Care
Day by day my life gets colder
My eyes close thin as I get older
Pieces pieces, bloody and bruised
I feel so helpless and confused
Er rieb sich die Augen und schloss den Photoordner wieder. Es war purer Masochismus was er hier tat und das war ihm auch klar. Aber man würde wohl noch mit offenen Augen träumen dürfen.
Sobald sein Laptop beschlossen hatte ihm den Gefallen zu tun und den Ordner zu schließen, sah sich Robert wieder mit einer weißen Word-Seite konfrontiert, die nur darauf wartete von ihm beschrieben zu werden. Wenn das doch immer so einfach wäre. Er schob die Schreibtischlampe mit einer Hand ein bisschen zur Seite und richtete den Lichtstrahl auf den Boden. Das Chaos war beinahe perfekt, doch er brauchte nur wenige Handgriffe, um zwischen dem Gewirr von Blättern, Ordnern und Büchern das zu finden, was er suchte. Nachdem er die zerknitterten Zettel hervorgezogen und auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte, wandte er sich wieder der unbeschriebenen Seite zu. Sein Blick fiel kurz auf die Uhrzeit. 4:44 Morgens. Seine Kurse würden um acht beginnen, davor zu duschen wäre auch keine schlechte Idee und dieser Text sollte bis zum Nachmittag fertig sein. Wann er schlafen sollte, war ihm im Augenblick nicht ganz klar.
Kurz überflog er die Notizen, die er sich gemacht hatte, bevor er zu tippen begann. Doch weit sollte er nicht kommen. Einen Absatz später brach er ab, las die Notizen erneut durch. Noch einmal, zweimal, dreimal, bevor der Mauszeiger beinahe automatisch wieder zu dem Ordner mit den Photos von letztem Sommer wanderte.
Ein trauriges Lächeln legte sich kurz auf sein Gesicht, während er an die lauen Sommerabende zurückdachte. Es war eine schöne Zeit gewesen, vielleicht die schönste seines Lebens. Aber was vorbei war, war vorbei, man verlor sich aus den Augen, lebte am anderen Ende der Welt. Zumindest fühlte es sich so an. Und dennoch konnte er nicht vergessen. Vielleicht wollte er es auch gar nicht?
„Das ist doch alles zwecklos“, versuchte er sich selbst zu überzeugen.
Entschlossener als beim letzten Mal schloss er den Ordner und machte sich wieder daran seinen Aufsatz über die Bedeutung von Kriminalliteratur zu vollenden. Doch diese Nacht stellte sich als wenig produktiv heraus.
Cause I hear screamin' on the left
Yellin' on the right
I'm sittin' in the middle tryin' to live my life
„Man kann Türen auch leise schließen, verdammt!“
Während sein Mitbewohner beinahe das Haus in Grund und Boden schrie, saß Robert vor seinem Laptop und starrte auf den Bildschirm, während bunte Lichtstreifen über den schwarzen Hintergrund flimmerten. Beinahe wie Polarlichter, dachte er sich, obwohl er in seinem Leben noch keine gesehen hatte. Aber wozu hatte man denn Fantasie? Sein Finger berührte das Touch Pad nur kurz, doch es war genug, um den Bildschirmschoner dazu zu bringen sich eine andere Beschäftigung zu suchen.
Mit einem leisen Seufzen strich er sich durch das strohblonde Haar und warf einen Blick zum Fenster hinaus. Es war noch früh am Morgen, die Sonne würde sich so schnell nicht blicken lassen, denn um diese Jahreszeit brauchte sie lange, um hinter den bereits verschneiten Bergen hervorzukommen. Blasses rosa zierte den Himmel über den Gipfeln im Osten.
„Brüll doch nicht so durch die Gegend, verflucht!“
Ohne Rücksicht auf die beinahe romantische Morgenstimmung zu nehmen, rissen ihn die streitenden Stimmen aus seinen Träumen, zurück in die Realität. Den Zeilen auf seinem Bildschirm schenkte er keine weitere Aufmerksamkeit sondern stand auf und turnte über das Chaos, das den Boden seines Zimmers dominierte. Er schob einen Häufchen Kleidung in eine Ecke und sammelte ein Buch auf, um es in hohem Bogen auf sein Bett segeln zu lassen. Das laute Scheppern ließ ihn vermuten, dass dort schon etwas anderes lag.
Schwungvoll riss er die Tür auf und trat hinaus, nur um über einen Schuh zu stolpern, der dort gelegen hatte. Ein kurzer Blick sagte ihm, dass der zweite davon im Badezimmer lag. Wie auch immer er dort hingekommen war. Diese Frage würde er sich später stellen, denn die aufgebrachten Stimmen seiner Mitbewohner kamen aus der anderen Richtung.
Er schielte vorsichtig in die Küche, um sicherzustellen, dass er nicht in der Fluglinie irgendeines geworfenen Objektes war, bevor er eintrat.
Die skurrile Szene, die sich ihm bot, wäre zu anderen Zeiten amüsant gewesen, doch die momentane Stimmung verhinderte es.
„Was ist denn hier los?“
Sein Blick lag kurz auf den zu einer Pyramide aufgetürmten Gläsern, die aus einem unerfindlichen Grund am Boden standen, bevor sich seine Augen auf seinen Mitbewohner richteten.
„Morgen, Robert, für dich auch Spiegelei?“
Er nickte nur kurz, während der andere, nur mit Shorts und Kniestrümpfen bekleidet, bereits wieder mit Pfanne, Öl und Eiern zu hantieren begann, ohne diese Antwort überhaupt abgewartet zu haben. Während die Eier vor sich hin brutzelten und sich das Konfetti aus dem offenen Schrank verselbstständigte, richtete Roberts Blick sich auf die junge Frau, die mit verschränkten Armen zwischen ihnen stand. Doch sie wich ihm aus, wandte sich ab und warf sich auf das Sofa, um den Fernseher einzuschalten und sinnlos durch die Kanäle zu zappen. Das Make-up und ihre Kleidung sagte ihm, dass sie die Nacht über weg gewesen war, wahrscheinlich nicht geschlafen hatte – und wenn doch, dann wollte er es nicht allzu genau wissen – und den Tag lang nicht ansprechbar sein würde. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht sagte ihm aber noch viel mehr: Sie stand kurz davor in ihrem Zimmer zu verschwinden und sich dort einzuschließen, die Tatsache, dass sie das Zimmer nicht alleine bewohnte zu ignorieren und jedem, der es wagen sollte sie zu nerven irgendetwas entgegen zu werfen.
Mit einem Pärchen zusammenzuwohnen hatte er sich einfacher vorgestellt.
Cause I can't stop the war
Shelter homeless feed the poor
Das Tor öffnete sich mit einem lauten Kreischen, Robert schlüpfte in den dunklen Schuppen und tastete sich in der Düsternis zu seinem Fahrrad, schob es nach draußen und schloss wieder ab. Dieses Urzeitteil gab beinahe genauso fürchterliche Geräusche von sich wie das Tor, als er sich darauf schwang und in die Pedale trat. Er verzog das Gesicht, machte sich auf den Weg, denn ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er schon wieder spät dran war. Wenn er sich nicht beeilte, kam er zu spät.
Er folgte dem Radweg, hatte sogar an der ersten Ampel Glück und ignorierte das Rot an der zweiten so wie er es jeden Tag tat und klingelte ein paar Fußgänger aus dem Schlaf, die den ganzen Weg in Anspruch nahmen. Die Streukiesel knirschten unter den Rädern, während er seine Spur durch den ersten Schnee zog, der wie eine dünne Schicht aus Zucker auf dem Weg lag.
Knapp eine Viertelstunde später ignorierte er die nächste rote Ampel und rollte durch die Fußgängerzone, um den Weg ein wenig abzukürzen. Nicht, dass sie irgendjemand beschwert hätte, denn vor allem um diese Tageszeit waren mehr Radfahrer als Fußgänger unterwegs.
Doch wenn er ehrlich war interessierte ihn das alles an diesem Tag reichlich wenig. Rote Ampeln, Fußgängerzonen, Autofahrer, sie alle konnten ihn nicht wirklich erreichen, weil er in Gedanken noch zu sehr bei der Begebenheit von heute Morgen war. So ging es nun schon seit zwei Wochen. Sie war kaum zu Hause, ging sobald sie wieder kam. Sie gingen sich aus dem Weg, von den gemeinsamen Abenden mit Bekannten, wie sie es früher gemacht hatten, war nichts als eine Erinnerung übrig geblieben. Hin und wieder wurde er gefragt, ob die beiden überhaupt noch zusammen waren und wenn er ihnen eine ehrliche Antwort geben wollte, dann musste er gestehen, dass er es nicht wusste.
Es war zum Verrückt werden.
I can't walk on water
I can't save the sons and daughters
Er bog in eine Gasse ab, es war das letzte Stück, das er durch die Fußgängerzone musste, dann noch die Straße entlang, abbiegen und er wäre…
„Scheiße!“
Mit aller Kraft bremste er ab, versuchte das Rad zum Stehen zu bringen, doch es war schon zu spät und der Zusammenstoß vorprogrammiert. Einen Augenblick fragte sie Robert noch wie man so blöd sein konnte. Er hatte geklingelt und jeder hatte es geschafft ein wenig Platz zu machen, nur dieser Kerl hier hatte sich plötzlich von der Wand, an der er entlang gelaufen war, gelöst. Fluchend rappelte er sich vom Boden auf. Was für eine Bescherung.
„Hey, ist dir was passier…“
Er brach ab und betrachtete den anderen, der ebenfalls gerade aufgestanden war, ein wenig genauer.
„David?“
Unwillkürlich setzte sein Herzschlag einen Moment aus, als ihm bewusst wurde wen er da gerade umgefahren hatte.
„Oh, hallo, Robert.“
Die ausdruckslose Stimme seines Gegenübers versetzte ihm beinahe einen Stich ins Herz, dennoch zwang er sich zu einem freundlichen Lächeln. Und im Grunde war es ja wirklich eine nette Begegnung, wenn auch unter etwas schmerzhaften Umständen. Kurz glaubte er, dass auch Davids Mundwinkel ein klein wenig nach oben gewandert waren, aber er hätte sich genauso gut täuschen können.
„Was machst du denn hier? Bist du alleine unterwegs?“
Eigentlich lagen ihm ganz andere Fragen auf der Zunge, doch schien ihm hier weder der richtige Ort, noch die richtige Zeit zu sein.
„Lisa wollte wegen den Weihnachtsmärkten herkommen. Warum sie das jetzt schon erledigen will, ist mir aber ein Rätsel.“
Lisa also.
An sie erinnerte sich Robert noch genauso gut wie an David. Sie war dessen ältere Schwester, wich ihm kaum von der Seite und hatte etwas an sich, das Robert nicht ausstehen konnte. Fantastisch.
Hinter ihnen erhob sich Trompetenschall und verkündete die volle Stunde. Vor exakt fünf Minuten hatte seine Vorlesung begonnen und er stand hier mit David herum und ärgerte sich über dessen Schwester. Grandios.
„Seid ihr noch länger hier? Wir können uns später treffen, meine Nummer hast du ja, oder? Ich muss an die Uni…“
„Ja, noch ein paar Tage.“
Obwohl sein Gesicht ausdruckslos blieb, wusste Robert, dass sich David nicht darüber freute ihn anzurufen. Mit dem Telefon war der andere auf Kriegsfuß. Aber eine andere Möglichkeit fiel ihm beim besten Willen nicht ein.
„Gut, dann bis später!“
„Bis später.“
While I can't change the world and make things fair
The least that I can do…
„… und ist dann ohne ein Wort zu sagen, verschwunden. Hörst du mir überhaupt zu?”
Gedankenverloren starrte Robert aus dem Fenster und stocherte leicht lustlos in seinem Essen herum. Der übliche Mensafraß. Er hatte das Gefühl das Selbe gestern, vorgestern, vor drei Tagen und vor zwei Wochen gegessen zu haben.
„Hast du was gesagt?“
Er warf seinem Gegenüber nur einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder der Landschaft hinter der Fensterscheibe zuwandte, Löcher in die Luft starrte und dabei derart konzentriert aussah, als versuchte er einen Fehler im Suchbild zu finden.
Mit dem Unterschied, dass er genau wusste wo der Fehler lag.
Mit einem Ruck stand er auf, schob den Stuhl zurück und griff nach dem Tablett vor sich.
„Ich bin weg für heute, schreib mir eine Mail und sag mir was wir durchgenommen haben.“
„Robert? Du kannst doch nicht einfach abhauen…?“
Doch, er konnte. Und eben das tat er nun auch.
I'm prayin' pray for life salvation
Faith is tried and true in tribulation
Wenn er genauer darüber nachdachte, hätte er gar nicht erst in die Vorlesung gehen sollen. Er hatte ohnehin nicht zugehört und seine Gedanken waren um die Begegnung vom Morgen gekreist. Nun wählte er zum gefühlt hundertsten Mal die Nummer von David, doch das Tuten am anderen Ende der Leitung wollte nicht aufhören, dachte gar nicht daran ihm den Gefallen zu tun.
„So ein Mist aber auch!“
Auf gut Glück überquerte er die Straße und warf sich in das Getümmel des Christkindelmarktes am Marktplatz, schlenderte zwischen Franzosen, Italienern und den Buden umher, um schließlich an einer Häuserwand stehen zu bleiben, sich dagegen zu lehnen und das Treiben zu beobachten. Die Menschen schoben sich gegenseitig voran wie die Schweine auf dem Weg zur Schlachtbank, von David fehlte jede Spur und noch nicht einmal seine ätzende Schwester hatte er gesehen. Dabei war Lisa mit ihren langen, blonden Locken nun wirklich eine auffällige Erscheinung.
Er seufzte leise. Vielleicht war das doch keine so gute Idee gewesen?
Sein Blick wanderte in den Himmel, der derart von Wolken übersät war, dass er befürchten musste er würde ihm auf den Kopf fallen. Schlechtes Wetter, eingesperrt zwischen hohen Bergen, in einer Stadt, die durch den Schneematsch, der sich inzwischen gebildet hatte, noch grauer wirkte als sonst, war erdrückend. Doch es passte zu seiner momentanen Stimmung, wie er unweigerlich zugeben musste.
Mit einem Fluchen auf den Lippen setzte er sich wieder in Bewegung, die Hände fest in den Jackentaschen vergraben, das Telefon in der Rechten, um sofort abheben zu können, sollte David anrufen.
Er wusste nicht, ob die Wahrscheinlichkeit besonders groß war, aber die Hoffnung starb immerhin zuletzt. Wenn er wenigstens wissen würde, ob der andere genauso erfreut war ihn zu sehen. Aber Davids Miene war ausdruckslos, unlesbar gewesen. Wie immer. Robert hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was in dem anderen vor sich ging, wie er fühlte, dachte. Es war zum verrückt werden.
Love is lost and lonely, check the news
And with these open arms I'll wait for you
Er sah auf die Uhr. 4:44 Uhr Nachmittags. Langsam, beinahe unmerklich begann es wieder dunkler zu werden, doch davon ließen sich die Menschen um ihn herum nicht beirren. Immer weiter rannten sie zwischen den Buden umher, manche zielstrebig, andere ließen sich in dem steten Strom treiben. Robert hatte sich eine Tasse Tee besorgt und wählte wieder einmal die Nummer von David, während er ungeduldig mit dem Fuß wippte. Obwohl, inzwischen diente es wohl eher dem Zweck seine Zehen aufzutauen.
„Hallo?“
Beinahe erschrak er, als am anderen Ende der Leitung tatsächlich abgehoben wurde. Er hatte schon nicht mehr damit gerechnet, wenn er ehrlich sein sollte, dennoch freute er sich umso mehr die Stimme des anderen zu hören.
„Hey, ich bin’s, Robert. Wo steckst du denn?“
Das Gespräch dauerte genau 23 Sekunden. Genug Zeit, um ein breites Grinsen auf das Gesicht des jungen Studenten zu zaubern. Zufrieden schob er das Telefon in die Tasche seiner Jeans, schnappte sich das Fahrrad, dass er vor einer halben Ewigkeit gegen eine Wand gelehnt hatte und schob es an den Buden vorbei in Richtung des Wirtshauses, das ihm David genannt hatte.
The least that I can do…
Warme, rauchgeschwängerte Luft schlug ihm entgegen, als er die Türe öffnete. Laute Stimmen, die ihn unwillkürlich die Stirn runzeln ließen, drangen aus dem großen Raum zu ihm, während er seinen Mantel an einen Haken hängte und sich auf die Suche nach David machte. Er fragte sich was den anderen ausgerechnet hierher getrieben hatte, immerhin wusste Robert, dass dieser Lärm jeder Art verabscheute.
Aber wahrscheinlich war Lisa dafür verantwortlich.
Umso erstaunter war er, als er David alleine an einem kleinen Tisch in der Ecke sitzen sah.
„Hey!“
„Hi. Das ging ja schnell.“
Einen Augenblick sahen sich die beiden an, bevor das Grinsen auf Roberts Gesicht zurückkehrte.
„Ich schätze du hast nichts dagegen von hier zu verschwinden?“
Er hätte beinahe einen Luftsprung gemacht, als sich endlich auch auf das Gesicht des anderen ein leichtes Lächeln legte. Es war kaum zu erkennen, doch es war eindeutig da.
„Dann gehen wir. Ich habe schon bezahlt.“
The least that I can do…
Kalter Wind zerrte an ihren Haaren und ihren Kleidern, als die beiden Seite an Seite am Geländer der Brücke lehnten und auf den Fluss hinab starrten. Um diese Jahreszeit führte er verhältnismäßig wenig Wasser und an manchen Stellen tauchten kleine Inseln aus Kies auf.
Die beiden schwiegen.
Es gab nichts zu sagen, das wichtig genug gewesen wäre, um diesen Augenblick der Zweisamkeit zu zerstören. Es gab keine Worte um das Gefühl auszudrücken, das sie in diesem Augenblick verband, keine Geste und keinen Blick.
Keine Menschenseele verirrte sich um diese Zeit auf die schmale Fußgängerbrücke und nur von fern tönte das leise Geräusch von Automotoren an ihre Ohren, während der Fluss friedlich vor sich hin plätscherte.
„Robert?“
„Hm?“
Wieder kehrte Schweigen zwischen ihnen ein. Robert dachte gar nicht daran den anderen zu einer Antwort zu drängen. Früher oder später würde er sagen was er zu sagen hatte. Er hatte gelernt, dass er David Zeit geben musste. Zu einem gewissen Grad hatte er mit den Eigenheiten des anderen umzugehen gelernt, auch wenn ihm dessen Verhalten manchmal noch befremdlich erschien. Aber der letzte Sommer hatte ein Band zwischen ihnen geknüpft, das sich so schnell nicht brechen ließ.
„Ich habe dich vermisst.“
Kurz sah er David an, doch dieser wich seinem Blick gekonnt aus, starrte in den inzwischen dunklen Himmel hinauf und schien die unzähligen Sterne, die man hier in der Stadt kaum sehen konnte, zählen zu wollen.
„Ich dich auch.“
Immer noch sah David ihn nicht an, doch dieses Mal war das Lächeln eindeutig, blieb länger auf seinen Lippen und schien beinahe schon natürlich zu sein.
Ohne allzu lange nachzudenken rückte Robert ein wenig näher an den anderen heran, legte einen Arm um dessen Taille. Er spürte das kurze Zusammenzucken, doch David entspannte sich schnell wieder. Er musste mit der Berührung gerechnet haben.
is care...
Inside Out
The biggest lie you ever told - Your deepest fear 'bout growin' old
The longest night you ever spent - The angriest letter you never sent
Ohne auf die Uhr zu blicken weiß ich, dass es fünf Uhr morgens ist. Mein Zeitgefühl hat mich noch nie getrogen, schon gar nicht, wenn ich die halbe Nacht nicht geschlafen habe. Das Licht der Straßenlaternen lässt die hellen Vorhänge beinahe glühen und taucht das Zimmer in ein dämmriges Licht. Ich drehe mich auf den Rücken, streiche die Decke über meiner Brust glatt und komme nicht umhin einen Blick zur Seite zu werfen.
Dorthin, wo Robert liegt.
Er schläft, gibt hin und wieder ein leises Geräusch von sich, das mich jedes Mal leicht aufschrecken lässt. Aber alles scheint normal zu sein. So normal diese Situation überhaupt sein kann zumindest.
Zu lange darüber nachzudenken, verursacht nur Kopfschmerzen.
Stattdessen beginne ich die Primzahlen bis Zehntausend durchzugehen.
1 – 2 – 3 – 5 – 7 – 11 – 13 – 17 – 23 – 29… 3637
Irgendwann breche ich ab. Es hat doch keinen Sinn, meine Gedanken kehren immer wieder zu Robert zurück. Ich setze mich hin, betrachte sein Gesicht. Die kleinen Falten, wenn er die Stirn runzelt, sind mir schon bei unserer ersten Begegnung aufgefallen. Genauso wie die Art wie er die Hände bewegt, wenn er redet.
Ich strecke die Hand nach seinem Arm aus, ohne ihn wirklich zu berühren. Die Härchen verursachen ein seltsames Gefühl auf meiner Handfläche und ich ziehe sie wieder zurück, betrachte ihn stumm.
Aus einer Ecke ertönt ein Schaben, von dem ich inzwischen weiß, dass es von einem Holzwurm kommt, der sich fröhlich durch die Decke frisst. Eine Zeit lang lausche ich dem Tier, bis sich Robert neben mir leicht regt, sich umdreht und mit dem Kopf gegen die Wand stößt.
„Shit…“
Er richtet sich auf und sieht mich an. Obwohl es zu dunkel ist, weiß ich, dass mich seine hellen Augen mustern.
„Alles in Ordnung?“
Ich nicke und ziehe die Beine an den Körper, schlinge die Hände darum, während er sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnt. So sitzen wir da, eine gefühlte Ewigkeit, ohne dass uns die Stille stören würde. Irgendwann beginne ich wieder zu zählen. Eins. Die blaue Zahl erscheint vor meinem inneren Auge, groß, mächtig, endgültig. Zwei, zierlich, beinahe zerbrechlich erscheint sie, in einem hellen Grün. Drei erstrahlt in einem grellen Orange, beinahe wie die Sonne. Vier…
Zischend ziehe ich die Luft ein, als sich eine Hand auf meinen Arm legt. Er zieht sie wieder zurück.
„Tut mir Leid“, murmelt er leise, kaum hörbar.
Ich spüre mein Herz gegen meine Brust hämmern, zwinge mich dazu langsam und tief zu atmen, bevor ich mich neben ihn setze. Uns trennt kaum eine handbreit Luft, ich kann die Wärme spüren, die von ihm ausgeht. Aber jetzt macht er keine Anstalten mich zu berühren, obwohl ich es mir wünschen würde.
The boy you swore you'd never leave - The one you kissed on new years's eve
The sweetest dream you had last night - Your darkest hour, your hardest fight
Es sind exakt siebzehn Minuten vergangen, seit wir so nebeneinander sitzen und in die Düsternis starren. Roberts Atem geht langsam und tief und ich beginne mich zu fragen, ob er eingeschlafen ist. Eigentlich wäre ja auch nicht die richtige Zeit, um wach zu sein. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn er nicht schlafen würde. Langsam rutsche ich noch ein Stück in seine Richtung, überbrücke die Distanz zwischen uns, bis die nackte Haut meines Armes auf seiner Haut liegt. Er regt sich leicht, dreht den Kopf in meine Richtung, lächelt. Ich versuche die Geste so gut wie möglich zu imitieren, auch wenn ich nach wie vor nicht sicher bin, ob es mir gelingt.
„Darf ich den Arm um dich legen?“, fragt er leise.
Ich mag es, wenn er flüstert. Seine Stimme klingt dann leicht heiser, dunkel, tief, beinahe wie die geheimnisvollen Abgründe der Vierzehn. Ich nicke, lehne mich an seine Schuler, als er mich an sich zieht.
Robert summt leise vor sich hin. Ich weiß nicht warum er es tut, ich weiß nicht was er summt, aber es ist schön. So lausche ich den Tönen, zu denen sein Herzschlag den Rhythmus vorgibt.
I wanna know you - like I know myself
I'm waitin' for you - there ain't no one else
„Ich dachte wir würden uns nie wieder sehen.“
Obwohl er die Stille zwischen uns bricht, ist es kein unangenehmes Gefühl. Das tiefe Einatmen hat mich vorgewarnt, mir gesagt, dass er zu sprechen ansetzt. Aber ich antworte nicht. Was sollte ich dazu auch sagen? Vielleicht erwartet er, dass ich es tue, aber ich kann nicht. Stattdessen zwirble ich die Härchen auf seinen Armen zwischen meinen Fingern. Er lässt mich gewähren, streicht mit einer Hand meinen Rücken auf und ab. Kurz hebe ich den Kopf, blicke in seine Augen und kann nicht deuten was ich sehe.
„Du brauchst nichts zu sagen. Ist schon in Ordnung.“
Ich lehne mich wieder an ihn, schweige.
Talk to me baby - Scream and shout
I want to know you - Inside out
Eine Tür knallt ins Schloss und ich sitze aufrecht im Bett. Robert gibt nur ein gebrummeltes ‚Nicht schon wieder’ von sich, dreht sich mit dem Gesicht an die Wand und zieht die Decke fester um sich.
„Was ist das?“
„Mitbewohner…“, verkündet er.
Er hat mir am letzten Abend erzählt, dass er nicht alleine hier wohnt, ansonsten aber nichts über die beiden gesagt. Wenn ich genauer darüber nachdenke, muss ich fest stellen, dass ich allgemein wenig über ihn weiß. Nicht, dass das bei anderen Menschen anders gewesen wäre. Selbst über Lisa weiß ich so wenig, dabei ist sie meine Schwester. Wir sind zusammen aufgewachsen, aber ich habe nie behaupten können sie zu verstehen. Sie sieht die Welt anders als ich, hat ihre Zeit meist lieber mit Freunden verbracht. Und nur wenn unsere Eltern nicht in der Nähe gewesen sind, ist sie nie von meiner Seite gewichen, als müsste sie Angst haben ich würde bei erster Gelegenheit in den Fluss springen.
Nein, ich bin weit davon entfernt sie zu verstehen. Ich habe gelernt, dass die Falten auf ihrer Stirn bedeuten, dass sie wütend ist. Ich weiß, dass sie lächelt, wenn sie fröhlich ist. Oder ich denke es zumindest, denn manches Mal reden die anderen von einem traurigen Lächeln. Wie ich den Unterschied erkennen sollte, ist mir allerdings nicht klar.
Ich lasse den Blick durch das Zimmer schweifen, meine Augen bleiben an der Schreibtischlampe hängen. Das Glasgebilde um die Glühbirne hat einen leichten Sprung. Das Chaos in dem Raum ist beinahe perfekt und ich hätte nie damit gerechnet. Wie kann man hier irgendetwas wieder finden?
Hinter der Schreibtischlampe an der Wand bröckelt der Putz ein wenig ab. Der weiße Staub sammelt sich in einer offenen Box mit Stiften. Beinahe wie Schnee.
„Bist du nicht mehr müde?“
Er reißt mich aus meinen Gedanken und ich drehe mich zu ihm um, schüttle dann den Kopf. Er schiebt die Decke von sich und verheddert sich beinahe darin. Von draußen dringen laute Stimmen zu uns.
„Wir können spazieren gehen, wenn du willst.“
Dieses Mal nicke ich und er erhebt sich.
I wanna dig down deep - I wanna lose some sleep
I wanna scream and shout - I wanna know you inside out
Jetzt stehen wir wieder hier am Fluss, wo wir gestern Abend schon gewesen sind. Ich habe den Schal fest um meinen Hals geschlungen, um den Wind fernzuhalten. Mit einer Hand streiche ich über das raue Brückengeländer. Eine kleine Kraterlandschaft findet sich auf dem Metall wieder. Hügel, Täler.
Unser Atem bildet kleine Wolken in der Luft. Feuchter Nebel. Auf einer Seite des Flusses ragen die Gebäude der Altstadt empor. Der Stuck an den Mauern gefällt mir und mit den verschiedenen Farben der Fassaden wird der graue Tag ein wenig bunter.
„Es ist schön hier“, sagte ich leise.
„Ja. Vor allem, wenn man nicht alleine ist.“
Ich sehe ihn von der Seite her an, erwidere seinen Blick kurz, bevor ich mich wieder abwende.
„Erzähl mir von dir, David. Ich kenne ich so wenig…“
Eine Zeit lang starre ich auf das Wasser unter uns. Es fließt friedlich vor sich hin, in einem furchtbaren Braun und erinnert mich an die Zahl Null. Null ist eine undefinierte, braune Masse, widerlich… Nun, vielleicht doch kein guter Vergleich für den Fluss.
„Was soll ich dir erzählen?“
„Ich weiß nicht? Was isst du gerne, dein Lieblingsfilm, deine Hobbies…“
Jetzt sehe ich ihn wieder an.
„Warum willst du das wissen?“
„Weil ich dich kennen lernen möchte.“
I wanna take my time - I wanna know your mind
Ya know there ain't no doubt - I wanna know you inside out
Der Fußweg führt direkt am Fluss entlang, Bänke zieren den Weg. Es gibt kein genaues System, in dem sie angeordnet sind, die ersten beiden sind fünfundzwanzig Meter auseinander, zur dritten sind es nur dreizehn und zur vierten einundzwanzig. Die meiste Zeit schweigen wir, hin und wieder stellt er mir eine Frage, die ich ihm beantworte und er erzählt mir seine Antwort. Wahrscheinlich hat er erwartet, dass ich auch frage, wie mir nun auffällt. Ich habe nicht daran gedacht.
Manchmal ist es schwer mit den Menschen umzugehen.
Jetzt sind wir auf den Weg zu einem Wirtshaus, in dem Lisa auf mich wartet. Eigentlich würde ich meine Zeit lieber mit Robert verbringen, aber sie besteht darauf. Und da erst Donnerstag ist, hat Robert wahrscheinlich auch anderes zu tun, als sich mit mir zu beschäftigen.
Langsam aber sicher erreichen wir den belebteren Teil Stadt wieder. Überall um mich herum höre ich Menschen in fremden Sprachen sprechen. Eine französische Mutter schimpft ihr Kind, weil es Zuckerstangen haben will. Zwei Italiener unterhalten sich über die Weihnachtsdekoration, während sich ein Deutsche über die vielen Ausländer beschwert, wobei er doch hier eigentlich selbst einer ist.
Nur mit sehr viel Mühe gelingt es mir mich auf meinen eigenen Atem zu konzentrieren und nicht in der Informationsflut des Marktes unterzugehen. Hinter der nächsten Biegung liegt das Wirtshaus, wir sind gestern schon daran vorbei gegangen und auf meinen Orientierungssinn ist Verlass. Ich gehe darauf zu, um die Tür zu öffnen und einzutreten, komme aber nicht dazu, denn Robert hält mich zurück.
„Ich werd mir deine Schwester heute lieber nicht antun“, meint er und lächelt.
Ich nicke nur und sehe ihn an. Da stehen wir, in der Kälte, vor einem Wirtshaus und keiner sagt ein Wort.
„Also… wir sehen uns, ja?“
Ich nicke und er umarmt mich, drückt mich fest an sich. Nur kurz, aber es genügt, um ein Glücksgefühl in mir auszulösen. Dann verabschieden wir uns, er dreht sich um, um zu gehen.
„Robert?“
„Hm?“
Er wendet sich mir noch einmal zu.
„Ich… ich werde dich anrufen.“
Erst kann ich seinen Blick nicht deuten, aber dann grinst er breit.
„Gut, ich werde darauf warten.“
The saddest song you ever heard - The most you said with just one word
The loneliest prayer you ever prayed - The truest vow you ever made
What makes you laugh, what makes you cry - What makes you mad, what gets you by
Your highest hight, your lowest low - These things I want to know[/center
Das leise Knarren der Dielen verrät mir, dass er den Gang entlang kommt. Ich würde seine Schritte zwischen hundert anderen erkennen, selbst wenn ich, wie jetzt, mit drei verschiedenen Wörterbüchern ausgestattet über der Übersetzung dieses Textes sitze.
„Komm rein“, sage ich noch bevor er anklopfen kann.
Wenigstens die Türe lässt sich geräuschlos öffnen und er schlüpft herein, schließt sie hinter sich wieder.
„Na, immer noch fleißig am Arbeiten?“, fragt er und ich nicke, wende mich von den Büchern ab und stehe auf, um ihn zu umarmen. Er lacht leise.
„Ich hab Tee gemacht und deine Eltern abgewimmelt“, fügte er dann hinzu.
„Danke.“
Seit ich ihnen verkündet habe, dass ich nicht mehr zu Hause wohnen würde, riefen sie die ganze Zeit an. Erst nur bei mir, inzwischen sogar auf Roberts Handy. Meistens lassen sie sich schnell wieder loswerden, aber ich habe schon einige Tage nicht mehr mit ihnen geredet. Sollte ich vielleicht morgen machen. Aber erst einmal ist Tee angesagt und am Wochenende kommt meine Schwester zu Besuch. Robert meint, dass sie wohl doch mehr an mir hängt, als ich denke und wahrscheinlich hat er Recht.
Nachdem wir uns im November zufällig über den Weg gelaufen sind, bin ich immer öfter bei ihm gewesen. Im Dezember hat er eine Wohnung aufgetrieben und so sind wir im Jänner zusammengezogen. Das ist nun exakt dreiundvierzig Tage her. Dreiundvierzig Tage, in denen ich das Gefühl gehabt habe die Welt ein wenig besser zu verstehen.
I wanna know you - Like I know myself I'm waitin' for you - There ain't no one else Talk to me baby - Scream and shout I want to know you - Inside out
Ich setze mich neben ihm auf das Sofa und er legt einen Arm um mich. Inzwischen weiß ich, dass er das tun wird, er überrascht mich nicht mehr damit. Erst als er nach meinem Kinn fasst und meinen Kopf zu ihm dreht, überrascht er mich.
Er legt seine Lippen auf meine, beginnt sie leicht dagegen zu bewegen. Ich brauche nur einen kurzen Moment, um mich wieder zu fassen, mich auf das Geschehen einzulassen.
Der erste Kuss.
Tell me everything...