Episode 1
Kapitel 1
Laut dröhnten die Bässe in den Ohren und machte es einem so gut wie unmöglich sich zu unterhalten. Aber dafür war auch niemand hier. Der Geruch von Zigarettenqualm hing schwer in der Luft, ebenso wie der Geruch von Schweiß und Alkohol. Auf einigen Podesten tanzten leicht bekleidete Frauen und heizten zusätzlich die Stimmung an. Unter der Bühne stieg künstlicher weißer Nebel auf und verteilte sich innerhalb von Sekunden im ganzen Saal. Die sicht war dadurch, zusätzlich zu dem spärlichen Licht noch mehr erschwert. Auch waren die Lichteffekte und die kurten Lasershows alles anderes als förderlicht, um etwas zu erkennen.
Aber daran störte sich niemand. Die Leute waren nicht hier, um etwas zu sehen, sondern um Spaß zu haben. Auf die eine oder andere Weise. Eng bewegten sie sich im Takt der Musik. Oder versuchten es. Andere saßen oder standen an der Bar, tranken Biere und andere alkoholische Getränke und sahen den leicht bekleideten Frauen auf den Podesten zu.
Es gab aber auch Leute unter ihnen, die anderen Geschäften nachgingen. Illegale Geschäfte, versteht sich. Geübte Augen konnten an jeder Ecke sehen, wie Dollarscheine heimlich ihren Besitzer wechselten und gegen kleine Plastiktütchen, dessen Inhalt meist aus bunten Pillen bestand, getauscht wurden. Auch konnte man beobachten wie einige Leute sich, genau diese bunten Pillen einwarfen oder über laszive Küsse ihre Besitzer wechselten.
Genau aus diesem Grund waren zwei Männer unter der Masse von feiernden Menschen. Aber anders als die Anderen, waren sie aus beruflichen Gründen hier. Sie wollten nicht die kleinen Dealer, die sich nicht auffälliger verhalten könnten, als eh schon. Sie wollten den ganz großen Fisch. Sie wollten die Männer, die die ganz großen Geschäfte abwickelten. Laut ihren Informationen, soll an diesem Abend ein Deal, im ganz großen Stiel laufen.
Unauffällig ließ der Mann einen Blick durch den Saal und zwischen den feiernden Menschen schweifen. Rasch fand er wonach er suchte. Doch bevor er sich auf den Weg machte, suchte er noch den Blickkontakt zu seinem Partner. Ein Blick und ein kurzes Nicken, dann bahnte er sich den Weg zur Tür, die wohl zu einem Hinterzimmer führte. Mit seinem dunklen Anzug, das dazu gehörige Jackett hielt er auf Grund der Wärme in der Hand, fiel er auf wie ein bunter Hund. Der Metallkoffer, den er bei sich trug, reflektierte das Licht. Er ging geradewegs auf eine Tür zu, vor der zwei Männer standen, die mit Sicherheit mehr als einmal die Woche Gewichte stemmten. Erst versperrten sie ihm den Weg, doch nach einigen Worten ließen sie ihn ins Hinterzimmer.
Kaum war er im Hinterzimmer verschwunden, wandte sich der Mann an der Bar leicht mit dem Rücken zur Tanzfläche. „Er ist jetzt drin.“,berichtete der zweite Mann. Er hatte sich einen Platz an der Bar gesucht, von dem aus er alle Ausgänge im Blick hatte. Während das restliche Team draußen wartete, gingen sie hier auf volles Risiko. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Von dem Moment als sein Partner das Hinterzimmer betreten hatte, lief die Zeit. Zwanzig Minuten, blieben um den Deal abzuschließen und keine Sekunde länger. Sie hatten nur diese eine Chance, um den gesamten Stab hoch gehen zu lassen. Und wer weis, vielleicht würden sie dann ja auch, in ihrem anderen Fall weiter kommen. Über Monate, wurde alles genau geplant. Der erst Kontakt bis hin zum heutigen Deal. Selbst die Rollenverteilung. Nur war genau das der Knackpunkt. SO wie alles geplant war, hätte es nie Funktioniert und so hatten sie, ohne das Wissen des Einsatzleiters, die Rollen getauscht. >„Gnade dir Gott, wenn du ihn mir nicht unversehrt wieder bringst.“< Ein kurzes Schmunzeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab, als er an diese Worte dachte. War es doch vor jedem Einsatz dasselbe. Erneut warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. 15 Minuten.
Hinter der Tür befand sich nur ein kleiner Raum, von dem aus eine Metalltreppe hinauf führte. Der Mann fuhr sich mit den Fingern durchs rote Haar. Selbstsicher und sich seines Auftrages bewusst, schritt er die eisernen Stufen empor.
„Yuriy.“,rief ein rundlicher Mann erfreut aus und ging auf seinen Gast zu. „Es freud mich das Sie es doch noch einrichten konnten.“,fuhr er fort und wies mit einer Handbewegung seinem Gast den Weg. „Mein Partner, war im nach hinein doch mit ihrem Angebot zu frieden.“,erklärte Yuriy, als er sich auf die Couch, am anderen Ende des Raumes, setzte. „Lass uns später über das Geschäft reden.“ „Verzeihen Sie Sir, aber ich muss noch einen Flug bekommen.“ Genervt seufzte der Mann und winkte einen seiner Angestellten heran. Ohne zögern reichte Yuriy diesem den Koffer und erhalt einen anderen zurück. Er legt ihn auf den Tisch vor sich, öffnet ihn und überprüft dessen Inhalt. Er nahm eins der weißen Packte in die Hand. Wie erwartet war auf diesen Packten dasselbe Symbole wie auf allen anderen, die sie bis her in die Finger bekamen. „Scheint alles in Ordnung zu sein.“ Yuriys Geschäftspartner sah seinen Angestellten an, der nur vertrauensvoll nickte. „Und das Geld scheint auch zu Stimmen.“ Bei diesen Worten erhoben sich die Männer und wollten sich gerade von einander verabschieden, als ein weiterer Mann den Raum betrat. Jetzt waren alle Hauptpersonen versammelt. Doch irgendetwas schien nicht zu stimmen.
Dann ging alles ganz schnell. Der Mann der zu letzt hinzugekommen war, zog eine Waffe und schoss erst den Angestellten gezielt in den Kopf, ehe er sich auf den rundlichen Mann stürzte. Gefolgt von einem lautem Knall und schockierten Schreien. Das große Fenster, dass einem einen Blick con den Geschäftsräumen runter in den Saal bot, war zerborsten. Der Körper des rundlichen Mannes lag leblos auf dem DJ-Pult. „Ivanov? Bist du in Ordnung?“ Vernahm der rothaarige über sein Earpece. Angesprochener lag auf dem Boden zwischen der Couch und dem Tisch. Nur schwer konnte er beschreiben, was gerade passiert ist. Er konnte es sich selbst nicht einmal erklären. Was war schief gelaufen? „Ivanov?“ Umständlich tauschte er sein Earpece gegen sein Headset. „Weist du was Hiwatri? Mir ist es lieber wenn auf deinen Arsch geschossen wird. Ich habe immer hin Frau und Kind zu Hause.“ Sofort wusste Hiwatri dass es seinem Partner gut ging. „Sag dass mal deiner werten Frau.“ „Ach, leck mich.“ Mit diesen Worten richtete Ivanov sich auf, wobei ihm einige Glasscherben von seinem Rücken fielen, und trat ans zerbrochene Fenster. Es hatte sich eine Traube um den Leichnam gebildet. „Lincon wird uns die Hölle heiß machen.“,meinte er und suchte zwischen der Menge, nach dem dunkelhaarigen Mann, der dies zu verantworten hatte. Während er noch suchte, hatte sein Partner in anscheinend Gefunden, da er sich zügig eine Weg bahnte.
Hastig rannte der schütze die Treppe runter. Immer wieder warf er einen Blick zurück. Die Treppe war zu voll, damit sein Verfolger ihm folgen konnte. Es gab nur einen Weg, um schneller unten zu sein und der wurde aus einem Sprung von der Brüstung bedeuten. Schon als er den rothaarigen Agent gesehen hatte, wusste er dass der heutige Deal nicht statt finden würde. Abrupt blieb der Mann stehen. Überrascht und erschrocken zu gleich, sah den Agent an, der zuvor noch hinter ihm war. Wie konnte dieser Agent nur so verrückt sein und der Brüstung springen? Mit diesem Gedanken, wollte er die Treppe wieder rauf laufen. Doch da stand schon der andere Agent. Er saß in der Falle. Ergebens ließ er sich auf die Treppe sinken und sich widerstandslos von den heran laufenden Polizisten festnehmen.
Keine zwei Minuten später sorgten weitere Polizisten dafür, dass die Disco geräumt wurde und sich die von der Spurensuche ungestört an die Arbeit machen konnten. „Es ist zwar alles schief gelaufen, aber immerhin haben wir einen der Typen und mit viel glück bekommen wir endlich die richtigen Namen.“,meinte Yuriy, als er sein Jackett von der Couch nahm, wo er es zuvor abgelegt hatte. Hinter dem Schreibtisch, stand sein Partner und sah sich einige Akten an. Er war so vertieft darin, dass er seinem Freund und Partner nicht zu gehört hatte. „Was zum Teufel, fällt euch eigentlich ein!“ Wurden die beiden Agents angeblafft. Ein Mann ende vierzig stand an der Treppe und sah sie mit finsteren Blick an. „Yuriy hatte den Typen schöne Augen gemacht und somit war ich aus dem Spiel.“, erklärte Hiwatri halb spottend, sah jedoch nicht von den Unterlagen auf. „Geht das vielleicht auch genauer.“,forderte der Mann, wobei er seine Hände in die Hüfte stemmte. „Was Kai damit sagen will, ist das Kaal nicht gewillt war mit ihm Geschäfte zu machen. Diese Information haben wir ihnen auch mitgeteilt. Allerdings mussten wir schnell handeln.“,erläuterte Yuriy seinem Vorgesetzten ihre Entscheidung. „Ich verlange einen ausführlichen Bericht. Von euch beiden.“ Mit diesen Worten deutete er auf die beiden Agents und verschwand wieder über die Treppe. „Ich kann den Typen nach wie vor nicht leiden.“,meinte Kai. „Geht mir genauso, aber Lincon ist nun einmal der Boss. Und nur so nebenbei, deinen Bericht schreibst du selbst.“ Erst seit einem halben Jahr war Lincon ihr neuer Vorgesetzter und seit der ersten Begegnung gerieten er und Kai aneinander. Das sie sich nicht grün waren, war von der ersten Sekunde an deutlich.
„Nicht einem dieser Typ war so verrückt und ist gesprungen. Aber anstatt dass du Verstärkung rufst, springst du von der Brüstung.“,meinte Yuriy nach einigem Schweigen, anklagend. „Du hörst dich schon wie Dawn an. Außerdem weis ich gar nicht was du hast, wir haben in gekriegt, also war der Sprung es wert.“ „Hättest du dir was getan, hätte Dawn mir die Hölle heiß gemacht. Lern doch endlich mal Verstärkung zu rufen.“ „Du bist doch meine Verstärkung, außerdem was soll ich mir den bei so einem Sprung großartiges antun? Und selbst wenn, wären wir dann zu mindest quitt.“,erwiederte Kai und reichte einem von der Spurensicherung die Akten. Mit seiner Bemerkung, spielte er auf Yuriys Schussverletzung an.
Bei einem Einsatz vor sechs Monaten, wurde er von einer Kugel in der Schulter getroffen. Dawn, seine Ehefrau, hatte an diesem Tag dienst in der Notaufnahme und hatte somit schneller davon erfahren, als es einem der Männer lieb wäre. Die ganze Zeit über, in der Yuriy behandelt wurde, hatte sie Kai auf dem Krankenhausflur eine Szene gemacht. Von Vorwürfen bis hin zu Äußerung ihrer Angst, warf sie ihm alles an den Kopf. Bis sie irgendwann in Tränen ausbrach. Anders lief es auch nicht, wenn Kai verletzt wurde. Dawn war nicht nur Yuriys Ehefrau, sondern auch Kais beste Freundin. Somit machte sie ihrem Mann Vorwürfe wenn Kai verletzt wurde.
„Lass uns endlich nach Hause fahren. Ehe meine werte Gattin wieder die schlimmsten Szenarien ausmalt.“ Überging Yuriy seinen Freund und ging zur Treppe. Mit einem Schmunzeln folgte Kai ihm.
……
Als Yuriy den Wagen auf die Auffahrt, seines Hauses lenkte, war es bereits weit nach Mitternacht. Obwohl das Haus im Dunkeln lag, wusste er dass nicht alle Bewohner schliefen. Noch bevor er ins Schlafzimmer ging, ging er zu seinen Kindern. Wie immer lag Sophie, die Jüngste, quer im Bett, wobei sie dieses Mal fast nur noch mit den Beinen im Bett lag. Schmunzelnd legte er sie wieder ins Bett, deckte sie zu und gab ihr noch einen Kuss auf den rotblonden Schopf. Bevor er das Zimmer verließ, deckte er auch noch Lexa richtig zu und gab auch ihr einen Kuss aufs Haar. Mit einem Lächeln schloss er wieder die Tür.
Als er ins gemeinsame Schlafzimmer kam, war er überrascht, dass auch hier sämtliche Lichter gelöscht waren. Aber als er auf den Wecker verstand er. Es war bereits sechs Uhr. Leise kletterte er übers Bett und strich seiner Liebsten eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. Mit einem geflüsterten ich liebe dich, küsste er sanft ihre Schläfe und wollte gerade das Bett verlassen, als sie seine Liebesbekundung erwiderte. „Ich wollte dich nicht wecken.“ „Hast du nicht. Ich kann sowieso nicht schlafen, wenn du nicht da bist.“,antwortete sie, setzte sich auf und knipste die kleine Lampe neben sich an. „Was ist passiert?“ „Es ist alles gut. Zwar ist der Plan schief gelaufen, aber wir haben sie. Also mach dir keine Sorgen und versuch jetzt noch ein wenig zu schlafen. Ich geh nur kurz Duschen und bin dann bei dir, okay?“ Stumm nickte sie, stahl sich noch einen Kuss und ließ dann ihren Mann, wenn auch widerwillig ins Bad gehen. Einen Moment zögerte sie noch, griff dann aber doch zum Telefon.
Frisch geduscht und nur mir einer Jogginghose bekleidet, holte Kai sich ein Bier aus der Küche und ging raus auf den Balkon. Am Geländer lehnend sah er dem langsamen erwachen der Stadt zu. Von seinem Appartement aus hatte er einen guten Ausblick über die ganze Stadt. In letzter Zeit kam es immer öfters vor, dass er erst am frühen Morgen nach Hause kam. Dabei war es egal ob er nur im Büro war oder so wie Heute einen Fall hatte. Meist war es dann so, dass er Yuriy die Akten vor der Nase weg nahm und diesen dann nach Hause zu seiner Familie schickte. Immer hin wartete man auf ihn, wohingegen auf Kai niemand wartete.
„Hey.“ Eine junge Frau, in einem recht knappen Outfit trat zu ihm auf den Balkon und reichte ihm sein Handy. „Irgendjemand will scheinbar, dringend mit der Sprechen.“ Als Yuriy ihn abgesetzt hatte, war er noch kurz in die Bar um die Ecke gegangen und keine zehn Minuten später, war er mit dieser Frau im Bett gelandet. Sie wollten beide nur das eine, also war es für sie okay und darum machte sie auch keinen Aufstand, als er sie eher unfreundlich aus der Wohnung bat. Er hörte wie sie mit ihren Absetzten durch das Wohnzimmer ging, kurz stehen blieb und dann wie sich die Wohnungstür öffnete und schloss und wie die Unbekannt die Wohnung verließ.
Ohne sich zu melden nahm er den Anruf an und schon hörte er die sanfte und besorgte Stimme Dawns. Obwohl Yuriy ihr versicherte, dass es ihm gut ging, ließ sie sich es nicht nehmen selbst noch mal nachzufragen. Nach einem kurzen Gespräch, wobei mehr Dawn sprach, war er wieder allein und vollkommene Stille umgab ihn. Dawn wusste dass er allein war und auch wenn er nicht zu gab, dass er sich auch oft einsam fühlte. Kai wusste dass sie es nur gut meinte, doch irgendwie fühlte er sich unwohl wenn sie, egal zu welcher Zeit, sie anrief und nach seinem Wohlbefinden fragte. Sie sollte sich nicht um ihn sorgen, sie sollte sich nur um ihre Familie sorgen.
Die Bitte
Kapitel 2
Die Bitte
Sich nervös auf ihrer Lippe beißen, sah sich Dawn in Kais Büro um. Im Gegensatz zu den Büros seiner Kollegen, hatte Kai nur sehr wenige persönliche Dinge hier und selbst die wären vermutlich nicht da, wenn Dawn nicht dafür gesorgt hätte. Nicht einmal die Topfpflanze wäre nicht hier, wenn Dawn sie ihm nicht her gebracht hätte und die zwei Fotos neben dem Computer hatte auch sie dort hingestellt. Auf dem einem waren sie und Kai zu sehen, als sie noch jünger waren und auf dem anderen war Kai mit den Kindern zu sehen. Obwohl Dawn bereits seit der Junior High kannte, war sie seinen Eltern nur zwei Mal begegnet und diese Begegnungen waren alles andere als angenehm gewesen. Obwohl sie sich schon lange kannte, wusste Dawn so gut wie gar nichts über Kais Familie und er sprach auch nicht über sie. Auch konnte Dawn sich nicht daran erinnern, dass Kai jemals eine Beziehung geführt hatte. Was vermutlich daran lag, dass niemand sich die Mühe macht ihn kennen zu lernen. Aus diesem Grund, wegen seiner scheinbaren Einsamkeit und weil er ihr bester Freund ist, hat sie ihn auch zum Paten ihrer Kinder gemacht. Genau genommen hatte sie ihm überhaupt ihre Familie zu verdanken. Denn durch Kai hatte sie Yuriy kennen gelernt. Yuriy.
Für einen Moment hatte sie vergessen wieso sie hier war. Sie setzte sich auf die Kante von Kais Schreibtisch und begann unbehaglich an dem Ärmel ihrer Bluse zu zupfen. „Hast du schon mit ihm geredet?“,fragte Dawn, wagte es aber nur aus dem Augenwinkel zu Kai zu sehen. „Nein. Das kann er nachher von Lincon erfahren.“,erwiederte Kai und legte den Bericht, den er so eben fertig geschrieben hatte in eine Akte. „Yuriy wird dir die Hölle heiß machen. Er wird glauben, dass du ihn hinter gehst.“ In Dawns Stimme schwang deutliche Sorge und Schuld mit, was Kai dazu brachte von der Fallakte in seiner Hand aufzusehen. Dawn wirkte sehr bedrückt darüber, dass sie die ganze Verantwortung auf ihn abwälzte. „Yuriy wird sich darüber aufregen, einige Wochen sauer sein und sich dann wieder beruhigen. Außerdem wird er am Ende einsehen, dass es so besser ist.“,erklärte Kai und wollte sich wieder der Akte zu wenden, als er ihren Blick bemerkte. Zweifelnd sah sie ihn an. Seufzend schlug er die Akte zu und schob sich samt Stuhl vor Dawn. Die Hände an ihre Hüfte legend, sah er sie eindringlich an. „Deine Bitte war vollkommen in Ordnung. Lieber kann er sauer auf mich sein, als auf dich.“ „Ich weis. Trotzdem, er hat sich Monate auf diesen Einsatz vorbereitet und nun wird er einfach abgeschoben.“ Gab sie zu bedenken. Schmunzelnd zog Kai sich noch ein Stück näher an sie. „Im Gegensatz zu mir, hat er eine Verpflichtung den Kindern und dir gegenüber. Und die kann er nicht einfach so abgeben. Ich hingegen schon.“ Entsetzt sah sie ihn an und wollte gerade alles wieder legen, als ihr sein Schmunzeln auf fiel. Das ihr sagte, sie solle sich nicht Sorgen. „Danke.“,flüsterte sie und beugte sich zu ihm runter, um ihm einen einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. „So viel ich weis, bist du mit mir verheiratet.“,unterbrach Yuriy ihre Zweisamkeit. Mit gespielter finsterer Mine ging er auf die Beiden. „Du bist zwar meine Ehemann, doch Kai ist meine Affäre.“,neckte Dawn ihren Ehemann, ehe sie ihn einen kurzen sinnlichen Kuss gab. „Lincon hat uns zu sich zitiert. Er klang, laut Hiromi, nicht gerade freundlich.“,meinte Yuriy an seinen Partner und Freund gewand. „Klingt er jemals anders? Abgesehen muss er warten, da wir jetzt zur Besprechung müssen.“,erwiderte Kai, worauf hin er sich erhob, sich von Dawn verabschiedete und das Büro verließ.
„Was habt ihr schon wieder für Geheimnisse?“,fragte Yuriy seine Frau. „Wir und Geheimnisse? Ich weis nicht was du mir unterstellen willst, Liebling.“
……
Da es in der Besprechung, um den zurzeit heikelsten Fall ging, hatte sich jeder Agent zu der Besprechung eingefunden.
Im Konferenzraum herrschte ein heiles Durcheinander. Während die jungen Beamten sich gegenseitig neckten und tristen, saß die Älteren nur belustigt da. Kai und Yuriy suchten sich ihre Plätze in der letzen Reihe und schenkten, vor allem Kai, ihrer Umgebung nur wenig Beachtung. Streng genommen gehörten die beiden Agents auch noch zu den jungen Beamten, doch standen sie bereits jetzt weit über die Anderen. Besonders Kai war mit seinen gerade einmal sechsundzwanzig kaum älter. Nur durch seine erstaunliche und überragende Leistung, war er bereits jetzt einer der Top Agents und gehörte somit zur Spezialeinheit der DEA. Yuriy hingen war bereits fünf Jahre in der Einheit, war aber im Rang nicht höher als Kai und war genauso wenig sein Vorgesetzter.
Als ein breitschultriger, grauhaariger Man den Raum betrat, herrschte sofort Ruhe und Ordnung. Während andere sich ihren Respekt erst verdienen mussten, strahlte dieser Mann etwas aus, was einen dazu brachte ihm sofort Respekt vor ihn zu haben. Mister Kinley, so hieß der Mann, begrüßte alle Anwesende freundlich und begann ohne umschweife mit der Besprechung. Es ging um die einzelnen Drogenfälle, auch um die noch so kleinsten, denn sie alle standen in verbindung mit einander. Seit einigen Monaten, wussten sie auch woher die Drogen kamen und hatten darauf hin beschlossen einen Undercoveragent einzuschleusen. Sie würden einen Agent für unbestimmte Zeit nach China schicken, der dort als Leibwache für den Triadenboss arbeiten sollte. Sie hatten schließlich noch keinen handfesten Beweis, um diesen Ring im großen Stiel sprengen zu können. Die Triaden an sich interessierten sie nicht und es wäre auch nicht mögliche diese zu hoch gehen zu lassen. Aber den Ursprung der Drogen wollten sie zerschlagen. „Wie sie sicher alle wissen, haben wir bereits vor einigen Monaten, damit begonnen, einen geeigneten Agent für diese Aufgebe, zu finden. Nach langem hin und her haben wir entschieden das Mister Hiwatari.“,fuhr Kinley fort, doch noch bevor er weiter sprechen konnte, unterbrach Yuriy ihn. „Bitte was? Ich dachte…“ „Haben Sie ein Problem damit, Mister Ivanov?“ Natürlich hatte Yuriy ein Problem damit. Bis vor ein paar Stunden hieß es noch, dass er diesen Job übernehmen würde und jetzt wurde er einfach so abschossen. Und das ohne irgendeine Erklärung. „Nein Sir. Er hat kein Problem damit.“,erwiderte Kai und zog Yuriy auf seinen Platz zurück. In diesem Moment wurde dem Rothaarigen klar, dass Kai von dieser Änderung wusste.
Einige Minuten später beendete Kinley die Besprechung. Während Kinley seine Papiere zusammen sammelte, verließen alle Anderen den Konferenzraum. Das heißt alle bis auf Yuriy und mit ihm Kai. „Entschuldigen Sie Sir, aber was hat das zu bedeuten? Bis gestern war ich noch mit dem Fall beauftragt und jetzt wird der Fall Kai zu geteilt.“,forderte Yuriy zu wissen. Es war ihm anzusehen, dass er sich bemühen musste Sachlich zu bleiben. Gerade als Kinley zu einer Antwort ansetzten wollte, ertönte eine weitere Stimme. „Mister Hiwatari ist ein geringeres Risiko. Sollte er auffliegen, ist niemand in Gefahr. Im Gegensatz zu ihnen.“ Lincon, ihr direkter Vorgesetzter, stand in der Tür und wie immer hatte er dieses typische überhebliche Grinsen auf den Lippen. „Meine Familie wäre nicht in Gefahr und somit bin ich auch kein Risiko.“ „Niemand weis wie lange es dauern wird. Es können ein paar Monate sein, aber es können durch aus, auch Jahre werden. Denken Sie doch an ihre Kinder. Sie werden vermutlich einiges verpassen, wenn Sie gehen“,erklärte nun Kinley.
Mit einem stummen Nicken verließ Yuriy wütend den Konferenzraum. Kinley hatte recht, dennoch fühlte er sich hintergangen, vor allem von Kai. „Ich klär das.“,meinte Kai an Kinley gewandt. Denn immer hin hatte Kinley, auf Kais Bitte hin, dafür gesorgt, dass der Fall Kai zu gesprochen wird. Gerade als Kai durch die Tür verschwinden wollte, hielt Lincon ihn noch einmal auf. „Ich hoffe, dass eure Berichte bereits auf meinem Schreibtisch liegen.“ „Keine Ahnung. Gehen Sie doch und sehen nach.“,erwiderte Kai, in einem, alles andere, als respektvollem Ton und verschwand durch die Tür. „Sicher dass ich ihn nicht feuern darf?“ Kopfschüttelend klopfte Kinley Lincon auf die Schulter und machte sich wieder an die Arbeit.
Wütend schmiss Yuriy die Tür zu seinem Büro hinter sich zu. Er konnte es nicht fassen. Hätte man mit ihm darüber gesprochen wäre es was anderes, aber so, war er einfach hintergangen worden. Und das von seinem eigenen Partner und Freund. Aufgebracht stütze er sich auf seinem Schreibtisch ab und sah auf die Fotos, die dort standen. Kinley hatte recht. Es könnten Jahre vergehen, bis er wieder zurück könnte, daran hatte er nicht gedacht. Und um ehrlich zu sein wollte lieber mit ansehen, wie seine Kinder groß wurden. „Raus!“,fuhr er Kai an, der gerade das Büro betrat. „Wenn du schon wütend bist, dann hoffentlich auf mich. Auf meinen Wunsch hin hat Kinley, dir den Fall entzogen und mir übertragen. Dawn, ist schon besorgt genug, wenn du hier arbeitest, sie sollte sich nicht noch mehr sorgen.“ „Wenn du gehst, wird sie sich auch sorgen.“ „Ich bin aber nicht ihr Ehemann. Außerdem brauchen Lexa und Sophie dich.“ „Du bist der Letzte, der mir das sagen muss.“ „Ach ja? Warum regst du dich dann so auf?“ „Warum ich mich so aufrege? Vielleicht weil mein Partner, mich hintergeht?“ Kopfschüttelnd setzte sich Kai auf den Stuhl vor Yuriy Schreibtisch. „Lexa kommt nächsten Monat in die Schule. Was glaubst wen sie von beiden lieber da hätte? Ihren Patenonkel oder ihren Vater?“ Mit diesen Worten schob Kai eins der Bilder Yuriy hin. Es war das Familienfoto. „Und jetzt sag mir noch mal, dass ich dich hintergangen habe.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ Kai das Büro.
……
Eine Woche später:
Als Kai das Flughafengebäude verließ, schlug ihm sofort die erdrückende Hitze entgegen. Doch daran störte er sich nicht. Er setze seine Sonnenbrille auf. Er brauchte sich nicht lange um zusehen, bis er den Wagen fand, der ihn abholen sollte. Kaum dass er auf den Wagen zuging, stiegen zwei Männer in Anzügen aus. Während der eine an dem Wagen stehen blieb, kam der andere Kai entgegen. Kai war sich bewusst, dass die Triade ihn überprüft hat und dass die Männer daher auch genau wussten wie er aussah. Dementsprechend war es nicht verwunderlich, dass sie ihn in den Wagen einstiegen ließen. In der Limousine saß noch ein weiterer Mann. Kai vermutete, dass es sich um den ersten Berater des Bosses handelte.
„Ich hoffe Sie hatten einen angenehmen Flug.“,brach der Mann das Schweigen. „Hatte schon schlechtere.“,erwiderte Kai und nahm die Sonnenbrille ab, die auch gleich ihren Weg in die Brusttasche eines Jacketts fand. „Wir fahren jetzt direkt zum Anwesen. Mister Kon lässt dort nur das nötigste Personal wohnen, Sie als seine Leibwache mit eingeschlossen. Sie werden sämtliche und für Sie wichtige Pincodes von Mister Kon persönlich erhalten. Alles weitere, werde ich ihnen später zu kommen lassen.“,fuhr der Mann fort, doch Kai hörte ihm gar nicht richtig zu. Er wusste selbst nur zu gut wie es bei der Mafia lief.
Planänderung
Kapitel 3
Planänderung
Die Sonne brannte und die Hitze war kaum zum aushalten. Barfuß auf den gepflasterten Wegen zu gegen, war nicht möglich. Aus diesem Grund, hatten es sich die zwei Teenager auch im hauseigenen Pool auf, auf zwei Luftmatratzen bequem gemacht. Normaler weise müssten sie um diese Uhrzeit in der Schule sein, doch seit neusten konnten sie wieder selbst bestimmen, wo hin sie gingen und vor allem wann. Seit einer Woche gab es keinen Schatten mehr, der sie beschattete und vielleicht hatte sein Vater endlich kapiert, dass er sich nicht länger in einen goldenen Käfig sperren lässt. Entspannt ließ er seine Hand ins kühle Nass tauchen. Seit Jahren hatte er sich nicht mehr so frei und normal gefühlt. „Hat dein Vater eigentlich noch was gesagt?“,fragte seine beste Freundin, die somit auch die angenehme Stille durchbrach. „Nach fünf Bodyguards, was soll er da noch sagen? Scheinbar hat er endlich verstanden, dass ich keine brauche und auch sehr gut auf mich allein aufpassen kann.“,erwiderte er und sah sie über den Rand der Sonnenbrille hin an. „Brauchen würdest du schon einen…“,sinnte sie, doch weiter kam sie nicht, da ihre Luftmatratze unter ihr nachgab und sie so halb in den Pool fiel. Erschrocken und wütend starrte sie ihren Freund an. Dieser hatte sich auf ihre Matratze gestützt und so untergetaucht. Natürlich schrie diese Aktion nach Rache. Schneller als der Junge gucken konnte, fand er sich auch schon unter Wasser. Eine regelrechte Wasserschlacht entbrannte zwischen den Freunden. Ihr Gelache und Geschrei hallte über das ganze Anwesen und zum ersten Mal seit Jahren, merkte man dass hier jemand wohnte. Sie wussten zwar, dass jeglicher Lärm in diesem Haus verboten war, doch störten sie sich schon lange nicht mehr an dieses Verbot. Oder an sonst irgendeinem Verbot seines Vaters. Einige Minuten vergingen, in denen sie sich nass spritzten untertauchten und sich gegenseitig daran versuchten zu hindern genau diese Dinge zu tun.
Ihr Getobe wurde je unterbrochen, als sich ein breiter Schatten über sie ausbreitete und eine donnernde Stimme sich erhob. Am Beckenrand stand ein breit schultriger Mann im Anzug. „Ihr Vater will Sie sehen.“,informierte der Mann den Jungen und schien nun darauf zu warten, dass der Junge ihm folgte. Genervt sahen sich die Teenager an, ehe sie zum Beckenrand schwammen und sich aus dem Pool hievten.
Während der Fahrt vom Flughafen zum Anwesen von Mister Kon, wurde Kai von dem Mann ihm gegenüber über alle Hausregeln, Aufgaben und Pflichten in Kenntnis gesetzt. Dabei waren ihm die Meisten davon, mehr als nur vertraut. Kannte man die eine Mafia, so kannte man streng genommen alle. Egal ob es die Yakuza, die Russen oder eben die Triade war. Die Mafia lebte im Reichtum, jedenfalls der Teil der Mafia, der Oben mitspielte, und das stellten sie gerne zur Show. Dieses Anwesen, war auch ein Beweis dafür, wie sehr die Familie im Überfluss lebte. Natürlich war Kai sich auch bewusst darüber, dass dies nicht nur ein Zuhause war, sondern auch ein Gefängnis. Ein goldener Käfig. Und egal ob man ein Gefangener oder ein Außenstehender war, wer es sich mit der Mafia verscherzte oder meinte man sein schlauer, als diese, der spielte nicht nur mit dem Feuer sondern tanzte gleich mit dem Sensemann. Wenn jemand wie Yuriy, der die Regeln, die Gesetzte, nicht kannte, der würde noch viel schneller, als es ihm lieb wäre, seinem Schöpfer gegenüber treten. Kai kannte die Regeln und hatte dieses Spiel lange gespielt, wenn auch widerwillig. Nicht einmal Dawn wusste davon und ihm wäre es lieb, wenn es sich niemals ändern würde. Bitter schmunzelnd wandte Kai den Blick von dem Gebäude ab und folgte Mister Wong ins Innere.
„Weist meinst du, was er von dir will?“,fragte Mao, während sie sich ihr Handtuch fest umband. „Keine Ahnung. Und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht wissen.“,erwiderte Ray. Ihm war mulmig zu mute. Wenn immer sein Vater ihn ins Arbeitszimmer zitierte, bedeutete es nichts Gutes. Vielleicht hatte sein Vater doch mehr von dem mit bekommen, was in den vergangenen vier Wochen passiert ist, als Ray gedacht hat. Ob mit Schatten oder ohne, die Wahrscheinlichkeit das sein Vater etwas von den unerlaubten Party mitbekam, war immer sicher, doch meistens würde er nicht so schnell darauf reagieren. Nach zwei Monaten war das frühste, bevor Ray mit Konsequenzen zu rechnen hatte.
In seinen Gedanken vertieft, bemerkte er erst, dass sie bereits im Foyer waren, als er die Stimme von Mister Wong, der Berater seines Vaters vernahm. Demonstrativ wandte er den Blick in die andere Richtung. Er vermutete dass sein Vater ebenfalls hier war, immer hin war Mister Wong so gut wie immer an seiner Seite. „Oh mein Gott. Wer ist das?“ Hörte er Mao neben sich flüstern. Irritiert folgte er dem Blick seiner besten Freundin. Mister Wong war in der Tat nicht allein, aber es war nicht Rays Vater mit dem der Berater sprach. Der Mann mit dem Mister Wong sprach, war Ray gänzlich unbekannt. Er war so auf den fremden Mann fixiert, dass er nicht darauf achtete wo er lang lief und übersah somit auch die zwei Stufen, die vom Foyer in den nächsten Flur führten.
Mit einem erschrockenen Laut landete er unsanft auf dem Boden. „Ray, alles okay?“,erkundigte sich Mao, die sofort zu ihm geeilt war und nun neben ihm kniete und besorgt musterte. Sich schmerzlindernd den Ellenbogen haltend, setzte Ray sich auf. „Ja, ja alles in Ordnung.“,erwiderte er und sah dabei auf seinen pochenden Ellenbogen. Erschrocken zuckte Ray zusammen, als sich eine kühle Hand auf seinen Ellenbogen legte. Der unbekannte Mann kniete vor ihm, strich mit den Fingern leicht über den Ellenbogen und sah sich ihn an. Es war nur eine kleine Schürfwunde zu sehen, die aber nicht blutete. „Bis zu deinem Abschluss ist das wieder verheilt.“,meinte der Mann, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Von den Lippen, ließ Ray seinen Blick weiter zu den Augen wandern. Sie hatten die Farbe von Rubinen. Trotz der warmen Farbe, wirkte sein Blick kühl. Fasziniert von diesen Augen, bekam Ray nur am Rande mit, wie er auf die Beine gezogen wurde. Nachdem Mister Wong sich ebenfalls nach Rays wohl befinden erkundigte hatte, führte er den Mann weiter durchs Anwesen. „Der Typ ist scharf.“,meinte Mao und sah dem Fremden nach. Die einzige Reaktion, die sie von Ray erhielt, war ein zaghaftes Nicken.
Wenig später betraten die Teenager das Arbeitszimmer von Rays Vater und Ray fiel sofort die angespannte Atmosphäre auf. Irgendein Geschäft musste schief gegangen sein, dass erklärte auch warum sein Vater, sie zu sich zitiert hatte. Wann immer ein Geschäft misslang, legte sich sein Augenmerk vermehrt auf seinen Sohn. Mitten des Raums blieben Ray und Mao stehen, wagten es aber nicht sich irgendwie bemerkbar zu machen. Wenn Ray mit seiner Vermutung recht hatte, dann könnte es für Mao und ihn, vor allem für ihn, gleich ziemlich unangenehm werden. Mao umklammerte mit beiden Händen Rays Hand und versteckte sich hinter ihn. Selbst das aufmunternde Lächeln ihres besten Freundes, konnte ihr nicht die Angst nehmen. Mister Kon gehörte zu den oberen Bossen und dementsprechend Respekt… nein Angst, hatte sie auch vor ihm.
„Hatte ich mich nicht klar und deutlich ausgedrückt?“,ertönte die donnernde, autoritäre Stimme von Rays Vater. Bei der härte der Stimme, zuckten die Teenager zusammen. Sie hatten doch so gut aufgepasst. Niemand beschattete sie mehr und die anderen Angestellten des Hauses würden es nicht wagen, sie zu verpfeifen. Zu mindestens hatte Ray das gedacht. Ein Irrtum wie sich nun herausstellt. „Glaubt ja nicht, dass mir auch nur eine, von euren nächtlichen Aktionen, entgangen ist.“ Mit diesen Worten, legte Mister Kon die Papiere, die er gerade bearbeitet hatte, beiseite. „Ihr dürftet das Anwesen nur, in Begleitung einer meiner Männer, verlassen. Wie oft, muss ich euch das eigentlich noch sagen?“ „Und wann verstehst du endlich, dass wir keine Kinder mehr sind?“,entgegnete Ray, in typischer trotziger Teenagermanier. „Ich würde dich nicht wie ein Kind behandeln, wenn du nicht so verhalten würdest. Ab sofort gibt es für euch nur noch die Schule und das Anwesen!“ „Das kannst du…“ „Es ist genug!“,unterbrach Mister Kon seinen Sohn. So erstickte Mister Kon jede Diskussion im Keim, die sich mit seinem Sohn anbahnte. Doch so leicht, wollte es Ray seinem Vater dieses Mal nicht machen, jedoch sollte sich diese Gelegenheit dieses Mal wieder nicht ergeben.
Mister Wong hatte das Arbeitszimmer betreten und ergriff, nach einer leichten Verbeugung seines Bosses gegenüber, das Wort. „Mister Hiwatari stände nun für das Gespräch zur Verfügung, Sir.“ „Dann bringt ihn rein.“,erwiderte Mister Kon, worauf hin er sich in seinem Stuhl zurück lehnte und seinen Sohn genau betrachtete. Sein Sohn war Stolz, Stur, Leichtsinnig und Ungehorsam. Manchmal fragte er sich sogar, ob Ray wirklich sein Sohn war. Aber bereits im nächsten Moment stellte sich die Frage nicht mehr. Denn die genannten Eigenschaften trafen auch alle auf ihn selbst zu.
Nur mit mühe hielt Ray dem Blick seines Vaters stand. Er fühlte sich unwohl und jedes Mal, wenn sein Vater ihn mit diesem Blick bedachte, veränderte sich sein Leben von Grund auf. Wiederum, schlimmer als jetzt, konnte nicht mehr werden. Er war schon ein Gefangener in diesem goldenen Käfig, mehr als ihn an die Kette zu legen, konnten man ihm nicht mehr antun.
Als Mister Wong das nächste Mal das Arbeitszimmer betrat, war in Begleitung des Mannes, den Ray und Mao bereits im Foyer getroffen haben. „Ich habe viel von ihnen gehört, Mister Hiwatari. Und um ehrlich zu sein, bin ich überrascht.“ „Das Wundert mich nicht. Aber die Umstände nun einmal, wie sie sind.“,erwiderte Kai. Auch seine Stimme war kühl und zeugte davon, dass er es nicht zum ersten Mal mit einem Mann der Mafia zu tun hatte. Und scheinbar beeindruckte Kais selbstbewusstes Auftreten, Rays Vater. „Wohl wahr. Beeindruckend bleibt es dennoch. Mit einer Familie wie ihrer zu brechen und dennoch hier zu stehen. Wie dem auch sei.“ Mister Kon erhob sich von seinem Stuhl und kam um den Schreibtisch herum. „Ich hatte Sie, als meine Leibwache herbestellt.“ Von Kai sah Mister Kon zu seinem Sohn. „Jedoch haben sich die Umstände geändert.“ Strafend sah er die Teenager an. Und während Mao sich nicht sicher war, ob sie richtig vermutete, so hatte Ray es bereits verstanden. „Sie werden die Leibwache meines Sohnes.“ „Vater!“ Mister Kon ignorierte seinen Sohn. „Und sollte Mao in der Nähe sein, werden Sie auch sie beschützen. Sie werden mich über jeden Schritt der Beiden Informieren und Sie werden dafür sorge tragen, dass es für Ray nur das Anwesen und die Schule geben wird.“ „Aber Vater…“,versuchte Ray es erneut, wurde allerdings sofort unterbrochen. „Hast du mich verstanden!?“ Es war ein direkter Befehl, der keine Widerrede zuließ. Tief einatmend wandte Ray sich von seinem Vater ab und bedachte seinen neuen Leibwächter mit einem verachtenden Blick. „Wir gehen.“,meinte Ray, packte Mao am Arm und schob sie aus dem Arbeitszimmer.
Schmunzelnd sah Kai den Beiden nach. So wie Ray ihn angesehen hatte, könnte man meinen, dass der Junge ihn am liebsten umgebracht hätte. Und mit Sicherheit, hätte er es auch am Liebsten getan. Wenn man den Jungen, von vor hin im Foyer und den Jungen von eben gerade vergleichen würde, würde man nicht gleich darauf kommen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelte. „Aus eigener Erfahrung wissen Sie sicher, wie gefährlich es für Ray ist.“ Statt darauf zu antworten, nickte Kai nur leicht, ehe auch er das Arbeitszimmer verließ.
Na toll. Er war noch nicht einmal 24 Stunden im Land und schon ging alles schief. Statt der Bodyguard vom Oberhaupt der Triade zu sein, war er jetzt der Babysitter von dessen Sohn. Tief durchatmend ging er den Flur zurück zur Haustür. Er musste sich jetzt was einfallen lassen und frische Luft half bekanntlich beim Nachdenken. Das es nicht einfach werden würde, war von Anfang an klar gewesen, aber jetzt schien es unmöglich zu sein, an die notwendigen Informationen zu gelangen. Und so wie dieser Ray auf ihn, als Bodyguard, reagiert hat, wird der Junge ihm die Arbeit nicht gerade leicht machen.
Rebellion
Ich hätte es selber nicht gedacht, aber ich habe es tatsächlich noch heute fertig bekommen. Es ist wie üblich nur grob überarbeitet, als Fehler einfach überlesen.
Und jetzt viel Spaß beim lesen und ich hoffe dass es euch gefällt, auch wenn nicht wirklich viel passiert
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Kapitel 4
Rebellion
Wütend starrte Ray aus dem Fenster der Limousine. Seit vier Wochen hatte er jetzt diesen russischen Eisklotz von Bodyguard am Hals. Seit dem ersten Tag, sorgte dieser russische Idiot dafür, dass er schön brav zur Schule ging und nach der Schule direkt zum Anwesen zurückkehrte. Egal was er versucht hatte, jede Art und Weise, wie er sich sonst immer davon stahl, Kai war ihm immer ein Schritt vor aus. Seit vier Wochen hatte Ray außer der Schule und das Anwesen nichts gesehen und so langsam wurde er Wahnsinnig. Nicht einmal shoppen mit Mao war drin. Er hasste diesen Kerl und er hasste seinen Vater, dafür dass er ihm einen neuen Bodyguard aufgezwungen hatte. Vielleicht musste Ray dieses Mal gleich zum äußersten greifen. Bis her war er jeden so losgeworden. Schließlich war er nun einmal Vatis kleines Heiligtum und an diesen durfte niemand, egal aus welchen Gründen, Hand anlegen. Ein hinterhältiges Grinsen legte sich auf seine Züge. Seine Bodyguards waren alle gleich und somit würde er auch diesen auf diese Art loswerden. Aus dem Augenwinkel sah er zu Kai, der ihm schräg gegenüber saß. Das einzige was Kai von den anderen unterschied, war das alter. Kai ist definitiv, der bisher jüngste Bodyguard, den er bis her hatte und auch der Attraktivste, wie Ray jetzt feststellte, wenn er so darüber nachdachte. Dieses Mal würde es ihn sicher keine Überwindung kosten und wer weis, vielleicht wird er auch mal seinen Spaß dabei haben. „Anstatt so zu grinsen, solltest du aussteigen und in die Schule gehen.“ Erschrocken sah Ray auf. Der Wagen hatte vor dem Schultor gehalten. Sofort schnappte er sich seine Tasche und war schon halb aus dem Wagen gestiegen, als Kai noch einmal das Wort an ihn richtete. „Wie spielen dieses Spiel seit einem Monat, du solltest langsam aufgeben.“ Ohne darauf zu antworten stieg Ray aus, aber nicht ohne die Tür dabei mit Wucht zu zuknallen. Wie er diesen Kerl hasste! Manchmal hatte Ray das Gefühl, dass er schon vor ihm selbst wusste, was er vorhatte. Die Hände tief in die Hosentaschen vergraben, ging Ray auf das Schulgebäude zu. Das Schulgelände war der einzige Ort, an dem er Ruhe vor dem Russen hatte. Dieser durfte nämlich das Schulgelände nicht betreten, es sei den Ray würde in akuter Gefahr schweben. Das galt auch für die Bodyguards, der anderen Schüler. Da diese Schule über sein eigenes Wachpersonal verfügte, wurden die Leibwächter hier nicht geduldet. Laut Schulleitung, würde sonst der Schulalltag gestört werden. Die Taiten Middel School, war die teuerste und die angesehenste Privatschule im Land. Alles was Rang und Namen hatte, ließ sein Kind auf diese Schule gehen.
Genervt ließ Kai den Kopf in den Nacken fallen. Wie konnte ein Kind nur so anstrengend sein. Selbst Lexa und Sophie waren pflegeleichter. „Wenn Sie jetzt schon mit den Nerven am Ende sind, sollten Sie jetzt den Job hinschmeißen. Ray hat erst angefangen.“,meinte der Fahrer und sah über die Schulter zu Kai. Seufzend sah Kai aus dem Fenster und sah wie Ray Richtung Schulgebäude ging. Er konnte den Jungen verstehen, dennoch ging ihm die rebellische Art auf die Nerven. Vor allem weil Kai bis her noch nicht einmal die Gelegenheit hatte, sich genauer auf dem Anwesen und besonders in Mister Kons Büro um zu sehen. Was daran lag, dass Ray, sobald man ihn aus den Augen ließ, versuchte abzuhauen. „Fahren Sie einfach.“
……
Wütend warf Ray seine Tasche auf seinen Tisch und setzte sich auf seinen Platz. Er hasste diesen Kerl. Er hasste ihn. Warm konnte dieser Russe nicht auch so Blind sein wie die Anderen? Es wäre zwar nach wie vor nervig, sich davon zu stehlen, aber er hätte dann Spaß. Aber jetzt war er ein Gefangener.
Erschrocken zuckte Ray zusammen, als ihm zwei Arme von Hinten um die Schultern gelegt wurden. „Erlebe ich dich auch mal wieder mit guter Laune?“,fragte Mao. „Sobald ich diesen Kerl los bin.“,erwiderte Ray, worauf hin Mao ihm einen Kuss auf die Wange gab und sich von ihm löste, ehe sie sich auf ihren Platz vor Ray setzte. „Was ist denn jetzt wieder passiert?“ „Dieser Kerl ist passiert!“ „Dann werde ihn los.“,meinte Mao lapidar, als wäre es das normalste auf der Welt. „Glaub mir, dass
habe ich vor und spätestens nächste Woche, bin ich ihn los.“,erwiderte er, wobei sich ein heimtückisches Grinsen auf seine Züge legte und Mao verstand sofort, was er meinte.
Als Kai zum Anwesen zurückkam, fuhr der Wagen von Mister Kon gerade davon. Eine bessere Gelegenheit würde es in nächster Zeit sicher nicht geben. Sich vergewissert dass ihn auch niemand sah, verschaffte er sich Zugang zum Arbeitszimmer. Er musste endlich etwas finden. Er brauchte dringend Beweise dafür, dass die Drogen, die derzeit überall im Umlauf sind und einen Drogentoten nach dem Anderen forderten. Routiniert ging Kai die Akten durch, die er im Schreibtisch fand. Es waren nur wenige Akten und keine davon hatte auch nur im Ansatz etwas mit Drogen zu tun. Nicht einmal der Terminplaner gab irgendeine Auskunft. Nachdenklich lehnte Kai sich im Stuhl zurück. Es befand sich nichts in diesem Büro und den Laptop, schien Mister Kon mitgenommen oder weg geschlossen zu haben. „Scheiße.“,fluchte Kai. Seufzend stand er auf und verließ genauso unauffällig das Arbeitszimmer, wie er es betreten hatte.
Es war gerade Pause und Ray und Mao hatten es sich, wie so oft, unter dem großen Baum auf der Bank gemütlich gemacht. „Hast du schon von der Party am Wochenende gehört?“,fragte Mao, ehe sie in den Apfel biss. „Ja hab ich und wir werden da hin gehen. Und weist du was, wir werden jetzt auch abhauen.“ Mit diesen Worten stand er auf und zog Mao, ohne jede weitere Vorwarnung, mit sich. Er steuerte direkt auf die Mauer zu, die das ganze Schulgelände umgab. Zum größten Teil wuchsen an der Mauer Sträucher und einzelne Zierbäume.
Mit einer Räuberleiter half Ray Mao auf die zweieinhalb Meter hohe Mauer, ehe sie ihm rauf half. Auf der anderen Seite, landete Ray elegant auf seinen Füßen, wohingegen Mao eher unbeholfen erst auf ihren Füßen und dann auf ihren Hintern landete. Es sah so Witzig aus, dass Ray nicht anders konnte, als zu Lachen. Mao versuchte es mit würde zu tragen, stand auf und klopfte sich den Schmutz vom Rock. „Wollen wir gehen oder bist du fest gewachsen?“,meinte sie, als sie bereits einige Schritte voraus gegangen war. Gerade als die Teenager um die Ecke gehen wollten, blieben sie sich abrupt stehen. „Das kann nicht wahr sein.“,fluchte Ray, als er seinen Bodyguard mit Sonnenbrille, lässig an der Mauer lehnend, entdeckte. „Habt ihr nicht unterricht?“ Es war weniger eine Frage, als viel mehr eine Feststellung, mir einem gewissen drohenden Unterton. Dennoch ignorierte Ray Kai. Ray packte Mao an der Hand und zog sie weiter. „Ray!“ Als Ray ihn wieder ignorierte, stieß Kai sich von der Mauer ab und folgte den Beiden. „Wo willst du hin?“ „Ich wüsste nicht, was es Sie angeht, Mister Hiwatari!“ Kai versuchte gar nicht erst auf den Jungen einzureden, denn das hätte ohne hin keinen Zweck. Stattdessen packte er ihn am Arm und zwang ihn so stehen zu bleiben. Aber das wollte Ray sich nicht gefallen lassen, ruckartig drehte er sich um und versuchte nach Kai zu schlagen, doch dieser stoppte seine Hand noch bevor sie ihr Ziel erreicht hatte. So sehr Ray sich auch bemühte, er konnte sich nicht aus dem Griff seines Bodyguards befreien. Obwohl es nicht seine Art war, trat Ray sogar nach ihm, was aber nicht ohne folgen für ihn bleiben sollte. Und noch ehe Ray sich versah, fand er sich mit dem Gesicht gegen die Mauer gedrückt und einen Arm auf den Rücken verdreht wieder. „Ich hasse Sie! Ich hasse Sie!“,schrie Ray ihn an und versuchte sich weiter hin zu wehren, was aber nur Schmerzen zur Folge hatte. Dennoch wehrte er sich mit Leibeskräften weiter.
Erst als ihn ein heißer Hauch im Nacken streifte, hielt er endlich still. Ungewollt schlug sein Herz schneller und das lag nicht, an der aufgewandten Kraft. Hart schluckte Ray und versuchte dieses angenehme, aber ungewollte Kribbeln, das seinen ganzen Körper befiel zu verbannen. „Hast du eigentlich nur einmal, eine Sekunde an Mao gedacht? Daran, was auch ihr passieren könnte? Wenn du dich in Gefahr bringen willst, dann mach das, aber wenn dir Mao wirklich etwas bedeutet, dann halte sie in Zukunft raus. Und glaub mir, ich kann dich besser verstehen, als du glaubst und ich weis wie beschissen es ist, als Teenager ständig unter Beobachtung zu stehen. Aber ich weis auch, wie viele Leute dir nach dem Leben trachten, von denen du nicht einmal etwas ahnst.“ Mit diesen Worten ließ Kai seinen Schützling los. Sich schmerzlindernd den Arm reibend, warf er seinem Leibwächter einen verachtenden Blick zu, ehe Ray sich von dem Russen abwandte und Richtung Schultor ging.
Unbeeindruckt sah Kai dem Teenager nach. Sie hatten Beide keine Lust auf den jeweils anderen, doch während Ray das deutlich zum Ausdruck bringen konnte, musste Kai es schlucken. „Er hasst Sie nicht wirklich.“,meinte Mao, wusste jedoch selber nicht, warum sie das sagte. „Doch tut er und es ist mir egal. Ich mache hier nur meinen Job. Und jetzt sieh zu, dass du wieder in den Unterricht kommst.“,erwiderte Kai, worauf hin Mao nickte und mit einem entschuldigen Lächeln, ebenfalls zur Schule zurück lief.
……
New York
Mitten in der Nacht wachte Yuriy auf. Im Halbschlaf tastete er auf der anderen Bettseite nach Dawn, fand sie aber nicht. Müde hob er den Kopf und sah sich in dem, vom Mondlicht erhellten, Zimmer um. Doch Dawn war nicht da. Es wunderte ihn eher weniger, dass seine Frau nicht neben ihm lag. Noch einmal das Gesicht ins Kissen vergraben, stand Yuriy auf und machte sich auf die Suche nach seiner Frau.
Zuerst vermutete er sie im Kinderzimmer, aber waren nur seine Kinder, die tief und fest schliefen. Leise die Tür schließend machte er sich auf den Weg nach unten, aber auch im Wohnzimmer und in der Küche war sie nicht zu finden. Gerade als er wieder nach Oben gehen wollte, bemerkte er einen kühlen Windhauch und als er sich umdrehte, sah wie sich der Vorhang der Terrassentür aufblähte. Er schob den Vorhang beiseite und entdeckte Dawn, die zusammen gekauert in der großen Hollywoodschaukel saß.
Erschrocken zuckte Dawn zusammen, als ihr eine Wolldecke über die Schultern gelegt wurde. „Du bist schon eiskalt.“,flüsterte Yuriy, nachdem er ihr einen Kuss auf die Schulter gegeben hatte und setzte sich zu ihr. „Er hat mich weg gedrückt.“ Ihre Stimme, sowie ihr ganzer Körper bebte und Yuriy konnte noch deutlich hören, dass sie geweint hatte. „Er ist Undercover, du weist genau dass er dann nicht…“ „Ich weis, aber ich mache mir nun einmal sorgen. Ihr habt die Fälle immer zu Zweit bearbeitet, ich konnte nachts jedenfalls einiger maßen ruhig schlafen. Ich wusste immer dass ihr auf einander aufpasst, aber jetzt er auf der anderen Seite der Welt und niemand ist da und deckt ihm den Rücken. Und du hast einen Partner, der nicht gerade viel Wert auf Sicherheit gibt.“ Schmunzelnd nahm Yuriy Dawn in den Arm. „Das hat Kai auch nicht.“ „Er hat dann aber nur mit seiner Sicherheit gespielt, was schon schlimm genug war, aber er hat nie dich damit gefährdet.“,erwiderte sie und kuschelte sich enger an ihren Mann. Dem konnte Yuriy nicht widersprechen. Kai ging immer auf volles Risiko, achtete dabei aber immer darauf, dass Yuriy nie in die Schussbahn geriet. „Es geht ihm gut, das weis ich. Kai steckte schon oft in aussichtslosen Situation und jedes Mal hat er es raus geschafft. Und diesen Fall wird er schneller beenden, als jeder andere es könnte.“ Dawn stimmte ihrem Mann stumm zu und verschränkte halt suchend ihre Finger miteinander. „Versprich mir, dass er unbeschadet zurückkommt.“ „Versprochen.“ Die Beiden sahen sich kurz an, ehe sie sich küssten und dann noch eine ganze weile eng aneinander gekuschelt draußen saßen.
Nadel, Faden und Erinnerungen
Kapitel 5
Nadel, Faden und Erinnerungen
Vollkommen übermüdet und ziemlich verkatert schlurfte Ray am Morgen durch die Flure Richtung Küche. Die Haare standen ihm, trotz dusche, wirr und fielen teilweise aus dem locker gebundenen Zopf. Bereits im Flur hörte er das Stimmengewirr, das Lachen und das Radio, das im Hintergrund lief, ebenso wie Töpfe, Pfannen und andere Gerätschaften, die von A nach B geschoben wurden. Zögernd betrat Ray die Küche und wie nicht anderes zu erwarten war, herrschte sofort eisiges Schweigen. Wenn das Radio nicht wäre, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Er spürte die ungläubigen Blicke auf sich. Seit er sechs war, seitdem das mit seiner Mutter passiert war, hatte er keinen Fuß mehr in die Küche gesetzt. Tausende Bilder liefen vor seinem inneren Auge ab. Erinnerungen was vor knapp zehn Jahren hier passiert ist. Er spürte wie sich seine Kehle zu schnürte und wie sich sein gesamter Körper verkrampfte. Panisch schlug sein Herz gegen die Brust und sein Puls raste. Halt suchend kratzten seine Finger über das Türblatt. Ray wusste nicht einmal, warum er hier gekommen war. Genauso wie damals. Ängstlich taumelte er einen Schritt zurück. Er wollte aus der Situation flüchten genauso wie vor zehn Jahren, aber genauso wie damals gehörte sein Körper ihm nicht.
„Um Himmelswillen, was ist passiert?“,rief die Köchin, eine kleine untersetzte, alte Frau, aus. Sie fixierte irgendetwas hinter Ray. Sofort legte sie das Messer beiseite, wischte sich die Hände an dem Küchentuch ab und ging auf Ray zu. Erschrocken zuckte Ray zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Ruckartig drehte er sich um und schlug die Hand von sich. „Beruhig dich.“,meinte Kai, der Rays Reaktion nicht nachvollziehen konnte. Zwar reagierte der Junge immer übertrieben, wenn Kai in der Nähe war, aber dies Mal war es anders. Diesmal stand Ray Angst und Panik ins Gesicht geschrieben. Auch zitterte er am ganzen Leib. Gerade als Kai auf seinen Schützling zu gehen wollte, führte Signora Denaro, die Köchin, den Jungen zu einem Stuhl und ließ ihn sich setzten. Dann wandte sie sich an Kai. Sie griff um sein Kinn und zwang ihn zur Seite zu gucken, damit sie sich die Platzwunde über seinem linken Auge ansehen konnte. „Hinsetzen! Und keine Widerrede.“,sagte sie mit erhoben Zeigefinger und brachte Kai so mit zum Schweigen, der gerade Protest einlegen wollte. Wenn Signoa Denaros italienisches Temperament auch nur ansatzweise mit dem von Dawn mithalten konnte, wäre es besser ihr nicht zu widersprechen. Und so tat Kai, wie es ihm befohlen wurde. Kaum dass Kai saß, setzte sich Signora Denaro sich die Brille auf und sah sich die Wunde noch einmal genau an. „Das muss genäht werden. Ray, hol mir bitte den Verbandskasten, aus dem Schrank.“,befahl sie, wobei sie nur kurz zu dem Jungen sah. Nur langsam erhob sich Ray von seinem Platz und holte aus dem Schrank, hinter der Tür, den Verbandskasten. „Desinfiziere schon mal die Wunde.“,sagte Signora Denaro an Ray gewandt, während sie in dem Verbandskasten nach Nadel und Faden suchte. Mit zitternden Fingern packte er eine der Kompressen aus und sprühte etwas von dem Desinfektionsmittel darauf, ehe er mit der Kompresse über die Wunde tupfte. Bei der ersten Berührung zuckte Kai, auf Grund des Brennenden, das das Desinfektionsmittel auf der Wunde auslöste, leicht zusammen. „Entschuldige.“,flüsterte Ray, worauf hin Kai zu ihm auf sah. Was auch immer es war, es machte Ray sichtlich zu schaffen. Ray machte Signora Denaro platz. „Ich hasse Nadeln.“,murmelte Kai, als er die Nadel in den Händen der Köchin sah. „Jetzt stell dich nicht so an, junger Mann.“ Misstrauisch beobachtete Kai, wie sie ihm mit der Nadel näher kam.
Apathisch sah Ray auf seine Fingerspitzen, an denen Blut klebte. Es war nur ganz wenig, aber dennoch vorhanden. Damals hatte er auch Blut an den Händen. Er schloss die Augen und sofort hörte er wieder den Lärm und die Schreie. Er sah seine Mutter, die sich mit Leibeskräften zur wehr setzte. Er sah Signora Denaro, die blutend am Boden lag und er sah auch die anderen Angestellten, doch diese waren tot.
Aus irgendeinem Grund sah Ray zu Kai. Sein Bodyguard saß mit geschlossenen Augen da und hielt still, während Signora Denaro ihn zusammen flickte. Die einzige Regung, die er zeigte, war dass er die Faust kurz ballte, wenn die Nadel durch die Haut gestochen wurde. Auf einmal öffnete Kai die Augen und sah zu Ray hinüber. Seit über zwei Monaten war Kai nun fast vierundzwanzig Stunden an seiner Seite und erst jetzt fiel ihm die ungewöhnliche Augenfarbe des Russens auf. Ein faszinierendes Rubinrot. Und obwohl es eine warme Farbe war, wirkte Kais Blick kühl. Beinahe eisig. Dennoch konnte Ray auch wärme darin sehen. Aber warum konnte dieser Kerl dafür sorgen, dass Ray diesen Horror für einen Moment vergessen konnte? Kai wurde von seinem Vater eingestellt. Somit konnte er nicht Anderes sein, als seine Vorgänger. Sein Vater würde nie im Leben jemanden einstellen, den er nicht zu hundert Prozent überprüft hat und der ihm nicht vollkommen Loyal ist. Selbst nach diesem tragischen Vorfall, wich Mister Kon nicht von seinem Auswahlverfahren ab. Tragisch, so hatten es alle genannt. Doch Ray nannte es kaltblütigen Mord. Darum vertraute er auch niemandem. Am wenigsten seinen Leibwächtern und somit auch nicht Kai.
„Also so schlimm, dass man Händchenhalten muss, ist es nun auch wieder nicht.“ Mit diesen Worten riss Signora Denaro Ray wieder ins hier und jetzt. Brauchte jedoch einen Moment um den Sinn der Worte der Köchin zu verstehen. Als er ihrem Blick folgte zog er sofort seine Hände zurück und wandte den Blick ab. Ray hatte mit beiden Händen Kais Hand umschlossen. Sicher hatte sein Bodyguard auch aus diesem Grund aufgesehen gehabt. Noch eigenartiger konnte Ray sich gar nicht mehr benehmen. Er hasste Kai. Er hasste ihn! Und ausgerechnet wenn dieser Kerl, hier in der Küche genäht wurde und Ray von Erinnerungen gequält wurde, suchte er die Nähe von Kai.
„So das wars. War doch halb so schlimm.“ Hörte er Signora Denaro sagen „Im Gegensatz zu Dawns Behandlungen, war es wirklich halb so schlimm.“,flüsterte Kai und wollte nach der Wunde tasten, als Signora Denaro ihm auf die Finger schlug. „Das soll heilen. Ray, sei so gut und kleb noch ein Pflaster über die Wunde. Ich muss mich weiter ums Essen kümmern.“
Als Ray im Verbandskasten nach den Pflastern suchte, versuchte er das Zittern das ihn noch immer befiel zu unterdrücken. Er wollte nicht noch mehr schwäche zeigen. Nicht vor so vielen Leuten. „Wenn es Drogen auf der Party gab, solltest du es mir jetzt sagen.“ „Ich nehme keine Drogen!“ „Weis ich.“ „Was soll dann diese Anspielung?“,forderte Ray zu wissen und hielt das Pflaster über Kais Wunde, um besser schätzen zu können, wie groß er das Pflaster zu schneiden muss. „Wenn ich gefragt hätte, was los sei, hättest du gar nicht reagiert.“ „Weil es dich auch nichts angeht.“,zischte Ray und klebte gewollte grob das Pflaster über die Wunde, ehe er die Küche fluchtartig verließ. Erst im Flur wurde ihm bewusst, was Kai eigentlich bewirken wollte. Die Angst war von ihm abgefallen und das Zittern hatte aufgehört.
……
Wütend warf Kai die Tür des Kühlschrankes zu und stand somit wieder im Dunklen. Es war mitten in der Nacht und so ziemlich jeder auf dem Anwesen schlief bereits. Nur er mal wieder nicht. Da sich sein Schützling mit lauter Musik in seinem Zimmer verschanzt hatte, hatte Kai die Gelegenheit genutzt und sich seiner eigentlichen Arbeit zugewandt. Und das Mister Kon zeitweilig außer Haus war, kam ihm auch noch zu Gute. Jedoch brachte es Kai kein Stückchen weiter. Auf diesem ganzen verfluchten Anwesen gab es nicht einen einzigen Hinweis auf die Drogengeschäfte von Mister Kon. Und das ging ihm so langsam auf die Nerven. Kai hatte keine Lust über Jahre hier zu bleiben, besonders nicht wenn er den Bodyguard oder besser gesagt den Babyguard eines fast sechzehnjährigen spielen musste. Besonders wenn dieser Teenager auch noch meinte Rebell spielen zu müssen und bei jeder Gelegenheit versucht ab zu hauen.
Seufzend legte er sich die kühle Wasserflasche an den Hals. Er hatte sich die letzte Stunde die Größe des Anwesen zu nutze gemacht und war joggen gewesen. Was bei der Hitze vielleicht nicht die beste Idee war, aber genau das hatte er gebraucht, um einen freien Kopf zu bekommen. Noch besser tat jetzt aber die Kälte, die von der Wasserflasche ausging. Einen kräftigen Schluck aus der Flasche nehmend, machte er sich auf den Weg zum Poolhaus, wo er momentan wohnte. Im Nordflüge, in dem alle andren Angestellten des Hauses wohnten, gab es kein Zimmer mehr, weswegen er das Poolhaus zur Verfügung gestellt bekam. Eigentlich kam es ihm sogar ganz gelegen, auch wenn er zurzeit streng genommen keine Privatleben mehr hatte, so konnte jedenfalls dort etwas Privatsphäre haben. Alles was jetzt noch wollte war eine ausgiebige Dusche und ein paar Stunden schlaf. Denn Schlaf war etwas, was er definitiv zu wenig bekam.
……
Schreiend schreckte Ray auf. Schwer atmend und schweißgebadet saß er aufrecht in seinem Bett. Sein Herz schlug schmerzhaft gegen seine Brust. Er hatte jede Nacht diesen Traum, diesen Alptraum, der viel mehr eine Erinnerung war. Die schlimmste Erinnerung, die er hatte. Fluchend strich er sich das Haar aus dem Gesicht. Er wollte jetzt nicht allein sein, aber das musste er. Sein Vater würde ihm nicht zu hören und Mao war heute zu ihren Großeltern gefahren. Tief durchatmend stand Ray auf und ging zum Fenster. Von hier aus hatte er ein guten Blick über dass ganze Anwesen. Auch aufs Poolhaus, in dem noch immer Licht brannte. Nachdenklich biss er sich auf die Unterlippe. Ob Kai ihm zu hören würde? Nein! Mit Sicherheit nicht! Niemand hört ihm zu. Niemand, aus vielleicht seiner besten Freundin. Aber mit ihr konnte er jetzt nicht reden und das nun einmal das, was er jetzt brauchte. Jemand der ihm zu hörte und in den Arm nahm.
Frisch geduscht und nur in Jogginghose bekleidet saß Kai auf der Couch vor seinem Laptop. Er hatte das Schreibprogramm seines E-Mail Accounts geöffnet, doch bis auf das Blinken des Cursors tat sich nichts. Er musste dringend einen Bericht an Lincon schicken, doch wusste er nicht so wirklich was er schreiben sollte. Bis her hatte er noch nichts erreicht und wenn es so weiter ging, würde er auch in zehn Jahren nichts erreichen. Von dem Moment an, in dem Mister Kon ihn zu dem Bodyguard seines Sohnes gemacht hat, war der Plan zu Nichte gemacht. Alles was Monate akribisch geplant wurde, war durch einen Teenager einfach zu Nichte gemacht. Seufzend klappte er den Laptop zu, ehe er sich zurück fallen ließ und die Hände hinter dem Kopf faltete.
Die Augen schließend genoss er die Stille. Es war angenehm einfach mal nichts zu hören. Kein Angestelltentratsch in der Küche, kein Fluchen über Lehrer, Mitschüler oder Schulfächer und auch sonst keine Teenagertragödien. Es herrschte einfach nur Stille. Doch diese Stille sollte nur von kurzer Dauer sein. Ein Geräusch, als ob etwas ins Wasser fiel. Nein, viel eher als ob jemand ins Wasser sprang. Kai wollte nicht wissen, was das war und ignorierte es. Lange gelang es ihm nicht. Einen Moment zögerte er noch, gab dann aber seiner Neugier nach. Als Kai nach draußen trat, sah er wie jemand eine Bahn im Pool schwamm.
Ray gehörte nicht gerade zu den Menschen, die sich sportlichen Aktivitäten zu wand, um einen freien Kopf zu bekommen, aber ausnahmsweise musste es herhalten. Und da es noch immer sehr warm war, schien ihm schwimmen zu gehen, am schlausten. Leicht außer Atem, hielt Ray sich am Beckenrand fest und strich sich die nassen Strähnen aus dem Gesicht. Er hatte Kai öfters dabei beobachtet, wie dieser noch spät in der Nacht joggen ging oder ebenfalls seine Bahn hier zog. Besonders an den Tagen, an denen er es seinem Leibwächter besonders schwer machte. Ray konnte ihm genau ansehen, wann er es übertrieben hatte, dennoch beherrschte Kai sich und reagierte sich später beim Sport ab. Anders, als sein letzter Leibwächter. Vermutlich war das auch der Grund, warum Ray noch nicht versucht hatte, Kai auf die übliche Weise los zu werden. Tief durchatmend ließ Ray sich auf dem Rücken im Wasser treiben. Durch das Wasser konnte er seinen Herzschlag und seine Atmung viel lauter hören. Es war ein beruhigendes Geräusch und erinnerte ihn an vergangene Tage.
„Solltest du nicht längst im Bett sein und schlafen?“ Erschrocken richtete Ray sich auf, wobei er etwas unterging. Hüstelnd kam er wieder hoch und entdeckte Kai, der am Beckenrand hockte und scheinbar über Rays schreckhafte Reaktion schmunzelte. „Das gleiche könnte ich Sie auch fragen?“ „Ich würde jetzt gerne im Bett liegen und schlafen. Aber da so ein Sechzehnjähriger immer auf irgendwelche dummen Ideen kommt, ist an schlaf nicht wirklich zu denken.“,erwiderte Kai. „Sie nehmen ihren Job ganz schön ernst.“ Kai konnte sich nicht erklären was es war, aber irgendetwas hatte sich an Rays Stimme verändert. Die Stimme spiegelte genau das Verhalten wieder, das Ray am Morgen in der Küche gezeigt hatte. Kai wollte ihn fragen, was los ist, entschied sich aber dagegen. Stattdessen richtete er sich etwas auf und hielt Ray die Hand entgegen. Nur zögernd ergriff Ray seine Hand und ließ sich aus dem Pool ziehen.
Verhängnisvolle Bekanntschaft
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Lass mich nicht allein!
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Mehr als nur ein Job?
Kapitel 8
Mehr als nur ein Job?
„So viel wie ich weis, gehört es nicht zu Ihren Aufgaben, mir zu sagen, was ich meinem Sohn erlauben sollte und was nicht.“,meinte Mister Kon. „Nein, natürlich nicht.“ „Dann wäre das Gespräch jetzt beendet.“ Jeder andere würde jetzt gehen und eigentlich tat Kai auch gut daran jetzt zu gehen und Mister Kons Entscheidung hin zu nehmen, aber dies Mal tat er es nicht. Stattdessen legte er Mister Kon das Formular der Schule mit Nachdruck auf den Schreibtisch. „Meine Aufgabe besteht darin für die Sicherheit und das Wohlergehen ihres Sohnes zu sorgen und beides ist weiter hin gefährdet, wenn Sie ihm alles Verbieten. Ray ist ein Teenager und will nichts weiter, als genau das zu sein. Aber das kann er nicht. Alles was er hier mitbekommt, hat mit Geld, Gewalt und Sex zu tun. Geben Sie einen Tag, an dem er einfach ein ganz normaler Teenager sein kann.“
……
Enttäuscht lag Ray auf seinem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte an die Decke. Mal wieder stand ein Schulausflug an und der einzige, der nicht mit durfte, war mal wieder er. Aus Solarität wollte Mao ebenfalls nicht mit fahren, was Ray drei Stunden abverlangt hatte, um sie zu überreden, dass sie mit fahren sollte. Als Ray die Einverständniserklärung seinem Vater vorgelegt hatte, hatte dieser nur einen kurzen Blick darauf geworfen und gefragt, was Ray jetzt von ihm erwartete. Ray hatte verstanden, was sein Vater ihm sagen wollte, also hatte er einfach den Brief genommen und in den nächsten Mülleimer befördert. Seit dem hatte er kein Wort mehr mit seinem Vater gesprochen, was bei den wenigen Unterhaltungen, die sie führten, sowieso kaum auffiel. Seufzend drehte er sich auf die Seite. Dieser Ausflug wäre eine willkommene Abwechslung gewesen, besonders da er auf die Ergebnisse seines HIV-Tests wartete. Der Arzt hatte sein Wort gehalten und Rays Krankenhausbesuch, unter einer anderen Diagnose abgeheftet.
Erschrocken fuhr Ray zusammen, als seine Zimmertür schwungvoll geöffnet wurde und laut gegen die da hinter liegende Wand knallte. Freude strahlend kam Mao herein und setzte sich in einer eleganten Drehung auf die Bettkante. „Ich hab doch gesagt, dass du mit fahren sollst.“,meinte Ray und richtete sich etwas auf, wobei er sich mit den Armen abstützte. Lächelnd schlug sie die Beine übereinander, stützte den Ellenbogen aufs Kinn und legte ihr Kinn in die Handfläche. Ihre langen zartrosa lackierten Fingernägel trommelten sanft gegen ihre lächelnden Lippen. „Das werde auch, aber mit meinem besten Freund.“ „Ohne die Einverständnis lass die mich nicht mit.“ Noch während seines Satzes wurde Maos Lächeln immer breiter. Auf Rays fragenden Blick hin, beugte sie sich mit erhoben Zeigefinger, der ihm signalisieren sollte, dass er kurz warten sollte, zu ihrer Tasche runter, die sie neben das Bett gestellt hat. Ohne darin zu kramen zog sie einen Zettel hervor und reichte ihn an Ray weiter. Unverständlich faltete er den Zettel aus einander. „Das ist die Einverständniserklärung.“,meinte Ray und verstand noch immer nicht. Leicht genervt verdrehte Mao die Augen und deutete auf den untersten Teil des Zettels. Genauer gesagt auf die Unterschrift. „Mao…“ „Die Unterschrift ist nicht gefälscht. Dein Dad hat es wirklich unterschrieben. Du darfst offiziell mit, natürlich nur mit den üblichen Bedienungen.“
……
Gerade noch rechtzeitig hatten es Mao und Ray zur Schule geschafft und somit den Bus erwischt. Sowohl Lehrer als auch Rays Mitschüler waren sichtlich überrascht, dass Ray bei diesem Ausflug dabei seinen wird. Die Fahrt mit dem Bus verließ ziemlich ruhig und eine knappe Stunde später fuhr der Bus auch schon auf den Parkplatz, der zum Freizeitpark gehört. Erleichtert, da es bereits am Morgen so seltsam schwül warm war, verließen die Schüler den Bus und machte sich auf den Weg zur Kasse. Besser gesagt, folgten die einzelnen Klassen ihren Lehrern.
„Wo ist eigentlich Kai?“,erkundigte sich Mao, als sie sich neben Ray auf die Bank setzte. „Keine Ahnung, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er hier in der Nähe ist. Er wollte sich im Hintergrund halten.“ Verständlich nickte Mao. „Also haben wir einen ganz normalen Tag?“ „Ja, scheint so. Irgendwie ist das ungewohnt. Es fühlt sich ziemlich gut an.“ In diesem Moment kam ihr Klassenlehrer auf die Beiden zu und reichte ihnen die Eintrittskarten. „Na dann, lass uns den Tag genießen.“ Mit diesen Worten zog Mao Ray hoch und zum Eingang des Parks. Während Ray sich von seiner besten Freundin mit ziehen ließ, sah er sich um. Seit sie das Anwesen verlassen hatten, hatte er Kai nicht mehr gesehen. Und auch jetzt konnte er seinen Bodyguard nicht entdecken, dennoch war er sich sicher, dass er ganz in der Näher ist.
……
Kai war Ray und Mao dankbar dafür, dass sie nicht wie die anderen Schüler gleich los rannten, sondern erst einmal in den Souvenirshop ging. Die Klimaanlage, war eine willkommene Abwechselung. Kai hoffte nur, dass das Gewitter, das sich durch dieses Schwüle ankündigte, nicht zu lange auf sich warten lässt. Während die beiden Teenager sich umsahen, holte er sich etwas Kühles zu Trinken. Er hielt sich im Hintergrund, möglichst so, dass die Teenager ihn nicht bemerkten, aber immer noch nah genug, um sie noch gut im Blick zu haben und um bei ihnen sein zu können, falls was sein sollte. Was er aber nicht glaubte. Ein schriller Schrei ließ Kai aufblicken und sah wie Mao sich erschrocken die Hand auf die Brust gelegt hatte und wie Ray sich über sie Lustig machte. In der Hand des Jungen befand sich eine Spinne, wenn Kai es richtig erkannte.
Unweigerlich musste Kai an den Ausflug auf Coney Island mit Dawn denken. Sie hatten gerade ihren Abschluss in der Tasche und wollten die nächsten Wochen einfach nur entspannen und da hatte Dawn die Idee nach Coney Island zu fahren. An diesem Tag hatte sie Yuriy kennen gelernt. Sie war regelrecht in ihn rein gelaufen und hatte fast genauso geschrieen wie Mao eben. Bis heute konnte Kai sich nicht erklären warum Dawn geschrieen hatte, aber immer hin hatte sie so Yuriys Aufmerksamkeit für sich gewonnen. Das letzte Mal als er an seine Freunde gedacht hatte, war vor drei Monaten. Kai holte sein Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer.
Mit einem Buch in der Hand saß Dawn im Bett. Rechts und Links von ihr lagen Lexa und Sophie, wobei Sophie falsch rum im Bett lag und somit Dawns Bein umarmte. Das Vibrieren ihres Handys auf dem Nachttisch ließ sie leicht erschrocken zusammen fuhr, besonders weil es gerade zu der spannenden Stelle im Buch passte. Genervt nahm sie das Handy und nahm ohne aufs Display zu sehen den Anruf an. „Kai!“,rief sie lauter als beabsichtigt aus und schoss regelrecht in die Höhe. Was zur Folge hatte, dass sie ihre Kinder weckte. „Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung? Wann kommst du zurück? Konntest du schon etwas herausfinden.“ Fragen über Fragen sprudelten aus ihr heraus und alle samt waren sie durch einander gewürfelt. „Ja. Ja, es geht mir gut und es ist auch alles in Ordnung. Und leider stehe noch ziemlich am Anfang. Man macht es mir hier nicht gerade leicht.“ „Es sind bereits neun Monate. Ich vermisse dich, die Kinder vermissen dich und Yuriy wird noch wahnsinnig mit seinem neuen Partner und…“ Mit einem Ruck wurde Dawn das Telefon entrissen und zwar von Lexa.
„Wo bist du Onkel Kai?“,fragte Lexa. „Ich bin in Hongkong, weist du wo das ist Süße?“ Traurig senkte Lexa den Kopf und nickte. „Ja, Papa hat es mir und Sophie auf einer Karte gezeigt. Du bist ganz schön weit weg.“ „Ja, dass bin ich in der Tat.“ „Du warst nicht einmal an meinem ersten Schultag da. Meine Mathelehrerin ist total blöd! Und Mama und Papa meinen, dass ich trotzdem Mathe lernen muss.“ „Da haben die beiden recht. Und es tut mir leid, dass ich nicht an deinem ersten Schultag da war. Aber bestimmt hat deine Mama ein Video davon und wenn ich wieder zurück bin, sehen wir es uns zusammen an. Einverstanden?“ „Versprochen?“ „Versprochen.“ „Du Onkel Kai, ich hab dich lieb.“ „Ich dich auch, Süße.“ Traurig lächelnd ließ Lexa das Handy sinken, worauf hin Sophie danach griff.
„Hast… hast du uns nicht mehr lieb?“,fragte die Jüngste hektisch und Tränen traten ihr in die Augen und lief ihr über die Wagen. „Natürlich habe ich euch noch lieb.“ Es brach Kai fast das Herz, dass die Kinder dachten, er würde sie nicht mehr lieb haben. Sie waren seine Patenkinder und er liebte die Beiden über alles. „Warum bist du dann nicht hier? Weihnachten, warst du nicht hier und meinen Geburtstag hast du auch vergessen.“ Dass Sophie anfing zu schmollen, konnte Kai deutlich an ihrer Stimme hören. „Ich muss leider Arbeiten, aber glaub mir, ich wäre viel lieber bei euch.“ „Das ist total Doof!“ „Ja, dass ist doof.“ „Ich… ich… ich hab dich ganz doll lieb und… und ich vermisse dich.“ „Ich hab dich auch lieb und ich vermisse euch. Gibst du mir jetzt noch mal die Mama?“ Nur widerwillig gab Sophie das Handy an ihre Mutter zurück.
„Geht es dir wirklich gut?“,fragte Dawn, während sie ihrer Jüngsten durchs Haar strich. „Ja. Ich befürchte nur, dass das hier noch sehr lange dauern wird.“ „Was? Nein! Nein! Yuriy hat mir von deinem Bericht erzählt. Ich bitte dich, brich den Auftrag einfach ab. Kai, wenn du…“ „Das geht nicht. Es ist zwar schwieriger als erwartet, aber machbar. Außerdem…“ Kai sah zu Mao und Ray, die an einem Regal mit Sonnenbrillen standen und diese anprobierte. Besonders die kunterbunten und die, die eine ungewöhnliche Form hatten. Er musste schmunzeln, als Ray eine Sonnenbrille in Form von Sternen aufsetzte. Er konnte nicht gehen. Nicht jetzt, wo Ray ihm endlich vertraute und Kai somit seinen eigentlichen Job machen konnte. Und vielleicht, konnte Kai nebenbei noch dafür sorgen, dass der Junge jedenfalls für einige Zeit, ein ganz normaler Teenager sein konnte. Dawns Stimme erinnerte ihn daran, dass sie noch auf eine Erklärung wartete. „Vergiss es. Es ist nichts.“ „Mach das nicht, Kai. Egal wer es ist, sie ist es nicht wert, dass du deine Familie vergisst. Wir sorgen uns um dich und ich will nicht dass dir etwas passiert.“ „Mir wird nichts passieren, versprochen.“ Mit diesen Worten wurde das Gespräch beendet, was Dawn aber schon von Kai kannte und ihr sagte, dass es ihm wirklich gut ging.
……
Den ganzen Vormittag hatten Ray und Mao damit verbracht eine Attraktion nach der Anderen aus zu probieren. Sie hatten jede menge Spaß. Besonders aber amüsierten sie sich darüber, wenn einem von ihnen eine Fahrt nicht sonderlich gut bekommen ist. Und obwohl Ray für einige Zeit vergessen konnte, dass er unter Dauerbeobachtung steht, sah er sich immer wieder suchend um. Kai hatte nichts gesagt, aber seit sie das Anwesen verlassen hatten, hatte Ray seinen Bodyguard nicht mehr gesehen. Dennoch wusste er genau dass Kai in der Nähe war. Auf der einen Seite war es schön nicht dauernd daran erinnert zu werden, dass man sich nicht wie die anderen frei bewegen konnte, doch auf der anderen Seite, war es ein komisches Gefühl. „Was halst du davon?“ Blinzelnd sah Ray Mao an. „Du hast mir gar nicht zu gehört, oder?“ Es war weniger eine Frage als viel mehr eine Feststellung. Statt ihre Frage zu wiederholen, harkte sie sich bei ihrem Freund ein und führte ihn zum Eingang des Aquariums.
Kaum das man die Schwelle des Gebäudes überschritten hatte, spürte man die kühle Luft, die von der Klimaanlage erzeugt wurde. Für ein paar Sekunden schloss Ray die Augen und genoss die Abkühlung. „Ich bin dafür, dass wir erst essen und uns dann umsehen.“,schlug Mao vor, womit Ray einverstanden war. Obwohl scheinbar, die hälfte der Besucher sich hier aufhielt, wirkte es nicht besonders voll. Auch das Restaurant war gut Besucht, aber nicht überfüllt. Während Mao ihnen etwas vom Buffet holte, suchte Ray ihnen einen Tisch. Aber auch hier kam er nicht um hin, sich nach seinem Bodyguard um zusehen. Ray konnte es nicht genau erklären, aber seit dieser Sache, wollte Ray nur noch in Kais Nähe sein. Seufzend ließ er sich auf dem Stuhl tiefer sinken. Mit Mao hatte er auch schon darüber geredet und das einzige was sie meinte, war dass er sich verliebt hätte. Er und verliebt? Schon möglich. Aber ausgerechnet in seinen Bodyguard? Zu gegeben Kai ist äußerst Attraktiv und wenn auch selten, sehr liebevoll und so wie es aussah, interessierte es Kai auch, wie es ihm ging. Und somit war er einer der Wenigen, die sich dafür interessierten.
„Man grübelt nicht darüber, sondern genießt das Gefühl einfach.“,meinte Mao, als sie mit einem Tablett in der Hand, sich zu ihm setzte. „Wenn es auf Gegenseitigkeit beruhen würde, würde ich es auch und wenn diese andere Sache nicht wäre.“ „Angenommen es wäre Gegenseitig, Kai weis von der Sache und er scheint damit kein Problem zu haben. Besonders da es noch nicht einmal bestätigt wurde.“ „Ich wurde von irgendeinem Typen in einer dreckigen Gasse, ohne Kondom gevögelt. Jeder hätte damit ein Problem.“,sagte Ray, ein wenig forscher als Beabsichtigt. Doch die Erinnerung daran ekelte ihn einfach nur an. „Selbst wenn du dich angesteckt hast, bedeutet dass nicht das es ausbricht. Das ist nicht das Ende der Welt. Es ist beschissen, aber nicht das Ende und wenn du mir nicht glaubst, dann frag Kai.“ Missmutig sah Ray zur Seite und entdeckte eine junge Frau, die sich mit niemand anderem als Kai unterhielt. Besser gesagt sie Flirte mit ihm. Da hatte er seit Stunden seinen Bodyguard zu sehen bekommen und jetzt war ausgerechnet eine Frau, dafür verantwortlich war, dass Kai aus seiner Deckung kam. Wenn Ray so darüber nachdachte, konnte er es ihm nicht einmal verübeln. Seit Kai sein neuer Bodyguard ist, hatte er nicht mitbekommen dass dieser auch nur einmal einen freien Tag oder sonst irgendwie Zeit für sich genommen hatte. Auch im Bezug auf zwischenmenschlichen Beziehungen. Seufzend schob er das Essen, das Mao ihm vom Buffet mitgebracht hatte, von sich. „Geschmack hat er, das muss ich sagen. Brünett, schlank, aber nicht Model schlank und nach meiner Meinung hat sie die Rundungen genau an den richtigen Stellen.“ Als sie ein unterdrücktes Knurren von ihrem Freund vernahm, wusste sie, dass sie genau ins Schwarze getroffen hatte. Er war Eifersüchtig und genau diese Eifersucht, wollte sie gerade schüren, damit er endlich etwas unternimmt. „Ich finde, er sollte sich mit ihr verabreden. Ich mein, Kai ist immer hin ein Kerl und beinahe ein Jahr hier.“ Für diese Worte, wurde ihr ein mehr als nur tödlicher Blick zu geworfen.
……
„Wie wäre es, wenn wir mal zusammen was trinken gehen würden?“,fragte die junge Frau, wobei sie leicht schüchtern den Blick senkte und sich hoffnungsvoll auf die Unterlippe biss. Gerade als Kai antworten wollte, ergriff jemand anderes für ihn das Wort. „Heute Abend hätte er Zeit…“ Ray stand neben seinem Bodyguard, sah aber nicht einmal zu diesem, sondern nur auf die Frau, die ihrerseits Ray überrascht ansah. „Oder wenn ihr wollt könnt ihr auch jetzt gemeinsam weiter gehen.“ Jetzt wandte er sich doch direkt an Kai. „Mao und ich kommen klar.“ Und als wolle Ray seine Worte bekräftigen, sah er zu Mao, die zustimmend nickte. „Also ich hätte nichts dagegen.“,kam es von der jungen Frau. Für einen Moment herrschte schweigen. Ray hielt den Kopf gesenkt und hatte halt suchend nach Maos Hand gegriffen und seine beste Freundin verstand. „Dann wäre es entschieden. Ihr beiden macht euch einen schönen Tag und Ray und ich werden dass auch tun.“
Judas Kuss
Kapitel 9
Die Sonne war bereits untergegangen und der Garten wurde nur noch von den Laternen beleuchtet. Wartend saß Ray, auf einer der Liegen, am Pool und starrte auf die schimmernde Wasseroberfläche. Warum hatte nicht einfach die Klappe gehalten? Kai hätte dieser Frau sicher einen Korb gegeben und dann wäre er jetzt hier. Aber die Lage war nun einmal anders. Doch was ihn am meisten Störte, war die Tatsache, dass Kai wirklich nur auf Frauen stand. Da verliebte er sich schon einmal und dann stand der Kerl auch noch auf Frauen. Seufzend zog er die Knie an seine Brust und schlang die Arme um die Beine. Der Brief in seiner Hand war schon ganz zerknittert. Eigentlich war er zum Poolhaus gekommen, weil er dachte dass Kai bereits zurück sei, aber dem war nicht so und ohne seinen Bodyguard wollte den Brief nicht öffnen. Müde stützte er sein Kinn auf den Knien ab und schloss für einen Moment die Augen.
Das Geräusch von Regen, der gegen ein Fenster prasselte, brachte Ray dazu die Augen wieder zu öffnen. Blinzelnd sah er sich im Halbdunklen um. Sein Herz schlug ihm ängstlich gegen die Brust. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass vom Pool aus irgendwo hin gegangen ist. Langsam setzte er sich auf, wobei ihm die Wolldecke von den Schultern rutschte. Einen Moment brauchte er noch bis er realisierte, dass er im Poolhaus war. Ein Blick zum Fenster verriet ihm, was ihn geweckt hatte. Draußen schien ein regelrechtes Unwetter zu Toben. Aber da war noch ein anderes Geräusch. Ray folgte mit seinem Blick die Lichtquelle zurück, die durch einen Türspalt her ins Zimmer schien. Hinter der Tür befand sich das Badezimmer und das Geräusch, war unverkennbar, dass einer laufenden Dusche. Kai musste also zurück sein. Rasch strampelte er die Decke weg und lief zum Spiegel, der in dem schmalen Flur hing. Mit den Fingern fuhr er sich mehrfach durchs zerzauste Haar und richtete seine Kleidung. „Was machst du da?“ Erschrocken fuhr Ray herum und begegnete Kais Blick. Sein Bodyguard lehnte gegen den Türrahmen. Ein belustigtes Schmunzeln lag auf seinen Zügen, was Ray die Röte in die Wangen trieb. „Nichts. Wie war dein Tag?“ Im selben Moment wie er diese Worte ausgesprochen hatte, hätte er sie am liebsten schon wieder zurück genommen. „Lohnenswert.“ Das tat weh. Selbst wenn es umschrieben war, wusste Ray genau was gemeint war. Jetzt kam er sich erst recht blöd vor. Den Kopf leicht gesenkt rieb er sich den Oberarm. „Hatte es einen bestimmten Grund, warum du draußen auf der Liege geschlafen hast?“ Erneut schreckte Ray zusammen, aber dieses Mal weil Kai ihm auf einmal so nahe war. „Der Brief ist da. Mit den Testergebnissen, ich wollte ihn nicht allein…“ „Ich bin ja jetzt da.“ Stumm nickte Ray, rührte sich aber nicht von der Stelle. „Dich berückt doch noch was anderes.“ „Nein, alles gut. Ich… es war nur ein langer Tag.“ „Ja, dass war er, aber jetzt lass uns in den Brief sehen. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass er negativ ausfallen wird. Negativ im positiven sinne.“ Fügte Kai noch an, da Ray ihn skeptisch ansah.
Nervös fingerte Ray an dem Umschlag herum. Seine Hände zitterten und ließen es nur mühsam zu, dass er den Brief endlich öffnen konnte. „Versprich mir, egal welches Ergebnis es sein wird, lass mich nicht allein.“ Kais schweigen verletzte ihn, aber versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. Gerade als Ray den Brief aus dem Umschlag nehmen wollte, griff Kai nach seiner Hand. Überrascht sah er seinen Bodyguard an, der nun mit einem Kugelschreiber etwas auf seinen Handrücken schrieb. „511956?“,las Ray fragend vor. „Ich kann dir nicht versprechen, dich nicht allein zu lassen. Das einzige was ich tun kann ist dir eine Art Sicherheit zu geben.“ Kai deutete auf die Zahlen auf Rays Handrücken. „Es gibt nur zwei Menschen, außer mir, die sofort wissen, wozu diese Nummer gehört und das kann ich dir versprechen, du kannst den Beiden Vertrauen. Egal was passieren sollte.“ Es hörte und fühlte sich nach abschied an. Ray legte den Brief zurück auf den Tisch und wandte sich nun gänzlich zu Kai. „Dir ist egal wie das Ergebnis ist, oder?“ „Nein. Ich bin mir sicher dass der Test negativ sein wird und ich wünsche es mir für dich. Doch selbst wenn es anders sein sollte, kannst du genauso weiter Leben wie bis her. Auch wenn du auf einige Dinge mehr achten musst, als andere. Und jetzt lies endlich diesen Brief.“
Ray sah zu dem Brief und er wollte auch endlich wissen, wie das Ergebnis lautete, aber zuvor wollte er noch etwas anderes tun. Denn wenn er es nicht jetzt tat, würde ihm später der Mut dazu fehlen. „Es ist ziemlich kindisch, aber ich wollte mich nicht nur Wörtlich entschuldigen. Aber wenn du es nicht annehmen willst, ist es auch in Ordnung.“ Zischen seinen Fingern spielte Ray mit einem schlichten silbernen Ring. Es herrschte für einen Moment stille, in der Ray versuchte nach den richtigen Worten zu finden, was unter dem lauernden Blick Kais nicht gerade einfach war. Unsicher biss sich der Teenager auf die Unterlippe und mit jeder Sekunde in der nichts geschah wurde er nervöser. Inzwischen biss er sich schon so fest auf die Lippe, dass es bereits weh tat und wenn er sich noch länger auf die Lippe beißen würde, würde sie mit Sicherheit anfangen zu bluten. Eine sanfte Berührung ließ ihn aufblicken und begegnete den rubinroten Augen seines Bodyguards. Vorsichtig beinahe zärtlich strich er ihm mit dem Daumen über die Unterlippe und brachte ihn so dazu aufzuhören auf diese zu beißen. Ein wohliges Kribbeln blieb dort zurück, wo Kai ihn berührte. „Entschuldigung angenommen, aber nur wenn du auf hörst, dir die Lippe kaputt zubeißen.“,sagte Kai in einem rauchigen Ton. Dann geschah alles ganz schnell. Ray packte seinen Bodyguard am Kragen, zog ihn zu sich und küsste ihn. Es war ein harter, unbeholfener Kuss, aber alles was er empfand steckte in diesem Kuss. Angst. Verzweiflung. Zuneigung. Liebe? Einfach alles. Dennoch blieb der Kuss unerwidert. Als Ray sich von ihm löste, wurde ihm bewusst was er getan hatte. Über sich selbst erschrocken, legte er sich die Hand auf den Mund und wich soweit zurück, bis er gegen die Armlehne des Sofas stieß. „Tut mir leid. Es tut mir leid.“,flüsterte Ray und noch bevor Kai irgendwie Reagieren konnte, floh Ray regelrecht aus der Situation.
Kaum das Ray die Tür hinter sich zu geschlagen hatte, klingelte das Handy, das auf dem Tisch lag. Tief ausatmend nahm Kai das Gespräch an. Er brauchte nicht aufs Display sehen, um zu wissen, wer der Anrufer war. Immer hin war es abgesprochen gewesen. „Du hattest recht.“,sagte die vertraute Stimme einer jungen Frau. Die Hintergrundgeräusche verrieten ihm, dass sie noch vor Ort sein musste. „Wie haben an allen Orten gleichzeitig zugeschlagen. Ich habe auch schon mit Yuriy gesprochen. New York war auch ein Volltreffer. Wir gehen davon aus, dass wir jetzt alle Labore haben, aber die Beweise, die du mir heute Nachmittag übergeben hast, reichen dieser idiotischen Behörde nicht aus, um Kon fest zu nehmen.“ Leise fluchend ließ sich Kai gegen die Lehne fallen. Er wusste genau was das zu bedeuten hatte. Was e für ihn zu bedeuten hatte. „Lincon überlässt dir die Entscheidung.“ Ihre Stimme klang besorgt. „Nein, tut er nicht.“ „Kai…“ „Ich mach weiter.“ Mit diesen Worten legte Kai auf, obwohl er wusste, dass Hiromi noch etwas sagen wollte. Das Handy neben sich legend, erklang ein metallisches Geräusch, gefolgt von einem leisen Klimpern. Als Kai nachsah, fand er den silbernen Ring, den Ray ihm als Versöhnungsgeschenk reichen wollte, unterm Tisch. Als er sich das Schmückstück genauer ansah, entdeckte er die Gravur ´Believe´. „Ja, es ist kindisch und auch dass du dich in mich verliebt hast.“,sagte Kai, wobei er den Ring so ansah, als würde Ray vor ihm stehen. Unbedacht ließ er den Ring auf dem Tisch fallen, wo er einige Kreise zog und schließlich Klimpernd zum liegen kam.
……
Klatschnass wie er war, kauerte sich Ray auf seinem Bett zusammen, vergrub sein Gesicht im Kissen und versuchte das Beben seines Körpers unter Kontrolle zu bekommen. Doch seine Tränen wollten nicht versiegen. Er hatte Kai geküsst und war dann abgehauen. Jetzt brauchte Kai nur noch eins und eins zusammen zählen und er würde darauf kommen, dass Ray mehr für ihn empfand. Seine Gedanken überschlugen sich, die Tränen rann ihm immer mehr über die Wangen, das Schluchzen schmerzte in zwischen und das Luftholen fiel ihm schwerer. Aber irgendwann, gewann die Erschöpfung und die Müdigkeit.
Laute Stimmen holten Ray am nächsten Morgen ziemlich unsanft aus seinem ohne hin unruhigen und traumlosen Schlaf. Müde und von den vergossenen Tränen noch immer erschöpft, öffnete er blinzend die Augen. Die Sonne schien unverschämt fröhlich herein. Murrend drehte Ray sich auf die Seite, schlug sich die Decke über den Kopf und rollte sich so klein wie möglich zusammen. Er wollte heute einfach nur im Bett bleiben und niemand sehen. Anders als sonst, wenn er sich schrecklich fühlte, hatte er dieses Mal nicht Mao angerufen. Er fühlte sich einfach nur beschissen, nach der Sache von gestern Abend. Das er sich verliebt hatte, war weniger das Problem, viel in, mehr bestand das Problem darin, dass es sich dabei um seinen Bodyguard handelte.
Doch sein allein sein war nur von kurzer Dauer. Ohne anzuklopfen kam sein Vater her rein und befahl ihm, dass er aufstehen und mit ihm kommen sollte. Keine Erklärung, kein gar nichts. Wie sonst auch. Ray wartete noch, bis sein Vater das Zimmer wieder verlassen hatte. Er wollte nicht dass er seine verweinten Augen sah oder überhaupt sah dass es ihm nicht gut ging. Nicht dass es ihn interessieren würde, doch Ray hasste diesen Blick. Diesen Blick von Verachtung.
Ray zog sich nur schnell frische Kleidung an, bürstete grob durchs Haar, ehe er es zu einem geflochtenen Zopf band. Ein kurzer Blick in den Spiegel verriet ihm, was er eh schon wusste. Er sah blass aus, um genauer zu sein sah wie ausgekotzt aus. Noch einmal tief durch atmend, verließ er sein Zimmer. Er schlürfte über den Flur und die Treppe runter ins Foyer. Kaum unten Angekommen, merkte er dass irgendetwas nicht stimmte. Er ließ seinen Blick über die anwesenden Männer geleiten. „Wo ist Kai?“,erkundigte Ray sich. Normalerweise müsste sein Bodyguard ebenfalls anwesend sein, aber weit und breit war er nicht zu sehen. „Steig in den Wagen.“ Die Tonlage seines Vaters ließ keinen Widerspruch und kein Zögern zu.
……
Die ganze Fahrt über herrschte eine angespannte Stille. Während alle anderen so taten, als wäre nichts los, biss Ray sich unbehaglich auf die Innenseite seiner Unterlippe. Was war hier los? Warum war sein Vater so schlecht gelaunt? Und vor allem, wo war Kai? Dass sie an ihrem Ziel angekommen waren, bemerkte Ray erst als am Arm gepackt wurde und aus dem Auto gezogen wurde. Sie waren an irgendeinem Hafen, doch Zeit um heraus zu finden wo er genau war, blieb ihm nicht. Der grobe Griff an seinem Arm, brachte ihn dazu, seinem Vater zu folgen. Bis runter zum Steg.
Unten am Steg standen zwei weitere Männer. Einer von ihnen war niemand anders als Kai. Doch auch jetzt wo er seinen Bodyguard sah, wollte die Anspannung nicht von Ray weichen.
„Ich muss sagen, ich bin beeindruckt.“,begann Mister Kon, als sie nur noch wenige Schritte von Kai entfernt war. „Das sich fast ein Jahr lang, ein Agent der DEA unter meinem Dach aufhält ist eigentlich unglaublich. Sie haben gut gespielt und dass obwohl Sie sich um meinen Sohn kümmern mussten.“ „Ich haben nur meinen Job gemacht.“,erwiderte Kai und obwohl seine Situation eindeutig war, war er selbstsicher. „Und dass auch ziemlich gut. Aber ich lasse mir nur ungern meine Geschäfte ruinieren. Was ich allerdings nicht verstehe, ist warum Sie zurückgekommen sind?“ „Ich mache keine halben Sachen.“ „Verstehe. Sie wollten mein Kopf.“ Kai brauchte darauf nicht antworten, sein schweigen war Antwort genug.
Ray konnte nicht glauben was er hörte. Sein Bodyguard, Kai, der Mensch, dem er am meisten Vertraute, war ein Cop. Und alles was in diesem verdammten Jahr passiert ist, war nur um nicht auf zu fliegen. Wie immer war Ray nur eine Marionette gewesen. Ein Mittel zum Zweck. Ray sah auf seinen Handrücken, wo noch immer die vier Zahlen standen. Er kannte ihre Bedeutung nicht und nun fragte er sich, ob sie überhaupt eine Bedeutung hatten. Mit dem Daumen wischte er immer wieder über die Zahlen und versuchte sie los zu werden, aber die Tinte verwischte nur leicht.
Plötzlich fiel ein Schuss und Ray sah, wie Kai zu Boden fiel. Das helle Shirt färbte sich schnell Dunkel und auch das Holz des Steges nahm die Farbe des Blutes an. „Ich hasse Schnüffler. Versenkt ihn.“ Nur am Rande nahm Ray diese Worte seines Vaters wahr. Sein Blick war fassungslos auf seinen Bodyguard gerichtet. „Nein. Kai.“
ENDE
Episode II-- Ein missglückter Abend
Kapitel 1
Ein Jahr später
Es war Kalt und Dunkel. So dunkel, dass er nicht einmal mehr seine eigene Hand vor Augen erkennen konnte. Außerdem brannte die Kälte bei jedem Atemzug in seiner Lunge. Zähne klappernd schlang er die Arme um sich und sah sich um. Mehr aus Gewohnheit, als wirklich aus dem Grund etwas entdecken zu wollen. Langsamens Schrittes ging er in eine Wahllose Richtung. Und je weiter er ging desto Kälter wurde es. Er verlor jedes Gefühl für Zeit und Raum und so sagte, ihm erst seine schmerzenden Beine, dass er bereits eine Ewigkeit umherlief. Gerade als er einen weiteren Schritt machen wollte, rutschte er aus und fiel mehr als nur unsanft zu Boden. Erschöpft blieb er liegen, doch als ihm dieser metallische Geruch in die Nase stieg, richtete er sich abrupt auf. Die Flüssigkeit auf der er Ausgerutscht ist, war kein Wasser oder Öl, es war Blut. Unbeholfen versuchte er auf die Beine zu kommen, rutschte aber immer wieder aus und im nächsten Moment stolperte er über etwas. Vorsichtig und ängstlich tastete er den Gegenstand ab. Schnell erkannte er was es war und die langsam abflauende Dunkelheit offenbarte ihm was er bereits ahnte. Mit leerem Blick sah ihm der leblose Körper seiner Mutter ihm entgegen. Erschrocken wich er zurück, wo er erneut anstieß. Nur zögernd drehte er sich um. Wieder ein lebloser Körper, dieses Mal jedoch handelte es sich um einen Mann. In der Brust des Mannes klaffte ein Loch, aus dem noch immer Blut hervor quoll.
……
Das ´Step´ war nur ein kleiner Club und von außen als solcher kaum zu erkennen. Dennoch war er sehr beliebt. Viele seiner Gäste, waren Stammgäste und somit auch Clubmitglied. Diese Mitgliedschaft war kostenlos, sie sorgte lediglich dafür, dass man garantiert in den Club kam. Alle anderen mussten solange warten, bis andere Gäste gingen. So war es nicht unüblich, dass die Leute draußen bis zur nächsten Straßenecke standen, während im Step die Tanzfläche, trotz der frühen Stunde, bereits voll war. Nur die, die Clubmitglied waren, konnten jetzt noch rein.
Die Räumlichkeiten des Steps waren folgender Maßen aufgeteilt. Der Gesamte untere Bereich war eine einzige Tanzfläche und ein Stockwerk höher befand sich die Bar, sowie einige gemütliche Sitzecken. Dabei boten einige mehr Privatsphäre, als andere. Doch am begehrstesten waren ohne hin, die Plätze an der Brüstung, von wo aus man auf die Tanzfläche blicken konnte. Und genau auf dieser Tanzfläche befand sich Dawn. In der Menschenmenge bewegte sie sich, gemeinsam mit ihrem unbekannten Tanzpartner im Takt der Musik. Auch der Übergang von Salsa zu Lambada war fließend. Das Step war nicht irgendein Club, es war ein richtiger Tanzclub. Von Disco Fox bis Rumba war alles vertreten. Man musste kein Profi sein um hier her zu kommen, man musste nur die Tänze beherrschen.
Während Dawn sich in der tanzenden Menge befand, saß Yuriy oben und sah von ihrem Platz an der Brüstung aus zu. Der Anblick, wie seine Ehefrau mit einem attraktiven Mann ziemlich eng und lasziv tanzte, störte ihn nicht besonders, was vor allem daran lag, dass es ein gewohnter Anblick war, wenn sie hier waren. Das Vibrieren seines Smartphones lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Einen Blick aufs Display werfend, ließ ihn genervt seufzen. Da hatte man schon einmal ein freies Wochenende und dennoch rief das Büro an. „Julia, was kann ich für dich tun?“, meldete er sich und ließ seinen Blick wieder zur Tanzfläche schweifen, doch Dawn war nicht mehr zu sehen. Von genervt wich sein Gesichtsausdruck zu neugierig und zu gleich verwundert. „Wann?“ Über die Musik hinweg war es schwer Julia zu verstehen, weswegen er sich auch voll und ganz auf ihre Stimme konzentrieren musste und so bekam er nur am Rande mit, wie Dawn sich zu neben ihn setzte. „Wir sind schon auf dem Weg.“ Mit diesen Worten beendete er das Gespräch. „Was ist los?“,erkundigte sich Dawn. „Ich weis es selbst nicht so genau. Aber wir müssen zum Präsidium.“ „So viel zu einem schönen Abend. Dann lass uns mal unserem Casanova suchen.“ Zustimmend nickte Yuriy, trank den letzten Schluck Bier aus und legte ein paar Dollarscheine auf den Tisch.
Keine Stunde später betraten Dawn, Yuriy und dessen Partner das zwölfstöckige Gebäude. In der Eingangshalle wurden sie bereits von Julia, der Empfangsdame, erwertet. Sie sah besorgt aus. „Da seit ihr ja endlich. Lincon macht uns hier allen die Hölle heiß.“,sagte sie. „Was ist denn überhaupt los? Du hast nur was von meiner Dienstnummer und einem Jungen gesagt.“, harkte Yuriy nach. Und gerade als Julia zu einer Antwort ansetzen wollte, ertönte eine weitere Stimme von der Treppe. „Der Junge will mit niemand anderem reden außer mit dir. Er sagt uns nicht seinen Namen oder wo er herkommt. Das einzige was er ständig wiederholt ist deine Dienstnummer. Und nebenbei hat es etliche Stunden gebracht, um heraus zu finden, wozu diese Nummer gehört.“ Mit einer Eleganz, die er scheinbar für sich gepachtet hat, kam Lincon die Treppe runter. Aber genau diese Eleganz öffnete ihm Tür und Tor und wie man unschwer an Julia erkennen konnte, machte sie auch nicht vor Frauen halt.
„Sie sagten, der Junge will nur mit Yuriy sprechen und nannte dessen Dienstnummer.“,vergewisserte sich Yuriys Partner, der mit einem Kaffee aus dem Automaten, an der Wand lehnte. „Ich weis nicht, wie viel Sie getrunken haben, dass es scheinbar auf ihr Gehör schlägt, aber davon reden wir die ganze Zeit, Mister Hiwatari.“, erwiderte Lincon, worauf hin Kai nur genervt die Augen rollte. Man hatte ihm sein Wochenende vermasselt und dazu hatte sich seine Aussicht auf eine aufregende Nacht auf Null dezimiert. Anders gesagt, Lincon sollte ihm jetzt bloß nicht blöd kommen. Nur langsam schaffte es das Koffein in dem Kaffee den Nebel, den seine Gedanken um warb, zu lichten. »„Versprich mir, egal welches Ergebnis es sein wird, lass mich nicht allein.“ « Fluchend warf Kai den leeren Plastikbecher in den Müll und war im Begriff die Treppe hoch zu gehen, als Julia sich noch einmal an Lincon wandte. „Entschuldigen Sie Sir, aber der Junge ist weg.“, informierte sie ihren Vorgesetzten. „Was? Wie ist das Möglich? Ein Officer sollte doch auf ihn aufpassen!“ „Wo war er zu letzt?“,erkundigte sich Kai. „Das ist doch vollkommen egal. Ein Junge läuft hier einfach so durch mein Präsidium…“ „Sie sind nicht einmal fähig auf einen siebzehn Jährigen aufzupassen, also versuchen Sie sich zur Abwechslung mal im Hintergrund zu halten. Besonders wenn nicht Sie derjenige sind, der sich wegen eines beschissenen Plans eine Kugel einfängt. Also sagen Sie mir nicht, dass es egal ist, wo er zu letzt war.“ Diese Ansage war deutlich und brachte Lincon sichtlich aus dem Konzept. „Der Junge ist dem Officer irgendwann auf dem Flur abgehauen.“ „Die Galerie ist dort, oder?“ Stumm nickte Julia, worauf hin Kai nach Oben ging. „Wir sollten auch nach dem Jungen suchen.“, meinte Dawn, worauf hin Yuriy ihr zustimmte und sie ebenfalls nach Oben gingen.
Auf dem Weg zu seinem Büro kamen Kai einige uniformierte Polizisten entgegen, die scheinbar alle nach dem Jungen suchten. Lincon hatte seinem Befehl wohl mehr als deutlich gemacht. Wenn Lincon einmal einen Befehl gab, hinterfragte niemand diesen so schnell. Auch sonst wagte es kaum jemand ihm zu widersprechen.
In seinem Büro angekommen, sah alles aus wie immer. Aber das hieß nichts. Wenn er sich nicht irrte, dann konnte es sich nur um diesen Jungen handeln und wenn dem so war, dann musste hier etwas anders sein. Er ließ sich in den Bürostuhl sinken, lehnte sich zurück und ließ seinen Blick über den Schreibtisch wandern. Irgendeinen Hinweis musste es doch geben. Es gab immer einen. Er neigten den Kopf und drehte den Stuhl leicht hin und her. Die Minuten vergingen und er ihm wollte einfach nicht auffallen, was anderes war. Seufzend fuhr er sich durchs Haar und gerade als er aufstehen wollte, fiel sein Blick auf eine Schublade des Wandschrankes, die nicht ganz geschlossen war. Die Schublade stand nur einen minimalen Spalt offen und unter anderen Umständen wäre es ihm selbst nicht aufgefallen. Aber da er um den Inhalt wusste und die Tatsache, dass jemand Fremdes allein in seinem Büro war, ließ ihn es nicht ignorieren. Kai erhob sich, ging zum Schrank und öffnete die Schublade. Das was sich einst darin befunden hatte, war verschwunden. Milde schmunzelnd schloss er die Schublade und ging an einen der eingeschalteten Computer im Großraumbüro. Rasch gab er einige Passwörter und seine Dienstnummer ein und nach einigen Minuten hatte er die Information die er brauchte.
Während alle Anwesenden wie verrückt nach dem Teenager suchten, ging Kai seinen eigenen Weg. Er wusste jetzt schließlich wo sich der Junge aufhielt. „Kai.“, rief ihn eine vertraute Stimme und als er sich umdrehte, sah er Dawn auf sich zu laufen. „Hast du ihn gefunden?“,erkundigte sie sich. „Nein, aber ich habe eine Ahnung wo er ist. Sag Yuriy, dass er zum Verhörraum kommen soll.“ Mit diesen Worten ging er den Flur entlang, der zu den Verhörräumen führte. Sofort zückte Dawn ihr Handy und schrieb ihrem Mann eine Nachricht, während sie ihrem besten Freund folgte.
Bei den Verhörräumen angekommen, ging Kai selbstsicher auf einen der Räume zu, doch bevor er die Tür öffnete hielt er inne. Eine Reaktion, die Dawn zuvor noch nie bei ihm gesehen hatte. Statt den Verhörraum zu betreten, ging Kai in den Nebenraum. Von dort aus konnte man durch den venezianischer Spiegel in den Raum sehen. „Ist das der Junge?“,fragte Dawn, als sie den Jungen auf dem Boden kauernd sah. „Ja, das ist Ray.“, bestätigte er. Überrascht von dem sanften Ton in seiner Stimme, musterte Dawn ihn. Er wirkte besorgt, aber auch erleichtert darüber den Jungen zu sehen. Kai hatte nie viel über die Zeit in China erzählt, doch waren ihr die Veränderungen an ihm aufgefallen, auch wenn sie nur minimal waren. „Du solltest zu ihm rein gehen. Schließlich will er mit jemandem reden, dem er vertrauen kann. Deswegen hast du ihm auch Yuriy Dienstnummer gegeben. Du wolltest, dass er dich erreichen kann und wenn nicht dich, dann jemanden, dem du vertraust und dem er vertrauen kann.“
Die Arme um die Beine geschlungen und die Stirn gegen die Knie gelehnt, kauerte Ray in der Ecke. Er war gerade einmal achtundvierzig Stunden in New York und schon wurde er in einen Strudel von Gefühlen gerissen. Doch am meisten hat ihn die Tatsache schockiert, dass Kai, der Mann, der vor seinen Augen erschossen wurde, noch am Leben ist. Erst war er wütend, dann erleichtert und jetzt wusste er gar nichts mehr. Dass einzige was er wusste, war dass er Kai sehen wollte und sonst niemanden. Fest um klammerte er die Magnetkarte, die er aus Kais Büro mitgehen lassen hat. „Ich hoffe doch sehr, dass du vor hattest mir die Karte zurück zu geben.“ Erschrocken sah Ray auf. Seine Augen weiteten sich und alles was er sich zu recht gelegt hatte, war wie weggeblasen. „Hiwa…. Kai.“, flüstere Ray heißer und er spürte wie ihm eine schwere Last von den Schultern fiel. Rasch rappelte er sich auf und lief zu Kai, dem er regelrecht in die Arme fiel.
„Dawn.“, machte sich Yuriy bemerkbar, als er in den Nebenraum trat. So wie seine Frau da stand, sah es aus, als würde sie eine von ihren Herzschmerzfilmen sehen. Und genau wie bei diesen Filmen, schenkte sie ihm nur einen kurzen Blick, ehe sie wieder durch den Spiegel in den Nachbarraum sah. „Er wusste sofort, wo er suchen musste. Und der Junge schien gehofft zu haben, dass Kai ihn finden würde.“,begann sie die Situation zu erklären und griff nach der ihres Mannes. Ohne seine Hand von ihrer zu lösen, legte Yuriy die Arme um sie und bette sein auf ihre Schulter.
Eine weile hatte Ray dieses behütende Gefühl genossen und für einen Moment hatte er vergessen, dass er ein Jahr lang geglaubt hatte, dass Kai tot sei. Doch als ihm genau dieser Umstand wieder einfiel, hatte er sich abrupt von Kai gelöst und diesem sogar eine schallende Ohrfeige verpasst. Er hatte den Agent angeschrien und immer wieder nach dem Warum gefragt, bis er irgendwann in Tränen aufgelöst, an der Wand zu Boden rutschte. Schweigend hatte sich Kai neben ihn gesetzt und hatte bis her kein einziges Wort verloren. Wie sollte er es auch erklären? Es war nun einmal sein Job. Nicht mehr und auch nicht weniger. Aber Ray war kein direkter Teil seines Jobs gewesen und genau da war der Harken. Ray würde es nicht verstehen. Dennoch würde er es versuchen zu erklären. „Es hatte sich eine neue Droge bereit gemacht, die ziemlich schnell für unzählige Tote gesorgt hat. Die Spur führte schließlich nach Hongkong, zu deinem Vater. Der Plan war einfach, doch vor Ort hat sich alles geändert. Dieser Junge hatte alles geändert. Ohne es zu wissen und weil er mich unbedingt loswerden wolltest, hat er mir die Arbeit mehr als nur erschwert.“,erklärte Kai und konnte sich ein kleines Lächeln, bei der Erinnerung an Rays nicht verkneifen. „Wolltest du denn nie zu deiner Familie zurück? Oder zu deiner Freundin?“,fragte Ray weiter nach. „Ich habe keine Freundin und direkt eine Familie habe ich auch nicht.“,antwortete Kai und konnte sich den finsteren Blick Dawns deutlich vorstellen. Schließlich versuchte sie ihm immer ein zu bläuen, dass er zu ihrer Familie gehört, besonders weil er der Pate ihrer Kinder ist. „Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand freiwillig bei der Triade bleibt.“ „Es war nicht freiwillig, es war mein Job.“ Ein unerklärlicher Schmerz machte in Rays Brust breit.
„Wenn dieser Junge zu dir kommen und dich um Hilfe bitten würde, würdest du ihm helfen?“,fragte der Teenager und lenkte so das Gespräch, ohne sich darüber wirklich bewusst zu sein, auf den eigentlichen Kern ihrer Unterhaltung. Aber viel interessanter war die Hoffnung in seiner Stimme, die durch jedes falsche Wort, zerstört werden konnte. „Was ist passiert, Ray?“ „Würdest du?“ Ungewollt hatte Ray seine Stimme erhoben. „Natürlich.“ Kaum hatte Kai das gesagt, verflocht Ray ihre Finger miteinander und ließ seinen Kopf auf die Schulter des Agents sinken. „Dann bitte Hilf mir. Bitte Kai.“,flehte der Teenager und krallte sich mit der anderen Hand in den Hemdärmel des Anderen.
Schlaflos in New York
Schlaflos in New York
Es konnte noch nicht viel Zeit vergangen sein, als Yuriy ebenfalls den Verhörraum betrat und Kai Wortlos zu verstehen gab, dass er ihm etwas Wichtiges zu sagen hatte. Nur mühsam konnte Kai sich von dem Jungen, der sich wie ein Ertrinkender, an ihn klammerte lösen, ehe er zu seinem Partner ging. „Eine Mitarbeiterin vom Jugendamt ist gerade gekommen.“, informierte Yuriy ihn. „So spät noch?“ Unwissend zuckte Yuriy mit den Schultern, worauf hin die beiden Agents zu dem Jungen sahen und als hätte Ray die Blicke auf sich gespürt, sah er auf, doch dass einzige was er sah, war dass Kai und sein Partner den Raum verließen. Der Junge schaffte es nicht einmal Kais Namen zu rufen, geschweige denn sich hinzustellen, bevor die Tür auch schon zu fiel und er wieder einmal allein war. Verzweifelt zog er die Beine an seine Brust, schlang seine Arme um sie und stützte seine Stirn auf den Knien ab.
„Was versucht sie eigentlich damit zu bezwecken? Selbst jeder, der von sich behauptet nicht mit Kinder umgehen zu können, würde sich besser anstellen, als diese Frau.“, meinte Dawn verachtend, während sie wie ein Tiger im Käfig auf und ab lief. Als Mutter konnte sie es nicht fassen, wie diese Jugendsamttante, mit einem Halbwüchsigen umging. Ihrer Meinung nach erinnerte das Gespräch viel mehr an ein Verhör, bei dem sich Ray sichtlich unwohl fühlte. Ein falsches Wort, ein Kommentar würde ausreichen um Dawn deswegen zum Explodieren zu bringen, was sonst nur der Fall war, wenn es um ihre eigenen Kinder ging. Man konnte sie in diesem Moment mit einer Löwenmutter vergleichen und Dawn war mindestens genauso gefährlich. „Was passiert jetzt eigentlich mit dem Jungen?“ „Ich nehme an, dass er vorerst in ein Heim oder in einer Pflegefamilie unterkommen wird.“, äußerte Yuriy seine Gedanken, obwohl er genau wusste, dass Dawn darauf lieber keine Antwort gehabt hätte. Während Dawn noch weiter ihr Missfallen über diese Frau äußerte, trat Kai näher an den Spiegel und musterte den Teenager genau. Die Tatsache, dass Ray hier war und ihn um Hilfe bat, konnte nichts Gutes heißen. Die Frage war nur, was ist passiert?
Mit den Armen vor der Brust verschränkt, starrte Ray stur auf die Tischplatte. Er reagierte auf keine der Fragen, die die Frau vom Jugendamt ihm stellte. Auch auf jeden anderen Versuch, von ihr an ihn ran zu kommen, reagierte er nicht. „Du musst mit mir reden Ray, sonst kann ich dir nicht helfen.“, versuchte die Frau mit Engelszungen auf ihn einzureden. Der Junge machte sich noch kleiner und wandte nun den Blick vollkommen von der Frau ab. Ergebens seufzend, schlug sie die Akte zu, packte alles in ihre Tasche, ehe sie den Raum, ohne Verabschiedung, verließ. Kaum das die Tür ins Schloss fiel, hob Ray den Kopf und sah seinem Spiegelbild entgegen. Er war blass und die dunklen Ringe unter seinen Augen, zeigten den Schlafmangel der letzten Tage. Müde führ er sich über die Augen. Alles in ihm schrie nach schlaf, aber diesem wollte er nicht nach kommen, nicht bevor er wusste was mit ihm passieren wird. Nach ein paar Minuten hielt ihn nichts mehr auf seinem Stuhl und so ging er zur Tür, die er einen Spaltbreit öffnete und sofort hörte er ein Stimmen wirrwahr vom Flur her. Ray öffnete die Tür noch ein Stück weiter und erkannte dann auch fünf Personen, von denen er vier bereits kannte.
„Der Junge ist siebzehn und gehört in die Obhut des Amts, solange bis alles Weitere geklärt ist.“, meinte die Frau vom Jugendamts. Scheinbar waren sie sich alle einig, dass Ray ins Heim gehörte, selbst Kai schien dieser Meinung zu sein. „Vergessen Sie es!“,meinte die blonde Frau in dem schwarzen knielangen Kleid, die so irgendwie gar nicht hier her passte. „Der Junge hat weder Sie noch die Polizei um Hilfe gebeten, sondern einzig und allein Kai.“ „Ich kann Sie durch aus verstehen, aber der Junge ist nun einmal minderjährig und solange wir über seine Eltern wissen…“ „Meine Mutter ist Tod und mein Vater ist ein Verbrecher. Ein Triadenboss, um genau zu sein.“, gab Ray unsicher von sich und genauso unsicher stand er vor ihnen. Die Arme vor der Brust verschränkt ganz so, als ob er frieren würde und den Blick zu Boden gerichtet. „Unter diesen Umständen, wäre es vielleicht besser, wenn wir den Jungen unter polizeiliche Obhut nehmen.“, meinte Lincon, der inzwischen darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass Ray der Sohn von Mister Kon ist. Den Mann den Lincon unbedingt hinter Gittern sehen will. „Nein, tut mir leid. Aber so lange der Junge nicht in akuter Gefahr ist, werde ich dem nicht zustimmen.“ „Wir werden ihn auf nehmen und uns um ihn kümmern.“,meldete Dawn sich erneut zu Wort und riss so die Aufmerksamkeit aller auf sich. Kai war der Erste, der zum Protest ansetzten wollte, wurde aber sofort von ihr zum schweigen gebracht. „Er will deine Hilfe und nicht die von irgendjemand anderen. Steh zu deinem Wort, so wie du es sonst auch immer machst.“ Ohne darauf zu antworten, ging Kai einfach. „Einverstanden, aber Sie übernehmen die komplette Führsorge und sorgen für einen Geregelten Tagesablauf. Damit meine ich, dass Sie dafür Sorgen, dass der Junge zur Schule geht und…“ „Natürlich.“, unterbrach Dawn die Frau, ehe sie sich zu Ray wandte. Mütterlich lächelte sie ihn an, strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht und führte ihn schließlich weg von den Anderen.
Innerlich war Kai froh darüber, dass Dawn den Jungen bei sich aufgenommen hat und zu gleich wünschte er sich, dass sie es nicht getan hätte. Damals hatte er schon den Fehler gemacht und Ray zu sehr an sich ran gelassen und auch die Tatsache, dass er ihm über die Dienstnummer von Yuriy eine Tür offen gelassen hatte… Es passte einfach nicht zu ihm. Ray war nicht der Erste und auch nicht der Letzte, der in einer Aussichtslosen Situation war, aber nie zuvor hatte er über seinen Auftrag hinweg geholfen. Wenn es überhaupt helfen nennen konnte. Im Grunde hatte er Ray im Stich gelassen, genauso wie eben gerade. Tief durchatmend lehnte er sich gegen das Treppengeländer und sah runter in die Eingangshalle, wo Dawn mit Ray am Empfang auf Yuriy wartete. „Der Junge sollte lieber in Polizeigewahrsam bleiben. Aber allein die Tatsache, dass er der Sohn von diesem Mistkerl ist, reicht dafür nicht aus.“,meinte Lincon, als er neben den Agent trat. „Unter Dawns Obhut ist er besser aufgehoben und vor allem ist er auch vor Ihnen Sicher.“, erwiderte Kai, wobei seinem Vorgesetzten der drohende Unterton nicht verborgen blieb. „Eigentlich sollte es mich nicht überraschen, dass Sie davon wissen, doch ich verbiete mir diese Drohung. Ich bin immer noch ihr Boss und ebenso der von Ivanov!“ „Sie sollten sich ihren Rat selbst zu Herzen nehmen.“ Mit diesen Worten warf Kai noch einen letzten Blick runter in die Eingangshalle, ehe er sich von Lincon abwandte und in einem der Flure verschwand.
……
Die ganze Autofahrt über, hatte Ray kein Wort von sich gegeben und verloren aus dem Fenster gesehen. Auch jetzt während Dawn ihm sein neues Zimmer zeigte, brachte er kein Wort über die Lippen. Aber Dawn nahm es ihm auch nicht übel. Man konnte ihm die Anstrengung der letzten Tage deutlich ansehen. Und die Tatsache, dass die einzige Person, die ihn kennt, kaum etwas getan hatte um ihm heute Abend zu helfen, trug auch einen großen Teil, zu seinem Unwohlsein bei. „Schräg Gegenüber ist das Badezimmer, den Rest des Hauses zeige ich dir Morgen. Versuch jetzt erst mal zu schlafen.“ Sie schenkte ihm noch ein aufmunterndes Lächeln und war bereits im Begriff das Zimmer zu verlassen, als sie sich noch einmal an den Jungen wandte. „Wenn du was brauchst, Yuriys und mein Zimmer ist am Ende des Flurs.“ Zur Antwort nickte Ray nur, worauf hin Dawn ihn auch allein ließ. Einen Moment lang sah Ray sich in dem kleinen Zimmer um. Es war überwiegend in Weiß und Begade gehalten. Nur die Wand, an der das Bett stand war, samt den zwei Regalen türkis gestrichen. Ray stellte seine Tasche neben dem Schreibtisch ab und ließ sich aufs Bett sinken. Er wollte nicht hier sein. Er wollte bei Kai sein. In dem Moment als der Agent vor ihm Stand konnte er es kaum glauben. Er hatte mit angesehen, wie sein Vater Kai erschossen hatte und dennoch stand plötzlich vor ihm. Für einen Moment konnte Ray alles vergessen. Alles was in dem Jahr passiert ist. Die ganze Zeit war für einige Minuten ausgelöscht und Ray wusste, spürte, dass solange Kai bei ihm sein würde, alles wieder gut werden würde. Und doch hatte Dawn zu erst Partei für ihn ergriffen und Kai war einfach gegangen.
……
Mit einigen Akten, die er noch bearbeiten musste, hatte Kai sich in sein Büro zurück gezogen. Ein Klopfen ließ ihn von den Berichten aufsehen. „Ich habe Pizza mitgebracht.“,meinte die Frau, die soeben das Büro betrat und hob demonstrativ den Karton hoch. „Keine Vorhaltung?“ „Das habe ich schon längst aufgegeben und außerdem ist es nicht das erste Mal, dass du mich versetzt.“ Sie stellte den Karton auf den Schreibtisch und ging um den Tisch herum zu Kai. Die Beine übereinander geschlagen setzte sie sich auf den Schreibtisch, wobei ihr ohne hin schon kurzer Rock noch höher rutschte und die schwarzen Strapse zum Vorscheinen kam. „Nach den ganzen Akten zu Urteilen, willst du über irgendetwas nicht Nachdenken.“, meinte sie, nach einen Blick auf den Papierkram und schlug die Akte zu, an der Kai gearbeitet hatte. „Weis du, ich wüsste da eine bessere Methode und vor allem hätten wir Beide etwas davon.“ Kai lehnte sich entspannt zurück und ließ seinen Blick über die Frau wandern. Und wie üblich gefiel ihm was er sah, aber dass war natürlich auch ihr Ziel. „Ich bin mir sicher, dass mir die Methode gefallen wird.“ Sie ließ sich vom Schreibtisch gleiten und drehte den Schreibtischstuhl, samt Kai, zu sich. Lasziv beugte sie sich vor und stahl sich einen langen, feurigen Kuss. „Und wie es dir gefallen wird.“, hauchte sie ihm ins Ohr und ließ ihre Hände über seine Brust hinab wandern.
……
Unruhig drehte sich Ray von einer Seite auf die Andere und obwohl er müde war, wollte der Schlaf nicht kommen. Und inzwischen mussten auch schon etliche stunden vergangen sein, da es draußen bereits wieder Hell war. Sich in die Decke kuschelnd, schloss er die Augen und versuchte noch einmal in den Schlaf zu finden. Doch schon kurze Zeit später, wurde er von einem Geräusch, vom Flur her wach gehalten. Ray sah gerade zur Tür, als diese langsam geöffnet wurde und zwei kleine Mädchen ihre Köpfe ins Zimmer steckten. Leise sahen sie sich um, dabei schienen sie Ray noch nicht bemerkt zu haben. Die Kleinere von Beiden betrat als erste das Zimmer, wobei sie einen großen Teddy hinter sich her zog. „Du bist nicht Onkel Kai!“,rief sie aus und deutete dabei auf Ray, worauf hin ihre Schwester sofort bei ihr war. „Wer bist du?“,forderte sie zu wissen und zog ihre kleine Schwester eng an sich. „Ich bin Ray. Ähm… Dawn hat mir angeboten hier zu übernachten. Tut mir leid, dass ich euch erschreckt habe, dass wollte ich nicht.“,erklärte Ray sich. Während die Ältere der Beiden ihn noch scharf musterte und sich scheinbar noch nicht sicher war, ob sie ihn mögen soll oder nicht, schien es für die Kleine schon beschlossene Sache zu sein. „Sophie.“, sagte sie und schneller, als Ray gucken konnte, war Sophie zu ihm aufs Bett geklettert. „Geht es dir nicht gut?“ „Nein, ich… ich meine, es geht schon, ich kann nur nicht schlafen.“ „Das können wir auch nicht und darum wollten wir zu unserem Onkel.“ „Lass mich raten, ihr Beiden kuschelt dann mit eurem Onkel.“ „Genau. Ich liege dann da und Lexa da. Und manchmal wenn wir gar nicht schlafen können, erzählt er uns auch Geschichten. Aber nur sehr selten.“ Bei ihrer Erklärung deutete sie erst auf die Seite, wo sich die Wand befand und dann auf die Andere. „Der Esel nennt sich immer zu letzt.“,belehrte Lexa ihre Schwester, ehe sie ebenfalls aufs Bett kletterte und wobei sie dass, „Hab ich doch.“, ihrer Schwester nicht mitbekam.
Krankheit und... schlechte Omen?
Kapitel 3
Krankheit und... schlechte Omen?
Zwischen Hustensaft verabreichen und Temperaturmessen, machte sich Dawn für die Arbeit fertig. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass ihre Kinder die Erkältungszeit hinter sich hätten, aber da hatte sie sich geirrt. Vor vier Tagen kam Lexa mit Halsschmerzen von der Schule, was sich über Nacht zur einer ausgewachsenen Erkältung und erhöhter Temperatur entwickelte. Und wie sollte es bei drei Kindern auch anders sein, sie steckten sich bei einander an. Erst Sophie und schließlich auch Ray. Unter anderen Umständen würde ihr dass nicht solchen stress bereiten, aber da Yuriy zu einem mehrtätigen Seminar nach San Francisco musste und Dawn heute wieder mit den Nachtschichten im Krankenhaus anfängt, kam die Erkältung der Drei eher ungünstig. Also blieb ihr nichts anders übrig, als zu Plan B zu greifen und dass war nun einmal der Pate der Kinder. Rasch warf Dawn noch einen Blick in den Badezimmerspiegel, steckte schnell noch die losen Strähnen fest und verließ dann zügig das Bad. Sie war spät dran, was daran lag, dass sie sich erst im letzten Moment dafür entschieden hatte, Kai darum zu Bitten auf die Drei aufzupassen. „Ich fahr jetzt zur Arbeit.“, verabschiedete Dawn sich und gab ihren Mädchen noch einen Kuss auf die Stirn, ehe sie zu Ray ging. Von allen drei machte Ray ihr am meisten Sorgen. Seine Temperatur war schnell gestiegen und der Husten war stärker geworden. „Kai ist sicherlich gleich hier und scheue dich bitte nicht, ihm zu sagen, wenn es dir schlechter geht.“ Stumm nickte Ray und zog sich die Decke bis über die Nase. Sorgevoll strich sie ihm das Haar aus der Stirn, ehe sie ihm auch einen Kuss auf die Stirn gab. „Ich werde so um halb sieben zurück sein.“ Mit diesen Worten schnappte sie sich ihre Handtasche sowie Jacke und Autoschlüssel und verließ das Haus. Das zu fallen der Haustür, war das letzte was Ray mitbekam, bevor er einschlief.
……
Ein trockener Hustenanfall zwang Ray ruckartig in die Senkrechte. Würden Kopf und Gliederschmerzen ihn nicht bereits quälen, würde er sicher über die Halsschmerzen klagen. Erschöpft ließ er den Kopf gegen die Couchlehne sinken und versuchte tief durchzuatmen. Vom Husten tat ihm nicht nur der Hals weh, sondern auch die ganze Brust. Er spürte dass er förmlich glühte, dennoch war ihm kalt. Sich die Decke enger umschlingend bemerkte er, dass nur noch die Stehlampe neben dem Sofa brannte. Als sich weiter umsah, stellte er fest dass Lexa und Sophie nicht mehr auf der anderen Couch lagen. Er ließ seinen Blick weiter durch den Raum wandern bis zur Küche. Auch dort brannte nur noch das Licht der Küchenzeile. Erneut ließ ein Hustenanfall sich schmerzlich zusammen krampfen. „Hier trink das.“ Überrascht sah er erst auf die dampfende Tasse, die ihm da geboten wurde und dann zu der Person. „Kai…“ Der Rest des Satzes ging in einem heiseren krächzen unter. „Schon lieber deine Stimme und jetzt trink.“ Mit beiden Händen umgriff er die Tasse und trank einen wohltuenden Schluck davon. Während er trank beobachtete er Kai aus dem Augenwinkel, wie er sowohl das Wohnzimmer, als auch die Küche aufräumte. Und auf einmal kam er sich als Ballast vor. Seit Dawn und Yuriy ihn aufgenommen hatten, war er ihnen nur eine Last. Auch Kai war er bisher nur zur Last gefallen. Angefangen bei der neuen Garderobe bis hin zur Privatschule, auf die er jetzt ging, wurde und wird alles von Kai bezahlt. Und alles was Ray tun kann ist sich zu bedanken, aber irgendwie kommt ihm das zu wenig vor.
„Tut mir leid.“, flüsterte Ray, was Kai dazu brachte, in seinem tun inne zu halten. Den Blick starr auf die Tasse gerichtet klammerte er sich an diese fest. „Wofür entschuldigst du dich?“ „Für alles. Wenn ich nicht wäre, dann hättet ihr nicht den ganzen Stress und auch Mao… Es ist alles meine Schuld, ich hätte an dem Tag auch sterben sollen. Dann wäre das alles nie passiert. Ich habe angst! Ich habe einfach angst! Ich hätte nie her kommen dürfen. Wenn etwas passiert, dann ist es meine Schuld, genauso wie beim letzten Mal. Sie wäre dann auch noch am Leben.“ Tränen tropften auf die Decke und hinterließen dunkle Flecken. In seiner Angst und Selbstbeschuldigung gefangen, erschrak er als ihm die Tasse vorsichtig aus der Hand genommen würde. Aus Tränen verschleierten Augen sah zu Kai, doch von ihm bekam er nur kurz die Aufmerksamkeit, dann verschwand er aus seinem Blickfeld. Doch noch bevor er das Gefühl bekam, allein gelassen zu werden, wurde er sanft dazu gebracht, sich zurück zu lehnen und im selben Moment wurde er in einer beschützenden Umarmung gehalten. „Du bist hier in Sicherheit. Und weder Dawn, Yuriy oder ich lassen zu, dass dir etwas passiert. Vertrau uns einfach.“ Stumm nickte Ray. Er vertraute ihnen. Vor allem vertraute er Kai. Die Augen schließend lehnte er den Kopf gegen Kais Brust, lauschte dem ruhigen Herzschlag, ließ sich von der Wärme einlullen und gab in der Geborgenheit seiner Müdigkeit nach.
……
Als Dawn am Morgen von der Arbeit nach Hause kam, war sie überrascht, dass noch niemand auf war. Zu mindestens mit Kai hätte sie um diese Uhrzeit gerechnet. Erschöpft von der Arbeit, aber noch zu wach um sich schlafen zu legen, entschloss sie sich das Frühstück vorzubereiten. „Manche Dinge ändern sich wohl nie.“ „Warum auch? Du und Yuriy profitieren doch nur davon.“, erwiderte Dawn und reichte Kai einen Kaffee. „Hin und wieder.“,antwortete Kai, als er dankend den Kaffe entgegen nahm. „Wie war die Arbeit?“ „Scheinbar hatte ganz New York beschlossen ihre Partys in der Notaufnahme enden zulassen.“, begann sie von ihrer Schicht zu erzählen. Auf der einen Seite regte sie sich über ihren Job auf, auf der anderen Seite gab sie zu, dass sie den Job genau so liebte.
„Okay, ich geh schlafen und danke das du auf die Kinder aufgepasst hast.“, meinte Dawn nach einer weile, in der langsam aber sicher ihr Körper nach Schlaf rief. „Warte noch einen Moment.“ Über die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme verwundert, wandte sie sich noch einmal kurz zu ihm. „Hat Ray dir oder Yuriy gegenüber Andeutungen gemacht, was passiert ist?“ Verneinend schüttelte sie den Kopf, doch irgendetwas schien sie zu wissen, war sich aber nicht sicher, ob sie es ihm sagen sollte. „Dawn?“ „Er hat jede Nacht Alpträume. Er wacht schreiend und lässt sich dann kaum beruhigen. Meistens vergräbt dann sein Gesicht im Kissen, damit wir ihn nicht hören. Ich bin zwar nicht seine Mutter, aber es tut weh ihm nicht helfen zu können.“
…...
Sich zusammen kauernd zog Ray sich die Decke über den Kopf, um so die Helligkeit auszusperren. Eine Weile lag er einfach so da und versuchte wieder einzuschlafen, doch als ihm Bewusst wurde, dass er in seinem Bett und nicht mehr auf der Couch lag, richtete er sich sofort auf. Müde fuhr er sich über die Augen und strich sich das Haar, das sich aus seinem Zopf gelöst hatte, aus dem Gesicht. Er konnte sich nicht daran erinnern auf sein Zimmer gegangen zu sein. Er konnte sich an gar nichts erinnern, nachdem Dawn sich zur Arbeit verabschiedet hatte. Für einen Moment blieb er noch sitzen, doch während er einfach nur so da saß, merkte er wie kalt ihm trotz der Decke war. Sich dazu entschlossen sich einen Tee zu machen, stand Ray auf und zog sich die Strickjacke über, die über der Lehne seines Schreibtischstuhls hing. Diese Jacke war eins von den wenigen Dingen, die er mitgenommen hatte, bevor er nach New York gekommen ist.
Hustend kam er schließlich in die Küche. Da bereits Kaffee gekocht war, musste Dawn wieder zurück sein. Einen Blick auf die Uhr werfend, bestätigte ihm noch zusätzlich, dass Dawn zurück sein musste. Mit zitternden Händen füllte er den Wasserkocher, schaltete ihn ein und suchte sich Tasse und Tee zusammen. Während er darauf wartete, dass das Wasser zu kochen begann, spürte er wie die Kälte sich in seinem Körper immer weiter ausbreitete und wie seine Muskeln begangen zu zittern. „Solltest du nicht lieber im Bett bleiben?!“ Rasch drehte er sich um, doch die schnelle Bewegung machte sein Kreislauf nicht mit und so sackten ihm die Beine weg. Doch noch bevor er fallen konnte, spürte er wie er aufgefangen wurde.
……
Zwei Wochen später saß Ray wieder in der Schule. Nach seinem Schwindelanfall hatte er die folgenden Tage streng das Bett hüten müssen, wofür besonders Sophie gesorgt hatte. Der kleine Wirbelwind war schneller wieder genesen, als man gucken konnte, also hatte sie sich dafür entschieden Rays Krankenschwester zu spielen. Den ganzen Tag hatte vor seinem Bett gesessen und leise gespielt und jedes Mal wenn Ray etwas brauchte, war sie sofort los gelaufen. Dawn hatte natürlich auch regelmäßig nach ihm gesehen und sich erkundigt wie es ihm ging. Und dabei war sie ebenso mütterlich und fürsorglich zu ihm, wie zu ihren eigenen Kindern. Das gleiche traf auch auf Yuriy zu, nach dem er aus San Francisco zurück war. Jedoch hatte eine Person gefehlt, zu mindest hatte Ray dass bis gestern geglaubt, bis Lexa ihn eines besseren belehrt hatte.
Während Dawn Nachtschicht hatte und Yuriy bei dem Seminar war, war Kai bei ihnen gewesen. Vermutlich lag es an dem Fieber, doch Ray konnte sich nicht daran erinnern, dass Kai sich während der Nacht um sie gekümmert hatte. Doch nachdem Lexa erzählt hatte dass Kai da war, ergab einiges auch Sinn. Das Gefühl der Geborgenheit, der herbe Duft nach dem er sich immer sehnte und natürlich erklärte es auch wie er ins Bett kam und wieso er nicht gefallen war. Schon lange hatte er nicht mehr das Gefühl gehabt, anderen wichtig zu sein und dafür war er ihn allen Dankbar. Aber während er sich bei Dawn und Yuriy für ihre Pflege bereits gedankt hatte, hatte er Kai seit zwei Wochen nicht mehr gesehen.
Und genau aus diesem Grund, nahm er dieses Mal nicht gleich den Bus nach Hause, sondern ging, mit zwei Kaffeebechern, zum Präsidium der DEA. In der Eingangshalle fiel ein, dass er gar nicht wusste wo sich Kais Büro befand. Das letzte Mal war es nur Zufall gewesen und somit hatte er nicht darauf geachtet wo wer sich aufgehalten hatte. „Kann ich dir helfen?“,erkundigte sich die ältere Frau am Empfang. „Ja. Ich wollte zu Kai Hiwatari.“ „Dritter Stock, rechts den Flur runter durchs Großraumbüro und dann solltest du sein Büro schon sehen. Aber es könnte sein, dass er gerade in einer Besprechung ist.“ Sich bedankend ging Ray zum Fahrstuhl, der gerade unten ankam.
Im Großraumbüro schien die Hölle los zu sein. Überall klingelte ein Telefon, Kopier liefen und Faxe gingen ein. Nachdem Ray an die Tür von Kais Büro geklopft hatte, betrat er das Büro. Doch statt Kai anzutreffen, traf er auf eine Frau, die so gar nicht hier her passte. Sie saß auf der Kante des Schreibtisches, wobei sie genau darauf achten musste wie sie saß. Das türkise Haar hatte sie auf eine Seite frisiert, die bernsteinfarbenen Augen waren von einem dezenten Lidstrich umrahmt und verliehen ihnen so einen intensiven Ausdruck. „Kann ich dir helfen?“, fragte sie, doch weniger aus Höflichkeit als vielmehr weil sie genervt war so von ihm angestarrt zu werden. „Ich… ich wollte zu… zu Kai.“, stotterte Ray, da ihm die Anwesenheit dieser Frau nicht geheuer war. Irgendetwas sagte ihm, dass diese Frau für ihn nichts Gutes bedeutete. „Wie du siehst ist er nicht hier und wenn wäre er anderweitig beschäftigt.“ Ray wusste nicht so recht, ob er den anzüglichen Ton richtig interpretierte oder ob er sich diesen nur einbildete.
„Musst du nicht bei den Proben sein?“ Mit diesen Worten riss Kai die Aufmerksamkeit, seiner ungebetenen Besucher auf sich. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich aufgehalten wurde und somit später komme.“ Kopfschüttelnd ging Kai an Ray vorbei zum Schreibtisch, warf einige Akten in die Ablage und ließ den Computer hochfahren. „Wenn du meine Frage beantworten würdest, kann ich auch gehen. Also was ist mit heute Abend?“ Sowohl Kai, als auch die Frau wussten, dass es nur eine Antwortmöglichkeit gab. Zu mindest nur eine die sie akzeptieren würde. „Wenn du dann endlich verschwindest.“,antwortete Kai resigniert, worauf die Frau zu lächeln begann und ziemlich elegant vom Schreibtisch hüpfte, ehe sie auffordernd die Hand ausstreckte. „Vergiss es.“ „Ein Versuch war es wert. Aber scheinbar muss ein Weltwunder passieren, bevor du irgendjemanden deine Wohnungsschlüssel gibst.“, meinte sie Schulter zuckend und war bereits im Begriff zu gehen, als sie noch einmal direkt auf Kai zu trat. Wie selbst verständlich küsste sie den Agent und dieser ging, ebenso drauf ein.
In diesem Moment brach für Ray eine Welt zusammen. Wie dumm und naiv konnte er eigentlich sein. Natürlich hatte Kai eine Freundin und natürlich stand jemand wie Kai nicht auf Männer und ganz besonders nicht auf Halbstarke, wie Ray. Mit Sicherheit wäre er noch ewig an Ort und Stelle stehen geblieben und hätte sich in Selbstmitleid gebadet, wenn er nicht geschubst worden wäre. In letzter Sekunde konnte er das Gleichgewicht wieder finden. „Entschuldige.“, meinte Yuriy, der seinen Ziehsohn versehentlich angerempelt hatte. „Schon Okay. Es ist ja nichts passiert.“, brachte Ray heiser hervor, worauf hin Yuriy beruhigt nickte und sich dann auf den Stuhl vor dem Schreibtisch sinken ließ. Die Frau war inzwischen gegangen, aber das hatte Ray nicht mitbekommen.
„Du hast die hier vergessen.“, meinte Yuriy und reichte Kai eine Akte. „Der Kerl tut so als hätten wir keine Fälle.“, zischte Kai, nachdem er einen kurzen Blick in die Akte geworfen hatte. „Das bedeutet Überstunden. Für uns BEIDE.“ Dann herrschte für einige Sekunden schweigen, wobei es zwischen Kai und Yuriy nicht unangenehm wirkte, es war einfach da. „Ray, könnest du Dawn sagen, dass ich später komme und dass ihr nicht mit dem Abendessen warten müsst.“ Stumm nickte Ray und drehte sich um, um zu gehen, als sein Blick auf die zwei Pappbecher in seiner Hand fiel. Rasch stellte er die Becher auf den Schreibtisch ab und floh dann regelrecht aus dem Büro. Verwundert sah Yuriy ihm nach. „Was wollte Ray eigentlich?“ „Keine Ahnung.“, erwiderte Kai und griff nach einem der Becher.
Ein bisschen Zeit zu zweit...
Kapitel 4
Ein bisschen Zeit zu zweit...
Das Handy tanzte vibrierend auf dem Tisch herum und versuchte die Aufmerksamkeit seines Besitzers auf sich zu ziehen. Vergebens. Das Keuchen und Stöhnen überdeckte seinen summenden Ton. Die Luft war von Lust und Erregung getränkt. Stöhnend bäumte sich ihr Körper ein letztes Mal auf, spannte sich, wie die Sehne eines Bogens und schrie nach Erlösung. Im nächsten Moment, kam dann die Erlösung. Ein wohliger Schauer lief ihren Körper hinab und schenkte ihrer Wonne einen zusätzlichen Höhepunkt, als sie ihre Beine übers kalte Leder gleiten ließ. Sie versuchte sich im Schleier der Leidenschaft, an dem Körper ihres Partners fest zu halten, doch dieser verschwand, kaum dass ihre Finger über seine Seiten strichen. Murrend sah sie zu, wie er sich seine Jeans anzog und zum Tisch ging, wo das Handy erneut vibrierte. „Willst du nicht ran gehen?“,fragte sie, während sie sich das Hemd überzog. „Nein. Ist nicht wichtig.“,erwiderte er und nach einem letzten Blick auf den Namen, der auf dem Display angezeigt wurde, drückte er den Anruf weg. „Wenn das so ist, dann können wir ja in die Verlängerung gehen.“ Mit diesen Worten ließ sie ihre Hände über markanten Rücken streichen und küsste sich die Schulter entlang. Erschrocken schreckte sie auf, als sie plötzlich hochgehoben und auf den Tisch gesetzt wurde. Und sie machten dort weiter, wo sie vor wenigen Minuten aufgehört hatten.
Enttäuscht ließ Ray das Handy sinken. Seit seinem peinlichen Auftritt in Kais Büro hatte er den Agent nicht mehr gesehen. Sprich etwa eine Woche. Und wenn er versuchte Kai zu erreichen, ging dieser nicht ran oder drückte ihn wie jetzt einfach weg. „Scheint ja nicht gut gelaufen zu sein.“,merkte das rothaarige Mädchen an, als sie mit zwei Dosen Limonade zurück kam. „Gar nicht gelaufen trifft es eher.“,erwiderte Ray und nahm dankend die Dose entgegen. „Wie meinst du das?“ „Er hat mich weg gedrückt. Mal wieder.“ „Nimm es mir nicht übel, aber vielleicht solltest du ihn dir aus dem Kopf schlagen. Ich mein, er hat eine Freundin und er drückt dich ständig weg. Keine guten Voraussetzungen, wenn du mich fragst.“ „Ich erinnere dich daran, wenn es um einen gewissen Jungen aus dem Parallelkurs geht, Salima.“ Sofort bekam sie einen hoch roten Kopf und nippte verlegen an ihrem Getränk.
Ungefähr einen Monat, nach dem Ray auf die St. Johns Academy ging, hatte er sich mit Salima angefreundet. Sie hatten sich von Anfang gut verstanden und teilten inzwischen ihre intimsten Geheimnisse. Wenn man es denn so nennen konnte? So ist Salima auch die erste Person, vor der Ray zu gibt, in Kai verliebt zu sein. Und durch sie hatte er auch erfahren, wer Kais Freundin ist.
Bei der Frau mit dem türkisenen Haar, handelte es sich um niemand geringern, als MingMing. Das derzeit beliebteste Model Amerikas und seit neusten auch Schauspielerin. Laut den ganzen Klatschblättern ist sie ´Sexiest Woman Alive´ und Grund für zahlreiche Männerträume. Offiziell ist sie mit niemandem zusammen, hat aber unzählige Verehrer. Doch dass ihr Status anders aussieht, davon war Ray selbst Augenzeuge geworden.
Seufzend ließ er den Kopf hängen. Salima hatte recht, gegen MingMing konnte er schlicht und ergreifend nicht gewinnen. Nicht einmal der Hauch einer Chance stand auf seiner Seite. „Komm schon, lass den Kopf nicht hängen. Auf der Party heute Abend werden hunderte heißer Typen sein und sicher wird da auch einer für dich bei sein. Und dann vergisst du diesen Kai einfach.“,versuchte sie ihn auf zu heitern, doch so recht wollte es nicht funktionieren. „Jemanden wie Kai kann man nicht einfach vergessen. Nicht nach dem, was er alles für mich getan hat und außerdem ist er kein schlechter Kerl. Du müsstest mal sehen wie er sich um Sophie und Lexa kümmert, er ist dann ein ganz anderer Mensch und…“ „Aber dich ignoriert er und das ist der Haken.“,unterbrach Salima ihn.
……
„Nach vier Geschichten ist auch Sophie endlich eingeschlafen.“,meinte Yuriy, als er ins Wohnzimmer kam, wo es sich Dawn bereits auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte. Yuriy setzte sich zu ihr, worauf hin Dawn ihre Beine über seinen Schoß schob. Als wäre dies eine stumme Aufforderung gewesen, massiert er ihr die Füße. „Sie hat sich sicher gezwungen wach zu bleiben, immer hin hast du sie schon lange nicht mehr ins Bett gebracht.“ „Ich weis. In letzter Zeit war ich mehr mit der Arbeit beschäftigt, als mit euch.“ „Das stimmt doch nicht und so habe ich es auch gar nicht gemeint. Tut mir leid, wenn es so rüber kam.“ „Das weis ich mein Schatz.“ Mit diesen Worten beugte er sich zu Dawn und stahl ihr einen zarten Kuss. „Die Kinder schlafen und Ray ist mit einer Freundin auf einer Party, was bedeutet, dass wir das Haus für uns haben.“,hauchte sie zwischen zwei küssen gegen seine Lippen. „Wenn das so ist…“ Ein erregender Schauer lief ihr über den Rücken, als sie Yuriys Hände auf ihrer Haut spürte. Genüsslich legte sie den Kopf in den Nacken auch um Yuriy mehr platz zu schaffen. Küssend wanderte er ihren Hals hinauf bis zu ihrem Ohr, wo er mit der Zungenspitze ihr Ohrläppchen anstupste, ehe er sachte daran knabberte. Das in Verbindung mit seinen Händen, die scheinbar überall auf ihrem Körper waren, ließ sie zu wachs in seinen Händen werden.
Konnte ein Jahr wirklich so vieles verändern? Noch vor einem Jahr hatte er sich jedes Wochenende auf eine Party gestohlen und hatte bis in die Morgenstunden gefeiert. Aber jetzt ödete es ihn nur noch an. Vielleicht lag es auch daran, dass er jetzt viel lieber wo anders wäre. Stattdessen lehnte er gelangweilt im Türrahmen und sah einigen Partygästen bei Trinkspielen zu. Irgendwie schienen alle hier ihren Spaß zu haben, außer ihm selbst. Salima hatte er bereits am Anfang aus den Augen verloren und seit dem auch nicht wieder gefunden. Ray wollte gerade einen weiten schluck seines Getränks nehmen, als ihm auffiel, dass er gar nichts mehr zu trinken hatte. Seufzend stieß er sich von der Tür ab und bahnte er sich einen Weg zur Küche, wo sich die provisorische Bar befindet. Natürlich mit Selbstbedienung. Gerade als er sich eine der gekühlten Dosen aus der wassergefüllten Wanne nehmen wollte, spürte er einen stechenden Blick im Nacken. Doch als er sich umdrehte konnte er niemanden ausmachen. Alles was er sah war die feiernden Teenager, die sichtlich und spürbar ihre Jugend auskosteten. Tief durchatmend schüttelte er den Kopf und schob es dem konsumierten Alkohol zu. „Ray!“ Schnellen Schrittes kam Salima auf ihn zu und an ihren geröteten Augen konnte er sofort erkennen, dass irgendetwas passiert sein musste. „Lass uns sofort gehen.“,bat sie, wobei ihr Tränen über die Wangen liefen. Ohne weiter nachzufragen nickte Ray und wurde sofort von ihr mit gezogen.
Halb auf ihren Ehemann liegend, genoss sie das zärtliche kraueln in ihrem Nacken. Viel zu lange war es her, dass sie Zeit für sich hatten. Selbst wenn die Kinder bei Kai oder ihren Großeltern waren, kam meistens immer etwas dazwischen. Und oft hatte es etwas mit dem Job zu tun. Umso mehr genossen sie ihre Zweisamkeit. Einwenig umständlich richtete sich Dawn auf und schob sich zu Yuriy hoch, um ihn in einen Kuss zu verwickeln. „Ich liebe dich.“,hauchte sie zwischen zwei küssen. Doch noch bevor Yuriy ihr Liebesgeständnis erwidern konnte, wurden sie von dem Läuten der Türglocke unterbrochen. „Scheint als hätte Ray seinen Schlüssel vergessen.“,meinte Yuriy, worauf hin er seiner Frau noch einen Kuss gab und sich dann widerwillig von ihr los machte.
Auf dem Weg nach Unten stolperte er erst einmal über irgendein Spielzeug von eins seiner Kinder und humpelte dann fluchend weiter zur Haustür. Als er die Tür öffnete, stand nicht wie erwartet Ray vor der Tür. „Kai?“ „Sind die Kleinen noch auf?“ Obwohl Kai selbst wüsste, dass die Frage im Anbetracht der Uhrzeit überflüssig war. „Nein… aber was ist…“ Bevor Yuriy überhaupt aussprechen konnte, war Kai schon zur Treppe rauf verschwunden. Besorgt sah Yuriy ihm nach. Was auch immer vorgefallen ist, musste Kai sehr beschäftigen, war aber nicht bereit darüber zu reden.
Das Zimmer von Lexa und Sophie wurde von einer kleinen Nachtlampe erhellt. Lexa lag eingekuschelt in ihrer Decke und schlief friedlich. Die Jüngste lag wie so oft quer und mehr außerhalb des Bettes, als im Bett. Am Ohr ihres Teddys knabbernd, quasselte sie irgendetwas Unverständliches vor sich hin. Schmunzelnd ging Kai zu dem Mädchen und legte sie wieder richtig ins Bett. Gerade als er sie zu decken wollte, wachte das Mädchen auf. „Onkel Kai?“,sagte sie verschlafen und rieb sich über die Augen. „Was ist los?“ Auch wenn Sophie gerade einmal vier ist, hat sie das Gespür ihrer Mutter. „Deinem Onkel geht es nicht gut.“ Kaum hatte Sophie diese Worte gehört, gab sie ihm einen Kuss auf die Wange. „Jetzt hab ich das Aua weg geküsst.“ Ihre Worte zauberten ihm ein kleines Schmunzeln auf die Lippen. Nichtsdestotrotz fühlte er sich nicht besser und das schien das Mädchen auch zu merken, denn jetzt schlang sie ihre Arme um seinen Hals und drückte sich an ihn.
„Glaubst du, er hat sich mit ihnen getroffen?“,fragte Dawn, nach dem sie von Yuriy erfahren hatte, dass Kai da ist. „Ich fürchte ja. Und nach dem kleinen Veilchen nach zu Urteilen, ist es noch schlimmer ausgegangen, als sonst. Ich verstehe einfach nicht warum er sich das jedes Mal antut. Es bringt nichts.“ Bedrückt setzte sich Dawn an den Küchentisch und spielte ungeduldig mit dem Faden des Teebeutels. Seit Jahren ging das jetzt schon so und nie hatte sich etwas geändert. Es tat ihr so leid. So sehr sie ihm auch helfen wollte, so sehr waren ihr auch die Hände gebunden. Eine gute Halbe Stunde verging, in der weder Dawn noch Yuriy ein Wort verloren. Nach ein paar weiteren Minuten schreckte Dawn durch das Geräusch der knarrenden Treppenstufe auf und als sie nach vorn ging traf sie auf Kai. „Was hast du vor?“,forderte sie zu wissen. „Nach Hause zu fahren. Wo nach sieht denn wohl sonst aus?“ „Ich lasse dich jetzt sicher nicht nach Hause fahren.“ „Dawn, ich weis deine Sorge zu schätzen, aber ich will einfach allein sein.“ „Nein, willst du nicht. Ich kenne dich und wenn du zu den Mädchen gehst, dann willst du alles andere als allein sein. Du willst nur nicht reden und dass ist Okay, aber bleib heute Nacht bitte hier.“ Gerade als Kai zum Protest ansetzen wollte, ging die Haustür auf. Überrascht sah Ray auf. „Bin ich zu spät?“,fragte er vorsichtig, da ihm zwar die bedrückte Stimmung nicht verborgen blieb, er sie aber nicht richtig zu Ordnen konnte. Verneinend schüttelte Dawn den Kopf. „Du bist sogar Überpünktlich. Wie war die Party?“ Ray zögerte einen Moment. Kai hatte sich von ihm abgewandt und genau aus diesem Grund merkte der Teenager, dass irgendetwas mit dem Agent nicht stimmte. Für gewöhnlich schien Kai nur am Rande Notiz von ihm zu nehmen, aber dieses Mal war es anders. „Ganz okay. Ich geh nur eben duschen und dann auch gleich ins Bett.“,antwortete er schließlich. „Ist gut. Könntest du nur kurz noch die Bettdecke von Oben aus dem Flurschrank runter bringen. Kai wir heute Nacht nämlich hier bleiben, er weis es nur noch nicht.“ „Dawn…“ „Keine Widerrede! Es bedeutet nichts was sie sagen. Wir sind deine Familie und als diese sind wir für dich da.“,mahnte sie ihren besten Freund, ehe ihr Blick sanfter wurde. „Vergiss sie. Sie haben sich doch nie anders verhalten.“ „Ich bleibe, aber nur wenn du endlich klappe hältst.“ Ohne noch ein Wort zu verlieren, zog sie ihn ins Wohnzimmer.
Als Ray wenig später mit der Decke ins Wohnzimmer kam, entdeckte er Kai auf der Terrasse. Noch nie zuvor hatte er Kai so in sich gekehrt erlebt. Was auch immer vorgefallen ist, musste ihn sehr beschäftigen. Einen Moment zögerte er noch, doch dann ohne sein bewusstes zu tun, ging er nach draußen. „Es wird schal.“ „Was?“,fragte Kai, der sichtlich aus seinen Gedanken gerissen wurde. „Das Bier meine ich.“,erwiderte Ray und deutete dabei auf die Flasche. „Ohnehin leer.“ „Was ist passiert?“,fragte der Teenager, als er das Veilchen entdeckte. Vorsichtig fuhr er mit den Fingern über die bläuliche Verfärbung und sah sich die Blessur genauer an, dabei setzte er sich, ohne groß darüber nachzudenken auf Kais Schoß. Rays Finger waren kalt und angenehm kühl auf seiner Haut. Kai musste sich regelrecht dazu zwingen nicht zu zeigen, wie angenehm diese Berührung war. Er wollte und konnte den Jungen nicht so nah an sich ran lassen. „Nichts worüber du dir Gedanken machen müsstest.“ Mit diesen Worten griff er nach Rays Hand, um sie von sich weg zu nehmen, doch in der Sekunde in der seine Hand hielt, veränderte sich etwas in Rays Blick. Und dieses Etwas veränderte irgendwie die ganze Situation. Ohne dass sie es bewusst wahrnahmen verschränkten sie ihre Finger miteinander. Mit der freien Hand strich Kai ihm eine der nassen Strähnen aus dem Gesicht. Langsam näherten sich ihre Gesichter, sie konnte den Atem des anderen auf ihrer Haut spüren. Nur noch wenige Zentimeter trennten ihre Lippen von einander. Doch noch bevor dieser Kuss zu Stande kommen konnte, wurden sie unterbrochen. Dawn hatte die Beiden, gezwungener Maßen, schon von der Terrassentür aus beobachtet. Yuriy hatte sie davon abgehalten zu stören, dass heißt bis jetzt. Unter anderen Umständen hätte sie sich auch weiter hin zurück gehalten, doch im Moment würde es niemals gut zwischen den Beiden enden. Und genau davor wollte sie, insbesondere Ray schützen.
Alpträume
Kapitel 5
Alpträume
Schreiend und schweißgebadet wachte Ray auf. Tränen standen ihm in den Augen. Jede Nacht hatte er diese Alpträume. Mal von dem Mord an seiner Mutter und Mal von der Vergewaltigung in der Gasse, aber auch von den Misshandlungen. Besonders von denen, die er ertragen musste bevor er abgehauen ist. Fest presste er sich die Hand auf den Mund, damit die Mädchen ihn nicht hörten. Im Augenblick waren Sophie und Lexa ehe die einzigen die ihn Hören konnten. Dawn und Yuriy waren ausgegangen. Immer mehr Tränen rannen ihm über die Wangen. Zu Hause würde er jetzt Mao anrufen und mit ihr über alles reden, aber er war nun einmal nicht zu Hause. Hier hatte er niemanden mit dem er, darüber reden konnte. Dawn und Yuriy fiel er schon genug zur Last und bereitete ihnen auch genug Sorgen, da wollte er sie nicht noch mit seinen lächerlichen Ängsten belästigen. Und mit Salima konnte er auch nicht darüber sprechen. Schluchzend zog er die Beine an seine Brust und lehnte die Stirn auf die Knie. Er wollte dass das endlich aufhörte. Er wollte endlich mal wieder durchschlafen und vergessen, was alles passiert ist. „Sollten wir Mama und Papa anrufen?“, fragte
Sophie ihre ältere Schwester, die jedoch mit dem Kopf schüttelte. Die beiden Mädchen waren durch Rays schrei wach geworden und eigentlich hatten sie vor zu ihm ins Bett zukrabbeln und ihn zu trösten. Immer hin war er jetzt so was, wie ihr großer Bruder.
Die Spätnachrichten hatte schon längst den Spielfilm abgelöst, doch davon bekam die Person, die auf der Couch lag, nichts mit. Die Müdigkeit hatte ihn bereits vor Stunden übermannt. So war es das Telefon, das ihn unsanft aus dem Schlaf riss. Einen Moment brauchte er, um das Geräusch zu Ordnen zu können. Doch auch als er wusste, dass es sich dabei ums Telefon handelte machte er keinerlei anstallten, den Anruf anzunehmen. Nachdem er den Fernseher ausgeschaltet hatte, lag die Wohnung in vollkommener Dunkelheit. Einen Moment blieb er noch in der Dunkelheit auf der Couch sitzen, ehe er aufstand und ins Schlafzimmer ging. Das Läuten des Telefons ignorierte er auch weiter hin, ohne müsste jeden Moment der AB anspringen. Und wer auch immer um diese Uhrzeit anrief, konnte ihm ruhig einen Nachricht dalassen und wenn es etwas mit der Arbeit zu tun hatte, konnte es sowieso bis Morgen warten. Völlig ausgelaugt ließ er sich aufs Bett fallen und wollte einfach wieder einschlafen, als der AB ansprang.
Zitternd schlang Ray die Arme um sich und ging runter in die Küche. Einen Moment stand er einfach reglos da. Er ließ seinen Blick durch Küche und Wohnzimmer gleiten, wobei er immer wieder an den Fotos hängen blieb. Und auf einmal wurde ihm Bewusst, was sein Aufenthalt hier für alle bedeutete. Diese Blicke, die er zurzeit immer spürte, sie waren real, da war er sich jetzt sicher. Man wusste wo er ist. Panik stieg in ihm auf und für einige Sekunden lähmte ihn diese Panik. Nervös ging er zur Terrassentür, von wo aus er einen Blick in den Garten warf. Er war sich sicher, dass da draußen irgendjemand ist und ihn beobachtet und irgendwie wird er das Gefühl nicht los, dass sie näher sind als ihm lieb ist. Um mehr sehen zu können, schaltete er das Licht der Terrasse ein. Kaum wurde die Terrasse erhellt, erschien direkt vor ihm eine breitschultrige Gestallt. Schockiert weiten sich seine Augen. Dieser Mann war Ray nicht unbekannt. Um ehrlich zu sein, war dieser tätowierte Kerl ihm sogar viel vertrauter, als ihm recht ist. Erschrocken wich Ray zurück, wobei er gegen den Beistelltisch des Sofas stieß. Der Mann klopfte mit der Klinge eines Messers gegen die Scheibe und gab dem Jungen somit zu verstehen, dass Ray ihm die Tür öffnen soll. Ängstlich sah er zur Treppe, die zum Kinderzimmer hinaufführte. Egal was er jetzt tat, er würde Lexa und Sophie in Lebensgefahr bringen. Panisch sah er immer wieder zur Terrasse und immer wieder wurde er daran erinnert, was dieser Mann ihm angetan hat. Und mit Sicherheit würde er Lexa und Sophie dasselbe antun oder sogar schlimmeres. Plötzlich zersprang die Scheibe und der Mann trat ins Wohnzimmer. Das Glas knirschte bei jedem Schritt unter seinen Schuhen. Unfähig sich zu Bewegen sah Ray seinem Alptraum entgegen und noch bevor er es realisieren konnte, fand er sich mit einer Hand an seiner Kehle auf dem Boden wieder. Er versuchte sich zu wehren, doch leider war er nicht stark genug und das Atmen fiel ihm auch immer schwerer.
Hustend und nach Luft ringend richtete Ray sich auf. Mit der Hand tastete er seinen Hals ab, so als wolle er sicher gehen, dass dort nichts mehr war, dass ihm die Luft abschnüren konnte. Zum zweiten Mal in dieser Nacht, war ein Alptraum dafür verantwortlich, dass er aufwachte. Das kleine Licht über dem Bett anknipsend stand Ray auf. Ihm war schrecklich kalt und so überfiel ihn ein erneutes zittern. Tief durchatmend nahm er sich die Jacke vom Stuhl und ging rüber zum Kinderzimmer, um nach dem Rechten zu sehen. Die Mädchen schliefen, wie nicht anders erwartet, in einem Bett. Lexa hielt ihre kleine Schwester, dicht an ihre Brust gezogen, im Arm. Es sah aus als wollte sie Sophie beschützen. Beneidend sah er den Mädchen einen Moment beim Schlafen zu. Sie waren ihm wie Schwestern ans Herz gewachsen und genau als solche wollte er sie auch beschützen. Sich an seinen Alptraum erinnernd, senkte er den Kopf und war im begriff die Tür genauso leise wieder zu schließen, wie er sie geöffnet hatte, als ein Knarren von der Treppe her, ihn inne halten ließ. Tief durchatmend schloss er die Kinderzimmertür und ging zur Treppe. Doch noch bevor er den Treppenabsatz erreicht hatte, blieb er überrascht stehen. Dieses Mal war es definitiv kein Traum. Dieses Mal kam wirklich jemand die Treppe rauf. „Kai?“ Noch bevor Ray ein weiteres Wort verlieren konnte, spürte er eine Hand an seiner Wange und wie ihm mit dem Daumen eine Träne weg gewischt wurde. Bis Dato hatte er nicht einmal bemerkt, dass er geweint hatte. Wie von selbst griff er nach der Hand und nahm sie von sich. „Was willst du hier?“, fragte Ray, ohne aber den Anderen anzusehen. „Nach dem Rechten sehen.“ „Es ist alles okay, die Beiden schlafen…“ „Ich wollte nach dir sehen.“ Unverständlich sah Ray nun doch auf. „Was sind das für Alpträume?“, erkundigte sich Kai. „Ganz normale Alpträume, wie sie jeder mal hat.“, erwiderte Ray und versuchte ein Lächeln zustande zu bekommen, was jedoch misslang. „Die Betonung liegt dabei auf ´Mal´. Aber deine Alpträume sind nicht nur ´Mal´.“ Ertappt biss Ray sich auf die Unterlippe und richtete seinen Blick erneut zu Boden. „Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten, entweder ich bleibe und du erzählst mir alles oder ich gehe wieder.“ Kai ließ dem Jungen einen Moment Bedenkzeit, aber als Ray auch dann keine Anstallten machte, sich zu Entscheiden, nahm Kai ihm diese ab. Ohne ein Wort zu verlieren wollte Kai gehen, kam jedoch nicht einmal die erste Stufe runter, da seine Hand in einem festen Griff gehalten wurde.
„Hättest du keine Alpträume, wenn Menschen, die dir wichtig sind, vor deinen Augen ermordet wurden? Oder wenn die Personen, die dich eigentlich beschützen sollen, dein Leben zum Alptraum machen? Oder wenn deine beste Freundin…“ Rays Stimme wurde heiser und brach unter seinen Tränen. Er klammerte sich immer mehr an Kais Hand, ganz so als suchte er halt an einem Rettungsring.
Verglichen mit dem Jungen vor einem Jahr, den er kennen gelernt hatte, war der Junge, der jetzt vor ihm stand, ein ganz anderer. Am Anfang, als Ray in New York aufgetaucht ist, war es ihm gar nicht so aufgefallen, erst nach der Sache mit MingMing im Büro, war ihm Rays verändertes Verhalten aufgefallen.
„Ich habe einfach angst, verstehst du das?“,sprach Ray weiter. Nur kurz wagte er es sein Blick zu heben. Angst, war das falsche Wort, Panik traf es viel besser. „Es kann dir hier niemand etwas tun. Du bist hier Sicher.“, versicherte Kai ihm, dabei war seine Stimme ungewohnt sanft, was selbst Ray nicht entging. „Es war nicht leicht heraus zu finden, dass es sich dabei um Yuriys Dienstnummer handelt.“ „Das sollte es auch nicht. Aber da du meine Sachen durchwühlt und dabei das Foto gefunden hast, war ich mir sicher, dass du es früher oder später heraus finden würdest.“ Erschrocken sah Ray nun direkt in die roten Iren. In der ersten Woche, nach dem Kai zu seinem Leibwächter wurde, hatte er dessen Sachen durchwühlt und dabei ein ziemlich abgegriffenes Foto gefunden. Auf diesem waren Kai und Yuriy in Uniform zu sehen und Lexa, die die Marken, direkt ins Bild hielt. „Trotzdem hätte ich nie her kommen dürfen.“ Mit diesen Worten ließ Ray Kais Hand los und wich einige Schritte zurück. „Ich bin hier nicht sicher. Ich bin nirgends sicher und werde es auch nie sein, nicht so lange…“ Er brachte den Satz nicht zu Ende und verschränkte die Arme vor der Brust, ganz so als wolle er sich vor irgendetwas schützen. „´Nicht so lange…´ Was, Ray?“ „Nicht so wichtig. Ich bloß müde, ich geh wohl besser wieder ins Bett. Tut mir leid, dass Lexa dich angerufen hat.“ Immer weiter, Schritt für Schritt wich er vor Kai zurück. Gerade als er in sein Zimmer gehen wollte, wurde er an der Schulter gepackt und zurück gezogen. Er spürte, wie er in eine Umarmung gezogen wurde. Eine Umarmung, die er eigentlich gar nicht wollte. Mit Leibeskräften währte er sich dagegen, doch das einzige was er schaffte, war es sich in der Umarmung um zu drehen. Mit den Fäusten schlug er gegen die Brust. Was als nächstes Geschah konnte Ray nicht so recht sagen. Plötzlich hatte er die Wand im Rücken und seine Hände wurden neben seinem Kopf an die Wand gepinnt. Das Gesicht abgewandt und die Augen fest geschlossen, zitterte er vor angst. „Du bist hier sicher und so lange du hier bist, werde ich dich auch beschützen.“ „Versprichst du mir das?“, flüsterte Ray, worauf hin Kai ihn los und Ray fürchtete schon das schlimmste, als ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen wurde.
Mit geschlossen Augen lauschte er dem ruhigen Herzschlag und für einen Augenblick, kam es ihm so vor, als dieser Rhythmus, das einzig beständige in seinem Leben. Warme Finger strichen, unter seinem T-Shirt, seine Wirbelsäule auf und ab und verursachten so eine Gänsehaut auf seinem ganzen Körper. Begeleit von einem wohligen Kribbeln, das sich ebenso ausbreitete. Seine eigenen Finger ruhten auf dem Stück Haut, das durch das hoch gerutschte Hemd, frei lag. Als die Finger aufhörten seine Wirbelsäule entlang zu streichen, öffnete er langsam die Augen und drehte den Kopf so, dass er sein Kinn auf der Brust des Anderen abstützen und zu ihm aufsehen konnte. Die geschlossenen Augen und die ruhigen Atemzüge verrieten ihm, dass der Andere eingeschlafen ist. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, bei diesem Anblick. Vorsichtig, um den Anderen nicht zu wecken, zeichnete er mit dem Finger die Konturen des Kinns und der Lippen nach. „Danke. Danke das du her gekommen bist.“, flüsterte er und hauchte ihm einen federleichten Kuss auf den Wangenknochen, ehe er seinen wieder auf die Brust bettete. Und kaum hatte er die Augen wieder geschlossen, holte sich sein Körper den Schlaf, den er dringend brauchte.
Fatale Lüge
Kapitel 6
Fatale Lüge
Der Sommer ist über New York eingebrochen und zeigte sich von seiner besten und heißesten Seite. Jeder, der über eine Klimaanlage verfügte, hatte diese auf höchster Stufe eingestellt. Besonders in den Büros war es so, da man dort keine andre Möglichkeit hatte, um sich Abkühlung zu verschaffen. Doch wirklich Linderung brachte dies nicht. Dementsprechend wurden in vielen Büros der Personalbestand auf ein Minimum herunter geschraubt. So auch im Präsidium der DEA. Was natürlich auch mit daran lag, dass es im Moment ziemlich ruhig ist und so war nur die mindest Belegschaft anwesend. Unter ihnen war auch Kai, der wohl bemerkt bereits seit gestern Morgen hier war. In gewisser weise könnte man ihn einen Workaholic nennen. Erst das Klopfen an der Tür, brachte ihn dazu von den Akten endlich mal auf zu sehen. Doch anderes als erwartet streckte nicht Hiromi den Kopf herein, sondern Kinley betrat das Büro. „Sie sind ja immer noch hier.“,meinte Kinley. „Ich will endlich die Berichte fertig haben.“ Verständlich nickte Kinley und ging hinüber zum Fenster. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er noch mehr zu sagen hatte. „Sie sollten ihre Prioritäten neu Ordnen.“ „Sir?“ „Wenn ich nicht zur vereinbarten Zeit zu Hause bin, machte meine Frau mir die Hölle heiß und ich weis dass es vielen Kollegen hier so geht.“ „Auf mich wartet aber niemand.“, erwiderte Kai und wurde nicht so recht schlau daraus, was Kinley eigentlich von ihm wollte. „Machen sie Feierabend, die Berichte können warten. Außerdem warten zwei junge Damen unten in der Lobby auf Sie.“
Schmunzelnd sah Julia vom Monitor zu den Kindern, die in der Lobby fangen spielten. Seit fast zwei Stunden waren die Drei hier. „Soll ich ihn nicht lieber anrufen?“, fragte sie an den Teenager gewandt, der neben ihr saß und versuchte sich auf seine Hausaufgaben zu konzentrieren. Verneinend schüttelte er den Kopf. „Nein. Ich habe ihn in letzter Zeit schon so oft angerufen. Außerdem…“ Ray brach ab, als er an die unschöne Begegnung, die er vor zwei Tagen hatte, dachte. „Ich bin mir sicher, er würde alles stehen und liegen lassen. Die beiden Mäuse sind ihm wichtiger, auch wenn man es nicht unbedingt glaubt, wenn man ihm begegnet.“ Als keine Reaktion von dem Jungen kam, drehte sie sich samt Stuhl zu ihm um. Selbst wenn man Ray nicht kannte, konnte man ihm ansehen, dass irgendetwas nicht stimmte. Besonders die dunklen Augenringe sprachen dafür. „Kai ist ein Arbeitstier, aber seine freien Tage sind ihm dennoch sehr wichtig und er hasst es, wenn der Job ihm diese ruiniert. So wie an dem Tag, als du hier aufgetaucht bist. Erst als er erführ, dass du hier bist, wich seine schlechte Laune. Und Sorge war im anzusehen.“ „Warum erzählst du mir das?“ „Weil du ihm genauso wichtig bist, wie die Mädchen und weil ich mir sorgen mache. Du siehst ziemlich fertig aus. Und aus diesem Grund, werde ich ihn jetzt anrufen und sagen dass ihr hier seit.“ Mit diesen Worten griff Julia nach dem Hörer und wollte gerade die entsprechende Nummer wählen, als Lexa und Sophie wie aus einem Mund, den Namen ihres Onkels riefen.
Schnellen Schrittes kam Kai die Treppe runter. Sofort rannten die Mädchen auf ihn zu und fielen ihm regelrecht in die Arme. Sophie gab auch sofort zu verstehen, dass sie auf den Arm wollte, was Kai natürlich auch tat. „Was macht ihr Beiden hier?“, fragte Kai, wobei er abwechselnd zu den Mädchen sah. „Mama und Papa haben ganz laut geschrien. Wir waren zwar in unserem Zimmer, aber wir haben sie dennoch gehört. Sophie hat sogar angefangen zu weinen.“ Als wolle die Jüngste die Worte ihrer Schwester bestätigen, vergrub sie ihr Gesicht in Kais Halsbeuge und schlang ihre kleinen Arme um seinen Hals. „Haben Mama und Papa sich jetzt nicht mehr lieb?“, fragte Lexa und griff dabei, schon beinahe ängstlich, nach seiner Hand. Lächelnd kniete er sich hin. „Natürlich haben sie sich noch lieb. So wie ihr Beiden euch streitet, so streiten sich auch mal eure Eltern. Und so wir ihr euch am ende immer wieder vertragt, so vertragen sie sich auch wieder.“ Kai wartete einen Moment, in dem er Lexa genau musterte, um sicher zu gehen, dass sie ihn verstand. Und nach einer Weile nickte sie, dennoch schien sie ihm nicht recht glauben zu wollen. „Können wir bei dir bleiben?“, fragte Sophie. „Natürlich.“ „Und können wir diese… platten Brote machen?“ „Die heißen Tortillas.“, belehrte Lexa ihre Schwester, worauf hin die Jüngere die Nase rümpfte. Was sie seit neustem immer machte, wenn ihre Schwester sie belehrte. „Dann müssen wir aber erst einkaufen gehen. Jedoch solltet ihr vorher noch Ray fragen, ob er damit einverstanden ist.“ Sofort machten die Mädchen sich von ihrem Onkel los und liefen zu Ray, der wie versteinert da saß und zu Kai sah. Ihre Blicke trafen sich und für einen Moment wurden die honigfarbenen Iren von den Rubinen gefangen genommen. Erst als Ray einen pieks in der Seite spürte, kam er wieder zu sich. „Hab ich es dir nicht gesagt.“, meinte Julia hinter vorgehaltener Hand.
Im Supermarkt stürmten Sophie und Lexa sofort zur Gemüseabteilung, wo sie auch gleich auf alles zeigten was sie haben wollten. Während Lexa selbst an die Sachen ran kam und alles in Tüten packte um es zu wiegen, brauchte Sophie Hilfe. Immer wieder forderte sie Kai auf, dass er sie auf den Arm nahm, damit sie an die Tomaten, an den Salt und die Zwiebeln kam und diese auch wiegen konnte. Ray hingegen stand etwas abseits, so als würde nicht zu ihnen gehören. Die Arme schützend vor der Brust verschränkt, sah er zu Boden. Obwohl draußen eine drückende Hitze herrschte und die Klimaanlage nur eine mäßige Linderung verschaffte, froh Ray als würde er im Winter nur in Unterwäsche draußen rumlaufen. Und mit jeder Sekunde, in der er über dieses unschöne Gespräch nachdachte, fror er mehr. Wenn das alles Stimmte, warum sagte es ihm dann niemand? Oder sollte es noch niemand wissen? Wem dem so war, warum hatte sie es ihm dann verraten? Es brachte ihn um. Und wenn er sah, wie liebevoll Kai mit den Mädchen umging, dann konnte er sich gut vorstellen, dass Kai… Julia hatte recht, Ray bedeutete ihm so viel, wie es Sophie und Lexa taten. Wobei man diesem Satz einem ´Nur´ hinzufügen müsste.
Erschrocken wich Ray einen Schritt zurück, als sich etwas gegen sein Bein warf und dieses fest umklammerte. „Hab dich.“, sagte Sophie und sah grinsend zu ihrem Bruder rauf. „Ich soll dich holen, meinte Onkel Kai.“ „Sophie, ich…“ „Komm mit. Komm.“ Das kleine Mädchen griff nach seiner Hand und zog ihn in die Richtung, in die zuvor ihre Schwester und Kai gegangen waren. Mit jedem Schritt den sie auf Kai zu machten fühlte Ray sich unwohler. Die Kälte, die sich seines Körpers bemächtigt hatte, breitete sich immer weiter aus. Er wollte mit diesem Wissen nicht in Kais nähe sein. „Mir ist eingefallen, dass ich noch mit Salima verabredet bin.“,sagte er, als er nur noch wenige Schritte von Kai entfernt war. „Was?“, riefen Sophie und Lexa enttäuscht aus. „Aber wir wollten doch Toris machen.“ Missfallend rümpfte die Jüngste die Nase, was bei ihr mehr niedlich aussah als böse und klammerte sich an Rays Arm. „Tut mir leid Süße. Aber ich habe es Salima versprochen und wenn du mich jetzt gehen lässt, dann verspreche ich dir, dass wir beim nächsten Mal zusammen etwas machen, okay?“ Damit war Sophie überhaupt nicht einverstanden und hing sich jetzt regelrecht an Ray. „Lass ihn los, Sophie.“, meinte nun Kai, worauf hin das Mädchen, wenn auch widerwillig, ihren Bruder los. Doch noch bevor Ray gehen konnte, wurde er erneut fest gehalten. Dieses Mal aber von Kai. „Bau keinen Mist.“ „Das hatte ich nicht vor, aber selbst wenn, ist es nicht mehr dein Problem.“ Mit diesen Worten riss Ray sich aus dem Griff und verließ eilig den Laden.
……
„Warte, warte, warte, warte! Sie hat was? Ich meine, ich kenne Kai zwar nicht, aber meinst du nicht dass Dawn und Yuriy es als erstes erfahren würden und du somit auch?“, meinte Salima, die zuvor mühe hatte, Rays Story zu folgen. „Ja schon aber…“ „Nichts aber. Dass sie dir nicht unbedingt den Weg kampflos frei räumt, war klar.“ „Ich hab verloren, der Rest ist nicht von Bedeutung.“, erwiderte Ray und umklammerte das Sofakissen noch mehr. Er wirkte verletzt, benahe zu gebrochen. In Salimas Augen bekam das Wort Liebeskummer durch Ray eine vollkommen neue Bedeutung. „Eine Frau, macht nur ihren Standpunkt klar, wenn sie sich bedroht fühlt. Und glaub mir sie fühlt sich von dir bedroht. Also rede mit Kai und frag ihn.“ Missmutig ließ Ray sich zur Seite fallen. Natürlich war ihm selbst schon die Idee gekommen Kai danach zu fragen, doch bis her hatte er den Mut nicht dazu gehabt. Und wie sollte er diese Frage auch begründen? Seufzend setzte sich Salima auf die Armlehne ihrer Couch. „In der Stadt hat ein neuer Club aufgemacht.“ „Mir ist nicht nach Feiern zu mute.“, erwiderte Ray. „Doch das ist dir.“ Mit diesen Worten zog sie ihn von der Couch.
„Und dir macht es wirklich nichts aus?“, erkundigte Dawn sich. Nach dem der Streit zwischen Yuriy und ihr etwas abgeflaut war, hatte sie sofort Kai angerufen. Sie hatten nur am Rande mitbekommen, wie Ray mit den Mädchen raus gegangen war, doch als sie am Abend noch nicht zurück waren, nahm sie an dass sie zu Kai gegangen waren. Und sie hatte recht. „Nein, keine Sorge.“ „Könntest du mir noch einen Gefallen tun?“ Sie brauchte nicht auf eine Antwort zu warten, um zu wissen dass er ihr jeden Gefallen tun würde. „Könntest du mal mit Ray reden. Seit ein paar Tagen macht er komplett dicht und ich hab das Gefühl, dass ihn etwas beschäftigt.“ „Ich kümmere mich um ihn.“ „Danke. Ich komm dann morgen Nachmittag vorbei und hol sie ab.“ Damit beendeten sie ihr Gespräch.
Nachdenklich legte er das Telefon zurück auf die Station, ehe er zurück zu seinen Nichten ging, die inzwischen den Tisch gedeckt hatten. Gerade als er sich zu ihnen setzten wollte, fiel sein Blick zur Küchentheke, wo die Mädchen für ihren Ziehbruder etwas zurück gestellt hatten. Sie machten sich auch sorgen um ihn. „Was hat Mama gesagt?“, fragte Lexa. „Nur dass ihr euch benehmen sollt und dass sie euch Morgen abholt.“ Mit der Antwort zufrieden, fingen die Mädchen an ihre Tortillas herzurichten.
……
Schon als sie den Club betreten hatten, hatte Ray diesen Mann bereits ins Auge gefasst. Nicht vom Aussehen, aber von der Art und Weise, wie dieser sich gab, erinnerte er Ray stark an Kai. Den ganzen Abend hatten sie eine Art Katz und Maus spiel gespielt. Doch jetzt war das Spiel beendet und Ray hatte sich seine Beute gesichert. So tanzte er mit dem Fremden eng an einander und Ray konnte bereits die Erregung des Anderen deutlich spüren. Da bewegte man sich mal etwas aufreizender und schon bekamen sie einen Ständer. Kein wunder dass man an solchen Männer schnell die Lust verlor. So abtörndend es auch war, im Moment war es genau dass was er brauchte. Hände strichen verlangend von seinen Seiten zum seinem Gesäß, an dem er leicht hoch gehoben und noch enger gezogen wurde. „Ich finde, wir sollten wo anders weiter machen.“, raunte der Mann, ihm ins Ohr. Die Lust und Erregung war unüberhörbar und als er auch noch begann seinen Hintern zu massieren, wurde dem Teenager klar, auf was er sich hier eigentlich wirklich einließ. „Statt einer Gasse, können wir mein Auto nehmen.“ „Und was ist, wenn ich ablehne?“ „Das würde ich dir nicht raten, denn ich lasse nicht gerne mit mir spielen.“ Schmunzelnd sah Ray zu ihm auf. „Dann lass uns gehen.“ Mit diesen Worten griff er nach der Hand seines Partners und verließ mit ihm den Club.
Seufzend ließ Kai sich gegen die Rückenlehne sinken, die Hände hinterm Kopf verschränkt sah er auf den Desktop seines Laptops. Und obwohl er Müde war, hielt ihm zu einem die Hitze wach und zum anderen kreisten seine Gedanken um Ray. Das schlimmste an dieser Situation war, dass Kai sich zum ersten Mal bewusst wurde, wie sehr seine Gedanken von diesem Teenager beherrscht wurden. Damals hatte es Ray auch geschafft und irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass es dieses Mal sogar noch schneller ging. Ray hatte einen festen Platz bei ihm und deswegen… -„Das hatte ich nicht vor, aber selbst wenn, ist es nicht mehr dein Problem.“- Was war nur in ihn gefahren? Jetzt wo er so darüber nachdachte, hatte Ray sich immer nur dann von ihm distanziert, wenn er angst hatte, er könnte ihm Probleme mache. Aber selbst dafür, war seine Reaktion ungewöhnlich heftig ausgefallen. Nachdenklich fuhr er sich durchs Haar und setzte sich wieder aufrecht hin, um an den Akten, die auf seinem Laptop geöffnet waren, weiter zu arbeiten. Gerade als er sich an die Arbeit machen wollte, begann das Handy, das neben dem Laptop auf dem Tisch lag, zu klingeln. Eine Last viel von seinen Schultern, als er Rays Namen auf dem Display las, doch als er den Anruf annahm, meldete sich niemand, stattdessen, waren dumpfe Bässe und Gesprächsfetzen zu hören.
Déjà-vu
Kapitel 7
Déjà-vu
Bis auf das Rauschen der Dusche, war es in der Wohnung vollkommen still. Das warme Wasser rann liebkosend über seinen zitternden Körper. Es hatte sich wiederholt und das fast auf den Tag genau. Und so wie damals wusch das Wasser die Ereignisse des Tages, besonders die der letzten Stunden, davon. Sein langes Haar, klebte nass an seinem Körper und wirkte dabei wie schwarze Seide. Tränen sammelten sich in seinen Augen, ließen sie röten und vermischten sich mit dem Wasser. Zitternd schlang er seinen Körper um sich. Mal wieder hatte er bewiesen, wie dumm er doch war.
Flashback
>>>Sich einen Weg durch die Menschenmenge bahnend, folgte Ray dem Unbekannten nach draußen, dabei ignorierte er das mulmige Gefühl. Ihr Weg zum Parkplatz gestaltete sich, als länger als das er es eigentlich war. Immer wieder blieben sie stehen und tauschten heiße, verlangende Küsse aus. Ray konnte deutlich das verlangen des Mannes spüren, besonders als dieser ihn hoch hob und gegen die Häuserfassade drückte. Im ersten Moment wurde es ihm zu viel und er wollte die Sache abbrechen, doch dann fiel ihm wieder ein, warum er es tat. „Wir sollten zu meinem Wagen gehen.“ Mit diesen Worten stellte der Mann ihn wieder auf die eigenen Füße. Kaum das er stand, bemerkte er das ihn die Behandlung des Anderen alles andere als Kalt gelassen hat und um ein Stöhnen zu unterdrücken, presste er sich die Hand auf den Mund. Doch so unbemerkt wie er gehofft hatte, blieb seine Erregung nicht, zumindest nicht nach dem dreckigen Grinsen zu Urteilen.
Dem Wagen war anzusehen, dass er eine Stange Geld gekostet hatte. Aber was anderes hatte er auch nicht erwartet. Da der Mann selbst alles andere als No Name Kleidung trug. Ruckartig wurde Ray auf die Motorhaube gehoben und ehe er sich versah, wurde ihm das T-Shirt über den Kopf gezogen und nach hinten auf den Rücken gedrückt. Unangenehm brannten, die Hände des Mannes auf seiner Haut, ebenso wie dessen Lippen. Das aufkommende Zittern, das durch seinen Körper fuhr, wurde von einem Kälteschauer begeleitet. Alles in ihm wehrte sich, gegen diese Berührungen und schrie danach endlich zu fliehen. Bilder schossen ihm durch den Kopf. Erinnerungen wie er vor fast zwei Jahren vergewaltig wurde. Er sah alles vor seinem geistigen Auge noch einmal ablaufen und er wusste, dass es ihm heute noch einmal passieren wird. Der einzige unterschied war, dass es dieses Mal nicht in einer dreckigen Gasse passieren würde. „Warum auf einmal so passiv?“,fragte der Mann zwischen einzelnen Küssen. „Ich will das nicht.“,flüsterte Ray, wobei er sein Spiegelbild in der Windschutzscheibe ansah. Aber anscheinend schien es den Mann nicht zu interessieren, denn dieser zog ihn noch dichter und machte einfach dort weiter, wo er aufgehört hatte.<<<
Tropf nass trat er aus der Dusche, wickelte sich das Handtuch, das im Regal lag, um die Hüfte und ging zum Waschbecken. Mit der Hand wischte er einige Male über den beschlagenen Spiegel, in dem ihm sein übermüdetes selbst entgegen sah. Neben den geröteten Augen, zeichneten sich dunkle Ringe unter ihnen ab und gaben so Preis, wie viele Nächte er keinen Schlaf gefunden und sich die Augen ausgeheult hatte. Und eigentlich hatte er gehofft, dass er die Spuren dieser Nacht weg spülen könnte, aber da hatte er sich geirrt. Träge griff er nach einem weiteren Handtuch, mit dem er sich das Haar etwas trocknete. Während dessen ließ er seinen Blick über die Gegenstände wandern, die am Waschbecken und in den Regalen standen. Es war genau so übersichtlich wie er es erwartet hatte, was er jedoch nicht erwartet hatte, war das auch Lex und Sophie ihren Platz hier hatten. Als er sich fertig abgetrocknet hatte, zog er sich die Sachen, die Kai ihm rausgelegt hatte, an. Sie waren ihm zwar etwas zu groß, dennoch fühlte er sich in ihnen wohler, als in seinen eigenen. Das Haar aus dem Shirt ziehend, trat Ray, wenn auch zögerlich, auf den Flur. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die dunklere Umgebung zu gewöhnen. Nur das große Fenster, welches die ganze Außenwand des Flures ausmachte, ließ genügend Licht herein, damit er etwas erkennen konnte. So konnte er auch die Wohnungstür, die schräg Gegenüber des Badezimmers lag, erkennen. Vom anderen Ende des Flures fiel fahles Licht rein, konnte aber nicht die Dunkelheit vertreiben. Mit der Hand an der Wand entlang streichend, ging Ray den Flur entlang und kam so in die Küche, die zu gleich wie ein Durchgangszimmer fungierte. Einige Schritte weiter, fand er sich im Wohn- und Essraum wieder, die nur optisch von der Küche abgegrenzt waren. Doch sein Interesse galt nicht dem Innenraum. Wie auch im Flur bestand die Außenwand aus Glas und gab somit den atemberaubenden Blick der New Yorker Skyline preis. Von hier aus, sahen die Lichter, wie ein Sternenmeer aus.
>>>Die Augen fest zusammen gekniffen, das Gesicht abgewandt, lag er da und versuchte an etwas anderes zu denken, als an diesen Mann. Und so sehr er auch wollte, er konnte sich nicht bewegen. Seine Gedanken schweiften endlich ab. Zu seinen Ziehschwestern, zu Salima und auch zu Dawn und Yuriy. Doch noch ehe seine Gedanken ihn weiter tragen konnten, wurde er ruckartig hoch gerissen. „Nein! Bitte!“, wimmerte Ray, weigerte sich aber noch immer die Augen zu öffnen und versuchte sich, von dem Mann los zu machen. „Es ist vorbei.“, sagte eine beruhigende Stimme. Kaum hatte diese Stimme vernommen, öffnete er die Augen. „Kai…“ Er wollte sich an dem Agent fest halten, doch noch bevor er das konnte, wich Kai zurück. Ray konnte sich nicht erklären warum, doch als er Kai ansah, glaubte er so was wie Wut und Enttäuschung in seinen Augen zu sehen. „Lass uns gehen.“ Mit diesen Worten reichte Kai ihm das Shirt. Rasch zog Ray es sich wieder über und ließ sich von der Motorhaube rutschen. Jetzt stand er ganz dicht vor Kai, aber auch dieses Mal sollte ihre Nähe nicht lange halten. Kai zog sich wieder zurück und ging zu seinem Wagen, der direkt hinter dem Wagen des anderen Mannes stand. Gerade als Ray ihm folgen wollte, entdeckte er den fremden Mann, der am Nachbar Auto lehnend saß. „Du dreckige Hure!“, fluchte der Mann, als er zu dem Teenager hoch sah. Ohne eine Wort zu sagen, wandte Ray den Blick ab und ging zu Kai, der ihm bereits die Autotür auf hielt.<<<
Sein Atem beschlug das Fenster und seine Hand hinter ließ einen Abdruck. Im Gegensatz zu dem was ihm in dieser Nacht passiert war, war dieser Ausblick ein Traum, aus dem er nicht mehr aufwachen wollte. Vollkommen gefesselt von diesem Ausblick, bemerkte er nicht, wie jemand den Raum betrat. „Wann lernst du, dass du mit mir reden kannst und hörst auf, dich in Gefahr zu bringen?“ Erschrocken drehte Ray sich um und sah wie Kai eine Decke und ein Kissen auf die Couch legte. Unsicher und nervös nestelte der Junge an den Ärmeln des Shirts herum und hielt den Blick gesenkt. „Tut mir leid. Ich wollte dass nicht.“, flüsterte er. „Das habe ich auch nicht angenommen. Dennoch interessiert es mich, warum du es immer wieder schaffst in solche Situationen zu kommen.“ Unwissend zuckte Ray mit den Schultern und brachte eine erneute Entschuldigung über die Lippen. Doch kaum hatte er diese ausgesprochen, spürte er einen Luftzug dicht neben sich und hörte kurz darauf zwei dumpfe Geräusche. Neben ihm auf dem Boden, lag nun das Kissen, das Kai zuvor auf die Couch gelegt hatte. Langsam hob er den Kopf und ließ seinen Blick durch den Raum wandern, bis zu Kai. Die Ellenbogen auf den Knien abgestützt und den Kopf gesenkt, saß er auf dem Sofa. Er sah erschöpft aus. „Du hast eine falsche Entscheidung getroffen, okay. Aber dass gibt keinem Mann das Recht, etwas gegen deinen Willen zu tun, also hör endlich auf dich dafür zu entschuldigen.“ Mit diesen Worten stand Kai auf. Im ersten Moment wirkte es so, als wolle Kai noch was zu dem Thema sagen, entschied sich aber dagegen. „Die Mädchen haben dir was zu essen gemacht. Wenn du willst, es steht im Kühlschrank.“ Er klang resigniert und ohne auf eine Reaktion zu von dem Teenager zu warten, ließ Kai ihn allein. Aus Tränen nassen Augen sah Ray ihm nach, aber kaum das er allein war, rannen ihm die Tränen über die Wangen und er sank langsam in die Knie. Das Kissen an sich ziehend und fest umklammernd, vergrub er sein Gesicht darin. Er wollte nicht allein sein, aber er konnte auch nicht von Kai verlangen, dass er nach dieser Sache bei ihm blieb.
Genauso leise wie er die Tür geöffnet hatte, schloss er sie auch wieder und lehnte sich mit dem Rücken da gegen. Zum ersten Mal, seit diesem Anruf, ließ Kai die Angst, die ihn seit dem befallen hatte, zu. Die Angst um Ray. Er hatte Angst dem Jungen nicht rechtzeitig helfen zu können und das hätte er sich nie verzeihen können. Damals konnte er Ray nicht helfen und den Jungen dann so verzweifelt zu erleben, hatte ihn fertig gemacht. Und so sehr er es sich auch einredete, Ray bedeutete ihm inzwischen so viel mehr, als es ihm recht war.
Mühsam stieß er sich von der Tür ab und ging zum Bett hinüber, in dem Lexa und Sophie tief und fest schliefen. Die Mädchen hatten sich zwar in alle Richtungen ausgestreckt, dennoch war die eine Seite des Bettes überraschenderweise frei. Vorsichtig, um seine Nichten nicht zu wecken, legte er sich seitlich zu den Mädchen gewandt ins Bett legte. Und kaum das er lag, rutschten die Mädchen an die neue wärme Quelle und kuschelten sich an ihn. „Ist Ray wieder da?“, murmelte Lexa im Halbschlaf. „Ja Süße, er ist wieder da. Und jetzt schlaf weiter.“,flüsterte er und fuhr ihr liebevoll durchs Haar. „Ist die Hexe schuld, dass es Ray nicht gut geht?“, fragte sie weiter. „Was ist mit der Hexe?“ „Sie hat mit Ray nach der Schule gesprochen und dann ging es ihm nicht mehr gut.“ Zum Ende wurde ihre Stimme immer leiser und an ihren Atemzügen, erkannte Kai, dass sie wieder eingeschlafen war. Einen Moment wartete er noch, ehe er sich von den Mädchen los machte und ebenso leise das Zimmer verließ, wie er es betreten hatte.
Ray saß noch immer auf dem Boden, hielt das Kissen nach wie vor umklammert und sah hinaus. Seine Tränen hatten brennende, salzige Spuren auf seinen Wangen hinterlassen. „Was hat sie zu dir gesagt?“ Erschrocken sah Ray auf und erkannte Kai. Rasch wischte er sich mit dem Handrücken die salzigen Spuren seiner Tränen weg. „Wer… wer soll was gesagt haben?“ Seine Stimme war brüchig und vom weinen heiser. „Das weist du genau. Also?“ Ertappt wandte Ray den Blick zur Seite. So sehr er auch darüber reden wollte, er wollte keinen Keil zwischen sie treiben, auch wenn er es liebend gerne täte. Unsanft wurde er am Kinn gepackt und so dazu gezwungen sein gegenüber anzusehen. Selbst in der Dunkelheit konnte Ray, das feurige Rubinrot von Kais Augen, deutlich erkennen und er spürte den brennenden Blick auf sich. „Was hat MingMing zu dir gesagt?“ „Bitte, zwing mich nicht.“ Einzelne Tränen rannen ihm über die Wangen. In diesem Moment verstand Kai und somit war es auch egal, was MingMing zu Ray gesagt hatte. Seit ihrer ersten Begegnung war die Antipathie, die die Beiden für einander hegten spürbar gewesen. Aber vor allem MingMing hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass die den Jungen nicht mochte. Und obwohl Kai es hätte besser wissen müssen, hatte er nicht gedacht, dass sie Ray gegenüber, ihren Standpunkt im Bezug auf ihre Beziehung, so deutlich machte. Und wer weis, zu was für Mittel sie dieses Mal gegriffen hat. Seufzend ließ er Ray los, fuhr sich nachdenklich durchs Haar und ließ seinen Blick nach draußen schweifen.
Unsicher musterte Ray sein gegenüber. Vielleicht sollte er Kai doch sagen was vorgefallen ist, aber irgendetwas in ihm sperrte sich dagegen. „Alles was MingMing und mich verbindet, ist eine gemeinsame Vergangenheit und derzeit einwenig Spaß.“ Zu einem überrascht von dieser Erklärung und zum anderen von dem, wahrscheinlich ungewollten, sanften Klang seiner Stimme, sah Ray Kai jetzt direkt an. „Wie meinst du das?“, fragte Ray. „Sex. Das ist alles, mehr läuft zwischen ihr und mir nicht.“ „Sie hat sich aber sehr überzeugend angehört.“ „Das gehört zu ihrem Job.“ „Aber nur wenn es um dich geht.“ „Du hast ihr nach spioniert?“ Auch wenn es sich wie eine Frage anhörte, wusste Ray genau, dass es eine Feststellung war und genau aus diesem Grund schoss ihm die Röte ins Gesicht, weswegen er auch seinen Kopf zur Seite wandte. Aus dem Augenwinkel sah zu Kai, um zu sehen, wie er darauf reagiert. Irgendwie hatte er mit viel gerechnet, aber nicht damit, dass Kai es mit einem Lächeln abtat. Einem Lächeln, das dazu führte Ray nur noch an eins Denken zu lassen. Er wollte diese Lippen spüren.
Dieser Gedanke, war das letzte was Ray mit Sicherheit benennen konnte, aber wie er es geschaffte hatte sich auf Kais Schoß zu setzten, konnte er nicht mehr sagen. Mit der Hand fuhr er über Kais Brust, spürte dessen ruhigen Herzschlag. Sollte er es wirklich wagen? Ohne weiter darüber nachzudenken lehnte er sich nach vorn und küsste Kai. Einen Moment sah er noch in die roten Iren, ehe er seine Augen langsam schloss und die Nähe genoss. Jedoch sollte nicht mehr als ein harmloser Lippenkontakt zustande kommen und gerade als er sich enttäuscht zurück ziehen wollte, wurde er enger an den anderen Körper gezogen und der Kuss wurde erwidert. Erst zaghaft und vorsichtig, dann innig und leidenschaftlich. Er ließ seine Hände über Kais Brust fahren, ehe er seine Arme um Kais Nacken schlang und ihn noch enger an sich zog. Wenn es überhaupt noch möglich war. Eine wahre Flut von Gefühlen durchfuhr ihn. Seine Haut prickelte dort, wo Kais Finger seine Haut berührten. Nach seiner Ansicht nach hätte der Kuss noch ewig weiter gehen können, doch der Luftmangel zwang sie dazu eine Atempause einzulegen. Stirn an Stirn hielt er die Augen geschlossen und versuchte seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen. Einen Spaltbreit öffnete er die Augen und sah in die ebenfalls halbgeschlossenen Augen Kais. „Ich…“ Ray brach ab, da er eigentlich gar nicht wusste, was er sagen sollte. Aber er brauchte auch nichts sagen. Alles was gesagt werden musste, hatte dieser Kuss bereits zum Ausdruck gebracht. Wie zwei Magnete, die von einander angezogen wurden, kamen sie sich wieder näher. Und auch dieses Mal, war der Kuss voller Leidenschaft.
„Onkel Kai?“ Drang eine weinerlich, verschlafene Stimme zu ihnen und ließ sie ruckartig auseinander schrecken. Verweint und die Arme um den Bauch geschlungen, stand Sophie auf der Stufe, die zum Schlafzimmer führte. „Was ist los Süße?“,fragte Kai und brachte Ray im selben Moment dazu, von seinem Schoß runter zu kommen. Verständlicher weise, lag von nun an Kais ganze Aufmerksamkeit bei seiner Nichte. So gern Ray Kai am liebsten aufgehalten hätte oder diesem zu mindestens noch einen Kuss gestohlen hätte, tat er es nicht. Für Kai gab es nichts Wichtigeres als die Mädchen und das konnte Ray nur zu gut verstehen. „Ich habe Bauchweh.“, sagte Sophie, worauf hin Kai zu ihr ging und sie auf den Arm hob. „Kann Ray auch mitkommen?“, bat sie, als sie ihren Ziehbruder auf dem Boden sitzend entdeckte. „Natürlich kommt Ray mit.“, erwiderte Kai und seine Stimme klang dabei so zweideutig, dass selbst Ray sich nicht sicher war es richtig verstanden zu haben. Aber es war ihm auch egal. Er wollte nur bei Kai sein.
T.R.A.U.M
Kapitel 8
T.R.A.U.M
„Warum forderst du nicht mal deinen Ehemann auf!“, meinte Kai leicht genervt, was aber niemand zu bemerken schien. Vor gerade einmal zehn Minuten waren sie von der Tanzfläche wieder hoch gekommen. Und offenen gesagt wollte er den Abend vor allem mit einer anderen Person verbringen. Eine Woche war vergangen seit Ray und er sich geküsst hatten und nach diesem war sie sich auch nicht mehr näher gekommen. Auf der einen Seite war Kai froh darüber, auf der anderen Seite hatte er durch den Kuss und die jetzige Distanz gemerkt, dass ihm Ray durch aus mehr bedeutete, als er bis her geglaubte. „Weil Yuriy nicht einmal die Grundschritte beherrscht.“, erwiderte Dawn. Es war Yuriy und Dawn noch deutlich an zu merken, dass sie sich gestritten hatten. Um was es ging, wollten sie jedoch nicht sagen, was schon ziemlich seltsam war. Von einem der Beiden erfuhr Kai sonst immer was los ist. Im Moment interessierte es ihn jedoch nicht. „Dann bring es ihm bei oder ihr geht zu einem Kurs.“ Bei diesen Worten verschluckte Yuriy sich an seinem Drink, was Dawn wiederum verriet, was ihr Mann von dieser Idee hielt. Damit das Yuriy nicht gerne, beziehungsweise gar nicht tanzte, hatte sie sich schon lange abgefunden. „Eher würdet du mit dem kleinen Tanzen, als dass Yuriy freiwillig zu einem Tanzkurs geht.“ „ Wenn das so ist...“ Mit diesen Worten und ein schmunzeln auf den Lippen, stand Kai auf und hielt Ray auffordernd die Hand hin. Eigentlich war Dawn sich sicher gewesen, dass Kai nicht auf ihre Provokation eingehen würde, aber da hatte sie sich offensichtlich geirrt.
„Was? Aber ich kann nicht tanzen.“, sagte Ray, der ein wenig überfordert mit der Situation war. Nicht weil es ihm unangenehm war, sondern weil er nicht damit gerechnet hat. „Das stimmt nicht. Du kennst nur die Schritte nicht.“ Noch einmal sah Ray über die Brüstung runter zur Tanzfläche, ehe er dann Kais Hand ergriff und mit ihm ging.
„Kai weis, dass der Kleine in ihn verliebt ist und trotzdem, spielt er mit ihm. Ziemlich mies, wenn ihr mich fragt.“ Weder Yuriy noch Dawn mussten aufsehen, um zu wissen, wer hinter ihnen stand. „Lass deine Finger von ihm.“,sagte Dawn bestimmend. „Statt eifersüchtig zu sein, dass ich was mit Kai am laufen habe, solltest du dir lieber Gedanken um deine Ehe machen.“ Lächelnd winkte MingMing ihr zu und verschwand in der Menge der Gäste. „Dieses verdammte…“ Eine Hand auf ihrem Knie ließ sie verstummen. „Yuriy?“ Ohne ein Wort zu sagen lehnte er sich zu ihr und küsste sie zärtlich. Im ersten Moment wusste sie nicht wie ihr geschah, immer hin hatten sie seit ihrem Streit keinerlei Zärtlichkeiten mehr aus getauscht.
Mit jeder Stufe die ihn der Tanzfläche näher brachte, wurde Ray mulmiger zu mute. Es war ein unterschied, ob man nun in der Disco tanzte oder ob man so was wie Tango, Salsa oder was hier alles getanzt wurde, tanzte. Unsicher sah Ray sich zwischen den Leuten um. Sie alle tanzten perfekt und es sah verdammt heiß aus. Es wirkte fast wie Sex. Selbst bei Dawn und Kai, wirkte es wie Sex und jetzt sollte er mit Kai tanzen. Abrupt blieb er stehen und da er immer noch Kais Hand hielt, zwang er so auch diesen zum stehen bleiben. „Was ist los?“, fragte Kai, als er näher an den Jungen trat. „Ich kann das nicht.“, rief Ray über die Musik hin weg. „Vertrau mir. Die Schritte sind ganz einfach.“ „Okay. Ich versuch es, aber wehe du lachst mich aus.“ „Versprochen.“ Zufrieden mit der Antwort ging nun Ray voran zur Tanzfläche und suchte ein freies Plätzchen für. Dabei suchte er bewusst, nach wenig Platz, so dass sie gezwungen waren enger zu tanzen. Seit diesem Abend, seit ihrem Kuss war er Kai endgültig verfallen und wollte nur noch in seiner Nähe sein. Unsicher sah Ray sich um, er wusste einfach nicht was er machen sollte. Erschrocken zuckte Ray zusammen, als Kai nach seiner Hand griff und sich diese auf die Schulter legte, während er seine eigene Hand auf Rays Rücken legte und mit der anderen griff er nach seiner Hand. Sie standen leicht versetzt, jedoch so dicht beieinander, dass nicht einmal mehr ein Blatt Papier zwischen sie gepasst hätte. Während alle anderen um sie herum schnell und mit ziemlich viel Temperament zu dem neuen Lied tanzten, begann Kai Ray langsam zu führen. Einen Schritt vor, einen Schritt zurück, dann zur Seite und wieder zurück und zur anderen Seite. „Achte nicht auf die Anderen.“, meinte Kai, da Ray eher auf alle anderen achtete, als auf ihn. „Tut mir leid.“, flüsterte Ray und versuchte sich wieder auf die Schritte zu konzentrieren. Mühsam musste sich Kai ein Schmunzeln verkneifen. „Sieh mich an und nicht auf den Boden.“ Mit diesen Worten zog Kai ihn noch ein wenig enger und ließ seine Hand etwas tiefer wandern.
……
Hauchzart küssten sich die Lippen seinen Hals hinunter. An manchen Stellen verharrten sie länger und bearbeiteten dort mit Zähnen und Lippen seine Haut. Ein Stöhnen konnte er bei dieser Behandlung nur schwer unterdrücken. Die Hände suchten sich einen Weg unter sein Shirt, streichelten seine Seiten entlang und fuhren über seine Brust. Scher hob und senkte sich seine Brust und sein Atem kam nur noch vor Erregung keuchend über seine Lippen. Nach mehr verlangend drückte er seinen Rücken durch und drückte sich so enger an den Körper über sich. Ein verlangender Kuss folgte und in der nächsten Sekunde wurde ihm das Shirt über den Kopf aus gezogen. Sofort schlang er seine Arme, um den Nacken seines Partners und presste hungrig seinen Mund auf das andere Lippenpaar. Mit jeder Sekunde wuchs sein verlangen und so langsam wurde es ihm in seiner Jeans zu eng. Um Erlösung bettelnd, stieß er mit der Hüfte gegen die seines Partners, konnte aber nicht verhindern dass ein Stöhnen seine Lippen verließ und er wollte es auch nicht verhindern. In den Kuss hinein grinsend, fuhr sein Partner mit der Hand über die Brust des Jungen bis zum Hosenbund, wo er jedoch verharrte. „Ich liebe dich.“ Überrascht von diesen Worten öffnete er die Augen und sah in die lust verschleierten Rubine. Ihm blieb keine Zeit darauf zu antworten, da ihm die Hose in diesem Moment von der Hüfte gesteift wurde. Ein erleichtertes Keuchen, gefolgt von einem erregten Stöhnen, entrann seiner Kehle. Er spürte eine Hand an seiner Mitte und Lippen, sowie Zunge und Zähne an seiner Brustwarze. Von diesem Moment an hielt ihn nichts mehr zurück. Ungeniert ließ er seiner Lust freien Lauf. Seine Selbstbeherrschung hatte er schon längst verloren und die Berührungen von Händen, Lippen und einfach das Gefühl von Haut auf Haut, raubte ihm endgültig den Verstand. In den Kuss hinein Keuchend, kam er zum Höhepunkt. Ein berauschendes Gefühl durchfuhr seinen Körper, so wie er es noch nie erlebt hatte. Die Augen schließend versuchte er seine Atmung zu beruhigen und genoss die Wärme seines Partners.
Als er die Augen wieder öffnete, war das Erste was ihm auf fiel, dass die Wärme verschwunden war. Zu erst vermutete er, dass sie einfach nicht mehr nah bei einander lagen, aber als er sich umsah, bemerkte er, dass er in seinem Bett, in seinem Zimmer und dass er angekleidet war. Sein Shirt klebte an seiner Haut und in diesem Moment verstand er. Ray hob die Bettdecke an und sah an sich herab, ließ die Decke aber gleich wieder fallen. Fluchend schloss er die Augen und legte sich die Hände aufs Gesicht. Peinlicher ging es wohl nicht mehr. Er hatte einen äußerst feuchten Traum von Kai und sich selbst und das im Haus von Kais besten Freunden und Familie. Zwischen seinen Finger hindurch schielte er zur Uhr hinüber, die auf dem Nachtschrank stand. Es war sieben Uhr. Er hatte gerade einmal eine Stunde geschlafen.
…..
Am Morgen, besser gesagt am späten Vormittag, konnten Dawn und Yuriy kaum die Finger von einander lassen. Ein simpler Satz, der eigentlich nur daher gesagt war, hatte beide dazu gebracht über ihre Beziehung nachzudenken. Und wie es scheint, mit Erfolg. „Egal was MingMing gesagt hat, es scheint ausnahmsweise funktioniert zuhaben.“,unterbrach eine leicht heisere Stimme. „Scheint so. Aber du mein Lieber siehst aus, als wäre deine Nacht eben erst zu Ende gegangen.“, erwiderte Dawn, ehe sie ihrem Mann noch einen Kuss gab und dann mit einem Stapel Teller nach draußen auf die Terrasse ging. „Was hast du zu ihr gesagt?“, forderte Yuriy von Kai zu wissen, der sich gerade eine Tasse Kaffee einschenkte. „Was soll ich gesagt haben?“, erwiderte Kai. „Danke. Und jetzt zu dir.“ Fragend zog Kai die Augenbraue hoch und sah Yuriy über die Tasse hinweg an. „Du hast dich ganz schön an den Kleinen ran gemacht.“ Ohne es zu wollen hatte Yuriy einen beinahe väterlichen Ton angenommen, den man sonst nur daher kennt, wenn sich Vater und der Freund, des Kindes zum ersten Mal unter vier Augen unterhalten. „Ich hab nur mit ihm getanzt, das hatte nicht zu bedeuten.“ „Ach ja?“ „Ja, verdammt! Was willst du eigentlich?“ „Ich will nicht dass du mit Ray spielst.“ „Ich spiele nicht mit ihm. Aber er bedeutet mir auch nicht das, was du mir hier unterstellen willst.“ Mit diesen Worten war das Thema für Kai beendet und ging ebenfalls nach draußen. Seufzend schüttelte Yuriy den Kopf, schnappte sich den Brötchenkorb und gesellte sich zum Rest der Familie.
Eigentlich wollte Kai seine Patenkinder wie gewohnt begrüßen, doch diese funkelten ihn nur böse an. Und Sophie ging sogar so weit das sie ihm gegen den Arm schlug, als er sich an den Tisch setzte. „Hey! Was ist den mit euch los?“,forderte Dawn von ihren Kindern zu wissen. „Onkel Kai ist böse.“, sagte Lexa und zeigte dabei auf ihren Onkel. „Was hat er euch den getan?“, wollte Yuriy wissen. „Nichts.“,erwiderte Sophie. „Aber er hat Ray weh getan, dass haben wir genau gehört.“, fügte Lexa hinzu. Fragend sahen sich alle Beteiligten an. „Was ist mit mir?“, fragte Ray, der gerade erst dazu kam. „Sag es Mama und Papa. Wir haben genau gehört wie Onkel Kai dir weh getan hat.“ Im ersten Moment verstand Ray nicht was Lexa meinte, doch dann fiel bei ihm der Groschen und sofort stieg ihm die Röte ins Gesicht. „Wann soll dass denn gewesen sein?“, fragte Kai an seine Nichten gewandt. „Heute Morgen. Ray hat immer wieder Bitte und deinen Namen gesagt und ganz laut dabei gestöhnt.“ Erst als Kai zu Ray sah verstand er, wobei die Röte des Jungen und sein krampfhafter versucht niemand anzusehen, einen großen Teil dazu beitrug. Schmunzelnd lehnte Kai sich zurück und musterte Ray ungeniert. Jetzt sahen auch Dawn und Yuriy zu ihrem Ziehsohn und auch sie verstanden. „Deswegen lief die Waschmaschine.“,schlussfolgerte Dawn. Es war Ray schon Peinlich genug, aber jetzt wo alle bescheid wussten, hoffte er nur noch das sich irgendwo ein Loch im Boden auftat und er darin verschwinden konnte. Ohne ein Wort zu verlieren oder irgendjemanden anzusehen, flüchtete Ray regelrecht ins Haus.
Das Kopfkissen eng umschlungen saß Ray auf seinem Bett. An Peinlichkeit war es nicht mehr zu übertreffen. Mussten die Mädchen unbedingt etwas mitkriegen? Niedergeschlagen seufzend ließ er sich zur Seite fallen und vergrub sein Gesicht in der Matratze. Das Klopfen an seiner Tür ignorierte er, was die Person aber nicht daran hinderte dennoch rein zu kommen. Ray hörte wie dich die Tür wieder geschlossen wurde und sich Schritte näherten. „Willst du dich den ganzen Tag hier verkriechen?“ Beim Klang dieser Stimme krallte Ray seine Finger in die Bettdecke. Warum musste ausgerechnet Kai jetzt hier sein? „Komm schon, es gibt schlimmeres.“, meinte Kai und setzte sich auf die Bettkante. „Was zum Beispiel?“, murmelte Ray in die Matratze. „Weltuntergang.“, meinte Kai scherzhaft, worauf hin Ray sich nur noch kleiner zusammen kauerte. Tief durchatmend lehnte Kai sich zurück, so dass er mit den Schultern gegen die Wand lehnte. Auf der einen Seite raubt Ray ihn mit diesem kindischen Verhalten den letzen Nerv, auf der anderen Seite fand er es süß. Allein für diesen Gedanken, wollte Kai sich am liebsten selbst strafen, aber er konnte nicht anders. „Mach dir keine Gedanken, Sophie und Lexa wissen ohne hin nicht was es bedeutet.“ „Um die Mädchen geht es mir nicht.“, erwiderte Ray und sah zum ersten Mal zu Kai. Die Röte war noch immer nicht aus seinem Gesicht verschwunden. „Um was geht es dann?“ Langsam setzte Ray sich auf, hielt jedoch sein Kissen eng an sich gedrückt. „Darum dass es alle wissen… dass DU es weist.“ „Es ist doch nichts Schlimmes dran.“ „Natürlich nicht, aber es peinlich und zu wissen, dass der jenige, von dem man träumt und… und den man liebt es weis, macht es nicht gerade einfacher. Besonders wenn die eigenen Gefühle unbedeutend sind.“ Wie von selbst legte Kai Ray die Hand auf die Wange. „Deine Gefühle sind nicht unbedeutend, aber ich kann sie nicht erwidern. Nicht jetzt oder sonst irgendwann.“ „Warum? Ich meine wenn du nichts für mich empfindest, warum hast du mich dann geküsst?“ „Ich weis es nicht.“ Diese vier Worte zerstörten binnen Millisekunden all seine Hoffnung. Das Kai ihm nicht gerade ein Liebesgeständnis macht, war ihm klar, aber dass dieser Kuss aus einer Laune heraus entstanden ist, verletzte ihn. Enttäuscht stand Ray auf und blieb er, mit dem Rücken zu Kai gewandt, am Schreibtisch stehen. „Das Einzige was ich weis, ist das du mir nicht egal bist. Aber auch dass ich dich nicht lieben kann.“ „Warum nicht?“ Bei dieser Frage schaffte es Ray nicht seine Enttäuschung, seinen Schmerz und seine Tränen zu verbergen. „Weil ich nicht lieben kann. Ray tu dir selbst einen Gefallen und such dir jemand anderen.“ Ruckartig drehte der Junge sich um. Kai saß auf der Bettkante, doch anders als sonst, hielt er seinen Blick abgewandt. Ray wusste nicht wieso, aber irgendetwas sagte ihm, dass es etwas gibt, dass Kai geheim hielt und dass das Grund ist, warum Kai ihn von sich stößt. „Ich will aber niemand anderen.“, flüsterte Ray, worauf hin Kai wortlos zur Tür ging. Gerade als er das Zimmer verlassen wollte, hielt Ray ihn noch einmal auf. „Du kannst lieben. Du liebst Lexa und Sophie. Du könntest gar nicht mehr ohne die Beiden, sie sind dein ein und alles.“ „Zu lieben bedeutet aber auch verwundbar zu sein und das kann ich mir nicht leisten.“ Damit war das Gespräch beendet und Ray blieb allein in seinem Zimmer zurück. Mit noch mehr fragen bezüglich Kai.
Vergangenheit
Kapitel 9
Vergangenheit
Der letzte Besuch war schon eine Zeit her, was nicht nur er so sah sondern sie auch. Zumindest wenn man nach den zahlreichen Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter ging. Sie alle forderten ihn dazu auf endlich mal wieder vorbei zu kommen. Aus diesem Grund war er jetzt auch hier. Ohne zu Klopfen oder zu klingeln verschaffte er sich zu tritt zum Haus. Sein erster Weg führte ihn direkt in die Küche, wo eine Frau am Küchentisch saß und in irgendeiner Frauenzeitschrift las. Wie selbstverständlich nahm er eine Vase aus dem Schrank, füllte diese mit Wasser und stellte die Blumen hinein. „Du warst lange nicht hier.“, sagte die Frau, ohne dabei von ihrer Zeitschrift aufzusehen. „Ich hatte viel zu tun. Wie geht es ihr?“ „Den Umständen entsprechend gut. Sie hatte jedoch vor kurzem einen erneuten Schub. Ich Bezweifle das sie dich erkennen wird.“ „Das wäre nichts Neues, Rose.“ „Wo ist sie?“ „Draußen im Garten, aber sie besuch.“ „Besuch? Von wem?“ Statt zu antworten deutete sie ihm, dass er es selbst heraus finden sollte.
Draußen im Garten fand er seine Großmutter, die er mit niemand anderem als Ray zusammen am Tisch saß. „Hey Granny.“, begrüßte Kai seine Großmutter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Schön Sie wieder zu sehen.“,meinte sie. Sie hatte zwar zuvor schon ein Lächeln auf den Lippen gehabt, doch jetzt strahlte sie förmlich. „Sie hatten doch versprochen öfter vorbei zu kommen.“ „Ich weis, tut mir leid. Ich hatte in letzter Zeit sehr viel zu tun.“,entschuldigte er sich und setzte sich neben sie. Ray ignorierte er dabei vollkommen. Das einzige was er sich fragte war, woher Ray von Nana wusste und wo sie wohnte. „Sie haben mir doch versprochen, dass Sie weniger Arbeiten und dass Sie sich eine Freundin suchen.“ Obwohl sie ihn tadelte, lag so viel liebe in ihrer Stimme, wie es Ray zuvor noch nie erlebt hatte. Als er zu Kai sah, stutzte er. Er konnte de Blick von Kai nicht zu ordnen. Es war etwas zwischen Trauer, Sorge, Verletzbarkeit und Liebe. „Ich hab doch dich.“ Lächelnd schüttelte seine Großmutter den Kopf und schenkte allen Kaffee ein. „Es muss ja keine Frau sein. Sie können sich auch einen Freund suchen. Wie wäre es mit Ray? Mit ihm habe ich auch gerade über dieses Thema gesprochen.“ Perplex sah Ray sie an. Hatte er eben richtig gehört? Versuchte Kais Großmutter gerade wirklich sie mit einander zu verkuppeln? Was ihn aber völlig irritierte, war die Tatsache, dass Kai dies nur belächelte. „Jeder braucht einen Menschen, der einen auffängt. Also hören Sie auf mit mir zu diskutieren. Oh… ich habe den Kuchen ganz vergessen.“ Mit diesen Worten stand sie auf und ging zur Tür, wo ihr Rose bereits entgegenkam. Besorgt sah Kai ihr nach. „Was hat sie?“, fragte Ray vorsichtig nach. „Vieles. Zu vieles. Sie weis nicht einmal mehr wer ich bin.“
Die Zeit verging fast wie im Flug. Kais Großmutter war äußerst freundlich und plauderte wie selbstverständlich aus dem Nähkästchen. So erfuhr Ray ein paar äußerst süße Geschichten aus Kais Vergangenheit, die er so vermutlich nie erfahren hätte. Während Ray neugierig zu hörte, saß Kai eher peinlich berührt im Hintergrund. Für einen Außenstehenden musste es aussehen, als würde hier gerade der neue Freund vorgestellt werden. Und wenn Ray ehrlich war fühlte es sich auch so an. Allerdings wenn ihm jemand gesagt hätte, dass sich bereits ein Gewitter zusammen braut, hätte er es nicht geglaubt. Jedoch musste er zugeben, dass sich die Stimmung, als sie sich verabschiedeten von der einen Sekunde auf die Andere von Grund auf änderte.
„Ruf mich an, wenn was sein sollte.“, sagte Kai an Rose gewandt, ehe er sich auch von ihr verabschiedete und ging. Immer zwei Stufen auf einmal ging er die Treppe runter und verschwand die Straße runter. Ray schaffte es nicht einmal mehr ihm ein ´Warte´ hinter her zu rufen. „Du solltest dich beeilen. Kai würde es nicht gut tun, jetzt allein zu sein.“ Ray nickte, verabschiedete sich rasch und rannte Kai nach.
„Kai warte! Kai! Verdammt, jetzt bleib doch mal stehen!“, rief Ray, doch Kai ging einfach weiter. Erst nach mehrfachen versuchen, bekam Ray ihn am Ärmel seiner Jacke zu fassen und brachte Kai so dazu endlich stehen zu bleiben. „Was willst du?“ „Was ist auf einmal los? Eben war doch alles in Ordnung.“ Bitter schmunzelnd schüttelte Kai den Kopf. „Verschwinde Ray!“ „Nein! Was ist dein Problem?“ „Was mein Problem ist? Du bist mein Problem! Ich habe nur zu gestimmt dir zu helfen, was nicht bedeutet, dass du zu einem Teil meines Lebens werden kannst!“ Auf Grund der Ablehnung in Kais Stimme, ließ Ray in los und wich einen Schritt zurück. „Aber genau das passiert, wenn Menschen sich begegnen. Sie werden zu einem Teil im Leben eines Anderen. Ob wir wollen oder nicht.“ „Ich will dich nicht in meinem Leben! Weder jetzt noch sonst irgendwann! Du warst damals nur ein Job, genauso wie du es jetzt bist!“ Eine Ohrfeige, die nicht nur Spürbar sondern auch Hörbar war, traf ihn. Passanten blieben stehen, sahen neugierig zu ihnen und gingen tuschelnd weiter. „Es ist mir egal, ob du mich in deinem Leben haben willst oder nicht! Du kannst nichts tun oder sagen, um mich los zu werden. Ich werde bei dir bleiben und für dich da sein. Also hör endlich auf, dich zu verschließen und die Menschen von dir zu stoßen, die dich lieben! Denn ich liebe dich und ich werde alles tun, damit du mich auch liebst. Ich liebe dich! Ich liebe dich, verdammt noch mal!“ Schwer kam ihm der Atem über die Lippen und sein ganzer Körper zitterte vor Aufregung. Zum Schluss war er immer lauter geworden, hatte beinahe schon geschrien. „Liebe jemand anderes.“ Ungläubig und erschrocken weiteten sich seine Augen. Nicht fähig etwas zu sagen oder zu tun, stand er da und sah zu wie Kai einfach ging.
……
Dawn war gerade dabei das Abendessen vorzubereiten, als die Haustür lautstark ins Schloss fiel. Da Yuriy mit den Mädchen hinten im Garten waren, konnte es sich nur um eine Person handeln und kurz darauf tauchte Ray in der Küche auf. Seine Augen waren gerötet und in ihnen standen Tränen. Sofort sah sie ihm an, dass etwas passiert ist und sie ahnte auch was es war. So sehr Ray auch versuchte sich nichts anmerken zu lassen, so sehr sah Dawn, dass er kurz davor war in Tränen auszubrechen. Sie ließ alles stehen und liegen und ging auf ihren Ziehsohn zu. Mütterlich strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht, was für Ray wie ein Signal war, dass er endlich los lassen konnte. „Er hasst mich.“, weinte er und fiel ihr in die Arme.
Nach Luft ringend blieb MingMing stehen. Für einen Moment stützte sie sich auf den Knien ab und sah zu ihrem Joggingpartner, der scheinbar noch nicht bemerkt hat, dass sie stehen geblieben ist. Tief durchatmend, richtete sie sich auf und stemmte die Hände die Hüfte. Sie hasste es zu joggen. Warum hatte sie sich also dazu überreden lassen? Noch einmal sah sie zu ihrem Partner, der jetzt in einigen Meter Entfernung stand und auf sie wartete. Doch sie dachte gar nicht daran, auch nur noch einen Meter zu laufen. Sie ließ sich auf einer der Bänke nieder. Schon jetzt konnte sie den Muskelkater spüren. „Was ist passiert?“, fragte sie, als Kai auf sie zu kam. „Ist das wichtig?“ „Ich jogge, weil du total seltsam bist und bis eben nicht ein Wort verloren hast.“ Seufzend lehnte er sich gegen das Geländer, das eine Begrenzung zum Hafen da stellte und der Bank gegenüber war, auf der MingMing sitzt. „Er hat mir Filmreif seine Liebe gestanden.“ Überrascht sah MingMing auf. „Wer? Der Kleine?“ Sein schweigen, war ihr Antwort genug. „Und deine Antwort?“ „Können wir weiter?“ „Was hast du geantwortet?“ Ohne zu Antworten ging er auf sie zu und zog sie in einen Kuss, der so vollkommen anderes war, als alle anderen zuvor.
Mit einem heiseren ´Danke´ nahm er die Tasse entgegen, die Dawn ihm reichte. „Erzähl, was ist passiert?“, fragte Dawn behutsam nach. Die Beine an die Brust gezogen, starrte Ray auf die Tasse. Er wusste nicht ob er wirklich mit ihr darüber reden konnte. Andererseits mit wem sollte er sonst reden? „Es war alles in Ordnung. Es war sogar richtig schön und dann… von der Einen auf die andere Sekunde, hat er wieder dicht gemacht.“, weinte Ray. „Ich glaube es war in der sechsten oder siebten Klasse, als Kai an die Schule kam. Die Mädchen schmachteten ihn vom ersten Moment an an und die Jungs verabscheuten ihn. Aber das war ihm alles egal. Jede Meinung, jede Äußerung war ihm egal.“ „Wie fandest du ihn?“ Dawn konnte sich ein lächeln nicht verkneifen, da sie genau verstanden hatte, worauf er hinaus wollte. „Nein, ich war nie in ihn verliebt. Ich fand und finde ihn immer noch interessant, weil er anderes ist, was ihn aber auch wieder kompliziert macht.“ Sie machte eine kurze Pause, ehe sie mit dem eigentlichen Thema fort fuhr. „Auf einer Party wollte mein damaliger Freund, betrunken wie er war, gegen meinen Willen mit mir schlafen. Ich habe geschrien und nach ihm geschlagen, aber niemand hörte mich. Bis auf Kai. Er holte mich raus und brachte mich sogar heim. Wir dachten beide, dass es damit beendet wäre, besonders weil wir kein Wort mit einander gesprochen hatten. Doch zurück in der Schule, meinte mein Ex, er und seine Kumpels müssten auf Kai los gehen. Die Folge war eine gebrochene Rippe, Prellungen und ein Kreuzbandriss. Ich hab mich schuldig gefühlt und habe ihn von da an, jeden Tag im Krankenhaus besucht. Seine Eltern kamen erst, als er entlassen wurde. Sein Stiefvater war betrunken, ein Dauerzustand wie ich später erfuhr und seine Mutter war auch nicht besser. Und ihr konnte man ansehen, dass ihrem Mann die Hand oft ausrutschte. Auch Kai gegenüber. Mindestens einmal im Jahr ruft sie ihn an und bittet Kai, sie abzuholen. Doch am Ende bleibt sie wo sie ist und Kai und sein Stiefvater geraten aneinander. Das Veilchen, war das Ergebnis einer solchen Auseinandersetzung.“ An das Veilchen, vor einigen Monaten, konnte Ray sich noch gut erinnern. „Was ist mit seinem richtigen Vater?“ Unwissend schüttelte Dawn den Kopf und sah hinaus in den Garten, wo Yuriy mit seinen Kindern spielte. Es war ein idyllisches Bild. „Kai ist in einer zerrütteten Familie aufgewachsen, in der Gewalt dominierte und Liebe und Vertrauen ein Fremdwort ist. Er redet nicht über seine Vergangenheit. Nicht über seine Familie oder über sonst irgendetwas in dieser Richtung. Was es einem schwer macht, zu erkennen, wann er einen braucht.“ „Und was ist mit MingMing? Welche Rolle spielt sie?“ „Die seiner Vergangenheit. Vermutlich ist sie die einzige Person, die Kai wirklich kennt. Und glaub mir, dass missfällt mir genauso wie dir.“ Nachdenklich nippte Ray an seinem Tee. Mit dem was er gerade erfahren hatte, hatte er nicht gerechnet und im Moment wusste er nicht, wie er Kai mit diesem Wissen gegenüber treten kann. Die Tasse auf den Tisch stellend, stand er schnell auf und mit einem kurzen ´Bin weg´, war er auch schon aus der Haustür verschwunden.
……
Nach dem Kuss hatte MingMing auf mehr gehofft, jedoch wurde sie schneller enttäuscht, als es ihr lieb war. Stattdessen saß sie nun auf einer Hantelbank und sah Kai dabei zu wie er auf einen Boxsack einschlug. „Was hast du geantwortet?“, fragte sie zum Gefühlten hundertsten Mal, als er für einen Moment inne hielt. Auch wenn sie sich die Antwort denken konnte, wollte sie es aus seinem Mund hören. „Musst du nicht bei irgendeinem Shooting sein?“ Wieder hallten die Schlage durch die Halle. Jeder Schlag, war präzise aber Kraftvoll ausgeführt. Sie tat so als müsste sie Überlegen, schüttelte dann aber den Kopf. „Sieh noch mal in deinem Terminplan nach.“ Mit diesen Worten gab er ihr klar und deutlich zu verstehen, dass er allein sein wollte. „Na schön. Ich ruf dich dann morgen an.“, verabschiedete sich MingMing und ging zur Tür, wo sie noch einmal stehen blieb. Sie wollte noch etwas sagen, entschied sich dann aber dagegen und verließ die Halle.
……
Den Kopf gesenkt und mit dem Arm an der Wand abgestützt, stand er unter der Dusche und ließ das kalte Wasser über seinen Körper laufen. Eigentlich hatte er gehofft, durch den Sport auf andere Gedanken zu kommen, doch egal was er tat, seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Fluchend stellte er das Wasser ab, wickelte sich ein Handtuch um die Hüfte und ging zurück in die Umkleide. Doch da sollte er nicht länger allein sein. Auf der Bank, vor den Schränken, saß Ray. Den Jungen ignorierend, schloss er seinen Schrank auf und begann sich, mit einem weiteren Handtuch, abzutrocknen. „Geh mit mir aus.“, bat Ray, doch die einzige Reaktion, die er bekam, war die dass Kai ihm das Handtuch über den Kopf warf. Erst nach einiger Zeit, nahm Ray es sich vom Kopf und sah wie Kai gerade seinen Gürtel schloss. „Bitte. Bitte geh mit mir aus.“, bat Ray erneut. Dieses Mal erhielt er gar keine Reaktion. Kai zog sich weiter schweigend an. „Ein Date. Ich bitte dich, nur um einen Abend, mehr nicht.“ „Nenne mir einen Grund, warum ich mit dir ausgehen sollte.“ „Weil wir uns geküsst haben.“
Ein Mittsommernachtstraum
Kapitel 10
Ein Mittsommernachtstraum
Aufgeregt probierte Ray ein Outfit nach dem Nächsten an. Er wollte weder süß, noch sonst irgendwie unschuldig wirken. Er wollte sexy aussehen, immer hin war es seine einzige Chance, Kai für sich zu gewinnen. „Wie ist das?“,fragte er in den Spiegel blickend an Lexa und Sophie. Die Mädchen saßen auf seinem Bett und spielten, seit knapp zwei Stunden, die Modeexperten. Die Nase rümpfend schüttelten sie synchron die Köpfe. An sich runter sehend, musste er seinen Schwestern recht geben und so landete das Shirt bei den anderen auf den Boden. Gerade als er nach dem nächsten Shirt greifen wollte, klingelte es an der Tür. Panik stieg in ihm auf. Es war sieben Uhr und er war nicht einmal im Ansatz fertig.
„Du klingelst und bist sogar pünktlich.“,sagte Dawn breit grinsend, als sie die Haustür öffnete. „Ach, halt die Kappe.“,erwiderte Kai und betrat das Haus. Schmunzelnd sah sie ihm nach. Als sie ihn eben kurz gemustert hatte, hätte man neidisch werden können. Er hatte sich nicht besonders schick gemacht oder sonst irgendetwas in dieser Richtung, dennoch wirkte er anders. Positiv anderes. Während Kai ins Wohnzimmer zu Yuriy ging, ging Dawn nach oben.
„Warum hast du eigentlich zu gesagt?“,fragte Yuriy, als Kai sich neben ihn auf die Couch setzte. „Um endlich meine ruhe zu haben.“ Verständlich nickte Yuriy und konzentrierte sich wieder auf das Footballspiel, das gerade im Fernsehen übertragen wurde.
Hecktisch suchte Ray zwischen seinen Klamotten, nach dem richtigen Outfit. Jedoch ohne erfolg. Verzweifelt fuhr er sich durch die Haare und stellte in diesem Moment fest, dass auch diese noch nicht gemacht waren. „Du siehst gut aus.“ Erschrocken drehte Ray sich zur Tür, in der Dawn stand. „Nein, tue ich nicht. Ich bin nicht einmal fertig.“ Mit diesen Worten biss er sich auf die Unterlippe und sah in den Spiegel. Er sah aus wie immer. Die schwarze, enge Jeans und den rotschwarz geringelten Pullover. Er sah nicht einmal im Ansatz sexy aus. „Ich sehe aus wie immer.“,flüstere Ray. Lächelnd ging Dawn auf ihn zu, legte ihm die Hände auf die Schultern und betrachtete sein Spiegelbild. „Ich kann mich nur wiederholen… Du siehst gut aus.“ „Ich sehe normal aus.“,erwiderte er und sah mussmutig zu Boden. „Ray, vergiss bitte nicht, dass du erst siebzehn bist. Und für ein Date, finde ich bist du genau richtig gekleidet.“ „Nein, bin ich nicht. Ich will Kai gefallen und dazu…“ „Du liebst ihn, das ist viel wichtiger, als dein Outfit.“ „Hast du Mal MingMing gesehen?“ Lächelnd griff Dawn nach der Bürste, die auf dem Schreibtisch lag und begann vorsichtig Rays langes Haar zu kämmen. „Wenn du willst dass Kai dich mag, dann sein einfach du selbst. Hast du schon mal mitbekommen, auf welchen Typen er sich einlässt?“ Verneinend schüttelte Ray den Kopf. „Frauen die Selbstbewusst sind und das auch zeigen. Also zeig es.“
Ein räuspern ließ Kai und Yuriy vom Fernseher aufsehen. Dawn stand an der Treppe und als sie sich sicher war, die Aufmerksamkeit, besonders die von Kai, zu haben, sah sie zur Treppe rauf. „So wie es aussieht, wirst du nie wieder deine Ruhe haben.“,meinte Yuriy an Kai gewandt, als er Ray die Treppe runter gehen sah. Wortlos stand Kai auf, doch er ging nicht zu Ray, sondern zur Tür. „Bringen wir es hinter uns.“ Diese Worte verletzten Ray sichtlich und wenn Dawn nicht wäre, hätte er sich sicherlich nicht von der Stelle gerührt. Sie begleitete ihn zur Tür und sagte ihm, dass er schon mal zum Wagen gehen sollte, was Ray auch tat. „Wenn du ihm tust, dann werde ich dir weh tun! Verstanden?“,meinte Dawn und um ihre Worte zu bestärken, krallte sie ihre Fingernägel in Kais Oberarm. „Ich dachte, dass hätte ich bereits.“ Er löste ihren Griff, ehe er selbst zum Wagen ging. „Er kann ihm gar nicht weh tun, nicht ohne sich selbst dabei zu verletzten.“,meinte Yuriy und legte seiner Frau die Arme um die Taille.
……
So schweigend wie die Fahrt in die Stadt verlief, so schweigend saßen sie sich jetzt auch gegenüber. Nervös sah Ray sich um. Das Restaurant war nicht übermäßig elegant, aber auch kein 08/15 Lokal und die Preise hatten es auch in sich. Hinzu kam auch noch, dass er sich extrem Underdress vorkam. Bedacht legte Ray die Speisekarte beiseite und sah zu Kai, der eher genervt, das Weinglas zwischen seinen Fingern hin und her rollte. „Du hättest ´Nein´ sagen können.“,meinte Ray und erhielt so endlich Kais Aufmerksamkeit. „Ja, hätte ich. Habe ich aber nicht.“ „Warum?“ „Dein Argument. Wir haben uns geküsst, was dir mehr bedeutet als mir, dennoch…“ Kai ließ seinen Satz offen. Erst zeichnete sich Unglaube auf Rays Gesicht ab, dann umspielte sein Lächeln seine Züge und ein hoffnungsvoller Glanz trat in seine Augen. „Ich liebe dich.“,flüsterte Ray, doch laut genug damit Kai ihn verstehen konnte. Statt zu antworten, trank Kai einen weiteren Schluck vom Wein.
Obwohl sie nicht viel mit einander sprachen, verlief das Essen überraschend angenehm. Umso enttäuschter war Ray, als sich das Essen dem Ende neigte und sie das Restaurant verließen. Als sie vor dem Aufzug standen, stand Ray, nervös die Hände knetend, neben Kai und sah aus dem Augenwinkel immer wieder zu diesem. Trotz diesem Abend war er Kai kein Stück näher gekommen. Seufzend trat er vor Kai in den Fahrstuhl, dessen Türen sich gerade öffneten. „Und jetzt?“,fragte der Teenager und lehnte sich gegen die Fahrstuhlwand. „Bringe ich dich nach Hause.“ „War ja klar.“,murrte Ray. „Du hattest dein Date und damit ist das Thema beendet.“ Verletzt senkte Ray den Kopf. Schweigend standen sie im Fahrstuhl, der sich nicht einen Millimeter von der Stelle bewegte, da keiner von ihnen den Knopf fürs Erdgeschoss gedrückt hatte. „Bin ich dir wirklich so egal?“ „Ray…“ „Schon gut, ich habe es verstanden und ich verspreche dir, dir nicht weiter hin auf die Nerven zu fallen.“ In diesem Moment ging die Fahrstuhltür erneut auf und ein älteres Ehepaar einstieg. Neidisch beobachtete er das Paar. Sah zu, wie er sie wie am ersten Tag im Arm hielt und wie sie ihren Kopf auf seine Schulter legte. Tränen traten Ray in die Augen, als ihm bewusst wurde, dass ihm so was nie passieren wird. Zumindest nicht mit Kai. Eilig und ohne ein Wort zu verlieren lief Ray aus dem Aufzug und somit aus dem Gebäude.
Doch kaum trat er aus der Tür, schlug ihm eisiger Wind entgegen und ließ ihn frösteln. Verloren sah er die Straße entlang. Er hatte keine Ahnung wo er hier war. Suchend sah er sich um, konnte sich aber nicht daran erinnern, aus welcher Richtung sie gekommen waren. „Hör auf immer weg zu laufen.“ Überrascht sah Ray auf und erkannte Kai, der sich gerade seine Jacke auszog. „Das kann dir doch egal sein.“,erwiderte Ray trotzig und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er fror. Vergebens. Er spürte die schwere Lederjacke auf seinen Schultern und die Wärme, die von Kai stammte. „Und jetzt komm mit.“,forderte Kai ihn auf.
Wenig später waren sie im Central Park. „Was machen die alle hier?“,fragte Ray, in anbetracht der späten Stunde und den vielen Menschen. Zum Abend hin war der Park eher weniger besucht, doch heute war es anderes. „Sie wollen alle zum Delacorte Theater. Genauso wie wir.“ Überrascht blieb Ray stehen. Natürlich hatte er sich die ganze Zeit gefragt, wo sie hin wollten, vor allem da Kai gesagt hatte, er würde ihn nach Hause bringen. „Aber ich dachte…“ „Wenn du mir egal wärst, dann hätte ich nein gesagt, aber ich habe zu gestimmt. Doch wenn du nicht willst…“ „Doch ich will. Und wie ich will.“ Das funkeln, dass seine Augen immer zierte und vorhin verschwunden war, kehrte zurück und auch sein Lächeln.
Fasziniert verfolgte Ray, Shakespeares Ein Mittsommernachtstraum, von Akt zu Akt und genau das war der Grund warum Kai seinen Blick mehr auf Ray gerichtet hatte, als auf die Bühne. Dass der Junge ihn in seinen Bann gezogen hatte, musste Kai sich schon seit längerem eingestehen, jedoch hatte er nicht damit gerechnet, dass es ihn selbst verletzen könnte, wenn er Ray zurück wies. „Was ist?“,fragte Ray, als er sich Kais Blick bewusst wurde. „Nichts. Schon gut.“
Ein plötzlicher Regenschauer ließ alle Anwesenden von ihren Plätzen aufspringen und Schutz vorm Regen suchen. Sofort suchte auch Ray Schutz unter einem der Bäume, wobei er Kai mit sich zog. Mit dem Rücken gegen den Baum gelehnt sah er zu, wie alle anderen ebenfalls versuchten sich vorm Regen zu schützen. „Ich glaube nicht dass es so bald aufhören wird,“,meinte Kai in anbetracht des Regenschauers. Vom Wolkenbruch sah Kai zu Ray, der sichtlich zitterte, obwohl er bereits die Jacke eng um sich geschlungen hatte. Erschrocken zuckte Ray zusammen, als seine kalten Hände in ein paar wärmere Hände genommen und hoch gehoben wurden. Den Blick hebend kreuzte er dem Blick Kais. Nur kurz sahen sie einander an, ehe Kai die Augen schloss und in die Hände blies. Sofort spürte Ray den warmen Atem, der dafür sorgte, dass seine Finger, sich nicht mehr wie Eisblöcke anfühlten. Es war ein schönes Gefühl und genau diese Momente ließ Ray vergessen, wie oft Kai ihn zurück gewiesen und verletzt hat. „Kai…“ Er wartete kurz bis der Angesprochene auf sah. „Ich will zu dir.“
……
Unangenehm klebten die nassen Sachen auf der Haut, doch das war im Moment Nebensächlich. Die Jacke hing ihm nur noch an den Armen, wodurch sich das kühle Metal der Tür, durch seinen Pullover brannte und seine Gänsehaut noch zusätzlich förderte. Das leise Klimpern eines Schlüssels, das Einrasten des Schlosses und der Verlust der Tür in seinem Rücken, verhieß ihm, dass sie ihren Weg endlich weiter führen konnten. Da es dunkel war und sie ihren Kuss nicht lösten, stolperten sie mehr in die Wohnung. Lachend stützten sie sich an der Wand ab, wobei Ray von Kai gehalten wurde, damit dieser nicht fiel. Kleine elektrische Stöße wanderten bei jeder Berührung durch seinen Körper und fachten sein Verlangen bis ins unerträgliche an. Die Jacke fiel zu Boden. Und im selbem Moment verlor er den Halt unter seinen Füßen. Sofort schlang er seine Beine um Kais Hüfte und vergrub seine Hände in Kais Haaren.
Ray konnte nicht sagen wie, aber irgendwie fanden sie den Weg ins Schlafzimmer. Kurz vorm Bett wurde er wieder auf seine eigenen Beine gestellt und küssend weiter durch den Raum gelenkt. Sanft fuhren Kais Finger unter seinen Pullover und fuhren seine Seiten hinauf, wobei der Pullover Stück für Stück hoch geschoben wurde. Nur kurz lösten sie ihren Kuss, damit Kai Ray den nassen Pullover. Sein Haar klebte ihm nun wirr im Gesicht, was beide zum Lachen brachte und Kai ihm das Haar aus dem Gesicht strich. Verlangend strich nun Ray seinerseits über Kais Brust, die noch immer von dem Hemd bedeckt wurde. Wie von selbst fanden seine Finger die Knöpfe und nestelten ungeduldig an ihnen herum. Jedoch bekam er sie nicht auf und so langsam wurde es ihm Peinlich. „Hör auf zu lachen.“,beschwerte sich Ray. „Entschuldige.“ Jetzt wurde es Ray zu blöd und er zog Kai das Hemd über den Kopf und forderte einen erneuten Kuss, den er auch bekam.
Erst als er das Bett in seinen Kniekehlen bemerkte, wurde ihm klar dass sie sich zum Bett bewegten. Er ließ sich zurück fallen, wobei er Kai mit sich zog. Mit seinen Lippen fuhr er die Wange entlang, über den Hals bis hin zum Schlüsselbein. Ab und an biss er sachte zu und küsste dann die Stelle. An der Atmung und dem unterdrückten Keuchen, stellte Ray zu frieden fest, dass seine Handlung nicht spurlos an Kai vorbei ging. Seine Finger führen über die fein definierten Bauchmuskeln und verursachten einen erregten Schauer. „Wusste ich es doch, dass ich dich nicht kalt lasse.“,raunte Ray ihm ins Ohr. Als antwort wurde er in einen erneuten leidenschaftlichen Kuss verwickelt und weiter aufs Bett geschoben. In den Kuss hineinstöhnend, bäumte sich sein Körper Kais entgegen und verlangte nach mehr. Blind öffnete Kai Rays Hose und ließ seine Hand weiter südlich wandern. Sofort krallten sich Rays Finger in seine Schultern. Die Honigfarbenen Augen wirkten wie flüssiges Gold, das vor verlangen dahin schmolz. Stöhnend legte Ray den Kopf in den Nacken und genoss die zärtlichen Berührungen und die federleichten Küsse, die auf seinem Körper verteilt wurden. Berauscht und nicht mehr in der Lage klar denken zu können, gab er sich dem Gefühl und vor allem Kai einfach nur noch hin. Doch zwischen diesen ganzen überwältigenden Gefühlen, schlichen sich vergangene Gefühle. Angst, Panik um nur zwei zu nennen. Bilder von Vergangen liefen vor seinem inneren Auge, wie ein Film ab. Er versuchte es zu verdrängen, doch mit jeder weiteren Berührung, jedem weiteren Kuss, verstärkte sich seine Angst. „Hör auf.“,flüstere er, wurde jedoch überhört. „Hör auf, Kai!“,schrie er nun, stieß Kai von sich und drehte sich zur Seite. Zitternd kauerte er sich zusammen und versuchte die Tränen zu unterdrücken, die sich ihren Weg über seine Wange bahnen wollten. Der zierliche Körper unter ihm bebte, jedoch mehr aus Angst als Erregung. Und in diesem Moment verstand Kai. „Schon okay. Beruhig dich.“,sagte Kai im beruhigenden, sanften Ton. Bei dem versuch Ray zu berühren, kauerte sich der Junge sich noch mehr zusammen. Ray eine Decke überlegend, stand Kai auf und verließ das Schlafzimmer. Erst das Zufallen der Tür signalisierte Ray, dass er jetzt allein war.
Von Liebhabern und ihren Geheimnissen
Kapitel 11
Von Liebhabern und ihren Geheimnissen
Die Tränen wollten einfach nicht versiegen. Brennend liefen sie ihm über die Wagen und hinterließen ihre salzigen Spuren. Zittrig atmete ein. Es hatte sich alles so gut angefühlt. So perfekt. Kai war hatte absolut nichts falsch gemacht. Er war so zärtlich gewesen, dass Ray manchmal dachte, es wäre wieder nur ein Traum. Aber das war es nicht. Es war real und er hatte alles kaputt gemacht. Beschämt drehte er sich auf den Rücken und verbarg sein Gesicht in den Händen. Er wollte Kai nahe sein. Ihn küssen, ihn berühren und sogar mit ihm schlafen. Er konnte gar nicht sagen, wie sehr er es wollte. Wie gern er heute Nacht mit Kai geschlafen hätte. Aber er konnte es nicht. Jeder einzelne Missbrauch war wie ein Film, vor seinem inneren Auge abgelaufen und deswegen hatte er diesen Abend ruiniert. Fest biss er sich auf die Unterlippe, so fest, dass es bereits weh tat. Eine Weile lag er so da, bis sich ein Kälte Gefühl einstellte. Frierend setzte er sich auf. Vorhin hatte er nur am Rande mitbekommen, dass Kai ihn allein gelassen hatte. Ray konnte verstehen, dass Kai keine Lust mehr auf ihn hatte und sicher würden sie sich jetzt wieder entfremden. Die Decke eng um sich schlingend, ging er zur Tür. Seichtes Licht fiel ins Schlafzimmer, als er die Tür öffnete. Noch einmal wischte er sich die Tränen von den Wangen und ging den schmalen Flur zur Küche entlang.
Vor sich eine dampfende Tasse fand er Kai am Küchentresen sitzend vor. Ray konnte nicht sagen, ob Kai wütend, frustriert oder enttäuscht war. Kai zu lesen war schwer. Unsicher blieb Ray auf der Stufe stehen und zog die Bettdecke enger um sich. „Es… es tut mir leid.“, flüsterte Ray, hielt aber den Blick gesenkt. Bereits beim ersten Wort hatte Kai aufgesehen. Ohne etwas auf Rays Entschuldigung zu erwidern, stand Kai auf und ging an Ray vorbei zur Küchenzeile. „Bitte glaub mir. Ich wollte es wirklich. Ich will auch jetzt noch mit dir schlafen. Lass es uns noch mal versuchen, bitte. Ich reis mich auch zusammen.“ „Du trinkst das her erst mal und dann ziehst du dir was Trockenes an.“ Mit diesen Worten reichte Kai ihm eine heiße Tasse. Sofort stieg ihm der angenehme süße Duft von heißer Schokolade in die Nase. Erst jetzt, als er die Tasse in der Hand hielt, merkte er, wie kalt ihm eigentlich war. Und er musste an das letzte Mal denken, als Kai heiße Schokolade gekocht hatte. Lächelnd nahm Ray einen Schluck, stellte die Tasse dann aber auf den Tresen. „Lass… lass es uns noch mal versuchen.“, bat Ray und trat dicht an Kai heran, um mit den Händen über dessen Brust zu wandern. „Nicht heute.“, erwiderte Kai und nahm Rays Hände von sich. „Ich will wirklich mit dir schlafen.“ „Wenn ich mit dir schlafe, will ich, dass du es genießt und dich fallen lassen kannst. Aber im Moment denkst du nur daran, was dir angetan wurde und ich kann es verstehen. Außerdem kann man ein Date auch anderes weiter führen.“ „Zum Beispiel?“ „Wie wäre es mit einem Film?“ Mit einem Lächeln auf den Lippen nickte Ray.
……
Verschlafen kam Yuriy ins Schlafzimmer. Als er die Mädchen ins Bett gebracht hatte, war er neben Lexa eingeschlafen. Doch im Gegensatz zu seiner Frau hatte er immer hin ein paar Stunden schlaf bekommen. Mit einem Buch in der Hand saß Dawn im Bett, aber anstatt zu lesen, starrte sie auf den Wecker. „Es geht ihm gut. Sonst wäre er schon hier.“, sagte er, wodurch er die Aufmerksamkeit seiner besseren Hälfte bekam. „Ich mache mir trotzdem sorgen.“ „Kai ist erwachsen und Ray kannst du erzählen, was du willst, aber er hat nun einmal die rosarote Brille auf.“ Dem konnte sie leider nicht widersprechen. Dennoch konnte sie nicht anders als sich sorgen zu machen. Ray war ihr nun einmal ans Herz gewachsen. Seufzend legte sie das Buch auf den Nachttisch und löste das Licht auf ihrer Seite. „Vielleicht hast du recht.“ Mit diesen Worten legte sie einen Arm um Yuriys Mitte und bettete ihren Kopf auf seine Brust. Sofort legte er auch seinen Arm um sie und zog sie noch enger an sich.
……
In einer zu großen Jogginghose und einem ebenso zu großen Pullover, auf dessen Rücken groß DEA stand, saß Ray auf der Couch. Die Beine eng an die Brust gezogen nippte er immer wieder an der heißen Schokolade. Gleichzeitig musterte er den muskulösen, nackten Rücken Kais. Kai hockte vor dem DVD-Player und legte gerade den Film ein, den Ray kurz zuvor ausgesucht hatte. Kai hatte nicht wirklich viele Filme und wenn dann handelte es sich um alte Schwarzweißfilme. Die alle Ray aber nicht zusagten, weswegen er sich Jurassic Park ausgesucht hatte. Mit einwenig abstand zu Ray, setzte sich Kai auf die Couch und startete den Film. Eine Weile verfolgten sie den Film. Blieben aber die ganze Zeit von einander distanziert. „Danke.“ Unverständlich sah Kai ihn an. „Für diesen Abend. Für alles einfach.“ Statt zu antworten, streckte Kai die Hand nach ihm aus und lehnte sich zu ihm rüber, doch noch bevor er ihn berührte hielt er inne. „Und auch dafür.“, flüsterte Ray und griff nach Kais Hand, um ihre Finger miteinander zu verschränken. Schnell war der Film vergessen. Ihre Küsse waren vorsichtig und glichen oft nur einer kurzen Berührung. Etwas umständlich richtete Ray sich auf und setzte sich auf Kais Schoß. Dieses Mal war es an Ray, Kais Körper zu erkunden. Küssend wanderte er an seinem Kiefer entlang, biss sogar einmal leicht hinein. Da es aber unerwartet geschah, zuckte Kai zurück, was Ray wiederum zum Schmunzeln brachte. „Ich liebe dich.“, hauchte Ray ihm ins Ohr. Obwohl Kai diese Worte von ihm schon so oft gehört hatte, fühlte es sich dieses Mal anderes an. Es verursachte ein warmes Gefühl und ein angenehmes Kribbeln im Bauch. Lächelnd schloss er die Augen, legte den Kopf leicht nach hinten, um Ray mehr Platz zu schaffen und ließ ihn einfach gewähren. Zum ersten Mal fühlte sich alles richtig an.
Irritiert sah Ray, der Kais Hals bearbeitet, seinen Geliebten an, als dieser ihn unterbrach. „Kai…“ „Fünf Minuten Pause.“, sagte Kai und legte den Kopf nach hinten auf die Lehne. Noch immer verstand Ray nicht, was diese plötzliche Pause, zu bedeuten hatte. Erst als er sich anderes hinsetzten wollte und dabei an der Hüfte fest gehalten und so an Ort und Stelle gehalten wurde, verstand er. „Wage es nicht dich zu bewegen.“ Kais Stimme war heißer und deutlich von Erregung getränkt. Mit einem anzüglichen Grinsen auf den Lippen lehnte Ray sich vor, so dass sein Gesicht über Kais schwebte. „Zu viel Blut in der südlichen Region?“, fragte er provokant. „Halt einfach die Klappe.“ „Du musst nicht verzichten. Ich könnte…“ „Nein. Das würde den Abend kaputt machen. Außerdem haben wir alle Zeit der Welt, dafür.“ „Zwei Mal an einem Abend unbefriedigt zurück gelassen zu werden, nenne ich einen kaputten Abend.“ In diesem Moment wurde er sich über Kais letzte Worte bewusst. „Stimmt jetzt wo du es sagst, ich hätte den Abend lieber mit MingMing verbringen sollen.“ „Sag das noch mal.“ „Ich hätte den Abend…“ „Nicht das. Das andere. Das mit aller Zeit der Welt.“ Statt zu antworten, küsste er den Jungen.
……
Drei Tage waren seit seinem Date mit Kai vergangen. Und seit dem hatten sie sich auch nicht mehr gesehen. Es war nicht so, dass sie sich nicht sehen wollten, aber sie konnten nicht. Ray war am Vormittag in der Schule und Kai hatte Spätschicht. Es war nicht weiter schlimm, doch ein Gespräch mussten sie noch führen. Besser gesagt wollte er wissen, wie sie jetzt zu einander standen. Waren sie jetzt ein Paar oder hatte sich nichts zwischen ihnen geändert? Genau dieser Frage, wollte Ray heute nach der Schule, auf den Grund gehen. Doch bis dahin dauerte es noch drei Stunden.
Als Kai zum Dienst kam und in sein Büro wollte, musste er feststellen, dass dort schon jemand auf ihn wartete. „Was machst du hier?“, fragte er und ging zu seinem Schreibtisch. „Gibt es da vielleicht etwas, dass du mir erzählen willst?“, fragte sie und schlug lasziv die Beine übereinander. „Nein, nicht dass ich wüsste.“ Die perfekt gezupfte Augenbraue schoss in die Höhe, ehe sie sich vorbeugte und sich mit dem Ellenbogen auf dem Knie abstützte. Intensiv musterte sie ihr Gegenüber und biss sich nachdenklich auf die Innenseite ihrer Unterlippe herum. „Du wirkst verändert.“, flüsterte sie, was Kai Kopfschüttelnd verleugnete. „Ich wette der Kleine hat etwas damit zu tun. Und wenn wir gerade beim Thema sind, ich habe die Information, die du wolltest. Es hat zwar lange gedauert, aber dafür sind sie jetzt komplett.“ Sie zog eine blaue Akte aus ihrer Handtasche und wollte sie Kai überreichen, als sie die Akte noch einmal zurück zog. „Erst sagst du mir, was zwischen euch läuft.“ In diesem Moment klingelte das Telefon.
Ray musste sich zusammen reißen, damit er nicht die Treppe in den zweiten Stock hoch rannte. Er wollte unbedingt zu Kai. Irgendwie verhielt Ray sich wie ein verliebtes Schulmädchen, das seinem Schwarm hinter her lief. Abgesehen davon, dass er kein Mädchen war, traf aber alles zu. Leider. Wobei leider das falsche Wort war. Mit ´Leider´ meinte er, dass er sich nicht wie ein Erwachsener verhielt. Aber wieso sollte er auch? Er gerade einmal siebzehn und verliebt, alles andere war doch eigentlich egal.
Oben musste Ray sich kurz orientieren, ging dann aber zielsicher in die Richtung von Kais Büro. Doch noch bevor er dort an kam, wurde er von Lincon abgefangen. Seitdem Ray damals hier her kam, um eigentlich Yuriy um Hilfe zu bitten, da er dachte, dass Kai tot sei, hatte er Lincon nicht mehr gesehen. Sowie damals lief ihm, allein bei Lincons Anwesendheit, ein eiskalter Schauder über den Rücken. Ray konnte es sich nicht erklären, aber aus irgendeinem Grund war Lincon ihm unheimlich. „Gut, dass ich dich treffe. Ich muss mit dir reden.“, meinte Lincon, wobei er dem Jungen die Hand in den Nacken legte. Obwohl die Hand ganz locker in seinem Nacken lag, schien sie Tonnen zu wiegen. Widerwillig ging Ray mit ihm mit.
„Und jetzt?“, fragte MingMing, nach dem Kai aufgelegt hatte. Dieser Anruf hatte soeben alles zerstört, was sie sich hier aufgebaut hatten. Es gab nur eins, was sie tun konnten und das gefiel weder ihr noch ihm. „Das weist du selbst.“ „Ich mag mein Leben so, wie es ist. Ich habe nicht umsonst meinen Namen und mein komplettes Aussehen geändert, damit ich jetzt wieder davon laufe. Ich bin endlich raus da und die Alpträume haben auch aufgehört. Kai bitte, ich will nicht schon wieder von vorn anfangen.“, bettelte MingMing. Kai schwieg einen Moment und starrte auf die Bilder, die neben dem Computer standen. „MingMing…“ „Bitte Kai.“ „Wenn wir bleiben, riskieren wir nicht nur unser leben, sondern auch das von Dawn, den Mädchen, Yuriy, deinem Manger und allen anderen, mit denen du etwas zu tun hast.“ „Das ist mir egal.“ „Nein, ist es dir nicht.“ Natürlich war es MingMing nicht egal, aber sie wollte ihr Leben behalten. Tränen traten in ihre Augen. „Es geht nicht anders. Früher oder Später werden sie uns finden. Das war nur eine Warnung.“ Verständlich nickte sie.
Ein kurzes Klopfen brach die Stille, die eingekehrt war und Hiromi kam herein. „Super du bist da. Ich brauche einpaar Unterschriften von dir.“, meinte Hiromi und reichte ihm das Klemmbrett, an dem sie alle Papiere befestigt hatte. „Hier.“ Erschrocken sah MingMing auf. Hiromi reichte ihr ein Taschentuch, das MingMing dankend entgegen nahm und sich sofort die Tränen weg wischte. „Was will Lincon eigentlich von Ray?“, fragte Hiromi, als Kai ihr das Klemmbrett zurück gab. „Wie meinst du das?“ „Weil die beiden gerade im Konferenzraum verschwunden sind.“ Kaum hatte sie den Satz beendet, war Kai schon aufgestanden. „Sag sofort Yuriy bescheid und Kinley.“, befahl Kai ihr und verschwand aus dem Büro.
„Okay, dann anders.“, meinte Lincon, als Ray auf keine seiner Fragen antworten wollte oder ihm nicht das sagte, was er hören wollte. Er war den Jungen schon jetzt leid. Vor ihm saß der Sohn des Mannes, dem er seit neunzehn Jahren auf den Fersen war. Und so nah wie jetzt war, war er dem Triadenboss schon lange nicht mehr. Dieses Mal ließ er sich die Chance nicht durch die Lappen gehen. Er hatte ohne hin schon zu viel Zeit verschwendet. Sechs Monte, war der Junge bereits in den Staaten, aber wegen zwei seiner Mitarbeiter, konnte er nie etwas erfahren.
Lincon beförderte einen Stapel Fotos, aus einer der Akten hervor und legte sie dem Jungen nach und nach hin. Jedes dieser Fotos zeigte, einen Menschen, der Rays Vater zum Opfer fiel. Und jedes dieser Fotos zeigte wie brutal Rays Vater sein konnte. Schockiert sah Ray auf die Bilder. Er wusste, dass sein Vater, Menschen kaltblütig ermordet hatte, aber das übertraf sogar all seine Vorstellungen. „Sieh dir diese Bilder genau an. Sie sind alle auf befehl deines Vaters gefoltert und ermordet wurden. Selbst Menschen, die dir nahe waren.“ Mit diesen Worten schob Lincon ihm zwei weitere Bilder zu. Es war ein Mädchen in Rays alter, ihr Gesicht war nicht mehr zu erkennen, so blutüberströmt war es. Selbst das pinke Haar hatte sich vom Blut verfärbt. Mit zitternden Händen fuhr er über das Foto. Tausende von Gedanken schossen ihm durch den Kopf. „Mao.“, flüsterte er. Tränen rannen ihm über die Wangen. „Sie ist tot, weil sie dir geholfen hat und…“ „Was soll das werden, Lincon!“ Genervt drehte er sich um. „Wo nach sieht das wohl aus? Eine Befragung natürlich.“ Ohne etwas zu sagen, ging Kai auf Lincon zu, packte ihn am Kragen und riss ihn vom Stuhl hoch. Kai versetzte seinem Vorgesetzten einen Stoß, so dass dieser einige Schritte zurück taumelte und mühe hatte das Gleichgewicht wieder zu finden. Aber das war Kai egal, seine Aufmerksamkeit lag einzig und allein auf Ray. Der Junge hatte den Blick auf die Fotos gerichtet, besonders auf das mit dem toten Mädchen. Rasch sammelte Kai die Fotos ein und wollte auch, das mit dem toten Mädchen, an sich nehmen. Welches Ray jedoch eisern fest hielt. „Ray…“ „Wusstest du davon? Wusstest du, was man ihr angetan hat?“ „Diese Bilder hättest du nie zu Gesicht bekommen sollen.“ „Also wusstest du davon?“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Ja.“ Ruckartig stand Ray auf und rannte aus dem Raum. An der Tür rempelte er sowohl Yuriy, als auch Mister Kinley an. Aber das war ihm egal. Er wollte nur noch weg. Raus. Er hatte gesehen, wie auf sie geschossen wurde und er hatte geglaubt, dass Mao tot sei. Aber das war sie nicht. Nicht in diesem Moment. Aber er hatte sie im Stich gelassen.
„Was ist hier los?“, forderte Mister Kinley. „Mister Hiwatari, behindert meine Ermittlungen und ist mal wieder handgreiflich geworden.“, erwiderte Lincon und richtete sich den Kragen seines Hemdes und die Krawatte. „Ich werde gleich mal handgreiflich!“ Bei diesen Worten trat Yuriy neben seinen Partner. Er kannte Kai lange genug, um zu wissen, dass Kai Lincon nur zu gerne an den Kragen wollte. „Ray hat nichts mit den Morden zu tun. Er ist gerade einmal siebzehn und musste mit ansehen, wie Menschen, die ihm nahe standen ermordet wurden und Sie zeigen ihm diese Fotos!“ Zum Ende hin wurde Kai lauter. „Kai hat recht und außerdem, haben sowohl Yuriy, als auch seine Frau entschieden, dass der Junge nicht befragt werden soll. Und besonders nicht so.“, meinte Kinley und wies Lincon dann an zu gehen und das er später noch in sein Büro kommen soll. „Yuriy such bitte nach dem Jungen.“ Kinley wartete einen Moment, bis die Beiden den Raum verlassen haben und wandte sich dann an Kai. „Erzählst du mir, was los ist? Und jetzt sag mir nicht, dass es nur wegen dem Jungen ist.“ „Ich kündige.“ Mehr brauchte Kai nicht zu sagen, damit Kinley verstand. „Bist du dir sicher? Ich könnte dafür sorgen das MingMing und du…“ „Nein. Wir haben schon viel zu oft deine Hilfe in Anspruch genommen. Außerdem steht dieses Mal viel mehr auf dem Spiel. Die Mädchen, Yuriy, Dawn und…“ „Gut. Dann erwarte ich deine Kündigung übermorgen auf meinem Schreibtisch.“
Weil du mir nicht egal bist
Kapitel 12
Weil du mir nicht egal bist
Yuriy hatte bereits das ganze Präsidium auf den Kopf gestellt, auf der Suche nach seinem Ziehsohn, jedoch ohne erfolg. Auch Dawn hatte er bereits angerufen und darüber in Kenntnis gesetzt, was passiert ist. Jetzt blieb nur noch die Tiefgarage. „Ray?“ Er ging an den Reihen der parkenden Autos vorbei, sah in jede Lücke und rief immer wieder nach Ray. Doch seine Suche blieb erfolglos und er wollte schon wieder gehen, als er etwas hörte. Er folgte dem Geräusch zum Technikraum, der zu seiner Überraschung nicht verschlossen war und als er die Tür öffnete, fand er Ray auf dem Boden sitzend vor. Ohne etwas zu sagen, setzte Yuriy sich zu seinem Ziehsohn. „Lincon ist ein Arsch, er hätte…“ „Ich dachte sie sei gestorben, als wir versucht haben zu fliehen. Aber das ist sie nicht. Ich habe sie im Stich gelassen. Kai hat gewusst, was mit ihr passiert ist und er hat mir nichts gesagt.“ „Wirfst du ihm das wirklich vor? Denn wenn ja, musst du es auch Dawn und mir vorwerfen. Als die Mädchen und du diese Erkältung hatten, hat Kai sich um euch gekümmert und da hast du von Mao gesprochen. Kai hat sich sofort an die Arbeit gemacht, um heraus zu finden, was mit ihr passiert ist und das hat er.“ „Offensichtlich.“ „Er wollte dich beschützen und darum hat er dir nichts gesagt. Du bist ihm wichtig und er würde alles tun, um dich zu schützen.“ Mit diesen Worten nahm er Ray das Foto aus den Händen. „Und jetzt komm ich bring dich nach Hause. Dawn ist sicher schon ganz verrückt vor sorge.“
……
Mit einem verräterischen Grinsen auf den Lippen beendete sie das Gespräch und legte auf. Jetzt musste sie sich nur noch etwas einfallen lassen, um es auch Kai schmackhaft zu machen. Sie verstand zwar seine bedenken und sorgen, dennoch war sie der festen Überzeugung, dass es besser sei, hier zu bleiben. Sie schnappte sich die Tüte vom Drogeriemarkt, in dem sie vor hin war und machte sich dann auf den Weg zu Kai.
……
Unruhig tippte Dawn mit den Fingern auf der Arbeitsplatte herum. Nach Yuriys Anruf hatte sie keine ruhige Minute mehr. Sie kochte innerlich vor Wut und ihrer Fantasie hatte sie sich Hunderte von Methoden überlegt, wie sie Lincon am besten umbringen könnte. Wie konnte dieser Typ es nur wagen, ihrem Ziehsohn diese Bilder zu zeigen. Sie selbst hatte sie zum Glück nicht gesehen, aber sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie ihr Mann auf die Bilder reagiert hatte.
„Mami, wir sind fertig mit Packen.“,meinte Lexa und riss ihre Mutter so aus ihren Gedanken. Dawn brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass ihre Töchter vor ihr standen. „Sehr schön. Dann könnt ihr noch ein wenig im Garten spiel gehen. Wir fahren in einer Stunde zu Oma und Opa.“,erwiderte sie lächelnd, worauf hin die Mädchen sofort lauthals in den Garten liefen. Kaum waren die Mädchen im Garten verschwunden, hörte sie, wie die Haustür geöffnet und kurz darauf wieder geschlossen wurde. Schnellen Schrittes war sie im Flur, wo ihr Yuriy und Ray entgegen kamen. Sofort nahm sie ihren Ziehsohn in die Arme. „Es tut mir so leid.“,flüstere sie und gab ihm einen Kuss auf die Schläfe. Dawns Umarmung tat so unbeschreiblich gut. Sie war tröstend, beschützend und gab Sicherheit. „Wenn du willst, dann kannst du übers Wochenende mitkommen. Meine Eltern würden dich sicher gerne kennenlernen.“ Verneinend schüttelte Ray den Kopf. „Ich muss noch mit Kai reden und mich bei ihm entschuldigen, weil ich schon wieder abgehauen bin.“ „In Ordnung. Aber versprich mir, nie wieder weg zu laufen.“ „Versprochen.“
……
Mit drei Packungen Haarfärbung kam MingMing ins Wohnzimmer. „Was würde mir besser stehen, blond, brünett oder schwarz?“ Während sie auf eine Antwort wartete, sah sie sich die Bilder auf den Packungen an, doch irgendwie entsprach keine Farbe ihrem Geschmack. Als sie nach gefühlten Minuten, noch immer keine Antwort erhielt, sah sie auf. In Gedanken verloren saß Kai vorm Laptop. Den Blick hatte er auf irgendeinen Punkt draußen gerichtet. Zwischen seinen Fingern ließ er etwas rundes Silbernes, über die Fingerglieder, hin und her wandern. MingMing wusste genau, was das für ein Gegenstand war. Sie stellte die Packungen ab und ging zu Kai hinüber. Ihre Fingerspitzen glitten an seinem Kieferknochen entlang, ruhten an seinem Kinn, ehe sie sich langsam zu ihm runter beugte und küsste. Doch kaum berührten sich ihre Lippen, zog Kai den Kopf zurück. „Du warst schon immer treu.“,flüsterte sie und griff nach dem Gegenstand in seiner Hand. „Dabei ist es unsinnig.“,erwiderte er. Gerade als sie etwas antworten wollte, klingelte es an der Tür. „Ich dachte, Kinley wollte erst in einer Stunde hier sein.“ „Wollte er auch erst.“ Sofort waren sie in Alarmbereitschaft. Während Kai nach der Waffe griff, ging MingMing zur Tür. Es klingelte noch ein weiteres Mal.
Ungeduldig wartete Ray darauf, dass ihm endlich die Tür geöffnet wurde. Als das zweite Klingeln verstummte, wurde endlich die Tür geöffnet, aber nicht Kai öffnete ihm die Tür. Ungläubig starrte Ray MingMing an. Leider musste Ray sich eingestehen, dass sie verdammt gut aussah. Makellos und sexy. Nie im Leben könnte er mit einer Frau, wie sie mithalten. Er hätte es besser wissen müssen. „Was willst du?“,forderte sie zu wissen. „Ist Kai da?“ Unauffällig sah sie zu Kai, der nur mit dem Kopf schüttelte und zurück ins Wohnzimmer ging. „Wenn dann hätte, er keine Zeit um Kindermädchen zu spielen.“ Ray verstand, was sie meinte. Im ersten Moment wollte er den Rückzug antreten, doch dieses Mal wollte er nicht aufgeben. Er drängte sich an MingMing vorbei. „Kai! Kai!“ Er fand Kai auf dem Balkon. „Was für ein mieses Spiel spielst du hier eigentlich?“,fuhr Ray ihn an. Er war nicht einfach nur wütend, er war enttäuscht und verletzt. „Geh Ray.“,sagte Kai. „Was ist los?“ „Ein Spiel, wie du es eben genannt hast. Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass aus dem Wochenende je mehr werden könnte. Du bist ein Kind Ray, mehr nicht. Ein dummes, naives Kind.“ Fassungslos starrte Ray ihn an. Er traute seinen Ohren nicht und er wollte es nicht glauben. „Eins will ich noch wissen, wenn ich nicht vergewaltigt worden wäre und wir miteinander geschlafen hätten, würden wir uns dann auch in dieser Situation befinden?“ „Ja. Wie gesagt es war ein Spiel.“ Mühsam riss Ray sich zusammen, um Kai nicht zu zeigen, wie sehr ihn diese Worte verletzten. Der Junge wandte sich ab, doch bevor er ging, drehte er sich noch einmal zu Kai. „Ich würde jetzt gerne sagen, dass ich dich hasse, aber das kann ich nicht. Bedauerlicherweise liebe ich dich noch immer.“ Mit diesen Worten packte er Kai am Shirt, zog ihn zu sich runter und küsste ihn. Als Ray sich von ihm löste, lief dem Jungen eine einzelne Träne über die Wange. Hastig rannte er aus der Wohnung. Immer hin gab es nichts mehr, was ihn hier halten konnte.
„Du bist ein Arsch.“,sagte MingMing. Sie stand in der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt, sah sie ihn strafend an. „Ist das was Neues.“ Schulter zuckend trat sie nach draußen. Der Abendwind war kühl. Kein Wunder, der Sommer wurde so langsam vom Herbst abgelöst. „Du kennst unsere Vereinbarung.“ Sie stand jetzt direkt vor ihm. „Keine Ahnung wovon du sprichst.“ Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Von Gefühlen, mein Lieber. Von den Gefühlen, vor denen du seit Jahren fliehst. Dawn hat dich wach gerüttelt und Ray hat deine Mauer durchbrochen. Und nach diesem Auftritt kann ich verstehen, warum du dich in ihn verliebt hast.“ „Schwachsinn! Ich habe mich nicht in Ray verliebt.“,widersprach Kai und stieß sich von der Brüstung ab. Doch noch bevor auch nur einen Schritt machen konnte, hielt sie ihm den silbernen Gegenstand hin. „Seit fast zwei Jahren hast du diesen Ring und du hast ihn immer bei dir getragen. Dabei bist du kein materieller Mensch, also wie lässt es sich anders erklären, als dass du diesen Ring von dem Jungen hast. Was wiederum bedeutet, dass du den Jungen auch liebst.“ „Ich kann ihn nicht lieben.“ „Aber das tust du schon längst. Dieser Junge, Ray, hat sich mühevoll durch deine Mauer gekämpft und für einen Augenblick war er sogar glücklich. Und du auch. Er ist die Person, die ich dir immer gewünscht habe. Jemand, der dich aufrichtig liebt, selbst nach so einer miesen Nummer.“ „Wirf den Ring weg oder behalt ihn. Mach damit, was du willst, aber wir werden gehen.“ Mit diesen Worten wollte er wieder rein gehen, aber auch dieses Mal hielt MingMing ihn auf. „Nein, werden wir nicht. Wir wollen die, die uns am Herzen liegen beschützen, aber dafür müssen wir in ihrer Nähe bleiben.“ Sie steckte ihm den Ring an. „Du liebst diesen Jungen, mit jeder Faser deines Körpers.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Wie viel davon war geplant?“ „Alles. Außer Rays auftritt. Auch wenn es jetzt gemein klingt, aber eine bessere Bühne hätte ich nicht bekommen können. Ich habe es dir sofort angesehen.“
……
Zutiefst verletzt saß Ray zu Hause im Wohnzimmer und versuchte sich mit dem Fernsehprogramm abzulenken. Erfolglos. Immer wieder musste er daran denken, was Kai gesagt hat. War er den wirklich so wenig wert? Bereits vor Stunden waren seine Tränen versiegt, dafür hatte es angefangen zu regnen. Laut peitschte der Regen gegen die Fenster. Ray kuschelte sich in die Wolldecke und konzentrierte sich auf den Film. Es war irgendein Horrorfilm, bei dem er ohne hin nicht wusste, um was es ging. Aber das war auch egal. Es lenkte ihn ab. Irgendwann war er so in den Film vertieft, dass er alles um sich herum vergaß. Im Film gab es gerade die typische Szene, in der alles still ist und man genau weis, dass gleich etwas passieren wird. Die Türklingel ließ Ray hochschrecken. Hastig stellte er den Fernseher aus und lauschte. Doch außer den Regen hörte er rein gar nichts. Ray wollte sich gerade wieder hinlegen, als es erneut an der Tür klingelte. Zögernd stand er auf und ging zur Tür. Durch das Kunstfenster der Tür, konnte er eine Gestallt ausmachen. Wieder klingelte es. Unsicher sah Ray sich um. Es war ein Uhr, wer würde um diese Zeit vorbei kommen. Yuriy und Dawn waren nicht in der Stadt, also konnte es keiner von ihnen sein. Sie wollten erst morgen Nachmittag zurück kommen. Unsicher sah Ray sich um. Er war hier in New York. In Sicherheit. Hier würden die Männer seines Vaters ihn nicht finden. Seufzend ging er zur Tür und öffnete diese.
„Kai.“,sagte Ray sichtlich überrascht, den Agent zu sehen. Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass Kai vor der Tür stehen würde. „Was willst du? Mich noch mehr Beleidigen und Verletzten?“,forderte Ray von ihm zu wissen und verschränkte die Arme vor der Brust. Zum einem, um ihm damit seine Ablehnung zu verdeutlichen, zum anderen um die Strickjacke, die eigentlich Kai gehörte, ein wenig zu verstecken. „Du bist schlimmer als die Pest?“,begann Kai, worauf hin Ray ihm die Tür vor der Nase zu schlagen wollte. „Warte! Hör mir zu!“,sagte Kai und stellte den Fuß in die Tür. „Ich habe dir bereits zu oft zu gehört. Und jetzt geh bitte.“ Ohne Zögern trat Kai zurück und Ray schloss die Tür. Es fühlte sich an, als ob Ray damit jede Tür schloss, die jemals offen stand. Ray zog sich verletzt zurück und Kai konnte es nur zu gut verstehen. Verzweifelt lehnte er sich gegen die Tür. „Du verlangst von mir, dass ich mich sofort komplett ändere. Und wofür? Für irgendeinen Siebzehnjährigen, der meint, dass man ihm sofort verfallen müsste. Der nicht aufgibt, wenn er etwas… jemanden für sich gewinnen will. Du warst mein Job. Nicht mehr und auch nicht weniger. Auch als du im Präsidium aufgetaucht bist, warst du mein Job. Zumindest hättest du es sein sollen. Wie oft ich dich auch verletzt, zurück gewiesen oder mich mit MingMing vergnügt habe, für jedes einzelne Mal solltest du mich hassen. Und glaub mir, damit hätte ich besser leben können. Aber du hast nicht aufgegeben. Du küsst mich, sagst mir, dass du mich liebst. Immer und immer wieder. Du hättest dir einen Jungen von der Schule suchen können, der nicht einmal über das alles bescheid weis, doch lieber wirfst du mir vor, dass… Ich hätte die Typen am liebsten umgebracht, dafür was sie dir angetan haben. Und weist du auch warum? Weil du mir nicht egal bist. Egal, mit wem ich zusammen bin, DU beherrscht meine Gedanken und meine Gefühle. Ich bin auf dieses Mädchen eifersüchtig, weil sie dir nahe ist. Ich habe das Gefühl, verrückt zu werden, wenn du nicht da bist. Aber ich weis auch, dass ich dich jetzt verloren habe.“ Noch nie in seinem Leben hatte er sich so zerrissen gefühlt und er hasste es. Doch sobald Ray in seiner Nähe war, wollte er es nur noch genießen. Diese Wärme, die Geborgenheit und das Gefühl, endlich man selbst sein zu können. Ray saß an der Tür und hatte jedes einzelne Wort gehört. Es viel ihm schwer es zu glauben, nach all dem, was passiert ist. Aber wieder rum, wenn Kai es nicht ernst meinen würde, wäre er jetzt nicht hier. „Was machst du nur mit mir?“,fügte Kai hinzu. Kurz nach diesen Worten, hörte Ray wie Kai ging. Rückartig stand Ray auf und riss die Tür auf. Er sah, wie Kai runter zur Straße ging, wo das Motorrad stand. „Bitte bleib.“,flüsterte Ray und trat aus der Tür. „Bitte bleib!“,flüster er wieder und wieder. Er wollte nicht, dass Kai ging, nicht nachdem dieser ihm das alles gesagt hatte. „BITTE BLEIB!“,schrie Ray, worauf hin Kai endlich stehen blieb.
……
Ray schloss die Haustür hinter sich ab. Eben hatte sich noch alles richtig angefühlt, doch jetzt hatte er Zweifel. Er atmete einmal tief durch und drehte sich dann zu Kai. Er hielt den Blick gesenkt. Er hatte Angst sich in Kais Rubin zu verlieren. Mit zitternden Händen fuhr er über das nasse Leder von Kais Jacke, bis zum Reisverschluss. Langsam zog er diesen herunter, wobei das leichte Zittern seiner Hände dafür sorgte, dass der Reisverschluss sich immer wieder verharkte. Als er die Jacke endlich geöffnet hatte, tat er für einen Moment gar nichts. Er sah nur auf Kais Brust, an der das nasse Shirt wie eine zweite Haut klebte. Zögernd legte Ray ihm die Hände auf die Brust. Er konnte Kais Herzschlag spüren und ausnahmsweise, schlug es nicht ruhig, sondern aufgeregt. Er schloss für einen Moment die Augen, ließ seine Hände zu den Schultern wandern, fuhr unter die Jacke und streifte sie von den Schultern. Ray fuhr über die trainierten Arm bis zu den Ellenbogen, von wo aus die Jacke, mit einem nassen Geräusch, zu Boden fiel. Dann zögerte Ray. Fahrig ließ er seine Finger über die kühle Haut streichen, ganz so als wäre er sich nicht sicher, was er tun sollte. Er wartete auf etwas. Er wusste nicht auf was genau, aber irgendetwas, das ihm sagte, dass Kai das hier wirklich wollte. Dass er ihn wirklich wollte. Doch das, was Ray suchte, fand er nicht. Enttäuscht ließ er die Arme fallen, doch noch bevor er sich ganz zurück ziehen konnte, wurden seine Hände aufgefangen. Zum ersten Mal, an diesem Abend, sah Ray Kai in die Augen. Es lag so viel wärme in ihnen, dass Ray alles andere vergaß. Ihre Finger verharkten sich miteinander und Kai zog Ray näher an sich.
Dass der Junge nach allem was war, unsicher war, konnte Kai nur zu gut verstehen. Er hatte nicht einmal damit gerechnet, dass Ray ihn ins Haus lässt. MingMing hatte recht, er war ein Arsch. Mehr als einmal hatte Ray ihm bewiesen, dass er ihn wirklich liebt. Von den Liebesgeständnissen ganz zu schweigen. Er beugte sich runter, um Ray zu küssen, doch dieser wich zurück. „Du darfst mich nur küssen, wenn du es wirklich ernst meinst. Wenn du mich nicht nach ein paar Stunden, Tagen oder Wochen, von dir stößt.“ „Ich will dich. Nur dich und sonst niemanden. Und ich verspreche dir, dich nie wieder zu verletzen.“ Ray ließ Kais Hände los. „Ich kann verstehen, dass du mir nicht glaubst. Aber ich kann nicht mehr tun, als es dir zu versprechen.“ „Doch. Du kannst es beweisen.“ Mit diesen Worten stieß Ray ihn gegen die Tür und küsste Kai. Dieser Kuss gab all die Gefühle preis, die sich in Ray aufgestaut hatten. Wüt, Angst, Liebe, Verzweiflung. Je länger der Kuss dauerte, desto größer wurde das Verlangen, nach dem jeweils andern. „Lass uns nach oben gehen.“,sagte Ray außer Atem, ehe er sich von Kai löste und zur Treppe ging.
……
Schuhe, Socken, Shirts und Strickjacke sorgten dafür, dass man mühelos ihre Spur verfolgen konnte. Die Luft in Rays Zimmer war bereits von Begierde und Lust geschwängert. Erregtes keuchen und zurückhaltendes Stöhnen erfüllte den Raum war zu hören. Während Ray seine Finger Kais Haaren vergraben hatte, bearbeitete Kai, mit Zunge, Zähnen und Lippen, das Schlüsselbein des Jungen. Ein Prickeln blieb auf seiner Haut zurück, genau dort, wo Kais Hände entlang fuhren. Er wollte mehr von diesem Mann. Viel mehr. Er schlang seine Beine um Kais Hüfte und drängte ihn so dichter an sich. In all diesen berauschenden Gefühlen mischte sich die Vergangenheit. Er wollte nicht daran denken, doch diese Erinnerungen hatten sich so in sein Gedächtnis gebrannt, dass er gar nicht anderes konnte. Alles, was allein in die Richtung Sex ging, war bis her negativ behaftet. Aber es war Kai, der ihn berührte, der ihn küsste und der ihn hier gerade verführte. Es war alles so vollkommen anders und doch hatte er Angst. Die Männer, die ihn mehr als einmal missbraucht hatten, hatten dafür gesorgt, dass er ab diesen Punkt nur noch Angst hatte. Viel mehr noch, er hatte Panik. „Ray, es ist in Ordnung.“ Erschrocken riss Ray die Augen auf und sah direkt in Kais besorgtes Gesicht. In diesem Moment wurde ihm bewusst, das er dabei war, wieder alles zu zerstören. Rasch richtete er sich auf und presste seine Lippen, beinahe brutal auf die von Kai. Doch statt ihm damit zu beweisen, dass alles in Ordnung ist, bezweckte er nur das Gegenteil damit. Auch das Zittern seines Körpers war unmissverständlich. „Ray…“ „Tu das nicht. Bitte! Ich will es endlich vergessen. Bitte, lass es mich vergessen!“ Statt eine Antwort zu erhalten, gab Kai ihm einen Kuss auf die Stirn und erhob sich. „Ich bitte…“ Erschrocken schrie Ray auf, als er plötzlich hoch gezogen wurde und sich kurz darauf auf Kai wieder fand. Unverständlich sah Ray seinen Geliebten an. „Du hast die Kontrolle. Du bestimmst, wie weit wir gehen.“,erklärte Kai. Er wollte dass Ray sich wohl fühlte, dass er vergessen konnte, doch dafür musste Ray erst einmal wissen, was er eigentlich wollte und wie weit er gehen konnte.
Für einen Moment saß Ray auf Kais Hüfte, sah auf ihn runter und fuhr mit den Finger die Konturen der Bauchmuskeln entlang. „Woher hast du die?“,fragte Ray, als ihm die lange Narbe an Kais Seite auffiel. „Uninteressant.“ Verständlich nickte Ray, ehe er sich runter beugte und die Narbe küsste. Auch wenn Kai es eigentlich genoss, Rays Lippen auf seinem Körper zu spüren, fühlte es sich unangenehm an, dass Ray nun seine Narben küsste. „Ray hör…“ Ein Kuss unter brach ihn. „Ich habe die Kontrolle, dass waren deine Worte. Und jetzt halt die Klappe.“ Mit diesen Worten stand er auf und ging zu seinem Schreibtisch. Er öffnete eine der Schubladen und fand, nach kurzem Suchen, was er wollte. Er hatte es extra versteckt, nicht dass Lexa und Sophie es versehentlich mit Luftballons verwechselten. Er warf die Packung Kai zu, der diese auch gleich fing. „Ich will dich spüren. Heute Nacht.“,wisperte Ray. Doch eine gewisse Unsicherheit war ihm an zu merken.
Überraschende Neuigkeiten
Kapitel 13
Überraschende Neuigkeiten
Einen ersichtlichen Grund gab es nicht, dennoch war Ray mitten in der Nacht wach und saß auf der Fensterbank und sah hinaus auf die leere Straße. Ihm war kalt, dennoch rührte er sich nicht vom Fleck. Er zog die Beine an die Brust, schlang die Arme um die Beine und stützte den Kopf auf den Knien ab. Es war alles schief gegangen. Nach seinem peinlichen Spruch, von wegen, er will ihn spüren, war er nur noch nervöser geworden. Dabei hatte Kai alles getan, um ihn diese Nervosität und Angst zu nehmen. Kai war so unendlich zärtlich und liebevoll gewesen und war auf alle seine Wünsche und Bedürfnisse eingegangen und seine eigenen Bedürfnisse hatte er hinten angestellt. Kai war keiner von diesen Männern, also warum konnte er mit dem Mann, den er liebte, nicht schlafen? Warum musste er immer an vergangenes denken, wenn es so weit war? War es ihm überhaupt irgendwann möglich, aus freien Stücken und ohne Angst mit Kai zu schlafen? Tränen sammelten sich in seinen Augen und liefen ihm die Wangen hinunter. Rasch wischte er sich die Tränen fort, doch er konnte nicht verhindern, dass ihm weitere Tränen über die Wangen liefen.
Das Geräusch wenn Stoff über Stoff rieb, ein leises knarren vom Bett und ein ruhiger, tiefer Atemzug, brach die Stille für Sekunden und brachte Ray dazu zum Bett zu sehen. Sofort legte sich ein kleines Lächeln auf seine Lippe. Einen Arm unterm Kopf und als Kopfkissen nutzend und den andern Arm auf die freien Seite des Bettes abgelegt, genau dort wo Ray vor hin noch lag, schlief Kai auf der Seite. Ray konnte sich nicht daran erinnern, Kai jemals so entspannt gesehen zu haben. Sich auf die Lippen beißend, sah er zum Schreibtisch und dann wieder zu Kai, ehe er sich von der Fensterbank rutschen ließ und sich an den Schreibtisch setzte. Er griff nach einem Bleistift und dem Skizzenblock, ehe er wieder zu Kai sah und mit der erste Linie begann. Eine Linie folgte der Nächsten. Über einige fuhr er mit dem Finger, verwischte sie so und machte die Linie weicher. Seit er in New York war, hatte er nicht einmal gezeichnet, dabei wusste er nicht einmal warum.
Die Zeit verging und Ray bekam nicht einmal am Rande mit, dass es draußen bereits hell wurde. „Was machst du da?“,fragte eine raue, verschlafene Stimme, die dafür sorgte das Ray erschrocken zusammen zuckte. „N…nichts.“,erwiderte Ray schnell und schlug rasch den Block zu. „Für mich, sah das nicht nach ´Nichts´ aus.“ Mit diesen Worten, drehte Kai sich auf den Rücken, ließ Ray aber nicht aus den Augen, wie er Hecktisch versuchte, etwas unter seinen Schulbüchern zu verstecken. „Kai, es tut mir leid. Ich weis…“ „Das Thema hatten wir doch schon. Ray, es ist okay.“ „Ich komme mir trotzdem blöd vor. Ich meine, ich sage ich will es und dann bin ich doch zu feige.“ Kai schlug die Decke beiseite, schwang die Beine aus dem Bett und ging auf Ray zu. Doch statt sich an den Jungen zu wenden, zog er den Block unter den Büchern hervor. „Moment! Nicht!“,rief Ray und stand so ruckartig auf, dass der Schreibtischstuhl gegen die Wand stieß. Ray wollte nach Kais Hand greifen, doch Kai kam ihm zuvor. Sanft hielt Kai ihn am Arm fest, drehte Ray einmal um die eigene Achse, so das Ray den Arm auf den Rücken hatte und mit dem Rücken gegen Kais Brust lehnte. Kais Arm lag dafür um seine Mitte. Kai strich ihm das offene Haar auf eine Seite und stützte sein Kinn auf der Schulter des Jungen ab. „Glaub mir, ich will auch mit dir schlafen. Mehr als du dir vorstellen kannst, aber nur wenn du dich wohl fühlst. Alles was ich gesagt habe, meinte ich auch so.“ „Und wenn ich es nie kann?“ „Irgendwann wirst du es können und wenn nicht mit mir, dann mit dem nächsten Mann, den du lieben wirst.“ „Es wird nie einen anderen geben.“,sagte Ray rasch und wollte sich umdrehen, hatte jedoch vergessen, dass er fest gehalten wurde. Es wirkte so, als würde Kai diese Aussage ignorieren, als er den Block aufschlug und die Zeichnung fand, die Ray eben angefertigt hatte und auch noch viele andere Zeichnungen. Peinlich berührt senkte Ray den Blick und schmiegte sich an den warmen Körper hinter sich. Eine Gänsehaut befiel seinen ganzen Körper, als Kai seinen Hals und seine Schulter mit Küssen bedeckte. Es fühlte sich gut an. Genüsslich schloss er die Augen und legte den Kopf zur Seite, um Kai mehr Platz zu schaffen. „Hattest du kein anderes Motiv gefunden?“,wisperte Kai gegen seinen Hals. „Nein.“,hauchte Ray und schüttelte verhalten den Kopf. „Mit einem anderen Motiv, wären die richtig gut.“ Für diesen Satz stieß Ray ihm den Ellenbogen in den Bauch und sah ihn strafend an. „Mach meinen Freund nicht schlechter als er ist.“ „Sexy, wie du deinen Freund verteidigst. Ob er was dagegen hätte, wenn ich dich küsse.“ „Ich denke schon. Er ist Cop und kann es nicht leiden, wenn ich von anderen Typen belästigt werde. Allerdings…“ Ray sah sich um. „Allerdings ist er gerade nicht hier.“ Mit diesen Worten vergrub Ray seine freie Hand in Kais Haaren und zog ihn zu sich runter, in einen atemberaubenden Kuss.
……
Mit Tränen nassen Augen sah Dawn aus dem Fenster und beobachtete die an ihr vorbei ziehende Landschaft. Beruhigend legte Yuriy ihr die Hand in den Nacken und massierte diesen leicht. „Wir bekommen das schon hin. Versprochen.“ Wenn Yuriy sich nicht aufs Fahren konzentrieren müsste, hätte er sie an sich gezogen und einfach im Arm gehalten. Dawn hatte alle mit ihrem Geständnis überrascht, doch die Reaktion ihrer Schwester war übertrieben heftig.
Yuriy lenkte den Wagen auf die Auffahrt und kaum stand der Wagen, stieg Dawn aus und ging zum Haus. „Ist mit Mami aller in Ordnung?“,fragte Sophie. Über den Rückspiegel sah Yuriy zu seinen Kindern. Während Lexa Musik hörte, auch sie wurde von ihrer Tante gemaßregelt, sah Sophie bedrückt zu ihrem Vater und drückte ihr Kuschellämmchen fest an sich. „Es ist alles in Ordnung. Mami braucht nur etwas ruhe.“ Mit diesen Worten schenkte er seiner Tochter ein aufmunterndes Lächeln, das sie nur mühsam erwidern konnte.
Mit zitternden Händen versuchte Dawn den Schlüssel ins Schloss zu stecken, was ihr aber nicht gelang. Ihre Hände zitterten so stark, dass ihr der Schlüsselbund herunter fiel. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie an die Worte ihrer Schwester denken musste. Es tat so weh. Sie legte sich die Hand auf den Mund, um ihr weinen zu unterdrücken. Als sie sah wie Yuriy mit den Kindern auf sie zu kam, sammelte schnell den Schlüssel auf und wischte sich die Tränen von den Wangen, ehe sie erneut versuchte die Tür zu öffnen. Was ihr dieses Mal auch gelang. Kaum war die Tür offen lief Lexa an ihr vorbei und schnurstracks nach oben. „Ich guck eben nach Lexa.“,meinte Dawn an ihren Man gerichtet und wollte gerade ebenfalls nach oben gehen, als sie die Kleidungsstücke, die die Treppe hinauf verteilt waren, bemerkte. Irritiert hob sie das dunkle Shirt auf, das für Ray definitiv eine Nummer zu groß war. „Wie es aussieht, hat man das sturmfreie Haus genutzt.“,meinte Yuriy, als er die Jacke neben der Tür aufhob. „Ich leg ihm was von dir raus, die Sachen sind klitschnass.“,erwiderte Dawn, ehe sie nach oben ging. „Dawn…“ Seufzend brach er seinen Satz ab und wandte sich an seine Jüngste, die nach der Jacke ihres Onkels griff.
……
Gedanken verloren ließ Ray seine Finger krauelnd über Kais Seite auf und ab wandern, bis zu der Narbe, die ins Geheim, seine Lieblingsstelle an Kais Körper geworden ist. Was wahrscheinlich daran lag, dass Kai die Narbe zu hassen schien. Es wirkte so, als wäre es Kai sogar unangenehm, wenn Ray immer wieder die Narbe entlang fuhr. „Lass das bitte.“,flüsterte Kai und nahm Rays Hand in seine. „Was ist passiert?“ „Ich sagte doch, es ist uninteressant.“ Einen Moment zögerte Ray, verschränkte ihre Finger mit einander und schob auf Augenhöhe mit Kai. „Mich interessiert es und glaub mir, ich werde dich so lange mit Fragen nerven, bis du es mir sagst.“,wisperte Ray gegen Kais Lippen und hauchte ihm einen federleichten Kuss auf. „Ist das so?“ „Wie du sicherlich bemerkt hast, bin ich ziemlich hartnäckig und werde es ohne hin heraus finden, also sagst du es mir besser gleich.“ „Manche Dinge, sollten sogar in einer Beziehung verschwiegen werden.“ Noch bevor Ray etwas erwidern konnte, störte das Klingeln von Kais Handy ihre Zweisamkeit. „Ein Kinderlied?“,fragte Ray überrascht, als er die Melodie erkannte. „Lexa war letztens an meinem Handy.“ „Hätte ich jetzt auch behauptet.“,meinte Ray schmunzelnd und angelte nach Kais Hose, fummelte das Handy aus der Hosentasche und reichte es ihm. Wenn auch widerwillig. Instinktiv wusste Ray, dass es für Heute zwischen ihnen aus war. Während Kai das Telefonart annahm, legte Ray sich neben ihn. Er wollte noch die letzten Sekunden in seiner Nähe genießen. „Das war Dawn.“ Ohne weitere Erklärung stand Kai auf, zog seine Hose an und sah sich nach seinen restlichen Sachen um, als ihm wieder einfiel, dass ihm diese bereits im Flur und auf der Treppe vom Leib gerissen wurden.
Dass Kai seine beste Freundin bevorzugte, konnte Ray zwar verstehen, aber es tat auch weh. Er wollte bei ihm an erster Stelle stehen, aber das wird nicht möglich sein. Die Mädchen, Dawn und Yuriy waren nun einmal vor ihm da und somit war die Rollenverteilung unumstößlich. Gedanken verloren zupfte er an dem Kissen herum. „Hast du heute Abend zeit?“ Überrascht über diese Frage sah Ray auf, unfähig irgendetwas zu sagen. „Heute Abend?“,versicherte sich der Junge. „Sagte ich doch.“ „Ja. Ja, ich habe zeit.“ Kai beugte sich zu ihm runter und ließ sich noch einmal in einen langen Kuss verwickeln.
……
Das Gesicht im Kissen vergraben und sich so klein wie möglich zusammen gekauert, lag sie in ihrem Bett. Sophie war in zwischen auch bei ihr und streichelte ihr tröstend über den Rücken. Sie war noch zu klein um zu verstehen, was nicht stimmte, doch sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Hastig winkte Sophie ihren Onkel zu sich, als dieser ins Zimmer kam. „Was ist passiert?“,fragte er, als er sich zu den Mädchen auf die Bettkante setzte. „Mami hat gesagt, dass sie…“ „Mama ist schwanger.“,murrmelte Lexa und linste durch ihr Haar hindurch. Jetzt verstand er, was Dawns Anruf zu bedeuten hatte. „Sophie, nimm deine Malsachen und geh zu Ray rüber.“,bat Kai. „Ich hab dich lieb, Lexi.“,sagte sie und gab ihrer Schwester ein Küsschen, ehe sie aus dem Bett krabbelte. „Wovor hast du angst?“,fragte Kai, als Sophie das Zimmer verlassen hatte. „Mama und Papa werden keine Zeit für mich haben, so wie damals. Mama war ständig im Krankenhaus und Papa war bei ihr. Aber niemand war bei mir.“ „Ich bin also niemand, danke.“ Lexa trat ihn leicht gegen den Oberschenkel und grinste ihn frech an. Erschrocken schrie Lexa auf, gefolgt von einem durchdringenden, hellen und fröhlichem Lachen wie es nur ein Kind besaß. Ohne Vorwarnung hatte Kai begonnen seine Nichte zu kitzeln.
……
Während Sophie mit Papier und Buntstiften bewaffnet auf dem Boden saß und vergnügt summend malte, versuchte Ray verzweifelt die Knoten aus seinem Haar zu kämmen. Er wusste, warum er sein Haar immer zusammen band. Aber nach so einer Nacht, auch wenn sie nicht ganz so verlief, wie er es sich erhofft hatte, war es ihm ganz recht. Verträumt lächelnd sah er ins leere, wurde jedoch je durch lautes Lachen zurück in die Realität gezogen. „Er ist ein anderer Mensch, wenn er sich um die Mädchen kümmert.“,sagte Dawn, als sie sein Zimmer betrat. „Er ist sowieso ein anderer Mensch, wenn er mit jemandem allein ist.“,erwiderte Ray, konnte sich bei diesen Worten, ein alles sagendes Lächeln, nicht verkneifen. Und auch Dawn müsste lächeln. „Ich habe eure Sachen zusammen gesammelt und hier ist ein frisches T-Shirt für Kai.“ Sie hob erst die Jacken hoch und dann das T-Shirt und hing die Sachen über den Stuhl. „Dawn, kann ich dich mal was fragen?“ „Natürlich immer.“ „Wie lange wird Kai warten? Also ich meine, bis es mit dem allen drum und daran klappt?“ Aufmunternd lächelnd setzte sie zu ihm und strich ihm eine verirrte Strähne hinters Ohr. „Mach dir nicht so viele Gedanken. Kai wird dich zu nichts zwingen, was du nicht willst und wenn irgendwas ist, kannst du mit ihm Reden. Wenn nicht, kommst du zu mir und ich wasch ihm dann den Kopf, okay?“ Sich ein Lächeln abringen, nickte Ray. „Mama.“,rief Lexa und lief im selben Moment an Rays Zimmer vorbei. „Mein Typ wird verlangt.“ Mit diesen Worten fuhr sie ihm noch einmal durchs Haar, ehe sie ihrer Tochter folgte.
Das Allerwichtigste
Kapitel 14
Das Allerwichtigste
Gelangweilt saß Ray am Esstisch, über seine Schulbücher gebeugt. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so viele Hausaufgaben auf bekommen hatte. Dabei würde er jetzt viel lieber etwas anderes machen, aber das ging leider nicht. Seufzend schlug er das Buch zu und ließ seinen Blick durch die Wohnung schweifen. Er war zum ersten Mal allein in Kais Wohnung und irgendwie, kam er sich hier fehl am Platz vor. Ray legte den Kopf in den Nacken und sah aus dem Fenster hinaus. „Es regnete schon wieder.“,wisperte er und sah zu, wie der Regen am Fenster hinab lief. Obwohl es ihn nervte musste er schmunzeln. Regen brachte er jetzt als erstes mit Kai in Verbindung. Die Türklinge riss ihn je aus seiner Träumerei. Einen Moment zögerte Ray, entschied sich dann aber doch, zur Tür zu gehen. Kaum hatte er die Tür geöffnet, wurde er von einer jungen Dame förmlich umgerannt. Als ob sie angst hätte zu ertrinken, klammerte sie sich an ihn und versteckte ihr Gesicht an seinem Bauch. Ein wenig überfordert mit der Situation, legte er ihr beruhigend die Arme um. „Was ist los?“,fragte er und sah von seiner Ziehschwester zu Dawn. „Es ist wegen meiner Schwangerschaft.“,begann sie. Bevor sie weiter reden konnte, bat Ray sie hin ein. Sie musste es ja nicht unbedingt zwischen Tür und Angel besprechen. Während Dawn schon mal in die Küche vor ging, hatte Ray es mit seiner klammernden Schwester etwas schwerer, voran zu kommen.
Nach einer Weile des guten zu Reden, konnte Ray Lexa davon überzeugen, ihn los zu lassen und sich für einen Moment alleine zu beschäftigen. Zu seiner Überredungskunst gehörte es auch seinen MP3-Player rausrücken zu müssen. Vor einpaar Wochen hatte Lexa damit begonnen, die gleiche Musik zu hören und ähnliche Interessen zu entwickeln. Auf der einen Seite fand Ray es süß und verbuchte es unter ´Zum großen Bruder aufsehen´, auf der anderen Seite begann er sich sorgen zu machen. Ray sah noch einmal zu seiner Schwester und schenkte dann Dawn und sich Tee auf.
„Als ich mit Sophie schwanger war, gab es so ziemlich jede Komplikation, die man während einer Schwangerschaft haben kann. Besonders zum Ende der Schwangerschaft, war ich oft im Krankenhaus und hatte strikte Bettruhe.“ Lächelnd sah sie über die Schulter zu ihrer Tochter. „Wenn Yuriy nicht gerade Arbeiten musste, war er für eine Stunde bei mir und die übrige Zeit hatte er sich um Lexa gekümmert, dennoch kam sie zu kurz. Die meiste Zeit war sie bei Kai, deswegen ist sie auch so vernarrt in ihn. Und das ist auch der Grund, warum sie von meiner Schwangerschaft, alles andere als begeistert ist. Sie hat angst, dass es wieder passieren könnte.“,erklärte Dawn und trank einen Schluck von ihrem Tee. „Verstehe.“ „Vermute, deswegen versucht sie dich auch nach zu ahmen.“ Unverständlich sah Ray sie an und mehr als diesen Blick brauchte Dawn nicht, um die unausgesprochene Frage zu verstehen. „Sie ist zwar noch ein Kind, aber sie ist nicht Blind. Sie sieht, dass du Kai mittlerweile näher stehst, als sie es kann.“ „Für Kai sind die Mädchen das Wichtigste auf der Welt. Ich müsste auf sie eifersüchtig sein.“
…….
Nachdem Dawn gegangen war, hatte Ray sich, eher halbherzig, noch etwas mit seinen Hausaufgaben beschäftigt, doch seine Aufmerksamkeit wurde immer wieder zu seiner Ziehschwester gezogen. Musik hörend lag sie auf der Couch und las in einem Buch. Vielleicht brauchte sie wirklich einfach mal jemand, der sich nur um sie kümmerte. Ohne Sophie, die immer nach Aufmerksamkeit schrie und zwischen drin herum wuselte. Einen Moment überlegte er, was er mit Lexa machen könnte, als sein Blick auf die Uhr in der Küche fiel. „Willst du mir helfen das Abendessen vor zu bereiten?“,fragte Ray, als er Lexa die Kopfhörer aus den Ohren nahm. Nachdenklich sah sie ins leere, nickte dann aber lächelnd und rappelte sich auf. „Ich will was mit Nudeln.“,rief sie und setzte sich voller Tatendrang an die Küchentheke.
Da Ray nur Nudelplatten finden konnte, entschieden sie sich dafür Lasagne zu machen. Während Ray das Hackfleisch anbrät, schnitt Lexa vorsichtig die gehäuteten Tomanten in kleine Würfel. „Hast du Onkel Kai eigentlich sehr lieb?“,fragte Lexa und schob Ray die geschnittenen Tomaten zu. Perplex über diese plötzliche Frage. „Ja, hab ich.“ „So wie Mami und Daddy?“ „Ja.“ „Aber ihr seid doch beide Jungs.“ Jetzt verstand er sie. Er griff nach den Tomaten und tat sie zu dem Fleisch in die Pfanne. „Weist du, wenn sich zwei Personen sehr mögen, besser gesagt lieben, dann ist es egal ob man einen Mann oder eine Frau liebt. Man liebt an der Person nicht das Geschlecht, also ob er Mann oder Frau ist, sondern die Person. Verstehst du was ich meine?“ „Nicht ganz.“,gab Lexa zu. Überlegend, wie er ihr es anderes erklären soll, gab er die restlichen Zutaten hinzu. „Es gibt Menschen, die magst du und Menschen, die magst du nicht. Mit denen, die du Magst versuchst du dich an zu freunden und dabei ist egal ob es ein Mädchen oder ein Junge ist.“ Verständlich nickte Lexa. So langsam setzte sich das Puzzle für sie zusammen, aber es fehlten noch einige Teile. „Und wenn du die Person noch mehr magst, willst du viel Zeit mit ihr verbringen. Sie ist für dich dann das Wichtigste auf der Welt.“ „Also bist du für Onkel Kai jetzt das Wichtigste?“ Betrübt senkte Ray den Blick. „Nein. Bevor ich an der Reihe bin, kommst du dran.“ Es sollte nicht weh tun, dass zu sagen aber genau das tat es. Egal was mit ihm sein sollte, die Mädchen würden immer an erster Stelle stehen.
……
Auf der Unterlippe kauend starrte Ray auf sein Handy. Es war bereits nach acht und Kai war noch immer nicht zurück. Seit Dawn Lexa vor fünf Stunden vorbei gebracht hatte, hatte Ray ihn bereits zwei Mal versucht zu erreichen und hatte ihm doppelt so viele SMS geschickt. Immer hin wollte Kai zurück sein, bevor Lexa kam. Tief durchatmend, legte er das Handy auf den Esstisch und ging ins Badezimmer, das ans Schlafzimmer grenzte. „Bist du fertig?“,fragte Ray, als er ins Bad kam. Lexa saß vergnügt in der Badewanne und hatte sich mittels Shampoo und den entstanden Schaum eine neue Frisur gemacht. Schmunzelnd kniete Ray sich neben die Wanne und griff nach der Duschbrause und reichte Lexa einen Waschlappen. Lexa konnte es zwar auch allein, doch dabei lief ihr immer noch Schaum in die Augen und das wollte Ray ihr heute ersparen. Nach dem Abduschen, wickelte Ray sie in ein großes Handtuch. Fertig abgetrocknet und in den Pyjama geschlüpft, ließ Lexa sich noch das Haar kämmen. „Ist Onkel Kai da?“,fragte Lexa und begann sich die Zähne zu putzen. „Nein. Ich vermute das er länger arbeiten muss und dass er bis zum Hals in der Arbeit hängt und deswegen wohl vergessen hat an zu rufen.“
……
Friedend zog er die Decke höher, als etwas Kaltes seine Wange streifte. Der Geruch von Alkohol und Zigaretten stieg ihm in die Nase und er spürte, wie sich die Matratze neben ihm bewegte. Verschlafen drehte er sich auf den Rücken und sah wie die Schlafzimmertür geschlossen wurde. Müde fuhr er sich über die Augen und schloss sie wieder, doch als er spürte, wie sich jemand an ihn kuschelte, öffnete er erneut die Augen. Sich eng an ihn kuschelnd, lag Lexa neben ihn und drückte ihre Nase an seinem Rippenbogen platt. Dabei hatte er gedacht, dass Lexa sich raus geschlichen hatte. Einen Moment lag er einfach da, aber dann realisierte er was los ist. Vorsichtig, um seine Ziehschwester nicht zu wecken, stand er auf und schlich sich aus dem Schlafzimmer.
Der Flur lag im Dunkeln und obwohl Ray gerade einmal zwei Nächte hier verbracht hatte, fand er sich im Dunkeln ganz gut zurecht. Er ging die Stufe runter und ließ seinen Blick durch die Wohnung wandern. Im ersten Moment konnte er nichts Ungewöhnliches sehen, doch dann fiel sein Blick auf die Couch. Lächelnd ging er zur Couch und beugte sich über die Person, die auf der Couch lag. „Wofür hast du ein Handy, wenn du nicht ran gehst?“,fragte er und stützte sich rechts und links, neben dem Kopf der Person, auf der Armlehne ab. Die einzige Reaktion, die er bekam, war dass der Kopf zur Seite gedreht wurde. Ray kniete sich hin und begann mit den Fingern durch das kurze Haar zu fahren. „Ich hab mir sorgen gemacht. Ich dachte, du wolltest zurück sein, bevor Lexa hier ist.“ „Ich bin jetzt hier.“ „Ja, das bist du und stinkst nach Alkohol und Zigaretten.“,wisperte Ray und vergrub seine Nase im Haar seines Freundes, den unter all den unangenehmen Gerüchen, fand er auch den Geruch den er so sehr liebte. Als er seine Hände über Kais Schultern und Brust wandern ließ, fiel ihm auf, dass nicht nur Kais Haar nass war. „Du bist klatschnass und eiskalt.“ Da Kai noch immer nicht wirklich auf ihn reagierte, griff er unter sein Kinn und zwang ihn so den Kopf leicht zu überstrecken und ihm ins Gesicht zu sehen. Langsam beugte er sich runter und hauchte ihm einen Kuss auf die eiskalten Lippen.
„Lass mich einfach allein.“,bat Kai, gegen die sinnlichen Lippen seines Freundes, wispernd. Er wollte ihn jetzt nicht in seiner Nähe haben. Er brauchte jetzt Zeit für sich. Zeit um sich über einiges im Klaren zu werden. „Okay, aber vorher kommst du mit.“ Mit diesen Worten richtete Ray sich auf, griff nach Kais Hand und zog ihn mühevoll auf die Beine. Was auch immer passiert ist, es machte Ray angst. Er hatte Angst, dass das was passiert ist, Kai von ihm weg treiben könnte. Er führte ihn hinter sich her ins kleine Bad. Das Licht blendete, als er es einschaltete und seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die plötzliche Helligkeit zu gewöhnen. Als Ray sich wieder zu Kai umdrehte, erschrak er leicht. Kai sah blass aus, die Augen glasig und irgendwas schien ihn zu bedrücken. Doch bevor er sich darum kümmern konnte, musste er dafür sorgen, dass er seinen Freund aus den nassen Sachen bekam. Er trat näher an ihn und knotete die, ohne hin schon lockere Krawatte auf und ließ sie zu Boden fallen, ehe er sich an den Knöpfen des dunklen Hemdes zu schaffen machte. Ray schob seine Hände unters Hemd und streifte den nassen Stoff von den Schultern. Unter seinen Händen spürte er wie Kai vor Kälte leicht zitterte. Nachdenklich hauchte er warme Küsse, auf die kalte Haut. „Du nimmst jetzt eine warme Dusche und ich hol dir…“ Anzüglich grinsend wanderten seine Hände tiefer, öffnete den Gürtel und zog ihn, mit einem Ruck, aus den Schlaufen, ehe er sich an der Hose zu schaffen machte. „Ich hol dir trockene Sachen.“,vollendete Ray seinen Satz und schaffte es so, ein kleines Lächeln auf die Lippen seines Freundes zu zaubern.
……
Langsam ließ sich Ray an der Wand neben der Schlafzimmertür zu Boden rutschen und zog die Knie an die Brust. Er fror. Eine Weile blieb er da sitzen. Hunderte Gedanken rasten durch seinen Kopf. Hunderte Fragen. Aber die mussten warten. Tief durch atmend rappelte er sich wieder auf, ging zum Kleiderschrank und suchte frische Anziehsachen raus. Dabei achtete er darauf leise zu sein, damit er nicht versehentlich Lexa noch weckte.
Gerade als er zurück ins Badezimmer kam, wurde das Wasser abgestellt und Kai stieg aus der Dusche. Sofort stieg Ray die Schamesröte ins Gesicht. Zwar hatten sie versucht miteinander zu schlafen, doch bevor die letzten Hüllen fallen konnten, hatte ihn die Angst übermannt und er hatte es abgebrochen. Was wiederum bedeutete, dass Ray Kai jetzt zum ersten Mal nackt sah. Er wusste selbst dass es Kindisch war, aber er konnte nicht anders. Rasch drehte er sich um, stand nun aber direkt vorm Spiegel, der nur leicht beschlagen war und so einen perfekten Blick auf seinen Freund lieferte. Und er konnte nicht anders, als seinen Blick über den nassen, durchtrainierten, nackten Körper wandern zu lassen. „Guck doch einfach direkt.“ Erschrocken darüber, wie dicht die Stimme an seinem Ohr war, zuckte er zusammen. Nervös und verlangend biss er sich auf die Unterlippe. „Ich weis nicht, was du meinst.“,verteidigte er sich und versuchte seine Aufmerksamkeit auf was anderes zu lenken. Vergebens, als sich einpaar Hände unter sein T-Shirt schoben und auf seine Hüfte ruhten. Sanft fuhren die Daumen über seine Haut und verursachten prickelnde und brennende Stellen. „Ich gehöre dir, also brauchst du nicht mehr heimlich zu gucken.“ Kais Stimme war nicht viel mehr, als ein Raunen, direkt an seinem Ohr. Rays Atem beschleunigte sich. Irgendwie machte ihn die Situation gerade richtig an, jedoch wusste er schon jetzt, wie das ganzen enden würde. Abgesehen davon, schlief zwei Zimmer weiter eine Achtjährige. Umständlich drehte er sich um. „Hier. Ich warte im Wohnzimmer.“,sagte Ray und drückt ihm die Anziehsachen in die Hände und flüchtete gerade zu aus dem Badezimmer.
Als Kai zehn Minuten später ins Wohnzimmer kam, fand er seinen Freund in eine Wolldecke eingekuschelt auf der Couch vor und hatte sichtlich mit der Müdigkeit zu kämpfen. „Es ist spät und du hast morgen wieder Schule.“ Bei diesen Worten lehnte Ray den Kopf zurück und sah zu ihm rauf. „Das ist egal. Im Moment bist du wichtiger.“ „Geh schlafen Ray.“ „Aber…“ „Ich will immer noch allein sein.“,unterbrach Kai ihn und wich im selbem Moment von seinem Freund. An Rays Blick konnte er erkennen, dass er verletzt war, dennoch nickte der Junge verständlich, wünschte ihm eine ´Gute Nacht´ und ging dann ins Bett.
……
Ray hatte die ganze Nacht wach gelegen und sich den Kopf über Kai zerbrochen. Und auch jetzt in der Schule konnte er dem Unterricht nur schwer folgen. Das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass Kai am Morgen bereits wieder weg war und auch dieses Mal hatte er keine Ahnung wo er war. Frustriert seufzend stützte er sein Kinn auf der Hand ab und sah aus dem Fenster. Es war bedeckt, dennoch war das Wetter um einiges besser, als die Tage zuvor. „Hey, was ist los?“,fragte Salima im Flüsterton und sah kurz zum Lehrer, der unbeirrt weiter an der Tafel schrieb. „Ich weis es nicht und genau, dass ist das Problem.“,erwiderte Ray eben so leise. Unverständlich hob sie die Augenbraue. „Ich kann dir nicht folgen.“ „Kai war die halbe Nacht weg und als er wieder da war, war er vom Regen vollkommen durchnässt und stank nach Alkohol und Zigaretten.“ „Klingt nach einer Kneipentour in Begleitung. Aber wieso interessiert es dich?“ „Vielleicht weil er mein Freund ist.“ Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen bereute er sie. Obwohl Salima und er sich jeden Tag in der Schule sahen, hatte er nicht einmal erwähnt, dass er jetzt mit Kai zusammen war. Und noch eins wurde ihm klar, auch wenn Salima jetzt seine beste Freundin war, war sie dennoch nicht Mao. Mao hätte ihm sofort angesehen, das etwas anders war und sie hätte, nur um in zu ärgern, behauptet, dass Kai sich vermutlich mit irgendeiner Frau vergnügt und dann versucht hätte, seine Schuldgefühle in einer Bar zu ertränken. Schuldgefühle machten sich in ihm breit, als er an Mao dachte. Wegen ihm ist sie gestorben. Und das konnte er sich nicht verzeihen. Ein Klopfen lenkte ihn wieder ins hier und jetzt. Der Direktor betrat das Klassenzimmer, sprach kurz mit dem Lehrer und ließ dann Ray heraus bitten. Sofort ging das Gemurmel und Getuschel los, während Ray seine Sachen packte und vor dem Direktor raus auf den Flur folgte, wo auch schon Dawn wartete. An ihrem Blick und dem gezwungen Lächeln erkannte er, das etwas passiert sein musste.
Das Spiel von Katz und Maus
Kapitel 15
Das Spiel Katz und Maus
Obwohl die Sonne von einer dicken, schwarzen Wolkendecke verhangen war, saß Kai mit einer Fliegerbrille, auf der Nase, auf dem Beifahrersitz. Den Kopf gegen die Scheibe gelehnt. Neben seinen Kopfschmerzen und den anderen Symptomen eines leichten Katers schlug ihm, vor allem sein Verhalten seinem Freund gegenüber, auf den Magen. Es gibt Momente, in denen es noch zu früh war jemanden etwas zu sagen und dann gibt es Momente, wo es bereits zu spät war und beides war hier der Fall gewesen. Eigentlich hatte die ganze Sache nicht einmal etwas mit Ray zu tun, aber wiederum hatte es alles mit ihm zu tun. Nicht die Tatsache an sich, aber dass dazu gehörige Gefühl. Aus diesem Grund hatte er auch auf keinen Anruf oder auf eine SMS reagiert. „Willst du endlich reden oder weiter deinen Kater ausschlafen?“,erkundigte sich Yuriy, als er sich hinters Steuer setzte und Kai einen großen Coffee to Go Becher reichte. „Weder noch.“,erwiderte Kai und nahm einen kräftigen Schluck von dem schwarzen, bitteren Getränk. „Okay, dann hör nur zu.“ Doch noch bevor Yuriy weiter sprechen konnte, kam über Funk die Anweisung, an den alten Lagerhäusern am Hafen, zwei Streifenpolizisten zu unterstützen. „Und es gibt doch einen Gott.“,meinte Kai, in Anbetracht der entgangenen Moralpredigt und bestätigte über Funk, dass sie auf dem Weg zum Hafen sind. „Rede mit Ray.“ Mit diesen Worten startete Yuriy den Wagen und zum Hafen.
An der alten Lagerhalle am Hafen wurden sie bereits von zwei Streifenpolizisten erwartet. Kurz und knapp wurden sie darüber informiert, was Sache ist. Dass die Polizisten dabei waren einen Drogendealer fest zu nehmen, als dieser die Flucht ergriff und in diese Lagerhalle verschwand. Doch der Grund, warum sie das DEA verständigt hatten, waren die Symbole auf den Drogenpäckchen. Damit war die Sache klar. Sie teilten sich auf und begangen die Lagerhalle zu durchsuchen. Während Yuriy mit dem einen Polizisten unten alles absuchte, taten der andere Polizist und Kai dasselbe oben. Kai war gerade dabei eine der kleineren Hallen zu durchsuchen, als das Rolltor plötzlich ratternd herunterfiel. Genervt ging er zum Tor und versuchte es wieder zu öffnen, doch es bewegte sich nicht ein Millimeter. Mit der Taschenlampe leuchtete er das Tor ab und fand ein neues Schloss, das die alten und verrosteten Verschlüsse zusammen hielt. Ohne zweifle war er nicht alleine hier in der Halle und mit Sicherheit, handelte es sich dabei nicht um einen einfachen Dealer.
Als er sich umsah, hörte er auf einmal ein leises Wimmern. Leise folgte er dem Wimmern bis zu dem kleinen Büro. Der Lichtkegel der Taschenlampe war die einzige Lichtquelle, die es in dem kleinen Raum gab. Und so war nur das zu erkennen, was er anleuchtete und so auch den Ursprung des Wimmerns. Auf einen Stuhl gefesselt, die Augen und den Mund mit Klebeband umwickelt, saß eine Frau. Ihre Kleidung war ebenso verdreckt, wie ihre Haut und zum Teil sogar zerrissen. Kai legte die Taschenlampe auf den Boden und ging auf die Frau zu. „Keine Angst ich bin von der Polizei. Ich werde Sie jetzt los machen.“ Es schien so, als würden seine Worte sie nicht erreichen, denn sie versuchte zu schreien und sich von ihren Fesseln zu befreien, die sich dabei nur tiefer in ihre Hand- und Fußgelenke schnitten. So vorsichtig wie möglich löste er das Klebeband, das über die Augen und um den Kopf gewickelt wurde. Allerdings war es nicht gerade einfach, da ihr Haar unerbittlich am Klebeband fest klebte. Erst jetzt wurde sie ruhiger und schien begriffen zu haben, dass Kai ihr nur helfen will.
Nachdem er auch das Klebeband über ihren Mund entfernt hatte, kümmerte er sich um die restlichen Fesseln. Nach den Verletzungen an ihren Handgelenken zu urteilen, musste sie bereits seit Längerem gefesselt sein. Mit einem Messer durchtrennte er die Fesseln. Kaum war sie frei, sprang sie auf und verkroch sich unter dem Tisch, der an der Wand stand. Wo sie sich so dicht wie möglich an die Wand drückte und sich so klein wie möglich machte. Seufzend ließ Kai kurz den Kopf hängen. Er konnte ja verstehen, dass sie Angst hatten, aber müssen sie dann immer vor den Guten fliehen? Als Kai aufstand und zu dem Tisch gehen wollte, hörte er Schritte, die sich ihnen näherte. Sowohl für Yuriy, als auch für die anderen beiden Polizisten waren die Schritte zu schwer. Er gab der Frau zu verstehen, dass sie genau da bleiben sollte und zog seine Waffe. Die Taschenlampe aufhebend ging er zurück in die Lagerhalle. Er ging gerade an einem der Regale vorbei, als plötzlich ein Gegenstand auf seine Hand schlug. Unter schmerzen ließ er die Waffe los und wich sofort ein paar Schritte zurück. Ein Mann, der so breit war, wie er groß war und wohl seine meiste Zeit damit verbrachte Gewichte zu stemmen, trat hinter dem Regal hervor. „Dafür, dass du von deinem Vater ausgebildet wurdest, war es ziemlich leicht, dich zu entwaffnen.“,meinte der Mann und ließ den Baseballschläger immer wieder auf seine Hand fallen. „Für wen arbeitest du?“ „Das weist du doch genau.“ „Für Kon.“ Bestätigend nickte der Mann. „Weist du eigentlich, dass man das Interesse an euch verloren hatte? Aber nachdem heraus kam, dass ihr nicht nur einfach abgehauen seid, ist vor allem dein Name auf der schwarzen Liste ganz nach oben gerutscht.“ Bei diesen Worten, umfasste Kai sein schmerzendes Handgelenk noch fester und fügte sich so selbst schmerzen zu. Denn jetzt wurde ihm einiges klar. „Dein Kopf ist jetzt ein hübsches Sümmchen wert.“ Mit diesen Worten ging der Mann auf Kai zu, wobei er mit dem Baseballschläger ausholte. Doch anderes als erwartet wich Kai nicht zurück, sondern ging ebenfalls auf den Mann zu und konnte so den Schlag abfangen. In der nächsten Sekunde hörte man ein grausiges knacken gefolgt von einem schmerzhaften Aufschreien. Benommen torkelte der Mann zurück und brauchte einen Moment um zu begreifen was passiert ist. Er hatte noch gesehen wie Kai sich umgedreht hatte, doch schon im nächsten Augenblick war seine Nase gebrochen. Der Cop muss ihm den Ellenbogen ins Gesicht gerammt haben.
……
Unbeeindruckt von den Beleidigungen, die der verhaftete Dealer Yuriy an den Kopf warf, verfrachtete er ihn in den Streifenwagen. Als er die Tür zu schlug legte er seufzend die Arme auf dem Autodach ab und sah zu dem Polizisten rüber, der noch immer versuchte seinen Kollegen und Kai über Funk zu erreichen. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend sah Yuriy sich die Fassade der Lagerhalle an. „Da stimmt was nicht.“,flüsterte er. Keine Sekunde später stieß er sich von dem Wagen ab und ging, mit der Anweisung an den Streifenpolizisten, dass dieser seine Position halten soll, zurück ins Gebäude. Auf den Weg nach oben, stolperte er fast über den leblosen Körper des Streifenpolizisten. Sein Kopf war unnatürlich verdreht, was Yuriy vermuten ließ, dass man ihm das Genick gebrochen hatte. Seufzend mahlte er mit dem Kiefer. Was war hier nur los? Und wo zum Henker war Kai? Ein Schuss erweckte Yuriys Aufmerksamkeit.
……
Sich vor schmerzen krümmen ging Kai in die Knie. Statt dem Baseballschläger hatte der Typ nun ein Eisenrohr, mit dem er auch schon einige Treffer erzielen konnte. Beim letzten Schlag, war Kai sich sicher, dass eine oder zwei Rippen gebrochen wurden. „Zwei Mafiabosse wollen deinen Kopf und du tust so, als sei es das normalste der Welt. Hängst du gar nicht an deinem Leben?“,fragte der Mann und grinste selbstsicher, da er sich sicher war, dass er bald ein sehr reicher Mann sein würde. Er beugte sich zu Kai runter, ehe er ihn am Kragen packte und auf die Beine zerrte. Kai schwieg sich aus und zu gleich sollten es die letzten Worte sein, die der Mann in seinem Leben sagen sollte. Denn in diesem Moment fiel ein Schuss, worauf hin die Körperspannung den Mann verließ und er wie ein nasser Sack zu Boden fiel. Irritiert sah Kai in die Richtung, aus der der Schuss kam und entdeckte die junge Frau, die noch immer eine Waffe auf ihn richtete. Sich die Seite haltend, ging er in die Knie und kontrollierte, ob der Mann noch lebte. Doch dem war nicht so. Seufzend sah er zu der jungen Frau. Mühsam richtete er sich auf und ging auf sie zu. Die Waffe an ihrer Hand zitterte. Langsam griff er nach der Waffe, jedoch machte sie keine Anstalt die Waffe los zu lassen. „Es ist vorbei. Du kannst die Waffe jetzt los lassen.“,redete er beruhigend auf sie ein. „Ist er tot?“,fragte sie mit zitternder Stimme. „Ja.“ Die Waffe los lassend, brach sie in Tränen aus und fiel ihm in die Arme. In genau diesem Szenario fand Yuriy seinen Partner schließlich.
……
Mit flauem Magen stand Ray vor dem Eingang des Krankenhauses. Eigentlich wollte er direkt rein laufen, doch um so näher er dem Krankenhaus kam, um so mehr verließ ihn der Mut. Er hatte Angst. Angst dass Kai etwas Schlimmes passiert ist. Das Kais Job gefährlich sein konnte war ihm klar, aber sich mit so einer Situation konfrontiert zu sehen, war etwas ganz anderes. Erschrocken fuhr er zusammen, als ihm ein Arm um die Schultern gelegt wurde. Aufmunternd lächelte Dawn ihn an, ehe sie gemeinsam ins Gebäude. Sie gingen direkt zur Notaufnahme, wo sie bereits von Yuriy erwartet wurden. Sofort lief Dawn auf ihn zu, nahm sein Gesicht in die Hände und küsste ihn. „Geht’s dir gut? Was ist passiert?“,fragte sie und betrachtete sein Gesicht, um sich zu vergewissern, dass er unverletzt ist. Aus diesem Grund, ließ sie auch ihre Hände über seine Arme und Brust wandern. „Ich habe keine Ahnung, was genau passiert ist. Ich weis nur dass wir zwei Tote und zwei Verletzte haben.“ „Was ist mit Kai?“,fragte Ray, wobei ihm seine Sorge deutlich anzusehen war. „Ihm geht es so weit gut. Er wird noch behandelt. In der Drei.“ Sofort lief Ray in die Richtung, in die Yuriy gezeigt hatte. „Was ist mit ihm?“,erkundigte sich Dawn. „Er hat sich mit einem Schrank von einem Mann und einer Eisenstange angelegt. Aber es geht ihm gut.“,versicherte Yuriy ihr und gab ihr, ganz so als wolle er seine Worte bestätigen einen Kuss auf die Stirn.
Hastig ging er den Flur runter, suchte nach dem richtigen Behandlungszimmer und wurde schließlich auch fündig. Hoffentlich ging es ihm gut. Es durfte ihm einfach nichts passiert sein. Mit zittriger Hand griff er nach der Türklinge und gerade als er sie runter drücken wollte, wurde die Tür ruckartig geöffnet und eine noch junge Ärztin stand nun vor ihm. „Kann ich was für Sie tun?“,fragte die Ärztin und sah ihn mit hoch gezogener Augenbraue an. „Ich wollte zu Kai Hiwatari.“ „Und Sie sind?“ „Ich… ich bin sein Freund.“ Bei dieser Antwort schoss ihre Augenbraue noch höher und sie sah über ihre Schulter ins Behandlungszimmer zurück. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, trat sie beiseite und ging. Irritiert über diesen plötzlichen Abgang, sah er ihr nach, dachte sich aber weiter nichts dabei.
Die Tür leise hinter sich schließend, betrat Ray das Behandlungszimmer. Mit freiem Oberkörper saß Kai auf der Liege. Die bandagierte Hand ruhte auf seiner Seite und verwehrte einem so den Blick auf das gesamte Ausmaß der Verletzungen. Unter sichtlichen Schmerzen stand er auf und griff nach seinem Shirt, das auf dem Plastikstuhl neben der Liege, lag. Sich auf die Lippen beißend, ging Ray auf ihn zu und half ihm das Shirt anzuziehen, wobei Ray die ganzen Blessuren und blaue Flecken entdeckte, die Kais Körper übersäten. „Geht es dir gut?“,fragte Ray, bereute die Frage jedoch sofort. Immer hin war es offensichtlich, dass es ihm nicht gut ging. „Es ging schon mal besser.“,meinte Kai und setzte sich wieder auf die Liege. Sorgevoll trat Ray dicht an ihn, legte ihm eine Hand auf die Wange und hauchte ihm, nach kurzem zögern, einen Kuss auf die Lippen.
……
Er hatte keine Ahnung, wie oft er bereits auf die Uhr gesehen hatte, aber irgendwie schien die Zeit nicht umgehen zu wollen. Die roten Ziffern des Weckers zeigten drei Uhr dreiundvierzig an und bis her hatte er kein Auge zu gemacht. Jeder Muskel und jeder Knochen tat ihm weh und selbst das Atmen schmerzte. Als ein warmer Hauch seine Schulter streifte sah er neben sich. Lächelnd sah er zur Seite, wo sich Ray gerade zaghaft an ihn kuschelte. Vorsichtig drehte Kai sich auf die Seite, wobei er es nicht vermeiden konnte, einen unterdrückten Schmerzlaut von sich zu geben. Für einen kurzen Moment ließ er den Schmerz zu, war aber froh als der Schmerz endlich nach ließ. Er legte sich die verletzte Hand auf die geprellten Rippen. Normalerweise wäre er allein in der Wohnung, würde sich an den Schmerzmedikamenten bedienen und würde das Mitternachtsfernsehprogramm über sich ergehen lassen. Aber das hier war viel besser. Ray hatte sich die ganze Zeit um ihn gekümmert und dass er jetzt hier neben ihm lag, machte alles perfekt. Mehr als dass sogar.
Er fuhr mit der Hand unter die Decke, die auf Rays Hüfte lag und ließ seine Finger über die zarte, warme Haut streichen. Schmunzelnd bemerkte er die Gänsehaut, die sich langsam auf dem zierlichen Körper ausbreitete. Wie konnte man, selbst im Schlaf, so verdammt verführerisch aussehen. Die feinen Gesichtszüge, die langen dunklen Wimpern, die gerade Nase und vor allem die sinnlichen Lippen. „Ich liebe dich.“,flüsterte er ging die Lippen seines Freundes und hauchte ihm einen Kuss auf diese, ehe er seine Nase in der schwarzen Seide vergrub und den himmlischen Geruch seines Freundes einatmete. Im Leben hatte er bereits so viel verloren, aber den Jungen, würde er so lange es ihm möglich war, an seiner Seite halten und beschützen. „Kai?“,murmelte Ray verschlafen und legte den Kopf etwas in den Nacken, so das er, wenn auch einwenig umständlich seinem Freund ins Gesicht sehen konnte. Oder besser gesagt könnte, wenn Kai sein Gesicht nicht ins Kissen vergraben hätte. „Was ist los?“,fragte er nun besorgt und schob sich weiter nach oben und nahm Kais Gesicht in beide Hände. Schweigend sahen sie sich einen Moment an, ehe sich Kai wieder auf den Rücken drehte. „Tu mir so was nie wieder an. Als Dawn mich abgeholt hat, dachte ich… Ich dachte…“ „Tut mir leid, ich wollte dir keine sorgen bereiten.“ „Aber das machst du, immer wieder und dabei ist es weniger wegen deines Jobs.“ Kai wusste genau, worauf Ray hinaus wollte. Die Decke beiseite schlagend setzte er sich auf die Bettkante, den Schmerz, der dabei durch seinen Körper fuhr ignorierte er. Sie waren jetzt zusammen und nahmen einen großen Teil, im Leben des jeweils anderen, ein. Hatte Ray somit nicht ein recht darauf, zu wissen was los ist? Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf und ging zum Fenster. Er stand einfach nur da und sah in die Dunkelheit. Ray wollte gerade zum Sprechen ansetzten, als Kai das Wort ergriff. „Sie war immer da, wenn ich sie gebraucht habe, aber als sie mich brauchte, war ich nicht da. In dem Jahr, als ich in Hongkong war, bei dir war, ging es ihr immer schlechter. Rose bat mich sogar zurück zukommen, aber ich blieb. Und jetzt…“ Seine Stimme brach und sein Körper begann vor Anspannung zu zittern. Er legte die Stirn gegen die kühle Scheibe, schloss die Augen und atmete durch.
Leise schob Ray sich aus dem Bett und ging zu seinem Freund. Er strich mit den Händen Kais Rücken hinab, ehe er seine Arme um dessen Hüfte schlang. „Wann?“ „Als du das letzte Mal im Präsidium warst.“ Schweigend schmiegte sich Ray enger an ihn. „Es tut mir so leid.“,flüsterte er und dachte im Traum nicht daran, Kai wieder los zu lassen. Er spürte wie Kai seine Hand nahm und ihre Finger miteinander verschränkte. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass Kai nicht wollte, dass Ray ihn jetzt allein lässt.
Sie haben Post!
Kapitel 16
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Widerwillig öffnete Ray die Augen und linste zum Wecker rüber. Die Uhrzeit nicht richtig realisierend, drehte er sich auf die andere Seite und somit zu Kai. Die Schmerzen, die sein Freund bei jeder noch so kleinen Bewegung hatte, hatten ihn die ganze Nacht wach gehalten und war auch erst vor ein paar Stunden eingeschlafen. Vorsichtig schob er seine Hand bis zu Kais Bauchnabel und ließ seine Finger verträumt und zärtlich Kreise um den Nabel ziehen. Noch einen Kuss auf die Schulter hauchend, schloss er wieder die Augen und drückte die Nase gegen die Schulter. Für einen Moment döste Ray ein, doch dann riss er erschrocken die Augen auf und sah erneut auf die Uhr. Es war bereits kurz vor acht, was bedeutete dass er zu spät zur Schule kam. Ruckartig stand er auf, stolperte förmlich aus dem Bett und ins Badezimmer. Rasch machte er sich frisch, zog hastig seine Schuluniform an und versuchte irgendwie seine Haare zu bändigen. Als er ins Schlafzimmer zurück kam, war er verzweifelt dabei seine Krawatte zu binden, was ihm aber misslang. Er stand ohne hin mit diesen Dingern auf Kriegsfuß. Seufzend sah er auf die Uhr. Egal wie sehr er sich jetzt beeilen würde, er würde zu spät kommen, was wiederum Nachsitzen bedeuten würde. Lächelnd ließ er die Krawatte zu Boden fallen, gefolgt vom Rest seiner Schuluniform. Die Schule konnte heute ruhig mal zur Nebensache werden. Heute wird er hier mehr gebraucht. Leise krabbelte er zurück ins Bett und legte sich genauso wie vor hin, neben seinen Freund.
„Wolltest du nicht eben noch zur Schule?“,fragte Kai verschlafen, als er Rays sanften Atem auf seiner Haut spürte und sah neben sich. „Jetzt nicht mehr. Ich habe eh schon verschlafen und auf Nachsitzen habe ich keine Lust. Außerdem brauchst du mich gerade dringender.“ Schmunzelnd strich Kai ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich werde für ein paar Stunden auch allein klar kommen.“ Wortlos rückte der Junge noch enger an ihn und Kai verstand. Ein erschrockener Laut entfuhr Ray, als er auf den Rücken gedreht wurde. Mit der gesunden Hand stützte sich Kai auf der Matratze, neben Rays Kopf ab, während er die bandagierte Hand an seine Wange legte. Zärtlich fuhr er mit dem Daumen über die warme, weiche Haut. Ray war das Beste, was ihm passieren konnte, doch zugleich wusste er, dass Ray jemand besseren als ihn verdient hatte. Fragend sahen ihm die honigfarbenden Iren an und in ihnen konnte man deutlich die unausgesprochene Frage lesen, die Ray im Moment nicht zum Ausdruck bringen kann. Und noch bevor Ray dies konnte, beugte Kai sich zu ihm runter und küsste ihn. Während des Kusses, vergrub Ray seine Finger in Kais Haaren und zog ihn so weiter zu sich runter, so dass er nun auf ihm lag. Durch eine unbedachte Bewegung, von seitens Ray, wurde der Kuss abrupt gelöst. Schmerzhaft auf keuchend, rollte Kai sich von seinem Freund und hielt sich schmerzlindernd, die Seite. Ray hatte ihm versehentlich gegen die gepellten Rippen gedrückt. „Entschuldige, bitte.“,meinte Ray, als er sich ruckartig aufrichtete und zu seinem Freund lehnte. Entschuldigend fuhr er ihm durchs Haar und küsste seine Schläfe. „Geht schon wieder.“ Natürlich wusste Kai, dass es keine Absicht war, dennoch war er froh, als der Schmerz langsam nach ließ. „Du hättest mir sagen sollen, dass deine Großmutter gestorben ist. Ich wäre für dich da gewesen.“,brach es plötzlich aus Ray heraus. Nach gestern war es klar gewesen, dass sie diese Unterhaltung noch führen würden. Allerdings hatte Kai gehofft, dass es sich noch hinziehen würde. „Ich weiß, aber du hast selbst kurz zuvor erfahren, dass Mao ermordet wurde. Da musst du nicht auch noch meinen Kummer mit dir rumschleppen.“ „Aber das will ich. Außerdem bist du jedes Mal da, wenn es mir schlecht geht.“ „Du bist auch für mich da.“ Verneinend schüttelte Ray den Kopf. „Warum bist du dann hier?“,fragte Kai, worauf hin Ray ihn nur unverständlich ansah. Vorsichtig setzte Kai sich auf, legte sich ein Kissen in den Rücken und lehnte sich gegen das Kopfende. „Du müsstest jetzt eigentlich in der Schule sein, stattdessen bist du hier bei mir. Du bist sogar ins Krankenhaus gekommen und hast dich den ganzen Abend um mich gekümmert.“ „Das kann man nicht miteinander vergleichen. Dir braucht man nicht sagen, dass ich dich brauche. Du weist es. Mir muss man es erst sagen. Das hier, ist wieder so eine Situation. Ich sollte dich aufheitern und nicht du mich.“ Bitter schmunzelnd griff Kai nach der Hand seines Freundes und hob sie zu seinen Lippen. „Hätte mir nicht jemand gesagt, dass ich dir nach soll, wären wir jetzt nicht hier.“,flüsterte Kai und küsste die Fingerspitzen seines Freundes, worauf hin, Ray ihn überrascht ansah. Er mochte es wenn Kai so zärtlich war. „Und noch eins, ich hätte es bereut, wenn ich es nicht getan hätte. Und noch mehr, wenn du jetzt nicht mit mir hier im Bett wärst.“ Obwohl es nicht die drei Worte waren, auf die Ray so sehnsüchtig wartete, fühlte es sich dennoch gerade wie ein Liebesgeständnis an. Und genau das machte ihn glücklich. Auch wenn Kai es ihm nicht sagte, zeigte er es ihm oder umschrieb es, wie eben. „Ich liebe dich.“,wisperte Ray, legte die Arme um Kais Nacken und sein Kinn auf dessen Schulter. In dieser Position, genoss er es wie Kais Finger seinen Rücken auf und ab fuhren und er langsam aber sicher, in dieser Geborgenheit einschlief.
……
Zum Gefühlten tausenden Mal sah Ray auf sein Handy, doch weder eine SMS noch ein Anruf war eingegangen. Seufzend legte er es beiseite und versuchte sich wieder aufs Lernen zu konzentrieren. Doch immer wieder wurde seine Aufmerksamkeit auf sein Handy gelenkt. Vor zwei Wochen lag er noch in Kais Armen und genoss ihre Zweisamkeit und jetzt wusste er nicht einmal mehr wie es Kai geht. Seminar hin oder her, ein Anruf oder eine SMS, dass er gut in Chicago angekommen ist, sollte wohl drin sein. Doch seit drei Tagen herrschte absolute Funkstille.
„Weist du, was das tolle an diesen Dingern ist? Sie funktionieren in beide Richtungen.“,meinte Salima. Eigentlich hatten sie sich zum Lernen verabredet, doch Ray war mit seinen Gedanken mehr bei seinem Handy und somit bei Kai. „Ich würde ihn nur stören.“,erwiderte Ray und lehnte sich gegen sein Bett. Mit ihren Büchern und Heften hatten sie es sich auf dem Boden bequem gemacht. „Oh man Ray. Natürlich wird er beschäftigt sein, aber doch nicht vierundzwanzig Stunden. Was spricht denn gegen einen kurzen Anruf am Abend oder einer SMS?“ Schulter zuckend sah er sie an. Seufzend ließ Salima den Kopf hängen. Sie konnte einfach nicht verstehen, wie man es sich so schwer machen konnte, wenn man eh schon zusammen war. „Wenn ich es schaffe Kane anzusprechen, dann wirst du es wohl schaffen deinen eigenen Freund anzurufen.“ Überrascht sah Ray sie an. „Du hast ihn endlich gefragt?“,versicherte er sich, worauf hin sie nur abwinkte. Das Thema Ray und Kai fand sie gerade einfach viel interessanter. „Gib mir mal dein Handy.“,bat sie ihn. „Warum?“ „Vertrau mir und gib mir dein Handy.“ Verneinend schüttelte er den Kopf, worauf hin sie sich danach ausstreckte und es ihm direkt vor der Nase wegnahm. So schnell sie es in den Fingern hatte, musste sie sich auch aufrappeln und sich einen sicheren Ort suchen. Sie flüchtete aus dem Zimmer und schloss sich im Badezimmer ein. Ray Forderung die Tür zu öffnen, ignorierte sie. Ebenso die Bitte, dass sie es nicht tun solle. Vollkommen selbstverständlich suchte sich im Adressbuch Kais Nummer und tippte dann auf Nachricht schreiben. Kurz überlegte sie, was Ray ihr alles erzählt hatte, ehe sie begann die Nachricht zu schreiben.
……
Frisch geduscht und mit einer Jogginghose bekleidet, kam Kai zurück ins Zimmer. Schmunzelnd sah er zu Yuriy, der quer über dem Bett lag und laut schnarchend seinen Rausch ausschlief. Erst hatte Yuriy ihn dazu gezwungen, durch ganz Chicago zu laufen, auf der Suche nach den passenden Souvenirs für Dawn und den Kindern. Und am Abend wurden sie im Hotel, von einigen Seminarteilnehmern, abgepasst und auf ein Bier in eine Bar eingeladen. Am Anfang war alles ziemlich harmlos, man sprach über den Job, wo man herkam und zum Teil sogar über die Familien. Je später der Abend wurde, desto mehr Alkohol floss und aus irgendwelchen Gründen ließ Yuriy sich von der jungen brünetten und zugegebener Maßen, äußerst attraktiven Polizistin um den Finger wickeln. An sich war es ein harmloser Abend, bis sich die Polizistin sichtlich mehr von Yuriy erhoffte.
Müde ließ Kai sich auf sein Bett fallen und wenn er jetzt die Augen schließen würde, würde er sicher auch gleich einschlafen. Doch bevor er das tat, griff er nach seinem Handy, um endlich die SMS zu lesen, die er bereits am Nachmittag erhalten hatte. Überrascht hob er die Augenbraue. Mit so einer Nachricht hätte er niemals gerechnet. –Ich vermisse dich. Ich vermisse deine Nähe, deine Arme um mich. Deine Küsse auf meinem Körper. Ich wünschte du wärst jetzt hier und…-
……
Obwohl Ray müde war und gleich nach dem Abendessen ins Bett gegangen war, hatte er seit dem kein Auge zu gemacht. Unruhig drehte er sich von der einen Seite auf die Andere. Seit Salima diese Nachricht abgeschickt hatte, wartete er ungeduldig auf Kais Antwort. Bisher aber umsonst. Tief durchatmend drehte er sich auf den Rücken, legte sich den Arm über die Augen und versuchte nicht verletzt zu sein. Aber das war er. Verletzt. Dass Kai von sich aus keine Nachricht schrieb oder anrief okay, aber dass er ihn ignorierte konnte er nicht verstehen. Ein leises Brummen riss ihn aus seinen Gedanken und einen Moment brauchte er, um zu realisieren, dass es sein Handy war. Als er nach dem Handy griff und den Namen auf dem Display las, konnte er nicht anders als zu lächeln. Aber so einfach wollte er es ihm nicht machen. „Wow. Mein Freund kann sich doch noch an mich erinnern!“,meinte er wütend. „Und weiter?“ Erhielt er die Gegenfrage und wurde damit aus dem Konzept gebracht. „Was?“ „Deine SMS. Du hast dir gewünscht, dass ich jetzt bei dir wäre und was dann?“ Unsicher biss Ray sich auf die Unterlippe. Auch wenn er sie nicht geschrieben hatte, stimmte der Inhalt. „Das wirst du wohl selbst herausfinden müssen, wenn du zurück bist.“,erwiderte Ray und konnte sich ein vielsagendes Grinsen nicht verkneifen. „Du bist gemein.“ „Du meldest dich nicht, also werde ich dir nicht bei deinen schmutzigen Fantasien helfen.“ „Schade eigentlich.“ „Vermisst du mich?“ „Natürlich, vermisse ich meinen kleinen Deckendieb.“ „Das ist einmal vorgekommen.“,verteidigte sich Ray. Als Ray die letzten Wochen fast täglich bei Kai übernachtet hatte, hatte er ihm im Schlaf, die Decke geklaut. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es noch oft vorkommen wird.“ „Solange ich es kuschelig warm habe?“ „Wahrscheinlich genauso wie jetzt.“ „Wie meinst du das?“ „Yuriy schläft schon, also habe ich mich auf den Balkon verzogen und es ist hier alles andere als warm.“ „Dann sollten wir jetzt auflegen.“ „Hast du schon genug von mir?“ „Nie. Aber bevor du noch weiter frieren musst.“ „Pullover und Decke können dem gut entgegen wirken, du wolltest ja nicht meine Fantasie anregen.“ „Das kann ich gerne machen, wenn du wieder hier bist.“ Tief durchatmend legte Kai den Kopf in den Nacken und versuchte einen Moment lang nicht an seinen Freund zu denken. Ohne es zu wissen, raubte Ray ihm regelmäßig den Verstand und es kostete ihn dann jedes Mal, alles an Selbstbeherrschung, nicht über seinen Freund herzufallen. „Kai?“ „Ja?“ „Ist alles okay, du bist auf einmal so still?“ „Alles gut. Saika ich…“ „Saika?“ Erst als Ray dieses Wort wiederholte, wurde sich Kai darüber bewusst, was er überhaupt gesagt hatte. In diesem Moment konnte er nicht anders, als über sich selbst zu lachen. Dass er längst in Rays Bann gefangen war, wusste er, doch wie sehr er diesem Jungen wirklich verfallen war, wurde ihm erst jetzt bewusst. „Kai, wer ist Saika?“,forderte Ray zu wissen. „Du.“ „Okay, aber was bedeutet es?“ „Ein andermal. Gute Nacht.“ „Kai!“,hielt Ray ihn noch einmal auf, bevor Kai die Chance hatte aufzulegen. „Sag es noch mal.“ „Schlaf gut. Saika.“
Shoppen, klärende Gespräche und ein ersehntes Wiedersehen
Kapitel 17
Shoppen, klärende Gespräche und ein ersehntes Wiedersehen
Noch in seinem Traum gebettet, jedoch frierend suchte Ray nach der Wärmequelle, die sich eigentlich auf der anderen Bettseite befinden sollte. Fand jedoch niemanden. Verschlafen hob er den Kopf und sah sich um. Die Seite neben ihm war unberührt, genauso wie in den letzten zwei Nächten. Traurig ließ er seinen Kopf wieder ins Kissen sinken. Heute ist Weihnachten und er befand sich allein in einem Hotel hunderte Kilometer von New York entfernt. Naja nicht ganz allein. Dawn, Yuriy und die Mädchen waren auch hier. Immer hin gehörte dieses Hotel Dawns Eltern und da diese die Feiertage über nicht nach New York kommen können, sind sie alle nach Aspen geflogen. So wie Ray es verstanden hatte, flogen sie jedes Jahr her und selbst MingMing war jedes Jahr mit von der Partie. Nur die Person, die Ray jetzt gerne bei sich hätte, war noch in New York und so wie es bis her aussah, würden sie Weihnachten getrennt verbringen. Ray drehte den Kopf zur anderen Seite und griff nach seinem Handy, das auf dem Nachtschrank lag. Sofort wählte er die Nummer, die er besser kannte als seine eigene und wartete darauf, dass das Freizeichen endlich verstummte. Doch als das Freizeichen endlich verstummte, war sein Frust noch größer. Mailbox. „Hey ich bins. Vermutlich bist du schon im Präsidium oder hast es noch gar nicht verlassen. Ähm… heute ist Weihnachten, unser erstes Weihnachten, wenn man das in Hong Kong nicht mitzählt.“ Ray wusste eigentlich gar nicht was er sagte, er wollte nur etwas sagen. „Aber deswegen rufe ich gar nicht an. Ich wollte nur… Ich wünsche dir Frohe Weihnachten und ich liebe dich.“ Mit diesen Worten legte Ray auf und kauerte sich zusammen. Das erste Weihnachten als Paar und sie mussten es getrennt voneinander verbringen. Ein lautes Klopfen riss ihn aus seinen trüben Gedanken und brachte ihn dazu die Decke zurück zu schlagen und die Beine aus dem Bett zu schieben. Auf der Bettkante sitzend fuhr er sich mit den Fingern durch das zerzauste Haar und stand, nach dem es noch einmal geklopft hatte auf. „Guten Morgen du Schlafmütze.“, begrüßte MingMing ihn, kaum dass er die Tür geöffnet hatte und drängte sich an ihn vorbei ins Zimmer. Stutzig hob Ray die Augenbraue, denn anders als sonst trug sie keine knappe und enge Kleidung. Im Gegenteil Jeans und Pullover kleideten ihren makellosen Körper. Dabei war es ihr sonst egal, wie kalt es war. Dennoch fiel ihm auf, dass sie sich seit einiger Zeit, ganz anderes kleidete. Weniger aufreizend. „Ich wollte dich fragen, ob du mit zum Shoppen kommst? Yuriy ist nämlich Skifahren, Dawn lässt es sich im Wellnessbereich gut gehen und die Mädchen sind mit ihren Großeltern unterwegs.“, fragte sie und sah ihn dabei hoffnungsvoll an. Kurz überlegte Ray, nickte dann aber.
Wenig später hatte Ray sich fertig gemacht und war mit MingMing auf den Weg in die Stadt. Er war überrascht wie entspannend es mit ihr sein konnte und während sie von Geschäft zu Geschäft gingen und sich durch die Kleiderständer suchten, verstand er zum ersten Mal, was Kai an ihr so mochte. Die Zeit verging wie im Flug und beide gingen nicht mit leeren Händen nach Hause. In einem Cafe gönnten sie sich noch eine heiße Tasse Kaffee, beziehungsweise Tee. „Dir brennt doch eine Frage auf den Lippen, als frag schon.“, meinte MingMing und stützte lächelnd das Kinn auf der Hand ab. Rasch senkte Ray den Blick und nippte unsicher an seinem Tee. „Wie ist es mit Kai zu schlafen?“ MingMing hatte mit so ziemlich jeder Frage gerechnet, aber nicht damit. Sie brauchte einen Moment, um die Frage zu realisieren. „Ähm…was? Ihr seid über zwei Monate zusammen und habt noch nicht…“ Den Blick weiterhin gesenkt, schüttelte Ray den Kopf. „Ich…ich habe einfach Angst. Jedes Mal wenn es auch nur die Richtung ging…ich kann die Bilder einfach nicht verdrängen und bekomme Panik.“ Nach diesen Worten kam ihr ein schlimmer Verdacht. Und sie wünschte sich, dass sie sich irrte, aber so wie Ray aussah, wie schwer es ihm fiel darüber zu reden, bestätigten ihren Verdacht. „Kai und ich wir sind nicht gerade in einer heilen Familie aufgewachsen. Es gab wenig schönes, dafür umso mehr böses. Ich war vierzehn, als ich gesehen habe, wie meine Mutter vergewaltigt wurde. Ich habe Männer danach gehasst. Ich konnte nicht verstehen, wie man jemanden so etwas antun kann und auch nicht, wie sowas als schönste Nebensache der Welt bezeichnet werden konnte. Ich habe jeden von mir gestoßen, sogar Kai. Aber dennoch war er immer da und hat auf mich aufgepasst. Als wir siebzehn, achtzehn waren… keine Ahnung wie dazu kam, aber wir haben uns geküsst. Und je länger wir uns geküsst haben, desto weiter ging es. Ich konnte Kai vertrauen. Ich wusste, wenn ich nicht mehr wollte, würde er aufhören. Aber das brauchte er nicht, denn ich wollte ihn zu sehr. Genauso wie du. Rede mit ihm. Sag ihm wo vor du Angst hast.“ „Das weis er.“, flüsterte er.
……
Nach dem Abendessen, bei dem alle wieder beisammen waren, herrschte eine ziemlich angespannte Stimmung, dessen Ursache, definitiv von Dawns Mutter aus ging. Bis auf Yuriy und Dawn schien aber niemand zu wissen, wie so es war. Doch um den Abend nicht so enden zu lassen, hatte Dawns Vater den Vorschlag gemacht, dass man noch zur Eisbahn gehen könnte. Und da waren sie nun. Sofort hatten Lexa und Sophie ihren Vater an die Hand genommen und zogen ihn in Richtung des Schlittschuhverleihs. „Du solltest mit ihnen gehen. Yuriy wird jede helfende Hand brauchen um sich auf dem Eis halten zu können.“, meinte Dawn, während sie das Handy ihres Ziehsohns umgriff, auf dass er eher traurig gesehen hatte. Ray hatte den Abend über versucht Kai zu erreichen, jedoch ohne Erfolg und das nagte sichtlich an dem Jungen. Besonders da Weihnachten war. Bedrückt nickte Ray und folgte dem Anderen.
„Weihnachten ohne den Liebsten an seiner Seite zu haben ist doch echt mist.“, meinte MingMing. „Das Stimmt. Selbst wenn man länger zusammen ist, ist es ein mieses Gefühl. Aber jetzt am Anfang… ich würde im fünf Minuten Takt versuchen anzurufen.“, erwiederte Dawn und legte sich eine Hand auf ihren Bauch, während sie sich einen Platz an der Bande der Eisbahn suchten. Eine Stunde bevor Kai und Yuriy Feierabend machen wollten und somit in ihren wohlverdienten Urlaub gehen wollten, kam ein neuer Fall rein. Eigentlich sollten Beide bleiben, doch Kai hatte dafür gesorgt, dass Yuriy die Feiertage mit seiner Familie verbringen konnte. Natürlich war Ray dementsprechend enttäuscht. „Hast du, irgendwas von ihm gehört?“, fragte Dawn. Verneinend schüttelte MingMing den Kopf. „Ich habe auch schon ein paar Mal versucht ihn zu erreichen, aber er geht nicht ran. Vielleicht ist der Fall so aufwändig.“ Irgendwie war es seltsam. Jedes Mal wenn sie in Aspen waren, konnten die beiden Frauen sich ganz normal unterhalten und wirkten dabei zum Teil wie Freundinnen, doch in New York waren sie sich nie Grün. Wobei es sich in den letzten zwei Monaten gebessert hatte. Ihr weiteres Gespräch wurde je unterbrochen, als Sophie, die sich an einem der Eisbären, die den Kindern helfen sollte, sich auf den Eis zuhalten, freudig nach ihrer Mama rief. Über beide Wangen grinsend schob sich das Mädchen langsam voran, auf ihre Mutter zu. „Manchmal beneide ich dich um die Kinder.“, flüsterte MingMing und sah von der kleinen Sophie zu Yuriy der sich nur mit der Hilfe seiner ältesten Tochter und Ray auf den Schlittschuhen halten konnte. Es sah sehr amüsant aus, wie Yuriy eher wankend voran kam und das gestützt von seinen Kindern. „Warum ist zwischen dir und Kai nie mehr geworden?“ Schmunzelnd sah MingMing sich auf der Eisbahn um und überraschender weise, hatte sie sich noch nie Gedanken über diese Frage gemacht. „Vermutlich weil wir uns ähnlicher sind, als uns bewusst ist. Außerdem hätte ich nicht diese Ausdauer gehabt, um ihn für mich zu gewinnen. Und auch auf die Gefahr hin, dass du mir nicht glaubst, aber ich bin froh, dass Ray hier ist und Kai endlich mal glücklich ist.“
……
„Ich hasse Schlittschuh laufen.“, meinte Yuriy etwas außer atmen und hielt sich krampfhaft an der Bande fest. Lächelnd nahm Dawn seinen Kopf zwischen ihre Hände, zog ihn etwas zu sich und küsste ihren Mann. Als Ray die Beiden sah, verschwand sein Lächeln und senkte traurig den Kopf und fischte sein Handy aus der Jackentasche. Kein Anruf. Keine SMS. „Immer noch nichts?“, erkundigte sich MingMing, worauf ihn Ray nur mit dem Kopf schüttelte und das Handy zurück in die Jackentasche steckte. „Er wäre viel lieber bei dir, als an diesem Fall zu arbeiten.“,versuchte sie ihn aufzumuntern. „Ich weis. Darum geht es auch nicht. Er kann sich jedenfalls mal melden.“ Als sie die Tränen in Rays Augen schimmern sah, bekam sie Mitleid. In nächster Zeit wird es nichts geben, dass den Jungen aufheitern oder auf andere Gedanken bringen könnte. Und auch Lexa schien bemerkt zu haben, dass ihrem Ziehbruder, alles andere als gut ging. Sie schob sich zu ihm rüber und schlang ihre Arme um seine Mitte. „Ich schimpfe mit Onkel Kai, weil er dich traurig macht. Versprochen.“,meinte das Mädchen, wobei ihre Stimme durch ihren Schal gedämpft wurde. „Das ist eine gute Idee.“, erwiderte MingMing und schob die Mütze des Mädchen etwas zurück, da diese ihr fast die ganze Sicht nahm. „Wo ist Sophie?“, fragte Dawn, als sie ihre kleine Tochter nirgends entdecken konnte. Sofort sahen sich alle nach dem Mädchen um, doch niemand konnte sie entdecken. Panik spiegelte sich in Dawns Gesicht wieder, ebenso wie in Yuriys.
Mit großen funkelten Augen sah Sophie zu, wie die weißen Pferde und die Kutschen sich im Kreis drehten. Sie wollte auch auf einem der Pferde reiten, doch solange sich das Karussell drehte, so wusste sie, konnte sie nicht auf eins der Pferde. Wartend hockte sie sich hin, sah zu wie die anderen Kinder lachend ihre Runden drehten und hörte den weihnachtlichen Musikklängen zu. Es dauerte eine Weile, bis das Karussell endlich seine Runde beendete. Sofort ging Sophie auf eins der Pferde zu, jedoch war es zu groß für sie. Dennoch versuchte sie darauf zu klettern. „Hallo junge Dame, soll ich dir helfen?“, fragte der ältere Mann, der das Karussell betrieb. „Ja bitte.“,sagte sie. „Zuvor brauche noch deine Fahrkarte.“ Den Blick senkend, tippte sie mit den Fingerspitzen aufeinander. „Ich habe keine Fahrkarte.“, murmelte sie, wobei sie sehnsüchtig zu dem weißen Holzpferdchen sah. „Deine Eltern müssten dir zuvor eine kaufen.“, erklärte er ihr. Traurig seufzend ließ sie die Schultern hängen und wollte bereits wieder von dem Karussell runter gehen, als sie plötzlich hoch gehoben und aufs Pferd gesetzt wurde. Kurz darauf sah sie wie dem älteren Mann Geld gegeben wurde und Sophie dafür eine Fahrkarte erhielt. Diese Fahrkarte reichte sie dem Mann mit einem breiten Grinsen und freute sich auf die Fahrt.
……
Tränen der Verzweiflung liefen Dawn bereits über die Wangen. Sie hatten bereits alles abgesucht, doch keiner von ihnen hatte Sophie gefunden. Tröstend hielt Yuriy seine Frau im Arm, konnte sie aber nicht beruhigen. „Wir sollten die Polizei informieren.“, schlug MingMing vor. „Vermutlich ist dass das Beste.“,meinte Yuriy. „Ich hätte besser auf sie aufpassen müssen. Meine Mutter hatte recht.“, weinte Dawn und klammerte sich an ihren Mann. „Unsinn und lass dir so einen Mist nicht einreden. Du kümmerst dich wunderbar, um die Mädchen und mit dem Baby wirst du ebenso wunderbar sein.“ Einen Moment standen sie Schweigend beieinander. Keiner von ihnen wusste so recht, was er tun sollte und sie alle fühlten sich Schuldig, nicht besser auf Sophie aufgepasst zu haben.
„Ray, deine Tasche vibriert.“, sagte Lexa, die sich an Rays Hand fest hielt. Sofort zog er das Handy aus seiner Jackentasche und als er auf das Display sah, begann er zu lächeln. „Ich dachte schon, ich würde heute gar nichts mehr von dir hören.“,sagte Ray, als er das Gespräch annahm und sich etwas abseits von den Anderen hinstellte. „Tut mir leid, ich hatte viel zu tun.“ „Schon okay, allerdingst ruft du gerade zu einem ungünstigen Zeitpunkt an.“ „Was ist passiert?“ „Sophie ist weg gelaufen und wir können sie nicht finden.“, erklärte Ray. „Habt ihr schon überall nach ihr gesucht?“ Irritiert zog Ray die Augenbrauen zusammen. Normalerweise würde Kai sich auch sorgen machen und fragen wie es dazu kommen konnte, doch nichts der Gleichen. Er hörte sich nur schrecklich Müde an. „Natürlich! Dawn ist mit den Nerven am Ende und Yuriy geht es nicht anders. Es muss schrecklich sein, nicht zu wissen wo das eigene Kind ist.“ Bei diesen Worten, sah er zu seinen Zieheltern. „Sag ihnen, sie sollen sich keine Sorgen machen. Ach und Ray…“ Den Rest des Satzes bekam Ray nicht mehr mit, da Lexa an seinem Arm zog und so seine Aufmerksamkeit erlangte. Sie zog ihn zu ihrer Mutter, griff nach ihrer Hand und zog auch an ihr. „Kommt mit.“, sagte sie nur und ab ihnen mit der Hand zu verstehen, dass sie alle ihr folgen sollten. So schnell sie konnte zog sie Ray durch die Menge, achtete aber immer darauf, dass ihre Eltern dicht bei ihnen waren. „Sophie!“, rief Dawn und lief auf ihre kleine Tochter zu, die freudestrahlend auf dem Tresen eines Glühweinstandes saß. Ihr ganzer Mund war mit blauen Streuseln und weißer Schokolade verschmiert. Erleichtert kümmerten Dawn und Yuriy sich um ihre Jüngste. Sie belehrten sie, dass sie nicht einfach weg laufen kann, doch gleichzeitig sagten sie auch, was für sorgen sie sich gemacht hatten.
„Ich sagte doch, sie sollen sich keine Sorgen machen.“ Erschrocken drehte Ray sich um und kaum hatte er die Person erkannt, fiel er ihr um den Hals. „Wann bist du angekommen?“, fragte Ray. „Vor einer Stunde ungefähr.“, erwiderte Kai. „Warum hast du dann eben nichts gesagt?“ „Sonst wäre es ja keine Überraschung.“ Mit diesen Worten küsste Kai seinen Freund, der nur zu gerne diese Zärtlichkeit erwiderte. Ray murrte, als der Kuss beendet wurde. Nach fünf Tagen ohne Zärtlichkeit, reichte ihm ein Kuss nicht. Auch wenn es ein intensiver Kuss war. Aber fürs erste musste er sich wohl damit zufrieden geben, zu mindestens dachte er das. Doch dann wurde er liebevoll in die Arme geschlossen und ein weiterer Kuss wurde ihm auf die Ohrmuschel gehaucht. „Ich hab dich vermisst.“, flüsterte Kai, worauf hin Ray sich noch enger an ihn drückte. „Und noch eins. Ich liebe dich.“ Rays Herz machte einen Aussetzer und sein Blick weitete sich ungläubig. „Ich liebe dich auch.“, erwiderte Ray lächelnd. In diesem Moment war für ihn das Weihnachtsfest perfekt.
Kapitel 18
Sie wirkten unnatürlich zurückhaltend, als sie zurück ins Hotel kamen. Sie sahen sich nicht an und sie berührten sich auch nicht. Für einen Außenstehenden musste es aussehen, als seien sie zwei vollkommen Fremde, die nur Zufällig in dieselbe Richtung gingen. Während Ray direkt zu den Aufzügen ging, holte Kai die Schlüsselkarte für ihr Zimmer von der Rezeption, ehe er seinem Freund folgte. Die Tür aufhaltend, lehnte Ray wartend an der Wand des Aufzuges und kaute ungeduldig auf seiner Unterlippe herum. Eigentlich kannte er Kai nur in Shirts, Pullover und Lederjacke, doch heute ging es eher in die elegante Richtung. Weißes Hemd, dessen obere Knöpfe offen waren, eine Anzugsweste, aus zwei verschieden Materialen, wodurch sie elegant und sportlich zugleich wirkte und der Mantel. Es wirkte fast so, als hätte er sich extra schick gemacht und selbst wenn nicht, es gefiel Ray. Er hatte einen sehr attraktiven Freund und während alle anderen nur gucken durften, durfte er anfassen. „Weist du eigentlich, dass du mich damit verrückt machst?“,raunte Kai ihm gegen die Lippen und strich sanft mit dem Daumen darüber und zog so sanft die Lippe zwischen den Zähnen hervor. Augenblick beschleunigte sich Ray Herzschlag. Er hatte gar nicht mitbekommen, wie Kai zu ihm in den Aufzug gestiegen ist. Blind tastete er nach den Knöpfen des Aufzugs und hoffte inständig den Richtigen gedrückt zu haben. Kai stützte sich mit einer Hand neben Rays Kopf an der Wand ab und umgriff mit der anderen Hand sanft sein Kinn. Er hatte keine Ahnung was es auf einmal war, doch nach dem er Ray gesagt hatte, dass er ihn liebt, waren sie schlimmer als Teenager. Sie konnten die Finger kaum voneinander lassen und als MingMing meinte, sie sollen sich ein Zimmer nehmen, gab es plötzlich dieses Funkeln Rays Augen. Das Letzte, was man von ihnen sah, bevor sich die Türen schlossen, war wie sie sich küssten.
Neckisch knabberte er und zog an Rays Lippe und verwehrte ihm so, einen Richtigen Kuss, nach dem Ray verlangte. Immer wieder versuchte der Junge seine Lippen einzufangen, doch jedes Mal wenn es ihm gelingen konnte, hob Kai den Kopf und bewegte sich so, außerhalb von Rays Reichweite. Um die Distanz zu über winden stellte Ray sich auf die Zehnspitzen und stemmte sich mit den Armen an den Haltegriffen, die den Innenraum des Aufzugs säumte, hoch. Aber auch das genügte nicht. Schelmisch grinsend ließ Ray seine Hände über Kais Brust wandern, öffnete die drei Knöpfe der Weste und ließ seine Hände noch ein Stückchen tiefer wandern. Mit seinem Mund kostete er die Haut an Kais Hals. Knabberte und saugte an ihr. Zufrieden stellte er fest, dass Kai sich wieder zu ihm runter gebeugt hatte und dass sich seine Atmung beschleunigte. Frech machten sich seine Finger am Gürtel zu schaffen, zogen das weiße Hemd aus der Hose und glitten unter den lästigen Stoff. Wanderten seine Finger erst aufwärts, änderten sie sehr schnell ihre Richtung. „Überlege dir jetzt sehr gut, was du tust, denn ich kann dir nicht versprechen, dass ich mich zurück halten kann.“, raunte Kai, wobei sein Adamsapfel an Rays Lippen vibrierte. Ray müsste es sich nicht überlegen, er war sich sicher und selbst wenn er doch noch einen Rückzieher machen würde, würde Kai ihn gewähren lassen. Ohne Scheu ließ er seine Finger in Kais Hose gleiten, doch noch bevor auch nur seine Fingerspitzen Kais Intimbereich richtig berührten, verlor er plötzlich den Halt unter seinen Füßen. Als würde er nichts wiegen wurde er hoch gehoben und gegen die Wand gepresst. Begierig wurde er küsst. Eine Hand lag an seiner Wange, die andere hielt ihn am Oberschenkel und bot ihm zusätzlichen halt. Besitzergreifen ließ er seine Finger durchs Haar fahren und schlang seine Beine um Kais Mitte. Genau das hier wollte Ray und zwar jetzt und sofort.
Viel zu sehr miteinander beschäftigt, nahmen sie nicht einmal wahr, wie der Aufzug zum stehen kam und die Türen sich öffneten. Erst ein kräftiges Räuspern brachte die Beiden dazu von einander ablassen. Wenn auch nur kurz. Kai warf einen flüchtigen Blick auf die Nummernanzeige, ehe er das Wort, an das ältere Pärchen richtete. „Warten Sie doch bitte, auf den nächsten Aufzug.“, bat er und drückte auf den Knopf, um die Türen zu schließen. Während der Mann ein wenig pikiert aussah, lächelte seine Frau nur und nickte kaum merkbar. Wieder allein ließ Kai Ray wieder runter, richtete seine Kleidung und lehnte sich gegen die andere Wand des Aufzuges. Das Ray dieser plötzliche Entzug missfiel, konnte man deutlich sehen, doch man konnte auch den Schalk in seinen Augen sehen und dieses vielversprechende Funkeln in ihnen. „Teilen wir uns eigentlich ein Zimmer?“, fragte Ray. „Wenn du nicht willst, ich kann mir auch später auch ein eigenes Zimmer nehmen.“ Hastig schüttelte Ray den Kopf und hielt sich an der Haltestange fest, da er sonst Angst hatte, dass seine ohne hin schon weiche Knie nachgeben würden. Und um ihr Verlangen nach einander aufrecht zu halten, biss er sich, wohl wissend dass es seinen Freund nicht kalt lassen wird, auf die Unterlippe. Die Rubine ruhten einzig und allein auf ihm und er spürte förmlich, wie er von Kais Blicken ausgezogen wurde. Als der Aufzug dieses Mal hielt und die Türen aufglitten, wollten zwei Frauen, die sichtlich gut gelaunt waren zu ihnen steigen. Sofort entdeckten sie Kai und dieser schien genau ihr Typ zu sein. Doch noch bevor sie das Wort an ihn richten konnten, stieß er sich von der Wand ab, hielt seinem Freund auffordernd die Hand hin und verließ den Aufzug. Im Flur vor dem Aufzug, blieb Ray stehen, hielt Kai am Kragen seines Mantels fest, stellte sich auf die Zehnspitzen und sah kurz zu den Frauen, ehe er seinen Freund küsste. „Das hat dir gefallen, oder?“, meinte Kai grinsend, nachdem sie den Kuss beendet hatten und die zwei Frauen mit samt dem Aufzug verschwunden waren. „Du gehörst mir, das hast du selbst gesagt.“, erwiderte Ray ebenfalls grinsend.
Ein erschrockener Laut verließ Rays Kehle, als er erneut den Boden unter den Füßen verlor und mit einen mal sah er die Welt verkehrt herum. Kai hatten ihn sich über die Schulter geworfen und wollte gerade in Richtung ihres Zimmers gehen, als Ray beim rumdrehen mit seinen Beinen versehentlich die Vase, von dem kleinen Tisch fegte. Zu mindestens um ein Haar. Im letzten Moment konnte Kai sie fangen und auch Ray hatte versucht die Hand danach auszustrecken. Beide konnten nicht anderes, als anfangen zu Lachen.
Erst vor ihrem Zimmer ließ Kai seinen Freund wieder runter, doch statt die Tür aufzuschließen, drängt er Ray mit dem Rücken dagegen und küsste sich dessen Hals entlang. Allzu lacht konnte er vergessen, dass sie sich hier noch in der Öffentlichkeit befanden und er nicht einfach so, an seinem Freund knabbern sollte. Bestes Beispiel war ihr unfreiwilliger zwischen Stopp. Wiederwillig löste er sich. „Ray…“ Es war nur ein Flüstern, doch so tief und volltönend, dass es in seiner Brust vibrierte. Zuerst sah er ihm einfach in die Augen, die vor Lust verschleiert waren, dann sah er auf diese sinnlichen Lippen, die leicht geöffnet waren und feucht glänzten. Schließlich sah er gar nichts mehr, als er seine Lider langsam schloss und das andere Lippenpaar suchte. Doch statt seinen Freund zu küssen, wurde ihm etwas anderes gegen die Lippen gedrückt. Irritiert öffnete er die Augen und zog den Kopf etwas zurück, damit er erkennen konnte, was Ray ihm gerade hinhielt. Es war die Schlüsselkarte, die eigentlich in seiner Hosentasche sein sollte. „Wann hast du…“ Schmunzelnd schob Ray seine Hände an Kais Hüfte entlang zu dessen Gesäß und ließ seine Hände in die Hosentasche gleiten, so wie er es schon einmal im Aufzug gemacht hatte. „Dann solltest du die Tür jetzt öffnen.“, meinte Kai, worauf hin Ray die Tür öffnete. Und kaum war diese einen Spaltbreit aufgegangen, zog Ray Kai mit einem hungrigen Kuss hinein.
Die Tür fiel ins Schloss, die Schlüsselkarte schlitterte achtlos über den Boden und Ray und Kai stolperten durch den kleinen, dunklen Flur. Als erstes fand Kais Mantel den Weg zu Boden, gefolgt von Rays Jacke. Doch genau über diese stolperte Ray und riss sie Beide zu Boden. Nach der ersten Schrecksekunde, mussten sie anfangen zu lachen. Aus irgendeinem Grund schien es ihnen nie möglich zu sein, ohne Pannen zur Sache zu kommen. „Alles gut?“, fragte Kai, aus dessen Stimme Ray deutlich das Grinsen heraus hören konnte und spürte wie Kais zusätzliches Gewicht verschwand. „Ja. Ich habe mich nur erschrocken.“, erwiderte Ray und wollte noch fragen, ob Kai sich etwas getan hatte, doch dazu kam er nicht. Erschrocken atmete er ein, als Kais Hände ihren Weg unter seinen Pullover fanden. Langsam wurde der Pullover hoch geschoben, Zentimeter für Zentimeter wurde das störende Kleidungsstück hoch geschoben und die Haut, die frei gelegt wurde, wurde sofort mit den Zähnen, der Zunge und den Lippen bearbeitet. Überall wo er berührt wurde, prickelte seine Haut und brachte sein Blut zum kochen. Seine Atmung war nur noch ein Keuchen und seine Fähigkeit zu denken, verabschiedete sich vollkommen, als Kai sich an seiner Brustwarze zu schaffen machte und eine Hand langsam über den Bauch hinab wanderte. Sich unter den Berührungen winden, biss er sich aufs Mittelgelenk des Zeigefingers, um ein lautes Stöhnen zu unterdrücken. Er war mehr als nur erregt. Die neckischen Finger, die sich unter seinen Hosenbund stahlen, raubten ihm den letzten Funken Verstand. Alles in ihm schrie bereits nach Erlösung, dabei war genau das, was er jetzt nicht wollte. „Hör…hör auf… Kai…“ Laut stöhnend bäumte er sich auf und für einen Moment, nahm Ray nichts anderes mehr wahr, als sich selbst und dieses unbeschreibliche Gefühl. Nur langsam lichtete sich der Schleier und er nahm seine Außenwelt wieder war. Schwer atmend entspannte sich sein Körper wieder und er spürte Kais Hand, die ruhig auf seinem Bauch lag und eine angenehme Wärme von sich gab. Es war ihm peinlich, dass er bereits jetzt, während ihres Vorspiels zum Orgasmus gekommen war. „Tut mir leid.“, flüsterte Ray und sah zur Seite. Kai lag neben ihm, den Kopf auf der Hand abgestützt, wurde er von ihm gemustert. In der Dunkelheit konnte er leider nur das Schmunzeln, das Kais Lippen zierte, erahnen. Träge streckte er die Hand aus und fuhr mit den Fingern die Konturen der Lippen nach. Er hatte recht. „Hast du schon genug von mir?“, fragte Ray vorsichtig nach und biss sich unsicher auf die Unterlippe. Es war schön, auch wenn ein viel zu frühes Ende nahm und er wollte noch viel mehr. „Nie.“
……
Den Kuss lösend, sah Ray in die, von Begierde gefüllten Rubine. Von dem kleinen Flur aus, waren sie nur bis zu dem Sessel des Wohnbereiches gekommen, in den er Kai selbstbewusst geschubst und sich anschließend auf seinen Schoß gesetzt hatte. Irgendwie war er von Kais Selbstbeherrschung beeindruckt, dabei verrieten ihm Kais Atmung, dessen Blick und das Problem in der südlichen Region, was er wirklich wollte. Fahrig fuhr Ray mit den Händen über das Hemd und öffnete Knopf für Knopf. Am letzten Knopf angekommen, fuhr er mit den Fingern am Rand er Hose zur Taille, an denen er mit den Fingernägeln nach oben fuhr. An den Rippen angekommen, strich er über die Brust zum Sternum und weiter rauf zu den Schultern. Dabei sah er Kai die ganze Zeit an, speicherte jede einzelne Regung, die er mit seinem Handeln hervorrief. Zusätzlich biss er sich auf die Unterlippe, wohlwissend dass er seinen Freund damit verrückt machte. „R-ay.“, raunte Kai und gab damit zu verstehen, dass er mehr wollte. Ohne ein Wort zu verlieren, stand Ray auf und ging nach neben an ins Schlafzimmer.
Verlangend sah er Ray nach. Dieser Junge machte ihn echt fertig. Noch nie hatte er sich so sehr nach jemandem verzehrt. Schwer atmend schloss er die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Als er hörte, dass Ray zu ihm zurück kam, öffnete er die Augen und sah noch wie er etwas auf den Beistelltisch neben dem Sessel legte. Die Rubine auf Ray heftend, beobachtete er jede Bewegung seines Freundes, bis er wieder vor ihm stand. „Sag es bitte noch mal, dass du mich liebst, meine ich.“, bat Ray. Es war nicht einmal eine Minute, die der Junge im Schlafzimmer war, aber scheinbar reichte es, damit Ray von seiner Vergangenheit eingeholt wird. „Ich hatte es nicht gesagt, damit das hier passiert. Darum werde ich es jetzt auch nicht wiederholen.“ Ray senkte bei diesen Worten den Blick und verschränkte die Arme vor der Brust. Er wusste nicht wieso, doch auf einmal hatte er wieder Angst, wäre er doch nur nicht ins Schlafzimmer gegangen. Doch zwischen all diesen Gedanken, drängte sich eine andere Erinnerung. „Damals am Pool…“, begann er und ging auf Kai zu. Er stützte sich auf dessen Knien ab und kniete sich zwischen dessen Beine. Seine Hände fuhren die Jeans bekleideten Beine rauf und küsste Kais Bauch. „Ray, bitte…“ Erschrocken sah er auf und spürte, Kais Hand auf seiner, die wiederrum auf Kais Narbe lag. Wie kann man nur etwas so sehr an sich hassen, dass es einem sogar unangenehm ist, dort berührt zu werden. „…wollte ich mit dir schlafen.“, beendete Ray seinen Satz und verschränkte ihre Finger miteinander, ehe er die verhasste Narbe mit seinen Lippen liebkoste. Sich in tiefere Regionen küssend, löste er ihre Hände und sah zu Kai rauf, ehe er begann den Gürtel, den Knopf und den Reisverschluss zu öffnen. An der Jeans ziehend, gab er Kai zu verstehen, dass er die Hüfte heben soll, was er auch tat und zog ihm das lästige Kleidungsstück von den Beinen.
Keuchend krallte er die Finger in die Armlehne des Sessels, als Ray seine Erregung mit dem Mund aufnahm. In einem quälend langsamen Rhythmus begann Ray den Kopf auf und ab zu bewegen. Als wäre Rays Geschick nicht genug, war der Anblick der sich ihm bot, besonders da Ray immer wieder zu ihm aufsah, das erregendste, was er je bei einem Blowjob gesehen hatte. Wie von selbst legte sich seine Hand an Rays Hinterkopf, dennoch überließ er dem Jungen die Kontrolle. Sein Herz schlug wie verrückt gegen seine Brust, sein Puls raste und seine Atmung war nur noch ein Keuchen und Stöhnen.
Murrend gab er seinen Unmut zum ausdruckt, als Ray in seinem tun inne hielt und ihn frech von unten herauf angrinste. Wie konnte man nur immer so unschuldig tun und im nächsten Moment so verflucht sexy und verführerisch sein. Langsam zog Kai ihn zu sich hoch und verwickelte ihn in einen, für die Situation, ziemlich unschuldigen Kuss. Abrupt löste Ray den Kuss, richtete sich auf und zog sich rasch Pullover und Hose aus, ehe er sich wieder auf Kais Schoß setzte und nach dem, was er vorhin auf den Beistelltisch gelegt hatte, angelte. Schmunzelnd sah Kai dabei zu, wie Ray ungeschickt die Folie aufriss und mit nervös zitternden Händen, das Kondom über seine Erregung rollte. „Hör auf zu lachen.“, beschwerte sich Ray und als wollte er beweisen, dass sein Freund alles andere als in der Position ist, sich über ihn lustig zu machen, griff er ein wenig fester zu. Keuchend richte Kai sich etwas auf, was nun Ray mit einem Schmunzeln bedachte. Erneut so nah bei einander, streckte Kai sich ein wenig, um Rays Hals zu liebkosen und fuhr mit seinen Händen zu dessen Kehrseite, um sie zu massieren und um Ray behutsam vorzubereiten. Und dass er dabei auf dem Richtigen Weg war, war nicht zu übersehen und zu überhören. Es war nicht so, als hätte er auf Rays Einverständnis gewartet, bevor weiter ging, dennoch war er froh, als er dieses bekam, wenn auch wortlos. Vorsicht und darauf bedacht ihm nicht weh zu tun, drang er in ihn ein. Die Hitze und die Enge, gepaart mit Rays Nähe und dem unvergleichbaren Geruch, von Vanille und Honig, der an seinem Freund haftete, raubten ihm fast den Verstand. Es kostete ihn einiges an Selbstbeherrschung still zu halten und Ray die Zeit zu geben, die er brauchte, um sich an ihn zu gewöhnen.
Die Küsse an seinem Hals und seiner Schulter und die erregenden Schauer, die ihm über den Rücken liefen, wenn Kais Finger darüber strichen, lenkten ihn von den Schmerzen ab, die man leider nicht vollkommen vermeiden konnte. Kai liebte ihn und er liebte Kai, also war das hier mehr als nur Sex. Ein Lächeln schlich sich bei diesem Gedanken auf seine Lippen. Ohne darüber nach zu denken, begann er sich zu bewegen. Begleitet vom Küssen und streicheln, wurden ihre Bewegungen schneller und etwas härter. Es dauerte nicht lange, bis ihre Körper von einem feinen Schweißfilm bedeckt waren und der Raum von Keuchen und Stöhnen erfüllt war. Durch den Nebel der Lust hörte Ray, wie Kai unterdrückte Keuchte und heftig gegen seine Brust atmete und spürte kurz drauf wie er kam. So heftig, dass das Knistern seiner Nerven dazu reichte, das Ray jeden Moment selbst seinen Höhepunkt erreichte. Sein Herz wollte ihm aus der Brust springen und sein Körper begann von frei gelassenen Emotionen zu vibrieren. Sich an dem Geräusch von Kais Orgasmus labend, bewegte er sich weiter.
Einen Höhepunkt, der noch so lange nachhallte und das Gefühl erzeugte, innerlich zu verglühen, hatte Kai noch nie erlebt. Er schien kaum zu Atem zu kommen und wenn Ray ihm nicht so nahe wäre, könnte er es nicht glauben. Langsam und genüsslich ging der Funken weiter zwischen ihnen hin und her, so dass er auch noch in der letzten Zelle ihrer Körper nachhallen konnte. Kai spürte das Vibrieren von Rays Körper, das Zittern seiner Oberschenkel und wie die Finger fahrig über seine Schultern streiften. Ray würde ihm jeden Moment folgen.
Es war zu schön, um aufzuhören. Dieses Kribbeln, das ihn jedes Mal befiel, wenn er Kai nahe war, erhöhte sich so schnell, dass es Ray regelrecht überrannte. Seine Muskeln spannten sich an und sein Rucken rundete sich. Sich auf die Lippen beißend, vergrub er sein Gesicht an Kais Hals. Heiße und kalte Schauer liefen ihm über den Rücken sammelten sich in seiner unteren Mitte. Es war das erste Mal, dass er wirklich freiwillig mit einem Mann schlief und eigentlich hatte er nie erwartet dass es so gut sein würde, aber genau das war es. Das hier war das, was er sich immer gewünscht hatte. Es war perfekt. Er krallte sich an Kais Seite fest, während sich sein gesamter Körper bis in die letzte Faser spannte und sich endlich Stöhnend der Erlösung hingab.
Kai war noch ganz benommen von seinem Höhepunkt und war gerade dabei, sich selbst wieder wahrzunehmen, als Ray ihm noch einen Nachschlag verpasste, als Ray selbst kam. Die Art, wie Ray sich bei ihm fest krallte und in seine Schulter biss, reichte aus um ihn erneut Erzittern zu lassen und ihm erneut einen Nachschlag von überwältigen Gefühlen kosten ließ.
Völlig erledigt und ungewohnt berauscht, ließ Kai sich zurück sinken und zog Ray mit sich. Die Arme hatte er um den noch bebenden Körper geschlungen und hielt ihn schützend an sich. Zärtlich streichelten seine Finger die Wirbelsäule rauf und runter, während die andere Hand an Rays Nacken ruhte und dort mit dem nachtschwarzen Haaren spielte. Lächelnd lauschte er dem schnurrenden Geräusch, das sein Freund von sich gab und das Gesicht an seinem Hals vergrub hielt.
Es fiel Ray schwer zu realisieren, was gerade passiert ist. Zu Glauben das er hier wirklich, eng an Kai gekuschelt lag und das nachdem sie Sex hatten. Unglaublichen Sex. Am liebsten würde er ewig so liegen bleiben, doch dafür war es dann doch zu unbequem auf dem Sessel. Auf der anderen Seite fehlte ihm jede Kraft, um sich zu bewegen. Außerdem hatte er Angst, dass er aus diesem Traum erwachen würde. Langsam wegdämmernd, spürte er, wie er vorsichtig an der Hüfte angehoben wurde und Kai sich aus ihm zurück zog. Den anderen Bewegungen schenkte er keine Aufmerksam mehr. „Das Bett ist um einiges bequemer, um zu schlafen.“ Zustimmend nickte Ray, dachte aber noch immer nicht daran, sich zu bewegen.
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Von schwangeren Frau und Platzproblemen
Kapitel 19
Von schwangeren Frau und Platzproblemen
„Also müssen wir Umziehen?“, vergewisserte sich Dawn und lehnte sich zurück. Die Hände hatte sie dabei schützend auf ihren Bauch gelegt, was sie, seit sie wieder zu Hause waren, immer tat. „Sieht so aus, aber wir können uns das nicht leisten.“, erwiderte Yuriy und schlug den Ordner vor sich zu. Nachdem endlich Ruhe ins Haus gekehrt war, hatten sie sich mit ihrer finanziellen Situation auseinander gesetzt und diese sah nicht berauschend aus. Miete, Auto, Versicherung, die Schulgebühr für Lexa, Einkäufe und alles was zwei Kinder so brauchten, schlug ganz schön zu buche. Sonderausgaben wie Ausflüge oder sonstigen Extras fiel ohne hin schon weg, also gab es nichts, wo sie noch sparen konnten. „Geht’s dir gut?“, fragte Yuriy, als Dawn kurz das Gesicht verzog. „Ja alles gut. Das Baby tritt nur bereits den ganzen Tag und glaubt wohl, dass meine Nieren sich prima als Fußbälle eigenen.“, erwiederte sie, wobei sie sich beruhigend über den Bauch streichelte. Vorsichtig legte auch Yuriy seine Hand auf ihren Bauch. Er spürte wie sich das Baby bewegte. „Ich liebe dich.“, sagte Yuriy, ehe er seine Frau küsste. Zwischen den Küssen, erwiderte Dawn sein Liebesgeständnis.
Ein leises Knarren, das von der Treppe herkam, ließ sie auf sehen. Eigentlich hatten sie mit eins ihrer Mädchen gerechnet oder mit Ray, doch zu ihrer Überraschung kam jemand ganz anderes die Treppe runter. „Du bist noch hier?“, meinte Dawn. Sie hatte Kai zum Abendessen eingeladen und nach dem die Mädchen darum gebettelt hatten, dass ihr Onkel ihnen die Gutenachtgeschichte weiter vorließt, hatte Ray ihn für sich beansprucht. Und gegen Zehn, war Dawn sich sicher gewesen, dass Kai gegangen war, aber wie es scheint hat sie sich geirrt. „Es ist nach zwölf und Ray hat morgen Schule.“, fuhr Dawn in mütterlicher Manier fort, als Kai auf die Beiden zu kam. „Die Predigt kannst du dir sparen. Er schläft schon längst.“ Da Ray noch Minderjährig war und zur Schule ging, galt die Abmachung, das Ray unter der Woche nicht bei Kai übernachten durfte und dass er spätestens um halb elf zu Hause sein musste. Andersrum galt, dass Kai nur bis Zehn bleiben durfte. Am Wochenende gab es dafür keine Regelung. Schmunzelnd sah Dawn ihren besten Freund an. „Ich wusste gar nicht, dass du der Kuscheltyp bist.“,neckte sie ihn. „Ich verbringe einfach gerne Zeit mit meinem Freund. Und um das Thema zu wechseln, worüber zerbrecht ihr euch dies Mal die Köpfe?“, fragte er und deutete auf die Ordner, die auf dem Tisch lagen, ehe er sich zu ihnen an den selben setzte. „Über unser Platzproblem und somit auch über unsere Finanzen.“, erwiderte Yuriy, während er aus dem Kühlschrank zwei Bier holte und eins davon Kai reichte. „Okay, dann überleget ihr beiden weiter und ich werde ins Bett gehen. Dein Neffe meint nämlich er müsste Fußballprofi werden.“ Mit diesen Worten küsste sie Kai auf die Wange und ihren Mann selbstverständlich auf den Mund, ehe sie nach Oben ins Bett ging. „Sie zerbricht sich über zu vieles den Kopf und jetzt da das Baby fast Tag und Nacht aktiv ist, kommt sie kaum zur Ruhe.“ „Bei Sofie hat es genauso angefangen.“, bemerkte Kai und schnitt damit genau das Thema an, dass Yuriy versuchte zu meiden. „Genau das macht mir sorgen. Dawn würde nie zu geben, dass es ihr alles zu viel wird. Ich habe sie schon mal fast verloren, das kann ich nicht noch mal.“ „Dann sollten wir ihr mehr helfen.“, erwidere Kai. „Und wie wollt ihr beiden das machen?“ Verwundert sahen sie zum Durchgang, wo Ray sichtlich verschlafen stand. „Ihr arbeitet beide Vollzeit und macht fast täglich Überstunden. Und ihr glaubt gar nicht, wie viel Dawn für die Schule der Mädchen machte und sie lässt sich kaum helfen. Lexa und Sophie bringe ich bereits zur Schule, Sport und Freunden und hole sie natürlich auch wieder ab.“,meinte Ray und setzte sich zu ihnen. „Davon habe ich gar nichts mitbekommen.“, erwiderte Yuriy, worauf hin Ray nur mit den Schultern zuckte. „Ihr habt, seit wir aus Aspen zurück sind, viel gearbeitet und Dawn wollte euch nicht noch mehr Arbeit aufhalsen.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stand Yuriy auf und ging rasch nach Oben.
Plötzlich wurde Ray samt Stuhl zur Seite gezogen, ehe sein Kinn sanft umgriffen wurde und so sein Blick auf seinen Freund gerichtet wurde. „Sag mir so was in Zukunft. Es ist nicht deine Aufgabe…“ „Was ist dann meine Aufgabe? Seit ich hier bin ist nichts passiert, obwohl ich darauf schwören könnte, dass mein Dad alles tun würde, um mich zu finden. Ich falle euch nur unnötig zur Last und das wollte ich nicht.“ „Ray…“ Rasch legte Ray ihm die Hand auf den Mund, um ihn erneut zum Schweigen zu bringen. „Die Mädchen nennen mich vor ihren Freunden, ihren großen Bruder und Dawn und Yuriy ihren Sohn. Ich liebe es. Ich habe mich noch nie so wohl geführt. Perfekt wurde es, als du mir gesagt hast, dass du mich liebst.“ Erschrocken zuckte Ray zusammen, als Kai sein Handgelenk umgriff und sich langsam die Innenseite des Armes entlang küsste. Ein erregender Schauer lief ihm über den Rücken. „Das ist gemein.“, wisperte Ray. „Ich weis. Und darum gehst du jetzt wieder ins Bett und ich fahre nach Hause.“, sagte Kai und ließ, wenn auch wiederwillig, von seinem Freund ab. „Kannst du nicht über Nacht bleiben?“, bat Ray, ehe er auf Kais Schoß rutschte, die Arme um ihn schlang und sich leicht auf die Unterlippe biss. Sanft umgriff Kai Rays Kinn und fuhr mit dem Daumen an der Unterlippe entlang. „Ich hätte es dir nie erzählen sollen.“, wisperte Kai gegen die Lippen seines Freundes.
……
Mit einem kleinen Eimer Eiscreme und einer DVD mit Schwangerschaftsgymnastik im Player, saß Dawn im Wohnzimmer auf der Couch. Yuriy war mit den Mädchen zum Spielplatz gegangen und Ray war gemeinsam mit Salima oben und lernte für die Klausur am nächsten Tag. Und sowie bereits die ganze Woche, hatte Dawn auch heute nichts zu tun. Yuriy hatte sich Urlaub genommen und übernahm sämtliche Hausarbeiten und verbrachte viel Zeit mit den Kindern. Es war schön und seltsam zu gleich. Auf Grund, dass er sich plötzlich Urlaub genommen hatte, wusste sie, dass er sich um sie und um das ungeborene Baby sorgte. „Wenn Yuriy und die Mädchen das machen, dann zerreißt du sie förmlich in der Luft.“ Mit dem Löffel im Mund sah Dawn zur Tür, in dessen Rahmen Kai lehnte. „Das ist was anderes.“,erwiderte sie, mit dem Mund voller Eiscreme und steckte den Löffel erneut in die kalte Masse. „Ray ist mit Salima oben und lernt.“ „Ich wollte nicht zu Ray, sondern zu dir.“, erwiderte er, als er zu ihr ins Wohnzimmer ging und sich auf die Couch setzte. Überrascht sah sie ihn an. „Ich habe da vielleicht eine Lösung, für euer Platzproblem.“ Mit diesen Worten reichte er ihr eine Mappe und sie ihm das Eis. Während Dawn sich die Mappe ansah, aß Kai selbst vom Eis. Den Mund verziehend sah er aufs Etikett. „Spätestens jetzt wüsste man, dass du Schwanger bist.“, meinte er und stellte die Eiscreme auf den Tisch. „Was soll das heißen?“ „Sowohl bei Lexa, als auch bei Sophie, hast du Strawberry Cheesecake Tonnenweise gegessen und wehe es war nichts da.“ Gerade als sie dem Wiedersprechen wollte, kamen Sophie und Lexa ins Wohnzimmer gestürmt. Während Lexa sich neben Kai aufs Sofa warf und sich sofort an ihn kuschelte, kam Sophie eher etwas langsam zu ihnen. Ihren Blick hatte sie auf etwas in ihrer Hand gerichtet. „Guck mal, Mami.“,meinte das kleine Mädchen und strecke ihre Hände ihrer Mutter entgegen. Mit einem spitzen, angeekelten Schrei, rutschte Dawn auf Kais Schoß und klammerte sich förmlich an ihn. Sophie hingegen sah ihre Mutter nur fragend an und dann auf die grüne, haarige Raupe in ihren Händen. Dawn konnte so ziemlich mit allem umgehen, doch wenn es um Krabbeltiere ging, dann fand man sie sofort auf den Armen des nächst stehenden. „Hab ich was verpasst?“, fragte Yuriy, als er ebenfalls ins Wohnzimmer kam. „Frag mal deine Tochter, die sich wieder Haustiere zu legt.“ Bei diesen Worten zeigte Dawn auf die Raupe in Sophies Händen, worauf hin Yuriy anfing zu Lachen und auch Kai konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Doch dafür rammte Dawn ihm den Ellenbogen in die Rippen und sah ihn, genauso wie ihren Mann, strafend an.
……
„Morgen ist die Klausur und ich verstehe nichts davon.“, meinte Ray frustriert. „Ich habe keine Ahnung wie ich es dir noch erklären soll.“, sagte Salima, die mit ihrem Latein am Ende war. Egal wie sie es versuchte, sie konnte es Ray nicht so erklären, dass er es verstand. Was aber mit daran lag, dass sie keine Geduld dazu hatte. Noch bevor sie einen weiteren Versuch starten konnten, kam Lexa herein und sagte ihnen, dass das Abendessen fertig sei. Ohne zu zögern, folgten sie Lexa nach unten in die Küche, wo Yuriy, zusammen mit Sophie gerade den Tisch eindeckte. „Können wir dir noch was helfen?“, fragte Ray. „Du könntest versuchen Dawn zu beruhigen.“,erwiderte Yuriy und deutete auf die Couch, auf der Dawn saß. Ray fragte gar nicht erst nach und ging rüber zu Dawn. „Das Essen ist fertig.“,meinte Ray, als er sich auf der Rückenlehne des Sofas abstützte. „Was hältst du hier von?“, fragte sie und reichte ihm ein Stapel Fotos. Die Fotos zeigten ein Stadthaus, bei dem Ray sich sicher war, es schon einmal gesehen zu haben. Die weiteren Fotos zeigten Küche, Wohnzimmer, zwei Badezimmer und fünf weitere Zimmer, die am individuell einrichten konnten, sowie einen Garten. Die Bilder waren aus verschiedenen Blickwinkeln. „Das sieht fantastisch aus.“ „Stimmt. Es wäre perfekt.“ „Aber?“ „Es gehört Kai.“ „Das ist das Haus seiner Großmutter.“ „Seit ihrem Tod steht es leer und laut Kai, ist es für ihn zu groß, daher will er es verkaufen.“ „Und was ist schlecht daran?“ „Der Preis ist weit unter dem Marktwert. Und der Grund dafür ist, dass Kai unsere Finanzelle Situation kennt.“, erklärte sie und so langsam verstand Ray, warum Dawn so sauer über das Angebot war. „Ich hab sie nur einmal getroffen und mit erlebt, wie fertig Kai war, als sie gestorben ist. Und ich glaube, dass ist der Grund, warum er es so billig verkaufen will.“ Unverständlich sah Dawn ihren Ziehsohn an. „Er liebt das Haus und vermutlich würde er selbst da einziehen, wenn er an eurer Stelle wäre, aber da er es nun einmal nicht ist, will er dass die Menschen dort einziehen, die er liebt und die das Haus lieben werden.“ Mit diesen Worten schaffte Ray es, das Dawn einen anderen Blick auf die Sache warf. „Und wo wir gerade bei Thema sind, darf ich…“ „Und was ist mit der Klausur Morgen?“ „Darum geht es ja. Ich kapier Mathe nicht und Kai könnte mir sicher helfen.“ „Ausnahmsweise.“
……
Mit dem nächsten Bus, der in die Stadt fuhr, brachte Ray erst Salima nach Hause und fuhr dann weiter. Ray kannte die Busfahrpläne, die ihn zur Wohnung seines Freundes fuhren, bereits auswendig. Während er aus dem Bus ausstieg und die Straße runter ging, suchte er aus seinem Rucksack sein Handy raus. Wenn Ray abends zu Kai fuhr, sollte er sich kurz melden, dass er angekommen war. Vollkommen auf das Schreiben der SMS konzentriert, bemerkte er die Person nicht, die vor der Tür stand und gegen diese versehentlich lief. „Entschuldigung.“,bat Ray um Verzeihung und wich einige Schritte zurück. „Es ist ja nichts passiert.“,erwiderte die Frau lächelnd und sah ihn direkt an. Ray erwiderte das Lächeln. Er wusste nicht wieso, doch irgendwie kam sie ihm vertraut vor. Nach dem er die Klingel betätigt und das Summen des Türöffners erklang, stemmte er sich gegen die schwere Tür und hielt sie der Frau auf. „Sie können gleich mit rauf kommen.“,meinte Ray. Obwohl es in dem Gebäude drei Wohnungen gab und diese auch alle vergeben waren, ahnte er, dass diese Frau und er zu selben Person wollten.
Die Wohnungstür stand bereits offen, ein Zeichen dafür, dass Kai Besuch hatte und wenn Ray raten müsste, wer dieser Besuch war, würde er garantiert richtig liegen. „Wieder Rotwein verschüttet.“, meinte Ray neckend, als er am Badezimmer vorbei kam, in den MingMing am Waschbecken stand und dabei war eine weiße Bluse auszuwaschen. Dass sie dabei nur noch BH und Jeans trug, ignorierte er. „Ich sollte lieber auf Weißwein umsteigen.“, erwiderte sie, wobei sie ihre Bluse aus dem Wasser zog und sich das Elend ansah. „Versuch es mit einem Riesling oder Salz.“ Erschrocken weitete sich MingMing Blick und ließ die Bluse zurück ins Wasser fallen. „Yumiko.“