Remembering the past
Remembering the past
„Hatschiiiii“
„Du wirst dich noch erkälten, wenn du bei dem Wetter unterwegs bist“ sagte die Türkishaarige in der Tür.
Ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen schob er sie beiseite um gleich darauf ein weiteres Mal zu niesen.
„HAAATSCHIIIIIIIIII“
„Ich mach dir einen heißen Tee, geh lieber ins Bett, sonst brütest du noch etwas aus.“
Er blickte ihr argwöhnisch in die Augen um ihr indirekt mitzuteilen, sie solle ihn nicht als Schwächling degradieren, nur weil er durch den Regen geflogen war. Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Badezimmer.
Etwas besorgt und traurig blickte die Türkishaarige dem unausstehlichen Parasiten hinterher, der sie schon seit Monaten belagerte, ohne Einwilligung ihrerseits.
Achselzuckend und wissend, dass ihn ihre Meinung niemals interessieren würde, verschwand sie in der Küche, um sich selbst einen Tee zuzubereiten. Am liebsten hatte sie den Fruchtigen-Wintertraum, den es nur zur jetzigen Winterzeit gab. Zu dieser Zeit verzeichnete sie einen besonders hohen Tee-Verschleiß und in Zukunft auch weiter diagnostizierte.
85° Celsius musste dieser haben, akribisch genau überprüfte sie die Temperatur des Wassers alle 2 Minuten. Als sie es von der Kochstelle nahm, hatte es 89° Celsius. Es war genau abgeschätzt wie viel der Tee beim Gießen in das Gefäß an Temperatur verlieren würde und wie lange dieser ziehen müsste, bis er ihrem Geschmack entsprach.
Eingewickelt in eine herrlich mollig-warme, kuschelig-weiche Decke mit Spitzenaufsatz, die ihr ihre Mutter zu ihrem Geburtstag geschenkt hatte, setzte sie sich auf „ihr“ Sofa, das ihr niemand nehmen durfte.
>Wäre doch alles so einfach wie Tee kochen, dann wäre das Leben viel besser und vor allem leichter.< dachte sie sich, während sie sich in ihren Haaren einzelne verdrehte Strähnen zurecht zupfte.
Sie seufzte laut auf.
Leicht genervt von der Unausstehlichkeit, die ihre Bastion besetzte zog sie die Vorhänge beiseite, knipste das Licht aus und schaute in die Dunkelheit, die von weißen Flocken durchzogen wurde.
Wieder mit ihrer Situation, durch den wunderschönen Anblick des Schnees, der ihr die Hoffnung gab, dass sich eines Tages auch ihr Leben wieder zum Besseren wenden würde, sie ihre wahren Interessen und Gefühle wieder an den Tag legen durfte, wie die Schneeflocken, die sich in all ihrer Individualität und Schönheit präsentierten, versöhnt, nahm sie den ersten kräftigen Schluck des perfekt gezogenen Tees und versank in der beruhigenden Stille, die der Wohnraum ausstrahlte.
Sie begutachtete wie jeden Winterabend die Stickmuster auf ihrer Wolldecke. Sie waren vereinzelt schon durch den häufigen Gebrauch in ihrer Pracht und Bedeutung zerstört, die aber keinesfalls verloren gegangen war, da sich die Gedanken und Gefühle, die die Decke mittlerweile, wie der Schwamm das Wasser, aufgesogen hatte. Sie war ihr wichtigstes Erinnerungsstück.
Mit roten Seidenfäden, die besonders schwer zu verarbeiten waren, wurden ganze Gebilde auf die Decke gestickt. Sie bildeten unerlässliche Erinnerungen an ihre Eltern ab.
Nach dem Tod ihres Vaters, hatte sie sich in ihren Depressionen vergraben und niemanden, außer ihre geliebte Decke an sich gelassen, nicht einmal ihre heiß-geliebte Mutter, die sie vor nicht allzu langer Zeit verlassen hatte.
Immer wieder fühlte sie sich von ihrer Einsamkeit übermannt. Es gab niemanden mit dem sie sich austauschen, über ihre Gefühle reden, sie verstehen oder verarbeiten konnte. Es war pure Verzweiflung die sie durchlebte und sie vergrub sich in ihrer Arbeit, die ihr als einzige Konstante geblieben war.
Ein lächelndes, ihrem Vater ähnelndes, Gesicht mit der schwarzen Katze auf der Schulter flammte im Licht des Kaminfeuers auf.
Sie hatte ihn als sie noch sehr klein war „Hexer“ genannt, wegen der schwarzen Katze auf der Schulter und wegen seiner früh ergrauten Haare. Der weiße Kittel den er immerzu trug erinnerte nicht ferner an ein Hexenkostüm, weshalb sie den Namen noch heute als passend empfand.
Sie wünschte sich zu jeden Geburtstag einen großen braunen, sprechenden Bären, der ihr Freund werden würde, bekam jedes Jahr aufs Neue jedoch einen Highspeed-Computer mit FullHD Grafikkarte, sieben unabhängig voneinander funktionierenden Laufwerken, den neusten Datenverarbeitungsprogrammen und allem Schnickschnack, den sich jeder Hacker und Technikfreak wünschte.
In den letzten Jahren nie einen Freund, dem sie alles anvertrauen konnte, gehabt zu haben, nicht einmal Goku, war untragbar und zeugte von wenig Sozialkompetenz in den Augen Anderer. Umso mehr fühlte sie sich als Versagerin und nicht akzeptiert. Ein weiterer Grund sich im Labor hinter der Arbeit zu verstecken und als Einzelgängerin durch das Leben zu wandeln. Dennoch gaben ihr ihre Eltern viel Halt, sodass sie auch einen glücklichen Abschnitt im Leben hatte.
Ein Jahr war es jetzt her, dass ihre Mutter während eines Flugzeugabsturzes gestorben war. Sie war auf dem Weg von Frankreich, wo sie einen Urlaub mit ihrem Bruder versuchte zu genießen, den sie und ihr Mann sich immer schon gewünscht hatten, zurück nach Hause nach Satancity war, als ein fürchterlicher Sturm aufzog und das Flugzeug keine Zwischenlandung auf dem offenen Meer bewältigen konnte.
So hatte sie ihre Mutter verloren, in einem Flammeninferno, mit den letzten Worten „ Machs gut Mama, aber komm mir nicht mit nem Franzosen nach Hause!“
Unheimlich unpassende Worte für einen Abschied, ungeachtet dessen, dass dieser für Immer war, denn das Leben konnte jederzeit zu Ende sein.
Ihren Vater hatte sie ein halbes Jahr vor ihrer Mutter verloren. Er hatte einen Herzanfall erlitten, war jedoch friedlich dabei eingeschlafen. Sie wünschte ihm damals eine gute Nacht und gab ihm einen letzten Kuss auf die Stirn, bevor sie sich auf einen Grillabend mit Goku vorbereitete. Als sie nachts gut gelaunt nach Hause gekommen war, stand ein Krankenwagen auf dem Hof. Schockiert lief sie geradewegs in das Schlafzimmer ihrer Eltern. Dort saß ihre Mutter weinend auf dem Boden, ein Sanitäter am Bett ihrer Eltern, ihren Vater zudeckend und kopfschüttelnd.
Sie betrachtete ihre Mutter und ihren entsetzten Blick, denn selbst hatte sie schon damit gerechnet, dass er bald sterben würde. Jedoch nicht so bald.
Innerhalb weniger Monate, mitten in den Trauerphasen verlor sie stets geliebte Menschen um sich herum.
Erst ihren Vater, dann ihre Mutter und ihren Onkel und innerhalb kürzester Zeit auch Yamchu, ihre einzige Liebe, der wegen einer banalen Virusinfektion gestorben war.
Seitdem Gott nicht mehr existierte, war sie in Anbetracht der vielen Tode nicht mehr so unbeschwert, da sie sich im Klaren war, dass sie diese Menschen, die sie liebte niemals, niemals, nie wiedersehen würde. Die Ära der Dragon Balls war vorbei. Dennoch blickte sie glücklich in die gestickten Augen ihres Vaters, die sie anstrahlten, denn sie wusste, tief in ihrem Herzen lebten sie weiter, alle.
Als wäre ihre Situation nicht schon perfide genug, denn sie hatte viele Selbstmord Gedanken gehegt, sich jedoch nie überwinden hätte können, hatte sie ihren besten Freund Goku seit Monaten nicht mehr gesehen.
Sie dachte daran ihn mal wieder besuchen zu fliegen, nach der Eskalation mit ChiChi jedoch traute sie sich nicht mehr, denn sie war in ihrem Selbstbewusstsein erschüttert und nicht mehr imstande dieses wieder Stein für Stein aufeinanderzuschichten. Immer wieder wurde es von Jemandem oder etwas, wie von einem Bulldozer, niedergerissen. Sie fühlte sich auch wie ein marodes Haus, das nicht mehr ins Landschaftsbild passte, und wegen der Raumordnung niedergerissen werden sollte.
Sie nahm den letzten Schluck ihres Tees, stellte die Tasse auf den handgearbeiteten auberginefarbenen Beistelltisch, öffnete die Terassentür, die zur Hälfte zugeschneit war, und trat barfuß aus ihr heraus in den kalten Schnee. Er hatte schon 15 cm Höhe erreicht, sodass ihre Füße vollends im Schnee verschwunden waren. Sie fühlte mit jeder Ader die zunehmende Kälte, fror aber nicht.
Ein tiefer Atemzug. Ein zweiter mit geschlossenen Augen. Ein dritter, fröhlicher Atemzug, der all die Frische in ihren Lungen verteilte. Es roch nach Winter, ihrer Jahreszeit. Sie blickte in den Himmel, eine Schneeflocke flog auf sie zu, sie öffnete die Hand, um diese zu fangen. Gerade gefangen war sie auch schon wieder verschwunden. Sie mochte den Schnee. Er war so vergänglich wie sie und ihr Leben.
Sie blieb noch einige Minuten in ihre Decke gekuschelt im Schneegestöber stehen, bevor sie in ihrer nachdenklichen Stille, durch ein „ Hatschii“ gestört wurde. Darauf folgte das Klirren eines Tellers.
Desinteressiert hob sie ihre Tasse auf um sie in der Spüle abzuwaschen, dabei entdeckte sie ihn, unbeholfen wie er beim Kochen war, hantierte. Das Geschirr klimperte als sie es in die Spüle stellte.
Aufhorchend sah er sie kurz an um zu realisieren, wer sonst noch anwesend war. Es konnte in diesem großen Wohnkomplex der mehr als 6 Bäder, 8 Schlafzimmer und ein weiteres Gästehaus für 4 Personen hatte, niemand Anderen geben außer ihr.
Sie würdigte ihn keines Blickes, wusste jedoch, dass sein Blick auf ihr ruhte. Unbeirrt ging sie ihrer Tätigkeit nach, ließ das Wasser an, es über ihre kalten Finger laufen, schloss kurz die Augen um die Entspannung zu spüren und begann die Tasse auszuspülen. Er war wieder seinem Verlangen nachgegangen, sich eine Mahlzeit zuzubereiten, eigentlich viel zu spät für den Geschmack der Frau, allerdings hatte sie auch noch keinen Bissen zu sich genommen und entschied sich dazu auch noch eine Kleinigkeit zu versuchen.
Die Wanduhr, gearbeitet aus Messing mit Goldaufsätzen, besetzt mit Kristallen wie Rubinen und Smaragden und einem in Weißgold gehaltenen Engel auf der Spitze, gab an, dass es nun genau 23 Uhr war. Sie war ihren Eltern von ihrer Großmutter väterlicherseits zur ihrer Geburt geschenkt worden und hatte die ganzen 31 Jahren nicht einmal ausgesetzt. Deshalb konnte sie sich sehr gut mit ihr identifizieren, auch sie war eine Kämpferin.
Zurzeit jedoch fehlten ihr einfach die Kräfte und auch die Uhr hatte Stücke ihrer Schönheit einbüßen müssen. Einige der handgeschliffenen Rubine waren schon ausgefallen und provisorisch wieder eingesetzt worden, solange die Uhr aber intakt bleiben würde, wusste sie, dass ihre Zeit noch nicht gekommen war.
Sie öffnete den Kühlschrank, zog am Edelstahlgriff, an dem immer Rückstände, Fingerabdrücke, zu sehen waren.
>Viel zu einfach für die Mordkommission. < dachte sie sich ohne weiteren Zusammenhang.
Auf der Suche nach einer köstlichen Zwischenmahlzeit durchforstete sie die einzelnen Reihen des Kühlschranks. Ganz oben hatte sie das Gemüse und das Obst partiell gelagert, damit es bei den niedrigen Temperaturen im unteren Teil des Schranks, indem immer frisches Fleisch vorhanden war, nicht einfrieren konnte. Sie entschied gegen den Vanille-Mandarinenkuchen, der sie von der mittleren Reihe her anstarrte und entschied sich für einen gesunden Apfel die weit entfernt vom Rest des Gemüses und Obstes lagen, damit dieser nicht den unnötigen Fäulnisprozess anderer Lebensmittel verursachte.
Ein saftiger praller Apfel, der anderen Lebensenergie aussaugt. Als die Tode in ihrer Familie begannen, hatte sie noch kein solch schlechtes Bild von der Köstlichkeit, die für sie einfach eine gesunde Ergänzung war. Den blutroten Apfel in der Hand, musste sie wieder an ihre Eltern denken, die von ihr ausgesaugt wurden, da sie immer noch nicht selbstständig leben konnte oder wollte.
Sie schnitt den Apfel auf und bemerkte, dass dieser von innen faul war. Sich in ihm wiederspiegelnd, symbolisch für ihre ehemals kräftige, strahlende körperliche Fassade aber ihren verfaulten Kern, begann sie die beiden geteilten Hälften wieder zusammenzufügen. Das ergab ein schöneres Bild. Er landete im Abfalleimer, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden.
Alles in diesem Haus begann langsam vor sich hinzurotten, zu verfallen, abzusterben, ohne das es „Jemand“ bewusst wahrnahm und etwas dagegen zu unternehmen.
Langsam bewegte sie sich auf diesen Jemand zu, der dabei war sich in den Finger zu schneiden. Konzentriert und bedacht sich nicht zu verletzen, setzte er eine steife Miene auf. Er wusste, dass sie sich ihm näherte reagierte aber nicht. Sie stand nun fast hinter ihm, hob die Hand und wollte ihn berühren. Wie einen Hilfeschrei spürte er ihre Aura, die ungeachtet der nicht vorhandenen Berührung seinen Körper kontaktierte. Da war es passiert. Ein kleines Rinnsal roten Blutes floss vom Daumen, bis zu seiner Handinnenfläche und bildete dort einen kleinen See.
Sie hielt inne. Er hielt inne.
Es war Stille.
Lost in love
Lost in love
Sie streifte ihr Oberteil ab. Die Wunde war gut zu sehen. Sie war wieder aufgeplatzt und der große Bluterguss war noch immer nicht abgeschwollen. Sie strich über die Stelle und zuckte. Es schmerzte.
Es war wie immer ihre Unbeholfenheit gewesen. Die Wunde hatte sie sich zugefügt als sie auf dem Treppenabsatz zum Keller, sie wollte einen Merlot aus der Weinkammer hochholen, um diesen genüsslich am Kamin zu trinken und vielleicht all ihren Kummer fortspülen zu können, ausrutschte, das Gleichgewicht verlor und mit der Schulter auf einem Stahleimer gelandet war, der sich tief in die Haut bohrte. Aufgeplatzt war die Wunde, als „er“ sie kraftvoll gegen die Wand gedrückt hatte.
Es war erst wenige Augenblicke vergangen, die Blutung jedoch war schon gestoppt. Wundwasser bildete sich.
>Warum hatte er das getan? <
*
Völlig unvermittelt war er hinter einer Ecke aufgetaucht, starrte sie böse an und drückte sie gegen die Wand. Ohne eine Gefühlsregung hatte sie den Boden unter den Füßen verloren, starrte zurück.
Ihre Blicke trafen sich, ruhten einige Sekunden auf dem jeweils anderen, bis er wieder von ihr abließ und weiterstolzierte.
>Diese leeren Augen…< dachte er sich kopfschüttelnd.
*
Sie zog den zartgelben Duschvorhang beiseite und starrte auf einen gebrechlichen Körper. Ihr Gesicht war eingefallen, die Kurven vor einigen Tagen gänzlich verschwunden und eine tiefe leere in den Augen, die der Tiefe des Meeres glich.
Sie dachte an das Meer. Still wiegt dieses vor sich hin. Moleküle stoßen aneinander, vollbringen das Rauschen, das für viele eine derart beruhigende Wirkung hat. Für sie bedeutete die Stille des Meeres reines Schweigen. Es ertrug schweigend die Schmerzen, die die Menschen mit voranschreitender Zeit antreiben. Das Rauschen ein Hilfeschrei der Zerstörung, wie das Rauschen eines defekten Radios.
In ihren Ohren dröhnte genau dieses Rauschen, ein Hilfeschrei ihre Körpers, der bald zusammenzubrechen drohte. Im Hintergrund rauschte das Wasser des Duschkopfes.
*
Die Wanduhr im Wohnraum hatte die Engelsgestalt verloren. Sie war auf dem kalten Marmorboden geborsten.
Er hatte vor den Scherben gestanden, den Kopf aufgehoben, angestarrt und versucht ihn wieder auf den Körper zu setzen.
Sie hatte in der Tür gestanden, beobachtete ihn dabei mit traurigem Blick. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch er sie verlassen würde und sie sich schlussendlich doch dazu entscheiden würde, die Erde zu verlassen, um mit all ihren Freunden und ihrer Familie wieder zusammen zu sein.
*
Sie wandte sich vom Spiegel ab, stellte das Wasser auf die gewünschte Temperatur ein, ließ es über ihren zierlichen Körper fließen und verschwand förmlich im Strahl. Dampf stieg auf.
>Dieser Blick, immerzu auf mich gewandt. <
Das Wasser wurde schlagartig eiskalt, als sie an dem Rädchen drehte. Sie setzte sich auf den Boden, Tropfen rannen über ihren Körper, nicht zu unterscheiden ob salzig oder neutral.
Sekunden, Minuten, eine Stunde verging, wie die Ewigkeit im All, jeder Stern eine Einheit.
Sie blickte auf ihre geschrumpelten Fingerkuppen, fühlte sich aber noch nicht bereit, wandte ihren Kopf dem kalten Wasserstrahl hinzu, wusch sich ihr Gesicht und die Tränen aus ihren verquollenen Augen, öffnete sie und ließ den Saft eindringen. Ein kurzes Gefühl von Befreiung, machte sich in ihrem Körper breit, als sie spürte wie ein Teil ihres Kummers, durch den Ablauf, dahinfloss. Ihre Haut spannte sich durch die Kälte, wurde rot und schmerzte. Freiheit.
Wohltuende Freiheit aller Gedanken der Seele, verdrängt von der Qual, die der Körper erfuhr.
Sie hätte ewig sitzen bleiben können, bis die Folter ihrer Gedanken einfach aufhörte und sie sich selbst gehen lassen würde.
Es klopfte. Sie reagierte nicht. Die Klinke wurde gedrückt. Die Tür gab nicht nach. Es klopfte ein zweites Mal. Ein drittes Mal. Sie rührte sich nicht.
Stille.
Eine weitere Ewigkeit saß sie auf den nassen Fliesen, bis sie sich dazu aufbringen konnte, das Wasser abzustellen und in einen Bademantel zu steigen. Zuvor hatte sie ihre Wunde versorgt, sorgfältig abgetrocknet, verbunden.
>Völlig unnötig. < dachte sie sich, als sie ihr Werk im Spiegel betrachtete. Es wäre sowieso bald alles vorbei.
Mit frischer Kleidung bedeckt, machte sie ihre Schranktür zu und blickte in ein halbes Gesicht. Der Spiegel. Seufzend schloss sie ihre Augen und erblickte die andere Hälfte. Das Gesicht aus dem Spiegel, ein verstörtes Wesen ohne Glanz und Licht in den Augen. Die andere Hälfte vor ihren Augen liebreizend, ansehnlich, wunderschön und freudestrahlend, wie in ihrer Vergangenheit.
Der Topf auf dem Herd enthielt kochendes Wasser. Sie ließ ein paar Nudeln hineinfallen. Es spritzte. Die Wanduhr schlug. Es war 23 Uhr.
>Wo ist er? <
Sie stand allein in der Küche. Brodelndes Wasser, das Rascheln der Nudeltüte, das Schlagen der Wanduhr, die mit jedem Gong einen Kristall verlor, das Aufschlagen der Wertstücke, aber kein tölpisches agieren, kein Niesen, kein angespannter Atem.
Er war nicht da.
Er stand auf einem kalkigen Felsen in einer kahlen Wüste. Es war Regenzeit. Der Regen prasselte auf ihn nieder, wie Messerstiche. Jeder Tropfen bohrte sich in seine Haut, strahlte Hitze aus, obwohl er zum Bersten gefroren war. Eine Aura umgab ihn, die ihn an seinen Kräften zweifeln ließ. Er hatte es nicht geschafft die Brocken vom Boden zu heben, sie anzuvisieren und zu zerstören.
Das Gefühl in ihm war falsch, es war frisch, neu und doch falsch. Er wollte schreien, doch seine Kehle verengte sich, die Stimme versagte und erstickte alle Laute.
Es war Regenzeit. Der Regen prasselte auf ihn nieder, wie Messerstiche.
Er hatte sie allein gelassen, wie sie vermutete. Stundenlang starrte sie in das kochende Wasser. Als es überkochte und über ihre Füße lief, wo sich gegenwärtig Haut abpellte, blieb sie stehen. Völlig Verloren in ihrem Geist und endgültig den Entschluss gefasst, ging sie ihrem Wunsch nach.
Den Herd abgestellt, kletterte sie auf einen Stuhl, griff in einen Wandschrank und holte eine rundes Etui heraus, legte es auf den Beistelltisch, öffnete die Vorhänge, setzte sich auf das Sofa, faltete das Etui auf, entnahm einige Kapseln und schloss die Augen.
>Er ist nicht da, hat mich allein gelassen. Allein. Völlige Einsamkeit. Leb wohl! <
Noch immer auf dem Felsen stehend, spürte er einen Stich, tief im Herzen. Das falsche Gefühl ließ ihn nicht los. Völlig erschöpft von seinem Versagen stieg er in die Luft, schloss die Augen, blickte gleichdarauf gen Himmel, fasste sich an die Brust und atmete tief ein.
Um ihn herum wurde es düster, der Himmel verdunkelte sich weiter, Blitze schossen aus den Wolken, wie Kugeln aus einem Colt. Der Donner grollte unvermittelt hinterher, wie eine Explosion und sein Schall.
Es traf ihn. Ein Blitz durchzog seinen Körper. Er spürte die Elektrizität: jede Zelle empfand sie, nicht als Schmerz, sondern als Zeichen. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt. Er sah sie. Er sah sie durch den aufgezogenen Nebel. Sein Herz pochte. Ein weiterer Blitz durchzog seine gesamten Körper. Das Unbehagen, die Elektrizität wurde zu einem Zittern zu einer bebenden Kraft, beginnend in den Zehen bis zu den Haarspitzen.
Die Wanduhr fiel zu Boden.
Augenblicklich verstand er, flog so schnell es ging Richtung Behausung, trat die Tür ein und stürmte in den Wohnraum.
Da lag sie.
Im ersten Augenblick friedlich schlafend. Dann sah er das geöffnete Etui, viele der Kapseln waren auf den Boden gefallen. Er trat auf sie zu, zerstörte dabei die Wanduhr, die auf dem Boden lag, hielt kurz inne, fasste in seine Tasche, wollte den geborstenen Engel herausholen, doch er spürte nur ein kaltes, nasses Pulver.
Er Konnte es kaum fassen was passiert war.
Er kam näher, spürte nichts, war ausgelaugt, ausgesaugt, ergriff zögernd ihre Hand. Sie war eiskalt. Tastete sich weiter vor zu ihrem Hals, ertastete den Puls. Ganz leicht und sanft regte sich etwas unter seinen Fingern, spürte jedoch keinen Atem. Ruhelos und panisch legte er sie auf den Boden, öffnete ihren Mund, sog scharf Luft aus dem gesamten Raum ein, schaute auf ihre geschlossenen friedfertigen Augen, hielt ein weiteres Mal inne, hielt die Luft an, während tausend Gedanken durch seinen Kopf schwirrten.
>Warum? War es ihr Wunsch? Ist es mein Recht ihren Wunsch zu zerstören? <
Er erinnerte sich an sie, wie sie sich bewegte, sie atmete, sie ihren Tee trank, wie leer ihre Augen von Tag zu Tag wurden und wie er sich jeden Tag weniger in ihnen spiegeln konnte.
Erinnerte sich an den tieftraurigen Blick, der stetig wuchs sie übermannte, ihm nicht entfliehen konnte und sie allmählich einwilligte, dem Leben ein Ende zu bereiten.
Es überwältigte ihn, dass sie sich entschieden hatte, ihn zu verlassen, auf sich allein gestellt zu lassen, dass er sich genau wie sie einsam fühlen sollte.
>Du Miststück, soll mich das gleiche Schicksal ereilen? Würde deine Entscheidung denn irgendetwas ändern? <
Vor Wut und Verzweiflung sank er auf die Knie. Schlug mit den Fäusten auf den Boden, sodass der Marmor zerbarst. Wieder schnürte es ihm die Kehle zu.
Die rosigen Wangen verblassten langsam.
>Letzte Chance! < sagte ihm sein Herz.
Er atmete tief ein, wollte allen Sauerstoff, der existierte aufsaugen, um ihre Lungen damit zu füllen.
Ihre Brust hob sich und senkte sich sogleich.
>Mehr! < brüllte er sich in Gedanken selbst an.
Der Brustkorb hob und senkte sich dutzende Male.
>Nicht aufhören! <
Nach einer gefühlten Ewigkeit kapitulierten seine Lungen. Schnaufend ließ er sich auf den Boden fallen, schlug auf den Boden ein. Splitter flogen durch die Luft.
Er setzte sich auf, nahm sie in seine Arme, hielt ihren Kopf nah bei seinem Herzen, vergrub den Kopf in ihren Haaren, wiegte hin und her, wärmte ihren Körper, der stetig kühler wurde und roch ihr frisch aufgelegtes Parfüm. Es roch nach Leben.
„Aber sie ist nicht mehr am Leben.“ Wimmerte er.
Der Sturm klopfte ans Fenster, zerbrach es und wirbelte um sie, in seinen Armen liegend.
>Jetzt holt er sie.<
Eine einsame Schneeflocke verirrte sich in den Wohnraum, wirbelte umher und legte sich sanft schwebend auf ihre Stirn.
Er starrte auf die schmelzende Flocke, ihr Körper sog sie ein.
Weitere Schneeflocken landeten auf ihrem Körper, benetzten sie überall und zogen in ihre Haut ein.
Er strich ihr einige der feuchten Haare aus dem Gesicht. Ihre Augen wurden immer sanftmütiger, ihr Gesicht friedvoller. Fieberhaft versuchte er dies zu verhindern. Ihre Seele durfte ihren Körper nicht verlassen. Er wischte die Tropfen von ihrem Körper, rieb ihn um ihn weiter zu wärmen, legte sich schützend auf sie.
„NICHT AUFGEBEN!“ brüllte er, schaute in ihr Gesicht.
„SIE GEHÖRT MIR!“ schrie er dem Wind entgegen.
Sog noch einmal tief Luft ein und presste sie in ihre Lungen. Keine Reaktion. Langsam entzog sich die Wärme ihres Körpers gänzlich und heftete sich an den Wirbel.
Eine gellende Ohrfeige durchschlug das Kreischen des Windes, wie das Kreischen eines Kindes, das seinen Willen durchsetzen wollte und musste.
„NICHT AUFGEBEN HAB ICH GESAGT!“
„SCHEIßEEE, AHHH!“ donnerte er mit aller Kraft dem Himmel entgegen.
Sein Gesicht verzehrte sich zu dem eines Dämons. Er blickte hoch und öffnete die Augen. Seinen Körper umgab eine golden strahlende Aura. Qualvoll legte sich ein Feuer über ihn, verbrannte seine Haut, erneuerte sie zugleich. Seine Augen verblassten zu einem sanften türkisfarbenen Ton. Seine Muskeln zum Bersten gespannt. Die Aura wuchs heran, erfüllte den ganzen Raum. Goldgelbe Haare umzingelten seinen Kopf, wie Schlangen, gierend nach Blut.
Mit einem aller Letzen Schrei explodierte er innerlich, Wände und Decken gaben nach, ein Licht verhüllte alles in einem Umkreis von hunderten Metern.
Dröhnen, Rauschen, Asche, Wind, Schnee.
Stille.
Als das Licht erlosch, saß er noch immer mit ihr in seinen Armen auf dem Boden, goldgelb eingehüllt.
Wieder benetzten Tropfen ihr Gesicht, sie strömten aus seinen Augen.
Seine Lippen auf den Ihren.
Sie öffnete langsam ihre Augen und blickte in die Seinen. Sie trafen sich.
„Du gehörst mir!“ flüsterte er, strich ihr einige Haare aus dem Gesicht, lächelnd murmelte sie: „Vegeta.“
Reborn
Reborn
Reborn
Die Nacht hatte geendet. Der Raum war lichtdurchflutet. Geräusche waren zu hören. Gleichmäßiges Atmen füllte den Raum. Sie war weich gebettet, spürte das Kissen unter ihrem Kopf, die Decke auf ihrem Körper. Die Sonne wärmte ihr Gesicht und kitzelte sie in den Augen. Sie öffnete sie, schloss sie gleich darauf wieder. Sie blendete. Mit voranschreitender Zeit gewöhnte sie sich an das Licht. Etwas Warmes berührte sie an ihrer Hand. Sie blickte hinunter und entdeckte eine weitere Hand, die auf der ihren lag. Sie folgte dem daran gebundenen Arm in das Gesicht eines schlafenden Saiyajins. Er saß auf dem Boden angelehnt an das Bett, auf dem sie lag, das Gesicht in ihre Richtung gewandt, mit reflektierender Feuchtigkeit im Gesicht.
Sie lächelte. Eine Berührung. Es war nur eine Berührung. Eine Berührung, nach der sie sich seit Monaten verzehrte. Sie umschloss seine Hand nun mit beiden Händen, kostete den Moment voll aus, entledigte sich all ihrer abscheulichen Gedanken und das Glitzern trat in ihre Augen zurück.
Sie starrte ihn an, strich ihm durch das Haar, wischte die feuchten Tränen weg und schmunzelte, als er wieder einmal niesen musste.
Davon war er aufgewacht. Schläfrig öffneten sich seine Augen, auch er wurde geblendet und brauchte einige Zeit sich an das Licht zu gewöhnen.
Als er sich in seiner Situation erkannte, zog er schnell die Hand zwischen den ihren weg, setzte sich auf das Bett und starrte sie unverwandt an.
„Was hast du dir dabei gedacht?“ fragte er sie energisch.
Sie schaute verdutzt drein, nicht auf solch eine Frage gefasst und gleich spielte sich die ganze Szenerie der letzten 2 Jahre vor ihren Augen ab.
„Los antworte!“ forderte er sie ausdrücklich auf.
Mit fragendem Blick und gleichzeitig traurigem Blick schaute sie in seine Augen. Sie waren pechschwarz, reflektierten das Licht, sodass sie sich in ihnen spiegelte und konnte noch einige Tränen in ihnen erkennen, die sein Gesicht zuvor begossen hatten.
„Wieso hast du das getan?“
Die Frage überraschte ihn.
„Was hätte ich tun sollen? Du wärst gestorben!“
„Das war mein Wunsch.“ Sagte sie und wandte ihren Blick von ihm ab. Er ergriff sie am Kinn und zog ihren Kopf wieder zu sich.
„Warum?“ er suchte ihren Blick.
„Ich hatte keine andere Wahl.“
„Man hat immer eine Wahl, sei nicht so naiv!“
Tränen kullerten ihr übers Gesicht, über die rosigen Wangen, die zartroséfarbenen Lippen.
„Du hast es doch gesehen.“
„Was gesehen?“
Sie schlug ihre Arme um sich selbst, zog die Knie an, vergrub ihr Gesicht in der Beuge und schluchzte:
„Du hast mich doch gesehen, mich immer unverwandt angestarrt. Ich dachte du wüsstest wie ich fühle.“
Wie vor den Kopf gestoßen, stand er auf kehrte ihr den Rücken zu und ging auf die Tür zu.
„Wieso hast du mich verlassen? Du warst nicht da, warum?“ fragte sie ihn.
Er drehte sich um:
„Du hast nicht aufgemacht.“ Sagte er, machte kehrt und verließ den Raum.
Sie blieb allein zurück, wieder allein. Weitere Tränen kullerten ihr übers Gesicht.
Er stand angelehnt an die Ebenholztür, sie war stark, stark wie er, diese Stärke war er aber nicht imstande zu spüren. Er fuhr sich durch das Gesicht, wischte die letzte Träne weg, schluckte seine Gefühle hinunter, setzte ein falsches Lächeln auf und verschwand.
>Ich hätte sie beinahe verloren…<
Sie saß auf ihrem Sofa, einen Tee in der Hand, starrte unentwegt aus dem „Fenster“, hörte der Sonne der Schneeschmelze zu und dachte an seine Worte.
*
>Du hast nicht aufgemacht. <
*
Sie wusste was dies bedeutete. Es musste seit Monaten in seinem Kopf umhergeschwirrt sein und ihre Ignoranz letzte Nacht musste der Auslöser gewesen sein. Ohne selbst zu wissen, wie sie hätte reagieren sollen, nahm sie einen tiefen Schluck des Tees. Es war Waldfruchttee. Mit dem Winter hatte sie abgeschlossen, zu viele schlechte Gedanken hatte sie mit ihm in Verbindung gebracht. Der Frühling war auf dem Weg zu ihr. Sie öffnete die Terrassentür, trat hinaus in den letzten Schnee, der sich im Schatten des Hauses gehalten hatte, spürte die Kälte und sogleich die Wärme in ihrem Körper. Die ersten Vögel zwitscherten in den Bäumen, aus dem Süden in die Heimat zurückgekehrt.
Im Gegensatz zu den Spatzen auf der großgewachsenen Eiche, die sich buhlend um ein Weibchen bemühten, fühlte sie sich in Aufbruchsstimmung. Nach der gestrigen Erfahrung, wollte sie neu an ihr Leben herantreten, es respektieren und auskosten. Sie trat auf den frisch getauten Rasen, ließ sich in feuchte Gras fallen, spürte jeden Halm unter sich, wandte den Kopf zu Seite und starrte geradewegs in die Sonne, die Kraft des Lebens, die nun auch sie durchflutete.
„Hatschii!“
Ein Zitronenfalter hatte sich auf ihre Nase gesetzt, sie bestäubt und war aufgrund ihrer plötzlichen Regung davongeflogen. Sie schaute ihm hinterher.
Freiheit. Eine andere Art von Freiheit spürte sie tief in sich, als sie den Schmetterling gefühlvoll in sich aufnahm und in Gedanken mit ihm schwebte, mit dem Wind spielte und die Pracht der Natur bewunderte.
Völlig neuen Mutes streckte sie sich, setzte sich auf, entdeckte frisch gewachsene Krokusse am Rand der Wiese unter ihrem Lieblingsbaum, der Weide. Sie krabbelte auf sie zu, entschied sich für die violetfarbenen, roch an ihnen und „Hatschi“ nieste ein zweites Mal.
„HATSCHIII!“
Sie blickte sich um, dieses Niesen stammte nicht von ihr. Durch das Küchenfenster entdeckte sie ihn. Er goss sich ein Glas Wasser ein, sog es in einem Zug leer, stützte sich auf das Edelstahlwaschbecken und blieb einige Sekunden stehen. Seine verwirrten Augen starrten auf die Küchenfliesen, als erwarte er sich von diesen eine Antwort.
Sie beobachtete ihn weiterhin. Als er bemerkte, dass er gemustert wurde, wandte er sich zum Fenster, starrte sie mit erzürntem Blick an und zog den Vorhang zu.
Sie war völlig perplex, hatte mit keiner solchen Reaktion gerechnet, dachte nach was die Ursache seiner Wut war und kam zu dem Ergebnis.
>Ich hätte ihn beinahe verlassen, ohne mich hat er niemanden<
„Genau wie ich.“ sagte sie laut.
Plötzlich konnte sie sich wieder an die gestrige Nacht erinnern, ihre Gefühle, ihre Entscheidung, ihren leblosen Körper in seinen Armen, sein Versuch sie wieder zurück ins Leben zu holen, seine Verwandlung und seine gefühlvollen Augen, die sie beharrlich an das Leben fesselten.
„Komm du erkältest dich noch.“ Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, drehte sich um. Da stand er mit ein und demselben erzürnten Gesichtsausdruck und streckte ihr seine Hand entgegen.
Sie blickte auf ihre nackten Füße und auf ihr vom Tau durchnässtes Nachthemd, unter dem sich jeder Knochen abzeichnete.
Als sie seine Hand ergriff, zuckte er, seine Brauen entspannten sich für einen kurzen Moment, zog sie auf die Füße und nahm sie auf seinen Armen mit sich ins Haus.
Unwillkürlich grinsend ließ sie es zu. Eine weitere Berührung. Eine Berührung, die sie zurück ins Leben brachte. Sie fühlte sich gleich viel kräftiger, als er sie fester in seine Arme schloss, damit sie nicht fiel.
Auf dem Weg ins Bad, liefen sie den Korridor entlang, an vielen Erinnerungsstücken, die sie wieder an ihre Depressionen und Familie erinnerte. Sie wollte nicht mehr erinnert werden, Sie wollte eine neue Zukunft genießen, eine Zukunft mit ihm und schmiegte sich sogleich an seine Brust.
Er öffnete die Tür zum Bad, ließ sie wieder auf ihre Füße, wandte sich rasch ab, schloss die Tür und blieb einen Moment hinter ihr angelehnt stehen.
Währenddessen hatte sie sich auf die andere Seite der Tür gestützt und lächelte voller Glück.
Er senkte den Kopf. Sein Herz wollte ihm aus der Brust springen. Er spürte die Hitze, die ihm ins Gesicht stieg.
>Was hab ich mir nur dabei gedacht? <
Innerlich schlug er sich selbst, ließ seiner Wut freien Lauf.
Falsche Hoffnungen, waren sein letzter Wunsch gewesen, ihr das Leben noch zunehmend zu erschweren. Das war nicht er in ihren Augen, sie kannte ihn nicht, konnte ihn nicht kennen, wollte nicht dass sie ihn kannte. Er erinnerte sich an die letzte Nacht, sah sich selbst verzweifelt auf dem Boden sitzend, Splitter die um ihn herum durch die Luft in alle Richtungen stoben und mikroskopische Verletzungen auf seiner Haut und auch in seiner Seele verursachten. Eine schwarze, von Hass zerfressene Seele, gleichwertig mit einem ungenießbaren, von außen vollkommen erscheinenden Apfel, aber im Inneren vermodert und verfault. Diese seltsamen Gefühle, die stetig in ihm heranwuchsen, wenn er sie sah, durften ihn nicht kontrollieren, nicht seinen Geist und Willen befallen. Er fühlte sich krank. Eine seelische Sonderbarkeit in ihm, machte nicht ihren Ursprungsort aus, voller Verzweiflung sein Gesicht zu verlieren, das er zu wahren versuchte, sogar musste, denn er war der einzig wahre Prinz der Saiyajins. Sich durch die Haare streichend, die Augen geschlossen, schlug er eine handgearbeitete aus Keramik bestehende und mit bläulich schimmernden Pigmenten überzogene Blumenvase, mit bereits welken Lilien in ihr, vom Tisch.
Das Scheppern war hinter der Tür deutlich zu hören. Die Bedeutung war ihr völlig klar. Sie machte sich darauf gefasst, ein weiteres Mal in all ihren Träumen und Wünschen erschüttert zu werden. Doch dieses Mal wollte sie sich nicht übermannen lassen, sich stellen, sie verdrängen, sogar töten sofern möglich, dass sie sich von ihnen isolieren kann.
Schwarze Gedanken die lange Zeit um sie geschwebt waren, ihren Verstand vernebelt hatten, sich wie Kletten oder Zecken in sie festgebissen hatten, dass sie kaum einen klaren Gedanken ihrer Selbst fassen konnte. Sie fühlte sich belagert von imaginären Wesen, die sie tief mit sich ins Dunkle ziehen, ihren Lebenssaft aussaugen, sie durch Ethylen gären und in sich aufnehmen wollten.
Das Badewasser war kalt geworden, der Vanilleduft verflogen, die Seifenblasen verschwunden. Kälte. Wieder diese Kälte, die all ihren brennenden Schmerz in sich aufnahm und ihr zeigte sie lebte doch noch, obwohl sie sich innerlich schon begraben fühlte. Kopfschüttelnd und denkend:
>Nein dieses Mal gebe ich nicht auf! <
Stand sie mit starkem Blick unter der Dusche, drehte den Regler ganz nach rechts und ein Schwall kochenden Wassers ergoss sich über ihren ausgekühlten, ehrlosen Körper. Sie griff sich an die Brust, erkannte keinen Funken Attraktivität mehr an sich, zu sichtbar waren ihre Knochen, Rippen und Schulterblätter. Dürr, wie ein Stück Papier im Wind, sah sie sich im Spiegel, fragte sich:
>Kann ich mich so lieben? <
Entschlossen, von ihrem Mut gepackt, sich gegen die Wesen und Gedanken, gegen die Schwärze zu behaupten, entschlossen ihre Weiblichkeit zurückzuerlangen und ihm möglicherweise doch so sehr zu gefallen, dass sie sich wieder als Mensch fühlen konnte, zog sie sich ein weites, gelbgesticktes Kleid in Baby Doll-Optik mit langen Ärmeln über. Zum einen erschien sie beleibter, gesünder, zum anderen wollte sie optisch ihre innere und äußere Kälte verdrängen, die Wärme, des mahnenden Frühlings in ihren Leib bitten. Ungewollt hatte sie von ihm eine zweite Chance bekommen. Diese wollte sie nutzen.
Der Vanille-Mandarinen Kuchen war schlecht geworden. Fruchtfliegen hatten sich auf ihm niedergelassen. Tagelang hatte sie nicht mehr in den Kühlschrank geguckt. Bis auf einige ungesunde verfaulte Leckereien, wie Schokodonuts, eine Tafel Vollmilchschokolade und sauer riechende Milch war er wie leergefegt. Sie wollte auf die Uhr schauen, erkannte aber, dass die Wanduhr, ihre Wanduhr verschwunden war. Sie lag in tausend Teile zerbrochen am Boden, ging auf sie zu, kniete nieder, nahm das Ziffernblatt in die Hand. Es war um 2 Uhr stehen geblieben. Sie folgte den Holzsplitter und erkannte, es waren nicht nur Holzsplitter sondern auch Marmorsplitter überall im Raum verteilt. Sah nach oben und entdeckte… nichts. Der ganze Wohnraum war weggesprengt worden.
Erst jetzt hatte sie das Gefühl, dass sie richtig wach geworden war. Am Morgen voller Glück und Freude war ihr keine Veränderung aufgefallen. Alles war hell und farbig erleuchtet. Jetzt sah sie nur die Tristesse, die sich in der letzten Nacht abgespielt hatte. Die Vorhänge die ihr blau-türkis erschienen, existierten gar nicht mehr und auch der Nachthimmel war nicht so strahlend und Mitternachtsblau. Als sie sich setzen wollte, stach eine Feder in ihre Beine. Das Sofa war zerfetzt. Die Polster aufgerissen, das Innenfutter herauslugend, ergraut und hatte ausgedient. Sie erkannte die Realität.
Leave it Alone
Leave it Alone
Eine mit Menschen überquellende Stadt am Samstagmorgen. Ihrer Gefühlslage nach hatte sie wenig Lust auf Menschenkontakt. Sie wollte nur das Eine, geliebt werden. Scheinheilige Freundlichkeit, aufgesetztes Lächeln, nur am Konsum Interessierte, waren ihr zuwider.
Der freudestrahlende Blick, mit breitem Lächeln durch die Geschäfte gebummelt zu sein, fehlte ihrem Körper plötzlich. Sie war wenig interessiert an den vielseitigen Angeboten, die die Schaufenster zur Schau stellten, den gierigen Blicken scheinbar entgegensprangen. Sie war spontan aufgebrochen, ohne, wie es einer ihrer Charakterzüge war, Pläne aufzustellen und sie Schritt für Schritt abzuarbeiten. Neben einer Parkbank, mitten im erblühenden CityPark, blieb sie stehen, stellte Einkaufstüten sowie Handtasche zur Seite und setzte sich.
Der letzte Schnee im Schatten der großgewachsenen Bäume begann zu ergrauen und zu schmelzen. So schmolz auch ihr Verständnis für Gefühle und Beziehungen hin. Alles was sie sich gewünscht hatte, hatte sie für einen kurzen Blick genießen dürfen, bevor es ihr wieder entrissen wurde, durch das schlichte Klirren einer Blumenvase. Sie schaute auf ihre mit Steinen gewaschene hellblaue Jeans, die sie zu einem sonnengelben Bandaeu-Top kombiniert hatte, einen Anthrazitfarbene Mantel darüber. Sie hing nur lasch über ihren dünnen Beinen, hatte einst ihre Kurven betont, war jetzt jedoch nur ein weiterer Stofffetzen an ihrem mageren Körper.
Wieder zuhause angekommen, setzte sie sich sogleich an ihren Computer, durchsuchte das Internet nach guten Kurorten, buchte sogleich eins in Deutschland im Schwarzwald, packte ihre Tasche, schrieb noch schnell eine Notiz, heftete diese an den Kühlschrank und flog davon.
Schon einige Minuten stand er mit dem Zettel in der Hand, schaute aus dem Fenster und verstand die Nachricht nicht, die ihm wie kindisches Gekritzel aus dem Kindergarten vorkam.
„Bin einige Tage im Ausland, du kommst schon zurecht.“
Jetzt hatte sie ihn schon wieder allein gelassen, obwohl er sie gerade erst aus dem Dunkel, in das sie zu versinken drohte, gezogen hatte. Wieder völlig allein, völlig auf sich allein gestellt, der Kühlschrank aber zum Bersten gefüllt, war er hilflos.
Es gab für ihn keinen Grund zu bleiben. Nicht allein in einem solchen Haus.
Er wollte schon aufbrechen als er einen letzten Blick auf die Notiz warf. „einige Tage…“
>Was bedeutet das: Einige Tage? < für ihn war das keine Zeiteinheit. Er konnte nichts mit diesem Wort anfangen, wusste nicht, wie lange sie also fernbleiben würde. Er wollte nur in ihrer Nähe sein nicht mehr und nicht weniger.
„Miststück!“
>Was glaubt sie was sie sich herausnehmen kann? <
Dann überfiel ihn Verständnis. Er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er ihr keineswegs das geben konnte was sie so sehr begehrte. Er hatte ihren Willen, unwissentlich und unwillentlich, gebrochen. Vor der besagten Nacht war er ihr letzter Halt gewesen, dann hatte er sie mit all ihrer Traurigkeit, Verletzlichkeit zur unpassendsten Zeit verlassen, nicht für immer, nur um sich selbst einen klaren Kopf zu schaffen.
Er gab ihr am Morgen die Hoffnung, die sie nie hätte spüren dürfen, denn er konnte ihr keinen Halt bieten. Er selbst war zu instabil, schwankte mit seinem Geisteszustand, seinen Gefühlen.
Unmerklich hatte er sich durch sie verändert. Er war verweichlicht und hatte seine einst ausgezeichnete Stärke verloren.
Er setzte sich auf ihr Bett in ihrem Zimmer, beobachtete den auftretenden Frühling, der auch Einzug in das Zimmer durch Licht und Wärme erhielt, und atmete tief ein, nahm all ihren zurückgelassenen Duft in sich auf.
Seine Körper wurde schwer.
Er schlief ein.
Sein Geist schlief ein.
3 Tage vergingen.
Er schlug seine Augen auf. Um ihn herum war noch immer die Leere zu spüren, die sie mit ihrem Verschwinden hinterlassen hatte. Völlige Einsamkeit, wie ein tiefer Schlund zog es ihn immer weiter hinab. Mit letzter Kraft krallte er sich an die spröden und bröckeligen Felswände. Blut rann von seinen zerschnittenen Fingerkuppen, an den Armen entlang und tropfte in sein Gesicht.
Unter körperlichen und seelischen Schmerzen sich windend, versuchte er seinen Geist in sich zu behalten. Hielt sich den Kopf, krümmte sich.
Tief in sich wusste er, dass er es vermasselt hatte, sie rette und sie gehen ließ ohne an die Konsequenzen gedacht zu haben.
Finger für Finger verließ ihn die Kraft sich an dem Felsenvorsprung festzuhalten. Mit dem letzten Tropfen der ihm ins Auge lief, ließ auch der letzte Finger los. Er war verloren, fiel in ein dunkles Nichts. Kein Licht, keine Geräusche um ihn, kein Hauch von Leben. Das Licht in seinen Augen verglühte. Ohne jede Gefühlsregung lag er da, ausgestreckt auf ihrem Bett, sanft gebettet in blaufarbene Baumwolllaken, die die Wärme des Körpers reflektierten. Jedoch spürte er keine Wärme. Ergraute Augäpfel starrten an die mit Stuck geschmückte Decke, am silbernen Kronleuchter vorbei, der nach und nach an Helligkeit und Strahlung verlor.
Jede Warnung seines Körpers sei es Hunger oder Durst, blendete er aus. Zu tief befand er sich in dem Loch. Um ihn herum nur Schutt und Asche. Gekauert in eine Ecke, vom Leichengestank umgeben, blickte er auf seinen brennenden Heimatplaneten, vor ihm sein Vater.
Tot.
Is he alive?
Is he alive?
Das Licht war gelöscht. Nur der Mondschein drang durch die verschmutzen Fensterscheiben, die schon seit Monaten nicht mehr geputzt wurden. In Ihm jedoch befand sich pure Dunkelheit. Dunkelheit, die ihn zerschmettern, zerreißen wollte. Seit Tagen stand er vor dem Spiegel ohne eine Regung. Sein Gesicht spiegelte sich darin, er sah es jedoch nicht. Die Augen in ihre Höhlen zurückgetreten, leer und ergraut, stand er vor dem Spiegel, sah es jedoch nicht.
Das Licht war aus seinem Leben getreten, nachdem er erkannte, dass sie ihn wirklich allein gelassen hatte.
Für ein paar Tage sei sie verreist, hatte sie geschrieben. Aus ein paar Tagen wurde eine Woche, dann mehrere Wochen und Monate. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, hatte keine Lust zu gar nichts, nicht mal den Antrieb zu kämpfen.
Nach dem Albtraum, der Ausrottung seines Volkes und seines Vaters, hatte er stundenlange Fieberkrämpfe erlitten. Konnte sich nicht bewegen, nicht atmen, nicht schreien. Währenddessen wich alle Kraft aus ihm und die leere Hülle blieb zurück.
> törichtes Weib! < dachte er sich.
> Ich habe ihr zwar zu verstehen gegeben, dass sie bei mir nicht finden kann, was sie sucht, aber das habe ich nicht verdient. <
Verdient hatte er es schon, das wusste er, wollte es jedoch nicht wahrhaben. Tief in ihm wollte er auch nicht wahrhaben, dass er sie brauchte und sich wieder ihre Nähe wünschte. Das seien keine Gefühle, die ein Prinz zu einem Erdenweib haben dürfe, bläute er sich ein. Aber dennoch war es wie ein Weltuntergang als er den Zettel immer und immer wieder, so viele Male gelesen hatte, bis er ihn verstanden hatte.
Seine Beine gaben nach.
Die Bewusstlosigkeit hatte ihn endgültig erfasst. Ohnmacht. Zeit. Einsamkeit.
Sie stand vor dem Eingangstor des Flughafens. Es war ein aus Marmor gehauenes Kunstwerk eines hochgeschätzten Meißlers. Derzeit wurde es restauriert, damit es in der Sommersonne von weitem erkennbar war und das Licht reflektierte. Es sollte den Anschein erwecken, man ginge durch das befreiende Tor aller Sorgen. Als sie das erste Mal durchschritt, war sie so mager, dass kaum ein entgegenkommender Passant sie wahrnehmen konnte. Wie ein Lufthauch wurde sie durch das Tor ins Gebäude gedrückt. Ihr Koffer war ebenso dünn gewesen. Ein paar Schuhe, zwei Kleider, Unterwäsche, Unterlagen, Pass und eine Jacke hatte sie dabei gehabt. Der große schwarze Koffer war nicht im Geringsten gefüllt gewesen und auch das Limit an Gepäckgewicht hätte er mitnichten überschreiten können.
Der Aufenthalt in Deutschland hatte länger gedauert, als sie ursprünglich vorhatte zu bleiben. Nach einem 6-wöchigen Kuraufenthalt, hatte sie den Entschluss gefasst.
>Ich will die Welt erkunden! <
Sie war zuerst in Berlin, dann in München, in Paris, London, Tokio, am Kap der Guten Hoffnung und zuletzt noch in Thailand. Dort hatte sie es am meisten beeindruckt, wie ausgeprägt die Kultur der Menschen dort war. Sie wurde dort von jedem Menschen herzlichst aufgenommen. Auch wenn sie nur drei Wochen in Thailand war, so wollte sie eigentlich gar nicht mehr gehen. Es erging ihr sehr gut. Sie lernte eine Vielzahl an Menschen kennen und zeigte ihnen auch ihre Kultur.
Irgendwann bemerkte sie aber, egal wie gut es ihr körperlich ging und wie gut ihr die Ablenkung von der düsteren Vergangenheit tat, etwas fehlte. Bis sie erkannte was es war, vergingen weitere 2 Wochen. Als sie dann ein schlechtes Gewissen plagte, sagte sie ihrer Gastfamilie, die sie so sehr ins Herz geschlossen hatte, dass sie beim Abschied weinen musste, sie würde nun zu ihrer Bestimmung zurückkehren.
Ihre Bestimmung, die sie in ihrem Haus allein gelassen hatte, ganze vier Monate lang.
Es war Sommer geworden und schrecklich heiß, als sie auf das Pflasterstein vor dem Flughafen trat. Die Hand schützend vorm Gesicht, schaute sie in den Himmel. Nicht eine einzige Wolke war zu sehen. Genauso befreit wie der Himmel fühlte sie sich, entschlossen ihm zu zeigen, dass sie es wert war, seinen Prinzipien zu widerstehen.
Das Taxi, das ihr bereitwillig die Autotür öffnete, war eine Limousine. Etwas verwundert stieg sie ein. Der Taxifahrer, ein stattlicher junger Bursche, der nicht älter als 27 sein konnte, stemmte ihre zwei Koffer leichthändig und verstaute sie im geräumigen Kofferraum.
Beide Koffer waren zum Bersten gefüllt mit Souvenirs von ihrer Reise. Das Paar Schuhe und die Kleider und all ihre alten Habseligkeiten hatte sie nach einer Woche weggeworfen, um sich endgültig von der Vergangenheit zu trennen. Sie hatte sich vollends neu eingedeckt, dass es an nichts fehlte. Wenn sie wieder daheim war, wollte sie erst mal das Wohnzimmer wiederaufbauen und dann alles renovieren. Alles bis auf die Werkstatt ihres Vaters und das Lesezimmer ihrer Mutter, die sie seit der Tode ihrer Eltern nicht mehr betreten konnte.
Vor der Haustür, den Schlüssel in der Hand, hielt sie kurz inne. Sie entschied sich durch das ehemalige Wohnzimmer zu gehen, das nur noch aus Schutt, Dreck und Erinnerungen bestand. Die Löcher im Haus waren mit schneidfesten Folien verhangen und in einer, durch den Boden verlaufenden, Metallschiene eingeklemmt, sodass niemand in das Anwesen einbrechen konnte. Die Terrasse war noch ganz, aber nass vom kürzlich vorbeigezogenen Sommerregen. Im Schatten wurde ihr dann doch kalt. Sie zog sich das blaue Seidenjäckchen dichter zur Brust und hielt es mit einer Hand fest, damit es nicht in den Ursprungszustand zurückfallen konnte. Ihr Blick fiel auf die Trauerweide kurz hinter der Terrasse. Ein Rasenstück war dazwischen. Dort hatte sie als Kind immer gesessen, in Mutters und Vaters Blick, aber nah bei ihrem Lieblingsbaum. Sie erinnerte sich auch, dass sie vor einigen Monaten dort gesessen hatte und die frisch erblühten Krokusse betrachtete. Der Morgen nachdem er sie gerettet hatte.
>Wie es ihm wohl ergangen ist? Sicher ist er schon über alle Berge. <
Sie setzte sich an ihre Lieblingsstelle und verweilte dort einige Minuten, bis ihr der Briefkasten vor dem Haus ins Auge fiel. Jemand musste ihn regelmäßig geleert haben, denn er war gar nicht überfüllt, wie sie es erwartet hatte.
> Vielleicht ist er doch noch da! <
Schnell war sie auf die Füße gesprungen, ihr Hintern ein bisschen feucht vom nassen Gras, und rannte auf die Haustür zu. Behände öffnete sie in Rekordzeit die Tür. Lief in die Küche, ohne Spur, in den Trainingsraum, ohne Spur, in sein Zimmer, ohne Spur, in sein Bad, ohne Spur. Sie durchsuchte jedes Zimmer, nachdem sie sogar den Arbeitsraum ihres Vaters durchsucht hatte, dachte sie sich:
> Er ist wohl doch gegangen. <
Sie ging zurück zum Eingangsbereich, nahm ihre Koffer und betrat zum ersten Mal nach Monaten ihr Zimmer. > Hier würde er niemals drin sein. < dachte sie sich während sie vor der Tür stand, als sie merkte, sie hatte ihr eigenes Zimmer nicht durchsucht.
Sie ergriff die Türklinke, holte einmal tief Luft und öffnete sie. Gleißendes Sonnenlicht blendete ihre Augen. Sie nahm keine Umrisse von ihren Möbeln war. Sie blinzelte einmal, keine Besserung. Ein zweites Mal, die Umrisse des Bettes wurden erkennbar. Ein drittes Mal, durch das Fenster konnte sie die Bäume und Büsche sehen.
Ein Blick nach rechts verriet ihr.
> Er ist noch hier! <
Realization
Realization
Kaltes Wasser rann ihre Arme hinab, bis auf ihr Dekolleté. Zusammengesunken vor dem Waschbecken in ihrem Bad, saß sie auf den kalten Fliesen. Tränen mischten sich mit dem Wasser aus dem Hahn. Eine gefundene Abkühlung zu der heißen Jahreszeit. Doch sie konnte daran noch keinen Gedanken verschwenden. Vor ihrem inneren Auge hatte sich nur ein Bild eingebrannt wie er da vor dem Spiegel, zusammengekauert, lag. Kaum wahrnehmbar. So abgemagert und verkümmert.
Sie hatte ihn schwer atmend auf das Bett verfrachtet, zugedeckt und mit Wasser versorgt. Jetzt saß sie mit ihrem Kleid, das sie schon während des Fluges getragen hatte, vor dem Spiegel und begutachtete ihre fülligen Rundungen. Sie dachte zurück an ihre Gastfamilie und die vielen Menschen, die sie auf ihrer einmaligen Reise kennengelernt hatte. Dieses Glück hatte sich von einem zum anderen Moment aufgelöst. Die Wimperntusche hing in Fetzen über ihren Wangen. Dicke verquollene Augen starrten ihr aus dem Spiegel entgegen. Im Hintergrund lag ein schlafender, innerlich mit sich kämpfender Mann, der all ihre Wunschträume wieder zu Staub zerfallen lassen hatte. Obwohl sie sich freute, dass er noch bei ihr geblieben war und auf ihre Rückkehr gewartet hatte, hatte sie mit dem Geschehenen nicht gerechnet.
Innerlich hatte sie über die Reise mit ihm abgeschlossen, obwohl sie sich ihrer Gefühle für ihn noch immer nicht ganz bewusst war. Immerhin wollte sie ein neues Leben beginnen und dann hatte sie irgendwann den Entschluss gefasst, dass es ihr egal war, was in ihm vorging und was er vorhatte.
Er war für sie gestorben.
Aber sie war froh, dass er nicht gestorben war.
Unter der Bettdecke regte sich etwas und sie schrak auf, drehte sich auf dem Absatz um und glaubte zu sehen, dass er aufwachte. Sie stürzte zum Bett und blickte ihm erwartungsvoll ins Gesicht, aber dieses verzog sich bloß schmerzvoll und drehte sich von ihr weg.
» Was er wohl träumt? « flüsterte sie leise.
Vor ihrem inneren Auge versuchte sie sich vorzustellen, wie das Leben ohne sie in diesem Haus gewesen war. Alles war so geblieben wie sie es verlassen hatte, als wäre es ausgestorben gewesen. Was hat er getan? Ihr Blick wanderte über seine Arme und Schultern, eingefallen. Er musste seit Wochen nicht mehr trainiert haben.
» Unmöglich. « dachte sie sich.
» Vater! « kam es flehend aus seinem Mund. Er sog scharf die Luft ein und ballte die Fäuste. Sie strich mit ihren filigranen Fingern über die Knöchelchen, die unter der Haut weiß hervorstachen. Wie Messerklingen drangen sie in ihre Finger. Sie spürte die gespannten Muskeln in seinem Körper und den Schmerz, der ihn durchfloss. Der Schlüssel drehte sich in seinem Schloss und gab ihr einen Anblick von seelischer Verstümmelung. Dort wo die Seele des starken Mannes hausen sollte, war nichts mehr. Wieder kullerten Tränen über ihre Wangen. Die kurze Vision hatte ihr alle Macht geraubt noch an eine rosige Zukunft zu denken. Wie hatte sie selbst nur so ignorant sein können. Sie hatte seine Gefühle, seine Gedanken und seine Vergangenheit niemals hinterfragt. Die letzten Jahre war es immer nur um ihre eigenen Gedanken gegangen. Andere Menschen hatte sie vollständig ausgeblendet. Sie wünschte sich zwar den Kontakt, war aber selbst daran schuld, dass es nie zu einer zwischenmenschlichen Beziehung gekommen war. Wenn er sich nicht bei ihr einquartiert hätte, wäre ihr Entschluss zu sterben nicht schon viel eher in Kraft getreten. Würde sie ohne ihn überhaupt noch leben, ungeachtet dessen, dass er ihr vor ein paar Monaten das Leben gerettet hatte?
Sie hatte durch ihre schiere Abwesenheit, die Seele eines Menschen verstümmelt, ja sogar geopfert, nur damit sie sich selbst besser fühlen konnte. Sie war schuld, dass er sich so elend fühlte. Die Entscheidung, die sie für richtig gehalten hatte, erkannte sie als Erlogene. Sie hatte die Tür zwischen ihnen verschlossen gehalten.
» Bitte komm zurück! « flehte sie nah an seinem Ohr.
» Bitte! «
Ein eisiger Hauch legte sich auf ihre Zunge, die ihr die Worte im Halse zufroren ließen. Die Gesichtszüge des Prinzen erschlafften und er wurde von einem friedfertigen eingetauscht.
» NEIN! « weinte sie schon panisch ihn jetzt endgültig verloren zu haben. Jetzt, wo sie doch erkannte, dass sie ihn so sehr brauchte und war sie ihm angetan hatte.
Sie umschloss mit beiden Händen das Gesicht des Mannes, der ihr den nötigen Halt gab. Ihre von Tränen zerfressenen Lippen legten sich auf seine, aus denen alle Farbe wich.
Die Sekunden und Minuten strichen vorbei. Alles um sie herum drehte sich und verschwamm zu einer einzigen Farbe. Grau. Alles wurde farblos und matt um sie herum. Der Boden unter ihren Füßen brach nach und nach ein. Sie krallte sich an den Kuss und blieb solange bei ihm wie es ihr nur möglich war.
Finger um Finger löste sich von seinen Wangen.
Ein Husten.
Ein scharfes Atmen.
Ein Luftschnappen.
Dann schaute sie in die dunklen Augen.
Sie bewegten sich blitzartig hoch und runter, von ihrem linken zum rechten Auge, bis er an ihren Lippen haften blieb, die glücklich lächelten.
» Vegeta. Gott sei Dank! «
In seine Augen huschte der Anflug von Verständnis. Dann ergriff er ihre Hände und stieß sie von sich fort.
» Was fällt dir ein? « gab er seiner Geste Nachdruck.
Perplex richtete sie sich auf und starrte auf den wütenden Mann in ihrem Bett.
» Was meinst du? «
» Frag nicht so dumm. Wieso hast du das getan? «
» Ich weiß nicht. Ich wusste nicht was ich tun sollte, es sah aus als würdest du sterben. Ich weiß nicht… ich weiß ni…! «
» Halt deinen Mund. Ich will das nicht hören. Dummes Ding. Das meine ich nicht. «
» Was…? «
» Wie konntest du mir das antun? «
» Ich wollte dir doch nur helfen. «
» Schweig still! Geh, lass mich allein. «
Sie sah ihn verwirrt und traurig an, stand aber auf und ging in Richtung Tür. Auf der Türschwelle drehte sie sich noch einmal um und sah ihn schnaubend und wütend auf dem Bett thronen.
„Dummes Ding.“ dachte er sich, die Hände immer noch zu Fäusten geballt.
Er spürte die Berührungen der Frau auf seinen Wangen, Händen und Lippen. Sie hinterließen ein heißes Prickeln. Er schloss die Augen, rieb an besagten Stellen und versuchte ihren Nachhall von sich abzukratzen, wenn nötig die Haut mit ihm.
Sie stand an der Tür zu ihrem Zimmer. Eigentlich hatte sie zurückstürmen wollen, aber eine innere Stimme hielt sie davon ab. Der Schmerz seines gewalttätigen Griffes an ihren Handgelenken und das Wegstoßen übermannte sie. Ihre Lunge und ihr Herz zogen sich zusammen. Es entstanden ein Klumpen und ein schwerer Stein in ihr. Ein Planet entstand, der sie unter sich begraben wollte. Sie bekämpfte ihre Tränen. Eine solch starke Reaktion auf ihre Rückkehr hatte sie in keiner Weise erwartet und auch ihre eigene Reaktion auf ihn nicht. Ihre Beine bewegten sich wie von selbst wieder in Richtung Garten, in dem sie sich wieder ihrem Lieblingsplatz widmete und das bunte Naturschauspiel um sich herum wahrnahm. Der Planet, auf ihrer Brust, wurde von Minute zu Minute schwerer. Im Guss ihrer Tränen schwand ihre Stimme, die mit dem Frühlingswind einen Kampf austrug. Die Heiserkeit ergriff ihre Stimmbänder, die unaufhaltsam schwangen und einen Ton der Verzweiflung ausstießen. Ihre Wirbelsäule bäumte sich auf und untergrub sie unter sich. Die Fingernägel tief in das Kleid geschnitten, veröffentlichte sie ihre Gefühle der ganzen Welt. Flecke, wie schwarze Tintentropfen, übersäten den Stoff, in den sie gehüllt war. Er erdrückte sie. Ein Gefühl der Bedrängnis und der Trauer baute ein Gefängnis um ihre Seele.
Die Wächter waren die kalten, dunklen Augen, die ihr unmissverständlich klar gemacht hatten, dass er keinerlei Gefühle für sie hatte. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, ihn zu vergessen, konnte sie den Hüpfer ihres Herzens, den es machte, als sie ihn am Boden liegen sah, nicht unterdrücken. Dieser Anblick hatte ihre Vorsätze fortgespült und sie wusste, dass es kein neues Leben für sie gab, wenn er nicht bei ihr wäre.
Sie wischte sich die schwarzen Tränen von Wange, Mund und Händen und richtete sich auf. Ihre Knie und Hände zitterten, der Wind spielte durch ihre Haare, das Kleid und durch die Krokusse, die um die Gunst des Betrachters wetteiferten.
Sie wollte wie die Blumen, sprießen, wachsen und blühen und um die Gunst ihres Betrachters wetteifern, dass er endlich erkennen möge, wie sehr sie sich nach einander verzerrten und brauchten.
Seine Hände zitterten und die abgeschürfte Haut unter seinen Fingernägeln war blutig und durchnässt.
„Was ist das?“ fragte er sich als er das salzige Wasser in seinen Wunden schmeckte. Sein Blick war verschwommen und dann wurde ihm klar, was er getan hatte.
Fortune
Fortune
Ein Blitz durchfuhr seinen Körper. Der Kreislauf aus Ignoranz und Verletzungen musste endlich ein Ende finden. Er wünschte sich er könnte alles, was vor ein paar Augenblicken passiert war wieder rückgängig machen. Alles was er gesagt hatte, wieder zurücknehmen. Die Haut, die unter seinen Nägeln klebte, wieder an seinen Wangen anheften. Aber die zurückgebliebenen Krater waren wieder einmal ein Zeichen seines Stolzes, seiner Sturheit und krankhaften Soziophobie. Er krallte die blutigen Hände in das weiße Laken, kniff die Augen zusammen und verzog die Mundwinkel zu einer grotesken Fratze.
„Was hab ich mir nur wieder dabei gedacht? Was habe ich getan?“ Endlich hatte er sie wieder, nach einer gefühlten Ewigkeit der endlosen Leere. Aber er hatte auch Monate Zeit gehabt sich ungehindert seiner Gefühle bewusst zu werden.
Wie ein Pflanzenkeim, der den Winter über in der Erde eingesperrt war, hatten sich seine Gefühle aus dem dunklen Gefängnis seiner Seele emporgekämpft. Diese Erkenntnis hatte ihn dermaßen übermannt, dass er kaum wahrnahm, dass er dabei gewesen war zu verhungern. Auch jetzt lechzte sein Körper nach Nährstoffen, Mineralien und Wasser. Neben dem Bett auf dem aus Metall gearbeiteten Nachttisch sah er einen Wasserkrug mit einem rötlichen Lappen daneben. Er griff den Krug mit einer schwachen Hand und nahm begierig ein paar tiefe Schlucke. Den Rest des Wassers kippte er sich über den Kopf. Überrascht über die Schwere des Kruges ließ er ihn, nachdem er ihn geleert hatte, einfach fallen. Mit dem Lappen wischte er sich durch das nasse Gesicht. Das Blut, das aus seinen Wangen quoll, war auf dem roten Stoff kaum zu erkennen. Ein Tropfen Zuversicht erfüllte ihn, da er sein Fehlverhalten dadurch in den Hintergrund drängen und ihn jetzt ungeschehen machen wollte.
Sein Hemd klebte ihm durch den Schweiß und durch das Wasser aus dem Krug am Leib. Ein unangenehmes Gefühl. Er zog es sich langsam über den Kopf und ließ den tropfnassen Fetzen fallen. Nicht nur sein Hemd war schweißnass auch auf seinem Oberkörper sowie auf seiner Stirn bildeten sich Tröpfchen. Mit größter Vorsicht, wissend, dass sein Körper kaum dazu fähig war, zog er sich über die Bettkante auf die Beine. Er fühlte sich schwach. Seine Muskeln wollten seinem Willen nicht folgeleisten. Wackelig und schlürfend überwand er die Distanz vom Bett bis zur Tür und verschnaufte im Rahmen. „B-B-Bulma.“ Stotterte er leise. Ihm wurde schwindelig. Sein Körper war entkräftet, ausgelaugt und dürstete nach mehr Wasser. Schwankend bahnte er sich weiterhin einen Weg durch das verwinkelte Gebäude. Immer wieder musste er sich an den Wänden abstützen und pausieren. Die Treppe, die ihn vom Erdgeschoss trennte, ragte bedrohlich unter seinen schweißnassen Füßen auf. Mit jedem Schritt verschwamm sein Umfeld immer mehr. Einen Fixpunkt konnte er nicht mehr ausmachen und er orientierte sich lediglich an den farbigen Gemälden an den Wänden. Der weiß blitzende, angenehm kalte Marmor unter seinen Füßen wurde zunehmend rutschiger während er sich nach unten schleppte. Auf dem letzten Absatz verlor er dann das Gleichgewicht. Die Welt um ihn herum begann sich unaufhaltsam zu drehen. Wie ein Strudel, der ihn zu verschlingen drohte, drehte er sich um die eigene Achse. Die Farben verschwammen zur Unkenntlichkeit. Die Erdanziehungskraft zog ihn mit all ihrer Kraft zu Boden. Im letzen Moment bekam er noch einen Türgriff am Treppenabsatz zu fassen.
Das Unausweichliche war nicht eingetreten. Er fasste sich an den Kopf und versuchte die Orientierung wiederzufinden. Zitternd, aber kontrolliert ließ er sich an der Tür herabsinken, stöhnte und ächzte auf und ließ den Schreck langsam aus seinen Gliedern fahren.
„Bulma.“ flüsterte er noch einmal.
Stille.
Als er die Augen wieder öffnete waren die Umrisse der Wände und Gegenstände im Gang etwas deutlicher. Er atmete ein paar Mal tief ein, griff wieder nach dem Edelstahlstiel der Tür in seinem Rücken und presste die letzte Kraft aus seinen Beinen. Zur vollen Körpergröße aufgebäumt setzte er seinen Weg zu seiner Zielperson fort. Das Adrenalin in seinem Körper ließ ihn die Entfernung in erstaunlich geringer Zeit zurücklegen, als er aber im ehemaligen Wohnzimmer ankam sog er stark die Luft ein. Die Lunge und all seine Glieder brannten.
Der Körper war eigentlich dazu bereit endlich durch den Entzug jeglicher Lebenskraft zu kapitulieren. In seinem Kopf wand sich jedoch ein noch ungeborener Wille ihr Gesicht noch einmal zu sehen. Er wollte ihr verzeihen, dass sie ihn eine lange Zeit über verlassen hatte, sich bei ihr erkenntlich zeigen, dass sie zurückgekommen war. Mehr würde sein Prinzenstolz nicht zulassen, vorerst nicht. Tief im Inneren, verschleiert durch die wirren Gedanken, die sein Körper kurz vor der Aufgabe in seinem Gehirn auslöste, wusste er jedoch, dass er die Schuld in sich trägt. Die Schuld hat an dem, was seit dem Tod Gottes und dem Tod von ihrer Familie passierte. Er hatte sich wie ein Parasit bei ihr eingenistet, sie nach und nach ausgesaugt, war körperlich anwesend gewesen und doch nie da. Hatte den schleichenden Prozess der inneren Zerstörung beobachtet. Doch war er nicht imstande gewesen wirklich zu sehen, geschweige denn die Folgen abzusehen. Er sah nur die einst so fröhliche, strahlende Frau wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Anders als bei ihm, als er seinen Vater und sein gesamtes Volk verlor, war es ihr nicht möglich sich einen Panzer anzulegen, alle Gefühle wegzuschließen. Ihre Gefühle verschlangen sie nach und nach und zogen sie mit in die Tiefe der Depressionen.
Ein Lichtstrahl zwang ihn dazu, die Augen zu verschließen und sich nur langsam an das plötzliche Licht zu gewöhnen. Die Umrisse der grünen Weide wurden immer schärfer. Die Blätter blitzten im Sonnenlicht wie Sterne im Nachthimmel. Der starke, braune Stamm erhob sich aus der trockenen Erde und darunter... darunter saß sie.
Der Wille war geboren. Ihr Rücken war ihm zugewandt. Er konnte nur ihre bebenden Schultern unter der neugewonnenen Last, die er zu verantworten hatte, ausmachen. Das leichte blaue Seidenjäckchen begrub sie unter sich zu einem kümmerlichen Haufen.
„Bulma“ wisperte er ein letztes Mal. Die letzten Schritte war er ohne Bewusstsein zu ihr geschwebt. Seine bleiche Hand ruhte einen Hauchbreit über ihrer Schulter. Sie vernahm das Wispern. Augenblicklich hörte das Erdbeben in ihrem Körper auf. Allmählich drehte sie ihren Kopf in seine Richtung, nur um ihn kurz darauf fallen zu sehen.
Erschöpft presste sich sein Körper in den Boden. Über seinem Gesicht sah er Bulmas gerötete Augen.
„Vegeta“ rief sie aufgeregt.
Er konnte die Angst in ihrer Stimme spüren. Die Angst, die sie um ihn hatte. Es musste ein ähnlicher Anblick sein wie der, den sie erst vor kurzer Zeit in ihrem Zimmer ertragen musste. Sie nahm seine Hand. Sie war eiskalt. Auf seiner nackten Haut bildete sich ein See. Er atmete schwer.
„Vegeta“ brachte sie noch einmal zitternd hervor. Eine Weile betrachtete er sie nur. Von den Seiten seines Blickfeldes bildete sich ein Tunnel, der nur noch das Gesicht der schönen Frau einschloss. Ihre Tränen fielen auf sein Gesicht und vermischten sich mit Seinen.
„Ich bin jetzt hier.“ Flüsterte Vegeta.
Bulma zuckte kurz zusammen. Bevor er wieder von der Dunkelheit verschluckt wurde, konnte er noch ein Lächeln über das tränenbenetzte Gesicht huschen sehen und sie „Danke“ hauchen hören.
Ende?
Leseprobe
Jeder kann für sich entscheiden, ob er nach diesem Ende weiterlesen möchte, da ihr vielleicht offene Enden mögt.
Ich habe mich dazu entschieden eine Fortsetzung zu schreiben.
Ehe ich aber nicht richtig fertig bin, werde ich sie nicht hochladen. Nicht, dass es wieder 4 Jahre dauert, sie zu beenden.
Ich kann aber sagen, ich bin schon recht weit.
Ich habe jetzt eine Leseprobe zusammengestellt, um euch vielleicht ein bisschen heiß auf die Fortsetzung zu machen.
Als er sich ihr von hinten, ganz leise genähert und ihre Namen geflüstert hatte, hatte ihr Herz einen kleinen Sprung gemacht. Gleich nachdem sie sich zu ihm umgedreht hatte, war er in sich zusammengefallen. Und nach einer gefühlten Ewigkeit, in der er nicht auf ihre Rufe reagierte, sagte er das Einzige was sie sich jemals gewünscht hatte. „Ich bin jetzt hier.“
Er hatte das Bewusstsein verloren und sie hatte sofort gedacht, dass es jetzt mit ihm zu Ende ging. Dass er sie, wo doch alles seinen perfekten Anfang nahm, wieder verlassen würde, diesmal endgültig. So wie sie sich ein paar Monate zuvor zu diesem Schritt entschlossen hatte und er sie aber vor dem Tod bewahrte. Geschockt über diesen unvorhergesehenen Werdegang ihres Anfangs hatte sie mehrere Minuten fassungslos im Gras gesessen und auf ihn heruntergestarrt. Hatte sie schon wieder einen Fixpunkt in ihrem Leben verloren, einen Menschen, zu dem sie sich hingezogen fühlte? Den letzten Menschen, den es noch an ihrer Seite gab? Als der Prinz sich nicht mehr bewegte erwachte Bulma aus ihrer Schockstarre.
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Das verwüstende Feuer in ihm loderte so stark, dass sie sich nur weiter verbrennen würde, wenn sie nicht die Notbremse ziehen würde. Die Flammen stiegen ihm schon förmlich aus den Augen.
Ein neues Meer bildete sich in ihren Augen. Ein Meer das ausbrechen wollte. Sie spürte deutlich die Berührungen, die er zurückließ. Sowohl die Schmerzhafte, Gewaltreiche als auch die Sanfte, Zärtliche. Wie unterschiedlich sie diesen Arm jetzt betrachten konnte. Wie Tag und Nacht.
Ich hoffe ihr werdet die Fortsetzung dann auch lesen. =)