Die Begegnung
Manch eine Bestimmung beginnt bei der Geburt. Bei anderen scheint sie mitten im Leben aufzutauchen. Manch einer kann sie verändern, verdrängen, ja sogar ignorieren.
Nicht so bei dem Säugling, der in den sanften Armen seiner Mutter vom Heiligen Mann seinen Namen bekommt.
Manch einer kann vor seiner Bestimmung fliehen, doch den Geistern kann man nicht entkommen.
Gemächlich reiten die Männer auf die Prärie hinaus, sie haben es nicht eilig und lassen die Pferde sich ihren Weg über die Prärie suchen. Jedem Reiter folgt ein Packpferd, das friedlich mit ihrer Habe auf einer Schlepptrage hinter ihnen her trottet. Ihre Pferde, ihren Besitz, tauschten sie um. Sie sind auf dem Weg in ein neues Leben, in einen neuen Stamm. Ihr Weg führt sie zu den Mississauga. Die, wie der Stamm der Saulteaux, zu dem Volk der Ojibwa gehört. In den Monaten der Kälte sind dort zu viele gestorben. Sie haben nicht mehr genug Männer für die Jagd, zum Bestellen der Felder und zum Schutz ihres Dorfes. So ziehen einige Männer zu den Mississauga um ein neues Leben zu beginnen.
Die ersten Berührungen von Großvater Sonne hüllen das weite Grasland in ein Meer aus orangefarbenem Licht. Die Strahlen lassen die davon reitenden Männer lange Schatten auf den Weg werfen, den sie zurücklegen müssen. Doch nicht nur Großvater folgt den Männern, der Blick eines Jungen, der auf einem der Hügel in der Nähe des Dorfes steht, begleitet sie. Mit gemischten Gefühlen schaut er ihnen nach, wagt nicht einen Moment zur Seite zu sehen, aus Angst sie können umkehren und zurück kommen. Wie hypnotisiert starrt er den Männern nach, schenkt der Pferdeherde, auf die er aufpassen sollte, keine Aufmerksamkeit.
In Cheveyos Herzen kämpft Freude gegen eine ungewisse Verzweiflung. Sein Vater zieht in einen anderen Stamm. Endlich kann er, Cheveyo, seinen eigenen Weg gehen. Endlich kann er auf die Raubzüge mitgehen, muss nicht mehr auf seine jüngeren Geschwister achten. Endlich kann er zu dem Krieger, dem großen Jäger werden, der er schon immer sein wollte.
Rasch greift seine Hand an das Fell, das er gegen die Kälte des jungen Tages über seine Schultern gelegt hat, als ein Windstoß das Gras zu seinen Füßen erzittern lässt.
Ein Geräusch reißt Cheveyos Blick vom Horizont, wo die Männer eher Punkte als Menschen gleichen. Die Pferde sind unruhig, suchend schaut er sich nach einer Gefahr um. War es nur der kühle Wind der sie aufgeschreckt hat oder wagt sich tatsächlich ein Raubtier in die Nähe der großen Herde?
Cheveyo streicht eine Strähne seines langen schwarzen Haares aus dem Gesicht, sodass die beiden roten Streifen, die er auf jeder Wange hat, in der Morgensonne aufleuchten. Sein Blick ruht noch immer auf der Herde, als er den auf dem Boden schlafenden Jungen in die Seite tritt.
„Odakothah.“
Bei seinem Namen und der groben Behandlung setzt sich der andere mürrisch auf.
„Warum weckst du mich? Kommst du doch nicht alleine klar?“
Obwohl Odakothah ein Jahr älter ist als Cheveyo, ist der Jüngere schon einen halben Kopf größer.
Im Gegensatz zu den anderen im Stamm ist Odakothah stämmig. Es liegt daran das seine Großmutter weit aus dem Norden kam, von dort wo Schnee liegt der nie schmilzt und Großvater Sonne so lange schläft das man seinen Anblick fast vergisst.
Doch Cheveyo beachtet seinen Freund nicht, er kennt sein gemurrte zur Genüge. Er zeigt auf die Seite der Herde, dort wo ein paar Bäume an der Böschung wachsen, die sanft zum Fluss hin abfällt.
„Siehst du das? Die Tiere sind aufgeregt.“ Mit einer fließenden Bewegung lässt er das Fell zu Boden gleiten und nimmt seinen Bogen in die Hand.
„Ich werde nachschauen gehen, bleib du hier.“
Kopfschüttelnd schaut Odakothah dem anderen hinterher der, ohne ein weiteres Wort, den Hügel hinunter und durch die Pferde hindurch läuft. Sicher hätte er sich noch mehr gewundert, wenn er gewusst hätte, das Cheveyos Vater heute Morgen aufgebrochen ist. Ohne das sein Sohn sich von ihm verabschiedet hat.
Ein Schrei lässt ihn aufschauen. Erstaunt sieht er zu dem Weißkopfseeadler, der kurz am Himmel kreist, um gleich darauf von der Luft getragen über die Pferdeherde gleitet. Der Junge schüttelt den Kopf, fast scheint es so, als wolle der Adler Cheveyo folgen. Erneut schweift Odakothahs Blick über die langsam erwachende Welt um ihn herum. Seufzend setzt er sich bequemer hin und betrachtet müde blinzelnd wie sein Freund durch die Pferde hetzt. Träge fischt er ein Stück Trockenfleisch aus dem Beutel und beißt davon ab, sicher hat nur ein Eichhörnchen die Pferde aufgeweckt.
Cheveyos Gedanken rennen so schnell wie seine Füße, er schenkt den Pferden kaum Beachtung, während er sich flink an ihnen vorbeischlängelt. Es versetzt ihm einen Stich das sein Vater nicht nach ihm gefragt hat, das keiner gekommen ist und ihn geholt hat. Ja, er ist extra nicht hingegangen. Doch das sein Vater einfach so wegreitet, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Energisch schüttelt der junge Jäger den Kopf um die Gedanken loszuwerden, viel eher sollte er seine Aufmerksamkeit auf die Pferde richten.
Ein Schrei lässt ihn den Blick zu Vater Himmel wenden, über ihm segelt anmutig ein Adler dahin, die Flügel vom Licht der Sonne vergoldet. Cheveyo strauchelt, da er nicht mehr auf den Boden achtet und prallt gegen ein Pferd.
Sich für diese Unaufmerksamkeit verfluchend, beruhigt er das Pferd. Als er es endlich geschafft hat kann er den Adler nicht mehr entdecken. Zu seiner Überraschung tut ihm es Leid, den wunderbaren Vogel nicht zu sehen.
„Der König der Lüfte kommt nicht oft hierher, aber ich sollte eher glücklich sein, das ich ihn zu Gesicht bekommen habe. Nicht traurig darüber, dass er nicht mehr da ist.“ versucht er sich selbst zu überzeugen. Doch das Gefühl bleibt, diese Ahnung, dass er den Adler kennt. Mit bebendem Herzen greifen seine Finger an den Hinterkopf, fahren die beiden Federn entlang die seine Haare schmücken.
Immer wieder fährt er sie mit den Fingern ab. Erst an der einen, die knapp über seiner linken Schulter endet und dann an der anderen die höher, in die Luft hineinragt. Nachdenklich geht er weiter, die Federn sind nicht nur eine Auszeichnung, sondern auch ein Zeichen seines Totems. Einst gehörten sie seiner Mutter, bei seiner Geburt hatte sie bestimmt, dass ihr Sohn sie bekommen soll. Howahkan, der heilige Mann des Stammes, hat es ihm so erzählt. Außerdem, so hatte der Alte damals gesagt, passen die Adlerfedern zu Cheveyo. Genau wie seine Mutter wird der Adler ihn auf seinem Weg begleiten und an seiner Seite sein.
Damals, wie auch heute erfüllt es ihn mit Stolz, solch einen Mächtigen Verbündeten auf dem Weg des Lebens zu haben. Doch mehr als einmal hat er die Federn schon durch seine Finger gleiten lassen und sich gewünscht, das seine Mutter an deren Stelle ist. Das sie da wäre und ihn auf seinem Weg begleitet.
Seine Beine setzen sich in Bewegung, an den Adler oder an seine Mutter zu denken wird ihn nicht weiterbringen.
Er wird langsamer als die Pferde um ihn herum nervöser werden. Die Ohren sind flach angelegt, die Augen aufgerissen und das Schnauben aus ihren Nüstern durchschneidet die Stille. Mit ruhiger Stimme redet Cheveyo auf sie ein, drängt sich vorsichtig hindurch. Immer bereit auszuweichen, sollte eines nach ihm treten wollen. Als er zwischen ihnen hinaustritt, prallt er zurück, einige Meter entfernt sitzt ein Wolf.
Tief holt Cheveyo Luft, versucht sich zu beruhigen. Während er aus dem Köcher von seinem Rücken einen Pfeil herauszieht. Behutsam und langsam geht er vor, will das große graue Tier nicht dazu verleiten ihn anzugreifen. Der Wolf steht auf, gerade so als hat er auf den Jungen gewartet, kommt er auf ihn zu. Die Pferde hinter Cheveyo tänzeln nervös, doch keines rennt davon, fast als akzeptieren sie das Raubtier.
Verstört darüber runzelt sich die Stirn des jungen Mannes und er senkt den Pfeil mit dem Bogen.
Kein Wolf würde auf einen Menschen, auf eine Pferdeherde zugehen. Kein einzelner Wolf würde sich Trauen einer Herde so nah zu kommen! Sie jagen im Rudel, sind gerissen und schlau, keiner von ihnen würde sich so verhalten. Fast, kommt es Cheveyo vor, benimmt er sich wie ein Hund, als wäre er gezähmt.
Auf halber Strecke setzt sich der Wolf in dem Schatten einiger Bäume. Er scheint ihn zu beobachten. Die Zunge die aus dem Maul schaut scheint den Jungen, ob seiner Angst, zu verspotten.
Angst? Cheveyo, verstört von dem Verhalten des Tieres stockt, er ist nicht ängstlich. Die Erkenntnis jagt ihm einen Schauer über den Rücken. Wie zuvor schon bei dem Adler kennt er den Wolf, irgendwas scheint ihn mit dem Tier zu verbinden. Cheveyo denkt nicht mehr, handelt als würde er schlafwandeln. Langsam legt er den Bogen auf den Boden. Seine Augen ruhen auf dem Wolf, der ihn neugierig beobachtet. Seine Füße setzen sich vorsichtig auf den Boden, er bückt sich leicht. Als würde er sich im hohen Gras an ein Tier anschleichen schleicht er nun auf den Wolf zu. Jederzeit bereit in eine andere Richtung zu laufen.
Plötzlich verstummen alle Laute, alles wird still um ihn herum. Seine Schritte verursachen kein Geräusch auf dem mit Gras bewachsenen Erdboden. Kein Stein rollt weg, selbst die Pferde sind verstummt, es gibt nur noch Cheveyo und den Wolf.
Einen Schritt von dem Tier entfernt hebt Cheveyo seine Hand. Hin und hergerissen von einer seltsamen Sehnsucht, dieses wilde Tier zu berühren und der unbestimmbaren Angst vor dem, was passieren könnte, wenn er es tut. Der Wolf spürt seine Zerrissenheit, scheint zu bemerken, dass der Indianer sich nicht entscheiden mag. Flink steht er auf, und bevor Cheveyo auch nur zurückzucken kann, fühlt er schon das stoppelige Fell des Wolfes unter seinen Fingern. Er nimmt die Wärme des lebendigen Körpers wahr. Leicht neigt der Wolf den Kopf zur Seite, sein Mund öffnet sich zu einem grinsen und seine gelben Augen funkeln belustigt.
Eine Bewegung am Baum lässt den Jungen Jäger dorthin schauen, ihm stockt der Atmen, dort sitzt der Adler. Als dieser den Blick des Menschen bemerkt, plustert er sich auf. Öffnet kurz die Flügel, ganz so als könne er sich nicht entscheiden, ob er zu ihm fliegen soll oder lieber sitzen bleibt. Ein Stoß in die Kniekehle lasst Cheveyo fast vornüber kippen. Er fängt sich wieder und stolpert wenig elegant einige Schritte vorwärts.
Der Wolf, seinem Grinsen nach dafür verantwortlich, folgt ihm. Cheveyo hebt den Kopf und steht Aug in Aug mit dem Adler da. Zu keiner Bewegung mehr fähig lässt er sich von dem strengen Blick aus den grünen Augen mustern. Der Weißkopfseeadler scheint zu nicken. Nun ist es an Cheveyo ihn zu betrachten, seinen weißen Kopf, die bräunlichen Federn und den kleineren Vogel neben ihm.
Er stutzt, neben dem Adler sitzt eine schneeweiße Eule. Ein Laut der Überraschung entfährt ihm, eine Eule, mitten am Tag? Und neben einem Adler? Die Augen der Schneeeule scheinen gelassen im klaren Blau des weiten Himmels in sein Innerstes sehen zu können. Anscheinend Macht es ihm nichts aus, das Cheveyo ihn neben dem Adler übersehen hat. Denn nun bewundert der Junge einzig und alleine ihn, hat nur noch Augen für die Schneeeule und alle anderen sind vergessen.
Wie ein ertrinkender nimmt er jede Einzelheit auf, oft kommt es nicht vor, das man eine Eule bei bewundern, darf. Das weiße Gefieder, mit den kleinen schwarzen Flecken darauf, die Weisheit die in dem Blick gefangen liegt.
Ein leiser Laut lässt ihn den Kopf zu dem Adler drehen. Streng scheint er ihn zu tadeln, das er nur einem von ihnen so viel Aufmerksamkeit zukommen lässt. Noch einmal schaut er zu der Eule und hebt behutsam die Hand. Zitternd vor Aufregung berührt er die Federn.
Sein Gesicht verzieht sich zu einem freudigen und ungläubigen Ausdruck, er, Cheveyo, berührt tatsächlich eine Schneeeule!
Seine dunklen Augen funkeln und er schaut zu den anderen beiden Tieren. Der Adler senkt leicht das Haupt, deutet an das er auch ihn berühren darf. Staunend berührt er den edlen weißen Kopf, fährt mit dem Finger die Schwingen vorsichtig entlang, als der Adler diese öffnet. Er lässt seine Hände sinken, überwältigt von dem Augenblick, den er noch immer nicht glauben mag.
Da bemerkt er die Wärme an seinem Bein. Ein zaghaftes, Glückliches lächeln schleicht sich auf sein Gesicht. Als er nach unten schaut, sieht er neben seinen braunen Beinling das Fell des Wolfes. Sie sind Freunde, das spürt er und wünscht sich dieser Moment, indem er sich so geborgen fühlt, würde nie vergehen.
Plötzlich schauen sie auf, ihr Blick geht in Richtung der Berge. Irritiert nimmt Cheveyo wahr, das sie besorgt sind. Wie auf ein Zeichen hin breiten die Vögel ihre Flügel aus und schwingen sich in die Lüfte. Der Wolf folgt ihnen. Erstarrt das diese Wesen nun weg sind, steht der Junge fassungslos da, schaut ihnen nach.
Dann kommen die Geräusche.
Nach der Stille die ihn, als würde er träumen, umgeben hat stürzen sie nun auf ihn zu. Wie eine Herde Büffel, die über den trockenen Boden der Prärie läuft. Zuerst leise um ihn dann mit ungeheuerlicher Wucht in den Boden zu rammen. Keuchend krümmt er sich zusammen als das rauschen des Flusses, das Rascheln der Blätter im Wind und die Geräusche der Pferde über ihn hinein brechen.
Er übergibt sich.
Würgend stützt er sich mit den Händen auf dem Boden ab, keucht und schließt die Augen vor dem plötzlich viel zu hellem Licht.
Langsam kommt er wieder auf die Beine und wischt sich mit dem Handrücken über den Mund. Er fühlt sich schwach und ausgepumpt, ganz so als wäre er viele Kilometer gerannt, ohne etwas gegessen oder getrunken zu haben.
Zitternd geht er zu seinem Bogen zurück. Was hatte er sich nur gedacht, ihn so einfach auf dem Boden neben den Pferden liegen zu lassen? Was wenn eines auf ihn getreten wäre?
Cheveyo wagt nicht daran zu denken, der Bogen ist das Einzige, was sein Vater ihm jemals geschenkt hat. Wind kommt auf und lässt die Blätter des Baumes leise rascheln. Er schaut zu dem Ast auf dem eben noch die beiden Vögel gesessen haben. Traurig schüttelt er den Kopf, sicher hat er es nur geträumt. Seine unsicheren Beine antreibend geht er langsam die steile Böschung herunter zum Fluss. Mit dem klaren Wasser spült er sich den Mund aus, um den säuerlichen Geschmack nach Erbrochenen zu vertreiben. Auf dem Weg nach oben bemerkt er missgelaunt dass er den Beutel mit dem Trockenfleisch nicht dabei hat. Entweder schnorrt er sich etwas von Odakothah oder er muss in das Dorf um seinen Beutel zu holen.
Er macht sich auf den Weg zurück zu dem Hügel, wo Odakothah auf ihn wartet, als er plötzlich ein Pferd hört.
Jemand nähert sich ihm im wilden Galopp.
Mit gemischten Gefühlen dreht sich Cheveyo um, er hofft, dass diese Begegnung anders verläuft als die mit den Tieren. Er würde sich schon freuen, wenn er sich nicht übergeben muss.
Es ist ein normales Pferd, mit einem normalen Reiter, der, als er Cheveyo sieht, sein Pferd zügelt. Kurz macht der Reiter eine Geste zur Begrüßung, doch sie wirkt fahrig, nervös. Das Pferd tänzelt, es spürt die Unruhe, die sein Reiter im festen Griff hat. Der Reiter trägt, genau wie Cheveyo auch, einen Lendenschurz, an den Füßen verzierte Mokassins und gegen die Kälte der frühen Jahreszeit ledernde Beinlinge. Am Oberkörper jedoch, anders als Cheveyo, trägt er ein Hemd aus Leder, das reich geschmückt ist.
„Sei gegrüßt“ fängt er mit tiefer, melodiöser Stimme an, „Mein Name ist Makya vom Stamm der Ottawa.“ Seine Hände bilden dieselben Worte wie sein Mund, in der Zeichensprache die jeder Indianer kennt. Mit ihr können alle Völker reden und Handel treiben, wenn auch das Gesprochene nicht dasselbe ist. Cheveyo kann die Sprache des Mannes verstehen. Die Sprache der Ottawa und die der Ojibwa ähneln sich, doch er ist froh, dass der andere zugleich die Zeichen benutzt. So ist er sich sicher, die Worte richtig zu erfassen.
„Sei gegrüßt, Makya von den Ottawa, ich bin Cheveyo vom Stamm der Saulteaux, den Ojibwa. Was führt dich hierher?“
Man kann dem Mann ansehen das die Vorstellung an seinen Nerven zerrt. Also reduziert Cheveyo seine Worte auf das mindeste. Längst ist seine Neugier erwacht und er brennt darauf zu erfahren, warum der Krieger so nervös ist.
„Bring mich schnell zu eurem Häuptling! Ich habe eine wichtige Nachricht.“
Cheveyo nickt und pfeift schrill, während er losläuft. Sein Pferd mit den großen braunen Augen kommt angelaufen, freudig wirft es den weiß gecheckten Kopf mit der schwarzen Mähne, zur Begrüßung, in die Luft.
Cheveyo greift flink in die Mähne und zieht sich auf den Rücken hinauf. Kurz schnalzt er mit der Zunge und steuert auf das Dorf zu. Er muss sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass der Fremde ihm folgt, er hört den Hufschlag des anderen Pferdes in seinem Rücken. Ihm drängt sich die Frage auf, warum der Fremde ausgerechnet einen Jungen angesprochen hat und nicht sofort ins Dorf geritten ist.
Doch als sie das Dorf erreichen und absteigen wird ihm schnell klar, weshalb er es gemacht hat. An seinem Hemd, kann man deutlich erkennen, das er von den Ottawa kommt und ein hochangesehener Jäger ist. Schon jetzt folgen ihm die Blicke viele, sicher hätten ihn einige angehalten.
Cheveyo grinst bei der Vorstellung, wie der Fremde von den Frauen des Dorfes fast erschlagen wäre vor Neugier. Da er aber mit Makya zielstrebig durch das Dorf geht wagt es keiner ihn anzusprechen, immerhin sehen sie wohin die beiden wollen, zum Häuptling.
Beratung
Während sie durch das Dorf, gehen versucht Cheveyo das Wetu des Häuptlings im Blick zu behalten.
Er traut sich nicht wegzusehen, aus Angst die Neugierigen würden die Chance nutzen und ihn ansprechen. Intensiv starrt er auf die Wohnung vom Häuptling. Wie die anderen hier im Lager hat das Oberhaupt des Stammes sein Wetu mit den eigenen Händen gebaut.
Erst wurden Birkenstämme gefällt, diese in einem Oval in den Boden gesteckt. Die Enden wurden dann in der Mitte zusammengebunden, was ihnen das Aussehen von einem kleinen Hügel gibt.
Die Birkenstämme die Außen noch angebracht wurden vollendeten das Skelett, auf das Matten und bei manchen auch, Rinde befestigt wurde.
Cheveyo erlaubt sich ein kleines grinsen, in den Matten ist noch immer ein Loch erkennbar. Ganz genau kann er sich daran erinnern, wie Liwanu, der Sohn des Häuptlings, ihn ärgern wollte, indem er einen Speer nach ihm schleuderte.
Der Sperr hatte zwar keine Spitze gehabt, noch hatte der andere stark geworfen, doch Cheveyo war schnell gewesen und konnte ihm ausgewichen. Liwanu hatte es ihm nicht zugetraut und so traf er statt dem Jungen das Wetu seines Vaters. Was danach passierte weiß Cheveyo nicht, er hatte zugesehen, dass er Land gewinnt.
Als sie kaum zehn Schritte von der Wohnung des Häuptlings entfernt sind, öffnet sich die Klappe. Nadua, eine seiner Frauen, kommt mit einem großen Korb heraus. Cheveyo beschleunigt seinen Schritt.
„Nadua, sei Gegrüßt, ist Häuptling Ahiga drinnen?“
Die Frau lächelt und schüttelt den Kopf.
„Er ist, seit sie die Männer verabschiedet haben bei Howahkan, weißt du das denn nicht?“
Cheveyo nickt nur und hebt dankend eine Hand, er hat die beiden Männer soeben aus der Hütte des alten Shamanen kommen sehen.
Mit einem kurzen Blick über die Schulter vergewissert er sich das Makya ihm noch immer folgt und nicht von irgendwelchen Dorfbewohnern gestohlen wurde.
Allem Anschein nach haben die beiden Männer sie bemerkt. Sie sind stehen geblieben und schauen, wie alle anderen, zu Cheveyo und dem Neuankömmling herüber.
Als sie bei ihnen angekommen sind und Cheveyo gerade den Gast vorstellen will, schiebt ihn dieser zur Seite.
Verwirrt lässt der Junge es geschehen, ungläubig starrt er den Fremden an. Unsicher, wie er reagieren soll, schaut er sich hilfesuchend um. Sein Blick trifft den des Heiligen Mannes, die Augen von Howahkan scheinen in ihn zu schauen und die Verwirrung dort zu erkennen. Unmerklich bewegt er den Kopf. Er soll tun als wäre nichts gewesen.
„Ich habe wichtige Neuigkeiten für den Häuptling des Stammes der Saulteaux.“ Makya´s Stimme trägt seine Worte zu jedem Ohr in der Umgebung. Leise setzt ein murmeln ein, besorgt sieht der Häuptling zu dem heiligen Mann. Howahkan nickt und lädt den Boten in sein Wetu ein.
Unschlüssig, ob er zurück gehen oder auf das Ende der Besprechung warten soll steht Cheveyo da. Wieder trifft ihn der Blick des heiligen Mannes, sein Großvater will, dass er bei der Beratung dabei ist.
Es hat sich noch nie gelohnt dem Vater seiner Mutter zu wiedersprechen. So tritt der junge Jäger nach dem Häuptling und den anderen in die Hütte.
Einer der angesehenen Jäger will bei seinem Anblick etwas sagen und Erleichterung durchflutet Cheveyo. Sicher wird er nun weggeschickt, muss nicht daran teilnehmen. Doch eine Handbewegung des Häuptlings hält den Mann davon ab. Nervös fährt der Junge seine Adler Federn entlang und schluckt, was hat das Ganze zu bedeuten?
Als Makya die Stimme hebt und anfängt zu sprechen benutzt er, wie vorher schon nicht nur das gesprochene Wort. Seine Hände, sein Körper wird in seine Rede mit einbezogen.
„Ein Jäger hat sich vor kurzem unserem Stamm angeschlossen, er verliebte sich in eine Frau, die ihren Stamm nicht verlassen wollte. So kam der Mann zu uns. Nun ritt er mit ein paar Jägern aus, um seiner Mutter die Nachricht zu überbringen, dass seine Frau einen Jungen geboren hat. Sie zogen los, mit den Neuigkeiten und Tauschwaren. Mit ihnen kamen sie wieder zurück.“
Die Männer im Zelt schauen sich an, Tauschwaren werden manchmal nicht genommen, doch Nachrichten immer. Gesichter verfinstern sich, den meisten wird klar, welches Ende die Geschichte haben wird.
„Als sie dort ankamen fanden sie einen Ort der Verwüstung vor. Niemand war mehr am Leben, die Toten lagen ohne Seele und ohne Bestattung auf dem Boden. Unser Shamane hat sich auf den Weg zu jenem unglücklichen Ort begeben. Vorher erfuhr er von den Geistern eine schreckliche Botschaft. Ein Dämon ist in diese Welt gekommen und sinnt auf Rache. Häuptling Kohkahycumest schickte sofort Jäger los um alle Stämme zu warnen, das ein Dämon auf Erden weilt.“
Der großgewachsene Mann wendet sich an den heiligen Mann und den Häuptling, spricht gezielt sie an und nicht wie vorher zu allen Männern.
„Mein Vater sandte mich hierher, um eurem Volk diese Nachricht zu bringen. Er hofft das der große Shamane einen Weg finden wird diesen Dämonen zu bannen.“
Cheveyo hört der Beratung, die sich den Worten des Häuptlingssohnes anschließt, nur mit halben Ohr zu. Viel zu sehr ist er in Gedanken, ein Dämon treibt sich in der Welt herum, ihm wird kalt. Die Kühle, einem Luftzug gleich umschließt sie ihn und nur mit Mühe schafft er es, sich nicht die Armen zu reiben. Als er aufschaut, blickt er geradewegs in die Augen des Häuptlings.
Erschrocken will Cheveyo aufspringen doch kein anderer schaut ihn an oder nimmt Notiz von ihm. Unwohl fühlt sich der Junge dennoch.
Nicht nur das er bei dieser Besprechung mit dabei sein Soll. Auch das er seinen Freund auf dem Hügel mit der Pferdeherde allein gelassen hat, nagt an ihm. Er hatte nicht einmal die Zeit gehabt ihm zu sagen wohin er geht. Der Blick des Anführers verweilt nur kurz auf ihm, scheint ihn abzuschätzen.
Unhörbar und erleichtert lässt Cheveyo die Luft entweichen von der er nicht wusste, das er sie angehalten hat.
Als die Besprechung vorüber ist lädt Ahiga den Boten zu sich ein. Auch ein ruheloser Mensch sollte sich etwas Rast gönnen, um den Geistern für die sichere Reise zu danken.
Während die Anderen das Wetu verlassen, führen Cheveyos Füße ihn zu einem Bereich, der mit Tierhäuten abgetrennt ist. Hier ist sein Schlaffell. Nachdem sein Vater den Entschluss gefasst hat, dass er in den anderen Stamm zieht, wurde beschlossen, dass der jüngste Sohn noch kein eigenes Wetu haben soll.
So bekam er einen Platz zum Schlafen in dem großen Wetu des Schamanen. Außer seinen Fellen liegen auch noch andere Felle auf dem Boden verteilt. Die Schlafstätten der Jungen und Männer, die dem heiligen Mann helfen. Die eines Tages, wie Howahkan, Shamane für ihre, oftmals weit entfernten, Stämme werden wollen.
Howahkan, der heilige Mann des Stammes der Saulteaux, ist nicht nur bei seinem Stamm hoch angesehen, viele kommen her, um von ihm zu lernen. Einige bleiben länger, andere kürzer.
Jeden nimmt der alte Mann mit einem Lächeln auf. Doch hat er noch keinen aufgefordert hier zu leben, um seinen Platz einzunehmen, sollte er einmal nicht mehr sein. Im Stillen mancher Nächte, wenn er unter dem Himmel die Sterne und Großmutter Mond betrachtete, fragte sich Cheveyo ob der Alte Shamane jemals einen Nachfolger finden wird. Jemanden der all die Fertigkeiten beherrscht, die der Vater seiner Mutter sich mühsam zusammengetragen hat.
Ein leichtes Lächeln umspielt Cheveyos Mund, der in der Unordnung seiner Sachen nach seinem Beutel mit dem Trockenfleisch kramt.
Als Kind ist er oft zu Howahkan gegangen. Das Wetu des Shamanen war für ihn eine Heimat gewesen. Mehr als das seines Vaters und der Frau, die sein Vater zu sich genommen hat, nachdem Cheveyos Mutter gestorben ist. Der heilige Mann hatte Zeit für ihn, jedenfalls kommt es ihm so vor, wenn er sich daran zurückerinnert.
Er hat ihm beigebracht wie man auf den mit Häuten bespannten Trommeln verschiedene Töne erzeugt. Wie man auf den kleinen Flöten spielt, die Zeichen und Tiere malt, die alle Gegenstände des Shamanen zieren. Das es Tätigkeiten eines Shamanen waren die er dort lernte hatte er erst später begriffen.
Seine Finger schließen sich fest um den Lederbeutel, den er endlich unter einem Fell gefunden hat, er will kein Shamane werden. Er will ein großer Krieger werden, ein von allen anerkannter Jäger. Aber kein heiliger Mann. Niemals.
„Es ist eine große Ehre für uns das Häuptling Kohkahycumest uns seinen Sohn als Boten schickt.“
Die Stimme des Häuptlings lässt Cheveyo erstarren, schnell zieht er sich zurück, versucht keinen Mucks zu machen. Er weiß nicht genau warum. Er sollte nicht lauschen, der Einzige mit dem der Häuptling über solche Themen redet, ist der heilige Mann. Sollte Cheveyo dabei erwischt werden, wie er das Gespräch der beiden Männer mit anhört…
Es wäre besser, wenn er hinausgeht, kurz grüßt, dann zu Odakothah zurückkehrt und auf die Pferde aufpasst. Etwas hält ihn zurück, eine Neugierde, die zu oft unterdrückt wurde und nun nicht klein beigeben will.
„Makya, der Adlerjäger, es scheint sein Name ist gut gewählt. Wie der Adler betrachten er das Geschehen auch von oben herab. Er war klar und präzise, wir sollten uns wappnen. Auch die Geister können uns gegen den Zorn eines Dämonen nicht schützen, sind wir nicht vorbereitet.“
„Du schenkst seinen Worten, glauben.“ Die Stimme des Häuptlings kling gedämpft, Sorge spiegelt sich in ihr.
„Ja. Ich spürte, wie der Dämon sich befreite, als ich die Anderwelt bereiste.“
„Du bist weiser als ich, alter Freund, doch wie kommt es, das kein Wort darüber an mein Ohr drang?“
Ein trauriges kurzes Lachen ist von Howahkan zu hören.
„Ich habe viele Sommer kommen sehen. Viele Erfahrungen in der Zeit gemacht, als ich von Stamm zu Stamm gezogen bin. Um dabei mehr zu lernen, als ein einzelner heiliger Mann mir beibringen konnte.“
Kurz schweigt der Mann mit der dunklen, sanften Stimme.
„Ich schwieg, weil mein Herz es nicht wahrhaben wollte. Dieser alte Ochse vor dir wollte nicht sehen, was nicht zu übersehen war.“
Schweigen schließt sich an. Cheveyo versucht seinen Atem flach zu halten, keinen Ton zu erzeugen in der Stille, in der er selbst das Knistern des Feuers hören kann.
„Als ich beim Stamm der Odawa weilte, freundete ich mich mit dem Shamanen dort an. Zusammen gingen wir in eine heilige Höhle, die tief in den Schoß von Mutter Erde hineinführte. In dieser Höhle haben wir uns auf die Reise begeben. Die Büffelherden blieben aus. Vater Himmel wollte ihnen keinen Regen schenken so bangten alle, dass der herannahende Winter ihr Letzter sein würde, dass sie Hunger leiden müssen.“
Cheveyo schließt die Augen, er hat die Geschichte öfter gehört, als Kind mit großen staunenden Augen.
„So begaben wir uns mit unseren Krafttieren auf die Reise. Wir wollten die Geister um Rat fragen. Statt einem Rat fanden wir einen Dämon, der seine Klauen in Mutter Erde geschlagen hatte und ihr die Kraft entzog. Wir kämpften gegen ihn und schafften es ihn zu bannen.“
Wieder schließt sich Stille an, doch diesmal scheint es erwartungsvoll zu sein, so als würde sie auf etwas ersehnen.
Der Junge, Augen und Mund fest zusammengepresst auf seinem Lager kauernd, weiß, dass der heilige Mann immer hier aufgehört hat. Doch der Mann in Cheveyo erkennt, dass es dieses Mal nicht das Ende ist.
„Das Dorf, der Stamm, von dem der Adlerjäger erzählt hat, war der Stamm meines Freundes. Einst schwor der Dämon Rache an uns, weil wir ihn besiegten doch nicht vernichten konnten. Nun hat er damit begonnen.“
Einen Herzschlag lang denkt der Häuptling über die Worte nach, er scheint eine Entscheidung zu fällen.
„Ich schicke Boten los, die anderen Stämme müssen es erfahren.“
In der Ruhe raschelt Kleidung, die Augen des Jungen schnappen erwartungsvoll auf, ist es jetzt soweit? Gehen sie, sodass er verschwinden und vergessen kann?
„Heute Abend werde ich mich auf die Suche machen. Nach einem Weg uns zu schützen.“
Die Worte Howahkans frustrieren Cheveyo. Nicht nur das der Häuptling nicht gehen wird, er weiß auch genau das er heute Abend keinen Schlaf finden wird. Es lässt sich schwer schlafen, wenn neben einem die Trommeln zur Reise geschlagen werden.
„Als der Bote seine Nachricht verkündete, war der Junge auch anwesend.“
Cheveyo verkrampft sich, warum kommt Häuptling Ahiga nun auf ihn, zu sprechen?
„Ja, er sollte erfahren, welche Gefahr auf uns zukommt.“
„Deine Ansicht hat sich noch immer nicht geändert?“ Der Häuptling bekommt keine Antwort, doch das Schweigen scheint ihm genug zu sein.
„Ich habe ihn beobachtet, Howahkan, er hat den Blick, der in die Seele zu reichen scheint. Der Blick, wie auch du ihn hast.“
Cheveyos wird schlecht, hätte er noch was im Magen gehabt, wäre es dort nicht mehr lange geblieben.
„Diesen Blick habe ich nicht.“
Die Stimme des heiligen Mannes klingt entschieden, duldet keinen Wiederspruch.
„Es ist der Blick, den meine Tochter zu einer weisen Shamanin machte. Der ihre Augen unter Großvater Sonne glänzen ließ. Es ist der Blick seiner Mutter, der an ihn weitergegeben wurde.“
Nach einer Weile hört Cheveyo die Klappe zufallen, jemand ist gegangen. Mit Schock geweiteten Augen starrt er an das Innere des Wetu. Wenn er es sich lange genug einredet, so denkt er, kann er vergessen, dass er die Worte jemals gehört hat.
„Cheveyo, Sohn meiner Tochter, komm her.“
Trotz seiner Benommenheit hört er sofort auf den heiligen Mann. Seine Beine wirken steif und wie ein Vogel sind seine Bewegungen ungelenk.
Er fragt nicht, woher der Alte weiß, das er noch da ist. Schweigend lässt er sich gegenüber des Shamanen nieder, auf die andere Seite des Feuers.
„Ich weiß wer in mein Zelt gegangen und auch wer wieder herausgetreten ist.“
Beantwortet Howahkan die unausgesprochene Frage.
„Du hast alles mit angehört?“ es scheint eine Feststellung zu sein und so schweigt der Junge.
„Was würdest du machen?“ Die leise Frage lässt Cheveyo verwirrt aufschauen.
„Ich? Ich weiß nichts über Dämonen.“ Seine Stimme ist tonlos, während sein Kopf nach einem Weg sucht das Wetu zu verlassen.
„Vielleicht ist nun die Zeit gekommen, in der man darüber etwas lernen sollte.“
Cheveyo fährt hoch,
„Ich werde kein Schamane.“
„Setz dich.“ Die Stimme des alten Mannes ist ruhig, keine Wut schwingt in ihr mit.
„Es ist deine Bestimmung ein Schamane zu werden.“ Er hebt die Hand um die Worte zurückzuhalten, die der Junge sagen will,
„Schon jetzt beherrscht du viele Tätigkeiten, mehr als die meisten meiner Helfer.“ Seine Handbewegung schließt das gesamte Wetu ein,
„Dies alles, die Welt der Schamanen war, seid jeher der Platz, an den du gehörst. Nicht zu den Jägern, nicht zu denen die Mutter Erde aufbrechen um darin die Pflanzen zu sähen. Hier ist dein Platz.“
Der Junge hat sich immer mehr verkrampft, er will hier weg, er kann kein heiliger Mann werden, er wird ein angesehener Jäger, irgendetwas.
Nur nicht so wie der alte Mann vor ihm, der von allen als weisester Schamane gelobt wird und doch nicht das Retten konnte, was ihm das Liebste war.
„Nichts von einem Schamanen ist in mir. Die Sachen, die ich kann, lernte ich, weil es ein schönes Spiel war. Ich kam hierher und hörte dir zu, lernte weil mein Vater,“
Er beißt sich auf die Lippe, will nicht mehr weiterreden, nichts mehr sagen. Es berührt etwas tief in ihm, was er einst tief begraben hat. Was nie mehr ans Licht kommen soll. Sein Blick geht zum Boden, will weder Howahkan noch etwas anderes, sehen.
Die Stimme des Vaters seiner Mutter ist sanft, fordernd aber nicht gewaltsam.
„Du wurdest mit einer Gabe für die andere Welt, für die Geister geboren die meine übertrifft, die sogar die deiner Mutter übertrifft.“
Als er seine Mutter erwähnt versteift sich Cheveyo.
„Das Wissen um Pflanzen, die Legenden der Ahnen, das Trommelspiel und die Heilung. All dieses Wissen lernst du schneller als andere. Es ist alles schon in dir.“
„Nein. Mir wurde das alles nur viel zu früh beigebracht, sie würden es auch wissen hätte man sich so um sie gekümmert wie um mich.“
Seine Finger gleiten an den Federn entlang, eine nervöse Angewohnheit, die seinem Großvater nicht entgangen ist.
Howahkan meint, dies sei ein Zeichen, das Cheveyo sich unbewusst an den Geist des Adlers wendet, doch er spricht es nicht an. Der Junge muss bereit sein wenn der Dämon kommt. Ohne ihn wird auch der mächtige Heilige Mann nicht mit ihm fertig werden.
Howahkan weiß es, seine einzige Hoffnung und die des ganzen Stammes ist der Sohn seiner Tochter. Davon das er lernt mit den Kräften, die in dieser Welt unsichtbar sind, umzugehen.
Noch ein langer Weg liegt vor dem Jungen. Und tief in seinem Herzen weiß der alte Shamane, dass er niemanden sonst als seinen Nachfolger akzeptieren kann. Als ihn, den Jungen der seiner Linie entstammt.
Stumm bittet er die Geister um Vergebung, für dieses Selbstsüchtige handeln, doch keiner der anderen hat solch eine Gabe wie Cheveyo. Wenn der Junge doch nur lernen würde! Wenn er endlich durch die Prüfungen schreiten würde, er weiß viel doch so viel mehr ist noch verborgen.
Die Jahre zeichnen sich deutlicher in dem Gesicht ab, das nun müde auf den nervösen Jungen schaut, ohne dessen Hilfe sie schwere Verluste erleiden müssen. Der Schamane trifft eine Entscheidung, er will es ihm jetzt noch nicht sagen. Cheveyo soll aus freien Stücken, ohne Zwang die Gabe finden, mit der er beschenkt wurde.
Auch wenn es eine Schande ist sein Talent zu verschwenden.
„Du musst noch viel lernen, Cheveyo, leiste uns heute Abend Gesellschaft bei der Zeremonie. Schlag die Trommel, stimm in den Gesang mit ein.“
Der angesprochene schaut auf, er sieht in die Gutmütigen dunkelbraunen Augen des alten Mannes, die gleichen Augen wie er sie auch hat.
„Lass dich unterweisen, ein Jäger kannst du sein, auch wenn du Schamane bist.“
Ja. Cheveyo schluckt, das kann er, doch er würde nie ein großartiger Jäger werden, er würde nie für seine Erfolge so gefeiert werden.
Er will, dass die Anderen zu ihm aufschauen, er will es ihnen allen zeigen und das kann er nicht als heiliger Mann. Doch der Schamane redet unbeirrt weiter,
„Nimm das Erbe deiner Mutter an, lerne wie sie das Handwerk des Heilens bis zur Vollkommenheit.“
Der Junge springt auf, das ist zu viel. Sein Magen dreht sich um und erneut ist er heilfroh, dass er noch nichts gegessen hat. Ohne einen weiteren Blick zu dem Mann hechtet er nach draußen. In der strahlenden Sonne, die fast ihren höchsten Stand erreicht hat. Tief atmet er ein.
Weiß Howahkan nicht, wie sehr ihn die Erwähnung seiner Mutter aus der Ruhe bringt?
Ein schlechtes Gewissen überkommt ihn, sollte er nach drinnen zurückkehren und sich wieder zu ihm setzen? Immerhin ist er der heilige Mann ihres Stammes.
Immerhin liegt sein Schlaffell dort in der Hütte.
Unschlüssig steht er da, weiß, nicht ob er hineingehen oder lieber zurück zu den Pferden gehen soll.
„Darf der Kleine schon das Zelt verlassen? Wartest du etwa noch das der Schamane kommt und deine Hand hält, hier in der Bösen, Bösen Welt?“
Liwanus Stimme hallt zu ihm herüber. Ein Schatten legt sich auf Cheveyos Gesicht. Dies hätte er gerne vermieden.
Als sie noch kleine Kinder waren, haben Liwanu und seine Freunde angefangen ihn wegen dem Unterricht, bei seinem Großvater aufzuziehen. Als er älter wurde und es verstehen konnte was sie damit meinen, was das für sein Leben bedeutet. Wenn er ständig nur mit Pflanzen, Kräutern, Geschichten und Trommeln zu tun hat, ging er nichtmehr zu dem heiligen Mann.
Er konzentrierte sich ganz auf das Schleudern der Speere, auf das Können mit Pfeil und Bogen. Seitdem ist es besser geworden, sie haben ihn als einen Jäger anerkannt, auch wenn das größte was er bisher erlegt hat ein Hirsch gewesen ist.
Um alle endgültig zum Schweigen zu bringen, denn nicht nur die Jungen in seinem Alter nennen ihn hinter seinem Rücken Frauen-Junge, Aszda Ashkii, muss er ein großer Jäger werden. Dann kann auch sein Großvater ihm einen neuen Namen nicht mehr verweigern.
Er tut so als würde Liwanu nur aus Luft bestehen. Was nicht einfach ist bei einem Hünen wie ihm, er ist einen Kopf größer als Cheveyo und wesentlich muskulöser.
Einmal erzählte er, dass er bei einer Jagd einem Bison die Luft mit seinen bloßen Händen abgedrückt hat. Wenn man ihn sieht möchte man ihm fast glauben. Nur Liwanus Vater und zwei Jäger aus dem Dorf überragen Liwanu noch. Im Stillen hofft Cheveyo das er, noch etwas mehr, wachsen wird. Er will sich nicht immer so unterlegen fühlen.
Cheveyo muss aufpassen, dass er nicht zu schnell geht, dass die anderen es nicht als Flucht ansehen.
Doch er hat Pech, Liwanu folgt ihm und hinter ihm seine Freunde. Sie wollen sich eher bei dem Häuptlingssohn einschmeicheln. Cheveyo jedenfalls weiß, dass er sich auf seine beiden Freunde mehr verlassen kann als Liwanu auf den Haufen hinter sich.
„Aszde Ashkii“ benutzt der größere den verhassten Spitznamen,
„Nun bleib doch stehen, ich will doch nur mit dir reden.“
Cheveyo schaut ihn zweifelnd an,
„Ich wüsste nicht, was wir zu besprechen haben. Außerdem habe ich zu tun.“ Das entlockt dem anderen ein schallendes Gelächter, die Frauen vor den Wetus drehen sich zu ihnen.
Liwanu legt einen Arm um Cheveyos Schulter, will somit zeigen, dass es lediglich ein Gespräch unter Freunden ist.
Wenn man die beiden so sieht, kann man nicht glauben das Liwanu nur zwei Jahre älter ist als Cheveyo.
„Deine Aufgabe kann warten, Aszde Ashkii.“ Mit diesen Worten zieht er den kleineren durch zwei Wetus auf die Prärie, die sich dahinter erstreckt, weg von den neugierigen Blicken der Frauen.
Cheveyo ist angespannt, er wartet darauf, dass der größere irgendetwas anstellt. Schon öfter hat der Häuptlingssohn ihn abgefangen und seine Scherze mit ihm und seinen Freunden getrieben. So ist er auch jetzt konzentriert, rechnet jeden Moment damit, dass die Faust Liwanus in seinen Bauch getrieben wird.
Einmal hatten der Hühne und seine Freunde Odokotha an einen Baum gebunden und haben darum gewettet, wer einen Pfeil direkt über seinen Kopf abschießen kann. Zum Glück waren sie sich uneinig, sodass Cheveyo den Freund retten konnte.
„Was willst du Liwanu?“ Cheveyo ist stolz, das seine Stimme nicht zittert, ja sie klingt beinahe uninteressiert.
„Kann ich nicht das Verlangen verspüren, mit einem alten Freund einen Spaziergang zu machen?“
Cheveyo schüttelt den Kopf und schnaubt.
„Spar dir das, jeder weiß, dass wir keine Freunde sind.“
Er ist selbst von seinem Mut überrascht so mit dem anderen zu sprechen. Wahrscheinlich ist er noch immer verwirrt wegen dem Gespräch, mit dem alten Schamanen.
Der Gigant lässt endlich von Cheveyo ab, verschränkt die Arme nun vor der Brust und baut sich vor dem kleineren auf.
„Gut, Aszde Ashkii.“ Er genießt es sichtlich den Spott Namen auszusprechen und grinst, als Cheveyo dabei zusammenzuckt.
„Da du bei der Besprechung wie eine brave Frau bedienen durftest, erzähl doch mal, was dort beredet wurde.“
Cheveyo hört das Blut in seinen Ohren rauschen, er ist wütend. Auf Liwanu, weil er ihm diesen Namen gibt, weil er denkt, dass er dort bedienen sollte, er war eingeladen! Er sollte da sein.
Stolz darauf mischt sich in den Zorn, er durfte dabei sein aber der Sohn des Häuptlings nicht! Dass es nur deswegen gewesen ist, damit er bereit ist das Erbe des heiligen Mannes anzutreten verdrängt er.
„Ich habe an der Besprechung teilgenommen.“ Er wird lauter, Wut schwingt in seiner Stimme mit und er tritt einen Schritt auf den anderen zu.
„Das glaube ich nicht, mein Vater würde niemals jemanden wie dich bei einer Beratung dulden.“
Das Gesicht des anderen schiebt sich vor, schaut Cheveyo nun direkt in die Augen. Cheveyos dunkel braune Augen treffen im wütenden Wettstreit auf die braungrünen Augen des größeren.
„Mache nicht mich dafür verantwortlich, was dein Vater entscheidet.“
Wütend stößt Liwanu den kleineren zurück. Überrascht, taumelt Cheveyo nach hinten und fällt auf die Erde. Die Zähne aufeinanderbeißend spürt er den Schmerz, der sich seinen Rücken hinaufzieht. Wie konnte er nur so unvorsichtig sein.
„Worum ging es?“ er ist wütend, seine Stimme hat den tiefen Ton angenommen der ihm auch seinen Namen gab, brummen eines Bären. Schnell rappelt sich Cheveyo auf und tritt ein paar Schritte zurück.
„Der Häuptlingssohn, der Ottawa, kam her um eine Nachricht zu überbringen.“ Prahlt er mit seinem Wissen, er will Liwanu zeigen, das er so viel mehr Weiß, er der doch so unwichtig sein Soll!
Interesse und Neugierde treten in die Augen des größeren, doch die Wut sieht man in seinen Augen weiterhin schlummern. Das ist es, was Cheveyo wieder auf den Boden zurückholt. Wenn er dem anderen noch mehr erzählt wird er mächtigere Feinde haben als den älteren Jungen.
„Spuck es aus, Aszde Ashkii, bevor ich richtig wütend werde!“ wieder kommt der größere näher, steht nur noch einen Schritt weit von Cheveyo entfernt.
Fieberhaft überlegt er ob weglaufen nicht das Beste wäre. Doch der andere hat weitaus längere Beine. Sollte er weglaufen, würde der andere ihn schnell kriegen und dann würde Liwanu seinen ganzen Frust an ihm auslassen.
Keine gute Idee also. Eine Weile stehen sie sich unbeweglich gegenüber, starren den anderen an.
Da fliegt ein Stein zwischen ihren, keinen Schritt weit entfernten, Gesichtern hindurch. Die Mimik der beiden ändert sich, verwirrt schauen sie zu dem Stein, der mittlerweile auf den Boden aufgekommen ist.
Zorn steigt in Liwanu auf, er richtet sich zur vollen Größe auf und schaut auf die Jungen die zwei Schritte von ihnen entfernt stehen. Einer hat noch den Arm halberhoben. Als Liwanus Blick ihn trifft, weicht er erschrocken zurück.
„Ich wollte den Kleinen treffen, wirklich!“ er hebt die Hände, stolpert zurück, als der Hüne auf ihn zukommt.
„Wie kommst du auf die Idee das zu tun?“ das Grollen seiner Worte erinnert an den Bären. Cheveyo ist froh, das der Zorn des Häuptlingssohnes nicht ihn trifft. Alle schauen den großen Zornigen Hünen an, freuen sich das nicht sie es sind die Ärger bekommen und nun dabei zusehen dürfen.
Cheveyo aber nutzt die Chance und rennt los.
Erleichterung durchflutet ihn, gerade hört er noch die stotternden Worte des dünnen jungen der den Stein geworfen hat,
„Ich wollte nur helfen, Liwanu, ehrlich!“
„Was brachte dich auf die Idee, dass ich Hilfe brauchte?“ Auf die Worte folgt ein Aufschrei, sicher hat Liwanu den anderen, genau wie ihn auch, zu Boden gestoßen.
Das Liwanu und Cheveyo keine Freunde sind weiß sicher der ganze Stamm. Doch Feinde sind sie auch nicht. Cheveyo geht dem anderen lieber aus dem Weg, ein Kräftemessen würde er auch nicht überleben.
Manchmal kann es sogar vorkommen, dass sie in einer Mannschaft beim Stockspiel sind.
Liwanu ist zwar schnell darin, seine Fäuste sprechen zu lassen doch keiner von Cheveyos Freunden hatte bisher mehr als blaue Flecken bekommen. Der Häuptlingssohn achtet darauf niemanden ernsthaft zu verletzen, oder das etwas Schlimmes passiert. Immerhin wird er wohl einmal Häuptling, was sollte er da mit einem Stamm der aus Krüppeln besteht?
Wenn Cheveyo wählen müsste, zwischen dem langen Junge, der den Stein geworfen hat, und Liwanu, er müsste keine Sekunde nachdenken.
Man fand einmal einen Hund aufgeschlitzt und verstümmelt in dem Zelt des großen dürren Kerls. Er sagte, dass der Hund von einem Dämon besessen war und ihn angegriffen hätte. Doch das viele Blut auf dem Boden sagte etwas anders.
Liwanu hat den Dürren und dessen zwei Freunde in seine Gruppe aufgenommen. Cheveyo weiß nicht, warum er sich mit solchen Leuten umgibt, aber seid sie bei Liwanu sind haben sie nichts mehr angestellt. Irgendwie schafft der Koloss es, sie im Zaum zu halten.
Als Cheveyo die Pferde sieht verlangsamt sich sein Schritt. Er schaut über die Schulter zurück.
Liwanu starrt ihm hinterher, doch er macht keine Anstalten ihm zu folgen. Erleichtert atmet er aus, vorerst ist er in Sicherheit.
Es kommt Cehveyo so vor, als wären seine Beine aus dem inneren eines Kürbisses gemacht, doch er hält weiter auf den kleinen Hügel zu.
Das Dorf im Rücken sieht er ihn vor sich, rechts daneben die Pferde die das Präriegras abzupfen. Gleich neben ihnen stehen ein paar Bäume und dort fällt der Boden sanft zum Fluss ab.
Wenn man ihm zum Dorf folgt, kommt man an die sauber angelegte Felder, die von einigen Dorfbewohnern bestellt werden. Auf der anderen Seite des Flusses fängt ein Wald an. Geht man den Fluss hinauf kommt man zu den Bergen, durch den nächsten ist eine tiefe Schlucht die grün vor lauter Pflanzen ist. Aus der Richtung muss der Bote gekommen sein. Aus Richtung der Wälder.
Cheveyo schüttelt den Kopf, versucht die Gedanken auf das Land zu konzentrieren, der Wut, dem Zorn keinen Platz einzuräumen. Auch wenn sie erneut anfangen in ihm zu wüten.
Wie kann der Andere von ihm nur verlangen dass er sowas erzählt?!
Er kann doch einfach seinen Vater fragen, warum der Bote da ist!
Odokotha rappelt sich auf, als er seinen Freund auf sich zu wanken sieht. Doch Cheveyo hat keinen Blick für ihn übrig, er ist zu erschöpft und lässt sich ins Gras fallen.
Er hat es noch immer nicht geschafft, was zu essen.
Anderwelt
Cheveyo und Odakothah warten nicht mehr lange, endlich kommen ein paar der anderen Jungen, um auf die Pferde aufzupassen. Doch anstatt in das Dorf zurückzugehen waten sie an einer seichten Stelle durch das Wasser. Sie setzen sich in dem Schatten der Bäume des Wäldchens.
Seit einiger Zeit schaut Odakothah seinem Freund nun schon zu, wie dieser gedankenverloren mit einem Stock auf dem Boden herum malt. Odakothah ist sonst ruhig und ausgeglichen, doch das Verhalten von Cheveyo reizt ihn heute bis aufs Mark. Erst sagt er ihm er soll sich schlafen legen, er schafft das mit den Pferden schon. Dann bekommt er einen Tritt in die Seite, weil er aufwachen soll und dann verschwindet Cheveyo einfach so, weil die Pferde etwas nervös sind. Nach gefühlten Stunden sieht Odakothah ihn dann mit einen Fremden zum Dorf reiten, ohne ihm Bescheid zu geben! Als Cheveyo endlich wiederkam, als die Sonne fast ihren höchsten Stand erreicht hatte, legte er sich einfach so hin.
Kein Wort, wo er denn war oder was los war. Nicht eine kleine Information hat Odakothah bekommen. Im Dorf tratschen sie sicher alle schon über die Ereignisse mit dem Fremden. Wenn er wiederkommt, werden alle fröhlich darüber reden nur er, Odakothah, wird nicht wissen, worum es geht.
Tief in Gedanken versunken vervollständigt Cheveyo die letzte der drei Figuren vor sich im Sand. Er bemerkt weder das er summt noch Odakothahs genervten Blick.
„Cheveyo!“
Der Klang seines Namens lässt ihn hochfahren. Es könnte Liwanu sein, der sich rächen will.
Er steht schon, bereit sich zu verteidigen oder wegzulaufen als er bemerkt das außer ihm und Odakothah niemand auf der Lichtung ist. Das Gesicht seines Freundes ist gerötet vor Wut. Langsam setzt sich der jüngere wieder hin, schindet so Zeit um sich zu überlegen, womit er den anderen sauer gemacht hat.
„Bist du überhaupt auf dieser Welt?“ Die Frage Odakothahs lässt ihn zweifelnd drein schauen.
„Wo sollte ich denn sonst sein?“
Der Andere schüttelt den Kopf.
„Du malst und summst Shamanen Sachen, ich musste dich mehrmals rufen, bevor du mich gehört hast. Da liegt es nahe, das du in die Anderwelt abdriftest.“
Sein Mund verzieht sich leicht spöttisch.
„Soll ich vielleicht meine Trommel holen, damit es dir leichter fällt, mich zu ignorieren?“
Cheveyos Blick huscht zu den Zeichnungen vor sich, eine Eule, ein Wolf und ein Adler. Für einen Moment scheint es ihm als würden die Augen der Zeichnungen aufleuchten, blau, gelb und durchdringend grün. Tief holt er Luft und verwischt es.
„Ach was, ich mache mir nur wegen vorhin Gedanken.“
Versucht sich Cheveyo rauszureden. Unruhig rutscht er hin und her, seine Finger finden wie von selbst zu den beiden Adlerfedern in seinem Haar.
„Dann erzähl doch! Was ist alles passiert, als ich auf dem kleinen Berg saß und du verschollen warst.“
Odakothah ist wieder versöhnlich gestimmt, wenn der andere ihm nun endlich erzählt was passiert ist, wird er das Verhalten von vorhin großzügig vergessen. Dennoch kann er es sich nicht verkneifen, den anderen zu sticheln.
„Oder bist du deswegen so abwesend weil du bei Kimimila warst?“
Die Anspielung auf das Mädchen das Cheveyo manchmal als das schönste des ganzen Stammes anpreist erzielt die gewünschte Wirkung. Die Augen weiten sich und sein Mund klappt, unfähig Worte herauszubringen, auf und wieder zu.
„Es ist ein Bote angekommen.“
Zurecht denkt Cheveyo, dass er den anderen nur mit den Geschehnissen des Tages davon ablenken kann. Odakothah ist zwar sein bester Freund, doch er ist schlimmer als die Frauen, wenn es um den Klatsch und Tratsch geht.
Wenn er also nicht will das sich das Gerücht verbreitet, er wolle Kimimila den Hof machen, muss er ihm was anderes zum Tratschen geben.
„Weiter!“
Odakothah hat sich vorgebeugt, erwartungsvoll ruhen die Hände auf den Beinen, die in einem Schneidersitz ruhen.
Cheveyo windet sich innerlich, er darf es doch eigentlich nicht sagen, doch wenn er es nicht sagt, könnte das noch schlimmere Folgen haben.
Immerhin würde dann sein Geheimnis rauskommen. Kimimila darf es aber erst erfahren wenn er ein großer und geachteter Jäger ist. Jetzt ist er noch ein Nichts, unfähig und leicht zu übersehen. Jetzt würde sie ihn nur auslachen!
„Er hat eine schlechte Nachricht gebracht.“
Die Augen seines Freundes sind erwartungsvoll.
„Ich darf dir eigentlich nicht mehr erzählen!“ Cheveyo wirft seine Arme verzweifelt in die Luft, doch Odakothah rutscht nur näher an ihn heran, seine Augen blitzen aufgeregt.
Anscheinend hat er ihn erst jetzt auf den Geschmack gebracht. Informationen, die sonst keiner hat, er wird der Star sein!
Cheveyo seufzt grottentief, seine Schultern hängen herunter, als er sich geschlagen gibt und weitererzählt.
„Ein Dämon hat einen Stamm ausgelöscht, drüben bei den Ottawas. Der Bote kam und brachte uns die Nachricht. Der Shamane meint wir werden viel Kraft brauchen um ihn zu besiegen.“
Zwar scheint die Information ihm zu gefallen, doch Angst scheint er keine zu haben.
„Unser Shamane wird es schon schaffen, den Dämon in seine Schranken zu weisen!“
„Nein.“
Wütend schaut Cheveyo ihn an, doch er ist nicht wütend auf den Freund, sondern auf das Wissen, das der Vater seiner Mutter aufgebürdet hat. Das er nicht erzählen darf,
„Er meint, es wird mehr Kraft kosten, als er hat! Er hat ihn schon einmal gebannt. Doch damals war noch ein anderer, mächtiger, Shamane dabei!“
Noch immer scheint Odakothah weder überrascht noch verängstigt zu sein,
„Wenn er es nicht alleine schafft, dann bist du ja noch da. Zusammen werdet ihr ihn schon besiegen!“
Cheveyo springt auf.
„Ich werde kein Shamane!!“
Schwer atmet er, was haben heute alle? Was wollen alle heute von ihm?
„Ich werde ein angesehener Jäger! Kein Shamane!“
Seine Hand macht eine hackende Bewegung nach unten, kommt dem anderen so zuvor, stoppt die ungesprochenen Worte, bevor sie ausgesprochen werden.
„Erst der heilige Mann, dann Liwanu und nun du! Was wollt ihr alle von mir? Lasst mich doch einfach in Ruhe!“
Cheveyo dreht sich um, greift seinen Bogen und rennt in den Wald hinein.
Verdutzt bleibt Odakothah sitzen. Was ist nur in Cheveyo gefahren? Er zuckt mit den Schultern und legt den Kopf schief. Es ist egal wie oft Cheveyo ihm sagt er wolle kein Shamane werden. Odakotha weiß es besser, sie erledigen zu oft ihre Aufgaben gemeinsam, er kennt seinen Kumpel genau. Bei monotonen Arbeiten summt der andere immer die Lieder von Beschwörungen. Er fängt, wie eben, an irgendwas in den Dreck zu kratzen oder pflückt Kräuter.
Erneut schüttelt Odakothah den Kopf, wenn Cheveyo wütend oder aufgeregt ist macht er zur Entspannung sogar die Bewegungen der Tänze. Odakothah weiß auch, das der andere bei den nächtlichen Wachen meditiert und nie richtig schläft.
Er schnaubt, als er seinem Freund hinter herschaut, der im Wald verschwindet. Wenn man ihn genau kennt, weiß man das er nichts anderes werden kann als Shamane, egal was er selbst sagt.
Doch das Ganze hat auch einen Vorteil. Odakothah streckt sich, als er aufsteht, da der andere weg ist, kann er ungestört zum Dorf gehen und sich umhören. Vielleicht wissen die anderen noch etwas das Cheveyo nicht gesagt hat. Auch will Odakothah zu gerne wissen, was es schon wieder für Probleme mit Liwanu gab.
Cheveyo ist auf einer Lichtung angekommen, auf dem Boden wächst das Gras, das auch auf der Prärie zu finden ist. Nur ist es hier grüner, satter. Auch einige Kräuter blühen in dem sanften Schatten, den die Bäume spenden. Es ist friedlich. Etwas raschelt im Gebüsch als sich Cheveyo hinsetzt. Ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen, hier gibt es Kaninchen, die in der tiefen Erde ihre Gänge gegraben haben. Wohlig seufzend lehnt er sich an die raue Rinde der Birke, seine Beine in einem Schneidersitz, den Bogen neben sich gelegt. Er schaut nach oben, zu dem Blätterdach.
Die Sonne spielt mit den zarten frischen Blättern, die sich im Wind sacht hin und her bewegen. Mal scheinen sie so dunkel wie das satte Grün der Kakteen draußen auf der Prärie. Mal scheinen sie eher von einem Leichten grün zu sein, wie das Gras das von Großvater Sonne beschienen wird.
Langsam entspannt sich der Junge, bei dem Farbenspiel der Blätter, dem leichten Rascheln der kleinen Tiere um sich herum. Nichts schlimmes, nichts Böses kann herkommen.
Hier will keiner, das er etwas wird, was er nicht will, nicht kann. Niemand schaut ihn komisch an, weil er nicht mit den anderen ringt oder mit dem sperr und Bogen übt. Es interessiert die Tiere, die Blätter nicht, wenn er summt oder die alten Texte aufsagt, die sich seit seiner Kindheit ins Gedächtnis gebrannt haben.
Hier und nur hier hat er das Gefühl er selbst zu sein. Sicher zu sein, eins mit der Natur. Seine Augen schließen sich langsam, genießerisch. Tief Atmet er die klare Luft ein die Mutter Erde ihm schickt, lächelt über den leichten Wind den Vater Himmel ihm sendet. Hier und nirgendwo anders fühlt er sich daheim. Er entspannt sich, lässt all den Frust von sich abfallen. Die Gedanken ziehen an ihm vorbei wie Wolken vor einem klaren Himmel.
Als Cheveyo seine Augen wieder aufschlägt, sieht er nichtmehr die Blätter wie sie von den Strahlen der Sonne liebkost werden.
Dunkelheit hüllt ihn ein.
Für einen Moment weiß er nicht mehr, wo er ist.
Seine Hand sucht tastend umher. Fast schon schmerzhaft schließt sie sich um den Bogen, der neben ihm liegt.
Er war so in seinen Gedanken das er den halben Tag hier auf der Lichtung verbracht hat. Cheveyo streckt seine Beine mühsam aus, sie sind noch ohne Gefühl. In dieser Position sollte man auch nicht so lange bleiben. Vorsicht und ungeschickt kommt er wieder auf die Beine. Leise Flucht er, verstummt aber sofort, als er in der Nähe einen Flügelschlag hört.
Ihm fällt wieder ein, warum er aufwachte, warum er aus der wohltuenden Meditation auftauchte.
Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Das irgendwas auf ihn lauert. Cheveyo schluckt trocken, doch sosehr seine Augen sich auch anstrengen, er kann nichts entdecken. So schnell ihn seine Beine tragen stolpert er durch das Gehölz, nur von Großmutter Monds Licht geleitet.
Auf die mondbeschienen Lichtung tritt langsam ein großer grauer Wolf, dessen gelbe Augen vom Mond zum Strahlen gebracht werden.
„Du hast ihn erschreckt.“
Die Worte hallen über die Lichtung doch scheinen sie nicht aus seinem Maul zu kommen.
„Ich habe ihn geweckt.“ Ein Adler segelt elegant von einem nahen Baum herab.
Neben dem Wolf kommt er auf und streckt seine Flügel dem vollen Mond entgegen.
„Er geht nun zu den anderen. Er ist auf dem Weg, war das nicht der Zweck?“
die beiden Tiere drehen sich zu der Eule um. Dessen klare, gletscherblauen Augen wirken in dem fahlen Licht weiß, wie auch das Gefieder der männlichen Schneeeule. Der Wolf scheint zu grinsen, er legt sich hin, um die beiden anderen besser sehen zu können.
„Heute ist es soweit.“ Er legt den Kopf in den Nacken und heult kurz auf.
„Ja.“ Des Adlers grüne Augen schauen missbilligend auf den Begleiter, als ein Artgenosse das Heulen erwidert.
Den Wolf hingegen scheint es nicht zu stören, noch immer grinsend lässt er seine Zunge aus dem Maul hängen, um den Adler damit zu reizen.
„Wir haben ihn gesehen. Er braucht uns in der Anderwelt, sollten wir nicht gehen?“
Das Gefühl der Zustimmung scheint einen Moment auf der Lichtung zu verweilen.
Im einen Moment sah man die von Großmutter mondbeschienenen Tiere noch, doch dann, nur einen Liedschlag später, ist die Lichtung leer. Stille herrscht noch einen Moment an, dann hört man wieder die Geräusche als würden sie jetzt erst aus dem Rest der Welt hierher fließen. Als wäre vorher zu viel dagewesen, als wäre für die Geräusche kein Platz mehr gewesen.
Das Erste, was Cheveyo wahrnimmt nachdem er den Wald verlassen hat, war das Feuer.
Er steht zwischen zwei der Wetus und blickt auf das riesige Feuer, das ein paar Meter vor dem Zelt des heiligen Mannes brennt.
Der Junge hat keine Ahnung, wie er durch den Fluss gekommen war, seine Gedanken waren seltsam Still und weit weg.
Schlagartig wird ihm klar was das Feuer bedeutet, der Tanz, das Anrufen der Geister. Es war heute Abend. Ein dumpfer Schmerz in seinem Bauch macht ihn darauf aufmerksam das er noch immer nichts gegessen hat. Fest presst Cheveyo seine Zähne aufeinander, er kann jetzt nicht mehr was zu essen verlangen gehen.
Dann müsste er in die Nähe von Howahkan.
Der alte Mann würde ihn dazu nötigen mitzutanzen oder ihm eine der Trommeln geben. Ehe Cheveyo es verstehen könnte, wäre er auch schon wieder von den Tänzen, dem Rhythmus gefangen. So wie immer.
Dieses Mal nicht!
Diesen Vorsatz im Kopf behaltend schleicht er sich am Rand der Leute vorbei die zusehen oder mitmachen wollen.
Auf seinem Büffelfell rollt er sich zusammen. Er fühlt sich schlecht. Sein Magen klagt über die Vernachlässigung, doch der Schmerz ist dumpf, undeutlich. Da hat der Junge Jäger schon mehr aushalten müssen. Krampfhaft schluckt er, im letzten Winter waren die Ernten und die Jagd so schlecht ausgefallen das alle am Hunger litten. Nur das frühe Eintreten der Zeit des Erwachens hat einige von ihnen vor dem Hungertod bewahrt.
Wieder schließt Cheveyo die Augen. Draußen fängt jemand an eine Trommel zu schlagen. Leise hört er den einsetzenden Gesang seines Großvaters. Er zwingt sich nicht darauf zu hören. Löst seinen Geist von den Gedanken an frühere Feste, an die Zeiten wo er gerne zugehört hat. Wo er auf seinen Fellen lag und sich nichts sehnlicher gewünscht hat als mittanzen zu dürfen. Seine Atmung wird langsamer, gleichmäßiger, sein Herzschlag verlangsamt sich. Er entspannt sich immer mehr. Die Arme die vorher um den Bauch geschlungen waren lösen sich. Langsam gleitet er auf den Rücken, die Arme gerade neben dem Körper ausgestreckt. Cheveyo merkt wie seine Beine und seine Arme schwer werden, nicht aber sein Kopf, der kühl wird, leicht und klar. Er spürt wie eine Leichtigkeit ihn ergreift und von seinem Körper empor hebt. Er wird hinweg getragen, merkt nicht das sein Körper noch langsamer atmet, das sein Herzschlag noch weiter abnimmt.
Cheveyo steht wieder auf der Lichtung, doch es ist hell. Das wohlige Gefühl kommt wieder in ihm hoch und als er zum Himmel sieht entdeckt er dort Großvater Sonne und Großmutter Mond Nebeneinader stehen.
Ein Traum, er muss in einem Traum sein.
Die Lichtung hat sich verändert, am Rand ist nun ein Loch. Neugierig tritt Cheveyo näher heran, es ist groß genug, um hineinzugehen.
Ohne lange Nachzudenken geht er in die Dunkelheit. Eine Hand an der Wand steigt er immer tiefer hinab. Der Gang scheint sich wie das Haus einer Schnecke zu winden. Kaum hat er sich darüber gewundert, wird der Gang auch schon breiter und Licht strömt herein. Überrascht sieht er sich in einem Raum mit riesigen Tierfiguren stehen. Ihnen gegenüber fühlt der Junge sich klein, unbedeutend.
Vor jeder Figur ist ein kleiner Altar aufgebaut. Automatisch greift der Sohn einer Shamanin zu seinem Beutel, zitterige Finger ziehen ihn auf und holen Mais und Bohnen heraus sowie Fleisch und Kartoffeln. Auf jedem Altar legt er etwas und bittet um Schutz.
Er fragt sich nicht woher das viele Essen kommt, haben sie im Dorf doch nur wenig frische Nahrung.
Die Zeit der Reinigung ist gerade erst zu Ende gegangen, die ersten wärmeren Tage sind gekommen. Doch noch wächst zu wenig, um Abwechslung in das tägliche Essen zu bringen.
Er fragt nicht woher er weiß, was er machen muss. Instinktiv sind seine Handlungen, fast so als hätte er es schon öfter getan oder als hätte man es ihm gezeigt. Er muss nicht fragen, hier unten kann er niemanden täuschen.
Am letzten Altar angekommen schaut er noch einmal zurück in die große Höhle im Schoße von Mutter Erde. Sein Blick ist liebevoll als seine Augen jedes der Tiere streift, so als wolle er sie sich einprägen und sie nie wieder vergessen.
Dann geht er wieder los, in den nächsten Gang dessen dunkle Öffnung sich von den hellen Wänden der Tierhöhle abzeichnet. Doch Cheveyo hat keine Angst, ihm kann nichts passieren.
Erneut hat er das Gefühl, als würde er durch ein Schneckenhaus gehen. Doch bevor er sich überlegen kann umzukehren tritt er aus der Dunkelheit ins Freie.
Er ist wieder auf der Prärie, Gras erstreckt sich um ihn herum. Der Himmel sieht aus, als würde die Sonne zugleich auf und untergehen.
Ist auf der einen Seite das orange und rot von Großvater Sonne zu sehen, die er vorrausschickt um sein kommen am Tage anzukündigen. So ist auf der anderen Seite das Tiefe dunkle Blau der Sternenklaren Nacht zu sehen das die letzten Sonnenstrahlen mit einem satten violett ausstatten. Im ungläubigen Staunen starrt der junge Shamane zu dem Schauspiel. Sieht Berge in weiter Ferne, sieht Wälder und Bäume welche er noch nie zuvor gesehen hat. Dankbarkeit überwältigt ihn, dass er solch eine Schönheit erleben darf, wenn auch nur im Traum.
Behutsam schweift sein Blick über den Horizont, während er weiter über diese eigentümliche Prärie geht.
Das Gras ist hier viel saftiger, viel grüner und für einen Moment denkt er daran die Pferde seines Großvaters hierher zutreiben, sein eigenes natürlich auch. Als ihm wieder einfällt das es alles nur ein Traum ist muss er über seinen kindlichen Eifer lächeln. Ein Gefühl beschleicht ihn, hatte er diesen Gedanken schon einmal? War es jemand anderes der darüber gelächelt hatte?
Am Horizont entdeckt er drei Punkte und aus Angst sie könnten wieder verschwinden, wagt er es nicht wegzuschauen.
Je näher sie kommen, je mehr er sie erkennen kann, desto größer werden seine Augen.
Er will wegrennen, flüchten doch seine Beine verweigern ihm den Dienst.
„Ihr.“ Keucht er, als sie drei Schritte vor ihm zum Stehen kommen.
„Ich habe euch schon mal gesehen! Heute Morgen bei den Pferden!“ anklagend zeigt er auf den Wolf.
„Du hast die Pferde scheu gemacht, damit ich dahin komme.“
Plötzlich ergibt es für ihn einen Sinn, er stolpert zurück und fällt hin. Seine Augen sind auf die drei Tiere gerichtet, seine Handflächen schmerzen vom Sturz, doch er beachtet sie nicht.
„Wir sind deine Krafttiere.“ die tadelnde Stimme scheint vom Adler zu kommen, doch Cheveyo stößt einen kurzen Schrei aus.
„Wie könnt ihr sprechen? Ihr habt keinen Mund! Was macht ihr in meinem Traum?“
Gefühle strömen auf ihn ein, es kommt ihm alles so vertraut vor, doch entsetzen schleicht sich in seinen Verstand, wie kann das alles sein?
Ein Keuchen entweicht seinem Mund, als die Tiere ihre Form ändern, menschenähnliche Gestalt annehmen.
Die Haut des Eulerich ist nun noch heller als sein Gefieder, er wirkt entrückter, unwirklicher als die anderen beiden. Wie die Federn, die an seinem Unterarm aus der Haut wachsen, sind auch seine langen Haare so hell wie poliertes Elfenbein.
Im Nacken werden sie von einem schwarzen, dünnen Lederband zusammengehalten. Einzig zwei Strähnen, die sanft das ruhige Gesicht einrahmen schauen frei unter der dem kurzen Ober Haar hervor.
Die Spitzen seiner Haare, da wo sie die helle Haut berühren, glänzen in einem Samtenen schwarz, genau wie die Flecken auf den seidigen Federn.
Fast möchte man es als Frevel sehen, dass diese dunkle Farbe den hellen Schein des Eulen Jungen zerstört, doch ist es gerade dieser Kontrast der seine Unwirklichkeit noch betont. Die beiden schwarzen Streifen in seinem Gesicht, betonen und locken den Betrachter geradewegs zu den blauen Augen. Staunend betrachtet Cheveyo diese Gletscher blauen Augen in denen Weisheit und Stärke liegt, die ihm den Atem nimmt. Diese Augen, dieser Blick, straft den Körper, der schlank und zerbrechlich wirkt, Lüge.
Ein Schnauben reißt ihn aus der Betrachtung des Eulerichs los. Sein Blick wird von den gelben belustigt funkelnden Augen des Wolfes eingefangen, die stolz über grauen Streifen im Gesicht prangen.
Er leckt sich kurz über die Zähne, die ein wenig länger, etwas spitzer sind als die eines Menschens. Das Grinsen auf seinen Lippen vertieft sich als Cheveyos Augen sich unmerklich weiten.
Mit einer Hand fährt sich der Wolf durch das graue kurze Haar. Die Hände scheinen sind mehr Pfoten als denn Hände. Fell rekelt sich die Unterarme hinunter, geht an den Fingerspitzen in scharfe Krallen über.
Seine Haut, unter denen sich die sehnigen Muskeln eines Läufers abzeichnen, scheint ebenso dunkel wie die Cheveyos. Doch wirkt sie durch das grau heller, edler.
Das Haupt des Wolfes krönen kurze, tierische Ohren. Die Rute ist auch noch immer da, erinnert wie das Fell an den muskulösen Beinen und den Pfoten anstelle der Füße an das was er ist. Ein Krafttier, einer der Edlen und gefährlichen Wölfe.
Erst jetzt bemerkt der Mensch das anstelle der Füße, Krallen bei den Vögeln sind.
Da versteift er sich, versucht zurück zu rutschen doch als er seinen Kopf erneut hebt, taucht er ein in die Farbe der Blätter bei Sonnenlicht. Diese grünen, fordernden Augen scheinen ihn abzuschätzen.
Augenblicklich hält Cheveyo still. Er rührt sich nicht mehr unter dem kalten Blick des strengen Weißkopfseeadlers.
Dessen weiße Haare fallen ihm offen und glatt über den bloßen Rücken, betonen die dunkle Haut die sich über straffe Muskeln spannt, und ergießen sich zwischen die braunen Schwingen weit hinunter.
Seine Finger mit den zu spitzen Nägeln streichen sich flink ein paar Strähnen aus dem Gesicht, die vorne sanft über seine Brust fließen. Weiße Streifen schmücken sein Gesicht, lassen es, so eingerahmt von dem fahlen weiß noch dunkler wirken.
„Ist es so besser?“ dunkel aber angenehm klingt die Stimme des Adlers.
Irritiert nimmt Cheveyo wahr, das der Mund des weißhaarigen sich nicht mit den Worten bewegt.
Seine Gedanken rasen, es gibt tausend Dinge, die er fragen will, die er tun oder sagen muss. Doch keines scheint ihm wichtig oder richtig in diesem Augenblick.
Panisch schaut er auf die Krafttiere vor sich.
„Warum seid ihr alle nackt?“ sprudelt es aus ihm heraus und wird aschfahl.
Musste es ausgerechnet diese Frage sein?
Der Wolf schnaubt
„Wie viele Tiere hast du gesehen, die Kleidung tragen?“ in seiner Stimme scheint Gelächter und zweifel mitzuschwingen. Er wirft dem Adler einen Blick zu, doch der schüttelt nur leicht den Kopf.
„Die Frage ist normal.“ Scheint der größer den Wolf zu beruhigen,
„als ich seine Mutter das erste Mal traf, war ihre erste Frage die gleiche.“
Seine Stirn legt sich leicht in Falten.
„Sie wurde allerdings rot, im Gegensatz zu ihm. Die Frage liegt wohl in der Familie, die Reaktion ist anscheinend geschlechtsabhängig.“
Cheveyo verschluckt sich ob der Worte. Gerade ist er wieder auf die Beine gekommen, so krümmt er sich gleich wieder als er hustet.
„Und er ist unser…“ die Worte des Wolfes werden von einer entschiedenen Geste des Adlers unterbrochen.
„Er ist der Mensch, dem wir helfen werden. Ja.“
Ein strenger Blick folgt den Worten, doch dieses Mal ist es nicht Cheveyo den er trifft sondern der Wolf. Ein unglückliches lächeln schleicht sich auf das Gesicht des Menschen.
„Es tut mir leid, aber ich verstehe nicht,“ stammelt Cheveyo.
Nun trifft der Blick doch wieder ihn und es ist am Wolf, ein schadenfrohes grinsen aufzusetzen.
Der Weißkopfseeadler nickt kurz.
„Ich vergaß mich, nimm unsere Entschuldigung an. Wir sind deine Krafttiere, ich bin Dyami.“
Er zeigt auf die beiden anderen, erst den Wolf, dann den Eulerich,
„Das sind Tala und Kotori.“
Stumm die Lippen bewegend merkt sich Cheveyo die Namen.
Der Name des Weißkopfseeadlers bedeutet Adler, es scheint ihm nicht sehr originell, wohingegen der Name des Wolfes, stolzierender Wolf bedeutet.
Wiederwillig grinst er, dieser Name trifft zu.
Doch der Dritte, nachdenklich formen seine Lippen noch einmal den Namen, Kotori, kreischender Eulengeist. Dabei war er bisher der stillste, doch Cheveyo mag nicht darüber nachdenken warum der unscheinbare diesen Namen hat.
„Ich bin Cheveyo.“ Der Wolf lacht auf und der Adler kommt näher zu ihm, unbewusst tritt Cheveyo zurück.
„Das wissen wir, Cheveyo. Du bist der Sohn der Shamanin Magena, der Tochter des heiligen Mannes Howahkan.“
„Ein Traum.“
Wispert der Mensch,
„das ist nur ein Traum, ihr wisst das alles aus meinen Gedanken!“
„Das ist kein Traum.“
Die leichte Stimme Kotoris lässt Cheveyo zusammenzucken. Er hat nicht mehr damit gerechnet, ihn reden zu hören.
„Du bist in der Anderwelt, dein Geist hat sich vom Körper getrennt. Du bist zu deinem Platz gewandert, durch den Tunnel geschritten und hast den Tieren Opfer gebracht. Du bist zu uns gekommen, in die Anderwelt. Weil es Zeit wurde für dich zurückzukehren. Dies ist nicht dein erster Besuch bei uns. Auch wenn du dich nicht an die Anderen erinnern willst.“
Cheveyo lacht.
Das kann gar nicht wahr sein, sie können das alles nicht wissen. Er war noch nie hier, es muss ein Traum sein.
Heiße Tränen rinnen sein Gesicht herunter, er fühlt sich, als würde er verrückt werden.
„Wir wollten es doch schonend angehen.“ Knurrt Tala und boxt dem Eulengeist gegen den Arm,
„Jetzt hat er einen Schock.“
Vorsichtig tritt Dyami an die Seite des Menschen, berührt ihn an der Schulter und schaut in die feuchten Augen.
„Warum weinst du?“
Cheveyo schluchzt auf.
„Ich weiß es nicht.“
Der Adler nickt, die Stimme ruhig und eindringlich,
„Die Erinnerungen kommen wieder. Du warst schon einmal hier, mit deiner Mutter das eine Mal, mit deinem Großvater das andere mal.“
Kurz herrscht Stille, die anderen beiden kommen näher, schauen besorgt auf den Menschen.
„Das erste Mal kamst du her, als deine Mutter starb, du wolltest sie nicht verlassen und wärest fast mit ihr ins Totenreich gegangen. Doch sie flehte mich an bei dir zu bleiben.“
Die grünen Augen beruhigen Cheveyo, noch immer ist der Schock da, hält ihn fest im Griff, doch er schafft es wieder zu reden,
„Warum, wie?“
Eine Hand legt sich auf die Seine, öffnet behutsam die Faust.
So fest hat Cheveyo sie zusammengeballt, das Blut aus seiner Handfläche hervorquellt.
Kotori schaut zweifelnd darauf, bevor sein blauer Blick in die braunen Augen Cheveyos geht.
„Dyami war das Krafttier deiner Mutter. Er hat sie auf ihrem Weg geleitet und begleitet. Bis sie starb.“
Der Blick wandert zu dem großen Adler, der sie alle überragt. Dyami lächelt ob vergangener Erinnerungen wehmütig.
„Ein Jahr nach deiner Geburt starb deine Mutter am Fieber. Sie war hier, in der Geisterwelt als ihr Körper starb. Sie kam hierher um den Schmerzen des Körpers zu entgehen. So war ich dabei, als sie starb. Du warst plötzlich da, hast geweint wie am Spieß.
Ein Jahr alt lagst du weinend auf dem Boden. Jemand wurde dir genommen, das wusstest du.
Deine Mutter war entsetzt und nahm dich hoch. Sie starb und hatte dennoch ihr Kind in den Armen, Verzweiflung hielt sie gepackt, als deine Finger sich in ihr Kleid gruben. Magena liebte dich, doch sie wollte dich nicht mit in die Totenwelt nehmen, wollte das du lebst.“
Der Blick der grünen Augen trübt sich.
„Sie steckt dir ihre Adlerfedern an, das Totem, was sie immer bei sich trug. Dann löste sie deine Finger von ihrem Kleid und legte dich in meine Arme.“
Seine Stimme verstummt fast, seine Augen verdunkeln sich,
„Magena flehte mich an dich anzunehmen, dich von nun an zu schützen. Dann verschwand sie. Du solltest einen Adler als Totem haben, ich konnte es spüren und entschloss mich bei dir zu bleiben. Doch ich war nicht der einzige der seitdem an deiner Seite ist.“
Humorlos lächelnd schaut er zu dem Wolf der, mit gerunzelter Stirn und verlegenem Blick zur Seite schaut.
„In dein Weinen stimmte plötzlich eine Stimme mit ein und als ich meinen Blick senkte, sah ich einen kleinen Welpen am Boden sitzen. Mit großen traurigen Augen saß er da und starrte dich an. Tala war damals fast so jung wie du es warst. Er war zu jung um ein Krafttier für irgendjemanden zu sein, doch du warst auch zu jung um ein Krafttier schon zu kennen. Ihr passtet gut zueinander. Zusammen brachten wir dich zu deinem Körper zurück.“
Stille legt sich über sie. Leere Augen schauen auf das grüne Gras und nehmen es nicht wahr, versucht all das zu begreifen was er eben hörte.
„Meine Mutter.“ Ein wispern „Meine Mutter, sie ist hier.“
Cheveyo hebt den Kopf, zügellose Sehnsucht im Blick.
„Ich muss zu ihr!“
Er stürzt vor, will zum Horizont rennen, seine Mutter finden.
Doch Tala hält ihn auf, fest umschließen seine Hände die Oberarme Cheveyos und drücken ihn zurück zu den anderen.
Der geschwächte Mensch hat keine Chance gegen die Kraft des Wolfes. Doch er will es auch gar nicht. Wieder fließen die Tränen über sein Gesicht, perlen über die beiden Streifen, die auf jeder Wange sein Gesicht zieren.
„Mutter.“ Er schluchzt, lässt sich kraftlos fallen und wird vom Wolf gehalten.
„Sie ist in der Totenwelt, du kannst dort nicht hin. Du bist noch kein Shamane.“
Kotoris Worte wecken den Wiederwillen in Cheveyo. Er reist sich vom Wolf los, spürt nicht, wie die Klauen über seine Oberarme kratzten, dort die Haut aufreißen.
„Ich werde kein Shamane! Ich will nur zu meiner Mutter!“
Dyami schüttelt den Kopf.
„Nein, deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du gehst noch nicht ins Totenreich hinab.“
Er stellt sich vor den Menschen hin, zwingt ihn mit kräftigen Griff um das Kinn ihn anzuschauen.
„Und du wirst ein Shamane werden, Cheveyo, du wirst der mächtigste Geistkrieger deiner Zeit werden.“
„Nein.“ Keine Tränen fließen mehr, der Blick aus den glänzenden braunen Augen weigert sich, gegenüber den grünen, zu denen er aufsehen muss, Schwäche zu zeigen.
„Ich bin kein Shamane. Ich werde keiner sein. Ihr irrt euch.“
Nun schaut er doch weg, schafft es nicht bei den Worten weiterhin in die grünen Augen zu sehen.
„Du bist es, du wirst es sein. Bald schon wirst du es sehen. Der einzige der die Vernichtung deines Stammes verhindern kann bist du, Cheveyo. Nachfahre mächtiger Shamanen. Du musst lernen um es aufzuhalten. Du wirst es sehen oder mit ihnen, mit uns, untergehen.“
Wieder reißt sich Cheveyo los, stammelt immer nur ein Wort.
„Nein, nein, das kann nicht sein.“
„Verstehst du nicht?“ schreit Tala ihn an, baut sich vor ihm auf,
„Du bist der, auf den wir die ganze Zeit gewartet haben! Du kannst den Dämon besiegen! Willst du das alle sterben?“
„Genug, Tala, Schluss jetzt.“ Weißt Dyami ihn zu Recht,
„Er muss das alles erst verstehen, er muss sich erinnern. Zügel deinen heißen Kopf!“ Erstaunt schaut der Mensch zu, wie der Adler dem Wolf Befehle erteilt. Tala senkt den Kopf, doch in dem Blick den er Cheveyo zuwirft brennt noch immer ein Feuer.
Kotori tritt auf ihn zu, hebt seine Hand zur Stirn des Menschen.
Verwirrt fällt ihm auf das die Eule, der kleinste der Drei ist und ihm nur bis zu dem Kinn reicht. Aus irgendeinem Grund scheint es ihm wichtig.
„Ich bringe dich zurück, schlaf ein, du musst über unsere Worte nachdenken. Du musst deine Bestimmung annehmen, oder ihr seid alle verloren.“
Cheveyo hört noch ein schnauben, das nur von Tala kommen kann und alles um ihn herum wird schwarz.
Er blinzelt. Einmal, zweimal, dann kann er im matten Licht das Skelett des Wetus ausmachen.
Cheveyo fühlt sich schrecklich und als er sich aufsetzen will, scheint sein ganzer Körper steif zu sein.
Ein kurzes stöhnen ob der Schmerzen dringt aus seinem Mund, da hört er ein murren. Sofort erstarrt er, die Felle um ihn herum sind belegt.
Alle schlafen noch. Es muss sehr früh sein, wenn die Helfer seines Großvaters noch immer schlafen.
Da fällt ihm sein Traum ein und er muss sich eine Hand auf den Mund pressen, damit ihm kein Ton entschlüpft.
Seine Hand berührt etwas Nasses. Hastig wischt er sich über die Wangen, wischt die Tränen weg die sein Körper in der Nacht geweint hat.
Die Feuchtigkeit brennt in seiner Hand und verwundert schaut er darauf. Getrocknetes Blut aus halbmondförmigen Wunden, die er sich selbst zugefügt hat.
Schützend legt sich seine zweite Hand um die verletzte, er schluckt. Es war doch nur ein Traum, oder?
Mühsam seine schmerzenden Glieder bewegend stolpert er mehr als das er geht zum Ausgang.
Im großen Rund des Zeltes, hier wo so oft Versammlungen abgehalten werden, hält er inne. Sammelt sich und blinzelt in die ersten Sonnenstrahlen, die durch die Öffnung in die Wohnung eindringen.
Ein schaler Geschmack ist in seinem Mund, suchend schaut er sich nach Wasser um.
Doch einzig die leeren Behälter liegen neben dem Eingang. Wenn er Wasser haben will, muss er wohl selbst gehen oder aber eine der beiden Frauen seines Großvaters wecken.
Die Wahl fällt ihm nicht schwer. Es ist zu früh, als das ihn einer der anderen Männer sehen und sich über ihn lustig machen wird, weil er Frauen Arbeit macht.
Als er zum Fluss läuft, verdrängt er den Gedanken daran, dass er es nur macht, um seinen Großvater nicht zu wecken. Cheveyo weiß das er seinen Traum dem Heiligen Mann erzählen muss, doch etwas in ihm sträubt sich.
Wird der alte Shamane dann nicht erst recht darauf beharren, dass er, Cheveyo, ein Shamane wird?
Das Glück ist auf seiner Seite, keiner ist da als er die schweren, wassergefüllten Mägen wieder zurückträgt. Er genießt Großvater Sonnes erste Strahlen auf der Haut und ein Lächeln auf seinem Gesicht zeigt, das er die vergangene Nacht aus seinen Gedanken gebannt hat.
Das Lächeln verblasst, sobald er in das Wetu tritt.
Ihm gegenüber auf einer Decke sitzt der Vater seiner Mutter.
„Du hast Wasser geholt, ich befürchtete schon, eine der Frauen wecken zu müssen.“
Das sanfte Lächeln des alten Mannes bereitet Cheveyo ein schlechtes Gewissen.
Er schweigt während er erst seinem Großvater dann sich Wasser in kleine Schüsseln gibt. Das aus einem halben Kürbis bestehende Gefäß reicht er seinem Großvater und setzt sich zu ihm an die noch schwach glimmende Glut des gestrigen Feuers.
Der heilige Mann ist es schließlich, der das Schweigen bricht.
„War dein Schlaf gut?“
Das verräterische Glänzen in den Augen des alten Mannes würde Cheveyo verraten, das der Alte von seinem Besuch in der Anderwelt weiß. Doch er schaut nicht auf, blickt nur auf sein eigenes Gesicht, das ihm der Abglanz im Wasser zeigt.
Er versucht, sich an das Gesicht seiner Mutter zu erinnern.
„Ich habe ruhig und tief geschlafen.“ Cheveyos Stimme klingt gepresst und ohne jegliche Emotionen, sicher weiß der Shamane, dass er lügt. Bestimmt weiß er es. Doch noch immer hebt Cheveyo nicht den Kopf.
Er kann es ihm nicht sagen, was sollte er auch dem Vater seiner Mutter erzählen? Dass er von drei nackten Männern geträumt hat, die menschliche Tiere waren? Nein, das kann er nicht erzählen.
Im Wald
Diese wartende Stille wird dem jungen Jäger zu viel. Hastig steht er auf und will gerade nach draußen gehen, als die Stimme seines Großvaters ihn aufhält.
„Gestern war ich in der Geisterwelt. Dort habe ich bei den weisesten der Tiere Rat gesucht. Habe Vater Himmel und Mutter Erde um Antworten angefleht.“
Die Stimme des Mannes ist wie ein Windhauch, unwirklich, als könnte sie jeden Moment verschwinden.
„Weißt du was sie mir gesagt haben?“ der Blick des alten Shamanen ist auf das Wasser gerichtet.
Tonlos schüttelt Cheveyo den Kopf. Seine Kehle ist wie zugeschnürt, auf seiner Brust scheint sich ein Bison niedergelassen zu haben, so schwer fällt es ihm, Luft zu holen. Sein Großvater schaut auf und krampfhaft muss Cheveyo schlucken.
„Ich fragte sie, was ich tun könne, um mein Volk zu schützen, es vor dem Untergang zu bewahren vor dem Dämon.“
Das Leuchten in den Augen wird matter, der Ausdruck in ihnen kummervoll,
„Nichts. Das sagten sie mir. Es gibt nichts, was ich tun kann. Nichts um meinen eigenen Tod und den des Stammes zu verhindern.“
Noch einen Moment hält der Alte den Blickkontakt aufrecht, dann schaut er herunter zum Wasser.
Betont ruhig atmet Cheveyo, als er vor dem Wetu steht. Sein Herz scheint gepackt von der Schuld, vom Wissen, dass er seinem Großvater alles sagen sollte.
Hat er es nicht deutlich genug erwähnt?
Der heilige Mann kann nichts tun für den Stamm, kann sein eigenes Leben nicht retten.
Cheveyo kennt den alten Mann, weiß, wie er denkt, weiß dass wenn er etwas ausspricht es einen Grund haben muss.
Der Shamane kann nichts gegen den Dämon tun, weil Cheveyo der Einzige ist, der etwas gegen den Dämon unternehmen kann.
Wütend fährt er sich über die Augen. Er kann kein Shamane werden, er will kein Shamane werden. Niemals... niemals!
Seine Beine fangen an zu gehen, zielstrebig auf einen Ort zuzusteuern, an dem er immer Antworten gefunden hat, wenn er nicht mehr weiter wusste.
Zu seiner kleinen Schwester Namida.
Sie haben nicht dieselbe Mutter, doch er liebt sie mehr als seine größeren Brüder. Ihr lachen und ihre Fröhlichkeit haben etwas Befreiendes. Wenn Cheveyo das Gefühl hat, nicht mehr weiterzukommen, so ist sie es, die ihn wieder aufbaut. Die genau die richtigen Worte findet. Mit ihrer kindlichen Sichtweise, die vollkommen frei ist von Lug und trug wird sie ihm sicher einen Ausweg zeigen.
Namida ist bei dem ältesten der Geschwister untergekommen, bei Helaku und seiner Familie. Unschlüssig steht Cheveyo vor ihrem Wetu, soll er hineingehen? Vielleicht schlafen sie noch und er will sie nicht wecken. Die Antwort wird ihm abgenommen, als sich durch die Öffnung ein Kopf voller geflochtener Zöpfe schiebt. Das Lächeln das Namida ihrem Bruder schenkt, lässt die Sonne erneut aufgehen.
Cheveyo merkt das sein Gesicht das Lächeln erwidert und glücklich lässt er sich darauf ein.
„Morgen, großer Bruder. Musst du zu Helaku?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein, ich bin wegen dir hier.“
Freudestrahlend lacht sie auf.
„Dann musst du aber mit mir Schritt halten, denn ich muss Holz sammeln. Nicht einmal für eine kleine Flamme haben wir noch was.“
Das Lächeln auf dem Gesicht nickt Cheveyo, nichts würde er lieber tun.
Sie gönnen sich eine Pause, auf der Lichtungen im Wald. Das Holz das Namida gesammelt hat, liegt neben ihr auf dem Boden, während ihr Lachen durch die Blätter streicht, sich mit dem sanften Wind verwebt. Als es sich verliert, schaut sie auf den Boden, beißt sich auf die Lippe, bevor sie zu ihrem großen Bruder aufschaut.
„Du warst nicht da, als Vater gegangen ist.“
Namidas großen grauen Augen schauen ihn an und sofort fühlt er sich schuldig.
Um ihrem Blick auszuweichen, beobachtet er die Bäume.
Da bemerkt er ein Eichhörnchen, langsam greift er an das Messer an seiner Seite und geht bedächtig auf den Baum zu.
Mit einer eingeübten Bewegung schnellt das Messer aus seiner Hand. Da bewegt sich das Ziel, das Eichhörnchen will wegrennen, den Baum hinauf. Doch damit hat er gerechnet und etwas höher gezielt. Mit einem zufriedenen Schnauben quittiert er das Geräusch, mit dem das Messer sich in das Holz frisst, und zieht das Messer mit dem Tier vom Baum.
Als er sich umdreht sieht seine Schwester ihn nur missbilligend an.
„Ich mag Eichhörnchen!“
Schulterzuckend und grinsend schaut ihr Bruder sie an und setzt sich ins Gras. Weiß er doch, das Namida sich genauso, wie alle anderen über frisches Fleisch freut.
„Namida, ich muss dir was erzählen.“
Der formelle Ton den Cheveyo anschlägt lässt das Mädchen, das erst zehn Sommer gesehen hat, aufhorchen. Mit großen Augen schaut sie den älteren Bruder an.
„Ist es ein Geheimnis?“ ihre Stimme klingt aufgeregt. Verschwörerisch blickt sich der junge Jäger um und beugt sich zu ihr vor.
„Ja, also erzähl es bloß niemandem! Es ist unser kleines Geheimnis!“
Eifrig nickt die Jüngere, ganz begierig darauf etwas zu erfahren, was sonst keiner weiß.
Cheveyo redet drauflos, von den Tieren, die so zutraulich waren. Von dem Rat, bei dem er dabei war und von ihrem Großvater, der noch immer will das Cheveyo Shamane wird.
Namida hängt an seinen Lippen, sie liebte schon immer Geschichten. Sie unterbricht ihren sechs Sommer älteren Bruder nicht, schweigt, bis er auch von seiner Reise zu den Geistern erzählt hat, erst dann schaut sie ihn mit fragendem Blick an.
Der Ausdruck in ihren grauen Augen erinnert ihn den der Schneeule, beide scheinen nicht zu wissen, wie viel Weisheit sie besitzen.
„Großvater will das du Shamane wirst“ fängt sie an zusammenzutragen, was sie verstanden hat.
„Doch du willst das nicht. Aber du warst in der Welt der Geister, ohne einen anderen Shamanen der dich geleitet hat.“
Cheveyo nickt, wagt nicht sie zu unterbrechen und hofft verzweifelt, dass sie ihm einen Ausweg aufzeigt.
Namidas Augen scheinen etwas in seinem Gesicht zu suchen, nach etwas bestimmten zu forschen.
„Dann bist du doch schon ein Shamane.“
Wie versteinert sitzt er da, unfähig sich zu rühren für einen Moment, dann lacht er schallend.
Mehr aus Verzweiflung als denn aus Freude.
„Nein! Ich bin kein Shamane! Ich bin nur zufällig dorthin gelangt! Ich bin ganz normal!“
Seine Schwester schüttelt traurig den Kopf.
„Aber selbst die Gehilfen von Großvater Shamane brauchen Hilfe bei der Krafttierreise! Warum hast du es sonst so einfach geschafft, wenn du kein Shamane bist?“
Stille senkt sich über die beiden, während Cheveyo nachdenkt, etwas sucht, um die Worte des Mädchens entkräften.
„Großvater schafft es nicht, alleine den Dämonen zu besiegen.“
Es kommt stockend, zaghaft aus seinem Mund. Als würde es erst jetzt wahr werden, wenn er es ausspricht. Als hätte er Angst vor den Worten, die seine Schwester nun sagen könnte.
„Dann hilf ihm doch.“
Die Aussage, so unschuldig hervorgebracht das er nicht einmal böse sein kann lässt ihn auffahren. Verzweiflung kommt in ihm hoch.
„Nein! Ich kann nicht! Ich bin kein Shamane! Ich kann das alles nicht!“
Stürmisch rennt er fast vor ihr hin und her, muss seiner Mutlosigkeit Luft verschaffen.
„Großvater wird dich sicher einweisen und dir alles Beibringen.“ Ihr lächeln soll ihn beruhigen, doch gerade das macht es nur noch schlimmer.
„Was ist, wenn ich es nicht schaffe?“
seine ganze Kraft scheint aus ihm zu weichen, geschlagen schaut er durch das zarte Blätterdach zum Himmel. Müde betrachtet er das Gesicht, das, umrahmt von schwarzen langen Zöpfen, mit Sanftmut zu ihm hochschaut. Sein Anker in dieser harten Welt, sein Zelt voller Freude und Weisheit.
Ein Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht, matt ohne Freude.
Ihm wird klar, das der Mann, der sie einst bekommen wird, jemand Besonderes sein muss. Cheveyo kniet vor sie, nimmt ihre Hand in seine und schaut ihr in die Augen.
„Namida, ich bin kein Shamane. Kein Weg führt mich zu der Lösung, wie ich etwas dazu beitragen kann. Wenn ich versage, so gehen viele Menschen von uns. Um dieses Problem müssen sich Leute kümmern die mehr davon verstehen, als ich es tue.“
Namidas Zöpfe fliegen, als sie ihren Kopf energisch schüttelt, sie lächelt und drückt ihrem großen Bruder, mit dem sie nur den Vater teilt, einen Kuss auf die Stirn. Ganz so als wolle sie ihn vor den düsteren Gedanken beschützen.
„Ich glaube an dich.“ Ihr lächeln ist bei den Worten, so strahlend das Cheveyo das Herz brechen will.
Sie steht auf und streicht ihr knielanges ledernes Kleid über den Beinlingen glatt, Cheveyo will es ihr gleichtun, da schaut sie ihn an. Ein wenig traurig diesmal, sodass er wieder zurück auf die Erde sinkt.
„Ich glaube an dich, du kannst das schaffen. Du bist doch mein großer Bruder.“
Sie stockt kurz und beißt sich auf die Lippe,
„Doch jemanden der meine Freunde sterben lässt, den kann ich nicht mehr Bruder nennen.“
Geschockt sitzt er da. Nimmt nichts mehr wahr, schaut nur noch aus aufgerissenen Augen seine Schwester an. Sie sagt noch etwas, lächelt und rennt dann in den Wald.
Will etwas Holz holen, Cheveyo soll so lange hier warten.
Doch der Junge bekommt es nicht mit. Nichts mehr um ihn scheint noch Sinn zu machen. Angst schreit in seinem Innern, Angst zu versagen und diese nagende Furcht seine Schwester zu verlieren, dass sie ihn nie wieder anschauen wird.
Nie wieder ihn anlächelt oder mit ihm redet.
Er kann kein Shamane werden. Seine Brust zieht sich zusammen. Er beugt sich nach vorne, schlägt auf Mutter Boden ein. Cheveyo will schreien, will toben und die Welt fragen, warum er das alles durchstehen muss. Er will nur normal sein. Er will doch keinen enttäuschen.
Plötzlich erinnert er sich an die ganzen Nächte, die er auf den Fellen im Wetu seines Vaters verbracht hat. Lautlos weinend, schreiend nach einer Person, die ihn liebt und in die Arme nimmt. Nach seiner Mutter, nach Geborgenheit.
Doch seine Mutter ist nicht da. War sie nie, nie für ihn.
Er schreit, lautlos, unhörbar. Wieder will er weinen, sich übergeben. Irgendwas, nur das er sich nicht mehr so elend fühlt. Doch keine Träne kommt, ausgepumpt und schockiert von den Gefühlen starrt er auf das Blätterdach. Lässt sich hinten überfallen und begrüßt den Schmerz im Rücken, als er dumpf aufschlägt. Es lenkt ihn, für kurze Zeit, von seinen Problemen ab.
Sein Großvater, der Alte Mann, der Heilige Mann des Stammes.
Ja, ist er nicht der, von dem es heißt, das er der erste Shamane des ganzen Volkes ist? Der Vater seiner Mutter, einer großartigen Shamanin.
Sie hätte besser werden können als er!
Wäre sie nicht gestorben. Durch seine Geburt. Krampfhaft schließt Cheveyo die Augen, er ist schuld, das seine Mutter gestorben ist, genau, ein Jahr nachdem sie ihm das Leben geschenkt hat, starb sie. Sie hat sich nicht mehr erholt, kam nicht mehr zu Kräften. Als hätte sie alles verbraucht, um ihn zu gebären.
Sie hätte sicher einen Weg gefunden, den Dämonen zu besiegen.
Er kann sich nicht mehr an ihr Gesicht erinnern. Weiß nicht, wie sie gerochen hat oder wie ihre Arme ihn sanft und schützend umschlungen haben. Ihr Vater, der große Shamane hat nichts für sie getan.
Konnte sie nicht retten. Dabei ist er doch der Beste. Dabei ist er doch so stark, so mächtig so… er hat seine eigene Tochter sterben lassen.
Konnte das, was ihm am wichtigsten war, nicht retten.
Cheveyo will das nicht. Er kann es nicht. Wie soll er jemand sein, der mächtig ist und doch die die ihm Nahe sind, nicht retten kann?
Wie soll er in die Augen derer schauen, die auf ihn vertrauen, wenn er weiß, dass er dann doch versagt?
Er will niemanden sterben sehen. Er will keinen verlieren, keinen enttäuschen. Diese Verantwortung ist Cheveyo zu groß.
Warum also verliert er nun jemanden, wenn er kein Shamane wird? Wie kann es seine Schuld sein?
Versteht Namida nicht das er dazu nicht fähig ist?
„Nein, denn sie hatte ja immer eine Mutter.“, sagt eine gemeine Stimme in seinem Hinterkopf.
Ruckartig setzt er sich auf, reibt entschieden mit dem Handballen über die Stirn, sowas darf er nicht einmal denken!
Seine Gedanken sind ruhiger, sie wissen noch immer nicht weiter, doch nun wird er nicht mehr von ihnen erdrückt.
Die Finger gleiten an die Federn, streichen sie entlang und Liebkosen sie.
Langsam verliert er sich an die Erinnerungen, an die Geschichten die der heilige Mann von seiner Mutter erzählt hat.
Da reißt ihn ein Schrei aus den Gedanken. Verwirrt schaut er sich um nicht weit entfernt sitzt ein Weißkopfseeadler auf einem Ast.
Er! Nur wegen ihm hat seine Schwester sowas zu ihm gesagt! Nur wegen den Geistern, denkt der Vater seiner Mutter, das er ein Shamane werden muss, denkt der das er mächtig ist.
Seine ganze Wut konzentriert sich auf Dyami, den Adler. Der scheint zu spüren, was in ihm vorgeht, sein Auge ihm zugewandt mustert er ihn streng und zornig.
Wer hat denn hier mehr recht zornig zu sein?
Flink klaubt Cheveyo einen kleinen Stein auf und wirft ihn nach dem Vogel. Erst als das Geschoss seine Finger verlässt, erkennt er, was er da macht. Scham überflutet ihn und sein Blick folgt dem Stein auf seiner unheilvollen Bahn.
Nur das Klacken des Steins auf dem Holz ist zu hören. Der Adler ist verschwunden.
Da bohrt sich ein Schmerz in Cheveyos ausgestreckten Arm und lässt ihn aufkeuchen. Nur mit Mühe schafft er es, ihn oben zu halten.
Der Adler hat seine Klauen tief in das Fleisch gegraben. Entrüstet faltet er seine Flügel noch einmal auf und schreit, wohl wissentlich das Cheveyo es somit schwerer hat ihn oben zu halten.
„Es, tut mir leid“ presst der Mensch zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Die kleine Eule hat recht.“
Zu groß sind die Schmerzen, zu schwer ist der Vogelkörper als das sich Cheveyo darüber wundert, warum die Stimme nur in seinem Kopf auftaucht.
Warum der Adler überhaupt so mit ihm sprechen kann.
„Eule? Ist Kotori auch hier?“ er schaut sich um, stützt seinen malträtierten Arm mit der anderen Hand. Der Adler plustert sich auf, fast kann Cheveyo ihn lachen hören.
„Die, die du Schwester nennst. Sieh sie durch die Augen, die nicht in deinem Kopf sind, dann erkennst du den Waldkauz, der sie ist.“
„Was?“ verwirrt wie er ist, versteht Cheveyo kein Wort, die Schmerzen lassen ihn erneut aufstöhnen, doch tief in ihm drin weiß er, dass er es verdient hat.
„Sie hat recht. Du bist der einzige der den Dämon stoppen kann. Dich kennt er nicht. Deinen Großvater hat er schon im festen Griff, die Gehilfen sind keine Gefahr. Doch er kennt dich nicht, weiß nicht das wir bei dir sind. Du bist der einzige der ihn besiegen, ihn überraschen kann.“
Seine Knospen grünen Augen blitzen im Licht der Sonne auf.
„Wenn du dich ihm nicht stellst, wird sie dich nie wieder Bruder nennen. Denn dann wird sie nicht mehr lange Leben.“
„Nein!“ der Schrei kommt abrupt und erst danach wird ihm klar, das er es war, der geschrien hat.
„Nein, ihr könnt sie mir nicht nehmen!“
Wieder plustert sich der Adler auf.
„Nicht wir nehmen sie dir, du wirst sie selbst verdammen, durch deine Tatenlosigkeit!“
„Cheveyo?“ Hastig stolpert Namida auf die Lichtung, ihr gesammeltes Holz fest an die junge Brust gedrückt. Die Fransen ihres Kleides schwingen noch immer hin und her, das Gesicht ist gerötet und der feine Mund geöffnet.
Sie muss schnell gerannt sein, als er geschrien hat. Plötzlich schämt sich Cheveyo dessen, mühsam stellt er sich gerade hin.
Doch ihm gilt ihr verzückter Blick schon lange nicht mehr. Das Holz landet, mit einem dumpfen poltern auf dem Boden.
„Wie wunderschön.“ Langsam kommt sie näher, hat nur Augen für den, in der Sonne schimmernden, Adler.
Anmutig senkt Dyami den Kopf, erlaubt der Kleinen ihn zu berühren. Hingerissen berührt sie die Federn lächelt Selig. Als sie ihre Hand wieder zurücknimmt, breitet der Adler seine Flügel aus und fliegt, ohne ein weiteres Wort, davon.
Namida schaut ihm hinterher, berauscht von dem Augenblick.
„War das dein Tier?“ Die Formulierung bringt Cheveyo zum grinsen, zum Glück kann Dyami die Frage nicht mehr hören. Er verzichtet auf eine Erklärung, nickt nur und hofft das der Adler es nicht doch noch herausbekommt.
„Er hat mich kleiner Kauz genannt.“ Stolz steht in ihren Augen, während sie zurückrennt, ihr Holz aufschichtet, das sie es tragen kann.
Cheveyo versucht sich zu entspannen, während er die Wunden an seinem Arm betrachtet. Versucht nicht mit seinen Augen zu sehen. Mehr zu sehen als es gibt. Doch jedes Mal wenn er seine Schwester anschaut, kann er nichts anderes sehen als die Person, die ihm am wichtigsten ist. Er sieht sie so wie sie ist, als seine kleine Schwester.
Namida hat das Holz aufgehoben. Sauber geschichtet hat sie es nun auf dem Rücken und schaut ihn aus fröhlich glänzenden Augen an.
„Wer als Erstes am Waldrand ist!“ jauchzt sie und rennt über den Waldboden in die Richtung des Dorfes. Es dauert einen Moment, bis Cheveyo versteht, doch dann flucht er und schaut sich nach dem Bogen um. Irgendwann wird er ihn nochmal verlieren.
„Namida warte!“ Ihm antwortet nur das Lachen und seufzend macht er sich daran, sie einzuholen. Flink wie ein Waldkauz, denkt er sich und verliert sein Lächeln.
Hatte Dyami recht?
„Er hat sie Kauz genannt.“ Seine Augen werden größer, seine Füße schneller, wie konnte Namida das wissen? Hat er etwa mit ihr geredet?
Er holt sie nicht mehr ein. Am Waldrand lehnt er sich schwer atmend an einen Baum.
Namida hat sich auf den Boden gelegt. Das Holz liegt neben ihrem glücklichen Gesicht.
„Diesmal hast du gewonnen!“ als großer Bruder spielt er den Gönnerhaften,
„Aber das nächste Mal kannst du mich nicht so leicht überrumpeln!“
Sie öffnet ein Auge und linst zu ihm rüber.
„Du wirst einfach alt Cheveyo!“
Lachend springt Namida auf und greift nach dem Holz. Cheveyo stimmt ein, geht in die Hocke und hilft ihr.
„Ist das nicht niedlich?“
Die dunkle Stimme lässt Cheveyo zusammenfahren und sich langsam umdrehen.
„Es ist so schön, wenn man sich in der Familie hilft. Musstest du mal wieder deiner Frauenarbeit nachgehen?“
Liwanu steht da, sich locker auf den Speer gestützt.
Sie haben wohl zu laut gelacht, stellt Cheveyo fest, sonst hätten sie ihn gehört.
In einiger Entfernung stehen andere Jungen aus dem Dorf, Odakotha und andere Freunde von Cheveyo sind auch dabei. Betreten schauen sie herüber.
Cheveyo kann es dem Hünen ansehen, das er seine Flucht gestern noch nicht verwunden hat.
Bevor einer der beiden etwas sagen, oder schlimmer noch, etwas tun, schiebt sich Namida zwischen die Jungen. Verdutzt blicken sie auf das kleine Mädchen, dass die Fäuste in die Hüften stemmt.
„Cheveyo hilft mir nicht!“ entrüstet ist ihr Ton und entschieden der Blick aus dem geröteten Gesicht.
„Ich kann meine Arbeit ganz gut alleine machen!“
Ihr Bruder muss lächeln, denkt sie etwa das Liwanu sie damit ärgern wollte? Zu seiner Überraschung grinst auch der andere.
„Natürlich, daran hätte ich auch nie gezweifelt.“
Das Blitzen in seinen Augen, als er zu ihm schaut, ist Cheveyo nicht geheuer.
„Aber weißt du, wir haben deinen großen Bruder schon gesucht, wir wollen nämlich jagen gehen.“
Im gleichen Maße wie sich Namidas Gesicht zu einem Lächeln aufhellt, verzieht sich Cheveyo zu einer Grimmasse.
„Aber er hat doch auch im Wald gejagt!“ Kurz schließt Cheveyo die Augen, fleht stumm sie möge es nicht sagen. „Er hat ein Eichhörnchen erwischt.“
Erst scheint Liwanu verdutzt zu sein, dann richtet er sich zu seiner vollen Größe auf. Das Grinsen in dem Gesicht mit den im Nacken zusammengehaltenen langen schwarzen Haaren wird triumphierend.
„Ein Eichhörnchen!“
Cheveyo kann das Lachen in der Stimme hören. Was hat ihm seine Schwester da nur eingebrockt?
„Na da ist er ja ein ganz großer Jäger!“
Liwanu hockt sich hin und schaut Namida ernst in die Augen.
„Darf ich ihn dir entführen? Es wurden Hirsche gesichtet und die Wollen wir noch schnappen, bevor sie alle weg sind. Cheveyo wird uns da sicher helfen können!“
Namidas lächeln lässt Liwanus Gesicht für einen Moment weich werden.
Keiner kann ihr Böse sein, keiner ihre Fröhlichkeit zerstören.
„Nimm ihn nur mit,“ mit einem schelmischen Lächeln macht sie die Stimme ihrer Mutter nach, „Aber, bring ihn mir heile wieder!“
Lachend steht Liwanu auf.
„Das versprech ich dir Kleine! Ich passe auf deinen Bruder schon auf.“
Namida dreht sich zu Cheveyo um und schlingt die Ärmchen um seinen Hals, als er sich zu ihr runter beugt. Fest drückt sie ihn, ganz so als wäre er nicht nur für ein paar Stunden, sondern für ein paar Tage weg.
Als sie ihn loslässt, lächelt sie noch einmal und widmet sich dem Holz. Verloren steht er da, unschlüssig, was zu tun ist.
Da legt sich eine Pranke auf Cheveyos Schulter und lässt sein Herz in die Tiefe sinken. Zunächst noch stumm geht er mit Liwanu einige Schritte auf die anderen Jungen zu.
„Deine Schwester ist zu nett für diese Welt.“ Stumm nickt Cheveyo, das weiß er doch schon. Trotzdem ist er Liwanu wiederstrebend dankbar, das er den Spitznamen nicht in ihrer Gegenwart verwendet hat.
Namida sieht ihn noch immer mit den Kindlichen großen Augen, denkt das er ein Held ist.
Liwanu fährt sich über das Zeichen an seinem Hals, dort wo die Begegnung mit einem Bären ihn fast das Leben gekostet hatte.
„Weißt du das Namida die beste Freundin meiner kleinen Schwester ist?“
Er scheint noch etwas sagen zu wollen, doch Schweigen senkt sich über die Beiden. Jeder in ihren eigenen Gedanken versunken kommen sie schließlich bei der Gruppe an.
Wie von selbst finden die beiden Jungen ihre Freunde und setzen sich mit der Gruppe in Bewegung.
„Was war das denn?“, flüstert Odakothah.
„Hat er dir gedroht oder so?“ Genervt zuckt Cheveyo mit den Schultern, als wäre es ein Wunder, das er noch gehen kann.
Cheveyo kann sein Glück noch immer nicht fassen als sie am Abend zurückkehren. Die Jagd war gut und er hat einen Hirsch mit einem wohlplatzierten Pfeil zu Fall gebracht.
Es war ein gutes Gefühl, als die anderen ihm auf die Schulter klopften und seine Treffsicherheit bewunderten. Selbst mit Liwanu und seinen Freunden ist er gut ausgekommen.
Nun gehen sie nicht mehr in kleinen Grüppchen und prahlen schlimmer als die Alten mit ihren Jagderfolgen. Die Packpferde, die ihre Beute zurückschleifen, gehen hinter ihnen im gemächlichen Schritt.
Als sie auf das Dorf zukommen verstummen sie nach und nach. Großvater Sonne versinkt fast und taucht sie in sein letztes Licht. Trotzdem kommt keiner sie begrüßen. Niemand ist da um sie zu loben, sich über das frische Fleisch zu freuen oder ihnen zu helfen.
Schnell drückt Cheveyo einem Jungen neben sich die Leine des Pferdes in die Hand und geht nach vorne. Neben Liwanu bleibt er stehen und schaut, wie der andere, zweifelnd zum Dorf.
Der Blick den die beiden austauschen lässt keinen Zweifel zu, Liwanu weiß auch von dem Boten, von dem Dämon.
Sofort läuft Cheveyo los, auf das Dorf zu.
Dumpf hört er noch Liwanus Stimme hinter sich.
„Ihr bringt die Pferde und die Beute langsam zum Dorf zurück. Seid wachsam! Der Rest geht zur anderen Seite! Achtet auf alles Ungewöhnliche, irgendwas stimmt hier nicht.“
„Und diese Seite Liwanu?“, fragt eine Stimme.
„Die übernehme ich und der Shamanen Bursche.“
Mit den Worten rennt auch Liwanu los, dem jüngeren hinterher.
zu spät?
Sie kommen bei den Zelten an. Nur der Wind streicht am Boden entlang, niemand ist zu sehen. Außer Atem stützt sich Cheveyo mit den Händen auf die Oberschenkel, gierig saugt er die Luft ein, während er sich umschaut. Liwanu neben ihm geht es besser, er hat keien Probleme.
„Wo sind alle?“, fragt Liwanu. Er ist erleichtert.
Immerhin liegen keine Toten auf dem Boden. Nicht so wie in der schaurigen Erzählung des Boten.
Langsam gehen sie voran, versuchen keine Geräusche zu machen. Es erscheint den beiden Jungen unwirklich in dem leeren Dorf zu stehen.
Da! Ein Ton dringt an ihre Ohren, lässt sie herumfahren. War es nicht eine Stimme? Sie gehen in die Richtung, aus der es kam. Das Zelt des Häuptlings!
Liwanu wirft alle Vorsicht über den Haufen, als ihr Ziel bemerkt. Sein Speer fällt zu Boden, er stürzt zu der Wohnung, indem seine Familie wohnt. Fluchend hebt der kleinere den Speer auf.
„Warte, Liwanu es könnte“ Cheveyo bricht ab, es ist zu spät. Liwanu ist schon in das Wetu gegangen. Seufzend folgt er ihm.
„Was ist passiert?“, fragt Liwanu.
Im Wetu liegt sein älterer Bruder auf einer Matte, sein Gesicht ist bleich und ausgezerrt. Nadua kniet neben ihrem Sohn. Ihre Augen sind rot, als hätte sie zu lange geweint. Die Mutter rührt sich nicht. Reagiert nicht auf den Sohn der nun in der Wohnung steht. Nur die Frau des Darniederliegenden erhebt sich und kommt zu den Jägern.
Mit geröteten Augen geht sie mit den beiden nach draußen. Widerwillig lässt Liwanu es geschehen, er ist es nicht gewohnt, nichts tun zu können.
Müde blinzelt Cheveyo in das verbliebene Licht. Jetzt, wo es dunkler wird, fällt es noch mehr auf. Keine Feuer sind angezündet, keine Menschen lachen oder singen. Niemand bereitet im freien Essen zu, alles scheint verweist.
Wie ein gehetztes Tier schaut der Häuptlingssohn sich um.
„Was ist passiert, Abedabun?“, fragt er.
„Es war so plötzlich.“ Abedabun zittert bei den Worten. Dreht das Gesicht von dem großgewachsenen Jungen weg, „Auf einmal, ist ihnen schlecht geworden, sie haben sich übergeben und, und…“
Sie fängt an zu weinen, kann nicht weiterreden. Unsicher schauen sich die beiden Jungen an. Von ihr werden sie nichts erfahren.
„Der Shamane wird mehr wissen.“ Sagt Cheveyo.
Zustimmend nickt Liwanu, schnell wirft er der Frau seines Bruders noch einen Blick zu, doch dann folgt er dem anderen.
Die gespenstische Stille des Dorfes jagt den Jungen noch immer Angst ein. Jedes Rascheln lässt sie zusammenzucken. Da scheint die Welt um sie herum plötzlich zu explodieren. Menschen strömen aus den Wetus, rufe durchdringen die Nacht. Die beiden Jungen, überrascht von dem Wechsel, erstarren Rücken an Rücken.
Hohwahkan tritt aus seinem Wetu, auf dem Gesicht zeigt sich Erschöpfung und Trauer.
„Ihr seid wiedergekommen.“ Sagt er an die Jungen Gewand. „Wenn keiner von euch die Hand des Dämons spürte, so helft mit. Wo sind die anderen?“
Langsam durchbrechen die Jungen ihre Erstarrung.
„Was ist hier los, Großvater?“, fragt Cheveyo, „Warum war es so still und was soll nun das Geschrei?“
Der alte Mann fährt sich müde über das runzelige Gesicht, schaut die Jäger an.
„Sie sind vergiftet,“ flüstert der Shamane, „der Dämon hat sie nun im Griff.“
„Wie konnte das geschehen?“, fragt Liwanu.
Seine Finger schließen sich so fest um den Speer das Cheveyo Angst hat, er würde gleich entzweibrechen. Doch auch ihn interessiert die Antwort des alten Mannes.
„Das Wasser, es war das Wasser.“
Eine Frau kommt angelaufen, zerrt den Shamanen von den Jungen weg in Richtung ihres Wetus.
Den Speer gepackt sieht es so aus, das Liwanu jeden Moment auf die Frau losgeht, schon hat er einen Schritt auf sie zu gemacht, da hält ihn Cheveyo auf. Es bringt nichts, das Gift verschwindet nicht, durch das reden. Der Häuptlingssohn steht zähneknirschend da, er wirkt verloren, fast tut er Cheveyo leid.
„Ich gehe zu dem Shamanen, vielleicht kann ich helfen. Doch was machen wir mit dem Fleisch…“
Liwanus Kopf ruckt nach oben, in den Augen glänzt es.
„Ich kümmer mich um das Fleisch. Geh ruhig das Wasser erhitzen, wie eine brave Frau.“
Missmutig stapft Liwanu weg, den zweifelnden Blick im Gesicht des jüngeren hat er nicht bemerkt. Liwanu hat sich zwar bemüht so gehässig wie immer zu klingen, doch ganz geschafft hat er es nicht. Kurz und verzweifelt lacht Cheveyo auf, immerhin ist er nicht der Einzige, der überfordert ist. Schnell geht er zu dem Wetu, in das der heilige Mann geschleppt wurde. Hat er es sich nur eingebildet? War das Humpeln im Gang des Alten da gewesen? Der Shamane kniet neben einem ausgezehrten Mann.
Die Augen flattern kurz auf, nur um sich mit einem Stöhnen wieder zu schließen.
„Kann ich dir helfen, Großvater?“ Der Alte schaut ihn enttäuscht an, Cheveyo zuckt zurück.
„Besiege den Dämon.“ Flüstert Hohwahkan, sodass kein anderer sie hören kann. Das entsetzte Gesicht seines Enkels ist ihm Antwort genug. Erschöpft schüttelt er den Kopf.
„Du hast alles gelernt, kümmer dich um die Kranken und gib den Lebenden die Medizin weiterzumachen.“
Medizin, eilig flüchtet Cheveyo aus dem Wetu. Er soll ihnen die Medizin geben, die Kraft und Hoffnung, dass es eine Lösung gibt. Kurz schluckt er, steht es so schlecht um die Menschen? Dass sein Großvater nichts weiß um ihnen zu helfen?
Wie lange ist er schon damit beschäftigt, den Kranken Wasser einzuflößen? Wie lange spricht er nun schon in diesem beruhigenden Tonfall? Jedes Mal wenn er sich zurückziehen will, wenn er denkt, er kann nicht mehr, schaut er in das hoffende Gesicht und kann nicht anders als weiterzumachen. Was werden die Leute nur sagen wenn die vergifteten sterben?
„Cheveyo!“ Suchend dreht sich der Junge um, wer hat ihn da gerufen? Seine Hand wischt kurz über sein Gesicht, die Sonne müsste bald aufgehen. Er braucht dringend etwas Ruhe.
„Cheveyo?“ fragt Helaku. Besorgt schaut der ältere den anderen an, sucht in ihm das Erkennen. „Geht es dir gut?“
Cheveyo kneift die Augen zusammen, sein Blick wird klarer.
„Was ist? Geht es deiner Tochter schlimmer?“
Halakus jüngste Tochter hat es erwischt. Es war im Wasser. Jeder der zu einer Zeit Wasser holte hat Opfer zu beklagen. Je mehr sie getrunken haben, desto schlechter scheint es ihnen zu gehen.
„Nein.“ Der Mund seines großen Bruders ist zu einem Strich zusammengezogen, „Es geht um Hohwahkan.“
Sofort steht Cheveyo
„Was ist mit ihm?“
Ohne eine Antwort abzuwarten hetzt er zum Ausgang. Also ist doch etwas mit dem alten Shamanen. Auf dem Weg zum Wetu sieht Cheveyo die Sonne, gerade berühren die ersten Strahlen die Bäume. Und wie die Vögel, die aufgeschreckt den Wald verlassen, hoch zu Vater Himmel hinauf torkeln, kommen Menschen aus dem Wetu des Shamanen.
Es sind die Gehilfen seines Großvaters, stellt Cheveyo erschrocken fest.
„Etwas ist schief gegangen.“ Flüstert Helaku in sein Ohr und drängt den Jungen vorwärts, geradewegs auf die verstörten Männer zu.
Er ist stehengeblieben ohne es zu merken. Sein Blick schweift über die kotzenden Männer. Sie sehen elend aus, nur wiederstrebend lässt er sich von seinem Bruder weiter auf das Wetu zuführen. Was wenn sie nicht bis draußen warten konnten? Was wenn da drinnen…
„Geh schon!“ zischt nun der hinter ihm. Mit einem leisen Seufzen und den Gedanken daran, dass es nicht schlimmer werden kann, tritt Cheveyo in das große Wetu.
Gut. Es kann schlimmer kommen. Der junge Jäger hustet sich fast die Lunge aus dem Leib als er versucht in der nebelgeschwängerten Luft seinen Großvater zu finden.
„Hohwahkan?“ wieder ein husten von ihm, „wer war das?“
„Hier.“ Erwidert jemand.
Mehr tastend als sehend sucht der Junge den Vater seiner Mutter.
„Was ist passiert?“
Die Hand des Alten findet seine, klammert sich zitternd an ihr fest. Erschrocken legt der Junge einen Arm um den anderen. Wann ist sein Großvater so zerbrechlich geworden?
„Die Geisterwelt, er hat sie. Er hat Honaw.“
Des Shamanen Augen schließen sich. Cheveyo sitzt nur da, noch immer die erschlaffte Hand des weisen Mannes haltend. Honaw ist das Krafttier seines Großvaters. Er ist ein riesiger Bär, so oft hat er schon von ihm gehört. Sooft, das er denkt, er würde ihn kennen. Unfähig sich zu rühren sitzt er da. Starrt nur noch auf das Gesicht des Mannes. Der ihm Vater und Mutter ersetzt hat.
Jemand öffnet behutsam seine Hand, jemand trägt Großvater weg.
„Was?“, fragt Cheveyo und krallt sich in den Stoff der Beinlinge vor ihm.
„Ganz ruhig.“ Helaku zieht ihn vorsichtig auf die Beine. „Du legst dich erst mal hin.“
„Nein, ich kann nicht.“ Verwirrt will er sich losmachen, doch der Nebel um ihn herum scheint dieses Mal nicht von verbrannten Kräutern zu kommen, „Die Leute, ich muss mich doch um die Leute kümmern.“
Sanft drückt der Ältere den Bruder auf ein paar Felle.
„Du musst dich ausruhen.“
„Großvater!“ fast wäre er darauf reingefallen, fast hätte der Dämon gesiegt. Panisch krallt er sich in das ledernde Hemd des Bruders, „Ich muss Großvater helfen! Sein Bär ist weg, sein Geist ist weg!“
Fahrig greift er an die Federn die sein Haar schmücken. Doch Helakus unerbittliche Hände bringen ihn davon ab, drücken ihn wieder auf das Fell Lager.
„Großvater lebt. Du musst dich ausruhen. Schlaf, kleiner Bruder, schlaf.“
Die Augenlieder heben sich. Der Geist treibt zum Körper zurück. Ein blinzeln, dann ein Stöhnen, langsam bewegt sich die Hand zum Kopf bevor er sich aufsetzt. Der Schlaf war traumlos, erholsam. Die Erinnerungen kommen und erneut stöhnt er auf. Mühsam kommt Cheveyo auf die Beine, dies ist nicht sein Schlafplatz. Mühsam torkelt er zum hellen Schein der Sonne. Jemand wird auf ihn aufmerksam, Helaku kommt auf ihn zu.
„Wie lange habe ich geschlafen?“ Cheveyo schüttelt den Kopf, will den letzten Schleier der Müdigkeit ablegen. Da wird ihm ein Becher in die Hand gedrückt.
„Die Sonne hat erst den höchsten Stand erreicht. Trink erst mal, du hast dir eine Pause verdient.“
Cheveyo nickt, dankbar nimmt er einen Schluck von dem Wasser und geht aus dem Wetu. Großvater Sonne blendet ihm, doch ist er glücklich über den sanften Wind, der umherstreift.
„Wie geht es den vergifteten?“, fragt er, als eine Person hinter ihm aus dem Wetu kommt.
„Unverändert,“ Helaku reißt ein Stück des Maisbrots ab und reicht es seinem Bruder „Die Gehilfen kümmern sich um sie, mach dir darüber keine Gedanken. “
„Und der Shamane?“ fragt Cheveyo.
Helaku seufzt und setzt sich hin, erst jetzt bemerkt Cheveyo die dunklen Ringe unter seinen Augen.
„Er ist auch betroffen. Es geht ihm immer schlechter, je höher die Sonne steigt. Ein Wunder kann man es wohl nennen, das er bisher so lange durchgehalten hat.“
„Das Wasser, ich habe es morgens geholt.“ Erkennt Cheveyo.
Helaku schüttelt den Kopf.
„Nein, daran lag es nicht. Er hat Wasser in anderen Häusern getrunken, in das das Böse hineingemischt war.“
Stille senkt sich über die Beiden. Nachdenklich kaut Cheveyo an dem Brot.
„Wo ist Namida?“, fragt Cheveyo, plötzlich will er mit jemandem reden. Braucht die beruhigende Art seiner Schwester.
„Ah,“ Helaku schaut gen Himmel, Verwirrung zeichnet sich auf seinem Gesicht ab, „Ich weiß nicht. Frag mal Onida, mit ihr wollte sie Waldpilze sammeln gehen.“
Entsetzt schaut er seinen Bruder an.
„Gestern? Nachdem was passiert ist?“
„Sie wollten etwas beitragen“ rechtfertigt Helaku sich, „und wir waren alle zu beschäftigt, um auf zwei kleine Mädchen aufzupassen.“
Ruckartig steht der Mann auf,
„Sie sind alt genug um keine Dummheiten zu machen.“
Mit diesen Worten stapft er davon, auf sein Wetu zu. Die Erinnerung an Namida hat ihn an seine Tochter denken lassen, die leiden muss. Cheveyo seufzt, das hat er klasse hinbekommen. Kann er denn nie was richtig machen?
Erst mal zu Namida, beschließt er, ihr Lächeln wird ihm helfen den Tag zu überstehen und vielleicht hat sie auch eine Lösung für sein Problem. Wie er etwas tun kann, ohne dass er Shamane werden muss.
Noch immer an dem Maisbrot kauend, kommt es ihm nur so vor oder wird es in seinem Mund wirklich immer mehr, kratzt er an dem steifen Leder am Eingang des Wetus vom Häuptling. Kurz danach schiebt sich eine Massige Gestalt aus der Öffnung.
Liwanu. Die Überraschung Cheveyo hier zu sehen dauert nur einen Moment. Schon schiebt sich müde Überheblichkeit auf das Gesicht.
„Was willst du hier, Aszda Ashkii?“ fragt Liwanu
Doch diesmal zuckt Cheveyo nicht zusammen, diesmal kann er den verhassten Namen nicht einmal ernstnehmen. Der Spott fehlt in Liwanus Augen.
„Ich suche Namida. Ist sie da?“
Die Stirn des Häuptlingssohns legt sich in Falten.
„Nein.“
„Weißt du, wo sie ist? Sie wollte zu Onida.“
„Nein, Onida ist zu Namida gegangen.“ Nun ist es an Cheveyo zu zweifeln, „Wann wollte Onida zu Namida gehen?“
Etwas zwischen Wut und Panik liegt in Liwanus Blick, als er seinen Kopf in das Wetu steckt, um mit den Leuten im Inneren zu reden. Der kleinere weiß, dass der Ausdruck in seinem Gesicht der gleiche ist. Nervös knabbert er an dem Brot.
Liwanus Kopf kommt wieder zum Vorschein, ein entsetzter Blick liegt nun in seinen Augen. Unwillkürlich weicht Cheveyo zurück, der größere ist angespannt. Wie ein Kaninchen vor einem Bullen versucht der Shamanen Sohn abzuschätzen wohin der wütende sich wendet, damit er nicht zertrampelt wird.
„Sie ist nicht da! Onida ist gestern mit deiner Schwester los in den Wald.“ Unruhig fängt er an hin und herzugehen, „Sie dachten das meine Schwester bei euch ist! Wer macht sich schon sorgen, wenn die Tochter bei den Shamanen ist.“
Eine Pranke schließt sich um Cheveyos Hals, zieht ihn zu sich ran.
„Was habt ihr meiner Schwester angetan mit euren Kräutern?“
Obwohl die Hand nicht zudrückt, bekommt der Jüngere Angst, seine Hände legen sich um die des anderen. Vergessen liegt das Brot im Staub.
„Liwanu, meine Schwester ist auch verschwunden.“
Erst als er es sagt, scheinen die Worte wahr zu werden und eine Eiseskälte überkommt ihn.
„Wir müssen sie suchen.“ Sagt Cheveyo, und starrt verloren in die helleren Augen des anderen. Sein Blick wird erwidert, mit der gleichen tödlichen Verzweiflung.
Die Hand lässt ihn los. Unsicher stolpert Cheveyo zurück. Fast wünscht er sich, der andere würde ihn noch immer festhalten, dann könnte er sich einreden, dass er nicht untätig ist. Das er nichts tun kann, weil er zurückgehalten wird. Doch nun ist er frei, nun kann er handeln. Nun muss er handeln.
„Wie finden wir sie?“, fragt Liwanu, verwirrt starrt Cheveyo ihn an.
„Was?“
„Wie sollen wir sie finden? Du bist hier doch der Shamane, los, such sie!“
„Nein,“ stottert Cheveyo, die Hände erhoben taumelt er zurück, „Ich bin kein Shamane, ich werde auch keiner sein! Ich weiß doch auch nicht…“
Wieder die Hand um seiner Kehle, die ihn zu nah an den größeren zieht.
„Aszda Ashkii, folge genau meinen Worten, finde meine Schwester, bring mich zu ihr. Hör auf zu zaudern wie eine Frau vor ihrer ersten Nacht! Bring mich zu meiner Schwester oder du wirst dir nie wieder Gedanken um irgendetwas machen müssen.“
Trocken schluckt der andere, fällt unsanft auf den Boden als Liwanu ihn loslässt. Was ist schlimmer? Die Angst vor dem Hünen oder die um seine Schwester?
Den Speer in der Hand folgt Liwanu, geht hinter dem in Gedanken versunkenen Jungen.
Wo sich hinwenden? Da kommt Cheveyo eine Idee. Er rennt los. Pilze, das bedeutet, dass sie in den Wald mussten. Er schaut nicht zu Boden, sucht keine Spuren im trockenen Gras der Prärie. Er muss seine Schwester finden.
Sicher führen ihn seine Beine in dem Wald zu der Lichtung, hier hatten die Geschwister am vergangenen Tag noch zusammengesessen. Hektisch schaut er sich um, bemerkt den mühsam beherrschten Liwanu nur am Rande. Da! Ein Knurren! Die Köpfe der beiden jungen Jäger fliegen herum. Ein Schatten schlüpft bei den Bäumen vorbei, rennt von ihnen weg. Sofort folgt Cheveyo ihm. Tala, der Wolf, es muss Tala sein, der ihn nun zu seiner Schwester führt. Wenn nicht…
Immer schneller versucht er dem Tier zu folgen, bekommt nicht mit wie Liwanu zurück bleibt. Hier im Wald ist Größe nicht immer von Vorteil.
Wieder das Knurren, näher diesmal. Der Shamanen Sohn wird langsamer, tastet sich vorwärts durch die Dunkelheit des Waldesschatten.
„Sie sind hier.“ Sagt Tala.
Keine zwei Schritt entfernt liegen die Leiber zweier Mädchen auf dem Boden. Davor, zwischen ihnen und dem Jungen steht der große graue Wolf. Ein Kreischen. Der Adler, er sitzt auf dem Baum neben ihm.
„Er hat sie.“ Sagt Dyami.
„Wer ist er?“, fragt Cheveyo
Das Geräusch brechender Äste lässt den Wolf verschwinden, den Adler die Flügel ausbreiten, gerade als der Häuptlingssohn durch das Geäst bricht, schwingt sich Dyami in die Lüfte.
„Der Dämon, er hat sie.“
Liwanu beachtet nicht den Vogel, der dem Himmel zustrebt, sofort eilt er zu den Körpern, die auf dem Boden liegen.
„Sie Leben noch.“
Liwanus Worte heben Cheveyos starre auf, im Nu ist er bei Namida. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Atem geht langsam aber gleichmäßig. Sie lebt noch. Warum aber schlägt sie die Augen nicht auf.
„Warum wacht sie nicht auf?“
Die beiden Jungen schauen sich an, wissen nicht was sie fühlen sollen, Freude das sie ihre Schwestern wieder haben? Angst weil sie nicht aufwachen? Während das Gesicht des jüngeren leer wird, sein Geist sich weigert die Warnung seines Krafttieres ernst zu nehmen springt Liwanu auf und schlägt auf den nächsten Baum ein. Immer wieder trifft seine Faust die Rinde. Rotes Blut klebt schon an ihm, als Cheveyo wieder zu sich kommt. Erschrocken stellt er fest das Liwanu dieses mal nicht die Führung übernehmen wird, das diesmal er derjenige ist.
„Bringen wir sie zurück.“ Sagt er, „der Shamane wird wissen was zu tun ist.“
Vorsichtig tragen sie ihre kostbare Fracht zurück zum Dorf. Ihr Aufenthalt im Wald hat länger gedauert, als sie dachten. Die Sonne ist auf den Weg zum Horizont. Ein Mann kommt ihnen entgegen gerannt, kaum dass sie in Sichtweite des Dorfes sind.
„Cheveyo!“, ruft der Mann, „Schnell, Cheveyo!“
Der Gerufene bleibt stehen, Helaku, was will sein Bruder denn nur von ihm? Kaum bei ihm angekommen weiten sich die Augen des anderen. Doch ohne zu fragen, nimmt er die Schwester dem jüngeren ab.
„Schnell, geh zurück. Großvater braucht dich! Er stirbt!“
Kein Gedanke kommt ihm mehr in den Sinn, er rennt nur noch, rennt, als wenn es kein Morgen mehr gibt. Er rennt, damit die beiden seine Tränen nicht sehen.
Mit Herz und Verstand
Cheveyo stürzt in das Wetu.
„Großvater!“
Der alte Mann liegt auf den Fellen, die Augen geschlossen. Erschrocken schaut der Junge ihn an, wie konnte sein Großvater so schnell altern? Wann ist er so dünn geworden? Vorsichtig streicht er dem Vater seiner Mutter eine Strähne aus dem Gesicht. Da öffnen sich die Augen des Mannes.
„Cheveyo.“ Wispert er, „Sohn meiner Tochter.“
Suchend hebt er die Hand, fast so als könnte er ihn nicht mehr sehen. Die junge Hand schmiegt sich an die des Alten.
„Großvater, du kannst nicht aufgeben.“ Sagt Cheveyo, „Namida, sie …“
Der Alte lächelt bei dem Namen des Mädchens. Sie ist nicht Blutsverwand, doch hat er sie fast so gerne wie seine Enkel. Die zweite Hand hebt sich, berührt sanft das Gesicht des Jungen, versucht ihn zu beruhigen.
„Ruhig,“ rasselnd muss er Luft holen, „Was ist?“
„Sie wurde vom Dämon genommen. Dyami hat es mir gesagt. Der Dämon hat sie, sie und Onida. Ihre Körper sind hier, doch sie wachen nicht auf. Sie wachen einfach nicht auf.“
Des Shamanen Augen weiten sich, ein Husten beutelt den Körper.
„Großvater!“
Die Augen vor Schreck geweitet klammert er sich an die kraftlose Hand des Alten,
„Großvater, du kannst nicht gehen. Ich brauche dich, Namida braucht dich! Ich weiß doch nicht was ich tun soll!“
Die Augen sind schon geschlossen, der Atem geht gleichmäßig, schläft der alte Mann schon? Panik steigt in Cheveyo hoch, wird er auch nicht mehr aufwachen, so wie Namida? In unausgesprochener Pein krümmt er sich nach vorne, lautlos löst sich eine Träne.
„Wie kann ich dir helfen? Was kann ich tun, das es dir besser geht? Das du lebst?“
„Träume.“ Weht das Wort durch die stickige Luft des dunklen Wetus, „Träume von der Medizin.“
Cheveyo steht, schaut auf den Großvater hinunter, wie ist er aufgestanden? Es scheint, als würde der alte Mann schlafen. Trauer brennt in seinem Herzen, er hat ihn immer für unbesiegbar gehalten.
Doch nun weiß er, was zu tun ist. Als er sich umdreht, stehen zwei der Gehilfen hinter ihm. Der eine, wütend, zornig gar. Der andere, ehrfürchtig fast schon ängstlich. Sie haben etwas gesehen, etwas gehört, so wie Cheveyo. Doch der hat keinen Blick für die beiden, schiebt sich ohne ein Wort an ihnen vorbei nach draußen.
„Cheveyo!“ Mit großen Schritten kommt Liwanu auf ihn zu, „Was ist mit meiner Schwester?“
Der kleinere ignoriert den Häuptlingssohn, geht an ihm vorbei.
„Nicht so schnell.“ Liwanus Hand schließt sich um seinen Oberarm, dreht ihn um, sodass er den Hünen anschauen muss.
„Sag mir, was der Shamane sagte!“, verlangt er. Da zuckt der große zurück. Der Blick in den Augen des Shamanen Sohns lässt ihn erstarren.
„Lass mich.“ Cheveyo befreit sich aus dem nunmehr lockeren Griff des anderen, „Ich habe keine Zeit für dich und deine Spielchen.“
Mit diesen Worten lässt er den größeren stehen, achtet nicht auf die Leute, die ihm hastig Platz machen.
Draußen vor dem Dorf steht er nun auf dem Hügel. Schaut über die Pferde Herde. Hier hat es angefangen, hat der Weg begonnen. Flügelschlag näher sich. Cheveyo scheint es zu ignorieren, doch hat er Dyamis Anwesenheit schon längst bemerkt. Er zuckt nicht einmal, als sich der schwere Vogel auf seiner Schulter niederlässt, seine Krallen in das Fleisch schlägt.
„Ich werde ein dickes Hemd brauchen.“ Sagt Cheveyo.
Freudlos ist das Grinsen in seinem Gesicht, als er weiter mit seinem Augen die Gegend absucht.
„Bist du bereit, alte Seele? Schwingst du dich nun in die unbekannten Höhen?“ fragt die Stimme, die nur in Cheveyos Kopf erklingt.
„Ja. Ich werde mit dir kommen.“
„Gut.“ Der Adler schwingt sich wieder in die Höhe, schwebt auf der Luft, während der Menschenjunge hinter ihm rennt,
„Es ist Zeit die Verantwortung für dein Leben zu übernehmen. Es ist Zeit, dass du dich darauf einlässt, mit Herz und Verstand.“