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Wherever You Go

I'll be following you
von

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Unerwiderte Liebe

Es gibt Angewohnheiten, die lassen sich selbst nach Jahren nicht ablegen, wenn sie sich bereits so in die Persönlichkeit eines Menschen eingegraben haben, dass derjenige sie nicht einmal mehr wahrnimmt.

Eine dieser Angewohnheiten ist der Grund, weshalb eine junge Studentin der Tiermedizin an einer renommierten Universität, seitdem sie Umgang mit Gleichaltrigen pflegte, immer wieder mit ihrer Art aneckte. Ihre leuchtend rosa Haarfarbe spielte dabei eher eine Nebenrolle, immerhin war es Mode, sich vom Äußeren her von anderen abzuheben, auch wenn das nicht der Beweggrund für eben jenes Mädchen war. Die grünen Augen, die sich ohne Scheu auf alles richteten, was in ihr Sichtfeld geriet, mochten noch als ansehnlich gelten, die hohe Stirn hingegen sorgte schon in der Grundschule immer wieder für Spott bei ihren Mitschülern.

Ein etwa gleich großer, quirliger Student, mit dem man sie immer über den Campus laufen sah, war der einzige, der ihr gegen Hänseleien beistand, aber gleichzeitig auch der, der unsterblich in sie verliebt war, seitdem sie sich zum ersten Mal gesehen hatten.

Hinter vorgehaltener Hand tuschelten alle, die beide kannten, darüber, warum das Mädchen seine Avancen nicht schon längst erhört hatte. Schließlich standen die Jungen und Männer nicht gerade Schlange bei ihr, da müsste sie die Gelegenheit eigentlich beim Schopf ergreifen. Da wäre es nur angemessen, wenn sie sich zusammentäten. Trotz dieser Argumente geschah nichts dergleichen, auch wenn ihr Schatten nicht aufhörte, sich um sie zu bemühen.

Sakura Haruno und Naruto Uzumaki. Eine enge Freundschaft verband diese zwei, die sich erst im Laufe der Zeit entwickelt hat, aber der auch Narutos einseitige Liebe nichts anhaben konnte. Selten sah man einen von beiden allein, obwohl Sakuras Dickköpfigkeit, die sie hinnahm, ohne sich dabei zurückzuhalten, einen verständlichen Grund für ihren Begleiter liefern würde, das Weite zu suchen. „Ich mag mich so wie ich bin“, behauptet sie immer, wenn man sie aufzog oder auf ihr Außenseiterdasein ansprach. Zwar konnte man ihr dahingehend nichts entgegensetzen, jedoch schüttelten die meisten bei ihrer Antwort nur den Kopf.

Naruto hingegen, eine blonde Frohnatur, der nur selten das breite Grinsen verging, litt an einer sehr seltenen Krankheit, weswegen andere ihn mieden. Diese Krankheit konnte man eher psychischer als physischer Natur bezeichnen, da er an schweren Wutausbrüchen litt, die ihn in bestimmten Situationen überkamen - sogar schon, als er noch in den Windeln lag. Über die Jahre hinweg gelang es ihm mit Hilfe von seinem Vormund und wenigen Lehrern, diese Anfälle unter Kontrolle zu bringen, doch ganz zum Verschwinden bringen konnte er sie noch nicht. Die Furcht vor ihm und die Abneigung gegenüber seiner lautstarken Art minderten seine Beliebtheit bei den anderen bis zum Äußersten. „Ich möchte nicht, dass du mit diesem Jungen spielst!“, befahlen Mütter ihren Kindern regelmäßig, als sie noch Einfluss auf ihren Nachwuchs ausübten. Aber auch die mit der Pubertät erkämpfte Freiheit änderte nichts daran, dass der Großteil der Menschen in Narutos Umgebung sich an dieses Verbot hielten. Hinter seinem Rücken kicherte man über seine Wahl des Studienfachs Politik, da man jemanden mit solch einem Charakter am allerwenigsten zutrauet, irgendwann etwas zu leiten, sei es auch nur ein kleines Dorf.

Sakura traute sich als einziges Mädchen überhaupt in seine Nähe, keinerlei Respekt vor seinem Verhalten empfindend und ihn ständig in die Schranken verweisend, wenn er sich daneben benahm. In der Grundschule wurden beide zwangsweise zu Partnern gemacht, was den Startschuss zu ihrer platonischen Beziehung bildete, obwohl Sakura zu Beginn darüber keineswegs begeistert gewesen war.

Es gibt nämlich noch eine dritte Person, die besonders erwähnenswert ist, wenn man von diesem Mädchen spricht, auch wenn es nicht ganz einfach ist, deren immensen Einfluss in Worte zu fassen.

Sasuke, der hoch gewachsene und letzte Spross der weithin bekannten Uchiha-Familie, war aus dem Leben der meisten Menschen an der Universität, zumindest dem weiblichen Teil davon, nicht mehr wegzudenken. Die rabenschwarzen Haare, die ihm ins Gesicht fielen, lässig zurückstreichend, während der Rest im Nacken strubbelig abstand, saß er in den Vorlesungen, die er besuchte, in der letzten Reihe. Nie notierte er sich etwas oder machte den Eindruck, überhaupt zuzuhören – dazu nahm er viel zu gern Kommilitoninnen in den Augenschein, mit denen er sich vergnügen und die er dann wieder fallen lassen wollte. Diese Tatsache war allen bekannt, hinderte aber niemanden daran, um seine Gunst zu buhlen.

Die Unaufmerksamkeit während der Lernzeit ändert jedoch nichts daran, dass er in den Prüfungen zu den Besten gehörte. Was sein Studienfach der Sportwissenschaft anging, konnte ihm niemand das Wasser reichen. Reihenweise näherten sich ihm junge und auch ältere Frauen, die bei seiner dunklen Augenfarbe und dem kalten Blick wiederholt dahinschmolzen und ihn ausdrücklich für seine Intelligenz bewunderten. Niemand konnte es ihnen verhehlen – er war ein attraktiver Mann mit besten Aussichten auf Erfolg im Beruf, der noch dazu aus einer uralten, ehrwürdigen Familie stammte. Wer konnte da widerstehen?
 

Nicht einmal Sakura konnte ihr Interesse an Sasuke Uchiha leugnen, auch wenn sie es krampfhaft zu verbergen versuchte. Lediglich Naruto wusste davon, was er dafür nutzte, ständig den Versuch zu starten, ihr von diesem Frauenheld tunlichst abzuraten. Er konnte aber nicht verhindern, dass sie ihn immer, wenn sie ihm irgendwo begegnete, wie hypnotisiert anstarrte und schüchtern grüßte, sofern sich niemand andere in Sicht- bzw. Hörweite befand, was nur selten der Fall war. Erst nachdem er auch nach dem fünften Mal keine nennenswerte Reaktion auf ihre zurückhaltenden Annäherungsversuche zeigte, gab sie ihr Vorhaben auf und schwelgte stattdessen in Tagträumen, die von ihrer unerreichbaren Liebe handelten. Letzteres gab sie jedoch nicht einmal vor Naruto zu, da der Peinlichkeitsgrad selbst für ihre Verhältnisse zu hoch war. Außerdem würde er das sowieso nicht gern hören wollen.

Nicht nur Zuneigung empfand sie gegenüber Sasuke Uchiha, auch Wut kochte in ihr hoch, wenn sie wieder einmal etwas von seinen Frauengeschichten aufschnappte. Das war nicht gerade schwierig, denn nicht umsonst war er in der Mensa beinahe jede Mittagspause Gesprächsthema Nummer 1.

Diese Mischung aus dem Gefühl der Zurückweisung, des Zorns und der Liebe wirbelten Sakuras Leben schon lange durcheinander, auch wenn Sasuke als Kind noch nicht derart in verschiedene Beziehungen verstrickt, sondern einfach nur unnahbar gewesen ist.

In furchtbaren Verhältnissen war er aufgewachsen, da er weder Eltern hatte, die früh ums Leben gekommen waren, noch einen Bruder, der seit dem tragischen Unglück, über das niemand genauer Bescheid wusste, angeblich verschollen war.

Einsam musste er gewesen sein. Verlassen. Was letztendlich dazu geführt hatte, dass er jetzt mit allen Mitteln dem Alleinsein entfloh, indem er sich tagein, tagaus in der Gesellschaft irgendeiner Frau befand.

Die einzige, mit der er den Gerüchten zufolge länger liiert gewesen war, hieß Karin. Auch sie hatte er offenbar nach einer gewissen Zeit, wenn auch später als ihre Vorgängerinnen und Nachfolgerinnen, abserviert. Allerdings waren die Umstände ihrer Trennung niemandem außer den beiden selbst bekannt, da sich Sasuke ohnehin nicht über seine Privatangelegenheiten ausließ und Karin sich ebenfalls weigerte, darüber zu reden.
 

All das hatte Sakura herausfinden können, obwohl Naruto sie davon abhalten wollte, da er Sasuke als seinen Rivalen betrachtete und auf den Tod nicht ausstehen konnte. Auch wenn die drei schon seit der Grundschule immer dieselben Schulen besuchten und jetzt sogar an derselben Universität studieren, wussten die beiden Freunde nicht viel mehr über den mysteriösen Uchiha-Spross.

Kalt wie ein Fisch, Herzensbrecher, schweigsam, arrogant – mehr Gründe benötigte Naruto nicht, um eine deutliche Abneigung gegenüber zu entwickeln, die Sakura beim besten Wille nicht teilen konnte, obwohl es sogar in ihren Augen vernünftig wäre.
 

„Sakura-chan“, meinte der Blonde wieder einmal an einem sonnigen Tag im Juni, während er ihr die Hände auf die Schultern legte und alle Intensität, die er aufbieten konnte, in seinen Blick legte. „Du schaufelst dir dein eigenes Grab, wenn du diesem Kerl nachläufst.“ „Das ist mir egal!“, entgegnete sie störrisch und befreite sich unbeeindruckt aus seinem Griff. „Ich weiß, dass du meinst, ich wäre mit dir besser dran, aber ich bin gegen meine Gefühle machtlos.“ Naruto lachte und rieb sich verlegen den Nacken. „Du kennst mich einfach zu gut. Irgendwann wirst du schon merken, dass ich der bessere Freund für dich bin.“ Genervt aufstöhnend wandte sie sich ab und stolzierte strammen Schrittes über den Vorhof des Universitätshauptgebäudes davon, um ihr nerviges Anhängsel abzuschütteln, was jedoch fehlschlug. Er hing an ihr wie ein Küken an seiner Mutter und nichts, was sie tat oder sagte, konnte daran etwas ändern. „Warte auf mich, Sakura-chan! Tut mir leid, ich bin ja schon ruhig!“, rief er ihr nach und gnädig gestimmt hielt sie inne, damit er sie einholen konnte. Gemeinsam machten sie sich auf den Heimweg, ohne den verächtlichen Blicken, die ihnen folgten, Beachtung zu schenken.
 

Zu der Zeit, von alldem nichts mitbekommend, legte Sasuke gerade seine Füße auf die Brüstung des Balkons, der zu seiner geräumigen Wohnung gehörte. Er blies den Rauch der Zigarette in den wolkenlosen Himmel und verfluchte zum wiederholten Male die Hitze, die in alle Ecken kroch und bei ihm Migräne hervorrief, die ihn sowieso schon viel zu oft plagte. Hier im Schatten, wo ein schwaches Lüftchen wehte und seine vor Leben geradezu strotzenden Pflanzen ihn vor unerwünschten Blicken verbargen, ließ es sich noch am ehesten aushalten. Das Mädel, das ihm mittags ein bisschen Unterhaltung geboten hatte und deren Name ihm schon längst wieder entfallen war, hatte hoffentlich endlich zugesehen, dass sie Land gewinnt. Er hatte ihr nicht umsonst ausdrücklich erklärt, dass es das erste und letzte Mal gewesen ist, dass sie sich gesehen haben. Es gibt einiges, was er nicht ertragen konnte, und dazu gehörte unter anderem, dass sich jemand länger als nötig in seinem Zuhause aufhielt oder gar dort breit machte. Für so etwas war er nicht zu haben. All die Gefühlsduselei ging ihm tierisch auf die Nerven, weshalb er vor den Bekanntschaften, die damit anfingen, so schnell es ging flüchtete. Er nahm nicht viele mit in seine eigenen vier Wände, und wenn er es tat, dann nur bei denjenigen, die nur dasselbe wollten wie er – schnellen, umkomplizierten Spaß ohne großes Geheule oder gemeinsames Frühstück.

Seufzend warf er den glimmenden Zigarettenstummel in einen der Aschenbecher, die überall herumstanden, und beschloss sich ins Bett zu legen, nachdem er die stärkste Schmerztablette nahm, die in seinem Badezimmerschrank zu finden war. Wäre er einen Augenblick später durch die Balkontür nach innen getreten, hätte er ein schwaches Echo von Sakuras Stimme vernehmen können, das von den Häuserwänden widerhallte, als sie Naruto für eine freche Bemerkung schimpfte.

Neue Bekannte

Mit einem heiseren Schrei fuhr Sasuke aus dem Schlaf, wobei sein rechter Ellenbogen eine unliebsame Bekanntschaft mit dem Kopfende des Bettes machte. Ohne auf den stechenden Schmerz zu achten warf er die mit Schweiß vollgesogene Bettdecke auf den Laminatfußboden und das ebenso feuchte Kissen hinterher, um das einengende Gefühl loszuwerden, das ihn wie eine zweite Haut umhüllte.

Diese verdammten Albträume machten seine Nächte zu Abstechern in die Hölle. Immer noch heftig nach Luft schnappend wischte er sich die salzigen Tropfen von der Stirn und begann im selben Moment zu zittern, als der Schweiß zu trocknen anfing.

Jedes einzelne Mal wohnte er dem Massaker an seinen Eltern bei und konnte nichts dagegen tun. Seine Füße waren wie in Beton gegossen und ließen nicht den geringsten Schritt nach vorne zu. Zum Schluss musste er mit ansehen, wie sich sein Bruder Itachi, dessen Gesicht erst dann deutlich zu erkennen war, von ihm abwandte und seine eigenen Rufe ungehört in der Dunkelheit verhallten.

Erst wenn er kaum noch Luft bekam, nachdem er sich die Seele aus dem Leib geschrien hatte, wachte er auf und konnte sich erst nach vielen, schnell aufeinander folgenden Herzschlägen beruhigen.

Auch dieses Mal sprang er danach so rasch, wie es seine bebenden Knie zuließen, unter die Dusche, trank einen Kaffee und sah der Sonne beim Aufgehen zu, während er an dem großen Panoramafenster in seinem Wohnzimmer stand und seine Stirn an das kalte Glas lehnte.

Sasuke wusste, dass die Ringe unter seinen Augen jeden Tag tiefer wurden, doch offenbar machte ihn das nur noch attraktiver für die Damenwelt.
 

Wenn der Waise das heiße Wasser über seinen klammen Körper brausen ließ, befand sich Sakura noch im tiefsten Schlummer. Morgens war sie nur schwer aus dem Bett zu bekommen, was einige geschwänzte Vorlesungen erklärte, zu denen sie sich hin und wieder einfach nicht aufraffen konnte. Ihre Eltern, bei denen sie während ihrer Studienzeit wohnen bleiben wollte, hatten ihre halbherzigen Versuche schon längst aufgegeben, ihre einzige Tochter zum rechtzeitigen Aufstehen zu bewegen, und ließen ihr ihren Willen.

Deshalb hob das Ehepaar Haruno erstaunt die Augenbrauen, als sie mit der aufgeschlagenen Tageszeitung am Frühstückstisch saßen und Sakura in einem der Nebenräume rumoren hörten. Das laute Geräusch stammte daher, dass die Studentin genervt aufstöhnend vor ihrem bis zum Boden reichenden Spiegel stand und ein Kleidungsstück nach dem anderen auf ihr Bett warf, weil sie sich für keins entscheiden konnte. Spaghettiträger-Tops landeten neben bunt gemusterten T-Shirts auf der geblümten Decke, bis Sakura schicksalsergeben eine pastellfarbene Bluse wählte, die mit ihren Haaren harmonierte, und in eine schlichte, blaue Jeans schlüpfte. Für heute war ein akademischer Festakt angesagt, dessen Besuch für alle Mitglieder der Universität verpflichtend war, und sie konnte mit Sicherheit sagen, dass sie dort Sasuke begegnen würde, bei dem sie ein weiteres Mal ihr Glück versuchen wollte. Sie musste sich nur noch überlegen, wie sie davor Naruto loswerden konnte, der gewiss wieder auf den Platz neben ihr rutschen würde. Daran würde ihn auch die immense Größe des Saals nicht hindern.

Nachdem Sakura noch leichten Lippenbalsam aufgelegt und sich ihre Lieblingsballerinas über die Füße gestülpt hatte, war sie bereit, dem Mann ihrer Träume erneut gegenüber zu treten. Ihre Aufregung konnte man nur an dem roten Schimmer auf ihren Wangen erkennen.
 

Lange, weiße Stoffbahnen an den Flügeltoren, die den Eingang zum Universitätssaal bildeten, hoben die Besonderheit dieses Tages hervor, an dem die Direktorin für irgendwelche Friedensarbeit geehrt werden sollte, die Naruto nicht besonders interessierte. Schnaubend schob er die herabhängende Dekoration beiseite und hielt Ausschau nach seiner besten Freundin, die sich irgendwo in dem Getümmel aufhalten musste. Dank ihrer sonderbaren Haarfarbe dauerte die Suche jedoch nicht lange und er stürmte sogleich los, um sie angemessen zu begrüßen. Vielleicht hatten die Feierlichkeiten eine positive Auswirkung auf ihre Laune und sie würde endlich einwilligen, mit ihm auszugehen.

„Sakura-chan!“, rief er freudig, kaum dass er ihre Hörweite erreicht hatte. Er ließ sich ungeschickt auf den Stuhl neben ihr fallen, was sie nicht einmal zur Kenntnis nahm, so fokussiert war sie auf das, wofür sie erst den nötigen Mut aufbringen musste. „Gut, dass du da bist“, meinte sie nur abwesend und stand auf. Ihre Tasche in seinen Schoß werfend murmelte sie etwas davon, dass er darauf aufpassen solle und sie gleich wieder da sei. Ehe Naruto auch nur zu einer Erwiderung ansetzen konnte, war sie bereits in der Menschenmenge verschwunden. Achselzuckend setzte er die Tasche zwischen seinen Füßen ab.
 

Da! Endlich hatte sie ihr Zielobjekt entdeckt. Wie hätte es auch anders sein sollen, lümmelte er in der letzten Sitzreihe herum, während ihm seine wasserstoffblonde Sitznachbarin die Schultern massierte. Enttäuscht lehnte sich Sakura an die Wandvertäfelung aus Holz und stieß den angehaltenen Atem aus. Doch plötzlich geschah etwas Unerwartetes – Sasuke schlug unwirsch die Hand des Mädchens weg und sagte etwas Leises zu ihr, ohne sie überhaupt anzusehen. Sogleich stiegen der Blondine die Tränen in die Augen und sie rauschte, die Hand vor den Mund gepresst, so schnell sie ihre dürren Beine trugen davon. Da witterte Sakura ihre Chance. Fast so, als wäre es reiner Zufall, ließ sie sich neben ihm auf den äußersten Rand der Sitzfläche nieder. Sie tat, als schenke sie ihm keinerlei Aufmerksamkeit, spürte jedoch seine Anwesenheit mit jeder Faser ihres Körpers. Anscheinend nahm er jedoch ebenfalls keine Notiz von ihr, stellte sie fest, als sie ihn kurz aus den Augenwinkeln ansah. Er schaute über die Köpfe der Leute vor ihm hinweg, als spiele sich auf der Bühne etwas furchtbar Interessantes ab. Sie folgte seinem Blick und konnte nachvollziehen, was seine Konzentration gefesselt hatte. Eine ausgesprochen schöne Frau mit wallendem, kastanienbraunem Haar und einem enganliegenden blauen Kleid, das zugleich raffiniert, aber auch nicht zu aufgetakelt wirkte, war entschlossen an das Rednerpult getreten und das Geräusch ihrer Stöckelschuhe hallte von den hohen Wänden wider. Nach und nach brachte das tatsächlich die Menge zum Verstummen, die ihre Augen wie Schweinwerfer auf den Neuankömmling richtete. Ohne die geringste Unsicherheit oder Nervosität auszustrahlen, verzog die Frau ihren Mund zu einem verschmitzten Lächeln und klopfte ein-, zweimal probehalber auf das Mikrofon. Es war schwer, ihr Alter zu schätzen, doch Sakura hielt sie für um die dreißig. Sie konnte nicht umhin, mit einem neidischen Blick ihr beeindruckendes Dekolleté zu registrieren, schimpfte sich jedoch einen Augenblick später dafür.

„Guten Tag!“, sagte die Unbekannte mit tiefer, aber dennoch feminin klingender Stimme und sicherte sich dadurch auch die restliche Aufmerksamkeit. Schlagartig war der Saal ruhig, man konnte beinahe die sprichwörtliche Nadel zu Boden fallen hören.

„Mein Name ist Mei Terumi und ich bin hier, um Ihrer werten Direktorin die Auszeichnung für ihr friedensförderndes Projekt zu überreichen.“ Sie ließ eine Kunstpause, um den Anwesenden die Gelegenheit zum Applaus zu geben. Dieser war so laut, dass Sakura beinahe das leise, anerkennende Pfeifen überhört hätte, das Sasuke ausgestoßen hatte. Angesäuert lehnte sie sich zurück. Sie musste gar keinen Blick nach rechts werfen, um zu merken, dass das Objekt ihrer Begierde sich kerzengerade aufgerichtet hatte und an den vollen Lippen dieser Mei Terumi hing. Die nächsten Minuten, in der die Frau sich über die Verdienste des Oberhaupts der Universität, Tsunade, ausließ, bekam sie überhaupt nicht mit, zu sehr ärgerte sie sich darüber, dass ihr die Ankunft dieser Frau einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Erst die Bekanntgabe, dass Mei Terumi auch noch zu allem Übel die Vertretungsstelle eines erkrankten Professors übernehmen würde und sich somit länger als nötig hier aufhalten durfte, riss Sakura aus ihren deprimierten Gedanken. „Jetzt hängt sie hier ja ständig herum“, dachte sie bitter, als Sasuke sich plötzlich erhob und ohne ein weiteres Wort den Raum verließ. Verwirrt sah sie ihm nach. War es ihm zu langweilig geworden und hatte er deshalb das Weite gesucht? Nachdenklich kratze sie sich am Kopf. Das wäre gar nicht so schlecht, dann war diese Frau auf der Bühne wenigstens nicht ansprechend genug in seinen Augen, um zumindest den Schluss ihrer Rede abzuwarten.
 

Zur selben Zeit verrenkte sich Naruto beinahe den Kopf, um herauszufinden, wo sich Sakura herumtrieb. Erst als ihm jemand von hinten die Hand auf den Kopf legte und ihn grob zurück auf den Sitz drückte, gab er auf, obwohl er noch eine Weile vor sich hin brummelte. Ehe er sich versah, war der Platz neben ihm, der eigentlich Sakura gehörte, belegt und er verzog das Gesicht. Wo musste sie denn auch noch so dringend hin? Naruto war völlig entgangen, dass alle um ihn herum zur Bühne starrten, so sehr ereiferte er sich über ihr Verschwinden. Dann ertönte ein Flüstern neben ihm, dass ihn den Kopf näher zu dem Mädchen neigen ließ, das Sakuras Platz eingenommen hatte. „Entschuldige“, sagte sie leise und kaute nervös auf ihrem Zeigefinger herum. „Könnte ich mir bitte einmal den Prospekt zur heutigen Veranstaltung ausleihen? Hier lag keiner.“ Langsam hob Naruto den Blick von ihren übereinander geschlagenen Knöcheln zu ihrem blassen Gesicht, aus dem ihn ein ungewöhnlich helles Augenpaar entgegenfunkelte, das von einem Vorhang aus dunkelblauem, sehr langem Haar eingerahmt wurde. „Natürlich, wieso nicht?!“, antworte Naruto in normaler Lautstärke und lächelte ermutigend. Er reichte ihr das Gewünschte, was eine merkwürdige Reaktion bei ihr auslöste. Auf einmal lief sie nämlich scharlachrot an und fächelte sich mit der freien Hand Luft zu. „Vielen Dank, ähm… Naruto-kun“, murmelte sie hastig und versteckte sich hinter dem aufgeschlagenen Prospekt. „Woher kennst du meinen Namen?“, fragte Naruto neugierig, ohne sich darum zu kümmern, dass sie ihr Gesicht vor ihm verbarg. Quietschend rang sie nach Luft und hielt sich den Prospekt noch dichter vor die Nase. „Habe ich mal irgendwo aufgeschnappt“, erwiderte sie schließlich undeutlich, was dem blonden Jungen ein Lachen entlockte. „Stimmt, unbekannt bin ich hier nicht gerade. Aber dich habe ich hier noch nie gesehen. Wer bist du denn?“. Er nahm ihr den Zettel weg, um sie ansehen zu können, doch sie sah schnell zu Boden. „Ich… ähm… heiße … Hinata“, stotterte sie und knetete die Hände im Schoß. „Hallo Hinata!“, sagte Naruto mit einem breiten Grinsen. „Schön, dich kennenzulernen. Gibt nicht viele, die freiwillig mit mir sprechen. Die wissen gar nicht, was sie verpassen, stimmt‘s?“. Mit diesen Worten richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Frau vorne und erlöste Hinata aus ihrer Nervosität, die sie seit ihrem ersten Blickkontakt befallen hatte.

Fehlschläge

Wenn der Winter die dicht besiedelte, vor Leben geradezu pulsierende Stadt erst einmal in seinem festen, eisigen Griff hätte, würde sie sich wohl eine neue Garderobe zulegen müssen.

Mei Terumi versuchte, sich ihren Kleiderschrank vor ihrem geistigen Auge vorzustellen, doch es war ein Ding der Unmöglichkeit, dort den Überblick zu behalten. Sie nippte an ihrem wunderbar kühlen Eistee und beschloss, dass sie ihr erstes Gastprofessorengehalt ruhig für wärmende Winterkleidung ausgeben konnte. Jetzt merkte man davon zwar noch nichts, so sehr brachte die pralle Sonne alle Einwohner zum Schwitzen, aber die kälteren Jahreszeiten konnten hier wohl verflucht kalt werden.

Mei ließ ihren Blick über das Universitätsgelände schweifen, auf das sie von ihrem Standpunkt, dem Flachdach des Hauptgebäudes, ideale Sicht hatte. Zwar stach der Campus nicht gerade durch seine Größe hervor, aber dafür durch das viele Grün, das die Wegesränder säumte. Er machte den Eindruck einer gemütlichen Oase inmitten des Großstadtdschungels. Plötzlich überkam die ehemalige Politikerin das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden. Dabei hatte sie penibel darauf geachtet, dass niemand merkte, wohin sie während der Mittagspause der Feierlichkeiten verschwand. Natürlich war ihr bewusst, welche Wirkung eine Frau wie sie auf die jungen, halbgaren Studenten haben konnte, doch ihr stand nicht gerade der Sinn danach, von einem Haufen Bewunderer auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden.

Als sie den Kopf in Richtung des Ankömmlings wandte und ihn von oben bis unten musterte, musste sie ihre Meinung dahingehend revidieren. Gegen einen Haufen Bewunderer, der aus Kerlen wie ihm bestand, hätte sie nichts einzuwenden. Allerdings war sein Ruf sogar an ihre Ohren schon gedrungen.

„Sasuke Uchiha“, stellte sie fest und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wie haben Sie mich gefunden?“ Der schwarzhaarige Mann näherte sich ihr etwas, hielt aber den üblichen Höflichkeitsabstand ein. „Woher wissen Sie meinen Namen?“, konterte er ruhig und sah sie aus seinen dunklen Augen, die alles zu durchschauen schienen, abwartend an.

„Ich habe meine Informanten.“

„Genau wie ich.“

Jetzt grinste er leicht und ging einen weiteren Schritt auf sie zu, die Hände tief in seinen Jeanstaschen vergraben. Unbeeindruckt drehte Mei sich nun ganz herum und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Zaun ab, der das Dach eingrenzte. „Übrigens ist das eigentlich mein Rückzugsort hier“, fügte Sasuke hinzu und machte eine ausladende Bewegung, als wäre es sein Territorium. „Aber da ich heute großzügig bin, können Sie gerne hier bleiben.“ Anerkennend hob die Frau ihre rechte Augenbraue. „Selbstbewusstsein hast du, das muss man dir lassen. Hier flüchtest du dich sicher jedes Mal hin, wenn dir eine Horde Mädchen nachstellt.“

Sasukes Mundwinkel zuckten, als müsste er sich das Lachen verkneifen, doch er antworte nur:

„So ähnlich.“

Gerade begann Mei ihr selbst aufgestelltes Verbot, etwas mit Studenten anzufangen, zu überdenken, um ihren Aufenthalt hier etwas spannender zu gestalten, da gesellte sich noch jemand zu ihnen, der die steile Treppe hinaufgetrabt kam. Sasuke fuhr herum und schlagartig verging sein Lächeln wie die Flamme einer ausgeblasenen Kerze.

„Kakashi“, murmelte er, ohne einen Hehl aus seiner Enttäuschung zu machen, dass der einzige Professor, den er respektierte und zu dem er eine fast freundschaftliche Beziehung aufgebaut hatte, ihn und Mei nun unterbrach. Kakashi hatte ihm sogar vor einiger Zeit das Du angeboten, was ein Beweis dafür war, wie viel ihm an diesem Studenten lag. Das änderte jedoch nichts daran, dass Sasuke ihm nun einen mörderischen Blick zuwarf und ihm unmissverständlich zu verstehen gab, er möge sofort verschwinden.

„Sasuke, ich rieche deine Absichten zehn Kilometer gegen den Wind. Lass unsere neue Professorin in Ruhe. Hast du nicht schon mit genügend jungen Frauen angebandelt?“.

Kakashi schüttelte gespielt vorwurfsvoll den Kopf und stemmte die Hände in die Hüften.

Der Angesprochene stieß nur einen abfälligen Zischlaut aus, zwinkerte Mei noch einmal zu und stolzierte an Kakashi vorbei die Treppe herunter.

Nachdenklich neigte das neuste Mitglied der Universität den Kopf zur Seite und sah ihm nach. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob es Pech oder Glück war, dass Sasuke nicht das zu Ende bringen konnte, was er offenbar im Sinn hatte.
 

Sakura konnte ihren Augen nicht trauen. Beinahe wäre ihr die Kinnlade heruntergeklappt, aber so viel Beherrschung, um das zu verhindern, konnte sie gerade noch aufbringen.

Sah sie das wirklich oder war es eine Fata Morgana?

Stand dort wirklich Naruto und war in ein Gespräch mit einer anderen Studentin vertieft?

Sakura rieb sich das Gesicht, als könnte sie sich damit in die Realität zurück katapultieren, aber als sie die Hände sinken ließ, bot sich ihr immer noch dasselbe Schauspiel.

Naruto unterhielt sich mit einem Mädchen, mit der sie sogar eine Vorlesung gemeinsam besuchte! Diese beinahe milchige Augenfarbe war nicht gerade schwer wiederzuerkennen.

„Saaaaakuraaaa-chaaaan!“. Da passte sie einen Moment nicht richtig auf, da hatte er sie schon entdeckt und ließ seine Arme wie die Flügel einer Windmühle kreisen, um sie auf sich aufmerksam zu machen, was Sakuras Tasche über seine Schulter stark ins Schwanken geraten ließ.

Als hätte sein lautes Organ dazu nicht schon ausgereicht! Seufzend, ohne große Begeisterung zu zeigen, schlenderte sie auf die beiden zu. Dass ihr letzter Versuch, bei Sasuke zu landen, nicht von Erfolg gekrönt war, ließ ihre Laune auf einen neuen Tiefpunkt sinken.

Narutos übersprudelndes Temperament passte ihr momentan überhaupt nicht in den Kram, doch ihn zu ignorieren kam auch nicht in Frage.

Kaum war sie nah genug bei ihnen, griff die Frohnatur nach ihrem Arm und zog sie heran. „Hinata, das ist Sakura – Sakura, das ist Hinata!“ Grinsend nahm er Hinatas rechte Hand und Sakuras linke und führte sie zusammen. „Danke, Naruto, das kann ich auch allein!“, fauchte die verärgerte Studentin und entzog sich seiner Berührung. Sie war viel zu sehr mit ihrem Verdruss beschäftigt, als dass sie bemerkt hätte, dass Hinatas Hautfarbe einem Signalfeuer ähnelte.

„Wollen wir in die Mensa gehen?“, warf der Blonde in die Runde, ohne sich von ihrer finsteren Miene abschrecken zu lassen. „Ich habe einen Bärenhunger!“

„Ähm… Gerne, Naruto-kun“, murmelte Hinata und wischte sich einen imaginären Fleck von ihrem fliederfarbenen Pullover, um ihn nicht ansehen zu müssen.

„Natürlich nur, wenn Sakura-san nichts dagegen hat!“, beeilte sie sich hinzuzufügen, woraufhin Sakuras Gesichtsausdruck von genervt zu irritiert wechselte. Sie war es keineswegs gewohnt, dass sich jemand freundlich mit ihr unterhielt. Außerdem hing Hinata immer mit einem Grüppchen von anderen Mädchen herum, deren Gekicher man bis in die Reihe hören konnte, in der Sakura für gewöhnlich saß. Sie bildeten einen Trupp von Menschen, die sich normalerweise über jemanden wie sie lustig machten. Aber Hinata machte nicht den Eindruck, als wäre sie darauf aus, Sakura etwas Böses zu wollen.

Gleichgültig hob sie schließlich die Schultern und setzte sich in Bewegung, aber nicht ohne Naruto einen kurzen Stoß zu versetzen. „Na, komm schon!“
 

Hätte Sakura zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, welches Missgeschick ihr passierte, wäre sie wohl auf dem schnellsten Wege nach Hause gerannt und hätte die Mensa wie die Pest gemieden. Da ihr aber die Möglichkeit verwehrt blieb, so etwas vorherzusehen, nahm das Unglück seinen Lauf.

Ein hervorstehendes Stuhlbein war der Übeltäter, der dafür sorgte, dass alles, was sich auf ihrem Essenstablett befand, dem Fußboden entgegensegelte und sie selbst nach kurzem Getaumel ebenfalls. Das Lachen über eine Bemerkung, die Naruto, der hinter ihr her marschierte, blieb ihr im Halse stecken, als ihr Blick auf die feinen Gesichtszüge Sasukes fielen, der sich gerade seinen Weg zum Ausgang bahnte. Genau in diesem Moment der Ablenkung geschah es, dass sie nicht auf eben jenes Stuhlbein achtete, dass sie letztendlich zu Fall brachte.

Doch das war nicht alles – bevor der Teller voller Spaghetti und Tomatensoße auf dem Boden landete, traf er auf Sasukes Oberschenkel.

Er sah entsetzt an sich herunter, wie Sakura von ihrer unbequemen Perspektive von unten erkennen konnte. Ein paar Atemzüge war sie zu keinem klaren Gedanken fähig. Der Lärm der anderen und Narutos Gefrage, ob sie sich was getan habe, ebbte zu einem leisen Gemurmel ab und sie konnte nicht anders, als den Mann anzustarren, dem sie in solch einer Situation am allerwenigsten begegnen wollte. Nachdem er den Schaden ausgiebig betrachtet hatte, wanderte sein Blick zu ihr und sein Mund verzog sich zu einem schmalen Strich. Erst dann gab sie sich einen Ruck, stemmte sich so schnell sie konnte hoch und fischte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche. Nur, um überhaupt irgendetwas zu tun, während ihr Kopf seine Arbeit immer noch nicht wieder aufnahm, wischte sie mit hastigen Bewegungen an seiner Körpermitte herum. Ehe sie merkte, an welchen pikanten Stellen sie da herumtastete, griffen zwei kräftige Hände nach ihren Handgelenken. Seine Haut fühlte sich kühl an ihrer an und die Härchen an ihren Armen stellten sich automatisch auf, als sie seinen festen Griff spürte. Er strahlte allerdings immer noch alles andere als Freundlichkeit aus, obwohl man die Geste, mit der er ihr das Taschentuch wegnahm, fast als sanft bezeichnen konnte.

„Lass gut sein. Okay?!“.

Mit diesen Worten schob er sich an ihr vorbei und ließ das Taschentuch neben ihr zu Boden fallen. Ohne einen Blick nach links und rechts zu werfen oder den Leuten Gehör zu schenken, die ihn aufforderten sich auszuziehen, trat er durch die Schwingtüren nach draußen und ließ Sakura, der sogleich Tränen in die Augen schossen, wie ein Häuflein Elend zurück.

Eifersucht

Einige Menschen sind es gewohnt, aufkommenden Gerüchten mit Misstrauen zu begegnen, während andere sie als ideale Gelegenheiten betrachten, die ihnen vom Schicksal in den Schoß geworfen wurden, um ihren Alltag interessanter zu gestalten.

Eine Neuigkeit, die man als solch ein Gerücht bezeichnen konnte, verfolgte Sakura, wohin sie auch ging und an wen sie sich auch wandte. Zum Glück gehörte sie zu der ersten Kategorie, die nicht alles glaubt, was erzählt wird, dennoch nahm sie der Gedanke daran, dass möglicherweise doch ein Körnchen Wahrheit darin verborgen lag, ziemlich mit.

Setzte Sasuke wirklich alles daran, bei dieser neuen Professorin, Mei Terumi, zu landen?

Jedes Mal, wenn Sakura der unübersehbaren Frau begegnete, was nicht sehr häufig der Fall war, schoss sie gedanklich den oder anderen Blitz auf sie ab. Die Eifersucht klebte ebenso hartnäckig an ihr wie dieser verdammte Gedanke in ihrem Kopf. Von Sasuke hatte sie seit ihrem Missgeschick in der Mensa nicht eine Haarsträhne mehr gesehen.

Sie hatte höchstpersönlich seine Reaktion bei Mei Terumis Lobesrede auf die Universitätsleiterin mitbekommen, die Bände gesprochen hatte. Allerdings war Sasuke nicht der Typ dafür, irgendjemandem nachzulaufen, weswegen sie die Gespräche der Kommilitoninnen, die sie aufschnappen konnte, stutzig machten. Konnte es wirklich sein, dass er keiner anderen auch nur einen Bruchteil seiner Aufmerksamkeit schenkte, seitdem dieser fleischgewordene Männertraum hier Vorlesungen hielt?

Sasuke hatte sich noch nie verliebt. Da war sich Sakura sicher.

Deswegen war diese Mei Terumi wohl, wenn überhaupt, nur eine Art Projekt für ihn, weil sie besonders schwer zu knacken war. Das hoffte sie zumindest.
 

Schwer mit sich selbst und ihrer nicht vorhandenen Beziehung zu Sasuke beschäftigt, schlug sie den Weg in Richtung Krankenzimmer ein, um sich vor ihrem Anatomieseminar eine Kopfschmerztablette zu besorgen. Das hämmernde Gefühl hinter ihrer Stirn plagte sie schon, seitdem sie aufgestanden war, und sie konnte sich denken, woran das lag.

Nachdem sie einige Treppenstufen erklommen und den zweiten Stock erreicht hatte, blieb sie erleichtert vor der Tür mit dem ins Holz eingelassenen Fenster stehen.

Sie versuchte die Klinke herunterzudrücken, doch es wollte ihr nicht gelingen. Verzweifelt rüttelte sie daran, doch die Tür gab nicht einen Zentimeter nach.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Kakashi Hatake, einen Professor, den sie bisher nur von Bildern kannte, war urplötzlich neben ihr aufgetaucht. Erst wunderte Sakura sich darüber, doch dann fiel ihr ein, dass sein Büro bestimmt nur einen Katzensprung entfernt war. Schließlich waren hier so ziemlich alle Professoren untergebracht, die auch einen Platz im Universitätsvorstand innehatten.

„Oh, guten Tag, Professor Hatake.“, sagte sie und ließ endlich von ihren erfolglosen Versuchen ab, in das Krankenzimmer zu gelangen. „Ich wollte die Ärztin eigentlich nur um eine Kopfschmerztablette bitten, aber sie scheint nicht da zu sein.“

Nachdenklich sah sich der Mann, der aus rätselhaften Gründen ein Teil seines Gesichts unter einer Maske verbarg, in dem Gang um. „Ich glaube, sie ist in die Apotheke gefahren, aber unsere Gastprofessorin Frau Terumi hat mir neulich erzählt, dass sie für den Fall der Fälle immer welche in ihrer Handtasche hat.“

„Ausgerechnet“, dachte Sakura, verkniff sich allerdings, ihre unfreundlichen Ansichten zu Mei Terumi laut auszusprechen. Bei den lästigen Kopfschmerzen würde sie nach jedem Strohhalm greifen, selbst nach einem, auf den sie furchtbar eifersüchtig war.

„Kommen Sie mit, das Zimmer, das ihr für ihre Zeit hier zur Verfügung gestellt wird, befindet sich gleich um die Ecke.“ Er setzte sich in Bewegung und forderte sie mit einem Winken auf, ihm zu folgen, womit sie schweren Herzens einverstanden war.

Kaum waren sie an ihrem Ziel angelangt, klopfte Kakashi an und sogleich ein.

Doch schlagartig blieb er auf der Schwelle stehen, ohne dass sich Sakura den Grund dafür erklären konnte. War ihre persönliche Konkurrentin etwa auch nicht da?

Sie stelle sich auf die Zehenspitzen und versuchte, über seine Schulter einen Blick auf das Innere des Raumes zu erhaschen. Das, was es dort zu sehen gab und Kakashi in eine Schockstarre versetzt hatte, ließ ihr den Atem stocken.

Statt auf einem Stuhl hinter dem Schreibtisch, wo Mei Terumi eigentlich hingehört hätte, befand sie sich auf einem zerknautschten, dunkelroten Sofa, das an der Längsseite stand und nicht nur sie beherbergte. Ihre linke Hand, die mit schweren Ringen geschmückt war, schmiegte sich an Sasukes Wange, die rechte hatte sie in seinem Haar vergraben. Er wiederum kniete über ihr und sah die Neuankömmlinge überrascht an. Er fing sich jedoch gleich wieder, während er seine Hände langsam von ihrem Oberkörper nahm.

„Hast du nicht abgeschlossen?“, fragte er bloß, als sie ihre Kleidung an sich raffte, um sich zu bedecken. Gereizt glitt er von dem Sofa, als sie nichts erwiderte, und griff nach seinem Shirt. Behände huschte er an Kakashi und Sakura vorbei, während er es sich überstreifte und hinaus in den Gang verschwand.

Meis Gesichtsausdruck war schwer zu deuten, als sie ihm nachsah. Erleichterung, aber auch Bedauern spiegelten sich darin. Anschließend schlüpfte sie wortlos in ihre Klamotten und richtete entschlossen Kragen und Frisur. Als sie wieder hochblickte, hatten die beiden anderen den Raum ebenfalls verlassen.
 

Die beiden Hände fest um den Becher voll heißem Tee geschlossen, den Kakashi ihr gereicht hatte, kauerte Sakura auf einem bequemen Stuhl in seinem Büro und starrte auf irgendeinen unbestimmten Punkt auf dem Teppichboden. Ihre Tränen waren ihr peinlich, aber sie konnte das Geschehene nicht mehr rückgängig machen.

Schweigend hatte Kakashi sie aus Meis Zimmer geschoben und sie direkt in seine vier Wände geführt, als er ihr verweintes Gesicht bemerkt hatte und den entgeisterten Ausdruck darauf. Der Professor war nicht dumm. Sicher konnte er eins und eins zusammen zählen und ihre Gefühle für Sasuke waren nicht einmal mehr der Lehrerschaft ein Geheimnis.

Hätte sie sich nicht ein einziges Mal zusammenreißen können?

Trotz den Selbstvorwürfen konnte sie nicht leugnen, dass die ineinander verschlungenen Glieder Sasukes und Mei Terumis sich unauslöschlich auf ihre Netzhaut gebrannt hatten wie ein besonders hartnäckiger Albtraum.

Also war an den Gerüchten doch etwas dran.

Kakashi ließ sich auf seinem Drehstuhl nieder und sah aus dem Fenster, die Hände ruhig auf der blankpolierten Platte abgelegt. Zwar stapelte sich Papier auf Papier und bedeckte den ganzen Schreibtisch, trotzdem schien das Chaos eine bestimmte Ordnung zu haben.

„Sag bitte nichts über meine Gefühle für Sasuke“, flehte Sakura innerlich.

Eine zusätzliche Bloßstellung würde sie nicht ertragen.

Geduldig wartete er, bis sie ihren Tee ausgetrunken hatte. Erst dann sah er ihr fest in die Augen und erklärte: „Das war eine einmalige Sache.“

Etwas zog sich in der Brust der Studentin zusammen. Ihr Herz?

Rasch nickte sie, als wäre alles in Ordnung. Als würde sie ebenfalls daran glauben.

„Für Sasuke ist das ein Spiel, bei dem derjenige, der sich verliebt, verliert.“

Mit weit aufgerissenen Augen erwiderte sie seinen Blick. Woher wusste er so viel über ihn?

„Ich kenne ihn schon, seitdem er noch ein Kind war“, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. „Er hat viel durchgemacht und einige Tiefschläge einstecken müssen. Mittlerweile hat er es verlernt, Gefühle zu zeigen oder gar zu empfinden. Dadurch schützt er sich. Und mit Gefühlen meine ich keine oberflächliche Anziehung“, fuhr er bedächtig fort und strich mit seinen Fingern über seine Unterlagen. Er wartete gar nicht auf Sakuras Antwort. Einen Moment später stand er auf und öffnete ihr die Tür. Verwirrt erhob sie sich ebenfalls und stolperte nach draußen, nachdem sie den leeren Becher abgestellt hatte.

„Streng dich an.“

Es war ein so leises Flüstern, dass Sakura schon glaubte, sie habe es sich eingebildet.

Als sie sich herumdrehte, war keine Menschenseele mehr zu sehen und die Tür zum Büro geschlossen.

Trotzdem überkam sie eine nicht näher zu bestimmende Sicherheit, dass der Professor ihr diese Anweisung wirklich erteilt hatte.
 

Kakashi schlenderte über einen breiten Grünstreifen zum Parkplatz, auf dem er seinen silbernen Mercedes abgestellt hatte. Er spielte gedankenverloren mit dem Schlüsselbund und schenkte seiner Umgebung keinerlei Aufmerksamkeit, als in seinem Blickfeld ein Paar hochhackige Schuhe auftauchte, das ihm den Weg versperrte.

„Auf Wiedersehen“, verabschiedete er sich freundlich von der Person und wollte gerade an ihr vorbeigehen, als sie ihm eine Hand auf die Schulter legte und ihn so zurückhielt.

„Wir können nicht so tun, als wäre das vorhin nicht passiert.“, sagte Mei Terumi entschlossen und bohrte ihre Fingernägel in sein Oberteil. Kakashi zuckte nur gleichgültig mit den Achseln. „Es ist ihre Privatsache. Ich will nur nicht hoffen, dass diese Gefälligkeiten in seine Noten einfließen würden, wenn er bei Ihnen Unterricht hätte.“

Er befreite sich vorsichtig aus ihrem Begriff und wollte schon weitergehen, als sie ihm etwas nachrief.

„Ich habe es getan, um von ihm in Ruhe gelassen zu werden!“

Er hörte auf, den Schlüsselbund durch seine Finger gleiten zu lassen, und blieb stehen.

„Hören Sie? Er hätte nie aufgegeben! Ich war eine Herausforderung für ihn und musste ihm das geben, was er wollte, damit er das Interesse verliert und ich ab sofort in Ruhe meinen Tätigkeiten nachgehen kann!“

Kakashi warf einen Blick zurück. Mei hatte die Hände zu Fäusten geballt und der Ausdruck ihrer Augen drängte ihn dazu, ihr Glauben zu schenken, so selbstsicher blickte sie drein. Es wirkte nicht wie eine Rechtfertigung, was sie da von sich gab. Eher wie eine schlichte Erklärung.

„Er ist doch viel zu jung für mich! Für so etwas bin ich eigentlich nicht zu haben. Aber er ist mir wirklich auf die Nerven gegangen. Im Prinzip habe ich mir sogar gewünscht, dass uns jemand unterbricht und das Ganze beendet.“, sagte sie etwas leiser und kam einen Schritt auf ihn zu.

Er lächelte leicht, als sie ihm die geöffneten Hände entgegenstreckte, wie um ihm zu zeigen, dass sie unbewaffnet war.

„Kann gut sein. Ich glaube nicht, dass Sie sonst so fahrlässig gewesen wären, Ihr Büro nicht abzuschließen.“

Mei erwiderte sein Lächeln und schloss zu ihm auf. „Gut erkannt.“

„Soll ich Sie nach Hause fahren?“

„Ich bitte darum.“

Frische Verknüpfungen

Es gab viel, was Hinata Unbehagen bereitete, und nur wenig, das ihr leicht fiel.

Obwohl sie die älteste Tochter ihrer Eltern war, verbrachte sie den größten Teil ihres Lebens im Schatten ihrer jüngeren Schwester. Dass ständig Bilanz gezogen wurde und Vergleiche zwischen ihnen angestellt wurden, schwächte ihr Selbstbewusstsein so sehr, dass sie sich kaum noch traute, überhaupt normale Gespräche zu führen.

Jedes Mal, wenn wieder Zensurenbekanntgabe an ihren Schulen erfolgt war, wurden die Schwestern zu ihrem Vater ins Zimmer gerufen, der immer lautstark verkündete, wie sehr ihm der Stolz auf die jüngere, Hanabi, die Brust schwellte. Erst danach wandte er sich Hinata zu, für die er größtenteils nur Kritik und den Befehl, sich mehr an Hanabi zu orientieren, übrig hatte.

Dass er möglicherweise an ihren schlechten Noten eine Mitschuld trug, weil er sie derart einschüchterte, dass ihre mündlichen Beiträge sich sogar im Unterricht auf ein Minimum beschränkten, zog er gar nicht in Betracht. Hinata hatte in seinen Augen ihre Leistung selbst zu verantworten – schließlich schaffte ihre jüngere Schwester das auch.
 

Hinatas Rettung, oder zumindest eine große Hilfe, war die Tatsache, dass eine Mädchengruppe sie schon früh unter ihre Fittiche genommen hatte. Ino, Tenten, Temari und Hotaru kümmerten sich um sie, stärkten ihr den Rücken und ließen nicht zu, dass sie sich irgendwo verkroch.

Daraus entwickelte sich eine enge Freundschaft, die sogar bis in die Studentenzeit hinein Bestand hatte, auch wenn Temari nicht dieselbe Universität besuchte wie die anderen vier.

Ihnen gegenüber konnte man sie beinahe als offenen Menschen bezeichnen. Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft gehörten sowieso zu ihren Charaktereigenschaften, die ihr Vater nicht wahrnahm, da sie die meiste Zeit unter der Hülle ihrer Schüchternheit verborgen lagen.

Doch nicht einmal ihre Helferinnen konnten aus Hinata herauskitzeln, welche Gefühle sie Naruto Uzumaki, dem damaligen Klassenclown, gegenüber entwickelt hatte. Trotzdem merkten sie es recht bald, da ihre Freundin nicht sonderlich gut darin war, das Offensichtliche geheim zu halten. Ihr Erröten, ihre Nervosität und ihr Händezittern ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, doch jedes Mal wenn das Thema aufkam, stritt Hinata alles ab.

Erst als sie offiziell alle ins erste Semester gekommen waren, gestand sie sich und den anderen die Wahrheit ein. Auch wenn insbesondere Ino nicht verstehen konnte, was sie an dem blonden Kerl fand, unterstützten sie das zurückhaltende Mädchen, wo es nur ging. Trotzdem gelang ihnen erst vor kurzem ein großer Durchbruch, als sich Hinata endlich dazu durchgerungen hatte, einen ersten, versteckten Annäherungsversuch zu wagen, als sie sich neben ihn gesetzt hatte.

Für andere mag das nicht nach einer großen Leistung klingen, doch ihre Freundinnen feierten sie danach. Ihnen war bewusst, was für einen großen Schritt Hinata getan hatte.
 

Umso verwirrtere Blickte tauschten Ino, Tenten und Hotaru, als sie nun in einem Freiblock die Gelegenheit ergriff und mit einer Bitte an sie herantrat. Soweit sie sich erinnern konnten, hatte Hinata noch nie um etwas gebeten. Zu allem hatte man sie (zu ihrem Bestem) drängen müssen, doch nun sah sie die drei Mädchen flehentlich an und erzählte, dass es ihr sehr am Herzen läge, wenn sie sich doch ein bisschen um Sakura Haruno, die beste Freundin von Naruto, kümmern könnten.

„Sakura Haruno? Aber du kannst sie doch nicht ausstehen, weil sie ständig mit deinem Lover rumhängt…“, reagierte Tenten überrascht, während Hinata bei Narutos Erwähnung wieder einmal zusammenzuckte.

„Ähm… Das stimmt nicht. Ich habe sie kennengelernt. Sakura verhält sich mir gegenüber sehr nett. Außerdem ist sie nicht in Naru…to-kun verliebt, sondern in Sasuke-kun. Ich würde mich gern mit ihr anfreunden.“

Kaum fiel Sasukes Name, loderte die Wut in Inos Augen auf.

„In diesen Womanizer? In diesen Riesenarsch? Der mich wie eine heiße Kartoffel fallen lassen hat?“

Die Blondine ballte die rechte Hand zur Faust und fuchtelte damit vor den Gesichtern der anderen in der Luft herum. „Nicht so laut, Ino-chan! Die anderen können dich hören!“, flüsterte Hinata eindringlich. „Das ist mir ziemlich egal“, schnaubte sie zur Antwort, ließ aber den Arm sinken.

„Also nochmal. Die will echt was von Uchiha?“

Hinata nickte und legte den Zeigefinger an ihre Lippen.

„Ich habe es mitbekommen, als Naruto-kun mit ihr sprach, nachdem sie in der Mensa aus Versehen Sasukes Kleidung mit ihrem Essen beschmutzt hat. Aber nicht weitersagen!“

Ino brach ihn schallendes Gelächter aus, sodass Tenten und Hotaru ihr gleichzeitig die Hände auf den Mund legten. „Hat er verdient, der Dreckskerl! Ich gebe ja zu, dass er sehr ansehnlich ist und auch auf gewissen Gebieten ein echter Experte, aber ihn lieben könnte ich jetzt wirklich nicht mehr!“.

Sie zog, immer noch breit grinsend, das Zopfgummi aus ihren langen Haaren und schüttelte sie auf.

„Er sieht wirklich hammermäßig aus“, pflichtete ihr Tenten bei und ein träumerischer Ausdruck trat auf ihr Gesicht. Sie streckte sich auf dem Ledersessel im Aufenthaltsbereich der Bibliothek aus und legte die Arme auf die Lehnen. Hotaru hingegen sah man ihre Zweifel eindeutig an.

„Ich weiß gar nicht, was ihr alle an ihm findet“, murmelte sie und wickelte ein Sandwich aus seiner Verpackung. Dieses Mal mussten sowohl Tenten als auch Ino lachen, während Hotaru entrüstet von einer zur anderen sah. „Was ist daran so witzig?“.

Nachdem Tenten sich endlich beruhigt hatte, klärte sie ihre Freundin auf:

„Witzig ist, dass dein geliebter Utakata Sasuke gar nicht so unähnlich ist.“

Hotarus Augen verengten sich zu Schlitzen, aber sie musste auch grinsen.

„Erstens ist es nicht mein >geliebter< Utakata-san, zweitens würde er sich einer Frau gegenüber niemals so verhalten.“

„Weil er bei Frauen möglichst auf Abstand geht“, gab Ino ihren Senf dazu und verdrehte die Augen.

Während die drei sich liebevoll kabbelten, klopfte Hinata nervös mit dem linken Fuß auf dem Boden, als spiele in ihrem Kopf eine unbestimmte Melodie.

„Was sagt ihr denn nun zu meinem Vorschlag?“, fragte sie schließlich, als ein Moment der Stille eingetreten war.

„Meinetwegen.“ Ino zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Im Kindergarten waren wir mal ganz gut befreundet, aber mit der Zeit wurde der Kontakt immer weniger. Vermutlich, weil ich immer beliebter und sie immer unbeliebter wurde.“ Sie streckte frech die Zunge heraus und wurde von Hotaru zurechtgewiesen. „Das ist nicht nett.“ „Aber die Wahrheit.“

„Also, mir ist das auch egal“, meldete sich Tenten zu Wort, nachdem sie ein Stück von Hotarus Sandwich stibitzt hatte.

Ein breites, aufrichtiges Lächeln huschte über Hinatas Gesicht. „Vielen Dank! Das bedeutet mir wirklich viel!“

„Heute Abend steigt hier in der Nähe in einer alten Lagerhalle, die vom Studentenausschuss gemietet wurde, eine Semesteranfangsparty“, erinnerte Hotaru die anderen. Erfreut klatschte Ino in die Hände, die ebenfalls mit hungrigem Blick das Sandwich auf dem Tisch im Visier hatte.

„Das hatte ich beinahe vergessen. Warum lädst du sie nicht ein und wir sehen mal, wie zugänglich sie heute Abend ist?“.

„Dann kannst du deinen Naruto auch gleich dazu einladen“, meinte Tenten und stupste Hinata an. „Was?“, fragte diese entgeistert.

„Natürlich. Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Außerdem fällt es nicht so auf, wenn du beide einlädst.“

„Na gut“, lenkte Hinata, sichtlich aufgeregt, ein. „Ich werde sie mal fragen.“
 

Die Lichter der strahlend weißen Schweinwerfer waren bereits auf mehrere Kilometer Entfernung zu sehen. Die tiefen Bässe hingegen spürte und hörte man erst so richtig, wenn man sich auf dem asphaltierten Vorplatz befand, auf dem sich die Raucher unter den Gästen regelmäßig ihr benötigtes Nikotin gönnten.

Sakura umklammerte ihr Handy und sah sich immer wieder suchend um.

Ihre Beine, die lediglich in einer hautfarbenen Strumpfhose und einem Jeansrock steckten, protestierten langsam, aber sicher gegen die Kälte, die sich sogar im Sommer abends rasch über die Stadt legte.

Das Vibrieren in ihrer Hand lenkte sie ab und die eingegangene Nachricht verriet ihr, dass sich die Personen, auf die sie wartete, bereits in der Halle aufhielten.

„Also gut“, seufzte sie und ließ ihr Handy in ihrer blauen Handtasche verschwinden.

Mit hoch erhobenem Kopf machte sie sich auf den Weg zum Eingang.
 

Als Hinata Naruto und ihr vorschlug, gemeinsam auf die heutige Party zu gehen, war sie zuerst nicht allzu begeistert. Sakura wusste genau, mit wem Hinata sie bekannt machen wollte, als sie von ihren Freundinnen sprach. Auf ein Kennenlernen mit dem kichernden Mädchentrupp war sie nicht sonderlich erpicht, aber sie wollte Hinata auch nicht vor den Kopf stoßen. Schließlich konnte es nicht schaden, sich ausnahmsweise mal unter die Leute zu mischen. Wenn sie absolut keinen Bock mehr hatte, konnte sie immer noch gehen.

Außerdem musste sie dringend das Bild von Sasuke und Mei Terumi aus ihrem Kopf bekommen.

Natürlich wusste sie, was Sasuke mit den Frauen trieb, die er abschleppte, aber es war noch einmal etwas anderes, es mit eigenen Augen mitanzusehen. Sie wünschte sich so sehr, diejenige zu sein, an die er sein Herz wirklich verlor (und nicht nur seinen Körper), aber davon war sie nach wie vor meilenweit entfernt, ach was, Lichtjahre sogar.

Eine böse Stimme in ihrem Inneren redete auf sie ein, dass sie nie gut genug für ihn sein würde.

Sakura wischte sich das imaginäre Teufelchen von der Schulter und tauchte in die Menge ein, die sie in der umfunktionierten Lagerhalle erwartete.

Heute wollte sie sich trotz allem amüsieren.
 

Ehe Sakura sich überhaupt erst einmal orientieren konnte, griff jemand nach ihrem Arm und zog sie an den Rand der Tanzfläche. „Sakura-chan!“, rief Naruto mit einem Strahlen im Gesicht über die Musik hinweg.

„Hallo!“, antwortete sie und erwiderte sein Lächeln so gut es ging.

„Schön, dass du da bist. Toll siehst du aus!“, sagte er und blickte anerkennend an ihr herunter.

„Hey! Behalte deine Augen bei dir!“, beschwerte sie sich und haute ihm spielerisch gegen die Schulter.

Naruto lachte nur und zog sie weiter zu einem Grüppchen, das ihnen bereits erwartungsvoll entgegensah.

Plötzlich fühlte Sakura sich unbehaglich, als sie merkte, dass mehrere Augenpaare auf sie gerichtet waren. Eins davon gehörte Hinata, die sich sogleich beeilte einander vorzustellen.

„Hi Sakura! Schön, dich zu sehen!“, begrüßte sie die Angekommene, während sie aus den Augenwinkeln immer wieder kurz Naruto betrachtete.

„Das hier ist Hotaru!“, erklärte sie und wies auf ein Mädchen zu ihrer Rechten. Das dicke, dunkelblonde Haar fiel ihr locker über die Schultern, dessen Spitzen ein knielanges weinrotes Kleid berührten, das ihre blauen Augen zur Geltung brachten.

Die nächste war Ino, die sie bereits von früher kannte. Sie trug das hellblonde Haar lang wie eh und je und hatte sich richtig in Schale geworfen. Ein knappes, schwarzes Top lenkte den Blick auf ihren Ausschnitt, obwohl die weißen Hotpants ebenfalls mehr preisgaben als verbargen. Als dritte und letzte wurde ihr Tenten vorgestellt, die mit T-Shirt und Dreiviertelhosen eher schlicht gekleidet war und ihr tiefbraunes, kurzes Haar hochgesteckt hatte.

Sakura nickte in die Runde und sagte: „Ich bin Sakura.“

Naruto legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter, was von Ino mit einem scharfen Blick registriert wurde. Alle drei wandten sich rasch Hinata zu und da begriff Sakura, was hier vor sich ging.

„Naruto, würdest du uns etwas zu trinken besorgen?“, schlug sie schnell vor und schubste ihn in Richtung Tresen. „Hinata, willst du ihm vielleicht tragen helfen?“, fügte sie hinzu und lächelte sie aufmunternd an. „Wenn das für dich okay ist, Naruto-kun…?“, fragte Hinata vorsichtig, doch der nickte nur verwirrt. „Na klar, warum nicht?“. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und machte sich mit Hinata im Schlepptau auf den Weg.

Ein verlegenes Schweigen entstand, das schließlich von Ino durchbrochen wurde.

„Dir ist also klar, was Hinata empfindet?“, fragte sie ernst, woraufhin Sakura langsam nickte. „Ihr solltet wissen, dass ich kein derartiges Interesse an Naruto habe“, stellte sie fest, während sie ein engumschlungenes, tanzendes Pärchen in der Nähe beobachtete. Erleichtert holte Hotaru tief Luft. „Das ist gut. Wir wünschen uns nämlich, dass sie glücklich ist.“ Sie spielte mit einem Bärenanhänger ihrer Handtasche. „Wenn Naruto sie glücklich macht, soll es mir recht sein“, antwortete Sakura nur abgelenkt, als sie eine Person der beiden Tanzenden erkannte. Natürlich war es Sasuke, wer auch sonst? Da wollte sie ihm einmal nicht begegnen, da traf sie ihn sogleich.

Tenten war ihrem Blick gefolgt und sagte bloß ein einziges Wort: „Sasuke?“

Sakura nickte erneut, ohne überhaupt zu wissen, auf welche Frage sie da geantwortet hatte. In dem Moment kamen Naruto und Hinata voll beladen zurück und verteilten riesige Biergläser.

„Prost!“, rief der einzige Junge der Runde und das Klirren riss Sakura endlich von Sasuke los.

Die Frau in seinem Armen war nicht Mei Terumi.

Sondern Karin, seine Ex.

Geistige Orientierungslosigkeit

Sasuke lehnte sich an die grob verputzte, raue Außenfassade der Lagerhalle, in der die Party munter weitertobte, und zog an einer Zigarette, die er sich bei irgendeinem unscheinbaren Kahlkopf erschnorrt hatte.

Er hielt sich nicht gern dort auf, wo alle anderen sich vor dem Eingang tummelten, weshalb er sich rasch um die Ecke verzogen hatte. Die Kapuze seines grauen Pullovers tief ins Gesicht gezogen, damit ihn niemand erkannte und ihn in ein Gespräch verwickeln konnte, war er vor Karin geflohen, die wieder einmal seinen ganzen Arm nahm, wenn er ihr auch nur den kleinen Finger reichte. Sie neigte dazu, auf falsche Ideen zu kommen, nur weil sie die einzige war, mit der er regelmäßiger etwas Spaß hatte.
 

Ein dichter Wald umgab die Lagerhalle auf dieser Seite, während in südlicher Richtung Fahrzeuge eine Hauptstraße hinauf und hinab brausten. Die Windstille sorgte dort, wo Sasuke stand, jedoch für eine eigentümliche Stille, die das Wäldchen in sich aufzunehmen schien.

Kein Ast und kein Blatt bewegten sich infolge eines Luftzuges. Der Uchiha genoss die Ruhe, die ihn trotz der schrillen Musik innerhalb des Gebäudes, die von den Wänden kaum gedämpft wurde, überkam.

Plötzlich raschelte etwas direkt vor ihm und er spähte ausmerksam ins Dickicht. Vermutlich schlängelte sich nur ein Fuchs durch ein Gebüsch oder eine Eule flog durch das Geäst, aber Sasuke war trotzdem misstrauisch geworden. Sein ungutes Gefühl bestätigte sich, als eine Gestalt aus der Dunkelheit schälte und einen Ast beseite schob, der sich auf Augenhöhe befand.
 

„Das Anschleichen musst du aber noch üben“, meinte Sasuke kühl und ließ erneut die Spitze der Zigarette aufglimmen, während er die andere Hand in der Tasche seines Pullovers verschwinden ließ.

„Uchiha“, zischte derjenige, der nun beim Herantreten deutlicher zu erkennen war. Er machte den Eindruck eines wilden Tieres, das auf der Jagd nach seiner Beute war. Es war ein junger Mann, dessen Wangen von Bartstoppeln bedeckt waren, die an Unordentlichkeit nur noch von seiner strubbeligen, dunkelbraunen Haarmähne übertroffen wurden. Seine blutunterlaufenen Augen waren furchtlos auf Sasuke gerichtet, der ungerührt zurückstarrte. Die Stille zwischen den beiden wurde nur vom heftigen Keuchen des Neuankömmlings unterbrochen, die klangen, als wäre er mehrere Meilen gerannt, bevor er sich nun vor seinem auserkorenen Opfer aufgebaut hatte.

„Kennen wir uns?“, fragte Sasuke nur desinteressiert und drehte horchend seinen Kopf, als Lärmgeräusche aus Richtung des Vorplatzes seine Ohren erreichten.

„Nein, aber du kennst meine Freundin Kin sehr gut. Sie hat sicher schon einmal von einem Zaku gesprochen“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und zeigte anklagend auf den Schwarzhaarigen. Abfällig zuckte derjenige der Schultern.

„Na, hat sie mich etwa nicht erwähnt, als es darum ging, wen sie mit dir betrügt?!“
 

Unbeeindruckt hob Sasuke die Augenbrauen.

„Kann schon sein. Habe trotzdem keine Ahnung, von wem du sprichst.“

Entsetzt wich der andere einen Schritt zurück. „Was soll das heißen?“.

Der Uchiha ließ den fertiggerauchten Glimmstängel zu Boden fallen und trat ihn entschlossen mit dem Absatz seines Schuhes aus. „Das soll heißen, dass ich mich nicht an jede erinnere, mit der ich irgendwann mal rumgemacht habe.“

Er wandte sich zum Gehen, doch der eifersüchtige Junge brüllte:

„Halt! Ich bin noch nicht mit dir fertig!“. „Aber ich mit dir“, antwortete Sasuke, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. „Lass deine dreckigen Finger von meiner Freundin!“
 

Er sah über die Schulter zurück und sein eiskalter Blick ließ Zaku zusammenzucken.

„Sie hatte es anscheinend eh nicht drauf, sonst wäre sie mir im Gedächtnis geblieben.“

Die Grüppchen, die sich auf dem Vorplatz aufhielten, waren schon in Riechweite, als Zaku ihn grob am Oberarm festhielt. Langsam drehte Sasuke sich herum.

„Das solltest du dir noch einmal gut überlegen“, sagte Sasuke, jede einzelne Silbe betonend, während er mit eisernem Griff die Finger auseinanderbog, die sich in seinen Pullover krallten.

„Das habe ich bereits, du Bastard!“, knurrte Zaku und versetzte ihm einen kräftigen Stoß vor die Brust. „Wie du willst“. Sasuke beugte die Knie etwas, um einen besseren Stand zu haben.

Ein lauter Knall ertönte, als eine Faust auf Wangenknochen traf und jemand zu Boden ging.
 

Sasuke und Zaku blickten gleichermaßen überrascht drein, da sich eine dritte Person in ihren Streit eingemischt hatte und infolge Zakus Schlag die Leidtragende war.

Sie hatte sich vor Sasuke geworfen und ihn somit davor bewahrt.

„Du?!“, fragte Sasuke, die Augen ungläubig geweitet, während er auf eine rosahaarige Gestalt herabblickte, die sich vor seinen Füßen zusammenkauerte und die Hand auf die feuerrote Wange gepresst hatte. Sie hob den Kopf und ein Paar grüne, feucht schimmernde Augen musterten ihn abwesend. „Bist du denn völlig bescheuert? Ich hatte doch alles im Griff!“, fing Sasuke an zu zetern und gestikulierte wild in der Luft herum. „Und du“, fuhr er Zaku an, „verpisst dich jetzt mal lieber.“ Dieser nahm den drohenden Unterton in seiner Stimme wahr und sah zu, dass er schnellstmöglich Land gewann.

„I-Ich wollte doch nur… Ich sah eben… Du und dieser Kerl…“, stammelte Sakura unzusammenhängend und strich sich immer wieder über das geschwollene Gesicht.

„Komm“, sagte Sasuke nur und zog sie grob hoch.
 

Kurze Zeit zuvor passte Sakura den richtigen Moment ab, als ihr klar wurde, dass Karin wohl vorerst allein dort stehen bleiben und an ihrem Cocktail nuckeln würde, und ging kurz entschlossen zu ihr rüber.

„Sakura-chan?“, fragte Naruto verwirrt, doch sie murmelte nur etwas davon, dass sie zur Toilette müsse, und drängte sich an den Tanzenden vorbei. Sie spürte Inos Blick im Rücken und war sich sicher, dass sie wusste, was Sakura im Sinn hatte.
 

„Entschuldige bitte“, sagte sie vorsichtig, als sie vor dem Mädchen anhielt, das ihre Brille in ihr rotes Haar geschoben hatte. Gelangweilt sah Karin sie an, ohne von ihrem Getränk abzulassen.

„Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich habe eine wichtige Frage. Bist du Sasukes Freundin?“, fragte Sakura, die Hände in die Hüften gestemmt, um Mut auszustrahlen, den sie im Grunde gar nicht besaß. Karin wirkte nicht überrascht von der direkten Frage, als sie den Strohhalm aus dem Mund nahm, ohne die Augen von ihr abzuwenden.

„Du bist nicht die erste, die mich das fragt, aber die einzige, der mir die Antwort gar nicht wert ist.“, antwortete sie, nachdem sie das Mädchen von oben bis unten gemustert hatte, und widmete sich wieder ihrem Cocktail.

„Wie meinst du das?“, fragte Sakura entrüstet. Gelassen nahm Karin einen weiteren Schluck und erklärte: „Schau dich doch an. Es ist nicht gerade leicht, in Sasukes Beuteschema zu passen, aber so weit davon entfernt zu sein wie du ist fast schon eine Kunst.“ „Was stimmt denn nicht mit mir?“,

fragte Sakura beleidigt und verschränkte nervös die Arme vor die Brust. Bedeutungsvoll schaute ihr Sasukes aktuelles Opfer zuerst ins Gesicht und dann auf die vor ihr verborgene Oberweite.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren rauschte Sakura davon. Karin sah ihr nicht einmal nach. Sie hielt lediglich Ausschau nach Sasuke, den sie bereits vermisste, obwohl er nur einer Raucherpause eingelegt hatte.
 

Sakura stürmte an den Türstehern vorbei, die fremden Eindringlingen am Eingang auflauerten und stürzte hinaus in die sternenklare Nacht. Sie hielt die Tränen zurück, um nicht dumm von der Seite angequatscht zu werden, aber sie wollte nur so schnell wie möglich von hier weg, egal wohin.

Orientierungslos schlug sie sich irgendwie durch die Menschenmasse durch, als sie sich am Rand des Platzes wiederfand und plötzlich Sasukes tiefe Stimme hörte.

Obwohl in ihrem Kopf Chaos herrschte, erfasste sie blitzschnell die spannungsgeladene Situation, in der Sasuke und der Unbekannte sich befanden. Sie wusste zwar nicht, worum es ging, aber die Aggressivität war unübersehbar.

Ehe sie sich überhaupt überlegen konnte, ob es logisch war, was sie da tat, war sie schon losgesprintet und hatte sich zwischen die beiden geworfen.

Das nächste, was sie wahrnahm, war ein brennender Schmerz und den harten Boden unter sich. Kleine Steine bohrten sich in ihre Schienbeine, aber im Vergleich zu der Tatsache, wie stark es in ihrem Kopf hämmerte, spürte sie diese nicht einmal.
 

Sie konnte selbst nicht fassen, zu was sie sich da überwunden hatte, deshalb merkte sie auch kaum, dass Sasuke sie nicht gerade sanft anpackte und hochzog. Er hatte in Sekundenschnelle erfasst, dass sie in dem mentalen Zustand zu nichts zu gebrauchen war und die Initiative ergriffen.

Sasuke half ihr mehr schlecht als recht zu seinem Wagen, den er in sicherer Entfernung zu randalierenden Betrunkenen geparkt hatte. Wäre Sakura nicht so durcheinander gewesen, hätte sie sich darüber wundern können, dass jemand wie Sasuke einen alten Chevrolet fuhr, aber so ließ sie sich wie erschlagen auf den beigen Ledersitz fallen und starrte geradeaus durch die Windschutzscheibe in die Dunkelheit. Mit einem lauten Knall ließ er die Beifahrertür zufallen und stieg selbst ein. Erst dann beugte er sich über sei und schnallte sie an.
 

Das Radio im Auto fehlte, was Sakura jedoch in ihrer geistigen Abwesenheit nicht auffiel. Die erdrückende Stille hätte sie nämlich ansonsten in Verlegenheit gebracht.

„Ich kann es nicht glauben“, sagte sie schließlich mit zittriger Stimme, als Sasuke in ein Wohngebiet einbog. „Was?“, antwortete er, während er sich auf das Fahren konzentrierte. Sein gereizter Unterton entging ihr völlig. „Dass manche einfach Glück haben und andere nicht.“

Sasukes Mundwinkel zuckten unwillkürlich. „Die ist ja völlig hinüber“, dachte er und hielt vor seiner Wohnung, indem er besonders scharf auf die Bremse trat.

Sakura wurde in ihrem Gurt nach vorne geschleudert und sah ihn erschrocken an.

„Was war das denn?“. „Na, weilst du wieder unter den Lebenden?“, meinte er und grinste dieses Mal wirklich.

„Wo sind wir?“, fragte Sakura, statt ihm eine Antwort auf seine provizierende Frage zu geben. Sie spähte aus dem Seitenfenster und erkannte im Licht der Laternen die Straße wieder, die sie immer auf dem Weg zur Universität entlanglief. „Bei mir zu Hause“, erklärte Sasuke schlicht, wieder mit ernstem Gesichtsausdruck, und stieg aus. Erstarrt blieb Sakura sitzen. Sie fühlte sich immer noch wie betäubt, aber der Gedanke, Sasukes Wohnung zu betreten, drang sogar zu ihrem gelähmten Gehirn durch. „Kommst du jetzt oder nicht?“, rief Sasuke ihr zu und rasselte mit dem Schlüsselband. Endlich folgte sie seinem Beispiel und verließ den schützenden Innenraum des Autos, um sich dem Unbekannten zu stellen, das sie dort erwartete.

Misslungene Ablösung

Sakura wurde mit einem großen, aber karg eingerichteten Wohnzimmer konfrontiert, nachdem sie Sasuke mit wackeligen Knien durch die Diele gefolgt war.

Ihr Knöchel machte ihre Pläne zunichte, halbwegs anständig den Flur entlang zu laufen, was sich darin äußerte, dass sie ihr rechtes Bein etwas nachzog. Sie hatte ihn sich wohl verrenkt, als sie infolge des Schlags zu Boden gefallen war.

So recht konnte sie es immer noch nicht fassen, wie sie den riesigen Schritt bewältigt hatte, plötzlich von Sasuke in seine Wohnung geführt zu werden, statt seine Ignoranz ertragen müssen, aber damit wollte sie sich später auseinandersetzen.

Die hohe Decke und der offene Raum raubten ihr den Atem. Eine Wendeltreppe verband die beiden Stockwerke miteinander und von unten konnte man bis hinauf in die erste Etage blicken. Man konnte oben ein Gatter aus Holz und wenige Türen erkennen, aber mehr auch nicht.

Nirgendwo lag etwas offen herum, was auf die Besitztümer des Hausherrn schließen ließ.
 

Sakura inspizierte die spärliche Möblierung, während Sasuke seine Schlüssel auf einer Kommode ablegte und durch einen Türrahmen ins Nebenzimmer verschwand.

Lediglich ein langes, schwarzes Ledersofa inklusive Sessel, ein niedriger Couchtisch und ein Flachbildschirm bildeten die Innenausstattung, die sich auf einem riesigen, schwarzen Teppich befand, der den Laminatboden vor etwaigen Kratzern schützen sollte.

Keine Poster, keine Erinnerungsstücke...

Nichts wies daraufhin, dass Leben in dieser Wohnung herrschte. Ein sauberer Aschenbecher, in dem eine Schachtel Zigaretten lag, stand auf dem polierten Glas des Tisches, mehr aber auch nicht.
 

„Genug herumspioniert?“, fragte jemand hinter ihr und Sakura zuckte erschrocken zusammen.

Ausdruckslos reichte Sasuke ihr einen in ein blaues Geschirrtuch gewickelten Eisbeutel und deutete auf das Sofa, damit sie sich dort hinsetzte.

„Warum hast du mich hergebracht?“, fragte Sakura vorsichtig, kaum hatte er sich ihr gegenüber im Sessel niedergelassen. Seine infolge der hochgekrempelten Ärmel nackten Arme ruhten auf den Armlehnen.
 

„Du hast dich verletzt. Es ist zwar deine eigene Schuld, weil du dich eingemischt hast, aber ich konnte dich schließlich auch nicht dir selbst überlassen.“

Sakura senkte den Blick, während sie sich auf die Lippen biss.

„Weißt du denn überhaupt wie ich heiße?“, fragte sie leise.

Sasuke zuckte als Antwort mit den Schultern.

„Mach dir keine Hoffnungen, dass ich mir das behalte, ich habe kein gutes Namengedächtnis. Außerdem habe ich mit vielen Exemplaren des weiblichen Geschlechts zu tun“

„Das ist mir klar. Dann muss ich dir meinen gar nicht erst verraten, wenn du ihn sowieso später nicht mehr weißt“, meinte das Mädchen enttäuscht und zog die Beine an ihren Körper, während sie weiter ihren Knöchel kühlte.
 

Er betrachtete sie einen Moment und fragte dann:

„Warum hast du dich überhaupt dazwischen geworfen?“

Nun war Sakura dran, mit den Achseln zu zucken. Sie gab sich gleichgültig, aber in ihr rumorte es. „Mein Körper hat sich automatisch bewegt, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte“, erwiderte sie schließlich und sah aus dem Fenster hinaus in die Nacht, in der nur wenige Lichter zu sehen waren. „Jedenfalls hast du mir damit den Spaß versaut, den ich heute Abend eigentlich haben wollte“, schnaubte der Schwarzhaarige und griff nach der Zigarettenschachtel, um sich eine daraus zu genehmigen. Er fragte Sakura gar nicht erst um Erlaubnis, als er auf den Balkon hinaustrat, um mit dem Rauch nicht die Wohnung zu vernebeln.

Entschlossen humpelte sie ihm nach, um sich neben ihm an das Geländer zu lehnen. Sie wusste nicht genau, was sie vorhatte – sie spürte nur, dass sie nicht allein in dieser einsamen Wohnung bleiben wollte. Außerdem hatte sie schließlich, was ihn anging, nichts mehr zu verlieren, oder?
 

„Warum rauchst du nicht drinnen? Ist schließlich deine eigene Wohnung, oder?“, fragte sie interessiert, obwohl er sich betont abweisend von ihr abgewandt hatte.

Eine Weile blickte er nur hoch zum Firmament, an dem kein einziger Stern zu sehen war, da sich der Himmel mittlerweile zugezogen hatte. Morgen würde es mit großer Wahrscheinlichkeit regnen.

„Weil ich den Geruch nicht mag“, sagte er schließlich, was Sakura jedoch nicht genügte.

„Du rauchst, obwohl du den Geruch nicht magst? Das ist nicht gerade logisch…“, meinte sie irritiert und starrte den ihr zugewandten Rücken an.

Plötzlich fuhr er herum und fauchte: „Das geht dich überhaupt nichts an, klar? Also nerv mich nicht! Verzieh dich einfach wieder rein und wenn es dir besser geht, fahr ich dich nach Hause.

Vielleicht kriege ich dann heute Nacht doch noch eine attraktive Frau zu sehen, wenn du bald von ihr verschwindest.“
 

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie im orangenen Licht des Wohnzimmers hinter ihr den Hass ihn seinem Blick sah. „Jetzt fang bloß nicht an zu heulen“, warnte er sie kühl und drehte sich wieder um, als könne er ihren Anblick nicht ertragen.

Mit einem leisen Schluchzer, den sie nicht unterdrücken konnte, stürmte sie, so schnell es ihr lädierter Knöchel zuließ, nach drinnen.
 

Wie hielten es die anderen Frauen, die auf ihn abfuhren, nur mit ihm aus? Behandelte er sie etwa anders?

Es bestand kein Zweifel daran, dass sie selbst ihn mit Haut und Haar liebte, was aber nichts daran änderte, dass ein Teil in ihr, vielleicht ihre Vernunft, ihn auch gleichzeitig für seine harte Schale abgrundtief hasste.
 

Die ganze Zeit, hatte sie Sasuke aus der Ferne beobachtet und ihn auf ein Podest gehoben, auf dem er eigentlich gar nicht stehen durfte. Sie war fest davon überzeugt, dass man nur zu seinem weichen Kern vordringen müsste und dann einen ganz anderen Menschen vorfinden würde. Die Möglichkeit, dass es diesen weichen Kern vielleicht gar nicht gab, war ihr nie in den Kopf gekommen.

Mit großer Sicherheit sagte sie sich immer wieder, dass er bestimmt Gründe hatte, dass er sich so kalt und gleichzeitig wie ein Frauenheld aufführte. Irgendwann hätte sie sicher rausgefunden, weshalb er sich so verhielt.
 

Natürlich zog sie auch sein Äußeres an, aber das Eigentliche, was sie faszinierte, war die Aura, die ihn umgab und andere sowohl anzog als auch abstieß. Sie wollte mehr über ihn erfahren, doch im Grunde konnte niemand mehr von ihm erzählen, als man selbst beobachten konnte. Über sich selbst sprach er nur sehr selten. Die Gefühle anderer Menschen interessierten ihn nicht.

Sakura wollte es so sehr, konnte aber einfach nicht ignorieren, was sie für ihn empfand. Am Anfang hat sie ihre Liebe für ihn genossen, doch in letzter Zeit fügte es ihr nichts als Schmerzen zu.

Hätte sie die Wahl gehabt, wäre er schon längst aus ihrem Kopf verschwunden.
 

Dass er sie in seine Wohnung gebracht hatte, ließ neue Hoffnung in ihr aufkeimen, die er jedoch mit seinem feindseligen Auftreten tiefer begrub denn je. Sie musste damit aufhören.
 

Der erste Schritt aus der Abhängigkeit von ihm war es, sofort von hier fortzugehen.

Mit dieser Absicht griff sie sich rasch ihre Tasche vom Sofa und strebte direkt auf die Haustür zu, wobei sie die eine oder andere Träne auf dem Laminat zurückließ. Schließlich kannte sie den Weg und würde sicher irgendwann trotz der Verletzung nach Hause zurückfinden. Alles war besser als Sasukes Distanz zu ertragen und seine mentalen Schläge auszuhalten.
 


 

Während sie die Stufen hinunterhinkte, wühlte sie in ihrer Tasche nach ihrem Handy.

Als sie es endlich herausfischte und wie wild darauf herumdrückte, um den Bildschirm zum Leuchten zu bringen, musste sie feststellen, dass der Akku wohl leer war.

„Auch das noch“, stöhnte sie innerlich und beschleunigte ihre Schritte, obwohl immer wieder ein scharfer Schmerz in ihren Knöchel fuhr.

„Ey, Sakura, bleib stehen!“, brüllte jemand hinter ihr, doch sie hörte nicht auf die Stimme, die vom Balkon herabtönte.

„Ich dachte, du kennst meinen Namen nicht!“, schrie sie zurück und stolperte weiter über den Bürgersteig.

„Dann ist er mir halt wieder eingefallen, na und?! Ist doch egal! Bleib verdammt nochmal hier!“

„Lass mich in Ruhe!“, erwiderte Sakura mit einer Lautstärke, die Tote aufwecken könnte.

Wenn sie nur diese Ecke erreichte, wäre sie außer Sichtweite und in Sicherheit vor dem, was er ihr mit seinen Worten antun könnte…
 

„Scheiße“, fluchte sie, als sie zu allem Übel auch noch den ersten Regentropfen abbekam, dem in immer kürzeren Abständen weitere folgten. Hätte der Niederschlag nicht wie erwartet erst am nächsten Tag einsetzen können?

Sie stütze sich gerade an der rettenden Hausecke ab, da packte sie jemand grob an der Schulter.

Sasuke war nicht einmal außer Atem, obwohl er dieselbe Strecke in einem enormen Tempo zurückgelegt haben musste. Die Zigarette klemmte im Mundwinkel und spuckte sie achtlos aus.

„Du hast sie wirklich nicht mehr alle“, kommentierte er ihre Flucht. „Kannst du nicht einmal ein paar Sekunden warten, bis ich eine verfluchte Zigarette fertiggeraucht habe? Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich heimfahre.“

„Hau ab“, zischte sie und stieß ihn so fest zurück, sodass er tatsächlich kurz ins Taumeln geriet, sich aber gleich wieder fing. Mit einem beinahe erstaunten Gesichtsausdruck musterte er sie, als wäre auf diese Weise noch niemand mit ihm umgesprungen.

„Du bist ein Mistkerl, Sasuke, und ich brauche deine Hilfe nicht. Mensch, hätte ich den anderen Typen doch nur zuschlagen lassen…“, schimpfte sie und wollte davoneilen, als ihr Knöchel endgültig versagte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ sie sich auf die mittlerweile nassen Steinplatten sinken und lehnte sich vorsichtig an die Hausmauer.
 

„Nur weil ich dich mag, heißt dass nicht, dass ich alles akzeptieren kann“, fuhr sie fort, als Sasuke sich nicht vom Fleck rührte und keine Anstalten machte, überhaupt zu reagieren. Er ließ es einfach zu, dass seine Kleidung langsam feucht vom Regen wurde und blickte stumm auf sie hinab.

Sakura umfasste vorsichtig ihren Knöchel. In was für einer blöden Lage sie doch steckte. Nicht einmal einen würdigen Abgang hatte sie hinbekommen. Was tat sie da eigentlich? Sie warf ihrer großen Liebe eine Beschimpfung nach der anderen an den Kopf. Aber merkwürdigerweise fühlte sich das genau richtig an. Sie konnte ihren Zorn und das Gefühl, das seine Zurückweisung in ihm auslöste, nicht mehr länger leugnen.
 

Sein schwarzes Haar klebte bereits an seiner Wange, als er endlich eine Entscheidung traf.

Mit einem tiefen Seufzer und einem gemurmelten „Frauen – eine merkwürdiger als die andere“ ging er in die Hocke und schob einen Arm unter ihre Kniekehlen und legte den anderen um ihren Rücken. So hob er sie trotz ihrer Proteste hoch und trug sie zurück zu dem Ort, von dem sie geflohen war.

Natürliche Zweifel

„Ich mache mir langsam wirklich Sorgen um Sakura-san“, warf Hinata in die Runde, nachdem Narutos beste Freundin nach einer halben Stunde immer noch nicht wieder zurückgekehrt war. Die anderen nickten und verrenkten sich die Hälse, um einen rosa Haarschopf zwischen den Tanzenden zu entdecken. Insbesondere Naruto wurde von Minute zu Minute beunruhigter.

„Lasst uns mal draußen herumfragen, ob sie jemand gesehen hat. Guckt jemand anders mal auf der Toilette nach?“, schlug Ino vor und Tenten nickte sogleich und verschwand in Richtung der sanitären Anlagen.

„Eine Nachricht hat sie auch nicht geschickt“, stellte Hinata fest, während sie ihr Handy überprüfte. Ratlos fuhr sich Naruto durch sein Haar. „Also, ich gehe jetzt mal raus und frage dort mal nach“, beschloss er. Ino versetzte Hinata einen freundlichen, aber bestimmten Schubser, damit sie ihren Schwarm begleitete. Zögernd gehorchte das schüchterne Mädchen und nutzte die Schneise aus, die Naruto sich in der Menge bahnte. „Was ist mit euch?“, rief sie ihnen noch über die Schulter zu, bevor die laute Musik ihre Stimme ganz verschluckte. „Ich habe eine andere Idee“, antwortete Ino bedeutungsvoll und zog Hotaru mit sich in die andere Richtung.
 

„Was meinst du damit?“, fragte diese unsicher, als Ino mit entschlossenem Geschichtsausdruck und ohne Rücksicht auf Verluste andere Besucher beiseite schob. Doch ihre blonde Freundin nickte nur in Richtung einer Person, die einsam an einem der hohen Stehtische verharrte und gedankenverloren auf dem Strohhalm ihres schon längst geleerten Getränks kaute.
 

„Oh, die Nachhut“, kommentierte Karin ihr Erscheinen unbeeindruckt, als sie auf die beiden aufmerksam wurde. „Was soll das heißen?“, fragte Ino scharf und spielte nervös mit ihrem Ohrring.

„Na, ein Exemplar von eurer Sorte war vorhin schon bei mir. Seid ihr nicht gekommen, um sie zu rächen?“ Karin tat so, als erzittere sie bei dem Gedanken daran, und grinste abfällig.

„Sakura war also wirklich hier. Was wollte sie von dir?“.

Karin stieß einen genervten Seufzer aus.

„Die wollte von mir wissen, wie jede andere auch, ob ich mit Sasuke zusammen bin.“

Hotaru und Ino warfen sich einen erstaunten Blick zu. So mutig hätten sie Sakura überhaupt nicht eingeschätzt. „Und was hast du ihr geantwortet?“, fragte Hotaru misstrauisch.

Als wäre das Gespräch unter ihrer Würde, beobachtete Karin weiterhin gelangweilt den Eingang.

„Dass sie das gar nicht interessieren muss, weil hässliche Tussis wie sie sowieso nicht in Sasukes Liga spielen. Jedenfalls so etwas in der Art habe ich ihr erklärt.“

„Oh, Mist“, sagte Hotaru leise zu Ino. „Meinst du, sie ist nach Hause gegangen, weil sie die Antwort verletzt hat? Oder hat sich irgendwohin zurückgezogen?“

Nachdenklich wiegte sie den Kopf hin und her. „Möglich ist beides.“

Mit einem verächtlichen Schnalzen mit der Zunge, das Karin galt, wollte Ino sich gerade auf den Weg zu den Toiletten machen, um Tenten abzuholen, da kam ihnen Naruto entgegengelaufen, so schnell es der geringe Platz zwischen all den anderen Menschen zuließ. Er wirkte völlig durcheinander und Hinata, die dicht hinter ihm blieb, sah ihn besorgt an.

„Was ist denn?“, fragte Ino sofort, da ihr die Aufregung nicht verborgen blieb. Sie spürte Karins neugierigen Blick in ihrem Rücken. Sicherlich hatte dieses Weibsstück die Ohren neugierig gespitzt und dieses desinteressierte Gehabe zuvor war alles nur Show gewesen.

„Einer hat gesehen, wie Sakura und dieser Uchiha zusammen weggefahren sind“, polterte Naruto sofort los, kaum hielt er keuchend vor ihnen inne. Innerlich musste Ino grinsen. Das geschah diesem rothaarigen Biest recht, so etwas mit anhören zu müssen. Hoffentlich wurde sie richtig eifersüchtig.

„Na dann ist ja alles in Ordnung“, meinte Hotaru erleichtert.

„Nichts ist in Ordnung“, zeterte der blonde Schreihals sogleich. „Wer weiß, was der mit ihr anstellt!“

„Aber das ist doch ganz in ihrem Sinne“, erklärte Hotaru ihm perplex.

„Nur weil sie das glaubt, heißt das auch nicht, dass es wirklich so sein muss! Der Kerl passt doch gar nicht zu ihr!“. Ino verdrehte die Augen. „Und das weißt du natürlich ganz genau.“

„Aber Ino-chan, du hast doch selbst gesagt, was für ein mieser Kerl er ist“, mischte sich Hinata ein.

„Vielleicht bekehrt ihn Sakura ja! Sie ist alt genug. Sie wird schon wissen, was sie tut“, erwiderte Ino überzeugt und hakte Hotaru unter. „Wir vier Hübschen holen jetzt erst einmal Tenten ab und amüsieren uns dann endlich mal. Nehmen wir uns an Sakura ein Beispiel!“
 

„Halt!“, brüllte Naruto, sodass die Leute in ihrem Umkreis aufhörten zu tanzen und sie anstarrten.

„Mach hier doch keinen Aufstand“, bat Hotaru und wollte besänftigend nach seinem Arm greifen, doch er riss sich empört los.

„Ich mache diesen Uchiha-Bastard fertig! Der soll seine Finger von Sakura lassen!“

Er ballte die Faust und Hinata sah, wie sich die Muskeln in seinem Nacken stahlhart anspannten.

„Hör auf sie zu bevormunden. Sie kann das sehr gut selbst entscheiden“, gab Ino schnippisch ihren Senf dazu, was Naruto noch wütender machte.

„Ich kenne sie am besten – ich weiß, was gut für sie ist!“

„Ist das wirklich so?“. Hotaru sah ihn bittend an. „Lass sie doch ihre Erfahrung selbst machen.“

Ino ging weniger zimperlich mit ihm um. Die Arme vor der Brust verschränkt, fragte sie eiskalt:

„Und das sagst du nicht nur, weil du sie für dich willst und ein furchtbarer Egoist bist?“

Naruto machte einen schockierten Eindruck, als er den vollen Gehalt ihrer Worte in sich aufnahm und langsam die geballten Fäuste sinken ließ.

Ohne etwas darauf zu erwidern, rauschte er davon.
 

„Ino-chan!“, rief Hinata piepsig und warf ihr einen entsetzten Blick zu.

„Hättest du das nicht auch anders sagen können?“ Sie wartete gar nicht erst auf ihre Antwort, sondern folgte Naruto, dessen Weg nach draußen aufgrund der ihm hinterher pöbelnden Gäste ziemlich auffällig verlief.

„War das nicht wirklich ein bisschen hart?“, stimmte Hotaru ihrer verschwundenen Freundin zu, doch Ino schüttelte nur den Kopf und lächelte breit. „Jetzt kann sie ihn trösten, oder?“.

Hotaru musste ebenfalls grinsen. „Du bist ein Fuchs“, stellte sie fest.

Der freundliche Ausdruck auf Inos Gesicht verschwand jedoch rasch, als sie Hinata nachblickte.

„Mich kotzt es an, dass sie so verständnisvoll ist. Vor lauter Uneigennützigkeit kriegt sie es noch fertig, ihn und Sakura irgendwie zusammen zu bringen“, orakelte sie unheilvoll.

„Sie muss ihre Erfahrungen selbst machen“, wiederholte Hotaru ihre Worte von zuvor.

„Wie wäre es, wenn wir beide uns jetzt endlich Tenten schnappen und den Laden hier einmal aufmischen?“
 

„Naruto-kun!“, rief Hinata atemlos, während sie hinter ihm herlief. Er machte nicht den Eindruck, als wolle er ihr zuhören, so entschieden schlug er sich seinen Weg durch das Wäldchen neben der Halle.

Einen Moment lang blieb sie stehen und zweifelte an ihrem Tun. Für wen hielt sie sich eigentlich? Man sah doch, wie sehr Naruto in seine beste Freundin verliebt war. Dort war kein Platz für sie. Nichts, womit sie ihn trösten wollte, konnte von Herzen kommen. Tief in ihr drin war ihr bewusst, dass sie eigentlich nicht wollte, dass Naruto und Sakura gemeinsam glücklich wurden. Da wäre es bloß Heuchelei, wenn sie ihm nun folgte und mit ihm über seine Gefühle sprach.
 

Als sie darüber nachdachte, schloss sich eine kalte Faust um ihr Herz. Sie war nur ein dummes, Mädchen, das zu nichts nutze war und sogar hinter ihrer jüngeren Schwester zurückstand.

Ihre Liebe, die sie schon empfand, seitdem sie als Kinder das erste Mal gesehen haben, konnte sie in den Augen anderer, reiferer Menschen nur lächerlich dastehen lassen. Naruto erinnerte sich schließlich nicht einmal mehr an ihre erste Begegnung, das bewies doch schon alles.
 

„Reiß dich zusammen“, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, die sie noch nie zuvor vernommen hatte.

Während sie kurz vor den ersten Baumstämmen des Wäldchens auf ihre Füße starrte und wie gelähmt war, fühlte Naruto sich schlecht. Sie dachte nur an sich und ihre Probleme, dabei ging es nun um ihn! Als setze sich in ihrem Kopf ein Puzzle zusammen, verstand Hinata plötzlich, weshalb sie gar keine andere Wahl hatte als ihm zu folgen.
 

Schneller als zuvor setzte sie einen Fuß vor den anderen und holte ihn schließlich mitten im dichten Grün auf einer kleinen Lichtung ein. Der Lärm, der in der Halle veranstaltet wurde, war mit jedem Schritt abgeebbt und sie umgab nur die Stille der Pflanzen um sie herum.

Diese Stille zerriss sie mit ihren heftigen Atemzügen, halb Luft holen, halb Schluchzen. Als sie nah genug an ihm dran war, schlang sie ihm die Arme um den Bauch und presste ihr Gesicht an seinen Rücken.
 

„Naruto. Du bist nicht du selbst.“, flüsterte sie in den Stoff seiner Jacke, doch er hörte sie genau.

Sie spürte seine verspannten Muskeln drückte sich noch fester an ihn.

Er regte sich nicht und machte auch sonst keine Anstalten, etwas gegen ihre Umklammerung zu unternehmen. Allerdings hatte er offenbar auch nicht vor, auf sie einzugehen

Hinata nahm genau wahr, wie die Wut ihn noch immer beherrschte. Seine Hände zitterten leicht und ein leises Knurren entfuhr seiner Kehle. Doch sie wich nicht vor ihm zurück.

Wenn sie jetzt Angst zeigen würde, wäre alles ruiniert, das wusste sie fast schon intuitiv.

Sie atmete tief seinen vertrauten Geruch ein und wartete ab, was passieren würde, während langsam, aber sicher ihre Tränen feuchte Flecken auf seinem Rücken hinterließen.
 

Als er sich allerdings ohne Vorwarnung hinsetzte, erschrak sie trotz des Mutes, der sie überkommen hatte. Sie geriet ins Straucheln und musste sich auf seinen Schultern abstützen, doch er hielt sie bereits am Arm fest, damit sie nicht hinfiel. Dennoch sah er sie immer noch nicht an.

Anscheinend kühlte Narutos Gemüt langsam ab.

Sie ließ sich ebenfalls auf dem kühlen Waldboden nieder, sodass sie Rücken an Rücken saßen.

„Es ist nicht leicht…“, murmelte Naruto stockend, nachdem sie ein paar Minuten betreten geschwiegen hatten.

„Was ist nicht leicht, Naruto-kun?“, fragte sie leise, die Hände in den Schoß gelegt.

„Sich schwach zu zeigen.“

Hinata lächelte traurig, was er nicht sehen konnte.

„Du sprichst mit der Expertin, was das Schwächezeigen angeht.“

Dass ihm kein Lachen über die Lippen kam, bewies, wie ernst die Situation für ihn war.

„Wenn ich wütend bin, lassen sich alle anderen Gefühle besser ertragen“, fuhr er fort und verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein.

„Meinst du etwa, andere halten dich für einen schlechteren Menschen, wenn sie dich einmal traurig sehen?“

Naruto antwortete so lange nicht darauf, dass Hinata schon dachte, sie habe ihn verärgert, doch dann räusperte er sich.

„Ja. Ich bin es nicht gewohnt, mich so zu zeigen. Deswegen hat es mich überrascht, dass du meintest, ich wäre nicht ich selbst, wenn ich so bin. Für mich ist es so, als entspräche die Wut noch am meisten meinem Wesen.“

Hinata sah ihn über die Schulter an, konnte jedoch nicht mehr als seinen geneigten Hinterkopf erkennen.

„Bist du nicht derjenige, der alle davon überzeugt, dass man sich ändern kann, wenn man will? Dass man mit sich selbst im Reinen sein muss?“

„Das heißt nicht, dass ich selbst nicht manchmal daran zweifele.“
 

Eine Entschlossenheit überfiel Hinata, die sie noch nie gekannt hatte. Sie richtete sich auf, doch statt ihr Heil in der Flucht zu suchen, marschierte sie um Naruto herum und ging vor ihm in die Knie. Dann nahm sie seine Hände, die immer noch bebten, und sah ihm fest in die glänzenden Augen.

„Momente des Zweifels kennt jeder. Mein ganzes Leben bestand aus Zweifeln, bevor ich dich kennengelernt habe. Du erinnerst dich vermutlich nicht daran, aber als ich neun Jahre alt war, sind wir uns schon einmal begegnet. Wir haben dieselbe Schule besucht. Ich wurde von einigen älteren Schülern gehänselt, weil ich ein leichtes Opfer war, und eines Tages bist du dazwischen gegangen und hast mich verteidigt. Du wurdest deswegen verprügelt, aber mich hast du beschützt.“

Erst blickte Naruto ratlos drein, was Hinata ein bisschen verunsicherte, doch dann leuchtete eine Art Erkenntnis in seinem Gesicht auf.

„Du warst das? Wusste ich doch, dass du mir irgendwie bekannt vorkamst.“
 

„Das Entscheidende war aber nicht, dass du mich vor körperlichen Schmerzen bewahrt hast, sondern vor seelischen. Du hast mir damals meinen Mut und mein Selbstvertrauen zurückgegeben. Natürlich wurde es noch das ein oder andere Mal erschüttert, aber immer wenn ich mir die Worte in Erinnerung rufe, die du mir damals geschenkt hast, habe ich es leichter ertragen.

Ich könnte stark werden, sagtest du. Ich müsse nur lernen, mich zu akzeptieren und aufhören, mir alles von anderen einreden zu lassen.“

Hinata lächelte sanft, als sie daran dachte, wie er sie damals entschlossen an den Schultern gepackt hatte. Ebenso wie damals legte sie ihm nun die Hände auf seine.

„Auch ich zweifele noch. Aber gehört das nicht dazu? Man sollte vor den Zweifeln nicht weglaufen, sondern sie akzeptieren lernen, genau wie man selbst. Erst dann kann man sich finden. Das hast du mir damals beigebracht.“
 

Naruto musste leise lachen, als er den beschwörenden Ton in ihrer Stimme vernahm.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das gerade aus deinem Mund mal hören würde. Aber natürlich hast du Recht. Lass uns zurückgehen.“

Vorsichtig nahm er ihre Hände von seinem Schultern und stand auf. Nachdem er sich den Staub von der Hose geklopft hatte, half er ihr hoch und gemeinsam schlenderten sie zurück zur Halle.

Eine andere Wahrnehmung

Sakuras Lider fühlten sich furchtbar schwer an. Als sie langsam das Bewusstsein wiedererlangte, schaffte sie es immer noch nicht, ihre Augen zu öffnen.

Also probierte sie zuerst ihren Tastsinn aus. Auf ihrer Haut spürte sie kaltes Leder, das den dazugehörigen Geruch verströmte. Sie bewegte leicht die Finger und war erleichtert, als das problemlos klappte. Der nächste Schritt bestand darin, dass sie sich auf das Hören konzentrierte.

Ein Summen, das zu einem Kühlschrank passen könnte. Leise Musik, die entweder von einer CD oder aus einer Fernsehsendung stammte. Und… die Atemzüge einer anderen Person.
 

Endlich gelang es ihr, die Augen aufzumachen, und sie riss sie sogleich weit auf.

Als wäre sie die ganze Zeit unter Wasser gewesen, schnappte sie japsend nach Luft. Sie blickte an eine hohe, weiße Decke, die von einer kleinen Lichtquelle angestrahlt wurde.

Als sich an sich herunterblickte, stellte sie fest, dass sie Kleidung trug, die ihr nicht bekannt vorkam. Ein weites, schwarzes T-Shirt und ebenso große, weiße Shorts. Sie war barfuß und ihre Zehen ragten unter einer dicken, beigen Wolldecke hervor. Eine schwammige Idee kam ihr plötzlich in den Sinn, als wäre ein Fisch aus einem Teich gesprungen, und sie drehte den Kopf vorsichtig nach rechts.
 

Sakura blickte direkt in ein schwarzes Augenpaar, das sie jetzt am allerwenigsten in ihrem Sichtfeld haben wollte. „Verflixt, schon wieder du“, stellte sie krächzend fest und etwas bildete einen Klumpen in ihrer Brust. Auf einmal hatte sie einen Frosch im Hals, als sie Sasuke so dasitzen sah - das rechte Fußgelenk locker auf das linke Bein gelegt und einen Arm über der Rückenlehne. Er hatte sich umgezogen und trug nun etwas Ähnliches wie sie. Auch er hatte weder Socken noch Schuhe an den Füßen.
 

„Eigentlich hatte ich gerade beschlossen, dass ich dich nicht mehr sehen möchte.“

Mit unbewegtem Gesicht fixierte er einen Punkt über ihrem Kopf und sah dann zurück zu ihr.

„Du meinst wohl vor drei Stunden. Die Sonne dürfte bald aufgehen.“

Er hatte offenbar die Zeit von der Wanduhr abgelesen.

„Och nee“, stöhnte Sakura und fasste sich an den Kopf. „Warum hast du mich nicht einfach gehen lassen?“

„Ja, in Ordnung, das nächste Mal lasse ich dich einfach bei dem Wetter auf der Straße liegen“, erwiderte Sasuke sarkastisch.

„Komm mir nicht schon wieder so“, sagte Sakura und drehte ihm den Rücken zu.

Sie wusste nicht wodurch, aber aus irgendeinem Grund hatte sie ihre Gefühle für Sasuke gerade relativ gut im Griff. Natürlich waren sie immer noch vorhanden, und das nicht zu knapp, aber die Wut drängte das für den Augenblick gerade in den Hintergrund.

Klar, sie war weder das schönste, intelligenteste, witzigste noch das freundlichste weibliche Wesen, das Sasuke je untergekommen ist, aber das gab ihm trotzdem nicht das Recht, so mit ihr umzuspringen.

Schlimmer konnte es sowieso nicht werden, da konnte sie sich also ruhig etwas mehr so verhalten, wie es wirklich ihrem Charakter entsprach.
 

„Verrat mir lieber, was du mit meiner Kleidung angestellt hast“, brummte sie und starrte weiterhin das schwarze Leder an.

„Sie war so nass, dass du sie nicht anbehalten konntest ohne dich zu erkälten. Selbstverständlich habe ich sie dir mit geschlossenen Augen gewechselt. Abgeguckt habe ich dir nichts.“

Er klang so entrüstet, dass sie beinahe lachen musste. Als hätte er geahnt, was sie dachte, setzte er noch nach: „Mach dir keine falschen Hoffnungen. Bei flachbrüstigen Frauen wie dir wäre es das sowieso nicht wert gewesen.“

Es war etwas Ähnliches wie das, was er ihr bereits zuvor an den Kopf geworfen hatte, aber diesmal traf es sie nicht so sehr. Möglicherweise war sie noch zu benommen, aber vielleicht lag es auch an dem feinen, belustigten Unterton, den sie dieses Mal bei ihm wahrnahm.
 

„Wer sagt denn, dass ich überhaupt an dir interessiert bin?“, spielte sie stattdessen die Unnahbare. Es wirkte so gestellt, dass er sich bestimmt von ihrer Fassade nicht täuschen ließ, aber er fragte:

„Hast du nicht vorhin gesagt, dass du mich magst?“

„Darauf bin ich dir jetzt keine Antwort schuldig. Nicht, bevor du mir eine auf meine Frage gibst.“

„Welche meinst du?“

Sakura zupfte an einer Haarsträhne und zog sich mit der anderen Hand die Decke wieder bis an das Kinn. „Auf die Frage, warum du meinen Namen nun doch kennst.“

Eine Weile hörte man nur das leise Gemurmel, das, soviel wusste sie mittlerweile, der Fernseher von sich gab.

„Wir haben doch dieselbe Mittelschule besucht, oder? Daher weiß ich ihn. Außerdem ist es ziemlich einfach, ihn sich zu merken. Sakura = Kirschblüte = rosa.“

Das, was bei diesem Satz mitschwang, war wieder einmal die unausgesprochene Warnung, sie solle auf keinen Fall eine falsche Vorstellung von ihm bekommen.

Sakura sparte es sich, ihn damit aufzuziehen, und wechselte stattdessen das Thema.

„Und was ist mit meiner Frage bezüglich des Rauchens?“

Einen Moment lang befürchtete sie, er würde wieder zornig werden, doch er seufzte nur kaum hörbar. „Eigentlich bist du jetzt dran, mir eine Antwort zu geben“, erwiderte er ausweichend.
 

Langsam rollte sich Sakura herum, bis sie ihn wieder ansehen konnte.

Er hatte den Blick unverwandt auf sie gerichtet, obwohl im Hintergrund der Fernseher lief und eine ideale Ausrede lieferte, sie nicht ansehen zu müssen. Sie stützte das Kinn auf ihrer Hand ab und überlegte einen Moment.

„Vielleicht mag ich dich ein bisschen. Aber ist das überhaupt wichtig? Schließlich hast du genug andere, die dir Komplimente machen“, untertrieb sie und hoffte, dass es ihm nicht auffallen würde. Wieder zuckten seine Mundwinkel.

„Ich rauche nicht drinnen, weil meine Verlobte das nicht möchte.“

Er musste bemerkt haben, dass Sakura alles aus dem Gesicht fiel, auch wenn sie versuchte, die Kontrolle darüber zu behalten, denn er grinste leicht.

Sie sah diesen Ausdruck nicht oft und genoss es (sehr zu ihrem Widerwillen mittlerweile) jedes Mal, als käme der erhoffte andere Sasuke zum Vorschein. Doch ihr war klar, dass er nur sein Spielchen mit ihr trieb. Er konnte sehr charmant sein, wenn er wollte – aber nur, wenn er sich etwas davon versprach.

„Ach ja?“, presste sie mühselig hervor und versuchte, sein Grinsen zu erwidern, was ihr nicht so recht gelang.

„Natürlich.“ Er blickte unschuldig drein. „Aber merke dir eins – wenn du meine Frage nicht wahrheitsgemäß beantwortest, muss ich das bei deiner auch nicht tun.“
 

Erst dann ging ihr ein Licht auf. Selbstverständlich hatte er sie durchschaut und ihre maßlose Untertreibung als Lüge enttarnt. Weshalb diese angebliche Verlobte wohl auch nicht existierte.

Dennoch bezeichnete sie ihn nur grummelig als Mistkerl und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
 

Die Sonne musste, der Zeit nach zu urteilen, bereits aufgegangen sein, doch durch die dichte Wolkendecke kamen ihre Strahlen nicht durch. Es regnete immer noch und hin und wieder war sogar ein leiser Donner in der Ferne zu hören.

Ein Sommergewitter schon so früh am Morgen.
 

„Ich denke mal, ich sollte dich jetzt nach Hause fahren. Frühstück für Fremde gibt es bei mir nicht, merk dir das.“

Sakura schluckte ihre Enttäuschung herunter und nickte. „Was ist mit meiner Kleidung?“

Sasuke erhob sich und griff nach der Fernbedienung, um den Fernseher auszuschalten.

„Die ist noch im Trockner. Du kannst meine anlassen. Ich bringe sie dir vorbei, wenn sie fertig ist und ich Zeit habe.“ Er unterdrückte ein Gähnen und streckte sich.

So entspannt hatte Sakura ihn in ihrer Gesellschaft selten erlebt, doch womöglich war sie überhaupt nicht der Auslöser. Vielleicht hatte er heute eine heiße Verabredung. Sie schob die dumme Hoffnung in den hintersten Winkel ihres Gehirns.
 

„Irgendwie kommst du mir in letzter Zeit ständig in die Quere, wenn ich mit einer Frau etwas vorhabe“, merkte er an, als sie in ihre noch klammen Schuhe schlüpfte.

Entrüstet hob Sakura den Kopf.

„Als ob das meine Absicht wäre. Das mit dieser Mei Terumi war übrigens echt das letzte. Eine Professorin… Du nimmst ja echt alles.“

Gleichgültig winkt er ab. „Mit der ist es wie mit jeder anderen auch. Irgendwann wird es langweilig.“

Sie schnaubte über seine Arroganz, doch dann fiel ihr der Verband um ihren Knöchel auf, der kaum noch wehtat.

Sie errötete und bedankte sich leise, doch Sasuke konnte sie nicht hören, weil er bereits auf dem Weg nach draußen war.
 

„Mit mir hast du es noch gar nicht versucht. Dann weißt du gar nicht, ob es mit mir langweilig wird“, sagte sie scherzend, aber gleichzeitig auch betrübt, nachdem sie die Haustür hinter sich zugezogen hatte und vorsichtig die glitschigen Stufen hinunterlief.

Sasuke lachte laut und ungläubig.

„Du träumst wohl noch. Oder der Schlag, den du abbekommen hast war wohl doch etwas zu hart.“,

meinte er und hielt ihr die Beifahrertür auf.

Ein kleiner Test

Die Regenwolken hatten sich verzogen und die Sonne strahlte wieder vom Himmel herab, als Hinata, Ino, Hotaru und Sakura sich am nächsten Tag in einem Café trafen, das zum Gebäudekomplex der Universität gehörte.

Jede betrachtete genüsslich das eigene Stück Kuchen, das vor ihnen auf einem Porzellanteller mit feinen Kratzspuren lag und nur darauf wartete, verspeist zu werden.

Einzig Sakura stocherte lustlos in ihrem herum und zermatschte ihn nach und nach, bis er kaum noch als solcher zu erkennen war.

„Spuck’s aus“, sprach sie Ino mit vollem Mund auf ihr seltsames Verhalten an.

Endlich legte Sakura die Gabel beiseite und sah die Mädchen nacheinander an.

„Ich mache mir nur Gedanken darüber, weshalb ich plötzlich bei euch willkommen bin, obwohl ihr mich vorher völlig ignoriert oder sogar über mich gelacht habt.“
 

Hotaru verschluckte sich an einem Krümel und brach in bellendes Husten aus, während Hinata hochrot anlief und betreten aus dem Fenster starrte. Lediglich Ino bewahrte die Fassung und tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger ans Kinn.

„Gute Frage. Ich will nicht leugnen, dass du uns früher mit deiner Art ziemlich auf die Nerven gegangen bist.“ Ratlos hob sie schließlich die Hände. „Wir sind erwachsener geworden und waren dir gegenüber vielleicht nicht ganz fair. Aber Vorurteile lassen sich überwinden.“

Als wäre die Frage damit geklärt, nahm sich Ino einen weiteren Bissen, der ihr sichtlich schmeckte. Doch Sakura war mit der Antwort nicht zufrieden, sie wirkte immer noch beunruhigt.

„Und… äh, ihr habt nichts Fieses vor? Mich plötzlich fallen lassen, zum Beispiel? Ich finde, wir sollten von Anfang an ehrlich zueinander sein. Ich konnte euch nämlich eigentlich auch nicht ausstehen.“ Verlegen spielte die Neue in der Gruppe mit ihren Fingern. Es fiel ihr zwar schwer, aber sie wollte von Anfang an alle Bedenken ausräumen. Sie war es nicht gewohnt, Freundinnen zu haben, und wenn sie sich darauf einlassen sollte, dann nur, falls sie sich völlig sicher war.
 

Hotaru hatte sich wieder gefangen, nachdem sie den Übeltäter aus ihrer Luftröhre befördern konnte, und erklärte ihr: „Gut, wenn dir die Wahrheit so wichtig ist – Hinata hat uns davon überzeugt. Ich hatte eigentlich schon immer ein bisschen Mitleid mit dir, weil du nur mit diesem Naruto abhängen konntest und alle über dich herzogen. Hinata hat uns darin bestärkt, vielleicht einmal einen Schritt auf dich zuzugehen.“ Diese funkelte ihre Freundin an, als Narutos Name fiel, ging jedoch ansonsten nicht näher darauf ein.

„Sakura-san, du darfst uns nicht missverstehen. Wir haben dich weder aus Mitleid eingeladen noch weil ich dich ausnutzen möchte, um bei Naruto-kun sein zu dürfen.“

„Gut“, meinte Sakura knapp. „Denn Freunde aus Mitleid brauche ich nicht.“

Ino musste kichern, als sie ihre Verärgerung spürte.

„Eigentlich hat mich genau diese Eigenschaft an dir genervt, aber irgendwie muss ich dir auch Respekt zollen. Du machst einen ziemlich zähen Eindruck. Ich habe Gefallen an dir gefunden.“
 

Die Ablehnung wich aus Sakuras Gesicht und machte einem erstaunten Ausdruck Platz.

„Meinst du das wirklich?“. Ino nickte, mittlerweile ernst geworden.

Hotaru bestätigte das: „Du kannst uns vertrauen.“ Auch Hinata stimmte den beiden zu.

Sakura musste lächeln, denn sie begann, den dreien Glauben zu schenken. Es war ein ungewohntes Gefühl, aber kein unangenehmes, jemanden außer Naruto zu haben, mit dem man reden konnte.

„Dann freut es mich“, gab sie zu und Hotaru, Hinata und Ino erwiderten ihr Grinsen.
 


 


 

„Mei!“, rief Kakashi mit überraschter Miene, als er seine Haustür öffnete und seine Kollegin vor ihm stand. Inzwischen waren die beiden zwar per du, allerdings noch nicht so eng miteinander in Kontakt, dass persönliche Besuche an der Tagesordnung wären.

„Ja, ich bin es“, antwortete sie belustigt. „Möchtest du mich nicht hineinlassen?“.

Immer noch verwirrt machte Kakashi eine einladende Bewegung und führte sie in seine vier Wände.

„Möchtest du vielleicht einen Kaffee?“.

Aufmerksam sah Mei sich um. Ohne ihre Untersuchung seines trauten Heims zu unterbrechen, meinte sie: „Lieber einen Wein.“

Kakashis Verwunderung wuchs, doch er griff in einen Schrank mit Türen aus Glas, holte eine unangebrochene Flasche des Gewünschten heraus und reichte ihr nach geschicktem Einschenken ein Weinglas, in dem die Flüssigkeit rot glitzerte.

Ohne ihn um seine Einwilligung zu bitten, marschierte sie voran ins Wohnzimmer und ließ sich auf den einzigen Sessel im Raum sinken. Unsicher, was er tun sollte, blieb Kakashi im Türrahmen stehen und starrte sie stumm an.

„Was ist?“, fragte Mei lächelnd und schwenkte den Wein. „Setz dich zu mir.“

Da er wusste, dass Protestieren nichts nützen würde, setzte er sich auf die Couch, die im rechten Winkel zum Sessel stand, und nippte an seinem Getränk.
 

„Was führt dich her?“, wollte er schließlich wissen, als sie ihm immer noch keine Erklärung gab, sondern nur sein Bücherregal betrachtete, das beinahe überquoll.

„Alles und nichts“, reagierte sie geheimnisvoll und verwirrte dadurch den Mann noch mehr.

Als sie ihr Glas bereits geleert hatte und Kakashi seins nicht einmal halb ausgetrunken, streckte sie sich aus und streifte sich die Stöckelschuhe von den Füßen. Dunkelrot lackierte Nägel kamen zum Vorschein, doch er achtete gar nicht darauf. Er war zu sehr damit beschäftigt, über ihr Erscheinen zu grübeln.
 

„Erzähl mir etwas über Sasuke Uchiha“, forderte sie ihn schließlich auf, nachdem sie genüsslich gegähnt hatte. Automatisch fuhr Kakashi seine inneren Schutzschilde hoch.

„Wenn du hergekommen bist, um mit mir über ihn zu sprechen, kann ich dir leider nicht weiterhelfen. Außerdem bist du hier schließlich diejenige, die ihm ziemlich nah gekommen ist.“
 

Abwehrend schüttelte sie den Kopf, sodass ihre Haare nur so umher flogen.

„Körperlich vielleicht, aber nicht geistig. Außerdem habe ich dir meine Gründe dafür bereits erklärt.“

Misstrauisch verschränkte Kakashi die Arme und lehnte sich zurück.

„Klingt aber gerade nicht so, als hättest du es getan, um ihn loszuwerden.“

„Ist da etwa jemand eifersüchtig?“ Mei zwinkerte kokett, woraufhin er nur die Augen verdrehte.

„Was du in deiner Freizeit machst, ist mir egal, aber um Sasuke mache ich mir Gedanken.“

„Also habt ihr ein gutes Verhältnis?“, hakte sie nach und beugte sich interessiert nach vorne, was den Blick auf ihren großzügigen Ausschnitt lenkte. Sie rechnete es ihm hoch an, dass er nicht einmal mit der Wimper zuckte. Mei testete ihn, auch wenn sie daran zweifelte, dass Kakashi es merkte.
 

Als er nicht antwortete, fuhr sie fort: „Komm schon, Sasuke hat wirklich nichts mehr für mich übrig. Ihn hat nur die Herausforderung gereizt. Das müsstest du doch wissen, wenn du ihn so gut kennst.“

„Gerade deswegen sorge ich mich ja um ihn. Er wechselt die Frauen schneller als seine Unterwäsche und das kann auf Dauer nicht gut für ihn sein. Man merkt, dass er eigentlich nicht glücklich ist.“

Abrupt brach er ab, als hätte er schon zu viel preisgegeben, und musterte sie mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck. „Warum willst du das überhaupt wissen?“
 

Mei grinste wieder, als wäre er ein Fisch, der an ihrer Angel hing.

„Mich interessiert alles, was an der Universität so vor sich geht. Die meisten Menschen dort sind ziemlich langweilig, aber Sasuke gehört in die spannende Kategorie. Ich kann es nicht leiden, wenn mir etwas verborgen bleibt.“

Sie sah ihn bedeutungsvoll an und machte einen Schmollmund, doch Kakashi schaute nur unbeeindruckt auf seine Armbanduhr.

„Ich habe noch Hausarbeiten korrigieren. Wenn das alles war, muss ich dich leider enttäuschen. Mehr werde ich dir nicht erzählen. Ich will nicht unhöflich sein, aber ich habe wirklich noch einiges zu tun.“

Der Fisch hatte den Köder abgebissen.

Mei ließ sich die Zurückweisung nicht anmerken, im Gegenteil, sie machte einen geradezu fröhlichen Eindruck. Sie schnappte sich ihre Schuhe und tänzelte nach draußen, ohne noch irgendetwas zu erwidern. Aber sie lachte ihm über die Schulter zu und winkte noch einmal, bevor sie endgültig verschwand. Kakashi konnte nicht einmal Anstalten machen, sie zur Tür zu begleiten.
 

Natürlich war ihm klar, weshalb sie hier aufgetaucht war.

Sie fühlte sich einsam in dieser Stadt, fern von zu Hause. Dort konnte sie sich über alles informieren und es gab keine Geheimnisse vor ihr. Alle kannten sie. Hier war sie eine Fremde, die sich erst orientieren musste.

Auch ihre provozierend knappe Kleidung musste Kakashi registrieren, selbst wenn er sich von so etwas nicht beeindrucken ließ. Er hielt sie für äußerst intelligent und scharfsinnig, warum gab sie sich dann solche Mühe, nicht so zu wirken? Sie wusste genau, was sie ausstrahlte, und spielte damit.

Auch bei ihm hatte sie ausprobiert, ob sie ihn einwickeln konnte, weshalb er darauf geachtet hatte, ihr nicht den Gefallen zu tun und sie auf Distanz zu halten.

Möglicherweise trieb sie die Langweile dazu, in die Rolle der auf Reize ausgerichteten Tussi zu schlüpfen, aber das konnte er noch nicht mit Sicherheit sagen. Dazu müsste er sie näher kennenlernen, wenn er das überhaupt wollte.
 

Das Interesse für Sasuke hatte Mei wohl lediglich bekundet, um ihn zu ärgern. Sie wusste, dass er sein Schützling war, und wollte erfahren, wie seine Reaktion aussehen würde. Er hatte keine Ahnung, warum sie sich ausgerechnet ihn ausgesucht hatte. Er konnte sich genauso wenig erklären, weshalb sie überprüfen wollte, wie er in bestimmten Situationen handelt.

Kakashi ließ nicht gern mit sich spielen. Wenn er sich dagegen zur Wehr setzen möchte, müsste er ebenfalls zum Angriff übergehen, um etwas über ihre Beweggründe zu erfahren.

Doch war das die Mühe wert? Er konnte nicht leugnen, dass er jemand wie ihr noch nie zuvor begegnet war, aber eigentlich musste er sich auf andere Sachen konzentrieren und hatte keine Zeit für solche Späße.

Er schreckte hoch aus seinen Gedanken und setzte sich endlich an seinen Schreibtisch, um mit der Korrektur zu beginnen.

Die Uchiha

Die Sternenbilder funkelten bereits am tiefschwarzen Himmel, als jemand energisch bei den Harunos anklopfte.

Verwundert über die späte Störung, öffnete Sakuras Mutter, Mebuki, die Haustür einen Spaltbreit und späte misstrauisch hinaus. Sie trug eine hellgelbe Schürze und war offenbar gerade mit dem restlichen Abwasch beschäftigt, denn an ihren Händen waren Schaumspuren zu erkennen.

Sie kannte den Mann nicht, der mit hinter den Rücken verschränkten Armen dort auf dem Fußabtreter stand, doch er musste noch ziemlich jung sein, obwohl der Ausdruck in seinen Augen, die das Flurlicht geradezu einzusagen schienen, ihn älter aussehen ließ.
 

„Entschuldigen Sie die späte Störung“, sagte er förmlich, machte aber keine Anstalten, sich der verwirrten Frau vorzustellen. „Ich bin hier, um Sakura etwas zu geben. Ist sie zu Hause?“

Immer noch auf der Hut streckte die Mutter die Hand aus und erklärte:

„Das kann ich für sie annehmen. Es wäre mir lieber, wenn Sie dann gehen würden.“

Ehe der Mann etwas darauf erwidern konnte, hörte er jemanden „Mama!“ brüllen und im nächsten Moment riss Sakura die Tür auf. Natürlich hatte sie die tiefe Stimme als Sasukes identifiziert und das abweisende Verhalten ihrer Mutter beschämte sie. „Kümmere dich gar nicht um sie“, raunte sie ihm zu und schob die verdutzte Mebuki nach drinnen und warf ihr mit einem lauten Knall die Tür vor der Nase zu. „Drei Minuten, Sakura. Danach sprechen wir uns!“, fauchte sie noch und verschwand dann offensichtlich zurück in die Küche, wie ihre verklingenden Schritte andeuteten.
 

„Eltern…“, murmelte Sakura und verdrehte die Augen. „Ich wünschte, ich würde auch alleine wohnen, so wie du. Dann hätte ich wenigstens meine Ruhe. Ohne sie wäre ich wirklich besser dran.“

Erst dann lächelte sie ihn an und fragte: „Hast du meine Kleidung dabei?“
 

Die Eiseskälte, die von ihm ausging, traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Sie hatte es noch nie erlebt, dass seine Lippen einen so schmalen Strich bildeten. Die Verächtlichkeit, mit der er ihr eine Tüte vor die Füße pfefferte, ließ sie bestürzt einen Schritt zurückweichen.

„Sasuke-kun…“

„Du gehst mir echt tierisch auf die Nerven!“, zischte er und lief die Treppe herunter, die zu ihrem Haus führte. Er nahm immer zwei Stufen auf einmal, als könne er gar nicht schnell genug von ihr wegkommen. Ohne sich vom Fleck zu rühren, lauschte sie dem Geräusch der zuschlagenden Autotür, dem Zünden des Motors und schließlich dem verklingenden Quietschen der Reifen, als er davonfuhr.
 

„Herein!“

Kakashi versuchte, die auffällige Müdigkeit aus seiner Stimme zu verbannen, was ihm jedoch nicht so recht gelingen wollte. Bis tief in die Nacht hatte er korrigiert. Als er endlich unter seine Bettdecke schlüpfen konnte, fielen ihm die Augen einfach nicht zu.

Bis zum ersten Vogelzwitschern starrte er an die Zimmerdecke und fiel erst dann in einen unruhigen, leichten Schlaf, aus dem er eine Stunde später vom Klingeln des Weckers bereits wieder gerissen wurde.

Er rückte einen Briefstapel auf seinem Schreibtisch zurecht, um wenigstens den Anschein zu erwecken, mit etwas beschäftigt zu sein. Es musste nicht gleich jeder wissen, dass er dabei war, mit dem Kopf auf der Unterlage zu dösen.
 

„Hallo, Professor Hatake.“

Sakura Haruno hatte sein Büro betreten, in der einen Hand einen dicken Wälzer mit lateinischen Ausdrückern auf dem Einband und in der anderen eine Tasche, die ihr beim Zugehen auf seinen Schreibtisch immer wieder gegen die Hüfte schlug. Unaufgefordert ließ sie sich auf seinem Besucherstuhl nieder, auf dem sie vor nicht allzu langer Zeit schon einmal in niedergeschlagener Haltung gesessen hatte. Sie stopfte das Buch in die Tasche und stellte sie auf den Boden.

Kakashi rieb sich die Schläfrigkeit aus den Augen und beugte sich vor. „Was kann ich für Sie tun?“

Die Entschlossenheit in ihrem Blick beunruhigte ihn ein wenig. Sie hatte irgendetwas vor, von dem sie sich nicht abbringen lassen würde, egal was er nun sagte. Es schien leider nicht im Entferntesten mit Studieninhalten zu tun zu haben.

„Ich bitte Sie, mir zu erzählen, was in Sasukes Kindheit passiert ist.“

Es fühlte sich an wie ein Déjà-vu, als er sich daran erinnerte, wie Mei Terumi ihm am Tag zuvor eine ähnliche Frage gestellt hatte, wenn auch mit einer anderen Absicht.

„Warum sind Sie sich so sicher, dass ich es weiß?“

Sakuras Augenbrauen schossen wie Pfeile in die Höhe.

„Spielen Sie mir bitte nichts vor. So, wie sie bei unserem letzten Gespräch über ihn geredet haben, klang eure enge Beziehung deutlich durch.“
 

Kakashi stöhnte leise auf. Ein neunmalkluges Mädel, das ebenfalls hinter Sasuke her war und auf diese Weise bei ihm punkten wollte, würde er ganz sicher nicht in so etwas einweihen.

„Es tut mir leid, aber das geht Sie nichts an.“

Ehe er auch nur mit der Wimper zucken konnte, landete ihre Faust mit voller Wucht auf dem Schreibtisch und ließ ihn zusammenzucken.

„Meine Güte“, dachte er. „Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, hatte ich sie völlig anders eingeschätzt.“

Der kalte Ausdruck in ihren grünen Augen kam zwar an den von dem jungen Uchiha nicht ganz heran, verlangte ihm aber dennoch Respekt ab.

„Sie wissen nicht, was meine Beweggründe sind, also können Sie mich nicht einfach so abkanzeln“, sagte Sakura leise, aber unheilvoll. Könnte er schon, aber das sprach er nicht laut aus.
 

„Was sind denn Ihre edlen Beweggründe?“, fragte Kakashi ganz ruhig im krassen Gegensatz zu ihrem Temperament. „Ich liebe ihn“, antwortete sie. „Reicht das nicht?“

Unbewegt musterte er sie und stand dann langsam auf, um an das Fenster zu treten, das den Ausblick auf eine der saftigen Wiesen des Campus freigab. Er winkte sie herbei und als sie sich neben ihn stellte, deutete er auf verschiedene Gruppen, die ausschließlich aus Studentinnen bestanden und sich im duftenden Gras räkelten.
 

„Siehst du all die Menschen da unten? Ich wette, jeder dieser Frauen dort war mindestens einmal in Sasuke Uchiha verliebt oder ist es sogar noch. Was unterscheidet dich von ihnen? Glaub mir, du bist nicht die erste, die versucht, über mich mehr über ihn herauszubekommen.“

Sakura strich mit den Fingern über die kalte Scheibe. Es dauerte nicht lange, bis sie sich eine Antwort überlegt hatte. „Es ist nicht nur sein Aussehen… Alles an ihm zieht mich an“, flüsterte sie.

In allen anderen Situationen wäre ihr solch ein Geständnis peinlich gewesen. Sie kannte Kakashi Hatake noch nicht lang und hatte noch nie eine Vorlesung bei ihm gehabt, doch instinktiv fasste sie Vertrauen zu ihm. Vielleicht lag es daran, dass er so gelassen wirkte. Oder dass er ihr nicht das Gefühl gab, sich über sie zu lustig zu machen. Vermutlich aber war die Art, wie er sich verhalten hatte, als sie Sasuke und Mei Terumi in flagranti erwischt hatten, der Grund, weshalb sie sich vor ihm nicht schämte.
 

Kakashi lehnte sich mit dem Rücken ans Fenster und sah sie von der Seite an. Ihr Haar, das bei ihrer ersten Begegnung noch rosa geleuchtet hatte, wirkte an diesem Tag matt und zerzaust. Dunkle Ringe unter ihren Augen verrieten, dass sie wohl genauso wenig Schlaf wie er bekommen hatte. Sein Blick wanderte zu ihren Fingernägeln und er merkte, dass sie abgekaut waren.

„Jede würde so etwas sagen, um ihn zu kriegen“, meinte er ungerührt, trotz des Mitleids, das er für sie empfand.

„Sagen ja…“, erwiderte Sakura. „Aber ich empfinde es wirklich so. Es gibt nichts, was ich nicht für ihn tun würde. Wenn es ihn glücklich machen würde, seinen Spaß mit vielen Frauen zu haben, könnte ich ihn in Ruhe lassen. Aber dass das nicht der Fall ist, wissen Sie sicher selbst.“
 

Er hielt trotz ihrer, seiner Meinung nach ehrlichen Erklärung an seinem Entschluss fest, mit niemandem über Sasuke zu sprechen. Er würde niemanden mit Informationen ausrüsten, dem er es nicht zutraute, etwas bei diesem Eigenbrötler zu erreichen. Sakura war noch nicht stark genug, um sich jemandem wie Sasuke entgegenstellen zu können.

Der maskierte Professor öffnete gerade den Mund, um ihr genau das zu sagen, da sprach sie schon weiter, mit den Fingern immer noch wahllos über das Glas streichend.
 

„Es ist mir schon klar, was Sie sagen wollen. Niemand kann Sasuke ändern. Ich bin zu naiv. Ich sollte aufgeben wie jede andere auch an irgendeinem Punkt. Mein Äußeres reicht noch nicht einmal dazu aus, dass er es wenigstens auf einen einzigen Versuch mit mir ankommen lassen würde.“

Kakashi grinste innerlich, antwortete aber ernst: „Das stimmt. Außer der Teil mit dem Äußeren, dazu sage ich nichts. Ich glaube nämlich nicht, dass es das Entscheidende ist.“
 

„Aber wissen Sie auch, was mich von den anderen unterscheidet?“, fragte Sakura offen und schaute ihm direkt in die Augen, nachdem sie von der Fensterscheibe abgelassen hatte.

„Ich gebe nicht auf! Niemals!“

Verdammt. Kakashi fluchte in seinen Gedanken mit den übelsten Wörtern die ihm einfielen. Sakuras Gesicht überdeckte sich in seinen Erinnerungen mit einem anderen aus seinem früheren Leben, doch er schob es energisch beiseite.

Allerdings hatte sie unabsichtlich seinen wunden Punkt getroffen und etwas in ihm an die Oberfläche geholt, das eigentlich in den Tiefen verborgen bleiben sollte.

„Ich kann ihm auch die Meinung sagen, wenn mir etwas nicht passt! Ich kusche nicht vor ihm, nur ich sein Bestes will. Ich bin ihm ebenbürtig, was den Charakter angeht!“
 

Einige Minuten lang schwiegen sie beide. Dann ließ sich Kakashi erschöpft, als wäre er einen geistigen Marathon gelaufen, zurück in seinen Schreibtischsessel fallen und Sakura folgte seinem Beispiel und setzte sich wieder.

„Gut. Ich werde dir sagen, was ich weiß. Zugegebenermaßen bist du die einzige, die sich überhaupt nach seiner Vergangenheit erkundigt hat und nicht danach, wie man ihn am besten anmacht.“

Er schloss die Augen und presste die Handballen darauf.

„Aber mach dich darauf gefasst, keine angenehme Geschichte zu hören.“

Die Hände auf Herzhöhe in ihr hellblaues Oberteil gekrallt, lauschte Sakura seiner Erzählung, bis seine Stimme schließlich erstarb.
 

Der Uchiha-Clan war eine angesehene Familie in Konohagakure. Sie stellten eine Art inoffizielle Stadtpolizei dar, die überall für Recht und Ordnung sorgte.

Der Nachwuchs, den die Frauen großzogen und den die Väter in ihrer Freizeit unterrichteten, wurde großes Talent, eine ausgeprägte Intelligenz und Scharfsinn nachgesagt. Natürlich übertrieben einige Bewohner, aber im Kern traf es die ganze Sache ganz gut.

Seit Madara Uchiha, der sozusagen als Urvater des Clans gilt, brachte jede Generation aufs Neue kleine Genies hervor, die dementsprechend behandelt wurden.

Itachi und Sasuke Uchiha wuchsen in einer Stammfamilie des Clans als Söhne des Chefs Fugaku und seiner Frau Mikoto auf. Schon früh kristallisierte sich heraus, dass Itachi ein Genie war, ebenso wie viele Familienmitglieder vor ihm.

Alles schien nach außen hin ideal für die Uchiha zu laufen, bis die große Katastrophe und der Grund für Sasukes unglückliche Kindheit geschah.
 

Was nämlich in den Geschichten, die über den Clan erzählt wurden, nie vorkam, war die Tatsache, dass wie jede andere Familie auch, die Uchiha ihre Schattenseiten haben. In diesem Fall beherrschte eben jene Schattenseite nahezu ihr ganzes Leben, da sie eng in die Machenschaften einer bekannten, kriminellen Organisation verwickelt waren, die ihnen schließlich alles raubte.

Machthungrig, wie die Uchiha im Grunde ihres Herzens waren, gierten sie nach der Herrschaft über diese Stadt und dann über Orte darüber hinaus. So groß, wie diese Familie war, wäre ihnen das möglicherweise gelungen, hätten sie dafür nicht die Hilfe dieser Organisation in Anspruch genommen.

Spät in der Nacht färbte das Blut aller Clanmitglieder, die gemeinsam in einem Viertel der Stadt wohnten, die Böden ihrer Häuser rot. Die Organisation, mit der sie eigentlich an Macht gewinnen wollten, hatte sie verraten und einen nach dem anderen ermordet, um eine mögliche Gefahr auszumerzen und ihre eigenen Pläne verwirklichen zu können.
 

Für sie waren die Uchiha nur Mittel zum Zweck. Kurz danach konnte die Organisation aufgrund der Gesprächigkeit eines ihrer Zugehörigen zerschlagen werden, aber ein Opfer nahmen sie noch mit in den Abgrund – Itachi Uchiha, der sich angeboten hatte, in die Organisation einzutreten, wenn sie dafür seinen kleinen Bruder verschonen würden. Selbstverständlich nahmen sie die Dienste eines solchen Mannes gerne an, in dem Gedanken daran, wie nützlich er ihnen noch werden konnte.

Er rettete Sasukes Leben, opferte aber dafür im Prinzip sein eigenes, da man seit der Auflösung der Organisation nie wieder etwas von ihm gehört oder gesehen hat.

Itachi ist verschwunden und ließ Sasuke als einzigen lebenden Angehörigen des Uchiha-Clan allein zurück.

Utakata und Hotaru

Nachdem Ino, Hotaru und Tenten jedes einzelne Detail aus ihr herausgequetscht hatten, was ihr mysteriöses Wegfahren mit dem Universitätsschwarm anging, hatte Sakura nun nicht sonderlich große Lust, mit ihnen das Neuste zu besprechen.

Es lag nicht daran, dass sie ihnen nicht vertraute. Vielmehr hatte ihr Gehirn bereits Probleme, das Gehörte nur zu verarbeiten, geschweige denn, darüber zu reden.

Außerdem hatte Professor Hatake ihr ein Geheimnis erzählt, das möglichst nicht die Runde machen sollte. Die Geschichte rund um die Uchiha war vertuscht worden, sodass niemand in der heutigen Zeit genau wusste, was vor rund 12 Jahren geschehen war. Natürlich stellte jeder so seine Vermutungen an, die jedoch der Wahrheit im Prinzip nicht nahe kamen. Sasuke selbst sprach darüber nicht und schnell hatten die Leute gelernt, auf keinen Fall mit dem Thema in seiner Gegenwart anzufangen.

Zu Beginn hatte er sich viel deswegen geprügelt, aber später reichte seine Ausstrahlung bereits aus, um ihn vor der Erwähnung dieser heiklen Geschichte seiner Kindheit zu bewahren.

Langsam dämmerte es Sakura, weshalb er sich am vergangenen Abend so seltsam benommen hatte. Ihre abwertenden Äußerungen, was ihre Eltern betraf, mussten einen empfindlichen Nerv bei ihm getroffen haben.
 

Um die Mittagszeit herrschten Temperaturen um die dreißig Grad im Schatten, was zu Sakuras Entschluss beitrug, sich den Rest des Tages freizunehmen.

Bei einem Schokoladeneis wollte sie weiter über Sasuke grübeln, doch Naruto machte ihr dabei einen Strich durch die Rechnung. Kaum hatte sie mit einiger Mühe die Flügeltür des Hauptgebäudes aufgestemmt, lief sie direkt in ihn hinein. Automatisch hielt der blonde Student sie an den Armen fest, damit sie nicht stolperte.
 

„Sakura-chan! Ich habe überall nach dir gesucht!“

„Naruto!“, rief die Angesprochene überrascht und entwand sich galant seinem Griff. Sie wollte sich schon mit einer Ausrede davonmachen, da kam er ihr zuvor, indem er mit einer Bitte an sie herantrat.

„Gut, dass ich dir sehe, ich möchte dich nämlich etwas fragen… Könnten wir uns heute Nachmittag bei mir treffen?“.

Sakura wischte sich den Schweiß von der hohen Stirn und überlegte. Eigentlich wollte sie nur ihre Ruhe haben, doch Naruto sah sie so eindringlich an. Trotzdem schüttelte sie den Kopf. Ehe sie zu einer Erklärung ansetzen konnte, unterbrach er sie bereits:

„Sag nicht nein! Es ist wirklich wichtig!“

Naruto würde sie nicht um so etwas bitten, wenn es nicht einen guten Grund dafür gab. Deswegen willigte sie zögerlich ein, was ihrem besten Freund ein breites Lächeln entlockte.

„Genial! Komm gegen vier Uhr vorbei, ja?!“

Kaum hatte sie genickt, rauschte er davon, während Sakura ihm fragend nachsah.
 

Was war nur los mit ihm? Seitdem sie ihm erklärt hatte, was mit Sasuke gelaufen oder viel mehr nicht gelaufen war, machte er irgendwie einen seltsamen Eindruck.

Entweder er starrte sie an, während sie redete, als wäre sie gar nicht da oder er reagierte bissig, was auf Dauer gar nicht typisch für ihn war. Der Hass auf Sasuke hatte sich in ihm festgesetzt, als wäre ihm ein weiteres Organ extra dafür gewachsen. Es war nicht bloß die Eifersucht, die diesen Groll auslöste, sondern auch die Angst, was er Sakura antun könnte.

„Mach dir keine Sorgen, Naruto“, dachte sie, als er ins kühle Gebäude stürme. „Ich kann gut auf mich selbst aufpassen. Außerdem ist es sowieso zu spät.“
 

„Utakata-senpai!“

Hotaru musste sich Mühe geben, ihrem Tutor nicht um den Hals zu fallen. Utakata hasste Körperkontakt. Jedes Mal wenn ihm das glänzende, schwarze Haar ins Gesicht fiel, während er sich über ihre Schulter beugte (natürlich in gebührendem Abstand), um sie auf einen Fehler in einer Aufgabe hinzuweisen, klopfte ihr Herz wie wild. An seine braunen Augen, die bei Lichteinfall sogar golden strahlten, wollte sie gar nicht erst denken, so sehr geriet sie dabei in Aufregung.

In seiner Anwesenheit strengte sie sich an, sich das nicht anmerken zu lassen.
 

Im Gegensatz zu Sasuke war er nicht gerade beliebt, was aber eher daran lag, dass er Kontakt, der über das Studium hinausging, nicht zuließ. Hotaru war sich ziemlich sicher, dass er noch nie eine Freundin hatte, was sie in dem Bestreben bestärke, seine erste zu werden.

Allerdings schlugen alle subtilen Versuche fehl, die sie unternahm, um entsprechende Signale auszusenden. Erschien sie etwas freizügiger als sonst zu ihrer wöchentlichen Nachhilfestunde, hatte er nicht einmal ein Zucken mit den Augenbrauen dafür übrig. Er schien es nicht einmal zu merken, wie sie sich anzog oder wie sie sich ihre Haare frisierte, was sie dazu veranlasste, das Zurechtmachen schließlich wieder auf ein Minimum zu beschränken, wie es ihre Art war. Machte sie zweideutige Bemerkungen, ging er nicht weiter darauf ein, sondern kehrte sofort wieder zum Stoff zurück.
 

Doch heute sollte alles anders werden. Heute würde sie sich mit ihm verabreden und zwar nicht zu einer weiteren Nachhilfestunde.

Kaum hatte sie ihn entdeckt, als er an einem Baum lehnte und etwas in ein Heft schrieb, setzte sie sich zu ihm und begrüßte ihn.

„Hotaru? Was machst du denn hier?“ Er schrieb unbeirrt weiter in seiner sauberen, ordentlichen Handschrift.

Seine Verwirrung über ihr Erscheinen, in die sich anscheinend keinerlei Freude mischte, nahm ihr ein wenig den Wind aus den Segeln, doch sie wollte jetzt noch nicht einknicken.

Als sie darauf nicht antwortete, fuhr er fort. „Hast du irgendein Problem, bei dessen Lösung ich dir helfen soll?“
 

Sie rupfte ein bisschen Gras aus, um ihre Nervosität zu überspielen und Zeit zu gewinnen, den nötigen Mut aufzubringen, ihn um ein Date zu bitten. Als die Stille sie bereits langsam verlegen machte, während sie Utakata nicht einmal auffiel, holte sie endlich tief Luft und fragte:

„Möchtest du dich mit mir verabreden?“

„Klar. Wann denn?“

Innerlich machte Hotaru einen Luftsprung. Sollte es etwa so einfach sein? Wollte er es etwa schon die ganze Zeit?

„Am Wochenende ginge es bei mir. Das ist ja so toll, dass du ja sagst, Utakata-senpai!“, antwortete sie begeistert. Daraufhin nahm sein Gesicht wieder einen verwunderten Ausdruck an.

„Wieso auch nicht? Bisher habe ich eine Lernstunde mit dir noch nie abgesagt. Um welches Fach geht es denn?“
 

Hotarus Glückseligkeit fiel in sich zusammen wie ein geplatzter Luftballon. Utakata hatte schon wieder nicht verstanden, worauf sie hinaus wollte. Trotzdem wollte sie sich noch nicht geschlagen geben. Dieses Mal würde sie nicht mittendrin abbrechen.

„Es geht nicht um eine Lernstunde“, sagte sie langsam. Daraufhin legte er seine Schreibutensilien beseite und sah sie perplex an. Sie mied seinen Blick und setzte hinzu:

„Ich möchte mit dir ausgehen, Utakata-senpai.“
 

Ein Vogel zirpte über ihren Köpfen, der allem Anschein nach in dem Ahornbaum sein Nest baute. Hotaru konnte beinahe spüren, wie der Baum atmete, während Utakata angestrengt über eine angemessene Antwort nachdachte.
 

Sie wartete zehn Atemzüge ab, bis sie aufstand und behutsam Grashalme von ihrem Rock klopfte.

„Ich weiß schon Bescheid. Du musst nichts mehr sagen“, meinte sie mit zittriger Stimme, ohne die Enttäuschung zu verbergen, die sich in ihrer ganzen Haltung spiegelte.

Mit entschlossenen Schritten, um sich vor den anderen Studenten, die auf der Wiese miteinander herumalberten, nichts anmerken zu lassen, lief sie davon.

Kaum war sie außer Sichtweite, erhöhte sie ihr Tempo und hielt direkt auf ihr Fahrrad zu, das gemeinsam mit unzähligen anderen an einem eigens dafür angeschafften Ständer angekettet war.

„Mist!“, schimpfte sie. Ihre Hände zitterten zu sehr, als dass sie den kleinen Schlüssel in das Fahrradschloss pfriemeln konnte. Als sie gerade alles hinwerfen und den Kopf in den Armen vergraben wollte, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, nahm ihr jemand das Schloss aus der Hand und drehte den Schlüssel mit einem Klicken herum, sodass es sich öffnete.
 

Hotaru fuhr herum und stand Utakata von Angesicht zu Angesicht gegenüber, dessen Gesichtsausdruck nur schwer zu deuten war. Eine Mischung aus Verwirrung, Unsicherheit und Stolz spiegelten sich darin, die ihn die Hände anschließend in den Hosentaschen vergraben ließ.

„Hotaru“, sagte er und wusste anscheinend nicht weiter, denn er fuhr sich durch das Haar, was er zuvor in ihrer Anwesenheit noch nie getan hatte.

„Utakata-senpai, bitte lass mich in Ruhe“, sagte sie mit einer Stimme, in der sich der Tränenfluss bereits ankündigte.

Sie wollte gerade ein Bein über den Sattel schwingen, da legte er ihr eine Hand auf die Schulter.
 

Diese sanfte Bewegung ließ sie inne halten. Das war das erste Mal, dass er sie überhaupt berührte.

„Ich kann dich nicht in Ruhe lassen. Aber ich kann auch nicht… auf die Weise mit dir zusammen sein, verstehst du?“

Entrüstet schüttelte sich Hotaru, damit er von ihr abließ.

„Kann nicht heißt meistens will nicht. Du musst mich nicht anlügen, klar? Nein, ich verstehe dich nicht. Sei doch einfach ehrlich zu mir!“

„Na gut! Du willst das ich ehrlich bin?“. Er wurde so laut, dass Hotaru erschrocken aufsah.

„Natürlich empfinde ich etwas für dich, aber ich weiß nicht, was es ist! Ich kenne mich mit Liebe und all dem Kram nicht aus. Ich wehre mich ja gar nicht dagegen, aber was soll ich denn machen? Ich will dich nicht verletzen. Und wenn ich dir zu nahe komme und dir dann wehtue, könnte ich mir das nicht verzeihen. Das möchte ich nicht.“
 

„Du bist so ein Feigling, Utakata-senpai“, erwiderte Hotaru, lächelte aber dabei mit feuchten Augen. Sie hob die Hand, um sein wirres Haar zu glätten. Er schloss die Augen und ließ es geschehen. Seine verzweifelte Mimik berührte sie und sie fühlte eine Zärtlichkeit in sich aufsteigen, die nur eine Entscheidung zuließ.

„Ich kann gut die Verantwortung für mich übernehmen, so wie du sie für dich übernehmen musst. Ich weiß, dass ich mir nichts mehr wünsche als an deiner Seite zu sein. Dafür nehme ich alles in Kauf.“

„Hotaru…“, murmelte er gequält, aber sie legte ihm ihren Zeigefinger auf den Mund.

„Hey, was dieses Gebiet angeht, kenne ich mich besser aus als du. Also vertrau mir.“

Utakata packte ihre Hand und umklammerte sie so fest, dass es beinahe schmerzte.

„Gut. Ich vertraue dir.“

Sie ließ das Fahrrad, das sie die ganze Zeit mit der rechten Hand festgehalten hatte, einfach fallen und legte ihm die Arme um den Hals.

Danach hatte sie sich die ganze Zeit schon gesehnt und sie genoss es, obwohl sie Utakatas Bedenken deutlich spürte.

Die würde sie ihm schon noch endgültig ausräumen.

Ein weiterer Versuch

Hinata spazierte unschlüssig über den Campus. Sie spürte die Hitze durch die schmalen Sohlen ihrer Sandaletten vom Beton aufsteigen und wusste nicht so recht, was sie mit dem Rest des Tages anfangen sollte.

Es war schon zu spät, um irgendwelche großartigen Pläne zu schmieden, und zu früh, um nach Hause zu gehen und sich dort zu entspannen. Ino, Hotaru und Tenten hatten noch irgendetwas zu erledigen, weshalb sie sich mit ihrer Langweile auch nicht an ihre Freundinnen wenden konnte.
 

Hotaru schien ziemlich abgelenkt sein, als Hinata sie nach ihrem Vorhaben gefragt hatte.

Tagelang überlegte sie nun schon hin und her, wie sie sich mit dem älteren Studenten Utakata verabreden konnte, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen. Obwohl von letzterem schon längst nicht mehr die Rede sein konnte, schließlich kannten sie sich bereits, bevor ihr Schwarm sich überhaupt in die Universität eingeschrieben hatte, war Hotaru der Meinung, es käme viel zu plötzlich.

Als ein Mensch, der sich auf vielen theoretischen Gebieten auskannte, gab er ihr über mehrere Jahre in verschiedenen Fächern Nachhilfe. Auch, als Hotaru anfing Tiermedizin zu studieren, erläuterte er verschiedene schwierige Themen, insbesondere aus dem Fachgebiet der Biologie.

Ihrer Freundin zufolge blieb es doch nur bei dieser Lehrer-Schüler-Beziehung, ohne dass sie je einen Schritt weiter gingen.

Hinata kannte Utakata nicht allzu gut, aber jedes Mal, wenn sie sah, wie Hotaru ihn anblickte, waren ihre Gefühle ziemlich offensichtlich, selbst für jemanden, der einen so kühlen Eindruck machte wie er.

Hotaru musste irgendetwas im Sinn haben, was ihn anging, sonst wäre sie nicht so zerstreut gewesen. Es wurde auch langsam Zeit, dass die beiden zueinander fanden.
 

Doch gerade sie, Hinata, musste sich an die eigene Nase fassen, was so etwas anging.

Sie hatte es endlich geschafft, sich mit Naruto anzufreunden, aber ihm noch näher zu kommen, verunsicherte sie zutiefst. Vor allem, weil sie von seiner Liebe zu Sakura wusste, die mindestens ebenso lange währte wie ihre zu ihm.

Allein der Gedanke daran, ihm zu gestehen, was sie empfand, schien ein Ding der Unmöglichkeit für sie zu sein.
 

Als sie das schmiedeeiserne Tor erreichte, das nachts die Universität vor unbefugten Parkplatzsuchern schützen sollte, entschied sie sich dafür, doch nach Hause zu gehen. Was blieb ihr auch für eine andere Wahl?

Deswegen bog sie rechts ab und sah im selben Moment nur wenige Schritte vor sich Naruto laufen, der sich offenbar ebenfalls auf dem Heimweg befand.

Entgegen seiner Art schlurfte er mit gesenktem Kopf über den Bürgersteig. Tief in Gedanken versunken, merkte er nicht mal, dass Hinata nach kurzem Zögern zu ihm aufschloss.

Erst als sie ihn mit ihrer typisch hohen Stimme begrüßte, riss er den Kopf hoch und kehrte in die Gegenwart zurück.

„Oh, hallo Hinata!“, sagte er, ein abwesendes Lächeln auf dem Gesicht, das er fast schon automatisch anknipste, wenn man mit ihm redete.

Anscheinend beschäftigte ihn etwas.

Ehe sie ihn darauf ansprechen konnte, meinte er schon: „Vielleicht passt es perfekt, dass ich dir jetzt begegne. Schließlich, äh, bist du auch ein Mädchen. Ich habe nämlich ein Problem. Obwohl es eigentlich kein Problem ist, sondern eher eine… uhm… Schwierigkeit.“

Hinatas Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Er errötete, was eine eher seltene Erscheinung war.

Dann holte er tief Luft und erklärte: „Ich werde Sakura-chan heute meine Liebe gestehen.“
 

Prompt blieb das Mädchen stehen, das eben noch einträchtig neben ihm her geschlendert war. Narutos Wangen nahmen einen noch tieferen Rotton an, als er merkte, dass sie ihm nicht mehr folgte. Allerdings deutete er ihren entgeisterten Gesichtsausdruck falsch, denn er beeilte sich mit wedelnden Armen hinzuzufügen:

„Ich dachte, du wüsstest, dass ich total in sie verliebt bin? Du warst doch dabei, als ich, äh, ein bisschen in Rage geraten bin, weil sie mit diesem Uchiha-Kerl abgehauen bist. Das war doch eindeutig, oder?“

Hinata gab sich Mühe, ein wackeliges Lächeln zustande zu bringen, was ihn hoffentlich ermutigen würde. „Doch, ich weiß Bescheid, Naruto-kun.“

Einzig die um ihren Körper geschlungenen Arme verrieten den Schlag, den er ihr unabsichtlich mit seinen Worten versetzt hatte. Er konnte das Signal jedoch nicht verstehen und lachte nur verlegen, während er sich die Nase rieb.

„Dann ist ja gut. Was denkst du, soll ich das wirklich machen? Gefällt euch Mädchen so etwas?“
 

Der ältesten Hyuuga-Tochter fiel es nicht leicht, angemessen darauf zu reagieren. Offensichtlich wusste Naruto nicht, dass sie in ihn verliebt war, sonst würde er diesen Rat nicht bei ihr suchen – zumindest hielt sie ihn unter keinen Umständen für so rücksichtslos.

Sie war noch nicht bereit, ihm jetzt die Wahrheit sagen. Definitiv konnte das weder der richtige Ort noch die richtige Zeit sein, so verschwitzt und durcheinander wie sie jetzt war.

Eine Möglichkeit bestünde darin, indirekt dafür zu sorgen, dass Naruto sein Liebesgeständnis vermasselte, doch dass sie so etwas Hinterlistiges bloß in Erwägung zog, ließ sie bereits schaudern. Das hatte er nicht verdient. Wenn er mit Sakura glücklich werden will, wäre das sein gutes Recht. Jedenfalls versuchte sie sich davon zu überzeugen. Jedoch hatte ihre neue Freundin Hinata versichert, Narutos Gefühle nicht zu erwidern…

Es gab keinen Grund dafür, ihm ihre aufrichtige Meinung zu verheimlichen. Deswegen antwortete sie kaum hörbar, bevor ihm ihr Schweigen auffiel:

„Naruto-kun, sei einfach ehrlich zu ihr. Egal wie ihre Antwort ausfällt, dann bist du wenigstens dir selbst treu geblieben. Mehr kannst du nicht tun. Aber ich finde es mutig, dass du es vorhast.“
 

Einen Augenblick dachte er über das nach, was sie ihm mitgeteilt hatte, dann grinste er sie offen an, bevor er sich ernsthaft bei ihr für ihre Meinung bedankte.

„Du bist wirklich total in Ordnung, Hinata! Früher habe ich immer geglaubt, du wärst komisch und schüchtern, aber jetzt, da ich dich kennengelernt habe, sehe ich das anders!“

Er klopfte ihr kumpelhaft auf die Schulter und verabschiedete sich, um seine frisch aufgekommene Hochstimmung auszunutzen.

Zaghaft hob Hinata die Hand zum Abschied, doch er drehte sich nicht einmal mehr um, während er übermütig davon hüpfte, um sich auf das Treffen mit Sakura vorzubereiten.

Vorsichtig lehnte sie sich an den Lattenzaun, der das Grundstück neben der Universität eingrenzte.

Diesen Rückschlag musste sie erst einmal verdauen.
 

Kaum hatte Sakura den Klingelknopf betätigt, der unter einem Schild prangte, auf dem mit krakeliger Schrift „Naruto Uzumaki“ geschrieben stand, öffnete der Bewohner ihr bereits und umarmte sie glücklich. „Ich bin froh, dass du gekommen bist, Sakura-chan.“

„Klar.“ Sie verstand seine Aufregung nicht. Das war schließlich nicht das erste Mal, dass sie sich trafen. In seiner Wohnung kannte sie sich beinahe so gut aus wie in dem Haus ihrer Eltern.

Mit der Hand nachdenklich ihr Kinn umfassend, trat sie einen Schritt zurück, um ihn besser mustern zu können. Irgendwie sah er heute anders aus als sonst.

Hatte er sich etwa die Haare gekämmt? Das T-Shirt, das er anhatte, machte einen nagelneuen Eindruck. Lugte da nicht sogar das Preisschild hinten raus? Ehe sie das überprüfen konnte, griff er bereits nach ihrem Arm und zog sie die Straße entlang.

„Naruto? Ich dachte, wir gehen in deine Wohnung?“, fragte sie überrascht. Er schüttelte bloß den Kopf und führte sie weiter auf den Wegen, über die sie bereits als Kinder gerannt sind.

„Wo willst du hin?“. „Das ist ein Geheimnis.“

Ihre Verwirrung wuchs, als er in eine Seitengasse einbog, die ihr ebenfalls irgendwie bekannt vorkam. Dicht aneinander gereihte Kirschbäume rahmten ihn ein und Sakura erinnerte sich dunkel daran, wie sie hier einmal herabgefallene Blüten im Frühling gesammelt hatte. Doch Naruto lief unbeirrt weiter und als sie das Ende der Gasse erreichten, kapierte sie endlich, was das Ziel war.
 

Vor ihnen erstreckte sich ein uralter Spielplatz, der aus nichts als zwei Schaukeln, einer Rutsche und einer Wippe bestand. Der Sand, der sich nicht einmal in einem anständigen Kasten befunden hatte, war vom Wind davongeweht worden und hier hätte schon längst einmal wieder gemäht werden müssen. Naruto ließ Sakuras Arm los und sie drückte sogleich gegen das morsche Holztor, damit es knarrend aufschwang. Kein Baum stand dort, der Schatten spenden könnte, weshalb es hier besonders heiß war, doch das störte sie in diesem Moment nicht.

Zu sehr war sie mit der Erinnerungsflut beschäftigt, die sie nun überkam.

Naruto und sie hatten hier oft gemeinsam gespielt.

Sie hinterließ deutliche Abdrücke in dem tiefen Gras und es kitzelte sie an den Knöcheln. Die Schuhe warf sie achtlos beiseite, um alles mit den bloßen Füßen berühren zu können.

In ihrem Gedächtnis war das Grün raspelkurz und der Spielplatz voller Leben.

Größer hätte der Unterschied zu dem jetzigen Anblick nicht sein können, trotzdem fand ihn Sakura unheimlich schön.
 

Vorsichtig ließ sie sich auf einer der Schaukeln nieder und bewegte sich langsam vor und zurück, wobei sie sich mit den nackten Füßen abstieß. Sie wirkte so verzückt, das Naruto sich nicht traute, das Wort an sie zu richten. Er setzte sich auf die andere und beobachtete sie, während sie sich umsah.

„Hier war ich ja ewig nicht mehr!“, meinte sie strahlend, was er mit einem zärtlichen Lächeln beantwortete. Selten fühlte er sich so ruhig wie in ihrer Gesellschaft.

Sie verwandelte sich vor seinen Augen in das unbeschwerte Mädchen zurück, das sie gewesen war, bevor sie sich in Sasuke Uchiha verliebt hatte. Das erinnerte ihn daran, weshalb er überhaupt mit ihr herkommen wollte.
 

„Sakura-chan.“

Der Klang seiner Stimme ließ sie aufhorchen und lenkte sie von ihrer Umgebung ab.

„Naruto? Was ist denn los? Du bist ziemlich komisch in letzter Zeit.“

Mit einem todernsten Gesichtsausdruck sprang er von seinem Sitzplatz und baute sich vor ihr auf, wobei er die Ketten ihrer Schaukel so fest umklammerte, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Mit offenem Mund sah sie zu ihm hoch. Beinahe bedrohlich überragte er sie.

„Ich liebe dich. Werde bitte endlich meine Freundin.“

Wie in Zeitlupe klappte sie den Mund zu und senkte den Blick.

Sie hätte damit rechnen müssen, trotzdem erwischte es sie unerwartet.

„Ich weiß, dass-“

„Gar nichts weißt du!“, rief Naruto, der den Zorn, der in ihm aufloderte, nicht unterdrücken konnte.

„Du hast absolut keine Ahnung wie stark meine Gefühle für dich sind! Immer wieder unterschätzt du sie und winkst sie ab. Das ist kein Spiel mehr, Sakura-chan! Du kannst davor nicht weglaufen!“

Er beugte sich blitzschnell hinab, um sie zu küssen, doch sie presste ihm rechtzeitig die Hände auf die Lippen. Ihre Mimik, die pures Beschämen ausdrückte, ließ ihn innehalten.

„Naruto. Hör mir bitte zu. Ich möchte deine Gefühle überhaupt nicht kleinreden. Aber du unterschätzt ebenfalls etwas – meine Liebe zu Sasuke! Ich kann daran nichts ändern! Ich verstehe ja selbst nicht, weshalb ich ihn will und nicht dich, obwohl du immer für mich da gewesen bist und er mich nur als Plage ansieht... Es ist aber so. Du musst dich damit abfinden. Ich dachte, dir wäre das klar.“
 

Die Ketten rasselten, als Naruto sie abrupt losließ. Sakura hatte es noch nie erlebt, dass ihr bester Freund die Mundwinkel so weit nach unten ziehen konnte.

„Du weißt nicht, was gut für dich ist!“

Bei dieser Aussage packte Sakura ebenfalls die Wut und sie fuhr in die Höhe. Während sie ihm den Zeigefinger in die Brust bohrte, schimpfte sie:

„Misch dich darin nicht immer ein. Es tut mir wirklich leid, aber für mich bist du einfach mein bester Freund und nicht mehr. Immer zweifelst du an, dass ich eigenmächtig entscheiden kann, was ich tun will. Du entmündigst mich. Das ist keine Liebe, verdammt!“

Mit jedem Wort wurde Narutos Entsetzen größer. Er versuchte, ihre Hand festzuhalten, doch sie zog sie zurück. „Nein, ich will nicht…“

„Doch, willst du!“, unterbrach sie ihn. „Werde dir erst einmal klar darüber, ob du wirklich Liebe für mich empfindest und dich nicht eher wie mein besorgter, älterer Bruder verhältst. Ich gebe Sasuke jedenfalls nicht auf.“

Nachdem sie diese endgültige Zurückweisung ausgesprochen hatte, stampfte sie davon. Fast konnte man den Dampf über ihren Kopf aufwallen sehen, so viel Empörung drückte ihre ganze Körperhaltung aus.

Naruto starrte ihr nach, während sein Gehirn fieberhaft arbeitete.

Diese Reaktion hatte er von ihr nicht erwartet.

Entschlossenheit

Dieser verfluchte Naruto. Musste er ausgerechnet heute so aufdringlich werden?

So schnell, wie Sakuras zugegebenermaßen nicht gerade ausgeprägte Kondition es zuließ, stürmte sie zurück nach Hause.

Sie hatte den Weg zwar in den letzten Jahren höchstens ein-, zweimal genommen, trotzdem kannten ihn ihre Füße wie im Schlaf.

Es würde noch eine Weile dauern, bis die Sonne untergeht.

Was sollte sie nun mit dem versauten Tag anfangen?
 

Als sie genügend Abstand zwischen sich und die blonde Nervensäge gebracht hatte, ließ sie sich schwer atmend gegen einen Zaun aus verwitterten Holzlatten sinken, der sich in unmittelbarer Nähe zum Haus ihrer Eltern befand.

Sie musste unbedingt tief Luft holen und sich überlegen, wie sie nun weiter vorgehen wollte.

Sollte sie sich einfach ins Bett legen und in den Schlaf flüchten, um nicht weiter über Naruto nachdenken zu müssen? Das war eigentlich keine Lösung. Sie musste sich den dazugehörigen Gedanken stellen und damit abschließen, um sich endlich Sasuke zuwenden zu können.

Eine leichte Brise wehte ihr die Haare ins Gesicht, während sie darüber nachgrübelte, was sie überhaupt für ihren besten Freund empfand.
 

Natürlich war ihr klar gewesen, dass Naruto schon immer ein Auge auf sie geworfen hatte. Dennoch hielt sie es eigentlich bis zu dem heutigen Tag für eine harmlose Schwärmerei, die einfach zu ihrem Alltag dazugehörte. Er hatte nicht gerade einen Hehl daraus gemacht, wie sehr er sich wünschte, ihre Freundschaft offiziell zu einer Liebesbeziehung zu erklären, doch das konnte sie nicht ernst nehmen. Schließlich war sie schon beinahe ebenso lange in Sasuke verliebt, wie Naruto sehr gut wusste, da sie ihn immer wieder daran erinnerte.
 

Sie fragte sich, was ihn dazu veranlasst hatte, ihr auf diese Weise seine Liebe zu gestehen und erstmals nicht nur andeutungsweise, sondern direkt darauf Bezug zu nehmen, wie sehr er in sie verschossen war.

Schließlich hatte sie in letzter Zeit erst recht nicht den Eindruck gemacht, irgendetwas für ihn zu empfinden. Es klang in ihren Ohren eher nach einem letzten verzweifelten Versuch, sie zu erreichen.

Hoffentlich hatte er ihre Antwort dann auch als letzten verzweifelten Versuch wahrgenommen, ihm klarzumachen, dass zwischen ihnen nie im Leben etwas laufen würde.

Und das nicht nur, weil sie damit Hinata zutiefst verletzen würde.
 

Tja, mit seinen Problemen musste Naruto sich nun selbst herumschlagen.

Nicht, dass sie überhaupt kein Mitleid für ihn empfände, aber sie hatte nun wirklich anderes zu tun, als sich noch Sorgen darum zu machen, dass sie vielleicht zu harsch zu ihm war.

Wenn der Tag nun sowieso schon im Eimer war, konnte sie sich nun genausogut damit auseinandersetzen, was sie von Professor Hatake erfahren hatte.

Sasukes Kindheit.

Ein einziges, schmerzliches Chaos.

Wie, verdammt nochmal, konnte sie darüber mit ihm reden?
 

Hinata blickte auf das Display ihres Handys, das für ihren Geschmack über viel zu viele unnötige Funktionen verfügte. Vier Worte stachen ihr ins Auge, die Sakura ihr vor etwa zwanzig Minuten per SMS übermittelt hatte.

Kümmere dich um Naruto.

Hinata schluckte, um den Kloß in ihrem Hals zu vertreiben. Dann war es also soweit. Sakura hatte ihm eine Abfuhr erteilt.

Trotz Sakuras Anweisung konnte sie sich nicht vorstellen, wie sie ihn nun trösten sollte.

Nur beim Gedanken daran, wie sich Naruto momentan fühlen musste, gerieten ihr nämlich die Tränen in die Augen.

Ehe sie sich es anders überlegen konnte, wählte sie bereits mit zittrigen Fingern seine Handynummer, die sie sich gleich gezielt einprägen wollte, nachdem er sie ihr nach der Party diktiert hatte.
 

Nach dem siebten Klingeln hob er endlich ab, räusperte sich jedoch zuerst, als hätte er ebenfalls einen Kloß im Hals gehabt.

„Ja?“

„Naruto-kun…“

Rechtzeitig fiel ihr ein, dass sie besser nicht zugab, bereits zu wissen, wie es ausgegangen war.

Sie kam sich allerdings furchtbar verlogen dabei vor.

„Ich rufe nur an, weil ich dich… fragen wollte, ob es geklappt hat.“

Er schwieg so lange, dass Hinata fürchtete, ihn verletzt zu haben. Doch dann meinte er:

„Es lief nicht so gut. Sie liebt mich einfach nicht, sagt sie. Daran kann ich wohl nichts ändern.“
 

Sie hörte ein leises Schniefen, als weine er, wollte sich aber nich näher danach erkundigen.

Obwohl sie eigentlich davon profitierte, dass Sakura ihn abgewiesen hatte, tat er ihr furchtbar leid.

„Kann ich vielleicht etwas für dich tun? Irgendetwas?“

Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, wurde ihr klar, dass er sowieso verneinen würde.

„Nein. Danke für das Angebot, aber damit muss ich jetzt erst einmal allein klarkommen.“

Beinahe rutschte ihr das Handy aus der Hand, so feucht waren ihr Hände vom Schweiß.

Sie gab sich große Mühe, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, und wagte stattdessen einen vorsichtigen Aufmunterungsversuch: „Halt die Ohren steif, Naruto-kun.“

Er bedankte sich mit ungewohntem Ernst.

Gerade wollte Hinata noch etwas hinzufügen, da verriet ihr das Tuten in der Leitung, dass er schon aufgelegt hatte.
 

Langsam ließ sie die Hand, mit der sie das Handy umklammert hielt, sinken.

Aus dem unteren Stockwerk ihres Zuhauses hörte sie das Lachen ihrer Schwester und die energische Stimme ihres Vaters, der gerade irgendeine Geschichte von einem seiner Kollegen zum Besten gab.

Plötzlich fühlte Hinata sich unerträglich allein.
 

Sasuke verbrachte den frühen Abend wieder einmal auf dem Balkon.

Das Telefon im Inneren des Hauses läutete unaufhörlich, doch er hatte sich riesige, dunkelblaue Kopfhörer über den Kopf gestülpt, um das Geräusch mit lauter Musik zu übertonen.

Er wusste sowieso, wer ihn da so dringend erreichen wollte und die Leitung belegte.

Schon längst hätte er eigentlich bei Karin sein müssen, aber er hatte einfach keine Lust, sich schon wieder damit zu beschäftigen, dass sie eine ernste Beziehung mit ihm wollte.

Sie kapierte einfach nicht, dass die Tatsache, dass sie ihm nicht ganz so sehr auf die Nerven ging wie andere Mädchen, wenn er sich mehr als einmal mit ihnen traf, nicht gleich bedeutete, dass er sie zu seiner Freundin machen wollte oder sogar liebte.

Liebe war schließlich nur etwas für Vollidioten. Schwache Vollidioten.
 

Der Tag, an dem seine ganze Familie ermordet worden und Itachi verschwunden war, würde sich bald zum elften Mal jähren. Um diese Zeit war er deshalb noch mieser drauf als sonst und das wollte schon etwas heißen.

Er hatte sich sowieso nur mit Karin verabredet, um sie versetzen und ihr somit ihrer Hoffnung einen Schlag verpassen zu können.

Ein freudloses Grinsen breitete sich aus seinem Gesicht aus.

„So ist die Welt nun einmal, Kleine“, dachte er ohne einen Funken Reue.

Er schloss die Augen, um alles um sich herum ausblenden zu können und sich ganz der Musik zu widmen. Eins der wenigen Dinge, auf die er noch zählen konnte.
 

Erst Stunden später erhob sich Sasuke von seinem Platz. Die Härchen an seinen Armen hatten sich aufgestellt, als die Kühle zusammen mit der Dunkelheit heraufgezogen war.

Es musste bereits mitten in der Nacht sein.

Er stöpselte die Kopfhörer aus und lauschte. Das schrille Klingeln des Telefons schien endlich aufgehört zu haben.

Nachdem er sich so ausgiebig gestreckt hatte, dass seine langen Glieder knackten, begab er sich auf direktem Weg ins Schlafzimmer, um den seltenen Moment der Müdigkeit auszunutzen und möglicherweise sogar etwas Schlaf zu finden.
 

Es war wahnsinnig, was Sakura vorhatte. Wirklich völlig durchgeknallt.

Statt wie normale Menschen einfach bis zum nächsten Tag zu warten, musste sie unbedingt spät in der Nacht bei Sasuke aufkreuzen, nur weil sie endlich nach ewigem Nachdenken über seine Lage eine Ahnung beschlichen hatte, wie sie mit ihm umgehen musste.

„Schau morgen bei ihm vorbei“, sagte ihr Verstand.

„Sofort! Mach dich auf den Weg!“, meinte ihr Herz.
 

Sie war schon immer ein Gefühlsmensch gewesen, deswegen konnte man es im Prinzip keine Überraschung nennen, dass sie um halb zwei Uhr morgens fast geräuschlos ihr Zimmerfenster öffnete, um sich davonzuschleichen, ohne dass ihre Eltern es mitbekamen.

Der Rest war ein Kinderspiel. Es war zwar das erste Mal, dass sie wirklich heimlich von zu Hause abhaute, aber die Vorstellung, wie sie es anstellen würde, hatte sie sich bereits öfter ausgemalt.

Keinen Gedanken mehr wollte sie an Naruto verschwenden, seit die Verantwortung per Nachricht an Hinata abgegeben worden war.

Irgendwo in ihrer Magengegend rumorte das schlechte Gewissen, wie wenig sie Narutos Zustand interessierte, aber das beeinflusste nicht das, was sie sich zum Ziel gemacht hatte:

Sasukes geheimnisvollem Panzer einen Riss zu verpassen.

Das einzige Problem bestand darin, dass sie keine Schuhe trug, weil diese Aktion nicht gerade geplant gewesen war, und sie sich keine mehr aus dem Flur holen konnte, ohne ihre Eltern zu wecken.

Dann verzichtete sie eben darauf und stieg barfuß auf das Rad. So groß konnte der Unterschied nicht sein, als Kind hatte sie das ständig ausprobiert.
 

Vor Sasukes Wohnung bremste sie schließlich ab, was ein leises Quietschen zur Folge hatte. Es wurde Zeit, dass sie sich mal wieder mehr um die Pflege ihres Fahrrads kümmerte.

Sakura war sich sicher, dass die alte Rostlaube niemand klauen würde, vor allem nicht um die Uhrzeit, weshalb sie es vorsichtig im gemähten, aber ansonsten vernachlässigt wirkenden Vorgarten hinlegte.

Mit zusammengekniffenen Augen spähte sie zu Sasukes Heim hoch, aber keins der Fenster schien erleuchtet zu sein. Schlief er etwa bereits? Seine Blässe und die Schatten unter seinen Augen ließen eher darauf schließen, dass er ziemlich wenig Schlaf bekam. Vielleicht hatte er ja die Nachtischlampe eingeschaltet.

Trotzdem hatte sie kein Recht, so spät noch bei ihm zu klingeln. Er würde sie fortschicken oder vermutlich gar nicht erst öffnen. Konnte auch sein, dass er gar nicht da war oder irgendeine seiner Tussis bei ihm im Bett herumlümmelte.

Der Gedanke daran versetzte ihr einen Stich, doch es brachte sie nicht von ihrem Entschluss ab, auf der Stelle mit ihm zu sprechen.

Oder es zumindest zu versuchen.

Kühnheit

„Das war nicht gerade die beste Idee, die ich je hatte“, dachte Sakura, während sie feststellen musste, dass sie offenbar doch nicht durch das Badezimmer passte.

Ab den Oberarmen war Schluss mit Durchkriechen, was in ihr ein begründetes Entsetzen auslöste.
 

Sie hatte bereits damit gerechnet, dass Sasuke ihr nicht aufmachen würde. Sein Auto stand vor der Wohnung, also hielt er sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu Hause auf, wenn er nicht gerade spazieren war.

Ihr Unternehmungsgeist hingegen überraschte sie.

Sakura konnte sich die Dringlichkeit nicht erklären, die sie bei dem Gedanken überkam, mit Sasuke zu sprechen.

Statt vernünftig Für und Wider abzuwägen, hörte sie einfach auf ihren siebten Sinn und schlich um die Außenwand, um ein geöffnetes Fenster zu suchen, durch das sie einsteigen konnte.

Nach nicht allzu langer Zeit fiel ihr bereits eins ins Auge, das anscheinend zu seinem Badezimmer gehörte. Dort brannte kein Licht, was sie darin bestärkte, diese Gelegenheit zu nutzen.

Das Hochstemmen bereitete ihr keine Schwierigkeiten. Anfangs schien es kein Problem zu sein, so leicht gelang es ihr, sich mithilfe des Fensterbrettes auf der anderen Seite durchzuziehen.

Doch dann spürte sie, wie sie steckenblieb.

„Mist“, schimpfte sie leise und fletschte die Zähne, denn zurück konnte sie auch nicht mehr.

Mit hochrotem Kopf bewegte sie sich hin und her, um sich zu befreien, während sich auf Höhe ihrer Hüfte langsam ein unangenehmer Schmerz meldete.
 

Mit einem entschlossenen Ruck gelang es ihr schließlich, sich in den Raum zu ziehen.

Es endete allerdings mit einer nicht gerade sanften Landung auf den weißen, blank polierten Badezimmerfliesen, die jedoch zu ihrem Glück verhältnismäßig geräuscharm ablief.

Mit zusammengekniffenen Augen rieb sie sich den Ellenbogen, mit dem sie aufgekommen war, und plante ihr weiteres Vorgehen.

Erst nachdem Sakura aufschaute, erinnerte sie sich daran, wo sie sich befand. Das war Sasukes Bad!

Es wirkte zwar nicht gerade groß, enthielt aber auf den ersten Blick alles, was man zur Hygiene benötigte.

Keine kleinen Fischbildchen über der Toilette. Keine Sticker am Spiegel.

Die befanden sich bloß bei ihr zu Hause, Sasuke hingegen bevorzugte die Einrichtung auch hier äußerst karg.
 

Sie konnte doch nicht einfach bei ihm ins Wohnzimmer marschieren, der würde ihr den Hals umdrehen. Oder noch schlimmer, sie würde ihn vielleicht schon wieder in flagranti erwischen.

Aber was bliebt ihr schon für eine andere Wahl? Jetzt, da sie hier war, konnte sie sowieso nicht mehr umkehren.

Mit wackeligen Beinen stand sie auf und tapste mit ihren nackten Füßen auf die Tür zu, um die Klinke so leise wie sie nur konnte herunterzudrücken.

Sie spähte durch den entstandenen Türspalt, konnte jedoch nichts erkennen, weil der Flur vor ihr im Dunklen lag.

Sich ausschließlich auf ihren Tastsinn verlassend, wagte sich Sakura vorwärts, bis sie im schwachen Mondlicht, das durch die ihr bereits bekannten, großen Fenster fiel, das Wohnzimmer ausmachte.

Erleichtert stieß sie die angehaltene Luft aus, als sie merkte, dass sich auch hier niemand aufhielt.

Wo trieb er sich bloß um? War er vielleicht doch ausgegangen?
 

Nun fixierte sie eine Tür, von der sie noch nicht wusste, was sich hinter ihr befand.

Viele Möglichkeiten blieben nicht.

Sie musste zu Sasukes Schlafzimmer führen.

Auf Zehenspitzen wich sie den Möbelstücken aus, denn eben jene Tür stand ein Stück offen, was ihr Anschleichen erschwerte.

Dabei wusste sie noch gar nicht so recht, was sie überhaupt machen sollte, wenn sie ihm nun begegnete. Wie sollte sie ihren Einbruch hier erklären?

Sachte schob sie die Tür auf, als sie einen Luftzug links von sich spürte.

Sakura erschreckte sich dermaßen, dass sie gar nicht lange überlegte, sondern einfach ausholte und mit voller Wucht zuschlug.

Ihre Fingerknöchel trafen auf etwas, bevor ein leises Stöhnen zu hören war und etwas gegen die dünne Wand krachte.

Erst dann dämmerte es ihr und sie schlug entgeistert die Hände vor den Mund.

Sie hatte doch nicht gerade den Kerl, auf den sie stand, ausgeknockt…?
 

Hinata hatte den Rollladen in ihrem Zimmer heruntergelassen.

Sie wollte einfach nichts sehen, auch kein Sonnenlicht.

Deswegen vergrub sie den Kopf in ihrem Kissen und blendete alles um sich herum aus, so gut es ging.

Nur eins konnte sie nicht verdrängen – Narutos breites Lächeln vor ihrem geistigen Auge.

Natürlich verstand sie, dass er jetzt seine Ruhe brauchte.

Warum tat es dann trotzdem so weh, dass er ihre Gesellschaft nicht wollte?
 

Obwohl sie ihre Ohren bedeckt hatte, vernahm sie immer noch, wie sich ihre Familie im unteren Stockwerk ohne sie vergnügte.

Es gab kein schlimmeres Gefühl als das, nicht gebraucht zu werden.

Als wäre ihre Existenz nicht von Bedeutung.

Gleich darauf schalt sie sich für ihre deprimierenden Gedanken. Es war nicht das erste Mal, dass sie über solche negativen Dinge nachgrübelte, im Gegenteil.

Früher, bevor sie Naruto kennengelernt hatte, war es noch viel schlimmer gewesen.

Sein ermutigendes Grinsen hatte ihr seitdem neue Kraft gegeben. Das rief sie sich immer in solchen Situationen in Erinnerung. Sie durfte jetzt nicht aufgeben, nur weil sie einen Rückschlag erlitten hatte.

Sonst würde sie nie zu Naruto aufschließen können.
 

Hinata wusste nicht, wie lange sie schon so in ihrem Bett lag, da klingelte auf einmal ihr Handy.

Erst zog sie in Erwägung, es einfach zu ignorieren, doch ihr schlechtes Gewissen gewann die Oberhand.

Ohne den Kopf zu heben, streckte sie ihren Arm aus und tastete über ihren Nachtisch, bis sich ihre Finger um etwas Kühles schlossen.

Sie schaute gar nicht erst auf den Bildschirm, sondern hob einfach ab.

„Hallo? Hinata?“

Der Schreck fuhr ihr in die Glieder und lähmte sie, sodass sie keine Antwort geben konnte.

„Hinata? Hörst du mich?“

Narutos Stimme füllte ihre Ohren und ließ sie glauben, nie ein schöneres Geräusch gehört zu haben.

„J-Ja...“, antwortete sie schließlich vorsichtig und musste sich räuspern.

„Tut mir leid, dass ich dich vorhin so abgekanzelt habe… Mittlerweile habe ich es mir nämlich anders überlegt. Ich brauche ein bisschen Ablenkung. Hast du Lust, etwas mit mir zu unternehmen?“
 

In Sekundenschnelle wälzte Hinata sich von der bequemen Matratze herunter und fuhr sich durch die langen, zerzausten Haare.

„N-Natürlich, Naruto-kun!“, antwortete sie und gab sich Mühe, sich ihre Begeisterung nicht allzu sehr anmerken zu lassen.

„Prima! Wäre jetzt zu früh?“

„Wie meinst du das?“

„Wenn du dein Rollo hochziehst und rausschaust, verstehst du, was ich meine.“

Das überrumpelte Mädchen sah an sich runter. Sie trug nur ein Top und eine ausgeleierte Leggins. Nichts, in dem sie Naruto gegenübertreten würde, wenn sie die Wahl hätte.

Rasch streifte sie ihre Klamotten ab und schlüpfte ohne lange nachzudenken in ein leichtes Sommerkleid, das über einer Stuhllehne hing.

Nachdem sie sich noch grob mit einer Bürste durch die Haare gefahren war, befolgte sie seine Anweisungen und zog am Rollladengurt.
 

Kaum konnte sie hinausblicken, hatte sie ihn bereits entdeckt. Er stand mit dem Handy am Ohr auf der gegenüberliegenden Seite und starrte zu ihr hoch, während er mit der freien Hand winkte.

Fast automatisch breitete sich ein schüchternes Lächeln auf ihrem Gesicht aus, als sie zurückwinkte, sich anschließend ihr kleines Handtäschchen schnappte und die Treppe herunterstürmte.
 

Seine Lider waren zu schwer, als dass er sie öffnen konnte.

Lediglich leise Geräusche verrieten ihm, dass sich noch jemand im Raum befand.

Er atmete tief ein, um möglicherweise einen Geruch wahrnehmen zu können, der zu jemandem gehörte den er kannte. Mittlerweile schaffte er es, die verschiedensten Frauenparfüme auseinanderzuhalten.

Aber diesen Duft kannte er nicht. Vor allem mischte er sich mit etwas, das roch wie… Reis?
 

Endlich gelang es Sasuke, die Augen ein Stück zu öffnen. Er sah noch leicht verschwommen, erkannte aber bereits, dass er in seinem eigenen Wohnzimmer auf dem Sofa lag. Warum?

Plötzlich spürte er das hartnäckige Pochen in seinem Kopf, was ihn daran erinnerte, was passiert war.

Irgendjemand war bei ihm eingebrochen und hat ihn niedergeschlagen.

Aber weshalb stand dieser jemand dann offenbar in der Küche, in der Licht brannte?
 

Durch den Türrahmen betrat der Eindringling das Zimmer. Er schien etwas in seinen Händen zu tragen.

Sasuke stemmte sich hoch, trotz seines Zustandes jederzeit bereit, sich zu wehren, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Der Einbrecher hatte leuchtend rosa Haare… und hielt ihm eine Schüssel mit dampfendem Reis vor die Nase.

„Sa…kura?“. Rasch griff er sich an den Kopf. Das Sprechen bereitete ihm Schmerzen.

„Was… zur Hölle hast du hier zu suchen?“

Selbst durch seine Benommenheit merkte er, wie schuldbewusst sie sich vor ihm hin und her wand, nachdem sie den Reis auf den Tisch gestellt hatte.

„Sasuke-kun, du musst mir glauben, dass ich dir keine runterhauen wollte! Ich habe mich nur furchtbar erschreckt!“

Unter halbgeschlossenen Augen, die Hand immer noch an seinem Hinterkopf, sah er zu ihr hoch.

„Du erschreckst dich vor mir, obwohl du hier-“. Er musste kräftig husten, was in seinem Schädel nachhallte. Sie wusste allerdings auch so, was er ihr sagen wollte.

„Ich weiß, ich habe kein Recht hier zu sein und vor allem sollte ich dann den Bewohner nicht niederschlagen, aber… ich musste es tun. Also durch das Badezimmerfenster reinklettern, nicht dir eine runterhauen.“
 

Sasuke hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie redete einfach zu viel, insbesondere da sein Kopf schmerzte, als hätte er eine schlimme Version von Migräne.

Dabei war nicht einmal ihr Schlag das Entscheidende gewesen, das ihn ohnmächtig werden ließ, sondern die Tatsache, dass er gegen die Wand geknallt war.

„Sag mir einfach, was du von mir willst, verdammt nochmal.“

Er schenkte dem Reis keinerlei Beachtung, sondern rutschte hin und her, bis er bequemer saß, und sah absichtlich an ihr vorbei.

Statt ihm zu antworten, brach Sakura auf einmal in Tränen aus.

Riss in der Mauer

Eins musste man ihm lassen, Sasuke hatte ein ausgesprochenes Talent dafür, sich seine Verwirrung nicht allzu sehr anmerken zu lassen, egal wie absurd die Situation auch war.

Dementsprechend reagierte er auch, als Sakura sich vor seinen Augen in ein heulendes Häuflein Elend verwandelte. Sein Blick huschte zwar kurz zu ihr, aber ansonsten hatte sich an seiner abwartenden Haltung nichts geändert.

Es fehlte nur noch das genervte Tippeln mit der Fußspitze auf dem Boden.
 

Als sie endlich das unkontrollierte Schluchzen so weit im Griff hatte, dass sie sprechen konnte, meinte sie bloß mit abgehackter Stimme: „Sasuke-kun… Dein Reis wird kalt.“

„Scheiß auf den Reis. Sag mir lieber endlich, was das Ganze soll.“

„Du wirst bestimmt wütend, wenn ich es dir erzähle.“

Vergeblich durchwühlte Sakura ihre Taschen nach etwas, womit sie sich die Nase putzen konnte.

„Ich werde noch wütender, wenn du jetzt keine Erklärung ablieferst, warum du mitten in der Nacht in meine Wohnung einsteigst, nur um mich niederzuschlagen, Reis zu kochen und anschließend zu heulen.“

„Na gut“, lenkte Sakura schließlich ein, nachdem sie ihre Suche aufgegeben hatte. „Hör mich aber bitte erst an, bevor du ausrastest.“

„Das kann ich dir nicht versprechen“, antwortete Sasuke brüsk, während er sich vorsichtig in den Schneidersitz auf das Sofa setzte. Die Decke, mit der sie ihn zugedeckt hatte, rutschte herunter, doch das kümmerte ihn nicht.
 

„Mich belastet es einfach, was du erlebt hast!“, brach es endlich aus Sakura heraus, woraufhin Sasuke jedoch nur irritiert eine Augenbraue hob.

„Häh?!“

„Ich habe von deiner Kindheit erfahren, Sasuke-kun.“

Im Nu war er auf den Beinen, den Schmerz ignorierend, der dabei durch seinen Kopf fuhr.

„Was fällt dir ein mir nachzuspionieren?“, brüllte er sofort, sodass Sakura erschrocken vor ihm zurückwich. „Ich habe dir nicht nachspioniert…“, setzte sie an, doch er unterbrach sie mit einer unwirschen Handbewegung.

„Sei bloß still und rede dich nicht heraus!“

Seine Hände waren zu Fäusten geballt und er zeigte ihr tatsächlich seine Zähne, als wäre er ein wildes Tier auf Beutefang.

„Das geht verdammt noch einmal nur mich etwas an und niemanden sonst! Spinnst du denn völlig?“, ließ er seinem Zorn freien Lauf, während er vor dem Sofa auf und ab lief, um nicht noch handgreiflich zu werden.

Völlig verunsichert ließ sich das Mädchen auf den Boden rutschen. Diese Seite von Sasuke kannte sie nicht und sie jagte ihr Angst ein.

Immer noch rasend vor Wut kickte er eine Zigarettenschachtel beiseite, die aus seiner Hostentasche gefallen war.

Sie hätte nicht damit gerechnet, dass er schon auf diese Eröffnung so überreagieren würde.

Langsam setzte sie sich auf, das entgeisterte Gesicht mit dem offenstehenden Mund dem Rücken zugewandt, den Sasuke ihr präsentierte, als könne er ihren Anblick nicht ertragen. Seine Muskeln traten im Nacken hervor.
 

„Sasuke-kun!“

Sakura wusste selbst nicht, welcher Teufel sie da ritt, aber streckte sich und umklammerte von hinten seine Beine, damit er nicht mehr länger herum marschierte und sich beruhigte.

Erstarrt hielt der Frauenheld inne und sah zu ihr herunter. In seinen Augen loderte es immer noch, doch seine verkrampften Hände begannen sich zu lockern.
 

Langsam ließ sie ihn los. Tatsächlich setzte er sich wieder auf das Sofa, als hätte sie ihn zur Besinnung gebracht, doch sein Gesichtsausdruck machte ihr Angst. Sie las keinen Hass darin und auch keinen Zorn, aber dafür einen Schmerz, der ihr fremd vorkam.

Dann fiel ihr wieder ein, was sie ihm eigentlich sagen wollte.

Als nähere sie sich einem scheuen Tier, ließ sie sich sanft neben ihm nieder. In gebührendem Abstand, um ihm nicht auf die Pelle zu rücken.

Er beugte sich nach vorne, wobei er die Arme auf seinen Knien abstützte und die Hände ineinander verschränkte. Seine schwarzen Haare fielen ihm wie ein Vorhang ins Gesicht und verbargen es nun vor Sakuras neugierigem Blick. Sie hielt es für ungefährlich, ihm nun von den Einzelheiten zu erzählen, die sie hergetrieben hatten.
 

„Ja, ich habe mich nach deiner Vergangenheit erkundigt. Ich habe Professor Hatake gefragt, weil mir dein Verhalten keine Ruhe gelassen hat, seitdem du vor meiner Haustür standst. Das hat nichts mit Neugier oder Sensationslust zu tun, sondern einfach mit der Tatsache, dass ich dich besser verstehen wollte.

Ich will ehrlich mit dir sein. Den ganzen Tag habe ich gegrübelt, was ich nun mit dem Wissen anfangen sollte. Ich kann deine Einsamkeit nicht nachempfinden, weil ich nicht in derselben Situation stecke wie du. Aber ich habe meine eigene, andere Einsamkeit, die mich tagein, tagaus plagt. Genau wie jeder andere auch“
 

Nichts an seiner Körperhaltung verriet ihr, dass er ihr zuhörte. Dennoch sprach sie einfach weiter, stur geradeaus schauend.
 

„Ich habe meine Familie noch. Ich kann mich glücklich schätzen, mit ihnen leben zu können. Trotzdem rege ich manchmal über sie auf, wie zu dem Zeitpunkt, als du mir meine Kleidung vorbeigebracht hast. Dann meine ich nicht alles ernst, was ich sage. Trotzdem war es angesichts deiner Familienverhältnisse nicht nett und das tut mir leid. Hätte ich es gewusst, wäre ich bestimmt rücksichtsvoller gewesen. Aber da du eine Mauer des Schweigens um dich aufbaust, konnte ich es nicht wissen. Das soll kein Vorwurf sein. Du bist einfach so und genau das mag ich auch an dir. Aber deswegen kannst du mir keinen Vorwurf machen, dass ich mich woanders danach erkundigt habe. So bin ich nämlich eben.“
 

Sasuke regte sich immer noch nicht, sondern starrte immer noch auf den Boden, als gäbe es dort etwas Interessantes zu sehen.
 

„Verstehe mich nicht falsch. Ich habe kein Mitleid mit dir. Das ist nicht die richtige Beschreibung für das, was ich empfinde. Mitleid ist nutzlos, da ich an deiner Vergangenheit sowieso nichts ändern kann. Nur auf Gegenwart und Zukunft habe ich Einfluss.

Ich möchte dir einen Teil deines Schmerzes abnehmen und für dich tragen. Du sollst deine Zukunft so schön gestalten können, dass dich deine Vergangenheit nicht mehr herunterzieht. Ich will dir helfen und dich unterstützen, dass du aus diesem Loch rauskommst, in dem du offenbar steckst. Obwohl es eher eine Endlosspirale ist als ein Loch.“
 

„Ich stecke in keinem Loch.“ Seine ersten Worte nach längerer Zeit. Er klang ziemlich heiser.
 

„Achso, dann ist es also normal, dass du von Tag zu Tag blasser und kränklicher aussiehst? Dass die Ringe unter deinen Augen immer schlimmer werden? Das kannst du der Parkuhr erzählen, aber nicht mir.“

Resigniert rieb sich Sasuke das Gesicht, antwortete jedoch nicht darauf.
 

„Und die Tatsache, dass du mit jedem weiblichen Wesen, das nicht bei drei auf dem Baum ist, etwas hattest, ist auch nicht gerade das, was man einen gewöhnlichen Lebensstil nennt.“

Mit dem Thema bewegte sich Sakura wieder in sicheres Fahrgewässer, das merkte sie. Gespräche über seine Probleme schien Sasuke ziemlich fertig zu machen. Sie wollte es auch nicht gleich übertreiben und ihn überfallen.

„Du solltest deine Einsamkeit wirklich nicht mit so vielen Frauen verdrängen. Du brichst ihnen das Herz.“

„Treib es nicht zu weit mit deiner Küchenpsychologie.“

Sakura lächelte müde. Da kam sein altes Selbst offenbar wieder zum Vorschein. Er hörte sich schon viel besser an, hob allerdings immer noch nicht den Kopf.
 

Erschöpft lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Sie hatte ganz vergessen, wie spät es schon war. Ihre Eltern würden durchdrehen, wenn sie ein leeres Bett vorfänden.

Etwas kitzelte sie an der linken Seite ihres Halses und entsetzt riss sie die Augen wieder auf, in dem Glauben, es sei eine Spinne.

Doch es war keine. Es waren Sasukes Fingerspitzen, die über ihre Haut strichen.

Er hatte seinen Arm auf die Sofalehne hinter ihr gelegt und fuhr mit der Spitze des Zeigefingers über ihren Hals, was ihr schlagartig eine Gänsehaut verursachte.

Sakura wurde stocksteif und traute sich nicht, sich zu Sasuke umzudrehen. Das Fenster gegenüber zeigte ihr dank der Spiegelung im Licht der Lampe sowieso schon genug. Er hatte sich aufgerichtet und war ihr einen Stück näher gerückt, während er sie nachdenklich ansah.

Er beugte sich zu ihr, sodass sie sein Gesicht an ihrer Wange spürte. Schlagartig lief sie scharlachrot an.

Sasuke flüsterte etwas.

„Ich hatte nicht mit jedem weiblichen Wesen etwas.“

Sakuras Nackenhaare stellten sich auf.

„Schade, dass du keine heiße Blondine bist.“

Er lachte leise und ging wieder auf Abstand, während Sakura wütend die Zähne aufeinanderpresste.
 

„Arschloch“, murmelte sie und rieb sich den roten Nacken. Es kribbelte immer noch überall, obwohl sie wusste, dass er sich nur über sie lustig gemacht hatte.

Sie wollte schon aufstehen und gehen, da griff er nach dem Löffel, der in der Reisschüssel steckte, und nahm den ersten Bissen.

„Gar nicht schlecht“, kommentierte er, nachdem er ihn heruntergeschluckt hatte.

„Aber ein bisschen zu matschig. Hast ihn zu lange drin gelassen.“
 

Misstrauisch sah sie in die Schüssel. „Du kannst kochen?“

Sasuke verdrehte sie Augen und nahm einen weiteren Löffel voll.

„Na klar. Ich wohne alleine. Wenn ich es nicht könnte, würde ich wohl nicht lange durchhalten.“

„Warum habe ich dann nur Reis in deinen Vorräten gefunden?“

„Weil ich meistens keine Lust habe zu kochen.“

Entrüstet schnaubte Sakura, während sie ihn von oben bis unten musterte.

„Kein Wunder, dass du so dürr bist. Dachte ich mir doch schon, dass du nichts zu Abend gegessen hast. Du bist ja umgefallen wie ein Hölzchen im Wind.“

„Tss.“ Er wischte sich über den Mund, um ein Reiskorn zu entfernen. „Wer im Glashaus sitzt…“, konterte er und nickte bedeutungsvoll in Richtung ihrer nicht gerade ausgeprägten Oberweite.
 

Dass sie ausholte, um ihm trotz seiner Kopfschmerzen eine Ohrfeige zu verpassen, hatte er vorhergesehen. Er hielt ihre Faust fest und fragte:

„Aber warum musstest du bei mir Einbrechen, um mir das zu sagen? Hätte das nicht Zeit bis morgen gehabt? Und wie bist du überhaupt reingekommen?“

Sakura zog ihre Faust zurück und unterzog ihre Fingernägel einer eingehenden Betrachtung, als ginge es bloß um Nichtigkeiten.

„Das Badezimmerfenster stand offen. Ich hatte irgendwie das Gefühl, es sei dringend. Ich wollte nicht warten. Außerdem war es mal eine nette Abwechslung, etwas zu tun, das man nicht von mir erwartet hätte. Ich habe geklingelt, aber du hast mir nicht aufgemacht, da wollte ich nicht einfach aufgeben.“

Ungläubig schüttelte Sasuke den Kopf, während er den Löffel klirrend in die leere Schüssel fallen ließ.

„Du spinnst wirklich.“

Allerdings klang es so, als meine er das als Kompliment.

Einstieg ins Spiel

Mei streckte sich genüsslich, als sie den Versammlungsraum der Universitätsprofessoren verließ.

Ein ausgiebiges Gähnen verriet, wie wenig Schlaf sie bekommen hatte.

Ehe sie sich aus dem Staub machen konnte, um in ihrem Büro noch ein Nickerchen zu machen, hielt sie jemand zurück.

In der Erwartung, sich Auge in Auge mit Kakashi wiederzufinden, drehte sie sich mit einem breiten Lächeln um, doch es war nur Tsunade, die offenbar etwas von ihr wollte.

Innerlich zuckte Mei zusammen. Hoffentlich hatte die Vorsitzende nicht gemerkt, wie wenig Aufmerksamkeit sie den behandelten Themen geschenkt hatte.

Sie war zwar ihre Freundin, aber bei sowas verstand sie bestimmt keinen Spaß.
 

Doch Tsunade machte nicht den Eindruck, als würde sie ihr etwas übelnehmen.

„Hast du Lust auf einen Kaffee?“, fragte sie freundlich, woraufhin Mei ohne lange zu überlegen nickte. Bevor sie sich auf den Weg in das Büro der Direktorin machten, verrenkte sie sich noch den Hals, um möglicherweise noch einen Blick auf Kakashi zu erhaschen, doch er war weit und breit nicht zu sehen.

Kaum hatte sie in Tsunades Räumlichkeiten auf dem bequemen Drehstuhl Platz genommen, bekam sie eine Tasse in die Hand gedrückt.

„Der ist ja kalt!“, stellte Mei fest, nachdem sie einen kleinen Schluck genommen hatte. Angewidert schob sie den Becher von sich weg.

„Ist meiner. Steht schon seit gestern hier“, gab ihre Freundin kurz angebunden und ohne ein Zeichen von Reue zurück, während sie sich einen Stuhl heranzog und sich neben ihr niedergelassen hatte. Ehe sich Mei über ihr Verhalten wundern konnte, wurde ihr Stuhl so herumgedreht, dass sie Tsunade offen ins Gesicht blicken musste.
 

„Was soll das?“, fragte diese sogleich, doch die Vertretungsprofessorin spielte das Unschuldslamm.

„Was meinst du?“

Die Augenbrauen der blonden Frau schossen warnend in die Höhe. Man merkte ihr an, dass sie sich nicht täuschen ließ.

„Ich habe gesehen, wie du ihn angestarrt hast, während du dich eigentlich mit dem beschäftigen solltest, worum es in der Sitzung ging.“

Ohne sich auch nur den geringsten Anflug von Scham anmerken zu lassen, machte Mei einen Schmollmund. „Ich wüsste nicht, was das mit dir zu tun hat“, ging sie in die Defensive.
 

Tsunades Gesichtsausdruck entspannte sich, als sie ihrer Freundin besänftigend die Hände auf die Schultern legte.

„Ich will mich gar nicht einmischen. Aber ich mag Kakashi Hatake. Nicht so wie du denkst, aber immerhin so sehr, dass ich es nicht gut fände, wenn du deine Spielchen mit ihm treibst.“

Mei verdrehte die Augen, um zu zeigen, was sie von ihrer Sorge hielt.

„Mach dir mal keine Gedanken. Er ist ein erwachsener Mann, ich bin eine erwachsene Frau – wir können das also selbst regeln.“

Die Universitätsdirektorin lehnte sich zurück und taxierte die Frau mit den weit geöffneten Augen, die sie aussehen lassen sollten, als könnte sie kein Wässerchen trüben.

Tsunade mochte Mei, aber wie sie mit Männern umging, störte sie. Vor allem wenn es Männer waren, die ihr sympathisch waren.
 

Die neuste Einwohnerin Konohas stand auf und strich ihr Oberteil glatt, was heißen sollte, dass für sie das Gespräch beendet war.

Immer noch mit Misstrauen folgte ihr Tsunade mit den Augen, als sie mit der Hand auf der Klinke innehielt und ihr halb zugewandt murmelte: „Vielleicht mag ich ihn ja wirklich.“

Lächelnd schüttelte ihre ältere Freundin den Kopf, so dass ihre zu Zöpfen gebundenen Haare nur so umherflogen, doch das sah Mei schon überhaupt nicht mehr, so eilig hatte sie es, Abstand zwischen sich und diese Vorwürfe zu bekommen.
 

Kaum hatte sie sich in ihr eigenes Büro zurückgezogen, um endlich nur für einen Moment die Augen zuzumachen, klopfte jemand an die Tür.

„Herein!“, rief Mei nicht gerade begeistert, da sie keine Lust darauf hatte, irgendeine unwichtige Frage eines Studenten zu beantworten, der einen Vorwand brauchte, um sich mit ihr unterhalten zu können.

Als Kakashi seinen Kopf durch den Türspalt steckte, richtete sie sich überrascht auf.

„Na, da sieht ja jemand hochmotiviert aus“, kommentierte er ihr Äußeres, als sie sich hektisch über das zerzauste Pony strich.

„War eine lange Nacht“, erklärte die Frau nur, ohne sein Lächeln zu erwidern.

Das Gespräch mit Tsunade hatte ihr den letzten Nerv geraubt, erst recht dieses kleine Eingeständnis, dass ihr zum Schluss unwillkürlich aus dem Mund geschlüpft war.
 

„Ich möchte dich auch nicht länger stören. Du kamst mir während der Besprechung irgendwie abwesend vor, da wollte ich nur mal schauen, wie es dir geht.“

Mei nickte erschöpft. „Danke, aber mir geht es gut. Bin nur müde.“

Wie zum Beweis gähnte sie sogleich erneut.

Kakashi zwinkerte ihr zu, bevor er langsam sie Tür schloss.

„Dann ruhe dich mal schön aus.“
 

Draußen lehnte er sich mit dem Rücken an die Wand und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.

Er konnte sich nicht erklären, warum er sie gleich in ihrem Büro aufsuchen musste, nur weil ihr hin und wieder mal die Augen zufielen. Er benahm sich ja geradezu überbesorgt.

Hätte er ihr sagen sollen, dass er das Gespräch zwischen ihr und Tsunade unabsichtlich mitangehört hatte?

Vermutlich nicht. Weshalb musste er sie dann unbedingt gleich besuchen?

Wollte er herausfinden, ob ihm an ihrem Verhalten etwas auffällt, das ihre nicht an ihn gerichteten Worte untermauerte?

Konnte gut sein. Seine Annahme hatte sich allerdings nicht bestätigt, sie war sogar etwas mürrisch gewesen.

Kakashi griff nach einem Taschentuch und schnäuzte hinein.

Er sollte sich lieber mit dem Vorlesungsstoff beschäftigen statt mit solch einem sinnlosen Erforschen von Gefühlen.
 

Langsam versuchte Mei die Augen zu öffnen. Die Wimperntusche hatte sie verklebt, weshalb es eine Weile dauerte, bis sie sich wieder klare Sicht verschaffen konnte.

Aufgrund der Dunkelheit konnte sie im ersten Moment nur unscharfe Umrisse erkennen, doch diese gehörten zweifellos zum Mobiliar ihres Büros.

Verdammt, war die Nacht etwa schon heraufgezogen? Sie hatte doch nur fünf Minuten Pause machen wollen!

Oh Gott, sie hatte die Vorlesung verschlafen, die sie eigentlich noch hätte halten müssen!

Entsetzt raufte sich Mei die Haare, ungeachtet dessen, dass sie dabei die Überbleibsel ihrer Frisur ruinierte. Tsunade würde sie unangespitzt in den Boden rammen!
 

„Mist, Mist, Mist!“, schimpfte sie leise und schlug bei jedem Wort mit der Faust auf ihren unaufgeräumten Schreibtisch, sodass ein paar Blätter zu Boden segelten.

Hoffentlich war der Seitenausgang noch nicht abgeschlossen!

Rasch packte sie ihre sieben Sachen zusammen und hängte sich ihre schwere Tasche über die Schulter. Während sie mit der linken Hand die Schreibtischschubladen zuschob, angelte sie mit der anderen nach ihrem Schlüsselbund.

Im Laufschritt eilte sie auf die Tür zu und stürmte nach draußen.

Im selben Moment brach zu allem Übel auch noch der Absatz eines ihrer Schuhe ab, was sie auf direktem Wege unelegant zu Boden beförderte.

Während sie in den wenigen Sekunden, die ihr vor dem Aufprall noch blieben, noch gar nicht so recht fassen konnte, was gerade passierte, landete sie auf etwas unerwartet Weichem, das ein leises Stöhnen von sich gab.

Erschrocken schrie Mei auf.
 

Erst als sie Kakashis typische Gesichtsbedeckung im Licht erkannte, das durch das Flurfenster hereinfiel, klappte sie abprubt den Mund zu.

„Was machst du denn hier? Du hast mich fast zu Tode erschreckt!“, beschwerte sich die Frau, bevor sie in Gänze in sich aufnahm, wo sie sich überhaupt befand.

Das Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt, war sie mit der Nase voran in seinem Schoß gelandet, die Hände reflexartig an der Wand hinter ihm abgestützt.

Als er nicht antwortete und nur verwirrt zurückstarrte, ging ihr ein Licht auf.

„Du hast doch nicht etwa hier geschlafen?“

„Das war keine Absicht! Ich bin wohl kurz eingenickt…“, verteidigte er sich endlich, ohne Anstalten zu machen, sie von sich herunterzuschieben. Entschuldigend hob er die Hände.

Empört rutschte Mei von seinem Schoß, um sich wieder in eine etwas anständigere Position zu bringen, und sich nicht anmerken zu lassen, dass sie eigentlich gar nicht unzufrieden damit war, wer sie aufgefangen hatte. Ihr Herz klopfte aber nur wegen des Schocks… Oder?
 

„Wie kann man nur in der Universität einschlafen?“, fragte sie missbilligend und untersuchte anschließend mit einem Seufzer ihren ruinierten Schuh.

Kakashi hob die Augenbrauen und grinste ironisch, während er sich bedeutungsvoll über das Gesicht strich.

„Oh nein!“

Mei bedeckte ihres mit den Händen. Vermutlich hätte sie ihr Äußeres erst in ihrem Handspiegel überprüfen sollen, bevor sie sich überhaupt nach draußen wagte. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass ein Abdruck verriet, was sie die letzten Stunden getrieben oder viel mehr nicht getrieben hatte.

„Halb so wild“, kommentierte Kakashi den Anblick, nachdem er sich ebenfalls erhoben hatte. Er reichte ihr den anderen Schuh, den sie ihm grob aus der Hand riss.

„Ich bin immer noch sauer, weil du mir aufgelauert hast.“

„Tja, vielleicht kühlt sich dein Gemüt etwas ab, wenn ich dir erzähle, dass ich eine Vertretungskraft für deine Vorlesung organisiert habe. Eine Vertretung für die Vertretung sozusagen.“
 

„Das hast du für mich getan?“, erkundigte sich Mei überrascht und mit schlagartig besserer Laune. Wenigstens konnte ihr Tsunade jetzt nicht mehr den Kopf abreißen.

Kakashi nickte bestätigend. Das Ironische war aus seinem Lächeln verschwunden.

„Komm. Ich fahre dich nach Hause. So lasse ich dich nicht laufen.

Als wäre sie ein Hund, tätschelte er ihr beruhigend den Kopf, was sie merkwürdigerweise in Verlegenheit brachte.

Pah! Ein Mann, der sie rot werden ließ, musste erst noch geboren werden!
 

Zögernd schnallte Mei sich ab. Kakashi hatte direkt vor ihrem Haus geparkt, was zur Folge hatte, dass sie wirklich nur noch drei, vier Meter in ihrer kostbaren Strumpfhose laufen musste, die nun dem schmutzigen Boden ausgesetzt war, nachdem sie ihre Schuhe nicht mehr benutzen konnte.

Ehe sie jedoch überhaupt die Beifahrertür öffnen konnte, stieg Kakashi aus, umrundete das Auto und machte ihr auf.

Ohne sie überhaupt vorher zu fragen, bot er ihr seinen Rücken an.

„Kakashi, das ist doch wirklich lächerlich. Selbst wenn die Strumpfhose kaputtgeht, habe ich noch genug andere!“, wehrte sie ab, als sie seine Absicht verstand.

„Jetzt stell dich nicht so an. Komm schon!“

Seufzend machte Mei sich bereit, auf seinen Rücken zu klettern, damit er sie bis zur Türschwelle tragen konnte. Kaum hatte sie sich festgeklammert, setzte er sich auch schon in Bewegung, als würde er so etwas tagtäglich machen.
 

„Warum saßt du überhaupt vor meinem Büro?“, murmelte Mei neugierig in sein Ohr, nachdem er die ersten zwei Schritte problemlos hinter sich gebracht hatte.

„Ich habe auf dich gewartet. So erschöpft, wie du warst, wollte ich dich lieber fahren.“

Langsam rutschte sie von seinem Rücken, als sie ihre Haustür erreicht hatten, und er in die Hocke ging, damit sie es leichter hatte.

„Danke…“, meinte sie unsicher angesichts der Tatsache, dass Kakashi sich immer noch nicht zu ihr umgedreht hatte. Da fiel ihr plötzlich etwas an seinem Verhalten auf.

Neugierig beugte sie sich an ihm vorbei, um einen Blick auf sein Gesicht erhaschen zu können.

„Du wirst doch nicht etwa rot?“, fragte sie kichernd.

„Unsinn!“, widersprach ihr Kakashi, doch es klang nicht sonderlich überzeugend.

„Na dann… Macht dir das sicher auch nichts aus“, reagierte sie ironisch und küsste ihn auf die Wange.

Erstaunt drehte er sich endlich herum, doch sie hatte bereits den Schlüssel ins Schloss gesteckt.

„Gute Nacht, Kakashi“, verabschiedete sich und verschwand mit einem triumphierenden Grinsen nach drinnen. Er hatte versucht, sich auf seine eigene Weise in ihr Spiel einzubringen, doch sie behielt immer noch die Oberhand. Auch wenn er ihr langsam gefährlich wurde.

Eine neue Seite

„Sag das nochmal“, forderte Ino ihre Freundin auf. „Ich glaube das einfach nicht.“

Verlegen drückte Hinata ihre Fingerspitzen aneinander. Es gab keine Möglichkeit, der Neugier ihrer vier Begleiterinnen zu entkommen.

„Pssst, wir befinden uns mitten in einer Führung!“, versuchte sich das schüchterne Mädchen an einem Ausweg, der jedoch in einer Sackgasse endete.

Tenten winkte ab. „Das interessiert doch keinen. Sieh dich mal um.“

Tatsächlich schienen sich ihre Kommilitonen um alles zu kümmern, nur nicht um die Frau, die der Gruppe gerade die Besonderheiten der örtlichen Tierklinik näherbringen wollten. Sie sprach allerdings auch furchtbar leise und eintönig, was das Zuhören noch zusätzlich erschwerte.
 

„Du hattest eine Verabredung mit Naruto? Direkt nachdem er bei Sakura abgeblitzt ist?“, fragte Hotaru immer noch fassungslos. Hinata bedeutete ihr, etwas leiser zu sprechen, doch niemand scherte sich darum.

„Dann hast du also auf das gehört, was ich dir geschrieben habe?“, blies die Rosahaarige nun in dasselbe Horn.

Endlich gab Hinata ihren Wiederstand auf.

„Ja, er hat mich um ein Treffen gebeten, nachdem ich ihn Stunden zuvor angerufen hatte und er wirklich ziemlich geknickt klang.“

„Wahnsinn. Die Fortschritte, die du gemacht hast, sind unglaublich“, machte Tenten ihr ein Kompliment, woraufhin Sakura zustimmend nickte.

„Ich wusste, du würdest es schaffen, Hinata!“, meinte Hotaru und klopfte ihr anerkennend auf die Schulter. „Was habt ihr gemacht?“

Nervös knabberte die in die Enge Getriebene an ihren Fingernägeln.

„Wir waren Eis essen und haben uns unterhalten.“

Sakura gab sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. „Was? Nur das?“

„Ja. Aber es war sehr schön“, erwiderte Hinata leise, den Blick ins Leere gerichtet, als durchlebe sie das Ganze vom Anfang der Woche noch einmal.

„Bestimmt hatte er nicht gerade Lust, sich näher auf ein Mädchen einzulassen, nachdem er gerade einen Korb bekommen hatte“, versuchte Hotaru, ihre Freundin aufzubauen, die doch etwas geknickt nach der mangelnden Begeisterung Sakuras wirkte.

„Das braucht Zeit!“, sprang Tenten ihr bei und tätschelte ihren Arm.

„Ino? Was meinst du?“, erkundigte sich die Neuste im Bunde, doch die Angesprochene hörte gar nicht, dass sie angesprochen wurde.
 

Sie konnte ihren Blick nicht von einer schmalen, männlichen Gestalt abwenden, die sich in nicht allzu großer Entfernung an den Tresen lehnte und mit einer Empfangsdame sprach, während er ein Klemmbrett in der Hand hielt.

„Schau sich den einer an…“, murmelte Ino und stieß ein anzügliches Pfeifen aus.

„Achtung, sie ist wieder auf Männerfang“, kommentierte Sakura ihr Verhalten und verdrehte die Augen.

Doch ehe die blonde Frau irgendetwas unternehmen konnte, um das Zielobjekt auf sich aufmerksam zu machen, verabschiedete dieser sich bereits von seiner Gesprächspartnerin und stieg in den Aufzug.

„Chance verpasst“, sagte Tenten achselzuckend, doch Ino achtete gar nicht auf sie.

Mit einem Seitenblick auf die Gruppenführerin, die immer noch damit beschäftigt war, sich das Gehör der schnatternden Menge zu verschaffen, marschierte sie direkt auf den Tresen zu, um die rundliche Helferin dort anzusprechen.

„Entschuldigen Sie, wer war das gerade eben?“, fragte sie mit einem – wie sie fand – bezaubernden Lächeln, doch die Frau hob gar nicht erst den Kopf.

„Das war Sai vom Sicherheitsdienst“, erklärte sie kurz und bündig, um sich sogleich wieder ihrer Zettelwirtschaft zu widmen.
 

Ihre Freundinnen erwarteten sie bereits, als sie siegesgewiss die Faust in die Luft reckte und „YES!“ rief.

„Solche Begeisterung zeigt sie selten“, fand Hotaru, misstrauisch das breite Lächeln betrachtend.

„Willst du den so dringend kennenlernen?“

Ino nickte, ihr Spiegelbild auf dem Bildschirm ihres Handys überprüfend.

Erbost tippte Sakura ihr auf die Schultern. „Sag mal, hast du Hinata überhaupt zugehört?“

Mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck steckte die modebewusste Studentin ihr Handy mit dem baumelnden Anhänger in die Tasche und wandte sich dann Hinata zu.

„Natürlich habe ich das. Ich kann zwei Sachen gleichzeitig. Ich finde auch, dass du ihm Zeit lassen musst, aber du kannst ruhig auch mal einen Angriff starten!“, steuerte sie ihren Rat bei und zwinkerte.

„Was meinst du mit A-Angriff?“, fragte Hinata unsicher nach.

„Na, mach ihn mal ein bisschen an!“

„Unmöglich, so bin ich einfach nicht…“, wehrte sie gleich ab und trat zusätzlich einen Schritt zurück, als würde Ino ihr gleich vormachen, was sie zu tun hätte.

„Stimmt, ich glaube, das ist noch zu schwer für sie“, bot Hotaru ihren Beistand an, doch Ino funkelte böse zurück, um ihr klarzumachen, dass sie das dunkelhaarige Mädchen nicht in ihrer Schüchternheit unterstützen sollte.

„Vor eurem nächsten Date schaust du erst einmal bei mir vorbei, dann kümmere ich mich darum“, bestimmte sie und erklärte somit die Debatte für beendet.

„Wenn er sich überhaupt noch einmal mit mir treffen will und mich nicht zu langweilig fand…“
 

Den Heimweg genoss Sakura mittlerweile viel mehr als früher, seitdem sie wusste, dass sie dabei an Sasukes Wohnung vorbeikam.

Es kam zwar selten vor, dass sie einen Blick auf ihn persönlich erhaschte, aber allein das Gefühl, sich in der Nähe seines trauten Heims zu befinden, verschaffte ihr Genugtuung.

Zufrieden drückte sie eines ihrer Biologiebücher, das nicht mehr in ihren Rucksack gepasst hatte, an ihre Brust. Die Entwicklung ihrer Beziehung zu Sasuke freute sie, auch wenn ihr bewusst war, dass er vermutlich nach wie vor mit mehr Frauen anbandelte als sie Finger an beiden Händen hatte. Solange es mit diesen allerdings nichts Ernstes war, konnte sie sich noch Chancen ausmalen.
 

Kaum war sie an der Ecke angelangt, an der sich die Straße, in der er wohnte, mit einer anderen kreuzte, verlangsamte sie ihre Schritte.

Sollte sie vielleicht bei ihm klingeln?

Sie hatte ihn das letzte Mal gesehen, als er sie in aller Herrgottsfrühe, damit ihre Eltern nichts mitbekamen, bei ihr zu Hause abgesetzt und mithilfe der Räuberleiter durch ihr Fenster geholfen hatte.

Gerade sammelte sie den nötigen Mut, da fiel ihr etwas ins Auge, was ihre Stimmung im nächsten Moment auf dem Nullpunkt sinken ließ.

Ein roter Haarschopf. Karin.
 

Sie konnte ihre Konkurrentin gerade noch so erkennen, da der Balkon von unten aus schwer einzusehen war, wenn die Personen dort saßen und nicht standen.

Entschlossen wechselte Sakura auf die andere Seite, um die Mauer des gegenüberliegenden Grundstücks zu erklimmen, damit sie in Erfahrung bringen konnte, was Karin dort zu suchen hatte.

Was sich ihr bot, trug nicht zur ihrer Erheiterung bei. Im Gegenteil, ihr wurde trotz des heißen Tages mit einem Mal eiskalt zumute.
 

Karin saß rittlings auf Sasukes Schoß und hatte ihm die Arme um den Hals gelegt, während sie sich sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte.

Ihr Geliebter machte nicht den Eindruck, als würde ihm das missfallen.

Er hielt die obligatorische Zigarette zwischen zwei Fingern und atmete immer wieder den Rauch aus, es tunlichst vermeidend, ihn dem rothaarigen Biest ins Gesicht zu pusten.

Offenbar lauschte er ihr gerade aufmerksam.
 

Wie in Zeitlupe stieg Sakura von der Mauer herab. Sie merkte nicht einmal, dass sie sich an den scharfen Steinen die Haut aufschrammte.

Allerdings ließ sie ihr Buch fallen, das sie eigentlich so fest umklammert hatte, dass ihr die Kante in die Haut schnitt.

Unangenehm laut hallte das Geräusch in der Straße nach.

Sakura nahm die Beine in die Hand, weil sie unter gar keinen Umständen von Sasuke beim Spionieren erwischt werden wollte. Trotzdem musste sie sich währenddessen die erste Träne aus dem Augenwinkel wischen.

Ihrer Eile fiel das Buch zum Opfer, das deutlich sichtbar auf dem Bürgersteig liegen blieb.
 

Die Nacht. Seine liebste Tageszeit. Endlich kehrte Ruhe ein, wenn sich der hektische Tag dem Ende zugeneigt hatte.

Dass Karin sich schließlich vom Acker gemacht hatte, trug seinen Teil dazu bei, dass mittlerweile Stille herrschte.

Sasuke hielt es nicht für nötig, sie zur Tür zu begleiten, weshalb er einfach auf dem einzigen Stuhl, den sein Balkon hergab, sitzen geblieben war.

Er zerknüllte die leere Zigarettenschachtel zusammen und warf sie schwungvoll in den Müllereimer, der in der Ecke stand und bis oben hin mit anderen Beweisen seines Nikotinkonsums gefüllt war.

Der Mann, dessen schwarzen Haare beinahe mit der Dunkelheit verschmolzen, wollte noch einen letzten Blick über die Brüstung werfen, bevor er sich ebenfalls daran versuchen würde, vielleicht noch etwas Schlaf zu bekommen.

Er kniff die Augen zusammen, als sich am Rand des Lichtkegels einer Straßenlaterne etwas Weißes vom Rest der Umgebung abhob.

Ein aufgeschlagenes Buch?
 

Sakura Haruno.

In feinsäuberlicher Schreibschrift hatte sie ihren Namen auf der Innenseite des Umschlags notiert.

Er fragte sich, wie dieses Buch dorthin gekommen war, während er die Haustür zweimal abschloss und kontrollierte, ob auch kein Fenster mehr offenstand. Auf einen weiteren Schrecken konnte er verzichten.

Vermutlich hatte sie es auf dem Heimweg verloren, jedenfalls war es mittags noch nicht dort gewesen.

Nachdenklich schälte er sich aus seiner Jeans, um sich anschließend bäuchlings auf sein Bett zu legen.

War sie etwa dort vorbeigekommen, während er in ein Gespräch mit Karin auf dem Balkon vertieft war?

Dann hatte sie sicher ihre Schlüsse daraus gezogen, dass er Damenbesuch hatte.

War wohl besser, wenn er sie dadurch noch einmal daran erinnert hatte, was für ein Mensch er war. Ein Menschen, der gar nicht anders konnte, als andere zu verletzen.
 

Sasuke knipste das Nachtischlämpchen an, damit er nach seinem Handy greifen konnte.

Ein paar Tastendrücke später hatte er eine Nachricht losgeschickt, auf deren Antwort er nicht lange warten musste.

Einen Moment lang überlegte er, was er schreiben sollte, doch dann tippte er wenige, schlichte Worte in das Gerät ein, die sich anschließend ihren Weg durch das Mobilfunknetz bahnten.

Ich habe dein Buch. Wann holst du es?

Tiefschlag

„Danke. Mach’s gut.“

Kaum hatte Sasuke sie hereingebeten, wandte Sakura sich auch schon wieder zum Gehen, das Biologiebuch sicher unter den Arm geklemmt.

„Warte mal“, forderte Sasuke, doch sie machte nur eine kurze Handbewegung, die man mit viel gutem Willen als Winken bezeichnen konnte, und erklärte: „Ich habe es eilig.“
 

Der unerwartete Griff um ihren Unterarm ließ sie innehalten.

Ihr fragender Blick wanderte von seiner Hand hoch zu seinem Gesicht. Man sah ihm es nicht direkt an, aber ihn schien etwas zu beschäftigen.

„Gehst du mir aus dem Weg?“, rang er sich schließlich mit sichtbarem Unbehagen ab.

Er schien ins Schwarze getroffen haben, denn sie entwand sich ihm sogleich, um direkt auf die Haustür zuzusteuern.

„Das werte ich mal als Ja“, murmelte er, während er ihr mit zwei großen Schritten folgte und sich entschlossen ihren Ärmel schnappte.

„Ey!“, beschwerte sie sich, doch er hörte nicht auf sie. Stattdessen warf er sie mit einer einzigen, schwungvollen Bewegung über seine Schulter und trug sie in sein Wohnzimmer, wo er sie unsanft auf die ihr wohlbekannte Couch fallen ließ.
 

„So. Jetzt entkommst du mir nicht und sagst mir mal direkt, was Sache ist.“

Er beugte sich so dicht über sie, dass seine Haarspitzen beinahe ihre Stirn berührten, doch sie bedeckte trotzig ihre Augen mit den Händen, um ihn nicht mehr sehen zu müssen.

„Seit wann interessiert dich das?“, nuschelte sie, was ihm ein leises Lachen entlockte.

„Was ist so witzig?“, fragte sie gleich bissig, zwischen ihren Fingern hindurchlugend.

„Du bist eifersüchtig“, stellte er fest und griff sich an den Kopf. „Das hätte ich mir denken können.“

„Bin ich überhaupt nicht!“, protestierte Sakura sofort und streckte ihr Kinn in die Luft, was ihn allerdings nur noch näher rücken ließ.
 

Gerade wollte er ihr ins Ohr pusten, da hob sie die Hand und verpasste ihm einen Hieb auf die Nase, der ihn zurückzucken ließ.

„Wa-“

Sakura schnellte hoch, die Augen voller Zornestränen.

„Du gehst mit anderen Menschen um, wie es dir gefällt, Sasuke Uchiha, aber das lasse ich nicht mit mir machen! Dir macht es wohl Spaß, so mit mir zu spielen, aber mir tut das weh!“

Sasuke ließ davon ab, vorsichtig seine Nase abzutasten, und starrte sie entgeistert an.

„Ja, ich bin eifersüchtig! Ich habe mitbekommen, dass Karin hier war.“

Sasukes Blick verdüsterte sich.

„Ich habe dir nie gesagt, dass ich dich heiraten will. Was versprichst du dir eigentlich?“
 

Entsetzt schnappte Sakura nach Luft, als sie diese harten Worte trafen. Die erste Träne fiel auf den wertvollen Teppichboden.

„Stimmt, eigentlich bin ich selbst hier die Dumme… Wie konnte ich nur so blöd sein und mir Hoffnungen machen? Du bist und bleibst jemand, der nur an sich selbst denkt! Schließlich hast du mir immer wieder gesagt, dass ich nicht gut genug für dich bin!“

Das enttäuschte Mädchen holte sich das Buch vom Wohnzimmertisch und pfefferte es ihm anschließend vor die Füße.

„Da verliebe ich mich einmal in jemanden und dann bist es ausgerechnet du…“

Mit diesen Worten verschwand sie endgültig und ließ einen erschütterten Sasuke zurück, der mit unergründlichem Blick das Buch ansah, welches seine Zehen nur um wenige Zentimeter verfehlt hatte.
 

„Oh, Bruder…“, murmelte Sasuke verzweifelt, während er auf dem Dach seines Autos saß und rauchend in den Himmel blickte.

Kurz nachdem Sakura seine Wohnung so überstürzt verlassen hatte und er keinen zusammenhängenden Gedanken mehr zustande brachte, war er auf ein Feld hinausgefahren, um sich seine Situation klarmachen zu können.

Wenn er unsicher war, sprach er oft mit seinem Bruder, obwohl dieser ihn nicht hören konnte.
 

„Was soll ich nur machen? Ich habe das Gefühl, als hätte ich sie wirklich ganz schrecklich verletzt, und komischerweise macht mir das auch noch etwas aus.“

Halb blies, halb hustete er den Rauch aus seiner Kehle. Mensch, er sollte wirklich mit dem Rauchen aufhören. Das würde ihn noch auf direktem Wege ins Grab bringen.
 

„Sie ist ja nicht die erste, die sich was von mir erhofft, aber trotzdem fühlt es sich irgendwie anders an als bei den anderen, wenn ich gemein zu ihr bin.“

Er schnippte die Zigarette ins Gras und zündete sich anschließend gleich eine Neue an.

„Du solltest sie sehen, Bruder. Überhaupt nicht mein Typ. Flachbrüstig, schwach und viel zu gesprächig.“

Beim Gedanken an ihren verlegenen Gesichtsausdruck, wenn er sie triezte, musste er grinsen.

„Aber…“
 

Verdammt. Das passte nicht zu ihm. Er sollte schleunigst verschwinden, schnell noch eine aufreißen und sich dann in sein Bett verkrümeln.

Ihm kam in den Sinn, wie sie über seine Augenringe gestrichen hatte. Dass sie ihr überhaupt aufgefallen waren, musste man bereits als Ungewöhnlich ansehen. Sie war die erste, die ihn darauf angesprochen hatte.
 

Sasuke zog sich mühelos am Fensterbrett hoch, um in jedes Zimmer zu spähen, das er erreichen konnte. Das Erdgeschoss hatte er bereits abgearbeitet, doch dort war alles dunkel gewesen, und nichts hatte darauf hingewiesen, dass sich dort noch jemand aufhielt.

Das mit Pflanzen überwucherte Gatter, welches das Haus auf der Rückseite dekorierte, half ihm bei seiner Kletteraktion.

Gerade spähte er in das dritte Fenster, da fuhr ihm der Schreck in die Glieder, als hätte er einen Geist gesehen.

Seinen Blick erwiderte jemand.

„Scheiße!“, fluchte er mit zusammengebissenen Zähnen, doch da rauschte er bereits durch die Blätter des Efeus dem Erdboden entgegen, als ihm der feste Halt entglitt.
 

Ein Busch federte seinen Aufprall ab, dennoch war der Schmerz in seinem Rücken deutlich spürbar. Vorsichtig bewegte er Arme und Beine. Ein Glück schien nichts gebrochen zu sein.

Doch schon sah er sich mit dem nächsten Problem konfrontiert – jemand leuchtete ihm mit einer Taschenlampe ins Gesicht.
 

„Und was haben Sie hier zu suchen, junger Mann?“, fragte eine Männerstimme, deren Quelle er nicht ausmachen konnte, weil das Licht ihn zu sehr blendete.

Verdammter Mist. Hätte er sie doch einfach angerufen. Der Schlafmangel musste ihm das Hirn vernebelt haben.

Endlich senkte der Sprecher den Strahl der Taschenlampe, so dass Sasuke einen bärtigen Menschen mittleren Alters erkennen konnte. Das musste wohl Sakuras Vater sein.

Er schluckte.

„Ich wollte… zu Ihrer Tochter. Zu Sakura.“

Eine Weile wurde er nur misstrauisch fixiert.

„Du bist wohl ihr Freund“, meinte er dann und kam einen Schritt näher.

„Nicht wirkl-“, begann Sasuke, wurde jedoch von schallendem Gelächter unterbrochen.

„Tja, ich war ja auch einmal jung! Du hast allerdings leider Pech, Junge. Sie ist nicht da.“

„Wie bitte?“

Nun blickte Sasuke noch verdatterter drein. Damit hätte er nicht gerechnet.
 

Das Ambiente des Ladens war eher schlicht gehalten. Was anderes hatte sich der Kerl wohl auch nicht leisten können.

Sasuke konnte ihren Tisch von draußen nicht erkennen, also mussten sie wohl im Inneren des Restaurants zu Abend essen.

Sollte er wirklich reingehen?

Er müsste doch eigentlich aus dem Erlebnis mit Sakuras Vater gelernt haben, dass es nicht gut war, spontane Unternehmungen zu starten.

Ehe er es sich anders überlegen konnte, drückte er die Tür auf, die seine Anwesenheit sofort mit dem Klingeln eines Glöckchens ankündigte.

Er schob achtlos einen herbeieilenden Kellner beiseite, während er sich aufmerksam umsah.
 

Endlich hatte er die beiden entdeckt, wobei Sakuras Haarfarbe wie immer als blickfangendes Merkmal diente.

Ohne sich um das zu kümmern, was links und rechts passierte oder was die anderen Gäste tuschelten, durchschritt er den Raum, direkt auf die beiden zu, die ihn noch nicht bemerkt hatten.

Vertraut schienen sie zu sein. Naruto beugte sich verdächtig dicht zu dem Mädchen.

Sasuke ballte die Fäuste. Wenn er eine Entscheidung getroffen hatte, blieb er dabei.
 

„Sakura…“, sagte er schlicht, als er an ihren Tisch herangetreten war.

Fassungslos blickte diese zu ihm hoch.

„Sasuke-kun… Was machst du denn hier?!“

Langsam setzte sie ihr Wasserglas ab, während Naruto sogleich aufsprang und ihn am Kragen packte.

„Da ist ja derjenige, der meiner Sakura-chan das angetan hat…“, zischte er und verstärkte seinen Griff, während Sasuke ihn nur mit einem kalten Blick bedachte und seine Hand wegschlug.

„Hey, hört sofort auf!“, mischte Sakura sich sofort ein, ehe die beiden aufeinander losgehen konnten.

„Wir sind hier schließlich nicht alleine!“

Sanft schob Naruto sie aus dem Weg.

„Mach dir keine Gedanken. Ich gehe mit ihm nach draußen.“

„Nichts lieber als das!“

Wie zwei schnaubende Stiere bahnten sie sich ihren Weg bis zum Ausgang, eine verwirrte und besorgte Sakura im Schlepptau.

„Entschuldigung!“, murmelte sie immer wieder in alle Richtungen, bevor sich die Tür hinter ihnen schloss.
 

Sogleich schleuderte Naruto Sasuke gegen die Wand.

„Ich lasse nicht zu, dass jemand Sakura-chan verletzt, klar?!“, fauchte er, doch diese rieb sich nur genervt die Stirn.

„Naruto, ich kann für mich selbst reden. Mach hier doch jetzt keinen Aufstand“, meinte sie besänftigend, doch sie wurde eiskalt ignoriert.

„Was hast du überhaupt hier zu suchen?“, fragte ihn Sasuke scharf. „Ich glaube nicht, dass du bei ihr Pluspunkte sammelst, wenn du dich jetzt so für sie einsetzt. Vergebene Mühe ist das, Kumpel!“

Er gab dem Blonden einen kräftigen Stoß vor die Brust.

„Was geht dich das denn an, Sasuke-kun?“, erkundigte sich Sakura erbost.

„Schließlich darf ich auch machen, was ich will, wenn du es auch tust, oder? Ich bin doch sowieso nichts für dich!“
 

Langsam ließ Sasuke die Fäuste sinken, ebenso wie seinen Kopf. Seine Nackenmuskeln spannten sich an, während er offenbar über eine Antwort nachdachte.

Gerade wandte er sich ihr zu, um ihr das Ergebnis seiner Überlegungen mitzuteilen, da traf ihn Narutos Schlag unvorbereitet direkt im Gesicht und ließ ihn zu Boden taumeln.

„NARUTO!“, schrie Sakura und schubste ihn beiseite.

„Was soll das?! Das musste ja wohl auch nicht sein! Mein Gott, ihr verhaltet euch wie kleine Kinder!“

Sie bückte sich und half Sasuke in eine bequemere Position. Er blutete heftig aus der Nase, weswegen Sakura sogleich ein Taschentuch aus ihrer Handtasche holte, um damit den Strom aufzuhalten.

„Er hat es verdient, Sakura-chan“, behauptete Naruto und beobachtete mit Missfallen, wie sie sich um seinen Konkurrenten kümmerte.
 

„Geh jetzt einfach, Naruto“, befahl sie ihm. „Du hast schon genug angerichtet!“

Empört warf ihr bester Freund die Hände in die Luft.

„Du willst ihm helfen? Demjenigen, der dich so zum Weinen bringt?“

„Ich würde ihm auch helfen, wenn er der letzte Abschaum wäre, schließlich bin ich die Ursache dafür, dass du ihn niedergestreckt hast. Also hau ab!“

Mit einem letzten verächtlichen Blick auf Sasuke suchte Naruto das Weite.
 

„Shit… Das kam überraschend. Hätte ich aufgepasst, wäre der kein Problem gewesen“, kommentierte Sasuke den Schlag, doch Sakura verdrehte nur die Augen. Er nahm ihr das Taschentuch ab, um es sich selbst auf die Nase zu drücken.

„Kannst du mir vielleicht in mein Auto helfen?“

Sie bot ihm widerstrebend ihre Schulter an, damit er sich auf dem Weg dorthin auf ihr abstützen konnte.

Es dauerte lange, doch endlich konnte er den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche ziehen und sich anschließend stöhnend auf den Sitz fallen lassen.

Sakura urteilte, dass er sehr wohl noch in der Lage war, nach Hause zu fahren, und wollte sich gerade ebenfalls grußlos zum Gehen wenden, da sagte er den einzigen Satz, der sie zum Bleiben zwingen konnte.

„Ich muss mit dir reden. Setz dich zu mir. Ich bitte dich.“

Klarer Himmel

In dieser Nacht spannte sich das erste Mal seit längerer Zeit ein klarer, sternengesprenkelter Himmel über das Land. Dennoch spendete der sichelförmige Mond nur dürftiges Licht, sodass Sakura von ihrem Tastsinn abhängig war, während sie sich vorsichtig über das dürre Gras bewegte.

Sasuke holte sich währenddessen ein frisches Taschentuch aus seiner Ablage im Koffenraum und folgte ihr anschließend problemlos über das Gelände, als orientiere er sich jeden Tag auf diese Weise im Dunklen.
 

„Mensch, hätten wir nicht einfach zu dir gehen können?“, beschwerte sich Sakura, während sie sich endlich ohne größere Schäden auf dem Erdboden niederließ und auf die Stadt hinabsah, die sich vor ihnen im Tal erstreckte.

„Pff, ich dachte, ihr Mädchen steht auf schönen Ausblick“, brummte Sasuke, der sich um einiges eleganter als sie hinkniete, das frische Taschentuch allzeit bereit in der Hand.

„Stimmt eigentlich auch. Aber hier ist es echt düster…“ meinte sie ein schaudernd.

„Sei lieber froh, dass ich überhaupt zum Reden bereit bin“, erinnerte er sie.

„Warum sollte ich denn mit dir reden wollen? Ich bin wütend auf dich!“, konterte Sakura.

„Sei du lieber froh, dass ich mitgekommen bin.“

Es lag Sasuke bereits auf der Zunge, sie mit ihrem halben Liebesgeständnis aufzuziehen, das sie in ihrem Zorn formuliert hatte, doch er bremste sich noch rechtzeitig. Er wollte nicht streiten. Nicht jetzt.
 

„Ja, du hast Recht. Danke“, sagte er stattdessen, was derart ungewohnt aus seinem Mund klang, dass Sakura den Atem anhielt.

„Mit dir stimmt doch irgendetwas nicht“, schloss sie aus seinem Verhalten.

„Seitdem du vor dem Restaurant aufgetaucht bist, benimmst du dich anders.“

Nun war er damit dran, ausnahmsweise einmal verlegen aus der Wäsche zu schauen, was Sakura jedoch bei den Lichtverhältnissen glücklicherweise nicht merkte.

„Ich wollte mich… bei dir entschuldigen.“

Erneut stockte ihr der Atem. Ziellos kreiste ihr Blick über die erleuchtete Stadt zu ihren Füßen, während sie versuchte, die Realität dieser Situation zu begreifen.

„Sag das bitte noch einmal“, forderte sie ihn auf.

„Nochmal sage ich das bestimmt nicht!“, sagte er entrüstet und diesmal hörte man sogar seiner Stimme die Scham an, die er bei diesem kleinen Eingeständnis empfand.
 

„Ich wollte mich nicht über deine Gefühle lustig machen. Ich verhalte mich dir gegenüber einfach so, wie es meinem… Wesen entspricht. Sorry, wenn du das negativ aufgenommen hast.“

Sakura war baff. Diese Offenheit passte nicht zu ihrem Liebsten.

Er musste wirklich viel nachgedacht haben, seitdem sie wütend davongerauscht war.

Dann war vielleicht sogar ein Sasuke Uchiha in der Lage zu lernen.

„Ich weiß wirklich nicht, ob ich aufhören kann, mit so vielen Frauen auszugehen. Es ist mir schon derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke.“

Ein schmerzhafter Stich durchfuhr Sakura. An seine vielen losen Beziehungen wollte sie jetzt lieber nicht denken.

Er hatte ihr Zusammenzucken gespürt und beeilte sich fortzufahren.

„Aber du hast mich zum Nachdenken gebracht… Du bist anders als die anderen und die erste, die mich wohl ein bisschen wanken lässt, was mein Leben angeht. Ich sage so etwas eigentlich nicht, aber…“

Er verstummte und knetete heftig das Taschentuch in seiner Hand, das schon ganz zerfleddert war.

„Ich glaube… Ich empfinde etwas für dich. Ein klitze kleines Bisschen.“
 

„Warte mal. Stopp. Jetzt brauche ich eine Pause.“

Sakura ließ sich rückwärts in Gras fallen, die Arme zu beiden Seiten augestreckt.

„Du. Magst. Mich.“, wiederholte sie mit unüberhörbarer Ungläubigkeit.

„Jedenfalls genug, um zu versuchen, meine… Auslebungen mit anderen Frauen einzuschränken“, fügte er widerwillig hinzu.

„Damit hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet.“

Sakura atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Ihr Herz klopfte wie wild und sie ärgerte sich darüber, dass wenige Worte Sasukes schon diesen Einfluss auf sie ausübten. Allerdings überwiegte die Freude, die sich ungehindert in ihrem Körper ausbreitete.
 

„Also… Was sagst du?“, fragte Sasuke nervös,nachdem sie einige Zeit lang geschwiegen hatte.

Nervös! Ausgerechnet sie machte jemanden wie ihn nervös!

„Was willst du denn jetzt von mir wissen? Wie ich zu dir stehe, habe ich dir doch schon erklärt“, antwortete sie mit rauer Stimme, um den Sturm zu überspielen, der sich in ihr abspielt.

Er rupfte ein wenig Gras aus, nachdem er vom Taschentuch nur noch helle Fetzen übrig gelassen hatte.

„Würdest du es mit mir versuchen? Obwohl du weißt, was für ein Mensch ich bin? Und glaube mir – das frage ich nur einmal und dann nie wieder.“

Ihr Puls verlangsamte sich, während sie ihre Antwort hinauszögerte. Sasuke rührte sich nicht mehr, als stünde er unter Hochspannung.

„Natürlich, du Dummkopf.“

Sie berührte ihn leicht am Rücken, während sie von ihrer liegenden Position aus zu ihm hinaufsah.

„Vertraust du mir auch?“, erkundigte er sich misstrauisch.

„Ja. Solange du ehrlich zu mir bist, egal was du tust.“

„Okay, dann wollen wir das mal auf die Probe stellen.“
 

Ehe sie auch nur einen Finger rühren konnte, hatte er sich bereits bemerkenswert schnell herumgeworfen und kniete nun über ihr, wobei er die Hände auf beiden Seiten ihres Gesichts abstützte, das einen erschrockenen Ausdruck zur Schau trug.

Seine Mimik konnte sie in der Dunkelheit nicht ausmachen, doch ihre konnte er lesen wie ein Buch. Deshalb stellte er auch gleich zufrieden fest, dass sie rot anlief.

„Ähm… Sasuke-kun… Warte mal, bitte…“

„Wieso denn?“

Ohne ihren harmlosen Protest ernstzunehmen beugte er sich hinab und strich mit seinem Kinn an ihrer Wange entlang.

„Macht man so etwas nicht, wenn man in einer Beziehung ist?“

Seine Haare kitzelten auf ihrer Haut, während er seine Stirn an ihre legte, doch sie presste ihm ihre Hände auf die Mund.

„Aber ich kenne mich damit nicht aus…“, warf sie ein, immer noch eingeschüchtert von seinem Vorpreschen. Sie konnte immer noch nicht fassen, wie sich die Situation entwickelt hatte.

„Keine Sorge, ich habe genug Wissen für uns beide“, murmelte er durch ihre Finger und schob sie anschließend sanft beiseite, damit sie keine Chance mehr hatte, seine Absicht zu verhindern.
 

Sakura konnte nicht einmal mehr Luft holen, so rasch presste er seine Lippen auf ihre, mit seinen Händen ihr Gesicht festhaltend.

Erst spürte sie nichts als Unsicherheit und die Angst, etwas falsch zu machen, doch mit der Zeit leerte sich ihr Kopf und machte dem Glück Platz, so nah bei ihm sein zu dürfen, und endlich das zu erleben, was sie sich schon so lange gewünscht hatte.
 

Sasuke löste sich als erstes, wenn auch ohne große Eile.

Ihr immer noch in die Augen blickend, erhob er sich langsam, um seinen Rücken durchzustrecken, der aufgrund der unbequemen Position schmerzte.

„Ich denke, wir sollten los. Schließlich weiß dein Vater, wer schuld ist, wenn du nicht heimkommst“, erklärte er die Unterbrechung und half ihr hoch.

„Wieso weiß mein Vater das? Der glaubt doch, ich wäre mit Naruto unterwegs.“

„Lange Geschichte. Erkläre ich dir ein andermal.“

Notdürftig strich sie sich über die zerzausten Haare, obwohl sie wusste, dass man ihren strahlenden Augen vermutlich ohnehin ansehen konnte, was geschehen war.

Die Umgebung erschien ihr heller als bei ihrer Ankunft. Plötzlich meinte sie, mehr Einzelheit erkennen zu können.

So betrachtete sie ihren frischgebackenen Freund, den einstigen Unerreichbaren, wie er vor ihr zum geparkten Auto schlenderte.

An diesen Anblick könnte sie sich gewöhnen.
 

„Unglaublich. Das kann nicht wahr sein.“

Ino verschüttete ihren Eistee über Sakuras T-Shirt, während sie wild mit den Armen fuchtelte, um ihrem Erstaunen Ausdruck zu verleihen.

„Pass auf!“, rief Hotaru angesichts des sich ausbreitenden dunklen Flecks auf dem Stoff, doch weder Ino noch Sakura schenkten ihm Beachtung.

„Der Streuner ist sesshaft geworden?“, hakte die Blonde weiter nach, ohne ihr Glas in die Senkrechte zu bringen, doch TenTen nahm es ihr vorsichtig aus der Hand und stellte es auf den Schreibtisch.

Sakura grinste und nickte.
 

Die fünf Freundinnen saßen gemeinsam in Sakuras Zimmer und lauschten gespannt ihrer Geschichte.

Insbesondere Hinata konnte sich über die Entwicklung der Beziehung freuen, schließlich musste Naruto seine beste Freundin nun entgültig aufgeben. Gleich darauf schalt sie sich innerlich für ihre gute Laune auf Narutos Kosten.
 

„Tja, ich habe auch eine Neuigkeit, aber im Schatten von Sakuras Erfolg wohl eine weniger interessante“, verkündete Ino und räusperte sich vernehmlich.

„Spuck’s schon aus!“, verlangte Tenten und ihre Freundin gehorchte mit sichtlicher Genugtuung.

„Ich habe ein Date am Wochenende. Mit Sai.“ Sie grinste breit und voller Vorfreude.

„Und Sai war nochmal…?“, erkundigte sich Hotaru und ernetete sogleich einen empörten Blick.

„Na, der Typ, den ich bei unserer Führung kennengelernt habe! Er gehört zu einem Sicherheitsdienst!“, wurde sie aufgeklärt.

„Stimmt, ich erinnere mich“, bestätigte sie vage.

„Wartet nur ab, ihr werdet ihn bewundern“, prophezeite Ino und klatschte genüsslich in die Hände. „Dann vergisst du ihn nicht mehr!“

„Ich habe auch ein Date am Wochenende. Mein offiziell erstes mit Sasuke“, warf Sakura ein und fuhr sich durch die Haare.

Gedankenverloren strich Hinata über das Laken von dem Bett, auf dem sie mit überkreuzten Beinen hockte.

„Vielleicht sollte ich es ihm sagen…“, murmelte sie vor sich hin, doch infolge des ausbrechenden Gelächters über einen Kommentar von Tenten verhallte es ungehört im Raum.

Geduld

„Hinata? Was machst du denn hier?“

Es war nicht zu übersehen, dass Naruto gerade erst aus dem Bett gekrochen war – auf seiner Wange zeichnete sich noch deutlich der Abdruck einer Kissenfalte ab. Auch seine verwuschelten Haare zeugten davon, ebenso wie das herzhafte Gähnen.

Entsetzt schlug Hinata die Hand vor den Mund.

„Entschuldige, Naruto-kun! Ich wollte dich nicht wecken. Ich dachte nur, ich besuche dich mal.“

Es war zwar bereits 17 Uhr, aber das schien nicht zu bedeuten, dass jeder um diese Zeit wach war.

„Nicht schlimm“, winkte Naruto und kratzte sich am Arm, an dem sich ebenfalls rote Striemen zeigten.

„Dann gehe ich trotzdem besser wieder“, lenkte Hinata verschüchtert ein und machte bereits einen Schritt zurück, doch er meinte: „Quatsch. Komm rein.“
 

„Entschuldige die Unordnung. Ich hab’s nicht so mit Aufräumen“, erklärte er, während er sie über den schmalen Flur in die Küche führte, die ihm wohl gleichzeitig als Aufenthaltsraum diente.

„Also ich finde es gemütlich“, behauptete Hinata. Die herumstehenden Nudelsuppenbecher störten sie wirklich nicht. Sie fand diese Wohnung, die den Eindruck machte, dass hier wirklich jemand lebte, viel schöner als ihr steriles und immer kühl wirkendes Haus.
 

„Mach’s dir bequem. Hast du Lust auf einen Kaffee?“

Naruto hantierte bereits mit der Maschine herum und stellte Tassen unter die Öffnung, bevor Hinata überhaupt genickt und sich vorsichtig auf dem Rand der Sitzbank in der Ecke niedergelassen hatte.

Kaum hatte jeder sein Getränk vor sich stehen, was trotz des altersschwachen Geräts nicht allzu lange dauerte, setzte sich Naruto ihr gegenüber.

Die Tischplatte zwischen ihnen nahm Hinata etwas von ihrer Verlegenheit, die allein seine körperliche Nähe bei ihr auslöste.

Jedoch frischte er sie gleich wieder auf, indem er von oben bis unten musterte.

„Ist etwas, Naruto-kun?“, fragte sie nervös, doch er tippte sich nur an sein Kinn, ohne seine eingehende Betrachtung abzubrechen.

„Irgendetwas ist heute anders an dir…“, murmelte er, bevor er schließlich aufgeregt mit den Fingern schnipste.

„Ich hab’s! Du bist heute geschminkt!“

Zufrieden mit seiner aufmerksamen Untersuchung lehnte er sich zurück, während Hinata nach unten sah und sich eine Strähne hinter das Ohr klemmte.

„Ja… Das stimmt“, antwortete sie leise.

„Warum sagst du das denn so, als wäre es etwas Schlimmes? Sieht doch süß aus!“

Er reckte ermutigend den Daumen in die Luft und lachte sie an, was sie mit einem schüchternen Lächeln und einem geflüsterten „Dankeschön“ quittierte –und natürlich mit dem obligatorischen roten Gesicht.
 

„Wie geht es dir denn… mit der Neuigkeit, dass Sakura-chan jetzt mit Sasuke-san zusammen ist?“, wechselte sie behutsam das Thema.

Erst dachte sie, er reagiere brüsk und abweisend, wie es seine heruntergezogenen Mundwinkel ankündigten, doch kurz danach hellte sich sein Gesicht wieder auf.

„Ach, ich komme damit klar. Sakura-chan ist wirklich wie eine Schwester für mich, da mache ich mir eben Sorgen um sie, aber ich werde mich wohl an diesen Kerl gewöhnen – solange sie glücklich ist“, erklärte er schließlich und trank in großen Schlucken von seinem Kaffee.

„Wie eine Schwester…? Aber du bist doch in sie verlie-“

Er ließ sie nicht ausreden, sondern fuhr gleich dazwischen:

„Ja, das war ich auch. Aber seit ihrer Abfuhr hat sich das eher auf die… geschwisterliche Ebene verlagert. Erst hat es natürlich wehgetan, aber mittlerweile nicht mehr auf diese Weise.“
 

Hinata nippte ebenfalls an der heißen Flüssigkeit, während sie den Mut zusammennahm, ihm das zu erzählen, was ihr schon die ganze Zeit auf den Lippen brannte.

Naruto schien nichts zu merken, so vergnügt wie er die vom Frühstück übriggebliebenen Krümel hin und her schob.

„Naruto-kun… Ich muss dir etwas sagen.“, begann sie schließlich mit zittriger Stimme.

Ihr ernster Tonfall ließ ihn aufhorchen, weshalb er seine Krümelspielchen unterbrach und den Kopf hob.
 

„Zuerst will ich mich bei dir bedanken. Ich bin ein wirklich zurückhaltender und schüchterner Mensch, der manchmal riesige Probleme mit seinem Selbstbewusstsein hat. Aber wenn ich dich ansehe, bekomme ich den Mut, den ich brauche, um mein Leben in den Griff zu kriegen.“

Narutos Mund öffnete sich leicht infolge des Erstaunens, das ihn aufgrund ihrer plötzlichen Offenheit überkam. Mit jedem Wort wurde Hinatas Stimme fester und sicherer.
 

„Es war schon immer schwierig für mich, Kontakte mit anderen Menschen zu knüpfen, doch meine Freundinnen haben mir dabei geholfen. Aber dich als Vorbild zu haben, hat mir den wichtigsten Schub versetzt.“

Naruto winkte ab, ein verlegenes Grinsen andeutend. „Du übertreibst.“

„Nein, ich übertreibe nicht!“, widersprach ihm Hinata eindringlich.

„Du bist stark. Ich bewundere dich! Du warst schon wichtig für mich, als du mich noch überhaupt nicht kanntest. Dich nur aus der Ferne zu sehen, hat mir bereits Kraft gegeben. Dass du dich nicht unterkriegen lassen hast, obwohl andere so gemein zu dir waren, hielt ich für sehr beeindruckend!“

Nun weiteten sich Narutos Augen. Er hätte nicht gedacht, dass jemand so über ihn denken würde. Außerdem war es nicht gerade gewöhnt, Komplimente zu bekommen.
 

„Ich… Ich würde auch gern für dich da sein, wenn es dir schlecht geht. Weil ich…“

Ihre Hände krallten sich in den Stoff ihrer Hose, während sie noch einmal tief Luft holte.

„Weil ich dich lie-“

Ein Finger lag auf ihren Lippen und hinderte sie daran weiterzusprechen.

Erstarrt erwiderte sie den Blick ihrer großen Liebe, der sie mit einem traurigen Lächeln betrachte.
 

„Sag nichts, Hinata. Ich bin sehr froh über das, was du mir erzählt hast und auch über das, was du noch hinzufügen wolltest. Ich danke dir sehr. Ich bitte dich nur um eins: Gib mir Zeit. Warte auf mich.“

Seine Hand, die sich ihrem Gesicht genähert hatte, umschloss sie mit ihren eigenen, kalten Fingern.

„Was meinst du damit, Naruto-kun?“

„Momentan habe ich jemanden wie dich noch nicht verdient. Ich will deine Gefühle aufrichtig erwidern, deswegen bitte ich dich darum, mir noch ein wenig Zeit zu geben. Das ist ein Versprechen“, erklärte er ihr feierlich und erwiderte den Druck ihrer Hand, während er mit der anderen ein Victory-Zeichen formte.

Ganz hatte sie noch nicht begriffen, was er ihr damit sagen wollte, doch irgendwo tief in ihrem Innern war ihr bewusst, dass er ihr mit diesen Worten keine Abfuhr gegeben hatte.

„Alle Zeit der Welt. Solange ich irgendwann an deiner Seite gehen darf“, antwortete sie leise und er nickte mit schiefgelegtem Kopf.
 

„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, Sakura.“

Die rosahaarige Studentin hatte in der Menschenmenge, die sich in Strömen in das Einkaufszentrum begabe, Ino und ihre Begleitung entdeckt, und wollte ihrer Freundin nun den Mann, den sie hinter sich herzog, vorstellen.

„Stell dich nicht so an, Sasuke-kun, du wirst ihnen wohl noch Hallo sagen können, oder?“

„Das ist es nicht.“
 

Er blieb stehen und wirbelte sie zu sich herum, sodass sie keine Chance hatte, seiner Umarmung zu entkommen.

„Was ist es denn?“, murmelte sie mit dumpfer Stimme, da er ihr Gesicht an seinen Oberarm presste.

„Ich darf dich daran erinnern, dass ich dieser Blonden… schon einmal etwas näher gekommen bin. Ich weiß nicht, ob das jetzt so gut ist, sie hier zu begrüßen.“

Sakura prustete los, was ihn zusammenzucken ließ, als er das kalte Gefühl an seiner Haut spürte.

Sie befreite ihren Kopf aus seiner Umklammerung und sah zu ihm auf.

„Das hat sie schon erwähnt. Aber es ist Teil der Vergangenheit und sie hat mir versprochen, dir gegenüber zu tun, als sei nichts gewesen.“

„Bist du denn gar nicht eifersüchtig?“, fragte er, erstaunt und ein wenig beleidigt zugleich.

„Doch“, antwortete sie ehrlich und entschlüpfte ihm nun gänzlich. Sie nahm seine Hand und zog ihren überrumpelten Freund weiter.

„Aber ich vertraue dir!“, fügte sie lächelnd hinzu, als sie sich im Gehen noch einmal halb zu ihm umdrehte.
 

Sasuke biss sich auf die Lippen, als sie wieder nach vorne schaute.

Er hatte dieses Mädchen zwar zu seiner Freundin erklärt, aber sie durfte ihm nicht noch näher kommen.

Damit meinte er nicht die körperliche Seite ihrer Beziehung.

Er durfte seelisch nicht von ihr abhängig werden. Noch hatte er das im Griff.

Ansonsten könnte er es nicht ertragen, dass sie irgendwann getrennte Wege gehen.
 

„Hallo, Ino!“, rief Sakura strahlend und hob die Hand, mit der sie Sasukes festhielt.

„Hey!“, antwortete ihre Freundin überrascht, als wäre sie gerade von etwas Wichtigem abgelenkt worden. Doch dann registrierte sie die große Gestalt an Sakuras Seite und grinste schelmisch.

Allerdings kümmerte sie sich wie versprochen nicht weiter um ihre ehemalige Affäre, sondern stellte stattdessen den Mann neben sich vor.
 

„Das ist Sai. Sai, das sind meine Freundin Sakura und ihr Freund Sasuke.“

Das Wort „Freund“ betonte sie noch einmal besonders, was beiden jedoch nicht einmal ein Wimperzucken entlockte.

„Hey“, sagten sie stattdessen unisono und gaben Sai nacheinander die Hand.
 

In seiner Blässe ähnelte er Sasuke etwas, doch da endeten die Gemeinsamkeiten auch schon.

Sein schwarzes, glattes Haar war kurz geschnitten und er reichte Sakuras Partner nur etwa bis zur Stirn. Trotzdem verstand sie, was Ino an ihm fand.

Er strahlte etwas Geheimnisvolles und Anziehendes aus, vermutlich weil sein attraktiv geformtes Gesicht keine Regung verriet.
 

Sie spürte Sasukes Blick auf sich ruhen, während sie sich mit ihrer Frage an Sai wand:

„Und, habt ihr Spaß?“

„Ja, das kann man so sagen“, antwortete dieser gedehnt und Sakura wartete auf eine Fortsetzung seines Satzes, doch er schwieg bereits wieder.

Er schien kein Mann der vielen Worte zu sein, was sie achselzuckend akzeptierte.
 

Besitzergreifend legte Ino den Arm um ihren Begleiter und verkündete:

„Wir gehen dann man weiter. Schönen Abend noch.“

Sie zwinkerte Sakura zu, während Sai ihnen ausdruckslos zunickte.

Die beiden liefen im gemächlichen Tempo weiter und waren bereits nach wenigen Sekunden in der Masse verschwunden.
 

Verwirrt über das kurz angebundene Verhalten von Inos Date, zog sie in Richtung Sasuke eine Augenbraue hoch, doch er konnte ebenfalls nur ratlos die Schultern heben.

„Lass uns zu mir nach Hause gehen und einen Film schauen“, schlug er vor.

„Eigentlich ist es mir hier wirklich zu voll.“

„Na gut“, ging Sakura bereitwillig darauf ein. „Mir tun auch schon ganz schön die Füße weh. An welchen Film hast du denn gedacht?“

„Puh…“ Sasuke tat so, als müsse er noch überlegen.

„Am liebsten wäre mir etwas mit einer Blonde mit großen Brüsten“, meinte er schließlich grinsend und fing sich gleich einen Hieb auf den Hinterkopf von seiner Freundin ein.

„Du bist ein Idiot“, sagte sie und spielte die Beleidigte. „Warum mag ich dich nur so?“

„Tja. Du tust es eben“, erwiderte er und führte sie mit einer Hand auf ihrer Schulter zum Ausgang.

„Und das ist das einzige, was zählt.“

Zurückweisung

Die erste Drohung erreichte Sakura am Montag nach dem Filmabend mit Sasuke, als sie in der Mittagspause gut gelaunt auf dem Weg zu einem Seminar die Tür zum Nebengebäude öffnete, der den Tiermedizintrakt beherbergte.

Ein harter Anrempler, der ihre linke Schulter traf, ein leises „Lass die Finger von ihm!“ und der Spuk war vorbei.

Nicht sonderlich überrascht rieb sich Sakura die schmerzende Stelle und hielt Ausschau nach der Übeltäterin, die jedoch geschickt in der Studentenmenge untergetaucht war.

Sie seufzte. Im Prinzip konnte es jede sein, die es auf Sasuke abgesehen hatte, aber wenn ihre Intuition richtig lag, war es wohl Karin.

Warum musste Sasuke es auch ausgerechnet an diesem Tag, als es in der Mensa so voll war, den öffentlichen Beweis dafür liefern, was für eine Beziehung zwischen ihnen bestand?
 

Sakura schluckte immer wieder nervös, doch das raue Gefühl in ihrem Hals blieb.

Zum ersten Mal würde sie gemeinsam mit Sasuke den Speisesaal betreten.

Sie konnte sich denken, dass es kein riesiges Event darstellen würde, aber trotzdem befiel sie die Nervosität wie eine hartnäckige Erkältung.

Ihr kam es vor, als richtete sich ein Scheinwerfer auf sie, als sie die Tür aufschob und ihr der intensive Essensgeruch und das laute Geplapper der anderen Studenten entgegenschlugen.

Sasuke schien ihre Aufregung zu spüren, denn er hielt ein wenig Abstand.

Vermutlich, um nicht gleich alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
 

Erst als er noch ein paar Schritte zurückgefallen war, fing Sakura an sich zu wundern.

Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts – niemanden beachtete sie.

Trotzdem hielt ihr Freund Abstand, als kenne er sie überhaupt nicht.

Verärgert blies sie die Backen auf. Sie würde sich nicht die Blöße geben und sich an ihn dranhängen, wenn er auf Distanz ging.

War es ihm vielleicht peinlich, wenn andere wussten, dass er mit einem nicht gerade beliebten Mädchen wie ihr eine Beziehung führte?

Gut möglich, dass er es sich nicht gleich mit seinen Tussis verderben wollte, wenn das zwischen ihnen doch nicht klappen sollte.
 

In der Mitte des Saals angekommen und sich nach einem freien Platz umschauend, hatte sie sich gerade richtig in ihren Ärger hineingesteigert, als ihr jemand von hinten die Arme um den Körper schlang.

„Schadet nicht, mal für ein bisschen Action zu sorgen“, flüsterte Sasuke in ihr Ohr, bevor er mit der rechten Hand ihr Gesicht zu sich drehte und sie küsste.
 

Nach zwei Minuten machte er immer noch keine Anstalten, von ihr abzurücken, doch kurz darauf löste sich Sakura und schnappte nach Luft.

„Du legst es wirklich auf Ärger an“, kommentierte sie seinen Überfall, doch er grinste ungerührt.

„Ich habe doch gemerkt, dass es dir unangenehm war, es öffentlich zu machen. Ich habe dir deine Sorge einfach abgenommen“, erklärte er und tätschelte ihre glühende Wange.

Sakura brauchte sich gar nicht umzusehen, sie wusste ohnehin schon, dass die Gespräche um sie herum erstorben waren und sie verstohlen gemustert wurden.

„Können wir uns vielleicht endlich setzen?“, fragte Sakura atemlos, aber zugleich ein wenig stolz.

„Och, gegen eine weitere Showeinlage hätte ich eigentlich nichts einzuwenden…“, gab Sasuke zurück, doch seine Freundin rollte nur mit den Augen und maschierte voran auf einen freien Platz zu.
 

„Das hat aber schnell die Runde gemacht“, dachte Sakura, während sie bei der Erinnerung an diesen Zwischenfall erneut rote Ohren bekam. Dieser Kerl machte sie echt fertig.

Man konnte nicht behaupten, dass es mit ihm langweilig werden könnte.

Bald darauf hatte sie schon vergessen, was sie gerade erlebt hatte, und konzentrierte sich ganz auf die lateinischen Begriffe für verschiedene Körperteile.
 

Beim nächsten Mal stellte ihr jemand ein Bein, sodass sie ins Stolpern geriet, doch zum Glück war Sasuke zur Stelle, indem er sie auffing.

Erneut ließ sie ihren Blick kreisen, doch wieder war niemand in der Nähe, der sich verdächtig machte.

„Pass lieber auf, wo du hintrittst“, wies Sasuke sie an und Sakura nickte bloß.

Von ihrem Verdacht wollte sie ihm nichts erzählen. Dennoch wurde ihr langsam mulmig zumute.
 

An diesem Abend waren ihre Eltern zu einer Sitzung des politischen Verbandes eingeladen, dem sie angehörten.

Sakura lungerte auf der Couch herum, die Fernbedienung in der einen Hand, eine Tüte Gummibärchen in der anderen, als plötzlich ein lautes Klirren ertönte, das nicht aus der Sendung stammte, die sie sich gerade anschaute.

Langsam drehte sie sich um und spähte über die Lehne in Richtung Hintertür, welche die direkte Verbindung zum Garten herstellte. Sie war unversehrt. Was man vom Fenster daneben nicht sagen konnte.

Vorsichtig und auf alles vorbereitet, näherte sich Sakura der Rückseite des Zimmers, sämtliche Körperteile bis zum Äußersten angespannt. Im Hintergrund war immer noch ein lauter Streit aus dem Fernseher zu hören.

Die scharfen Zacken, die noch im Rahmen steckten, ließen darauf schließen, dass jemand voller Wucht etwas gegen die Scheibe geschleudert hatte.

Ihr Blick wanderte zu Boden und sie fand beinahe auf Anhieb das Wurfgeschoss. Ein großer, schwerer Stein, der aus der Eingrenzung des Blumenbeets draußen stammte.

Als sie danach griff, fasste sie in eine Scherbe, woraufhin sie mit einem lauten Schrei zurücksprang. Es war allerdings bereits zu spät, das Blut floss schon über ihre Hand.
 

Auf wackeligen Beinen schlich sie zurück zum Sofa, um mit der unversehrten Hand ihr Handy benutzen und Sasuke anrufen zu können.

Zum Glück hatte sie die Kurzwahl einprogrammiert. In ihrem Kopf drehte sich alles und sie war sich nicht sicher, ob sie noch mehr Tastendrücke hinbekommen hätte.

„Sasuke… Komm bitte schnell… Hier stimmt etwas nicht…“

Ihre Hand zitterte zu sehr, als dass sie es noch festhalten könnte. Mit einem leisen Plumps landete es auf dem Boden. Die Stimme ihres Freundes, die aus dem Telefon schallte, hörte sie nicht mehr.
 

„Hey. Hey… Sakura. Wach auf.“

Ein nasser Waschlappen auf ihrer Stirn riss sie schließlich aus ihrer Ohnmacht.

Schlagartig richtete sie sich kerzengerade auf und knallte mit dem Kopf gegen etwas Hartes.

„Autsch!“, quietschte sie und eine andere Stimme, nur um einiges tiefer, gab genau den gleichen Schmerzenslaut von sich.

Als sich ihr Blick klärte, erkannte sie Sasuke, der auf der Armlehne des Sessels in ihrem Wohnzimmer hockte und sich an den Kopf fasste.

„Mensch, du hast es echt drauf, mir eine zu verpassen“, ächzte er und hob den Waschlappen auf, der zu Boden gefallen war.
 

„Tut mir leid“, erwiderte Sakura und presste sich die Handballen auf die Augen, um die tanzenden Lichter zu vertreiben

„Was ist passiert?“

„Das wollte ich eigentlich dich fragen. Als du mich angerufen und dann nicht mehr geantwortet hast, bin ich sofort los. Als auf mein Klingeln hin niemand aufgemacht hatte, bin ich um das Haus gelaufen und zur Hintertür rein, die glücklicherweise nicht abgeschlossen war.“

Sakura schaute zum Fenster und dann wieder zu Sasuke, der sofort an ihrem ängstlichen Gesichtsausdruck merkte, dass irgendetwas geschehen sein musste.

„Ich glaube, dass mich eine deiner Verehrerinnen fertigmachen möchte“, erklärte sie mit belegter Stimme und verriet ihm anschließend, was sie an diesem Tag erlebt hatte.
 

Als sie fertig damit war, ihre Sicht der Dinge zu schildern, stand Sasuke sogleich auf.

„Ich kümmere mich darum. Und zwar jetzt.“

Er fischte seinen Autoschlüssel vom Sofa, wo er ihn offensichtlich achtlos hingeworfen hatte, als er hergekommen war.

„Warte…“ Sakura streckte die verletzte Hand aus und erst jetzt fiel ihr auf, dass er sie mit einem Verband versorgt hatte. Beeindruckt begutachtete sie sein Werk.

„Nicht schlecht“, befand sie und winkte ihn heran. Bereitwillig gehorchte er.

Sie legte ihm ihre verbundene Hand in den Nacken und zog sein Gesicht zu sich hinab, um ihn wie selbstverständlich zu küssen. Es wunderte sie selbst, wie es ihr mittlerweile gelang, kaum noch über ihr Verhalten in seiner Gegenwart nachzudenken.

„Nimm mich mit. Ich will selbst mit ihr reden.“
 

„Hältst du das wirklich für eine gute Idee?“, fragte Sasuke zweifelnd, während er die Handbremse anzog.

Sie parkten vor der Wohnung, in der Karin lebte, und Sakura war fest entschlossen, sich um dieses Problem zu kümmern.

„Ich gehöre nicht zu den schwachen Mädchen, die sich von ihrem Freund beschützen lassen müssen“, stellte sie fest und umfasste mit der verbundenen Hand den Türgriff.

„Das sah aber ganz anders aus, als ich dich blutend am Boden vorgefunden habe“, merkte er an, doch sie warf ihm nur einen Blick zu, der deutlich machen sollte, dass sie sich von ihm nicht aufhalten lassen würde.

„Schrei einfach, wenn ich dir zur Hilfe eilen soll“, sagte Sasuke resigniert, als sie ausstieg und auf die Haustür zuschritt.
 

Bereits nach dem ersten Klingeln öffnete Karin die Tür, doch als sie Sakura davorstehen sah, wollte sie diese sofort wieder zuschmeißen. Gerade noch rechtzeitig brachte Sasukes Freundin einen Fuß in den Spalt.

„Ich will nur mit dir reden. Wenn du dir lieber von Sasuke die Leviten lesen lassen willst, bitte – er sitzt im Auto“, bot Sakura ihr an und die Rothaarige ließ sie widerwillig und mit einem boshaften Ausdruck in den Augen hinein.
 

„Du verstehst sicher, dass ich dir nichts zu trinken anbiete“, meinte Karin kalt und deutete auf den unbequemsten Stuhl, den ihr Wohnzimmer hergab.

„Ich bin sowieso nicht zum Spaß hergekommen“, erwiderte Sakura und hob zum Beweis die bandagierte Hand. Kurz flackerte Karins Blick, doch sie hatte sich gleich wieder im Griff.

„Ich weiß, dass du es bist, die versucht, mich so… einzuschüchtern“, eröffnete die Rosahaarige das Gespräch und rechnete damit, dass ihre Konkurrentin das vehement bestreiten würde, doch sie schwieg.
 

„Und ich wollte dir nur sagen, dass ich… dich verstehe.“

Irritiert rückte Karin ihre Brille zurecht. „Erzähl keine verdammten Märchen“, schnauzte sie.

„Das sind keine Märchen. Ich verstehe dich wirklich. An deiner Stelle hätte ich vermutlich nicht anders gehandelt aus Eifersucht“, beteuerte Sakura, was das andere Mädchen allerdings nur noch mehr in Rage brachte.

„Was heißt hier Eifersucht?“, polterte sie los. „Sasuke gehört mir!“

„Sasuke-kun gehört sich selbst“, antwortete die Tiermedizinstudentin ruhig. „Und er hat sich entschieden, warum auch immer, dass ich ihn auf seinem Weg begleiten soll.“

Wütend fegte Karin eine Mappe von der Kommode, die ihr offenbar als Unterlage für jegliches Universätsmatierial diente. Ihr feuerrotes Haar harmonierte gut mit ihrer Gemütsverfassung.

„Red nicht so arrogant daher! Genau das ist das Problem? Warum ausgerechnet du? Du passt überhaupt nicht zu ihm! Bis vor zwei Wochen war zwischen Sasuke und mir noch alles in Ordnung!“, brüllte Karin und wanderte im Raum umher, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen.
 

„Das musst du mich schon selbst fragen.“

Sakura und Karin fuhren gleichzeitig herum.

Sasuke lehnte lässig mit verschränkten Armen am Türrahmen.

„Ich habe noch einen Schlüssel, den ich dir zurückgeben wollte“, erklärte er sein unerlaubtes Eindringen, an Karin gewandt, und legte ihn deutlich sichtbar auf den Esstisch.

Sakuras zorniges Funkeln übersah er geflissentlich.

„Habe ich nicht gesagt, du sollst mich alleine mit ihr reden lassen?“, brummte sie und stand auf, um sich zu ihm zu gesellen.

Unmissverständlich für Karin legte er ihr den Arm um die Schultern, was diese mit zu Schlitzen verengten zur Kenntnis nahm.

„Ja, hast du doch auch. Zwei Minuten habe ich dir Zeit gelassen.“

Er kniff ihr spielerisch in die Wange.
 

„Sorry, Karin. Ich kann es dir selbst nicht erklären, weshalb ich mich für sie entschieden habe. Aber deine Enttäuschung musst du nicht an ihr auslassen. Wenn du ein Ventil dafür brauchst, dann wenigstens mich. Alles andere wäre nicht fair“, sagte er und klopfte sich mit der freien Hand auf die Brust.

„Ist das dein Ernst?“

Man musste Karin zugute halten, dass nicht eine einzige Träne in ihren Augen glitzerte, obwohl sie völlig aufgelöst schien. Ihr Haar stand wirr vom Kopf ab und ihr Lidstrich war verschmiert, ganz zu schweigen von ihrer schief sitzenden Brille. Sakura bekam Mitleid mit ihr, doch sie war klug genug, das nicht auszusprechen. Karin wäre ihr an den Hals gesprungen.
 

„Ja. Ist es“, antwortete Sasuke bestimmt und drückte seine Freundin an sich. Sakura gab sich größte Mühe, sich ein frohes Lächeln zu verkneifen. Ihre Rivalin litt auch so schon genug.

„Wir sollten jetzt gehen“, fügte er in ihre Richtung hinzu und schob sie in den Flur.

Erst dann gab er doch noch so etwas wie eine Erklärung in die Richtung seiner Ex-Freundin ab:

„Einer der Gründe besteht vermutlich darin, dass sie mir auch mal Kontra gibt und mir sagt, wenn ihr etwas nicht passt. Wie zum Beispiel meine vielen Verhältnisse.“

Mit erhobener Hand verabschiedete er sich und verließ zum letzten Mal Karins Haus, die erledigt auf ihrem Stuhl zusammengesunken war.

Regenwolken

Es hätte eine sehr glückliche Zeit für Sakura werden können, wenn nicht bereits zwei Monate später die nächsten Gewitterwolken am Himmel heraufgezogen wären.

Begonnen hatte es eigentlich ganz harmlos.

Eines Abends bemühte sie sich wiederholt, ihren Freund über sein Handy zu erreichen, doch er nahm nicht ab. Im Gegenteil, bei ihrem letzten Anruf wies er ihren Kontaktversuch sogar zurück.

Erst dachte sie sich nichts dabei. Es konnte ja schließlich sein, dass er ihm momentan einfach nicht möglich war zu telefonieren. Kam ja mal vor.

Als sie jedoch zwei Stunden später seine Stimme immer noch nicht hören konnte, fing sie an, sich Sorgen zu machen. Es war zwar bereits ziemlich spät, doch die Situation konnte man als Notfall bezeichnen, weswegen sie sich an ihrer vor dem Fernseher eingeschlafenen Mutter vorbeistahl, sich ihre Jacke vom Haken schnappte und in die Nacht verschwand.
 

Sakura ließ den Finger für einige Zeit auf dem Klingelknopf, doch in der Wohnung rührte sich nichts.

Sasuke hatte ihr zwar noch keinen machen lassen, aber vor kurzem war sein Ersatzschlüssel einmal bei ihr liegen geblieben, den sie nun glücklicherweise in ihrer Hosentasche ertastete.

Gut, dass sie das Kleidungsstück noch nicht auf den Wäschestapel geworfen hatte.
 

Entschlossen drehte sie mit einem leisen Klicken den Schlüssel im Schloss herum und betrat den dunklen, stillen Flur.

Im Gegensatz dazu brannte im Wohnzimmer Licht, das konnte man bereits von ihrem Standort aus erkennen. Rasch schlüpfte sie aus ihren Schuhen und machte sich auf den Weg dorthin, wo sie sie sich endlich eine Erklärung von ihrem Freund erhoffte, weshalb er sie ignorierte.
 

Was sie in dem ihr so vertrauten Raum erwartete, ließ sie wie angewurzelt am Übergang zum Flur stehen bleiben.

Sasuke saß auf dem Boden und lehnte sich an die kurze Seite seines Sofas.

Das war es aber nicht, was sie so entsetzte –eher die halbvolle Flasche Schnaps an seinen Lippen und die zwei leeren Flaschen Wein, die auf dem Tisch standen.
 

„Sasuke!“, rief sie schockiert, doch er wandte ihr nicht einmal sein Gesicht zu, als ließe ihn ihr Auftauchen völlig kalt.

Sofort stürzte sie zu ihm, nahm ihm die Flasche aus den schlaffen Fingern und versuchte, sein Kinn anzuheben, um ihm prüfend in die Augen zu schauen. Den Schnaps hatte sie so weit wie möglich weg von ihm entfernt abgesetzt.

Erst wehrte er sich nicht, doch dann schob er unwirsch ihre Hand beiseite.

„Was willst du?“, fragte er leicht lallend und zog die Nase hoch.

„Ich habe dich angerufen und mir Sorgen gemacht, als du nicht geantwortet hast! Zu Recht, wie ich hier sehe! Was soll das?“, fragte sie und packte ihn an den Schultern, um ihn zu schütteln.

„Na, ich lasse mich volllaufen. Wonach sieht es denn sonst aus?“

Er wirkte völlig willenlos, als wäre er eine Puppe, während sie an ihm zog.
 

„Aber warum? Was ist geschehen? Das hast du doch noch nie gemacht!“, hakte Sakura fassungslos nach und ließ von ihm ab. Sie konnte sowieso keine körperliche Reaktion bei ihm hervorrufen.

Er stank geradezu nach Alkohol.

„Darf sich ein Mann nicht einmal betrinken…“, beschwerte er sich und streckte sich in Richtung des außer Reichweite stehenden Schnaps. Bei dem Versuch kippte er zur Seite um und blieb einfach liegen, während er aus blutunterlaufenen Augen zu ihr hochstarrte.

„Aber doch nicht ohne mir etwas zu sagen!“
 

Gerade überlegte Sakura, was sie nun am besten mit dem beinahe außer Gefecht gesetzten Sasuke machen sollte, da sagte dieser unvermittelt: „Ich bin fremdgegangen.“

„Jetzt spinnst du aber“, tat sie seine Äußerung mit einem Winken ab, doch er fügte verächtlich hinzu:

„Mit Karin. Und es war richtig gut. Mit dir ist es nie so. Du lässt mich ja immer noch nicht ran.“

Getroffen zuckte seine Freundin zusammen. Ihr wurde ganz kalt, als sie begriff, dass er das nicht bloß gesagt hatte, weil er betrunken war.
 

„Ich hätte nicht gedacht, dass du doch noch so ein Arschloch sein kannst“, erwiderte sie schließlich und unterdrückte mit Mühe die Tränen, die sich ankündigten.

„Ich dachte, wir sollen immer ehrlich zueinander sein“, konterte Sasuke und lachte böse.

„Du wusstest doch, auf wen du dich einlässt. Ist die kleine, unschuldige Sakura etwa überrascht? Sie steckt wohl immer noch in ihrer hübschen, bunten Traumwelt. Willkommen in der Realität.“

Langsam erhob sich Sakura, den Blick auf denjenigen gerichtet, den sie liebte und der immer noch auf dem Boden lag, während sein Kopf auf seinem Arm ruhte.
 

„Ich verstehe nicht, was mit dir los ist, aber offenbar willst du nicht mit mir sprechen.“, sagte sie mit trockenem Mund, die Hände in den Taschen vergraben, damit er nicht sah, dass sie zitterten.

„Weißt du, ich könnte dir sogar Fremdgehen verzeihen… Aber die Art und Weise, wie du mich behandelst, halte nicht einmal ich aus.“

Einen Moment lang gab sie ihm noch Zeit, möglicherweise seine Fehler einzusehen und sich zu entschuldigen, doch er betrachtete sie nur ausdruckslos aus seinen halb geschlossenen Augen.

Dann drehte sie sich auf dem Absatz herum und ließ den betrunkenen Sasuke in seinem Suff zurück.
 

„Es tut mir wirklich leid, hier so spät noch zu klingeln, aber…“, sprudelte Sakura los, kaum hatte sich die Tür geöffnet, doch mitten im Satz stoppte sie so plötzlich ab, als hätte ihr jemand den Ton abgedreht.

Kakashi Hatake machte zwar den Eindruck, als wäre er bereits im Bett gewesen, aber definitiv nicht zum Schlafen und auch nicht alleine. Seine verstrubbelten Haare, die eher schlecht als recht sitzenden Boxershorts und nichts zuletzt die lediglich einen Bademantel tragende Mei Terumi, die hinter ihm auftauchte, gaben mehr Informationen preis als die junge Studentin wissen wollte.
 

„Ähm… Ich wollte nicht… stören“, stotterte Sakura und konnte den Blick nicht von der leicht bekleideten Vertretung an der Universität abwenden.

„Na, mein Lieber, du hast doch nicht etwa eine Affäre mit so einem jungen Hüpfer?“, spottete Mei und verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber mir Vorwürfe machen.“

„Das ist ein Missverständnis!“ – „Unsinn!“.

Kakashi und Sakura polterten wie aus einem Mund und mit dem gleichen wütenden Tonfall los. Die Frau hob zweifelnd die Augenbrauen, entspannte sich aber sichtlich.

„Ich bin wegen Sasuke hier“, kam die Rosahaarige endlich auf den Grund ihres Besuchs zu sprechen, was Kakashi sofort in Alarmbereitschaft versetzte.
 

„Das darf doch nicht wahr sein. Dieser…“.

Kakashi beendete seinen Satz zwar nicht, ballte aber die rechte Hand zur Faust.

„Wissen Sie, was geschehen ist und ihn so aus der Bahn geworfen hat?“

Sakura zweifelte nicht daran, dass irgendetwas passiert war, das Sasuke dazu gebracht hatte, sich so zu verhalten. Auch wenn er immer wieder betonte, was für ein böser Mensch er war, glaubte seine Freundin nicht daran. Nicht nach der Zeit, die sie mit ihm verbracht hatte…
 

Mei hatte sich anständigerweise in die Küche verkrümelt, um Kaffee zu kochen, aber sicherlich lauschte sie von dort aus neugierig ihrem Gespräch.
 

„Ja, ich weiß, was mit ihm los ist. Mensch, er hätte sich mir doch anvertrauen können… Aber nein, er musste ja behaupten, dass es ihm gut ginge und er sich an dich mit seinem Problem wenden würde.“

Das sprichwörtliche Fragezeichen stand Sakura ins Gesicht geschrieben und Kakashi beeilte sich, seine seltsamen Worte zu erklären.

„Itachi Uchiha ist zurückgekehrt. Schwer verletzt. Selbstverständlich haben die Passanten, die ihn auf der Straße liegen gesehen haben, sofort den Krankenwagen alarmiert.

Die Krankenschwester hat ihn anhand des Bildes erkannt, das damals als Fahndungsfoto in sämtlichen Zeitungen aufgetaucht ist, und danach sofort Sasuke als einzigen lebenden Verwandten alarmiert.“

Sakura presste sich die Hände vor ihr Gesicht.

„Oh nein, das ist ja schrecklich. Wird er durchkommen?“

Als Kakashi nicht antwortete, ließ sie die Hände wieder sinken. Sein Gesicht verriet ihr, was sie wissen musste.

„Wie furchtbar. Armer, armer Sasuke…“
 

So abrupt, dass ihr Gegenüber zusammenzuckte, schoss sie in die Höhe.

„Und ich dumme Gans lasse ihn allein…“

Ohne sich um Höflichkeitsfloskeln zu kümmern, wollte sie direkt wieder los, doch Kakashi hielt sie zurück.

„Moment. Ist dir klar, warum er dich so behandelt hat?“

Gerade setzte Sakura zu einer hastigen Antwort an, doch Mei übernahm für sie, als sie das Zimmer betrat, mittlerweile glücklicherweise, genau wie Kakashi, vollständig angezogen.
 

„Weil ihn die Rückkehr seines Bruders daran erinnert hat, wie es ist, wichtige Personen zu verlieren.“

Mit offenem Mund drehte sich die Jüngere zu ihr um.

Ruhig stellte Mei das Tablett mit der Kaffeekanne und den Tassen auf einem Beistelltischchen ab und hob den Zeigefinger, um Sakuras Konzentration zu gewinnen.

„Kakashi hat mir alles erzählt. Du weißt, was ich meine. Er will sich nicht mit Haut und Haar auf dich einlassen, weil er weiß, wie es schmerzt, wenn eine Person ihn irgendwann verlässt. Er geht das Risiko gar nicht erst ein und verletzt dich deshalb absichtlich, um dich von ihm fernzuhalten.“
 

„Ich wusste gar nicht, dass du auch noch einen Abschluss in Psychologie hast“, zog Kakashi sie mit beeindruckter Miene auf, doch Mei beachtete ihn gar nicht. Stattdessen trat sie einen Schritt auf die Studentin zu, bis sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten.

„Du weißt sicher auch, was du jetzt zu tun hast. Stimmt’s?“

Einen Augenblick arbeitete es in Sakuras Kopf. Kaum rastete in ihrem Gehirn ein, worauf die Frau hinaus wollte, stürmte sie los. Erst an der Haustür hielt sie noch einmal inne.

„Danke!“, brüllte sie laut, dass die beiden sie noch hörten.
 

„Noch einmal jung sein…“, sagte Mei sehnsüchtig und ließ sich auf Kakashis Schoß fallen.

„Den Kaffee müssen wir wohl alleine trinken.“

Abschiedsworte

Sasukes Zustand hatte sich verschlechtert, als sie ein zweites Mal seine Wohnung betrat und feststellen musste, dass er nicht mehr bei Bewusstsein war.

Sie legte ihr Ohr an seine Brust. Sein Herz schlug regelmäßig, aber er schwitzte stark. Sein T-Shirt war bereits feucht.

„Sasuke!“

Sie klopfte energisch an seine Wangen, um ihn aufzuwecken. Dabei fiel ihr Blick auf die mittlerweile leere Schnapsflasche.

„Verdammt!“

Sie hob seine Lider an und hörte nicht auf, an ihm zu rütteln.

Endlich gab er ein leises Stöhnen von sich, das die Erleichterung durch Sakura strömen ließ.

Flatternd öffneten sich seine Augen und er stöhnte erneut, diesmal lauter.

„Unter die Dusche. Sofort“, befahl sie und zog ihn mit all ihrer Kraft hoch, bis er schließlich auf wackeligen Beinen stand und sich mit all seinem Gewicht auf ihr abstützen musste.

So schleppte sie ihn ins Badezimmer, in der Hoffnung, dass das kalte Wasser seine Lebensgeister wieder ein wenig aktivieren würden.
 

Wie ein Häufchen Elend hockte Sasuke in der Ecke der Kabine, während Sakura ihn mit einem Schwamm voller Seife und dem Duschkopf bearbeite. Sein Gesicht rubbelte sie besonders intensiv ab.

Sie war selbst schon ganz nass, doch das spürte sie überhaupt nicht. Zu sehr konzentrierte sie sich darauf, Sasuke zumindest körperlich wieder auf den Damm zu bringen.
 

„Trockene Klamotten… Ich brauche trockene Kleidung…“, murmelte das besorgte Mädchen vor sich hin, während sie sich durch seinen Schrank arbeitete. Sie wollte ihn nicht lange allein lassen. Endlich hatte sie etwas Passendes für sich und ihn gefunden und kehrte damit ins Bad zurück.

Das Handtuch, das sie Sasuke hingeworfen hatte, lag immer noch dort, wo es gelandet war.

Er stand mitten im Raum, den Blick ins Leere gerichtet. Wäre die Situation nicht so ernst, hätte der Anblick durchaus zu Sakuras Erheiterung beigetragen.

Wie einem alten Mann half sie ihm in Hose und Pullover. Er machte immer noch keine Anstalten, selbst etwas zu ihren Hilfsbemühungen beizutragen. Stattdessen hielt er sich plötzlich die Hand vor den Mund und sie ahnte, was kam. Glücklicherweise war die Toilette nicht weit entfernt.
 

Endlich hatte sie es geschafft. Sasuke lag wohlbehalten im Bett, einen Eimer für den Notfall neben sich und eine in Wasser aufgelöste Kopfschmerztablette auf dem Nachtisch.

Erschöpft brach Sakura auf dem Sofa zusammen und war kurz darauf eingeschlafen.

Eigentlich wollte sie Wache halten für den Fall, dass ihr momentan hilfsbedürftiger Freund noch etwas brauchte, doch dazu reichte ihre Kraft nicht mehr.
 

Sakura wusste nicht, wovon sie aufwachte, doch sie fühlte sich merkwürdigerweise ausgeschlafen, als sie langsam die Augen öffnete.

Darauf, dass Sasuke bereits bei ihren Füßen auf der Couch saß, war sie gedanklich noch nicht vorbereitet.

Es zwar ziemlich dunkel im Raum, da der Herbst langsam Einzug gehalten und somit das Wetter fest im Griff hatte, doch trotzdem konnte sie in einem seltenen Moment an seinem Gesicht ablesen, was in ihm vorging.

Die Augenringe, die während fröhlicherer Tage beinahe verschwunden waren, hatten sich wieder vertieft. Er wirkte völlig erledigt.
 

„Warum bist du zurückgekommen?“, flüsterte er. Natürlich hatte er sofort gemerkt, dass sie ihn hören konnte.

„Dumme Frage“, antwortete sie ebenso leise.

„Ich habe von Kakashi erfahren, was los ist. Mensch, hast du mir nicht versprochen, dass du mir immer die Wahrheit sagen würdest?“

Sie setzte sich auf. Es fühlte sich wie ein Déjà-Vu an, gemeinsam mit ihm in dieser Haltung zu verharren.

„Ich…“, begann er, doch sie ließ ihn nicht ausreden. Sie legte ihm eine Hand auf den Hinterkopf und drückte ihn an sich. Mit der anderen streichelte sie ihm über den Rücken.

„Schon gut“, sagte sie besänftigt. Sie spürte, wie es ihn schüttelte. Ihr war klar, dass er nicht wollte, dass sie seine Tränen sah.
 

Sakura hasste Krankenhäuser. Das sterile Aussehen, der Geruch nach Desinfektionsmitteln, der Dunst der Angst, der über allem lag… Es jagte ihr eine tierische Angst ein. Doch daran dachte sie gerade am allerwenigsten.

Sie saß mit Sasuke an Itachis Bett. Schläuche liefen von diversen Gerätschaften zu seinem Körper und ein leises Piepen erinnerte daran, dass sein Zustand die ganze Zeit überwacht wurde.

Das Mädchen traute sich nicht, die Hand ihres Freundes zu ergreifen. Intuitiv wusste sie, dass er im Moment nicht berührt werden wollte.

Tiefe Wunden, die sich in Itachis Haut eingekerbt hatten, deuteten darauf hin, was ihm zugestoßen war. Pure, körperliche Gewalt.

„Was hast du nur gemacht…“, murmelte Sasuke in dem Bewusstsein, sowieso keine Antwort zu erhalten.
 

Drei Tage später zeigte sich immer noch keine Veränderung, was Itachis Bewusstsein anging.

Das Koma hatte ihm alles entrissen.

Er war zu lange tot gewesen, bevor man es geschafft hatte, ihn wiederzubeleben.

Selbst wenn er erwachen würde, behielte er mit großer Wahrscheinlichkeit bleibende Schäden zurück.

Der Arzt brachte es Sasuke so schonend wie möglich bei, während Sakura dicht an seiner Seite stand, doch das wäre überhaupt nicht nötig gewesen.

Itachis Bruder hatte sich damit abgefunden, dass er nie wieder ein Wort mit ihm wechseln konnte. Dennoch fiel es ihm schwer, das Ausmaß dieser Entwicklung bereits in Gänze zu erfassen.
 

Eine weitere Woche, die er gemeinsam mit seiner Freundin schweigend am Krankenbett Itachis verbracht hatte, traf er eine folgenschwere Entscheidung.

Er wusste nicht, ob er damit dem Willen seines Bruders gerecht wurde, doch die Antwort lag bei ihm, ob man die Maschinen abschalten sollte oder nicht.

Sasuke war nicht der Typ dafür, sich auf irgendwelche Hoffnungen zu versteifen.

Allerdings wollte er nicht dabei sein, wenn Itachi sein Leben endgültig aushauchte.
 

In der letzten Stunde, die Sakura und er in dem Raum verbrachten, in dem Itachi lag, gesellte sich eine Krankenschwester zu ihnen.

„Entschuldigen Sie“, sprach sie Sasuke vorsichtig an, woraufhin er nicht reagierte. Er war zu sehr in seine Gedanken vertieft, als befände er sich in einer anderen Welt. Dennoch redete sie einfach weiter.

„Eben erst hat mir eine der Beauftragten der Wäscherei etwas überreicht, das sie in der Tasche Ihres Bruders gefunden hat. Der Zettel ist zwar etwas in Mitleidenschaft gezogen worden, aber weitgehend verschont geblieben.“

Wortlos nahm Sasuke das einzige Überbleibsel Itachis entgegen. Das Papier raschelte, als er es vorsichtig auseinanderfaltete.

Leise schloss die Krankenschwester die Tür, während Sasuke die Handschrift entzifferte und Sakura ihn besorgt dabei beobachtete.
 

Lieber Sasuke.

Mit großer Wahrscheinlichkeit lebe ich nicht mehr, wenn du das hier endlich liest. Aber ich möchte dir nicht verwehren, einige wichtige Sachen zu erfahren, die für dich von großer Bedeutung sein dürften.

Ich möchte dich nicht in deiner Meinung beeinflussen. Du bist sicher zu einem großartigen Mann herangewachsen, der seine eigenen Ansichten hat.

Dennoch bitte ich dich, den Clan nicht zu verurteilen, dass er mit der Organisation Geschäftsbeziehungen geführt hat, die letztendlich seine Vernichtung verursachte.

Es lag in unserem Bluterbe, mehr zu wollen als die anderen. Du bist nur ein unschuldiges Opfer, das dadurch darin verstrickt worden ist, dass es dir deine Familie genommen hat.

Um ehrlich zu sein, hätte es auch dich an diesem Tag das Leben gekostet, wenn ich dieser Organisation nicht beigetreten wäre. Ich weiß, dass du mir nachgeeifert und mich für mein Talent, das mir in die Wiege gelegt wurde, bewundert hast, wie es jüngere Brüder tun. Auf dieses Talent hatte es die Organisation abgesehen und im Austausch für dein Leben haben sie es bekommen.
 

Doch ich halte es nicht mehr länger dort aus. Ich bin dem Tod näher als dem Leben und gebe es deshalb auf, mich nach einem Ausweg umzusehen.

Es macht mich unsagbar traurig, dich nicht aufwachsen zu sehen. Glaube bitte nicht, dass ich mein Leben aufgebe, aber ich kann weder als Mitglied der Organisation überleben noch ohne sie. Deshalb werde ich mich bei meinem nächsten Einsatz töten lassen, damit sie nicht glauben, dass ich geflüchtet bin. Sonst würden sie dich zur Rechenschaft ziehen. So funktioniert es dort. Ich durfte dich nie kontaktieren, doch du hättest es büßen müssen, wenn ich ausgetreten wäre. Aus diesem Grund habe ich es nie getan.
 

Bitte verzeih mir, dass ich nicht bei dir sein konnte. Doch mein größter Wunsch war es, dass du am Leben bleibst.

Egal, welche Entscheidungen du in deinem Leben triffst – ich werde dich immer lieben.

Dein Bruder Itachi

Leben mit der Trauer

„Ich möchte jetzt drei Zugeständnisse von dir hören.“

Mit strengem Blick hatte Sakura ihren rechten Zeigefinger hoch erhoben, doch Sasukes Belustigung milderte den Ernst der Situation ab.

„Erstens: Du lässt dich nicht mehr volllaufen, wenn nicht irgendjemand dabei auf dich aufpasst.“

Er stöhnte leise auf, um ihr vor Augen zu führen, dass sie aus einer Mücke einen Elefanten machte, doch sie starrte ihn so lange an, bis er einknickte.

„In Ordnung.“

„Du lügst Menschen, denen etwas an dir liegt, nicht mehr an, was deinen Gefühlszustand angeht. Das soll ich dir übrigens auch von Professor Hatake wärmstens empfehlen.“

„Ihr übertreibt. Aber meinetwegen, ich verspreche es dir.“
 

Drei Wochen waren seit Itachis Tod vergangen und Sasukes Kokon, in den er sich seitdem gehüllt hatte, brach langsam auf.

Sakura war die ganze Zeit nicht von seiner Seite gewichen, auch wenn er kaum das Wort an sie gerichtet hatte. Ständig wuselte sie um den Herd in seiner Küche herum, damit er auch ja nicht vergaß zu essen, sodass ihre Mutter schon mehr als einmal spitz gefragt hatte, ob sie denn nun endgültig von Zuhause ausgezogen wäre. Ihre Eltern hatten ihr nächtliches Davonstehlen nicht sehr entspannt aufgenommen, obwohl Sakura immer wieder betont hatte, dass es ein Notfall gewesen sei, ohne näher auf die Geschehnisse einzugehen.
 

Eines Abends – einer der vielen, an denen Sasuke sie nicht einmal in den Arm genommen hatte sondern stattdessen über Itachis letzten Worten brütete – nahm sie gerade Jacke und Mütze von dem Garderobenhaken und verabschiedete sich, da spürte sie plötzlich, wie er hinter sie trat. Er berührte sie nicht, aber trotzdem fühlte es sich für Sakura so an.

„Danke“, sagte er leise.

Obwohl es das einzige war, was er in diesen Tagen zu ihr gesagt hatte, schien es die vergangene Stille komplett auszufüllen. Es schwang in seiner Stimme mit, dass er zu schätzen wusste, was sie für ihn tat.
 

Sakura ließ es zu, dass Sasuke trauerte. Sie wusste, dass es notwendig war, seine Gefühle herauszulassen – auch wenn er es auf seine ganz eigene Weise tat. Abgesehen von wenigen Tränen, die auf das Papier getropft waren, auf das Itachi seine Mitteilung an Sasuke geschrieben hatte, blieben seine Augen trocken.

Er drückte seinen Verlust aus, indem er sich kaum noch vom Fleck rührte und selten ein Wort über die Lippen brachte.

Deswegen wusste sie es zu schätzen, dass er gegen Ende der zweiten Woche begann, seinen Schutzpanzer abzulegen, dem er mit seinem Dankeswort einen ersten Riss verpasst hatte.

Ansonsten säßen sie nun auch gewiss nicht auf einer verwitterten Holzbank im Stadtpark und würden sich ein riesiges Baguette teilen.
 

„Wolltest du mir nicht noch ein drittes Versprechen abringen?“, fragte Sasuke misstrauisch, kurz bevor er herzhaft in seine Hälfte biss und genüsslich kaute.

Langsam ließ Sakura ihren beinahe aufgegessenen Teil in ihren Händen sinken und scharrte mit den Fußspitzen über den Boden.

Verwundert schnipste ihr Sasuke gegen den Kopf.

„Was ist los? Zwing mich nicht, dich aus deiner Lethargie zu reißen.“

„Es ist nur… Also… Versprich mir, dass du dich nicht an der Organisation rächst.“
 

Der letzte Bissen blieb ihm im Hals stecken, als er das hörte. Mithilfe von bellendem Husten versuchte er das Salatblatt aus seiner Luftröhre zu katapultieren, doch es gelang ihm erst, als Sakura ihm unterstützend auf den Rücken klopfte.

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte er mit tränenden Augen und massierte sich den Hals, nachdem er rasch seinen dicken Schal abgelegt hatte.

„Ich kenne dich, Sasuke-kun, auch wenn du mir das vielleicht nicht glaubst. Ich kann mir denken, was nun in deinem Kopf vorgeht.“

Langsam wickelte er sich wieder das dunkle Stück Stoff um.

„Also gut. Ja, ich habe es in Erwägung gezogen, mich etwas näher mit dieser… Gruppe zu beschäftigen.“

Kaum hatte er ihren Verdacht bestätigt, ging ihm auf, dass er das besser nicht hätte tun sollen.

Sofort griff sie nämlich nach seinem Arm und zog energisch daran.

„Nein! Das darfst du nicht! Du willst doch nicht das Gleiche durchmachen wie Itachi?“

Beruhigend nahm er ihre Hand, die nicht von seiner Jacke ablassen wollte.

„Ich bin nicht naiv. Ich müsste mich schon genügend darauf vorbereiten. Keine Sorge, demnächst wird das erst einmal nichts.“

Er spürte ihr Unbehagen, als sich ihre kalten Finger in seiner Faust verkrampften.

Sie ahnte, dass er ihr nicht versprechen würde, sich von dieser Organisation fernzuhalten.

„Dann schwöre wenigstens, dass du nichts tun wirst, ohne mir vorher Bescheid zu sagen“, flüsterte sie bittend und er nickte, ohne lange zu überlegen.

„Einverstanden. Und jetzt gehen wir nach Hause. Du zitterst ja wie Espenlaub.“
 

Lang ausgestreckt lag Sakura auf Sasukes Bett und blätterte in einer Zeitschrift, die sie sich unterwegs gekauft hatte.

Ihr Freund musste noch irgendetwas für sein Studium erledigen, weshalb sie sich gänzlich unbeobachtet fühlte.

Leise und dennoch schief sang sie vor sich hin und drehte in ihren Haaren. Ihre Füße baumelten hoch in der Luft.

Der Ton blieb ihr im Hals stecken, als ihr Blick auf Sasuke fiel, der schon wer weiß wie lange an der Wand neben der Tür lehnte.

„Ups“, gab sie von sich, doch er grinste leicht. Einen Gesichtsausdruck, den sie länger nicht mehr an ihm gesehen hatte.
 

„Da ist noch etwas, was mich beschäftigt…“, versuchte sie ihn davon abzulenken, dass er sie gerade in Verlegenheit gebracht hatte. Entschlossen schob sie die Zeitschrift beiseite und richtete sich auf, sodass sie sich hinknien konnte.

Es schien zu klappen, denn er hob fragend die Augenbrauen und ging nicht weiter auf ihr musikalisches Unvermögen ein.

„Hast du wirklich mit… Hast du wirklich etwas mit Karin gehabt?“

Wenn sie sich nicht gänzlich irrte, färbten sich Sasukes Wangen leicht rosa. Sie rieb sich über das Gesicht und sah noch einmal hin. Tatsächlich, er machte eindeutig einen beschämten Eindruck!

Ihr war es gelungen, den Sasuke Uchiha erröten zu lassen!

Peinlich berührt ließ er seinen Blick über sie hinweg gleiten.

„Ähm… Nein. Ich wollte dich nur… Ich habe…“.

Er konnte nicht so recht damit herausrücken, doch Sakura verstand auch so, was er ihr sagen wollte.
 

„Aber jetzt, da du mich daran erinnerst…“, meinte er und unterbrach dadurch sein Gestammel in üblicher Sasuke-Manier, indem er zu seiner gewohnt selbstsicheren Haltung zurückkehrte.

Aufreizend langsam schlenderte er auf sie zu, weswegen Sakura reflexartig zurückwich, so weit wie es der Platz auf dem Bett zuließ.

„Ich habe mich noch gar nicht bei dir entschuldigt“, stellte er fest und setzte sich auf die Bettdecke.

Seine Freundin spürte das zusätzliche Gewicht, das sich nun auf dem Bett befand, und verbarg ihre Hände hinter dem Rücken, damit er nicht sah, dass sie vor Aufregung zitterten.

Ehe sie darüber hinaus noch einen Finger rühren konnte, hatte er sie sich bereits geschnappt und ließ ihr keine Chance zu entkommen. Er musste nicht einmal Kraft aufwenden, so bereitwillig ließ sie sich von ihm herumbugsieren, als er sie auf sich zog.

„Hast du das vermisst?“, fragte er frech. Ohne zu antworten fuhr ihm Sakura durch das Haar, das sich wie ein Fächer auf dem Laken ausgebreitet hatte. Die Bettdecke war bereits bei seinem kleinen Überfall auf den Boden gerutscht.

„Das werte ich als Ja“, brummte er zufrieden und lächelte schief.

Dieses Mal war es Sakura, welche die Initiative ergriff und ihn küsste.
 

„Ich habe lange nichts mehr von Sakura gehört“, stellte Ino besorgt fest, als sie gemeinsam mit Hinata, Hotaru und Tenten über dem Stoff für die nächste Klausur brütete.

„Weiß Naruto vielleicht etwas?“, wandte Tenten sich beiläufig an Hinata. Man merkte ihr an, dass sie sich mittlerweile an den Gedanken gewöhnte, mit Naruto in Verbindung gebracht zu werden, denn sie zuckte kaum noch zusammen, sobald sein Name fiel.

Doch sie konnte nur ratlos die Schultern heben. Ihr war zu Ohren gekommen, dass Sasuke in irgendwelche persönlichen Probleme verwickelt war und Sakura ihm treu zur Seite stand, doch das wussten die anderen bereits.

„Naja, irgendwann wird sie schon wieder auftauchen“, trug Hotaru zum Gespräch bei und ließ beiläufig ihren Bleistift auf der Handfläche rotieren.

„Naruto-kun scheint ein bisschen angefressen zu sein, doch er hält sich zurück, weil er weiß, dass die beiden ihm nichts vorspielen“, murmelte Hinata schließlich und sah zu, wie der Stift in immer schnelleren Kreisen herumwirbelte.

„Du bist ja da, um ihn abzulenken, was?“

Spielerisch stieß Ino ihre Freundin in die Seite, doch diese ließ sich nicht necken. Stattdessen faltete sie die Hände über ihrem Heft und blickte die anderen Mädchen in der Runde nacheinander an.

„Ich muss euch… etwas sagen.“
 

„Das gibt’s nicht.“

Tenten war die erste, die sich zu Wort meldete, als Hinata von ihrem Liebesgeständnis erzählte. Hotarus ungläubiger Blick sprach ebenfalls Bände, doch sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte.

„Aber… warum hast du uns nicht vorher Bescheid gesagt?“, fragte Ino enttäuscht. Sie schien die einzige zu sein, die sich nicht von der Neuigkeit überrumpeln ließ.

„Tut mir leid… Aber ich dachte, wenn ich vorher länger darüber spreche, mache ich vielleicht doch noch einen Rückzieher“, gab die einst so unauffällige junge Frau zu und wollte gerade ihre Hände im Schoß verbergen, da legte Tenten entschlossen ihre eigenen darauf.

„Das war eine tolle Leistung Hinata! Hätte nicht gedacht, dass Naruto dir solch eine Antwort darauf gibt… Aber ich bin mir sicher, bald kommt er auf dich zu und gesteht dir ebenfalls, sich in dich verliebt zu haben!“, ermutigte sie die Braunhaarige, woraufhin sie sich mit einem Lächeln bedankte.
 

„Warum sitzen wir hier überhaupt noch rum?“, fragte Ino plötzlich und warf ihre Unterlagen unvermittelt auf den Tisch.

„Das muss gefeiert werden und wir plagen uns hier mit stattdessen Unistoff ab?! Unmöglich!“

Erneuerung

Er spürte ihre Anwesenheit, bevor er sie überhaupt visuell wahrnehmen konnte.

Nach zwei kleinen Schritten blieb er stehen und gab ihr so die Gelegenheit, etwas zu sagen.

„Naruto…“, meinte sie schließlich hilflos, als wüsste sie nicht, wie sie fortfahren sollte.

Doch plötzlich wurde dem Angesprochenen klar, dass sie überhaupt nichts mehr erklären musste.
 

Langsam drehte sich Naruto zu Sakura um, die ihn gerade noch abgefangen hatte, als er die Stufen zu seiner Haustür hochgehen wollte.

„Du brauchst nichts mehr sagen, Sakura-chan“, kam er ihr zuvor. Er klang ernst, aber sein Lächeln milderte diesen Eindruck etwas ab.

Dennoch verschwand der besorgte Ausdruck nicht aus ihren Augen, als sie dort stand und mit den Händen nervös an dem Reißverschluss ihrer Tasche nestelte.

„Was meinst du damit?“, fragte sie vorsichtig. Diese Gelassenheit, die ihr bester Freund ausstrahlte, wirkte fremd an ihm. Es konnte nur die Ruhe vor dem Sturm sein.
 

„Ich weiß, was du sagen willst“, erwiderte er und nahm auf der Treppe Platz wohl, obwohl sie noch feucht vom Regen war, der zu dem Zeitpunkt gerade lediglich eine kurze Pause einzulegen schien – das kümmerte ihn allerdings wenig.

„Ich habe es mittlerweile akzeptiert. Du liebst ihn. Daran ist nichts zu ändern.“

Erstaunt darüber, dass er es plötzlich einfach so einsah, lockerte sie ihren Griff und die Tasche fiel zu Boden.

„Meinst du das ernst? Du verstehst mich?“

Der Blonde nickte und klopfte auf die freie Stelle neben sich. Sakura protestierte nicht einmal, dass der Untergrund nass und kalt war, sondern setzte sich gehorsam.

„Heißt das, du kommst damit zurecht, dass es zwischen Sasuke und mir ernst ist?“

Er verdrehte die Augen, als er den ängstlichen Unterton bemerkte.

„Ja. Ich gebe mir Mühe.“

Gerührt legte das Mädchen ihm eine Hand auf die Schulter.

„Das finde ich toll. Aber… woher kommt der Gesinnungswandel?“

Sie biss sich auf die Lippen. Zwar glaubte sie Naruto, aber ein Restzweifel wollte einfach nicht weichen. Zu sehr war sie daran gewöhnt, dass er nichts unversucht ließ, um sie für sich zu gewinnen.
 

„Tja…“

Nachdenklich blies er die Backen auf, während er darüber nachdachte.

„In der Zeit, in der du auf mysteriöse Weise verschwunden warst…“ – Er warf ihr einen finsteren Blick zu – „… habe ich mich so langsam daran gewöhnt, mich von dir zu lösen und dir deinen Willen zu lassen. Vielleicht hat Hinata auch dazu beigetragen, endlich mal eine andere Perspektive einnehmen zu können. Schließlich habe ich die ganze Zeit nur dich gesehen.“

Er trommelte mit den Zeigefingern auf seine Oberschenkel, um seine Verlegenheit zu überspielen. Naruto war es nicht gewohnt, über seine Gefühle zu sprechen, ohne dabei einen Scherz miteinzubinden. Sakura war ebenfalls unbehaglich zumute, doch sie zwang sich, diese Situation auszusitzen.

„Empfindest du etwas für sie?“

Er stieß einen tiefen Seufzer aus.

Gedanklich sah er Hinata vor sich, wie sie ihm ihre Liebe gestand und ihm erzählte, was er sie für bedeutete. Ihre roten Wangen. Das Haar, das locker über ihre Schulter fiel und im schwachen Licht glänzte. Ihre leicht geöffneten Lippen, als sie ihn abwartend ansah.

„Ich weiß es einfach nicht“, antwortete er schließlich und raufte sich die sowieso schon abstehenden Haare.

Sakura musste kichern, versteckte das aber hinter vorgehaltener Hand. Naruto zerbrach sich offenbar den Kopf über das, was er empfand. Kein Wunder, dass er es nicht deuten konnte, wenn er ihr so lange hinterher gelaufen war. Er wusste schließlich kaum noch, wie sich frische Gefühle anfühlten.

„Was ist so lustig?“, fragte er dumpf.

Ups, da hatte er sie wohl doch gehört.

„Es ist nur niedlich, dass du dir so viele Gedanken machst.“

Kaum waren die Worte ihrem Mund entschlüpft, schalt sie sich dafür. Hoffentlich hörte er nicht mehr aus ihren Worten heraus.

Er ahnte, was sie dachte, und winkte deshalb bloß ungehalten ab.

„Ich möchte eben nichts Halbherziges mit ihr anfangen. Das hat sie nicht verdient. Deshalb brauche ich noch etwas Zeit, mich zu entscheiden.“

Sakura lächelte leise, während sie ihre Zehen anstarrte. Während sie sich nicht gesehen hatten, war ihr wohl die eine oder andere Veränderung auf seiner Seite entgangen.

„Du wirkst irgendwie anders, Naruto. Früher hättest du doch einen Tobsuchtsanfall gekriegt.“

Er zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Kann schon sein.“

„Dann können wir es vielleicht wagen. Weißt du, ich muss dir nämlich was gestehen… Ich habe Sasuke mitgebracht. Ich möchte, dass ihr euch die Hand gebt.“
 

Auf einen Schlag war es mit der Ruhe vorbei. Naruto sprang auf und rutschte beinahe auf den glitschigen Stufen aus.

„Hey, ich dachte, du hättest dich verändert?“, beschwerte sie sich und stand ebenfalls auf, während sie mit angeekeltem Gesicht den durchnässten Stoff ihrer Hose befühlte.

„Ja… Aber… Warum hast du… Mensch! Du hättest mich vorwarnen sollen! Wo ist er?!“

Seine wilde Frisur war ein Sinnbild für die Aufregung, die er verkörperte.

„Ganz ruhig. Er wartet im Wagen. Er parkt um die Ecke.“

Naruto hüpfte immer noch auf und ab, weil er es nicht fassen konnte, dass ihm jetzt schon eine Begegnung mit diesem Kerl bevorstand. Sasuke, korrigierte er sich innerlich mit mahlendem Kiefer.

„Stell dich nicht so an. Komm mit.“

Sie packte ihren besten Freund am Kragen und zog ihn ohne viel Federlesen mit sich. Er wehrte sich nicht, aber seine Finger kribbelten bei dem Gedanken, dem Schwarzhaarigen entgegentreten zu müssen. Er konnte aber nicht umhin zuzugeben, dass er es genoss zu sehen, wie sie wieder halbwegs normal mit ihm umging.
 

Sasuke lehnte bereits an der Beifahrertür, als Sakura mit Naruto im Schlepptau um die Ecke stürmte. Irritiert hob er die Augenbrauen, als er merkte, dass seine Freundin den Kragen seines Mitstreiters ausleierte.

„Ist das echt nötig?“, fragte er und beäugte den gequälten Gesichtsausdruck desjenigen, der ihm vor nicht allzu langer Zeit in einem Moment der Unaufmerksamkeit eine verpasst hatte.

„Aber sowas von, mein Lieber!“, beharrte sie und schubste Naruto in seine Richtung.

Das erwischte ihn jedoch kalt – er konnte sich nicht rechtzeitig sicheren Halt verschaffen, um zu verhindern, dass er stürmischer als geplant nähere Bekanntschaft mit Sasuke machte. Dieser konnte nicht ausweichen, da sein Auto eine Flucht nach hinten verhinderte.
 

Ein überraschend lautes Schmatzen ertönte, das dem Geräusch beim Herausziehen eines Stöpsels aus dem Abfluss ähnelte, und sogleich torkelte Naruto zurück, die Hand mit einem entsetzten Ausdruck in den Augen auf den Mund gepresst. Sasuke machte einen nicht weniger entgeisterten Eindruck.

„Man! Das ist ja eklig!“, rief Naruto empört.

„Das ist ja wohl mein Text!“
 

Sakura musste sich das Lachen verkneifen, als sie kapierte, was geschehen war.

„Oh, das war eigentlich nicht meine Absicht. Sorry“, entschuldigte sie sich mit einem unschuldigen Lächeln. Sasuke warf ihr einen misstrauischen Blick zu, während er angewidert auf den Boden spuckte.

„Aber schön, dass das Eis jetzt gebrochen ist. Nun wird es einfacher, euch die Hand zu geben.“

Naruto musterte sie wenig begeistert, aber sie wich keinen Deut von ihrem Vorhaben ab.

„Na kommt schon…“, sagte sie sanft und ging auf die beiden zu. Sie nahm Narutos rechte Hand und die linke ihres Freundes und führte die beiden zusammen, ohne ihre eigenen wegzunehmen.

„Seht ihr, dass ist nicht so schwer. Es ist viel schöner, wenn ihr euch vertragt.“

Sasuke brummelte ein wenig, zog seine Hand aber nicht zurück. Naruto rümpfte die Nase, strengte sich aber ebenfalls an, um seiner besten Freundin den Wunsch zu erfüllen.

Sakuras Lächeln wurde breiter. Sie genoss den Moment, in dem sich ihre beiden Lebensstränge wenigstens für kurze Zeit zu einem verbanden.

Sasuke und Naruto spürten ihre Freude und legten infolgedessen in stummem Einvernehmen ihren Zwist zumindest vorläufig bei.
 

„Das habe ich nur für dich getan“, betonte Sasuke störrisch, während er einen Gang höher schaltete und beschleunigte.

„Ja, ja“, antwortete Sakura nur und drehte das Radio lauter.

Ihr Freund beschwerte sich bereits die ganze Fahrt darüber, wozu sie ihn genötigt hatte, aber sie wusste, dass er es nicht ernst meinte. Naruto hätte Ähnliches von sich gegeben, wenn er jetzt neben ihr sitzen würde. Schließlich mussten die beiden auf ihrer Männlichkeit bestehen.

„Verrate mir lieber, was du jetzt vorhast.“

Doch Sasuke schüttelte nur den Kopf und konzentrierte sich weiterhin auf die Straße. Es hatte wieder zu regnen begonnen und der Scheibenwischer war nicht schnell genug, um die Sicht einigermaßen klar zu halten. Der Niederschlag trommelte so laut auf das Autodach, dass es beinahe die Musik übertönte – nicht allzu harten Rock, auf den sie sich nach langer Diskussion geeinigt hatten.

„Du hast bestimmt, dass wir… Naruto besuchen, deshalb bin ich jetzt dran.“
 

Angestrengt spähte Sakura durch das Beifahrerfenster. Es wurde bereits früh dunkel und der Vorhang aus Regen tat sein Übriges.

„Hey, hier waren wir doch schon einmal, als du mir gesagt hast, dass… Ähm…“, stellte sie fest, konnte den Satz aber nicht vollenden. Es ging ihr immer noch nicht leicht über die Lippen, Sasuke darauf anzusprechen, was er für sie empfand.

„Ja“, stimme er ihr zu. Er zog die Handbremse an und brachte seinen Sitz in eine bequemere Position.

„Hier komme ich oft her, wenn ich nachdenken muss.“
 

Durch die breiten Schlieren auf der Scheibe waren die verschiedenen Lichter der Stadt zu sehen, die sich zu einer einzigen Masse verbanden.

Ein faszinierender Anblick bot sich ihnen, obwohl außerhalb des Autos alles nur verschwommen erkennen zu war. Sakura zog an dem Hebel, doch ihr Sitz gab keinen Zentimeter nach. Erst als Sasuke ihr half, konnte sie sich ebenfalls auf angenehme Weise zurücklehnen.

Der Bildschirm des Radios war schwarz geworden, als Sasuke den Schlüssel abgezogen hatte. Die Stille füllte den Raum zwischen ihnen, bis er sie plötzlich unterbrach.
 

„Ach ja. Was ich dir sagen wollte, war bloß, dass ich dich liebe.“, meinte er gelassen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Sakuras Herz pochte so laut, dass er es hören musste. Sie hätte nicht gedacht, dass er diese Wortkombination kannte.

Sie sah zu ihm herüber, doch er blickte an die Decke.

„Das kann ich nur zurückgeben“, antwortete sie schließlich zärtlich und strich ihm über die feinen Haare im Nacken.

Ihre Worte wurden ihren Gefühlen nicht gerecht, doch sie war sich sicher, dass auch Sasuke das wusste.

Mädchenrunde

„Schaut nur mal nach draußen, wie das stürmt“, merkte Tenten an, die Ellenbogen auf die marmorierte Fensterbank gestützt, auf der sich ansonsten ein ordentlich aufgereihter Mix verschiedener Pflanzenarten türmte. Ino schmückte auch den Rest ihres Zimmers gerne mit frischem Grün, egal zu welcher Jahreszeit.

Hotaru sah auf. Sie lag auf dem Himmelbett und kreuzte die Fußknöchel in der Luft. Ihre Gastgeberin hingegen hörte nicht zu, während sie nachdenklich mit ihrem Handyanhänger spielte. Der leuchtende Bildschirm forderte ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie blätterte nämlich gerade durch ihre Galerie, deren neusten Fotos fast ausschließlich aus abfotografierten Zeichnungen von Sai bestanden. An einem davon blieb sie hängen – es war eine Skizze, die er erst am gestrigen Tag angefertigt hatte. Es zeigte sie selbst, während sie gerade lauthals über etwas lachte. Auch jetzt konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen. Zu sehr wunderte sich darüber, dass der eher gefühlsarme Sai ausgerechnet solch eine Emotion für malenswert hielt.

„Erde an Ino!“, meinte Tenten plötzlich und stibitzte ihr das Gerät, bevor sie auch nur die Stimme erheben konnte.

„Sind wir dir etwa nicht unterhaltsam genug? Ansonsten würdest du doch nicht die ganze Zeit auf dein Handy starren…“

Erst dann fiel der Blick der empörten Freundin auf das Foto, welches Ino gerade in den Bann gezogen hatte.

„Wow!“, kommentierte sie das Werk und pfiff leise durch die Zähne. „Von wem stammt das?“

Ino wirkte überhaupt nicht wütend darüber, dass jemand in ihre Privatsphäre eingedrungen war.

Stattdessen antwortete sie triumphierend:

„Von meinem neuen Freund. Sai, ihr wisst ja… Ich bin mit ihm schon vor einiger Zeit ausgegangen.“
 

„Warum hast du uns das die ganze Zeit vorenthalten?“, beschwerte sich Hotaru und trommelte untermalend mit ihren Füßen, die in quietschbunten Socken steckten, auf die Bettdecke.

„Du hast gut reden“. Tenten drehte sich plötzlich zu ihr um.

„Schließlich hast du uns auch noch nichts davon erzählt, dass da etwas mit deinem geliebten Utakata-senpai läuft.“

Sogleich lief das Mädchen scharlachrot an und versuchte sich herauszuwinden.

„Aber das tut es doch auch gar nicht… Im Prinzip sind wir schon auf eine gewisse Weise zusammen, aber irgendwie auch nicht. Zumindest macht es diesen Eindruck in der Öffentlichkeit.“

Ino zuckte mit den Schultern und angelte nach ihrem Handy, das dessen Entführerin achtlos auf dem Tisch abgelegt hatte.

„Er ist vermutlich einfach unerfahren. Was man von Sai nicht sagen kann, außer was zwischenmenschliche Gefühle angeht.“ Sie musste kichern.

„Versprecht mir, dass ihr nachsichtig mit ihm umgeht, ja? Sakura hat ihn schon kennengelernt, aber euch will ich ihn auch so bald wie möglich vorstellen. Er tut sich schwer mit anderen Menschen.“

Die anderen beiden nickten einträchtig. Es war das erste Mal, dass Ino ernsthaft etwas für jemanden empfinden schien. Das wollten sie ihr nicht verderben.
 

„Wo bleibt eigentlich Hinata?“, fragte Hotaru schließlich mit einem Blick auf die laut tickende Wanduhr.

„Wollte Naruto sie nicht schon vor einer Viertelstunde hier abliefern? Immerhin kommt Sakura ja schon in zehn Minuten und sie ist sicher beleidigt, wenn wir nicht vollständig sind, um uns ihre große Überraschung anzuhören?“

Ino erhob sich von ihrem Schreibtischstuhl, der daraufhin ein kleines Stück zurückrollte und über den Holzboden schabte.

„Lass den beiden doch ihre gemeinsame Zeit. Gerade Sakura muss das verstehen, schließlich turtelt sie auch nonstop mit ihrem Sasuke herum.“

Mit federnden Schritten eilte sie auf ihre Zimmertür zu.

„Ich mach uns jetzt erst einmal einen schönen Kaffee, um die Wartezeit zu überbrücken.“

„Au ja!“, tat Tenten ihre Begeisterung kund und trat wieder an das Fenster, um durch den ans Glas prasselnden Regen hinauszuspähen.
 

Von ihren Haarspitzen tropfte es auf den Boden, so durchnässt war sie.

Hinata rubbelte sich mit dem Handtuch, mit dem sie Ino dankenswerterweise ausgestattet hatte, kräftig über das Gesicht.

„Der Bus ist nicht gekommen“, erklärte sie bibbernd, während Hotaru ihr half, sich aus der klammen Jacke zu schälen.

Verdutzt hielt diese inne, während sie das Kleidungsstück in ihren Händen einer eingehenden Untersuchung unterzog.

„Ist das deine?“, fragte sie anschließend verdutzt, woraufhin Hinata leicht den Kopf schüttelte.

„Die gehört… Naruto-kun“, gab sie verschüchtert zu.

„Er hat sich die Schuld daran gegeben, dass er den Fahrplan nicht richtig gelesen hatte, und sich deshalb dazu verpflichtet gefühlt, mich zu Fuß herzubegleiten und mich mit seiner Jacke vor dem Regen zu schützen. Ich soll euch übrigens grüßen.“

„Oho, der Raufbold kann ja ein echter Gentleman sein!“, murmelte Tenten grinsend und reichte ihr eine Tasse, damit sie sich auch von innen aufwärmen konnte.

„Hat der denn keinen Schirm?“, brummelte Ino. Hinata verneinte erneut, doch sie machte nicht den Eindruck, als würde sie ihm das übelnehmen.
 

Ehe eine von ihnen fragen konnte, wie denn ihr Treffen verlaufen war, trampelte auch schon die nächste die Treppe hoch. Sie hatten nicht einmal das Klingeln an der Tür gehört.

Sakura stürzte herein. Im Gegensatz zu Hinata hatte sie nicht einen Tropfen abbekommen, was Tenten mit erhobenen Augenbrauen zur Kenntnis nahm.

Ein vom Regen gedämpftes Motorengeräusch erklang und sie zählte eins und eins zusammen.

Natürlich hatte Sasuke sie gefahren.
 

„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Sakura entsetzt, anstatt ihre Freundinnen zu begrüßen. Ihr Blick war auf Hinata gefallen, die sich mittlerweile in ein noch größeres Handtuch gewickelt hatte.

„Ihr Liebling hat eben keinen fahrbaren Untersatz“, meinte Ino grinsend und bot Sakura einen Stuhl an.

„Ach herrje. Hättest du doch etwas gesagt, bei uns im Auto wärest du doch willkommen gewesen.“

Tenten unterbrach ihr Auf-und-Ab-Schreiten durch den Raum und ließ sich im Schneidersitz neben Hotaru auf dem Bett nieder.

„Ich glaube nicht, dass sie sonderlich scharf darauf war, euer Abschiedsgeknutsche mitanzusehen.“

„Hey, hört auf mich zu ärgern! So häufig machen wir das jetzt auch nicht“, beklagte sich Sakura, grinste aber dabei wie ein Honigkuchenpferd.

„Ach ja, die Liebe…“, seufzte die einzige der Runde, die noch nicht vergeben war, und rollte mit den Augen.

„Neidisch?“, fragte Ino spitz.

Hinata lehnte sich vorsichtig an die Wand, um nicht irgendeine Unterlage auch noch zusätzlich mit nassen Flecken zu verzieren.

„Sakura-san wollte uns doch etwas erzählen, oder?“, versuchte sie die Kabbelei zu unterbrechen, was ihr glücklicherweise auch gelang. Die Angesprochene sprang nämlich sofort darauf an.

In ihrer Vorfreude erhob sie sich gleich wieder und blickte in die Runde.
 

„Hat Sasuke dir etwa ein Liebesgeständnis gemacht?“, kam Hotaru ihr neugierig zuvor, was Sakura zusammenzucken ließ.

„Woher weißt du das?“

Schlagartig wurde es still im Raum.

„Ich weiß ja, dass der Frauenschwarm an dir hängt… Aber Liebe?!

Ino sagte das mit einem solch ungläubigen Tonfall, dass es fast schon an eine Beleidigung grenzte, doch das störte die Rosahaarige nicht.

Glücklich, aber auch ein wenig verlegen, nickte sie langsam.

„Aber das ist es eigentlich nicht, was ich euch sagen wollte“, lenkte Sakura ein und wedelte mit den Armen, um weitere Fragen abzuwehren.

„Du willst uns etwas mitteilen, das dieses Liebesgeständnis zu einer Nebensache macht?“, konnte sich Tenten dennoch nicht verkneifen. Sie wippte vor und zurück, als wären diese Neuigkeiten zu spannend, um still sitzen zu können.

„Jep“, bestätigte sie diese Annahme und reckte bedeutungsvoll den Kopf in die Höhe.
 

„Wir fahren alle zusammen weg. Am verlängerten Woche. Und zwar zu einer heißen Quellen im Norden!“

Hinata schnappte nach Luft und ließ das Handtuch, mit dem sie ihre Haare abgetrocknet hatte, zu Boden fallen.

„Und das Beste ist… dass wir alles bezahlt bekommen!“

Freudig klatschte sie in die Hände. Tenten und Hotaru blieben die Münder offen stehen.

„Wen meinst du mit wir?“, fragte Ino misstrauisch.

Vor sich hin murmelnd zählte Sakura die Personen an den Fingern ab.

„Also, da wären schon einmal Naruto, Sasuke, ihr vier, ich… und natürlich Sai und Utakata, wenn Ino und Hotaru die beiden mitnehmen wollen.“

„Moment mal. Stopp. Noch einmal zum Mitschreiben. Wer soll das denn zahlen?“, fragte die Blonde, die ihrem Glück immer noch nicht traute. Sie wandte die Augen nicht von ihrer Freundin ab, während sie einen Schluck vom inzwischen abgekühlten Kaffee nahm.
 

„Mein Onkel, dem die heiße Quelle dort gehört. Aufgrund meiner guten Leistungen hat mir mein Vater schon vor längerer Zeit versprochen, das mit seinem Bruder abzuklären, aber bisher… Naja, hatte ich nicht wirklich Leute, die ich mitnehmen konnte oder wollte.“

Man merkte Sakura ihre plötzliche Nervosität an. Sie zerknäulte den Stoff ihres Sweatshirts in ihren Fäusten, was für sie eine ungewöhnlich verletzliche Geste war.

„Wollt ihr nicht mit? Ist es eine miese Idee?“, fragte sie verunsichert.

„Natürlich nicht!“, rief Tenten enthusiastisch. „Das ist doch genial, selbst wenn mir der männliche Gegenpart fehlt.“

Hinata stimmte ihr sogleich zu. „Es ist wirklich nett von dir, dass du uns mitnehmen willst, Sakura-san!“

Hotaru reckte anerkennend den Daumen in die Höhe und sogar die äußerst kritisch eingestellte Ino rieb sich die Hände. „Die ideale Gelegenheit, euch Sai vorzustellen“, meinte sie zufrieden.
 

Erleichtert stieß Sakura den angehaltenen Atem aus. Sie hatte schon befürchtet, sich eine Abfuhr einzuhandeln. Sie wollte es sich zwar nicht eingestehen, aber mit der Zeit hatte sie trotz ihres Widerwillen angefangen, auf die Meinung ihrer Freundinnen Wert zu legen.

„Na, dann kannst du auch endlich einmal Naruto zeigen, was du zu bieten hast“, neckte die Freundin Sais Hinata und stieß ihr spielerisch mit dem Ellenbogen in die Seite.

„Zeigen… was ich zu bieten habe?“, fragte Hinata verwirrt.

„Überfordere sie nicht“, gab Tenten lachend ihren Senf dazu.

„Darum werden wir uns kümmern, wenn wir dort sind!“

Eine neue Konstellation

„Ich kann nicht glauben, dass uns zwei Professoren begleiten“, meinte Tenten naserümpfend, während sie unter leisem Ächzen ihren Koffer in das Auto wuchtete, welches sich Ino für den Ausflug von ihren Eltern geliehen hatte.

Hotaru hob ratlos die Schultern, während sie eine bereits zerknitterte Liste aus der Hosentasche zog, um zu überprüfen, ob sie für die zwei Übernachtungen auch alles eingepackt hatte.

„Sasuke ist wohl Professor Hatakes Liebling. Professor Terumi meinte, sie will Studenten besser kennenlernen und auf uns aufpassen, aber ich glaube, sie will nur mit Professor Hatake einmal raus aus dieser Stadt.“

„Für diesen Ausflug könnt ihr mich ruhig Kakashi nennen“, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihnen und beide zuckten ertappt zusammen.

Tenten ließ sich davon nicht einschüchtern und ging stattdessen in die Offensive:

„Nehmen sie dann für diese Tour auch einmal ihren Mundschutz ab?“

Unter besagter Maske konnte man ein Lächeln erahnen, doch er ersparte sich eine Antwort. Stattdessen erkundigte er sich, wer bei wem mitfahren würde.

„Also, Tenten und Sai fahren bei Ino mit. Sasuke wiederum nimmt Hinata, Naruto und natürlich Sakura mit. Bei ihnen… also bei dir im Auto, werden Professor Terumi, Utakata-senpai und ich sitzen.“, antwortete Hotaru nach kurzem Zögern.

Plötzlich ließ jemand seine Hand auf Kakashis Schulter fallen.

„Mich könnt ihr Mei nennen“, forderte die erwachsene Frau ihre Studentinnen auf, nachdem sie mit einem offenen Lächeln hinter ihrem Kollegen hervorgetreten war.

„Toll, dass ihr zwei alte Menschen wie uns als Begleiter akzeptiert“, meinte Kakashi freundlich, woraufhin er sich einen bösen Blick von Mei einfing. „Alt?!“

Rasch machten sich Tenten und Hotaru mit gemurmelten Entschuldigungen auf die Suche nach Ino, die noch ihr Zeug einsammelte. Sie wollten keinesfalls bei der Altersfrage um Rat gebeten werden.
 

Zur selben Zeit hob Sasuke gerade das letzte Gepäckstück in den Kofferraum seines Autos.

„Ich kann nicht glauben, dass ich mich bereit erklärt habe mitzukommen“, brummelte er vor sich hin. „Ich mag es nicht, unter so vielen Menschen zu sein.“

„Aber du magst es doch, unter so vielen Frauen zu sein…“, erwiderte seine Freundin spöttisch.

Als Reaktion auf diesen Seitenhieb warf er die Kofferraumtür mit mehr Schwung als nötig zu.

„Das ist nicht fair“, beschwerte er sich über die Anspielung auf seine aufregende Vergangenheit.

Besänftigend tätschelte ihm Sakura den Kopf.

„Ist ja gut. Komm, Hinata und Naruto sitzen schon auf der Rückbank. Auf zu Ino!“

Im Sichtschutz der Rückseite des Autos gab Sasuke ihr einen raschen Kuss.
 

Drei Stunden später bogen die drei Autos nacheinander in die Einfahrt zum Parkplatz des Badehauses ein. Nachdem sie sich einige Male verfahren hatten, atmeten nun alle erleichtert auf, als das Holzschild mit der Aufschrift des Namens zu sehen war.

Sasuke stieg aus und rieb sich den steifen Nacken, während Sakura noch damit beschäftigt war sich abzuschnallen. Hinata und Naruto rutschten ebenfalls mit wackeligen Beinen von der Rückbank.

Kakashi half Mei bereits aus seinem Auto, als Ino sich ausgiebig streckte und erst einmal die Gegend in Augenschein nahm. Warmes Licht fiel von drinnen auf den Weg.

„Sieht gar nicht übel aus“, urteilte sie und stemmte die Hände in die Hüften. Hotaru und Tenten kümmerten sich bereits um ihr Gepäck, wobei ihnen Utakata half.

Hotaru spürte die Unsicherheit ihres Freundes und erinnerte sich mit Beklemmen daran, wie sie ihm von ihrem Vorhaben erzählt hatte.
 

“Wünscht du dir wirklich, dass ich dich begleite?“, fragte Utakata betreten, den Blick auf seine Studiumsunterlagen geheftet. Hotaru unternahm einen Versuch, ihre Hand nach seiner auszustrecken, zog sie aber gleich wieder zurück und legte sie in ihren Schoß.

Seit ihrem Kuss war nichts mehr in der Art zwischen ihnen abgelaufen, auch wenn sie mittlerweile mehr Zeit miteinander verbrachten als früher. Wie Ino gesagt hatte, Utakata war an so etwas einfach nicht gewohnt, aber ihr fiel es ebenfalls schwer, diesen gewohnten, körperlichen Abstand zu überwinden.

Sie kannte ihn so gut, dass sie wusste, wie unangenehm solche Unternehmungen für ihn waren. Er hatte nicht viel mit anderen Menschen am Hut, weshalb sie sich über ihren Egoismus ärgerte, ihn zu so etwas zu nötigen, aber ihr war es wirklich wichtig, dass sich ihre Beziehung festigte. Solch eine kurze Reise bot eine ideale Gelegenheit dafür.

„Gut“, willigte er schließlich ein und kaute auf seiner Unterlippe.

„Aber nur, weil du es bist und ich weiß, wie viel es dir bedeutet.“
 

„Schon okay, ich mache das schon“, murmelte er und nahm ihr eine Tasche ab.

Hotaru schenkte ihm ein liebevolles Lächeln, was er jedoch nur halbherzig erwidern konnte.

Besorgt musterte sie ihre große Liebe, als er ihr den Rücken zuwandte. Nun, da sie beide hier waren, schämte sie sich dafür, dass sie ihm seine Zusage geradezu abgerungen hatte.

Dennoch war sie dankbar, dass Naruto allen voran auf das Gebäude zustapfte und den Rest mit lautem Rufen aufforderte, ihm zu folgen. So brach er die peinliche Stille, die zwischen ihr und Utakata entstanden war.
 

Kaum waren die Habseligkeiten verstaut und die Zimmer verteilt, saßen sie im Gemeinschaftszimmer beisammen, um sich gegenseitig etwas näher kennenzulernen. Schließlich gab es unter ihnen Konstellationen, die noch nie auf diese Art und Weise aufeinander getroffen waren.

Ein langer, flacher Tisch trennte zwei Grüppchen, die es sich auf weichen Kissen bequem machten. Die Matten, mit denen der Raum ausgelegt war, wirkten sauber und dufteten frisch.

Sakura fühlte sich pudelwohl in dieser Umgebung. Ihr Onkel war ein netter Mensch, der sich gar nicht mehr einkriegen konnte, dass sie ihm diverse Präsente mitgebracht hatten.

Aus reiner Gastfreundlichkeit hatte er ihnen dieses Zimmer zur Verfügung gestellt, das eigentlich für größere Menschenansammlungen gedacht war.
 

Jeder trug einen Bademantel, der mehr verdeckte als offenbarte, dennoch konnte Sakura nicht umhin als auf das kleine Stückchen Brust zu starren, das bei ihrem Freund zu sehen war.

Er fing ihren Blick auf, was leicht gelang, da er ihr schräg gegenübersaß, und grinste schelmisch.

Überstürzt wandte sie sich ab, damit er nicht in ihrem Gesicht las, was sie dachte.
 

„Oookay“, riss Naruto das Wort an sich und klopfte laut auf den Tisch, damit die anderen ihm ihr Gehör schenkten.

„Hat jeder etwas zu trinken?“

Zustimmendes Gemurmel ertönte.

„Gut, dann können wir ja jetzt mit der Vorstellungsrunde anfangen. Manche kennen sich hier ja nicht, habe ich Recht?“

Er blickte abwartend in die Runde und erntete Nicken. Nur Utakata rührte sich nicht.

„Warum sprichst du überhaupt und nicht Sakura? Schließlich hat sie uns eingeladen“, merkte Ino spitz an und verschränkte die Arme vor der Brust.

Die Initiatorin winkte ab. „Mir ist das nicht so wichtig. Mach ruhig weiter, Naruto.“

„Alles klar. Ich fange an.“

Der Blonde zeigte auf seine eigene Brust.

„Ich bin Naruto, studiere Politik und bin Sakura-chans bester Freund. Soviel zu mir. Machst du weiter?“. Er schaute nach rechts. Dort hockte Sai, der einen Moment zu überlegen schien.

„Mein Name ist Sai. Freut mich, euch kennenzulernen. Ich arbeite bei einem Sicherheitsdienst und bin…“ Sein Blick glitt zu Ino, die ihm ermutigend zuzwinkerte, damit er fortfuhr.

„…Der Freund von einer von Sakuras Freundinnen. Von Ino.“

Diese strahlte über das ganze Gesicht, als er sie erwähnte. Er lächelte, doch es erreichte nicht seine Augen. Im Gegenteil, es schien ihn geradezu anzustrengen, seine Mundwinkel auch nur ein wenig zu heben.

Jedoch war Kakashis Blick der einzige, der deswegen länger als nötig auf seinem Gesicht ruhen blieb.
 

Die anderen Gäste folgten seinem Beispiel und stellten sich und ihre Beziehung zu Sakura in kurzen Sätzen vor. Ein paar tauschten zwar irritierte Blicke, als Mei und Kakashi ihren Beruf bekanntgaben, doch ansonsten kümmerte man sich nicht darum. Schließlich wirkten die beide nicht gerade so, als wären sie besonders zugeknöpft und streng.
 

„Die nächste Runde geht auf mich“, verkündete Kakashi eine Stunde später und erhob sich elegant aus dem Schneidersitz, um eine Flasche Sake zu holen.

Sakura beobachtete Mei, wie sie ihrem Kollegen nachsah, und grinste innerlich. Sie erinnerte sich noch allzu gut daran, wie sie Kakashi zu Hause aufgesucht und Mei sie nicht allzu verhüllt bereits erwartet hatte. Einen Augenblick streifte sie der Gedanke, dass die Professorin und Sasuke sich schließlich auch schon einmal näher gekommen waren als ihr lieb war, doch sie wischte die Bedenken beiseite. Sie vertraute ihrem Freund.

Im Grunde war es selbstverständlich, dass sie die beiden ebenfalls eingeladen hatte, schließlich war es nicht zu unterschätzen, auf welche Weise sie von ihnen Unterstützung bekommen hatte.

Ihre Wangen waren vom Alkohol bereits leicht gerötet, als sie zufrieden ihren Blick über die Runde gleiten ließ und feststellte, dass sich alle zu amüsieren schienen.

Nie hätte sie erwartet, einmal auf diese gesellige Art mit einer Gruppe zusammen zu sein.

Auch Sasuke machte einen entspannten Eindruck, als er dem zurückgekehrten Kakashi lautstark aufforderte, ihm zuerst einzuschenken. Er schielte zu ihr rüber, als wolle er ins Gedächtnis rufen, dass sie ihm schließlich erlaubt hatte, etwas zu trinken, wenn sie dabei war.

Sakura rollte mit den Augen, streckte aber auch die Hand mit ihrem Becher aus, als der Sake herumgereicht wurde. Bald wäre es sowieso Abendessenzeit, da würde der Alkohol ihr wohl nicht allzu sehr auf den leeren Magen schlagen.
 

„Ahh…“

Genüsslich ließ sich Mei ins heiße Wasser gleiten.

„So viel, wie ich getrunken habe, sollte ich eigentlich kein Bad mehr nehmen, aber dafür sind wir schließlich hier, oder?“

Hinata, die auf einem der Hocker Platz genommen hatte, um sich zu säubern, nickte schüchtern. Meis Offenheit schreckte sie ein wenig ab, doch das beeinflusste nicht die Zuneigung, die sie für diese Frau empfand. Ein bisschen beneidete das Mädchen sie sogar für ihr Selbstbewusstsein.

Sakura, Ino, Tenten und Hotaru saßen bereits im Becken und hatten die Augen geschlossen. Die Müdigkeit, die sie nach dem Abendessen überkommen hatte, wurde durch die Wärme des Wassers noch verstärkt.
 

„Ob die Jungs sich wohl miteinander verstehen?“, fragte Tenten kurz darauf nachdenklich und wischte sich mit einem Waschlappen über die Stirn, auf der sich der Schweiß perlte.

„Kakashi ist ja dabei. Einer muss schließlich der Vernünftige sein“, antwortete Hotaru überzeugt.

Mei kicherte leise, wobei sie sich die Hand, an der zwei Ringe glitzerten, vor den Mund hielt.

„Was ist so witzig?“, fragte Ino neugierig, die nun auch die Augen geöffnet hatte.

„Kakashi kann manchmal gar nicht so vernünftig sein…“, erklärte sie ihre Belustigung, woraufhin sich Sakura sofort die Finger in die Ohren steckte und Hinata die Seife fallen ließ.

„Ich glaube, das waren schon zu viele Informationen“, meinte Tenten und strich sich das nasse Pony aus dem Gesicht, doch Mei überraschte die Reaktion der Freundinnen.

„Seid ihr nicht langsam alt genug, solche Bemerkungen sogar selbst zu machen?“, erkundigte sie sich verdutzt, den Blick auf Sakura geheftet. „Schließlich ist dein Freund auch kein Kind von Traurigkeit.“

Diese funkelte die ältere Frau böse an. „Diese Zeiten sind vorbei“, sagte sie brüsk.

„Natürlich, natürlich…“, antwortete Mei besänftigend und tätschelte ihre nasse Schulter.

„So war das auch nicht gemeint. Ich dachte nur, dass ihr dahingehend schon etwas offener geworden seid.“

„Also mir macht diese Direktheit nichts aus“, trug Ino zum Gespräch bei und wrang ihre Haare aus. Sie wartete, bis Hinata ebenfalls im dampfenden Wasser war, bis sie Mei bat:

„Aber um Hinata könnten sie sich doch bitte einmal kümmern. Bis zu unserer Abreise muss sich Naruto fragen, wie er solch eine Frau je warten lassen konnte. Aber ihr fehlt das Selbstbewusstsein, da offensiver ranzugehen.“

Die Studentin mit den ungewöhnlich hellen Augen hielt sich die Hände vor das Gesicht. Dadurch verbargen ihre Arme gleichzeitig das Wenige, das von ihrer Oberweite zu sehen war.

„Ino-chan…“, murmelte sie verlegen. „Was soll das werden?“

Mei lächelte geheimnisvoll, während sie Hinata musterte.

„Ich denke, da lässt sich das ein oder andere machen.“

Eine tiefere Schicht

An dem schwachen Licht, das in den Raum fiel, konnte man nicht feststellen, ob die Sonne bereits aufgegangen war. Sakura fühlte sich jedoch ausgeschlafener als an jedem andere Morgen zu Hause, weswegen sie beschloss, ruhig aufstehen zu können, egal wie früh es war – je eher sie auf die Beine kam, desto mehr würde sie vom Tag haben.

Umso erstaunter war sie, als sie bemerkte, dass ihre Zimmermitbewohnerin Hinata bereits angezogen war und gerade nach ihrem kleinen Rucksack griff.

Ein Blick nach rechts verriet ihr hingegen, dass Ino noch im tiefsten Schlummer lag.

Verwundert wischte sich Sakura eine Wimper aus dem Auge, die beim Reiben hineingeraten war.

„Hinata? Was hast du denn schon so früh vor?“, flüsterte sie, um die andere nicht aufzuwecken.

„Oh, Sakura-san, guten Morgen!“, begrüßte sie ihre Freundin ebenso leise, bevor sie mit den Armen durch die Träger des Rucksacks schlüpfte.
 

„Also… Weißt du, mein Vater ist ziemlich streng. Er sieht es nicht gerne, dass ich länger als eine Nacht wegbleibe. Er hat mir eine Art Aufpasser hinterher geschickt.“

Hinata war es sichtlich unangenehm, zugeben zu müssen, wie wenig ihre Eltern ihr vertrauten. Sie spielte mit den Bändern ihrer Jacke, um sie nicht angucken zu müssen.

„Aber keine Sorge!“, beeilte sie sich hinzuzufügen, bevor Sakura etwas erwidern konnte.

„Es ist mein Cousin, Neji-nii-san. Er ist in unserem Alter. Ihr werdet ihn mögen. Jetzt muss ich allerdings erst einmal zum Bahnhof, um ihn abzuholen.“

Das langhaarige Mädchen machte einen solch schwachen Versuch zu lächeln, dass ein besorgter Ausdruck in Sakuras Augen trat, während sie sich andere Socken anzog.

„Willst du das wirklich?“

Hinata schob sachte die Tür auf und antwortete: „Eine große Wahl habe ich leider nicht. Was mein Vater sagt, ist Gesetz.“
 

Die Regung unter dem Berg von Decken neben ihr verriet Sakura, dass auch die andere mittlerweile aus ihrem Schlaf erwachte.

„Mir war, als hätte hier gerade jemand gesprochen“, behauptete Ino schläfrig und gähnte kurz darauf tief.

„Ich wusste gar nicht, dass Hinata es so schwer zu Hause hat“, sagte die Rosahaarige nachdenklich, ohne Ino eine Erläuterung der Umstände zu liefern. Obwohl sie eben noch im Land der Träume gewesen war, begriff diese sofort, worum es ging.

„Lass mich raten. Ihr Vater war hier und hat sie abgeholt“, riet Ino mit düsterer Miene, während sie ans Fenster trat und die dünnen Vorhänge beiseite schob.

„Nein, das nicht, aber er hat ihren Cousin hergeschickt, damit der ein Auge auf sie hat. Schon ziemlich aufdringlich, findest du nicht? Hinata ist schließlich schon volljährig“, erklärte sie und griff nach ihrer Bürste, die nicht weit entfernt von ihrem Schlafplatz auf dem Boden lag. Schon vor längerer Zeit hatte sie den Tick entwickelt, dass sie sich mit den Borsten durch die Haare fahren musste, wenn sie etwas beschäftigte.

„Das ist ja fast schon nett von ihm, dass bloß jemand auf sie aufpassen muss“, befand die Studentin der Tiermedizin und suchte sich passende Kleidung für den Tag aus ihrer Reisetasche.

„Was meinst du damit? Ich würde meinen Eltern etwas erzählen, wenn die mich so behandeln“, antwortete Sakura irritiert.

„Du kennst ihren Vater nicht. Er ist der Grund, weshalb sie so schüchtern ist und früher so wenig Selbstbewusstsein hatte. Er bevorzugt stets ihre jüngere und talentiertere Schwester, was ihr seit jeher das Gefühl gab, nicht gut genug zu sein.“

Endlich hatte Ino den gesuchten Rock samt Strumpfhose in den Tiefen der Tasche entdeckt und zog ihn heraus.

„Das ist ja unglaublich!“, reagierte die andere entsetzt und schnappte hörbar nach Luft. Ihre Bürste verhakte sich in einem Knoten und sie musste die Strähnen mit einigem Aufwand befreien.

„Du sagst es“. Die sehr auf ihr Äußeres bedachte junge Frau nickte bestätigend.

„Dann verstehst du auch sicher, weshalb wir sie mit all unseren Kräften unterstützen müssen. Naruto tut ihr gut, bei ihm kann sie so sein, wie sie ist.“

„Natürlich“, stimmte Sakura ihr zu und formte ihre Finger zum Peace-Zeichen. In ihrem Innersten hingegen zog die erfahrene Neuigkeit weitere Kreise, als sie zugab.

Ino musste kichern. „Jetzt aber Schluss mit den negativen Schwingungen hier. Die anderen warten sicher schon beim Frühstückstisch auf uns!“
 

„Alsooo…“, sagte Naruto gedehnt, während er sich aus einer Kanne Kaffee eingoss.

„Wo sind Kakashi, Mei und Hinata?“

Sakura war damit beschäftigt, ihren Mund zur Begrüßung an Sasukes Schläfe zu drücken, weswegen Ino, deren Freund sowieso damit beschäftigt war, draußen irgendeine Szene im Morgenlicht auf Papier einzufangen, die Antwort übernahm: „Sie holt einen weiteren Gast ab.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen gab sie Sakura, die sich mittlerweile von ihrem Liebling gelöst hatte, zu verstehen, dass sie nichts von der Rolle des Gastes verraten würde. Diese nickt fast unmerklich.

„Ein weiterer Gast also…“, murmelte der Blonde und schlürfte geräuschvoll die Flüssigkeit aus der Tasse. „Männlich oder weiblich?“

„Ein Kerl“, antwortete Ino und plötzlich kam ihr eine Idee. Man konnte förmlich das Glühbirnchen über ihrem Kopf aufleuchten sehen.

„Keine Ahnung, in welcher Beziehung die beiden zueinander stehen, aber Hinata klang ziemlich begeistert, als sie losgezogen ist“, fügte sie betont beiläufig hinzu, ließ Naruto aber dabei nicht aus den Augen. Er setzte gerade seine Tasse ab und wischte sich über den Mund.

„Vielleicht ihr Freund“, stieß Tenten ins selbe Horn, die sofort erkannt hatte, was ihre Freundin vorhatte.

Sakura blickte eher ratlos drein, hielt aber den Mund.

„Unsinn“, urteilte Naruto und räusperte sich.

„Warum?“, fragte Sasuke unschuldig. „Würde mich bei einem Mädchen wie ihr nicht wundern. Also wenn ich nicht vergeben wäre…“ Er ließ den Satz unheilvoll in der Luft hängen.

In Sekundenschnelle drehte sich seine Freundin zu ihm um, sodass sie sich dabei fast den Hals verrenkte. Ihre ganze Körperhaltung zeugte von ihrer Eifersucht, doch Sasuke presste seine Lippen an ihr Haar und flüsterte hinein, sodass niemand sonst es hören konnte: „Ganz ruhig. Später wirst du verstehen.“

Tatsächlich schienen seine Worte eine Wirkung auf Naruto haben, der ein Gesicht machte, als wäre er mit den Gedanken ganz woanders.
 

Hotaru, die ihre Mahlzeit bereits beendet hatte, empfand Mitleid mit dem grübelnden Naruto.

„Allzu romantisch kann es nicht werden, Kakashi und Mei haben Hinata nämlich begleitet“, trug sie ihren Trost zum Gespräch bei, doch er schien sie gar nicht zu hören.

„Stimmt“, bestätigte Tenten Hotarus Aussage. „Als Mei, Hotaru und ich nach unten gehen wollten, haben wir Hinata nämlich getroffen. Da hat sie sich spontan dazu entschlossen, mitzukommen und natürlich auch Kakashi dazu aufzufordern.“

„Ja, er war ziemlich früh verschwunden“, sagte Sasuke und köpfte sein Frühstücksei, während er mit der anderen Hand mit den Haarspitzen der immer noch verärgerten Sakura spielte, die ihr Essen nicht anrührte. „Mei muss aufpassen, dass sie Kakashi nicht an Hinata verliert. Verständlich wäre es.“

Sakura musste nach dieser Meinungsbekundung schwer schlucken, doch der Kloß in ihrem Hals wollte sich nicht vertreiben lassen.
 

„Iss“, fügte er leise an sie gewandt hinzu. „Ich stehe nicht auf Bohnenstangen.“

„Es dreht sich nicht immer darum, was dir gefällt, Sasuke-kun“, erwiderte sie mit schrillem Tonfall und stand auf, um wortlos den Raum zu verlassen.

Ihr Abgang riss Naruto aus Trance. Erst betrachtete er verwirrt den Schwarzhaarigen und dann die Tür, durch die seine beste Freundin verschwunden war.

Auch Utakata, der neben Hotaru saß und gedankenverloren in seinem Tee rührte, hob interessiert den Kopf.

Ino erhob sich unschlüssig. „Ich…“

„Schon in Ordnung.“ Sasuke drückte sie zurück auf ihren Sitz. „Ich kümmere mich darum.“

An der Schiebetür hielt er noch einmal inne.

„Ihr könnt schon mal zur heißen Quelle vorgehen. Sie kommt gleich.“
 

Er erwischte sie gerade noch am Handgelenk, bevor sie in ihr Zimmer entwischen konnte.

Sie zeigte ihm ihr Gesicht nicht, aber er wusste auch so, dass sie wieder einmal weinte.

„Sakura. Was ist denn eigentlich los? Du weißt doch, dass ich das nur gesagt habe, um Naruto darauf zu stoßen, was er an Hinata hat“, sagte er sanft und ließ sie intuitiv los, damit sie sich mit einem Taschentuch die Tränen abwischen konnte.

„Komm rein“, sagte sie nur und führte ihn in den Raum, den sie für ihren Ausflug gemeinsam mit Hinata und Ino bewohnte. Nebenan schliefen Mei, Hotaru und Tenten.
 

Kaum hatte er hinter ihr die Schiebetür geschlossen, fiel sie ihm auch schon schluchzend um den Hals. Ratlos klopfte er ihr sachte auf den Rücken.

„Jetzt sag schon. Wenn du nicht mit mir sprichst, kann ich dir nicht helfen“, sagte er bestimmt und hielt sie eine Armeslänge von sich weg.

„Es ist eigentlich überhaupt nichts“, sagte sie endlich, was aber unter ihrem Schniefen kaum zu verstehen war.

„Setz dich erst einmal hin“, forderte er sie auf und bugsierte sie zu dem einzigen Sessel, den dieses Zimmer hergab – dafür war dieser aber auch besonders bequem. Bereitwillig ließ sie sich auf das Polster sinken.

„Es ist nur…“ – Sie schnäuzte laut in das Taschentuch – „Ich habe heute etwas über Hinata gehört, das mich nachdenklich gestimmt hat. Über ihr Selbstbewusstsein.“

Er ging vor ihr in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein.

„Hinata hat durch ihre Freunde das Selbstbewusstsein aufgebaut, das ihr Vater ihr genommen hat. Wenn ich mich mit ihr vergleiche, habe ich das Gefühl, eine Heuchlerin zu sein.“

„Wie kommst du denn darauf?“. Vorsichtig tätschelte er ihr Bein durch den dicken Stoff ihrer Jogginghose.

„Alle denken immer, ich wäre voll im Einklang mit mir selbst und mich könnte nichts aus der Ruhe bringen, da ich mich immer wieder gegen diverse Hänseleien gewehrt habe. Aber ich glaube, dass ist bei mir einfach alles nur Schein. Während Hinata von vornerein offen zugeben konnte, wie schwach sie ist, habe ich immer vorgespielt, als wäre alles in Ordnung, obwohl ich mich oft wirklich mies gefühlt habe. Ich bin eine Lügnerin. Ich bin überhaupt nicht selbstbewusst. Mein Selbstbewusstsein besteht bloß in dir. Ohne dich wäre ich immer noch die verunsicherte Sakura, die sich mit Beißen und Kratzen gegen alles wehrt.“

Eine Weile schwieg Sasuke. Er musste sich noch nie mit so etwas auseinandersetzen, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er das auch nie getan. Aber wenn er seine Freundin anblickte, die wie ein Häuflein Elend dort kauerte und ihm gestand, dass sie sich minderwertig fühlte… Er wusste, dass er keine Wahl hatte. Deshalb unterstützte er sie auf seine Weise.
 

Ehe sie Einwände erheben konnte, hatte er seine Arme unter ihren Körper geschoben und sie auf seinen Schoß gezogen.

„Ich kann dir deine Ängste nicht nehmen“, sagte er offenheraus, seine Wange an ihre gelegt. Er spürte, wie sich ihre Haut erhitzte.

„Bloß ein Versprechen kann ich dir geben. Ich würde dich nie für eine andere Person verlassen und das nicht, weil ich dich für schutzbedürftig halte, sondern weil du mir wichtig bist. Ganz egal, ob du dich für schwach oder für stark hältst – ich mag dich in all deinen Versionen. Ich kenne wenige, die so vielschichtig sind wie du.“

Er strich ihr die feuchten Haare aus dem Gesicht, während sich ihr Herzschlag beruhigte.

„Du bist keine Lügnerin, bloß verunsichert. Hör auf, dich selbst schlecht zu machen. Mit Komplimenten kann ich dir das leider nicht abnehmen, das musst du schon selbst schaffen. Aber ich helfe dir.“

Sakura holte tief Luft. Natürlich hatte Sasuke Recht. Nun war es ihr fast schon peinlich, dass sie durchgedreht war. Hoffentlich hielten die anderen sie jetzt nicht für völlig bescheuert.
 

„Und jetzt…“, sagte ihr Freund plötzlich in ihre Gedanken herein. „Nimmst du ein heißes Bad. Deine Freundinnen warten schon auf dich.“ Er schob sie von sich herunter.

Sakura nickte und warf das Taschentuch in den Mülleimer.

„Danke“, murmelte sie.

„Keine Ursache. Jeder hat seine schwachen Momente.“

„Es klingt irgendwie komisch, das aus deinem Mund zu hören“, meinte sie halb belustigt, halb verwundert, woraufhin er sich sofort beschwerte:

„Kaum bin ich mal nett zu dir, machst du dich über mich lustig? Oh man, Frauen! Ich brauche jetzt dringend männliche Gesellschaft als Ausgleich gegen das ganze Östrogen“.

Spielerisch boxte Sakura ihn gegen den Oberarm, was Sasuke ein Lächeln entlockte.

Da war sie wieder. Eine altbekannte Schicht seiner komplexen Freundin.

Ankommen

Man konnte ihn unmöglich übersehen, als die aufgehenden Türen des Zuges ihn ausspuckten.

Sein für einen Mann ungewöhnlich langes Haar, das den Farbton von dunklem Kakao aufwies, schwang im Rhythmus seiner Bewegungen hinter ihm her, als er lediglich mit einer Ledertasche ausgestattet den Bahnsteig abschritt und nach seiner Cousine Ausschau hielt.

Nejis durchdringenden Augen benötigten nicht lange, bis sie Hinata ausfindig machten.

Seine Mundwinkel verzogen sich unmerklich, als er auf Mei und Kakashi aufmerksam wurde.
 

„Hallo, Neji-nii-san“, begrüßte Hinata ihn verschüchtert.

Statt einer Antwort verbeugte er sich höflich vor ihr.

„Das hier sind Kakashi und Mei. Sie haben mich netterweise hierher begleitet, damit ich nicht alleine laufen muss“, erklärte sie und wies auf ihre Eskorte, die ihn nickend willkommen hieß.

„Ich habe gehört, du übst einen spannenden Beruf aus“, ergriff Kakashi das Wort und gab sich Mühe, offen und interessiert zu wirken. Er erinnerte sich an Meis Anweisungen und ihre Drohung, was geschehen würde, wenn er sie nicht befolgte. Väterlich legte er dem Neuankömmling eine Hand auf die Schulter und geleitete ihn unauffällig zum Ausgang, während die beiden Frauen ein paar Schritte Abstand hielten.

Unsicher warf Neji einen Blick zurück, doch er schien zu dem Schluss zu kommen, dass Hinata keine unmittelbare Gefahr drohte.

Diese Gelegenheit nutzte Mei, um der Studentin ein paar Worte ins Ohr zu murmeln.
 

„Okay“, sagte Ino und warf einen prüfenden Blick auf die Uhr, während Sakura die Tür zur heißen Quelle nicht aus den Augen ließ. „Sie müsste jeden Moment kommen.“

Unruhig spielte Sakura mit den Trägerschlaufen der Tüte, die frisch gewaschene Kleidung enthielt, die ihnen von Hotaru mit einem schönen Gruß von Mei übergeben worden waren.

„Hältst du das wirklich für eine gute Idee?“

Ino verdrehte die Augen.

„Du willst doch auch, dass es endlich zwischen ihr und Naruto klappt, oder? Es wird langsam wirklich Zeit.“

Beide zuckten zusammen, als ein Geräusch jenseits der dünnen Wand ertönte, die das Bad von der Umkleidekabine trennte.

„Mach dich bereit“, zischte Ino und bezog Stellung neben der Schiebetür.

Kaum öffnete sich diese, stürzte sich das blonde Mädchen auf die Hereinkommende und geleitete sie in die Mitte des Raumes, während sie mit einem Fuß achtlos die Tür zuschob.

„Ino-chan? Sakura-san?“, fragte Hinata überrascht, als ihre Freundinnen sich entschlossen an ihr zu schaffen machten. Intuitiv hielt das schüchterne Mädchen das flauschig weiche Handtuch fester, das sie sich um ihren Körper geschlungen hatte.

„Keine Sorge“, beruhigte sie Ino und löste den Zopf, mit dem sich Hinata die feuchten Haare zusammengebunden hatte. „Bei uns bist du in besten Händen.“
 

Wütend trat Tenten gegen ein Kopfkissen, sodass es durch ihr Zimmer segelte und in der hinteren Ecke landete. Sie konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass sie den Lockvogel spielen sollte, der Neji ablenken würde.

Sie kannte Hinatas Cousin nicht und wenn es nach ihr ginge, würde sie ihn auch nicht kennenlernen. Bei ihrem Glück derzeit würde es sich sicher um einen unreifen Jungen handeln, der sowohl ihrem Geruchs- als auch ihrem Schönheitssinn Schaden zufügte.

Das empörte Mädchen stellte sich Hinatas errötendes Gesicht vor, wenn Naruto gerade Thema war, und seufzte laut. Für ihre Freundin würde sie dieses Opfer wohl einmal bringen können. Dafür musste bald aber auch ein heißes Date für sie drin sein!

Es wurde langsam Zeit.

Der Himmel, der den Bewohnern der kleinen Stadt zwar keinen Regen, aber dafür eine dicke Schicht Wolken beschert hatte, färbte sich am Horizont langsam rot. Die Sonne ging unter.

Tenten hob das Kissen auf, legte es wieder an seinen Platz und verließ den Raum.
 

„Bis zum Abendessen muss es funktioniert haben“, teilte Mei Kakashi mit, der die Gelegenheit genutzt hatte, dass sowohl Hotaru als auch Tenten nicht anwesend waren, um das Schlafgemach seiner Kollegin aufzusuchen.

„Du denkst auch nur an Hinata, oder?“, fragte Kakashi belustigt und wandte sich ab, um einen Blick auf das Naturschauspiel draußen zu werfen.

„Wenn ich ein Projekt anfange, bringe ich es auch anständig zu Ende“, behaupte Mei, die auf dem Boden kniete und ihre Mitbringsel aus der Stadt aufreihte.

„Ach ja? Und du lässt dich von nichts ablenken?“, fragte er, während er ihr immer noch den Rücken zukehrte.

„Ganz richtig“, meinte Mei überzeugt und betrachtete die Souvenirs liebevoll.

„Wirklich von rein gar nichts?“, hakte er nach und nahm seine Maske ab. Die Professorin schnappte vor Überraschung nach Luft, obwohl sie sich solche Gefühlsregungen sonst eigentlich verbat. Erst ein einziges Mal hatte sie einen Blick unter seine Maske werfen dürfen, nämlich an dem Tag, an dem die völlig aufgelöste Sakura vor seiner Tür gestanden und um Rat geben hatte. Für ihren Geschmack war sie damals sowieso viel zu kurz in diesen Genuss gekommen.

„Nein, rein gar nichts“, beharrte sie, obwohl ihr der Atem immer noch stockte.

„Dann wollen wir deine Überzeugung mal auf die Probe stellen“, beschloss Kakashi grinsend und ging hinter ihr in die Hocke, um ihr die Schultern zu massieren.

„Überlass den Rest einfach Hinatas Freundinnen. Du hast ihr deinen wertvollsten Rat gegeben, mehr kannst du nicht tun.“
 

„Mach mir mal ein bisschen Platz, Sakura!“, bat Ino und presste ihre Wange gegen Sakuras Kopf, um eine gute Sicht auf die Rückseite des Geländes zu haben.

Die beiden drängten sich gemeinsam mit Hotaru in das kleine Zimmerchen, das die Toilette beherbergte, weil nur von dort aus der malerische Garten sichtbar war, der zum Gästehaus gehörte.

Im Licht der Abenddämmerung konnte man gerade noch zwei Schatten ausmachen, die gemeinsam auf einer Holzbank saßen.

Neji und Hinata.

„Wo bleibt denn Tenten?“, flüsterte Hotaru nervös und spähte an den beiden vorbei.

„Da kommt sie!“, zischte Sakura und deutete nach links, wo sich eine andere Person den Hyuugas näherte.

„Hinata!“

Es war unverkennbar Tentens Stimme, welche die Stille durchbrach.

„Hast du vielleicht Kakashi gesehen? Der Herbergsvater ist auf der Suche nach ihm, weil er Hilfe braucht. Das Heizungssystem ist ausgefallen und er will ungern gleich einen Fachmann rufen.“

Hinata erhob sich und kam ihr entgegen.

„Ich habe ihn das letzte Mal gesehen, als wir mit Mei vom Bahnhof kamen. Seitdem war er den ganzen Tag verschwunden.“

Unsicher kaute sie an ihren Fingernägeln und drehte sich währenddessen halb zu ihrem Cousin um, der auf der Bank sitzen geblieben war.

„Neji-nii-san, du bist doch gut im Umgang mit solchen Dingen. Könntest du vielleicht einen Blick darauf werfen? Ich laufe noch ein wenig umher, um frische Luft zu schnappen, und komme dann nach.“

Neji schien nicht begeistert davon zu sein, sie dort allein zu lassen. Unschlüssig stand er auf, doch Hinata bestärkte ihn mit einem freundlichen Lächeln.

„Gut“, sagte er schließlich und folgte Tenten ins Haus.
 

Mist, dachte Tenten. Mist, Mist, Mist, Mist. Von wegen nervige Last. Der Kerl sah ja zum Niederknien gut aus! Nicht, dass sie so etwas je öffentlich zugeben würde, aber ihre Gedanken konnte zum Glück niemand lesen. Sie versuchte sich ihre Haltung gegenüber Hinatas Cousin nicht anmerken zu lassen, während er neben ihr her lief.

Das machte ihre Aufgabe gleichzeitig angenehmer und schwieriger.

Sie führte den jungen Mann in den Heizungsraum, aus dem in bestimmten Abständen hohe Pfeiftöne zu hören waren.

„Kein Problem“, meinte dieser mit einem fachmännischen Blick auf die Anlage. „Das kam mir in meinem Beruf schon öfters unter. Lässt sich gleich wieder in den Griff kriegen.“

Innerlich seufzte Tenten erleichtert. Zum Glück hatte Kakashi vor einer halben Stunde die Maschinerie dahingehend wirklich präpariert, ansonsten hätte sie nicht gewusst, wie sie ihn hinhalten sollte.

Jetzt musste nur noch der Rest auch klappen.
 

„Hey.“

Sasuke blieb auf dem Gang stehen, die Hände in den Taschen vergraben, als Naruto ihm entgegen kam. Kalt erwischt hob der Blonde den Blick.

„Huch, habe dich gar nicht bemerkt.“

Er wollte gerade an ihm vorbeischlendern, da hielt Sasuke ihn noch einmal zurück.

„Hör mal, ich will mich ja nicht einmischen, aber Hinata scheint es nicht sonderlich gut zu gehen. Sie sitzt ganz allein draußen im Garten. Klang, als hätte sie sich mit dem Kerl gestritten, der heute früh angekommen ist“, erklärte er beiläufig. „Die anderen Mädchen sind irgendwohin unterwegs und wissen noch nichts davon. Du bist ja auch mit ihr befreundet, deswegen dachte ich mir, du könntest dich vielleicht ein wenig um sie kümmern.“

„Wehe, der hat etwas Fieses zu ihr gesagt“, gab Naruto nur heftig atmend zurück und kehrte um.
 

Naruto suchte erst gar nicht nach dem Weg, der nach hinten führte, er schlug sich einfach blindlings durch das Geäst.

Er schob einen letzten Zweig beiseite, der wie die anderen langsam kahl wurde und ihm zu allem Übel ins Gesicht geschlagen war, und entdeckte Hinata sogleich, die tatsächlich auf einer Bank saß, die von kleinen Büschen eingerahmt wurde.

Sie ließ den Kopf hängen, als bedrückte sie etwas. Sofort packte Naruto der Zorn.

Jemandem wie Hinata, die immer nur an andere Menschen dachte und das Beste für sie wollte, durfte nicht von jemandem verletzt werden. Dafür würde er sorgen.
 

„Hinata!“, keuchte er, als er endlich vor ihr stand.

„Naruto-kun?

Sie hob das Gesicht und traute ihren Augen nicht. Es war wirklich Naruto, der mit einem lodernden Blick an sie herangetreten war. Ino und die anderen hatten Recht. Er war wirklich gekommen.

Der impulsive junge Mann hingegen konnte auch nicht fassen, was er sah.

Hinata wirkte so verändert. Reifer. War es der rosa Lippenstift, den sie trug? Oder ihre Haare, die heute in sanften Wellen auf ihre Schultern fielen? Unter ihrer Jeansjacke lugte ein hellblaues Kleid hervor, das mit ihrer Augenfarbe harmonierte und kurz über dem Knie endete. Auch die glänzenden Schuhe mit dem kleinen Absatz hatte er noch nie an ihr gesehen.

Dann wurde ihm etwas klar. Sein Blick verdunkelte sich.

Natürlich hatte sie sich für diesen Kerl hübsch gemacht.
 

„Hat er dir etwas getan?“, stieß er hervor.

Verwirrt drehte sich Hinata eine Locke um den Finger. Eine der vielen, die ihr Ino zuvor ins Haar gedreht hatte.

„Wer?“

„Na, dieser Typ, der heute angekommen ist! Ich kann es nicht fassen, dass er dich verletzt und dann einfach hier zurücklässt“, schimpfte Naruto und ballte die rechte Hand zur Faust.

„Wenn ich den erwische… Sorry, ich weiß, dass du ihn magst, schließlich ist er dein Freund, aber trotzdem kann ich ihm so etwas nicht durchgehen lassen.“

Hinatas Augen wurden immer größer. Was hatten ihre Freundinnen ihm erzählt?

Naruto deutete ihren Gesichtsausdruck falsch und fuhr fort.

„Ich weiß, was du denkst, aber als Mann macht man so etwas nicht. Sogar jemand Gutherziges wie du darf das nicht akzeptieren.“

Das Mädchen versuchte zu rekonstruieren, wie die einzelnen Ereignisse zusammenhingen.

Zuerst hatte Mei ihr erklärt, dass sie heute dafür sorgen würden, dass sie eine Gelegenheit bekäme, mit Naruto allein zu sein.

Nachdem sie tagsüber mit Neji zusammen war und anschließend ein Bad genommen hatte, nahmen Ino und Sakura sie unter ihre Fittiche, indem sie sich um ihre Frisur und ihre Kleidung kümmerten, die sie sich von Mei leihen durfte. Natürlich war das viel zu viel Aufwand in ihren Augen, aber ihre Freundinnen ließen keine Einwände zu. Sie wollten sie möglichst hübsch für ihr Treffen mit Naruto aussehen lassen und nichts dem Zufall überlassen.

Tenten hatte ihr erklärt, auf welche Weise Neji weggelockt werden würde, aber Hinata fühlte sich unwohl dabei, ihren Cousin so zu hintergehen. Aber ihr Wunsch, mit Naruto allein zu sein, überwog ihr schlechtes Gewissen.

Dennoch beinhaltete keine dieser Erinnerungen die Tatsache, dass Naruto Neji für ihren festen Freund hielt. War es wirklich nur ein Missverständnis oder hatte das jemand in seiner Gegenwart angedeutet?
 

„Hinata!“

Naruto packte sie an den Oberarmen und schüttelte sie leicht.

„Ist alles in Ordnung? Geht es dir nicht gut? Du bist so abwesend.“

Ihre Unterlippe zitterte. Das war wohl der Zeitpunkt, von dem Mei gesprochen hatte.
 

„Ich gebe dir jetzt einen simplen, aber wichtigen Ratschlag“, flüsterte Mei, den Blick auf die Rücken von Kakashi und Neji gerichtet. „Sei ehrlich zu ihm, was deine Gefühle angeht. Damit meine ich jedoch nicht nur die positiven, sondern ganz besonders auch die negativen. Wenn er dich fragt, was dich bedrückt, sag es ihm offen. Verheimliche es ihm nicht.“
 

„Ja, Naruto-kun, mich bedrückt etwas“, sagte sie hastig, ehe sie es sich anders überlegen konnte. Sie starrte über seine Schulter hinweg, obwohl sie spürte, dass er ihren Blick einzufangen versuchte.

„Egal, auf welche Weise er dich beleidigt hat, es stimmt nicht“, versicherte er ihr und ließ sich neben ihr auf die Bank gleiten, eine Hand immer noch an ihrem Oberarm.

„Du bedrückst mich“, ergänze sie ihre Worte.

„Ich?“, wiederholte Naruto ungläubig.

„Ich habe dir versprochen, darauf zu warten, dass du meine Liebe aufrichtig erwiderst. Doch das war zu optimistisch gedacht…“, murmelte sie.

Er ließ seine Hand langsam sinken. In ihm zog sich etwas zusammen.

„Verstehe. Ich weiß ja, dass du dich offensichtlich in jemand anderen verliebt hast“, antwortete er tonlos. „Du brauchst kein schlechtes Gewissen deswegen zu haben.“

Hinata holte tief Luft und schüttelte den Kopf.

„Ich meine damit, dass es zu optimistisch von mir gedacht war, dass ich das durchhalte, ohne dass es mir… weh tut. Dir gleichzeitig so nah und so fern zu sein, ist beinahe schlimmer, als einen endgültigen Korb von dir zu bekommen. Deswegen bitte ich dich um eine Entscheidung. Entschuldige bitte mein Drängen.“

Ihre Stimme brach bei den letzten Worten, als sie einen Mut vorspielte, den sie in Wirklichkeit gar nicht besaß.

„Moment mal. Ich blicke jetzt überhaupt nicht mehr durch. Ich dachte, du bist mit diesem komischen Typen zusammen?“, erkundigte Naruto sich verwirrt.

„Neji ist mein Cousin“, erklärte sie endlich.
 

Plötzlich schlug sich der Begriffsstutzige gegen den Kopf.

„Dein Cousin. Verdammt. Und ich mache hier so einen Aufstand…“

Nun hielt es Hinata nicht mehr aus, denjenigen, den sie liebte, nicht betrachten zu können. Sie wandte ihm ihr Gesicht zu und hielt seine Hand fest, mit der er sich erneut malträtieren wollte.

„Du kannst nichts dafür, Naruto-kun! Das war bloß ein Missverständnis, bei dem niemand zu Schaden gekommen ist.“

„Beinahe wäre jemand zu Schaden gekommen.“, sagte er dumpf.

Jetzt war Hinata damit dran, einen überraschten Gesichtsausdruck zur Schau zu tragen. Ehe sie jedoch eine Frage formulieren konnte, sprach er bereits weiter:

„Beinahe wäre mir viel zu spät klargeworden, was du mir bedeutest. Und wie sehr ich bereits in dich verliebt bin. Wäre ich nicht so eifersüchtig geworden, hätte ich wohl nie kapiert, was ich empfinde.“

Hinata klappte der Mund auf und die für sie typische Röte färbte ihre Wangen.

„Naruto-kun…“, stammelte sie.

„Du möchtest, dass ich mich entscheide? Sehr gut.“

Ehe sie sich ihm entziehen konnte, nahm er ihr erhitztes Gesicht in beide Hände und verschloss ihre Lippen mit einem ungestümen Kuss.

Anfang und Ende

Der Winter zog ins Land und löste in einem fließenden Übergang den regnerischen Herbst ab.

Drei Wochen waren seit ihrem Ausflug zu den heißen Quellen vergangen und der Alltag begann sich bei ihnen einzupendeln.

Die einzige Ausnahme bildete Hinata, die sich immer noch nicht daran gewöhnt hatte, am Ziel ihrer Träume angekommen zu sein.

Dementsprechend schwebte sie ein paar Zentimeter über dem schmutzigen Bürgersteig, wenn sie gemeinsam mit Naruto unterwegs war, wobei ihr noch nicht einmal die klirrende Kälte etwas ausmachte. Schnee fiel glücklicherweise noch keiner, denn diesen weißen Niederschlag konnte sie nicht ausstehen. Allerdings sah es nicht so aus, als würde er noch lange auf sich warten lassen.

Auch die versteckten Spitzen ihres Vaters hinsichtlich ihrer geringen körperlichen Kraft im Vergleich zu ihrer Schwester konnte sie geflissentlich überhören. Mit Naruto an ihrer Seite gab es nichts, was sie ängstigte.

Unwillkürlich drückte sie Narutos Hand mit ihrer eigenen, die in einem weinroten Handschuh steckte, während sie auf dem Weg zum Kino waren, wo sie sich gemeinsam mit Ino und Sai einen Film ansehen wollten.
 

„Es tut mir leid.“

Hotaru leistete Utakata Gesellschaft, während er die Winterreifen an seinem Auto montierte.

Sie verbarg die untere Hälfte ihres Gesichts in ihrem Schal, den ihre Tante für sie gestrickt hatte, und schloss die Augen. Sie wusste nicht, weshalb sie sich ausgerechnet jetzt entschuldigte, schließlich konnte er sie gerade sowieso nicht hören.

Die plötzliche Stille ließ sie die Augen wieder öffnen.

Utakata hatte aufgehört zu schrauben und starrte sie an.

„Was tut dir leid?“, fragte er und blies seinen Atem in seine steif gefrorenen Hände, um sie ein wenig aufzuwärmen.

Hotaru schob ihren Schal noch höher, sodass sie kaum zu verstehen war.

„Dass ich dich damals auf unseren Ausflug mitgeschleppt habe. Das war egoistisch von mir.“

Langsam kam Utakata auf sie zu, den Schraubenschlüssel achtlos in die Hosentasche gesteckt.

„Wie kommst du darauf, dass du dich für so etwas entschuldigen musst?“, meinte er verwundert.

„Weil es dir nicht gefallen hat“, erklärte Hotaru nach kurzem Zögern. Ihre Augen glänzten, als sie seinen Blick erwiderte.

„Ich gebe ja zu, dass es mir am Anfang unangenehm war, mit so vielen Leuten zusammen zu sein, aber das heißt nicht, dass das bis zum Schluss so geblieben ist“, antwortete er, nachdem es in seinem Kopf fieberhaft gearbeitet hatte, worauf sie nun hinauswollte.

„Du musst das nicht sagen, um mir mein Gewissen zu erleichtern“, wehrte sie ab und richtete den Blick in den Himmel, der Niederschlag entweder in Form von Regen oder von Schnee ankündigte. Auch das noch.

„Ich sage das nicht aus Rücksicht“, behauptete er und schielte auf sein Auto, als wäre es viel leichter mit der Technik eines Autos umzugehen als mit den Gefühlen einer Frau.

„Natürlich“, stimmte sie zu, aber sogar er konnte heraushören, dass sie ihm nicht glaubte.

„Hotaru…“, begann er, verharrte aber in seiner Position. Sie genoss es jedes Mal, ihren Namen aus seinem Mund zu hören.

„Ich habe mich etwas länger mit Sai unterhalten, der es ebenfalls nicht gewöhnt ist, von so vielen umgeben zu sein. Der Unterschied besteht darin, dass er sich auf die Herausforderung freute. Nachdem er mir seine Gründe dafür erklärt hat, kann ich seinen Standpunkt irgendwie nachvollziehen. Ich muss eben ein wenig gescheucht werden, bevor ich mich entwickele“, erzählte er ihr und breitete die Arme aus, als wolle er umarmen. Als sie nicht reagierte, gab er sich einen Ruck und umschlang tatsächlich ihren Körper, der von einer dicken Jacke vor den niedrigen Temperaturen bewahrt wurde. Erschöpft legte sie ihren Kopf auf seiner Schulter ab.

„Sai erzählte mir auch, dass ich dich einmal fragen sollte, was du dir wünschst. Von mir“, sagte er plötzlich. Zum Glück konnte sie nicht sehen, wie verlegen ihn das machte.

„Was ich mir wünsche?“, echote seine Freundin, als höre sie nicht richtig. Sie spürte sein Nicken, als er ihren Scheitel mit seinem Kinn berührte.

Nach kurzem Überlegen fasste sie sich ein Herz. Wenn Hinata es schaffte, offen zu ihren Gefühlen zu stehen, musste auch sie dazu in der Lage sein.

„Ich möchte mehr mit dir über Belanglosigkeiten reden. Mehr mit dir ausgehen. Dich öfter berühren. Und vor allem möchte ich, dass du mir sagst, was du denkst… auch über mich“, gestand sie stockend und vergrub das Gesicht noch tiefer in dem Stoff seiner Kleidung. „Ich möchte mich so fühlen, als wären wir wirklich ein Paar“, fügte sie gepresst hinzu.
 

Utakatas erster Impuls war es, sich zurückzuziehen angesichts der Anforderungen, die in einer Beziehung an ihn gestellt wurden. Doch dann erinnerte sich, wie viel heller ihm sein Leben erschien, seitdem sie und ihre Sichtweise auf Dinge hineingetreten waren, und er riss sich zusammen.

„Okay“, erklärte er sich einverstanden und beschloss, dass es nicht schlimmer werden konnte, wenn er etwas davon gleich in die Tat umsetzte.

„Ich liebe dich“, sagte er deshalb leise und küsste sie auf die Stirn, die gerade noch an seiner Schulter hervorlugte.
 

„Kakashi, was empfindest du eigentlich für mich?“

„Was hast du gesagt?“

Kakashi hob den Blick von dem Dokument, das er für Tsunade ausfüllen musste.

Mei hing bereits seit einer halben Stunde in seinem Büro herum und wippte auf dem Besucherstuhl hin und her, während sie in einer Modezeitschrift blätterte.

„Du wirst rot, wenn ich dich anfasse“, fing sie an, ungerührt die Fakten aufzuzählen. „Du suchst meine Nähe. Wir haben bereits rumgeknutscht, sind aber noch nicht weiter gegangen. Wir waren zusammen auf einem Ausflug. Da frage ich mich schon, was daraus entstehen soll.“

Kakashi nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas, das Mei ihm mitgebracht hatte, und verschluckte sich prompt.

„Das fragst du so offen?“, erkundigte sich Kakashi und räusperte sich vernehmlich. „Du bist wirklich unverblümter als jede andere Person, die ich kenne.“

„Nein, die anderen sind bloß verklemmt“, konterte sie und warf ihre Zeitschrift auf seinen Tisch. Nachdem sie durch die Luft geflattert war, blieb sie auf der Doppelseite mit den Horoskopen offen liegen.

Kakashi überflog den Text und bemerkte, dass der Abschnitt, der das Sternzeichen der Waage betraf, eingekreist war.

„Du glaubst an sowas?“, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Nö, aber es schadet ja nicht, den ein oder anderen Anstoß daraus mitzunehmen“, gab Mei schulterzuckend zurück.

„Wie zum Beispiel offensiv an Aufgaben heranzugehen?“, schlug der Professor immer noch zweifelnd vor.

„Ganz genau.“

Unvermittelt überbrückte sie den Abstand zwischen ihnen, indem sie sich über den Schreibtisch beugte und nach seiner Krawatte griff, die er heute anlässlich eines Hochschulbanketts in den Abendstunden angelegt hatte.

„Und die hier stört mich dabei“, sagt sie grinsend, als sie seine Maske herunterzog.
 

Es war schon spät, als Kakashi mit gelockerter Krawatte das Restaurant verließ, in dem er sich mit Professoren von anderen Universitäten getroffen hatte, die ebenfalls in seinem Fach bewandert waren. Aus dem Schatten des Gebäudes trat Mei in ihrem dunkelblauen Mantel und den dazu passenden Schuhen hervor, doch er erschreckte sich nicht. Er hatte sich schon gedacht, dass sie auf ihn warten würde.

„Ich denke, ich habe mich in dich verliebt“, sagte er. Sein Atem roch nach Wein.

„Bist du betrunken?“, fragte sie misstrauisch und hakte ihn unter.

„Meinst du, ich sage so etwas nur, wenn ich zu viel Alkohol intus habe?“, reagiert er gespielt beleidigt.

„Nein, nein. Ich freue mich“, beeilte sie sich zu korrigieren und lachte glücklich.

Gemeinsam, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, spazierten sie zu ihm nach Hause.
 

„Schau mal!“

Aufgeregt presste Sakura ihre Nase gegen die Fensterscheibe in Sasukes Wohnzimmer, als die ersten Flocken auf die Erde herabsegelten.

„Ich liebe Schnee!“, rief sie so enthusiastisch, dass ihr gar nicht auffiel, wie viele Abdrücke sie am Glas hinterließ.

Sasuke trat hinter sie. Obwohl es wenig gab, wofür er sich leicht begeisterte, steckte ihn die Aufregung seiner Freundin an.

Er stütze beide Arme neben ihrem Körper an der Fensterbank ab und lehnte sich an ihr vorbei, um ebenfalls hinausschauen zu können.
 

„Ist das da unten nicht eine von denen, die immer mit dir rumhängen? Und der andere war doch auch mit in diesem Badehaus“, dachte Sasuke laut, während er hinunter zum Bürgersteig auf der anderen Seite spähte.

Widerwillig löste Sakura sich vom Anblick des weißen Himmels und sah nach unten.

„Tenten!“, rief sie überrascht. „Und das ist doch Neji, der sie da begleitet!“

„Ach stimmt, Neji hießt er. Er ist Hinatas Cousin, oder?“

Sakura achtete gar nicht auf ihn, sie war zu sehr damit beschäftigt zu entschlüsseln, wann genau Tenten begonnen hatte, mit diesem Typen anzubandeln. Sie hatte überhaupt nichts erzählt! Undeutlich erinnerte sie sich daran, dass Tenten diejenige war, die Hinata und Naruto ihre Privatsphäre ermöglichen sollte. Hatte es zu dem Zeitpunkt etwa begonnen, als sie mit Neji allein gewesen war?
 

„Ich bin eine schlechte Freundin“, folgerte Sakura bekümmert aus ihrem Wissen.

„Danach hätte ich fragen müssen. Ich bekomme überhaupt nichts mit.“

„Also ich könnte mir keine bessere Freundin vorstellen“, raunte er in ihr Ohr.

„Lass das, das kitzelt.“, murmelte sie, während er mit den Fingerspitzen über ihren Hals strich.

„Dein klopfendes Herz spricht aber eine andere Sprache.“

Er ließ seine Hand in den V-Ausschnitt ihres Pullovers wandern. Im selben Moment spürte Sakura etwas Kaltes auf ihrer Haut. Ein leises Klicken ertönte.

„Was…“

In der Spiegelung der Scheibe sah Sakura etwas glitzern.

Ein rund geschliffener Edelstein baumelte an den Gliedern einer filigranen Kette.

Staunend schloss sie ihre Hand um den Anhänger, während Sasuke ihr sanft durch die Haare fuhr.

„Gefällt sie dir?“

„Aber… natürlich! Sie ist wunderschön!“

Tränen der Freude stiegen ihr in die Augen, doch Sasuke ließ nicht zu, dass sie ihre Mundwinkel erreichten. Er drückte sie so fest an sich, dass ihre Schluchzer an seiner Brust kaum zu hören zu waren.

„Shhh… Ist ja gut“, tröstete Sasuke sie.

„Ich bin nicht traurig, ich bin glücklich“, berichtigte Sakura seinen Eindruck und lächelte.
 

Lange standen sie noch eng umschlungen am Fenster und sahen zu, wie die Umgebung langsam unter einer reinen, weißen Schicht verschwand. Es ähnelte der Veränderung, die ihre Beziehung auf ihr Leben hatte.

In einem kurzen Moment waren sich die fünf Paare und Tenten und Neji, zwischen denen gerade erst etwas zu erblühen begann, auch geistig sehr nahe. Sie teilten denselben Gedanken.

Ich bin so froh, dich kennengelernt zu haben.



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Kommentare zu dieser Fanfic (85)
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Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  PrinzessinSerena
2014-06-19T10:41:52+00:00 19.06.2014 12:41
Nein!!! Bitte mach ne Fortsetzung oder sonst was... Es darf nur nicht aufhören T.T
Von:  fahnm
2014-02-27T23:23:04+00:00 28.02.2014 00:23
Spitzen Kapitel.^^
Von: abgemeldet
2014-02-27T15:06:47+00:00 27.02.2014 16:06
Tolles Kapitel!
Von:  Kaninchensklave
2014-02-26T18:38:35+00:00 26.02.2014 19:38
EIn Tolles Kapi

Tja HInata shceint ja eindeutig keine schmutzigen Schuhsohlen mehr bekommen zu können wenn sie regelrecht vor glück schwebt sie muss sich nur vor seinen Elter vorsehen besonders vor Kushina wer weiss ob sie dann nicht in den unendlichen Sumpf des Shoppings und der Hochzeitsplanung rein gezogen wird xD

was doch schon ist TenTen schein auf was mit Neji am laufen zu haben und Sasuke hat Sakura ne schöne Kette geschenkt

Hotaru schein auf mit Ihrem Shcatz glcük zu ahben da sich dieser sich IHr immer weiter öffnen möchte und das Licht in seinem Leben wohl nicht mehr her geben möchte

GVLG
Von:  narutofa
2014-02-26T15:56:27+00:00 26.02.2014 16:56
das war ein sehr gutes kapitel. ich hatte spaß es zu lesen.
das ist schön das es mit dem beiden geklappt hat. naruto und hinata gehören einfach zusammen. naruto hat einfach eine sehr lange leitung. ich bin gespannt was noch so kommt. mach weiter so
Von:  Kaninchensklave
2014-02-26T10:11:12+00:00 26.02.2014 11:11
Ein Tolles Kap

na da shat ja Super geklappt Naruto ist hochgradig eifersüchtig auf Neji gewesen und das Grundlos
aber vorallem dadurch aht er es geschanllt wie sehr er doch HInata liebt und Neji hääte dann nciht mal gewusst was IHm getroffen hätte wenn Anruto wie en D Zug über Ihn drüber gefahren wäre

aber so hat Hinata Ihre Antwort bekommen und könnte nicht glücklicher sein
denn den Kuss lässt sie sich nicht nehmen und Ihrem selbst bewusst sein kann naruto nur gut tun xD

GVLG
Von:  fahnm
2014-02-26T00:09:51+00:00 26.02.2014 01:09
Spitzen Story.^^

Na da bin ich mal gespannt wie es weiter gehen wird.^^
Von:  kikotoshiyama
2014-02-24T19:37:03+00:00 24.02.2014 20:37
Mal wieder ein klasse Kap^^
Was an diesem Tag wohl noch alles passiert?
Und wie wird Neji auf genommen?
lg kiko
Von: abgemeldet
2014-02-24T15:03:57+00:00 24.02.2014 16:03
Tolles Kapitel!!
Von:  Kaninchensklave
2014-02-24T14:50:04+00:00 24.02.2014 15:50
ein Tolles Kap

Oh man Hiashi ist echt ne Nerfen säge Hinata ist alt genug um auf sich auf zu passen
aber so kommt TenTen in den genuss sich in einen eher stillen und Hyuga zu
Angeln der nur sehr scher gefühle zeigen kann

nun der Plan Naruto eifersüchtig zu machen geht ja zuteil ganz gut auf xD
zumindest hat es Ihm zum nachdenken gebracht alks wenn nicht schon vorher in einem Gefühlschaos gewesen wäre

GVLG


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