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Tabu

One Shots für Harry Potter RPGs
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Liebste Monny,
ein wenig zu spät, aber ich hoffe, du freust dich dennoch über dein Geburtstagsgeschenk ♥ Alles Gute, meine Liebe und ich freue mich darauf, die beiden auch einmal intime auszuprobieren. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Meine liebe Moony,
zu deinem Geburtstag alles Gute ♥ Ich hoffe, die kleinen Episoden sagen dir zu, auch wenn es nicht viel ist und ich an einigen Stellen sehr unzufrieden bin, ABER es musste raus und es fühlt sich gut an, es dir endlich überreichen zu können :D

Akt I: 12 Jahre / 13 Jahre
Akt 2: 15 Jahre / 16 Jahre
Akt 3: 17 Jahre / 18 Jahre
Akt 4: 20 Jahre / 21 Jahre
Akt 5: - heute - Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Moonylein~ Dieses Mal nicht zu spät .. dafür ein wenig zu früh. ♥
Ich hoffe du freust dich über die beiden! :3 Ich denke, sie sind eine doppelte Überraschung. *hust* Komplett anzeigen

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Tabu

Da saßen sie wieder.

Sein Magen verkrampfte sich. Alles in ihm zog sich zusammen. Wut. Heiße, blinde Wut. Wildes, unbändiges Verlangen. Grenzenlose, herrische Eifersucht. Das alles vermischte sich zu einem tödlichen, alles mit sich reißendem Sog und hinterließ nur einen Gedanken: ich will sie. Ich werde sie bekommen.

Doch dem war nicht so.

Drei Jahre. Drei Jahre lange begehrte er sie nun schon, liebte sie, vergötterte sie. Hatte Landon es nicht bemerkt? Oder hatte er es bemerkt und es war ihm egal? Die Wut wurde stärker, erbarmungsloser. Verzweiflung durchflutete seine Gefühlswelt, hinterließ Kopfschmerzen und geöffnete Tränendrüsen.

Eigentlich hätte er sich schon lange daran gewöhnt haben müssen. Sie waren nicht erst seit gestern ein Paar. Nein, sogar schon ziemlich lange. Seit sieben Monaten nun schon musste er ihr Glück, ihre Liebe, ihr Zusammensein ertragen. Landon fragte ihn immer wieder, was er in letzter Zeit hatte, aber was sollte er sagen? „Ich liebe deine Freundin“?

Mitleidig wandte er sich von der Szene ab. Er zog die Nase hoch, als er bemerkte, dass er weinte und ballte die Hände zu Fäusten. Es gab keinen Ort, wo er sich vor den beiden verstecken konnte. Er konnte nirgends hin. Verzweiflung machte sich in ihm breit, füllte jeden noch so kleinen Teil seines Körpers aus und brachte ihn dazu, laut loszuschreien. Verwirrte Augen lagen auf ihm, doch keiner der beiden rannte ihm nach, als er den Gemeinschaftsraum verließ.

Was hatte er auch erwartet?

Einen umsichtigen Freund, der ihm den Vortritt lässt, wie er es einst getan hat?

Eine liebende Freundin, die sich endlich für ihn entscheiden würde?

Die Tränen flossen – er hasste sich in dem Moment für seine Schwäche. Das war nicht er. Er war nicht so. Aber was sollte er tun? Er liebte Trish – die Freundin seines besten Freundes. Er wollte Landon nicht verletzten, doch er wollte Trish. Je weiter sie entfernt war, je enger sie mit Landon zusammen war, je glücklicher die beiden waren … desto mehr wollte er sie. Desto schneller wollte er sie sein eigen nennen. Desto heftiger wurden seine Gefühle ihr gegenüber.

Wieso konnte es nicht aufhören?

Wieso er?

Wieso sie?

Wieso Landon?

Schmerzhaft krampfte sich sein Herz zusammen, als das Bild der beiden vor seinem inneren Auge auftauchte. Seine Lungen brannten, er achtete nicht auf die Leute, die ihm entgegen kamen. Ängstlich rasselte sein Atem – würde Landon es herausfinden?

Frische Luft.

Der Regen durchnässte sein Oberteil binnen weniger Sekunden. Der Wind tobte, schrie mit ihm um die Wette, als er am Rand des Sees auf die Knie zusammenbrach und die Hände ins Gras krallte. Immer wieder schlug er auf den Boden ein, die Tränen vermischten sich mit dem Regen. Grelle Blitze erhellten den Himmel und gaben den Blick auf die kümmerliche Gestalt des jungen Mannes preis.

Erschöpft fiel er ins Gras. Das Gesicht schmiegte sich an die nasse Erde. Er zitterte. Weinte. Wie ein kleines Kind, das nicht bekam, was es wollte.

Ja, er bekam nicht das was er wollte.

Er hatte es freiwillig hergegeben. Hatte es Landon überlassen.

Wusste er eigentlich was er ihm damit antat? Wusste Landon, was er für ihn durchlitt?

Nein, vermutlich nicht und es war besser so.

Das Bild der beiden, glücklich vereint, presste ihm alle Luft aus den Lungen, machte es ihm schwer zu atmen. Alles in ihm rebellierte. Er wollte sie, aber Landon wollte sie auch. Was sollte er machen, beim verdammten Salazar Slytherin, was?!

Sie war Tabu. Landons Freundin. Und doch…

Sie raubte ihm den Atem. Hatte sein Herz gestohlen. Und diese räudige Diebin wusste noch nicht einmal etwas davon…

Schwach, die Arme wie Pudding, die Beine zu nichts zu gebrauchen, richtete er sich auf die Knie auf und starrte in den schwarzen Himmel, ließ sein Gesicht beregnen. Sein Gesicht war zu einer hässlichen, wütenden, verletzten Fratze verzogen, der Mund stand ihm offen. Der Regen tat nicht gut, wie er gehofft hatte. Er tat noch mehr weh. Riss ein neuerliches Loch in seine Brust.

„VERDAMMTE SCHEIßE!!! ICH LIEBE DICH!!!“
 

Sie stand vor ihm. Die Verkörperung seiner Liebe, seines Verlangens, seiner Lust, seiner unendlichen Begierde. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als sie ihn anschaute und ein minimales, überhebliches Lächeln ihre Lippen zierte. Sie wusste, wie es um seine Gefühle stand. Er hatte es ihr gesagt. Er hatte es nicht mehr ausgehalten, war beinahe explodiert. Er hatte Landon betrogen und dennoch fühlte es sich richtig an.

Das erste Mal seit sieben verdammten harten Monaten fühlte sich etwas wieder richtig gut an.

Doch ein kleiner Haken war da…

Sie war ihm nahe.

Sehr nahe.

Zu nahe…

Er konnte ihren Atem auf seinen Lippen spüren, ihre Hände an seinem Rücken entlangfahren spüren und ihre Brüste an seiner Brust spüren. Ihr kontinuierlicher Herzschlag war ein Witz, scherzte über den seinen, der nicht mehr normal war. Ihre Berührungen taten unendlich gut und hinterließen brennende Bahnen, wo immer sie ihn anfasste. Ihr Atem löste Gänsehaut aus und er vergrub sein Gesicht in ihren rosig duftenden Haaren. Sog ihren Geruch tief ein, schlang die Arme um sie.

Seins.

Endlich.

Nur für diesen Moment.

Sie wehrte sich nicht. Im Gegenteil. Drückte sich noch enger an ihn.

Plötzlich durchzuckte ein Schmerz seinen Kopf. Das Bild Landons tauchte vor ihm auf. Sein bester Freund, sein Bruder, sein Ein und Alles seit Jahren, schon vor ihr. Leicht drückte er sich von ihr, nicht gewillt, sie ganz herzugeben.

Er schüttelte den Kopf, sie hob eine Braue, fuhr die Brustmuskeln nach.

Schwach lehnte er sich gegen die Wand hinter sich, hielt ihre Hand fest und schüttelte abermals den Kopf, flehentlich. Sie durfte nicht weitermachen. Sie musste…

„Gehen… Bitte. Geh“, hauchte er, doch seine Worte klangen erzwungen, nicht ehrlich. Ihre Finger legten sich auf seine Lippen, ihr Körper war präsent, sein Herz hämmerte, immerzu. Sein Verstand verabschiedete sich, all die Vorsätze, sie endlich an Landon freizugeben… Sie endlich gehen zu lassen… Sie verschwanden mit ihrem ersten Kuss.

Und aus einem Kuss wurden immer mehr.

Es blieb nicht bei einem, zwei oder auch zehn. Sie trafen sich immer wieder, bald wurde aus Küssen Anfassen und aus Anfassen Sex.

Neben der unendlichen Zufriedenheit, war jedes Mal der bittere Beigeschmack einer Lüge bei ihrem Treffen. Nun war sie endlich sein … Und doch war da ständig das Gesicht Landons, das ihn verfolgte.

Landon war immer treu, loyal und ehrlich. Und er? Er Verräter lag nun an seinem Platz.

Tabu.

Die Freundin des besten Freundes war Tabu.

Was hatte er nur angerichtet…?

Ein Blick auf die Frau neben sich blies seine Gedanken hinfort.

Das einzig Richtige. Für sich. Und leider war er ein Egoist.

Désir

Er spürte die Hände auf seinem Oberkörper. Sanft. Sündig. Genießerisch schloss er die Augen, gab sich den Berührungen hin. Überall brannte die Leidenschaft in seinem Körper, sie prickelte und drohte überzukochen. Sie verzehrte ihn von innen heraus, aber dennoch tat sie gut. So verdammt gut. Wenn das hier Sünde war, dann bekannte er sich schuldig in allen Punkten.

Der heiße Atem perlte von seinen Lippen ab, bevor er sich auf selbige biss und sich weit zurücklehnte. Ganz leicht nur winkelte er eines seiner Beine an, ließ die Sünde zwischen seine Beine rutschen und die feurigen Lippen legten sich ein ums andere Mal auf seine gierig aufgesperrten.

“Nun beende es schon”, keuchte er leise, doch die Sünde verschlang seine Worte. Erstickte seinen Protest im Keim, als die Hände über Schulterblatt und Schultern fuhren. Ein wirres, haltloses Stöhnen entfuhr ihm. Heiseres Lachen mischte sich in sein unregelmäßiges Keuchen. Die Luft war erfüllt von Erregung und Verlangen. Warum wurde er so gequält?

Hektisch zog er sich den Pullover aus, fummelte an der Gürtelschnalle der Sünde herum, doch seine Finger zitterten vor Aufregung und Lust. Helfende, sichere Hände kamen ihm zur Hilfe und er schluckte beim Anblick der Vollkommenheit. “Was … soll ich tun?”, fragte er und schaute auf. Tiefbraune Augen schauten in die seinen, fingen seinen Blick ein, drangen tief in sein Bewusstsein ein. Ein ungehaltenes Stöhnen entwich ihm, als die Sünde ihn sanft verwöhnte. Er warf den Kopf in den Nacken, krallte sich in die brünette Haarpracht und spürte, wie die Hitze sich überall im Körper ausbreitete. “Tu, was immer du willst”, hörte er die Stimme der Sünde in seinem Ohr kitzeln und bevor er wusste, was er da tat, übernahm er die Oberhand. Drückte den sehnigen Oberkörper in die Bettlacken, schwang eines der Beine über den Unterleib der Sünde und versiegelte die Lippen, bevor Widerstand laut wurde. Wie einfach das alles ging. Als befände er sich in einem Traum…

Gefangen von der Leidenschaft, wanderten seine Hände ziellos über die Brust der Sünde, liebkosten sie mit den Lippen. Seine Zähne bissen sich fest. Er saugte an dem harten Fleisch, genoss jeden salzigen Tropfen Schweiß, den er aufnahm. Genoss jeden einzelnen Muskel, den er aufmerksam mit den Fingerspitzen nachzog. Genoss den herben Geruch nach Duschgel und er genoss den Anblick Logans unter sich.

Logan - die Sünde.

Schauer liefen über seinen Rücken, doch er ließ sich nicht mehr bändigen. Er konnte gar nicht mehr anders, sondern befreite die Sünde von dem überflüssigen Stück Stoff. Shirt und Boxer folgten dem viel zu dicken Pullover auf den Boden - er trauerte ihm keinen Moment nach. Quälend langsam folgten die schlanken Finger den Bahnen des männlichen groben Körpers, hielten am Schamansatz inne und er schaute auf.

Das Gesicht des Brünetten war gerötet - ob vom Alkohol oder von der Situation vermochte er nicht zu sagen. Sein einer Arm hing nutzlos vom Bett hinunter, der andere war über die wunderschönen Augen gelegt, gerade so, dass er unter ihm hindurch zu Matthew schielen konnte. Kleine Schweißtropfen nässten das Haar am Ansatz, die Hand suchte nach Matthews Kopf.

Er ließ sich ziehen.

Ließ es zu, dass Logan sich einen Kuss stahl, die Sünde fortgesetzt wurde. Schmerzhaft zog Logan seinen Kopf zurück, als er sich aufsetzte und nun seinen Hals mit Küssen übersäte. Doch nur für einen kurzen Augenblick. Seine Lippen glitten zum Schlüsselbein, während seine Hand auf eine wahnwitzige Erkundungstour ging - zuerst über die Brust und die empfindlichen Knospen. Unter der harten Berührung wurden sie ganz zart, ganz rosig. Die kalten Hände hinterließen Gänsehaut, wohin auch immer sie fuhren. Hüfte. Hüftknochen. Taille. “Ah!”

Viel, viel tiefer.

Logans Hand fuhr ungehalten über seine Männlichkeit, seine Lippen hinterließen rote Spuren, seine Zähne blutige Leidenschaft. Immer wieder stöhnte er ungehalten und seine Laute mischten sich zu Logans ungleichmäßigem Atem, bis sie ein und der selbe Ton waren.

Plötzlich war seine Jeans weg.

Die Boxer auch. Es war ungewohnt luftig um die Männlichkeit, doch es sollte nicht lange kühl bleiben, denn Logans harte, große Hände umschlossen sie sofort. “S-Stopp! Warte!”

“Worauf?”

“Ich habe … etwas gehört.”

“Sehr schmeichelhaft, Matty, aber ich habe dich doch noch nicht um den Verstand gebracht, hm?” Die rauen Worte an seiner Ohrmuschel brachten Matthew um jeglichen Funken Verstand. Hatte er eine Wahl? Nein, die Sünde fragte nicht, ob sie begangen werden durfte, sie nahm sich, was sie wollte. Schon damals hatte Matthew gewusst: er war Wachs in seinen Händen. Aber heißer Wachs. Entschlossen, doch mit zitternden Fingern entfernte er Logans Hände, beugte sich weit hinunter und sein heißer Mund umschloss das pulsierende Leben Logans. Er war zufrieden, als er das haltlose Stöhnen hörte, spürte, wie er unter ihm nachgab, zitterte und schon bald danach flehte, genommen zu werden. Das kühne Lächeln auf Matthews Lippen war verschleiert von Lust und Liebe, als er Logans Bitten im Keim erstickte. Gierige Lippen landeten aufeinander, verschlangen sich ineinander wie die beiden schwitzenden Männerkörper. Es war heiß hier im Raum, doch das war nicht im Gegensatz zu der Hitze, die sich in Matthew ausbreitete, als die Spitze seiner Männlichkeit sachte in Logan vorstieß.

“Ah, Matty, pass doch auf.”

“Ich bin ja schon so ruhig, wie ich kann!”

“Du kannst es eben nicht.”

“Sei bloß vorsichtig, ich sitze am längeren Hebel.” Das lustschwere Grinsen Logans ließ erkennen, dass er ihm widersprechen wollte, doch Matthew ließ es nicht zu. Sachte drängte er weiter voran, ließ ihm keine Zeit, sich auszuruhen. Keine Zeit, um Einwände zu erheben. Keine Zeit, um zu protestieren. Zu reden. Er wollte jetzt nicht reden, wollte Sex, hier und jetzt.

Er presste sich an ihn, ihr Atem verschmolz zu einem, ihre Körper begannen sich zu bewegen, wie das endlose Schicksal. Nur schwerlich konnte Matthew sich beherrschen, es voll und ganz zu genießen. Nicht zu früh zu kommen. Nicht in ihm zu kommen. Und vor allem nicht laut zu schreien. Sie hätten sich verraten.

“Ah, Matty, ich … lass … ah…”

Matt.

“Was?”

“Nichts, aber warum hörst du auf?!”

“Ich dachte, ich hätte…”

Matt!

Plötzlich wurde alles weiß. Milchig. Wie in weiter Entfernung. Verwirrt registrierte Matthew, dass er keinesfalls auf (oder besser in) Logan lag, sondern in dem schmalen Bett mit Vorhang - zum Glück. Er sah Schatten vor seinem Bett und brummte leise, als Antwort, dass er gehört hatte. Verdammt, brummte sein Kopf! Ein Blick nach unten zeigte: und nicht nur der. Scheiße, seine Träume wurden in letzter Zeit immer wilder und realer, er hörte Logans Stimme noch immer in seinem Kopf, doch je mehr er versuchte, sich an die Worte zu erinnern, desto weiter in Ferne rückten sie.

“Matt, es ist spät, steh auf.”

Verwirrt über die samtweiche Mädchenstimme wischte er die Vorhänge zur Seite. “Gab?”

“Ja, Dummerchen, wer sonst?”

Was war hier los?

“Bin ich betrunken? Oder träume ich noch?” Gabrielles glockenhelles, engelsgleiches Lachen ertönte und verfrachtete ihn sofort auf Wolke Sieben. Sein Herz begann schneller zu klopfen und er konnte dem Drang nicht widerstehen, ihr durch die goldenen Locken zu fahren. Ihr Lächeln gefror. “Matt… Ich bin jetzt mit Logan zusammen.” Als hätte er sich verbrannt, zog er die Hand zurück. “Ach ja…” Die Stimmung sank und er seufzte gequält. Er spürte ihren Blick, er brannte unangenehm auf der Haut. Vorsichtig schaute er wieder in die warmen Augen und folgte ihrem Blick. Ihre Lippen waren erstaunt ein wenig geöffnet und genau dieser Blick trieb ihm die Schamesröte ins Gesicht.

“Matt, du…”

“Jah, Ständer. Is normal”, wehrte er hilflos ab, versuchte aus dem Bett zu kriechen und sich an Gabrielle vorbei zu drängen. Auf einmal spürte er ihre zierliche, weiche Hand um sein Handgelenk und er schaute zu ihr. “Ich hoffe du weißt, dass ich dich wirklich geliebt habe.” Sie war so ehrlich zu ihm. Sein Magen zog sich zusammen, doch sein Herz sprach eine ganz andere Sprache.

Scheiß auf Logan und den Traum! Scheiß auf Moral und Freundschaft! Scheiß auf diese ganzen Gefühle.

Und genau dieser Gedanke war es, der seine Lippen auf die ihren führte. Ein Stoß ging durch seinen Körper, als habe er soeben einen üblen Zauber abbekommen, doch entgegen seiner Angst, spürte er sie nachgeben. Ihre Arme um seinen Nacken. Den wohligen Körper an seinem. Ein Seufzer entwich ihm.

Sünde, süße Sünde, was konnte man schon gegen sie tun?

Vorsichtig löste er den Kuss, löste sich von dem brennenden Verlangen, das sich wieder in ihm ausbreitete und nur schwerlich konnte er sich beherrschen, sie nicht hier und jetzt flachzulegen. Ein Kuss, das war ja wohl okay, oder? Einfach freundschaftlich. Nichts Ernstes. Und scheinbar schien das auch Gabrielle zu denken, denn als ob sie aus einer Trance erwachen würde, ließ sie von ihm ab und brachte Distanz zwischen sie. “Ähm”, setzte sie an, doch Matthew schüttelte leise lächelnd den Kopf. “Das war doch nur ein Gute-Morgen-Kuss. Ich wette, du weckst Logan jeden Tag so. Und ich, als Zecke in eurer Beziehung, verdiene das Gleiche!” Trotz. Schmerz. Wut. Doch in allererster Linie Enttäuschung.

Nein, er würde keinen von beiden haben können.

Aber er würde es zumindest versuchen können.

“Matt”, ihre Stimme fuhr durch seinen Körper wie eine laue Sommerbriese und ein letztes Mal genehmigte er sich einen tiefen Blick in ihre Augen, eine flüchtige Berührung ihrer Schulter und ein kurzes Schnuppern in ihre Richtung. “Schon okay. Es ist perfekt so.”
 

Sünde, süße Sünde.

Nimm mich an die Hand.

Führe mich, leite mich.

Ohne dich bin ich haltlos.

Kopflos.

Ich bin bereit, zu sündigen.

Auf immer.

Sünde, süße Sünde.

Lass mich nie mehr gehen.

A new Day

“Verdammt. Das war …”

Matthew schaute in den Spiegel und eisige, müde blaue Augen starrten ihm entgegen. Und doch schimmerte in ihnen ein Funke, den er noch nie bei sich entdeckt hatte. Mit einem breiten Lächeln biss er sich auf die Unterlippe und strich sich die dunklen Haare aus dem Gesicht. Noch immer spürte er die Nacht in seinen Knochen, doch nicht negativ, nein, wirklich nicht. Im Gedanken daran, was er vor einer Woche getan hatte… Seine Nackenhaare stellten sich auf, er hatte keine Ahnung, was da genau gelaufen war, es war alles wie in einem Traum verlaufen. Niemals hätte er erwartet, dass es passieren würde. Er hatte es sich erhofft, sich danach gesehnt und dennoch hatte er es nicht für möglich gehalten. Es war passiert und es ließ sich nicht leugnen. Seitdem hatte er Logan und Gabrielle nicht mehr gesehen. Das war auch besser so, er hätte ihnen nicht in die Augen schauen können, obwohl er nur positive Erinnerungen und ein warmes Brustgefühl hatte. Aber er hatte Respekt vor ihrer Beziehung. Respekt, den er vorher nicht gehabt hatte. Vielleicht hatte ihre Nacht ihn bekehrt, vielleicht befreit, vielleicht noch viel mehr an sie gebunden - momentan war das nicht wichtig. Anfangs so verwirrt, dass er keinen klaren Gedanken hatte fassen können, war er in Rebeccas Arme gelaufen und … und das war vollkommen in Ordnung gewesen, obwohl sie das Gefühlschaos in dem jungen Ravenclaw nur noch verstärkte.

Seufzend kleidete er sich an - obwohl die Schule momentan so nebensächlich schien, wie noch nie zuvor, war sie notwendig. Wohl oder übel. Er packte seine Sachen, griff nach den Schulbüchern und erwischte dabei ein Muggelbuch mit hellblauen Einband. Verwirrt blinzelte er. Was war das? Das Buch kannte er gar nicht… Nachdenklich drehte er es um und las die wenigen Worte. Die Nebel von Avalon. Okay, strange. Wirklich strange. Wie war das hier her gekommen? Hatte Matt es sich wohlmöglich in einem seiner Rauschzustände ausgeliehen und wusste nun nichts mehr davon? Vielleicht hatte es einer seiner Schlafsaalgenossen liegenlassen?

Egal, er würde zu spät kommen, wenn er sich weiter aufhalten ließ. Er wollte das Buch in die Ecke schleudern, doch es war, als klammerte es sich an sein Herz - er konnte es nicht. Nachdenklich schaute er die Frau auf dem Cover an. Brünett. Ein lilafarbenes, gewelltes Gewand. Sie stand auf einem Boot, nein, einer Barke, ihre Haare wehten im lauen Wind, der über den See ging. Er konnte sich nahezu vorstellen, wie die junge Frau auf ihrem Boot durch den Nebel fuhr, den tief hängenden Zweigen auswich und dennoch ihren ernsten, pflichtbewussten Blick aufrecht hielt. Eine Hexe. Eine Magierin. Eine unglaubliche Anziehungskraft ging plötzlich von diesem Werk aus, der Matthew sich nicht verwehren konnte und wollte. Impulsiv ließ er sich auf sein Bett fallen, das Buch schlug auf und Matthews Augen glitten aufmerksam über die Seite. Seite 448. Gierig, als hätte er Durst und das Buch sei sein Elixier, begann er zu lesen und sog jedes einzelne Wort in sich auf, ohne die Geschichte an sich zu kennen. Aber das brauchte er auch nicht. Sie berührte ihn, kaum hatte er die ersten Worte gelesen.

Es ging um einen jungen, gutaussehenden Mann mit Namen Lancelot, der von einer Frau geliebt wurde, die er selbst lieben wollte, aber nicht konnte, da sein Herz bereits vergeben war. Er war nervös, verloren, verwirrt - in sich selbst und in seiner Verzweiflung gefangen. Matthew spürte die Verbundenheit mit dem Jungen, als sei er es selbst, der da vor Morgaine auf und ab lief, über die Mordlust an seinem Halbbruder erzählte und über die Liebe zu einem Mann sinnierte. Matt schluckte. War er es nicht sogar, der dort über die Bretagne erzählte, über die Männer dort, die sich Jungen als Gespielen nahmen - ob diese es wollten, oder nicht? War er es nicht sogar, der in einem Taumel aus Liebe und Verzweiflung gefangen nie wieder die Wasseroberfläche erreichen sollte und zu ewigem Ertrinken verdammt war? Ihm wurde ganz anders zumute, wie er sich Lancelot verbunden fühlte. Wie er ihm zuschaute. Es war, als könnte er sehen, wie der Ritter auf und ab ging, es spüren, seine Gefühle wahrnehmen.

“Der Ärmste”, entwich es ihm, wohl wissend, dass er damit sich selbst bemitleidete. Die gleiche Situation. Haargenau. Lancelot war den Männern verfallen und hatte versucht, sich dank Frauen bekehren zu lassen. Hatte es immer und immer wieder versucht und war gescheitert, bis er Gwenhwyfar gesehen hatte und sein Herz an sie verlor. Es war Matthew, als nehme die Königin Britanniens Gabrielles liebliche Züge an und er hatte nur eine ungefähre Ahnung, wie nahe er damit der Wahrheit kam. Gabrielles Schönheit und die Gwenhwyfars… Sie waren eins. Wuchsen zu einem noch schöneren Wesen und Matthew fragte sich ernsthaft, wie ein Mann sich ihrer Schönheit verwehren könnte, selbst wenn er den Männern verfallen war. Er verstand Lancelot, begann sich selbst zu verstehen und das Mitleid für ihn und sich selbst wuchs. Er biss sich auf die Unterlippe und nickte. Nach Gabrielle hatte es keine andere mehr gegeben. Die Nachbarin - wer war sie schon? Eine Unbedeutende Statistin. Rebecca… Es tat weh, sie mit der Fee Morgaine zu vergleichen, aber war dem nicht so? Liebte sie ihn nicht und Morgaine Lancelot? Versuchte Lancelot nicht auch Morgaine zu lieben und war dennoch in seiner ewigen Liebe zu Gwenwhyfar gefangen? Und versuchte nicht auch Matthew mit allem, was ihm gegeben worden war, Rebecca zu lieben, obwohl sein Herz eigentlich Gabrielle gehörte?

Zitternd schaute er von dem Buch auf. Wie war es möglich, dass es so viele Parallelen gab? Wie war es möglich, dass die Eigenschaften dieser Charaktere so unglaublich perfekt auf die seiner Lieben passten? Morgaine war Rebecca, Gwenwhyfar war Gabrielle und er selbst Lancelot. Das war so … offensichtlich, dass es ihn überraschte, es nicht schon viel früher erkannt zu haben. Aber wie denn auch? Bisher war ihm die Existenz dieses Buches vollkommen fremd gewesen und das, obwohl es sein eignes Schicksal beschrieb.

Es schüttelte ihn, als er die Augen wieder senkte, um weiter zu lesen.

Morgaine brachte die Tragik zu Tage: Gwen war an Artus versprochen, sie waren verheiratet und sie versuchten einander zu lieben - vielleicht taten sie das sogar? Artus… Matthew hatte von ihm gehört. Der mächtige, gütige König, der ganz Britannien geeint hatte. Ob diese Beschreibung auf Logan passte? Oder war das vielleicht ein wenig hochgegriffen? Nun, Logan war sicherlich nicht das Herz der Nation und nicht alle lagen ihm zu Füßen, doch er hatte etwas an sich, das jeden sofort Vertrauen fassen ließ. Er konnte das Herz eines jeden für sich gewinnen, ohne viel dafür tun zu müssen und manchmal sogar, ohne es zu wissen. So war es bei ihm, Matthew gewesen - und vielleicht erging es Lancelot mit Artus ja genauso? Gierig huschten seine Augen weiter. Er fühlte sich wieder in die Situation ein, fühlte Lancelots Leid - er war Gwen verfallen, so sehr, dass er bereit war, mit Artus zu brechen. Doch Artus war sein Freund. Er … liebte ihn sogar. So sehr, dass er nicht in der Lage war, ihm Gwen zu nehmen. So sehr, dass er bereit war, für ihn zu leiden. So sehr, dass er am Liebsten sterben würde.

Matthew schauderte.

Jah.

Sein Schicksal. Sein Leid. Es stimmte, passte, so war es. Er liebte Gabrielle. Aber er liebte auch Logan. Ihm zuliebe hatte er von ihr gelassen, hatte sie nicht angerührt. Und ihrer Ehre zuliebe. Wo würde es ihn und Lancelot hinführen?

Lancelot brachte es auf den Punkt. Es war eine Folter. Eine qualvolle Folter. Matt schloss die Augen und lehnte sich an die Rückwand seines Bettes. Oh ja, das war es, eine so bittersüße Folter… “Lancelot…”, sprach er den Namen des Ritters leise aus und hatte das Gefühl, er sprach seinen eigenen Namen. Lancelot würde Artus bitten, eine Aufgabe zu erfüllen. Eine Aufgabe, weit weg von Gwen und ihm. Ob er das auch tun sollte? Ob es klug wäre? Vielleicht sollte er sich Rebecca annehmen, sie mit sich nehmen und einfach weit weg von hier gehen… Ob es das war, was er wollte? Gabrielle und Logan aus dem Weg gehen? Nein, Lancelot konnte unmöglich glauben, dass das der Wunsch seines Herzens war. Und Matt behielt Recht. Lancelot konnte nicht mehr weinen. Seiner Trauer keinen Ausdruck mehr verleihen, weil es über die Ausmaße der menschlichen Trauer hinausging. Er war zum Schweigen verpflichtet, doch Morgaine gegenüber konnte er ehrlich sein - ob es auch Matt so gehen würde? Ob er Rebecca erzählen könnte, was ihm auf dem Herzen lag? Ob er sie zu seiner Vertrauten machen könnte? Oh, er hoffte es und doch machten es Morgaines Worte zunichte. Eine schlechte Frau - ob Rebecca sich auch so sah? Ob sie dachte, sie wäre eine schlechte Frau? Und worauf lag die Betonung - auf schlecht insgesamt, oder auf einer schlechten Frau? Er war verwirrt. Dennoch konnte er nicht aufhören zu lesen. Seite 449. Er sog das Leid des Ritters in sich auf und erstarrte.

An dieser Stelle muss zittiert werden, was Matthew so sehr entsetzte, was ihn so überraschte:
 

"Nein, nein. Ich glaube, ich hätte Gawain heute abend umgebracht, wenn du uns nicht getrennt hättest", sagte Lancelot. "Er hat zwar nur Spaß gemacht, aber er würde vor Entsetzten sterben, wenn er wüßte..." Lancelot wendete den Blick ab und sagte flüsternd: "Ich weiß nicht, ob das, was er gesagt hat, wahr ist. Ich sollte den Hof verlassen und Gwenhwyfar mitnehmen, ehe der Skandal an allen Höfen bekannt wird. Ich liebe die Gemahlin meines Königs, und doch... ist es Artus, den ich nicht verlassen kann... Ich weiß nicht, vielleicht liebe ich sie nur, weil ich so ihm nahe bin."
 

Matthews Herz krampfte sich zusammen und erschrocken schlug er das Buch zu, schleuderte es von sich. Wie konnte er nur! Wie konnte er denken, seine Liebe zu Gabrielle wäre nicht echt?! Wie konnte er denken, dass all das nur wegen Logan geschah?! Wie konnte er auch nur aussprechen, dass er Zweifel an der reinsten Form der Liebe hatte?!

Wütend und entsetzt zugleich sprang Matthew auf und lief auf und ab. Wie Lancelot zuvor warf er die Hände in die Luft, brabbelte wild vor sich her und konnte in dem Moment froh sein, keinen seiner Genossen um sich zu haben, denn ansonsten wäre er vermutlich … er wäre … Herrje! Warum war er noch nie auf diesen Gedanken gekommen? Wie hatte er übersehen können, dass er Gabrielle erst wieder verehrte, seitdem seine Gefühle für Logan entbrannt waren? Nein, nein, nein, so durfte er nicht denken! Ein albernes, vollkommen bescheuertes Werk aus Muggelhänden brachte ihn dazu, seine Beziehung zu den beiden vollkommen neu zu beleuchten und das passte nicht, das stimmte nicht! Wütend schlug er mit der Faust gegen die Wand, immer wieder, wie Lancelot es zuvor getan hatte. Im Herzen waren sie eins, er und der Ritter. Logan und der König. Gabrielle und die Königin. Rebecca und die Herrin vom See. Wie war das möglich? Wie konnte das alles so gut passen?

Und wie konnte ihm dieses Buch so viel Leid bringen?

Sein Herz krampfte sich unkontrolliert zusammen. Der Unterricht war schon lange vergessen, was war wichtiger, als sein Seelenheil? Verzweifelt stürmte er zu dem Buch, hob es vom Boden auf und betete, dass es eine Lösung für ihn übrig hatte. Dass es einen Weg für Lancelot und ihn gab, weiterzuleben, ohne ein gebrochenes Herz davonzutragen. Ohne jemanden zu verletzen.

Gänsehaut überfiel seinen Körper und in eisigen Schauern rieselte sie auf ihn herab, als er die nächsten Worte Lancelots aufnahm.
 

"Ich muß mit jemanden darüber sprechen, oder ich werde daran sterben... Morgaine, weißt du, wie es dazu kam, dass ich zum ersten Mal mit der Königin schlief? (Matthew schnappte nach Luft) Ich liebe Gwenhwyfar, seit ich sie zum ersten Mal in Avalon gesehen habe. Aber ich dachte, ich würde mit meiner ungestillten Leidenschaft leben und sterben müssen... denn Artus ist mein Freund, und ich kann ihn nicht betrügen... Und sie... sie... du darfst nicht glauben, dass sie mich verführt hat. Aber... es war Artus’ Wille", bekannte er. "Es geschah an Beltane..."
 

In Matthew breitete sich eine Vorahnung aus.

Sollte es etwa auch hier so geschehen, wie es bei ihm, Logan und Gabrielle geschehen war? Und sollte Rebecca dort hineinrutschen, weil sie ihn, Matthew, liebte? Oh je, das war so kompliziert, so verfahren, so … real, wie es ihm nun dieses Buch bewies. Es war ganz … normal. Und deswegen umso schmerzhafter.

Ihm wurde schlecht. Lag erstens daran, dass er noch nichts gegessen hatte, zweitens daran, dass ihm die Gefühle Lancelots dermaßen auf den Magen schlugen. Und obwohl er aufhören wollte, konnte er es nicht. Er musste weiterlesen.
 

"Aber du weißt noch nicht alles", flüsterte Lancelot. "Als wir zusammenlagen... niemals, niemals war etwas so... so..." Er schluckte und rang nach Worten, um auszusprechen, was Morgaine nicht hören wollte. "... Ich... ich berührte Artus... Ich berührte ihn. Ich liebe sie, o Gott, verstehe mich nicht falsch, ich liebe sie. Aber wenn sie nicht Artus’ Frau wäre, es wäre nicht... Ich bezweifle, daß selbst sie..."
 

. . .

Matt schlug das Buch sanft zu und legte es auf sein Kopfkissen.

Lancelot hatte mit Gwenhwyfar UND Artus geschlafen. Es überfiel ihn und er ließ sich aufs Bett fallen. War es also genau so, wie es bei ihm war? War es wirklich so, dass er mit dem Königspaar von England geschlafen hatte, er, der treue Ritter der Königin? Er verbarg sein Gesicht in seiner Hand. Für einen Moment wusste er nicht, wer er war: Lancelot, der schöne, tugendhafte Ritter, der seinen Herren und seine Herrin liebte, ehrte und begehrte oder aber Matthew, der rüpelhafte Zauberer, der einen Freund und dessen Freundin liebte, ehrte und begehrte. Die beiden Menschenbilder mischten sich und er glaubte, er sei beide.

Vielleicht war es so, wie der Merlin sagte? Vielleicht wurden sie alle immer wieder geboren und Matthew war die Wiedergeburt Lancelots, Logan die Wiedergeburt Artus’ und Gabrielle die Wiedergeburt Gwenhwyfars… Und Rebecca die Wiedergeburt der ehrwürdigen Morgaine.

Matthew lachte.

“Gott, ich bin krank”, murmelte er leise und schleppte sich aus dem Bett. So war es sicherlich nicht, wie denn auch? Er war Zauberer, Muggelstämmig und nicht irgendein Ritterfutzel. … Obwohl es eine schöne Vorstellung war, dass es jemandem genauso erging, wie ihm selbst, auch wenn es vor 1400 Jahren gewesen war. Das war erbaulich. So, als habe er jemanden, an den er sich wenden konnte. Wie dämlich! Hmpf!
 

In der großen Pause saß er zum Mittagessen wie so häufig am Gryffindortisch neben Chuck, als Rebecca die Treppe runter kam. Seine Aufmerksamkeit lag sofort auf ihr, ließ sich nicht mehr ablenken. Warum? Keine Ahnung. Er musste zwangsweise an Lancelots Geständnis vor Morgaine denken und dachte bei sich, dass er Rebecca das niemals antun würde. Niemals. Sie liebte ihn und er versuchte, die warmen Gefühle zu erwidern. Irgendwie klappte das auch und würde Lancelot ihn nicht so verwirren, würde er aufrichtig und ehrlich sagen: ich liebe Rebecca Smith. Aber es war zu schwierig, momentan konnte er nicht ehrlich sein und so wollte er versuchen, sie zu lieben. Aufrichtig. So ehrlich, wie es nur ging.

“Becca! Hier!” Er winkte sie zu sich, das gewohnt breite Grinsen auf den Lippen, das sich fröhlich erweiterte, als er beobachtete, wie sie rot wurde. Anfangs hatte er sich keinen Reim darauf machen können, hatte es ihn irritiert. Wie blind war er gewesen? Wie dumm? Erst vor einer Woche hatte Rebecca ihm an den Kopf geknallt, was los war. Komisch, eh? Kurz nachdem er mit Gabrielle und Logan geschlafen hatte, fand er einen Halt, jemanden, der ihn liebte, so wie er war, der ihn so wollte, wie er Gabrielle oder Logan wollte und ganz ehrlich? Wie könnte er Rebecca in dem Falle von sich stoßen? Er wäre ein Unmensch.

Die Brünette setzte sich neben ihn und nuschelte ein beinahe unverständliches “Hallo”, das Matthew fröhlich erwiderte. “Du bist gestern geflogen, oder? Ich hab dich gesehen…”

“Ach, hast du das?” Ihre Antworten fielen immer spitzer und aggressiver aus, je länger er sich mit seiner Antwort Zeit ließ. Sie musste sich dumm vorkommen. Unglaublich dumm. Er warf Chuck einen ergebenen Blick zu, griff nach Rebeccas Hand und verschloss sie mit der eigenen. Ohne zu wissen, was er da genau tat, drückte er ihr einen Kuss in die dunklen Haare und resignierte. Scheiß auf Lancelot und dessen Gefühle, warum sollte er nicht auch mit Morgaine glücklich werden können, obwohl gerade das so nahe lag. “Ich sage ja, Rebecca.” Und nie hatte ihr Name aus seinem Munde schöner geklungen als jetzt.

“Ja.”

Ja zu ihr. Ja zu einer Beziehung. Ja zu Morgaine und Lancelot. Ob sie sich so freute, wie Morgaine sich gefreut hätte? Oder empfand sie es als Lüge, als Scherz? Um ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen, setzte er sanft und nur für sie hörbar hinzu: “Und ich meine das vollkommen ernst. Lass uns sehen, was dabei rauskommt. Lass es uns versuchen.” Er schluckte. Ob er bereit dazu war, ihr das zu sagen? Aber wie sollte er seine Entscheidung sonst rechtfertigen? Er befeuchtete seine Lippen, drückte ihre Hand kurz und beugte sich ein weiteres Mal ganz nahe an ihr Ohr, in das er leise flüsterte: “Ich liebe dich auch, Rebecca.” Das Grinsen wurde breiter und in Gedanken fügte er hinzu: Gewnhwyfar und Artus zum Trotz, ihr treuer Ritter Lancelot liebte Morgaine!
 

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Die genutzten Zitate sind tatsächlich aus besagtem Werk von Marion Zimmer Bradley "Die Nebel von Avalon" und sind nicht aus meiner eigenen Feder! Ich verdiene damit auch kein Geld.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. ♥

Ich schloss die Augen auf Halbmast. Mein Herz flatterte vor Aufregung über das Kommende, vor Empfindungen und vor Nervosität. Ich sah, wie seine Lippen den meinen immer näher kamen, spürte seinen heißen Atem von meinen Lippen abperlen, fühlte, wie seine Fingerspitzen vorsichtig, ein wenig ungeschickt über meine Wange zu meinem Nacken wanderten. Sanfter Druck. So sanft, dass ich ihn kaum bemerkte und einfach das tat, was mein Herz schon die ganze Zeit sagte.

Ich beugte mich zu ihm herab, die Augen nun voll und ganz geschlossen.

Heiß.

Hitze.

Meine Lippen trafen nur seinen Mundwinkel, er lachte rau, zog mich dann bestimmt zu sich herunter. Herrgott, machte der das öfter? Wenn ja, dann machte er das verdammt gut. Ich fühlte mich sicher in seinen Händen und gab mich ihm hin. Alles in mir kribbelte, als sein schmalen Lippen raubten mir den Verstand, als sie sich beherrschend an meine drückten. Beinahe schon hysterisch fieberte ich dem entgegen, was nun kommen würde oder kommen sollte. Voller Erwartung öffnete ich meinen Mund, ganz sachte nur und ließ zu, dass er mich weiterhin in seiner Hand hatte.

Ich konnte machen, was ich wollte, er schien mich schon lange verhext zu haben. Himmel, und wenn das nicht gut war, dann wusste ich auch nicht, was jemals gut sein könnte! „Thomas“, raunte ich gegen die herb schmeckenden Lippen, als seine Zunge forsch nach ihnen schlug. „Pscht. Alles gut“, beruhigte er mich – klang ich etwa verängstigt? Oder erschrocken? Ah, wie konnte er das nur denken?! Also hieß es nun, den nächsten Schritt zu machen. Sachte glitt ich von meinem Bett auf die Matratze, auf der er sich niedergelassen hatte. Er war überwältigend! Sein ganzes Wesen nahm mich voll und ganz ein, ich hörte nur noch das Blut in meinen Ohren rauschen und seine sonore, melodische Stimme. Wah.

„Matthew“, hauchte er mir da in seinem Wahn entgegen und vermutlich wusste er ganz genau, was er damit in mir auslöste. Von wilder Leidenschaft und der Neugierde gepackt, wagte ich einen weiteren Schritt und drückte ihn gegen das Bettgestell, fühlte die Daunen sich unter meine Fingernägel graben. Ah. Das war so verdammt gut.

Seine Zunge an meiner.

Seine Lippen auf meinen.

Sein Oberkörper rieb verführerisch an meinem, wann immer ich mich ein wenig weiter vorwagte.

Seine Hitze besiegte die meine.

Und ich versank in den Berührungen.
 

Wie war es nur so weit gekommen? Wie hatte ich, Matthew James Gallagher, 14 Jahre, Zauberer und Querkopf der perfekten Muggelfamilie Gallagher es so weit kommen lassen, dass ich mit ihm, Thomas MacLynn, 17 Jahre, Muggel und Sohn des Chefs meines Vaters knutschte? Dass ich mich ihm dermaßen hingab?

Nun. Es kam einfach dazu...
 

Ein halbes Jahr zuvor, Sommer 2008, Limerick, Irland.

Sommer. Ein ziemlich heißer sogar. Achtundzwanzig Grad im Schatten und hier in Limerick gab es nicht viel Schatten – obwohl Irland als die grüne Insel betitelt wurde, sah es in großen Städten oft anders aus. Besonders in großen Städten. Die Sonne brannte unbarmherzig auf die volle Stadt, die Straßen waren überfüllt mit Menschen – Touristen, Eingeborenen, Geschäftsmännern – und die Eiscafés, die sonst nicht so viel Erfolg hatten, machten im Sommer 2008 das Geschäft ihres Lebens.

Ich saß auf einem der unbequemen Stühlen in einem der besagtes Eiscafés und spielte lustlos mit den Röllchen meines Schokoeisbechers. Ich hatte keine Lust auf dieses Familientreffen, starrte schon die ganze Zeit abwesend auf den Tisch, während Mister Perfect unsere Eltern bestens unterhielt! Ich knirschte mit den Zähnen, lugte zu der hübschen Brünetten, die neben seinem herzallerliebsten Bruder saß und immer wieder lachend einstimmte. Grr. Hatte er wieder alle Sympathien für sich gewonnen, dieser Schleimsack. Gut. Schön. Mir doch egal! Ich würde ihm den Gefallen sicher nicht tun. Einfach ignorieren, das würde ihn am meisten ärgern!

Plötzlich schaute Jayden alias Mister Perfect zu mir und lächelte mich frech an. „Und, Matthew? Wie läufts in Hogwarts?“ Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, ihn komplett zu ignorieren, aber das klappte nun wohl nicht mehr. Ich zuckte gewollt gleichgültig mit den Schultern und erwiderte in dem widerlichsten Englisch, das ich aufbringen konnte: „Gut, aber wie sollte es auch anders laufen? Das Zaubern liegt mir eben.“ Herausfordernd lagen die blauen Augen in den braunen meines Bruders, der jedoch nur lachend abwinkte und mir dann auch noch zustimmte! Unverschämtheit, ruinierte der meinen schönen Steilpass.

„Ach, meine Lieben. Ich habe zu Weihnachten Mister MacLynn und seine Familie eingeladen. Ist dir das Recht, Jayden? Könnt ihr denn kommen?“ Jayden nickte und erwiderte fröhlich: „Natürlich, ich wollte deinen Chef eh schon mal kennenlernen, Dad. Und wir haben nichts anderes vor. Außer natürlich Sophias Eltern besuchen.“ Er schenkte seiner Freundin dieses widerlich freundliche Lächeln und ich schaute weg. Natürlich wurde ich nicht gefragt, ob mir Recht war, dass die MacLynns kamen – aber ehrlich gesagt hatte ich auch nicht viel dagegen. Der Sohn von Papas Chef, Thomas, war ein guter Freund von mir, obwohl uns drei Jahre trennten. Er hatte oft auf mich aufgepasst, als ich noch kleiner war und war mir viel mehr ein großer Bruder, als Jayden es war. Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu, den er natürlich komplett übersah. Was auch sonst. „Denkt daran: ich will mich nicht vor meinem Chef blamieren.“ Die Augen Papas lagen recht lange auf mir und ich starrte trotzig zurück. Erst Jaydens Lachen lenkte natürlich wieder alle Aufmerksamkeit auf ihn. Er strich mir durch die Haare und säuselte in diesem verdammt noch mal zärtlichen Ton: „Dad, Matt wird sich schon benehmen. Der weiß doch, wie der Hase läuft und wird in Hogwarts gut erzogen.“ Ihre Mutter mischte sich nun gespielt beleidigt ein: „Was soll das heißen? Dass Matthew bei uns nicht gut erzogen wird?“

„Ach Mum, du weißt genau, was ich meine!“ Es folgte ein sachter Kuss auf den Wangenknochen ihrer Mutter, der mich beinahe zum Kotzen brachte. Ohne weiter darauf zu achten, wie sie guckten, stand ich auf und ging nach Hause.
 

Diese gespielte und geheuchelte Familienidylle war doch nicht zum Aushalten! Weder mein Vater noch meine Mutter glaubten daran, dass ich mich gut benehmen würde oder dass ich gut erzogen war – das hatten sie selbst ordentlich vergeigt.

Jayden hier, Jayden da... Das brachte selbst den stärksten kleinen Bruder aus dem Konzept. Ich massierte mir die schmerzenden Schläfen und beschloss, noch nicht ins Haus zu gehen, sondern noch ein wenig die Landschaft zu genießen.

Irland war schön. Sehr sogar! Ich war die letzten sechs Monate in Schottland gewesen, in meiner Schule Hogwarts. Nichts Schlechtes, nein, so konnte ich meinen Eltern entgehen und ich machte mich eigentlich ganz gut. Die Schule war schön, ich hatte meine Freunde und es war an sich alles klasse. Nur Irland fehlte mir sehr. Sie hieß nicht umsonst die grüne Insel, auch wenn es eben in den Städten selten grün war. Wir hatten ein Haus am Rande Limericks mit einigen Ländereien geerbt – soweit ich das richtig verstanden hatte von einem Onkel des 3. Grades meiner Mutter. Aber ich konnte mich auch verhört haben. Die Landluft tat gut. Sie machte den Kopf so herrlich frei und ich lehnte mich ins Gras zurück. Ausnahmsweise störte ich mich nicht an den Krabbelviechern, die nun meinen Kopf auf und ab wanderten, sondern genoss die Zeit für mich alleine.

Sommerferien waren scheiße.

Bisher war Weihnachten immer klasse gewesen. Ich war in Hogwarts geblieben und ein Jahr war sogar Chuck – mein bester Freund – geblieben. Mir zu liebe. Aber dieses Jahr kam ich in die vierte Klassenstufe und da ein großes Familienfest stattfinden sollte, würde ich wohl nicht drumherum kommen, nach Hause zu fahren. Nachdenklich starrte ich in den blauen Himmel, der keine Wolke aufwies und seufzte aus tiefstem Herzen. „Das ist doch alles Scheiße.“ War es ja auch! Kaum war Jayden wieder da, musste schon alles nach seiner Pfeife tanzen. Vielleicht machte er das noch nicht einmal mit Absicht, er hatte einfach ein Talent dafür, andere Menschen um den Finger zu wickeln. Aber mich nicht, oh nein! Ich hatte die Abgründe seiner Seele entdeckt. Düster erhob ich mich und verschloss mich in meinem Zimmer.
 

Ein Gutes hatte dieses Familienfest: ich würde Thomas nach langer Zeit mal wiedersehen. Wir sahen uns kaum noch, seitdem ich der selbst erklärte pubertierende Rebell der Familie war. Mister MacLynn hielt den Umgang mit mir für fatal für seinen Sohn – denn offiziell ging ich auch auf eine Schule für Schwererziehbare Jugendliche. Hätten meine Eltern nicht einfach Privatschule sagen können? Ach, was machte ich mir vor? Dafür hatten wir nicht genug Geld und die Lüge wäre aufgefallen. Trotzdem! Oder gerade deswegen – für Jayden hätten sie das sicherlich sofort gemacht!

Huh.

Nicht an Jayden denken, sondern an Thomas.

Wie lange hatte ich ihn schon nicht mehr gesehen? Ich drehte mich auf den Bauch und vergrub den Kopf so in den Kissen, dass ich an die Wand schauen konnte. Dort hingen Fotos von meinen Freunden – auch verzauberte. Die musste ich aber bald abmachen. Da war auch eins von Thomas und mir, als wir noch klein waren. Ich hing an seiner Hand, als würde ich gleich ertrinken und er grinste breit, zufrieden. Warme Gefühle stiegen in mir auf und ich lächelte. „Du warst immer ein viel besserer Bruder!“, brummte ich dem Bild entgegen und wischte kurz über das Gesicht meines Freundes, ehe ich die verzauberten Bilder abnahm und in den Koffer legte, den ich wieder mit nach Hogwarts nehmen würde. Das von Thomas blieb aber hängen und ich prägte mir sein Gesicht ein, um später zu erkennen, wie er sich verändert hatte: auf dem Bild war er ungefähr 13 Jahre, vielleicht auch jünger oder älter. Schulterlange, lockige blonde Haare. Warme und tiefe braune Augen. Das sympathische, gewinnende Grinsen auf den schmalen Lippen und hohe, markante Wangenknochen. Er hatte etwas an sich, was den Leuten versicherte, aufgehoben zu sein. Er schaffte es leicht mit seinem sympathischen Grinsen Menschen für sich zu gewinnen. Aber anders als Jayden. Auf eine ehrliche, nette Art.

Ich lachte. „Ich analysiere dich schon wie eine historische Figur!“ Ich rappelte mich auf und ging ins Bad. „Als ob du n Troll wärst, oder so“, sprach ich noch immer mit mir selbst.
 

An diesem Abend konnte ich gut schlafen.
 

Zwei Tage vor Heiligabend, Winter 2008, Limerick, Irland, bei Gallagher zu Hause

„Hey Ty.“

„Oh, Matt! Oooooh. Lange her, was?“

„Jah. Zu lange, wenn du mich fragst. Was treibst du so?“

„Ach, dies und das. Ich schaffe das Abitur einfach nicht, haha, das will mir einfach nicht gelingen!“

„Was? Kann ich mir nicht vorstellen...“

„Doch, Matt, du wirst lachen. Mathe und Deutsch sind die Hölle! Und ich nehm die als LK...“

„LK?“

„Hast du sowas auf deiner Schule nicht?“

„Äh, nein. Wir . . . äh . . . haben . . . äh...“

„Du brauchst nicht drüber reden, schon okay.“

„Äh, klar.“

„Und was machst du so? Musst doch tierisch froh sein, endlich da raus zu sein, oder?“

„Ehrlich gesagt nein. Jayden ist hier.“

„. . . Ouw. Big Brother daheim heißt immer Ärger bei dir, huh?“

„Das ist ja das Schlimme, genau das Gegenteil! Es scheint wieder alles total herrlich und friedlich zu sein und wir sind alle total cool und gut miteinander – ich hasse dieses Spielchen.“

„Kann ich verstehen. Das ist wie mit Paps Ex. Die taucht auch immer auf und weil er noch was von ihr will, spielt der auch immer brav ihre Spielchen. Das ist so . . . stupid!“

„Jo, du sagst es.“

„Hm. Ach, weshalb hast du eigentlich angerufen?“

„Ach ja, kommst du denn mit übermorgen?“

„Kla! Ich lasse mir doch eine Chance, meinen Matt wiederzusehen nicht entgehen!“

„. . . Haha, jah! Äh.“

„Muss dir doch nicht peinlich sein, little boy, ich habe auch schon das perfekte Geschenk für dich.“

„Was denn?“

„Ach komm, du kennst mich! Das sage ich dir sicherlich nicht!“

„Komm schon, Ty, bitte.“

„Na, ne. Das wird eine Überraschung. Weißt schon, surpirse and so on.“

„Kla.“

„Na denn. Weißt du noch was?“

„Eine ganze Menge, aber ich will dich nicht aufhalten.“

„Matt, ich habe immer Zeit für dich.“

„Danke, Kumpel.“

„Bis übermorgen! Ich freue mich, dich wiederzusehen. Wirklich!“

„Ich auch. Bis dann.“
 

Heiligabend, Winter 2008, Limerick, Irland, Festhalle

Mir stockte der Atem. So viele Leute. Staunend tapste ich durch die große Halle, die zum Bersten gefüllt war. In meiner Verwirrung vergaß ich mein Gift zu verteilen und fragte vorsichtig: „Dad? Wo kommen die ganzen Menschen her?“ Er schien ähnlich überrascht wie ich und schüttelte den Kopf. „Ich … habe keine Ahnung!“ Dann folgte ein gelöstes Lachen und ich schaute zu ihm auf. So glücklich hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen und es entlockte mir ein kleines Lächeln, ihn so zu sehen. Aber das Lächeln erstarb, als ich sah, wem sein Lachen galt: Jayden, wem auch sonst. „Schau, da ist dein Bruder! Sophia! Jayden! Kommt zu uns!“

Okay, das wars, ich verzog mich, ohne meinen Bruder und seine Freundin auch nur eines Blickes zu würdigen und mischte mich unter die Leute.

„Bist du der Kleine Matthew?“ Ich schaute abermals auf und sah mich einer alten, eingebrochenen Dame gegenüber, die mich wohlwollend musterte. „Ah, jetzt sehe ich es! Diese Augen vergisst man nicht“, lachte sie und kniff mir in die Wange.

Bitte was war hier los? Wo kamen die ganzen Leute her und warum schienen sie mich alle zu kennen? Ich zögerte, fragte dann aber doch: „Entschuldigen Sie, aber muss ich Sie kennen?“

„Ach nein“, winkte sie ab und schenkte mir noch eine Tasche voll mit leeren und vollen Glasflaschen – komischer Brauch. „Ich bin die Frau deines … ähm … Urgroßvaters mütterlicherseits. Das muss alles sehr verwirrend für dich sein. Komm mit mir, ich stell dich allen vor.“

ALLEN?! In mir wuchs das Entsetzen, während ich Cathal, Finn, Aimee, Joseph, Eoghan, Aisling und und und vorgestellt wurde. Kaum hatte ich mich mit einem Namen angefreundet und begriff, wie und warum ich mit der Person dahinter verwandt war, da zerrte mich meine Urgroßmutter schon weiter und stellte mich der nächsten vor. Irgendwann hatte ich es aufgegeben so zu tun, als würde es mich interessieren und lächelte nur noch mechanisch. Das … ging mir jetzt schon gegen den Strich. „Du, Omi.“ Ich war dazu übergegangen, so zu nennen und ihr schien es zu gefallen. „Ich muss mal dringend. Wir … äh … sehen uns sicherlich.“ Sie lächelte gönnerhaft und strich mir über die Wange – brr! - bevor sie sagte: „Natürlich. Lebe wohl.“Diese Worte hatten einen bitteren Nachgeschmack, aber ich trat dennoch den Rückzug gen Toiletten an.

Als ich den halben Weg schon hinter mir hatte – bei Merlin, man sah den Boden vor lauter Menschen nicht mehr! - spürte ich etwas auf der Schulter. Eine Hand. Nein! Verdammt! Mit mechanischem Lächeln wandte ich mich um. „Entschuldigung, aber ich muss verdammt dringend pissen“, entfuhr es mir ungehalten und die Mundwinkel zuckten.

Ich war überrascht ein vertrautes Lachen zu hören und schaute noch einmal genauer hin.

Kurze blonde Haare. Groß. Schlank. Vielleicht ein wenig zu schlank. Schmale Schultern, schmales Becken. Keine Taille. Eine eckige Brille auf der Nase.

Ty hatte sich sehr verändert, das war nicht zu bestreiten, aber die Augen waren die gleichen lebensfrohen Mandeln, die ich vor ungefähr zwei Jahren das letzte Mal in natura gesehen hatte. Ich konnte nicht verhindern, dass ich ihn ungeniert anstarrte. „Matthew, Matthew, ich hätte erwartet, dass man dir auf deiner Schule Manieren beibringt“, scherzte Thomas und breitete die Arme aus. Ohne groß nachzudenken umarmte ich meinen alten Freund und grinste breit. Aw, das war toll! Thomas hatte mich gefunden unter all den Menschen, das war ein klasse Gefühl! Und noch toller war es zu wissen, dass er hier war. Dass ich nicht ganz alleine und verloren unter all den Fremden war sondern einer da war, mit dem ich klarkam, den ich mochte und dem ich ein uneingeschränktes Vertrauen entgegen brachte.

Ich lachte vor Freude und er stimmte ein. „Hab dich vermisst, Kleiner“, brummte er zufrieden, als er mich ein letztes Mal fest an sich drückte und ich ließ es geschehen. Musste schon jetzt arg gegen die Tränen kämpfen und bekam kein Wort heraus. Also nickte ich nur. Man war von mir ja gewohnt, dass ich emotionaler reagierte, als die meisten – in alle Richtungen – aber dennoch überwältigte mich die Flut an Gefühlen, die über mir hereinbrach.

Thomas ließ mich los und begutachtete nun mich. Ich machte einen Diener und lachte. „Du hast dich verändert, Ty. Brille! Steht dir aber gut.“

„Ja, ne? Ich war ja zuerst skeptisch, aber ich fand mich auch ziemlich sexy damit“, grinste er und schlug mir auf die Schulter. „Aber ich wollte dich nicht vom pissen abhalten. Zisch ab. Ich warte bei der Band auf dich.“

Bei der Band? Naja gut, besser, als ziellos herumzuirren.
 

Ich fand mich irgendwie bei der Band wieder und Thomas stellte mich allen vor. . . . Hä? „Du … singst?“ Thomas nickte zufrieden und antwortete: „Das sogar ziemlich gut, wenn ich das so sagen darf. Auch wenn Paps es nicht so gerne sieht, aber das ist eh equal, was der Kerl sagt. In einem Jahr bin ich raus.“ Das überraschte mich. „Ich dachte, zwischen euch läuft es gut?“ Er zuckte mit den Schultern und setzte sich auf eine der Boxen – ich ließ mich neben ihm nieder, nach einer der Gitarren greifend. „Nun, ja. Eigentlich... Ja, ich kann wirklich nicht klagen. Er ist n klasse Dad und so, aber n beschissener Lover. Also, nicht falsch verstehen.“ Er lachte abermals und es überlief mich eiskalt. „Ich meine damit die Ex. Mich nerven seine Geschichten. Und Neven...“, er deutete auf einen hochgewachsenen Mann in der Nähe der Drums, der mich skeptisch musterte, „...nimmt mich in nem halben Jahr auf. Wir werden dann vermutlich n bisschen rumreisen und so. Das Abi schaff ich eh nicht.“ Irgendwie tat er mir leid. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter, doch er lachte nur und winkte ab. „Keine Sorge, Matt. Alles in Ordnung, sonst hätte ich dir das doch schon längst gesagt.“ Er klopfte mir abermals auf die Schulter und ich war mir des Blickes Nevens gewiss. Ich schluckte. „Neven ist … ein Freund?“

Ich bemerkte Thomas Blick.

Lange.

Intensiv.

Aber nicht auf mir, sondern auf Neven. Dieser erwiderte den Blick. „Jah. So etwas in der Art. Das ist … kompliziert“, antwortete Thomas wage und schaute mich unsicher an. „Matt? Darf ich dich was fragen, ohne dass du austickst?“

„Nur, weil ich angeblich auf ne Behindi-Schule gehe, heißt das nicht, dass ich wahllos jeden verprügel, der mir vor die Nase kommt...“

„Weiß ich ja. Mir ist das nur sehr wichtig.“ Er zögerte kurz, wirkte ernst und nachdenklich. „Du bist mir wichtig. Ich will es mir mit dir nicht verscherzen, Matt.“ Der machte es aber spannend. Ich spürte mein Herz rasen. „Schieß los.“ Klang ein wenig heiser und fremd.

„Wie … Wie stehst du … Ach, das ist blöd, vergiss es!“ Er lachte nervös und stand auf, mich einfach sitzen lassend.

Na danke auch!

Verwirrt schaute ich ihm nach, wie er zu Neven ging, ihm vertraut etwas zuflüsterte und Neven daraufhin mich anschaute. Oh. Sie redeten von mir? Jedenfalls nickte der große Schlagzeuger und kam mit Thomas zu mir zurück. Unsicher, was ich nun denken oder sagen sollte, schaute ich von einem zum anderen. „Willst du nachher mitspielen?“, fragte Ty mich dann vollkommen unvorbereitet und aus einer Motivation heraus, sagte ich sofort zu.

Wow.

Euphorie packte mich so schnell, dass ich gar nicht mehr wusste, wohin damit, als Thomas mir die nötigen Griffe zeigte. Seine Finger lagen immer wieder auf meinen und ich grinste zu ihm auf, wann immer unsere Blicke sich trafen. Dümmlich. Naiv. Wie ein kleiner Bruder seinen großen angrinsen würde. In freudiger Erregung, etwas Neues und Aufregendes zu tun.
 

Da stand ich also. Mir ging die Pumpe, so vor vielen Menschen und so. Ich wusste noch nicht mal, ob ich die Griffe richtig drauf hatte, aber ich versuchte mich trotzdem daran. Thomas hatte ja auch ne Gitarre um und der Trompetenspieler hinten spielte immer ein wenig heftiger, wenn ich mich vergriff. Bemerkte keiner. Die meisten waren eh schon betrunken da unten.

Aber es machte verdammt großen Spaß! In fiebriger Freude spielte ich mich in Ekstase, rannte die Bühne auf und ab, sprang und sang laut mit, sofern ich die Texte kannte, die Thomas mit seiner rauchigen Stimme anstimmte. Wah, mir jagte seine Stimme immer wieder Schauer über den Rücken. Einmal wagte ich mich ganz nahe an Ty heran, sang mit ihm in ein Mikro, fing den Blick aus braunen Augen auf und … drohte zu fallen.

Der Boden wurde mir spontan unter den Füßen weggezogen und ich verlor mich vollkommen in ihnen. Meine Lippen bewegten sich automatisch und leise Worte verließen meinen Mund, ja, das konnte man nicht bestreiten, aber mein Hirn hatte komplett ausgesetzt.

Scheiße.

Deshalb vermied ich es seitdem, ihm zu nahe zu kommen. Mister MacLynn hätte es bestimmt eh nicht gerne gesehen, wenn ich da so mit seinem Sohn zusammenklebte. War ja klar, schlechter Einfluss und so.
 

Die Band wurde im späteren Verlauf des Abends nicht mehr gebraucht und Thomas, Neven und Claus – der Trompeter – wollte alle drei gehen. Aus einem Impuls heraus griff ich nach Thomas Handgelenk und murmelte: „Geh nicht. Ich will hier nicht alleine sein.“ Ich weiß nicht, was mich dazu bewegt hatte und weiß nicht, warum er zusagte, aber er blieb. Den ganzen Abend und noch länger, fing sich bedrohliche Blicke vom großen Drummer ein, der mit dem Trompeter abdampfte.

Danke sagte ich trotzdem nicht. Es war irgendwie selbstverständlich, dass er blieb. Warum auch immer.

Das war das zweitschönste Weihnachten, dass ich jemals gehabt hatte. Das schönste war das erste mit Chuck gewesen in der ersten Klasse. Da gab es kein Vertun.

„Matt. Ich bin tierisch müde und Paps sieht nicht so aus, als würde er noch alleine nach Hause kommen“, brummte Thomas gegen zwei Uhr morgens leise und ich seufzte ergeben. Doch dann fiel mir etwas ein. „Bleib doch einfach! Also, du und dein Vater. Dein Vater kann in unserem Gästezimmer schlafen, das ist kein Ding. Und ich hab genug Platz.“ Ich freute mich über meinen grandiosen Einfall und Thomas lächelte breit. „Klar! Aber sofort! Los, komm schon, ich bin müde. Hast du einen Schlüssel?“ Als Antwort klimperte ich mit dem Schlüssel in meiner Hosentasche.

Wir traten den Heimweg an. Die Festhalle lag nicht weit von unserem Haus entfernt, allerdings hatte Ty schon ein bisschen was getrunken und stützte sich schwer auf mich. Ich hatte lieber nichts getrunken – ich vertrug Alkohol nicht so besonders. Im Dunkeln war der Weg schwer zu finden und ich musste mich voll und ganz auf meinen – gelinde gesagt – beschissenen Orientierungssinn verlassen. Irgendwie schaffte ich es aber, mich und meinen Freund nach Hause zu schleppen. Der Schlüssel drehte sich schwerfällig im Schloss und wir erklommen die Treppenstufen.

„Setze dich aufs Bett. Ich hole dir Wasser und Bettzeug“, wies ich Thomas sanft an, der schon leicht weg dämmerte und nur nickte. Kurz Treppen wieder runter, Wasserflasche, Gläser, Bettdecke und Kissen geholt und damit wieder die Treppe hoch. „Da bin ich wi-“ Ich unterbrach mich. Thomas war bereits eingeschlafen. So viel zum Thema mehr Zeit füreinander. Aber das war okay. Ich lächelte und konnte mich nun endlich für die etlichen Male bedanken, die er mich schon zugedeckt hatte.

Ich zog die Matratze unter meinem Bett hervor, legte eine leichte Decke drüber, bezog Kopfkissen und Decke und legte alles feinsäuberlich auf das Gästebett. Glas und Wasser wurden erst mal abgestellt.

Hm.

Und nun? Ich überlegte, ob ich auf der Matratze schlafen sollte, aber nach der Inspektion meines Bettes kam mir das nicht sehr schmackhaft vor. Ty schlief eh schon, der würde nichts merken.

Ich war zwar einige Zentimeter kleiner, dafür aber beinahe doppelt so breit und stämmiger als er. Es war ein leichtes für mich, ihn aus meinem Bett auf seines zu rollen, ihn sanft zuzudecken und das Licht auszumachen.

Meine Hose fiel, als ich es Rascheln hörte. „Matt? Warum hast du mich nicht geweckt?“ Ich stieg aus der kurzen Jeans, während ich leise erwiderte: „Ich wollte nicht. Ging doch auch so.“ Er brummte. Dann ertönte wieder seine Stimme, gedämpft von dem T-Shirt, dass ich mir gerade über den Kopf auszog. „Aber du bekommst doch noch dein Geschenk!“ Oh, stimmte! Das hatte ich vollkommen vergessen. Nachdenklich biss ich mir auf die Lippe – ich hatte nichts für ihn. „Ach, das muss nicht. Der Tag heute war Geschenk genug.“ Ich setzte mich auf mein Bett und deutete auf die Flasche. „Wasser. Dir muss schlecht sein.“

Plötzlich eine Hand auf meiner statt einer Antwort. Verwirrung. Finger, die sich fest um mein Handgelenk schlossen. Aufsteigende Hitze. Ein nach Bier riechender Thomas, der sich aufsetzte und flüsterte: „Mir ist nicht schlecht. Nur ein wenig kalt.“ Ohne nachzudenken erwiderte ich trocken: „Dann deck dich zu.“ Er lachte rau, männlich und plötzlich wurde mir bewusst: wir waren keine Kinder mehr. Er war fast erwachsen und ich tat so, als wäre ich es schon lange. Wir waren nicht mehr die Kinder von früher und auch nicht mehr die Brüder, wie wir sie mal waren. „Nicht die Art von Kälte, Matthew.“ Mein ganzer Name aus seinem Mund. Ich schauderte. „W-Welche Art dann?“, brachte ich hervor und bereute es sogleich. Ein Ruck ging durch seinen Körper und sein Kopf lag auf meinem Schoß. Ich hatte das Gefühl, eine Ewigkeit verstreiche, während er mit seiner anderen Hand nach meiner anderen suchte und sie ineinander verschränkte.

Was sollte das?

War das mein Geschenk? Darauf konnte ich gut verzichten. Ich wollte meine Hände wegziehen, seinen Kopf wegschieben, doch … etwas in mir … Nein. Ich wollte, dass er dort liegen blieb, wie er dort eben lag. Er kam mir schutzlos vor, verletzlich. Es war an der Zeit, dass ich für ihn sorgte und nicht andersherum. „Welcher Art, Thomas? Du hast meine Frage nicht beantwortet“, erinnerte ich ihn so sanft wie es mir möglich war und hörte ein Seufzen als Antwort. Na toll. Die innere Unsicherheit steig und ich wurde nervös. Wohin würde das hier führen? Was hatte er vor und warum ließ ich ihn gewähren? Er sollte mir nicht so nahe sein. Ich hatte mich zwar nie mit Moralfragen beschäftigt, aber jetzt schossen mir die typischen durch den Kopf: darf ein Mann mir so nahe kommen? Darf ich einen Mann so lieben? Darf er mich so anfassen? Darf ich es ihm erlauben? Hausgemachter Unsinn, wenn man mich fragte, man sollte lieben dürfen, wen man wollte, aber dennoch...

„Du Idiot.“

Ich schreckte auf. Wieso beleidigte er mich nun? Ich entkam ihm irgendwie, riss meine Hände zurück und schob seinen Kopf weg, rutschte fort. Das war nicht schön. Warum tat er das? Es war gerade schön gewesen, sehr schön und er machte es kaputt. Ich schaute dorthin, wo ich sein Gesicht in der Dunkelheit vermutete und schenkte ihm einen bösen Blick, den vermutlich nicht einmal bemerkte. „Warum … gehst du weg?“, fragte er mich vorsichtig und die Unsicherheit in seiner Stimme erschreckte mich. Was war los? Thomas stand Unsicherheit nicht. Er war ein selbstbewusster junger Mann, der wusste was er konnte und was nicht. Aber warum dieser Zweifel? „Ich … weiß nicht“, log ich und er erwiderte schnell: „Dann komm wieder her! Bitte! Ich mag es nicht, wenn du mich so anschaust.“ Was? Sah er meinen Blick doch? Nun war es an mir, unsicher zu sein und langsam rutschte ich wieder an den Rand meines Bettes, die Augen fest auf seine gerichtet. Nun erkannte ich auch endlich etwas – sie hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Er hatte seine Brille abgenommen. Huh. Mit gefiel er mir besser.

„Matt?“

„Hm?“

„Die Frage von vorhin... Gilt die noch?“

„Welche?“

„Na, dass ich dir eine stellen darf?“

„Klar.“

Ich hörte ihn durchatmen, spürte seine Hand warm und ein wenig feucht auf meiner – die war eiskalt. Es brannte sogar ein bisschen. „Komm her“, raunte er. „Das ist keine Frage.“

„Würdest du herkommen?“ Ich zögerte. „Jah.“ Und rutschte noch ein wenig näher. Sein Kopf lehnte an meinem Knie. Irgendetwas veränderte sich gerade und das machte mir Angst. Er griff abermals nach meiner Hand, dieses Mal zog ich sie schnell weg, ohne dass er sie berührte. Aber er merkte es trotzdem. „Würdest du mir deine Hand geben?“ Ich zögerte wieder. Aber ich gab sie ihm. Seine Finger schlossen sich endgültig um die meinen und es … fühlte sich gut an. Ich schluckte. „Würdest du zudrücken?“ Ich zögerte. Aber ich drückte zu. Und ein Stich ging durch meinen Körper, elektrisierend und schockierend zugleich. Ich starrte ihn an. Seine Mundwinkel waren unsicher verzogen. „Matthew? Ich … ah, was solls. Deine Augen sind der Hammer, Kleiner. Und du hast dich in den letzten zwei Jahren so stark verändert. Ich habe dich kaum wiedererkannt. Du bist gewachsen. Hast mich ja fast eingeholt! Und deine Schultern...“ Seine Hand rutschte aus meiner und wanderte den Arm empor bis zu der Schulter. Wo immer sie lang fuhr, hinterließ sie ein angenehmes Gefühl auf der nackten Haut. Es kribbelte. Es prickelte. Es war aufregend. Neu. „Wahnsinn, wie du dich verändert hast. Du siehst jetzt … männlich und … erwachsen aus. Du bist nicht mehr mein kleiner Matt.“ Das war ein Schlag in die Magengrube. Ich wandte den Blick ab und biss mir auf die Unterlippe. „Du bist jetzt Matthew. Ein fast schon erwachsener Mann. Ich erkenne dich kaum wieder. Nur deine Augen.“ Ich schaute wieder auf. „Deine Augen sind dieselben.“ Seine Hand wanderte um meine Schulter herum, fuhr den harten Knochen nach, segelte über das Schlüsselbein und ich begann zu zittern. Mir wurde heiß und kalt. Hatte ich nicht dasselbe gedacht, als Thomas wieder vor mir gestanden hatte? Aber ich bekam keinen Ton heraus. Seine Hand wanderte weiter, zwischen dem Schlüsselbein herab auf die Brust, weiter, weiter, immer weiter bis zum Bauch. Ich sog zischend die Luft ein. „Das … kitzelt, Ty...“

„Ich bin auch nicht mehr Ty für dich, Matthew, oder?“ Ich musste über den Sinn seiner Worte nachdenken. Und schüttelte den Kopf. Irgendwie wirkte er zufrieden, als seine Hand wieder in meiner landete. Dieses Mal war ich derjenige, der unsere Hände ineinander verschloss. „Nein. Du bist … Thomas. Aber immer noch mein Thomas. Und das wird sich auch nicht ändern.“ Woher ich diese Worte nahm, wusste ich nicht. Und was danach geschah, war nur noch ein verschwommenes Hochgefühl der Emotionen.
 

Heute, 1. Weihnachtsfeiertag, Limerick, Irland, Matthews Schlafzimmer

So war das also passiert. Ich erinnerte mich. Und im gleichen Augenblick war es mir egal.

Ich erzitterte unter den präzisen Berührungen meines Freundes. Gab mich ihm vollkommen hin. Und dennoch hielt er irgendwann inne. Ich öffnete die Augen und hörte sein zufriedenes Seufzen, als er seine Zähne an meinem Hals versenkte. Ich keuchte. „Matthew, mein Matthew. Matthew, Matthew, Matthew“, wiederholte er immer wieder meinen Namen und ich verlor den Verstand. Wollte mehr, viel mehr.

Aber er gab es mir nicht.

Langsam setzte er sich auf und zog mich mit sich hoch, küsste mich immer wieder. Mund – Hals – Kinn – Wange – Stirn – Mund. Ich genoss. Aber warum hörte er auf? Das Feuer war verschwunden. Hatte ich etwas falsch gemacht? War ich zu passiv gewesen? Hatte er sich mehr oder auch weniger erhofft? Ich war verwirrt. Legte meine Hand in seinen Nacken. Zog ihn noch einmal zu mir heran. Wollte den herben Geschmack von Bier auf meinen Lippen und meiner Zunge. Er beugte sich. Und nie hatte ein Kuss so süß und gleichzeitig bitter geschmeckt.

Seine Hand fuhr auf und ab, es fühlte sich an, als habe er nicht nur eine davon, sondern hunderte davon am Werk. Ich spürte sie überall und sie entlockte mir immer wieder heiseres Keuchen. Was tat dieser Mann mit mir? Es war mir egal.

Thomas liebkoste meine Brust, meine empfindlichsten Stellen und schließlich widmete er sich einer ganz besonders, die danach schrie, erlöst zu werden. Sein heißer Mund brachte mich um den Verstand, wie von Sinnen erwiderte ich seine Zärtlichkeiten, ließ ihn gewähren, verwöhnte auch ihn. Spürte, wie sein Leben in meiner Hand pulsierte und nach Erlösung schrie. Ich presste mich an ihn, er zitterte.

Dann stieß er mich von sich.

„Matthew. Wir müssen aufhören. Ich … will dich nicht entehren. Ich liebe dich, oh Gott, ich liebe dich mehr, als ich jemals jemanden lieben könnte, aber... Aber ich will es zwischen uns nicht kaputt machen.“ Er lehnte sich zitternd und keuchend an mich und ich lehnte mich an die Wand, fuhr ihm durch das kurze Haar. Verstand noch nicht. War noch zu vernebelt. „Ich … ich … Was habe ich mir nur dabei gedacht! Du warst immer ein kleiner Bruder für mich.“ Ein vernichtender Stich in die sich schnell hebende und senkende Brust. „Aber heute... Matthew, sag mir, dass ich mir das nicht nur eingebildet habe, bitte, sag es mir!“

„Du hast es dir nicht nur eingebildet“, echote ich, keine Ahnung, was ich da genau sagte. „Es tut mir leid, so leid. Ich will dich nicht verletzen, ich wollte dich immer nur beschützen! Aber heute... Du... Matthew, du hast dich so verändert! Du bist so erwachsen geworden...“

„Ist doch gut.“

„Nein, nein, nichts ist gut! Ich werde dich verletzen, du hast dir etwas erhofft, aber ich werde nicht mit dir schlafen.“ Schock. Ich starrte ihn an. „Das will ich doch auch gar nicht.“

„A-Ach nein?“

„Nein, Thomas. Mir reicht es zu wissen, dass du mich lieben wirst, egal, was andere sagen“, grinste ich und er schüttelte fassungslos den Kopf. „Du bist doch ein naiver Trottel, Matt. Idiot...“ Ich zuckte mit den Schultern und gähnte. „Ich bin müde, lass uns schlafen.“ Er biss sich auf die Unterlippe und nickte langsam, zog mich mit sich. Wir rollten uns zusammen, kuschelten uns aneinander. Dann fiel mir etwas ein. „Was das dein Geschenk an mich?“, fragte ich sanft. Er zögerte. Doch dann bejahte er. „Danke. Das war … haha, wunderschön“, lachte ich atemlos und schloss die Augen. Die letzten Worte, die er flüsterte, verstand ich nicht mehr.
 

Erst Tage später sollte mir klarwerden, dass wir uns nie wieder sehen würden. Ohne es zu wissen, hatte ich dem ersten Menschen das Herz gebrochen und er das meine. Und vermutlich würde ich auch das nie erfahren.

Aber seitdem brannte ein Licht in mir lichterloh und suchte nach jemandem, der sich an ihm wärmen wollte.

Ich wache über dich

„Raymond. Komm da runter.“

Der Blonde schnalzte mit der Zunge und hob eine Augenbraue, die Füße neckisch übereinander schlagend. „Warum?“, fragte er und Laurence antwortete prompt: „Weil das Sitzen auf den fahrenden Treppen verboten ist.“

„Immer die gleiche Leier. Fällt dir nichts Neues ein?“

„Regeln werden nun einmal nicht neu erfunden, Raymond.“ Ein tiefer Seufzer entfuhr dem Blonden und er legte den Kopf schief, noch immer das spitzbübische Grinsen auf den Backen. „Doch, das werden sie. Von den Kreativen. Von Leuten wie mir. Du hingegen ...“ Ehe er weitersprechen konnte, unterbrach ihn Laurence ruhig, aber mit steigendem Unwohlsein: „Raymond. Ich bin Schulsprecher. Zur Not werde ich dir Punkte abziehen.“

„Oh? Deinem eigenen Haus?“

„Du weißt, ich gebe nichts auf Häuser.“

„Aber auf Regeln.“

„Ja. Und auf die Einhaltung. Also runter nun.“

„Worum geht es dir hier wirklich, hm, Cousin?“ Raymonds Gesicht wurde ernst und er rutschte von dem Treppengeländer. Die magische Treppe setzte sich ruckartig in Bewegung, als habe sie nur darauf gewartet, dass der ungebetene Gast sich endlich entfernte. Raymond lehnte sich an das Geländer, während er Laurence Gesicht musterte. „Um die Einhaltung der Regeln? Oder um einen Sieg über mich, hm?“ Er sah, wie die Pupillen seines Cousins kleiner wurden, die eisblauen, kalten Augen verengten sich und Raymond sehnte sich nach den eigentlich warmen, braunen Augen – warum nur diese farbigen Kontaktlinsen? Brille stand ihm eh viel besser... „Also? Ich warte...“

Doch anstelle einer Antwort, ging ein Ruck durch die Treppe und Laurence stand eine Weile unschlüssig vor dem Blonden, das Gesicht verzogen zu einer Miene aus Stahl und hob dann eine Hand.

„Fünf Punkte Abzug für Ravenclaw, dass du dich den Regeln widersetzt hast, Carrow.“ Und kaum hörbar flüsterte Laurence: „Und fünf Punkte Abzug für Missachtung meiner Gefühle.“ Letzteres würde niemals auf dem Stundenglas erscheinen.

Ein kurzer Blick.

Blau traf auf Blau. Eis auf Feuer. Liebe auf Hass.

Dann war alles vergangen.
 

~*~
 

„Wie oft muss ich es noch wiederholen?“

„So oft, bis ich es verstanden habe, schätze ich.“

„Du bist unverbesserlich!“

„Nun, so scheint es wohl. Damit stehe ich dir in nichts nach, wie?“

„Raymond! Nicht in diesem Ton!“

„Sonst was, eh? Noch mal Abzug? Auf der großen Tafel oder auf deiner persönlichen Liste, hm? Du missbrauchst dein Amt echt, Amy, das sieht dir gar nicht ähnlich. Willst du mir nicht erzählen, was los ist?“

„...“

„Gut. Ich bin da, das weißt du.“

„...“

„Amy?“

„Hm?“

„Du hast vergessen, mir die Hausaufgaben zu geben.“

„... Mach sie selber, faules Aas.“
 

~*~
 

Laurence sank in sich zusammen, als die Tür zum Schlafsaal zufiel. Es war niemand da, niemand, der ihn beobachten konnte, niemand, der ihn verurteilen konnte, niemand, der auch nur einen Blick auf das zerrüttete Wesen des Laurence Amycus Carrow werfen konnte.

Sein Atem ging schwach, doch stoßweise. Er hatte das Gefühl, kaum richtig Luft zu bekommen, dass seine Lungen sich bei jedem Atemzug zusammenzogen und etwas sich so eng um sie schlang, dass es ihm den Atem nahm. Die Pflicht? Der Hass? Der Zorn?

Nein.

Nein, es waren die Worte, die Raymond gesagt hatte. Die ihm immer wieder durch den Kopf schossen, ihm Nachts den Schlaf nahmen und Tagsüber nicht zur Ruhe kommen ließen. Die jede Sekunde seiner eh bemessenen Zeit in Anspruch nahmen und ihn zerschmetterten.

Ein Sieg über seinen Cousin?

Wozu?

Warum sollte er das wollen?

Er hatte kein Bedürfnis, sich mit Ray zu messen. Nicht, weil er es nicht gekonnt hätte oder weil er Angst vor Konfrontationen hatte, nein, es war die Beziehung, die ihm Sorgen machte. Die Beziehung zu seinem Cousin. Ah. Er liebe ihn aufrichtig. So, wie man einen Bruder lieben würde, würde man einen haben. Ray und er waren zusammen aufgewachsen. Hatten ein Bett geteilt.

Laurence lächelte und es sah gequält aus, als er sich im Spiegel betrachtete.

Schon damals hatte er stets versucht stark zu sein und war an Rays Stärke zerbrochen.
 

~*~
 

„R-Raymond?“

„Heya Amy. Alles gut soweit? Wo sind Mum und Dad?“

„Weg. Eine Versammlung.“

„Aha. Was ist los? Du bist so ruhig.“

„Ich … ich habe Angst, dass … dass sie nicht wiederkommen, Ray.“

„Hey... Warum sollten sie nicht wiederkommen?“

„Die anderen sind auch nicht wiedergekommen.“

„Du meinst Onkel Amycus? Und meine Mum? Das war … etwas anderes. Bleib ruhig so ruhig. Mich stört es nicht.“

„A-Aber … hast du denn gar keine Angst?“

„Warum sollte ich denn? Ich habe doch dich! Solange du da bist, kann mir gar nichts passieren.

Ich habe dich. Mehr brauche ich nicht. Du bist mein Bruder. Jedenfalls fast. Und Brüder halten zueinander, egal, was passiert!

Mum und Dad kommen schon wieder.“

„Und was, wenn nicht?“

„Dann … dann haben wir immer noch uns, oder nicht? Zählt das gar nicht, Laurence?“

„Doch... Doch, schon!“

„Bist du immer noch nicht beruhigt?“

„... Hm … Nein, aber mir geht es jetzt besser. Danke.“

„Naaa, nicht dafür. Das tun Brüder füreinander!“

„Und was wäre, wenn wir keine Brüder wären? Sind wir im Grunde ja auch nicht, oder?“

„Doch, natürlich sind wir das! Da drin! Im Herzen!“

„Aha.“

„Das verstehst du noch nicht, hm?“

„Doch, schon...“

„Aber wenn wir keine Brüder wären, dann … dann wären wir richtig dicke Freunde! Und ich würde dich immer noch lieb haben und dich beschützen. Immer, Laurence, immer.“

„Ich brauche nicht beschützt werden. Das kann ich selber.“

„Haha, ich weiß! Irgendwann wirst du einmal auf mich aufpassen, nicht wahr?“

„Ja, klar! Irgendwann...“

„Geht es dir jetzt wieder gut?“

„Jah … Du?“

„Hm?“

„Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?“

„Hm … Jah. Naja, auch das tun Brüder wohl füreinander...“
 

~*~
 

Was hatte sich verändert? Was war geblieben von der einstigen Vertrautheit? Warum traute ich Raymond nun nicht mehr über den Weg? War es die eigene Unsicherheit? War es der Unwille, sich jemandem anzuvertrauen? Die Unfähigkeit, Freundschaften zu schließen? Das vererbte Misstrauen, die verdammte Einsamkeit und das Erbe unseres Namens?

Aber warum war Raymond dann nicht so?

Ah, mein Kopf begann zu schmerzen und ich legte mich aufs Bett, die Augen gen Himmel gerichtet. Er war blau. Wolkenfrei. Gab den Blick auf höhere, weitere Sphären frei, welche die Menschen nicht erreichen konnten. Noch nicht. Irgendwann würden sie es können.

Irgendwann...

Ich hatte mir an meinem 11. Geburtstag geschworen, nie wieder schwach vor Raymond zu sein. Nie wieder Schwäche vor irgendjemandem zu zeigen. Meiner Mutter ein guter Sohn zu sein und meinem Vater ein guter Erbe.

Mein Vater...

Todesser Amycus Carrow. Gehasst, gefürchtet, verurteilt. Wie lange er wohl noch aushalten würde, in Askaban? Man sagte, selbst die Hölle sei ein gnädigerer Ort als dieser. Oder waren das nur die Märchen, um Kinder zu verschrecken? Amycus Carrow. Ein Bestandteil meines eigenen Namens, der ganze Stolz der Linie. Schon im Ansatz hatte ich versagt. Hatte ich mir stets zu viele Gedanken gemacht, mich stets zu viel gesorgt, mich stets in etwas hineingesteigert, was ich niemals würde erfüllen können: die hohen Ansprüche meiner lieblosen Mutter.

Ich hatte versagt.

Ich war kein Slytherin geworden wie meine Eltern. Wie der große Todesser Amycus Carrow und seine Frau Abigail. Wann hatten sie wohl geheiratet? Wie hatten sie Zeit für ihre Liebe gefunden? Ob sie sich überhaupt geliebt hatten? Es hieß, mein Vater war ein grausamer, verrückter Mann gewesen, der nur Augen für den Dunklen Lord oder seine eigene Schwester hatte.

Alecto Carrow.

Ebenso grausam. Ebenso gefürchtet. Und ebenso verdammt in einer nie enden wollenden Hölle zu leben. Die Mutter meines Cousins, meines Freundes Raymond Alecto Carrow. Und auch hier der doppelte Name, der Wunsch, man könne die Linie der Carrows aufrecht erhalten. Der Wille, man würde etwas Großes schaffen. Der Glaube, man könne dem dunklen Lord auch im Tode noch dienen. Doch was brachte uns das, mir und Raymond? Wir kannten weder den dunklen Lord, noch die Umstände, die unsere Eltern dazu brachten, sich ihm zu verschreiben. War es Angst? Hass? Gier? Die Macht? Oder war es Zwang?

Meine Mutter war sehr stolz auf ihre Herkunft. Auf ihr reines Blut. Ich hatte nie viel damit anfangen können, mit der Reinblütigkeit. Der Stammbaum ging weit in die Jahrhunderte zurück – das einzig interessante daran. Es wurde von mir verlangt, dem Namen Carrow alle Ehre zu machen.

Und ich hatte versagt.
 

Slytherin … nein, das war weit entfernt. Ich war keine Schlange. Mein Haus war das des Adlers, des freien Stürmers, der dem Himmel entgegen strebt. Nach Freiheit, Weisheit und Güte strebend, niemals zurückblickend auf das, was geschehen ist und niemals vorausschauend auf das, was noch geschehen wird. Die Gegenwart, die zählte.

Doch wer war ich, dass ich die Tradition brechen durfte?
 

Meine Mutter... Ihre Augen waren kalt, voller Härte und ohne jegliche Emotionen. Onkel James stand neben ihr, Raymond neben mir selbst. Ich hatte ihn an der Hand fassen, mich hinter ihm verstecken wollen und doch hatte ich mich vor ihn gestellt. Hatte meiner Mutter ernst ins Gesicht geblickt und hatte damals gesagt: „Mutter. Es ist keine Schande, ein Adler zu sein. Ich bin stolz darauf. Ich wäre gerne eine Schlange geworden, doch ich bin es nicht. Wirst du mich so akzeptieren und mit vergeben?“

Doch meine Mutter hatte nichts erwiderte. Die Ohrfeige brannte auch Jahre danach unbarmherzig ein Loch in mein Herz. Die kalten Augen hatten auch für einen Moment auf Ray gelegen, der unter ihnen erbleichte. Warum? Er war so stark. Er hatte das Herz eines Löwen, den Verstand eines Adlers und den Geist eines Dachses. Er war noch so viel weniger Schlange, als ich selber. Noch so viel liebenswürdiger, begehrenswerter.

Onkel James hatte Abigail beruhigt. Er hatte es irgendwie geschafft, dass wir alle an dem Abend zusammen aßen.

Niemand sagte ein Wort, ehe Raymond das Zepter in die Hand nahm, und nach seiner Mutter fragte. In dem Moment schien die Welt stillzustehen. Wir, die Cousins aus dem Hause Carrow, wir, die wir verdammt sind, die schwarzen Schafe, die Sünder zu sein, wir wollten um jeden Preis noch immer zu dieser Familie gehören.

So kalt und unfamiliär sie auch war, wir liebten sie. Wir lieben sie noch immer.

Meine Mutter hatte nichts gesagt und James einen Blick zugeworfen. Trotz der Jahre, in denen sie uns zusammen aufgezogen und uns gute Eltern gewesen waren, waren sie einander niemals näher gekommen. Aus Angst? Aus Respekt? Oder liebten sie ihre inhaftierten Partner wirklich?

Mein Onkel hatte seinen Sohn lange angeschaut und gesagt: „Raymond. Deine Mutter ist sehr krank und unglücklich, dort, wo sie jetzt ist. Wir können sie nicht mehr besuchen fahren. Es wird … Sie wird dich nicht mehr erkennen, wenn wir erst dort sind.“

Ich weiß noch, dass ich Raymond in dieser Nacht habe weinen hören.

Vielleicht war es der Tag, an dem wir uns unweigerlich von einander trennten? Ich konnte nicht weinen. Ich verspürte nicht den Drang, nicht den Wunsch. Tante Alecto … ich kannte sie nicht, ebenso wenig, wie meinen Vater. Natürlich war ich traurig. Und natürlich hätte ich weinen wollen, doch ich konnte nicht.
 

Etwas war in dieser Nacht in Ray zerbrochen. Ich kann es heute nicht mehr sagen, was es war, doch ich habe es in seinen Augen gesehen. Ab und an sehe ich diesen Schimmer auch heute in seinen unendlichen Augen liegen. Obwohl ich versuche, so zu sein wie er, meine Augen den seinen anzupassen, mich so zu verhalten, wie er – selbstbewusst, stark und meinen eigenen Weg suchen – kann ich nie so sein, wie er.

Raymond kann weinen.

Er kann toben.

Lachen.

Schreien.

Wüten.

Aber er könnte niemals töten. Er ist ein guter Mensch, ein wahres schwarzes Schaf und deshalb … deshalb muss ich ihn beschützen. Das wollte ich schon immer, das musste ich schon immer. Vielleicht habe ich ihn früher dadurch beschützt, dass ich so schwach war? Vielleicht konnte er dadurch stärker werden? Stärker erscheinen, als er wirklich war? Ich sehe es in seinen Augen, immer wieder, er ist zerbrechlich. Die Kämpfe, die wir austragen, die finden nicht so statt, dass andere sie bezeugen könnten. Sie finden in unserem Herzen statt.

Ray kämpft damit, seine Mutter nicht zu kennen. Er kämpft mit seinen Emotionen, mit seiner Liebe, mit seiner Wut.

Ich dagegen kämpfe um die Anerkennung meiner Mutter, ignoriere meine Emotionen, empfinde keine Liebe oder Wut und mein Vater … ich vermisse ihn. Oft frage ich mich, ob er anders ist, als meine Mutter. Ob er wärmer ist, ob er lieber ist. Ob er ein richtiger Vater ist. Aber immer wieder führe ich mir vor Augen, wer mein Vater ist … oder bestenfalls war: ein Todesser. Ein Schwarzmagier. Ein Anhänger Lord Voldemorts. Ein düsterer, grausamer, brutaler Magier, der vor nichts zurückschreckte, um die Gier nach Macht und Einfluss zu befriedigen. Er kämpfte im großen Krieg, benutzte schutzlose Kinder als Schild und floh, bevor ihn der Tod ereilen konnte.

Wie kann man so einen Menschen lieben?

Wie kann ich das Kind eines solchen Menschen sein?

Es gibt nur eine Erklärung: irgendwo, tief in mir drin, fühle ich genauso wie er. Ich fühle den Drang, etwas Besonderes zu vollbringen. Ich spüre die Anziehungskraft der Macht und des Verbotenen. Ich … ich bin anders, als Raymond. Wir sind absolut gegensätzlich. Er hat sich mit seiner Position als schwarzes Schaf abgefunden, während ich verzweifelt versuche, mich reinzuwaschen. Doch von was? Von meinem wahren Wesen?
 

Ah, der Kopf beginnt zu rotieren. Mir wird schwindelig. Ich höre, wie die Tür aufgeht, doch der Schlaf hält mich in dem Moment gefangen, als ich die Augen schließe.
 

~*~
 

Die Stärke eines anderen war stets schwer einzuschätzen. Man wusste nicht genau, worauf man sich einließ, wenn man jemand Größerem gegenüberstand. Gewicht, Masse, Muskeln … das alles spielte eine Rolle. Aber vor allem die Geschwindigkeit.

Ich pustete mir eine der goldenen, jetzt ein wenig verklebten Haare aus dem Gesicht und reckte den Mittelfinger empor. „Komm schon!“ Schmerz explodierte in meinem Kopf, knapp unter der Schläfe und die Schwärze griff so bekannt nach mir, dass ich mich fallen ließ.
 

Feigling.

Ich bin ein Feigling.

Ich beneide Laurence für seine Geradlinigkeit, für seinen Ehrgeiz, für sein Pflichtbewusstsein. Ich könnte das nicht. Ich laufe eher weg, als dass ich mich einer Schwierigkeit stelle. Als dass ich mich dem Unerwarteten wirklich stelle. Wozu auch? Die Vergangenheit hat gezeigt, wie dumm dieses Verhalten ist.

Ich bin weder ein Held, noch ein Märtyrer. Und erst recht kein Antiheld.

Laurence hat schon recht, wenn er mit mir schimpft. Er hat im Grunde immer Recht, wenn es um Regeln, den Glauben oder die Moral geht. Es gibt nichts, was er nicht kann, er versucht alles, um anderen zu beweisen, wie gut er ist. Und dass er gut ist, das weiß ich. Unglaublich gut. Die Schule … auch, wenn ich nur halb so viel lernen würde wie er, ich würde genauso gute Noten schreiben, weil ich ein Naturtalent bin. Aber ich ruhe mich auf Erfolgen aus. Ich trainiere und lerne nicht, ich bilde mir auf meine Auszeichnung als Naturtalent etwas ein. Ich faulenze lieber, träume, stelle Sachen an, alles, nur um nicht auf dümmere Gedanken zu kommen.

Ich beneide ihn. So sehr, dass mich der Neid aufzufressen droht.

Seine kühle Arroganz. Ihn scheint nichts zu verletzen.

Die stoische Gelassenheit. Man kann ihn angreifen wie man will, er fährt nicht aus der Haut.

Und die Augen. Laurence hat Augen, die einen umbringen können. Von innen nach außen. Sie lassen einen erfrieren, so kalt sind sie, und im gleichen Moment trocknen sie einen von innen aus, so warm sind sie. Er ist ein Wechselbad und dennoch gleichbleibend. Er schafft einen Spagat, den ich niemals schaffen würde. Ich bin lieber ich selbst. Bin lieber das Wechselbad, das immer heiß ist. Ich lasse mich lieber provozieren, gehe lieber auf Spiele der anderen ein und das, ja, das ist der Unterschied.

Spiele.

Ich liebe sie. Ich kann nicht ohne sie, Spiele sind das A und O. Laurence hingegen … er verabscheut Spiele. Wetten. Karten. Brettspiele. Frauen. Selbst als diese Klatschspiele modern waren, vielleicht in der zweiten Klasse, hat er nur abschätzig eine Braue gehoben. Weshalb das wohl so ist? Hat er Angst, seine kühle Maske zu verlieren? Hat er Angst seinem Namen nicht zu entkommen?

Er ist in all seiner Intelligenz, in all seiner Klugheit unglaublich dumm.

Er glaubt, dass der Name Carrow ihn zu etwas verpflichtet. Dazu, das Erbe eines dunklen Magiers anzutreten. Aber die dunklen Zeiten sind vorüber, er braucht keine Angst zu haben. Wenn ich ihm das sagen würde, würde er es mir glauben?

Hmpf.

Nein, vermutlich nicht. Er glaubt nur noch das, was er fassen kann. Was er logisch berechnen kann. Was in den geschichtlichen Aufzeichnungen steht. Irgendwie logisch, dass jemand wie er immer für alles eine Erklärung braucht.

Aber gerade deshalb liebe ich ihn. So sehr, wie ich einen Bruder nur lieben kann. Es wäre nicht fair, ihn dafür zu verurteilen, anders zu sein als ich. Das ist gut so. Ich bin das schwarze Schaf. Wenn es ihm hilft … Wenn es ihm hilft, würde ich alles tun, damit er mich hasst. Damit er sich von den Freveln reinwaschen kann. Damit er nicht mehr leiden muss. Damit er seinen eigenen Erwartungen gerecht wird.
 

~*~
 

„Mensch, Amy... Lass doch gut sein, eh?“

„Das … Du siehst schrecklich aus.“ Raymond lachte unbeholfen, was schließlich in ein Röcheln überging. Sanft fanden seine Finger den Weg auf die Schulter seines Cousins, wo sie warm und ruhig lieben blieb. Wie ein Fels in der Brandung. „Das nenne ich mal … ein charmantes Kompliment.“ Das Grinsen schlich sich auf seine Züge. „Wenn du … so weitermachst, dann liegen dir die Mädels … bald echt zu Füßen!“

„Du solltest nicht so scherzen. Cameron hat dich übel erwischt.“

„Cameron! CAMERON! Du solltest dich mal hören!“ Raymond klang wütender, als er beabsichtigt hatte und er drehte den Kopf so, dass Laurence ihn von seiner Position aus nicht mehr sehen konnte. Das Gesicht war von Schatten verdeckt, als Ray weiterredete: „Nennst diesen Arsch schon beim Vornamen. Der hat dich vorgeführt! Den Namen Carrow beschmutzt.“ Ruckartig drehte sich der Kopf zu Laurence und er konnte sehen, wie seinem Cousin die Bewegung kurzzeitig die Lichter ausschaltete. „Ich sorge dafür, dass dieses Arsch blutet, glaub mir.“

„Das ist das Problem. Ich glaube dir. Du machst nichts, verstanden?“ Ein Grinsen. „Kla. Verstanden.“

„Raymond! Ich meine es ernst.“

„Jah doch. Ich verstehe ja schon … Ich … mache nichts.“

„Hm.“

„...“

„Schlaf jetzt. Ich komme später noch einmal.“
 

~*~
 

Ja.

Ich liebe ihn. So abgöttisch, dass es an Dummheit grenzt. Er darf sich alles erlauben, darf mich behandeln, wie er will, mich treten, bestrafen, töten – ich würde ihm alles vergeben.

Alles.
 

Vor meinen Augen verschwimmt alles, als ich sie schließe, um ein wenig zu schlafen. Dämlicher Idiot. Er ist zu weich. Zu leicht zu zerbrechen. Er will keinen Streit, keinen Ärger. Aber das steht in Konflikt mit seinen Genen – und mit mir.

Laurence.

Amy.

Jah, mein Amy. Würdest du mich hergeben, wenn das dein Weg in die Ahnenhalle wäre? Würdest du mein Wohl für deines Opfern?

Ah, was frage ich so dumm.

Niemals.

Wir gehören zusammen. Ich habe dich immer beschützt, du hast mich stets beschützt. Wir haben uns die Liebe gegeben, die Mutter und Vater nie für uns übrig hatten. Wir sind wie Brüder. Nur noch viel mehr.

Würdest du das, was du am meisten liebst, für den Regen opfern, der dich von allem reinwäscht?

Würdest du das, was du am meisten liebst, leichtfertig wegwerfen, um nie wieder dreckig zu werden?

Würdest du mich wegwerfen, opfern?

Sag, Laurence, würdest du?
 

„Nein.“
 

Ich schrecke auf.

Mein Kopf pocht, die Gedanken drehen sich. Ich schaue träge zu meiner Seite und sehe in die wärmsten braunen Augen, die Gott je geschaffen hat. Ich lächle. Scheiße, habe ich etwa Zähne verloren? Laurence sitzt neben mir, hat wohl bis eben geschlafen. Er ist ein Morgenmuffel, ich weiß. Man sollte ihn niemals vor der Zeit wecken und dennoch sitzt er hier, auf den ernsten, kühlen Zügen ein ungeahnt sanftes, liebevolles Lächeln. Die warmherzigen Augen drohen mich beinahe zu verschlucken.
 

„Ich würde dich niemals hergeben, Ray, glaub mir.“
 

Mir steigen die Tränen in die Augen. Warum? Ich habe keinen Grund zu weinen.

Oh.

Doch.

Ich bin glücklich. Ich glaubte, dass ich mich auf ihn verlassen kann, immer. Aber glauben ist etwas vollkommen anderes als wissen. Nun weiß ich es. Nun werde ich nie wieder Zweifel an ihm aufkommen lassen. Haha, naja, solange eben, bis er mir das Gegenteil beweist.
 

„Ich weiß. Eigentlich.“

„Ray. Weißt du noch? In der einen Nacht?“

„Es gab viele Nächte...“

„Dummkopf. Du weißt es.“

„...“

„Ich gab dir damals ein Versprechen.“

„Ja?“

„Ja. Dass ich auf dich aufpassen würde. Irgendwann.

Der Tag ist jetzt gekommen. Ich löse dich jetzt ab. Irgendwann musste der ja mal kommen. Du wartest schon viel zu lange.“

„...“

„Und, Ray?“

„Hm?“

„Du bist kein schwarzes Schaf. Du bist nur das Grauste unter den Carrows. Mum und Dad können stolz auf dich sein. Auf deine Stärke.“

„Aber sie sind es nicht.“

„Vielleicht ja doch?“

„Ich glaube nicht. Außerdem bin ich nicht stark. Ich beneide dich für die Stärke, die du beweist, Laurence. Stoisch schaust du über alles hinweg … Warum kannst du das?“

„Weil ich … anders bin als du, Ray.“

„Hm...“

„Ich bin genauso wenig stark, wie du schwach bist, Ray. Wir halten einander für stark, weil wir einander beneiden und lieben. Wir wissen nicht, was nun eigentlich überwiegt: der Neid, über die Stärke oder die Liebe, für die Schwächen des anderen. Ich weiß, wie es dir da geht. Ich bin neidisch auf deine Ignoranz, auf deine Wärme, deine Liebe. Auf deine Geduld, dein Temperament, auf deine Gefühle, auf deine Tränen.

Nein, wisch sie nicht weg. Sie stehen dir. Du bist Leidenschaftlich. Emotional. Das bist du, Ray, und ich liebe dich so, wie du bist.“

„Das war … viel Gesülze für einen Tag, oder?“

„Hm. Schlaf jetzt.“

Ein Grinsen. „Kriege ich noch einen Gute-Nacht-Kuss?“

Laurence grinste auch. „Nein. Du bist doch schon ein großer Junge.“
 

Trotzdem fuhren die Fingerspitzen des Dunkelhaarigen sanft durch die goldfarbenen Haare und hinterließen das Gefühl eines Kusses. Nur sehr viel intimer. Sehr viel … ehrlicher.
 

„Ich hab dich lieb, Bruder“, raunte Raymond und Laurence Stimme klang gewohnt ruhig, gewohnt streng: „Genug jetzt. Schlaf endlich.“

Torn

Torn ~ Zerrissen

by Robin Simmonds


 

Ich habe schon immer nach etwas in meinem Leben gesucht, nach etwas verlangt. Oft dachte ich, dass es für einen Jungen in meinem Alter seltsam war, sich Fragen zu stellen wie „lebe ich wirklich?“ oder „lohnt es sich zu leben?“ und schlussendlich „was ist das Leben?“. Ich weiß heute, dass diese Fragen ein Resultat meiner inneren Leblosigkeit waren. Es stimmt. Bis zu dem Tag, an dem Licht meine hohle Hülle durchflutete, vergingen viele Jahre, die ich besser hätte nutzen können, als auf der Suche nach etwas, von dem ich erst heute weiß, was es ist. Damals wusste ich es nicht, konnte es gar nicht wissen. Ich fühlte mich leer, alleine, einsam, obwohl meine Eltern an sich keine schlechten Menschen waren. Weder fies, noch gewalttätig oder besonders streng – einfach ziemlich mittelmäßig. Sie … machen ihre Sache sogar selbst jetzt noch ziemlich gut, auch wenn ich nichts mit ihnen zu tun haben will. Dafür können sie im Endeffekt nicht einmal etwas.

Aber eins nach dem anderen.

Wie gesagt, ich fühlte mich leer. Aber 'leer' ist nicht die komplette Beschreibung für das Gefühl, das mich beschlich, denn Leere zeugt davon, das etwas einmal voll gewesen sein musste – ich jedoch war mir im Alter von acht Jahren absolut sicher, niemals richtig gelebt zu haben und es auch niemals zu können. Ich war … am Ende. Am Boden. Unvollständig. Immer fehlte etwas, um wirklich lebendig zu sein. Ob eine Emotion war, ein Gefühl oder auch nur eine Regung – eine Reaktion auf meine Umwelt, von der ich mich schon damals systematisch abgrenzte. Mache ich auch heute noch.

Heute fällt es nur nicht mehr so sehr auf.

Mit Acht war ich also schon ein Einzelgänger und hoffnungslos in meiner inneren Zerrissenheit gefangen. Und genau das beschreibt es perfekt: zerrissen. Obwohl ich noch keine Ahnung hatte, wie ich dieses Gefühl beschreiben sollte und meine Eltern alles versuchten, meine Lehrer mich anstachelten und mein Psychiater die wagemutigsten Versuche wagte – es half nichts. Keiner konnte mir helfen, weil sie nicht wussten, was mich bedrückte. Ich wusste es damals selber nicht. Ich hatte keine schlimme Kindheit, keinerlei Brutalität im Umfeld und das Fernsehen hatte keinen Einfluss auf mich. Ich hatte sogar einen Freund in der Nachbarschaft, war immer viel draußen, alleine und mit Nachbarkindern, meine Großeltern waren immer großherzig, meinen anderen Verwandten begegnete ich mit größter Höflichkeit. Jeder erfreute sich an meiner höflichen Ader, nannte mich ein freundliches Kind, einen guten Jungen.

Hm.

Würden sie mich heute sehen, würden sie staunen, was aus ihrem guten Jungen geworden ist.

Im Grunde wusste ich es schon mit acht: ich war kein guter Junge, kein freundliches Kind. Ich machte mir nichts aus den Worten, die ich anderen sagte, pfiff auf ihre Sympathie und ihr Wohlwollen. Das änderte sich später, doch auch dazu mehr. Ich konzentrierte mich nur auf mich selbst und auf das, was in mir fehlte. Diese innere Zerrissenheit machte mich verrückt – dabei fiel ich nicht mehr auf, als jeder andere Achtjährige. Ich schmiss mit Steinen nach Katzen, riss Fliegen die Beine aus und flutete Ameisenhügel. In der Schule schrieb ich ab oder störte ab und an den Unterricht mit lautem Lachen, doch auch hier tat sich nichts Abnormales hervor.

Und doch wusste ich mit acht Jahren: ich war nicht wie die anderen. Ich dachte nicht wie sie. Schon da dachten sie nur ans Küssen und wie sie die Mädchen am besten verarschen konnten. Mich interessierte das nicht. Weder die Mädchen, noch wie groß der Popel von einem Nachbarjungen war und erst recht nicht, wer die Kirschkerne am weitesten spucken konnte. Natürlich bemerkte niemand etwas, doch ich wusste es einfach. Da war mehr. Es musste einfach mehr als das geben. Ich konnte nicht glauben, dass es hieß zu leben, wenn man Kirschkerne spuckte, Mädchen mit großen und kleinen Popeln ärgerte und Ameisen platt trat. Das war … Ich versuchte alles. Doch nichts füllte meine Leere, nichts vermochte mir zu zeigen, dass ich lebte.


 

Bis der Brief kam.


 

Als ich Elf wurde, hatte ich bereits jede Hoffnung auf Heilung aufgegeben. Niemand ahnte etwas davon, dass sich in meinem Inneren etwas angestaut hatte, eine Wut und Leere, die sich nicht in Worte fassen lässt. Obwohl ich mich normal weiterentwickelte, versuchte ich alles, nicht normal zu werden. Ich ließ mich mit den falschen Jungen ein, rauchte meine erste Zigarette mit zehn hinter den Mülltonnen und probierte mein erstes Bier mit zehn ein halb. Ich tat das, wovor mich meine Eltern gewarnt hatten und lernte aus den Fehlern, welche die Menschen im Fernsehen ständig machten: ich ließ mir meine Wandlung nicht anmerken, baute schon mit Zehn eine Fassade auf, die weder Eltern, noch Lehrer, noch mein Psychiater knacken konnten. Ich war noch immer der normale Junge, obwohl ich doch alles tat, um es nicht zu sein.

Verrückt.

Das dachte ich zumindest.

Bis ich alles begriff. Ich erinnere mich noch immer glasklar an den Tag meines 11. Geburtstags. Er ist mir ins Hirn gebrannt, wie nur noch ein anderer Tag außer ihm.

Ich stand früh auf, wie immer. Ich konnte nie gut schlafen, etwas hielt mich wie immer bis spät in die Nacht wach, meine Gedanken drehten sich alleine um meine Misere, ehe mich die Sonne am Horizont wach küsste, wann immer sie über die Hügel kroch. Ich rappelte mich also auf, tapste ins Bad, verrichtete mein Geschäft, putzte mir die Zähne und wusch mir das Gesicht. Dann zog ich mich an und trat vor die Haustür, um die Zeitung ins Haus zu holen. Das Datum stach mir ins Gesicht und ich lachte – aber irgendwie hatte ich mich nie auf meine Geburtstage gefreut. Als ich wieder ins Haus zurückkam, nahm meine Mutter mich in ihre Arme und drückte mir Küsse auf, gratulierte mir und reichte mich an meinen Vater weiter, der das gleiche Ritual vollzog. Ich ließ es über mich ergehen, obwohl ich schon im Alter von acht und auch jetzt noch einen gewissen Abscheu gegenüber dieser Überschwänglichkeit hege. Besonders, wenn sie von meinen Eltern ausgeht.

Sie führten mich zum Tisch und ich durfte meine Geschenke auspacken. Ein Fußball. Ich interessierte mich kein Stück für diesen hirnrissigen Sport, beinahe noch weniger, als für Quidditch … Ein gerahmtes Bild von einem damals ziemlich berühmten Sänger, Robbie Williams. Ich mochte ihn, aber auch nur, weil seine Augen so eine gewisse Traurigkeit ausstrahlten. Nur wenige seiner Texte drückten genau das aus, was er wirklich sagen wollte. Zumindest glaubte ich fest daran. … Eine kleine Geldbörse mit zehn Pfund. Und einige Karten von Verwandten. Oma Hildegard hatte mir wie immer auf mein Konto Geld überwiesen, während Tante X und Onkel Y mir alles erdenklich Gute wünschten.

Ich fing an zu weinen. Meine Mutter fragte mich, ob alles in Ordnung war.

Nein, nichts war in Ordnung. Ich war zerrissen. Ich war komplett zerstört, kein bisschen Leben füllte diesen jungen Körper aus. Noch im Erblühen war ich verwelkt.

Doch ich bejahte und in dem Moment, als mein Vater die Torte holen wollte, raschelte es im Kamin und ein vollkommen verrußter, schrecklich magerer Kauz rauschte in unser Wohnzimmer. Meine Eltern waren erschrocken, doch ich wusste, dass sich nun alles verändern würde. Meine kindliche Intuition riss mich vom Stuhl. Ich eilte zu dem Kauz, half ihm wieder auf seine braunen Füße und nahm ihm den Brief vom Fuß. Ehe ich mich versah, kreischte das Tier und ich verstand, ohne wirklich verstanden zu haben. Ich griff nach einem der Kekse auf dem Tisch und reichte ihn dem Vogel, der zuerst skeptisch den Kopf schräg legte, dann aber fröhlich Gurrend den Keks nahm und auf dem Weg ging, wie er erschienen war.

Als der Vogel weg war, richtete sich meine gesamte Aufmerksamkeit auf den Brief und aufgeregt fingerte ich an dem Umschlag herum. Es lag Magie in der Luft, ich atmete, inhalierte sie, wusste, jetzt war ich am Ziel. Es veränderte sich alles: meine Finger zitterten, so, wie sie noch nie zuvor gezittert hatten. Mein Herz schlug Purzelbäume, wo es seit elf Jahren im Einklang geschlagen hatte und mir stand der Schweiß auf der Stirn, wo ich elf Jahre lang keine Regung auf etwas gezeigt hatte. Ich lachte wie im Wahn, während ich die Zeilen drei Mal, vier Mal, sogar ein fünftes Mal las und meine Eltern wollten schon den Psychiater anrufen, doch ich kreischte plötzlich vor Freude und sie sahen mich das erste und einzige Mal auf ihrem Wohnzimmertisch tanzen. Ich erlaubte mir diesen Überschwang kindlicher Freude. „Was ist nur mit ihm? Schatz? Robin? Liebling? Was hast du denn? Von wem ist der Brief?“, hörte ich sie fragen, doch scheinbar dachten sie, ich litt an einer ansteckenden Krankheit, denn sie kamen nicht näher. „Ich bin ein Zauberer!“ Ich höre meine Stimme noch immer überschwänglich purzeln und mein Lachen klingelt noch immer in meinen Erinnerungen nach.

Es war das erste Mal in meinem Leben, in dem ich mich wirklich lebendig fühlte.


 

Diesem wahnsinnigen Ereignis folgten Jahre der Unsicherheit, der Angst, des Misstrauen, des Versteckspielens.

Ich wurde Zauberer. Mein wacher Geist, mein listiges Wesen und mein Wille, alles für ein Ziel zu tun, dass ich damals noch nicht kannte und das mir heute klarer denn je ist, verschlugen mich in das Haus der Schlange; Slytherin.

Von da an veränderte ich mich noch einmal. Ich wusste es, doch ich hatte nicht vor, etwas dagegen zu unternehmen. Ich hatte das Gefühl, alles richtig zu machen, als ich versuchte, meine innere Zerrissenheit zu leugnen und zu kitten.
 

Indem ich sie verbarg.

Mein Leben änderte sich schlagartig. Ich war plötzlich ein Zauberer, konnte Dinge vollbringen, von denen ich zuvor nur geträumt hatte – ich musste die Steine nun nicht mehr auf Katzen schmeißen, ich konnte sie zielgerade auf die Schädel der Tiere niedersausen lassen, ohne auch nur mehr als ein Stück Holz zu bewegen. Ich musste Fliegen nicht mehr die Beine ausreißen, ich konnte sie mit einem einfachen Spruch in ihrer Bewegung erstarren lassen und ihnen schließlich langsam das Leben nehmen. Ameisenhügel musste ich nicht länger fluten, auch hier half mir das kleine Holz. Ich fühlte mich allmächtig, unbesiegbar. Mich konnte man gar nicht mehr aufhalten, denn ich wusste endlich, wohin ich gehörte und begann, mein Leben, Hogwarts und die Welt der Zauberer zu lieben. Nie, nie wieder wollte ich als Muggel leben.

Und da fing das Problem an.

Slytherin war dafür bekannt, nur Reinblüter und ehrenhafte Halbblüter in seine Reihen zu lassen. Nur wenige Ausnahmen waren 'Schlammblüter', wie sie von den Schlangen genannt worden – Menschen wie ich. Es schmerzt, noch heute. Und ich habe eine Mörderangst. Niemals war ich gleichzeitig so glücklich und gleichzeitig so zerrissen, wie in dem ersten Jahr auf Hogwarts. Ich suchte meine Mitte, eine Möglichkeit, irgendwie meine Herkunft und das zu vereinen, was ich gerne sein wollte.

Keine Chance.

Nicht damals und nicht heute.

Entweder musste ich meinen großen Traum, Fuß in der Welt der Zauberer zu fassen, aufgeben, oder aber meine Familie. Die Wahl war mir damals nicht sehr schwergefallen und ich bereue sie keinen Moment in meinem Leben. Zu keinem Zeitpunkt glaubte ich, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Nie. Auch heute nicht.

Ich kapselte mich von den anderen Slytherin ab, war in der ersten Klasse als Streber und Sonderling abgestempelt und wann immer jemand auf mich zukam, schmetterte ich ihn ab. Ich konnte niemandem trauen. Wenn auch nur einer herausfinden sollte, wer mich geboren hatte, welches Blut ich in mir trug … Nein. Nein, ich konnte keine Risiken eingehen. Im Übrigen war ich in meinem ersten Jahr noch der vollen Überzeugung gewesen, in der Schule zum Lernen und nicht um Freunde zu finden zu sein.

Diese Einstellung änderte sich mit einem Schlag, als ich Neil kennenlernte.

Neil ist so ein Mann vom Schlag Bester Freund. Den würde jeder gerne als solchen haben. Er ist nett, zuvorkommend und man kann alles mit ihm machen – eine lustig-charmante Fassade. Aber mehr als eine solche, war es auch nicht. Das wusste ich im ersten Moment, als wir uns sahen.

Wir lernten uns kennen, als ich gerade versuchte, eine Tasse in eine Ratte zu verwandeln. Der Sinn dieser Übung entzog sich meinem Wissen, doch ich war erpicht darauf, alles zu tun, um einen Sinn zu finden und die Aufgabe zu erfüllen. Ich wollte ein Ziel erreichen. Ich hatte mir für meine Zwecke einen der leeren Kellerräume ausgesucht, als die Tür aufging und drei lachende Slytherin den Raum betraten.

Das ist der zweite Moment, der mir ins Hirn gebrannt ist.

Neil stutzte, als er mich sah. Er war nur ein Jahr älter und dennoch sah er mit seinen zwölf Jahren schon unglaublich erwachsen aus. Groß. Ich musste damals ganz schön zu ihm aufsehen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Neil schoss bis zu zwei Meter in die Höhe und ich blieb auf halber Strecke bei meinen 175 cm liegen.

Jedenfalls zog ich meine Masche ab, die ich immer abzog.

Ich schnappte mir meine Sachen, warf den Anwesenden einen hoffentlich bitterbösen Blick zu und wollte aus dem Klassenzimmer flüchten, da legte sich unverhofft eine Hand auf meine Schulter; fest und unnachgiebig. „Na, Simmonds, wo geht es hin?“, höre ich Neil damals wie heute fragen. Ich wusste noch, dass ich mir beinahe vor Angst in die Hosen machte. Nicht nur, weil mein Geheimnis jeden Augenblick auffliegen konnte, nein, die beiden Typen, die Neil bei sich hatte, waren mindestens aus der Dritten und echte Hünen – aus der Sicht eines damals 135 cm kleinen Wichtes. Doch es kam ganz anders. Neil lachte abermals und zog mich unbarmherzig zurück in den Klassenraum, schloss die Tür vor der Nase der beiden Hünen und setzte sich mit mir zusammen auf einen der Tische.

„Du bist Robin, oder? Aus der Ersten.“

„Jah.“ Ich weiß noch, wie furchtbar kratzig sich meine Stimme angefühlt hat.

„Ich kenne dich. Glaube ich. Zumindest weiß ich, dass wir uns ziemlich ähnlich sind.“

„Aha?“

„Du bist wohl nicht sehr gesprächig?“ Damals wie heute bemühe ich mich, erst das Wesen meines Gegenüber herauszufinden, um dann die Antworten geben zu können, die er hören will. Das ist sicherer. Das verhindert unangenehme Fragen. Mit einem Schlag durchschaute ich die Fassade des für einen Slytherin verdächtig netten Jungen und sah einen verschlagenen Lügner vor mir, der vor Sarkasmus und Ironie nur so troff. Er machte sich nichts aus anderen Menschen, machte sich einen Spaß daraus, sie das Gegenteil glauben zu lassen und nur sein einnehmendes Wesen erlaubte ihm, genau das zu tun, was er tat: die Leute wurden abhängig von ihm.

Und das war der Moment, an dem ich mir sagte, ich würde genauso werden. Meine Fassade würde ebenso wirksam sein wie die seine, meine wahren Motive weit unter ihrer Oberfläche verstecken und niemand würde jemals auf die Idee kommen, meine Motive zu hinterfragen, weil er von Anfang an glauben würde, ich hätte welche. Nur die falschen. Die Wahrheit würde niemals ans Tageslicht kommen. Ich würde dafür sorgen.

Und Neil würde mir, ohne dass er es ahnte, helfen.

„Doch. Aber nur bei den richtigen Leuten“, hatte ich ihm geantwortet und in dem Moment kopierte ich seine Fassade so hoffnungslos penibel, dass es ihm unmöglich werden sollte, in mir zu lesen. Jedenfalls glaubte ich das.

Seitdem habe ich es mir angewöhnt, zu jedem gleich freundlich zu sein, gleich höflich und niemals über Persönliches zu sprechen. Natürlich verriet ich meine Motive ab und an, aber das war nötig, um die Menschen zu finden, die mir mittlerweile alles bedeuten. Ich weiß, wie gefährlich das sein kann. Und ich bin mir sicher: im entscheidenden Moment weiß ich, was wichtig sein wird – meine Wahrheit, oder die ihre.
 

Meine Einstellung hing ich nie an die große Glocke; Neil schon. Und allein die Tatsache, dass wir seit dem Treffen unzertrennlich waren, zeigte, dass ich vollkommen mit ihm übereinstimmte: Schlammblüter raus. Dass mich das selbst mit einbezog, raubte mir zwar den Schlaf, aber nicht den Mut. Ich vertraute fest darauf, dass ich eine Lösung finden würde, mich beweisen würde und schlussendlich, wenn ich bereit war, die Wahrheit zu sagen, niemand mehr auf mich verzichten wollen würde.

Naiv.

Dumm.

Absolut nicht überlebensfähig.

Also ließ ich es. Ich erzählte niemandem von meiner Herkunft.

Und obwohl ich glaubte, endlich angekommen zu sein, endlich meine Mitte gefunden zu haben und endlich die Leere füllen zu können, die seit meiner Ankunft auf Hogwarts nicht mehr da war, zerriss es mich innerlich.

Herkunft – Stolz.

Slytherin – Familie.

Blut – Wert.

Ich wusste nicht, ob all das richtig war, was ich propagierte; wenn auch inoffiziell. Ich wusste nicht, wie lange ich dieses Spiel spielen konnte. Ich wusste nicht, ob ich irgendwann daran zerbrechen würde. Ich wusste nur, dass ich mich auf verdammt dünnen Eis bewegte. Und dieses Wissen, dieses beschissene Wissen bringt mich noch heute um den Schlaf. Macht mich noch heute zu einer unkontrollierbaren Bestie. Nein, gut, so schlimm ist es dann nun auch wieder nicht. Aber ich glaube, dass ich diese Bürde nicht mehr lange tragen kann. Wenn ich daran denke, es ewig tun zu müssen – bis in meinen Tod … Dann wird meine Lüge auffliegen. Und man wird sich an Robin Simmonds mit den Worten 'das Leben einer großen Lüge' erinnern und nicht als stolzes Reinblut, das für seine Ideale gekämpft hat.

Oder wenigstens als ein Schlammblut, das sich selbst für sein Blut verabscheut, das sich am liebsten die Adern aufschlitzen, alles Blut aus sich raus pumpen lassen und alles für ein Leben als Reinblut geben würde. Doch das zählt nicht. Es zählen nicht die Werte, für die man kämpft und einsteht, nein, in Slytherin zählt nur das Blut. Die Herkunft. Die Familie. Man schaue sich nur einmal den bemitleidenswerten Severus Snape zu seiner Schulzeit an. Keine Freunde, nur Feinde. Ich will nicht so enden wie er.


 

Ich lernte schnell: ich musste lügen.

Ohne meine Lüge kam ich nicht sehr weit.

Nicht bei Neil, nicht bei den anderen Slytherin. Ich erinnere mich noch haargenau an die Reaktion, die Neil auf meine Frage zeigte. „Bist du denn vollkommen von Sinnen, so eine Frage zu stellen? Du bist ein Slytherin, damit solltest du dich gar nicht befassen! Ein Schlammblut … tche, niemals kann das ein würdiger Erbe Salazar Slytherins sein! Nicht einmal ein Halbblut könnte das. Wage es nie wieder, in meiner Gegenwart auch nur daran zu denken. Das ist ja … abartig.“

Wenn ich ihn damals gefragt hätte, ob er mir glauben würde, dass ich dieser schlammblütige Erbe Salazar Slytherins war … wäre sein Urteil genauso ausgefallen oder hatte er mich schon genug gemocht, um darüber hinweg zu sehen?

Nein. Bestimmt nicht.

Es war unmöglich sich einzufinden, wenn man so war, wie ich. Wenn man mit dem falschen Blut, mit den falschen Eltern gestraft war. Ich bin nie gottgläubig gewesen und das Schicksal kann mich mal kreuzweise, aber damals habe ich oft gebetet, alles sei nur ein Traum und ich würde bald wieder aufwachen.

Tat ich natürlich nicht.

Irgendwann hörte ich auf zu beten, verlor mein letztes bisschen Hoffnung und träumte nicht länger davon, jemand anderes zu sein, sondern war jemand anderes. Robin Simmonds, dreizehn Jahre, stolzes Reinblut und ein offizielles Arschloch. Kam ich aber gut mit klar und ich kann mich nicht beklagen; irgendwie klappte doch irgendwie bisher alles. Ich lernte Nikita kennen und hassen – er war all das, was ich immer hatte sein wollen.

Erstens: er kam aus einer starken, reinblütigen Familie, die stolz und ungebrochen war.

Zweitens: er hatte einen großen Bruder, der ihn zwar nicht scherte und den ich auch nicht besonders mochte, doch er hatte einen.

Drittens: Nik sah selbst mit zwölf schon ziemlich gut aus und überragte mich schon um einen Kopf.

Viertens: er war klug, intelligent und gerissen für sein Alter.

Fünftens: er war, wie er war.

Nein, Nikita verstellte sich nicht. Er hatte es nicht nötig, sich zu verstellen. Ohne es zu wissen und zu würdigen, hatte Nikita alles, was man sich nur wünschen konnte und ich hasste ihn so sehr für seine Ignoranz und seine Dummheit, dass ich einige dumme Fehler machte. Ich duellierte mich mehrere Male mit ihm, das letzte Mal wurden wir geschnappt. Wir mussten zusammen nachsitzen und so entwickelte sich eine verdrehte, seltsame, aber durchweg positive Freundschaft. Nikita und ich – bei weitem nicht das innige Vertrauen, das ich zu Neil hatte, aber es wuchs. Wie eine Knospe. Der Tag kam, an dem sie aufging und begann zu blühen. Felice Walker gesellte sich immer öfter zu Nikita und mir und bis zum Ende meines vierten Schuljahres hatte ich nicht nur einen, nein, ich hatte drei beste Freunde, für die ich zwar ohne zu zögern einen meiner Finger hergegeben hätte, aber niemals die Wahrheit.

Die Wahrheit ist der Tod. Und mein Leben eine einzige Lüge.


 

Dann trat Lilian in mein Leben.

Sie war plötzlich einfach da. Lächelte, scherzte, lachte. Heute wie damals fesselt sie mich mit ihrem ganzen Sein. Ich kann es weder beschreiben, noch in Worte fassen. Ich habe das Gefühl, durch nur einen ihrer Blicke erhebt sie mich in einen Stand, der ihrem gerecht wird. Nein, ich würde niemals so weit gehen zu sagen, ich würde ihr gleichwertig werden. Das ist schier unmöglich.

Aber ich riskierte alles, um sie an mich zu binden. Auf eine emotionale Art, wie ich es nie zuvor getan hatte.

Ab ihrem vierten Jahr tanzten wir zusammen in der AG und jedes Mal wurde sie hübscher. Besser. Graziler. Schon mit 14 war sie eine junge Frau und es wert, mit einem längeren Blick bedacht zu werden, als es die zarte Freundschaft zwischen uns erlaubte.

Ich war ein dummer pubertierender Vollidiot, als ich sie nach einer der Tanzstunden zur Seite nahm und zu einem Kaffee einlud. Ganz unverbindlich. Unter Freunden. Das sagte ich ihr mit einem linkischen Lächeln auf den Lippen, doch sie schien nur meine Worte zu hören, nicht die Geste dahinter. Sie wusste nicht, dass hinter meinen Worten immer etwas steckte, dass ich mich stets verstellte. Sie hatte niemals hinter meine Fassade geblickt – war es also wirklich eine gute Idee, ihr von meiner wahren Herkunft erzählen zu wollen?

Ah, das Gewicht der Lüge drückte bereits damals so schwer auf mich, dass ich kaum eine Möglichkeit hatte, zu atmen. Und in Lilians Anwesenheit fiel mir das Atmen noch schwerer. Ich glaubte, wenn einer mich verstehen würde, dann war es sie.


 

Wir saßen im Schülercafé. Ich saß ihr gegenüber, schaute die ganze Zeit über nur sie an, während sie mir mit Feuereifer erzählte, was sie vorhatte, wie sie die Zeit totschlug, dass sie vorhatte, Quidditch zu spielen, was sie zum Ball tragen würde, wie es ihr ging, dass sie Charlotte noch etwas fragen musste und dass sie noch Briefe an ihre Familie schreiben musste.

Ich fühlte mich deplatziert. Sie redete, ich hörte ihr zu. So war es schon immer gewesen, ich hatte mich schon immer vor ihr zurückgezogen, zurückgehalten. Immer das gleichbleibende höfliche Lächeln auf den Lippen, aber nie hatte sie bemerkt, was hinter diesem Lächeln steckte. Nie hatte sie meine Warmherzigkeit ihr gegenüber hinterfragt, niemals hatte sie auch nur eine Ahnung davon gehabt, was sich hinter meiner Fassade versteckte. Sie hatte kein Gespür für mich. War es dann wirklich richtig, sie einzuweihen?

Ihre Augen fesselten die meinen.

Und alles war vergessen.

Damals wie heute.

Die innere Leere war plötzlich ausgefüllt von einem derart warmen Gefühl, dass mir schlecht wurde und die innere Zerrissenheit fügte sich nahtlos zu einem Gestrüpp einer geplagten Seele zusammen. Ich verzog damals das Gesicht und sie bemerkte es nicht. Sie hatte keine Ahnung, was in mir vorging, wie es mir ging.

Und mit einem Schlag war das warme Gefühl verschwunden, die Übelkeit vergangen und alles in mir zerriss wieder in tausend kleine Einzelstücke.

Sie hatte keine Ahnung.

Ich weiß heute nicht, was mich schwerer traf: die Erkenntnis, dass sie wirklich keine Ahnung hatte, oder die Tatsache, dass es sie auch kein bisschen interessierte.

„Ach, Robin, danke fürs Zuhören. Das tat gut. Wir sehen uns dann nachher!“

Und weg war sie.

Ich hatte ihr lange nachgeschaut, auf die Stelle gestarrt, an der sie gestanden hatte und die Leere, die in mir zurückblieb war stärker gewesen – und sie ist es noch immer – als jemals zuvor. Es war eine andere, vollkommen fremdartige Leere und ich konnte nichts damit anfangen. Selbst heute kann ich es noch nicht. Aber ich schwor mir, ihr irgendwann zu erzählen, woher ich kam, wer ich war und ich wusste, dass sie es verstehen würde.

...

Sie musste es einfach.

Wenn nicht sie, wer sonst?


 

Aber Lilian blieb nicht weg, nein, sie kam wieder. Direkt in meine Arme. Man kann sich die geistige Verwirrung nicht vorstellen, die ich empfand, als ihre Lippen die meinen benetzten, ihre Haut die meine berührte und ihr Atem mit meinem verschmolz. Noch heute klopft das Herz, noch heute bin ich verwirrt, wenn ich an diese eine Nacht zurückdenke. Ich weiß nicht, weshalb sie es zugelassen hat, dass ich mich ihr auf diese Art nähere und ich weiß nicht, weshalb nichts Ernstes daraus geworden war, wie bei Aimee. Aber ich weiß, dass ich keine Sekunde dieser Nacht bereue und es jederzeit - auch mit Hinblick auf meine jetzige Beziehung - wiederholen würde.

Allerdings hat mir Lilian recht schmerzlich klargemacht, dass sie es nicht so sieht. Eine einmalige Sache. Es kommt nie wieder vor. Nein, natürlich nicht, warum auch? Niederer Abschaum ... In ihren Augen war ich nichts weiter als niederer Abschaum, ganz sicher.


 

Deshalb verstand ich nicht, dass es gar keinen Unterschied machen würde, ob ich es ihr die Wahrheit erzählen würde. Sie interessierte sich nicht in dem Ausmaß für mich, dass es sie tangieren würde. Dass ich wirklich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hätte. Ein Gelegenheitsfick: okay. Freundschaft: okay. Aber eine innige, wirklich ernsthafte Beziehung...dafür reichte die Aufmerksamkeit nicht.

Und diese Aufmerksamkeit brauche ich. Ich brauche Bestätigung, Zusagen, Aufmerksamkeit. Ich geifere geradezu danach. Es ist so, als würde ich nur für das Lob anderer leben, um mich lebendig zu fühlen. Und wenn es nur ein einfaches „Danke fürs Zuhören“ ist. Auch das ist Lob.

Ah, mein Psychiater würde nun sagen: „Mister Simmonds, Sie suchen die Bestätigung in anderen, weil Sie die in sich selbst nicht finden. Sie verleugnen sich selbst und wollen deshalb, dass andere Sie mit Leben ausfüllen. Sie versuchen, andere für Ihre Taten verantwortlich zu machen, doch das wird nicht funktionieren.“

Natürlich wird es das nicht. Das weiß ich. Und ich weiß auch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis alles in sich zusammenfällt. Wie mit der netten Metapher vom Kartenhaus. Nur meine Version wird für eine Seite absolut tödlich ausgehen.


 

Mein Glück ist damals wie heute, dass ich einen Menschen fand, dem ich uneingeschränkt vertrauen konnte: Aimee.

Ohne es zu wissen, schenkte ich ihr mein Herz und sie mir das ihre. Ich weiß nicht genau, wann und wie es geschah, aber zwischen uns entwickelte sich etwas, was über die erste große Liebe weit hinaus ging. Ich glaubte, mit ihr das Mädchen gefunden zu haben, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte. Der großen Leere in mir zum Trotz, die erträglicher erschien, wenn sie bei mir war. Ich liebte sie so aufrichtig, wie ein Mann nur lieben kann, der sich selbst dermaßen verabscheut.

Ja. Ich hasse mich. Ich verabscheue mich. Für all die Lügen, all die Niederträchtigkeiten, all die Fassaden. Für alles. Mein ganzes Sein ist eine einzige Farce, eine Tragikomödie mit schlechtem Ausgang. Ich glaube nicht mehr daran, dass ich lebendig aus der Sache rauskomme. Denn mit Aimee kam auch die Erkenntnis. Niemand würde mich je so akzeptieren, wie ich nun einmal war. Die Reinblüter nicht, weil ich nicht selbst einer war und die Muggelstämmigen nicht, weil ich sie verabscheute. Gegen sie kämpfte. Aber obwohl ich für die Reinblüter kämpfte, würden sie ein Schlammblut in ihren Reihen nicht dulden. Oder hätte ich von Beginn an ehrlich sein müssen, darauf bauen, dass meine Fähigkeiten mich weit bringen würden und ähnlich wie Severus Snape darauf vertrauen, dass mein Meister meinen Wert erkennen würde?

Eric, würdest du meinen Wert erkennen, wenn ich Muggelstämmig wäre? Würdest du?

Nein, ich bezweifele das stark.

Aimee gab mir viel Kraft. Die Nächte mit ihr … Der Sex mit ihr ist unglaublich. Sie versteht mich besser, als ich mich selber und das macht mir Angst – weiß sie es wohlmöglich längst? Wenn sie Nachforschungen angestellt hat, dann weiß sie, dass ich mich auf dünnem Eis bewege. Dass es keine reinblütige Familie Simmonds aus dem verschneiten Island gibt, die vor zwei Jahrhunderten nach Großbritannien kam, um hier ein neues Leben zu beginnen, fernab von Tradition und Zwang. Würde sich nur einer die Mühe machen, meiner Geschichte auf den Grund zu gehen …

Ob Eric sich die Mühe gemacht hatte?

Nein, dann hätte er mich sicherlich nicht zu den Erben geladen. Dann wäre ich ihm jetzt nicht so nahe, dann würde er nicht zulassen, dass ich ihrer Verschwörung beiwohne.

Oder?

Aimee und ich sind ein gutes Paar. Sie verzeiht mir meine Art. Und dafür liebe ich sie. Rein. Unendlich. Unschuldig.


 

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es so etwas wie das Schicksal doch gibt und es mir in allem einen makaberen Strich durch die Rechnung machen würde.

Aber, nun. Eigentlich sollte mich gar nichts mehr wundern.

Ich bin ein Lügner, ein Schmarotzer, ein Identitätsdieb. Ich bin nicht Robin Simmonds. Ich bin nicht der Sohn, den meine Eltern aufzogen, die ich seit meinem 11. Geburtstag nie wieder sah. Ich bin nicht Aimees fester Freund. Ich bin nicht Nikitas und Felice' bester und erst recht nicht wie Neils Bruder. Ich bin nicht Erics Vertrauter, Olivers Neider und vor allem nicht Williams oder Brandons Freund.

Nein.

Nichts davon bin ich.

Wer ich dann bin?

Nichts.

Eine leere Hülle ohne jegliches Gefühl, ohne jegliche Emotion, ohne jegliche Regung. Meine Zerrissenheit hat mich so weit getrieben, mein Lügengebilde mich so weit ausgehöhlt, dass ich keine Möglichkeit habe, jemals wieder etwas zu sein.


 

Ich lebe.

Das ist alles, was ich bin.

Lebendig.

Und das genügt mir.
 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

Amnesia

Blaue Augen suchten den Horizont nach einem Zeichen ab. Einem Zeichen, von dem sie selbst nicht wussten, was es bezeugen sollte – Aufgeben? Oder weiterkämpfen? Erschöpfung zeichnete die dunklen Augenringe unter die leuchtenden Saphire und müde senkten sich die Lider. Wie lange hatte er schon gekämpft? Und wie vergeblich war dieser Kampf gewesen?

Der Wind riss an Matthews Haaren, zerzauste seine Kleidung und trieb ihm die Tränen in die Augen. Er redete sich relativ erfolgreich ein, dass es lediglich die beißenden Böen waren, die ihn weinen ließen und nicht das Gefühl, alles verloren zu haben, ehe er es überhaupt besessen hatte. Es … Er traute sich nicht einmal, es zu benennen, aus Angst, vollkommen die Kontrolle zu verlieren.

Die Hand des Treibers klammerte sich um seinen Besen und er schwang sich auf das magische Transportmittel, stieg ruckartig höher und höher, riss an dem Stiel und zwang seinen alten Freund grob dazu, eine wacklige Runde nach der anderen um das Spielfeld zu fliegen. Niemand würde ihn hier oben leiden sehen und wenn er nur lange genug flog … würde er sich selbst vielleicht genug vergessen, um selbst nicht mehr zu leiden.
 

»There’s a fire starting in my heart

Reaching a fever pitch and it’s bringing me out the dark«
 

Ruhiger als zuvor schritt der Gryffindor über die Ländereien. Langsam aber sicher kam die Dämmerung, es wurde Abend. Der Sommer auf Hogwarts war bombastisch gewesen – Jamie und er hatten so viel Unsinn angestellt und waren dennoch kaum belangt worden. Sie hatten geile Spiele gehabt und Matt hatte zusammen mit Noah, Jamie und Mason Bruderschaft getrunken, mehrere Male. Eine Feier hatte die nächste gejagt – seine Gitarre hatte endlich wieder eine Existenzberechtigung gehabt und sie hatten so verdammt viel Spaß gehabt.

Und da war noch er gewesen.

Der Blick verlor sich in der Ferne und dachte an die grüne Insel, an die Heimat. Wie gerne wäre er jetzt zu Hause, zu Hause bei seinen Eltern und würde sich einigeln. Es würde nicht mehr lange dauern – es waren nur noch vier Tage, bis zu den Sommerferien und alleine wenn er daran dachte, ihn sechs Wochen nicht mehr sehen zu können, zog sich alles in ihm zusammen.

Aber würde er ihn jemals wieder sehen können? Nach der Entscheidung, die er heute treffen würde?

Ein Seufzen verließ seine Lippen. Er hatte schon immer viel zu viel nachgedacht, das Für und Wieder so lange hin und her geschoben, bis der perfekte Moment schon längst wieder vergangen war. Also … wieso es nicht einfach tun? Wieso nicht einfach ins eiskalte Wasser springen und schauen, ob er schwimmen konnte?

Weil er Angst hatte.
 

Trotzdem ging er zurück ins Schloss, zerzaust und erschöpft vom Ritt auf dem Besen. Ganz automatisch fanden seine Füße zu Jamie und sein Bester fand den Weg zum Gemeinschaftsraum – der sorgenvolle Blick blieb nicht aus, denn Matthew sah übel aus. Er hatte einen Entschluss gefasst und war selbst nicht vollkommen zufrieden damit – Jamie spürte, dass etwas nicht stimmte, wie es sich für einen besten Freund nun einmal gehörte. „Hey, Matt? Alles okay?“, hörte er den Blonden neben sich fragen und zweifelnd schaute Matt zu eben jenem, schüttelte den Kopf, hob unwissend die Schultern. „Ich … Frag mich nachher nochmal.“ Die Augen Jamies wurden groß und er öffnete den Mund, doch er musste die Frage nicht stellen, sie stand ihm ins Gesicht geschrieben. Deshalb nickte Matt nur ernst und verließ den Schlafsaal wenige Minuten später wieder, frisch gewaschen, angezogen und ohne Besen in der Hand.

Seine Wege führten ihn durch die vollen Gänge. Er wich den anderen Schülern aus, grüßte nicht einmal Noah und John, die ihm entgegenkamen und erntete dafür skeptische Blicke – aber um ehrlich zu sein, nahm er sie nicht einmal war. Sein Blick war auf das Ziel fokussiert, das er hatte und das lag im anderen Turm in Hogwarts.
 

„Was hört ohne Ohren, schwatzt ohne Mund und antwortet in allen Sprachen?“, wollte der Greifenkopf wissen und Matt fluchte laut. „Lass mich einfach rein, okay?!“

„Was hört ohne Ohren, schwatzt ohne Mund und antwortet in allen Sprachen?“, wiederholte der Greifenkopf ohne zu erkennen zu geben, ob er Matts Fluchen oder aber die Bitte gehört hatte. Der Gryffindor knirschte mit den Zähnen. „Drecksding. Lass mich rein, komm schon, ich bleibe auch nicht lange.“

„Was hört ohne Ohren, schwatzt ohne Mund und antwortet in allen Sprachen?“

„Ach, verflucht! Welcher Idiot soll denn so etwas…“

„…das Echo…“, antwortete jemand hinter Matthew und der Löwe zuckte zusammen. Abschätzige grüne Augen lagen auf ihm und O’Dwyer schnaubte: „Ich sehe hier nur einen Idioten. Was willst du hier, Gallagher?“ Die aufkommende Wut zurückdrängend, nutzte Matt die einzige Chance, um jemals in den Gemeinschaftsraum der Adler zu gelangen und quetschte sich an O’Dwyer vorbei in eben jenen, ohne auch nur auf ihn zu achten. Sollte das Arschloch doch denken, was er wollte, so! Der war jetzt sein geringstes Problem.

Das wirklich richtige Problem saß nämlich auf dem Präsentierteller vor ihm.

Matt schluckte trocken und sah sich selbst zu Hadrian herüber wanken, vollkommen gelähmt und gleichzeitig unter Strom. Er war wie ferngesteuert, als er die Hand auf die Schulter des Blonden legte, sachte Druck ausübte und erst dann seinen Mund an dessen Ohr platzierte, als Hadrian zu ihm aufschaute. „Wir … müssen reden.“ Er wusste nicht, ob es der Atem am Ohr des Adlers war oder aber seine ernsten Worte, doch er sah Gänsehaut am Nacken des Älteren und er wusste nicht, ob es ihn nun erfreuen oder eher verängstigen sollte. Beides traf zu. Sein Herz donnerte gegen seine Brust – er spürte nur zu deutlich, wie es den Rhythmus von Hadrians Namen polterte, wie es auf die skeptischen blauen Augen reagierte und auf die Berührung seiner Hand durch Hadrian, auf das Beugen des Oberkörpers, das fahrige Zurückstreichen der blonden Haare. Wie es jede noch so kleine Regung des Ravenclaw wahrnahm und heftiger darauf reagierte, als es sollte und wie es gegen Matthews Angst rebellierte, wie es frei sein wollte, wie es endlich zu dem Mann wollte, der es nun schon so lange besaß ohne es zu wissen.

„Also los.“ Hadrian deutete auf den Sessel sich gegenüber, doch Matt schüttelte den Kopf und deutete auf den Ausgang. „Nicht hier. Lass uns gehen, ja?“ Ein kurzes Grinsen zupfte an den Lippen des Blonden und machte Matt verrückt, so verrückt! Ein Kribbeln ging durch seinen gesamten Körper und mündete eindeutig im unteren Bereich, als seine Augen Hadrians Lippen absuchten. Scheinbar war das Aufforderung genug, denn der Adler folgte Matt aus seinen angestammten Gefilden und sie suchten den Ort auf, der ihnen zum mehr oder weniger heimlichen Treffpunkt geworden war: das Wahrsageklassenzimmer.
 

»I drove by all the places we used to hang out getting wasted

I thought about our last kiss, how it felt the way you tasted«
 

Ein Keuchen verließ die Lippen des Löwen. Genießerisch sog er die Luft zwischen den Lippen ein und krallte sich in die so verführerischen Haare, riss den Kopf des Blonden zurück und stahl sich einen weiteren dieser süßen, verheißungsvollen Küsse. Alles in ihm pulsierte und wollte ausbrechen – er wollte diesen Mann, so sehr, wie noch nie zuvor. Was einiges bedeutete, so oft wie sie schon … kurz davor gewesen waren … Doch Matt war nicht einfach irgendeiner von Hadrians Spielzeugen. Er ließ sich nicht benutzen und dann wegwerfen, auch wenn der Blonde schon oft genug deutlich gemacht hatte, dass er mehr wollte als bloß knutschen und mal eben einen Blowjob. Er wollte Matthew und der wusste nicht, ob es nur um Sex ging oder um mehr. Er befürchtete, nur um Sex, er hoffte, um mehr.

Doch wann wurden seine Hoffnungen schon einmal erhört.

„S…stopp…“, raunte Matt schwach und hielt Hadrians Hand fest, die besitzergreifend um sein hartes Glied gelegt war. Verwirrung stach ihm aus blauen Augen entgegen, doch Matt schüttelte nur den Kopf und zog die Hand weg. „Habe ich …“, doch Hadrian schluckte die Frage runter. Natürlich hatte er nichts falsch gemacht und dem Adler war genau das auch bewusst – und schien langsam aber sicher den Braten zu riechen. Misstrauisch runzelte er die Stirn und lehnte sich, halbnackt wie er nun einmal war, in die Kissen. „Was ist los?“, wollte er nun wissen und Matt fiel es schwer, den Blick vom nackten Oberkörper Hadrians abzuwenden und sich dem eigenen Herzen zuzuwenden, das ihn dazu gebracht hatte, Hadrian aufzuhalten.

Es fühlte sich alles nur noch falsch an.

So sehr er diesen Mann auch körperlich begehrte … er konnte nicht mit ihm schlafen. Es ging nicht. So sehr er es auch wollte, so sehr er es sich wünschte … Es.ging.nicht. Hadrian hatte damit keine Probleme. Sex schien für ihn nicht wichtiger zu sein, als seine Unterhose jeden Tag zu wechseln und dass er das tat, wusste Matt – traurigerweise auch, dass Hadrian sich den Sex anderswo holte im Gegensatz zum Gryffindor, der treu war. Bescheuert. Dabei waren … sie … nicht einmal …

Und genau an diesem Punkt der Gedanken begann sein Herz zu schreien.

Sie waren kein Paar. Matt wusste nicht einmal, ob Hadrian irgendetwas fühlte, denn Gefühle … waren ein Tabu-Thema. Das war für den Gallagher gar kein Problem gewesen, bis … bis … bis er sich rettungslos in Hadrian verliebt hatte. Nicht erst gestern oder vor zwei Wochen oder vor zwei Monaten. Er war nun seit Anfang des Jahres in diesen Mann verknallt, hochgradig, mit Bauchweh, Appetitlosigkeit, Glücksgefühlen und Herzschmerz – mit allem. Nur intensiver. Viel intensiver, als er es je zuvor gespürt hatte.

Zuerst hatte er es ignoriert. Das wird schon wieder, hatte er sich eingeredet und wann immer er Hadrians Lippen auf seinem Körper gespürt hatte, war es gut gewesen. Verdammt gut. Sie waren wie Balsam und hatten all die Sehnsucht mit sich genommen. Doch kaum waren sie selbst gegangen und mit ihnen Hadrian, war all die Gedanken, die Gefühle wieder da gewesen – stärker noch als zuvor.

Und genau deshalb konnte er nicht mit Hadrian schlafen. Er wusste nicht, wie Hadrian empfand und solange er es nicht wusste … solange er … solange er …
 

Er atmete tief durch.

„Ich … kann das nicht mehr tun, Hadrian“, ließ er die Bombe platzen und wich den stechenden blauen Augen aus. „Nicht mehr .. so. Es geht nicht. Ich ..“ Er stockte. Suchte nach den richtigen Worten, auch wenn er ganz genau wusste, welche die richtigen waren. Er traute sich nicht, Hadrian anzuschauen, traute sich nicht, ihn zu berühren, traute sich nicht einmal, die verdammte Hose hochzuziehen! Keinen einzigen Finger rührte er – er atmete nicht und hätte sein Puls nicht in den eigenen Ohren gerauscht, so hätte er schwören können, auch sein Herz hatte ausgesetzt.

„Ach? Plötzlich plagt dich das Gewissen?“ Der Schalk des Wynshire tat weh und nun schaute Matt doch zu ihm, die Finger suchten nach Hose und Gürtel und schlossen beides. Er sah die Enttäuschung in den arroganten Zügen, sah die Skepsis in den blauen Augen und schließlich auch … ja, was war es? Angst? Zweifel? Wissen? Ah, Hadrian Wynshire hatte sicherlich schon dutzende Affären gehabt, die ausgeufert waren – Matt kam sich bescheuert vor. Er hätte alles haben können, stattdessen … nun, stattdessen musste es endlich raus.

„Nein. Das Herz.“

Stille.

Nicht gerade die erhoffte Reaktion, wohl aber die erahnte. Matts Züge wurden hart – es gab kein Zurück mehr. „Ich habe mich in dich verliebt.“
 

»We could have it all rolling in the deep

You had my heart inside your hand

And you played it to the beat«
 

Und damit war es zu Ende gewesen. Alles, was sie die letzten Monate geteilt hatten, hatte Matt mit diesen Worten zerstört. Nein. Nicht Matt hatte es zerstört – Hadrian zerstörte es, indem er zuerst schwieg, dann den Kopf schüttelte und ihn schließlich abschmetterte. Nicht nur mit Worten: er ging. Ging und ließ Matthew alleine im Wahrsageklassenraum zurück, zwischen all den Kissen, dem Geruch nach Myrre und Sex, nach Schweiß und Weihrauch, nach … Hadrian.

Zittrig schloss er die Augen.

Er hätte es wissen sollen.

„Verdammter …“

Doch kein Fluch kam über seine Lippen. Stattdessen sank er in die Kissen, starrte an die Decke und wartete, bis Jamie ihn fand – und dass er ihn fand, dafür sorgte natürlich der werte Hausmeister, der keinerlei Gnade kannte, sie vor ihren Hausdrachen schleifte und dafür verantwortlich war, dass Gryffindor zehn Punkte verlor – und Matt seine Freizeit bis zu den Sommerferien mit lovely Professor McAlistair verbrachte.

Super.

Mit der Mum vom besten Freund seines Ex-Lovers. Großartig.

Zuerst war da nur Wut. Er hatte keinen Raum für Enttäuschung oder gar Traurigkeit, da war nur heiß pulsierende Wut. Zum Nachsitzen kamen noch saftige Strafarbeiten dazu, denn Matthew flüchtete sich in Prügeleien, die allesamt nicht gut für ihn ausgingen. Jamie versuchte, ihn davon abzuhalten, mitzumachen, zu schreien und zu lachen – doch nichts davon half. Matt war wie in Watte gepackt, nicht mehr Herr seiner Gefühle und Taten.

… noch weniger als sonst.
 

»I wish that I could wake up with amnesia

And forget about the stupid little things

Like the way it felt to fall asleep next to you

And the memories I never can escape«
 

Es war niemals nur eine körperliche Affäre gewesen. Matthew hatte Hadrian gekannt. Viel besser vielleicht, als jemals ein Mann vor ihm. Nicht nur, wo er ihn berühren musste, wie er ihn berühren musste, um den Höhepunkt so lange wie möglich hinauszuzögern, um es ihm so angenehm wie nur irgendwie möglich zu machen, um ihn so glücklich wie niemand anderes zu machen. Nicht nur, dass er nur seinen Nacken küssen musste, zärtlich, und schon gehörte er ihm. Nicht nur, dass er nur sachte beißen musste, Ohr, Nacken, Schulter, und schon zerfloss er zwischen seinen Fingern. Nicht nur, dass er Wachs war, wenn man ihn zwang, sich fallen zu lassen …

… sondern auch, dass Hadrian einsam war. Einsam, obwohl er einen Freund wie McAlistair hatte, einsam, obwohl er eine große Familie hatte, einsam, obwohl er niemals alleine nach Hause ging.

Er war schrecklich einsam.

Es hatte nur so wenige Wochen gedauert, bis Matt aus den Treffen mehr gemacht hatte. Nicht nur die feuerwerksartigen Explosionen, wann immer es sie überkam und sie am bestmöglichen Ort verschwanden, nein. Irgendwann begann Hadrian zu reden. Zu erzählen. Über seine Heimat, seine Eltern, seinen Onkel … seine Kindheit und die vermisste Mutter, über den Süden Englands, über die Pflichten eines Erben. Matt war sich sicher, dass er seine Familie bereits bestens kannte, ohne sie jemals gesehen zu haben, auch wenn Hadrian niemals besonders freigiebig mit seinen Informationen war – viel mehr war Matt derjenige, der zu reden begonnen hatte. Irgendwann. Einfach so. … Nun, nein. Jetzt wusste er, dass es aus dem Wunsch passiert war, dass Hadrian ihn besser kannte. Ihn zu mögen begann.

Und niemals wieder aufhörte damit.

Jetzt tat all das nur noch weh. Jedes verfickte Kaminfeuer brannte in seinen Augen und seinem Herzen, erinnerte ihn an heimliche Ausflüge und einen nackten Körper, der sich in der kalten Nacht an ihn schmiegte, hungrig nach Leidenschaft, hungrig nach Zweisamkeit.

Hatte Hadrian immer nur versucht, seine Einsamkeit zu kompensieren?
 

Nun saß er ihm also wieder gegenüber.

Hadrian wirkte abwesend und Matthew, der eh kein gutes Gefühl hatte, ließ den Kopf hängen. „Ich kann und werde deine Gefühle nicht erwidern“, verließen kalte Worte die Lippen des Adlers und Matthew schauderte. Schaute auf. Sah kein Anzeichen einer Lüge, eines Versuchs, sich selbst zu schützen, wie er es erwartet hatte.

Für einen kleinen Moment rebellierte alles in ihm.

Er wollte Hadrian am Kragen packen, schütteln und gegen die nächste Wand schleudern, ihm die Visage polieren und brüllen „sag das noch mal und dieses Mal lüg nicht!!, ihn umarmen, küssen und nie wieder loslassen …

… doch der Moment war schnell vorbei. Krampfhaft suchte Matt nach seiner Stimme, versuchte sich die Lippen mit der trockenen Zunge zu befeuchten und scheiterte nicht nur daran kläglich. „Dann ist …“, ihm versagte die Stimme. Tränen schnürten seinen Hals zu, doch blieben aus. Er ballte die Hände zu Fäusten, stand auf und schaute auf Hadrian herab. „…es aus…“ Er hielt es nicht länger in einem Raum mit ihm aus. Er musste raus. Weg. Bloß weg von hier.

Bloß weg von Hadrian.
 

»Sometimes I start to wonder, was it just a lie?

If what we had was real, how could you be fine?
 

'Cause I'm not fine at all«
 

Tage zogen ins Land bis zu den Sommerferien, die grausam und duster waren. Er hätte mit Jamie rausgehen können, hätte Mason oder Noah besuchen können … hätte mit seinem Vater zu Arsenal gehen können oder einfach nur in den Pub um die Ecke.

Er blieb im Bett.

All die Wochen lang verließ er sein Zimmer nur, um zu essen und auf Toilette zu gehen und mutierte streckenweise zu einem ungewaschenen, hässlichen Ungeheuer – Jaydens Besuch ignorierte er komplett. Auch das zaghafte Klopfen seines großen Bruders an der Tür, die kleinen Zettel, die er darunter durchschob mit der filigranen Handschrift und den lustigen Zitaten aus ‚Das Dschungelbuch‘ wurden verschmäht. Selbst als Jayden das Zauberwort ‚fliegen‘ erwähnte, kam nur ein aggressives „verpiss dich endlich“ von Seiten des Jüngeren und Jayden sah ein, dass es besser war, Matt seinen Willen zu lassen.

Das letzte, was er brauchte, war der perfekte große Bruder mit seinem perfekten Abschluss und seiner perfekten Freundin und den perfekten Abenteuern, die er erlebte und dem perfekten Schottlandurlaub und den perfekten Plänen für die Zukunft!

Verrotte in der Hölle, Jayden! Verrottet doch alle in der Hölle!
 

Irgendwann gelang es James, seinen Sohn doch hervor zu locken und die letzte Woche der Sommerferien machte er sich daran, zu seinen Kumpel wieder Kontakt aufzunehmen. Jamie war ungeheuer erleichtert, dass es ihm wieder besser ging und schwor, noch am Abend irgendwie vorbei zu kommen. Sein Bester stand tatsächlich einige Stunden später mit Fußball und Comicheften in der Hand vor der Tür und irgendwie schaffte er es, Matt aus seinem Loch zu holen.

Zumindest für kurze Zeit.
 

Denn dann ging es wieder nach Hogwarts. Matthew hatte seine Eltern angefleht, ihn doch bitte ein Jahr nach Durmstrang zu schicken, doch sie waren der festen Überzeugung, dass er sich seinem Dämonen stellen musste und so schlimm würde es schon nicht sein. „Matt“, hatte sein Vater gesagt, „du glaubst vielleicht jetzt, dass die Welt untergeht. Wenn schon nicht die gesamte, dann wenigstens deine und glaube mir, als deine Mum den Heiratsantrag das erste Mal abgelehnt hat, war ich kurz vorm Nervenzusammenbruch“ – „er hatte einen!“ – „aber es wird besser werden. Jeden Tag ein bisschen einfacher, ihn zu sehen und irgendwann wirst du vielleicht sogar wieder mit ihm reden können, wenn du das möchtest. Du wirst ihn überstehen und dann jemanden finden, der dich genauso liebt, wie du ihn. Versprich mir einfach, dass du es vier Wochen ausprobierst, okay? Wenn du es nicht aushältst, holen wir dich nach Hause.“ Liebevoll wuschelte James seinem Sohn durch die Haare und zog ihn eine unbarmherzige, viel zu lange Umarmung, sodass es Matt unendlich peinlich war, als er ihn wieder losließ und seine Mutter wissend lächelte. „Matt ist doch schon groß, James. Du brauchst ihn nicht zu drücken, wie einen Fünfjährigen.“ Dann drückte auch sie ihn viel zu lange. „Du musst ihn richtig fest drücken! RICHTIG FEST! Sonst hat er doch nichts davon.“ Grinsend entließ Nala ihren verstörten Sohn wieder in die Freiheit und gab ihm einen Klaps auf dem Po. „Und jetzt zeig diesem Bastard“ – „Liebling!“ – „was er sich entgehen lässt. Oder komm nach Hause gekrochen, je nachdem.“
 

Matt schwor sich, nie wieder mit seinen Eltern über so etwas zu reden, doch unerklärlicherweise ging es ihm so viel besser, als noch zuvor. Er las all die Zettel, die Jayden ihm unter der Tür durchgesteckt hatte, all die kleinen Liebesbekundungen und Besserungswünsche, all die lustigen Wahrheiten über seine eigene erste große Liebe – die übrigens nicht Sophia gewesen war, hm – und all die schönen Zitate auf Gälisch.

Er hatte eine tolle Familie.

… Doch er kannte einen Ravenclaw, der nicht das Glück hatte und all das Glück, das er noch vor wenigen Sekunden empfunden hatte, starb sofort.
 

Am Bahnhof erkannte er die schlanke Statur Hadrians sofort. Seine Augen leuchteten wie ein Signalfeuer durch all die anderen Schüler hindurch und kamen in den eigenen zum Liegen. Matts Gesicht verzog sich zu einer Maske der Gleichgültigkeit und stur ging er an dem Blonden vorbei. Schulter berührte Schulter. Hadrian machte einen unegschickten Schritt zur Seite, sog die Luft ein und Matt wusste, dass er ihn rufen würde … Dass sein Name auf den Lippen des Blonden lag … Dass er versucht war, ihn am Ellenbogen zu fassen und aufzuhalten …

Er würde es ihm einfacher machen.

Wütend schlug er die Hand weg, noch ehe sie ihn berührte und fauchte: „Lass stecken, Wynshire. Ich habs vor den Ferien kapiert, ich kapiers auch jetzt. Also … lass es einfach stecken.“
 

»If today I woke up with you right beside me

Like all of this was just some twisted dream

I'd hold you closer than I ever did before«
 

Leere.

Das war kein Sieg gewesen. Er hatte das nicht für sich getan. Er war nicht für sich so unbarmherzig gewesen. Schnell flüchtete er sich auf die erste Toilette, die er sah und atmete tief durch. Die Hände zitterten unkontrolliert. Wasser. Schnell. Er schmiss sich das eiskalte Wasser ins Gesicht und unterdrückte den Schauer kontrolliert, ehe er sein Spiegelbild betrachtete.

Er hatte das für Hadrian getan. Was auch immer der Adler hatte sagen wollen, hätte die letzten Wochen zunichte gemacht. Ob es nun war „hei Gallagher, Lust auf eine zweite Runde?“ oder „lass uns doch noch ein letztes Mal, hm?“ oder „auf die Knie mit dir“ oder „ich habe einen Fehler gemacht“ – all das war nicht mehr wichtig.

Matt war fertig mit ihm. Punkt.

… nun musste nur noch das rebellierende Ding in seiner Brust das verstehen.
 

Die erste Woche war hart. Die zweite ertrug er. Und in der dritten begann er wieder zu leben, zu lachen. Seine Kumpel halfen ihm ziemlich – Jamie und er lachten und scherzten, mieden jedoch gekonnt das H-Thema. Sein Bester war so geschickt darin, um das Thema herum zu rudern und ihm dennoch zu versichern, dass er voll hinter ihm stand.

In der vierten Woche war es schwierig, Hadrian mit McAlistair zu sehen … und mit einem Slytherin aus der Fünften … Aber es war erträglich. Zumal immer häufiger grüne Augen durch die Menge zuckten, nach Matthew Ausschau hielten und das ‚Idiot‘ von vor einem halben Jahr vielleicht gerne noch einmal überdacht hätten … Und immer häufiger hielt der Löwe unterbewusst nach diesem Jungen Ausschau, der vielleicht doch nicht so ein Arschloch war, wie er gedacht hatte.

Und in der fünften Woche kam Matt damit klar, dass Hadrian und er niemals sein würden. Dass er sein Herz leichtsinnig verschenkt hatte, es gebrochen worden war, kurzzeitig verloren gegangen und jetzt endlich wieder da, rebellierend wie eh und je. Er sah ein, dass es von Anfang an auf der Kippe gestanden hatte, Hadrian und er. Vielleicht wäre es anders gekommen, hätte er mehr gekämpft – vielleicht aber auch nicht.

In der sechsten Woche hatte er es abgehakt.

Das Leben ging weiter. Die Liebe suchte sich immer ihren Weg.
 

»And you'd never hear me say

We almost had it all«

Hathaway

Meine Eltern haben mich Gwendolyne Leana getauft und mit diesem alten Namen eine unendlich lange Tradition fortgeführt – jede dritte Generation wird ein Liam oder eine Leana auf die Welt kommen und genau so genannt werden. Ein altes Hathaway Erbe, dem mein Vater gefolgt ist. Mein lieber Bruder wurde ein Liam, wenn auch nur mit zweitem Namen, und ich wurde eine Leana, ebenfalls nur mit zweitem Namen.

Was sagt das über uns aus?

Dass wir so offensichtlich gegen diese wundervolle Tradition rebellieren und sie dennoch befolgen? Oh, ich glaube, mein Dad hat damit versucht, uns zu zeigen, dass Traditionen nichts Schlechtes sind, sie allerdings von Zeit zu Zeit eine … Verbesserung bedürfen. Wir sind eine Familie, die reines Blut hat. Jenes reine Blut, das vor zwei, drei Generationen Lord Voldemort gedient hat. Jenes reine Blut, das uns vor Tod und Folter bewahrt hat – nicht jedoch vor Schmerz. Wir litten und bluteten wie alle anderen im großen schwarzen Krieg und wir zitterten und bangten um die Leben unserer Lieben. Nein, nicht ich persönlich und auch Dad hat nichts darüber zu berichten, doch wenn ich in Grandmas Augen schaue … wenn ich das gezwungene Lächeln auf Grandpas Lippen sehe … Ich spüre, dass sie noch immer leiden.

Und ich bin diejenige, die ihre Augen zum Leuchten bringt und ihr Lächeln so friedlich aussehen lässt. Nur deshalb bin ich so, wie ich eben bin. Mädchenhaft. Lieb. Höflich. Schüchtern. Vorsichtig. Nun. Zumindest scheine ich so. Dass ich tatsächlich höflich und vorsichtig bin, ist eine Tatsache. Schüchtern? Oh nein, keineswegs. Lieb? Liegt vermutlich im Auge des Betrachters. Mädchenhaft? … In allen Belangen. Ich bin ein gutes Mädchen, das mit jeder Faser ihres Körpers versucht, das Böse zu vertreiben und gleichzeitig ein bisschen böse sein zu dürfen.

Oh, dramatisch, nicht wahr? Aber so ist das Leben als Reinblut nun einmal. Dramatisch. Heutzutage muss man sich so oft für seine Abstammung rechtfertigen, ist genauso vielen Schmähungen und Blicken ausgeliefert, wie Muggelstämmige. Selbst wenn man nicht die Ansichten der schwarzen Magier von damals teilt.

Ich bin keine Slytherin geworden, doch unsere Familie war nie besonders Schlangenreich. Hathaways – und auch McCarthys, wie meine Mum eine ist – waren schon immer in allen Häusern willkommen.

Ob bei den listreichen Schlangen, den mutigen Löwen, den intelligenten Adlern oder den treuherzigen Dachsen.
 

Ich wurde ein intelligenter Adler.
 

Anfangs ließ ich die Intelligenz jedoch reichlich vermissen. Ich bin fleißig, eher ein Huffflepuffattribut und sehr trickreich, eher eines Slytherin würdig. Ein Gryffindor werde ich niemals sein – mir fehlt die wagemutige Anwandlung, zugegeben, und rot stand mir nie wirklich.

Aber ein Ravenclaw? Ich? Der sprechende Hut schien Dinge in mir zu sehen, die mir selbst nicht klar waren. Mittlerweile sind sie mir klar. Ich bin äußerst intelligent und geschickt darin, meinen facettenreichen Charakter zu meinen Gunsten zu nutzen. Nein, das halte ich nicht für Slytherin würdig. Niemals. Ich tue das nicht, um anderen zu schaden. Oder um mir einen gigantischen Vorteil zu erpressen, erspielen. Ich erpresse und erspiele überhaupt nichts.
 

Ich bin Daddys Augenstern.

Ich bin Jaspers Schutzbefohlene.

Ich bin Anaths verschwiegenste Vertraute.
 

Aber ich bin auch … eine ziemlich miese Person … wenn ich es für richtig und gut halte. Ein Widerspruch an sich, es klingt alles so falsch. Aber … ich halte es für richtig, hier und da falsch zu sein, wenn man sich der Konsequenzen durchaus bewusst ist und niemand anderen dabei verletzt … ist es für mich vollkommen in Ordnung, zu lügen und zu hintergehen. Ich bin intelligent genug, um mich dabei nicht erwischen zu lassen. Und ich bin intelligent genug um zu wissen, dass es dafür keine Rechtfertigung gibt.

Fürs Lügen und Betrügen, fürs einfach nur schlecht sein.

Aber es ist mir egal.

Ich bin jung! Ich möchte Orte sehen, Dinge erleben, verrückt sein! Durchdrehen!

Und ich möchte ich selbst sein können. Nicht schüchtern, höflich, mädchenhaft. Ich möchte ausbrechen können, ohne dass Opa wieder so gezwungen lächelt. Ich möchte lachen können, ohne dass Omas Augen trüb werden. Ich möchte morgens aufwachen können, ohne Gefahr zu laufen, einer der Neuen Papas über den Weg zu laufen. Ich möchte lieben können wen ich will, ohne Angst haben zu müssen, dass Jasper ihn um die Ecke bringt.

Ich möchte leben.

Einfach nur leben.
 

Aber ich kann nicht.

Ich habe Verpflichtungen, so, wie das immer ist mit den reinblütigen, namenhaften Familien. Dank Papas Arbeit haben wir einiges an Geld, ein großes Haus, viel Platz … Ich habe meinen Mustang, der mir in den Sommerferien zur Verfügung steht und mit dem ich über die Ebenen preschen kann. Ich habe Klavierunterricht genossen, Manieren gelernt, immer jemanden zum Spielen gehabt. Ich kann mich nicht beschweren, ein schlechtes Leben gehabt zu haben.

Aber …

Meinen ersten Kuss hatte ich mit 14. VIERZEHN! Manche haben da schon ihre Unschuld verloren … und Jasper hat bis zu dem Tag immer ziemlich gut verhindert, dass sich mir ein Mann überhaupt bis auf zwei Meter nähert, ob er nun zur Familie gehörte oder nicht.

Ich liebe ihn, meinen Bruder, so sehr. Ich würde mein Leben geben – und das ist weder eine Lüge, noch die angekündigte Dramatik eines Reinblüterlebens. Jasper hat mich praktisch aufgezogen und war immer für mich da. Es gibt niemanden, dem ich mein Leben anvertrauen würde, außer ihm, dem ich näher stehe und dem ich dankbarer für das bin, was er für mich getan hat.

Ich liebe ihn.

Aber es nervt einfach, dass er sein eigenes Leben nicht auf die Reihe bekommt, aber glaubt, in meines pfuschen zu können, wie er will.

Jasper! Jeder Idiot sieht, dass du was von Catherine willst, also schnapp sie dir endlich! Oder … mach halt … mit Keith rum … IGITT! … und unserer Familie Schande, was solls?! Hauptsache, du tust es endlich.

Ich selbst musste auf Menschen aus meinem unmittelbaren Umfeld zurückgreifen, um überhaupt die Möglichkeit zu bekommen, mich zu verlieben. In Hogwarts?! Unmöglich! Ich konnte doch keinem Jungen antun, mit Jasper zu konkurrieren! Oder gegen ihn anzutreten … Nein. Nein, nein, nein.
 

Es war in den Weihnachtsferien vor zwei Jahren.

Endlich war wieder die ganze Familie vereint. Naja. Außer Mum, aber das war ja nichts Neues. Dad hatte Jessica … die Dritte? … mit zur Feier genommen und niemanden schien es zu stören … außer mich … Immer, wenn er eine andere Frau als Mama liebte … Wie auch immer.

Damon – meine erste große Liebe, ich sage es dir! Ein so netter, charmanter, wohlerzogener Junge! – war gerade in seinem letzten Jahr in Durmstrang und wir redeten so viel und so lange, dass ich das Gefühl bekam, meine unendliche Liebe zu ihm würde endlich erwidert werden! Ich war so unheimlich verknallt in die braunen Schokoaugen, die breiten Schultern, das weiße Lächeln … Ach ja.

Aber Jasper war auch auf dieser Feier, natürlich. Er machte – wie immer – alles kaputt, nahm sich Damon zur Brust und seitdem ist das Verhältnis zwischen mir und meinem lieben Cousin mehr als unterkühlt. Damon ist ein so wohlerzogener junger Mann, dass er es nie wagen würde, jemanden zu beschämen – ob es nun ein dummer, dummer pubertierender Junge war, oder aber ein ehrbares Mädchen … oder aber seinen Onkel … obwohl der ja das beste Beispiel für Beschämung und unehrenhaftes Verhalten ist …

Damon ging an diesem Abend recht früh und ich versteckte mich lange bei seiner Schwester Heather – wir waren zu der Zeit unzertrennlich, wenn wir einander sahen, immerhin waren wir nur ein Jahr auseinander und sie teilte mein Leid mit einem überfürsorglichen Bruder aufgewachsen zu sein. Zum Glück fand Jasper irgendwann sehr viel Gefallen an einer der Kellnerinnen, die bestimmt drei Jahre älter war als er und mit einigem Verdruss musste ich dabei zusehen, wie er ihr die Zunge in den Hals steckte und ich mit leeren Händen dastand.

„Da“, flüsterte Heather mir abends irgendwann zu und deutete auf Chuck, Cousin väterlicherseits, „er beobachtet dich schon ganz lange. Ich glaube, er mag dich.“ Kichernd hatten wir damals mit unseren Haaren gespielt, vollkommen übersehend, dass eine so enge Verwandtschaft es unmöglich machte, glücklich zu werden. Chuck und ich waren praktisch miteinander aufgewachsen, kannten einander sehr gut und unsere Eltern waren Geschwister. Wir waren praktisch selbst Geschwister!

Aber das hielt ihn nicht davon ab, zu uns herüber zu kommen.

„Hei Lyn.“

So hatte mich noch niemand genannt. Obwohl mein Herz an jemanden vergeben war, spürte ich es schneller schlagen und mit einem Blick aus seinen seelenlosen dunklen Augen hatte er mich. Nur einen Atemzug später, lächelte ich heimlich und verschränkte meine Hand in seiner. „Hier ist es warm – wollen wir nicht rausgehen?“ Ich schaute zwar Heather bei dieser Frage an, doch diese entschuldigte sich fadenscheinig und ging herüber zu ihrer Mama, um auch unsere Eltern abzulenken. Ich beobachtete, wie sie alle aufgeregt Heathers Schilderungen zuhörten und schwor mir selbst, diesem Mädchen irgendwann dafür zu danken, dass sie so großartig war.

Sie wartet bis heute auf diesen Dank.

Ich drückte Chucks Hand und seine Augen drohten mich aufzufressen.

Lachend streiften wir durch die Weiten unseres Gartens, jagten einander, berührten einander immer wieder spielerisch und irgendwann streifte seine Hand verheißungsvoll meine Hüfte. Ich spürte, wie Aufregung jede Pore meines Körpers durchströmte – gleich passiert es, hörte ich mich selbst wie besinnungslos denken.

Ich hielt inne.

Blinzelte zu Chuck hoch. Er zu mir herab. Strich mir die braunen Haare aus dem Gesicht, die vollkommen wirr waren. Unser milchiger Atem vermischte sich der kühlen Abendluft und als sich unsere Lippen berührten, war es der perfekte Moment.

Er war sanft und liebevoll. Der Chuck Hathaway, den ich kannte, war ein ziemlicher Aufreißer und ich glaube, seine Unschuld hatte er schon mit elf verloren. Keine Ahnung, ob das, was seine beiden Brüder erzählten, immer der Wahrheit entsprach, aber angeblich flogen selbst die Professorinnen in Durmstrang auf den Badboy.

Tatsache war jedoch, dass ich spontan gewesen war. Dass er mich vollkommen überrannt hatte. Und dass es mir trotzdem rein gar nichts ausmachte, einmal nicht an Konsequenzen denken zu müssen, nicht alles zu planen und nicht perfekt zu sein.
 

Chuck machte diesen Abend für mich perfekt.
 

Wir küssten uns eine halbe Ewigkeit. Es war gut, sehr gut sogar und als er sich schließlich von mir löste, einen verklärten Ausdruck in seinen Augen, war ich zufrieden mit mir. Irgendetwas schien ich gut zu können, ohne, dass ich es geübt hätte. Ohne, dass ich darüber nachgedacht hätte.

Ich konnte gut küssen.

Wir lachten einander an und die seelenlosen Augen nahmen mich ein zweites Mal gefangen, lösten einen zweiten, noch viel längeren Kuss aus, während dem seine Hände haltlos über meinen Rücken wanderten und schließlich auf meinen Schulterblättern zum Halten kamen. Sachte Gänsehaut rieselte über meinen Rücken – und dann war ich diejenige, die den Kuss löste. „Das war … schön.“

Chuck schmunzelte. „Du sprichst schon jetzt in der Vergangenheit? So schnell hat mich bisher keine abserviert, Lyn. Das hat …“, seine Finger wanderten über meinen Nacken in mein Haar und ich biss mir auf die Unterlippe, „…Stil. Du wirst mal eine Herzensbrecherin.“
 

Schlussendlich endete der Abend für Chuck mit einer gebrochenen Nase und für mich mit einer Woche Hausarrest und einem Bruder, der eine Woche lang nicht mehr mit mir sprach.

Wie ich schon sagte: Chuck und ich waren zu eng miteinander verwandt. Cousin und Cousine ersten Grades, das schickte sich nicht. Wären wir nun dritten oder vierten Grades miteinander verwandt … niemand hätte auch nur einen Ton gesagt (außer Jasper). So jedoch … hatte Chuck einen weiteren Punkt auf seiner langen Liste, wenn er vor Gott treten würde und ich den ersten Fleck auf meiner makellosen weißen Weste.
 

Und Jasper und ich den ersten Streit in den 14 Jahren unserer tiefen und innigen Liebe für einander.
 

„Was hast du dir dabei gedacht, diesem Arschloch deine Zunge in den Hals zu stecken?!“

„Jas. Beruhige dich bitte…“

„Beruhigen?! Du hast gerade mit Chuck geknutscht!“

„Ja, das weiß ich. Was ist verkehrt daran?“

„Einfach alles! Seit wann knutscht du mit Jungs?!“

„Jasper, bitte schrei nicht so…“

„…Entschuldige, aber ich will eine Antwort.“

„Chuck ist der erste gewesen, der überhaupt … den du überhaupt … Das ist unfair von dir! Du knutscht andauernd mit irgendeinem Mädchen herum und wenn ich nur ein einziges Mal… Jasper, wieso regst du dich so auf? Es war nur ein Kuss!“

„Das war viel mehr als das, Gwen! Er ist unser Cousin. Dad ist jetzt schon dabei, vollkommen durchzudrehen!“

„…“

„Was?! Was soll der Blick?!“

„Dad hat kein Recht, mich oder Chuck zu verurteilen.“

„Mach das nicht, Gwen. Dad ist…“

„…eine männliche Hure…“

„GWEN!“

„…!...Du…bitte geh.“

„Es … tut mir leid. Das hätte ich nicht … ich hätte doch nie … Gwen, ich hätte dich nie…“

„…aber du wolltest es … Wenn dir die Worte versagen, küsst du Leute entweder, oder du schlägst zu. Das ist okay.“

„Gwen.“

„…bitte geh.“

„...Gwen, ich will dich nur beschützen.“

„Das machst du sehr gründlich.“

„Du solltest das nicht noch mal über Dad sagen. Es stimmt nicht.“

„…“

„Und du solltest dich bei ihm entschuldigen. Was hast du dir nur … Chuck?! Warum ausgerechnet der?!“

„…“

„Ich … gehe jetzt.“
 

Warum ausgerechnet Chuck?

Seit wann ich Jungs küsste?

Wir waren verwandt?

Oh, ich war so wütend in dem Moment! Ich hätte so vieles über Dad und Jasper sagen können, so viel böses Blut fließen lassen können … doch ich liebe Jasper und Dad. Und ich weiß, dass es falsch war, Dad eine Hure zu nennen, aber … es ist nicht leicht von einem Mann gut zu denken, der seine Ehefrau mit so vielen Frauen betrügt und diese Frauen auch noch seinen Kindern vorführt, sie teilweise mit ihnen zusammen aufzieht! Ich bin so … so … verletzt deswegen. Und ich hätte an diesem Abend wohl jeden geküsst, nur, um diesen Gedanken zu entfliehen.
 

Ich hatte mich nie den Konsequenzen dieses Abends gestellt. Weder Dad, noch Jasper verloren je wieder ein Wort über Weihnachten 2047 – das machte es für mich nicht leichter.

Vielleicht war jener Abend ein Schritt in die falsche Richtung gewesen.

Vielleicht hatte ich einen gigantischen Fehler gemacht.

… Vielleicht war es aber auch das Beste, was ich hätte tun können…?

It's all coming back to me now

There were nights when the wind was so cold

That my body froze in bed if I just listened to it right outside the Window.
 

„Wahnsinn“, entfuhr es Matthew, während er durch die langen und heute gut gefüllten Hallen des britischen Ministeriums schritt. An seiner Seite ging Lillian mit ebenso vor Staunen weit geöffneten Augen, die kränklichen Züge vor Bewunderung verzogen. „Ich hatte es mir immer groß vorgestellt“, fing die ehemalige Hufflepuff an und streckte die Arme aus, ein Lachen ausstoßend, „Aber so groß? Das ist wirklich Wahnsinn, Matt, wo sollen wir nur zuerst hin?“ Der Brünette fuhr sich die in aller Eile frisierten Haare aus der Stirn und war ebenso überfordert mit der Gesamtsitutaion. „Also … eigentlich wollte ich in die Quidditch-Abteilung. Und vielleicht noch in die Geheimniswahrersektion. Aber ... wo das ist? Keine Ahnung! Und sowas wie … naja … Wegweiser haben die hier wohl auch nicht aufgestellt, huh?“ Lillian schüttelte unglücklich den Kopf und näherte sich unbewusst etwas weiter ihrem Freund, um nicht von der Menschenmasse fortgetragen zu werden. „Das … haben die Muggel uns wohl voraus. In jeder großen Stadt steht so etwas, weißt du?“ Sie blinzelte zu dem ehemaligen Gryffindor auf und stockte, ehe sie leise in das Lachen Matthews einfiel. „Klar weißt du das!“

„Ja. Das haben sie uns voraus. Und noch eine ganze Menge anderer Dinge. Ich wette, für die Muggel-Ministerien gibt es Apps, damit man sich in ihnen nicht verläuft.“

„… Apps?“

„Oh. Ja, noch etwas, was sie uns voraushaben.“ Matt wackelte mit dem Smartphone, das er jedoch schnell wieder in der Hosentasche verschwinden ließ, als einer der vielen Passanten ihm einen schrägen Blick zuwarf. „Vielleicht … gibt es hier so etwas wie eine Turi-Info?“, fragte Matt hoffnungsvoll und Lillian schaute sich fachmännisch um. Innerhalb von wenigen Sekunden deutete sie auf einen der vielen Schalter und Matt folgte ihr dorthin. „Entschuldigen Sie?“, fragte Lillian scheu die mürrisch aussehende Hexe hinter dem Schalter, die über ihre Gläser hinweg giftige Blicke verschoss.

„Ja?“ Die Reibeisenstimme der Alten ließ beiden ehemaligen Hogwartsschülern Schauer über den Rücken rieseln. „Wir … wollten fragen, wo das Archiv liegt und …“ Matt ergänzte: „Und wo wir hinmüssen, wenn wir zu den Geheimniswahrern wollen.“ Die mürrische Frau stöhnte genervt, händigte den beiden Erwachsenen Passierscheine aus und deutete auf die Fahrstühle. „Siebter und Zehnter Stock.“

Matt und Lillian waren sich nicht sicher, ob sie sich nun bedanken sollten, wurden jedoch auch schon vom nächsten Hilfebedürftigen zur Seite gedrängt und standen ein wenig bedröppelt neben dem Schalter. „Wenn die hier alle so nett sind“, murmelte Matt, „wandere ich doch nach Bulgarien aus. Da ist der Wodka wenigstens besser.“ Lillian lächelte schwach und hustete kurz, schüttelte jedoch den Kopf auf Matts fragenden Blick. „Alles gut. Lass uns einfach schauen, ob wir die Richtung finden.“ Der Brünette nickte und folgte seiner Freundin in Richtung der Aufzüge.
 

There were days when the sun was so cruel

That all the tears turned to dust and I just knew my eyes were drying up forever
 

Es waren nun zwei Jahre seit dem Schulabschluss vergangen. Lillian und er hatten beide ein einjähriges Praktikum beim Tagespropheten gemacht und sich dort noch mehr schätzen gelernt, als während der Zeit auf Hogwarts. Er war ihr zum treuen Beschützer, sie ihm zur treuen Beraterin geworden und so war es kaum verwunderlich gewesen, dass Matt ihr auf eine Weltreise gefolgt war, um sicherzustellen, dass sie eine Pause machte, wenn ihre Gesundheit es verlangte. Sie hatten viele Orte bereist – und dank des schier unerschöpflichen Guthabens der Raynolds, war das Geld kein Problem gewesen – hatten viel gesehen und Matt hatte sich oft gefragt, wohin sein Weg ihn nun führen würde. Mit 19 musste er anfangen, darüber nachzudenken. Die Journalismusbranche war ein hartes Pflaster und er wusste nicht, ob er dieses Pflaster betreten wollte. Ähnlich ging es der schwächelnden Reinblüterin. Die täglichen Anstrengungen wären vermutlich zu viel für ihre Gesundheit – deshalb waren sie heute hier im Ministerium. Dieses veranstaltete alle zwei Monate einen Berufsinformationstag, an welchem das Ministerium allen Zauberern und Hexen offen stand. Matt hatte Lillian in ihrem Gedanken, das Archiv zu besuchen, bestärkt. Ihre außerordentlich guten kombinatorischen Fähigkeiten, ihre Geduld und Ausdauer und auch ihre Recherchefähigkeiten kämen ihr sicherlich bei einem Job dort zu Gute (wenn Matt die Jobanzeige richtig verstanden hatte), während Matt sich anschauen wollte, was einen Geheimniswahrer so ausmachte und ob er nicht beim internationalen Quidditchposten mal was reißen könnte.

So viel zur Theorie.

Die Praxis gestaltete sich wie immer abenteuerlicher.
 

I finished crying in the instant that yo left

And I can’t remember where or when or how,

And I banished every memory you and I had ever made
 

Kurz vor den Fahrstühlen hielt Matt inne. „Was ist?“, fragte Lillian, als sie sich zu ihm umwandte. Matt runzelte die Stirn. Er wurde das Gefühl nicht los, dass er beobachtet wurde. Unangenehm begann seine Haut zu kribbeln und er schaute sich um. „Ich … weiß nicht. Geh schon mal vor, ich komme nach.“

„Okay. Ich warte im Archiv auf … Oh.“

Oh.

Richtig.

Wie Signalfeuer brannten blaue Augen durch die Masse an Menschen. Alles und Jeder um ihn herum schien unwichtig, zu einer einzigen grauen Masse zu verschwimmen und nur er kristallisierte sich klar und deutlich aus ihr heraus. Oh traf es verdammt gut. Das war also der Grund für die Unsicherheit. Für das Kribbeln. Nein, nicht das, er. Unruhig befeuchtete Matt sich die Lippen und winkte Lillian zu, das sie gehen sollte. Er wusste nicht, was gleich geschehen würde. Das Dickicht an Emotionen hatte sich noch nicht gelichtet – war er nun froh, ihn wiederzusehen? Ja. Und nein. Wie sollte er reagieren? Was sagen? Er verfolgte die ihm so bekannte Gestalt, mit starrem Blick, verfolgte jede kleine Regung auf den arroganten Zügen, verfolgte das vorwitzige Funkeln in den Augen, während er sich mit einem der Angestellten flirtend unterhielt, verfolgte die lässige Geste, mit der er sich in den Nacken fasste, verfolgte die beiläufige Berührung, die ihn zusammenzucken ließ.

Matt erstarrte.

Er verfolgte, wie Hadrian Eskin Wynshire von einem auf den anderen Moment seine Selbstsicherheit verlor. Ein großgewachsener, hagerer Mann mit kritischen Zügen und angeekelt hochgezogenen Lippen hatte sich neben den Blonden gesellt, ihm die Hand auf den Rücken gelegt – viel zu weit unten, für Matts Geschmack – und übte nur durch seine Präsenz scheinbar einen so gewaltigen Druck auf Hadrian aus, dass dessen Lächeln schwankte, dessen Blick glasig wurde und eine einstudierte Gleichgültigkeit auf dessen Züge trat.

Matt kannte diese Gleichgültigkeit.

Und er kannte diesen Mann.

Langsam und von sich selbst unbemerkt steuerte er auf die Gruppe zu, die sich halblaut und lachend unterhielt und in der bis eben Hadrian noch die Unterhaltung geführt hatte. Nun führte Alphasius Burke sie mit eiserner Hand, die noch immer wie eine Warnung im Rücken des Blonden lag. Matt umrundete die Gruppe. Hatte nicht vor, direkt einzugreifen. Das konnte er sich nicht heraus nehmen. Doch er sorgte dafür, dass er in Hadrians Blickfeld gelangte. Er sorgte dafür, dass er durch ein absichtliches Stolpern einen der jungen Männern anrempelte, mit dem Hadrian sich gerade gezwungen unterhielt. Und er sorgte dafür, dass er durch ein „oh, ‚‘Tschuldigung“ sicherlich auffiel.

Besonders, dass er Hadrian auffiel.

Langsam hoben sich blaue Augen in ihre Spiegel, suchten das bekannte Gesicht ab und stellten Blickkontakt her. Hadrians Züge erhellten sich für den Bruchteil eines Herzschlags.

Er hatte ihm das Herz gebrochen.

Er hatte ihn verflucht.

Er hatte diesen Bastard gehasst.

… Und er hatte ihn geliebt. Wie keinen nach ihm.
 

When you touch me like this

And you hold me like that

I just have to admit that it’s all coming back to me
 

Matt war die letzten zwei Schuljahre mit Aidan O’Dwyer in einer mehr oder weniger standhaften Beziehung gewesen. Es war gut, sie waren verliebt, hatten ne bombastische Zeit, aber dann kam Maxim, oder Maximilian oder Maximo oder wie auch immer der verdammte Sechstklässler hieß und Aidan war auf und davon. Nicht weiter tragisch – es brachte dem Brünetten zwar einige Wochen vergraben in Dublin ein, bis Lillian ihn nach London zum Tagespropheten einlud, doch er war schnell darüber hinweg.

Mit Hadrian war das etwas ganz anderes gewesen.

Als er abging … hatte Matt tagelang nicht schlafen können. Er hatte überlegt, ob er alles über Bord warf und Hadrian einfach fragte, ob er ihn zum Abschluss begleiten dürfte. Er hatte überlegt, ob er die Schule hinschmeißen und dem Blonden folgen sollte, wo auch immer er hinging. Er hatte überlegt, ob er dem beschissenen McAlistair einfach eins auf die Fresse geben sollte, als er an Hadrians Seite – natürlich nur freundschaftlich, ja, ja – auf dem Abschluss auftauchte. Und er hatte überlegt, ob er sich einfach in den großen See stürzen und nie wieder auftauchen sollte, als Hadrian mit irgendeinem Kerl verschwand, und nicht mit ihm. Er hatte überlegt. Wie immer. Überlegt, aber nicht gehandelt. Und dann war Hadrian Wynshire aus seinem Leben verschwunden. Drei grausame Jahre lang – und so oft Matt sich auch neu verliebt hatte und so flatterhaft und wundervoll dieses Gefühl auch war, es war nichts im Vergleich zu der schmerzenden Woge an glücklichem Unglück, das sein Herz beinahe in Zwei zu reißen drohte, als er ihn jetzt wiedersah.

Gefangen.

Und gleichzeitig befreit.

… Er liebte ihn noch immer. Er hatte nie damit aufgehört.
 

When I touch you like this

And you hold me like that

It’s so hard to believe but it’s all coming back to me
 

„Matthew.“ Seine Stimme. Nicht mehr als ein Atemhauch, nicht mehr als ein Raunen – so fern von Real und doch berührte sie etwas in ihm, was nur sie berühren konnte. Automatisch richtete er sich wieder auf, stützte sich an der Schulter des Mannes, den er absichtlich angerempelt hatte ab und entließ ihn schließlich in die Freiheit. Sie alle waren vollkommen egal. Matt erkannte das Funkeln in den blauen Augen. Er erkannte den Schalk und den Sex und er erkannte die Angst und die Einsamkeit. Niemand kannte Hadrian Wynshire so wenig und doch so gut wie er selbst – die Augen huschten zu Burke und Matts Augenbrauen zogen sich zusammen. Einen Moment war er versucht, die Distanz zu überwinden. Nicht zum Wynshire, um ihm wahlweise die Fresse zu polieren, oder aber hemmungslos zu küssen, sondern zu diesem Stück Mensch, das dort stand und es sich immer noch herausnahm, über den Blonden bestimmen zu wollen. Doch er beherrschte sich. Er hatte in den letzten Jahren so viel an Geduld und an Größe gewonnen – Alphasius Burke würde das nicht zunichtemachen.

Nicht vor Hadrian.

Langsam schaute Matt wieder zu Hadrian. Er sah Hoffnung und Ablehnung, Neid und Anerkennung, Ablehnung und Liebe. Dieser gegensätzliche Mann hatte es geschafft, dass es für Matt niemals wieder einen anderen Menschen in seinem Leben gab, für den er alles aufgeben würde.

Hadrian brauchte nur jetzt zu sagen und Matt würde springen. Ob in den Tod oder nur in seine Arme, das war vollkommen bedeutungslos.

Auch all die Zeit, die sie getrennt gewesen waren, war bedeutungslos für ihn. All die Jahre ohne Hadrian, waren spurlos an dem Blonden vorbei gegangen – er war noch immer so makellos und gleichzeitig so gebrochen wie vor vier Jahren. Wie in der Zeit, in der sie sich geliebt hatten. Auf die eine und die andere Art und Weise.

Sie hatten Fehler gemacht. Beide. Matts größter? Aufzugeben. Nicht zu kämpfen.
 

There were Moments of gold and there were flashes of light,

There were things I’d never do again but then they’d always seemed right
 

„Hadrian! Große Überraschung, dich hier zu sehen.“ Oh, fast fehlerfrei über die Lippen bekommen. Alphasius musterte Matt und unter dem scharfen Blick des Alten wäre er beinahe zusammengezuckt, doch er ignorierte ihn und seine ganze Aufmerksamkeit galt Hadrian. „Lange her…“ Hadrian nickte steif und wich seinem Blick aus – die Hand im Rücken wog zu schwer. War zu unangenehm. Zu beherrschend. Matt atmete tief durch und wandte seinen Blick nun doch Alphasius zu. „Ich würde Ihnen Ihren Neffen gerne entführen, wenn ich darf?“ Etwas an Matts Stimme sagte, dass er es auch tun würde, wenn er es nicht durfte und ohne noch lange auf Einwände des Alten oder der drei Männer zu warten, die im Halbkreis um Hadrian herum standen, griff er nach dem Ellenbogen des Blonden und zog ihn von der Gesellschaft fort. „Nichts sagen. Einfach mitkommen“, murmelte er leise und Hadrians Verkrampfung löste sich – er ließ sich mitziehen. Mit jedem Meter, den sie zwischen sich und die anderen brachten, spürte Matt, wie die Anspannung fiel und wie sich der Mann hervorwagte, der nur wenige Stunden gebraucht hatte, damit Matt ihm Herz und Leben schenkte.

Sie erreichten eine kleine Sitzgruppe in der Nähe des Schalters, den Lillian und er zuvor noch besucht hatten und Matt deutete auf die Bank, wartete und setzte sich erst, nachdem Hadrian sich gesetzt hatte. Sein Blick wanderte über die Menge an Menschen und obwohl Hadrian neben ihm saß, kam er ihm unheimlich weit weg vor. „Was … machst du hier nur?“, hörte er sich selbst fragen und schaute schief zum Älteren auf, sich plötzlich wieder wie 15 fühlend. Hadrians Augenbraue wanderte nach oben, so typisch, und das überheblich-verführerische Lächeln fand auf diesen wahnsinnigen Lippen Platz. „Das müsste ich dich wohl fragen, hm? Meldest dich drei Jahre nicht und entführst mich gleich?“ Was auch immer Hadrian noch hatte sagen wollen … er brachte es nicht über sich. Matt nickte langsam. Schaute weg. Lehnte sich auf der Bank ein wenig vor und spielte mit seinen Händen, auf denen schließlich die blauen Augen zum Liegen kamen.

„Lillian und ich – also, Lillian Raynolds, falls sie dir noch etwas sagt“ – „Hmhm.“ – „wir sind wegen der Infotage hier. Sind uns beide noch nicht so sicher, wo es uns hinführt.“ – „Bist du etwa mit ihr zusammen?“ – „Nein. Bist du etwa mit ihm“, ein Nicken auf den Kerl, den Matt für seinen Unfall ausgenutzt hatte, „zusammen?“ – Ein Lächeln. „Nein.“ – „Gut.“ – „Ja. Gut.“
 

There were nights of endless pleasure

It was more than laws allow
 

„Nein, wirklich, Hadrian – was machst du hier?” Der Blonde nahm Matt ins Visier und diese herrliche Kälte in den blauen Augen brachte ihn zum schaudern. „Es gibt Zauberer, die sich ihr Leben nicht so aussuchen können wie du, Rumtreiber.“

„Woher … weißt du das?“

„Ach – reden wir nicht über mich. Was hast du so erlebt, in … Indien. Oder Ägypten. Oder Schottland. Oder Tunesien. Oder wo auch immer du so warst, huh, Matty?“

Schweigen. „Willst du das wirklich wissen, Hadrian?“

„Wieso sollte ich sonst fragen?“

Schweigen. „Um dir ein paar Minuten mehr Freiheit zu erkaufen? Weil es dir Spaß macht? Weil dir gerade danach ist? Ich könnte dir tausende Gründe aufzählen – und du würdest zu dem einzig ehrlichen keine Sekunde stehen, habe ich nicht recht?“

Schweigen. „Welcher ist denn deiner Meinung nach der einzig ehrliche, du kluger, kluger Löwe, hm? Erleuchte mich!“

„Du hast mich vermisst.“ Matts Lippen zeigten ein Grinsen und er stupste mit seiner Schulter sachte gegen Hadrians. Ein Blick – von unten herauf zum Älteren – folgte dieser vertrauten Geste und für einen kurzen Moment war er versucht, das unangenehme Ziehen in der Magengegend auszublenden und ihn einfach zu küssen. So, wie sich die sinnlichen Lippen nun zu einem Lächeln formten und die Zähne entblößten, jene Zähne, die so verführerisch beißen konnten. So, wie sich die Zungenspitze frech hervorwagte, jene Zungenspitze, die heiße Bahnen zeichnete und gleichzeitig löschte. So, wie blaue Augen zu funkeln begannen – und sie funkelten nur für ihn. Es hatte lange gebraucht, dass Matt das verstanden hatte, so wie es lange gebraucht hatte, bis er die Versuche Hadrians verstanden hatte. Da war es zu spät gewesen. Und jetzt?

„Was sind wir nur erwachsen geworden, hm? Und jetzt halten wir uns für Merlins Nachfahre?“, feixte Hadrian und lehnte sich auf der Bank zurück, ganz so, als gehöre ihm die Welt. Nun. Matts Welt gehörte ihm. Der musste schmunzeln. „Nein. Ich glaube nur, ich kenne dich ziemlich gut. Und … man muss kein zweiter Merlin sein um zu begreifen, dass du verdammt froh bist, dass ich dich da rausgeholt habe.“

Schweigen.

Das Grinsen war erloschen.

„Also, Hadrian – was tust du hier?“

„Arbeiten. Dad war nun mal sehr … fordernd.“ Die stechenden blauen Augen lagen auf Alphasius Burke, der sie nicht aus den Augen ließ. „Wohl nicht nur Dad, huh?“, mutmaßte Matt und bemerkte, wie Hadrian verärgert die Stirn kräuselte. Ein Seufzen entfloh dem Gallagher. „Okay, Wynshire. Komm.“ Er tätschelte das Knie des Älteren, was diesem eine gehobene Augenbraue entlockte und nickte auf die großen Türen. „Es wird Zeit, dass wir von hier verschwinden.“ Verwirrung und Erkenntnis wechselten sich in den stürmischen blauen Augen ab, während Matt nach Hadrians Hand griff und ihn von der Bank auf die Füße zog.

Er ließ die Hand nicht wieder los.
 

If I kiss you like this

And if you whisper like that

It was lost long ago but it’s all coming back to me
 

Ganz schnell war die Distanz überbrückt. Die weichen Lippen des Blonden in Beschlag genommen. Nur einen Herzschlag lang. Wenn er wollte, konnte er es als Einbildung abtun, so zart hatte Matt sich den Kuss gestohlen, den sein Herz verlangt hatte, doch die nächsten Worte würde er nicht abtun können. Matt stand noch immer nahe bei ihm, Schläfe an Schläfe, Lippen an Ohr.

„Ich lasse dich nicht wieder los. Du kannst laufen – aber ich werde dich fangen. Du kannst Wiederstand leisten – aber ich werde ihn brechen. Du kannst toben – aber ich werde dich beruhigen.“ Nur Millimeter entfernte sich Haut von Haut – blaue Augen fanden ihre Spiegel und Matt fing die Panik in den Augen Hadrians ein. „Du kannst Angst haben. Ich“, er drückte die Hand, „lasse dich nicht mehr los.“
 

If you want me like this

And if you need me like that

It was dead long ago but it’s all coming back to me
 

Hadrian sog die Luft scharf ein. Nur einen Augenblick wollte er glauben, was er da hörte. Wollte er alles um sich herum vergessen und damit alles, was ihn schon so lange ausmachte. „… Versprochen …?“, hörte er sich selbst raunen, erschrocken, von der Brüchigkeit der eigenen Stimme und von der Stärke, mit der die eigene Hand sich in die fremde krallte. Matt wich nicht zurück. Die Berührung von Lippen. Abermals bruchstückhaft. Wie eine Erinnerung so zart und ein wirsches Brummen entfuhr dem Blonden. „Versprochen“, hörte er Matthew wispern.

Als Antwort suchte eine Hand nach der anderen und harte Lippen lagen auf sehnsüchtigen.

Hadrians Art, Versprechen zu geben, war schon immer ein wenig direkter gewesen.

1956 - I

OKTOBER 1956
 

Ich zog die Haustür sanft hinter mir ins Schloss. „Darling? Ich bin daheim“, rief ich in den beinahe klinisch weißen Flur und als Antwort bekam ich eine Kakofonie an drei verschiedenen Frauenstimmen, die schnell näher kamen. Meine Töchter rannten auf mich zu und teils froh sie zu sehen, teils erschöpft von der Arbeit auf der Station, nahm ich sie in den Arm. „Geht zu eurer Mutter, ja?“, wisperte ich in das weiche blonde Haar meiner Älteren und brav tapsten sie den Flur herab zu Mama, die im Türrahmen das Spektakel beobachtete, sich die feuchten Hände an der Schürze abwischend. „Geht hoch Hände waschen“, befahl sie ruhig, „und kommt danach direkt wieder runter. Es gibt gleich Essen.“

Das streng zurückgenommene blonde Haar hatte sich im Eifer der Hausarbeit hier und da gelöst und verspielte Strähnen lugten hervor, die sie nun versuchte zu bändigen, als ich den Flur herunterkam. „Wie war die Arbeit?“, erkundigte sie sich liebevoll und ich setzte meine Lippen auch auf ihrer Stirn auf, berührte sachte ihren wachsenden Bauch, doch sie schob meine Hand bestimmt fort. „Es gibt Essen“, betonte sie ein weiteres Mal und ich schob mich, nachdem ich den Mantel ausgezogen hatte, in die Küche.

Im Waschbecken wusch ich mir die Hände und setzte mich danach an den Tisch, als ich das Poltern der Kinder auf der Treppe hörte. Ein strenger Blick ihrer Mutter ließ die beiden Mädchen reumütig an den Tisch gekrochen kommen. „Entschuldigung“, sagten sie im Chor und ihre Mutter nickte.

Schweigend nahmen wir unser Essen zu uns. Es war karg, aber wie immer auf den Punkt gekocht und meine Frau machte das Beste aus dem, was wir zur Verfügung hatten. Natürlich wäre es für die Haushaltskasse günstiger, wenn meine Frau noch immer als Lehrerin arbeiten würde, doch die Mittel hatten wir mit zwei Kindern und einem Dritten im Anschlag einfach nicht.

Nach dem Essen wusch meine Frau das Geschirr und ich ging noch eine Weile ins Wohnzimmer, rauchte eins, zwei Zigaretten und las die Tageszeitung. Meine Töchter saßen stumm bei mir und spielten Klatschspiele oder Karten. Als meine Frau mit dem Abwasch fertig war, setzte auch sie sich zu mir auf das Sofa. „Ich habe Hadrian heute gesehen.“ Ihr bemüht gleichmütiger Tonfall fiel mir sofort auf und angestrengt versuchte ich, mich auf den Wetterbericht für den nächsten Tag zu konzentrieren. „Er kam aus dem Museum.“ Noch immer schwieg ich auf die Worte meiner Frau, blätterte geräuschvoll in der Zeitung und hoffte, sie würde das Thema einfach fallen lassen. „Ich wusste nicht, dass er Kunst mag.“ Ungeduldig faltete ich die Zeitung zusammen und wich dem Blick meiner Frau aus. „Tut er auch nicht. Er ist nicht … so einer … Und wieso fängst du nun eigentlich von ihm an?“ Meine Frau war über den rauen Ton überrascht und schaute von ihrem Strickzeug auf. „Ich dachte, es interessiert dich, was dein Freund treibt“, merkte sie vorsichtig an, doch ihr lauernder Blick sagte etwas ganz anderes. Sie wusste, wohin ich die letzten zwei Jahre über beinahe jeden Dienstagabend hin verschwunden war und sie wusste, was in mir vorging. Dessen war ich mir vollkommen sicher, als ihre klugen Augen mich auf die Probe stellten. Gereizt stand ich auf und zog meine Töchter auf die Beine, um sie schlafen zu legen.
 

Eins, zwei Stunden später kroch ich reumütig zu meiner Frau ins Bett. „Es tut mir leid“, wisperte ich gegen ihren Nacken und legte meine Hand auf ihren leicht gewölbten Bauch. Ich konnte ihr Lächeln hören, als sie antwortete: „Du hattest einen stressigen Tag. Ich liebe dich.“ Ich musste nicht mehr zögern, um zu lügen: „Ich liebe dich auch.“
 

Tatsächlich.

Hadrian ging nun also tatsächlich ins Museum. Ich kam mir dumm vor, ihm nachzuspionieren und obwohl ich mir einzureden versuchte, dass ich nur meine üblichen Patrouillen machte, wusste ich, dass das eine lausige Ausrede war. Das Museum lag nicht einmal in meinem Zuständigkeitsbereich.

Mein Blick folgte der schlanken Gestalt Hadrians, der im dunklen Mantel voll britischem Schick die Straße herabschlenderte. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt und dennoch beeilte er sich nicht. Auf der anderen Straßenseite hielt er inne und ich versank beinahe hinter meiner Tageszeitung, die ich beim Kiosk studierte, als er noch einmal über die Schulter schaute. Ich folgte seinem Blick.

Ein junger Mann, vielleicht sieben, acht Jahre jünger als wir, stand im Museumseingang und blickte zur anderen Straßenseite. Für einen Moment bildete ich mir ein, dass sein und Hadrians Blick sich trafen, dass sie sich Minutenlang anstarrten und ich Teil dieses intimen Moments war, den niemand anderes mitzubekommen schien. Zumindest konnte ich das nur für sie hoffen.
 

Hadrians Gang war beschwingt, als er nach Hause ging. Ich folgte ihm immer noch und bisher hatte er mich noch nicht bemerkt. Geschickt manövrierte ich mich so durch die Seitengassen, dass ich vor ihm an seiner Wohnung ankam, rückte meine Polizeiuniform zurecht und kam mir albern vor. Albern, dass ich ihn abpasste, albern und unvorsichtig. Nur ein Nachbar musste dieses Treffen falsch verstehen. Nur einer musste denken, dass Hadrian und ich … dass meine Treffen mit ihm …

Ich befeuchtete mir die Lippen als mir bewusst wurde, dass ich nervös war. Ich empfand diese elektrisierende Nervosität, die mich stets umfing, wenn Hadrian in mein Blickfeld trat. Automatisch zog er meinen Blick an und die markante Nase, die feinen Züge, die stechenden, intelligenten Augen, das schelmische Leuchten in ihnen, das kecke Grinsen auf den Lippen … all das war so anders als alles, was ich kennengelernt hatte und so fern von jenen Menschen, die ich kannte. Er hatte mich zu verzaubern gewusst, kaum dass wir uns vor vier Jahren kennengelernt hatten und seitdem waren wir sehr gute Freunde. Er war mein Trauzeuge gewesen, doch seit ich verheiratet war, hielt er sich sehr zurück.

Hielten wir uns sehr zurück.

Als Hadrian mich sah, hielt er kurz inne. Er schien zu verarbeiten zu müssen, dass ich in Uniform und mit Helm vor seiner Wohnung stand und schaffte es nicht auf Anhieb, das neue Bild einzuordnen. Zögerlich kam er zu mir, doch seine Augen sprühten vor Esprit, während sein Gesicht skeptisch verzogen war. „Officer“, grüßte er mich und ich nickte ihm zu. Wortlos deutete ich auf die Eingangstür und auch Hadrian nickte, warf nicht einmal einen Blick über die Schulter, sondern ließ mich einfach in seine Wohnung.
 

Der harte blaue Stoffmantel rutschte von seinen Schultern, als wir in der kalten Wohnung angekommen waren und ich nahm meinen Helm vom Kopf. Verloren blieb ich im Türrahmen stehen, während Hadrian die Gasheizung in Gang brachte und uns zwei Scotch einschenkte. Wortlos reichte er mir ein Glas. Ich nickte und als ich es nahm, berührten sich unsere Finger, ganz leicht. Scheu blickte ich zu ihm auf, doch sein Blick war unstet, nicht bei mir.

Ich spürte Ärger in mir aufkeimen. Wusste er, welches Risiko ich hier auf mich nahm? Wusste er, wie verboten es war, ihn in meiner Arbeitszeit zu sehen? Ihn überhaupt zu sehen?

„Ich habe jemanden kennengelernt“, fing er plötzlich an zu erzählen und setzte sich auf seine Couch, den Blick noch immer ins Nichts gerichtet, fein an seinem Scotch nippend. Und ich stand noch immer im Türrahmen, schweigend. „Er ist Sportler, weißt du? Nicht halb so feinsinnig, wie ich es gewohnt bin, aber er hört mir stundenlang zu mit der Neugier eines Kindes und seine Augen, Dorian. Sie leuchten wie die Sterne.“ Mit dem kecken Grinsen schaute er zu mir und meine Hand krampfte sich um das Glas. Noch immer schwieg ich.

„Willst du dich nicht endlich setzen?“, forderte er mich auf und ich schüttelte den Kopf. Setzte das Glas auf einem der kleinen Tischchen ab. „Ich sollte gar nicht hier sein“, antwortete ich fahrig und drehte mich auf dem Absatz um.

Er hielt mich nicht auf, als ich die Hand auf die Klinke legte. Er rief nicht meinen Namen, mich nicht zurück. Etwas in mir wünschte sich sehnsüchtig, dass er mich aufhielt. Und nur deshalb zögerte ich.

„Der Junge beim Museum?“, fragte ich hölzern und hörte das helle Lachen Hadrians, das so typisch für ihn war. „Hast du mich etwa beobachtet, Dorian? Komm schon, setz dich endlich. Ich konnte dich ja noch gar nicht richtig ansehen.“

‚Das lag nicht an mir‘, war ich versucht zu erwidern, doch ich fügte mich der samtigen Stimme Hadrians und glitt neben ihm auf die Couch, noch immer in der steifen Uniform. Ganz automatisch fingen seine gefährlich funkelnden Augen meine ein und ich drohte im weichen Leder der Couch zu versinken, spürte die Hitze der Heizung – oder war es meine eigene? – und empfand das Verlangen, ihn zu berühren. Unsere Hände fanden einander irgendwo in der Mitte und er lächelte heimlich, spiegelte damit mein eigenes Lächeln und auch er setzte sein Glas ab.

„Wo hast du so lange gesteckt?“, fragte er atemlos, als er sich zu mir herüber beugte. Sein heißer Atem perlte an meinen Lippen ab und ich erschauderte unter der Berührung seiner sanften Finger auf meiner Brust. Geschickt pellten sie mich aus der Jacke und ich antwortete nicht, versank lediglich in diesen Augen. Spürte, wie mein Atem schneller ging, wie ich dem Kommenden entgegen fieberte. Ich bildete mir ein, dass seine Hände zitterten, als sie mir die Hose öffneten und ich keuchte ungehalten. Sie waren warm auf meiner Haut – ich lebte. Zog sein Gesicht zu mir und küsste ihn, rieb meine Lippen verlangend an seinen und spürte, wie ich hart wurde, wie er mich umfing und begann, den Druck abzubauen. Ich stöhnte leise, konnte mich nicht lange zurückhalten und ergoss meine Leidenschaft in seine Hand.

„Was macht deine Frau eigentlich richtig?“, hörte ich ihn fragen, während er sich lasziv das Sperma von einem Finger leckte und ich griff nach seinen herrlich blonden Haaren, spürte die warme Haut seines Nackens und zog ihn zu mir, auf mich, befreite ihn von seiner störenden Hose und ließ es geschehen. Er schlüpfte zwischen meine Beine. Ich drehte mich um, wollte ihm nicht dabei zusehen und ließ ihn mich lieben. Jeder einzelne Stoß war zu viel.

Es war eine Sünde - es war genau richtig.

Es war nicht richtig, konnte gar nicht richtig sein - es war die süßeste Sünde, die man sich vorstellen konnte.

Die Hitze brachte mich beinahe um den Verstand und der ersehnte bittere Schmerz durchzuckte meinen gesamten Unterleib, wann immer er zustieß. Er ließ sich Zeit. Beherrschte sich. Genoss es, mich zu dominieren, mich da zu haben, wo er mich haben wollte. Entzog sich mir ganz und hinterließ das Gefühl, nicht komplett zu sein. Dass etwas fehlte. Keuchend drehte ich mich um, umfing seinen Schwanz mit meinen Händen und verhalf ihm zur Erlösung, schnell und effektiv und der heiße Lebenssaft auf meiner entblößten Brust war wie die Bestätigung, dass all das kein Traum war. Dass Hadrian real war und ich homosexuell.
 

Wir redeten bis spät in die Nacht und er nahm mir das Versprechen ab, dass ich öfter kommen würde. Ich war mittlerweile ein guter Lügner geworden und konnte dieses Versprechen geben, ohne rot zu werden.

Hadrian wusste es. Ich wusste es. Irgendwie hatte ich von Anfang an gewusst, dass es auf einen Abschied hinauslaufen würde, unterbewusst.

Ich würde nicht wiederkommen.

Das war unsere letzte Nacht. Also legten sich seine Lippen sehnsuchtsvoll auf meine und wir liebten uns den Rest der Nacht. „Wie heißt er?“, fragte ich Hadrian, als ich meine zerknitterte Uniform wieder anzog. Hadrian lag im Morgenmantel auf seinem Bett und rauchte, sein Blick war nun seltsam verklärt.

Ich hatte ihm immer gefallen. Hadrian war immer verrückt nach mir gewesen und andersherum war es genauso gewesen – doch diesen Ausdruck hatte ich noch nie bei ihm gesehen. Es lag etwas Ernsthaftes in seinem Gesicht, was so gar nicht zu dem kecken Hadrian passen wollte, den ich kannte und seine blauen Augen wanderten umher, suchten einen Fixpunkt, fanden keinen und in ihnen lag ein seltsamer Glanz. Er schien mir nervös, dabei war Hadrian Wynshire der ruhigste und gelassenste Mensch, den ich kannte.

„Matthew. So ein ordinärer Name, huh? Sagte ich schon, dass er Sportler ist?“ Ich nickte. „Ein ganz breites Kreuz hat er und Muskeln…“ Hadrian war immer leicht von ästhetischen Körpern zu beeindrucken gewesen, also dachte ich mir nichts dabei. „Aber ein Sportler…? Hadrian, ich weiß nicht. Die sind meistens nicht die Hellsten“, wandte ich ein und er lachte sein herrliches Lachen. „Oh, Matthew ist anders.“ Ich stockte und schaute ihn lange und unverhohlen an, wie er dalag, rauchend und lachend und mit glänzenden Augen und roten Wangen und der Sexgeruch lag in der Luft und er erzählte von Matthew, dem Sportler, der anders war und ich begriff: Hadrian war verliebt. Das erste Mal in seinem Leben und ein scharfer Stich durchzog meine Brust.

Ich war eifersüchtig.

Vorsichtig griff ich nach meinem Helm. „Ist er gut zu dir?“, fragte ich leise. Hadrian schaute mich offen an und nickte. „Sehr gut, Dorian. Besser, als ich es verdient habe. Er ist jung und idealistisch und offen. Er interessiert sich für Kunst!“ Daher also das Museum. Ich versuchte mich an einem Lächeln. „Und für Musik. Er hat eine leidliche Singstimme, auch wenn er nie so gut Klavierspielen können wird wie du.“ Mir wurde warm ums Herz, als er lachte. „Auch wenn er ein besseres Rhythmusgefühl hat.“ Es lag etwas Verbotenes darin, wie er das Wort betonte und ich errötete unter dem kecken Grinsen. „Und er hat einen netten Bruder, wirklich, er würde dir gefallen. Arbeitet in Irland als Polizist, seine Familie kommt nämlich aus Irland, musst du wissen, und er hat den charmantesten Akzent, den ich je gehört habe. Er raucht nicht, trinkt nicht, tanzt nicht. Kannst du dir das vorstellen?“ Ich schüttelte den Kopf. Mir war schlecht.

Wir schwiegen eine Weile. Ich stand im Türrahmen, er lag rauchend im Bett.

„Er bringt mich zum Lachen.“

Ich nickte.

„Und ich habe wieder Hoffnung“, fügte Hadrian ganz leise an, so leise, dass ich es beinahe nicht gehört hätte. „Hoffnung?“ Hadrian schaute mich seltsam an und winkte dann ab. „Ich bringe dich zur Tür…“
 

Erst viel später begriff ich, dass ich damals seine Hoffnungen zerstört hatte. Dass es nicht das erste Mal gewesen war, dass Hadrian Wynshire verliebt gewesen war. Und dass Matthew ihm die Hoffnung geben konnte, die ich ihm damals genommen hatte.
 

Meine Frau fragte nicht, wo ich gewesen war, als ich früh morgens zurückkehrte. Stattdessen saß sie mit Augenringen und Babybauch am Frühstückstisch und lächelte, als sie mich sah. „Ich dachte schon, dir ist etwas passiert“, wisperte sie leise und schob ihre Teetasse zur Seite. Ich war gerührt von ihrer ehrlichen Sorge. „Nein. Ich … musste nur etwas klären.“ Zögerlich nickte sie und stand auf. Sie trat zu mir heran und griff nach meinem Gesicht. Dem ersten Impuls, mich wegzudrehen, hielt ich stand und ließ sie mich berühren, das glatt rasierte Kinn anfassen und schließlich küsste sie mich zärtlich.

Sie musste den Scotch schmecken. Oder Hadrian. Oder die Sünde. Irgendetwas davon musste sie einfach schmecken. Doch sie lächelte noch immer, als sie sich ein wenig von mir entfernte und meine Hand in ihrer verschränkte. „Ich habe dich vermisst. Du bist endlich wieder hier, ja? Hier bei mir?“, fragte sie nach und ich spürte, wie Tränen in mir aufstiegen. Ich hatte sie auch vermisst. Sie, die Kinder, mein Leben vor Hadrian Wynshire. Die Normalität. Ich liebte sie. Ich liebte meine Kinder. Ich liebte meinen Job, meine Familie, mein Leben.

Und ich liebte Hadrian Wynshire.

Ich konnte nichts dagegen tun, dass ich leise anfing zu schluchzen und mich an ihrer Schulter wiederfand, wie sie mich in den Arm nahm, leise „Sch“ murmelnd auffing und mit weichen Berührungen dazu brachte, wieder ruhig zu werden. Geborgenheit. Ich fühlte mich bei ihr unheimlich geborgen. Sie entfachte vielleicht nicht das Feuer eines Hadrians, aber sie war bodenständig, liebevoll, umsichtig und gesund idealistisch. Sie unterstützte mich und ich sie in ihren etwas unkonventionellen Gedanken.

„Ja“, sagte ich schließlich, als ich meine Stimme wiedergefunden hatte und küsste sie inbrünstig. „Ich bin wieder bei dir, Rhea. Ich liebe dich.“

Und dieses Mal war es keine Lüge.

Bemerkenswert

Erfolge nehmen alle in Anspruch, Misserfolge werden einem einzigen zugeschrieben

Publius Cornelius Tacticus
 

Der lange Gang lag verlassen vor Dorian. Er hörte sein Blut in den Adern rauschen und sein Name hallte tausendfach verstärkt von den Steinmauern zu ihm herüber. Er klang wie eine Anklage – „Dorian McAlistair, bitte melden Sie sich in Raum 503.“

Er atmete tief durch.

Dann schritt er durch die großen Flügeltüren in die Vorhalle und weiter in den ausgeschilderten Raum.
 

„Sie wissen, warum Sie heute hier sind?“, fragte ihn die Vorsitzende des Zaubergamots und er nickte. „Ja, Ma’am.“ Dennoch wiederholte sie: „Sie werden beschuldigt, ihre Einheit in einen Hinterhalt geführt zu haben. Ihnen wird die nachlässige Strategie zur Last gelegt. Zusätzlich gehen die Verletzungen der Auroren Waterman und Sthinger zu Ihren Lasten. Ist das soweit korrekt?“

Etwas in Dorian schrie nein, doch er nickte, das Gesicht ernst verzogen. „Ja, Ma’am.“

„Sie übernehmen also die alleinige Verantwortung?“

Abermals ein Nicken und ein „Ja, Ma’am“ als Bestätigung.

Die Vorsitzende seufzte und nahm die Brille von der Nasenspitze. „Hören Sie, McAlistair. Ihre Kollegen haben sich sehr positiv für sie ausgesprochen und beteuert, es sei nicht Ihre Schuld gewesen. Also wenn Sie irgendetwas wissen, sollten Sie jetzt mit der Sprache rausrücken.“

Dorian zögerte nicht. „Ich übernehme die volle Verantwortung für mein nachlässiges Handeln, Ma’am, und den daraus resultierenden Verletzungen der Auroren Waterman und Sthinger. Sie sind gute Menschen, weshalb sie mich niemals verraten würden und ich schätze ihre Loyalität hoch, doch es war mein Fehler und ich werde dafür geradestehen.“

Die Vorsitzende schwieg. In den Reihen der fünfzig Zauberer und Hexen brach unbeteiligtes Gemurmel aus und Dorian zwang sich, den Blick weiterhin auf die Vorsitzende zu fixieren. Es half niemanden etwas, wenn er nun aus der Fassung geriet. Dass sein Fall es überhaupt bis vor das Zaubergamot geschafft hatte, war vermutlich nur der Brisanz des Auftrags, den er versaut hatte, zuzuschreiben.

„In Ordnung, Mister McAlistair. Wir haben Ihren Fall bereits im Vorfeld beraten“, begann die Vorsitzende und Dorians Augen weiteten sich erstaunt. Also keine faire Verhandlung? Die Anhörung nur eine Farce? Die Vorsitzende hob die Akten hoch, die eindeutig von Dorian bearbeitet worden waren. „Ich bin bereits mit dem Fall seit einigen Tagen betraut worden und werde von einer Suspendierung absehen, sofern Sie zustimmen, mit einem Beobachter zusammenzuarbeiten.“

Dorian traute seinen Ohren nicht und für einen Moment entgleisten ihm die so wohl gezügelten Gesichtszüge. „Einem Beobachter?“, wiederholte er tonlos und die Vorsitzende nickte. „Eine Angestellte des Archivs hat sich bereiterklärt, ihre Fälle zu überprüfen und auf Mängel hin zu untersuchen. Mister McAlistair, Sie verstehen, dass das das Beste ist, was ich für Sie tun konnte?“ Ein leises Raunen ging durch die anwesenden Mitglieder, als Dorian zum Protest ansetzte, dann jedoch geschlagen nickte. „Ich … verstehe, Ma’am. Verzeihen Sie mir die Nachfrage.“

Die Vorsitzende schaute ihn lange schweigend an, ehe sie seufzte und ihm die Akten zurückgab, als er nach vorne trat. Ihre Stimme war so leise, dass nur er sie verstehen konnte, als sie ihm zuflüsterte: „Ich bin ein großer Fan Ihrer Arbeit, McAlistair, also enttäuschen Sie mich nicht. Ich bin mir sicher, dass wir Sie bald zu erfreulicheren Besprechungen wiedersehen.“

Einen Moment blickte Dorian verdattert zu der älteren Dame auf, dann lächelte er schmal und nahm die Akten entgegen. „Vielen Dank, Ma’am.“ Mit einer angedeuteten Verbeugung verabschiedete er sich von der Vorsitzenden, warf einen langen weitläufigen Blick über die anwesenden Hexen und Zauberer und verließ dann mit wehendem Umhang den Saal.

Einen Moment herrschte noch Stille, dann wandte sich der Zauberer zur rechten Hand der Vorsitzenden an eben jene, die Stimme gedämpft: „Sie wissen doch, dass es der Leiter der Aurorenzentrale war, oder?“ Die Vorsitzende seufzte. „Wir haben keine Beweise und bevor ein so loyaler Mann redet, wird wohl Dumbledore von den Toten wieder auferstehen. Also lassen Sie uns hoffen, dass Miss Raynolds etwas erfährt, was uns weiterhilft.“
 

Er war wütend.

Mit Wucht klatschte er die Akten auf den Tisch und zerzauste sich die frisierten braunen Haare. So hatte es nicht laufen sollen. Suspendierung wäre das geringere Übel gewesen – jetzt musste er sich mit jemandem rumschlagen, der seine gesamte Arbeit der letzten vier Jahre über den Haufen werfen würde. Er hatte so hart mit diesem Team gearbeitet, hatte für den Respekt geschuftet, den seine Leute ihm nun entgegenbrachten und für die guten Resultate so gut wie keinen Urlaub gemacht. Und nun? Vier Jahre! Und alles für den Troll?!

Entnervt ließ Dorian sich auf den Stuhl hinter dem schweren Schreibtisch fallen und massierte sich die plötzlich pochenden Schläfen. Er hatte schon seit zehn Jahren keine Entzugserscheinungen mehr gehabt, nicht einmal mehr einen Gedanken während der Schwangerschaft seiner Ex-Frau daran verschwendet, einige Tabletten einzuwerfen, um länger wachbleiben zu können. Auch als Leila die ganze Nacht wegen der Grippe durchgeschrien hatte, hatte er nicht einmal daran gedacht, zu seinen alten Mitteln zu greifen.

Erst jetzt, wo sein gesamtes Schaffen zu verschwinden drohte, übermannten ihn die alten Gelüste. Wäre es wirklich so schlimm, wenn er einmal zugreifen würde? Es würde ja nicht für immer sein, nur dieses eine Mal … Langsam wanderten die hellen Augen zu der Schublade am Schreibtisch, in der sich einige Packungen Kopfschmerzmittel befanden – dabei streifte sein Blick das Bild seiner Tochter, das gerahmt auf dem Schreibtisch stand. Sein Herz hielt inne und er verfluchte sich selbst. Er war Vater. Er konnte nicht mehr so leichtsinnig mit sich selbst umgehen.

Ein tiefes Durchatmen und zwei Tassen Kaffee später ging es ihm besser. Er hatte mit den restlichen Mitgliedern seines Teams – Charlotte Trust und Raymond Weatherburm – gesprochen und ihnen mitgeteilt, dass sie in Zukunft einen Gast haben würden, dem sie bitte den vollen Zugriff auf alle Daten geben würden. Ein Blick zwischen Dorian und seinen beiden Kollegen machte jedoch sehr deutlich, dass das eine Dokument nun schnell vernichtet werden musste. Raymond nickte und machte sich auf den Weg, um eine sichere Methode dafür zu finden, noch ehe der Abend ins Büro brach.

Eigentlich konnte Dorian sich glücklich schätzen: nach der Affäre mit der Leiterin der Muggelabwehrzentrale und dem Wechsel der Abteilung in die Aurorenzentrale, hatte er sich schon mit 28 Jahren einen guten Namen gemacht. Er arbeitete mit guten Menschen zusammen, loyalen Menschen und mochte seinen Job. Auch wenn er sich vor drei Jahren hatte scheiden lassen, so war aus seiner Ehe mit der Leiterin der Muggelabwehrzentrale doch wenigstens Leila entstanden, die bei seiner Mutter Lucrezia lebte, wenn er nicht daheim war. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet, dass Leila einmal mehr auf ihren Vater verzichten musste und er trat zum Kamin in dem kleinen Gemeinschaftsbüro, um seine Mutter zu kontaktieren.
 

Es vergingen einige Tage in denen das Team unbehindert und unbeobachtet arbeiten konnte, wenn auch nur an Papierkram. Erst am Freitag nach dem gescheiterten Auftrag ließ sich Dorian dazu herab, das Archiv aufzusuchen. Es war nicht seine Aufgabe, denn die Beobachtung würde erst mit dem Beginn des nächsten Monats anfangen, doch er wollte guten Willen zeigen. Vielleicht wären sie überrascht und dann vielleicht sogar dazu geneigt, ihm eher zu vertrauen und zu glauben, wenn er einen Schritt auf sie zuging. Sobald er Sympathien aufgebaut hatte, würde er seine Abteilung besser schützen können – und darum ging es. Er musste immer im Blick haben, dass er sein Team beschützen musste. Vor was war aktuell unwichtig.

Mit einem unbestimmten Gefühl der Vorahnung in der Magengegend betrat Dorian die weitläufigen Archive des Ministeriums – natürlich nicht, ohne sich vorher auszuweisen – und trug sein Anliegen bei einer Dame im Eingangsbereich vor. Sie nickte eifrig und beschwor ihm, ihr zu folgen.

Mit schnellen, trippelnden Schritten führte ihn die kleine Dame zu einer roten Tür, auf der Wartezimmer stand und Dorian verzog das Gesicht. Die Bemerkung, er habe es eilig, wurde mit einem freundlichen Lächeln ignoriert und so blieb ihm nichts anderes übrig, als das Wartezimmer mit seinen kleinen Stühlen und Zeitschriften voller Nonsense zu betreten und dort zu warten.

Es schien ihm, als vergingen Stunden. Eigentlich hätte er heute frei gehabt. Uneigentlich machte er eh niemals frei und seitdem Waterman und Sthinger im Krankenhaus lagen, mussten drei Leute die Arbeit von Fünf übernehmen. Er konnte sich im Grunde nicht einmal die Pause erlauben. Dass er nun die gesamten Pausen der Woche hier verbrachte…!

Gerade als der Gedanke gedacht war, schallte ein freundliches Dorian McAlistair, Sie dürfen nun gerne in Raum 22 gehen durch das Wartezimmer und Dorian folgte der Aufforderung gerne.
 

Raum 22 lag am anderen Ende der Empfangshalle und hatte eine grüne Tür. Neben der Tür war kein Namensschild, also war es vermutlich ein Gemeinschaftsbüro oder einfach ein weiteres Wartezimmer. Dennoch klopfte Dorian und auf ein leises „Herein“ öffnete er die Tür.

Er stand in einem heimeligen Büro, dessen Größe von erdrückenden Bücherregalen, die sich bis zur Wand hochzogen, minimiert wurde. Das Gefühl, ohne Fenster in einem solchen Raum eingesperrt zu sein, behagte dem Briten nicht und er zog unruhig die Tür hinter sich ins Schloss. Als er einen zweiten Blick auf die Wände warf bemerkte er, dass es sich bei Raum 22 nicht nur um einen Raum handelte, sondern um ein Großraumbüro, nur getrennt durch die sich unter der schweren Last biegenden Bücherregale. Er zog die Augenbrauen zusammen.

„Dorian?“, riss ihn eine überraschte Frauenstimme aus seinen Gedanken und er wandte seinen Blick von den Wänden ab. Vor ihm stand eine junge Brünette mit irgendwie bekannten blassen Zügen, die ein wenig kränklich wirkten. Die dunklen Augen jedoch leuchteten und strahlten Lebenslust und Gesundheit aus, ebenso wie das freudige Lächeln, das sich auf den Zügen der Frau ausbreitete.

Oh.

„Lillian Raynolds“, wurde es Dorian schlagartig bewusst und auch er musste lächeln. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns doch noch einmal treffen.“ Sie lachte und strich sich verlegen eine Strähne hinters Ohr. Natürlich wusste Dorian, dass sie im Archiv des Ministeriums arbeitete, doch nie hatte die Zeit gereicht, die alte Hauskameradin einmal zu besuchen. Nun, er musste zugeben, dass er nicht einmal aktiv daran gedacht hatte.

„Ich arbeite viel“, wandte sie sich heraus und deutete auf eine der Biegungen um das Bücherregal zu ihrer Rechten und Dorian folgte dem Wink, „und ich habe gehört, dass du ebenfalls eine Menge zu tun hast.“ Dorian wandte sich während des Gehens mit fragendem Blick zu ihr um. „Woher…?“ Dann stockte er im Reden und Laufen und Lillian musste ihn umrunden, um nicht gegen ihn zu laufen. Sie ging zu einem kleinen Tisch, auf dem sich allerlei Dinge stapelten, die Dorian in diesem Moment aber reichlich gleichgültig waren. Die anfängliche entspannte Atmosphäre hatte sich in Luft aufgelöst und mit einer bösen Vorahnung verengte er die Augen. Lillian hatte begonnen, nervös Platz auf ihrem Tisch zu schaffen und schien sich sammeln zu müssen, um das Offensichtliche auszusprechen.

„Du wirst mich überwachen.“

Es war keine Frage. Es war eine Tatsache. Lillian biss sich auf die Unterlippe und schaute scheu zu Dorian auf, ehe sie noch etwas hektischer die Bücher zu stapeln begann und schließlich seufzend in ihrem hoffnungslosen Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen, innehielt. Ihre Mimik war ungewohnt entschlossen, als sie wieder Augenkontakt suchte. „Ja. Es scheint so, dass du irgendwo weiter oben wirklich jemanden beeindruckt hast.“ Dorian runzelte die Stirn. „Du meinst sie wissen, dass wir Freunde sind?“ Lillian schien über diese Formulierung zu stolpern und wandte den Blick ab, zog einige Akten aus dem Stapel und korrigierte: „Sie wissen, dass wir zusammen Hogwarts besucht haben. Und sie wissen, dass wir in einem Haus waren, ja. Ich wage zu bezweifeln, dass sie wissen, dass wir … nun … einmal mehr Kontakt hatten“, Dorian bemerkte durchaus, dass sie sich um das Wort Freunde drückte und spürte, wie es im Raum gefühlte zehn Grad kälter wurde, „aber es ist ihnen wohl lieber, dass dich jemand überwacht, der dich kennt und der dich mag.“ Sie warf ihm einen undefinierbaren Blick zu und Dorian ahnte, was sie sagen wollte.

Etwas wie, dass er in den letzten Jahren nicht unbedingt nur Freunde gesammelt hatte. Dass er sich mit der Affäre zu einer Ranghöheren nicht unbedingt beliebt gemacht hatte. Dass ihn viele beneideten um die Ehe mit ihr und ihn ausgelacht hatten, als sie nach drei Jahren schon wieder vorbei gewesen war. Dass sie wütend waren, weil er dennoch eine so hohe Position innerhalb einer anderen Abteilung bekleidete. Und dass viele ihm gerne eins auswischen würden.

Das machte es alles jedoch kein bisschen besser.

Lillian schien wild entschlossen, diesen Fakt eben nicht in ihre Beobachtungen mit einfließen zu lassen und nach zehn Jahren, in denen sie keinen Kontakt gehabt hatten, konnte Dorian auch nicht von ihr verlangen, dass sie milde mit ihm umging. Sie musste ihren Job machen. Seine Züge verhärteten sich. „Ich verstehe.“ Er betonte diese beiden Worte und Lillian schien einen Moment zu zögern, dann jedoch nickte sie. Er hatte Recht gehabt. Sie hatte versucht, ihm mehr damit zu sagen und sie schien erleichtert, dass eine Konfrontation ausblieb.

Noch.

Dorian war ein Kämpfer. Doch verglichen mit all den Jahren, die Lillian gekämpft hatte, erschien er sich selbst lächerlich schwach.

Lillian sammelte sich. „Also … was machst du hier eigentlich? Ich bin erst am ersten bei euch in der Abteilung eingesetzt“, erkundigte sie sich freundlich und deutete nun auf die beiden Stühle, die sehr nahe am Bücherregal standen. Mit einem nachlässigen Schwenk ihres Zauberstabs flogen zwei Teetassen herbei und obwohl die Geste höflicher Natur war, empfand Dorian das Klima noch immer als unerträglich.

Er hatte Schlimmeres durchgestanden.

Dennoch empfand er diese Kälte zwischen ihnen als seltsam, als neu. Sie waren einmal Freunde gewesen, in Hogwarts. Natürlich hatten sie bei weitem nicht so viel miteinander zu tun gehabt wie Dorian mit Hadrian oder Lillian mit den anderen Mädchen aus ihrem Jahrgang, doch sie hatten sich immer gut verstanden. Dass zwischen ihnen nun eine Mauer aus Schweigen stand, erschien ihm falsch.

„Ich wollte mich kooperativ zeigen“, antwortete Dorian und nickte zum Dank, die Tasse in die Hände nehmend. Lillian setzte sich neben ihn auf einen der Stühle. „Hm. Ich verstehe.“ Sie betonte diese Worte ähnlich wie er zuvor und Dorian ahnte, dass sie ahnte, dass er ahnte … Ach, das wurde kompliziert. Er würde auf seine Wortwahl achten müssen, jeden Tag, auf seine Handlungen auf seine Befehle. Er würde bei jedem Schritt beobachtet werden und auch, wenn das nichts Neues war, so war es etwas Neues, von einer ehemaligen Freundin beobachtet zu werden.

„Aber lass uns jetzt nicht darüber sprechen“, wandte Lillian geschickt ein, „sondern nach so langer Zeit mal über alles andere. Wie geht es deiner Mutter?“

Dorian war nicht überrascht über diesen Themenwechsel, sondern war darauf vorbereitet, dass Lillian versuchen würde, ihrerseits Sympathien aufzubauen, sodass er gewillt war, ihr mehr zu erzählen. „Gut, danke der Nachfrage. Sie hat sich zur Ruhe gesetzt, auch wenn ich nicht gedacht hätte, dass das noch einmal passieren würde“, ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht und spiegelte sich auf Lillians Zügen, „Sie macht sich gut als Hausfrau. Überraschend gut.“ Er verschwieg, dass sie sich auch als Oma überraschend gut machte und fragte stattdessen Lillian nach ihrer Schwester. Ein Schulterzucken folgte seiner Frage, das wohl vertuschen sollte, wie weh ihr diese Frage tat. „Catherine spricht seit fünf Jahren nicht mehr mit mir, aber damit habe ich gerechnet. Seitdem ich diesen Job angenommen habe, haben sich meine Prioritäten ein wenig verschoben.“ Sie lächelte Dorian an und er nickte verständnisvoll.

Ihr Gespräch verlor sich in Belanglosigkeiten über Politik und Wetter, über die Unabhängigkeit Irlands vom British Empire und über die Flitterwochen Hadrians. Überrascht hoben sich Lillians Augenbrauen. „Flitterwochen?“, hakte sie ungläubig nach und Dorian musste zugeben, dass er ähnlich überrascht reagiert hatte, als Hadrian ihm erzählt hatte, dass er wohl mit Matt eine Weile verreisen würde. „Matt hat erzählt, es ist alles ganz harmlos. Dieser schamlose Lügner!“, lachte Lillian und setzte die leere Teetasse auf dem Boden auf mangels Tisch. Dorian schmunzelte. „Also hast du noch Kontakt zu Matthew?“

„Hmhm. Wir treffen uns hin und wieder mal. Aber Flitterwochen …“

„Sie sind bisher nur verlobt, also …“

„Aber da macht man doch keine Flitterwochen“, lachte Lillian und es war wirklich befreiend zu sehen, dass sie scheinbar etwas gefunden hatten, womit sie die Stimmung lockern konnten. „Das stimmt. Aber dass Matthew ihn überhaupt dazu gebracht hat mit ihm zu verreisen … Und ihn dazu gebracht hat, einen Ring am Finger zu tragen, der deutlich sagt ‚du gehörst mir‘ … Das will schon einiges heißen. Mich würde es nicht wundern, wenn sie verheiratet zurückkommen.“

„Verrückt“, lächelte Lillian und betrachtete ihre eigenen Finger. Erst jetzt schaute auch Dorian die schönen Hände der Brünetten an und bemerkte eher unterbewusst, dass sie selbst keinen Ring trug. Sie berührte kurz ihren Ringfinger, ehe sie wieder zu Dorian schaute. „Wohin sind sie denn gefahren?“

„Ich glaube, Italien. Aber sicher bin ich mir nicht. Hadrian war nicht wirklich präzise… Wahrscheinlich hatte er Angst, ich würde nachkommen um sicherzugehen, dass er auch wirklich ‚Ja‘ sagt.“

Lillian schmunzelte. „Matt kriegt ihn schon dazu.“ Ihr flüchtiger Blick auf die Uhr erklärte das Gespräch für beendet und Dorian stand ungefragt auf, half ihr beim Verstauen der Tassen und zögerte einen Moment, eher er ihr zur Verabschiedung die Hand reichte. Lillian zögerte ebenfalls, ehe sie die Hand ergriff und „auf gute Zusammenarbeit?“ als Verabschiedung vorschlug, auf die Dorian ernst einging.

Das wagte er zu bezweifeln.

Er wandte Lillian und ihrem Büro den Rücken zu.
 

Am 01. Des folgenden Monats betrat Lillian Raynolds also das kleine Großraumbüro – ein Paradoxon an sich – das Dorians Abteilung ihr Eigen nannte. Waterman war wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden, war jedoch noch in der Einarbeitungsphase und nur zu wenig zu gebrauchen. Sthinger war zwar außer Lebensgefahr, hatte jedoch mit den Folgen des Fluchs zu kämpfen und Dorian besuchte sie so oft er nur konnte.

„Das hier ist Lillian Raynolds“, stellte Dorian seinen drei Kollegen also seine ehemalige Hauskollegin vor. „Sie wird für die nächsten vier Monate unsere stille Beobachterin sein und ich bitte euch, ihr Zugang zu allen Akten zu gewähren und ihr auch sonst zur Seite zu stehen.“ Nur kurz flog Dorians Blick zum erhöhten Büro des Leiters der Aurorenzentrale und bemerkte, wie dieser am Fenster stand. Seine Augenbrauen zuckten nachdenklich zusammen, dann wandte er sich wieder an seine Mitarbeiter. „Wenn Fragen bestehen, klärt diese bitte direkt mit mir.“ Damit entließ er sie mit einem Handwinken und zeigte Lillian noch kurz Sthingers Schreibtisch, an dem sie sich häuslich einrichten konnte. Es war nicht zu sehen, dass sie in den nächsten vier Monaten wieder würde arbeiten können.

Die ersten Tage zogen sich zäh dahin.

Noch immer im Innendienst eingestellt und dazu verdonnert, die Schreibarbeit der gesamten Aurorenzentrale – zumindest kam es ihnen so vor – zu erledigen, war es für alle ein nervenaufreibender Einstieg. Dorian war einige Male bei Smith um eine Erlaubnis zu beantragen, wieder in den Einsatz zu dürfen, doch dieser bestand darauf, dass noch einen weiteren Monat Gras über die Sache wachsen sollte. Sein Team wurde immer missmutiger und auch Dorian bemerkte, wie ihm die ständig wachsamen Augen der Raynolds und die ständige Arbeit mit den Akten begann an die Substanz zu gehen.

Deshalb lud er sein Team – und Lillian um guten Willen zu zeigen – am Freitagabend der zweiten Beobachtungswoche zum Essen ein.

Sie gingen in ein Zaubererrestaurant ganz in der Nähe des Ministeriums, in dem vorzugsweise italienische Küche serviert wurde.

Der Abend flog dahin und sein Team war endlich einmal wieder nach Wochen der Entbehrung einigermaßen locker. Mit einem Lächeln beobachtete er, wie sie auftauten und auch Lillian mit in die Gruppe integrierten. Er runzelte die Stirn.

Einerseits w o l l t e er sie integrieren. Er hatte Lillian schon immer gemocht und gerade nach dem Abschlussball des siebten Jahrgangs, auf dem sie lange miteinander getanzt hatten – aber auf dem Dorian schlussendlich seine ehemalige Kräuterkundelehrerin geküsst hatte, tja – hatte er das Gefühl gehabt, in ihr eine gute Freundin gefunden zu haben. Er freute sich für sie. Freute sich, dass sie mit Raymond scherzte und mit Carla anzubändeln begann und auch Jeremy schien sich langsam an die Anwesenheit der Archivarin zu gewöhnen.

Andrerseits war da der Argwohn. Er konnte sich nicht sicher sein, wie ihr Bericht ausfallen würde, was sie finden würde. Wie viel von dem, was sie fand, sie gegen ihn verwenden würde. Es mochte stimmen, sie waren einst Freunde gewesen und ganz sicher sah Dorian sie noch immer als Freundin an, doch sie musste ihren Job machen. Sie musste ihn gut machen. Wer sagte ihm also, dass sie nun nicht nur mitgekommen war, um Neues in Erfahrung zu bringen? Darin war sie schon immer gut gewesen.

Seine drei Kollegen verließen nach und nach das Restaurant. Die meisten von ihnen hatten ebenfalls Familie und auch wenn Dorian liebend gerne nun bei Leila gewesen wäre, so wusste seine Tochter, dass morgen ein Tag nur mit Daddy bevorstand und auch der Sonntag ganz alleine ihnen beiden gehören würde, also war sie nur ein klitzekleinesbisschen traurig, dass Daddy nicht schon heute Abend Zeit für sie hatte.

Sie war ein Engel.

Dorian verabschiedete Jeremy und klopfte ihm auf die Schulter, ehe er sich wieder zu Lillian an den Tisch setzte. Sie hatten beide noch ein wenig Wein übrig und tranken ihn nun eine Weile schweigend.

„Du hast tolle Kollegen“, fing Lillian leise an ohne aufzuschauen. Dorian nickte. „Ja.“ Da war nichts hinzuzufügen. Worauf wollte sie hinaus? „Ich arbeite jetzt schon fünf Jahre im Archiv und habe noch niemanden dort gefunden, den ich so sehr mag, wie du dein Team.“ Sie bewegte sich auf dünnem Eis. Ob es nun der Wein war, der sie redselig gemacht hatte, Dorian bekam das Gefühl, dass es hier nicht um ihn ging. Forschend lagen seine hellen Augen auf ihrem Gesicht und sie befeuchtete sich unbeholfen die Lippen, das Glas zwischen ihren Fingern drehend. „Ich war in den letzten fünf Jahren sehr oft krank“, gab Lillian zu, „und viele haben geglaubt, dass ich simuliere. Ich habe trotzdem immer meine Arbeit geschafft, aber das sehen die meisten nicht. Es macht mir Spaß im Archiv zu arbeiten, ich erfahre so viele neue Dinge!“ Kurz schaute sie auf und ein aufrichtiges Lächeln streifte ihr Gesicht, ehe sie wieder ernst wurde. „Hast du gemerkt, dass ich die letzten zwei Wochen nicht einmal gekränkelt habe?“ Ihre Frage war nur ganz leise gestellt und ein scheuer Blick aus braunen Augen folgte ihr, ganz so, als erwarte sie eine Rüge für diese Frage. Dorian wusste, dass sie nicht gerne darüber sprach und dass sie schon gar nicht gerne sich selbst in den Mittelpunkt stellte, also: was sollte das hier? Wollte sie Mitleid erregen? Verständnis? Wollte sie austesten, wie weit er gehen würde, um sein Team zu beschützen? Was wollte sie damit andeuten?

Um den Schein zu wahren deutete er ein schmales Lächeln an und antwortete: „Ja. Das Klima tut dir gut.“ Und damit meinte er natürlich nicht das wechselhafte englische Wetter mitten im Oktober und Lillian wusste das auch, denn sie begann leise zu lachen. „Scheinbar, ja. Es ist schade, dass wir uns unter diesen Umständen wiedergefunden haben.“ Die letzten Worte kamen so schnell hervor, dass Dorian glaubte, dass sie ihm das schon die ganze Zeit hatte sagen wollen und er ließ den Argwohn für einen Moment ruhen und lächelte sanft. Er fing ihren Blick auf und versuchte ihr deutlich zu machen, dass auch er froh war, dass sie hier war und dass sie sich wiedergetroffen hatten. Dass sie es war, die ihn beobachten sollte und dass er sie vermisst hatte. Irgendwo. Tief in seinem Inneren. Sie lächelte und schien zu verstehen. „Das ist es. Aber wir sollten das Beste daraus machen.“ Lillian nickte und kicherte, als sie ihren Wein getrunken hatte. „Du solltest mich jetzt lieber nach Hause bringen, Dorian“, murmelte sie langsam, sichtlich bemüht, die Worte auszusprechen, „ich möchte nicht unseriös wirken.“ Er nickte und hielt ihr die Hand hin, half ihr in die Jacke und spannte den Regenschirm vor der Tür auf, unter den sie beide passten. Ihre Hand suchte ganz automatisch nach seinem Arm und er ließ zu, dass sie sich an ihm festhielt, um nicht zu fallen.

Ihr Körper strahlte in diesem Moment eine unheimlich wohltuende Wärme aus und der Geruch nach trockenem Rotwein vermischte sich mit einem ihm unbekannten Duft nach Duschgel, vermutlich ihrem Shampoo. Nur kurz schaute er zu ihr herab und sie schaute nur kurz zu ihm herauf, lachend und er musste zugeben, dass sie an diesem Abend besonders hübsch aussah. „Du bist wirklich bemerkenswert, Lillian“, sprach Dorian schließlich seinen Gedankengang aus, vielleicht auch, weil er ein wenig zu tief ins Weinglas geschaut hatte. Fragend schaute sie zu ihm auf, doch er hatte den Blick schon wieder nach vorne gelenkt und so begnügte sie sich damit, den Kopf an seine Schulter zu lehnen und von ihm bis zum Ministerium begleitet zu werden, in der Wärme seiner Präsenz badend und mit dem Wissen, bemerkenswert zu sein.

1956 II

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Best Friends

Die Luft zwischen ihnen vibrierte. Wie lange sie nun schon hier saßen, auf dem Bett des Älteren, wusste wohl keiner von beiden so genau. Zwischen ihnen verräterisch wenig Abstand, die Rücken gegen die Wand gelehnt, die Knie berührten sich, die Schultern ebenfalls. Die Hand des Älteren hatte sich auf dem Knie des Anderen niedergelassen, bestimmt, während dieser krampfhaft versuchte, locker zu werden. Ein Widerspruch in sich, das wussten sie beide.

Nate versuchte, die Ruhe zu bewahren, doch seitdem er sein Anliegen laut ausgesprochen hatte, herrschte zwischen ihnen eine seltsame Stimmung. Matt und er waren schon immer Brüder gewesen, seit dem ersten Schultag. Liebe auf den ersten Blick. Rein platonisch natürlich.

„W..Warte kurz…“

Matt zog die Hand vorsichtig wieder zurück, den Kopf fragend schief gelegt. Vor ihm saß sein bester Freund, verwirrend nah, mit unsicher schimmernden Augen. Die tiefen Wellen, die sie schlugen, spiegelten sich in Matts eigenen wieder. Nur langsam legte er die Hand wieder in den Nacken seines besten Freundes, spürte, wie die Haut befremdlich zu kribbeln begann. „Schon okay“, wisperte er leise und näherte sich Nate wieder ein wenig an.

„Ich … ich bin mir nicht mehr so … also …“

Abermals hielt Matt in der Bewegung inne. Suchte das ihm so bekannte und heute so fremde Gesicht nach Hinweisen ab. Ja – nein – los mach schon – nein doch nicht. Er seufzte. Beinahe wirkte er genervt. Nate war anstrengend. Über das Gesicht des Gallaghers huschte ein kleines Lächeln, trotz der kontroversen Gedanken. „Vertrau mir. Ich kann das.“ Er beobachtete, wie der Adamsapfel seines Freundes hektisch zappelte, wie Nate hilflos die Lippen öffnete um nach Luft zu schnappen und das war der Moment, in dem Matt seine Chance nutzte.

Bestimmt überwand er die letzten wenigen Millimeter, die sie noch voneinander getrennt hatten und legte seine Lippen auf die seines besten Freundes. Die Hand im Nacken Nates verhinderte, dass er floh, im Gegenteil: sie zwang ihn näher zu Matt, intensiver in den Kuss. Es dauerte nur Herzschläge, da hatte sich der Gallagher in diesem fiebrigen Kuss verloren, der geboren war aus Neugierde und Unwissenheit, aus dem prickelnden Gefühl des Ungewissen und dem ewigen was wäre wenn. Was wäre wenn Nate doch auf Jungs stand? Wie sollte er es jemals herausfinden? Und wenn sein bester Freund schon schwul war, dann konnte man das doch gleich jetzt herausfinden, hm?

Heißer Atem wurde gegen feuchte Zungen gehaucht.

Unbestimmte Laute.

In Haaren vergrabene Hände.

Für einen kurzen Moment ließ Matt sich fallen, vergaß vollkommen, mit wem er hier knutschte und es war ihm absolut egal. Gelegenheiten mussten ergriffen werden!

Ein zufriedener Laut brach sich an den fremden und doch so bekannten Lippen, als Matt den Kuss löste und die Hand aus den Haaren Nates zog, die fiebrigen blauen Augen in die ihm so bekannten braunen gelegt, die ihn scheu und erschrocken anblitzten. „Und so“, fing er atemlos an, „ist es einen Jungen zu küssen, Nate.“

Ein bisschen Friedhofserde

„Die Warp Corp kommt um drei. Ich brauche dringend die verabredeten Listen und die Kostenaufstellung für den Slogan, Kenneth.“

Nur ein kurzer Stich der Erinnerung durchfuhr Scott, als er den Namen seines Bruders hörte. Langsam schaute er zu seinem Vater auf, der fordernd blickte und seinen eigenen Fauxpas nicht bemerkt zu haben schien. Ein mildes Lächeln breitete sich auf Scotts Zügen aus und er nickte, ein zustimmendes Brummen ausstoßend. „Hast du in einer halben Stunde. Slide hat sein Angebot für die Flyer zurückgezogen und Jemethon hat die Kosten für die Bannerwerbung erhöht, die Lizenzsumme steht allerdings fest und ist unterschrieben. Missy meinte, sie bräuchte bis um eins, um die Zahlen noch einmal durchzugehen.“

Hayden Weeks nickte und auf einmal wirkte er unheimlich alt. Die tiefen Falten um Augen und Mund wurden zu häufig durch Bart und Haare versteckt und das alltägliche Leben mit seinem Vater machte Scott blind für dessen tatsächliche Alter.

Nicht jedoch für den Schmerz, der sich nun in den grünen Augen manifestierte.
 

Es war okay.
 

Sacht schob Scott seinem Vater den Tee rüber, den er ihm zubereitet hatte und erkannte, dass er sich bei ihm entschuldigen wollte, jetzt, wo ihm sein Fauxpas doch aufgefallen war.

Im Nachhinein wirkte es umso verstörender auf den beinahe Sechzigjährigen, dass er seine beiden Söhne verwechselt hatte. Kenneth war immer größer und sportlicher als Prescott gewesen, hatte dieses wissende Funkeln in den hellen Augen gehabt und eine charismatische, beinahe autoritäre Ausstrahlung besessen. Scott hingegen hatte einen ruhigeren, wärmeren Kern, der Menschen automatisch dazu verleitete, ihn zu mögen. Ihm zu vertrauen.

Doch wenn Scott den Kopf nun schief legte, so, wie Kenneth es stets getan hatte … wenn er Hayden nun Tee brachte, wie Kenneth es stets getan hatte … wenn er die Fingerknöchel voller Tatendrang zum Knacken brachte, aus tiefer, brummender Kehle lachte und die alten Sonnenbrillen seines Bruders trug … Wenn Scott sich die Haare schnitt und frisierte, wie Kenneth sie sich einst frisiert hatte und mit einer Selbstsicherheit durch die Gänge der Firma stolzierte, als gehöre sie ihm, so, wie Kenneth stets stolziert war … Wie konnte man Hayden Weeks dann wirklich vorwerfen, seine beiden Söhne zu verwechseln?
 

Scott würde ihm das niemals vorwerfen. Heute durfte sein Vater alles.
 

Ein weicher Glanz trat in die dunklen Augen und Scott griff der Entschuldigung sanft voraus. „Dad. Heute ist sein Geburtstag. Das ist schon in Ordnung. Ich musste vorhin auch an ihn denken.“

Stille legte sich drückend über das Büro des Firmenchefs und Scott beobachtete, wie sein Vater sich von ihm ab- und dem Tee zuwandte. Nachdenklich, in sich versunken beinahe nippte er am lauwarmen Seelenschmeichler und seufzte fein, ein Ton, den Scott in den letzten Jahren so oft gehört hatte, dass er die verschiedenen Nuancen mittlerweile perfekt voneinander unterscheiden konnte.

Es war ein Ausruf der Verzweiflung, geboren aus Trauer und Schmerz, geboren aus dem Gefühl, das Hinterbliebene nun einmal den Rest ihres Lebens mit sich herumtrugen. Dem was wäre wenn – was wäre, wenn er nicht tot wäre? Was wäre, wenn sie etwas gegen die Krankheit unternommen hätten? Was wäre, wenn sie ihn dazu gezwungen hätten, sich zu schonen? Was wäre, wenn er – Scott – sich mehr um ihn – Kenneth – bemüht hätte? Was wäre, wenn er – Hayden – ihn – Kenneth – mehr wie einen Sohn, denn einen Nachfolger behandelt hätte? Was wäre, wenn sie – die Familie, diese sonderlichen vier Exemplare, Hayden Weeks, Morena Alma Mercado, Kenneth Mercado und Scott Mercado – die Zeichen früher verstanden, besser gedeutet und schlussendlich hartnäckiger bekämpft hätten?

Und vor allem: was wäre, wenn er nicht gestorben wäre?

Es war das Gefühl der Ohnmacht, das Hayden gefangen hielt und gegen das Scott nichts tun konnte. Er konnte nur versuchen, seinem Vater so gut es ging unter die Arme zu greifen. Ob nun im Job, im Haushalt und als Teilzeitseelenklempner.

„Ich denke immerzu an ihn“, gab Hayden schließlich mit belegter Stimme zu, „aber an Tagen wie diesen ist es besonders aussichtslos zu glauben, alles würde noch ein gutes Ende nehmen.“

Andere Söhne wären enttäuscht gewesen. Hätten das Recht eingefordert, selbst zu trauern und – nach einem Jahr intensivster Trauer und einem zweiten Jahr ohnmachtsgleicher Hilflosigkeit – wären enttäuscht gewesen, die Anforderungen ihres Vaters nicht zu erfüllen. Tat Scott denn nicht schon alles, was Kenneth damals getan hatte und sogar besser? Machte er den Job seines Bruders nicht hervorragend, nein, viel besser als das, herausragend? Ersetzte er Kenneth nicht dermaßen perfekt, dass es beinahe schien, als wäre Kenneth niemals gestorben? Hatte er seinen Wert denn nicht hinreichend bewiesen, sodass alles eben doch ein gutes Ende nehmen würde?

Doch Scott dachte nicht daran, seinem Vater Vorwürfe zu machen. Niemals war es ihm in den letzten zwei Jahren in den Sinn gekommen, Rechte einzufordern, Anforderungen zu stellen, Raum für sich selbst zu verlangen.

Stattdessen ging er auch nun emotional einen Schritt auf seinen Vater zu, während er seinen eigenen Kummer tief in sich verschloss.

„Es ist nie aussichtslos, Dad. Kay wusste das. Und du weißt das auch.“

Hayden zögerte einen Moment, eher er zu seinem Sohn schaute und all die Reue fand sich in den kleinen Falten um Mund- und Augenwinkel wieder. Was tat er seinem Sohn nur an? Doch als hätte Scott seine Gedanken erraten, fuhr er ungerührt fort, mit dem Zeigefinger auf das Ziffernblatt seiner Armbanduhr trommelnd: „Außerdem bleiben uns nur noch drei Stunden zur Vorbereitung des Gesprächs und du weißt, wie unangenehm Heimrich werden kann. Wir sollten uns an die Arbeit machen.“

Das stumme „für ihn“ schwebte zwischen ihnen in der Luft und Hayden war so unheimlich dankbar für Scotts Anwesenheit und Hilfe, dass er einfach nur nicken konnte.
 

Am späten Nachmittag fischte Scott die kleine Eule hervor, um Nate eine Nachricht zu schicken. Er war aufgewühlt und ungewohnt rastlos, weshalb ihm keine treffenden Worte einfallen wollten. Lange Zeit starrte er auf das leere Pergament und schließlich gab er es auf: heute würde es keine Kaffeepause geben. Er würde sich morgen bei Nate dafür entschuldigen und er war sich sicher, dass sein Freund dafür Verständnis haben würde. Für einen Moment war Scott sich unsicher, ob er sich erklären, entschuldigen sollte. Ob er Kenneths Geburtstag als Erklärung für seine Rastlosigkeit anbringen sollte.

Er entschied sich dagegen.

Nur ein Wort zu viel, und Dämme würden brechen.
 

Am Abend schrieb er Kenneth.
 

Kay,
 

der Deal mit Heimrich ist endlich durch. Du kannst stolz auf dich sein, schließlich war es deine Vorarbeit, die all das erst ermöglicht hat. Deine Gespräche mit ihm haben uns den Megadeal erst an Land gezogen und er war beeindruckt davon, wie wir nach deinem Tod deiner Krankheit all dem damit umgegangen sind und welche Erfolge wir trotzdem hatten. Er hat meinen Slogan und dein Logo genommen. Ich habe ihm nicht gesagt, dass es von der Band damals inspiriert wurde. Besser, er weiß es nicht. Weißt du es noch? Die Straßenband in Ushuaia, die unflätige Parolen in das brave Zaubererbürgertum geplärrt hat? Und die obszöne Sängerin, die dir schöne Augen gemacht hat? Ich glaube, ihr hätte gefallen, dass ihre Eigenkreation einer magischen Harfe, das uns damals verdächtig an ein weibliches Geschlechtsorgan erinnerte, nun das Aushängeschild für Heimrichs Kutschen ist.

Manchmal frage ich mich, ob alles anders gekommen wäre, wenn du einfach bei Mum geblieben wärst. Wenn du nicht mit nach England gegangen wärst. Wäre es besser oder schlechter geworden?

Und manchmal habe ich das ganze ‚was wäre wenn‘ einfach nur satt. Ich wünschte, es würde aufhören.

Dann wiederrum … Was hätte ich noch von dir, wenn nicht das ‚was wäre wenn‘, nicht wahr? All die schönen Ideen und Spinnereien und all die Fantasien, die wir uns gemeinsam für dein Leben ausgedacht haben. Es wäre Verschwendung, jetzt nicht das ‚was wäre wenn‘ weiter zu dichten.
 

Wenn du damals bei Mum geblieben wärst, hättest du die obszöne Sängerin geheiratet. Du hättest obszön schöne Kinder mit ihr bekommen, mindestens drei, und deine Erstgeborene wäre in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Sie hätte ahnungslose Touristen um ihr Geld erleichtert, ihnen obszöne Parolen an den Kopf geschmissen und dafür gesorgt, dass sie ihren Aufenthalt in Ushuaia so schnell nicht wieder vergessen würden. Dein Jüngster wäre auf jeden Fall Quidditchkapitän geworden und dein Mittelkind hätte nie gewusst, ob es lieber Dramaqueen oder doch lieber Teppichknüpfer geworden wäre. Er – oder sie, ich bin mir da nie sicher – hätte dir bis zu deiner Scheidung Kopfweh bereitet. Deine Scheidung wäre natürlich im besten Sinne der Kinder gewesen und erst nach dem 17. Geburtstag und dem Abschluss deines Jüngsten gewesen. Du hättest die obszöne Sängerin niemals betrogen, egal, wie sehr sie dir schlussendlich auf die Nerven gegangen wäre.

Du wärst sicherlich Heiler geworden, so wie Mum, und hättest dich nie mit all den Heimrichs und Warp Corps rumschlagen müssen. Dad hätte das auch ohne dich alles wunderbar hinbekommen und wenn nicht, dann wäre ich eben ein bisschen früher vom Skateboard gestiegen und hätte ihn unterstützt. Oder ich wäre bei dir geblieben um dir mit deinem Mittelkind ein wenig zu helfen. Wahlweise den guten oder den bösen Onkel hätte ich spielen können.

Was meinst du hätte mir besser gestanden? Guter oder böser Cop?
 

Und wahrscheinlich hättest du dich niemals mit der Krankheit angesteckt. Vielleicht hättest du dich aber auch mit einer viel schlimmeren Krankheit angesteckt und hättest all die obszön schönen Kinder gar nicht zeugen können, weil du viel früher gestorben wärst.
 

Manches Mal glaube ich, dein Tod war unausweichlich. Es ist ein Fixpunkt unserer Geschichte und egal wie viele ‚was wäre wenns‘ ich mir ausmale und egal wie viele mögliche Zukunfts-Kays ich erstelle, es wäre doch immer wieder auf das Gleiche hinausgelaufen.
 

Du wärst am 17. Juli 2092 gestorben.
 

Ich vermisse dich. Heute viel schlimmer, als sonst. Heute wärst du 27 geworden und ich hätte dir gerne etwas Schöneres geschenkt, als die Erinnerung an obszöne Sängerinnen, dicke Heimrichs und tragischkomische Mittelkinder.

Deshalb habe ich dir einen Football gekauft. Den signierten, den du dir gewünscht hast, als du zehn warst. Ich erinnere mich daran, weil Dad damals angefangen hat wie ein Drachenwärter zu schwitzen, als er den Preis gesehen hat. Mum war der Überzeugung, dass ein einfacher Football mit gefälschter Unterschrift es auch tun würde.

Dann wurde es aber doch das Zeichenboard. Übrigens leistet mir das gute Dienste, danke, dass ich es behalten durfte.

Ich hoffe, du freust dich über den Football und hast, wo immer du jetzt steckst, jede Menge Platz zum Ausprobieren.

Vielleicht kann ich eines Tages eine Runde mit dir spielen.
 

Bis bald.

Scott
 

Noch in der gleichen Nacht brachte Scott den Brief und den Football zum Grab seines Bruders. Dieses Mal war es nur der eine Brief, der leidenschaftlich aufflackerte, als Scott ihn am Grabstein verbrannte. Lange Zeit schaute er den kleinen Papierfetzen dabei zu, wie sie sich gegen die Flammen wehrten und schließlich zu Asche wurden. Asche, die den vielen Blumen als Nährboden diente.

Um Fassung ringend legte er den Football ab und zögerte. Normalerweise ließ er auch die Geschenke in Flammen aufgehen, doch dieses Mal hielt ihn etwas davon ab. Scott konnte nicht genau bestimmen, was es war, doch die Erinnerung an seinen zehnjährigen Bruder, wie er flehend und bettelnd vor seinem – in seinen Erinnerungen auf sein jetziges Alter gealterten – Vater stand, drohte, ihm das Herz zu brechen.
 

„Oh. Du bist noch nicht soweit … Tut mir leid, ich dachte nur … Die Reservierung …“
 

Die vertraute Stimme Nates, die so einfühlsam wie nur irgendwie möglich auf ihn einredete, tat in der Seele weh. Er musste ein leidlich starkes Bild abgeben, wenn sein Freund es so stark vermied, das Offensichtliche auszusprechen. Mit zitterndem Atem wandte Scott sich zum Japaner um und befeuchtete sich die staubtrockenen Lippen, spürte, wie sein Herz zu zerspringen drohte und die Dämme zu brechen gedachten.

Es sollte das erste Mal sein, dass Nathan Lakewood Prescott Mercado festhalten musste, damit er nicht fortlief. Es war das erste Mal, dass Scott sein Gesicht an der fremden und doch vertrauten Schulter vergrub, nicht weinend, aber auch nicht mehr der Fels in der Brandung, bebend, und dennoch nicht ausbrechend.

Nate verharrte in der unbehaglichen halben Umarmung, versuchte Scott zu stützen, obwohl dieser es weder wollte, noch zu brauchen schien und gleichzeitig nichts notwendiger gewesen wäre.
 

„… Lass uns Football spielen, Nate“, erklang Scotts Stimme aus dem Nichts.
 

Und so kam es, dass Scott sich einbildete, Kay lachen zu hören, als Nate und er sich nachts auf dem Friedhof über das Grab Kenneths hinweg den Football zuwarfen. Für einen kleinen Augenblick fühlte Scott sich vollkommen befreit von allem und musste daran denken, dass so das Paradies schmecken musste.

Nach Freiheit, Leder und ein bisschen Friedhofserde.

Kapitel 15 - Wolf und Hase I

„Dyke? Sie gehen nach Neuseeland. Wir hatten Werwolf-Sichtungen und müssen dem nachgehen. Sie gehen alleine, Ihr Ansprechpartner wird auf Sie im Hotel…“
 

David hatte innerhalb von Minuten seine Sachen gepackt und war zum Aufbruch bereit.

Obwohl David sich einige Zeit dafür nahm, der Frage weshalb das britische Ministerium sich um eine Sichtung in Neuseeland kümmerte auf den Grund zu gehen, war er doch automatisch fixiert auf die Aufgabe, die vor ihm lag. Es half nichts, sich den Kopf zu zerbrechen. Er war Auror und führte Befehle aus. Mehr nicht.

Das Apparieren zum gebuchten neuseeländischen Hotel für Zauberer ging flott und verlief ohne Komplikationen. Da es bereits spät am Abend war, suchte er das Ministerium nicht sofort auf, sondern ging auf sein Hotelzimmer.

Das Zimmer war klein, doch mit einem dafür recht großzügigen Schreibtisch ausgestattet. Nachdem er sich die Hände gewaschen und seine Klamotten verstaut hatte, setzte er sich an den Tisch und schlug die Akten auf, die sein Vorgesetzter ihm mitgegeben hatte.

Bis spät in die Nacht überflog er Zeugenberichte, mögliche Sichtungen, Anklagen an Unschuldige und aufgedeckte Falschmeldungen. Die Berichte gingen bis zu dreißig Jahre in die Vergangenheit zurück – hier schien sich entweder ein sehr anpassungsfähiger Werwolf rumzutreiben, oder aber es war alles nur ein einziger großer Beschiss.

Als sich Kopfschmerzen einstellten, beschloss David, dass er genug gelesen hatte und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen würde er früh beim neuseeländischen Ministerium vorstellig werden. Unausgeschlafen machte das niemals einen guten Eindruck.
 

„David Thorndyke, richtig?“, fragte der untersetzte Auror und der Brite nickte. „Sie wurden bereits angekündigt. Sie sind ... erstaunlich jung.“ David meinte herauszuhören, dass dem Auroren diese Tatsache nicht gefiel oder dass David ihm anders angekündigt worden war. Die Augenbrauen wurden kritisch zusammengezogen und David maß sein Gegenüber mit eben jener kritischen Beobachtung, die der Mann auch ihm zuteilwerden ließ.

„Sir. Das britische Ministerium hat mich zu Ihnen geschickt.“ Womit er indirekt implizierte, dass sein neuer Vorgesetzter die Kompetenz des britischen Ministeriums in Frage stellte.

Eine kurze Stille legte sich im Zuge dieser Unterstellung über das kleine Büro des Leiters der Aurorenzentrale des neuseeländischen Zaubereiministeriums. „Nun gut, Thorndyke. Ich werde Ihnen alles zukommen lassen, was wir über die kürzliche Sichtung wissen und Ihnen die Verantwortung für die Vernehmung des Hauptverdächtigen und seiner Familie übertragen. Halten Sie sich jedoch bedeckt. Es soll vorerst niemand wissen, weshalb Sie hier sind. Behandeln sie Familie und Hauptverdächtigen nicht als solche.“ Der Leiter der Zentrale lehnte sich auf seine fleischigen Unterarme, als er sich vorlehnte. „Verstanden?“

„Ja, Sir.“
 

Den ganzen Tag über verbrachte David mit den leitenden Auroren des Falls und ließ sich von ihnen ins Bild setzen. Es hatte bisher noch keinen Übergriff auf die Bevölkerung – ob magisch oder nichtmagisch – gegeben. Die Frage, wieso er also hier war, drängte sich immer mehr auf. Die neuseeländischen Kollegen begegneten ihm zwar mit Respekt, doch auch mit offenem Argwohn – nichts, womit er nicht zurechtkam. Auf einer professionellen Ebene funktionierte die Zusammenarbeit dennoch, solange David über jegliche Provokationen seine Erfahrung und sein Alter betreffend hinwegsah.

Erschöpfung stellte sich nur sehr selektiv beim Briten ein. Er war es gewohnt, wenig zu schlafen, noch weniger zu essen und keinerlei Ruhe zu haben. Ansonsten hätte er diesen zeitintensiven Job niemals annehmen können und wäre innerhalb der letzten drei Jahre niemals so schnell so gut geworden.

Nachdem der Fall Johansson abgeschlossen gewesen war, hatte David Altlaster ablegen können und war endlich so weit gewesen, sich vollends auf den Job einzulassen.

Dennoch ließ er sich von seinen neuen Kollegen dazu überreden, das neuseeländische Bier in einem der Pubs auszuprobieren. Selbstverständlich war er nicht hier, um Freunde zu gewinnen, doch tatsächlich hatte sich der in seiner Schulzeit als arroganter Eigenbrötler bekannte Brite zu einem sozialen Wesen während der Arbeitszeiten gemausert. Schweigend zumeist, um die lateinischen Spitzen und die angeborene Arroganz im Zaum zu halten, aber dennoch ein gerne gesehener Gast. … Vermutlich nur aufgrund des Schweigens, wenn man es so betrachtete.
 

Am Pub angekommen, folgte er seinen beiden neuen Kollegen zur Bar und wich einem kräftigen Mann aus, dessen stechender Blick aus hellen grünen Augen ihn aufzufressen schien – der Konter aus den eigenen blitzenden Augen ließ kaum auf sich warten und dennoch machte er dem Fremden Platz, dessen Ausstrahlung ihren Raum forderte. Doch abgesehen von eben jenem Vorfall verlief der Abend ruhig und ohne jede nennenswerte Erwähnung.
 

Der zweite Tag der Ermittlungen

Davids Schritte verhallten in den ausufernden Räumen des Maori-Museums. Für die Exponate hatte er kaum einen Blick übrig; das Leben der Muggel interessierte ihn herzlich wenig. Interessant waren jedoch die abgesperrten Bereiche, welche Verwüstung aufwiesen. Noch immer lagen einige Glasscherben über den Boden verteilt, die wohl einst zu den Vitrinen gehört hatten, welche die maorischen Kleidungsstücke vor gierigen Händen geschützt hatten. Einige dieser wertvollen Stücke waren nun zerschlissen und zeigten deutliche Spuren: sie waren so zerfetzt worden, als hätte man mit Klauen an ihnen gerissen. Aber was hatte ein Werwolf für derlei Dinge übrig?

„Oh. Sie müssen von den Behörden sein…?“, sprach ihn eine – auf den ersten Blick – bildschöne Frau mittleren Alters an. Ein wacher, weicher Blick, ein sympathisches Lächeln, die langen dunklen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz gebündelt.

„Ma’am? Die Aurorenzentrale schickt mich.“ Das Lächeln der Frau flackerte, doch sie nickte gefasst und deutete auf eine Tür mit dem Schild Zutritt verboten. David folgte ihr in das geräumige Büro, in dem sie sich gemeinsam zu einer kleinen Sitzgruppe begaben.

„Mein Name ist David Thorndyke. Das britische Ministerium hat mich hierhergeschickt, um den ansässigen Auroren zur Hand zu gehen.“

„Ich verstehe.“

Da war sie die Einzige.

„Bettina Coenorth“, stellte sie sich nun wieder mit erstarkendem Lächeln und einem sicheren Handschlag vor. „Aber Sie können gerne Betty sagen. Ich habe einen Sohn in Ihrem Alter, wissen Sie? Dank ihm weiß ich überhaupt von all den faszinierenden Dingen, die fernab der Wunder unserer Welt noch existieren.“ Sie lachte ein warmes Lachen. „Anfangs hat es mich zugegeben ein wenig überfordert. Aber wenn man sich mit der Geschichte befasst, fällt es einem schwer zu glauben, dass all jene Wunder gänzlich ohne Magie möglich gewesen sein sollen.“

Während sie ihren Monolog gehalten hatte, hatte sie David und sich Tee zubereitet und servierte ihn nun. Er musste sich zwingen, nicht gelangweilt dreinzuschauen und animierte sie mit einem Nicken und einem leisen „Vielen Dank für den Tee“ auch noch dazu, weiterzusprechen. Obwohl es sicherlich das Letzte war, was er hören wollte – nun, vielleicht hatte sie schlussendlich etwas Interessantes zu sagen? … Unwahrscheinlich. Was sie mit den nächsten Worten bewies: „Alexander hat vor zwei Jahren die höhere Schule abgeschlossen. Er ist so ein gescheiter Junge, wir sind unheimlich stolz auf ihn. Er möchte in die Politik, wissen Sie?“ Das sanfte Lächeln kannte David nur zu gut von seiner eigenen Mutter und gelangweilt nippte er am Tee. Er hasste Tee.

„Daniel, mein Jüngerer, hat auch im letzten Jahr die Schule abgeschlossen.“ Was hatte er nur an sich, dass Frauen ihm immer ihre Herzen ausschütteten? Reichte der missbilligende Blick nicht? Reichte nicht das kurze Nasenrümpfen, um seine absolute Abneigung gegen das vorherrschende Gesprächsthema auszudrücken? Hätte er herzige Brudergeschichten hören wollen, so hätte er seine eigene Mutter befragen können.

Außerdem schmeckte der Tee furchtbar. „Ist … Daniel? … Ist er auch Zauberer?“

„Aber ja! Er ging hier in Neuseeland zur Schule und wird jetzt im Ministerium eine Ausbildung zum Fluchbrecher beginnen. Nicht ganz Ihr Metier, aber wir sind einfache Leute.“ Als ob David das nicht schon mitbekommen hätte. „Mein Mann ist Fremdenführer und ...“ Bettina stockte. Sie schien sich daran zu erinnern, mit wem sie hier gerade sprach und nun wurde es endlich interessant für den Briten. Sie nestelte an der kleinen Tasse herum, wich dem stechenden Blick des Auroren aus und bestätigte damit seine Vermutung: hier lag mehr begraben, als sie zugab. Sie wusste etwas und war nicht bereit, ihr Wissen mit ihm zu teilen. Waren die Ermittlungen also richtig? Führten sie alle zur richtigen Adresse? War er nur noch hier, um die Verdächtigungen zu bestätigen?

David konnte sich auf all das hier noch keinen wirklichen Reim machen, beschloss jedoch, das Gespräch endlich in die eigene Hand zu nehmen. Mit einem leisen Seufzen lehnte er sich vor und tätschelte Bettinas Hand. „Ich weiß, es muss schwer für Sie sein. Die Söhne sind aus dem Haus und Sie wissen nun nicht, womit Sie den Alltag füllen sollen“, mimte David den verständnisvollen Beamten und zu seiner Überraschung schien er ins Schwarze zu treffen: Bettina atmete fein aus und lächelte ihn warm an.

„Es ist nun sehr ruhig zu Hause. Alexander und Daniel waren immer viel unterwegs und da sie in den Zaubererinternaten zur Schule gingen … viel hatte ich nie von ihnen.“ David meinte mehr als Bedauern aus diesen Worten herauszuhören und zog die Augenbrauen skeptisch zusammen. „Es ist einfach schön, wenn einem jemand wieder zuhört. Danke, Mister Thorndyke. Ich halte Sie sicherlich vom Arbeiten ab.“ Ein zauberhaftes Lachen folgte und David schüttelte den Kopf.

„Nicht doch.“ Sie hatte ihm, ohne dass sie es wollte, wichtige Informationen gegeben. „Ich habe trotzdem noch ein paar Fragen an Sie.“

„Natürlich.“

„Meine Kollegen haben mich bereits darüber informiert, dass Sie attackiert wurden“, nahm David den eigentlichen Grund seines Besuchs auf und Bettina zögerte kurz. „Das ist so nicht ganz richtig.“ Die hellen Augenbrauen des Briten zuckten zusammen und er überschlug die Beine, den Tee in den Händen haltend, die wachen Augen auf die schöne Archivarin gelegt. „Meine Stücke wurden attackiert, ja. Ich selbst jedoch nicht. Es ist …“ Wieder zögerte sie und in David wuchs das Misstrauen. Hier ging etwas vor sich, von dem er die Tragweite noch nicht verstehen konnte. Es war noch nicht greifbar. „Ich habe gehört, wie das Glas splitterte und habe ein Brüllen gehört. Aber das Brüllen hätte alles sein können. Ein Bär. Ein Wolf. Vielleicht auch das, was Ihre Kollegen sagen. Ich weiß es nicht.“

Sie nannte es nicht beim Namen.

Ihr Mann war ein registrierter Werwolf und sie nannte den Angreifer dennoch nicht beim Namen.

David roch den Braten. Sie wusste nicht, ob es ihr Mann war, der eingebrochen war. Sie wollte nicht wahrhaben, dass Seth Coenorth ein wildes Biest wurde, wann immer der Mond ihn rief.

Es war lächerlich, wie sich ein Mann einem Himmelskörper derart unterwerfen konnte. David fingerte in seiner Innentasche und zog die Visitenkarte hervor, die er stets mit sich herumtrug. „Falls Ihnen noch Details einfallen, die meine Kollegen nicht erwähnt haben, melden Sie sich bitte bei mir“, bat er Bettina förmlich und die schöne Frau nahm die Karte an, sagte jedoch nichts mehr.

Es folgten ein paar lapidare Bekundungen, eine Verabschiedung, ehe David noch etwas einfiel.

„Ihr Sohn, Alexander, wo kann ich ihn finden?“

„Wie?“

„Sie sagten nur, er sei bereits mit der Schule fertig und wolle Politiker werden. Wo kann ich ihn finden?“ Bettina deutete ein Schulterzucken an und ein schwaches Lächeln erschien auf den zart geschminkten Lippen. „Vermutlich irgendwo in der Stadt, Schatten hinterherjagen.“ Bitterkeit klang aus ihrer Stimme hervor und die Rolle der stolzen Mutter löste sich in Wohlgefallen auf, bevor sie David die Tür vor der Nase zumachte.

Irgendetwas ging hier vor. Und es hatte mit dem Sohn zu tun, auf den sie angeblich so stolz waren, der Politiker werden wollte und den Schatten nachjagte.

Es wurde Zeit herauszufinden, wessen Schatten Alexander Coenorth jagte.

Kapitel 16 - 𝓖𝓮𝓭𝓪𝓷𝓴𝓮𝓷𝓼𝓹𝓲𝓮𝓵𝓮

𝓖𝓮𝓭𝓪𝓷𝓴𝓮𝓷𝓼𝓹𝓲𝓮𝓵𝓮
 

Und so hatte ich gedacht, dass all das nur eine einmalige Sache gewesen sein sollte. Dass wir uns niemals wiedersehen würden – und ich hatte mich damit abgefunden. So war es schon immer gewesen; wer sich verliebte, der verlor. Nicht nur sein Herz … in meinem Gewerbe bedeutete Liebe zumeist den Tod. Das hatte ich in jungen Jahren gelernt – keine Ausbildung der Welt hatte nicht verhindern können, dass es damals geschehen war. Und keine Ausbildung der Welt hätte verhindern können, dass Konsequenzen gezogen worden waren.
 

Alles hat seinen Preis. Die Frage war, ob man bereit war, ihn zu zahlen.
 

Männer wie ich straucheln durch das Dunkel, behaupten, sie bräuchten niemanden. Manche gingen soweit zu sagen, sie bräuchten nichts.

Jeder Mensch braucht etwas, woran er sich festhalten kann, wenn alles um ihn herum zusammenbricht.

Und so klammerte ich mich an dich – und es blieb keine einmalige Sache.
 

Bevor ich für die französische Ministerin gearbeitet hatte, war ich Augen und Ohren für einen Mann im britischen Ministerium, dessen Gier nach Macht und Kontrolle schier grenzenlos schien. Er imponierte meinem jugendlichen Ich – aber selbst, wenn ich nicht von ihm angezogen geworden wäre wie eine Motte vom Licht, so hätte ich dennoch für ihn gearbeitet. Sein Charisma war weithin bekannt und seine Skrupellosigkeit berüchtigt. Männer wie er zogen mich schon immer an – für Personen wie ihn hatte ich schon zuvor Unaussprechliches getan.

Vor ihm sprang ich von einem Arbeitgeber zum nächsten, machte mir einen unbeugsamen Namen. Berühmt. Berüchtigt. Martin war kein Name, den man leichtfertig sprach. Er wurde weithin mit Endgültigkeit in Verbindung gebracht – neben dem Henkersbruder, der Aurorenschwester, dem Vampirjägerbruder, der Hippogreifzüchterinschwester, gab es nun also auch noch den Bruder, der sein Leben, für das seines Schutzbefohlenen geben würde. Nun. Oder wahlweise jene Leben nehmen würde, die seinem Schutzbefohlenen im Wege standen.

In meiner Familie ist es selbstverständlich, dass wir uns mit Leib und Seele unserer Arbeit verpflichten. Nur dem Erstgeborenen oder der Erstgeborenen ist es erlaubt, die Linie fortzuführen; allen anderen wird die Fähigkeit des Kinderzeugens oder -gebärens genommen. Niemals gebunden an das eigene Blut zu sein, außer an das der Eltern und Geschwister und dadurch kaum Angriffsfläche offenbaren. Ein eigenes Kind ist schon immer eine Schwachstelle im System gewesen – und Schwachstellen auszumerzen, das ist der Job meiner Familie.

Auf die eine oder andere Art.
 

Der britische Mann, machthungrig wie er nun einmal war, wollte seine Position in Irland stärken. Jene grüne Insel, die zu damaligen Zeiten von Unruhen innerhalb der Bürgerschaft geprägt gewesen war – er wollte die Unruhen ausnutzen und schickte mich, um einen seiner Gönner zu beschützen.

Dass ich dabei ausgerechnet dir in die Hände fallen sollte … auf so viele unterschiedliche Arten und Weisen …

Wäre ich ein religiöser Mann, würde ich behaupten, Gott hätte mich auf den rechten Weg geschickt. Mir all die Sünden vergeben.

Würde ich an das Schicksal glauben, würde ich behaupten, es hätte unsere Wege zusammengelenkt.

Würde ich an Karma und Wiedergeburt glauben, würde ich behaupten, irgendetwas in meinem vorherigen Leben richtig gemacht zu haben.

So jedoch behaupte ich einfach, unverschämtes Glück gehabt zu haben.

Selbst jetzt noch, wo unser Weg gepflastert mit Unglück und Tod ist, wo du so viele liebe Menschen verloren hast und so sehr an vielen deiner Idealen zweifelst und an der dir selbst auferlegten Schuld zu zerbrechen drohst. Selbst jetzt noch, wo ich einmal mehr in den Fängen mächtiger Männer verwoben bin und mein Leben plötzlich nicht mehr so wirkt, als könne ich es einfach wegwerfen. Selbst jetzt noch, wo das kleine Bündel Freude durch unser gemeinsames Haus derwischt und unser fünfter Hochzeitstag ins Land steht.

Selbst nach all den schrecklichen Taten, die mich hierhergeführt haben, liebst du mich.

Und da dem so ist … würde ich jede einzige Tat genauso wieder vollführen, solange sie mich an deine Seite zurückbringt.
 

Ich wünsche uns, dass unser Glück ewig hält, selbst wenn alle Zeichen der Vergangenheit gegen uns stehen. Wir haben Leichen noch und nöcher im Keller – der eine mehr, der andere weniger. Mächtige Männer werden versuchen uns voneinander zu trennen. Sie werden scheitern.

Jene Schwachstelle, die meine Familie zu händeln versucht, tanzt heute mit den Gartnengnomen um die Wette.

Es scheint, dass wir unserem großen Finale zustreben.

Gemeinsam.

Kapitel 17 - Ein Leben für ein Leben

„Bei Merlin … so viel Blut …“

„Sei ruhig.“

„Max, das ist zu viel … zu viel …“

„Du sollst den Mund halten.“

„Das … das schaffe ich nicht …“

„Du konntest noch nie deinen Mund halten. Heute wäre es aber wirklich mal von Vorteil.“

Red drückte fester zu. Ein verzweifeltes Lachen, das in einem schmerzerfüllten Keuchen unterging, war die Antwort – er würde es nicht schaffen. Kurz schloss Red die Augen, kalkulierte, schob Optionen hin und her.

Und kam zu dem Schluss, dass es nur eine Möglichkeit gab.

„Danke für alles.“

„Max … Du musst ihn hier rausschaffen.“

Langsam wanderten die harten Augen zum zusammengebrochenen Körper neben seinem Bruder; die Blutlache, die sich ins orangene Hemd sog, gehörte nicht zu ihm. Die markanten Kiefer zuckten; er kämpfte. Doch schlussendlich nickte er.

Plötzlich spürte er stechenden Schmerz an seiner Schulter – die große Hand seines Bruders krallte sich in sie, riss ihn zu sich herunter und nun klebte sein Blut auch an ihm. Starr blickte er in die Leere, spürte, wie das Leben Rhys verließ, wie es auch ihn selbst verließ, und lediglich zwei Worte hallten in seinem Ohr wider, prägnant, treibend: „Rette ihn.“

Nur noch ein letzter Schlag. Zäh und süß strebte Rhys Herz ihm entgegen, trommelte ein letztes Mal schwach gegen den Rippenbogen, klopfte sacht bei ihm an und brachte das eigene Mittelstück des Lebens zum Rasen. Rasende Wut wollte ihn blind machen, blinde Verzweiflung ihn gedankenlos, gedankenloser Schmerz ihn dazu bewegen, Frey einfach liegen zu lassen. Den Zauberstab zu ziehen und sich den Bastarden zu stellen, die es gewagt hatten, seinen Bruder zu töten.

Doch sie waren bereits tot.

Und zurück blieb nicht die Chance auf Rache … nicht hier, nicht dafür … sondern das Große Ganze, jener Plan, für den Red bereit gewesen war, seinen Bruder zu opfern.

Mit starrem Blick erhob Red sich, schüttelte die leere Hülle seines Bruders ab und schulterte die schwere Bürde, die er ihm auferlegt hatte. Nein, die er sich selbst auferlegt hatte.

Frey war leichter, als erwartet – doch kälter, als befürchtet. Er musste sich beeilen.

Nur kurz blickten die harten Augen über die Schulter zurück auf den sich in die Tiefe schraubenden Komplex an Zellen, horchten seine Ohren auf den fernen Klang der Stimmen, die nach ihnen riefen und auf das scharfe Bellen der Hunde, die ihre Fährte aufgenommen hatten.

Doch kein Wesen würde ihnen folgen können.

Kurzentschlossen trat Red den letzten Schritt – sein Fuß schien für einen Moment in der Luft zu schweben, Meter über dem Schwarzen Meer, das sich an den Klippen brach.

Dann fiel er. Und mit ihm sein Ballast, seine Bürde, derjenige, für den Rhys sein Leben gegeben hatte.

Red würde dafür sorgen, dass Frey seine Schuld niemals vergessen würde.

Und gleichzeitig mit keinem Wort erwähnen, dass all das seine eigene Idee gewesen war.
 

Vor Kälte zitternd zog er den schweren Körper an Land und gönnte seinen brennenden Muskeln eine kurze Pause. Der Zauberspruch, der ihn teilweise in einen Hai verwandelt hatte, hatte schon vor einigen Stunden aufgehört zu wirken – ein zweites Mal hatte er ihn nicht anwenden können. Zu sehr hatte seine Konzentration mittlerweile gelitten, zu sehr hatten die Zweifel an seinem Innersten genagt; hatte er einen Fehler begangen? Er hatte Rhys gegen Frey eingetauscht – seinen eigenen Bruder wissentlich in den Tod laufen lassen . . . Jenen Bruder, den er stets und immer gegen alle Eventualitäten verteidigt, vor allem beschützt hatte. Den er verdammte dreißig Jahre davor bewahrt hatte, frühzeitig ins Gras zu beißen – und jetzt? Jetzt hatte er selbst ihn ins Grab gestoßen . . .

Es schüttelte ihn. Mit letzter Kraft rappelte er sich auf, zog Frey mit sich und schleppte ihn in die kleine Höhle, die ein menschliches Auge niemals wahrgenommen hätte, hätte es nicht gewusst, wo es zu suchen hatte. Der Eingang war schmal und das Innere tiefschwarz. Es ging nicht weit hinein und nach wenigen Schritten verließen Red die Kräfte. Die letzten Stunden war er geschwommen, hatte Frey die ganze Zeit über Wasser gehalten und seine linke Seite war von Krämpfen geplagt worden – doch sein Ziel hatte er nie aus den Augen gelassen. Der Junge aus Enfield hatte nie etwas losgelassen, in das er erst seine Zähne geschlagen hatte. Niemals.

Doch jetzt war er am Ende angekommen. Der Brudermord lastet derart schwer auf dem gebrochenen Herzen, dass er die Scherben beinahe spürte, die durch seinen Brustkorb klimperten. Tief schnitten sie in sein Wesen; aber noch war Frey nicht sicher. Rette ihn, flüsterte Rhys‘ Stimme und kurzentschlossen schüttelte Red seine Erschöpfung ab. Rappelte sich auf. Schleppte sich und Frey zur Feuerstelle, die er vor Wochen bereits präpariert hatte. Mit zitternden Fingern zog er den Zauberstab aus der sicheren Verwahrung am linken Oberschenkel. Er ließ sich Zeit. Sammelte seine Gedanken, verdrängte die Scherben aus seinen Gedanken und murmelte jene Schutzformeln, die ihn und Frey vor der Außenwelt abschirmen würden, gleichzeitig jedoch derart schwache Spuren hinterließen, dass nur ein wirklich guter Zauberer sie erkennen würde – und vermutlich würden die Illusionen, die Red kurz darauf über die Schutzzauber legte, ihn trotzdem täuschen können.

Er hatte Rhys nie im Ringen besiegen können, nie im Faustkampf und auch beim Qudditch hatte er ihn kein einziges Mal schlagen können. Nicht einmal ein einfaches Kochduell hatte er für sich entscheiden können – sobald es um handfeste Dinge gegangen war, war ihm sein großer Bruder immer mehr als einen Schritt voraus gewesen.

Doch niemand aus seinem Jahrgang, aus seiner Heimat und auch jetzt, viel später, seinem beruflichen Umfeld, konnte ihm das Wasser reichen, wenn es um Schläue ging. Um Tricks. Darum, etwas vorzutäuschen und den anderen immer mindestens drei Schritte voraus zu sein. Red dachte um die Ecke und dann noch um die nächsten vier, nur, um im richtigen Moment bereits meilenweit entfernt zu sein, wenn es drauf ankam.

Hier und jetzt war es wichtig, dass sie genau hierblieben. Nicht meilenweit weg waren.

Rhys hätte einfach ein Feuer mit Steinen und Holz entfacht – Red brauchte noch eins, zwei Anläufe, ehe er den Feuerzauber sicher ausführen konnte. Zu sehr zitterte die Hand, zu sehr rebellierte der Kirschholzstab, doch schließlich erhellte sanfter Feuerschein die kleine Höhle und dennoch würde niemand außerhalb dieses kleinen Unterschlupfs das Feuer überhaupt wahrnehmen.

Red riss sich eine kleine Tasche, die er in seine Hose genäht hatte, ab und der Inhalt verstreute sich chaotisch auf dem Felsboden. Nachdem er die Utensilien mit dem Zauberstab angetippt hatte, wuchsen Decken und Töpfe, Kleidung und Proviant, zwei Bücher und ein Erste-Hilfe-Kasten auf ihre normale Größe an und schienen die kleine Höhle noch enger wirken zu lassen, als sowieso schon.

Kurzentschlossen entledigte Red sich seiner Kleidung, breitete sie sorgfältig neben dem Feuer aus und blickte zu Frey – noch immer hatte er sich nicht gerührt. Sein Atem ging gleichmäßig und trotz der langen Reise durch das bitterkalte Wasser, fand sich noch immer etwas Farbe in seinem Gesicht wieder.

Wilder Hass zuckte durch die harten Augen. Frey war der Grund, weshalb Rhys nicht mehr lebte. Weshalb der einzige Mensch, den Red je geliebt hatte, je zugelassen hatte zu lieben, jetzt tot war. Mit vor Wut bebenden Fäusten sackte Red neben ihm zusammen, den Blick fest auf die rosigen Wangen gerichtet. Wenn er jetzt einfach zudrücken würde … Er müsste nicht mal viel Kraft aufwenden … Er könnte sogar dabei zusehen, wie sich seine Augen überrascht öffneten, er schwach um sich schlagen und schließlich alles Leben aus den dunklen Augen weichen würde. Er wollte es so sehr . . .

Red atmete ein.

Und beim Ausatmen zog er Frey das Oberteil von den Schultern, zerrte die nasse Kleidung umständlich vom lädierten Körper des Jüngeren und schlang eine Decke um sie beide, ehe er Frey zu sich auf eine weitere Decke zog.

Dermaßen gewärmt vom Feuer, gebettet auf den flauschigen Untergrund, umgeben von einlullendem Stoff, angeschmiegt an den Jüngeren … es fiel Red schwer, die Augen offen zu halten. Fest schlagen sich seine Arme um die Brust Freys und er bettete seinen Körper an den Rücken des Jüngeren, zog ihn unbarmherzig an sich und lehnte sich gegen die Felswand hinter sich. Körperwärme würde sie beide davor bewahren, einen erbärmlichen Kältetod zu sterben und auch wenn Magie sicherlich geholfen hätte, so war Red nicht mehr in der Lage dazu, auch nur noch einen letzten Spruch zu bewerkstelligen.

Stattdessen fielen seine Augen zu und erbarmungslose Schwärze umfing ihn.
 

Heftiger Schmerz explodierte in seinem Kiefer und reflexartig verstärkte er seinen Griff um das, was er gerade im Arm hatte.

„LASS MICH LOS!“

Freys Stimme riss ihn aus der Finsternis, während sein Kiefer pochte und ein gefährliches Knurren entwich Reds Kehle. „Beruhig dich.“
 

„Verdammt, was soll das? Lass mich los!“

Frey wollte nicht aufhören zu toben, doch so stur er auch war, sein Starrsinn war nichts gegen den des Briten. Mit endgültiger Bestimmtheit presste er den Körper des Jüngeren an sich, presste ihm die Luft aus den Lungen und nahm ihm jegliche Grundlage zum Kampf. Wie besessen schlug Frey um sich, versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, während die Luft immer knapper wurde.

Wollte er ihn umbringen?!
 

Der Gedanke war Red gekommen, doch sein Klammergriff zeigte die gewünschte Wirkung – Freys Gegenwehr wurde schwächer und vorsichtig entließ Red ihn in die Freiheit.

„Ich habe dir gesagt, dass ich nicht zulasse, dass du meinen Plänen in die Quere kommst“, zischte Red verhalten und der gefürchtete Kirschholzstab blitzte in der Dunkelheit zwischen ihnen auf. Er sah die Furcht kurz in Frey aufzucken, dann Erkenntnis und schließlich Frustration. Doch ehe sein Partner etwas hätte sagen können, schüttelte Red den Kopf, noch immer keine Miene verziehend. „Du bekommst deine Chance. Das habe ich dir versprochen.“ Und sie beide wussten, dass Red ein Versprechen immer hielt – und jede Anmaßung, er würde Versprechungen brechen, strafte er für gewöhnlich brutal und gnadenlos. Selbst sein mittlerweile langjähriger Partner war davor nicht sicher und Red beobachtete, wie Frey in sich zusammensackte. Mit sanfter Gewalt zog er ihn tiefer in die Schatten, blieb in seinem Rücken und flüsterte ihm ins Ohr: „Merk dir diesen Moment. Schau ihn dir genau an, wie er sich feiert und seinen Erfolg. Nimm das alles in dich auf. Genieß es.“

Er hörte ein leises Grollen, ehe Frey raunte: „Wie soll ich das genießen? Er hat das alles nicht verdient.“

Ein kurzes, minimales Lächeln huschte über Reds Züge, verborgen vor Frey, verborgen vor der Welt. „Weil du weißt, dass du derjenige bist, der all das beenden wird.“ Er spürte, wie Frey erschauderte, legte eine Hand auf dessen Schulter und zwang ihn, sich zu ihm umzudrehen. Forsch blickte er in die tiefen Augen, die so verloren und bitter blitzten. „Du bist derjenige, der ihm all das nehmen wird. Seine Familie. Seine Erfolge. Seinen ach so geliebten Ruf. Und schlussendlich sein Leben.“ Der Druck auf die breite Schulter seines Partners wurde unnachgiebig und Frey blickte ihm entgegen, aufrechter stehend, als zuvor. „Ich werde dich bis zum Schluss begleiten, mein Freund“, versprach Red und spürte, wie das Ziel Freys zu seinem eigenen wurde und ihrer beider Wege miteinander verschmolzen.
 

Gelassen befahl Red seinen Läufer zwei Felder vor. „Schachmatt.“ Frey seufzte fein und lehnte sich auf dem Sessel zurück, die Hände kapitulierend erhoben. „Fein. Ich gebe auf.“

„Du gibst nicht auf. Du bist geschlagen.“

Wiederwille zuckte durch Freys Mimik, doch schließlich zeigte er ein wölfisches Schmunzeln, schien sich an etwas zu erinnern, das sich Red entzog – doch er vermutete zurecht, dass es etwas mit Colin zu tun haben musste. Aufmerksam legte er den Kopf schief, musterte seinen Freund und bemerkte kleine Veränderungen an ihm, die ihm bis eben nicht aufgefallen waren. Frey strotzte heute vor Selbstbewusstsein und obwohl Vollmond nicht weit war, schien er gefasst. Reds Augen verengten sich und Frey zuckte mit den Schultern, ganz so, als errate er die Gedanken seines Freunds.

Nicht unwahrscheinlich, dass genau das der Fall war.

Mittlerweile waren sie dermaßen aufeinander abgestimmt, dass ihre Kommunikation viel öfter auf nonverbaler Ebene ablief, als durch Worte und Red wusste Frey schon seit längerem aufrichtig und ehrlich zu schätzen. All die Hoffnung und all die Erwartungen, die er in ihn gesetzt hatte, übertraf der Werwolf mit einer Leichtigkeit, dass er ihm aufrichtig imponierte. Doch nicht nur beruflich war er eine absolute Bereicherung für sein unterirdisches Imperium geworden – nein. Er verließ sich auf niemanden so sehr wie auf Frey. Der Werwolf enttäuschte ihn nicht. Nie. Schien besessen davon, ihm alles recht zu machen und gleichzeitig als ebenbürtig von ihm angesehen zu werden. Unnötig zu erwähnen, dass das niemals möglich sein würde und gleichzeitig war Frey ihm näher, als es je ein Mensch gewesen war. Nicht einmal Rhys hatte derart in sein Herz blicken und ihn einschätzen können.

Schlussendlich hatte er die richtige Entscheidung getroffen.

Ein Leben für ein Leben.

Rhys für Frey.

Red lehnte sich vor, erkannte das Aufblitzen in den dunklen Augen und nickte.

Und vielleicht würde sich abermals ein Bruder für einen Bruder opfern müssen, irgendwann, in naher Zukunft.

Ein sachtes Lächeln umspielte die Lippen Reds und er deutete auf das Spielfeld. „Noch eine Partie?“

Er hatte Frey ein Versprechen gegeben – und er würde sein Leben geben, um es zu erfüllen.

Kapitel 18 - Soulmate Things

Mit einem weichen Lächeln nahm Ezra Yuris Hand und zog seinen Freund zu sich auf den großen Stein mitten im Wasser.

„Ich wusste, dass es dir hier gefallen würde“, wisperte er ihm entgegen, seine Hand noch immer haltend, damit er nicht fiel. Nicht, dass Yuri mit der perfekten Körperbeherrschung, die ihm nun einmal zu eigen war, wirklich gefallen wäre, aber schlussendlich blieb das Gefühl, ihn beschützen zu wollen. Ezra beobachtete, wie sich auf den kühnen Zügen ein wundersames Lächeln anbahnte – in den dunklen Augen brach sich das Sternenlicht und die erste Sternschnuppe sauste über sie beide hinweg. Gleichzeitig reckten sie ihre freie Hand gen Himmel, ein „woah“ ausstoßend und verschwörerisch grinste Ezra dem Russen zu. „Ich wollte dir die Stelle gestern schon zeigen. Die Sterne sind hier so viel näher, oder? Schau!“ Eine weitere Sternschnuppe zauberte einen langen Schweif am Firmament und wieder war ein Raunen von den beiden Jungs zu hören. Langsam ließ Yuri Ezras Hand los und machte Anstalten, sich auf den kalten Stein zu setzen.

„Warte, warte.“

„Nein, nicht nötig, Ez. Die Hose ist eh alt.“

„Du erkältest dich.“

„Also, bitte. Als wenn ich mich von ein paar Minuten an der frischen Luft gleich erkälte.“

„Bitte, Yuri…“

Mit einem Seufzen ließ Yuri zu, dass Ezra seine Jacke auszog und sie für sie beide auf den nebelfeuchten Stein zu betten. In einträchtigem Schweigen setzten sie sich, den Blick gen Himmel gerichtet.

Der Sternenregen wollte nicht aufhören. Hundertfach schienen die Sternschnuppen zu fallen, die Möglichkeit, einen Wunsch auszusprechen, völlig unmöglich machend. Vorsichtig, um nicht in den Fluss zu fallen, rutschte Ezra noch ein wenig näher, stützte seine Hand hinter dem Rücken des Russen ab und legte seinen Kopf auf dessen Schulter ab, ihm ein flüchtiges Lächeln zuwerfend.

„Gefällt es dir?“ Die eigene Stimme nicht mehr als ein brüchiges Raunen und Yuri nickte, den Blick stur gen Himmel gerichtet, doch Ezra sah das verräterische Schmunzeln im Mundwinkel und sein Herz machte einen freudigen Hüpfer. „Ja. Danke, Ezra. Es ist wirklich schön hier. Und es macht auch nichts, dass wir erst heute hier sind. Heute sollen eh viel mehr Sternschnuppen unterwegs sein.“

„Hm. Gut.“ Langsam richtete Ezra sich wieder auf, dem Fall der Sterne zuschauend. „Ich wollte das mit dir und nur mit dir teilen.“

„Wieso nicht mit den anderen?“

„Weil es dir in letzter Zeit nicht gut ging.“ Das abfällige Schnauben überging Ezra und schlug die Füße übereinander, den Kopf in den Nacken gelegt. Yuri holte Luft, um etwas zu sagen, überlegte es sich dann aber scheinbar anders und tastete nach Ezras Hand, die noch immer in seinem Rücken lag. Lange schlanke Finger umfassten Ezras und er warf einen kurzen Blick auf die blasse Haut seines Freundes, ein wissendes Lächeln auf den Lippen. Kurz schaute er zu Yuri auf – der schien um Worte verlegen, schien mehr dazu sagen zu wollen, aber Ezra schüttelte nur den Kopf. „Außerdem würde keiner von ihnen mit mir hier ruhig sitzen. Khair hätte es gar nicht erst bis hierhergeschafft, Wes und Mac wären eher von den Möglichkeiten eine Sternschnuppe zu fangen begeistert und Xav … ah, als wenn der auch nur ansatzweise die Schönheit des Moments verstehen würde. Du hast ein Künstlerherz.“ Das Grinsen auf den Lippen des Musikers wurde breiter und Yuri erwiderte es mit Schalk. „Ich wusste, dass es dir guttun würde … und nach den letzten Wochen wollte ich dir einfach etwas Gutes tun.“ Ezra wurde immer leiser zum Ende des Satzes und wandte den Blick wieder ab, ernster als zuvor, mit einer gewissen Melancholie in der Stimme. Nun war es an Yuri zu seinem Freund zu blicken, die Stimmung abzuwägen und schließlich – mit einem ergebenen Seufzer – verwob er ihre Finger miteinander.

„Manches Mal bist du einfach ein absoluter Idiot, Ez.“

Und damit war einfach alles gesagt.
 

„Oye! Yuri!“

Freudestrahlend preschte Ezra auf den Russen zu, Binde und Federballschläger in der Hand und zog ihn unbarmherzig auf das Spielfeld. „Ezra! Die Schuhe sind neu und du könntest sie nicht einmal dann bezahlen, wenn du das Vermögen deiner Eltern-“

„- und das Erbe meines Erstgeborenen ausgebe, ja, ja, wie auch immer: du MUSST mit mir spielen!“ Und damit deutete er auf Mac und Xav, die an dem rechten und linken Handgelenk zusammengebunden waren und in ihrer bewegungsuneingeschränkten Hand einen Federballschläger hielten. Yuri runzelte kritisch die Stirn und begutachtete den Sand unter seinen Füßen mit gerümpfter Nase. „Federball. Am Strand. Wie .. einfallsreich.“

„Komm!“

Ohne weiter zu fragen schnappte Ezra nach Yuris rechter Hand und verschränkte ihre Finger – „hei! Was wird das?“ – ineinander, den Zauberstab in der anderen, um mit der Binde ihrer beiden Hände – „Ezra, ernsthaft, lass das!“ – absolut und für immer miteinander zu verschmelzen. Nun, oder zumindest bis zum Ende des Spiels. „Komm schon, Yuri, das wird ein Spaß, glaub mir.“ Die Einwände von der anderen Seite – „seid ihr endlich soweit?!“ – wurden gekonnt ignoriert. Hoffnungsvoll blickten große Augen zu Yuri auf und ein genervtes Stöhnen war vom Russen zu hören. Wie konnte irgendwer irgendwann auch nur daran denken, ‚nein‘ zu Ezra zu sagen, wenn er s o schaute?

„Fein. Aber wehe ich ruiniere mir dabei auch noch die Frisur.“

Ezra grinste und half Yuri ungefragt dabei – immerhin waren sie jetzt aneinandergebunden und wenn Yuri sich bückte, musste auch Ezra sich bücken – die Schuhe auszuziehen.

„Keine Sorge. Ich passe auf“, zwinkerte Ezra ihm zu und Yuri seufzte abermals. Energisch wurden sich die Haare aus der Stirn gewischt und mit einem Siegeswillen, der einen echten Russen nun einmal auszeichnete, schnappte er sich den dämlichen Federballschläger.

„Dann wischen wir den Boden mit den beiden auf!“

„Sie haben keine Chance gegen Ezri!“

Irritiert blickte Yuri zu seinem Freund, der ihm zuzwinkerte und die Zunge rausstreckte, wie immer ein Bündel an Energie und Freude. Was ging manches Mal nur in diesem Jungen vor . . .

. . . während Yuri erfolglos eine Antwort auf die Frage suchte, klatschten Wes und Khair mehr oder minder begeistert Beifall, als Mac und Xav das xte Mal zu Boden gingen, weil sie ihre Bewegungen einfach nicht koordiniert bekamen. Team Ezri hingegen schien blind zu verstehen, wie der jeweils andere sich bewegte und obwohl auch sie hier und da mal ihre Meinungsverschiedenheiten hatten – „das andere Rechts, du Troll!“ – gewannen sie das Match gegen Xav und Mac haushoch.

Wie auch immer das passiert war, aber Yuri fand sich in einer innigen Umarmung mit seinem Federballpartner wieder und hörte sein eigenes Lachen über das Meer wehen. Ezra ließ sich neben ihn in den Sand fallen und wischte ihm kurz ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht – „deine Frisur, Yuri“ – und während ein Teil von ihm dem Jungen gerne die Hände dafür abgehakt hätte, dass er die Frechheit besaß, seine Frisur zu beurteilen, war der viel größere Teil von ihm einfach nur dankbar, Ezra seinen Freund zu nennen.

Wortlos drehte er den Kopf zum Musiker und sah sich bereits mit den aufrichtigen Augen konfrontiert.

„Das habe ich gebraucht“, wisperte Ezra ihm da gerade entgegen und lachte leise, die Stirn gegen die Schulter des Russen drückend. Ehe der sich versah, streckte er den Arm aus und ließ zu, dass Ezra sich auf seine Schulter legte, den Blick gen untergehende Sonne.

„Ich wünschte, wir könnten für immer hierbleiben“, murmelte Ezra und Yuri brummte zustimmend. „Vielleicht können wir das…später einmal. Alle sechs.“ Überraschung zeichnete sich auf den Zügen des Musikers ab, doch er war dankbar für die seltene Offenheit seines Freundes und verkniff sich jedwede Antwort.

Stattdessen genoss er den Frieden, solange er eben anhalten würde. Mit Yuri musste man immer jeden Moment auskosten, als sei es der letzte – doch Ezra würde stets und immer dafür sorgen, dass nach jedem vermeintlich letzten Moment, noch immer ein weiterer folgen würde.

Das hatte er sich selbst, den anderen vieren und nicht zuletzt Yuris Sternschnuppen an jenem Abend versprochen. Und auch wenn Ezra nicht immer der ehrlichste, nicht immer der aufrichtigste Mensch war, so würde er ein Versprechen, das er seinen Freunden gegeben hatte, niemals brechen. Und er wusste, dass es Yuri genauso ging.

Straßenkinder

AKT I

„Du wertloser Bastard! Wieso musstest du genauso werden wie ER?! Deine Augen..! Dein Gesicht..! Du bist widerlich! Niemand wird dich je lieben, NIEMAND! Du bist genauso verkommen wie dein verschissener Bruder!“

Mit bebenden Lippen und Schultern ließ Abel den Ausbruch seiner Mutter über sich ergehen. Ihre kraftlose Statur machte ihm Sorge, doch die Worte trafen so tief, waren so schmerzhaft, dass sie die Sorge um die eigene Mutter zerfraßen.

wertlos – genauso wie er – Augen – Gesicht – widerlich – Niemand wird dich je lieben – verkommener Bruder

Abel ballte die Hände zu Fäusten, biss sich auf die Unterlippe, bis der metallische Geschmack von Blut ihn beruhigte – Schmerz durchzuckte seine Lippe und hektisch blickte er auf, die Tränen in den Augenwinkeln wegblinzelnd. Niemals wieder würde er weinen, das hatte er Cain versprochen.

Er sah die Hand zu spät.

Brennende Qual breitete sich in seinem Brustkorb aus und zerriss das Band zwischen Sohn und Mutter. Erschrocken befühlte er sich die pochende Wange, wich einen Schritt zurück, als der nächste Schlag kommen sollte. Seine Mutter schrie, stolperte, fiel und blieb regungslos liegen.

Sie hatte ihn geschlagen. Sie hatte ihn wirklich geschlagen! Verzweiflung wollte ihm die Kehle zuschnüren, doch er ließ es nicht zu. Stattdessen griff er nach den Schultern seiner Mutter, zog sie auf die Beine, leise „alles wird gut“ auf ihr Wimmern murmelnd und half ihr zum Sofa, bettete sie darauf, zog ihr die Decke bis ans Kinn und küsste sie auf die Stirn.

Sie konnte nichts dafür. War ein Opfer der Gesellschaft geworden, hatte sich der Erlösung hingegeben, die Drogen und Alkohol versprachen und war zu schwach, um sich all den Widerständen entgegen zu stellen. Sie war nicht wie Cain.

Dennoch schmeckten all diese vertrauten Gesten bitter, fühlten sie sich an wie Verrat. Doch Verrat an wem? An was? An sich selbst? Oder an der Frau, die bleich unter der mottenzerfressenen Decke lag?

„Abel?“

Abel wirbelte herum und sah sich seinem großen Bruder gegenüber, der – blaues Auge und aufgeplatzte Lippe – ihn prüfend musterte. „Was ist passiert?“ Eine Frage, die er genauso gut hätte stellen können, nicht wahr? Verrat an wem? – Niemand wird dich je lieben.

Abel atmete tief durch und zauberte von irgendwoher ein schiefes Lächeln auf die pochende Unterlippe. „Etwas, worum du dir keine Gedanken machen musst. Komm. Lass uns eine Runde trainieren.“

Die Skepsis in Cain war erwacht, doch Abel ignorierte den weiteren Blick, schlug ihm im Vorbeigehen auf die Schulter und ging nach draußen in den Vorgarten, wo die Brüder bis spät in die Nacht Schläge übten. Jeder Schlag mehr war eine Befreiung, war eine Antwort auf die Frage nach dem Verrat an wem und eine Erwiderung auf Gift und Zweifel.

Sollte ihn die gesamte Welt auch hassen – seine Augen, sein Gesicht, ihn selbst – so wusste er doch, dass ein Mensch ihm reichte und dass dieser eine Mensch ihn bedingungslos liebte.
 

Akt II

„Schau ihn dir an, Susan, ist er nicht wundervoll?“

Abel bekam eine Gänsehaut und schaute vorsichtig zu seiner Mutter, sein Mund plötzlich ungemein trocken. Nervös drehte er das Wasserglas in seinen Händen und Besorgnis schlich sich Magenschmerzen gleich durch seinen Bauch. Die Whiskeyflasche auf dem Kaffeetisch war mittlerweile leer und der Geruch von Alkohol lag in der Luft zwischen den beiden Frauen.

„Dieses süße Gesicht wird irgendwann einmal irgendwen sehr glücklich machen.“ Seine Mutter griff nach seinem Kinn und seinen ersten Instinkt, den Kopf wegzuziehen, unterdrückte er geradeso. Sein Blick flatterte zu Susan – irgendeine der ständig wechselnden Bekanntschaften seiner Mutter, deren gierige Augen mehr als tausend Worte sagten. Die Besorgnis verwandelte sich in nagende Kälte; was lief hier?

Die spinnenartigen Finger seiner Mutter klammerten sich um seinen Kiefer und sie küsste ihn auf die Wange, mehrfach, ehe sie ihren Kopf vertraut auf seine Schulter legte. Reflexartig legte er einen Arm in ihren Rücken, gab ihr den Halt, die Geborgenheit, nach der sie suchte und hörte ihr wohliges Seufzen. Abermals spannte sich eine Gänsehaut über seinen Rücken und sein Blick wurde leer. Was verdammt lief hier?

„Weißt du, er hat sehr gute Noten, ist sehr klug und wird sicherlich nach der Schule studieren, oder, Abel?“

„Jah.“

„Und dann verdient er ganz viel Geld als Banker oder Geschäftsführer oder Politiker, oder, Abel?“

„Jah.“

„Und dann, weißt du, Susan, dann haben wir genug Geld für das Haus an der Küste und ich kann mir den Ring kaufen und das Auto und…“

Es ging ewig so weiter. Abel nickte nur apathisch und hörte den Gründen seiner Mutter gar nicht mehr richtig zu. Sie suchte immer wieder nach seiner Hand und er ließ zu, dass sie ihre Finger ineinander verschränkte, sich wieder freikämpfte und erneut nach ihm griff. Es kam ihm symbolisch für ihre Beziehung vor und eine unheimliche Müdigkeit ergriff urplötzlich von ihm Besitz.

„Mum, ich muss los …“

„Was? Jetzt schon? Aber Susan hat dich doch noch gar nicht tanzen sehen!“

Abel spannte sich an und blickte zu seiner Mutter, ein wenig Abstand zwischen sie beide bringend. „… Tanzen?“, echote er tonlos und langsam schaute er zu Susan, die eifrig nickte und deren Blick einem Angst machen konnte. Er öffnete den Mund, schloss ihn jedoch sofort wieder. War es das, was sie ihren Freundinnen erzählte? Dass er eine Tanzschule besuchte und tanzen konnte? Die dunklen Augen flatterten zurück zu seiner Mutter, eine stumme Bitte in ihnen zu sehen.

„Ja, ich habe Susan erzählt, wie wundervoll du tanzen kannst und sie würde dich so gerne mal tanzen sehen. Das geht doch, oder, Abel?“

Nein. Nein, das ging absolut nicht! Er tanzte sehr wohl, aber schon lange nicht mehr so, wie seine Mutter das vielleicht gewollt hätte . . . oder wusste sie davon und nutzte seine Fähigkeiten nun schamlos aus? Er spürte, wie sein Herz bis zum Anschlag klopfte.

„Nein, Mum, das … ich möchte wirklich nicht …“

„Oh, biiiiitteeeeee.“

„Mum, das … hör doch bitte auf …“

„Jetzt sei nicht so undankbar!“, schnappte seine Mutter plötzlich aggressiv und Abel biss die Zähne zusammen. „Ich habe dich fünfzehn Jahre durchgefüttert, da wäre jetzt mal ein bisschen Dankbarkeit angebracht! Und das einzige, was ich von dir will, ist, dass du für Susan tanzt, aber nein, das ist für Mister-ich-werde-bald-studieren-und-dich-in-diesemscheißdreckslochverkommenlassen wohl zu viel verlangt, HÄH?!“

Abel sah die Hände, bevor sie tatsächlich seinen Kragen greifen konnten und wich auf dem Sofa nach hinten aus, in einer einzigen geschmeidigen Bewegung aufstehend. Seine Mutter blickte ihn erschrocken an – für Susan schien das alles eher amüsant, denn bedenklich. Abel blickte zwischen den beiden Frauen hin und her, dann schüttelte er den Kopf.

„Sorry, aber ich komme sonst zu spät zur Schicht“, nuschelte er noch, bevor er Hals über Kopf aus dem Haus rannte.

Den Weg kannte er mittlerweile blind. Selbst die Panik, die ihm die Kehle zugeschnürt hatte – tanz, tanz, tanz, mein Sohn – konnte ihn nicht vom Weg abbringen.
 

Die große heruntergekommene Industriehalle ragte vor ihm auf – sein Atem ging stoßweise. Das Adrenalin pumpte schmerzhaft durch seinen Körper und energisch stieß er die Türen auf, wich den gefährlicheren Menschen instinktiv aus, duckte sich, machte sich klein, unscheinbar. Sein Ziel waren nicht die vielen Jungs und Männer, die tagaus tagein hier boxten, ihre Körper stählten, ihrem Leben versuchten einen Sinn zu geben. Oft waren sie straffällig geworden und der Fightclub war das einzige, was ihnen geblieben war, um nicht wieder in den Bau zu wandern.

Abel hielt auf die Hintertür zu, wartete geduldig ab, nur ein Schatten, von niemandem wirklich wahrgenommen und schlüpfte in einem günstigen Moment hindurch, hinein in die erdigen Tiefen, die sich mehrere Stockwerke in die Tiefe schraubten.

Abels Atem rasselte, als er die vielen Metallstufen herab sauste. Schweißgebadet brach er in Cains Trainingsstunde.

„Abel?“

Überraschung zeichnete die bereits dunkle Stimmfarbe seines Bruders und obwohl er keine Antwort bekam, alarmierte ihn das plötzliche Auftauchen seines kleinen Bruders zutiefst. So sehr, dass er ungefragt die Trainingshandschuhe hinwarf und zu ihm glitt, beide Hände nach ihm ausgestreckt.

Wortlos sank Abel in die Umarmung, lehnte den Kopf für diesen kurzen wertvollen Moment an die breite Brust seines Bruders, ergab sich dem Gefühl der absoluten Hilf- und Machtlosigkeit.

„Nie wieder“, hörte er sich selbst murmeln und eine Hand verkrampfte sich im durchgeschwitzten Oberteil Cains. „Ich will nie wieder so hilflos sein.“ Cains starke Hände, voller Wärme, legten sich unnachgiebig auf Hinterkopf und Rücken und abermals spürte Abel Gänsehaut am ganzen Körper.

Doch es war die beste aller Gänsehäute. Sie kitzelte nach Versprechen und Geborgenheit.

„Dann lass uns trainieren, Heulsuse.“

„… Ich heule nicht.“

„Dann zeig mir, dass du keine Heulsuse bist! Hier!“ Cain hatte Abstand zwischen sie gebracht und warf Abel die eigenen Trainingshandschuhe zu. Kurzentschlossen zog Abel sie an, ignorierte das Johlen der umstehenden Auserwählten und ganz besonders desjenigen, den er am allerwenigsten leiden konnte und stieg nach Cain in den improvisierten Ring.

„Die üblichen Regeln?“, fragte er tonlos und Cain nickte, ein wildes Grinsen auf den Lippen, das jeden Gegner das Fürchten lehren wusste. Selbst Abel war für einen kurzen Moment verunsichert – nie wieder, nie wieder, nie wieder – ehe er durchatmete und die Arme ausstreckte.

Dann komm doch!

Die Schläge Abels waren unkontrolliert, ungeübt und Cain wich jedem einzelnen problemlos aus oder fing jene ab, die durch die Hektik gefährlich für sie beide geworden wären. Der Gegenangriff des versierten Boxers war hart und unnachgiebig und Abel musste jede Faser seines Tänzerkörpers anspannen und wieder entspannen, um den kraftvollen Schlägen auszuweichen.

Sie trainierten schon Jahre miteinander. Nicht im Fightclub, pschte, dahin zogen Abel für gewöhnlich keine zehn Pferde. Aber im Vorgarten, auf den Straßen, hin und wieder in verlassenen Lagerhallen oder alten Tanzstudios, in den Gärten der Nachbarn, in den Gassen zwischen den Malls . . . Überall in London waren sie zu Hause und übten Springen, Schlagen, Laufen, Treten, Kämpen – jeder auf seine Art und Weise.

Und während dort wo Cain hinschlug kein Gras mehr wuchs und der ältere der beiden Brüder eine unglaubliche Gnadenlosigkeit ausstrahlte, lag Abels Stärke eher in seiner Wendigkeit und den heftigen Tritten, die aus dem Nichts zu kommen schienen.

Aber Cain kannte jeden Trick seines jüngeren Bruders und ging an diese Trainingskämpfe mit einer ganz anderen Mentalität hinein: kämpf, oder es könnte dein letzter Kampf gewesen sein.

Das Knacken von Knochen und Abels Schrei beendeten den Kampf.

„Shit, Sorry.“

Unfassbarer Schmerz zuckte beißend durch Abels linken Arm, doch ein schiefes Grinsen war auf seinem Gesicht festgetackert. „Schon okay …“ Cain zögerte – wäre er ein besserer Zauberer, hätte er nun einfach zaubern können – doch schließlich nickte er und half seinem Bruder wieder auf die Füße und raus aus dem Rampenlicht.

In den Umkleiden brach Abel auf der Bank zusammen und fluchte ungehalten, ohne Sinn und Zweck.

„Abel! Reiß dich zusammen! Komm schon, man, lass mich sehen…“

Doch Abel hielt Cain mit einer einfachen Handbewegung davon ab, näherzukommen. Die ausgestreckte rechte Hand hatte eine seltsame Drehung vollführt und jetzt fühlte es sich für Cain so an, als liefe er gegen eine unsichtbare Mauer an. Langsam hob Abel den Blick und schüttelte den Kopf, Cain fest ins Gesicht blickend.

„Nie wieder, erinnerst du dich? Ich werde nie wieder so fucking hilflos sein.“ Cain runzelte die Stirn, begriff nicht ganz, was sein Auftritt von vor einer Stunde mit der jetzigen Situation zu tun hatte. „Dein Arm ist gebrochen, Alter, jetzt lass mich helfen.“

„Nein.“ Und statt näher zu kommen, wurde Cain von der unsichtbaren Mauer noch ein Stück weiter fortgeschoben. „Ich kann das. Also.lass.mich.das.alleine.machen.“

Cains Herz blieb für einen Moment stehen. Ein seltsames Gefühl breitete sich in seiner Brust aus und obwohl er bereits zur Wiederrede ansetzte – Blödsinn, alleine, er musste hier gar nichts alleine schaffen – ließ er locker und beugte sich, zum ersten Mal seit Merlin scheißen konnte, dem Willen seines kleinen Bruders. Dessen fiebriger Blick hing nicht mehr an ihm und Cain gab es nicht zu, doch er war erleichtert, dass die stechenden Augen sich endlich einem anderen Ziel widmeten.

Mit zitternden Fingern fuhr Abel den Bruch nach und sog scharf die Luft ein – alleine zuschauen tat weh und Cain runzelte die Stirn, bereit, einzugreifen.

Sanftes grünes Licht folgte auf leise gewisperte Worte, die Cain nicht verstand und überrascht hob er die Augenbrauen. Zauberte Abel gerade ohne Zauberstab? Also, vermutlich hatte er das auch schon zuvor getan, wenn er recht über diese komische Mauer nachdachte, die verhindert hatte, dass er sich ihm näherte . . . aber das hier war noch mal ein ganz anderes Level.

Er konnte hören, wie Knochen knirschten und sich bewegten und verzog angeekelt das Gesicht. Ein weiteres scharfes Knacken ertönte und Abel atmete tief aus . . . ehe er zusammenbrach.

Sofort war Cain an seiner Seite, fing ihn auf, bevor er zu Boden ging und hob beide Augenbrauen, spöttisch grinsend. „Ach, und das war jetzt so viel besser, als mich einfach machen zu lassen, huh?“

„… Du hättest mir nur noch den anderen Arm gebrochen“, war die schwache Antwort und beide grinsten einander an. Plötzlich wurde Abel jedoch ernst und griff nach Cains Nacken, sein Gesicht nahe an seins ziehend. „Ich will nicht mehr zurück. Nie wieder. Lass uns weglaufen und nicht mehr zurückgehen.“

Verwirrung zeichnete sich auf Cains Gesicht ab – was war heute nur passiert? – doch wer war er, seinem Bruder einen Wunsch auszuschlagen? Sanft legte er auch seine Hand in den Nacken seines Bruders und lächelte leise. „Klar. Aber jetzt schlaf erstmal.“

Und wie auf Befehl sackte der Kopf des Jüngeren zur Seite und er gab sich der Erschöpfung hin.

Alles, was von diesem Tag blieb, war ein gebrochener Arm und das Versprechen seines Bruders, das ihn anzuspornen und in Vertrautheit zu hüllen wusste.
 

Akt III

Cain knurrte genervt und warf sich die schwarze Haarpracht zurück – wenn Blicke töten könnten, wäre der arme Angestellte des Bücherladens gerade tot umgefallen. „Warum musste ich noch gleich mitkommen?“ Abel drehte sich unbekümmert zu seinem Bruder um und hob beide Augenbrauen, sich schließlich aber sofort wieder den Biografien zuwendend.

„Musstest du nicht. Aber ich wollte dich gerne dabeihaben“, erwiderte er ruhig, ignorierte das neuerliche Stöhnen Cains und zog ein weiteres Buch aus dem Regal, interessiert den Einband studierend. „Dann kann ich ja abhauen. Tschöh.“

Ohne hinzusehen schnappte Abel nach dem Kragen seines Bruders und hielt ihn damit davon ab, zu türmen. „Nein. Wir suchen immerhin ein Geschenk für deinen Kumpel, nicht für meinen.“

„Als ob der lesen würde …“

„Schließ nicht immer von dir auf andere.“

„Du kleiner..!“

Abel hielt sich selbst den Zeigefinger vor die verschmitzt grinsenden Lippen. „Pscht, Cain. Du willst doch nicht wieder Ärger machen, oder?“

„Ich geb dir gleich Ärger, du Zecke!“

„Heb dir das wenigstens bis zu Hause auf, okay?“

„Du bist so ein Idiot! Als ob ich das mal eben – klick – und ausstellen könnte!“

„Solltest du aber echt lernen … Hier.“ Und damit drückte Abel seinem Bruder eine Biografie von Mohammed Ali in die Hand. „Wer…?“

„Einer der berühmtesten Boxer der Weltgeschichte. Bei Merlin, Cain.“

„Das meinte ich doch gar nicht!“

„Ach nein?“

„Nein!“

„Ich wette, du meintest es genau so, wie du es gesagt hast: wer? Und damit hast du mal wieder bewiesen, warum du genau hier versackt bist.“

„Alter, manches Mal würde ich echt gerne vergessen, dass du mein Bruder bist und dir einfach den Arsch aufreißen.“

„Versuchs doch.“

Ah, das hätte er nicht sagen sollen – während sie den gesamten Weg zur Kasse, beim Bezahlen und auf dem Weg aus dem Laden gestritten hatten, vernahm Abel nun ein Grollen hinter sich, sobald er die fraglichen Worte ausgesprochen hatte.

„Du willst also wirklich, dass ich dir den Arsch versohle, eh, Abel?“ Die Stimmlage seines Bruders ließ nichts Gutes erahnen und mit der Einkaufstüte in der Hand hob Abel abwehrend die Hände, ein vorsichtiges Lächeln auf den Lippen. „Cain, so war das doch gar nicht ..“

„Lauf.“

Und das ließ der jüngere der beiden Brüder sich sicherlich kein zweites Mal sagen. Schnell wie ein Gepard schoss er los und um die nächste Ecke, schlängelte sich geschickt durch die Menschen hindurch, immer wieder einen panischen Blick über die Schulter werfend.

Cain war ihm dicht auf den Fersen. Obwohl er immer schneller gewesen war als sein großer Bruder, war es der tiefe Ärger, die rauschende Wut, die Cain vorantrieb und zu neuen Höhen auflaufen ließ.

Abels Atem rasselte bereits, als er durch die Schiebetüren der Mall brach.

Geschickt wich er auch hier den Menschen aus, ignorierte die geschockten Blicke und die fragenden Ausrufe und wusste genau wohin er laufen würde. Seine Brust zog bereits unangenehm und als er in den Klamottenladen stolperte, verschmolz er mit den Ständern und Aufstellern, heftig atmend, ehe er – einige Kleidungsstücke über dem Arm – in einer der Kabinen abtauchte.

Heftig atmend kolabierte er auf der Bank. „Scheiße …“

„Jah, scheiße!“

Cain quetschte sich zu ihm in die Kabine, eine Hand bereits an seinem Kragen, doch bevor er sein Versprechen in die Tat umsetzen konnte, donnerte ihm Abel bereits einen Hut auf den Kopf.

„Halt mal kurz. Hier“, schnappte Abel ihm entgegen und weil die Verwirrung, das Interesse größer war als das Verlangen, seinen kleinen Bruder zu vermöbeln, ließ Cain sich willig eines der übergroßen Shirts über den Kopf ziehen. Die langen Finger Abels, die ganz genau wussten, was sie taten, entfernten das Etikett und die Sicherung ohne große Probleme und er warf seinem Bruder ein schiefes Grinsen zu. „Hab mir schon gedacht, dass dich das beruhigen würde“, neckte er ihn und Cain verengte die Augen, ehe er ihm eine Kopfnuss verpasste. „Autsch.“ Hatte er verdient, wie Abel feststellte, und sich über den schmerzenden Kopf rieb. „Hier. Probier die mal an.“ Und damit reichte er Cain noch eine der Jeanshosen, die er im Vorbeigehen entdeckt hatte – so wahllos war seine Auswahl nicht gewesen und zufrieden begutachtete er sein Werk. Er nickte. „Steht dir.“

„Tche, glaubst du, das macht es wieder besser?“, keifte Cain und Abel schüttelte den Kopf. „Der Juwelier. Was immer du willst.“

„… Deal.“

Die alten Klamotten ließen sie einfach zurück, nachdem Abel seine Magie gewirkt hatte und verließen den Klamottenladen leger durch die Vordertür. Sie schlenderten durch die große Mall, kauften von ihrem Lieblingssmoothiestand zwei Getränke und Abel sorgte dafür, dass das Geld direkt wieder in ihre Tasche schwebte, als die Kasse aufploppte. Ihre Wege führten sie plaudernd zum besagten Juwelier und Cain blieb stehen, die dunklen Augen huschten über die vielen Diamantringe, Goldketten und Ohrringe, ehe sie an einem Anhänger kleben blieben. Bestimmt patschte der Zeigefinger an die Scheibe – „der da“ – und Abel begann sich zu konzentrieren. Sanft spielte er mit den Fingern, drehte sie in die eine, dann in die andere Richtung, wisperte leise Zaubersprüche und die Glasscheibe verschwand. Sie wussten von früheren Raubzügen, dass der Juwelier auf sein Panzerglas vertraute und im Schaufenster nur an bestimmten Orten Alarmanlagen hatte – hier nicht. So war es Abel ein Leichtes, die Feder zum Schweben zu bringen und in seine Hand gleiten zu lassen. Sekundenbruchteile später, war alles wie gehabt.

„Hier. Und jetzt hör auf zu schmollen, Baby“, grinste Abel Cain entgegen und fing sich gleich die nächste Kopfnuss, die jedoch eher guttat, als dass sie wehtat. Sie lachten gemeinsam und gönnte sich auf dem Weg nach Hause noch eine der furchtbar fettigen Pizzen – dieses Mal ließen sie das Geld in der Kasse.
 

AKT IV

„Mmmmmmh. Gut machst du das, Japonica…“

Abel lächelte devot, dankbar vielleicht und lehnte sich weiter vor. „Wenn du dich gut anstellst, können wir das im Privaten weiterführen“, raunte er seinem Gast lasziv entgegen und lockte ihn mit dem Zeigefinger zum Aufstehen. Willig folgte der Mann seiner Geste, stand auf und war Wachs in seinen Bewegungen. Abel vollführte eine verführerische Drehung mit der Hüfte, bemerkte, wie die Augen des Mannes an ihm klebten, wand sich im Kreis, spielte mit den Erwartungen, die Jacke glitt über die Schultern, entblößte die muskulösen Schultern und den entzückenden Rücken. Er hörte das ergebene Raunen, wich den lechzenden Fingern jedoch aus und zwinkerte dem Mann stattdessen zu, ließ die Hüften kreisen und leckte sich über die Lippen.

„Ich sagte doch: wenn du dich gut anstellst…“

Fahrig fingerte der Mann seinen Geldbeutel hervor und Abel nahm den Obolus entgegen, die Fingerspitzen einen Moment länger als nötig auf der großen Hand des Mannes. Entschlossen umfassten die Finger das breite Handgelenk und ohne weiter zu zögern, führte Abel seinen Gast in den privaten Bereich, wo er ihn auf einen der ausladenden Stühle verfrachtete.

„Du hast zwei Möglichkeiten“, offenbarte Abel ihm mit rauer Stimme, die Tür hinter ihnen schließend. „Erstens“, der schlanke Zeigefinger reckte sich zu den Lippen des Mannes empor, doch Abel erlaubte nicht, dass er sie auch berührte, „ich tanze und du guckst zu. Gleicher Preis.“ Der Mittelfinger gesellte sich zum Zeigefinger und mit sanftem Druck legte er sie auf die Lippen des Mannes, sich sanft vorlehnend. „Zweitens: wir tanzen gemeinsam. Doppelter Preis. Deine Entscheidung.“

Der Rest der gebuchten Zeit war nur eine verschwommene Erinnerung an Grunzen und Stöhnen, gespielte Orgasmen und geheuchelte Liebesversprechungen – was immer seinen Gast auch anturnte und den Preis damit in die Höhe trieb. Und nicht nur den Preis…
 

Zufrieden mit sich räkelte Abel sich in den eigenen Laken, nachdem die Nacht wieder ein bisschen länger gewesen war. Er hörte, wie die Tür ins Schloss fiel und schaute um die Ecke.

„Cain?“

„Uh? Noch wach?“

„Mmhm.“

Sein Bruder füllte den Türrahmen beinahe komplett aus und Abel grinste ihm entgegen. „Miete ist gesichert. Du brauchst nicht zu kämpfen nächste Woche.“

Kurz zuckte Ärger über die Züge seines Bruders und der Triumph, den Abel eben noch verspürt hatte, versiegte sofort. Warum freute er sich nicht darüber? Hatte er wirklich so sehr das Gefühl, sie alleine ernähren zu müssen? Oder hatte er einfach Spaß dabei, sich vermöbeln zu lassen? Abel verzog das Gesicht und verschränkte die Arme, im Schneidersitz auf dem Bett sitzend.

„Die Wetten sind schon gesetzt. Es gibt kein Zurück.“

„Es gibt immer ein Zurück…“

„Pft, ich bin kein Feigling und ich werde kämpfen, ob es dir passt oder nicht, Memme.“

Abel runzelte die Stirn. Memme? Wirklich? Aber er hatte keine Energie mehr übrig um mit Cain zu streiten, also wischte er durch die Luft und brummte nur: „Mach dir Tür hinter dir zu.“
 

AKT V

Angespannt blickte Abel die Stockwerke herab. Das Gebrüll der Meute wehte zu ihm herauf und der Geschmack von Schweiß und Blut schmeckten auf seiner Zunge. Er war seit Jahren nicht mehr hier gewesen und er wollte sich auch nicht mehr an das letzte Mal erinnern. Cain hatte den Boden mit ihm aufgewischt und gleichzeitig war es der Beginn ihrer zweisamen Einsamkeit gewesen. Sanft fuhr er das Tattoo hinter dem rechten Ohr nach, das er sich vor einigen Jahren nach einem ihrer Raubzüge hatte stechen lassen – als Erinnerung daran, dass nichts je unmöglich war und dass er immer einen Weg finden würde, seinen Bruder zufriedenzustellen. Jah, das war sein Gedankengang damals gewesen und auch heute war es eines seiner stärksten Motive; aber Cain würde davon nie etwas erfahren, nicht einmal auf seinem Totenbett! Er wusste es doch eh schon längst.

Eben jene Stelle hinter seinem rechten Ohr hatte nicht aufgehört zu kribbeln – Cain kämpfte wieder. Schon wieder – obwohl er das gar nicht mehr nötig hätte. Es gefiel Abel nicht, hatte es noch nie. Er brachte sich unnötig in Gefahr, brannte einem Teilnehmer doch durchaus hin und wieder eine Sicherung durch. So war es nicht verwunderlich, dass Abel öfter anwesend war, als Cain wusste. Um ihn zusammenzuflicken, sollte es nötig sein. Bislang war nie etwas passiert, was Cain nicht selbst hätte heilen können oder was nicht von allein geheilt wäre…

„Willst du nur hier rumstehen und glotzen, Motherfucker, oder geht’s für dich runter?“, ertönte eine Stimme hinter ihm und Abel schaute zu dem Mann, der sich mit schlechtem Atem und meine-Eier-sind-dicker-als-deine-Manier an ihm vorbeidrängelte. Ein feines Seufzen entfuhr ihm, dann hielt er den Fremden am Ellenbogen auf, einen unschuldigen Blick aufsetzend. „I-Ich habe einfach nur Angst . . . würdest du mich begleiten…?“ Und natürlich sagte der Fremde nicht nein, grunzte nur sowas wie „bin der beste Schutz überhaupt, Babyboy“ und begleitete ihn die Treppen hinab. Abel spielte seine Rolle, doch innerlich machte er sich aufs Schlimmste gefasst – wie immer. Er erwartete jedes Mal, seinen Bruder halbtot aufzufinden … scheiße, verstand Cain denn nicht, wie viel Angst er ihm mit diesen Kämpfen machte?! Natürlich vertraute er ihm blind … und auch seinen Fähigkeiten, das stand vollkommen außer Frage. Viele Gegner waren Cain nicht gewachsen und er machte sie dem Erdboden gleich. Aber nicht jeder spielte fair… Und jemand wie Abel wusste genau das nur allzu gut, spielte er doch selbst nicht immer fair. Mit seinen Fähigkeiten auch einfach nicht möglich.

Unten angekommen bedankte er sich artig mit einer Verbeugung – das erwartete man doch von einem Japaner, oder? – und beeilte sich, seinen Bruder ausfindig zu machen.

Er fand Cain in einer abgelegenen Ecke, umzingelt von Typen, in deren Händen Metall blitzte. Jackson lag bereits auf dem Boden, atmend, aber blutend und nur Cain schien es zu verdanken, dass sie überhaupt noch lebten. Zwei Typen lagen bewusstlos auf dem Boden und Cain fletschte die Zähne, spuckte Blut zwischen ihn und die Angreifer, einen derben Fluch auf den Lippen, der es nicht bis zu Abel schaffte.

Sein Herz blieb stehen. Genau vor einer solchen Situation hatte er ihn immer gewarnt, immer zu beschützen versucht.

Die Typen gingen zum Angriff über und Abel riss die Augen auf. Sein rechter Arm schnellte zur Seite und eine Eisenstange kam schwer und kalt in seiner Hand zum Liegen. „EY! ARSCHLÖCHER!“ Die Typen hielten in der Bewegung inne und drehten sich langsam zu Abel um – nur kurz flackerten die dunklen Augen zu Cain, dann fixierte er die vier Angreifer. Zwei hatten Messer, einer eine seltsame Nagelkeule und der letzte schien einfach nur seine riesigen Hände als Mordwaffe zu benutzen. In einer Hand hielt er das Buch, das Abel vor so vielen Jahren für Jackson zum Geburtstag ausgesucht hatte und milde Wut durchzuckte ihn. Er konnte Jackson nicht leiden und wann immer er ihn mit der Biografie gesehen hatte, hatte ihn Genugtuung durchströmt – immerhin hatte Jackson nicht ahnen können, dass er das Buch ausgesucht hatte, richtig?

Doch jetzt zuckte diese milde Wut durch ihn hindurch, zupfte an seiner Abneigung für Monroe Jackson, rüttelte an seiner Sorge um Cain und manifestierte sich in einem wilden Blick, den er für die vier Typen übrighatte. „Die beiden gehören zu mir. Also wehe, ihr fasst sie noch einmal an“, grollte er und legte absichtlich eine tiefere Tonlage an den Tag. Doch die Typen waren entweder high, oder dämlich – oder beides – denn sie schienen die vielen Metallstücke, die um Abel herum zu schweben begonnen hatten, nicht mitzubekommen. Stattdessen brachen einige von ihnen in Gelächter aus – der mit den großen Händen wandte sich wieder Cain zu, der die Situation nicht hatte ausnutzen können, da er sich die blutende Seite hielt.

Abel grollte.

Und als der erste Typ sich bewegte, ruckte seine Schulter nach vorne. Ihr folgten Metallstücke verschiedener Größen, die sich in den Typen mit der Keule hineinbohrten. Brust, Hals, Oberarm – die Arterien hatte Abel verschont. Er war nicht hier um zu töten, sondern um ein Exempel zu statuieren.

Die beiden Messertypen hielten verdutzt inne, als ihr Kumpel kreischend wie ein kleines Mädchen zu Boden ging.

Abel wischte sich das fremde Blut aus dem Gesicht, das bis zu ihm gespritzt war. Langsam blickte er zu den beiden Messertypen, die Eisenstange fest in der Hand. „Ich sagte: wehe, ihr fasst sie noch einmal an!“ Magisch verstärkt klang seine Stimme wie die eines Drachen, doch im Fightclub gab es keine Feiglinge, nur Männer ohne Perspektiven oder Idioten wie Cain und Jackson. Also brüllten die beiden Messertypen laute Beschimpfungen und stürzten auf ihn zu.

Dem ersten wich Abel mühelos aus, versetzte ihm einen Tritt und tänzelte zur Seite, um auch dem zweiten auszuweichen. Die Eisenstange sauste mit einer Geschwindigkeit auf den Größeren der beiden herab, die man dem schmächtigen Abel nicht zugetraut hätte – auch hier half die Magie, die Abels rechte Hand bläulich schimmern ließ.

„Ihr – fasst – meinen – Bruder – nicht – noch – einmal – an!“

Jedes Wort unterstrich er mit einem Schlag mit der Eisenstange und erst, als seine Message klar und deutlich angekommen war, warf er das Metall von sich. Sein Atem rasselte. Er erkannte sich selbst kaum wieder – er wollte diese Typen dafür töten, dass sie Cain verletzt hatten…!

„ABEL!“

Abel wirbelte auf seinen Namen herum und sah Cain, der sich um den Typen mit den großen Händen gekümmert hatte, neben Jackson auf dem Boden hocken – Panik auf den blassen Zügen und alleine der Anblick reichte, um die Angreifer absolut zu vergessen.

Schnell war er an seiner Seite, folgte dem Deuten und hielt den Zeigefinger unter Jacksons Nase. „Er atmet noch…“

„Aber er hat … er ist …“

Abel blickte zu seinem Bruder und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich mach das. Sieh du nur zu, dass sie mich nicht überraschen, okay?“ Er grinste und nickte auf die Typen, die sich langsam wieder aufrappelten. Er hatte gesehen, dass Cain verletzt war, dass auch er viel Blut verloren hatte, doch er kannte seinen Bruder, wusste, wozu er fähig war. Und auch, wenn er nicht eingegriffen hätte, hätte er diesen Typen einen ordentlichen Kampf geliefert . . . vielleicht wäre er dran verreckt, sehr wahrscheinlich sogar, aber er hätte noch einen oder zwei von ihnen mitgenommen, so viel stand fest.

Und während Abels Auftritt wenig Eindruck auf die Angreifer gemacht hatte, so hatte Cain scheinbar einen größeren hinterlassen, denn ein Blick und ein tiefer Schrei seinerseits reichten, dass die bei Bewusstsein befindlichen Kerle einander auf die Füße halfen und die Beine in die Hand nahmen.

Abel wandte sich von dem Spektakel ab, wissend, dass Cain ihm den Rücken freihalten würde.

Er drehte Jackson auf den Rücken, begutachtete leidenschaftslos die Schnittwunden, die mal oberflächlich, mal tiefer am Oberkörper zu sehen waren und entfernte das Oberteil schließlich kurzerhand ganz. „Hm“, staunte er leise und heimlich – das würde er Jackson natürlich niemals unter die Nase reiben! Aber dennoch: beachtlicher Körperbau.

Geschickt fuhren die langen Finger über den geschändeten Körper. Abel flüsterte die leisen Heilworte, sorgte dafür, dass Sehnen und Muskeln sich zusammenfügten, Blutbahnen wieder zusammenfanden und Schnitte sich langsam, aber sicher schlossen. Je länger er fortfuhr, desto schwummeriger wurde ihm – er spürte, wie die Kräfte ihn verließen. Zu viel Zauberei, zu wenig Schlaf, zu viele Sorgen . . . aber Cain verließ sich auf ihn! Also machte er weiter, schloss auch den letzten Schnitt und atmete erleichtert aus, als langsam wieder Farbe in die blassen Wangen Jacksons trat.

„Cain…“

Sein Bruder kam zu ihm und Abel nickte neben sich auf den Boden, zu erschöpft, um seinen Gedanken anders Ausdruck zu verleihen. Ungefragt fanden seine zitternden Finger den Kragen des Oberteils.

„Vergiss es. Du bist zu fertig.“

„Niemals“, erwiderte Abel ruhig, fixierte die nächste Aufgabe und half Cain umständlich aus dem blutverschmierten Oberteil. Sie mussten langsam und vorsichtig arbeiten – jede Bewegung zu viel führte zu neuerlichem Blutverlust und erschöpfte Abel nur noch mehr. „…Niemals wieder hilflos, weißt du noch?“

„Hm.“ Das zustimmende Brummen Cains war wie eine laue Sommerbriese nach einem viel zu heißen Tag und Abel grinste ihn schief an, während das vertraute grüne Glimmen bereits die ersten Blutungen stoppte. „Scheiße noch eins, Cain, ruf mich das nächste Mal gefälligst früher.“ Die dunklen Augen flatterten zu dem Federanhänger, der vertraut über der Brust seines Bruders lag und wieder kribbelte das Tattoo hinter dem Ohr sanft, wie eine Erinnerung an bessere, leichtere Tage.

„… Mein Fehler. Habs falsch eingeschätzt.“

Überrascht schaute Abel zu Cain und spürte, wie ihm diese Worte die Kehle zuschnürten. Er öffnete den plötzlich trockenen Mund und seine Sicht verschwamm. Nie wieder heulen, nie wieder heulen – ach, scheiß doch der Hund drauf!

Ohne auf seine Erschöpfung oder Cains Wunden zu achten, zog er Cain in eine unbarmherzige Umarmung und versteckte die feuchten Augen an der breiten Schulter, den vertrauten Geruch einatmend. „Du hast es versprochen, Abel, keine Tränen mehr.“

„Dann hör auf, so ein verdammter Idiot zu sein und lass mich dir endlich helfen.“

„… Okay.“

„Versprochen?“

„… … Versprochen.“

Und das war mehr wert als jedes ich liebe dich auf dem gesamten Planeten.

El Camino

Wie hatte es nur dazu kommen können?

Laurin fuhr sich durch die zerwühlten Haare und schaute neben sich. Die schlafende Gestalt in den Laken bildete sich deutlich ab; die Decke war etwas verrutscht und eine nackte Schulter führte den Blick herab über die entblößte Wirbelsäule hin bis zum halb bedeckten Hintern.

Sein Mund wurde trocken und er wusste nicht, ob es aufgrund von prickelndem Verlangen, das sofort in südliche Gefilde rutschte, oder aufgrund von Abscheu sich selbst gegenüber war.

Ohne, dass er aktiv etwas dagegen hätte tun können, beugte er sich zur Schulter herab und flügelzart benetzten Lippen die noch immer erhitzte Haut. Ein Schauer ging durch den fremden Körper; Genugtuung kitzelte in seinem Inneren, als er die Gänsehaut auf der von der Sonne geküssten Haut bemerkte und weiche Fingerkuppen fuhren sie nach, erkundeten die Wirbelsäule, ehe verlangende Zähne sich in das weiche Fleisch der Schulter gruben.

Was tat er hier nur?

Ein tiefes Brummen war Lohn für seine Bemühung. Der Schlaf zerfiel und noch musste er einfach im Land der Träume sein, denn seine Arme verschränkten sich in Laurins Nacken, zogen ihn nahe an sich und automatisch fanden ihre Lippen einander. Sie machten sich nichts aus dem schalen Morgengeschmack – nichts aus dem Nachgeschmack von Alkohol und viel zu wenig Schlaf – nichts aus den Schmerzen, die jede einzige Berührung auslöste.

Laurin verzehrte sich nach ihm.

Und er gab sich diesem Gefühl hin, wissend, dass es sein Ende sein würde. Doch was machte das noch für einen Unterschied? Ein Teil von ihm war vor Monaten gestorben und würde nicht mehr zurückkehren; sein Leben als ‚Mensch‘ war beendet. Er war jetzt ein Monster.

Und dieses Monster wollte ihn mit Haut und Haaren fressen, ihn nie wieder aus den Fängen freilassen, ihn nie wieder hergeben.
 

Wie hatte es nur dazu kommen können?
 

Das verdammte Dachkonzert war schuld gewesen, keine Frage. Aber auch nach dem beinahe unschuldigen Flirt, den paar Drinks und einem Abend, der in einem Wirbelsturm aus Gefühlen geendet hatte, hätte Laurin einen Haken hinter all das machen können, machen sollen.

Es war ein netter Abend gewesen und Albie eine nette Ablenkung. Ablenkung von dem, zu was er geworden war – nicht freiwillig – und von dem Verlangen im Inneren nach Eskalation, nach Wahnsinn … …

Doch obwohl er zuvor selten das Gefühl gehabt hatte auf seine One Night Stand zurückgreifen zu müssen … … hatte er Albies Nummer am Ende der ersten Woche, nachdem sie die Nacht miteinander verbracht hatten, doch gewählt. Nervöser als gut für ihn war, unsicherer als er es selbst von sich gewohnt war.
 


 

❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪
 

„Hei.“

„Ah… hei.“

Albies Stimme war leise, verschwörerisch beinahe, und Laurin bekam sofort das Gefühl zu stören. Ein geheimes Drängen lag in der Stimme des Sängers, etwas, das Laurin nur zu gut kannte und Übelkeit breitete sich in ihm aus, gepaart mit sachter Wut, die pochend und drängend hochkochen wollte.

Doch noch konnte er sie im Zaum halten.

„Morgen steigt eine Party im alten Ratskeller…“

„Achso?“

Laurin spürte abermals die Ablehnung des anderen, der ihn mit jeder Faser seines Seins abzustoßen versuchte. Er ballte die freie Hand zur Faust und starrte an die Zimmerdecke, bemüht um eine möglichst gleichgültige Stimme. Warum gab er sich eigentlich Mühe? Es war nur eine Nacht gewesen …

„Vielleicht sieht man sich da ja?“

Kurze Stille voller Anspannung, voller ‚neins‘ und ‚wiesos‘ und Laurin wusste nicht, was davon ihm weniger gefallen wollte. Der endgültige ‚Korb‘, wenn man es denn so nennen wollte? Oder die Nachfrage, weshalb man sich überhaupt wiedersehen sollte? Er presste die Lippen aufeinander und spürte, wie das Spielzeug des verdammten Köters seines besten Freundes in der geballten Faust unter einem erbärmlichen ‚zwwwwwiiiiiiii‘ seinen Geist aufgab.

„Hm. Vielleicht.“

Die Stimme Albies war kaum zu hören und Laurin runzelte die Stirn. Hatte er keinen Bock? Wollte er nichts von ihm wissen? Was hatte er für ein Problem? Und am liebsten hätte er genau das auch gefragt, doch etwas hielt ihn davon ab und stattdessen hörte er sich selbst tonlos „cool“ sagen, ehe er ohne Abschiedsworte auflegte.

Langsam legte er den Unterarm über die erhitzte Stirn. Sein Blut kochte, brodelte – es war kurz vor Vollmond, wie ihm mit Abscheu und Übelkeit bewusstwurde. Ein Keuchen entfloh ihm und vielleicht war das alles nur die Schuld dieses verfluchten Himmelskörpers, der seit wenigen Monaten viel zu viel Macht über ihn hatte … … dass er sich wie eine Pussy verhielt … … und gleichzeitig zu diesem Gedankengang entfloh ihm ein tiefes Grollen, geboren aus Frustration und dem Hass auf sich selbst und auf das wozu er geworden war.
 


 

❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪

𝐼 𝑠𝑡𝑖𝑙𝑙 𝑝𝑟𝑒𝑠𝑠 𝑦𝑜𝑢𝑟 𝑙𝑒𝑡𝑡𝑒𝑟𝑠 𝑡𝑜 𝑚𝑦 𝑙𝑖𝑝𝑠

𝐴𝑛𝑑 𝑐ℎ𝑒𝑟𝑖𝑠ℎ 𝑡ℎ𝑒𝑚 𝑖𝑛 𝑝𝑎𝑟𝑡𝑠 𝑜𝑓 𝑚𝑒 𝑡ℎ𝑎𝑡 𝑠𝑎𝑣𝑜𝑟 𝑒𝑣𝑒𝑟𝑦 𝑘𝑖𝑠𝑠
 

„Verpiss dich endlich. Ich will nichts von dir!“

Und Stunden später flatterte ein Brief durchs offene Fenster:

‚Es tut mir leid. Sei nicht mehr sauer. Du weißt, ich habe es nicht so gemeint.‘
 

Der Brief roch nach seinem Aftershave und nach Bitterkeit. Wütend knüllte er das Stück Papier zusammen, brüllte, warf es an die Wand und brach aus der Wohnung aus, rannte und rannte und rannte und irgendwann sah er sich auf dem Dach wieder, auf dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren.

Wie bescheuert konnte man eigentlich sein?!

Er hatte nichts für dieses Arschloch übrig, NICHTS. Er konnte ihn mal sowas von kreuzweise und nur, weil er mit seiner Zunge ganz annehmbar umgehen konnte hieß das noch lange nicht, dass er … dass er …

Lo sank schwer atmend auf die Knie und lehnte den viel zu schweren Kopf gegen die Wand. Es war niemand hier, natürlich nicht. Die Location war noch geschlossen. Kein Hindernis für ihn, offensichtlich.

Der Wind tat gut, kalt und schneidend wie er war, und der vom Alkohol noch schwere Kopf wurde leichter, immer leichter und schließlich gewann die Übelkeit, die Karussell in seinem Magen gefahren war.

Minuten später rollten Fluch und Knurren gleichermaßen über seine Lippen.

„Verfluchter Bastard.“

Er spielte hier mit ihm – heiß und dann wieder kalt. Einerseits wollte er ihn nicht – stieß ihn weit von sich mit aller Gewalt, zu der er fähig war. Andrerseits hielt er ihn mit flehenden Händen fest und fraß ihn mit Blicken auf.

Was sollte er daraus machen? Wie sollte er darauf reagieren?

Und warum – bei allen verfluchten Houdinis – löschten sie DAS nicht aus seinem Gedächtnis?!
 


 

❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪

𝑆𝑜 𝑏𝑟𝑒𝑎𝑘 𝑦𝑜𝑢𝑟𝑠𝑒𝑙𝑓 𝑎𝑔𝑎𝑖𝑛𝑠𝑡 𝑚𝑦 𝑠𝑡𝑜𝑛𝑒𝑠

𝐴𝑛𝑑 𝑠𝑝𝑖𝑡 𝑦𝑜𝑢𝑟 𝑝𝑖𝑡𝑦 𝑖𝑛 𝑚𝑦 𝑠𝑜𝑢𝑙
 

„Ich brauche dein verdammtes Mitleid nicht!“

„Darum geht es hier doch gar nicht.“

„Weißt du was, Al? Fick dich selbst!“

„Lo. LO! Bleib stehen!“ Eine feste Hand umfasste sein Handgelenk und trotz all seiner monströsen Stärke fehlte ihm diese, um sich loszureißen. Der wilde Blick, den er über die Schulter zum Musiker warf, ließ diesen zusammenzucken, doch nicht loslassen. Schon wieder … flehende Hände, die ihn festzuhalten gedachten. Er grollte.

„Ich sagte doch, dass es darum nicht geht. Komm schon. Lass uns bitte …“

Wütend fuhr Laurin ihm über den Mund: „Halt die Klappe.“ Und endlich hatte er die Kraft sich loszureißen. Albie zuckte zusammen, definitiv vor Schmerz und Laurin knurrte mit tiefer Stimme: „Was? Reden? Weil das irgendwann mal irgendetwas gebracht hätte? Ich will nichts von dir hören. Gar nichts.“
 


 

𝑌𝑜𝑢 𝑛𝑒𝑣𝑒𝑟 𝑛𝑒𝑒𝑑𝑒𝑑 𝑎𝑛𝑦 ℎ𝑒𝑙𝑝

𝑌𝑜𝑢 𝑠𝑜𝑙𝑑 𝑚𝑒 𝑜𝑢𝑡 𝑡𝑜 𝑠𝑎𝑣𝑒 𝑦𝑜𝑢𝑟𝑠𝑒𝑙𝑓
 

Vor den Augen des Sängers zerriss Laurin das Bild, das sie vor einigen Tagen mit der Polaroidkamera gemacht hatten – irgendwo an den Klippen im Norden hatten sie für das Foto angehalten. Wo genau war vollkommen egal gewesen … … und allein dieses Eingeständnis war schon genug, um abermals die bekannte Übelkeit in Laurin zu wecken.

All das … es war eine Farce.

Albie wollte ihn nicht, hatte ihn nie gewollt, spielte mit ihm.

Stechende Augen bohrten sich in Albies funkelnde und Laurin fluchte leise. Dann schleuderte er die Fetzen weg. „Du hast selbst gesagt, dass da nichts ist.“

„Laurin…“

„Und jetzt fang nicht damit an, mir wieder Honig ums Maul zu schmieren!“

„Das tue ich doch gar nicht. Wenn du mir auch nur eine Minute zuhören würdest-“
 


 

𝐴𝑛𝑔𝑒𝑙𝑠 𝑙𝑖𝑒 𝑡𝑜 𝑘𝑒𝑒𝑝 𝑐𝑜𝑛𝑡𝑟𝑜𝑙

𝑂𝑜ℎ, 𝑚𝑦 𝑙𝑜𝑣𝑒 𝑤𝑎𝑠 𝑝𝑢𝑛𝑖𝑠ℎ𝑒𝑑 𝑙𝑜𝑛𝑔 𝑎𝑔𝑜
 

„Jede Minute mit dir ist zu viel. Du machst mich krank!“

Die Faust, die daraufhin seinen Wangenknochen traf, erschreckte sie beide. Albies Augen wurden größer und schuld spiegelte sich so klar in ihnen, dass die Wut in ihnen nebensächlich wurde. Er war erschrocken über die eigene Tat, doch … er hätte das Monster nicht angreifen sollen. Ein tiefes Knurren entwich Laurins Kehle und langsam wanderte der Blick zum Musiker, der einen Schritt zurückwich. Er hatte Angst vor ihm … gut so. Sollte er auch haben! Laurin hatte Angst vor sich selbst, davor, zu was er fähig war … … und obwohl er sich selbst versuchte davon abzuhalten, alles in und an ihm nicht wollte, dass das geschah, was unausweichlich war, stürzte sein Körper sich geleitet von tierischen Instinkten auf Albie.

In einem Wirbel aus Gliedmaßen – „Lo, nicht!“ – wilden Verwünschungen – „Ich hasse dich, du verfluchter verfickter Houdini“ – kratzenden Nägeln, geballten Fäusten und nagenden Zähnen – „Scheiße, Lo, du verdam- lass das!“ – gingen die beiden Männer zu Boden.

Getrieben von Wut und tiefer Verzweiflung – und dem verfluchten Monster in sich – presste Laurin den wesentlich muskulöseren Albie zu Boden, die Hanfgelenke mit den eigenen Händen auf den Boden gepinnt, das Knie einer Messerspitze gleich auf Albies Brust aufgestützt.
 


 

𝐼𝑓 𝑦𝑜𝑢 𝑠𝑡𝑖𝑙𝑙 𝑐𝑎𝑟𝑒 𝑑𝑜𝑛'𝑡 𝑒𝑣𝑒𝑟 𝑙𝑒𝑡 𝑚𝑒 𝑘𝑛𝑜𝑤
 

Lange Zeit verharrten sie so und stechende Augen bohrten sich erbarmungslos voller Mordgedanken in die dunklen beinahe panischen Augen. Der Atem des Musikers brandete flott von den vollen Lippen, ungehindert vom Knie auf den Lungen – automatisch glitt der Blick auf die Lippen und über Laurins Gesicht zog sich ein gequälter Ausdruck.

Verfluchter … verdammter … Houdini.
 


 

𝐼 𝑛𝑒𝑣𝑒𝑟 𝑐𝑙𝑎𝑖𝑚𝑒𝑑 𝑡𝑜 𝑏𝑒 𝑎 𝑠𝑎𝑖𝑛𝑡

𝑂𝑜ℎ, 𝑚𝑦 𝑜𝑤𝑛 𝑤𝑎𝑠 𝑏𝑎𝑛𝑖𝑠ℎ𝑒𝑑 𝑙𝑜𝑛𝑔 𝑎𝑔𝑜

𝐼𝑡 𝑡𝑜𝑜𝑘 𝑡ℎ𝑒 𝑑𝑒𝑎𝑡ℎ 𝑜𝑓 ℎ𝑜𝑝𝑒 𝑡𝑜 𝑙𝑒𝑡 𝑦𝑜𝑢 𝑔𝑜
 

Er hatte sich keine Hoffnungen gemacht … nun, nein: er hatte es nicht gewollt. Worauf auch? Er war ein Monster, es nicht mehr wert geliebt zu werden. Von niemandem. Und trotzdem … trotz des brodelnden Selbsthasses … trotz des Wissens um genau diesen Umstand … Und trotz dessen, dass Albie ihn immer wieder von sich stieß, ihn verbal und physisch wissen ließ, dass er nichts von ihm wollte … …

Warum rief er ihn mitten in der Nacht an?
 


 

❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪
 

„Ich stehe vor deiner Tür.“

„Ich bin nicht zu Hause.“

„… Oh.“

„… Gib mir zehn Minuten.“

Atemlos brach Laurin um die nächste Häuserecke und wunderte sich darüber, wie schnell er plötzlich laufen konnte – und warum überhaupt? Nur, weil das Arschloch sich jetzt gemeldet hatte?

Doch tatsächlich: da stand er.

Laurin hielt mühelos mitten im Laufen inne und gewann sein Gleichgewicht augenblicklich wieder. Mit selbstsicheren Schritten ging er auf den Musiker zu, der so leger gegen die Wand neben seiner Wohnungstür lehnte. Die dunklen Augen Laurins fingen seinen Blick sofort ein – ein heimliches Funkeln lag in ihnen. Unbewusst beschleunigte er seinen Gang und mit jedem federnden Schritt pochte sein Herz schneller, lauter. Ein Nebeneffekt des Sprints, eindeutig.

Er machte sich nicht die Mühe nachzufragen warum Albie hier war. Und es war ihm im Endeffekt auch egal. Er hielt nicht inne, fing das kantige Gesicht des Älteren ungefragt mit langen Fingern ein und zog es zu sich. Das überraschte „Lo?“ des Musikers wurde sofort im Keim erstickt und hungrige Lippen fanden einander. Albie versteifte sich blitzartig und Laurin wurde bewusst, dass es einmal mehr die Öffentlichkeit war, die ihn verunsicherte.

„Schon okay“, nuschelte er gegen die vollen Lippen, doch Albie entspannte sich nicht. Bestimmende Finger vergruben sich in dessen Haaren, zogen ihn tiefer in den Kuss, ließen ihm keine Wahl, als das Knie sich zwischen seine Beine schob und ein überraschtes Keuchen an Laurins Lippen brandete. Musikerhände versuchten, sich zwischen ihre verschlungenen Körper zu kämpfen und als das nicht funktionierte, weil Laurin keinen Zentimeter Platz machte, versuchte er mit einem beherzten Griff in dessen Haare seinen Kopf zurückzuziehen. Der sanfte Schmerz hatte nur zur Folge, dass Laurin angeregt auf die fremden Lippen biss und sich noch näher drängte. „Lass…lass das“, hörte er schwache Worte und Laurin brummte unzufrieden.

„Deswegen bist du doch hier.“

„N-Nein…“

Laurin ließ die Lippen frei, nur um die spitzen Zähne im entblößten Hals des Älteren zu vergraben. Albie versuchte verzweifelt, ihn von sich zu stoßen, doch keine Naturgewalt hätte ihn nun von ihm gerissen.

„Du bist ein schlechter Lügner. Es sieht dich niemand.“

Laurin fing das Gesicht Albies ein und drängende Augen legten sich in ihre unsicheren Spiegel. „Außer mir.“ Ein weicher Kuss folgte, nicht mehr so hart wie zuvor. Er spürte, wie Albies Verteidigung wankte. Seine Lippen bebten, als er liebevolle Küsse über seine Haut verteilte, bis hin zum Ohr. „Ich sehe dich, Al. Ich schaue nicht weg“, flüsterte ins Ohr des Musikers, drückte sein Knie gegen dessen merkliche Erregung und schließlich wurde der Griff im eigenen Haar sanfter. Die Hand, die Gitarrensaiten zu liebkosen wusste wie keine zweite, liebkoste nun seinen Nacken, strich über seinen Rücken herab und ein Schaudern durchfuhr ihn.

„…Und ich sehe dich“, war die leise Erwiderung in die eigene Ohrmuschel, die einen Sturm an Gefühlen in ihm auslöste.

Albie sah ihn nicht als das Monster, das er war … sondern als Laurin.

Und um mehr hätte er nie bitten können.
 


 

𝑇ℎ𝑒 𝑎𝑖𝑟 𝑎𝑟𝑜𝑢𝑛𝑑 𝑚𝑒 𝑠𝑡𝑖𝑙𝑙 𝑓𝑒𝑒𝑙𝑠 𝑙𝑖𝑘𝑒 𝑎 𝑐𝑎𝑔𝑒

𝐼 𝑑𝑜𝑛'𝑡 𝑑𝑒𝑠𝑒𝑟𝑣𝑒 𝑡𝑜 ℎ𝑎𝑣𝑒 𝑦𝑜𝑢

𝑂𝑜ℎ, 𝑚𝑦 𝑠𝑚𝑖𝑙𝑒 𝑤𝑎𝑠 𝑡𝑎𝑘𝑒𝑛 𝑙𝑜𝑛𝑔 𝑎𝑔𝑜

𝐼𝑓 𝐼 𝑐𝑎𝑛 𝑐ℎ𝑎𝑛𝑔𝑒 𝐼 ℎ𝑜𝑝𝑒 𝐼 𝑛𝑒𝑣𝑒𝑟 𝑘𝑛𝑜𝑤

❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪
 

Und hier lag Albie nun, unter ihm – die volle Unterlippe blutete, eine leise Schwellung zeichnete sich an der linken Augenbraue ab. Die eigenen Rippen schmerzten beim Atmen und auf der rechten Wange breitete sich Schmerz punktuell in Richtung Hals aus.

Sein Atem rasselte.

„Was … was willst du eigentlich von mir?“, hörte Laurin sich selbst brüllen, „was, verdammte Scheiße, willst du?!“

Schweigen war die Antwort und wachsende Verzweiflung breitete sich in Laurin aus.
 


 

𝐼 𝑐𝑜𝑢𝑙𝑑𝑛'𝑡 𝑓𝑎𝑐𝑒 𝑎 𝑙𝑖𝑓𝑒 𝑤𝑖𝑡𝘩𝑜𝑢𝑡 𝑦𝑜𝑢𝑟 𝑙𝑖𝑔𝘩𝑡𝑠

𝐵𝑢𝑡 𝑎𝑙𝑙 𝑜𝑓 𝑡𝘩𝑎𝑡 𝑤𝑎𝑠 𝑟𝑖𝑝𝑝𝑒𝑑 𝑎𝑝𝑎𝑟𝑡 𝑤𝘩𝑒𝑛 𝑦𝑜𝑢 𝑟𝑒𝑓𝑢𝑠𝑒𝑑 𝑡𝑜 𝑓𝑖𝑔𝘩𝑡
 

„… Nichts.“

Laurin ließ schlagartig vom Musiker ab und saß kerzengerade auf seiner Brust. Eine Kälte breitete sich in ihm aus – dieses eine Wort … es reichte aus. Laurin öffnete den Mund, doch es kam kein einziger Ton heraus. Albies Blick war stur an ihm vorbei gerichtet und etwas in Laurin wollte ihm sagen, dass er log … dass es nicht stimmte … dass er ihn doch sonst anschauen würde.

Langsam wanderten die sonst so warmen, jetzt so abweisenden Augen zu ihm und sein Herz stolperte in der schmerzenden Brust.

„Ich kann dich nicht mehr sehen, Laurin.“

Blendender Schmerz zuckte durch sein Inneres. Reflexartig war er aufgesprungen, hatte Abstand zwischen sie gebracht. Albie erhob sich unter leisem Keuchen vom Boden und wischte sich das Blut aus dem Mundwinkel. Laurin blinzelte. Er .. er ..

Mit einem Ächzen auf den Lippen stand Albie auf und trat auf ihn zu.
 


 

𝐷𝑒𝑙𝑖𝑣𝑒𝑟 𝑚𝑒 𝑖𝑛𝑡𝑜 𝑚𝑦 𝑓𝑎𝑡𝑒

𝐼𝑓 𝐼'𝑚 𝑎𝑙𝑜𝑛𝑒 𝐼 𝑐𝑎𝑛𝑛𝑜𝑡 ℎ𝑎𝑡𝑒
 

Es dauerte nur einen Herzschlag und alles stand wieder Kopf. Jedes zuvor so hasserfüllt gesprochene Wort, das dazu gedacht gewesen war, das Band zwischen ihnen zu zerschneiden, war vergessen. Der Abstand zwischen ihnen war von Albie vernichtet worden – die Musikerhand lag auf seiner Wange und Tränen hatten sich in den dunklen Augen, die voller Sehnsucht leuchteten, gesammelt. „Ich … ich kann dich nicht mehr sehen…“ Und endlich verstand Laurin was genau das Problem war – es war nicht ‚ihr Ding‘, das plötzlich nicht mehr da war, wie die ersten ausgesprochenen Worte ihm hatten vermitteln wollen. Albie konnte nicht mehr … Es lag nicht daran, dass er ihn plötzlich als Monster sah. Dass er ihn nicht sehen wollte. Er konnte einfach nicht mehr. Doch was bedeutete das?

Vorsichtig hob Laurin die Hand, suchte die Finger auf seiner Haut – sie brannten. Er zog sich weg.

„Dann geh.“

Harte Worte seinerseits. Er musste den Blick abwenden.

„Verschwinde.“

Seine Stimme brach.

„Und komm nicht wieder.“

Nur noch ein Flüstern.

Er spürte, wie etwas in ihm zerbrach. Er wollte nicht wissen, warum genau es nicht mehr ging. Er wollte nicht wissen welche Dämonen Albie zu bekämpfen hatte – er hatte selbst genügend.

Nein … nein, die eigenen Dämonen waren nicht der Grund, weshalb Albie endlich verschwinden sollte.

Jedes weitere Wort … jede weitere Sekunde in seiner Nähe … Der sonst so willensstarke Laurin wankte. Und Albie wusste das und nutzte es eiskalt aus. Doch warum? Wenn er doch nicht mehr konnte, warum war er dann hier? Warum zerschnitt er ihr Band nicht endgültig, sondern flickte es immer wieder? Laurin seufzte leise, verschränkte ihre Finger ineinander und bittersüßer Schmerz floss zähflüssig durch sein Inneres.

Gequält schaute er auf und traf auf den entwaffnenden Blick.

Er hasste dieses Arschloch für die Macht, die er über ihn hatte.

… Und gleichzeitig liebte er ihn genau dafür …

Laurins Stirn sackte gegen die Brust des Musikers. Automatisch glitt dessen Hand zwischen seine Schulterblätter.

„Was … wie … was muss ich tun, damit du bleibst?“, hörte er sich selbst flüstern und Albie versteifte sich. Seine Finger krallten sich um die eigenen, lösten ein Taubheitsgefühl aus.

Albie hatte keine Antwort darauf. Sie beide hatten keine Antwort auf das Problem, das unausgesprochen zwischen ihnen stand. Laurin wollte zu viel – Albie zu wenig. Oder war es andersherum? Hatten sie je darüber gesprochen was sie eigentlich wollten? Was sie fühlten? Hatten sie je anders kommuniziert als in Schimpfwörtern, Beschuldigungen und dem Austausch von Körperflüssigkeiten? Laurin konnte sich nicht daran erinnern, dass es jemals anders zwischen ihnen gewesen war.

Scheue Finger entspannten sich und suchten nach seinem Gesicht, hoben es und Albie küsste ihn, wie er ihn noch nie geküsst hatte – sehnsuchtsvoll, tief, innig. Mitten auf dem Flur vor seiner Wohnung. Dort, wo sie gesehen werden konnten, das, was ihn erregte wie abschreckte. Auch hier: hatten sie je darüber gesprochen, wovor Albie so große Angst hatte? Wovor Laurin so große Angst hatte?

Laurin gab sich dem Kuss hin, obwohl er es besser wissen sollte. Doch zu verführerisch war das Angebot des Musikers … alles so zu belassen, wie es war … und mit der Qual zu leben.

Vielleicht gehörte die auch einfach zu ihnen?

Als Albie sich von ihm löste trafen sich ihre Blicke.

„Ich weiß es nicht“, hörte er die Stimme des Musikers und nickte, weil er sich das gedacht hatte. Nun war es an ihm, ihre Hände fester miteinander zu verschränken und ihn sanft zur Wohnungstür zu ziehen.

Kurz flatterte das Herz. Kurz war da die tote Hoffnung, strebte einer Reanimation entgegen.

„Finden wir es zusammen raus…?“

Eine leise Frage voller Selbstzweifel, voller Angst und Unsicherheit und überrascht darüber, dass die Worte überhaupt seine Lippen verlassen hatten, lag die freie Hand auf der Türklinke.

Hier würde es sich entscheiden, ob er allein die Wohnung betreten würde … oder ob Albie mitkommen würde.

Ein schwaches Lächeln, gezeichnet von unausgesprochenen Ängsten, huschte über die weichen Züge des Musikers. „Ja.“
 


 

❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪ ❧ ♪
 

Und nun wühlten sie durch die Laken, schon seit Stunden. Sie hatten kein Wort gesprochen, sich nur angeschaut, Zärtlichkeiten ausgetauscht – sie ausgelassen für harten wilden Sex – und wieder innegehalten, um sich endlos zu küssen.

Jede Berührung war zu viel – und jede Minute, die er getrennt von Albie verbringen musste, zerfraß ihn.

Die Zeit zerfloss, wurde unwichtig. Nur sie beide zählten. Und so wurde die Nacht zum Tag und der Tag zur Nacht und nichts und niemand außer sie spielte noch eine Rolle.

Hier in diesen vier Wänden verloren sie sich ineinander; hier war Albie kein aufstrebender Star und kein Opfer der eigenen Vergangenheit. Er war einfach nur Al. Und Laurin war kein neugeborenes Monster, kein verfluchtes Wesen. Er war einfach nur Lo.

Und ihretwegen durfte dieser Zustand für die Ewigkeit anhalten.
 


 

𝑂𝑜ℎ, 𝑚𝑦 𝑙𝑜𝑣𝑒 𝑤𝑎𝑠 𝑝𝑢𝑛𝑖𝑠ℎ𝑒𝑑 𝑙𝑜𝑛𝑔 𝑎𝑔𝑜

𝐼𝑓 𝑦𝑜𝑢 𝑠𝑡𝑖𝑙𝑙 𝑐𝑎𝑟𝑒 𝑑𝑜𝑛'𝑡 𝑒𝑣𝑒𝑟 𝑙𝑒𝑡 𝑚𝑒 𝑘𝑛𝑜𝑤

𝐼 𝑛𝑒𝑣𝑒𝑟 𝑐𝑙𝑎𝑖𝑚𝑒𝑑 𝑡𝑜 𝑏𝑒 𝑎 𝑠𝑎𝑖𝑛𝑡

𝐼 𝑡ℎ𝑖𝑛𝑘 𝐼 𝑚𝑎𝑑𝑒 𝑖𝑡 𝑣𝑒𝑟𝑦 𝑐𝑙𝑒𝑎𝑟

𝐼 𝑐𝑜𝑢𝑙𝑑𝑛'𝑡 𝑓𝑎𝑐𝑒 𝑎 𝑙𝑖𝑓𝑒 𝑤𝑖𝑡ℎ𝑜𝑢𝑡 𝑦𝑜𝑢𝑟 𝑙𝑖𝑔ℎ𝑡𝑠
 

The Bright Side of Life


 

𝐿𝑖𝑓𝑒'𝑠 𝑎 𝑙𝑎𝑢𝑔𝘩 𝑎𝑛𝑑 𝑑𝑒𝑎𝑡𝘩'𝑠 𝑎 𝑗𝑜𝑘𝑒, 𝑖𝑡'𝑠 𝑡𝑟𝑢𝑒

𝑌𝑜𝑢'𝑙𝑙 𝑠𝑒𝑒 𝑖𝑡'𝑠 𝑎𝑙𝑙 𝑎 𝑠𝘩𝑜𝑤

𝐾𝑒𝑒𝑝 '𝑒𝑚 𝑙𝑎𝑢𝑔𝘩𝑖𝑛' 𝑎𝑠 𝑦𝑜𝑢 𝑔𝑜

𝐽𝑢𝑠𝑡 𝑟𝑒𝑚𝑒𝑚𝑏𝑒𝑟 𝑡𝘩𝑎𝑡 𝑡𝘩𝑒 𝑙𝑎𝑠𝑡 𝑙𝑎𝑢𝑔𝘩 𝑖𝑠 𝑜𝑛 𝑦𝑜𝑢

𝐴𝑙𝑤𝑎𝑦𝑠 𝑙𝑜𝑜𝑘 𝑜𝑛 𝑡𝘩𝑒 𝑏𝑟𝑖𝑔𝘩𝑡 𝑠𝑖𝑑𝑒 𝑜𝑓 𝑙𝑖𝑓𝑒

𝐴𝑙𝑤𝑎𝑦𝑠 𝑙𝑜𝑜𝑘 𝑜𝑛 𝑡𝘩𝑒 𝑟𝑖𝑔𝘩𝑡 𝑠𝑖𝑑𝑒 𝑜𝑓 𝑙𝑖𝑓𝑒
 

Ein Pfeifen hallte durch die verlassenen Hallen des altehrwürdigen Schlosses. Die klackenden Absätze vermischte sich mit dem Pfeifen zu einer harmonischen Melodie, die von den hohen Wänden widerhallte. Sanft fuhr der Wind durch die geöffneten Fenster und durch das Haar des Mannes, der durch die Gänge schritt, als gehörten sie ihm.

Nun, am heutigen Tage war dem so. Lange hatte er auf einen ereignisreichen Tag wie diesen gewartet, ohne, dass ihm das Warten überhaupt bewusst gewesen war. Eine innere Ruhe hatte sich in ihm ausgebreitet, sobald die Sonne untergegangen und der Schatten der Nacht sich über Hogwarts gelegt hatte. Jene innere Ruhe, die ihn nun pfeifend durch die Gänge tänzeln ließ. Dabei wich er nahezu instinktiv den Überresten der Ereignisse der letzten Stunden aus, wenn auch der Blick aus lebendig funkelnden Augen immer wieder an dem einen oder anderen Highlight hängen blieb. Sein Herz machte einen freudigen Hüpfer – das alles hier war indirekt auch sein Werk und erfüllte ihn damit mit einem unbändigen Stolz. Nicht nur auf sich selbst sondern vornehmlich auf den wundervollen jungen Mann, den er erst vor wenigen Monaten kennengelernt hatte.

Ashley Gregory Woods, Sohn einer einflussreichen Zaubererfamilie, die in ganz London bekannt und geachtet war. Sein Stammbaum ging weit in die amerikanischen Zaubererfamilien zurück und besonders im Süden der USA galten die Woods noch heute als eine Institution.

Vielleicht war es der Reiz gewesen eine derart heile Familie zu zerstören … vielleicht die cholerische Art des Jüngeren … vielleicht die markante Augenbraue, die immer ein paar Millimeter zu weit empor gestreckt war, um etwas anderes als Missfallen auszudrücken … vielleicht die Grübchen und das verschmitzte Lächeln, wann immer er sich unbeobachtet wähnte … vielleicht die Aussicht darauf, nicht mehr allein zu sein und die Ewigkeit mit Ashley verbringen zu können … so viele Vielleichts und schlussendlich war es doch eindeutig, dass es eine Mischung aus allen Faktoren gewesen war, die Alexander dazu gebracht hatte, die berühmt berüchtigten drei Worte auszusprechen.
 

„Ich verwandele dich.“
 

Der Gesichtsausdruck des Jüngeren war einfach zu köstlich gewesen und lebte selbst jetzt vor seinem inneren Auge weiter. Und so sehr er sich auch gewehrt und rebelliert und geschrien und getobt hatte . . . schlussendlich war Ashley natürlich nicht gegen ihn angekommen.

Und nun würden sie die Ewigkeit miteinander verbringen.

Glück durchströmte Alexander und lange Finger fuhren an den Schlossmauern entlang. Vielleicht hätte er hier eine andere Art des zu Hause finden können … und doch hatte er alles für ihn aufgegeben. Für die Chance mit ihm zusammen zu sein. Alexander war sich bewusst, dass es Jahre harter Arbeit werden würden, das Vertrauen des jungen Mannes zu gewinnen und dass Ashley ihn aktuell sicherlich gerne umbringen würde … doch er wusste auch, dass Ashley jede Mühe wert war und dass er sich schlussendlich in ihn verlieben und an ihn binden würde.

Dieses Ergebnis war unausweichlich.
 

Das Pfeifen verstummte nicht. Es schien so, als wisse Alexander ganz genau, wohin die magischen Treppen ihn führten und schließlich legte sich ein seliges Lächeln auf die ebenen Gesichtszüge.

Ashley saß schwer atmend auf dem Boden; eine Kaskade an Schweiß rann ihm vom kantigen Kinn herab und warmes Rot durchzog die dunklen Haare, klebte am edlen Anzug und an den langen Fingern. Eine verirrte Spur tropfte zähflüssig von den vollen Lippen, die zu einem verwirrten und gleichzeitig anklagenden Strich verzogen waren. Alexander konnte den beschleunigten Herzschlag fühlen, wie er einem Einhorn auf der Flucht gleich durch den Brustkorb des jungen Mannes flog und er biss sich auf die Unterlippe, unheimlich angefixt von dem Gedanken daran, dass er zukünftig der Grund für Ashleys Herzrasen sein würde. Auf die eine oder andere Art.

Ashleys Kopf zuckte herum und Wahnsinn blitzt in seinen Zügen auf; jener Wahnsinn, der schon zuvor so sanft unter der Oberfläche geschlummert und nur noch den richtigen Zündstoff gebraucht hatte. Hasserfüllte grüne Augen blitzten zu Alexander herüber und das Lächeln auf den eigenen Zügen intensivierte sich nur noch. Er wusste noch vor Ashley, was kommen würde und es war ihm ein leichtes, dem stürmischen Angriff aus dem Weg zu tänzeln.

„Du fühlst dich, als würde dein Blut kochen“, wisperte er ihm entgegen, als er den ausgestreckten Arm des Jüngeren festhielt, geschickt drehte und auf dessen Rücken festpinnte. Das wilde Keuchen, voller Manie, voller Schmerz, belohnte Alexander für die grobe Behandlung. Der metallische Geruch von Blut perlte auf seiner Zungenspitze und genüsslich strich die freie Hand die dunklen Haare aus dem Nacken Ashleys. Flüche jeglicher Art prallten an ihm ab – angefangen vom einfachen „fass mich nicht an“, hin zum „ich bring dich um“ bis zum „ich reiß dir das Herz raus“ – und federleicht berührten seine Lippen die heiße Haut, die sich ihm so schutzlos darbot.

Ashley erstarrte, nur um sich heftiger gegen Kuss und Worte und Berührungen zu wehren. Alexander wusste, dass es ihm wehtat und ließ so weit nach, dass er sich nichts brach, doch nicht so weit, dass er wirklich hätte freikommen können. Er wollte ihm nicht weh tun . . . und gleichzeitig war genau das so unheimlich verführerisch. Er lehnte sich vor, spürte die Hitze Ashleys durch sich wogen und er schmeckte die Verzweiflung des Jüngeren auf der Zungenspitze, so süß und neu und herrlich, dass es wirklich schwer war, die eigenen Gelüste unter Kontrolle zu halten. Zittrige Augenlider schlossen sich auf Halbmast.

„Es wird besser werden. Versprochen“, brach sich sein Atem am Ohr des Jüngeren und ein Lachen rollte durch sein Inneres, als der Lohn für seine Arbeit und unwilliges Grollen und weitere Verwünschungen waren.

„Du hast jetzt alle Zeit der Welt, um dich in Selbstbeherrschung zu üben. Oder die Zügel noch lockerer zu lassen, deine Entscheidung. Sei dir nur sicher, dass ich nicht mehr von deiner Seite weichen werde.“ Weiche Worte, leise und lasziv gesprochen, unterstützt von tanzenden Fingerkuppen, welche die pulsierende Halsschlagader nachfuhren und sich schließlich gebieterisch von vorne um den Hals legten. Ein Becken, das sich nahe an den Jüngeren heranschob und Alexander genoss die Nähe des Anderen, genoss den wilden Herzschlag, genoss den Hass und den Ärger und die Wut und die Scham Ashleys – und er genoss, wie sehr er ihn trotz der Eskalation unter Kontrolle hatte und wie leicht es wäre, sich nun zu nehmen, was er wirklich wollte.

Doch wie schwer wäre es dann jemals um Vertrauen zu bitten? Jemals von Liebe zu sprechen? Lustvoll fanden die Lippen noch einmal ihr Ziel, fuhr die bittende Zunge den flatternden Puls am Hals nach und ein feines Seufzen entwich ihm, während Ashley tobte und fluchte und zeterte und doch nicht von ihm loskam.

„Du wirst deine Energie anderweitig brauchen, Ashley. Wenn du hier lebendig wieder rauskommen willst, müssen wir zusammenarbeiten. Meinst du, das bekommst du hin?“

Ashley war nicht einsichtig und für den Moment trennten sich ihre Wege. Alexander trat die geplante Flucht an und entkam dem mordlüsternen Wood gerade so.

Doch das Kunstwerk, das dieser zurückgelassen hatte, war mindestens genauso zufriedenstellend wie die Aussicht auf Körperkontakt.
 

Blut prickelte auf seinen Lippen, die wieder das Liedchen angestimmt hatten. Beinahe liebevoll fuhren seine Finger durch den roten Lebenssaft und der herbe Geschmack weckte neue Lebensgeister. Heute hatte er niemanden auf dem Gewissen und er hatte dabei zugesehen, wie die Fänge des Jüngeren sich tief in seine Opfer gebohrt hatten, wie Ashley einer unaufhaltsamen Naturgewalt gleich über die Schüler Hogwarts gekommen war. Alexanders Blick glitt über die Leichen derer, die so leichtsinnig gewesen waren, ihre Tore einem Vampir zu öffnen … und ein wenig Mitleid hatte er schon, als er die jungen Leben ausgelöscht vor sich sah. Nur kurz flackerte das Lächeln auf seinen Zügen und nur kurz dachte er zurück an düstere Tage, Tage, an denen weder sein jetziger Meister, noch Ashley in seinem Leben gewesen waren. Tage, an denen er selbst derart viele Opfer gefordert hatte.

Ein Schauder überkam ihn und wenige Sekunden später war alles wieder in bester Ordnung. Das Blut war mittlerweile kalt geworden und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie in Gefahr wären. Höchst wahrscheinlich würde er nun eine ganze Weile untertauchen müssen … doch mit Ashley an seiner Seite wäre selbst die größte Entbehrung erträglich.
 

Alexander schritt durch die verlassenen Gänge, das Liedchen auf den blutgetränkten Lippen.

Er war bereit für die größte Ungewissheit seines Lebens: die Liebe.
 

𝐹𝑜𝑟 𝑙𝑖𝑓𝑒 𝑖𝑠 𝑞𝑢𝑖𝑡𝑒 𝑎𝑏𝑠𝑢𝑟𝑑

𝐴𝑛𝑑 𝑑𝑒𝑎𝑡𝘩'𝑠 𝑡𝘩𝑒 𝑓𝑖𝑛𝑎𝑙 𝑤𝑜𝑟𝑑

𝑌𝑜𝑢 𝑚𝑢𝑠𝑡 𝑎𝑙𝑤𝑎𝑦𝑠 𝑓𝑎𝑐𝑒 𝑡𝘩𝑒 𝑐𝑢𝑟𝑡𝑎𝑖𝑛 𝑤𝑖𝑡𝘩 𝑎 𝑏𝑜𝑤

𝐹𝑜𝑟𝑔𝑒𝑡 𝑎𝑏𝑜𝑢𝑡 𝑦𝑜𝑢𝑟 𝑠𝑖𝑛

𝐺𝑖𝑣𝑒 𝑡𝘩𝑒 𝑎𝑢𝑑𝑖𝑒𝑛𝑐𝑒 𝑎 𝑔𝑟𝑖𝑛

𝐸𝑛𝑗𝑜𝑦 𝑖𝑡, 𝑖𝑡'𝑠 𝑦𝑜𝑢𝑟 𝑙𝑎𝑠𝑡 𝑐𝘩𝑎𝑛𝑐𝑒 𝑎𝑛𝑦𝘩𝑜𝑤

𝑆𝑜 𝑎𝑙𝑤𝑎𝑦𝑠 𝑙𝑜𝑜𝑘 𝑜𝑛 𝑡𝘩𝑒 𝑏𝑟𝑖𝑔𝘩𝑡 𝑠𝑖𝑑𝑒 𝑜𝑓 𝑑𝑒𝑎𝑡𝘩

𝐴 𝑗𝑢𝑠𝑡 𝑏𝑒𝑓𝑜𝑟𝑒 𝑦𝑜𝑢 𝑑𝑟𝑎𝑤 𝑦𝑜𝑢𝑟 𝑡𝑒𝑟𝑚𝑖𝑛𝑎𝑙 𝑏𝑟𝑒𝑎𝑡𝘩
 

A Hillwalker Tale

Er war so unendlich verwirrt. Es war dunkel und er war allein – das wusste er. Aber mehr? Wo genau er war … wie er hierhergekommen war … okay, okay, ruhig. Vorsichtig schlug er die Augen auf, doch seine Umgebung blieb in absolute Finsternis getaucht. Es war warm und ruhig, also war er nicht mehr draußen, sondern irgendwo drinnen. Haus? Wohnung? Schiff? War es nur ein kleines Zimmer oder … Er versuchte, die Hände zu heben doch bemerkte, dass sie vor seinem Körper zusammengebunden waren. Panik flatterte durch seinen Brustkorb und machte klares Denken faktisch unmöglich. War er entführt worden? Hatte irgendwer herausgefunden wer er wirklich war? Wollte man Lösegeld erpressen? Verzweiflung griff nach ihm, war ihm doch bewusst, dass niemand auch nur eine Galleone für ihn bezahlen würde und er spürte, wie das Brennen hinter den Augen schlimmer und schlimmer wurde, wie die Angst seinen Brustkorb zuschnürte und das Atmen immer schwerer wurde. Er wollte schreien – doch die Stimme versagte ihm. Er riss Lippen und Augen auf, bog den Rücken auf dem weichen Polster durch, spürte, dass auch seine Füße aneinandergebunden waren und die Fesseln schnitten ihm ins Fleisch, je mehr er sich wehrte. Er weinte bitterlich – was war hier nur los?! Kein Laut drang über seine Lippen, obwohl er sich sicher war, laut und deutlich um H I L F E geschrien zu haben und panisch dachte er daran, dass er verflucht worden sein musste und dass es nun wohl zu Ende war.

Niemand würde ihn vermissen.

Niemand würde ihn suchen.

Er würde in dieser stickigen dicken Finsternis verrecken und-
 

Urplötzlich ging das Licht an. Er kniff die Augen zusammen, wollte die Hände schützend vor die Augen schieben, doch die schmerzenden Fesseln versagten es ihm. Er hätte gewimmert, gebettelt, um sein Leben gefleht, hätte es etwas genutzt – denn noch immer fehlte seiner Stimme jegliche Kraft.

Er wagte es nicht, die Augen zu öffnen, als schwere Schritte immer näherkamen. Sie hallten nicht, wurden von Teppichboden verschluckt und er machte sich immer kleiner, immer schmaler, kroch von den Schritten fort, rutschte von dem niedrigen Möbelstück, auf dem er gesessen hatte und versuchte, zu flüchten.

„Emrys, es ist okay.“

Er riss die Augen auf und starrte seinen Entführer an. Es … war okay?! War er eigentlich vollkommen bescheuert, NICHTS war okay! Er wusste nicht, wo er war – wusste nicht, wer der Mann war, der sich da vor ihm aufbaute – wusste nicht, wieso er nicht reden konnte – wusste nicht, was das hier alles sollte und was der Typ mit ihm vorhatte und der behauptete, es war okay? Okay, dass er ihn gefangen hielt? Gekidnappt hatte? Oh – wenn er nur reden könnte, hätte er ihm Worte an den Kopf gespuckt, die vermutlich sein Todesurteil bedeutet hätten.

Der Mann war nicht besonders groß und auch nicht besonders beeindruckend von der Statur her. Doch seine Augen waren eisblau, stechend und bohrend und sofort hielt er in jeder Bewegung inne. Der Mann machte ihm Angst und instinktiv versuchte er, so wenig Angriffsfläche wie nur irgendwie möglich zu bieten.

„Ich bin Hunter, Emrys, und ich bringe dich zu deiner Familie.“

Bullshit – das hätte er zumindest gerne gesagt, doch wieder kam nichts über seine Lippen. Er bewegte sich nicht einmal, weil jede Bewegung unweigerlich dazu geführt hätte, dass die Fesseln sich enger schraubten.

„Entschuldige bitte meine Vorsichtsmaßnahmen, aber du hast dich ganz schön gewehrt.“ Hunter deutete auf eine Schramme am Kinn und irritiert schüttelte er nun doch den Kopf, weil er sich an nichts erinnern konnte. Erst recht nicht daran, dem Kerl schon jemals begegnet zu sein geschweige denn sich gegen ihn zur Wehr gesetzt zu haben. Das nüchterne Seufzen des Mannes jagte ihm kalte Angstschauer über den Rücken.

„Keine Sorge. Bald schon wirst du verstehen.“ Was vielleicht wie eine beruhigende Zauberformel hätte wirken sollen, klang wie eine Drohung – eine Drohung, die sich schon bald bewahrheiten sollte.
 

Nur einige Stunden später war er f r e i.

Hunter hatte ihn einfach ausgesetzt, irgendwo im Nirgendwo, und Emrys versuchte, sich zurechtzufinden. Es war kühl, winterlich beinahe, und deshalb vermutete er, dass er weit von zu Hause weg sein musste, war es dort doch Sommer und sehr heiß gewesen. Die Flora war auch vollkommen anders … … und je länger er die lange Straße entlangging, desto sicherer wurde er sich: er befand sich nicht mehr in Großbritannien.

Diese ganze Geschichte war so unendlich verstörend. Emrys funktionierte auf Autopilot, wanderte einfach die Straße entlang, auf nackten Füßen in der Hoffnung, schnellstmöglich Zivilisation zu entdecken. Dem nichtmagischen Auge blieb die Zufahrt verborgen, die zum ausladenden Haus der Hillwalkers führte – doch das Schicksal meinte es gut mit ihm. So glaubte er zumindest.

An diesem seltsamen Tag fand er tatsächlich seine neue Familie. Patrick Hillwalker war auf dem Heimweg von der Arbeit und gabelte den verängstigten Zwölfjährigen auf, der vollkommen hilflos in behelfsmäßiger Kleidung vor der Auffahrt zu seinem Haus entlang schlingerte. Die Wärme des Familienvaters stand im krassen Kontrast zu dem, was Emrys in seinem jungen Leben bereits hatte erdulden müssen und schnell ließ er sich von der Hillwalker-Familie einlullen.

Er wurde nicht wirklich zu einem Teil der Familie – und gleichzeitig irgendwie schon.

Er war nicht wirklich ein Diener – und trotzdem nicht viel mehr als ein Butler, der Junge für alles eben.

Und er war auch nicht wirklich willkommen – und dennoch fühlte er sich geliebt.
 

Diese Gegensätze begleiteten ihn von Beginn an; was sich nie veränderte, war der unbedingte Wunsch, Patrick und seinen Kindern von Nutzen zu sein.

Emrys entdeckte, dass er gerne nützlich war und dass er nichts dagegen hatte, ausgenutzt zu werden. Es war weit entfernt von dem Missbrauch, dem er seit jüngster Kindheit ausgesetzt war, aber für einen neutralen Beobachter auch nicht viel besser. Emrys selbst verstand nicht, dass sein Wunsch, der Familie von Nutzen zu sein, schlussendlich sein Todesurteil sein würde.

Oder aber der Beginn eines neuen Kapitels in seinem Leben. Das kam ganz auf ihn an.

Und auf die Rolle, die dem Tüftler vom Schicksal zugeschrieben werden würde. Denn die Schicksale der beiden jungen Männer liefen unweigerlich zusammen – auf die eine oder andere Art.



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Kommentare zu dieser Fanfic (21)
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Von: MoonyLupin
2021-08-29T18:40:54+00:00 29.08.2021 20:40
DDDDD: Also ich bin sowas von auf Lo's Seite! Ich hätte Albie aber sowas von in den Wind geschossen und/oder wahlweise zerfleischt! Erst zum Frühstück vernaschen und dann eben die Werwolfbedürfnisse befriedigen, auch die eine oder andere Weise xDD
Nein, aber wirklich mal >///< dieses hin und her und ja und nein und ich will dich/du bist schlecht für mich. Dieses du machst mich kaputt/ich kann nicht ohne dich hast du wirklich perfekt dargestellt >///< es ist SO authentisch für die beiden und ich LIEBE liebe liebe den Einstieg <3 so friedvoll, so loving, so heartwarming <///3 und es ist ein so schönes Bild von den beiden <3 <3 <3
Ich finde es auch unheimlich schön wie du Lo's eher... "aggressiven" Zwiespalt mit sich selbst dargestellt hast, wie er aber auch den emotionalen Zwiespalt von Albie erkennt >////< und wie am Ende aber auch deutlich wird, es sind eigentlich nicht sie selbst, die im Zwiespalt mit sich und dem was sie haben stehen, sondern ganz allein das Drumherum. Und wenn sie nur sie selbst sein können, wäre die Welt doch in Ordnung ;//////;
ach, das war schön, Schneechen >////< Herzzerreißend aber mit so schönen Momenten <3
Vielen Dank für die wirklich sehr sehr große Überraschung xDD mit den beiden hab ich wirklich nicht gerechnet xD <3
Von: MoonyLupin
2020-08-31T20:56:55+00:00 31.08.2020 22:56
Mutti ist so ne Bitch ;/////; Abel tut mir so leid, beide tun mir so leid!!! Aber es ist auch so verständlich warum sie so geworden sind, wie sie sind >< Ich finde es toll, wie du so diese Entwicklung dargestellt hast (persönlich, aber auch in ihrer Beziehung zu einander) und wie sie so unterschiedlich ist >< Cain eher so der, der sich durchboxt aber gleichzeitig auch irgendwie nach draußen flüchtet und Abel, der sich so "durchwindet" und so lange an Mutti festhält wies geht >< Es ist schön zu sehen, dass sich ihre Beziehung dadurch - trotz ihrer Unterschiede - nur weiter festigt und wie sie auch aneinander festhalten, im wahrsten Sinne des Wortes >< Es fällt zwar kein einziges Mal sowas wie "Ich hab dich lieb, du Arsch", aber es wird so deutlich in ihren Gesten und dem was eben nicht gesagt wird >////<
Und wie gesagt, ich finde es eine unheimlich schöne Idee mit dem Tattoo und der Kette. Ich glaube nicht, dass Cain irgendwem sagen würde, dass er sie von Abel hat, aber dass er sie immer trägt ist ne selbstverständlichkeit <3 <3 <3 hihi~
Ich fands auch unheimlich rührend zu sehen wie sehr sich Abel doch um seinen großen Bruder sorgt >////< (und für Cain sogar seine Abneigung zu Jackson überwindet xD), ich glaube das ist Cain gar nicht so bewusst oder er verdrängt es ganz bewusst so nach dem Motto "Ich bin der große Bruder, es ist mein Job mir Sorgen zu machen, nicht dass der Kackzwerg mich genug interessiert um es wirklich zu tun >>" xD Dieser Konflikt zwischen den beiden, wer jetzt das Geld auf den Tisch bringt finde ich auch total nachvollziehbar >< Ich glaub das stinkt denen beiden was der jeweils andere macht, nicht dass Cain direkt nachgefragt hätte DD: das will er gar nicht wissen und verdrängt es gekonnt, auch wenn er es wohl schon längst weiß >> DD:
Oh Oh! Und diese gemeinsamen Raubzüge durch die Mall finde ich auch total episch xDD kann ich mi eins zu eins so vorstellen! "Okay, was willst du damit du nicht mehr stinkig bist aka damit du mir keine reinhaust? >>" "Iphone XYZ, platin gold" XDD
Und wie du Abel beschrieben hast mit der Magie, dass er eben der Magier von beiden ist und Cains Stärken anderswo liegen finde ich auch total klasse >///< selbst wenn Cain die Magie für sich entdeckt, er kommt eben nicht an das kleine Genie heran, was er auch gar nicht versucht und was ihm sicher früher mal bitter aufgestoßen ist, gerade wenn Mutti ihre creepy phasen hatte (total creepy übrigens mit der Freundin von ihr |D") und ihren Vorzeigesohn präsentiert hat und Cain sich stattdessen in der Gosse rumgetrieben hat, nur die Beleidigungen im Kopf... ;////; Ach, die zwei tun mir einfach leid... es ist gut, dass sie einander haben! >///< aber das zu lesen hat mir halt auch nochmal vor augen geführt warum sie so sind wie sie sind >///< ;////; arme Mäuschen.....
Vielen Dank, Schneechen für den Einblick in unserer Straßenkinder Leben <3 <3 <3 wirklich, das ist ein tolles Geschenk <3 <3 <3
Antwort von: MoonyLupin
31.08.2020 22:58
Edit: ich finds auch toll wie Cain ihn so versucht abzuhärten und ihn dabei auch nicht mit Samthandschuhen anfasst >///< er machts doch nur, damit Abel auch ohne ihn klarkommt, wenn er denn mal muss!
Von: MoonyLupin
2019-09-02T14:20:01+00:00 02.09.2019 16:20
Was Was Waaaaaaas DDD: WO KOMMT DAS BLUT HER?! WAS IST PASSIERT?! ES IST RHYS' BLUT ODER?! DD: WAR ES COLIN?! Aber nein, Colin würde sich die Hände nie derart schmutzig machen DDD: ABER ABER RHYSSSSS UND WAS IST MIT FREY PASSIERT?!
Ach REEEEED dieser Satz, dass er einen Bruder gegen einen anderen tauscht ;_______; oh... ohh mein Herz... ich kann seine gegensätzlichen Gefühle so gut verstehen >/////< an seiner Stelle, wenn mein einziger Bruder sterben würde - ich ihn zurücklassen müsste - und stattdessen diesen anderen Kerl zu retten, der zwar klar Partner ist, aber doch nicht BRUDER - noch nicht jedenfalls - und und und DDDD: ahhh... UND ES IST ALLES COLINS SCHULD! Bestimmt! xD
aber die Vorstellung von zwei (halb?)nackten Männerkörpern aneinandergepresst um sich gegenseitig aufzuwärmen hrhr nicht schlecht Herr Specht xD Ich glaube die beiden bescheren uns noch ganz interessante Momente *___* auf die eine oder andere Art XD
Vielen Dank für diese kleine Exkursion in noch unbekannte Gefilde, Schneechen *__* Ich hab damit nicht gerechnet und bin umso happier, dass ich es lesen durfte <3 <3 <3 Danke dir <3
Von: MoonyLupin
2018-12-26T13:45:33+00:00 26.12.2018 14:45
G E M E I N S A M.

TT/////////////////////////////////////////////////////////////////////////TT

WAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAS SCHNEE WAAAAS WAAAAAS IPWEITEWIPKDJGPÖWIPTEW!!!!!11111!!!!t3pw iwau8iowafvweoi!
Schnee! Schneeeeee! Was tust du da mit mir!!! Die beiden... die BEIDEN! Ich habe eine Überraschung sagt sie... eine KLEINE Überraschung SCHNEE!!! Ich hab ja mit allem gerechnet aber nicht MIT DEN MR MARTINS!!!!!!! OHHHHOHHHOOHHHHHHHHH!!! oh Gott!! Es ist ein Teil ihrer Geschichte, was du niedergeschrieben hast und es mögen zwar nicht allzu viele Worte sein, aber es drückt doch so viel aus was, wenn nicht sogar alles was die beiden füreinander sind >///////> T//////T So viele Gemeinsamkeiten in ihrer Unterschiedlichkeit - Quinn mit seinen zerbrochenen Idealen vs Baptiste, der fast schon emotionslos seiner familiären legacy nachgeht. Und trotzdem finden sie sich und vielleicht haben sie sich gerade deshalb so vom anderen angezogen gefühlt - weil sie sich auf die eine oder andere Weise wiedererkannt und doch etwas gesehen haben, was sie selbst nicht aufbringen konnten. >//////< SCHNEE! Ich erfahre gerade so viel mehr von Baptiste!! TT////TT und obwohl du Quinn eigentlich nie direkt erwähnt hast, kann ich doch so viel auch von ihm darin erkennen! >///< Ach Schnee!
Ich liebe diesen kleinen Einblick in Baptistes Background, seine Gedankenwelt, mit dem ich mal so GAR NICHT gerechnet habe, aber der ihn mir gleich um so vieles näher bringt!!! >///< Es zeugt von der Stärke ihrer Verbindung, von der Basis dessen woraus ihre Liebe besteht, aber auch dass sie so sehr miteinander verflochten sind, dass komme was wolle - oder wer - nichts ihr Glück auseinander reißen kann!! Egal wie viele hard ships noch kommen mögen! Ohhhhhh~ Eine kleine Liebeserklärung <3 <3 <3 für mich anyway! hihi~
Danke Schneechen!! Das war WUNDERSCHÖN! >//////< Und auch wenn es irgendwie... voller Bitterkeit und Trauer gesteckt hat - also durch das was Baptiste eben erlebt hat - hatte ich doch am Ende nur ein Bild vor Augen - wie sie gemeinsam im Auto sitzen auf dem Weg nach Hause von ihrem Hochzeitstagdinner - Quinn hinterm Steuer, weil er nichts getrunken hat - und das kleine Töchterchen liegt schlafend in Baptistes Armen auf dem Beifahrersitz, als Quinn nach Baptistes Hand greift und einfach nur lächelt <3
AHHHHHHHHH so cheesy!! aber GEMEINSAM! JAWOHL JA! FUCK OFF, COLIN! GEMEINSAM!!! XD
Ahhh~ <3<3<3<3 Danke Schneechen! Wirklich! Vielen vielen vielen Dank! <3
Von: MoonyLupin
2017-08-28T15:48:04+00:00 28.08.2017 17:48
Hach, es ist so wunderschön traurig und traurig wunderschön ;///////; Ich hab überhaupt nicht damit gerechnet, als du davon von was zum Lesen geredet hast, ich dachte wirklich du meinst die Steckbriefe und hab immer mal wieder gestalked... >/////< aber das hier, das hier...!!! ;///////////; Oh, es ist so toll geworden, Schneechen! Es ist so ein perfekter Einblick in Scotts Leben, in seinen Alltag, in seine Gefühlswelt, auch wenn er gar keine großen Emotionen zeigt, zeigt es irgendwie doch alles von ihm und es ist so faszinierend und traurig zugleich, wie er mit all dem umgeht, wie er sich das zu eigen gemacht hat und auch wie sein Dad es sieht! >////<
und, ich habs dir schon gesagt, aber ich sags dir gerne nochmal, Nate muss mit ihm reden ;___; muss ihm sagen, dass es okay ist, er selbst zu sein und dass er nicht wie Kenneth werden muss, seinen Platz einnehmen muss, damit sein Dad glücklich ist oder um seine Erinnerungen in Ehren zu halten. Das ist keine Lösung und es führt auf Dauer nur dazu, dass Scott sich selbst verliert >/////< und das darf nicht passieren! Ach Schneechen ;//////;
ich liebe die Szene mit dem Football und wie Nate dann dazu gekommt. Weil er wusste, dass er Scott dort finden würde <3 Und es ist so simpel gehalten und hält doch so viele Emotionen inne und ich glaube ich habe noch nie eine schönere Szene auf einem Friedhof gehabt, so absurd es auch klingen mag >/////< Ich spüre den Ballast von Scotts Schultern fallen, auch wenn es nur in dem einen Moment ist... Aber das Bild ist wunderschön und ich bin mir sicher, sie haben noch eine ganze Zeit lang dagesessen bis es hell wurde und dann <3 dann gab es Kaffee <3 <3 <3
Vielen Dank, Schneechen! Das ist eine wunderbare Geschichte und ich werde sie mir mit Sicherheit noch einige Male anschauen! <3<3<3
Von: MoonyLupin
2016-09-07T20:06:35+00:00 07.09.2016 22:06
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UWAAAAAAAH~~~~~
UWAAAAAAAAAAAAAAA~~~~
Ich fühle mich gerade wie Nate! Hochgradig verwirrt mit bis zum Hals pochendem Herzen!!!! >////////////////////////////////////<
Uwaaaaaaaaaaaaaa~ tihihihihi~ SO WAR DAS ALSO! Tihihihihihihi~
Ich glaub das war das erste und letzte Mal, dass Nate nach sowas gefragt hat XDD Wenn der gleich so anschauliche Erklärungen bekommt XDD <3<3<3<3<3<3 ABER er wollte es ja unbedingt wissen XD Uwaaaaah~ Kannst du dir vorstellen wie awkward und nervös Nate gewesen sein muss?? Natürlich kannst du das, du hast es geschrieben XDD Sehr schön, Schneechen, wirklich <3 <3 <3 Du triffst unsere Herzchen einfach immer so perfekt >////< <3 <3 <3 <3 Viel besser als ich es je könnte!
Antwort von: Schneefeuer1117
07.09.2016 22:12
♥ ♥ ♥
Ich freue mich, dass ich dir mit dem spontanen Einfall eine Freude machen konnte! ^__________________^
Ich glaube auch, dass Nate NIE WIEDER mit so einer Frage um die Ecke kommt - kein Wunder, dass der sexuell so verwirrt und leicht zu verstören ist, nach der Aktion von Matt x''D
Wie gesagt, ich glaube nicht, dass Matt ihn wirklich so intensiv geküsst hat :> Aber das ist ja alles noch ausspielungswürdig in Brothers Love <3 Immerhin war es für Matt auch awkward und so trottelig kann nicht mal er sein, dass er komplett vergisst, WEN er da gerade knutscht xD Aber .. es hat so toll gepasst und ich hatte genau so Spaß daran und fertig. So! <3
Awas! Ich treffe sie so gut, weil du mir immer wieder die Freude machst, mit mir über sie zu reden und ich von dir lerne, wie deine Charaktere zu ticken haben, wie sie zu handeln haben <3 Das ist dir geschuldet, nicht mir. ♥
Von: MoonyLupin
2016-09-07T19:57:36+00:00 07.09.2016 21:57
OH OH OH OH OH OH!!!!!!! Ö____Ö

Ich hab damit gar nicht gerechnet!!!! Also wirklich nicht!!!! >< Ich wollte eigentlich on kommen und dich fragen, ob du evtl ganz spontan Zeit zum Skypen hättest und dann sowas!!! >/////< uwaaaaaaaaaaaaaaaaaah~ <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 jetzt muss ich natürlich erstmal lesen! XD UND ES IST NICHT NUR EINE FORTSETZUNG SONDERN AUCH NOCH EIN MATE!!! EIN MATE!!! <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3

Uwaaaaaaah~ >/////////////< du hast alles eingebaut!!!! <3<3<3 <3<3 Joseph und Rheas Mum und Jacob und Robin und waaaaaaaaaaaaaaaaaas Lucrezia hatte was mit Hector???!!! Oh Gott, diese Bilder XDDD armer Dorian!
Katie und Kieran <3 <3 <3 Und dieser Moment, in dem sie gemeinsam auf dem Trecker sitzen und fahren und sich dann küssen <3 <3 <3 hach~ das ist einfach perfekt!!! <3 <3 <3 Da klopft mir richtig das Herz! >////< <3 Und dann dieser Übergang... ;////////////////; von der perfekten Liebeserklärung zur nachkriegsbedingten Trennung!!! Was tust du meinem Herzen nur an, was tust du ihm nur an T////////////////T da kamen nicht nur den vieren die Tränen sondern mir auch T/////T
UND HADRIAN!! Er ist PERFEKT! Absolut perfekt!!! Du hast ihn so gut getroffen! Seine Augen! Sein Herz! Seine Art! >/////< und ich liebe seine Beziehung zu Dorian aber es tut mir auch so leid für ihn und dann für Rhea und ach ;/////; es tut mir für alle Beteiligten so leid!! Aber Hadrian wird Matt finden, das wird er ganz sicher, obwohl er Dorian immer lieben wird und Rhea verdient es genauso glücklich zu sein und ACH WIE SCHWER DAS AUCH ALLES FÜR DORIAN IST T//////T
Antwort von: Schneefeuer1117
07.09.2016 22:18
Ich hatte ehrlich gesagt auch nicht damit gerechnet! xD Du weißt, was für Probleme ich hatte - ich kann dir auch genau die Stelle sagen, Moment ... „Hmhm, kenne ich. Komme auch aus Somerset, dachte mir doch, dass ich deinen Akzent erkenne.“ Ein schmales Grinsen folgte seinen Worten. „Wie ist Bath so? Wartet jemand auf dich?“ ... genau an der Stelle habe ich vor Ewigkeiten aufgehört zu schreiben und wusste einfach nicht, wie ich es hinbekommen soll, dass die beiden etwas miteinander anfangen! Gerade auch, weil Dorian & Rhea so unheimlich verliebt ineinander sind und ... und ... ich so erstaunlich viel Spaß an den beiden hatte ;////; Und all die süßen Szenen, die ich noch im Kopf hatte, aber nicht ausgeschrieben habe, weil es sonst einfach NOCH MEHR geworden wäre ... ... Und dann der arme Hadrian, hach, dem ich immer wieder das Herz breche ;___; Immer und immer wieder. Das zerreißt mich fast schon...!

Ich habe versucht, so viel wie möglich von unserem RPG mit einzubinden und es fiel mir leichter, als gedacht <3 Besonders bei Lucrezia/Hector habe ich geschluckt und ganz Dorian-like den Kopf geschüttelt, aber es ging nicht anders! Das waren andere Zeiten Dx

Mir tat es in der Seele weh, Dorian wegzuschicken. Und gleichzeitig war es das einzig Richtige, sonst hätte er niemals Hadrian kennengelernt! Und auch, wenn sie hier eine etwas andere Beziehung haben, die viel zerstörerischer ist, als ich gedacht hätte, so bin ich doch unheimlich froh, dass auch die beiden sich immer und immer wieder finden, egal wo sie sind <3

Und natürlich findet Hadrian Matt <3 Bzw. Matt findet Hadrian - das ist ja schon im ersten Teil geklärt und abgehakt. Und da kommt Dorian ja auch endlich zu Rhea zurück, ganz ehrlich und aufrichtig und mit all seiner Liebe und Aufopferung, die er über die zwei zerstörerischen Jahre mit Hadrian und ohne Hadrian irgendwie verloren hatte.
Aber das kommt dann in Teil 3, falls ich dazu die Muße finde <''3 Einen kleinen Abschluss muss es einfach noch geben, und wenn es nur ein paar Worte zu Matt & Hadrian sind und zu Rhea & Dorian und ihren drei Kids xD
Hadrians Herzchen muss wieder heile werden. Sonst werde ich nicht glücklich ;____;
Von: Luthien-Tasartir
2015-10-30T20:36:29+00:00 30.10.2015 21:36
NAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAW!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! GOTT sind die goldig! */////////////////////////////* Da krieg ich grad Lust, bei meiner Story weiterzuschreiben! xD So. SÜSS! <3 Und... narw! <3 Hargh!... ich fürchte, konstruktiver wird es nicht. Aber du hättest mich beim Lesen sehen sollen. Dann ... ja. DANN! Hum. . . Haw~ Sie sind toll. <3
Antwort von: Schneefeuer1117
31.10.2015 00:30
Und das ist die Hauptsache!! ♥ ♥ ♥
Ich mag die beiden mittlerweile auch S O gerne <3 Sie sind einfach sehr süß zusammen <3
Antwort von: Luthien-Tasartir
31.10.2015 01:17
Jaaaaaaaaaaaaa. Sie sind echt sweet. <3~
Von: MoonyLupin
2015-06-07T20:48:15+00:00 07.06.2015 22:48
Ich kann einfach nicht anders, als es wieder und wieder und wieder zu lesen >////< Ich habs dir schon gesagt, aber du hast das so toll gemacht! Wirklich! Es liest sich nicht nur toll, es ist auch soooo in character und ich komm einfach nicht davon weg ;////; Ich möchte, dass es so ausgeht, dass sie - egal was noch zwischen ihnen vorfallen wird, egal wer noch zwischen sie kommen wird - am Ende zueinander finden und einfach nur verstehen, wie sehr sie sich geliebt haben, immer noch lieben und immer lieben werden, weil sie einfach so unterschiedlich sind, dass sie perfekt zueinander passen. <3 ;////; Sie brauchen sich und und... und denk an Dorians Herz! Der kann das auch nicht immer mitmachen, der muss ja auch sichergehen, dass Hadrian mal an den Mann kommt, damit er eine Sorge weniger hat. D: So siehts nämlich mal aus! Jawohl!
--- wie gesagt, es ist wahnsinnig toll und ich hab mich so meeeeeeega gefreut es zu lesen und ich freu mich immer noch wahnsinnig und und und.. ;////; DANKE <3 <3 <3 Du bist großartig! <3
Von:  Shien
2011-05-20T11:59:25+00:00 20.05.2011 13:59
Wow....... Gott, mir fehlen die Worte... o__o~
(hrm, und du weißt ja selbst wohl am Besten, wie selten das vorkommt...~ </<')

Ein wunderschönes Kapitel~ so schön, dass ich es gar nicht mehr in Worte fassen kann Q___Q~
. . . . . .
okay, das ist meine betont-subjektive Meinung^^; aber das darf ich ja auch wohl :D

In der Tat finde ich Raymond keineswegs sehr abgewandelt :) das ist in etwa, wie ich ihn geplant hatte, bzw. wie er sich noch entwickeln würde. Wie schade, dass wir nie dazu gekommen sind, diese kleine Geschichte weiter zu spielen...~
. . . . . ö__ö
Hmm, das ich ernsthaft einmal sagen würde, dass ich ein Harry-Potter-Rpg vermissen würde.....~ o__ô aber gut, das liegt wohl eher an dir, meine liebste Schnee, und an meinem/Rays wundervollen 'Bruder'! ;)
Dass ich dazu noch einmal etwas lesen würde, hätte ich nie erwartet - umso mehr freut es mich :) komme aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus~ |'D

Vielen Dank, Liebes, für dieses kleine Kunstwerk über unsere beiden Carrow-Schafe :)
[und insgeheim noch ein Danke, dafür, dass dir meine Raymond-Version so gefallen hat^^ bin echt gerührt~] *umflausch und ankuschel* .....und da es von Amy-chan keinen Gute-Nacht-Kuss gab, kriegst du hier nun von mir einen! :D

*kisu geb* |'3 du bist die Beste...! Absolut~ û/u


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