Als wir Hinweise auf die Zentauren gesucht haben, wäre mir nichts zum Sternbild des Wassermanns aufgefallen.“
Sie schwieg. In ihrer Welt gab es unzählige Geschöpfe und Dinge, welche für die Muggel als Fiktion abgetan wurde … Vor ihren Füßen lag ein undurchschaubares Gewässer – wer konnte schon sagen, was sich alles daran verbergen mochte. Im Bad der Vertrauensschüler gab es eine Buntglas-Darstellung einer Meerjungfrau … Warum also nicht an ein mit Dreizacken bewaffnetes Meervolk glauben? Allerdings besaßen sie nicht die Fähigkeit unter Wasser zu atmen – und vielleicht lag Nadeshiko ja auch vollkommen daneben.
Dennoch meinte sie: „Wir sammeln Informationen über den Schwarzen See! Vielleicht können wir wenigstens einmal dem nächsten Fluch einen Schritt voraus sein …“
Montagmorgen brachten die Eulen wie üblich die Post. Nadeshiko rechnete nicht mit Shirayuki – stattdessen landete genauso unerwartet ein kleines Käuzchen neben ihrem Lieblingsfrühstück, das wie so häufig von der Hauselfe Ciri zubereitet worden war. Zur Belohnung fischte sie eine der Beeren auf ihrem Haferbrei und löste anschließend die Nachricht von ihrem Bein. Sofort erkannte die junge Gryffindor die tiefgrüne Tinte, welche nur von Minerva McGonegall benutzt wurde, die sie nach dem Unterricht in ihrem Büro sprechen wollte. Den ganzen Tag über plagte sie die Sorge, jemand hätte sie und Ohtah am Schwarzen See belauscht. Nichtsdestotrotz fand sie sich pünktlich bei der Direktorin ein.
„Guten Abend, Miss Yosogawa. Bitte setzen Sie sich.“, begrüßte die Lehrerin für Verwandlung ihre Schülerin, „Ich habe die Ferien genutzt, um noch einmal intensiv über Sie nachzudenken. Ich weiß inzwischen, Sie werden nicht auf mich hören, selbst wenn man Sie der Schule verweisen würde – auch wenn ich mir wünsche, Sie würden diese Sache Ihren Lehrern überlassen, komme ich dennoch nicht mehr umhin, Ihrem Erfolg Respekt zu zollen … Sie erinnern mich an einen ganz besonderen Schüler, der genau wie Sie eine … Mission hatte. Genau deswegen mache ich mir Sorgen um Sie. Macht ist verführerisch … und niemand ist gegen die Finsternis in seinem Herzen gefeit. Ich habe gesehen, wie Ihre Schwester mit dieser … Besessenheit nicht umgehen konnte, weil sie allein war – bei Ihnen ist das anders, nicht war?“
Noch konnte Nadeshiko nicht sagen, woraufhin dieses Gespräch hinauslaufen würde, dennoch nickte sie. So sehr sie sich wünschte, Seiketsu zurückzubekommen, könnte sie es nicht ertragen, Ohtah dadurch zu verlieren … Ihr Streit im vergangenen Jahr, der ihn zum Raum der Wünsche geführt hatte, war schrecklich gewesen. Urplötzlich flammte in ihr eine Erinnerung an ihre Schwester auf. Es war in den Sommerferien, bevor sie verstand …
Damals hatte sie nicht verstanden, wovon die Ravenclaw gesprochen hatte: „Shiko … irgendwann einmal wirst du mit den Erwartungen anderer an dich konfrontiert werden. Frage dich selbst, ob sie es wert sind … und verlier´ dich nicht selbst dabei.“
Ob es Argo´s Annäherungsversuche gewesen waren, die Sticheleien von Livia oder gar die Gerüchte über die Fluchmacher-Schwestern … all das hatte die schöne Rothaarige verdrängen können. Ja, manchmal war sie davon getroffen gewesen, doch sie hatte sich auf Ohtah stützen können und später sogar Klerus als Unterstützung bekommen.
„Egal, ob Glück oder Leid – ich bin daran gewachsen. Die Flüche zu bekämpfen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin.“, meinte Nadeshiko wie zu sich selbst.
„Dann vertraue ich darauf … Und ich kann kaum glauben, dass ich das wirklich sage – ich werde Ihnen helfen.“, sagte die Professorin und lächelte.
Sprachlosigkeit erfüllte die schöne Gryffindor, die nur mehrfach blinzeln konnte.
„>In Hogwarts wird jedem Hilfe zuteil, der sie redlich verdient.< Ich verstehe, dass ich Sie damit ziemlich schockiere … Allerdings ist dieses Schloss nicht nur das Zuhause der Lehrer – jedem sollte das Recht zuteil werden für das zu kämpfen, was er liebt. Diese Lektion musste ich bereits beim letzten, großen Kampf lernen …“, antwortete sie auf ihre entgleisten Gesichtszüge.
Die Schlacht von Hogwarts … dieser eine bestimmte Schüler … Alle Kinder der Zaubererwelt waren mit den Geschichten über den Jungen, der überlebt hatte aufgewachsen … den sagenumwobenen Auserwählten. Er war eine lebende Legende! Niemals hätte Nadeshiko gewagt, sich selbst im gleichen Atemzug zu nennen, wie Harry Potter – doch Minerva McGonegall hatte es getan, vollkommen ernst gemeint.
Gerührt betrachtete sie ihre Hauslehrerin und verbeugte sich tief, während sie entgegnete: „Ich werde Euch nicht enttäuschen, Professor! Habt vielen Dank.“
Um ihr Versprechen einzuhalten, begannen die beiden Sechstklässler ihre Recherche im Raum der Wünsche. Es war seltsam, Klerus nicht bei ihnen zu haben – obwohl Ohtah alles dafür getan hatte, damit Nadeshiko nicht die Wahrheit erfuhr, kannte sie ihren Geliebten einfach zu gut … Seine Lüge wäre ihr selbst mit geschlossenen Augen nicht verborgen geblieben. Daher hatte sie eigens eins und eins zusammengezählt. Und nur der pure Egoismus ließ die Rothaarige schweigen – würde der Slytherin zu seinem Halbbruder halten, käme das einem Scheitern ihrer Unternehmung gleich.
„Sieh´ dir das mal an.“, unterbrach Ohtah ihre trüben Gedanken, „Es gibt eine Theorie, nach der der Schwarze See ein Portal für spezielle Zauberkünste ist. Damit könnte genauso gut ein Verlies gemeint sein!“
Nadeshiko staunte nicht schlecht und erwiderte: „Wäre naheliegend … Professor Hagdrig hat mal erwähnt, dass die Wassermenschen-Kolonie, die Grindelohs und der Riesenkrake absolut harmonisch zusammenleben. Das Ökosystem soll selbst in unserer Welt einzigartig sein. Wir müssen mehr über sie wissen!“
Sofort kam der magische Raum ihrem Wunsch und ein aufgeschlagenes Buch mit einer ganzen Reihe verschiedener, meerischer Waffen erschien vor ihr – ihr Dreizack aus dem Verlies war zwar nicht haargenau dabei, doch erkannte sie die Ähnlichkeit der Verzierungen.
Auch der Braunhaarigen war auf einen weiteren, spannenden Aspekt gestoßen: „>Obwohl das Schloss Hogwarts vor über tausend Jahren als Stätte des Lernens erbaut wurde, sind längst nicht alle Rätsel um den angrenzenden See gelöst. Bislang erschien es unmöglich, ihn vollständig zu kartographieren.< Das heißt, selbst wenn wir es schaffen, unter Wasser zu atmen, fängt unser eigentliches Problem erst an.“
„Wobei das ja schon genügen würde …“, murmelte sie, als ihr plötzlich etwas einfiel, „Wir können Professor McGonegall nach einem Verwandlungszauber fragen! Jetzt, da sie auf unserer Seite ist, müssen wir unsere Nachforschungen ja nicht mehr verstecken.“
Beiden jagte es einen Schauer über den Rücken – fünf Jahre lang hatten sie beinahe eisern schweigen, ihre Suche geheim halten müssen … nun jedoch hatte sich ihnen eine neue Unterstützung aufgetan. Und genau diese Hilfe konnten sie gerade jetzt mehr denn je brauchen …
Denn als die Tage grauer wurden, machte eine Gruppe Schüler eine grauenhafte Entdeckung in der Nähe des Schwarzen Sees … ein Junge war vollkommen in Stein verwandelt worden! Zwar versuchten Professor McGonegall und Professor Flitwick den Zauber zu lösen, doch ahnten sie bereits, dass es sich hierbei um einen weiteren Fluch handelte. So wurde endlich das Rätsel um eine bestimmte Frage gelüftet … Warum warnten die Lehrer nicht vor der kommenden Gefahr? Jeder Verlies, jeder Fluch bildeten irgendwie eine Brücke – der Verbotene Wald beispielsweise beherbergte Wesen aus den Alpträumen mancher Hexen und Zauberer … und zum Träumen, egal ob gut oder schlecht, musste man schlafen –, allerdings zeigte sich diese Verbindung in jedem Zyklus anders … Um bei dem genannten Beispiel zu bleiben – während Seiketsu´s Zeit hatte das Verlies des Waldes wortwörtlich Alpträume über das Schloss gebracht, kaum ein Schüler schlief eine einzige Nacht noch durch.
Es war Ciri, die Hauselfe, die Nadeshiko und Ohtah im Raum der Wünsche davon und noch weit mehr berichtete: „Miss Yosogawa wollte wissen, wenn Ciri etwas ungewöhnliches hört – deshalb ist Ciri sofort hierher geeilt. Und die Grindelohs im Schwarzen See sollen sich auch schon länger ganz aggressiv verhalten.“
„Das hängt sicher ebenfalls mit dem Verlies zusammen … Dann gibt es keinen Zweifel mehr – es liegt tatsächlich unter Wasser!“, meinte die Rothaarige nachdenklich, „Ciri, wir schulden dir wirklich großen Dank!“
Mit einer tiefen Verbeugung winkte das kleine Wesen ab: „Nicht doch, nicht doch – Ciri ist es eine Ehre! Miss Yosogawa muss nur versprechen, weiterhin sehr vorsichtig zu sein. Und Mister Shadowdragon ebenfalls.“
Damit verabschiedete sie sich, eilte zurück an ihre Arbeit.
„Wir müssen uns am Schwarzen See umschauen. Und vielleicht sollten wir auch Professor Hagdrig unauffällig aushorchen.“, schlug die Gryffindor vor.
Doch der Braunhaarige schien ihr gar nicht recht zuzuhören. Seine Gedanken waren gerade bei jemand ganz anderem …
Sie berührte seine Hand, was ihn zurück in die Gegenwart holte, und sagte verständnisvoll: „Geh´ zu ihm, sprich´ mit ihm. Wahrscheinlich ist es besser, er erfährt es von dir, als durch irgendein Gemurmel auf den Korridoren. Und später schauen wir uns dann am Schwarzen See um, ja?“
Ein Teil von ihm wollte bereits fragen, wovon sie redete … doch er ließ es bleiben. Eigentlich hätte sich Ohtah von vornherein denken können, dass sie ihm seine Ausrede nicht abnahm – Nadeshiko kannte ihn besser, als er sich selbst.
„Es tut mir leid.“, flüsterte er im Hinausgehen, auf dem Weg in die Bibliothek.
Dort fand der Slytherin seinen Halbbruder mit einem Stapel Bücher – offensichtlich versuchte er den Stoff doch nachzuholen.
„Kann ich dir helfen?“, bot er an und setzte sich zu ihm.
Klerus verrollte die Augen, als er entgegnete: „War ich das letzte Mal nicht deutlich genug? Oder bist du etwa so schnell zur Vernunft gekommen?“
Fast griff Ohtah nach Zauberstab, aber er konnte sich beherrschen und antwortete: „Nicht, was du darunter zu verstehen scheinst. Du bist mein Bruder und ich mache mir Sorgen um dich! Das fünfte Verlies ist aktiviert worden – und bevor du auch nur daran denkst, Shiko hat damit absolut nichts zu tun.“
An jedem anderen Ort hätte Klerus panisch aufgeschrien. Das Grauen war zurück … Die ganzen Sommerferien lang hatten ihn Alpträume geplagt. Ein beengendes Gefühl umklammerte seine Brust. Es war leichter jemandem, den man kannte, die Schuld zuzuweisen – natürlich kannte Klerus die Wahrheit, er verhielt sich Nadeshiko und vor allem Ohtah gegenüber unfair. Aber das änderte nichts … er hatte Angst. Und Menschen verhielten sich häufig seltsam, wenn sie Angst hatten.
„Ich will nichts damit zu tun haben!“, zischte Klerus und klappte das Buch zu.
Anschließend marschierte er davon. Ohtah ballte die Hände zu Fäusten – er grollte nicht ihm, sondern den Flüchen. Es tat ihm weh, seinen kleinen Bruder so zu sehen …
Währenddessen war Nadeshiko in die Eulerei gegangen. Ein wenig Luftunterstützung konnte bei ihrer Erkundung nicht schaden. Shirayuki kam sofort angeflogen und landete auf ihrer Schulter. Um sie zu belohnen, gab die Rothaarige ihrer Gefährtin einen Eulenkeks. Ihre Nähe beruhigte Nadeshiko. Ohtah machte ihr zwar keine Vorhaltungen, doch ohne sie hätte er keinen Zwist mit Klerus …
„So allein, junger Fluchbrecher …“, sprach sie eine Stimme an, dessen Besitzer vollkommen vermummt war und in einen Kapuzenmantel gehüllt im Eingang stand.
„Wer bist du? Was willst du von mir?“, gab Nadeshiko schnippisch zurück.
Der Fremde zog einen Zauberstab aus dem Ärmel und richtete ihn auf sie. Mit einem Schulterzucken schickte die Gryffindor Shirayuki davon, die zurück auf ihre Stange flog.
„Sehr klug von dir, dein Haustier aus der Schusslinie zu nehmen. Da du ja gar nicht so dumm zu sein scheinst, lass´ mich dich ein letztes Mal warnen … Gib´ deine Suche auf!“, meinte ihr Gegner.
Nun zog auch Nadeshiko ihren Zauberstab und rief: „Expeliarmus!“
Doch er blockte ab und wirkte einen Blendzauber. Sie musste von dem gleißenden Licht die Augen zukneifen. Das Aufheulen der Eulen schwoll ohrenbetäubend an. Für eine Sekunde ergriff sie Panik – aber als sie wieder klar sehen konnte, war der Angreifer verschwunden. Shirayuki kehrte zu ihrer Herrin zurück, drückte ihr Gesicht an ihre Wange.
„Alles in Ordnung … Mir ist nichts passiert. Zumindest noch nicht … Wie kann so etwas nur in Hogwarts geschehen? Niemand kommt unbemerkt auf das Schlossgelände.“, murmelte Nadeshiko, bis sie stockte, „>Lass´ mich dich ein letztes Mal warnen …< Bedeutet das, von ihm stammt auch die Botschaft im Schlafsaal? Irgendjemand innerhalb dieser Mauer hat es wirklich auf uns abgesehen …“
Wenn sie Ohtah davon erzählte, würde er ihr keine Sekunde mehr von der Seite weichen … Wenn sie es nicht tat, mochte er unvorbereitet von dem Angreifer überrascht werden. Und sollte sie nicht mit Professor McGonegall darüber sprechen, dass entweder jemand in Hogwarts sie angegriffen oder sich jemand unerlaubten Zugang zu Hogwarts verschaffen konnte? Hier ging es schließlich nicht nur um sie allein … Wenn ein fremder, vielleicht sogar schwarz-magischer Zauberer auf das Gelände konnte, wären sämtliche Schüler in Gefahr! Hastig eilte sie die Turntreppe hinunter, zurück ins Schloss und hoch zum Büro der Direktorin, wo sie ihrer Hauslehrerin von allem berichtete.
„Das ist wirklich besorgniserregend … Danke, dass Sie gleich zu mir gekommen sind, Miss Yoseino.“, bestätigte Professor McGonegall, „Ich habe Gerüchte darüber gehört, dass das Ministerium von Ihren Aktivitäten in Sachen Verliese erfahren … und Interesse an Ihnen bekundet hat – das muss nichts mit diesem Vorfall zu tun haben, aber … Politik ist genauso grausam wie ein Fluch. In jedem Fall werde ich die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen.“
Nadeshiko schluckte schwer und erwiderte: „Professor, ich … ich möchte nicht, dass sonst noch jemand davon erfährt … von der Schülerschaft. Ohtah … Es würde ihn wahnsinnig machen.“
„Ich verstehe. Mister Shadowdragon und den restlichen Schülern gegenüber kann ich schweigen – aufgrund des Statuenfluchs wollte ich ohnehin wieder eine Begleitung des Lehrkörpers zu den Unterrichtsräumen einräumen.“, erklärte sie verständnisvoll.
Dankbar verbeugte sich Nadeshiko leicht vor ihr, bevor sie das Büro verließ. In der Nähe des Schwarzen Sees fand sie Ohtah, der in ein Gespräch mit Professor Hagdrig vertieft war.
„Ich würde mich mit dem Riesenkraken nicht anlegen wollen, aber grundsätzlich hat er ein sonniges Gemüt. Die Meermenschen … tja, sie führen sozusagen eine Koexistenz mit Hogwarts, mögen allerdings keine Eindringlinge. Und die Grindelohs sind ein ganz anderes Thema. In letzter Zeit gibt es häufig ziemlich heftige Auseinandersetzungen im See … Ich weiß nicht, was mit ihnen los ist.“, erklärte dieser gerade, „Etwas muss sie unter Wasser aufgescheucht haben … Ach, was rede ich da – hätt´ ich bloß nix gesagt. Jedenfalls ist es gefährlich, verstanden?“
Damit stapfte der Hüne davon.
„Ein Irrtum ist wirklich ausgeschlossen.“, meinte der Slytherin, während sein Blick über das Wasser glitt.
Als wäre dies ihr Stichwort, erhob sich Shirayuki in die Lüfte. Die beiden lachten und machten sich ebenfalls auf Spurensuche.
Erfolglos hatten sich Nadeshiko und Ohtah an jenem Tag ins Schloss zurückziehen müssen … Und nur wenige Tage später, brach der Winter über sie herein. Dicke Schneedecken hüllten alles in sich ein, eine Eisschicht bedeckte den See – was auch immer sich darin befinden mochte, vor dem Frühling würden sie es nicht herausfinden.
Entsprechend niedergeschlagen über diese erzwungene Pause, kam die Ankündigung von Professor McGonegall beim Abendessen des ersten Schultages nach den Weihnachtsferien gerade recht: „Ich denke, die meisten von Ihnen wissen, dass dieses Jahr die Duell-Weltmeisterschaft stattfindet … und seit jeher gab es in Hogwarts sozusagen ein Pendant. Alle Sechst- und Siebtklässler können sich dafür anmelden – anschließend gibt es Vorrunden in den jeweiligen Häusern, bevor die vier Champions gegeneinander antreten. Der Gewinner erhält neben einem Pokal, der ihn hier in Hogwarts verewigen wird, ein einmaliges Empfehlungsschreiben für die Weltmeisterschaft! In den Gemeinschaftsräumen wird eine Teilnehmerliste ausgehängt. Sollten Sie irgendwelche Fragen haben, wenden Sie sich bitte an Ihre Hauslehrer. Das Turnier beginnt in der letzten Januarwoche – Sie haben demnach noch etwas Zeit, sich vorzubereiten; aber nicht auf den Korridoren!“
So gleich wanderte Nadeshiko´s aufgeregter Blick zum Tisch der Slytherins, wo sie dem von Ohtah begegnete. Im Moment konnten sie in Sachen Verlies ohnehin nichts unternehmen … ein bisschen Ablenkung sollte da nicht schaden. Er nickte mit dem schiefen Lächeln, welches sie so liebte. Auch ihm gingen diese Gedanken durch den Kopf. Nachdem sich die Schulleiterin gesetzt und das Mahl eröffnet hatte, erfüllte sich die Große Halle von Gesprächen über das Turnier. Es herrschte begierige Aufregung, die selbst in den folgenden Tagen nicht abriss. Klerus sowie einige andere Fünftklässler murrten, weil sie noch nicht teilnehmen durften, sondern stattdessen für ihre ZAG-Prüfungen lernen mussten.
Während Nadeshiko und Ohtah Shirayuki einen Besuch abstatteten, kam das Thema erneut zwischen ihnen auf: „Ohtah, was die Duelle angeht … Du musst mir etwas versprechen – sollten wir uns tatsächlich gegenüber stehen, halte dich nicht zurück!“
„Ich wusste, du würdest das sagen …“, entgegnete er und nahm ihre Hand, „In Ordnung, ich werde dich nicht kampflos gewinnen lassen. Und du lässt dich auf gar keinen Fall von irgendwem anders besiegen, ja?“
Lächelnd lehnte sie ihren Kopf gegen seine Schulter.
Fast alle Schüler des sechsten und siebten Jahrgangs hatte sich angemeldet, die zunächst in einigen Vorrunden gegen die Mitglieder ihres eigenen Hauses antreten mussten, welche in den leer geräumten Klassenzimmern ihrer Hauslehrer stand fanden. Nadeshiko war erleichtert, dass Argo bereits seinen Abschluss gemacht hatte; Ohtah dagegen kam nicht so glimpflich davon – er bekam es im Entscheidungskampf um den Einzug ins Halbfinale mit Livia zu tun!
„Was meinst du – wollen wir unser Duell nicht ein bisschen spannender gestalten? Wenn ich gewinne, gehst du mit mir aus … und vergisst endlich dieses lächerliche Löwenkind!“, forderte sie ihn heraus.
Ein Raunen ging durch die Zuschauer, während Ohtah erst lachte und dann entgegnete: „Und wenn ich gewinne, schwörst du bei deinem Zauberstab, dass du Shiko nie mehr belästigen wirst!“
Livia überlegte einen Moment, ehe sie zustimmte. Anschließend deuteten sie eine Verbeugung an.
„Bald wirst du nur noch Augen für mich haben – Conjunktivitio!“, rief die Slytherin.
Doch Ohtah wehrte ihren Bindehaut-Fluch hastig mit einem Schutzschild ab, bevor er »Muffliato« einsetzte – dieser Zauber verursachte ein dröhnendes Rauschen in ihren Ohren.
Mit den Händen gegen die Schläfen gepresst, schrie Livia ohne zu zielen: „Verkestatum!“
Der Braunhaarige musste nicht einmal ausweichen, so weit schlug der Schleuder-Fluch daneben ins Publikum, das erschrocken auseinander sprang. Sein »Levicorpus« dagegen riss sie von den Füßen und ließ sie kopfüber in der Luft baumeln. Damit hatte sie den Ring verlassen – Ohtah war offiziell der Sieger.
„Handelsübliche Zauber im Duell zu verwenden, ist eine sehr ausgeklügelte Taktik – Sie scheinen mir wahrhaft das Zeug zum Auror zu haben, Mister Shadowdragon.“, lobte ihn Professor Slughorn applaudierend.
Ohtah dankte ihm für das Lob und sagte zu Livia: „Halte dich an dein Wort!“
Ohne sie herunter zu holen, verließ er den Kerker. Unterwegs zum Innenhof des Glockenturms dachte er nach – auch er hatte ein Versprechen gegeben; natürlich würde Nadeshiko als Gryffindor-Champion gegen ihn antreten … Warum nur hatte er sich darauf eingelassen? Er musste gegen die Frau kämpfen, die er liebte! Genau das war ihr Wunsch … und damit alles andere unwichtig.
Sie hatte sich diesen Kampf gewünscht. Sie wollte diesen Kampf. Und gleichzeitig fürchtete sie sich davor … Jede Strategie, die sich Nadeshiko auch ausdenken konnte, würde Ohtah bis ins kleinste Detail vorhersehen … Er kannte ihre Art zu kämpfen – für gewöhnlich setzte sie vor allem ihre mächtigen Elementarzauber ein, um ihrem Gegner keine Zeit zum Erholen zu lassen. So hatte sie sämtliche Vorrunden und das Halbfinale gegen Hufflepuff gewonnen.
Mit den Fingerspitzengefühl strich die Rothaarige über das Notizbuch ihrer Schwester und flüsterte: „Ich will das Turnier unbedingt gewinnen, ich muss – nur dann weiß ich, ob ich wirklich bereit sein werde!“
Die Verliese verlangten mehr, als nur den Mut von Gryffindor … Manchmal fragte sich Nadeshiko, wie sie sich in Hogwarts ohne ihren Einfluss entwickelt hätte. In der nächsten Sekunde winkte sie dann schon wieder ab – im Grunde war es egal. Entschlossenheit packte sie ihren Zauberstab fester und verließ den Raum der Wünsche. Im Gemeinschaftsraum waren ihr einfach zu viele Menschen gewesen und wenn sie ehrlich war, fühlte es sich seltsam an, bejubelt zu werden – wo man sie doch schon jahrelang als »Fluchmacher« beschimpfte. In der Großen Halle, in der eine Tribüne samt Arena aufgestellt worden war, ließ sich der Auflauf natürlich nicht vermeiden. Doch die junge Hexe achtete nicht weiter darauf – ihre Augen hatten sofort die von Ohtah gefunden. Sie hielten einander mit ihren Blicken fest, während beide die wenigen Treppen hinaufstiegen, und ihr Duell von Madam Hooch angesagt wurde. Das Finale … der letzte Kampf in diesem Turnier …
„Bist du bereit?“, wollte Nadeshiko wissen, ohne sich abzuwenden.
Ebenso unbeirrt antwortete Ohtah: „Mein Wort bindet mich …“
Sie zeigten ihre Zauberstäbe vor und verbeugte sich voreinander. Genau wie erwartet wollte der Slytherin diese Sache so schnell, wie möglich hinter sich bringen – doch sie wich gezielt aus.
„Aquamenti!“, rief die Rothaarige das Wasser zu Hilfe, welches er mit einem Imprägnierungszauber abblockte, „Du willst es mir also wirklich nicht leicht machen …“
„Werd´ bloß nicht unvorsichtig, Shiko – Obscuro!", entgegnete Ohtah, was ihr großteils die Sicht raunte, „Stupor!“
Nadeshiko schützte sich instinktiv mit einem Schild und meinte beinahe spöttisch: „Als ob dieser Trick genauso bei mir funktionieren würde – aber ich habe eine Überraschung für dich!“
Ihr Zauberstab richtete sich gen Himmel … Am gespannten Himmel über der Großen Halle leuchteten die Sterne heller auf, die auf ihren Wink tatsächlich herabregneten! Für eine kurze Schrecksekunde starrte der Braunhaarige seine Gegnerin an … seine Geliebte, die offensichtlich alles daransetzte, um zu gewinnen … Dann machte sich die Angst vor den glühenden Gesteinsbrocken vollends in ihn breit – er wich bis über den Rand der Arena zurück. Panisch beobachtete er, wie die Geschosse die Zuschauer trafen – beziehungsweise durch diese hindurch flog und in gelben Funken zerstoben.
Inmitten dieses Feuerwerks schritt Nadeshiko auf Ohtah zu und erklärte: „>Stella Cascadia< ist nur ein Illusionszauber – ich wusste, du würdest mit allem rechnen … allerdings nicht mit einem Sternenschauer. Es tut mir leid, dass du für einen Moment denken musstest, ich würde dich ernsthaft verletzen wollen …“
Während ihrer letzten Worte konnte sie ihn nicht mehr ansehen, deshalb griff er unter ihr Kinn und erwiderte: „Nein. Du hast nur das getan, was du dir auch von mir gewünscht hast … Und solange es die Frau ist, die ich liebe, die mich besiegt …“
Weiter kam Ohtah nicht mehr – Nadeshiko hatte sich so sehr davor gefürchtet, etwas zwischen ihnen zu zerstören … da war es ihr vollkommen egal, was der versammelte Lehrkörper samt gesamter Schülerschaft dachte, als sie ihn stürmisch küsste. Seine Liebe war wahrhaft der größte Preis!
Professor McGonegall wartete einen Moment länger, ehe sie näher trat, um die Siegerin zu beglückwünschen, und so leise zu warmen, damit nur sie es hörte: „Sie sind eine überaus begabte, junge Hexe. Ihr Ziel könnte Ihnen unerreichbar vorkommen, sodass Sie vom rechten Weg abkommen … Vergessen Sie niemals – die dunkle Seite kann einen leicht verführen, doch sie bietet keine Stärke! Sie müssen sich und Ihre Fähigkeiten selbst wertschätzen – sonst wird in Ihnen nie jemand etwas anderes sehen, als … ein Schatten Ihrer Schwester, Miss Yosogawa, ob Sie diesem Ruf gerecht werden möchten oder nicht. Ihre Elementarmagie und Duellierfähigkeiten sind verblüffend – etwas, das Sie von Ihrer Schwester komplett unterscheidet.“
Nadeshiko nickte ernst. Sie würde sich diesen Rat zu Herzen nehmen.
Nach diesem Erlebnis fiel ihnen der normale Hogwarts-Alltag zunehmend schwerer – die Lehrer bestanden inzwischen auf ungesagten Zaubern, was Nadeshiko grässlich fand. Natürlich wäre es vor allem in Zweikämpfen von Vorteil, wenn der Gegner den nächsten Zauber nicht sofort erkannte … Ohtah zeigte ebenfalls nur mittelmäßiges Talent. Wahrscheinlich auch deshalb, weil beide noch verliebter waren, als jemals zuvor. Ihre Verbindung war noch tiefer geworden – daher nahm der Raum der Wünsche eher des Öfteren das Äußere eines trauten Liebesnestes an, statt einer Stätte des Lernens … Erst ein erneuter Ausbruch des Statuenfluchs verpasste ihnen wortwörtlich einen Dämpfer. Schuldbewusst suchte die Rothaarige daher den Krankenflügel auf – dort lagen im hinteren Teil die in Stein verwandelten Schüler. Ihre reglosen Körper machten sie traurig. Etwas schreckliches musste im Innern des Verlieses lauern … In der magischen Welt gab es gigantische Schlangen mit grellgelben Augen, deren Anblick einen töten konnte … oder versteinern, wenn man nur indirekt in diese hineinsah. Allerdings bedeutete »Versteinerung« hierbei, dass der Körper vollkommen erstarrte.
„Sind Sie krank, Miss Yosogawa?“, wollte Madam Pomfrey wissen, die mit einer dampfenden Schüssel hereingedribbelt kam, „Oder suchen Sie jemand bestimmten? In letzter Zeit kommen nicht mehr allzu viele Besuchen und den meisten Schülern ist es lieber, wenn ich sie draußen behandle. Es ist die Angst davor, sich bei den Opfern anzustecken … Vollkommener Blödsinn.“
Einen Moment lang war Nadeshiko versucht, Reißaus zunehmen … dann entschied sie sich allerdings dagegen und bot ihr stattdessen ihre Hilfe beim Benetzen der Steinkörper an. Die Arbeit beruhigte ihr schlechtes Gewissen etwas – gleichzeitig bereitete sie in Gedanken ihr nächstes Gespräch vor.
Denn anschließend führten ihre Füße die Gryffindor zum Büro der Schulleiterin, die sie endlich in ihr Wissen einweihte: „Professor, das aktuelle Verlies … befindet sich im Schwarzen See. Deshalb müssen wir unbedingt unter Wasser atmen können!“
Ihre Hauslehrerin schwieg lange, ehe sie sich zu dem beinahe lebensgroßen Portrait hinter ihrem Stuhl zuwandte, welchen den vorherigen Direktor Albus Percival Wulfric Brian Dumbledor zeigte: „Er pflegte fast schon freundschaftliche Beziehungen zum Meervolk und konnte ihre Sprache fließend, das würde Ihnen jetzt weitaus besser helfen, als meine Fähigkeiten … Allerdings hat er mir einmal erzählt, sie würden Musik lieben – vielleicht lassen sie sich dadurch ja sogar etwas besänftigen.“
Ein freudloses Lächeln erschien auf Nadeshiko´s Gesicht. Dann würde sich das stundenlange Üben in ihrer Kindheit ja endlich bezahlt machen – ihr Vater hatte verlangt, dass Seiketsu und sie traditionelle, japanische Instrumente der Geishas lernten.
Und Professor McGonegall fuhr ernst fort: „Seien Sie vorsichtig, Miss Yosogawa, dieses Gewässer beherrscht noch weitere Kreaturen. Ich habe versprochen, Ihnen zu helfen … selbst wenn ich dadurch ein Professorentum aufgeben müsste. Es gibt verschiedene Möglichkeiten … Dianthuskraut oder der Kopfblasen-Zauber erscheinen mir am sinnvollsten. Beides gewährt Ihnen ungefähr eine Stunde.“
Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile über das Für und Wider. Letztendlich entschieden sie sich für die pflanzliche Variante – sollten irgendwelche Komplikationen eintreten, wovon ja auszugehen war, konnte es erneut eingenommen werden und würde sogar in kampfunfähigem Zustand seine Wirkung nicht verlieren beziehungsweise erst nach Ablauf der Frist. Allerdings gab es hierfür auch einen Haken … es konnte erst in frühestens vier Wochen gepflückt werden. Bis dahin mussten die restlichen Vorbereitungen getroffen werden – und wenn sie ihre Unternehmung erneut in die Osterferien legten, wären die meisten Schüler zu Hause in Sicherheit. Mit diesem Gedanken machte sich die Rothaarige auf in ihren Gemeinschaftsraum. Zumindest wollte sie es – denn da trat ihr der verhüllte Fremde in den Weg, diesmal reagierte sie sofort und richtete ihren Zauberstab auf ihn.
„Du hast meine Worte also nicht ernst genommen … tapfer, wie es sich für eine Gryffindor gehört – aber kannst du auch wirklich mit den Konsequenzen deines Handelns leben?“, wollte er wissen.
Nadeshiko ließ ihn mit »Flipendo« etwas zurückweichen, ehe sie sagte: „Es ist vollkommen egal, mit was du mir drohst – ich werde den Fluch der Verwunschenen Verliese auf jeden Fall brechen!“
„Ach ja? Dann mach´ dich darauf gefasst, dass schon bald der Tod nach Hogwarts kommen wird!“, entgegnete der Vermummte.
Durch seinen Schleuderzauber krachte sie gegen eine der steinernen Wände. Dunkelheit umfing ihre Gedanken. Doch das hastige Nähern von Schritten unterbrach seine Taten und er zog sich zurück. Es war – natürlich – Ohtah, dessen sechster Sinn Alarm geschlagen hatte. Erschrocken eilte er an Nadeshiko´s Seite und versuchte sie vorsichtig zum Aufwachen zu bewegen. Ihre Augenlider flatterten, doch etwas hielt sie fest … Dieser letzte Satz hallte immer wieder durch ihren Geist und sie bereute ihre Worte – damit hatte er ihren Schwachpunkt getroffen. Während ihr Geist sich damit auseinandersetzte, trug Ohtah seine Liebste behutsam in den Krankenflügel, wo Madam Pomfrey ihr ganz aufgeregt einen Aufpäppeltrank einflößte. Langsam nahm Nadeshiko ihre Umwelt wieder wahr … Noch bevor sie die Augen öffnete, liefen Tränen über ihre Wangen. Ohtah hielt ihre Hand fester in seiner.
„Hol´ … Professor McGonegall. Sie muss es wissen …“, brachte sie mühevoll über die Lippen.
Die Heilerin hastete davon, während der Slytherin sein Zittern unterdrückte. Irgendetwas war ihr zugestoßen … bei einem missglückten Zauber würde sie nicht direkt nach der Schulleiterin verlangen. Außerdem … hatte er versagt – als ihr Liebster, ihr Beschützer. Da betrat auch schon Professor McGonegall den Krankenflügel. Mit etwas dröhnendem Kopf richtete sich Nadeshiko auf – Ohtah stützte sie dabei.
Sie brachte nur ein schwaches Lächeln zustande, bevor sie an ihn gewandt zu sprechen begann: „Ich wollte nicht, dass du davon erfährst … vor allem nicht so. Ein Fremder hat mich zum zweiten Mal herausgefordert – durch seine Kapuze konnte ich sein Gesicht nicht sehen. Aber er hat etwas mit den Verliesen zu tun und versucht offenbar, mich aufzuhalten. Professor McGonegall habe ich es nach unserem ersten Aufeinandertreffen erzählt …“
„Mister Shadowdragon, bitte seien Sie nachsichtig … Sie können sich sicher denken, warum Miss Yosogawa Ihnen gegenüber geschwiegen hat. Es … es ist manchmal nicht einfach, eine solche … Rolle auszufüllen und gleichzeitig geliebte Menschen schützen zu wollen.“, unterbrach die Direktorin sie.
Der Braunhaarige sah weder sie noch Nadeshiko an. Etwas hatte nicht gestimmt … er hätte sie danach fragen sollen. Es stimmte – er wusste, warum sie geschwiegen hatte … um ihn nicht zu beunruhigen. Das tröstete ihn jedoch nicht, schmälerte nicht seine aufkeimende Wut … es tat weh, von ihr nicht ins Vertrauen gezogen worden zu sein.
„Da die Sicherheitsmaßnahmen überprüft und erhöht wurden, müssen wir also von einem Angreifer innerhalb des Schlosses ausgehen.“, fuhr die Lehrerin für Verwandlung fort, was ihre Schülerin per Nicken bestätigte.
Dieser Umstand versetzte Ohtah einen weiteren Schlag – Besorgnis machte sich ihn ihm breit, gefolgt von einem dankbaren Glücksgefühl, darüber dass es ihr soweit gut ging.
Nadeshiko lehnte sich gegen seinen Arm – egal, was er momentan von ihr dachte, sie brauchte seine Nähe für die nächsten Worte: „Er hat damit gedroht, jemanden in Hogwarts zu töten, wenn ich meine Suche nicht aufgebe.“
Zwar deutete diese Aussage nicht zwangsläufig auf ihren Tod, doch Ohtah legte von hinten seine Arme um sie, zog sie enger an sich heran. Er würde garantiert nicht zulassen, dass es soweit kommen würde! Und genauso wenig durften sie jetzt einfach aufhören – Nadeshiko könnte es niemals verkraften, wenn sie ihre Schwester im Stich lassen sollte.
Doch genau das schien Professor McGonegall zu erwarten: „Wir dürfen die Schülerschaft von Hogwarts unter keinen Umständen noch mehr gefährden.“
Muggle würden vielleicht von einer schleichenden Depression sprechen – in den folgenden Wochen war Nadeshiko nicht mehr dieselbe. Kein Lächeln verirrte sich auf ihre Lippen, sie blieb dem Raum der Wünsche fern und nutzte die Bibliothek nur für die Hausaufgaben. Sonst saß sie zumeist im Schlafsaal und starrte aus dem Fenster, zwar häufig in der Gesellschaft von Shirayuki … doch Ohtah ging sie, so sehr es möglich war, aus dem Weg.
„Irgendwo in diesem Schloss wartet jemand auf ein potenzielles Opfer … und Sei vergeblich auf meine Hilfe.“, murmelte die Rothaarige monoton, „Irgendwo … Und ich bin schuld – ich wollte nie, niemals, dass jemand meinetwegen in Gefahr gerät … Es stimmt, ich habe weitergemacht, obwohl ich als >Fluchmacher< bezeichnet wurde … weil nicht ich die Flüche aktiviert habe, dachte ich, ich würde jemanden aufhalten. Aber was, wenn … wenn derjenige nur die Flüche aktiviert hat, um mich aufzuhalten? Ich habe einen Fehler gemacht. Es ist meine Schuld.“
Sie musste eine ganz normale Schülerin werden … ohne Mission. Die Flüche hatten bereits genug Leid verursacht. Sie tauschte keine Leben ein … Alles in ihr schrie, aber ihre Gesichtszüge blieben ausdruckslos. Plötzlich hielt sie es innerhalb des Turms nicht mehr aus und wanderte ziellos durch die Stockwerke. Irgendwann stand Nadeshiko vor dem großen Treppenaufgang und betrachtete die lebendigen Portraits. Auch ein Fluch … jener, der Klerus in seinem Bann gehalten hatte. Seine Qual war schon ein zu hoher Preis gewesen – Seiketsu könnte es niemals ertragen, wenn jemand anderes ihretwegen gestorben wäre.
„Heute wirkt Ihr gar nicht, wie eine Anhängerin des edlen Godric Gryffindor!“, meinte der etwas in die Jahre gekommene und tollpatschige Sir Cadogan aus seinem Bilderrahmen heraus, „Sonst sah ich in Euch stets seine und vor allem meine überragenden Tugenden – Mut, Tapferkeit, Entschlossenheit, Geradlinigkeit, Gewagtheit, Ehrlichkeit, Standhaftigkeit!“
Nadeshiko sah ihn nicht an, als sie antwortete: „Mag sein. Vielleicht bin ich auch einfach nur im falschen Haus …“
Er zog sein Schwert und sprach: „>Ein Ritter gelobt die ewige Tapferkeit, sein Herz kennt nur die Tugend, sein Schwert verteidigt die Hilflosen, seine Macht unterstützt die Schwachen, sein Mund spricht nur die Wahrheit, sein Zorn zerschlägt das Böse!<“
„Aber was, wenn man selbst der Böse ist und für die Hilflosen, die Schwachen eine Gefahr darstellt?“, verlangte sie zu erfahren, während heiße Tränen in ihren Augen brannten.
Der Ritter lachte: „Dann muss ein Ritter des alten Kodex natürlich einen Weg suchen, um seinen Schwur dennoch zu erfüllen – genau das ist ja die Bürde eines solchen Versprechens. Aufgeben sind jedenfalls nie die Lösung!“
Endlich zogen sich ihre Mundwinkel wieder nach oben, während ihre Wangen von Tränen benetzt wurden. Sir Cadogan´s Worte entsprachen der Wahrheit … Weglaufen war einfach nur feige! Wenn sie jemand davon abbringen wollte, ihre Schwester zu finden, musste derjenige eben wie jedes andere Hindernis überwunden werden. Nach einer kurzen, dankbaren Verabschiedung rannte Nadeshiko hinaus auf den Innenhof und setzte sich an den Springbrunnen. Wochenlang hatte sie sich versteckt; die Chance war groß, dass er sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen würde. Und sie wurde nicht enttäuscht – nicht einmal eine halbe Stunde später löste sich eine Gestalt aus dem Schatten, welche ihr direkt einen Fluch entgegen schickte. Bereits gewappnet wollte die Gryffindor ihn abwehren, da erschien Ohtah, der sich im Dunkeln gehalten hatte, und stellte sich schützend vor sie. Niemand hätte zu diesem Moment ahnen können, dass der Drahtzieher von Anfang an ihn aus dem Weg räumen wollte – einen Keil zwischen beide zu treiben, hatte nicht funktioniert … also mussten sie auf andere Weise getrennt werden. Beinahe wie in Zeitlupe verfolgte Nadeshiko, wie er getroffen zu Boden fiel … Zum ersten Mal gelang ihr ein ungesagter Zauber, der ihren Gegner reflexartig schockte. Sofort schickte sie rote Funken in den Himmel – das allgemeine Notfallsignal in der Zaubererwelt. Kurz darauf eilten die Professoren McGonegall und Flitwick herbei.
Schluchzend flehte Nadeshiko, die seinen Kopf auf ihrem Schoß hielt: „Bitte, bitte, die helfen Sie ihm! Ein Fluch – ich weiß nicht, welcher! Bitte, Professor!“
Der Hauslehrer von Ravenclaw legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter, ehe er Ohtah mit einer Reihe von Zaubern belegte – »Finite Incantatem«, »Enervate« sowie »Episky«. So kam der ebenfalls geschockte Braunhaarige wieder zu sich.
„Ohtah!“, rief die Gryffindor erleichtert aus.
Er berührte ihr Gesicht und meinte noch etwas geschwächt: „Ich habe es dir und vor allem mir selbst geschworen – was auch immer passiert, ich werde dich beschützen … immer und immer wieder. Weil ich dich liebe …“
Schmunzelnd verordnete die Direktorin ihm einen Aufenthalt im Krankenflügel, in den Professor Flitwick in ihn begleitete. Zwar wollte Nadeshiko am liebsten bei ihm bleiben, doch hatte sie noch zu tun – während sie ihren Zauberstab auf den Fremden richtete, zog ihm Professor McGonegall die Kapuze vom Kopf herunter. Als wären sie vom Statuenfluch getroffen worden, erstarrten beide vor Schreck. Derjenige, der Nadeshiko herausgefordert, bedroht und Ohtah getroffen hatte, war Klerus!
„Ich glaube, Mister Monko schuldet uns eine Erklärung …“, hauchte die ältere Hexe, „Halten Sie sich bitte bereit, Miss Yosogawa, ich nehme jetzt den Zauber von ihm.“
Von dieser Verantwortung kam die Rothaarige wieder zu sich, umfasste den Griff des Kirschblütenholzes fester. Dann wurde der Hufflepuff von demselben Zauber geweckt, wie zuvor sein Halbbruder.
Verwirrt sah er sich um und fragte benommen: „Was mache ich denn hier im Innenhof? Oh, Professor McGonegall, was ist los? Und, Shiko, was … was soll das werden?“
„Mister Monko, haben Sie irgendeine Erinnerung daran, dass Sie sich – mehrfach – mit Miss Yosogawa duelliert haben?“, entgegnete die Schulleiterin argwöhnisch.
Wortwörtlich klappte Klerus die Kinnlade herunter und er suchte Nadeshiko´s Blick – der Schock in ihrem Gesicht ließ ihn anfangen zu zittern, als er sie ansprach: „I-Ich … Shiko, ich weiß nicht, was ich getan habe …“
„Professor, bitte, ich glaube nicht, dass Klerus aus freien Stücken gehandelt hat. Wir sind schließlich Freunde!“, verteidigte sie ihn, „Und der Angreifer … er klang auch gar nicht nach ihm – geschweige denn ist das Klerus´ Zauberstab da in seiner Hand!“
Er konnte kaum glauben, dass sie ihn für unschuldig hielt … trotz allem wie er sich in den letzten Monaten ihr ihr und Ohtah gegenüber verhalten, sich von ihnen angewandt hatte, hielt sie an ihrer Freundschaft fest … Ihre Argumente hatten auch Professor McGonegall überzeugt; sie nahm den fremden Zauberstab entgegen und überprüfte die zuletzt gewirkten Zauber – »Stupor«, den sich Ohtah eingefangen hatte, und »Imperio«!
„Der Imperiusfluch – einer der drei Unverzeihlichen Flüche … dadurch wird das Opfer komplett dem Willen des Zaubernden unterworfen.“, erklärte sie schockiert, „Wer einen solchen Zauber hier in Hogwarts gebraucht, ist sich seiner Sache sehr sicher … Mister Monko, zu Ihrer eigenen Sicherheit möchte ich, dass Sie nicht mehr allein unterwegs sind.“
Ein einstimmiges Nicken der beiden Schüler, denen es eiskalt den Rücken hinunterlief … Ohtah die Geschichte zu erzählen, entpuppte sich als ebenso große Herausforderung, wie Klerus überhaupt erst zu enttarnen. Dass er nicht sofort aus dem Krankenflügel stürmte und das gesamte Schloss nach dem Übeltäter absuchte, konnten sie nur schwerlich verhindern – vor allem da Madame Pomfrey ihn mindestens eine Nacht zur Beobachtung dabehalten wollte. Bevor sie sich verabschiedeten, umarmte Ohtah seinen kleinen Bruder fest. Klerus lächelte dabei etwas unsicher, zu groß war sein schlechtes Gewissen.
Draußen sagte er dann: „Ich habe mein Haus verraten … Helga Hufflepuff stand für Treue und Gerechtigkeit – ich dagegen war so unfair und habe euch im Stich gelassen! Aber … ich weiß einfach nicht, ob … Hogwarts überhaupt noch ein sicherer Ort sein kann. Verstehst du? Ich habe Angst! All diese grausamen Flüche … Was kommt als nächstes? Wer kommt als nächstes? Es ist wie ein immerwährender Alptraum!“
„Diese Fragen gehen mir ebenfalls durch den Kopf …“, antwortete Nadeshiko sanft, „Und … auch ich habe gedacht, ich hätte Schande über Gryffindor gebracht.“
Erst Verwunderung zeigte sich auf seinem Gesicht, anschließend sprach die Scham aus ihm: „Es tut mir leid, dass ich die Schuld auf dich projiziert habe … Ich weiß, du bist kein Fluchmacher – du bist der beste Fluchbrecher, den Hogwarts je gesehen hat!“
„Trotzdem wollte ich schon ein paar Mal alles hinschmeißen, doch das würde das Problem nicht lösen – und damit meine ich nicht nur, die Suche nach Sei … Die Verwunschenen Verliese werden so lange und immer wieder eine Gefahr für die Schüler dieser Schule darstellen, bis sie jemand endgültig bezwingt.“, erklärte sie entschlossen.
Klerus bewunderte ihren Kampfgeist. Eigentlich wollte er nicht zurück in den Gemeinschaftsraum, zumindest nicht heute Nacht. Gleichzeitig fühlte er sich nicht mehr berechtigt, den Raum der Wünsche zu benutzen … Doch Nadeshiko schlug genau dort eine gemeinsame Übernachtung vor.
Irgendwie hatten sie Frieden geschlossen … doch Klerus sehnte das Ende der Woche und damit den Beginn der Osterferien herbei. Anders als sonst blieb er nicht in Hogwarts bei Ohtah und Nadeshiko. Dafür hatten sie etwas zu erledigen – obwohl ihr Gegenspieler noch nicht enttarnt war, hatte Professor McGonegall ihre Zustimmung zu dem Unterfangen gegeben. Da derjenige jemand anderen benutzt hatte, wollte er oder sie offenbar nicht selbst offen in Aktion treten … Zeit selbst in die Offensive zu gehen.
„In Ordnung … Haben wir alles berücksichtigt? Dianthuskraut für die Atmung; Grindelohs und Kraken als potenzielle Gegner, Musik für das Meervolk … unsere Zauber werden nur die Hälfte ihrer normalen Kraft und Geschwindigkeit haben. Na ja, und mein Feuer können wir natürlich ganz vergessen. Irgendwie nicht gerade sehr … erfolgversprechend.“, meine die schöne Gryffindor nervös.
Der Braunhaarige zog sie auf seinen Schoß, küsste sie und entgegnete dann: „Zusammen können wir alles schaffen! Dieser Fluch muss enden.“
Lächelnd nickte sie in seiner Umarmung. Sie würden einen Weg finden … so wie Sir Cardogan gesagt hatte. Dennoch zitterten ihre Finger leicht, als sie nach ihrer Koto griff – es war eine Art Zither, die vor allem melancholisch durchdringende Töne erzeugen konnte. Wie ihre Eltern wohl geschaut hatten, als sie im letzten Brief um ihr Instrument gebeten hatte? Seit ihrem Eintritt in Hogwarts hatte sie nicht mehr wirklich darauf gespielt. Die Musik war etwas, das sie mit ihrer Schwester geteilt hatte … Nun kam es ihr so vor, als würde die Shamisen, die Laute von Seiketsu umso mehr fehlen. Während die letzten Klänge des Stücks verhallten, kräuselte sich die Wasseroberfläche des Sees … Und damit begann die Mission – sie hatten leichte Kleidung gewählt, einen Holster an ihrer Hüfte befestigt sowie einen Beutel. Nadeshiko verwahrte darin das Dianthuskraut, in Ohtah´s befand sich der verkleinerte Dreizack aus dem Verlies der Portraits. Sie packte die erste Portion heraus, reichte ihm die Hälfte. Bevor es seine Wirkung entfaltete, sprangen beide in das undurchsichtige Gewässer. Im ersten Moment schienen stumpfe Messer ihre Hälse entlang zu fahren … bis Wasser durch Kiemen flutete, Schwimmhäute zwischen ihren Händen gewachsen waren und ihre Füße in Flossen endeten. So ausgestattet glitten die beiden regelrecht schwerelos hinab in die grünlich schimmernde Tiefe. Jegliches Zeitgefühl ging hier verloren … Der See war gewaltig und genau genommen hatten sie keine Ahnung, wo sie nach dem Eingang suchen sollten. Der Grund war ihnen für den Anfang einfach am naheliegendsten erschienen – zudem hofften beide, in Ufernähe fündig zu werden, weil hier der erste Schüler versteinert gefunden worden war. Schattenhafte Gestalten ließen sie reflexartig die Zauberstäbe ziehen und die Grindelohs schocken. Sofort erschien ein Trupp bewaffneter Meervolk-Soldaten. Ihre Gesichter waren zu bedrohlichen Fratzen verzogen – außerdem ähnelten sie mit ihren gräulichen Körpern und den langgezogenen Gliedmaßen nur entfernt an die romantische Vorstellung einer Sirene, von der Schwanzflosse einmal abgesehen … dies waren schottische Selkies und jede von ihnen trug einen Dreizack, ihrem ähnlich. Die freie Hand des Braunhaarigen wanderte zu seinem Beutel, doch die Gryffindor hielt ihn zurück. Noch machten diese Wesen keinerlei Anstalten sie anzugreifen … da wäre es dumm, ihren Zorn auf sich zu ziehen.
„Ich weiß, die Auswirkungen des Verlieses belastet Euer Volk … auch deshalb wollen wir den Fluch brechen.“, sagte Nadeshiko ohne Furcht in der Stimme, „Wir sind Schüler von Hogwarts, dessen verstorbenen Schulleiter Albus Dumbledore Ihr … Respekt entgegen gebracht habt.“
Gemurmel in meerisch brach los, welches sie natürlich nicht verstanden. Eine der Selkies schwamm näher; auf ihrer Stirn glänzte ein schwarzer Obsidian, der in einem Reif eingefasst war.
Ein überraschend melodisch lieblicher Klang entstammte ihrer Kehle: „Einen Freund, so nannten wir ihn … denn Albus Dumbledore hat vor allem unsereins respektiert. Sein Verlust ist ein hartes Schicksal für diese Welt … aber nur das Wasser ist ewig.“
Ob sie damit nur vom Leben oder auch von den Verliesen sprach, mochte die Rothaarige nicht ausschließen. Auf einen Wink teilte sich die Menge, wies ihnen den Weg. Nadeshiko nickte der Anführerin dankbar zu. Das magisch erschaffene Licht konnte das dunkler werdende Wasser nur noch sehr spärlich erleuchten – und die Sonnenstrahlen kamen erst recht nicht soweit. Nadeshiko überprüfte zum wiederholten Mal ihre zweiten Rationen von Dianthuskraut … Da verstärkte Ohtah den Druck seiner Finger um ihre Hand. Und erneut erschauderte es sie, dass ihre Schwester sich diesem unwirklichen Terrain allein genähert hatte … Wie aus dem Nichts blitzten zwei glühend rote Lichter einige Meter voraus auf.
„Lumos Maxima!“, riefen sie gleichzeitig.
Vor ihnen schlängelte sich ein langer, geschuppter Körper, aus dessen Rücken ein ein spitzer Zackenkamm ragte … wie bei manchen Drachenarten – doch dies war weder ein Chinesischer Feuerball, noch ein Norwegischer Stachelbuckel, ein Ungarischer Hornschwanz oder gar ein Schwarzer Hebride. Gleichzeitig wies das Monster Ähnlichkeiten mit einem Krokodil sowie einem Wal auf … Und es schoss geradewegs auf sie zu! Der gewiefte Slytherin reagierte zuerst – er stieß Nadeshiko von sich und schoss einen Fluch auf es ab. Geschockt beobachtete er, wie sein Versuch, dem Ungetüm etwas anzuhaben, kläglich scheiterte … Wieder und wieder zauberte er – nichts schien zu helfen. Dennoch wütend geworden, schnellte der Schwanz der Bestie vor und wickelte sich um Ohtah. Vom Klammergriff gefangen genommen, verlor er seinen Zauberstab. Trotz Schockmoment schaffte Nadeshiko es, ihn per »Accio« zu retten. Da erfüllte ein Brennen ihre Lungen, ihre Haut kribbelte – die Wirkung des Dianthuskrauts endete! Eilig fischte sie einen weiteren Kloß aus ihrem Beutel, schluckte ihn herunter. Egal was … sie musste etwas unternehmen oder ihr Geliebter würde in den Fängen des Monsters ertrinken. Eine Schwachstelle musste her …
„>In Hogwarts wird jedem Hilfe zuteil, der sie redlich verdient.<“, hallten die Worte von Professor McGonegall in ihrem Gedächtnis wieder, als plötzlich etwas auf sie zugerast kam.
Nadeshiko schützte ihr Gesicht und hielt mit einem Mal einen alten Filzhut in der Hand … nein, nicht irgendeinen, alten Filzhut – sondern den Sprechenden Hut! In dessen Innern funkelte etwas … wie aus dem Affekt heraus griff sie danach und zog mit einem Ruck ein silbernes Schwert mit Rubinen heraus. Mehr Zeit, die neue Waffe zu betraten, räumte sie nicht ein – einen Strahl heißen Wassers durch »Incendio« als Antrieb nutzend, sauste die Gryffindor mit dem Schwert voran auf das Ungetüm zu. Kaum, dass es das Monster hätte durchstoßen müssen, verzerrte sich seine Erscheinung … Endlich begriff Nadeshiko, weshalb Ohtah´s Bemühungen wirkungslos geblieben waren … weil dieses Wesen nur eine Illusion war! Sie hatten geglaubt, es wäre übermächtig – in dieses Schwert dagegen hatte sie ihr volles Vertrauen gelegt. Die Bestie löste sich auf und sie eilte Ohtah zu Hilfe, flößte ihm den Nachschub an magischem Kraut ein. Sauerstoffreiches Wasser durchflutete seine Kiemen und er kam wieder zu sich. Lächelnd umarmte sie ihn, wobei Ohtah das Schwert mit großen Augen anstarrte.
„Erzähl´ ich dir später in Ruhe. Sieh´ dir das lieber mal an!“, meinte sie aufgeregt und zeigte auf das Loch, aus der ihr unechter Gegner gekommen war.
Gemeinsam schwammen sie hinein. Muscheln, Korallen, sogar Seesterne zierten die tiefe Felsspalte. Alles schien vollkommen normal für eine Unterwasserhöhle ... von der sechseckigen Säule im Boden einmal abgesehen. An Land hätte man Tränen in den Augen der Halbjapanerin sehen können – sie hatten das vorletzte Verlies erreicht! Ohtah nahm den Mini-Dreizack aus seiner Hüfttasche und gab ihm durch »Engorgio« seine ursprüngliche Größe zurück. Anschließend berührte er damit das Zentrum, welches sich sogleich öffnete – zuerst dachten beide, darin befände sich ein Ei … doch stattdessen erwachte das kleine Wesen zum Leben, hob den Kopf, streckte die Arme aus und entblößte seine Schwanzflosse. Es war eine Meerjungfrau, wie jene auf dem Buntglasfenster im Bad der Vertrauensschüler …
„Ihr habt das Abbild des Leviathan bezwungen … damit ist der Fluch gebrochen.“, sprach sie melodisch, „Nun erwartet euch nur noch ein Verlies … gefährlicher und mächtiger, als alle anderen zusammen. Geht und lauscht dem Lied des Meervolkes – es wird euch leiten.“
Damit löste sie sich in Schaum auf … Es gab keinen Gegenstand, welchen Ohtah und Nadeshiko an sich nehmen konnten – also folgten sie der Anweisung. Vor der Höhle hatten sich noch mehr Selkies versammelt … doch sie wirkten nicht länger feindselig.
Ohne ein ersichtliches Zeichen begannen alle gleichzeitig im Chor zu singen: „Ein Verlies in voller Macht, d´rum gib´ auf dich gut Acht. Die Häuser vereint … der Zwist verneint ... Suche nach dem hellen Schein und das Geschenk ist dein!“
Dies war der Hinweis … ihr Wegweiser … ein Rätsel, um das letzte Verwunschene Verlies und damit Seiketsu Yosogawa zu retten – das große Ziel in greifbarer Nähe!
Am Ufer erwarteten sie eine untypisch aufgedrehte Professor McGonegall, ein ebenso nervöser Professor Slughorn und ein schelmisch grinsender Professor Rien. Dankbar nahmen Nadeshiko und Ohtah die Decken an, welche sie bereithielten. Dabei starrten die drei Lehrer samt dem listigen Slytherin den Sprechenden Hut sowie die Klinge an, dessen Inschrift man nun erkennen konnte … »Godric Gryffindor«.
„Nicht vielen Schüler wird die Ehre zuteil, dieses Schwert in Händen halten zu dürfen … Nur ein wahrer Gryffindor vermag es zu führen.“, meinte die Schulleiterin anerkennend.
Etwas verlegen reichte Nadeshiko ihr die wertvollen Stücke, damit sie wieder sicher in Hogwarts verwahrt werden konnten. Um sich auf dem Weg dorthin nicht zu verkühlen, beschwor die Rothaarige ein paar tanzende Flammen herauf.
Dennoch trat Ramon Rien näher an sie heran und sagte: „Seit Jahrhunderten versuchen allerlei Hexen und Zauberer das Geheimnis der Verwunschenen Verliese zu ergründen – Sie sind dem so nah, wie sonst keiner, Miss Yosogawa. Es könnte sein, dass Sie Geschichte schreiben!“
„Es interessiert mich nicht, was für ein … Schatz am Ende auf mich warten würde – ich will einzig meine Schwester finden!“, entgegnete Nadeshiko, „Und diesem ganzen Wahnsinn endgültig ein Ende setzen.“
Seine Augen verengten sich, ohne dass er ein weiteres Wort sagte. Stattdessen schickte Professor McGonegall ihre Schüler auf direktem Weg in die Gemeinschaftsräume. Sie wollte einen größeren Auflauf um die beiden vermeiden, sobald das Ende des Statuenfluchs bekannt wurde und ging selbst zu Madame Pomfrey. Allerdings gehörten Nadeshiko und Ohtah ja bereits seit ihrem ersten Schuljahr eher zur unartigen Sorte – daher trafen sie sich, sobald Professor Slughorn und Professor Rien das Lehrerzimmer aufgesucht hatten, im Raum der Wünsche. Er wirkte fast wie ein Partyraum mit Girlanden, Luftballons und Konfettiregen. Euphorisch wirbelte der Slytherin seine Liebste umher, sie lachten und tanzten. Eis, Angst, Wald, Portrait und See – sie waren so weit gekommen!
Der Raum der Wünsche reagierte, kaum dass Nadeshiko daran gedacht hatte – Seiketsu´s Notizbuch erschien aufgeschlagen auf einem Sockel: „>Ich habe nie daran gezweifelt, dass du genauso weit kommen würdest, wenn ich scheitern sollte … Das Lied ist der Schlüssel, aber nicht der letzte Hindernis. Ein Verlies in voller Macht, d´rum gib´ auf dich gut Acht. Die Häuser vereint … der Zwist verneint … Suche nach dem hellen Schein und das Geschenk ist dein! Ob man es als Geschenk oder Schatz bezeichnet – irgendeine Macht verbirgt sich im letzten Verlies … und inzwischen habe ich eine Vermutung, wer hinter ihr … und mir her ist. Doch dieses Wissen würde dich im Moment noch in zu große Gefahr bringen. Vertrau´ nicht leichtfertig! Sei stark, meine geliebte Schwester, bis wir uns wiedersehen.<“
Seiketsu glaubte fest an die Rettung durch ihre Schwester …
Keine Tränen erfüllten die Augen der Rothaarigen – im Gegenteil, eher loderte ein Feuer in ihnen, während sie sagte: „Der Wettlauf um das letzte Verlies hat begonnen – was auch immer es beherbergt, ich werde es nicht in falsche Hände fallen lassen! Das schwöre ich, Sei …“
„Wir schwören es!“, ergänzte Ohtah zwinkerte, was ihm einen leidenschaftlichen Kuss bescherte, der allerdings jäh unterbrochen wurde – von einem Kratzen am Fenster.
Die Gryffindor ging, um nachzusehen, und ließ Shirayuki herein, welche ihr einen Brief überbrachte. Dieses Schriftstück trug das Siegel ihrer Familie! Sie erkannte an den fein säuberlichen Kanji sofort die Handschrift ihres Vater und ein lauter Jubelschrei brach aus ihr heraus. Verwundert blinzelte Ohtah mehrmals.
„Otosama bietet dir einen Platz in unserem Haus an! Also dauerhaft – du darfst bei uns wohnen!“, rief Nadeshiko euphorisch.
Nun starrte der Braunhaarige sie erst recht perplex an. Er wagte es kaum zu atmen. Bislang war ihr Vater stets als starrsinniger Japaner aufgetreten – wieso er nun mit diesem Verhaltskodex brach, konnten sich beide beim besten Willen nicht erklären.
„Hast du ihn darum gebeten?“, fragte Ohtah, etwas zynischer als beabsichtigt.
Sie setzte sich wieder zu ihn und entgegnete: „Nein … ich wollte es, sobald ich zu Hause wäre. Aber freust du dich etwa nicht?“
Diesmal ergriff der Slytherin die Initiative. Er musste ihr gar nicht mehr antworten.
In der folgenden Woche kamen sämtliche in Stein verwandelte Schüler wieder auf die Beine – die Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer … Doch besagte Verdächtige schwiegen eisern; die Professoren hatten das Seeufer während ihres kleinen Ausflugs erfolgreich vor Publikums abgeschirmt. Dafür stand bereits Ablenkung in Form des nächsten Großereignisses ins Haus, zumindest für die Sechstklässler – und genau genommen auch für Fünftklässler wie Klerus, die sich ihren ZAG-Prüfungen zuwenden mussten –, die Hauslehrer hatten sie alle in der Großen Halle zusammengerufen, um ihnen von einem freiwilligen, sechswöchigen Apparierkurs zu berichten, welcher von einem Lehrer des Ministeriums an den Wochenenden durchgeführt wurde. Apparieren war neben der Nutzung eines Portschlüssels oder Flopulver die schnellste und zudem ortunhabhängste Art zu Reisen – jedenfalls außerhalb von Hogwarts.
Ohtah schaute seufzend zu seiner Geliebten und meinte: „Schluss mit ausruhen – als professionelle Fluchbrecher und künftiger Auror wäre es wohl etwas lächerlich, nicht teilzunehmen, nicht wahr?“
„Tja, wir sind eben in Hogwarts – hier ist immer etwas los.“, antwortete Nadeshiko lachend.
Es war beinahe wie ein Déjà-vu … nur umgekehrt – in ihrem ersten Schuljahr hatte der Braunhaarige ihr die Angst vor dem Flugunterricht genommen, nun musste die Rothaarige ihm ebenso beistehen. Wilkie Twycross, der sie unterrichtete, hatte ihnen die schonungslosen Tatsachen vor Augen geführt – vom Stürzen in eine Schlucht, weil der Zielpunkt nicht erreicht worden war, über das sogenannte Zersplintern, wenn ein Teil des Körpers beim Apparieren zurückblieb, bis hin zum Gefährden der Zaubererschaft, sollte man mit unter Mugglen erscheinen. All das ängstigte Nadeshiko keineswegs – es hing allein von ihr selbst ab, nicht von einem Stück Holz, einem verzauberten Gegenstand oder einem gemauerten Raum voller grüner Flammen.
„Du musst vertrauen in dich haben.“, meinte sie beinahe beiläufig auf dem Weg zur nächsten Apparier-Stunde, „In Japan erzählt man sich, die Ninjas der alten Zeit konnten von einem Schatten zum nächsten springen, um sich ungesehen fortzubewegen – wie beim Apparieren. Und dies ist dein Element.“
Abrupt blieb Ohtah stehen. Ein Schattenschritt … Mit dieser neuen Sicht fokussierte er seine Gedanken und landete punktgenau am vorgegeben Zielort.
Auf dem Rückweg gingen sie Hand in Hand und er sagte: „Eine sehr reizvolle Aussicht immer und überall zu deiner Rettung auftauchen zu können.“
Ein Kichern entwich ihrer Kehle. Er war einfach unverbesserlich! Im Laufen lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Bereits in diesem Augenblick wusste Nadeshiko, dass Ohtah die Prüfung mit Bravur meistern würde – sie selbst stellte sich ebenfalls sehr geschickt an. Und kaum hatten sie ihre Urkunde in der Hand, saßen sie kurz darauf schon beim großen Abschiedsbankett des Schuljahres.
„Das Schuljahr ist zu Ende … selbst wenn die vergangenen Ereignisse uns noch lange beschäftigen werden. Doch heute feiern wir eure diesjährigen Errungenschaften!“, verkündete die Schulleiterin und klatschte in die Hände, „Es ist Jahrzehnte her, dass zwei Häuser dieselbe Punktzahl erreicht haben und sich den Hauspokal teilen – herzlichen Glückwunsch Gryffindor und Slytherin!“
Dies war ihr Geschenk … ein geteilter Sieg ihrer beiden Häuser für das Brechen des Statuenfluchs.
Wechselspiel: Fluch und Wahrheit
Zum letzten Mal für sie neigten sich die Sommerferien ihrem Ende entgegen – bereits am nächsten Tag würde der Hogwarts-Express beide zu ihrem Abschlussjahr fahren. Hand in Hand spazierten Ohtah und Nadeshiko den kleinen, steinigen Strand entlang, während die Sonne am rötlichen Horizont versank. Da sie inzwischen volljährig waren, hatte ihr Vater ihnen etwas mehr Freiräume eingeräumt.
Unvermittelt blieb der Braunhaarige stehen und kassierte damit einen verwunderten Blick seiner Begleiterin, der sich noch verstärkte, als er ihr eine Kette mit einem Anhänger überreichte: „Also, Shiko, ich … ich wünsche mir nichts sehnlicher, als für immer mit dir zusammen zu sein. Nadeshiko Yosogawa, ich bitte dich, heirate mich …“
Ein Zittern durchlief ihren Körper, beinahe begann sie zu schluchzen: „Ich will deine Frau werden, Ohtah, so sehr … Aber ich … ich kann mich dir nicht versprechen, nicht heute.“
Aus Angst ihn verletzt zu haben, starrte Nadeshiko auf den Boden, da lachte Ohtah plötzlich: „Erst die Mission. Ich wusste, du würdest das sagen – deshalb ja heute. Denn schließlich kämpfen wir genau dafür … um gemeinsam leben und lieben zu können.“
Verständnislos beobachtet sie, wie er das Medaillon öffnete. Darin waren drei Fotos enthalten – in der Mitte zwinkerte ihr Ohtah selbst zu, Klerus winkte von der rechten Seite aus zaghaft und links zeigte das letzte Bild eine lächelnde Seiketsu.
„Ich … habe mit deinem Vater gesprochen. Er hat keine Einwände – zumindest solange wir bis nach dem Abschluss warten.“, meinte er nun eine Spur verlegener, „Und glaub´ mir, Shiko, wir werden das Abschlusszeugnis von Hogwarts mit nach Hause nehmen!“
In einem erstickten Jubelschrei warf sich Nadeshiko ihm in die Arme und sie küssten sich. In diesem Moment ahnte keiner der beiden, welche Schrecken sie bis dahin noch erwarten würde …
Am Bahngleis neundreiviertel geschah etwas, was Nadeshiko niemals für möglich gehalten hatte – erst umarmte ihr Vater sie selbst und anschließend Ohtah.
„Ohtah-san, mein Junge, bring´ sie mir heil wieder!“, sagte Togo Yosogawa mit leicht zitternder Stimme.
Ihre Mutter lächelte milde; wahrscheinlich kannte sie ihren Mann am besten auf die ungewohnte Art. Das letzte Jahr in Hogwarts hatte ihnen schon einmal eine Tochter geraubt … ein weiteres Mal könnten beide nicht ertragen. Doch der Braunhaarige hatte es geschafft, ihr Vertrauen zu gewinnen und vollkommen als zukünftiger Schwiegersohn akzeptiert zu werden. Seine Liebste unterdrückte mühevoll die Tränen – nun war sie nur noch entschlossener; es ging nicht nur darum, ihre Schwester zu retten … sondern ebenso das verbitterte Herz ihrer Eltern neu zu beleben!
„Ohtah! Shiko!“, rief jemand freudig.
Klerus eilte auf die kleine Gruppe zu und wurde Nadeshiko´s Eltern ohne Umschweife als Halbbruder von Ohtah vorgestellt. Weiter kam die Unterhaltung allerdings nicht mehr, denn der Hogwarts-Express mahnte zur Abfahrt. Hastig drückte die schöne Gryffindor ihren Eltern noch einen Kuss auf die Wange, was sie in Erstaunen versetzte, dann stiegen die drei ein.
Kaum waren saßen sie auf ihren Plätzen, platzte es aus dem Blonden heraus: „Und was du geantwortet?“
Ohtah schaute verlegen zum Fenster hinaus. Nadeshiko richtete ihren Blick zu Boden. Genau genommen hatte sie seinen Antrag ja abgelehnt …
„Erst müssen wir uns noch um das letzte Verlies kümmern.“, meinte der Slytherin und zwinkerte plötzlich.
Nun war es an Klerus wegzusehen, während er fast kleinlaut erwiderte: „Was das angeht … wenn ihr … also wenn ihr meine Hilfe noch wollt, dann … wäre ich gerne wieder ein Teil des Teams. Ich schäme mich, dass ich euch … und Seiketsu letztes Jahr im Stich gelassen habe.“
Der Themenwechsel verblüffte die beiden – eigentlich dachte Nadeshiko, die Sache wäre längst geklärt gewesen … Er hatte sich zunächst von ihnen abgewendet, seinen Zorn und seine Angst auf sie übertragen. Doch als sie für ihn eingetreten war, hatte er sich bei der Gryffindor entschuldigt.
„Du bist mein Bruder – der einzige Teil meiner leiblichen Familie, der mir etwas bedeutet.“, antwortete Ohtah und grinste, „Du wirst für immer zu uns gehören!“
Eine leichte Verlegenheit legte sich über ihn und er nickte kaum merklich.
„Da fällt mir ein – wie ist es eigentlich bei deine ZAG-Ergebnisse?“, wechselte Nadeshiko das Thema, um den Herren die Anspannung zu nehmen.
Erst flammten gemischte Gefühle in ihm auf, doch dann antwortete er zufrieden: „In Alte Runen und Arthmantik habe ich nur ein >Annehmbar< geschafft – zum Glück brauche ich in diesen Fächern kein UTZ für die Heiler-Ausbildung. Der Rest ist alles >Erwartungen übertroffen<. Also insgesamt neun ZAGs.“
Bedachte man die Umstände – ein Jahr im Portrait gefangen und eine unbestimmte Zeit mit »Imperio« kontrolliert – konnte man diesen Rang schon ein echtes Wunder nennen … Nachdem Klerus sich wieder mit Nadeshiko vertragen hatte, hatte er die Osterferien sowie folgende Wochen vor den Prüfungen einzig mit Lernen zugebracht.
„Das ist übrigens genau dieselbe Anzahl, wie bei Seiketsu und mir. Ohtah liegt drei darunter.“, neckte sie ihren Liebsten, der gespielt die Miene verzog, woraufhin alle laut lachen mussten.
In diesem Moment kam der Servierwagen an ihrem Abteil vorbei und zur Feier des Tages – Fast-Verlobung und Versöhnung – kauften sie von allem etwas.
„Es ist mir eine große Ehre, Sie wieder in diesen Hallen begrüßen zu dürfen. Jedes Schuljahr bringt neue Chancen – neue Dinge zu lernen … als junge Hexen und Zauberer zu wachsen … um die Lehren der Vergangenheit anzuwenden und in eine strahlende Zukunft zu verwandeln. Sie werden erneut auf die Probe gestellt werden – Hogwarts ist eine ehrenwerte Bildungsstätte und dieses hehre Ziel müssen wir bewahren im Namen aller, die einst selbst durch diese Tore gingen!“, begrüßte die Direktorin die Schülerschaft.
Wie wahr … seit Jahrhunderten besuchten junge Hexen und Zauberer dieses Schloss, um sich ausbilden zu lassen – nicht um irgendwelche Bedrohungen abzuwenden. So hätte ihre Schulzeit nicht aussehen sollen, die Abschlussprüfungen sollten ihre größte Sorge sein und vielleicht noch, wie sie sich gemeinsame Stunden mit Ohtah stehlen würde. Stattdessen hatte Nadeshiko seinen Antrag abgelehnt … weil sie nicht wusste, ob sie dieses Schuljahr lebend würde abschließen. Und dennoch gerade deshalb war ihre Mission von so großer Bedeutung – damit Hogwarts genauso bleiben konnte! Da wäre ein neuer Hinweis von Seiketsu natürlich umso wertvoller gewesen … aber aus einem unerfindlichen Grund hatte das Notizbuch keinen weiteren Eintrag enthüllt … und die Identität ihres Gegenspielers blieb verborgen. Vielleicht mussten sie noch irgendetwas selbst herausfinden …
„Ich habe noch eine Neuerung für die Abschlussschüler zu verkünden, da dies auch die künftigen Jahrgänge betreffen wird.“, riss die Schulleiterin die Gryffindor aus ihren Gedanken, „Wie Sie sich vielleicht erinnern, bekamen sie in der letzten Woche vor den Sommerferien ein Schreiben, das Ihren aktuellen Berufswunsch und Arbeitsplatz erfragt hat. In Absprache mit dem Zaubereiministerium wird Hogwarts Sie alle passend zu Ihren Angaben für ein zweiwöchiges Praktikum im November freistellen. Weitere Informationen werden Sie demnächst erhalten.“
Sofort war die Große Halle in heller Aufregung. Nicht nur die Siebtklässler sprachen über diese Revolution, die jüngeren Schüler schwelgten ebenfalls bereits in ihren Möglichkeiten. Die Rothaarige schloss für einen kurzen Moment die Augen – vor sich sah sie das Papier. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis sie es geschafft hatte, es auszufüllen … »professioneller Fluchbrecher, Gringotts«. Seit ihrem Gespräch mit Rien hatte sich ihr Entschluss nur noch mehr gefestigt – woran Ohtah natürlich nicht ganz unschuldig war. Sein fester Glaube an die Zukunft hatte sie gestärkt. Auch wenn sein Berufswunsch ihr immer noch einen faden Beigeschmack bescherte … als Auror, angestellt im Zaubereiministerium, in der Abteilung für magische Strafverfolgung wollte er vor allem Shiro Shadowdragon vor Gericht stellen. Wohl hatte sein Vater in den letzten Monaten endgültig begriffen, dass er seinen Sohn nicht mehr auf die dunkle Seite ziehen konnte … denn er war untergetaucht, das ganze Haus stand leer. Dieser Ausflug, um Ohtah´s verbliebene Sachen zu holen, hatte beiden Söhnen hart zugesetzt … denn Klerus hatte darauf bestanden, ihn zu begleiten – gleichzeitig würde es später einmal einen Neuanfang für sie markieren … losgesagt von der ihrer Vergangenheit, bereit für den letzten Kampf.
Sie ließen sich allerdings ein paar Tage Zeit, um in den Raum der Wünsche zurückzukehren. Die Gerüchte, dass Nadeshiko und Ohtah wieder einmal Hogwarts gerettet hatten, verschärften sich noch einmal um vielfaches – selbst Erst- und Zweitklässler kamen auf die beiden zu, um sie mit Fragen über die Verliese zu löchern. Daher wäre es zu verdächtig gewesen, den siebten Stock regelmäßig zu dritt aufzusuchen. Daher machten sich besagte Schüler und ihr wiedergewonnener Verbündeter einzeln auf den Weg dorthin. Klerus war an diesem Tag der erste und der Raum glich einer Ruhmeshalle mit all den ausgestellten Trophäen aus den vorangegangenen Verliesen. Direkt vor ihm stand ein üppig verziertes, hohes Podest, auf dem ein passender Rahmen ausgestellt war – und darin befand sich das Foto der beiden Schwestern aus dem Verlies des Waldes … Damals hatte er jene, die es zu retten galt, zum ersten Mal erblickt. Der Blonde bemerkte nicht, wie Nadeshiko eintrat, während er zärtlich über die Darstellung des Mädchens im hellblauen Yukata streichelte. Da war irgendetwas in ihm … ein verzweifeltes Sehnen, ein unbändiger Drang – seit er seine Angst vor den Flüchen hinter sich gelassen hatte, dachte er fast ununterbrochen daran, was ihr angetan worden war. Natürlich war ihm ebenfalls Lebenszeit gestohlen worden … sie dagegen hatte Jahre mit ihrer jüngeren Schwester verloren, war geächtet und für tot erklärt worden. Und das alles hatte sie vollkommen allein durchstehen müssen – anders als er.
„Shiko wird es vollbringen, hörst du? Ohtah und ich helfen ihr bei und … wenn es getan ist, werden wir für dich ebenfalls da sein. Hab´ nur noch ein wenig Geduld, ja? Bitte, Seiketsu, vertrau´ uns!“, versprach er ihr, wobei sich seine Wangen dunkler färbten.
Nun räusperte sich die Gryffindor, woraufhin Klerus erschrocken zusammenzuckte: „Sag´ mal, kann es sein … Bist du etwa in Sei verliebt?“
„Ohtah hat diesen Kampf deinetwegen aufgenommenen und ich habe mich euch angeschlossen, um ihm näherzukommen …“, antwortete er und lächelte beinahe träumerisch, „Inzwischen will ich Seiketsu auch aus eigenem Antrieb retten. Ich weiß nicht, ob das Liebe ist – aber es stimmt, ich fühle mich zu ihr hingezogen, obwohl ich sie nicht einmal persönlich kenne … nur fühlt es sich nicht so an. Verstehst du das?“
Nadeshiko legte ihm eine Hand auf die Schulter und erzählte: „Ja … als ich Ohtah im Hogwarts-Express zum ersten Mal getroffen habe, wusste ich nichts über ihn. Trotzdem fühlte ich sofort eine tiefe Vertrautheit … Liebe geht manchmal merkwürdige Wege – sie geschieht wie Magie. Und wir sind in Hogwarts … hier ist nichts unmöglich.“
Er nickte. Seine Zeit würde kommen. Und vielleicht konnte er ja gemeinsam mit Seiketsu Yosogawa eine Antwort auf die bohrende Frage in seinem Herzen finden … Bis dahin galt es jedoch erst einmal eine Antwort auf das Rätsel der Selkies zu finden. Und so spuckte der Raum direkt mit der Ankunft von Ohtah wieder eine ganze Reihe Bücher über die Meermenschen sowie Unterwasserlegenden aus – nicht dass sie die meisten davon nicht bereits letztes Jahr gelesen hatten, doch vielleicht hatten sie nun einen anderen Blickwinkel und zudem die Unterstützung des Hufflepuffs …
Ihr Gegner jedenfalls schien ebenfalls nicht untätig zu sein. Nadeshiko konnte nicht sagen, was ihr zuerst auffiel – Shirayuki´s erneut vorwurfsvoller Blick … oder das Kuvert auf ihrem Bett, wie schon einmal … von demjenigen, der Klerus verhext hatte und den Schatz des letzten Verlieses begehrte. Eigentlich sollte sie damit direkt zu Professor McGonegall gehen … Doch was, wenn sie ihr, wie nach seiner letzten Drohung, wieder ihre Nachforschungen untersagte?
Ein leichtes Zittern erfüllte ihre Hand, als sie den Brief entfaltete und dessen Worte las: „>Einmal hast du mein Vorhaben vereitelt, doch diesmal ist sein Leben besiegelt …<“
»Sein Leben« – das von Klerus oder gar Ohtah´s? Eigentlich egal … keinem von beiden durfte etwas zustoßen! Irgendwie musste sie ihrem Gegenspieler zuvorkommen. Auch wenn es für Schüler auf wichtiger Mission genauso Ärger gab, wie für alle anderen, wenn man den Gemeinschaftsraum nach Sperrstunde verließ, schlich Nadeshiko postwendend zurück in Richtung des Raums der Wünsche. Ohne es zu wollen, schlich sich trotz der ernsten Lage ein Lächeln auf ihr Gesicht – bei ihrem letzten, nächtlichen Ausflug hatte Ohtah sie gefunden und davor bewahrt, erwischt zu werden. Ob sein Instinkt ihn heute ebenso führen würde? Anscheinend lockte zumindest eine Versuchung eine weitere Person zu jenem Ort – und Nadeshiko lief prompt in sie hinein, sodass die zahlreichen Amulette um ihren Hals klirrten. Es war Professor Trelawney, die Lehrerin für Wahrsagen. Für gewöhnlich hielt sie sich die meiste Zeit in ihrem Dachgeschoss auf und kam selbst zu den Mahlzeiten nur selten hinunter in die Große Halle, daher kannte die Gryffindor sie auch nicht besonders gut – allerdings bemerkte sie die leichte Alkoholfahne.
Noch bevor sie allerdings zu einem halbherzigen Entschuldigungsversuch ansetzen konnte, erklang eine krächzende Stimme aus der Kehle der älteren Hexe: „Veränderungen umwirbeln Sie! Das allumfassende Ende wird kommen und ein Preis muss gezahlt … der allerhöchste Preis. Ein Licht wie durch trübes Wasser fällt auf Sie!“
Wie in Trance stapfte die Seherin davon, während Nadeshiko in die Knie brach und murmelte: „>Der allerhöchste Preis< … Er darf es nicht sein, das kann nicht sein! Bitte, bitte … nicht.“
Alles in ihr schrie und heiße Tränen rannen über ihre Wangen. Sie hatte geahnt, dass dies ihr härtster Kampf werden würde – schließlich war Seiketsu genau an diesem Punkt gescheitert … doch Ohtah durfte nicht der Preis für ihre Rettung sein! Und Nadeshiko fiel nur ein einziges Wesen ein, das ihr in Sachen Prophezeiung weiterhelfen konnte. Also zog sie sich an der Wand wieder auf die Füße, wischte sich über das Gesicht und kehrte zum Treppenhaus zurück. Dort stieg sie die Stufen bis ins Erdgeschoss hinab und schlug den Weg hinaus ins Gelände ein. Ihren Zauberstab zu entzünden, erschien der Rothaarigen allerdings zu gefährlich – daher brauchte sie weit länger als gewöhnlich, um den Rand des Verbotenen Waldes zu erreichen. Aus dem Schornstein von Rubeus Hagdrig´s Hütte stieg Rauch empor und das zweistimmige Schnarchen sprach von seligem Schlaf des Professors sowie dessen Hund Fang. Zerbrechende Zweige ließen Nadeshiko herumfahren, doch im Licht des Mondes zeichnete sich eine vertraute Gestalt ab.
„Es ist eine Freude, Euch wiederzusehen, Shiko.“, meinte Torvus mit Blick zum Himmel, „Die Sterne sagten voraus, Ihr bräuchtet meine Hilfe – deshalb habe ich hier auf Euch gewartet.“
Unendlich erleichtert antwortete die Gryffindor: „Oh, Torvus, was bin ich froh, dich zu sehen! Es stimmt, ich bin Professor Trelawney begegnet und sie machte mir eine … Prophezeiung.“
Hastig wiederholte sie die Unheil verkündeten Worte.
„Wir mögen von ihrer Gabe nicht gerade überzeugt sein, doch diesmal erscheinen ihre Worte wahr zu sein … Die Sterne sind so wankelmütig wie die Meere und daher schwer zu deuten – Eure Welt wird sich verändern, Ihr werdet vor eine schwierige Entscheidung gestellt. Aber Ihr habt Eure Bestimmung bereits akzeptiert und dies kann Euch Hoffnung schenken, verliert nicht den Glauben – Ihr könnt diese Aufgabe erfüllen und diejenigen retten, die Ihr liebt!“
Der Zentaur schaffte es tatsächlich ihre überreizten Nervenenden zu beruhigen. Zwar bestätigte er die Gefahr … doch ebenso realistisch war ihre Chance, zu siegen – wenn der Zweifel nicht die Oberhand gewann!
Lächelnd entgegnete sie: „Dann will ich auf die Sterne vertrauen … Danke, Torvus! Jetzt muss ich nur noch irgendwie in meinen Gemeinschaftsraum zurückkommen, ohne der Schule verwiesen zu werden.“
„Wenn Ihr Seiketsu gerettet habt, sagt ihr, ich hätte ihr verziehen …“, hielt er sie noch einmal zurück, „Oder nein, ich will es ihr selbst sagen. Exil oder nicht – es war unehrenhaft von mir, unsere Freundschaft in Frage zu stellen.“
Noch ein Grund, warum sie nicht versagen durfte.
Die letzte Drohung hatte sie Ohtah verschwiegen. Denselben Fehler wollte Nadeshiko nicht noch einmal machen … Klerus dagegen hatte gerade erst sein Trauma bezüglich der Verwunschenen Verliese überwunden – seine Schuldgefühlen, die er mit sich herumtrug, weil er unter dem Imperius-Fluch gestanden hatte, wollte sie sich gar nicht vorstellen. Also nutzte die Rothaarige eine der Freistunden und einen ganz besonderen Ort, um nur ihren Liebsten über die neuen Ereignisse zu informieren – jenen Korridor, in dem der Zugang zum Verlies des Eises verborgen lag.
Nachdem sie die Tür via »Colloportus« verriegelt hatte, sprach sie: „Homenum Revelio!“
Niemand zeigte sich. Im Raum der Wünsche wäre die Gefahr bestanden, dass der Hufflepuff doch hereinkam, und am Schwarzen See gab es einfach zu viele Versteckmöglichkeiten.
„Ich hatte mir ohnehin überlegt, Professor McGonegall darum zu bitten, jemand zu Klerus´ Schutz abzustellen, während wir beim Praktikum sind. Vielleicht sollten wir das jetzt schon in Betracht ziehen.“, meinte der Slytherin, nachdem sie geendet hatte.
Das Praktikum … Zum Schuljahresbeginn hatte Nadeshiko sich darauf gefreut, nun beunruhigte es sie eher, dass sie zwei Wochen außerhalb von Hogwarts verbringen sollten … die Sorge um die anderen Schüler, vor allem Klerus, und ihr unbekannter Gegner. Vorbereitungen zu treffen, wäre ihr einziger Handlungsspielraum. Und … sich, wenn auch nur für kurz, voneinander verabschieden zu müssen. Niemand konnte vorhersehen, was geschah, wenn sich Wege erst einmal trennten … würden sie wieder zueinander führen oder sich gar nie mehr kreuzen? Diese Frage stellten sich Nadeshiko und Ohtah nicht – es schien, als hätten sie bereits weit schlimmeres überstanden. Nur wie gesagt … die Zukunft ließ sich nicht auf derartige Weise planen und die Zeit sich nicht anhalten oder gar zurückdrehen …
Mit dem festen Versprechen des Blonden, vorsichtig zu sein und jede Ungewöhnlichkeit sofort Professor McGonegall zu melden, verschwanden Ohtah und Nadeshiko durch das Flonetzwerk an ihre jeweiligen Praktikumsstätten. Niemals zuvor betrat Nadeshiko Yosogawa das weiße Marmorgebäude am Anfang der Winkelgasse derart ehrfürchtig. Die geschäftigen Kobolde nahmen keine Notiz von ihr, dafür beobachtete sie ihr Treiben umso genauer.
„Herzlich Willkommen in Gringotts … Shiko.“, sprach sie eine bekannte Stimme an, dessen Besitzer ihr schelmisch zuzwinkerte, „Ich bin für die Zeit deines Praktikums dein Ansprechpartner.“
„Aha, Argo, und das vollkommen uneigennützig, nicht wahr?“, meinte Besagte scherzhaft.
Er lachte herzhaft und trat näher an sie heran: „Erwischt – ich habe mich freiwillig angeboten. Und Ragnok meinte, es würde meiner Ausbildung nicht schaden, da auch Fluchbrecher zeitweise mit anderen zusammenarbeiten.“
Nach dieser Begrüßung führte er die Rothaarige durch die Bank, wo er ihr den normalen Tagesablauf sowie die Ausbildung erläuterte. Außerdem stellte er ihr die Kobolde vor, die die Fluchbrecher koordinierten, und die anderen Anwärter. Nadeshiko sog alles in sich auf – von ganzem Herzen wünschte sie sich, bald zu ihnen zu gehören. Ihre erste, kleine Herausforderung an diesem Tag war ein Runenrätsel, bei dem sie mithilfe eines Drehmechanismus neue Worte bilden musste. Der Kobold, der diese Aufgabe gestellt hatte, beobachtete schweigend jeden ihrer Handgriffe.
„>Kreativität< … >Mut< … >Entschlossenheit< … >Wissen< … >Geschicklichkeit< …“, übersetzte sie ihr Ergebnis aus dem Kopf, ohne ihr Buch zu Rate zu ziehen.
Das magische Geschöpf nickte anerkennend: „Ihr seid anscheinend gar nicht schlecht … Ob Ihr allerdings über all diese Fähigkeiten verfügt, werden wir erst noch herausfinden müssen.“
Damit hatte Nadeshiko die erste Hürde genommen. Den Rest des Tages half sie Argo beim Katalogisieren einiger Fundstücke. Am Abend geleitete er sie schließlich zum »Tropfenden Kessel«, in dem von Hogwarts ein Zimmer für sie reserviert worden war.
„Danke für heute – es war einfach unglaublich!“, schwärmte die Gryffindor begeistert.
Einen kurzen Moment zögerte er noch, dann gab er ihr einen Kuss auf die Wange und flüsterte: „Schlaf´ gut, schöne Frau.“
Verlegen sah Nadeshiko ihm nach, als sie ihn noch einmal ansprach: „A-Argo, würdest du mal mit mir ausgehen?“
Vollkommen aus dem Konzept gebracht, entgegnete Argo argwöhnisch: „Wie meinst du das? Was ist mit Ohtah? Habt ihr euch etwa gestritten?“
Nun zeigte die schöne Halbjapanerin deutliche Verwirrung, während sie zurückgab: „Ohtah? Wer bitte soll das sein?“
Noch fassungsloser starrte Argo sie an. Dieser Ausdruck in ihrem Gesicht war nicht gespielt – sie hatte wirklich absolut keine Ahnung, wer dieser jemand sein sollte! Wie nur konnte so etwas möglich sein? Da erwachte in ihm eine böse Vorahnung …
Mit schwacher Stimme wollte der angehende Fluchbrecher wissen: „Shiko … sagen dir die >Verwunschenen Verliese< etwas?“
„Nein, aber das klingt spannend – hattest du etwa so kurz nach Beginn deiner Ausbildung schon eine Mission?“, erwiderte sie ihrerseits strahlend.
Argo antwortete nicht, sondern murmelte nur noch halblaut ein paar Abschiedsworte. Während er nach Hause ging, versuchte sein Gehirn das Gespräch zu verarbeiten. Nadeshiko hatte offenbar die Verwunschenen Verliesen vollkommen vergessen … und auch diejenigen, die direkt damit in Verbindung standen. Dafür gab es nur eine einzige Erklärung – ein neuer Fluch! In seiner Wohnung angekommen nahm er Papier samt Tinte zur Hand und setzte einen warnenden Brief an Professor McGonegall auf …
In der kommenden Woche wurde es umso deutlicher – wann immer er etwas in dieser Richtung erwähnte. Über seine Avancen dagegen, wusste sie genau Bescheid … ebenso kannte sie alle Lehrer und erzählte ihm von ihrem letzten Unterricht.
„Professor Rien hat mir schon einige Tipps gegeben, wie ich die Aufnahmeprüfung schaffen kann und was für einen Fluchbrecher wichtig ist.“, berichtete Nadeshiko eifrig, „Hast du dich eigentlich schon entschieden, ob du bei Gringotts bleiben oder freiberuflich arbeiten willst?“
Bevor Argo ihr antworten konnte, rief Ragnok sie zu einer weiteren Aufgabe. Nur wenige Minuten später flatterte eine Eule herein, die ihm eine Antworte der Schulleiterin von Hogwarts brachte. Im Schloss war es zuvor noch nicht aktiv aufgefallen – erst als Schüler gezielt auf die Flüche der vergangenen Jahre angesprochen wurden. Alles in allem bat Professor McGonegall ihn darum, sie weiter mit ihrem vergessenen Wissen zu konfrontieren … Argo seufzte resigniert – zum ersten Mal seit Nadeshiko sich zu ihm an den Tisch der Gryffindors gesetzt hatte, sah sie ihn ohne Vorurteile an und … es fühlte sich an, als wäre wirklich etwas zwischen ihnen. Warum sollte er dieses Glück wegen einem arroganten Slytherin aufgeben? Seine Gefühle ihr gegenüber waren schließlich ebenso wahrhaftig … Auch nach seinem Abschluss hatte er sie nicht vergessen können.
„Ich habe drei von fünf Aufgaben bestanden – bekomme ich zur Belohnung jetzt meine Verabredung?“, riss ihn Nadeshiko aus seinen Gedanken, „Und wenn nicht, könntest du mir das wenigstens offen ins Gesicht sagen, anstatt es einfach totzuschweigen.“
Wie von einer Acrumantula gestochen sprang der ehemalige Hogwarts-Schüler auf und entgegnete energisch: „Bist du verrückt? Das wünsche ich mir seit Jahren!“
Lächelnd verließ sie ihre Position am Türrahmen und schmiegte sich an seine Brust. Argo legte die Arme um sie, doch gleichzeitig verfluchte er sich für seine überstürzte Antwort … Dennoch führte er Nadeshiko in der Eisdiele inmitten der Winkelgasse aus. Sie lachten gemeinsam, unterhielten sich und hielten einander an den Händen, was ihnen die Röte in die Wangen trieb.
„Shiko, ich …“, wechselte Argo plötzlich in eine ernste Stimmlage, „Meine Gefühle für dich haben sich nicht geändert, seit ich Hogwarts verlassen habe, und mit dir hier zu sitzen – ja, die ganze letzte Woche fühlt sich an, wie die Erfüllung meiner Träume. Aber … gerade deshalb kann ich dich nicht anlügen. Du hast mich bislang nie erhört, weil du in Wahrheit bereits einen anderen Mann liebst … Ihr habt gemeinsam die Flüche der Verwunschenen Verliese gebrochen. Du musst dich wieder erinnern, hörst du?“
Ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Kopf, sie riss sich von ihm los und presste mit zusammengekniffenen Augen die Handflächen gegen Schläfen. Da rauschten auf einmal unzählige Bilder durch ihr Gedächtnis, auf denen allen ein junger Mann zu sehen war … In seine smaragdgrünen Augen stand ein Ausdruck tiefer Gefühle. Immer wieder berührte er sie und ihr Herz begann zu rasen. Wer war er bloß?
Argo´s Stimme drang lediglich gedämpft zu ihr durch: „Bitte, Shiko, sei wieder du selbst! Du weißt es – wie ist sein Name?“
„Oh-Ohtah …“, brach Nadeshiko den letzten Bann, woraufhin heiße Tränen über ihre Wangen strömten, „Argo, du … Ich danke dir.“
Sanft zog er sie an sich, umarmte sie fest und flüsterte: „Immerhin weiß ich jetzt, dass ich eine Chance bei dir gehabt hätte … wenn du ihm nicht begegnet wärst.“
Die Gryffindor krallte sich in einen Umhang, unfähig weiterzusprechen. Das brauchte sie auch gar nicht – der angehende Fluchbrecher legte ihr beruhigend die Hand auf den Kopf. Die Verwunschenen Verliese waren wahrlich abscheulich … er mochte sich kaum ausmalen, wie sehr Nadeshiko in diesem Moment litt, welche Vorwürfe sie sich machte …
Und so hatte sie das schlechte Gewissen während der letzten Praktikumstage nicht losgelassen … zwar war die Rothaarige zu den verbliebenen Tests angetreten, doch litt ihr Ergebnis unter ihrer Schmach. Sie wollte nur noch zurück nach Hogwarts, um sich bei ihm zu entschuldigen. Nun stand sie jedoch wie angewurzelt und mit wild klopfendem Herzen vor der Tür zum Krankenflügel, die Fingernägel in die Unterarme gekrallt. In dem Gefühl, als würde ihr Inneres gefrieren, trat sie ein und schritt auf das Lager zu, vor dem bereits Klerus und Professor Slughorn standen. Der Mensch, der dort lag, hatte die Augen geschlossen, sodass die Gryffindor das tiefe Smaragdgrün nicht sehen konnte … das Haar fiel ihm noch zerzauster als sonst ins Gesicht … seine Züge wirkten einerseits erstarrt, gleichzeitig aber auch entspannt … und die Brust hob und senkte sich kaum merklich. Sie hatte sofort erkannt, was mit ihrem Liebsten nicht stimmte – drei Jahre zuvor waren bereits Schüler in diesem Zustand vorgefunden worden … in unauflöslichen Schlaf versetzt, der Fluch aus dem Verlies des Waldes! Wie konnte das nur möglich sein? Begann die ganze Geschichte etwa erneut, wenn sich ihm wieder jemand näherte? Nun lag Ohtah hier vor ihr … einem der schlimmsten Flüche erlegen und in Lebensgefahr, wenn sie nicht schnellstmöglich den Grund dafür fand! War dies die Strafe für ihr schreckliches Verbrechen in London? Sie hatte ihn vergessen … und sich einem anderen Mann zugewandt. Ein neuer Fluch … dennoch ein grauenhafter Verrat an ihrer Liebe! Wie konnte es auf der Welt eine Macht geben, die Nadeshiko die Liebe ihres Lebens vergessen ließ? Gut, letztendlich hatte sie sich aus dem Bann befreien können – allerdings nur durch Argo´s Hilfe, dessen eigener Liebestrank einst nicht gewirkt hatte! Ohne es recht zu merken, kippte Nadeshiko in verlorenem Bewusstsein zur Seite …
Ein paar Stunden später starrte Nadeshiko – nur wenige Meter von Ohtah entfernt – an die kahle Decke. Ihr Kopf kämpfte weiterhin mit dem Versuch, die Informationen zu verarbeiten. Im Grunde gab es nur eine Möglichkeit … sie musste zurück in den Verbotenen Wald, am besten sofort! Nach einem kurzen Anfall von Schwindel, als sie die Füße aus dem Bett geschwungen hatte, tapste Nadeshiko zum Ausgang. In der festen Absicht, kein Geräusch zu verursachen, um Madame Pomfrey nicht auf den Plan zu rufen, passierte sie die Ruhestätte ihres Geliebten, ohne ihn anzusehen. Die Ironie daran, schnitt ihr bei jedem Schritt wie tief ins Fleisch – jeder verdammte Fluch hätte es sein können! Doch ausgerechnet ein solcher, der sie derart trennte … In einem Portrait gefangen, hätten sie einander wenigstens sehen können. Irrwichte oder sogar das Verwunschene Eis zu bekämpfen, wäre ein leichtes gewesen. Ob es ihm wenigstens vergönnt war, von ihr zu träumen? Nadeshiko unterdrückte ihre Tränen, während sie in den Flur hinaustrat. Das Stimmengewirr, welches an ihre Ohren drang, verriet ihr, dass sich die restlichen Schüler gerade beim Abendessen in der Großen Halle befanden – eine bessere Chance, sich aus der Schule zu schleichen, würde die Rothaarige nicht bekommen und so wandte sie sich dem gewaltigen Tor zu.
„Wenn er nicht da ist, muss ich dich beschützen – ich bin schließlich sein Bruder.“, sagte eine vertraute Stimme, „Ich … hatte so eine Ahnung, was du tun würdest.“
Klerus hatte sich hinter einer der Säulen verborgen gehalten. Nadeshiko kam nicht umhin, ihn mit Ohtah´s überwältigenden Fähigkeiten zu vergleichen. Selbst auf dem Gelände zeigte er eine ähnlich intuitive Art der Bewegung wie sein Bruder. Ald der Verbotene Wald in Sichtweite kam, zog Nadeshiko ihren Zauberstab und schloss für einen Moment die Augen; bei ihrem letzten Besuch hatte Torvus sie geführt … nicht nur den Weg allein zu finden war daher eine Herausforderung, sondern auch die Gefahren des Waldes ohne seine schützende Anwesenheit zu bewältigen.
„Dort drinnen lauert weit mehr, als die Acrumantulas, denen wir höchstwahrscheinlich begegnen werden.“, wies die Rothaarige ihren Begleiter an und ließ ein Licht aufflammen.
Er folgte ihrem Beispiel. Das glimmende Leuchten durchdrang die Dunkelheit nur wenige Meter, doch Nadeshiko stiefelte unbeirrt los, wobei sie sich an markanten Stellen orientierte. Aus der Ferne hörten die Schüler ein gewaltiges Hufgetrippel – offenbar waren einige aus dem Zentauren-Stamm auf der Jagd; vielleicht vertrieb dieser Umstand zumindest einen Teil der Kreaturen. An einer offensichtlichen Weggabelung blieb Nadeshiko stehen. Ihr Gehirn ratterte, in dem Versuch sich zu erinnern … vergebens.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Klerus nervös.
Sie antwortete ihm nicht. Auf ihren Wink flog die kleine Lichtkugel den rechten Pfad entlang. Kurz bevor man sie nicht mehr erkennen konnte, spielte sich das Licht auf einem weißen, langgezogenen Spinnenfaden!
„Vorsicht … Wir betreten ihr Territorium!“, warnte Nadeshiko ihn, dann ging sie langsam weiter.
Mehr aus den Augenwinkel wahrgenommen, als tatsächlich gesehen, registrierte sie eine Bewegung und richtete sofort den »Arania Exumei«-Zauber auf jene Stelle, der Spinnen zu vertreiben vermochte. Durch das Leuchten von Klerus´ Zauberstab verfolgten sie, wie das Tier sich hastig auf seinen vielen Beinen davonmachte. Mehrmals mussten die beiden sich mit verschiedenen Sprüchen gegen die kleineren Exemplare zur Wehr setzen.
„Was willst du hier … Fluchbrecher?“, raunte eine Stimme, die von den Stämmen der Bäume widerhallte, „Einmal ließen wir dich am Leben, weil du uns von dem Zwang des Verlieses befreit hast. Wieso wagst du es, diesen Ort erneut aufzusuchen?“
Nadeshiko spürte, wie Klerus hinter ihr erstarrte, und sagte laut: „Ist es denn wahr, dass ich den Fluch gebrochen habe? In der Schule … ist ihm wieder jemand zum Opfer gefallen. Deshalb bin ich gekommen, um der Sache auf den Grund zu gehen.“
Es schmerzte sie, es auszusprechen. Natürlich hatten ihr all die anderen in den vergangenen Jahren ebenfalls zugesetzt … doch an Ohtah´s Leiden zerbrach sie beinahe. Noch während die Hexe daran denken musste, erbebte der Waldboden, Blätter wurden aufgewühlt, eine Hügel vor ihnen schien zu wachsen und plötzlich glotzten vier, schimmernde, schwarze Augenpaare auf sie herab.
Klerus wollte zurückweichen und stürzte, doch die Rothaarige rührte sich nicht und lauschte erstaunt, was die Acrumantula sprach: „Die Magie ist erloschen … Kein Bann bindet uns mehr, zwingt uns seinen Willen auf. Und gleichzeitig fürchten wir uns dennoch davor, dass es erneut geschehen könnte – sag´ mir, Fluchbrecher, kannst du es verhindern?“
Die Erkenntnis durchfuhr Nadeshiko wie ein Blitzschlag. Sie war so dumm gewesen … Seiketsu und die Hauselfe Ciri hatten ihr die Antwort auf dieses Mysterium längst gegeben! Ein neuer Fluch lag über dem Schloss …
„Es ist gar nicht dieses Verlies – das waren alles nur die Wächter …“, murmelte sie vor sich hin, ehe ihre Stimme erstarkte, „Ja, mit dem letzten der Verwunschenen Verliese bringe ich alles zu einem Ende – die Flüche werden für immer ausgelöscht, das schwöre ich!“
Die gigantische Arachnide wirkte zufrieden: „So sei es – ein einziges Mal verschone ich dich … und deinen Gefährten noch.“
Nach einem kurzen Nicken schnappte sich Nadeshiko dem der Ohnmacht nahen Klerus und kehrte nach Hogwarts zurück.
Nach einer Schimpftirade von Madame Pomfrey, weil Nadeshiko ohne ihre Erlaubnis den Krankenflügel verlassen hatte, saß diese an Ohtah´s Seite und streichelte beinahe geistesabwesend über seine Wange. Das wahre Verwunschene Verlies wartete … doch konnte sie wahrlich danach auf die Suche gehen, während ihr Liebster hier lag? Andererseits würde er in diesem Zustand nicht ewig überstehen … Irgendwann brächte man ihn doch noch ins Sankt Mungo Hospital für magische Krankheiten und Verletzungen – bis er eines Tages den Punkt erreichte, an dem er nie mehr aufwachen würde. Es lief, wie bereits in der Vergangenheit, auf dasselbe hinaus … Nadeshiko musste den Fluch unter allen Umständen brechen! Als wäre sie tatsächlich von einer Acrumantula gestochen worden, sprang die Rothaarige auf, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und stürmte zum Büro jenes Professors, der ihr als einziger in dieser Situation würde helfen können.
Auf ihr Klopfen hin, bat Rien sie herein und sofort brach ihr Anliegen aus ihr heraus: „Ich will den Patronus-Zauber lernen!“
Etwas verwundert fragte der Zauberer daher: „Wie kommen Sie so plötzlich darauf?“
„Ich … ich habe gelesen, die gestaltlichen Patroni können zum Kommunizieren und … Wache halten benutzt werden.“, gestand sie ehrlich.
Er dachte einen Augenblick lang nach, bevor er bestätigte: „Das ist möglich – diese Art der Nutzung ist allerdings noch schwieriger, als der Zauber es ohnehin schon ist. Sie müssen sich während dem Wirken genau seine … Aufgabe bewusst machen.“
„Ich werde es schaffen!“, entgegnete Nadeshiko entschlossen und sah zu Boden.
Erneut schwieg ihr Gegenüber und sie dachte schon, er würde ablehnen, sie zu lehren, da sagte Rien: „Nun … gut. Ich kenne Sie inzwischen gut genug, Miss Yosogawa, um zu wissen, dass Sie ohnehin nicht aufgeben werden. Also zu den Grundlagen – der Patronus lässt sich nur durch ein ganz besonders starkes Glücksgefühl heraufbeschwören; denken Sie an das glücklichste Ereignis in ihrem Leben, das Ihnen einfällt, und visualisieren Sie dieses vor Ihrem inneren Auge … anschließend sprechen Sie laut und deutlich die Worte >Expecto Patronum<. Versuchen Sie es!“
Mit erhobenem Zauberstab durchforstete Nadeshiko ihr Gedächtnis – überall blitzte Bilder von Ohtah auf. Sie dachte zurück an ihre erste Begegnung im Hogwarts-Express vor sechs Jahren … an diesen unsicheren, verlegenen Junge, zu dem sie sofort eine ganz merkwürdige Verbundenheit gespürt hatte.
„Expecto Patronum …“, flüsterte sie, ohne es recht zu merken.
Kein weißer Dunst stieg auf … oder gar ein tierisches Wesen. Stattdessen rollten Tränen über Nadeshiko´s Wangen. Die Freude jenes Tages war von der Trauer über seinem aktuellen Zustand verdrängt worden … Und damit sämtliche Kraft des Patronus. Sie schluchzte, sank kraftlos in die Knie. Rien hielt ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Dankbar nahm die Rothaarige das Angebot an und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„Sie müssen sich nicht schämen.“, versuchte ihr Lehrer sie zu trösten.
Doch sie starrte unentwegt auf ihre um den Zauberstab geschlossene Finger. Es fühlte sich an, als würde sie nicht nur diesen Zauber nicht ausführen können, sondern als wäre ihre ganze Magie wie fortgeblasen, fortgerissen … demselben Schlaffluch erlegen, wie ihr Geliebter.
„Ruhen Sie sich aus, Miss Yosogawa. Wir arbeiten morgen Abend weiter.“, meinte Rien und Nadeshiko ging, ohne ein weiteres Wort.
In den darauffolgenden Wochen lief es jedoch nicht besser. Schlimmer noch – auch die anderen Flüche traten erneut zu Tage; in den Korridoren fanden sich kleine Splitter von Verwunschenem Eis, auf dem Gelände erschienen wieder regelmäßig Irrwichte, eine ganze Gruppe Huffelpuffs wurde auf dem Weg zur nächsten Unterrichtsstunde in ein Portrait gezogen, ein Erstklässler wurde zu Stein verwandelt und einige Schüler fragten, ob solche Zwischenfälle in Hogwarts normal wären – sie waren dem Vergessen erlegen. Wenn Nadeshiko nicht bald voran kam, wäre bei dieser Geschwindigkeit bald halb Hogwarts von den Flüchen betroffen, die sogar noch erstarkt zu sein schienen …
Professor Rien empfing sie zu ihrer allabendlichen Übungsstunde, welche inzwischen in das Klassenzimmer verlagert worden war. Die Rothaarige bezog Stellung, konzentrierte sich.
Keine Erinnerung, eine Vorstellung durchzuckte ihre Gedankenwelt und Nadeshiko schrie: „Expecto Patronum!“
Die Wucht, die aus ihrem Zauberstab herausbrach, riss sie beinahe von den Füßen. Sie hörte, den erstaunten Laut, der Professor Rien im Hals festzustecken schien – es dauerte einen Moment, bis die Hexe begriff, was da durch den Raum flog. Mit einer sanften Drehung landete die nebelartige Gestalt auf ihrem ausgestreckten Arm, legte die Flügel an, die majestätischen Schwanzfedern baumelten in der Luft und seine Augen suchten ihre.
„Ein Phönix …“, hauchte Nadeshiko überwältigt, „Das Feuer ist wahrlich mein Element. In der japanischen Mythologie ist er das Pendant zum Drachen …“
Das Räuspern von Rien ließ sie zusammenfahren, da sie ihn vollkommen vergessen hatte, und der Patroni verschwand – dafür fragte der Professor für Verteidigung gegen die dunklen Künste: „Ein Tierwesen ist sehr selten … noch dazu ein derart imposantes. Nur aus Interesse – woran haben Sie gedacht, Miss Yosogawa, um ein solches Geschöpf hervorzubringen?“
Nadeshiko war immer noch so berauschend, dass sie den eigenartigen Unterton nicht bemerkte, der fast verärgert wirkte, und antwortete: „An mein Ziel … mit Seiketsu und Ohtah wiedervereint zu sein, für immer befreit vom Fluch der Verwunschenen Verliese.“
Nichts anderes hatte ein solches Glücksgefühl in ihr ausgelöst, als die Erfüllung ihres Wunsches, wieder mit ihnen vereint zu sein …
Doch während in den kommenden Wochen das Schloss festlich geschmückt wurde, schwand Nadeshiko´s Kampfgeist … Egal wie oft sie das Lied der Sirenen durchging, kein Geistesblitz erfüllte sie. Ohne Ohtah, der ihr zur Seite stand, fühlte sie sich, als wäre sie nur noch eine leere Hülle. Einzig Klerus schaffte es, die Gryffindor voranzutreiben. Wo nur waren alle Häuser vereint und es gab einen hellen Schein zu finden? Laut Professor McGonegall gab es nirgends auf dem Gelände eine Gedenkstätte für die vier Gründer … Und sonst gab es keinerlei Überlieferungen, ob irgendein Ort sie besonders verbunden hätte; nur dass es irgendwann Streit zwischen Godric Gryffindor und Salazar Slytherin gegeben hatte … Helga Hufflepuff wollte zwischen ihnen vermitteln, während Rowena Ravenclaw nach einer gleichberechtigten Lösung suchte. Während sie dieser Spur nachgegangen waren, begannen die Ferien – und damit konnte selbst Klerus, ihre letzte Stütze nicht bei ihr bleiben; seine Mutter hatte verlangt, er möge traditionell nach Hause kommen und von keinem Argument wollte sie sich umstimmen lassen. Nie zuvor verfluchte der Blonde seinen Geburtstag so stark; als jüngster seines Jahrgangs würde er erst kurz vor Schuljahresende die Volljährigkeit erreichen. Der Slytherin und die Gryffindor dagegen wollten zum ersten Mal über die Ferien zu ihr nach Hause – natürlich hätte sie allein fahren können … doch ertrug sie den Gedanken nicht, Ohtah zurückzulassen. Hier konnte sie zu ihm sprechen, ihm etwas vorsingen, ihn berühren und über ihn weinen, ohne darauf angesprochen zu werden. Da sie nun von der Abwesenheitspflicht bei den Mahlzeiten befreit war und sie nicht freiwillig daran teilnahm, brachte die Hauselfe Ciri ihr dreimal täglich etwas in den Krankenflügel, wofür ihr Nadeshiko unendlich dankbar war. Von den Professoren verblieben normalerweise nur sehr wenige zwischen den Jahren im Schloss … dieses Jahr allerdings verbrachte die Schulleiterin und die meisten ihrer Kollegen die Feiertage in Hogwarts. Hinzukamen die von der Schulleiterin erlassenen Hausaufgaben, um den Schülern mehr Erholung zu ermöglichen, weswegen Madam Pomfrey ihr längere Besuchszeiten gestattete; am liebsten hätte sie auch die Nächte bei ihm verbracht … einzig Shirayuki´s Gegenwart ließ sie diesen Umstand akzeptieren. Nie zuvor war Nadeshiko das Weihnachtsfest so trostlos vorgekommen …
Während sie über ihn wachte, hatte Nadeshiko noch einmal sämtliche Briefe von Seiketsu mehrfach gelesen und versucht, ihnen verborgene Geheimnisse zu entlocken. Mit demselben Eifer widmete sie sich dem Notizbuch, das nach erfolgloser Durchforstung geschlossen auf ihren Knien ruhte.
„Ihm läuft die Zeit davon, hörst du, Sei? Ich kann ohne ihn nicht leben … Bitte, hilf´ mir, ihn zu retten! Und dich! Sei, wo finde ich es? Das letzte Verlies …“, murmelte sie wie ein Mantra.
In einem Anflug von Müdigkeit fiel das Büchlein auf einmal zu Boden. Die Gryffindor erwachte aus ihrem Delirium und wischte sich über das Gesicht, rieb sich die Augen.
Als sie sich bückte, um die Hinterlassenschaft Seiketsu´s aufzuheben, starrte sie schockiert auf deren Handschrift: „>Shiko, ich habe nicht genug Zeit, dir alle Einzelheiten zu erklären – es war Roman Rien, der mir von den Verwunschenen Verliesen erzählt hat und daraufhin zu meinem Mentor wurde. Aber inzwischen weiß ich, er ist es, der die Macht für sich allein nutzen will! Und er ahnt, dass ich das Rätsel der Meermenschen gelöst habe – ich werde das letzte Verlies betreten, bevor er mich in die Hände bekommt. Wenn ich versage, musst du ihn aufhalten! Aus Sicherheitsgründen kann ich den den Zugang hier nicht niederschreiben … Aber ich glaube ganz fest an dich, meine geliebte Schwester!<“
Minuten, Stunden oder gar nur Sekunden – Nadeshiko verlor jedwedes Zeitgefühl, bis sie sich erhob. Ihr Liebster strebte den Beruf des Auroren an … doch heute würde sie ebenfalls diesen Pfad beschreiten … für Seiketsu, für Ohtah, für alle Schüler und Lehrer von Hogwarts, für die gesamte Zaubererschaft! Wäre es ratsam gewesen einen Lehrer zu verständigen, vielleicht sogar am ehesten Professor McGonegall? Oder wenigstens Shirayuki zu Klerus zu schicken? Wahrscheinlich, ganz sicher sogar – doch Nadeshiko dachte mit keinem Fünkchen ihres Verstandes daran. In ihrem Kopf wallte nur eine unglaubliche Wut, wie sie noch nie zuvor empfunden hatte. Alles in ihr schrie verzweifelt nach Rache. Jahrelang hatte sie ihm vertraut … sich ihm anvertraut … und er hatte sie bloß benutzt, wie eine willige Schachfigur! Mit erhobenem Zauberstab betrat die Gryffindor das Klassenzimmer von Verteidigung gegen die dunklen Künste und ihr Blick richtete sich sofort auf die kleine Treppe, die hoch in sein Büro führte. Am liebsten wäre sie hineingestürmt oder hätte ihn gleich von hier aus in die Luft gesprengt für all ihr Leid, welches er für seine Pläne missbraucht hatte. Aber das durfte Nadeshiko nicht tun, sie musste sich zusammenreißen! Langsam – den Zauberstab immer noch umklammert – stieg sie die wenigen Stufen hinauf und öffnete die hölzerne Tür ohne anzuklopfen.
Überrascht sah er auf und fragte freundlich: „Oh, Miss Yosogawa, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?“
„Ich kenne nun die Wahrheit … Die ganze Zeit war ich so unsagbar blind für das so eigentlich offensichtliche. Wie oft habe ich mich gefragt, warum Sie es riskieren, mir zu helfen? Weil Sie es sind … der >Fluchmacher<!“, meinte die Rothaarige, wobei sie ihren Schmerz nicht gänzlich unterdrücken konnte, und hielt auf seine Brust.
Ein hämisches Lachen kam als Antwort: „Wollen Sie sich jetzt etwa mit mir duellieren?“
Erneut packte sie der Zorn. Nur mit äußerster Mühe mahnte sie sich zur Kontrolle. Im Krankenflügel lag Ohtah in einem verfluchten Schlaf … Seiketsu befand sich gefangen im letzten Verlies – beide zählten auf ihre Hilfe. Selbst ihre Eltern, die an dem Verlust ihrer Tochter zerbrochen waren … und alle Menschen, die leiden würden, wenn sich Rien als schwarzer Magier erhob … So sehr Nadeshiko es sich in diesem Moment auch wünschte, der Mord an ihm würde ihre Liebsten nicht befreien. Der Fluch, der ihr auf den Lippen lag, erstarb … Sie würde sich nicht noch einmal von ihm kontrollieren lassen!
„Warum haben Sie meine Schwester und mich auf die Spur der Verliese gebracht, wenn Sie die Macht selbst wollen?“, fragte Nadeshiko gefasster.
Er wirkte vollkommen unberührt, während er antwortete: „Das ist eine berechtigte Frage. Doch war ich nicht in der Lage, den Fluch des Verwunschenen Eises zu brechen … deshalb habe ich eine einfältige Schülerin vorausgeschickt. Ziemlich weise, wenn ich jetzt so zurückdenke … Allerdings waren Sie noch leichter zu manipulieren – Ihrer Schwester musste ich erst noch schöne Augen machen.“
Flammen züngelten aus der Spitze ihres Zauberstabes – dieses Element lag ihr seit dem ersten Verlies am nächsten – und Nadeshiko zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen: „Seiketsu wollte schon immer allem auf den Grund gehen und Geheimnisse lüften … aus der Vergangenheit lernen, um die Zukunft besser zu machen … Es ranken sich so viele Legenden um das, was in den Verwunschenen Verliesen versteckt ist – fünf von ihnen dienen nur zum Schutz … für mich waren sie eher eine Vorbereitung; wenn ich diese letzte Hürde nehme, erhalte ich den größten Schatz … und nur Sie, Professor Rien, stehen mir dabei noch im Weg. Erkennen Sie, wie fatal die Lage ist, in die Sie sich gebracht haben? Nichts in der Welt wird mich jetzt noch davon abhalten in dieses Verlies zu gelangen!“
„Möglich … Diese Entschlossenheit habe ich stets an Ihnen bewundert, so unermüdlich bei dem Versuch alles und jeden zu beschützen.“, sagte er plötzlich mit säuselnder Stimme und trat hinter seinem Schreibtisch hervor auf sie zu, „Sie sind wahrlich eine talentierte Hexe … intelligent, kreativ, stark … und wunderschön. Was halten Sie davon, wenn wir die Macht des Verwunschenen Verlieses gemeinsam nutzen?“
Schon häufig hatte die Rothaarige Schülerinnen über Professor Rien tuscheln hören … nicht bei wenigen waren es romantische Tagträume gewesen. Auch sie hatte ihn bewundert – als Lehrer, als Fluchbrecher … Tief in ihrem Herzen hatte es von Anfang an nur einen gegeben – einen etwas schüchternen und gleichzeitig verwegenen, entschlossen und dennoch unsicheren, jungen Zauberer, der eine unglaubliche Stärke verlieh, die einer ganz anderen Art der Magie entsprang. Alles ihr sträubte sich gegen die Berührung dieses Mannes, der nicht ihr Geliebter war. Dies war nicht seine Stimme, sein Duft, sein Körper. Und es gab noch etwas, das ihr nur Übelkeit verursachte …
„Ich gehe niemals auf die dunkle Seite!“, schrie die Gryffindor ihn schon fast an.
Ramon Rien zuckte mit den Schultern, bevor er meinte: „Seit Sie die Tore von Hogwarts zum ersten Mal durchschritten haben, waren Sie in einem Zweikampf noch nie unterlegen … Es wird Zeit, dass Sie lernen zu verlieren!“
Sofort wehrte Nadeshiko den Schockzauber per Schutzschild ab. Beinahe zeitgleich sprachen beide ihre nächsten Flüche, die sich gegenseitig abstießen und gegen die Wände schlugen. Die Bücherregale fielen mit flatterten Buchseiten zu Boden. Kein Zauber traf den Gegenüber, einigen konnten sie sogar ausweichen; zu erfahren waren sie im Duellieren. Während er auf die dunklen Worte der Macht übergehen wollte, kam Nadeshiko eine ebenfalls Idee – das Turnier im vergangenen Jahr war äußerst lehrreich gewesen.
„Aquamenti!“, rief sie, weil ihr ungesagte Zauber immer noch nicht recht lagen, „Incendio!“
Die Hitze des Feuers traf auf das kalte Nass und hüllte den Raum in einen dichten Nebel.
„Wollen Sie mich damit etwa überlisten? Ich zeige Ihnen, welche Macht Sie so leichtfertig ausgeschlagen haben, Miss Yosogawa!“, schrie er durch den kondensierten Schleier, „Imperio!“
Hatte sie mit diesem Fluch gerechnet? Immerhin wusste Nadeshiko, dass er einst Klerus auf dieselbe Art kontrolliert hatte … Und dennoch traf er sie in einem unvorbereiteten Moment – eigentlich hätte ihr kombinierter Zauber sie beschützen sollen. In ihren Ohren hallte Rien´s Stimme, welche die Rothaarige aufforderte, zu ihm zu kommen, weil nur er allein für sie zählte … Sie konnte kaum mehr einen Muskel rühren, während seine Schmeicheleien und Befehle in ihren Geist vordrangen.
Bis plötzlich jemand anderes zu ihr sprach: „Shiko, du warst diejenige, die mich aus der Dunkelheit gerettet hat! Weil du mein Licht bist … Ich liebe dich!“
Ohtah … nachdem er seine Familie endgültig verlassen hatte. Seine entschlossene Miene trat in ihr Bewusstsein … erst verschwommen, dann deutlicher. Nicht erneut – es genügte ihr vollkommen, ihn einmal durch den Fluch vergessen zu haben … niemals wieder! Mit jeder weiteren Sekunde verschwand dafür Rien und Nadeshiko öffnete ihre Augen. Ein höhnisches Grinsen lag auf dessen Gesicht, während sie langsam auf ihn zuging und träumerisch blinzelte. Als die junge Hexe direkt vor ihm stand, stellte sie sich leicht auf die Zehenspitzen, um sich seinen Lippen zu nähern. Beinahe triumphierend senkte er seine Lider und Nadeshiko reagierte sofort – in einer Drehung riss sie Rien seinen Zauberstab aus der Hand!
„Incarcerus!“, setzte die Gryffindor sogleich nach.
Die heraufbeschworenen Fesseln legten sich um seine Handgelenke, Arme, Fußknöchel, Beine, die Brust und knebelte seinen Mund. Ein wutentbranntes Funkeln lag in seinen Augen.
„Man sollte meinen, Ihr würdet mich besser kennen, Sir, als irgendein anderer Lehrer, nicht wahr? Ich liebe Ohtah – weder Fluch noch Trank oder gar Zauber könnten daran jemals wirklich etwas ändern!“, kam es flüsternd von ihr, ehe die Tür ein weiteres Mal aufflog.
Diesmal stand sie Direktorin im Rahmen, auf ihrer Schulter saß eine Schleiereule mit leuchtend weißem Gefieder, die einen aufgeregten Schrei ausstieß … Shirayuki.
Gewohnt streng verlangte Professor McGonegall: „Miss Yosogawa, ich hoffe, Sie haben eine sehr gute Erklärung hierfür!“
„Die lassen Sie sich besser von ihm geben …“, entgegnete die Gryffindor und wandte sich noch einmal ihrem Gegner zu, „Was auch immer der Grund für die Existenz der Verwunschenen Verliese ist … Sie werden es niemals erfahren!“
Damit marschierte sie hinaus, wo Professor Flitwick sie in Empfang nahm.
Einige Stunden später – nachdem Professor Rien unter Einfluss von Veritaserum ein vollständiges Geständnis abgelegt hatte und das Zaubereiministerium darüber in Kenntnis gesetzt worden war – saß Nadeshiko erneut an Ohtah´s Bett im Krankenflügel, zusammen mit Klerus, der per Flohnetzwerk ins Schloss zurückgeholt worden war. Madame Pomfrey hatte sich dezent im Hintergrund gehalten, während sie ihm und seinem Halbbruder alles berichtete.
„Es ist fast vorbei …“, versprach die Rothaarige und gab ihrem Geliebten einen Kuss auf die Stirn.
Die Tränen liefen über ihre Wange, doch sie wischte sie nicht weg. Beinahe hätte sie dem nächsten dunklen Zauberer geholfen, die Welt zu unterwerfen … Wie dumm nur war sie gewesen!
„Machen Sie sich keine Sorgen … Keiner von uns hat es bemerkt.“, meinte die Krankenschwester sanft und reichte beiden eine heiße Tasse Schokolade, „Wissen Sie, ich wusste lange Zeit nicht, was ich von Ihnen halten sollte – Sie haben andauernd für Ärger gesorgt und dennoch verdanken es unzählige meiner Patienten allein Ihnen, dass sie wieder auf den Beinen sind. Dieser Junge kann sich glücklich schätzen, so sehr geliebt zu werden … Geben Sie die Hoffnung nicht auf!“
Nein, »aufzugeben« kam wirklich nicht in Frage. Entschlossen trank sie das wärmende Getränk aus und erhob sich. Klerus machte Anstalten ihr zu folgen, aber sie schüttelte den Kopf. Sollte Nadeshiko ebenfalls versagen, bräuchte sie ihren Patroni um eine letzte Botschaft zu überbringen …
Vor dem Krankenflügel erwartete sie Professor McGonegall mit einer unergründlichen Miene – bevor diese allerdings etwas sagen konnte, meinte die Rothaarige lächelnd: „Ich danke Ihnen … Dass Sie so streng mit mir waren, hat mich nur noch mehr angespornt – um Sie und das Haus Gryffindor nicht zu enttäuschen. Die Verwunschenen Verliese mögen meine Bürde gewesen sein, aber … es gibt Kämpfe, denen kann man einfach nicht entgehen. Ich werde meine Aufgabe heute zu Ende bringen!“
Denn plötzlich hatte sie verstanden, worauf das Meermenschen-Lied verwies: „>Ein Verlies in voller Macht, d´rum gib´ auf dich gut Acht. Die Häuser vereint … der Zwist verneint … Suche nach dem hellen Schein und das Geschenk ist dein!<“
Wie oft hatte sie die Wappen über und im Kamin der Großen Halle schon betrachtet, ohne je deren Bedeutung zu begreifen? Dies war der einzige Ort, der alle Schüler zusammenbrachte … Die Wärme des prasselnden Feuers auf ihrer Haut spürend, streckte sie eine Hand nach ihnen aus und die Flammen stoben auseinander.
„Gryffindor … hier regieren Tapferkeit und Mut; diesem Haus gehöre ich selbst an. Ravenclaw … nutzt Weisheit und Verstand; genauso wie Seiketsu es tut. Huffelpuff … bedeutet Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit; so hat sich Klerus stets verhalten. Slytherin … weiß um Tücke und Geschick; darum kann Ohtah stolz darauf sein. Vier Häuser – ein Herz …“, sagte sie und klappt das Medaillon an ihrem Hals auf, „Gemeinsam haben wir alle Hindernisse überwunden, um das wahre Verwunschene Verlies zu finden! Du hast Verwunschenes Eis, doch mir gebührt das Feuer … der Angst, die du verbreitest, trete ich mutig entgegen … und den verfluchten Schlaf fülle ich mit meinen schönsten Träumen … selbst wenn mir Gefangenschaft droht … bezwinge ich sämtliche Untiefen und alle Gefahren, um mein Ziel zu erreichen!“
Nach und nach waren die vier Teile des Hogwartswappens aufgeleuchtet, zuletzt fuhr das Wandstück mit einem steinernen Schlurfen in den Boden hinab. Ein tiefschwarzer Gang voller Spinnweben lockte Nadeshiko. Kaum war sie hindurch gegangen, verschloss sich der Zugang wieder. Jeder weitere Schritt brachte sie einem schwachen Lichtfleck in der Ferne näher, während Kälte in ihre Glieder zog. Wie fast schon erwartet, führte der Pfad sie in einen Raum, der von einem gewaltigen, bläulich glitzerndem Tor beherrscht wurde. Es war weit größer als sein Vorbote – ebenso der Eisritter, der bereits mit erhobenem Schwert auf sie wartete. Ein schon belächelnder Ausdruck trat auf ihr Gesicht; augenblicklich tanzten Flammen um sie herum, die aus ihrem Zauberstab schossen. Ein knapper Wink damit und sie schlossen den Eisritter ein, der ohne Widerstand in sich zusammenschmolz. Dieser Zauber hatte ihre Zauberkunst-Note bei den ZAG gerettet – dabei hatte sie Ohtah noch leicht angesengt, als sie ihn vom Verwunschenen Eis befreit hatte. Inzwischen beherrschte sie die heraufbeschworenen Flammen fast ausschließlich mit ihrem Willen. Innerlich wappnete sich die Rothaarige bereits für ihren nächsten Gegner – nach Eis kam Angst … Der Irrwicht hatte bereits die Gestalt von Seiketsu angenommen und beschimpfte Nadeshiko lauthals, warf ihr Unfähigkeit sowie Versagen vor.
„Es stimmt … genau davor hatte ich Angst – meine Schwester zu enttäuschen. Das ist vorbei, ich muss nicht mehr fliehen oder dich mit einem Zauber verscheuchen.“, erklärte sie entschlossen, ging auf einen der Irrwichte zu und schloss ihn in die Arme.
Zuerst erstarrte die Kreatur, dann löste er sich auf. Eine einzelne Träne blieb auf Nadeshiko´s Wange zurück, die aber nur ihre Entschlossenheit stärkte. Was ihr gegen ihre nächsten Gegner nur helfen konnte – ein beängstigendes Klicken erregte ihre Aufmerksamkeit und als ihr Blick zur Decke wanderte, erblickte sie drei gigantische Acrumantulas. Langsam glitten diese an ihren Fänden herab. Die Hexe erinnerte sich an ihr Versprechen, sie wurde am Leben gelassen und würde daher ebenfalls gnädig sein …
„Stupor! Stupor! Stupor!“, rief Nadeshiko, während sie auf deren Augen zielte.
Bewusstlos schwangen sie wie Windspiele hin und her. Nadeshiko stützte sich an der Wand ab, Schweiß sammelte sich auf ihrer Stirn – die Erschöpfung machte sich bemerkbar; der Preis für ihren Sieg über Rien … Dabei erwarteten sie noch zwei bekannte Hindernisse und möglicherweise ganz eigene Banne.
„Ich werde nicht aufgeben … nie im Leben. Dies ist allein meine Aufgabe – Sei hat es begonnen, ich werde es beenden!“, sprach sich Nadeshiko selbst Mut zu.
Der Tunnel machte mehrere Biegungen, sodass sie lange Zeit sein Ende nicht sehen konnte – es kam ihr fast so vor, als würde das Verlies sie einmal durch ganz Hogwarts führen. Knapp eine halbe Stunde später erspähte die Gryffindor das Drachenportrait, welches zu schlafen schien. Vorsichtig tippte sie mit der Spitze ihres Zauberstabs dagegen – erfolglos. Ein passender Zauber wollte ihr nicht einfallen …
Stattdessen kam ihr das Motto der Schule in den Sinn: „>Draco dormies nunquam titillandus< … Kritzle nie einen schlafenden Drachen …“
Doch genau das tat sie und blickte in giftgrüne Augen, dessen Besitzer mürrisch sein Rätsel stellte: „Wenn Ihr Zugang begehrt, so beantwortet mir folgende Frage … >Mit ihr scheint alles egal – Leben oder Tod. Sie erquickt und quält, streichelt und schändet. Sie wird dich nie mehr verlassen und dennoch gehört sie nicht dir allein … Was ist das?<“
Nadeshiko´s Augen weiteten sich schockiert – sie kannte die Antwort, ohne darüber nachdenken zu müssen … jedoch brachte sie keinen einzigen Laut heraus. Stattdessen sackte die junge Hexe zu Boden und diesmal weinte sie tatsächlich. Sie hatte das himmelhoch jauchzende Gefühl verspürt, als seine Lippen ihre berührten … und die tiefe Verzweiflung von ihm getrennt zu sein. So wie jetzt – da sie nicht einmal wusste, ob sie sich jemals wiedersehen würde … Er allein war nun einmal ihre Stärke!
Auf einmal erklang wieder seine Stimmer in ihrem Kopf: „>Und ich helfe dir dabei! Dafür sind Freunde schließlich da, nicht wahr?< >Ich verspreche es dir, Shiko – wir werden es schaffen, zusammen!< >Hab´ keine Angst, Shiko … Gemeinsam können wir es schaffen! Ich bin direkt hinter dir.< >Das Risiko ist mir doch vollkommen gleichgültig! Ich habe geschworen, dir zu helfen … stets an deiner Seite zu sein.< >Zum ersten Mal kann ich nachvollziehen, wie du dich die ganze Zeit fühlst – ich habe dir versprochen, dass wir es gemeinsam schaffen werden; ich lasse dich nicht im Stich, niemals!< >Ich habe es dir und vor allem mir selbst geschworen – was auch immer passiert, ich werde dich beschützen … immer und immer wieder. Weil ich dich liebe …< >Denn schließlich kämpfen wir genau dafür … um gemeinsam leben und lieben zu können.<“
All diese Worte hatte Ohtah zu ihr gesprochen … um sie aufzubauen, zu stärken, ihr neuen Mut zu geben. Die Spur eines Lächelns schlich sich auf ihr Gesicht. Beim Eingang hatte Nadeshiko selbst es noch erwähnt … Ein Teil von ihm würde immer bei ihr sein, egal wie weit oder wie lange sie getrennt wären ... das hatte er ihr so oft geschworen.
Die Rothaarige kämpfte sich zurück auf die Beine und antwortete: „Ohtah – er ist meine Antwort. Die Liebe, die ich für ihn empfinde …“
„So ist es … Um dieser Gefühle willen, die Ihr in Euch tragt, seid gewarnt – kehrt um! Dieser Ort ist nicht magisch …“, entgegnete der rot schimmernde Drache, ehe er seine Schwingen ausbreitete und aus dem Rahmen verschwand.
Die Gryffindor wunderte sich über diese Aussage – alles in ihrer Welt beruhte auf Magie … das Zaubertrankbrauen ebenso wie das Wahrsagen oder selbst jedes Tierwesen. Hatte das etwas mit dem Ursprung der Verliese zu tun oder mit dem, was sie bewahrten? Was am Ende auch immer auf sie warten mochte – von Seiketsu einmal abgesehen –, es interessierte sie nicht; Rien war vor Verlangen danach wahnsinnig geworden, Hogwarts wäre beinahe ins Verderben gestürzt … Dieser Schatz brachte nur Unheil! Einzig auf das kommende Hindernis musste sie sich konzentrieren … denn die Begegnung mit dem Leviathan wollte sie ja eigentlich nicht erneut durchleben. Glaube war der Schlüssel zum Sieg … und möglicherweise konnte sie sich das zunutze machen! Vor wenigen Stunden hatte Nadeshiko genau darüber mit ihrem verräterischen Mentor gesprochen – es gab nichts auf dieser Welt, das sie jetzt noch davon abhalten konnte, ihre Schwester zu befreien! Und so erwartete kein grauenhaftes Meeresungeheuer die schöne Gryffindor … sondern ein japanischer Kappa. Dieses wasseraffine Tierwesen aus ihrer einstigen Heimat war etwa einen Meter zwanzig groß, hatte einen großen, platten Schädel mit einer Kuhle, dessen Haupt mit grünlichem Haar spärlich bewachsen war. Für gewöhnlich lebte diese Spezies in Flüssen oder Seen und kam nur an Land, um Obst sowie Gemüse von den Feldern zu sammeln. Während es in seinem Element nicht immer gut auf ungebetenen Besuch zu sprechen war, ging an Land von einem Kappa zumeist keinerlei Gefahr aus – vor allem nachdem es die Verbeugung seines Gegenüber erwiderte und es so das Wasser auf seinem Kopf verschüttete, welches ihm seine Magie gab.
„Arigato …“, flüsterte sie das Dankeswort in ihrer Landessprache.
Der Kappa betrachtete sie mit seinen schwarzen Iriden. Beinahe schienen sie telepathisch miteinander zu kommunizieren, dann rollte das Wesen sich zusammen und Nadeshiko konnte ungehindert passieren. Endlich erreichte Nadeshiko den altbekannten, sechseckigen Raum. Ihr fiel sofort auf, dass etwas anders war – sämtliche Wände waren mit Spiegeln verkleidet und anstelle der Säule stand ein reich verzierter, fast deckenhoher Standspiegel. Sie ging darauf zu, betrachtete ihr Spiegelbild. Plötzlich trat die Nadeshiko ihr Gegenüber zur Seite, was sie schon schockierte … doch damit gab sie gleichzeitig den Blick auf eine zweite Gestalt frei. Die Halbjapanerin stürzte nach vorne, hämmerte wild gegen das Glas … aber die bewusstlose Seiketsu Yosogawa rührte sich nicht. Da hob ihre Spiegelung den Zauberstab und es gab so etwas wie eine Explosion, von dessen Druckwelle Nadeshiko nach hinten geschleudert wurde. Als sich der aufgewirbelte Staub wieder gelegt hatte, starrte die Rothaarige perplex zu der Stelle, an welcher sie gerade noch gestanden hatte – im Zwielicht zeichnete sich nun eine Silhouette ab, die sie noch mehr in Schrecken versetzte … ihr Spiegelbild befand sich nicht länger hinter der polierten Oberfläche, sondern stand ihr tatsächlich gegenüber.
„Ich habe mich gefragt, ob du wirklich eines Tages kommen würdest, Nadeshiko Yosogawa … deine Schwester war ja felsenfest davon überzeugt.“, erzählte die Fälschung im Plauderton, „Ahnst du es? Ich bin das letzte Hindernis, eine Personifikation dieses Verlieses … und gleichzeitig ein Abbild deiner Selbst. Hast du dich nie gefragt, warum es all die anderen Verliese gibt? Ein Schutz meiner ganz ohne Frage – und eine perfekte Möglichkeit, Informationen zu sammeln. Den abschließenden Scan habe ich durchgeführt, als du eingetreten bist … Ich weiß nun alles über dich – ich kenne deine ganzen Spezialitäten, Strategien … Anders als bei deinem herzallerliebsten Ohtah wird bei mir so etwas lächerliches wie >Stella Cascadia< nicht funktionieren. Was willst du nun tun, Nadeshiko Yosogawa? Wie willst du mich besiegen?“
Ein Duell … damit endete ihre Suche – ein Sieg noch und Seiketsu wäre endlich gerettet! Ihr Gespräch mit Rien schien bereits Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre her zu sein … Nichts würde sie mehr aufhalten, so kurz vor dem Ziel durfte sie nicht scheitern.
Nadeshiko stand auf, fixierte ihre Doppelgängerin und rief: „Confringo!“
Die falsche Nadeshiko wich dem Fluch aus, sodass dieser in der Wald einschlug und einen Regen aus Spiegelscherben verursachte, woraufhin sie lachte: „Ich weiß ja nicht, ob es so sinnvoll ist, hier mit Sprengflüchen wild um sich zu schießen.“
Augenblicklich verharrte die Gryffindor in der Bewegung und sah zu Seiketsu. Noch war ihr Gefängnis verschont geblieben … Ihr Gehirn begann fieberhaft zu überlegen, was sie gegen ihre Gegnerin unternehmen konnte – nichts wollte ihr einfallen, das ihre Schwester nicht gefährdete oder wirkungslos wäre; selbst Ohtah hatte sie ja nur durch eine List besiegen können.
„Oh, sag´ bloß, du willst nicht mehr spielen … Tja, ich habe nicht solche Skrupel!“, machte sie sich über ihr Original lustig und feuerte wahllos ab.
Nadeshiko spurtete los, warf sich gerade rechtzeitig vor den Prunkspiegel. Der Zauber traf punktgenau das Medaillon. Mit einem Schlag wäre ihr zum Lachen zumute gewesen – Ohtah, Seiketsu, Klerus standen bedingungslos hinter ihr, während diese magere Kopie keinerlei Unterstützung besaß; niemals könnte sie dieselbe Stärke aufbringen!
„Du hast meine Schwester jahrelang gefangen gehalten, die Schüler von Hogwarts bedroht und dich über mich lustig gemacht … Es stimmt, Elementarzauber sind meine Spezialität – gerade deshalb habe ich sie im Turnier gegen Ohtah nicht recht eingesetzt. Bei dir ist die Sache jedoch ein wenig anders … Wenn du mich kopiert hast, während ich hier hereingekommen bin, muss ich einfach nur stärker sein, als in diesem Moment!“, erklärte Nadeshiko entschlossen und ließ ihren Zauberstab umherwirbeln.
Die Fackeln an den Wänden loderten kräftiger, Bänder aus Flammen tanzten um sie herum.
Die falsche Nadeshiko dagegen wich ein Stück zurück und meinte: „Ha, als ob du es riskieren würdest, dass sie zu Schaden kommt!“
„Hattest du nicht vorhin noch gesagt, du wüsstest alles über mich? Ich beherrsche das Feuer in ersten Linie mit meinem Willen – und natürlich wird Sei auf diese Art verschont bleiben.“, gab die Gryffindor zurück, „Incendio!“
Der brennende Strahl schoss geradewegs auf ihr Spiegelbild zu, das nicht von der Stelle bewegte oder eine Gegenmaßnahme ergriff, es lag nicht in seiner Macht – die Prüfung des Verlieses bestand darin, über sich selbst hinauszuwachsen und das eigene Ich zu übertreffen. Der Anflug eines Lachens ergriff Nadeshiko – Rien hätte es niemals geschafft, seine Kopie zu besiegen … wenigstens war er schlau genug gewesen, sich in dieser Hinsicht nicht zu überschätzen; anders bei der Sache, sie würde Ohtah für ihn verlassen … das sprach einzig und allein von Größenwahn.
Als sich der Rauch verzogen hatte, hallte eine gar gespenstische Stimme von allen Seiten wieder: „Du hast es geschafft, Nadeshiko Yosogawa – der Preis ist dir gewiss. So sprich deinen Wunsch, den ich dir erfüllen soll …“
„Lass´ meine Schwester frei!“, rief die junge Gryffindor entschieden.
Doch die Antwort sollte sie überraschen: „Diesen Wunsch musst du nicht äußern – Seiketsu Yosogawa wird aus ihrem Gefängnis befreit, sobald meine Macht ihren Zweck erfüllt hat. Wärst du gescheitert, hättest du ihr Schicksal geteilt … dein Sieg jedoch gewährt dir einen Wunsch jenseits der Magie und danach wird dieses mein Verlies wieder versiegelt. Die vier Gründer von Hogwarts stießen einst auf meine Kraftquelle und beschlossen, diese Schule zu bauen, um mich darin zu verstecken. Doch mit den Jahrhunderten entwickelte ich eine eigene Denkweise … und aus dem Zorn darüber, dass man mich hier eingesperrt hatte, erschuf ich die anderen Verwunschenen Verliese mit ihren Flüchen.“
Magie besaß Grenzen – Tote konnten nicht wiedererweckt werden, wahre Liebe nicht erzwungen werden, sogar mit einem Zeitumkehrer konnte man die Vergangenheit nicht vollständig ändern. Nun schien es, als hätte sie diese Macht … Nadeshiko könnte verhindern, dass Seiketsu jemals von den Verwunschenen Verliesen erfuhr. Rien könnte niemals nach Hogwarts kommen oder überhaupt erst geboren werden. Es gab unzählige Möglichkeiten! Und für einen kurzen Augenblick flackerte Gier in ihrem Innern auf. Statt der Vergangenheit könnte die Rothaarige genauso gut auf die Zukunft Einfluss nehmen! Den Wunsch von Ramon Rien vorauszusehen, wäre ein leichtes – die Herrschaft über die Zaubererschaft, der mächtigste Magier aller Zeiten zu sein. Was hätte sich Seiketsu gewünscht? Oder Ohtah und Klerus? Würde sich Professor McGonegall die Rückkehr des beliebtesten Schulleiters von Hogwarts, Albus Dumbledore wünschen? Dies alles zählte nicht … selbst ihr Wunsch … Nicht Nadeshiko Yosogawa war es, die sich etwas wünschen sollte, wünschen musste – der Fluchbrecher in ihr hatte einen Wunsch auszusprechen.
„Nun gut, Macht der Verwunschenen Verliese, hör´ mich an …“, sprach sie ohne Zweifel, „Eine Versiegelung genügt nicht … Verlasse diese Welt – für alle Ewigkeit!“
Niemals durfte eine derartige Kraft in die falschen Hände geraten … Das Schutzkonzept von Godric Gryffindor, Rowena Ravenclaw, Helga Hufflepuff und Salazar Slytherin hatte versagt und nicht ausgereicht, um sie vor der Welt zu verbergen. Es gab gute Gründe, warum die Magie nicht allmächtig war … Um das Leben zu schätzen, brauchte es den Tod … Die Gefühle eines Menschen für einen anderen waren der größte Schatz auf der ganzen Welt … Und lernen ließ sich nur aus der geschehenen Vergangenheit … Ohne Ohtah, Seiketsu, Klerus, ihre Eltern wäre Nadeshiko der Versuchung erlegen gewesen – doch so besaß sie alles, was sie sich nur wünschen konnte. Mit einem Knall splitterte das Spiegelglas. Nadeshiko eilte zu ihrer Schwester, die noch nicht gänzlich aus ihrem langen Schlaf erwacht war. Nur langsam kam sie vollends zu Bewusstsein.
Dann lächelte sie, während ein einziges Wort über ihre Lippen kam: „Shiko …“
Dagegen sprudelten es aus Nadeshiko´s Mund nur so heraus – dass sie stets daran geglaubt hatte, Seiketsu zu finden und ihre Eltern nichts von ihrer Suche wussten; dass sie so unsagbar froh war und wie ihre ältere Schwester die Zeit erlebt hätte – denn ein Teil der Gryffindor hatte bereits festgestellt, dass die Braunhaarige seit ihrem Verschwinden um keinen Tag gealtert war …
„Ich … ich weiß noch, dass ich den Raum betreten und in den Spiegel gesehen habe … Da stieg mein anderes Ich daraus hervor und hat mich zum Duell herausgefordert. Aber … ich habe verloren.“, erzählte sie mit Scham in der Stimme, „Danach wurde alles schwarz … Es war wie ein langer Traum – ich habe deine Stimme gehört, immer wieder. Doch ich konnte dir nicht antworten, nicht aufwachen. Und jetzt bist du wirklich hier! Was musstest du dafür bloß alles durchmachen?“
Den letzten Satz sagte sie eher wie zu sich selbst. Nadeshiko dachte an ihren eigenen Zweikampf – einzig das jahrelange Training, die Auseinandersetzungen mit Livia, ihre ganzen Erlebnisse und Hindernisse hatten sie diesen Test bestehen lassen … Noch vor ein paar Stunden hatte sich Rien darüber lustig gemacht, weil sie noch nie ein Duell verloren hatte – auch er war ihr unterliegen gewesen. Trotzdem hätte nicht viel gefehlt und ihr wäre es ebenso ergangen … gefangen, bis jemand anderes den Fluch brechen könnte. Aber nun hatte die Grausamkeit der Verwunschenen Verliese endgültig ein Ende gefunden!
„Lass' uns gehen … Oneechan. Expecto Patronum!“, beschwor Nadeshiko unter großem Staunen ihren Phönix heraus, der sogleich durch die Decke verschwand, um seine Botschaft zu übermitteln, „Madame Pomfrey soll dich erst mal gründlich durchchecken.“
Seiketsu zog eine Augenbraue hoch, als sie entgegnete: „Wohl eher dich – du siehst ziemlich mitgenommen aus. Ich hab ja nur … Wie lang eigentlich geschlafen – acht Jahre? Ich muss mich wohl daran gewöhnen, dass meine kleine Shiko inzwischen erwachsen worden ist.“
Der traurige Nachklang entging ihr nicht und so antwortete sie: „Es ist nicht deine Schuld … Ich allein habe entschieden, die Hoffnung nicht aufzugeben und den Gerüchten um … um deinen Tod keinen Glauben zu schenken. Die Verwunschenen Verliese waren harte Prüfungen, ja … aber durch sie bin ich auch gewachsen. Und heute wurde ich belohnt.“
Erneut schlossen sich beide jungen Frauen in die Arme. Nachdem Seiketsu also ihren Protest aufgegeben hatte, führte Nadeshiko sie ohne Umschweife durch das Labyrinth des Verlieses. Wie der Phönix, welcher sich in ihrem Patronus manifestierte, entstieg Nadeshiko gemeinsam mit ihrer Schwester dem Kamin, dessen Feuer sich ihrem Willen beugte und sie nicht verbrannten … Kaum waren die Schwestern durch das Wappen zurück in die Große Halle getreten, fiel die Macht dahinter vollends in sich zusammen. Professor McGonegall, welche der Patroni benachrichtigt hatte, fiel bei diesem Anblick beinahe in Ohnmacht, während Madame Pomfrey sofort herbeieilte, um ihrer beider Gesundheitszustand einzuschätzen.
„Mir fehlt nichts. Nur ein wenig erschöpft … Seiketsu ist diejenige, um die sie sich kümmern müssen – ihre Zeit war über die ganzen Jahre eingefroren.“, berichtete die Rothaarige matt lächelnd.
Da stürmte Klerus herein. Er wirkte etwas zerzaust und ging mir direkten Schritten auf die Braunhaarige zu.
Vor ihr verbeugte er sich verlegen und sagte: „Sei-Seiketsu … ein Glück, dass … du endlich gerettet worden bist. Also ich bin … ich bin Klerus, Ohtah´s Halbbruder. Ohtah ist-“
„Schon gut, Klerus, eins nach dem anderen.“, unterbrach ihn die Gryffindor sanft.
Mit einem halb erstickten Lachen meinte ihr sehr bekannte Stimme daraufhin: „Und ich dachte … du würdest ihr als erster sagen, dass … dass du in Hogwarts die Liebe deines Lebens gefunden hast.“
„Ohtah!“, stieß Nadeshiko erleichtert aus und stürmte ihm entgegen.
Er lehnte am Torrahmen, presste sie fest an sich und meinte: „Entschuldige, dass du dir Sorgen um mich gemacht hast und du das letzte Verlies ganz allein bewältigen musstest.“
„Nein, du warst immer bei mir …“, weinte und lachte Nadeshiko vor Glück, ehe sie sich vor versammelter Mannschaft küssten.
„Herrjemine! Patienten über Patienten – ich bestehe darauf, dass Sie die Nacht über im Krankenflügel bleiben, Miss Yosogawa und, äh, Miss Yosogawa. Dasselbe gilt für Sie, Mister Shadowdragon. Ich gehe Ihnen etwas zu essen und heißes zu trinken holen; sie brauchen absolute Ruhe! Verliese, Flüche … ich hoffe, das hat nun wahrlich ein Ende!“, murmelte Madame Pomfrey vor sich hin, während sie davon eilte.
In der Zwischenzeit hatte sich Professor McGonegall etwas gefangen und berichtete, dass Rien nach Askarban abgeführt worden war. Sie rechnete nach seiner Verurteilung mit einem lebenslangen Aufenthalt.
Eine Weile herrschte schweigen, ehe sie an Nadeshiko gewandt weitersprach: „Es tut mir leid, dass ich Sie anfangs unterschätzt habe – der Schutz meiner Schüler ist meine höchste Priorität …“
„Ihre Sorge hat mich sehr geehrt … auch wenn ich sie nicht immer … nun ja, Rücksicht darauf genommen habe.“, entgegnete die Rothaarige lächelnd.
Nun richtete die Schulleiterin ihre Worte beinahe kleinlaut an Seiketsu: „Ich weiß nicht, ob Sie mir verzeihen können, dass wir die Suche nach Ihnen eingestellt haben …“
Seiketsu erwiderte ihren Blick ohne Groll, als sie antwortete: „Ich in Ihrer Position, Professor, hätte die Geschichte höchstwahrscheinlich ebenfalls nicht geglaubt. Alles deutete daraufhin, ich wäre … Shiko hat mir erzählt, dass selbst unsere Eltern von meinem Tod überzeugt sind.“
„Natürlich! Ich muss sie unverzüglich benachrichtigen!“, rief Professor McGonegall plötzlich aus, „Hören Sie darauf, was Madame Pomfrey Ihnen sagt – ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Ach, und Sie gehen unverzüglich in Ihren Gemeinschaftsraum, Mister Monko! Dieser Tag war nun wirklich ereignisreich genug, für uns alle.“
Klerus öffnete den Mund zum Protest, da schüttelte Nadeshiko kurz den Kopf. Leicht geknickt warf er noch einen Blick auf seine heimliche Angebetete, bevor er grummelnd davonstapfte. Nur Minuten später waren die drei in ihren Betten untergebracht, mit Essen versorgt und die Erschöpfung forderte endgültig ihren Tribut. Trotzdem versuchte die Rothaarige vehement wach zu bleiben – sie saß aufrecht da und ihre Augen wanderten von Ohtah zu Seiketsu, die sich hingelegt hatten. Sämtliche Hindernisse hatte sie überwunden und zum Schluss ihre Liebsten zurückbekommen! Ohtah und Seiketsu ging es gut … der Fluch der Verwunschenen Verliese war gebrochen, kein Schüler von Hogwarts würde je mehr darunter leiden. Und dennoch hatte sie Angst all das könnte nur ein Traum sein …
„Ich verschwinde nicht mehr …“, meinte ihre Schwester in die Dunkelheit.
Überrascht flüsterte Nadeshiko: „Du hast noch gar nicht geschlafen?“
„Ich denke, wir hatten beide denselben Gedanken – zu warten bis du eingeschlafen bist, Shiko.“, entgegnete da Ohtah.
Sie lachten hinter vorgehaltener Hand, um Madame Pomfrey nicht auf den Plan zu rufen. Nun entspannte sich Nadeshiko doch noch … Ihr Traum blieb wunderbarerweise von Alpträume über Rien verschont.
Es war niemals leicht gewesen, eine Yosogawa zu sein … Doch bereits am nächsten Morgen wollten zahlreiche Schüler in den Krankenflügel drängen. Als Madame Pomfrey die meisten von ihnen wegschickte, versuchten die jungen Hexen und Zauberer sogar sich durch Verletzungen, verpatzten Flüchen oder gar »Nasch-und-Schwänz«-Leckereien hinein zu schmuggeln. Und diese ganze Mühe nur, um die wundersame Geschichte über die Yosogawa-Schwestern mit eigenen Augen zu sehen. Nach einem ordentlichen Frühstück fühlten sich beide gewappnet, der versammelten Lehrerschaft gegenüber zu treten – Ohtah hatte darauf bestanden, sie zu begleiten und auch Klerus ließ sich diesmal nicht abweisen. Keiner von ihnen war zuvor im Lehrerzimmer gewesen und im Grunde unterschied es sich nicht direkt von jenen in einer Muggelschule; zumindest wenn man über die Themen der Lehrbücher, Gefäßen mit Zaubertränken sowie Zutaten für solche, einige beschlagnahmte Zauberscherzartikel und bewegte Portraits hinwegsah. Professor Flitwick brach beim Anblick von Seiketsu in Tränen aus – sie gehörte seinem Haus an, aber er hatte sie in Übereinkunft mit der Direktorin aufgegeben … Auch ihm gegenüber wiederholte Seiketsu ihre Milde, gerade als die Tür ein weiteres Mal geöffnet wurde. Nadeshiko konnte später nicht mehr sagen, was sie mehr verblüfft hatte – die Tränen ihres Vaters oder die Geschwindigkeit ihrer Mutter, als sie ihre ältere Tochter in die Arme geschlossen hatte. Nach und nach zog sich der Lehrkörper zurück.
Irgendwann hatte sich Togo Yosogawa wieder halbwegs gefangen und hauchte: „Wie ist das nur möglich?“
Wie brachte man seinen Eltern bei, dass man ihnen fast neun beziehungsweise sieben Jahre lang etwas verheimlicht hatte? Nadeshiko Yosogawa entschied sich dafür, ganz am Anfang zu beginnen – sie konnte einfach nicht glauben, dass ihre große Schwester wahrlich gestorben sein sollte und so hatte sie sich seit ihrem Verschwinden darauf vorbereitet, nach ihr zu suchen. Sie berichtete von Ohtah´s und später genauso Klerus´ Entschlossenheit, ihr dabei zu helfen, Seiketsu zu retten, und sie es ohne die beiden nicht geschafft hätte.
„Otosama, Okasan … ich kann mich nur dafür entschuldigen, euch so lange angelogen zu haben. Die Suche nach Oneechan bereue ich dagegen keineswegs!“, endete die Gryffindor ihren Bericht.
Ihre Eltern hätten sie sofort von Hogwarts genommen, wenn sie etwas geahnt hätten, und Seiketsu wäre auf ewig verloren gewesen … doch es tat gut, die Wahrheit endlich ausgesprochen zu haben.
Ihr Vater schritt mit ernster Miene auf sie zu, zog sie an sich und sagte dann: „Ich bin so stolz auf dich! Es scheint, dieser … Sprechende Hut hatte recht – du bist wahrhaft mutig.“
Es hieß Albus Dumbledore hatte einmal gesagt: „Es gehört sehr viel Tapferkeit dazu, sich seinen Feinden in den Weg zu stellen … aber wesentlich mehr noch, sich seinen Freunden in den Weg zu stellen.“
Und ebenso seiner Familie – um für das einzustehen, an das man von ganzem Herzen glaubte!
Derart emotional aufgewühlt wurde der Abschied von ihren Eltern seltsam. Ihre Mutter hatte nicht aufhören können zu weinen – eine Tochter hatte sich jahrelang in größte Gefahr begeben, damit sie die andere Tochter zurückbekamen … Ihr Vater dagegen war voll des Lobes für die beiden jungen Männer, welche jederzeit in seinem Haus willkommen wären. Was vor allem Klerus einen hochroten Kopf verlieh. Nachdem sie per Flonetzwerk verschwunden waren, verblieb Nadeshiko im Büro der Direktorin.
„Haben Sie vielen Dank für diesen Tag.“, meinte sie lächelnd.
Professor McGonegall sah über ihre Brillengläser hinweg und wollte wissen: „Miss Yosogawa, wie kommen Sie mit Rien´s Verrat zurecht? Ich meine, er war Ihr Vertrauter … Durch ihn haben Sie Dinge erlebt, die sich nicht einfach vergessen lassen …“
Die Frage erwischte die Rothaarige vollkommen unvorbereitet. Bislang hatte sie nicht mehr weiter gewagt, an Ramon Rien zu denken … Es stimmte, ihr Vertrauen war missbraucht worden.
„Als ich die Wahrheit in Seiketsu´s Aufzeichnungen gefunden habe – ich dachte, ich würde in ein tiefes Loch stürzen. Dann kam die Wut, gefolgt von Angst … was er meinen Freunden alles hätte antun können … und ob … ob ich in all der Zeit, nicht doch ein wenig wie er geworden wäre.“, antwortete sie mit brüchiger Stimme.
Die Schulleiterin kam um den Schreibtisch herum und nahm ihre Hände, verständnisvoll entgegnete sie: „Natürlich eifern Schüler mehr oder minder uns Lehrern nach – das bedeutet jedoch nicht, dass sie an unsere Einstellungen gebunden sind. Sie selbst entscheiden, welchem Lebensweg Sie folgen möchten … und ich versichere Ihnen, Sie haben den dunklen Mächten bereits ordentlich Einhalt geboten!“
Eine Welle tiefer Dankbarkeit überflutete Nadeshiko´s Herz. Es mochte dauern, bis sie all die Erlebnisse richtig verarbeitet hatte … doch die Rettung ihrer Schwester war all das wert gewesen, was sie durchlebt hatte! Und noch blieben ihnen ein paar letzte Monate als ganz gewöhnliche Schülerin in Hogwarts – gemeinsame Ausflüge nach Hogsmeade, Streifzüge zu viert samt Shirayuki und ganz wichtig … die UTZ-Prüfungen würden schon bald ins Haus stehen!
Ob als Fluchbrecher oder Fluchopfer – der verpasste beziehungsweise vernachlässigte Schulstoff, besonders die Prüfung relevantesten Themen zu pauken, erwies sich als ebenso stressig, wie ihr vorangegangener Kampf. Lernen, lernen, lernen … Klerus bemitleidete seine Freunde und stellte sich Abfragen zur Verfügung. Da für Seiketsu keine Zeit vergangen war, konnte sie ihr Wissen bis dato wieder vollkommen abrufen – aber selbst ihr als Musterschülerin, was die Noten betraf, bereiteten die Abschlussprüfungen Sorgen.
Ohtah dagegen behauptete einmal großspurig: „Was kann daran so schwer sein? Wenn irgendein eingebildeter Angeber die UTZ hinter sich bringen kann, können wir das doch mit Leichtigkeit!“
Nadeshiko amüsierte sich über den Seitenhieb auf Argo. Das Gespräch über ihn hatten sie nachgeholt, nachdem sich die Aufregung um Seiketsu´s Befreiung etwas gelegt hatte – der Braunhaarige war nicht einmal wirklich eifersüchtig geworden, er gab ihr keine Schuld … und bestätigte, dass ihrer Liebe absolut nichts etwas anhaben konnte! Außerdem war die Einhaltung seines Versprechens in greifbare Nähe gerückt – sie standen tatsächlich kurz davor, das Abschlusszeugnis von Hogwarts nach Hause bringen! Mit dieser Entschlossenheit stürzten sich die drei in ihren zweiwöchigen Prüfungsmarathon – genau wie bei den ZAGs kamen zunächst die Hauptfächer dran. Der schriftliche Teil von Verwandlung war eine halbe Katastrophe, dafür ging ihnen der Praxisteil besser von der Hand – sie mussten, als Steigerung zum letzten Mal, einen Desillusionierungszauber auf sich selbst legen und vor zwei verschiedenen Hintergründen komplett verschwinden, was ihnen tadellos gelang. In Zauberkunst brachten sie ein etwas besseres Ergebnis auf das Papier und ihnen wurde die Aufgabe gestellt, aus einem einfachen Gegenstand eine Waffe zu machen. Ohtah, der seinem Familiennamen neue Ehre bereiten wollte, dachte an die drachenförmigen Wasserspeier auf dem Dach und führte »Draconifors« aus, welcher diese zum Leben erweckte beziehungsweise ihm die Kontrolle über sie gab. Nadeshiko blieb ihrem Element treu – mit »Flagrante« wurde das verzauberte Objekt bei Berührung glühend heiß. Und Seiketsu entschied sich für »Waddiwasi«, was ihr ausgewähltes Ziel mit hoher Geschwindigkeit voranschnellen ließ. Als die Gryffindor und der Slytherin hörten, was in der Verteidigung gegen die dunklen Künste geprüft wurde, mussten beide einen Lachanfall unterdrücken – es ging allen ernstes darum, sich bis zu zehn Minuten lang gegen die Angriffe des Prüfers zu verteidigen, ohne selbst in die Offensive zu gehen. Die Theorie war ihnen bereits leicht gefallen, hier glänzten sie wortwörtlich; der Ravenclaw war bei ersterem ebenfalls erfolgreich gewesen, wurde allerdings kurz vor Ablauf der Frist vom letzten Fluch getroffen. Im Fach seines Hauslehrers lieferte Ohtah eine perfekte Leistung ab, an der Seiketsu nur knapp vorbeischrammte – in der Kräuterkunde dagegen war es genau umgekehrt. Die nächtliche Prüfung von Astronomie verlief für die Braunhaarige nicht ganz so, wie gewünscht, stand allerdings auch nicht auf der Prioritätenliste, und dafür wunderte sich ihre Schwester wieder einmal, wie all die Jahreszahlen, merkwürdigen Namen aus Professor Binn´s einschläfernder Stimmlage in ihrem Kopf geblieben waren. Für Arithmantik, dem wichtigsten Fach für einen Fluchbrecher, sollten die Siebtklässler innerhalb von fünf Minute so viele magische Variablen, wie nur möglich an die entsprechende Stelle setzen – das ganze glich einem Puzzle und Nadeshiko setzte ihren kompletten Fokus auf die Aufgabe. Ebenso viel Eifer zeigte sie beim Übersetzungstext in Alte Runen, bei dem sie allerdings ausgerechnet die Worte »Tehanu«, was so viel hieß wie Windstoß, und »Therru«, was Flamme bedeutete, verwechselte. Seiketsu kam bei diesen zwei Prüfungen ebenfalls gut weg gekommen und hatte es damit geschafft. Für die anderen stand als letztes noch Pflege magischer Geschöpfe auf dem Plan – mit dessen Verlauf Nadeshiko und Ohtah eigentlich sehr zufrieden waren; besonders hatte ihnen die eine Aufgabe gefallen, bei der sie Eier den verschiedenen Tierwesen wie Hippogreif und Occamy zuordnen mussten.
Erschöpft, aber glücklich genossen die drei – Klerus hatte regulären Unterricht – den nächsten Tag im Schatten eines Baumes am Ufer des Schwarzen Sees. Die letzten Tage im Schloss konnten sie selbst gestalten, etwa wie der heutige oder in der Verbotenen Abteilung der Bibliothek, was noch auf ihrer Agenda stand. Genauso wie allen ihren Lieblingsplätzen nochmal einen Besuch abzustatten, den kommenden Samstag in Hogsmeade zu verbringen – sicher interessierte sich Madame Rosmertha, was aus Seiketsu´s Geschichte geworden war. Gegen Mittag, nachdem sie ausgeschlafen hatte, stieß Shirayuki zu ihnen und knabberte ein paar Kekse. Denn am Morgen war ein kleines Überraschungspaket auf Nadeshiko´s Bett gelegen, gefüllt mit Flaschen Limonade und Gebäck. Obwohl kein Absender darauf vermerkt war, wusste sie, es konnte einzig von der Hauselfe Ciri stammen konnte – sie hatten die UTZ mehr oder weniger erfolgreich, jedoch absolut zufrieden hinter sich gebracht und dies sollte wohl ihre Belohnung sein. Dieser Ort war so sehr ein Zuhause für die Absolventen geworden, dass der unausweichliche Abschied schmerzte …
„Ein Teil von mir kann es immer noch nicht recht glauben …“, meinte Seiketsu plötzlich, „Ich meine, was uns passiert ist – mit den Verliesen. Und na ja, es mag komisch klingen, aber nur deswegen sitzen wir jetzt hier.“
Die Rothaarige nickte: „So denke ich auch. Was auch immer der Grund sein mag, warum ausgerechnet wir diesen Fluchen brechen mussten …“
„Torvus würde nun bestimmt über die besondere Sternenkonstellation bei unserer Geburt erläutern, die genauso gewesen wäre, wie bei der Erschaffung durch die vier Gründer oder so etwas.“, lachte die Ältere.
Es hatte Nadeshiko´s gesamte Überredungskunst gebraucht, um sie zum Treffen mit den Zentauren zu bewegen … zu sehr hatte sich die Ravenclaw geschämt, für ihre blinde Verliebtheit, wegen der sie überhaupt erst so … rücksichtslos gehandelt und ihm wirklich den Pfeil gestohlen hatte. Daher war sie so unendlich erleichtert gewesen, dass er ihr verzieh und ihre Freundschaft erneuerte. Schon ihrer Schwester zu helfen, bewies ihr, dass Torvus ihre Bindung nie gänzlich verloren geglaubte …
Nadeshiko erwachte nach einem wundervollen Traum. Ein glückliches Lächeln lag auf ihren Lippen. Da fiel ihr auf, dass sie die einzige im Schlafraum war. Sie streckte sich genüsslich, als etwas – oder besser gesagt jemand an das Turmfester klopfte. Hastig stieg die Rothaarige aus dem Bett und ließ Shirayuki herein, die ein Päckchen mitgebracht hatte.
„Ist es das?“, wollte Nadeshiko mit leuchtenden Augen wissen, woraufhin ihre Eule einen kurzen Laut ausstieß.
Vor Aufregung zitternd öffnete sie es und ihre Finger fuhren fast schon zärtlich über den Inhalt.
„Hoffentlich gefalle ich ihm darin …“, flüsterte sie verlegen und ließ sich zurück auf ihr Bett fallen.
Den Anblick des scharlachroten Baldachins über sich würde sie vermissen … Sieben lange Jahre hatte dieser Ort sie begleitet. Unzählige Male hatte Nadeshiko den Glauben verloren, diesen Tag zu erleben – das Abschlussfest für die Hogwarts-Absolventen! Was für andere selbstverständlich erschien, war bei ihr stets fragwürdig gewesen … Doch nun war ihre Schwester befreit, das Geheimnis der Verwunschenen Verliese gelöst – und das alles Dank Ohtah. Eine Träne stahl sich auf ihre Wangen. Realistisch betrachtet glich ihr Leben in Hogwarts einem Märchen – ein Wunder, wie es im Buche stand, über eine tiefe Freundschaft, aus der Liebe wurde … Wenn es für »Glück« eine Bedeutung gab, dann diese!
Seit dem Ball in der Großen Halle hatte Nadeshiko nicht mehr die Gelegenheit gehabt, sich derart zu kleiden. Die meisten Schülerinnen, so wusste sie aus den Gesprächen, würden vorrangig Cocktailkleider tragen. Seiketsu und sie selbst wollten etwas gänzlich anderes – nicht um herauszustechen, darum ging es ihnen nicht; ihre Geschichte war der Grund dafür … die Verwunschenen Verliese stammten aus einer vollkommen anderen Zeit. Das Gewand ihrer Schwester erinnerte an eine Kräuterfrau oder fahrende Heilerin in den Farben ihres Hauses, das Haar hatte sie an der rechten Seite herabhängend zu einem festen Zopf gebunden, an ihrem Gürtel war ein Halfter für den Zauberstab angebracht. Genau derselbe befand sich auch an Nadeshiko´s Band, welches mit goldenen Stickereien verziert war und perfekt mit dem Jungfernkranz auf ihrem Kopf – ihr geflochtenes Haar fiel übrigens über die linke Schulter – sowie dem geschnürten, mittelalterlichen Kleid in einem tiefen Rotton harmonierte; um den Hals trug sie natürlich weiterhin das Medaillon. Beide hätten genauso gut einem Lehrbuch aus Geschichte der Zauberei entstiegen sein können. Wenig überraschend also, dass sie auf dem Weg zur Großen Halle sämtliche Blicke der Schülerschaft auf sich zogen. Für Ohtah war es beinahe wie ein Déjà-vu … Seine schwarz schimmernden Iriden weiteten sich vor Erstaunen. Er bekam nicht einmal mit, wie sein Bruder neben ihm ins Schwanken kam – seine Aufmerksamkeit galt allerdings Seiketsu. Mit deutlicher Röte im Gesicht begrüßten sie die geplätteten Herren.
„Du … du bist … wunderschön.“, stammelte Klerus unbeholfen und bot ihr seine Hand an, um sie hineinzugeleiten.
Ohtah dagegen zog seine Liebste fest an sich und küsste sie leidenschaftlich.
„Mister Shadowdragon, das ist gegen die Schulordnung – haben wir in unserer Laufbahn nicht schon genug Regeln gebrochen?“, hauchte Nadeshiko, ohne sich recht von ihm zu lösen.
Darauf grinste er frech und meinte: „Dann dürfen Sie mich eben nicht so um den Verstand bringen, Miss Yosogawa … Außerdem werden wir morgen doch ohnehin vor die Tür gesetzt!“
Noch einmal berührten sich ihre Lippen, ehe sie ihren Geschwistern folgten. Nur wenige, die nicht zur Abschlussklasse gehörten, wohnten diesem Abend bei – daher war die Sitzordnung der Haustische aufgehoben und die Freunde konnten sich einen gemeinsamen Platz suchen.
Ein paar Minuten später erhob sich Professor McGonegall von ihrem Platz und sagte würdevoll: „Willkommen! Lehrer zu sein, ist Fluch und Segen zugleich … Wir sehen Sie aufwachsen – helfen Ihnen dabei, wenn wir es vermögen und dann kommt irgendwann dieser Tag, an dem die Schüler dieses Schloss als vollwertige Hexen und Zauberer verlassen. Sie sind nicht mehr dieselben, die Sie bei Ihrer Ankunft hier waren … Diese Schule als Absolventen zu verlassen bedeutet, dass Ihnen von nun an die Welt offen steht – gleichzeitig wird Ihnen Hogwarts immer ein Stück weit ein Zuhause sein …“
Nadeshiko stutzte. Für einen kurzen Moment konnte sie die Augen der Direktorin feucht glitzern sehen. Als ihre Rede endete, gesellten sich Professor Sprout, Professor Slughorn sowie Professor Flitwick zu ihr – die vier Hauslehrer riefen jeweils einen ihrer Schüler zu sich, übergaben ihnen das Abschlusszeugnis und eine kleine Schatulle mit einigen persönlichen Worten. Nadeshiko´s, Ohtah´s und Seiketsu´s Namen erklangen gleichzeitig. Klerus schaute ihnen sehnsuchtsvoll hinterher – auf ihn wartete noch ein ganzes Jahr ohne seine Gefährten …
Wie erwartet hatte die Braunhaarige trotz aller Widrigkeiten in jeden Fach ein UTZ erhalten, wobei in Kräuterkunde ein »Ohnegleichen« glänzte und es bei Astronomie nur zu »Annehmbar« gereicht hatte – ansonsten strahlten ihr sehr zufriedenstellende »Erwartungen übertroffen« entgegen.
Der kleinwüchsige Zauberer schniefte plötzlich: „Ich muss mich nochmals bei Ihnen entschuldigen, Miss Yosogawa, – wir hätten die Suche nach Ihnen nicht aufgeben … und Sie so schlecht behandeln dürfen.“
„Ich habe Ihnen und den anderen nichts zu verzeihen … Meiner Schwester war es bestimmt, mich zu retten. Ich danke Ihnen für alles, Professor Flitwick.“, antwortete Seiketsu und verbeugte sich höflich.
Der Meister der Zaubertränke begann sein übliches Geschwafel über seine Wand mit bedeutenden Schüler und sagte plötzlich: „Sie haben Slytherin wahrhaft alle Ehre gemacht – ich sollte es ja nicht zu laut sagen, Mister Shadowdragon, aber Sie haben gezeigt, dass unser Haus nicht nur schwarze Magier hervorbringt!“
„Ich werde niemals auf die dunkle Seite wechseln, Professor!“, bestätigte Ohtah entschieden, ohne zu ahnen, dass seine Liebste einst fast genau dieselben Worte gebraucht hatte.
Mit seinem Zeugnis in der Hand, welches nicht nur in Verteidigung gegen die dunklen Künste, sondern auch in Zaubertränke die Bestnote zeigte, fühlte er sich bereit, Togo Yosogawa´s Erwartungen genauso gerecht zu werden, wie den Lehrern in den übrigen Fächern.
Wie oft hatten Professor McGonegall und Nadeshiko ernste Gespräche miteinander geführt? Nicht nur über die Verliese … und manchmal war es ihr so vorgekommen, als hätten sie sich wortlos unterhalten. Genau wie jetzt …
Schließlich ergriff die Ältere doch das Wort: „Manchmal vergisst man, was Tapferkeit wirklich bedeutet … Godric Gryffindor wäre stolz auf Sie, Miss Yosogawa, und Hogwarts wird nie vergessen, was Sie getan haben!“
„Es tut mir unglaublich leid für all die Scherereien, die ich Ihnen bereitet habe.“, entgegnete die Rothaarige mit einer tiefen Verbeugung, „Ich verspreche Ihnen, ich werde Ihre Lehren in Ehren halten.“
Ein mildes Lächeln trat auf die Züge ihrer Gegenüber und sie murmelte: „Ich weiß. Sollten Sie jemals meine Hilfe brauchen, wird Ihre Eule mich finden …“
Gerührt biss sich Nadeshiko auf die Lippen, sie nickte mehrmals und nahm die Insignien ihres Abschluss entgegen. Ihr Pergament trug – ganz im Zeichen ihres Berufswunsches – ebenfalls wieder in Verteidigung gegen die dunklen Künste ein »O« sowie in Arthmantik, für Alte Runen hatte es wohl wegen des kleinen Fehlers nur zu einem »E« gereicht, ebenso in all ihren anderen Fächern.
Als alle Schüler – nein, ehemaligen Schüler wieder Platz genommen hatten, erschien auf gewohnt magische Weise das Festmahl. Während sich die anderen direkt darüber hermachten, öffneten die drei Freunde erst einmal die geheimnisvollen Schatullen – darin befanden sich Ringe in den Legierungen gold für Gryffindor, silber für Slytherin und bronze für Ravenclaw; sobald es für Klerus soweit wäre, würde er ein solches Schmuckstück aus Obsidian erhalten. Neben dem Hogwarts-Wappen zeigte das Kleinod die Aufschrift »Alumni« … Absolvent. Alle steckten ihn sich an den linken, kleinen Finger – die Verbindung zu ihrer Vergangenheit auf der Herzseite.
In dieser Nacht schliefen sie nicht – sondern saßen zusammen im Raum der Wünsche, der sich in einer Mischung aller vier Gemeinschaftsraum zeigte.
„Ich weiß nicht, wie ich ohne das Schloss leben soll …“, seufzte Seiketsu wehmütig.
Ihre Schwester legte den Arm um sie und nickte: „Ja, das stimmt … aber denk´ an McGonegall´s Worte – es wird immer ein Stück Zuhause für uns sein.“
„Und das wichtigste, was Hogwarts uns gegeben hat, werden wir nie verlieren.“, meinte Ohtah, dann grinste er breit, „Einander!“
Seine Freunde lachten zustimmend. Doch Klerus wirkte betrübt … Sein Blick wanderte zu Seiketsu und er errötete. Ab morgen wäre sie fort …
„Sei!“, rief der Huffelpuff plötzlich wie aus der Pistole geschossen, „Würdest du in den Ferien mal mit mir ausgehen? So richtig, meine ich …“
Die Braunhaarige blinzelte ihn perplex an – Nadeshiko und Ohtah schauten genauso verdattert drein – und antwortete verlegen: „Gerne …“
Erleichtert konnte Klerus wieder durchatmen und der Slytherin gab ihm einen Klaps auf den Rücken, ehe seine Liebste sich an ihn wandte: „Ohtah … meine Antwort lautet >ja, ich will<. Es tut mir leid, dass ich dir das nicht gleich sagen konnte …“
Klerus und Seiketsu stand der Mund offen, während Ohtah ihre Hand ergriff und entgegnete: „Du bist jede Wartezeit wert, Shiko … Mein Herz wird für alle Ewigkeit nur dir gehören, das schwöre ich!“
So wurde aus ihrem gemütlichen Beisammensein gleich noch eine kleine Verlobungsfeier, welche die Hauselfe Ciri wie auf Stichwort noch ein letztes Mal mit Leckereien aus der Küche versorgte, und sich über die ganze Nacht erstreckte. Erst gut eine Stunde vor dem Frühstück kehrten sie schließlich nach unzähligen Gesprächen über ihre Abenteuer in die Schlafsäle zurück; keiner von ihnen hatte bislang seinen Koffer fertig gepackt und um ehrlich zu sein, wollten sie nicht noch mit einer Rüge gehen … Dreimal kontrollierte Nadeshiko schließlich, ob sie auch wirklich nichts vergessen hatte. Eines der letzten Dinge, die sie verstaute, waren ihre Umhänge sowie der Spitzhut, diese Kleidung würde sie ein Leben lang in Ehren halten!
Vier Stunden später war sämtliches Gepäck in den Zug gebracht worden, die Eulenkäfige sicher verschlossenen und ein aufgeregtes Stimmengewirr hallte durch die Flure. Nach und nach wurden die Schüler von den schwarzen Kutschen zum Bahnsteig gebracht. Nadeshiko, Ohtah, Seiketsu und Klerus standen vor dem gewaltigen Eingangstor des Schlosses und ließen den Blick über das Gelände schweifen. Synchron hoben die drei Absolventen ihre Zauberstäbe, helle Lichter flogen langsam empor, welche die Gestalt verschiedener Tierwesen annahmen – ein Phönix, ein Drache, ein Einhorn. Ein letzter Gruß zum Abschied …
Jeder Mensch ist im Grunde auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens … manche bewusst, manche unbewusst. Und wieder andere kennen bereits ihre Aufgabe. Die Legende der Verwunschenen Verliese ist zu Ende erzählt … doch die Abenteuer von Nadeshiko Yosogawa haben gerade erst begonnen!
Erzählung 13: Eine legendäre Hochzeit
Gemeinsam lieben und leben
„Und du meinst ernsthaft, dass wir das dürfen?“, wollte der Blonde skeptisch wissen.
Sein älterer Halbbruder grinste schelmisch: „Wir erinnern sie einfach an ihre Rede. Und dass es, laut ihr, auch nie in Vergessenheit geraten würde, was wir getan haben. Stell´ dir einfach vor, wie Shiko und Sei reagieren werden.“
Bei der Erwähnung seiner Geliebten, färbten sich Klerus Wangen dunkel und er seufzte: „Na ja, du bist wenigstens schon verlobt – ich hab´ sie noch nicht einmal gefragt.“
Kopfschüttelnd packte Ohtah ihn am Arm, der sofort die Augen zukniff. Der Braunhaarige hatte sich ja bereits mit dem Apparieren schwer getan – doch Klerus war im Grunde ein vollkommen hoffnungsloser Fall. Auch das Seit-an-Seit-Apparieren brachte ihm nur Übelkeit. Mit einem Knall verschwanden die jungen Männer. Und tauchten nur Sekunden später an einer ganz anderen Stelle, genau genommen sogar in einem anderen Land wieder auf – von einem kleinen Ort in England aus, in dem das Anwesen ihrer Liebsten lag, waren sie nach Schottland gereist. Ein Muggle hätte nun lediglich eine verlassene Ruine gesehen, der er schnurstracks wieder den Rücken gekehrt hätte … Ohtah und Klerus dagegen wurden beim Anblick der hohen Türme schlagartig melancholisch – sieben Jahre lang hatten sie dieses Schloss ihr Zuhause genannt. Dort hatten sie gelebt, gelernt, gekämpft, geliebt und gesiegt – gegen die Flüche der Verwunschenen Verliese und einen ehemaligen Professor, welcher seitdem sein Dasein in Askaban fristete.
„Bereit?“, fragte der Braunhaarige und machte bereits einen ersten Schritt in Richtung des Eingangsportals.
Entschlossen folgte ihm der ehemalige Hufflepuff. Der Schutzwall um die Schule schlug keinen Alarm – es herrschte Frieden in der Zaubererwelt –, allerdings informierte er die Schulleitung über den nahenden Besuch. Argus Filch, der uralte, verquere Hausmeister öffnete ihnen das Eingangsportal. Misstrauisch betrachtete er die beiden – es kam nicht sehr häufig vor, dass ehemalige Schüler vor der Tür standen.
„Guten Tag, Mister Filch.“, meinte Ohtah und kramte einen Brief aus seinem Umhang, „Wir haben einen Termin mit der Schulleiterin.“
Gemächlich überflog der Sqiub das Schreiben, ehe er ihnen mit einem Wink bedeutete, ihm zu folgen. Nicht, dass sie das Büro nicht auch allein gefunden hätten.
„Da sind zwei Halbstarke, die zu Ihnen wollen, Professor. Behaupten, Sie hätten sie eingeladen. Soll ich sie dafür im Kerker aufhängen?“, kündigte der Alte sie bei einer Hexe an, die einen schwarzen, mit einer Feder besetzten Spitzhut und ein grünes Samtgewand trug.
Ein Lächeln hellte ihr Gesicht auf und sie erwiderte: „ Danke, Argus, das wird nicht nötig sein. Mister Shadowdragon, Mister Monko, nur herein.“
Grimmig schlurfte Mister Filch davon, murmelte etwas über alte Zeiten und die jungen Zauberer traten ein.
„Schön, Sie wiederzusehen, Professor.“, sagte Klerus und beide deuteten eine Verbeugung an.
Nach mehreren Jahren in einem japanisch geführten Haushalt, waren manche Angewohnheiten tatsächlich auf sie abgefärbt.
„Ich freue mich ebenfalls.“, bestätigte Professor McGonagall, „Warum kommen Sie denn allein?“
Sicher wäre es für Nadeshiko und Seiketsu Yosogawa ein Fest gewesen, hierher zurückzukehren … Nun ja, vielleicht war ihnen dies ja bald vergönnt – zumindest hofften die beiden Zauberer dies mit ihrem Besuch zu erreichen.
„Weil wir mit einer Bitte zu Ihnen kommen. Einer Überraschung, die Ihrer Zustimmung bedarf …“, erklärte Klerus und holte tief Luft – er wollte unbedingt für das eintreten, was er sich von ganzem Herzen wünschte und dieses Gespräch war die erste Hürde.
Gemeinsam berichteten beide, worum genau es sich handelte. Perplex blinzelte die Hexe hinter den rechteckigen Brillengläsern, ehe sie sich zurück auf ihren Stuhl hinter dem Schreibtisch setzte und mit aneinandergelegten Händen: „Diese Schule verdankt Ihnen so viel … Meine Zustimmung bekommen Sie und ich bin sicher, die übrigen Professoren werden dem ebenfalls wohlwollend gegenüber eingestimmt sein.“
Nachdem sich die Herren überschwänglich bedankt hatten, kehrten sie erleichtert zurück nach Hause.
„Jetzt gibt es kein Zurück mehr – du musst sie endlich fragen!“, schärfte Ohtah dem Jüngeren noch einmal ein, was diesem nur zu genau bewusst war.
Klerus konnte nicht recht erklären, warum ihm diese Sache bislang nicht über die Lippen gekommen war … Er dachte zurück, wie Nadeshiko ihn im Raum der Wünsche nach seinen Gefühlen für Seiketsu gefragt hatte. Seit er ihr Foto gesehen hatte, war ein Sehnen in ihm erwacht, das nach ihrer Rettung regelrecht aufgeschrien hatte …
Sollten Kai Yosogawa oder die Hauselfe später tiefe Bahnen im Rasen finden, würden diese auf das Konto von Klerus Monko gehen … Weil er schier stundenlang unter Seiketsu´s Fenster hin- und herlief. Wie lange ging er bereits auf diesem Gelände ein und aus? Mit den Jahren hatte er die Gewohnheiten aller Bewohner kennengelernt. Niemand sollte um diese Uhrzeit mehr in den Garten kommen … Das Schlafzimmer ihrer Eltern lag zur anderen Seite hinaus – ebenso wie das Gästezimmer beziehungsweise Ohtah´s Zimmer, in das sich Nadeshiko jeden Abend schlich, sobald Togo und Kai zu Bett gegangen waren. Und Mimi bereitete in der Küche im Keller das Frühstück für den nächsten Tag vor. Seine Hand wanderte in die hintere Tasche der Jeans und schloss sich um den Griff seines Zauberstabs. Mit einem kleinen Wutschen schickte er ein Steinchen los, welches gegen das Fenster von Seiketsu´s Zimmer schlug. Es dauerte nur wenige Momente, ehe seine Angebetete öffnete und ihn überrascht ansah. Vor allem da Klerus in einem Ring aus leuchtenden Blumen stand, die er für sie gezaubert hatte.
„Sei … ich bin kein großer Poet. Trotzdem bitte ich dich, mir genau zuzuhören.“, sagte er nervös und ging mit einem Bein auf das Knie, „>Zwei Ranken wachsen / und verschlingen sich dabei / zu einer Einheit.<“
Sein Blick senkte sich zum Boden, er platzierte eine kleine Schachtel vor sich und berührte anschließend den Rasen darunter. Von zwei verwobenen Pflanzen wurde das Kleinod bis zu Seiketsu hinauf getragen, die es vorsichtig entgegen nahm. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie den Deckel aufklappte. Im ersten Augenblick konnte sie nicht glauben, was sie erblickte und was Klerus da gerade tat … Er hatte ihr ein »Haiku« vorgetragen, ein Gedicht in japanischem Stil … und ihr auf besondere Weise ein Geschenk überreicht. Einen roségoldenen Ring mit einem von weißen Steinen eingerahmten Saphir … Er machte ihr einen Heiratsantrag! In ihren Augen sammelten sich Tränen. Ohne auf etwaige Etikette zu achten, raste Seiketsu die Treppe hinab und stürmte ohne in die bereitgestellten Hausschuhe hinaus in den Garten, wo sie Klerus um den Hals fiel.
„Heißt das >ja< oder ist das ein Versuch, mich zu erwürgen?“, witzelte er, allerdings ebenfalls mit feuchten Augen.
Seiketsu schaute ihm ins Gesicht und antwortete: „Ja … ja … und nochmals ja!“
Lächelnd nahm er ihre linke Hand, um ihr den Ring anzustecken. Überglücklich verfielen sie in einen langen Kuss.
„Eine Doppelhochzeit?“, riefen Nadeshiko und Seiketsu begeistert aus.
Eine Welle der Erleichterung erfasste Ohtah und Klerus angesichts ihrer Freude über diese Idee – die letzten Stunden standen beide ziemlich unter Strom … sie als »nervös« zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung gewesen. Nun breitete sich ein breites Grinsen auf den Gesichtern der Herren aus.
„Oh, Shiko, es gibt so viel zu planen!“, meinte die Braunhaarige glücklich und sprang auf, um ihrem Frischverlobten einen Kuss auf die Wange zu drücken, „Danke …“
Knallrot nickte Klerus, während er nach ihrer Hand griff: „Ich möchte, dich glücklich machen …“
Wieder ließen sich Seiketsu´s Tränen nicht zurückhalten. Auch Shiko weinte vor Freude. Dafür hatte es sich gelohnt, alles auf sich zu nehmen! Für diese Zukunft …
„Es gibt zum Thema Vorbereitung allerdings noch eine winzig kleine Überraschung.“, sagte Ohtah, um von dem traurigen Unterton in der Stimmung abzulenken, „Der Trauort bleibt geheim.“
Verwundert sahen die künftigen Bräute an. Die frühere Gryffindor zog zusätzlich eine Augenbraue hoch – Ohtah tat nie etwas ohne tieferen Grund … Er musste sich wahrlich irgendetwas ganz besonderes einfallen lassen haben.
Sie lächelte und antwortete: „Gut. Dann dürft ihr euch jetzt um euren Teil kümmern und wir wenden uns unseren Outfits zu, Oneechan!“
Damit begann eine ganze Organisationsodyssee – Kleidung von Braut und Bräutigam waren schließlich nur der Anfang … Gästelisten, Einladungen, Sitzordnungen, Menüvorschläge mussten verfasst werden; Gedecke, Blumenschmuck, Dekoration, Musik, Torten und vor allem die Ringe mussten sorgfältig ausgewählt sowie Abläufe ausgedacht werden. Kai war vollkommen aus dem Häuschen, dass ihre beiden Töchter solch edle Partner gefunden hatten und Togo schwärmte bei seinen Geschäftspartnern regelrecht von seinen zukünftigen Söhnen. Währenddessen konnte Nadeshiko einfach nicht aufhören zu lächeln – selbst wenn die Vorbereitungen etwas stressig wurden, weil sie bereits in nur drei Monaten heiraten würden -, weil eben genau dieses Leben ihren einzigartigen Patroni hervorgebracht hatte. Ihr früherer Mentor, der sich zwar als dunkler Zauberer herausgestellt hatte und damit im Grunde ohnehin nichts von diesem Zauber verstand, wollte damals wissen, welche Erinnerung sie gewählt hatte … Nur war es gar keine Erinnerung gewesen, sondern die Vorstellung eines glücklichen Lebens mit Ohtah, Seiketsu und Klerus.
Die Wangen der beiden Frauen bildeten mit ihrer roten Farbe einen deutlichen Kontrast zu den weißen Gewändern, die sie trugen. Eine trug einen zart bestickten Seidenkimono, der von einem bronzefarbenem Obijime abgerundet wurde. Dieser Ton fand ich zudem in ihrem Schmuck wieder, geziert von wundervollen, dunkelblauen Saphiren. Auf die typisch japanische Kopfbedeckung einer Braut hatte sie verzichtet und trug in ihrer Hochsteckfriseur stattdessen eine Seerose. Dieselbe Blume befand sich im kurzen, roten Haar ihrer Schwester. Sie hatte sich für ein wallendes Hochzeitskleid entschieden, welches am herzförmigen Ausschnitt mit flammenden Rubinen geschmückt war. Sie waren die perfekten Spiegelbilder ihrer eigenen Geschichte – japanisch und englisch, Ravenclaw und Gryffindor.
„Ihr seid … wunderschön. Womit habe ich verdient, mit solch wundervollen Töchtern gesegnet zu sein?“, sagte Togo, kaum dass er eingetreten war.
Noch ein Grund, warum sich sämtliche Strapazen von Nadeshiko´s Schulzeit gelohnt hatten – ihr Vater war nicht länger verbittert, sein Herz nicht mehr kalt und verschlossen. Auffordernd hielt er ihnen seine Arme hin, Seiketsu und Nadeshiko hakten sich bei ihm ein. Nach einem letzten Blickwechsel, disapparierte Togo und nahm seine Töchter mit sich, die nicht glauben konnten, wo sie wiederaufgetaucht waren … Die gewaltige Glocke im Uhrenturm, der in den Innenhof hinausführte, begann zu läuten, um ihre Ankunft zu verkünden. Das hölzerne Tor zur Eingangshalle stand weit offen. Doch sie rührten sich nicht … Nadeshiko und Seiketsu starrten das Gebäude weiterhin nur ungläubig an. Wie nur hatten Ohtah und Klerus das bloß vollbracht? Niemals zuvor hatte man von einer Hochzeit innerhalb der Mauern dieses Schlosses gehört. Und dennoch war dieser Ort für ihre Hochzeit perfekt! Hogwarts … Gerührt sahen die Schwestern sich an – wenn überhaupt möglich, liebten sie ihre Zukünftigen in diesem Augenblick nur noch mehr.
„Bereit?“, fragte Togo lächelnd, „Sonst werden Ohtah und Klerus noch nervös.“
Lachend nickten seine Töchter und sie schritten über die Brücke, durch das Eingangsportal, hin zur Großen Halle. Alles wirkte gleichzeitig vertraut und doch ganz anders … Das Himmelsgewölbe zeigte einen klaren Sternenhimmel, der mit ihrem Erschaffung noch einmal mehr aufleuchtete. Die typischen, schwebenden Kerzen tauchten alles in ein warmes, weiches Licht. Die Banner präsentieren alle vier Häuser – apropos die Haus- und Lehrertische waren verschwunden; geschwungene Bänke standen zu beiden Seiten eines Mittelgangs, der sich zum Podest öffnete, auf dem sie drei Personen erwarteten … Professor McGonagall und die Bräutigame. Ohtah hatte sich in einen grauen Frack mit dunkelgrünem Futter samt passender Weste und Fliege gekleidet – ein stolzer Slytherin, auf dessen Gesicht ein breites Grinsen lag, trotz seiner hastigen Atmung beim Anblick von Nadeshiko. Es berührte Seiketsu zutiefst, Klerus in schwarzem Haori und grauen Hakama mit einem gelben Haoti himo zu sehen – nicht nur, weil er sich so überzeugend als Hufflepuff präsentierte, sondern weil er ihre Familienkultur derart respektierte. Wenn sein Bruder bereits überwältigt von seiner Braut war, konnte der Blonde sein Glück kaum fassen. Bevor sie allerdings die letzten verbliebenen Meter überwanden, erhob sich Kai von ihrem Platz und zauberte ihren Töchtern mit »Orchideus« zwei zauberhafte Brautsträuße, passend zu ihrem floralen Haarschmuck. Bei den Herren angekommen, verneigten diese sich tief vor ihrem Schwiegervater, der ihre Geste jeweils erwiderte und ihnen die Hände übergab.
„Wenn das nicht bereits unser Hochzeitstag wäre, müsste ich dich auf der Stelle heiraten.“, flüsterte der Braunhaarige Nadeshiko ins Ohr.
Auch Seiketsu bekam eine leise Botschaft: „Als du einen Kimono getragen hast, habe ich mich in dich verliebt … und nun trägst du einen zu unserer Hochzeit.“
Mit einem sanften Räuspern verschaffte sich die Rektorin Gehör: „Für gewöhnlich halte ich Begrüßung- und Abschiedsreden für Schüler … keine Traureden. Aber eigentlich ist es gar nicht so ein gewaltiger Unterschied – auch Sie verabschieden sich von etwas, von Ihrem früheren Leben … und begrüßen die Ehe, die Sie heute hier schließen wollen. Mit Hindernissen kennen Sie sich wahrlich zu genüge aus, dennoch werden in Zukunft weitere, andere auf Sie zukommen. Hindernisse, die nur gemeinsam bewältigt werden können … Hindernisse, für die es nicht unbedingt direkt einen passenden Zauberspruch gibt … Aber kein Fluch, nein, ein Segen – ein Versprechen. Und so frage ich zunächst Sie, Mister Ohtah Shadowdragon, wollen Sie versprechen Miss Nadeshiko Yosogawa stets zu lieben, zu ehren, zu achten und alles mit ihr zu teilen?“
Nach einem tiefen Atemzug wandte sich Ohtah an Nadeshiko: „Meine geliebte Shiko, ich habe es dir schon einmal gesagt und möchte es heute vor Zeugen wiederholen. Du warst diejenige, die mich aus der Dunkelheit gerettet hat! Weil du mein Licht bist … Ich war gefangen, mein halbes Leben lang – du war die erste, die mich als >Ohtah< gesehen und akzeptiert hat, auch als du die ganze Wahrheit über mich erfahren hast. Ich kann nicht in Worte fassen, wie dankbar ich dir bin – aber ich habe ein ganzes Leben lang Zeit, um es dir zu beweisen. Ja, ich will!“
„Dann frage ich Sie, Miss Nadeshiko Yosogawa, wollen Sie versprechen Mister Ohtah Shadowdragon stets zu lieben, zu ehren, zu achten und alles mit ihm zu teilen?“, wiederholte sie die Frage.
Ein Lächeln erhellte ihr Antlitz, als sie erwiderte: „Ohtah, mein Geliebter, ich weiß nicht, wie oft du mich wiederaufgebaut und mir neue Kraft gegeben hast – schon bevor wir ein Paar wurden. Ohne dich hätte ich diesen Weg nicht gehen können, ohne dich hätte ich mein Ziel nicht erreicht. Heute geht für mich ein Traum in Erfüllung, auf den ich lange nicht zu hoffen gewagt habe. Doch nun stehen wir hier und ich schwöre dir, dich für immer zu lieben! Ja … ja, ich will!“
Auf McGonagall´s Wink hin, umfasste Ohtah das Gesicht seiner Frau mit den Händen und küsste sie unter dem donnernden Applaus der Gästeschar.
„Nun zu Ihnen.“, fuhr Minerva McGonagall fort und sah das zweite Brautpaar an, „Ich frage Sie, Mister Klerus Monko, wollen Sie versprechen Miss Seiketsu Yosogawa stets zu lieben, zu ehren, zu achten und alles mit ihr zu teilen?“
Klerus neigte sein Haupt, um seiner Braut einen Handkuss zu geben, dann erklärte er: „Liebste Sei, es gleicht einem Wunder, dass wir hier heute nebeneinander stehen. Ein Abbild von dir hat genügt, damit ich von dir gefesselt war … ein Abbild und deine Geschichte. Als wir uns dann wirklich kennenlernten, fühlte ich mich plötzlich vollständig … Durch dich bin ich ein besserer Mensch, für dich will ich so viel mehr sein. Weil ich dich von ganzem Herzen liebe! Ja, ich will …“
Erfreut richtete die Schulleiterin sich letztlich an die Braunhaarige: „Klerus, ich liebe dich! Von dir habe ich gelernt, was es bedeutet, wahrhaftig zu lieben – ohne Bedingungen, ohne Einschränkungen. Du siehst mich, du verstehst mich. Wenn ich darüber nachdenke, was mir passiert ist, frage ich mich, ob es nicht Schicksal war – damit wir uns begegnen konnten. Das ist mir nicht nur ein Trost, sondern ein Geschenk … Ich habe eine zweite Chance bekommen und dieses Leben will ich mit dir gemeinsam verbringen! Ich will … ja, ich will!“
Auch der Kuss von Klerus und Seiketsu wurde vom Jubel der Menge begleitet.
„Ich gratuliere Ihnen, Mister und Misses Yosogawa …“, sprach Professor McGonagall stolz, „Und Ihnen, Mister und Misses Yosogawa.“
Überrascht sahen die beiden Frauen zu ihren Männern.
Ohtah biss sich vor Lachen auf die Lippen: „Ihr glaubt doch nicht allen Ernstes, dass wir euch euren gemeinsamen Nachnamen nehmen.“
„Außerdem wollte mein Bruderherz seinen eigenen unbedingt loswerden und auch endlich denselben Nachnamen tragen, wie ich.“, fügte Klerus scherzhaft hinzu, woraufhin alle lachten.
Begeistert zogen alle vier Brautleute ihre Zauberstäbe und schickten ihren Patroni durch die Große Halle – Nadeshiko´s Phönix zog segelnd weite Bahnen, gefolgt von Ohtah´s Drachen, während Seiketsu´s Einhorn und Klerus´ Abraxaner durch den Mittelgang galoppierten … Niemals müsste es mehr ein Wunschgedanke sein, der einem ihrer Patronuszauber seine Gestalt verlieh – von diesem Moment an war die Erinnerung an diesen heutigen Tag …
Glück ist schwer in Worte zu fassen … Shiko, Ohtah, Sei und Klerus haben ihres in ihrer gemeinsamen Zukunft gefunden – eine Zukunft, die viel zu lange ungewiss, ungreifbar gewesen war. Doch nun endlich ist sie Tatsache!
Buch 15: Die Legende von Engeln und Dämonen
»Wahre Liebe kann nicht sterben« – doch wie sieht die Situation aus, wenn einer der beiden Liebenden sterblich ist … und der andere unsterblich? Beziehungen zwischen verschiedenen Völkern und unterschiedlichen Rassen sind seit jeher kompliziert, anstrengend. Doch wäre es nicht das erste Mal, dass Shiko Yosogawa und Ohtah Shadowdragon eine Lösung für ein unmögliches Problem finden …
Feuer gegen Feuer
Hinter der Fassade des normalen Lebens verbirgt sich noch eine andere Welt … jene, in der alle Geschichten über Engel, Dämonen und Monster real waren. Legenden über Hexenmeister und Vampire oder Werwölfe, Elfen und Feen sowie Zombies, sogenannt Forsaken. Ebenso wie die Hüter des Friedens … die Shadowhunters – halb Engel, halb Mensch beschützen sie die Mundi, die Bewohner der Menschenwelt seit Jahrhunderten aus dem Verborgenen heraus. Als Kinder des Erzengels Raziel mit dessen Runen ausgestattet und Waffen aus Adamant, welche dämonische Energien auslöschen konnten.
So stand in unserer Zeit in der ehemaligen Hauptstadt Japans eines der berüchtigten Institute der ganzen Welt, getarnt durch Zauberglanz als einsturzgefährdete Tempelruine. In Wahrheit stand das Gebäude vollkommen unversehrt auf geweihtem Boden. In Kyoto war man es gewohnt, dass Mundi häufiger von übernatürlichen Erlebnissen berichteten – denn hier waren die Grenzen zwischen der Unterwelt und den Sterblichen seit jeher dünn, manchmal beinahe durchscheinend gewesen … was unweigerlich mehr Arbeit für die Shadowhunters bedeutete. So wie nun da ein mächtiger, höherer Dämon direkten Kurs auf die Stadt nahm – die Sensoren hatten ihn bereits aus hundert Kilometern Entfernung registriert. Zeit genug, damit sich das Team für den Außendienst wappnen konnte; eine Nachricht an die nächstliegenden Institute ging auch bereits raus. Nach Möglichkeit wollten sie ihn jedoch noch außerhalb abfangen und zurück in die Hölle verbannen, bevor er das Leben der Tausenden von unschuldigen Seelen unnötig bedrohte.
Der braunhaarige Shadowhunter fluchte und steckte die Seraph-Dolche zurück in die Holster an seinem Gürtel, nachdem er vergeblich auf die Feuerwand eingestochen hatte. Nun zog er eine Handvoll Wurfpfeile aus einem Säckchen. Mit Hilfe seiner Geschicklichkeitsrune vollführte er einen Stunt, welcher ihn hoch in die Luft beförderte, und holte bereits zum Wurf aus, da schlug ihn eine Druckwelle gegen den nächsten Baum. Krachend kam Ohtah Shadowdragon auf dem Boden auf.
„Das kommt von deinen ständigen Alleingängen!“, schimpfte eine junge Frau mit ihm.
Kopfschüttelnd aktivierte sie mit ihrer Stele seine Iratze, die Heilungsrune.
Etwas mürrisch kam Ohtah wieder auf die Beine und meinte: „Irgendwie hätte ich das schon hinbekommen, Seiketsu.“
Bevor Genannte protestieren konnte, traf ein dritter Shadowhunter am Kampfplatz ein. Sein Name lautete Klerus Shadowdragon – er war der jüngere Bruder von Ohtah und dessen Parabatai, sein runenverbundener Kampfgefährte.
„So viel zum Thema wir würden zusammen kämpfen, Ohtah-nii.“, rügte auch er den Braunhaarigen, „Also jemand einen Vorschlag? Sei-chan?"
Ohtah Shadowdragon grinste. Und so versuchten sie gemeinsam eine Breche zu schlagen und an den Dämon heranzukommen. Vergeblich – das Feuer schien unüberwindbar. Die Ausgeburt der Hölle rückte weiter vor … und prallte plötzlich zurück. Verwundert brüllte er auf, als seine Flammen zurückwichen. Daher gab er seinen Vormarsch erst einmal auf.
„Wenigstens halten die Barrieren der Schutzzauber. Los, Rückzug ins Institut!“, befahl Seiketsu, was ihr ein Grummeln ihrer Teamkameraden einbrachte.
„Wir brauchen einen Hexenmeister …“, stellte der Braunhaarige missmutig fest.
Es passte ihm überhaupt nicht, fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Er hatte bei weitem nichts gegen Unterweltler – es war seine Aufgabe auch sie zu beschützen. Zu versagen … damit kam er nicht klar, denn genau das bedeutete die heutige Niederlage für ihn.
Sein Bruder pflichtete ihm dennoch bei: „Und zwar nicht irgendeinen – Feuerzauberzauber dieser Art sind jedermanns Sache.“
„Dann setz´ ich mich mal an die Kartei; irgendwo in Japan muss es doch einen Meister auf diesem Gebiet geben.“, erklärte die Shadowhunter und widme sich direkt dem hochmodernen Bildschirm.
Die Männer nutzten die Zeit, um zu trainieren. Ein typisches Verhalten – jedes Problem, das nicht sofort gelöst werden konnte, verlangte, sämtlichen Frust an einem der Boxsäcke abzulassen. Als Parabatai war es nicht nötig, dass sie einander ihre Gefühle mitteilten – der andere konnte sie spüren. Sie teilten Gedanken, Instinkte; sie waren ein Teil des jeweils anderen. Auf der ganzen Welt gab es niemand, der Ohtah besser kannte … selbst wenn sie keine leiblichen Geschwister gewesen wären.
„Hat nicht so gut geklappt, Seiketsu zu beeindrucken, nicht wahr?“, meinte Ohtah herausfordernd, um sich abzulenken.
Sofort schoss seinem Bruder das Blut in die Wangen, während er stotterte: „Ach, das … das hatte ich doch gar nicht vor. Ich … Sei-chan ist … also …“
Der Ältere lachte und Klerus fiel mit ein. Wie gesagt, es hatte überhaupt keinen Sinn, ihn anzulügen.
Stunden später war es Seiketsu schließlich gelungen: „Ich hab´ sie! Shiko Yosogawa, Alter unbekannt … Zeichen unbekannt … aktueller Wohnort Haus auf dem Berg Ontake … Genau, hier steht es – Spezialität Elementarzauber, besonders für ihre mächtigen Flammen bekannt.“
„Perfekt, Sei-chan! Ich wusste, du würdest eine Lösung finden.“, lobte der Blonde ihre Bemühungen.
In Anlehnung an ihre vorangegangene Unterhaltung gab Ohtah seinem Bruder einen Klaps auf die Schulter und meinte: „Ja, ja, genug geflirtet. Wir sollten uns lieber auf den Weg machen, Klerus.“
Die Zauberin lebte auf einem kleinen Anwesen auf dem zweithöchsten Vulkan des Landes, in den japanischen Nordalpen, an der Grenze der Präfekturen Nagona und Gifu. Sollte es wirklich eine Überraschung sein, dass ausgerechnet eine »Feuerhexe« sich ein derart glühendes Heim gewählt hatte? Es war nicht gerade ein Spaziergang – viele pilgerten zum dortigen Schrein am Gipfel –, jedoch für Shadowhunter auch nicht gerade ein große Herausforderung. Vor dem hiesigen Bannkreis hielten die beiden Männer inne; er sollte all jene fern halten, die mit bösen Absichten eindringen wollten – da sie diese nicht hatten, konnten sie ungehindert passieren.
Allerdings wurde Shiko dadurch über ihren unangekündigten Besuch informiert und so erwartete sie die Shadowhunter bereits an ihrer Haustür: „Wie komme ich denn zu dieser zweifelhaften Ehre, Hantā no Kage-san (Schattenjäger)?“
„Yosogawa-dono, wir kommen vom Kyoter Institut und möchten Ihre Hilfe erbitten.“, erklärte Klerus in einer tiefen, respektvollen Verbeugung.
Er warf einen Seitenblick zu seinem Parapatai, der sich nicht mehr zu regen schien. Also stieß er ihn knapp mit dem Ellenbogen an. Sofort erwachte Ohtah aus seiner Starre, welche jedoch nicht auf etwaige Magie zurückging …
Er ahmte die Geste nach und stellte sich vor: „Mein Name ist Ohtah Shadowdragon – mein Bruder Klerus und ich freuen uns, Sie kennenzulernen.“
Shiko lächelte etwas verhalten. Es war ihr nicht entgangen, wie er junge, braunhaarige Nephelim den Atem angehalten hatte, als er sie erblickt hatte … Wäre sie eine Vampirin gewesen, hätte sein schlagendes Herz in ihren Ohren gedröhnt. Eigentlich seltsam … wo Shadowhunter doch für ihren kühlen Kopf und Nerven wie Drahtseile bekannt waren.
„Nun gut, kommt herein und berichtet mir, worum es genau geht.“, gab die Hexenmeisterin nach und führte ihre Gäste in den Wohnraum, welcher traditionell japanisch eingerichtet war.
Als sie auf den Kissen Platz genommen hatte, schnippte Shiko mit den Finger und drei dampfende Tassen grünen Tees sowie ein Teller mit Gebäck erschienen auf dem niedrigen Tisch zwischen ihnen. Klerus wunderte sich über das Verhalten seines Bruders; für gewöhnlich preschte Ohtah nicht nur im Kampf nach vorne. Da er aktuell jedoch partout nicht mit der Sprache rausrücken wollte, berichtete er Shiko von der Gefahr, in der Kyoto und anschließend der Rest des Landes sich aktuell befanden. Besonders schmerzlich war es, eingestehen zu müssen, wie nutzlos ihre sonst so hochgeschätzten Adamant-Waffen gewesen waren …
Kurz zeichnete sich Schrecken auf dem Gesicht seiner Gegenüber ab, die schlussendlich entgegnete: „Das ist sehr ungewöhnlich … oder zumindest sehr selten. Es ist Jahrhunderte her, seit ich zum letzten Mal vom Erscheinen eines elementaren Dämonen gehört habe. Sie stammen aus der tiefsten Dimension der Hölle … Einst waren sie Cherubim, die vom Himmel fielen – ebenso wie ihre damaligen Flügel repräsentiert nun je einer von ihnen eines der vier Elemente.“
Vor Shiko´s innerem Auge erschien eine Gestalt, die ihr eine Gänsehaut bescherte. Wenn dieses widerliche Ding tatsächlich auf seinen Befehl hin in Kyoto einfallen sollte, war er ihrer Spur näher gekommen … Anscheinend war die Zeit des Versteckens damit endgültig zu Ende – die Shadowhunters hatten recht getan, sie aufzusuchen, und wussten dabei gar nicht, wer sie in Wirklichkeit war. Denn sollte er noch immer hinter ihr sein, wäre nicht nur eine einzelne Stadt, geschweige denn dieses Land in Gefahr …
„Ich werde mich darum kümmern – das ist so gut, wie erledigt.“, sprach die Zauberin einfach weiter, nachdem sie minutenlang geschwiegen hatte, „Ach und was die Bezahlung angeht … Ihr spendet den üblichen Betrag anonym einer Mundi-Einrichtung für bedürftige Kinder in Kyoto, haben wir uns verstanden?“
Die Shadowhunters sahen sich verwirrt an, nicken jedoch – mehr aus Reflex.
Mit einem Handwink erschuf sie ein Portal und meinte beinahe spöttisch: „Nach den Herrschaften.“
Innerhalb weniger Sekunden standen die drei vor den Toren des Instituts, aus denen eine besorgt wirkende Seiketsu eilte.
„Na endlich – lange halten die Schutzzauber nicht mehr!“, erklärte sie und wies auf das gesamte Areal.
Ohne sie anzusehen entgegnete Shiko: „Ich werde sie gleich wieder in Ordnung bringen, wenn ich diese lästige Angelegenheit hinter mich gebracht habe. Entschuldigt mich – dieser Dämon muss dringend zum Highway zur Hölle.“
Die Arroganz überdeckte ihre eigene Sorge … Wieder erschuf sie ein Portal, welches diesmal außerhalb der Stadt endete. Kaum vorstellbar, dass Kreaturen der Verdammnis unter Langeweile litten, doch schien es, als hätte er nur auf neue Gesellschaft gewartet. Seine einst annähernd menschliche Gestalt war kaum mehr erkennbar – eher wirkte er, wie aus einem Klumpen heißer Lava geformt und anstelle von Flügeln zeugten zwei spitze Hörner von seiner Herkunft.
„Sieh´ an … Wer hätte gedacht, dass ich ausgerechnet seiner Tochter hier begegnen würde? Nun, Prinzessin – oder lieber >Hime-sama<, in Eurer Muttersprache –, Ihr wollt Euch doch nicht etwa mir in den Weg stellen? Schließlich bin ich Eures Vaters treuer Diener.“, begrüßte er sie mit einer provozierenden Verbeugung.
Feuer erwachte in Shiko´s Handflächen, als sie entschieden erwiderte: „Ich wüsste nicht, warum mich dieser Umstand aufhalten sollte – im Gegenteil … das ist erst recht ein Grund, dich zurück zu schicken!“
Sie murmelte einige Zaubernformeln – das Element gehorchte sofort und fesselte seinen einstigen Herrn, der sich brüllend versuchte, zu befreien. Das wabernde Feuer gab allerdings keinen Deut nach. Ein Riss öffnete sich unter ihm – tief hinein in das verfluchte Höllenreich, wo er die nächsten Jahrhunderte damit zubringen konnte, ihren Zauber zu lösen. Kaum war der Dämon in der Erdspalte verschwunden, verschloss sie sich wieder, als wäre sie nie da gewesen. Shiko starrte noch lange auf die Stelle. Einen höheren Dämon zu binden und zu verbannen war ein leichtes; ein Großdämon oder gar ein Dämonenfürst wäre schon etwas ganz anderes … von ihrem Vater ganz zu schweigen. Einst hatte sie den Kampf gegen ihn gescheut, war geflohen … Doch sollte es ernsthaft jemandem geben, der ihm auch nur mit dem Hauch einer Chance entgegen treten konnte, wäre sie wohl die einzige – zumindest auf der Erde. Und dann noch »Prinzessin« … dieses Wort verfolgte sie in manchen Nächten noch heute, so hatte er sie genannt – nicht »Kind«, nicht »Tochter«. Jemand, der an seiner Seite herrschte, wäre sein Begehren gewesen … deshalb war sie geboren worden. Aber sein Plan schlug fehl – unter keinen Umständen der Welt hätte sie sich auf seine Seite geschlagen! Ein ungutes Gefühl legte sich über die Gedanken der Zauberin. Feuer war das Element, welchem ihm selbst gebührte … sollte dieses scheitern, konnte er immer noch drei weitere seiner Vertrauten aussenden. Nein … es gab sogar einen weiteren Gefallenen Engel, der noch höher in seinen Gunsten stand. All das konnte kein Zufall sein – er wusste, dass sie seine Untergebenen nicht ungeschoren davonkommen lassen.
Das erste, was Shiko auffiel, als sie das Institut betrat, war Ohtah´s erleichterter Gesichtsausdruck bei ihrem Anblick … nur eine Sekunde später hatte sie bereits mit den Fingern geschnippt, um die Schutzzauber aufzurufen – oder besser gesagt die kaum mehr vorhandenen Schutzzauber. Also stimmte ihre Theorie … der Angriff sollte sie herauslocken. Nachdem die Zauberin mit ihren Armen ein paar eindrucksvolle Bögen in der Luft beschrieben und die Barrieren um ein hundertfaches verstärkt hatte, setzten sich alle Involvierten zu einem Kriegsrat zusammen. Die Shadowhunters befürchteten ebenfalls, dass die Grenzlinien nicht nur hier geschwächt worden waren, sondern in der ganzen Umgebung rund um Kyoto.
„Wir sollten uns mit dem Hohen Hexenmeister von Kansai um Hilfe bitten.“, schlug Seiketsu vor.
Ein hämisches Lachen entfuhr Shiko: „Argo mischt sich nicht in Angelegenheiten, die ihn nicht interessieren … Glaubt mir, ein einzelner hoher Dämonen-Angriff wird ihn nicht überzeugen – davon abgesehen arbeiten wir nicht zusammen.“
Die Braunhaarige wollte widersprechen, Klerus hielt sie jedoch zurück: „Was wäre Euer Vorschlag, Yosogawa-dono?“
„Zuerst einmal, da diese Unternehmung noch mehr Zeit in Anspruch nehmen wird … ich kann diesen Namen nicht mehr hören – nennt mich einfach >Shiko<, das reicht vollkommen.“, erklärte die Hexenmeisterin ungehalten, „Die Schutzzauber müssen besonders auf elementare Abwehr konfiguriert werden. Wenn Eure Kartei vollständig ist, solltet Ihr bereits wissen, dass dies mein Spezialgebiet ist – ach, stimmt ja, deshalb habt Ihr mich ja überhaupt erst aufgesucht.“
Der Blick von des Braunhaarigen schien sie beinahe zu durchbohren. Er wusste, was in ihr vorging – woher konnte sie nicht sagen oder gar, worüber er noch alles Kenntnis besaß. Ohtah kannte dieses Verhaltensmuster nur zu gut … von sich selbst. Bereits beim ersten Mal, da er in ihre Augen geblickt hatte, hatte er ihre Seele erkannt, die hinter einer Maske verborgen lag – sie spielte eine Rolle, um niemanden an sich heranzulassen. Und das machte sie unendlich einsam …
„So ist es … Und es ist unsere Aufgabe sicherzustellen, dass der Schutz der Mundi gewährleistet ist – daher werde ich Euch begleiten.“, erklärte der Braunhaarige entschieden.
Schon zu einem Widerwort ansetzend, besann sich Shiko. Sie respektierte die Position der Nephilim und wollte ihren teils schlechten Ruf bei den Unterweltlern nicht noch befeuern. Widerwillig nickte sie also. Zumindest tat die schöne Zauberin so – denn irgendwo tief in ihr drinnen, freute sie sich über seinen Einsatz. Ein Gefühl, welches schnellstmöglich zum Schweigen gebracht werden musste, sobald diese Geschichte erledigt wäre …
Während die anderen weiteres besprachen, zog sich Shiko zurück, um sich schon mal die Barrieren des Instituts genauer anzusehen. Die Zauberformeln waren ein wahres Meisterstück im Schutz gegen Dämonen – allerdings nicht gegen Gefallene Engel … wie die meisten Schutzzauber. Es existierte kaum mehr als eine Handvoll von ihnen, welche die Jahrtausende überdauert hatten und die Hölle überhaupt verlassen konnten. Shiko hielt sich ihre Präsenz genau vor Augen. Neue magische Zeichen fügten sich in die bestehende Formel ein. Nachdem sie einige Schritte zurückgegangen war, schleuderte sie probehalber einen kleinen Feuerball darauf – der wie erhofft verpuffte und das Verteidigungssystem in Alarmbereitschaft versetzte.
„Eure Kräfte sind wirklich unglaublich … Shiko.“, lobte Ohtah ihre Arbeit mit einer deutlichen Verneigung, „Ich wollte Euch Euer Quartier zeigen, wenn Ihr denn soweit seid.“
Anders als etwa in Amerika gab es hier keine Regeln oder Protokolle, welchen Unterweltlern den Aufenthalt verboten – im Gegenteil, selbst die Shadowhunters folgten der japanischen Etikette der Höflichkeit und Gastfreundschaft. So folgte Shiko ihm zum Wohntrakt und betrat das schlicht eingerichtete Zimmer.
„Frühstück gibt es von sechs bis neun Uhr und hinter der Tür dort ist Euer Badezimmer. Wenn … wenn noch irgendetwas sein sollte, mein Zimmer ist links am Ende des Ganges. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.“, erklärte er.
Anschließend ließ er sie allein. Die Hexenmeisterin setzte sich auf die niedrige Futonliege und sah aus dem Fenster. Egal, wie charmant oder gut aussehend er auch war – sie durfte keineswegs ihren Schwur vergessen! Ihr Herz würde für immer und ewig unter Verschluss bleiben …
Genauso wie Shiko über ihn nachgrübelte, ging sie Ohtah nicht aus dem Kopf – es war fast ein Wunder, dass er sein Zimmer nicht zerlegte. Die innere Unruhe übertrug sich durch ihr Band auch auf Klerus und daher klopfte dieser wenig später bei seinem Bruder an – wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig.
„Was ist los mit dir? Hat dir Yosogawa-dono so den Kopf verdreht?“, begrüßte der Jüngere ihn im Scherz, ohne zu ahnen, wie genau, er damit ins Schwarze getroffen hatte.
Leise grummelte der Dolchmeister: „Shiko …“
„Ihr Wunsch war, sie so anzusprechen, ja – aber ich muss sie nicht so nennen, wenn ich über sie rede.“, meinte Klerus und grinste, „Aber so wie du ihren Namen sagst, geht es wirklich um sie.“
Ohtah ließ sich auf das Bett fallen, starrte an die Decke und antwortete dann: „Na schön, du hast gewonnen. Ja … es erscheint mir, als würde ich sie schon mein ganzes Leben lang kennen und … na ja, es ist ein bisschen wie mit dir, meinem Parabatai – als wäre ich mit ihr vollständig.“
„Bei den Engeln – dich hat es ja wirklich schlimm erwischt!“, rief der Blonde verwundert aus.
Der Shadowhunter war nie jemand gewesen, der seine Gefühlen in die Welt hinaus trug – gerade deshalb verstand er sich ja nicht recht mit Seiketsu. Manche ihrer Kollegen hatten hinter seinem Rücken behauptet, Ohtah hätte überhaupt kein Herz … Klerus wusste es natürlich besser – sein älterer Bruder glaubte an den Kampf und dass Konzentration beziehungsweise Ablenkung den Unterschied zwischen leben oder sterben ausmachten. Und dennoch war es nicht zu übersehen gewesen, wie gefesselt er auf dem Berg Ontake von ihr gewesen war …
„Wirst du es ihr sagen?“, fragte Klerus schließlich.
Genau diese Frage stellte sich Ohtah selbst bereits. Er wusste es nicht – Shiko war … anders. Es gab einen geheimen Grund, warum sie sich vor der Welt verschloss. Etwas lauerte wie unheimlicher Schatten, gar einem Damoklesschwert gleich über ihr. Und genau davon wollte er sie befreien!
Die Tage verflogen, während sich Ohtah und Shiko systematisch durch die Stadt arbeiteten – ohne Störung seines weiteren Höllenbotens. Immer wieder ließ der Shadowhunter ein Kompliment über sie fallen oder schenkte ihr beispielsweise eine Blume, die ihnen unterwegs begegnete. Ihre Fortbewegung via Motorrad machte ihre vergeblichen Versuche, sich ihm entziehen zu wollen, nur umso schwerer.
Als sie endlich am Rande von Kyoto angelangt waren, richtete Ohtah seinen Blick direkt auf Shiko und sprach: „>Ich fühle deine / Hitze in mir lodernd heiß, / doch Regen fällt.<“
Es war ein Haiku, ein japanisches Gedicht, welches die reale Schönheit eines Augenblicks einfangen sollte. Wieso nur konnte der Braunhaarige sie so gut verstehen? Wo die Zauberin sich doch solche Mühe gab, ihn von sich zu stoßen … In all den Jahrhunderten hatte es Männer gegeben, die ihr Avancen gemacht hatten – ohne ihr Herz auch nur ein Stück weit zu berühren. Der Nephilim war … anders. Etwas an ihm wirkte so vertraut …
Ein Brennen erfüllte ihre Augen, ruckartig wandte sich Shiko von ihm ab und sagte traurig: „Ich habe mir geschworen, mich niemals zu verlieben – nicht wie meine Mutter. Sie hat … meinen Vater so sehr verehrt und mir immer von ihm vorgeschwärmt. Als ich alt genug war, um zu begreifen, was ich bin … kam er zu uns. Meine Mutter stürzte mit Tränen der Freude in seine Arme und redete unaufhörlich davon, wie großartige ich doch sei … dass sie ihm ein weiteres Kind schenken würde. Da hat er ihr das Genick gebrochen – es ging so schnell, dass sie mit einem Lächeln auf den Lippen gestorben ist. Er wollte mich mit sich nehmen, aber mit Hilfe meiner Magie konnte ich fliehen … Seitdem verstecke ich mich vor ihm. Shiro-sama … so hat meine Mutter ihn genannt … Und mich Shiko-chan, seine Tochter … die Tochter des leibhaftigen Todes. Verstehst du das, Ohtah?“
Ehe sein Verstand restlos begriffen hatte, wen sie meinte, brachen zwei schwarz gefiederte Engelsflügel aus ihrem Rücken – ihr Hexenmeisterzeichen. Nun war es offensichtlich … es gab nur ein einziges Wesen in allen sieben Hölle, welches ihr diese Schwingen hätte vererben können.
Sie drehte den Kopf zur Seite, um seine Reaktion zu sehen und bestätigte seinen Verdacht: „Ja, richtig … Satan höchstpersönlich ist mein Vater. Deshalb kann … darf ich keine Gefühle für dich empfinden!“
„Und du glaubst, das würde irgendetwas an meiner Liebe zu dir ändern?“, widersprach Ohtah ihr energisch.
Nun war es an der Rothaarigen ihn verwirrt anzusehen. Wie nur konnte er so etwas sagen? Ihr Vater, Luzifer war einst Gottes liebste Schöpfung gewesen … sein Morgenstern. Bis er Adam, den ersten Menschen erschaffen hatte und von ihm verlangte, diesem zu dienen. Daraufhin war Streit zwischen Gott und Luzifer ausgebrochen, der sich dem Befehl verweigert hatte. Das Himmelsreich spaltete sich in zwei Lager auf – ein furchtbarer Krieg brach aus. Zuletzt gelang es dem Erzengel Michael seinen älteren Bruder mit dem Schwert Glorius zu besiegen. Der Cherub und seine Anhänger stürzten in die Hölle hinab. Unzählige starben dabei – gerade einmal fünf weitere einstige Himmelsboten überlebten und büßten dafür ihr engelhaftes Erscheinungsbild ein. Einzig die beiden Flügelpaare Luzifer´s zeichneten ihn mit ihrer schwarz verkohlten Farbe als höchsten unter ihnen aus. Er wurde zu Satan, dem Herrscher über die Hölle, Vater aller Dämonen und Gegenspieler Gottes …
„Shiko, ich liebe dich – ganz egal, wessen Kind du bist. Du spürst es doch auch, das weiß ich … wir sind mit einander verbunden, wir gehören zusammen!“, beharrte der Shadowhunter und trat dichter an sie heran.
Ein Zittern durchlief ihren Körper, als er sanft ihr Kinn anhob und ihren Mund mit seinen Lippen berührte. Die finsteren Insignien sackten in sich zusammen – Shiko´s Widerstand war gebrochen und sie erwiderte seinen Kuss.
Es lag nicht allein an Ohtah, dass Shiko trotz beendeter Mission weiterhin in Kyoto verweilte – zu sehr fürchtete sie sich davor, die Invasion könnte doch beginnen, ohne dass sie rechtzeitig vor Ort wäre … So durfte die Hexenmeisterin noch etwas länger im Institut verweilen, dessen Bewohner allerdings nicht wussten, was zwischen ihr und dem Braunhaarigen geschehen war – selbst Klerus gegenüber ließ er nur eine wage Ahnung zu. Daher übernachtete Shiko beispielsweise weiterhin in ihrem Gästezimmer. Allerdings beschlich sie in dieser Nacht ein Traum der anderen Art …
Das schwarze Obsidian unter ihren Füßen schimmerte bedrohlich, als könnte jeden Moment erneut Lava daraus hervorbrechen. Shiko lächelte hämisch. Es war unglaublich, wie dieser Ort ihre Macht speiste – die stete Präsenz des Feuers um sie herum erfüllte all ihre Zellen. Am liebsten hätte sie laut aufgelacht.
„Gefällt dir dein neues Zuhause, meine Prinzessin?“, wollte eine Stimme aus Richtung des steinernen Throns wissen.
Die Zauberin wandte sich dem Mann zu, der dort saß und jeden ihrer Schritte genau verfolgte: „Natürlich. Es ist unglaublich – hätte ich doch nur schon viel früher auf dich gehört! Danke … Vater.“
Der Gefallene Engel winkte sie zu sich, während er sie beinahe scherzhaft ermahnte: „Aber, aber, Liebste, wie sollst du mich denn ansprechen? Schließlich wirst du bald meine Frau … und damit die Königin der sieben Höllendimensionen sein!“
Shiko erwachte mit einem schrillen Schrei. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn, klebte an ihrem Rücken. Ihr Atem ging keuchend und ihr Herz raste. Nein, nein und nochmals nein – so etwas würde sie niemals wollen, nicht einmal ansatzweise! Wobei ganz stimmte das nicht … einen echten Vater hatte sie sich unzählige Male gewünscht und natürlich sehnte sie sich nach Liebe …
Die Tür wurde aufgerissen – vor ihr Stand ein ebenso atemloser Ohtah mit gezückten Seraph-Dolchen. Klirrend fielen die Waffen zu Boden. Bevor sie sich wehren konnte, hatte er Shiko bereits in seine Arme geschlossen, hielt sie fest. Es war neu für die schöne Rothaarige, dass ihr jemand zur Seite stand … Langsam beruhigten sich ihre angespannten Nerven. Und sie wurde sich schlagartig bewusst, wie nah der Shadowhunter ihr war. Sofort machte sie sich von ihm los, was er wortlos geschehen ließ. Nur seine Augen ruhten weiterhin auf ihr.
„Ein harmloser Alptraum – kein Grund zur Aufregung.“, spielte Shiko die Sache herunter, „Du kannst ruhig wieder schlafen gehen.“
Nachdem er seine Klingen aufgehoben hatte, verweilte er nur kurz im Türrahmen und sagte, ohne sich dabei umzudrehen: „Wir haben alle unsere Dämonen …“
„Warte, Ohtah!“, hielt Shiko ihn auf, bevor der Nephilim die Schiebetür geschlossen hatte, woraufhin sie einen verwunderten Ausdruck kassierte, „Ich … Danke.“
Ohtah grinste schief und nickte. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück. Shiko lauschte auf seine Schritte. Ein Teil von ihr hatte sich gewünscht, er würde bei ihr bleiben … aber die Bitte war ihr einfach nicht über die Lippen gekommen. Erschöpft sank sie wieder auf die Matratze und starrte an die Decke. Zeit … für sie hatte die Zeit kaum eine Rolle gespielt – sie war unsterblich; ebenso ihr Vater … War dies der Grund, warum noch nichts weiter geschehen war? Ohtah dagegen besaß selbst als Shadowhunter nur ein sterbliches Leben … dennoch drängte er sie nicht.
Mit den weiteren Wochen, die ins Land zogen, übernahm Shiko weitere Aufträge für das Institut – allerdings zog sie doch noch in ein Hotel um. Es gehörte sich nicht, höfliche Gastfreundlichkeit länger als notwendig zu strapazieren. Allerdings kam es das ein ums andere Mal vor, dass Ohtah ihr auch Gesellschaft leistete – jedenfalls wenn er nicht gerade auf Patrouille musste, wie etwa in der heutigen Nacht. Shiko lag derweil wach und dachte nach. Langsam wurde dies schon zur Gewohnheit … Der Shadowhunter hatte gewartet, bis die nächste Annäherung von ihr ausging. Der Kuss bestätigte ihre beider Gefühle … Irgendwie war es ihm tatsächlich gelungen, sich in ihr Herz zu schleichen – mit ihm fühlte sich die Hexenmeisterin nicht länger »verdorben«, sondern als hätte sie wahrhaft eine Berechtigung auf dieser Welt zu leben.
Gerade, da sie die Augen schließen wollte, erschien wie aus dem Nichts eine Feuernachricht, auf der stand nur ein einziges Wort: „Notfall!“
Klerus´ Handschrift war beinahe nicht auszumachen – ein Experte hätte sie wohl auf einen Schockzustand hin gedeutet, ebenso Shiko. Via Magie wechselte sie ihre Kleidung und sprang regelrecht durch das Portal. Einer der Wachen brachte sie zur Krankenstation. Dort lag auf einer sterilen Liege und an mehrere Maschinen angeschlossen Ohtah.
Seiketsu hielt seine Hand und schluchzte: „Wa-Was ist mit ihm? Klerus-kun?“
Der Blonde schüttelte den Kopf: „Es ist, als wäre er … unendlich weit weg.“
„Weil es so ist …“, meinte Shiko, woraufhin sich die beiden Nephilim zu ihr umdrehten, „Er … Ein Dämon hat seine Seele gestohlen.“
Sie hatte es gewusst, kaum da sie ihn erblickt hatte. Doch mehr noch spürte die Rothaarige, dass vor ihnen nur ein seelenloser Leib lag.
„A-aber wie? Ich meine, die Runen sollten uns doch vor so etwas bewahren!“, meinte die Shadowhunter den Tränen nah, „Und wie verdammt nochmal bekommen wir ihn zurück?“
Shiko kannte die Antwort, jedoch kam sie ihr nicht über die Lippen. Sie war wahrlich verflucht – hätte sie sich nur an ihren Schwur und von Ohtah fern gehalten! Dies war nicht das Werk eines gewöhnlichen Dämonen … Zwar vergnügten sich die Höllenwesen auf vielerlei Arten mit den Seelen der Verdammten – eine solche Entführung rührte meist von der Absicht einer Erpressung.
„Wann hat ein Plan jemals reibungslos funktioniert? Einfach immer bricht Chaos aus! Ohtah-nii … Wir können sein Leben nicht riskieren – was auch immer wir unternehmen, es muss einfach funktionieren!“, rief der Parabatai aus, was Shiko auf ihren Gedanken riss.
Ihr Vater hatte seinen Zug gemacht … nun lag es an ihr. Weder Klerus noch Seiketsu könnten ihm etwas bieten. Nach einem letzten Blick auf Ohtah verließ Shiko den Raum. Im Institut konnte sie ihr Vorhaben nicht durchführen – jeder einzelne Raum wurde per Videoaufzeichnung überwacht und dem Hotel wollte sie diese Umstände ebenfalls nicht zumuten, also kehrte die Zauberin stattdessen in die Berge zu ihrem Haus zurück. Während sie einen Teil ihrer Kräfte nutzte, um einige Gegenstände zu packen, streute sie mit Asche ein Pentagramm auf den Boden. Anschließend schrieb sie mit Kreide Symbole für die vier Elemente in je einen Zacken des Sterns … zuletzt noch jenes für dunkle Energie. Luzifer wäre bei einer solchen nicht selbst in Aktion getreten – für solche Angelegenheiten hatte er seine rechte Hand. Ihr war ja früher bereits der Gedanke gekommen, Luzifer könne ihn damit beauftragen. Ein Fingerschnippen aktivierte die magische Formel, setzte sie in Brand. Es dauerte, bis eine finstere Silhouette in den Flammen erschien.
„Man lässt eine Dame nicht warten – habt ihr wirklich alle keinen Anstand?“, begrüßte sie ihn schnippisch, während er dich weiter manifestierte, „Sag´ mir, was du willst, Rien. Sollst du mich zu ihm bringen?“
Ein hämisches Lachen kam von dem hochgewachsen Mann mit den vollkommen schwarzen Augen: „Ach, Prinzesschen, ich kann nicht mehr sagen, wie lange es bereits her ist, da er sich deine Gesellschaft gewünscht hätte – inzwischen will er nur noch deine Macht! Und bei den schönen Augen, die du diesem mickrigen Nephilim gemacht hast, wirst du mir sicher deine schnuckeligen Flügelchen freiwillig übergeben, nicht wahr?“
Ihre Magie in seinen Händen könnte die Welt ins Verderben stürzen … Unschuldige würden sterben, die Qualen der Verdammnis zu spüren bekommen … und es wäre allein ihre Schuld – schon wieder. Sie hätte nie geglaubt, dass der grenzenlose Egoismus der Menschen auch in ihr existierte – es war ihr vollkommen gleichgültig, solange Ohtah dadurch gerettet wäre!
„>Caritas omnia potest – Caritas omnia tolerant …< (Die Liebe vermag alles – die Liebe erträgt alles ...) Selbst, wenn es sich dabei um den Herrscher über alle sieben Höllen handelt!“, entgegnete Shiko und breitete ihre Schwingen aus.
Rien streckte die Hände nach ihnen aus, griff nach ihrer Macht. In einem Schmerzensschrei sank Shiko zu Boden – fast schien es, als hätte der Dämon ihr die Flügel ausgerissen, die sich in einer schwarzen Kugel bündelten. Augenblicklich erlosch die Beschwörungsformel.
„Nun … nun gib´ mir … seine Seele …“, hauchte sie schwach.
Er ging in die Hocke, um ihr Gesicht zu packen, und sagte: „Hätte dein Vater es mir nicht ausdrücklich verboten, dich zu betrügen oder … dass ich mich mit dir noch etwas vergnüge, würde ich den kleinen Nephilim ja gern noch eine Weile behalten … Es ist ziemlich amüsant, wie seine Seele versucht, auszubrechen. Sei es drum, muss ich mir eben ein neues Opfer suchen …“
Er ließ das genaue Pendant zu seiner Beute fallen in ihre Arme fallen. Dann verschwand er. Und damit Shiko´s Kräfte – sie war nun nichts anderes, als eine Mundi …
„Also dieses Drama ist selbst für eine uralte Hexenmeisterin etwas zu viel, findest du nicht?“, ertönte plötzlich eine Stimme, dessen Besitzer gerade durch ein Portal hereinspazierte.
Shiko brauchte einen Moment, bis sie die Laute herausbrachte: „A-Argo … was machst du … hier?“
„Ich konnte es kaum glauben, als deine Aura spurlos verpufft ist … Shiko-chan, Shiko-chan … Was hast du dir nur dabei gedacht? Ausgerechnet für einen Sterblichen … Ehrlich mal, ich verstehe bis heute nicht, warum du mich abgewiesen.“, philosophierte er vor sich hin und hob sie schließlich vom Boden hoch, „Sei es, wie es sei … dieses eine Mal will ich dir helfen. Von mir aus schreib´ es ruhig dem Aufgabenbereich des Hohen Hexenmeisters – selbst wenn du nicht mehr zu uns gehörst, wäre es als Mann von Ehre eine Schande, dich hier einfach liegen zu lassen.“
„Danke … Bitte, hilf´ ihm …“, antwortete die schöne Rothaarige, ehe sie vollends das Bewusstsein verlor.
Ein kleiner Wink änderte das Ziel des temporären Durchgangs. Argo seufzte tief. Hätte man ihm nach ihrer letzten Abfuhr hiervon berichtet, hätte er den Boten vermutlich in eine Schildkröte verwandelt. Doch als die mächtigste, magische Präsenz sich sozusagen in Luft aufgelöst hatte, konnte er nicht anders. Das war vermutlich das Problem mit de Unsterblichkeit – man lebte zwar ewig, war allerdings nicht gegen seine Gefühle gefeilt.
Schwärze erfüllte Shiko´s Gedanken. Alles an ihr fühlte sich taub und schwer an. Ob dies der Tod sein mochte? Vielleicht eine Art Vorstufe, während über die Seele entschieden wurde … Konnte beziehungsweise durfte ein ehemaliges halb dämonisches Wesen überhaupt den Himmel betreten oder blieb ihr nur die Hölle? Bis ans Ende aller Zeiten gequält von Rien´s Folter – verlockende Aussicht … Sollte es so sein, würde sie ihre Entscheidung dennoch nicht bereuen. Argo hatte sich sicher um ihn gekümmert … Eigentlich vollkommen irrational – der Hohe Hexenmeister und sie hatten durch die verschiedenen Jahrhunderte mehrere Liebschaften miteinander geführt; zumindest von ihr aus war es nie ernst gewesen … er wollte mehr und so hatte sie ihn vor über hundert Jahren endgültig abserviert. Seitdem gingen die beiden sich aus dem Weg, selbst was die Arbeit betraf. Wie merkwürdig, dass er ihr trotzdem zu Hilfe gekommen war …
„Er wird wieder zu sich kommen, hörst du? Deshalb musst du ebenfalls aufwachen, Shiko … Ich weiß, dass er dich braucht. Es tut mir so schrecklich leid, wie gemein ich zu dir gewesen bin … dabei wolltest du uns alle nur beschützen.“, sprach eine Stimme zu ihr, die sie zunächst nicht zuordnen konnte.
Doch die Erinnerung an die Geschehnisse weckten etwas in ihr. Die Rothaarige spürte, dass sie auf etwas weichem lag, auch ein dumpfes Licht konnte sie nun wahrnehmen sowie ein nervtötendes Piepen. Zaghaft bewegte sie ihre Finger, ehe sie versuchte ihre Augen zu öffnen. Als sich ihre Sicht geklärt hatte, schwebte das besorgte Gesicht von Seiketsu über ihr. Sie half ihr sich aufzurichten und hantierte kurz an den Maschinen.
„Wie geht es dir? Soll ich dir irgendwas bringen?“, wollte die Shadowhunter wissen.
Shiko kämpfte den Schwindel nieder, während sie antwortete: „Was … was ist mit … Ohtah?“
Ein Lächeln spielte um ihre Züge: „Argo-dono hat ihm seine Seele wieder eingesetzt – laut ihm wird er sich vollständig erholen.“
„Ich muss zu ihm …“, gab Shiko immer noch geschwächt von sich.
Seiketsu nickte und rief Klerus zu Hilfe, gemeinsam stützten beide sie beim Laufen. Shiko setzte sich an sein Bett, nahm seine Hand. Als hätte diese Berührung, ihm neues Leben eingehaucht, kam Ohtah ebenfalls wieder zu sich. Seinen Freunde kamen stumm die Tränen.
„Shiko … Klerus … selbst du, Seiketsu … Was ist passiert? Mein Kopf … Ws ist alles verschwommen.“, meinte der Braunhaarig mitgenommen.
In aller Ausführlichkeit berichtete ihm die einstige Zauberin von seiner Entführung, dem Preis seiner Rettung und Argo's Rolle in der ganzen Geschichte.
„Shiko, du … Aber deine Magie, deine Unsterblichkeit-“, rief er aus.
Aber sie schüttelte lächelnd den Kopf: „Das ist egal. Hier bei euch habe ich mein Zuhause gefunden. Ich habe so viele Zeitalter lang ohne Liebe gelebt … nichts wäre schmerzhafter, als dich zu verlieren. Ich will gar nichts anderes, als dieses eine Leben mit dir – ich liebe dich, Ohtah, von ganzem Herzen! Das ist das stärkste und das schönste Feuer, das es auf der Welt gibt …“
In diesem Moment fühlte Shiko nicht nur die Hitze des Kusses – Feuer flutete wieder durch ihre Adern. Keine Unsterblichkeit, keine richtige Magie … und sie würde niemals erfahren, dass es ausgerechnet Ihr Vater gewesen war, welcher ihr diesen ihrer Kräfte zurückgegeben hatte – schließlich wollte er ihren Schutz nicht nur einem einfachen Nephilim überlassen …
Selbst in einer Welt, in der alle Geschichten wahr sind, können Überlieferungen über die Jahrhunderte hinweg, verfälscht werden – zwar stimmte selbstverständlich, dass Luzifer und Gott im heftigen Streit auseinander gegangen waren und Michael seinen Bruder in die Hölle hinabgestoßen hatte … jedoch nur, um ihm die Möglichkeit einer unabhängigen Position zu gewähren. Luzifer, der sich im Himmel stets eingesperrt gefühlt hatte, konnte nun sogar auf Erden wandeln … Und selbst wenn er diese eine Menschenfrau nur benutzt hatte, so erwuchs in seinem sonst vielleicht kalten Herzen wahre Liebe zu seiner Tochter. Letztendlich ging er denselben Weg, wie sein eigener Vater – er verletzte sein Kind, um es glücklich zu machen.
Seine Tochter führte ebenso einen Kampf … nicht jenen gegen ihren Vater, nein, in ihrem Herz wütete ein Krieg. Ihre Gedanken wurden von Gefühlen beherrscht, die sie nicht wahrhaben wollte … weil sie die Dunkelheit ihrer Herkunft verabscheute. Doch all das ward im Grunde nichtig – sollte eines Tages trotzdem erneut der Moment kommen, da Shiko an sich zweifelte, würde sie daran zurückdenken, wie sie ihn beinahe verloren hätte … und was sie durch Ohtah, Seiketsu und Klerus gewonnen hatte – eine Familie!
Buch 16: Verlorene Legende
Leben, Tod, Wiedergeburt – dieser Ablauf war für Shiko, Ohtah, Seiketsu und Klerus nichts ungewöhnliches. Mehrfach hatten ihre Seele in den Nebeln bereits auf ihr nächstes Abenteuer gewartet … mit dem festen Versprechen der tyrianischen Götter, sich jedes Mal wieder neu zu begegnen. Aber nicht einmal Götter sind allmächtig …
Verbundene Seelen
Als Shiko die Augen öffnete, erstreckte sich der ihr wohl bekannte Anblick der Nebel vor ihr. Wie viele Leben sie durch den ewigen Zyklus erlebt hatte, konnte sie nicht sagen – doch da rief eine vertraute Stimme ihren Namen und sie drehte sich zu der Norngeborenen um.
„Es ist eine Freude, dich zu sehen, Seira.“, begrüßte die einstige Elementarmagierin ihre alte Freundin lächelnd.
Das Orakel erwiderte das Lächeln nicht und sprach mit belegter Stimme: „Es … es tut mir leid, Shiko, ich weiß nicht, wie das passieren konnte … Als ehemalige Gesandte kennst du die Gesetze der Nebel … Wer zu seinen ersten Lebzeiten an dieses Jenseits geglaubt hat, wird stets hierher zurückkehren, selbst wenn der ewige Zyklus ihn in vollkommen neue Welten schickt … Ihr habt diesen Prozess schon einige Male absolviert, aber … diesmal sind nur drei von euch zurückgekommen.“
Shiko musste nicht fragen, wer derjenige war … Wäre Klerus jener welcher, hätte die einstige Mesmer dieses Gespräch mit Seiketsu geführt … Und würde sie von ihrer Seelen-Schwester selbst sprechen, wäre er an ihrer Seite, um sie zu stützen … Doch er war es, der nicht zurück in die Nebel gefunden hatte. Ihr Beschützer, ihr Geliebter … Ohtah. Sie brach zusammen, ohne sich halten zu können. In ihrem ersten Leben auf Cantha hatte Ohtah Ryutaiyo ihr einen Abschiedsbrief geschrieben und sie verlassen … Die Minuten, in denen Shikon No Yosei ihm geglaubt hatte, waren die pure Hölle gewesen – nun wusste sie, dass es noch eine Steigerung gab. Damals hätte sie im Grunde nur die gesamte Unterstadt auf den Kopf stellen müssen, um ihn zu finden – nicht, dass sie das nicht getan hätte, wenn die kaiserlichen Wachen nicht bereits eine Vermutung gehabt hätten, wo das Versteck der Am Fah gelegen hatte. Und jetzt? Verschwommen konnte sich Shiko an einzelne, vergangene Leben erinnern … der kleinste Bruchteil einer Unendlichkeit von Welten.
„Shiko!“, drang der Klang ihres Namens gedämpft zu ihr durch.
Auch diese Stimme war ihr nur zu vertraut. Das einzige Wesen außer Ohtah, welches sie wieder auf die Beine ließ … Seiketsu beschleunigte ihre Schritte, gefolgt von Klerus. An ihren Blicken erkannte die einstige Legende sofort, dass sie bereits Bescheid wussten. Deshalb waren sie auch bis zu diesem Moment unterwegs gewesen – obwohl weder das Orakel der Nebel noch einer der Gesandten Ohtah´s Seele registriert hatten, waren sie losgegangen, um ihn zu suchen, leider erfolglos …
„Seira … sag´ mir, was ich tun kann.“, verlangte Shiko zu erfahren.
Das spirituelle Oberhaupt wischte sich die Haare aus dem Gesicht, ehe sie entgegnete: „Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung … Ich war bereits bei den Sechs – selbst sie haben keinen Anhaltspunkt. Ohtah muss sich auf dem Weg irgendwo zwischen den Dimensionen verirrt haben … Es tut mir leid.“
Shiko begriff, was Seira ihr mitteilen wollte – es gab keine Spur und keine Hoffnung, er war verloren …
„Öffne mir ein Portal. Ich muss dorthin zurück, wo wir einander verloren haben.“, sagte die Rothaarige ohne jeden Zweifel.
Diese Reaktion überraschte eigentlich niemand, dennoch widersprach ihr das Orakel: „Bist du dir im Klaren darüber, was du da sagst?“
Sie nickte entschieden: „Ja. Selbst wenn ich alle kommenden Zeitalter damit verbringe, ihn zwischen den Dimensionen zu suchen, dann soll es eben so sein. Ich werde ihn niemals aufgeben!“
„Du hast es gehört, Seira, wir sind bereit!“, bestätigte die frühere Mönchin fast schon grinsend.
Seiketsu war ihretwegen bereits nicht in die Nebel eingegangen … Zwar hatte das letztendlich zu ihrem eigenen Glück geführt, doch genau deshalb bedeutete ihr Tun unweigerlich auch Konsequenzen für Klerus.
„Ich verstehe deine Entscheidung, Shiko.“, sagte dieser mit mildem Lächeln, ehe seine Hand nach der von Seiketsu griff, „Ich habe dich einmal ziehen lassen, Sei … dieser Fehler wird mir nicht noch einmal passieren.“
Gerührt fiel sie ihm um den Hals. Er hatte es mit seiner Liebe zu ihr nicht leicht gehabt … Nicht nur, dass sie aus Angst ihre eigenen Gefühle geleugnet hatte – Klerus war in dem Glauben gestorben, sie hätte das Kind eines anderen bekommen. Und dennoch war er dem ewigen Zyklus gefolgt, um den Hauch einer neuen Chance bei ihr zu bekommen …
„Niemand kann vorhersagen, wie lange diese Reise dauern mag … daher weiß ich nicht, ob wir uns wiedersehen. Shiko, Seiketsu, Klerus … ich bewundere euch, und natürlich auch Ohtah. Euer Band kann wahrhaftig nichts erschüttern.“, sagte Seira und neigte respektvoll das Haupt.
Shiko erwiderte die Geste mit den Worten: „Danke, Seira, für alles. Suun hätte keinen würdigeren Nachfolger finden können – ich wünsche dir, dass dir das ebenfalls gelingt. Die Nebel werden für immer unser Zuhause sein.“
Gerührt wandte sich die Norn ab und machte murmelnd ausschweifende Handbewegungen. Auf einmal erschien vor den Helden ein pechschwarzes Loch. Seiketsu ergriff mit der freien Hand die ihrer Seelen-Schwester und gemeinsam schritten die drei hinein. Schwebend fanden sie sich in einem Meer aus Sternen und Planeten wieder. Ihre astrale Gestalt erlaubte es ihnen, ihre vergangenen Leben in jenen Welten zu erfahren. Doch eine Stelle zog sie wie magisch in besonderem Maße an. Dort hatte es einst einen grün und blauen Planet gegeben, über den eine Atmosphäre mit zahlreichen Wolken gespannt gewesen war – also eine Welt ähnlich wie Tyria. Die drei Helden konzentrierten sich darauf und plötzlich erschienen Bilder vor ihren inneren Augen.
Es war ein sonniger Tag auf Ewyn. Ein warmer Wind spielte in den Wipfeln der Bäume. Sanfte Welle brandeten am Strand. Alles schien im Einklang miteinander zu sein … Die Magie, in in jedem einzelnen Lebewesen steckte und sich entweder in Licht oder Finsternis gründete – was beides sowohl gut als auch böse zeigen konnte –, bescherte den Bewohnern ein friedliches Leben.
Zumindest noch … Denn eine uralte Legende besagte, eines Tages würden sich diese beiden Mächte vereinen und so das Chaos über Ewyn bringen. Nur ein Auserwählter, der »Oberste König« könnte es in sich aufnehmen, kontrollieren und die Welt somit retten.
In jenen Tagen regierte Klerus als amtierender Herrscher über Ewyn – einst war er in dem festen Glauben gewesen, selbst der Oberste König zu sein, mit Seiketsu als seiner Wächterin. Bevor Klerus gekrönt worden waren, hatten sie eine Liebesbeziehung miteinander geführt … Bis sein Vater ihn zur Heirat mit einer »geeigneteren« Kandidatin gezwungen hatte, wenn er tatsächlich den Thron erben wollte. So blieb Seiketsu statt dem Platz an seiner Seite nur der Gang ins Priesterinnentum, wo sie sich zum Oberhaupt hocharbeitete und gleichzeitig ihre Fertigkeit entdeckte, in die Zukunft zu sehen sowie die Bedrohung des Chaos spüren zu können. Als ihre Schülerin hatte sie Nadeshiko erwählt – die wahre Wächterin des künftigen Obersten Königs.
Und so drängte die Rothaarige ihre Meisterin zu einer Antwort: „Oh bitte, weise Priesterin, Ihr kennt meine Zukunft, habt mich als Wächterin erkannt … sagt mir, wer es ist!“
„Meine liebste Schülerin … die Wahrheit zu kennen kann manchmal gefährlich sein. Dennoch mag auch dein Wunsch nach Wissen Schicksal sein.“, entgegnete Seiketsu geheimnisvoll, „Einst wünschte ich mir von ganzem Herzen die Wächterin des Obersten Königs zu sein … Weil ich mich in einen möglichen Kandidaten verliebt hatte. Doch unsere Gefühle hatten uns beide zu einem Trugschluss geführt … Nadeshiko, ich weiß genau, wie es in deinem Herzen aussieht … Aber du irrst dich nicht – derjenige, der mit jener Kraft geboren wurde … ist Prinz Ryuohtah.“
Obwohl sich die junge Feuer-Magierin genau diese Bestätigung gewünscht hatte – nämlich dass ihr bester Freund seit Kindertagen der Auserwählte war –, fühlte es sich fast an, wie ein Schlag ins Gesicht. Vielleicht auch wegen Seiketsu´s Geständnis … Schon häufig war Nadeshiko ihr trauriger Blick in Richtung Schloss aufgefallen. Und gleichzeitig konnte sie sich bislang keinen rechten Reim darauf machen.
„Habt Ihr ihn je wiedergesehen?“, wollte sie kaum hörbar wissen.
Die Priesterin sah aus dem Buntglasfenster des Tempels, während sie antwortete: „Natürlich gibt es Anlässe, bei denen wir beide anwesend sind … Schließlich habe auch ich den Namen seines Nachfolgers verkündet, aber … seit unserem Abschied leben wir nur in unsere Rollen. Hier habe ich Trost gefunden, vor allem in meiner Aufgabe dich auf deine Pflicht vorzubereiten.“
Ein Lächeln breitete sich auf Nadeshiko´s Gesicht aus.
„Nun da du die Wahrheit kennst, hast du etwas zu erledigen. So geh´ …“ fügte Seiketsu hinzu.
Im Herzstück des großen Waldes, der neben dem Schloss lag, existierte eine heilige Stätte, welche der Magie als solcher gewidmet war. Hier kniete Nadeshiko im stillen Gebet.
Als Ryuohtah eintraf, verharrte sie in ihrer Position: „Prinz Ryuohtah … bei unserer heiligen Magie schwöre ich Euch meine ewige Treue! Für Euch, der Ihr auserwählt seid zum Obersten König aufzusteigen, gebe ich mein Leben, meine Seele.“
Diese Offenbarung verblüffte Ryuohtah nicht wirklich; ein Teil von ihm hatte es bereits gewusst – viel mehr traf ihn die Position von Nadeshiko und er murmelte: „Ich wünschte, es wäre andersrum und ich dürfte dein Wächter sein, Shiko. Selbst wenn unsere Stellungen uns eingeholt haben, ändert das nichts an meinen Gefühlen für dich.“
Eine verräterische Röte legte sich auf ihre Wangen und die Worte kamen ihr etwas stockend über die Lippen: „Ohtah, ich … Meisterin Seiketsu sagte, nur du … nur du könntest das Chaos eindämmen und das gesamte Universum retten. Es ist … eine Ehre für mich, dabei helfen zu können.“
Der Prinz zog sie am Handgelenk auf die Füße, sodass sie sich auf Augenhöhe gegenüber standen und sagte ernst: „Du weichst mir aus. Mein Vater hat seine Pflicht über die Liebe gestellt und hat damit zwei, nein, mindestens drei Menschen unglücklich gemacht – ihn selbst, meine Mutter … und Seiketsu. Diesen Weg werde ich nicht gehen! Ich liebe dich, Shiko, bis zu meinem Lebensende …“
Ihr Widerstand bröckelte. Noch einmal rief sie sich ins Gedächtnis, wie die Beziehung zu einem Prinzen für Seiketsu ausgegangen war … Doch er war nicht Klerus. Nadeshiko wollte seinem Versprechen vertrauen … Mehr noch – ihre eigenen Gefühle waren viel zu stark, als dass sie ihn nur als Schutzbefohlenen betrachten konnte. Und so gab sie sich dem folgenden Kuss willentlich hin.
Im Gegensatz zu seinem Vater machte Ryuohtah aus seiner Liebe keinen Hehl – es gab weder heimliche Treffen noch ausweichende Blicke bei Hofe, stattdessen wählte er Nadeshiko sogar zu seiner Tanzpartnerin auf dem jährlichen Ball. Ein Teil von Klerus bewunderte und beneidete seinen Sohn dafür, dass er so zu seinen Gefühlen stehen konnte. Er hatte diesen Mut nicht gehabt und die Bedingung seines eigenen Vaters widerspruchslos akzeptiert. Ryuohtah würde eher die Königswürde verweigern, als sich von Nadeshiko zu trennen … Daher ließ Klerus ihn gewähren – er würde es nicht ertragen, noch einen geliebten Menschen zu verlieren.
„Ihr habt keine Einwände, Vater?“, fragte Ryuohtah überrascht.
Der König wandte sich dem Fenster zu, sein Blick suchte nach den Mauern des Tempels, und antwortete: „Liebe lässt sich nicht verbieten … Als Herrscher obliegt es mir, die Gesetze Ewyn´s zu verwalten … und ich beschließe, allen Thronerben die freie Wahl zu geben.“
„>Ein König sollte mit Mut und Weisheit regieren, weil das Herz und der Kopf nur gemeinsam die richtige Entscheidung treffen können.<“, rezitierte der Prinz einen Satz, den sein Vater ihm als Kind häufig vor dem Schlafengehen gesagt hatte, um ihn auf seine Pflicht vorzubereiten.
Hätte Klerus damals nach diesem Grundsatz gehandelt, hätte er vermutlich eine gänzlich andere Entscheidung getroffen … Doch Weisheit kam nun einmal von Erfahrung und Erfahrung erhielt man vor allem durch seine Fehler … Als Ryuohtah sich verabschiedet hatte, um Nadeshiko von dem Gespräch mit seinem Vater zu erzählen, machte auch dieser sich auf den Weg - zum Tempel. In weiße Gewänder gehüllt kniete die Oberpriesterin vor dem Altar, auf dem eine klare Kristallkugel aufgebahrt war.
„In die Zukunft sehen zu können bedeutet nicht, alles zu wissen … Es sind einzelne Fragmente, die sich genauso gut mit jeder neuen Sekunde ändern können.“, sprach Seiketsu, während er näher trat, „Ich habe gesehen, dass wir uns wieder gegenüber stehen würden … Doch den Grund … und den Ausgang dieser Begegnung kenne ich nicht.“
Klerus schwieg einen Moment länger, dann erwiderte er: „Ich habe mich nie bei dir entschuldigt … Auch wenn es dafür eigentlich gar keine Entschuldigung gibt. Selbst wenn du behaupten würdest, es wäre Schicksal letztendlich gewesen – ich war einfach nur feige."
Die Braunhaarige erhob sich und sah ihn an. Bei keiner Zeremonie hatte sie es bislang gewagt, ihm in die Augen zu sehen. Es bedurfte keiner Worte – nicht für einen einzigen Tag hatte sie aufgehört, ihn zu lieben. Niemals hätte sie einen anderen Mann an ihrer Seite akzeptiert.
„Klerus, ich …“, begann Seiketsu, brach jedoch abrupt wieder an.
Alles in ihr zog sich zusammen, Schwindel befiel sie, zwang sie in die Knie. Sofort eilte Klerus zu ihr, um sie zu stützen. Ein stummer Schrei bahnte sich seinen Weg aus ihrer Kehle.
„Sei, bitte, was ist los? Wie kann ich dir helfen?“, fragte Klerus verzweifelt und hielt sie fester.
Seiketsu´s Augenlider flatterten und langsam schaffte sie es Worte zu bilden: „Es ist soweit … das Chaos wird über Ewyn hereinbrechen …“
Erschöpft lag sie in Klerus´ Armen. Nun war ihre Aufgabe erfüllt … Einige kostbare Sekundenlang genoss Seiketsu seinen Schutz, dann befreite sie sich von ihm.
Bevor er seinen Protest äußerst konnte, sagte sie: „Geh´ zurück ins Schloss, Klerus … Deine Frau wartet auf dich. Nur euer Sohn kann unsere Welt jetzt noch retten … Du solltest an ihrer Seite sein.“
Qual verzog sein Gesicht, doch er ging zum Eingangsportal. Dort drehte der König sich noch einmal um. Und obwohl Seiketsu ihn weggeschickt hatte, wollten sich seine Füße keinen Meter weiterbewegen. Stattdessen kehrte er zu ihr zurück und schloss sie erneut in seine Arme.
„Wenn unsere Welt untergehen sollte, will ich lieber bei der Frau sein, die ich liebe …“, flüsterte er nahe ihrem Ohr, ehe er zu ihrem Mund wanderte und ihn mit einem Kuss verschloss.
An anderer Stelle hatten Prinz Ryuohtah und Nadeshiko ebenfalls bemerkt, dass der Tag gekommen war … Dunkle Wolken zogen sich über dem Himmel zusammen. Ein eiskalter, beißender Wind riss die Blätter von den Bäumen. Das Meer türmte sich zu meterhohen Wellen auf. Alles schien aus dem Gleichgewicht gerissen zu sein … Und am Firmament traf ein weißer Schwall reinen Lichtes auf eine trübe Ansammlung purer Finsternis. Die beiden Mächte rangen zunächst miteinander, bis sie sich in einem Wirbel vereinten. Nun kannten sie das »Gesicht« ihres Feindes, auf den Ryuohtah und Nadeshiko ihr Leben lang gewartet hatten … das Chaos war nach Ewyn gekommen.
„Ich rufe das Feuer an!“, rief die Rothaarige sofort ganz die Wächterin.
Rings um beide herum wuchs eine Feuerwand aus dem Boden. Das unheilvolle Übel näherte sich ihnen, ein eiskalter Schauer lief ihnen über den Rücken. Diese Macht war gekommen, um erst Ryuohtah zu töten und dann ganz Ewyn zu vernichten … Sie schleuderte einen gewaltigen Strahl auf Nadeshiko ab, die ihre Flammen zu einem Schild formte. Zwar wurde die Energie abgeblockt, doch die Wucht schlug sie zu Boden. Ryuohtah streckte die Hände nach der Macht aus – er musste sie in sich aufnehmen! Während Nadeshiko sich den dröhnenden Kopf hielt, wurde sie bereits erneut attackiert. Da ging alles ganz schnell – Ryuohtah warf sich vor seine Liebste und fing den Schlag ab. Unfähig zu begreifen, was geschehen war, verlor Nadeshiko das Bewusstsein …
Im Tempel lag Seiketsu noch immer in Klerus´ Armen. Durch ihre Gabe spürte sie, was vorging.
„Liebe lässt Welten entstehen … und untergehen.“, murmelt die Priesterin noch.
Denn ohne die Kraft des Obersten Königs überzog das Chaos ganz Ewyn und verschlang den Planeten vollständig …
Shiko, Seiketsu und Klerus erwachten aus ihrer Vision. Es war kein Versehen gewesen … kein Verirren, nein, Ohtah´s Seele wurde vom Chaos gefangen gehalten. Und nicht einmal ihre Verbindung zu den Nebeln hatte ihn befreien können … Dabei war jene Macht schon einmal auf ihrer Seite gewesen. Die Kinder der Legenden hatten Yoso No Koshi´s Kontrolle über die vier Elemente mit Ryukii No Mai´s klassengegebenem Bund zur Finsternis sowie Toki No Kibo´s heiligem Licht miteinander verschmolzen und das daraus resultierende Chaos gegen Shiro Tagachi, den Untoten Lich, Abaddon und den Großen Zerstörer gerichtet und sie endgültig besiegt. Seiketsu wusste genau, worüber ihre Seelen-Schwester nachdachte und hatte die Zeit genutzt, um Klerus davon zu berichten. Sichtlich beeindruckt wollte dieser wissen, ob es ihnen nicht erneut gelingen könnte, das Chaos nach eigenem Willen zu kanalisieren.
„Dafür fehlt uns leider jemand, der einen Bezug zur Finsternis hat … Selbst eure Peingebete hatten einen heiligen Ursprung.“, widersprach Shiko geknickt.
Plötzlich hellte sich das Gesicht der einstigen Heilerin auf und sie rief: „Das stimmt nicht – wir sind mit ihm verbunden! Seira hat es selbst gesagt – es gäbe nichts, was unser Band erschüttern könnte.“
„Also auch keine gewaltige, chaotische Energie, die einen von uns gefangen hält …“, schlussfolgerte ehemalige Elementarmagierin, „Du hast vollkommen recht – Ohtah ist immer bei uns! Dann strengen wir uns mal an, um ihn zu befreien. Unser nächstes Leben wartet sicher schon!“
Auf Tyria war es Shiko leicht gefallen, die Elemente zu ihrer Unterstützung zu rufen – hier jedoch befand sie sich inmitten des Universums, ohne Körper.
„Feuer, Erde, Wasser, Luft … ich brauche eure Hilfe, kommt zu mir mir … leiht mir eure Kraft …“, murmelte sie, gleich einem Mantra.
Seiketsu und Klerus hielten sich an der Hand und rezitierten ein Gebet: „Oh Dwayna, Herrin des Lebens, verleih´ uns deinen Segen … lass´ dein Licht über uns leuchten …“
Während sie ihre Anrufe wiederholten, wurden immer ihre Worte vielstimmiger … Mit jedem weiteren Moment erschienen Abbilder von Shiko, Seiketsu und Klerus – Inkarnationen all der Leben, die sie geführt hatten. Da waren welche, die ihnen vollständig glichen, und bei anderen konnte man nur einzelne ihrer Merkmale ausmachen. Wächterin Shiko, Priesterin Seiketsu und König Klerus und Ewyn standen ihnen mit am nächsten. Die letzten, die erschienen, waren Shikon Feenseele und Seiketsu Lichtsegen, ihre ersten Wiedergeburten ebenfalls in Tyria, nur zweihundert Jahre nach ihrem Tod. Doch sie hatten noch jemand bei sich – Ohtah Shadowdragon! Und mit ihm fanden sich auch Ohtah´s Verkörperungen ein, samt Prinz Ryuohtah.
Gemeinsam beschworen sie die Finsternis: „Du bist uns Schutz, du bist uns Weiser … im Schatten leben wir, im Schatten sind wir vereint.“
Endlich erhöhten die Essenzen von Feuer, Wasser, Erde, Luft, Licht und Finsternis ihr Flehen – sie vereinigten sich und das Chaos unterstand nun ihrer aller Kontrolle.
„Höre uns, Chaos! Du bist weder gut noch böse – du bist ein Teil von allem und jedem. Chaos ist das Leben an sich!“, verkündete Shiko.
Das Chaos fügte sich … und zog in unzähligen Schwaden in alle Richtungen davon. Ihre Selbst verschwanden ebenfalls … Zurück blieb nur Ohtah. Shiko stürzte auf ihn zu, hielt ihn fest. Glück durchflutete sie. Vor allem als sie dieses Bekannte ziehen spürte, welches alle zurück in die Nebel zog …
„Shiko, ihr habt mich gerettet. Was ihr riskiert habt …“, sagte Ohtah bei ihrer Ankunft in den Nebeln noch etwas mitgenommen, „Danke! Ich danke euch.“
Seiketsu und Klerus nickten lächelnd, während Shiko ihm einen Kuss auf die Wange hauchte und entgegnete: „Einmal Legende, immer Legende. Wir gehören auf ewig zusammen!“
Was bedeutet es wahrhaft zu lieben? Shiko und Ohtah, Seiketsu und Klerus machen es vor – nichts kann sie dauerhaft auseinanderreißen. Nicht der Tod und keine Wiedergeburt.
Buch 17: Duellierende Legenden und legendäre Duelle
Was macht die Beziehung zwischen Duellanten und ihrem Deck aus? Was kann ein Duell alles enthüllen? Auf der Duellakademie aufgenommen zu werden, ist eine große Ehre – aber manchmal kann es auch eine Bürde sein.
Willkommen auf der Duellakademie
Es gab seither Ereignisse, welche die Welt veränderten … Doch kaum etwas hatte so viel Auswirkung gehabt, wie Maximilian Pegasus´ Expedition ins alte Ägypten. Dort war er auf das Mysterium der legendären Schattenspiele gestoßen und hatte darauf das Spiel DuelMonsters entwickelt. Inzwischen besaß beinahe jeder ein eigenes Deck – es gab sogar Schulen, an denen das Duellieren studiert werden konnte. Ryuohtah Taiyo war einer dieser Studenten der renommierten Duellakademie, welche auf einer abgeschotteten Insel lag. Hier hatte er den höchsten Rang eines Obelisk blue inne, da er zuvor bereits Vorbereitungskurse besuchte. Gute Schüler, die von außerhalb kamen, wurden zumeist in Ra yellow aufgenommen. Beinahe hoffnungslose Fällen dagegen landeten in Slifer red – oder wenn sich Schüler erst während eines laufenden Schuljahres einschrieben. So wie Nadeshiko Yosogawa, deren überdurchschnittliche Zensuren den Kanzler Klerus Fujikawa allerdings zu einer kleiner Sonderregel veranlassten – sie sollte eben gegen Ryuohtah in einem Einstiegsduell antreten und im Falle eines Sieges durfte sie sofort eine Stufe aufsteigen. Das Duell fand im großen Kuppelsaal statt, der den Obelisken vorbehalten war oder eben für besondere Anlässe genutzt wurde. Während die Vize-Kanzlerin Seiketsu Fujikawa, die gleichzeitig Klerus´ Frau war, die Kontrahenten ankündigte, betraten beide die Arena und nahmen ihre Plätze einander gegenüber ein.
„Willkommen auf der Duellakademie!“, begrüßte Ryuohtah seine Gegnerin freundlich.
Während beide ihre DuelDisks aktivierten, verbeugte sich Nadeshiko leicht und entgegnete: „Ich freue mich hier sein zu dürfen. Auf ein faires Duell! Hier kommt mein erster Zug – ich beschwöre Thaumaturgist der Qualen und rüste ihn mit dem Buch der geheimen Künste aus.“
Für den Moment entschied er sich ein Monster im Verteidigungsmodus zu setzen, samt einer verdeckten Karte. Dem fügte er noch die Feldzauberkarte »Shien´s Schloss des Nebels« bei und enthüllte damit das Thema seines Decks – die »Sechs Samurai«. Diesen sollten sich Nadeshiko´s Magier des Schwarzen Zirkels entgegenstellen; als nächstes der »Erfahrene Schwarze Magier«, welcher sofort das verdeckte Monster angriff. Jedoch besaß der »Kammerherr der Sechs Samurai« einhundert Punkte mehr, was sie ein paar Lebenspunkte kostete. Weshalb die Rothaarige eine verdeckte Karte spielte und den Effekt des »Thaumaturgisten« aktivierte, indem sie beide Zauberzählmarken von ihm entfernte und das gegnerische Monster zerstörte. Nun durfte der erste, wahre »Sechs Samurai« auf den Plan treten und dadurch, dass »Zanji« auf dem Feld erschienen war, durfte Ryuohtah zudem ihren »Großmeister« speziell beschwören. Zudem aktivierte er seine verdeckt gespielte Karte »Rückkehr der Sechs Samurai!«, was dem »Kammerherrn« neues Leben einhauchte. Nachdem die ersten beiden Monster ihre Spielfeldseite leer geräumt hatten, griff letzterer Nadeshiko noch direkt an, ehe er auf den Friedhof zurückkehrte.
Siegessicher meinte der Obelisk: „Du hast fast die Hälfte deiner Lebenspunkte verloren … Ich fürchte rot bleibt deine Farbe.“
„Stimmt, rot ist schließlich meine Lieblingsfarbe. Allerdings ist die letzte Karte noch nicht gespielt!“, entgegnete Nadeshiko und zog, „Mit Monsterreanimation hole ich meinen Erfahrenen Schwarzen Magier vom Friedhof zurück … dann aktiviere ich meine verdeckte Karte Pechschwarzer Energiestein und übertrage alle drei Zauberzählmarken auf mein Monster. Jetzt kann ich es opfern, um seinen Meister zu beschwören … Komm´ hervor, Schwarzer Magier!“
Ein Stimmengewirr von Seiten der Zuschauer brach los und Ryuohtah rief schockiert: „Dieses Monster ist legendär!“
„Aber nicht einmalig …“, murmelte sie traurig.
Ihre Eltern hatten ihr dieses Deck einst geschenkt, damit sie Yugi Muto nacheiferte und selbst König der Spiele werden würde … Dabei wünschte sie sich vor allem das Spiel, welches sie so liebte, rein aus Spaß zu bestreiten. Es stimmte, dieser Magier war überaus mächtig … bedeutend für die Popularität von DuelMonsters, doch Nadeshiko sah darin nur ein Sinnbild ihres goldenen Käfigs. Aber in diesem Moment stellte er ihre beste Chance zu gewinnen dar – besonders da Nadeshiko ihm mit »Magische Formel« ein ziemliches Power-Update verpasst hatte.
„Normalerweise würde ein Duellant immer das schwächste Monster angreifen, um den größeren Schaden zu verursachen … Aber dann würde Zanji´s Effekt meinen Magier vernichten, nicht wahr?“, sagte die Rothaarige, „Also muss sein Großmeister den Streich kassieren – Schwarze Magie-Attacke!“
Dennoch war es der »Sechs Samurai – Zanji«, der zum Friedhof wanderte – eine grundlegende Fähigkeiten von ihm und seinen Kameraden ... jeder konnte sich für einen anderen opfern.
Ryuohtah rief den nächsten Krieger »Nisashi« auf den Plan und erklärte: „Nachdem du uns die Galionsfigur deines Decks gezeigt hast, erlaube mir dir die meine vorzustellen. Ich spiele die mächtige Zauberkarte Sechs Schriftrollen der Samurai und biete beide Monster als Tribut an, um ihren Herrn zu rufen … Zeige dich in deiner ganzen Pracht, Großer Shogun Shien!“
Mit der Macht des »Schlosses« sowie der Ausrüstung durch das »Legendäre Ebenholzross« waren Krieger und Magier einander ebenbürtig. Daher griff er auch nicht an, sondern setzte noch eine Karte verdeckt. Dafür schlug Nadeshiko in ihrem nächsten Zug einen kleinen Zaubertrick vor – mit »Tausend Messer« konnte der »Schwarze Magier« jedes Monster zerstören …
„Nicht so hastig.“, warf der Braunhaarige ein, „Sein Reittier rettet ihn.“
Der Duellant in ihm wollte zusätzlich noch zu dieser Vereitelung ihres Plans die verdeckte Karte aktivieren, mit der er noch gewinnen würde … doch er tat es nicht. Niemals zuvor war der Obelisk von einem Gegner so beeindruckt gewesen … Und hier ging es schließlich nur darum, ihr Können zu testen.
Daher legte Ryuohtah die erhobene Hand stattdessen über sein Deck und gratulierte ihr: „Der Sieg gehört dir! Herzlichen Glückwunsch zu deinem Einzug bei Ra.“
Allerdings wirkte Nadeshiko davon keineswegs begeistert. Festen Schrittes kam sie auf ihn zu und zog ihm die verdeckt gesetzte Karte aus der DuelDisk.
Sofort wurde ihr Gesichtsausdruck noch finsterer und sie entgegnete scharf: „Du hast nicht alles gegeben. Als Duellant bist du aber genau das es deinem Deck und deinem Gegner schuldig … Es hat immer einen bestimmten Grund, warum man eine Karte erhält.“
Sie gab ihm die Karte zurück, dann verließ sie unter dem Applaus der Zuschauer die Arena. Die Vize-Kanzlerin erhob sich ebenfalls und folgte der neuen Schülerin. Etwas abseits wartete diese bereits auf ihre Verfolgerin. Ryuohtah starrte Nadeshiko derweil immer noch bewegungsunfähig nach, während sein Herz wild pochte.
„Und das soll wirklich einer eurer besten Schüler sein, Sei-obasan?“, meinte die Rothaarige mit hochgezogener Augenbraue.
Ihre Tante lächelte milde, als sie zurückgab: „Ich glaube eher, Taiyo-san wollte dich gewinnen lassen, um dir einen besseren Start zu verschaffen. Slifer haben immer noch einen etwas … schlechten Ruf an der Akademie.“
Darüber schwieg sie. Natürlich hatte Nadeshiko daran gedacht … und trotzdem ärgerte sie sein Verhalten. Hätte er bei einem Jungen als Gegner genauso reagiert? Trotz ihrer Worte war ihr sein Talent mit den Karten aufgefallen, er hatte sie grundsätzlich sehr gut gespielt …
„Ich habe Klerus wie versprochen nichts von dir erzählt.“, wechselte Seiketsu abrupt das Thema.
Als Tochter eines großen, japanischen Firmenchefs hatte Nadeshiko bislang alles bekommen, was sich ein Kind nur wünschen konnte … selbst ein ausgezeichnetes Deck mit legendären Karten. Hier wollte sie einfach mal eine ganz normale Schülerin sein.
„Danke, Fujikawa-sensei.“, antwortete Nadeshiko zwinkernd.
Seiketsu lächelte milde. Vielleicht würde ihr Bruder eines Tages verstehen, was wirklich in seiner Tochter steckte … etwas, das sich bei weitem nicht mit Geld kaufen ließ.
Unerwartetes Ergebnis
Während des Schuljahres machte sich Nadeshiko einen Namen unter den Studenten – nicht nur, dass sie trotz ihres Status als Ra weiterhin die rote Jacke trug, die sie bei ihrer Ankunft bekommen hatte, stets verfolgten unzählige Schüler ihre Duelle, um jene Monster zu sehen, die einst das Spiel erst so richtig populär gemacht hatten … jene Karten, die der legendäre Yugi Muto für sich erwählt hatte; und niemand schien sie damit im Duell besiegen zu können. Im Unterricht schlug sie sich beinahe ebenso gut. Nur ihre Tante begriff, warum sie einen solchen Elan an den Tag legte – auf der Duellakademie erfolgreich zu sein, bedeutete für sie Freiheit. Nur solange sie zu den Besten gehörte, erlaubten ihre Eltern ihr den Schulbesuch; eine berühmte Duellantin zog sichtlich geeignetere Anwärter an und würde der Firma zukünftig einen guten Ruf einbringen. Ein weiterer Anlass, um ihre Entschlossenheit zu zeigen, war die Zwischenprüfung, welche am Ende des ersten Schuljahres mit einem theoretischen und einem praktischen Teil stattfand, bei dem jeweils zwei Schüler entsprechend ihrer zuvor gezeigten Leistungen gegeneinander antreten würden.
Daher war die Auslosung der Gegner das Gesprächsstoff – einer der Obelisken fragte Ryuohtah bereits zum zehnten Mal, ob er seine Paarung bereits erfahren hatte und ob er einen Wunschpartner hätte. Tatsächlich gab es eine Person, gegen die er antreten wollte … erneut antreten wollte. Seit ihrem letzten Duell war kein einziger Tag vergangenen, da der Braunhaarige nicht an sie gedacht hatte. Mehrfach hatte er sie aufsuchen wollen und es dann doch nicht getan – so enttäuscht wie Nadeshiko von ihm gewesen war, wollte sie sicherlich nichts mit ihm zu tun haben. Plötzlich piepte sein Pager durch eine neue Nachricht, was ihn aus seinen trüben Gedanken riss.
„Jetzt bekommst du wohl endlich deine Antwort, Mhenlo.“, meinte Ryuohtah scherzhaft.
Doch er starrte die Worte auf dem kleinen Bildschirm nur an, ohne den Namen auszusprechen.
Mhenlo schielte ihm über die Schulter und rief begeistert: „Das wird ja ein richtig interessantes Duell! Diesmal kannst du richtig ernst machen.“
Etwas anderes blieb ihm auch gar nicht übrig – Nadeshiko Yosogawa war keine leichte Gegnerin, wie er bereits hatte feststellen müssen. Und außerdem wollte er es sich nicht noch weiter mit ihr verscherzen.
Besagte wurde ungefähr zur gleichen Zeit ebenfalls von einer ihrer Mitschülerinnen auf dieses Thema angesprochen – prompt trudelte auch bei ihr das Ergebnis der Auslosung ein. Nadeshiko blinzelte einige Male, ehe sie Danika´s Frage beantwortete.
„Uh, ein schicksalhaftes Wiedersehen!“, rief Danika begeistert aus, „Ich bin sicher, du wirst ihn wieder mit deinen legendären Karten besiegen.“
Dazu schwieg Nadeshiko – schon wieder jemand, der sie auf das gekaufte Deck ihrer Eltern reduzierte … Nichtsdestotrotz passte ihr diese Auslosung ganz wunderbar – endlich konnte sie herausfinden, was Ryuohtah Taiyo wirklich drauf hatte!
Bereits eine Woche später standen sich die beiden Kontrahenten an genau jeder Stelle gegenüber, wie bereits vor ein paar Monaten – ein wahrhaftiges Déjà-vu.
„Das grenzt schon an Ironie des Schicksals, nicht wahr?“, begrüßte Nadeshiko ihn belustigt, während sie ihre DuelDisks starteten.
Ryuohtah konnte sich das Grinsen nicht kneifen und entgegnete: „Ja. Aber heute habe ich nicht vor, mein Deck … und meinen Gegner zu enttäuschen!“
Es erfreute sie, dass er sich ihre Worte offensichtlich zu Herzen genommen hatte. Der Obelisk genoss unter seinen Mitschülern einen ausgezeichneten Ruf, auch die Lehrer schätzten ihn. Manche betrachteten ihn schon jetzt als künftigen Profi-Duellanten. Und ganz der Gentleman überließ er ihr erneut den ersten Zug, indem sie nur »Verteidiger, den magischen Ritter« im offenen Verteidigungsmodus beschwor, sodass er eine Zauberzählmarke erhielt. Auf Ryuohtah´s Spielfeldseite durfte ein Monster im Angriffsmodus seine Aufwartung machen.
„Wie du ja weißt, hassen es meine Krieger allein zu sein … deshalb hänge ich den Geist der Sechs Samurai als Union-Monster an Irou an.", erklärte er lachend, weil das seinem Monster zusätzliche Kraft verlieh.
Daraufhin griff er »Verteidiger« an, doch Nadeshiko griff ein: „Nichts da – ich entferne seine Zauberzählmarke, um ihn zu schützen.“
„Dann zerstört ihn eben Irou´s Effekt.“, widersprach der Obelisk blue und beendete seinen Zug.
Endlich zeigte Ryuohtah ihr gegenüber, dass er zurecht eine blaue Jacke trug. Sie musste ebenfalls beweisen dieser Schule würdig zu sein – gestern war eine E-Mail ihrer Eltern gekommen, mit der Aufforderung bei dieser Zwischenprüfung bloß nicht zu versagen und die Ehre der Familie zu bewahren. Hier in Japan galten eben andere Regeln; das Gesicht zu verlieren, wäre die größte Schmach … Aber das gekaufte Deck enttäuschte nicht – weil sie ihn gerade gezogen hatte, erlaubte ihr seine besondere Fähigkeit, »Palladiumorakel Mahad« ohne Tribut direkt von ihrer Hand auf das Feld zu rufen.
„Wenn Mahad ein FINSTERNIS-Monster angreift, verdoppeln sich seine Angriffspunkte – und leider ist das genau Irou´s Eigenschaft.“, meinte Nadeshiko halb scherzend.
Zwar bewahrte der »Geist der Sechs Samurai« »Irou« vor der Vernichtung, doch Ryuohtah musste ganze zweitausendachthundert Punkte Schaden einstecken. Ihm blieb für den Moment nur seine Verteidigung zu stärken – zunächst mit »Die Sechs Samurai – Yaichi«, dann wechselte er mit »Irou« den Modus und durfte durch dessen Spezialeffekt noch »Legendäre Sechs Samurai – Kizan« von seiner Hand rufen, um seine Lebenspunkte zusätzlich zu beschützen. Die »Legendären Sechs Samurai« war die vorangegangene Generation an Kriegern dieses besonderen Clans. Zudem aktivierte er er eine weitere neue Karte … »Shien´s Rauchzeichen« ließ ihn »Die Sechs Samurai – Kamon« auf die Hand nehmen, ehe Ryuohtah noch eine weitere Karte verdeckt setzte. Diese kam alsbald zum Einsatz, nachdem »Mahad« »Kizan« und der frisch beschworene »Schnellfeuer-Magier« »Yaichi« vernichtet hatten – mit »Shien´s Komplott« rief er »Kamon« im Verteidigungsmodus. Da »Yaichi« nun auf dem Friedhof weilte und ihren verdeckten Karten nichts mehr anhaben konnte, setzte sie eine davon zum Abschluss ihres Zuges. Nadeshiko hatte ihn in eine brenzlige Situation gebracht … Doch für fast jede Zwickmühle gab es eine Lösung – Ryuohrah rief »Legendäre Sechs Samurai – Enishi« zu Hilfe und entfernte anschließend zwei »Sechs Samurai« vom Friedhof aus dem Spiel, so hatte er die Macht »Mahad« zurück auf Nadeshiko´s Hand zu schicken. Zusätzlich versetzte er »Irou« samt »Kamon« in den Angriffsmodus. Ihr dreifach Angriff zerstörte nicht nur ihren »Schnellfeuer-Magier«, sondern ihr blieben auch lediglich zweihundert Lebenspunkte. Da erschien es – nicht für Ryuohtah – äußerst absonderlich, dass Nadeshiko ein Monster rief, welches über gerade einmal vierhundert Angriffspunkte verfügte, allerdings nicht direkt angreifen konnte.
„Kinder werden ja so schnell groß … Ich spiele Magieartige Dimension, um sie gegen ein Hexer-Monster von meiner Hand auszutauschen … und präsentiere dir das Schwarze Magier-Mädchen!“, sagte sie mit einem Augenzwinkern.
Während des ganzen Schuljahres hatte sich die Schülerschaft – Ryuohtah eingeschlossen – gefragt, ob Nadeshiko diese Karte wohl ebenfalls besaß …
„Aber die Zaubershow geht noch weiter …“, zog die Rothaarige seine Aufmerksamkeit wieder auf sich, „Ich aktiviere Stein der Weisen, damit ihr Meister ihr Gesellschaft leisten kann!“
Jetzt, da Ryuohtah diesem Duo gegenüber stand, verstand er vollends, warum Yugi Muto so gefürchtet … und Nadeshiko ungeschlagen geblieben war. Der »Schwarze Magier« kümmerte sich um »Enishi«, damit ihr dessen Angriffspunkte sowie Fähigkeit nicht mehr gefährlich werden konnte, während das »Schwarze Magier-Mädchen« »Kamon« auf den Friedhof beförderte. Mit vierhundert zu zweihundert Lebenspunkten war das Duell zumindest dahin gehend ausgeglichen. »Irou« kehrte in den Verteidigungsmodus zurück, in dem ihm »Shien´s Draufgänger« Gesellschaft leistete. Dazu legte der Braunhaarige noch eine verdeckte Karte.
Dieser Zug würde über den Ausgang des Duells entscheiden, da war sich Nadeshiko sicher – sie atmete tief durch und fragte ihn: „Bist du bereit für die Zugabe?“
„A-aber du hast doch …“, begann Ryuohtah, dann jedoch besann er sich eines besseren, „Warte, heißt das-“
Sie nickte und aktivierte eine Zauberkarte: „Genau so ist es – ich kann immer noch die Hälfte meiner Lebenspunkte bezahlen, um mit dem Dunklen magischen Vorhang mein Trio zu vervollständigen … Von meinem Deck rufe ich daher den Dunklen Magier des Chaos!“
Und obwohl Nadeshiko ihr Deck auf gewisse Weise verabscheute, entwich ihr eine einzelne Freudenträne, weil sie zum ersten Mal alle drei »Schwarzen Magier« gleichzeitig auf dem Feld hatte … Ryuohtah dagegen starrte ihr drittes Monster noch entsetzter an. Es gab viele ungewöhnliche Kombinationen in diesem Spiel, manche Monster waren beinahe unmöglich zu rufen … andere wie hier derart zu versammeln glich einer Meisterleistung. Er könnte sich zwar mit seiner verdeckt gespielten »Rückkehr der Sechs Samurai!« in den nächsten Zug retten … doch gab es in seinem Deck überhaupt etwas, das sich diesem Aufgebot entgegenstellen konnte? Selbst wenn nicht – Nadeshiko hatte ihm schon einmal vorgeworfen nicht mit ganzer Kraft gekämpft zu haben … Ryuohtah ließ »Enishi« vom Friedhof zurückkehren und nutzte erneut seine besondere Fähigkeit, um den »Schwarzen Magier des Chaos« in ihre Hand zu schicken – damit sah es nicht mehr ganz so hoffnungslos für ihn aus. Da umspielte Nadeshiko´s Lippen ein kaum merkliches Lächeln. Diesmal hatte er seine letzte, verdeckte Karte also ausgespielt, um ihr Kontra zu bieten …
Dann war es nun an ihr, es ihm gleichzutun: „Hier endet das Duell. Ich aktiviere meine verdeckte Falle Zerstörungsring … Weil ich noch mindestens ein Monster auf dem Feld habe, kann ich es opfern und beide Spieler erhalten fünfhundert Schadenspunkte!“
Damit fielen beide gleichzeitig auf null. Keiner im Saal wusste, wie er oder sie darauf reagieren sollte – ohne diese Karte hätte Nadeshiko zweifellos gewonnen. Trotzdem hatte sie es einfach tun müssen …
Plötzlich flimmerte auf dem riesigen Bildschirm das Gesicht des Kanzlers auf, dessen Mimik zunächst keinerlei Regung zeigte, ehe er zu sprechen begann: „Dies ist eine tragende Institution … Generationen von Schülern standen sich an diesem Ort bereits gegenüber. Eines der grundlegenden Prinzipien dieser Ausbildung beinhaltet das Verhalten gegenüber seinem Gegner … Und Respekt vor seinem Gegner kann auch bedeuten, ihm in einer bestimmten Situation keine Schmach zufügen zu wollen … Wer sich auf einer höheren Ebene duelliert, lernt die Gefühle seines Gegenüber zu lesen. Da Nadeshiko Yosogawa bewiesen hat, dass sie diese Fähigkeit bereits besitzt, befördere ich sie hiermit offiziell zu Obelisk blue! Herzlichen Glückwunsch!“
Fassungslos starrte Nadeshiko Klerus an – eher hätte sie mit einer Rüge oder sogar einem Verweis gerechnet, weil sie das Duell bewusst nicht gewonnen hatte … Seiketsu, die das Duell natürlich direkt von der Tribüne aus verfolgt hatte, dagegen lächelte. Ihre Tante überraschte die Entscheidung ihres Mannes gar nicht; sein gütiger und verständnisvoller Blick auf die Welt war einer der Gründe, warum sie ihn liebte … Dankbar neigte die Rothaarige das Haupt. Beide Aufstiege hatte sie Duellen mit Ryuohtah zu verdanken. Apropos jetzt erst fiel es ihr ein, ihn wieder anzusehen. Derselbe Unglauben lag auch über seinem Gesicht, wie zuvor auf ihren eigenen Zügen.
„Nadeshiko …“, sprach Ryuohtah sie an, während er auf sie zuging, „Warum hast du das getan? Ich meine, du wolltest, dass ich mit voller Kraft kämpfe – trotzdem hast ausgerechnet du dieses Duell absichtlich mit einem Unentschieden beendet.“
Eine berechtigte Frage, das musste sie zugeben … vor allem nachdem, wie sie nach dem Ausgang ihrer ersten Begegnung reagiert hatte – und er wusste ja einmal um das Gespräch mit Seiketsu.
„Das stimmt … Weil du deine Karte diesmal aktiviert hast.“, entgegnete Nadeshiko milde, „Erinnerst du dich? >Es hat immer einen bestimmten Grund, warum man eine Karte erhält.< Dieses Duell sollte unentschieden enden.“
Eine neuerliche Welle von Verwunderung schwappte über ihn hinweg, dann meinte er grinsend: „Tja, das bedeutet dann wohl, dass wir irgendwann wieder gegeneinander antreten müssen.“
Mit einem Nicken nahm sie seine Hand und bestätigte: „Sieht ganz so aus. Aber nur, wenn du mich in Zukunft >Shiko< nennst.“
„Und ich bin >Ohtah<.“, gab Ryuohtah zwinkernd zurück.
In diesem Moment hatten die beiden endgültig und offiziell Freundschaft geschlossen.
An deiner Seite
Von jenem Duell an waren Ryuohtah und Nadeshiko ein Herz und eine Seele – sie verbrachten ihre Freizeit miteinander, lernten gemeinsam und saßen im Unterricht beieinander. Niemand konnte mehr glauben, dass sie sich zuvor noch vollkommen aus dem Weg gegangen waren. Besonders Seiketsu freute sich, ihre Nichte endlich in echter Freundschaft zu sehen – nicht einfach nur in Gesellschaft irgendwelcher Mitschülerinnen, die sich nur oberflächlich für genau das interessierten, dem sie zu entfliehen versuchte. Zwar verlangte ihr Bruder regelmäßige Berichte über ihre Fortschritte, doch meist antwortete die Vizu-Kanzlerin erst Tage oder sogar Wochen später, was sie auf die viele Arbeit als Lehrerin schob. In Skandinavien war er ja bereits streng mit seiner Tochter gewesen … zurück in Japan duldete er keinen einzigen Fehltritt. Umso mehr würde er vermutlich toben, wenn er erfuhr, warum Ryuohtah Nadeshiko eines Tages zu einem Ausflug mit einem der Ruderboote einlud.
„Also wohin fahren wir?“, fragte die Obelisk blue – oder vielleicht eher red – neugierig, „Ich kenne dich inzwischen gut genug – du tust nichts ohne irgendeinen Grund. Möchtest du etwa ein Duell auf dem Wasser? Das würde platztechnisch wahrscheinlich etwas eng werden.“
Er lachte nicht über ihren Scherz, zu ernst war die Angelegenheit und er antwortete: „Nein, kein Duell, nicht wirklich. Ich wollte ungestört mit dir reden … außerhalb der Akademie. Shiko, anfangs waren wir Gegner, dann Freunde … aber ich … ich empfinde mehr für dich, schon vom ersten Tag an. Das kommt sicher ziemlich überraschend – entschuldige, dass ich dich damit so überfalle.“
Verblüfft starrte die Rothaarige ihn an, während sich eine kalte Gänsehaut über ihren Körper ausbreitete. Ein Teil von ihr befürchtete, sich lediglich verhört zu haben …
Nur mühsam gelang es ihr ihre Stimme wiederzufinden: „Damit habe ich nicht gerechnet, jedoch … gewünscht habe ich es mir. Erst war ich geblendet, weil ich dachte, du würdest in mir nur ein kleines Mädchen sehen, das sich hier nicht behaupten könnte. Doch du bist zu allen unglaublich freundlich, warmherzige und stets hilfsbereit. Plötzlich wurde ich fast schon … eifersüchtig. Ganz unwillkürlich wollte ich etwas besonders für dich sein. Merkwürdig, nicht wahr?“
Das Wasser plätscherte, so abrupt bewegte sich Ryuohtah auf Nadeshiko zu, ergriff ihre Hände und sah ihr fest in die Augen, ehe er bestätigte: „Das bist du – ich liebe dich, Shiko, nur dich!“
Alles andere auf der Welt war vergessen – nur das Gefühl ihrer Lippen, die sich zärtlich berührten, zählte noch für die beiden.
Gegen Ende des Schuljahres wurde Nadeshiko überraschend vom Kanzler zu sich in sein Büro gerufen. Noch immer ahnte er nicht, in Wahrheit seine Nichte vor sich zu haben. Doch sah er dennoch mehr, als irgendjemand ahnte …
„Yosogawa-san, bitte setzt Euch.“, sagte Klerus freundlich, „Ihr fragt Euch sicher, warum ich Euch so dringend sprechen wollte … Ich möchte Euch ein Angebot machen – es mag zunächst etwas merkwürdig klingen, aber ich werde mich bemühen all Eure Fragen dazu zu beantworten. Eine unserer Partnerschule, genau genommen die Nordakademie hat angefragt, ob einer unserer Studenten Interesse hätte, für ein halbes Jahr bei ihnen zu lernen. Ein neuer Kanzler hat dort übernommen, der selbst zeitweise an unserer Schule unterrichtet wurde. Jedenfalls habe ich dabei an Euch gedacht … Wäre Eure Familie nicht umgezogen, hättet Ihr dort studiert, nicht wahr?“
Obwohl die Obelisk nickte, wirkte sie weiterhin verwirrt.
Auf ihre unausgesprochene Frage hin erklärte er: „Wisst Ihr, was meine vorrangige Aufgabe an dieser Schule ist? Ich sitze hier oben in meinem Büro, um alles beobachten zu können. Ich muss dafür Sorge tragen, dass es meinen Studenten gut geht und sie sich in ihrem Dasein als Duellant weiterentwickeln …“
„Und genau da liegt bei mir das Problem … nicht wahr?“, gab Nadeshiko zurück, „Eure Sorge ehrt mich, Fujikawa-sensei. Genau genommen klingt dieser Wechsel sehr interessant. Allerdings … möchte ich Euch dennoch bitten diese Angelegenheit mit einem Duell entscheiden zu dürfen. Es gibt Dinge, die mich hier halten … und ich klären muss. Daher will ich noch einmal gegen Ryuohtah Taiyo antreten … Sollte ich verliere, gehe ich auf die Nordakademie, um mich hoffentlich dort weiterzuentwickeln zu können.“
Lächelnd erwiderte Klerus: „Der Kodex dieser Akademie lautet, jeden Konflikt mit einem Duell zu lösen … daher bin ich einverstanden. Stellt Euch sich dieser Prüfung, Yosogawa-san – egal wie es ausgeht, es wird Euch weiterbringen.“
Nadeshiko verneigte sich tief vor Klerus. Es war nicht so, dass ihre Zensuren abfällig gewesen wären oder sie Duelle verloren hätte – im Gegenteil, es gäbe ihren Eltern nichts negatives über ihre schulische Laufbahn zu berichten. Sie würden das Problem an sich wahrscheinlich auch gar nicht verstehen … sie selbst hatte viel zu lange gebraucht, um wirklich zu verstehen, was mit ihr los war – alles beim Duellieren gründete sich auf das Vertrauen in die eigenen Karten. Und genau das fehlte ihr von vornherein. Ryuohtah hatte Nadeshiko einmal dazu gebracht mit diesem Deck ihr Bestes zu geben. Wenn sie diesmal ohne Rücksicht auf Verluste, versuchte zu gewinnen – und es tatsächlich schaffte, würde sie ihr Deck vielleicht endlich akzeptieren können … Wenn nicht, war Japan der falsche Ort, um sich neu zu orientieren.
Verwundert fand sich Ryuohtah am Austragungsort ein, nachdem Seiketsu ihn über das Duell informiert hatte – jedoch ohne den Grund dafür zu nennen. Selbst wenn dies ihr großer Rückkampf sein sollte – hätte er sich dann nicht darauf vorbereiten sollen?
„Shiko, weißt du, wie es dazu kommt, dass wir uns duellieren sollen?“, fragte er seine Liebste,
Da sie es nicht fertigbrachte, ihn anzulügen, überging sie seine Frage und entgegnete nur: „Mach´ einfach deinen Zug.“
Für gewöhnlich hatte er sie den Anfang machen lassen … Doch fragte Ryuohtah nicht weiter nach, sondern entsprach ihrem Wunsch und beschwor einen seiner neuesten Gefährten – »Geheime Sechs Samurai – Doji« mit eintausendsiebenhundert Angriffspunkten. Zudem legte er eine Karte verdeckt ab. Auch Nadeshiko begann mit einem Monster; »Brecher, magischer Krieger« erhielt durch seine automatische Zauberzählmarke dreihundert weitere Punkte, die ihn »Doji« überlegen machten. Dieser kleine Punkteverlust störte den Obelisk blue nicht weiter, dennoch spielte er sein nächstes Monster verdeckt im Verteidigungsmodus. In dem Glauben seiner Falle damit zu entgehen, zerstörte sie mit »Brecher´s« Effekt zunächst seine verdeckte Karte, ehe sie ihn opferte, um »Palladiumorakel Mana« zu beschwören und mit ihr anzugreifen – und tappte damit doch genau hinein, denn »Geheime Sechs Samurai – Genba« verfügte über stolze zweitausendeinhundert Verteidigungspunkte.
„Da habe ich mich wohl verrechnet – bislang war dein Kammerherr ja die stärkste Verteidigung und der Kampf wäre unentschieden ausgegangen.“, murrte die Rothaarige mehr zu sich selbst, „Tja, du hast eben eine Menge gelernt …“
Nun wunderte sich Ryuohtah zunehmend: „Worum geht es hier, Shiko?“
Da ertönte wie auf Stichwort eine Arena-Durchsage: „Ryuohtah Taiyo, mach´ deinen Zug. Sonst wird das als >aufgeben< des Duells gewertet.“
Im Stillen dankte Nadeshiko ihrer Tante für diese Rettung. Da ihm nichts anderes übrig blieb, fügte er sich und aktivierte zu erst die permanente Zauberkarte »Portal der Sechs«, deren Effekt sich nach ihren Bushido-Zählmarken richtete. Danach füllte er seine Reihen mit »Legendäre Sechs Samurai – Kageki« im Verteidigungsmodus auf, samt einer neuen Verdeckten. Um dagegen anzukommen, stattete die Obelisk ihre Hexer mit »Kraft der Magie« aus, was sie um fünfhundert Punkte stärkte und so »Kageki« angriff.
„Du hast meine Falle ausgelöst – Sakuretsu-Rüstung vernichtet dein angreifendes Monster.“, schritt Ryuohtah ein.
Kurz ärgerte sich Nadeshiko, ihm erneut in die Falle gegangen zu sein, dann erwiderte sie störrisch: „Schön, darf eben ihr Alter Ego übernehmen – wenn Mana zum Friedhof wandert, erscheint an ihrer Stelle das Schwarze Magier-Mädchen!“
Als Ryuohtah seine nächste Karte zog, begann sein Hirn zu rattern – es war ein komplizierter Zug und alles hing vom richtigen Timing ab. Schritt eins wechselte »Genba« in den Angriffsmodus, was mit mageren fünfhundert Punkte ein Fragezeichen bei Nadeshiko aufploppen ließ. Weiter ging es damit, dass er »Hand der Sechs Samurai« beschwor, deren Angriffspunkte er mit dem Entfernen von beiden Bushido-Zählmarken auf zweitausendeinhundert erhöhen konnte. Nun war es Zeit für die Zauberkarte »Askese der Sechs« – sie erlaubte es, Ryuohtah einen Samurai auf seinem Feld zu wählen und anschließend einen anderen Samurai mit derselben Stärke für einen Zug aus seinem Deck zu rufen. Glücklicherweise verfügte der »Großmeister der Sechs Samurai« über dieselben Punkte, wie die »Hand«. Da er mit diesen beiden Beschwörungen erneut zwei Bushido-Zählmarken angesammelt hatte, konnte er auch sein neues Monster pushen. So hatte das »Schwarze Magier-Mädchen« keine Chance gegen ihn … und Nadeshiko stand der »Hand« samt »Genba« ungeschützt gegenüber. Ihre Lebenspunkte fielen auf siebenhundert. Der »Großmeister« musste zu ihrem Glück nun auf den Friedhof und die »Hand der Sechs Samurai« kehrte zu ihren Grund-Angriffspunkten zurück. Um ihre Situation zu verbessern, aktivierte Nadeshiko ihren »Topf der Gier« – beide gezogen Karten spielte sie auch direkt, die mit dem »Buch der geheimen Künste« belehrten »Valkyre des Magiers« befreite sein Feld von »Genba«. Sein Punkteverlust hielt sich im Gegensatz zu ihrem immer noch in Grenzen – er versetzte sein verbliebenes Monster in den Verteidigungsmodus und fügte eine verdeckte Karte hinzu. Eine verdeckte Karte kam ebenfalls von Nadeshiko, die einen Angriff hinterher setzte. Der allerdings erneut von Ryuohtah gestoppt wurde – »Das Schicksal verändern« zwang die »Valkyre des Magiers« dauerhaft zu verteidigen. Der Name der Fallenkarte versetzte ihrer Brust einen Stich … denn sie bestritt dieses Duell ja nur aus dem Grund, dass sie ihr Schicksal als Duellantin ergründen wollte.
„Ironie des Schicksals … wieder einmal entscheidet eine verdeckt gespielte Karte über den Ausgang unseres Duells.“, bemerkte Ryuohtah, „Also, Shiko, du hast die Wahl – schenkst du mir die Hälfte ihrer Angriffspunkte als Lebenspunkte oder steckst du sie als Schadenspunkte ein.“
Zweiteres würde bedeuten, dass sie das Duell auf der Stelle verlor … auf die eine Art wäre dies natürlich die leichteste Möglichkeit, um zu einer Entscheidung zu kommen. Doch so würde sie ihren eigenen Grundsatz verraten … Noch hatte sie Karten auf dem Feld, der Hand und im Deck, die sie spielen konnte!
„Das Duell geht noch weiter!“, sagte Nadeshiko entschieden und berndete ihren Zug, in dem er seine Lebenspunkte erhöhte.
Ihrem Beispiel folgend, spielte Ryuohtah seinen eigenen »Topf der Gier«, durch den er den Spielfeldzauber »Tempel der Sechs« zog. Mehr machte er nicht und übergab.
Diese Chance nutzte die Rothaarige und verkündete: „Weil du meine Valkyre mit deiner Falle gefangen hältst, werde ich sie nun mit meiner eigenen Falle befreien – hier kommt Generationswechsel. Indem ich diese hier zum Friedhof schicke, bekomme ich eine neue aus dem Deck. Und damit sie sich nicht so einsam fühlt, spiele ich noch Monsterreanimation, um meine erste Valkyre zurückzuholen! Damit habe ich eine undurchdringliche Barriere geschaffen!“
Sie hatte recht … durch den Effekt der beiden Hexer konnte Ryuohtah keine von ihnen mehr angreifen. Das Duell stand nun kurz vor seinem Ende … das wussten beide. Wenn Nadeshiko ehrlich zu sich war, konnte sie nicht sagen, ob sie der nahende Sieg freute oder nicht – wenn es zu ihren Gunsten ausging, hätte die Obelisk blue ihrem Deck auf gewisse Weise jahrelang Unrecht getan.
„Ich weiß immer noch nicht, was eigentlich Sache ist … aber meine Samurai sind sehr anpassungsfähig. Und ich darf bekanntlich mindestens noch einmal ziehen …“, erinnerte Ryuohtah und mahnte sich innerlich zur Ruhe.
Obwohl er beim letzten Mal hätte verlieren müssen, glaubte der Braunhaarige fest an seine Karten; dass der Clan der »Sechs Samurai« eine Chance gegen die »Magier des Schwarzen Zirkels« hatten. Denn ihre eigenen Spezialeffekte konnten ihnen auch schon mal aus unmöglichen Situationen heraushelfen … Und jener, den er gerade gezogen hatte, könnte ihm durchaus noch den Sieg einbringen.
„Du kennst die Effekte meiner treuesten Krieger …“, meinte Ryuohtah ernst, „Solange sich ein weiterer Anhänger der Sechs Samurai auf meiner Seite des Feldes befindet, kann Yariza dich mit eintausend Punkten direkt angreifen."
Nadeshiko starrte das Monster fassungslos an – schon jetzt, noch vor seinem Angriff wusste sie, dass sie das Duell verloren hatte. Auf dem Spielfeld lagen keine verdeckte Karten mehr, noch gab es etwas auf dem Friedhof, das sie noch retten könnte oder gar eine Schnellzauberkarte auf ihrer Hand … Der »Samurai« holte mit seinem Speer aus und Nadeshiko ging in die Knie, wo sie sich um Luft mühte. Die Augen fest zu Boden gerichtet, während das Publik anders als gewöhnlich keinen Laut von sich gab – bis auf Kanzler Fujikawa.
Er klatschte in die Hände und sprach: „Ich gratuliere dem Sieger! Ihr habt Euch hervorragend geschlagen, Taiyo-san. Aber genauso muss ich in diesem Fall Eurer Gegnerin gratulieren – denn Yosogawa-san wird zeitweilig an die Nordakademie wechseln, um ihre Fähigkeiten zu entfalten.“
Die Rothaarige erhob sich ohne ihn anzusehen. Sie wusste auch so, wie er sie gerade ansah – entgeistert, enttäuscht, wütend.
„Warum, Shiko?“, verlangte er zu erfahren.
Mit trockener Kehle antwortete Nadeshiko: „Weil es nur das Deck ist, das stark ist – nicht ich selbst. Hast du eine Ahnung, was für ein Druck das ist, die Trumpfkarte des Königs der Spiele im Deck zu haben? Ich ertrage es nicht mehr … Du und dein Deck, ihr habt euch in den vergangenen zwei Jahren verändert … Meine Karten sind dagegen immer noch genau dieselben, ich habe mich nicht weiterentwickelt. So kann ich nicht an deiner Seite stehen ... ich will nicht hinter dir zurückbleiben!“
„Und deshalb haust du ab? Was soll sich woanders denn bitte daran ändern?“, keifte Ryuohtah weiter, ehe sich Trauer in seine Stimme legte, „Ich dachte, du liebst mich … Wenn du nur eine Ausrede gesucht hast, um mit mir Schluss zu machen, hättest du dir echt etwas besseres einfallen lassen können …“
Er wartete nicht mehr ab, ob sie noch etwas hinzufügen wollte, sondern stapfte davon. Nun hob die Rothaarige doch den Blick, um ihm nachzuschauen. Dies war ein Moment, indem sie erfahren sollte, wie laut Stille klingen konnte …
Es war Seiketsu, die sie an der Hand nahm und wegführte. Kaum hatte sich die Tür des Kanzlerbüros hinter ihnen geschlossen, liefen die Tränen über Nadeshiko´s Wangen. Ihre Tante nahm sie in den Arm, streichelte ihr über den Rücken.
„Ich … ich muss gehen. Ich muss einfach …“, brachte Nadeshiko nur schwer heraus.
Die Vize-Kanzlerin hauchte ihr einen Kuss auf das Haar, ehe sie erklärte: „Der richtige Weg ist zumeist auch der schwierigere Weg … Taiyo-san wird bald verstehen, dass es keine Entscheidung gegen ihn gewesen ist.“
Nadeshiko löste sich etwas von ihr, wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Dann nahm sie das Deck aus ihrer DuelDisk und hielt es Seiketsu entgegen.
„Ich werde es nicht mit zur Nordakademie nehmen. Aber bewahre es bitte auf.“, bat sie und fühlte sich plötzlich unglaublich erleichtert.
Im Angesicht der Sterne
Nadeshiko verließ die Fähre und sah an der Mauer hinauf, die sich vor ihr erstreckte. Dahinter konnte sie die Türme der Nordakademie ausmachen. Bei diesem beeindruckenden Anblick vergaß sie beinahe die schneidende Kälte, die hier trotz des Sommers herrschte. In der Duellakademie hatten Gerüchte die Runde gemacht, dass die Anwärter früher in der Kälte hatten ausharren müssen, bis sie in der Gletscherlandschaft vierzig Karten, also ein vollständiges Deck gefunden hätten, mit dem sie dann gegen die anderen Schüler hatten antreten müssen, um ihren Rang festzulegen … Ob diese Regeln auch für sie als offizielle Austauschschülerin gegolten hätten?
„Hallo. Bist du Nadeshiko Yosogawa?“, sprach sie auf einmal jemand an.
Er schlug seine Kapuze zurück, sodass sein Gesicht und damit seine smaragdgrünen Augen sowie sein petrolfarbenes Haar sehen konnte.
Als Schülerin jener Schule, die er durch Einsatz seines Lebens gerettet hatte, wusste die Obelisk natürlich sofort um wen es sich bei ihrem Gegenüber handelte: „Johan Andersen-sama! Es ist mir eine Ehre, Sie zu treffen. Ja, ja, ich bin Nadeshiko Yosogawa von der Duellakademie.“
Ihre Stimme überschlug sich vor Euphorie, was Johan zum Schmunzeln brachte: „Nicht so förmlich. Herzlich Willkommen auf der Nordakademie! Wir freuen uns, dass du bei uns bist.“
„Wir? Soll das bedeuten Sie … du studierst hier noch?“, gab Nadeshiko perplex zurück.
Nun lachte der Duellant schallend: „Ganz so schlecht waren meine Noten zum Glück nicht. Ich bin seit kurzem der Kanzler dieser Schule.“
Nadeshiko lief feuerrot an und stammelte eine zusammenhanglose Entschuldigung, die Johan mit einem Handwink abtat – dann wurde er plötzlich ganz ernst: „Du hast einen Grund, warum du hierher gekommen bist, nicht wahr? Ich fühle, dass dich etwas beschäftigt.“
In diesem Moment ahnte die Rothaarige noch nicht, wer Johan darauf aufmerksam gemacht hatte – ein kleines, katzenähnliches Wesen mit violetten Fell und leuchtend roten Augen war aufgeregt auf sie zugestürmt und hatte einige fiepende Laute von sich gegeben, die er zu deuten wusste. Und Seiketsu hatte ihm heimlich einen Brief geschickt.
„Ist mir das wirklich so deutlich anzusehen?“, entgegnete Nadeshiko etwas kleinlaut, „Ich … habe wohl eine Art Blockade. Es ist, als käme ich einfach nicht weiter … Ich habe zwar nur ein Duell verloren, wegen dem ich mich auch für diesen Wechsel entschieden habe, aber … manchmal sehe ich meine Karten an und weiß nicht, wofür ich mich eigentlich duelliere. Und jetzt … habe ich genau diese Karten bei meiner Tante an der Duellakademie zurückgelassen. Es ist nicht so, als wären mir diese Karten … egal, aber irgendwie … habe ich die Bindung zu ihnen verloren, falls es jemals eine wirklich Bindung zu uns gab. Verstehst du das, Johan-san?“
Erneut war nur für Johan das Fiepen des Monsters zu hören, dem er unauffällig zunickte. Sein treuer Freund könnte recht behalten … Nadeshiko könnte eben jeder Duellant sein, den er schon so lange suchte.
„Ich möchte dir gern etwas zeigen, Nadeshiko. Folge mir bitte.“, wies er sie an und wandte sich einem Pfad zu, der durch die Eismassen führte.
Obwohl sie sich wunderte, dass sie sich von der Akademie entfernten, tat Nadeshiko wie geheißen und bat ihn gleich noch, sie als »Shiko« anzusprechen. Johan führte sie in eine Höhle, deren Wände komplett vereist waren – es sah aus, als wäre sie verspiegelt. Durch ein Loch in der Decke fiel ein einzelner Lichtstrahl hinein und brach sich an den kantigen Oberflächen in allen sieben Farben des Regenbogens. Genau in der Mitte stand ein von Eis überzogener Stalagmit, dessen Spitze abgebrochen zu sein schien … und darauf lag ein Kästchen aus Holz, in dessen Deckel ein Symbol geritzt war. In der Mitte hatte es einen vierzackigen Stern, der von zwei gezackten Ringen eingerahmt wurde. Verwirrt schaute Nadeshiko wieder zu Johan.
„Leg´ deine Hand auf den Deckel.“, wies er sie an.
Erneut folgte sie seiner Aufforderung – aus irgendeinem unerfindlichen Grund vertraute sie ihm ohne Zögern. Kaum berührten ihre Finger das Holz, begann das Symbol in einem gleißenden Licht zu leuchten und es erschien eine Vielzahl geisterhafter Wesen im Kreis um sie herum. Jeder von ihnen trug eine Art Rüstung, manche von ihnen waren halb Tier und sogar ein Drache war unter ihnen. Ein besonders neugieriger Fratz, der von einem großen Krug begleitet wurde, hüpfte auf ihre Schulter. Da trat Johan an ihre Seite, auf dessen Arm Nadeshiko nun seinen kleinen Begleiter erblickte.
„Was ist gerade passiert?“, fragte sie und blinzelte ein paar Mal schnell hintereinander, „In der Duellakademie konnte ich nie irgendwelche Duellgeister sehen.“
»Rubinkarfunkel« kuschelte sich noch etwas enger an Johan, während er erwiderte: „Manche Menschen haben diese Fähigkeit von Geburt an – andere erhalten sie, wenn sie eine starke Veränderung durchmachen … Diese Karten heißen Sternzeichen-Kundler. Sie repräsentieren Gestirne, Sternbilder und Galaxien. Ich habe sie aus der ganzen Welt zusammengetragen und auf jemanden gewartet, dem ich sie anvertrauen kann … Endlich habe ich diese Person gefunden.“
Das nedliche Kerlchen machte einen Luftsprung und die Geister verschwanden. Daraufhin öffnete Nadeshiko das Kästchen und nahm das darin verwahrte Deck heraus. Ihre Fingerspitzen pulsierten von der Berührung.
Als die Rothaarige seine Karte entdeckt hatte, lächelte sie ihn an und meinte: „Dein Name lautet also Siat … Freut mich, dich und deine Freunde kennenzulernen.“
„Und damit du dein neues Deck richtig kennenlernst, Shiko, fordere ich dich für morgen zu einem Duell heraus.“, erklärte Johan zwinkernd, „Darauf solltest du dich also vorbereiten. Aber in der Akademie – hier wird es auf Dauer zu kalt.“
Beinahe hätte sie die Karten vor Schreck fallengelassen – ihr neues Deck? Ja, Johan hatte gesagt, er hätte denjenigen gefunden, dem er sie anvertrauen könnte … Sie war den »Sternzeichen-Kundlern« gerade erst begegnet, sogar wortwörtlich, und dennoch fühlte sich sie ihnen schon weit verbundener, als den »Magiern des Schwarzen Zirkels« während all der Zeit. Allein die Tatsache, dass Nadeshiko nicht fror, obwohl beide von Eis umgeben waren, zeigte, von welcher Stärke ihre Verbindung schon jetzt zeugte.
In der Akademie angelangt, brachte Johann erst einmal ihr Gepäck auf das ihr zugewiesene Zimmer im Schülertrakt. Anders als in der Duellakademie gab es keine direkten Unterschiede zwischen den Schülern – früher einmal hatte auch hier ein Ranking-System geherrscht, welches Johann allerdings mit dem Erklimmen von Platz eins, dem sogenannten Sitz des Zaren, direkt abgeschafft hatte. Von da an wurden alle Studenten gleich behandelt – statt ihnen ihre Fehler vorzuhalten, konnte die schlechteren unter ihnen zusätzliche Nachhilfekurse belegen, um sich zu verbessern. Anschließend zeigte er Nadeshiko, gehüllt in einen wärmen Mantel, den Rest des Schulgeländes, welches zum Schutz durch einen hölzernen Wall eingezäunt war. Zum Abschluss seiner Führung brachte der Blauhaarige sie in die Bibliothek – dort gab es allerdings nicht nur Bücher, sondern vor allem Karten. Mit großen, staunenden Augen sah sich Nadeshiko um. Meterlange Vitrinen, Regale voller gefüllter Ordner, überall wurden Karten aufbewahrt.
„Dieser Ort ist das Herzstück unserer Akademie.“, berichtete Johann stolz, „Ich weiß nicht, ob du die Geschichte kennst, dass die Studenten früher vierzig Karten in der Wildnis sammeln mussten – jedenfalls das ist das Ergebnis daraus. Jeder Duellant, der Karten fand, die er nicht für sein Deck benötigte, wurden hier gesammelt. Manchmal gab es auch Kartenspender von außerhalb. Jedenfalls dürfen alle unsere Schüler sich während ihrer Zeit bis zu maximal vierzig Karten aussuchen, um ihre Decks umzubauen, je nach Wertigkeit der Karte von eins bis fünf. Wenn du nach etwas bestimmten, wie Kartenname oder -text suchst, kannst du gern den Computer benutzen. Dort findest du alle Informationen angefangen bei der entsprechenden Wertigkeit, über verfügbare Anzahl bis hin zum Standort. Hast du noch irgendwelche Fragen?“
So völlig sprachlos war es schwer ihm darauf eine Antwort zu geben: „Ich … also … Das ist alles so unglaublich! Und es ist wirklich in Ordnung, wenn ich hier auch Karten nehme? Ich meine … du hast mir schon die Sternzeichen-Kundler übergeben und nun das hier … Ist das nicht zu viel? Vor allem da ich eigentlich zur Duellakademie gehöre.“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und sagte lächelnd: „Jetzt bist du hier. Die Sternzeichen-Kundler haben dich erwählt – ich habe dich ihnen nur vorgestellt, es hätte genauso gut nicht funktionieren können. Außerdem mögen diese Karten zwar besonders sein, doch noch ist es kein vollständiges Deck; das wäre auch viel zu einfach – du selbst musst nun beweisen, dass du ihre Stärke durch die Kombination mit anderen Karten hervorbringen kannst. Glaube an dich, Shiko, und vertraue deinem Deck!“
Tränen sammelten sich in ihren Augenrändern. Bevor sie sich zügeln konnte, hatte sie sich bereits in Johan´s Arme geworfen. Er streichelte sanft über ihr Haar und redete ihr gut zu. Darum war sie zuletzt gegen Ryuohtah angetreten … genau deshalb war sie an die Nordakademie gekommen – weil sie sich beweisen wollte, dass sie ein Deck eigens zusammenstellen konnte! Man könnte sich fragen, warum Nadeshiko dies nicht bereits zuvor getan hatte … einfach ihre Hexer auf die Seite geschoben und sich neue Karten besorgt hatte – weil sie kein Thema gefunden hatte, das wirklich ihr entsprach. Ryuohtah hatte seine »Sechs Samurai«, er selbst war ein großer Verehrer dieser Kultur … Seiketsu besaß ein LICHT-Deck, das genauso hell strahlte, wie sie.
Dankbar löste sich Nadeshiko wieder von Johan und sagte: „Hoffentlich ist dein Deck bereit für eine Herausforderung!“
Sie grinsten einander an, dann zog der Kanzler sich zurück und überließ sie ihrer eingehenen Recherche. Grundlegend war Nadeshiko an ein Deck mit exakt vierzig Karten gewöhnt – zwar durften Duellanten auch bis zu sechzig Karten benutzen, doch bestand dabei die Gefahr, sich zu sehr zu verzetteln. Die Sternzeichen-Kundler setzten sich aus mehreren Effekt-Monstern sowie Xyz-Monstern zusammen – hinzukamen Zauber- und Fallenkarten. Also gerade einmal knapp ein halbes Deck, genug Spielraum um dem ganzen eine persönliche Note zu verleihen. Wenn sie sich die Effekte der Monster so ansah, fielen zwei Richtungen sofort ins Auge – zum einen waren sie darauf ausgelegt, mehrere Beschwörungen in einem Zug durchzuführen und zum anderen konnten sie dahingehend die Anzahl ihrer Sterne im Sinne der Xyz-Beschwörung ändern. Ganz anders, als die »Magier des Schwarzen Zirkels«, die eher auf Tricks und Einzelstärke setzten. Von Ryuohtah hatte sie vor allem im letzten Duell gelernt, wie wichtig Angriffskonter waren – da ähnelten ihre neuen Karten seinen »Samurai«, sie brauchten einander und mussten beschützt und wenn nötig zurückgeholt werden können. So arbeitete Nadeshiko sich Stück für Stück durch die Datenbank, bis sie tatsächlich vierzig Karten im Hauptdeck und fünfzehn Karten im Nebendeck, das dazu diente sich auf bestimmte Gegner besser einzustellen beziehungsweise vor Beginn eines Duells noch Karten austauschen zu können, zusammen hatte.
Am nächsten Tag pünktlich zur Mittagszeit trafen sich Johan und Nadeshiko auf dem großen Platz zwischen den zahlreichen Unterkünften. Die anderen Schüler hatten sich als Zuschauermenge versammelt. Seitdem er der neue Kanzler der Schule war, trat er zum ersten Mal in einem Duell an und sie brannten darauf sein Deck in Aktion zu sehen.
„Es ist Zeit für ein Duell!“, riefen Johan und Nadeshiko synchron.
Sie zogen ihre Starthand und ganz der Gastgeber überließ er ihr den ersten Zug. Zunächst beschwor sie »Sternzeichen-Kundler Leonis«, der jedoch nicht lange auf dem Feld blieb – seine besondere Fähigkeit ermöglichte ihr eine weitere Normalbeschwörung und daher opferte sie ihn, um »Sternzeichen-Kundler Jungfrau« mit zweitausenddreihundert Angriffspunkten zu rufen. Dazu legte sie eine verdeckte Karte – manche Dingen schienen sich nie zu ändern. Johan übernahm und spielte zunächst die Feldzauberkarte »Antike Stadt – Regenbogenruine«. Als nächstes rief er sein Monster »Kristallungeheuer Topastiger«, den er zusätzlich mit »Kristallfreisetzung« ausstattete, was ihm weitere achthundert Angriffspunkte bescherte. Damit hatte er bereits genug Power, um Nadeshiko´s Monster zu vernichten, doch er bekam durch seine eigene besondere Fähigkeit nochmal vierhundert weitere Angriffspunkte und griff daraufhin an.
„Da du einen Sternzeichen-Kundler angreifst, aktiviere ich meine verdeckte Fallenkarte … Sternzeichenmeteor! Zwar rettet das meine Jungfrau in diesem Zug nicht, doch dein Topastiger kehrt nach dem Angriff ins Deck zurück!“, griff die Rothaarige ein, die trotz dessen fünfhundert Schadenspunkte kassierte.
Ihr Widerstand imponierte Johan und er verabschiedete sich von seinem Freund, allerdings konnte er durch die Zerstörung von »Kristallfreisetzung« noch »Kristallungeheuer Kobaltadler« in seine Zauber- und Fallenkartenzone legen. Zudem spielte er eine weitere Karte verdeckt. Nachdem Nadeshiko »Sternzeichen-Kundler Rasalhague« auf das Feld geholt hatte, opferte sie ihn gleich wieder, um »Leonis« vom Friedhof zurückholen zu können.
„Und weil Sterne nie allein sind, darf Sternzeichen-Kundler Kaus ihm Gesellschaft leisten. Zudem steigerte sein Effekt Leonis´ Stufe um eins. Da ich nun zwei Monster der Stufe vier besitze, kann ich das Überlagerungsnetzwerk bauen … und rufe als Xyz-Beschwörung Sternzeichen-Kundler Praesepe! Doch das war noch nicht alles – wenn ich Xyz-Material abhänge, erhält Praesepe eintausend Angriffspunkte gutgeschrieben.“, erklärte sie, wobei ihre eine deutliche Euphorie anzumerken war.
Doch all der Punkte zum Trotz senkte Johan mit »Regenbogenpfad« auf null.
„Zudem bekomme ich eine ganz besondere Karte auf die Hand – nämlich meinen allmächtigen Regenbogendrachen!“, meinte er Blauhaarige grinsend.
Daher spielte seine Gegenüber eine Karte verdeckt, ehe sie ihren Zug beendete. Johan spielte in diesem Zug rein auf Verteidigung – »Kristallungeheuer Smaragdschildkröte« mit zweitausend Verteidigungspunkten, »Kristallungeheuer Kobaltadler« kam durch die Wirkung von »Kristallverheißung« zurück auf das Feld, anschließend legte er ebenfalls noch eine Karte verdeckt ab. Auch Nadeshiko verstärkte ihre Seite mit zwei Monster – zum einen kehrte mit »Ruf der Gejagten« »Sternzeichen-Kundler Jungfrau« zurück und als Normalbeschwörung schloss sich ihnen »Sternzeichen-Kundler Pollux« an, der zum Sternbild Pisces gehörte. Dem Feld fügte die Rothaarige fügte wieder eine verdeckte Karte hinzu und griff mit ihrem zurückgeholten Monster seine grüne Schildkröte an, die natürlich als Rohjuwel verblieb. Diese Situation nutzte der junge Kanzler jedoch für die Aktivierung von »Kristallkonklave«, die ihm »Kristallungeheuer Bernsteinmammut« im Verteidigungsmodus bescherte. Allerdings verwandelte »Praesepe« ihn genauso in seine Ursprungsform, wie es zuvor mit dem Smaragd geschehen war.
Johan klatschte einmal in die Hände und sagte anerkennend: „Du schlägst dich sehr gut, Shiko. Aber ich glaube, wir sollten noch ein wenig Fahrt aufnehmen …“
Er zog seine Karte und lachend aktivierte Nadeshiko ihre verdeckte Karte: „Ich habe drei LICHT-Monster auf dem Feld und Solarstrahl brutzelt dir für jedes von ihnen dreihundert Punkte weg.“
Damit lag sie um vierhundert Punkte in Führung – ein Zug, den sie einmal bei Seiketsu gesehen hatte. Doch nun war Johan wieder am Zug. Durch »Kristallverbindung« holte er sich ein bestimmtes »Kristallungeheuer« aus dem Deck auf die Hand und anschließend beschwor er es sogleich. »Saphirpegasus« – dessen Effekt ließ einen weiteren Edelstein in Johan´s Zauber- und Fallenkartenzone sprießen. Dort blieb er jedoch nicht lange; »Rubinkarfunkel« und die anderen Edelsteine kehrten aufgrund seiner besonderen Fähigkeit zurück auf das Feld. So aufgestellt spielte Johan zwei weitere Karten – eine verdeckt und mit »M-Kraft« verlieh er »Bernsteinmammut« fünfhundert Punkte extra, die ihn stark genug machten Nadeshiko´s »Jungfrau« einen weiteren Besuch auf dem Friedhof zu verschaffen, zumindest eigentlich …
„Nicht so hastig! Ich hänge Xyz-Material von Praesepe ab, sodass ihre Stärke auf dreitausenddreihundert steigt! Himmlischer Flügelschlag!“, setzte sie seinem Angriff entgegen.
Zwar hatte Johan etwas Schaden einstecken müssen, doch »Saphirpegasus« spießte »Pollux« mit seinem blau schimmernden Horn auf. Abschließend legte er zwei verdeckte Karten. Die Karte, die Nadeshiko nun zog, brachte sie ins Grübeln. Jene Karte, die sie durch »Dimensionskapsel« aus dem Spiel nehmen würde, würde sie in zwei Zügen auf die Hand erhalten. Welches wäre wohl die richtige Strategie? Johan hatte bereits fünf von sieben »Kristallungeheuern«, um den »Regenbogendrachen« zu rufen, den er sogar schon im Blatt hatte … In ihrem gesamten Deck gab es nur ein einziges Monster, das diesem legendären Wesen auch nur ansatzweise etwas entgegen setzen konnte … Tief in ihrem Innern spürte sie, in welche Karte sie ihr Vertrauen legen musste … Nachdem sie das erledigt hatte, wollte sie Johan´s Feld etwas leer räumen – »Jungfrau« verlagerte »Saphirpegasus«, wobei der Schaden leider durch die Zauberkarte »Kristallblitz« zunichte gemacht wurde. Auch »Praesepe´s« Angriff auf »Rubinkarfunkel« verlief nicht wirklich wie geplant … Durch »E-Kraft« holte der Blauhaarige »Kristallungeheuer Bernsteinmammut« zurück auf das Feld, woraufhin sich die Attacke auf ihn richtete und mit »Bernsteinkristallkreis« wurde er stärker, als Nadeshiko´s »Sternzeichen-Kundler«, zudem kassierte sie eintausendsechshundert Schadenspunkte.
„Tut mir echt leid für die grobe Behandlung meines Mammuts.“, entschuldigte sich Johan spielerisch, „Aber damit du nicht vergisst, dass das hier ein Duell ist, rufe ich Kristallungeheuer Amethystkatze! Los, komm´ raus und greif´ Shiko direkt an – das kann sie nämlich mit der Hälfte ihrer Angriffspunkte!“
So langsam sah es wirklich nicht gerade rosig aus – es fehlte nur noch ein einziges »Kristallungeheuer« und das nur Dank ihrer Fallenkarte zu Beginn des Duells, aber nichtsdestotrotz würde der »Regenbogendrache« sicher nicht mehr sehr lange auf sich warten lassen … Nadeshiko lief die Zeit davon. Da kam eine weitere Fallenkarte zum Verdecktsetzen gerade recht. Des weiteren leistete »Smaragdschildkröte« ihren Freunden in der Zauber- und Fallenkartenzone Gesellschaft.
Doch als Johan »Kristallleuchtfeuer« aktivierte, wurden ihre Befürchtungen sogar noch schneller wahr, denn er sprach: „Hast du ihn vermisst? Hier kommt Kristallungeheuer Topastiger! Nun da ich alle sieben Kristallungeheuer auf meinem Feld oder Friedhof versammelt habe … rufe ich meinen legendären Regenbogendrachen!“
Da erschien er! Das mächtigste Monster des ganzen »Kristallungeheuer«-Decks! Ein Wesen, das Maximilian Pegasus einst explizit für Johan Andersen erschaffen hatte …
„Ich hätte nie gedacht, dieses Monster jemals zu Gesicht zu bekommen! Jeder Schüler der Duellakademie kennt die Geschichte, wie du mit seiner Hilfe unsere Schule gerettet hast!“, schwärmte die Rothaarige begeistert.
Da gab Johan zurück: „Ob er dir auch noch gefällt, wenn er dich geschlagen hat? Ich opfere meine Kristallungeheuer und zeige dir seine wahre Macht – für jedes einzelne erhält er zusätzliche eintausend Angriffspunkte! Zeig´s ihr, siebenfarbige Regenbogen-Lichtbrechung!“
„Verzeih´ mir, Johan-san, ich muss deinen Drachen leider an die Leine legen!“, funkte ihm Nadeshiko dazwischen und deckte ihre Karte auf, „Kunai mit Kette, versetz´ ihn in den Verteidigungsmodus!“
Damit hatte sie sich gerade so gerettet, woraufhin Johan applaudierte: „Unglaublich! Na schön, Shiko, gib´ alles bei deinem letzten Zug.“
Genau so war es … ein weiteres Mal würde sie den »Regenbogendrachen« sicherlich nicht abwehren können. Es lief tatsächlich alles auf dieses eine bestimmte Monster hinaus … Sie musste jetzt nur noch die richtige Karte ziehen! Stumm schickte sie eine Bitte an ihren Duellgeist, der möge sie leiten … Und tatsächlich war das Herz der Karten ihr hold!
„Da es jetzt zwei Züge her ist, dass ich Dimensionskapsel aktiviert habe, erhalte ich meine gewählte Karte auf die Hand. Aber alles der Reihe nach – zunächst opfere ich meine Jungfrau, um Sternzeichen-Kundler Alresha auf das Feld zu bekommen. Und da das eine Normalbeschwörung war, erlaubt er mir einen seiner Freunde als Spezialbeschwörung zu rufen.“, berichtete Nadeshiko aufgeregt und sah lächelnd die Karte in ihrer Hand an, „Weißt du, was die Ironie an diesem Deck ist, Johan-san? Das anscheinend schwächste Monster ist der größte Trumpf! Daher beschwöre ich Sternzeichen-Kundler Siat! Durch seine besondere Fähigkeit kann sich mein kleiner Wasserträger auf die Stufe jedes anderen Sternzeichen-Kundlers auf meiner Seite des Spielfeldes steigern … und ich wähle natürlich Stufe sechs von Alrescha. Nun baue ich das Überlagerungsnetzwerk … und rufe als Xyz-Beschwörung Sternzeichen-Kundler Ptolemy M7!“
Der stellare Drache breitete seine Schwingen aus und konnte es größentechnisch absolut mit seinem Gegner aufnehmen – punktetechnisch sah es allerdings anders aus, wie Johan ebenfalls feststellte: „Nicht schlecht, doch seine zweitausendsiebenhundert Punkte können es nicht mit meinem Regenbogendrachen aufnehmen.“
Nadeshiko lachte auf: „Ach, Johan-san, ich dachte, gerade du würdest diese Karten kennen – ich hänge ein Xyz-Material von meinem Drachen ab, was es mir gestattet, ein Monster vom Spielfeld oder Friedhof zurück auf die Hand seines Besitzers zu schicken – los, Regenbogendrache, kehre zu deinem Herrn zurück! Und da dein Feld nun leer ist, ahnst du es sicher … mein Drache hat noch seinen Angriff übrig … Galaxie-Gebrüll!“
Zweitausendsiebenhundert Lebenspunkte minus zweitausendsiebenhundert Angriffspunkte ergab ein gewonnenes Duell!
Stolz auf sich und vor allem ihre Karten eilte Nadeshiko zu Johan, um ihm die Hand zu reichen: „Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll! Es ist seltsam, Johan-san … zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, als wäre das wirklich … mein Deck. Ich meine, ich war mit meinem alten Deck gut – ich bin schließlich eine Obelisk blue und habe nur gegen Ohtah verloren –, aber jetzt …“
Er ließ sich von ihr aufhelfen, während er bestätigte: „Das ist keineswegs seltsam. Ich habe mein Deck bei einem großen Turnier von Maximillion Pegasus gewonnen … Er sagte damals, sie hätten mich als ihren Meister gewählt. Wie du war ich mit meinem alten Deck erfolgreich und habe die Karten darin respektiert … aber mit meinen Kristallungeheuern ist es etwas anderes – sie sind meine besten Freunde, meine Familie. Und genauso ist es von an mit deinen Sternzeichen-Kundlern – dieses Deck gehört zu deiner Seele. Ich bin unheimlich stolz, in welch kurzer Zeit du die Stärke dieser Karten erkannt hast – wie du Siat und M7 eingesetzt hast, war einfach nur beeindruckend. Du hast es wirklich geschafft!“
Verlegene Röte legte sich auf ihre Wangen.
„Allerdings würde mir schon etwas einfallen, was du tun könntest, um dich zu bedanken …“, bemerkte er, woraufhin die Rothaarige aufhorchte, „Indem du nach deiner Rückkehr zur Duellakademie nochmal gegen Ryuohtah und seine Sechs Samurai antrittst.“
So wie sie seine Art bislang kennengelernt hatte, überraschte sie dieser Vorschlag eigentlich gar nicht … Was würde Ryuohtah wohl davon halten, dass sie ein vollkommen neues Deck hatte? Er hatte ihre Beweggründe nicht verstanden … der Streit saß ihr noch in den Knochen. Allerdings konnte sie zuvor das kommende halbe Jahr nutzen, um ihr Deck noch besser zu meistern und weiter von Johan zu lernen …
Eine neue Macht ...
Nadeshiko fühlte sich wohl – der Unterricht bereitete ihr große Freude und sie konnte sich endlich von ganzem Herzen duellieren. Mit diesem Deck herrschten in ihr keinerlei Bedenken mehr, was andere über die Art und Weise denken könnte, wie sie ihre Karten einsetzte. Eben jene innere Freiheit, welche sie sich von Anfang an gewünscht hatte … Apropos natürlich waren ihre Eltern nur mäßig begeistert gewesen, von dem Wechsel ihrer Tochter zu erfahren – Seiketsu hatte es eigentlich unter den Tisch fallen lassen wollen, doch Klerus hatte als Kanzler darauf bestanden, da Nadeshiko nach japanischem Gesetz noch nicht volljährig war. Nichtsdestotrotz hatten Togo und Kai es dann doch hingenommen – schließlich war ein wenig Auslandserfahrung nun auch nicht das schlechteste und möglicherweise könnte Nadeshiko so später noch expansible Kontakte knüpfen, jedenfalls in der Vorstellung ihres Vaters.
In ihrem aktuellen Duell hatte Nadeshiko ein bisschen mit der Schwäche ihrer stärkeren Monster zu kämpfen – ihre Verteidigungspunkte waren zumeist eher bescheiden, doch genau diese Punkte waren dank der Fallenkarte ihres Gegner derzeit ihre Angriffsstärke. Schon bevor die Rothaarige allerdings ihre nächste Karte zog, wusste sie bereits, wer sie unterstützen kam – ihr süßer »Sternzeichen-Kundler Siat«, der sonst zwar nur einhundert Angriffspunkte vorweisen konnte, nun jedoch immerhin eintausendsechshundert. Genug um die Lebenspunkte ihres Gegenüber auf null zu bringen.
„Los, Siat, Flutwelle des Wasserträgers!“, rief Nadeshiko und sah zu, wie der Schwall aus dem kleinen Wasserkrug herausschoss.
Nur dass es sich diesmal hierbei nicht um eine holografische Darstellung handelte … Ihr Gegner stand nass bis auf die Knochen vor ihr, mindestens ebenso perplex wie Nadeshiko. Sie starrte abwechselnd von ihm, zu »Siat« und ihrer DuelDisk.
„Geh´ dich sofort umziehen! Am besten nimmst du vorher noch ein heiße Dusche.“, zerriss eine ihnen vertraute Stimme die Anspannung in der Luft – Johan.
Der Schüler tat, wie ihm aufgetragen worden war. Dennoch warf er einen letzten entgeisterten Blick zu Nadeshiko, die in die Knie war, was gleichzeitig »Siat´s« Ebenbild auflöste. Der Blauhaarige eilte zu ihr, stützte sie.
„Was … was ist da gerade passiert? Siat hat … Was hat er da gemacht? Wie?“, murmelte sie vollkommen geschockt vor sich hin.
Johan legte die Hand an ihr Kinn und zwang sie ihn anzusehen, ehe er entgegnete: „Das war … kein Hologramm. Verstehst du das, Shiko?“
Sie schüttelte vehement den Kopf. In diesem Zustand hatte es keinen Sinn hier mit ihr weiterzureden. Er half ihr hoch und führte sie in sein Büro, wo er erst einmal einen Tee für sie beide aufsetzte. Währenddessen ließ der Schock bei Nadeshiko etwas nach und ihr Kopf begann das Erlebnis zu verarbeiten.
„Was meinst du damit, dass es kein Hologramm war?“, wollte sie wissen, als er die dampfende Tasse vor ihr abgestellt hatte.
Ein Seufzen entwich seiner Kehle, ehe Johan antwortete: „Genau das, was ich gesagt habe – gut, hör´ mir zu … Es gibt Duellanten, die ihre Karten … lebendig werden lassen können. So dass sie … nun ja, echten Schaden verursachen. Mein Freund Jaden zum Beispiel ist einer von ihnen, der König der Spiele Yugi Muto wie man so hört … und ich. Diese Fähigkeit habe ich erhalten, als ich meinen Regenbogendrachen zum ersten Mal gerufen habe.“
„Wenn … wenn es nicht zufällig Siat gewesen wäre … selbst Kaus mit seinem Pfeil oder Leonis mit seinem Schwert wäre schon eine Katastrophe gewesen … Wenn es Ptolemy gewesen wäre …“, überlegte sie laut und vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Mitfühlend berührte er ihr Haupt und entgegnete: „Es tut mir unglaublich leid, Shiko, ich … ich hätte dich vorwarnen sollen. Die Duellgeister zu sehen, ist die erste Stufe … das Rufen ist sozusagen die Weiterentwicklung davon. Aber man kann diese Macht kontrollieren, hörst du? Ich habe geschafft und dir wird es ebenso gelingen! Ich bin für dich da.“
Sie sah ihn wieder an. Es war unglaublich, wie sehr Johan an sie glaubte! Niemals hegte er ihr gegenüber Zweifel … In seinen Augen schien sie alles schaffen zu können. In den Wochen, die sie hier verbracht hatte, war er ihr ein wahrer Freund geworden.
„Danke … Ich bin froh, dich zu haben … Johan.“, meinte sie mit einem leichten Lächeln.
Lange genug hatte er sich in Japan aufgehalten, um zu verstehen, was es bedeutete, dass sie ihn rein mit seinem Vornamen ansprach – und er empfand mindestens genauso. Ihre Freundschaft zueinander war ihm sehr wichtig geworden. Und dieses Gefühl war es, welches es Nadeshiko tatsächlich mit einiger Übung gelingen ließ, ihre neu entdeckte Macht zu kontrollieren – wenn sie auch nur die beiden Gallionsfiguren ihres Decks, »Sternzeichen-Kundler Siat« und »Sternzeichen-Kundler Ptomely M7« richtig beschworen konnte.
Das entscheidende Duell
Der vertraute Anblick der Akademieinsel verstärkte die Sehnsucht in Nadeshiko. Sie hatte die Duellakademie vermisst … Seiketsu und natürlich Ryuohtah. Dabei war das halbe Jahr auf der Nordakademie regelrecht an ihr vorbei gerast. Johan legte ihr aufmunternd eine Hand auf die Schulter. Seine Gegenwart beruhigte sie ungemein. Am Pier angelangt, hielt Johan ihr dieselbe Hand hin, um ihr von Bord zu helfen. Dankbar lächelte die Rothaarige ihn an. Auf dem Kai wurden sie bereits von Seiketsu und Klerus erwartet. Freudig eilte Nadeshiko zu ihnen und ihre Tante umarmte sie.
„Willkommen zurück, Shiko!“, sagte Seiketsu glücklich, „Danke, Andersen-san, dass Sie sich um sie gekümmert haben.“
Der Blauhaarige winkte ab und schüttelte Klerus die Hand – die beiden Kanzler trafen sich zum ersten Mal persönlich. Plaudernd machte sich die Gruppe auf den Weg zur Duellakademie, wo in der großen Halle ein wichtiges Duell auf sie wartete …
Vor dem Saal blieb Seiketsu stehen und meinte: „Ich habe dein Deck wie gewünscht verwahrt … aber ich glaube nicht, dass du damit antreten willst, nicht wahr?“
„Diese Karten werden für immer ein Teil meines Lebens sein … doch du hast recht, Sei-obasan – ich werde Ohtah mit meinem neuen Deck herausfordern.“, bestätigte sie.
Die Vize-Kanzlerin nickte. Gemeinsam mit dem Schulleiter ging sie voraus, um die Kontrahenten anzukündigen.
Nadeshiko wandte sich an Johan: „Noch ein letzter Rat?“
„Lass´ dich nicht von deinen Gefühlen überwältigen, Shiko. Konzentrier´ dich auf deine Karten, lass´ dein Deck sprechen, dann wird alles gut werden.“, erklärte er ungewohnt ernst, da sprang »Rubinkarfunkel« auf ihren Arm, „Siehst du, Rubin und die anderen drücken dir ebenfalls die Daumen!“
Gerührt erwiderte Nadeshiko: „Danke, Johan. Ich weiß nicht, ob ich ohne dich den Mut dazu hätte, noch einmal gegen ihn anzutreten … Falls ich trotzdem verliere, müssen Sie mich halt doch wieder auf Ihrer Schule aufnehmen, Kanzler Andersen!“
Damit rannte sie los. Es war Zeit für ein Duell!
Obwohl der letzte Satz scherzhaft gemeint gewesen war, bedeutete er für Johan weit mehr, denn er flüsterte kaum hörbar: „Führ´ mich nicht in Versuchung, Ryuohtah den Sieg zu wünschen …“
Anschließend begab er sich selbst auf die Zuschauertribüne. Nadeshiko und Ryuohtah hatten bereits ihre DuelDisks aktiviert.
Doch der Braunhaarige hatte dennoch einen Kommentar abzugeben: „Warum machen wir das eigentlich, Shiko? Wieder vor aller Augen kämpfen – musst du wirklich beweisen, was du auf der Nordakademie gelernt hast? Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass man sich dort anders duelliert, als hier.“
„Und genau das werde ich dir beweisen! Mir hat jemand beigebracht, meinen Karten voll und ganz zu vertrauen … etwas, das ich früher nie wirklich konnte.“, entgegnete sie und zog, „Ich beschwöre Sternzeichen-Kundler Pollux! Ja, ich besitze neue Karten … ein Deck, das vollkommen mir selbst entspricht. Daher aktive ich Pollux´s Effekt, was es mir gestattet, eine weitere Normalbeschwörung durchzuführen – deshalb stelle ich nun auch noch Sternzeichen-Kundler Aldebaran vor. Als nächstes aktive ich die Zauberkarte Funkeln des Sternzeichen-Kundlers, was es mir erlaubt, meinen Stier um eine Stufe zu steigern. Jetzt baue ich das Überlagerungsnetzwerk und rufe als Xyz-Beschwörung … Sternzeichen-Kundler Omega! Zum Schluss setze ich noch eine Karte verdeckt und übergebe an dich.“
Es war Ryuohtah anzusehen, dass er absolut nicht mitkam – die Tatsache, dass sie sich von ihrem alten Deck getrennt hatte, haute ihn um. Vollkommen verdattert starrte er ihre Monster mit offenem Mund an. Klar hatte sie von dem Druck gesprochen, unter dem sie anscheinend litt, aber seine Karten deshalb auszutauschen …
Als das Publikum unruhig wurde, begriff der Obelisk, dass er längst am Zug war. Aus seinem Blatt spielte er »Die Sechs Samurai – Irou«. Zusätzlich legte er zwei Karten verdeckt. Nadeshiko rief »Sternzeichen-Kundler Sheratan« auf das Feld, wodurch sie »Acubens« auf die Hand nehmen konnte. Und nachdem sie ein Xyz-Material von »Omega« abgehängt hatte, griff dieser »Irou« an. Um seinen Angriff aufzuhalten, spielte Ryuohtah »Sakuretsu-Rüstung«.
Auf diese Taktik war die Rothaarige allerdings vorbereitet: „Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen – ich wusste, du würdest mir eine Falle stellen. Doch wenn ich Omega´s Spezialeffekt aktiviert habe, schützt ihn das vor sämtlichen Zauber- und Fallenkarten.“
„Dann darf eben meine zweite Falle in Aktion treten – Shien´s Komplott.“, gab er auf die Vernichtung seines Monsters zurück, „Da du einen Sechs Samurai zerstört hast, rufe ich stattdessen von meiner Hand Legendäre Sechs Samurai – Kageki und Geheime Sechs Samurai – Kizaru!“
Kaum merklich hob Nadeshiko eine Augenbraue und bemerkte spöttisch: „Wie es scheint, hast du ebenfalls wieder ein paar neue Karten.“
Ryuohtah schwieg und beschwor »Legendäre Sechs Samurai – Enishi«, der durch seinen Effekt fünfhundert zusätzliche Angriffspunkte erhielt.
„Da du wohl neuerdings auf Xyz-Beschwörungen stehst, nehme ich Kageki und Kizaru, um das Überlagerungsnetzwerk zu bauen … zeige dich, Schatten der Sechs Samurai – Shien!“, kommentierte er beinahe belanglos.
Seine Attacke auf »Omega« blockierte Nadeshiko jedoch – »Dimensionsgefängnis« entfernte sein Xyz-Monster aus dem Spiel. Dafür gelang es »Enishi« den Widder auf den Friedhof zu schicken. In der »Dimensionskapsel« versteckte die Rothaarige diesmal ein anderes Monster und rief ein weiteres verdeckt im Verteidigungsmodus, ehe »Omega« sind um den verbliebenen Samurai kümmerte. Da die »Sechs Samurai« ebenso aufeinander angewiesen waren wie die »Sternzeichen-Kundler«, beschwor Ryuohtah nun »Legendäre Sechs Samurai – Shinai« samt »Legendäre Sechs Samurai – Mizuho«, von denen er das Wasserattribut gleich wieder opferte, damit er eine Karte auf Nadeshiko´s Seite zerstören konnte … natürlich wählte er »Omega«. Das Feuer-Monster stürzte sich auf ihre letzte Verteidigung, doch durch seine hohen Verteidigungspunkte, musste der Braunhaarige vierhundert Schadenspunkte einstecken. Dafür setzte er eine Karte verdeckt. Nadeshiko begann ihren Zug damit, »Acubens« zu opfern, um einen neuen »Sternzeichen-Kundler« zu rufen. »Antarens« gestattete es ihr, einen seiner Kameraden vom Friedhof wieder auf ihre Hand zu holen – damit kehrte der Krieger des Zwillingssternbildes zurück. Nur entschied sie sich gegen einen Angriff – sein Deck beinhaltete eine Mengen Fallen, die ihren Monstern schadeten, gerade in einer solchen Situation. Damit war die Rothaarige allerdings auf einen Bluff hereingefallen, denn seine verdeckte ließ »Shinai« wiederauferstehen, wodurch Ryuohtah seinen vorherigen Zug wiederholen und die Schlange zerstören konnte. Anschließend verstärkte er seinen »Samurai« noch mit »Legendäres Ebenholzross« und griff Nadeshiko direkt an. Von diesem Schlag hart getroffen, schwankte die Obelisk etwas – doch nur so lange, bis sie durch »Dimensionskapsel« ein Monster bekam und »Hermestab« dank »Pollux´« Effekt gemeinsam mit ihm auf das Feld rief. Da sie nun zeitgleich wieder zwei Kreaturen der Stufe vier besaß, wurde es Zeit für die nächste Xyz-Beschwörung – »Praesepe« übernahm mit Freude die Aufgabe, Ryuohtah´s Lebenspunkte durch seine besondere Fähigkeit genauso zu stutzen. Zwar blieb »Mizuho« auf dem Feld, weil der Braunhaarige sein Reittier opferte, doch den Schaden musste er kassieren. Nach einer weiteren, verdeckten Karte auf ihrer Seite, übergab sie wieder an ihn. Zunächst entfernte Ryuohtah zwei seiner »Sechs Samurai« aus dem Spiel, um dafür »Enshi, Shien´s Kanzler« beschwören zu können, dessen Effekt »Praesepe« zu spüren bekam und auf dem Friedhof landete.
„Dieses Duell neigt sich Ende entgegen … Mizuho, greif´ Shiko direkt an!“, befahl er.
Doch Nadeshiko widersprach ihm: „Nicht so eilig – mit Ruf der Gejagten hole ich mir Antarens vom Friedhof zurück, um mich zu schützen!“
Da die Schlange erneut auf dem Feld erschienen war, wanderte wieder ein Monster zurück auf ihre Hand. Gleichzeitig galt der Angriff des Feuer-Monsters, als abgebrochen und weil »Antarens« weit mehr Angriffspunkte hatte, griff Ryuohtah sie natürlich nicht erneut an. Sie war im Übrigen auch stärker, als sein »Kanzler«, der daraufhin auf dem Friedhof landete. Wie so gern, setzte Nadeshiko eine verdeckte Karte und beendete ihren Zug.
„Hey, Shiko … dieses Duell verlangt uns echt alles ab, was?“, scherzte Ryuohtah, während er die nächste Karte zog, „Genau, was ich jetzt brauche – hier kommt Topf der Gier!“
Und der Obelisk aktivierte beide Zauberkarten, die er bekommen hatte; »Shien´s Schloss des Nebels«, welches sämtlichen »Sechs Samurai« fünfhundert weitere Angriffspunkte verlieh, samt einem neuen »Legendären Ebenholzross« für »Legendäre Sechs Samurai – Mizuho«. Da dies allerdings immer noch genügte, um ihre Schlange zu köpfen, übergab er – zumindest sollte er vor dem größten Schaden geschützt sein. Nadeshiko legte die Hand auf ihr Deck und atmete tief ein. Er hatte recht … das Duell zerrte an ihr, sie wollte nicht mehr gegen ihn kämpfen und gleichzeitig konnte sie weder aufgeben noch ihn gewinnen lassen. Sie musste es mit einem Sieg zu Ende bringen!
„Ich beschwöre Sternzeichen-Kundler Kaus und nutze seinen Spezialeffekt, um ihn auf Stufe sechs zu steigern.“, machte sie ihren Zug, „Jetzt kann ich das Überlagerungsnetzwerk bauen … und rufe als Xyz-Beschwörung mein mächtigstes Monster – komm´ raus, Sternzeichen-Kundler Ptolemy M7!“
Der mechanische Stellar-Drache gehorchte seiner Herrin. Ein Raunen ging durch die Zuschauermenge, seine Größe ließ Ryuohtah zusammenzucken … das bedeutete allerdings nicht, dass er aufgab. Natürlich wollte Nadeshiko »Mizuho« zurück auf seine Hand schicken, doch ihr Gegenüber hatte einen »Samurai« auf dem Friedhof, den er aus dem Spiel nehmen konnte, um einen seiner Kumpanen vor besonderen Monstereffekten beschützen konnte. Damit rettete Ryuohtah sich mit verbliebenen zweihundert Lebenspunkten und sein Monster, indem er erneut die Ausrüstungszauberkarte opferte, in den nächsten Zug. Genau wie Nadeshiko besaß er nur ein einziges Monster, das ihn noch retten konnte … und nur eine Karte in seinem Deck konnte dieses jetzt noch zurückbringen.
„Ich spiele Geheime Fähigkeiten der Sechs Samurai! Indem ich meinen Samurai opfere, darf ich ein verbanntes Monster zurückrufen.“, rief der Braunhaarige aus, „Schatten der Sechs Samurai – Shien, greif´ ihren Drachen an!“
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, ehe sie ihm entgegensetzte: „Unser erstes Duell hättest du durch deine letzte, verdeckte Karte gewinnen können … Ich dagegen aktiviere sie – hier kommt Erleuchten! Diese Fallenkarte annulliert nicht nur deine Attacke … sie schreibt M7 auch noch die Punkte bis zur EndPhase meines nächsten Zuges zu, mit denen du ihn angegriffen hast.“
Resigniert seufzte Ryuohtah: „Jetzt siehst du wenigstens endlich die großartige Duellantin in dir, die ich schon immer in dir gesehen habe.“
„Es wird Zeit … beenden wir dieses Duell.“, sprach Nadeshiko mit Tränen in den Augen, „Ptolemy M7, Galaxie-Gebrüll!“
Die Energie ihres Monsters riss Ryuohtah zu Boden, als seine Lebenspunkte auf null fielen. Die Menge brach in lauten Jubel aus – das hatte sie sich verdient. Er hätte keine seiner Karten in diesem Duell anders gespielt … Aber Nadeshiko´s Stil hatte er fast nicht mehr wieder erkannt – von der einen Tatsache abgesehen, dass sie das mächtigste Monster des Decks nie zu Beginn rufen würde, selbst wenn sie eine entsprechende Kombination spielen könnte. Es würde ihr niemals im Traum einfallen, das Deck ihres Gegners anzugreifen oder ihn an Spielzügen zu hindern … sie wollte sehen, was ihr Gegenüber drauf hatte. Während er diesen Gedanken nachhing, kam der Braunhaarige wieder auf die Füße und sah im letzten Moment noch, wie ihr roter Schopf im Gang nach draußen verschwand. Hastig beeilte Ryuohtah sich, ihr zu folgen – nicht auszudenken, wenn sie schon wieder Johan in die Arme laufen würde! Auf dem gepflasterten Weg vor dem Gebäude holte er sie ein und sein Eintreffen veranlasste Nadeshiko tatsächlich, stehen zu bleiben.
„Was ist auf der Nordakademie mit dir passiert?“, wollte er von ihr wissen.
Ohne ihn anzusehen, antwortete sie: „Ich bin gegangen, um meinen Weg als Duellant wiederzufinden … oder überhaupt erst zu finden … Ich hatte die Verbindung zu meinen Karten verloren. Nein, im Grunde konnte ich nie wirklich an meine Karten glauben. Es stimmt, ich habe das Dunkle Magier-Deck sehr lange Zeit benutzt … und es stecken eine Menge Erinnerungen in ihnen. Aber jetzt … Johan hat mich mit den Sternzeichen-Kundlern vereint und endlich kann ich meinem Deck vollkommen vertrauen.“
„Ja, ja, der ach so tolle Johan Andersen, der dich sogar zurückbegleitet hat …“, keifte Ryuohtah mit aufkeimender Wut, „Sag´ mir die Wahrheit, Shiko – liebst du ihn?“
Nun schwieg Nadeshiko länger, als wahrscheinlich notwendig gewesen wäre … denn diese Frage hatte sie sich selbst mehrfach gestellt … bis zuletzt.
Erst an die Duellakademie zurückzukehren, hatte ihr eine eindeutige Antwort darauf möglich gemacht: „Johan ist ein unglaublich warmherziger Mensch, der allen Lebewesen und Geistern mit dem größten Respekt begegnet. Ich bewundere ihn sehr … aber ich liebe ihn nicht wie … wie ich dich liebe.“
"Shiko ... heißt das, du ... du gibst uns noch eine Chance?", warf Ryuohtah perplex ein.
Zwar drehte sie sich nun zu ihm um, doch sie schaute weiterhin auf ihre Hände, als sie konterte: „Duellanten haben unterschiedliche Ansichten … Vielleicht hätte ich dir auf andere Weise von meinem Vorhaben erzählen sollen, aber ich wollte mich damit auch selbst prüfen. Ich habe auf der Nordakademie nicht nur mein wahres Deck gefunden … ich weiß jetzt, dass ich unsere Liebe nicht aufgeben will.“
„Ich habe mich am Hafen versteckt, als euer Schiff eingetroffen ist. Er hat deine Hand gehalten, um dir von Bord zu helfen und du … du hast ihn so angestrahlt. Die Zeit ohne dich war eine einzige Qual … Aber noch schlimmer war es, dich mit einem anderen zusammen glücklich zu sehen.“, gestand Ryuohtah leise.
Nadeshiko bestätigte mit einem sanften Lächeln: „Du hast mir auch sehr gefehlt …“
Diese Reaktion veranlasste Ryuohtah sich in Bewegung zu setzen, bis sie genau voreinander standen. Er legte die Hände an ihren Hals, um ihren Kopf zu halten und küsste sie. Endlich waren sie wieder vereint!
Abschiede
Allzu lange konnte ein Kanzler seine Schule nicht unbeaufsichtigt lassen – daher rückte nach dem Ende des Duells Johan´s Aufbruch sehr schnell nahe … Am Pier hatte sich Nadeshiko, Seiketsu, Klerus und auch Ryuohtah eingefunden, um ihn zu verabschieden. Es fiel Nadeshiko sichtlich schwer, ihn ziehen zu lassen. Selbst wenn ihr Herz bereits einem anderen gehörte, würde er dennoch für immer einen Platz darin haben.
Mit Tränen in den Augen sagte die Rothaarige: „Ich werde dich, Rubin und die anderen Kristallungeheuer unheimlich vermissen … Danke, Johan, tausend Dank für alles, was du für mich getan und mir beigebracht hast! Ich werde dir das nie, niemals vergessen.“
Trotz Ryuohtah´s leicht finsterem Blick nahm er sie fest in den Arm und antwortete: „Besuch´ uns irgendwann wieder, in Ordnung? Dann gibt es das Rückspiel. Und bis dahin vergiss´ nicht, warum dich diese Karten erwählt haben, Shiko – in dir strahlt ein Licht, das bis zu den Sternen reicht!“
Nun ließen sich die Tränen nicht länger zurückhalten. Sie verdankte Johan so vieles! Bevor Nadeshiko es sich anders überlegen konnte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange, woraufhin er sacht errötete. Seiketsu legte dem Obelisken derweil beruhigend eine Hand auf die Schulter.
Lachend lösten sie sich schließlich voneinander, dann wandte dich Johan an Ryuohtah: „Wenn du sie wieder verletzt, werde ich das nächste Mal gegen dich antreten!“
Für einen Moment war er versucht, den Blauhaarigen sofort herauszufordern, doch er mahnte seine Eifersucht zur Ruhe – so schwer es ihm auch fiel, es zuzugeben … im Grunde genommen hatte er ja recht. Ryuohtah hatte für Nadeshiko kein Verständnis gehabt, sie nicht unterstützt und damit von sich gestoßen. Er hatte zwar ihren Karten Respekt gezollt … jenen Karten, die auch im Deck des Königs der Spiele existieren, jedoch nicht seiner Liebsten und das war wohl der schwerwiegendste Fehler, den er je begangen hatte.
„Keine Sorge, Andersen-san – ich weiß, wie glücklich ich mich schätzen darf.“, entgegnete der Braunhaarige, „Aber ich würde mich trotzdem gerne irgendwann mit dir duellieren.“
Noch ein letztes Zwinkern und Johan begab sich mit der quiekenden »Rubin« auf der Schulter an Bord. Auch »Siat« erschien und winkte ihnen nach, während Nadeshiko sich an Ryuohtah´s Brust lehnte. Allerdings sollte der Abschied von Johan nicht der letzte bleiben – schließlich befanden sich Nadeshiko und Ryuohtah in ihrem Abschlussjahr.
Nach dem Ende der letzten Prüfungen suchte die Obelisk war zur Unterkunft von Slifer Red gegangen – obwohl sie ihre Jacke trug, hatte sie diesen Ort nie besucht. Das gelbe, zweistöckige Gebäude mit dem roten Dach lag weiter von der Schule entfernt. Hätte Ryuohtah seine Karte aktiviert, wäre dies wahrscheinlich ihr Zuhause gewesen … so ganz stimmte das auch nicht – die gesamte Duellakademie war ihr Zuhause geworden. Sie griff nach ihrem Deck und lächelte »Siat« an. Wenn Nadeshiko jemand vorher gesagt hätte, wie sehr sie sich hier verändern würde, würde sie keinem geglaubt haben … Doch die Begegnungen und Kämpfe hatten ihre Spuren hinterlassen.
Johan´s Worte klangen in ihrem Kopf, die er nach ihrer Rückkehr zur Nordakademie an ihrem ersten Abend zu ihr gesagt hatte: „Du besitzt nun die Karten der Sternzeichen-Kundler … doch das ist bei weitem noch kein vollständiges Deck. Es liegt nun an dir, ob du es schaffst, ihr wahres Potential zu erwecken.“
Ihr wahres Potential … Bei den Monstern des »Dunklen Zirkels« war ihr das nicht gelungen … nicht wirklich. Das war einer der Gründe, warum die Rothaarige ihre Eltern gedrängt hatte, das Duellieren studieren zu dürfen. In wenigen Tagen bekam sie nun ihr Abschlusszeugnis und würde diese Insel verlassen … Doch würde sie niemals vergessen, welche Lektion sie hier gelernt hatte – wie wertvoll die Freiheit der eigenen Persönlichkeit war …
„Irgendwie wusste ich, dass ich dich hier finden würde.“, meinte ihre Tante und trat neben sie.
Während sie ihr Deck zurücksteckte, antwortete Nadeshiko: „Glaubst du, sie werden meine Sternzeichen-Kundler … und Ohtah akzeptieren?“
Ein kleiner Seufzer entwich Seiketsu´s Kehle: „Weißt du, ich bin unglaublich stolz drauf, wie sehr du dich weiterentwickelt hast. Du bist stark genug geworden, um hinter deinen Entscheidungen zu stehen.“
„Danke, Sei-obasan! Das Duellieren ist nun keine Bürde mehr für mich … ich kann einfach Spaß haben an dem Spiel, das ich liebe.“, erwiderte Nadeshiko glücklich, „Und ich weiß endlich, was ich mit meinem Leben anfangen will – als Johan mir erzählte, die Sternzeichen-Kundler wären auf der ganzen Welt verstreut gewesen, da habe ich mich gefragt, welche Karten wohl noch so versteckt gehalten werden … Wir werden beide für Industrial-Illusions arbeiten und in diesem Bereich forschen.“
Allerdings stand vorher noch eine kleine Reise auf dem Plan – Nadeshiko wollte mit eigenen Augen jene Orte sehen, an denen ihre »Sternzeichen-Kundler« geruht hatten. Diese Möglichkeit hatte ihnen ihr selbst ernannter Mentor geschaffen – mit einem guten Wort, das Johan für beide beim Schöpfer des Spiels höchstpersönlich eingelegt hatte, durften sie den Beginn ihrer Ausbildung etwas nach hinten verschieben.
Man besucht eine Schule, um zu lernen … Doch es bedeutet noch weit mehr – man geht Bindungen zu anderen Menschen ein, schafft neue Erinnerungen, geht neue Wege und wächst über sich selbst hinaus. Als Duellant ist man es seinen Karten schuldig, niemals aufzugeben. Für all jene, die diesen festen Glauben an das Herz der Karten haben, wird es stets unendlich viele Möglichkeiten geben!
In Herzensangelegenheiten sieht es ähnlich aus … Ohne gegenseitiges Vertrauen und den Glauben an die Beziehung hat die Liebe keine Chance zu überlegen … selbst bei denjenigen, die sich bereits durch verschiedenste Leben geliebt haben.
Das entscheidende Duell
Der vertraute Anblick der Akademieinsel verstärkte die Sehnsucht in Nadeshiko. Sie hatte die Duellakademie vermisst … Seiketsu und auf gewisse Weise sogar Ryuohtah. Dabei war das halbe Jahr auf der Nordakademie regelrecht an ihr vorbei gerast. Johan legte ihr aufmunternd eine Hand auf die Schulter. Seine Gegenwart beruhigte sie ungemein. Am Pier angelangt, hielt Johan ihr dieselbe Hand hin, um ihr von Bord zu helfen. Dankbar lächelte die Rothaarige ihn an. Auf dem Kai wurden sie bereits von Seiketsu und Klerus erwartet. Freudig eilte Nadeshiko zu ihnen und ihre Tante umarmte sie.
„Willkommen zurück, Shiko!“, sagte Seiketsu glücklich, „Danke, Andersen-san, dass Sie sich um sie gekümmert haben.“
Der Blauhaarige winkte ab und schüttelte Klerus die Hand – die beiden Kanzler trafen sich zum ersten Mal persönlich. Plaudernd machte sich die Gruppe auf den Weg zur Duellakademie, wo in der großen Halle ein wichtiges Duell auf sie wartete …
Vor dem Saal blieb Seiketsu stehen und meinte: „Ich habe dein Deck wie gewünscht verwahrt … aber ich glaube nicht, dass du damit antreten willst, nicht wahr?“
„Diese Karten werden auf gewisse Weise für immer ein Teil meines Lebens sein … doch du hast recht, Sei-obasan – ich werde Ohtah mit meinem neuen Deck herausfordern.“, bestätigte sie und wandte sich mit dem Deck an ihren Mentor, „Johan … nimm du diese Karten für die Bibliothek der Nordakademie. Sieh´ es als kleines Dankeschön für das unbezahlbare Geschenk, das du mir gemacht hast. Und vielleicht unterrichtest du ja mal einen Schüler, der dieser Bürde gerecht wird.“
Überrascht sah er sie an – natürlich kannte er jede einzelne dieser Karte von ihren Erzählungen – gleichzeitig verstand er ihre Entscheidung sehr gut und nickte zustimmend. Die Vize-Kanzlerin nickte ihrer Nicht ebenfalls zu, ehe sie gemeinsam mit dem Schulleiter voraus ging, um die Kontrahenten anzukündigen.
Lächelnd wollte Nadeshiko von Johan wissen: „Noch ein letzter Rat?“
„Lass´ dich nicht von deinen Gefühlen überwältigen. Konzentrier´ dich auf deine Karten, lass´ dein Deck sprechen, dann wird alles gut werden.“, erklärte er ungewohnt ernst, da sprang »Rubinkarfunkel« auf ihren Arm, „Siehst du, Rubin und die anderen drücken dir ebenfalls die Daumen!“
Völlig gerührt antwortete sie: „Danke, Johan. Ich weiß nicht, ob ich ohne dich den Mut dazu hätte, noch einmal gegen ihn anzutreten … Falls ich trotzdem verliere, müssen Sie mich halt doch wieder auf Ihrer Schule aufnehmen, Kanzler Andersen!“
Die Rothaarige wollte sich auf den Weg machen, da hielt der Meister der Kristallungeheuer sie plötzlich ganz ernst auf: „Shiko, ich … Es stimmt, in den letzten sechs Monaten warst du Schülerin meiner Schule und deshalb … konnte ich es dir nicht schon früher sagen. Vielleicht mag es auch unfair sein, es dir gerade jetzt zu sagen, aber … bevor du dich zu diesem Duell aufmachst, um eine Entscheidung zu treffen, solltest du alle Facetten kennen … Ich habe mich in dich verliebt!“
Der Blick seiner smaragdgrünen Augen brannte in sie. Es war ihm ernst … und diese Tatsache ließ ihr Herz schneller schlagen.
„Johan, du hast mich aufgefangen ... Durch dich bin ich erst zu einer wahren Duellantin geworden.“, entgegnete Nadeshiko melancholisch, „Ich werde die Sache zwischen mir und Ohtah klären – hier in der Duellakademie lösen wir Probleme nun einmal mit Duellen … Warte bitte solange auf mich.“
Damit rannte sie los. Es war Zeit für ein Duell! Auch er selbst begab sich zum Austragungsort, auf die Zuschauertribüne. Nadeshiko und Ryuohtah hatten bereits ihre DuelDisks aktiviert.
Doch der Braunhaarige hatte dennoch einen Kommentar abzugeben: „Warum machen wir das eigentlich, Shiko? Wieder vor aller Augen kämpfen – musst du wirklich beweisen, was du auf der Nordakademie gelernt hast? Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass man sich dort anders duelliert, als hier.“
„Und genau das werde ich dir beweisen! Mir hat jemand beigebracht, meinen Karten voll und ganz zu vertrauen … etwas, das ich früher nie wirklich konnte.“, entgegnete sie und zog, „Ich beschwöre Sternzeichen-Kundler Pollux! Ja, ich besitze neue Karten … ein Deck, das vollkommen mir selbst entspricht. Daher aktive ich Pollux´s Effekt, was es mir gestattet, eine weitere Normalbeschwörung durchzuführen – deshalb stelle ich nun auch noch Sternzeichen-Kundler Aldebaran vor. Als nächstes aktive ich die Zauberkarte Funkeln des Sternzeichen-Kundlers, was es mir erlaubt, meinen Stier um eine Stufe zu steigern. Jetzt baue ich das Überlagerungsnetzwerk und rufe als Xyz-Beschwörung … Sternzeichen-Kundler Omega! Zum Schluss setze ich noch eine Karte verdeckt und übergebe an dich.“
Es war Ryuohtah anzusehen, dass er absolut nicht mitkam – die Tatsache, dass sie sich von ihrem alten Deck getrennt hatte, haute ihn um. Vollkommen verdattert starrte er ihre Monster mit offenem Mund an. Klar hatte sie von dem Druck gesprochen, unter dem sie anscheinend litt, aber seine Karten deshalb auszutauschen … diese legendären Karten, die sogar dem König der Spiele würdig waren!
Als das Publikum unruhig wurde, begriff der Obelisk, dass er längst am Zug war. Aus seinem Blatt spielte er »Die Sechs Samurai – Irou«. Zusätzlich legte er zwei Karten verdeckt. Nadeshiko rief »Sternzeichen-Kundler Sheratan« auf das Feld, wodurch sie »Acubens« auf die Hand nehmen konnte. Und nachdem sie ein Xyz-Material von »Omega« abgehängt hatte, griff dieser »Irou« an. Um seinen Angriff aufzuhalten, spielte Ryuohtah »Sakuretsu-Rüstung«.
Auf diese Taktik war die Rothaarige allerdings vorbereitet: „Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen – ich wusste, du würdest mir eine Falle stellen. Doch wenn ich Omega´s Spezialeffekt aktiviert habe, schützt ihn das vor sämtlichen Zauber- und Fallenkarten.“
„Dann darf eben meine zweite Falle in Aktion treten – Shien´s Komplott.“, gab er auf die Vernichtung seines Monsters zurück, „Da du einen Sechs Samurai zerstört hast, rufe ich stattdessen von meiner Hand Legendäre Sechs Samurai – Kageki und Geheime Sechs Samurai – Kizaru!“
Kaum merklich hob Nadeshiko eine Augenbraue und bemerkte spöttisch: „Wie es scheint, hast du ebenfalls wieder ein paar neue Karten.“
Ryuohtah schwieg und beschwor »Legendäre Sechs Samurai – Enishi«, der durch seinen Effekt fünfhundert zusätzliche Angriffspunkte erhielt.
„Da du wohl neuerdings auf Xyz-Beschwörungen stehst, nehme ich Kageki und Kizaru, um das Überlagerungsnetzwerk zu bauen … zeige dich, Schatten der Sechs Samurai – Shien!“, kommentierte er beinahe belanglos.
Seine Attacke auf »Omega« blockierte Nadeshiko jedoch – »Dimensionsgefängnis« entfernte sein Xyz-Monster aus dem Spiel. Dafür gelang es »Enishi« den Widder auf den Friedhof zu schicken. In der »Dimensionskapsel« versteckte die Rothaarige diesmal ein anderes Monster und rief ein weiteres verdeckt im Verteidigungsmodus, ehe »Omega« sind um den verbliebenen Samurai kümmerte. Da die »Sechs Samurai« ebenso aufeinander angewiesen waren wie die »Sternzeichen-Kundler«, beschwor Ryuohtah nun »Legendäre Sechs Samurai – Shinai« samt »Legendäre Sechs Samurai – Mizuho«, von denen er das Wasserattribut gleich wieder opferte, damit er eine Karte auf Nadeshiko´s Seite zerstören konnte … natürlich wählte er »Omega«. Das Feuer-Monster stürzte sich auf ihre letzte Verteidigung, doch durch seine hohen Verteidigungspunkte, musste der Braunhaarige vierhundert Schadenspunkte einstecken. Dafür setzte er eine Karte verdeckt. Nadeshiko begann ihren Zug damit, »Acubens« zu opfern, um einen neuen »Sternzeichen-Kundler« zu rufen. »Antarens« gestattete es ihr, einen seiner Kameraden vom Friedhof wieder auf ihre Hand zu holen – damit kehrte der Krieger des Zwillingssternbildes zurück. Nur entschied sie sich gegen einen Angriff – sein Deck beinhaltete eine Mengen Fallen, die ihren Monstern schadeten, gerade in einer solchen Situation. Damit war die Rothaarige allerdings auf einen Bluff hereingefallen, denn seine verdeckte ließ »Shinai« wiederauferstehen, wodurch Ryuohtah seinen vorherigen Zug wiederholen und die Schlange zerstören konnte. Anschließend verstärkte er seinen »Samurai« noch mit »Legendäres Ebenholzross« und griff Nadeshiko direkt an. Von diesem Schlag hart getroffen, schwankte die Obelisk etwas – doch nur so lange, bis sie durch »Dimensionskapsel« ein Monster bekam und »Hermestab« dank »Pollux´« Effekt gemeinsam mit ihm auf das Feld rief. Da sie nun zeitgleich wieder zwei Kreaturen der Stufe vier besaß, wurde es Zeit für die nächste Xyz-Beschwörung – »Praesepe« übernahm mit Freude die Aufgabe, Ryuohtah´s Lebenspunkte durch seine besondere Fähigkeit genauso zu stutzen. Zwar blieb »Mizuho« auf dem Feld, weil der Braunhaarige sein Reittier opferte, doch den Schaden musste er kassieren. Nach einer weiteren, verdeckten Karte auf ihrer Seite, übergab sie wieder an ihn. Zunächst entfernte Ryuohtah zwei seiner »Sechs Samurai« aus dem Spiel, um dafür »Enshi, Shien´s Kanzler« beschwören zu können, dessen Effekt »Praesepe« zu spüren bekam und auf dem Friedhof landete.
„Dieses Duell neigt sich Ende entgegen … Mizuho, greif´ Shiko direkt an!“, befahl er.
Doch Nadeshiko widersprach ihm: „Nicht so eilig – mit Ruf der Gejagten hole ich mir Antarens vom Friedhof zurück, um mich zu schützen!“
Da die Schlange erneut auf dem Feld erschienen war, wanderte wieder ein Monster zurück auf ihre Hand. Gleichzeitig galt der Angriff des Feuer-Monsters, als abgebrochen und weil »Antarens« weit mehr Angriffspunkte hatte, griff Ryuohtah sie natürlich nicht erneut an. Sie war im Übrigen auch stärker, als sein »Kanzler«, der daraufhin auf dem Friedhof landete. Wie so gern, setzte Nadeshiko eine verdeckte Karte und beendete ihren Zug.
„Hey, Shiko … dieses Duell verlangt uns echt alles ab, was?“, scherzte Ryuohtah, während er die nächste Karte zog, „Genau, was ich jetzt brauche – hier kommt Topf der Gier!“
Und der Obelisk aktivierte beide Zauberkarten, die er bekommen hatte; »Shien´s Schloss des Nebels«, welches sämtlichen »Sechs Samurai« fünfhundert weitere Angriffspunkte verlieh, samt einem neuen »Legendären Ebenholzross« für »Legendäre Sechs Samurai – Mizuho«. Da dies allerdings immer noch genügte, um ihre Schlange zu köpfen, übergab er – zumindest sollte er vor dem größten Schaden geschützt sein. Nadeshiko legte die Hand auf ihr Deck und atmete tief ein. Er hatte recht … das Duell zerrte an ihr, sie wollte nicht mehr gegen ihn kämpfen und gleichzeitig konnte sie weder aufgeben noch ihn gewinnen lassen. Sie musste es mit einem Sieg zu Ende bringen!
„Ich beschwöre Sternzeichen-Kundler Kaus und nutze seinen Spezialeffekt, um ihn auf Stufe sechs zu steigern.“, machte sie ihren Zug, „Jetzt kann ich das Überlagerungsnetzwerk bauen … und rufe als Xyz-Beschwörung mein mächtigstes Monster – komm´ raus, Sternzeichen-Kundler Ptolemy M7!“
Der mechanische Stellar-Drache gehorchte seiner Herrin. Ein Raunen ging durch die Zuschauermenge, seine Größe ließ Ryuohtah zusammenzucken … das bedeutete allerdings nicht, dass er aufgab. Natürlich wollte Nadeshiko »Mizuho« zurück auf seine Hand schicken, doch ihr Gegenüber hatte einen »Samurai« auf dem Friedhof, den er aus dem Spiel nehmen konnte, um einen seiner Kumpanen vor besonderen Monstereffekten beschützen konnte. Damit rettete Ryuohtah sich mit verbliebenen zweihundert Lebenspunkten und sein Monster, indem er erneut die Ausrüstungszauberkarte opferte, in den nächsten Zug. Genau wie Nadeshiko besaß er nur ein einziges Monster, das ihn noch retten konnte … und nur eine Karte in seinem Deck konnte dieses jetzt noch zurückbringen.
„Ich spiele Geheime Fähigkeiten der Sechs Samurai! Indem ich meinen Samurai opfere, darf ich ein verbanntes Monster zurückrufen.“, rief der Braunhaarige aus, „Schatten der Sechs Samurai – Shien, greif´ ihren Drachen an!“
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, ehe sie erwiderte: „Unser erstes Duell hättest du durch deine letzte, verdeckte Karte gewinnen können … Ich dagegen aktiviere sie – hier kommt Erleuchten! Diese Fallenkarte annulliert nicht nur deine Attacke … sie schreibt M7 auch noch die Punkte bis zur EndPhase meines nächsten Zuges zu, mit denen du ihn angegriffen hast. Es wird Zeit … beenden wir dieses Duell – Ptolemy M7, Galaxie-Gebrüll!“
Die Energie ihres Monsters riss Ryuohtah zu Boden, als seine Lebenspunkte auf null fielen. Die Menge brach in lautes Gejubel aus – das hatte sie sich verdient. Er hätte keine seiner Karten in diesem Duell anders gespielt … Aber Nadeshiko´s Stil hatte er fast nicht mehr wieder erkannt – von der einen Tatsache abgesehen, dass sie das mächtigste Monster des Decks nie zu Beginn rufen würde, selbst wenn sie eine entsprechende Kombination spielen könnte. Es würde ihr niemals im Traum einfallen, das Deck ihres Gegners anzugreifen oder ihn an Spielzügen zu hindern … sie wollte sehen, was ihr Gegenüber drauf hatte. Während er diesen Gedanken nachhing, kam der Braunhaarige wieder auf die Füße und sah im letzten Moment noch, wie ihr roter Schopf im Gang nach draußen verschwand. Hastig beeilte Ryuohtah sich, ihr zu folgen. Auf dem gepflasterten Weg vor dem Gebäude holte er sie ein und sein Eintreffen veranlasste Nadeshiko tatsächlich, stehen zu bleiben.
„Was ist auf der Nordakademie mit dir passiert?“, wollte er von ihr wissen.
Ohne ihn anzusehen, entgegnete sie: „Ich bin gegangen, um meinen Weg als Duellant wiederzufinden … oder überhaupt erst zu finden … Ich hatte die Verbindung zu meinen Karten verloren. Johan hat mich mit den Sternzeichen-Kundlern vereint und endlich kann ich meinem Deck vollkommen vertrauen.“
„Ja, ja, der ach so tolle und vollkommen uneigennützige Johan Andersen, der dich sogar zurückbegleitet hat …“, keifte Ryuohtah mit aufkeimender Wut, „Sag´ mir die Wahrheit, Shiko – liebst du ihn?“
Nun schwieg Nadeshiko länger, als wahrscheinlich notwendig gewesen wäre … denn diese Frage hatte sie sich selbst mehrfach gestellt … heute erneut.
Erst an die Duellakademie zurückzukehren, hatte ihr eine eindeutige Antwort darauf möglich gemacht: „Johan ist ein unglaublich warmherziger Mensch, der allen Lebewesen und Geistern mit dem größten Respekt begegnet. Du dagegen zeigst mir gegenüber keinerlei Verständnis – du warst regelrecht schockiert, als du gesehen hast, dass ich ein neues Deck benutze. Ich weiß nicht einmal, ob du jemals wirklich mich geliebt hast … oder nur das Bild, das du von mir hattest. Dieselbe Illusion, die meine Eltern schaffen wollten … eine Duellantin, die jene Karten des Königs der Spiele beherrscht.“
Er öffnete den Mund, um ihr zu widersprechen, schloss ihn wieder und meinte dann: „A-aber, Shiko, wir gehören zusammen! Das habe ich vom ersten Moment an gespürt!“
„Mag sein … vielleicht hast du sogar recht.“, gab Nadeshiko zurück, „Doch das ist keine Garantie dafür, dass wir zusammen glücklich sind. Und ich kann nicht mehr an deiner Seite sein … Es stimmt, ich habe mich in Johan verliebt.“
Fast schien es, als hätte ihm »Ptolemy M7« einen weiteren Schlag verpasst. Sein Gesicht verlor alle Farbe – er hatte die Befürchtung gehabt, aber die Bestätigung war etwas ganz anderes …
„Wenn das Schuljahr zu Ende ist, werde ich an die Nordakademie zurückkehren, um das Duellieren weiter zu studieren … Ich weiß, dass ich dich damit noch mehr verletzte, indem ich hier meinen Abschluss mache – aber ich schulde es dieser Schule ihr noch mit meinen Sternzeichen-Kundlern Ehre zu machen.“, fuhr Nadeshiko fort, „Falls du dich der Illusion hingibst, die verbliebene Zeit nutzen zu können, um dich mir wieder zu nähern, bitte ich dich, uns beiden diese Schmach zu ersparen – wenigstens so gut solltest du mich kennen, dass meine Entscheidung endgültig ist.“
Hätte Ryuohtah die Fähigkeit besessen, seine Karten real wirken zu lassen – in diesem Moment hätte er es sicherlich getan. Doch so ballte nur wütend die Hände zu Fäusten und verfluchte stumm Johan Andersen für seine Einmischung in ihre Beziehung. Dabei war er im Grunde genommen selbst an der Situation schuld; er hatte sie von sich gestoßen, in die Arme eines anderen getrieben … auch wenn Ryuohtah es so nicht sehen wollte. Nadeshiko allerdings hielt Wort – obwohl er tatsächlich versuchte, sich wieder mit ihr zu versöhnen, ließ sich das Bild von ihm, welches sich in ihr Herz gebrannt hatte, nicht mehr auslöschen – und wann immer sie sich nach Halt und Zuneigung sehnte, dachte sie einzig an den blauhaarigen Kanzler im hohen Norden.
Selbst wenn man vom Schicksal füreinander bestimmt scheint, ist das noch lange keine Garantie, miteinander glücklich zu werden … Denn niemand ist Sklave des Sterns, unter dem er geboren wurde – das Leben wird durch eigene Entscheidungen bestimmt und jede von ihnen zieht Konsequenzen nach sich. In jeder Realität ist es ein harter, steiniger Weg, um die Gunst des geliebten Menschen zu erringen – nicht einmal Ohtah und Shiko schaffen es immer zueinander zu finden.
Buch 18: Eine Feen-Legende
Vom Schicksal füreinander bestimmt, doch durch die Zeit getrennt … Wie lässt sich ein solches Problem lösen? Hier scheint nur noch Magie zu helfen.
Sternblumennacht
Einst lebten die Feenwesen Albenmark´s und die Menschen der Erde Seite an Seite … Magie war eine Selbstverständlichkeit und alle beteten zur großen Mutter der Natur, der Göttin Gäa. Zu dieser Zeit erwählte sie Klerus als neuen >Feenkönig Oberon<. In dieser Position nahm er seine große Liebe Seiketsu zu seiner Frau, zu seiner >Feenkönigin Titania< … Vereint herrschten die beiden gemeinsam über diese friedliche Welt. Doch nichts hielt jemals bis in alle Ewigkeit … Erst hatte es nur schleichend begonnen, mit den Jahren zeigte es sich dann immer deutlicher – die Menschheit entsagte ihrer Anbetung der magischen Geschöpfe und in ihnen wuchs der Wunsch nach alleiniger Herrschaft. Erst fragten sie die Feen nicht mehr um Rat, wandten sich in ihren Gebeten nicht mehr an Gäa, Oberon oder Titania und rodeten stattdessen unter anderem ganze Wälder, um neue Siedlungen zu errichten. Die Zahl der Menschen schoss in die Höhe, während die Feen unter dem Schmerz der Natur schwächer wurden.
Seiketsu versuchte ihr Volk milde zu stimmen. „Sie fühlten sich Jahrzehnte lang in den Schatten gedrängt … Mag sein, dass Gier ihnen näher liegt als uns – doch ebenso hochmütig müssen wir ihnen vorkommen, mächtig durch unsere Magie.“
Doch nicht alle teilten ihre Zuversicht – allen voran ihr eigener Mann Klerus. „Sie zerstören ohne Sinn und Verstand … wie wilde Tiere. Selbst unsere Göttin ist nicht unfehlbar – diesen Bestien zu erlauben weiterzubestehen, war ein großer Fehler! Wir sollten jeden einzelnen von ihnen vernichten!“
Selbst Zorn änderte nicht das Wesen der Feen … Feen mochten keine Veränderungen – ihre Lebensspanne überdauerte Generationen einfacher Sterblicher. Dies mochte ein feuriges Aufflammen sein … Ein Tag, ein Monat, ein Jahr bedeutete ihnen nichts. Und so verstrich der Moment, den sie hätten nutzen müssen, um dieses Vorhanden in die Tat umzusetzen. Menschen vergessen schnell – was sie nicht sahen oder woran sie nicht glaubten, existierte gelinde gesagt für sie einfach nicht. Der Lebensraum der Feen schwand … der Einfluss der Menschen auf diese Welt wuchs. Aus Holzbauten wurden Steinhäuser, aus Steinwerkzeugen gingen Stahlwaffen hervor. Die mystischen Wesen waren ins Reich der Sagen verbannt. Eine dieser Geschichten handelte von den violetten Sternblumen, in denen winzig kleine Feen schlafen sollten … Wie alle Legenden hatte auch diese einen wahren Kern – Klerus und Seiketsu mussten ihr Volk beschützen, also verwandelten sie sich in Finger große, geflügelte Gestalten, die aus der Entfernung nur für einfache Insekten gehalten wurden. Aber wo einmal dunkle Gefühle auf nährenden Boden gefallen war, da keimte die Saat und Blumen des Hasses sprossen in der Seele des Feenkönigs … Seine Königin bekam eine neue Seite ihres Liebsten zu Gesicht – eine kalte, abweisende Art, die ihr das Herz brach. Dies sollte allerdings erst der Anfang vom Ende sein …
In einer gar schicksalhaften Nacht betrat ein junger Mann jenen Wald, in dem das Königspaar mit seinem Hofstaat lebte, und betrachtete die leuchtenden Sternblumen höhnisch. Keiner aus seiner Generation glaubte mehr an die alten Mythen, daher wollte er den Alten des Dorfes beweisen, dass diese genau das waren – Erzählungen aus längst vergangenen Zeiten. Ohtah bückte sich, um eine Blume zu pflücken, als mit einem Mal ein greller Lichtpunkt aus der Blüte hervorschoss. Vor Schreck wich der Braunhaarige einen Schritt zurück. Im Grunde lächerlich, konnte es sich hierbei wohl bloß um ein Glühwürmchen handeln … Falsch gedacht, denn das Licht schwoll an und bildete schlussendlich die Gestalt eines erwachsenen Mannes mit langem, blonden Haar.
„Wer … wer seid Ihr?“, stammelte Ohtah, plötzlich verängstigt.
Die stahlblauen Augen seines Gegenüber sahen ihn kalt an. „Einst nannte mich Euresgleichen Feenkönig Oberon … Und Ihr habt es nicht nur, unverschämt wie die Menschen sind, gewagt, mein Reich zu betreten … nein, Ihr wolltet es auch noch schänden! Ich werde Euch lehren, die Magie meines Volkes zu ehren!“
In einem Sekundenbruchteil war Klerus an Ohtah herangetreten und legte ihm die flache Hand auf die Brust. Augenblicklich breitete sich eine unebene Schicht aus gräulicher Farbe über dessen Leib aus … Der Herrscher verwandelte den Eindringling zu Stein. Von dem manischem Lachen, das aus der Kehle des Blonden drang, alarmiert, erschien Seiketsu am Ort des Geschehens.
Sichtlich geschockt starrte sie die leblose Statue an. „Kle-Klerus, was … was hast du getan?“
„Ich beschütze nur meine Untertanen vor dieser Bestie!“, erwiderte er in scharfem Ton.
Trauer legte sich über das Gesicht und die Stimme der Königin. „Das bist nicht du … Der Mann, in den ich mich verliebt habe, ist gütig – ein weiser Herrscher.“
Und sie sollte recht behalten – von jenem Moment an, war Klerus verändert … Eine Finsternis hatte von ihm Besitz ergriffen, die sich mit der kommenden Zeit gleich einer Seuche sogar auf die anderen Feen seines Volkes übertrug. Wann immer ein Mensch das Pech hatte, einem von ihnen zu begegnen, quälten die magischen Geschöpfe ihre Opfer auf grausamste Weise. Seiketsu selbst floh unterdessen, nachdem sie viele Jahre erfolglos versucht hatte, ihren Geliebten zurück zum Guten zu bewegen – sie war die Einzige, die von jenem dunklen Einfluss verschont blieb –, wenn auch nicht allzu weit entfernt, wollte sie ihn und ihr Volk weiterhin im Auge behalten können … So verging fast ein ganzes Jahrhundert.
Sie starrte in das dichte Unterholz. Warum nochmal war sie hierher gekommen? Aus einem der lächerlichsten Gründe, die man sich überhaupt nur vorstellen konnte … Wegen eines verdammten Traums! Kein Traum in dem Sinne, dass sie etwas erreichen wollte, dass sie sich ein Ziel gesteckt hatte – nein, nächtliche Bilder und eine Stimme, die während des Schlafs zu ihr gesprochen, ihr zu kommen befohlen hatten. Es war eine männliche Stimme gewesen, die sie in wachem Zustand noch nie zuvor gehört hatte … doch nicht zum ersten Mal im Traum. Seit sie sich erinnern konnte, träumte sie immer wieder von dieser Stimme, die mal in ganzen Sätzen zu ihr sprach oder auch einfach nur ihren Namen rief. Kurzum es blieb eine wahnwitzige Idee, der Stimme zu folgen … dennoch stand sie nun hier am Waldrand.
Trotz der nächtlichen Stunde, die nur durch das fahle Licht des Vollmondes erhellt wurde, erspähte sie am Boden zahlreiche, violettfarbene Sternblumen. Eine kalte Windböe pfiff, ließ die Blätter in den Baumkronen rascheln und trieb sie vorwärts. Ein Schaudern ergriff sie, als sie die erste Blüte passierte – jahrelang hatte man ihr die Geschichten um die grauenhaften Wesen erzählt, die darin wohnten … Feen, die herzlos alle Passanten quälten, die sich in ihre Nähe wagten. Für einen kurzen Moment gewann ihre Angst die Oberhand und sie wich ein paar Schritte zurück, fort von diesem verfluchten Ort … Doch unvermittelt entdeckte sie etwas, das zuvor noch nicht da gewesen war – ein kleiner, blauer Lichtpunkt, der in der Ferne schwebte. Neugier vertrieb die Furcht … Neugier und die Sehnsucht nach jener Stimme, die sie überhaupt erst an jene Stelle geführt hatte. Zwanghaft ging sie weiter – ohne zu bemerken, dass sie nicht länger allein war. Dafür spürte sie mit jedem Meter, wie Kälte in ihre Gliedern kroch und eine dunkle Vorahnung wuchs in ihr – dies war kein Ort für Menschen.
Plötzlich trat sie hinaus auf eine vom Mondlicht beschienene Lichtung. Augenblicklich erstarrte sie bei dem Anblick, der sich ihr bot. Vor ihr stand die Statue eines jungen Mannes. Sie kam näher, um ihn genauer zu betrachten – sein Antlitz zog sie beinahe magisch an. Es erschien ihr, als wäre er es gewesen, nach dem sie sich ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte, den sie hatte treffen wollen … treffen musste. Aus einem Impuls heraus, griff sie nach seiner steinernen Hand … Und staunte nun noch mehr, als bereits zuvor – ein bröckelndes Geräusch veranlasste sie dazu, aufzuschauen und sah mit einem Mal in unendlich dunkle Augen. Wie nur konnte das möglich sein? Auch der Rest seines Gesichtes und die Hand in ihrer waren nicht länger aus Stein.
„Du bist es, du bist gekommen“, flüsterte er beinahe ungläubig, „Shiko …“
Kaum, dass ihr eigener Name über seine Lippen gekommen war und sie verstand, dass es seine Stimme gewesen war, welche sie gerufen hatte, kannte sie ebenso den seinen. „Ohtah …“
Ein warmes Gefühl stieg in beiden auf, nun da sie einander vollends erkannt hatten. Die Welt um sie herum verschwand – einzig der Blick des anderen bedeutete mehr etwas und die unauslöschliche Verbindung ihrer Seelen durch alle Zeiten.
Aber schon in der nächsten Sekunde legte sich ein Schatten über Ohtah´s Gesicht. „Verzeih´ mir, Geliebte, in diesem Leben können wir nicht zusammen sein. Vor langer Zeit kam ich her, sah die Sternblumen blühen und ich habe gelacht … über das, was man sich über sie erzählt. Und habe damit mein dunkles Schicksal besiegelt – eine Fee verwandelte mich in Stein und weder Schwert noch Zauber können mich befreien. Mir ist nur einmal in tausend Jahren gewährt, eine einzige Nacht als Mensch zu erleben. Wenn jedoch das erste Licht des Tages diese Lichtung berührt, werde ich wieder leblos und kalt … Das ist mein Fluch!“
Tränen sammelten sich in ihren Augen. Verzweiflung überflutete sie. So zogen die Stunden über beide hinweg, während Shiko in Ohtah´s Armen ruhte. Sie sprachen darüber, wie ihr Leben unter anderen Umständen verlaufen wäre – dieser Streich des Schicksals, der sie auf ewig entzweien würde, war eine furchtbare Strafe.
„Wir werden uns wiedersehen …“, flüsterte Ohtah nahe an ihrem Ohr.
Shiko wollte kein Versprechen darauf, ihm in einem anderen Leben erneut zu begegnen … trotzdem nickte sie stumm. Es schmerzte sie zu sehr – ihn allein in diesem Feenwald zurücklassen zu müssen.
Obwohl sich Shiko mit aller Macht dagegen zu wehren versucht hatte, musste sie der Schlaf letztendlich dennoch übermannt haben. Als sie die Augen öffnete, lag die Lichtung in hellem Sonnenlicht. Die Rothaarige spürte den harten Untergrund – ohne ihn anzusehen, wusste Shiko, was geschehen war … Ohtah war, genau wie von ihm prophezeit, wieder zu Stein geworden. Die Tränen hatten rote Spuren auf ihren Wangen hinterlassen, die von der neuerlichen, salzigen Berührung brannten. Schwerfällig erhob sich Shiko, ihre Beine wollten sie jedoch nicht recht tragen. So schleppte sie sich mehr zum Waldrand zurück, als dass sie ging. Den Blick strickt nach vorn gerichtet mit einem dumpfen Stechen in der Brust – denn ihr Herz hatte Shiko in den Tiefen des Feenwaldes zurückgelassen …
Gerade als sie auf Höhe der letzten Sternblume verharrte, rief jemand: „Bitte, haltet ein!“
Erschrocken wirbelte Shiko herum und sah sich einer grazilen, jungen Frau gegenüber, deren braunes Haar beinahe bis zum Boden reichte. Ihre Augen funkelten geheimnisvoll, doch in ihnen lag keinerlei Niedertracht.
„Wer seid Ihr?“, wollte Shiko wissen. „Oder … was seid Ihr?“
Zwar war die Fremde auf den ersten Blick von menschlicher Gestalt … allerdings liefen ihre Ohren spitz zu, ihre Glieder samt dem Rumpf wirkten länger gezogen.
Sie lächelte und hob die leeren Hände, um ihre lauteren Absichten zu beteuern. „Es besteht kein Anlass für Euch, Euch vor mir zu fürchten. Mein Name lautet Seiketsu … Euch vielleicht eher bekannt als >Feenkönigin Titania<, Gemahlin von Klerus – dem >Feenkönig Oberon<.“
Trotzdessen erschrak Shiko zunächst, ehe sie sich einen besseren besann. „I-Ich heiße Shiko. Ihr … Ihr wirkt so anders, als es von Eurem Volk heißt.“
Seiketsu war eine Fee und dennoch wirkte sie so freundlich, gar gütig, aber gleichzeitig auch irgendwie verzweifelt. „Ja, das ist eine sehr traurige Geschichte … über Euren Liebsten und meinen Gemahl. Ich werde Euch alles erzählen, so werdet Ihr verstehen. Alles begann vor vielen Jahrzehnten …“ Gebannt lauschte Shiko, wie Seiketsu ihr von jener Nacht berichtete, in der Ohtah und Klerus einander begegnet waren. „Feen lieben nur ein einziges Mal in ihrem schier unendlichen Dasein … Ohne Klerus bin ich ebenso verflucht, wie dieser Junge, der Euch so viel bedeutet.“
Voller Mitgefühl umarmte Shiko sie. Kein Deut Zweifel regte sich mehr in ihr. Sie wollte Seiketsu glauben … Vor allem jetzt, da sie ihre Gefühle ebenso verspürte – von dem Menschen getrennt zu sein, den man am meisten liebte, schmerzte auf eine tiefere Art, als jede körperliche Verletzung.
„Doch gemeinsam haben wir eine Chance, um beide zu retten!“, fuhr Seiketsu fort, die Stimme voller Hoffnung.
Etwas verständnislos löste sich die Rothaarige von ihr. „Ohtah sagte, nichts könne den Bann brechen – weder Schwert noch Zauber!“
„So ganz trifft diese Aussage nicht zu. Rohe Gewalt oder gewöhnliche Magie können etwas dagegen ausrichten, das ist wahr … aber jeder Fluch kann gebrechen werden“, erklärte die Königin lächelnd und richtete ihren Blick in die Tiefen des Feenwaldes. „Obwohl alle anderen unseres Volkes von der Finsternis erlagen, bin ich davon verschont geblieben – ich bin ganz sicher, das liegt an unserer Liebe! Und daran müsst Ihr ebenso glauben.“
So gering die Aussicht auch war – Shiko würde jede noch so kleine Gelegenheit ergreifen, um Ohtah zu befreien. Sie konnte nicht sagen, in wie vielen Leben sie einander bereits begegnet waren und sich ineinander verliebt hatte, aber Ohtah war stets ihr Retter, ihr Held gewesen. Nun lag es bei ihr, sich für die unzähligen Male zu revanchieren.
Gemeinsam kehrten die beiden Frauen zu jener Lichtung zurück. Shiko´s Körper begann zu erbeben – letzte Nacht hatte sie sich bereits gefürchtet, dieses Mal war es weitaus schlimmer. Seiketsu berührte sie an der Schulter, gab ihr einen sanften Anstoß. Zaghaft ging Shiko zu Ohtah und griff nach seiner Hand. Sie betrachtete jede Facette seines Gesichts, bis sie bei seinen Augen angelangt war. Mehr als irgendetwas sonst auf dieser Welt wünschte sie sich ihre Tiefe zurück …
„Ich liebe dich, Ohtah … Das habe ich schon immer und werde es für alle Ewigkeit! Du hast mir versprochen, wir würden uns in einem anderen Leben wiederbegegnen, aber ich will dich jetzt bei mir haben. Ich flehe dich an … komm´ zu mir zurück“, flüsterte Shiko ihm zu und berührte seine Lippen mit ihren eigenen.
Anfangs war der Kuss kalt, dann jedoch erwiderte Ohtah ihn und presste sie fest an sich, während sich diesmal seine Tränen einen Weg bahnten. „Wie ist das nur möglich?“
„Mit einem Kuss wahrer Liebe …“, erklärte Seiketsu erleichtert.
Erst jetzt bemerkte Ohtah die Fee und bugsierte Shiko rasch hinter sich, aber sie hob beschwichtigend die Hände. „Es ist alles in Ordnung. Seiketsu ist unsere Freundin – nur ihretwegen konnte ich dich erlösen.“
Perplex hörte Ohtah zu, was es mit der ganzen Situation auf sich hatte, und meinte anschließend: „Demnach schulde ich Euch, Königin Titania. Was ich allerdings nicht begreife … weshalb konntet Ihr König Oberon bislang nicht von dem dunklen Einfluss befreien?“
Dieser Gedanke war Shiko ebenfalls gekommen, wollte ihn jedoch nicht aussprechen.
Seiketsu stieß ein schweres Seufzen aus. „Von jenem Tag an kam ich nicht mehr an ihn heran … Und als die Finsternis zu übermächtig wurde, bin ich geflohen. Deshalb habe ich auf eine Möglichkeit wie diese gewartet – nun da Ihr frei seid, Ohtah, ist die Dunkelheit in Klerus geschwächt und ich kann ihn erreichen.“
„Folglich sollten wir keine Zeit verlieren“, meinte die Rothaarige euphorisch.
Beseelt davon, mit Ohtah wiedervereint zu sein, wünschte sie sich dieses Glück auch für Seiketsu und Klerus. Die Feenkönigin öffnete den Mund zum Sprechen, als mit einem Mal der gesamte Wald in nächtlicher Dunkelheit versank – nur ohne Gestirne am Firmament.
„Ihr habt also Sehnsucht nach mir …“, durchdrang eine schneidende Stimme den Wald, „doch anstatt an meine Seite zurückzukehren, verbrüdert Ihr Euch mit dem Feind!“
Klerus trat zwischen den Stämmen der Bäume hervor. Von überall her hörte man hämisches Lachen – der Hofstaat begleitete seinen König, bereit sich in jedweden Kampf zu stürzen.
Dennoch ging Seiketsu langsam auf ihn zu. „Es stimmt – ich habe Shiko ermutigt, den Fluch über Ohtah zu lösen … für Euch, Geliebter! Seht Ihr denn immer noch nicht, wie sehr Ihr und unser Volk Euch verändert habt? Wir sind die Kinder der Lichtalben, den Erstgeborenen unserer Göttin Gäa … Hass ist nicht unser Weg.“
Der Feenkönig zeigte sich unbeeindruckt von ihren Worten. „Überlasst diese Menschen uns und ich lasse Euch aufgrund unserer einstigen Verbindung ziehen.“
Einmal war sie bereits geflohen und hatte ihren Mann verlassen, ihn im Stich gelassen. Beinahe ein Jahrhundert lang hatte sie gewartet … Nicht, dass sie Shiko und Ohtah jemals der Folter ihrer Artgenossen überlassen würde. Stattdessen trat die Braunhaarige noch näher an ihn heran und schöpfte unerwartet Hoffnung, denn Klerus breitete plötzlich seine Arme aus. Sie beschleunigte ihre Schritte … Doch kaum stand Seiketsu direkt vor ihm, legte er seine Hände um ihren Hals, hob sie vom Boden hoch und drückte zu. Alles in ihr schrie auf, sie strampelte, ruderte mit den Armen. Shiko wollte ihr zu Hilfe eilen, aber Ohtah hielt sie fest – ihm war nicht entgangen, dass die Dutzende von Feen, welche sie umzingelten, unterdessen ebenfalls immer näher gekommen waren. Der Blick von Seiketsu´s strahlend blauen Augen suchten den seinen. Pure Feindseligkeit schlug ihr entgegen, der ihren Widerstand endgültig brach … Klerus presste seine Finger noch fester in ihr Fleisch und ihre Bewegungen erschlafften, den Kopf vornübergeneigt. Triumphierend löste er die Umklammerung und Seiketsu fiel leblos hinab. Gerade als ihr Gesicht das seine passierte, streiften ihre Lippen gleich einem zarten Windhauch seinen Mund. Augenblicklich schien die Zeit stillzustehen … Schneller, als es für einen Menschen überhaupt möglich gewesen wäre, fing Klerus Seiketsu in ihrem Sturz auf und bettete ihren leblosen Körper in seinen Armen.
„Oh Liebling, was … was habe ich nur getan?“, murmelte er geschockt. „Ich wusste, was ich tat … und gleichzeitig auch nicht. Ich liebe Euch! Bitte, Gäa … bitte … nehmt sie noch nicht zu Euch!“
Ohne auf eine Antwort der Göttin zu warten – oder vielleicht hoffte er auch, dass das Resultat seiner Tat die Antwort auf sein Flehen wäre –, küsste Klerus seine Liebste. Die Hände zum Gebet gefaltet, beobachtete Shiko das Geschehen, während Ohtah unentwegt die übrigen Feen im Auge behielt – manche von ihnen hielten sich den dröhnenden Kopf, andere waren ohnmächtig geworden oder schrien wie von Sinnen. Seiketsu sollte recht behalten – nichts würde jemals stärker sein, als wahre Liebe … Und auch nicht der Tod. Schwerfällig hoben sich Seiketsu´s Lieder und auf ihren Lippen zeichnete sich ein Lächeln ab. Voller Erleichterung stieß Shiko einen Freudenschrei aus.
„Meine Geliebte … Ihr lebt ...“, hauchte der Blonde ergriffen. „Ich … ich habe keine Ahnung, wie das alles nur geschehen konnte. Dieser unbändige Zorn hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Ich war … verloren, gefangen. Vergebt mir, oh bitte, vergebt mir – ich habe Euch angegriffen, Euch fast getötet …“
Seiketsu legte Klerus einen Finger auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Ihr seid erlöst, mein Liebster, dafür hätte ich gern mein Leben gegeben. Aber ich bin nicht tot … Und unser Volk auch nicht. Wir … wir sollten dieses Kapitel hinter uns lassen und nochmal neu anfangen. Dort, wohin wir wirklich hingehören – dies ist nicht unsere Welt … war es nie.“
Klerus hatte Seiketsu als seine Gemahlin erwählt, weil er seit jeher in sie verliebt gewesen war … doch ihre Intelligenz, ihr Mitgefühl und ihr Charme machten sie zu einer wahren Königin. Die Erde war nicht ihre Heimat … Einst waren die Feen aus Albenmark auf die Erde gekommen, weil die Menschen auf eines der magischen Weltentore gestoßen waren und die Magie begabten Wesen, um Hilfe ersucht hatten. Klerus und Seiketsu waren bereits hier geboren worden, aber ihre Eltern hatten noch in der eigens von Gäa erschaffen Welt gelebt. Es war an der Zeit dorthin zurückzukehren …
„Shiko, ich habe Euch so viel zu verdanken! Ohne Eure Liebe wäre Klerus wohl für alle Zeit verloren in der Finsternis gewesen …“, sagte Seiketsu dankbar. „Und Euch, Ohtah, bitte ich ihm nicht zu grollen.“
Kaum merklich nickte der Braunhaarige. „Ohne den Fluch wäre ich Shiko niemals begegnet … Also vergeben und vergessen.“
„So möchte ich Euch zum Dank anbieten, uns in Freundschaft nach Albenmark zu begleiten“, schlug der Feenkönig lächelnd vor.
Die beiden Menschen tauschten einen überraschten Blick, der allerdings Bände sprach …
Erzählungen, Sagen und Mythen – ja, ihre eigene Geschichte selbst gleicht einer Legende und wird als Lied über die Sternenblumen jener erlösenden Nacht auf ewig durch alle Welten klingen, um ihre Botschaft zu verbreiten … Wahre Liebe bricht jeden Fluch!
Buch 19: Ein legendäres Schicksal
Es gibt Bande, die selbst die unterschiedliche Welten nicht voneinander trennen können … Ein Schwur, ehrlich und treuen Herzens, kann Wunder geschehen lassen und selbst das Unmöglichste wahrmachen. Ob Realität oder Fiktion entscheidet ganz allein der Blickwinkel – denn jeder ist der Held seiner eigenen Geschichte, egal ob man daran glaubt.
Wie leere Seiten
Shikon Yosogawa starrte hinab auf die asphaltierte Straße. Zu dieser Uhrzeit – kurz vor Mitternacht – waren kaum noch Menschen unterwegs, doch die Ampeln und Lichter blinken weiterhin unruhig vor sich hin. Von hier oben wirkte alles so vollkommen winzig, gar unbedeutend. Allerdings war das nur reine Einbildung … jedenfalls für sie.
Laut ihren Recherchen war ein Sturz aus großer Höhe, die bereits bei eineinhalb Metern begann, stets ein Risiko – je nach Aufprall und dadurch resultierenden Verletzungen. Dennoch gab es selbst bei einem Sturz aus bis zu neun Metern Höhe noch eine relative Wahrscheinlichkeit von etwa drei zu vier zu überleben. Ab zwölf Metern wäre es dann bloß noch reine Glückssache und nochmal sechs Meter dazu erforderten schon ein wahres Wunder. Das kleine Hochhaus, in dem sie wohnte, verfügte über neun Stockwerke – was bedeutete, hier auf dem Dach des Gebäudes befand sie sich ungefähr vierundzwanzig Meter über dem Bürgersteig, zu welchem sie hinuntersah. Natürlich hätte man sich nun fragen können, was ein Mädchen von fünfzehn Jahren zu dieser späten Stunde an einem solchen Ort zu suchen hatte und ob sie etwa lebensmüde war, sich leichtfertig einer solchen Gefahr auszusetzen … Man hätte zum Beispiel eine Mutprobe vermuten können. Die tatsächliche Antwort darauf wäre überraschenderweise allerdings eine Bejahung. Denn ihr Leben, falls man es überhaupt so nennen konnte, war in ihren Augen ein einziger Scherbenhaufen … Zwar atmete Shikon regelmäßig, aber trotzdem fühlte sie sich in ihrem Innern lediglich wie ein Buch mit vollkommen leeren Seiten – genauso gut hätte sie tot sein können. Sie wünschte es sich … Damit sie endlich wieder bei ihren Eltern sein konnte.
Es war ein ganz normaler Tag gewesen und ihr monatlicher Großeinkauf hatte angestanden, daher waren sie alle gemeinsam mit dem Auto zum großen Supermarkt in der Mitte ihres Viertels gefahren. Ihre Eltern hatten diesmal so viel eingekauft, dass sich Shikon auf dem Heimweg den Rücksitz mit mehreren Sack Reis hatte teilen müssen – zum Glück oder Unglück, denn genau diesem Puffer war es geschuldet, dass sie noch am Leben war. Während Togo und Kai dagegen bereits am Unfallort ihren Verletzungen erlegen waren. Genauso wie der betrunkene Unfallverursacher, der von seiner Fahrbahn abgekommen war. Der einzige Umstand, um den sie froh war, war, dass sie beim Aufprall der beiden Fahrzeuge das Bewusstsein verloren hatte und erst Stunden später im Krankenhaus wieder zu sich gekommen war – so war sie zumindest dem Anblick der zerschundenen Leiber ihrer Eltern entgangen. Keines der zahlreichen Schmerzmittel, die ihr durch die Adern gepumpt wurden, konnte die Qual über dieses Ereignis lindern …
Allerdings war Shikon´s Verlust, so schwer dieser auch auf ihr lastete, nicht allein der Grund, der sie zu der Entscheidung getrieben hatte, das eigene Dasein beenden zu wollen … Mit den Fingerspitzen fuhr sie die zahlreichen Narben vom Unfall und den anschließenden Operationen nach, die sich wie eine Schar Schlangen über ihren gesamten Körper wanden – es gab kaum ein Fleckchen, das nicht von Wucherungen oder weißlichen Linien bedeckt war … angefangen mit ihrem Gesicht, dessen linke Augenbraue sich in drei Segmenten aufteilte und die wulstigen Ausläufe über ihrer rechten Wange, die sich den bis zum Hals hinunterzogen. Direkt nachdem die Wunden weitestgehend verheilt gewesen waren, hatte sie sich lediglich in lange Hosen und langärmlige Rollkragen-Oberteile gekleidet. Ein Verhalten, der ihrer Psychologin gar nicht gefallen hatte – sie müsse ihren Körper so akzeptieren lernen und nicht die Augen vor den Tatsachen verschließen. Dabei wäre es so viel einfacher gewesen, alles zu vergessen … Aber nein, bis dahin war Shikon noch eine Kämpferin gewesen. Nach ihrem schon schier ewigen Krankenhausaufenthalt, war sie fest entschlossen, während der Rehabilitation wieder das selbstständige Gehen und noch vieles mehr neu zu erlernen … Es hatte seine Zeit gedauert – eine sehr lange Zeit … Doch schließlich hatte Shikon als körperlich gesundet sogar wieder in die Schule gehen können. Allerdings hatten ihre bisherigen Klassenkameraden und Freunde in der Zwischenzeit natürlich bereits ihren Abschluss gemacht, sodass Shikon in eine Klasse zwei Jahrgänge unter ihrer eigentlichen Alterskategorie kam. Zu Beginn war sie schlichtweg die neue Schülerin gewesen, die für sich blieb und weder im Unterricht noch außerhalb ein Aufsehen um sich machte – ein klassischer Einzelgänger … niemanden, den es zu beachten galt. Erst als bei einem Zwischenfall auf der Schultoilette die Male auf ihrer Haut entdeckt worden waren, war damit im Grunde auch ihr Schicksal besiegelt worden … In jenem Moment wurde Shikon zu einem regelrechten Schandfleck erklärt und zum Spottopfer ihrer Mitschüler. Dabei wären die Narben ihrer Seele eine noch viel entsetzlichere Erscheinung gewesen … All diese Faktoren vereint, hatten die Rothaarige hierher geführt.
„Aber ist das wirklich das, was du willst?“, erklang eine fremde Stimme hinter ihr.
Erschrocken schaute Shikon über die Schulter und erblickte eine Kapuzengestalt, deren Gesicht sie nicht ausmachen konnte. „Lassen Sie mich in Ruhe, gehen Sie weg, Sie haben ja keine Ahnung!“
„Da irrst du dich, mein liebes Kind … Ich kenne dich sehr gut, ich habe dich beobachtet und ich kann dir eine Alternative anbieten“, entgegnete die unbekannte Person, die sich nicht einmal als männlich oder weiblich identifizieren ließ, „eine Alternative, die dich ebenfalls aus dieser Hölle, in der du lebst, befreien kann.“
Ohne dass sie es verhindern konnte, bahnten sich Tränen einen Weg über die Ränder ihrer Augen. Wenn das nur wahr wäre … Jeder Tag und jede Nacht waren ein einziger, nie enden wollender Alptraum. Es spielte keine Rolle, worum es sich bei dem Angebot handelte – lediglich das Ergebnis zählte! Shikon drehte sich auf dem Dachrandprofil um, das gerade so ihren halben Fuß fassen konnte, und verlor das Gleichgewicht. Haltlos fiel Shikon in die Tiefe, während sie mit einem traurigen Lächeln die Augen schloss. Es war in Ordnung … deshalb war sie überhaupt auf das Dach gestiegen. Ein Ausweg wäre diese sogenannte Alternative sicherlich ohnehin nicht gewesen – es gab nämlich keine Lösung für ihre Situation, keinen Hoffnungsschimmer. Nein, die Himmelspforte oder was auch immer nach dem Tod auf einen wartete, war ihre einzige Chance … Noch ehe ihr Leib auf dem harten Untergrund aufschlug, wurde alles um sie herum schwarz.
„Lady Nadeshiko, es ist höchste Zeit, aufzustehen!“, drang es gedämpft an ihre Ohren. „Euer Verlobter wird in Kürze hier sein, um Euch einen Besuch abzustatten.“
Langsam bekam Shikon wieder ein Gefühl für ihren Körper. Sie lag ausgestreckt auf einem weichen Untergrund. Und wohl eine Decke ruhte auf ihr. Wie konnte das sein?
Einen Moment später wurde eben diese von ihr heruntergerissen. „Euer Atem verrät Euch – ich weiß, Ihr seid wach.“
Sichtlich verwirrt schlug sie die Augen auf. Über ihr schwebte das Gesicht einer jungen Frau mit einer Spitzenhaube, die sie freundlich anlächelte. Langsam setzte Shikon sich auf und sah sich in dem Raum um. War das hier der Himmel? Jedenfalls saß sie gerade in einem Himmelbett mit roten Samtvorhängen. Während ihr Blick weiter umherwanderte, blieben ihre Augen an ihren nackten Unterarmen hängen. Der Atem blieb ihr im Hals stecken und sie sprang regelrecht von der Matratze auf, um zum Schminktisch neben dem Fenster zu eilen. Das Mädchen, das ihr von dem polierten Glas entgegenstarrte, hatte stahlblaue Augen und das rotbraune Haar fiel ihm in sanften Wellen über den gesamten Rücken. Kein einziger Makel beleidigte ihr edles Antlitz …
„Fühlt Ihr Euch nicht wohl, Lady Nadeshiko?“, fragte das Dienstmädchen besorgt. „Soll ich den Arzt kommen lassen?“
>Nadeshiko< … Beim ersten Mal war noch zu benommen gewesen, um ihre Gedanken zu sortieren. Sie kannte diesen Namen … Nadeshiko Bal´Hi war eine wunderschöne Baronentochter mit Augen von der Farbe des Sommerhimmels und flammengeküsstem Haar, das im Königreich Thanca lebte. Einer fiktiven Welt aus dem Roman >Ein legendäres Schicksal< … Dieses Buch hatte sie in der Bibliothek der Reha-Klinik gefunden und mit großer Begeisterung gelesen. Die Magie und Abenteuer darin hatten ihr neuen Mut gegeben, während sie sich in die Vorstellung einer solch romantischen Begegnung wie zwischen den beiden Protagonisten verliebt hatte.
Das Dienstmädchen berührte sie vorsichtig am Arm. Genau wie ihr Zwilling im Spiegel es bei ihrer Herrin tat. Dies war ihr Spiegelbild … Ihr kam ein aberwitziger und vollkommen absurder Gedanke. Gleichzeitig konnte sie sich keinen anderen Reim auf diese Situation machen. War dies etwa die sogenannte Alternative, von der die Kapuzengestalt gesprochen hatte?
„Also wirklich, Nadeshiko, warum bereitest du deiner Zofe solche Sorgen?“, wollte eine andere, ebenfalls weibliche Stimme wissen.
Sie drehte sich zu der Sprecherin um. Bishu Dal´Hi stand in der Zimmertür – Nadeshiko´s Mutter. Erschrocken über die Klarheit dieses Gedankens schlug sie sich die Hände vor den Mund.
Respektvoll neigte die Bedienstete ihr Haupt. „Ich denke, die junge Lady ist heute ein bisschen zerstreut – immerhin hat sie Lord Cal´Rien seit der Verlobung nicht mehr gesehen.“
„Das mag sein“, stimmte Bishu seufzend zu. „Nun gut, Gwen, sorge einfach dafür, dass sie bereit ist, wenn unser Besuch eintrifft.“
Damit zog sich die Hausherrin zurück und Nadeshiko sank auf den Stuhl des Schminktisches. Während sie ihren sich überschlagenden Gedanken nachhing, machte Gwen sie zurecht. Ein einfarbiges Kleid mit einer passenden Schleife im Haar – perfekt für ein ungezwungenes Frühstück. Im Speisesaal hatte, neben ihrer Mutter, auch ihr Vater Tai Bal´Hi bereits Platz genommen. Nachdem Nadeshiko sich ebenfalls gesetzt hatte, wurde ihr Gast hereingeführt – ein stattlicher, junger Mann mit goldenem Haar und grünen Augen. Ramon, der Sohn von Graf Cal´Rien …
In dieser Welt zeigte die Vorsilbe »-al« den Adelsstand der Familie an, von den Baronen über die Grafen und Herzöge bis bin zum König. Als Tochter eines Barons trug Nadeshiko das Präfix »Bal« – daher war es eine große Ehre für sie über dem eigenen Stand zu heiraten. Nur gefror der Rothaarigen bei seinem Erscheinen das Blut in den Adern. Auf seinen Zügen spiegelte sich eine solch herzliche Freude, dass ihr schlecht wurde.
Im Roman war Nadeshiko Bal´Hi lediglich eine Nebenfigur – der Auslöser für das Erscheinen der Protagonistin Livia. Das Waisenmädchen studiert eigentlich im Heiligen Land – einer Zwischendimension, in der der Göttin gehuldigt wurde – gelegenen >Tempel der Zeitalter<, um Priesterin zu werden … Doch der tragische Tod ihrer Kindheitsfreundin lässt sie nach Thanca zurückkehren. Kurz nach der Hochzeit stirbt Nadeshiko an einer Arsen-Vergiftung … herbeigeführt durch ihren frisch angetrauten Ehemann, der ihren allabendlichen Tee damit versetzt. Livia gelingt es im Verlauf der Geschichte diese Tat aufzudecken – Ramon Cal´Rien, der das Vermögen seiner Familie verspielt hat, wollte einzig an Nadeshiko´s Erbe herankommen.
„Entschuldigt mich bitte – mir ist nicht wohl, ich gehe an die frische Luft“, entschuldigte sich Nadeshiko und eilte hinaus in den Innenhof des Herrenhauses. Dies war ein wahrlich makaberer Scherz – so viel zum versprochenen Ausweg … Da wäre der Freitod definitiv die bessere Lösung gewesen, als in einer ausgedachten Welt ermordet zu werden. »Jeder ist der Held seiner eigenen Geschichte.« Wie oft hatte sie diesen Spruch nun schon gehört? Sie hasste diese plumpe Aussage – es war sicherlich nicht ihr Wille gewesen, durch einen betrunkenen Autofahrer ihre Eltern verloren zu haben und zu einem Wrack zu werden … Doch wie stand es um >Nadeshiko<? In der realen Welt gab es zwar eine festgeschriebene Handlung, aber allein die Szene beim Aufstehen konnte sich unmöglich für sie so zugetragen haben. Wenn es auch nur die geringste Chance gab, den Verlauf ihres Charakters zu verändern, würde sie es versuchen! Nadeshiko hatte Ramon vertraut, war sogar in ihn verliebt gewesen und er hatte diese Gefühle schamlos ausgenutzt. Keine andere Figur im Buch war ihr beim Lesen derart verabscheuungswürdig vorgekommen. Aber da er es auf das Vermögen der Bal´Hi angesehen hatte, würde er die Verlobung wohl kaum von selbst lösen …
Ein luktrativer Handel
Jeden Monat richtete irgendeine andere, adelige Familie einen Ball oder eine Soiree aus. Wer sich nicht noch zusätzlich unsinnigem Klatsch aussetzen wollte, ließ sich zumindest kurz auf der abendlichen Veranstaltung blicken, um seine Präsenz zu zeigen und manche präsentierten so auch ihren Reichtum. Daher konnte man recht sicher sein, eine bestimmte Person abpassen zu können … Und Nadeshiko musste unbedingt jemand ganz bestimmtes treffen – die einzige Person in ganz Thanca, die über die Ausstrahlung verfügte, Ramon zur Handlungsunfähigkeit zu verdammen.
Sie hatte Gwen angewiesen, sie besonders attraktiv aussehen zu lassen – allerdings war das Dienstmädchen davon ausgegangen, es ginge ihrer Herrin dabei um den ersten, öffentlichen Auftritt mit ihrem Verlobten. Vor allem da das Fest im Haus seiner Familie stattfand und sie seinen Eltern offiziell vorgestellt werden sollte. Doch dazu würde es erst gar nicht kommen, wenn ihr Plan aufging … Aufmerksam schaute sich Nadeshiko zwischen all den prächtig gekleideten Mitgliedern der hochwohlgeboren Gesellschaft um – sie war auf der Suche nach einem hochgewachsen, jungen Mann mit so dunkelbraunem Haar, dass es beinahe schwarz wirkte, und solch finsteren Augen wie die dunkelste Nacht. Ihr Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich, als sie ihn tatsächlich die Treppe hinabschreiten entdeckte. Ryuohtah Dal´Taiyo … der männliche Hauptcharakter des Romans, dem der Ruf eines eiskalten Recken anhaftete. Seitdem König Shiro Kal´Taiyo durch sein zum Glück fehlgeschlagenes Attentat nicht nur körperlich gezeichnet war, wurden immer mehr Stimmen laut, sein Bruder solle ihm auf den Thron nachfolgen. Ehrlicherweise musste die Rothaarige zugeben, dass sie dem zustimmte und etwas für ihn geschwärmt hatte – natürlich wurde er als Protagonist besonders beleuchtet, doch es hatte selbst in anderen Werken keinen Charakter gegeben, für den sie mehr Bewunderung empfunden hatte.
Elegant schlenderte Nadeshiko ihm entgegen und verfiel vor ihm in eine tiefe Reverenz. „Es ist mir eine überaus große Freude, Euch hier zu begegnen, Herzog Dal´Taiyo. Mein Name lautet Nadeshiko Bal´Hi, ich möchte Euch höflichst um ein Gespräch unter vier Augen bitten … es sei denn, Ihr möchtet vor den Anwesend über die Am Fah sprechen.“
Die letzten Worte hatte die Rothaarige so leise geflüstert, dass ihr Gegenüber sie beinahe von ihren Lippen hätte ablesen müssen. Die »Am Fah« waren ein radikale Bewegung, die aus dem Untergrund heraus versuchten, die Monarchie abzuschaffen … Im Buch waren ihre Pläne samt Zeitplan beschrieben, sodass sie definitiv ein Ass im Ärmel hatte.
Sofort erschien ein charmantes und äußerst gekünsteltes Lächeln auf seinen Zügen. „Gehen wir doch etwas an die frische Luft, Mylady.“
Erneut verneigte sie sich vor ihm und ging an der Tanzfläche vorbei zu einer der Terrassentüren, die hinaus in den Garten führten. Kurz darauf folgte Ryuohtah ihr, nahm allerdings einen anderen Ausgang. Am Springbrunnen, der das Herzstück bildete, fand er sie. Obwohl sie lediglich wie ein ganz normales Mädchen wirkte, wanderte seine Hand zum Knauf seines Schwertes.
Schmunzelnd winkte Nadeshiko ab. „Seid versichert, dass dies nicht nötig sein wird. Ich habe lediglich einige Informationen für Euch …“
„Und was wollt Ihr im Gegenzug?“, gab er mit einer hochgezogenen Augenbraue zurück.
Ryuohtah war für seinen messerscharfen Verstand berüchtigt – selbst wenn Nadeshiko es gewollt hätte, hätte sie ihm niemals glaubhaft etwas vorspielen können … Also musste sie die schmerzhafte Wahrheit aussprechen. „Ich befinde mich leider in der Situation, dass mein aktueller Verlobter Lord Ramon Cal´Rien mir nach dem Leben trachtet …“
„Sagtet Ihr nicht, ich bräuchte mein Schwert nicht?“, meinte der Ritter eine Spur zu amüsiert.
Ein dunkler Schatten legte sich über ihr Gesicht. „Es gibt weit schlimmere Schicksale, als den Tod, Mylord … Ihr sollt ihn nicht für mich töten – ich möchte, dass Ihr für einen angemessenen Zeitraum Euer Interesse an mir bekundet und ihn somit dazu bewegt, sein Heiratsgesuch zurückzuziehen.“
Der Braunhaarige musterte sie eindringlich. Dieses Mädchen weckte auf gewisse Weise seine Neugier … „In Ordnung. Unter einer Bedingung … Wir gehen ebenfalls eine Verlobung ein – das ist die Versicherung, dass ich auch meine Belohnung erhalte und Ihr mir nicht einfach davonlauft.“
Seinem Argument konnte sie nicht widersprechen … Wenn sie sich allerdings ohne dessen Zustimmung vom Herzog zurückzog, wäre der Ruf ihrer ganzen Familie ruiniert. Andererseits würde Ryuohtah die Vereinbarung früher oder später ohnehin ebenfalls lösen … sobald er Livia begegnete und sich Hals über Kopf in sie verliebte. Daher gab es für sie eigentlich keinerlei Nachteil aus seiner Voraussetzung und dieser Umstand wäre im Gegenteil noch viel deutlicher gegenüber Ramon.
Wieder ein schelmisches Lächeln aufgesetzt, erhob sich Nadeshiko und neigte den Kopf. „Wie Ihr wünscht, Herzog Dal´Taiyo. Dann haben wir von nun an eine Übereinkunft.“
Diesmal lächelte er sie auf eine andere Art an – belustigt, aber sehr viel ehrlicher. Doch schon wenige Sekunden später kehrte seine Züge zu der freundlichen Maske zurück und er zog sie an der Taille zu sich heran – gleichzeitig sprach er mit lauterer Stimme, als zuvor. „Oh, es erscheint mir, als hätte man uns entdeckt …“
Die Wangen gerötet, sah Nadeshiko an seinem Arm vorbei und blickte in das schockiert wirkende Gesicht von Ramon Cal´Rien. Bemüht über diese Ironie des Schicksals nicht in schallendes Gelächter auszubrechen, lehnte sie gespielt betrübt den Kopf gegen Ryuohtah´s Brust.
„Herzog Dal´Taiyo, erklärt Ihr mir bitte, was Ihr hier draußen mit meiner Verlobten treibt?“, verlangte Ramon zu erfahren, einen zornigen Unterton unterdrückend.
Kein Wunder … immerhin löste sich sein schöner Plan vom neuen Vermögen gerade in Luft auf. Als über ihm stehender Adliger konnte Ryuohtah problemlos seine Auserwählte einfordern – dafür hätte Ramon ihn natürlich zum Duell fordern können, aber so blöd war nicht einmal er.
Mit einem entsprechend spöttischen Ausdruck drehte Ryutaiyo sich zu ihm um, ohne Nadeshiko dabei loszulassen. „Leider muss ich Euch mitteilen, Lord Cal´Rien, dass ich Euch die Gunst von Lady Nadeshiko Bal´Hi streitig machen werde. Wobei … wenn man bedenkt, in wessen Armen sie gerade ruht, ist es wohl bereits entschieden. Wie schade, dass sie Eurer schon so kurz nach der Verlobung überdrüssig geworden ist.“
Ohne einen weiteren Ton war Ramon Cal´Rien an jenem Abend zurück in das Anwesen seiner Familie marschiert und hatte wohl in aller Heimlichkeit seinen Eltern von der Lösung der Verlobung berichtet, um die Verkündung rechtzeitig zu verhindern. Die Gesellschaft hingegen benötigte gar keine offizielle Erklärung – als Herzog Ryuohtah Dal´Taiyo mit einer Dame im Arm auf der Tanzfläche erschien war, war jedem Gast klar gewesen, dass er seine Verlobte an den Herzog verloren hatte und die Nachricht, die helle Aufregung verursachte, verbreitete sich bis zum nächsten Morgen wie ein Lauffeuer. Selbst an Nadeshiko´s Eltern ging die Neuigkeit nicht vorbei.
Beim Frühstück musste sie ihrer Verwirrung daher Rede und Antwort stehen. „Ich dachte, du würdest ihn mögen und wärst mit der Verbindung einverstanden …“
„Ja, das war ich, Vater. Aber …“, begann die Rothaarige, machte dann jedoch eine Pause. Wenn sie nun behauptete, Gefühle für Ryuohtah haben, würde ihn das nach ihrer Trennung in keinem guten Licht dastehen lassen – doch sie konnte Ramon als Strafe für das geplante Verbrechen noch weiter torpedieren. „Lord Cal´Rien wollte nicht bis zur Hochzeit warten … Herzog Dal´Taiyo kam zufällig hinzu und ging dazwischen. Um mich von dem Mann, der ein solch schädliches Verhalten an den Tag legte, zu befreien, beanspruchte er mich für sich selbst.“
Während Tai seine Hand auf dem Tisch zur Faust ballte über die Dreistigkeit des Grafen, musste ihre Mutter ein Kichern unterdrücken. „Ach, Liebling, nur nicht so bescheiden – um Lord Cal Rien, dessen Namen wir im Übrigen nie wieder in diesem Haus aussprechen werden, loszuwerden, hätte der Herzog sicherlich auch noch andere Methoden gewusst. Nein, er ist dir auf den ersten Blick verfallen! Oh, was für ein Glück für dich!“
Das schlechte Gewissen ließ Nadeshiko den Blick senken. Ihre Mutter würde sehr enttäuscht sein, wenn sie wieder getrennte Wege gingen …
Gwen´s Erscheinen riss die Familie aus ihren unterschiedlichen Gedanken. „Verzeihung, Eure Lordschaft, Herzog Dal´Taiyo bittet darum, seine Aufwartung machen zu dürfen.“
Auf sämtlichen Gesichtern machte sich ein Ausdruck von Verwunderung breit. Tai fasste sich als erster wieder und auf den Wink ihres Herren, führte das Dienstmädchen Ryuohtah herein, gefolgt von zwei Paladinen.
„Seid gegrüßt, Baron und Baroness Bal´Hi. Verzeihen Sie mir den überraschenden Überfall …“, sagte Ryuohtah in einnehmendem Tonfall, „ich bin Ryutaiyo Dal´Taiyo und möchte Sie höflichst darum bitten, meine Verlobte in meinen Hausstand aufnehmen zu dürfen.“
Ein Hustenanfall erschütterte Nadeshiko. Von einem Umzug war zu keinem Zeitpunkt die Rede gewesen! Ob er sie aufgrund der Brisanz ihrer Informationen im Auge behalten wollte?
„Oh, selbstverständlich, sie müssen sich vor der Hochzeit ja noch näher kennenlernen“, meinte Bishu euphorisch, „und Sie haben ja schon bewiesen, dass Sie auf unsere Tochter achten können.“
Ein Muskel seiner Mundwinkel zuckte, nur einen Wimpernschlag lang, doch Nadeshiko war es nicht entgangen. Diese Situation amüsierte ihn! Mehr noch, als sie einige Stunden später komplett nervös aus der Kutsche ausstieg und das Anwesen mit offenem Mund bestaunte. Es war eher schon ein kleines Schloss und die Bezeichnung »Garten« schien für das riesige Areal auch unpassend.
„Folge mir“, sagte Ryuohtah bestimmend und betrat das Gebäude.
Nadeshiko beeilte sich, seiner Aufforderung nachzukommen. Interessiert sah sie sich dabei um, während er sie in sein Arbeitszimmer führte und hinter ihr verschloss. Bei jedem anderen hätte die Rothaarige wohl Angst vor Unsittlichkeit gehabt – Ryuohtah dagegen vertraute sie merkwürdigerweise. Oder zumindest hielt sie sein Interesse an ihrem Wissen für größer.
Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und musterte sie eingehend. „Nun … Ramon Cal´Rien sollte sich durch unser darstellendes Talent erledigt haben. Was habt Ihr mir zu bieten?“
In der Theorie hätte Nadeshiko ihm sämtliche Drahtzieher samt geplanter Operationen sofort aufzählen können … Doch der Roman hatte in dieser Hinsicht einem Krimi geähnelt – eine Spurensuche, die unter anderem die beiden Brüder königlichen Geblüts einander wieder näher gebracht hatte. Ohne diese Zusammenarbeit könnten sich die Charaktere zu sehr entfremden, um künftigen Bedrohungen standhalten zu können. Gleichzeitig würde sie sich je nach Äußerung verdächtig machen, ebenfalls Teil des Komplotts zu sein. Ihr Leben hing weiterhin an einem seidenen Faden … „Die Am Fah haben bereits zwei Attentate auf Euren Bruder ausgeführt. Ihr werdet mir zustimmen, dass einer Gruppe Bauern der notwendige Einblick in die Abläufe seiner Majestät fehlen würde. Es gibt einen Verräter aus seinen eigenen Reihen, der den Putsch auch noch finanziert … Hier müsst Ihr anknüpfen und nach eigenartigen Transaktionen suchen. Außerdem würde ich Euch empfehlen, nach jemandem mit Verbindungen nach Naelo Ausschau zu halten.“
Naelo war das Nachbarland, mit welchem Thanca zuletzt im Krieg lag – während dieser Auseinandersetzung hatte Ryuohtah sich einen Namen als brillanter Feldherr gemacht.
Der Braunhaarige erhob sich und kam auf sie zu. „Ihr verfügt tatsächlich über ein eher untypisches Wissen für eine Dame … Durch Shiro´s Verletzung mussten wir den zweiten Anschlag publik machen, vom ersten Attentat dagegen sollte nur eine Handvoll Leute wissen und da gehört Ihr nicht dazu. Davon abgesehen haben wir keinerlei Hinweise auf Naelo gefunden … Wer ist Eure Quelle?“
„Sie ist … tot“, entgegnete Nadeshiko, die bereits mit dieser Frage gerechnet hatte. Genau genommen war dies nicht einmal eine Lüge – >Shikon Yosogawa< war bei einem Sturz von einem Hochhaus gestorben, es gab nun nur noch >Nadeshiko Bal´Hi<. „Die Am Fah mögen gut getarnt agieren – aber Ihr werdet sicherlich ihre Untergrund-Aktivitäten aufdecken, Herzog Dal´Taiyo.“
An seinem Blick konnte Nadeshiko erkennen, dass er ihren versteckten Hinweis verstanden hatte – sämtlicher Austausch zwischen den Mitgliedern fand in der Kanalisation der Hauptstadt statt, sozusagen direkt unter den Füßen des Königs.
„Da fällt mir ein – wenn uns jemand unsere Verliebtheit abkaufen soll, sollten wir einander mit unseren Vornamen ansprechen“, meinte er, das Gesicht direkt vor ihrem, „Nadeshiko …“
Von ihrem Nacken aus überließ sie Schauer … nicht vor Abscheu oder gar aus Furcht – nein, die Art, wie er ihren Namen ausgesprochen hatte, berührte sie. „Wie … wie Ihr wünscht … Ry-Ryu-Ryuohtah.“
Ritter und Rächer
Erst im Laufe der folgenden Tage begriff Nadeshiko die Tragweite einer Verlobung mit dem Halbbruder des amtierenden Königs, selbst zum Schein … Zwar lebte Ryuohtah zurückgezogen vor den Augen der Öffentlichkeit, aber nicht einmal er konnte sich vor sämtlichen Verpflichtungen drücken und als künftige Herzogin hatte sie in den Augen der Gesellschaft einen bestimmten Standard zu erfüllen, der weit über die Erziehung, die Nadeshiko Bal´Hi genossen hatte, hinausging. Für ihr Studium führte der Braunhaarige sie in ihre wahrhaft gigantische Bibliothek, in der die Regale bis zur Decke reichten.
„Das ist ja unglaublich!“, rief sie begeistert aus. „Hast du diese Bücher etwa alle gelesen?“
Ryuohtah zog eine Augenbraue hoch, wie er es häufig tat, wenn er etwas für absurd hielt. „Hier gibt es einige Genres, die, sagen wir, nicht meinen Interessen entsprechen.“
Ihr Blick wanderte über die Buchrücken, dann verstand sie. Hier gab nicht bloß Lehr- und Sachbücher, sondern auch zahlreiche Romane. Natürlich war Romantik nicht seine bevorzugte Lektüre …
Es klopfte und die Paladinin trat ein. Ja, einer von Ryuohtah´s Leibwächtern war tatsächlich eine Frau, obwohl aus thancanischen Mädchen eigentlich keine Kriegerinnen wurden … Seiketsu Kari war auch nicht bloß die einzige Ritterin im Gefolge des Herzogs, sondern im ganzen Königreich. Weil sie nicht auf die arrangierte Eheschließung, die ihre Eltern getroffen hatten, hatte eingehen wollen, hatte die Braunhaarige ihre Familie verlassen und damit den Titel >Cal< verloren.
Seiketsu verbeugte sich vor den Herrschaften. „Ihr habt mich rufen lassen, mein Herr. Wie kann ich Euch zu Diensten sein?“
„Zunächst einmal, Seiketsu, sind wir zu Hause und da sollst du dich doch nicht so höflich ausdrücken“, entgegnete der Braunhaarige mit sichtlich gespielter Strenge, wobei Nadeshiko nicht hätte sagen, was sie mehr überraschte – sein Gebaren oder der Inhalt, „davon abgesehen möchte ich dich bitten, meiner Verlobten bei ihrem Unterricht etwas zur Hand zu gehen. Ich weiß, du kennst dich in diesem Anwesen am Besten mit der Etikette aus.“ Eine sanfte Röte legte sich über ihre Wangen, während Ryuohtah sich der Rothaarigen zuwandte. „Ich verlasse mich auf dich … Nadeshiko.“
Die Art, wie er ihren Namen aussprach, verursachte ihr jedes Mal eine kribbelnde Gänsehaut. „Ja, ja, wird schon.“
Zufrieden lächelnd verließ Ryuohtah den Raum. Ein leichtes Seufzen auf den Lippen sah Nadeshiko ihm nach. Dies war lediglich ein Handel, von dem sie beide profitierten … nicht mehr.
Entschlossen klatschte sie in die ausgestreckten Hände. „So, womit fangen wir an?“
Von da an verbrachte Nadeshiko die nächsten beide Woche beinahe jede, freie Minute in der Bibliothek. Neben Verhalten gehörte auch Erdkunde und Geschichte sowie Religion samt Sprachen zu den Unterrichtsinhalten. Einiges Wissen hatte sie sich durch den Roman bereits aneignen können, wie beispielsweise die außenpolitischen Beziehungen oder der Glaube an die eine Göttin, die das Leben ihrer Kinder lenkte. Gleichzeitig war vieles neu für sie und das Lernen bereitete ihr große Freude. Manchmal leistete ihnen Kamekle Monko, der Kampfgefährte von Seiketsu Gesellschaft. Zwischendurch beobachteten die beiden Frauen vom Balkon das Training der Ritter – keiner von ihnen konnte Ryuohtah auch nur im Entferntesten das Wasser reichen. Es war eines gewesen auf Papierseiten von seiner Technik zu lesen, aber es zu sehen nochmal eine ganz andere Sache – er schien sogar die Bewegungen seines Gegners vorherahnen zu können … Zu gern wäre Nadeshiko hinuntergegangen und hätte sich ein paar seiner Handgriffe zeigen lassen. Jedoch entsprach das ganz und gar nicht dem Bild einer vornehmen Dame und daher wäre der Braunhaarige über ihren Wunsch sicherlich nicht erfreut.
„Er hat mich gerettet, wisst Ihr“, meinte Seiketsu, der der Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht entgangen war. „Ich … war einst eine Adlige, aber mein Herz hatte andere Pläne, als meine Eltern. Wenn Ryuohtah mich nicht aufgenommen und zu einem seiner Recken gemacht hätte, wäre ich vermutlich in der Gosse gelandet. Ich verdanke ihm wirklich alles … Er ist ein guter Mensch, auch wenn er das nicht unbedingt immer zeigen kann.“
Ja, es war genauso wie beim Lesen des Buches – Nadeshiko verstand nur zu gut, warum sich Livia trotz seines Rufes in ihn verliebte … weil sie hinter die Fassade blicke.
Beim Frühstück, der einzigen Mahlzeit am Tag, die sie gemeinsam einnahmen, erkundigte sich Ryuohtah jedes Mal danach, mit welchen Themen sich Nadeshiko aktuell beschäftige – er gab den perfekten Verehrer, dabei vertraute er niemandem mehr, als seinen beiden Leibwächtern … nicht einmal ihnen hatte er die Wahrheit über den Handel mit ihr erzählt.
„Auf dem heutigen Ball werden wir unsere Verlobung verkünden“, sagte er, ohne aus der Rolle zu fallen.
Verwundert sah Nadeshiko von ihrem Teller auf. Er wollte die Sache tatsächlich offiziell machen? Im Grunde wusste eh die gesamte Gesellschaft was vermeintlich bei der Soiree im Haus Cal´Rien vorgefallen war … Nadeshiko wurde einfach nicht schlau aus ihm. Vielleicht hatte es ja mit den Scharen an jungen Damen zu tun, die sich ihm laut >Ein legendäres Schicksal< vor seiner Begegnung mit Livia an den Hals geschmissen hatten – solange war sie sein Schutzschild.
Allerdings ging dieser Plan nicht vollends auf – anstatt auf Abstand zu bleiben, belagerten die jungen Damen Ryuohtah weiterhin und beteuerten, wie traurig es sie stimmte, nicht selbst auserwählt worden zu sein. Das Gedränge ging sogar soweit, dass Nadeshiko von ihm weggeschoben wurde und am Rand des Saals landete. Der Braunhaarige versuchte vergeblich, sich von seinen Bewunderinnen loszumachen, doch jedwede Lücke schloss sich sofort wieder. Gekränkt marschierte Nadeshiko hinaus in den Garten, ehe sie noch eine ungebührliche Dummheit beging … Die frische Nachtluft half ihr dabei, ihre Gefühle und Gedanken wieder unter Kontrolle zu bekommen. Für den Moment war sie die Angebete des zweitmächtigsten Mannes von ganz Thanca – da sollte sie sich von dieser eifersüchtigen Horde wahrlich nicht zum Spielball degradieren lassen. Entschlossen ihren Platz an Ryuohtah´s Seite wieder einzunehmen, wandte sie sich zum Gehen, als ihr von hinten ein mit Flüssigkeit getränktes Tuch vor Nase und Mund gehalten wurde. Vor ihrem inneren Auge erblickte sie das Antlitz von Ryuohtah, dann umfing sie Leere.
Unterdessen hatte es Ryuohtah endlich geschafft, sich aus der Umklammerungen des schönen Geschlechts zu befreien – jedoch konnte er Nadeshiko weder auf der Tanzfläche noch am Buffet entdecken. Ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus und er schickte seine beiden Leibwächtern los, um ebenfalls nach ihr zu suchen. Doch auch auf der Damentoilette konnte Seiketsu kein Anzeichen von ihr ausmachen. Kamekle dagegen kehrte mit einem feuchten Stück Stoff aus dem Garten zurück – Ryuohtah roch vorsichtig daran. Es war mit Chloroform beträufelt worden … War Nadeshiko das Wissen um die Am Fah zum Verhängnis geworden oder steckte etwas ganz anderes hinter ihrem Verschwinden?
Seine Hand ballte sich so stark um den Fetzen, dass die Knöchel weiß hervortraten. Schein hin oder her – sie stand unter seinem Schutz und es war seine Pflicht, sie zu finden. „Wir müssen sie finden!“
Die Paladine verneigten sich knapp, dann eilte die kleine Gruppe zu den Stallungen und saßen auf. Durch die zahlreichen Kutschen der Gäste gab es eine Vielzahl von Spuren – allerdings führte eine davon in den Wald und soweit Ryuohtah wusste, wohnte dort keine der hohen Herrschaften. Er lenkte seinen Rappen in Richtung der Bäume, während sich der eiskalte Klumpen sich in seinem Körper ausbreitete. Wenn er nur nicht zu spät kam …
Zumindest noch gab es eine Chance, dass er sie noch rechtzeitig fand – mit dröhnenden Kopfschmerzen kam Nadeshiko zu sich. Sie lag an Händen gefesselt in einer hölzernen Kammer … dem Inneren einer einfachen Kutsche.
„Du bist schneller wieder aufgewacht, als ich erwartet habe“, meinte eine Stimme, die sie erschaudern ließ. „Früher hielt ich Euch für liebreizend … aber in Wahrheit seid Ihr ebenso arrogant, wie dieser Möchtegern-Thronfolger, dem Ihr Euch aufgedrängt habt!“
Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das schwache Licht der kleinen Laterne und sie blickte verächtlich in das Gesicht ihres Entführers – Ramon Cal´Rien, in dessen Hand eine Radschlosspistole ruhte. „Sagt mir, Eure Erlaucht, hätte ich denn an Eurer Seite ein glückliches Leben geführt? War es nicht Eure Absicht, mich nach unserer Hochzeit zu ermorden? Und jetzt versucht Ihr auf diese Art an das Vermögen meiner Familie gelangen …“
Schock breitete sich auf seinem Gesicht aus. Woher nur wusste sie von seinem Plan? Er hatte zwar sein Vorgehen festgelegt, aber noch nicht einmal das Arsen erworben – daher konnte sie daher keine Kenntnis davon erworben haben.
Seine Verwirrung ausnutzend stieß sich Nadeshiko vom Boden der Kutsche ab und rammte ihm den Kopf in den Bauch, sodass Rien rücklings die Tür hinaus fiel. Trotz all der Niedertracht, die er an den Tag legte, hatte er jedoch eines nicht gewagt – obwohl sie genau darüber Gerüchte in die Welt gesetzt hatte … Rien hatte es nicht gewagt, den Stoff ihres Kleides hochzuschieben und auch ihre Beine zu fesseln. Oder er hatte genug Vertrauen in die Abschreckung durch seine Waffe gelegt …
Nadeshiko jedoch sprang ihm ohne einen Moment zu zögern hinterher ins Freie und flüchtete, so schnell sie konnte, in die pechschwarze Nacht hinaus. Noch etwas benommen von dem Aufprall rappelte sich Rien hoch und schoss blind in die Richtung, in die sie verschwunden war. Der laute Knall brachte die Rothaarige zum Straucheln, Schmerz fuhr ihr durch den linken Knöchel. Dann hörte sie Schritte … Rennen konnte sie mit dieser Verletzung nicht ihm – es blieb ihr nur, sich schwer atmend im hohlen Stamm eines Baums zu verstecken. Aber vergebens – nur wenig später erschien ein Schatten über der Öffnung und griff nach ihrem Handgelenk. Schreiend wand sich Nadeshiko unter der Berührung, bis sich seine ich sanft um sie schlossen. Sofort schlug ihr ein vertrauter Geruch entgegen. Dies war nicht Ramon … Wie zur Bestätigung gab eine Wolke den Mond frei, dessen Licht das Angesicht Ryuohtah's erhellte. Augenblicklich schossen ihr Tränen in die Augen und sie presste sich gegen seine Brust. All die Angst war plötzlich dahin …
Zu ihrer Überraschung umfasste Ryuohtah ihr Gesicht und wischte ihr die Tränen weg. „Meiner Verlobten stehen keine Tränen …“
Ehe Nadeshiko etwas darauf erwidern konnte, erschienen auch Kamekle und Seiketsu, die einen gefesselten Rien hinter sich her zogen.
„Wir haben den Attentäter in Gewahrsam genommen, Euer Gnaden“, sagte der Paladin ergeben.
Der Braunhaarige bedachte den Mann zu seinen Füßen mit seinem berühmt-berüchtigten, eiskalten Blick. „Ich weiß nicht, welche Umstände Euch zu dieser Tag hingerissen haben … und es ist mir ehrlich gesagt auch vollkommen egal – dafür, dass Ihr Hand an meine Verlobte gelegt habt, kann es nur eine Strafe geben.“
Ohne weitere Erklärung zog Ryuohtah eines seiner beiden Kurzschwerter, während er den freien Arm weiterhin um Nadeshiko´s Taille gelegt hielt, um sie zu stützen.
Doch sie hob ihre Hand. „Warte, Ryuohtah!“
Verwundert zog der Herzog eine Augenbraue hoch, mehr noch als sie ihm die Klinge aus der Hand nahm und sich Rien humpelnd näherte. Früher einmal hatte sie Fechtunterricht gehabt … das Gefühl, eine Klinge in der Hand zu halten, war ihr noch immer vertraut.
Anstatt Ramon zu töten, stieß Nadeshiko allerdings die Schneide vor ihm in den Boden. „Lebt im finstersten Loch mit Eurer Schande!“
Anschließend kehrte sie an die Seite von Ryuohtah zurück, der sichtlich beeindruckt die Klinge zurück in die Scheide steckte. Dann forderte die Erschöpfung ihren Tribut – geschickt fing er Verlobter sie auf und hob sie auf seine Arme.
Mit letzter Kraft lächelte sie ihn an. „Danke, Ryuohtah … dass du mich gefunden hast.“
„Ich werde immer kommen, um dich zu retten“, sagte er so leise, dass Nadeshiko glaubte, sich seine Antwort bloß einzubilden, ehe sie erneut an diesem Tag das Bewusstsein verlor.
Von Monstern und Taschentüchern
Mit jedem Tag, der verstrich, wurde es kälter und der Winter kündigte sich an. Der Tradition nach versammelten sich die besten Ritter des Landes mit ihrem Gefolge auf der Burg von Minister Cho, welche am Fuß der Jaya-Klippen lag, sobald die Gipfel des Gebirges von Schnee bedeckt waren … Und jedes Kind in ganz Thanca, egal ob edlen oder gewöhnlichen Blutes, kannte den Anlass für dieses Treffen – die mutigen Recken zogen an drei aufeinanderfolgenden Tagen aus, die hiesigen Bestien zu erschlagen, um ihre Population in der Waagschale zu halten und somit zu vermeiden, dass sie in ihrem Hunger hinab ins Tal kamen.
„Ich wollte schon immer mal die Grenze unseres Reiches sehen! Der Sonnenaufgang über den Bergen soll spektakulär sein“, schwärmte Nadeshiko aufgeregt. „Ihr werdet auch an der Jagd teilnehmen, nicht wahr, Seiketsu?“
Ihre neue Freundin, die ihr zuliebe mit ihr und Gwen in der Kutsche saß anstatt selbst zu reiten, nickte etwas verlegen. „Ja, es ist mein Traum, einmal die größte Beute zu präsentieren – allerdings gebührte diese Ehre bislang jedes Jahr Ryuohtah.“
Natürlich war er auch dabei der Beste. Ob es überhaupt etwas gab, das er nicht beherrschte? Die Erinnerung an ihren letzten Ausflug, falls man es denn so nennen konnte, durchzuckte ihren Geist – seit jener Nacht hatte sich zwischen ihnen etwas verändert … Ryuohtah ließ immer öfters die Maske fallen, die er zuvor fast unentwegt zur Schau gestellt hatte.
„Habt Ihr die Taschentücher fertig, Mylady?“, fragte die Zofe neugierig.
Die Rothaarige stieß ein resigniertes Seufzen aus. Es war Brauch, dass jede Adlige, die dieser Zusammenkunft beiwohnte, ein von ihr eigenes besticktes Stück Stoff als Glücksbringer an ihren Auserwählten verschenkte … Zwar erinnerte sie sich an ihre Fechtlektionen und konnte die Bewegungen dadurch auch größtenteils in diesem Körper ausführen, doch die Stickfertigkeit von >Nadeshiko Bal´Hi< konnte sie kaum abrufen … Es war als hätte Shikon ihre beiden linke Hände mitgebracht.
„Grämt Euch nicht – bei dieser Geste geht es um die guten Wünsch, die man damit den Kämpfern mit auf den Weg gibt“, tröstete Seiketsu sie lächelnd.
Nur leider oder eher zum Glück hatte Ryuohtah bisher sämtliche Taschentücher abgelehnt und obwohl er, wie bereits festgestellt, stets den Sieg davon trug, hatte er seine Tötung einer Dame gewidmet … Wäre da nicht ihre Neugier auf die Landschaft gewesen, hätte Nadeshiko einfach eine Magenverstimmung vorgetäuscht, um dieser Schmach zu entgehen. Aber wer bekam schon – außer dem Autor – die Gelegenheit, die Welt eines geliebten Buchs tatsächlich mit eigenen Augen sehen zu können?
Wenigstens Seiketsu und Kamekle konnte sie ein Zeichen ihrer Gunst überreichen. Auch wenn die rote Nelke – jene Blume, die ihr neuer Name repräsentierte – kaum als solche erkennbar war.
„Bitte, passt auf Euch auf, Sir Kamekle und Lady Seiketsu“, sagte sie lächelnd. „Und … achtet auf Ryuohtah.“
Die beiden nickten dankbar, ehe sie sich das Stück Stoff um die Handgelenke banden und aufsaßen.
An ihre Stelle trat Ryuohtah, der sich zuvor im Schatten des Wachturms gehalten hatte. „Hat meine entzückende Verlobte nicht etwas vergessen?“
Nervös wich sie seinem Blick aus und knete hinter dem Rücken ihre Finger. „So-sonst wolltest du doch noch nie ein Taschentuch haben …“
Dass er diese Sitte ausgerechnet von ihr einforderte, beschleunigte ihren Herzschlag. Nein, dies gehörte schlichtweg zu ihrer Vereinbarung – es wäre merkwürdig gewesen, wenn er sie öffentlich abgewiesen hätte. Dennoch verlegen zog Nadeshiko ein Seidentuch aus dem Ärmel ihres Kleides. Hätte es in Thanca die Stilrichtung des Expressionismus bereits gegeben, wäre ihr Werk vielleicht große Kunst gewesen … So brauchte man schlichtweg Fantasie, um den Drachen darauf erkennen zu können.
Noch dazu da dies ein äußerst ungewöhnliches Motiv für eine hochwohlgeborene Tochter war. „In deinem Namen kommt das Wort für >Drache< vor – außerdem passen Blumen nicht wirklich zu meinem hochverehrten Verlobten … Findest du nicht auch?“
Diesmal entging ihr die Weitung seiner Augen nicht. Zur Antwort kniete er in einer fließenden Bewegung nieder und gab ihr einen formvollendeten Handkuss, der Nadeshiko endgültig die Röte in die Wangen trieb. Anschließend sprang er in den Sattel und preschte in Begleitung seiner beiden Leibwächter davon. Während Nadeshiko ihnen nachsah, falteten sich ihre Hände unvermittelte wie zum Gebet. Es war bloß eine kleine Monsterjagd …
Bei Einbruch der Nacht und einsetzendem Regen kehrten die ersten Ritter zurück. Einige von ihnen hatten bereits Beute gemacht. Während sich anderen Damen bereits zurückgezogen hatten oder sich die Zeit mit Kartenspielen am Kamin vertrieben, verharrte Nadeshiko an dem großen Fenster des Speisesaals und starrte in die undurchsichte Dunkelheit.
„Das ist der härteste Teil“, sprach Minister Cho sie an und reichte ihr eine Tasse Tee. „Ihr seid Lady Nadeshiko Bal´Hi, die Verlobte von Herzog Dal´Taiyo. Er ist ein großer Kämpfer … und dennoch werdet Ihr Euch durch diese Worte nicht weniger Sorgen um ihn machen.“ Kaum merklich nickte die Rothaarige, dann nippte sie an dem Getränk. Es war mit Honig versetzt und schenkte ihr ein wenig Wärme. „Meine Frau war ebenso eisern, wie Ihr … Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie meinem Werben überhaupt nachgab – ich konnte ihr nie eine Trophäe präsentieren, weil ich davon besessen war, den >König der Berge< zu erlegen … doch ich habe ihn in keinem Jahr aufspüren können.“
Interessiert sah Nadeshiko den Burgherren an – über dieses Wesen hatte nichts im Roman gestanden. „Erzählt mir bitte mehr, Euer Exzellenz.“
Seit Jahrzehnten erzählte man sich in den Dörfern, die zu Füßen der Jaya-Klippen lagen, von einem dreiköpfigen Wolf, der die Wälder mit seiner bloßen Präsenz beherrschte. Außer Minister Cho waren in den vergangenen Jahrzehnten etliche Recken ausgezogen, um dieses Untier zu erlegen, und sie alle waren an dem Versuch gescheitert. Inzwischen galt der >König der Berge< als Sagengestalt …
„Ihr solltet Euch nun etwas hinlegen, Mylady. Ihr wollt Euren Verlobten doch nicht mit Augenringen begrüßen", riet der Minister zwinkernd. „Ich verspreche Euch, meine Turmwache wird Euch sofort benachrichtigen lassen, sollte der Herzog oder seine Begleiter in Sichtweite kommen.“
Dankbar verneigte sich Nadeshiko vor dem Verwalter. Genau genommen hatte er ja recht … Außerdem könnte ihr Bangen als Affront gegenüber Ryuohtah´s Fähigkeiten aufgenommen werden. Unter gar keinen Umständen durfte sie seinen Ruf beschädigen … In Begleitung von Gwen kehrte Nadeshiko wie empfohlen in ihr Gemach zurück und legte ihr Gewand ab, ehe sie zu Bett ging. Ein unruhiger Schlaf überkam die junge Frau, in dessen Traum Ryuohtah in den Bergen ein Unglück nach dem anderen zustieß – einmal fiel er beispielsweise einen Hang hinunter und ein anderes Mal wurde er von einer Horde Bestien umzingelt. Keuchend schreckte Nadeshiko hoch. Noch immer prasselte der Regen unerbittlich gegen das Fenster. Wo Ryuohtah, Seiketsu und Kamekle wohl diese stürmische Nacht verbrachten? Es war merkwürdig … sonst wusste sie auch häufig nicht, wann er ins Anwesen zurückkehrte, wenn er tagsüber wegen der Arbeit unterwegs gewesen war, und dennoch brachte sie diese Ungewissheit nun um den Verstand.
In der Ferne erklomm ein schwacher Lichtschein am Horizont – die Sonne ging auf. Langsam erstarb das rhythmische Trommel der Tropfen und das Licht gewann an Kraft, vertrieb die dunklen Wolken. Als würde der Himmel flüssiges Gold über die Gipfel ausschütten, wurden die zarten Sonnenstrahlen von den zahlreichen Pfützen reflektiert. Einer der Berge schien sich durch das Schauspiel sogar zu bewegen …
Nadeshiko blinzelte mehrfach, um die optische Täuschung abzuschütteln, doch stattdessen verstärkte sich der Eindruck – ein dunkler Schatten, der sich gegen das Licht abzeichnete und an die Form eines Felsbrocken erinnerte, kam eindeutig auf die Burg zu. Hatten die Ritter etwa eines der Monster auf die Spur geführt? Die Bestie tauchte in die Senke zwischen zwei Hügeln und gab damit den Blick auf drei weitere Schatten frei. Reiter … Selbst auch diese Entfernung gab es für Nadeshiko keinen Zweifel. Hastig warf sie sich ihren Morgenrock über und eilte hinaus in den Flur.
Dort hämmerte sie an die Tür des benachbarten Zimmers. „Gwen! Gwen, wach' auf! Sie kommen!“
Gerade als die Zofe ihr öffnete, erklang die Glocke des Wachturms, die von der Rückkehr eines Ritters kündete. Augenblicklich verlief Gwen in ihren Arbeitsmodus und richtete ihre Herrin in Rekordzeit ansehnlich her. Noch bevor der Zug die Burg erreichte, stand Nadeshiko zusammen mit Minister Cho und einigen weiteren Schaulustigen unter dem Torbogen.
Inzwischen war die Sonne vollständig aufgegangen. Nun konnte sie das Ungetüm, welches Ryuohtah im Schlepptau hatte, als großes Fellknäuel identifizieren und auch die beiden Paladine waren bei der Jagd erfolgreich gewesen. Ebenso sahen alle gleichermaßen zerzaust aus – ihre Kleidung war mit Schlamm verschmiert, in ihren Haaren hingen Blätter und Äste. Nadeshiko biss sich auf die Unterlippe. Protokoll hin oder her – sie konnte nicht anders, als ihnen entgegen zu laufen.
Mit einem schelmischen Lächeln auf den Zügen saß Ryuohtah ab und ging galant vor ihr auf die Knie. „Verzeih´ mir, Liebste, hier in den Bergen scheint es keine Drachen mehr zu geben. Ich hoffe, du nimmst auch dieses Opfer an und gewährst mir deine Gunst.“
Er hatte so laut gesprochen, dass ihr Publikum jedes Wort verstanden hatte … Ein teils verträumtes und teils neidisches Raunen ging durch ihre Reihen. Am Liebsten wäre Nadeshiko im Erdboden versunken … Warum zog Ryuohtah bloß eine derartige Show ab? Sonst hatte er doch sowieso noch nie eine Beute gewidmet und jetzt schleppte er solch eine gewaltige Bestie an …
„Das ist der >König der Berge<!“, rief Minister Cho schockiert aus.
Perplex wirbelte die Rothaarige zu ihm herum. Sein Ausdruck ließ keinerlei Zweifel zu … Beinahe mechanisch wandte sie den Kopf wieder zu ihrem Verlobten, der noch immer vor ihr kniete. Die Beschreibung im Buch, Ryutaiyo könne es mit hundert Mann gleichzeitig aufnehmen, war wohl keine Übertreibung gewesen … Sprachlos zog sie einen ihrer Handschuhe aus und reichte sie Ryuohtah ihre entblößte Hand, auf deren Rücken er einen Kuss hauchte … Dies war die höchste Form der Belohnung – wenn eine Dame ihrem Ritter die blanke Haut darbot.
Turbulenzen im Tempel
Da Nadeshiko zum ersten Mal an der Monsterjagd teilgenommen hatte, hatte sie keine Ahnung gehabt, dass die Widmungen der Beute noch einen Zweck erfüllten … Wie Seiketsu ihr berichtet hatte, war Ryuohtah ja in jedem Jahr der größte Fang gelungen, doch da er niemals eine Dame erwählt hatte, war stets jemand anderes die Gunst zuteil geworden, an der Zeremonie zur Teilung der Heiligen Flamme teilzuhaben. Die Dame, der die beeindruckende Beute gewidmet worden war, machte sich zur diesseitigen Hochburg des Glaubens, um sich dort erst zu reinigen und anschließend im Beiwohnen ihres Ritters im Heilige Land eine Fackel an dem immerwährenden Feuer zu entzünden, welche dem König als Geschenk überreicht wurde.
All diese Informationen stürzten wie ein Wasserfall auf Nadeshiko ein – sie würde nicht nur ins Heilige Land gehen, in dem sich Livia aufhalten sollte … sondern obendrein auch Ryuohtah´s älteren Bruder kennenlernen. War dieser Teil einer Gründe, warum Ryuohtah diesem Brauch bislang nicht gefolgt war? Durch die Am Fah mussten sie wieder zusammenarbeiten … Jede Annäherung zwischen den beiden wäre dahingehend ein Erfolg.
Ein Tross von Heiligen Krieger erreichte am Morgen des vierten Tages die Burg. Mit sich führten die vollständig in weiß gekleideten Elitesoldaten eine ebenso strahlende Kutsche – das Gefährt für die Auserwählte der Monsterjagd. Eine Ehre, die der ursprünglichen Nadeshiko niemals zuteil geworden wäre …
„In einer Woche komme ich dich abholen“, sagte Ryuohtah, der sie zusammen mit Seiketsu, Gwen und Kamekle verabschiedete.
Ja, einen Tag brauchten sie bis zum Portal ins Heilige Land, dann folgten fünf Tage der Reinigung und am siebten Tag würde er zum Ritual zu ihr stoßen … Aus irgendeinem Grund machte es Nadeshiko traurig, solange von ihm getrennt zu sein. Sofort schalte sie sich innerlich eine Närrin – all die gemeinsame Zeit war bloß geborgt … Sie war lediglich eine Platzhalterin.
Bis dahin konnte sie Ryuohtah allerdings ruhig noch etwas Manieren beibringen. „Dann hoffe ich, du schaust nicht irgendwelchen anderen Frauen nach, wenn ich nicht da bin.“
Wäre ja noch schöner gewesen, wenn sich in ihrer Abwesenheit eine andere Dame seiner Aufmerksamkeit bemächtigte, die nichts von Livia wusste …
„Ich habe doch nur Augen für dich und deine Vorzüge …“, entgegnete der Braunhaarige, wobei er ihr grinsend durch das lange Haar strich.
Rot angelaufen wandten ihre Begleiter den Blick ab, während Nadeshiko belustigt den Kopf schüttelte und in die Kutsche stieg.
Von dem sanften Schaukeln fielen ihr die Augen zu. Erst kurz vor der Ankunft erwachte sie wieder aus ihrem traumlosen Schlaf. Hoffentlich gönnten sich Ryuohtah, Seiketsu und Kamekle bis zu ihrem Wiedersehen ebenfalls eine kleine Pause … Schon bald würde sie ohnehin ersetzt werden.
„Wir sind da, auserwählte Jungfrau“, verkündete einer der Heiligen Krieger und öffnete ihr den Kutschenschlag.
Mit großen Augen stieg Nadeshiko aus und sah sich um. Die gesamte Anlage war aus weißem Stein gefertigt worden. Während um sie herum eindeutige Anzeichen des Winters nicht zu leugnen waren, herrschte hier ein ewiger Frühling – geschaffen durch die magische Kuppel.
Ein junges Mädchen kam auf sie zu und verneigte sich vor ihr. „Ich begrüße Euch im >Tempel der Gelassenheit<, Lady Nadeshiko. Wenn Ihr Euer Quartier bezogen habt, führte ich Euch zur >Halle der Reinigung<.“
So geschah es – das Mädchen namens Tahlkora gab ihr ein langes, schlichtes Gewand aus weißem Leinen, welches mit einem Gürtel gebunden wurde. Nach einer erneuten Verbeugung verließ es den weiten Raum, der fast vollständig von einem Wasserbecken mit mehreren Springbrunnen eingenommen wurden, die alle die große Göttin – die Lenkerin ihrer Schicksale – darstellte.
Langsam ließ sie sich in das angenehm temperierte Wasser gleiten und schaute zur Decke. Auch dort konnte man die Geschichte des Glaubens von Thanca ablesen – einst war in der Göttin der Wunsch nach Gesellschaft geboren und sie erschuf aus den vier Elementen die Menschen. Doch das allein genügte ihr nicht … gleich einer Mutter, die mit liebevoller Strenge ihre Kinder erzog, platzierte sie Prüfungen und Hindernisse auf den Lebenswegen ihrer Schöpfungen. Dabei entwickelte die Göttin einen gewissen Humor … gleichzeitig blieb sie geheimnisvoll.
„Hast du meinen Trotz ebenfalls vorherbestimmt oder bin ich für dich eine Überraschung?“, fragte Nadeshiko ihre Abbildungen, ohne eine Antwort zu erwarten.
Neben täglicher Bädern und Gebeten gehörte auch eine Entgiftung des Körpers mit klaren Brühen zur Vorbereitung auf die Zeremonie. Ihre Freizeit durfte Nadeshiko selbst gestalten – das Tempelgelände bot jede Menge Entdeckungsmöglichkeiten. Sie spazierte am See entlang, bewunderte die bunte Blumenpracht und fand schließlich die Bibliothek.
Wenn sie von Ryuohtah´s Sammlung sie bereits beeindruckt hatte, riss ihr dieses Ausmaß regelrecht den Boden unter den Füßen weg. „Wie lange man wohl leben muss, um all diese Bücher zu lesen?“
„Über eintausend Jahre“, antwortete eine Stimme auf ihren laut ausgesprochen Gedanken. Erst jetzt bemerkte sie den Mann, der an einem der Arbeitstische saß und offenbar gerade ein Buch beendet hatte. „Jedenfalls wenn man sie nur in einer Sprache liest.“
Mit dem Finger fuhr sie die Buchrücken an. Thancanisch, naelo, riatisch und japanisch … „>Nana korobi ya oki< …“
Es war ihr schon früher aufgefallen – insbesondere in vielen Namen fanden sich japanische Wörter.
„Wa-Was hast du da gerade gesagt?“, wollte der Mönch perplex wissen.
Sie zog den Band aus dem Regal und wies auf den Titel. „Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen.“
„Du beherrschst die Heilige Sprache! Aber du bist keine Adeptin …“, entgegnete er und streckte die Hand nach ihr aus, „jedenfalls noch nicht! Ein solches Naturtalent muss gefördert werden – werde meine Schülerin!“
Ehe ihr eine passende Antwort einfiel, sank der Diener der Göttin zurück in seinen Stuhl und schnarchte. Wie erschöpft musste man sein, um mitten in einem Gespräch einzuschlafen? Leise schlich Nadeshiko nach draußen, um ihn nicht zu wecken. Erst dann wagte sie es, hörbar Luft zu holen. Dieser Vorschlag hatte sie kalt erwischt … Noch dazu galt ihre Muttersprache hier als das Wort der Göttin höchstselbst, so als wäre dies ihre Bestimmung in dieser Welt. Und früher oder später brauchte Nadeshiko eine Alternative – bislang hatte sie es noch nicht gewagt, den Gedanken klar zu fassen, aber inzwischen ließ es sich nicht mehr leugnen … Es würde für sie keine weitere Verlobung mit jemandem anderen geben, der nicht Ryuohtah war. Davon abgesehen konnte sich diese Entwicklung einer gewissen Ironie nicht entziehen – Livia würde Nadeshiko´s aktuellen Platz an der Seite von Ryuohtah einnehmen und Nadeshiko würde Priesterin werden, wie Livia es gewollt hatte. Wie sie ihm mit dieser Erkenntnis allerdings wieder gegenüberzutreten sollte, war ihr schleierhaft. Am Besten wäre es wohl, bei der Zeremonie nach Livia Ausschau zu halten und die beiden direkt aufeinander zu stoßen …
Zurück in ihrem Quartier erwartete Nadeshiko neben Gwen ein hübsch verpacktes Päckchen.
„Was ist das denn?“, fragte die Rothaarige neugierig.
Lächelnd reichte ihr die Zofe das Präsent. „Es lag heute Morgen in Eurer Kammer. Vielleicht eine kleine Aufmerksamkeit von Eurem Verlobten?“
Nervös löste Nadeshiko die Schleife und nahm den Deckel ab. Darin lag eine kunstvolle Haarspange mit einem weißen Kristall. Ungläubig fuhr sie die Kontur des Edelsteins nach. Dies ging weit über ihren Handel hinaus … Außerdem passte es hervorragend zu dem traditionellen Gewand, welches der Tempel ihr für die Zeremonie bereitstellte.
Kaum dass Gwen ihr Werk schließlich vollendet hatte, klopfte es an der Tür. Die Zofe öffnete und Ryuohtah trat ein, woraufhin sie sich taktvoll zurückzog. Er war ebenfalls dem Anlass entsprechend in weiß gekleidet. Zunächst sagte keiner von beiden ein Wort.
Obwohl es nur eine Woche gewesen war, konnte Nadeshiko dunkle Ringe unter seinen Augen entdecken, die bei ihrem Abschied noch nicht da gewesen waren. „Du siehst erschöpft aus.“
„Ich hatte viel zu tun – es gab einiges … zu graben“, antwortete er, wobei der Schelm wie so oft in seinen Augen funkelte. Er liebte solch kryptische Formulierungen zwischen ihnen, denn natürlich hatte er sich während ihrer Abwesenheit nicht mit einer Schaufel beschäftigt – er hatte eine Splittergruppe der Am Fah aufgespürt und ein Waffenlager hochgenommen. „Du dagegen … bist wunderschön.“
Verlegen strich sie sich über das lange Kleid. „Da-Danke … Wollen wir gehen?“
Als Antwort hielt er ihr seinen Arm hin, an dem sich Nadeshiko einhakte. Gemeinsam gingen sie zum Hauptplatz, auf welchem eine Treppe hinauf zum Portal ins Heilige Land führte. Am Fuß der Stufen warteten zwei Priester, Tahlkora und einige, weitere Adeptinnen. Livia konnte die Rothaarige unter ihnen indessen nicht entdecken.
Einer der Priester verneigte sich bei ihren Eintreffen und wies auf den zweiten Mann. „Wenn ich vorstellen darf … Seine Heiligkeit, Hohepriester Bruder Mhenlo.“
Nadeshiko erkannte das Oberhaupt des Glaubens sofort – er war derjenige, dem sie in der Bibliothek begegnet war. Mhenlo betrachtete die Gesellschaft erst gelangweilt – an dieser Stelle sei erwähnt, dass er mit seinen eintausendvierhundertunddrei Jahren der monotonen Rituale überdrüssig geworden war –, bis sein Blick auf die Rothaarige fiel.
Wie aus einer Trance erwacht, eilte er zu ihr und nahm ihre Hände zwischen seine. „Habe ich dich endlich wiedergefunden, oh Auserwählte der Göttin! Lass´ ab von diesem Kerl und werde meine Schülerin!“
Während an der Stirn des Herzogs eine Ader zu pochen begann, ruderte der Priester wild mit den Armen. „Ah, verzeiht Seiner Heiligkeit, er … er meint es nicht so …“
„Schon gut. Ich kann durchaus verstehen, dass meine Verlobte diesen Wunsch in ihm wachruft“, stieß Ryuohtah zwischen zusammengebissen Zähnen hervor.
Unterdessen seufzte Nadeshiko schwer. Sie hatte plötzlich schreckliche Kopfschmerzen und das Gefühl, als bohre sich ein Brocken glühende Lava in ihren Hinterkopf … Da geschah es – der Kristall ihrer Haarspange strahlte in gleißend rotem Licht eine gewaltige Hitze aus.
Ryuohtah streckte die Hand danach aus, doch die Stimme des Hohepriesters unterbrach ihn. „Halt!“ Augenblicklich spannte sich eine bläuliche Kuppel über die Szenerie. Außerhalb des Schutzzaubers war die ganze Welt erstarrt – Mhenlo hatte die Zeit angehalten. „Ruhig, Nadeshiko, bewegt Euch nicht …“
Sanft löste er den Haarschmuck und legte einen weiteren Bannkreis darum. Anschließend hob er den Zeitzauber wieder auf – gleichzeitig explodierte der Kristall in der kleinen Kugel. Nadeshiko, die nicht begriff, was passiert war, versagten ihre Beine den Dienst.
Doch Ryuohtah hielt sie fest in seinen Armen. „Was verflucht war das?“
„Ein Sonnenstein … Solange er im Dunkeln liegt, ist es ein wunderschöner, weißer Kristall – sobald er jedoch dem Sonnenlicht ausgesetzt wird, absorbiert er das Sonnenlicht und entlädt sich schlussendlich, entgegnete der Hohepriester und sah zu seinem neu erwählten Schützling. „Seid unbesorgt – ich werde herausfinden, wer dieses Mineral in meinen Tempel geschmuggelt hat. Die Zeremonie werden wir morgen abhalten ... Euch, Herzog, gestatte ich, die Nacht hier zu verbringen. Und du, mein Kind, legst dich nach diesem Schreck am Besten ein wenig hin.“
Schwach nickte die Rothaarige. Es war also gar kein Geschenk von Ryuohtah gewesen – ihr fiel nur eine Person ein, die ihren Tod wollte … Ließ sich das Schicksal von >Nadeshiko Bal´Hi< doch nicht so einfach umschreiben?
„Er war es nicht“, sagte Ryuohtah und blieb im Schatten von einem der Bäume stehen, „dieser Feigling hat sich auf dem Weg in seine Zelle das Leben genommen. Aber ich schwöre dir – wenn ich den Verantwortlichen zu fassen bekomme, kann derjenige ihm in der Hölle Gesellschaft leisten!“ Zorn war in seiner Stimme mitgeschwungen, doch da war noch etwas anderes … Beinahe zärtlich legte er einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich, dann vergrub er das Gesicht an ihrer Halsbeuge. „Der Gedanke, dich so unvermittelt verlieren zu können, macht mich verrückt …“
Wieder beschleunigte sich ihr Herzschlag. Dennoch würde diese Geschichte, die durch ihr Eingreifen zwar etwas ins Wanken geraten war, am Ende auf dasselbe hinauslaufen …
Hinter einer Maske
Zum Abschied gab Mhenlo der Rothaarigen einen Kuss auf die Stirn – ein Zeichen seiner Segnung. „Mein Angebot steht … Wenn Ihr genug von diesem Kerl habt oder sonst auf irgendeine Weise meine Hilfe benötigt, bin ich jederzeit für dich da, Nadeshiko.“
„Ich danke Euch, Bruder Mhenlo“, antwortete Nadeshiko lächelnd, „wer weiß, was die Zukunft bringt.“
Ryuohtah warf ihr einen Seitenblick zu, sagte aber nichts. Irgendetwas hatte sich seit der Monsterjagd an ihr verändert … Er fragte sich, ob sie ein Leben im Tempel wohl tatsächlich vorziehen würde – immerhin hatte sie mit Männern keine allzu guten Erfahrungen gemacht. Und als nächstes würde sie ausgerechnet auf seinen verschlagenen Bruder treffen …
Der Rückweg verbrachten beide verschweigend – er zu Pferde und sie in der Kutsche, die er für sie mitgebracht hatte. Auf ihrem Schoß hielt Nadeshiko die Laterne, in welcher die Heilige Flamme brannte. Sie fühlte sie Wärme … Ein eindeutiges Zeichen, dass sie noch am Leben war. Der wievielte Anschlag war das eigentlich gewesen? Von Autounfall angefangen, über ihren Selbstmordversuch, dazu Ramon´s zweifacher Versuch – selbst wenn sie einen davon in ihrer Version verhindert hatte –, bis hin zum Sonnenstein kam Nadeshiko auf fünf mehr oder minder Nahtoderfahrungen. Wie oft ein Mensch wohl dem Tod von der Schippe springen konnte? Ging es nicht mehr darum, zu überleben, sondern bloß noch auf welche Weise sie sterben würde? Dagegen schien der Gedanke, einfach ausgetauscht zu werden, schon fast lächerlich kleinlich. Und es bedeutete, dass sie ihre verbleibende Zeit kein schlechtes Gewissen mehr haben brauchte – davon abgesehen hatte es selbst im Heiligen Land keine Spur von Livia gegeben. Als wäre sie vom Erdboden verschluckt worden … Vielleicht war es schlichtweg nicht die Aufgabe von Nadeshiko, sie und Ryuohtah zueinander zu führen – vermutlich würde das Schicksal diese Angelegenheit von ganz allein klären. Sobald Nadeshiko tot war … genau wie es in >Ein legendäres Schicksal< schwarz auf weiß geschrieben stand.
Während Nadeshiko all diesen Gedanken nachhing, erreichten die beiden in der Abenddämmerung das Anwesen. Am Tor wurden sie von Kamekle und Seiketsu erwartet.
„Willkommen zu Hause, Euer Gnaden und Eure Ladyschaft“, begrüßte die Braunhaarige sie erleichtert.
Ihrem Entschluss folgend schloss Nadeshiko ihre Freundin in die Arme. „Es ist schön, Euch wiedersehen.“
Unterdessen flüsterte der Blonde Ryuohtah etwas ins Ohr, das seine Stimmung in den Keller trieb – Shiro Kal´Taiyo war bereits eingetroffen. „Hmpf. Es lässt sich nicht ändern … du begleitest mich, Kamekle. Seiketsu wird an Nadeshiko´s Seite bleiben.“
Die Paladinin, die ihn sogar im Flüsterton verstanden hatte, nickte unauffällig und geleitete die Rothaarige ins Haus. Die Herren dagegen gingen ins Arbeitszimmer – Ryuohtah´s Bruder saß hinter dem Schreibtisch seines Bruders und las die aktuellen Quartalszahlen durch, hinter ihm stand seine Assistentin Vizu.
„Wie nett, dass Ihr uns mit Eurer Anwesenheit beehrt, Euer Majestät“, meinte der Braunhaarige tonlos, „ich hoffe, Ihr habt alles zu Eurer Zufriedenheit vorgefunden.“
Der Herrscher sah auf. „Du wirkst verändert, kleiner Bruder. Dein Blick … In deinen Augen liegt ein Strahlen, das ich nicht von dir kenne.“
„Vielleicht ist das der Einfluss des Heiligen Feuers …“, entgegnete Ryuohtah ungerührt.
Shiro biss sich auf die Unterlippe, um sein Lachen zu unterdrücken. „Ja, ja, als ob ich deshalb hierher gekommen wäre. Ich will endlich deine Verlobte kennenlernen – du wirst sie zu mir auf mein Schloss schicken. Das sollte dir ja eigentlich sogar in die Hände spielen … so hast du genug Zeit, um nach dem Attentäter zu suchen.“
Es wunderte Ryuohtah nicht, dass sein Bruder über den Vorfall im Tempel Bescheid wusste – der König hatte seine Informanten so ziemlich überall –, und obwohl es ihm deutlich missfiel, Nadeshiko fortzuschicken, konnte er sich der Logik dahinter nicht erwehren … „Was weißt du darüber?“
Der Schalk verschwand aus Shiro´s Gesicht – es war jedoch Vizu, die ihm antwortete. „Nichts, Euer Gnaden … das macht die Angelegenheit so brisant. Da der letzte Angreifer verständlicherweise ausscheidet, drängt sich die Frage auf, ob es Zufall sein kann, dass nach zwei fehlgeschlagenen Anschlägen auf seine Majestät ausgerechnet das Leben dessen zukünftiger Schwester ebenfalls bedroht wird. Jedenfalls sieht es ja in der Augen der Öffentlichkeit aus …“
Beim letzten Satz knirschte Ryuohtah mit den Zähnen. Dieser Handel hatte sie zusammen gebracht – da sollte es auch in ihren Händen liegen, was daraus werden würde.
Im Palast ein persönlicher Gast des Königs zu sein, war eine große Ehre – dennoch hätte Nadeshiko zu gern darauf verzichtet. Eigentlich hatte sie sich auf ein paar ruhige Tage gefreut … stattdessen musste sie sich schon wieder von ihrem neuen Zuhause verabschieden. Wenigstens blieb Gwen weiterhin an ihrer Seite.
Man hatte ihr ein Quartier mit drei Zimmern zugewiesen – in einem davon stand auf dem Kaminsims eine Reihe von Büchern. Nadeshiko musste schmunzeln. Diesen Umstand verdankte sie sicherlich Ryuohtah … Anders als auf dem Anwesen oder im >Tempel der Gelassenheit< durfte sich Nadeshiko an diesem Ort nicht frei bewegen. Täglich klopfte Shiro an ihre Tür und nahm sie zu einem Spaziergang mit, bei welchem er ihr das Schloss zeigte.
„Ist Ryuohtah … Ich meine, ist Herzog Dal'Taiyo innerhalb dieser Mauern aufgewachsen?“, wollte Nadeshiko neugierig wissen.
Shiro stieß ein amüsiertes Lachen aus und bog in einen Flur ab, in dem zahlreiche Porträts hingen. Vor einem mit einer vierköpfigen Familie blieb er stehen – der Mann trug eine Krone auf dem Kopf und hatte eine Hand auf die Schulter seiner Frau gelegt, auf ihrem Schoss ein Junge von zirka drei Jahren und sein großer Bruder warf ihm von der Seite ein Lächeln zu. „Der Minister hat sich furchtbar aufgeregt, es sei nicht standesgemäß, den Kronprinzen im Profil zu zeigen … Doch unsere Eltern fanden es so schön, dass sie es für ihr Gemach erwählten. Nach ihrem Tod … habe ich es hierher bringen lassen.“
Das Königspaar von Thance war vor fünf Jahren bei einem Staatsbesuch in Naelo ums Leben gekommen. Niemand konnte sagen, ob ihr Tod ein tragischer Unfall oder gar geplanter Mord gewesen war … Doch dieser Vorfall hatte schlussendlich zum Ausbruch des Kriegs zwischen den beiden Ländern geführt.
Wie hypnotisiert streckte Nadeshiko ihren Zeigefinger aus und fuhr über die Wange des kleinen Prinzen. Es war ihr schwer gefallen, sich Ryuohtah als Jungen vorzustellen … Von dem pausbäckigen Knaben mit dem breiten Grinsen konnte man kaum mehr etwas erkennen – nur seine Augen waren noch immer dieselben.
Und noch etwas hatte sich nicht verändert. Lächelnd wandte sich die Rothaarige wieder an den König. „Ich hatte mir Sorgen gemacht, an den Gerüchten könne etwas dran sein … Nun sehe ich, dass dem nicht so ist – Ihr liebt Euren kleinen Bruder noch genauso, wie an jenem Tag.“
Perplex starrte Shiro sie an, dabei rutschte ihm seine Gehhilfe aus der Hand und fiel zu Boden. Blinzelnd bückte er sich, um den Stock wieder aufzuheben. Dabei sah er Nadeshiko unentwegt an. „Ihr seid die erste Person, die nicht sofort losstürmt, um mir zu dienen.“
„Ich dachte nicht, dass Ihr das wollt“, gab sie zurück, wobei ihre Wangen eine Spur dunkler wurden. „Also, zumindest mag Ryuohtah es nicht, wenn er bevormundet wird …“
Der Schwarzhaarige beugte sich vor, sodass ihre Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. „Ihr seid wahrlich faszinierend – Ohtah kann sich wahrlich glücklich schätzen. Was haltet Ihr davon, ihn auf die Probe zu stellen?“
Nadeshiko schluckte, wich jedoch vor der Nähe nicht zurück. Obwohl sich die Züge der beiden Brüder ähnelten, waren die Augen des Kaisers von der Farbe eines vom Vollmond erhellten Nachthimmels – Ryuohtah´s Augen dagegen wirkten wie eine Neumondnacht, in der lediglich die Sterne traulich funkelten …
Natürlich war seine Frage eine reine Formsache gewesen – Shiro hatte einen Maskenball organisiert, bei dem jeder Gast sein Gesicht verschleiern musste. Für Nadeshiko hatte er ein langes, grünes Gewand mit einem passenden Spitzhut und einer Hornbrille als Verkleidung gewählt. Sogar auf eine blonde Perücke bestand er. In dieser Aufmachung hätten vermutlich nicht einmal ihre Eltern ihre Tochter erkannt …
Doch Shiro betonte mehrmals: „Wahre Liebe lässt sich nicht blenden …“
Skeptisch zog Nadeshiko eine Augenbraue hoch, wie sie es sich bei Ryuohtah abgeschaut hatte. Und sie dachte, er kenne seinen Bruder von allen am Besten … Wenigstens würde dieses kleine Spielchen, das wohl einzig zur Unterhaltung des Herrschers dienen würde, ihren Aufenthalt im Schloss beenden … Nach dem Ball durfte sie ins Anwesen zurückkehren. Obwohl ihr die ganze Situation sinnlos erschien, kam Nadeshiko kurz darauf nicht umhin, sich in der Pracht des Ballsaals zu verlieren. Dutzende Kristalle an den goldenen Kronleuchtern reflektierten den Schein der Kerzen und erschufen damit Tausende von tanzenden Regenbögen über den Köpfen der Festgesellschaft. Passend dazu beeindruckte auch das zehnköpfige Kammerorchester – ein Pianist am Pianoforte, ein Violinist, ein Bratschist, ein Cellist, ein Kontrabassist, ein Flötist, ein Klarinettist, ein Fagottist, ein Oboist und eine Harfenspielerin verzauberten mit ihren wundervollen Klängen und luden die Gäste in ihren vielfältigen Kostümierungen zum Tanzen. Obwohl >Nadeshiko Bal´Hi< einige Persönlichkeiten der feinen Gesellschaft kannte, konnte sie in diesem bunten Treiben niemanden identifizieren …
„Mylady, darf ich Euch um diesen Tanz bitten?“, sprach ein Mann in einem schwarz-weißes Gehrock sowie einer grünen Perücke und einer venezianischen Maske sie an.
Obwohl selbst seine Augen im Schatten lagen, gab es keinen Zweifel – vor ihr stand Ryuohtah. „Wo-Woher wusstest du, dass ich es bin?“
Lächelnd strich er ihr eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Als ob ich mich von dieser Maskerade täuschen lassen würde. Außerdem … hast du mich ja auch erkannt, nicht wahr?“
Einen Schlag lang schien ihr Herz auszusetzen, während ihr die Worte des Herrschers in den Ohren klangen. „Wahre Liebe lässt sich nicht blenden …“
Tränen sammelten sich in ihren Augenrändern. Durch seine unsichtbare Mauer um sein Herz, die im Buch erst durch seine Begegnung mit Livia gebröckelt war, hatte sie geglaubt, er würde niemals mehr für sie empfinden, als für eine amüsante Schachfigur – ihr Eingreifen war ein furchtbarer Fehler gewesen! Kaum hatte sie diese Erkenntnis gefasst, wurde Nadeshiko schwarz vor den Augen.
Welches Leben?
Der furchtbare Klingeln des Weckers riss Shikon aus ihrem Traum. Die Bilder verblassten augenblicklich in ihrem Kopf, doch irgendetwas sagte ihr, dass es ein wundervoller Traum gewesen war …
Da streckte auch schon Kai ihren Kopf zur Tür herein. „Aufstehen, Shiko, sonst kommst du noch zu spät zur Schule.“
Seufzend schlug Shikon die Bettdecke zurück und schlurfte in ihren Pantoffeln ins Badezimmer. Ihr schulterlanges, rotblondes Haar sah aus, als hätte sie in die Steckdose gefasst und obwohl sie die Nacht über gut geschlafen hatte, lagen dunkle Schatten unter ihren braunen Augen. Nichts, was ein bisschen Make-Up nicht richten konnte …
Nachdem Shikon im Bad fertig war, kehrte sie in ihr Zimmer zurück und schlüpfte in die Schuluniform. Anschließend band sie sich ein identisches Band wie die Schleife in die Haare, ehe sie nach Tasche griff. In der Küche schnappte sie sich noch die Bento-Box, die ihre Mutter ihr gerichtet hatte, und zog ihre Schuhe an.
„Bis später!“, rief Shikon ihrer Mutter zu und machte sich auf den Weg.
Es war jedoch kein gewöhnlicher Schultag … die letzte Abschlussprüfung stand auf dem Plan. Sie hatte gelernt, doch bereit fühlte sie sich nicht – aber wer tat das schon. Nein, Nervosität und Zweifel gehörten einfach dazu. Am Schultor traf Shikon auf ihre Freundinnen.
„Bald haben wir es hinter uns“, meinte Saidra und streckte sich genüsslich. „Echt mal, bei keinem Kampfturnier war ich jemals so aufgeregt.“
Die Karateka hatte bereits an Wettkämpfen auf Landesebene teilgenommen und war stets auf dem Siegertreppchen gestanden.
Evennia legte ihrer Cousine den Arm um die Schulter. „Wenigstens können wir uns auf die Abschlusszeremonie freuen … Mit unseren Zeugnissen unter den Kirschblüten zu stehen – dafür wir sich die ganze Schufterei gelohnt haben!“
„Und vergesst nicht den Abschlussball!“, schwärmte Danika.
Auch Shikon freute sich schon sehr darauf. „Oh ja, meine Mutter will heute Nachmittag mit mir einkaufen gehen – ich glaube, ich hätte gern ein rotes Kleid!“
„Wusstest du, dass manche Leute behaupten, rot sei die Farbe des Schicksals?“, mischte sich ein weiterer Mitschüler ein.
Er bedeutete Shikon´s Freundinnen vorauszugehen, doch die Rothaarige nahm ihn kaum wahr und das letzte Wort echote in ihren Ohren – Schicksal, Schicksal, Schicksal … Plötzlich erschien vor ihrem inneren Auge das Gesicht eines jungen Mannes mit schwarzen Augen.
„Das ist wohl ein Zeichen, dir meine Gefühle zu gestehen – Shikon Yosogawa, ich bin in dich verliebt!“, fuhr Argo unterdessen fort.
Gerade noch hätte sich Shikon kein größeres Glück vorstellen können, als diese Worte aus seinem Mund zu hören … Nun konnte sie bloß an das Gesicht dieses braunhaarigen Mannes denken. Er kam ihr so bekannt vor … Das markante Kinn, das schiefe Lächeln, eine hochgezogene Augenbraue und ein gestickter Drache kamen ihr in den Sinn – Ryuohtah!
Schlagartig kehrten Shikon´s Erinnerungen an ihre Wiedergeburt als Nadeshiko zurück … Gleichzeitig löste sich die Szenerie um sie herum vollkommen auf und ihr Geist schwebte in Finsternis. Nach dem Tod ihrer Eltern und ihrer quälenden Schulzeit hatte sie sich umbringen wollen … Dies war eine alternative Version des Lebens von Shikon Yosogawa, wenn es den Autounfall nicht gegeben hätte. So wie es hätte sein sollen – so wie es jedoch nicht gekommen war.
„Aber so könnte es sein … wenn du es willst, kann ich dich jenen Augenblick weitererleben lassen und du gibst deinem … Schwarm eine Chance. Oder willst du lieber in die Welt zurück, in der du alsbald verschmäht wirst?“, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf. Es war die Kapuzengestalt vom Dach ihres Wohnhauses … „Es liegt allein bei dir. Welches Leben wählst du?“
Es mochte lediglich ein Traum sein … dass ihre Eltern nicht lebten, dass Shikon den Abschluss mit ihren Freunden nicht verpasst hatte – allerdings konnte dies ebenso auf Thanca zutreffen. Erneut flammte das Bild von Ryuohtah vor ihrem inneren Auge auf und sie dachte an ihren Entschluss im >Tempel der Gelassenheit< – es sollte keinen anderen Mann mehr in ihrem Leben geben, selbst wenn er sie eines Tages zugunsten von Livia von sich wies … Ein freundloses Lachen drang aus ihrer Kehle. Shiro hatte wohl doch recht behalten – ihre Entscheidung war längst gefallen … in jenem Moment, da sie zum ersten Mal in die Augen von Ryuohtah Dal´Taiyo auf der Soiree der Familie Cal´Vhang geblickt hatte.
Alles um Shikon herum wurde in flammendes Rot getränkt. Sie fühlte sich, wie in einem Kokon und ihr Körper war bleischwer, während sie an den Baldachin über ihrem Bett im Anwesen des Herzogs starrte. Hörbar schnappte Nadeshiko nach Luft – sie war tatsächlich zurückgekehrt! Da bemerkte sie ein zusätzliches Gewicht auf ihrer Bettdecke und setzte sich langsam auf. Ryuohtah´s Kopf ruhte auf der Kante ihres Lagers, als hätte er die ganze Nacht über an ihrer Seite gewacht. Durch die Bewegung schreckte er hoch und starrte sie ungläubig aus weit geöffneten Augen an. Sein Gesicht wirkte fleckig, als hätte er geweint. Ganze zehn Tage, in denen der Braunhaarige kaum von ihrer Seite gewichen war, hatte Nadeshiko in dieser merkwürdigen Bewusstlosigkeit verharrt und jede Sekunde davon war eine einzige Folter gewesen – zum ersten Mal war er vollkommen hilflos gewesen, weder sein Verstand noch sein Schwert waren ihm eine Hilfe gewesen. Nicht einmal dem Möchtegern-Heiligen war es gelungen, sie wieder aufzuwecken …
„Ohtah …“, hauchte Nadeshiko mit trockener Kehle, woraufhin er sie überrascht ansah. „Ah, ich … Dein Bruder nannte dich so, als ich bei ihm war – aber wenn es dir nicht gefällt-“
Im Bruchteil einer Sekunde erhob sich Ryuohtah von seinem Stuhl und schloss sie fest in die Arme. „Mach´ das ja nie wieder … Shiko.“
Genau so hatten ihre Eltern sie gerufen – sie war endlich wieder zu Hause … Ihr Herz machte einen Satz. Mehr noch, als Ryuohtah´s Lippen über ihren Hals, bis zu ihrem Mund wanderten. Eine Welle wohlig kribbelnder Schauer jagte durch ihren Körper.
Viel zu schnell und doch viel zu spät riss der Kontakt zwischen ihnen ab. Auf den Kuss folgte eine lange Stille. Nadeshiko starrte auf ihre Bettdecke, um Ryuohtah nicht ansehen zu müssen. Früher einmal hatte sie gedacht, ihr erster Kuss würde sie überglücklich machen … stattdessen verspürte sie nun lediglich Angst. Shiro kannte seinen Bruder tatsächlich besser, als jeder andere … Sie hätte nicht zulassen dürfen, dass Ryuohtah Gefühle für entwickelte! Selbst wenn es ihr genauso ergangen war … Liebe war niemals Teil ihres Plans gewesen – sie hatte einzig ans Überleben gedacht.
Gerade da ihren Mund zum Sprechen öffnete, kam Bruder Mhenlo zur Tür herein. „Nadeshiko! Ich bin erleichtert, dass du wohlauf bist.“ Da bemerkte er den feuchten Glanz in ihren Augen. „Was hat dieser Taugenichts dir angetan?“
Ertappt zuckten Ryuohtah´s Augenlider. Wortlos erhob er sich und verließ das Zimmer. Es schmerzte Nadeshiko, ihn so ziehen zu lassen – gleichzeitig war es so vermutlich besser. Vor allem da sie etwas mit dem Hohepriester zu besprechen hatte, das nicht für seine Ohren bestimmt war … Denn er war die einzige Person in ganz Thanca, die ihr vielleicht helfen konnte.
„Bruder Mhenlo, bei unserem letzten Treffen verspracht Ihr, stets für mich da zu sein und mir beizustehen … Ich muss Euch etwas beichten – etwas, das Ihr mir wahrscheinlich nicht glauben werdet“, begann die Rothaarige, ehe ihr der Mut sank.
Neugierig trat der Mönch näher und setzte sich neben sie. „Du kannst mir alles sagen, mein Kind.“
„Ich habe gegen das Schicksal rebelliert … Ihr müsst wissen, ich … ich heiße gar nicht >Nadeshiko Bal'Hi<, aber irgendwie halt doch – mein eigentlicher Name … lautet Shikon Yosogawa und ich komme … aus einer anderen Welt“, sprach sie mit zitternder Stimme und berichtete ihm die ganze Geschichte – angefangen bei dem Autounfall, über das Buch >Ein legendäres Schicksal<, bis hin zu ihrem Zusammentreffen mit der seltsamen Kapuzengestalt bei ihrem Selbstmordversuch und deren eigentümlichem Angebot. „Seither lebe ich im Körper von >Nadeshiko Bal'Hi< hier in Thanca …“ Noch immer saß Bruder Mhenlo ruhig und gefasst auf dem Stuhl, sodass die Rothaarige fortfuhr. „Durch meinen Wunsch, nicht sterben zu wollen, griff ich in die Geschichte ein … und veränderte die Handlung – Ryuohtah und >Nadeshiko< hätte sich niemals begegnen sollen. Ich bin nicht diejenige, die das Schicksal für ihn vorgesehen hat … Oh, Bruder Mhenlo, ich habe einen schrecklichen Fehler begangen – wenn ich Ryuohtah nur bloß nicht gebeten hätte, mir zu helfen …“
Schluchzend brach sie ab, vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Sanft streichelte ihr der Hohepriesterin über das Haar, um sie zu beruhigen. „Ich verstehe. Allerdings befürchte ich, deine Schuldgefühle waren nicht der einzige Auslöser für dein Koma – eigentlich solltest du durch meinen Segen vor Unheil geschützt sein, doch die Heilige Energie ist verschwunden … als würde einfach durch dich hindurch gesickert – vermutlich in die Welt, aus der du stammst.“
Noch während ihr die Tränen über die Wangen rannen, blickte sie wieder zu ihm auf. „Ihr glaubt mir also?“
Eine Mundwinkel verzogen sich zu einem gütigen Lächeln. „Vom ersten Moment an habe ich gespürt, dass du etwas ganz Besonderes bist – nicht aufgrund deiner Fähigkeit … Gerade weil du es bist, habe ich dich in mein so lange erstarrtes Herz geschlossen.“ Ein langes Leben war ein zweischneidiges Schwert – man verehrte Bruder Mhenlo als weisen Heiligen, doch eine solche Lebensspanne machte auch furchtbar einsam. Schon kurz nach seiner Geburt hatten seine Eltern ihn in die Obhut der Kirche gegeben, weil sie ihn nicht hatten versorgen können … Zunächst war er ein ganz gewöhnliches Kind gewesen, doch kaum die Mönche begonnen hatten, ihn im formen der Heiligen Energie zu unterrichten, war seine natürliche Affinität zu Tage getreten und von da an war er zusätzlich in allen Geheimnissen der Welt unterwiesen worden. Irgendwann hatte er gelernt, Heilige Energie in seinem Körper zu speichern, was seine Alterung stoppte – besessen davon sich so viel Wissen, wie nur irgendwie möglich, anzueignen, zog er sich vor der Welt zurück. Ein ganzes Jahrhundert verging, ehe Bruder Mhenlo begriff, dass alle, die er gekannt hatte, in dieser Zeit gestorben waren. Trauer und Schmerz hatten ihn übermannt ... Schlussendlich war er zu den Schriften zurückgekehrt und hatte seitdem niemanden mehr an sich herangelassen. Erst Nadeshiko hatte diese Mauer regelrecht eingerissen … Ihre Aura strahlte so hell, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Nun kannte er den Grund dafür – in grenzenloser Selbstlosigkeit wollte Nadeshiko den Mann, den sie von Herzen liebte, zu deren Glück einer anderen überlassen … „Deshalb will ich dich nicht belügen – die Verbindung zwischen diesem Körper und deinem Geist ist sehr schwach. Solltest du früher oder später erneut auf der Grenze zwischen den Welten wandeln, niemand kann garantieren, dass du auch dann wieder erwachen wirst …“
Nadeshiko schluckte einen Kloß in ihrem Hals herunter. „Während dieser Bewusstlosigkeit habe ich von meinem alten Leben geträumt, wie es ohne diesen Unfall verlaufen wäre. Es war lediglich eine Illusion … das war jedoch nicht der Grund, warum ich hierher zurückkehren wollte – ich muss meinen Fehler korrigieren, solange mir noch Zeit dafür bleibt.“
Kaum merklich nickte Bruder Mhenlo, dann löste er eines seiner Armbänder, an dem ein goldenes Glöckchen hing und das er seit gut vierhundert Jahren bei sich getragen hatte. „Vielleicht vermag ein steter Fluss Heiliger Energie dich zu kräftigen … Ich werde ins Heilige Land zurückkehren und jede einzelne Buchzeile nach einer dauerhaften Lösung absuchen. Danke, dass du dich mir anvertraut hast, Nadeshiko …“
Er umarmte seinen Schützling väterlich. Keiner von beiden ahnte, dass Ryuohtah den letzten Teil ihrer Unterhaltung vor der Tür mitangehört hatte … Kraftlos sank er, den Kopf gegen das Holz gelehnt, zu Boden.
Wie ein Stern in der Dunkelheit
Es hatte Nadeshiko gut getan, sich Bruder Mhenlo zu öffnen – zusammen mit den Tränen waren all ihre aufgestauten Gefühle hinfortgespült worden. Ja, eines Tages würde Ryuohtah sich in Livia verlieben und die Zuneigung, die er ihr aktuell entgegenbrachte, würde in den Hintergrund rücken ... Doch dazu musste sie ihre Freundin aus Kindertagen unbedingt finden.
Nach einer weiteren Woche im Bettruhe hielt Nadeshiko es nicht länger in ihrem Zimmer aus und läutete nach Gwen. „Ich möchte hinunter zum Frühstück gehen.“
Die Zofe nahm ihre Herrin skeptisch in Augenschein, nickte dann und wählte ein bequemes, doch gleichsam elegantes Kleid in einem zarten Blauton mit weißer Spitze. Für sie glich die Geschichte von Nadeshiko einem wahr gewordenen Märchen und sie wollte alles dafür tun, damit der Herzog ihr auf ewig verfiel … In die Flechtfrisur arbeitete Gwen ein Band aus demselben Stoff ein und verknotete es in einer Schleife auf ihrem Haupt verknotet, so als wolle sie die Rothaarige damit krönen. Der Stich des schlechten Gewissens warf einen Schatten über Nadeshiko´s Spiegelbild … Wenn diese Sache zu Ende war, würde es für alle ein böses Erwachen geben.
Als die Rothaarige den Speisesaal betrat, ließ Ryuohtah beinahe seinen Trinkbecher fallen. „Na-Nadeshiko …“
„Guten Morgen, Ryuohtah“, antwortete sie und nahm lächelnd Platz. Sofort servierte der Diener ihr einen Teller mit gebratenen Eiern. „Das riecht köstlich!“
Der Braunhaarige beobachtete, wie sie genüsslich aß, und auch seine Mundwinkel zogen sich unwillkürlich nach oben. „Nun da es dir offensichtlich wieder gut geht … Was hältst du von einem Ausflug in die Stadt?“
Verwundert ließ Nadeshiko ihre Gabel sinken. Vom Anwesen aus hatte man einen guten Blick auf die belebten Straßen, die zahlreichen Geschäfte und den großen Marktplatz – schon lange wünschte sie sich zwischen den Ständen hindurch zu schlendern … „Liebend gern.“
„Gut, dann lass´ uns einen schönen Tag haben“, entgegnete Ryuohtah ungewohnt fröhlich, wobei sie ihn an den kleinen Jungen auf dem Familienporträt im Schloss erinnerte.
Also hatte er doch nicht alles von seiner kindlichen Leichtigkeit verloren … Davon hatte nichts im Roman gestanden.
Nach dem Mahl brachte Gwen ihr einen Mantel und überprüfte nochmal die Frisur ihrer Herrin. Auch Ryuohtah hatte sich rasch umgekleidet – sein formelles Gewand, welches er sonst zur Arbeit trug, war einem weißem Hemd mit Weste und Umhang samt einer dunklen Hose gewichen, die in Knie hohen Stiefeln verschwand.
„Seiketsu und Kamekle, ihr bleibt hier“, entschied Ryuohtah und hielt ihr seinen Arm hin.
Dankbar ging Nadeshiko auf das Angebot ein, wobei sie einen verborgenen Langdolch bemerkte. Seit der Monsterjagd hegte sie keinerlei Zweifel daran, dass die Beschreibung aus dem Buch – Ryuohtah könne es mit einhundert feindlichen Soldaten gleichzeitig aufnehmen – keineswegs übertrieben gewesen war … Stumm liefen beide nebeneinander her. Genau wie nach der Berührung ihrer Lippen, dehnte sich das Schweigen fast bis zur Unendlichkeit.
Plötzlich legte der Braunhaarige eine Hand an ihre Stirn. Als hätte die Berührung einen Stromschlag ausgelöst, zuckte er jedoch umgehend wieder zurück. „Bist du sicher, dass du dich wohlfühlst?“
Nadeshiko schluckte. Auch sie hatte die elektronische Spannung gespürt … „Ich … Ja, es ist alles in Ordnung – ich habe mich nur etwas in Gedanken verloren.“
Steif nickte Ryuohtah und ging weiter, ohne sie erneut zu berühren. Auf den Straßen herrschte, genau wie erwartet, ein reges Treiben – die Händler an den Marktständen priesen lautstark ihre Waren an und boten vereinzelt sogar Kostproben an. Als Nadeshiko ein ovales, pinkfarbenes Gewächs mit grünen Auswüchsen entdeckte, blieb sie stehen. Eine solche Frucht kannte sie aus ihrer Welt … Auf der Insel Okinawa gab es mehrere Pitahaya-Plantagen. Wortlos reichte Ryuohtah dem Verkäufer zwei kleine Münzen, woraufhin dieser eine der Früchte viertelte und ihr auf einem Papier reichte. Dankbar neigte Nadeshiko den Kopf, ehe sie freudig in das fast lilafarbene Fruchtfleisch biss. Der süße Saft entlockte ihr einen schnurrenden Ton, was den Braunhaarigen zum Lachen brachte.
Nie zuvor hatte Nadeshiko ihn außerhalb des Anwesens derart gelöst erlebt. Lächelnd hielt sie ihm eine Spalte hin. „Probier´ selbst, dann wirst du mich verstehen.“
Anstatt von dem dargebotenen Stück abzubeißen, wählte er jenes, von dem Nadeshiko zuvor gekostet hatte. Augenblicklich schoss ihr die Röte in die Wangen, sodass sie beinahe selbst an eine Drachenfrucht erinnerte …
„Du hast recht – es ist wirklich lecker“, meinte er, das Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrer Nasenspitze entfernt und grinste erneut.
Nach der vorangegangenen Anspannung war es wie Balsam für ihre beider Seelen, zu ihrem gewohnten Schalk zurückzukehren. Ja, so waren Nadeshiko und Ryuohtah vom ersten Moment an miteinander umgegangen – es war eine ganz andere Art von Sarkasmus, als jener Hohn, den sie von ihren Mitschülern über sich hatte ergehen lassen müssen …
Diesmal griff er nach ihrer Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. „Keine Widerrede.“
Obwohl es unvernünftig war, hatte sie gar nicht vorgehabt, dem zu widersprechen – vielmehr lehnte sie beim Gehen überdies noch ihren Kopf leicht gegen seine Schulter.
„Da sind wir“, erklärte Ryuohtah einige Minuten später und wies auf ein beinahe unscheinbares Geschäft in einer Seitenstraße.
Ein Schild über der Eingangstür offenbarte, dass es sich um ein Schmuckgeschäft handelte. Noch immer ratlos folgte die Rothaarige ihm in das gemütliche Innere des kleinen Ladens. Außer der Theke mit Auslage gab es nur noch eine Sitzgruppe und eine Tür, die in einen weiteren Raum führte.
Da ein Glöckchen die Ankunft von Kundschaft verkündete, trat eine elegant gekleidete Frau mittleren Alters daraus hervor, auf deren Gesicht ein breites Lächeln erschien. „Euer Gnaden, wie schön, Euch wieder einmal begrüßen zu dürfen! Und sogar in Begleitung … Was kann ich denn für Euch tun?“
"Wie Ihr aufmerksamer Weise bemerkt habt, bin ich nicht allein“, antwortete der Braunhaarige spitzbübisch, „ich wünsche, meiner Begleiterin einen Ring zu schenken und dafür soll Lady Nadeshiko sich einen Stein aussuchen.“
Mit aufgeklappter Kinnlade starrte besagte, junge Dame ihn sprachlos an. Der Kuss war demnach tatsächlich nicht bloß aus einer Laune heraus oder gar im Affekt der Erleichterung geschehen … Ohne auf ihr überdeutliches Erstaunen zu reagieren, nahm er sie bei der Hand und führte sie zu einem der Sofas.
Die Händlerin eilte unterdessen euphorisch erneut durch die Tür, ehe sie kurz darauf mit einem Samt ausgelegten Kasten zurückkehrte, in dem mehrere Edelsteine lagen, die alle in Farbe und Schliff unterschieden. „Vielleicht ein Stein, der zu Eurem Haar passt oder in Eurer Lieblingsfarbe?“
Mit den Augen wanderte Nadeshiko die drei Reihen sorgsam ab. Obgleich sie sich gerade noch an ihn geschmiegt hatte, hatte sie nicht vergessen, was geschehen würde – es musste demnach ein Stein sein, der auch Livia gefallen könnte … Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu Ryuohtah und blieb an seinen tiefschwarzen Iriden hängen. „Habt Ihr auch etwas in der Augenfarbe des Herzogs?“
Kaum merklich teilten sich Ryuohtah´s Lippen. Damit hatte er nicht gerechnet – vielmehr hatte er den Eindruck gehabt, sie mit dem Kuss gedrängt zu haben …
„Ich glaube, ich habe genau das Richtige für Euch“, brach die Verkäuferin die aufgekeimte Stimme und verließ erneut die Stube.
Kurz darauf präsentierte sie den beiden auf einem blauen Samtkissen einen prächtigen, schwarzen Sternsaphir mit sechs klaren Strahlen. Überwältigt nickte Nadeshiko – einen passenderen Vergleich für Ryuohtah's Augen als diesen Asterismus konnte es nicht geben … Trotz der undurchdringlichen Schwärze strahlte darin ein wärmendes Licht.
Nach diesem durchweg überraschenden Einkaufsbummel setzte Ryuohtah noch einen obendrauf und mietete an einem der Stege, welche die Ufer des Flusses, der sich durch die Stadt wand, zu beiden Seiten spickte. Galant half er ihr beim Einsteigen, ehe er ihr Gegenüber Platz nahm und zu rudern begann.
„Was kannst du eigentlich nicht?“, fragte Nadeshiko, ohne darüber nachzudenken, bereute es jedoch sofort. „Ent-Entschuldige, das war unangebracht von mir …“
Das Lächeln auf seinen Zügen verstärkte sich. „Falls es meiner bezaubernden Verlobten noch nicht aufgefallen ist, bin ich ihrer erfrischend unbedarften Art durchaus zugeneigt.“
Da war er wieder – der Ryuohtah hinter der Maske, dessen Hobby es geworden war, sie sprichwörtlich auf den Arm zu nehmen und es gleichzeitig vollkommen ernst zu meinen … Sonst hätte Nadeshiko mit einer ebenso schlagfertigen Antwort gekontert, doch seitdem sich ihre Lippen berührt hatten, konnte sie es nicht mehr. Viel zu spät hatte sie gemerkt, dass es ihm imponierte, ihm Paroli zu bieten …
Um sich abzulenken, dachte die Rothaarige an Seiketsu und Kamekle. Was die Paladine wohl mit ihrem freien Tag angefangen hatten? Sie wünschte sich von Herzen, dass die beiden endlich über ihre Schatten sprängen und zueinander fänden … Abgesehen von ihrem Herrn, dem die Braunhaarige weit mehr als nur ihren Status verdankte, gab es lediglich einen einzigen Mann, für den sie ein Lächeln übrig hatte. Er war auch der Grund gewesen, weshalb sie sich lieber für ein Leben in Schande denn eine arrangierte Ehe entschieden hatte – weil sie in einen jungen Knappen liebte, der inzwischen zu ihrem Kampfgefährten aufgestiegen war und es bislang noch nicht geschafft hatte, sie seinerseits um ihre Hand zu bitten … Denn auch an seinen Gefühlen für Seiketsu gab es in Nadeshiko´s Augen keinen Zweifel.
„Wir stecken in einer Sackgasse fest“, sagte Ryuohtah plötzlich und riss sie damit aus ihren Gedanken.
Verwundert stellte Nadeshiko fest, dass die Sonne bereits begonnen hatte unterzugehen. Wie lange sie ihn wohl angeschwiegen hatte?
Da sie auf seine Äußerung nicht einging, wiederholte Ryuohtah seine Worte noch einmal. Nach diesem Tag passte diese Aussage aus seiner Sicht nicht … Da begriff sie – er setzte sie über den aktuellen Stand in Sachen >Am Fah< in Kenntnis. Es gab noch eine Information, die Nadeshiko ihm hätte geben können – den Namen jenes Adligen, der die Krone verraten hatte. Danach gäbe es wahrlich keinen Grund mehr, an seiner Seite zu verweilen …
Trauer legte sich in ihre Stimme. „Es ist die Familie Bal´Ossa – sie planen den Putsch gegen den König. Jetzt kannst du etwas dagegen unternehmen.“
„Woher …“, entgegnete der Herzog und versuchte seine Gedanken zu ordnen. „ Nein, das ist egal. Warum klingt diese Information, wie ein Abschied?“
Sie war eine Närrin … Es wäre besser gewesen, in der Illusion ihres alten Lebens zu verweilen. Früher oder später würde Ryuohtah in Zwiespalt zwischen der Zuneigung zu ihr und seiner Liebe für Livia geraten. Noch ehe Nadeshiko etwas auf seine Frage erwidern konnte, erstarrte ihr ganzer Körper. Um seinem Blick auszuweichen, hatten ihre Augen einen Punkt auf der linken Uferseite anvisiert. Dort stand eine Frau mit solch dunkelrotem Haar, dass es beinahe schwarz wirkte. Auf die Entfernung konnte Nadeshiko ihre Augenfarbe zwar nicht erkennen, dich war sie sicher, es wären grauen Iriden. Livia …
Das Boot wackelte, als Ryuohtah sich erhob und nach ihrer Hand griff. Perplex riss sie sich von der Erscheinung los, um ihn anzusehen. „Bitte, Shiko … gib´ uns eine Chance!“
Wagnis
Nadeshiko war Ryuohtah eine Antwort schuldig geblieben und er hatte sie nicht gedrängt … Ihren Gedanken nachhängend lag sie auf dem Bett in ihrem alten Gemach im Haus ihrer Eltern und starrte an die Decke. Hier gab es keinen roten Baldachin … Aber nach der Sache mit dem Verlobungsring und ihrer Sichtung Livia´s hatte sie Abstand gebraucht. Unwillkürlich kicherte Nadeshiko. Ryuohtah´s Reaktion auf ihren Wunsch, ihre Eltern besuchen zu wollen, hatte schon wahrlich an völlige Absurdität gegrenzt, die über jeden Scherz hinausging …
Sie waren auf dem Balkon ihres Gemachs gestanden und er hatte, den Rücken zu ihr, die Hände in die Brüstung gekrallt. „Erst wollte ich den Gedanken verdrängen, doch jetzt muss ich es einfach wissen … Für das Alibi unseres Handels hast du behauptet, Ramon Cal´Rien hätte ein schändliches Verhalten an den Tag gelegt – stattdessen bin ich es nun, der dich ohne Einwilligung berührt hat. Fliehst du deshalb?“
Zunächst hatte sie gar nicht recht verstanden, worauf er hinauswollte … Wort für Wort ging sie seine Äußerung noch einmal durch, bis sie begriff. „Du willst dich aber nicht wirklich mit diesem Widerling vergleichen, oder? Ohtah, du hast mich gerettet … mehr, als nur einmal – einen edleren Ritter gibt es nicht!“
Daraufhin hatte er sich in einer fließenden Bewegung zu ihr umgedreht, spöttisch eine Augenbraue hochgezogen und sie zur Antwort auf den Haaransatz geküsst. Diese bittersüße Geste hatte ihrem Herzen einen Stich versetzt …
Einen Schmerz, der seitdem nicht wieder abgeklungen war. Zu gern würde sie für immer an seiner Seite bleiben. Allerdings gebührte dieser Platz Livia … Wäre es nicht verwerflich ihr die Chance auf vorherbestimmtes Glück streitig zu machen? Einzig durch Nadeshiko´s Eingreifen war sie Ryuohtah noch nicht begegnet – nun jedoch war sie in der Stadt und lange würde ein Aufeinandertreffen der beiden sicherlich nicht mehr auf sich warten lassen …
„Wirst du mich dann immer noch lieben können?“, sprach die Rothaarige jene Frage aus, die sie so sehr quälte, und vergrub ihr Gesicht in den Kissen, um die Tränen zu unterdrücken.
Diese Unsicherheit zerriss sie innerlich … Wenn sie ehrlich war, war es ihr nicht bloß um etwas Distanz gegangen – nachdem Ryuohtah inzwischen über die Hintermänner der >Am Fah< Bescheid wusste, gab es tatsächlich keinen Anlass mehr, den Handel noch länger aufrecht zu erhalten. Dennoch hatte Nadeshiko es nicht über sich gebracht, direkt in den >Tempel der Gelassenheit< zu gehen … Ihr Elternhaus war ein Kompromiss gewesen, wenigstens für den Moment.
Auf ein kurzes Klopfen hin trat ihre Mutter mit sorgenvoller Miene ein. „Ach, mein Liebling, seit du wieder da bist, verkriechst du dich in deinem Zimmer …“ Seufzend wandte sich Nadeshiko ihr zu, während Bishu sich auf die Bettkante setzte. „Früher haben mir immer alle gesagt, was für ein Glück ich mit einem solch braven Kind wie dir hätte – du hast niemals Ärger gemacht oder widersprochen. Aber … ehrlich gesagt habe ich mir gerade deshalb noch größere Sorgen um dich gemacht. Jede Mutter hat für ihr Kind bloß einen Wunsch – dass es ein glückliches Leben führen kann. Ich bin mir nicht sicher, ob das auf dich zutrifft …“
Die Rothaarige rückte näher an sie heran, legte den Kopf auf ihren Schoß. „Um das herauszufinden, bin ich hier …“
Auch wenn Nadeshiko in sich die Liebe zu ihren Eltern spürte, war Ryuohtah ihr sicherer Hafen in dieser Welt. Als Ramon sie entführt hatte und sie in die Wildnis gerannt war, hatte sie innerlich seinen Namen gerufen … Die Aussicht, dass er bei der Monsterjagd verletzt worden sei, hatte sie fast wahnsinnig gemacht – genauso wie die Zeit ohne ihn im Tempel und im Schloss. Ehe sie das Angebot von Bruder Mhenlo annahm, musste sie lernen von Ryuohtah getrennt zu sein …
Sanft streichelte Bishu ihr über das Haar. „Ich könnte deine Hilfe bei der Vorbereitung für die Gartenparty gebrauchen.“
Eine Erinnerung von >Nadeshiko< trat ihr ins Gedächtnis. Ihre Eltern waren seit nunmehr zwanzig Jahren verheiratet und planten zu diesem Anlass, eine Feierlichkeit veranstalten … Bei dem ganzen Trubel um ihr Überleben hatte sie zuvor nicht daran gedacht. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass auch Ryuohtah´s Name auf der Gästeliste stand … Dann musste sie ihm eine Antwort geben. Es wäre unfair, ihn länger im Ungewissen zu lassen.
„Womit fangen wir an?“, entgegnete Nadeshiko schließlich und schlug die Bettdecke zurück.
Nicht zum ersten Mal assistierte sie ihrer Mutter bei der Organisation eines Festes – dies war ebenfalls eine Fertigkeit, über die eine adlige Dame verfügen sollte. Dafür brauchte diejenige zum einen Fachkenntnisse über ihre Gäste, um beispielsweise durch eine bestimmte Sitzordnung Konflikte zu vermeiden, sowie zum anderen die Weitsicht die richtige Balance zwischen Eleganz und Protz zu finden. Von einer Baronenfamilie wurde nicht so viel Prunk erwartet, wie im Hauses eines Grafen. Auch bei den Speisen bedurfte es eines Gleichgewichts - kleine Häppchen, die sie Konversation nicht beeinträchtigten, waren sehr beliebt.
Mit all diesen Themen samt Porzellan- und Musikauswahl, Diensteinteilungen sowie Kleideranprobe beschäftigten Nadeshiko während der nächsten Tage derart intensiv, dass sie abends vollkommen erschöpft ins Bett fiel. Nichtsdestotrotz gelang es ihr nicht, Ryuohtah aus ihren Gedanken zu verdrängen. Sie sehnte sich nach den kleinen Neckereien, dem Glanz seiner Augen, dem schiefen Grinsen, der hochgezogene Augenbraue … einfach nach allem, das mit ihm zu tun hatte.
Das Wetter zeigte sich passend von seiner besten Seite. Alle Vorbereitungen waren getroffen – Bishu koordinierte die letzten Aufbauarbeiten. Tai trat hinter sie und legte ihr die Arme um ihre Taille.
Sanft hauchte er einen Kuss in ihren Nacken. „Ich bin sehr stolz auf meine beiden Damen …“
Lächelte drehte sie sich in der Umarmung zu ihm um. Verliebt sahen sich die beiden in die Augen und küssten sich innig.
Aus einiger Entfernung beobachtete Nadeshiko diese Szene und schmunzelte. In einer Gesellschaft, in der die Ehen häufig aus politischen und wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurden, war eine Liebesheirat eher ungewöhnlich … Umso mehr freute sie sich für ihre Eltern.
Während Bishu erneut das Buffet kontrollieren ging, schloss die Rothaarige zu Tai auf. „Ich bewundere euch. Ihr wirkt immer so harmonisch miteinander, als … wärt ihr zwei Hälften, die zusammengehören.“
Verlegen kratzte er sich an der Wange. „Gleichwohl bete ich jeden Abend zur großen Göttin, Bishu möge mich auch noch am nächsten Morgen lieben … Du musst wissen, ich war nicht der einzige Verehrer deiner Mutter. Sie war geneigt, sich für einen anderen zu entscheiden – doch bevor es dazu kam, ist dieser Mann spurlos verschwunden. Bis heute kann niemand sagen, was mit ihm geschehen ist … Danach konnte ich sie für mich gewonnen. Manchmal träume ich davon, dass er zurückkehrt und mir deine Mutter wegnimmt – die Zukunft ist eine einzige Ungewissheit. Aber es reicht vollkommen, im gegenwärtigen Moment glücklich zu sein … Liebe ist stärker als jede Angst.“
Ja, Nadeshiko hatte Angst – schreckliche Angst sogar … An jedem kommenden Tag könnte Ryuohtah sie für Livia verlassen und wenn sie sich zuvor vollends auf ihn eingelassen hätte, würde ihr Herz daran zerbrechen. „Was würdest du tun, falls sich dein Alptraum bewahrheiten sollte?“
„Ich würde um Bishu kämpfen“, entgegnete Tai ohne Zögern. „Dennoch bleibt es schlussendlich ihre Entscheidung, wem sie ihr Herz schenkt …“
Wie vom Donner gerührt starrte sie ihn an. In der >Halle der Reinigung< hatte Nadeshiko noch über diese Grundfeste des Glaubens von Thanca sinniert – der freie Wille galt als das größte Geschenk der Göttin an ihre Schöpfung … Trotzdem klammerte sie sich regelrecht an die Vorstellung einer vorherbestimmten Liebe zwischen Ryuohtah und Livia. Anstatt sich ihre wahrem Gefühle einzugestehen, hatte sie sich die ganze Zeit feige hinter einer Ausrede versteckt …
Ihr Vater legte ihre Hand auf die Schulter. „Ich weiß nicht, was zwischen dir und dem Herzog vorgefallen ist – es geht mich auch gar nichts an. Du musst dir nur eine Frage stellen … Ist er das Wagnis wert?“
Seinetwegen war Shikon aus der Illusion ihres alten Lebens erwacht … seinetwegen hatte sie nach Thanca zurückkehren wollen – weil sie in einer Welt, in der er nicht oder lediglich auf den Seiten eines Buches existierte, nicht mehr leben wollte und konnte.
Kaum merklich nickte Nadeshiko, woraufhin sich Tai´s Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen. „>Jeder ist der Held seiner eigenen Geschichte …< So heißt es, nicht wahr?“
Und ihre Geschichte ließ sie sich nicht von irgendeinem dahergelaufenen Autor diktieren! Es war vorgesehen gewesen, dass >Nadeshiko Bal´Hi< den Bund mit Ramon Cal´Rien einging und durch ihn den Tod fand … Dem hatte sie sich nicht gefügt. Warum also sollte sie sich dann vorschreiben lassen, wie es mit ihr und Ryuohtah weiterging? Innerlich musste die Rothaarige bei der Vorstellung schmunzeln, was Ryuohtah über diese Vorsehung sagen würde … Mehr als Spott hätte er dafür nicht übrig.
Plötzlich bahnte sich eine Träne den Weg über ihre Wange. Eigentlich wollte Nadeshiko sich in ihrem Elternhaus darauf vorbereiten, ihn endgültig zu verlassen … Dieses Vorhaben war kläglich gescheitert. Selbst wenn er ihr letztendlich das Herz brach, indem er sich gegen sie entschied, würde sie auf ewig bereuen, ihm nicht einmal die Wahl gelassen zu haben … Er selbst hatte sie um dasselbe gebeten – eine Chance.
Dankbar umarmte Nadeshiko ihren Vater, ehe sie eilig in ihr Zimmer zurückkehrte und ihre Habseligkeiten in eine Tasche warf. Anschließend klingelte sie nach Gwen. „Ich möchte mich umkleiden.“
Verwirrt zog die Zofe die Stirn kraus. Eine solche Sprunghaftigkeit kannte sie von ihrer Herrin nicht – jedenfalls nicht, bevor sie sich mit dem Herzog verlobt hatte. Erheben verneigte Gwen sich und holte drei alternative Kleider aus dem Schrank. Eines der Kleider erinnerte an die Morgensonne, die leuchtend über einem See aufging – der feine Rock hätte ebenso gut aus einem Nebelschleier bestehen können, auf dem noch der erste Tau funkelte … Das zweite Kleid schien mit strahlendem Licht eines hellen Sommertages bestickt zu sein – gleichzeitig fiel es so leicht, wie ein Blatt … Auf dem letzten Kleid spiegelte sich in zartem Dunkelblau der nächtliche Sternenhimmel – so zauberhaft, wie es der Sternsaphir gewesen war … Daher fiel ihr die Entscheidung leicht.
Aufgeregt nahm Nadeshiko am Schminktisch Platz, wobei ihr einfiel, dass Gwen genau diese Gefühlsregung am Tag ihres ersten Erwachens vermutet hatte – Euphorie, weil sie ihrem Verlobten begegnen würde. Diesmal traf es tatsächlich zu. Es fiel ihr sogar während des Kämmens schwer, still sitzen zu bleiben. Derweil trafen die ersten Gäste bereits ein – Nadeshiko und Gwen hörten die Pferde wiehern, die vor die verzierten Kutschen gespannt waren. Nachdem die Frisur trotz aller Widrigkeiten saß, sprang die Rothaarige auf und eilte zum Fenster. Vor dem Haus herrschte ein reges Treiben. Drei Reiter auf einem Schimmel, einem Fuchs sowie einem Rappen stiegen ebenfalls gerade ab …
Haltlos stürmte Nadeshiko zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und entgegnen jeder Etikette fiel sie dem Braunhaarigen unter ihnen um den Hals. „Du hast mir so sehr gefehlt …“
Ryuohtah war derart perplex, dass er zunächst keinen einzigen Muskel bewegen konnte. Mit allem hatte er nach dieser Auszeit gerechnet – außer dieser stürmischen Begrüßung.
Da er jedoch bislang nicht reagiert hatte, wollte sich Nadeshiko schon von ihm zurückziehen, als er die Arme fest um sie schlang und sie an sich presste. „Verzeih´ mir … Ich habe dich auch vermisst.“
Glücklich schmiegte sie sich an ihn. Sie war wieder zu Hause …
Für die Liebe
Nach der gelungenen Gartenparty ihrer Eltern kehrte in Nadeshiko´s Leben endlich ein bisschen Ruhe ein. Zurück in Anwesen des Herzogs trat sogar dieser bei seiner Arbeit etwas kürzer und zeigte ihr mehr von seinen Ländereien. Mit keiner anderen Dame wäre ein Edelmann wohl auf die verrückte Idee zu einem Angelausflug an einem Waldsee gekommen oder wäre gar auf deren absurden Vorschlag eines Übungskampfes eingegangen. Ryuohtah dagegen waren genau diese Dinge eingefallen – erst hatten sie zu einem Ausritt die Angelruten mitgenommen und ihr Abendessen selbst gefangen und als Nadeshiko den Wunsch geäußert hatte, von ihm im Schwertkampf unterrichtet zu werden, war er prompt darauf angesprungen. Bei ihrer Entführung hatte sie ihm bereits bewiesen, dass es ihr nicht fremd war, eine Klinge zu führen – seitdem war er neugierig, ob sie auch tatsächlich damit umgehen konnte. Einzig scharfe Schneiden hatte Ryuohtah kategorisch abgelehnt, was Nadeshiko genau genommen nach der langen Zeit ohne Training sogar ganz recht war. Seiketsu hatte ihr eine Lederhose samt einer weißen Blusen geliehen, damit Nadeshiko nicht durch einen ihrer Röcke behindert würde. Im Gegensatz zu den anderen Frauen Thanca´s – von der Paladinnin einmal abgesehen – war es ihr nicht fremd, sogenannte Männerkleidung zu tragen. Manchmal fehlte ihr die Bequemlichkeit einer Hose, wobei die Schönheit ihrer Kleider dies zumeist wettmachte …
„Bist du bereit?“, fragte der Braunhaarige und hob das hölzerne Schwert.
Nadeshiko nahm ein paar ruhige Atemzüge, dann nickte sie entschieden und hob ebenfalls ihre Waffe, was keine Sekunde zu spät geschah – innerhalb eines Wimpernschlags hatte Ryuohtah die Entfernung zwischen ihnen überwunden. Krachend schlugen die Übungsschwerter gegeneinander. Sie hätte wissen müssen, dass er sofort zum Angriff überging … In Sachen Körperkraft würde sie ihn sicherlich nicht übertreffen können. Mit einer Drehung befreite Nadeshiko sich aus der Verkeilung und holte ihrerseits zum Streich aus. Beinahe tänzelnd wich der Braunhaarige aus, ehe er erneut angriff. Diesmal konnte sie sich unter dem Hieb hinwegducken und schnellte von unten wieder hoch. Noch einmal prallten die Hölzer aufeinander. Es gab in seiner Deckung keine Lücke oder Schwachpunkt … Eine Taktik fiel ihr ein, die möglicherweise Wirkung zeigen konnte. Ohne Vorwarnung ließ sie sich zu Boden fallen und rollte sich so ab, dass sie hinter ihm wieder auf die Füße kam. Gleichzeitig führte sie ihr Schwert im Bogen von oben. Als sie direkt über seinem Nacken anhielt, bemerkte Nadeshiko, dass er die Schwerthand gewechselt und einen Rückhandhieb nach ihrem Bauch unternommen hatte. Damit war der Kampf mit einem Unentschieden beendet.
Etwas außer Atem grinste die Rothaarige ihn an. „Vielleicht ist der berüchtigte Feldherr des Königs ja doch nicht so unbesiegbar …“
„Auf jeden Fall ist er sehr beeindruckt“, entgegnete Ryuohtah teils schelmisch, teils mit unverhohlenem Stolz in der Stimme, „vielleicht verrätst du mir ja irgendwann, wo du gelernt hast, ein Schwert zu führen … Beim Turnier wärst du eine ernsthafte Konkurrenz.“ Auf ihren verwirrten Gesichtsausdruck hin, fuhr er fort. „Zum Gründungstag des Königsreichs veranstaltet Shiro jedes Jahr ein kleines Ritterturnier. Letztes Jahr habe ich eine Teilnahme verweigert … aber nun habe ich ja einen Anreiz.“
Ähnlich wie bei der Monsterjagd ging es auch hierbei um die Gunst einer Dame … Grinsend beugte er beugte sich vor, sodass ihre Gesichter einander fast berührten und sie den Atem des anderen auf ihrer Haut spüren konnten. Die durch das Kribbeln in ihrem Bauch ausgelöste Versuchung strömte durch ihren Körper … Eine kleine Bewegung und ihre Lippen würden einander wieder berühren – jener Moment war bereits viel zu lange her.
Doch noch ehe ihr Gehirn den Befehl dazu geben konnte, wandte sich Ryuohtah ab. „Diese Belohnung hole ich mir ab, wenn ich als Sieger vom Platz gehe …“
Verlegen schluckte Nadeshiko den Kloß in ihrem Hals herunter. Es war ihr bereits aufgefallen … Seit ihrer Rückkehr ins Anwesen suchte er viel selbstbewusster den Kontakt zu ihr – verflogen waren seine Bedenken, er könne ihr zu nahe getreten sein. Und ehrlich gesagt gefiel ihr das. Gleichzeitig setzte dabei regelmäßig ihr Gehirn aus. Doch ohne die direkte Nähe, war sie schlagartig wieder zum logischen Denken fähig – bei der Feier zum Gründungstag hatte Livia ihm in >Ein legendäres Schicksal< ihre Liebe gestanden …
Es amüsierte Nadeshiko, Ryuohtah und Shiro zusammen zu erleben. Wenigstens um diesen Teil der Geschichte brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, nichts würde so schnell einen Keil zwischen die beiden Brüder treiben. Der König und der Feldherr – einer war die Stimme der Öffentlichkeit, der andere das Schwert des Reiches …
Direkt im Anschluss an die Eröffnungsrede des Königs, in der er auf die stolze Geschichte Thanca´s einging, wurden die Ritter zu den Waffen gerufen – wortwörtlich, denn für das Turnier durften die Kämpfer lediglich bereitgestellte, stumpfe Schwerter verwenden. Nadeshiko bot sich an, auf die Klingen von Ryuohtah, Seiketsu sowie Kamekle zu verwahren. Anschließend wurden die jeweiligen Paarung für die Zweikämpfe ausgelost. Diese Vorrunden konnte man allerdings noch nicht recht ernst nehmen – Seiketsu besiegte ihren Gegner innerhalb weniger Sekunden, Kamekle benötigte einen einzigen Hieb und gegen Ryuohtah traute sich derjenige gar nicht erst anzutreten, weshalb er ziemlich übellaunig an seinen Platz zurückkehrte.
„Dein Ruf eilt dir eben voraus“, versuchte Nadeshiko ihn aufzumuntern.
Mit einem resignierten Seufzen sah er hinab zur Kampfarena, in der seine beiden Leibwächter Stellung bezogen. „Ja, aber wie soll ich mich meiner Verlobten als würdig erweisen, wenn ich gar nicht erst zum Zug komme?“
Am Liebsten hätte sie ihn auf der Stelle geküsst, doch dazu kam es nicht … Während sich Seiketsu und Kamekle mit Blicken fixierten – durch das tagtägliche Training kannten sie die Bewegungen des anderen ebenso so gut, wie ihre eigenen –, erschütterte ein Erdbeben das Schlossgelände, wie von einer Detonation. Geistesgegenwärtig zog Ryuohtah die Rothaarige an sich, denn schon folgte die nächste Explosion, die einen gewaltigen Krater in den Boden riss. Schockiert starrte Nadeshiko die Unglücksstelle an. Während des Turniers hätte es keinen Zwischenfall geben sollen … Durch die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen sollten die >Am Fah< in ihren Handlungsspielraum eingeschränkt sein. Aus dem Buch kannte die noch ein paar Einzelheiten, die allerdings erst in einigen Wochen hätten stattfinden sollen … Ihre Informationen waren vollkommen nutzlos geworden.
Panisch packte sie ihren Verlobten bei den Schultern. „Bitte, stell´ mir jetzt keine Fragen, sondern tu genau, was ich sage – geh´ zu den Stallungen, in der dritten Box auf der rechten Seite lässt sich die Wandvertäfelung öffnen … Durch diesen Durchgang gelangst du in die Kanalisation und wirst sicherlich auch auf die Bombenleger treffen.“
Dies war ihr allerletzter Trumpf, der sie mehr als nur verdächtig machte … Das konnte sie an Ryuohtah´s Miene deutlich erkennen – er konnte gar nicht anders, als sich fragen zu müssen, ob sie ein Teil dieser Verschwörung gegen die Krone war … ob sie sich ihm insgeheim deshalb genähert hatte.
Da schlossen die Paladine zu ihnen auf – Seiketsu stützte sich auf ihren Gefährten. Blut sickerte aus einer Wunde an ihrem Bein, damit würde sie vorerst keinen Kampf bestreiten können.
„Kamekle, wir gehen …, entschied Ryuohtah gefasst. „Nadeshiko, du kümmerst dich um sie.“
Zitternd nickte die Rothaarige. „Sei vorsichtig …“
Er biss sich auf die Unterlippe, dann streichelte er über das Haar und machte sich mit dem Blonden auf den Weg. Es konnte einfach nicht sein, dass Nadeshiko den >Am Fah< angehörte – er traute es selbst ihren Eltern nicht zu … Nein, die Besorgnis, die ihr in den Augen gestanden hatte, war nicht gespielt gewesen – die Verbindung zwischen ihnen, die weit über ihre Abmachung hinausging, war echt!
Unterdessen kniete sich die Rothaarige neben ihre Freundin und begutachtete die Wunde, gleichzeitig riss sie einen Streifen Stoff von ihrem Unterkleid ab, um ihr Bein zu verbinden. „Wie fühlst du dich?“
„Beschämt … Mein Herr und mein Partner bräuchten meine Hilfe, aber ich wäre ihnen gerade bloß ein Klotz am Bein“, entgegnete die Paladinin kleinlaut.
Beiläufig nickte Nadeshiko, während ihre Augen etwas erspähten das ihr einen kalten Schauer über den Rücken jagte – auf ihrem Tribünenplatz lagen noch immer Ryuohtah´s Langgolche, zusammen mit den Schwertern von Seiketsu und Kamekle. Die beiden hatten ihre Waffe bei ihrem hastigen Aufbruch nicht mehr an sich genommen … Die stumpfen Turnierklingen würden ihnen gegen die Verbrecher, die sie jagten, keine große Hilfe sein.
Wie von der Tarantel gestochen, sprang sie auf. „Ich muss ihnen sofort nach! Und du lässt dich in Sicherheit bringen.“
Auf ihren Wink kam eine der Palastwachen, die die Evakuierung koordinierten, kam zu ihnen und half der Braunhaarige auf. Nadeshiko dagegen schnallte sich die Waffen um und machte sich ebenfalls auf den Weg in das unterirdische Tunnelsystem. Kleine Öllampen waren in die Wände des provisorischen Tunnels geschlagen worden. Diesem modrigen Pfad folgte sie, in der Hoffnung auf keine Abzweigung zu stoßen … Irgendwann mündete der Weg hinaus in den befestigten Teil der Kanalisation und von hier kamen auch die wild durcheinander schreien Stimmen, die seit geraumer Zeit bereits dumpf vernommen hatte. Außerdem konnte sie das Geräusch von aufeinander krachendem Metall hören. Nadeshiko beschleunigte ihre Schritte – sie durfte nicht zu spät kommen ... Der Gang führte in eine große Halle. Dort waren sowohl Kamekle als auch Ryuohtah in Zweikämpfe verwickelt. Just im Moment ihres Erscheinens zerbarst die Ersatzklinge des Herzogs. Erneut holte sein Gegner zum Schlag aus, als plötzlich eine Schwertspitze aus seiner Brust ragte und er in der Bewegung innehielt. Entgeistert starrte Ryuohtah die Schneide an, die nur wenige Zentimeter vor seinem eigenen Körper zu halten gekommen war … Ruckartig wurde die Klinge wieder herausgerissen und der Attentäter kippte leblos zur Seite, womit er den Blick auf seinen Angreifer freigab.
„Shiko!“, rief er ungläubig aus. „Wa-Was machst du denn hier?“
Anstatt ihm zu antworten warf sie Kamekle sein Schwert zu, der damit ebenfalls seinen Gegenüber niederstreckte. Danach reichte sie auch dem Braunhaarigen grummelnd seine Langdolche. „Hättest du an deine Waffen gedacht, hätte ich mir weit weniger Sorgen machen müssen … Oder was glaubst du, was ich hier tue, außer dein Leben zu retten? Es ist ja nicht so, als wäre dieser Ort eine Sehenswürdigkeit.“
Erleichtert schloss Ryuohtah sie fest in die Arme. Da geschah es – jener Feind, gegen den Kamekle gekämpft hatte, streckte ein Bein aus und löste damit einen Stolperdraht aus. Der dazugehörige Sprengsatz war an einer der tragenden Säulen angebracht worden … In einem Feuerwerk aus Licht und Rauch brach alles über ihnen zusammen.
Orientierungslos Nadeshiko blinzelte gegen das Sonnenlicht und war überrascht blauen Himmel über sich zu sehen … War sie nicht gerade noch unterhalb des Schlosses gewesen? Das Loch in der Decke kam ihr merkwürdig vor – einige der Steine hingen teilweise lose herab und es wirkte so chaotisch, nicht durchdacht. Abrupt kehrte ihre Erinnerung an die Explosion zurück. Im selben Moment bemerkte sie das stete Pochen an ihrer Wange und atmete erleichtert auf. Ryuohtah war ebenfalls noch am Leben …
„Geht es dir gut?“, fragte er mit seltsamem Tonfall.
Zugleich beruhigt und besorgt setzte sich die Rothaarige auf, um ihm ins Gesicht zu blicken und erschrak. Unfähig ihren Augen zu trauen, streckte sie zitternd eine Hand aus und fasste ins Leere. Scharlachrotes Blut tropfte von jener Stelle, an der Ryuohtah´s linker Arm hätte sein sollen …
„Ohtah, du …“, begann sie, während die Tränen über ihre Augenränder traten. "Kamekle, hol' Hilfe!"
Nadeshiko riss einen weiteren Streifen Stoff von ihrer Kleidung ab und band damit den Stumpf ab.
Zärtlich fuhr er mit seinen verbliebenen Fingern über ihre Wange, wischte die salzige Flüssigkeit von ihrer Haut. „Du brauchst nicht zu weinen – es ist doch bloß ein Arm … Hauptsache dir geht es gut.“
Mit seinem Körper hatte er sie beschützt, hatte gar keine Wahl gehabt. Und er hatte sich nicht in ihr getäuscht … Woher auch immer ihre Informationen stammte, sie gehörte nicht zu den Rebellen.
Ihr Schluchzen versiegte, dafür wurde ihr Blick vollkommen leer und ihre Stimme tonlos. „Das ist alles meine Schuld … Nur meinetwegen gerät Ohtah ständig in Schwierigkeiten und wurde so schwer verletzt Nichts davon wäre passiert, wenn ich einfach gestorben wäre – weil ich weitergelebt habe, hat sich seine Zukunft verändert.“
Ryuohtah verstand nicht, was seine Verlobte da sagte. Hatte sie durch den Anblick seiner Verstümmelung etwa plötzlich den Verstand verloren? Mit der verbliebenen Hand rüttelte er sie an der Schulter. „Shiko, wovon sprichst du da? Komm´ wieder zu dir!“
Doch ungerührt fuhr Nadeshiko fort. „Ich gehöre einfach nicht hierher … Meine Seele stammt nicht aus Thanca, deshalb stößt diese Welt mich ab – das ist auch der Grund für den Anschlag im Kloster. Ich hätte mich nicht gegen die Geschichte aus dem Buch auflehnen dürfen … das ist jetzt meine Strafe. Wenn ich Ohtah nur niemals in Sache mithineingezogen hätte, dann-“
„Dann hätte ich niemals erfahren, was es bedeutet, einen anderen Menschen wahrhaftig zu lieben!“, unterbrach Ryuohtah ihren Monolog.
Nun war es heraus – genau so empfand er für sie. Nie zuvor hatte es einen Menschen gegeben, der in ihm ein derartiges Gefühl auslöste … Wenn sie nicht bei ihm war, hatte er den Eindruck, nicht atmen zu können. In ihrer Nähe dagegen schien die Welt aufzuleuchten.
Endlich zeigte sie eine Reaktion und sah ihn mit einem traurigen Lächeln auf dem Gesicht an. „Natürlich … Ohne mein Zutun wäre dein Leben wie im Roman >Ein legendäres Schicksal< verlaufen und du hättest in meiner Kindheitsfreundin Livia deine wahre Liebe gefunden. Stattdessen habe ich mich eingemischt, indem ich dir diese Abmachung zwischen uns aufgezwungen habe … Du siehst also – an allem trage ich ganz allein die Schuld.“
In Ryuohtah´s Kopf überschlugen sich die Gedanken. Diese ihre Geschichte klang so absurd … aber dadurch würde alles plötzlich einen Sinn ergeben.
„Vielleicht kann ich es damit wieder gutmachen!“ Eine fast manische Euphorie hatte die Rothaarige ergriffen und sie hielt das Glöckchen hoch, welches Bruder Mhenlo ihr geschenkt hatte.
Ruckartig schoss seine Hand vor, packte sie am Handgelenk. „Ich verbiete es! Für mich gibt es weit Schlimmeres, als einen Arm zu verlieren … Wenn du das nächste Mal deine Augen schließt und nicht wieder aufwachst – das würde ich nicht ertragen. Dieses Artefakt ist deine einzige Chance …“ Zitternd sah Nadeshiko ihn an, die Augen wieder voller Tränen und bei klarem Verstand. Er hatte den letzten Teil von ihrem Gespräch mit Bruder Mhenlo also mitangehört … „Ich will keine Angst mehr vor der Zukunft haben, Ohtah … Ich wünsche mir einzig mit dir im gegenwärtigen Moment glücklich zu sein – weil ich dich liebe!“
Damit küsste sie ihn und während Ryuohtah der Woge des Glücks verfiel, rief sie die Macht der heilige Energie an. Noch ehe sich ihre Lippen voneinander lösten, formte sich sein verlorener Arm wie aus dem Nichts neu.
Durch alle Welten
Dieser Zwischenfall beendete die Feierlichkeiten vorzeitig. Da sich Nadeshiko nicht länger verstellen musste, war noch einmal ganz genau ihre Erinnerung durchgegangen und hatte eine Liste mit bedeutenden Namen der Aufständischen verfasst. Es waren sogar einige Mitglieder der Familie Bal´Ossa auf frischer Tat ertappt worden. Alles schien wieder in Ordnung zu sein … Obendrein schwebten Nadeshiko und Ryuohtah regelrecht auf Wolke sieben. Allerdings fühlte sie sich ohne den steten Fluss der heiligen Energie fühlte Nadeshiko sich in den folgenden Tagen tatsächlich geschwächt – was sie, so gut es ging, vor Ryuohtah zu verheimlichen versuchte. Seit ihrem letzten Gespräch hatte sie kein Wort mehr von Bruder Mhenlo gehört. Seine Suche nach einem Heilmittel war demnach erfolglos geblieben. Ihr lief buchstäblich die Zeit davon …
Als Ryuohtah zu einer erneuten Besprechung mit seinem Bruder gerufen wurde, setzte sich die Rothaarige an seinen Schreibtisch und nahm Papier, Feder sowie Tinte zur Hand.
Im ersten Brief wandte sie sich an ihren Geliebten. „Mein geliebter Ohtah, ich kann mich für meine Entscheidung nicht entschuldigen, denn ich bereue es nicht – du bist mir wichtiger, als mein eigenes Leben. Es mag verrückt klingen, aber im Grunde bin ich bereits gestorben oder hätte zumindest längst tot sein sollen … Diese Zeit mit dir war ein unglaublich kostbares Geschenk und ich möchte keinen Moment davon missen. Nicht einmal die schlaflose Nacht während der Monsterjagd – ist diese Sorge doch nur ein weiterer Beweis meiner Gefühle für dich. Ich liebe dich! Niemals hätte ich mir vorstellen können, so für jemanden zu empfinden … Und soll ich dir ein kleines Geheimnis verraten? Ich war sogar schon beim Lesen des Buchs ein kleines bisschen in dich verliebt, obwohl es dir im Nachhinein gesehen einfach nicht gerecht wird. Ich wünsche mir, dass du glücklich wirst! Wenn die große Göttin gnädig mit mir ist, werde ich aus dem Jenseits über dich wachen. In Liebe, deine Shiko“
Anschließend verfasste sie noch drei weitere Briefe. Ihren Eltern schrieb sie, dass sie gestorben sei, um ihre große Liebe zu beschützen und sich Bishu´s Wunsch erfüllt hätte – an der Seite von Ryuohtah war sie glücklich gewesen. Ähnliche Wort fand sie auch für Bruder Mhenlo – er solle Ryuohtah nicht grollend für ihren Tod verantwortlich machen und sich erneut jahrhundertelang in irgendeiner Bibliothek verkriechen. Zuletzt war das Schreiben für Seiketsu an der Reihe – ihr sprach sie ihre Bewunderung aus und bat sie an ihrer statt ein erfülltes Leben mit demjenigen, den sie von Herzen liebte, zu verbringen.
Anschließend steckte Nadeshiko die Papiere in adressierte Kuverts, die sie mit einem Nelken-Siegel verschloss, und überreichte sie Gwen. „Sollte mir in naher Zukunft etwas zustoßen, möchte ich, dass du meine Nachrichten weitergibst. Bis dahin – kein Wort zu niemandem.“
Bekümmert nickte die Zofe. Ihr war nicht entgangen, dass die Augenringe ihrer Herrin von Tag zu Tag dunkler wurden … „Ich werde Eurem Wunsch entsprechen – aber ich hoffe, dass dies ein Befehl ist, den ich nicht ausführen muss.“
Dankbar umarmte Nadeshiko ihre Vertraute. Diese Welt hatte ihr so viel gegeben … Egal was mit ihr geschehen würde, diesmal würde sie ohne Reue sterben. Die Briefe waren ein Teil davon gewesen, aber über eine Sache musste Nadeshiko von Angesicht zu Angesicht mit Ryuohtah sprechen …
Zurück von seinem Termin überraschte sie ihn am Eingangsportal mit einem voll gepackten Picknickkorb. „Ich dachte, wir könnten einen kleinen Spaziergang unternehmen und uns dann ein gemütliches Plätzchen suchen … nur für uns beide.“ Lächelnd nahm er ihr das Gepäck ab und legte den freien Arm um ihre Schultern. „Siehst du – du brauchst doch zwei Arme.“
Von der Seite her warf er ihr einen finsteren Blick zu, der Nadeshiko zum Lachen brachte. Sie hatte gewusst, dass er ihren Scherz nicht würde lustig finden – daher wechselte sie das Thema. „Ich … dachte nicht, dass du mir die Sache mit meiner Herkunft wirklich glauben würdest.“
„Ich verstehe es zwar nicht, aber ich glaube dir – alles. Nicht nur diese unglaublichen Dinge über eine andere Welt … sondern auch was deine Gefühle für mich betrifft“, entgegnete Ryuohtah, wobei er sie näher an sich zog. „Als wir noch Kinder waren, haben Shiro und ich einmal darüber gesprochen, ob wir wohl eines Tages jemanden finden würden, dem nicht allein an dem königlichen Blut in unseren Adern gelegen wäre … Endlich habe ich dich gefunden und ich werde alles dafür tun, um dich niemals mehr zu verlieren – selbst wenn das bedeutet, an das Unmögliche zu glauben.“
Verliebt sahen sich beide an. Durch die Augen des anderen abgelenkt, achteten sie nicht mehr auf den Weg und stießen prompt mit einem Mädchen zusammen. Nadeshiko wurde zur Seite gestoßen, während Ryuohtah reflexartig seine Hand nach der Passantin ausstreckte, um sie vor einem Sturz zu bewahren.
Eine Entschuldigung murmelnd hob er den Blick, wobei ihm augenblicklich der Atem stockte. Unterdessen hatte sich Nadeshiko von dem Schreck erholt und schaute ebenfalls auf, was sie jedoch erneut erzittern ließ. Bereits beim letzten Mal hatte sie ihre Kindheitsfreundin schon zweifelsohne erkannt …
Livia präsentierte Ryuohtah perfektes, herzerwärmendes Lächeln und legte ihre Hände auf seine Brust. „Warum schlägt mein Herz plötzlich so schnell, wenn ich in Euer Gesicht blicke? Und … ich spüre, dass es Euch ähnlich ergeht, Mylord.“
Geschockt registrierte Nadeshiko, dass Ryuohtah sie nicht von sich schob. Ihm rutschte sogar der Picknickkorb aus den Händen und fiel neben ihr zu Boden, ohne dass er dem Beachtung schenkte. Vor exakt diesem Moment hatte sie sich gefürchtet – es war tatsächlich so, als hätte plötzlich der Hauptcharakter die Bühne betreten und sie an den Rand des Geschehens gedrängt … Es kam ihr vor, als würde eine unsichtbare Macht niederdrücken, zur Unfähigkeit verdammt. Ein ersticktes Schluchzen stieg in ihr auf.
Nein, sie war nicht länger bloß eine Nebenfigur – sie würde dem Rat ihres Vaters folgen und nicht tatenlos zusehen, wie ihr jemand ihre Liebe stahl! Entschlossen kämpfte sich Nadeshiko zurück auf die Füße und stellte sich vor Ryuohtah. Im selben Moment fror die Zeit, gleich dem Zauber von Bruder Mhenlo, um sie herum ein.
Selbst der Braunhaarige wurde diesmal davon erfasst – im Gegensatz zu Livia. „So, so, du hast also etwas dagegen, dass dein Liebster sich für mich interessiert … Dabei wäre es doch so viel einfacher gewesen, sich dem Schicksal zu beugen. Findest du nicht?“
Nadeshiko schwieg, musterte ihre Gegenüber eindringlich. Obwohl das zweifelsohne >Livia< war, die vor ihr stand, passte ihre Ausstrahlung nicht zu >Nadeshiko´s< Erinnerung an das lebensfrohe Waisenmädchen … Es war ihre Stimme, die nicht ins Bild passte – dieser beinahe polyphone Klang kam ihr dennoch bekannt vor. „Das … das warst du damals auf dem Dach …“
Gleichzeitig mit ihrem schallenden Lachen veränderte sich ihr Äußeres hin zu der geheimnisvollen Kapuzengestalt. „Du hast es herausgefunden … Bravo, mein Kind! Dann darfst du jetzt wählen – ich kann dich zurück in deine heile Welt vor dem Unfall schicken oder du erträgst Ryuohtah´s Entscheidung, ganz gleich wie diese ausfällt.“
Dies war der Scheidepunkt – eine letzte Möglichkeit, von ihrem Pfad abzuweichen … Wie viele solcher Gelegenheiten hatte es bereits gegeben? Auf der Soiree hätte sie jemand anderes für ihr Komplott wählen können – doch sie hatte sich für Ryuohtah entschieden. Bei ihrer Entführung durch Ramon Cal´Rien hätte sie auf seine Forderungen eingehen können – doch sie hatte auf Ryuohtah vertraut. Für die Monsterjagd hätte sie ihre Gunst einzig Seiketsu gewähren können – doch sie hatte sich insgeheim gewünscht, Ryuohtah würde entgegen jeder Wahrscheinlichkeit ihr Taschentuch annehmen. Im >Tempel der Gelassenheit< hätte sie Bruder Mhenlo´s Angebot annehmen können – doch sie wollte an Ryuohtah´s Seite bleiben. An Shiro´s Test hatte sie nicht geglaubt – doch Ryuohtah und sie hatten einander trotz der Verkleidungen erkannt. Schon einmal hätte sie in ihre heile Welt zurückkehren können – doch sie hatte sich in Ryuohtah verliebt. Und auf diesem Gefühl beruhten all ihre Entscheidungen …
„In der Liebe gibt es keine Garantie … Alles, was einem übrig bleibt, ist zu glauben. Und ich glaube an die Gefühle zwischen Ryuohtah und mir! Selbst … selbst wenn er mich verlassen sollte, wäre mir das immer noch lieber, als in einer Welt zu leben, in der er nur als Tinte auf ein paar Buchseiten existiert“, antwortete Nadeshiko und machte eine Pause, um sich vor >Livia< zu verneigen. In ganz Thanca existierte lediglich ein Wesen, für welches der freie Wille ein derart großes Gebot darstellte … „Aber diese Antwort habt Ihr sicherlich erwartet, oh große Göttin …“
Begeistert klatschte sie in die Hände und schlug ihre Kapuze zurück. Ihre Erscheinung erinnerte sie an ihre leibliche Mutter … Deutlich konnte Nadeshiko Züge von Kai in ihrem Antlitz entdecken, gleichzeitig war sie noch immer Livia. „Wundere dich nicht, mein Kind – mein Äußeres richtet sich nach der Vorstellung meines Gegenübers, so selten das auch vorkommt. Du besitzt eine erstaunliche Kombinationsgabe – es freut mich, dass mein Eindruck von dir nicht enttäuscht wurde.“
„Warum … hast du mich in diese Welt geschickt?“, wollte Nadeshiko verwirrt wissen.
Die Göttin lächelte mild. „Weißt du das wirklich nicht? Deine Seele und die von Ryuohtah sind miteinander verbunden – es war Schicksal. Diesem Band konnte nicht einmal ich etwas anhaben … deshalb habe ich euch all diese Prüfungen auferlegt und euch mehrfach vor die Wahl gestellt – so bin ich nun einmal.“
„Weshalb verliebt er sich im Buch dann in >Livia<?“, hakte die Rothaarige weiter nach.
Verschwörerisch zwinkerte die Weltenschöpferin ihr zu. „Nichts geschieht zweimal auf dieselbe Weise – merke dir das gut, mein Kind. Dennoch musstet ihr, trotz unterschiedlicher Welten, in die ihr hinein geboren wurdet, irgendwie zueinander finden … Und war der Roman nicht ziemlich einfallsreich? Außerdem ist Ryuohtah einer meiner Lieblinge …“
Damit ergab auch die letzte Ungereimtheit einen Sinn. Ja, wie sonst hätte Shikon auf Ryuohtah aufmerksam werden sollen? Und ein Buch über sie selbst hätte dem Grundsatz der Göttin widersprochen … Nichtsdestotrotz waren sie tatsächlich füreinander bestimmt. Was Bruder Mhenlo zu ihrer Begegnung mit der Göttin sagen würde? Vorrangig wäre auch er sicherlich erleichtert. Denn Nadeshiko fühlte, wie ein warmes, kräftigendes Gefühl durch ihren Körper strömte – niemals wieder würde sie der Gefahr erliegen, aus dieser Welt gerissen zu werden …
„Der Abschied naht, mein Kind …“, meinte die Göttin und begann sich langsam aufzulösen, „sei jedoch gewiss, dass ich stets über dich wachen werde.“
Nadeshiko schluckte hart, um sie mit einem Lächeln verabschieden zu können. „Ich danke Euch von ganzem Herzen für dieses Leben!“
Nur eine Sekunde später löste sich der Zauber und Ryuohtah zuckte zurück. Verwirrt blinzelnd schaute er sich um, konnte er doch nur Nadeshiko entdecken. Wohin war dieses eigentümliche Mädchen verschwunden? Aus irgendeinem Grund hatte er nicht verhindern können, dass es ihr so nahe kam …
„Sag´ mir die Wahrheit, Ohtah … Hast du gegenüber diesem Mädchen irgendetwas empfunden?“, verlangte die Rothaarige zu erfahren, ohne sich umzuwenden.
Ein kurzes Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. „Ist da etwa jemand eifersüchtig?" Da sie nicht antwortete, schlug er einen ernsteren Tonfall an. „Ja … ich habe eine merkwürdige Kraft in ihr spürt, die mir einerseits Angst gemacht hat und auf der anderen Seite irgendwie … beruhigend wirkte. Wer war das?“
Nun drehte sich Nadeshiko doch zu ihm um. „Livia.“
Ihretwegen hatte sie diesen Ausflug überhaupt erst unternehmen wollen – nichtsahnend ihr wortwörtlich direkt in die Arme zu laufen. Die Göttin hatte gewusst, dass ihre Kraft zu Ende entgegenging … deshalb hatte sie sich ihnen als Livia gezeigt. Eigentlich wollte Nadeshiko ihm ursprünglich von ihr erzählen, um ihm den Weg für ein glückliches Leben zu ebnen – die Chance auf eine zweite Liebe. Letztendlich war sie nicht im Stande gewesen, zur Seite zu treten und ihn einer anderen zu überlassen. Aber all das musste Ryuohtah erfahren, um sie wahrhaftig zu verstehen und so berichtete sie ihm von der Handlung des Romans, wie er Livia kennen- und schlussendlich liebengelernt hatte. Während der Erzählung war sie immer mehr seinem Blick ausgewichen.
„Shiko … sieh´ mich bitte an“, sagte er, nachdem sie geendet hatte, und legte einen Finger unter ihr Kinn, um ihren Kopf mit sanftem Druck zurück in seine Richtung zu drehen. „Das Buch hatte recht – ich habe mich tatsächlich auf den ersten Blick in ein vollkommen fremdes Mädchen verliebt, das wie zufällig in mein Leben getreten ist … Obwohl mich mein Instinkt zur Vorsicht mahnte, konnte ich dich nicht ziehen lassen – nicht bei der Aussicht, dich selbst nur zum Schein weiterhin in meiner Nähe zu wissen. In dem Moment, als du mich mit deinen strahlenden Augen und dieser Entschlossenheit in deiner Stimme angesprochen hast, habe ich mein Herz an dich verloren … Ich liebe dich, Shiko, für den Rest meines Lebens und wenn wir eines fernen Tages in einer anderen Welt wiedergeboren werden, so gelobe ich, dich erneut zu finden!“
Diesmal ließen sich die Tränen nicht zügeln. Für einen kurzen Moment hatte die Angst ihr die Luft abgeschnürt …
Lächelnd kniete Ryuohtah vor ihr nieder und zauberte sprichwörtlich einen silberfarbenen Ring hervor, in den der schwarze Sternsaphir eingearbeitet war, den sie selbst ausgesucht hatte. „Ich habe dich das noch nie zuvor gefragt … Lady Nadeshiko, würdet Ihr mir die große Freude gewähren, meine Gemahlin zu werden?“
Nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte sie sich vorstellen, dass der Handel zwischen ihnen so zu Ende gehen würde … Gleichzeitig lachend und weinend vor Glück warf sie sich in seine Arme. „Nichts auf der Welt würde mich glücklicher machen, Herzog Dal´Taiyo …“
Egal in welcher Welt und in welchem Leben, ob mit oder ohne Erinnerungen – Nadeshiko und Ryuohtah sind auf ewig füreinander bestimmt … Verbunden durch ein unzerstörbares Band, geschmiedet im Feuer unzähliger Prüfungen und Hindernisse. Doch war es letztendlich ihre eigene Entscheidung, diesen Weg zu beschreiten …