Eine schwere Zeit
Die Zeit nach der Beerdigung war schwer. Sehr schwer. Ich habe nicht einen Fuß in seine Wohnung gesetzt, selbst meine eigene habe ich seitdem kaum betreten.
Ich kann mich nur an ein Mal erinnern, dass ich in meiner Wohnung gewesen war, alle anderen „Besuche“ sind wie aus meinem Gedächtnis fortgewischt. Das eine Mal, an das ich mich erinnere, war direkt nach der Beisetzung.
Mrs. Hudson und Sarah hatten mich nach oben gebracht und ins Bett gelegt, damit ich mich etwas ausruhte. Mrs. Hudson hatte mir sogar Tee gebracht. Wie konnten sie nur glauben, dass ich zur Ruhe kommen würde? Nachdem er... Sherlock... nachdem Sherlock gestorben ist...
Ich niemals wieder nach Hause kommen und ihn in seinem Sessel sehen werde, während er über einen Fall nachdenkt. Die Beine angezogen, die Hände an den Mund gelegt, wie für ein stilles Gebet. Die Augen in weite Ferne gerichtet, seine Umgebung vollkommen ausgeblendet. Und wie er mich dann erneut nach einem Stift oder meinem Handy fragte, weil ich ihm nicht geantwortet hatte. Weil er gar nicht bemerkt hatte, wie ich vor Stunden die Wohnung verlassen hatte.
Gott, wie ich ihn vermisse! Allein bei dem Gedanken an all die Dinge, die jetzt anders sein werden, an den Gedanken, dass er nicht mehr ist, strömten die Tränen nur so aus mir hervor.
Ich fuhr mir mit meinem Ärmel mehrmals und ziemlich grob über die verweinten und geschundenen Augen, hoffte meine Gefühle wieder soweit unter Kontrolle zu bringen, dass ich nicht heulend aus dem Cab stieg.
Im Allgemeinen hatte ich mir inzwischen Sherlocks Sicht der Dinge angewöhnt, was die Meinung der Mitmenschen angeht: ist doch egal, was die Leute denken oder sagen. Aber in mir war immer noch eine kleine Stimme, die sich dann und wann zu Wort meldete und mich daran erinnerte, dass es Menschen gab, die Leute „in Not“ bemerkten und sich sofort um sie kümmerten, einen Krankenwagen oder die Polizei riefen, wenn sie es für nötig hielten. Und das wollte ich am Allerwenigsten, darum musste ich mich zusammenreißen.
Ich gab den Fahrer sein Geld und stieg aus, kaum dass der Wagen zum Stehen gekommen war. Es regnete, wie so oft in letzter Zeit. Doch ich machte mir nicht die Mühe, den Kragen hochzuschlagen oder mich irgendwie vor dem Regen zu schützen - es war mir egal, ob ich nass wurde. Ich sah auf, blinzelte den Regen aus meinen Augen und ging langsam auf das Gebäude zu, das vor mir emporragte: Scotland Yard.
Eine schwere Zeit
Der Besuch bei Scotland Yard war heute nur ein Vorwand von Detective Inspektor Lestrade. Er wollte sich ein Bild davon machen, wie es mir mittlerweile ging - alles natürlich hinter der Fassade eines neuen Falls. Ich bemühte mich jedoch nicht sonderlich, ihm etwas vorzumachen - meine vom Weinen verquollenen Augen hätten jedes Wort der Täuschung Lügen gestraft. Aber das Büro wollte ich auch nicht weinend betreten. So viel Stolz besaß ich noch.
Ich bemühte mich also, nicht an Sherlock zu denken, während Lestrade mir den Fall erklärte. Und ich zwang mich nicht an ihn zu denken, als Sergeant Donovan den Raum betrat. Nachdem ich ihr aus reiner Höflichkeit zur Begrüßung zugenickt hatte, versuchte ich sie nach Kräften zu ignorieren. Denn sie war eine der wenigen Personen die ich kannte, die Sherlocks Tod nicht wirklich bedauernswert fanden - und dafür verachtete ich sie zutiefst. Die Tatsache, dass sie mich durch ihre bloße Anwesenheit an Sherlock erinnerte, indem sie mir durch ihren Anblick die kleinen Streitereien ins Gedächtnis rief, besserten weder meine Stimmung noch meine Meinung von ihr.
So gut es ging konzentrierte ich mich auf den Fall, lauschte Lestrades Theorien über das Mörderprofil, hörte mir die bisherigen Überlegungen der Motive an...
Doch wieder wurde ich an Sherlock erinnert, denn ich ertappte mich dabei, wie ich mir Fragen stellte wie „Was für Spuren hätte Sherlock noch gefunden?“, „War die Polizei schon immer so langsam im Aufklären von Fällen? Sherlock hätte schon längst...“ Ich schüttelte unwillkürlich den Kopf um die Gedanken zu vertreiben und als ich zu Lestrade aufsah - ich hatte erst jetzt bemerkt, dass er verstummt war und scheinbar auf meine Einschätzung wartete - bemerkte ich seinen besorgten, verwirrten, kritischen Blick. Hastig wandte ich mich von ihm ab.
„Ich brauche frische Luft.“ murmelte ich ihm zu, verschwand aus dem Büro und rannte vor die Tür. Ich trat in den Regen hinaus und ging um die Ecke des Gebäudes, in der Hoffnung, einen ungestörten Platz zu finden, an dem ich mich sammeln konnte. Ich stand einen Moment lang schweigend und reglos da, dann sank ich zu Boden.
„Ich kann das nicht.“ sprach ich zu mir selbst. „Ich kann nicht mehr. So sehr ich mich auch anstrenge, ich schaffe es nicht. Ich kann nicht ohne ihn leben. Und ich kann nicht um ihretwillen versuchen, seinen Platz einzunehmen und Fälle für sie aufklären. Niemand kann das. Und ich will es auch gar nicht! Ich will, das er wieder da ist! Ich kann nicht ohne ihn leben...“ Die letzten Sätze wie ein Mantra vor mich hin murmelnd hockte ich im Londoner Regen ohne das abnehmende Treiben um Scotland Yard und die fortschreitende Uhrzeit zu bemerken. Doch das machte mir nichts aus - niemand wartete auf mich. Und Mrs Hudson hatte ich gesagt, dass ich bei Bekannten wohnen würde, bis es mir besser ginge. Auch sie würde sich keine Sorgen machen, wenn ich eine weitere Nacht ziellos durch die Straßen Londons wandeln würde.
Sowieso hatte ich mich so weit ich es vermochte von meiner Umwelt abgeschottet. Jedem, den ich kannte, hatte ich eine andere Lüge über meinen vorübergehenden Wohnort aufgetischt. Und da ich gelegentlich Ich genug - und damit pflichtbewusst - war, hinterließ ich regelmäßig Nachrichten, damit sie die Lügen nicht durchschauten und nach mir suchten.
Mein Handy piepste - eine SMS - aber ich ignorierte es. Nach einer Weile piepste es erneut, gleich zweimal, aber auch das brachte mich nicht dazu, nachzusehen, wer es war. Ich blieb einfach sitzen und starrte vor mich hin, versuchte meinen Kopf frei zu bekommen und einen guten Grund zu finden, der mich davon abhielt, in der Kälte sitzen zu bleiben und stattdessen mein Leben weiter zu leben.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich mich aufraffte. Ich streckte meine schmerzenden Glieder und machte mich wieder auf den unbestimmten Weg durch die Straßen Londons.
Ich setzte mich gerade in Bewegung, als mein Handy erneut piepste. Ich dachte einen Moment darüber nach, ob ich die anklagenden Worte lesen wollte, die wohl wieder auf dem Display auftauchen würden, sobald ich die Nachrichten öffnete. Doch ich rang mich dazu durch, Nachricht für Nachricht zu lesen und darauf zu antworten. Wenn ich mich schon dazu aufraffen konnte, weiter zu leben, konnte ich das den anderen genauso gut mitteilen.
Nach und nach las ich die zwei Mitteilungen von Lestrade und die letzte von Sarah. Beide wollten wissen wo ich war, Lestrade wollte sich außerdem versichern, dass ich mich nicht vor einen Zug geworfen habe oder ähnliches. „Bei dem Gesichtsausdruck, den du vorhin hattest“ schrieb er. Ich beruhigte die beiden mit einer kurzen, so wahr wir möglichen Antwort und wandte mich dann der letzten Nachricht zu. Sie war von einer unterdrückten Nummer geschickt worden, darum ging ich davon aus, dass es mal wieder Mycroft war - was auch immer er von mir wollte.
Ich öffnete die SMS und überflog sie hastig, es war sowieso nicht wichtig, was drinstand. Im Moment wollte ich mit niemandem reden oder bei irgendetwas helfen. Ich wollte das Display gerade abschalten und das Telefon wieder in die Tasche stecken, als mein Blick auf die Signatur fiel, die hinter der Nachricht stand. Ich starrte so lange ungläubig darauf, bis sich der Standby-Modus einschaltete und das Display schwarz wurde. Doch die Nachricht war wie auf meiner Netzhaut eingebrannt:
Inner Circle York 2134. SH
Ein rätselhaftes Treffen
Nach einer Weile blinzelte ich verwirrt und steckte das Telefon wieder in meine Tasche, ohne noch einmal einen Blick auf die Nachricht zu werfen.
Es war einfach unmöglich, das Sherlock mir eine Mitteilung geschickt hatte. Er war tot! Und er würde nie wieder Nachrichten an irgendjemanden schicken, so sehr ich mir das auch wünschte! Diese SMS war ein dummer, geschmackloser Streich von einer Person, der ich am liebsten eine Pistole an den Kopf halten und den Grund für die Nachricht aus ihr herausquetschen würde.
Bei dem Gedanken fuhr ich mir über das Gesicht und atmete tief durch. Das war nicht mehr ich. Solche Gedanken hatte ich früher nie gehabt. Ich meine, jeder kennt Leute, die er nicht mag, aber jemanden bedrohen - so jemand war ich nie gewesen.
Ich hatte mich inzwischen wieder soweit gefasst, dass ich solche Selbstanalysen durchführen konnte, darum versuchte ich nun den Grund für solche Überlegungen zu finden. Das war einfach der Arzt in mir.
Während ich nachdachte, machte ich mich auf den Weg. Ich hatte kein bestimmtes Ziel vor Augen, darum ging ich einfach los.
Ich hatte in den letzten Wochen kaum geschlafen - zumindest war es kein erholsamer Schlaf gewesen, wenn mir die Augen vor Müdigkeit zugefallen waren. Gegessen hatte ich auch nur, wenn ich gelegentlich bei Mrs. Hudson oder Sarah zu Besuch war oder wenn mich ein Anruf aus Scotland Yard in Lestrades Büro beorderte und mir jemand etwas essbares vorsetzte. Es war also kein Wunder, wenn ich nun anfing, zu halluzinieren. Um ehrlich zu sein hatte ich schon viel früher damit gerechnet. Ich hatte mich schon gefragt, wann ich wohl so fertig sein würde, dass ich unmögliche Dinge sehen würde...
Wieder bekam ich eine SMS und diesmal blieb ich sofort stehen und sah auf meine Jackentasche hinab. Ich schluckte schwer, mein Atem beschleunigte sich und ich überlegte einen Augenblick lang, was ich nun tun sollte. Noch während ich darüber nachdachte wanderte meine Hand zum Telefon und zog es langsam hervor.
Es war derselbe Absender, dieselbe Nachricht - FAST dieselbe. Zwischen den Zahlen und der Signatur stand nun noch das Wort „Bitte“.
Noch immer wusste ich nicht, wer die Nachricht wirklich geschickt hatte - Sherlock konnte es unmöglich sein! - doch ich beschloss herauszufinden, was sie bedeutete. Vielleicht konnte ich so in Erfahrung bringen, wer sich diesen Streich erlaubte.
Ich setzte mich auf die Bordsteinkante und betrachtete die SMS. „Inner Circle York 2134“ las ich murmelnd. „Was soll das heißen? Innerer Kreis... York... und was sind das für Zahlen?“ Wieder und wieder las ich die seltsame Nachricht, bis mich das plötzliche Läuten von Big Ben auf eine Idee brachte.
„Eine Uhrzeit! 2134 ist eine Uhrzeit! Und Inner Circle, York ist der Ort! Aber wieso schreibt er dann nicht 9.34 pm? Das ergibt doch gar keinen...“ Da traf es mich wie ein Schlag. Natürlich, es war ein Rätsel, keine Frage. Aber so einfach, dass man mit dem Wissen über die 24-Stunden Uhrzeit-Einteilung daraus einfach 9.34 pm machen konnte, war es dann doch nicht. Das war nur der Hinweis, damit man mit der Zahl etwas anfangen konnte, die sich ergeben würde, wenn man das Rätsel löste.
Angestrengt dachte ich darüber nach, welche Zeit hinter der Kombination stecken könnte. Aus reiner Gewohnheit las ich die Zahlen rückwärts - eine beliebte Möglichkeit, etwas zu Verschlüsseln - doch 34 oder 43 war wohl kaum die Stundenangabe einer Uhr. Grübelnd saß ich auf dem kalten Boden, bis mir eine weitere Idee kam: die Quersumme. Hastig zählte ich die einzelnen Zahlen zusammen. Sie ergaben die Zahl 10. Doch ob es 10 Uhr morgens oder abends war, ging daraus nicht hervor.
Enttäuscht seufzte ich und stützte meinen Kopf mit einer Hand ab. Es musste doch noch einen Hinweis geben! Ich musste irgendetwas übersehen haben!
Aufgewühlt stand ich auf und ging eine Weile die Straße auf und ab, in der Hoffnung, mich zu beruhigen und besser nachdenken zu können.
„Es muss doch noch einen Hinweis geben. Das kann doch nicht alles gewesen sein!“ schimpfte ich vor mich hin. Dann warf ich einen Blick auf meine Uhr. Es war kurz nach 9. Ich hatte also zwei Möglichkeiten: entweder, ich würde solange hier stehen bleiben, bis ich herausgefunden hatte, welche Uhrzeit genau gemeint war - und so vielleicht das Treffen verpassen, wenn es 10 p.m. sein sollte. Oder ich würde mich jetzt einfach auf den Weg machen, in der Hoffnung, dass es richtig war.
Ich straffte mich und rannte los. Wenn der Absender 10 a.m. meinte, würde ich jetzt eben nichts finden und einfach morgen noch einmal dort hingehen. Den Versuch war es zumindest wert.
So schnell ich nur konnte lief ich die Straße entlang, bis ich ein Cab fand, in das ich einsteigen konnte. Dann fuhr ich zu Baker Street, um von dort aus die letzten Meter zu Fuß zurück zu legen.
Die letzten Meter zum Regents Park, wo sich der Inner Circle und die York Bridge trafen.
Nur ein Trugbild?
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend stieg ich aus dem Cab und warf einen Blick auf das Häuschen, das einmal ein Ort war, den ich gern aufsuchte. Jetzt barg es nur noch einen Haufen schmerzhafter Erinnerungen.
Ich steckte meine Hände in die Hosentaschen und versuchte mich irgendwie vor der immer kälter werdenden Abendluft zu schützen, dann machte ich mich auf den Weg zu dem Ausläufer des Boating Lake und überquerte langsam die Brücke. Anschließend folgte ich dem Weg zum Inner Circle und blieb stehen. Ich warf einen Blick auf meine Uhr und stellte fest, dass ich viel zu früh war. Also beschloss ich, noch eine Runde zu drehen und irgendwie auf andere Gedanken zu kommen.
In einem gemächlichen Tempo folgte ich der Straße und umrundete den Park. Als die York Bridge in Sichtweite aber dennoch in weiter Ferne war, ertappte ich mich dabei, wie ich mich bereits nach einer Gestalt umsah, die auf mich warten könnte. Doch um diese Zeit war hier niemand mehr - zumindest niemand, der wartend irgendwo stand. Ein oder zwei Mal fuhr ein Auto an mir vorbei Richtung York Bridge, doch es war weder ein Auto das ich kannte, noch saß jemand darin, dessen Gestalt mir bekannt vorkam, wenn das Licht der Straßenlaternen sie beleuchtete.
Als ich die York Bridge erreichte und niemand zu sehen war, warf ich einen ungeduldigen Blick auf die Uhr - noch immer zu früh. Um mich von der Warterei noch etwas abzulenken suchte ich mir eine Bank, setzte mich und versuchte mich erneut am Entschlüssen der codierten SMS. Doch es nützte nichts. Meine Gedanken waren so abgelenkt von dem bevorstehenden Treffen, dass ich mich kaum auf das Getippte konzentrieren konnte. Nach einer Weile bemerkte ich, dass meine Hände vor Aufregung zitterten und mein Puls förmlich raste.
Zuerst konnte ich mir diese Unruhe nicht erklären - so hatte ich bisher nie reagiert, wenn ich mich unbekannterweise mit einem Klienten traf oder sonstige nebulöse Mitteilungen mit der Bitte um ein Treffen bekam.
Doch dann wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit hoffte, dass der Absender Sherlock war.
Sofort steckte ich das Telefon weg, stopfte meine Hände in die Taschen, sprang auf und lief unruhig hin und her. Ich durfte mir solche Gedanken, solche Hoffnungen, dass er noch leben könnte, gar nicht erst erlauben. Nicht jetzt, wo langsam zu mir durchsickerte, dass er nie mehr zurück kommen würde - weil er damals gestorben ist, nachdem er von diesem verdammten Dach gesprungen war!
„Ich bin so ein Idiot!“ schimpfte ich lautstark über mich selbst während ich wütend vor mich hinstapfte.
„Stimmt, du bist ein Idiot, aber immerhin hast du meine Nachricht entschlüsselt. Naja, so schwer war sie ja auch nicht. Die typische Angabe von Zeit und Ort. Kaum der Bezeichnung „entschlüsseln“ würdig. Aber für einen normalen Menschen sicher schwierig genug, um eine ganze Weile darüber nachdenken zu müssen.“
Als ich ihn sprechen hörte, blieb ich sofort stehen und mir stockte der Atem. Ich erkannte die Stimme, die Wortwahl, die Art wie jedes einzelne Wort ausgesprochen wurde. Ich konnte ihn sogar vor meinem inneren Auge sehen, wie er bei dem Gedanken an die für ihn langweilige Denkweise der gewöhnlichen Menschen die Augen verdrehte.
Hastig schloss ich die Augen, versuchte ruhig und tief durchzuatmen. Nein, vollkommen unmöglich! Mein Inneres spielte mir - mal wieder - einen Streich. Auch wenn dieser der bislang realistischste Streich war. Wer auch immer die SMS geschickt hatte und sich hier mit mir treffen wollte, es war definitiv nicht Sherlock!
Nachdem ich mir eingeredet hatte, dass es nicht ER war, wurde mir bewusst, dass ich nichts mehr gehört hatte. Mit angehaltenem Atem und geschlossenen Augen lauschte ich einen Moment: Niemand sprach, es waren keine Schritte zu hören. Ganz so, als wäre ich allein.
Langsam atmete ich aus und öffnete meine Augen, wagte es jedoch nicht, mich in die Richtung umzudrehen, aus der zuvor die Stimme gekommen war. So sehr ich mir eingeredet hatte, dass es Sherlock war, so sehr ich im tiefsten Inneren immer noch hoffte, dass er lebte - so sehr fürchtete ich mich doch davor, dass er plötzlich vor mir stehen könnte. Und wenn es auch nur war, weil ich halluzinierte.
Ich war so angespannt, dass ich erschrocken zusammenfuhr, als ich in einiger Entfernung ein Rascheln im Gebüsch hörte. Wie sich kurz darauf herausstellte war es nur eine Katze, die mich nur eines kurzen Blickes würdigte, als sie mich bemerkte und dann desinteressiert wieder von dannen zog.
Das war der Moment, in dem ich beschloss mich zu setzen und suchte mir eine Bank in der Nähe. Dabei vermied ich es peinlichst genau, mich mehr als nötig umzusehen, damit ich nicht etwas erblickte, dass ich nicht - oder doch? - sehen wollte.
Ich setzte mich und versuchte mich etwas zu beruhigen - und mein Gehirn dazu zu bringen, nicht die aberwitzigsten Gedankengänge zu verfolgen.
„Meine Güte, John, was ist denn nur los mit dir? So durcheinander habe ich dich ja noch nie erlebt. Um ein Haar hättest du dich eher NEBEN die Bank gesetzt, als darauf.“
Erschrocken hörte ich wieder diese allzu vertraute Stimme mit dem sehr vertrauten spöttischen Tonfall, doch was mich am meisten erschreckte war die Tatsache, dass ich Schritte auf dem feinen Kiesboden hörte, die auf mich zukamen. Mir war, als würde mein Herz stehen bleiben, als ich schließlich den Mut dazu aufbrachte, mich nach dem Verursacher umzusehen. Es war wohl eine Art innerer Drang gewesen, der mich dazu veranlasste mich umzusehen, denn eigentlich war ich bisher immer darauf bedacht gewesen, diese Illusionen nicht so nah an mich heran zu lassen. Ich hatte ständig versucht, eine Mauer um mich herum aufzubauen, die den Schmerz fernhalten sollte. Den Schmerz, der mich heimsuchte, seit Sherlock beerdigt worden war und die Gewissheit langsam zu mir durchsickerte, dass er nie mehr wieder kommen würde. Doch als ich nun die Gestalt sah, die auf mich zukam, fiel diese Mauer in sich zusammen und zerbarst geradezu in eine Wolke aus Staub, der mir die Tränen in die Augen trieb und mich an meinem Verstand und der Wirklichkeit zweifeln ließ.
Die dunkle Gestalt hatte mich inzwischen erreicht und blieb stehen.
Vor mir stand er, der einzige und wahre Sherlock Holmes.
Weitreichende Veränderung
Ohne einen Laut hervorzubringen formten meine Lippen seinen Namen, während ich ihn fassungslos anstarrte, ihn von oben bis unten musterte und ich immernoch glaubte, ich träumte.
Ich starrte ihn bereits eine Ewigkeit an, doch er stand einfach nur tatenlos vor mir und sah mich an, ganz so, als erwartete er ein „Hallo, Sherlock, schön dich wiederzusehen!“. Doch ich brachte kein einziges Wort hervor. Aber irgendwann brachte ich es fertig, mich mit etwas wackligen Beinen aufzurichten. Und als ich vor ihm stand und es immernoch nicht glauben konnte, dass er es wirklich war, hob ich eine Hand und legte sie an seine Wange. Ich wollte seine warme, weiche Haut spüren, wollte seinen einzigartigen Duft einatmen. Wollte mit allen Sinnen begreifen, dass Sherlock lebte und mir mein Geist nicht einfach nur einen Streich spielte.
„... du lebst.“ brachte ich dann flüsternd hervor, meine Hand immernoch an seiner Wange. Er nickte es wie selbstverständlich ab und wenn ich nicht so überaus froh darüber gewesen wäre, hätte ich ihn sicher angeschrien. Vielleicht würde ich das später sogar noch tun – aber nicht jetzt. Jetzt war ich so glücklich darüber, dass er lebte, dass ich nicht mehr an mich halten konnte und ihm ohne weiter darüber nachzudenken um den Hals fiel.
„Du Idiot! Wieso lebst du? Wieso hast du dich nicht gezeigt und mit mir geredet, wenn du doch lebst?! Du bist so ein verdammter Idiot!“ schimpfte ich dann doch, ohne ihn dabei loszulassen. Ich vergrub mein tränennasses Gesicht in seinem Trenchcoat und nachdem ich ihn zur Genüge ausgeschimpft hatte, weinte ich nurnoch leise vor mich hin. Sherlock hatte mein Gezeter nicht ein einziges Mal unterbrochen und auch nachdem ich verstummt war, sprach er nicht. Er stand nur da und ließ alles geschehen.
Doch als ich eine Weile schweigend vor mich hingeweint hatte, kam etwas Leben in ihn. Er hob die Arme, um meine Umarmung zu erwidern und drückte seinen Kopf an meinen. Und als ich einen Moment inne hielt konnte ich mit Erstaunen hören, wie Sherlock ebenfalls zu weinen schien.
Ich versuchte ein Stück von ihm abzurücken, um mich zu überzeugen, doch er hielt mich weiterhin fest, sodass ich nicht sehr weit kam.
„Sherlock? Weinst du etwa?“ Er antwortete nicht sondern schüttelte an meiner Schulter nur den Kopf.
„Wenn hier einer Grund zum Heulen hat, dann bin das ja wohl nur ich. Außerdem lehnst du doch immer sämtliche Gefühlsregungen ab. Also...“
Weiter kam ich nicht. Denn Sherlock hatte plötzlich den Kopf gehoben und mich halb aus seiner Umarmung entlassen. Stattdessen hatte er mit einer Hand meinen Kopf gepackt, mein Gesicht zu seinem gedreht – und mich ohne jegliche Vorwahrnung geküsst.
Überrascht von seiner Reaktion rührte ich einen Moment lang nicht einen einzigen Muskel, sondern ließ geschehen, was mein Gehirn sich nicht erklären konnte. Als mir endlich vollauf bewusst wurde, was Sherlock tat, löste er sich von mir und sah mich an. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick bevor ich ihn zu mir hinunterzog und ihn meinerseits innig küsste.
„Du mieser Idiot... Wie konntest du mich einfach die ganze Zeit allein lassen? ... Du egoistischer Mistkerl!“ beschwerte ich mich, wenn wir uns für einen kurzen Moment voneinander lösten, um Luft zu holen. Und ich merkte, wie mir allmählig wieder die Tränen die Sicht vernebelten, bis sie schließlich an meinem Gesicht hinunterliefen.
Als Sherlock meinen Küssen auszuweichen begann, wollte ich ihn gerade erneut anfahren, doch als ich eine sanfte Berührung auf meiner Haut fühlte wurde mir klar warum er das tat - er legte seine Lippen an meine Wangen und küsste und leckte die salzigen Spuren meiner Tränen von meiner Haut. Erst auf der einen, dann auf der anderen Seite.
Ich war so verwirrt von seinem irgendwie untypischen Verhalten, dass ich nur dastand und die Berührungen seiner Lippen verfolgte. Wie sie sich behutsam auf meine Haut legten und wie seine Zunge zuerst zaghaft, dann immer mutiger das Salz aufleckte. Seine Arme hatte er um mich gelegt und zog mich dicht an sich, sodass ich ihm nicht entkommen konnte, selbst wenn ich es gewollt hätte.
Doch ich wollte mich nicht aus seiner Umarmung befreien. Im Gegenteil, ich genoss die Nähe zu meinem so lang vermissten „Freund“ und schloss die Augen, um mir jede noch so kleine Berührung einzuprägen.
Versteckspiel
Als meine Tränen versiegt und ihre Spuren beseitigt waren spürte ich, wie Sherlock seine Lippen langsam zu meinem Ohr gleiten ließ und seine Wange an meine legte.
„Es tut mir so leid, John. Ich wollte das alles nicht tun, aber ich hatte keine andere Wahl. Es ging nicht anders, sonst hätten sie euch alle...“ Er hielt kurz inne bevor er noch leiser als zuvor weitersprach. „Aber das habe ich geklärt, ihr seid jetzt alle sicher. DU bist sicher.“ Ich spürte, wie er sich noch ein wenig mehr an mich drückte. Seinen Kopf schob ich jedoch ein Stück von mir weg, um ihm in die Augen sehen zu können.
„Sherlock, was ist passiert? Du warst Monate lang verschwunden. Du hast deinen eigenen Tod vorgetäuscht! Ich weiß, dass dein Handeln alles andere als normal ist und dass du glaubst, niemand würde dich verstehen, aber das ist selbst für dich zu viel! Du musst doch endlich mal kapiert haben, dass ich nicht so dumm bin, wie du mich hälst und dass du mich ruhig in deine Pläne einweihen kannst!“
„Stimmt, du bist alles andere als dumm, John.“ flüsterte er, strich mit seinen Fingerspitzen sacht über meine Wange und im Schein der Straßenlaterne konnte ich sehen, wie er lächelte.
„Warum hast du mir dann nichts gesagt? Ich hätte dir helfen können!“ fragte ich und beobachtete ihn genau. Er bewegte nicht einen Muskel, doch der Glanz in seinen Augen erlosch, als er an die vergangenen Monate zu denken schien und an das, was er gezwungen war zu tun.
„Nein, es war besser, dass du nicht dabei warst.“ sagte er und ich konnte hören, wie sich eine gezwungene Härte in seine Stimme stahl.
„Du hättest mir nur im Weg gestanden und wärst mir keine Hilfe gewesen. Deinetwegen wären wir früher oder später gestorben.“
„Sherlock, ich war in Afghanistan, ich habe Menschen töten und sterben sehen UND ich weiß, wie man mit Waffen umgeht. Also stell mich nicht als schutzbedürftig dar!“
Nun kehrte der Glanz in seine Augen zurück, als er mich mit einem sanften Blick bedachte.
„Du hast dich in all den Monaten überhaupt nicht verändert.“
Er machte eine kurze Pause, in der er sich hinter dem Ohr kratzte, bevor er leiser als zuvor weiter sprach. „Ich hatte schon befürchtet, dass du mich nicht mehr sehen willst, nach dieser langen Zeit - und dem, was passiert ist.“ Er senkte etwas den Blick, als wüsste er nicht, ob es richtig war, dass er jetzt vor mir stand, mich in den Armen hielt. Ganz so, als fürchte sich der große Sherlock Holmes davor, von jemandem zurückgewiesen zu werden. Er, der auf die Meinung anderer nichts gab und der Gefühle für eine Zeitverschwendung und unnötig hielt.
„Die ganze Zeit, seit du von diesem Haus gesprungen bist, habe ich nicht glauben wollen, dass du tot bist. Auch nicht, als die Ärzte es mir immer und immer wieder gesagt haben oder als ich dich in dem Sarg habe liegen sehen, deine kalte Haut gespürt habe, das Fehlen eines Herzschlages... Die ganzen „Beweise“ für deinen Tod habe ich nicht geglaubt, nicht glauben WOLLEN, denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass du nicht mehr bei mir sein würdest. Dass ich dich nie wiedersehen würde... Nie wieder Köpfe im Kühlschrank, Pistolenkugeln in den Wänden... All diese Experimente, an die ich mich, seit ich dich kennen gelernt habe, mehr und mehr gewöhnt habe und die ich um nichts in der Welt missen möchte, wenn das bedeutet, dass ich dich verliere. Und jetzt, wo du nach all der Zeit endlich wieder vor mir stehst und nicht nur eine Halluzination bist, fragst du mich allen ernstes, ob ich dich sehen will?!“ Anfangs blieb ich recht ruhig, sprach eher leise, doch nach und nach wurde ich wütender. Glaubte er wirklich, er wäre mir gleichgültig? Dass er bloß eine flüchtige Bekanntschaft sei, die unglücklicherweise scheinbar ums Leben gekommen war und um die mal ein paar Tränen vergießt, bevor man kurz darauf wieder zum Alltag zurückkehrt? Und wenn sich dann doch rausstellt, dass sie am Leben ist, man nur kurz die Schultern zuckt und gut?
Ich löste seine Arme, die mich an ihn drückten und rückte von ihm ab.
„Du weißt nicht, was ich deinetwegen durchgemacht habe. Egal wo ich war, alles hat mich an dich erinnert. Alle hielten dich für tot und alle wollten, dass ich das endlich akzeptierte. Ein Teil von mir begann irgendwann sogar daran zu zweifeln, dass du vielleicht noch leben könntest, nur damit dieser verdammte Schmerz aufhören würde, der mich Tag um Tag quälte! Es hat mich wahnsinnig gemacht! Es fühlte sich falsch an zu glauben, du wärst tot, aber alles um mich herum schrie mir ins Gesicht, dass du nicht mehr lebst und dass ich aufhören soll, mir etwas vorzumachen.“ Schwer atmend stand ich Sherlock gegenüber, sah ihm in die Augen, die mich aufmerksam beobachteten und wartete eine Reaktion ab. Als er schließlich etwas entgegnen wollte, schnitt ich ihm das Wort ab.
„Du magst vielleicht glauben, dass du mich aus den letzten Monaten raushalten musstest, um mich zu schützen, aber genau damit hast du mich am meisten verletzt. Du hast mir nicht genug vertraut, um mich einzuweihen. Du hast mich einfach abgeschoben wie ein... wie ein Haustier, das dir zur Last geworden ist. Oder wie ein Lieblingssessel, den du jahrelang benutzt hast und der nun durchgesessen ist und ersetzt werden muss.“ knurrte ich förmlich. „Du musst dich endlich mal entscheiden, Sherlock. Du musst dir endlich mal im Klaren werden, was du überhaupt willst!“
Leicht keuchend vor Anstrengung starrte ich ihn geradezu an und wartete nun wieder auf eine Antwort, doch der Mann vor mir, der auf so wundersame Art und Weise wieder in mein Leben getreten war, erwiderte meinen Blick schweigend. Ich spürte bereits, wie mich die Ungeduld nach und nach auffraß und ich ihn fast angeschrien hätte, nur um zu sehen wie er wenigstens zusammenzuckte oder zumindest blinzelte. Doch bevor ich in irgendeiner Weise reagieren konnte überwand er die Distanz zwischen uns, zog mich erneut in seine Arme und drückte mich fest an sich, sodass ich einfach nur verdattert dastand und ins Leere starrte, bevor ich meine Fassung wiederfand.
„Sherlock, was...?“
„Es tut mir leid, John. So unendlich leid... Ich dachte, ich tue das Richtige, wenn ich dich zurücklasse, aber es war ein riesengroßer Fehler. Ich bin fast kaputt gegangen vor Angst um dich. Ich hatte alles bis ins kleinste Detail geplant, aber ich wusste nie mit Sicherheit, ob mein Plan auch so funktioniert, wie ich ihn mir ausgedacht habe, weil du ein Teil davon warst. Du bist so furchtbar unberechenbar!“ Ich konnte zwar hören, wie Sherlocks Stimme erst flehend und schließlich frustriert klang - wie so oft damals, einfach aus dem Grund, weil niemand an seine überragende Intelligenz herankam und er immer Rücksicht auf Leute wie mich oder Lestrade nehmen musste - aber als er schließlich leise begann zu lachen, war ich verwirrt.
Hatte er jemals darüber gelacht, dass ich durch mein für ihn unberechenbares Verhalten seine Pläne durchkreuzte?
Grübelnd runzelte ich die Stirn und lauschte Sherlocks Lachen. Vergessen war die Wut auf ihn, die ich eben noch verspürt hatte. Zwar verstand ich sein Verhalten nicht - wann hatte ich es jemals verstanden? - aber mir wurde langsam bewusst, wie froh ich war, dass er wieder da war. Dass er lebte und zu mir zurück gekommen war, weil...
„Du hast dir Sorgen um mich gemacht?“ fragte ich ihn leise und drehte den Kopf etwas, um seinen Namen in sein Ohr flüstern zu können, damit er auf mich aufmerksam wurde, weil er auf die Frage nicht reagierte. Doch das war scheinbar nicht nötig gewesen, denn noch bevor die letzte Silbe seines Namens meine Lippen verlassen hatte, verstärkte sich seine Umarmung und er grub sein Gesicht tiefer in meine Halsbeuge, sodass das leichte Nicken seinerseits beinahe unterging. Mit einem leisen Seufzen, aber auch lächelnd und mit flatterndem Herzen erwiderte ich die Umarmung und schloss für einen Moment die Augen.
Dann bemerkte ich jedoch ein leises Geräusch und eine weitere, kleine Veränderung an ihm, blinzelte verwirrt und atmete tief ein und aus, um mich zu vergewissern. Erneut löste ich mich von ihm und rückte von ihm ab. „Irene Adler? Du warst bei ihr? Du sagst, dass du mir nicht zutraust, dich zu begleiten und mich in deine Pläne einzuweihen, aber IHR traust du? Der einzigen Frau auf dieser Welt, die dich mehr manipuliert als alles andere? Und jetzt versuch es bloß nicht zu leugnen, Sherlock Holmes! Ich bin zwar kein so überragender Kopf wie du einer bist, aber selbst ich bin in der Lage, ein Parfum zu erkennen und zuzuordnen, das dezent, aber deutlich genug an deinem Hemdkragen haftet und das so gut wie einzigartig ist!“
„Du überrascht mich einmal mehr, John Watson. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du mein Parfum so schnell bemerken würdest. Schade eigentlich, dass das Spiel dadurch ersteinmal vorbei ist. Diese Verkleidung war äußerst bequem. Und der Duft seiner Kleider... Ich hätte gedacht, dass sie mein Parfum besser überdeckt, wo sein Auftrag doch so plötzlich kam. Aber um den Plan umzusetzen hat es ja genügt.“
Erschrocken machte ich einen Satz nach hinten, als Sherlock plötzlich ganz anders sprach, er eine Hand hob und etwas an seinem Ohr zu machen schien, nachdem er etwas unverständiches gemurmelt hatte. Dann griff er sich in die Haare - und hob sie in einer flüssigen Bewegung von seinem Kopf, sodass die langen, dunklen Haare darunter zum Vorschein kamen, die ‚er‘ mit den Fingern durchkämmte. Dann fiel etwas zu Boden und mit einem Schaudern stellte ich fest, dass es fleischfarben und weich war - eine Silikonmaske.
„Hallo John. Schön dich endlich wiederzusehen. Sherlock hat es leider nicht geschafft, heute hier zu sein, aber ich habe mit Vergnügen seinen Platz eingenommen. Wir wollen ihn doch schließlich nicht in die Verlegenheit bringen, von Mycroft oder seinen kleinen Spionen entdeckt zu werden.
Oh, die Küsse und das alles sind übrigens von ihm, keine Sorge. Er hat mir einen kleinen Floh ins Ohr gesetzt, wenn du verstehst. Außerdem,wenn ich in eine Rolle schlüpfe, dann halte ich mich ans Drehbuch. Oder in diesem Fall an die Tipps und das typische Verhalten der Leute, die ich imitiere. Sherlock lässt dir übrigens ausrichten, dass du mir das Leben nicht zu schwer machen und mir einfach folgen sollst, damit ich dich zu ihm bringen kann. Er will dir alles selbst erklären, sobald wir da sind. Also komm, bevor uns doch noch jemand sieht.“
Ich traute weder meinen Augen noch meinen Ohren, doch aus dem vermeindlichen Sherlock Holmes war mit einem Mal Irene Adler geworden, die Frau mit den tausend Gesichtern. Und sie war es nun, die mich in ein schwarzes Auto mit getönten Scheiben zerrte, das mit einem Mal vorgefahren war und dem Fahrer Anweisung gab, Vollgas zu geben.
Labyrinth
Im ersten Moment vollkommen perplex und von den sich überschlagenden Ereignissen überrumpelt, ließ ich mich auf die Rückbank des Wagens verfrachten und erst nach einigen Minuten drang die Wirklichkeit zu mir durch. Mit hochrotem Kopf sah ich zu Irene Adler hinüber, als sich die Erinnerung an den Kuss vor meinem inneren Auge abspielte und die peinlichen Worte in meinen Ohren hallten, die niemals jemand anderes als Sherlock hätte hören dürfen.
„Miss Adler, ich -“
„Du brauchst dich nicht entschuldigen, John. Und hör auf, mich so förmlich anzureden. Immerhin haben wir uns eben recht innig geküsst.“ unterbrach die selbstsichere Frau mich augenblicklich, während sie aus Sherlocks Kleidung schlüpfte und sich ihre eigenen anzog. Mit einem amüsierten, leisen Lachen kommentierte sie dabei, dass ich mich hastig umwandte, um sie nicht nackt zu sehen. Glücklicherweise beließ sie es dabei und ärgerte mich nicht damit, dass sie sich mit dem Anziehen Zeit ließ, sodass ich mich kurz darauf wieder normal hinsetzen und mich zu ihr umdrehen konnte.
„Erklärst du mir jetzt, was dieses ganze Spiel soll? Wo ist Sherlock? Wieso muss er sich immer noch verstecken?“ wollte ich wissen, nachdem ich mich wieder gefasst hatte und sah Irene herausfordernd an, bis sie meinen Blick erwiderte und ich augenblicklich kleinbei gab, meine etwas ‚demütigere‘ Rolle wieder einnahm. Diese Frau hatte diese gewisse Aura, die einen Mann einfach einschüchterte, wenn er noch ein bisschen bei klarem Verstand war. Der große Sherlock Holmes bildete davon natürlich eine Ausnahme. Auf ihn schien diese Ausstrahlung eher faszinierend zu wirken. Aber es ging hier immerhin um einen Mann, der sein Leben aufs Spiel setzte, nur um Recht zu behalten...
„Du wirst ihn schon noch früh genug sehen. Und du weißt doch, wie gern er spielt, verdirb ihm nicht den Spaß.“ schmunzelte sie und ergriff, ohne dass ich den Grund kannte, meine Hand. Kurz darauf spürte ich ein kleines Pieksen in meiner Handinnenfläche und ich zuckte instinktiv zurück, beäugte meine Hand, konnte jedoch nichts sehen. Dann warf ich Irene einen kurzen, fragenden Blick zu. „Was hast du getan?“
„Gar nicht, John. Und jetzt ruh dich aus.“ hörte ich sie sagen, bevor ich mich in meinem Sitz zurücklehnte und die immer schwerer werdenden Augenlider schloss. Hoffentlich dauerte es nicht allzu lange, bis wir endlich dort ankamen, wo Irene – oder besser gesagt Sherlock – mich haben wollte...
Als ich die Augen wieder öffnete und einen müden Blick aus dem Fenster riskierte, staunte ich nicht schlecht, obwohl ich noch im Halbschlaf war: wir waren nicht mehr in London, sondern scheinbar irgendwo auf dem Land. Wie sonst sollte ich mir erklären, dass ich am Horizont langsam die Sonne aufgehen sah, ohne dass mein Blick von Häusern gestört wurde. Moment...
„Wir fahren immer noch? Irene, wohin zum Teufel bringst du mich? Wo sind wir?“ fragte ich und meine Stimme klang noch etwas rau vom Schlaf. Dann musste ich ausgiebig gähnen und streckte mich, sodass meine Gelenke knackten - ich hatte wirklich stundenlang in ein und derselben Stellung verharrt, daran bestand kein Zweifel. Aber wieso hatte ich so tief geschlafen? Und warum so plötzlich?
Ich erinnerte mich an den kleinen, mysteriösen Stich in meiner Handfläche und besah mir die Stelle genauer.
„Du hast mir allen ernstes ein Schlafmittel gegeben?“ fragte ich seufzend, als mir klar wurde, was der Pieks zu bedeuten hatte. Irene antwortete mit einem vielsagenden Blick und einem schelmischen Lächeln, sodass ich mich mit geschlossenen Augen in meinem Sitz zurücklehnte.
„Ich will gar nicht wissen, ob das deine oder Sherlocks Idee war. Sag mir einfach nur, wann diese Spielchen endlich ein Ende haben. Ich hab keine Lust mehr, mich von euch wie eine Marionette behandeln zu lassen.“ grummelte ich gerade so laut, dass die Frau neben mir mich hören konnte. Sie verschonte mich gnädigerweise mit spöttischen Kommentaren und teilte mir stattdessen mit, dass wir bald dasein würden, ich mich aber noch eine Weile gedulden müsse. Geistesabwesend nickte ich und sah dann aus dem Fenster, um der Landschaft dabei zuzusehen, wie sie an uns vorbeihuschte, während die Sonne immer weiter aufging und die Welt allmählich erhellte.
So schlecht meine Stimmung im Moment auch war, Dank der Spielchen, die Sherlock und Irene mit mir trieben, so hatte ich schon lange keinen Sonnenaufgang mehr so bewusst erlebt und genossen. Zu sehen, wie alles aus dem Dunkel auftauchte und das Leben erwachte, die Vögel vermehrt umherfliegen zu sehen, den leichten Morgennebel, der noch über den weiten Feldern hing, die wir passierten. Und als ich den Blick weiter hob, um zum Himmel hinaufzusehen, stellte ich fest, dass es einer der schönen Tage war, an dem der Himmel fast vollständig wolkenlos war, auch wenn am westlichen Horizont bereits neue Wolken aufzogen, die den typisch-englischen Regen verkündeten. Doch die Sonne stieg unbeirrt in die Höhe und zog meinen Blick auf sich, sodass ich kurz geblendet wurde, aus meinem kleinen Trancezustand erwachte und wegsah. Dann richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Irene.
„Ich weiß selbst, dass Sherlock alles andere als normal ist, aber wieso machst du diesen ganzen Unsinn eigentlich mit? Schuldest du ihm etwas oder hast du einfach nur denselben Spaß an makaberen Scherzen?“ Wahrscheinlich würde sie mir sowieso nicht antworten – zumindest hatte sie zuvor deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie Sherlock den Part mit den Erklärungen überlassen will – aber ich konnte die Fragen einfach nicht zurückhalten. Ich konnte einfach immer noch nicht richtig realisieren, dass sie beide zusammenarbeiteten, nur um mich an der Nase herumzuführen. Und wenn man bedachte, wie sie mich behandelten, bestand kein Zweifel daran, dass sie eine ungemeine Freude daran hatten. Welche erwachsenen Leute verhielten sich schließlich so?
„Ich will es mal so ausdrücken: Ich habe meine Gründe.“ antwortete sie und ich konnte gerade noch ein sowohl genervtes, als auch resignierendes Seufzen unterdrücken. Bevor ich es jedoch wider aller Vernunft noch einfach versuchen konnte, sprach Irene weiter.
„Ich bin ihm nichts schuldig, zumindest nicht direkt. Wahrscheinlich steht er sogar eher in meiner Schuld, wenn ich an die letzten Jahre denke, die er nun schon untergetaucht ist. Aber auch wenn er es wahrscheinlich abstreiten würde, wenn man ihn darauf anspräche, sind wir so etwas wie Freunde.“ Wieder lächelte sie verschmitzt. „Natürlich macht es mir dann und wann Spaß, bei seinen kleinen Spielchen mitzumachen — und dich ein wenig zu foppen ist auch alles andere als langweilig — aber das alles hier machen wir nicht zum Zeitvertreib. Es sind immer noch Leute da draußen, die Sherlock tot sehen wollen. Und egal, wie gut er und ich darin sind, ihn zu verstecken und seine Spuren zu verwischen, damit er nicht gefunden wird... du weißt wie unberechenbar und unvernünftig er werden kann, besonders, wenn er sich langweilt. Und London ist der Ort, an dem all seine Feinde ihn als erstes erwarten. Wir hatten es nach seinem fingierten Tod geschafft, ihn unbemerkt außer Landes zu schaffen, aber nach und nach hat Sherlock uns mit seinen Schlussfolgerungen überredet, ihn wieder nach England zu bringen. Immer wieder hat er durchblicken lassen, dass er es in seinem ‚Gefängnis‘ — egal wo er war, für ihn war alles ein Gefängnis — nicht länger aushalten würde und er sich nach London schleichen würde, um sein Leben doch wieder aufzunehmen. Aber-“
„Wir sind gleich da, Miss. Durchlaufen wir dieselbe Prozedur wie gewöhnlich?“ unterbrach der Chauffeur Irene mit ungewöhnlich heller Stimme. Sie ließ ein kurzes Grummeln hören, dass eigentlich nicht ihrer Art entsprach und wandte sich dann an den Fahrer, der sich jetzt, da ich ihn eines genaueren Blickes würdigte, als eine Frau in der Uniform eines Chauffeurs entpuppte.
„Natürlich! An der Sicherheitsstufe hat sich trotz unseres Gastes nichts geändert.“ Irenes Stimme klang ein wenig schärfer als zuvor, weswegen die Fahrerin leicht den Kopf einzog, knapp nickte und dann von der Straße auf einen etwas holprigen Feldweg fuhr.
„Was wird das? Selbst wenn uns jemand folgen sollte, fallen wir doch auf, wenn wir am helligten Tag querfeldein fahren!“ gab ich zu bedenken und hielt mich am Sitz fest, falls die Schlaglöcher tiefer würden, um nicht zu sehr durchgeschüttelt zu werden.
„Es geht nicht um das Sehen oder Gesehen-werden, sondern um den Ort, zu dem uns dieser Weg führt. Warte es einfach ab.“ antwortete Irene nur und sah nach vorn. Die Erklärungen, die sie mir vor einer Minute noch geben wollte, waren vergessen, aber das war auch nicht wichtig. Ich wollte im Moment nur noch aus diesem Auto raus, denn ich hatte das Gefühl, dass mir durch das lange Sitzen der ganze Körper schmerzte und der Pfad, dem wir folgten, trug nicht gerade zu meinem Wohlergehen bei. Und natürlich wollte ich Sherlock sehen. Und erst dann wollte ich die Erklärungen, die mir er und Irene schuldig waren.