Chapter I - Fairy Tale Time
„Es schüttete aus Eimern und bitterkalt. Ich war durchnässt bis auf die Knochen, müde und schon so kaputt, dass ich im Stehen hätte einschlafen können!“, hauchte ein betagter Mann in einem weinroten, zerfledderten Sessel, aus dessen Armlehnen die Füllung quoll.
Hinter ihm prasselte ein klägliches Feuer in einem maroden, schmutzigen Kamin. Der Rauch zog schlecht ab, und ein geisterhafter Dunstschleier schwebte durch die stickige Luft in der Hütte. Es roch nach kalter Asche, verbrannten Scheiten, Tabak und wettergegerbtem Holz. Es war kühl in der Hütte. Zu kühl, und der Junge, der dem alten Greis gegenübersaß, schlang seine Arme fröstelnd um seinen Oberkörper. Der Geruch nach totem Tier war so penetrant, dass der junge Mann glaubte ihn sogar schmecken zu können.
Er weilte auf einem klapprigen Stuhl von dem er befürchten musste, dass dieser jede Sekunde unter seinem Fliegengewicht nachgabt. Draußen vor der Türe rüttelte der Wind zornig an den Fenstern. Die milchigen Scheiben zitterten in ihren morschen Fensterrahmen. Die gesamte Einrichtung der Hütte lag unter einer dicken Staubschicht und kleine Weberak hatten ihre Netze ausgebreitet. Hinten, in der Ecke des rudimentären Deckengebälks, starrten zwei tote Augen auf den Jungen herab. Sie gehörten einem vertrocknetem Vivillon, das sein klebriges Grab in einem der großen Fangnetze gefunden hatte. Seine Flügel hingen zerfressen und kraftlos am Körper herunter. Vermutlich waren sie einmal rosa gewesen, doch der Zahn der Zeit hatte sie ihrer Farbe entrissen.
Jetzt war der Junge sich ziemlich sicher, dass es ein Ariados gewesen war, dass er vorhin über das leckende Dach hatte huschen sehen.
„Wie war dein Name noch mal, Junge?“, krächzte der alte Mann, während er seine zerkratzte Pfeife ausklopfte.
„Calem“, antwortete der Junge gedankenverloren und riss seine Augen von denen des Vivillon zurück zu dem Greis, der ihm gerade etwas erzählen wollte.
„Ah, richtig. Auf meine alten Tage werd ich schon mal vergesslich. Wo war ich bei meiner Geschichte stehen geblieben?“
„Sie waren müde und nass“, wiederholte Calem höflich.
„Richtig, richtig. Also, es war finsterste Nacht. Der Sturm peitschte über diesen schrecklichen Sumpf und alles, was meine erschöpften Augen zu sehen bekamen, war diese alte Bruchbude hier.“ Theatralisch breitete der Mann seine Arme aus, um deutlich zu machen, welche alte Bruchbude er meinte.
„Ich klopfte an die Tür. Mag ich noch so gefroren und gelitten haben, so war ich mir meiner Manieren dennoch bewusst. Allerdings öffnete mir niemand und ich glaubte, auch nichts hören zu können; bei dem tosenden Wind, der mir um die Ohren pfiff, war das schwer zu sagen.
Mir blieb keine Wahl, ich rüttelte an der Tür und stellte erleichtert fest, dass sie gar nicht abgeschlossen war. Ich fand mich in diesem verstaubten, muffigen Raum wieder, nicht unbedingt ein Traumhaus, aber für eine sturmgebeutelte Nacht sollte es ausreichen. Ich machte mich daran, ein Feuerchen im Kamin zu schüren und meine Kleidung zum Trocknen aufzuhängen.
Gerade, als ich mir die Hose herunterziehen wollte, sah ich eine Silhouette in der Ecke des Zimmers stehen!“
Der Greis machte eine mehr oder weniger eindrucksvolle Pause, riss seine faltigen Augen weit auf und zog mit zusammen gepressten Lippen an seiner Pfeife.
Calem nickte müde, und bedeutete ihm, dass er weiter erzählen solle.
„Jemand … war … da! Wie angewurzelt hielt ich inne und starrte den Schatten in der Ecke der Hütte an! Mein Herz klopfte so laut, das es selbst den tobenden Sturm übertönte. Ein Zittern ergriff meine Glieder, wie ich es noch nie zuvor gespürt habe! Langsam, ganz langsam ging ich auf den in der Ecke stehenden Schemen zu und je näher ich ihm kam, umso mehr erkannte ich von dem, was dort im Dunkeln auf mich lauerte.
Es war ein …“
Er stockte und Calem strich mit seinem Fuß eine Teppichfalte glatt. War der ganze Dreck hier etwa Absicht? Und der Verfall? War es denn nicht gefährlich, Leute in eine baufällige Hütte einzuladen, bei der man den Verdacht hatte, dass einem gleich das Dach auf den Kopf fiele?
Der Mann schaute Calem fragend an. Verlegen lächelnd blickte Calem auf und nickte zustimmend.
„Es war ein … Mann!“, keuchte der Greis.
„Oh nein!“, murmelte Calem mit gespieltem Erstaunen.
„Er brabbelte leise vor sich hin. Ich verstand kein Wort, also trat ich noch etwas näher, obwohl alles in mir schrie davonzulaufen, so schnell mich meine alten Knochen tragen konnten.
Geh weg! schrie der Mann mich an. Ich wollte ihn gerade fragen, ob es ihm gut geht.
Verschwinde, komm nicht näher! Irritiert blieb ich stehen.
Ich hatte ihm doch gar nichts getan und sagte zu ihm, was er denn hätte, und dass ich er sich nicht zu fürchten braucht.
Nicht du! Die toten Kinder! Hinter dir! Ihre Gesichter!!
Ich verstand nicht, was er von mir wollte oder wovon er sprach. Es klang wirr und ohne jeglichen Sinn. Folglich drehte ich mich um und sah mich mehreren Kindern gegenüber und das schlimme daran war …“
Gebieterisch senkte der alte Erzähler seine Stimme und als Calem begriff, dass der Greis eine Reaktion von ihm erwartete, beugte er sich halb gespannt nach vorn und zog die Augenbrauen hoch.
„Das schlimme war, dass sie keine Gesichter hatten. Flach waren sie, keine Augen, keine Nasen, keine Münder – nichts. Ich schrie!“
Calem fiel vor Schreck fast von seinem Stuhl, als der alte Mann urplötzlich die Stimme hob, so laut und dröhnend, dass es unangenehm in Calems Ohren klingelte und er sich die Ohrmuschel rieb.
„Ich schrie wie am Spieß! Ich rannte zur Tür, nur mit Hose und Schuhen am Leib und stürzte aus der Hütte. Gott sei Dank fand mich eine nette Frau im Sumpf und brachte mich zur nächsten Stadt.“
„Laverre City“, unterbrach Calem seinen Erzähler aufgeregt.
Argwöhnisch funkelte der Mann ihn an. Scheinbar mochte er es nicht, wenn man seinen Monolog unterbrach, Calem hob entschuldigend die Hände.
„Den Mann habe ich nie wieder gesehen, als ich zu diesem Ort zurückkehrte. Auch die Kinder sind bis jetzt nicht wieder aufgetaucht, aber wer weiß …“, tuschelte er verschlagen und zwinkerte Calem zu. „Es heißt, ihre ruhelosen Seelen sollen sich in Kürbissen und Baumstümpfen verkrochen haben, um des Nachts die Wanderer in diesem Sumpf in die Irre zu führen.“
Der Greis klatschte in die Hände und lächelte breit. Ihm fehlten bereits einige Zähne und die, die noch da waren, schimmerten gelblich im matten Schein des Feuers.
„Das ist die Gruselgeschichte, die ich dir versprochen habe zu erzählen.“
Calem seufzte leise. Was für eine Geschichte und dafür hatte er doch tatsächlich 50 PokéDoller springen lassen. Aber wenigstens hörte es jetzt auf zu regnen.
Der Mann stand stöhnend auf, rieb sich sein Kreuz und machte sich daran, das jämmerliche Feuer im Kamin zu löschen. Zischend versiegten die Flammen unter dem schlammbraunen Wasser, welches er darüber kippte. Beißender Rauch quoll in den Raum. Offensichtlich funktionierte der Abzug des Kamins nur dürftig.
„Vielen Dank, Mister“, sagte Calem und wandte sich der Tür zu.
Seine Hand lag schon auf der verrosteten Klinke, als der Greis ihn zurückrief: „Man kann sich wirklich schlimm im Sumpf verlaufen, mein Junge. Ich bringe dich mit Kushina nach Laverre City. Da wolltest du doch hin, oder?“
Calem nickte eifrig. Seine Kleidung war in der Hütte nicht wirklich getrocknet, er fühlte sich klamm und ausgelaugt. Die Schuhe an seinen Füßen waren schwer vom Sumpfwasser und Schlamm. Es schwampfte seltsam, wenn er auftrat. Die Hose hatte Löcher, die ihn spitze Äste gerissen hatten, und war bis oben hin verdreckt und sicherlich nicht mehr sauber zu kriegen.
Kurz und knapp, Calem wollte unbedingt aus seinen Klamotten, sich in ein warmes Bett legen und die Nacht im Traum an sich vorüberziehen lassen.
„Schön, schön. Dann wollen wir mal losgehen“, brummelte der Alte und ließ ein Fennexis aus seinem Pokéball; es ist die letzte Entwicklungsstufe von Fynx, dem Feuerstarter der Kalos-Region.
Fennexis – oder Kushina, wie es wohl offensichtlich hieß – hielt eine Fackel in seiner kräftigen Pfote. Ihr Blick wirkte verschmitzt und dennoch vertrauenerweckend. Calem hatte ein gutes Gefühl dabei, mit dem alten Mann und seinem Fennexis nach Laverre City zu gehen.
„Ah, sag mal Junge … Wie heißt du gleich noch mal?“
Und schon war das gute Gefühl wieder weg.
„Calem“, seufzte der Junge und ließ die Schultern hängen.
Chapter II - Marchland Misery
Laverre Natur Trail, unter diesem Namen ist die Route 14 Richtung Laverre City und Lumiose City bekannt auf der gerade Calem einem tattrigen alten Mann und seinem Fennexis hinterher trottete.
Die letzten Sonnenstrahlen verirrten sich zwischen dem dichten Geäst der Bäume, welche mit buschigen Moos behangen waren, doch dank Kushinas Fackel in ihrer Pfote war für genug Licht gesorgt. Obwohl die Flamme nicht allzu groß wirkte, strahlte sie eine Wärme und Helligkeit aus, die es Calem kaum erwarten ließen, bis sich sein eigenes Rutena zu einem Fennexis weiterentwickelte.
Der Sumpf zog Calem immer wieder in die Tiefe, weshalb Kushina ihn manchmal herausziehen musste. Das schlammige Wasser fand schnell seinen Weg in sämtliche Kleidungsstücke von Calem. Lediglich seine Tasche hatte er einigermaßen unversehrt retten können, allerdings war sie mit Dreck besprenkelt. Calem sah sich bereits eine neue kaufen, was ihm zwar widerstrebte, sich aber wohl nicht vermeiden ließ.
Leises Rufen und Flüstern ließen Calem sich ständig um seine eigene Achse drehen. Schatten huschten zwischen den Baumstämmen oder wanderten still und leise unter der Wasseroberfläche dahin. Es blubberte und zischte, die Äste der Bäume rieben aneinander, Knarren und Ächzen hallte durch die trägen Wälder. Auf Calems Rücken hatte sich eine Gänsehaut gelegt und sich so fest dort verbissen, dass er glaubte, sie für den Rest seines Lebens spüren zu müssen. Ständig stolperten seine erschöpften Füße über Mulden, Schlaglöcher oder Baumwurzeln und ein ums andere Mal fing ihn Kushina geschickt auf. Die Wärme, die ihr Fell verströmte war so verlockend anheimelnd, dass Calem sich am liebsten in Kushinas dichtem Pelz vergraben und geschlafen hätte. Es roch … warm, so seltsam das auch klingen mochte, aber für Calem beschrieb dieses Wort die Beschaffenheit des Fells am besten. Es roch warm, es roch nach Feuer.
Um ihn herum waberte der modrige Geruch von gammeligen Holz, Brackwasser und Pilzen. Erneutes, eindringliches Rufen ließ Calem zusammenzucken und der alte Mann, der neben Kushina hertappte, hielt inne und hob seine Hand.
„Da ist wer“, murmelte er leise.
Calem kam schwankend zum Stehen. „Was ist es!“, flüsterte er seinem Fremdenführer angespannt zu.
„Es ist …“ Der Greis verstummte.
Kushina richtete die zitternde Flamme ihrer Fackel in die Richtung, in die ihr Trainer wies. Aus der flimmernden Dunkelheit schälte sich ein … kleines Paragoni.
Seine blutroten Augen strahlten in der Finsternis der Nacht, aus seinem kleinen Mund drangen klagende Laute und die vereinzelten Blätter an seinem Geäst wackelten nachdrücklich.
„Du bist es also!“, kicherte der alte Mann und trat zu dem kleinem Pflanzen- Geistpokémon, welches fröhlich summend um den Kopf des Greises schwirrte.
„Das … ist also ein Paragoni, richtig?“, fragte Calem leise nach und musterte das wepsige Pokémon etwas genauer.
Der mattschwarze Leib des Pokémon hob sich kaum merklich in der undurchdringlichen Dunkelheit des Sumpfes ab. Durch das Holz, welches Paragonis schmächtigen Kopf einschloss, verschmolz es förmlich mit den knorrigen Bäumen, die sie umgaben.
„Das ist Felix“, erzählte der Greis und sein faltiges Gesicht nahm einen wehmütigen Gesichtsausdruck an.
„Felix? Gehört dieses Pokémon Ihnen?“
Calem war etwas verwirrt. Wenn dieses Paragoni dem alten Mann gehörte, warum war es dann nicht in seinem Pokéball?
„Felix gehört niemanden. Gehörst du denn jemanden?“, fragte der Greis und musterte Calem abschätzig.
„Ich … nein. Ich … Ich denke eher, ich gehöre zu jemanden, aber ich gehöre niemanden wie ein Gegenstand oder ein …“
Calem verstummte, als er ihm bewusst wurde, wie dumm sich das anhörte.
„Ein Pokémon. Sprich es nur aus, mein Junge. Pokémon gehören uns nicht. Sie gehören vielleicht zu uns – wie du schon sagtest – aber sie gehören uns nicht! Es ist vermessen, diesem Glauben zu verfallen und in Einall hatte dieser Irrtum für einen großen Tumult gesorgt, wie du vielleicht weißt.“
Calem nickte verlegen. Jeder kannte die Geschichte von Team Plasma und ihrem geläuterten König, der auf dem Rücken eines Zekroms davonflog, nachdem er den Kampf gegen den jungen Champ der Einall-Region verloren hatte und sich eingestehen musste, dass seine Weltanschauung nicht richtig war.
Eines Tages würde Calem gegen diesen legendären Champ antreten, da war er sich ganz sicher, doch vorerst …
„Aber Felix –“ Der Greis wandte sich wieder dem vergnügten Paragoni zu, „gehört noch nicht einmal zu mir. Ich begegnete ihm zwei Mal. Das erste Mal in Laverre City und das zweite Mal hier. Hör gut zu, ich werd dir jetzt mal was erzählen, mein Junge“, seufzte der Greis und wandte sich schließlich ganz Calem zu.
Seine glänzenden, dunklen Augen blickten ihn fest an.
„Vor vielen Jahren verschwand ein Junge aus Laverre City in diesen dunklen Sümpfen. Wir haben wochenlang nach dem kleinen Kerl gesucht. Vergebens. Er blieb spurlos verschwunden. Eines Tages, ich suchte hier nach Pilzen und nützlichen Kräutern … Ich stieß im Wasser gegen etwas, das sich seltsam anfühlte. Ich griff nach unten und zog –“
Er versummte, seufzte noch einmal tief und schloss kurz seine Augen. „Ich hab ihn gefunden. Felix. Diesen Anblick werde ich nie mehr vergessen können. Als ich so da saß, schockiert und am Ende meiner Nerven, schwebte ein Paragoni über mir und Felix. Es schien traurig, aber auch ein bisschen verwirrt. Ich fragte mich, was das Paragoni denn hatte. Ich wollte es verscheuchen, meine Ruhe haben. Schließlich fand ich heraus, warum es immer wieder zu mir kam.
Immer wenn ich Felix’ Namen rief, kam es heran geflogen und schaute mich aus großen, fragenden Augen an. Felix … Ist noch hier, er ist es, ich weiß es! Aber niemand in Laverre City glaubt mir. Die halten mich für einen alten, verrückten Mann, der gerne Schauergeschichten erzählt.“
Mit hängenden Schultern drehte sich der Mann um.
Calem presste seine Lippen aufeinander und schüttelte bedauernd seinen Kopf; das Leben ist ein seltsames Spiel und mit dem Tod verhält es sich nicht anders, jedoch kennen wir die Spielregeln nicht, wenn wir sterben.
„Der Mythos besagt, dass die Seelen derer Kinder, die in Sümpfen und Wäldern ihr Leben verlieren, in Baumstümpfe fahren und des Nachts umherwandeln. Ich habe diese Geschichte selbst für eine Legende, eine Sage gehalten. Aber manchmal sind die Dinge eben genauso, wie sie sind. Auch wenn uns das nicht gefällt, nicht wahr, Felix?“
Gurrend drehte das kleine Paragoni sich um sich selbst und blickte den Greis erwartungsvoll an.
Stumm starrte Calem das kleine Pokémon an – das war also mal ein kleiner Junge gewesen. Ein kleiner, fröhlicher Junge, der ein Zuhause hatte, eine Familie, Freunde … und jetzt? Jetzt saß seine unschuldige Seele in einem Stück Holz fest, aber es schien nicht unglücklich über diesen Umstand zu sein, ganz und gar nicht.
„Es kommt darauf an, wie man mit dem, was einem widerfährt umgeht“, murmelte der Greis Calem zu, als hätte er seine Gedanken gelesen.
„Jetzt wird es aber Zeit, dass wir nach Laverre City kommen, mein Junge! Und ich sollte dich auch nicht mit so schrecklichen Geschichten wach halten, sonst schläfst du heute ganz furchtbar“, meinte der Alte und lächelte Calem freundlich an, doch die Spuren der Trauer zogen sich deutlich durch seine gefurchten Lippen.
Den Rest des Weges war Calem tief in Gedanken versunken; wie ist das, wenn man plötzlich ein kleines Paragoni ist? Was ist das für ein Gefühl? War Felix sich der Tatsache bewusst, dass er ein Geist ist, ein Wesen zwischen Diesseits und Jenseits? Das wusste vermutlich niemand und Felix würde es keinem erzählen können. Dennoch, Calem wüsste nur zu gern …
„Wir sind da“, unterbrach sein Fremdenführer seinen Gedankengang.
Calem blickte verklärt auf. Vor ihm lag ein verschlafenes Städtchen, dessen Häuser aus kleinen Holzhütten bestanden auf deren Dächern grünes, feucht schimmerndes Moos wuchs. Hier roch es nach Wald, nassem Gras, aufgewühlte Erde, und der herbe Duft von Pilzen zog in Calems Nase und haftete sogar an seinem Gaumen. Aus den kleinen Fenstern der Hütten drang flackerndes Kerzenlicht und zwischen den Häusern standen dicke, knorrige Bäume an deren kräftigen Wurzeln viele verschiedene Pilze wucherten. Ihre bunten Kappen bildeten einen grellen Kontrast zu den schlichten Hütten und den aschbraunen Trampelpfaden, welche sich durch das Städtchen zogen.
Es nieselte leicht und zwei Lichtpunkte huschten über einen der Pfade, schwebten hoch hinauf zwischen die Äste eines Baumes und schienen Calem zu beobachten.
Was war das?
„Ich wünsch dir eine gute Nacht, mein Junge. Es war schön, dich kennen zulernen, viel Glück noch auf deiner Reise, Ca … Ca …“
„Calem“, murmelte er abwesend.
„Mein Name ist Calem.“
„Richtig, richtig …“
Eine warme Pfote legte sich sanft auf Calems Schulter. Als Calem seinen Blick von den leuchtenden Lichtern abwandte und neben sich schaute, sah er direkt in Kushinas freundliches Gesicht.
„Weißt du, was das da oben ist?“, flüsterte Calem ihr verschwörerisch zu.
Seine Augen weiteten sich vor Überraschung, als Kushina ebenso verschwörerisch nickte und ihm zuzwinkerte.
Chapter III - Sister Act
Am nächsten Morgen war Calem früh auf den Beinen. Er hatte noch einiges vor; die Arenaleiterin Valerie besiegen und weiter nach Dendmille Town ziehen.
Er genehmigte sich und seinen Pokémon noch ein ausgiebiges Frühstück im Poké-Center, dann machte er sich auf die Suche nach der Arena. Besonders lange hatte die Suche nicht gedauert, denn die Arena von Laverre City befand sich im Herzen eines riesigen Baumes, dessen Alter auf 1.300 Jahre geschätzt wurde und so sah er auch aus.
Die Rinde hatte Spalten, so groß, dass Calems gesamte Hand hineinpasste. Sie wirkte alt und brüchig, doch als er darüber strich, fühlte sie sich fest und hart an. Überall brachen aus der rauen Haut des Baumes große, glänzende Fliegenpilze, selbst dort, wo das Blattwerk des Baumes schon begann, reckten sie ihre Köpfe aus ihrem Wirt.
Calem klappte vor Staunen die Kinnlade hinunter, als er vor diesem mächtigen Wunderwerk der Natur stand. Noch nie hatte er einen solch riesigen Baum gesehen und trotz seines gewaltigen Umfangs und seiner schieren Höhe, waren die Blätter nicht größer, als bei anderen Bäumen.
Am faszinierendsten war die Häuserfassade, die in den Baum eingearbeitet war. Es erinnerte Calem unwillkürlich an eine Kuckucksuhr und passend zu diesem Gedanken, hing tatsächlich eine große, schlichte Uhr an der Rinde, direkt über dem Dach. Calems Herz klopfte aufgeregt in seiner Brust, als er die Holztür der Arena aufstieß und in den warmen Bauch des Baumes trat
-- ♫ --
Als Calem wieder den Weg aus der Arena – beziehungsweise dem Baum – gefunden hatte, war es bereits dunkel. Er hatte den Sonnenuntergang nur knapp verpasst.
Die kalte Herbstnacht streckte ihre Fänge nach Laverre City aus, fröstelnd zog Calem sich seine Jacke wieder über, die er in der Arena ausgezogen hatte; die Wärme des Baumes war einfach unglaublich.
Den ganzen Tag war er damit beschäftigt gewesen, in den vielen bunten Zimmern, die sich im Innern des Baumes befanden, andere Trainer zu besiegen, seine Pokémon wieder aufzupäppeln und schlussendlich – in einem Nerven aufreibenden Kampf – gegen die Arenaleiterin Valerie zu siegen. Calems Pokémon waren völlig erschöpft und auch Calem selbst. Der Kampf hatte lange gedauert, viel zu lange, und die Anspannung saß ihm immer noch hart in den Knochen.
Der kalte Wind zischte über den Pfad, der sich vor seinen Füßen ausbreitete. Ein Trällern und Pfeifen drang an Calems Ohren, fragend hob er den Kopf. Hoch oben, zwischen den mächtigen Ästen des Baumes schwirrten kleine Irrbis’. Aus den Augen, die in ihre mandarinfarbenen Kürbissbäuche geschnitzt waren, glühte warmes Licht. Das Trällern und Rufen drang aus ihren kleinen, spitz zahnigen Mäulern.
Calem blinzelte verträumt. All diese vielen, glühenden Augen, welche zwischen den Blättern und Ästen des Baumes umher huschten, all diese schwirrenden Kürbisse, die sich im Blätterdach pudelwohl zu fühlten schienen; erinnerte Calem an eine Geschichte, bei dem ein Baum behängt mit Kürbissen eine Rolle spielte.
„Sie komme jede Nacht hierher. Da heute Halloween ist, ist es wohl für dich ein sehr passender Anblick.“
Calem zuckte heftig zusammen und drehte sich hastig um. Hinter ihm stand die Arenaleiterin Valerie in ihrem farbenprächtigen Gewand. Ihre Augen, große dunkle Seen, waren nach oben gerichtet und schauten den Irrbis’ bei ihrem leuchtenden Tanz zu. Auch jetzt vermochte Calem nicht zu sagen, was Valerie wirklich dachte. In ihren verklärten Augen könnte Calem versinken, will es aber nicht, weil es sich anfühlt, als würde er ertrinken.
An Valeries Seite schmiegte sich ihr Feelinara, dessen Aufmerksamkeit mehr bei ihrer Trainerin, als bei den Irrbis’ lag. Valeries Blick richtete sich wieder auf Calem und ein leichtes Schaudern kroch über seinen Rücken, jedoch legte er ein mattes Lächeln auf, um sein Unbehagen zu verbergen.
„Halloween wird hier ganz besonders gern gefeiert, nicht nur von uns. Ich gratuliere dir noch einmal für deinen Sieg, du warst ein harter Gegner. Ich bin dir nachgekommen, weil –“ Plötzlich schwebte etwas vor ihrem zarten Gesicht.
Calem stolperte erschrocken rückwärts. Das Feelinara fauchte laut, während Calem auf dem Hosenboden landete, kurz darauf erschallte Valeries glockenhelles Lachen und Calem erkannte, was ihm den Boden unter den Füßen weg gezogen hatte.
Es war ein kleines Irrbis, ein wirklich sehr kleines und es sah auch anders aus … irgendwie. Sein Bauch war nicht orange, wie bei den anderen, sondern violette und aus den Augen strömte nicht das warme Glühen, sondern ein grelles, grünes Glimmen. Der Kopf war nachtschwarz, kein bräunliches schwarz, wie bei den Irrbis’, die Calem bis jetzt gesehen hatte.
„Bakecho! Schön, dich wieder zusehen“, flötete Valerie und schloss das Irrbis in ihre schlanken Arme, die unter den langen Ärmeln ihrer farbenfrohen Tracht verborgen lagen.
„Trick or treat!“, kicherte eine hohe Stimme und als Calem seinen Blick senkte, sah er ein kleines, blondes Mädchen neben Valeries Feelinara sitzen und diesem das weiche, weißrosa Fell streicheln.
„Komm rein, dann bekommst du was. Dein Irrbis sieht sehr gut aus, du trainierst wohl fleißig“, sagte Valerie mit sanfter Stimme zu dem kleinen Mädchen, das Calem auf etwa acht bis zehn Jahre schätzte.
Auf dem Gesicht des Mädchens namens Alice machte sich ein freudiges Grinsen breit und ihre ozeanblauen Augen funkelten aufgeregt. Dann erblickte sie Calem und zog ihre Stirn in Falten. „Ein Herausforderer?“, fragte sie neugierig, kam zu Calem hinüber und zupfte an seiner Jacke.
Unsicher lächelte Calem sie an.
„Nicht mehr“, antwortete Valerie.
„Aha. Er hat verloren.“
Calem zog einen Flunsch; was heißt denn hier verloren?!
„Nein, hat er nicht.“ Valerie lachte laut auf, als sie das sagte und knuffte Alice sachte die Schulter, verwirrt drehte die Kleine sich zu ihr um.
„Du hast verloren?!“
„So was kommt vor. Ich bin Arenaleiterin und nicht zu unterschätzen, aber ich bin nicht unbesiegbar“, erklärte Valerie, während ihre Finger unter dem langen Ärmel hervorlugten, um durch Alice’ goldblondes Haar zu streichen.
„Dann muss ich ihn Azalea zeigen! Komm mit, du!“, rief Alice völlig aus dem Häuschen, hüpfte zu Calem hinüber und griff nach seiner Hand.
Erstaunt ließ Calem sich von ihr hinter sich herziehen und schaute Hilfe suchend zu Valerie hinüber. Auf ihrem weichen Gesicht lag ein amüsiertes Lächeln und ihre dunklen Augen schimmerten schelmisch.
„Ich möchte, dass du Alice und ihre Schwester kennen lernst. Die beiden sind gute Freund von mir und jeder, der mich besiegt hat, muss sich bei ihnen vorstellen. Das ist Tradition. Wir sehen uns morgen, Calem.“
Und mit diesen Worten verschwand die Arenaleiterin mit ihrem Feelinara durch die Tür ins Innere des Baumes und Calem hatte vorerst keine andere Wahl, als sich von Alice durch die Stadt zerren zu lassen. Dank dem Irrbis, das zwitschernd um seinen Kopf schwirrte, verlor er schon nach wenigen Metern komplett die Orientierung.
„Halloween ist mein absolutes Lieblingsfest! Meine Schwester Azalea und ich haben heute nämlich Geburtstag!“, plapperte Alice fröhlich, während sie Calem weiter durch die Stadt zog wie einen ungehorsamen Hund an der Leine.
„Herzlichen Glückwunsch“, presste Calem heraus.
Er musste sich ganz schön zusammenreißen, nicht nach dem Irrbis auszuschlagen, das wie verrückt um ihn herumsauste.
Holzhütten und verdrehte Bäume, bunten Pilze und viele Kinder in schaurigen Kostümen zogen an Calem vorbei. Seine Augen und Ohren wurden mit Reizen überflutet und die Bilder schienen ineinander zu greifen, als säße Calem auf einem Karussell. Seine Versuche, etwas langsamer zu gehen, wurden von Alice’ ungeduldiger Führung immer wieder zu Nichte gemacht.
„Azalea wirst du gefallen. Alle Trainer, die Valerie bis jetzt besiegt haben, haben ihr gefallen. Halloween ist auch ihr Lieblingsfest, weil dann die Geister vom Jenseits für eine Nacht ins Diesseits wechseln. Sie singt dann die ganze Nacht lustige Lieder und geht mit mir auf Trick-or-Treat-Tour. Das ist übrigens Bakecho!“
Alice zeigte kurz über ihre Schulter auf das violette Irrbis, welches Calem schon zur Genüge kennengelernt hat. „Eigentlich heißt er anders, aber Mutter kriegt einen Anfall, wenn wir ihn so nennen. Sie will das einfach nicht hören und seit sie Dinge sieht, die gar nicht da sind und Sachen hört, die keiner gesagt hat, ist es besonders schlimm.
Azalea glaubt, dass sie Mutter diese Nacht heilen kann. Sie hat irgendwas in einem Buch gefunden; ich weiß nicht genau, sie tut wieder so geheimnisvoll.“
Calem schaltete ein wenig ab und ließ sich widerstandslos von Alice weiter hierhin und dorthin zerren. Alice redete und redete und redete. Sie erzählte von Halloween der letzten Jahre, von Geistern, Geisterbeschwörungen, irgendeinem Zaubertrank, mit dem Azalea angeblich ein totes Zigzachs für wenige Minuten zum Leben erweckt hat („Schön ausgesehen hat es aber nicht!“), großen Bäumen, die sich bewegten und Kinder entführten, von blutsaugenden Zubat und angeblichen Zombiepokémon.
„Da sind wir.“
Calem blickte müde auf. Es war bereits finsterste Nacht und überall huschten fröhliche Kinder in ihren Kostümen herum. Schon zweimal hatten sie versucht, aus Calem nicht vorhandene Süßigkeiten herauszukitzeln. Ein Kind hatte ihm sogar gegen das Schienbein getreten, als Calem ihm gereizt klar machte, dass er weder Bonbons, noch Lutscher und schon gar keine Schokolade mit sich spazieren führte.
Vor ihm lag eine kleine, eingesunkene Hütte. Aus den zerknautschten Fenstern, welche mit dichtem Efeu überwuchert waren, drang unruhiges Flackern. Vermutlich brannten in der Hütte Kerzen. Hin und wieder bewegte sich ein Schatten vor dem Fenster.
Alice zog Calem an dem maroden Zaun vorbei, der den verwilderten Garten andeutete, über gesprungene Wegplatten hinüber zur Haustür, die verzogen im Türrahmen saß und so aussah, als würde sie gleich auf die Eingangsstufen krachen.
Alice klopfte laut und fest dreimal gegen die Tür und wartete ungeduldig darauf, dass sie sich öffnete oder auffiel, je nach dem, was zuerst eintrat. Eine ganze Weile geschah nichts, während dieser Zeit sah Calem sich neugierig um. Der Garten war ein einziges Wirrwarr aus Unkraut, Kräutern und Blumen, die Calem noch nie gesehen hatte. Zwischen den bunten Blumen sprossen noch seltsamere Pilze, deren Kappen von kaminrot mit eitergelben Schlieren bis hin zu pechschwarz und marmorweiß mit tiefblauen Sprenkeln reichte.
„Das ist Azaleas Garten. Sie kümmert sich allein darum. Fass lieber nichts an, sie sagt, von manchen Zeugs, dass hier so wächst, bekommt man Wahnvorstellung und ein paar von den Pilzen bringen einen angeblich um“, erklärte Alice großzügig, als Calem sich über eine kleine Blume beugte, deren ausgefranste, blassrosa Blütenblätter einen Stempel umgaben, der aussah wie ein kleiner, stachliger Kaktus.
„Gut zu wissen“, murmelte Calem und schob seine freie Hand in seine Jackentasche, die andere war immer noch ein Gefangener von Alice’ eisernem Griff.
Knarrend schwang die Tür ruckelnd auf und das trübe Kerzenlicht strömte nach draußen, doch in der Tür selbst stand niemand. Fragend schaute Calem auf Alice herab, doch sie schenkte dem Spektakel keinerlei Beachtung und zerrte Calem in die Hütte.
Ein betäubender Geruch von Weihrauch, starkem Tee, süßen Gewürzen und verbrannten Kräutern, jagte ihm unvorbereitet in die Nase. Bevor Calem sich zurückhalten konnte, drückte er sich seinen Jackenärmel gegen sein Gesicht, während ihm Tränen in die Augen stiegen.
„Daran gewöhnst du dich gleich. Azalea probiert wohl gerade was aus“, meinte Alice mit kindlich, verständnisvoller Stimme und streichelte über Calems Arm.
Die Garderobe lag in tiefen Schatten. Calem erkannte nur wenige, abgetragene Kleidungsstücke und zerlaufene Schuhe, die auf dem Boden verstreut lagen. An manchen löste sich sogar schon die Sohle. Der Boden bestand aus abgeschabtem Parkett und sah so aus, als würden täglich die Möbel in diesem Raum von einer Ecke in die andere gerückt. Die Wände waren wohl einmal weiß gewesen, jetzt sahen sie eher verraucht, gelblich und fleckig aus. Als Calem das Wohnzimmer betrat, sprang ihm ein wild gezeichnetes Pentagramm ins Auge, Möbelstücke, die wahllos in Zimmerecken geschoben worden waren und aus den verschiedensten Holzsorten zu bestehen schienen. An der Decke hing ein staubiger Kronleuchter, doch er war nicht eingeschaltet. Der gesamte Raum wurde durch unzählige, schwarze dicke Kerzen erleuchtet, die sich sogar auf den Möbeln tummelten und alles eifrig mit heißem Wachs bekleideten. Der drängende Geruch von geschmolzenem Kerzenwachs, weckten in Calem Erinnerungen an Weihnachten und peinlichen Familientreffen.
In der Mitte des Pentagramms saß ein Mädchen, ungefähr so alt wie Calem, vielleicht ein, zwei Jahre älter. Ihr Gesicht wurde durch ein fleddriges Buch verdeckt, das so abgegriffen war, dass man den Titel, der auf dem Leder gedruckt stand, nicht mehr lesen konnte.
Blauschwarze, zottelige Haare wallten um den Kopf und als das Mädchen das Buch sinken ließ, blickte Calem in zwei taubenblaue Augen, die leicht schielten und entrückt vor sich hin guckten. Das Mädchen trug ein Kleid aus schlichtem, dunklen Stoff, dessen Farbe im Ungewissen lag, da das Kerzenlicht nicht hell genug war, um sie exakt bestimmen zu können.
„Der erste Geist ist gekommen!“, rief das Mädchen, ließ das Buch fallen und reckte die Hände in die Luft.
Perplex blickte Calem ihr entgegen, als sie auf Knien zu ihm herüber gerutscht kam und sich vor ihm verbeugte.
„Du bist würdig, wir sind es nicht!“, dröhnte ihre Stimme, die Calem unweigerlich an ein Kramurx denken ließ. Verträumt schwankte das Mädchen vor ihm hin und her.
„Das ist kein Geist!“, plärrte Alice.
„Das ist … Hm. Also er heißt … Jedenfalls ist er ein Trainer und hat Valerie besiegt.“
„Tatsächlich …?“, murmelte das Mädchen, von dem Calem sich ziemlich sicher war, dass sie Azalea hieß.
Sie stand auf, klopfte sich die milchigweiße Kreide vom Kleid und schaute Calem mit unverholener Neugier an. Ihr vorheriger Auftritt schien ihr kein Stück peinlich zu sein. Wie eine Katze strich sie um ihn herum, grabschte mal nach seiner Jacke oder zupfte forschend an seiner Hose, dabei gab sie kennerische Worte wie: „Ich verstehe“ und „So ist das also!“ von sich.
„Dann wird es uns eine Ehre sein, dir unsere Stadt und Kultur näher zu bringen, Calem!“, sagte Azalea in einer melodisch summenden Tonlage, dabei hob sie verschwörerisch ihre Hände.
Plötzlich ließ sie sie fallen, schlappte zurück in ihr Pentagramm, hob das Buch auf und blätterte verdrossen darin. Calem schaute sie verdutzt an. Seinen Namen hatte er ihr noch nicht genannt, da war er sich absolut sicher, aber woher hatte sie ihn gewusst?
„Scheinbar brauche ich wirklich die Pfote eines Pikachu. Eine Dedenne tut es einfach nicht“, grummelte Azalea und drückte ihre Nase wieder in das Buch.
„Du sollst keine Pokémon kaputt machen, wenn du experimentierst!“, fauchte Alice ihre Schwester an und zerrte an ihrem Kleid herum.
„Hab ich doch gar nicht!“
„Ach, und Dedennes Pfote ist freiwillig in deinen Topf gefallen, oder was?!“
Während die beiden Schwestern wohl in einen gewohnten Streit verfielen, schwirrte Bakecho ohrenbetäubend zwitschernd um die beiden herum. In seinem violetten Kürbissbauch leuchtete es hell, so als wäre es schrecklich aufgeregt.
Calem bückte sich unauffällig nach Azaleas Buch, das wieder auf dem Boden gelandet war und blätterte neugierig die schweren Pergamentseiten um. Sie waren dicht beschrieben mit schwarzer, verwaschener Tinte. Überall war etwas mit einem roten Stift angestrichen worden, umkreist oder durchgestrichen. Calem merkte schnell, dass er die Schrift in schwarzer Tinte gar nicht lesen konnte. Das Buch war voll mit Illustrationen, die mit Tusche angefertigt worden waren, manche davon wirkten aber eher, als hätte jemand mit Kohle lieblos und hastig darin herumgeschmiert, doch im Großen und Ganzen schien das Buch ein …
„Necronomicon, schon sehr alt.“
Calem schreckte auf. Azalea stand direkt neben ihm und blickte verträumt auf eine Illustration, bei der eindeutig ein Hornliu ausgequetscht und zerstückelt wurde und direkt daneben ein Haspiror gehäutet. Vermutlich bei lebendigem Leibe, wenn man die Mine des Hasenpokémon beachtete.
„Ein … Necro …?“
„Da steht drinnen, wie man Tote zum Leben erweckt“, erklärte Alice knapp und wandte sich angewidert ab. „Das Buch ist ekelig!“
„Es ist ein Meisterwerk! Was weißt du schon! Es ist gefertigt aus der Haut eines Miltanks – feinste Handwerkskunst.“
Gequält lächelnd hielt Calem Azalea das Necronomicon entgegen. Nachdem sie es entgegengenommen hatte und liebevoll über den Einband strich, rieb er sich seine Hände so fest er konnte, an seiner Hose ab.
„Außerdem ist ein Necronomicon viel mehr als ein bisschen Totenbeschwörung! Es ist eine Abhandlung über die dämonische Kosmologie und enthält viele, wichtige Zaubersprüche und Anleitungen, wie ich die Kräuter im Garten nutzen kann. Es enthält das Gesetz der Toten und –“
Azalea stand da, wiegte sich und das Buch sacht in ihrem Armen wie ein Baby. „Mit diesem Schrifttum erklärt sich so viel!“
„Du kannst es lesen?!“, platzte es aus Calem heraus. Das überraschte ihn schon sehr, denn diese Schrift hatte er noch nie zuvor gesehen.
„Größtenteils. Eine Formel besagt, wie ein Dämon, der „Verwirrte Geist“ die Seele eines Menschen bereinigt und ihn von seinem psychischen Leiden heilt. Ich arbeite daran, schon bald geht es Mutter besser … aber dafür brauche ich die Pfote eines Pikachu!“, fuhr Azalea fort. Beim letzten Satz hob sich ihre Stimme, ein Hauch von Ärger und Ungeduld kochte darin.
„Hast du nicht zufällig eines?“, fragte sie plötzlich lauernd und schaute Calem schräg von der Seite an.
„Die Pfote deines Pikachu, nur eine! Dein Pikachu braucht doch keine zwei.“
„Hör … auf!“, schrie Alice und schubste Azalea zornig.
„Ich … hab leider kein Pikachu!“, antwortete Calem zögerlich, während seine Hand unauffällig zu einem seiner Pokébälle wanderte.
Wo, zum Teufel war er hier nur hingeraten?! Azalea fauchte Alice an, dafür sprühte Bakecho Funken über ihren Kopf aus, Calem stieg der Geruch von verbranntem Haar in die Nase. Hustend wandte er sich ab, dabei fiel sein Blick auf die Tür.
Ich könnte … dachte er und warf noch einmal einen Blick über seine Schulter. Azalea schimpfte das freche Irrbis ausführlich, Alice sah den beiden höchst zufrieden zu.
So eine Chance bekam Calem sicher so schnell nicht mehr. Es fiel ihm unendlich schwer, seine Beine in Bewegung zu setzen. Sich einfach so davonzumachen war wirklich das Allerletzte, aber diese verrückte Hexe wollte seinem Pikachu eine Pfote abhacken! Welche Wahl hatte er also? Calem holte noch einmal tief Luft und musste reflexartig Würgen, als er dabei den intensiven Duft von Weihrauch, Zimt und irgendeiner abartig stinkenden Teesorte einatmete.
Als seine Beine endlich in Bewegung kamen, war er schon mit wenigen Schritten an der Tür. Seine Hand legte sich auf die Türklinke, die komischerweise warm war. Sie fühlte sich schmierig an, als wäre ein Ölfilm auf das Metall geraten und beim ersten Versuch, sie hinunter zu drücken, rutschte Calem ab. Fluchend griff er erneut nach der Türklinke, drückte sie etwas fester als notwendig nach unten und riss die Tür auf. Die kalte Nachtflut strömte ihm eisig entgegen. Calem musste seine Augen etwas zukneifen, doch statt der gesprungenen Gehwegplatten und den verwilderten Garten zu Gesicht zu bekommen, starrten ihn zwei bernsteinfarbene Augen an.
Calem blieb die Luft zum Schreien weg. Er stolperte rückwärts und prallte gegen etwas Weiches. Mit vor Schreck geweiteten Augen drehte er sich um und blickte direkt in Azaleas verwirrtes Gesicht.
„Haben denn schon Kinder geklingelt?“, fragte sie ihn und schaute über seine Schulter zur Tür, die sperrangelweit offen stand.
Calem glotzte, immer noch entgeistert erst Azalea und dann Alice an, die ihrer Schwester lustlos hinterher getrottet war. Scheinbar war den beiden gar nicht in den Sinn gekommen, dass er einen Fluchtversuch gestartet hatte.
„Ja“, antwortete Calem tonlos.
„Ja, ich dachte, es hätte geklingelt, also bin ich an die Tür, aber da ist nur dieses Etwas und …“
Azaleas Augen wurden ganz groß, Calem hatte gar nicht gewusst, dass diese riesigen Spiegel sich noch weiten konnten. Ihr Mund klappte auf und Alice blieb ruckartig stehen.
„Was ist los, was habt …?“, setzte Calem zu einer Frage an.
Schmerzhaft landete Azaleas, nach Kerzenwachs und Kreide riechende Hand auf Calems Mund.
„Das ist ein …!“
In Calems Ohren dröhnte es von einer Sekunde auf die andere, ein sägend hoher Ton schnitt ihm in die Trommelfelle. Das Geräusch, dass die Hütte urplötzlich erfüllte, drang selbst durch Calems Hände, die er sich nun auf die Ohren presste und jagte stechende Schmerzen durch sein Gehirn, als bohrten sich heiße Nadeln in seine Schläfen.
Die Fenster zitterten in ihren Rahmen, schließlich sprangen sie und ihre Scherben regneten zu winzig kleinen Splittern auf den Boden; die Luft glitzerte, als schwebten Kristalle durch den Raum.
Calem ging stöhnend in die Knie, doch so schnell, wie das immens laute Geräusch gekommen war, war es auch schon wieder weg. Calem nahm zögerlich die Hände von den Ohren und blickte sich kreidebleich um. Nicht weit von ihm krümmten sich auch Azalea und Alice auf den Boden und schauten sich ebenso unsicher um.
„Was, zum Teufel war das?!“, zischte Calem den beiden mit zittriger Stimme zu.
Azalea öffnete schon ihren Mund, um zu antworten, da spürte Calem einen heftigen Schmerz an seiner Schulter. Es fühlte sich an, als würde jemand versuchen, sich durch seine Kleidung zu beißen. Schreiend und um sich schlagend, rollte Calem sich panisch über den Boden, doch was auch immer sich da an ihm festgebissen hatte, es machte keinerlei Anstalten, ihn loszulassen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, bekam Calem endlich zu sehen, was ihn da so hartnäckig ankaute. Sein Geschrei wurde augenblicklich lauter.
Chapter IV - Sugar Sweet Scared
„Helft mir!“, brüllte Calem und drosch auf das kleine Pokémon ein, welches sich eisern an ihm festgebissen hatte.
Azalea stand eine Weile staunend da. Calem glaubte für einen kurzen Augenblick, ein schiefes Lächeln auf ihrem bleichen Gesicht gesehen zu haben, doch im nächsten hielt sie einen Pokéball in der Hand und ließ ein Zwirrlicht frei.
„Twilight, fass!“, befahl Azalea gelassen, während Calem immer noch kreischend durch das Wohnzimmer flitzte und Alice damit beschäftigt war, ihm aus dem Weg zu springen.
Die glutroten Augen des Zwirrlicht richteten sich auf das Pokémon, das immer noch an Calems Schulter hing. Als Zwirrlichts Augen ihr Ziel erfassten, glühten diese für einen kurzen Augenblick grell auf, anschließend schoss es blitzschnell auf den Eindringling zu.
Calem spürte erleichtert, wie sich spitze Zähne mit einem leisen Schmatzen aus seinem lädierten Körper lösten. Vor Schmerz die Luft einziehend und seine linke Hand auf seine blutende Wunde pressend, blickte er dem kleinen, fledermausähnlichem Pokémon hinterher. Kreuz und quer flatterte es durch das Wohnzimmer flattert – dicht gefolgt von Azaleas Zwirrlicht. Es hatte große, violette umrandete Ohren, zwei dreist dreinblickende bernsteinfarbene Augen und ein Maul, das einen nicht einmal vermuten lässt, wie stark es zu zubeißen vermochte.
Nach ein paar weiteren Runden durch das Wohnzimmer ergriff das Fledermauspokémon die Flucht durch eines der gesprengten Fenster. Jedoch wich Zwirrlicht nicht von seiner Seite und folgte ihm hartnäckig. Schon bald darauf waren beide in der soliden Finsternis der Nacht verschwunden.
„Ein eF-eM. Sie tauchen hier nachts ab und zu auf, wenn man sie aus versehen aufscheucht. Sie stoßen Laute im Ultraschallbereich aus, die einem das Trommelfell zerfetzen können“, erklärte Azalea.
Ihre wirren, wasserblauen Augen glänzten dabei, als erzähle sie Calem gerade von ihrem letzten Geburtstag.
„Aha, ganz toll …“, knurrte Calem und untersuchte missmutig seine Verletzung.
Die spitzen Zähnchen seines Angreifers hatten sich mühelos durch seine nigelnagelneue Jacke gebissen und das Blut, welches aus seiner Wunde quoll, färbte sie dunkelrot. Der Biss war schmerzhaft, aber auszuhalten und nachdem Alice ihm Pflaster, Mullbinden und Wundheilcremes überreicht hatte, war die Sache für Calem bald erledigt. Um sich von der pochenden Schulter und dem Schreck abzulenken, schaute er Azalea und Alice dabei zu, wie sie die dicken, mit Staub belegten Vorhänge vor die Fenster zogen, um zu verhindern, dass ihre kleine Hütte auskühlte und noch weitere nächtliche Besucher den Weg in ihr Zuhause fanden.
„Das passiert uns jedes Jahr!“, maulte Alice frustriert, an einer Gardine ruckelnd, die sich verhakt hatte.
„Was ist denn jetzt mit deinem Zwirrlicht?“, fragte Calem Azalea zaghaft, um überhaupt irgendwas sagen zu können.
„Das kommt bei Sonnenaufgang wieder. Wenn Twilight jemanden ins Visier genommen hat, verfolgt es denjenigen die ganze Nacht, ohne Rast und Ruh“, trällerte Azalea stolz und zupfte den letzten Vorhang zurecht.
Die eisige Nachtluft, die durch die zerbrochenen Fenster ins Haus geweht war, hatte die meisten Kerzenflammen gelöscht. Nur noch einige wenige brannten, sodass Calem kaum die Hand vor Augen sehen konnte.
Immerzu glaubte er, dass sich etwas in der Ecke bewegt hatte oder sich jemand unter dem Schrank da verbarg, aber es waren lediglich die Schatten, die seiner schlechten Wahrnehmung Streiche spielten.
„Ich muss noch schnell etwas brauen, eine Medizin. Dauert gar nicht lange. Dann zeigen wir dir unsere Stadt“, summte Azalea geschäftig wie ein Wadribie, das dabei ist, Honig zu machen.
In Wirklichkeit hielt sie Streichhölzer in der Hand und zündete die erloschenen Kerzen wieder an.
Nachdem es wieder annehmbar hell in der Hütte geworden war (ganz zu Calems Erleichterung) huschte sie leicht gebeugt zu einem Schrank und zerrte einen alten, recht mitgenommenen Zinnkessel heraus, während dessen gab sie Alice die Anweisung, den Kamin in der Küche zu schüren. Missmutig, wenn auch ohne Widerrede, trottete Alice in die Küche.
Azaleas halber Körper war in einem Schrank verschwunden, in dem sie wohl nach Zutaten für ihr Gebräu suchte. Sie kramte Zangen und Stöcke in verschiedenen Größen heraus, mehrere Umhänge, deren Stoff schon löchrig war und penetrant nach Mottenkugeln stank, Traumfänger, an denen Calem die Federn eines Kramurx erkannte und die dazugehörigen Füße des Pokémon, von denen er nicht wissen wollte, woher Azalea sie genau hatte und noch vieles mehr. All diese kuriosen Gegenstände bestätigten Calem in seiner Vermutung, dass Azalea wohl einen Hang zum Okkultismus hatte. Nicht, dass das Necronomicon und die Pentagramme eindeutig gewesen wären, aber irgendwie wurde Calem diese Tatsache jetzt erst so richtig bewusst.
Nachdem Azalea alles zusammen gesucht hatte was sie brauchte, führte sie Calem in die Küche. Dort schaute er Azalea stumm bei ihren Braukünsten zu, die sich ganz schön in die Länge zogen. Die Küche war kleiner als das Wohnzimmer und besaß einen Kamin, der gegenüber dem Eingangsbereich lag. Im Kamin knisterte bereits ein Feuer. Alice stand davor und starrte wie hypnotisiert in die tanzenden Flammen. Über dem Feuer hing der Zinntopf und blubberte träge vor sich hin. Der Küchenboden war weiß gefliest, jedoch voller Dreckspuren und Fußabdrücke, die Calem sagten, dass Azalea häufig von der Küche in den Garten eilte. Die Tapete war gelblich gehalten, jedoch ebenfalls gesprenkelt mit Flecken; hier und da löste sich die Tapete bereits und eine marode Wand aus brüchigen Ziegelsteinen spitzte darunter hervor. Vor dem Kamin, ziemlich in der Mitte des Raumes, stand ein Tisch aus Eichenholz, drum herum vier Stühle, ebenfalls aus dunklem Holz. Auf einem von ihnen lümmelte Calem. Links neben dem Eingansbereich standen lauter kleine Schränke an der Wand, die teilweise gar nicht zusammenpassten.
Calem wurde das Warten und sich Umsehen allmählich leid. Als er merkte, wie ihm die eigentümlichen Dämpfe, die aus dem Topf quollen, zu Kopfe stiegen, hatte Azalea plötzlich ein Raupy in der Hand.
Die tellergroßen Augen des Käferpokémon starrten Calem leer an. Die einst pechschwarze Linse trübte sich schon. Der raupenförmige Körper hing leblos in Azaleas Griff wie eine Stoffpuppe. Azalea holte ein Brett hervor und knallte es vor Calem auf den Tisch, kurz darauf folgte das Raupy, welches dumpf auf dem Holz aufschlug. Calem war wieder hellwach, was sollte das denn werden?!
„Und wo hast du das Raupy her?!“, keifte Alice und musterte das tote Pokémon mit vor der Brust verschränkten Armen argwöhnisch.
„Gefunden!“, antwortete Azalea harsch.
Sie hatte eine Küchenschublade aufgerissen und wühlte leise singend darin herum, bis sie ein langes, dünnes Messer hervorzog, das bis jetzt der sauberste Gegenstand war, den Calem hier zu Gesicht bekommen hatte.
Alice zog sich einen der Stühle heran und ließ sich grummelnd neben Calem nieder. Leise zischelte sie ihm zu: „Das sagt sie immer! ‚Gefunden’, von wegen!“
„Na gut, Duskfang hat es gefunden“, räumte Azalea ein.
Sie strich sanft mit Zeige- und Mittelfinger über den schlaffen Körper des Rauby.
„Duskfang?“, fragte Calem Alice leise, doch seine Augen hafteten auf dem toten Pokémon. Wollte er wissen, was Azalea mit diesem Raupy vorhatte?
„Unser Hundemon. Ist im Moment im Pokéball, weil Azalea keine Zeit hat, es zu erziehen“, stichelte Alice und funkelte Azalea zornig an.
„So, ich brauche die Augen und Raupys Fühler, den Rest kannst du später in den Garten legen, Alice“, ordnete Azalea eher beiläufig an, während sie konzentriert die spitze Klinge ihres Messers auf Raupys Auge setzte.
„Das kannst du selber machen!“
„Sei nicht so. Ich dachte, du fütterst die Viscora gerne!“
„Tu ich auch, aber nicht mit Leichen!“
Calem schloss die Augen und seine Finger gruben sich leicht in die Tischplatte. Als er sie wieder öffnete, hätte er sich verfluchen können.
Azalea hatte in der Zwischenzeit bereits ein Auge sorgfältig heraus geschnitten und neben das Raupy auf dem Brettchen abgelegt. Der Augapfel war größer als erwartet, eitergelbes Blut troff aus den Adern, die noch an der weißen Lederhaut hingen. Azalea schnitt geschickt Raupys Fühler aus seinem Kopf, es quoll jedoch kein Blut aus der Wunde, was darauf hindeutete, dass das Pokémon wohl schon seit einiger Zeit tot war.
Calem wandte sich angewidert ab. Warum musste so was eigentlich immer ihm passieren?
Azalea schmiss die Leichenteile in den Topf und rührte trällernd um. Alice saß beleidigt neben Calem und stierte zornig das tote Raupy an, als wäre es seine Schuld, dass es nun zerstückelt auf einem Küchenbrett lag.
-- ♫ --
Es war Nacht und es sollte dunkel sein, doch in der Luft schwirrten überall Irrbis, Paragoni und eF-eM umher. Die Straßen wurden nicht von Straßenlaternen beleuchtet, sondern von Laternecto, in deren lampenförmigen Köpfen violette Flammen loderten. Sie patrouillierten munter durch die Straßen und gaben dabei schauerliches Geheul von sich.
Azalea grüßte sie guter Dinge, wenn sie an ihnen vorüberschwebte. Calem zog lieber den Kopf ein.
„Sind sehr nützlich, die Laternecto. Merken gar nicht, dass wir durch sie Strom sparen können. Aber wenn hier einer stirbt, dann brauchen wir viele Pokémon, um sie vom Verstorbenen fernzuhalten.“
„Ach so, warum?“, fragte Calem böses ahnend.
„Na, sie fressen deine Seele, sobald du stirbst!“, rief Alice und musterte Calem, als wäre er ein bisschen dämlich.
„Früher haben wir Verbrecher, die gestorben sind, den Laternecto überlassen, aber seit es diese Gesetze gibt, dürfen wir das hier nicht mehr“, seufzte Azalea wehmütig.
Calem lief es kalt den Rücken hinunter. Für ihn war diese Strafe sogar noch grausamer, als die Todesstrafe.
Schweigend streifen die drei weiter durch die Stadt, in den dunklen Ecken der Häuser und in den Schatten der Bäume, trieben sich unzählige Pokémon der Nacht herum. Hier und dort stahl sich ein Alpollo im Schutze der Dunkelheit durch die Fenster der Hütten. Eines hatte sich mit seinen klauenartigen Fängen ein Taubsi aus einem Nest gepflückt, kreischend versuchte das Vogelpokémon sich zu befreien. Wenige Sekunden später hatte es keinen Kopf mehr.
„Oh Mann, in Vaniville Town passiert so was nicht!“, stöhnte Calem auf.
Ihm wurde schlecht bei dem Anblick des zerrupften Taubsis, aber zu seinem Glück, schwebte das Alpollo mit seinem Betthupferl davon.
Nach mehreren verwinkelten Gassen und kleinen Plätzen, stand Calem mit Alice und Azalea schließlich auf dem Hauptplatz von Laverre City. Die Straßen waren dicht bevölkert mit kreischenden Kindern in mehr oder weniger schaurigen Kostümen, deren Beutel prall gefüllt waren mit Süßigkeiten. Angeheiterte Erwachsenen, aus deren Mündern der Dunst von Alkohol drang, wankten durch die Straßen und grüßten jedem mit einem „Happy Halloween!“
Calems erschöpfter Atem bildete kleine Wölkchen. Er wünschte sich, er hätte eine dickere Jacke von zu Hause mitgenommen. Alice hatte immer noch ihr himmelblaues Kleidchen an, Azalea begnügte sich mit ihren Lumpen. Ob ihnen kalt war, konnte Calem nicht sagen, dazu wirkten ihre Minen viel zu fröhlich, als sie sich auf dem Hauptplatz umsahen.
„Oh, sieh dort!“, flüsterte Alice eindringlich und zupfte an Calems Jacke.
Ihr schmaler Finger, der hell wie Elfenbein in der dunklen Nacht schimmerte, deutete auf einen schwankenden Punk, der gerade in eine Seitengasse verschwand.
„Sieh, sein Schatten!“
Calem runzelte die Stirn und gehorchte Alice’ Anweisung. Der Schatten des Punks besaß zwei rot glühende Augen und eine gehässige Fratze. Sie sah hungrig aus.
„Was ist das?!“, keuchte Calem verschreckt.
„Ein Gengar, das anders aussieht, als die anderen. Es schlüpft in deinen Schatten und wartet auf eine günstige Gelegenheit, dir deine Seele zu stehlen. Das macht es, Arceus sei Dank nicht so oft. Meistens frisst es nur deine Träume oder sorgt für Albträume“, murmelte Azalea, aber ihr Blick hatte nichts ehrfürchtiges an sich. Er wirkte mehr fasziniert und begeistert.
Calem schauderte es. Die Vorstellung, dass ein Pokémon versuchen könnte, ihm seine Seele zu stehlen … War das nicht gleichbedeutend mit dem Leben? Er erinnerte sich an die absurde Sammlung Traumfängern in Azaleas Schrank. Taugten die Dinger etwa wirklich was?
„Wie sind diese Leute … wenn ihnen die Seele fehlt?“, fragte er zögernd nach.
„Nicht mehr da, hier oben.“ Alice deutete sich nachdrücklich an die Stirn. „Sie sind einfach nicht mehr da.“
„Und wie leben die dann? Ich meine, die können doch nicht die ganze Zeit da sitzen und nichts machen …!“, hakte Calem nach.
„Wir bringen sie in den Sumpf“, antwortete Azalea.
Ihre schielenden Augen wanderten zu den dunklen Wäldern, die die Stadt wie eine finstere Umarmung umgaben.
„Und was soll das bringen?!“
Alice nickte hinauf zu einem Irrbis, das an einem Laternecto schnüffelte und es neugierig musterte.
„Dann kommen sie eines Tages so zurück.“
Ungläubig wanderten Calems Augen zwischen Alice und dem Irrbis, welches von dem Laternecto fauchend verscheucht wurde, hin und her. Alice aber nickte nur bekräftigend, anstatt ihm zu gestehen, nur einen schlechten Scherz gemacht zu haben. Calem schüttelte heftig seinen Kopf. Diese Stadt schien voller verrückter Leute und voller verrückter Pokémon zu sein! Am liebsten würde Calem sofort samt und sonders packen und weiter nach Dendmille Town ziehen.
Alice griff nach Calems Hand und zog ihn weiter, fort vom Hauptplatz in eine der vielen Gassen, die hell erleuchtet waren mit Lichterketten, Scherzartikeln, ausgehöhlten Kürbissen und den Taschenlampen der Kinder. Der würzige Duft von Pilzen und totem Laub, stritt um die Vorherrschaft mit dem süßlichen Geruch von Zucker und Schokolade. Eine Mischung, an die Calem sich nicht wirklich zu gewöhnen wusste. Der Kies knirschte unter seinen Schritten und das Kreischen und Kichern der Kinder dröhnte in seinen Ohren. Ständig wanderte Calems besorgter Blick zu seinem Schatten und immer, wenn er sich einbildete, dass dieser nicht so aussah, wie er sollte, blieb ihm fast das Herz stehen.
Die drei hielten vor einer kleinen Hütte. Alice klingelte und sie warteten schweigend ab. Auf der Veranda der Hütte standen ausgehöhlte Kürbisse in unterschiedlichen Größen. Einer davon war ein Irribs, das sich mit einem der Kürbisse zu unterhalten versuchte.
Calem beobachtete es dabei und konnte sich schließlich ein Kichern nicht verkneifen.
Zu dem Irrbis gesellte sich irgendwann ein Lichtel. Es kroch träge über die Veranda und hinterließ eine milchige Spur aus trübem Wachs auf dem ausgetreten Holz. Mit seinen schmalen, dottergelben Augen schaute es dem Irrbis bei seinem vergeblichen Treiben zu. Dann spie es plötzlich Funken aus, die das Irrbis trafen, fauchend sauste es herum und keifte das Lichtel an.
„Ist das die Regel?“, fragte Calem lachend, während er dem zickigen Kampf der Pokémon beobachtete.
„Ja, meistens gehen Alpollo auf die Irrbis los, sie fressen sie gern, aber Paragoni scheinen sie auch ganz lecker zu finden. Da, schau.“
Azalea deutete auf die hölzernen Überreste eines Paragoni, die neben der Hütte im hohen, welken Gras lagen.
Calem ließ seufzend den Kopf hängen; immer, wenn er sich aufzumuntern versuchte, verpasst ihm hier irgendwas einen Dämpfer.
Ruckartig öffnete sich die Tür und eine laute Stimme knallte an Calems Ohren. „Ich hab keine Süßigkeiten mehr, ihr blöden Bälger! Verschwindet ihr …! Oh, Alice!“
Das zornige Keifen brach ab, die raue Stimme der alten Dame, die sich in ihrer Eingangstür aufgebaut hatte, wurde plötzlich sanft. Sie trug einen schweinchenrosa Bademantel, graue Pantoffeln an den runzeligen Füßen und hatte sich Lockenwickler in ihre wolfsgrauen Haare gedreht.
„Alice, meine Liebe! Schön, dich wieder zusehen. Und du hast ja sogar Besuch mitgebracht! Ein junger Mann, interessant. Ist das dein Freund, Azalea?!“, kicherte sie und klatschte dabei fröhlich in ihre Hände, auf denen sich deutlich ihre Adern abzeichneten.
Bevor Calem sich zurückhalten konnte, machte er einen großen Schritt von Azalea weg. Die winkte allerdings schon ab und erklärte, dass sie ihm nur die Stadt zeigte und ihm ihre Ehre erweisen wollte, wo er doch Valerie besiegt hatte.
„Ich verstehe, wie schön. Musst ja ein starker Bursche sein, wenn du unserer Arenaleiterin einheizen konntest. Azalea, ich hab es endlich. War nicht leicht, da dran kommen.“
Die alte Frau wackelte in kleinen Schritten zurück in ihre schummrige Wohnung, Azalea folgte ihr auf dem Fuße. Als Calem ihnen unbeholfen folgen wollte, packte Alice seinen Jackenärmel und zog ihn zurück.
„Was machen die jetzt da drinnen?“, fragte Calem neugierig.
„Geschäfte. Geht uns nix an“, murmelte Alice.
Sie hüpfte zurück auf die Straße und ließ sich von einem treuseeligen Traunfugil umkreisen um dessen Hals weinrote Perlen glänzten, die im Dunkeln glühten wie Kohlen.
Zu Calems Pech war das Irrbis davon geflogen und alles, was ihm zur Unterhaltung geblieben war, war das Lichtel, das ihn nun entrückt anguckte, nur um dann weiter zu kriechen und traurige Rufe dabei auszustoßen. Calem schweifte in Gedanken ab. Er dachte darüber nach, was er alles in Dendmille Town tun könnte und wie lange es wohl dauern würde, bis er in Anistar City ankommt, wo bereits der nächste Arenaorden auf ihn wartete.
Die Tür der Hütte öffnete sich leise. Die Dame verabschiedete sich verschmitzt von Azalea und wünschte ihr noch … ein Fröhliche Halloween, was sonst. Calem blickte Azalea neugierig an und nickte auf den Jutebeutel, den sie in ihren mageren Händen hielt. Ratlos schaute sie zurück.
„Was hast du da?“, fragte Calem schließlich seufzend nach.
Alice verabschiedete sich von dem Traunfugil und trabte zu den beiden zurück, auch sie schaute interessiert auf den Beutel.
„Ach so, das. Ich hab was bei der alten Misses Maple bestellt, endlich ist es angekommen.“
Schweigen.
Calem zog die Augenbrauen hoch, doch Azalea strich zufrieden über den Beutel und schien vergessen zu haben, dass Calem und Alice auch noch da waren.
„Und was hast du bestellt?“
„Hm? Ach so, äh … Getrocknete Tarnpignon, damit ich morgen eine gescheite Suppe machen kann. Eingelegte Ditto als Nachtisch, eine Skunkapuhkerze, damit die Omot und andere Käferpokémon aus dem Haus bleiben und …“
Grinsend griff Azalea in den Beutel, wühlte eine Weile darin herum und zog eine kleine, mausgraue Pfote hervor, „… das hier.“
„Ist … Wofür ist das?!“, stotterte Calem irritiert, obwohl er sich allmählich an Seltsamkeiten gewöhnt haben müsste.
„Die Pfote eines Picochilla. Sie bringt angeblich Glück. Es ist ein Geschenk für jemanden, sehr schwer hier in Kalos zu kriegen. Hat lange gedauert, bis Miss Maple da ran gekommen ist.“
„Ist das nicht illegal?!“, zischte Calem Azalea zornig an, die Wut überwog seinen Ekel und seine Zurückhaltung ließ ebenfalls nach.
„Nein, nein. Ich meine … keine Ahnung, ist es das denn?“
Ausdruckslos glotzte Azalea Calem an, der warf seufzend die Hände die Luft, winkte ab und ließ es bleiben. Eine Diskussion wäre wohl vergebliche Liebesmüh. Mal davon abgesehen, dass Azalea begeistert die Picochillapfote begutachtete und streichelte.
„Juhuu, morgen gibt es Tarnpignonsuppe!“, rief Alice und legte einen Freudentanz auf der Straße hin.
„Machst du die auch mit Karotten, Taurosfleisch und Scoppel?“, fragte Calem Azalea, den Blick demonstrativ von der Pfote abgewandt.
Er mochte Tarnpignonsuppe auch und Tauros war ein Pokémon, von dem er wusste, dass er es niemals fangen würde. Am Ende freundete er sich mit dieser Art noch an und konnte dann keine Taurosburger mehr essen. Dieses Risiko war ihm einfach zu groß.
„Nö, wir essen das lieber mit Floink, ist teuer hier, aber schmeckt einfach besser“, meinte Azalea und verstaute die Pfote sorgfältig im Beutel.
„Verstehe“, murmelte Calem.
„Gehen wir zu Swirlix & Aromatisse!“, quietschte Alice, schnappte sich Azaleas Hand und deutete die kleine Straße hinunter, dessen Ende sich in den tiefen Schatten des Waldes verbarg.
„Ist schon spät und liegt so nah am Wald“, seufzte Azalea, ließ sich aber widerstandslos hinter Alice herziehen, die dabei brummende Geräusche von sich gab oder fröhlich vor ihr her hopste.
„Swirlix & Aromatisse?“
Calem schaute Azalea mit gerunzelter Stirn an, während er neben ihr her schlenderte und sich ein unbehagliches Gefühl in seiner Magengrube einnistete, je näher sie dem finsteren Wald am Ende der Straße kamen.
„Ein Süßwarengeschäft. Sie verkaufen so ziemlich alles, was sich mit Zucker, Schokolade und Tortenböden anstellen lässt. Alice ist gerne dort, mir ist das alles zu zuckrig. Das Geschäft ist abends schlecht besucht, liegt zu nah am Waldrand und wenn es dunkel ist, geht man nicht in den Wald. Auch nicht in seine Nähe.“
„Will ich wissen wieso?“, nuschelte Calem und sah die gewaltigen Bäume, hinter deren hölzernen Armen der finstere Sumpf lag, näher rücken.
„Erzähl ich dir später.“
„Oder nie. Nie wäre super!“, dachte Calem. Das beklemmende Gefühl war kaum auszuhalten, als sie fast am Ende der Straße angekommen waren. Kurz davor hielten sie, direkt neben den dreien befand sich eine ansehnliche Hütte, verziert mit einem Leuchtschild auf dem mit verschnörkelten, rosa Leuchtstoffröhren Swirlix & Aromatisse geschrieben stand.
Alice riss sich von Azaleas Hand los, stürmte zur Glastür und riss sie kichernd auf. Glocken bimmelten kreischend über der Tür, der Duft von Zucker, Sahne und Schokolade schlug Calem entgegen und verpasste ihm einen Zuckerschock.
Der Laden selbst war innen sehr sauber. Überall wurden Süßwaren ausgestellt, in Behältern auf meterhohen Regalen präsentiert, oder sogar in Schaukästen zur Schau gestellt. Von Ampharosmarzipanschweifen bis Zoruaschokoladenzungen gab es da drinnen wirklich alles, da hatte Azalea nicht untertrieben. Calem aber war keine Naschkatze, ganz im Gegensatz zu Alice, deren Gesichtsausdruck sagte, dass sie am liebsten alles gekauft hätte.
Nach ewig langem Gequengel, ließ Calem sich breitschlagen und kaufte Pikachubrausepulver, das angeblich herrlich auf der Zunge bitzelte. Zu mehr konnte Alice ihn nicht bewegen und von den Raupypralinen wurde Calem aus naheliegendem Grund schon vom Anblick schlecht.
Endlich draußen aus dem Laden, sog Calem erleichtert die frische, kalte Nachtluft ein. Der stickige, zuckersüße Geruch da drinnen hätte ihn bald in den Wahnsinn getrieben. Die wässrigen, nervigen Blicke des Sabbaione, welches dort drinnen in der Konditorei arbeitete, ließ in Calem den Wunsch wach werden, es zu treten. Azalea hätte das vermutlich sogar lustig gefunden.
„Jetzt, erzähl!“, platzte Alice plötzlich heraus.
Ihr Mund war verschmiert mit Schokolade und ihre strahlenden Augen richteten sich auf Azalea.
„Was erzählen?“ Ratlos blickte Calem zwischen den beiden hin und her.
„Warum niemand nachts in den Wald geht“, erläuterte Alice und hielt Calem eine Zoruazunge hin.
Verlegen hob Calem die Hände. „Lass nur, ich steh nicht so auf Süßkram. Also gut, warum geht niemand nachts in den Wald?“
„Wegen der Trombork“, antwortete Azalea, als würde dieser eine Satz alles erklären.
Calem hatte das Gefühl, dass im Prinzip damit alles gesagt war, nur wusste er nicht, was ein Trombork sein sollte. Folglich schaute er Azalea eindringlich fragend an, aber scheinbar war das Lesen von Mimik einfach nicht ihre Stärke.
„Was IST ein Trombork?!“
„Das weißt du nicht?“ Azalea sah ihn erstaunt an.
Calem hätte sich am liebsten die flache Hand auf die Stirn geschlagen. „Nein, weiß ich nicht“, antwortete er leicht zerknirscht, riss sich aber zusammen und rang sich ein entschuldigendes Lächeln ab.
„Sie kontrollieren die Bäume im Wald. Sie sehen aus wie laufende Bäume. Menschen, die hier in den Wald eindringen, besonders nachts, kommen manchmal nicht wieder. Die Trombork halten sie gefangen, sagt man.“
„Andere sagen, sie fressen die Menschen, oder vergraben sie im Wald, weil sie ihr Blut als Dünger brauchen“, führte Alice die Geschichte weiter aus, während sie sich freudig auf eine Tüte, gefüllt mit Voltilammzuckerwatte, stürzte.
„Das ist aber nicht wahr, oder?!“
„Dass es die Trombork gibt, ist wahr. Dass Menschen verschwinden, ist auch wahr. Was sie genau mit den Menschen machen, wissen wir aber nicht. Aber wir könnten es herausfinden …“
Azalea blickte schielend über Calems Schulter hinweg. Hinter ihm knarrten die Bäume verheißungsvoll, als ein kalter Wind durch ihre Äste fuhr.
Calem drehte sich blitzschnell um. Einer der Bäume reckte sich Zentimeter für Zentimeter zwischen den Stämmen der anderen hervor. Anfangs glaubte Calem noch, dass seine Fantasie mit ihm durchging, aber als der Baum – versehen mit einem rot glühendem Auge im Stamm – sich eindeutig auf ihn und seine beiden Begleiterinnen zubewegte, wusste er, dass ihn die Realität eingeholt hatte; wieder einmal.
„Ooooh … Wir sollten besser gehen!“, flüsterte Calem ängstlich. Sein Herz pochte schmerzhaft gegen seine Rippen und das Blut rauschte so laut in seinen Venen, dass er glaubte, es deutlich hören zu können.
„Wieso denn? Ich dachte, du willst wissen, was mit den Menschen passiert, die die Trombork mitnehmen. Das ist die Gelegenheit, es herauszufinden“, kicherte Azalea.
Calem wurden die Knie weich.
Alice jammerte leise, ihre Bonbons fielen klackernd zu Boden.
Das Trombork war riesig. Die zwei Äste, die aus seinem Stamm wuchsen, entpuppten sich als zwei kräftige, hölzerne Arme. Es knarrte und ächzte, als es sich langsam über Calem beugte. Der Geruch von Harz und feuchtem Holz drang in Calems Nase. Zwischen den Wurzeln des Trombork sah er ein kleines Tarnpignon herumwuseln.
Calem schluckte schwer und obwohl alles in ihm schrie, davonzurennen, fühlten sich seine Beine an, als wären sie am Boden festgewachsen. Vor lauter Angst entging ihm diese Ironie. Calem hatte zurzeit dringlichere Sorgen.
Azalea schob ihn kichernd dem Trombork in die verästelten Arme, dessen Auge glühte rot auf wie ein Stück Kohle. Ein Stöhnen drang aus dem Pokémon, so dumpf und durchdringend, dass Calems Knochen vibrierten.
„Azalea!“, jammerte er und versuchte, sich gegen sie zu stemmen, doch die Hexe hatte wesentlich mehr Kraft, als ihr dünner Körper vermuten ließ.
„Ich tu dir nur einen Gefallen …“