1. Dezember
Kapitel 1
1. Dezember
Leise fiel der Schnee vom Himmel herab. Müde stierte ich aus dem Fenster. Um mich herum überall Gechwätz. Alle waren sie aufgeregt. Nicht mehr lange und es wäre Weihnachten und natürlich wollte keine meiner Freundinnen an diesem Abend allein zu Hause versauern.
„Haru-chan, was hast du für Pläne?“
Irritiert blickte ich in die Runde. Hiromis lächelndes Gesicht vor meinem. „Ähm...“ Ich hatte nicht weiter zugehört, sondern hatte ganz meinen Gedanken nachgehangen. Hiromi stupste neckend gegen meine Nase: „Was du Weihnachten vor hast, du Tagträumer.“ Ihre Stimme war sanft wie immer.
Unwissen zuckte ich mit den Schultern. „Was soll ich schon groß machen? Zu Hause sitzen, Hausaufgaben machen und am nächsten Tag wieder munter zur Schule gehen. Was gibt es Schöneres!“ Ich bemühte mich um ein Grinsen. Tatsächlich hatte ich nichts vor und der Gedanke im Alter von 17 Jahren Weihnachten allein zu Hause zu verbringen, war nun wirklich nicht das Wahre. Aber die Person, mit der ich Weihnachten verbringen wollte, hatte sicherlich schon etwas Besseres zu tun.
Nabiki sah mich feierlich grinsend an: „Na dann kannst du auch mit uns in die Karaokebar kommen. Das wird bestimmt ein Riesenspaß. Und dann essen wir Hähnchen und Erdbeertorte.“ Etwas lustlos winkte ich ab. „Mal sehen“, murmelte ich nur.
„Spielverderber“, hörte ich noch die trotzigen Worte Nabikis. Dann widmeten sie sich schon weiter ihrem Gespräch über die Gestaltung des 24. Dezembers. Währenddessen machte ich es mir so gut es ging auf dem Tisch bequem und träumte weiter vor mich hin.
Ich wollte einfach nur, dass der Tag vorbei ging. Aber irgendwie wollte die Zeit nicht vergehen. Während ich noch vor mich hin stierte, spürte ich, wie mich jemand von der Seite musterte. Langsam wandte ich meinen Blick der Richtung zu, aus der ich den Blick auf mich gerichtet spürte. Hiromi lag eben so entspannt wie ich auf dem Tisch und betrachtete mich. Auf diese sanfte Art und Weise, die mich wohl nie ganz kalt lassen würde. Ihr langes dunkles Haar fiel ihr über die Schulter, der Pony hing ihr lässig ins Gesicht. Schön sah sie aus, wie immer.
Erneut stupste sie mich an. „Was ist los, Haru-chan?“, flüsterte sie mir zu.
„Ich versteh diesen ganzen Quatsch um Weihnachten einfach nicht.“, erwiderte ich zögernd.
Wahrscheinlich verriet mich mein Blick oder irgendetwas anderes, keine Ahnung. Hiromi schien mich zumindest auf den ersten Blick zu durchschauen.
„Hast du etwa einen unerfüllbaren Wunsch zu Weihnachten, Haru-chan?“
Sofort wollte ich ansetzen, dies zu dementieren, aber ich blieb stumm. Diese völlige Ruhe mit der sie mich betrachtete, machte mir einmal mehr bewusst, wie durchschaubar ich doch für dieses Mädchen war. Seit wir uns kennengelernt hatten, als sie vor 3 Jahren in meine Klasse kam, hatte sie mich immer besser zu durchschauen gelernt. Fast schon zu gut. Diese Tatsache verwirrte mich immer noch.
Sanft fuhr mir mit einer Hand durch das kurze Haar. „Mir kannst du es doch sagen.“ Immer noch dieses Lächeln auf ihren Lippen, immer noch der sanfte Blick. Ich schloss die Augen, um nicht völlig den Faden zu verlieren, nicht zu stottern oder zu erröten. „Nichts...glaub mir.“
Abschätzend hob meine Freundin eine Augenbraue. Nur zu gut kannte ich diese Geste. Das hieß so viel wie: Ich weiß genau, dass was nicht stimmt, Kleines. Mich kannst du nicht so leicht abspeisen, früher oder später wirst du es mir erzählen.
Doch ich blieb stumm. Was hätte ich denn schon sagen sollen? Geh mit mir zu Weihnachten aus? Wie seltsam hätte das denn angemutet, in Anbetracht der Tatsache, dass wir so gute Freundinnen waren. Sie sollte nie erfahren, wie es in mir aussah. Es wäre unsinnig gewesen, das wusste ich, da ich nichts anderes als ihre Freundschaft erwarten durfte und allein dafür war ich doch schon mehr als dankbar.
Für jeden Blick.
Für jedes Lächeln.
Für jede Berührung.
Bevor Hiromi noch lange nachhaken konnte, rettete mich zum Glück das Schellen der Schulglocke aus meiner misslichen Lage. Erstmal ein bisschen durch die japanische Literatur stöbern, vielleicht würde Hiromi dadurch schon wieder auf andere Gedanken kommen und von meinem merkwürdigen Verhalten absehen.
Der Schultag näherte sich seinem Ende. Irgendwie gelang es mir, Hiromi nicht mehr auf diese Frage antworten zu müssen, was denn nun mein Problem mit Weihnachten sei und ich war froh darüber, dass sie nicht mehr groß nachhakte. Denn wenn sie mich noch einmal so verständnisvoll angesehen hätte, dann wäre ich mir nicht so sicher gewesen, ob ich es wirklich geschafft hätte, standhaft zu bleiben und nicht mit offenen Karten zu spielen. Doch hätte ich dieses Spiel spielen wollen, hätte ich letztlich nur verlieren können, dessen war ich mir so sicher, wie der Tatsache, dass die Sonne am morgen auf und am Abend unter ging.
Da ich Putzdienst hatte, würde ich wohl etwas länger in der Schule bleiben, wie meine Klassenkameraden. Normalerweise blieb Hiromi noch und wartete auf mich. Aber heute war sie irgendwie anders. „Tut mir Leid, Haru-chan. Aber ich hab was ganz Wichtiges zu tun, ich kann leider nicht auf dich warten.“ Ihre Augen sagten mir, dass es ihr ehrlich leid tat.
Trotzdem bemühte ich, möglichst entspannt auf die Situation zu reagieren. „Schon okay, geh ruhig, ich find den Weg auch allein.“
Dass es mir innerlich weh tat, dass sie eher ging, dass ich sie nicht noch für diese kostbaren paar Minuten des Heimwegs für mich haben würde....das alles brauchte sie nicht zu wissen. Unnötige Sorgen brauchte sie sich nicht um mich zu machen.
Den Besen in der Hand, bereit zum Kehren, sah ich ihr durchs Fenster nach, wie sie das Schulgebäude verließ. Ihre Schritte drückten sich in den Schnee ein. Sie ging schneller wie gewöhnlich, wenn ich sie laufen sah. Warum wusste ich nicht. Jedoch als ich ihr weiter mit den Augen folgte, sah ich, wie jemand am Schultor auf die wartete.
Im selben Moment spürte ich, wie sich etwas in mir zusammenzog. Tief in meiner Brust pochte es bedrohlich. Nur zu deutlich meinte ich Hiromis Lächeln zu erkennen, wie sie diesen Fremden damit begrüßte.
Schnell wandte ich mich ab. Ich wollte es nicht sehen. Wenn ich es nicht sah, dann konnte es mir auch nicht weh tun. Von dieser Ansicht war ich mehr als überzeugt, da ich sie in unserer gemeinsamen Zeit nicht nur einmal benutzt hatte.
Still kehrte ich das Zimmer fertig. In Gedanken immer bei Hiromi. Und diesen miesen Fragen, die mir niemand beantworten konnte.
Wer war dieser Kerl am Schultor?
War er etwa ihr Freund?
Vor allem aber, was mich am meisten interessierte: Würde sie mit dieser Person Weihnachten verbringen?
So gut ich bereits wusste, wie töricht meine Gedanken waren, dass es so absurd unwahrscheinlich war, dass dieses Mädchen mit dem den Weihnachtsabend verbringen würde.Trotz alle dem war doch dieses kleine Fünkchen Hoffnung in mir gewesen, dass vielleicht doch die Möglichkeit bestehen könnte, dass sie mit mir diesen Abend verbringen würde und vielleicht, nur vielleicht wäre ich dann auch endlich in der Lage, ihr von meinen Gefühlen zu erzählen, die schon so lange im Verborgenen in mir schlummerten.
Als ich mit der Arbeit fertig war, hielt ich noch einen Moment inne. Mein Blick wanderte zielgerichtet zu ihrem Platz. Zögernd, beinahe so als könnte ich etwas zerstören, wenn ich mich zu schnell bewegte, setzte ich mich dorthin, breitete meinen Oberkörper darauf aus.
Hier hatte sie noch vor wenigen Minuten gesessen, mich vor einigen Stunden angesehen. Ihr ganzes süßes Sein hatte hier an diesem Platz verweilt, wo jetzt mein Körper ruhte. Manchmal konnte dieses Sehnen nach Nähe schon höllisch sein.
Meine Augen waren geschlossen und brannten dabei furchtbar. All jene Gefühle allerdings wollte ich nicht zu sehr an mich heran lassen. Kaum hatte ich dieser Anwandlung, dieser Schwäche für eine kurze Zeit nachgegeben, schon kämpfte ich wieder dagegen an. Energisch stand ich auf, nahm meine Tasche, schloss die Zimmertür und ging durch den Flur.
In dem ruhigen Gebäude hallten meine Schritte fast schon gespenstisch wieder. Für mich klang es manchmal beinahe so gespenstisch einsam wie mein Herzschlag, wenn ich nächtelang wach lag und einzig und allein Hiromis Gesicht vor mir sah, sobald ich die Augen schloss.
Aus der Situation mit diesem mir unbekannten Jungen heraus, war meine Stimmung mehr als zuvor angekratzt. Als ich meine Schuhe wechseln wollte, konnte ich daher nicht anders, als mich aufzuregen, als mir irgendein Zettel entgegen flog.
„Was soll der Mist denn jetzt?!“, murrte ich. Einfach, weil ich so wütend auf mich selbst war, auf meine Unfähigkeit, mit diesen unsinnigen Gefühlen umzugehen. Ein, zwei Mal atmete ich tief durch, um mein Gemüt wieder etwas abzukühlen.
Nachdem ich mich somit etwas beruhigt hatte, beugte ich mich hinab und hob das Zettelchen auf. Liebesbriefe erhielt ich eigentlich keine und dieses unauffällige Stück Papier schrie auch nicht gerade nach großer Liebeserklärung.
Trotzdem las ich, was dort stand:
Komme am 2. Dezember um 17 Uhr zum Treffpunkt am Fluss.
Folgst du der Anweisung, wird dich eine Überraschung erwarten.
„Blödsinn“, murrte ich. Wer um alles in der Welt verteilte denn so dumme Zettel? Als ob ich nichts besseres zu tun hätte. Außerdem war Treffpunkt ja nun echt eine lächerliche Angabe. Sicherlich wusste ich zwar um die Stelle, wo sich die meisten meiner Freunde trafen, aber darauf zu vertrauen, dass ich gerade zu diesem Ort käme und mir nicht irgendeinen anderen etwaigen Treffpunkt aussuchte, war in meinen Augen fast schon schwachsinnig.
Desinteressiert steckte ich den Zettel ein und machte mich auf den Heimweg. Dort drifteten meine Gedanken innerhalb kurzer Zeit bald wieder so weit ab, dass ich das vor kurzem Gelesene ungemein schnell wieder vergessen konnte.
2. Dezember
Kapitel 2
2. Dezember
Ein neuer Morgen graute. Müde streckte ich mich, blinzelte zu meinem Fenster. Dicke weiße Flocken fielen vom Himmel. Noch ein letztes Mal drehte ich mich um. Warum bei solchem Wetter aufstehen und durch die Kälte wandern?
Wie immer wusste ich, dass es einen Grund gab aufzustehen.
So schwer es auch viel, ich stand auf, zog mich um, frühstückte kurz, bevor ich mich auf den Weg zur Schule machen. Die ersten Meter waren nie besonders schön. Ich war allein, hing meinen Gedanken nach, doch immer wusste ich, dass hinter der nächsten Kurve jemand auf mich wartete.
„Guten Morgen, Haru-chan.“ Ein süßes Lächeln, wie immer und diese gute Laune. Wer hätte da anders gekonnt, als nicht weniger fröhlich zu sein. „Guten Morgen, Hiromi-chan“, erwiderte ich nicht weniger lieb.
Kaum setzten wir unseren Weg fort, fing sie auch schon an, auf mich einzuplappern. Irgendetwas von den Mathehausaufgaben. Dieses und ähnliche Sachen. Es war mehr die Tatsache, dass sie hier neben mir her lief, dass ich sie bei mir hatte, als dieser Small Talk, der mich interessierte. Schweigend ging ich neben ihr her. Ich liebte ihre Art, so auf mich einzureden. Hiromi war impulsiv, lebenslustig, manchmal ein bisschen zu sehr von sich überzeugt, aber doch all das auf die liebenswerteste Art, die man sich wohl vorstellen kann.
„Hast du eigentlich deine miese Laune von gestern endlich los bekommen?“, fragte sie mitten in der unwichtige Geplapper hinein.
Einen Moment blieb ich stehen, sah sie an. „Klar, wenn ich dein lächelndes Gesicht am Morgen sehe, kann ich doch schon nicht mehr schlecht drauf sein.“ Meine Worte unterlegte ich mit einem besonderen Lächeln, dass ich ihr allein nur schenken konnte.
Kumpelhaft knuffte sie mich in die Seite. „Alter Charmeur“, meinte sie lachend.
„Tja, bei dir doch immer.“ Manchmal hatte ich diese Phasen, dass ich Komplimente machte. Hiromi spielte das Spiel jedes Mal aufs Neue mit und wusste gar nicht, was sie damit immer in mir anrichtete.
Eine Weile liefen wir wieder schweigend nebeneinander her. Das Einzige, was zu hören war, waren unsere Schritte, die im Schnee knirschten. Die Stille war angenehm, in solchen Momenten hatte ich das Gefühl, dass wir uns ohne weiteres auch ohne große Worte verstanden.
Wie ich sie dafür liebte.
Scheu hörte ich meine Freundin nach einiger Zeit fragen: „Willst du mir nicht endlich sagen, warum du diese ganzen Weihnachtspläne so ignorierst?“ Ihren blick spürte ich nur zu deutlich auf mir. Unsicher fuhr ich mir kurz durchs Haar.
„Na ja...“, begann ich zögernd. „Ich hab einfach noch keine Pläne und mit 17“ Ein abgemühtes Grinsen erschien auf meinen Lippen, „da ist so was doch echt deprimierend.“
„Ach Haru-chan, dann klink dich doch einfach bei Nabiki und den anderen mit ein. Die hätten dich doch gern mit dabei.“ Für Hiromi schien das alles so einfach. Aber so einfach war es nicht, verdammt.
Innerlich aufgelöst darüber, grummelte ich: „Aber das ist es nun mal nicht, was ich will!“
Ich glaube, meine Worte waren etwas zu harsch hervor gebracht, zumindest sah mich Hiromi so an, als wäre sie überrascht, dass ich so etwas sagen würde. Nun...eigentlich war ich ja selbst davon überrascht. Wozu sich aufregen? Warum sich nicht endlich mit dem Problem abfinden und sich ablenken? Und sei es mit einem netten kleinen Karaokeabend.
Leicht betrübt über diese Erkenntnis seufzte ich. „Gehen wir weiter, sonst kommen wir noch zu spät.“
Sogleich stapfte ich weiter durch den Schnee. Hiromi blieb an meiner Seite. Erneutes Schweigen, doch dieses Mal nicht dieses stille Einverständnis. Zu deutlich spürte ich, wie es in Hiromi arbeitete. Natürlich wusste ich, dass sie über meine Worte grübelte und wissen wollte, was denn mein Problem war oder noch besser, was ich mir denn unbedingt zu Weihnachten wünschte, anstatt einen Abend mit meinen Freundinnen, wenn ich schon kein ernsthaftes Date hatte.
Sie hatte ja keine Ahnung davon, dass ich den Abend einfach nur mit ihr verbringen wollte und dafür froh und dankbar gewesen wäre.
Auf diese Art und Weise hingen wir beide unseren Gedanken nach. Und ich verfluchte mich innerlich selbst dafür, dass ich so etwas hatte sagen müssen. Ich hätte es einfach hinnehmen können und sagen, dass ich natürlich bei Nabiki und den anderen mitkommen würde, um einen netten Abend unter Freunden zu verbringen.
Unser weiterer Weg zur Schule verlief weiterhin recht schweigsam. Die Schule war bereits zu erkennen, als mich etwas festhielt.
Sofort wandte ich mich um. Hiromis zarte Hand hielt meine Jacke fest, nur einen Zipfel davon. Ihr Blick war streng auf mich gerichtet. „Was willst du dann, Haruka?“ Die Art, wie sie mich ansah, zusammen mit dem Blick, den sie in diesem Moment drauf hatte...ich musste schlucken, sah immer wieder weg, wusste mich einfach nicht richtig zu verhalten, in diesem Moment.
„Willst du das wirklich wissen?“, wagte ich dann zu fragen.
Gleich darauf hellte sich Hiromis Gesicht schon wieder etwas auf. „Natürlich will ich das, sonst würde ich ja nicht fragen.“ Ihr Lächeln, immer noch so bezaubernd, jedes Mal dasselbe Chaos in mir.
„Also...“ Gerade als ich ansetzen wollte, funkte uns eine Stimme dazwischen.
„Hey ihr beiden!“ Nabiki kam auf uns zu gerannt. Eine Schneewolke auftreibend. „Guten Morgen.“ Gut gelaunt begrüßte sie uns. „Und ich dachte schon, ich wäre die Einzige, die so spät dran wäre. Kommt schon, ehe uns der Drache vor die Tür setzt.“
Ohne zu zögern packte sie unsere Hände und rannte mit uns auf das Schulgebäude zu. Als Drachen bezeichneten wir unsere Lehrerin Frau Arashi. Uns sie machte ihrem Namen alle Ehre. Abgesehen davon, dass sie Mathematik unterrichtete, hatte sie ein genauso mieses Gemüt, wie das Fach eine Aura ausstrahle. Eine Sekunde zu spät oder ein Grinsen zu viel, zack saß man vor der Tür.
„Nun zieh doch nicht so, Nabiki.“, protestierte ich.
Innerlich jedoch schickte ich ein Dankgebet gen Himmel, dass ich aus dieser unangenehmen Situation gerettet worden war. Dann doch lieber Mathe bei Arashi-sensei als ein Geständnis, das ich gar nicht erbringen wollte.
Hiromi jedoch fixierte mich immer wieder nur all zu deutlich. Für sie war das Thema noch nicht gegessen, dass ich so gern verdrängen wollte. All das brauchte sie nicht zu wissen. Wenn sie es wüsste, dann würde ich damit nur etwas kaputt machen.
Das wollte ich nicht. Ich hatte furchtbare Angst ihre Freundschaft zu verlieren, sobald sie von meinen Gefühlen ihr gegenüber erfahren würde. Warum dann große Geständnisse abliefern? So oder so war es absurd, ich hatte keine Chance. Somit gab ich auf, noch bevor ich den Kampf richtig begonnen hatte.
Der Tag zog sich wieder so hin, wie der davor. Ab und an musste ich wirklich aufpassen, nicht einzuschlafen. Mich interessierten weder irgendwelche Funktionen, noch die japanischen Epochen. Doch jedes Mal, wenn ich den Blick und somit meine Gedanken mal etwas schweifen lassen wollte, traf mich Hiromis fragender Blick aufs Neue. Immer und immer wieder.
Heute wartete sie auf mich. Ruhig ging Hiromi mir beim Putzdienst zur Hand. Einträchtig kehrten wir, schoben Stühle zurecht und hatten somit die Aufgabe schneller erledigt, als ich es allein geschafft hätte.
„Gehn wir?“ Fragend sah ich sie an.
Hiromi stand mitten im Zimmer, die Sonne ging unter, ein sanftes rotes Licht verbreitete sich im Zimmer. Diese Frau passte perfekt in eine solche Kulisse. Vielleicht dachte sie nach, vielleicht suchte sie nach den rechten Worten, um mich noch einmal auf mein Problem mit Weihnachten anzusprechen, ich wusste es nicht.
Doch bereits nach kurzer Zeit wandte sie sich mir mit einem Lächeln auf den Lippen zu und folgte mir mit den Worten: „Na klar, es wird Zeit, dass wir nach Hause gehen.“
Still folgten wir dem gewohnten Weg.. Immer wieder fixierte ich Hiromi, setzte an, etwas zu sagen, schwieg jedoch dann nur wieder. Jedes Mal, kurz bevor ich ein Wort herausbringen konnte, verließ mich der Mut zu meiner Tat.
Irgendwann, es war nicht weit zu der Stelle, wo sich unsere Wege jeden Tag aufs Neue trennten, riss ich mich zusammen und begann zu sprechen: „Also, wegen meinem Problem mit Weihnachten...“ Augenblicklich wandte sich Hiromi mir voll zu und wartete einfach nur ab. Wie immer ruhte ihr Blick auf diese besondere Weise auf mir, die mich jedes Mal verunsicherte, doch ich durfte jetzt nicht zögern.
„Also...es gibt da jemanden...mit dem ich Weihnachten gern verbringen würde.“, brachte ich stockend hervor.
„Aber das ist doch schön für dich!“, erwiderte mein Gegenüber sogleich euphorisch. „Wer ist es denn? Kenne ich ihn?“ Das Strahlen in ihren Augen sagte mir, dass sie sich wirklich für mich freute.
Mich jedoch wollte der Mut schon wieder verlassen. Wie sollte ich jetzt nur weiter sprechen?
„Ja...du kennst diese Person...sehr gut sogar...also...na ja...ich kenne sie schon eine Weile...aber ich trau mich einfach nicht...na ja, sie zu fragen, ob sie mit mir Weihnachten verbringen möchte...“
„Na, wenn du diese Person schon so lange kennst, wo ist dann das Problem?“ Hiromi sah mich so an, als könnte sie mich absolut nicht verstehen. Wahrscheinlich ahnte sie wirklich nichts davon, was in mir vorging.
„Das...ist nicht so einfach.“ Angestrengt starrte ich zu Boden. Mir war heiß, mein Gesicht war mit Sicherheit rot bis über beide Ohren, so konnte ich meiner Freundin erst recht nicht in die Augen sehen. Wie auch, bei dem, was jetzt kommen würde?
Auf einmal zuckte ich zusammen, als sich sanft zwei Hände auf meine Schultern legten. Ich kam nicht umhin aufzusehen und blickte in die schönsten und sanftesten braunen Augen, die ich je gesehen hatte. „Pass auf, Haru-chan, du zeigst mir diese Person morgen, wenn du willst und dann finden wir schon einen Weg.“
Dieses Lächeln...verdammt, wer würde da nicht schwach werden?
Stumm nickte ich nur. Sah in Hiromis Gesicht, bemerkte ihr Strahlen. Natürlich wollte sie mir helfen, aber bei dieser Sache, konnte sie mir nicht helfen. Schließlich war sie ja in gewisser Weise das Problem an sich. Und Probleme konnten sich nun mal schlecht selbst lösen.
„Gut, dann sehen wir morgen weiter. Lass den Kopf nicht hängen, wir schaffen das.“ Kaum hatte ich mich versehen, hielt sie mich in den Armen. Das tat sich manchmal, wenn wir uns verabschiedeten.
Zögernd erwiderte ich diese Nähe. Ich musste mich selbst dazu zwingen, Hiromi nicht zu fest zu halten, nicht innerlich zu flehen, dass sie mich nie wieder los lassen möge. Innerhalb kurzer Zeit jedoch löste sie sich bereits wieder von mir. „Dann bis morgen“, hörte ich sie noch mit sanfter Stimme sagen, bevor sie mich an der Gabelung verließ und ich den Rest des Weges allein weiter ging.
Aus einem mir unbegreiflichen Grund begannen meine Augen zu brennen. Ich wusste, dass ich sie nicht haben konnte, warum ließ ich mir dann trotzdem immer wieder weh tun, indem ich mir diese kleinen Gesten so zu Herzen nahm? Das war völlig hirnrissig und entbehrte jeglicher Logik.
Mal wieder wütend über mich selbst, suchte ich in meiner Schultasche nach einem Taschentuch, dabei fiel mir jedoch noch etwas anderes in die Hände. Der Zettel von gestern. Noch einmal las ich die Worte, dann sah ich auf meine Uhr.
Es war bereits kurz vor fünf. Der gängige Treffpunkt am Fluss war nicht weit von hier, aber es in zehn Minuten zu schaffen, würde trotzdem knapp werden.
Mit einem Mal rannte ich los. Ich rannte und rannte, ohne groß nachzudenken. Doch im Schnee voran zu kommen war mühsam, die dicke Jacke und meine Schultasche behinderten mich zusätzlich.
Wie nicht anders zu erwarten, war auch der Rest der Welt gegen mich. Gerade jetzt mussten die Ampeln auf rot springen, der Zug vorbei fahren.
Ich wusste, dass ich nicht pünktlich dort sein konnte. Trotzdem rannte ich. Was ich mir dort erhoffte, vermag ich bis heute nicht zu sagen. Aber irgendein innerer Instinkt drängte mich zu dieser Handlung.
Endlich erreichte ich den Treffpunkt. Völlig außer Atem, verschwitzt und abgekämpft. Es war kein spektakulärer Ort. Eine kleine herunter gekommene Überdachung, eine Bank. Aber wenn man an einem Tag wie heute nach Ruhe suchte, genau richtig. Im Sommer eher weniger, wenn sich hier die Jugendlichen tummelten.
Nach Luft ringend sah ich auf meine Armbanduhr. Sie zeigte zehn nach fünf. Eigentlich noch eine angemessene Zeit um zu warten.
Vorsichtig näherte ich mich dem Ort. Je näher ich allerdings kam, umso deutlicher erkannte ich, dass dort niemand auf mich wartete. Alle Anstrengung war umsonst gewesen.
Wenigstens erkannte ich, dass jemand da gewesen sein musste. Im Schnee waren deutlich frische Spuren zu erkennen. Wenn ich einmal hier war, war ich der Ansicht, dass ich mich auch nochmal etwas genauer umsehen konnte. Zu jenem Zeitpunkt erwartete ich noch nicht, einen weiteren Hinweis zu erhalten, umso überraschter war ich, als ich einen weiteren Zettel entdeckte, unter einen Stein gelegt, damit ihn der Wind nicht fort blies.
Ohne großes Zögern befreite ich das Stück Papier von dem Stein, um zu sehen, was mir da geschrieben wurde.
Leider hast du deine erste Chance vertan, aber du bekommst eine weitere.
Manchmal müssen wir den Menschen zeigen, dass wir sie gern haben.
Kleine Geschenke erleichtern das.
Schaffst du es also nach Shibuya am Sonntag, dem 5. Dezember?
Deine Überraschung wirst du bei der Statue von Hachiko finden.
Wohin wollte mich diese unbekannte Person denn noch locken? An einem Sonntag ins so schon völlig überfüllte Shibuya? Das war nun wirklich verrückt. Aber bis dahin waren es ja immer noch 3 Tage. Genug Zeit, um dem geheimnisvollen Zettelschreiber vielleicht schon eher zu enttarnen. Wahlweise aber auch, um dieses idiotische Spiel, auf das ich mich hier bereits einließ, schnell zu vergessen, ehe es noch ausartete.