Prolog – Nagging doubt - Kujū no utagai
Zusammen liefen sie auf die unsichtbare Grenze der beiden Welten zu. Am Fuße der steinernden Treppe blieben sie stehen und blickten auf die weiten grünen Wiesen, die sich vor ihnen erstreckten. Chihiro war ganz erstaunt und sagt: "Das Wasser ist weg!" Haku sah sie an und antwortete: "Ich kann dich nur bis hier begleiten. Geh einfach den selben Weg zurück, den du gekommen bist, aber du darfst dich nicht umdrehen bis du den Tunnel wieder verlassen hast." Chihiro nickte, fragte jedoch im selben Atemzug: "Aber was ist mit dir? Was wirst du jetzt machen?" Haku wandte den Blick von ihr ab und schien in die Ferne zu schauen. "Ich werde noch heute meine Stelle bei Yubaba kündigen. Keine Sorge", fügte er hinzu, als er Chihiros besorgten Blick bemerkte. "Jetzt, wo ich meinen Namen weiß, kann ich auch in meine Welt zurückkehren."
Chihiro blieb skeptisch und hakte vorsichtshalber nach: "Werden wir uns wiedersehen?" Haku musste lächeln und erwiderte: "Ganz bestimmt" Noch immer nicht ganz überzeugt bohrte das Mädchen weiter: "Versprochen?" "Versprochen, doch jetzt geh und dreh dich nicht um..."
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Wie konnte er sich eigentlich selbst sicher sein, dass er dieses Versprechen, dass er Chihiro da so schnell und vielleicht auch unüberlegt gegeben hatte, überhaupt halten konnte? Auf dem Weg zu Yubaba kam Haku, eigentlich der Fluss namens Nigihayami Kohakunushi, gehörig ins Grübeln.
Während er über die letzten Augenblicke, die er zusammen mit Chihiro verbracht hatte, nachdachte verlangsamten sich seine Schritte wie von selbst und er blieb vor der Brücke zum Badehaus stehen. Auf eben der Brücke, auf der sie sich wiederbegegnet waren. Langsam prasselten alle Erinnerungen der vergangenen Zeit auf ihn nieder. Wie er damals zu Yubaba kam um von ihr in die Lehren des Zauberns eingeführt zu werden. Wie sie ihn hintergangen hatte, um ihn gefügig zu machen. Um ihn dazu zu bringen auf Raubzüge zu gehen und ihre Angestellten zu schikanieren. Wie auch...Chihiro! Er erinnerte sich an die Szene im Fahrstuhl. Wie hatte er nur so..kalt und abweisend zu ihr sein können? War das das Werk von Yubabas Einfluss gewesen, oder etwa seine eigene Schuld? Er hatte Chihiro in Gefahr gebracht, als er sie in den Schacht unter Yubabas Büro mit in die Tiefe gerissen hatte. Obwohl sie ihm doch helfen wollte. Was war nur in ihn gefahren, dass er sich so verhalten hatte?
Und dann noch sein Verprechen...dass sie sich wiedersehen würden. Wie sollte er dieses einlösen? Er war ein Flussgott...in ihrer Welt nichts weiter als ein Fluss. Vielleicht würde er sie sehen, wenn sie an ihm vorbei gehen würde, wenn er als Fluss in ihrer Welt überhaupt noch existierte, wenn er nicht schon zugeschüttet worden war. Immerhin hatte er lange Zeit in Yubabas Diensten gestanden...doch sie wartete auf ihn in Menschenform, das wusste er. Wie hatte er nur so vorschnell handeln können, ohne wirklich nachzudenken? Es würde Chihiro das Herz brechen, wenn er das selbe mit seinem Versprechen tat.
Kapitel 1 - terrible awakening - Osoroshī mezame
Kapitel 1 - terrible awakening - Osoroshī mezame
Es würde das letzte Mal sein, dass er diesen Weg gehen musste. Und doch erschien er ihm endlos lang, als er sich durch die verwinkelten Gänge langsam aber stetig Yubabas Büro näherte. Und damit vielleicht auch endlich dem Ende seiner Knechtschaft. Es würde ein harter Kampf werden, das war ihm durchaus bewusst. Doch er musste ihn gewinnen, um seinetwillen...und für Chihiro, damit vielleicht eine geringe Chance bestand, sie wiederzusehen.
“Nun beweg endlich deinen verräterischen Hintern hierher, du nichtsnutziger kleiner Wurm!”, kreischte die Hexe und ein Ruck fuhr durch Hakus Körper. Ehe er sich versah lag er ihr auch schon im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen. Damit waren seine Vorbereitungen auf das nun folgende Gespräch hinfällig und er würde, wohl oder übel, improvisieren müssen. Doch das durfte er sich auf keinen Fall anmerken lassen, denn sobald Yubaba nur den Hauch von Zweifel oder Angst spürte, dann wäre er verloren. Und sein Versprechen ebenfalls..
“Nun, ist die kleine Göre Zen endlich wieder in ihre kümmerliche Welt zurückgekehrt, ja?”, schnaubte Yubaba und zog an ihrer Zigarette. “Ihr Name ist Chihiro”, antwortete Haku ruhig und so gelassen wie nur möglich. “Pff..was sind schon Namen, nicht wahr, Haku? Du kennst das doch selbst, ohne eure wahren Namen seid ihr NICHTS in meiner Welt, ihr gehorcht MIR, wie auch du es wieder tun wirst!” Haku lächelte nur. “Ich werde hiermit kündigen”, lies er die Hexe tonlos wissen.
Eine Weile war es ruhig in dem riesigen Büro, bis Yubaba plötzlich in Lachen ausbrach. “DU willst kündigen? Hast du unseren Vertrag schon vergessen? Du kannst nicht kündigen, du nichtsnutziger Bengel, du gehörst mir!” Sie sprang von ihrem Stuhl auf und landete direkt vor ihm, bohrte ihm den Finger in die Brust und schimpfte weiter auf ihn ein: “Red hier nicht so einen Blödsinn und scher dich gefälligst an die Arbeit. Wegen deiner Unfähigkeit gehorsam zu sein, wirst du den Rest deines erbärmlichen Daseins unten bei den Öfen fristen, Haku!”
“Das wäre immer noch besser als weiterhin für Sie auf Raubzüge zu gehen. Und im Übrigen...mein Name ist Nigihayami Kohakunushi...”, setzte er noch triumphierend hinzu und blickte ihr direkt in die vor Schock geweiteten Augen. Doch schneller als erwartet hatte sie sich wieder gefangen und antwortete gleichgültig: “Und? Was bringt dir dein Name nun? Denkst du etwa, du kannst so einfach in ihre Welt gehen und ihr werdet dann glücklich? Du bist ein Fluss! Nichts weiter als Wasser, dass sich nicht verständigen kann. Das verschmutzt wird. Wer weiß, ob es dich überhaupt noch in ihrer Welt gibt? Willst du das riskieren, du dummer Drache? Willst du riskieren im Nichts zu enden? Ich gebe dir eine letzte Chance...bleib hier. Wenn du ein bisschen bettelst und um Gnade flehst schicke ich dich vielleicht sogar in die Küche, wie wäre das für dich?”
Yubabas Plan schien aufzugehen, denn Haku fühlte die Unsicherheit in sich aufsteigen. Doch er durfte nicht aufgeben, er musste endlich aus diesem Vertrag entkommen, er musste sein Versprechen gegenüber Chihiro halten, koste es was es wolle. “Sie haben keine Macht mehr über mich, schon vergessen? Mit meinem Namen habe ich auch meine Freiheit zurück gewonnen. Unser Vertrag ist damit hinfällig!” Und mit diesen Worten drehte er sich um und wollte das alles hinter sich lassen. Doch er hörte nicht mehr Yubabas Worte, die ihm leise und gefährlich folgen würden...
“Sobald du auch nur einen Fuß über unsere Grenzen setzen solltest...wirst du denken, alles vergessen zu haben...du wirst mit jedem verzweifelten Gedanken an dieses dumme Menschenkind Chihiro die Erinnerungen Stück für Stück verlieren...bis nichts mehr von ihr übrig geblieben ist. Nur die quälende Leere und Gewissheit etwas verloren zu haben, für das du dein Leben aufs Spiel gesetzt hast..sieben Jahre werden vergangen sein..und auch sie wird dich vergessen haben..aber gnädig wie ich bin werde ich dich in deiner jämmerlichen Menschengestalt entlassen...”
Nur schwerfällig konnte er seine Augen öffnen und war extrem verwirrt. Er kannte diesen Ort nicht. Plötzlich tauchte ein Gesicht vor ihm auf und er wurde lautstark gefragt: “Nanu? Wo kommst du denn her, junger Mann?” 'Junger Mann? Die alte Frau kann wohl nicht mehr richtig sehen...', dachte er bei sich und kniff die Augen vor den urplötzlich einsetzenden Kopfschmerzen zusammen. Sowas hatte er noch nie erlebt. “Was ist denn los mit dir? Hast du Schmerzen? Kannst du sprechen?” Haku blinzelte und versuchte seine Umgebung wahrzunehmen. Überall um ihn herum standen hohe Bäume und die Sonne hatten ihren höchsten Stand erreicht; es musste Mittagszeit sein. “Nun denn, wenn du nicht reden willst. Mein Name ist Tomoko. Freut mich, dich kennen zu lernen junger Mann.” Haku richtete sich schwerfällig auf und bemerkte die kleinen Häuschen auf dem Waldboden. “Was ist das?”, fragte er langsam und leise, da er seiner eigenen Stimme nicht so recht trauen wollte. Und wieder erschrak er, als er sich selbst hörte. War das wirklich er? Diese Stimme...sie passte nicht zu ihm. “Was macht ein vermutlich zwanzigjähriger Mann hier in diesem Wald? Noch dazu vor den Shinto-Schreinen? Ihr Jugendlichen habt es doch heutzutage nicht mehr so mit Gottheiten, oder hab ich hier die große Ausnahme vor mir zu sitzen, hm?”, grinste ihn die Alte an. '20..? Wie kommt sie darauf?' Er schüttelte nur den Kopf, bereute es aber sofort wieder, denn die Schmerzen in seinem Kopf wurden dadurch nur noch stärker und er spürte Übelkeit in sich aufkeimen.
Tomoko musterte ihn interessiert aber auch besorgt und griff ihm dann kurzerhand unter die Arme, stellte ihn ein wenig unbeholfen auf die Füße und klopfte ihm herzlich auf den Rücken. “Ich glaube, du kommst ersteinmal mit zu mir, ich mache dir einen Kräutertee und dann erzählst du mir alles, in Ordnung? Ich komme grade erst vom Sammeln zurück, also sind sie noch frisch und wirken umso besser.” Haku nickte und versuchte den Schwindel zu unterdrücken und sich zu konzentrieren. Noch einmal fragte Tomoko ihn: “Und..verrätst du mir jetzt deinen Namen?” Er blieb stehen und sah mehr durch sie hindurch als alles andere. Fieberhaft kramte er in seinem Gedächtnis, doch er kam einfach nicht drauf.
“Ich weiß es...nicht.”
Kapitel 2 - bitter realization - Nigai jitsugen
Kapitel 2 - bitter realization - Nigai jitsugen
“So...hier trink das. Das ist Ginkgo-Tee, die Blätter habe ich eben erst frisch gesammelt...der wird dir helfen deine Erinnerungen wiederzufinden.”, sprach Tomoko und reichte den verwirrten Haku einen Becher mit dampfender, gelblicher Flüssigkeit. Skeptisch nahm er diesen entgegen und roch vorsichtig daran, doch schon allein das schien ihn etwas zu beruhigen und er nahm einen Schluck. Die wohltuende Wärme breitete sich daraufhin in seinem gesamten Körper aus und er fühlte sich sichtlich entspannter als noch vor wenigen Augenblicken. Doch noch immer konnte er sich an nichts erinnern. Und genau das setzte dem Jungen ziemlich zu.
“Was hattest du dort bei den Shinto-Schreinen verloren?”, fragte Tomoko nun gerade heraus. 'Für eine alte Frau ziemlich agil', dachte sich Haku schmunzelnd und stellte den Becher auf dem kleinen Tisch vor sich ab. Die Frau wohnte noch in einem traditionellen japanischen Haus, mit Schiebetüren und Tatami-Matten. Haku fühlte sich wohl, auch wenn er nicht so recht wusste warum. “Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Es tut mir Leid, aber ich kann mich an nichts erinnern. Nicht, wie ich dorthin gekommen bin...oder woher ich eigentlich komme...es ist, als ob ein dunkler Nebel mir die Sicht erschweren will...” “Gibt es denn gar nichts...?”
Haku schüttelte entschuldigend den Kopf und Tomoko seufzte nur. Dann legte sie den Kopf zurück und begann selbst von sich zu erzählen. “Ich wohne hier nun bereits seit über vierzig Jahren. Und es ist nun das zweite Mal, dass ich jemanden in diesem Wald gefunden habe. Normalerweise verschwinden die Menschen dort und tauchen nicht so urplötzlich auf...” Haku war verwirrt und bohrte nach: “Wie meinen Sie das, sie verschwinden?” Tomoko lächelte und fuhr nun leicht melancholisch fort: “Vor vielen, vielen Jahren...ich glaube es sind mittlerweile dreiundzwanzig, ist mein Mann vermutlich in diesem Wald verschwunden. Ich habe zwar ein Grab anlegen lassen, aber es ist leer. Neun Jahre später sind meine Tochter, ihr Mann und meine Enkelin in diesem Wald bei einem Erdtusch verunglückt. Ich habe mein eigenes Kind und meinen Schwiegersohn zu Grabe getragen, aber Tomomi haben wir nie gefunden...sie war erst neun Jahre alt.” Sie stand auf und ging zu einer kleinen Kommode, währenddessen sprach sie weiter: “Es verschwinden viele Menschen in diesem Wald. Sie verunglücken bei mysteriösen Unfällen, verschwinden einfach so und kein Mensch weiß warum. Deswegen habe ich vor vierzehn Jahren, als meine Enkelin verschwand, dort die Shinto-Schreine hingestellt. Die meisten Menschen meiden den Wald, sie denken er bringt ihnen Unglück...mir hat er Unglück gebracht. Vor zwei Jahren jedoch habe ich ein Mädchen dort draußen getroffen...sie war jünger als du und schien etwas zu suchen...ich habe sie mit zu mir genommen, habe auch ihr diesen Tee gegeben...sie sprach von einem Tunnel in eine andere Welt..”, lachte Tomoko und hielt einen Bilderrahmen in den Händen. “Kurz vor dieser Begegnung hatte es wieder einen Erdrutsch gegeben, ich glaube nicht, dass sie diesen Tunnel jemals finden wird...”
Sie saß ihm wieder gegenüber und legte den Bilderrahmen auf den Tisch, mit der Glasfläche zu Haku. “Das ist meine kleine Enkelin, Tomomi. Und ihre Eltern, kurz vor dem Unglück. Alle sagen mir, ich soll sie vergessen, doch ich glaube daran, dass Tomomi noch lebt...” Haku nahm das Bild und erschrak. “Rin!”, rief er schockiert. Tomoko hechtete mit einer unglaublichen Geschwindigkeit um den Tisch herum und packte Haku am Kragen, schüttelte ihn: “Du kennst meine Tomomi? Wo ist sie, wo hast du sie gesehen, geht es ihr gut?” Haku dachte nach und begann dann leise zu erzählen...
Flashback
Er stand in Yubabas Büro und sah das kleine Mädchen auf die Hexe zugehen. Sie war vielleicht neun Jahre alt. “Wie ist dein Name, Menschenkind?”, fauchte Yubaba und rechnete ihre Tageseinnahmen durch. Haku hatte sie nie anders erlebt, immer schlecht gelaunt und nur auf Profit aus. Das Mädchen zitterte. “Tomo...Tomomi...”, flüsterte sie und Tränen rannen ihr über die Wangen. “Nun denn, was fällt dir eigentlich ein, hier einfach so rumzustreunern? Noch dazu hast du dich an dem Essen der Gäste vergriffen!” “Aber...ich war hungrig und hatte einen Unfall...meine Eltern...” Yubaba schnaubte und zündete sich eine Zigarette an. “Pff..das interessiert mich nicht. Aber du hast Glück. Ich brauche noch Arbeitskräfte...Willst du den Schaden, den du hier angerichtet hast, wieder gut machen?” Haku senkte den Kopf, er wusste, was nun kommen würde. Yubaba würde ihr den Namen stehlen und sie somit zu ihrer Sklavin machen. “Dein Name lautet ab heute...Rin...”
Flashback Ende
“Seit dem ist sie bei Yubaba...aber da war noch jemand anderes...”, überlegte Haku laut. Er konnte sich noch immer nicht an seinen Namen erinnern. Und je stärker er es versuchte, desto mehr verschwammen alle Erinnerungen. Nur blass konnte er die Statur eines Mädchens vor seinem inneren Auge erkennen, doch sie verblasste immer mehr, bis da nur noch schwarz war.
“Das heißt, es geht meiner Tomomi so weit gut?”, fragte Tomoko aufgebracht. Haku nickte und erwiderte: “Nur, dass sie in dieser Welt Rin genannt wird...aber...verdammt, alles verschwimmt..ich kann mich an nichts mehr erinnern, selbst...selbst Ihre Enkelin...verblasst!” Tomoko sah ihn erstaunt an. “Hmm..und das, obwohl ich dir den Tee gegeben habe. Kannst du dich denn wenigstens an deinen Namen erinnern?” Haku schüttelte nur den Kopf und senkte eben diesen auch resigniert. “Nun...Junge...so kann ich dich ja wohl schlecht nennen, nicht wahr? Ich brauche einen Namen für dich...”, überlegte die alte Frau und rieb sich nachdenklich das Kinn. “Ich hab's! Du heißt ab jetzt vorläufig Kano...wie das Wunder, das du mir geschenkt hast. Das Wunder zu wissen, dass meine Tomomi noch lebt...”
Kapitel 3 – First reunion - Saisho no saikai
Kapitel 3 – First reunion - Saisho no saikai
Es dauerte eine Weile, bis Kano sich an sein 'neues Leben' gewöhnt hatte. Immerhin musste er die ganzen Gepflogenheiten und Bräuche lernen, er hatte so seine Schwierigkeiten mit dem Fernseher gehabt und war das erste Mal vor Schreck zusammengezuckt, als Tomokos Handy geklingelt hatte. Doch nach und nach fand er sich mit der ganzen ihm unbekannten Technik zurecht und konnte sie auch selbst gebrauchen. Er ging für Tomoko einkaufen, wenn diese Gelenkschmerzen hatte, lernte von ihr die verschiedenen Wirkungsweisen der Kräuter, die sie zu sammeln pflegte, lernte diese einzusetzen.
Doch er fühlte sich als Last. Tomoko tat viel für ihn und er machte sich schwere Vorwürfe, dass er ihr nichts zurückgeben konnte. Aus diesem Grund ging er an einem Nachmittag zu ihr in den Garten und setzte sich neben sie auf die Holzbank. “Tomoko-San...ich möchte...ich würde gerne arbeiten.” Die alte Frau sah ihn verwundert an und lachte dann herzlich. “Und was willst du tun? Du hast doch in dieser Welt noch nie garbeitet und an die andere kannst du dich nicht mehr erinnern. Was schwebt dir denn vor?” Damit hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen, denn Kano wusste wirklich nicht, was er hätte tun können. Immerhin besaß er keine Erfahrungen. Jedenfalls wusste er nichts davon.
“Warte einen Augenblick...”, sagte Tomoko plötzlich und trippelte zurück ins Haus. Nur wenige Minuten später kam sie mit der Tageszeitung zurück, setzte sich wieder zu Kano und breitete das Papier auf ihrer beiden Beine aus. Dann zeigte sie ihm eine Rubrik mit der Überschrift 'Stellenanzeigen'. “Was ist das?”, fragte der Junge interessiert und überflog die kleinen Wortblöcke.
Tomoko erklärte ihm den Nutzen dieser Zeitungsrubrik, während sie dieselbige mit dem Zeigefinger überflog und dann bei einem Gesuch stehen blieb. "Hier haben wir was.", begann die alte Frau und las dann laut vor: "Aushilfe im Café Jinga auf 42.396,- Yen-Basis gesucht. Beginn: Sofort. Das klingt doch super!", grinste Tomoko und klopfte Kano auf die Schulter. "Da fahren wir jetzt hin und unterwegs erkläre ich dir, was es mit diesem Job auf sich hat.", zwinkerte sie zum Abschluss. "Danke, Tomoko-San", erwiderte Kano und verbeugte sich.
Gesagt – Getan. Während die beiden in Tomokos klapprigem, alten Lieferwagen saßen, redete die alte Dame pausenlos auf Kano ein und dieser versuchte sich die Informationen zu merken. Immer wieder zupfte Tomoko an seinem neu erworbenen Dress rum, richtete den Kragen, versuchte seine Haare zu glätten. Vor dem Café angekommen schubste Tomoko ihn mehr oder weniger aus dem Wagen und hob ihren Daumen. "Viel Glück, Kano!"
Eine gute Dreiviertelstunde später kam er erleichtert seufzend aus dem Büro des Cafébetreibers heraus und konnte sich ein leicht triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Er hatte es tatsächlich geschafft! Er hatte diesen Job ergattert und würde am nächsten Tag zur Probe arbeiten. Plötzlich kam ein Luftzug auf, der wahrscheinlich durch die geöffnete Tür verursacht wurde. Herein kamen ein großer, schlank gewachsener Junge mit hellen Haaren und ein kleineres Mädchen mit langen, braunen Haaren und funkelnden Augen. Sie bemerkten Kano nicht, doch er konnte sich nicht erklären, warum sein Herz plötzlich schneller schlug.
Im nächsten Augenblick war Kano jedoch von einer Horde Mädchen umringt, die alle durcheinander auf ihn einredeten. "Wow, wer bist du denn?" "Wie heißt du?" "Woher kommst du?" "Hast du eine Freundin?" "Wollen wir zusammen ins Kino gehen?"
Chihiro saß mit dem Rücken zu der Menschentraube und bekam von alledem nichts mit, ihr Freund Yasuo hingegen konnte alles genau verfolgen und mit ansehen. "Widerlich...so ein widerlicher Womanizer!" "Huh?", machte Chihiro und drehte sich in ihrem Sessel um. Als sie den Jungen mit den schwarzen Haaren erblickte, tauchten Bilder vor ihrem inneren Auge auf und sie sah Haku vor sich stehen. Erschrocken schüttelte sie den Kopf, ermahnte ihren Freund jedoch gleichermaßen: "Red nicht so abfällig über jemanden, den du nicht kennst!" Sie griff unachtsam nach ihrer Tasse Tee, welche ihr aufgrund ihres Zitterns aus den Fingern glitt und auf dem Boden zerbrach. "Uwäääh", rief sie panisch und sprang hoch. Yasuo lachte und grinste dann: "Tollpatschig wie eh und je, nicht wahr? Komm schon, ich hole dir einen neuen Tee." "Nein danke!", giftete Chihiro zurück und schmollte. "Ich kann mir meinen Tee allein holen, ich bin doch kein Kind mehr!" Sie sah kurz auf ihre Uhr und machte dann untertassengroße Augen. "Verdammt! Ich komme zu spät zur Vorlesung!!" Sie schnappte sich ihre Tasche und rannte aus dem Café. Yasuo blieb verwirrt zurück und blickte dann traurig auf seine Tasse. "Nicht mal ein Abschiedskuss", seufzte er und legte 430,- Yen auf den Tisch, machte sich danach selbst auf den Weg...
Am nächsten Tag konnte Kano das Mädchen noch immer nicht zuordnen, doch er spürte, dass er sie irgendwo schon einmal gesehen hatte. Es war zwei Uhr nachmittags und schon seit einer Stunde arbeitete er im 'Jinga', zu seiner Freude lief es außerordentlich gut. Die Mädchen gaben ihm haufenweise Trinkgeld, doch mehr als ein Lächeln konnten sie nicht von ihm erwarten. Er hatte kein Interesse an ihnen. Innerlich hoffte er, dass das Mädchen vom Vortag wieder auftauchen würde.
Als er sich gerade am Kaffeeautomaten zu schaffen machte, der ihm immer wieder Scherereien bescherte, hörte er hinter sich eine leise, freundliche Stimme: "Entschuldigen Sie, könnte ich bitte einen Vanille-Tee bekommen?" Kano rief hinterm Tresen etwas gehetzt hervor: "Einen Moment, ich bin gleich bei Ihnen...!" Dann versetzte er dem Gerät etwas ungehalten einen kleinen Stoß, woraufhin dieses endlich wieder funktionierte.
Dann machte er sich am Wasserkocher und dem Geschirr zu schaffen, bereitete alles für den Gast vor und stellte dann das Sammelsurium an Tee, Tasse und heißem Wasser vor sich auf den Tresen. Und blickte in die braunen Augen des Mädchens vom Vortag!
"Ha-hallo..", stotterte Kano und fühlte, wie sein Herz raste. Wer war sie? Doch auch sie schien etwas durcheinander zu sein, denn sie starrte ihn unverholen schockiert an. "Haku...", flüsterte sie.
"Wie hast du mich gennant?"