Begegnung
Die Regentropfen färbten das Gestein dunkelgrau. Tropfen für Tropfen prasselte auf Hana nieder. Das Mädchen saß zusammengekauert am Ende des Felsens, welcher ihr Rückendeckung gab. Unter den langen schwarzen Haaren, die ihr schützend ins Gesicht hingen, vermischte sich das Salz ihrer Tränen mit dem kalten Regenwasser. Vor ihr lag ein weiter, dichter Wald, der sie von der unruhigen Stadt trennte.
Sie starrte auf ihre Hände, die zitternd auf ihren Knien lagen. Das nasse Kalt überströmte ihren Körper. Ihren Hals, ihren Rücken, die Schultern, die zitternden Hände. Tropf, tropf, tropf – stopp.
Plötzlich wurde Hana nicht mehr von dem erschütternden Regen attackiert. Verwundert löste sie ihren Blick von ihren Händen und sah vorsichtig auf.
Vor ihrem Gesicht hielt eine Hand einen Regenschirm, der nun über ihr aufgespannt war und die Tropfen von ihr fernhielt. Es dauerte eine Weile, bis das Mädchen auch den Rest der zur fremden Hand gehörenden Person wahrnahm.
Ein junger Mann, wahrscheinlich nur wenige Jahre älter als sie selbst, vielleicht 19 Jahre, hockte vor ihr und sah sie besorgt an. Es war ungewöhnlich, dass Hana hier auf eine andere Person traf. Eigentlich besuchte sie diesen Ort, weil sich normalerweise niemand anderes hier, so weit außerhalb der Stadt, aufhielt.
„Entschuldige, aber solltest du nicht lieber nach Hause gehen? Du wirst noch krank.“, befürchtete der Fremde.
Hana starrte ihn wortlos an. Sie hatte noch nicht realisiert, dass sie jemand hier gefunden hatte. Nach und nach erfasste sie die freundlichen Gesichtszüge des Jungen, das sanfte Haselnussbraun seiner Augen und die dunkelblonden kurzen Haare, die völlig durchnässt waren. Erst dann registrierte sie die Worte, die er gesprochen hatte und unter höchster Anstrengung signalisierte ihr Gehirn ihrem Mund, dass er antworten sollte. Aber was sollte sie nur sagen? Einen Moment lang sah sie ihn nur mit offenem Mund an, ehe sie mit leiser, piepsiger Stimme wiederholte: „Nach Hause gehen?“
„Ja, ins Warme.“ Der Blick des Jungen wurde immer besorgter. Er richtete sich auf und reichte Hana die Hand. „Komm, ich bringe dich auch, dann wirst du nicht noch nasser.“
„Ich will nicht nach Hause!“, entgegnete Hana energisch.
Der Junge legte die Stirn in Falten. Er schien nachzudenken. „Du kannst aber nicht hier bleiben.“
„Warum nicht?“ Hana presste ihren Körper gegen den Felsen und schaute wiederhinunter auf ihre Hände.
„Weil ich nicht möchte, dass du krank wirst, Hana.“, antwortete der Junge.
Als er ihren Namen aussprach, begann Hanas Herz heftig zu pochen. Kurz stockte ihr der Atem, dann stieß sie hervor: „Woher kennst du meinen Namen?“ Da er nicht antwortete, erhob sie ihre zarte Stimme. „Wer bist du?“
Daraufhin streckte der Unbekannte ihr noch weiter die Hand entgegen. „Ich bin Alex. Tut mir Leid, dass ich dich so erschreckt habe. Wir gehen auf dieselbe Schule.“
Hana blickte erneut zu ihm auf. Plötzlich wirkte der Fremde gar nicht mehr so fremd.
„Du kannst mir vertrauen.“
Ein Schauer lief Hana über den Rücken, als sie nun sogar seine Stimme schon einmal zuvor gehört zu haben glaubte.
„Du kannst mit zu mir kommen.“
Das Angebot erschien absurd. Sie sollte einem wildfremden – und doch so vertrauten – jungen Mann zu sich nach Hause folgen? Jedes vernünftige Mädchen wäre schon längst fortgelaufen. Aber war es Hana nicht eigentlich mittlerweile egal, was mit ihr geschah?
Ein paar lange Sekunden des Schweigens verstrichen.
„Ich wohne nicht allein.“, beteuerte Alex. „Ich lebe in einer WG. Sie sind alle da. Ich könnte dir gar nichts tun.“
„Das soll ich dir glauben?“, fragte Hana, obwohl sie ihm wirklich glaubte.
„Wenn du nicht nach Hause möchtest, schon.“ Alex‘ Hand schwebte immer noch hilfsbereit und zugleich auffordernd vor Hanas Nase. Da hob sie die ihre, noch immer zitternd, und ergriff seine. Er zog sie auf die Beine. Mit der anderen Hand wischte sie sich die letzten Tränen aus dem Gesicht, dann verschwanden sie beide im Wald.
Während sie im Regen durch den Wald tappten, sprachen sie kein Wort miteinander. Jedoch empfand Hana dies nicht als unangenehmes oder gar unheimliches Schweigen. Im Gegenteil, da ihr Reden sowieso nicht sehr lag, war es ganz gut so, wie es war. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie den Wald durchquert hatten und zu einem zweistöckigen Holzhaus kamen, welches etwas abgeschieden von den Häusern der Stadt stand.
„So, da wären wir.“, kündigte Alex an. Er klappte den Regenschirm ein und trat eine Stufe hinauf zur Tür. Es war eine Schiebetür, die nicht verschlossen war, sodass er sie einfach aufziehen konnte.
Hana spürte eine Welle von Wärme, die ihr aus dem Inneren des Hauses entgegen strömte. Alex machte eine einladende Handbewegung und bedeutete Hana damit, einzutreten. Mit unsicheren Schritten tat diese wie ihr geheißen. Der blonde Junge folgte ihr und schloss die Tür wieder hinter sich. Und er hatte sie nicht belogen: In dem großen Raum, den sie betreten hatte, saßen an einem rechteckigen Tisch zwei Personen, eine junge Frau mit langen roten Locken und ein kahlköpfiger Mann mit stämmigem Körperbau. Noch bevor diese sie begrüßen konnten, eilte aus einem kleineren Raum links von Hana ein zierliches Mädchen mit hellblonden kurzen Haaren und leuchtendblauen Augen herbei und fiel ihr um den Hals.
„Hana! Endlich!“, rief sie. Als Alex ihr behutsam eine Hand auf die Schulter legte, löste sie sich rasch von der irritierten Besucherin. Sie stieß ein hastiges „Entschuldigung“ hervor und zupfte nervös ihr kurzes weißes Kleid zurecht. „Du bist ja ganz nass.“, stellte sie dann fest. „Komm mit, ich gebe dir etwas Trockenes zum anziehen. Du erkältest dich noch.“ Noch bevor Hana widersprechen konnte, wurde sie am Arm gepackt und die Treppe hinaufgezogen.
Oben grenzten an den Flur zwei weitere sich gegenüberliegende Räume. Das Mädchen öffnete den rechten und die beiden verschwanden darin. Erst hier ließ sie Hana wieder los und begann stattdessen, in einem schmalen Kleiderschrank zu wühlen.
Das Zimmer war spärlich eingerichtet. In der einen Ecke stand ein Bett und vor ein Fenster ohne Gardinen war ein Schreibtisch mit einem Stuhl gestellt worden. Mehr war da außer dem Kleiderschrank nicht.
„Ich bin übrigens Mai.“, erwähnte das Mädchen, welches etwa einen Kopf kleiner war als Hana und gerade ein sauberes Kleid und einen Pullover aus dem Schrank gefischt hatte und Hana nun mit einem aufmunternden Lächeln im Gesicht entgegenstreckte. Nicht nur durch ihr dauerhaftes Lächeln strahlte Mai eine unglaubliche Leichtigkeit aus. Jede ihrer Bewegungen war so anmutig und elfenhaft, dass sie bei jedem Schritt zu schweben schien.
Hana nahm die Kleider entgegen.
„Du kannst dich in Ruhe umziehen.“, schlug Mai vor, während sie sich noch einmal zum Schrank umdrehte, um ein gelbes Handtuch herauszuziehen und auf den Kleiderstapel in Hanas Händen zu legen. „Ich geh schon mal wieder runter. Du kannst deine Sachen erst einmal hier liegen lassen. Wir warten mit dem Essen auf dich.“ Und mit einem fröhlichen Augenzwinkern huschte sie an Hana vorbei und verschwand aus dem Zimmer.
Einen Moment lang stand Hana regungslos da. Das, was hier gerade geschah, war viel zu verrückt, um wahr zu sein. Mit Sicherheit träumte sie. Ja, bestimmt würde sie gleich aufwachen und zu Hause in ihrem Bett liegen.
Sie schauderte.
Vielleicht auch lieber nicht. Denn dort würde wahrscheinlich nur ihre betrunkene Mutter auf sie warten, um sie wieder anzuschreien, ihr die Schuld an dem Tod ihres Vaters zu geben.
Tränen stiegen ihr in die Augen bei dem Gedanken an den schrecklichen Unfall, der vor zwölf Jahren geschehen war. Viele Erinnerungen hatte sie nicht mehr. Aber sie spürte noch die heftige Erschütterung des Autos, sah von dem Rücksitz aus ihren Vater leblos über dem Lenkrad hängen, während das Blut allmählich seine Haare verklebte.
Hana schüttelte den Kopf, um die Bilder zu verjagen. Sie legte den Stapel Klamotten auf dem Schreibtisch ab, faltete das Handtuch auseinander und rubbelte sich die langen pechschwarzen Haare trocken.
Als sie den Raum verließ, vernahm sie ein nicht allzu lautes Rumpeln aus dem Zimmer gegenüber. Unter dem Türspalt über dem Boden drang etwas Licht aus dem Raum. Wohnte etwa noch jemand hier? Das Mädchen unterdrückte ihre Neugier und tappte die Treppe hinunter.
Ein köstlicher Duft erfüllte den Raum. Mai platzierte gerade einen großen Kochtopf, gefüllt mit heißer Kartoffelsuppe, in der Mitte des Tisches. Unterdessen deckte Alex sechs Teller und Löffel auf.
„Setz dich nur!“ Mai zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und winkte die schüchterne Hana zu sich.
Diese trat zu ihr, ein zögerliches, schwaches Lächeln auf den Lippen, und setzte sich mit einem leisen „Danke“. Der bullige Mann saß ihr nun direkt gegenüber.
„Das ist übrigens Mike.“, stellte Mai ihn vor. „Er sieht ein bisschen gefährlich aus, ist aber ein ganz Lieber. Und das ist Vanessa. Es reicht aber, wenn du sie Vanny nennst.“ Sie zeigte auf die lockige Frau, die zu Mikes Rechten saß.
Beide schenkten Hana ein stummes Nicken und schauten, als wüssten sie nicht so recht, wie sie sich verhalten sollten. Hana nickte mit einem unbehaglichen Gefühl zurück und blickte hinunter auf ihre zittrigen Hände, die auf ihrem Schoß lagen.
„Holst du Izzy mal aus seinem Loch?“, fragte Mai dann an Alex gerichtet.
Alex machte einen Schritt zur Treppe und brüllte hinauf: „Izzy!“
Stille.
Alex seufzte und versuchte es erneut: „Izzy, komm, es gibt Essen!“
Keine Regung.
„Izzy!“ Alex‘ Stimme hatte an Lautstärke verloren. „Sie ist da.“
Hana war sich sicher, dass sie gemeint war. Und diese Tatsache erschien ihr äußerst unheimlich. Es war, als hätten alle in diesem Haus bereits auf sie gewartet.
Im zweiten Stock quietschte eine Tür.
„Na endlich…“, murmelte Alex, wandte sich von der Treppe ab und setzte sich auf den Stuhl neben Hana. Mai nahm rechts von ihr am Tischende Platz.
Die Treppe knarrte, als jemand mit schweren Schritten hinunter geschlurft kam.
Es war also wirklich noch jemand in dem Raum gewesen. Vorsichtig schaute Hana auf und drehte ihren Kopf Richtung Treppe. Die Person, die sie dort erblickte, unterschied sich von den anderen wie die Nacht vom Tag. Es war ein junger Mann, wohl etwa in Alex‘ Alter. Er trug einen weiten Pullover über ein schwarzes Shirt und eine ebenso schwarze lange weite Hose, die mit großen Taschen besetzt war. Sein kantiges Gesicht wurde von dunklen mittellangen Haaren umrahmt, die ihm teilweise die Augen verdeckten. Trotzdem konnte Hana tiefe Schatten unter seinen Augen ausmachen, als hätte er seit Wochen nicht mehr geschlafen. Es war ein eher gruseliger Anblick. Aber das Schlimmste war – er starrte sie direkt an. Auch während er zu dem letzten freien Stuhl am anderen Tischende ging und sich setzte, wandte er seinen Blick nicht von ihr ab. Dabei verzog er keine Miene. Er schaute weder freundlich noch gehässig. Einfach nur ernst und emotionslos.
Hana konnte nicht anders, als verängstigt zurückzustarren. Erst Mai lenkte sie wieder ab, indem sie Hana nach ihrem Teller fragte, um ihr Suppe aufzufüllen. Hana reichte ihr den Teller und sah zu, wie sie ihr mit der Kelle etwas Suppe aus dem Topf schöpfte und in den Teller goss. Doch trotzdem spürte sie, wie Izzys Blick weiterhin an ihr haftete. Ungefähr so lange, bis Mai auch ihn um seinen Teller bat.
„Ich esse dieses Zeug nicht.“, murrte er. Obwohl es eine ziemlich trotzige Antwort war, klang er gewisser Weise ruhig und bestimmt. „Da könnte ich auch gleich Sand essen.“
„Du hast schon die letzten zwei Tage so gut wie nichts gegessen. Du musst etwas zu dir nehmen, sonst hungerst du dich noch zu Tode.“, mahnte Mai.
„Pfffh…“, machte Izzy nur und verschränkte die Arme vor der Brust.
An seiner Stelle reichte Alex Mai den Teller, welcher rasch gefüllt wurde.
Hana fühlte sich mittlerweile gar nicht mehr wohl. Die Anwesenheit von diesem düsteren Typen behagte ihr irgendwie nicht.
Mai setzte sich nun auch und wünschte allen einen guten Appetit. Sie plapperte munter drauf los, fragte, was Alex denn den ganzen Tag gemacht hätte, bevor er Hana aufgegabelt hatte, fragte, ob das Essen denn schmecke und ob Hana auch gerne kochen würde. Während sie anfangs noch die Einzige war, die redete, stiegen die anderen mit der Zeit ein. Die Stimmung wurde lockerer und Hana konnte wieder entspannen. Auch sie fing an, mitzureden und zu lachen. Lachen! Wie lange hatte sie nicht mehr so sehr gelacht! Und die Suppe schmeckte hervorragend. Sie war so lecker, dass Hana Nachschlag verlangte, obwohl sie bis vor Kurzem noch gar keinen Appetit gehabt hatte.
Auf einmal war es, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Sie plauderten und scherzten – alle, bis auf Izzy.
Hin und wieder wagte Hana es, zu ihm herüberzuschielen. Er saß mit gesenktem Blick vor seiner dampfenden Suppe, angespannt, als müsse er jederzeit bereit sein, aufzuspringen und davonzulaufen. Tief in Gedanken versunken, wirkte er wie ein Fremdkörper am Tisch. Manchmal sprachen Alex und Mai ihn direkt an, um ihn ins Gespräch einzubeziehen. Dann hob er nur kurz den Kopf – ein kleines Signal, dass er noch anwesend war – um diesen dann wieder zu senken und in geistiger Ferne zu verschwinden. Als alle ihre Teller geleert hatten und sich mit vollem Bauch zurücklehnten, hatte Izzy noch nicht mehr als wenige Löffel zu sich genommen.
Plötzlich schlug Izzy die Hände auf den Tisch und stand mit Schwung auf. „Wir müssen gehen.“, sagte er entschlossen.
Mit einem Mal war das lustige Plauderstündchen zu Ende. Alle verstummten und sahen zu ihm auf.
Hana blickte von einem zum anderen. Eine altbekannte Welle Unsicherheit überkam sie. „Gehen?“, fragte sie wieder mit ihrer leisen, hohen Stimme. „Wohin?“
Anstatt ihr zu antworten, richtete Alex sich an Izzy. „Wir können jetzt noch nicht gehen! Lass ihr etwas mehr Zeit. Wir müssen ihr doch erst noch erklären, was…“
„Sie ist doch jetzt hier!“, unterbrach Izzy ihn. Das Lodern in seinen Augen verriet, dass er seine Meinung durch nichts und niemanden ändern würde. „Wozu noch länger warten? Je mehr Zeit verstreicht, desto schlechter wird es ihr gehen. Außerdem kann ich diese zwei Idioten, die sie begleiten, nicht mehr ertragen.“
Hana bemerkte, dass sie schneller atmete. Welche zwei Idioten meinte er? Wohin wollten sie gehen? Und hieß das alles, dass sie mitkommen sollte? Hilfesuchend sah sie zu Mai, die ihr bisher am vertrauenswürdigsten vorkam.
Diese bemerkte den Blick, scheiterte aber bei dem Versuch, Hana aufmunternd zuzulächeln.
„Na ja, wenn wir sie jetzt wieder gehen lassen, kommt sie garantiert nicht nochmal mit uns mit.“, bedachte Vanny. „Dafür habt ihr schon viel zu viel gequasselt.“
Das war genug. Hana konnte nicht mehr atmen, Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf. Sie sprang auf, stieß dabei ihren Stuhl um und wollte weglaufen. Doch ehe sie auch nur einen Schritt machen konnte, hielt Mai sie am Arm fest. Hana war überrascht, wie viel Kraft das zierliche Mädchen besaß.
„Hana, keine Angst, es ist alles gut!“, versuchte Mai sie zu beruhigen. „Wir müssen dir etwas erzählen.“
„Lass mich los!“, schrie Hana. Sie erschrak selbst, als sie das erste Mal seit Langem ihre Stimme so laut vernahm. Mit aller Kraft versuchte sie, sich von Mai loszureißen. Vergebens.
„Hör mir zu, Hana!“, fuhr Mai fort. „Wir wollen dir helfen. Wir bringen dich an einen Ort, wo es dir besser geht. Wo du hingehörst.“
Hana hörte auf, sich zu wehren. Nicht, weil sie Mai glaubte, sondern weil sie einfach zu schwach war. Voller Furcht starrte sie Mai an.
„Das bringt doch nichts.“, sagte Izzy. „Wir müssen sie von dem Fluch befreien. Fangen wir an.“
„Fluch?“, fiepte Hana, während sich alle erhoben und auf sie zukamen.
Sie stellten sich neben sie, sodass sie gemeinsam einen Kreis bildeten. Izzy kramte in einer seiner Hosentaschen und zog eine Kette hervor. Es war ein rundes silbernes Amulett, in dessen Mitte ein weißer, schimmernder Edelstein saß.
Hana fühlte sich, als müsste sie sich gleich übergeben. Was auch immer hier vor sich ging, es war nicht normal und sie konnte nicht entkommen.
Izzy streckte seinen rechten Arm, in dessen Hand er das Amulett hielt, nach vorn, sodass das Amulett in der Mitte des Kreises schwebte. Hana spürte, wie sich alle um sie herum stark konzentrierten. Eine erdrückende Spannung lag im Raum. Der Edelstein leuchtete auf, so hell, dass das gesamte Zimmer in grelles Licht getaucht wurde. Hana kniff die Augen zusammen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an die enorme Helligkeit gewöhnte.
„Scheiß Verräter!“
Hana zuckte zusammen, als sie die zischende Stimme hinter sich vernahm. Langsam drehte sie sich um.
Hinter ihr standen zwei weitere dunkle Gestalten. Eine von ihnen war eine dünne Frau mit dunkelroten Haaren, die streng zu einem Zopf nach hinten zurückgebunden waren. Neben ihr stand ein ebenso dünner Mann. Er hatte ein schmales spitzes Gesicht, welches durch seine glatten, ellenlangen Haare noch hervorgehoben wurde. Beide waren von Kopf bis Fuß in schwarz gehüllt und blickten mindestens genauso finster wie Izzy.
„Wenn unser Meister dich in die Finger bekommt, ist nicht mehr als dreckiger Staub von dir übrig!“, drohte der Mann. Er war sichtlich bemüht, gelassen zu klingen, seine Aufgebrachtheit war jedoch nicht zu überhören.
Hana schaute zurück zu Izzy. Er schien von den Worten komplett unberührt zu bleiben.
„Wie nett.“, sagte er mit gepresster Stimme.
Die Frau wollte auf ihn losgehen, aber egal wie sehr sie sich bemühte, sie konnte sich nicht bewegen.
„Wenn du weiter so rumzappelst, bringst du dich noch um.“, warnte Izzy, wenngleich er auch nichts dagegen zu haben schien.
„Hör auf!“, bat der Mann seine Gefährtin. „Je mehr du dich bewegst, desto mehr schnürt dich dieser verflixte Zauber ein - bis du erstickst.“
„Du verdammter Mistkerl!“, schrie die Frau Izzy entgegen.
„Danke für die Blumen." Izzys Blick verfinsterte sich noch mehr. „Nun dann, wir sehen uns in der Hölle wieder.“ So verabschiedete er sich von den düsteren Gestalten und konzentrierte sich dann wieder ganz auf das Amulett.
Hana bekam Gänsehaut. Waren das die ‚zwei Idioten‘, von denen Izzy gesprochen hatte? Waren sie etwa schon die ganze Zeit dagewesen, ohne dass Hana sie gesehen hatte? Und überhaupt, wovon sprachen sie da? Zauber? Hölle?
Das Amulett in Izzys Hand vibrierte. Der Boden unter ihren Füßen begann zu beben. Hana vernahm Schreie, als das Licht, dass dem Edelstein entwich, noch greller wurde. Waren das diese Wesen hinter ihr? Das Mädchen konnte nichts mehr sehen, das Licht blendete sie zu sehr. Es schien bis in ihren Kopf vorzudringen, sodass ihr schummrig wurde. Die Schreie wurden leiser, als würde sie langsam in immer mehr Watte gepackt werden. Doch dann trat ein ohrenbetäubendes, tiefes Grollen an die Stelle der Schreie. Hana hielt sich die Ohren zu, aber es brachte nichts. Es war, als würde der Lärm in ihren Ohren festsitzen. Sie fühlte sich wie gelähmt. Sie wollte kreischen, um sich schlagen, davonrennen – aber sie konnte nicht.
So war es beinahe erlösend, als ihr schließlich schwarz vor Augen wurde und alle Geräusche um sie herum verschwanden. Sie trieb dahin, in einem endlosen, von Ruhe erfüllten Nichts.
Erwachen
Als Hana wieder aufwachte, wagte sie es nicht, ihre Augen zu öffnen.
Sie spürte eine kuschelig weiche Decke auf ihrer Haut, die ihr wohlige Wärme spendete. Ihr Körper fühlte sich leicht an. Es war die Leichtigkeit, die sie sich schon so lange herbeigesehnt hatte. Sie befürchtete, sie könnte sie verlieren, sobald sie die Augen aufschlug.
Da ereilten sie die Erinnerungen an die jüngsten Geschehnisse. Oder war es ein Traum gewesen? War sie in ihrem Zimmer? Oder war sie etwa noch in dem Holzhaus, in das Alex sie geführt hatte? Oder war sie vielleicht ganz wo anders?
„Wie lange sie wohl noch schläft?“ Ein Flüstern durchbrach die Stille.
„Ich weiß es nicht.“, raunte jemand zurück. „Die lange Zeit da drüben hat sie geschwächt. Vielleicht dauert es noch ein bisschen.“
„Sie ist schon wach.“ Die dritte Stimme erfüllte den Raum in normaler Lautstärke, wie um Hana dazu aufzufordern, endlich aufzustehen.
Hana kannte die Stimme. Mit einem Mal stand ihr ganzer Körper wieder unter Strom. Plötzlich saß sie kerzengerade und mit weit aufgerissenen Augen da und starrte in drei bekannte Gesichter. Es waren Mai, Alex und Izzy.
„Sag ich doch.“, brummte Izzy.
Jetzt hatte Hana die Gewissheit, dass sie an einem Ort war, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie befand sich in einem Haus, welches nur aus einem einzigen großen Raum bestand. Der Boden sowie die Wände waren aus hellem Holz und durch zwei große Fenster links und rechts durchflutete Sonnenlicht den Raum, sodass dieser sehr freundlich wirkte. Hana saß auf einer dünnen, aber gemütlichen Schlafmatte, dicht an der Wand. Drei weitere Betten dieser Art waren im Raum verteilt, an jeder Wand eines. An einem Ende der Matte links von ihr stand außerdem eine große, dunkelbraune Kiste, auf welcher Izzy saß und sie musterte, als müsse er jede ihrer Bewegungen analysieren.
Ihr gegenüber befand sich außerdem eine Schiebetür, was sie sehr an das Holzhaus erinnerte, in dem sie vor ihrer Bewusstlosigkeit gewesen war. Und schließlich war da in der Mitte des Hauses noch ein niedriger, rechteckiger Tisch, um welchen Sitzkissen platziert waren. Dort hockten Mai und Alex, die sie mit sorgenvollen Augen beobachteten.
Hana wusste nicht, ob sie Panik haben sollte, ob sie versuchen sollte, wegzulaufen. Erstens hatte sie keine Ahnung, wo sie war und wo sie hätte hinlaufen können und zweitens war sie sich nicht sicher, ob es überhaupt einen Anlass gab, panisch zu werden. Denn schließlich schien keiner der drei Anwesenden die Absicht zu haben, ihr etwas anzutun. Desweiteren fühlte sie sich zu müde und ausgelaugt, um einen Fluchtversuch zu unternehmen.
Darum entschied sie sich dafür, ruhig sitzen zu bleiben und Fragen zu stellen. „Wo bin ich?“ schien ihr die wichtigste zu sein.
Mai lächelte, als hätte Hana mit ihrer Frage etwas ganz Wundervolles angesprochen. „Du bist im Himmelreich.“
„Bitte wo?“, fragte Hana nochmals.
Mai stand auf und ging zu ihr herüber. Sie kniete sich vor das gerade erwachte Mädchen und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Das ist eine Welt zwischen dem Himmel und der Erde. Wir sind Schutzgeister und Heilgeister und…“ Mai brach ihre Erklärung ab, als Hana sie ungläubig anstarrte. „Du erinnerst dich wirklich an gar nichts?“
Hana schüttelte verwundert den Kopf. „An was soll ich mich erinnern?“
„Vielleicht erinnert sie sich, wenn wir ihr die Gegend zeigen.“, schlug Alex vor. Von seiner Idee überzeugt erhob er sich, ging zur Tür und riss diese auf. Dann warf er über die Schulter einen Blick zurück und rief: „Komm, Hana, lass uns spazieren gehen!“
„Ja, das ist gut.“, pflichtete Mai ihrem Mitbewohner bei, richtete sich ebenfalls wieder auf und half Hana, aufzustehen.
Hana folgte ihr widerstandslos zu Alex. Die Neugier in ihr übertrumpfte die Angst vor dem Unbekannten.
„Ich muss aber leider jetzt zum Hospital. Meine Schicht fängt gleich an.“, entschuldigte Mai sich.
„Schon in Ordnung. Lass dich nicht aufhalten.“, entgegnete Alex verständnisvoll. „Was ist mit dir, Izzy? Kommst du mit?“
Izzy hatte sich nicht umgedreht. Er saß nun mit dem Rücken zu ihnen und machte, auch als er Alex antwortete, keine Anstalten, sich ihnen zuzuwenden. „Nein, danke. Ich denke, ich bin da draußen nicht erwünscht.“
Alex und Mai wechselten einen langen Blick miteinander, ehe Mai an ihm vorbeihuschte, um sich auf den Weg zum Hospital zu machen.
„Wie du meinst.“, sagte Alex zu Izzy, trat dicht gefolgt von Hana hinaus und schloss die Tür wieder.
Eine Weile standen sie regungslos da. Ein warmer Windstoß zupfte an Hanas Kleid und trug den Duft von frischen Blumen heran. Das saftig grüne Gras kitzelte an ihren nackten Füßen und nur wenige Meter entfernt von ihr erstreckte sich ein großer, hoher Wald, wie aus einem Märchenbuch.
„Warum…“, begann Hana zögerlich. „Warum hat er das gesagt?“
Alex blickte zu ihr hinunter. Sie konnte in seinen Augen lesen, dass er nicht recht wusste, wie er ihr das erklären sollte.
„Er ist noch nicht sehr lange hier.“, antwortete er dann. „Und viele haben ihn noch nicht als neues Mitglied unserer Truppe akzeptiert.“ Das Bedauern in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Es ist wahr! Sie ist wirklich wieder da!“ Laute Rufe durchschnitten die Luft.
Hana wirbelte herum, um zu schauen, woher die Rufe kamen.
Eine Gruppe von sechs Menschen – oder Schutzgeistern – kam auf sie zugestürmt. „Hana! Endlich! Du bist wieder zurück!“
Alex umfasste Hanas Schultern und zog sie schützend zu sich heran.
Die Leute blieben vor ihnen stehen und sahen Hana erwartungsvoll und freudig an. Eine ältere Dame mit krummem Rücken schlängelte sich nach vorn und ergriff Hanas rechte Hand. „Oh, Hana, ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dich zu sehen. Wir haben so lange auf diesen Tag gewartet. Wir dachten schon, wir wären verloren. Aber du bist zurückgekehrt. Ein Wunder! Oh Gott, ein Wunder!“ Als sie auf die Knie fiel, war Hana restlos überfordert. Die Frau blickte sie mit feuchten Augen an. Aus irgendeinem Grund kam sie Hana bekannt vor.
„Sssscht“, machte Alex. „Sie kann sich nicht erinnern. Ihr überrumpelt sie nur.“
Ein Raunen ging durch die Gruppe.
Hana war froh, Alex‘ starken Arm um ihre Schultern zu spüren. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte und er gab ihr das Gefühl, einen rettenden Anker bei sich zu haben.
Die alte Frau rappelte sich etwas unelegant wieder auf, noch immer Hanas Hand haltend. „Es tut mir schrecklich leid. Es ist nur… Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, Hana, wenn ich dir helfen kann, lass es mich wissen. Ich stehe tief in deiner Schuld. Ich verdanke dir mein Leben.“
„Ihr Leben…?“, wiederholte Hana.
Plötzlich durchfuhr ein stechender Schmerz ihren Kopf. Im selben Moment wich alle Kraft aus ihren Beinen und hätte Alex sie nicht gehalten, wäre sie zu Boden gefallen. Bilder blitzten in ihren Gedanken auf.
Sie rannte einen Hügel hinauf. Ihre Geschwindigkeit war unnatürlich rasant. Dichter Rauch erschwerte ihr die Sicht. Es brannte. Überall um sie herum loderte Feuer. Trotzdem ließ sie ihr Ziel nicht aus den Augen. Es war eine dunkle Gestalt auf dem Gipfel des Hügels, die mit dem Rücken zu ihr stand und nicht bemerkte, wie Hana sich unaufhaltsam näherte. Nun war sie nur noch wenige Schritte entfernt. In ihrer rechten Hand schwang sie einen dünnen Stab, an dessen Ende eine gebogene Klinge bedrohlich funkelte. Zwei lange weiße Bänder, welche am oberen Ende der Sense befestigt waren, flatterten im Wind, als versuchten sie, der gefährlichen Waffe etwas Unschuld zu verleihen. Sie holte aus. Die Gestalt schaffte es kaum noch, sich umzudrehen, um ihrer Todesbotin in Gesicht zu schauen, ehe die Klinge sie erfasste und zu Staub pulverisierte, welcher von der nächsten Böe davongetragen wurde. Nun stand Hana vor einer alten Frau, die auf dem Boden lag und zuvor von der anderen Person verdeckt worden war. In ihren Augen spiegelte sich pure Angst wieder, welche sich im nächsten Moment in endlose Dankbarkeit umwandelte.
„Hana!“
Das Bild in Hanas Kopf erlosch, als sie Alex‘ besorgte Stimme hörte.
„Hana, ist alles in Ordnung mit dir?“
Noch etwas benommen lag sie in seinen Armen. Als ihr Blick allmählich klarer wurde, löste sich auch das weiche Gefühl in ihren Beinen auf und sie gewann wieder einen festen Stand. „Ja… ja, ich glaube schon. Ich… mir war nur kurz schwindelig.“
Vorsichtig ließ Alex sie los, hatte die Hände jedoch weiterhin vorsorglich in ihrer Nähe, um sie bei einem erneuten Zusammenbruch auffangen zu können.
„Verzeihung, vielleicht haben wir dich wirklich zu sehr überfallen.“, entschuldigte sich die alte Dame, welche noch immer mit ihrer kleinen Gruppe vor Hana und Alex stand. „Du solltest dich lieber noch erholen und erst einmal ankommen.“
Hana hielt die Luft an, als sie die Frau wiedererkannte. Es war dieselbe Frau, die sie in ihrer Vision vor dem unbekannten schauerlichen Wesen gerettet hatte.
„Auf Wiedersehen, Hana. Und denk daran: Ich stehe in deiner Schuld.“ Die Alte verbeugte sich leicht zum Abschied und zog dann an Hana und Alex vorüber. Die anderen taten es ihr nach.
„Wollen wir trotzdem gehen oder möchtest du dich lieber ausruhen?“, erkundigte Alex sich bedenklich.
„Lass uns gehen.“ Hana war es nicht gewohnt, dass sich jemand so um sie sorgte. Aber es war ein unglaublich schönes Gefühl. Zu Hause war nie jemand auch nur auf die Idee gekommen, sie nach ihrem Befinden zu fragen. Und nie hatte sich jemand so sehr gefreut, sie zu sehen. Aber warum hier?
„Du hast dich erinnert, nicht wahr?“, sagte Alex, während sie um das Haus herumgingen.
Hana sah ihn überrascht an.
„Izzy hatte erwähnt, dass einige deiner Erinnerungen bruchteilhaft zurückkehren würden. Wie viel davon, weiß keiner. Aber diese Aussetzer könnten dir öfter passieren.“
Besonders beruhigend fand Hana die Vorstellung, dass sie jeden Augenblick wieder zusammenklappen könnte, nicht. Was, wenn sie alleine unterwegs wäre? Wenn keiner in der Nähe sein und sie ganz ungünstig fallen würde?
Als sie hinter dem Haus angekommen wares, riss ein atemberaubender Anblick Hana aus ihren Gedanken. Bisher hatte sie nicht bemerkt, dass sie sich am Rand einer Siedlung aufhielten, doch nun konnte sie direkt ins Tal hinunterblicken, in welchem eine Vielzahl weißer Häuser nebeneinander stand. Sie alle glichen sich in Form und Größe und sahen genauso aus wie das Haus, welches Hana und Alex gerade verlassen hatten. In den Gassen zwischen den Häusern liefen vereinzelt weitere Personen umher, die die Ruhe und die friedliche Atmosphäre jedoch nicht störten. Auf der linken Seite wurde die Siedlung von dem Wald begrenzt, den Hana vorhin noch vor sich gesehen hatte. Ansonsten erstreckte sich hinter der Siedlung eine endlos erscheinende grüne Weite, welche in Hana ein Gefühl von Freiheit hervorrief.
Sie atmete tief ein. Die klare frische Luft erfüllte ihren Körper und trieb alle trübsinnigen Gedanken fort.
Alex begann, weiter in die Siedlung zu wandern. „Komm!“ Er lächelte, als er sah, dass Hana die Gegend gefiel.
Hana eilte hinter ihm her.
„Wer war diese Frau?“, fragte sie, während sie ihren Kopf in alle Richtungen bewegte, um auch wirklich jede Einzelheit ihrer neuen Umgebung zu erfassen. „Ich glaube, ich habe sie schon einmal gesehen.“
„Das war Dorothea.“, antwortete Alex. „Sie ist eine unserer Heilgeister, ein sehr guter noch dazu, durch ihre langjährige Erfahrung. Mittlerweile gibt sie außerdem ihr Wissen weiter und lehrt junge Heilgeister. Mai lernt auch bei ihr.“
Die Erklärung klang in Hanas Ohren noch immer seltsam, aber sie versuchte sich darauf einzulassen, dass es anscheinend noch etwas anderes als die Erde und ihre Bewohner gab und dass sie sich jetzt gerade an diesem anderen Ort befand. „Was machen Heilgeister? Und was sind diese Schutzgeister, von denen Mai gesprochen hat?“ Sie brauchte Antworten. Jetzt.
„Wie könnte ich anfangen…?“ Alex schaute zu Boden. Seine zusammengezogenen Augenbrauen verrieten, dass er nachdachte.
Hana stellte sich vor, sie müsse jemandem die Geschichte der Erde und den darauf lebenden Geschöpfen erklären und ihr wurde klar, was sie Alex abverlangte. Umso dankbarer war sie, dass Alex sich die Mühe machte, ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.
„Also Schutzgeister sind Geister, die sich um die Menschen kümmern. Ich bin einer, du auch, die meisten hier sind welche.“, begann Alex zu erzählen. „Zum einen sorgen wir dafür, dass die Seelen der Toten sicher ihren Weg ins Jenseits finden. Zum anderen helfen wir den Menschen, wenn sie Probleme haben und sich in seelischen Krisen befinden. Dann reisen wir zur Erde und helfen ihnen, neue Wege einzuschlagen oder die richtige Entscheidung zu treffen. Je nachdem wie stark ihre psychische Qual ist, können wir ihren seelischen Schmerz auch vorerst durch unsere eigene Energie lindern. Aber unser Ziel ist es immer, die Menschen so zu führen, dass sie wieder selbstständig ihr Leben meistern können. Ich denke wir sind das, was die Menschen „Schutzengel“ nennen. Allerdings haben wir nicht viel mit den Engeln zu tun. Sie leben im Himmel und tauchen nur selten hier im Himmelreich auf, wenn sie uns eine Botschaft von Gott übermitteln müssen.“
„Was ist der Unterschied zwischen dem Himmel und dem Himmelreich?“, fragte Hana. Sie gingen an einem Mann vorbei, der Hana ungläubig anstarrte und sie beschleunigte ihre Schritte, um aus seinem Blickfeld zu kommen.
„Du musst es dir so vorstellen: Der Mittelpunkt ist die Erde. Über der Erde befindet sich das Himmelreich, wo wir Schutzgeister und Heilgeister leben. Und über uns ist der Himmel, welcher uns verwehrt ist und wo nur Gott und seine Engel wachen und die Seelen der Verstorbenen aufgenommen werden.“
„Ah, und die Heilgeister?“
„Die Heilgeister tun das, was ihr Name schon sagt: Sie heilen. Normalerweise kommt es nicht oft vor, dass ein Schutzgeist bei seiner Mission verletzt oder außerordentlich geschwächt wird. Wenn denn nur alles normal wäre… In den letzten paar Jahrhunderten hat sich einiges geändert.“ Alex Miene verfinsterte sich. Plötzlich sah er traurig aus, gleichzeitig aber auch verärgert und frustriert.
Hana war sich nicht sicher, ob sie fragen sollte, aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass es wichtig war. „Was ist passiert?“
Alex holte tief Luft, als würde das Weitersprechen ihn enorme Kraft kosten. „Du kennst das Gegenstück zum Himmel.“
Hanas Augen weiteten sich. Sie erinnerte sich daran, was Izzy zu dem Mann gesagt hatte, kurz bevor er sie hier her gebracht hatte. ‚Wir sehen uns in der Hölle wieder. ‘ Es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter.
„Unter der Erde gibt es die Hölle.“, fuhr Alex fort. „Und zwischen der Erde und der Hölle liegt das Schattenreich.“
Hana fröstelte und ihr wurde immer kälter. „Das Schattenreich?“
„Ein Reich, das der Teufel erschaffen hat. Die Hölle ist eigentlich eine unnötige Erfindung. Alle Seelen gelangen in den Himmel. Die Seelen der Sünder werden meist zu uns geschickt, um von uns zu lernen. Sie begleiten uns manchmal auf unseren Reisen zur Erde, lernen die Gefühlswelt der Menschen besser kennen und können sich somit selbst bessern. Bei manchen dauert es länger, bei anderen weniger, aber irgendwann sind sie alle rein und bereit, in den Himmel aufzusteigen. Es ist lange her, dass besonders sündhafte Seelen in die Hölle geschickt wurden, um dort zu büßen. Vielleicht kannst du dir vorstellen, was der Teufel davon hielt, als die Seelenschwärme, die in sein Territorium kommen sollten, ausblieben.“
Hana tippte, dass seine Begeisterung nicht sonderlich groß gewesen sein musste. Ihr Mund war trocken. Das Wissen darüber, dass die Hölle wirklich existierte, machte ihr Angst.
„Der Teufel ist süchtig danach, Seelen zu quälen.“ Alex verzog angewidert das Gesicht. „In seinem Zorn hat er das Schattenreich errichtet, welches von unseren ärgsten Feinden bewohnt wird, den Schattengeistern. Ihre Aufgabe ist es, die Menschenseelen abzufangen, bevor wir Schutzgeister sie erreichen und sie in die Hölle zu schicken. Dabei verfolgen sie nicht nur die Seelen der Toten, sondern heften sich auch an die lebenden Menschen, manipulieren ihre Gefühle und treiben sie in den Abgrund.“
Unwillkürlich umfasste Hana mit der rechten Hand ihren linken Arm. Sie konnte kaum glauben, dass das, was Alex ihr erzählte, wahr sein sollte und allein bei der Vorstellung gruselte sie sich.
„Und schließlich, wenn die Menschen weder ein noch aus wissen und in ihrer Verzweiflung beschließen, ihrem Leben eigenständig ein Ende zu setzen, dann sind sie da, vor uns…“ Alex‘ Stimme war leiser geworden, er klang verletzt. Eine bedrückende Pause entstand. Dann blickte er entschlossen nach vorn und seine Stimme gewann erneut an Festigkeit. „Und wir haben die Pflicht, die Schattengeister zu bekämpfen und zu vernichten, damit kein Mensch mehr zu Schaden kommt. Seit Jahrhunderten kämpfen wir unter Einsatz unseres Lebens, um die Menschheit vor den Qualen der Hölle zu bewahren.“ In seiner Stimme schwang eine Welle von Stolz mit und Hana wusste, dass Alex für seine Aufgabe lebte und in ihr aufblühte.
Sie ließen die Siedlung hinter sich und vor ihnen lag nur noch eine weite grüne Wiese. Doch mittlerweile strahlte diese kaum noch die Freiheit aus, die Hana empfunden hatte, als sie noch auf der anderen Seite gestanden hatten. Es war, als hätte sich ein bedrohlicher Schatten über das Land gelegt. Trotzdem gingen sie weiter talaufwärts, fort von dem kleinen Dorf.
„Aber um das Schattenreich und die Geister endgültig zu besiegen, müssen wir ihren Meister Viktor auslöschen. Erst wenn er tot ist, wird das Schattenreich mitsamt der dort lebenden Kreaturen zerfallen.“
„Geht das denn überhaupt? Wie kann das Schattenreich zerstört werden?“, fragte Hana, obwohl ihr der Kopf ob der vielen neuen Informationen bereits rauchte. Aber sie wollte begreifen, was hier vor sich ging.
Alex seufzte, bevor er zu einer weiteren Erklärung ausholte. „Bei der Erschaffung des Schattenreichs sind insgesamt drei Amulette entstanden. Eines von ihnen, das Amulett des Feuers, enthält die Kraft, Viktor und damit das Schattenreich auszulöschen. Um die Kraft des Amuletts zu entfesseln, bedarf es aber enormer Energie.“
„Und diese Energie habt ihr nicht?“
Als der Schutzgeist abrupt stehen blieb, hielt Hana ebenfalls an.
„Es gibt seit langer Zeit eine Prophezeiung, die besagt, dass eines Tages ein mächtiger Schutzgeist geboren werden wird, der einzige, der je in der Lage dazu sein wird, die Kraft des Amuletts des Feuers zu aktivieren. Die Schattengeister fürchten den Tag dieser Geburt seit Anbeginn ihrer Zeit.“
Eine ganze Weile ruhte Alex‘ Blick wortlos auf Hana. Nachdenklich presste er die Lippen aufeinander, als wüsste er nicht recht, wie viel er erzählen sollte. Doch dann sprach er weiter: „Dieser Schutzgeist bist du, Hana.“
Hana wich das Blut aus dem Gesicht. Sie hatte das Gefühl, der Boden unter ihren Füßen würde anfangen, sich zu bewegen und ihre Umgebung verschwamm. „Un… unmöglich.“, brachte sie hervor.
Alex betrachtete betrübt das entsetzte Mädchen. „Deshalb warst du auch 17 Jahre auf der Erde. Sie haben dich verbannt.“
„Wie…?“ Hana war nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn einen vernünftigen Satz zustande zu bringen. Sie konnte nicht anders, als sich ins weiche Gras fallen zu lassen und geschockt vor sich hin zu starren.
Alex setzte sich neben sie und berührte behutsam ihre Schulter. „Soll ich weitererzählen?“
Hana nickte.
„Wie schon gesagt, gibt es zwei weitere Amulette, das Amulett des Wassers und das des Mondes. Das Amulett des Wassers war dazu vorgesehen, den Schutzgeist aus der Prophezeiung, dich, zu verfluchen. Sie haben uns angegriffen und du…“ Die Erinnerung schien ihn zu schmerzen. „…du wurdest dazu verdammt, als Mensch auf der Erde zu leben unter dem wachsamen Auge der Schattengeister, die dir Tag für Tag neues Leid aufgeladen haben.“
Hana kamen die beiden dunklen Gestalten in den Kopf, die plötzlich hinter ihr gestanden hatten, als das Amulett in Izzys Hand das Zimmer erleuchtet hatte. Waren das die Schattengeister gewesen, die sie ihr ganzes Leben lang verfolgt hatten?
„Und wir konnten dich nicht retten.“ Alex‘ Stimme bebte und Hana registrierte, wie sich eine seiner Hände in den Boden krallte. „Nur die Kraft des dritten Amuletts konnte dich zurückholen. Aber wir waren nicht im Besitz des Amuletts des Mondes. Alle drei Amulette hatten sich von Anfang an in Viktors Händen befunden.“
Hana schloss die Augen und lauschte dem Wind, der das Laub der Bäume zum Rascheln brachte. Sie atmete tief durch und allmählich kehrte Ruhe in ihren Körper zurück. „Aber wie habt ihr es geschafft, mich zurückzuholen?“
Alex lächelte und schüttelte gleichzeitig den Kopf, so wie man es beim Gedanken an etwas, was einem noch immer unglaublich erscheint, tut. „Eines Tages gingen die Alarmsirenen los, die ausgelöst werden, wenn ein Schattengeist die magische Sphäre des Himmelreichs betritt. Und dann war da plötzlich Izzy.“
Die Verblüffung in Hanas Gesicht war nicht zu übersehen. „Ist Izzy… ein Schattengeist?“
Natürlich war es ihr sofort aufgefallen, dass er anders war, als die anderen Schutzgeister, dennoch hatte sie nicht damit gerechnet. ‚Ich denke, ich bin da draußen nicht erwünscht.‘ Plötzlich ergaben seine Worte einen Sinn.
„Ja, das ist er. Aber aus irgendwelchen Gründen hat er sich gegen sein Reich entschieden. Er kam hier her. Ich befand mich in der Truppe Schutzgeister, die ihn angreifen sollte. Da streckte er den Arm aus und ich sah die beiden übrig gebliebenen Amulette in seiner Hand funkeln. Ich hielt die Truppe sofort auf. Er wollte uns nichts tun. Er war anders als die anderen Schattengeister. Er war gekommen, um uns zu helfen, seine eigene Heimat zu zerstören. So hat er vor wenigen Wochen zu uns gefunden. Allerdings sind die meisten Schutz- und Heilgeister sehr skeptisch was seine Aufnahme ins Himmelreich betrifft. Sie trauen ihm nicht und fürchten sich vor ihm. Mai und ich waren die einzigen, die sich dazu bereit erklärt haben, ihn in ihrem Haus unterzubringen. Ich weiß nicht warum, aber ich vertraue ihm. Warum hätte er dich sonst zurückholen sollen, wenn er uns nicht wirklich helfen wollen würde? Das wäre der dümmste Fehler gewesen, den er hätte machen können. Im Moment bin ich ihm einfach unglaublich dankbar und ihm ein Freund zu sein, scheint mir der beste Weg, um ihm das zu zeigen.“
Die Sonne ging bereits unter und tauchte den Himmel in ein sanftes Rosarot. Alex schaute zu ihm empor und sah nach seinen letzten Sätzen wieder glücklicher aus.
Das Mädchen neben ihm genoss ebenfalls die letzten Sonnenstrahlen und ließ die Idylle auf sich wirken. Sie hatte gerade so viel erfahren und sie wusste noch nicht, wie sie das alles verarbeiten sollte. Da kam ihr der entspannende Sonnenuntergang ganz recht.
Sie war also ein Schutzgeist, und auch, wenn sie sich nicht so fühlte, ein besonderer und starker noch dazu.
Und Izzy hatte sie es zu verdanken, dass sie nun wieder hier war. Er hatte ihr einen Neuanfang ermöglicht.
An das, was jetzt auf sie zukommen würde, mochte sie noch gar nicht denken.
„Genug für heute! Lass uns wieder nach Hause gehen.“, bestimmte Alex und sprang auf die Füße.
Erst jetzt merkte Hana, wie müde sie war. Zum einen war sie noch immer erschöpft von ihrer Reise ins Himmelreich und außerdem hatte das lange Gespräch mit Alex sie sehr angestrengt. Sie stand ebenso auf und folgte Alex wieder hinab ins Dorf.
Das erste Mal seit Ewigkeiten freute sie sich darauf, nach Hause zu kommen und sich schlafen legen zu können.
Ankunft
Die Schulglocke gongte und ein riesiger Schwarm Schüler verließ das alte Schulgebäude. Die jüngeren von ihnen kreischten und veranstalteten Wettrennen, wer als erstes bei den Fahrradständern ankommen würde. Dabei sprangen sie durch Pfützen, die die morgendlichen Regenschauer hinterlassen hatten und ließen jede Menge Dreckwasser aufspritzen.
Zwischen all den hastenden Jugendlichen, die es kaum erwarten konnten, nach dem langen Schultag endlich nach Hause zu kommen, hatte Hana Mühe, nicht umgerannt zu werden. Langsamen Schrittes und mit gesenktem Kopf ging sie in Richtung ihres Fahrrads. Sie hatte nicht die Kraft und nicht den Elan, mit den anderen mitzuhalten. Abwesend schaute sie zu Boden. Die Rufe und das Gerede in ihrem Umfeld schienen kaum ihre Ohren zu erreichen. Alles, was sie sah, waren die nassen Pflastersteine unter ihren Füßen. Der Rest ihrer Umgebung wurde von einem dunklen Schleier verhüllt. Ihre Finger waren steif vor Kälte und der hartnäckige Wind zerzauste ihr Haar. Die Schultasche lastete auf ihrem Rücken, als hätte sie sie mit Blei gefüllt.
Plötzlich rempelte ein Junge sie von hinten an. Sie stolperte eine paar Schritte, konnte sich aber gerade noch auf den Beinen halten. Der Rowdy lief an ihr vorbei und drehte sich um. „Upps, das tut mir aber leid.“, sagte er sarkastisch. Ein fieses Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus.
Hana kannte ihn. Es war John aus ihrer Klasse. Sie wollte ihn finster anschauen, aber sie merkte, dass sie dazu viel zu große Angst vor ihm hatte. Ein Schmerz durchzuckte ihren ganzen Körper, als sie sich an den Tag erinnerte, an dem er sie vor seiner gesamten Clique zusammengeschlagen hatte. Damals hatte er sie nach der Schule aufgesucht.
Sie war zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Da hörte sie auf einmal seine Stimme hinter sich rufen. Er forderte sie auf, stehen zu bleiben. Aber Hana tat genau das Gegenteil. Sie wurde schneller. Blanke Panik packte sie. Sie wollte nur weg von ihm.
„Hey!“, brüllte John hinter ihr her.
Die Schritte hinter ihr wurden ebenfalls schneller. Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Ohne es zu merken, begann sie, zu laufen. Mit ihrem Blick suchte sie die Umgebung ab nach Möglichkeiten, sich zu verstecken, diesem miesen Typen und seinen Freunden irgendwie zu entkommen. Sie bog rechts in einen schmalen Weg zwischen zwei Blockhäusern ein – ein fataler Fehler. Noch ein paar Meter rannte sie weiter, dann starrte sie auf eine hohe, unüberwindbare Mauer, die ihr den Weg versperrte. Es war ein Sackgasse.
Hinter ihr ertönte ein kühles Lachen. Sie schnellte herum und blickte den knapp zwei Meter großen Jungen mit furchterfüllten, weit aufgerissenen Augen an. Seine Freunde, vier weitere Klassenkameraden von Hana, standen hinter ihm und hatten genau dasselbe höhnische Lächeln im Gesicht wie John. Er trat auf sie zu.
Hana zitterte am ganzen Leib. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie realisierte, dass sie keine Chance mehr hatte, zu entkommen. Und immer noch verstand sie nicht, warum. Warum wurde sie so gehasst? Egal was sie tat, immer begegneten ihre Mitmenschen ihr mit Spott. Niemanden interessierte es, wie sehr sie sich bemühte, um ihren Vorstellungen zu entsprechen, um dazuzugehören.
Je weiter John auf sie zu kam, desto weiter zog Hana sich zur Mauer zurück. Sie ließ ihre Tasche fallen. Ihre eiskalten Hände berührten das noch kältere Gestein, an das sie sich nun mit dem Rücken drückte.
„Warum…?“, presste sie zwischen ihren bleichen Lippen hervor.
John erhob seine Hände und ließ die Gelenke knacken. „Spaß“, war seine einzige Antwort. Seine Kumpels fingen an, ihn anzufeuern.
Eine Träne rann Hana übers Gesicht und sie versuchte sich auf die bevorstehenden Schmerzen vorzubereiten.
Bereits der erste Schlag traf sie so heftig ins Gesicht, dass es sie zu Boden riss. Der zweite Schlag galt ihrer Magengrube. Trotz der Schmerzen schrie sie nicht. Sie brachte nur ein leiderfülltes Wimmern hervor.
Ehe Hana sich versah, stand John schon direkt vor ihr und schubste sie erneut.
„Lass mich in Ruhe.“, wollte sie ihm befehlen. Ihre Stimme war jedoch so leise und schwach, dass es eher wie eine jämmerliche Bitte klang.
„Wie bitte? Ich hab dich nicht verstanden.“, sagte John und stieß sie nochmals nach hinten.
„Du sollst mich in Ruhe lassen!“, wiederholte Hana, dieses Mal in einem lauteren und verzweifelten Ton.
Aber der Junge beachtete ihre Worte nicht. „Du willst mir sagen, was ich tun soll? Wie süß.“
Der nächste Stoß war so kräftig, dass Hana nach hinten kippte. Sie konnte sich gerade noch rechtzeitig im Fall zur Seite drehen, um ihren Sturz mit den Händen etwas abzufangen. Jedoch konnte sie nicht verhindern, dass sie direkt in einer Pfütze landete. Das schmutzige Wasser spritzte ihr ins Gesicht. Ihre Zähne fingen an zu klappern, als ihre Kleidung das eiskalte Nass aufsog.
„Steht dir gut.“, sagte John abfällig.
Vom Boden aus sah er noch bedrohlicher aus als vorher. Der Junge trat stampfte mit seinem Fuß in die Pfütze, woraufhin sich ein weiterer Schwall Dreckwasser über Hana ergoss.
Hana riss die Augen auf. Obwohl noch vor wenigen Sekunden brutale Kälte sie umfangen hatte, lag sie schweißgebadet unter ihrer Wolldecke. Es dauerte einen Moment, bis ihr wieder in den Sinn kam, dass sie nicht zu Hause in ihrem Zimmer war. Ihr Atem ging flach und schnell.
Von ihrer Vergangenheit auf der Erde zu träumen, war noch um einiges schlimmer, als plötzlich von Erinnerungen an ihre Zeit als Schutzgeist von den Beinen gerissen zu werden.
Sie versuchte sich zu beruhigen, indem sie sich auf ihre Atmung konzentrierte und versuchte, diese wieder unter Kontrolle zu bekommen. Allmählich wurden ihre Atemzüge wieder tiefer und langsamer. Sie drehte sich auf die Seite, mit dem Gesicht zur Raummitte, um zu versuchen, wieder einzuschlafen. Da fiel ihr zwischen den silbrigen Lichtstrahlen des Mondes, die durch eines der Fenster fielen, der Schatten einer Person auf.
Izzy war der Einzige, der nicht auf seiner Schlafmatte lag und schlief oder es zumindest versuchte. Er saß im Schneidersitz da und blickte hinaus. Seine Ellenbogen waren auf seine Beine gestützt. Auf den Daumen seiner übereinandergelegten Hände ruhte sein Kinn und sein linker Zeigefinger lag auf seinen Lippen. Er wirkte äußerst nachdenklich.
Hana traute ihm zu, dass er bereits gemerkt hatte, dass sie ihn beobachtete. Wenn es so war, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Regungslos wie eine Statue hockte er dort, aber Hana war sich sicher, dass er nicht schlief. Er sah also nicht nur so aus, als hätte er mehrere Nächte durchgemacht, sondern hatte es höchstwahrscheinlich wirklich getan. Aber warum? Was beschäftigte ihn so sehr, dass es ihm den Schlaf raubte? Oder war es vielleicht normal für Schattengeister, nicht zu schlafen? Hana war zu müde, um sich große Gedanken darum zu machen. Ihr blieb nicht viel Zeit, Izzy weiter zu beobachten, bevor ihr die schweren Augenlider zufielen und sie wieder in einen tiefen Schlaf sank, der dieses Mal bis zum Sonnenaufgang anhielt.
„Er… er möchte mit mir reden?“ Hana rannte aufgeregt von einem Ende des Raumes zum anderen.
Sie hatte ihr Kleid mit einem weißen Top und einer Ballonhose getauscht, welche Mai ihr gegeben hatte, nachdem Hana erwähnt hatte, dass sie es hasst, Kleider zu tragen.
Alex hatte sich mit dem Rücken an die Wand neben seinem Bett gelehnt und folgte dem aufgedrehten Mädchen mit seinem Blick, von links nach rechts, von rechts nach links und wieder zurück.
„Er möchte dich nur begrüßen, mehr nicht.“, versuchte er ihre Nervosität zu mildern. Als ihn das stürmische Herumrennen selbst verrückt zu machen drohte, erhob er sich und ging zu ihr. Er fasste sie bei den Schultern und zwang sie damit, endlich stehen zu bleiben. Dann schaute er ihr eindringlich in die Augen. „Das ist alles gar nicht wild. Er freut sich riesig, dass du wieder da bist. Du wirst einfach in seinen Palast spazieren und dann werdet ihr ein bisschen plaudern, nichts weiter. Ich kann dich auch bis zum Palast begleiten, das ist gar kein Problem!“
Obwohl Hana immer noch die Ruhe und Wärme bewunderte, die allein Alex‘ Augen ausstrahlten, konnte sie sich nicht entspannen. „Aber… ‚Meister Aaron‘ – das klingt so wichtig. Was ist, wenn ich mich total dumm anstelle und unhöflich wirke oder…“
„Meister Aaron legt nicht viel Wert auf besondere Höflichkeit.“, entgegnete Alex beschwichtigend.
Hana fing an, auf ihrer Unterlippe zu kauen. Wirklich überzeugt war sie noch immer nicht.
Nachdem sie ihren kurzen morgendlichen Spaziergang beendet und wieder das Haus betreten hatte, hatte Alex ihr einen Brief gereicht. Es war eine Einladung zum Palast des Oberhaupts der Schutz- und Heilgeister gewesen. Seit dem hatte sie nicht mehr stillgestanden. Zur Mittagsstunde sollte sie da sein. Und bis dahin dauerte es nicht mehr lang.
Mit einem tiefen Seufzer ließ Hana ihre Schultern sinken. Was konnte sie schon anderes tun, als das Treffen auf sich zukommen zu lassen? Sie blickte zu Boden und sagte mit leiser Stimme: „Ich glaube, am meisten Angst habe ich davor, dass er wie Dorothea von mir erwartet, dass ich mich an irgendetwas erinnere. Und da müsste ich ihn enttäuschen.“
Alex schwieg einen Moment. „Meister Aaron weiß doch, was passiert ist.“, meinte er dann. „Er wird das verstehen.“
Hana nickte und hoffte, dass er Recht hatte.
Mit einem Blick auf die Sonne, die hoch oben am Himmel thronte, ließ Alex Hana los und sagte: „Wir sollten uns auf den Weg machen.“
Sie schlenderten am Dorf entlang. Der Palast lag außerhalb, versteckt hinter den ersten Baumreihen des Waldes.
Während sie nebeneinander hergingen, versuchte Alex ihr stets Mut zuzusprechen. Aber wie sehr er sich auch bemühte, beruhigende Worte zu finden, es wirkte nicht. Hanas Hände schwitzten und waren kalt zugleich und sie fühlte sich, als hätte sie eine schwarze Wand im Kopf, die jeden ihrer Gedanken daran hinderte, sich zu entfalten.
Viel zu schnell erreichten sie das Gebäude, das wie die anderen komplett weiß war. Allerdings unterschieden sie sich eindeutig in der Größe. Dieses hier kam geschätzt acht der Hütten im Dorf gleich. Einige Meter vor dem Eingang des Hauses stand ein hoher, hölzerner Torbogen, hinter welchem ein Sandweg zu einer Doppelflügeltür führte, die von zwei Schutzgeistern bewacht wurde. Das Dach war flach und vier Fenster waren in die vordere Wand eingelassen. Sie alle waren durch ein Fensterkreuz in vier Rechtecke unterteilt und von innen durch dünne weiße Gardinen verhangen. Für einen ‚Palast‘ sah das Gebäude ziemlich schlicht aus.
Alex und Hana blieben vor dem Torbogen stehen. Ehrfürchtig blickte das Mädchen zum Sitz des Oberhaupts herüber.
„Ich glaube, hier muss ich dich jetzt verlassen.“, sagte Alex.
Hana schaute zu ihm auf. „Kannst du… kannst du nicht mit reinkommen?“
„Er hat dich eingeladen. Da habe ich nichts verloren.“, erklärte Alex entschuldigend und schob sie sanft nach vorn unter den Torborgen hindurch.
Und als hätte sie eine magische Grenze überschritten, wusste Hana, sobald sie den Bogen hinter sich gelassen hatte, dass sie jetzt nicht mehr umkehren konnte. Trotzdem sah sie noch einmal zu Alex zurück, um sich ein letztes aufbauendes Zunicken abzuholen und dann ihren Blick wieder auf die Tür zu richten. Mit kleinen unsicheren Schritten tappte sie auf die Wachen zu.
„Ähm… Hallo. Ich habe eine Einladung von Meister Aaron erhalten.“, schilderte Hana den beiden Schutzgeistern, die links und rechts von der Tür standen.
Sie musterten sie von oben bis unten. Noch nie zuvor hatte Hana zwei so ungleiche Personen nebeneinander gesehen. Der eine von ihnen war groß, er maß sicher über zwei Meter, und spindeldürr. Dazu hatte er braune, lockige Haare, die zu allen Seiten abstanden. Der andere wiederum war klein und dick, trug eine Halbglatze und einen kurzen Bart. Er war eindeutig älter als der Schlaksige und das erste, was Hana ins Auge fiel, war seine große knubbelige Nase.
Der Große lächelte. „Hana! Meister Aaron erwartet dich schon!“
Hana zuckte zusammen, als er ihren Namen nannte. Sie konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, dass sie anscheinend jeder hier kannte.
„Tritt ein“, grummelte der Ältere in seinen Bart und beide zogen gleichzeitig je eine Seite der Doppeltür auf.
„Danke…“ Vorsichtig ging Hana an den Wachen vorbei und durchschritt die Tür. Sobald sie das Haus betreten hatte, wurden die Türflügel wieder hinter ihr geschlossen.
Sie stand in einem riesigen, von warmem Licht durchfluteten Raum. An der ihr gegenüberliegenden Seite des Raumes ragten gigantische, lückenlos gefüllte Bücherregale bis an die Decke hinauf und verdeckten beinahe die gesamte Wand, bis auf eine schmale Stelle, wo sonst eine Tür versperrt werden würde. Der Boden wurde von einem mattgrünen Teppich mit floralen Ornamenten geziert und in der hinteren linken Ecke stand mit etwas Abstand vom Bücherregal ein flacher Holztisch, ähnlich dem, der auch in der Hütte von Alex stand, nur länger. Auf dem Tisch stapelten sich Berge von Papier und weitere Bücher, von denen Hana bezweifelte, dass sie noch Platz im Regal hatten.
Hinter dem Tisch saß ein alter Mann. Tiefe Falten gruben sich in sein Gesicht. Ein langer weißer Bart lag auf seiner Brust und er war in ein weißes Gewand gehüllt, welches an den Ärmeln mit den Umrissen von blauen Blumen bestickt war. In seiner Hand hielt er eine lange geschwungene Feder, mit welcher er geschwind über ein Blatt Papier flog. Er schien wichtige Arbeiten zu erledigen und Hana fühlte sich wie ein ungebetener Störenfried. Doch dann legte er die Feder zur Seite, schob mit einer einzigen Armbewegung alle Bücher und Papiere an den rechten Rand des Tisches und lächelte Hana freundlich entgegen.
„Grüß dich, Hana, bitte nimm Platz!“ Er winkte sie zu sich heran.
Hana tat wie ihr geheißen und versuchte sich ebenfalls ein Lächeln abzuringen, was ihr angesichts ihrer Aufregung ziemlich schwer fiel. Außerdem beunruhigte sie die Atmosphäre, die in dem Raum herrschte.
Obwohl kein Windzug ins Haus gelangte, schien die Luft im Raum sich ständig zu bewegen. Hana konnte ein leichtes Vibrieren auf ihrer Haut spüren. Es war, als hätte sich die Luft zu einer unsichtbaren, zähen Masse verdichtet und würde sich nun um sie drängen.
„Ich freue mich, dich wieder willkommen heißen zu können.“, sagte der alte Mann. „Du hast eine schwierige Zeit hinter dir, nicht wahr?“
Hana wusste nicht genau, was sie antworten sollte. Natürlich hatte sie ihr Leben alles andere als gemocht. Aber in den letzten Jahren hatte sie sich auch daran gewöhnt. Verlegen schaute sie zu ihren Händen auf ihrem Schoß. War es unhöflich, darauf nicht zu antworten?
„Ich hoffe, dir gefällt es hier, auch wenn du dich nicht erinnerst.“
Hana war überrascht. Er wusste also wirklich, dass sie keinen blassen Schimmer von ihrer Vergangenheit hatte. Im nächsten Moment ärgerte sie sich über ihre Dummheit. Er war das Oberhaupt der Schutzgeister. Wie hatte sie bezweifeln können, dass er es wusste? Vermutlich wusste er einfach alles. „Ja, mir gefällt es hier sehr.“, beteuerte sie und ihr Lächeln wurde ungezwungener.
„Das ist gut. Sehr gut. Obwohl wir gerade mehr als genug zu tun haben mit dieser Meute Schattengeister, möchte ich, dass du dir Zeit lässt. Komm erst einmal in Ruhe an. Fühl dich wohl.“ Seine grauen Augen ruhten auf ihr, warmherzig und liebevoll. Er hob die rechte Hand über den Tisch. Seine Handfläche, die zum Tisch gerichtet war, glühte hellblau auf. Zur gleichen Zeit tauchten unter seiner Hand mikroskopisch kleine blaue Teilchen auf, die sich zusammenzogen und gemeinsam eine andere Form und Farbe annahmen. Ehe Hana sich versah, stand auf dem Tisch ein flacher, mit Schokoladenkeksen gefüllter Teller. Meister Aaron grinste, als Hanas Augen sich erstaunt weiteten.
„Nun, als Geister essen wir normalerweise nichts, aber ich dachte, vielleicht fällt es dir leichter, dich einzugewöhnen, wenn dir doch noch etwas aus deinem menschlichen Leben übrigbleibt.“ Er griff nach dem Teller und reichte ihn Hana.
Etwas zögerlich nahm diese ein Stück des Gebäcks. „Ich liebe Schokokekse. Danke!“ Zunächst traute sie sich nur, einen winzigen Bissen zu nehmen. Sie konnte kaum glauben, dass etwas, was plötzlich aus dem Nichts entstanden war, nach Keks schmecken konnte. Doch es war der beste Schokokeks, den sie je gegessen hatte, sodass sie gleich nachlangte.
Aaron lächelte weiter vor sich hin. „Dennoch habe ich Friedo Bescheid gesagt, dass du übermorgen bei ihm zum Unterricht erscheinen wirst.“
Hana sah ihn fragend an und sammelte einen Krümel von ihrer Hose. „Unterricht?“
„Genau. Friedo wird dir zeigen, wie du deine Kräfte als Schutzgeist nutzen kannst. Allerdings bin ich mir sicher, dass, auch wenn dein Kopf es nicht tut, dein Körper sich bald wieder daran erinnern wird.“
Hana war sich da nicht so sicher. Sie spürte, wie sich Steine in ihren Magen legten. „Heißt das… ich soll kämpfen?“
Er strich sich über den zotteligen Bart. „Zunächst einmal heißt das, dass du dich selbst wieder spüren sollst. Und das wiederum wird dich aufs Kämpfen vorbereiten. Hana…“, sein Blick wurde eindringlicher, „…es führt kein Weg an diesem Krieg vorbei und leider Gottes spielst du dabei die entscheidende Rolle. Aber natürlich kann ich dich zu nichts zwingen. Darum frage ich dich: Bist du bereit dazu, mit uns gemeinsam den Schattengeistern entgegenzutreten und bis ans Ende deiner Kräfte gegen sie anzukämpfen?“ Das Lächeln war aus seinem Gesicht gewichen, seine Stirn war nun noch faltiger und seine Augen erzählten, wie ernst die Lage war.
Hana rang mit ihrer Angst. Allein die Vorstellung, Teil eines Krieges zu werden, bereitete ihr Gänsehaut. Wo war sie da nur hineingeraten? Sie ließ ihren Blick durch das Fenster neben sich nach draußen schweifen. Ein paar Sonnenstrahlen stahlen sich durch das Dach aus Baumkronen und tauchten den Wald in glanzvolles Licht. Obwohl sie erst so kurze Zeit hier war, fühlte sie sich zu diesem Ort gehörig. Nichts, von dem, was sie auf der Erde zurückgelassen hatte, vermisste sie. Es wäre grausam gewesen, wenn dieser Ort zerstört werden würde.
Und dann dachte sie an die Menschen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie gelitten. Und das nur, weil zwei Schattengeister ihr Leben kontrolliert hatten. Sie hatte die Qualen am eigenen Leib erfahren und wusste, dass sie nicht die einzige war, der das angetan worden war. Wenn das Schattenreich nicht zerstört werden würde, würde diese Pein kein Ende nehmen.
Und anscheinend war sie die einzige, die das verhindern konnte.
Sie spürte, wie eine ungeahnte Kraft und Entschlossenheit ihren Körper durchflossen und langsam das mulmige Gefühl in ihrem Bauch auflösten. Es musste sein. Endlich hatte ihr Leben einen Sinn, sie musste es tun.
Unbeirrt sah sie Aaron an. „Ja, ich werde mit euch kämpfen.“
Er schloss eine Weile die Augen, seine Gesichtszüge entspannten sich. „Ich kann dir nicht sagen, wie froh ich darüber bin.“
Hana lächelte. Auch wenn sie sich absolut verrückt vorkam, hatte sie den Eindruck, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sie war sich sicher, es würde nicht von langer Dauer sein, aber für diesen Moment fühlte sie sich stark.
„Dann erwartet Friedo dich übermorgen auf dem Übungsplatz. Alex oder Mai werden dir bestimmt gerne den Weg dorthin zeigen.“
Hana nickte und schon jetzt verspürte sie ein aufgeregtes Kribbeln.
Aaron füllte die übrig gebliebenen Kekse in eine verschließbare Schale um, die er auf demselben Weg erschuf, wie den Teller zuvor und reichte diese Hana. „Bitte sehr. Wenn du mehr brauchst, komm einfach vorbei und hol dir welche ab.“, sagte er mit einem Augenzwinkern.
Von der Herzlichkeit des Mannes überwältigt nahm Hana das Geschenk an und erhob sich. Als sie bereits an der Tür stand, drehte sie sich noch einmal um. Sie überkam das Bedürfnis noch etwas zu sagen, aber wie so oft brauchte sie Zeit, um Worte zu finden. „Danke, dass ich hier sein darf. Ich bin wirklich sehr glücklich, hier zu sein.“, sagte sie schließlich zum Abschied.
Aaron nickte ihr zufrieden zu. Dann öffnete Hana die Tür und trat mit federnden Schritten hinaus.
Die Blume des Lebens
Ein weiterer Tag war angebrochen. Alex und Hana saßen am Tisch und knabberten an den Schokokeksen.
Mai war seit dem vorigen Abend mal wieder im Hospital und Izzy saß auf seiner Matte, vertieft in ein Buch.
„Die schmecken echt gut.“, merkte Alex an. Er nahm die Schale und drehte sich zu Izzy um. „Auch ein Stück?“
Izzy blickte von seinem Buch auf und sah Alex mit solch einem finsteren Blick an, dass es Hana das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Bleib mir bloß vom Leib mit dem Zeug!“, murrte er und widmete sich dann wieder seiner Lektüre.
Alex zuckte mit den Achseln und wandte sich wieder zu Hana. „Dann halt nicht.“ Er stellte die Kekse zurück auf den Tisch und stand auf. „Na ja, ich muss dann mal los. Izzy, vergiss dein Training nicht. Und Hana, danke für die Kekse.“
Am frühen Morgen hatte er einen Auftrag bekommen. Die Schutzgeister auf der Erde brauchten Unterstützung.
„Bedank dich bei Meister Aaron. Pass gut auf dich auf!“ Hana winkte Alex zu, bis dieser das Haus verlassen hatte.
Nun saß sie allein am Tisch. Izzy würdigte sie keines Blickes. Kurz überlegte sie, ob sie versuchen sollte, ein Gespräch anzufangen. Doch als sie eine Weile seine hochkonzentrierte Miene beobachtete, entschied sie sich dagegen. Wahrscheinlich würde er sie nur dafür hassen, dass sie ihn beim Lesen störte.
Plötzlich bekam sie höllische Kopfschmerzen. Augenblicklich formten sich wieder fremde Bilder in ihrem Kopf.
Sie befand sich in einem Schlafzimmer. Es war nicht ihres. Vor ihr saß ein junges Mädchen auf einem alten roten Sofa und weinte. Hana beugte sich zu ihr herüber und berührte mit dem rechten Zeige- und Mittelfinger die Stirn des Mädchens. Unter ihren Fingerkuppen erstrahlte ein sanftes blaues Licht. Das Schluchzen des Mädchens wurde leiser. Zuerst atmete sie noch unregelmäßig und zitterte am ganzen Körper. Doch nach und nach wurde sie immer ruhiger. Hana konnte ihr die Traurigkeit nicht nehmen, aber für den Moment würde das Mädchen etwas entspannter sein.
Da spürte sie die Anwesenheit einer dritten Person im Rücken. Sie schnellte herum.
Doch da war nur ein großes offenstehendes Fenster. Eine kühlte nächtliche Brise zerrte an den Gardinen, die immer wieder gegen die Scheiben schlugen. Aber ansonsten war dort nichts. Dabei war Hana sich sicher, dass jemand da gewesen war…
Die Erinnerungen schwanden aus Hanas Kopf.
Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen und Mai platzte herein. Hana war ihr sehr dankbar dafür, so war sie nicht mehr allein mit Izzy.
„Hana! Hast du Lust, mit mir Kräutersammeln zu gehen?“, fragte Mai mit einem Leuchten in den Augen, das Hana nicht erlaubte, nein zu sagen.
„Ähm, okay.“ Hana sah zu Izzy, um zu prüfen, ob er irgendeine Regung zeigte. Nichts. Wie konnte jemand nur so desinteressiert und ignorant sein?
Dann folgte sie Mai, die so schnell wie sie gekommen, auch schon wieder verschwunden war.
Mai eilte durch den Wald, sodass Hana kaum hinter ihr herkam.
„Wo müssen wir eigentlich hin?“, wollte Hana wissen.
„Zum großen See.“, antwortete Mai, ohne sich umzudrehen.
Das sagte Hana nicht viel. Bisher hatte sie noch nicht einmal gewusst, dass hier überhaupt ein See existierte.
Im Takt ihrer Schritte schwang Mai einen großen Binsenkorb in ihrer rechten Hand hin und her. Tatsächlich machte sie nicht viele Schritte und dennoch war sie wahnsinnig schnell.
Auch wenn Hana nicht mit ihr mithalten konnte, fühlte sie sich schneller als gewöhnlich. Die Leichtigkeit, die ihr gleich nach ihrem ersten Erwachen im Himmelreich aufgefallen war, war nicht verschwunden. Bei jedem Schritt schien sie kaum den Boden zu berühren und jede Bewegung war so viel einfacher, als sie als Mensch gewesen war.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Hana das Ende des Waldes erblicken konnte. Hinter den dicken knorrigen Stämmen setzte sich die grünflächige Landschaft fort und Wasser glitzerte im Sonnenschein.
Ergriffen von Neugier stürzte sie Mai hinterher und hatte nun beinahe dasselbe Tempo. Nachdem sie die Bäume hinter sich gelassen hatte, blieb sie stehen und sah sich bewundernd um.
Als Mai merkte, dass Hana ihr nicht mehr folgte, hielt sie ebenfalls an und ließ Hana Zeit, die neuen Eindrücke auf sich wirken zu lassen.
Der See, der vor ihnen lag, war unnatürlich rund, als hätte Gott einen gigantischen Kreis aus dem Boden gestanzt und mit Wasser gefüllt. Doch das Sonderbarste an dem See war die riesige rosarote Seerose, die exakt in der Mitte schwamm und dicke, fleischige, dunkelgrüne Ranken von sich streckte, die den gesamten See überquerten und sich schließlich am Ufer in den Boden rammten. Jede dieser Ranken war mit Knospen besetzt, die sich teilweise schon zu wunderschönen ebenfalls rosaroten Blüten geöffnet hatten. Die Farbe der Seerose war so kraftvoll, dass sie von sich aus zu leuchten schien und Hana glaubte, dass aus ihrem Inneren tatsächlich Licht gen Himmel drang.
Hana beobachtete, wie eine blaue Lichtkugel aus einer vollkommen geöffneten Blüte aufstieg und weit oben schließlich erlosch.
„Was war das?“, fragte sie Mai.
„Komm mit! Ich erzähle es dir, während wir Kräuter sammeln.“
Mai führte sie näher an den See heran. An einer der Stellen, wo sich eine Ranke im Boden festkrallte, ließen sie sich nieder. Die Ranke war umgeben von kleinen dunkelblauen Pflanzen. Sie sahen fast aus wie vierblättrige Kleeblätter, bis auf die Farbe und die Blätter, die spitz zuliefen. Die Mädchen begannen, das Kraut zu pflücken und in den Korb zu legen.
„Das sind die wichtigsten Heilkräuter überhaupt.“, erklärte Mai. „Sie helfen bei allen Verletzungen. Vermischt mit etwas Wasser aus diesem See hier ergeben sie eine wahre Wundersalbe. Oder du trinkst sie als Tee, sehr lecker!“
Hana sah immer wieder zu der faszinierenden Seerose auf dem Wasser hinüber. Hier spürte sie dasselbe Pulsieren in der Luft, wie es ihr schon im Palast des Meisters aufgefallen war, jedoch kam es ihr diesmal nicht mehr so bedrohlich vor.
„Das ist die Blume des Lebens.“, erzählte Mai. „Hier werden alle Schutz- und Heilgeister geboren.“
„Sie werden hier geboren?“
„Genau. Der Lichtball, den du vorhin beobachtet hast, das war ein neugeborener Geist.“
„Aber er ist verschwunden!“, sagte Hana erschrocken.
Doch Mai lächelte. „Ja, aber keine Angst, das ist ganz normal. Er ist in eine Art Neugeborenenheim gekommen. Alle Geister kommen nach ihrer Geburt dorthin. Da warten Heilgeister auf sie, die sich die ersten Tage um sie kümmern und dann werden sie eine der Hütten in der Siedlung zugewiesen. Nach ein paar Wochen beginnen sie dann mit ihrer Ausbildung zum Schutz- oder Heilgeist.“
„So schnell beginnen sie ihre Ausbildung?“, fragte Hana verblüfft.
„Ja. Du musst wissen, Geister werden sehr schnell erwachsen. Viel schneller als Menschen. Nach den paar Tagen im Neugeborenenheim sind sie bereits wie ein etwa dreijähriges menschliches Kleinkind. Der Beginn ihrer Ausbildung ist wie der Beginn der Grundschule. Und nach drei Jahren Ausbildung sind sie erwachsen und bereit, zu kämpfen und zu heilen, und zwar all die vielen Jahrhunderte lang, die sie leben.“
Das fand Hana kaum vorstellbar. Es war so anders, als das, was sie bisher gekannt hatte. Und hatte Mai gerade gesagt, dass sie mehrere Jahrhunderte lang leben würde?
„Wie funktioniert das?“ Hana deute mit einer Kopfbewegung zur Seerose. „Wie entstehen Geister?“
Mai sprach weiter, ohne von ihren Händen, die fleißig Kräuter aus dem Boden zupften, aufzusehen. „Die Blume des Lebens ist der Ursprung unserer Energie, der Energie der Pflanzen, der Energie von allem hier. Die Kraft, die diese Blume in sich birgt, kannst du dir nicht vorstellen. In der Rose selbst ist sie am stärksten. Aber sie fließt auch durch alle Ranken. Irgendwann bilden sich dort diese kleinen Knospen. Ganz langsam reifen sie heran. Es dauert einige hundert Jahre, bis die kleinen Blumen in voller Blüte stehen. In dieser Zeit wächst im Innern der Blumen ein junger Geist heran. Und dann, sobald sie sich öffnet, schwebt der Geist in Form eines hellen Lichts hinaus und den Rest kennst du ja.“
Hana versuchte sich bewusst zu machen, dass in jeder der Knospen neben ihr gerade ein kleiner Geist heranwuchs. Es war ein unfassbar schönes, belebendes Gefühl, an diesem Ort des Neuanfangs zu sein. „Also entsteht jeder Schutz- und Heilgeist in einer dieser kleinen wundervollen Blumen…“
„Fast jeder.“, betonte Mai. „Es gibt einen einzigen, der sich nicht mit einer kleinen Blume zufrieden gegeben hat.“ Sie sah Hana verheißungsvoll an. „Was meinst du, was dich zu einem so mächtigen und wichtigen Schutzgeist macht?“
„Ich weiß es nicht.“, sagte Hana kleinlaut.
„Du wurdest inmitten der Blume des Lebens geboren. Es heißt, je näher sich die Geburtsblüte an der Blume des Lebens befindet, desto mehr Kraft bekommt der Geist. Umgekehrt gilt, je weiter weg von der Blume des Lebens er geboren wird, desto schwächer wird er sein. Nun, ich denke, näher dran als du kann man nicht geboren werden.“
Sobald sie keine Kräuter mehr entdecken konnten, machten sie sich auf zur nächsten Ranke, an der es wieder nur so von dunkelblauen Blättern wimmelte.
„Alle sagen mir, ich sei so stark. Aber ich fühle mich nicht so.“, sagte Hana nach einer Weile traurig. „Ich meine, was kann ich denn schon? Vielleicht ist es wahr und ich habe Unmengen an Kraft in mir, aber ich weiß nicht im Geringsten, wie ich sie nutzen kann.“
„Das kommt noch. Meintest du nicht gestern, dass du ab morgen Unterricht bei Friedo hast? Er soll der beste Lehrer sein, den ein Schutzgeist sich wünschen kann. Und zweifle nicht daran, dass du die Kraft in dir trägst. Ach, Alex könnte dir eine Menge lustiger Geschichten aus eurer Kindheit erzählen. Du hattest oft wirklich Probleme, deine Energie im Zaum zu halten. Alex hat mir mal erzählt, dass du bei dem Versuch, das Wasser in dem See hier mit Magie in Bewegung zu versetzen, das ganze Umland überschwemmt hast. Das spricht schon für sich.“ Mai lachte auf.
Auch Hana musste bei dieser Vorstellung grinsen. Zu gerne hätte sie eigene Erinnerungen an diese Zeit gehabt.
Nachdem sie einige Stunden gesammelt hatten und ihr Korb beinahe bis zum Rand gefüllt war, machten sie sich auf dem Weg zum Hospital, welches nicht weit entfernt im Schutz des Waldes lag.
Sie betraten das längliche Bauwerk. Ein schmaler Gang führte durch das gesamte Gebäude und links und rechts reihten sich Türen aneinander, die vermutlich zu den Krankenzimmern gehörten. Auf dem Gang herrschte reges Treiben. Die Heilgeister hatten anscheinend viel zu tun.
Mai und Hana schlängelten sich zwischen den Beschäftigten hindurch, bis sie am Ende des Ganges, und damit der letzten Tür, angekommen waren.
Der Raum, den sie betraten, erinnerte Hana stark an ein Labor. Drei lange Tische füllten den Raum aus und auf jedem standen Reagenzgläser in dafür vorgesehenen Halterungen und einige Schalen mit Mörser. Außerdem waren Flaschen mit diversen Flüssigkeiten sowie Behälter mit unterschiedlichen Kräutern auf den Tischen verteilt.
Mai stellte den Korb auf dem mittleren Tisch ab und griff nach einem der Kräuterbehältnisse. Sie füllte die frisch gepflückten Kräuter um und verschloss den Behälter wieder gut. „So, das hätten wir. Daraus kann ich morgen neue Heilmittel herstellen. Vielen Dank für deine Hilfe!“
„Da nicht für. Ich hatte ja sonst nichts zu tun.“, entgegnete Hana.
Sie verließen das Hospital wieder. Es war bereits Nachmittag und die Sonne senkte sich allmählich zum Horizont herab. Da begegnete Hana ein bekanntes Gesicht
Mai kam ihr zuvor. „Guten Tag, Dorothea!“
Die alte Dame ging auf die beiden Mädchen zu. „Hallo Mai, hallo Hana!“, lächelte sie. „Wie sieht es im Hospital aus?“
„Nun ja, es gibt viel zu tun.“ Mai sah betreten zu Boden. „Ich habe das Gefühl, die Kämpfe auf der Erde werden immer schlimmer, besonders in den letzten Tagen.“ Sie warf einen kurzen Blick zu Hana herüber.
Hana verstand. Mai meinte, besonders seitdem sie wieder im Himmelreich war. Hanas Rückkehr hatte die Lage verschlimmert.
„Es kommen wieder bessere Zeiten. Wir dürfen nicht verzagen.“, meinte Dorothea aufmunternd und legte Mai eine Hand auf die Schulter.
Dann wandte sie sich an Hana. „Gut, dass ich dich treffe, liebe Hana.“ Sie öffnete ein kleines Säckchen, das sie an ihrem Handgelenk baumelnd mit sich trug. Dann griff sie hinein und zog einen silbernen Ring heraus. „Der ist für dich.“
Hana nahm den Ring verwundert entgegen. Er war schmal und etwas zerkratzt und mit einer fünfblättrigen stählernen Blume besetzt, die genauso aussah wie die Stickereien auf dem Gewand des Meisters und in der Mitte einen kleinen blauen Edelstein trug.
„Ich habe ihn früher während meiner Ausbildung von meiner Lehrerin bekommen. Er hat mir sehr geholfen, immer wieder an meine Stärken zu glauben. Du weißt, die Blume ist bei uns das Symbol der Kraft. Mittlerweile bin ich mir meiner Stärken bewusst und ich denke, dass du ihn momentan mehr brauchst als ich.“ Dorothea nahm Hana den Ring wieder aus der Hand und steckte ihn ihr dafür direkt auf den Finger.
„Danke…“, sagte Hana berührt. Sie betrachtete den im Sonnenlicht schillernden Diamanten.
„Nun, dann werde ich dort drinnen mal etwas aushelfen.“ Dorothea blickte zum Hospital. „Habt noch einen schönen Tag ihr zwei.“
„Vielen Dank! Auf Wiedersehen!“
Mai hob die Arme in die Höhe und streckte sich gähnend. „Jetzt will ich aber nach Hause.“ Mit ihren schwebenden Schritten eilte sie davon, froh darüber, endlich Feierabend zu haben.
Während Hana ihr hinterherlief, konnte sie nicht die Augen von dem glänzenden Ring an ihrem Finger lassen. Es kam ihr albern vor, aber seit sie ihn trug, fühlte sie sich wirklich stärker. Und je länger sie ihn ansah, desto fröhlicher wurde sie.
Sie verließen den Wald näherten sich ihrem Haus, als Alex ihnen plötzlich entgegenstürmte.
„Alex?“, fragte Mai verwirrt. „Solltest du nicht zur Erde?“
Alex blieb vor ihnen stehen. Gestresst wanderte sein Blick zwischen den Mädchen hin und her. „Da war ich auch. Aber ich wurde unerwartet zurückgeholt.“
Mai runzelte die Stirn. „Warum?“
„Friedo hat nach mir verlangt.“
„Was ist passiert? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, meckerte Mai aufgeregt.
Alex trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. „Es geht um Izzy. Ich soll ihn abholen. Es gab beim Training ein paar… Komplikationen.“
Außer Kontrolle
Mai sog erschrocken die Luft ein. „Oh nein“, seufzte sie. Sie schien vage zu wissen, was geschehen war.
Doch Hana hatte keine Ahnung. Ratlos sah sie von einem zum anderen, wartend auf eine weitere Erklärung.
„Möchtest du mitkommen, Hana?“, fragte Alex. Er war zutiefst angespannt.
Hana nickte.
Sie verabschiedeten sich kurz von Mai und stürzten dann hinunter ins Tal.
„Wo müssen wir hin?“, erkundigte sich Hana, während sie dem Jungen hinterherrannte.
„Zum Übungsplatz am anderen Ende des Dorfes.“, rief Alex zurück, ohne sein Tempo zu verlangsamen.
Hanas Gedanken rasten. Was konnte nur passiert sein, dass Izzy nicht alleine zurückkehren sollte? Hatte er sich beim Training verletzt? So schlimm, dass Alex von der Erde zurückgerufen worden war?
Die beiden Schutzgeister hasteten durch das Dorf, von verwunderten Blicken gefolgt. Hanas Schritte schienen sich zu überschlagen. Nie zuvor war sie so schnell gelaufen und dennoch spürte sie kaum eine Anstrengung.
Sie erklommen den Hügel, der aus der Siedlung führte. Von dort oben konnte Hana bereits ein großes rechteckiges Feld erkennen, dessen Fläche nicht von Gras übersät, sondern mit hellem Sand bedeckt war. Neben dem Platz stand eine kleine Hütte aus dunklem Holz, vermutlich mit Trainingsutensilien gefüllt. Hana konnte die Gestalt einer Person ausmachen, die vor der Hütte stand.
Alex hatte einige Meter Vorsprung zu Hana, doch wie er sich der Hütte näherte, wurde er langsamer und Hana konnte ihn einholen.
„Wo ist Izzy? Was ist denn genau passiert?“, wollte Hana erfahren. Sie waren nun fast angekommen.
„Vermutlich haben sie das Training etwas übertrieben. Es ist nicht gerade einfach für einen Schattengeist, sich Schutzgeistern gegenüber zu beherrschen. Es liegt in unserer Natur, uns gegenseitig zu hassen. Und auch, wenn Izzy es gut mit uns meint, ist und bleibt er ein Schattengeist und kann sich seinem Trieb nicht entziehen.“
Mittlerweile konnte Hana die Person neben dem Trainingsplatz genauer erkennen. Es war ein Mann mittleren Alters. Er war muskulös und breitschultrig und blickte den Ankömmlingen erwartend entgegen. Seine Arme hielt er vor der Brust verschränkt.
Hana starrte in seine Richtung, während sie sich Alex‘ Worte durch den Kopf gehen ließ. War es also gefährlich, in Izzys Nähe zu sein? Konnte es stets passieren, dass er die Selbstbeherrschung verlor und angriff?
Alex und Hana blieben vor dem Mann stehen. „Friedo!“, sagte Alex keuchend.
Ohne jeglichen Gruß begann Friedo sofort zu erzählen: „Ich fürchte, ich habe ihn heute etwas überfordert. Er ist plötzlich vollkommen durchgedreht. Eine gewaltige Kraft hat der Junge, wenn er nicht mehr versucht, sich zusammenzureißen. Deshalb hab ich mich dazu entschlossen, ihn fürs Erste in den Schuppen zu sperren.“ Das alles sagte er in einem gelassenen Tonfall, als wäre dies das Normalste der Welt. „Bis vor wenigen Sekunden hat er da drin noch ziemlich rumrandaliert. Ich hoffe, er hat sich nicht umgebracht.“
In dem Moment drang ein lautes Rumpeln aus dem Holzhaus.
Hana schluckte. Sie konnte kaum fassen, wie gleichgültig Friedo Izzys Verfassung zu sein schien.
„Lass ihn da raus.“, bat Alex. „Das ist ja Folter.“
Friedo drehte sich um und legte eine Hand auf das Schloss der Hütte. Daraufhin leuchtete das gesamte Häuschen auf. Hana vermutete, dass er es mit einem speziellen Zauber versiegelt hatte.
Das Licht erlosch.
Hana versuchte sich auszumalen, was sie hinter der Tür erwartete. Es kam ihr vor, als würden sie alle darauf warten, dass ihnen ein wildes Raubtier entgegengesprungen kam.
Das Schloss sprang auf. Mit einem lauten Knarren öffnete sich die Tür. Langsam, viel zu langsam ging sie auf, bis sie schließlich gegen die Wand schepperte und dort verharrte.
Es war dunkel in der Hütte. Hana konnte kaum etwas erkennen. Ihre Augen brauchten eine Weile, um sich an die Finsternis zu gewöhnen.
Hana wünschte, sie hätten es nie getan.
Erschüttert blickte sie in den Raum. In der Mitte lag quer ein umgeworfenes Regal, welches vermutlich ursprünglich an der linken Wand gestanden hatte. Zerbrochenes Glas und Porzellan bedeckten den Boden. Metallstäbe lagen verstreut umher und die Wände waren zerkratzt, als hätte ein unbändiges Monster sich daran ausgelassen.
Und zwischen all den Trümmern, an der hinteren Wand, saß Izzy.
Er hatte die Beine angezogen. Jede Faser seines Körpers war zum Zerreißen gespannt. Und er zitterte. Er zitterte schrecklich. Seine Arme, die nun nicht mehr von einem dicken Pullover verdeckt wurden, waren blutverschmiert, von unzähligen Schnittwunden übersät. Als Hana die rot verfärbte Vasenscherbe neben Izzys Hand entdeckte, wurde ihr klar, dass er sich diese Verletzungen selbst zugefügt hatte. Doch beinahe noch entsetzlicher war sein Blick. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er die drei Schutzgeister an, erfüllt von Wahnsinn, Panik und Angst.
Hana schlug die Hände vor den Mund. Das war nicht der Izzy, den sie kennengelernt hatte. Hier vor ihr saß ein kleines verängstigtes Kind. Ein einsames Kind, das Hilfe brauchte.
Da niemand sich rührte, trat Hana einen Schritt in die Hütte.
Sofort zuckte Izzy zusammen. „Bleib weg, Hana!“, schrie er. „Komm nicht näher!“
Die durchdringende Verzweiflung in seiner Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken und ließ sie innehalten.
„Izzy, es ist okay. Komm raus.“, sagte Alex sanft, aber bestimmt. Doch auch er schien völlig überfordert mit der Situation zu sein.
„Nichts ist okay!“, brüllte Izzy weiter, völlig außer sich. „Geht weg! Alle! Haut ab!“ Seine Hand krallte sich um die Scherbe.
„Izzy…“ Hanas Stimme war kaum mehr als ein Wimmern.
Izzys Atemzüge wurden immer schneller und kürzer.
„Hör auf…“ Hana stiegen die Tränen in die Augen. Sie kannte ihn nicht besonders gut. Bisher hatte sie auch eher Angst vor ihm gehabt. Doch nun schmerzte es, ihn so am Boden zerstört zu sehen.
Izzy ließ die Scherbe wieder fallen und schlug sich die Hände gegen den Kopf. Dann stieß er einen lauten Schrei aus, sprang auf, rammte Hana zur Seite und rannte davon.
„Izzy!“, rief Alex ihm nach und war im Begriff, ihm hinterherzulaufen. Doch Friedo hielt ihn zurück.
„Vielleicht braucht er eher noch etwas Zeit für sich.“
Alex starrte ihn entgeistert an. „Hast du ihn dir angesehen?! Der ist völlig durchgedreht! Wer weiß, was er noch anstellt?“
„Hat Meister Aaron nicht auch mit dir gesprochen? Er braucht die Freiheit, um wieder runterzukommen. Und solange er niemanden gefährdet, dürfen wir ihn laufen lassen. Im Moment denke ich, dass er keine Gefahr für jemanden darstellt.“
„Nur für dich selbst…“, murmelte Alex besorgt.
„Darum haben wir uns nicht zu kümmern.“, entgegnete Friedo schroff.
Alex schüttelte den Kopf. Es war ihm anzusehen, wie er mit sich kämpfte. „Ja, du hast recht.“
Hana war fassungslos. Er wollte Izzy einfach so laufen lassen?
„Komm Hana, ich denke, Izzy wird von allein zurückkommen.“, sagte Alex.
„Moment mal!“, protestierte Hana. „Warum sind wir denn überhaupt hergekommen? Sollten wir ihn nicht abholen?!“
„Das wäre für den Fall gewesen, dass Izzy noch eine Gefahr für andere gewesen wäre. Aber das sehe ich im Moment nicht.“, erklärte Friedo bedachtsam.
„Wie könnt ihr nur so kalt sein.“, flüsterte Hana und sprintete los.
„Hana, warte!“, brüllte Alex.
Doch Hana hörte nicht. Sie rannte immer weiter, in die Richtung, in die Izzy gelaufen war, in der Hoffnung, ihn wiederzufinden.
Sie flog über die grüne Hügellandschaft. Zwischendurch drehte sie sich um, um zu schauen, ob Alex ihr folgte. Doch er tat es nicht. Vielleicht war er tief im Innern froh, dass, wenn schon nicht er selbst, jemand anderes ihm folgte. Der Wind rauschte an Hanas Ohren vorbei und ihre Augen suchten die endlose Weite nach dem Schattengeist ab. Er war weit und breit nicht zu sehen. Allmählich war Hana doch außer Atem und sie überlegte schon, die Suche aufzugeben und wieder umzukehren. Aber sie konnte Izzy nicht alleine lassen. Nicht jetzt. Nicht in diesem Zustand.
Da erblickte sie vor sich einen See. Dieser war etwas kleiner als der See der Blume des Lebens und hatte nicht diese perfekte Kreisform. Vereinzelte Büsche und Bäume säumten sein Ufer und hingen ins klare Wasser.
Hana blieb stehen.
Im Schatten eines Baumes, den Rücken zu ihr gewandt, saß Izzy. Er hatte dieselbe Haltung wie in der Nacht, als Hana von ihrem Albtraum aufgewacht war und ihn beobachtet hatte. Der Schneidersitz, nach vorn gebeugt, die Arme auf die Beine gestemmt. Vermutlich hatte er auch seinen Finger wieder nachdenklich auf seine Lippen gelegt.
Mit langsamen, leisen Schritten näherte Hana sich dem Schattengeist. Dann ließ sie sich vorsichtig neben ihm nieder.
Er beachtete sie nicht. Mittlerweile hatte er wieder eine starre, emotionslose Miene aufgesetzt und blickte über den weiten ruhenden See. Es war, als hätte er die Stille des Wassers in sich aufgesogen und wäre eins mit ihr geworden. Er war wie verwandelt.
Hana schielte stumm zu ihm herüber. Unter den frischen Wunden auf seinen Armen entdeckte sie dicke, alte Narben. Es war also nicht das erste Mal. Sie hatte das Gefühl, dass die Verletzungen ihr mehr wehtaten als Izzy selbst.
„Warum tust du dir das an?“, hörte Hana sich fragen. Die ganze Zeit hatte sie überlegt, ob es besser wäre, zu schweigen. Nun waren ihr die Worte zögerlich über die Lippen gekommen.
Izzy ließ die Arme sinken und schaute auf sie hinab, als würde er erst jetzt selbst sie Schnitte bemerken. Dann drehte er seinen Kopf in die entgegengesetzte Richtung von Hana, sodass sie nicht einmal mehr teilweise sein Gesicht erkennen konnte.
Enttäuscht sah auch Hana weg. Vielleicht hätte sie ihm doch nicht folgen sollen. Hatte sie etwa gedacht, sie könnte ihm helfen? Hatte sie wirklich geglaubt, er würde mit ihr reden? Geglaubt hatte sie es nicht. Aber sie hatte es gehofft. Und nun saß sie hier und wusste nicht, was sie tun sollte. Aber sie wollte auch nicht einfach wieder aufstehen und gehen.
„Es holt mich wieder zurück.“
Hanas Augen wurden groß. Ungläubig blickte sie wieder zu Izzy. Hatte er das gerade gesagt? Hatte er ihr wirklich geantwortet?
Er hatte sein Gesicht mittlerweile zurück zum schimmernden Wasser des Sees gerichtet. Sein Ausdruck war unverändert kühl und ernst.
„Ich habe das Gefühl, dadurch wieder ‚normal‘ zu werden. Ich spüre wieder, was ich tue.“, sagte Izzy mit ruhiger, rauer Stimme.
Hana merkte, dass sie ihn schon eine Weile mit offenstehendem Mund anglotzte, weniger wegen seiner Antwort selbst, sondern aufgrund der Tatsache, dass er zu ihr sprach.
„Ach, dieser verdammte Mistkerl!“, fluchte Izzy plötzlich.
„Friedo?“, fragte Hana leise.
„Ich habe ihm gesagt, dass ich dafür noch nicht bereit bin. Ich hab gewusst, dass das nicht gut gehen würde. Aber er wollte es ja unbedingt drauf ankommen lassen!“
„Was ist denn überhaupt passiert?“
Izzy verfiel eine Weile in nachdenkliches Schweigen und Hana befürchtete schon, er würde es sich anders überlegen und wieder aufhören zu reden.
„Dass ich ein Schattengeist bin, hast du ja höchstwahrscheinlich schon mitbekommen.“, erzählte er dann aber weiter, ohne Hana anzuschauen. „Dass ich hier sein kann, habe ich allein Meister Aaron zu verdanken. Er hat mich nach meiner Ankunft mit einem Zauber belegt, der es mir ermöglicht, meine Energie zu kontrollieren. Die Energien von Schutz- und Schattengeistern unterscheiden sich nämlich wesentlich voneinander. Während ihr Schutzgeister stets von einem gleichmäßig fließenden Energiestrom erfüllt seid, den ihr bei Bedarf bündeln und gezielt einsetzen könnt, tobt die Energie in uns Schattengeistern wie ein gewaltiger Sturm und wenn wir etwas zerstören können, dann zerstören wir es. Instinktiv. Unkontrolliert. Wenn du dich dagegen wehrst, es zu tun, dann ist es, als würde sich deine eigene Kraft mit Stacheln gegen dich richten, bis dein ganzer Körper brennt und du es nicht mehr aushältst und aufgibst und doch weitermachst zu zerstören und zu verletzen. Ohne diesen Zauber würde ich es nicht schaffen, längere Zeit hier zu sein. Aber ich muss vorsichtig sein. Ich kann nur einen Teil meiner Kraft verwenden, weil der Zauber ihr sonst nicht standhält. Und sobald das geschieht, überkommt mich die gesamte Wucht meiner Energie, die der Zauber bisher unterdrückt hat.“
Hana versuchte es sich vorzustellen und bekam eine Gänsehaut.
„Als würdest du in Flammen stehen und dein einziger Gedanke ist: Ich muss töten, ich muss sie alle umbringen, um diesem Wahnsinn zu entkommen!“ Izzy starrte immer noch aufs Wasser mit gespenstisch leerem Blick.
Unwillkürlich zog Hana die Beine an den Körper, um sich kleiner zu machen und vor einer Gefahr zu verstecken, die allein in ihrem Kopf Gestalt annahm.
„Friedo will, dass ich es ohne den Zauber schaffe.“
„Wie soll das gehen?“, fragte Hana.
Izzy senkte den Kopf und seine Augen wirkten nicht mehr so stumpf wie vorher, als wäre er aus einer fernen Welt zurückgekehrt. „Wenn ich das wüsste, säßen wir beide wohl jetzt nicht hier. Er meinte, ich solle versuchen, das Gefühl, das ich habe, wenn ich die vom Zauber abgedeckte Energie verwende, auf meine gesamte Energie zu übertragen. Wie genau das gehen soll, weiß er wohl selbst nicht. Wie auch? Er ist ja kein Schattengeist. Jedenfalls habe ich es versucht. Aber sobald ich meine eigene Energie anzapfe…“ Er beendete den Satz nicht. Den Rest kannte Hana.
Das Mädchen versuchte herauszufinden, was er fühlte. War er traurig, enttäuscht oder einfach wütend? Sie versuchte, es in seiner Stimme zu hören, von seinem Gesicht abzulesen – aber da war nichts.
„Wie war das, als ihr mich hierhergebracht habt?“, wollte Hana wissen. „Hat dich das nicht auch relativ viel Energie gekostet?“
Zum ersten Mal seit sie am See saßen, sah Izzy Hana an, auf diese durchdringende Weise, wie er es seit ihrer ersten Begegnung immer getan hatte. Doch mittlerweile wurde ihr dabei nicht mehr so unbehaglich zu Mute wie zu Anfang.
„Ja, hat es.“, antwortete Izzy. „Und ich habe zwischendurch auch schon befürchtet, dass ich es nicht schaffe. Aber der Gedanke daran, wofür ich das tue, hat mir irgendwie geholfen. Es war der Moment, für den ich so lange gekämpft hatte. Und ich war es dir schuldig, dich zu befreien.“
Hana spürte, wie ihre Wangen anfingen zu glühen. „Warum schuldig?“
„Weil ich deine Verbannung damals nicht verhindert habe.“
Hana wusste nicht, ob es ein schlechtes Gewissen war, das ihn dazu verleitete, ihr nicht länger in die Augen zu schauen, sondern seinen Blick wieder in die Ferne gleiten zu lassen.
„Aber du bist ein Schattengeist.“, merkte Hana an. „Warum hättest du sie verhindern sollen?“
Izzy ballte die Hände zu Fäusten und zog die Augenbrauen weiter zusammen. „Weil ich das Schattenreich und die Schattengeister hasse, ebenso wie ich es verabscheue, ein Teil von ihnen zu sein. Und du bist die einzige, die das alles beenden kann. Deswegen hätte ich es verhindern müssen. Aber ich war zu schwach.“
Hana konnte den Hass, der in Izzy brodelte, spüren. Die Luft um ihn herum war von beklemmender Spannung erfüllt.
„Ich war dabei, als es geschehen ist. Ich war direkt neben dir.“, fuhr Izzy fort. „Seit ich denken kann, ging es immer nur um diesen einen Tag. Den Tag, an dem wir angreifen würden, bewaffnet mit dem Amulett des Wassers, um dich an einen menschlichen Körper zu fesseln und deine verkommene Seele schließlich in der Hölle einzukerkern. Und nicht die erfahrensten Schattengeister sollten die Verbannung ausführen, sondern zwei von uns, die erst kurz davor waren, ihre Ausbildung abzuschließen. Ich wurde natürlich nicht dazu auserwählt, worüber ich recht froh war. Erstens war ich der Schlechteste von uns, eine absolute Niete was das Kämpfen anging. Und außerdem war allen bekannt, dass ich den Interessen der Schattengeister nicht gerade wohlgesinnt gegenüberstand.“
„Die anderen wussten davon?“, wunderte Hana sich.
„Ich würde eher sagen, sie hatten eine Ahnung. Ich wusste selbst noch nicht genau, was ich von unserem Dasein halten sollte.“, korrigierte Izzy. „Trotzdem wurde ich dazu eingeteilt, den beiden den Rücken freizuhalten. Ich war also dennoch eng in den Plan eingebunden. Ich bekam alles von ihrem Vorhaben mit. Wie sie dich auf den Hügel neben der Siedlung locken wollten, um dich dort zu überfallen, wie sie den Überraschungsmoment ausnutzen und die Kraft des Amuletts auslösen wollten. Und zugegeben, anfangs dachte ich noch daran, in ihrem Plan einfach zu funktionieren. Aber dann bin ich dir auf der Erde begegnet. Beinahe hättest du mich bei meiner Arbeit als Schattengeist erwischt. Ich Schwächling habe mich versteckt. Wahrscheinlich hättest du mich sonst einfach umgebracht. Und dann habe ich gesehen, wie du dieses Mädchen, das ich über Monate hinweg kaputtgemacht hatte, geheilt hast. Niemals zuvor hatte ich einen Schutzgeist beobachtet. Es hat mich fasziniert und erst da ist mir vollkommen bewusst geworden, was wir Schattengeister anrichten. Und ich wusste, dass das aufhören musste und wir dich deswegen nicht verbannen durften.“
Als Izzy davon erzählte, dass er sie beobachtet hatte, kam Hana ihre Erinnerung vom Vortag in den Sinn, in der sie einem Mädchen geholfen und plötzlich das Gefühl gehabt hatte, das noch jemand anderes in der Nähe war. Konnte es sein, dass er das gewesen war?
„Und was hast du dann gemacht?“
„Ich habe abgewartet bis zum Tag des Angriffs, immer mit dem Gedanken, dass ich sie aufhalten musste. Doch im Kampf war ich geradezu überfordert damit, die Schutzgeister, die auf mich einstürmten, abzuwehren. Ich habe kaum mitbekommen, wie du überhaupt auf den Berg gekommen bist und sie dich ohnmächtig geschlagen haben. Erst als Dave, einer der beiden zuständigen Schutzgeister, das Amulett in die Höhe hob, hab ich umgeschaltet. Ich habe mich zu ihm durchgeschlagen, bin gerannt wie ein Besessener, um ihm das Amulett aus der Hand zu reißen. Aber als hätte ich eine Chance gegen ihn gehabt! Gegen sie beide! Ich wollte weglaufen und mit dem Amulett verschwinden, aber Dave brauchte noch nicht einmal einen Finger zu krümmen, um mich mit seiner Magie zu lähmen. Ich fiel einfach zu Boden und konnte diesen verflixten Zauber nicht lösen. Er nahm das Amulett aus meinen steifen Fingern und vollzog mit Jonas die Verbannung. Und ich lag da wie der letzte Vollidiot und konnte nur zuschauen.“
Hana merkte, dass ihr wieder die Kinnlade runtergeklappt war. Izzys Mut beeindruckte sie und die Geschichte, die er ihr erzählte, war für sie unglaublich.
„Aber du hast es versucht. Du warst kein Vollidiot.“, versuchte Hana Izzys Härte gegen sich selbst zu mildern.
Izzy schwieg. Vermutlich würde es schwer werden und mehr Zeit kosten, ihn davon zu überzeugen.
„Und wie ist es dann weitergegangen?“, fragte Hana ihn weiter aus. Sie wollte nicht, dass das Gespräch endete. Viel zu gerne wollte sie erfahren, wie er es geschafft hatte, mit den Amuletten ins Himmelreich zu gelangen.
„Warum interessiert dich das alles?“, wollte Izzy wissen.
Sofort schämte Hana sich für ihre Neugier. „Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht willst.“
„Doch, doch, ich bin es nur nicht gewohnt, dass sich jemand für meine Geschichte interessiert.“
Diese Situation kannte Hana nur zu gut.
„Die Zeit danach war ziemlich anstrengend.“, erzählte Izzy. „Ich hatte mich noch nie gut mit Dave verstanden, aber nach der Aktion mit dem Amulett hatte er es endgültig auf mich abgesehen und keine Gelegenheit ausgelassen, um mich fertigzumachen. Umso wütender hat mich meine Wehrlosigkeit gemacht und ich fing an zu trainieren, wann immer ich konnte. Ich wollte stärker werden. Stärker als alle anderen, stark genug, um dich zurückzuholen, stärker als Viktor. Es gab niemanden mehr, der an mich geglaubt hat. Meine Lehrer hatten schon längst die Hoffnung aufgegeben, dass aus mir noch ein kraftvoller Schattengeist werden würde. Aber ich musste es schaffen!“
In seinen Worten schwang so viel Energie und Nachdruck mit, dass Hana schon wieder vollkommen gefesselt war.
„Und irgendwann, als ich mal wieder außerhalb der Schule am üben war, hat Viktor mich gesehen. Und ausgerechnet er, der mächtigste Schattengeist, der existiert, hat in mir Potential entdeckt. Er kam zu mir und sagte: ‚Ich möchte, dass du in meinem Schloss lernst. All mein Wissen soll dir offen stehen. Du bist der fleißigste Schattengeist, dem ich je begegnet bin und du sollst derjenige werden, der das Himmelreich voll und ganz auslöscht‘. “
„Aber das war doch das Letzte, was du wolltest.“
„Nein“, widersprach Izzy. „Das war das absolut Genialste, was mir passieren konnte.“
Hana sah ihn verständnislos an.
„Ich zog in sein Schloss. Ich hatte Zugang zu seiner riesigen Bibliothek, die mit den ältesten und besten Werken rund um die schwarze Magie gefüllt war. Und ich war in unmittelbarer Nähe zu den Amuletten. Also begann ich, jeden Tag, jede Nacht die Bücher der Bibliothek zu studieren. Ich übte mich in der Kunst der schwarzen Magie und befolgte jeden Auftrag meines Meisters. Ich gab den perfekten Handlanger und er vertraute mir. Alles, was er plante, jeden seiner Gedanken wusste auch ich. Und damit wusste ich auch, wann er den nächsten Angriff auf das Himmelreich starten wollte, der es für immer zerstören sollte. Ich übte und lernte, schlief nachts über den Büchern ein. Den ganzen Tag verbrachte ich nur in der Bibliothek. Und Viktor dachte stets, ich würde das tun, um ihn bei der Erfüllung seiner Pläne zu unterstützen. Aber mein einziges Ziel war es, stark genug zu werden, um eines Tages ihm gegenübertreten zu können. Dann kam die Nacht vor dem großen Angriff. Viktor verließ das Schloss, um die letzten Anweisungen zu erteilen. Und ich stahl mich unbemerkt in sein Gemach. In der Schublade seines Nachtschranks versteckte er eine Schatulle. Ich wusste, dass sich darin die Amulette befanden. Zwar war mit mehreren Zaubern versiegelt, aber mit dem Wissen, das ich mir in der Zwischenzeit angeeignet hatte, war es ein Leichtes für mich, diese zu brechen. Also entnahm ich die Amulette und schlich mich aus dem Schloss.“
„Und dann bist du ins Himmelreich gekommen.“, setzte Hana fort.
Izzy nickte. „Richtig. Und ich habe inständig gehofft, dass sie mich hier nicht umbringen würden. Ich denke, ich habe viel Glück gehabt. Wenn ich ihnen gleich zu Beginn die Amulette zeige, dachte ich, würden sie merken, dass ich auf ihrer Seite bin.“
„Scheint geklappt zu haben. Und sind die Schattengeister trotzdem noch in das Himmelreich eingefallen?“
„Natürlich. Wie geplant sind sie am darauffolgenden Tag gekommen. Da ich die Schutzgeister gewarnt hatte, waren sie für die kurze Zeit, die ihnen geblieben war, aber relativ gut vorbereitet. Wir konnten sie in die Flucht schlagen. Und zwei Tage später durfte ich dann trotz der Verwüstung hier mit Alex, Mai, Vanny und Mike losziehen, um dich zu suchen.“
„Du musst ein sehr starker Schattengeist geworden sein.“ Mittlerweile blickte Hana wie Izzy auf das beruhigende Wasser. Ein sanfter Windhauch strich ihr durchs Haar.
„Vielleicht.“, sagte Izzy. „Wenn ich gerade nur nicht so eingeschränkt wäre. Deshalb muss ich es unbedingt schaffen, meine Kräfte vollkommen zu kontrollieren.“
„Du hast schon so viel geschafft, solltest du darauf nicht erst einmal stolz sein, bevor du schon wieder die nächste Hürde in Angriff nimmst?“, bedachte Hana.
„Solange Viktor nicht besiegt ist, habe ich nichts geschafft. Und auch wenn du da bist, brauche ich meine gesamte Kraft, um das Schattenreich aufzulösen.“
Einerseits fand Hana es schade, dass Izzy seine bisherigen Erfolge nicht beachtete, andererseits faszinierte sie sein Ehrgeiz.
„Was passiert eigentlich mit den Schattengeistern, wenn Viktor besiegt ist und das Schattenreich zerfällt?“, fragte Hana vorsichtig.
Eine kleine Pause entstand.
„Sie kommen in die Hölle.“
Hana spürte, wie ihre Glieder erstarrten. Izzy hatte es ihr mit monotoner Stimme gesagt, so als hätte er sich schon längst damit abgefunden.
„Aber… alle?“ Hana hoffte auf eine beruhigende Antwort.
„Alle. Ausnahmslos. Ein anderes Ende haben wir nicht verdient. Wir werden im Feuer geboren und werden im Feuer untergehen.“
„Aber du…“
„Hana“, unterbrach Izzy sie und schaute sie direkt an. „Auch ich habe bereits Menschen und Schutzgeister getötet.“
Das erste Mal drückte Izzys Gesicht nicht pure Gleichgültigkeit aus. Hana glaubte, tief in seinen Augen eine Spur von Schmerz zu erkennen.
„Aber du bist anders. Du hast einen anderen Weg eingeschlagen. Und egal wie viel Kraft es dich kostet, du willst ihn bis zum Ende gehen. Das kann doch nicht völlig unwichtig sein?“, erhoffte sich Hana.
„Mach dir nichts draus. Das ist schon in Ordnung. Am Ende dieses furchtbaren Kampfes wird kein Schattengeist mehr existieren. Auch ich nicht. Was auch immer ich mache, ich bin und bleibe ein Monster. Aber wenigstens habe ich dann alles für das Wohl der Menschheit getan, was ich tun konnte.“
Hana starrte auf ihre Hände. Das konnte nicht wahr sein! Das durfte nicht passieren! Izzy durfte nicht sterben! Gab es denn keine andere Möglichkeit?
„Du bist kein Monster.“, flüsterte sie betrübt.
„Und ob ich ein Monster bin. Sonst würden mich die Schutzgeister nicht so verachten.“, wandte Izzy ein.
„Sie haben einfach keine Ahnung! Sie kennen dich nicht. Und du lässt ja auch niemanden an dich ran.“ Der letzte Satz klang vorwurfsvoller, als Hana es beabsichtigt hatte. „Vielleicht aus Angst, du könntest jemanden verletzen.“, fügte sie etwas sanfter hinzu.
Izzy antwortete nicht, sondern schaute einfach nur wieder weg.
Hatte sie etwa recht? Und plötzlich fragte Hana sich, ob Izzy überhaupt schon einmal jemandem so viel erzählt hatte wie ihr gerade.
„Vielleicht weiß ich ein bisschen, wie es ist, sich wie ein Monster zu fühlen.“ Sie spürte, dass Izzy aufhorchte. „Als ich fünf Jahre alt war – also als Mensch, meine ich – ist mein Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich saß mit im Auto. Und ich habe im Gegensatz zu meinem Vater beinahe unverletzt überlebt. Jede normale Mutter wäre vielleicht froh gewesen, wenigstens ihre Tochter noch lebendig in die Arme schließen zu können. Aber nicht meine. Sie hat mir die Schuld am Unfall gegeben. Sie hat mich gehasst. Dabei war ich noch ein kleines Kind gewesen. Wie hätte ich Schuld haben können? Doch irgendwann habe ich ihr geglaubt und selbst gedacht, ich sei ein Monster, ein Unglücksbringer. Ich weiß, ich hatte keine Schuld. Und auch du hast keine Schuld, weil du als Schattengeist geboren wurdest. Es gehört zu deinem Leben und du bist bloß deiner eigentlichen Bestimmung gefolgt. Und trotzdem fühlt es sich so schrecklich an. Vielleicht ist es ein ganz blöder Vergleich, aber…“ Sie versuchte zu erkennen, was Izzy von ihrer Rede hielt.
Er saß nur mit gesenktem Kopf da und schien nachzudenken. Dann plötzlich stand er auf. „Danke, Hana.“, sagte er. „Und es tut mir leid, dass ich all das, was dir widerfahren ist, nicht verhindern konnte.“
„Du bist wohl der Letzte, der sich dafür entschuldigen muss. Und außerdem habe ich mich zu bedanken!“, entgegnete Hana.
Izzy sah sie nochmals für lange Zeit an. Hana wusste nicht, wie sie das deuten sollte. Zu gerne hätte sie seine Gedanken erfahren.
„Du hast keine Angst vor mir, oder?“, fragte er.
Die Frage überraschte Hana. Sie dachte nach. Bis vor Kurzem war sie sich noch sicher gewesen, dass Izzy der gruseligste Typ war, dem sie je begegnet war. Doch während der letzten Stunde hatte sich das schlagartig geändert. Das, was er ihr erzählt hatte, hatte sie berührt und von seiner Gutmütigkeit überzeugt.
„Nein“, antwortete Hana nach einer Weile. „Ich habe keine Angst vor dir.“
Einen Moment lang blieb Izzy bewegungslos stehen. Seine Anspannung schien sich ein wenig gelegt zu haben. Weiterhin zog der stille See einen ziemlich großen Teil seiner Aufmerksamkeit auf sich.
„Gut.“, sagte er dann, drehte sich um und entfernte sich ohne ein Abschiedswort von Hana.
„Warte!“, rief Hana.
Izzy blieb stehen, ohne sich ihr zuzuwenden.
„Ähm… Du solltest dir das noch verbinden lassen.“, sagte sie und zeigte auf seine Arme, auch wenn er das nicht sehen konnte.
„Führ dich nicht auf, als wärst du meine Mutter. Ich brauch niemanden, der sich um mich kümmert.“, gab Izzy rüde zurück und ging dann weiter.
Aus irgendeinem Grund war Hana sich sicher, dass er trotzdem auf sie hören würde.
Die inner Mitte
Hana saß draußen neben der Haustür im Gras und schaute hinauf zu den Baumwipfeln, die hoch in den wolkenbedeckten Himmel aufragten.
Izzy hatte sie seit dem gestrigen Abend nicht mehr gesehen. Alex hatte sich nur kurz von ihr verabschiedet, um dann wieder auf die Erde zu verschwinden und Mai befand sich schon wieder im Hospital.
Also war Hana nun allein dort draußen und fieberte ihrer ersten Unterrichtsstunde bei Friedo entgegen. In den frühen Morgenstunden noch hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen, was auf sie zukommen könnte. Jetzt versuchte sie nur noch, sich von diesen Gedanken abzulenken.
Die Baumspitzen wogten im Wind. Von dort oben musste man eine wunderbare Aussicht haben. Ob sie nicht hinaufklettern könnte? Sie erinnerte sich an ihre Sportstunden in der Schule. Niemals war sie besonders sportlich gewesen. Stets war sie beim Laufen als Letzte ins Ziel gekommen, bei Ballspielen hatte es selten eine Stunde gegeben, in der ihr der Ball nicht mit voller Wucht ins Gesicht geflogen war und ans Klettern mochte sie gar nicht erst denken.
Aber jetzt war sie ein Geist. Konnte es also nicht sein, dass sie es dort hinaufschaffen würde? Laufen konnte sie schließlich nun auch schneller.
Hana stand auf und ging zu einem der Bäume. Sie stellte sich direkt neben den Stamm und blickte erneut hoch. Jetzt wirkte der Baum noch viel riesiger als vorher, aber gleichzeitig wurde auch der Gedanke daran, ganz oben zu stehen, verlockender. Sie erforschte die Äste des Baumes nach ihrer Eignung zum Hinaufklettern und warf dann einen kurzen Blick auf den Ring, den Dorothea ihr geschenkt hatte. Da oben hinauf? Kein Problem für einen echten Schutzgeist!
Sie sprang ab und griff nach einem Ast, der genau über ihr schwebte. Ihr Absprung war so kräftig, dass sie sich kaum hinaufziehen musste und ehe sie sich versah, stand sie mit beiden Füßen auf dem Ast. Sie stieß ein überraschtes „Wow!“ aus und schwankte noch ein wenig hin und her, ehe sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte und sicher auf dem Ast stand. Zuerst war ihr etwas mulmig zumute, als sie auf den Boden schaute, welcher schon jetzt verdammt weit weg zu sein schien. Doch dann widmete sie sich wieder dem Weg, der noch vor ihr lag. Sie konnte es tatsächlich schaffen! Ast für Ast erklomm sie. Anfangs noch mit wackeligen Schritten, aber mit der Zeit wurde sie zunehmend sicherer, bis sie leichtfüßig von einem Ast zum nächsten hüpfte. Es war so einfach! So einfach, dass sie lachen musste. Schließlich stand sie ganz oben zwischen den Zweigen und konnte die weite Hügellandschaft überblicken. Die Hütten der Siedlung schienen nicht mehr größer als Spielzeughäuser zu sein. Und trotz der schwindelerregenden Höhe spürte Hana keine Furcht. Ganz im Gegenteil – hier oben fühlte sie sich frei und unbeschwert. Nachdem sie eine Weile im Stehen die Aussicht genossen hatte, setzte sie sich auf den dicken, knorrigen Ast und ließ die Beine baumeln. Der Wind sauste um ihre Ohren und brachte das Laub zum Rascheln. Hier war der perfekte Ort zum Entspannen. Keine Sorgen konnten hier hinaufgelangen, niemand würde sie stören, da war nur sie und der Wind und…
„Macht’s Spaß?“
Hana wäre beinahe vom Baum gekippt, als sie die Stimme neben sich vernahm, hätte nicht eine starke Hand nach ihrer Schulter gegriffen, um sie auf dem Ast zu halten.
Links neben ihr auf einem weiteren Ast hockte Izzy und schaute zur Siedlung hinunter. Er trug nun wieder seinen schwarzen Pullover, der seine wunden Arme verhüllte. „Du sollst früher zu Friedo kommen.“, teilte er ihr gelassen mit.
Hana starrte ihn an. Sie war noch nicht darüber hinweg, dass er plötzlich neben ihr saß, ohne einen Laut von sich gegeben zu haben. Sie hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass er zu ihr hinaufgeklettert war.
„Das heißt jetzt.“, sagte er nachdrücklich.
„D… Du hast mich fast zu Tode erschreckt!“, rief das Mädchen empört.
Keine Antwort. Izzy blickte weiter stur Richtung Siedlung, ohne Hanas Vorwurf Beachtung zu schenken. Und Hana wusste, dass Izzy auch nicht mehr sagen würde. Sie versuchte, sich nicht daran zu stören, auch wenn sie immer noch nicht recht wusste, was sie von seiner abweisenden Art halten sollte.
„Na gut, dann gehe ich mal.“ Hana erhob sich und verließ den Baum mit wenigen geschmeidigen Sprüngen. Von dort unten war Izzy nicht mehr zwischen den vielen Ästen und Blättern zu erkennen. Sie schüttelte nur den Kopf und versuchte sich dann auf das bevorstehende Treffen mit Friedo zu konzentrieren. Mit vor Aufregung zittrigen Knien machte sie sich auf den Weg zum Trainingsplatz.
Sie glaubte, noch schneller als am vorherigen Tag das Dorf durchquert und den Trainingsplatz erreicht zu haben. Ihre Beweglichkeit und Geschwindigkeit überraschten sie noch immer.
Friedo wartete bereits auf dem Platz auf sie. „Grüß dich, Hana.“, sagte er, als sie den festen Sand betrat und zu ihm kam.
„Hallo“, begrüßte sie ihn schüchtern.
Der Mann hielt einen langen Stock in der Hand, mit dem er vor sich einen Kreis in den Boden malte. „Setz dich!“ Er deutete mit dem Stock in die Mitte des Kreises.
Hana fand es lächerlich, sich auf dem großen Platz ausgerechnet in diesen kleinen Kreis setzen zu müssen. Aber das sagte sie nicht, sondern setzte sich einfach, wie Friedo es wünschte. Nachdem sie das getan hatte, nahm auch Friedo vor ihr Platz.
„Also hat Izzy dich erwischt, um dir Bescheid zu sagen.“, stellte er zufrieden fest.
Hana nickte.
„Wir werden heute nichts Großes machen.“, kündigte Friedo dann an. „Ich möchte zunächst einmal, dass du dir deinen Kräften wieder bewusst wirst. Denn ohne diese zu kennen, kannst du sie auch nicht nutzen.“
Friedo war der Erste, der Hana nicht mit diesem verwunderten, fassungslosen und gleichzeitig übertrieben dankbaren Blick anschaute, wie die anderen Geister es getan, als sie sie das erste Mal wieder im Himmelreich gesehen hatten. Für ihn schien es nichts Besonderes zu sein, dass sie wieder im Lande war. Jetzt erst merkte Hana, dass sie sich nicht allein unwohl gefühlt hatte, wenn Fremde sie hier freudig begrüßt hatten. Nein, irgendwo hatte sie es auch genossen, endlich beachtet und gemocht zu werden. Sie konnte nicht verhindern, dass Friedos Gleichgültigkeit sie enttäuschte. Gleichzeitig ärgerte sie sich darüber, dass sie so fühlte. Natürlich war sie nichts Besonderes! Sie war lange nicht da gewesen, deshalb freuten sich viele über sie. Das war alles! Sie war ein ganz normaler Schutzgeist. Und wer glaubte schon an irgendwelche Prophezeiungen?
„Aufmerksamkeit, Hana!“ Friedos energische Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er klatschte den Stock vor ihren Beinen auf den Boden und sah sie streng an. Sobald sie kerzengerade dasaß und ihm das Gefühl gab, voll und ganz präsent zu sein, entspannten sich seine Gesichtszüge wieder und er redete weiter. „Ich gehe mal davon aus, dass du überhaupt gar nichts mehr weißt und fange bei null an.“
Der Ton, in dem Friedo das sagte, ließ Hana sich wie ein kleines dummes Kind fühlen.
„Also gut. Die Energie durchfließt den ganzen Körper eines Schutzgeistes. Eigentlich bestehen wir ausschließlich aus Energie. Wir bieten ihr bloß eine Hülle. Diese Energie ist stets in uns und kann nur verloren gehen, wenn wir verletzt werden. Doch um die Kraft zu nutzen, musst du lernen, deine Energie in deiner Mitte zu bündeln.“ Friedo richtete sich auf und legte eine Hand auf seinen Bauch. „Hier hast du deine innere Mitte. Sie ist unser wundester Punkt, also schütze sie gut. Ein Treffer deines Gegners und du bist tot. Da kann dir der beste Heilgeist nicht mehr helfen.“
Hanas Hand wanderte automatisch zu ihrem eigenen Bauch. Sie schluckte. Ein Treffer und sie würde tot sein, mausetot.
„Wenn du dich auf diesen Punkt deines Körpers konzentrierst, kannst du deine Energie bündeln und sie dann einsetzen, wie es dir beliebt. Du musst dabei nur Acht geben, dass du nicht zu viel Energie auf einmal loslässt. Das könnte dich ebenso gut umbringen wie ein feindlicher Angriff.“
Eines merkte Hana ziemlich schnell: Friedo war kein Meister der beruhigenden Worte. Am liebsten wäre sie wieder aufgestanden und gegangen, um mit diesem ganzen Energie-Hokuspokus nichts zu tun haben zu müssen. Aber sie traute sich nicht. Friedo hätte sie sicher festgehalten und außerdem war es nicht ihre Art, ungehorsam einfach zu flüchten.
„Und wie kontrolliere ich das?“, fragte Hana überfordert. In ihrer Stimme schwang leichte Verzweiflung mit.
Friedo hob die Hand, die gerade noch auf seinem Bauch geruht hatte, abwehrend in die Höhe. „Dazu kommen wir später. Ich denke aber, das wirst du bald von ganz allein begreifen. Erst sollst du lernen, die Energie zu spüren. Nicht nur deine eigene, sondern auch die deiner Umgebung. Das kann dir helfen, Personen in deiner Nähe zu erkennen, noch bevor du sie siehst.“
„Aber wie?“, wollte Hana wissen.
„Schließ die Augen und konzentrier dich. Irgendwann wirst du etwas spüren. Das kann ein Druck sein oder Schwingungen in der Luft. Energie ist überall, manchmal mehr, manchmal weniger.“, erklärte Friedo.
„Schwingungen in der Luft?“ Hana erinnerte sich an das seltsame Gefühl, das sie beschlichen hatte, als sie bei Meister Aaron zu Besuch gewesen war und mit Mai bei der Blume des Lebens Kräuter gepflückt hatte. Beides mussten Orte von hoher Energie sein. Vielleicht hatte sie deswegen trotz ihrer Unerfahrenheit etwas gespürt?
„Ich werde dich nun eine Stunde hier sitzen und versuchen lassen, etwas von diesen Energien um dich herum wahrzunehmen. Lass dich nicht von mir stören. Ich werde ganz still sein und in der Nähe bleiben.“, sagte Friedo und erhob sich.
Hana folgte ihm hilflos mit ihren Augen, während er den Platz verließ und sich dann mit irgendwelchen anderen Dingen in dem Schuppen nebenan beschäftigte. Was sollte sie jetzt machen? Sich konzentrieren? Auf was? Und dann? Wenn sie etwas spüren sollte, was macht sie dann?
„Und nicht zu viel nachdenken, sondern einfach machen!“, rief Friedo ihr zu, als hätte er Hanas wirren Gedankenstrom gehört.
Hana atmete tief durch, um sich von ihrer Anspannung zu befreien. Es klappte nicht besonders gut. Wie Friedo ihr geraten hatte, schloss sie die Augen, versuchte ihre Selbstzweifel zu verdrängen und an nichts zu denken. Doch es war nicht einfach für sie, in ihre Fähigkeiten zu vertrauen. Kaum hatte sie sich einen einigermaßen freien Kopf verschafft, schlichen sich wieder negative Gedanken ein. Vielleicht konnte sie das gar nicht? Vielleicht war sie zu lange auf der Erde gewesen? Vielleicht war sie auch schlichtweg zu dumm dafür? Andererseits hatte sie diese Luftschwingungen ja schon zweimal gespürt. Also konnte sie nicht komplett unfähig sein. Und außerdem hatte sie noch gar nicht richtig versucht, etwas zu spüren. Und jetzt sollte sie unbedingt wieder aufhören, so viel zu denken!
Erneut versuchte sie, sich aus ihren Gedanken zu kämpfen. Sie fokussierte ihre Sinne auf ihre Umgebung, auf den Wind, der ihre Haut streifte und sanft um ihre Ohren rauschte, auf den rauen, kühlen Sandboden, der unter ihr lag und die herrschende Stille. Langsam entspannte sich ihr Körper. Regungslos saß sie da und konzentrierte sich darauf, so viel wie möglich von ihrem Umfeld wahrzunehmen. Mit der Zeit fiel es ihr leichter, sich nicht mehr von ihren eigenen Gedanken ablenken zu lassen. Es wurde friedlich in ihr. Das Rauschen des Windes wurde lauter. Sie lauschte, wie er durch das Gras fegte. Der Sand unter ihren Händen erwärmte sich. Dann hörte sie, dass Friedo sich bewegte. Es war kein starkes Geräusch, bloß ein schwaches Schaben über den Boden, als hätte er einen Fuß versetzt. Ihre Fingerkuppen kribbelten. Und da fühlte sie es.
Es war wie ein Pulsschlag in der Luft. Nicht so stark wie an der Blume des Lebens, aber trotzdem deutlich spürbar. Die Energie erfüllte alles und umspülte sie gleichmäßig. wie Wasser. Sie konnte die Bewegung jedes einzelnen Grashalms sehen, ohne die Augen geöffnet zu haben. Sie erkannte sogar eine kleine Blume, die sich zwischen den Halmen versteckte. Im Vergleich zu den Gräsern strotzte sie vor Energie. Hana war sich sicher, dass die Pflanze ihre Kraft brauchen würde, um noch zu wachsen. Sie entfernte sich wieder von den Einzelheiten und nahm den Raum um sich herum als großes Ganzes wahr. Und sie spürte, dass auch sie ein Teil davon war. Die Energie umspülte sie nicht nur, sie durchfloss sie, ebenso gleichförmig und harmonisch. Hana schien eins zu werden mit der Welt, die sie umgab. Die Kraft durchströmte ihren gesamten Körper, reichte bis in die Fingerspitzen und kam ihr unendlich vor. Noch nie zuvor hatte sie sich so stark gefühlt wie in diesem Moment.
Plötzlich erregte eine Veränderung in der Nähe ihre Aufmerksamkeit, sodass sie die Augen aufriss. Aber es war nur Friedo, der wieder auf den Platz zurückgekehrt war und auf sie zukam.
„Daraus, dass du mich so schnell bemerkt hast, schließe ich, dass du Erfolg hattest.“, sagte der Lehrer.
„Das ist der Wahnsinn!“, rief Hana begeistert aus. „Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist! Und so einfach geht!“
„Du solltest dir jeden Tag Zeit nehmen, das zu üben, bis es ganz selbstverständlich für dich ist. Durch das Erspüren von Energien kannst du mehr wahrnehmen, als übers Sehen und Hören. Du solltest es beherrschen, ohne dich darauf konzentrieren zu müssen.“
„Verstanden. Ist die Stunde etwa schon um?“, fragte Hana verwundert. Sie hatte das Gefühl, erst vor wenigen Minuten die Augen geschlossen zu haben.
Doch Friedo nickte. „Allerdings. Du bist für die nächsten beiden Tage erst einmal erlöst von mir. Dann sehen wir uns in drei Tagen wieder, um dieselbe Zeit.“
„Ok.“ Hana rappelte sich auf und klopfte sich den Sand von der Hose. „Also bis in drei Tagen.“ Dann wandte sie sich von Friedo ab und ging zurück zum Dorf. Sie war erstaunt, wie erleichtert sie doch darüber war, ihre erste Trainingsstunde hinter sich gebracht zu haben. Dabei war es eigentlich gar nicht so schlimm gewesen.
Während sie umherlief, versuchte sie weiterhin, ihre Umgebung durch die darin vorhandenen Energien auszumachen. Schon bald erkannte sie die kräftigen Bäume des Waldes, der das Dorf auf einer Seite begrenzte. Erst einige Minuten später konnte sie diese wirklich sehen. Auch registrierte sie die anderen Schutz- und Heilgeister, die sich im Dorf befanden. Jeder von ihnen unterschied sich von dem anderen. Es war ein minimaler, aber spürbarer Unterschied. Hana stellte sie sich wie Farben vor. Und jedem Geist wurde ein Tropfen einer anderen Farbe mehr zugemischt, sodass eine gigantische Vielfalt an fein voneinander abgestuften Farbtönen entstand. Die vielen intensiven Eindrücke waren kaum zu verarbeiten, aber Hana erfreute sich an ihnen.
Die letzten Jahre war sie nur noch geistesabwesend durch die Welt gewandert. Sie hatte sich von allem abgeschottet. Nichts in ihrem Leben war ihr sehenswürdig erschienen, darum hatte sie die Augen vor allem verschlossen. Sie hatte all ihr Empfinden unterdrückt, um so wenig wie möglich leiden zu müssen.
Und jetzt, seit sie hier war, war plötzlich alles hell und bunt und sie war neugierig auf alles, was hier auf sie wartete. Sie fühlte sich ganz anders als auf der Erde, wie neugeboren. Würde das wohl für immer so bleiben? Sie hoffte es. Gleichzeitig wusste sie, dass das unwahrscheinlich war. Schließlich stand ihnen ein Krieg bevor. Oder waren sie nicht eigentlich schon mittendrin?
Hana schlenderte durch das Dorf. Manchmal glaubte sie, sich schwach an die eine oder andere Ecke zu erinnern. Aber diese Erinnerungen schienen kaum mehr als ein Traum zu sein. Das alles war so weit weg. Selbst wenn ihr die Vergangenheit nach und nach ins Gedächtnis kommen sollte, würde sie nie wieder wie früher werden. Da war sie sich sicher. Dafür war ihr die alte Hana zu fremd. Sie wünschte sich, dass die menschliche Hana ihr irgendwann genauso fremd sein und es nur noch ihr neues Leben im Himmelreich geben würde. Alles, was gewesen war, wollte sie vergessen.
„Lass gefälligst deine dreckigen Finger von ihm!“, hörte Hana plötzlich eine Frau schreien. Das Mädchen sah sich um. Sie erblickte die Frau einige Meter entfernt vor ihr. Diese hatte einen kleinen Jungen an sich herangezogen und funkelte ihr Gegenüber, einen jungen schlanken Mann in schwarzer Kleidung, böse an. Hana erkannte ihn sofort. Es war Izzy. Sie erkannte ihn nicht nur an seinem Aussehen, dieses Mal konnte sie auch genau spüren, was Izzy ihr am Vortag erzählt hatte: Seine Energie unterschied sich vehement von der der anderen. Sie fühlte die ungestüme Kraft, die Izzy als stachelig bezeichnet hatte. Es gab kein regelmäßiges Pulsieren, keine Ruhe. Einzig ein harmonischer Energiering hielt diese unmessbare Kraft im Zaum. Wahrscheinlich war dies der Zauber, den Meister Aaron Izzy auferlegt hatte.
Izzy schaute ebenso finster zur Frau zurück und schwieg.
„Annabel…“, sagte der kleine Junge zu der wütenden Frau. „…ich habe dich gesucht und mich ein bisschen verlaufen und eigentlich wollte er mir nur helfen.“
„Red keinen Unsinn, Tomo! Der will niemandem helfen! Halt dich bloß von ihm fern!“, ermahnte Annabel den Kleinen und fügte an Izzy gewandt kühl hinzu: „Er will dich nur beeinflussen. Er macht seinen Job als Spion außerordentlich gut.“
„Warum sollte Viktor einen Spion brauchen? Er hätte euch auch so einfach niedermachen können.“, entgegnete Izzy trocken. „Und wenn ich ein Spion wäre, warum sollte ich euch dann helfen?“
„Um unser Vertrauen zu gewinnen natürlich! Und vielleicht hätte er das gar nicht! Und deshalb schickt er dich, um unsere Schwachpunkte herauszufinden!“, schrie Annabel weiter.
Izzy schüttelte den Kopf. „Lächerlich. Einfach lächerlich.“
„Dass Meister Aaron dich hier duldet, ist lächerlich! Verschwinde! Sofort!“ Annabel wurde dabei richtig hysterisch.
Ein Mann eilte herbei und versuchte Annabel zu beruhigen. „Hast du nicht gehört, was sie gesagt hat?“, fauchte er Izzy an. „Warum stehst du also noch hier?“
Einen Moment lang sah Izzy ihn noch verbissen an. Dann kehrte er sich von den drei Schutzgeistern ab und schlurfte den Weg hinauf zu seinem, Alex‘, Mais und Hanas Haus.
Hana starrte erst entsetzt zu dem Mann, der immer noch dabei war, die Frau zu besänftigen, während diese dem Jungen weiter über die Gefährlichkeit von Schattengeistern predigte. Dann schwenkte ihr Blick zu Izzy. Das hatte er nicht verdient. Das hatte er ganz und gar nicht verdient. Hana ging auf die Schutzgeister zu, die ihr entgegenkamen.
„Warum gebt ihr ihm nicht wenigstens eine Chance?“, fragte sie. Es platzte einfach aus ihr heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte. Noch vor wenigen Tagen hätte sie sich wohl nicht getraut, fremde Personen mit solch einem vorwurfsvollen Ton anzusprechen.
Annabels Augen waren von purer Verständnislosigkeit erfüllt. „Und du nimmst ihn auch schon in Schutz. Das ist ja prima! Warum steckt man ausgerechnet dich mit ihm in eine Hütte?“
„Er hat mich gerettet!“, beharrte Hana wütend. „Ihr behandelt ihn wie ein Verbrecher, dabei ist er ein Held!“
„Noch, Hana, noch ist er das!“, warnte Annabel. „Trau ihm nicht! Es würde dir nur umso mehr das Herz brechen, wenn er schließlich sein wahres Gesicht zeigt. Die Schattengeister sind seit Jahrhunderten unsere Feinde. Und bei diesem wird es nicht anders sein.“
Hana dachte an das lange Gespräch, das sie gestern mit Izzy geführt hatte, an all das, was er ihr erzählt hatte. Das konnte nicht alles gespielt sein. Sie war überzeugt davon, dass Izzy ehrlich war. So sehr, wir Annabel davon, dass das alles ein gefährlicher Hinterhalt war. Höchstwahrscheinlich würde jede weitere Diskussion sie nicht weiterbringen. Sie würden sich nicht einigen können, sie konnten nur abwarten, was in Zukunft wirklich passieren würde.
„Ich stehe hinter Izzy und das wird sich nicht ändern.“, stellte Hana klar. „Ohne ihn können wir das Schattenreich nicht vernichten, das müsst ihr bedenken. Er hat das Amulett. Ihr solltet ihm mit etwas mehr Respekt begegnen.“ Sie begann zu zittern. Erst seit kurzer Zeit war sie wieder hier und schon machte sie sich Feinde. Es war eigentlich nicht ihre Art, sich mit jemandem anzulegen.
Bevor einer von ihnen noch ein weiteres Wort verlieren konnte, drehte sie sich weg und stapfte eilig davon. Die Blicke der anderen hafteten an ihrem Rücken und bereiteten ihr Gänsehaut. Aber sie bereute nichts von dem, was sie gesagt hatte.
Wahnsinn
In dieser Nacht träumte Hana wieder einmal.
Es war ein wirrer, zusammenhangsloser Traum, gespickt von Bildern aus Kämpfen gegen Schattengeister, Gesprächen mit Meister Aaron und anderen Schutzgeistern und Erlebnissen mit Alex.
Wenn dies wirklich Erinnerungen an damals waren, musste sie sehr viel Zeit mit Alex verbracht haben. Es gab nur wenige Bilder, auf denen er nicht zu sehen war. Dabei spielte es keine Rolle, ob Hana noch ein kleines Mädchen war oder schon älter, er war stets an ihrer Seite.
Hana wachte auf. Der Sturm von Erinnerungen hatte sie aufgewühlt. Nun lag sie hellwach da, obwohl es draußen noch stockdunkel war, und schaute empor zur Decke.
Wie schwer musste es nur für Alex sein, zu akzeptieren, dass Hana ihn nicht mehr kannte? Dass seine vielleicht beste Freundin keinen blassen Schimmer mehr davon hatte, was sie einst so tief miteinander verbunden hatte?
Hana kämpfte mit dem schlechten Gewissen. Wenn sie sich doch nur an mehr erinnern könnte. Und wenn diese Bilder doch nur mehr wären, als bloß ausgeblichene Abrisse aus einer weit entfernten Zeit.
Sie blickte in den Raum. Rechts an der Wand schlief Alex. Er musste irgendwann in der Nacht wiedergekommen sein. Als Hana sich am Abend schlafen gelegt hatte, war er noch nicht wieder zurückgekehrt gewesen.
Mai ruhte ebenfalls auf ihrer Matte. Sie hatte sich in die Wolldecke gekuschelt, die sie bis an die Nase hochgezogen hatte. Viel mehr als ihr blonder Wuschelkopf war nicht zu sehen. Hana musste bei diesem niedlichen Anblick schmunzeln.
Erst jetzt bemerkte sie das leere Bett zu ihrer Linken. Izzy war nicht da. Hana richtete sich auf. Wo mochte er nur sein um diese Zeit? Eigentlich sollte es ihr egal sein. Izzy hatte selbst gesagt, er bräuchte niemanden, der sich um ihn kümmert.
Und trotzdem überkam Hana ein schlechtes Gefühl, welches sie nicht ruhig sitzen blieben ließ. Sie schlug ihre Decke zur Seite und stand auf. Ganz vorsichtig tapste sie auf Zehenspitzen über den Holzfußboden zur Tür. Diese schob sie behutsam auf, nur so weit, dass sie gerade so durch den offenen Spalt hindurchschlüpfen konnte, und schloss sie leise wieder. Einen Augenblick lang blieb sie vor der Tür stehen und lauschte. Als sie kein weiteres Geräusch aus dem Inneren des Hauses hörte, atmete sie erleichtert auf. Sie hatte niemanden aufgeweckt.
Es war verrückt, mitten in der Nacht jemanden suchen zu wollen, der quasi überall sein konnte. Aber Hana zog es an einen ganz bestimmten Ort. Ihr Weg führte sie quer durch die ganze Siedlung, über die vielen grasbewachsenen Hügel und vorbei an dem Trainingsplatz. Es war unheimlich und schön zugleich, über diese endlose, in Dunkelheit gehüllte Weite zu rasen. Hin und wieder ließen die Wolken ein wenig Mondlicht durchschimmern, welche die Umgebung erhellten. Doch auch ohne das Licht konnte Hana erstaunlich gut sehen. Als Mensch wäre sie wahrscheinlich beinahe blind gewesen.
Plötzlich trat sie in ein gewaltiges Energiefeld. Es war so erdrückend, dass ihr jeder Schritt schwerer fiel. Sie hatte das Gefühl, immer langsamer zu werden.
Schon von Weitem erblickte sie vor dem See eine Gestalt. Die mächtige Energie ging eindeutig von dieser aus. Und was war dieses orangene Aufglühen um die Person herum? War das Feuer?
Hana versuchte gegen den Druck an schneller zu werden. Kein Zweifel. Das war Izzy. Als sie noch einige Meter von ihm entfernt stand, war der Druck so hoch, dass sie kaum noch Luft bekam und sie sah sich dazu gezwungen, stehen zu bleiben.
Der Boden um Izzy herum war verkohlt. Wo am Abend noch ein paar Büsche den See geschmückt hatten, loderte nun ein zerstörerisches Feuer. Izzys Körper schwelte, als wäre er selbst gerade dem Feuer entsprungen. Hana spürte, wie er versuchte, seine Kraft zu sammeln, sie zu kontrollieren, in einen gleichmäßigen Fluss zu bringen. Er bildete auf seiner Hand einen orangeroten Energieball. Es schien zu funktionieren. Er schaffte es, seine Energie in diesen Ball zu komprimieren und war dazu bereit, einen Feind damit anzugreifen. Doch dann, ganz plötzlich, verlor er die Gewalt über seine Energie. Der Ball in seiner Hand explodierte, die Energie in ihm wirbelte umher und schien ihn selbst zu attackieren. Izzy schlug brüllend wild um sich, als könnte er so seiner eigenen Kraft, die sich gerade gegen ihn richtete, entkommen. Aber es half nichts. Alles geriet absolut außer Kontrolle. Dann fasste er mit der rechten Hand an seinen linken Arm, bohrte sich die Fingernägel in die Haut und riss sich blutige Wunden ins Fleisch.
Hana schauderte.
Plötzlich schien Izzy die Beherrschung wiederzuerlangen. Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Es waren wenige Sekunden, die Hana nach Luft schnappen ließen. Und dann begann er von Neuem. Energie sammeln, umwandeln, die Kontrolle verlieren, kratzen.
Hana wagte nicht näherzukommen. Nicht nur wegen der schweren Luft, sondern auch weil sie wusste, dass es gefährlich sein würde, in Izzys Reichweite zu kommen. Es war Wahnsinn. Sie konnte ihm doch unmöglich weiter zuschauen, wie er sich zu Tode quälte! Schon längst hatte sie gemerkt, dass Izzy zwar unglaublich viel Energie um sich schleuderte, die sein gesamtes Umfeld mit kaum auszuhaltender Spannung füllte, doch in ihm selbst war dafür kaum noch Energie vorhanden. Wenn er so weiter machen würde, würde er sich umbringen. Hana musste ihm helfen. Aber wie? Panik stieg in ihr auf. Was sollte sie nur tun? Ein paar Mal machte sie einen Schritt nach vorn, nur um bei Izzys nächstem Ausbruch aus Angst wieder zurückzugehen. Verdammt, was sollte sie tun? Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, wie gelähmt stand sie da und starrte zu der schrecklichen Szenerie. Irgendwann bewegte ihre Verzweiflung sie dazu, einfach nur eines zu tun: schreien. Sie schrie seinen Namen. So laut sie konnte. So lange, bis er sie in seiner tiefen Konzentration hörte und innehielt.
Er drehte sich zu ihr. Seine schweißnassen Haare hingen ihm ins Gesicht, doch Hana konnte sehen, dass er sie mit genauso großen Augen anstarrte wie sie ihn.
„Hana…“, sagte er leise, bevor er auf die Knie sank. Die ganze Zeit hatte die Anspannung ihn auf den Beinen gehalten. Jetzt schien ihn plötzlich die Erschöpfung zu übermannen.
Gott sei Dank, er hatte aufgehört! Endlich konnte Hana zu ihm rennen. „Was machst du nur?!“
„Ich muss es schaffen.“, flüsterte Izzy.
Hana kniete sich vor ihn. „Du wirst es schaffen.“ Sie sah erst auf seine grauenhaften neuen Wunden und dann in seine leeren Augen. Der Schrecken legte sich wie Blei auf ihre Schultern. Sie kam sich vor wie in einem Horrorfilm. „Oh mein Gott“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. „Bitte tu das nie wieder. Hör auf damit. Hör auf!“
Dann konnte sie nicht anders. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn fest an sich. Irgendwie musste sie ihm zeigen, dass er nicht alleine war und dass es jemanden gab, der ihn mochte. Es hätte sie nicht gewundert, wenn er sich gewehrt hätte, sie von sich geschoben hätte – aber er ließ es einfach geschehen.
Für einen Augenblick schien die Zeit still zu stehen. Dann löste Hana sich wieder von Izzy. „Du musst ins Hospital.“ Sie stand auf und wollte Izzy auf die Beine helfen, doch nun weigerte er sich.
„Das geht schon.“, murmelte er und hievte sich eigenständig auf die Beine. Er taumelte ein paar Schritte nach hinten. „Ich brauche keinen…“ Bevor er den Satz beenden konnte, sackte er wieder zu Boden.
„Spinner! Alleine schaffst du es niemals zurück. Und jetzt komm und lass dir helfen!“ Sie beugte sich zu ihm hinunter, legte seinen Arm um ihre Schulter und zog ihn hoch. Diesmal widersetzte er sich nicht.
Mühsam schleppten sie sich die Hügel hinauf und wieder hinab. Der Weg, den sie eben noch in Windeseile hinter sich gebracht hatte, kam Hana nun unendlich lang vor. Ihre vor Kurzem neu entdeckte Fähigkeit, die Energie anderer wahrzunehmen, empfand sie das erste Mal als plagende Qual. Denn Izzy war entsetzlich schwach. Es grenzte an ein Wunder, dass er es überhaupt noch schaffte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sein glühend heißer Körper ließ seinen Zustand nicht besser wirken.
„Wir sind bald im Dorf.“, versuchte Hana Izzy aufzubauen. Dabei hatte sie das Gefühl, dass sie diese Aufmunterung selbst mehr brauchte als Izzy. Er schwieg. Hana konnte nicht sagen, ob er sie überhaupt gehört hatte.
Als sie nach einer halben Ewigkeit schließlich den Rand des Dorfes erreichten, war Hana bereits völlig erschöpft. Keuchend trug sie Izzy auf wackeligen Beinen weiter. Innerlich flehte sie, dass er durchhalten würde. Ihr Körper wollte sie zum Stehenbleiben zwingen. Er schrie nach Ruhe und Erholung. Doch ihr Kopf trieb sie weiter voran. Nicht aufgeben. Nur nicht aufgeben. Bald hatten sie es geschafft. Sie spürte das schwache Feuer, das noch in Izzy brannte. Eine kleine Flamme, die ums Überleben kämpfte und mit jedem Schritt schrumpfte.
„Izzy?“, fragte Hana mit angsterfüllter, schriller Stimme. „Wenn du kannst, dann sag bitte irgendwas. Bitte…“ Zwar wusste sie, dass noch Energie in ihm schlummerte und dass er noch in der Lage dazu war, neben ihr her zu schlurfen. Trotzdem brauchte sie ein weiteres Lebenszeichen. Diese Stille war so bedrückend, dass es ihr die Luft zum Atmen raubte. „Izzy! Hörst du mich?“ Ihre Stimme bebte. Mittlerweile befanden sie sich zwischen den dicht nebeneinander stehenden Bäumen des Waldes. „Izzy!“
„Mhm…“
Es war nicht mehr als ein leises Brummeln, das Izzy von sich gab, aber es reichte, um Hanas Herz von den auf ihm lastenden Steinen zu befreien und ihr neue Kraft zu schenken. „Gleich sind wir da.“
In der Ferne konnte sie Lichter brennen sehen. Es war das Hospital. Von Elan gepackt wollte sie schneller gehen, doch Izzy bremste sie sofort aus. Es war unmöglich, mit ihm an der Seite schneller zu werden.
„Hilfe! Ich brauche Hilfe!“, rief Hana, als sie nur noch wenige Meter von dem Gebäude entfernt waren. Immer wieder rief sie, immer lauter, bis schließlich eine junge Frau aus dem Haus eilte. Es war Mai. „Hana, wo warst… Oh mein Gott!“
Kurz wunderte Hana sich darüber, Mai hier zu sehen, da sie das Mädchen beim Verlassen des Hauses noch schlafen gesehen hatte. Dann fiel ihr ein, dass sie schon mehrere Stunden unterwegs gewesen sein musste. Als sie die Bekannte erblickte wurde sie vor Erleichterung unvorsichtig. Sie stolperte über eine aus der Erde ragende Baumwurzel und stürzte mit Izzy zu Boden.
Mai rannte zu ihnen und legte sich Izzys anderen Arm um die Schultern, während Hana sich wieder auf die Beine stemmte.
„Ich konnte nichts tun. Es tut mir so leid! Ihr müsst ihm helfen, bitte! Er darf nicht…“
„Beruhig dich erst einmal!“, unterbrach Mai Hana, aus der die Worte nur so heraussprudelten. „Wir werden ihm helfen. Ich denke, du hast ihn noch rechtzeitig hergebracht. Bringen wir ihn erst einmal rein und dann kannst du mir erzählen, was passiert ist.“
Kaum hatten sie den Flur betreten, wurde Izzy ihnen von zwei weiteren Heilgeistern abgenommen und ins nächste Krankenzimmer gebracht, in welches daraufhin sofort noch drei weitere Helfer stürmten. Hana starrte in ihre Richtung. Sie fühlte sich elendig.
Mai berührte sie am Arm. „Ist mit dir denn alles in Ordnung.“ Sie führte Hana in einen Raum, in dem ein Tisch mit vier Stühlen sowie zwei Holzschränke standen. Die beiden setzten sich.
Hana wusste nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich war gar nichts in Ordnung, sie war mit ihren Nerven am Ende. Aber das spielte im Moment keine Rolle. Der einzige, dem es wirklich schlecht ging, war Izzy.
Als Hana nicht antwortete, fragte Mai weiter: „Wie ist es denn überhaupt dazu gekommen?“
Hana fing an, ihr die ganze Geschichte zu erzählen. Von ihrem Erwachen über das Auffinden von Izzy bis zum harten Weg zum Hospital. Während sie redete, hatte sie mit den Tränen zu kämpfen.
„Nun ist er ja hier. Es wird alles wieder gut.“, versuchte Mai Hana zu beruhigen. „Soll ich dich nach Hause begleiten? Ich glaube, es wäre besser für dich, wenn du dich jetzt selbst etwas ausruhst.“
Hana schüttelte den Kopf. „Ich gehe alleine, danke.“ Sie stand auf und verließ das Zimmer mit gesenktem Blick. Jede Bewegung fühlte sich seltsam unwirklich und mechanisch an. Immer mehr spürte sie, wie müde sie eigentlich war. Sobald sie aus dem Gebäude getreten war, blieb sie stehen. Wie sollte sie sich zu Hause ausruhen, wenn Izzy hier mit dem Tode rang? Sie konnte nicht gehen. Erschöpft ließ sie sich ins weiche Gras fallen. Der Himmel hellte sich bereits langsam auf. Ein neuer Tag brach an. Doch wie sie da so saß, übermannte die Müdigkeit sie mit aller Macht. Ihre Augenlider wurden so schwer, dass sie sie nicht mehr aufhalten konnte. Trotz ihrer großen Sorge um Izzy nickte sie schließlich ein.
Sie wusste nicht, wie spät es war, als sie wieder aufwachte. Jedenfalls stand die Sonne hoch am Himmel und blendete sie zwischen den Bäumen hindurch, als sie ihr noch etwas verschlafen entgegenblinzelte. Sie musste im Schlaf zur Seite gekippt sein, denn sie lag nun mit dem ganzen Körper auf dem kühlen Waldboden. Einen Moment lang blieb sie verwirrt liegen. Erst dann kamen ihr die Erinnerungen an die letzte Nacht in den Kopf und damit auch der Grund, warum sie neben dem Hospital und nicht unter ihrer kuscheligen Decke zu Hause geschlafen hatte. Sie setzte sich auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand des Gebäudes, das direkt hinter ihr stand. Wie ging es Izzy wohl jetzt? Sollte sie einfach mal schauen? Oder sollte sie lieber noch warten?
Ehe sie sich entschieden hatte, wurde die Tür neben ihr aufgerissen. Neben ihr stand niemand anderes als Izzy.
„Du bist doch verrückt, komm jetzt auf der Stelle wieder her!“ Mais Stimme schallte hinter ihm hinterher.
Mit müden Augen blickte er zu Hana hinunter. „Was machst du denn hier?“, fragte er schroff. „Du warst doch nicht die ganze Nacht hier, oder?“
„Äh, also… doch.“, stotterte Hana verdutzt. Sie spürte, dass er eigentlich noch viel zu schwach war, um schon wieder durch die Gegend zu laufen.
„Du bist doch krank.“, sagte Izzy und taumelte dann an ihr vorbei, bevor Mai ihn erreichte.
„Izzy, du musst dich ausruhen!“, rief Mai weiter.
„Ich lass mich nicht von euch irgendwo ans Bett fesseln. Vergiss es!“, entgegnete er, ohne sich zu ihr umzudrehen.
Als Mai aus dem Gebäude kam und ihm hinterherstürmen wollte, sprang Hana auf und stoppte sie, indem sie sie mit einer Hand zurückhielt. „Lass nur. Ich mach das.“, sagte Hana.
Mai sah sie verwundert an, blieb aber stehen, während Hana dem Schattengeist nacheilte.
Es war nicht schwer, den mitgenommen Izzy einzuholen.
„Hör auf mir nachzurennen!“, grummelte Izzy, während er weiter schwankend durch den Wald lief.
„Wenn du so weitermachst, brichst du mir hier gleich wieder zusammen!“, befürchtete Hana.
Izzy hielt an und drehte sich zu ihr. Er musterte sie von oben bis unten, schien für einen kurzen Moment etwas sagen zu wollen, überlegte es sich dann aber doch anders.
„Was hast du denn jetzt vor?“, fragte Hana.
„Weiter trainieren“, gab Izzy zur Antwort und wankte weiter.
Hana ließ nicht locker und folgte ihm. „Spinnst du?! Du kannst ja nicht einmal gerade laufen!“
„Na und? Ich darf keine Zeit verlieren. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Viktor hier aufkreuzt. Bis die Schattengeister hier einfallen, muss ich dazu in der Lage sein, meine gesamte Energie zu nutzen.“
„Wenn du dich bis dahin umbringst, bist du dazu auch nicht mehr in der Lage.“, konterte Hana.
Wieder blieb Izzy stehen. Im Stehen befürchtete Hana nur noch halb so sehr, dass Izzy umkippen könnte, als wenn er in seinem schaukelnden Gang durch die Gegend wanderte. Hana atmete tief durch. Es war anstrengend, so hartnäckig zu sein.
„Ich glaube…“, sagte Izzy dann zu ihr gewandt, „…du bist die erste Person, die mir je begegnet ist, die sich wirklich ernsthaft Sorgen um mich macht.“
Es war eine Feststellung. Seinem Stimmenklang war keine Wertung zu entnehmen, deshalb erkundigte Hana sich: „Ist das jetzt gut oder schlecht? Ich weiß ich nerve, aber…“
„Nein, tust du nicht.“, unterbrach Izzy sie. „Das heißt, eigentlich schon.“ Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Es war nur eine kleine Veränderung, als würde seine steinerne Maske Risse bekommen, sich aber noch weigern, jegliche Emotionen hindurchzulassen.
Hana fehlten vor Überraschung die Worte. Nervte sie jetzt oder nicht? Oder nervte sie vielleicht nur einen Teil von ihm und die andere Seite war ganz froh darüber, dass da jemand war, der sich um ihn sorgte?
„Wenn du dich noch eine Weile ausruhst, hör ich auf zu nerven. Du tust doch niemandem einen Gefallen, wenn du dich hier tot trainierst.“, redete Hana weiter auf ihn ein.
„Hm“, machte er nur und setzte sich wieder in Bewegung.
Hana hatte gehofft, er würde zurück ins Hospital gehen, aber sie entfernten sich immer weiter davon. Sie wurde wütend. „Du willst doch nicht wirklich immer noch trainieren? Du Sturkopf!“
„Ich gehe nicht trainieren.“, sagte Izzy dann. „Ich gehe nur an einen Ort, wo ich mich ausruhen kann.“
Daraufhin schwieg Hana. Trotzdem ging sie ihm weiter hinterher. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm trauen konnte.
Nach einer Weile erreichten sie den See der Blume des Lebens. Hier ließ Izzy sich nieder. „Ist Madame jetzt zufrieden?“, fragte er spitz.
Hana versuchte sich von der Stichelei nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Ja, danke. Ich hoffe, du überlegst es dir nicht noch anders. Dann gehe ich jetzt.“
Da immer einige Schutzgeister bei der Blume des Lebens waren, konnte Hana sicher sein, dass jemand es bemerken würde, wenn Izzy Unsinn anstellte. Sie musste nur hoffen, dass der Hass gegen Izzy nicht so groß war, dass keiner reagieren würde. Gerade wollte sie sich umdrehen, da hörte sie Izzys Stimme. „Warte nochmal.“, bat er sie.
Sie blieb bei ihm. Seine wechselhafte Laune verwirrte sie.
Er sah zu ihr hoch. „Du hast recht. Wenn ich mich übernehme, bringt das niemandem etwas. Ich hab mich zu bedanken, wegen gestern.“ Es fiel ihm sichtlich schwer, sich das einzugestehen und er sagte es so, als müsste er jedes einzelne Wort dazu zwingen, über seine Lippen zu kommen.
„Keine Ursache. Aber du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“, sagte Hana.
„Woher wusstest du eigentlich, wo ich war?“
Das war eine gute Frage. „Ich hab es nicht gewusst. Es war eher eine Ahnung. Und irgendwie hatte ich ein ganz ungutes Gefühl.“
„Hm…“
„Äh… soll ich jetzt gehen?“ Hana war sich nicht sicher, ob Izzy ihr noch etwas sagen wollte. So wie er nun übers Wasser schaute, wirkte er plötzlich abwesend.
Einen Moment lang gab er keine Antwort. Dann räusperte er sich und blickte wieder zu ihr. „Kannst du mir noch einen Gefallen tun?“
Es machte Hana ganz irre, dass Izzy, der vor ein paar Minuten noch versucht hatte, sie abzuschütteln, sie jetzt um einen Gefallen bitten wollte. Aber umso mehr fühlte sie sich in ihrer Theorie bestätigt, dass Izzy selbst mit seiner Zwiespältigkeit rang. Sich jemandem öffnen oder nicht? Das schien die große Frage zu sein. Und vielleicht musste sie versuchen, ihm bei der Entscheidung zu helfen. „Klar, was denn?“
Er machte wieder eine Pause. „Könntest du…“, setzte er zögerlich an.
Hana hörte ihm gespannt zu. Was auch immer er sagen wollte, es schien ihm mehr als schwer zu fallen. Sie versuchte sich auszumalen, was er von ihr verlangen könnte, dass er es kaum auszusprechen wagte. Gerade, weil er doch sonst so gelassen war.
„Letzte Nacht, da hast du…“ Wieder brach er seinen Satz ab. „Das hat noch nie jemand getan. Könntest du das nochmal machen?“
Hana musste eine Weile überlegen, was er meinen könnte. Sie ließ die vergangene Horrornacht Revue passieren. Dann glaubte sie es zu wissen.
Sie kniete sich neben ihn ins Gras und umarmte ihn. Sie selbst konnte verstehen, wie gut eine Umarmung tat, wenn man lange Zeit keine bekommen hatte. Es war kaum zu glauben, dass Izzy diese Erfahrung noch nie zuvor in seinem Leben gemacht haben durfte.
„Danke“, sagte Izzy leise.
Hana ließ ihn langsam wieder los und lächelte. „Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, sag Bescheid.“
Izzy blickte zu Boden. Hana merkte, dass er sich nun wieder von ihr abkehrte. Er hatte seine Entscheidung anscheinend noch nicht getroffen. Und vielleicht würde das auch noch eine ganze Weile dauern.
Sie erhob sich und warf einen letzten Blick zur Blume des Lebens. Dann verabschiedete sie sich von Izzy, der ihr immerhin ein kurzes „Tschüss“ entgegenbrachte, und machte sich auf den Weg nach Hause.
Magie
Hana drückte die Schiebetür auf und schleppte sich ins Haus. Seit der Nacht, in der sie Izzy gerettet hatte, war ein weiterer Tag vergangen und gerade hatte sie ihre zweite Unterrichtsstunde bei Friedo hinter sich gebracht.
Izzy saß in ein Buch vertieft auf seiner Matte. Er sah mittlerweile schon wieder viel gesünder aus. Währenddessen sortierte Mai am Tisch Kräuter in verschiedene gläserne Gefäße. Alex versuchte, ihr dabei zu helfen, hatte jedoch mitunter Schwierigkeiten, die verschiedenen Sorten voneinander zu unterscheiden. Als er Hana bemerkte, strahlte er übers ganze Gesicht. „Hana! Wie war dein zweites Training?“
Auch Mai unterbrach ihre Arbeit und sah Hana erwartungsvoll an. Nur Izzy ließ sich mal wieder nicht stören.
„Ganz okay“, antwortete Hana und setzte sich zu ihnen an den Tisch.
„Das klingt ja nicht so begeistert.“, stellte Mai fest, während sie mit ihren Händen einen Haufen identischer Kräuter vom Tisch schaufelte und in ein Gefäß umfüllte.
„Es ist schwierig.“, gab Hana zu. „Vielleicht kann ich das einfach nicht mehr. Ich meine, meine Erinnerungen sind schließlich auch verschwunden, vielleicht ja auch meine Fähigkeiten.“
„So ein Quatsch.“, widersprach Alex ihr. „Die verschwinden nicht so einfach.“
Hana seufzte. Es fiel ihr schwer, das zu glauben. Vielleicht wollte sie es auch einfach nicht glauben. Vielleicht wünschte sie sich insgeheim, nicht fähig zum Kämpfen zu sein. Dann könnte niemand mehr behaupten, sie sei entscheidend für die Zukunft des Himmelreichs und der Erde. „Ich kann es zwar alles spüren“, erzählte Hana. „Die Energien um mich herum, meine eigene Energie… Aber ich schaffe es nicht, sie einzusetzen. Ich kann das nicht.“
„Doch, das kannst du. Was hältst du davon, wenn wir das zusammen üben?“ Alex stand auf. „Jetzt?“
Hana lächelte. „Wenn du Zeit hast…“
„Klar! Komm, wir gehen in den Wald, da stört uns niemand.“
„Moment mal!“, protestierte Mai, als Alex zu Hana ging. „Du wolltest mir doch beim Sortieren helfen!“
Alex winkte ab. „Ich hab doch gar keine Ahnung davon. Du als Vollprofi bist allein bestimmt viel schneller fertig.“
Mai verschränkte sie Arme vor der Brust und schmollte. „Das sagst du nur, weil du keine Lust mehr hast.“
„Gut möglich. Vielleicht hilft Izzy dir ja.“, grinste Alex.
„Sehr witzig…“, murrte Mai und setzte ihre Arbeit alleine fort.
Izzy ignorierte seine Mitbewohner weiterhin. Auf eine gewisse Weise fand Hana es bewundernswert, wie jemand das Geschehen um sich herum so unbeachtet lassen konnte.
„Also bis dann!“ Alex öffnete mit einer Hand die Tür, den anderen Arm legte er um Hanas Schultern und schob sie hinaus.
Unter dem bedeckten Himmel verschleierte dichter Nebel die Baumkuppen. Sie gingen tief in den Wald hinein, bis sie weit entfernt von der Siedlung waren.
„Also wenn du schon keine Probleme mehr dabei hast, deine eigene Energie wahrzunehmen, dann ist der Rest auch nicht mehr schwer.“, sagte Alex und stellte sich ihr gegenüber.
„Das sagt sich so leicht.“, murmelte Hana. „Für dich ist das natürlich keine Schwierigkeit.“
„Nicht so entmutigt! Dann wird das sowieso nichts.“
Alex lächelte ihr aufmunternd zu und blickte sie genauso an wie an dem Tag, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Mit diesen warmen Augen, die ihr sagten: Komm, zusammen schaffen wir das. Sie erfüllten Hana mit Zuversicht und brachten sie automatisch dazu, zurückzulächeln.
„Friedo hat mir von zwei verschiedenen Möglichkeiten erzählt, die Energie einzusetzen.“, begann Hana dann.
„Ja, es gibt zwei Varianten, die wir hauptsächlich nutzen. Die eine benötigen wir in der Regel, um die Menschen zu beeinflussen. Je nach Stimmung verändert sich der Fluss der Energie eines Menschen. Ob fröhlich und entspannt, wütend und aufgebracht oder traurig und schwach, das alles lässt sich sofort erkennen. Wir können mit unserer eigenen Energie die Energie eines anderen Geschöpfes anzapfen und diese in einen ruhigeren Fluss bringen. Das ist die Weise, wie wir Menschen, denen es besonders schlecht geht, unterstützen, um sich wieder ein wenig zu entspannen und ihren Blick für die Welt um sie herum zu öffnen. Damit helfen wir ihnen, sich wieder auf die positiven Dinge in ihrem Umfeld konzentrieren zu können. Oft sind die Menschen so blockiert von ihrer Wut, Trauer und Angst, dass sie die Augen vor allen neuen, besseren Wegen verschließen.“
Hanas Körper kribbelte, als sie bei Alex‘ Worten an sich selbst als Mensch denken musste. Hätte sie es schaffen können, einen glücklicheren Weg zu finden? Auch trotz der Schattengeister, die sie begleitet hatten? Sie wühlte in ihren Erinnerungen und versuchte sich auszumalen, was sie hätte anders machen können. Aber ihr kam nichts in den Sinn. Wenn sie zurückdachte, waren ihre Gedanken immer noch bloß von einem dunklen Schatten umspielt, der nichts als Trauer, Verzweiflung und Selbsthass in ihre Welt dringen ließ.
Hana schüttelte den Kopf, um ihre Aufmerksamkeit wieder zu Alex zu lenken. Er schien ihre kurze Abwesenheit nicht bemerkt zu haben und setzte seine Erklärung fort.
„Die zweite Variante ist für uns im Moment überlebenswichtig: Mit ihr verteidigen wir uns gegen Schattengeister und können sie auslöschen. Jeder Schutzgeist hat eine ihm eigene Waffe, die sich bildet, wenn er seine Energie außerhalb seines Körpers bündelt. Es gibt noch viele weitere Formen, seine Energie außerhalb zu verwenden, aber in der Regel nutzen wir jene Waffe.“
Hana erinnerte sich an die lange Sense mit den weißen Bändern, die sie in einer ihrer Visionen in der Hand geschwungen hatte. Es fiel ihr noch immer schwer, sich vorzustellen, dass sie jemals mit solch einer Waffe herumhantiert hatte. Und noch beunruhigender fand sie den Gedanken, es wieder tun zu müssen.
Um seine Erklärung zu veranschaulichen, streckte Alex seinen rechten Arm zur Seite. Im nächsten Moment schimmerte seine Handfläche bläulich und brachte einen azurfarben leuchtenden Stab hervor. Dieser nahm in seiner Hand die Gestalt eines schmalen Schwertes an. Schließlich verblasste das strahlende Blau und hinterließ eine metallisch funkelnde Klinge.
Beeindruckt betrachtete Hana das Schwert, das aus dem Nichts plötzlich in Alex‘ Hand aufgetaucht war. „So etwas in der Art hat Friedo mir auch erzählt.“, sagte sie, weiterhin die magische Waffe bewundernd. „Wenn es dir recht ist, würde ich gerne mit der ersten Variante anfangen.“
„Ganz wie du willst.“ Das Schwert leuchtete erneut auf, zog sich zusammen und verschwand ebenso schnell in Alex‘ Hand wie es dort erschienen war. „Aber Friedo hat dir bestimmt auch erzählt, dass es im Moment eher wichtiger ist, die zweite zu beherrschen.“
„Ja“, antwortete Hana nervös. Sie musste sich gegen Schattengeister zur Wehr setzen können. Gerade sie, die für die Schattengeister die Zielscheibe darstellte. Aber der Gedanke ans Kämpfen bereitete ihr immer noch Angst. Gleichzeitig krampfte sich ihr Magen zusammen, wenn sie sich vorstellte, allein und schutzlos einem Schattengeist ausgeliefert zu sein. Nach einer Weile des Überdenkens änderte sie schließlich doch ihre Meinung. „Vielleicht doch die zweite.“
„Gut.“ Alex schaute zum Himmel hinauf und schien zu überlegen, wie er Hana das weitere Vorgehen erklären könnte. „Hast du schon einmal versucht, deine Energie zu bündeln?“, fragte er dann, den Blick wieder zu Hana gerichtet.
Hana schüttelte den Kopf. In ihrer Brust machte sich wieder der altbekannte Knoten breit, der sich immer dann bildete, wenn sie sich überfordert fühlte. Dabei war doch noch gar nichts geschehen? Alex hatte doch noch nichts von ihr verlangt? Und trotzdem löste bereits die Angst vor dem, was nun auf sie zukommen würde, dieses unangenehme, beengende Gefühl aus.
„Ich bin kein Lehrer, ich weiß nicht, ob ich das sonderlich gut erklären kann.“, sagte Alex und kratzte sich unsicher am Kopf. „Aber ich versuch’s mal. Normalerweise durchfließt deine Energie ja deinen gesamten Körper. Wenn du dich nun aber auf einen bestimmten Punkt in deinem Körper konzentrierst, am besten ein Stück über der Mitte, dann kannst du deine Energie an diesem Punkt bündeln. Vielleicht versuchst du es einfach mal.“
Hana schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Sie tastete nach ihrer Umgebung, fühlte jeden Baum, jede noch so kleine Pflanze, bis sie schließlich bei sich selbst endete. Ein warmes Kribbeln verbreitete sich unter ihrer Haut, als sie ihren eigenen Energiefluss spürte. Gleichmäßig, aber schnell, wahrscheinlich auf Grund ihrer Aufregung. Für einige Minuten tat sie nicht mehr, als sich auf diesen Kreislauf in ihrem Körper zu konzentrieren, bis sie vollkommen in dem regelmäßigen Pulsieren versunken war.
Erst dann wagte sie es, sich von dem Fluss zu lösen und ihre gesamte Aufmerksamkeit auf einen Punkt knapp über ihrer inneren Mitten zu richten.
Zuerst dachte sie, es würde nichts passieren. Die Energie würde einfach so weiter fließen wie bisher, nur dass Hana sie nicht mehr aufmerksam verfolgen würde. Doch dann spürte sie eine Veränderung.
Die Energie verließ ihre Arme und ihre Beine und strömte auf den Punkt über ihrem Bauch zu. Dort bewegte sie sich weiter wie eine sich drehende Kugel. Mit der immensen Spannung, die die geballte Kraft verursachte, hatte Hana nicht gerechnet. Ihr wurde übel und sie befürchtete, nicht länger gerade stehen zu können. Erschrocken riss sie die Augen auf. Sofort zerstreute sich die Energie wieder.
Hana starrte Alex an. „Ist das normal?“, fragte sie nach Luft schnappend. „Wird einem davon immer so schlecht?“
„Am Anfang kann das vorkommen, ja. Aber man gewöhnt sich schnell an diese Kraft und dann vergeht die Übelkeit. Je öfter du das machst, desto einfacher wird es. Allgemein ist dieser Zustand, in dem du die gebündelte Energie in dir trägst der anstrengendste, in dem du dich befinden kannst. Deshalb musst du die Energie auch so schnell wie möglich nach außen bringen.“ Erneut hob Alex seinen Arm. „Mit Kraft deiner Konzentration kannst du das Energiebündel bis zu deiner Handfläche bringen.“ Wie beim ersten Mal schimmerte seine Hand. „Manche sind in der Lage dazu, ihre Energie nach Belieben zu formen. Das braucht aber etwas Übung. Wenn du deine Energie einfach nur nach außen transportierst, entsteht deine magische Waffe von ganz allein.“ Blaue Strahlen traten aus seiner Hand, doch noch bevor sich eine Waffe daraus entwickeln konnte, schloss er seine Hand. Das Licht erlosch. Auffordernd sah er Hana an.
Schon beim Gedanken daran, die ganze Prozedur wiederholen zu müssen, zog sich ihr Magen zusammen.
„Kann ich mich dabei auch hinsetzen? Nur für den Fall, dass ich umkippen sollte…“, bedachte Hana.
„In dem Fall fang ich dich rechtzeitig auf. Das kennen wir ja schon.“, grinste Alex, sah gleichzeitig aber selbst ein wenig besorgt aus.
Hana verzog unglücklich das Gesicht. Trotz ihres innerlichen Widerstands konzentrierte sie sich aufs Neue, sammelte wieder ihre Energie, die um sich selbst rotierte und dabei ihren Magen anzustecken schien. Dann beförderte sie das Energiegebilde zu ihrer rechten Hand, Stück für Stück. Doch noch bevor sie ihr Ziel erreicht hatte, schwand Hanas Konzentration. Die Übelkeit lenkte sie zu sehr ab. Ihre Gedanken kamen wieder bei Alex im Wald an und sie merkte, dass sie von Schwindel ergriffen schwankte. Mit aller Mühe hielt sie sich auf den Beinen und musste sich ermahnen ruhig zu bleiben.
„Unmöglich“, hauchte sie benommen. „Ich schaffe das nicht.“
Alex trat einen Schritt an sie heran und legte ihr beide Hände auf die Schultern. Sie spürte seine Kraft und fühlte sich sogleich selbst wieder etwas besser.
„Du kannst das. Wenn du das alles ein bisschen schneller machst, dann hat die Übelkeit auch weniger Zeit, dich zu überwältigen.“, sagte Alex.
„Ich kann das nicht schneller.“, beharrte Hana frustriert.
„Versuch’s nochmal.“
Hana versuchte ihm mit einem Blick mitzuteilen, dass sie es ganz sicher nicht noch einmal ausprobieren würde, doch sobald sie seinen Blick mit dem ihren traf, wusste sie, dass er sie nicht aufgeben lassen würde. Tief seufzend schloss sie die Augen. Und nochmal von vorn.
Das Bündeln der Energie fiel ihr mittlerweile schwerer als beim ersten Mal. Ihr Körper wurde müde vor Anstrengung. Trotzdem bemühte sie sich, dieses Mal schneller zu sein. Sie zitterte, sowie die Energie gezielt durch ihren Körper wanderte. Die Kraft gelangte bis zu ihren Fingerspitzen und rief ein warmes Kribbeln an ihrer Handfläche hervor. Dann spürte sie, wie sich die Energie von ihrem Körper löste und neuer Strom aus gleichmäßig fließender Kraft von ihrer inneren Mitte ausging, um ihren Körper zu erfüllen.
Die Übelkeit schwand auf der Stelle. Erst jetzt, wo sie vor Erleichterung ausatmete, bemerkte sie, dass sie die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte. Sie öffnete die Augen und schaute zu ihrer Rechten.
In ihrer geschlossenen Hand hielt sie nun einen langen weißen Stab. Als sie die glänzende gebogene Klinge am oberen Ende erblickte, zuckte sie unwillkürlich zurück und ließ die Sense fallen. Kaum berührte diese den Boden, stiegen blaue Rauchschwaden von ihr aus gen Himmel und ließen die Waffe zu nichts verdampfen.
„Das war ja ein kurzes Vergnügen.“, kommentierte Alex. „Aber du hast es geschafft! Ich hab’s dir doch gesagt. Du kannst das.“ In seiner Stimme schwang eine Welle Stolz mit.
Immer noch erschrocken stierte Hana auf die Stelle am Boden, an der sich die Sense aufgelöst hatte. Es war die Waffe gewesen, die sie in einiger ihrer Erinnerungen bereits gesehen hatte. Und damit sollte sie kämpfen? Nein, sie wollte nicht kämpfen. Kampf bedeutete Schmerz und Tod. Aber würde ihr eine andere Wahl bleiben? Denn die Schattengeister würden nicht vor Schmerz und Tod zurückweichen.
Während sich blanke Angst in ihr ausbreitete, betrachtete sie ihre rechte Handfläche. Diese sah aus wie immer: lange, dünne Finger, blasse, fast weiße Haut. Dann drehte sie ihre Hand um und begutachtete auch den Handrücken wie einen zu inspizierenden Fremdkörper.
„Ich denke, den Rest überlasse ich lieber Friedo. Ich will ihm ja nicht seinen Job wegnehmen.“, riss Alex das Mädchen aus ihren Gedanken und ließ sich ins Gras zu seinen Füßen fallen.
Obwohl der dichte Nebel und die grauen Wolken schon den ganzen Tag die Sonne daran gehindert hatten das Himmelreich zu erhellen, wurde es allmählich merklich dunkler.
Alex lag da und schaute zu den Tannen empor. Der Wind streifte durch das Gras und zupfte an Hanas langen schwarzen Haaren. Sie ließ sich ebenfalls nieder. Hier zu sitzen und den Wind um sich wirbeln zu lassen hatte etwas Beruhigendes. Genau das brauchte Hana gerade.
„Erinnerst du dich eigentlich inzwischen an mehr?“, durchbrach Alex die Stille.
Die Frage traf Hana wie ein Schlag.
„Also eigentlich… Ich…“, stotterte sie. Kurz überlegte sie zu lügen, um Alex vor einer Enttäuschung zu bewahren. Aber ihr war klar, dass sie niemandem etwas vormachen konnte. „Nicht wirklich.“, gab sie schließlich zu. „Manchmal träume ich. Es sind ganz wirre Träume und ich glaube, es sind Bilder aus der Vergangenheit. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was davon Realität ist und was nicht. Ich kann diese Bilder, die ich sehe, nicht einordnen. Alles ist so zusammenhangslos.“ Sie beugte sich nach vorn, fuhr sich mit den Händen über den Kopf und krallte sich in ihren Haaren fest, als könnte sie dadurch das Chaos in ihrem Kopf beseitigen.
„Was hast du gesehen?“
Alex klang, als ob er etwas Bestimmtes erwarten würde und Hana wollte unbedingt etwas antworten, was diese Erwartung erfüllte.
„Ich habe dich sehr oft gesehen, wie wir zusammen durch den Wald gezogen sind, zusammen trainiert haben, zusammen auf der Erde waren, zusammen gegen Schattengeister gekämpft haben…“ Während sie erzählte, fiel ihr wieder auf, wie befremdlich ihr all die Erinnerungen vorkamen. „Es tut mir so leid.“, fügte sie dann bedauernd hinzu.
Mit einem Schwung richtete Alex sich auf. „Was tut dir leid?“
„Dass ich mich nicht richtig erinnere.“ Sie spürte nicht diese Verbindung zu Alex, die in ihren Erinnerungen vorhanden war. Natürlich war er ihr in den letzten Tagen zu einem guten Freund geworden, aber sie wusste, dass es nicht dasselbe war wie damals. Denn damals war es eine Seelenverwandtschaft gewesen.
„Ach Quatsch!“, widersprach Alex ihr. „Da kannst du doch nichts für. Du hast dir das Ganze schließlich nicht ausgesucht.“
Er lächelte ihr zu, aber Hana konnte in seinen Augen erkennen, dass es ihn eigentlich schmerzte. Hana wünschte, sie hätte ihm eine mehr Hoffnung erweckende Antwort geben können. Er stand auf und streckte sich. „Gehen wir zurück? Es wird spät.“
Hana nickte. Plötzlich war sie wieder erfüllt von schrecklichen Schuldgefühlen. Dabei wusste sie, dass Alex recht hatte: Sie konnte nichts dafür, dass sie kaum Erinnerungen hatte. Wäre es nach ihr gegangen, wäre sie höchstwahrscheinlich niemals zum Menschen geworden.
Hana erhob sich und trottete auf dem Weg nach Hause neben Alex her. Er begann, ihr von seinen letzten Reisen zur Erde zu erzählen, vermutlich um sie abzulenken. Aber Hana ließ sich nur schwer auf andere Gedanken bringen. Zwar hatte sich schon viel geändert, seit sie ihm Himmelreich war. Doch die Angewohnheit, sich leicht von Schuldgefühlen einnehmen und zerfressen zu lassen, hatte sie noch nicht ablegen können.