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Eine Romanze in Brighton

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A/N: Watson verhält sich merkwürdig und Holmes macht das neugierig. Er spioniert seinem Freund hinterher und findet mehr heraus als er erwartet hat und weit mehr als er verkraften kann.
 

Eine neue und dieses Mal auch längere Sherlock Holmes Story von mir. Der Arbeitstitel lautet: Eine Romanze in Brighton, aber vielleicht fällt mir noch was besseres ein.

Wie immer bitte ich an dieser Stelle um reichlich Feedback. Schreibt mir eure Meinung, eure Vermutungen oder Anregungen und Wünsche, denn ich bin gern bereit altes zu verwerfen, neues einzubauen und kreative neue Wege einzuschlagen. Also her mit allem, positiv wie negativ, ich nehm alles an, solange es konstruktiv ist und wünsche jetzt viel Spaß beim Lesen von Kapitel 1.

P.S. Alle Rechtschreibfehler die ihr findet, dürft ihr behalten.
 

Disclaimer: Mir gehört nix. Erfunden wurden die Charaktere von Arthur Conan Doyle und ich leih sie mir nur. Diese Fanfiction wurde lediglich zum Spaß geschrieben und nicht um damit Geld zu verdienen. Jegliche Ähnlichkeiten zu Lebenden, Toten und Lebenden-Toten Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Alle weiteren Charaktere sind Eigentum des Autors. (Meins!)
 


 

Eine Romanze in Brighton
 

Kapitel 1.
 

„Sie haben fast das Frühstück verpasst alter Junge“, klang Sherlock Holmes tadelnde Stimme aus dem Wohnzimmer der Baker Street. In seinen mausgrauen Morgenmantel gehüllt verzehrte er gerade Brod und Ei. Kauend blickte er von seinem Frühstück auf.

John Watson stand in seinem teuren, neuen, braunen Anzug in der Tür ihrer gemeinsamen Wohnung und schenkte seinem Freund ein leichtes lächeln, während er die Zimmertüre hinter sich schloss.

„Danke, ich hab eh keinen Hunger, Holmes“, teilte er beiläufig mit und schritt zielstrebig durch den Raum.

Watsons Weigerung zum Frühstücken überraschte Holmes und ein „ich hab keinen Hunger“ sah dem guten Doktor auch nicht ähnlich. Schließlich war der Arzt auch nach Feierabend nicht aus Watson heraus zu bekommen und Holmes schlechtes Essverhalten war oft Grund hitziger Diskussionen der Beiden gewesen. Die Ablehnung des Frühstücks von Watsons Seite würde Holmes in ihrem nächsten Streitgespräch zu diesem Thema erheblich Auftrieb verleihen, hatte er doch etwas um es seinem Freund genüsslich vorzuhalten. Schließlich kam es von der Seite des guten Doktors her selten zu gesundheitlichen Verfehlungen und somit schmunzelte Holmes die Überreste des halbverzehrten Toasts auf seinem Teller an und schmiedete bereits erste Pläne gegen Watsons nächste überfürsorgliche Verhaltensbelehrung.

Dieser bekam jedoch weder das Schmunzeln seines guten Freundes mit, noch interessierten ihn zukünftige Streitereien, die er durch Holmes überragenden Intellekt eh stets zu verlieren drohte, selbst bei wichtigen medizinischen Aspekten. Nein, heute war ihm alles egal. Nun gut, alles bis auf diese eine Sache.

Holmes hatte inzwischen von seinem Essen abgelassen und beobachtete seinen Kollegen genau. Dieser hatte in letzter Zeit verdächtig gute Laune und nicht nur das, Watson benahm sich schon seit letzter Woche seltsam. Der große Sherlock Holmes musste sich eingestehen, das ihm einerseits die gute Laune des Doktors aus Sicht für diesen als seinen besten Freund freute, doch andererseits war auch seine eigene Neugierde geweckt und er konnte sich einfach keinen Reim darauf machen, was seit Ende letzter Woche mit seinem Freund los war. Daher ließ er keine Bewegung und Regung seines Freundes unbeobachtet.

Watson dagegen ahnte nichts von Holmes rasenden Gedanken und kramte sich gut gelaunt durch die Verwüstungen des Wohnraumes, an die er sich nach so vielen Jahren ihres Zusammenlebens bereits mehr als gewöhnt hatte. Unter einem Berg alter Zeitungen begraben stand ein kleiner Sekretär, in dem der gute Doktor seine Unterlagen aufzubewahren pflegte. Auch seine Korrespondenz, medizinisch wie privat lag hier stets verschlossen in der mittleren Schublade. Den Schlüssel hierfür hatte er immer bei sich und doch wusste er genau, dass er ihn ebenso gut im Schlüsselloch hätte stecken lassen können. Denn wenn Holmes es darauf anlegte, sich Einsicht in die Schublade zu gewähren, wäre das kleine Schloss für den Detektiv kein Hindernis. Nein, John traute es Holmes sogar zu, ohne eine Kratzer oder sonst eine verräterische Spur in seine Privatsphäre einzudringen und wieder zu entschwinden. Andererseits wollte er Holmes nicht misstrauen und er wusste auch das Holmes privates Geplänkel und Briefe von Patienten und Arzt Kollegen keinerlei Interesse bei maß. Dies alles viel unter die Banalitäten der menschlichen Gesellschaft und ihrer kleinen Nichtigkeiten, verpackt in höflich-heuchlerische Langeweile.

John schüttelte den Kopf während er den kleinen silbernen Schlüssel in das Loch steckte und umdrehte. Sherlock Holmes würde nicht auf so grobe Art in sein Leben eindringen und der Schlüssel welchen er abzog und einsteckte wenn er mit seiner Arbeit fertig war, symbolisierte seine Privatsphäre und nicht mangelndes Vertrauen seinem Freund gegenüber.

Der Detektiv in Holmes hatte Watsons kurzes Zögern bemerkt, welches zwischen dem finden des Schlüssels in der Tasche und dem aufsperren der Schublade lag. Da er jedoch nur den Rücken des Doktors im Blick hatte und nicht dessen Gesicht sah, konnte er ohne die dazugehörige Mimik schwer auf die Gedanken seines Freundes schließen. Ein Spiel das er mitunter gerne mit Watson trieb und trotz der vielen Jahre ihrer Freundschaft immer noch ein Quell der Überraschung für Watson und ein mit Schmeicheleien versetzter Erfolg für in selbst war.

Watson holte einen Umschlag aus seinen geordneten Unterlagen und entnahm daraus zwei Seiten teures Briefpapier.

Selbstredend erinnerte sich Holmes an jenen Brief. Der Absender war ein Gentleman mit einem Sir vor seinem Namen, einer schnellen, eloquenten und geschwungenen Handschrift die mitunter den Intellekt eines gebildeten Mann verriet und ihn als jemanden mit Stil und genügend Geld deklarierte, um Briefpapier einer derart edlen und teuren Qualität zu kaufen. Ohne Frage stammte der Absender aus der oberen Schicht der Gesellschaft Englands. Das Kuvert hatte nicht den kleinsten Fleck besessen und war deshalb nicht auf dem normalen Postweg in der Baker Street gelandet, nein, Holms glaubte ein so makelloser Umschlag müsse eher von einem Botenjungen oder einem Hausangestellten überbracht worden sein, der die penible Genauigkeit seines Herren kannte oder besser dafür bezahlt wurde, als ein normaler Postbote. Aber ansonsten war ihm der Brief nicht ungewöhnlich vorgekommen. Ein normaler Brief eines Gentlemans an einen strebsamen, jungen Arzt der mit drei weiteren vorgestern angekommen war und keineswegs von der Norm abwich.

Doch eine Kleinigkeit hatte Holmes stutzig gemacht. Als Watson den Brief gelesen hatte, war ein Lächeln auf seinem Gesicht erschienen. Er hatte aufgeblickt und seine Augen wanderten durch den Raum zum Kalender. Zufrieden hatte er sodann seine Uhr gezückt und sich für den Rest des Tages entschuldigt. Wie viele andere Male zuvor hatte sich John angekleidet und war in die Gesellschaft seines Clubs abgetaucht.

Der Blick in den Kalender, die Tatsache das Watson heute den Brief erneut zu Hand nahm, als das deutete auf ein Treffen mit jenem Gentleman hin.

Bevor Watson von seinem Brief aufblicken und Holmes forschenden Augen auf sich ruhen sehen konnte, begann dieser wieder zu essen.

John nahm das gespielte Desinteresse von Sherlock gar nicht war. Als der Brief geendet hatte, steckte er ihn wieder in das Kuvert und legte alles zurück zu seinen Unterlagen. Den Schlüssel umgedreht und eingesteckt, ging er wieder Richtung Tisch an dem sein Freund für ihn unverändert saß und Toast und Spiegeleier neben seiner Morgenlektüre verspeiste.

Holmes sah seinen Freund aus den Augenwinkeln auf den Tisch zukommen und wollte wie beiläufig auf einen Bericht in der Times hinweisen. Aber als er von seiner Zeitung aufblickte sah er Watson nach Hut und Mantel greifen.

„Wohin so früh am Morgen?“ erkundigte er sich und versuchte seine Überraschung aufgrund von Watsons wirklich ungewöhnlichen Verhalten zu überspielen.

Aber er sollte keine Antwort auf diese Frage erhalten. John schien in Gedanken versunken, er schenkte seiner Umgebung keine Aufmerksamkeit und das Lächeln mit dem er den Raum betreten hatte, begleitete dein Doktor auch wieder hinaus.

Ein völlig verwirrter und mit jeder verstreichenden Sekunde wütender werdende Holmes blieb zurück.

Kapitel 2.
 

Kurz nach Watsons eigentümlichen Verschwinden hatte Holmes mit dem Gedanken gespielt, dem Ganzen auf den Grund zu gehen indem er den Brief, offensichtlicher Auslöser des Problems, an sich brachte und las. Nach einigen Minuten des konzentrierten Überdenkens verwarf er diese Idee als Vertrauensbruch und beschloss sich in Geduld zu üben. Eine Übung die er zu beherrschen gelernt hatte und die für jeden Detektiv unerlässlich war. Fest davon überzeugt, für Watsons Verhalten über kurz oder lang von eben diesem einen entscheidenden Hinweis oder gar die Erklärung ganz ohne Anstrengung geliefert zu bekommen.
 

Nach drei weiteren Tagen, in denen sich Watsons abweisende Art kaum gebessert hatte, traf ein Telegramm ein. Holmes der inzwischen gereizt auf Watsons gute Laune und mangelnde Kommunikationsbereitschaft reagierte, erhoffte sich neue Fakten aus der Ankunft des gelblichen Blatt Papiers. Bis jetzt hatte er noch jedes von Watsons Geheimnissen heraus bekommen, sofern er dies gewollt hatte, und so leicht würde er auch diese Mal nicht aufgeben. Zwar benahm sich der Doktor nicht, als würde er etwas verbergen aber dennoch, Sherlocks scharfe Sinne hatten selbst die subtilsten Änderungen von Watsons Benehmen erfasst.

Schauspielerisch begabt wie er war, setzte er eine desinteressierte Miene auf, als Mrs. Hudson das Telegram an Watson übergab. Dankend nahm dieser das Papier entgegen und mit einem Lächeln und einem höflichen: „Nein, keine Antwort. Besten dank Mrs. Hudson“, verschwand die Haushälterin.

„Und?“ fragte Holmes im beiläufigen Plauderton und sah gespielt gelangweilt von seiner Zeitung auf. „Arbeit?“

Watson reagierte nicht sofort. Mit dem allgegenwärtigen Lächeln auf seinen Lippen überflog er das Telegramm mehrmals, bevor er es in die Innentasche seines Jacketts steckte.

„Ja, Arbeit Holmes“, meinte er nur und erwiderte den Blick seines Freundes, welcher ihm am Kamin gegenüber saß.

Um sich ja nichts anmerken zu lassen zuckte Holmes mit den Schultern und widmete sich wieder seiner Zeitung. „Dann werden Sie wohl von Ihrem Patienten gebraucht, schade. Ich hätte gehofft Sie würden mich zu einem Klienten begleiten, der uns ein höchst faszinierendes, kleines Rätsel um einen verschwundenen Küchenjungen schildern möchte. Aber wenn Sie bereits anderwärtig gebraucht werden…“

Holmes lies den Satz gewollt offen und spähte über den Rand der Zeigung hinweg zu Watson. Dieser blickte nachdenklich aus dem Fenster und am Anfang erschien es dem Detektiv so, als hätte der Doktor ihm gar nicht zugehört. Ärger quoll in Holmes auf. Er hatte es wieder nicht geschafft Watson auch nur die kleinste, vernünftige Reaktion zu entlocken. Was war nur los mit seinem alten Freund?
 

Nicht eine Sekunde glaubte Sherlock daran, dass Arbeit und ein Patent mit des Doktors seltsamen Verhalten zusammen hingen. Nein es steckte definitiv mehr dahinter, als er aufgrund der wenigen Fakten erkennen konnte. John war stets ein treuer Begleiter auf all seien Fällen gewesen. Hatte stets sein Interesse kundgetan, wann immer Holmes ein neues Rätsel zugetragen wurde und jetzt, jetzt hatte Holmes ihn mit einem eben jener Fälle locken wollen und sein Freund reagierte nicht einmal darauf. Zugegeben, der Auftrag welchen er eben erwähnt hatte, war frei erfunden aber das war nicht der springende Punkt.

Nicht nur der Mangel am Interesse gegenüber eines neuen Auftrags, den sie beide übernehmen könnten störte Holmes gewaltig. Nein, vielmehr war es die Tatsache das Watson offensichtlich keinen Wert mehr auf seine Gesellschaft legte und auch wenn er versuchte dies zu verdrängen, tief in seinem Inneren fühlte er sich verletzt. Niemals hätte Sherlock Holmes das zugegeben aber es lies sich einfach nicht leugnen. Die Anwesenheit seines Freundes, dessen hilfreiche Art und stete Sorge um das Wohlergehen von Holmes, all das war zu einem Teil seines Lebens geworden. John Watson war ihm der wichtigste Mensch auf Erden, ein Teil seines Lebens um nicht zu sagen der wichtigste Teil und nun schien er ihn auf unerklärliche weiße zu verlieren.
 

„Holmes? Holmes!“

So in seinen Gedanken gefangen, hatte Holmes erst reagiert, als Watson lautstark seinen Namen nannte.

Um diesen Patzer der Unkonzentriertheit schnell wieder wett zu machen und seinem Freund weder Grund für Sticheleien oder Angriffsfläche für fürsorgliche Fragen zu liefern, klappte er die Zeitung zu und sah John durchdringend an.

„Ich hab Sie beim ersten Mal verstanden lieber Doktor. Kein Grund laut zu werden.“

Watson war die seltsam gedehnte Betonung des Wortes Doktor nicht aufgefallen und auch das Holmes seine aufgewühlten Gedanken schwerlich ganz zu übersielen vermochte, merkte er nicht. Er war viel zu weit weg mit seinen eigenen Gedanken um zu merken, welch unterbewussten Schmerz er seinem Freund bereitete. Etwas was unter normalen umständen nie vorgekommen wäre und Holmes wieder zurück zum eigentlichen Thema brachte.

Watson

Watson der kaum mehr mit ihm redete.

Watson der immer öfter verschwand ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

Watson der sich nicht mehr für ihre gemeinsamen Fälle interessierte.

Watson der einfach aus seinem Leben zu verschwinden schien…
 

„Ich wollte Ihnen auch nur mitteilen, dass ich jetzt ein wenig spazieren gehen werde“, holte die Stimme des Doktors, Holmes ein weiteres Mal ins hier und jetzt zurück.

„Spazieren?“ erkundigte sich Holmes mehr aus Reflex heraus, denn aus wahrem Interesse.

„Ja, spazieren“, wiederholte John erneut und erhob sich aus seinem Sessel.

Gespannt wartete der Detektiv und vergrub sein Gesicht wieder hinter seiner Zeitung. Jetzt würde bestimmt gleich eine Aufforderung des Doktors erfolgen, Holmes möge ihn doch begleiten. Daraus würde ein Monolog über die schlechten Angewohnheiten des Detektivs entstehen und letzten Endes würde sich Holmes bereit erklären und seinen Freund begleiten.

Um bei der Wahrheit zu bleiben, er brauchte niemals irgendwelchen Zuspruch um Watson zu begleiten. Er genoss lediglich den Austausch ihrer Sticheleien und die Führsorge die in Watsons Stimme und seinen warmen Augen zu lesen war.

Das zuschlagen ihrer Wohnungstür überraschte Sherlock. Erschrocken knüllte die Zeitung zusammen und tatsächlich, Watson hatte sich angezogen und war ohne ein weiteres Wort aus ihrer gemeinsamen Wohnung verschwunden.
 

Es dauerte einige Minuten bis Sherlock sich wieder gesammelt hatte. Johns Verhalten verletzte ihn zutiefst und sein Freund schien dies nicht einmal zu bemerken. In seinem Hals bildete sich ein verräterischer Klos. Wollte Watson wirklich keine Zeit mehr mit ihm verbringen? Hatte er seinem Freund etwas getan? Ihn verletzt oder gar beleidigt? Oder…oder war es John Watson nach so vielen Jahren Leid, mit ihm zusammen zu Leben? Hatte er ihn wie so viele andere Menschen mit seiner Art auf die Dauer vergrault?

Seine Finger verkrampften sich in den Überresten der Times. Zorn und Ehrgeiz quollen gleichzeitig ihn ihm empor. Er warf die zerknüllte Zeitung achtlos auf den Boden, schnappte sich Hut und Mantel und eilte entschlossen die Treppe hinab.
 

Während er auf die Straße lief und sich unter das rege Gedränge mischte, überlegte er welchen Weg Watson wohl eingeschlagen hatte. So verträumt wie der Gute in letzter Zeit wirkte, würde er wohl den kürzesten Weg zum See des Regents’s Park wählen.

Die sommerlichen Temperaturen trieben viele Menschen aus den Häusern, hinaus auf die belebten Straßen und in die großzügigen Parks. Von ihrer Wohnung aus betrug der Fußweg zum Park nicht mehr als 8 Minuten und Holmes eilte mit großen Schritten durch die Menge.

Schnatternde Frauen mit kleinen Kindern an der Hand, geschäftige Herren in teuren Anzügen, fahrende Händler und Arbeiter tummelten sich auf dem breiten Outer Circle. Doch Sherlock nahm keine Notiz von ihnen. Seine Augen suchten nach nur einer bestimmten Person und er kannte Watsons Routen gut genug, um seinen Freund einzuholen.
 

Und da war er auch schon. Kaum war Holmes den mit Kieselsteinen aufgeschütteten Parkweg nach rechts gefolgt und am Teich links abgebogen, konnte er Watsons vertraute Gestallt erblicken.

Dieser stand an einen alten Eichenbaum gelehnt da und blickte auf die kleinen Bote die auf dem Sonnenverwöhnten See dahin trieben.
 

Langsam und vorsichtig, ganz in seinem Element, ganz der große Detektiv, näherte er sich seinem Freund. Dieser pfiff eine fröhliche Melodie in den Wind und blickte ein paar Enten nach, die sich Quakend um die Brotkrumen eines kleinen Jungen zankten.
 

Holmes ließ sich auf der Gegenseite des Eichenstammes im weichen Gras nieder und dachte nach. Er hatte irgendwie erwartet Watson bei etwas zu ertappen. Bei einem Geheimnis welches sein merkwürdig, verschlossenes Verhalten rechtfertigte und was hatte er gefunden? Eine pfeifenden Watson im Park, der vergnügt die jungen Pärchen zu beobachten schien und…
 

Pärchen? Genau, wie konnte er nur so dumm sein?! Das war des Rätsels Lösung! Der Doktor war verliebt...verliebt…

Holmes konnte es nicht fassen. Das erkläre zwar alles und der Fall war damit gelöst doch seine Probleme schienen an diesem Punkt erst zu beginnen. Wenn John eine neue Frau kennen gelernt hatte, dann würde er sie Heiraten, er würde erneut ausziehen und sein Leben mit Holmes aufgeben. Er wäre wieder allein und müsste sich mit dem zweiten Platz in Watsons Leben begnügen. Und doch sehnte er sich so sehr danach für immer die Nummer Eins zu sein, seinen Watson mit niemandem teilen zu müssen…

Tiefe Trauer ergriff ihn und die nächste halbe Stunde saß er wie ein Häufchen Elend im Graß und lauschte Watsons leise gepfiffener Melodie.

Als der erste Kummer verflogen war, kam die Wut zurück. Er würde John darauf ansprechen, würde ihm sagen, dass er ihn nicht einfach so verlassen konnte. Nicht noch einmal und nicht wegen einer Frau!

Mit diesem Gedanken richtete er seine lange, hagere Gestallt auf und schritt mit hängenden Schultern zurück zur Baker Street.

Kapitel 3.
 

Holmes Laune hatte ein Rekordtief erreicht. Ohne Rast eilte er im Zimmer auf und ab, scheuchte Mrs. Hudson lautstark hinaus, als sie ihm Tee bringen wollte und irgendwann übermannt von Wut und Verzweiflung, ging er zu seinem Schreibtisch.

In der obersten Schublade waren in den weichen, roten Samt eines kleinen Kästchens gebettet, eine Spritze und ein kleines Glasfläschchen. Sein letzter Ausweg wann immer er der Welt zu entfliehen wünschte.

Ohne lange zu überlegen und mit geschickten Fingern griff er nach der Spritze und bereitete sie auf ihren neuerlichen Dienst vor. Dann fuhr er sachte mit den Fingerkuppen über das kleine Fläschchen. Noch immer in seinem Bett aus rotem Samt ruhend, hielt er einen letzten Moment inne.

Würde er jetzt zum Kokain greifen, könnte er zwar der Realität entfliehen aber er würde auch einen Streit mit Watson kaum verhindern können. Dieser war zu gut geschult darin, mitunter sein Verdienst, seinen Drogenkonsum sofort zu erkennen und natürlich auch zu verdammen.

Aber würde Watson mit ihm Streiten, dann wäre das besser als wenn er wie so oft in letzter Zeit gar nicht mit ihm redete.

Ein Lächeln stahl sich auf Sherlocks Lippen, als er nach dem Kokain-Fläschchen griff. Jetzt würde der Doktor einfach reagieren müssen.

Er drehte die kleine Flasche kurz zwischen seinen Fingern und sein Lächeln erstarb umgehend, als ihm sein Dilemma klar wurde. Das Kokain war verbraucht und seine eisernen Reserven noch nicht nachgefüllt. Er hatte in der letzen Zeit einfach zuviel Energie in die Aufdeckung von Watsons Geheimnis gesteckt. Im Nachhinein könnte er sich dafür Ohrfeigen. Einerseits weil der liebe Doktor gar kein Geheimnis hütete, andererseits weil er seine höchst eigenen Bedürfnisse nicht rechtzeitig vorausgesehen hatte.
 

Und an allem war John H. Watson Schuld! Schuldig im Sinne einer jeden von Sherlocks Anklagen.

Oder war es diese Frau? Ja, genau! Sie war an allem Schuld! Sie ruinierte ihr gemütliches Beisammensein und zerrte John mit ihren weiblichen Reizen aus seiner Welt, hinein in die Ihre und das nahm er ihr übel. Dazu musste er sie noch nicht einmal kennen. Er hasste sie aus Prinzip heraus und schließlich sprachen ihre Taten ja Bände!

Sie stahl ihm seinen Watson und jetzt war nicht einmal genügend Kokain da, um sich vor diesen Gefühlen zu verstecken. Er wollte John nicht von sich fort gehen sehn. Er wollte bei ihm sein und das war in mehrerer Hinsicht unrecht und gefährlich.

Er konnte und wollte Johns Glück nicht im Wege stehen. Schließlich waren sie Freunde und einem Freund wünscht man nur das Beste.

Aber tief in seinem Inneren wünschte er sich nichts mehr als das Beste für John zu sein. Der Einzige, der den er…

Nein, rief er sich selbst zu Ordnung.

In diese Richtung dürfen deine Gedanken nicht wandern!

Und wieder hasste er die Frau, hasste sie für all die schrecklichen Gefühle mit denen er sich abmühen musste und er hasste sie für das leere Fläschchen Kokain.
 

Seinem sensiblen Gehör entging das ferne zu schlagen der Haustüre nicht. Unregelmäßigen Schrittes kam der Jemand die Treppe herauf und mit dem gleichen glücklichen Gesichtausdruck, den Sherlock schon im Park gesehen hatte, betrat John Watson ihr Wohnzimmer.

„Offensichtlich hat der kleine Spaziergang Ihrem Bein nicht gut behagt?“ sagte Holmes bitter und machte sich gar nicht erst die Mühe Mitleid zu heucheln.
 

John sah seinen Freund am Schreibtisch sitzen und sein Blick viel auf die geöffnete oberste Schublade. Das unsägliche Kästchen welches Holmes Spritze und Kokain beinhaltete, lag geöffnet auf der glatten Schreibtischplatte und sein Freund machte sich nicht einmal die Mühe beides zu verbergen.

Mit einem Kopfschütteln hängte Watson Hut und Mantel auf und trat hinter Sherlock.

„Warum fällt Ihnen nichts Besseres zur Beschäftigung Ihres brillanten Geistes ein, als sich Kokain zu injizieren. Welches wie ich erneut anmerken möchte, eben jenen brillanten Geist irgendwann zerstören wird. Holmes!“ rief er aus, und griff nach der Schulter seines Freundes.
 

Dieser stand auf, drehte sich langsam zu Watson um. Stumm musterten sie sich beide. John war schnell klar, das Sherlock sich das Gift noch nicht injiziert hatte und Sherlock merkte nicht ganz unzufrieden, das der Doktor sein ewig währendes Lächeln aufgegeben hatte.

So standen sie noch einen Augenblick in Schweigen gehüllt da, bis Holmes sich seinem ganzen, aufgestauten Ärger Luft verschaffte.

„Warum interessiert es Sie plötzlich was ich tue? In den letzen Tagen haben Sie kaum Notiz von mir genommen und nur mit mir geredet, wenn ich Sie dazu genötigt habe. Also verraten Sie mir, warum gerade jetzt Ihr reges Interesse?“
 

John schluckte. Sherlocks Vorwürfe mochten durchaus stimmen. Er hatte sich seinem Freund gegenüber in letzter Zeit nicht sehr fair verhalten, jedoch ohne dies wirklich zu realisieren. Aber das gab diesem noch lange kein Recht, ihm so etwas an den Kopf zu werfen.

„Ich sorge mich stets um Ihre Gesundheit, Holmes. Seit dem Tag an dem ich Ihre Neigung zur Selbstzerstörung erkannt habe. Und was Ihre anderen Vorwürfe betrifft, Sie sind nun mal nicht der einzige Mensch in meinem Leben!“

Etwas lauter als beabsichtigt war ihm der letzte Teil herausgerutscht. Er wollte Holmes nicht verletzen. Er wollte doch einfach nur ein wenig glücklich sein, war das so schwer zu verstehen?

John senkte den Blick, durchbrach die sonderbare Nähe dieser Situation und suchte nach den Richtigen Worten um die Wogen zwischen ihnen wieder zu glätten
 

Doch Holmes war mitten drin in seiner Wut und dachte gar nicht daran jetzt aufzuhören. Er gab Watson gar nicht erst die Chance einen Schlichtungsversuch zu starten.

„Wenn Sie neben mir noch andere Gesellschaft suchen, gehen Sie doch in Ihren Club. Aber wer gibt Ihnen das Recht so grausam zu sein und mich gänzlich zu ignorieren? Sind Sie meiner Gesellschaft überdrüssig und werfen sich stattdessen lieber in die Arme einer Frau? Sagen Sie mir Watson, sind sie wirklich ein frisch Verliebter oder suchen Sie nur ein billiges Vergnügen?“
 

Der Satz verfehlte seine Wirkung nicht. Langsam Sickerten diese von Wut angefüllten Worte in Johns Geist und ließen ihn vor Schreck zurück taumeln. Es dauerte bis er sich wieder fing und als er zu seinem Freund sah, der mit wütender Miene und voll Zorn funkelnder Augen auf ihn Starrte, überkam es ihn einfach.
 

Die Ohrfeige klatschte in die Stille hinein und noch ehe sich die Beiden der Situation zur Gänze bewusst wurden, bereuten sie beide ihr Verhalten bereits.

Keiner von ihnen wünschte den Anderen zu verletzen. Wie um alles in der Welt hatte dieses Gespräch nur so ausarten können? Doch sie hatten beide einfach nur ihren Gefühlen nachgegeben. Was gesagt worden war, war auch so gemeint gewesen.
 

Holmes fand als erstes seine Sprache wieder. Vorwurfsvoll hätten die nächsten Worte klingen sollen, doch es schwang eher Unsicherheit und Verletzlichkeit in seiner Stimme mit. „Verraten Sie mir, sind Sie verliebt? Haben Sie vor zu heiraten und auszuziehen? Bin ich nur wieder Ihr Wohnpartner geworden, weil keine Frau da war die Ihr Interesse geweckt hätte?“
 

„Holmes…“ begann der Doktor mit zitternder Stimme. Seine Wut war noch nicht verebbt und er wollte nicht noch einmal die Kontrolle über sich verlieren. Doch Holmes hörte nicht auf, er stocherte weiter. Konnte er es nicht einfach gut sein lassen?
 

Der Detektiv schnaubte, Watsons Reaktionen auf seine Frage waren ihm Antwort genug. „Dann gehen Sie zu ihr und lassen Sie mich in Ruhe.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und ging zum Fenster. Das Treiben auf der Straße interessierte ihn nicht, aber er brauchte Zeit seine eigenen, aufgewühlten Gedanken zu ordnen.
 

„Holmes Sie missverstehen das alles!“

Johns Stimme klang scharf und Holmes dachte gar nicht daran sich wieder zu seinem Freund umzudrehen. Er hatte alles gesagt und wollte dieses Thema nicht weiter vertiefen. Er wollte einfach nur in Ruhe sein Innerstes beruhigen und die Gedanken der Trauer im Keim ersticken.

„Sie irren sich, da ist keine Frau. Ich will nicht ausziehen und an eine erneute Heirat denke ich auch nicht! Hören Sie mir zu? Sie irren sich!“
 

„Ich irre mich?!“ Mit erneut entflammter Wut drehte sich die hagere Gestallt des Detektivs zu seinem Mitbewohner um. „Sie sind nicht verliebt?“ rief er immer noch aufgebracht. Ihm war es egal was Mrs. Hudson von diesem Gespräch mit bekam, er fühle sich verletzt und verraten und dies wollte er den Doktor jetzt spüren lassen. „Sie Essen kaum noch, summen und lächeln den ganzen Tag vor sich hin. Sind oft Stundenlang weg ohne eine Nachricht zu hinterlassen und schienen mit Ihren Gedanken immer ganz wo anders zu sein! So benimmt sich nur ein frisch verliebter Narr!“
 

„Sie irren sich! Da gibt es niemanden! Ich bin nicht verliebt und ich wünsche nicht noch einmal von Ihnen derart verhört zu werden, Holmes! Wir setzen dieses Gespräch nicht fort und ich werde auch erst wieder mit Ihnen reden, wenn sie sich wie ein normaler Mensch verhalten!“

Mit diesen Worten drehte Watson sich um, nahm im vorbeigehen Hut und Mantel und verließ die Wohnung mit immer noch hinkenden Schritten.

Kapitel 4.
 

Holmes stand wieder am Fenster und sah seinem Freund hinterher, als dieser die Baker Street entlang eilte. Nach einer Biegung verschwand Watson aus seinem Blickfeld und resigniert lies Sherlock sich zurück in seinen Sessel fallen.

Er versuchte die Ereignisse vor seinem geistigen Auge zu rekonstruieren. Wann war ihm das Gespräch entglitten? Wo hatte er den Faden verloren und die Wut sein Denken und Handeln übernommen? Er vermochte es nicht zu sagen. Aber seine von Watsons Schlag brennende Wange zeigte ihm deutlich wie viel in diesen wenigen Minuten zwischen ihnen falsch gelaufen war.

Hatte er nicht ursprünglich Angst davor gehabt Watson zu verlieren? Wie hatte er diesen Grundgedanken vergessen können? Alles hatte sich um Watson gedreht der ihn verlassen könnte und jetzt hatte er ihn förmlich aus dem Haus getrieben. Alles nur wegen einer Frau die offensichtlich nicht existierte. Zumindest behauptete das der gute Doktor.

Doch welchen Grund sollte er haben zu Lügen oder eine Beziehung zu leugnen? Das alles ergab für den Detektiv keinerlei Sinn.

Alle Anzeichen sprachen für Holmes Theorie aber wenn Watson verliebt war, warum gab er es nicht einfach zu? Warum leugnete er die Existenz einer Frau in seinem Leben?

Warum hatte er auf diese simple Frage so überreagiert? Gut, sie waren zwar befreundet und vielleicht ging es Holmes nichts an, ob sich Watson mit einer Frau traf oder nicht. Trotzdem wurde Sherlock den Gedanken nicht los, dass sein Freund nicht wegen einem Eingriff in dessen Privatsphäre so aggressiv reagiert hatte, sonder weil er sich aus unerklärlichen Gründen bedroht fühlte.

Aber warum nur? Holmes würde ihm nie eine Frau abwerben und John wusste das. Also wo lag der Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels.

Sherlock seufzte, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und überlegte was er jetzt tun konnte.
 

Sich entschuldigen? Sollte er wohl, andererseits wusste er nicht recht wofür. Er war wütend gewesen, er hatte vieles Gesagt ohne seine Worte mit bedacht zu wählen, aber was genau falsch gelaufen war verstand er nicht.

Wenn eine Entschuldigung ausfiel, was dann? Es einfach auf sich beruhen lassen und hoffen Watson würde dasselbe tun? Nein, Watson ignorierte solch emotionale Ausbrüche nicht einfach. Wie kam er bloß aus dieser verzwickten Lage heraus?

Sherlock seufzte erneut, lehnte sich in seinem Sessel zurück und griff nach seiner Pfeife. Vielleicht war ja auch das Problem mit Watson nicht mehr als ein übliches Drei-Pfeifen-Problem.
 

~*~*~*~
 

Den Schmerz in seinem Bein ignorierend stapfte Watson von Dannen. Er verließ die Baker Street ohne ein Ziel vor Augen. Im Augenblick wollte er lediglich Abstand zwischen sich und Holmes bringen.

Während er so durch die Straßen ging, umgeben von all den Herrlichkeiten des Sommers dachte er über den Streit nach. Das war zwar nicht der erste Zwist gewesen, den er mit Holmes ausgetragen hatte, aber mit Abstand der schlimmste.

Seine Wut war fast zur Gänze verebbt und machte seinem Schamgefühl Platz. Wie hatte er Holmes nur schlagen können? Er wusste es nicht. Alles was er wusste war, dass er seinem Freund wohl nicht mehr unter die Augen treten könnte. Nicht so, nicht ohne einer angemessenen Entschuldigung. Aber wofür sollte er sich entschuldigen? Holmes hatte angefangen, hatte ihm Dinge unterstellt die nicht stimmten…oder wollte er nur dass das alles nicht stimmte? War er dabei sich zu verlieben? Nein, nein das durfte nicht geschehen, das konnte nicht sein!

Diesen Gedanken verdrängend, ging er weiter.
 

Unter einem großen Baum ließ er sich auf eine Bank nieder. Im Schatten der majestätischen Weide schloss er seine Augen. Der sanfte Wind spielte mit den Blättern des Baumes und trug süße Düfte mit sich. Doch die Freude über den schönen, milden Sommer war John gehörig vergangen.

Vor wenigen Minuten erst war er von einem Spaziergang zurückgekehrt, war guter Laune und frohen Mutes gewesen und dann war der Streit gekommen. Sein friedliches Leben zusammen mit dem großen Detektiv schien in weit verschwommene Entfernung gerückt zu sein.
 

Was sollte er jetzt nur tun? Wenn er sich nicht entschuldigen konnte, sollte er einfach ignorieren was zwischen ihnen vorgefallen war? Holmes war diese Idee sicher schon gekommen und vielleicht war er auch in der Lage dazu. Nein, wie könnte er nach all dem einfach wieder nach Hause gehen und weiter machen so als wäre nichts geschehen?

Nur was sollte er sonst tun? Gab es noch eine andere Lösung? Warum war er auch so wütend auf Holmes geworden?

Sonst fühlte er sich doch meist geschmeichelt, wenn der große Detektiv ihm gegenüber so Besitz ergreifend war. Wann immer eine Frau ihr beider Junggesellendasein gefährlich nahe kam, reagierte Sherlock wie eine eifersüchtige Maitresse. Konnte John wirklich behaupten ihm missfiele dieses Verhalten seines Freundes? Genoss er nicht insgeheim jeden dieser Momente? Ja, denn sie bedeuteten ihm viel, mehr als gut für ihn war. In diesen seltenen Momenten schien Holmes so viel für ihn zu empfinden und doch…

Nein, ein ganz klares nein. John rief sich zur Ordnung. Er hatte nichts falsch gemacht, konnte sich den Streit nicht vorwerfen und ja, er hatte sich gehen lassen und ein klein wenig überreagiert. Sollte sich der großartige Sherlock Holmes zu einer Entschuldigung hinreißen lassen, so würde er sich ebenfalls entschuldigen. Aber solang er nicht wusste was genau den Streit zwischen ihnen verursacht hatte, wollte er so tun, als wäre nichts geschehen.

Genau, mit diesen Gedanken erhob sich John und schlenderte wieder zurück in Richtung Baker Street.
 

Auch wenn die Stimmung zwischen ihnen gedrückt sein würde, sein Entschluss stand fest! Einfach so tun als wäre nichts gewesen und abwarten…
 

~*~*~*~
 

Holmes klopfte seine Pfeife am Kamingitter aus, griff in den persischen Pantoffel und stopfte sie erneut mit Shag Tabak. Der Pfeifenrauch hing wie Nebel im Wohnzimmer und umwaberte den Detektiv als stecke Leben in dem dichten Qualm.

Doch trotz des beruhigenden Pfeifenrauchens brachte es ihn dieses Mal keinen Schritt weiter an eine Lösung. Watson war kein Fall der allein mit logischem Denken zu durchschauen war. Ganz im Gegenteil, John Watson war ein emotionaler Mensch, der sich mehr von Gefühlen beeinflussen ließ als von reiner Logik und damit hatte er Sherlock schon das ein ums andere Mal verblüfft. Also wenn des Doktors Beweggründe nicht rationalen Mustern folgten, wie konnte er dessen Reaktion dann analisieren?

Nein, all das brachte ihn nicht weiter, es frustrierte ihn nur. Watsons künftiges Benehmen erahnen zu wollen, lag nicht in seiner Macht. Er würde sich eher spontan darauf einstellen. Dafür kannte er seinen Freund gut genug und konnte in dessen Gestik und Mimik genug herauslesen um passend reagieren zu können.

Dennoch war ihm der Grundgedanke seiner Grüblerei nicht entfallen. Viel wichtiger als die Frage wie Watsons reagieren würde, wenn sie später wieder aufeinander trafen war die Frage, was hatte zu dem Streit geführt. Holmes wusste um dieses Rätsel zu lösen müsste er konsequent ehrlich zu sich selbst sein. Dafür müsste er ergründen, warum es ihn so schwer viel Watson sein Leben einfach leben zu lassen. Wollte er nur seinen besten Freund nicht verlieren oder…

Nein, ein ganz klares nein. Nicht in diese Richtung, Stopp.

Sherlock rief sich zur Ordnung. Da gab es nichts was er falsch gemacht hatte, er konnte sich den Streit nicht wirklich vorwerfen. Gut, er hatte sich gehen lassen und ein klein wenig überreagiert. Aber Watson hatte ihn schließlich geohrfeigt! Das konnte und wollte er nicht einfach vergessen! Aber sollte sich der liebenswerte Doktor zu einer Entschuldigung hinreißen lassen, so würde sie annehmen und sich ebenfalls entschuldigen. Aber solang er nicht wusste was genau den Streit zwischen ihnen verursacht hatte, wollte er so tun als wäre nichts geschehen. Genau!

Kaum war dies gedacht, hörte er auch schon die Haustüre und unregelmäßige Schritte auf der Treppe.
 

Auch wenn die Stimmung zwischen ihnen gedrückt sein würde, sein Entschluss stand fest! Einfach so tun als wäre nichts gewesen und abwarten…

Kapitel 5.
 

Watson betrat stumm das gemeinsame Wohnzimmer. Der dichte Qualm von Holmes Pfeife war stets ein Streitpunkt gewesen doch dieses Mal sagte der Doktor nichts. Er hängte Hut und Mantel auf, ging zum Fenster und öffnete es. Der Tag war warm und der Frühling wurde bereits mit großen Schritten vom Sommer überholt.
 

Rechtzeitig bevor der Doktor eintrat, hatte sich Holmes hinter einer Zeitung versteckt. Jetzt sah er am Zeitungsrand vorbei auf seinen Freund. Dieser hatte keinen Ton über das verrauchte Zimmer verloren, sondern öffnete kommentarlos ein Fenster. Da stand er nun, betrachtete die belebte Straße unter sich und schien keinen versöhnlichen Schritt in angriff zu nehmen.

Gut, dachte Holmes, dann schweigen wir. Ich werde nicht der erste sein der sich entschuldigt und ich werde auch nicht darum betteln. Schweigen liegt mir viel mehr als dir. Du wirst schon sehen!
 

Von dem Detektiv war hinter seiner Zeitung nichts zu sehen. Watson hörte ihn geräuschvoll umblättern, aber ansonsten kam keine Reaktion. Neuerliche Rauchschwaden stiegen hinter der Times auf. Falls Holmes ein schlechtes Gewissen aufgrund des von ihm angezettelten Streits hatte, so vermochte John nichts davon zu beobachten.

Schön, Sherlock wollte Schweigen, das konnte er auch.

Hab ich es doch gewusst, grummelte John in Gedanken vor sich hin. Er würde so tun, als wäre nichts geschehen nur um mit mir nicht darüber reden zu müssen. Der großartige Detektiv, brillant und redegewandt fürchtet eine emotionale Konversation. Bitte, dann halt nicht!
 

Demonstrativ holte Watson ein Buch und setzte sich in seinen Sessel, Holmes gegenüber. Keiner der Beiden sah auch nur einmal auf. Stur konzentrierten sie sich auf den Lesestoff, von dem keiner etwas im Gedächtnis behielt. Es ging auch nichts ums Lesen, nicht in diesem Moment. Es war viel mehr ein Kräftemessen. Wer würde als erstes kapitulieren? Würde Schuld und Niederlage eingestehen und sich entschuldigen?
 

Als der Abend dämmerte, kam Mrs. Hudson ins Zimmer und fand ihre zwei Mieter versunken ihn Bücher und alten Zeitungen. Fast erinnerte dieses Szenario an einen gewöhnlichen Abend, doch die alte Haushälterin wusste es besser. Selbstredend war ihr der Streit nicht entgangen, den sie, das versteht sich von selbst, nicht belauscht hatte! Aber er war nur schwerlich zu überhören gewesen, auch wenn nur hin und wieder ein einzelnes Wort klar zu verstehen gewesen war.

„Möchten die Gentlemen Abendessen?“ erkundigte sie sich im höflichen Ton.
 

John lies sein Buch sinken und sah gekonnt an Holmes vorbei direkt auf die Wirtin. „Danke für mich nicht Mrs. Hudson. Ich werde den Abend in meinem Club verbringen.“ Damit erhob sich der Doktor als hätte er nur auf diese Unterbrechung ihres stummen Streits gewartet, um sich zurückzuziehen.
 

„Was ist mit Ihnen Mr. Holmes? Haben Sie Hunger?“

Nicht das Mrs. Hudson nach all den Jahren noch hoffte, die ungesunde Lebensweise ihres Mieters könnte sich je ändern. Sie fragte aus reiner Höflichkeit und schwerlich hätte sie ihre Sympathie für den Detektiv, - den wohl eigenartigsten Mieter Londons - verbergen können, der schon seit vielen Jahren unter ihrem Dach lebte. Auch den gutmütigen Dr. Watson hatte sie schnell in ihr Herz geschlossen und auch wenn sie das alles nichts anging, ein Bruch dieser außergewöhnlichen Freundschaft der beiden Männer würde sie schmerzlich treffen.
 

„Danke Mrs. Hudson, ein kräftiges Abendessen wäre mir recht.“

Verwundert sah die Angesprochene erst den Detektiv an, dann den Doktor. Holmes hatte seine Zeitung nicht sinken lassen, verbarg sein siegreiches Lächeln und wartete. Er wollte die Worte kurz wirken lassen. Dann senkte er die Times, unterdrückte sein Lächeln und sah mit betont gelangweiter Mine auf Mrs. Hudson.

„Ich werde Morgen das Haus zeitig verlassen und wer weiß wann ich das nächste Mal Zeit finde, etwas zu essen. Man kann nie wissen was ein neuer Fall alles mit sich bringt.“

Nach dieser Erklärung hob er die Zeitung wieder vor sein Gesicht und begann erneut zu lächeln.
 

„Gut“, sagte Mrs. Hudson nachdem sie die Situation zwischen ihren Mietern noch eine Weile beobachtet hatte. Was auch immer Grund für den Streit gewesen war, Mr. Holmes würde morgen alleine los ziehen und Dr. Watson ignorierte dies Gewissenhaft.

„Ich bringe das Essen in einer Stunde, Mr. Holmes. Dr. Watson, Ihnen einen schönen Abend.“
 

Kaum hatte die Wirtin das Wohnzimmer verlassen und war in die Küche getreten, da hörte sie auch schon die Schritte des Doktors auf der Treppe. Die Haustüre ging auf, viel zu und leise seufzend wandte sie sich dem Herd zu.
 

Holmes dagegen lächelte noch immer gewinnend. Er hatte die Zeitung endlich zu Boden geworfen, denn schon seit Stunden konnte er ihr nichts Interessantes mehr entnehmen. Wer hätte gedacht, dass der erste Teil seines Plans so reibungslos abgelaufen würde. Wie immer hatte er den guten Watson treffend eingeschätzt und auch Mrs. Hudson hatte ungewollt ihren Teil der Aufgabe erfüllt.

Während Sherlock so getan hatte, als würde er noch immer vertieft in seiner Zeitung lesen, war sein Geist aktiv gewesen, um das weitere Vorgehen zu planen.

Johns Flucht in seinen Club war einberechnet gewesen, genauso wie Mrs. Hudson, die eben jene Flucht eingeleitet hatte. Der Hinweis auf sein morgendliches verschwinden und einen neuen Fall hatte er auch bestens ins Gespräch einfliesen lassen können und somit war alles vorbereitet. Was immer John Watsons Geheimnis war, ob Liebe oder nicht, ab morgen würde der Doktor einen Schatten besitzen und am Ende würde der gute es noch bereuen sich mit Sherlock Holmes angelegt zu haben!

Kapitel 6.
 

Wie angekündigt Frühstückte Watson an nächsten Morgen allein. Im Grunde war es ihm nur recht, denn seinen Freund so konsequent zu ignorieren war keine leichte Aufgabe für ihn.

Er hatte seinen Mitbewohner viel zu gerne um sich, und in Holmes Nähe zu sein und gleichzeitig so zu tun als wären sie einander Fremd missfiel John mehr als er gedacht hätte. Das letzte was er gewollt hätte, wäre ein Bruch ihrer Freundschaft.

John konnte gar nicht anders, er machte sich ernsthaft Sorgen. Besonders jetzt wo er wusste das Holmes sich alleine um einen neuen Fall kümmerte. Wer wusste schon durch welche schmutzige Gasse der Detektiv gerade streifte und welch dubiose Gestallten seinen Weg kreuzten?

John rief sich zu Ordnung und holte einen neuerlichen Nachschlag Eier und Speck. Wenn einer auf sich aufpassen konnte, dann Sherlock Holmes. Er war eine unübertroffene Größe auf seinem Gebiet und war auch bereits vor ihrer Freundschaft bestens allein zurechtgekommen. Warum sich also Sorgen machen?
 

*~*~*
 

„Es geht mich ja nichts an…“ begann Mrs. Hudson, während sie das Geschirr abräumte. John sah von der Times auf, in die er eben noch vertieft war und blickte seine Haushälterin an.

Diese machte einen zerknirschten Eindruck und wusste nicht recht ob sie Weitersprechen oder doch lieber schweigen sollte.

Watson seufzte geräuschvoll, „es geht um den Streit mit Holmes?“ fragte er.

Sie nickte. „Ich weiß es geht mich nichts an und Gott sei mein Zeuge, ich habe nicht gelauscht!“

John winkte ab, „das weiß ich doch“, versicherte er sogleich.

„Aber was auch immer zwischen Ihnen steht, Sie sollten es aus der Welt schaffen. London braucht Sie!“

„Nein da irren Sie, London braucht Holmes, nicht…“

„Sie sind der, der im Irrtum ist“, unterbrach sie ihn. „Denn Sherlock Holmes braucht Sie. Oh glauben Sie mir, es ist so.“

„Holmes kann auf sich selbst aufpassen“, kam es etwas patziger als beabsichtigt von Watsons Seite.

Mrs. Hudson schüttelte den Kopf. „Wie traurig“, grummelte sie und räumte weiter den Tisch ab. „Wo soll das nur enden wenn nicht einmal Sie erkennen…“

Der Rest ihres Satzes blieb ungehört, denn sie war mit dem voll beladenen Tablett scheppernd hinaus auf den Gang getreten.
 

Eine Weile blieb John noch am Tisch sitzen und dachte über das kurze Gespräch mit Mrs. Hudson nach. Als ihn die trüben Gedanken zu übermannen drohten erhob er sich, griff nach seinem Hut, ließ den Mantel heute sein, und ging.

Der Tag war so warm wie der gestrige und bestens für einen Spaziergang geeignet. Aber so recht mochte der laue Wind die trüben Gedanken nicht fort wehen und John schaffte es einfach nicht sich zu entspannen. Als er sich unter einem großen Baum im Park niedergelassen hatte, schweifte sein Blick über das glitzernde Wasser. Unzählige Pärchen flanierten hier entlang und Watson betrachtete sie neidvoll. Dann stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen, dass noch vor wenigen Tagen nicht aus seinem Gesicht zu wischen gewesen war. Ihm fiel endlich wieder ein, was ihm vor dem Streit mit Holmes in solch gute Laune versetzt hatte.

Von einer Hochstimmung getragen verließ er den Park und rief eine Droschke. Ein Fahrer kam mit einem Hansom angefahren, dem ein altes, braunes Ross vorgespannt war. John stieg ein, lehnte sich in den weichen Sitz zurück und nannte dem Fahrer eine Adresse.

Währe er nicht so guter Stimmung gewesen, vielleicht hätte er dann dem Kutscher, welcher ihn zu der genannten Adresse fuhr, mehr Beachtung geschenkt.
 

In einen braunen, abgetragenen Anzug gekleidet, mit Hut und dichten, braunen Bart und einer breiten runden Nase unterschied sich dieser Kutscher nicht sehr von dem Bild seiner Kollegen. Und doch war dieser schmutzige Herr weit mehr als der erste Anschein verriet.

Eins von Holmes vielen Talenten, nebst der Verkleidungskünste war, der Umgang mit sämtlichen Fortbewegungsmitteln der Metropole. Auch der schwer zu handhabende Hansom war kein neues Gefährt, sondern ein alter Freund des Detektivs. Man vermochte als Kutscher mehr zu erfahren als die meisten Menschen glaubten und so war auch Watson ganz ungezwungen zu ihm in den Wagen gestiegen.
 

Er hatte den Doktor unauffällig verfolgt, seit dieser das Haus verlassen hatte. Sein üblicher Weg hatte ich in den Park getrieben. Watson hatte einen grüblerischen Gesichtausdruck gehabt, als er sich unter seinen Lieblingsbaum gesetzt hatte. Jetzt schien er jedoch zu seiner guten Laune zurückgefunden zu haben und das ärgerte Sherlock. Aber andererseits schien es, Watson habe sich wieder auf den Grund seiner einst guten Laune besonnen, die jäh von ihrem gestrigen Streit unterbrochen worden war. Damit befand er sich auf dem richtigen Weg um eben jener guten Laune des Doktors auf den Grund zu gehen und endlich das Geheimnis zu lüften.
 

Sherlock musste zugeben, er war mehr als nur gespannt. Die von Watson genannte Adresse führe sie in eine vornehme Gegen. Langsam wichen die einfachen Häuser den schöneren Bauten und irgendwann gingen die großen Häuser in Villen über.

Natürlich kannte sich Holmes auch in diesem Teil Londons bestens aus, auch wenn er den Häusern keine Namen zuordnen konnte. Wen auch immer sein Freund Watson besuchen wollte, er war eine Persönlichkeit von…

Der Brief. Ja jetzt dämmerte es ihm. Watson hatte einen Brief von einem Sir Thurgood erhalten. Der Kalender, die Uhr, das Treffen. Aber warum versetzte dieser Sir Thurgood Watson in solch gute Laune?
 

Zeit zum weiter Grübeln blieb ihm nicht, denn sie hatten die Adresse erreicht. Holmes zügelte den Braunen und Watson stieg aus. „Hier, der Rest ist für Sie“, sagte er immer noch lächelnd und drückte Holms die Münzen in seine schmutzige Hand. Wie ein dankbarer Kutscher zog Holmes seinen Hut und fuhr eine Straße weiter. Dort drückte er einem Straßenjungen eines der Geldstücke in die Hand.

„Hier, pass auf meinen Wagen auf“, murrte er im schlechten Englisch. „Komm gleich wieder.“

Der Junge schien sichtlich begeistert über diese leichte Tätigkeit und das dafür reichliche Gehalt und blickte dem alten Kutscher nach, während er dem Pferd den Kopf tätschelte.
 

Von dem Tor der Villa aus, konnte man den Hauseingang gerade noch über schön gestutzte Büsche hinweg erkennen. Sherlock reckte so unauffällig wie möglich seinen Kopf. John stand an der Hautüre und wurde von einem jungen Hausdiener eingelassen.

Das Messingschild vor dem Tor wies Besucher darauf hin, dass hier ein Sir Travis Cyril Thurgood lebte. Leider waren keine weiteren brauchbaren Fakten mehr vor dem Tor zu sammeln, also…

„He du, was lungerst du hier vor dem Tor herum?“ Eine wütende Stimme riss Holmes aus seinen Gedanken. Schnell besann er sich wieder auf seine Rolle als alter, ausländischer Kutscher.

Ein Mann kam von innen auf das Tor zu, der Gärtner wie Holmes sofort erkannte.

„Scher dich zum Teufel, Hausierer brauchen wir hier nicht!“

„Bin kein Hausierer“, lallte der alte Kutscher. „Hab hier grad einen Gentleman abgesetzt, hat mich gut bezahlt und da dacht ich mir, könnt doch warten bis er wieder kommt. Vielleicht will er ja zurück Fahren.“

Der Gärtner stand jetzt dicht am Tor und beäugte seinen Gegenüber misstrauisch. Aber die Geschichte welche Holmes ihm aufgetischt hatte, klang Plausibel genug.

„Ich versteh dich ja Alter, aber du kannst hier nicht bleiben. Was soll der gnädige Herr denn von uns denken, wenn wir Gesindel vor seiner Haustür herumlungern lassen. Such dir anderswo anders Kundschaft, der Doktor wird ohnehin nicht so schnell wieder gehen.“ Damit drehte er sich um und ging zurück an seine Arbeit.

Holmes folgte dieser Bitte und ging. Schließlich hatte er doch nützliche Details erfahren. Man kannte Watson hier, wenn sogar der Gärtner wusste, dass er es mit einem Doktor zu tun hatte war Watson hier öfters. Aber warum sollte das für einen Arzt ungewöhnlich sein? Ungewöhnlich war eher die Tatsache, dass Watson einen Patienten am Sonntag aufsuchte und warum ihn besagter Besuch so freute.
 

Als Sherlock wieder an seinem Hansom ankam, wartete der Jung artig und lächelte ihn an. „Hab mitbekommen das Sie in die Villa von dem Thurgood geschaut hab’n. I’sn netter Mann. Hab’n schon mal gefragt, ob er nich Arbeit hät und hat mir welche geben.“

Ein triumphierendes Lächeln kehrte auf die Lippen des Detektivs zurück. Eine weitere ungeplante aber nützliche Quelle war ihm vom Zufall geschickt worden. Nur glaubte Holmes nicht an Zufälle. Dennoch blickte er den Spross milde an und fragte: „Weist du was der Mr. Thurgood macht?“

Der Junge überlegte, „Is ein Andro…Atroh…polo…“

„Anthropologe?“ fragte Holmes interessiert und schallte sich sogleich in Gedanken einen Narren. Woher sollte ein ausländischer Kutscher diesen Begriff kennen. Zu seinem Glück war sein junger Gesprächspartner zu naiv um ihm daraus einen Strick zu drehen. Er nickte eifrig, „ja is genau das. Hat viele Knochen von Menschen in seim Haus!“ rief der Junge begeistert aus.

Dankbar für die neuen Informationen drückte er dem Burschen noch ein Geldstück in die Hand. Als er sich wieder auf seinen Kutschbock schwang, kam ihm noch eine Idee.

„Junge“, rief er.

Der Knabe kam folgsam zurück. „Was’n noch Meister?“

„Ich wart dort vorne an der Ecke. Bekommst noch eine Münze von mir, wenn du mir ein Zeichen gibst falls ein Gentleman mit grauem Gehrock und Hut das Haus da verlässt.“

„Bin dabei“ rief der Junge begeistert und eilte davon.

Es missfiel Holmes zwar, einen Komplizen in die Sache mit hinein zu ziehen, aber er traute dem Jungen nicht zu, dass dieser sich über das sonderbare Verhalten des Kutschers wundern könnte. Für ihn zählte allein das Geld und bestimmt kam ihm der Gedanke nicht, dass ein Kutscher bei weitem mehr verdienen könnte wenn er sich an einen geschäftigeren Ort begab und nicht auf einen einzelnen Man wartete.
 

Anthropologe, so so, dachte Sherlock bei sich. Wenn er Skelette in seiner Villa hatte, wahrscheinlich ein Biologischer Anthropologe. Das würde zumindest erklären, warum Watson ihn auch außerhalb seiner üblichen Sprechzeiten als Arzt besuchte. War doch die biologische Anthropologie eine Teildisziplin der Humanbiologie.

Eine Freundschaft zwischen den Beiden war somit eine brauchbare Arbeitshypothese. Sobald Watson das Haus wieder verließ, wollte Holmes zu Stelle sein. Er hoffte insgeheim sein Freund würde ihn nicht wieder erkennen.
 

Holmes hatte gut daran getan, gestern Abend noch reichlich zu essen. Es war später Nachmittag als der schmutzige, kleine Straßenjunge angerannt kam. „Meister, der Mann is dabei zu geh’n!“ verkündete er stolz und hob seine kleine Hand. Der alte Kutscher lächelte milde und reichte dem Jungen das gewünschte Geldstück. Dann gab er dem Braunen die Zügel und sah seinen Freund Watson am Straßenrand stehend. Begeistert gleich eine Fahrgelegenheit zu finden, winkte John freudig und stieg ein.

„In die Baker Street 221 b bitte, Kutscher.“

Die Befürchtung Watson könnte den Kutscher wieder erkennen war nicht eingetreten und als er einen zufriedenen, wieder gut zahlenden Watson Zuhause abgeliefert hatte, machte er sich erneut auf den Weg.
 

*~*~*
 

„Da sind Sie ja wieder Mr. Holmes.“ Ein schmutziger Mann von hagerer Gestallt, schlecht Rasiert und etwa 30 Jahre alt kam dem Hansom entgegen.

„Ja Charly, ich werde den Wagen Morgen früh wieder holen. Sorg bitte dafür das ich für Morgen ein anderes Pferd bekomme.“

Als Holmes vom Bock geklettert war, lächelte Charly ihn an. „Wollen wohl nicht auffallen? Sehr Klever Mr. Holmes.“

Charly war keineswegs ein ehrlicher Bursche. Er arbeitete Tagsüber im Kutschenverleih seines Onkels und des Abends war er als Spieler im billigen Anzug unterwegs, um leichtgläubige um ihr Erspartes zu bringen. So waren sie sich einst begegnet, der Detektiv und der kleine Gauner mit den flinken Fingern. Damals hatte Holmes ihm bei der Flucht vor einem Polizisten geholfen und seitdem war der hagere Charly eine sichere Station wenn es um das leihen einer Droschke ging. Natürlich nur gegen genügend Bares, das verstand sich in diesen Schichten der Gesellschaft von selbst. Aber dafür konnte man auf die Verschwiegenheit eben jener Leute bauen.

Aus der Innentasche seines abgenützten Rockes zog der Detektiv mehrere Münzen und übergab sie Charly.

„Dann bis morgen“, verabschiedete sich dieser und zog den brauen Gaul am Halfter mit sich.
 

Holmes war zufrieden mit seinem Vormittag. Jetzt würde er als alte Kutscher in einem seiner zahlreichen Verstecke verschwinden und als Sherlock Holmes wieder zu Vorschein kommen. Sein letzter Weg für heute würde ihn in die Stadtbibliothek führen, wo er alles Wissenswerte über einen gewissen Sir Travis Cyril Thurgood zu erfahren gedachte.

Kapitel 7.
 

Sir Travis Cyril Thurgood entsprang einer alten Adelsfamilie, deren Ruhm er als angesehener Forscher bereits früh noch vergrößert hatte. Er hatte viele Bücher und Texte zur Evolutionstheorie und dergleichen verfasst, war ein sehr beliebter Gast an Universitäten und hielt Vorlesungen über seine zahlreichen Reisen, die immer regen Andrang fanden.

Vor einigen Jahren hatte er wegen eines Lungenleidens das Reisen eingestellt und sich im alten Familiensitz in London niedergelassen.

„Evolutionsbiologische Interpretation der Verschiedenheit biologischer Merkmale der Hominide“, war eines seiner dem Ruhestand entwachsener Bücher. Er war Mitglied in zahlreichen Londoner Clubs, darunter auch in dem von Watson bevorzugten.

Ansonsten war der 46 Jährige Gentleman ein zurückgezogener Junggeselle, der das Familienanwesen mit seiner ledigen Schwester bewohnte. Mary Rose Thurgood war gerade 30 Jahre und teilte die Liebe zu fernen Ländern mit ihrem Bruder. Reiselustig verbrachte sie viele Jahre im Ausland und teils auch unter den Forschergruppen ihres Bruders. Ob sie sich zurzeit in London aufhielt, war den Büchern nicht zu entnehmen. Aber ein Zeitungsartikel neueren Datums verriet, dass eine Rose Thurgood eine Reise nach Florida plante und somit eines ihrer Wohltätigkeitsprojekte hier in London einer gewissen Miss. Suzan Gee überantwortete.
 

Den Tag hatte Holmes zwar zum Fakten sammeln gut genützt, doch noch war kein brauchbares Bild aus den einzelnen Stücken entstanden.

Watson hatte sich wohl über seinen Club mit Sir Thurgood angefreundet. Wegen dessen Lungenleiden würde John ihm nicht nur als Freund, sondern auch als sein Arzt besuchen und die Tätigkeitsbereiche vor Sir Thurgood würden wohl fachdienliche Gespräche zwischen den Beiden fördern. Die Verabredung mit Sir Thurgood war wohl zu einer seiner Vorlesungen gewesen, zu der er John Watson eingeladen hatte und seine ledige, junge Schwester spielte auch eine nicht uninteressante Rolle. War sie die Frau welche seinem Watson den Kopf verdrehte? War sie Grund des Streits gewesen, obwohl John das so vehement geleugnet hatte? Selbst wenn, sie war eine angesehene Frau aus gutem Hause und hätte sich zwischen ihr und dem Freund ihres Bruders eine Liebschaft ergeben, so hätte das ein schönes, abgerundetes Gesellschaftsbild dargestellt. Nein, Watson hätte dies nicht abstreiten brauchen.
 

Zu wenig Fakten, dachte Holmes resigniert und betrat die Baker Street. John war nicht anwesend. Aber das überraschte ihn kaum.

Mrs. Hudson die Abendessen servieren wollte, schickte er kurz angebunden wieder hinaus und versuchte ihren Ärger über sein schlechtes Essverhalten zu ignorieren. Er kannte ihre Meinung diesbezüglich aber seine Weigerung zu Essen hatte dieses Mal einen anderen Hintergrund. Verschmitzt lächelte er in sich hinein und begann die Abendzeitungen zu studieren.
 

Spät abends kam Watson nach Hause. Er war bemüht keine zu lauten Geräusche zu verursachen, um Mrs. Hudson und Holmes nicht in ihrer Nachtruhe zu stören. Zwar war sich der Doktor aus langjähriger Erfahrung sicher, dass der Detektiv noch nicht zu Bett gegangen war aber er wollte dennoch kein großes Aufsehen erregen. Morgen würde der Vormittag ganz seinen Patienten gehören und aus diesem Grunde ging er ohne zu zögern in sein Zimmer.
 

Als Holmes am nächsten Morgen aufstand, schlief Watson noch. Ihm war des Doktors späte Heimkehr nicht verborgen geblieben und er nützte diese Gelegenheit. Heute wirkte er wie ein eleganter Gentleman, mit einem billigen, aber zur neusten Mode passenden Anzug und Hut, grauem Haar und Backenbart. Er könnte Problemlos verschwinden, ohne befürchten zu müssen, Watson könnte ihn in seiner Verkleidung im Haus herumlaufen sehen.

Da Mrs. Hudson bereits in der Küche das Frühstück vorbereitete, stahl sich Holmes durch die Hintertür ins Freie.
 

*~*~*
 

Es war 20 Minuten nach 11, als Watson von seiner Arbeit am Schreibtisch aufblickte. Den milden Temperaturen war es zuzuschreiben, dass nur wenige Patienten ihn heute Vormittag aufgesucht hatten. Jetzt knurrte ihm der Magen und er würde heute auf jeden Fall pünktlich um 12 Mittagessen gehen, wenn ohnehin schon nicht viel Arbeit da war.

Ein klopfen an der Tür unterbrach seinen Gedankengang. „Herein“.

„Doktor, ein Telegramm für Sie“, sagte sein junger Empfangsbursche und betrat das Sprechzimmer.

Er lies seinem Arbeitgeber Zeit um die Nachricht zu lesen, dann fragte er höflich: „Möchten Sie antworten, Doktor?“

„Ja Ash, einen Moment bitte.“ John lächelte während er nach seiner Feder griff. Seine Antwort war kurz, nur ein >Werde da sein< reichte völlig aus. Er gab den Zettel an Ash weiter, dieser verschwand sogleich und lies den lächelnden Doktor in seinem Arbeitszimmer allein.
 

*~*~*
 

Holmes hatte seinen Vormittag mehr schlecht als recht verbracht. Viele Fahrgäste hatten ihn von Johns Praxis ferngehalten
 

Aber er wäre nicht der große Detektiv wenn er sich nicht zu helfen gewusst hätte. Im groben Zügen lief immer noch alles zufrieden stellend und als sein Freund Watson die Praxis um kurz vor 12 verließ, war der elegante Droschkenkutscher mit seinem Hansom zur Stelle.

Dieses Mal führte sie ihr Weg in die Stadt und der Wagen hielt ruckelnd vor einem teuren Lokal. Watson bezahlte und eilte auf die andere Straßenseite, wo ein vornehmer Herr ihn bereits erwartete. Sherlock war sich sicher, hier handelte es sich um keinen geringeren als Sir Travis Cyril Thurgood persönlich. Die zwei gaben sich die Hände, lachten kurz über einen Kommentar von Sir Thurgood und betraten dann das Lokal.
 

Diesem Mal hatte Holmes einen raschen Wechsel seiner Verkleidung geplant. Keine großen Veränderungen, gerade genug um nicht Gefahr zu laufen, von Watson wieder erkannt zu werden. Zwar hatte der gute kein besonderes Auge für Personen, aber er wollte seinen alten Freund nicht unterschätzen. Die Jahre welche sie zusammen das Verbrechen bekämpften, hatten John viel gelehrt und es wäre ein unpassender Moment gewesen, hätte Watson jetzt von eben jenen Erfahrungen gebrauch gemacht. So richtete es ein junger Mann im grauen Anzug geschickt ein, dass ein gewisser Doktor und seine Begeleitung den richtigen Hansom bestiegen.
 

Während der Wagen durch den dichten Verkehr rollte, entging Holmes scharfem Gehör das Gespräch seiner Kundschaft nicht, welches durch das geöffnete Dachfenster zu seinem Bock herauf klang.

„Es freut mich wenn es dir geschmeckt hat, mein Freund“, lies Thurgood vernehmen.

„Oh es war hervorragend!“ lobte Watson.

„Nun sag mir“, begann Thurgood und Holmes war der vertraute Ton indem sich die Beiden unterhielten nicht entgangen. Warum ihn das wütend machte konnte er jedoch nicht sagen. Watson hatte selbstredend mehr Freund als nur ihn. Auch wenn er vielleicht Johns bester Freund war, aber wie hatte der Doktor noch vor ein paar Tagen so treffend gesagt: „Sie sind nun mal nicht der einzige Mensch in meinem Leben!“

„Wann könntest du dir den nächsten Nachmittag frei nehmen?“

Sherlock zwang sich von seinen Gedanken abzulassen und dem Gespräch weiter zu folgen.

„Gerade ist nicht viel los in meiner Praxis, ich könnte morgen Nachmittag ohne Probleme früher gehen.“

„Hervorragend!“ rief Thurgood erfreut. „Rose und ich würden uns über deine Gesellschaft zum Tee freuen! Oh sie redet ständig von dir John und überhaupt ist uns deine Anwesenheit in unserem Heim stets eine Freude.“

„Wenn das so ist, kann ich wohl nicht nein sagen. Ich werde morgen gerne zum Tee erscheinen.“

Mit einer energischen Geste hielt Holmes den Schimmel an und brachte seinen Hansom vor Watsons Praxis zum stehen.

„Ich werde diese erfreuliche Nachricht gleich an Rose weiter geben!“ verkündete Sir Thurgood vergnügt. „Ich kann es kaum erwarten unser Gespräch morgen vorzusetzen.“

„Aber, aber guter Freund! Wie können wir in Gegenwart der Lady denn über die Arbeit philosophieren“, tadelte Watson mit erhobenem Zeigefinger.

Auf dem Kutschbock verdrehte Holmes die Augen.

„Natürlich, wo sind nur meine Manieren. Wahrscheinlich sehe ich das ganze nicht so eng, weil die liebe Rose meine Schwester ist. Du dagegen präsentierst dich ihr selbstredend in einem anderen Licht.“

Jetzt wurde der Kutscher hellhörig. Aber das Gespräch endete mit Watsons Lachen und der erneuten Bestätigung, morgen zum Tee zu erscheinen.
 

*~*~*
 

Endlich zurück in der Baker Street zog Holmes sich sofort in seine Räume zurück. Schon bald war das Zimmer vom dichten Rauch der Pfeife okkupiert und lies die große Gestallt des Detektivs in seinem Sessel fast verschwinden.

Der heutige Tag hatte kaum nennenswerte Hinweise gebracht. Zwar hatte er Sir Thurgood persönlich gesehen und den ungezwungenen Umgangston bemerkt, der zwischen seinem Freund Watson und dem Anthropologen herrschte, doch wirkliche Neuigkeiten hatte er keine erhalten. Die Schwester hatte im Gespräch Erwähnung gefunden aber eben nur als Erwähnung, nicht als Thema. Wenn John wirklich romantisches Interesse an Miss. Thurgood besäße, würde er sie doch öfters erwähnen. Oder gar mit ihr plaudern anstelle des Bruders. Nein, Holmes war sich ziemlich sicher, diese Frau konnte nicht der Grund sein…was wiederum bedeuten würde, dass Watson bei ihrem Streit nicht gelogen und somit eine Entschuldigung verdient hatte…verdammt!
 

*~*~*
 

John schloss gerade die Haustüre hinter sich, als er Mrs. Hudson im Gang stehen sah. Sie wirkte besorgt und sprach ihn leise an, wobei ihr Blick erst einmal die Treppe hinauf huschte.

„Was hat er dieses mal angesellt?“ frage Watson und versuchte seiner Stimme einen kritischen Unterton zu verleihen. Aber Mir. Hudson wusste es besser, sie konnte die Sorge in den Augen des Doktors sehr gut erkennen.

„Bitte reden Sie mit Ihm“, sagte sie leise aber bestimmt. „Er isst wieder nichts! Dabei bearbeitet er doch gerade einen Fall alleine und sollte im Vollbesitz seiner Kräfte sein. Ich meine wer weiß was Mr. Holmes da draußen alles zustoßen kann!“

Damit hatte ihre Wirtin durchaus Recht, auch wenn es keine neue Marotte des Detektivs war.

„Ich rede mit Ihm“, versprach er aufrichtig und Mrs. Hudson warf noch einen Blick die Treppe hinauf, dann ging sie Kopfschüttelnd zurück in die Küche.
 

Als John die 17 Stufen zu ihrem Wohnzimmer hinauf stieg, überlegte er bereits fieberhaft, wie er mit Holmes auf das leidige Thema seiner vernachlässigten Gesundheit zu sprechen kommen sollte. War dies doch schon unter normalen Umständen ein schwieriges Thema. Jetzt wo immer noch der Streit zwischen ihnen in der Luft hing, war das ganze um ein vielfaches komplizierte.
 

Holmes bemerkte das Zögern welches Watson ergriffen hatte und fragte sich neugierig warum sein Freund nicht eintrat. Was machte er auf dem Gang, worauf wartete er?

Vielleicht hat er dich trotz deiner Verkleidung erkannt und…
 

Gerade trat Watson ein, legte Hut und Mantel ab, öffnete ein Fenster um die kühle Abendluft herein und den Rauch hinaus zu lassen.

„Guten Abend, Holmes“, grüßte John höflich, würdigte seinen Freund aber keines Blickes. „Ich hoffe Ihr Fall kommt gut voran.“

Holmes war hinter der Abendzeitung verborgen und grummelte nur etwas vor sich hin. Er wartet auf das unumgängliche Thema und wollte es Watson nicht all zu leicht machen.

Etwas das dem Doktor nicht entging. John unterdrückte ein Seufzen, holte einige Patientenakten aus seiner Arzttasche und setzte sich. Er wollte es Holmes nicht so einfach machen, der aufgrund ihres unausweichlichen Gesprächs vielleicht noch glauben mochte, er hätte den stummen Disput gewonnen.

„Mrs. Hudson erwähnet Sie würden nicht genügend Essen“, startete Watson endlich das Gespräch. Holmes lächelte zufrieden hinter seiner Zeitung, blättere gelassen um und wartete bevor er antwortete. „Sie wissen doch sicher das ich, wenn ein vorliegender Fall mich beschäftigt…“

„Ja Holmes“, unterbrach ihn der Doktor. Er wollte jetzt keine Erklärungen und keinen neuerlichen Streit. Er wollte in Wirklichkeit nur hören, dass es Holmes gut ging und er mit seinem Fall auch allein zu Recht kam. „Ich kenne Ihre Meinung diesbezüglich und bin lediglich ein Vermittler von Mrs. Hudsons Bedenken. Meine fachärztliche Meinung zu diesem leidigen Thema kennen Sie bereits.
 

Enttäuscht von dem nicht nach Plan verlaufenen Gespräch, verschwand das Lächeln von Sherlocks Gesicht. Er hatte doch nur hören wollen, dass Watson sich um ihn sorgte. Wollte seinen Freund wieder an seiner Seite und wollte das alles wieder so war wie vor diesem albernen Streit. Ja genau genommen stand Holmes kurz davor, sich zu entschuldigen.

Als Watson jedoch von seiner Arbeit aufstand, die Akten verräumte und das Wohnzimmer verließ, zerfiel die im Geiste gereifte Entschuldigung und übrig blieb ein bitterer Nachgeschmack.
 

Ich will doch nur wissen ob es dir gut geht und sehnlicher noch wünsch ich die Worte zu hören, dass du zurück an meine Seite kommst…dachte Holmes verbittert und betrachtete die geschlossene Zimmertüre.
 

Warum kannst du mir nicht einfach sagen ob es dir gut geht? Oh bitte sag mir doch das du mich brauchst, dass ich dir helfen soll, zurückkommen soll… zu dir, dachte Watson und blicke auf die eben von ihm geschlossene Tür.

Kapitel 8.
 

Warum liegt zwischen den Dingen die wir sagen und dem was wir meinen oft Welten?
 

Die nächsten Tage verliefen ereignislos. Sherlock war frühmorgens bereits fort und John verschwand jeden Abend in seien Club. Aus irgendeinem Grund den sie Beiden weder kannten, noch verstanden, mieden sie die Gegenwart des jeweils anderen. Sie enthielten sich gegenseitig genau das vor, was jeder von ihnen am sehnlichsten wollte.

Holmes folgte Watson und der traf sich mit Thurgood. Nichts neues, nur noch mehr Schweigen war alles was der Detektiv vorfand.

Die Tage gingen ins Land und Holmes hörte auf seien Freund zu beobachten. Er vergrub sich, flüchtete in Kokain und Tabak und war von solch außergewöhnlicher Deprimiertheit, dass nichts ihn aus dieser Stimmung, diesem schwarzen Loch zu befeien vermochte.
 

Aber alles sollte sich ändern, so rapide und unaufhaltsam, dass, war dieser Weg erst einmal beschritten, kein Zurück mehr möglich war. Doch davon wussten die Beiden Freunde nichts, die zu zweit und dennoch allein am Frühstückstisch saßen.
 

„Frühstück für Sie beide? Das freut mich!“ verkündete Mrs. Hudson glücklich. Ein fast schon normaler Samstag, schien angebrochen und Holmes und Watson saßen sich seit langem mal wieder gegenüber. „So, hier bitteschön“, verkündete Mrs. Hudson und stellte ein volles Tablett auf den Tisch. „Ich wünsche Ihnen guten Appetit…oh die Türglocke!“ Das Leuten der Türglocke hatte sie unterbrochen und schon nach wenigen Minuten stürmte jemand die Treppe nach oben. John blickte fragend auf, erst sah er Holmes an und dieser zuckte merklich mit den Schultern. Überrascht warteten sie auf ihren eiligen Gast.
 

„Doktor Watson, Doktor Watson!“ rief ein junger Man in der Uniform eines Hausdieners. Holmes erkannte ihn sogleich wieder. Es war eben jener Gentleman der Watson in das Haus der Thurgoods geleitet hatte.

John sprang auf, „um Himmels Willen, was ist den passiert?“

Völlig aufgelöst und zittrig händigte der Mann einen Brief an Watson aus. Dieser überflog die Zeilen eiligst, warf den Brief von eben jener Hektik gepackt, die auch den jungen Mann befallen hatte weg und eilte aus dem Zimmer.

„Warten Sie unten auf mich, ich hole den Koffer!“ rief er laut, während er in sein Zimmer eilte. Der Mann tat wie ihm geheißen, verließ eiligst das Wohnzimmer und Watson folgte ihm. Holmes vermochte nebst dem zufallen der Haustüre die Geräusche einer Droschke auszumachen, die zur Eile angetrieben die Baker Street verließ.
 

„Mein Gott, so viel Aufregung so früh am Morgen“, klagte Mrs. Hudson und verließ Kopfschüttelnd das Zimmer. Holmes der bis eben noch untätig dagesessen und das Szenario vor seinen Augen stumm verfolgt hatte, griff nach dem Brief. Er war nicht in ein Kuvert gepackt gewesen, nur ein einfach gefaltetes Blatt Briefpapier mit dem Wappenzeichen der Thurgoods. Der Verfasser des kurzen Inhalts war eine Frau gewesen, in höchster Eile und mit zittrigen Fingern stand dort zu lesen:
 

Bitte Doktre Watson kommen Sie unverzüglich. Es geht um meinen Bruder! Sein Lungenleiden, oh bitte helfen Sie Travis und kommen Sie sofort!
 

Rose
 

Holmes lies das Blatt sinken, legte es wieder auf den Frühstückstisch und erhob sich. Eine Weile blickte er nachdenklich auf die Straße. Eigentlich hatte er heute nach dem Frühstück mit John reden wollen, ja er wollte sich entschuldigen. Keinen Tag länger hielt er die angespannte Situation zwischen ihnen mehr aus. Aber jetzt war Watson, Doktor Watson zu einem seiner Patienten gerufen worden und Holmes befürchtete das Schlimmste. Dabei ertappte er sich, dass er den Tod von Sir Thurgood nicht wirklich betrauern würde. Vielleicht würde alles wieder wie früher sein, wenn dieser Mann einfach vom Spielfeld verschwand. Nein, eigentlich glaubte er nicht wirklich daran. Irgendeine Verbindung musste zwar zwischen Thurgood und Johns guter Laune stecken, aber er hatte sie nicht gefunden. Er, der große Londoner Detektiv war ratlos.
 

Die Stunden verstrichen, dem Mittagessen folgte der Tee und Watson war immer noch nicht zurück. Erst gegen Abend konnte Holmes die Haustüre und Mrs. Hudsons aufgebrachte Stimme vernehmen. John kam jedoch nicht ins Wohnzimmer, sondern ging eilenden Schrittes in sein Zimmer. Gespannt wartete Holmes was wohl als nächstes geschehen möge.
 

Als John das Wohnzimmer betrat, hatte er einen großen Koffer bei sich. Er stellte ihn an der Tür ab, holte seine Arzttasche und stellte sie geöffnet auf einen Stuhl. Dann begann er wie wild durchs Zimmer zu eilen und packte hier und dort etwas zusammen.

„Wohin soll die Reise gehen?“ fragte Holmes verwirrt.

„Brighton“, kam die Antwort und Holmes mustere seinen Freund verwirrt. Dieser war gerade im begriff Bücher einzupacken.

„Brighton? East Sussex?“ seine Überraschung vermochte er nicht aus seiner Stimme zu verbannen. Watson bemerkte davon ohnehin nichts, er war viel zu sehr damit beschäftigt seine Reise vorzubereiten.

„Was machen Sie dort?“ fragte Holmes und versuchte ein vernünftiges Gespräch zu starten. Aber viel mehr brannte ihm eine andere Frage auf der Seele „und für wie lange?“

Jetzt sah der Doktor auf, sein Blick traf den von Holmes und in dem Moment war der Grund ihres Streits, ja sogar der ganze Streit selbst vergessen. Zurück blieben zwei Freund und ein bitterer Nachgeschmack von verletztem Stolz.
 

„Es geht um einen Freund von mir“, begann Watson zu erklären und schloss seinen Arztkoffer. Dann ging er zu Holmes an den Kamin und setzte sich seinem Freund gegenüber.

„Travis Thurgood, ich habe Ihn im Club kennen gelernt und er wollte mich fortan als seinen Arzt. Wir wurden recht gute Freunde. Redeten viel über die Medizin, man glaubt es nicht“, Watson lachte kurz auf, „wir haben Unmengen von Gemeinsamkeiten“.

Holmes versetzte diese Aussage einen tiefen Stich. War Watson deshalb so gerne bei Thurgood? Verband die Freundschaft der Beiden sie tiefer als die Jahre in der Baker Street Watson mit ihm, Sherlock Holmes verband? Hatte er also recht gehabt und Watson war seiner Gegenwart leid?

„Ich hab heut morgen einen dringenden Ruf von Travis Schwester erhalten. Ihr Bruder hatte sich eine Erkältung geholt und war heute Morgen um Atem ringend aufgewacht. Sie lies sofort nach mir schicken, ach aber das wissen Sie ja, nun auf jeden Fall hab ich meinem Freund heute Urlaub vorgeschlagen. Weg aus der Stadt hin ans Meer mit viel frischer Luft.“

In seinen Sessel versunken lauschte Holmes der Rede seines Freundes.

„Na auf jeden Fall wollte ich ihn so schnell wie möglich Gesunden sehen und da schlug er eine Kur in Brighton vor. Die Stadt liegt an der Küste des Ärmelkanals und dort gibt es ein recht bekanntes Kurhaus in das er zu weilen gerne fährt.“ Watson stoppte in seiner Schilderung und sah zu dem gepackten Arztkoffer. „Er hat mich eingeladen mit ihm zu kommen. Ich könnte Urlaub weis Gott vertragen und da sein Zustand Überwachung durch deinen Arzt erfordert, hat er im Hotel ein Zimmer für mich mit reserviert. Unser Zug geht noch heute Abend.“
 

Holmes hatte ohne ein Wort zu sagen zugehört und aus irgendeinem Grund war ihm ganz mulmig zu mute. John verreiste und das würde die angespannte Stimmung zwischen ihrer Freundschaf nur noch mehr reizen. Ja vielleicht kam Watson erst gar nicht zurück in die Baker Street. Der Detektiv wusste beim besten Willen nicht, wo dieser letzte Gedanke hergekommen war. Aber die Angst John würde die Gegenwart von Travis Thurgood mehr genießen als die Zeit mit seinem alten Freund Holmes übermannte ihn. Irgendwie glaubte Holmes, wenn er Watson jetzt ziehen lassen würde, wäre das ein Ende für immer. Er würde nicht wieder kommen…
 

John stand auf, nahm den Arztkoffer und blickte aus dem Fenster auf die Straße. „Die Kutsche müsste jeden Augenblick kommen.“

Holmes richtete sich in seinem Sessel auf und sah zu Watson. Ihre Blicke trafen sich erneut und diesmal wich er aus. Starrte auf seine Füße und rang mit seinen Gefühlen. Er sollte etwas sagen, er musste sonst war alles vorbei.

„Ich werde wohl drei Wochen weg sein, höchstens einen Monat“, sprach John der den ausweichenden Blick seines Freundes bemerkt hatte. Er spürte das Holmes etwas belastete, nur hatte er keine Ahnung wie sehr diese Vermutung zutraf. Holmes quälte sich, er wollte laut schreien, Watson an sich drücken und…

„Da ist die Kutsche“.

Gleich darauf klopfte es an der Tür, und ein Kutscher trat ein. „Bitte geben Sie mir Ihr Gepäck Doktor, ich werde es gleich in die Droschke laden.“
 

Watson gab die beiden Koffer mit, wies auf die sichere Unterbringung der Arzttasche hin und wandte sich dann an Holmes. Wie ein Häufchen Elend war sein Freund im Stuhl zusammengesunken. Auch Watson wurde klar, wie gefährlich die Reise für ihre gerade angeknackste Freundschaft sein könnte. Aber was sollte er Holmes sagen? Wie konnte man Worte für etwas finden, was lediglich ein Gefühl tief im Innersten war?
 

„Versprechen Sie mir“, begann Watson doch Holmes sah ihn nicht an. „Bitte mein Freund, versprechen Sie mir auf sich acht zu geben. Essen Sie regelmäßig und gönnen Sie sich hin und wieder Ruhe.“ Der Angesprochene reagierte nicht und Watson sah sich bereits vor den Trümmern ihrer Freundschaft.
 

„Doktor?“ rief eine laute Stimme von unten. „Ich komme!“ rief er zurück. John spielte nervös mit seinen Fingern. Er wollte Holmes über den Kopf streicheln, ihn einfach berühren und alles was unausgesprochen geblieben war klären. Jedoch fehlte hierfür die Zeit. Der Zug würde gewiss nicht auf sie warten und sie mussten sich ohnehin schon sputen, um den letzten Zug des Tages noch zu erreichen.
 

„Doktor!“ rief die Stimme erneut. John wandte sich zum gehen, sah noch einmal zu Sherlock zurück. Die einzelne Träne, welche Holmes über die Wange rollte konnte er dennoch nicht erkennen. Als er die Tür schloss, das Haus verließ und die Kutsche los fuhr war ein schrecklicher Gedanke nicht aus seinem Kopf zu vertreiben.
 

Die Befürchtung das er in sein altes Leben nicht würde zurückkommen können.

Kapitel 9.
 

Lange saß Holmes an diesem Abend in seinem Lehnsessel am Kamin. Auf dem kleinen Beistelltisch neben ihm lag das schwarze Kästchen mit dem roten Samtbezug und darin ein nun nicht mehr ganz volles Fläschchen Kokain.
 

Langsam ebbte die Wirkung der Droge ab und Holmes Verzweiflung wuchs wieder an. Wie hatte er John nur gehen lassen können? Er hätte ihn aufhalten müssen, ihm von all den Dingen berichten müssen, die ihn zu zerstören drohten. Doch dafür war es jetzt zu spät.
 

Holmes schloss die Augen, presste seine Lieder fest zusammen und wünschte sich aus diesem Alptraum zu erwachen. Eine warme Hand berührte seinen Arm und er zuckte erschrocken zusammen. Mrs. Hudson stand neben ihm und sah ihn anklagend an.

„Ich hab dem Doktor versprochen auf Sie acht zu geben“, erklärte die Haushälterin.

Lange sagte Holmes nichts, schwieg in der Hoffnung Mrs. Hudson würde endlich Ruhe geben und ihn wieder allein lassen.

„Ich werde nicht gehen, auch wenn Sie mich ignorieren. Dann rede ich eben mit mir selbst und Sie hören notgedrungen zu.“ Mit diesen Worten setzte sie sich in Doktor Watson Sessel und blickte ihren Mieter mitfühlend an. „So kann das nicht weitergehen“, begann sie. „Ich weis nicht was zwischen Ihnen und dem Doktor für ein Streit entbrannt ist und ehrlich gesagt will ich es auch nicht wissen. Aber ich kann sehen wie sehr sie darunter Leiden, alle Beide. Wollten Sie es nicht endlich wenigstens sich selbst eingestehen…“

Holmes fuhr aus seinem Sessel auf und in seinen Augen funkelte es böse und zugleich unendlich traurig. „Was wollen Sie von mir hören?“ rief er aufgebracht. „Es ist zu spät, John ist weg und wird nicht wieder kommen!“ Nach diesem Wutausbruch sank er wieder zurück in seinen Sessel und schwieg. Mrs. Hudson hatte sich im ersten Moment erschrocken, doch sie war Mr. Holmes für diesen emotionalen Ausbruch nicht böse.

„Sie haben Angst er würde nicht zurückkommen?“ fragte sie besänftigend. „Oh Mr. Holmes, gerade Sie sollten den Doktor besser kennen. Er ist in schrecklicher Sorge um Sie. Außerdem was für einen Grund sollte er haben, nicht wieder Heim zu kommen?“

„Ich hätte mich entschuldigen sollen…hätte…ich hätte mit Ihm reden sollen.“

„Oh ja, in der Tat das hätte sicher einiges bewirkt. Doktor Watson ist nicht wie Sie, Sir. Er kann sich nicht in andere Personen hineinversetzen und deren Denken und Handeln vorhersehen. Das ist bei den meisten Menschen so und wenn Sie ihm schon nicht sagen können was sie fühlen, wie sollte er es dann wissen?“

Wieder schwieg Holmes lange und Mrs. Hudson lies ihm seine Zeit.

„Zu spät…“ murmelte ihr Mieter irgendwann und blickte traurig in die Flammen des Kamins.

„Nichts ist zu spät. Seit wann gibt es Probleme, die der große Sherlock Holmes nicht zu lösen vermag?“ Mit diesen Worten erhob sich die Wirtin und kam mit einem Buch in Händen zurück zu Holmes. Sie hielt es ihm unter die Nase und dieser griff etwas zögerlich danach. Es war der Zugfahrplan welcher alle Abfahrten und Ankünfte in den Londoner Bahnhöfen enthielt.

„Ich bin mir sicher, der große Detektiv wird auch diesen Fall lösen und was den Menschen Sherlock Holmes betrifft, der wird am Ende auch wissen was er zu tun hat.“ Sie tätschelte die Hand ihres Mieters, die unbeweglich auf der Armlehne des Sessels ruhte. Dann ging sie hinaus, hielt auf der Türschwelle noch einmal inne. „Der Irrtum eines Augenblicks kann der Kummer eines ganzen Leben sein Mr. Holmes. Bitte vergessen Sie das nie“, sagte sie leise und lies Holmes dann alleine.
 

Noch eine ganze Weile saß der große Detektiv in seinem Sessel. Das Feuer war langsam heruntergebrannt und in der Wohnung wurde es merklich kühler. Holmes war noch immer in seinen Gedanken versunken und nahm seine Umgebung nicht wahr. Als er sich endlich erhob, war sein Entschluss gefasst.
 

*~*~*
 

„Guten Morgen Mrs. Hudson. Würden Sie mir das Frühstück einpacken und eine Droschke rufen?“ fragte Holmes mit von Tatendrang erfüllter Stimme. Seine Haushälterin lächelte über das ganze Gesicht, als sie ihm eine Tasse Tee einschenkte. „Trinken Sie den Tee, während ich mich um alles andere kümmern werde.“ Und schon war sie wieder hinaus geeilt.
 

Holmes hatte die ganze Nacht an einem Plan gearbeitet und war jetzt bereit den Fall Watson erneut anzugehen. Mrs. Hudson hatte völlig recht gehabt, schon seine Ehre als Detektiv verbot ihm einfach aufzugeben. Letzte Nacht war er in trüben Gedanken versunken gewesen und hatte sich anders als sonst nur mit Theorien beschäftigt. Für eine richtige Aufklärung fehlten noch zu viele Fakten und eines schwor er sich feierlich, wäre Watsons Geheimnis erst aufgedeckt, dann würde er sich bei ihm entschuldigen.

Vorbei war der Gedanke Watson würde seine Gegenwart meiden, Schluss mit der Angst sein Freund könnte ihn verlassen, vergessen waren all diese nichtigen Theorien! Jetzt würde er Fakten sammeln. Bepackt mit einem großen Koffer war er auf alle Eventualitäten vorbereitet, ganz der Detektiv, der sich Watson in Verkleidung nähern wollte und so begann er sich vorzubereiten.
 

Als Mrs. Hudson das Zimmer betrat, erschrak sie im ersten Augenblick. Natürlich waren ihr die Verkleidungstalente ihres Mieters hinlänglich bekannt, doch ihr gegenüber Stand ein Mann, der so wenig an Sherlock Holmes erinnerte. Von der Statur her war es ein dicklicher Mann, breitschultrig, mit runden Wangen und einer dicken Nase. Graues Haar ragte unter dem Hut hervor und ein gepflegter, gezwirbelter weißer Schnurrbart rundete das Gesicht ab.

Mrs. Hudson wollte zuerst protestieren. Sie hatte gewollt das Sherlock Holmes ein ernstes Gespräch mit dem lieben Doktor führte und nicht als verkleideter Rentner in den Angelegenheiten von Watson und seinem Patient herumschnüffelte. Da es ohnehin nicht einfach gewesen war, Holmes überhaupt aus seinem Sessel zu bewegen, schwieg sie lieber und reichte ihm das eingepackte Frühstück.
 

Und schon wenige Stunden später stieg ein gediegener, älterer Herr am Bahnhof in Brighton aus. Sein Plan hatte konkrete Gestallt angenommen und der erste Schritt war es nun, Watson zu finden. Wenn man den Rang des Gentlemans beachtete, mit dem der Doktor unterwegs war, kam nur ein vornehmes Hotel in Frage. Das grenzte die Suche zwar ein, ließ aber ein anderes Problem viel größer erscheinen. Wie sollte er an der Rezeption vorgehen? Schließlich konnte er nicht einfach direkt Fragen ob Watson hier residierte und bei einem Nein wieder gehen.

„Sir, kann ich Ihnen Helfen? Geben Sie mir das Gepäck.“ Ein flinker, junger Bursche war erschienen, lud Koffer und Tasche des alten Gentlemans auf seinen Wagen und fragte höflich. „Wo soll es den hin gehen? Werden Sie am Bahnhof abgeholt, oder soll ich Ihnen eine Droschke rufen?“

„Eine Droschke wäre mir recht“, antwortete Holmes mit einer tiefen, rauen Stimme. Er bezahlte den Kofferträger und wies den Fahrer an, die besseren Hotels anzufahren.

„Wissen Sie“, begann er ein Gespräch mit dem Kutscher, „ich wurde hier her eingeladen, doch in welchem Hotel meine Freunde auf mich warten, ging leider aus Ihrer Nachricht nicht hervor. Jetzt darf ich Sie suchen“, murrte er zerknirscht und der Fahrer musste ein Lachen unterdrücken. „Nicht sehr nett“, kommentierte er die missliche Lage seines Fahrgastes.
 

Als Holmes in seiner Verkleidung das erste Hotel auf ihrem Weg betrat, hatte er sich bereits einen passenden Namen für seinen Trick parat gelegt. An der Rezeption stand ein eleganter Herr in den 40ern und empfing ihn mit übertriebener Höflichkeit.

„Mein Name ist Walter Cartmill. Ich werde von zwei Herren aus London erwartet, die heute sehr früh hier angekommen sein müssen. Leider hab ich den Namen des Hotels vergessen, indem ich erwartet werde.“

Der Hotelangestellte musterte den alten Mann mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wie lauten denn die Namen der Gentleman?“ erkundigte er sich.

Holmes oder besser gesagt Mr. Cartmill schnaufte, „wenn ich mir so was noch merken könnte, dann würde ich hier kaum mein Hotel suchen müssen“, erklärte er wild gestikulieren, um seine Zerstreutheit noch zu untermalen.

Sichtlich von der Situation gelangweilt, blätterte der Bursch durch das Register ohne Mitgefühl für die Gebrechen eines alten Mannes zu zeigen. Aber Holmes konnte dies egal sein. Er brauchte lediglich die Informationen und wie gastfreundlich das Personal hier war, spielte nur eine untergeordnete Rolle.

„Nein Sir, hier ist niemand auf den Ihre Beschreibung passt. Wollen Sie dennoch ein Zimmer?“ fragte er hoffnungsvoll.

Doch der alte Mr. Cartmill drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Hotel.
 

Erst nach drei weiteren Anläufen hatte er Glück. „Hier hab ich zwei Gentleman aus London, Sie kamen mit dem Nachtzug heute Morgen hier an, Mr. Catmill. Ein gewisser Sir Thurgood und ein Doktor Watson.“

Mr. Cartmill grummelte, „das sind nicht die richtigen Herren“. Der Herr an der Rezeption war wesendlich freundlicher und auch der kompetenteste bisher. Er gestattete dem alten Mann genügend Zeit um seine Angelegenheiten zu überdenken.

„Nun guter Mann“, sprach er den Hotelangestellten an, „jetzt bin ich schon mal hier. Darf ich eines Ihrer Zimmer sehen, bevor ich mich entscheide hier zu nächtigen?“

„Gewiss“, rief der Mann und winkte einem Pagen.

„Aber ich möchte ein Zimmer im Parterre“, fügte Mr. Cartmill sogleich hinzu.

Als er dem Hoteldiener folgte, zierte ein zufriedenes Lächeln seine Lippen. Alles lief bisher sehr gut für den Detektiv. Mit etwas Glück würde dies so bleiben. Die Zimmer im Erdgeschoss waren nicht besonders viele, was Holmes vorhaben begünstigen dürfte und auch die Tatsache, das Watson einem Patienten mit Lungenleiden das Treppensteigen untersagen würde. Jetzt musste er nur noch das richtige wählen.

„Hier in diesem Gang befinden sich alles Schlafzimmer des Erdgeschosses“, wurde ihm erklärt. „Von den sechs Zimmern sind drei belegt. Aus den andern können Sie frei wählen Sir.“

Der Diener schloss Zimmer Nr. 2 auf und präsentierte es Mr. Cartmill. Holmes war begeistert, nie hätte er berechnen können, wie gut die Räumlichkeiten zu seinen Plan beisteuerten. An der Wand zum Nebenzimmer befand sich der Kleiderschrank und die Wände waren mit einer Tapete mit schrecklich erdrückenden Blumenmustern gepflastert. Perfekt!

„Könnte ich noch eines der anderen Zimmer sehen?“ fragte Sherlock bemüht, seine Gefühle über den reibungslosen Ablauf zu unterdrücken.

„Natürlich Sir, aber alle unsere Zimmer im Parterre sind gleich“, gab der Page zu bedenken.

„Auch von der Raumaufteilung?“ erkundigte sich Holmes neugierig. Tatsächlich war auch Zimmer 5 von der Ausstattung und Aufteilung her genau wie Zimmer zwei. Holmes überlegte fieberhaft wie er jetzt verfahren sollte. Er brauchte für seinen Plan das Zimmer neben dem von Watson also…kam ihm das Schicksal, an welches Holmes nicht zu glauben bereit war, zur Hilfe. John Watson verließ den Raum mit der großen, vergoldeten 4 auf der Tür und klopfte an das Zimmer gegenüber mit der Nummer 3.
 

Der Page begleitete Holmes zurück zur Rezeption. „Waren Sie zufrieden Mr. Cartmill?“

„Ja, zufrieden. Ich nehme Zimmer Nr. 2. Bitte notieren Sie, ich wünsche keinerlei Störungen, von niemandem. Wünsch ich einen Service, so werde ich darum bitten. Dies gilt auch für die Zimmermädchen.“

Der Mann nickte eifrig und notierte die Wünsche des eigenwilligen Gastes sofort.
 

Wenig später war das Gepäck in Zimmer 2 und die Tür hinter dem Personal zugefallen. Holmes rieb sich begeistert die Hände, jetzt hatte das Spiel begonnen.

Kapitel 10.
 

Kaum hatten Watson und Thurgood ihre Zimmer verlassen, wurde Holmes aktiv. Er öffnete den Kleiderschrank, entnahm das zweite Kissen und die Wolldecke und legte alles auf sein Bett. Dann holte er sein Werkzeug aus dem Koffer. Mit einem Bohrer bewaffnet, ging er ans Werk. In dem Schrank kniend begann er in Loch in das Holz zu bohren. Kein all zu großes Loch, nur ein kleines mit einem Durchmesser von zwei Zentimetern. Für die Wand dahinter, brauchte er etwas länger. Da aber in den meisten Hotels keine all zu dicken Wände zwischen den Zimmern gezogen waren, verlief auch diese Aktion reibungslos.

Fertig mit seiner Arbeit beseitigte er alle Spuren, legte Kissen und Decke zurück, welche das kleine Loch perfekt verdeckten. Dann holte er sein Einbruchswerkzeug und verschwand auf den Gang. Das Türschloss von Watsons Zimmer war keine große Hürde und schon stand er in einem völlig identischen Raum, in dem es sich der werte Doktor bereits wohnlich gemacht hatte. Das hässliche wenn auch dankbare Muster der Tapete verdeckte das kleine Loch auf Watsons Seite perfekt. Es war genau in der brauen Stelle einer Blume durchgebrochen und jetzt zupfte Sherlock die übrigen Papierfetzen um das Loch herum ab. Zufriedenheit durchflutete ihn, als er sich das Guckloch besah. Ein weiterer Teil seines Planes war erfüllt, jetzt wollte er losgehen und Watson suchen.
 

Der restliche Tag verlief ereignislos. John umsorgte seinen Freund Thurgood wo er nur konnte und dieser schien gefallen an der Patientenrolle gefunden zu haben. Als die Beiden zu Abend gegessen hatten, begleitete Watson seinen Patenten noch auf dessen Zimmer. Leider ein Risiko bei der Wahl des Zimmer, denn Holmes hatte gehofft, Thurgoods Räumlichkeiten zu beobachten wäre nicht so wichtig wie die von Watson. Jetzt aber schien es ihm so, als hätte er mehr erfahren können, wenn er Thurgoods Zimmer ausspionieren könnte.

Unzufrieden wartete Holmes darauf, dass die Dinge endlich in Gang kamen. Aber darauf wartete er an diesem Tag vergebens. John kam in sein Zimmer, holte sich ein Buch und ließ sich auf dem Sofa nieder. Sherlock beobachtete seinen Freund nur kurz, dann versteckte er das Loch wieder hinter dem Kissen. Hätte Holmes nicht über die große Tugend der Geduld verfügt, dann hätte er wohl schon nach diesem Abend bezweifelt, das John Watson wirklich ein Geheimnis hatte. Was nicht zu seinem eigenwilligen Verhalten in der letzen Zeit gepasst hätte. Was bewirkte bei den Menschen das Verhalten eines frisch verliebten wenn nicht die Liebe? Nein, irgendetwas hatte ihr harmonisches Zusammenleben gestört und Holmes würde erst ruhen, wenn der Herd dieser Störung ausgemerzt war.
 

Somit war Geduld unumgänglich. Die nächsten Tage verliefen genau wie der erste völlig unauffällig. Thurgood bekam das Frühstück auf sein Zimmer, danach holte Watson ihn für einen Spaziergang ab. Sie schlenderten durch den geschäftigen Ort, betrachteten Schaufenster und genossen Tee in einem kleinen Lokal. Alles ganz unauffällig. Die Beiden lachten oft vergnügt oder waren so tief in ihre Gespräche versunken, als würde die Welt um sie her nicht existieren. Danach war ein Besuch des Kurbades an der Reihe und das war der einzige Ort den Holmes in seiner Verkleidung nicht betreten konnte. Erholt und hungrig gönnten sie sich dann ihr Mittagessen und obwohl Holmes bemüht war, ins Gespräch mit den zwei Londoner Herren zu geraten, all seine Versuche wurden durch die undurchdringliche Zweisamkeit der Beiden blockiert. Nach dem Mittagessen ruhte sich Thurgood aus und Watson überbrückte diese Zeit in seinem Zimmer. Er las oder schrieb Briefe welche er an der Rezeption abgab. Pünktlich zum Abendessen erschien Thurgood und klopfte an Zimmertür Nr. 4. Den Abend genossen die Gentlemen meist mit dem Unterhaltungsprogramm von Brighton. Holmes der die Oper stets dem Theater vorzog, fand wenig Gefallen an diesen Abendprogrammen und schön langsam langweilten ihn die friedlichen Tage und er wusste wieder warum er den Urlaub als solchen nicht mochte.
 

Erst als fast eine Woche seit ihrer Ankunft in Brighton vergangen war, änderte sich etwas im Ablauf. Watson war ungewöhnlich Ruhig gewesen, bereits den ganzen Vormittag. Auch Thurgood begann auf ihrem morgendlichen Spaziergang kein Gespräch. Schweigend schlenderten sie an der Küste entlang. Der Tee viel aus und das Mittagessen fand unter ähnlich schweigsamen Bedingungen statt.

Holmes erste Theorie zu der neuen Situation war ein Streit. Aber wann wäre es dazu gekommen? Schließlich hatte er die Beiden stets beobachtet und nicht die geringsten Anzeichen für ein Streitgespräch gefunden.

Thurgood traute er einen Streit mit John auch gar nicht zu. Dafür verstanden sie sich zu gut und nichts Außergewöhnliches war geschehen, nichts was nicht auch die Tage zuvor geschehen war. Ein weiteres Rätsel gesellte sich hinzu und somit steckte Holmes fest. Außergewöhnlich gereizt kehrte der Detektiv vom Abendessen zurück und da sah er John im Gang stehen. Dieser wartete vor Thurgoods Tür und schenkte dem alten Mann aus Zimmer 2 ein Lächeln. In dem Moment trat auch Thurgood auf den Gang. „Mein lieber Doktor, kann ich dich zu einem späten Spaziergang überreden? Der Mond ist heute besonders schön und ein Strandspaziergang wäre jetzt genau das Richtige.“

„Ich komme gerne mit“, bestätigte Watson.

Holmes war bereits in seinem Zimmer verschwunden und belauschte die Unterredung bei leicht geöffneter Tür.

„Ich würde ohnehin gerne mit dir Reden“, kam es leicht stocken von Watson. Aha! Jetzt ging das ganze wohl erst richtig los. Holmes wirbelte durchs Zimmer, holte eine Tasche und schlich den beiden nach. Draußen angekommen entledigte er sich der auffallend hellen Perücke und stopfte sie in die Tasche. Dann kramte er nach einem schwarzen Überzieher und schon ging die Verfolgung los.
 

Die Wanderung durch die nächtlichen Straßen blieb ruhig. Erst als sie die Küste erreicht hatten und durch den Sand wanderten, begannen sie ein Gespräch. Holmes musste peinlichst genau darauf achten, nicht durch den Vollmond und seinen eigenen Schatten verraten zu werden. So musste er hinter einem Stein in Deckung gehen und bekam von der eigentlichen Konversation nichts mit. Ab und an wehte der Wind einige Gesprächsfetzen herüber.

Ach wenn die Zwei nur endlich weiter gehen würden, dann könnte er sich in eine besser geeignete Position bringen und jedes ihrer Worte verstehen.
 

*~*~*
 

„Eine herrliche Nacht, der Mond ist so klar…so ganz anders als in unserem guten London, nicht wahr John?“

„Hmm, ja ich stimme dir zu. Die frische Seeluft tut gut, dir besonders nicht wahr?“

„So, daher warst du heute den ganzen Tag so still. Es geht um Florida“, stellte Travis fest.

John blieb stehen, betrachtete eine Weile ruhig das Wasser.

Travis trat dicht neben ihn. „Ein Penny für deine Gedanken. Seit ich dir gestern von den Plänen meiner Schwester erzählt habe, bist du ungewöhnlich ruhig gewesen. Ich hab geschwiegen weil ich nicht aufdringlich erscheinen wollte.“

„Steht es wirklich fest?“ fragte John und sah dabei seinem Gegenüber fest in die Augen. Dieser nickte deprimiert.

„Aber“, begann John und blickte wieder aufs Meer hinaus, „warum so weit? Ich meine deine Gesundheit ist es wert aber…“ er brach resigniert seinen Satz ab.

Travis legte seinem Freund die Hand auf die Schulter und überlegte was er nun sagen sollte. „Ich gehe nur sehr ungern von hier fort John, doch jeder Arzt mit dem Rose sprach, sagte ihr dasselbe. Florida wäre für meine Gesundheit am besten geeignet. Viel frische Seeluft, milde Temperaturen das ganze Jahr…oh John wenn ich nur bleiben könnte.“

John schüttelte den Kopf, griff nach Travis Hand, die eben noch auf seiner Schulter geruht hatte und hielt sie fest. „Nein es ist schon richtig. Ich als dein Arzt empfehle dir ebenfalls das Leben in Florida.“

„Aha, der Arzt meines Vertrauens empfiehlt mir dies ebenfalls. Dann werde ich wohl gehen müssen.“

Noch immer hielt John Travis Hand in der seinen. „London wird trostloser sein, wenn du nicht mehr hier bist.“

Travis lächelte, „das heißt du wirst mich vermissen?“ und er drückte Watsons Hand in der Seinen. Wieder sahen sich die Beiden an, dann zog Travis John die wenigen Meter die sie beide trennten heran und umarmte ihn.

„Als dein Arzt muss ich dir raten zu gehen, aber als dein Freund werde ich dich vermissen“, sprach John leise und genoss die Umarmung.
 

Holmes wusste nicht was geschehen war. Er hatte seine liebe Mühe das Gespräch auf diese Distanz zu verstehen. Langsam und behutsam näherte er sich den Männern und als er die Umarmung sah, blieb er reglos sitzen. Dieses Bild zusammen mit den Gesprächsresten die er aufgeschnappt hatte, klang es verdammt nach Abschied. Immer wieder war Florida erwähnt worden und am Anfang hatte der Detektiv geglaubt, es ginge um die Schwester Rose, denn in diesem Zusammenhand hatte er ja den Zeitungsartikel noch im Hinterkopf, welchen er während des Stöberns in der Bibliothek gefunden hatte. Das war alles sehr verworren. Immer noch geduckt und vorsichtig näherte er sich weiter.
 

„John ich möchte dich etwas sagen. Etwas sehr privates und dennoch muss ich dir mein Herz einfach offenbaren, auch wenn ich nicht genau weis wie. Ich werde bald weit fort von hier sein und eigentlich liebe ich das Reisen aber dann…dann kamst du. Du warst so nett zu mir, hast mir stets beigestanden und darum muss ich dir etwas sagen…“ Travis brach ab und schluckte auffallend den Klos in seinem Hals hinunter. Er stand John nahe gegenüber, mied dessen Blick und rang nach Worten. „Ich hätte nie gedacht, jemandem wie dir zu begegnen…weißt du meine ganzen Reisen…und ich war auch nie verheiratet und…“

Mit einem Lächeln schüttelte John den Kopf und brachte Travis zum schweigen. „Ich weis was du mir sagen möchtest und ja, auch in dieser Hinsicht ähneln wir uns.“

Jetzt sah Travis auf und sein Blick traf den von Watson. „Ein Teil von mir war stets anders und neugieriger als unsere Gesellschaft es erlaubt. Ich teilte dieses Bedürfnis hin und wieder mit anderen, denen es genauso ging. Anonym, ohne Gefühle, einfach nur das stillen eines verbotenen Verlangens.“

„Ich…ich hätte nie gedacht dass wir den gleichen Lastern frönen. Aber du warst verheiratet.“

John nickte, „ja und ich habe meine Frau geliebt und wollte mit ihr alt werden. Jetzt bin ich allein und Holmes hatte Recht, ich schulde im wohl eine Entschuldigung.“

Travis sah John fragend an. „Wir hatten einen Streit, er warf mir vor mich wie ein frisch verliebter zu benehmen und ich stritt dies vehement ab.“

„Oh John, sobald ich gesund genug bin, werde ich dich für immer verlassen, wie kommt es nur das wir unser Glück beieinander fanden und jetzt keine Zeit bekommen es zu genießen?“

„Vielleicht ist es besser so“, schloss John. „Ich meine ich hab die Zeit mit dir genossen aber eine Beziehung wie solch eine nach der wir uns sehnen, ist einfach…“

„Schhh“, Travis legte einen Finger auf Johns Lippen und brachte ihn zum Schweigen. „Was gewesen wäre wenn ist nicht mehr von Bedeutung. Lass und diese Gefühle teilen solange wir noch Zeit dazu haben.“ Er zog John zu sich und küsste ihn sanft.
 

Holmes verlor das Gleichgewicht und fiel in den feuchten Sand. Hatte…war denn wirklich…was war gerade eben geschehen? Es war ihm nicht gelungen das ganze Gespräch zu belauschen, aber sehen konnte er John und Thurgood von seinem Versteck aus sehr gut. Sie waren sich langsam immer näher gekommen, die Umarmung und jetzt das…Thurgood hatte sich zu John gebeugt und mit vor Erstaunen weit geöffneten Mund hatte Holmes die Szene verfolgt. Er verstand die Welt nicht mehr, wie konnte dieser Travis Thurgood nur so aufdringlich sein und glauben…Halt! War jetzt nicht der Moment gekommen, an dem Watson den aufdringlichen Herrn mit aller Gewalt von sich stoßen sollte? Warum tat er das denn nicht? Noch immer ungläubig beobachtete Sherlock was vor seinen Augen geschah. Watson stieß Thurgood nicht von sich, im Gegenteil, er umfing ihn mit seinen Armen und intensivierte den…den…Holmes rang nach Worten und nach Luft. Langsam setzte sich sein Gehirn wieder in Bewegung, zog dünne Gedankenfäden zwischen den einzelnen Puzzleteilen und setzte ein schreckliches Bild zusammen. Watson war wirklich verliebt gewesen, all die Nachrichten, das ständige Lächeln immer als Vorfreude auf ein neuerliches Treffen…ja das Puzzle war vollendet und das Bild hätte keine größere Grausamkeit ergeben können als das.
 

Langsam entfernte sich Holmes vom Strand. Mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen und wusste nicht wohin. Wohin mit all dem Frust, dem Kummer und den Schmerzen. Er wollte nicht mehr denken, nicht mehr fühlen…

Mit dem verbliebenen Rest an Geistesgegenwart zog er seine Verkleidung wieder an und kurz darauf betrat Mr. Cartmill das Hotel.

Als die Zimmertür hinter ihm ins Schloss gefallen war, griff Holmes nach seiner Tasche. Nicht denken, nicht fühlen…all dies versprach ihm sein letzter, wahrer Freund mit bitter süßer Genugtuung und mit seinem für heute letzten klaren Gedanken drang die Spitze in seine weiche Haut und das Kokain erlöste ihn…

Kapitel 11.
 

Was sollte man in so einer Situation fühlen? Sherlock Holmes wusste es beim besten Willen nicht. Sollte er wütend auf Watson sein? Irgendwie vermutlich schon, aber warum? Sollte das Glück des besten Freundes nicht egal auf welche Art auch immer, im Vordergrund stehen? Ja…also keine Wut.

Scham gegenüber Watsons Verhalten? Wie konnte sein bester Freund nur Gefühle für einen Mann hegen.

Gefühle für einen anderen Mann als dich Fragte da seine innere Stimme.

Trauer weil Watson ihm nicht genug vertraut hat um ihm dieses Geheimnis zu offenbaren?

Oder Trauer darüber das er nicht dich gewählt hat? Sprach da wieder diese Stimme.

Verzweiflung weil Watson ihn verlassen würde? Ja das passte eher.

Verzweiflung weil Watson ihn für einen anderen Mann verließ? Das traf den Nagel wohl auf den Kopf.

Du bist eifersüchtig! Rief wieder diese Stimme.

Die Spritze und das Kokainfläschchen lagen auf dem Nachttisch, ein verkrusteter Tropfen Blut verriet die frische Einstichstelle.

In einer Welt gefangen zwischen dem Traum der Droge und den Resten aus der Wirklichkeit lag Holmes auf seinem Bett. Er hatte versucht sich all seinen Sorgen zu entziehen, seinen unerträglichen Gefühlen, doch sie wechselten mit ihm hinüber in die andere Welt. Schwammen im Traum an ihm vorbei, griffen nach ihm und zogen ihn mit sich hinunter in die Düsternis. Aus der gewünschten Befreiung war ein bitterkaltes Gefängnis geworden und in diesem Gefängnis war Holmes nicht allein. Eine Gestallt schälte sich aus dem Dunklen, groß und hager, mit grauen Augen und schwarzem Haar. Kannst du mich hören? Siehst du mich endlich? Fragte ihn diese vertraute Gestallt. So lange hat du mich ignoriert, jetzt musst du dich mir stellen! Die Stimme klang drohend und Holmes wollte nur noch hier weg.

„Lass mich gehen!“ flehte ein auf seinem Bett liegender Mann in die Leere seines Zimmers hinein.

Wer bin ich denn? Fragte die Gestallt mit einem Lächeln im Gesicht. Wer außer du selbst könnte ich sein? Dich gehen lassen? Ich bin doch du. Geh wohin du willst, leugne mich für den Rest deiner Tage aber mach mich danach nicht für all dein Unglück Verantwortlich.

„Was willst du?“

Deine erste vernünftige Frage, wurde ihm sarkastisch vorgeworfen. Ich will das du dich besinnst. Erkenne mich als deine Gefühle an. Jemanden den du stets unterdrückt hast. Jetzt aber hast du nicht die Kraft dazu und darum bin ich hier!

„Hör auf, lass mich allein!“ rief Holmes aufgebracht. „Du bist ein Traum, nichts weiter als das!“

Er konnte die Stimme in sich lachen hören und sah sein eigenes Gesicht zu einer Fratze verzogen vor sich. Von jetzt an wirst du keinen Schritt mehr ohne mich gehen! Ich werde präsent sein, werde dir immer zurufen was du nicht hören willst!

Holmes krümmte sich auf seinem Bett, hielt sich die Ohren zu und stieß dabei an das Nachtkästchen.
 

Als er am Morgen erwachte, dauert es eine Weile bis sein Geist sich wieder besonnen hatte. Er wusste wieder wo er war, der Traum war vorbei, doch der Alptraum aus dem er hatte fliehen wollen noch lange nicht. Vielleicht hatte er auch alles nur geträumt?

Von diesem Hoffnungsschimmer durchflutet stand er auf, wankte unsicher zum Schrank und riss die Türen auf. Kissen und Decke wurden unachtsam zu Boden geworfen und dann kniete er sich vor das Guckloch.

Er konnte seinen Freund Watson erkennen. Dieser lag noch schlafend in seinem Bett und Holmes fiel ein Stein vom Herzen. Dann jedoch bemerkte er Bewegung unter der Bettdecke und ein Arm kam zum Vorschein, der sich um Watsons Bauch legte. Sherlock wurde augenblicklich übel und so taumelte er von dem Loch fort.

Neben ihm auf dem Boden lag seine Spritze und das Fläschchen Kokain war fast unter das Bett gerollt. Alles war real gewesen, Watsons Verrat und…

Holmes kniete sich auf den Boden, langte nach der Spritze und dem Glasfläschchen und betrachtete beides. Der Traum von gestern kam ihm in den Sinn und jede von Watsons Ermahnungen im Bezug auf die Drogen. Würde er beim nächsten mal wenn wer zur Spritze griff wieder dieser schauderhaften Version von sich selbst begegnen? Ein zittern erfasste seinen Körper allein bei dem Gedanken.
 

Im Zimmer nebenan begann sich etwas zu Regen. Holmes wollte gar nicht erst wissen, was. An diesem Tag verfolgte er John nicht. An diesem Tag war ihm egal was Thurgood machte, nein an diesem Tag würde er diesen Raum nicht verlassen. Morgen würde er seine Sachen packen, von hier verschwinden und dann…er wusste nicht weiter.
 

*~*~*
 

„Entschuldigen Sie, Sir“, wurde Watson am Abend von einem der Hotelangestellten angesprochen. Er kam mit Travis gerade vom Abendessen und jetzt freuten sie sich auf ein paar gemütliche Stunden der Zweisamkeit.

„Was kann ich für Sie tun?“ fragte Watson und musterte den Herrn. Er war ihm bereits des Öfteren im Hotel begegnet und dieser Herr hatte sich auch am Morgen ihrer Anreise bedient.

„Ich entnahm Ihrer Anmeldung in unserem Hotel, dass Sie Arzt sind.“

„Das ist korrekt, gibt es einen Notfall?“ fragte John besorgt nach. „Ich hab meine Arzttasche dabei und kann sofort…“ aber der junge Herr unterbrach ihn mit einer wegwerfenden Geste. „Gott, ich hoffe nicht, aber ich mache mir Sorgen, Sir. Der alte Mann aus Zimmer 2, Mr. Cartmill, also er hat sein Zimmer heute nicht einmal verlassen und Essen hat er auch nicht bestellt.“

John sah Travis fragend an, „wir sind dem Herrn schon mehrmals über den Weg gelaufen“, berichtete Travis. „Wir klopfen einfach mal an seine Tür und fragen Ihn, ob alles in Ordnung ist.“

Der Hotelangestellte lächelte, „vielen Dank, Sirs. Mir hat der Gentleman nämlich jede Störung von vorne herein Verboten.“
 

„Mr. Cartmill?“ fragte Watson und klopfte gegen die Tür aus dunklem Holz. „Hier ist Doktor Watson aus dem Zimmer nebenan. Ich wollte mich erkundigen ob Sie…“ er geriet ins Stocken und blickte seinen Freund fragend an. „Ob Sie uns nicht auf einen Spaziergang begleiten mögen“, beendete Travis den Satz.

Holmes hatte Johns Stimme sofort erkannt und ihm war auch klar, dass das Personal dahinter stecken musste. Verständlich zwar, denn ein alter Mann der sein Zimmer den ganzen Tag nicht verließ könnte vielleicht wirklich ärztliche Hilfe benötigen.

Als Mr. Cartmill seine Tür öffnete, versuchte er vergebens seine Gefühle zu verstecken. „Mir geht es gut, danke der Nachfrage aber ich wünsche keine Störungen.“

John sah Hilfe suchend zu Travis, der lächelte den alten Herrn gutmütig an. „Wir wünschen noch einen schönen Abend. Falls Sie dennoch…“

Holmes schlug dem Schnösel die Tür vor der Nase zu. Dieser impertinente Mann machte ihn wütend und obwohl er ihn kaum kannte, hasste er ihn doch aus tiefstem Herzen. Denn schließlich war er es gewesen, der alles zerstört hatte. Angefangen von dem Streit zwischen John und ihm, bis hin zu diesem Kuss.

Holmes riss sich die Perücke wieder vom Kopf und viel auf sein Bett. Eigentlich hatte er packen wollen, doch er hatte einfach nicht die Kraft dazu aufbringen können. Wie auch, jetzt wo er sogar vom Kokain die Finger ließ, wieder verfluchte er dafür Travis Thurgood, gab es nichts mehr was ihn aus seiner Verzweiflung erretten konnte?
 

Ein poltern und dann ein lautes Lachen drang aus Watsons Zimmer durch die dünnen Wände herüber. Obwohl Holmes keine Lust hatte sich noch einmal in die Belange der Beiden einzumischen, war er doch neugierig. Also erhob er sich und ging zum Schrank. Schließlich gab es eh nichts was seine Aufmerksamkeit verdient hätte.

Watson saß auf dem Bett und lachte noch immer. Travis war nicht auszumachen, dafür war der Radius des Loches zu klein. Aber man könnte ihn reden hören „hör schon auf zu lachen“ befahl er ebenfalls heiter. Dann kam er ins Bild, blieb vor John stehen und beugte sich zu ihm herunter. Ihre Lippen vereinten sich und wieder traf dieses Bild Holmes Herz wie ein Messer. John blieb nicht untätig, er griff nach den Armen des vor ihm stehenden Mannes und zog ihn mit sich auf das breite Bett. Langsam entledigten sie sich ihrer Kleidung und jeder vom Stoff befreiter Körperteil wurde erkundet, gestreichelt und geküsst. Es steckte so viel Liebe in dieser Szene, das Holmes um Atem rang. Wie konnte die Welt eine Liebe wie diese nur verurteilen? Sie war so friedlich, so…beneidenswert. Spielte denn das Geschlecht oder die Normen einer Gesellschaft wirklich eine Rolle? War das bloße Gefühl von Liebe nicht allumfassend? Während er dies dachte, konnte er seinen Blick nicht von der Szene lösen.

Liebe hatte er nie empfunden. Als Kind für seine Mutter, aber Liebe in diesem Sinne war ihm fremd. Bis her hatte er auch geglaubt dieses Gefühl nicht zu brauchen, er hatte nie in betracht gezogen es an sich heran zu lassen, dieses Gefühl. Aber jetzt allein in seinem Zimmer und der Szene der Männer vor seinen Augen glaubte er dieses Gefühl zu vermissen. Er sehnte sich geradezu danach was für ihn schon ungewöhnlich war aber jetzt verstand er warum alle anderen dieses Gefühl mit Partnerschaften herbeiführten. Wer hätte die Liebe schon missen wollen, wenn er sie einmal verspürt hatte?

Sein Alptraum viel ihm wieder ein. Dieser andere Holmes, das was er gesagt hatte, stimmte es? Sehnte er sich tief in seinem Inneren nach eben jener Liebe? Wieder sah er den Liebenden zu, welche immer noch den Körper des jeweils anderen erkundeten. Holmes ertappte sich bei der Vorstellung, er wäre derjenige den Watson auf diese besondere Art berührte und ein Schauer jagte durch seinen Körper. Offensichtlich war es genau das, was er im Grunde wollte und ab diesem Moment wurde es ihm zu viel.

Er lief im Zimmer auf und ab, versuchte seine Gedanken zu ordnen und wieder rief diese Stimme tief in ihm. Unruhig versuchte er nicht an das eben gesehen zu denken, sich zu besinne. Vergeblich mühte er sich ab, aber immer wieder krochen Bilder in seinen Geist. Bilder von Watson…Bilder die…was sollte er nur tun? Zaghaft ging er zurück zu seinem Bett und setzte sich. Diese schauderhafte Kreatur als Manifestation eines unterdrückten Gefühles hatte Recht. Er musste sich ihr stellen, seine Gefühle die so lange unterdrückt waren frei lassen.

Du liebst Ihn, sagte ihm sein anderes Ich. Du willst ihn ganz allein für dich. Weder mit einer anderen Frau noch mit einem anderen Mann willst du ihn teilen. Darum der Streit, darum deine Angst er könnte von dir gehen.

Ja, das war wohl der springende Punkt. Daher resultierte der Streit, aus purer Eifersucht heraus ein Anderer könnte seinem John wichtiger sein. Jetzt hatte er endlich seinen Grund und somit stand eine längst überfällige Entschuldigung an. Er musste mit John reden, denn jetzt wo er sich selbst die Liebe eingestanden hatte wäre sie zu unterdrücken ein Ding der Unmöglichkeit. Von jetzt an würde er keine Schritt mehr tun können ohne diesem Gefühl, es würde präsent sein was immer auch geschehen möge. Selbst wenn John ihn nach all dem nicht verzeihen würde, die Liebe für diesen Mann würde bis ans Ende seiner Tage bestand haben.
 

*~*~*
 

Als er hörte wie Thurgood Watsons Zimmer verließ, war alles bereit. Sherlock Holmes würde jetzt alles auf eine letzte Karte setzen. Sein Herz schlug wie wild, als er auf den Gang hinaus trat und die wenigen Schritte zischen den zwei Zimmern zurücklegte. Seine Hand zitterte als er sie zum Klopfen erhob und mit einem letzten innerlichen Ruck pochte er gegen das dunkle Holz von Zimmertür Nr. 4.

Kapitel 12.
 

Der Ausdruck auf Watsons Gesicht hätte für die Ewigkeit festgehalten werden müssen, fand Holmes und schmunzelte seinen Freund an. „Na, überrascht?“

Noch immer stand John mit offenem Mund da und starrte Holmes an. Langsam begann sein Verstand das gesehene zu verarbeiten und stammelnd bat er den Detektiv herein. „Ich…also…was machen Sie hier Holmes?“ Immer noch lächelnd schritt der Angesprochene an seinem Freund vorbei und ließ sich auf dem Sofa nieder.

„Ich bin aufgrund eines neuen Falles hier in der Gegend tätig gewesen und ich dachte mir wo ich schon mal hier bin, sehe ich gleich mal bei dir vorbei.“

Watson musterte seinen Freund noch immer verwundert, aber das Gesagte klang so verrückt, dass es zu Sherlock Holmes wieder passen würde.

„Wie um alles in der Welt haben Sie mein Hotel gefunden? Ich meine woher wussten Sie das…“

„Elementar, treurer Watson“, unterbrach Holmes den Redefluss mit einer wegwerfenden Handbewegung. Das mit dem Fall war zumindest nicht ganz gelogen, zwar ließ er das winzige Detail aus, dass Watson in Persona eben jener Fall gewesen war. Hätte er behauptet nur wegen der Entschuldigung so weit gefahren zu sein, dann hätte John es ihm wohl nicht geglaubt. Immerhin war der gefeierte Detektiv bekanntermaßen kein Freund der weicheren Gefühle und für Entschuldigungen war er auch nicht gerade bekannt.

Da Watson noch immer unbeweglich im Raum stand, bat Holmes ihn sich zu setzen. „Komm schon alter Freund, setzt dich“. Erst jetzt war Watson der Wechsel von ihrer üblicherweise förmlichen Anrede, hin zum vertrauten aufgefallen. Allgemein wirkte Holmes anders als sonst, John konnte diese Veränderung nicht in Worte fassen, es war etwas nicht Greifbares und dennoch war etwas anders. Langsam ging auch er zum Sofa und nahm neben Holmes Platz.

„Ist Ihr…Fall hier gut verlaufen?“ John konnte Holmes nicht einfach so plump und vertraut ansprechen, nicht ohne den Grund für dieses Verhalten zu verstehen. Schließlich hatte Holmes nie Wert auf so etwas gelegt, aber er hatte seine Launen und vielleicht war dies eine davon. Trotzdem blieb John höflich und war neugierig auf das was Holmes hier Heute zu ihm gebracht hatte.

„Nebensächlich“, meinte Sherlock, „im Nachhinein betrachtet, war es ein recht simpler Fall aber seine Komplexität hat mich doch sehr überrascht.“

„Freut mich zu hören, vielleicht erzählen Sie mir die Geschichte irgendwann genauer?“ fragte John hoffnungsvoll, denn er war wirklich neugierig.

„Vielleicht“ kam es von Holmes der seine Pfeife aus der Manteltasche zog. „Stört es dich wenn ich rauche?“

Eine ungewöhnliche Frage, die John aus dem Munde des Detektivs noch nie vernommen hatte. Zumindest nie an ihn gerichtet. Er schüttelte nur den Kopf und sah Holmes zu, wie dieser seine Pfeife anzündete. Eigentlich eine ganz normale Situation, genau wie zu Hause in der Baker Street und doch so völlig anders.

Holmes zog mehrmals an seiner Pfeife, bis sie endlich richtig brannte. Dann sah er wieder zu Watson. „Ich bin aus einem bestimmten Grund hier, wie du schon so richtig vermutet hast. Dein Gesicht verrät immer noch jeden deiner Gedanken teurer Watson und weil man dir die Neugierde ansehen kann, komme ich gleich zum Wesendlichen.“

Gespannt sah John seinen Freud an der Pfeife ziehen und die üblichen Rauchwolken in die Luft blasen. Er wollte Sherlock nicht hetzen, war er doch schon froh ihn hier zu sehen.

Er hatte Briefe zu Mrs. Hudson geschickt, ob es Holmes denn gut ging und obwohl dieser Urlaub hier seit vielen Jahren das wunderbarste war, was John widerfahren ist, hatte er seinen Freund doch keine Sekunde vergessen. Der schreckliche Streit, die gedrückte Stimmung in der sie sich verabschiedet hatten, als das war ihm stets im Magen gelegen. Aber jetzt schien Holmes hier zu sein um alles zurück zur Normalität zu bringen.

Mit dieser Annahme hätte John Watson nicht falscher liegen können. Holmes wollte kein Zurück in alte Fahrwasser, er wollte neue Gewässer erkunden. Aber jetzt stand ein entscheidend wichtiger erster Schritt an.

„Watson…John ich möchte mich entschuldigen.“

Im ersten Moment war John überrascht, aber dieses Gefühl legte sich gleich wieder. Natürlich war eine Entschuldigung der erste Schritt und der kam von Holmes. Dafür sollte er seinem Freund dankbar sein. Zeigte es doch deutlich wie viel dem sonst so kalten und wortkargen Holmes ihre Freundschaft bedeutete.

„Ich habe einen Streit begonnen und dich mit Vorwürfen bedrängt, die mich nichts angingen. Ich hätte taktvoller sein sollen oder mich erst gar nicht in deine Belange einmischen. Obwohl mir das sehr schwer fällt, denn du bist mir der wichtigste Mensch in meinem Leben.“

John hatte überrascht von diesem Geständnis die Luft angehalten. Als Holmes ihn durchdringend ansah, ließ er die Luft mit einem Seufzer entweichen. „Auch ich muss mich entschuldigen, Holmes. Ich hätte nicht die Beherrschung verlieren dürfen, können Sie mir diese Ohrfeige verzeihen?“

Sherlock lächelte ihn an und John wurde warm ums Herz. „Du nimmst meine Entschuldigung an und ich die deine“, versprach der Detektiv und John nickte, ja er lachte sogar. „Gott, ich kann Ihnen gar nicht sagen wie wohl es mir jetzt geht. Oh Holmes, der Streit, das alles hat mich so gequält. Ich bin froh das alles wieder so ist wie früher.“

Holmes stand nach diesen Worten von dem Sofa auf und John blickte irritiert auf den Rücken seines Freundes. Hatte er etwas Falsches gesagt? Dann drehte sich Holmes mit einem Ruck zum Sofa um und hielt Watson seine Hand entgegen.

„Komm, was hältst du davon wenn wir nach Hause fahren? In unser Zuhause“.

Watson Lächeln erstarb, er ergriff die Hand seines Freundes, nicht jedoch um ebenfalls aufzustehen, sondern um Sherlock zurück auf das Sofa zu ziehen. Überrascht setzte sich Holmes erneut und suchte den Blickkontakt zu John. Dieser wich ihm jedoch aus. „Holmes ich komme gerne wieder nach Hause, nur eben jetzt noch nicht.“

„Warum?“

Jetzt sah John doch auf und hielt dem Blick der grauen Augen stand. „Warum? Was soll die Frage Holmes? Ich bin wegen eines Freundes und seiner schlechten Gesundheit hier, haben Sie das vergessen?“

„Ich bin mir sicher, die Genesung deines Patienten wird auch ohne dir von statten gehen.“

„Darum geht es nicht!“ rief Watson ziemlich aufgebracht. „Einer meiner Freunde ist krank und könnte meine Hilfe gebrauchen. Aber selbst wenn kein Notfall eintritt, meine Gesellschaft hab ich ihm bereits zugesagt.“

„Was ist mit mir, willst du mir den keine Gesellschaft leisten?“ fragte Holmes geknickt.

„Doch natürlich, was soll diese Frage. Sie sind beide meine Freunde und wann immer einer von euch mich braucht, werde ich da sein, das wissen Sie doch. Im Moment ist es Travis der meiner Hilfe bedarf.“

„Heißt das wenn ich kränker wäre als dieser Thurgood, dann würdest du mit mir nach Hause kommen, dich um mich kümmern und nicht um Ihn?“

„Beim Allmächtigen, Holmes wie können Sie so etwas sagen? Meine Führsorge hängt nicht von der schwere einer Verletzung ab! Moment…“ Watson schüttelte den Kopf. „Holmes das hier…“ und dabei machte er eine ausschweifende Geste durch den Raum, „beginnt genau wie unser letzter Streit. Sagen Sie mir warum“, verlangte John und sah Holmes herausfordernd an.

„Weil ich es nicht ertrage das dir Travis Thurgood wichtiger ist als ich!“ rief Holmes aufgebracht.

„Wichtiger! Großer Gott Holmes was soll das Theater?“ Watson war aufgesprungen und schritt unruhig im Zimmer auf und ab. „Wichtiger“, wiederholte er erneut. „Hab ich in den letzten Jahren nicht genug durchgemacht, was Ihnen meine Freundschaft bewiesen hätte? Wann immer Sie rufen komme ich, wann immer Gefahren lauern, ich bin an Ihrer Seite. Ich ertrage Ihre Launen, Ihre Unordnung, Ihr…Ihr ganzes Wesen! Und jetzt tauchen Sie hier mitten in der Nacht auf und unterstellen mir, ich wäre zu wenig für Sie da?! Wie…wie können Sie nur...wie? Ich finde keine Worte, schon allein die Frage wer von Ihnen beiden mir wichtiger wäre…“ Watson brach ab, rieb sich müde mit den Händen über die Augen.

„Das ist doch eine einfache Frage“, unterbrach Holmes die unangenehme Stille. „Wenn er dir wichtiger ist als ich es bin, dann bleib hier. Wenn es leichter ist ihn zu ertragen als mein…Wesen, dann werde ich gehen und dich nie wieder belästigen.“ Holmes Stimme war zu einem Flüstern verklungen. Er saß zusammengesunken auf dem Sofa, zog geistesabwesend an seiner Pfeife und wartete auf eine Antwort.

„Wie kannst du nur?“

Dieser Satz von Watson ließ ihn aufsehen und mit einem feuchten glitzern in den so liebevollen braunen Augen schrie Watson ihn an. „Du Bastard, wie kannst du mich vor so eine Wahl stellen? Und du willst mein Freund sein?“

„John…“ versuchte Sherlock die Situation zu retten. Wie hatte das nur wieder geschehen können? Wieso hatte er nicht bemerkt was er da von John verlangte, wieso nur?

„Geh!“ rief John aufgebracht und Tränen rollten ihm dabei über seine Wange. „GEH!“ brüllte er erneut und wies auf die Tür.

Holmes stand auf, er wusste nicht was mehr schmerzte, Watson zu sehen der seine Hände über die Augen gelegt hatte und leise schluchzte, oder die Tatsache das sein Freund ihn gerade rausgeworfen hatte. Es war wohl die Kombination aus beidem, was ihm das Herz brach. Er wollte es retten, Watson sagen das all die Worte nur seiner Eifersucht zugrunde lagen und seiner Liebe. Aber es war zu spät. Langsam sickerte diese Erkenntnis bis auf den Grund seiner Seele. Seine Knie zitterten und alles im Raum begann sie zu drehen. Er musste hier raus und frische Luft schnappen. Mechanisch trugen ihn seine Füße vorwärts und das letzte was er sah war, wie Watson auf die Knie sank und begleitet von dessen Weinen schloss Holmes die Tür.
 

*~*~*
 

Den Rest des Abends hätte Holmes nicht mehr rekonstruieren können. Er suchte und fand eine Bar und schon bald verschwanden die Erinnerungen, die Gefühle…alles.

Ein Nebel waberte durch seinen Geist, verdeckte das Geschehene und verdrängte die Fragen an die Zukunft.
 

Holmes wurde an der Schulter bepackt und jemand rüttelte ihn aus diesem befriedigenden Zustand der Leichtigkeit. „Wach auf Kerl!“ schrie man ihn an. „Wir schließen also geh Heim“!

Holmes bekam nicht mit wie der Barmann ihm seine Geldbörse abnahm und Münzen herausholte. „Damit sind deine Schulden beglichen, nicht mal einer in so nem feinen Anzug darf bei mir Anschreiben und jetzt mach das du raus kommst!“

Man schob den betrunkenen Gentleman grob zur Türe, stieß ihn auf die Straße und ließ den gebrochenen Mann dort liegen. Langsam erhob sich die gedemütigte Gestallt und wankte davon. Er hatte keine Ahnung wo hin, Richtungen waren egal, alles war ihm egal. Irgendwann konnte er die Sonne sehen, wie sie hinter dem Horizont auftauchte. Der Anblick beruhigte sein Gemüht und lächelnd trat er der Sonne entgegen.

Nein, Sherlock Holmes wusste nicht was in jenem frühen Morgenstunden geschah. Er merkte auch nicht wie das Rauschen des Meeres immer deutlicher wurde. Die Sonne vor Augen war das nächste was er bewusst wahrnahm das Gefühl als würde er Fallen. Als wäre der Boden unter seinen Füßen verschwunden. Aber die Klippen waren ihm egal gewesen und würde dies hier sein Ende sein, so starb er denn wenigstens in Frieden. Das einzige an was sich Sherlock Holmes von jenem Morgen zu merken verstand, war der kurze aber heftige Schmerz seines Aufpralls.

Kapitel 13.
 

Dunkelheit umgab ihn, hielt ihn fest, beschützte ihn. Die Welt dort draußen jenseits des düsteren Traumes bedeutete nur Schmerz. Er wollte nicht aufwachen, wollte hier bleiben wo nichts eine Rolle spielte, wo man ihn nicht verletzten konnte…aber dies lag nicht in seiner Macht. Langsam begann die Dunkelheit um ihn herum abzublättern, wich Schwärze leichten Grautönen und langsam wurde es heller um ihn. Während sein Geist sich zielstrebig auf das Licht zu bewegte, kehrten Fetzen von Erinnerungen zurück.

Der Streit, John der ihn hinauswarf, John der am Boden zerstört zurück blieb und er, Sherlock Holmes dessen gebrochenes Herz nicht aufhören wollte zu schmerzen. Halbwegs erinnerte er sich an die kleine, verrauchte Kneipe am Hafen, an den hochprozentigen Alkohol der in seiner Kehle brannte und doch den Hetzensschmerz nicht übertünchen konnte.

Ja, ihm war die Liebe bewusst geworden, ein Gefühl das er aus gutem Grund nie an sich heran gelassen hatte aber jetzt da dieses Gefühl präsent war, sehnte er sich so sehr danach. Es zerstöre ihn…es…war nicht das einzige Gefühl welches er empfand. Da war ein Schmerz, anders als der, der sein Herz peinigte und dieser Schmerz war überall! Er wollte sich nicht bewegen, wollte zurück in die Dunkelheit, fort von all der Pein. Doch das Licht war nahe, erstreckte sich in jede Ecke des Geistes und vertrieb die Leichtigkeit der Schwärze.
 

Holmes Augenlieder flatterten, da war ein unangenehm Helles Licht, welches seine Augen tränen ließ. Sein ganzer Körper schmerzte, was war nur geschehen, wo war er? Das weiche Bett unter ihm, der Geruch von Desinfektionsmitteln in solch penetranter Stärke…ein Krankenhaus?

Mit noch immer geschlossenen Augen versuchte Holmes sich zu erinnern, aber es gelang nicht. Nach dem Besuch in der Kneipe war kein Bild mehr in seine Erinnerungen eingebrannt. Nur ein kurzer, heftiger Schmerz war alles, was sein immer noch betäubter Geist preisgab.
 

Langsam an das Licht gewöhnt, blinzelte Holmes und schlug die grauen Augen auf. Seine Einschätzung war korrekt gewesen, er lag in einem Krankenhausbett. Damit hatte wohl der gestrige Schmerz zu tun…hatte er sich wirklich betrunken und…
 

Eine warme Hand ergriff die Seine und erschrocken sah er in das Gesicht von John Watson. Dieser lächelte ein wenig gequält, ließ aber Sherlocks Hand nicht los.

„Wie geht es dir?“ fragte er mit leiser Stimme. Holmes konnte die Besorgnis in den Worten und im Blick seines Freundes erkennen und in diesem Moment machte ihn das unendlich Glücklich. „Du bist da“, sagte er mit belegter Stimme und hustete leicht. John griff auf den Nachttisch, holte ein Glas Wasser und reichte es seinem Freund. Gierig trank Sherlock das Glas leer und als Watson es abstellte, kehrte die warme Hand in die seine zurück. „Du bist zu mir gekommen“, flüsterte Holmes erneut.

„Natürlich“, sagte John und setzte sich auf die Bettkante. „Du bist schließlich mein Freund.“

„Du bist mir nicht böse? Das Gestern, ich wollte das alles nicht, was ich gesagt habe…“

„War nicht das was du meintest“, beendete John den Satz. „Ich weiß das doch. Was aber nicht heißen soll das ich es verstehe. Und dann betrinkst du dich auch noch, das ist so gar nicht deine Art.“

Sherlock musste ungewollt Lachen, was erneuten Schmerz durch seien Körper jagte.

„Normalerweise hätte ich zum Kokain gegriffen, aber ich glaub davon bin ich geheilt.“

Überrascht mustert John seinen Freund, „das klingt im ersten Moment recht unglaubwürdig. Zu gut um wahr zu sein. Aber nur weil du ein Laster aufgibst, kannst du nicht in das nächste flüchten. Holmes, Alkohol ist gefährlich, was du ja am eigenen Leib hast erfahren können.“

Da kam Holmes wieder etwas in den Sinn, „wo wir gerade davon sprechen, ich erinnere mich nicht an meinen Unfall.“

John lächelte verschmitzt, „das wundert mich jetzt nicht wirklich. Du wurdest aus der Kneipe befördert und gingst die Klippen am Strand entlang. Ein Fischer hat dich beobachtet, wie du plötzlich auf die Klippen zugingst als wäre dir der Abgrund nicht aufgefallen. Zum Glück war dein Sturz nicht aus all zu großer Höhe. Der Sand hat seien Teil beigetragen und der Alkohol ebenfalls. Ein Mensch der Stürzt versucht sich logischerweise mit seinen Armen zu schützen, das ist eine ganz normale Reflexhandlung. Da man im betrunkenen Zustand aber nicht so schnell reagieren kann, bist du bäuchlings im Sand gelandet. Dein Glück, denn sonst hättest du dir womöglich deine Arme gebrochen.“ John griff wieder nach Sherlocks Hand und streichelte sie leicht mit seinem Daumen. „Du hast Glück im Unglück gehabt, es ist nichts gebrochen. Aber ich hoffe der Scherz welcher deinen Körper die nächste Zeit noch peinigen wird, reicht dir als Warnung um so etwas dummes nie wieder zu tun.“
 

Holmes schwieg zu diesem Thema. Er wusste ohnehin nichts zu sagen. John war zwar hier, aber er würde wieder gehen, soviel war Sherlock sich sicher. Er hatte sich gestern auch nicht für ihn entschieden, warum sollten die Karten heute für ihn besser verteilt sein? Wegen seiner Verletzung? Das körperliche Leiden würde vergehen, aber John würde dennoch zu Thurgood zurückkehren und Sherlock mit seinem seelischen Leiden zurücklassen.

„Geht es dir gut?“ fragte John als sein Freund nicht reagierte. Holmes hatte geistesabwesend ihre Hände gemustert, welche immer noch verschlungen ineinander auf der Bettdecke ruhten.

„Hast du mir zugehört? Mach so etwas nie wieder, hörst du! So eine Leichtsinnigkeit mit der du deine Gesundheit, ja dein Leben riskierst! Kannst du dir auch nur vorstellen wie es mir gehen würde, wenn du gestorben wärst?“

Diese Worte waren mit unendlicher Trauer in der Stimme über Watsons Lippen gekommen. Sherlock sah von ihren Händen auf und bemerkte wie Watson mit sich rang. „Wie kannst du mir nur so einen Schrecken einjagen? Weißt du denn wirklich nicht wie viel du mir bedeutest?“ Ihre Blicke trafen sich nach diesen Worten. Lange Zeit sagte niemand ein etwas, sie hielten einfach den Blick des anderen fest und verloren sich darin.

„Bitte versprich mir so etwas nie wieder zu tun!“ flehte Watson und beendete diesen magischen Moment zwischen ihnen.

„Ich verspreche es dir“, sagte Sherlock und entzog Watson seine Hand. „Aber jetzt solltest du gehen. Thurgood wartet sicher auf deine Rückkehr. Ich komme von hier ab alleine klar. Danke für deine Anwesenheit, das hier war ein schönerer Abschied als der Gestern.“

John schüttelte ungläubig den Kopf, „wovon redest du? Warum sollte ich gehen? Ich…ich hab mich bereits für den Streit entschuldigt, es tut mir wahnsinnig leid was geschehen ist! Bitte glaub mir das! Wenn du mich nicht weiter in der Baker Street haben willst, werde ich natürlich gehen, aber…“

Holmes unterbrach seinen Freund mit einer energischen Handbewegung. „Du willst wieder zurück zu mir? Aber warum? Ich meine du hast dich für Thurgood entschieden, ihr seit Glücklich miteinander, das habe ich gesehen. Du willst ihn doch gar nicht verlassen.“

Jetzt war es an John seinen Freund zu unterbrechen. „Warte, nicht so schnell. Wie meinst du das?“

Der Detektiv schluckte schwer. Jetzt war es an der Zeit für die Wahrheit. „Ich bin nicht wegen eines Falles hier gewesen, ich habe dich verfolgt. Seit unserem Streit in der Baker Street war ich neugierig was dein geändertes Verhalten betraf. Du warst verliebt, du bist es um genau zu sein. Ich hab euch gesehen, am Strand und…“ Holmes brach ab. Zu schwer lastete diese Erinnerung in seinem Herzen.

„Du hast was?“ fragte Watson ungläubig doch Holmes ließ ihn nicht mehr zu Wort kommen. Er wollte keinen Streit, aber es war an der Zeit reinen Tisch zu machen. „Ich bin geflüchtet, hab mir Kokain injiziert und wollte einfach nur vergessen. Aber die Drogen…sie brachten keine Erleichterung, sie jagten mich in einen entsetzlichen Traum und meine eigenen Gefühle klagten mich an. Vom Kokain werde ich in Zukunft die Finger lassen aber eines hat dieser Wahntraum in mir ausgelöst. Ich weiß jetzt endlich warum ich dich all die Zeit überwacht habe. Du warst so Glücklich, dabei wollte ich derjenige sein der dich Glücklich macht. Ich will nicht das du heiratest, denn ich könnte es nicht ertragen ohne dich zu leben. Alles was ich mir wünschte warst du an meiner Seite. Aber dann sah ich dich und ihn und…ich weiß jetzt das alles zu spät ist. Glaub mir nur dieses eine, dass jeder Streit zwischen uns nur deshalb entbrannte, weil ich dich liebe und dir das nie sagen konnte.“ Nach diesem Geständnis herrschte lange Zeit ruhe. Sherlock konnte seinem Freund nicht in die Augen sehen, er wollte nicht darin lesen, nicht sehen war er nie bekommen würde.
 

„Du Idiot“, sprach Watson als er endlich die Worte wieder gefunden hatte. „Du hast einen so groben Fehler begangen, der Sherlock Holmes nicht würde ist. Ohne die nötigen Fakten kann man einen Fall nicht lösen, das sind doch deine Worte. Warum nur hast du dich in diesem Fall auf deine Theorien verlassen? Ist es nicht töricht eine Theorie zu entwickeln und sie den Fakten anzupassen und nicht umgekehrt?“ John benutzte bewusst die Worte welche sein Freund gelegentlich an ihn richtete.

„Was bitte hätte ich missverstehen können?“ fragte Holmes gereizt. Das Watson seine eigenen Worte gegen ihn richtete und seine Berufsehre als Detektiv herausforderte, missfiel ihm.

„Du hast vieles missverstanden und wenn du mir zuhörst ohne mich zu unterbrechen, dann will ich dir die Geschichte erzählen.“

Holmes nickte und schwieg bedächtig, während John nach den Worten für den Anfang seiner Geschichte suchte.

„Ich hab jemanden getroffen mit dem mich viel verband. Kleinigkeiten oft bloß, aber wir ähnelten uns in so vielen Dingen. Wir wurden dadurch rasch Freunde und ja, ich bekam von Travis Freundschaft andere Dinge als von der unseren.

Ich hab die liebe zu Männern nie wirklich gesucht, ich hab mich gegen die Regeln der Gesellschaft zum trotz hin und wieder diesen geheimen Wünschen hingegeben, nicht mehr. Das mit Travis und mir war reiner Zufall, zumindest was unserer gegenseitigen Gefühle betraf.

Er wird mit seiner Schwester von hier fort gehen. Für seine Gesundheit wäre ein Leben im milden Klima weit besser und so wird er England verlassen und nach Amerika ziehen. Nach Florida um genau zu sein, seine Schwester hat das alles bereits langfristig geplant und vorbereitet. Sobald sein Zustand es zulässt, stechen sie ihn See.“

„Aber du liebst Ihn und er liebt dich. Wird er dich nicht bitten ihn zu begleiten?“

Watson seufzte, „doch ich denke das wird er. Was aber die Liebe betrifft…Holmes ich habe das Zusammensein mit Travis mehr als nur genossen. Er bedeutet mir viel, mehr als ich in Worte fassen kann, aber Liebe…ich muss gestehen das mein Herz schon seit vielen Jahren vergeben ist. Ich hätte ihn nie mit all der Intensität Lieben können die er verdien hätte.“

Nun war Holmes ehrlich überrascht. Vieles ergab zwar jetzt einen Sinn aber viele neue Fragen waren dazugekommen.

„Dein Herz ist vergeben?“ frage Holmes mit leicht brüchiger Stimme.

John nickte, „ja ich habe mich verliebt, doch ich erwartete keine Erwiderung und so lebte ich mein Leben weiter. Aber ja, ein Teil meines Herzens war immer und wird auch immer an dich vergeben sein.“

„Du…du hast Gefühle für mich?“ Holmes fehlten die Worte, er wusste nicht…aber Watson unterbrach ihn, indem er wieder nach Sherlocks Hand griff.

„Ja das habe ich. Insgeheim liebe ich dich schon seit langem und hab aus Angst geschwiegen, du könntest mich dafür verachten. Nie hätte ich erwartet, auch du könntest etwas Derartiges für mich empfinden. Glaub mir Sherlock Holmes du bist der Mann den ich mir für immer an meiner Seite wünsche. All den Verboten zum Trotz und mit all den Konsequenzen dieses Handelns.“

„Weshalb mussten wir uns derartige Schmerzen bereiten wo die Lösung all unserer Probleme immer greifbar gewesen ist? Sind wir denn wirklich nur dann zum Lernen bereit, wenn Schmerzen unserer Lehrmeister sind?“

„Ich weiß es nicht Holmes, aber ich denke all das Leiden hat uns für die Zukunft stärker gemacht. Jetzt wo wir einander die Wahrheit gestanden haben, ja sie uns nicht zuletzt selbst gebeichtet haben, kann alles nur noch besser werden“.

„John?“ frage Holmes in die entstandene Stille hinein.

„Ja?“

„Würdest du…mich küssen?“ Watson lachte auf als Holmes bei dieser Frage rot im Gesicht wurde. Er antwortet nicht, sondern beugte sich hinunter und hauchte einen zärtlichen Kuss auf die spröden Lippen des Detektivs. Als sie sich von einender lösten, war noch immer ein zarter, roter Glanz auf Holmes Wangen zu sehen.

„Wirst du mich auch…“ Watson unterbrach ihn mit einem weiteren hauchzarten Kuss. „Alles was immer du willst, nur hier ist weder der richtige Ort, noch die passende Zeit dafür.“

Sachte strich John eine Haarsträhne aus Holmes Gesicht. „Ich muss gehen. Travis wartet auf mich und ich werde mich einem Gespräch mit ihm stellen müssen. Er ist mein Freund, er bedeutet mir viel und er hat es verdient alles zu erfahren.“

Sherlock nickte nur, „alles was immer du willst. Versprich mir nur dies eine“, bat er und griff nach Johns Hand. „Versprich mir…“

„Ja, ich komm zurück. Versprochen“. Holmes musste erneut Lachen und sein Körper strafte ihn dafür. „Offensichtlich hast du viele meiner Techniken besser zu beherrschen gelernt als mir lieb ist.“

John schüttelte verneinend den Kopf, „das wohl nicht. Ich werde nie deine Fähigkeiten besitzen und so viel Sehen und Erkennen wie du. Aber was meine Augen nicht zu erkennen mögen, vermag mein Herz zu sehen.“ Damit stand Watson auf und verließ das Krankenzimmer.
 

*~*~*
 

Noch nie in seinem ganzen Leben war Sherlock Holmes so glücklich gewesen. Kein gelöster Fall, keine Huldigung seiner Fähigkeiten nichts war mit dem Gefühl vergleichbar, welches ihn jetzt durchströmte. Und was auch immer die Zukunft mit sich bringen würde, dieses Gefühl konnte ihm keiner nehmen. Mit dem Gedanken daran, dass er sich von jetzt an immer so glücklich fühlen würde, schlief er ein.
 

*~*~*
 

John Watson fühlte sich überglücklich und doch wie ein Verräter. Als er zurück im Hotel vor Travis Tür stand, war seine Kehle wie zugeschnürt. Was sollte er dieser lieben, guten und treuen Seele nur sagen? Wie könnte er je erklären was geschehen war und wie könnte er nur solch Leid über seinen Freund bringen?

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Travis die Tür öffnete und ihn anlächelte. „Hab dich schon erwartet“, sprach er leise und griff nach Johns Hand um ihn ins Zimmer zu ziehen…

Kapitel 14.
 

Travis führte John zu seinem Sofa und beide setzten sich. Johns schlechtes Gewissen überwältigte ihn beinahe. Zum Glück wartete Travis nicht darauf, dass er das Gespräch startete sonder begann sogleich: „Sag mir John, wie geht es deinem Freund Holmes?“

„Er ist aufgewacht“, gab John kleinlaut zurück. Er wusste einfach nicht was er machen sollte. Wie sollte er Travis das alles erklären?

„Das freut mich wirklich. Ich hab schon befürchtet er hätte sich was getan. Was wirklich schrecklich gewesen wäre, nicht nur für dich sondern für ganz London.“

Watson konnte nur nicken.

„Und, hast du Ihn gefragt wie der Unfall passiert ist? Warum war er überhaupt hier?“

Verlegen spielte John mit seiner Uhrkette. „Ja ich hab mit ihm gesprochen. Ein Unfall, nichts weiter. Ach und ein Fall trieb ihn in diese Gegend“, fügte er noch hinzu.
 

Travis lächelte und griff nach Johns unruhigen Händen. „Hat er sich bei dir entschuldigt?“

Verwirrt sah John in das Gesicht von Travis, dieser lächelte lieb und zwinkerte ihm zu. „Ich bin nicht blind mein lieber. Als wir dich nach meinem Zusammenbruch abholen kamen, da bist du tot unglücklich zu mir in die Kutsche gestiegen. Du hast mir auch von eurem ersten Streit erzählt, weißt du nicht mehr? Daher meine Vermutung ihr hättet euch erneut gestritten.“

John begann zu lachen, „wirklich gut Kombiniert! Holmes wäre sicher beeindruckt.“
 

Schweigen kehrte ein und John sah auf ihre verflochtenen Hände. Langsam wurde es Zeit für die Wahrheit.

„Es ist lieb von dir das du wieder ins Hotel gekommen bist, aber ich bin sicher du währst jetzt lieber bei Holmes“, riss Travis ihn aus seinen Gedanken.

John schüttelte jedoch den Kopf, „ich hab versprochen mich um dich zu kümmern und…“

„Ach was“, unterbrach ihn Travis. „Er braucht dich mehr als ich. Außerdem braucht ihr einander“.

Überrascht von diesen Worten wollte John im ersten Moment widersprechen. Aber Travis ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ich hab immer gewusst was er dir in Wirklichkeit bedeutet und aus deinem geknickten Auftreten schieße ich, das du es ihm endlich gestanden hast. Darum bist du hier nicht wahr, du willst mir sagen das ihr beide euch endlich gefunden habt.“
 

Travis Worte waren nicht streng oder auch nur traurig. Er redete mit der gleichen freundlichen und warmen Stimme in der er immer mit John sprach. Dieser war jedoch so überrumpelt von Travis Schlussfolgerungen, dass er nur stumm nicken konnte. Es dauerte eine Weile bis er wieder zu sprechen begann. „Ich…“

„Du willst dich verabschieden, hab ich nicht recht?“

„Doch“, John nickte. „Aber ich weiß nicht…“

„Schon gut, aber ich weiß es.“ Travis beugte sich vor und küsste Watson. „Wir beide wussten das unser Zusammensein in einem Abschied enden würde. Ich danke dir von ganzem Herzen für deine Freundschaft und deine Liebe. Obwohl ich dich an dieser Stelle fragen wollte, ob du mich nicht nach Florida begleitest, aber ich wusste immer dass du das nicht gekonnt hättest. Ich liebe dich John und ich werde dich nie vergessen.“
 

Tränen brannten in Johns Augen, wie konnte Travis das alles so ruhig sagen? War er nicht wütend oder zumindest enttäuscht?

„Nein“, beantwortete Travis diese unausgesprochenen Fragen als hätte er Johns Gedanken gelesen. „Gerade weil ich dich so liebe freut es mich England in dem Wissen zu verlassen, dass du einen Platz gefunden hast, an dem du Glücklich bist. Du wirst geliebt und das macht mich glücklich.“

John konnte nicht anders, er umarmte Travis und zog diesen ganz eng zu sich. Dieser strich John behutsam über den Rücken. „Du hast einem schwerkranken Mann die schönste Zeit seines Lebens geschenkt. Wie könnte ich so egoistisch sein und dich nicht in dein Glück ziehen lassen? Und mit Sicherheit währe ganz England böse mit mir, wenn ich ihnen Sherlock Holmes Chronisten abspenstig machen würde.“
 

Ob John wollte oder nicht, er musste darüber lachen. Noch immer hielt er Travis an sich gedrückt und trotz der lieben Worte kam er sich nach wie vor wie ein Schuft vor.

„Ich liebte dich wirklich“, sagte John und löste sich von Travis um ihm in die Augen zu sehen. „Bitte glaub nicht du wärst nur ein Trostpreis gewesen, weil ich Holmes nicht hatte haben können…“

„Oh nein, sag doch so etwas nicht. Wie könnte ich das jemals denken? Ich wusste vom ersten Moment an wie viel dir dein Freund Holmes bedeutete. Nachdem du mir deine heimliche Vorliebe für unser Geschlecht offenbart hattest, war es mir bereits klar gewesen. Sherlock Holmes gehörte deine Liebe, zumindest ein großer Teil davon. Das du mir den Rest davon zum Geschenk machtest, hab ich sehr genossen. Und nun…“ Travis stand auf und zog Watson vom Sofa hoch, „solltest du gehen.“
 

„Nein, ich werde bei dir bleiben und…“

„Unsinn“, herrschte Travis ihn dieses Mal an. „Geh zu ihm. Ich komme alleine Zurecht. Rose kommt schon übermorgen hier an. Der Umzug hat bereits begonnen, die Villa ist leer und unser Sachen unterwegs nach Amerika.“

„Wirst du kommen um dich zu verabschieden? Ich meine, bevor du endgültig aufbrichst?“

Ein Hauch von Trauer huschte über Travis Gesicht, „nein wohl eher nicht. Rose und meine Reise in eine unbekannte Zukunft beginn hier, deine jedoch in der Baker Street.“
 

Unsicher lächelte John und wieder kämpfte er gegen seine Tränen. Obwohl das Gespräch so viel besser verlaufen war als geplant, war er doch unendlich traurig. Travis hatte ihm keinen Vorwurf gemacht, hatte ihn mit so viel Liebe und Geduld bedacht und ihm die schwere Beichte gänzlich abgenommen. John fühlte sich gefühlsmäßig ausgelaugt und noch immer glaubte er Travis Güte nicht verdient zu haben. Als hätte er diesen liebevollen Menschen betrogen…als…John schluckte und wollte gerade etwas sagen, als Travis ihm auch schon die Tür öffnete.

„Du solltest jetzt gehen“, und ein Hauch von Trauer schlich sich in die Stimme ein.

„Travis“, versuchte John es erneut.

„Bitte geh! Bitte…ich kann nicht…geh!“ flehte er förmlich.

John trat auf ihn zu, verschloss die Türe wieder und zog seinen Gegenüber erneut in eine Umarmung.

„Ich wollte es dir leicht machen, wollte das du mich ohne einem schlechten Gewissen verlassen kannst. Ich wollte doch nicht…“ Travis schob John von sich fort. „Bitte geh, ich will nicht das meine Tränen das letzte sind was du siehst.“

„Aber ich bleibe gerne noch ein wenig, bis…“

„Nein, das macht es alles nur noch schlimmer.“

Sie standen sich gegenüber, sahen sich ein letztes Mal tief in die Augen und sie wussten das jeder mit seinen Gefühlen rang. Keiner wollte den letzten gemeinsamen Moment mit Trauer beflecken, doch ein Abschied wäre ohnehin nicht zu vermeiden gewesen. Das hatten sie von Anfang an gewusst, jedoch machte es diesen Augenblick nicht leichter.
 

Travis öffnete die Tür und John ging. Er drehte sich nicht noch einmal um, denn sonst hätte er in seinem Entschluss womöglich gewankt. Seine Knie waren weich und würde er Travis jetzt da stehen sehn, würden sie wohl unter seinem Gewicht nachgeben.
 

Als John den Gang entlang schritt und sich immer mehr von ihm entfernte, wankte Travis in seinem Entschluss. Er wusste das er nur rufen brauchte und John würde sich umdrehen und zurück kommen. Aber davon hatten sie beide nur Kummer. Egal wie unendlich schwer es ihm viel, John von ihm fort gehen zu sehn, es war die richtige Entscheidung.
 

Ihrer Leben hatten sich gekreuzt und eine kurze aber glückliche Zeit hatte sie ihren Lebensweg gemeinsam beschritten. Jetzt waren sie an einer Weggabelung angelangt, die ihrer beider Leben eine andere Richtung vorgab. Jetzt hieß es auf wieder sehn, sich zu trenne und allein voran zu schreiten. Was auch immer die Zukunft bringen mochte, dies kurze, gemeinsame Zeit war ihnen geschenkt worden und keiner von beiden würde sie je vergessen. Und irgendwann würde der Tag kommen, an dem sie ohne Trauer daran zurückdenken konnten, um sich an den Erinnerungen zu erfreuen.
 

Das ist das Größte, was dem Menschen gegeben ist, dass es in seiner Macht steht, grenzenlos zu lieben. (Theodor Storm)

Kapitel 15.
 

Sherlock hatte still zugehört, als John von den Geschehnissen im Hotel erzählte. Man konnte es dem Doktor ansehen, wie sehr er unter all dem litt. Obwohl, oder gerade weil Sherlock unendlich froh über das Geständnis seiner Gefühle für John war, spürte er Johns Schmerz ebenso deutlich.

„Ein wahrhaft Starker und Ehrenhafter Mann dieser Sir Thurgood“, sprach Holmes um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen. „Bewundernswert, wirklich bewundernswert“.

John saß am Bettrand und blickte seinen Freund durchdringend an. „Ich meine das Ernst“, versicherte Holmes sogleich. „Ich bewundere ihn für seinen Mut, seine Klugheit und für seine aufrichtige Liebe. Wer weiß ob ich in seiner Situation so hätte handeln können. Wohl eher nicht…“ fügte Holmes flüsternd hinzu. Noch immer ruhten Watsons Augen auf ihm und so sprach er schnell weiter. „Ich weiß das er dich glücklich gemacht hat und alles was ich dir geben kann ist dies Versprechen“, damit griff er nach Johns Hand; „ich werde dir all meine Liebe zum Geschenk machen, vielleicht so hoffe ich, reichte es damit ich dich ebenso glücklich machen kann.“

John lächelte ihn an, drückte seine Hand und hauchte einen Kuss darauf. Dann erhob er sich. Verwundert sah Holmes auf seinen Freund, der zwar ein Lächeln zur schau trug, dieses aber wirkte sehr gekünstelt. Das Lachen erreichte seine Augen nicht, es lag nur bedeutungslos auf seinen Lippen.

„Bitte entschuldige mich, ich…brauche etwas Zeit.“

„Zeit? Natürlich aber wann kommst du wieder?“ Ein seltsames Gefühl machte sich in Holmes Magen breit, ein Gefühl welches nicht zu seiner glücklichen Stimmung passen wollte.

„Wir…ich glaube ein wenig Zeit zum Nachdenken würde keinem von uns schaden“, meinte Watson mit belegter Stimme und verließ ohne noch einmal zu Zögern den Raum.
 

Das erste Hoch der Gefühle hatte Watson gründlich zum abflauen gebracht. Sherlock verstand seinen John nicht ganz. War denn nicht alles was sie beide so sehnlichste begehrten endlich wahr geworden? Trotzdem war John traurig und auch wenn Holmes diese Trauer zu verstehen versuchte, es gelang ihm doch nicht ganz.

Mit dem Zeigefinger fuhr Holmes seine Lippen nach. Das Gefühl von Johns unendlich weichen Lippen die auf den seinen lagen war immer noch präsent. Holmes schloss die Augen, dachte an diese sinnliche Berührung zurück und sehnte sich John, seinen John nur noch schmerzlicher wieder herbei.
 

*~*~*
 

John hatte überstürzt das Krankenhaus verlassen. Jetzt saß er auf einer Bank, abseits der vielen Menschen, versteckt in einem kleinen Wäldchen und rang mit sich selbst. Gegen seine Gefühle die Zwiegespaltener nicht hätten sein können.

Er vermisste Travis, die Einfachheit und Vertrautheit zwischen ihnen. Nicht das er mit Holmes nach all den Jahren nicht vertraut gewesen währe, nein sicher kannte er jede kleine Macke, jedes versteckte Begehr genau. Trotzdem war all das bedeutungslos, denn es ähnelte sich nicht im Geringsten. Mit Travis hatten ihn viele kleine und große Gemeinsamkeiten verbunden. Im Grunde war alles so unbeschwert und leicht zwischen ihnen gewesen.
 

Eine Sorglosigkeit die Holmes ihm wohl nie würde schenken können.

Dazu unterschied sich der große, brillante Geist des Meisterdetektivs in jeder Fassette des Seins von ihm. Sie waren einander gute Freunde, ja Vertraute geworden und dennoch viel der Schritt welcher sie nun für immer näher zusammen brachte nicht so leicht wie erhofft.
 

In den letzten Jahren war Johns Sehnsucht immer mehr gewachsen. Wann er sich auch seinen geheimen Gelüsten hingegeben hatte, ein leicht schlechtes Gewissen war zurück geblieben. Jedes Mal wenn er ihre gemeinsame Wohnung danach betreten hatte, gezwungen seinem Freund ins Gesicht zu sehen, da fühle er sich schlecht. Wie ein Verräter an seinen eigenen Gefühlen und an ihrer Freundschaft.

Jetzt würde sich dies alles ändern, denn Holmes hatte ihm die gleiche Sehnsucht gestanden. Sie würden von jetzt an einen Weg einschlagen, der Gefährlich aber lohneswert zu beschreiten war. Hatte sich John denn nichts sehnlicher gewünscht als das? Ja aber warum war dann alles auf einmal so schwer?

Lag es an den frischen Wunden seiner Trennung von Travis? Bestimmt trugen diese Leiden merklich dazu bei. Würde alles so werden wie er es sich in seinen Träumen ausgemahlt hatte, wenn sie endlich in London waren? Holmes und er vereint? Holmes…da war es wieder. Nicht einmal in Gedanken brachte John es fertig ihn Sherlock zu nennen. Wieder keimten Schuldgefühle in ihm hoch. Gefühle der Schuld, ebenso wie der Wut über sich selbst. Er hatte sich eine Beziehung zu Holmes…Sherlock immer gewünscht. Schließlich liebte er diesen Mann! Jetzt war sein Wunsch erfüllt und anstatt glücklich zu sein quälte er sich hier mit unwillkommenen Gedanken. Ob es Hol…Sherlock gerade genauso ging? Sehnsüchtig blickte John zu den Wipfeln der Bäume auf und ließ sich vom Gesang der Vögel im Geiste fort tragen.
 

*~*~*
 

John war noch immer nicht zurück. Unter dem Protest der Krankenschwester hatte Holmes sein Abendessen verweigert und lag unruhig in seinem Bett. Bald würde das Krankenhaus für die Nacht geschlossen werden und Besucher würden dann erst morgen wieder geduldet sein. Warum kam John nicht zu ihm zurück? Hatte diesem die Beziehung zu Travis, deren Trennung er so tränenreich beschrieben hatte, wirklich so viel bedeutet? Sherlock musste sich an diesem Punkt eingestehen, Johns Empfindungen aus Mangel an Vergleichsmomenten nicht nachempfinden zu können. Noch nie hatte er sich der Liebe hingegeben, der fleischlichen Lust durchaus, aber dem Gefühl mit all seinen Höhen und Tiefen hatte er bis her nie eine Chance zugesprochen. Erst John war ihm wichtig genug, um all die Erfahrungen mit ihm zu sammeln, mit ihm und nur mit ihm.

Und als ihm eine Woge der Sorge und der Einsamkeit überkam, da glaubte er einen kleinen Teil von Watsons Gefühlen doch nachvollziehen zu können. Die Trauer von John getrennt zu sein, war es für diesen nach dem Verlust von Travis noch schwerer zumute? Aber dafür hatten sie sich doch gefunden, dafür das keiner von ihnen mehr allein sein musste. Sie würde einander lieben, ihr Leben bis ans selige Ende gemeinsam genießen. War das nicht auch in Johns Sinne? War es nicht das was auch er stets gewollt hatte, sein seligstes Verlangen?

Von seinen eigenen Gedanken müde, schüttelte Holmes den Kopf. Wieder theoretisierte er ohne brauchbare Fakten zu besitzen. John wollte Zeit, Sherlock wollte sie ihm gewähren. Bestimmt würde alles besser, wenn sie nur erst Zuhause waren.

Wie das wohl sein würde?

In Gedanken versunken versuchte sich Holmes ein Bild ihrer Beziehung zu machen, aber wieder fehlten ihm Erfahrungswerte was das zusammenleben eines Paares betraf. Aber ein Gedanke stimmte ihn sogleich wieder fröhlich, denn er würde all diese Erfahrungen nachholen und zwar mit dem Mann den er liebte. All das was er sich bisher verwährt hatte, würde John ihm schenken, würde ihn leiten und eines das wusste Sherlock genau, diese Verbindung wäre für die Ewigkeit.
 

Die Nacht hatte Holmes mit Schmerzen bedacht und wie ein gefolterter Verbrecher gelobte er Besserung. Wahrhaftig die Schmerzen hatten ihn geläutert, von jetzt an würde er den Drogen entsagen. Gut, nicht jetzt sofort. Erst nach seiner Genesung, denn ohne dem Morphium wäre die Pein von Körper und Geist kaum zu ertragen.

Oh wie wünschte er sich John herbei! Dieser war nicht mehr zurückgekommen und auch den Vormittag verbrachte Holmes im vergeblichen Warten auf seinen Liebsten. Vom Schmerz noch immer an sein Bett gefesselt, hatte Sherlocks reger Geist mehr Zeit zum nachdenken als ihm lieb war.

Wieder und wieder war er die Beziehung von John und Travis in Gedanken durchgegangen. Ihrer beider Verbindung war einfach gewesen, ja schon fast natürlich. Sie waren einander ähnlich, wie John schon gesagt hatte verbanden sie viele gemeinsame Interessen. In allen Einzelheiten listete Holmes nun die Vorlieben von John und seine eigenen auf und dabei kamen nicht annähernd so viel heraus wie er es sich erhofft hätte. Travis war mit John ins Theater gegangen, erwartete John dies jetzt auch von ihm? Warum nicht Operetten? John mochte Musik oder hatte er sie all die Jahre nur erduldet?
 

Es war zum verzweifeln! So lange lebten sie nun schon beisammen und nicht einmal die einfachsten Fragen hätte Holmes beantworten können. Bis her hatte er sich doch stets gerühmt, alles Wichtige mit seinem messerscharfen Verstand sofort zu erkennen. Wobei wohl der Fehler in sich steckte, denn all die Dinge die Holmes über John nicht wusste waren privater Natur. Nie hatte er große Lust verspürt in Johns Privatleben einzutauchen und Fragen zu stellen die über das hinaus gingen, was der Gute gerne von sich Preis gab. Denn hätte er solche Fragen gestellt, wäre es nur fair gewesen, Watson das gleiche Recht zu gewähren und er hatte noch nie gerne Fragen über sich und alles was mit ihm zu tun hatte beantwortet.

Machte er sich vielleicht zu viele Gedanken? Eigentlich wollte er John nur gefallen, sich in seinem besten Licht präsentieren und noch während er diesen Gedankengang folgte, kam er sich selbst lächerlich vor. John hatte ihn gewollt, Sherlock Holmes so wie er war. Nicht ein verstelltes Abziehbild der Vorstellungen ihrer Gesellschaft über romantische Beziehungen.
 

Oft ertappte sich Sherlock dabei, wie er in Gedanken über seine Lippen sticht. Sie waren rau, spröde und doch spürte er die hauchzarte Berührung und ein angenehmer Schauer durchlief ihn. Der Kuss hatte ihm gefallen und ein Verlangen in ihm geweckt, welches er stets unter der Logik und Vernunft verborgen gehalten hatte.

Die Szene von John und Travis im Hotel kam ihm wieder in den Sinn. Sein ganzer Körper war wie elektrisiert als er daran dachte. Wie würde es wohl sein so geküsst zu werden wie die zwei liebenden es an jenem Abend getan hatten? Die Berührungen…oh wie sehr wollte er auf diese Art berührt werden.

Schamesröte stieg in Sherlock auf, überzog seine Wangen als ihm bewusst wurde, welch Wirkung diese Bilder auf sein körperliches Befinden ausübten.

Er wollte endlich hier raus, in Johns Arme und zurück in die Baker Street…
 

*~*~*
 

John hatte nicht ins Hotel zurück gekonnt. Die Sehnsucht hätte ihn zerfressen und nachher vielleicht noch überwältigt. Er hätte sich für immer gehasst, wenn er diese Nacht seiner Trauer erlegen wäre die ihn zu Travis zog.

Mit dem wenigen Bargeld in seiner Tasche hatte es nur für eine billige Unterkunft außerhalb des Stadtzentrums gereicht. Aber er brauchte im Augenblick auch nicht mehr. Ein Platz zum Nachdenken reichte und so lag er schon seit vielen Stunden wach. Die Bettdecke roch nach billiger Seife und die Matratze hatte nicht wirklich zu einem erholsamen Schlaf beigetragen. Ohnehin waren ihm im Traum stets zwei anklagende Gesichteter erschienen und er war sofort wieder aufgeschreckt.

Jetzt lag er hier, wusste nichts mit sich an zu fangen und sehnte sich nach Wärme. Als erstes nach der Wärme von Travis, denn diese hatte er noch in so angenehmer Erinnerung.

Langsam wanderten seine Gedanken ab zu Sherlock und still und heimlich ohne das es ihm bewusst war, huschte ein Lächeln über seine Lippen. Zurückliegend betrachtete Ereignisse bekamen eine neue Wendung wenn man Sherlocks Verhalten mit Eifersucht gleichsetzte. Wie oft hatte er ungewollt demonstriert, wie viel ihm doch an John lag und dieser war blind daran vorbeigetappt.

Je mehr dieser Ereignisse er in Gedanken zurückverfolgte, desto größer wurde sein Wunsch doch endlich ins Krankenhaus zurückzugehen. Es war lächerlich was er hier machte, er betrog sich selbst um sein Glück Wie oft hatte er in Gedanken eine Beziehung zu seinem Freund durchgespielt und jetzt hatte er die Chance all diese Fantasien Realität werden zu lassen. So viele Jahre hatte er an Holmes Seite gelebt und ihn trotzdem aufs schmerzlichste vermisst. Bestimmt ging es Sherlock gerade nicht anders. Was muss es diesem sonst so rationalen Menschen abverlangt haben, sich seinen Gefühlen zu stellen und sie dann auch noch mitzuteilen? Hier bot sich eine echte Chance auf ein Glück zu zweit und Johns Zurückhaltung und falsche Reue bedrohten eben diese Zukunft noch eh sie begonnen hatte.

Nein, ein Fehler den er nicht zu machen gedachte! Hatte er die schmerzliche Trennung von Travis nicht aus eben jenem Grund zugelassen? Der Schmerz sollte ihn voran bringen, zu Sherlock, in eine Zukunft die er mit Travis nicht gehabt hätte. War all die Trauer nicht aus diesem Grund ein Teil eben jener Gedanken? Travis hatte all diesen Schmerz erduldet, um es ihm, John Watson einfacher zu machen ohne einem schlechten Gewissen an Holmes Seite zu sein.

„Du wirst geliebt und das macht mich glücklich.“

Warum war er es dann nicht? Der Schmerz würde irgendwann leichter werden, vielleicht sogar ganz verschwinden. Obwohl wenn John so darüber nachdachte, er wollte gar nicht das der Schmerz den er durch die Trennung von Travis erfahren hatte je ganz verschwand. Bedeuteten doch eben jene Gefühle die Tiefe ihrer Beziehung und er wollte ihre gemeinsame Zeit weder missen noch vergessen. Vielleicht, ja sogar sicher gehörte all das hier zusammen. Eine Beziehung war niemals einfarbig schwarz oder weiß und wenn er an all das schöne zurückdachte gehörte der Schmerz zum Abschied und war ein Teil ihres gemeinsamen Weges.
 

Endlich konnte sich John vom Bett erheben und endlich war es ihm leicht genug ums Herz, um ins Krankenhaus zurück zu gehen. Ja vielleicht würde er sogar um die Möglichkeit bitten, dort als Arzt bis zu Sherlocks Genesung ein Bett zu beziehen. So könnten sie die Tage mit Glück uns Sehnsucht füllen, um sich dann ganz besonders auf ihre Heimreise zu freuen. Denn waren sie erst einmal zurück in der Baker Street, würde ihr gemeinsames Leben beginnen.
 

*~*~*
 

Sherlock wurde zum Mittagessen genötigt. Die Schwestern duldeten seinen Widerspruch kein weiters Mal und so stocherte eine leicht krumme Gabel in verschiedenen Gemüsesorten herum. Nichts wollte ihm schmecken und nichts vermochte die vielen verschiedenen Emotionen zu beherrschen, die ihn durchwühlten.

Wann würde John endlich kommen? Was beschäftigte ihn so sehr, dass er sich so lange von Holmes zurück zog? War er vielleicht sogar zu Travis zurückgekehrt?

Fragen über Fragen und keine Antworten in Sicht.

Holmes Schmerzen hatten zwar bereits nachgelassen, aber an einen Spaziergang war noch nicht zu denken. Wenn er also keine Fakten sammeln konnte um Antworten zu erhalten, blieb einzig das Warten. Stets hatte Holmes die Tugend der Geduld sein Eigen genannt, doch jetzt in Zusammenhang mit seinen neu entdeckten Gefühlen für John, schienen ihm die Tage endlos. Zwar versetzte das Morphium seinen Geist noch immer in einen trägen Zustand der Leichtigkeit, fast wie wenn er sich sein Kokain spritzte, aber es vermochte nicht jene Gefühle der Einsamkeit zu übertünchen.
 

Lange nach dem Mittagessen konnte Sherlocks empfindsames Gehör eine vertraute Stimme auf dem Gang vernehmen. John war hier und er sprach mit jemandem. Freude überkam Holmes von solcher Intensität, dass er am liebsten aufgesprungen wäre, nur um John entgegenzulaufen. Natürlich beherrschte er sich, weniger aufgrund der Schmerzen und mehr als Gründen der Diskretion und um sein Gesicht zu wahren. John sollte nicht sofort herausfinden wie leicht er die rationale und logische Barriere des Detektivs zu durchlöchern vermochte.

Langsam kamen die Stimmen näher und man konnte das Gespräch verstehen.

„Natürlich Herr Kollege, ich denke wir reden ohnehin nur von ein paar Tagen.“

„Ja das ist auch meine Ansicht, ich habe Mr. Holmes Behandlungsunterlagen bereits durchgesehen und stimme mit Ihnen überein.“

„Das freut mich, ich werde alles Nötige veranlassen und Sie rufen, sobald alles bereit ist.“
 

Die Stimmen verstummten und Schritte waren deutlich zu hören. Vorsichtig um einen eventuell schlafenden Holmes nicht zu wecken, betrat John das Krankenzimmer. Sogleich trafen sich die Blicke der verliebten und die Sehnsucht welche in der Luft lag, war fast greifbar.

John schloss die Tür und schritt zügig auf das Bett zu. Sherlock wollte gerade etwas sagen, seine Freude über Johns Wiederkehr kundtun, als die Lippen des Arztes seinen Mund versiegelten. Lange kam keiner von ihnen zum Sprechen, was keineswegs störend gewesen wäre.

Als John von seinem Freund abließ, sahen sie sich lange an. „Wirst du wieder gehen?“

„Nein, nie mehr“, versicherte Watson sogleich. „Ich werde mich hier nützlich machen und somit die Zeit deiner Genesung überbrücken. Dafür bekomme ich ein Bett in der Klinik und kann die Nächte in deiner Nähe verbringen.“

„Klingt wundervoll“, wisperte Holmes und küsste seinen John erneut. „Wann wird man mich entlassen?“ frage er zwischen den Küssen und zog John näher zu sich.

„Das wird noch einige Tage dauern“, kam es leicht bedauernd als Antwort. „Bis da hin solltest du dich benehmen“, schimpfte John mit einem Lachen und schob Sherlocks Hände beiseite. „Ich gehe jetzt zu Dr. Gordon ins Büro und bespräche alle Einzelheiten mit Ihm.“ Bestimmt stand John auf und Sherlock sah ihm mit gemischten Gefühlen hinterher.



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Kommentare zu dieser Fanfic (18)
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Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  toru-san
2013-03-21T10:10:00+00:00 21.03.2013 11:10
Awww. Schön, dass sie sich endlich gefunden haben. Sehr süss! Ich würde gern noch lesen, wie sie zu Hause ankommen, und vielleucht, wie Mrs. Hudson schmunzelnd sagt: “Habt ihr es also auch endlich begriffen? Schön.“ Hihi, das wäre lustig.

Schreib weiter. Du machst das echt gut!!
Von:  Sisilia11
2013-01-15T22:14:07+00:00 15.01.2013 23:14
Ein sehr emotionales Kapitel. John, der zwischen beiden Männern steht, die er liebt und nicht weiß, wie genau er damit umgehen soll. Und Sherlock, der ziemlich verunsichert wirkt. Ich bin auf eine Fortsetzung gespannt.
LG
Sisilia
Von:  Sisilia11
2013-01-01T22:30:38+00:00 01.01.2013 23:30
Wunderschönes Kapitel! Man kann die Gefühle der von dir beschriebenen Personen richtig nachvollziehen. Gut gemacht!!!
LG
Sisilia
Von:  Sisilia11
2012-12-15T15:41:30+00:00 15.12.2012 16:41
Gewohnt gut, wie immer freue mich schon auf das nächste Kapitel. Lass dir bitte nicht so viel Zeit!
Lg
Sisilia
Von:  Sisilia11
2012-11-30T18:36:54+00:00 30.11.2012 19:36
Dafuer, dass Holmes als superklug gilt, benimmt er sich hier wirklich total ungeschickt. Aber das war wohl klar, denn immerhin geht es hier um Gefuehle :)
Wollen wir mal fuer ihn hoffen, dass John nicht nachtragend ist ...
Lg
Sisilia
Von:  toru-san
2012-11-23T21:53:07+00:00 23.11.2012 22:53
NEIN!! BITTE NICHT!! Nicht schon wieder ein Post-Reichenbach-Erlebnis! Schon als Holmes wieder mal in seiner unnachahmlichen Art fast schon eine Liebeserkärung über die Lippen brachte, die der liebe John nicht als solche deuten kann, habe ich diese irritierende Feuchtigkeit aus den Augen weg drücken müssen. TT_TT

Aber dann wird der Detektiv auch noch rausgeschmiessen und stürtzt sich von den Klippen. NEEEEIN. Noch mehr Feuchtigkeit. Und tatsächlich hat sich ein kleiner See von meinen Augen gelöst. Die Leute in der Bahn, wo ich deine Geschichte lese, schauen so verwirrt und verständnisslos. Aber würden sie das hier lesen, würde es ihnen genauso gehen.

Liebe Grüße von der heulenden Toru :')
Und bitte schreib schnell weiter: I believe in Sherlock Holmes, in every version!
Von:  Twinkle
2012-11-23T15:41:24+00:00 23.11.2012 16:41
.__. Wow... ;___; So traurig :'( *heul* *sniff*
Sherlock bekommt es echt hin immer alles zu versauen...
Oh man, ich muss echt erstmal überlegen ob er jetzt tot ist oder nicht, weil eigentlich geht die Geschichte doch noch weiter aber.... *verwirrt ist*
Aber John muss sich auch ein wenig verarscht fühlen, erst eine Entschuldigung und dann das...
Jetzt kann ich es noch weniger abwarten das es weitergeht O.O *auf das neue Kapitel freut*
Von:  Twinkle
2012-10-15T08:25:43+00:00 15.10.2012 10:25
Oh gott *w*
So spannend :O
Ich kann kaum erwarten was jetzt passiert O.O
Das ist aber süß, wie Sherlock sich nach liebe sehnt :3
Eine echt gute Idee mit dem anderen Sherlock, den der echte unterdrückt hat ^^
Ich raste jedesmal schlichteweg aus wenn ein neues Kapitel erscheint ^w^
Von:  Sisilia11
2012-09-27T15:12:44+00:00 27.09.2012 17:12
Sherlock kann einem in deiner Geschichte wirklich leid tun; der Arme muss zusehen, wie sein John einen anderen küsst :(
Mal schauen wie er weiter darauf reagiert... Schreib bitte schnell weiter, ich bin neugierig :)
LG
Sisilia
Von:  Twinkle
2012-09-26T18:36:33+00:00 26.09.2012 20:36
O.O' Ich kann nicht mehr...
Erst das mit John und Thurgood, jetzt kifft Sherly schon wieder.....
Och neeee :0
Also jetzt befürchte ich tatsächlich das das alles in einem riesen Dilema enden könnte :/
Hab ich schon mal gesagt wie sehr ich deinen Schreibstil liebe? :D
LG Twinkle


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